Zeltleben in Sibirien und Abenteuer unter den Korjäken und anderen Stämmen in Kamtschatka und Nordasien von George Kennan. Deutsch von E. Kirchner. Zweite Auflage.     Berlin, Verlag von Siegfried Cronbach. 1890.     Inhalt. Vorwort des Übersetzers Vorrede Kap. 1. Der russisch-amerikanische Telegraph.– Die »Olga« segelt von San Franzisco nach Kamtschatka und dem Amur Kap. 2. Die Seereise auf dem nördlichen stillen Ozean Kap. 3. Fortsetzung der Seereise, Petropawlowsk Kap. 4. Petropawlowsk Kap. 5. Die russische Sprache. – Abreise der Amurabteilung Kap. 6. Eine kamtschadalische Hochzeit, Abreise nach dem Norden Kap. 7. Reise zu Pferd in Kamtschatka, die Berge, Vegetation, tierisches Leben, die Dörfer, das Volk Kap. 8. »Jerusalem«, die Wohnungen, ein kamtschadalisches Abendessen, indischer Sommer, ein »Jehu«-Gebet, schwieriger Ritt Kap. 9. Malka, schöne Scenerie, Ganal, eine Bärenjagd – Puschtschina Kap. 10. Schoroma, Bootreise, Milkowa, aufregender Empfang als Kaiser Kap. 11. Der Fluß, der Vulkan Kljutschew, ein schwarzes Bad Kap. 12. Kahnfahrt auf dem Jelowka, vulkanische Unterhaltung, »O Susanna!«, er spricht amerikanisch, Ritt nach Jelowka unter Schwierigkeiten Kap. 13. Eine kalte Wohnung, großartige Scenerie, noch eine Bärenjagd, Steeple-chase, Tigiljsk Kap. 14. Küste des ochotskischen Meeres, Ljesnowsk, das Walfischboot und die Landabteilung, der Teufelspaß, die Samankaberge, Schneesturm, wilde Scenerie Kap. 15. Der Sturm hält an, Hungersnot in Sicht, Nachricht von dem Walfischboote, Rückkehr nach Ljesnowsk Kap. 16. Kamtschadalische Abendunterhaltungen, Volk, Fische Pelze, Sprache, Musik, Lieder, Hundeschlitten, Kleidung Kap. 17. Russische Heilkunde, die Samankaberge, Lager der wandernden Korjäken, Hunde und Renntiere, »Pologs«, Korjäkendelikatessen Kap. 18. Andere Züge »wandernder Korjäken«, Unabhängigkeit, Gastfreundschaft, Wohnung, Frühstück, Renntierreise, Korjäkenbegriffe über Entfernungen, geheimnisvoller Besuch Kap. 19. Langweilige Reise, Korjäkenhochzeit. Ist Ihnen ein Krötenstuhl gefällig? Eintöniges Dasein Kap. 20. Die Korjäkensprache, Religion, Sitten Kap. 21. Der Penschina, 25° unter Null, Kamensk, Korjäkenjurte, Reise nach. Gischiginsk, »Pavoskas«, Mikina, die ansässigen Korjäken Kap. 22. Hundelenken, Renntier-Episode, Gischiginsk, der Gouverneur und seine Gastfreundschaft, Telegraphische Pläne, der Verfasser reist nach Anadyrsk Kap. 23. Arktisches Reisen im Winter, Malmowka, nächtliche Scenen, Schestakowa Kap. 24. Schlechte Wohnungen, Nachricht von Oberst Bulkley, Entdeckungsreise nach den verlorenen Amerikanern, merkwürdiger Baum, sibirischer »Purga«-Sturm Kap. 25. Penschinsk, Telegraphenstangen, arktische Temperatur, astronomische Studien, Ankunft zu Anadyrsk, Gastfreundschaft eines Priesters Kap. 26. Anadyrsk, der nördliche Vorposten russischen Lebens; russische Weihnachten, ein Ball, ein Fest, sibirische Höflichkeit Kap. 27. Abenteuer beim Aufsuchen unserer Kameraden Kap. 28. Fortsetzung, Entdeckung der Gesellschaft Kap. 29. Sibirische Stämme und ihre Eigentümlichkeiten, Begriffe über Lesen und die Künste Kap. 30. Ein Nordlicht, weitere Erforschungen, Ankunft unserer Kameraden, Reise nach dem ochotskischen Meere Kap. 31. Geselliges Leben zu Gischiginsk, Major Abazas Expedition, plötzlicher Umschlag vom Winter zum Sommer, Volkssitten Kap. 32. Langweiliges Warten, Moskitos, Ankunft einer russischen Korvette Kap. 33. Ankunft von Schiffen, letzte Reise an den nördlichen Polarkreis, korjäkische Führer, Hungersnot zu Anadyrsk Kap. 34. Bush Redivivus, schwieriges Dilemma, Hungertod, achthundert Arbeiter gemietet, unternehmender Amerikaner, eine Wildnis Kap. 35. Reise nach Jamsk, das Wiligathal, ein Sturm, ein gefährlicher Paß Kap. 36. Rückkehr nach Gischiginsk, Ankunft der »Onward«, Befehle »aufzubrechen«, vom atlantischen Kabel besiegt. Abreise nach Petersburg, eine Reise von mehr als 5000 Meilen     Vorwort des Übersetzers. George Kennan ist durch seine Aufsätze über Sibirien und das Verbannungssystem auch in Deutschland zum bekannten und berühmten Mann geworden. Wer dieselben gelesen, hat nicht nur den kühnen, unerschrockenen Forscher, den für Menschenwürde und Freiheit begeisterten Amerikaner, den Helden, der sich, um armen, unterdrückten Menschen, den Opfern eines empörenden Despotismus, vielleicht nützen zu können, unsäglichen Beschwerden und Leiden unterzog, schätzen und bewundern gelernt, sondern auch den gewandten Schriftsteller, der zwar meist herzzerreißende Bilder vor unserem geistigen Auge entrollt, uns aber auch durch manche hochpoetische Schilderung anmutet. In »Zeltleben in Sibirien«, dem älteren Werke, welches auf vielseitig an den Verleger gelangten Wünschen hiermit dem geehrten Leser überreicht wird, tritt uns Kennan als ganz junger, lebensfrischer Mann entgegen, der mit Vergnügen die Gelegenheit ergreift, im Dienste der russisch-amerikanischen IV Telegraphengesellschaft Nordostsibirien zu bereisen. Seine Seereise dorthin schildert er mit köstlichem Humor, Land und Leute mit poetischem Feuer, jugendlichem Übermute und scharfer Beobachtungsgabe. Nicht nur was er erzählt, ist interessant und amüsant, sondern auch wie er es erzählt. Kein Wunder, daß dieses Werk bereits in Tausenden von Exemplaren in seinem Vaterlande verbreitet ist und bereits schon sechs starke Auflagen erlebt hat. Ich zweifle nicht, daß es auch in Deutschland sich viele Freunde erwerben und bald zu den beliebtesten Büchern zählen wird. Im September 1890. E. Kirchner .   Vorrede. Der Versuch der russisch-amerikanischen Telegraphengesellschaft, eine Drahtverbindung zwischen Amerika und Europa über Alaska, die Behringsstraße und Sibirien herzustellen, war in mancher Beziehung das bemerkenswerteste Unternehmen unseres Jahrhunderts. Die Kühnheit des Gedankens und das großartige Ziel fesselten eine Zeitlang die Aufmerksamkeit der ganzen gebildeten Welt; noch nie hatte sich amerikanisches Kapital in so hervorragender Weise an einer ähnlichen Spekulation beteiligt. Doch wie alle mißlungenen Versuche in unserem Zeitalter des Fortschrittes ist auch dieser sehr bald vergessen worden, und der glänzende Erfolg des transatlantischen Kabels hat ihn im Gedächtnis der Menschen vollständig ausgelöscht. Die Hauptzüge der Geschichte desselben dürften den meisten Lesern bekannt sein, aber nur sehr wenige, selbst von den Urhebern des Projektes, ahnen, zu welcher Thätigkeit in Brittisch Columbia, Alaska und Sibirien dasselbe den Anstoß gab, welche Hindernisse sich den Förderern des Planes VI entgegenstellten und von ihnen überwunden wurden, und in welchem Grade diese unsere Kenntnisse bereichert haben. Im Verlauf von zwei Jahren erforschten sie nahezu sechstausend Meilen (englische) ununterbrochener Wildnis, die sich längs der amerikanischen Küste von der Insel Vancouver bis zur Behringsstraße und in Asien von der Behringsstraße bis zur chinesischen Grenze erstreckt. Die wildesten Bergschluchten Kamtschatkas, die weiten, öden Ebenen des nordöstlichen Sibirien und die düsteren Tannenwälder Alaskas und Brittisch Columbias haben Spuren ihrer verlassenen Lager aufzuweisen. Auf Renntieren überschritten sie die schroffsten Übergänge der nordasiatischen Gebirge; in Booten von Tierhäuten vertrauten sie sich den reißenden Gewässern der nordischen Ströme an, schliefen in den rauchigen Pologs der sibirischen Tschutschken und kampierten auf den trostlosen Polarebenen des Nordens bei einer Kälte von 50 bis 60 Grad. Die Pfähle, welche sie aufgerichtet, die Häuser, die sie in der einsamen Wildnis gebaut, sind das einzige Erinnerungszeichen an dreijährige Arbeit und Beschwerden und ein aufgegebenes Unternehmen. Ich beabsichtige nicht, eine Geschichte des russisch-amerikanischen Telegraphen zu schreiben. Sein Rivale, das transatlantische Kabel, und sein eigener Mißerfolg haben ihn allen Interesses beraubt; aber die Vermessungen und Erforschungen, die seinetwegen geplant und ausgeführt wurden, haben auch, abgesehen von dem Zweck, dem sie dienen sollten, an und für sich Wert. Das Gebiet, über welches sich dieselben erstreckten, ist wenig bekannt, und seine nomadischen Bewohner sind selten von civilisierten Menschen VII aufgesucht worden. Nur wenige abenteuerlustige Kaufleute und Pelzjäger sind in diese Einöden vorgedrungen, und es dünkt mich sehr unwahrscheinlich, daß die civilisierte Welt ihnen je folgen wird. Das Land bietet dem Reisenden keinen Ersatz, der zu den Gefahren und Beschwerden, die mit seiner Erforschung verknüpft sind, in entsprechendem Verhältnis stünde. Zwei der Angestellten der russisch-amerikanischen Telegraphengesellschaft, die Herren Whymper und Doll haben schon Berichte über ihre Reisen in Brittisch Columbia und Alaska veröffentlicht, und da ich glaubte, daß eine Geschichte der Erforschungen der Gesellschaft jenseits der Behringsstraße von nicht geringerem Interesse sein würde, habe ich meinen zweijährigen Aufenthalt in Nordostsibirien in Folgendem geschildert. Meine Erzählung macht keine Ansprüche auf wissenschaftliche Genauigkeit oder auf tiefere Erforschung irgend welcher Art. Sie will nur eine klare und genaue Vorstellung von den Bewohnern, der Scenerie, den Sitten und Gebräuchen, und der allgemeinen äußeren Gestaltung eines verhältnismäßig unbekannten Landes vermitteln. Es sind einfach die persönlichen Eindrücke meines Lebens in Sibirien und Kamtschatka, die ich hier wiedergebe. Die Neuheit des Gegenstandes mehr als wissenschaftlicher Ernst oder Gewandtheit der Darstellung wird mein Buch der Aufmerksamkeit des Lesers empfehlen.   1. Kapitel. Die russisch-amerikanische Telegraphengesellschaft wurde im Sommer 1864 zu New-York organisiert. Seit vielen Jahren hatten hervorragende Telegraphenbeamte die Idee gehabt, Amerika mit Europa über die Behringsstraße telegraphisch zu verbinden, und schon 1857 hatte Herr Perry Collins, als er das nördliche Asien bereiste, einen dahinzielenden Vorschlag gemacht. Aber erst nachdem der Versuch, ein transatlantisches Kabel zu legen, gescheitert war, fing man an, die Möglichkeit einer Verbindung der beiden Kontinente über Land durch Asien in ernstere Erwägung zu ziehen. Der Plan des Herrn Collins, welcher schon 1863 der Telegraphengesellschaft für westlichen Verkehr zu New-York unterbreitet wurde, schien von allen Projekten für interkontinentale Verbindung das praktischste. Eine Telegraphenlinie durch Brittisch-Columbia, Russisch-Amerika und Nordost-Sibirien sollte sich an die russische Linie an der Amurmündung anschließen, was einen ununterbrochenen Drahtgürtel fast um die ganze Erde gebildet haben würde. Dieses Projekt bot viele unverkennbare Vorteile. Es erforderte kein langes Kabel. Die Linie führte stets über Land, außer der kurzen Strecke in der Behringsstraße, und durch Sturm oder sonstige Vorkommnisse entstehende Schäden waren leicht auszubessern. Sie 2 konnte auch möglicherweise längs der asiatischen Küste bis Peking ausgedehnt werden und zur Entwickelung des nutzbringenden Handels mit China beitragen. Alle diese Gründe ließen das Projekt Kapitalisten und praktischen Telegraphenbeamten verlockend erscheinen, und so wurde es im Jahre 1863 von der Telegraphengesellschaft für westlichen Verkehr definitiv angenommen. Man verhehlte sich natürlich nicht, daß, wenn es gelänge, ein transatlantisches Kabel zu legen, dies der projektierten Überlandlinie schaden, ja sogar verhängnisvoll werden könnte; da dies aber einstweilen nicht wahrscheinlich schien, beschloß die Gesellschaft in Anbetracht aller Umstände, das Risiko zu übernehmen. Mit der russischen Regierung wurde ein Vertrag abgeschlossen, welcher diese verpflichtete, ihre Telegraphenlinie durch Sibirien bis an die Amurmündung auszudehnen, und der Gesellschaft außergewöhnliche Privilegien auf russischem Gebiete einzuräumen. Von der brittischen Regierung wurden 1864 ähnliche Zugeständnisse erlangt; der amerikanische Kongreß versprach seine Unterstützung, und so trat die »Gesellschaft für Ausdehnung des westlichen Verkehrs« mit einem Kapital im Nominalwerte von 10 000 000 Dollars ins Leben. Die Aktien, welche hauptsächlich von den Aktieninhabern der ursprünglichen »Telegraphengesellschaft für westlichen Verkehr« gezeichnet wurden, waren bald vergriffen; eine sofortige Einzahlung von 5% lieferte den Fonds zur alsbaldigen Inangriffnahme des Werkes. Der Glaube an den schließlichen Erfolg des Unternehmens war so groß, daß in Zeit von zwei Monaten alle Aktien zu fünfundsiebzig Dollars das Stück bei nur fünf Dollars Anzahlung untergebracht waren. Im August 1864 wurde Oberst Bulkley, ein ehemaliger Inspektor des militärischen Telegraphenwesens, zum Oberingenieur der projektierten Linie ernannt, und im Dezember segelte er von New-York nach San Franzisco, um Erforschungskolonnen zu organisieren und auszurüsten, und mit der Verwirklichung des Projektes den Anfang zu machen. Angeborene Reise- und Abenteuerlust, die noch nie 3 Befriedigung gefunden, und der Wunsch, an einem so neuen und wichtigen Unternehmen beteiligt zu sein, veranlaßten mich, der Gesellschaft meine Dienste anzubieten. Mein Gesuch ward bewilligt, und am 13. Dezember reiste ich in Begleitung des Oberingenieurs von New-York nach San Franzisco, wohin das Hauptquartier verlegt werden sollte. Unmittelbar nach seiner Ankunft eröffnete Oberst Bulkley ein Bureau in der Montgomerystraße und schickte sich an, verschiedene Abteilungen zu einer vorläufigen Rekognoszierung des Gebietes, das die Linie durchschneiden sollte, zu organisieren. Kaum verlautete in der Stadt, daß Männer zur Erforschung der unbekannten Regionen Brittisch-Columbias, Russisch-Amerikas und Sibiriens gesucht würden, als das Bureau der Gesellschaft von Stellesuchenden aller Art förmlich belagert wurde. Abenteurer, die schon lange auf eine derartige Gelegenheit gewartet; verkommene Goldgräber, die durch neu zu entdeckende Goldfelder ihren zerrütteten Verhältnissen aufzuhelfen hofften; entlassene, nach neuer Aufregung dürstende Soldaten, alle drängten sich herzu, um ihre Dienste als Pioniere anzubieten. Nach geschickten und erfahrenen Ingenieuren war lebhafte Nachfrage; aber das Angebot gewöhnlicher Leute, die, was ihnen an Erfahrung mangelte, durch Begeisterung ersetzen wollten, war unbeschränkt. Monat auf Monat schlich langsam während der Auswahl von Leuten, Organisierung und Ausrüstung von Erforschungsabteilungen dahin, bis endlich im Juni 1865 die Schiffe der Gesellschaft bereit waren, in See zu stechen. Eine Abteilung sollte in Brittisch-Columbia an der Mündung des Fraser-Flusses landen, eine andere in Russisch-Amerika am Nortonsund, und eine weitere auf der asiatischen Seite der Behringsstraße an der Mündung des Anadyr. Sie hatten Befehl, unter der Führerschaft der Herren Pope, Kennicott und Macrae soweit wie möglich den Lauf der betreffenden Flüsse aufwärts ins Innere vorzudringen, in Bezug auf Klima, Bodenbeschaffenheit, Holzreichtum und Bewohner alle mögliche 4 Auskunft zu erlangen und im allgemeinen die Richtung der projektierten Linie festzustellen. Für die beiden amerikanischen Abteilungen boten Victoria und Fort Sct. Michael eine verhältnismäßig günstige Operationsbasis, aber die sibirische Abteilung mußte auf der asiatischen Küste, in der Nähe der Behringsstraße, fast tausend Meilen von jeder bekannten Niederlassung entfernt, in öder, unfruchtbarer Gegend landen. Da sie unter nomadischen Stämmen kriegerischer Eingeborenen auf ihre eigenen Hilfsmittel angewiesen und ohne irgend welche Transportmittel außer Kähnen sein würde, schienen ihre Sicherheit und ihr Erfolg sehr fraglich. Viele Freunde des Unternehmens behaupteten sogar, es heiße die Leute gewissem Untergang preisgeben, wenn man sie in eine derartige Lage versetze; der russische Konsul in San Franzisco riet, diese Abteilung lieber in einen der russischen Häfen des ochotskischen Meeres anlaufen zu lassen, wo sie Erkundigungen über das Innere des Landes einziehen, sich Pferde- oder Hundeschlitten zu Entdeckungsreisen nach jeder Richtung hin verschaffen, und den sie überhaupt als Anhaltspunkt benutzen könnten. Dieser vernünftige Rat war sehr einleuchtend; unglücklicherweise verfügte aber der Oberingenieur über kein Schiff, auf dem er eine Abteilung ins ochotskische Meer hätte schicken können; wenn im Verlauf dieses Sommers überhaupt eine Landung auf der asiatischen Küste stattfinden sollte, konnte dies nur an der Behringsstraße geschehen. Gegen Ende Juni erfuhr jedoch Oberst Bulkley, daß ein kleiner russischer Kauffahrer, die »Olga«, von San Franzisco nach Kamtschatka und der südwestlichen Küste des ochotskischen Meeres unter Segel gehen sollte, und er bestimmte die Eigentümer desselben, vier seiner Leute als Passagiere nach Nikolajewsk an der Mündung des Amur mitzunehmen. Wenn auch andere Orte mehr im Norden des ochotskischen Meeres als Ausgangspunkte für das Unternehmen günstiger gewesen wären, so war dieser Hafen doch bei weitem irgend einem Landungsplatz an der Behringsstraße vorzuziehen. Die kleine 5 Gesellschaft, welche auf der »Olga« nach Kamtschatka und der Amurmündung segeln sollte, bestand aus: Major S. Abaza, einem Russen, der zum Direktor und Generalissimus des Unternehmens in Sibirien ernannt worden war; James A. Mahood, einem Civilingenieur, der sich in Kalifornien bedeutenden Rufes erfreute; R. J. Bush, welcher gerade einen dreijährigen Kriegsdienst in Karolina absolviert hatte, und mir selbst. Wir waren zwar gering an Zahl, nicht besonders reich an Erfahrungen, aber voller Hoffnung, Selbstvertrauen und Begeisterung. Am 28. Juni wurden wir benachrichtigt, daß die Brigg »Olga« ihre Ladung an Bord habe und »unverzüglich in See stechen werde«. Wie wir später herausfanden, bedeutete dies bloß, daß dieselbe im Laufe des Sommers absegeln werde, während wir, in unserer vertrauensseligen Unerfahrenheit, uns einbildeten, sie werde unverweilt die Anker lichten und infolgedessen unsere Reisevorbereitungen überstürzten. Staatskleider, leinene Hemden und elegantes Schuhwerk wurden verschenkt oder verschleudert, und ein großer Vorrat von wollenen Decken, schweren Schuhen und Flanellhemden angeschafft; Gewehre, Revolver und Dolchmesser von ungeheuern Dimensionen verliehen unserem Zimmer ein ganz kriegerisches Aussehen; Arsenik- und Spiritusvorräte, Schmetterlingsnetze, Schlangensäcke, Pillenschachteln und ein Dutzend anderer Hilfsmittel und Apparate für Wissenschaften, von denen wir nichts verstanden, wurden uns von begeisterten Naturfreunden geschenkt und in große Kisten verpackt; unsere kleine Bibliothek erhielt einen Zuwachs von mehreren wissenschaftlichen Werken, Wrangells Reisen und Grays Botanik, und ehe die Nacht hereinbrach, waren wir reisefertig, für jedes Abenteuer bewaffnet und ausgerüstet, sei es das Einfangen einer neuen Käferart oder die Eroberung Kamtschatkas! Da es gegen alles Herkommen verstößt, eine Seereise anzutreten, ohne vorher das Schiff besichtigt zu haben, warfen Bush und ich uns zu einer Untersuchungskommission auf und begaben uns an den Landungsplatz, wo 6 dasselbe vor Anker lag. Der Kapitän, ein derber, amerikanisierter Deutscher, empfing uns an dem Fallreep und führte uns auf der kleinen Brigg herum. Unsere unzulänglichen nautischen Kenntnisse würden uns kaum befähigt haben, über die Seetauglichkeit eines Lichterschiffes ein kompetentes Urteil abzugeben, aber Bush perorierte mit der charakteristischen Unverfrorenheit und Geschmeidigkeit des Talentes über Schönheit und Bau des Schiffes, seine Segel, den verhältnismäßigen Wert der ersten und zweiten Marssegel, die neu patentierten Raa-Hanger und Reeftalje und warf dergestalt mit seemännischen Ausdrücken um sich, daß er mich vollständig verblüffte und sogar den Kapitän stutzig machte. Ich hegte begründeten Verdacht, daß Bush seine Weisheit der oberflächlichen Durchsicht von »Bowditchs Seefahrer« verdanke, den ich auf dem Bureautisch hatte liegen sehen, und beschloß insgeheim, sobald ich wieder am Lande sei, mir alle Seegeschichten Marryats anzuschaffen und ihn das nächste Mal mit einem wahren Sturzbad nautischer Gelehrsamkeit zu überschütten, so daß ihm nur übrig bliebe, in »seines Nichts durchbohrendem Gefühle« die Augen niederzuschlagen. In irgend einem Roman von Cooper hatte ich von blinden Passagieren, Jungfern und Katzhaken gelesen, und da ich nicht für eine unwissende Landratte gehalten sein wollte, starrte ich ins Takelwerk und machte einige sehr allgemeine Bemerkungen über Jungfern und Besahasbaum. Der Kapitän beraubte mich jedoch schnell meines Nimbus, indem er mich kategorisch fragte, ob ich je bei Backstagswind den Besahasbaum mit der Vormarsraa ineinander geklemmt gesehen hätte. Schüchtern erwiderte ich, daß ich meines Wissens noch nie Zeuge einer derartigen Katastrophe gewesen, und da er sich mit mitleidigem Lächeln über meine Unwissenheit an Bush wandte, begab ich mich zähneknirschend in den unteren Schiffsraum, um einen kritischen Blick in die Speisekammer zu werfen. Hier fühlte ich mich mehr zu Hause. Die langen Reihen von Konservenbüchsen mit Ochsenfleisch, kondensierter Milch, Obst und ein kleines Faß 7 mit geheimnisvoller Inschrift besänftigten mein erbittertes Gemüt und benahmen mir allen Zweifel darüber, daß die »Olga« seetauglich und nach der neuesten verbesserten Methode der Schiffsbaukunst konstruiert sei. Ich stieg wieder auf Deck und teilte Bush mit, daß meine eingehende Inspektion der unteren Schiffsräume zu meiner Zufriedenheit ausgefallen sei; welcher Art meine Beobachtungen gewesen, verschwieg ich wohlweislich; aber er that keine verfänglichen Fragen, und wir erstatteten im Bureau günstigen Bericht über Bau, Tragfähigkeit und Ausstattung des Schiffes. Samstag, den 1. Juli, nahm die »Olga« die letzte Ladung an Bord und wurde auf den Strom geholt. Unsere Abschiedsbriefe in die Heimat waren schnell geschrieben, und um neun Uhr Montagmorgen versammelten wir uns auf dem Quai der Howardstraße, wo der Schlepper lag, der uns in See bugsieren sollte. Eine große Anzahl von Freunden war gekommen, um Abschied von uns zu nehmen, und der mit hellen Gewändern und blauen Uniformen bedeckte Hafendamm nahm sich im klaren, warmen Sonnenschein Kaliforniens ganz festtäglich aus. Oberst Bulkley erteilte seine letzten Befehle und gab uns viele herzliche Wünsche für Gesundheit und Erfolg mit auf den Weg; die weniger glücklichen zurückbleibenden Kameraden wurden lachend zum Besuch in Kamtschatka eingeladen; Bitten, Muster des Nordpoles und Nordlichtes einzuschicken, mischten sich mit Anweisungen über Vögelausstopfen und Käfersammeln, und in das allgemeine Durcheinander von Glückwünschen, Warnungen, Scherzreden und thränenreichen Abschiedsworten tönte die Glocke des Dampfers. Dall, dem die Interessen seiner geliebten Wissenschaft immer am meisten am Herzen lagen, schüttelte mir herzlich die Hand und sagte: »Lebe wohl, Georg! Gott sei mit Dir! Schaue fleißig nach Landschnecken und Schädeln von wilden Tieren aus!« Fräulein B. bat: »Sorgen Sie für meinen geliebten Bruder«; und indem ich versprach, ebensogut für ihn zu 8 sorgen wie für mich selbst, gedachte ich einer fernen Schwester, die, wenn anwesend, gewiß dieselbe Bitte geäußert haben würde. Unter Taschentücherschwenken und Abschiedsrufen setzte sich der Dampfer in Bewegung und fuhr in weitem Halbkreis auf die »Olga« zu. Wir bestiegen die kleine Brigg, die uns die nächsten zwei Monate als Heimat dienen sollte. Der Dampfer bugsierte uns zum goldenen Thor hinaus und band los. Als derselbe auf der Rückfahrt an uns vorüber fuhr, standen unsere Freunde mit dem Oberst auf dem Vorderdeck und brachten ein dreimaliges Hoch auf die »erste sibirische Erforschungsexpedition« aus. Wir erwiderten dasselbe, es war unser letzter Abschied von der Civilisation; schweigend beobachteten wir den immer kleiner werdenden Dampfer, bis das weiße Taschentuch, das Arnold an die Pardunen gebunden hatte, unseren Blicken entschwand; wir schaukelten allein auf den Wogen des stillen Ozeans. 9   2. Kapitel.     »Seine Seereise befriedigte und entzückte ihn über alle Maßen, wie dies bei jedem der Fall sein muß. Burton.     Auf See 700 Meilen N.-W. von San Franzisco. Mittwoch, den 12. Juli 1865. Von frohen Hoffnungen und freudigen Erwartungen erfüllt schrieb ich vor zehn Tagen, am Vorabend unserer Abreise nach der Küste Asiens, obiges Motto auf die erste Seite meines Tagebuches. Kein Zweifel war noch in meinem Geiste aufgetaucht, daß die kühnen Bilder meiner Phantasie sich nicht verwirklichen könnten, daß das Leben auf des Meeres Woge nicht der Gipfel des höchsten irdischen Glückes sei. Das Citat von Burton schien mir außerordentlich gut gewählt, und ich segnete in Gedanken den sonderbaren alten Anatomen der Melancholie, der mich mit einem so einfachen und passenden Motto versorgt hatte. Ihn befriedigte und entzückte seine Seereise über alle Maßen, und die vollständig ungerechtfertigte Voraussetzung, daß dieselbe, weil sie ihn entzückt, auch notwendigerweise jeden anderen entzücken müsse, erschien mir nicht im geringsten unvernünftig. Im Gegenteil, sie hatte für mich das Gewicht der strengsten logischen Folgerung, und ich hätte jeden mit Verachtung gestraft, der mir eine mögliche Enttäuschung 10 in Aussicht gestellt. Meine Begriffe vom Leben auf dem Meere hatte ich den glühenden Schilderungen der Dichter entlehnt, mit denen diese seit Jahrtausenden die armen Menschenkinder auf das nasse, trügerische Element gelockt. Ich träumte von »paradiesischen Inseln, die purpurne Wogen umrauschten«, von der »glühend roten Sonne, die hinab ins weitaufschauernde silbergraue Weltenmeer steigt«, von mondbeglänzten Zaubernächten auf einsamem Wasserspiegel; Nebel, Stürme oder gar die Seekrankheit waren nicht ins Programm aufgenommen. Wenn ich die Möglichkeit eines Sturmes zuließ, so gestaltete er sich mir zum »Tanz der weißen Wasserberge, die das Schifflein erklimmt«; nie trug er die unangenehmen Züge, die dem nassen Elemente unter prosaischeren Umständen anhaften. Auf meiner Fahrt nach Kalifornien war zwar das Meer nicht ganz zahm gewesen, aber die Erinnerung warf ihren verklärenden Schein auf diese Erlebnisse, und ein Sturm auf dem stillen Ozean schwebte mir als ein großartiges, wünschenswertes Ereignis vor. – Die Illusion war leider von kurzer Dauer. Eine zehntägige Meerfahrt hat meine frohen Hoffnungen und freudigen Erwartungen in die unangenehme Gewißheit wirklichen Elendes verwandelt, und mir erübrigt nur, über die Unvereinbarkeit von Dichtung und Wahrheit zu trauern. Nie mehr werde ich Dichtern blindes Vertrauen schenken; sie mögen ja der Wahrheit so nahe kommen, wie dies in der Poesie zulässig, aber zu einer lebenswahren, der Wirklichkeit entsprechenden Schilderung des Seelebens ist ihr Urteil nicht unbestechlich genug, ihre Phantasie zu überschwenglich. Unser Dasein war, seitdem wir den Hafen verlassen hatten, alles außer poetisch gewesen. Fast eine Woche lang litten wir alle unter dem unbeschreiblichen Elend der Seekrankheit ohne mildernde Umstände. Tag für Tag lagen wir in unseren engen Betten, zu unwohl, um zu lesen, zu unglücklich, um zu sprechen; beobachteten das einförmige Hin- und Herschwingen der Kajütenlampe, und horchten, wie das Wasser gegen die Blenden der Kajütenfenster prallte, 11 und auf das gleichmäßige Klirren der Blöcke der Schratsegelsschoot, wenn das rollende Schiff den schweren Baum hin und her schlagen machte. »Lustig unter allen Umständen,« dieser Satz der Tapleyschen Philosophie zählte auch uns zu seinen begeisterten Anhängern, aber dieses Mal scheiterte jeder Versuch, Theorie und Praxis in Einklang zu bringen. Vier regungslose, gegen die Wand ausgestreckte Gestalten! Wo blieb da die Lustigkeit? Die Seekrankheit hatte über alle Philosophie den Sieg davongetragen. In träumerisches Sinnen melancholischster Färbung versunken, stellte ich Betrachtungen darüber an, ob Noah auch seekrank gewesen, und in welchem Verhältnis die Seetauglichkeit der Arche zu der unserer Brigg gestanden, und ob dieselbe in ebenso unbehaglicher Weise auf hochgehender See herumgeschaukelt worden. Und wenn – der Gedanke brachte beinah ein Lächeln auf meine Lippen – welch trauriges Experiment für die armen Tiere! Ob Jason und Odysseus wohl mit »Seefüßen« geboren worden, oder ob ihnen ihre erste Seefahrt auch so teuer zu stehen kam? Ich entschied endlich, daß »Seefüße« , wie einige andere Krankheiten, eine diabolische Erfindung der Neuzeit sein müßten, und daß die Alten auch ohne dieselben fertig geworden. Dann betrachtete ich aufmerksam die Mückenspuren auf den Brettern drei Zoll von meinen Augen, rief mir all die angenehmen Erwartungen ins Gedächtnis zurück, mit denen ich von San Franzisco abgesegelt war, und drehte mich, von Verzweiflung und Ekel erfüllt, mit einem tiefen Seufzer der Wand zu. Ob irgend jemand seine Betrachtungen während der Seekrankheit zu Papier gebracht hat? Es giebt »Abendbetrachtungen« , »Betrachtungen eines Junggesellen«, »Betrachtungen am Meere« in Überfluß; aber, so viel ich weiß, hat noch keiner versucht, seinen Empfindungen während der Seekrankheit 12 litterarische Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Es ist dies eine große Unterlassungssünde, und ich möchte einem strebsamen Schriftsteller mit sinnendem Gemüte dieses ergiebige Thema ganz unterthänigst zur Beachtung empfehlen. Ein einziger Ausflug im nördlichen Teile des stillen Ozeans in einer kleinen Brigg würde ihm unerschöpfliches Material liefern. – Unser Leben ist bisher entsetzlich monoton, das Wetter kalt, feucht und nebelig, der Wind ungünstig und die See stürmisch gewesen. Wir waren auf unsere sieben Fuß breite und neun Fuß lange Kajüte beschränkt, und die eingeschlossene, nach Schlagwasser, Lampenöl und Tabaksdampf duftende Atmosphäre derselben hat höchst niederdrückend auf unsere Geister gewirkt. Mit Vergnügen konstatiere ich, daß heute alle auf den Beinen sind und dem Mittagessen mit einigem Interesse entgegensehen; aber selbst den begeisternden Klängen des Faustmarsches, welchen der Kapitän auf einer keuchenden, alten Harmonika spielt, gelingt es nicht, auch nur einen Schimmer von Heiterkeit auf den wehmütigen Gesichtern, die den Kajütentisch umgeben, hervorzuzaubern; Mahood behauptet, ganz wohl zu sein und spielt mit einer an Heroismus grenzenden Selbstbeherrschung Dambrett, aber in unregelmäßigen Zwischenräumen begiebt er sich plötzlich und unerwartet auf Deck und schaut jedesmal, wenn er wiederkommt, noch geisterhafter und jämmerlicher drein. Nach der Ursache dieser periodischen Besuche des Hinterdecks befragt, erwidert er mit einer gesuchten Heiterkeit, die niemand täuscht, daß er hinaufgehe, um den Kompaß zu beobachten. Es ist doch erstaunlich, daß die Beobachtung des Kompasses einen so schmerzlichen, melancholischen Ausdruck in Mahoods Zügen zurückläßt; aber er unterzieht sich der selbst auferlegten Pflicht mit unerschütterlicher Ausdauer, und wir sind nun über die Sicherheit des Schiffes vollständig beruhigt. Der Kapitän scheint ein wenig nachlässig zu sein; manchmal sieht er den ganzen Tag nicht nach dem Kompaß, aber Mahood schenkt ihm die wachsamste, unermüdlichste Aufmerksamkeit. 13   Brigg Olga, 800 Meilen N.-W. von San Franzisco. Sonntag, 16. Juli 1865. Die Einförmigkeit unserer Existenz wurde vorgestern Nacht unterbrochen, und unsere Seekrankheit trat in ein erhöhtes Stadium durch einen heftigen Nordweststurm, welcher uns zwang, zwanzig Stunden lang mit einem festgerefften Schönfahrsegel vor Anker zu liegen. Der Sturm fing am Spätnachmittage an und erreichte gegen neun Uhr seinen Höhepunkt. Die Wellen schlugen wie titanische Schmiedehämmer gegen die dröhnenden Planken des Schiffes; der Orkan tobte durch das Takelwerk; der regelmäßig wiederkehrende Stoß der Pumpen, das klagende Pfeifen des Windes in den Blöcken erfüllten unseren Geist mit trüben Ahnungen, und verscheuchten alle Lust zum Schlafen. Der Morgen dämmerte trübe und zögernd, und sein erstes graues Licht, das durch die mit Wasser bespritzten kleinen, rechtwinkeligen Verdeckluken fiel, beleuchtete eine Scene von Verwirrung und Unordnung. Das Schiff schlingerte heftig, und Mahoods Koffer, der sich irgendwo losgerissen hatte, glitt auf dem Boden der Kajüte hin und her. Bushs große Meerschaumpfeife hatte in Begleitung eines Schwammes ihren vorübergehenden Aufenthalt in einem meiner besten Hüte aufgeschlagen, und des Majors Cigarrenkiste rollte aus einer Ecke in die andere. Bücher, Papiere, Cigarren, Bürsten, schmutzige Kragen, Strümpfe, leere Weinflaschen, Pantoffeln, Stöcke und alte Stiefel flogen in buntem Chaos auf dem Boden herum, und eine große, mit telegraphischem Material gefüllte Kiste drohte herabzufallen und alles zu zermalmen. Der Major, der zuerst ein Lebenszeichen von sich gab, stützte sich auf einen Ellenbogen, starrte das Durcheinander an, schüttelte nachdenklich sein Haupt und sagte: »W–u–n–der–bar! W–u–n–der–bar!« als ob die herumgeschleuderten Stiefel und Cigarrenkisten ein neues und verblüffendes Phänomen seien, das sich durch kein bekanntes Gesetz der Naturwissenschaft erklären lasse. Ein plötzlicher Stoß des 14 Schiffes in demselben Augenblick verlieh dem Monolog noch tiefere Empfindung, und zweifellos mit verstärkter Überzeugung von der ursprünglichen, angeborenen Verderbtheit der Materie im allgemeinen und des stillen Ozeans im besonderen, legte er sein Haupt wieder auf das Kissen. Es bedurfte unter so vielversprechenden Umständen keines geringen Grades von Energie, aufzustehen; aber Bush machte nach einigem Stöhnen und Gähnen doch den Versuch, sich zu erheben und anzukleiden. Als das Schiff gerade nach der Luvseite überholte, kletterte er schleunigst herab, erwischte seine Stiefel mit der einen, seine Beinkleider mit der anderen Hand und fing an, mit überraschender Behendigkeit in der Kajüte umherzuhüpfen, indem er den herumrollenden Flaschen und dem Koffer bald auswich, bald darüber wegsprang und zu gleicher Zeit krampfhafte Anstrengungen machte, mit beiden Beinen zugleich in einen Stiefel zu fahren. Von einem unerwarteten Schlingern des Schiffes in seiner schwierigen Aufgabe überrascht, machte er einen ungestümen Angriff auf einen unschuldigen Waschtisch, trat auf eine erratische Flasche, fiel auf den Kopf und lag schließlich in einer Ecke des Zimmers. Der Major schüttelte sich vor Lachen und konnte nur unzusammenhängend die Worte hervorstoßen: »Es – ist wirklich zu arg, wie es schlingert!« »Ja, freilich,« erwiderte Bush aufgebracht. »Stehen Sie doch auf und versuchen Sie's selbst.« Aber es genügte dem Major vollständig, Bush mit zuzusehen und ihn nach Herzenslust auszulachen. Dieser beendigte jedoch schließlich trotz aller Hindernisse seine Toilette, und ich beschloß nach einigem Zögern, seinem Beispiele zu folgen. Nachdem ich zweimal über den Koffer gefallen, mich einigemal auf meine Fersen und Ellenbogen gesetzt und verschiedene andere, gleich schwierige Heldenthaten vollbracht, gelang es mir endlich, meine Jacke umgewendet anzuziehen, mit jedem Fuß in den verkehrten Stiefel zu fahren und die Kajütentreppe hinaufzuklettern. Der Wind war noch immer heftig und das Schönfahrsegel gerefft. Von den 15 niedrig hängenden Regenwolken verdeckt, türmten sich ungeheure Wasserberge auf, stürzten mit weißen Schaumkämmen auf uns zu, brachen mit wuchtiger Gewalt über die Back, stürmten über die Schiffsküche weg, warfen das Schiff auf die Seite, daß die Glocke von selbst anschlug und die klare See über die Leereling auf das Deck stürzte. Alles dies entsprach gerade nicht genau der Vorstellung, die ich mir von einem Sturme gemacht hatte, aber ich mußte gestehen, daß die charakteristischen Züge des wirklichen Phänomens vorhanden waren. Der Wind heulte regelrecht durch das Takelwerk, das Meer übertraf alle Erwartungen, und das Schiff stampfte und rollte in einer Weise, die auch den kritischsten Geschmack befriedigen mußte. Der Eindruck der Erhabenheit ging jedoch fast vollständig in dem Gefühl persönlichen Unbehagens unter. Ein Mann, der gerade durch eine der exzentrischen Bewegungen des Schiffes über ein Oberlicht geschleudert oder von einer Sturzwelle bis auf die Haut durchnäßt worden ist, befindet sich nicht in der Verfassung, für Erhabenheit zu schwärmen; alle romantischen Begriffe, die er früher gehegt, werden aus ihm herausgerüttelt und -gewaschen. Stürmisches Wetter treibt jedem die Poesie und Überschwenglichkeit aus.   Brigg Olga, Auf See, 27. Juli 1865. Während ich in San Franzisco lebte, legte ich mir öfters die Frage vor, woher wohl die kalten Nebel kämen, die bei Einbruch der Nacht über Lone Mountain und durch das goldene Thor ihren Einzug hielten. Ich habe das Laboratorium entdeckt. Seit vierzehn Tagen segeln wir ohne Unterbrechung in einer dicken, nassen, grauen Nebelwolke, die manchmal so dicht ist, daß man die Bramraa nicht erblicken kann, und so durchdringend, daß sie sogar ihren Weg in unsere kleine Kajüte findet und sich in winzigen Tropfen auf unseren Kleidern kondensiert. Ich vermute, daß der Dunst aus dem warmen Wasser des großen pacifischen Golfstromes aufsteigt, den 16 wir gerade passieren, und daß derselbe von den kalten Nordwestwinden Sibiriens in Nebel verwandelt wird. Er gehört zu den größten Unannehmlichkeiten unserer Reise. Unser Leben läßt an Einförmigkeit nichts zu wünschen übrig; wir essen, rauchen, beobachten das Barometer und schlafen zwölf Stunden von vierundzwanzig. Der Sturm, mit dem wir vor vierzehn Tagen beglückt wurden, brachte uns wenigstens zeitweilige, angenehme Aufregung und lieferte Unterhaltungsstoff; wir haben uns alle zur Meinung des Majors bekehrt, daß es höchst »wunderbar« war, und sehnen uns wahrhaft nach einem neuen Ereignis. Ein kalter, regnerischer, nebliger Tag folgt dem anderen, und die einzige Variation besteht darin, daß der widrige Wind mit Schneesturm abwechselt. Die Zeit wird uns natürlich unbeschreiblich lang. Um halb acht Uhr des Morgens weckt uns der zweite Steuermann, ein possierlicher, phlegmatischer Holländer, der uns zuruft, aufzustehen und einen Walfisch in Augenschein zu nehmen, den er regelmäßig vor dem Frühstück herbeizaubert und der ebenso regelmäßig auf geheimnisvolle Weise wieder verschwindet, ehe wir auf dem Verdeck erscheinen können. Wenn's mit dem Walfisch nicht mehr ziehen will, nimmt er Zuflucht zu einer ebenso mysteriösen, exzentrischen Seeschlange, deren wunderbares Aussehen er im komischsten gebrochenen Englisch beschreibt, in der vergeblichen Hoffnung, uns aus dem Bett in die kalte neblige Atmosphäre zu locken. Aber es gelingt ihm nicht. Bush öffnet die Augen, gähnt und blickt schläfrig nach dem Frühstückstisch in der Kajüte des Kapitäns. Da ich denselben von meinem Bett aus nicht sehen kann, beobachte ich Bush. Jetzt hören wir auf Deck über uns die Schritte des buckligen Proviantmeisters, und mit einer raschen Reihenfolge von kleinen Schlägen rollen ein halbes Dutzend gequellte Kartoffeln die Treppe herunter in die Kajüte. Sie sind die Vorläufer des Frühstücks. Bush fixiert den Frühstückstisch, und ich fixiere Bush, während der Proviantmeister das Essen aufträgt, und der Ausdruck von Bushs 17 Zügen verrät mir, ob es der Mühe wert ist, aufzustehen oder nicht. Wenn er stöhnt und sein Antlitz der Wand zukehrt, bedeutet das, daß es nur gehacktes Fleisch giebt, und ich stöhne gleichfalls und folge seinem Beispiele; lächelt er aber und erhebt sich, so mache ich es ebenso, in der festen Überzeugung, daß wir frische Hammelskoteletten, Reisgemüse und Huhn zu erwarten haben. Nach dem Frühstück raucht der Major eine Cigarette und blickt sinnend auf das Barometer; der Kapitän spielt die russische Nationalhymne auf seiner Harmonika, während Bush und ich uns aufs Verdeck begeben, um den frischen, reinen Nebel in vollen Zügen einzuatmen und den zweiten Steuermann mit seiner Seeschlange aufzuziehen. Dann wird gelesen, Dambrett gespielt, gefochten, wenn es das Wetter erlaubt, im Takelwerk herumgeklettert, und so vergeht der Tag, wie schon zwanzig vergangen sind, und noch zwanzig vergehen müssen, ehe wir hoffen können, Land zu erblicken.   Auf See, in der Nähe der Aleuten, 6. August 1865. Hunderte von Meilen See würde ich geben für einen einzigen Acker unfruchtbaren Landes, Heide, Steppe – alles, alles, nur nicht diese endlose Wasserwüste! Kamtschatka mag sein, was es will, wir werden es mit ebenso großer Freude begrüßen, wie Kolumbus die blühende Küste San Salvadors. Ich bin geneigt eine Sandbank und zwei Grashalme mit Wohlgefallen zu betrachten und würde selbst auf das Gras verzichten, wenn ich nur der Sandbank sicher wäre. Wir schwimmen nun seit vierunddreißig Tagen auf dem Meere, ohne ein einziges Segel oder ein Stückchen Land erblickt zu haben. Seit einiger Zeit besteht unsere Hauptunterhaltung im Diskutieren bestrittener Punkte der Geschichte und Wissenschaft, und es ist ganz merkwürdig, was für juristische Befähigung diese Debatten zutage gefördert haben. Das einzig Unangenehme dabei ist, daß sie in Ermangelung einer entscheidenden Autorität nie zu befriedigendem Abschluß gelangen. In den letzten sechzehn Tagen ereiferten wir uns über die Spritzlöcher des Walfisches, 18 und ich bin fest überzeugt, daß das Problem nie zur Zufriedenheit aller streitenden Parteien gelöst werden würde, selbst wenn sich unsere Reise wie die des »Fliegenden Holländers« in alle Ewigkeit ausdehnte. Der Kapitän besitzt eine alte, sechsundzwanzig Foliobände umfassende Geschichte der Welt in holländischer Sprache, in der er sich, als endgiltiger Autorität über alle Fragen in der Welt, Rat holt, mögen sie sich nun auf Liebe, Wissenschaft, Krieg, Kunst, Politik oder Religion beziehen. Sobald er bei einer Diskussion in die Enge getrieben wird, verschanzt er sich hinter diese gewichtigen Folianten und traktiert uns dergestalt mit holländischer Beredsamkeit, daß wir uns gern auf Gnade oder Ungnade ergeben. Wenn wir es wagen, den geringsten Zweifel über die Beziehung zwischen den Spritzlöchern eines Walfisches und der Weltgeschichte verlauten zu lassen, dann beschuldigt er uns, querköpfige Skeptiker zu sein, die nicht einmal glauben, was gedruckt ist, und obendrein noch in einer holländischen Geschichte! Da jedoch der Kapitän beim Mittagessen die Pastete austeilt, habe ich es für ratsam gehalten, meine Überzeugung in Bezug auf die Zuständigkeit seines teutonischen Geschichtschreibers zu opfern und gegen den unverbesserlichen Ketzer Bush, der über alle Bücherweisheit erhaben ist, auf seine Seite zu treten. Und die Folge davon? Bush erhält nur ein ganz kleines Stück Pastete, und ich bekomme zwei, was für mich ebenso erfreulich, wie es für die Verbreitung gründlicher historischer Gelehrsamkeit vorteilhaft ist! Bush fängt an, beim Mittagessen größere Ehrfurcht für holländische Geschichtschreibung zu zeigen. 19   3. Kapitel. Brigg Olga, auf See 200 Meilen von Kamtschatka, 17. August 1865. Unsere Reise naht ihrem Ende; nach sieben langen Wochen kalten, regnerischen und stürmischen Wetters sollen unsere Augen bald durch den Anblick von Land erquickt werden, nach dem sich der geplagteste Seemann nicht mehr sehnen kann als wir. Selbst das Geräusch von Fegen und Schrubben, das vom Verdeck an mein Ohr dringt, verkündet die Nähe des Landes. Das Schiff bekommt Toilette gemacht, damit es sich in Gesellschaft zeigen kann. Gestern abend waren wir nur noch 255 Meilen von Petropawlowsk entfernt, und wenn der günstige Wind anhält, hoffen wir morgen nachmittag daselbst zu landen. Seit heute morgen herrscht übrigens vollkommene Windstille, so daß wir uns auf Samstag werden vertrösten müssen.   Auf See, auf der Höhe von Kamtschatka, Freitag, 18. August 1865. Heute morgen weht eine frische Brise; die Brigg hat alle Segel entfaltet, die ihr zu Gebote stehen, und eilt in dichtem Nebel, der die Bramsegel unsichtbar macht, ihrem Ziele zu. Sollte der Wind anhalten und der Nebel sich zerstreuen, so können wir hoffen, heute abend Land zu sehen. 20   11 Uhr vormittags. Soeben komme ich von der Bramraa, wo ich drei Stunden lang mich in unbehaglichster Weise an die Pardunen angeklammert und nach Land ausgeschaut habe. Obgleich der Himmel wolkenlos ist, können wir auf drei Schiffslängen nichts erkennen. Möven, Tölpel, Tauchenten, Fischreiher und Solandgänse umgeben das Schiff in großer Anzahl, und auf dem Wasser treibt Seenessel in Hülle und Fülle.   Mittags. Vor einer halben Stunde ist der Nebel in die Höhe gegangen, und um 11 Uhr 40 Minuten rief der Kapitän, der den Horizont mit seinem Glase durchforscht hatte: »Land! Land! Hurrah!« und der Ruf wurde vom Vorsteven bis zum Hintersteven, von der Schiffsküche bis zur Bramraa jubelnd wiederholt. Bush, Mahood und der Major liefen zur Back; der kleine bucklige Proviantmeister stürzte, die Hände voll Teig, wie besessen aus der Küche und erkletterte die Schanzkleidung; die Matrosen erklommen das Takelwerk, und nur der Mann am Steuer behauptete seine Selbstbeherrschung. In weiter Ferne erschienen in schwach leuchtenden Umrissen über dem Horizonte zwei kegelförmige Gipfel, die sich kaum vom Blau des Himmels abhoben; nur der weiße Schnee in ihren tiefen Schluchten war sichtbar. Es waren die Berge Witlutschinski und Awatscha an der noch hundert Meilen entfernten Küste von Kamtschatka. Der Major betrachtete sie lange mit dem Fernrohr, wies stolz mit der Hand darauf hin und sagte mit einem Ausbruch nationaler Begeisterung: »Sie sehen hier mein Vaterland vor sich – das große russische Kaiserreich!« Der plötzlich wieder niederfallende Nebel machte seiner Tirade ein Ende! Er rief mit einem unwilligen Blick: »Es ist wunderbar! Nebel, Nebel, nichts als Nebel!« In Zeit von fünf Minuten war jegliche Spur »des großen russischen Reiches« verschwunden, und wir begaben uns in freudigster Erregung zum Mittagessen. Nur der kann sich einen Begriff von unserer Stimmung 21 machen, der 46 Tage im nördlichen Teil des Stillen Ozeans herumgeschwommen ist.   4 Uhr nachmittags. Soeben sind wir von neuem durch den Anblick des Landes erfreut worden. Vor einer halben Stunde konnte ich von der Bramraa aus, wo ich postiert war, sehen, daß der Nebel anfing zu weichen, und einen Augenblick später hob er sich langsam, wie ein riesiger, grauer Vorhang, enthüllte das Meer und den tiefblauen Himmel; eine Flut rosigen Lichtes ergoß sich von der untergehenden Sonne, und vor uns entrollte sich ein Bild von wunderbarer Schönheit. Hundert und fünfzig Meilen nach Norden und Süden dehnte sich die großartige Küstenlinie von Kamtschatka. In purpurnem Duft entstiegen die schroffen Vorgebirge dem blau schimmernden Meere; hier und da huschten weiße Wölkchen und flockige Nebelstreifen darüber hin und verschwanden in dem blendend weißen Schnee der höheren Spitzen. Zwei thätige Vulkane, zehn- und sechzehntausend Fuß hoch, überragten das Gewirre der vielgezackten, niederen Bergreihen, und ihre mit ewigem Schnee bedeckten Gipfel hoben sich scharf vom tiefen Azur des Himmels ab, während ihr Fuß sich bereits in dunkle Abendschatten hüllte. Einer Fatamorgana gleich war das Bild vor uns aufgetaucht und schien in der klaren Atmosphäre höchstens fünfzehn Meilen entfernt zu sein. Kaum fünf Minuten später hatte sich der graue Nebelvorhang wieder darauf herabgesenkt, und wir hätten uns für die Opfer einer täuschenden Vision halten können, so vollständig war die ganze Pracht unseren Blicken entrückt. Dichter, nasser Nebel umgab uns von allen Seiten.   Petropawlowsk, Kamtschatka. 19. August 1865. Gestern bei einbrechender Nacht glaubten wir ungefähr fünfzehn Meilen vom Kap Pavorotni entfernt zu sein, aber da der Nebel dicker und undurchdringlicher war als je, wagte der Kapitän nicht weiter zu fahren. 22 Das Schiff wurde also gewendet, und wir kreuzten hin und her, lagen von dem Lande ab und segelten wieder auf dasselbe zu und harrten des Sonnenaufganges und klarer Luft, um uns in Sicherheit der Küste nähern zu können. Gegen fünf Uhr fand ich mich auf Deck ein. Der Nebel war dick und kalt, und ein frischer Südostwind trieb uns weiß schäumende Wellen entgegen. Kurz vor sechs Uhr wurde es hell; der Kurs der Brigg wurde landwärts gerichtet, und dieselbe gewann mit der Fock, dem Klüver und den Marssegeln gleichmäßige Fahrt durch das Wasser. Der Kapitän schritt, das Fernrohr in der Hand, unruhig auf dem Hinterdeck hin und her, spähte bald nach dem Horizont, bald luftwärts, um zu entdecken, ob noch keine Aussicht auf besseres Wetter sei. Einigemal war er im Begriff, das Schiff wieder wenden zu lassen, da er fürchtete, in dem undurchdringlichen Nebel an die Leeküste zu laufen; schließlich jedoch klärte es sich auf, der Nebel verschwand, und die Horizontlinie erschien klar und bestimmt. Aber zu unserem größten Erstaunen zeigte sich auch nicht ein Fuß breit Land in irgend welcher Richtung! Die lange Reihe blauer Berge, welche am gestrigen Abend in Zeit von einer Stunde erreichbar geschienen, die majestätischen Schneegipfel, die unergründlichen Schluchten, die schroffen Vorgebirge, alles war verschwunden! Nichts verkündete das Vorhandensein von Land im Bereich von tausend Meilen, außer den zahlreichen Vögeln mannigfaltigster Art, welche in die Nähe der Brigg kamen und mit plätscherndem Geräusch unter dem Bug unseres Schiffes aufflogen. Über das plötzliche Verschwinden der Küste wurden alle möglichen Theorieen aufgestellt. Der Kapitän meinte, eine starke Strömung habe uns während der Nacht in südöstlicher Richtung seewärts getragen. Bush behauptete, die Brigg sei über das Land weggefahren, während der Steuermann schlief, und dieser beteuerte in feierlichem Tone, das von uns geschaute Land wäre eine Luftspiegelung gewesen. Der Major fand es höchst w–u–n–der–bar, wagte sich aber nicht an die Lösung des Problems. – 23 Ein günstiger Wind blies aus Südost, und wir fuhren mit einer Geschwindigkeit von sieben Knoten. Acht Uhr – neun Uhr – zehn Uhr – noch immer kein Land, obgleich wir seit Tagesanbruch mehr als dreißig Meilen zurückgelegt hatten. Um elf Uhr jedoch verdunkelte sich der Horizont allmählich und in einer Entfernung von nur vier Meilen wurde plötzlich ein Vorgebirge sichtbar, das in einer schroffen Klippe endete. Eine große Aufregung bemächtigte sich aller. Die Bramsegel wurden sofort gerefft, um die Fahrgeschwindigkeit zu vermindern, und der Kurs geändert, so daß wir auf drei Meilen Entfernung, die Seite der Brigg der Küste zugekehrt, eine große Kurve umschrieben. Die Berggipfel, die zu unserer Orientierung hätten beitragen können, waren in Wolken und Nebel gehüllt, und es war nicht leicht, herauszufinden, wo wir uns eigentlich befanden. In der Ferne zur Linken tauchten im Nebel die unklaren Umrisse von zwei oder drei weiteren Vorgebirgen auf, aber ihre Namen oder die Lage von Petropawlowsk waren niemand bekannt. Der Kapitän holte seine Seekarten, seinen Kompaß und seine Zeicheninstrumente auf Deck, deponierte sie auf dem Oberlicht der Kajüte und fing an, die Lage der verschiedenen Vorgebirge zu bestimmen, während wir mit Ferngläsern das Ufer genau untersuchten und uns in Vermutungen ergingen. Die russische Karte, welche der Kapitän von der Küste besaß, war glücklicherweise eine gute, und er hatte bald festgestellt, daß wir uns nördlich vom Kap Pavorotni und ungefähr neun Meilen südlich vom Eingang der Awatscha-Bai befanden. Die Raaen wurden jetzt vierkant gebraßt, und wir verfolgten, von einem gleichmäßigen Südostwind begünstigt, den neuen Kurs. In einer kurzen Stunde kamen wir in Sicht der hohen isolierten Felsen, die »drei Brüder« genannt, fuhren an einer felsigen, steilen Insel vorüber, die von einer Unzahl schreiender Möwen und Enten mit Papageienschnäbeln umgeben war, und gegen zwei Uhr befanden wir uns auf der Höhe der Landzunge, welche die Awatscha-Bai bildet, und auf der das Dorf 24 Petropawlowsk liegt. Die Scenerie übertraf unsere kühnsten Erwartungen. Grüne Thäler zogen sich von den Einschnitten der felsigen Küste bis in die fernen Berge; Gruppen gelber Birken standen auf dem abgerundeten, steilen Ufer, und die warmen, geschützten Abhänge der Hügel hatten dichte Büsche des dunkelgrünen Chaparal und eine große Menge Blumen aufzuweisen, und als wir an dem Leuchtturme vorüberfuhren, rief Bush freudig aus: »Hurrah! da wächst Klee!« »Klee,« wiederholte verächtlich der Kapitän, »in der arktischen Region giebt es keinen Klee!« »Wie können Sie das wissen,« versetzte Bush, »Sie sind nie dort gewesen. Es sieht wie Klee aus, und« – indem er durch das Glas sah – »wahrhaftig, es ist Klee,« sagte er und war so vergnügt, als ob ihn diese Entdeckung in Bezug auf das Klima Kamtschatkas von jeder Sorge befreit hätte. Der Klee war für Bush eine Art vegetabilischer Exponent, aus dessen Anblick er in einer von Darwin nie geahnten Weise die ganze üppige Flora der gemäßigten Zone »entwickelte«. Mit dem Namen Kamtschatka hatten wir in unserem Geiste stets die Vorstellung von Unfruchtbarkeit und Unwirtlichkeit verbunden, und der Gedanke wäre uns gar nicht gekommen, daß dies Land schöne Scenerie oder üppige Vegetation bieten würde. Wir hielten es für eine ausgemachte Sache, daß in dem eisigen Klima höchstens Moose, Flechten und vielleicht noch ein wenig Gras den ungleichen Kampf ums Dasein führen könnten. Man kann sich vorstellen, mit welchem Entzücken und welcher Überraschung unser Auge auf den grünen Hügeln ruhte, die mit Bäumen und Gebüsch bedeckt waren, auf Thälern mit weiß blühendem Klee und Hainen von Silberbirken; selbst von den Felsen nickten uns wilde Rosen und Akelei zu, die in den Spalten derselben Wurzel gefaßt, als ob die Natur die Beweise früherer Umwälzungen unter einer Blumenhülle verbergen wolle. Kurz vor drei kamen wir in Sicht des Dorfes Petropawlowks – eine kleine Gruppe von Blockhäusern mit roten Dächern; eine griechische Kirche von eigentümlichem Stil mit grüner Kuppel, ein schmaler Strand, 25 ein höchst vernachlässigter Landungsplatz, zwei Walfischboote und das abgetakelte Wrack eines halbversunkenen Schiffes, das war es, was sich unseren Blicken darbot. Hohe, mit Bäumen verdeckte Hügel umgaben das Dorf in einem Halbkreise und umschlossen fast den teichartigen, ruhigen Hafen, eine kleine Bucht der Awatscha-Bai. Unter Fock- und Groß-Marssegel glitten wir im Schatten der umgürtenden Hügel in diesen landumschlossenen Mühlteich, und keinen Steinwurf weit vom nächsten Hause wurden die Segel plötzlich gerefft, und mit einem Schwanken des Schiffes und dem Gerassel der Kette senkte sich unser Anker in den Boden Asiens. – 26   4. Kapitel. Irving hat ganz richtig bemerkt, daß eine lange Seereise für jeden, der fremde Länder besuchen will, eine vortreffliche Vorbereitungszeit ist. Um uns seiner eigenen Worte zu bedienen: »Der zeitweise Verzicht auf die gewohnten Beschäftigungen, der Mangel an alltäglichen Ereignissen machen den Geist für neue und lebhafte Eindrücke besonders empfänglich.« Er hätte noch hinzufügen können, für günstige Eindrücke. »Das ermüdende Gleichmaß der Tage« macht den Seereisenden geneigt, alles, was seine erlahmten Geisteskräfte anregt oder ihm neuen Stoff zum Nachdenken liefert, im günstigsten Lichte zu betrachten; die uninteressanteste Gegend, die gewöhnlichsten Umstände gewähren ihm Freude und Befriedigung. Aus diesem Grunde bildet er sich auch häufig über Land und Leute ein günstigeres Urteil, als es die spätere Erfahrung rechtfertigt. Mir erscheint es als ein besonderes Glück, daß unsere ersten Eindrücke von dem neuen Lande, welche die klarsten und lebendigsten und deshalb auch die bleibendsten sind, auch zu gleicher Zeit so angenehmer Art waren; so daß, wenn wir in späteren Jahren einen Rückblick auf unsere Wanderungen werfen, das freundliche Bild mit seinen leuchtenden Farben vor unserem Auge auftauchen wird. Ich bin fest überzeugt, daß das Entzücken, mit welchem mein Auge die herrlichen Tinten der Berge Kamtschatkas bei ihrem ersten Anblick 27 einsog, die Romantik, mit der meine Phantasie sie umkleidete, die Erinnerung an alle Beschwerden überdauern wird, die ich in ihrem Bannkreis erduldet, an die Schneestürme, die mich auf ihren Gipfeln umtobt, die Regengüsse, die mich in ihren Thälern durchnäßt haben. Die Sehnsucht nach Land, die man empfindet, wenn man fünf bis sechs Wochen auf See war, wird manchmal geradezu zur Leidenschaft. Ich glaube wahrhaftig, wenn das erste Stück Land, das wir erblickt, eine jener entsetzlichen, endlosen Moossteppen gewesen, die ich nachher so gründlich verabscheuen lernte, ich sie für den Garten Eden selber gehalten hätte. Alle Reize, welche die Natur über das Thal Tempe ausgeschüttet, hätten mir keine größere Freude machen können, als die grüne Schlucht, in welche sich die rotbedachten Blockhäuser von Petropawlowsk schmiegen. Die Ankunft eines Schiffes an jenem entfernten und wenig besuchten Punkt der Erde ist ein Ereignis von nicht geringer Bedeutung; das Rasseln unserer Ankerkette durch die Klüse brachte das stille Dorf in sichtbare Aufregung. Kleine Kinder kamen aus den Häusern gelaufen, starrten uns einen Augenblick an und eilten zurück, um die übrige Familie herbeizurufen; dunkelhaarige Eingeborene und russische Bauern in blauen Hemden und ledernen Hosen versammelten sich in Gruppen auf dem Landungsplatze, und wenigstens hundert halbwilde Hunde stimmten unserer Ankunft zu Ehren ein fürchterliches Geheul an. Es war schon spät am Nachmittage, aber unsere Ungeduld, den Fuß endlich wieder einmal auf festen Boden zu setzen, war so groß, daß Bush, Mahood und ich, sobald das Boot des Kapitäns ins Wasser gelassen worden, uns ans Ufer begaben, um die Stadt in Augenschein zu nehmen. Petropawlowsk ist sehr unregelmäßig gebaut, ohne deshalb auch nur im geringsten malerisch zu sein. Weder die ursprünglichen Ansiedler noch deren Nachkommen scheinen den geringsten Begriff von einer Straße gehabt zu haben, und die schmalen Wege laufen ganz ziellos 28 um die zerstreut liegenden Häuser. Es ist vollständig unmöglich, in irgend welcher Richtung auch nur hundert Meter zu gehen, ohne gegen die Seite eines Hauses anzurennen, oder in jemandes Hof zu geraten; des Nachts fällt man durchschnittlich alle fünfzig Schritte über eine schlafende Kuh. In anderer Hinsicht ist es ein ganz hübsches, von hohen, grünen Hügeln umgebenes Dorf mit dem Ausblick auf den mit ewigem Schnee bedeckten Awatscha, der sich hinter dem Ort zu einer Höhe von 11 000 Fuß erhebt. Herr Flüger, ein deutscher Kaufmann zu Petropawlowsk, der uns in einem kleinen Boot im Hafen begrüßt hatte, bot sich zu unserem Führer an und lud uns nach einer kurzen Wanderung durch das Dorf in sein Haus ein, wo wir uns in einer Wolke von Cigarrendampf bis zu hereinbrechender Dunkelheit über die Kriegsnachrichten aus Amerika und die neuesten Vorgänge in der Gesellschaft Kamtschatkas unterhielten. Unter anderen Büchern, die auf Herrn Flügers Tisch lagen, fielen mir Beechers »Lebensgedanken« und »die Familie Schönberg-Cotta« auf; ich wunderte mich namentlich, daß letzteres schon seinen Weg nach dem fernen Kamtschatka gefunden. Als neue Ankömmlinge war es unsere erste Pflicht, den russischen Behörden unsere Aufwartung zu machen, und so begaben wir uns in Begleitung der Herren Flüger und Bollmann zu Kapitän Sutkowoi, dem »Hafenkommandanten«. Sein Haus, mit glänzend rotem Zinndach, lag in einem Eichenhain, durch den ein klares reißendes Bergwasser dahineilte. Wir gelangten durch ein Thor auf breitem, schattigem Kiesweg in das offenstehende Haus. Kapitän S. bewillkommte uns herzlich, und obgleich wir nur unsere Muttersprache verstanden, fühlten wir uns bald ganz heimisch. Die Unterhaltung litt natürlich darunter, daß jedes Wort in zwei Sprachen übersetzt werden mußte, ehe die Person, an die es gerichtet war, es verstehen konnte; und wie geistvoll dieselbe auch hätte sein können, so büßte sie doch durch die Übertragung aus dem Russischen ins Deutsche und dem Deutschen 29 wiederum ins Englische viel von ihrer ursprünglichen Frische ein. Ich war überrascht, so viele Beweise eines gebildeten Geschmackes in diesem entfernten Erdenwinkel zu sehen, wo ich nur das fürs Leben absolut Notwendige zu finden erwartete. Ein Flügel russischen Fabrikates nahm die eine Ecke des Zimmers ein, und eine vorzügliche Auswahl russischer, deutscher und amerikanischer Musik legte Zeugnis für die musikalische Begabung des Besitzers ab. Einige schöne Gemälde und Stiche zierten die Wände, ein sehr schönes Stereoskop und eine große Sammlung photographischer Ansichten lagen auf dem Tisch, auf dem auch das Schachspiel stand, in das Herr und Frau Sutkowoi bei unserem Eintritt vertieft gewesen. – Nachdem wir ungefähr eine Stunde verweilt, verabschiedeten wir uns und erhielten eine Einladung zum Mittagessen auf den folgenden Tag. Da es noch nicht entschieden war, ob wir bis an den Amur segeln oder in Petropawlowsk bleiben, und unsere Reise nordwärts von hier aus antreten würden, betrachteten wir die Brigg als unser Heim und kehrten jeden Abend auf dieselbe zurück. Nachdem wir wochenlang an das Schaukeln, Stoßen und Krachen des Schiffes, das Rauschen des Wassers und das Heulen des Windes gewöhnt gewesen, erschien uns die erste Nacht im Hafen eigentümlich still und friedlich. Es wehte kein Lüftchen, und in dem Wasser der kleinen Bucht spiegelten sich die hohen Hügel, welche dieselbe umgaben, wieder. Einige Lichter im Dorf warfen lange Strahlenstreifen auf die düstere, fast regungslose Fläche, und von den Anhöhen zu unserer Rechten ertönte in Zwischenräumen aus der Ferne das Geläute einer Kuhglocke und das langgezogene, melancholische Geheul eines Wolfshundes. Ich bemühte mich zu schlafen; aber die Neuheit der Umgebung, die Gewißheit, daß wir endlich in Asien waren, und tausenderlei Gedanken über das, was die nächste Zukunft uns bringen würde, verscheuchten lange Zeit den Schlummer von meinem Lager. Petropawlowsk, zwar nicht die größte, aber eine 30 der wichtigsten Niederlassungen auf der Halbinsel Kamtschatka, hat eine Bevölkerung von ungefähr dreihundert Seelen, die teils aus Eingeborenen, teils aus russischen Bauern und einigen deutschen und amerikanischen Kaufleuten besteht, welche der Pelzhandel hierher geführt hat. Die Stadt ist übrigens nicht charakteristisch kamtschadalisch, denn die civilisierenden Einflüsse fremden Verkehrs haben sich hier geltend gemacht; in Sitten, Lebens- und Denkweise findet man einige Spuren von Aufklärung und modernem Unternehmungsgeist. Schon seit Beginn des achtzehnten Jahrhunderts hat es als Niederlassung existiert und wäre wahrlich alt genug, um eine eigene Kultur zu besitzen; aber hohes Alter ist für eine sibirische Stadt kein Kriterium für Entwickelung, und Petropawlowsk ist entweder noch nicht zum Stadium der Reife gelangt oder in seine zweite Kindheit eingetreten, denn es befindet sich noch in sehr entwickelungsbedürftigem Zustande. Warum es Petropawlowsk benannt worden, ist mir trotz eifriger Nachforschung nicht gelungen, herauszufinden. Der Kanon des neuen Testamentes enthält keine Epistel an die Kamtschadalen, so sehr sie derselben auch bedürften, und es liegt kein Zeugnis dafür vor, daß je einer der beiden hervorragenden Heiligen den Grund und Boden betreten, auf dem sich das Dorf erhebt. So sehen wir uns denn zur Folgerung gedrängt, daß die, an apostolischen Tugenden nicht gerade reichen Bewohner im Bedürfnis heiliger Fürsprache ihre Niederlassung nach dem heiligen Petrus und Paulus benannt, in der Hoffnung, diese Apostel würden, als Besitzer des Dorfes, ohne Rücksicht auf Verdienst für sein ewiges Heil Sorge tragen. Ich kann natürlich nicht behaupten, daß dies die Berechnung der ursprünglichen Gründer war, aber sie entspricht ganz und gar dem gesellschaftlichen Zustande der meisten sibirischen Niederlassungen, in denen der Glaube groß, der Werke aber wenige, und diese oft fragwürdigster Tendenz sind. Sehenswürdigkeiten, wie sich ein Tourist ausdrücken würde, giebt es in Petropawlowsk nur einige uninteressante. Es besitzt zwei Denkmäler zur Erinnerung an 31 die berühmten Seefahrer Behrings und La Pérouse, und auf den Hügeln sind Spuren der zur Zeit des Krimkrieges errichteten Befestigungen, um den Angriff der verbündeten französischen und englischen Geschwader zurückzustoßen; anderer Gegenstände oder Punkte von historischem Interesse kann sich die Stadt nicht rühmen. Für uns jedoch, die wir beinahe zwei Monate in eine enge, dunkle Kajüte eingeschlossen gewesen, hatte sie an und für sich genügende Anziehungskraft, und wir begaben uns früh am anderen Morgen ans Ufer, um auf der waldigen Halbinsel, welche den Hafen von der Awatschabai trennt, herumzuschweifen Der Himmel war wolkenlos, aber ein dichter Nebel lagerte auf den Hügelspitzen und verbarg die umgebenden Berge unserem Blick. Die ganze Landschaft war smaragdgrün und triefte von Feuchtigkeit; dann und wann durchdrangen die Sonnenstrahlen siegreich den Nebelschleier, und Lichtfleckchen huschten über den glitzernden Hügelabhang dahin, wie ein freundliches Lächeln über ein thränenbenetztes Antlitz gleitet. Überall war der Boden mit Blumen bedeckt. Blaue Veilchen lugten aus dem Grase, auf moosigem Fels thronten die purpurnen Glöckchen der Akelei, und überall gab es Büsche wilder Rosen in Hülle und Fülle; der Boden war manchmal förmlich mit ihren zarten rosigen Blumenblättern bestreut. Indem wir den Abhang des steilen Hügels zwischen dem Hafen und der Bucht hinankletterten, durch die Berührung jedes Busches einen förmlichen Sprühregen über uns entluden und Hunderte taubenetzter Blumen mit unseren Schritten vernichteten, befanden wir uns plötzlich vor dem Denkmal von La Pérouse. Ich hoffe, seine Landsleute, die Franzosen, haben das Andenken des großen Seefahrers in geschmackvollerer und bleibenderer Weise verewigt. Dieser mit Eisenblech bezogene, schwarz angestrichene Holzrahmen, der weder Datum noch Inschrift trägt, sieht eher wie der Grabstein eines Verbrechers als wie ein Monument zu Ehren eines großen Mannes aus. Während Bush eine Skizze davon machte, wanderten 32 Mahood und ich den Hügel aufwärts nach den alten russischen Batterieen. Sie ziehen sich auf dem Kamm des Bergrückens hin, welcher die innere Bucht von der äußeren trennt, und beherrschen den Zugang zur Stadt von Westen her. Jetzt sind sie fast ganz mit Gras und Blumen überwuchert, und nur die Schießscharten unterscheiden sie von anderen Erdhügeln. Man hätte denken sollen, die weite Entfernung und das unwirtliche Klima Kamtschatkas würde seine Bewohner vor den Verheerungen des Krieges bewahrt haben. Aber selbst dieses Land hat zerstörte Forts und grasbewachsene Schlachtfelder aufzuweisen, und vor nicht gar langer Zeit hallten diese friedlichen Hügel vom Echo feindlicher Kanonen wieder. Ich überließ es Mahood, die Verschanzungen einer kritischen Besichtigung zu unterziehen – eine Beschäftigung, die seinem Geschmack mehr zusagte als meinem – und wanderte bis an den Rand der Klippe, von wo aus die russischen Artilleristen die heranstürmenden Verbündeten zurückgewiesen hatten. Der blutige Kampf, der am Rande dieses Abgrundes stattfand, hat keine Spur zurückgelassen; der Boden, der im tödlichen Ringen aufgerissen worden, ist mit einem grünen Moosteppich überzogen, und die im frischen Seewind sich neigende Glockenblume erzählt nichts von dem letzten verzweifelten Angriff, von dem Handgemenge und dem Todesschrei der Überwältigten, die von den russischen Bajonetten hundert Fuß tief auf die felsige Küste geschleudert wurden. Mich dünkt es leichtfertige Grausamkeit von seiten der Verbündeten, daß sie einen so unwichtigen, isolierten und dem eigentlichen Kriegsschauplatz so fern liegenden Posten angriffen. Hätte seine Einnahme in irgend einer Weise die Macht oder die Hilfsquellen der russischen Regierung verringern, oder ihre Aufmerksamkeit vom Entscheidungskampf auf der Halbinsel Krim abziehen können, so wäre dieser Angriff vielleicht zu rechtfertigen, aber auf das Endresultat konnte er weder direkt noch indirekt Einfluß haben und brachte nur Elend über einige harmlose Kamtschadalen, die weder von der 33 Türkei noch von der orientalischen Frage je etwas gehört, und denen der Donner der feindlichen Kanonen und das Bersten der Bomben an ihrer Hausschwelle die erste Kunde vom Kriege brachten. Der Angriff der verbündeten Flotte wurde jedoch siegreich zurückgewiesen, und ihr Admiral, von der Demütigung, von einer Handvoll Kosaken und Bauern überwunden worden zu sein, tief gekränkt, beging Selbstmord. Am Jahrestage der Schlacht ziehen noch heute alle Bewohner mit der Priesterschaft an der Spitze in feierlicher Prozession um die Stadt und über den Hügel, von dem aus die Stürmenden zurückgeschlagen wurden, und singen Freude- und Dankeshymnen für den Sieg. Nachdem ich noch eine Weile auf dem Schlachtfelde botanisiert hatte, kam Bush zu mir, der seine Skizze vollendet, und wir kehrten müde und durchnäßt ins Dorf zurück. Unser Erscheinen am Ufer machte unter den Bewohnern das größte Aufsehen. Die russischen Bauern und Eingeborenen zogen ihre Mützen und hielten sie in den Händen, bis wir vorüber waren; an allen Fenstern drängten sich die Köpfe, um einen Blick der amerikanischen Reisenden zu erhaschen, und selbst die Hunde erhoben bei unserem Nahen ein wütendes Gebell und Geheul. Bush erklärte, er entsinne sich keines Zeitpunktes in seiner Geschichte, da er von so großer Bedeutung gewesen und sich so allgemeiner Aufmerksamkeit zu erfreuen gehabt; er schrieb es alles dem Scharfsinn und der hohen Intelligenz der kamtschadalischen Gesellschaft zu, deren charakteristisches Merkmal sei, rasch und instinktiv hervorragenden Genius zu erkennen, und bedauerte, daß dies nicht auch bei anderen Völkern seiner Bekanntschaft der Fall sei. »Anspielung ist nicht beabsichtigt.« 34   5. Kapitel. Eins der ersten Dinge, die dem Reisenden in einem fremden Lande auffallen, ist die Sprache, und in Kamtschatka, Sibirien oder irgend einem anderen Teil des Zarenreiches ist dieselbe ganz besonders bemerkenswert. Wessen sich nur die Russen beim Turmbau von Babel schuldig gemacht haben, daß sie mit einem so komplizierten, verdrehten, ganz und gar unbegreiflichen Mischmasch von Sprache bedacht worden sind? Vielleicht haben sie ihre Seite des Turmes höher gebaut, als die anderen Stämme, und die Strafe für diesen sündigen Fleiß ist das Kauderwelsch unverständlicher Laute, das kein Mensch zu bemeistern hoffen kann, ehe er zu alt und schwach ist, als daß er sich an einem anderen Turmbau beteiligen könnte. Auf welche Weise sie auch dazu gekommen sein mögen, die Sprache ist ein Pfahl im Fleische für alle Reisenden im russischen Reiche. Einige Wochen, ehe wir Kamtschatka erreichten, beschloß ich, wenn möglich, mir einige notwendige Redewendungen anzueignen, die mir im Verkehr mit den Eingeborenen von Nutzen sein mußten, unter anderem die einfache Bitte: »Geben Sie mir etwas zu essen.« Ich vermutete, daß dies dem dringendsten Bedürfnisse genügen würde und wollte den Satz so gut lernen, daß ich wenigstens nie durch meine Unwissenheit in Gefahr käme, Hungers zu sterben. Ich bat also 35 eines Tages den Major, mich den entsprechenden russischen Ausdruck zu lehren. Er erwiderte, wenn ich etwas zu essen wünsche, sollte ich sagen: » Waschhavwe sokiblagarodiace wilikitp rewoskhoditelsvoi takdalschai «. Ich glaube, nie im Leben habe ich vor den Kenntnissen eines Mannes ein Gefühl solch ehrfuchtsvoller Bewunderung empfunden, wie vor denen des Majors, als er diesen halsbrechenden Satz ganz fließend und mit Grazie aussprach. Wie viele Jahre geduldiger Arbeit mußten seiner ersten Bitte um Nahrung vorausgegangen sein! Die unermüdliche Ausdauer, die zur Bewältigung der Schwierigkeiten einer solchen Sprache gehörte, versetzte mich in bewunderndes Erstaunen. Wenn der einfache Satz: »Geben Sie mir etwas zu essen« scheinbar so unüberwindliche Schwierigkeiten der Aussprache bot, wie groß mußten erst dieselben sein, wenn es sich um die schwerer verständlichen Fragen theologischer oder metaphysischer Wissenschaft handelte? – Meine Einbildungskraft war entsetzt bei dem Gedanken. Ich sagte dem Major, er möge den schrecklichen Satz auf ein großes Plakat drucken lassen und mir dies um den Hals hängen, denn das Erlernen desselben sei ein Ding der Unmöglichkeit, ich habe auch gar nicht die Absicht, es zu versuchen. Später entdeckte ich, daß er meine Unerfahrenheit und mein Vertrauen benutzt, und mir einige der schlimmsten und längsten Wörter seiner barbarischen Sprache vorgesagt hatte, um sich über mich lustig zu machen; die wirkliche Übersetzung meines Satzes ins Russische wäre wahrhaftig schon schlimm genug gewesen. Das Russische ist meiner Ansicht nach die schwierigste aller modernen Sprachen ohne Ausnahme. Die Hauptschwierigkeit liegt nicht, wie man vermuten könnte, in der Aussprache. Die Wörter werden alle phonetisch buchstabiert und besitzen nur einige dem Englischen fremde Laute; aber die Grammatik ist außerordentlich verwickelt und kompliziert. Sie hat sieben Fälle und drei Geschlechter, und da die letzteren von keiner Regel abhängen, sondern ganz willkürlich gebraucht werden, 36 ist es für einen Ausländer fast unmöglich, sie so zu erlernen, daß er den Dingwörtern und Eigenschaftswörtern die erforderliche Endung geben kann. Der Wortreichtum der Sprache ist sehr groß. Das eigentümlich Charakteristische des Idioms kann nur der schätzen, der mit der volkstümlichen Ausdrucksweise der russischen Bauern gründlich vertraut ist. Das Russische steht wie alle indo-europäischen Sprachen in enger Beziehung zum alten Sanskrit und scheint in höherem Grade als alle anderen die alten Wörter der Vedas unverändert beibehalten zu haben. Die ersten zehn Zahlwörter, wie sie die Hindus tausend Jahre vor der christlichen Zeitrechnung gebrauchten, würden mit ein oder zwei Ausnahmen noch heutzutage von einem russischen Bauern verstanden werden. Während unseres Aufenthaltes in Petropawlowsk lernten wir das Russische für »Ja«, »Nein« und »Wie geht es Ihnen?« und waren nicht wenig stolz auf unsere Fortschritte. Sowohl die Russen wie die Amerikaner in Petropawlowsk nahmen uns mit größter Herzlichkeit auf, und die ersten Tage unseres Aufenthaltes waren eine ununterbrochene Kette von Besuchen und Gastmählern. Am Donnerstag machten wir einen Ausflug zu Pferde nach dem zehn bis fünfzehn Werst entfernten kleinen Dorf Awatscha, jenseits der Bai und waren vollständig bezaubert von der Scenerie, dem Klima und der Vegetation dieser schönen Halbinsel. Die Straße wand sich längs dem klaren, blauen Wasserspiegel der Bucht um grasige und waldige Hügel und gestattete den Ausblick auf die kühnen, purpurnen Vorgebirge, welche die Pforte zum Meere bildeten; dann und wann tauchten zwischen Gruppen von Silberbirken malerische, schneebedeckte Berge auf, die sich auf der westlichen Küste, bis zu dem zwischen dreißig und vierzig Meilen entfernten einsamen weißen Gipfel des Wiliutschinsk hinzogen. Die Vegetation war überall fast tropisch in ihrer Üppigkeit. Wir konnten, ohne uns aus dem Sattel zu beugen, Hände 37 voll Blumen pflücken, und das wilde, hohe Gras, durch das wir ritten, ging uns bis an den Gürtel. Entzückt, italienisches Klima vorzufinden, wo wir die schneidende Luft Labradors erwartet, und begeistert von der landschaftlichen Schönheit, weckten wir das Echo der Hügel mit amerikanischen Liedern, jauchzten, jubelten, ließen unsere kleinen Kosakenpferde um die Wette rennen, bis die untergehende Sonne uns an die Heimkehr mahnte. Nach in Petropawlowsk eingezogenen Erkundigungen entwarf der Major Abaza für den kommenden Winter folgenden Operationsplan. Mahood und Bush sollten auf der Olga nach der Amurmündung segeln und von diesem Punkte aus die rauhe Gebirgsregion westlich vom ochotskischen Meere und südlich vom russischen Seehafen Ochotsk erforschen, während der Major und ich mit einer Abteilung Eingeborener in nördlicher Richtung durch die Halbinsel Kamtschatka vordringen wollten, um den mittleren Teil der geplanten Telegraphenlinie zwischen Ochotsk und der Behringsstraße festzustellen. Einer von uns sollte sich dann westlich wenden, um mit Mahood und Bush bei Ochotsk zusammenzutreffen, und der andere nördlich nach der russischen Handelskolonie Anadyrsk, ungefähr vierhundert Meilen westlich von der Behringsstraße. Auf diese Weise mußten wir das ganze Gebiet kennen lernen, das unsere Linie durchschneiden sollte, außer der öden Strecke zwischen Anadyrsk und der Behringsstraße, welche unser Befehlshaber späterer Erforschung vorbehielt. In Anbetracht unserer Umstände und geringen Zahl war dieser Plan wahrscheinlich der beste, aber er bedingte auch, daß der Major und ich den ganzen Winter ohne einen anderen Begleiter als unsere eingeborenen Fuhrleute reisten. Da ich nicht russisch sprach, war es ein Ding der Unmöglichkeit, ohne Dolmetscher fertig zu werden, und so nahm der Major einen jungen, amerikanischen Kaufmann in Dienst, Namens Dodd, der sich seit sieben Jahren in Petropawlowsk aufgehalten und mit der russischen Sprache und den Sitten und Gebräuchen der Eingeborenen vertraut war. Mit dieser Verstärkung waren unserer fünf, die in drei 38 Abteilungen geteilt, die Westküste des ochotskischen Meeres, die Nordküste und das Land zwischen dem Ozean und dem nördlichen Polarkreis erforschen sollten. Alle Einzelheiten, wie Beschaffung von Transport- und Subsistenzmitteln blieben den einzelnen Abteilungen überlassen. Das Land selbst sollte uns mit allem versorgen. Es war nicht gerade eine Vergnügungstour, die wir vorhatten. Die russischen Behörden erteilten uns Auskunft und leisteten Hilfe, soweit dies in ihrer Macht stand, aber sie verhehlten nicht ihre Zweifel darüber, daß es fünf Männern gelänge, die achtzehnhundert Meilen unfruchtbaren, fast unbewohnten Landes zwischen dem Amur und der Behringsstraße zu erforschen. Daß der Major noch diesen Herbst durch die Halbinsel Kamtschatka vordringe, hielten sie für höchst unwahrscheinlich, daß er aber gar in die weiten, öden Steppen noch weiter nördlich, die nur von wandernden Tschutschken und Korjäken durchzogen werden, gelangen könne, galt ihnen für absolut unmöglich. Samstagmorgen den 26. August segelte die »Olga« mit Mahood und Bush nach dem Amur ab und ließ den Major, Dodd und mich in Petropawlowsk zurück, von wo wir unseren Weg nordwärts durch Kamtschatka einschlagen sollten. Da der Morgen klar und sonnig war, mietete ich ein Boot und begleitete Bush und Mahood in See. Indem wir in der frischen Landbrise langsam unter den Klippen der Westküste dahinfuhren, leerte ich ein Glas auf das Gelingen der »Amur-Erforschungs-Abteilung«, schüttelte dem Kapitän die Hand, sagte ihm noch etwas Verbindliches über seine holländische Geschichte und nahm Abschied von Steuerleuten und Matrosen. Der zweite Steuermann schien bei dem Gedanken an die Gefahren, denen ich in dem heidnischen Lande ausgesetzt sein würde, ganz von Rührung bewältigt und rief: »O, Herr Kinney! (er konnte nicht Kennan sagen) wer wird denn für Sie kochen, und was werden Sie ohne Kartoffeln machen?« als wenn eine Existenz ohne Koch und der Mangel an Kartoffeln der Inbegriff alles irdischen 39 Elendes sei. Ich versicherte ihn, daß wir selbst kochen und Wurzeln essen könnten, aber er schüttelte traurig sein Haupt, als oh eine prophetische Vision ihm den trostlosen Zustand zeige, in den sibirische Wurzeln und unsere eigene Kochkunst uns unfehlbar versetzen müßten. Bush erzählte mir später, er habe auf der Reise nach dem Amur den zweiten Steuermann häufig in tiefes, melancholisches Sinnen versunken gesehen, und nach der Ursache seines Grübelns befragt, hätte er mit unbeschreiblicher Wehmut die Worte hervorgestoßen: »Armer Herr Kinney! Armer Herr Kinney!« – »Armer Herr Lemon!« um mich seines eigenen Ausdrucks zu bedienen. Trotz des Skepticismus, mit dem ich seine Seeschlange behandelte, hat er mir doch ein Plätzchen in seinem Herzen eingeräumt, wenn ich auch erst nach seiner Lieblingskatze »Tommy« und den Schweinen an die Reihe kam. – Als die Olga ihre Bramsegel anholte, ihren Kurs mehr östlich nahm und langsam zwischen den Vorgebirgen dahinfuhr, erhaschte ich den letzten Blick von Bush, der auf dem Hinterdeck stand und einige unverständliche Worte mit seinem Arm im Morsealphabet telegraphierte. Ich schwang meinen Hut als Antwort, wandte mich mit schwerem Herzen dem Ufer zu und befahl den Leuten, tüchtig drauf los zu rudern. Die »Olga« war fort, und das letzte Band zwischen der civilisierten Welt und uns schien zerschnitten. 40   6. Kapitel. Nach der Abfahrt der Olga von Petropawlowsk benutzten wir unsere Zeit fast ausschließlich zu Vorbereitungen für unsere Reise durch die Halbinsel Kamtschatka. Am Dienstag jedoch benachrichtigte mich Dodd, daß eine Trauung in der Kirche stattfinden solle, und forderte mich auf, der Ceremonie beizuwohnen. Dieselbe sollte nach Schluß des Morgengottesdienstes vollzogen werden, der gerade zu Ende war, als wir eintraten. Es fiel mir nicht schwer, das glückliche Paar herauszufinden, das durch das heilige Band der Ehe verbunden werden sollte. Ihre erkünstelte Unbefangenheit und Gleichgiltigkeit verriet sie. Der glückliche Bräutigam, ein rundköpfiger, ungefähr zwanzigjähriger Kosak, trug einen dunkeln, mit Scharlach ausgeschlagenen, kurzen Überrock, der wie ein Frauenkleid um die Taille eingezogen war. Letztere hatte man, ohne alle Berücksichtigung des Wuchses, sechs Zoll unterhalb der Achselhöhlen endigen lassen. Zu Ehren des Tages hatte der junge Mann sich einen großen, weißen Stehkragen zugelegt, der bis über seine Ohren emporragte. Durch einen bedauernswerten Mangel von Einverständnis zwischen seinen baumwollenen Hosen und seinen Schuhen blieben dieselben sechs Zoll weit von einander entfernt, und es war keine Vorkehrung getroffen, um dem Übelstand abzuhelfen. Die Braut war 41 eine verhältnismäßig alte Frau, wenigstens zwanzig Jahre älter als ihr Zukünftiger, und Witwe. Mit einem Seufzer gedachte ich der warnenden Abschiedsworte, die der ältere Mr. Weller an seinen Sohn richtete: »Sei auf deiner Hut vor den Witwen, Sammy – sei auf deiner Hut vor den Witwen!« Was würde der alte Herr wohl dazu sagen, wenn er dieses unbewußte »Opfer« mit Stolz über seine Eroberung zum Altare schreiten sähe! Das Kleid der Braut war von Möbelkattun ohne irgend welche Verzierung. Ob der Rock abgeschrägt war oder nicht, kann ich nicht verraten, da die Schneiderkunst für mich eine Wissenschaft mit sieben Siegeln ist. Das Haar der Braut war in ein rotseidenes Tuch festgebunden. Sobald der Gottesdienst beendigt war, wurde der Altar in die Mitte des Raumes gerückt; der Priester bekleidete sich mit einem Gewand aus schwarzer Seide, das zu seinen schweren Stiefeln durchaus nicht paßte, und citierte das Paar vor sich. Nachdem er jedem drei mit einem blauen Bande zusammengebundene brennende Kerzen in die Hand gegeben, las er mit lauter, sonorer Stimme, was ich für die Trauungsformel hielt; Interpunktionszeichen gab es nicht; er hielt nur ein, um Atem zu schöpfen, und dann ging's mit verdoppelter Geschwindigkeit weiter. Die Heiratskandidaten sagten gar nichts, aber der Diakonus, der auf der anderen Seite der Kirche angelegentlich zum Fenster hinausschaute, sang dann und wann klägliche Responsorien. Als das Lesen beendet war, bekreuzten sich alle ein halbes Dutzend mal hintereinander inbrünstiglich; dann kam die entscheidende Frage, und der Priester überreichte jedem einen silbernen Ring. Nach abermaligem Lesen erhielten Braut und Bräutigam einen Theelöffel voll Wein aus einem Kelch. Dann folgte nochmaliges, schier endloses Lesen und Singen, während das junge Paar sich unaufhörlich bekreuzigte, bald niederkniete, bald aufstand, und nun schloß der Diakonus seine Responsorien damit ab, daß er mit geradezu verblüffender Geläufigkeit in fünf Sekunden fünfzehnmal die Worte 42 wiederholte: » Gáspodi, pomilui «, »Gott sei uns gnädig«. Nun brachte er zwei vergoldete, mit Schaumünzen verzierte Kronen, blies den Staub davon ab, der sich seit der letzten Trauung darauf angesammelt, und drückte sie der Braut und dem Bräutigam aufs Haupt. Die Krone des Kosaken war so weit, daß sie ihm wie ein Lichthütchen über den Kopf glitt, bis sie an den Ohren Halt fand und seine Augen vollständig bedeckte. Die Frisur der Braut schloß die Möglichkeit, daß eine Krone darauf hätte sitzen bleiben können, vollständig aus; daher wurde einer der Zuschauer beauftragt, dieselbe festzuhalten. Jetzt legte der Priester die Hände des jungen Paares ineinander, ergriff selbst die andere Hand des Bräutigams, und es begann ein Dauerlauf um den Altar – voran der Priester, dann der durch die Krone am Sehen verhinderte Kosak, der seinem Führer beständig auf die Fersen trat; diesem folgte die Braut, die übermenschliche Anstrengungen machte, damit ihr die Krone die Frisur nicht herunterziehe, und endlich und zuletzt der Überzählige, welcher der Braut auf den Rock trat und mit großer Mühe das vergoldete Abzeichen königlicher Würde an seine Stelle zu fesseln suchte. Der ganze Aufzug war so unbeschreiblich lächerlich, daß ich mich vergeblich bestrebte, meinen Zügen den der Feierlichkeit entsprechenden Ausdruck zu verleihen; ich war nahe daran, der ganzen Versammlung durch unbezwingliches Lachen Ärgernis zu geben. Dreimal ging's um den Altar herum – und die Ceremonie war beendet. Das junge Ehepaar küßte ehrfurchtsvoll die Kronen, die es ablegte, schritt durch die ganze Kirche, bekreuzte und verneigte sich vor allen Heiligenbildern, welche die Wände schmückten, und war schließlich bereit, die Glückwünsche der anwesenden Freunde entgegenzunehmen. Es wurde natürlich erwartet, daß der vornehme Amerikaner, von dessen Geist, Höflichkeit und Leutseligkeit man schon so viel gehört hatte, nicht versäumen werde, der jungen Frau zu gratulieren. Aber wie sollte der vornehme, unglückliche Amerikaner dies anfangen? Seine Kenntnisse des Russischen beschränkten sich auf 43 »Ja«, »Nein« und »Wie geht es Ihnen?« Das alles paßte doch nicht zur Gelegenheit. Da es mir aber sehr wünschenswert schien, meinen Nationalruf von Höflichkeit nicht aufs Spiel zu setzen, schritt ich feierlich, und ich fürchte recht linkisch, auf die Neuvermählte zu und erkundigte mich mit einer tiefen Verbeugung und in recht schlechtem Russisch nach ihrem Befinden. Sie erwiderte huldvollst: » cherasowechiano khorasho pakornashae blagadoru «, und der vornehme Amerikaner zog sich mit dem stolzen Bewußtsein zurück, seine Pflicht erfüllt zu haben. Wie's um das Befinden der jungen Frau stand, hätte ich freilich nicht verraten können, aber aus der Leichtigkeit, mit welcher der ungeheuerliche Satz ihr von den Lippen floß, schloß ich, daß dasselbe befriedigend sein müsse. Vor Lachen beinah erstickend, eilten Dodd und ich aus der Kirche und in unsere Quartiere. Der Major teilte mir später mit, daß eine Trauung nach dem griechischen Ritus etwas ganz besonders Feierliches sei und einen tiefen Eindruck hinterlasse; ich werde wohl nie mehr einer solchen beiwohnen können, ohne durch die Erinnerung an den armen Kosaken und die lächerliche Rolle, die er spielte, gestört zu werden. Von dem Augenblick an, da der Major sich für die Reise durch Kamtschatka entschieden hatte, widmete er alle Zeit und Kräfte den Vorbereitungen zu derselben. Mit Seehundsfellen überzogene Kasten, die wir an unseren Packsätteln aufhängen könnten, sollten unsere Vorräte aufnehmen; Zelte, Bärenfelle, Lagergeräte aller Art wurden eingekauft und in scharfsinnig kombinierte Bündel verschnürt, und überhaupt alles, was zur Verringerung der Beschwerden des Lebens im Freien beitragen konnte, in genügender Menge für eine zweimonatliche Reise angeschafft. Aus allen umliegenden Dörfern wurden Pferde requiriert, und ein Eilbote vorausgesandt, um die Eingeborenen von unserem Kommen in Kenntnis zu setzen und anzuweisen, mit ihren Pferden nicht von der Stelle zu weichen, bis wir durchgereist seien. Am 4. September brachen wir nach dem Norden auf. 44 Die Halbinsel Kamtschatka ist eine unregelmäßige Landzunge östlich vom ochotskischen Meere, zwischen dem einundfünfzigsten und zweiundsechzigsten Grade nördlicher Breite mit einer Längenausdehnung von ungefähr 700 Meilen. Sie ist fast ganz vulkanischer Formation, und der wilde Gebirgszug, welcher sie der Länge nach durchschneidet, umfaßt noch jetzt fünf bis sechs thätige Vulkane. Diese ungeheure Gebirgskette, die nicht einmal einen Namen hat, erstreckt sich in ununterbrochener Linie vom einundfünfzigsten bis zum sechzigsten Breitegrad, fällt steil ins ochotskische Meer ab und endigt im Norden in einer steppenartigen Hochebene, auf welcher die Renntier-Korjäken umherziehen. – Die Ausläufer und vorgelagerten Hügel des Hauptgebirges bilden im mittleren und südlichen Teil der Halbinsel tief eingeschnittene, einsame Thäler von wildem, malerischem Charakter, und so majestätischer, mannigfaltiger Schönheit, daß sie in ganz Nordasien einzigartig dastehen. Das Klima ist überall außer im äußersten Norden verhältnismäßig mild und gleichförmig und die Vegetation prangt in einer fast tropischen Frische und Üppigkeit, die aller vorgefaßten Begriffe von Kamtschatka spottet. Die Einwohner, die ich nach sorgfältiger Beobachtung auf ungefähr fünftausend schätze, zerfallen in drei abgesonderte Klassen – die Russen, die Kamtschadalen oder ansässigen Eingeborenen und die Nomadenstämme der Korjäken. Die Kamtschadalen, bei weitem die zahlreichste Klasse, leben in kleinen Dörfern aus Blockhäusern an den Mündungen der Flüßchen, welche im Hauptzuge des Gebirges entspringen und sich ins ochotskische Meer und den stillen Ozean ergießen. Ihre Hauptbeschäftigungen sind Fischfang, Jagd auf Pelztiere, Anbau von Roggen, Rüben, Kohl und Kartoffeln, welche noch bis zum achtundfünfzigsten Breitegrad gedeihen. Die größten Niederlassungen befinden sich in dem fruchtbaren Thale des Kamtschatkaflusses zwischen Petropawlowsk und Klutsche. Die Russen, gering an Zahl, leben hier und da in den kamtschadalischen Dörfern zerstreut und treiben meist Pelzhandel mit den Kamtschadalen und den nomadischen 45 Stämmen des Nordens. Die wandernden Korjäken, die wildesten, mächtigsten und unabhängigsten Eingeborenen der Halbinsel, überschreiten in südlicher Richtung selten den achtundfünfzigsten Breitegrad, außer zu Handelszwecken. Die weiten, öden Steppen östlich vom Penschinagolf sind ihr Lieblingsaufenthalt. Sie ziehen dort beständig umher, wohnen in großen Zelten von Pelzwerk und entnehmen alle Subsistenzmittel ihrer zahlreichen Herde von zahmen Renntieren. Die Regierung, welcher alle Bewohner Kamtschatkas nominell unterworfen sind, wird von einem russischen Beamten, dem »Isprawnik«, oder Lokalgouverneur gehandhabt, der alle Gesetzesfragen zwischen Individuen und Stämmen schlichten soll und den Tribut an Pelzen einsammelt, der von jedem männlichen Bewohner der Provinz erhoben wird. Derselbe residiert in Petropawlowsk, und wegen der großen Ausdehnung seines Jurisdiktionsgebietes und der ungeheuren Verkehrsschwierigkeiten ist er selten außerhalb seines Hauptquartieres zu finden. Die einzigen Transportmittel zwischen den weit zerstreut liegenden Niederlassungen der Kamtschadalen sind Lasttiere, kleine Boote und Hundeschlitten; eine wirkliche Straße giebt es auf der ganzen Halbinsel nicht. Ich werde zwar gelegentlich von Straßen sprechen, meine aber mit dem Worte nur, was der Geometer unter »Linie« versteht, – eine einfache Längenausdehnung ohne eine einzige der Eigenschaften, die man im gewöhnlichen Leben mit dem Begriff »Straße« verbindet. Durch diese wilde, spärlich bevölkerte Region beabsichtigten wir zu reisen, indem wir unterwegs die Eingeborenen mieteten, damit sie uns auf ihren Pferden von einer Niederlassung zur anderen beförderten, bis wir auf dem Gebiet der Korjäken angelangt wären. Von da an blieb uns nur übrig, auf unser »Glück« und die zärtliche Fürsorge der arktischen Nomaden zu zählen. 46   7. Kapitel. Ich erinnere mich in meinem ganzen Leben keiner Reise, die mir zur Zeit selbst größeren Genuß und in der Erinnerung mehr Befriedigung verschafft hätte, als unser erster Ritt von 275 Werst durch den südlichen Teil Kamtschatkas. Die entzückende Naturschönheit, die Neuheit und Abenteuerlichkeit des Lagerlebens, das noch nie in diesem Grade empfundene Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit berauschten uns förmlich. Leichten Herzens wandten wir der Civilisation den Rücken und ritten in die Wildnis, indem wir unserem Übermut in Liedern und Jauchzen Luft machten, daß Berg und Thal davon wiederhallten. – Außer den Führern und Treibern bestand unsere Gesellschaft aus dem Major, dem Generalissimus der ganzen Expedition, dem jungen Amerikaner Dodd, den wir in Petropawlowsk engagiert, und mir selbst. Der beißende Sarkasmus, den Mithridates gegen das Heer des Lucullus geschleudert, – wenn sie als Gesandte kämen, wären sie zu zahlreich, wenn als Krieger, zu wenige – hätte auch auf uns gepaßt; aber Leistungsfähigkeit hängt nicht immer von der Zahl ab, und wir glaubten uns allen Hindernissen, die sich uns entgegenstellen könnten, gewachsen. Jedenfalls war es leichter, unsere kleine Gesellschaft vor dem Hungerleiden zu bewahren als eine größere. 47 Sonntag den 3. September wurden unsere Pferde beladen und nach einem kleinen Dorfe an der gegenüberliegenden Seite der Bucht vorausgeschickt, wo wir in dem Boote eines Walfischfängers zu ihnen stoßen wollten. Montag den 4. machten wir den russischen Behörden unsere Abschiedsbesuche, tranken eine übermäßige Menge Champagner auf unsere Gesundheit und unseren Erfolg und fuhren von der ganzen amerikanischen Kolonie in Petropawlowsk begleitet, in zwei Walfischbooten nach Awatscha ab. Von einer kräftigen Südwestbrise begünstigt, durchkreuzten wir die Bucht mit Sprietsegel und Klüver, fuhren pfeilschnell in die Mündung des Awatschaflusses ein und stiegen bei dem Dorfe gleichen Namens ans Land, um uns von unseren amerikanischen Freunden, Pierce Hunter und Fronefield zu verabschieden. Nachdem den Schutzheiligen der kamtschadalischen Erforschungsgesellschaft reichliche Trankopfer gespendet worden, stießen wir unter wiederholten Vivats vom Lande und fuhren mit Hilfe von Bootshaken und Rudern langsam flußaufwärts nach der Niederlassung Okuta. Die an solches Trinken durchaus nicht gewöhnte Schiffsmannschaft war mittlerweile in einem komischen Stadium der Unzurechnungsfähigkeit angelangt, in welchem sie abwechselnd kamtschadalische Lieder in gurgelnden Tönen sangen, die Amerikaner segneten und über Bord fielen, ohne gerade in hervorragender Weise zum Vorwärtskommen unseres schweren Bootes beizutragen. Wuschin zog mit charakteristischer Energie die armen Schelme an den Haaren aus dem Wasser, rieb ihnen den Kopf mit dem Ruder, um sie wieder zum Bewußtsein zu bringen, machte das auf den Sand gefahrene Boot wieder flott, arbeitete mit dem Bootshaken, ruderte, sprang ins Wasser, schrie, fluchte, kurz zeigte sich jedem Ereignis gewachsen. Es war schon lange nach Mittag, als wir Petropawlowsk verlassen, und dank der Unzuverlässigkeit unserer kamtschadalischen Schiffsmannschaft und der häufig vorkommenden Sandbänke überraschte uns die Nacht eine ziemliche Strecke unterhalb Okutas. Wir 48 wählten einen Punkt, wo das Ufer trocken und zugänglich war, zogen unser Boot ans Land und trafen Vorbereitungen zu unserem ersten Bivouak. Wuschin stampfte das hohe nasse Gras zusammen, schlug unser kleines Zelt auf, bedeckte den Boden mit Bärenfellen, improvisierte einen Tisch und ein Tischtuch aus einer leeren Lichterkiste und einem Handtuche, machte Feuer, bereitete Thee und stellte uns in Zeit von zwanzig Minuten ein warmes Nachtessen vor, das seiner kulinarischen Geschicklichkeit alle Ehre machte. Nach dem Nachtessen saßen wir rauchend und plaudernd ums Feuer, bis der letzte Tagesschimmer im Westen verblich, und dann streckten wir uns, in wollene Decken gehüllt, auf den Bärenfellen aus und lauschten dem leisen Geschnatter einer halbwachen Ente im Schilf und dem einsamen Ruf eines Nachtvogels auf dem Fluß, bis der Schlummer sich auf unsere Lider senkte. Der Tag graute im Osten, als ich erwachte. Der Nebel, der eine Woche lang in dichten Wolken die Berge umzogen, war verschwunden, und mein erster Blick durch die offene Zeltthüre fiel auf den großen, weißen, kegelförmigen Wiliutschinsk, der sich im Dämmerlicht gespensterhaft vor mir erhob. Während sich der rote Schein im Osten vertiefte, schien die ganze Natur zu erwachen. Zahllose Gänse und Enten schnatterten im Schilfdickicht des Ufers; von der benachbarten Küste klang der eigentümlich klagende Schrei der Seemöwe an unser Ohr, und aus dem klaren, blauen Himmel kamen die melodischen Töne der wilden Schwäne, welche landeinwärts nach Nahrung flogen. Ich wusch mein Gesicht im klaren, kalten Flußwasser und weckte dann Dodd, damit er die Berge bewundere. Unmittelbar hinter unserem Zelte erhob sich, in ein ununterbrochenes Schneegewand gehüllt, der kolossale Korjazk zu einer Höhe von zehntausendfünfhundert Fuß. Die Strahlen der aufgehenden Sonne umwoben schon seinen Gipfel mit rosigem Lichte, während der Morgenstern langsam über seinem östlichen Abhang erblaßte. Ein wenig nach rechts war der große Vulkan Awatscha, aus dessen 49 zerklüftetem Gipfel sich eine vergoldete Dampfwolke, wie ein Banner erhob, und der Roselskoi, der aus drei Kratern schwarzen Rauch hervorstieß. Weit die Küste hinab, ungefähr dreißig Meilen entfernt, stieg der scharfe Gipfel des Wiliutschinsk empor, auf dessen Spitze der Morgen bereits seine Wachtfeuer entzündet, und hinter demselben die nebelhaften blauen Umrisse des Küstengebirges. Flockige Nebelwölkchen schwebten hier und da über die Seiten der Berge dahin und verschwanden. Der warme rosige Hauch zog sich immer tiefer die schneeigen Abhänge der Berge herab, bis sich auf einmal eine Flut von Licht in das Thal ergoß, unser kleines Zelt wie ein wildes Rosenblatt färbte, jeden Tautropfen in einen glitzernden Edelstein, und das stille Wasser des Flusses in eine gleißende, leuchtende Masse flüssigen Silbers verwandelte. Romantisch bin ich nicht, doch muß ich sagen, Daß es Momente giebt, da ich empfinde; Natur vermag bald laut und bald gelinde Die Saiten unseres Herzens anzuschlagen. Und thöricht wär' es, wenn ich mir verhehle Musik noch schlummert mir in tiefster Seele. Ich deklamierte gerade diese Verse in schwungvollster Weise, als Dodd, der nie seiner Begeisterung für Naturschönheiten erlaubte, den Anforderungen seines Magens ins Gehege zu kommen, aus dem Zelt auftauchte und mein Selbstgespräch mit ironischer Feierlichkeit unterbrach, indem er sagte, wenn ich imstande sei, meinen Geist zur Betrachtung materieller Dinge herabzustimmen, er die Ehre habe, mir kund zu thun, daß das Frühstück bereit sei; sein Rat wäre, die Musik in meiner Seele noch ein wenig schlummern zu lassen, es würde dies gewiß weniger Nachteil bringen, als wenn das Frühstück kalt werde. Die Folgerichtigkeit dieses Argumentes, von einem verlockenden Eßgeruch aus dem Zelte unterstützt, war unwiderleglich. Ich folgte ihm, konnte aber nicht umhin, während des Mahles meinem Entzücken über die herrliche Scenerie Ausdruck zu verleihen. Nach dem Frühstück wurde das Zelt 50 abgebrochen, alles eingepackt und eingeladen, und dann ging's weiter flußaufwärts in unserem Walfischboote. Noch hatte kein Nachtfrost die üppige Vegetation gedrückt; hohes, wildes Gras mit den mannigfaltigsten Blumen gemischt, erstreckte sich bis an des Flusses Rand; Fünffingerkraut und Alpenrosen bedeckten in großer Menge das Ufer und streuten ihre gelben und rosigen Blumenblätter auf das klare, stille Wasser; gelbe Akelei neigte sich bis auf die Flußoberfläche, welche das graziöse Bild derselben neben dem des majestätischen Vulkans widerspiegelte; hier und da entfaltete sich in trauriger Einsamkeit eine der schwarzen Kamtschatka-Lilien, die mit niedergeschlagenem Blick und im Trauergewand irgend ein unbekanntes, vernichtetes Blumendasein betrauerte. Auch tierisches Leben fehlte nicht vollständig im Bilde. Wilde Enten mit langgestreckten Hälsen schossen in schnellem, wagerechtem Flug an uns vorüber; das Geschnatter von Gänsen drang, durch die Entfernung gemildert, von den höheren Abhängen der Berge an unser Ohr; dann und wann erhob sich ein aufgeschreckter Adler von der einsamen Warte eines hervorspringenden Felsen in die Luft und stieg in weiten Kreisen höher und höher, bis er zuletzt nur noch einen beweglichen Punkt gegen den weißen, schneebedeckten Krater des Awatscha bildete. Nie hatte ich ein Bild von so wilder, ursprünglicher Einsamkeit erblickt, wie das, welches das fruchtbare, schöne, von rauchenden Vulkanen und schneebedeckten Bergen eingeschlossene Thal darbot; es strotzte von tierischem und vegetabilischem Leben und war doch weltabgeschieden, unbewohnt und scheinbar unbekannt. Gegen Mittag verkündete das Bellen von Hunden, daß wir uns einer Niederlassung näherten. Nach einer plötzlichen Biegung des Flusses kam das kamtschadalische Dorf Okuta in Sicht. Ein kamtschadalisches Dorf liegt gewöhnlich auf einer kleinen Erhöhung am Ufer eines Flusses oder Stromes, von Gruppen von Pappeln und gelben Birken umgeben und von hohen Hügeln gegen den kalten 51 Nordwind geschützt. Die ganz unregelmäßig zerstreut liegenden Häuser sind sehr niedrig und aus Baumstämmen errichtet, welche an den Enden vierkantig beschnitten und gekerbt sind; etwaige Ritzen werden mit trockenem Moos ausgestopft. Die Dächer sind mit langem, grobem Gras oder mit übereinandergehenden Streifen von Tamariskusrinde gedeckt; an den Enden und Seiten hängen dieselben weit über. Die Fenster werden wohl gelegentlich aus Glas, häufiger aber aus durchscheinenden Fischblasen hergestellt, die mit Fäden aus getrockneten und zerkleinerten Renntiersehnen zusammengenäht sind. Die Thüren sind fast quadratisch, und die Kamine bestehen aus langen, geraden, im Kreis zusammengestellten und mit einer dicken Lehmschicht überzogenen Pfählen. Hier und da stehen zwischen den Häusern ein halbes Dutzend höchst eigentümliche, architektonische Vierfüßler, »Bologans« oder Fischvorratshäuser. Es sind dies konische Zelte, die auf vier Pfosten errichtet werden, um ihren Inhalt vor den Hunden zu schützen; sie gleichen kleinen Heuschobern, die auf vier Beinen davonzulaufen versuchen. Hohe viereckige Gestelle mit horizontalen Stangen befinden sich neben jedem Hause, und an denselben sind Tausende von Lachsen zum Trocknen aufgehängt; Fischgeruch, der die ganze Atmosphäre erfüllt, läßt auf Beschäftigung und das Hauptnahrungsmittel der Kamtschadalen schließen. Ein halbes Dutzend ausgehöhlte Boote liegen umgekehrt auf dem sandigen, abschüssigen Ufer und sind mit großen, hübsch geknüpften Schlagenetzen bedeckt; an jedes Haus lehnen sich zwei oder drei lange, schmale Hundeschlitten, und wenigstens hundert Wolfshunde liegen in Zwischenräumen an lange, schwere Pfähle gebunden, schnaufend in der Sonne und schnappen bösartig nach den Fliegen, welche sie in ihrer Ruhe stören. Im Mittelpunkt des Dorfes, mit der Front nach Westen, erhebt sich in der ganzen Glorie der kamtschadalisch-byzantinischen Baukunst die allgegenwärtige griechische Kirche in auffallendem Gegensatze zu den rohen, primitiven Blockhäusern und konischen »Bologans«, über welche sie den geistlichen Schutz ihres 52 glänzenden, goldenen Kreuzes ausbreitet. Dieselbe ist gewöhnlich aus sorgfältig geschnittenen Balken errichtet, dunkelziegelrot angestrichen, mit grünem Eisenblechdach versehen und von zwei zwiebelförmigen Zinnkuppeln überragt, auf deren himmelblauem Grunde sich goldene Sterne abheben. Das eigentümlich Malerische dieser farbenstrotzenden Gebäude inmitten roher Blockhäuser in ursprünglicher Wildnis läßt sich schwer beschreiben. Die kamtschadalischen Niederlassungen unterscheiden sich durch ihre Ausdehnung und ihre Kirche; gemeinsame, charakteristische Züge aller sind die grauen Blockhäuser, konischen »Bologans«, trocknenden Fische, Wolfshunde, Boote, Schlitten und Fischgerüche. Die Bewohner dieser Niederlassungen Süd-Kamtschatkas sind eine dunkelbraune Rasse, die unter der Mittelgröße der andern sibirischen Eingeborenen zurückbleibt und sich durch charakteristische Merkmale von den Nomadenstämmen der weiter im Norden lebenden Korjäken und Tschutschken scharf unterscheidet. Die Männer werden im Durchschnitt fünf Fuß drei Zoll groß, haben breite, platte Gesichter, hervorstehende Backenknochen, kleine tiefliegende Augen, keinen Bart, langes, schlichtes, schwarzes Haar, kleine Hände und Füße, sehr feine Glieder und Tendenz zum Hervortreten des Unterleibes. Vermutlich sind sie centralasiatischen Ursprungs, stehen aber mit keinem der anderen mir bekannten sibirischen Stämme in naher Beziehung und unterscheiden sich wesentlich von den Tschutschken, Korjäken, Jakuten und Tungusen. Da sie feste Wohnsitze haben, fiel es den Russen viel leichter, sie zu unterwerfen, als ihre nomadischen Nachbarn, und der civilisierende Einfluß russischen Verkehrs ist bei ihnen in erhöhtem Grade zur Geltung gekommen. Beinah ganz allgemein haben sie Religion, Sitten und Gebräuche ihrer Eroberer angenommen, und ihre sehr merkwürdige Sprache wird immer weniger gebraucht. Es wäre leicht, ihren Charakter in negativer Weise zu schildern. Sie sind nicht unabhängig, selbstbewußt und rauflustig wie die Tschutschken und Korjäken; auch nicht geizig oder unehrlich, 53 außer wo sie es von den Russen gelernt haben; von Argwohn und Mißtrauen besitzen sie eher das Gegenteil, und in Bezug auf Gastfreundschaft, Großmut, Zuverlässigkeit und Gutmütigkeit unter allen Umständen kenne ich nicht ihresgleichen. Als Rasse sind sie am Aussterben. Seit 1780 haben sie sich um die Hälfte vermindert; häufig wiederkehrende Hungersnot und Epidemien raffen so viele dahin, daß die wenig Überlebenden schließlich in der zunehmenden russischen Bevölkerung der Halbinsel ganz aufgehen werden. Ihr Aberglauben und die ihnen eigenen Gebräuche sind schon ganz in Vergessenheit geraten, nur ein gelegentliches Opfer, mit dem sie in Gestalt eines Hundes irgend einen bösen Geist zu versöhnen suchen, weist auf ihr ursprüngliches Heidentum hin. Ihr Hauptnahrungsmittel ist der Lachs, der in ungeheurer Zahl im Sommer in diesen nördlichen Flüssen zum Laichen eintrifft und zu Tausenden aufgespießt oder in Schlagenetzen und Reusen gefangen wird. Von diesen an der Luft ohne Salz getrockneten Fischen leben während des langen, kalten nordischen Winters die Kamtschadalen samt ihren Hunden. Während des Sommers ist ihr Speisezettel mannigfaltiger. Klima und Boden der Flußthäler in Süd-Kamtschatka gestatten den Anbau von Roggen, Kartoffeln und Rüben, und die ganze Halbinsel ist überaus reich an Tieren. Renntiere und schwarze und braune Bären schweifen auf den moosigen Ebenen und in den grasbedeckten Thälern umher; in den Bergen begegnet man nicht selten wilden Schafen und einer Art Steinbock, und Millionen und aber Millionen von Enten, Gänsen, Schwänen in unzähligen Arten umschwärmen jedes Flüßchen, jeden kleinen Sumpfsee des Landes. Diese Wasservögel werden während der Mause in großen Mengen in organisierten Treibjagden gefangen. Fünfzig bis fünfundsiebzig Mann in Booten jagen eine ganze Herde dieser Vögel auf einem schmalen Fluß stromaufwärts, an dessen Ende ein großes Netz zu ihrem Empfange bereit gehalten wird. Sie werden alsdann mit Keulen getötet, ausgenommen und als Wintervorrat eingesalzen. Thee und Zucker sind von den 54 Russen eingeführt worden und haben günstige Aufnahme gefunden. Der jährliche Verbrauch eines jeden dieser Artikel beläuft sich auf der Halbinsel Kamtschatka allein auf 20 000 Pfund. Das Brot wird jetzt aus Roggen zubereitet, den die Kamtschadalen selbst ziehen und mahlen; vor der Niederlassung der Russen im Lande war der einzige Ersatz für Brot eine Art gebackener Teig, welcher der Hauptsache nach aus den zerkleinerten Knollen der roten kamtschadalischen Lilie bestand. Die einzigen Früchte des Landes sind Beeren und eine Art wilde Kirschen. Von diesen Beeren giebt es übrigens fünfzehn bis zwanzig verschiedene Arten; die wichtigsten sind: Heidelbeeren, gelbe Zwergmaulbeeren und Preiselbeeren. Die Eingeborenen pflücken dieselben im Spätherbst und machen sie für den Wintergebrauch gefrieren. Kühe werden in fast allen kamtschadalischen Niederlassungen gehalten, und Milch giebt es immer im Überfluß. Ein Nationalgericht aus saurer Milch, gebackenem weißem Käse und süßem Rahm mit Zucker und Zimmet bestreut, wäre würdig, auf einer civilisierten Tafel zu erscheinen. Aus dem Vorhergehenden ist wohl zu ersehen, daß das Leben in einer kamtschadalischen Niederlassung in gastronomischer Hinsicht gar nicht übel ist. Ich habe im Thale des Kamtschatka Eingeborene gesehen, die so behaglich lebten und sich kaum weniger Luxus gestatteten, wie neun Zehntel der Kolonisten an den Grenzen unserer westlichen Staaten und Territorien. 55   8. Kapitel. Zu Okuta erwarteten die Pferde und Leute unsere Ankunft. Nach einem eiligen Frühstück aus Brot, Milch und Heidelbeeren in einer kleinen Hütte kletterten wir in unsere Sättel und ritten in langer, unregelmäßiger Reihe durch die Wälder. Dodd und ich bildeten singend den Vortrab. Wir hielten uns immer in der Nähe der Bergkette, die uns am Morgen einen so entzückenden Anblick gewährt, sahen aber nur gelegentlich zwischen den Baumwipfeln die schneebedeckten Spitzen, weil die vorgelagerten Hügel mit dichtem Wald von Birken und Eschen bestanden waren. Gerade vor Sonnenuntergang gelangten wir an ein kleines Dorf, dessen komplizierten Namen mir weder auszusprechen noch niederzuschreiben gelang. Dodd war so gutmütig, mir denselben wenigstens fünfzehnmal zu wiederholen, da er mir aber jedesmal schwieriger und unverständlicher klang, taufte ich die Niederlassung Jerusalem. Der geographischen Genauigkeit wegen bezeichnete ich auf meiner Karte auch den Ort mit dem Namen der jüdischen Hauptstadt, möchte aber nicht, daß ein späterer Ausleger den Schluß daraus zöge, daß die verlorenen Stämme Israels nach Kamtschatka ausgewandert seien; ich glaube kaum, daß es so war, und weiß nur, daß der unglückliche Ort, ehe ich mich seiner erbarmte, einen 56 so barbarischen Namen trug, daß weder das hebräische noch das Alphabet irgend einer anderen alten Sprache ihm hätte gerecht werden können. Von der ungewohnten Bewegung des Reitens ermüdet, zog ich in Jerusalem im Schritt ein, warf einem Kamtschadalen in blauem Baumwollenhemd und Bocklederhosen, der mich mit tiefer Verbeugung begrüßte, meine Zügel zu, stieg ganz erschöpft aus dem Sattel und betrat das Haus, das Wuschin mir bezeichnete. Das beste Zimmer, das zu unserem Empfang hergerichtet worden, war ein niedriges, kahles Gemach von ungefähr zwölf Quadratfuß, dessen Wände, Decke und Fußboden aus Birkenbrettern so weiß gescheuert waren, daß sie den peinlich sauberen Hausfrauen des holländischen Paradieses, Broek in Waterland, Ehre gemacht hätten. Ein kolossaler, rot angestrichener Thonofen nahm die eine Seite des Zimmers ein, gegen die andere waren eine Bank, ein Tisch und drei oder vier Stühle symmetrisch aufgestellt. Zwei mit blumigen Kattunvorhängen geschmückte Glasfenster ließen den warmen Sonnenschein herein, an den Wänden hingen einige gewöhnliche amerikanische Lithographien. Das Ganze atmete so sehr Ordnung und Sauberkeit, daß wir uns plötzlich mit Schrecken unserer schmutzigen Stiefel und nachlässigen Kleidung bewußt wurden. Haus und Möbel waren in der kunstlosesten Weise nur mit Axt und Messer hergestellt; aber den ungehobelten Dielen hatte man durch Bearbeitung mit Wasser und Sand eine so zarte Rahmfarbe gegeben, daß auch der Anspruchsvollste ohne Zögern darauf hätte essen können. Die nennenswerteste Eigentümlichkeit dieses, wie aller kamtschadalischen Häuser, waren die niederen Thüren. Sie schienen für Geschöpfe bestimmt, die sich auf Händen und Knieen vorwärts bewegen; wer seinen Eintritt in anderer Weise bewerkstelligen will, bedarf einer Gelenkigkeit der Wirbelsäule, die nur durch lange und beharrliche Übung erworben werden kann. Wuschin und Dodd, die schon früher Kamtschatka bereist hatten, bequemten sich dieser architektonischen Eigentümlichkeit leicht an; aber der 57 Major und ich trugen in den ersten Wochen unserer Reise Beulen an unserer Stirn, deren Größe und unregelmäßige Entwickelung einen Spurzheim und Gall in Verlegenheit gebracht haben würden. Wenn der Abnormität der Höcker wenigstens eine Vervollkommnung der betreffenden Fähigkeiten entsprochen hätte, aber der Sitz des Wahrnehmungsvermögens konnte sich plötzlich unter dem Einfluß des Sturzes einer Thüre zur Größe eines Taubeneies entfalten, ohne daß wir den nächsten Thürbalken wahrgenommen, bis wir uns daran gestoßen hatten. Der Kosak, welcher vorausgesandt worden, um die Eingeborenen von unserem Kommen zu verständigen, hatte die übertriebensten Berichte von unserer Macht und unserem Einfluß verbreitet, und die Bewohner von Jerusalem hatten die sorgfältigsten Vorbereitungen zu unserem Empfang getroffen. Das Haus, das wir mit unserer Gegenwart beehren sollten, war geschrubbt, gekehrt und geschmückt worden; die Frauen hatten ihre blumigsten Kattunkleider angelegt und ihre Haare in ihre schönsten Seidentücher eingebunden; die Gesichter der Kinder glänzten förmlich infolge des gründlichen Reinigungsprozesses mit Seifenwasser; das ganze Dorf hatte Teller, Tassen und Löffel für unsere Tafel geliefert; reichliche Vorräte von Enten, Renntierzungen, Heidelbeeren und saurem Rahm legten Zeugnis dafür ab, daß die Bewohner nicht nur außerordentlich gastfrei waren, sondern auch Verständnis für die Bedürfnisse wegemüder Wanderer besaßen. Die reine Bergluft hatte uns einen ganz gehörigen Appetit verschafft, und wir ließen uns die Abendmahlzeit aus kaltem Entenbraten, gerösteten Renntierzungen, Schwarzbrot mit frischer Butter, Heidelbeeren mit Rahm und wilden Rosenblättern, die in weißem Zucker zerstampft und eingemacht waren, vortrefflich munden. Wir waren darauf gefaßt gewesen, in Kamtschatka mit Walfischspeck, Talglichtern und Thran unser Leben zu fristen; man denke sich daher unser Erstaunen über die sybaritische Bewirtung, die uns zu teil wurde! Hat Lucullus in seinen viel gepriesenen Lustgärten zu 58 Tusculum eingemachte Rosenblätter genossen? Nein! denn das Originalrezept für die berühmte Götterspeise, Ambrosia, war längst verloren gegangen, als »Lucullus bei Lucullus« speiste; aber die verachteten Bewohner Kamtschatkas haben es wieder entdeckt und bieten es der Welt als ihren ersten Beitrag zur gastronomischen Wissenschaft. Nimm gleiche Mengen von weißem Zucker und Blättern von Alpenrosen, füge ein wenig Saft zerdrückter Heidelbeeren hinzu und verarbeite das Ganze zu einer roten, glatten Masse, kredenze es in den Kelchen des immergrünen, virginischen Geisblattes und du wirst wähnen, einem Gelage der ewigen Götter beizuwohnen auf den Höhen des vielgezackten Olympos. Nach dem Abendessen streckte ich mich schleunigst auf dem Fußboden unter einem passenden Tisch aus, der in praktischer und ästhetischer Beziehung dem Zweck einer Bettstelle entsprach, blies mein kleines Gummikopfkissen auf, wickelte mich à la Mumie in eine wollene Decke und schlief ein. Der Major, niemals ein Langschläfer, war am folgenden Morgen mit Tagesanbruch auf den Beinen. Dodd und ich hielten in ebenso seltener wie befriedigender Übereinstimmung das Frühaufstehen für ein Überbleibsel von Barbarentum, das kein Amerikaner, der den richtigen Respekt vor der Civilisation des neunzehnten Jahrhunderts besitzt, ermutigen dürfe. Wir hatten also miteinander ausgemacht, daß wir in Frieden schlafen wollten, bis die »Karawane«, wie Dodd sich höchst unehrerbietig ausdrückte, reisefertig oder wenigstens das Frühstück bereit sei. Kurz nach Tagesanbruch erschreckte mich jedoch im Halbschlummer ein fürchterlicher Lärm. Mich dünkte, ich wohne einer sehr erregten Wahlversammlung im »Neunten Bezirk« bei, sprang auf – stieß mich mit dem Kopf an ein Tischbein, rieb mir in Verwunderung die Augen und blickte verdutzt um mich. Der Major stürmte in tiefem Negligé im Zimmer auf und ab und fluchte in klassischem Russisch auf unsere erschreckten Treiber los, weil die Pferde in der Nacht alle davongelaufen, oder, wie er sich ausdrückte, »zum 59 Teufel gegangen waren«. Das war freilich ein schlimmer Anfang für uns. In Zeit von zwei Stunden wurden übrigens die Durchgeher eingebracht und bepackt; wir kehrten Jerusalem den Rücken und ritten langsam über die dem Vulkan Awatscha vorgelagerten, grasbedeckten Hügel dahin. Es war ein herrlicher, indischer Sommertag; feierliche Sabbathstille umgab uns. Die Blätter an den hier und da den Fußpfad beschattenden Birken und Erlen hingen regungslos im warmen Sonnenschein; das schläfrige Krächzen einer Krähe auf einer entfernten Lärche drang mit eigentümlicher Deutlichkeit an unser Ohr, und wir vermeinten sogar, das regelmäßige Rauschen der Brandung an der fernen Küste zu unterscheiden. Man war versucht, sich auf dem warmen wohlriechenden Gras auszustrecken, den Tag in süßem Träumen zu verbringen, indem man dem leisen Summen der Bienen lauschte, den Duft der Beeren einsog, welche unsere Pferde mit ihrem Huf zermalmten und dem Zerstieben der Rauchwolke zusah, die aus dem Krater des majestätischen Vulkans langsam aufstieg. »Wir sind doch nicht im Eisland der russischen Verbannten,« sagte ich lachend zu Dodd, »der Zaubermantel aus »Tausend und eine Nacht« hat uns in die Heimat der Lotosesser versetzt.« »Heimat der Lotosesser!« erwiderte er verächtlich, indem er sich einen wütenden Klapps versetzte, »der Dichter erzählt doch nicht, daß die Lotosesser von so verwünschten Mücken selbst aufgegessen wurden; sie allein beweisen zur Genüge, daß wir in Kamtschatka sind; in keinem anderen Lande werden sie so dick wie Hummeln!« Ich erinnerte ihn in aller Milde daran, daß nach Walton – dem alten Isaak – jedes Unglück, von dem wir verschont bleiben, eine neue Segnung sei, und daß er folglich für jede Mücke, die ihn nicht steche, dankbar sein müsse. Er erwiderte nur, er wünschte, der alte Isaak wäre an Ort und Stelle! Was für summarische Repressalien am alten Isaak verübt werden sollten, erfuhr ich nicht, aber augenscheinlich war Dodd mit seiner Philosophie und meinen Trostgründen 60 nicht einverstanden, und so bemühte ich mich nicht weiter. Maximof, unser erster Treiber, ritt unter dem Eindruck, daß es Sonntag sein müsse, weil alles so still und friedlich war, langsam durch die Gruppen von Silberbirken, welche den Pfad beschatteten, und sang mit lauter, sonorer Stimme einen Teil der griechischen Liturgie, indem er gelegentlich diese Andachtsübung durch Schimpfreden auf die vom Wege abschweifenden Pferde unterbrach, welche den Neid und die Bewunderung eines alten Lanzknechtes zu erregen vermocht hätten. O! laß mein G–e–b–e–e–t aufsteigen (He! Du Schwein! Willst du im Wege bleiben!) wie Weihrauch; und wenn ich meine Hä–ä–ä–nde zu dir erh–e–be, (Steh auf! du Korova! Du alte, blinde, krummbeinige Teufelsmähre! Wo willst du hin!) erachte es gleich einem Da–a–a–nkopfer; du, Herr, wollest mein Herz vor An–fe–e–echtungen bewahren – (Liegen, willst du! Da! (ein Schlag) Du alte, schlafmützige svenja proklatje! ), daß ich nicht auf Böses sinne! (Was für ein Klepper!) Behüte meine Zunge! (Du Schindmähre! Weshalb läufst du in den Baum? Ecca voron! Podletz! Slepoi takoi! Chort tibi vasmi! ) – und Maximof ließ einen solchen Wortschwall von erfinderischer und bildlicher Unheiligkeit los, daß meine Einbildungskraft meinem mangelnden Verständnis zu Hilfe eilen mußte. Er schien sich des Widerspruches zwischen dem Psalm und den Schimpfreden, die er in denselben einschaltete, gar nicht bewußt zu sein; und wenn er es gewesen, so würde er wahrscheinlich den frommen Gesang als eine ausgleichende Gegenrechnung für das Fluchen betrachtet haben und in heiterer Unbefangenheit seines Weges gezogen sein, in der festen Überzeugung, daß ein frommer Vers für jeden Fluch, den er ausstieß, seine Bilanz im Himmel in Ordnung bringen müsse. Die Straße oder vielmehr der Pfad zog von Jerusalem in westlicher Richtung am Fuß einer niedrigen, kahlen Bergkette durch dichten Pappel- und Birkenwald. Dann und wann kamen wir auf eine Lichtung, deren 61 Boden mit Beeren bedeckt war; aber nicht nach ihnen, sondern nach Bären schauten wir aus; doch alles blieb still und regungslos, und selbst die Grashüpfer zirpten schläfrig und träge, als ob sie der Lässigkeit, welche die ganze Natur einlullte, ihren Tribut zahlen wollten. Um der unausgesetzten, fast unerträglichen Verfolgung der Mosquitos zu entgehen, ritten wir etwas schärfer durch ein breites, ebenes Thal, in welchem große Umbelliferenarten ein förmliches Dickicht bildeten, erklommen im Trab einen kleinen Hügel und ritten unter dem Gebell und Geheul unzähliger Hunde, Pferdegewieher, Hin- und Herrennen von Menschen, kurz einer Scene allgemeiner Verwirrung in sausendem Galopp in das Dorf Korjaki ein. Hier wechselten wir die meisten unserer Leute und Pferde, frühstückten unter dem Vordach eines kamtschadalischen Hauses und machten uns um zwei Uhr nach dem fünfzig bis sechzig Meilen entfernten Dorfe Malka, jenseits der Wasserscheide des Kamtschatka, auf. Nach einem scharfen Ritt von fünfzehn bis achtzehn Meilen gelangten wir gegen Sonnenuntergang plötzlich aus einem dichten Pappel-, Birken- und Ebereschenwald auf eine kleine Waldwiese, die eigens zum Zweck des Kampierens geschaffen schien. An drei Seiten war sie von Wald eingefaßt und die vierte Seite mündete auf eine wilde Bergschlucht, die mit Felsen, gefällten Bäumen und einem Dickicht von Gestrüpp und Unkraut versperrt war. Ein klarer, kalter Bergstrom stürzte sich in einer Reihe von schäumenden Wasserfällen durch die dunkle Schlucht und schlängelte sich in sandigem, von Blumen eingefaßtem Bett durch die Lichtung, um im Walde zu verschwinden. Einen passenderen Punkt für unser Nachtquartier hätten wir kaum finden können, und so beschlossen wir, hier Halt zu machen. Unsere Pferde anzubinden, Holz zum Feuer zu sammeln, unsere Theekessel aufzuhängen und unser Zelt aufzuschlagen war das Werk einiger Minuten. Bald lagen wir auf unsere warmen Bärenfelle ausgestreckt um unseren improvisierten Tisch, schlürften heißen Thee, diskutierten über Kamtschatka und 62 beobachteten, wie das Abendrot allmählich über den Bergen im Westen erblaßte. Als mich das Gemurmel des Wassers und das Klingen unserer Pferdeglocken aus dem Walde in Schlaf lullte, dünkte mich, es gebe nichts Entzückenderes als das Zeltleben in Kamtschatka. Am folgenden Tage erreichten wir Malka in sehr erschöpftem Zustande. Der Weg, welcher durch enge, mit Felsen und umgefallenen Bäumen versperrte Schluchten, über moosige Moore und schroffe, steile Hügel führte, war außerordentlich schlecht und ermüdend gewesen. Verschiedenemal wurden wir aus dem Sattel geworfen; unsere Proviantbüchsen wurden an Bäumen zerschellt, oder in Sümpfen durch und durch naß; Gurten zerrissen, Treiber fluchten, Pferde stürzten, kurz, wir hatten alle gegen mehr oder weniger Ungemach zu kämpfen. Der Major, der an die Beschwerden einer kamtschadalischen Reise nicht gewöhnt war, ertrug alles wie ein Spartaner; aber ich bemerkte, daß er die letzten zehn Meilen auf einem Kissen ritt und in kurzen Zwischenräumen Dodd zurief, der mit stoischem Gleichmut ruhig vorausritt: »Dodd! oh Dodd! Sind wir noch nicht bald in dem verwünschten Malka?« Dodd versetzte seinem Pferde einen Hieb mit einer Weidengerte, drehte sich halb im Sattel um und erwiderte mit belustigtem Lächeln, daß wir noch nicht, aber doch bald dort wären, ein schlechter Trost, der uns gerade nicht mit Begeisterung erfüllte. Endlich, als es schon angefangen, dunkel zu werden, erblickten wir eine hohe, weiße Dampfsäule in der Ferne, die, wie Dodd und Wuschin versicherten, aus den heißen Quellen von Malka aufstieg; fünfzehn Minuten später ritten wir müde, durchnäßt und hungrig in das Dorf ein. Das Nachtessen kam an diesem Abend für mich erst in zweiter Linie in Betracht. Mein einziger Wunsch war, unter einen Tisch zu kriechen, wo mich niemand treten könne, und mir selbst überlassen zu sein. Nie im Leben war ich mir meines Muskel- und Knochensystems so lebhaft bewußt gewesen. Jedes Knöchelchen, jede Sehne machte ihre Sonderexistenz durch einen besonderen Schmerz geltend, und in Zeit von zwanzig 63 Minuten war mein Rücken so steif wie ein eiserner Ladestock. Es drängte sich mir die melancholische Überzeugung auf, daß ich nie mehr das Maß von fünf Fuß zehn Zoll erreichen würde, wenn man mich nicht auf einem Prokrustesbett auseinanderzöge. Mir däuchte, die wiederholten, lotrechten Stöße hätten meine Wirbelsäule so ineinandergeschoben, daß nur eine chirurgische Operation ihre ursprüngliche Verfassung wieder herstellen könnte. In solch tragische Betrachtungen versunken, schlief ich unter einem Tische ein, ehe ich noch meine Stiefel ausgezogen hatte. 64   9. Kapitel. Es fiel uns sehr schwer, am nächsten Morgen wieder in den Sattel zu klettern, aber der Major war allen Bitten wegen Aufschubs unzugänglich. Ernst und unbeugsam wie Rhadamanthus stieg er auf sein Federkissen und gab das Zeichen zum Aufbruch. Dank zweier mitfühlenden Kamtschadalen, die vermutlich auch schon einmal steife Rücken gehabt, gelang es mir, rittlings auf ein Pferd zu kommen. Das Dorf Malka liegt auf dem nördlichen Abhang der Wasserscheide des Kamtschatka von niedrigen, kahlen Granithügeln umgeben; seine Lage erinnerte mich an Virginia City in Nevada. Es ist wegen seiner heißen Mineralquellen bekannt, aber da wir keine Zeit hatten, sie aufzusuchen, mußten wir uns auf die Auskunft der Eingeborenen über ihre Temperatur und medizinischen Eigenschaften verlassen und uns begnügen, die aus denselben aufsteigende Dampfsäule aus der Ferne zu betrachten. Im Norden des Dorfes beginnt das lange, enge Ganalthal, der schönste und fruchtbarste Fleck Erde der ganzen Halbinsel, der Garten Süd-Kamtschatkas. Dasselbe ist ungefähr dreißig Meilen lang und wird auf beiden Seiten von hohen, schneebedeckten Bergen begrenzt, die sich mit ihren vielgezackten Gipfeln und schroffen Spitzen von Malka bis zur Quelle des 65 Kamtschatka hinziehen. Ein Bach, der mit hohem Gras eingefaßt ist und hier und da von Birken-, Weiden- und Erlengruppen beschattet wird, windet sich in vielfachen Krümmungen durch das Thal. Das Laub der Bäume fing schon an, sich herbstlich zu färben; breite rote, gelbe und grüne Streifen zogen sich in horizontaler Linie um die Berge und bezeichneten die verschiedenen Vegetationsgürtel von der Thalsohle bis zum Sitz des ewigen Schnees. Als wir gegen Mittag uns der Mitte des Thales näherten, nahm die Scenerie so lebhafte Farben und so großartige Umrisse an, daß sie unserer ganzen Gesellschaft die begeistertste Bewunderung entlockte. Man überblickte wohl fünfundzwanzig Meilen des sonnigen Thales, in dem sich der Ganal wie ein silbernes Band zwischen Birkengruppen und Erlenbüschen dahinzog. Gleich dem »Glücklichen Thal« in Rasselas schien es von der übrigen Welt durch unübersteigbare Berge getrennt, die in Bezug auf malerische Schönheit, Mannigfaltigkeit und Seltsamkeit der Gestaltung mit den kühnsten Träumen eines orientalischen Baumeisters wetteiferten. Auf halber Höhe derselben war ein breiter Gürtel von Tannen, deren dunkeles Grün zu dem reinen Schnee der höheren Gipfel und dem leuchtenden Rot der zahllosen Ebereschen im Thal einen herrlichen Gegensatz bildete. Hier und da schienen die Berge durch titanische Kraft auseinandergerissen und bildeten enge, tiefe, wilde Schluchten, die kaum ein Sonnenstrahl streifte und deren purpurne Finsternis dem Menschenauge undurchdringlich schien. Denke dir, lieber Leser, zu dem allem eine warme dufterfüllte Atmosphäre, einen tiefblauen, fast wolkenlosen Himmel, und du wirst dir einen schwachen Begriff von einer der schönsten kamtschadalischen Landschaften machen können. Die Sierra Nevada hat wohl Bilder von großartigerer Wildheit aufzuweisen, aber weder in Californien noch in Nevada habe ich je Winter und Sommer – Schnee und Rosen, nackte Granitfelsen und herrlich gefärbtes Laub zu einem so harmonischen Bilde verschmolzen gesehen, wie es das 66 Ganalthal an jenem sonnigen Tage im Spätsommer darbot. Dodd und ich pflegten der Karawane in rasendem Galopp einige Meilen vorauszueilen, uns in irgend einem einladenden Dickicht an Baches Rand auszustrecken und uns an den gelben, honigsüßen »Maroschkas« und den köstlichen Heidelbeeren gütlich zu thun. Es war eine Stunde vor Sonnenuntergang, als wir uns dem Dorfe Ganal näherten. Auf einer Wiese schnitten Frauen und Männer mit kunstlosen Sicheln Gras. Sie starrten uns mit großer Bestürzung an, und wir betrachteten sie im Vorbeireiten mit unerschütterlicher Gemütsruhe. – Unser Pfad hörte plötzlich an einem Fluß auf, durch den wir auf unseren Pferden wateten, ohne naß zu werden, indem wir uns auf die Sättel knieten; einen Augenblick später kamen wir an einen zweiten und dritten Fluß, die wir in derselben Weise durchritten. Als aber der vierte Fluß kam, rief der Major in Verzweiflung: »Dodd, wie viele Flüsse haben wir zu passieren, bis wir in das verdammte Dorf kommen?« »Nur einen,« erwiderte Dodd. »Einen! Wie oft fließt denn der eine Fluß an der einen Niederlassung vorüber?« »Fünfmal,« lautete die Antwort. »Diese armen Kamtschadalen,« fuhr Dodd erklärend fort, »haben nur den einen Fluß, um darin zu fischen, und der ist nicht groß, deshalb lassen sie denselben fünfmal an ihrer Niederlassung vorüberfließen, und dank dieser Einrichtung fangen sie fünfmal so viel Lachs, als sie fangen würden, wenn er nur einmal vorüberflösse.« Der Major verstummte und schien über ein tiefsinniges Problem nachzudenken. Schließlich erhob er seine Augen vom Sattelknopf, warf dem schuldigen Dodd einen durchbohrenden Blick voll strengen Tadels zu und fragte feierlich: »Wie oft muß ein gewisser Fisch an einer gewissen Niederlassung vorüberschwimmen, um die Bevölkerung mit Nahrung zu versorgen, wenn der Fisch jedesmal, wenn er vorüberschwimmt, gefangen wird?« Diese reductio ad absurdum war zu viel für Dodd's Ernsthaftigkeit; er brach in Lachen aus, gab seinem Pferde die Sporen, sprengte mit lautem Geplätscher in die vierte 67 Flußbiegung und ritt auf der anderen Seite in das Dorf Ganal. Wir nahmen Quartier im Hause des » Starosta «, des Dorfvorstehers, und breiteten unsere Bärenfelle auf dem reinen, weißen Fußboden eines niedrigen Zimmers aus, das mit alten Nummern der » Illustrated London News « tapeziert war. An der einen Wand hing eine kolorierte amerikanische Lithographie, welche den Versöhnungskuß zwischen zwei schmollenden Liebenden darstellte. Der Besitzer war nicht wenig stolz auf dieses Kunstprodukt, das er für einen eklatanten Beweis seines Kunstsinnes und guten Geschmacks, seiner intimen Bekanntschaft mit amerikanischen Sitten und Gebräuchen hielt. Dodd und ich widmeten trotz großer Müdigkeit den ganzen Abend litterarischen Bestrebungen; mit Talglichtern in der Hand suchten wir emsig an Wand und Decke nach aufeinanderfolgenden Nummern der » Illustrated «, lasen Hofnachrichten von einem Birkenbrett in der Ecke und Todesanzeigen von berühmten Engländern von der Rückseite einer Thüre. Kraft unserer Ausdauer und unseres Fleißes waren wir vor dem Schlafengehen mit der ganzen einen Seite des Hauses fertig geworden, und da wir über den Krieg in Neuseeland eine Fülle wertvoller Nachrichten entdeckt, fühlten wir uns ermutigt, am anderen Morgen auf den übrigen drei Seiten und der Decke unsere Nachforschungen fortzusetzen. Zu unserm großen Bedauern mußten wir aufbrechen, ehe wir herausfinden konnten, wie jener Krieg endigte, und wir wissen's heute noch nicht. Lange vor sechs Uhr waren wir auf frischen Pferden unterwegs nach dem neunzig Werst entfernten Puschtschina. Unsere äußere Erscheinung hatte sich mittlerweile den neuen Verhältnissen angepaßt; ein jeder hatte verschiedene, unpraktische Kleidungsstücke abgelegt und sie durch zweckentsprechendere ersetzt. Dodd z. B. hatte seine Mütze fortgeworfen und sich ein rotes und gelbes Taschentuch um den Kopf gebunden. Ein blaues Jagdhemd und ein roter türkischer Fez hatten meine Uniform ersetzt. An Wuschins Hut flatterte ein 68 langes rotes Band im Winde. Wir hatten alle Flinten umhängen, Revolver im Gürtel und glichen auffallend jenen phantastischen Briganten, die in den Pässen der Apenninen von unvorsichtigen Reisenden Räubersold erheben. Wäre uns ein schüchterner Wanderer auf unserem Ritt über die Ebene in der Richtung von Puschtschina begegnet, so hätte er sich ohne weiteres auf die Kniee geworfen und uns seine Börse angeboten. Auf frischen, feurigen Pferden eilten der Major, Dodd, Wuschin und ich der übrigen Gesellschaft weit voraus. Als wir am Spätnachmittage gestreckten Galopps über die als die kamtschadalische Tundra bekannte Ebene dahinjagten, riß der Major plötzlich sein Pferd herum und schrie laut: » Medwaid! medwaid! « Ein großer, schwarzer Bär erhob sich aus dem langen Grase zu seinen Füßen. Die Aufregung war, wie ich gewissenhaft bezeugen kann, entsetzlich. Wuschin ergriff seine Doppelflinte und schickte sich an, Meister Braun mit Schrot zu pfeffern; Dodd zerrte wütend an seinem Revolver, während sein Pferd mit ihm durchging. Der Major ließ den Zügel fallen und flehte mich, bei allem, was mir heilig sei, an, ihn nicht zu erschießen, und die Pferde bäumten sich, schlugen aus und schnaubten aus Leibeskräften. Der einzige von der ganzen Gesellschaft, der Besonnenheit und Selbstbeherrschung besaß, war Meister Petz. Kaltblütig betrachtete er sich einige Sekunden lang die Situation und lief mit linkischen Sprüngen dem Walde zu. Im Augenblick hatte unsere ganze Gesellschaft ihre Geistesgegenwart wieder erlangt, stürzte mit Heldenmut dem fliehenden Tiere nach, schrie wie toll, es aufzuhalten, knallte entschlossen und unerschrocken mit vier Revolvern und einer Schrotflinte und verrichtete Wunder von Tapferkeit in dem Bemühen, die Bestie zu fangen, ohne ihren Weg zu kreuzen oder ihr nur auf hundert Meter nahe zu kommen. Alles vergeblich. Der Bär verschwand im Walde wie ein flüchtiger Schatten; da wir aus der bekannten Wildheit und Rachsucht dieser Tiere schlossen, daß er sich in einen Hinterhalt gelegt, hielten wir es für angezeigt, 69 von der Verfolgung abzustehen. Als wir unsere Beobachtungen austauschten, fand sich, daß er uns allen furchtbar groß, zottig und wild erschienen, und daß wir alle in demselben Augenblick die unwiderstehlichste Lust verspürt, ihn bei der Kehle zu packen und ihm mit einem Dolchmesser den Bauch aufzuschlitzen, wie dies in alten Büchern so schön erzählt wird. Nur die Widerspenstigkeit unserer Pferde und seine schleunige Flucht hatten diese wünschenswerte That verhindert. Der Major erklärte sogar ganz bestimmt, er hätte den Bären lange vorher gesehen, und sei nur auf ihn losgeritten, um ihn aufzujagen und fügte beinah in den Worten Falstaffs hinzu, »wenn wir ihm die Ehre lassen wollten, gut; wenn nicht, so möchten wir den nächsten Bären selbst aufscheuchen.« Nach reiflicher, ruhiger Überlegung wollte mich bedünken, daß wenn ein neuer Bär nicht den Major verscheuchte, dieser sich sicherlich nicht die Mühe geben würde, ihn aufzuscheuchen. Wir hielten es jedoch für unsere Pflicht, ihn zu bitten, den Erfolg unserer Expedition nicht in so tollkühner Weise aufs Spiel zu setzen. Die Dunkelheit trat ein, lange ehe wir unser Ziel erreichten; nach Sonnenuntergang, in der kühlen Abendluft schritten unsere milden Pferde wieder wackerer aus, und gegen acht Uhr hörten wir in der Ferne das Geheul von Hunden, das wir uns schon gewöhnt hatten, mit dem Gedanken an heißen Thee, Ruhe und Schlaf in Verbindung zu bringen. Zwanzig Minuten später lagen wir in einem kamtschadalischen Hause behaglich auf unseren Bärenfellen ausgestreckt. Seit Tagesanbruch hatten wir sechzig Meilen zurückgelegt; aber der Weg war gut gewesen. Wir hatten uns schon mehr ans Reiten gewöhnt und waren lange nicht so müde wie in Malka. Nur noch dreißig Meilen trennten uns von der Quelle des Kamtschatka, wo wir uns von unseren Pferden verabschieden und in Booten oder auf Flößen eine Reise von zweihundertundfünfzig Meilen zu Wasser antreten sollten. In Zeit von vier Stunden gelangten wir am 70 andern Morgen durch einen scharfen Ritt über eine ebene Fläche nach Schoroma, wo Flöße zu unserer Benutzung bereit gehalten wurden. Ich bedauerte aufrichtig, daß das Reiten einstweilen ein Ende nahm. Das bisherige Leben hatte mir in jeder Hinsicht behagt; ich erinnerte mich keiner Reise, die mir so vielen und großen Genuß verschafft, die so sehr einer bloßen Vergnügungstour ähnlich gesehen. – Doch lag ja ganz Sibirien vor uns, und unser Bedauern, eine Gegend zu verlassen, die wir vermutlich nie wiedersehen würden, wurde durch die Aussicht auf neue Abenteuer und Erlebnisse und noch großartigere Naturschönheiten gemildert. 71   10. Kapitel. Für eine indolente Natur ist es etwas außerordentlich Anziehendes, in einem Boote dahinzugleiten. Man genießt ohne die geringste Anstrengung die mannigfaltigste Abwechselung von Ereignissen und landschaftlichen Schönheiten. Ich glaube, es ist Gray, der gesagt hat, sein Begriff von Paradies sei: »Auf dem Sofa zu liegen und Romane von Marivaux und Crébillon zu lesen.« Hätte der Verfasser der Elegie sich auf dem offnen, mit frischem Heu und duftenden Blumen bestreuten Deck eines kamtschadalischen Bootes ausstrecken, zwischen schneebedeckten Bergen, im herbstlichen Farbenschmuck prangenden Wäldern und weiten wogenden Grassteppen auf einem breiten, ruhigen Strom dahingleiten können; hätte er den Vollmond über dem schneeigen Gipfel des Vulkans Kljutschew aufsteigen und den Fluß mit zitterndem Lichtstreifen überbrücken sehen; hätte er dem leisen melancholischen Gesang der Schiffer gelauscht, zu dem das Plätschern der Ruder den Takt schlug, er würde Marivaux und Crébillon über Bord geworfen und sich einen würdigeren Begriff von den Freuden des Paradieses gebildet haben. Ich weiß, daß ich mich mit meiner Bewunderung der landschaftlichen Schönheiten Kamtschatkas dem Verdachte der Übertreibung aussetze, und daß meine Begeisterung erfahreneren Reisenden, die Italien und die 72 Alpen gesehen haben, ein belustigtes Lächeln entlocken wird. Und doch schildere ich die Dinge, wie sie mir erschienen, behaupte aber nicht, daß Leute, die mehr zu sehen und zu beobachten Gelegenheit gehabt, denselben tiefen Eindruck davon empfangen hätten. Um mich der Worte eines spanischen Schriftstellers, die ich irgendwo gelesen habe, zu bedienen: »Einen Menschen, der nie den Glanz der Sonne geschaut, kann keinen Tadel treffen, wenn er den Glanz des Mondes für unerreichbar hält, noch den, der nie den Mond erblickt, wenn er von der unvergleichlichen Helle des Morgensternes spricht.« Hätte ich schon eine Rheinreise gemacht, das Matterhorn erstiegen, oder bei Vollmond den Golf von Neapel bewundert gehabt, so wäre meine Beurteilung Kamtschatkas vielleicht eine gerechtere und weniger begeisterte gewesen; aber im Vergleich zu allem andern, das ich in meinem Leben gesehen, waren die Berglandschaften des südlichen und mittleren Kamtschatka geradezu prächtig. Dank dem Kurier, der uns vorausgeeilt war, fanden wir zu Schoroma ein kamtschadalisches Floß zu unserer Aufnahme bereit. Es bestand aus drei großen, ausgehöhlten Booten, die auf drei Fuß Entfernung neben einander gestellt und mit Riemen aus Seehundsfellen an dicke, querlaufende Pfähle befestigt waren. Darüber legte sich ein zehn Fuß langer und zwölf Fuß breiter Boden, der an Bug und Hinterteil jedes Bootes Raum ließ für Männer mit Rudern, welche dies schwerfällige Fahrzeug in irgend einer unbekannten, aber ohne Zweifel befriedigenden Weise steuern und fortbewegen sollten. Auf der Plattform, die sechs Zoll dick mit frischem Grase bedeckt war, schlugen wir unser kleines Zelt auf und staffierten es mit Bärenfellen, Decken und Kissen zu einer behaglichen Kajüte heraus. Flinten und Revolver wurden abgeschnallt und an die Zeltpfähle aufgehängt, die schweren Reitstiefel mußten bequemerem Schuhwerk weichen; die Sättel wurden für späteren Gebrauch in irgend einem Winkel aufgehoben, kurz alles so behaglich und elegant eingerichtet, wie die Verhältnisse es zuließen. Nachdem wir uns noch einige Stunden ausgeruht 73 hatten, und unser schweres Gepäck auf einem anderen ähnlichen Fahrzeug untergebracht worden, spazierten wir das sandige Ufer hinab, riefen der Menge, die sich uns zu Ehren versammelt hatte, Lebewohl zu und bewegten uns langsam in die Strömung, während die Kamtschadalen am Ufer mit Hüten und Tüchern schwenkten, bis eine Flußbiegung sie unseren Blicken entzog. Die Scenerie des oberen Kamtschatka war während der ersten zwanzig Meilen verhältnismäßig zahm und uninteressant, da die Berge von dichtem Fichten-, Birken- und Lärchenwald, der sich bis an den Rand des Wassers zog, vollständig verdeckt waren. Wir streckten uns mit Behagen auf die weichen Bärenfelle in unserem Zelte aus, bewunderten die mannigfaltigen Tinten des herbstlich gefärbten Laubes, freuten uns, wenn eine plötzliche Biegung des Flusses uns eine neue Aussicht eröffnete, oder unser Herannahen einen großen kamtschadalischen Adler von einem hervorragenden Felsen oder ganze Schwärme schreiender Wasservögel aufscheuchte, welche in langen Linien flußabwärts flogen, bis wir sie aus den Augen verloren. Da die Schiffahrt auf dem oberen Kamtschatka bei Nacht wegen der starken Strömung und den vielen ins Wasser gefallenen Baumstämmen schwierig und gefährlich ist, hielten es unsere Schiffer für geboten, bei hereinbrechender Dunkelheit nicht weiter zu fahren; wir zogen also unsere Fahrzeuge ans Ufer, um das Aufgehen des Mondes abzuwarten. Nachdem im Gebüsch eine halbkreisförmige Lichtung geschaffen und Feuer angemacht war, wurden Kessel mit Kartoffeln und Fisch zum Kochen aufgehängt, und wir alle versammelten uns um die lodernde Flamme, um zu rauchen, zu plaudern und amerikanische Lieder zu singen. Für ein civilisiertes Auge war die Scene außerordentlich wild und malerisch. Der dunkle, verlassene Fluß, der über die in sein Bett gestürzten Baumstämme melancholisch dahinrauschte, der dichte Urwald, der ob der Störung seiner Einsamkeit erstaunt im Winde flüsterte, das hoch auflodernde Lagerfeuer, das einen düster roten Schein auf das Wasser warf und den umgebenden Wald magisch 74 beleuchtete, die Gruppen phantastisch gekleideter Männer, die auf zottigen Bärenfellen nachlässig um die Glut ausgestreckt lagen, das war ein Bild des Pinsels eines Rembrandt würdig. Nach dem Nachtessen schichteten wir am Ufer Treibholz auf und entzündeten ein großes Freudenfeuer, schleuderten Feuerbrände auf die flussaufwärts schwimmenden und in die Höhe springenden Lachse, und erschreckten die Enten, die durch das ungewöhnliche Geräusch und den Feuerschein aus ihrem Schlafe aufgestört wurden. Als von unserem Freudenfeuer nur noch ein glühender Kohlenhaufen übrig war, breiteten wir unsere Bärenfelle auf dem weichen Sand dicht am Uferrand aus, legten uns nieder und betrachteten die funkelnden Sterne, bis der Schlaf uns in Traum und Vergessenheit wiegte. Gegen Mitternacht wurde ich durch niederströmenden Regen und das Rauschen der vom Winde bewegten Baumwipfel geweckt. Als ich aus meinen durchnäßten Decken kroch, machte ich die Entdeckung, daß der Major und Dodd das Zelt unter den Bäumen am Ufer aufgeschlagen und darin Schutz gesucht, während sie mich verräterischerweise im Regensturm zurückgelassen hatten, als sei es für mich einerlei, ob ich unter einem Zelt oder in einer Schmutzpfütze schliefe. Ich überlegte, ob ich mich rächen und das Zelt über ihren Köpfen niederreißen, oder in dasselbe eintreten sollte, und beschloß endlich, einstweilen vor dem Regen Schutz zu suchen und meine Rache auf eine passendere Zeit zu verschieben. Kaum war ich wieder eingeschlafen, als das nasse Zelttuch mir übers Gesicht gezogen und mir zugerufen wurde aufzustehen, es sei Zeit zur Abfahrt. Ich kroch unter dem zusammengefallenen Zelt hervor und schritt verdrießlich unserem Fahrzeug zu, indem ich erwog, was für Schabernack ich Dodd und dem Major spielen könnte, um ihre Missethaten wett zu machen. Es war ein Uhr des Morgens, kalt, regnerisch, unbehaglich – aber es wurde angenommen, der Mond sei aufgegangen und unser kamtschadalischer Schiffer behauptete, es sei hell genug zur Abfahrt. Ich glaubte es nicht, aber meine schläfrig 75 abgegebene Meinung kam beim Major nicht zur Geltung, mein Protest wurde nicht beachtet. In der Bitterkeit meines Herzens hoffte ich, wir würden wider einen Baumstamm stoßen, streckte mich ärgerlich auf das durchweichte Gras unseres Floßes und suchte im Schlaf Vergessenheit alles Elendes. Widrigen Windes wegen konnten wir das Zelt nicht aufrichten, und mußten uns, so gut es ging, mit Wachstuch zudecken und frieren. Ungefähr eine Stunde nach Tagesanbruch näherten wir uns der Niederlassung »Milkowa«, dem größten Dorf der Halbinsel. Der Regen hatte aufgehört, und das Gewölk brach sich, aber die Luft war noch kalt und unangenehm. Ein Kurier, der tags vorher von Schoroma in einem Boote abgesandt worden, hatte den Bewohnern unsere bevorstehende Ankunft gemeldet, und der Signalschuß, den wir an der letzten Flußbiegung abfeuerten, brachte die ganze Bevölkerung Hals über Kopf an das Ufer. Unser Empfang war geradezu eine Ovation. Die »Väter der Stadt«, wie Dodd sie nannte, zwanzig an der Zahl, waren in corpore auf dem Landungsplatze versammelt, verbeugten sich bis zur Erde, schwenkten ihre Hüte und schrieen: » zdrastuche «! Als wir noch fünfzig Meter vom Ufer entfernt waren, wurde aus einem Dutzend rostiger Steinschloßgewehre ein Salutschuß abgefeuert, der nicht ohne Gefahr für unser Leben war, und eine ganze Anzahl Eingeborene wateten durch das Wasser, um uns beim Aussteigen behilflich zu sein. Das Dorf lag in einiger Entfernung vom Flusse, und die Bewohner hielten zu unserer Beförderung Pferde bereit, die schlimmer aussahen, als alle, deren ich noch in Kamtschatka ansichtig geworden. Sie trugen hölzerne Sättel, die dem Giebel eines eckigen Hauses nachgebildet, ungefähr zwölf Zoll lange Steigbügel, die aus alten Riemenüberresten von Seehundsfellen zusammengestoppelt waren, Schwanzriemen aus Bärenhaut, und um die Nasen der Tiere hatte man Halfter von Walroßhaut geschlungen. Die Aufregung, welche herrschte, als wir uns anschickten aufzusteigen, war, glaube ich, ohnegleichen in den Annalen dieses friedlichen Dorfes. Ich weiß nicht, wie der 76 Major auf sein Pferd kam, aber ich weiß, daß ein Dutzend langhaarige Kamtschadalen ungeachtet unseres Widerstandes Hand an Dodd und mich legten, uns hin- und herzerrten, bis das Bemühen, irgend eines Teiles unserer unglücklichen Person habhaft zu werden, an den Kampf um die Leiche des Patroklus erinnerte, und uns schließlich triumphierend in atemlosem, erschöpftem Zustand in unsere Sättel hißten. Noch ein so gastfreundlicher Empfang würde uns für den Dienst der Russisch-Amerikanischen Telegraphengesellschaft für immer untauglich gemacht haben. Ich hatte nur gerade Zeit, einen flüchtigen Blick auf den Major zu werfen. Er sah aus wie eine Landratte, die rittlings auf dem Ende eines unter dem Winde liegenden Leesegelspiers eines Schnell-Kutters sitzt; der Ausdruck seines verzerrten Gesichtes war ein Gemisch von Schmerz, Belustigung und Erstaunen, der aber offenbar seinen widerstreitenden Gefühlen noch lange nicht gerecht wurde. Es war mir nicht möglich, ihn meiner sympathischen Teilnahme zu versichern, denn ein aufgeregter Eingeborener ergriff das Halfter meines Rosses, drei andere rangierten sich auf jede Seite, und ich wurde im Triumphe nach einem mir unbekannten Bestimmungsort entführt. Die unaussprechliche Lächerlichkeit unseres Aufzuges wurde mir in ihrem ganzen Umfange erst klar, als ich kurz vor dem Dorfe zurückblickte. Da thronten auf kamtschadalischen Kleppern der Major, Wuschin und Dodd mit ihren Knieen fast auf gleicher Höhe mit ihrem Kinn, nebenher trabten ein halbes Dutzend Eingeborene in excentrischen Kostümen, und eine ganze Prozession barhäuptiger Männer und Knaben führten den Nachtrab, indem sie mit scharfen Stöcken die armen Pferde zu vorübergehender Lebhaftigkeit anfeuerten. Ich dachte an einen römischen Triumphzug, in dem der Major, Dodd und ich die siegreichen Helden, die Kamtschadalen die Gefangenen spielten, die wir gezwungen, »unter dem Joch« durchzugehen und die nun unseren Einzug in die Siebenhügelstadt verherrlichten. Dodd meinte, er müsse seiner Einbildungskraft Gewalt anthun, sich uns bei dieser Gelegenheit als »siegreiche Helden« vorzustellen, 77 »heldenmütige Opfer« halte er für ebenso poetisch und der Situation entsprechender. Sein streng praktischer Verstand wollte von dieser phantastischen Idealisierung unseres Elendes nichts wissen. Die Aufregung nahm bei unserem Einzug in das Dorf eher zu, als ab. Unsere buntscheckige Eskorte gestikulierte, lief hin und her, schrie wie toll und erteilte unverständliche Befehle; an den Fenstern der Häuser erschienen und verschwanden Köpfe mit beunruhigender kaleidoskopischer Plötzlichkeit, und eine Unzahl von Hunden erschütterten die Luft mit einem wahrhaft höllischen Hunde-Jubelfest. Endlich machten wir vor einem großen einstöckigen Blockhause Halt; zwölf bis fünfzehn Eingeborene halfen uns aus dem Sattel. Sobald Dodd seiner verwirrten Geisteskräfte Herr werden konnte, frug er: »Was im Namen aller russischen Heiligen ist hier los? Sind alle die Menschen übergeschnappt?« Wuschin erhielt Befehl, den Starosta oder Stadtvorsteher rufen zu lassen, und einige Minuten später erschien der Würdenträger mit tiefen Bücklingen. Nun folgte ein langes Zwiegespräch auf russisch zwischen dem Major und dem Starosta, das gelegentlich von Erklärungen in kamtschadalischer Sprache unterbrochen wurde, was gerade die Sache nicht klarer zu machen schien. Nach und nach besänftigten sich jedoch die strengen Züge des Majors, und schließlich brach er in so herzliches, ansteckendes Lachen aus, daß ich freudig einstimmte, obgleich ich gar nicht begriffen, um was es sich handelte. Sobald er nur einigermaßen seine Fassung wieder erlangt, stieß er hervor: »Die Eingeborenen haben Sie für den Kaiser gehalten«, und dann fing er von neuem an sich vor Lachen zu schütteln. Ich war ganz verblüfft, lächelte verlegen und wartete auf nähere Erklärung. Es scheint, daß der von Petropawlowsk abgesandte Kurier, der die Eingeborenen von unserem Kommen benachrichtigen sollte, einen Brief vom russischen Gouverneur bei sich trug, in welchem die Namen und Beschäftigungen der Mitglieder unserer Gesellschaft angegeben waren. Ich war darin als »Yagor Kennan, Telegraphist und Operator« aufgeführt. Es trug sich 78 nun zu, daß der Starosta von Milkowa sich der seltenen Fertigkeit erfreute, russische Schrift lesen zu können; der Brief war ihm also eingehändigt worden, um den Bewohnern des Dorfes den Inhalt desselben mitzuteilen. Über das unbekannte Wort »Telegraphist« hatte er sich vergeblich den Kopf zerbrochen, es stieg ihm auch nicht die leiseste Ahnung auf, was es bedeuten könnte. »Operator« jedoch, das klang schon bekannter: es war zwar nicht genau so buchstabiert, aber es sollte doch entschieden »Imperator«, »Kaiser«, heißen – und mit klopfendem Herzen ob dieser überraschenden Entdeckung und mit zu Berg stehenden Haaren, ob der Schwierigkeit seiner exegetischen Studien, eilte er davon, um die Nachricht zu verkünden, daß der Herrscher aller Reussen Kamtschatka besuchen und binnen drei Tagen in Milkowa eintreffen werde. Man stelle sich die Aufregung vor, die diese Kunde hervorrief! Wie konnte Milkowa am besten seine Loyalität, seine Bewunderung vor dem Oberhaupt der kaiserlichen Familie, dem rechten Arm der heiligen griechischen Kirche und dem mächtigen Monarchen von siebzig Millionen ergebener Seelen bezeugen? Der kamtschadalische Scharfsinn verzichtete auf die Beantwortung der Frage. Was konnte ein armes kamtschadalisches Dorf für die Bewirtung seines erhabenen Herrn aufbieten? Als die erste Aufregung sich gelegt hatte, wurde der Starosta eingehend wegen des Briefes befragt, der die Nachricht übermittelt hatte, und musste zugeben, daß nicht deutlich darin stünde, »Alexander Nikolaiwitsch, Imperator,« sondern »Yagor«, irgend etwas »Operator«, was der Hauptsache nach doch dasselbe sei, denn wenn es auch nicht den Kaiser selbst bedeute, so doch gewiß jemand von seinen nächsten Verwandten, der Anspruch auf gleiche Ehrfurcht hätte. Der Kurier war bereits wieder abgereist, ohne über den Rang der von ihm angekündigten Reisenden etwas haben verlauten zu lassen; er hatte nur erzählt, sie seien auf einem Schiff in Petropawlowsk angekommen, trügen prächtige Uniformen in Blau und Gold, und der Gouverneur und der Hafenkommandant hätten sie bewirtet. Die öffentliche Meinung 79 einigte sich schließlich dahin, daß Operator und Imperator etymologisch betrachtet, nahe verwandt seien, und daß der Mann mit diesem Titel ein hoher Würdenträger sein und zur kaiserlichen Familie in enger Beziehung stehen müsse. Unter diesem Eindruck hatten sie uns empfangen, und die armen Burschen hatten alles aufgeboten, um es an den geeigneten Ehrenbezeigungen und dem erforderlichen Respekt nicht fehlen zu lassen. Für uns war ja der Empfang eine harte Prüfung gewesen, aber derselbe hatte in unverkennbarer Weise die Loyalität der Bewohner Milkowas für die regierende Zarenfamilie dargethan. Der Major unterrichtete den Starosta über unseren wirklichen Rang und unsere Beschäftigung, aber die Gastfreundschaft, die man uns erwies, war deshalb nicht weniger herzlich. Das Beste, was das Dorf aufzuweisen hatte, stand zu unserer Verfügung, und wir wurden mit einer Neugierde angestarrt, die bewies, daß fremde Reisende in Milkowa zu den größten Seltenheiten gehörten. Nachdem wir mit verschiedenen höchst merkwürdig zusammengesetzten Nationalgerichten Bekanntschaft gemacht, uns an Brot und Renntierfleisch wirklich gesättigt, kehrten wir in feierlichem Aufzug zum Landungsplatz zurück und traten unter dem Dröhnen von Salutschüssen unsere Weiterreise flußabwärts an. 80   11. Kapitel. Dieses Flußthal ist unstreitig der fruchtbarste Teil der ganzen kamtschadalischen Halbinsel. Fast alle Dörfer, an denen wir vorüberkamen, waren von Roggenfeldern und zierlich eingezäunten Gärten umgeben; die Ufer waren entweder bewaldet oder mit wogendem Gras bedeckt; das üppige Wachstum von Blumen und Unkraut legte Zeugnis für die Güte des Bodens und die warme Feuchtigkeit des Klimas ab. Primeln, Schlüsselblumen, Sumpfveilchen, Butterblumen, wilde Rosen, Fünffingerkraut, Schwertlilien und himmelblauer Rittersporn wuchsen im ganzen Thal in Hülle und Fülle; und eine Umbelliferenart mit hohlem, knotigem Stengel erreichte an manchen Stellen eine Höhe von sechs Fuß und war so dicht, daß sich hinter ihren großen, gesägten Blättern ein Mann verstecken konnte. Alles dies war das Wachstum eines einzigen Sommers. Zwischen der Quelle des Kamtschatka und dem Vulkan Kljutschew befinden sich zwölf Dörfer von Eingeborenen. Beinah alle sind höchst malerisch gelegen und von Gärten und Roggenfeldern umgeben. Nirgends entdeckt der Reisende etwas von der Unfruchtbarkeit und eisigen Einöde, die er in Kamtschatka glaubt erwarten zu müssen. Als wir am Montagmorgen unsere gastlichen Freunde und kaiserliche Würde in Milkowa zurückgelassen hatten, 81 schwammen wir drei Tage langsam flußabwärts, genossen dann und wann einen Fernblick auf die schneebedeckten Berggipfel, die das Thal begrenzen, schweiften im Walde umher auf der Suche nach Bären und wilden Kirschen, lagerten des Nachts unter den Bäumen am Ufer, kurz wir führten ein seltsames, freies, entzückendes Leben. In den Niederlassungen Kuirgana, Maschura, Tschapina und Tolbatschinsk wurde uns großartige Gastfreundschaft zu teil, und Mittwoch den dreizehnten September lagerten wir im Walde südlich von Kosuirewsk, hundertundzwanzig Werst von dem Dorfe Kljutschewsk. Mittwoch regnete es fast den ganzen Tag; wir kampierten in der Nacht unter den triefenden Bäumen und fürchteten, daß wir von den landschaftlichen Schönheiten Nieder-Kamtschatkas wenig zu sehen bekommen würden. Vor Mitternacht hellte sich jedoch das Wetter auf, und zu sehr früher Stunde rief mir Dodd zu, ich solle aufstehen und die Berge betrachten. Es regte sich fast kein Lüftchen, und die Atmosphäre hatte jene eigentümlich krystallartige Durchsichtigkeit, die man manchmal in Kalifornien beobachtet. Die Boote und das Gras waren stark bereift und von den gelben Birken über unserem Zelte lösten sich einige welke Blätter. Kein Laut unterbrach das Schweigen der in Dämmerung gehüllten Natur; nur die Spuren wilder Renntiere und räuberischer Wölfe im Sand des Ufers bewiesen, daß es der uns umgebenden, einsamen Wildnis nicht an Leben fehlte. Der östliche Himmel färbte sich mit gelbem Lichte bis zum Morgenstern hinauf, der zwar erblaßte, aber seine Vorpostenstellung zwischen den kämpfenden Mächten, Nacht und Tag, noch behauptete. Fern im Nordosten über dem gelben Walde hoben sich in zartem Purpur gegen den roten Sonnenaufgang die hohen, scharfen Bergspitzen von Kljutschewsk ab, welche den majestätischen Kegel des Kljutschew umgeben. Vor einem Monate ungefähr hatte ich diese herrlichen Berge vom Deck unserer schwankenden, kleinen Brigg zuerst erblickt, ohne zu vermuten, daß ich sie von einem 82 einsamen Lager in den Wäldern des Kamtschatkaflusses wieder begrüßen würde. Wohl eine halbe Stunde lang saßen Dodd und ich ruhig am Ufer, warfen wie geistesabwesend Kiesel in das stille Wasser, schauten zu den Bergen auf, welche die aufgehende Sonne mit ihren ersten Strahlen begrüßte, und sprachen von den Abenteuern, die wir seit unserer Abreise von Petropawlowsk erlebt. Wie anders erschien mir jetzt Sibirien, als damals, da die steilen Küsten Kamtschatkas zuerst vor meinen Augen der blauen Flut des stillen Ozeans entstiegen waren. Damals war es mir ein unbekanntes, geheimnisvolles Land voll Gletscher und Schneeberge, das zwar Abenteuer versprach, aber doch mit seiner unbewohnten Wildnis einsam und abschreckend erschien. Jetzt war es nicht mehr einsam und öde. Jeder Berggipfel erinnerte an ein gastfreies Dorf, das sich an seinen Fuß schmiegte, jeder kleine Fluß war mit der großen Welt menschlicher Interessen durch irgend eine angenehme Erinnerung unseres Zeltlebens verbunden. Abenteuer waren noch in Aussicht, aber die Erfahrungen einer Woche hatten alle Einbildungen von Einsamkeit und Trostlosigkeit zerstört. Ich dachte an die unbestimmten Vorstellungen, die ich mir in Amerika von diesem schönen Lande gebildet hatte, und versuchte sie mit den neuerdings empfangenen Eindrücken, welche jene verwischt hatten, zu vergleichen, aber es war vergebliche Mühe. Es gelang mir nicht, mich in die verloren gegangene geistige Atmosphäre der Civilisation zu versetzen, noch jene früheren Erwartungen mit der so sehr verschiedenen Wirklichkeit in Einklang zu bringen. Die lächerlichen Vorstellungen, die vor drei Monaten so lebensvoll und wahr geschienen, waren nur noch ein halbverwischtes Traumgebilde, und nichts war wirklich, wie der ruhige Fluß, der zu meinen Füßen dahineilte, die Birke, die mir ihre gelben Blätter aufs Haupt schüttelte, und die fernen purpurnen Berge. Die lauten Schläge gegen einen zinnernen Kochkessel, das Zeichen zum Frühstück, schreckten mich aus 83 meiner Träumerei auf. In Zeit von einer halben Stunde war das Frühstück beendet, das Zelt abgebrochen, alles eingepackt, und wir befanden uns unterwegs. Den ganzen Tag schwammen wir flußabwärts in der Richtung von Kljutschewsk. Die Berge schienen sich auf unserer Fahrt nordwärts zu verschieben und boten unsern überraschten Blicken stets eine andere malerische Gruppierung. Bei Einbruch der Dunkelheit kamen wir nach Kosuirewsk, wechselten die Bootsmannschaft und setzten unsere Reise die Nacht durch fort. Freitag bei Tagesanbruch fuhren wir an Krestowsk vorüber, und um zwei Uhr nachmittags landeten wir in Kljutschewsk. Es waren gerade elf Tage verflossen, seit wir Petropawlowsk verlassen hatten. Das Dorf Kljutschewsk liegt in einer offenen Ebene am rechten Ufer des Kamtschatkaflusses, am Fuß des majestätischen Vulkans Kljutschew und unterscheidet sich von anderen kamtschadalischen Niederlassungen nur durch die malerische Schönheit seiner Lage. Es liegt gerade in der Mitte der herrlichen isolierten Berggruppe, welche den Eingang des Flußthales bewacht, und wird häufig von dem dicken, schwarzen Rauch zweier Vulkane überschattet. Zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts wurde es von russischen Bauern gegründet, die man ihrer Heimat in Central-Rußland entriß und mit Sämereien und Ackerwerkzeugen nach Kamtschatka spedierte, um eine Kolonie zu gründen. Nach einer langen, an Abenteuern reichen Reise durch Asien, über Tobolsk, Irkutsk, Jakutsk und Kolymsk gelangte die kleine Schar unfreiwilliger Emigranten nach Kamtschatka und siedelte sich am Flusse gleichen Namens, im Schatten des großen Vulkanes an. Hier haben sie und ihre Nachkommen seit mehr als hundert Jahren gelebt und fast vergessen, wie sie hierher kamen und auf wessen Befehl. Ungeachtet der häufigen Ausbrüche der beiden feuerspeienden Berge in der unmittelbaren Nähe hat sich die Lage des Dorfes nie verändert, die Bewohner haben sich daran gewöhnt, den dumpfen Warnungsrufen, die aus den Tiefen der brennenden Krater aufsteigen, und dem Aschenregen, der sich häufig über ihre Felder und Dächer ergießt, keine 84 Beachtung zu schenken. Da sie nie von Pompeji und Herkulanum gehört, verbinden sie mit der flockigen Rauchwolke, die bei schönem Wetter über dem Kljutschew schwebt, oder mit dem grollenden Donner, durch welchen sein kleinerer, aber nicht weniger gefährlicher Nachbar während der langen Winternächte seine Wachsamkeit kund thut, keinen Gedanken an mögliche Gefahr. Vielleicht versinkt noch ein Jahrhundert in der Zeiten Schoß, ohne daß das kleine Dorf ernstlich zu Schaden kommt; aber nachdem ich das donnerähnliche Getöse des Kljutschew auf eine Entfernung von sechzig Meilen gehört und die dicken, schwarzen Rauchwolken gesehen, die gelegentlich aus demselben aufstiegen, konnte ich nicht umhin, Seiner vulkanischen Majestät eine weit ausgedehnte Macht zuzuschreiben und mich über die Kühnheit der Kamtschadalen zu wundern, welche diese Lage für ihre Niederlassung gewählt hatten. Der Kljutschew ist einer der höchsten und fast ununterbrochen thätigen feuerspeienden Berge der großen vulkanischen Kette des nördlichen stillen Ozeans. Seit dem siebzehnten Jahrhundert sind nur wenige Jahre aufzuzählen, in denen nicht größere oder kleinere Ausbrüche stattfanden, und selbst in der Gegenwart schleudert er in unregelmäßigen Zwischenräumen von wenigen Monaten seine Feuergarben in die Luft und streut seinen Aschenregen über die ganze Breite der Halbinsel und die beiden Meere. Auf fünfundzwanzig Meilen in der Runde von Kljutschewsk ist der Schnee im Winter häufig dergestalt mit Asche bedeckt, daß das Reisen in Schlitten zur Unmöglichkeit wird. Nach den Berichten der Eingeborenen fand vor vielen Jahren ein Ausbruch von schrecklicher Großartigkeit statt. In einer dunkeln Winternacht schreckten donnerähnliches Getöse und Erdstöße die Bewohner von Kljutschewsk aus dem Schlafe auf. Sie eilten aus ihren Häusern und erblickten 16 000 Fuß über ihren Köpfen eine lodernde Feuersäule. Unter lautem Rollen und dumpfem Wiederhall aus dem Innern floß die geschmolzene Lava in breiten, feurigen Strömen an den schneebedeckten Seiten des Berges herab, 85 bis derselbe auf halber Höhe eine Glutmasse war, welche die Dörfer Krestowsk, Kosuirewsk und Kljutschewsk in Tageshelle versetzte und die ganze Umgegend in einem Durchmesser von fünfundzwanzig Meilen erleuchtete. Dieser Ausbruch soll die Halbinsel auf eine Entfernung von dreihundert Werst anderthalb Zoll tief mit Asche bedeckt haben. Die Lava ist noch nie weit über die Schneelinie hinaus gegangen, aber warum sollte sie nicht einmal die Niederlassung Kljutschewsk vernichten und das Bett des Kamtschatka mit einem Glutstrom füllen können? Der Vulkan ist, so viel ich weiß, nie bestiegen worden, und die angebliche Höhe von 16 500 Fuß beruht vermutlich auf der annähernden Schätzung irgend eines russischen Beamten. Er ist jedoch sicherlich der höchste Gipfel der Halbinsel Kamtschatka und eher höher als 16 000 Fuß wie niedriger. Wir verspürten große Lust, seine sanften, schneebedeckten Abhänge zu erklimmen und einen Blick in seinen rauchenden Krater zu werfen; aber es wäre Tollkühnheit gewesen, ohne längere Übung und Vorbereitung die Besteigung zu unternehmen, und dazu fehlte es uns an Zeit. Der Berg bildet beinahe einen vollkommenen Kegel und erscheint von Kljutschewsk aus gesehen so trügerisch verkürzt, daß die letzten 3000 Fuß ganz senkrecht aufsteigen. Etwas südöstlich vom Kljutschew und durch einen unregelmäßig unterbrochenen Bergrücken mit demselben verbunden erhebt sich ein anderer Vulkan, dessen Namen, wenn er überhaupt einen besitzt, ich nicht ermitteln konnte. Er ist niedriger als jener, scheint aber zu demselben vulkanischen Herd zu gehören; der schwarze Rauch, der beständig aus demselben aufsteigt, wird vom Ostwind in großen Wolken über den Kljutschew hingetrieben, so daß derselbe oft ganz verhüllt ist. In Kljutschewsk wurden wir in dem großen behaglichen Hause des Starosta aufgenommen. Die Wände unseres Zimmers waren mit geblümtem Kattun, die Decke mit weißem Baumwollenzeug überzogen, und die kunstlosen Möbel aus Tannenholz mit Seife und Sand tadellos gescheuert. Ein wertloses Gemälde, das, glaube ich, Moses darstellen 86 sollte, hing in vergoldetem Rahmen in der Ecke; aber der kluge Prophet hatte offenbar die Augen geschlossen wegen des Rauches der zahllosen ihm zu Ehren entzündeten Kerzen, und der Ausdruck seines Gesichtes hatte darunter zu leiden. Die Tische waren mit Teppichen amerikanischen Fabrikates bedeckt, Blumentöpfe standen an den mit Vorhängen versehenen Fenstern; der Thüre gegenüber hing ein kleiner Spiegel, und all die kleinen Geräte und Zierrate des Zimmers waren so geschmack- und wirkungsvoll angebracht, daß man unschwer die weibliche Hand erriet, die hier gewaltet, denn Männer können wohl dergleichen bewundern, aber es der Frau nicht gleichthun. Auch die amerikanische Kunst hatte diese Hütte in der Wildnis schmücken helfen, denn auf einer der Thüren waren Skizzen aus dem Leben in Virginien von dem geschickten Stift von Porte Crayon angebracht. In diesem behaglichen, ich möchte fast sagen luxuriösen Quartier verbrachten wir den Rest des Tages in angenehmster Weise. In Kljutschewsk mußten wir uns entscheiden, welchen Weg wir auf unserer Reise nach dem Norden einschlagen wollten. Der kürzeste und in vieler Hinsicht der beste war der, welchen gewöhnlich die russischen Händler benutzen. Er führt im Paß Jelowka über die centrale Bergkette nach Tigiljsk und zieht sich dann längs der Westküste der Halbinsel bis an das Nordende des ochotskischen Meeres. Freilich war die Jahreszeit schon weit vorgerückt, und wir mußten darauf gefaßt sein, die Gebirgspässe mit tiefem Schnee bedeckt zu finden. Die einzige Alternative war, unsere Reise von Kljutschewsk der östlichen Küste entlang bis zur Niederlassung Dranka fortzusetzen, wo das Gebirge zu unbedeutenden Hügeln herabsinkt, und über diese uns nach dem Dorfe Ljesnowsk am ochotskischen Meere zu begeben. Diese Route war bedeutend länger als die über den Jelowkapaß, bot aber geringere Schwierigkeiten. Nach vielen, langen Beratungen mit verschiedenen Eingeborenen, die das Land kennen sollten, aber durchaus keine Verantwortung übernehmen wollten und daher 87 sehr wortkarg waren, beschloß der Major, den Weg über den Jelowkapaß zu wählen, und bestellte für Samstagmorgen Boote, welche uns den Jelowkafluß hinauf befördern sollten. Im schlimmsten Falle, wenn wir nicht über die Berge konnten, blieb uns Zeit, nach Kljutschewsk zurückzukehren und vor Eintritt des Winters die andere Route einzuschlagen. Sobald diese wichtige Frage entschieden war, überließen wir uns dem ungeschmälerten Genuß der Zerstreuungen, welche das kleine, stille Dorf Kljutschewsk bot. Einen öffentlichen Spaziergang, wo wir, wie die Russen sagen, »uns zeigen und die Leute hätten sehen können«, gab es nicht; auch wären wir in unseren abgetragenen Toiletten kaum promenadefähig gewesen. Wir mußten also auf anderes sinnen. Die einzigen Orte für Unterhaltung, die wir in Erfahrung bringen konnten, waren das Badehaus und die Kirche; und der Major und ich machten uns spät am Nachmittage auf, um nach gewissenhafter, moderner Touristenart diese beiden interessanten Sehenswürdigkeiten gründlich kennen zu lernen. Aus naheliegenden Gründen kam das Badehaus zuerst an die Reihe. Ein Dampfbad zu nehmen, war gewiß keine unerlaubte Zerstreuung. Dodd hatte oft von den »schwarzen Bädern« der Kamtschadalen gesprochen, und ohne einen klaren Begriff von dem zu haben, was er meinte, hatte ich den unbestimmten Eindruck, daß diese »schwarzen Bäder« in einer tintenartigen Flüssigkeit kamtschadalischen Ursprungs von besonders reinigender Wirkung genommen würden. Warum hätte man sonst von » schwarzen Bädern« gesprochen? Als ich jedoch in Kljutschewsk das »schwarze Bad« betrat, wurde ich meines Irrtumes sofort inne, mußte aber zugeben, daß die Bezeichnung doch richtig war. Nachdem wir unsere Kleider in einem kleinen Raume abgelegt, der dem Zwecke eines Toilettenzimmers entsprach, ohne dessen Annehmlichkeiten zu besitzen, traten wir in gebeugter Haltung durch eine niedrige, mit Pelz überzogene Thüre in das eigentliche Badezimmer, das wahrhaftig dunkel genug war, um das schwärzeste 88 Adjektiv der Sprache zu rechtfertigen. Ein Talglicht am Boden verbreitete gerade Helle genug, um einen niedrigen, kahlen, etwa zehn Quadratfuß großen Raum aus unbeschnittenen Balken unterscheiden zu können, der auch nicht die kleinste Öffnung hatte, um Luft oder Licht einzulassen. Wände und Decke waren mit einer schwarzen Rußschicht überzogen. Aufeinander gestapelte Steine mit einem Feuerungsraum befanden sich auf der einen, einige breite Stufen, deren Zweck nicht ersichtlich, auf der andern Seite. Sobald das Feuer ausgegangen war, wurde die Kaminöffnung hermetisch verschlossen; der Steinhaufen strahlte eine grelle, trockene Hitze aus, welche das Atmen zu einer schweren Aufgabe und das Schwitzen zu einer unangenehmen Notwendigkeit machte. Der Genius loci erschien alsbald in Gestalt eines langhaarigen, nackten Kamtschadalen, goß Wasser auf die glühenden Steine, daß sie wie eine Lokomotive zischten, und das Licht inmitten des Dunstkreises mit blauer Flamme brannte. Ich hatte vorher geglaubt, es sei heiß, aber im Vergleich zu der Temperatur, welche besagtes Verfahren hervorrief, war es sibirischer Winter gewesen. Meine Knochen schienen zu schmelzen. Nachdem der Eingeborene die Luft des Raumes so nahe wie möglich auf 212° gebracht, ergriff er mich am Arme, legte mich auf die unterste der oben erwähnten Stufen, goß mit rühmlicher Unparteilichkeit kochendes Seifenwasser über mein Gesicht und meine Füße und fing an mich zu kneten, als ob er die Absicht habe, mich in meine ursprünglichen Elemente zu zerlegen. Es wäre vergebliche Mühe, die Mannigfaltigkeit und den diabolischen Scharfsinn der Tortur schildern zu wollen, welcher ich in den nun folgenden zwanzig Minuten unterworfen wurde. Ich wurde geschrubbt, gewälzt, gestoßen, mit kaltem Wasser übergossen, mit heißem gebrüht, mit Birkenruten geschlagen, mit Hanf abgerieben, der wie Backsteine kratzte, und schließlich durfte ich auf der obersten und heißesten Stufe wieder zu Atem kommen. Eine kalte Dusche war der Schlußakt der Prozedur; ich tastete mich in das Vorzimmer zurück und kleidete mich 89 unter Zähneklappern an. Einen Augenblick später erschien auch der Major, und wir traten gleich wesenlosen Schatten den Heimweg an. Zu einem Besuch der Kirche war es zu spät; wir hatten auch genug Zerstreuung gehabt für einen Tag und waren von der Bekanntschaft mit den schwarzen Bädern Kamtschatkas vollauf befriedigt, wenn auch nicht gerade entzückt. Am Abend zogen wir bei den Dorfbewohnern noch allerlei Erkundigungen über den nördlichen Teil der Halbinsel und die Reisegelegenheiten unter den nomadischen Korjäken ein und begaben uns vor neun Uhr zur Ruhe, damit wir am andern Morgen uns früh auf den Weg machen könnten. 90   12. Kapitel. Die Verkehrsmittel, deren wir uns auf unserer Reise durch Kamtschatka bedienen mußten, waren der mannigfaltigsten Art. Diesem Umstande ist vielleicht auch das Gefühl von Kurzweil und Frische zuzuschreiben, das uns auf unserer dreimonatlichen Reise nie abhanden kam. Wir lernten der Reihe nach die Annehmlichkeiten und Nachteile von Walfischbooten, Pferden, Flößen, Kähnen, Hunde-, Renntierschlitten und Schneeschuhen kennen, und sobald wir anfingen, der einen Reisegelegenheit müde und uns ihrer Unbequemlichkeit bewußt zu werden, machten wir die Bekanntschaft einer neuen. Zu Kljutschewsk nahmen wir von unseren Flößen Abschied und bestiegen kamtschadalische Kähne, die aus ausgehöhlten Baumstämmen bestanden. Sie sollten in der reißenden Strömung des Jelowka leichter zu lenken sein. Ihre bemerkenswerteste Eigentümlichkeit ist die entschiedene chronische Neigung, ohne scheinbar die geringste Ursache umzukippen. Aus zuverlässiger Quelle erfuhr ich, daß gerade vor unserer Ankunft auf dem Kamtschatka ein Boot umgeschlagen sei, weil ein leichtsinniger Kamtschadale in seine rechte Hosentasche ein Taschenmesser gesteckt habe, ohne auch etwas von entsprechendem Gewicht in der linken Tasche unterzubringen, und daß die kamtschadalische Mode, das Haar in der Mitte zu teilen, ihren Ursprung dem Versuche 91 verdanke, das persönliche Gleichgewicht bei Benutzung dieser Kähne herzustellen. Vielleicht hätte ich diesen merkwürdigen und nicht ganz neuen Geschichten einigen Zweifel entgegengebracht, wäre mein Berichterstatter nicht der zuverlässige, von unantastbarer Wahrheitsliebe beseelte Herr Dodd gewesen. Der Ernst der Sache ist wohl genügende Garantie, daß er sich keinen Scherz mit mir erlaubte. Samstagmorgen schliefen wir viel länger, als sich mit unserer Pflicht vereinbaren ließ: es war fast acht Uhr, als wir uns an das Ufer begaben. Beim Anblick der gebrechlichen Boote, denen wir unser Geschick und das des russisch-amerikanischen Telegraphen anvertrauen sollten, herrschte allgemeine Überraschung und großes Mißvergnügen. Einer der Gesellschaft, der sich durch vorschnelles Urteil auszeichnete, erklärte sofort, eine Reise auf solchen Schiffen müsse mit dem Tode durch Ertrinken endigen, und bezeigte große Abneigung sich einzuschiffen. Von einem großen Feldherrn, dessen Kommentare der Schrecken meiner Jugend waren, wird erzählt, daß er während einer stürmischen Überfahrt über das jonische Meer seinen Schiffer mit der stolzen, selbstbewußten Versicherung ermutigt habe: »Du fährst Cäsar und sein Glück!«, und daß ihm folglich kein Unglück zustoßen könne. Der kamtschadalische Cäsar schien jedoch bei dieser Gelegenheit seinem Glück zu mißtrauen, und die Trostgründe kamen von der andern Seite. Der Schiffer sagte nicht: »Beruhige dich, Cäsar, ein Kamtschadale und sein Glück fahren dich«, sondern er versicherte ihn, daß er schon seit mehreren Jahren den Fluß befahre und »noch nicht ein einziges Mal ertrunken sei«. Was konnte Cäsar mehr verlangen? Nach einiger Verzögerung nahmen wir alle auf Bärenfellen auf dem Boden der Kähne Platz und stießen vom Lande. Alle landschaftlichen Schönheiten in der Umgebung von Kljutschewsk ordnen sich dem großartigen Mittelpunkte unter, welchen der Vulkan Kljutschew, der Herrscher der sibirischen Berge, bildet, dessen scharfer 92 Gipfel mit seinem regungslosen Wimpel von vergoldetem Rauch überall innerhalb eines Halbmessers von hundert Meilen zu sehen ist. Alle anderen Naturschönheiten kommen nur insofern in Betracht, als sie dem prächtigen Berggipfel, der sich aus den grasigen Thälern des Kamtschatka und Jelowka erhebt, Relief verleihen. Lange, ehe die Morgennebel und die Finsternis aus dem Thale weichen, und lange nachdem die Sonne hinter den purpurnen Bergen von Tigiljsk hinabgesunken, ist sein stolzer Krater in rosiges Licht getaucht. Zu allen Zeiten, unter allen Umständen und in seiner stets wechselnden Erscheinung ist er der schönste Berg, den ich je gesehen. Bald steht er vom warmen Sonnenschein eines indischen Sommertages umflossen, nur einige flockige Wölkchen schweben an der Schneelinie hin und werfen purpurne Schatten auf seinen Abhang; bald hüllt er sich in dichte, schwarze Rauchwolken und läßt die an seinem Fuße ruhenden Dörfer seine donnerähnliche Warnungsstimme vernehmen, und gegen Abend sammeln sich graue Nebel um seinen Gipfel, welche in wirren Massen an seinen Seiten hinunterwogen, bis er sich in der klaren Atmosphäre wie eine kolossale Wolkensäule 16 000 Fuß hoch aus einem fünfzig Quadratmeilen großen Fichtenwalde erhebt. Man meint, nichts könne schöner sein als das zarte, rosige Licht, das seine Schneedecke färbt, wenn die Sonne im Westen verglüht; wenn aber das blasse Mondlicht seine Nebelkappe mit silbernem Rande säumt, wenn schwarze Schatten sich in seinen tiefen Schluchten sammeln und seine schneeigen Zinnen im »Nebelglanze« leuchten, wenn das Heer zahlloser Sterne seinen erhabenen Gipfel zu umkreisen und die wirre Silberkette der Plejaden an einer seiner felsigen Spitzen zu hangen scheint, dann wird einem die Wahl schwer werden. Gegen Mittag fuhren wir in den Jelowka ein. Der Fluß ergießt sich von Norden her, zwölf Werst oberhalb Kljutschewsks in den Kamtschatka. Seine Ufer sind im allgemeinen niedrig und sumpfig und mit Schilf und Riedgras dicht bewachsen, was Tausenden von wilden 93 Enten, Gänsen und Schwänen Obdach gewährt. Wir erreichten vor Nacht das Dorf Chartschinsk und schickten sogleich nach einem berühmten russischen Führer, Nikolaus Bragan, den wir zu bestimmen hofften, uns über die Berge zu begleiten. Von Bragan erfuhren wir, daß in der vorhergehenden Woche in den Bergen ein starker Schneefall gewesen, aber er hoffte, das milde Wetter der letzten Tage habe den Schnee zum Schmelzen gebracht, und der Saumpfad werde in passierbarem Zustande sein. Er wollte auf jeden Fall den Versuch machen, uns hinüber zu geleiten. Von großer Sorge befreit, verließen wir Chartschinsk in der Frühe des siebzehnten, um weiter flußaufwärts zu fahren. Wegen der Stromschnellen im Hauptarme fuhren wir in einen der vielen Nebenarme, welche der Fluß hier bildet, und arbeiteten uns vier Stunden lang mit Bootshaken langsam vorwärts. Das Flußbett machte viele Biegungen und war so schmal, daß man das Ufer auf jeder Seite mit dem Ruder erreichen konnte; an vielen Stellen berührten sich die an den gegenüberliegenden Rändern stehenden Birken und Weiden und bestreuten uns mit gelben Blättern, als wir unter ihnen hinfuhren. Hier und da hingen lange, knorrige Baumstämme ins Wasser, andere mit Moos bewachsene streckten ihre Enden aus der Tiefe des Stromes hervor; mehr wie einmal glaubten wir, in unwegsamem Sumpfe stecken zu bleiben. Nikolaus Alexandrowitsch, unser Führer, der vorausfuhr, sang zu unserer Unterhaltung einige der eintönigen, melancholischen kamtschadalischen Lieder, und Dodd und ich erschöpften unser ganzes Repertoire. Des Singens müde trafen wir in dem engen Boote eine friedliche Übereinkunft in Bezug auf unsere Beine und hielten auf unseren Bärenfellen ein Schläfchen, ohne uns von dem Geplätscher des Wassers und dem Geräusch der Bootshaken stören zu lassen. Wir kampierten die Nacht auf dem hohen, sandigen Ufer, zehn bis zwölf Meilen südlich von Jelowka. Es war ein lauer, stiller Abend, und als wir alle rauchend und von den Tageserlebnissen plaudernd auf 94 unseren Bärenfellen um das Feuer ausgestreckt lagen, hörten wir plötzlich ein leises Rollen, wie ferner Donner, von gelegentlichen Erschütterungen begleitet. – »Was ist das,« fragte der Major. »Das,« erwiderte Nikolaus gelassen, »ist der Kljutschew, der sich mit dem Schiwelutsch unterhält.« »Vermutlich sind es keine Geheimnisse, die er ihm anvertraut,« versetzte Dodd trocken, »denn er schreit sie laut genug heraus.« Der Wiederhall dauerte einige Minuten, aber der Schiwelutsch gab keine Antwort. Dieser unglückliche Berg hatte seine vulkanische Kraft frühzeitig vergeudet und besaß nun keine Stimme mehr, um auf die donnernde Anrede seines mächtigen Kameraden Antwort zu geben. Es gab eine Zeit, da die Vulkane in Kamtschatka so zahlreich waren wie die Ritter um König Artus' Tafelrunde, und da die Halbinsel beim Donner ihrer Zwiegespräche und nächtlichen Belustigungen erbebte; aber einer nach dem andern ist durch die feurigen Ströme seiner eigenen Beredsamkeit zum Schweigen gebracht worden; nur der Kljutschew spricht noch in den stillen Stunden der langen Winternächte zu seinen Gefährten, und die einzige Antwort, die er erhält, sind die fernen Echos seiner eigenen, mächtigen Stimme. Am nächsten Morgen weckte mich die jubelnde Musik von »Oh, Susan–na–a–a, weine nicht um mich,« und als ich aus dem Zelte kroch, erblickte ich einen unserer kamtschadalischen Schiffer, der auf einer Bratpfanne trommelte und besagtes Lied dazu sang. Ein komischer, in Tierfelle gekleideter Eingeborener im Herzen Kamtschatkas, der »Oh Susanna« sang und sich auf einer Bratpfanne dazu begleitete, das war zu viel für meinen Ernst; ich brach in ein homerisches Gelächter aus, das Dodd alsbald auf den Schauplatz brachte. Der Sänger, welcher sich unbelauscht geglaubt, hielt plötzlich inne und schaute so verlegen um sich, als wenn er fühle, daß er sich lächerlich gemacht habe. »Ei, Andreas,« sagte Dodd, »ich wußte gar nicht, daß du englisch singen kannst.« 95 »Kann ich auch nicht, Bahrin,« lautete die Antwort, »aber amerikanisch kann ich ein wenig singen.« Dodd und ich schüttelten uns von neuem vor Lachen, was den armen Andreas immer noch mehr verwirrte. »Wo hast du's gelernt?« inquirierte Dodd. »Von Matrosen eines Walfischbootes vor zwei Jahren in Petropawlowsk; ist es kein gutes Lied?« setzte er hinzu, offenbar im Gefühl, daß es unpassend sei. »Ein famoses Lied,« erwiderte Dodd beruhigend: »kannst du noch mehr amerikanisch?« »Ja, Euer Gnaden, aber ich weiß nicht, was die Wörter bedeuten.« Seine amerikanische Bildung war sehr beschränkter und zweifelhafter Art; aber selbst Kardinal Mezzofanti konnte nicht stolzer auf seine vierzig Sprachen sein als der arme Andreas auf die zweifelhaften Kraftausdrücke, die ihm seine amerikanischen Kameraden beigebracht. Sollte er je nach Amerika, dem gesegneten Lande seiner Träume kommen, so würden ihm seine fragwürdigen Sätze als Freibrief für die erste Gesellschaft dienen. Während wir mit Andreas plauderten, hatte Wuschin Feuer angezündet, das Frühstück bereitet, und gerade, als die Sonne ihre ersten Strahlen in das Thal sandte, saßen wir auf Bärenfellen um unsere Lichterkiste und aßen »Selanka« oder saure Suppe, auf deren Zubereitung sich Wuschin viel zu gute that, und tranken heißen Thee. »Selanka«, hartes Brot und Thee, gelegentlich eine am offenen Feuer gebratene Ente, das war unser gewöhnlicher Speisezettel, wenn wir im Freien übernachteten. Nur in den Niederlassungen gab es Luxusartikel, wie Milch, Butter, frisches Brot, eingemachte Rosenblätter und Fischpastete. Nach dem Frühstück fuhren wir wieder in den Kähnen stromaufwärts, schossen gelegentlich nach fliegenden Enten und Schwänen und pflückten an überhängenden Zweigen wilde Kirschen. Gegen Mittag verließen wir die Boote, um mit einem eingeborenen Führer eine große Flußbiegung abzuschneiden und rascher nach Jelowka zu gelangen. Das Gras reichte uns bis an den 96 Gürtel, und der Spaziergang war infolge davon recht ermüdend, aber wir gelangten in das Dorf, lange ehe unsere Boote in Sicht kamen. Jelowka, eine kleine kamtschadalische Niederlassung von etwa einem halben Dutzend Häusern, liegt zwischen Hügeln, welche der großen kamtschadalischen centralen Bergkette vorgelagert sind, unmittelbar unterhalb des Passes gleichen Namens und an der direkten Verbindungsstraße nach Tigiljsk und der Westküste. Es ist Kopfstation für die Kahnverbindung auf dem Jelowkafluß und der Ausgangspunkt für diejenigen ; welche über die Berge wollen. Da der Major gefürchtet, es könnte in dem kleinen Dorfe an der zu unserem Bedarf erforderlichen Anzahl Pferde fehlen, hatte er von Kljutschewsk acht bis zehn auf dem Landwege vorausgesandt, und wir fanden sie bereits vor. Der ganze Nachmittag ging fast darauf, die Pferde zu bepacken, so daß wir nur einige Werst vom Dorfe entfernt an einer kalten Bergquelle unser Nachtquartier nahmen. Das Wetter, das bisher klar und warm gewesen, schlug um, und wir brachen Dienstagmorgen den 19. bei einem kalten, aus Nordost kommenden Regensturm in die Berge auf. Die Straße, wenn überhaupt ein schlechter, zehn Zoll breiter Fußpfad diesen Namen verdient, war einfach abscheulich. Sie folgte dem Lauf eines angeschwollenen Bergstromes, der in rauschenden Wasserfällen in einer engen, dunkeln, steilen Schlucht niederfiel. Der Pfad zog sich dicht am Rande erst an der einen, dann an der andern Seite desselben hin, dann im Wasser, um kolossale vulkanische Felsblöcke, über steile Lavaabhänge, wo das Wasser wie eine Mühlrinne durch ein sich auf der Erde hinziehendes Fichtendickicht floß, über umgefallene Baumstämme und schmale Felsenriffe, wo ein Schaf kaum Fuß fassen konnte. Ich wollte mich verbürgen, mit zwanzig Mann diese Schlucht gegen die vereinigten Heere Europas zu behaupten. Unsere Lastpferde rollten die steilen Ufer hinunter in den Strom, ließen ihre Lasten an Baumstämmen hängen, stolperten, verletzten sich, stürzten über vulkanische Felsen, setzten in kühnem Sprunge über 97 brausende Wasserfälle und vollbrachten Kunststücke, die eine Kraft und Ausdauer erforderten, deren nur kamtschadalische Pferde fähig sind. Bei dem Versuch, über ein acht bis zehn Fuß breites Bergwasser zu setzen, wurde ich aus dem Sattel geworfen, und mein linker Fuß blieb im Steigbügel hängen. Das Pferd kletterte die andere Seite des Abhanges hinauf und eilte in erschrecktem Galopp die Schlucht entlang, indem es mich nachschleifte. Ich erinnere mich, einen verzweifelten Versuch gemacht zu haben, um meinen Kopf zu schützen, aber das Pferd versetzte mir einen Tritt in die Seite, und ich verlor die Besinnung. Als ich wieder zu mir kam, lag ich am Boden, den Fuß noch in dem zerrissenen Steigbügel; es war mein Glück gewesen, daß der Riemen nachgegeben, sonst wäre mir wohl der Schädel an den Felsen zerschmettert worden. Ich hatte arge Quetschungen davongetragen und fühlte mich sehr flau und schwindelig, konnte mich aber ohne Hilfe aufrichten. Bis dahin hatte der Major sein heftiges Temperament beherrscht, aber dies war zu viel, er schimpfte ganz entsetzlich auf den armen Nikolaus, der uns auf den gräßlichen Weg geführt, und bedrohte ihn mit der schrecklichsten Strafe, wenn wir nach Tigiljsk kämen. Vergeblich behauptete Nikolaus, es gäbe keinen anderen Paß; das wäre seine Sache, er hätte einen anderen auffinden müssen und nicht das Leben der ihm anvertrauten Menschen in Gefahr bringen dürfen, indem er sie in diese verwünschte Schlucht führte, die durch Bergstürze, umgefallene Baumstämme, Wasser, Lava und große vulkanische Felsblöcke versperrt sei. Sollte bei der verdammten Expedition einer der Gesellschaft zu Schaden kommen, schwor der Major, so werde er Nikolaus auf dem Fleck erschießen. Blaß und zitternd vor Schrecken, fing der arme Führer mein Pferd ein, besserte meinen Steigbügelriemen aus und ritt voraus, um zu zeigen, daß er sich nicht vor dem Wege fürchte, auf dem wir ihm folgen sollten. Ich glaube, daß wir während eines Aufstiegs von 2000 Fuß wenigstens fünfzigmal über den Bergstrom setzen mußten, um andere Hindernisse zu vermeiden. Eines unserer Lastpferde 98 war ganz dienstunfähig, mehrere andere beinah untauglich geworden, als wir endlich spät am Nachmittage auf der Höhe, 4000 Fuß über dem Meere, ankamen. Vor uns dehnte sich, halb von grauen Sturmwolken und Nebel verhüllt, ein weites Tafelland aus, das achtzehn Zoll tief mit einer weichen, dichten Decke arktischen Mooses überzogen war, welche das Wasser aufgesogen wie ein ungeheuer großer Schwamm. Kein Baum, keine Landmark irgend welcher Art so weit das Auge reichte, nichts wie Moos und jagende Wolken. Ein kalter, durchdringender Nordwind peitschte uns halbgefrorenen Regen ins Gesicht. Durch den neunstündigen Ritt im Sturm bis auf die Haut durchnäßt, müde und zerschlagen vom langen Klettern, mit Stiefeln voll eisigen Wassers und vor Kälte steifen und gefühllosen Händen, hielten wir einen Augenblick die Pferde an, um einen weiteren Entschluß zu fassen. Die Kälte und das Unbehagen waren derart, daß der reichlich verteilte Branntwein seinen belebenden Einfluß gar nicht zur Geltung bringen konnte. Der arme Starosta von Jelowka mit triefenden Kleidern, blauen Lippen, klappernden Zähnen und an seinen blassen Wangen klebendem, schwarzem Haar, war ganz erschöpft. Er griff gierig nach dem Branntwein, den ihm der Major reichte, aber jedes Glied an seinem Leibe zitterte krampfhaft, und er verschüttete mehr, als er zum Munde brachte. Da wir fürchteten, die Dunkelheit werde uns überraschen, ehe wir ein Obdach erreichen könnten, machten wir uns nach einer verlassenen halbverfallenen »Jurte« auf, die nach Nikolaus' Aussage am westlichen Rande des Hochplateaus, etwa acht Werst entfernt lag. Unsere Pferde versanken bei jedem Schritt knietief in der weichen, schwammigen, nassen Moosdecke, so daß wir außerordentlich langsam vorwärts kamen; die acht Werst schienen endlos zu sein. Nach vier langen Stunden in bitter kaltem Nordwestwind und nassen, grauen Wolken bei einer Temperatur von gerade 32° Fahrenheit , kamen wir endlich halberfroren an unser Ziel. Die Jurte war eine niedrige, leere, fast viereckige Hütte aus 99 Baumstämmen verschiedener Größe errichtet, welche mit einer zwei bis drei Fuß dicken, mit Moos und Gras bewachsenen Erdschicht bedeckt waren. Die Hälfte der einen Seite war, vermutlich von wärmebedürftigen Reisenden, eingerissen worden, um als Brennholz zu dienen; der Boden war von dem durch das schadhafte Dach tröpfelnden Wasser naß und schlammig; Wind und Regen fanden durch das Kaminloch freien Zulaß, die Thür war verschwunden, und das Ganze bot ein trostloses Bild von Verfall. Der niemals verlegene Wuschin setzte, um sich Brennholz zu verschaffen, das angefangene Zerstörungswerk fort, machte Feuer, hing die Theekessel auf und brachte unsere Vorräte ins Trockene, soweit dies in der elenden Hütte möglich war. Ich konnte nie feststellen, woher Wuschin an diesem Abend das Theewasser nahm, denn innerhalb zehn Meilen war kein fließendes Wasser, und was vom Dach tröpfelte war schlammig, habe ihn aber stark im Verdacht, daß er das Moos der eingeweichten Tundra aufriß und ausdrückte. Dodd und ich entledigten uns unserer Stiefel, gossen wenigstens eine Pinte Schmutzwasser aus jedem, trockneten unsere Füße und fingen an, uns ganz behaglich zu fühlen, als der Dampf aus unseren nassen Kleidern aufstieg. Wuschin war in vorzüglicher Laune. Er hatte freiwillig während des ganzen Tages für die Treiber gesorgt, war unermüdlich bei der Hand gewesen, gestrauchelten Pferden wieder auf die Beine zu helfen oder sie an gefährlichen Stellen zu führen, die mutlosen Kamtschadalen aufzuheitern, und jetzt drehte er das Wasser aus seinem Hemde, und drückte in der Zerstreutheit sein nasses Haar in einen Kessel voll Suppe aus mit einem von Heiterkeit strahlenden Antlitz, und dabei lachte er so herzlich, daß es geradezu unzulässig war, behaupten zu wollen, man sei ärgerlich, müde, kalt oder hungrig. Sein vergnügtes Gesicht in der rauchigen Atmosphäre der verfallenen Jurte, sein gutmütiges Lachen wirkten ansteckend; wir machten uns über unser Mißgeschick lustig und überzeugten uns gegenseitig, daß wir 100 gar nicht so schlimm daran seien. Nach einem spärlichen Nachtessen aus »Selanka«, getrocknetem Fisch, hartem Brot und Thee, streckten wir unsere müden Knochen in der seichtesten Pfütze, die wir finden konnten, aus, deckten uns mit wollenen Teppichen, Überröcken, Wachstuch und Bärenfellen zu und schliefen, trotz nasser Kleider und noch nässerer Betten friedlich ein. 101   13. Kapitel. Gegen Mitternacht erwachte ich mit kalten Füßen und von Frost zitternden Gliedern. Das Feuer auf dem nassen, schlammigen Boden war zusammengebrannt, warf einen roten Schein auf die schwarzen, verräucherten Holzbalken und erleuchtete noch gelegentlich durch ein Aufflackern die dunkeln Winkel der Jurte. Der Wind heulte klagend um die Hütte, und der Regen schlug gegen die Balken und tropfte durch Hunderte von Spalten auf meine schon ganz durchweichten Decken. Ich stützte mich auf den Ellbogen und schaute um mich. Die Hütte war leer, ich befand mich ganz allein. – Einen Augenblick konnte ich mich gar nicht besinnen, wo ich war ; und wie ich in diese fremdartige Umgebung gekommen; dann aber kam die Erinnerung an den Ritt tags vorher, und ich begab mich an die Thüre, um zu sehen, was aus der ganzen Gesellschaft geworden war. Der Major, Dodd und alle Kamtschadalen hatten die Zelte auf dem nassen Moose aufgeschlagen und verbrachten die Nacht im Freien, anstatt sich in der Jurte ihre Decken und Kleider von dem vom Dach tröpfelnden Schmutzwasser verderben zu lassen. Die Zelte waren eine fragwürdige Verbesserung; aber ich war doch auch der Ansicht, daß reines Wasser schmutzigem vorzuziehen sei, raffte mein Bettzeug zusammen und kroch neben Dodd. Der Wind warf während der Nacht das Zelt um, 102 aber es wurde ihm zum Trotz wieder aufgerichtet und mit Holzbalken, die wir der Jurte entlehnten, beschwert, und es gelang uns dann bis zum Morgen zu schlafen. Wir spielten eine traurige Rolle, als wir im Tageslicht aus dem Zelte auftauchten. Dodd betrachtete mitleidig seine nassen Decken, betastete mit komischer Grimasse seine durchnäßten Kleider und deklamierte: »Das Wetter ist nicht mehr, was es vor Zeiten, Die Nacht ist feucht und kalt Und muß ich nicht vom bösen Rheuma leiden, So zwickt der Krampf mich bald.« Wir sympathisierten alle von Herzen mit dieser poetischen Klage. Unsere nassen, entmutigten Pferde wurden gesattelt, und da der Sturm sich legen zu wollen schien, machten wir uns gleich nach dem Frühstück nach dem westlichen Rande der Hochebene auf, welche den höchsten Punkt der Bergkette bildete. Die Aussicht muß bei klarem Wetter herrlich sein, denn man erblickt das Tigilthal und das ochotskische Meer von der einen, den stillen Ozean, die Thäler des Jelowka und Kamtschatka und die großartigen Kegel das Schiwelutsch und Kljutschew von der anderen Seite. Wir erhaschten durch eine gelegentliche Spalte im Nebel einen Blick auf den Jelowka einige tausend Fuß unter uns und auf die rauchgekrönte Spitze des fernen Vulkans, der in einem Ozean bläulicher Wolken erschien. Aber ein neuer Vorrat aus dem ochotskischen Meere aufgestiegener Dünste trieb über die Hochebene dahin, peitschte uns ins Gesicht und machte alles unsichtbar außer dem moosigen Boden, auf dem unsere müden Pferde dahinwateten. Es dünkte mir nicht möglich, daß auf dieser trostlosen Moosebene vier tausend Fuß über dem Meeresspiegel, welche die Hälfte der Zeit in Wolken gehüllt ist, und häufig von Regen- und Schneestürmen heimgesucht wird, menschliche Wesen leben könnten oder möchten. Aber auch hier lassen die nomadischen Korjäken ihre Renntierherden weiden, stellen ihre verräucherten Zeltpfähle auf und trotzen den Elementen. Drei- oder 103 viermal während des Tages kamen wir an aufgestapelten Renntiergeweihen und Aschenhaufen vorüber, die von großen Kreisen immergrüner Zweige umgeben waren und bewiesen, daß hier ein Korjäkenzelt gestanden hatte; aber die wilden Nomaden, welche diese Spuren zurückgelassen, waren längst verschwunden und befanden sich jetzt möglicherweise an der stürmischen Küste des nördlichen Eismeeres. Da wir fast beständig von dichtem Nebel umgeben waren, konnten wir von der Formation der Bergkette, welche wir überschritten, von der Ausdehnung und Beschaffenheit der großen Moosebene, die so hoch zwischen erloschenen Vulkanen lag, keinen klaren Begriff bekommen. Ich weiß nur, daß wir gerade um Mittag die Tundra, wie derartige Moossteppen genannt werden, verließen und in eine wilde Felsregion hinabstiegen, wo alle Vegetation, mit Ausnahme einiger an der Erde hinkriechender Kiefern, aufhörte. Wenigstens zehn Meilen weit war der Boden mit Steinplatten vulkanischen Ursprungs bedeckt, die in Größe von fünf bis fünfhundert Kubikfuß variierten und in größter Unordnung über einander lagen. Zu irgend einer unbekannten geologischen Periode schienen diese kolossalen vulkanischen Pflastersteine aus dem Himmel auf die Erde geschleudert worden zu sein, bis diese fünfzig Fuß tief mit denselben bedeckt war. Beinahe alle hatten zwei glatte Seiten und sahen aus wie unregelmäßige Stücke eines schwarzen, versteinerten, plutonischen Puddings. Ich war mit vulkanischen Naturerscheinungen nicht vertraut genug, um sagen zu können, in welcher Weise und durch welche Kraft die Erde mit diesen losen Felsmassen überschüttet worden, aber es sah aus, als ob große Tafeln verdickter Lava vom Himmel gefallen und beim Berühren mit der Erde in Millionen eckiger Platten zerschmettert worden wären. Die Scenerie erinnerte mich an Scotts Schilderung des Ortes, wo Bruce und der Lord of the Isles landeten, nachdem sie Schloß Lorn verlassen. Mittags tranken wir an der Westseite dieser Felsenwildnis unseren Thee, und vor Nacht gelangten wir zu einer Stelle, wo wieder Gebüsch, Gras und Beeren 104 wuchsen. Wir kampierten in Sturm und Regen und setzten am 21. unseren Abstieg am westlichen Gebirgsabhange fort. Noch früh am Morgen wurden wir durch frische Leute und Pferde ermutigt, die uns aus dem Dorfe »Sedanka« entgegengeschickt worden, und so neu equipiert eilten wir rasch vorwärts. Das Wetter klärte sich auf, es wurde warm und hell, der Pfad wand sich um niedrige Hügel, durch Haine gelber Birken und Ebereschen, und als die Sonne allmählich unsere durchnäßten Kleider trocknete und das Blut wieder lebhafter in unseren erstarrten Gliedern cirkulierte, vergaßen wir den Regen und das Elend der letzten Tage und waren wieder heiter und frohgemut. Ich glaube, ich habe schon einmal von einer Bärenjagd erzählt, an der unsere Gesellschaft sich beteiligt hatte. Da wir uns aber damals nicht gerade mit Ruhm bedeckt, kann ich der Versuchung - nicht widerstehen, noch ein Bärenabenteuer zum Besten zu geben, das uns in der Vorkette der Tigilberge zustieß. Es soll aber gewiß das letzte sein. Ihr, die ihr leichtgläubig Jägergeschichten anhört und mit Gierde die Spuren von Bären verfolgt; die ihr erwartet, daß die mangelnde Tapferkeit sich einstelle, wenn man nur richtig in die Enge getrieben werde, hört auf die Geschichte von Rasselas, dem unerfahrenen Bärenjäger. – Gegen mittag, als wir am Rande eines engen, grasbewachsenen Thales, das von einem dichten Birken-, Lärchen- und Fichtenwalde begrenzt war, dahinzogen, stieß einer unserer Treiber plötzlich den Schrei aus: » medvaid! « und zeigte thalabwärts auf einen großen, schwarzen Bären, der sorglos in dem langen Grase nach Heidelbeeren suchte und immer näher nach unserer Seite kam. Er hatte uns offenbar noch nicht erblickt, und zwei Kamtschadalen, der Major und ich erklärten uns bereit, ihn anzugreifen. Wir waren mit Flinten, Äxten, Revolvern und Messern bis an die Zähne bewaffnet, krochen vorsichtig durch das Gehölz, und es gelang uns, unbemerkt am Rande des Waldes, gerade Meister Petz gegenüber, eine günstige Stellung 105 einzunehmen. Ganz in seine Heidelbeermahlzeit vertieft und ohne die leiseste Ahnung von dem, was seiner wartete, watschelte er langsam und linkisch heran, bis auf fünfzig Meter Entfernung. Die Kamtschadalen knieten nieder, nahmen ihre langen, schweren Gewehre zur Hand, stießen ihre mit scharfen Zacken versehenen Stützen fest in den Boden, bekreuzigten sich dreimal inbrünstiglich, holten tief Atem, zielten bedächtig, schlossen die Augen und feuerten. Das Schweigen wurde durch ein langes Zischen unterbrochen, während die Kamtschadalen gewissenhaft ihre Augen geschlossen hielten, und endlich zeigte ein furchtbarer Knall, dem noch zwei scharfe Schüsse aus der Büchse des Majors und der meinigen folgten, die Katastrophe an. Als der Rauch verschwunden war, blickte ich begierig nach dem Bären, den ich im Todeskampf niedergestreckt zu sehen erwartete; aber wer beschreibt mein Erstaunen, als die verwünschte Bestie statt sich im Todeskampf zu winden, wie dies jedes anständige Tier nach einer solchen Füsillade gethan haben würde, im Galopp geradeswegs auf uns zukam. Das war eine Variation, die nicht ins Programm aufgenommen worden. Auf einen Gegenangriff waren wir nicht vorbereitet, und die Wildheit seiner Erscheinung, als er sich durch die Büsche Bahn brach, ließ uns keinen Zweifel über seine Absichten. Ich suchte nach einem historischen Präcedenzfall, der mein Klettern auf einen Baum rechtfertigen könnte, aber ich war in solcher Aufregung, daß mir meine umfassenden geschichtlichen Kenntnisse gar nicht zu Gebote standen. »Ein Mann kann die sieben Abteilungen des Koran auswendig wissen, und wenn er von einem Bären verfolgt wird, sein Alphabet vergessen.« Was wir in der äußersten Gefahr gethan haben würden, wird ewig ein Rätsel bleiben. Ein Revolverschuß des Majors schien den Bären auf seinen ursprünglichen Operationsplan verzichten zu lassen; er wandte sich plötzlich seitwärts, brach zehn Fuß von der Mündung unserer Flinten entfernt durch das Gebüsch und verschwand im Walde. Trotz der sorgfältigsten Untersuchung der Blätter und des Grases 106 konnten wir keine Blutspur entdecken, Meister Petz war also mit heiler Haut davongekommen. Eine Bärenjagd mit einer russischen Flinte ist ein sehr angenehmes und vollständig harmloses Vergnügen. Das Tier hat, wenn die Flinte zu zischen anfängt, noch reichlich Zeit, sich mit einer Heidelbeermahlzeit zu erfrischen, einen Weg von fünfzehn Meilen über die Berge in eine benachbarte Provinz zurückzulegen und in seiner Höhle ein behagliches Schläfchen zu halten, ehe der todbringende Schuß erfolgt! Ich hätte niemand raten mögen, während der nächsten Woche vor dem Major oder mir eine Anspielung auf Bärenschinken zu machen. Wir kampierten die Nacht unter dem schützenden Dach von Birkenzweigen, einige Werst vom Schauplatz unserer Heldenthat, und Freitag in der Frühe brachen wir nach »Sedanka« auf. Als wir ungefähr noch fünfzehn Werst vom Dorfe entfernt waren, schlug Dodd vor zu galoppieren, um das Temperament unserer Pferde auf die Probe zu stellen und uns zu erwärmen. Da wir beide gut beritten waren, forderte ich ihn zu einem Wettrennen auf, dessen Ziel die Niederlassung sein sollte. Von allen halsbrechenden Reiterkunststücken, die wir in Kamtschatka ausführten, war dies entschieden das gefährlichste. Die Pferde wurden bald ebenso aufgeregt, wie ihre Reiter, sausten durchs Gebüsch und setzten wie rasend über Schluchten, Baumstämme, Felsen und Sümpfe weg. Einmal wurde ich aus dem Sattel gerissen, weil meine Flinte an einem Aste hängen blieb, und mehrmals entgingen wir mit genauer Not der Gefahr, unsere Hirnschädel an Baumstämmen zu zerschellen. Als wir in die Nähe des Dorfes kamen, erblickten wir mehrere Kamtschadalen, welche in einiger Entfernung Holz fällten. Dodd stieß einen schrecklichen Schrei aus, als ob er den Schlachtruf der Sioux nachahmen wollte, gab seinem Pferde die Sporen, und wir rasten mit Blitzesschnelle auf sie zu. Beim Anblick zweier schwarzbrauner Fremdlinge in blauen Jagdhemden, Stulpenstiefeln, roten Mützen, mit Pistolen im Gürtel und daran 107 herabhängenden Messern, die einen Angriff auf sie machten, wie die Mameluken in der Schlacht bei den Pyramiden, warfen die armen Kamtschadalen ihre Äxte fort und brachten ihr Leben im Walde in Sicherheit. Außer als ich am Aste hängen geblieben, zogen wir nicht ein einziges Mal unsere Zügel an, bis unsere Pferde keuchend und schäumend im Dorfe standen. Dodds Augen leuchten heute noch auf, wenn man ihn nach dem Wettrennen von »Sedanka« fragt. Abends trieben wir den Tigil hinab, nach Tigiljsk, wo wir gerade mit der Dunkelheit eintrafen; wir hatten in sechzehn Tagen eine Reise von elfhundertunddreißig Werst zurückgelegt. Von Tigiljsk habe ich keine sehr klaren Vorstellungen. Ich erinnere mich nur, daß mir die außergewöhnlich großen Quantitäten von Champagner, Kirschwasser, weißem Rum und »Wodka« imponierten, welche die russischen Bewohner zu vertilgen imstande waren, und daß Tigilsk ein etwas weniger häßliches Dorf ist, als die kamtschadalischen Dörfer im allgemeinen, weiter nichts. Nach Petropawlowsk ist es jedoch die wichtigste Niederlassung der Halbinsel und der Mittelpunkt des Handels auf der ganzen Westküste. Jeden Sommer legen ein russischer Dampfer und ein amerikanischer Kauffahrer an der Mündung des Tigil an und bringen große Mengen von Roggenmehl, Thee, Zucker, Tuch, kupfernen Kesseln, Tabak und russischem »Wodka«. Die Brágans, Worrebeóffs und noch einige andere Handelsfirmen haben hier ihr Hauptquartier, und die Tschutschken und Korjäken geben sich daselbst im Winter Stelldichein. Da wir vor unserer Ankunft in Gischiginsk am ochotskischen Meere nach keiner Handelsniederlassung mehr kommen konnten, beschlossen wir, einige Tage in Tigiljsk zu rasten. Wir standen nun, wie wir fürchteten, vor dem schwierigsten Teil unserer Reise, sowohl wegen der Beschaffenheit des Landes, als auch wegen der vorgerückten Jahreszeit. Zwischen uns und den Steppen der nomadischen Korjäken lagen nur noch sieben kamtschadalische Dörfer, und es war uns noch nicht klar, in 108 welcher Weise wir über jene unwirtlichen Wüsten gelangen könnten, ehe der Winterschnee sie auf Renntierschlitten passierbar machte. Es ist schwierig, einem, der nie im Norden gelebt, vermittelst einer bloßen Beschreibung einen deutlichen Begriff von einer sibirischen Moossteppe und den Hindernissen zu verschaffen, die sich einer Sommerreise dort entgegenstellen. Selbst im Winter, wenn die Steppe gefroren und mit Schnee bedeckt ist, ist das Überschreiten derselben nicht leicht; im Sommer aber faktisch unmöglich. In einer Ausdehnung von drei- bis vierhundert Quadratmeilen breitet sich über den ewig gefrorenen Boden eine zwei Fuß tiefe, dichte, weiche, üppige Moosdecke, die ganz mit Wasser gesättigt ist und nur hie und da einige verkrüppelte Heidelbeerbüsche oder Labrador-Thee aufzuweisen hat. Dieselbe wird nie trocken, nie hart genug, daß man Fuß darauf fassen könnte. Von Juni bis September ist die Steppe ein großer, weicher, zitternder, nasser Moosteppich. Man kann bis ans Knie einbrechen, aber sobald der Druck aufhört, erhebt sich das Moos wieder mit schwammartiger Elastizität, und der Schritt läßt keine Spur zurück. Die Ursachen, welche dieses außergewöhnliche und scheinbar abnorme Wachstum von Moos hervorrufen, sind dieselben, welche überall den mächtigsten Einfluß auf die Vegetation haben: Hitze, Licht und Feuchtigkeit – und diese Kräfte wirken während der Sommermonate in einem nordischen Klima so vereint und intensiv, daß sie einigen Pflanzengattungen zu fast tropischer Üppigkeit verhelfen. Im Frühjahr taut der Boden in einer Durchschnittstiefe von zwei Fuß auf; darunter befindet sich eine dicke, undurchdringliche, festgefrorene Schicht. Diese verhindert das Wasser des geschmolzenen Winterschnees tiefer in die Erde zu dringen, und dasselbe kann nur sehr langsam verdampfen, befeuchtet also gründlich den Moosteppich und befördert mit Hilfe der unausgesetzten Sonnenstrahlen im Juni und Juli sein üppiges Wachstum. Jeder wird begreifen, daß eine Reise im Sommer über eine große mit Wasser gesättigte Moossteppe sehr 109 schwierig, wenn nicht absolut unausführbar ist. Die Pferde versinken bei jedem Schritt knietief und sind von der Anstrengung bald ganz erschöpft. Wir hatten auf der Höhe des Jelowkapasses einen kleinen Vorgeschmack gehabt, und niemand kann es uns verdenken, wenn wir mit Besorgnis an die großen Moossteppen der Korjäken im Norden der Halbinsel dachten. Es wäre vielleicht klüger gewesen, wenn wir in Tigiljsk geduldig den Eintritt des Winters abgewartet, um auf Hundeschlitten zu reisen; aber der Major fürchtete, der Oberingenieur habe in der gefährlichen Region der Behringsstraße eine Erforschungsabteilung landen lassen, und hatte Eile, an einen Punkt zu gelangen, wo er sich Sicherheit verschaffen oder wenigstens Erkundigungen einziehen könnte. Er beschloß also, um jeden Preis bis an die Grenze der Korjäkensteppen vorzudringen und sein Heil mit Pferden zu versuchen. Ein zu Tigiljsk gekauftes Walfischboot wurde mit einheimischer Mannschaft nach Ljesnowsk vorausgeschickt, damit wir, im Fall unsere Reise über die Steppen fehlschlüge, vor Eintritt des Winters über das ochotskische Meer nach Gischiginsk gelangen könnten. Wir verschafften uns Vorräte, Tauschwaren, Pelzkleider aller Art, verpackten sie in Tierfellen und trafen, auf unsere früheren Erfahrungen gestützt, allerlei Vorbereitungen, um gegen schlechtes Wetter und Kälte genügend gerüstet zu sein. 110   14. Kapitel. Mittwoch den 27. September zogen wir mit zwei Kosaken, einem Korjäken als Dolmetscher, acht Mann und vierzehn Pferden wieder ins Feld. Am Tage vor unserer Abreise war etwas Schnee gefallen, ohne gerade die Straße zu verschlechtern, nur war er ein Warnungszeichen, daß der Winter im Anzuge, und wir nicht mehr auf viel gutes Wetter zu rechnen hätten. – Wir eilten so rasch wie möglich der Küste des ochotskischen Meeres entlang, teils auf dem Strande unterhalb der Klippen, teils über mit niedrigem Wald bestandene Hügel und Thäler, die sich von der centralen Bergkette nach der Küste hinzogen. Wir kamen durch die Niederlassungen »Aminjana«, »Wajompolskoi«, »Hjucktana« und »Polan«, wechselten in jedem Dorfe die Leute und Pferde und erreichten endlich am 3. Oktober Ljesnowsk, die letzte kamtschadalische Niederlassung auf der Halbinsel. Ljesnowsk liegt, so viel wir in Erfahrung bringen konnten, auf dem 59°, 20' nördlicher Breite und 160°, 25' östlicher Länge, ungefähr hundertundfünfzig Werst südlich von den Korjäkensteppen und beinah zweihundert Meilen in gerader Linie von Gischiginsk, dem einstweiligen Ziel unserer Wünsche. Bis dato hatte die Reise durch die Halbinsel uns noch wenig Schwierigkeiten verursacht, da wir vom Wetter besonders begünstigt, und der natürlichen 111 Hindernisse nur wenige gewesen. Nun aber sollten wir unseren Einzug in eine Wildnis halten, die vollständig unbewohnt und selbst unseren kamtschadalischen Führern nur wenig bekannt war. Nördlich von Ljesnowsk fiel die große centrale Bergkette jäh ins ochotskische Meer ab und bildete zwischen uns und den Korjäkensteppen eine hohe, zerklüftete Mauer. Dieser Bergrücken bot selbst im Hochsommer einen beschwerlichen Übergang mit Pferden und war jetzt unendlich schwieriger, da der anhaltende Regen die Bergströme in schäumende Wasserfälle verwandelt, und die Stürme, welche die Vorläufer des Winters sind, jeden Augenblick erwartet werden konnten. Die Kamtschadalen von Ljesnowsk erklärten jeden Versuch für unzulässig, so lange die Bergwasser nicht zugefroren und genügend Schnee gefallen sei, um den Gebrauch von Hundeschlitten zu ermöglichen. Sie wären durchaus nicht gesonnen, in einem derartigen Abenteuer fünfzehn bis zwanzig Pferde aufs Spiel zu setzen, von ihrem eigenen Leben ganz zu schweigen. Der Major sagte ihnen in Worten, die mehr bezeichnend waren als höflich, er glaube keine Silbe von ihren Geschichten; die Berge müßten überschritten werden, und mit ihrer Hilfe überschritten werden, ob sie wollten oder nicht. Sie hatten offenbar noch nie mit einem so entschlossenen, eigenwilligen Herrn, wie der Major, zu thun gehabt. Nach langer Beratung willigten sie ein, mit acht unbeladenen Pferden den Versuch zu machen; all unser Gepäck sollte in Ljesnowsk zurückbleiben. Davon wollte der Major anfangs nichts hören; nach reiflicherer Überlegung beschloß er, aus unserer kleinen Gesellschaft zwei Abteilungen zu machen; die eine sollte zu Wasser im Walfischboote mit dem schweren Gepäck um die Berge herumfahren, die andere mit zwanzig unbeladenen Pferden dieselben überschreiten. Man hatte uns gesagt, die Straße über die Berge ziehe sich nicht weit von der Küste hin, so daß die Landabteilung die meiste Zeit dem Boote nahe genug wäre, um sich demselben durch Signale bemerkbar zu machen, und wenn der einen oder anderen Abteilung ein Unfall zustieße, oder ein 112 unvorhergesehenes Hindernis sich ihrem Vordringen entgegenstellte, sie sich gegenseitig Hilfe leisten könnten. Die Mündung eines kleinen Flusses, »Samanka«, die man uns als die Mitte der Bergregion, gerade westlich vom Hauptrücken, bezeichnet, wurde als der Sammelplatz für beide Abteilungen verabredet, im Falle diese bei Sturm oder nebeligem Wetter die Verbindung mit einander verlieren sollten. Der Major wollte sich mit Dodd einschiffen und übertrug mir den Befehl über die Landabteilung, die aus unserem besten Kosaken, Wuschin, sechs Kamtschadalen und zwanzig leichten Pferden bestand. Wir fabrizierten Flaggen, verständigten uns über die Signale, beförderten das schwere Gepäck in das Walfischboot und ein großes Boot aus Seehundsfellen, und am frühen Morgen des 4. Oktober verabschiedete ich mich an der Küste von dem Major und Dodd. Als die Boote hinter einer Biegung des Ufers verschwanden, setzten wir uns mit unserem Gefolge in Bewegung und eilten in leichtem Galopp durch das Thal einer Öffnung in den Bergen zu, durch welche wir in die »Wildnis« eindrangen. Die ersten zehn bis fünfzehn Werst war die Straße recht gut; was mich erstaunte, war, daß dieselbe anstatt sich längs der Küste hinzuziehen, tief in die Berge führte; ich fing an zu fürchten, daß unsere Vorbereitungen zu gegenseitiger Hilfe nutzlos gewesen. In der Vermutung, daß das Boot am ersten Tage nur mit Rudern und ohne Wind nicht sehr weit kommen würde, schlugen wir früh unser Lager in einem engen Thale zwischen zwei parallel laufenden Bergrücken auf. Ich kletterte hinter unserem Zelt einen niedrigen Berg empor, in der Hoffnung einen Blick auf das Meer zu erhaschen; aber wir befanden uns wenigstens fünfzehn Werst von der Küste entfernt, und die Aussicht war durch eine Kette zerklüfteter Berge beschränkt, von denen viele über die Schneegrenze emporragen. Ich fühlte mich ohne Dodds heiteres Gesicht am Lagerfeuer ganz einsam und vermißte mehr, als ich je vermutet, seine lebhaften Ausfälle, komischen Geschichten und gutmütigen Scherze, mit denen er mir bisher die Stunden 113 des Lagerlebens gekürzt hatte. Wenn Dodd an diesem Abend, da ich in einsamer Majestät am Feuer thronte, meine Gedanken hätte erraten können, wäre er gewiß ganz stolz darauf gewesen, daß er mir so sehr fehlte. Wuschin gab sich mit der Zubereitung meines Abendessens ganz besondere Mühe, und der gute Bursche that sein Möglichstes, das einsame Mahl mit komischen kamtschadalischen Geschichten und Reiseerinnerungen zu würzen; aber das Wildpret hatte etwas von seinem guten Geschmack eingebüßt, und für die russischen Scherze und Geschichten fehlte mir das Verständnis. Nach der Abendmahlzeit streckte ich mich im Zelte auf meine Bärenfelle aus und schlief ein, indem ich den Vollmond über einem zerklüfteten Vulkan im Osten des Thales aufgehen sah. Am zweiten Tage führte unser Weg durch ein enges, vielfach gewundenes Thal, über moosbedeckte Sümpfe und tiefe, schmale Bäche, bis wir eine verfallene unterirdische Hütte erreichten, halbwegs zwischen Ljesnowsk und dem Samanka. Hier verzehrten wir ein Frühstück von getrocknetem Fisch und hartem Brot und ritten unter strömendem Regen thalaufwärts, von allen Seiten von Felsen, schneebedeckten Bergen und erloschenen Vulkanen umgeben. Der Weg wurde plötzlich schlechter. Das Thal verengerte sich allmählich zu einer wilden, hundertundfünfzig Fuß tiefen Felsenschlucht, auf deren Sohle ein angeschwollener Bergstrom über scharfe, schwarze Felsen dahinschäumte und sich in prachtvollen Wasserfällen über Lavaschichten stürzte. Den steilen, schwarzen Seiten dieses Teufelspasses entlang schien kaum Raum genug, daß eine Gemse hätte Fuß fassen können; aber unser Führer versicherte, daß er schon öfters diesen Weg gemacht, stieg vom Pferde und ging vorsichtig auf dem schmalen Rande an der Vorderseite eines hohen, steilen Felsen hin. Wir folgten ihm, bald dicht am Wasser, bald fünfzig Fuß hoch über dem rauschenden Strome, so daß wir mit weit ausgestrecktem Arme Steine in die zischende, schäumende Flut konnten 114 fallen lassen. Vom sicheren Tritt meines Pferdes überzeugt, versuchte ich durch die Schlucht zu reiten, und hätte beinahe meinen Leichtsinn mit meinem Leben bezahlt. Ungefähr auf halbem Wege, wo der Pfad sich acht bis zehn Fuß über dem Flußbett hinzog, gab ein Stein unter den Hufen meines Pferdes nach, und wir stürzten zusammen ins Wasser. Es gelang mir, meine Füße von den eisernen Steigbügeln frei zu machen und mich beim Sturze auf die Seite des Felsen zu werfen, um nicht von meinem Tiere erdrückt zu werden. Der Sturz war nicht sehr tief, und ich kam obenauf zu liegen, hätte aber fast einen Tritt vom Pferde abbekommen, als es sich wieder aufrichtete. Es war gequetscht und geschunden, hatte jedoch keine ernsten Verletzungen. Ich zog die Sattelgurte fester an und führte es durch das Wasser watend hinter mir her, bis ich wieder auf den Pfad klettern konnte, und schwang mich nun mit triefenden Kleidern und einigermaßen erschütterten Nerven wieder in den Sattel. Gerade vor einbrechender Nacht gelangten wir an einen Punkt, wo weiteres Vordringen in der bisherigen Richtung durch eine sich quer vorlagernde Bergkette geradezu abgeschnitten schien. Es war der Mittelpunkt des Samankagebirges. Ich warf dem Führer einen fragenden Blick zu, und dieser deutete auf den Querriegel und sagte, unser Weg gehe da hinauf. Ein Birkenwald zog sich bis zu halber Höhe, dann folgte immergrünes Gebüsch, an der Erde hinkriechende Kiefern, und schließlich erhoben sich hoch über alles schwarze, nackte Felsen, wo selbst das Renntiermoos nicht mehr Boden finden konnte, um Wurzel zu fassen. Daß die Kamtschadalen es für eine positive Unmöglichkeit erklärt, mit beladenen Pferden diesen Weg zurückzulegen, wunderte mich nicht mehr, sondern ich fing sogar an zu bezweifeln, daß wir es mit unbeladenen fertig brächten, obgleich ich an schlechte Saumpfade und tollkühne Kletterpartien gewöhnt war. Ich beschloß an der Stelle, wo wir uns befanden, zu übernachten und so viel Ruhe wie möglich zu genießen, damit wir und unsere Pferde mit frischen 115 Kräften die harte Tagesarbeit; die offenbar vor uns lag, in Angriff nehmen könnten. Die Nacht brach früh herein, der Regen fiel noch in Strömen, und es gab keine. Möglichkeit, unsere nassen Kleider zu trocknen. Wie sehnte ich mich nach einem Schluck Branntwein, um mein durchfrorenes Blut zu erwärmen, aber meine Reiseflasche war in der Eile bei unserer Abreise von Ljesnowsk vergessen worden; daher mußte ich mich mit dem milderen Reizmittel, heißem Thee, begnügen. Mein Bettzeug, das in Wachstuch eingewickelt gewesen, war glücklicherweise trocken und so steckte ich mich, naß wie ich war, in meinen Sack von Bärenfellen, deckte mich mit schweren Hüllen so warm wie möglich zu und schlief trotz allem verhältnismäßig behaglich. Wuschin weckte mich am andern Morgen früh mit der Nachricht, daß es schneie. Ich erhob mich eilig und schaute zum Zelt hinaus. Was ich am meisten gefürchtet, war eingetreten. Ein Schneesturm fegte durch das Thal, die Natur hatte sich über Nacht in ein weißes Leichentuch gehüllt. Der Schnee lag im Thal schon drei Zoll tief, auf den Bergen würde er natürlich zusammengeweht und tiefer sein. Einen Augenblick überlegte ich, ob es wohl klug sei, bei solchem Wetter die Reise über die Berge fortzusetzen; aber meine Befehle lauteten kategorisch, wenigstens bis zur Samanka vorzudringen; eine Unterlassung meinerseits konnte den Erfolg der ganzen Expedition in Frage stellen. Ich wußte aus Erfahrung, daß der Major eines Sturmes wegen nicht auf seine Pläne verzichtete; wenn es ihm gelingen sollte, den Samanka zu erreichen, und mir nicht, so könnte ich die Demütigung nie verschmerzen und ihn nicht überzeugen, daß angelsächsisches Blut ebenso gut sei wie slawisches. Ungern gab ich das Zeichen zum Aufbruch; sobald die Pferde beisammen und gesattelt waren, ritten wir auf die Berge zu. Kaum hatten wir das schützende Thal verlassen und waren ungefähr zweihundert Fuß gestiegen, als wir von einem Orkan aus Nordost überrascht wurden, der den Abhang 116 herunter uns so gewaltige Schneewolken ins Gesicht trieb, daß Erde und Himmel in einem wirbelnden, weißen Nebel verschwanden. Der Anstieg wurde bald so steil und felsig, daß wir aus dem Sattel steigen mußten. Wir wateten also durch den zusammengewehten Schnee, kletterten mühsam über scharfe Felsen, die uns die Stiefel entzwei schnitten, und zogen unsere Pferde hinter uns her. Als wir in dieser Weise ungefähr tausend Fuß gestiegen waren, war ich so erschöpft, daß ich mich niederlegen mußte. Der Schnee war an manchen Stellen so tief, daß er mir bis an den Gürtel reichte, und mein Pferd machte keinen Schritt, wenn ich es nicht mit Gewalt vorwärts zog. Nachdem wir einige Minuten ausgeruht, ging's wieder bergan, und etwa nach einer Stunde harten Kampfes gegen die Unbill der Witterung gelangten wir auf den Kamm des Berges, vielleicht 2000 Fuß über dem Meeresspiegel. Hier war der Sturm so gewaltig, daß man sich kaum aufrecht zu erhalten vermochte. Dichtes, fast undurchdringliches Schneegestöber verhüllte alles, wir kamen uns vor, als ständen wir auf den Trümmern einer untergegangenen Welt. Dann und wann wurde eine schwarze, unzugängliche vulkanische Felsspitze in dem weißen Nebel über unseren Häuptern sichtbar, als ob sie in der Luft schwebe, und verlieh der Scenerie eine erschreckende, momentane Wildheit, dann verschwand sie wieder im Schneesturm, und wir starrten in die Leere. Am Schild meiner Mütze hingen Eiszapfen, meine vom Regen des vorhergehenden Tages durchnäßten Kleider froren auf meinem Leibe zu einer steifen, eisigen Rüstung. Vom Schnee geblendet, mit erstarrten Gliedern und klappernden Zähnen bestieg ich mein Pferd und überließ es ihm zu gehen, wohin es wollte. Ich bat nur den Führer flehentlich sich zu beeilen und uns aus dieser exponierten Lage zu befreien. Vergeblich versuchte er, gegen den Sturm vorzudringen. Weder Worten noch Schlägen gelang es, das Pferd zum Wenden zu bringen, und schließlich mußte er auf dem Kamm des Berges in östlicher Richtung reiten. Wir gelangten in ein verhältnismäßig geschütztes Thal, ritten 117 einen andern Bergrücken hinauf, der höher war, als der erste, um einen Bergkegel herum, wo der Sturm gehörig wütete, in eine tiefe Schlucht und abermals einen Berg hinauf, so daß ich mich schließlich gar nicht mehr orientieren konnte und nicht die geringste Idee hatte, in welcher Richtung wir uns bewegten. Ich wußte nur, daß wir halb erfroren waren und uns in einer vollkommenen Gebirgswildnis befanden. Während der letzten halben Stunde hatte ich mehrmals bemerkt, daß unser Führer mit den andern Kamtschadalen eifrige Beratungen pflog, daß er ganz verwirrt schien und nicht mehr wußte, welche Richtung er einschlagen sollte. Nun ritt er mit verlegenem Gesicht an mich heran und gestand, daß wir uns verirrt hätten. Ich konnte den armen Burschen nicht tadeln, daß er bei solchem Wetter den Weg verfehlt, und hieß ihn in der Richtung, die er für die richtige halte, nach dem Samanka vordringen; sollten wir das Glück haben, ein geschütztes Thal zu erreichen, so wollten wir daselbst besseres Wetter abwarten. Gern hätte ich ihn noch ermahnt, in dem undurchdringlichen Schnee recht vorsichtig zu sein, damit wir in keinen Abgrund stürzten, aber ich konnte mich bei meiner mangelhaften Kenntnis des Russischen nicht verständlich machen. Zwei Stunden lang wanderten wir ziellos bergauf und bergab, offenbar immer tiefer ins Gebirg hinein, ohne den geringsten Schutz gegen das Unwetter zu finden. Etwas mußte geschehen, wenn wir nicht alle erfrieren sollten. Ich teilte dem Führer mit, daß ich selbst die Leitung übernehmen wolle, holte meinen Taschenkompaß hervor und zeigte ihm, in welcher Richtung das Meer lag. Dahin beschloß ich unsere Schritte zu lenken, bis wir irgendwo aus den Bergen herauskämen. Er betrachtete mit stummem Erstaunen das kleine Instrument mit der zitternden Nadel und rief in komischer Verzweiflung: »Oh, Bahrin! Wie kann der Kompaß etwas von diesen verwünschten Bergen wissen, er ist nie hier gewesen; ich habe mein Leben hier zugebracht und könnte, wenn's mein Seelenheil gälte, nicht verraten, wo das Meer ist.« – Trotz Hunger, Kälte und 118 Besorgnis konnte ich nicht umhin, über die Bemerkung von dem unerfahrenen Kompaß zu lachen, der nie in Kamtschatka gereist war. Ich versicherte ihn, daß der Kompaß große Erfahrung darin besäße, bei Sturm die Richtung des Meeres herauszufinden; aber er schüttelte traurig den Kopf, als ob er in meine Behauptung großen Zweifel setze, und wollte nicht die von mir angegebene Richtung einschlagen. Da mein Pferd nicht gegen den Wind vorwärts wollte, stieg ich ab, und mit dem Kompaß in der Hand schritt ich den andern voran, von Wuschin gefolgt, der mit einem Bärenfell um den Kopf, wie ein wildes Tier aussah. Da der Führer bemerkte, daß wir entschlossen waren, uns dem Kompaß anzuvertrauen, schloß er sich uns endlich an. Wir kamen natürlich in dem tiefen Schnee mit unseren steifen, von gefrorenen Kleidern umhüllten Gliedern und bei dem Orkan, gegen den wir ankämpfen mußten, nur langsam vorwärts. Im Laufe des Nachmittags befanden wir uns plötzlich am Rande eines Abgrundes, gegen welchen in einer Tiefe von hundertundfünfzig Fuß das Meer mit solcher Gewalt seine haushohen Wellen schleuderte, daß ihr Brausen das Geheul des Orkans übertönte. Die wilde Einsamkeit des Bildes spottete der kühnsten Phantasie. Unter einem grauen, trostlosen Himmel hinter und um uns eine wirre Wildnis schneebedeckter Berggipfel, nur hie und da eine kriechende Kiefer, oder die schwarze Spitze eines Felsen, welche den Eindruck der geisterhaften Schneehülle noch verstärkten. Vor uns, aber tief unten, das aufgeregte Meer, dessen Wogen aus dem verhüllenden Schleier des Schneegestöbers geheimnisvoll auftauchten und in wilder Brandung an dem schwarzen Riff in Schaum zerschellten. Schnee, Wasser, Berge – und im Vordergrund eine kleine Gruppe eisbedeckter Männer und struppiger Pferde, die von der Höhe des zackigen Riffs auf das Meer starrten. Ein einfaches, aber trauriges, vielsagendes Bild. – Nachdem unser Führer nach irgend einem Orientierungszeichen ausgespäht, wandte er sich schließlich, offenbar mit erleichtertem Herzen, an mich und 119 verlangte, den Kompaß zu sehen. Ich schraubte den Deckel ab und zeigte ihm die blaue, zitternde, nach Norden weisende Nadel. Er betrachtete sie neugierig aber mit augenscheinlichem Respekt vor ihrer geheimnisvollen Kraft und sagte, daß sie wirklich » schipka mastir « sei und ob sie immer nach dem Meere zeige. Ich versuchte ihm die Beschaffenheit des Kompasses klar zu machen, aber es gelang mir nicht; er war fest überzeugt, daß etwas Übernatürliches im Spiele sei, daß es dabei nicht mit rechten Dingen zugehe. Während des Nachmittags drangen wir in nördlicher Richtung vor, indem wir uns so nah wie möglich an der Küste hielten und nicht weniger als neun niedrige Bergrücken überschritten. Die eigentümliche Erscheinung, von der ich in Tyndalls »Alpengletscher« gelesen, bemerkte ich hier zum erstenmale. Blaues Licht schien aus jeder Fußspur, aus jeder kleinen Spalte im Schnee aufzusteigen. Das mit einem dünnen, langen Stock gemachte Loch war von dem blauen Dampfe ganz gefüllt. Während meiner fast dreijährigen Reise im Norden hatte ich nie mehr Gelegenheit, dieses eigentümliche Phänomen so deutlich zu beobachten. Ungefähr eine Stunde nachdem die Dunkelheit hereingebrochen war, ritten wir in ein tiefeingeschnittenes, einsames Thal, das, nach Aussage unseres Führers, auf der Seeküste unweit der Mündung des Samanka endete. Hier lag kein Schnee, aber es regnete in Strömen. Ich hielt es kaum für möglich, daß bei solchem Sturm der Major und Dodd sich auf dem Stelldichein eingefunden hätten – befahl aber den Leuten, das Zelt aufzuschlagen, während Wuschin und ich an die Mündung des Flusses ritten, um uns Gewißheit zu verschaffen, ob das Boot angekommen sei oder nicht. Es war zu dunkel, um irgend etwas genau unterscheiden zu können, aber wir entdeckten auch nicht die leiseste Spur, daß menschliche Wesen je hier gewesen, und kehrten enttäuscht in das Lager zurück. Nie waren wir froher unter Obdach zu kommen, zu Nacht zu speisen und in unsere 120 Schlafsäcke von Bärenfellen zu kriechen ; als nach diesem denkwürdigen Tage. Unsere Kleider waren seit achtundvierzig Stunden naß oder gefroren, und seit vierzehn Stunden hatten wir im Sattel gesessen oder waren zu Fuß marschiert, ohne warme Nahrung oder Ruhe genossen zu haben. 121   15. Kapitel. Samstagmorgen in der Frühe machten wir uns nach der Mündung des Thales auf, stellten unser Zelt so, daß wir den Ausfluß des Samanka im Auge hatten, beschwerten dasselbe mit Steinen, damit der Wind es nicht umwehe, und trafen Vorbereitungen, zwei Tage, wie verabredet, auf das Erscheinen des Walfischbootes zu warten. Der Sturm tobte unausgesetzt, und das aufgeregte Meer, das den ganzen Tag ungestüm gegen die schwarzen Felsen unter unserem Zelte schlug, überzeugte mich, daß wir die andere Abteilung vergeblich erwarteten; ich hoffte nur, daß es ihnen gelungen sei, vor Ausbruch des Sturmes irgendwo in Sicherheit zu landen. Wenn ein Windstoß das Boot an dieser düsteren, sich meilenweit hinziehenden Felsenwand packte, mußte es entweder sinken oder an den Klippen zerschmettert werden. Keine Seele konnte entkommen, um von dem Vorfall Kunde zu bringen. An dem Abend machte mir Wuschin die entmutigende Mitteilung, daß wir unsere letzten Vorräte verzehrten. Fleisch war nicht mehr vorhanden, und von Brot blieb nur noch eine Handvoll verweichter Krumen. In der festen Überzeugung, die er mit allen Kamtschadalen geteilt, daß wir das Boot an der Samankamündung finden würden, hatte er sich nur für drei Tage mit Proviant versehen, und da er gehofft, daß das Boot noch 122 ankommen oder irgend etwas Unvorhergesehenes sich ereignen würde, hatte er mir die Thatsache, die sich nun nicht mehr länger geheim halten ließ, verschwiegen. Wir waren drei Tagereisen von jeglicher Niederlassung entfernt und ohne Nahrung. Wie sollten wir nach Ljesnowsk zurückkehren, da die Berge nach dem starken Schneefall ganz unpassierbar sein mußten, und der Sturm alle etwaige Hoffnung auf das Boot vernichtete. Es blieb eben keine andere Wahl, als unser Heil nochmals und zwar ohne Aufschub in den Bergen zu versuchen, so sehr ich mich auch vor der Expedition fürchtete. Mein Befehl lautete zwar, zwei Tage an der Flußmündung zu warten, aber die Umstände mußten meinen Ungehorsam rechtfertigen, und ich befahl den Kamtschadalen, am andern Morgen früh zum Aufbruch nach Ljesnowsk bereit zu sein. Ich schrieb einige Zeilen an den Major, verwahrte sie in einem Zinngefäß, um sie auf unserem Lagerplatz zurück zu lassen, und kroch in meinen Pelzsack, um durch Schlaf meine Kräfte zum Kampf mit den Bergen zu sammeln. Der folgende Morgen war kalt und stürmisch; im Thal regnete es noch immer, und in den Bergen fiel Schnee. Bei Tagesanbruch brachen wir das Zelt ab, sattelten unsere Pferde, verteilten so gleichmäßig wie möglich, was wir von Gepäck bei uns führten, und richteten uns auf tiefen Schnee und anstrengendes Klettern ein. Nach kurzer Rücksprache mit seinen Kameraden kam unser Führer zu mir und machte den Vorschlag, die unausführbare Absicht, über die Berge zurückzukehren, aufzugeben und den schmalen Pfad, welchen die Ebbe am Fuß der Klippen frei ließ, zu benutzen. Er behauptete, der Weg sei weniger gefährlich als der Ritt über die Berge und biete mehr Aussicht auf Erfolg, da es nur wenig Punkte gebe, die bei niedrigem Wasserstand ein Pferd nicht trockenen Fußes passieren könne. Es wären nur dreißig Meilen bis zu einer Schlucht am Südende der Bergkette, wo wir die Küste verlassen und auf unserem alten Pfad in einem Tage zu Pferd 123 nach Ljesnowsk gelangen könnten. Freilich dürfte uns die Flut nicht überraschen, ehe wir die Schlucht erreicht, aber selbst dann bliebe uns die Möglichkeit, uns durch Klettern auf die Felsen zu retten und unsere Pferde ihrem Schicksale zu überlassen. Das wäre nicht schlimmer, als wenn sie in den Bergen vor Kälte und Hunger umkämen. Seines Wortreichtums entkleidet, war der Vorschlag nichts Geringeres als ein dreißig Meilen weites Wettrennen mit der Flut auf einem schmalen Küstenpfad, der sich an steilen, hundert bis zweihundert Fuß hohen Klippen entlang zog. Wenn wir die Schlucht zeitig erreichten, war alles gut, wenn nicht, würde unser Pfad zehn Fuß hoch mit Wasser bedeckt sein, und unsere Pferde und auch wir selbst konnten kaum dem Tode durch Ertrinken entgehen. Der Vorschlag hatte allerdings im Vergleich zu dem beschwerlichen Ritt über die Berge im tiefen Schnee mit gefrorenen Kleidern und hungrigem Magen etwas sehr Verlockendes; es lag mehr Mut und Entschlossenheit darin, als ich einem Kamtschadalen zugetraut hätte. Die Ebbe war gerade eingetreten, und wir mußten noch drei bis vier Stunden warten, bis das Wasser so niedrig war, daß es unseren Pfad bloß legte. Diese Zeit benutzten die Kamtschadalen, um einen der Hunde zu fangen, die uns von Ljesnowsk gefolgt waren; sie töteten ihn kaltblütig mit ihren langen Messern und brachten ihn dem bösen Geiste, zu dessen Bereich diese tückischen Berge gehörten, als Opfer dar. Das arme Tier wurde aufgeschlitzt, seine Eingeweide in die vier Winde zerstreut und sein Körper bei den Hinterbeinen an einem langen, in die Erde gesteckten Pfahl aufgehängt. Der Ingrimm des bösen Geistes schien jedoch unversöhnlich zu sein, denn der Sturm wütete nach dem Sühnopfer noch ärger als vorher, was übrigens den Glauben der Kamtschadalen an die Wirksamkeit desselben durchaus nicht erschütterte. Wenn der Sturm nicht nachließ, war dies die Schuld des ungläubigen Amerikaners mit seiner diabolischen Messingbüchse, Kompaß genannt, der dem Berggeiste und seinen Warnungen zum Trotz darauf bestanden hatte, das 124 Gebirge zu überschreiten. Ein toter Hund war nicht Sühne genug für die frevelhafte Verletzung der so klar ausgesprochenen Wünsche des bösen Geistes! Das Opfer schien indessen die Eingeborenen in Bezug auf ihre eigene Sicherheit zu beruhigen, und wie sehr mich auch der arme gemordete Hund dauerte, so freute ich mich doch über den günstigen Stimmungswechsel, der bei meinen abergläubischen Reisegefährten eingetreten war. Gegen zehn Uhr, so genau ich die Zeit ohne Uhr bestimmen konnte, untersuchte unser Führer die Küste und mahnte zum Aufbruch; wir brauchten zwischen vier und fünf Stunden, um die Schlucht zu erreichen. Eilig bestiegen wir unsere Pferde und sausten im Galopp die Küste entlang, auf der einen Seite von den ungeheuren, schwarzen Klippen überschattet, auf der andern vom salzigen Schaum der Brandung bespritzt. Massen von Seegras, Muscheln, Treibholz und Seenesseln, die der Sturm ausgeworfen, lagen an der Küste aufgehäuft, aber wir jagten in tollem Ritt über alles hinweg und zogen nur die Zügel an, um uns den Weg durch enorme Felsenmassen zu suchen, die an einigen Stellen sich von den Klippen losgelöst und den Pfad versperrten. Wir hatten die ersten achtzehn Meilen flott zurückgelegt, als Wuschin, der vorausritt, mit einem so plötzlichen Ruck inne hielt, daß er beinah über den Kopf seines Pferdes geflogen wäre, und den bekannten Ruf » Medwaid! « erschallen ließ. Es schienen in der That Bären zu sein, die in einer Entfernung von einer Viertelmeile die Küste entlang kamen; warum aber die Bären sich in diese verzweifelte Lage brachten, wo sie in Zeit von zwei bis drei Stunden ertrinken mußten, konnten wir nicht ergründen. Es konnte uns auch einerlei sein; aber die Bären waren da, und wir mußten an ihnen vorüber. Sie oder wir konnten uns auf ein gutes Frühstück freuen. An Ausweichen war nicht zu denken, denn die Klippen und das Meer ließen uns nur den schmalen Weg. Ich steckte eine frische Patrone in meine Flinte, und ein Dutzend in meine Tasche; Wuschin lud seine Doppelflinte, und wir krochen im 125 Schutz der Klippen vorwärts, um wenn möglich auf sie zu schießen, ehe sie uns erblickt hätten. Wir waren ihnen fast auf Schußweite nahegekommen, als Wuschin sich plötzlich mit lautem Lachen aufrichtete und rief: »Es sind ja Menschen!« Ich trat aus dem Felsen hervor und mußte es bestätigen. Zwei in Pelz gekleidete Eingeborene näherten sich mit lebhaften Geberden, schrieen laut, wir sollten nicht schießen und hielten etwas Weißes in die Höhe, das wie eine Friedensfahne aussah. An uns herangekommen, überreichte mir einer von ihnen ein schmutziges Papier. Es waren Boten von dem Major. Ich dankte Gott im Herzen, daß die andern in Sicherheit waren, und las in Eile: »Seeküste 15 Werst von Ljesnowsk 4. Oktober. Der Sturm hat uns an die Küste getrieben. Kommen Sie so schnell wie möglich zurück. S. Abaza.« Die Boten hatten Ljesnowsk nur einen Tag nach uns verlassen, aber, vom Sturm und schlechten Wetter aufgehalten, erst am vorhergehenden Abend unser zweites Lager aufgefunden. Da der Schnee ihnen das Überschreiten der Berge unmöglich gemacht, hatten sie ihre Pferde im Stich gelassen und versucht, die Samankamündung zu Fuß längs der Küste zu erreichen. Sie hatten nicht darauf gerechnet, während einer Ebbezeit ans Ziel zu kommen, sondern wollten während der Flut auf einem hohen Felsen Zuflucht suchen und bei zurücktretendem Wasser ihre Reise wieder fortsetzen. Es blieb uns keine Zeit zu weiteren Erklärungen. Die Flut war bereits eingetreten, und wir mußten zwölf Meilen in etwas weniger als einer Stunde zurücklegen oder unsere Pferde preisgeben. Wir überließen den ermüdeten Kamtschadalen zwei unserer Tiere und setzten uns wieder in Galopp. Je näher wir der Schlucht kamen, desto aufregender wurde unsere Lage. An jeder Windung stieg das Wasser höher und höher, und an mehreren Stellen berührte der Schaum der Brandung schon den Fuß der Klippen. In weiteren zwanzig Minuten war die Küste unpassierbar. Unsere Pferde bewährten sich glänzend, die Schlucht war nahe, nur noch ein 126 hervorspringender Felsen lag zwischen uns und dem ersehnten Ziele. Wir galoppierten durch fußtiefes Wasser, und in fünf Minuten waren wir in Sicherheit. Es war ein Parforceritt gewesen, aber wir hatten den Sieg davongetragen und befanden uns jetzt an der Südseite des Gebirges, ungefähr sechzig Meilen von Ljesnowsk. Ohne die Kühnheit und den gesunden Menschenverstand unseres Führers wären wir jetzt in der Irre in den Schneebergen herumgelaufen. In der Schlucht mußten wir uns erst mit der Axt einen Weg durch das Kiefern- und Erlendickicht bahnen, was uns nach zweistündiger, harter Arbeit gelang. Vor Einbruch der Dunkelheit kamen wir an der Stelle vorüber, wo wir am zweiten Tag kampiert, und gegen Mitternacht gelangten wir an die verfallene Jurte, wo wir vor fünf Tagen unser zweites Frühstück eingenommen hatten. Der vierzehnstündige ununterbrochene Ritt bei leerem Magen hatte uns so erschöpft, daß wir nicht mehr weiter konnten. Ich hatte auf die Vorräte der kamtschadalischen Boten aus Ljesnowsk gehofft, aber vergeblich; sie hatten selbst nichts mehr. – Wuschin schabte eine Handvoll Krumen aus unserem leeren Brotsack, röstete sie in ein wenig Thran, den er bei sich führte, um seine Flinte zu schmieren, und bot sie mir an. Aber wie groß auch mein Hunger war, zum Verspeisen dieser dunkeln, fettigen Masse verspürte ich denn doch keine Lust, und er verteilte das Gericht unter die Kamtschadalen. Die zweite Tagereise zu Pferd ohne Nahrung war für meine Kräfte eine schwere Aufgabe; in meinem Magen machte sich ein nagender, brennender Schmerz bemerkbar. Ich versuchte denselben mit Samen von Kiefernzapfen und Wasser zu stillen; lindernd wirkte dies aber nicht, und gegen Abend wurde mir so schwach, daß ich fast nicht mehr im Sattel sitzen konnte. Ungefähr zwei Stunden nachdem die Dunkelheit hereingebrochen war, hörten wir das Heulen der Hunde von Ljesnowsk, und zwanzig Minuten später sprengten wir in das Dorf an das kleine Blockhaus des Starosta 127 und überfielen den Major und Dodd, die gerade beim Nachtessen saßen. – So endete unsere erfolglose Expedition in die Samankaberge, die schlimmste Reise, die ich in Kamtschatka gemacht. Zwei Tage später erkrankte der Major an rheumatischem Fieber, das er sich beim Kampieren an der Küste während des Sturmes zugezogen hatte; einstweilen mußten alle weiteren Reisepläne aufgegeben werden. Beinah alle Pferde im Dorfe waren untauglich, die Hälfte meiner Leute arbeitsunfähig, und unser Führer litt an Kopfrose, infolge des fünftägigen Sturmes. Unter solchen Umständen war ein weiterer Versuch, vor Winter über die Berge zu gehen, ganz ausgeschlossen. Dodd und der Kosak Meroneff wurden nach Tigiljsk gesandt, um einen Arzt und neue Vorräte herbeizuschaffen, während Wuschin und ich in Ljesnowsk blieben, um den Major zu pflegen. 128   16. Kapitel. Nach unserem mißglückten Versuch, über die Samankaberge zu kommen, blieb uns keine andere Wahl, als geduldig in Ljesnowsk zu warten, bis die Flüsse gefroren und die Schneedecke tief genug sein würde, daß wir in Hundeschlitten unsere Reise nach Gischiginsk fortsetzen könnten. Es war ein langweiliger Aufschub, und zum erstenmale empfand ich, was es heißt, der Heimat und dem Vaterlande ferne und von aller Civilisation abgeschnitten zu sein. Der Major war sehr krank und in seinen Delirien fand die Sorge Ausdruck, welche ihm unsere Expedition in die Berge gemacht; er sprach stundenlang von der Abreise im Walfischboot nach Gischiginsk, gab Dodd, Wuschin und mir unzusammenhängende Befehle wegen der Pferde, Hundeschlitten, Boote und Vorräte. Sein ausschließlicher Gedanke, auf den er immer wieder zurückkam, war, Gischiginsk vor Winter zu erreichen. Da er krank und Dodd abwesend war, fühlte ich mich sehr einsam; ich saß in einem kleinen Zimmer mit durchscheinenden Fenstern aus Fischblase und las Shakspere und meine Bibel, bis ich sie fast auswendig wußte. Bei schönem Wetter hing ich meine Flinte um und strich in den Bergen umher, um Renntiere und Füchse zu jagen, hatte aber selten Erfolg. Ein Renntier und einige Schneehühner waren meine ganze Beute. Des Abends pflegte ich auf einem Querbalken in unserer 129 kleinen Küche zu sitzen, beim Schein einer kamtschadalischen Lampe, die aus einer Zinntasse voll Seehundsöl und etwas Moos bestand, und stundenlang den Liedern und dem Guitarrenspiel der Kamtschadalen und ihren abenteuerlichen Erzählungen von in den Bergen überstandenen Gefahren zuzuhören. Bei diesen kamtschadalischen Abendunterhaltungen erfuhr ich manches Interessante über Leben, Sitten und Gewohnheiten der Eingeborenen, und da ich später keine Gelegenheit mehr haben werde, von diesem merkwürdigen und wenig bekannten Volke zu sprechen, will ich hier einiges über ihre Sprache, Musik, Belustigungen, ihren Aberglauben und ihre Lebensweise berichten. Das Volk selbst habe ich schon als ruhige, harmlose, gastfreie Halbbarbaren geschildert, die sich durch Ehrlichkeit, allgemeine Liebenswürdigkeit und eine übertriebene Ehrfurcht vor der Obrigkeit auszeichnen. Der Gedanke an Rebellion oder Widerstand gegen Unterdrückung ist dem kamtschadalischen Charakter jetzt vollständig fremd, wenn es auch zur Zeit ihrer Unabhängigkeit anders gewesen sein mag. Selbst die schlechteste Behandlung ertragen sie mit der größten Gutmütigkeit, ohne daß ihnen je der Wunsch kommt, sich zu rächen. Sie sind so treu und versöhnlich wie ein Hund. Wenn du sie gut behandelst, ist dein leisester Wunsch ihnen Gesetz; selbst unausgesprochene Bedürfnisse suchen sie zu befriedigen, um ihre Dankbarkeit für Freundlichkeit zu beweisen. Während unseres Aufenthaltes in Ljesnowsk fragte der Major eines Tages nach Milch. Der Starosta sagte ihm nicht, daß keine Kuh im Dorfe sei, sondern daß er sich bemühen wolle, ihm Milch zu verschaffen. Augenblicklich wurde ein reitender Bote nach der benachbarten Niederlassung Kinkil gesandt, und vor Abend kehrte er mit einer Champagnerflasche unter dem Arm zurück, und der Major konnte seinen Thee mit Milch trinken. Von diesem Tage bis zu unserer Abreise nach Gischiginsk – länger als vier Wochen – ritt jeden Tag ein Mann zwanzig Meilen weit, um eine Flasche frische Milch für uns zu holen. Dergleichen Dienste leisteten 130 die Leute wirklich aus Herzensgüte, ohne Berechnung oder in der Hoffnung auf Belohnung. Es ist dies nur ein Beispiel von der Art und Weise, wie die Kamtschadalen im allgemeinen uns behandelten. Die ansässigen Eingeborenen von Nord-Kamtschatka haben gewöhnlich zwei verschiedene Wohnsitze, die sie je nach der Jahreszeit benutzen. Die Winterniederlassung »Zimnia« und die Sommerniederlassung »Letova« sind eine bis fünf Meilen von einander entfernt. In der ersteren, die gewöhnlich im Schutz eines bewaldeten Hügels liegt, wohnen sie von September bis Juni. Die Sommerresidenz befindet sich immer an der Mündung eines benachbarten Flusses oder Stromes und besteht aus einigen Jurten oder erdbedeckten Hütten, acht oder zehn konischen »Bologans« auf Stelzen und einer großen Anzahl Holzgestelle zum Trocknen der Fische. Zu Beginn des Juni begeben sich alle Bewohner zum Fischfang dorthin. Die Winterniederlassung ist völlig vereinsamt, sogar die Hunde und Krähen vertauschen sie mit der anziehenderen Umgebung der »Bologans«, welche ihnen reiche Ausbeute verspricht. Zu Beginn des Juli kommt der Lachs in ungeheurer Menge aus dem Meer in den Fluß, wird von den Eingeborenen in Körben, Schlagenetzen, Reusen, Fallen und vermittelst noch vieler anderer sinnreicher Erfindungen gefangen, von den Frauen mit der größten Geschicklichkeit und Geschwindigkeit aufgeschlitzt, gereinigt, von den Gräten befreit und in langen Reihen an horizontalen Pfählen zum Trocknen aufgehängt. Wie ein Matrose ans Land geht, in der Absicht, sich's wohl sein zu lassen, so schwimmt der arme Fisch mit dem vollen Vertrauen seines unerfahrenen Seelebens in den Fluß; aber ehe er noch recht zu sich kommt, wird er in einem Schlagenetz gefangen, mit hundert ebenso unschuldigen Leidensgefährten auf das Ufer geschüttet, mit einem großen Messer aufgeschlitzt, sein Rückgrat entfernt, sein Kopf abgeschnitten, seine Eingeweide werden herausgerissen und seine verstümmelten Überreste aufgehängt, um in der heißen Julisonne zu schmoren. Es ist schade, daß er nicht wenigstens 131 die melancholische Befriedigung genießt, zu sehen, mit welcher Gewandtheit und Schnelligkeit sein Körper zu einer erweiterten Nützlichkeitssphäre hergerichtet wird. Er ist jetzt kein Fisch mehr. In diesem zweiten Stadium passiven unbewußten Daseins erhält er einen neuen Namen, er heißt nunmehr »Jukala«. Es ist geradezu erstaunlich, in welchen Mengen und auf welche Entfernungen diese Fische in den sibirischen Flüssen stromaufwärts schwimmen. Dutzende von Flüßchen, an denen wir im Innern Kamtschatkas siebzig Meilen von der Meeresküste vorüberkamen, waren dergestalt mit sterbenden, toten und verwesten Fischen angefüllt, daß ihr Wasser völlig unbrauchbar war. Selbst in kleinen Bächen, die so schmal waren, daß ein Kind darüber springen konnte, erblickten wir achtzehn bis zwanzig Zoll lange Lachse, welche eifrig stromaufwärts schwammen, in Wasser, das kaum tief genug war, ihren Körper zu bedecken. Wir fingen sie häufig mit den Händen und warfen sie dutzendweise ans Land. Je weiter sie flußaufwärts gehen, desto mehr verändert sich ihr Aussehen. Wenn sie gerade aus dem Meere kommen, sind ihre Schuppen glänzend und hart, ihr Fleisch fett und tief gefärbt, aber je weiter sie sich von demselben entfernen, desto mehr verlieren ihre Schuppen den Glanz, fallen ab, ihr Fleisch bleicht, bis es fast weiß ist, und sie selbst werden mager, trocken und geschmacklos. Aus diesem Grunde sind alle Fischfangstationen in Kamtschatka so nahe wie möglich an der Mündung der Flüsse. Nur dem Instinkt des Lachses in den Flüssen zu laichen, verdankt Nordostsibirien, daß es daselbst Niederlassungen gibt; ohne den großen Fischreichtum wären die Renntier-Korjäken die einzigen Bewohner. Sobald der Fischfang vorüber ist, verwahren die Kamtschadalen ihre » Jukala«-Vorräte in ihren »Bologans« und kehren in ihre Winterquartiere zurück, um Vorbereitungen für den Herbstzobelfang zu treffen. Fast einen ganzen Monat verbringen sie in den Wäldern und Bergen, um Fallen zu verfertigen und aufzustellen. Um eine Zobelfalle zu machen, wird in dem Stamme eines 132 starken Baumes eine vierzehn Zoll lange, vier Zoll breite und fünf Zoll tiefe Rinne ausgehöhlt, so daß das untere Ende derselben sich ungefähr auf der Höhe von des Zobels Kopf befindet, wenn das Tier aufrecht steht. Dann wird der Stamm eines kleineren Baumes zugeschnitten, das eine Ende desselben auf eine in den Boden gesteckte Holzgabel drei Fuß von der Erde gelegt, das andere Ende so zugerichtet, daß es in der zu seiner Aufnahme bereiten Rinne leicht auf- und abgleiten kann, und am oberen Ende der Rinne von einer einfachen Klammer gestützt, so daß unterhalb eine fast quadratische Öffnung von ungefähr vier Zoll für den Kopf des Zobels frei bleibt. Die Klammer wird nun mit einer Lockspeise versehen, und die Falle ist fertig. Der Zobel stellt sich auf die Hinterfüße, steckt seinen Kopf in das Loch; der schwere Balken, durch das Nachgeben der Klammer zum Gleiten gebracht, fällt und zerschmettert den Schädel des Tieres, ohne im geringsten das wertvolle Fell zu beschädigen. Ein Eingeborener stellt im Herbste wenigstens hundert solcher Fallen und sucht sie im Winter in kurzen Zwischenräumen auf. Mit diesem ausgedehnten und wohl organisierten System des Zobelfanges noch nicht zufrieden, jagen die Eingeborenen dieselben auf Schneeschuhen mit abgerichteten Hunden, treiben sie in Löcher, die sie mit Netzen umgeben, zwingen sie durch Feuer oder mit der Axt hervorzukommen und töten sie mit Knütteln. Die Zahl der jährlich auf der Halbinsel Kamtschatka gefangenen Zobel beläuft sich auf sechs- bis neuntausend; sie werden alle nach Rußland und von da nach dem übrigen Europa ausgeführt. Der größte Teil aller russischen Zobel auf dem europäischen Markte stammt aus Kamtschatka und wird von amerikanischen Kaufleuten nach Moskau transportiert. W. H. Bordmann aus Boston und ein amerikanisches Haus in China, ich glaube die Firma heißt Roßell \& Co., haben den ganzen Pelzhandel Kamtschatkas und der Küsten des ochotskischen Meeres in Händen. Der im Jahre 1867 den Kamtschadalen gezahlte Durchschnittspreis für ein Zobelfell belief sich auf 133 fünfzehn Rubel Nominalwert, der sich aber in Wirklichkeit auf ungefähr die Hälfte reduzierte, weil die Zahlung in Thee, Zucker, Tabak und anderen Waren nach der Schätzung des Händlers geleistet wurde. Beinahe alle Bewohner Central-Kamtschatkas sind während des Winters mittel- oder unmittelbar mit dem Zobelfang beschäftigt, und viele haben sich durch denselben eine behagliche Unabhängigkeit geschaffen. Fischfang und Zobeljagd sind also die ernsten Beschäftigungen der Kamtschadalen; aber diese sind weit mehr charakteristisch für das Land als die Bewohner und vermitteln von den unterscheidenden Eigentümlichkeiten des kamtschadalischen Lebens nur einen unvollkommenen Begriff. Sprache, Musik, Belustigungen und Aberglauben eines Volkes geben in Bezug auf seinen wirklichen Charakter schätzenswerteren Aufschluß als seine regelmäßigen Beschäftigungen. Die kamtschadalische Sprache dünkt mich eine der merkwürdigsten all der seltsamen Sprachen Asiens; nicht wegen ihrer Konstruktion, sondern wegen der eigentümlichen, wunderlichen Laute, an denen sie so reich ist, und ihrer gurgelnden Artikulation. Wenn rasch gesprochen wurde, mußte ich immer an Wasser denken, das aus einem Krug mit engem Halse fließt. Ein russischer Reisender behauptet, das Kamtschadalische werde halb im Munde und halb in der Kehle gesprochen; meiner Ansicht nach wäre es richtiger zu sagen, halb in der Kehle und halb im Magen. Es besitzt mehr Kehllaute als irgend eine asiatische Sprache, die ich gehört, und unterscheidet sich in dieser Hinsicht auch von den Dialekten der Tschutschken und Korjäken. Es ist, was die vergleichende Sprachwissenschaft ein »agglutinierende Sprache« nennt und scheint aus unveränderlichen Wurzeln mit veränderlichen Vorsilben zu bestehen. Soweit ich feststellen konnte, hat es keine Endbiegungen, und das Erlernen der Grammatik scheint keine Schwierigkeiten zu bieten. Die meisten Kamtschadalen im Norden der Halbinsel sprechen außer ihrer eigenen Sprache 134 auch noch russisch und korjäkisch, so daß sie in ihrer Weise ganz gebildete Sprachkundige sind. Mich wollte immer bedünken, daß die Lieder eines Volkes für seinen Charakter bezeichnend seien, besonders wenn diese ihm eigen und nicht anderen Völkern entlehnt sind; ob, wie ein Schriftsteller behauptet, die Lieder den Charakter beeinflussen, oder ob sie aus demselben hervorgehen, das Resultat bleibt das gleiche, nämlich eine größere oder geringere Übereinstimmung zwischen beiden. Bei keinem der sibirischen Stämme tritt dies mehr hervor als bei den Kamtschadalen. Sie sind offenbar nie ein kriegerisches Volk gewesen. Sie besitzen keine Lieder, welche die Heldenthaten ihrer Vorfahren auf der Jagd oder dem Schlachtfelde besingen, wie viele der Indianerstämme in Nord-Amerika. Ihre Balladen tragen einen melancholischen, sinnigen Charakter; sie singen von Gram, Liebe und häuslichem Glück; die unedlen Leidenschaften, wie Stolz, Zorn und Rache, sind ihnen unbekannt. Ihre Musik hat für ein fremdes Ohr einen schauerlichen, seltsamen Klang; sie erweckt in unserem Geist ein Gefühl von Schmerz und Bedauern um etwas unwiderbringlich Verlorenes, wie ein Trauerlied am Grabe eines lieben Freundes. Wie Ossian von der Musik Carryls sagt, »sie ist wie die Erinnerung an vergangene Freuden – süß und doch traurig.« Ich erinnere mich besonders eines Liedes, »Penjinski« genannt, das die Eingeborenen von Ljesnowsk eines Abends sangen, als der süßesten und zugleich unaussprechlich traurigsten Weise, die ich je gehört. Es war die Klage einer verlorenen, verzweifelten Seele, die um Gnade fleht. Ich bemühte mich vergeblich um eine Übersetzung der Worte. Ob es die Erzählung eines blutigen, unheilvollen Zusammenstoßes mit ihren wilden nordischen Nachbarn oder die Totenklage um die Leiche eines erschlagenen, geliebten Sohnes, Bruders oder Gatten, konnte ich nicht erfahren. Die Musik rührte einem zu Thränen und hatte auf die Sänger selbst eine unbeschreiblich aufregende Wirkung. Die Tanzmusik der Kamtschadalen hat natürlich einen ganz anderen Charakter; 135 sie ist im allgemeinen sehr animierend; energische Staccatopassagen wiederholen sich fortwährend ohne Variation. Beinahe alle Eingeborenen begleiten sich selbst auf dreieckigen, mit zwei Saiten versehenen Guitarren, »Cellalika« genannt, und einige spielen ganz gut auf selbstgemachten Geigen. Leidenschaftliche Liebe zur Musik ist allen gemeinsam. Die andern Zerstreuungen, denen sie huldigen, sind der Tanz, Wettrennen mit Hundegespannen und Schlagballspiel auf dem Schnee. Die Winterreisen der Kamtschadalen werden immer auf Hundeschlitten ausgeführt, und auf keine andere Beschäftigung verwenden sie mehr Zeit, bei keiner kommt ihre angeborene Gewandtheit und ihr Scharfsinn mehr zur Geltung. Man kann sogar behaupten, daß sie Hunde für ihren Gebrauch geschaffen haben, denn der jetzige sibirische Hund ist weiter nichts als ein halbgezähmter, arktischer Wolf, mit all seinen wölfischen Instinkten und Eigentümlichkeiten. Es giebt wahrscheinlich in der ganzen Welt kein stärkeres, ausdauernderes Tier. Man kann ihn zwingen, bei 72° Kälte auf dem Schnee zu übernachten, ihn so schwer belasten, daß seine Füße aufbrechen und den Schnee mit Blut färben, ihn so hungern lassen, daß er sein Sattelzeug auffrißt, aber seine Stärke und sein Mut sind unüberwindlich. Ich bin mit einem Gespann von neun Hunden in einem Tage und einer Nacht mehr als hundert Meilen weit gefahren und habe sie öfters während achtundvierzig Stunden unausgesetzt angestrengt, ohne sie füttern zu können. In der Regel erhalten sie einmal am Tage Nahrung, und zwar einen einzigen getrockneten Fisch im Gewicht von anderthalb bis zwei Pfund. Dies geschieht am Abend, und sie beginnen ihre Tagesarbeit mit leerem Magen. Der Schlitten aus trocknem Birkenholz, an den sie gespannt werden, ist ungefähr zehn Fuß lang, zwei Fuß breit und besitzt in hohem Grade die zwei wünschenswertesten Eigenschaften, Stärke und Leichtigkeit. Ein einfaches, mit Riemen aus Seehundshaut verbundenes Holzgestell ruht auf breiten, gebogenen Läufen. Eisen kommt bei 136 der Konstruktion nicht zur Verwendung, und das ganze Gefährt wiegt nicht mehr als zwanzig Pfund; trotzdem kann es vier- bis fünfhundert Pfund tragen und die ärgsten Stöße einer Reise in den Bergen aushalten. Die Zahl der an diesen Schlitten gespannten Hunde schwankt zwischen sieben und fünfzehn, je nach der fortzuschaffenden Last und der Bodenbeschaffenheit. Unter günstigen Umständen legen elf Hunde mit einem Mann und einer Last von vierhundert Pfund in einem Tage vierzig bis fünfzig Meilen zurück. Sie sind vermittelst eines in der Mitte hinlaufenden Riemens aus Seehundshaut, an den jeder einzelne Hund durch ein Kummet und einen Zugriemen befestigt ist, paarweise hintereinander an den Schlitten gespannt. Ein Leithund, der zu dem Zweck eigens abgerichtet ist, und die Stimme des Menschen genügen, um sie zu lenken. Der Kutscher hat keine Peitsche, sondern einen dicken Stock von zwei Zoll Durchmesser und vier Fuß Länge, der »Oerstel« genannt wird. Dieses hat am Ende eine lange, eiserne Spitze und dient dazu, den Schlitten zu hemmen, wenn's bergab geht, und die Hunde von der Verfolgung von Renntieren und Füchsen abzuhalten, denen sie häufig nachlaufen. Soll der Schlitten langsamer fahren, so stößt man vor einem der Kniee oder aufrechtstehenden Teile der Läufe das »Oerstel« in den Schnee, durch den es in dieser Stellung schleift, während man das obere Ende fest in der Hand hält. Es ist ein mächtiger Hebel und hemmt einen Schlitten rasch und wirksam. Ein Hundegespann zu lenken, ist eine der Künste, über die man sich am leichtesten täuscht. Auf den ersten Blick meint der Reisende gewöhnlich, mit einem Hundeschlitten zu fahren, sei gerade ebenso leicht, wie mit einem Wagen in der Straße, und bei nächster Gelegenheit macht er den Versuch. Wenn in den ersten zehn Minuten das Gespann mit ihm durchgeht, er selbst in den Schnee geworfen und sein Schlitten, das Unterste zu oberst, eine Viertelmeile von der Straße geschleppt worden, dämmert ihm, daß die Aufgabe nicht so leicht ist, wie sie aussieht, und im Verlauf eines Tages kommt er gewöhnlich 137 durch harte Erfahrung zu der Überzeugung, daß man zum Hundekutscher wie zum Dichter geboren sein muß. Die Sommer- wie die Winterkleidung der Kamtschadalen ist meist aus Tierfellen gemacht. Ihr Winterkostüm besteht in Stiefeln aus Seehundshaut, welche, »torbassá« genannt, über schweren Strümpfen aus Renntierfell getragen werden und bis an die Kniee reichen; in Pelzhosen, die haarige Seite nach innen gekehrt; einer Kappe aus Fuchspelz mit einer langen Franse aus den Haaren des Vielfraßes; einem schweren »Kukhlánka« oder Oberhemd aus doppeltem Pelze, das den Körper bis an die Kniee bedeckt. Dasselbe wird aus den dicksten und weichsten Renntierfellen von verschiedenen Farben gemacht, am unteren Ende mit Seidenstickerei verziert, an den Ärmeln und am Halse mit glänzendem Biber garniert und unter dem Kinn mit einer viereckigen Klappe, die man über die Nase, und hinten am Halsausschnitt mit einer Kappe versehen, die man bei schlechtem Wetter über den Kopf ziehen kann. In einem derartigen Kostüm trotzen die Kamtschadalen wochenlang hintereinander der strengsten Kälte und schlafen ohne Gefahr und behaglich auf dem Schnee bei einer Temperatur von zwanzig, dreißig und selbst vierzig Grad unter dem Gefrierpunkte (Fahrenheit). Die meiste Zeit während unseres langen Aufenthaltes in Ljesnowsk wurde damit verbracht, solche Kostüme zu unserem Gebrauche anzufertigen, gedeckte Hundeschlitten herzustellen, zum Schutz gegen die Winterstürme, und Bärenfelle in umfangreiche Schlafsäcke zu nähen, kurz, um uns für die Winterkampagne auszurüsten. 138   17. Kapitel. Am 20. Oktober kam ein russischer Arzt von Tigiljsk und traktierte den Major dergestalt mit Dampf, Aderlaß und Zugpflaster, daß er nur noch ein Schatten seines früheren Selbst war. Das Fieber ließ jedoch unter dieser energischen Behandlung nach, und er wurde allmählich besser. In derselben Woche kehrten auch Dodd und Meroneff mit einem neuen Vorrat von Thee, Zucker, Rum, Tabak und hartem Brot aus Tigiljsk zurück, und wir fingen an, uns in den benachbarten Niederlassungen Kinkil und Polan nach Hunden zu einer Fahrt über die Samankaberge umzusehen. Der Schnee lag überall zwei Fuß tief, das Wetter war klar und kalt, nur die Krankheit des Majors hielt uns noch in Ljesnowsk fest. Am 28. erklärte er sich reisefähig, und wir packten ein. Am 1. November legten wir unsere schweren Pelzkostüme an, in denen wir wie wilde Tiere aussahen, verabschiedeten uns von den gastfreien Bewohnern Ljesnowsks und machten uns mit sechzehn Schlitten, achtzehn Leuten, zweihundert Hunden und Vorräten für vierzig Tage auf den Weg nach dem Gebiet der nomadischen Korjäken. Diesmal waren wir fest entschlossen, Gischiginsk zu erreichen oder zu Grunde zu gehen. Am 3. November, gerade als das nordische Zwielicht die eigentümliche stahlblaue Färbung der arktischen 139 Nacht annahm, erklommen unsere Hunde langsam den letzten Gipfel des Samankagebirges, und wir blickten von einer Höhe von mehr als zweitausend Fuß auf die traurige Schneefläche, welche sich von dem Fuß der Berge bis zum fernen Horizont erstreckte. Es war das Land der wandernden Korjäken. Ein kalter Seewind fegte über den Berggipfel, pfiff kläglich in den Kiefern und erhöhte noch den unbehaglichen Eindruck der einsamen Winterlandschaft. Das schwache blasse Licht der untergehenden Sonne warf noch seinen Schein auf die höchsten Berggipfel, aber auf den düsteren, mit Lärchen und kriechenden Kiefern bewachsenen Schluchten unter uns lagerten schon die Schatten der Nacht. Am Fuße des Gebirges befand sich das erste Lager der Korjäken. Während unsere Hunde auf dem Gipfel einige Augenblicke verschnauften, suchten wir in der zunehmenden Dunkelheit die schwarzen Zelte zu entdecken; aber nichts unterbrach die Schneedecke der ebenen Steppe wie die dunkeln Kiefergruppen. Das Lager war von den Bergen verdeckt. Als der Mond aufgegangen und die schroffen Umrisse der Berge zu unserer Rechten scharf hervortreten ließ, trieben wir unsere Hunde von neuem an und lenkten in eine dunkele, enge Schlucht, welche in die Steppe hinabführte. Die täuschenden Schatten der Nacht und die Felsmassen, welche den Engpaß versperrten, machten unsere Thalfahrt äußerst gefährlich; es bedurfte der ganzen Gewandtheit unserer erfahrenen Kutscher, daß wir nicht zu Schaden kamen. Die eisenbeschlagenen Pfähle, mit denen sie vergeblich unsere ungestüme Abwärtsbewegung zu hemmen suchten, wirbelten förmliche Schneewolken auf; das Geschrei und die Warnungsrufe der Vorausfahrenden, vom Echo der Berge vervielfältigt, trieben die Hunde zu noch größerer Eile an; Felsen und Bäume flogen an uns vorüber, und wir selbst schienen von einer Lawine erfaßt in atemloser Schnelligkeit dem Abgrund und sicherem Verderben zuzusausen. Nach und nach wurde jedoch die Geschwindigkeit geringer, und wir gelangten glücklich auf die mondbeschienene, 140 harte Schneefläche der offenen Steppe. Eine halbstündige, rasche Fahrt brachte uns in die vermeintliche Nähe des Korjäkenlagers; aber einstweilen erblickten wir weder Spuren von Renntieren noch Zelte. Aufgekratzter Schnee ist gewöhnlich das Zeichen, daß man sich den Jurten der Korjäken nähert, denn die Renntiere derselben schweifen in einem Umkreise von mehreren Meilen über das Land und wühlen den Schnee auf, um das Moos, das ihnen zur Nahrung dient, zu finden. Da es an derartigen Anzeichen durchaus fehlte, diskutierten wir die Möglichkeit, daß wir falsch berichtet worden, als plötzlich unsere Leithunde ihre scharfen Ohren spitzten, im Winde schnüffelten und mit kurzem, aufgeregtem Gekläff in rasendem Galopp in der Richtung eines niedrigen Hügels davonjagten, der zu unserm bisherigen Kurs einen rechten Winkel bildete. Vergeblich versuchten die Führer, die Eile der Hunde zu mäßigen, ihre wölfischen Instinkte waren geweckt und alle Disciplin vergessen, als sie die Renntierherde witterten. In einem Augenblick waren wir an Ort und Stelle; vor uns im hellen Mondscheine standen die konischen Zelte der Korjäken, von wenigstens viertausend Renntieren umgeben, deren vielgezackte Geweihe wie ein Wald von trocknen Zweigen aussahen. Die Hunde schlugen zu gleicher Zeit an wie eine Meute Fuchshunde angesichts des Wildes, und sausten geräuschvoll den Hügel hinab, trotz der Rufe ihrer Gebieter und der Drohungen von drei oder vier Gestalten, die sich plötzlich aus dem Schnee zwischen ihnen und den erschreckten Renntieren erhoben. Durch allen Tumult hindurch konnte ich Dodds Stimme unterscheiden, der in russischer Sprache auf seine kläffenden Hunde losschimpfte, die ihn ungeachtet der mannhaftesten Anstrengungen in seinem umgeworfenen Schlitten über die Steppe schleiften. Die Renntierherde schwankte einen Augenblick und jagte dann in wilder Flucht davon, von Treibern, Korjäkenwachen und zweihundert Hunden gefolgt. Da ich keine Lust verspürte, in das Durcheinander verwickelt zu werden, sprang ich von meinem Schlitten und beobachtete die wirre Menge, die mit Geschrei, 141 Hundegebell und lautem Halloh über die Ebene dahinfegte. Das ganze Lager, das in lebloser Ruhe verlassen zu sein schien, wurde plötzlich aufgeschreckt. Dunkele Gestalten eilten aus den Zelten, ergriffen lange Speere, die im Schnee an die Thüre gelehnt standen, und beteiligten sich schreiend an der wilden Jagd, indem sie Schlingen von Walroßhaut nach den Hunden schleuderten, in der Hoffnung, ihrer Verfolgung Einhalt zu thun. Das Geklapper von Tausenden von Geweihen, die in der Verwirrung der Flucht aneinander stießen, das Geräusch zahlloser Hufe auf dem harten Schnee, das tiefe, heisere Gekläff der erschreckten Renntiere, die unverständlichen Rufe der Korjäken, die ihre von panischer Furcht ergriffene Herde zu beruhigen suchten, das war ein greuliches Durcheinander unharmonischer Töne, das in der stillen Frostatmosphäre der Nacht weithin gehört werden mußte. Dies alles glich vielmehr dem nächtlichen Überfall eines feindlichen Lagers als der friedlichen Ankunft einiger amerikanischer Reisenden; ich horchte mit Erstaunen auf den wilden Aufruhr, den wir unabsichtlich verursacht hatten. Der Tumult verhallte immer mehr in der Ferne, und die von dem unnatürlichen Kraftaufwand, zu welchem die Aufregung sie angereizt, erschöpften Hunde fügten sich der Kontrolle ihrer Lenker und kehrten nach den Zelten zurück. Dodds Hunde, keuchend vor Anstrengung, humpelten mürrisch einher, indem sie sich sehnsüchtig nach der Richtung der Renntiere umwandten, als ob sie die Schwäche bereuten, die sie auf die Jagd hatte verzichten lassen. »Warum haben Sie sie nicht aufgehalten?« fragte ich Dodd lachend. »Ein Hundelenker von Ihrer Erfahrung sollte sein Gespann besser in der Gewalt haben.« »Sie aufhalten!« rief er mit gekränkter Miene. »Ich hätte sehen mögen, wie Sie es gemacht hätten, mit einem Lasso um den Hals und einem dicken Korjäken, der am andern Ende zog wie ein Dampfkrahn. Das ist leicht gesagt ›sie aufhalten‹, aber wenn diese Barbaren Sie von Ihrem Schlitten wegziehen wie ein wildes Tier, 142 was würde Ihre erhabene Weisheit da vorschlagen? Ich glaube wahrhaftig, die Schlinge hat Spuren an meinem Halse zurückgelassen,« und er fühlte vorsichtig nach dem Striemen, den der Riemen aus Seehundshaut verursacht. Sobald die Renntiere wieder zusammengetrieben und der Obhut eines Wächters übergeben worden, versammelten sich die Korjäken neugierig um die fremden Ankömmlinge, die so ohne weiteres in ihr ruhiges Lager eingedrungen waren, und fragten durch unsern Dolmetscher Meroneff, wer wir seien, und was wir wollten. Sie bildeten eine seltsame, malerische Gruppe, wie sie so mit ihren braunen, vom Vollmond beschienenen Gesichtern, den im Mondlichte glänzenden Metallverzierungen an ihrer Gewandung und den blanken Klingen ihrer langen Speere vor uns standen. Ihre hohen Backenknochen, kühnen, lebhaften Augen, ihr schlichtes, kohlschwarzes Haar erinnerte an unsere Indianer; aber weiter ging auch die Ähnlichkeit nicht. Der Ausdruck ihrer Gesichter war der kühner, offener Ehrlichkeit, den man unsern westlichen Eingeborenen nicht nachrühmen kann, und der uns genügende Bürgschaft für ihre Freundlichkeit und Zuverlässigkeit zu bieten schien. Unserer vorgefaßten Ansicht zum Trotz waren sie athletische, gut gebaute Männer, reichlich von der Durchschnittsgröße der Amerikaner. Schwere »Kukhlánkas« oder Jagdhemden von geflecktem Renntierfell, um die Hüften von einem Gürtel zusammengehalten und am unteren Ende mit Fransen aus langen, schwarzen Vielfraßhaaren besetzt, bedeckten ihre Körper vom Hals bis zu den Knieen und waren hie und da mit Reihen kleiner bunter Perlen, Quasten von rotem Leder und glänzenden Metallstückchen verziert. Pelzhosen, hohe Stiefeln aus Seehundsfell, die bis an die Schenkel reichten, Kappen aus Wolfsfell mit den aufrecht stehenden Wolfsohren an jeder Seite des Kopfes vervollständigten das Kostüm, das trotz seiner Bizarrerie sich der fremdartigen Umgebung der Mondscheinscenerie malerisch anpaßte. Dodd und ich überließen es dem Kosaken Meroneff und dem Major, unsere Angelegenheiten und Bedürfnisse zu erörtern und gingen davon, um das Lager 143 einer kritischen Besichtigung zu unterziehen. Es bestand aus vier großen konischen Zelten; über ein Holzgestell aus Pfählen hingen lose Renntierfelle, welche von der Spitze des Kegels bis auf den Boden mit darüberhinlaufenden langen Riemen von Seehunds- oder Walroßhaut befestigt waren. Auf den ersten Blick schienen sie wenig geeignet, den Stürmen, welche im Winter vom nördlichen Eismeere über diese Steppen hinfegen, Widerstand zu leisten; spätere Erfahrung belehrte uns, daß auch der heftigste Orkan sie nicht loszureißen vermag. Auf dem Schnee lagen hier und da niedliche Schlitten von verschiedener Gestalt und Größe, und neben dem geräumigsten Zelte waren zwei- bis dreihundert Packsättel für Renntiere zu einer symmetrischen Mauer aufgestapelt. Von der Gesellschaft von fünfzehn bis zwanzig Korjäken, die sich uns als Aufsicht zugesellt, in unseren Untersuchungen belästigt, kehrten wir an den Punkt zurück, wo die Vertreter der Civilisation und des Barbarentums ihre Unterhandlungen pflogen. Letztere hatten offenbar einen befriedigenden Abschluß gefunden; denn als wir uns der Gruppe näherten, trat ein stattlicher Eingeborner mit geschorenem Kopfe uns aus derselben entgegen, führte uns zum größten Zelte, hob einen Vorhang aus Fellen in die Höhe, hinter dem wir ein dunkeles Loch von zwei und einem halben Fuß Durchmesser erblickten, in das er uns einzutreten einlud. Wenn es in Wuschins sibirischer Erziehung etwas gab, worauf er besonders stolz war, dann war es seine Gewandtheit, in kleine Löcher zu kriechen. Durch ausdauernde Übung hatte er sich eine Biegsamkeit des Rückens und ein Schlängeln in den Bewegungen angeeignet, die wir bewundern, aber nicht nachahmen konnten, und obgleich die Auszeichnung vielleicht keine beneidenswerte war, er wurde stets ausgewählt, um alle dunkelen Löcher und unterirdischen Eingänge (fälschlich Thüren benannt), die uns in den Weg kamen, zu erforschen. Dies schien einer der eigentümlichsten Eingänge zu sein von den vielen Arten, die wir schon kennen gelernt; aber Wuschin, der dem Grundsatz huldigte, 144 daß kein Teil seines Körpers größer sein könne als das Ganze (Loch nämlich), streckte sich in horizontaler Lage aus, ersuchte Dodd, seinen Füßen einen Schub zu geben und kroch hinein. Einige Sekunden atemlosen Schweigens folgten seinem Verschwinden; ich vermutete nun, daß alles in bester Ordnung, steckte meinen Kopf in das Loch und kroch ihm mühsam nach. Die Dunkelheit war vollständig; aber von Wuschins Atem geleitet machte ich ganz hübsche Fortschritte, als aus der ägyptischen Finsternis plötzlich ein wildes Knurren und ein ängstlicher Schrei ertönten, denen in demselben Augenblick der solideste Körperteil Wuschins folgte, der mit der Gewalt eines Mauerbrechers mir gegen den Kopf stieß, mich mit den lebhaftesten Befürchtungen von Überfall erfüllte und zu schleunigem Rückzug veranlaßte. Wuschin folgte eiligst mit den ungeschickten Rückwärtsbewegungen einer verletzten Krabbe. »Was in Kuckucks Namen ist denn los?« fragte Dodd, indem er den in die Falten des Pelzvorhangs verwickelten Kopf Wuschins befreite. »Sie hufen ja zurück, als ob Schaitan mit all seinen Teufelchen hinter Ihnen wäre!« »Sie meinen doch nicht,« erwiderte Wuschin mit lebhaften Gesten, »daß ich in dem Loch da bleiben und mich von Korjäkenhunden soll verspeisen lassen? Wenn ich so dumm war, hineinzukriechen, bin ich doch klug genug, zu wissen, wenn's an der Zeit ist, den Rückzug anzutreten. Ich glaube nicht,« fügte er sich rechtfertigend hinzu, »daß das Loch irgendwohin führt und es ist voller Hunde.« Mit raschem Verständnis für Wuschins Schwierigkeiten und einem belustigten Grinsen begab sich unser Korjäkenführer in das Loch, trieb die Hunde heraus, hob einen innern Vorhang in die Höhe und ließ das rote Licht des Feuers hineinströmen. Nun krochen wir auf Händen und Füßen zwölf bis fünfzehn Fuß weit durch den niedrigen Thorweg und betraten den großen, offenen Kreis des inneren Zeltes. In der Mitte desselben brannte ein helles, knisterndes Feuer von harzigen Kieferzweigen, das einen roten Schein auf das geschwärzte, 145 glatte Holzwerk des Zeltes warf und die braunen, tättowierten Gesichter der am Boden kauernden Frauen phantastisch beleuchtete. Ein großer, kupferner Kessel mit einer Mischung von zweifelhaftem Geruch und Aussehen hing über der Flamme und lieferte einigen hageren Frauen mit entblößten Armen Beschäftigung, die abwechselnd mit demselben Stock in dem Inhalt rührten, das Feuer stocherten und einigen alten, aber neugierigen Hunden auf den Kopf schlugen. Der Rauch, welcher langsam aus dem Feuer aufstieg, hing als blaue, klar abgegrenzte Wolke ungefähr fünf Fuß vom Boden und teilte die Atmosphäre des Zeltes in eine niedrige, verhältnismäßig klare Luftschicht und in eine obere Wolkenregion, wo Rauch, Dünste und schlechte Gerüche um den Vorrang stritten. Diese Beschränkung der reinen Luft auf den untersten Raum machte den Bubenstreich, sich auf den Kopf zu stellen, zu einer sehr wünschenswerten Fertigkeit, und da der stechende Rauch mir Thränen erpreßte, schlug ich Dodd vor, mit dieser umgekehrten Körperhaltung, die eine ganz neue optische Wirkung zur Folge haben werde, eine Probe zu machen. Mit dem verächtlichen Grinsen, das er stets für meine besten Vorschläge hatte, erwiderte er, ich solle es selbst versuchen, warf sich der Länge nach auf den Boden und amüsierte sich, einem Korjäkensäugling Gesichter zu schneiden. Der vielgeschäftige Wuschin wischte sich die Thränen aus den Augen, bereitete unser Abendessen und versetzte gelegentlich den zudringlichen Hunden, die sich in seine Nähe wagten, einen derben Schlag, während der Major jedenfalls seine Zeit am besten anwandte, indem er wegen der ausschließlichen Überlassung eines »Polog« unterhandelte. Die Temperatur in einem Korjäkenzelt übersteigt im Winter selten 20 oder 25° Fahrenheit , und da ein fortgesetzter Aufenthalt in solcher Kälte mindestens recht unangenehm werden könnte, errichten die Besitzer in der innern Umfangslinie des Zeltes kleine, fast luftdichte Gemächer, »Pologs« genannt, die durch Vorhänge von Tierfellen voneinander getrennt sind und den Vorteil der 146 Absonderung mit dem wünschenswerten Luxus größerer Wärme verbinden. Diese Pologs sind ungefähr vier Fuß hoch und sechs bis acht Fuß lang und breit. Sie werden aus den dichtesten, fest zusammengenähten Pelzen hergestellt und durch brennendes Moos, das in einem hölzernen, mit Seehundsöl gefüllten Gefäße schwimmt, erwärmt und erleuchtet. Das Kompensationsgesetz, das durch die ganze Natur geht, macht sich jedoch auch in den Pologs einer Korjäkenjurte geltend, und die größere Wärme muß durch eingeschlossenere, rauchigere Luft gebüßt werden. Der flackernde Docht der Lampe, der wie ein brennendes Schiffchen auf einem Miniatursee von ranzigem Fett schwimmt, absorbiert alle Lebensluft des Pologs und spendet als Ersatz Kohlensäuregas, Öldunst und übele Gerüche. Allen bekannten Gesetzen der Hygiene zum Trotz scheint jedoch diese verdorbene Atmosphäre gesund zu sein, oder, um den Fall negativ auszudrücken, es liegt kein Beweis für ihre Schädlichkeit vor. Die Korjäkenfrauen, welche fast ihre ganze Zeit in diesen Pologs verbringen, erreichen gewöhnlich ein hohes Alter, und außer einer bemerkenswerten Tendenz zu eckigen Umrissen und Hagerkeit unterscheiden sie sich physisch durch nichts von alten Frauen anderer Länder. Ich fürchtete, den Erstickungstod zu sterben, als ich zum erstenmal in einem Korjäkenzelte schlief; aber meine Besorgnis erwies sich als unbegründet und verlor sich nach und nach. Um der lästigen wachsamen Neugierde der Korjäken zu entfliehen, die sich um uns herum auf die Erde gekauert hatten, hoben Dodd und ich den Vorhang des Pologs, den des Majors diplomatische Verhandlungen uns gesichert hatte, und krochen hinein, um dort auf das Nachtessen zu warten. Da die wißbegierigen Korjäken in dem engen Polog für ihre Personen keinen Raum hatten, legten sie sich, neun an der Zahl, vor demselben nieder, steckten ihre häßlichen, halbgeschorenen Köpfe unter dem Vorhang durch und setzten ihre schweigsame Überwachung fort. Der Anblick einer Reihe von neun körperlosen Köpfen, deren Augen bei jeder Bewegung, die 147 wir machten, sich gleichzeitig von der einen Seite nach der andern wandten, war so urkomisch, daß wir in ein schallendes Gelächter ausbrachen. Ein verständnisinniges Lächeln erschien augenblicklich auf den neun braunen Gesichtern, deren übereinstimmender Ausdruck einen auf den Gedanken eines neunköpfigen Ungeheuers brachte. Da Dodd den Vorschlag machte, sie einzuräuchern, holte ich meine Pfeife aus der Tasche und schickte mich an, sie mit einem jener eigentümlich knallenden Zündhölzchen anzustecken, die wir zu unsern teuersten Reliquien der Civilisation zählten. Bei der Miniatur-Füsillade, mit welcher das Streichholz sich entzündete, verschwanden plötzlich die neun Köpfe, und wir vernahmen hinter dem Vorhang einen Chor lang gezogener erstaunter Ausrufe, dem ein babylonisches Durcheinander von lebhaften Erörterungen über diese diabolische Methode, Feuer zu erzeugen, folgte. Besorgt, sie möchten einen neuen Beweis für die übernatürliche Macht der weißen Männer verpassen, erschienen die Köpfe bald wieder, und zwar noch um einige verstärkt, welche der Bericht des wunderbaren Ereignisses angezogen hatte. Die Wachsamkeit des Argus mit seinen hundert Augen war nichts im Vergleich zu der Beobachtung, der wir jetzt unterworfen wurden. Jedes sich kräuselnde Dampfwölkchen, das unsern Lippen entstieg, wurde mit Späherblicken so aufmerksam verfolgt, als ob es todbringender Rauch aus der untersten Hölle wäre, der demnächst alles in Flammen setzen müsse. Ein lautes, kräftiges Niesen von Dodd gab das Zeichen zu einem zweiten panischen Rückzug der Köpfe und abermaligem Austausch der verschiedenen Meinungen hinter dem Vorhang. Es war wirklich lächerlich, aber wir waren doch des Anstarrens müde und sehnten uns nach dem Essen; so krochen wir aus dem Polog und suchten zu ergründen, wie weit die Vorbereitungen zur Abendmahlzeit vorgeschritten waren. Wuschin stellte gerade auf die Holzkiste, die unsere telegraphischen Instrumente enthielt, Kuchen aus hartem Brot, rohen Schinken und dampfenden Thee. Das waren die Luxusartikel der Civilisation; daneben auf dem Boden 148 in einem langen, hölzernen Trog und einer großen Schüssel aus demselben Material befanden sich die entsprechenden Delikatessen des Barbarentums. In Hinsicht auf ihre Bestandteile und Zubereitung konnten wir natürlich nur Vermutungen aufstellen, aber der Appetit wegemüder Reisender ist nicht sehr wählerisch; wir setzten uns mit gekreuzten Beinen wie die Türken auf den Boden zwischen den Trog und die Instrumentenkiste, entschlossen, unsere Würdigung der Korjäkengastfreundschaft dadurch zu beweisen, daß wir von allem aßen, was uns geboten wurde. Der fremdartig aussehende Inhalt der Holzschüssel zog natürlich die Aufmerksamkeit des stets beobachtenden Dodd auf sich; er rührte mit einem langen Löffel darin herum und fragte Wuschin, der als chef de cuisine in alle Geheimnisse eingeweiht sein mußte: »Was haben Sie da?« »Das,« erwiderte Wuschin ohne Zögern, »das ist Kascha« (Reisauflauf). »Kascha!« rief Dodd verächtlich; »es sieht eher aus wie das Zeug, aus dem die Kinder Israel Backsteine machten. An Stroh hat es ihnen auch nicht gefehlt,« fügte er hinzu, indem er einige getrocknete Grashalme herausfischte. »Was ist es also?« »Das,« sagte Wuschin wieder, indem er eine gelehrte Miene aufsetzte, »ist das berühmte ›Jamuk chi a la Pusterelsk‹, das Nationalgericht der Korjäken, nach dem Originalrezept Seiner Excellenz Ullcot Utku Minjegetkin, dem erhabenen Erb-Teion und Vevesoki Prevoskhoditbestro – –« »Gnade! Halten Sie ein!« rief Dodd mit flehender Miene, »ich werde es essen,« indem er einen halben Löffel voll der dunkelen, klebrigen Masse an seine Lippen führte. »Nun,« sagten wir voller Erwartung nach einer momentanen Pause, »wie schmeckt es?« »Wie die Lehmkuchen, die wir als Kinder machten,« erwiderte er. »Ein wenig Salz, Pfeffer und Butter, recht viel Fleisch und Mehl und etwas Gemüse würden dies 149 Gericht bedeutend verbessern, aber es ist wirklich auch so nicht besonders schlecht.« Auf diese etwas zweideutige Empfehlung hin ließ ich mich auch herbei, es zu versuchen. Außer einem eigentümlich erdigen Geschmack hatte es weder etwas Angenehmes noch etwas Unangenehmes. Seine Eigenschaften waren alle negativer Art, nur der Reichtum an Gras war das Charakteristische, was der Masse Konsistenz gab. Dieses Gemisch, bei den Korjäken als »Manjalla« bekannt, ersetzt bei allen sibirischen Stämmen das Brot. Es wird, wie man uns sagte, mehr seiner medizinischen Eigenschaften als seines guten Geschmackes wegen geschätzt, und selbst unsere beschränkte Erfahrung ließ keinen Zweifel an dieser Behauptung aufkommen. Es besteht aus geronnenem Blut, Talg und halb verdautem Moos, das aus dem Magen der Renntiere genommen wird, wo eine wesentliche Veränderung mit demselben vorgegangen sein soll, die es zum Genuß geeignet macht. Diese merkwürdigen und heterogenen Bestandteile werden mit einigen Händen voll getrockneten Grases zusammengekocht, um die Masse zu verdicken, die dann in kleine Laibe geformt und dem Gefrieren ausgesetzt wird. Unser Wirt war offenbar vom Wunsche beseelt, uns mit der größten Höflichkeit zu behandeln, und als Zeichen seiner ganz besonderen Hochachtung biß er mehrere gute Bissen von dem Stück Wildbret ab, das er in seiner schmutzigen Hand hielt, nahm sie aus dem Munde und reichte sie mir. Ich dankte verbindlichst für die beabsichtigte Auszeichnung und bezeichnete Dodd als die geeignete Persönlichkeit für solche Aufmerksamkeiten; dieser rächte sich, indem er eine alte Frau ersuchte, mir etwas Talg zu bringen, der, wie er ihr versicherte, zu Hause meine einzige Nahrung sei. Meine energischen Proteste in englischer Sprache wurden natürlich nicht verstanden, und die Frau, welche ganz entzückt war, daß ein Amerikaner ihren Geschmack teilte, beeilte sich, mich mit der Delikatesse zu versorgen. Ich war ein hilfloses Opfer und konnte diese neue Bosheit 150 Dodds nur auf die lange Liste von bösen Streichen setzen, die er mir schon gespielt, und die ich eines Tages wettzumachen hoffte. Das Abendessen ist bei den Korjäken die Hauptmahlzeit. Um den Kessel voll »Manjalla« oder den Trog voll Renntierfleisches versammeln sich die Männer, welche während des Tages abwesend waren, und diskutieren bei ihrer Mahlzeit die einfachen Ereignisse und Gedanken, die ihr isoliertes Leben bietet und anregt. Wir benutzten die Gelegenheit, um etwas über die Stämme zu erfahren, die noch weiter nördlich wohnen, die Aufnahme, die wir finden, und in welcher Weise wir zu reisen gezwungen sein würden. 151   18. Kapitel. Die nomadischen Korjäken, die in ungefähr vierzig verschiedene patriarchalische Familien zerfallen, schweifen über die großen Steppen des nördlichen Teiles der Halbinsel zwischen dem achtundfünfzigsten und dreiundsechzigsten Breitegrad. Ihre südliche Grenze ist die Niederlassung Tigiljsk auf der Westküste, wohin sie alljährlich des Handels wegen kommen, und man begegnet ihnen nur selten nördlich von Penschinsk, etwa zweihundert Meilen vom Nordende des ochotskischen Meeres. Innerhalb dieser Grenzen ziehen sie mit ihren großen Renntierherden beständig umher und sind so ruhelos, daß sie selten länger als eine Woche an demselben Orte bleiben. Dies kommt jedoch nicht allein von ihrer Vorliebe für Veränderung. Eine Herde von vier- oder fünftausend Renntieren wühlt in einigen Tagen den Schnee in einem Umkreis von einer Meile auf und verzehrt alles vorhandene Moos, und dann muß natürlich ein frisches Lager aufgesucht werden. Ihr nomadisches Leben ist folglich nicht ausschließlich Geschmackssache, sondern teilweise Notwendigkeit, da sie behufs ihrer Existenz auf das Renntier angewiesen sind. Sie müssen wandern, wenn ihre Herde nicht Hungers sterben soll, und deren Vernichtung würde die ihrige unvermeidlich folgen. Ihr Wanderleben hängt vermutlich mit der Zähmung des Renntiers zusammen, welche sie zwang, den Bedürfnissen 152 dieses Tieres in erster Linie Rechnung zu tragen; aber die ruhelosen Gewohnheiten des Herumzieherlebens sind ihnen jetzt so in Fleisch und Blut übergegangen, daß sie kaum in anderer Weise leben könnten, selbst wenn sie Gelegenheit dazu hätten. Die Folgen ihrer Isolierung und Unabhängigkeit sind Kühnheit, Abscheu vor jeglichem Zwang und unerschütterliches Selbstvertrauen, Charakterzüge, welche sie von den Kamtschadalen und allen andern ansässigen Bewohnern Sibiriens vorteilhaft unterscheiden. Eine kleine Renntierherde und eine Moossteppe genügt ihnen; weitere Ansprüche machen sie nicht an die Welt. Von Civilisation und Regierung sind sie vollständig unabhängig, wollen weder deren Gesetze noch Unterscheidungen anerkennen. Jeder Mann ist sich selbst Gesetz, so lange er ein Dutzend Renntiere besitzt; er kann sich, wenn es ihm gefällt, von allen andern Menschen absondern, alle anderen Interessen unberücksichtigt lassen, außer den seinigen und denen seiner Tiere. Aus Bequemlichkeit und der Gesellschaft wegen finden sich sechs bis acht Familien zusammen, aber sie werden nur durch gegenseitige Übereinkunft zusammengehalten und erkennen kein Oberhaupt an. Sie haben einen Führer »Teion« genannt, der gewöhnlich die größte Herde von der Gesellschaft besitzt; er entscheidet, wo das Lager aufgeschlagen und wann weiter gezogen werden soll; andere Macht besitzt er nicht; alle ernsteren Fragen über persönliche Rechte und Verpflichtungen muß er der gemeinsamen Entscheidung aller Mitglieder überlassen. Besondere Ehrfurcht erfüllt sie nur vor den bösen Geistern, welche sie mit Unglück heimsuchen, und den »Schamáns« oder Priestern, welche die Vermittler zwischen diesen höllischen Dämonen und ihren Opfern spielen. Rangunterschiede verachten sie, und wenn der Zar aller Reußen ein Korjäkenzelt beträte, würde er nicht mehr gelten als der Eigentümer desselben. Bald nach unserer ersten Bekanntschaft mit den Korjäken erlebten wir, als Beweis dafür, eine höchst ergötzliche Scene. Der Major meinte, es sei zweckmäßig, diesen Eingeborenen mit seinem Rang und Reichtum, 153 seiner Macht und Bedeutung in der Welt zu imponieren, ihnen einen gewissen Grad von Ehrfurcht und Hochachtung für seine Befehle und Wünsche einzuflößen. Er ließ also eines Tages eines der ältesten und einflußreichsten Mitglieder der Gesellschaft zu sich bescheiden und ihm durch einen Dolmetscher mitteilen, wie reich er sei, was für Hilfsquellen in Gestalt von Belohnungen und Strafen ihm zu Gebote ständen, welch hohen Rang er einnehme, welch mächtige Stellung er in Rußland habe, und wie es selbstverständlich sei, daß eine so hervorragende Persönlichkeit von armen, herumziehenden Heiden mit kindlicher Ehrfurcht und Hochachtung behandelt werde. Der alte, auf dem Boden kauernde Korjäke hörte der Aufzählung all der bewundernswerten Eigenschaften und Vollkommenheiten unseres Vorgesetzten ruhig zu, ohne eine Muskel zu verziehen; als der Dolmetscher zu Ende gekommen, erhob er sich langsam, schritt mit unerschütterlichem Ernst und der gnädigsten, herablassendsten Gönnermiene auf den Major zu und täschelte ihm den Kopf. Der Major wurde rot und brach in Lachen aus, versuchte aber nie mehr, einen Korjäken einzuschüchtern. Bei all dieser demokratischen Unabhängigkeit sind die Korjäken beinahe ausnahmslos gastfrei, dienstfertig und gutmütig. Schon im ersten Lager erhielten wir die Versicherung, daß wir ohne Schwierigkeit auf Renntierschlitten von einem Lager zum andern bis an den Penschinagolf befördert werden würden. Nach langer Unterhaltung mit den Korjäken, die am Feuer um uns herum saßen, wurden wir schließlich müde und schläfrig und krochen mit im ganzen günstigen Eindrücken von diesem neuen und eigentümlichen Volke in unsern kleinen Polog. In einem andern Teil der Jurte wurde mit leiser Stimme ein melancholisches Lied in einer Molltonart gesungen, dessen trauriger, häufig wiederkehrender Refrain mir einen tiefen Eindruck und meine erste Nacht in einem Korjäkenzelt unvergeßlich machte. Am Morgen von einem Hustenanfall geweckt zu werden, der durch den dicken, scharfen Rauch eines 154 glimmenden Feuers verursacht wird – aus einem sechs Quadratfuß großen Schlafzimmer aus Tierfellen in die noch dichtere Rauchatmosphäre des Zeltes zu kriechen – ein Frühstück von getrocknetem Fisch, gefrorenem Talg und Wild aus einem schmutzigen, hölzernen Trog einzunehmen, mit einem bösartigen Hund auf jeder Seite, der einem das Recht auf jeden Bissen streitig macht, das sind Erfahrungen, die man nur unter den Korjäken machen kann, und die nur korjäkische Gleichgiltigkeit lange aushält. Ein sanguinisches Temperament mag in der Neuheit Entschädigung für das Unbehagen finden, aber die Neuheit hält selten über den zweiten Tag hinaus vor, während das Unbehagen im direkten Verhältnis zur Dauer zunimmt. Philosophen mögen behaupten, daß der Geist über alle äußeren Verhältnisse erhaben sein muß; zwei Wochen in einem Korjäkenzelt würde sie besser von diesem Irrtum heilen als alle logischen Beweisgründe der Welt. Ich kann nicht behaupten, daß ich besonders heiter veranlagt bin, und der klägliche Anblick der Dinge, als ich am Morgen nach unserer Ankunft im ersten Korjäkenlager aus meinem Pelzschlafsack kroch, machte mich nicht liebenswürdiger. Die ersten Strahlen des Tageslichts kämpften sich gerade durch die Rauchatmosphäre des Zeltes. Das eben angezündete Feuer wollte nicht brennen, sondern rauchen; die Luft war kalt und unbehaglich; zwei Säuglinge schrieen aus Leibeskräften in einem benachbarten Polog; das Frühstück war nicht bereit, jedermann war schlecht gelaunt, und um den harmonischen Eindruck des allgemeinen Elendes nicht zu stören, wurde ich es auch. Drei oder vier Tassen heißen Thees, der bald erschien, machten jedoch ihren belebenden Einfluß geltend, und wir fingen an, der Lage eine günstigere Seite abzugewinnen. Der »Teion« wurde citiert, seinem etwas schwerfälligen Verständnisse einstweilen mit einer Pfeife starken kaukasischen Tabaks nachgeholfen und Anordnungen zu unserem Weitertransport nach dem nächsten Korjäkenlager, ungefähr vierzig Meilen nördlicher, getroffen. Sofort wurden Befehle zum Einfangen von zwanzig 155 Renntieren und zur Zurüstung der Schlitten erteilt. Ich aß hastig einige Bissen hartes Brot und Schinken, zog Pelzkappe und Fausthandschuhe an und kroch durch den niedrigen Eingang, um zu sehen, wie zwanzig dressierte Renntiere aus viertausend wilden ausgesucht würden. In jeder Richtung war das Zelt von der Herde umgeben; einige Renntiere wühlten mit ihren scharfen Hufen den Schnee auf, um nach Moos zu suchen; andere kämpften miteinander, indem sie mit ihren Geweihen zusammenstießen und heiser kläfften oder sich in tollem Galopp über die Steppe verfolgten. In der Nähe des Zeltes stellten sich zwölf Männer mit Schlingen in zwei parallele Reihen auf, während zwanzig andere mit einem zwei- bis dreihundert Meter langen Riemen aus Seehundshaut einen Teil von der großen Herde abtrennten und sie mit Geschrei und geschwungenen Lassos durch die enge Gasse zu treiben suchten. Die erschreckten Renntiere suchten aus dem immer enger werdenden Kreise zu entfliehen, aber der Seehundsriemen, der in kurzen Entfernungen von schreienden Eingeborenen gehalten wurde, trieb sie zurück, und sie strömten widerstrebend durch die Öffnung zwischen den Lassoschleuderern. Dann und wann wickelte sich ein langes Seil in der Luft auf, eine sich zuziehende Schlinge fiel auf das Geweih irgend eines unglücklichen Renntieres, dessen geschlitzte Ohren es als ein dressiertes kenntlich machten, während seine entsetzlichen Sprünge und wütenden Anstrengungen zu entwischen, sehr berechtigte Zweifel an seiner Dressur aufkommen ließen. Um beim paarweisen Anspannen der Tiere den Zusammenstoß der Geweihe zu vermeiden, hieb ein Eingeborener mit einem schweren, schwertartigen Messer dicht am Kopfe eines der Hörner ab, so daß nur ein gräßlicher, roter Stumpf blieb, aus dem das Blut über die Ohren des Tieres rieselte. Dann wurden sie in Paaren an Schlitten gespannt, mit einem Kummet und einem Zugriemen, der sich zwischen den Vorderbeinen durchzog; Zügel wurden an kleine, scharfe Nägel in dem Kopfgestell befestigt, welche, je nachdem der entsprechende Zügel angezogen wird, in die rechte 156 oder linke Seite des Kopfes eindringen, und das Gefährt war reisefertig. Wir verabschiedeten uns von den Kamtschadalen aus Ljesnowsk, welche von hier aus heimkehrten, hüllten uns wegen der scharfen Luft in unsere dicksten Pelze, nahmen in unseren Schlitten Platz, und bei einem lakonischen »tòk« (geht) des »Teion« flogen wir über den endlosen Ozean der Schneesteppe dahin, in welchem die kleine Gruppe von Zelten wie konische Inseln lagen. Mein Kutscher, der bemerkte, daß ich vor Kälte schauderte, zeigte nach Norden und sagte: »Dort ist es schrecklich kalt.« Es bedurfte nicht erst dieser Versicherung; das rasche Sinken des Thermometers verkündigte, daß wir uns der Eisregion näherten, und ich dachte mit nicht geringer Besorgnis an das Übernachten im Freien bei arktischer Temperatur, von der ich wohl gelesen, mit der ich aber noch nie persönlich Bekanntschaft gemacht hatte. Dies war meine erste Reise mit Renntieren, und ich war etwas enttäuscht, daß die Erfahrung den in meiner Kindheit durch die Bilder in alten Geographiebüchern erregten Erwartungen durchaus nicht entsprach. Diese Renntiere waren nicht die idealen Geschöpfe meiner kindlichen Phantasie; die leichtfüßigen, feurigen Tiere meiner Einbildungskraft hatten sich in linkische, unbeholfene Kreaturen verwandelt. Ihr Trab war schwerfällig, sie senkten ihre Köpfe, und ihr keuchender Atem, ihr immer offenes Maul ließen auf vollständige Erschöpfung schließen und erfüllten einen mit Mitleid wegen ihrer Anstrengung, anstatt mit Bewunderung für ihre wirklich große Behendigkeit. Mein ideales Renntier würde sich nie erniedrigt haben, beim Laufen das Maul weit aufzureißen. Als ich später erfuhr, daß sie wegen der zu Eis erstarrten Feuchtigkeit in ihren Nasenlöchern durch den Mund zu atmen gezwungen sind, beruhigte mich dies in Bezug auf ihre Leistungsfähigkeit, änderte aber keineswegs meine Überzeugung, daß in ästhetischer Hinsicht mein ideales Renntier dem wirklichen weit überlegen sei, obgleich ich zugeben mußte, daß dasselbe für 157 seinen wandernden Eigentümer von unschätzbarem Werte ist. Es trägt ihn nicht nur von Ort zu Ort, sondern liefert ihm Kleidung, Nahrung und Decken für seine Zelte; seine Geweihe werden zu kunstlosen Geräten der verschiedensten Art verwendet, seine Sehnen getrocknet und zu Faden verarbeitet; seine Knochen dienen in Seehundsöl eingeweicht als Brennmaterial, seine gereinigten und mit Talg gefüllten Gedärme als Nahrungsmittel, sein Blut, mit dem Inhalte seines Magens vermischt, wird als »Manjalla« gegessen; seine Zunge und sein Mark gelten als die größten Delikatessen; mit der steifen, borstigen Haut seiner Beine überzieht man die Schneeschuhe, und sein den Korjäkengöttern geopferter Körper verschafft seinem Besitzer allen geistlichen und weltlichen Segen, dessen er bedarf. Es dürfte schwer fallen, ein anderes Tier zu finden, das im Leben der Menschen eine so wichtige Rolle spielt, wie das Renntier im Leben und Haushalt der sibirischen Korjäken. Mir fällt keines ein, das auch nur die vier Hauptbedürfnisse: Nahrung, Kleidung, Obdach und Verkehr befriedigte. Sehr eigentümlich ist übrigens, daß die sibirischen Eingeborenen, das einzige Volk außer den Lappen, das meines Wissens das Renntier gezähmt hat, von der Milch desselben gar keinen Gebrauch machen. Es ist mir ein Rätsel, warum sie ein so wichtiges und wünschenswertes Nahrungsmittel vernachlässigen, während jeder andere Teil vom Körper des Renntieres verwertet wird. Und doch ist es Thatsache, daß keiner der vier großen Nomadenstämme Nordostsibiriens, Korjäken, Ttschutschken, Tungusen und Samojeden, die Renntiermilch in irgend einer Weise benutzt. – Gegen zwei Uhr nachmittags fing es an dunkel zu werden; aber da wir ungefähr die Hälfte unserer Tagereise vollbracht haben mußten, hielten wir einige Augenblicke an, damit unsere Tiere sich Nahrung suchen könnten. Die zweite Hälfte der Entfernung schien endlos. Der Vollmond ging auf und erleuchtete die weite, einsame Tundra fast mit Tageshelle; aber die Abwesenheit irgend eines dunkeln Gegenstandes, auf dem das 158 ermüdete Auge hätte ruhen können, das Schweigen und die Trostlosigkeit, die scheinbar schrankenlose Ausdehnung dieses Schneemeeres erfüllten uns mit einem neuen Gefühle von überwältigender Bangigkeit. Ein dichter Dampf, das untrügliche Zeichen großer Kälte, stieg von den Körpern der Renntiere auf und bezeichnete noch lange den Weg, den wir gefahren waren. Die Bärte sahen aus wie verwirrte Massen bereiften Eisendrahtes; die Augenlider waren weiß berandet und froren zusammen, wenn wir die Augen schlossen; die Nasen nahmen, wenn man sie unvorsichtig entblößte, ein weißes, wachsartiges Aussehen an, und nur, indem wir öfters neben unseren Schlitten herliefen, fühlten wir, daß wir überhaupt noch Füße hatten. Von Hunger und Kälte gequält, wiederholten wir wohl zwanzigmal die verzweifelte Frage: »Wie weit ist es noch?« um zwanzigmal die stereotype, aber unbestimmte Antwort zu erhalten: »Tschaimuk«, nahe, oder gelegentlich die ermutigende Versicherung, daß wir in einer Minute am Ziel sein würden. Wir wußten sehr gut, daß dies nicht in einer, und wahrscheinlich auch nicht in vierzig Minuten der Fall wäre; aber die Antwort gewährte uns doch zeitweiligen Trost. Meine häufigen Fragen spornten schließlich meinen Kutscher zu dem Versuche an, die Entfernung in Zahlen auszudrücken, und mit offenbarem Stolz auf seine Kenntnisse des Russischen, versicherte er mir, es wären noch »dva werst«, zwei Werst. Die Hoffnung auf ein gutes Feuer und ungezählte Tassen Thee heiterte mich auf, und indem meine Einbildungskraft sich an dem zukünftigen Behagen ergötzte, vergaß ich die gegenwärtigen Leiden. Als jedoch nach Verlauf von drei Viertelstunden das versprochene Lager immer noch nicht in Sicht kam, erkundigte ich mich abermals, ob es noch viel weiter sei. Ein Korjäke ließ seinen Blick über die Steppe schweifen, als ob er nach einer Landmark ausschaue, wandte sich mit einem vertraulichen Kopfnicken an mich, wiederholte das Wort »Werst« und hob dabei vier Finger in die Höhe. Ich sank in Verzweiflung in meinen Schlitten zurück. Wenn wir drei 159 Viertelstunden gebraucht, um uns zwei Werst weiter vom Ziel zu entfernen, wie viel Zeit würde daraufgehen, bis wir uns soviel Werst vom Ziele entfernt, daß wir wieder an unserem Ausgangspunkt ankamen! Es war ein entmutigendes Rechnungsexempel, und nach verschiedenen vergeblichen Versuchen, es durch die doppelte Regel de Tri umgekehrt zu lösen, verzichtete ich darauf. Zu Nutz und Frommen künftiger Reisenden erlaube ich mir einige Bezeichnungen der Eingeborenen für Entfernungen mit ihrem numerischen Äquivalent mitzuteilen: »Tchaimuk« – nahe, zwanzig Werst; »Bolschai njett« – es ist gar nichts mehr, fünfzehn Werst; »Sei tschass preadem,« wir werden im Augenblick ankommen, bedeutet zu irgend einer Zeit des Tages oder der Nacht; und »diloco« – weit, ist eine Reise von einer Woche. Wer sich diese Schätzung einprägt, dem wird manche bittere Enttäuschung erspart werden, und der wird vielleicht bei einer derartigen Reise nicht allen Glauben an die menschliche Wahrhaftigkeit einbüßen. Gegen sechs Uhr abends erblickten wir müde, hungrig und halb erfroren Funken und Rauch, welche aus den Zelten des zweiten Lagers aufstiegen, und unter Hundegebell und allgemeinem Hallo hielten wir unsern Einzug. Nur von dem Gedanken beseelt, so schnell wie möglich an ein Feuer zu kommen, sprang ich schleunigst vom Schlitten und kroch in das erste beste Loch, das ich erblickte, in der festen, auf unsere Erfahrung am vorhergehenden Abend gestützten Überzeugung, daß es eine Thüre sein müsse. Nachdem ich eine Zeitlang im Dunkeln herumgetastet, über zwei tote Renntiere und einen Haufen getrockneter Fische gekrochen war, mußte ich um Hilfe rufen. Der Eigentümer, der mit einer Fackel herbeieilte, war nicht wenig erstaunt, einen weißen Mann und Fremdling in seinem Fischvorratshause herumkriechen zu sehen. Er machte seinen Gefühlen mit einem Schrei der Verwunderung Luft und zeigte den Weg, oder kroch vielmehr mir voran in das Innere des Zeltes, wo der Major beschäftigt war, mit einem stumpfen Korjäkenmesser seinen gefrorenen Bart 160 von seiner Pelzkappe loszuschneiden und durch eine Eis- und Haarschicht hindurch seinem Mund wieder die Möglichkeit zu verschaffen, sich zu öffnen. Der Theekessel brodelte und zischte über einem lebhaften Feuer, die Bärte tauten auf, die Nasen wurden untersucht, ob sie erfroren seien, und in einer halben Stunde saßen wir behaglich auf dem Boden um eine Lichterkiste, tranken Thee und besprachen die Ereignisse des Tages. Gerade als Wuschin zum drittenmale unsere Tassen füllte, wurde der Pelzvorhang vor dem niedrigen Eingang an unserer Seite aufgehoben, und die auffallendste Gestalt, der ich in Kamtschatka ansichtig wurde, kroch schweigend herein, erhob sich zu ihrer vollen Größe von sechs Fuß und stand majestätisch vor uns. Es war ein häßlicher Mann von brauner Gesichtsfarbe im Alter von ungefähr dreißig Jahren. Er trug einen scharlachroten Frack mit blauen Aufschlägen, Messingknöpfen und über die Brust hängenden Goldschnüren, Hosen von schwarzer, schmieriger Renntierhaut und Pelzstiefel. Sein Kopf war vollständig geschoren, nur um Ohren und Stirne hingen dünne, ungleiche Haarfransen. Lange Ketten von kleinen, bunten Perlen schmückten seine Ohren, und eines derselben hatte er zu späterem Gebrauch mit einem Priemchen Kautabak bedeckt. Um seine Lenden war ein alter Riemen von Seehundshaut gebunden, und in demselben steckte ein Schwert mit silbernem Griff in getriebener Scheide. Sein eingeräuchertes Korjäkengesicht war unverkennbar, aber die ganze Erscheinung war eine Zusammenstellung so auffallender Gegensätze, daß wir ihn in den ersten Augenblicken nur mit unsäglichem Erstaunen anstarren konnten. Er erinnerte mich an »Talipot, den Unsterblichen Potentaten von Manacabo, Boten des Morgens, Lichtspender der Sonne, Besitzer der ganzen Erde und mächtigen Monarchen des Schwertes mit dem Messinggriff ». »Wer bist du,« fragte plötzlich der Major auf Russisch. Eine tiefe Verbeugung war die einzige Antwort. »Im Namen Chorts, wo bist du hergekommen?« Eine neue Verbeugung. »Wo hast du diesen Frack her? 161 Kannst du nicht sprechen? Meroneff! Kommen Sie her und sprechen Sie mit diesem Burschen, ich kann nichts aus ihm herausbringen.« Dodd sprach die Vermutung aus, daß er ein Bote von der Expedition Sir John Franklins, mit den neuesten Nachrichten vom Nordpol und der nordwestlichen Durchfahrt sei, und der stumme Besitzer des Schwertes verneigte sich bejahend, als ob dies die Lösung des Geheimnisses. »Bist du eingemachtes Gemüse?« fragte Dodd plötzlich auf Russisch. Der Unbekannte gab durch eine emphatische Verbeugung zu verstehen, daß dem so sei. »Er versteht nichts,« sagte Dodd unmutig; »wo ist Meroneff?« Meroneff erschien und fing an, den geheimnisvollen Besucher im scharlachroten Frack über seinen Wohnort, Namen und seine Lebensgeschichte auszufragen. Zum erstenmale gab er Antwort. »Was sagt er?« fragte der Major, »wie heißt er?« »Er sagt, sein Name sei Khamlpuginik.« »Woher hat er den Frack und das Schwert?« »Er sagt, der große weiße Häuptling habe es ihm für ein totes Renntier gegeben.« Das war nicht sehr befriedigend, und Meroneff wurde angewiesen, noch nähere Auskunft zu verlangen. Wer der »große, weiße Häuptling« sein könne, und warum er für ein totes Renntier einen scharlachroten Frack und ein Schwert mit silbernem Heft gegeben, das waren Fragen, deren Beantwortung über unseren Horizont ging. Endlich klärte sich Meroneffs verlegenes Gesicht auf, und er teilte uns mit, daß Frack und Schwert dem Unbekannten vom Kaiser zur Belohnung verliehen worden, weil er während einer Hungersnot den Russen in Kamtschatka ein Renntier überlassen hatte. Der Korjäke wurde gefragt, ob er mit diesen Gaben auch ein Papier erhalten habe, und er verließ sofort das Zelt und kehrte einen Augenblick später mit einem Dokument zurück, das sorgfältig zwischen dünnen Brettern mit Renntiersehnen eingebunden war. Dieses Schriftstück gab die gewünschte Erklärung. Frack und Schwert waren während der Regierung Alexanders I. dem Vater des gegenwärtigen Besitzers 162 vom russischen Gouverneur von Kamtschatka geschenkt worden als Belohnung für den Russen geleistete Hilfe während einer Hungersnot. Sie waren vom Vater auf den Sohn gekommen, und dieser hatte, stolz auf seine ererbte Auszeichnung, sobald er von unserer Ankunft gehört, sich uns vorgestellt. Er wollte nichts, als sich zeigen, und nachdem wir sein Schwert besichtigt, das wirklich eine prachtvolle Waffe war, gaben wir ihm einige Päckchen Tabak und entließen ihn. Wir hatten kaum erwartet, im Innern von Kamtschatka Reliquien von Alexander I. zu finden, die aus der Zeit Napoleons stammten. 163   19. Kapitel. Am folgenden Morgen setzten wir bei Tagesanbruch unsere Reise fort und fuhren bis vier Stunden nach eingetretener Dunkelheit über eine unbegrenzte ebene Steppe, auf der sich auch nicht eine Landmark fand, die als Wegweiser hätte dienen können. Ich war erstaunt, wie genau unsere Führer die Himmelsgegenden bestimmen und die entsprechende Richtung einschlagen konnten, indem sie einfach den Schnee betrachteten. Die heftigen Nordostwinde, welche während des Winters in dieser Gegend vorherrschen, treiben den Schnee in langen wellenförmigen Erhöhungen, »sastrugi«, zusammen, welche zur Richtung des Windes rechtwinkelig verlaufen, also nordwestlich und südöstlich. Manchmal werden die »sastrugi« mehrere Tage lang von frischgefallenem Schnee verdeckt; aber ein erfahrener Korjäke weiß immer, wo Norden ist, indem er die obere Schneeschicht entfernt, und fährt bei Tag und Nacht in gerader Linie auf seinen Bestimmungsort zu. Wir erreichten gegen sechs Uhr das dritte Lager und waren erstaunt, daß in dem großen Zelt sich die Eingeborenen drängten, als ob sie auf irgend eine Ceremonie oder ein Schauspiel warteten. Unser Dolmetscher teilte uns mit, daß eine Eheschließung stattfinden solle, und anstatt, wie wir beabsichtigt, unser Quartier in einem weniger besetzten Zelte aufzuschlagen, beschlossen wir zu 164 bleiben, um zu sehen, in welcher Weise dieser Ritus von einem uncivilisierten, barbarischen Volke gefeiert werden würde. Diese Ceremonie der Korjäken ist wegen ihrer Originalität und der vollständigen Nichtachtung der Gefühle des Bräutigams bemerkenswert. In keinem andern Lande giebt es ein so merkwürdiges Gemisch von Verstand und Abgeschmacktheit wie das, welches in dem sozialen Leben der Korjäken mit dem Namen Heirat beehrt wird, und in keinem andern Lande, wir wollen's wenigstens hoffen, wird der Bräutigam solch demütigenden Unwürdigkeiten unterworfen. Einer Trauung beizuwohnen ist oder sollte für jeden jungen Mann etwas sehr Ernstes sein, aber einen einigermaßen empfindsamen Korjäken muß es geradezu mit Schrecken erfüllen. Ein Trauschein (wenn es bei den Korjäken solche Dokumente giebt) ist meiner Ansicht nach genügender Beweis für Tapferkeit, die sich bei einem Manne, der zwei- oder dreimal heiratet, zu vollständigem Heldenmut steigern muß. Ich habe einen Korjäken in Kamtschatka gekannt, der vier Frauen gehabt, und seine Bravour flößte mir soviel Respekt ein, als wenn er zu den Sechshundert bei Balaklava gehört hätte. Soviel ich weiß, ist die Ceremonie noch nicht beschrieben worden, und wie unzulänglich meine Schilderung auch sein mag, um einen Begriff von der Wirklichkeit zu geben, so wird sie doch vielleicht Verliebte veranlassen, sich Glück zu wünschen, daß sie nicht in Kamtschatka geboren wurden. Die Leiden des jungen Korjäken nehmen schon ihren Anfang, wenn er sich verliebt; wie der Zorn des Achilles ist es die schreckliche Quelle »unnennbaren Jammers«. Sind seine Absichten ernsthaft, so besucht er den Vater und bittet um die Hand der Jungfrau, verschafft sich Gewißheit über ihre Mitgift in Renntieren und erfährt, wie hoch sie geschätzt wird. Vielleicht mutet man ihm zu, zwei oder drei Jahre um sie zu dienen – gewiß eine harte Probe für irgend eines jungen Mannes Liebe. Dann sucht er eine Zusammenkunft mit der jungen Dame 165 selbst und erfüllt die angenehme oder unangenehme Pflicht, welche bei den Korjäken der civilisierten Sitte entspricht, »die entscheidende Frage« zu stellen. Wir hatten gehofft, von den Korjäken einige schätzenswerte Winke zu erhalten, welche Methode in dieser zarten Angelegenheit die erfolgreichste sei; aber wir erfuhren nichts, was auf die komplizierteren Beziehungen der civilisierten Gesellschaft anwendbar wäre. Wenn des jungen Mannes Gefühle erwidert werden, er sich also mit Aussicht auf Heirat verlobt, macht er sich heiter an die Arbeit, wie Ferdinand im »Sturm« für Mirandas Vater, und verbringt zwei oder drei Jahre damit, Holz zu fällen und herbeizuschleppen, Renntiere zu bewachen, Schlitten zu verfertigen, kurz die Interessen seines Schwiegervaters in spe zu fördern. Am Ende dieser Probezeit kommt dann das große » experimentum crucis «, das sein Schicksal entscheiden und den Erfolg oder die Nutzlosigkeit seiner langen Arbeit darthun soll. Bei dieser interessanten Krisis hatten wir unsere Korjäkenfreunde im dritten Lager überrascht. Das Zelt, das wir betraten, war ungewöhnlich groß; an der innern Umfangslinie befanden sich sechsundzwanzig Pologs nebeneinander. Im offenen Raum in der Mitte um das Feuer drängten sich mit dunkeln Gesichtern und zur Hälfte geschorenen Köpfen die korjäkischen Zuschauer, deren Aufmerksamkeit zwischen verschiedenen Kesseln und Trögen voll »Manjalla«, gekochtem Wildbret, Mark, gefrorenem Talg und ähnlichen Delikatessen und der Besprechung über einen strittigen Punkt der Hochzeitsetikette geteilt zu sein schien. Meine Unkenntnis der Sprache machte es mir leider unmöglich, die Streitfrage richtig zu würdigen; aber man schien dieselbe auf beiden Seiten mit Geist und Talent zu erörtern. – Unsere plötzliche Ankunft lenkte sie vorübergehend von der wichtigen Angelegenheit ab. Die tättowierten Frauen und geschorenen Männer starrten mit offenem Munde die Blaßgesichter an, die sich als ungebetene Gäste und ohne hochzeitliches Kleid zur Vermählungsfeier eingefunden hatten. Es ließ sich nicht leugnen, unsere Gesichter 166 waren schmutzig, unsere blauen Jagdhemden und Buckskinhosen trugen die Spuren einer zweimonatlichen Reise in zahlreichen Rissen, Löchern und Fetzen, die nur teilweise durch den dicken Renntierpelz unserer »Kukhlánkas« verdeckt wurden. Unsere allgemeine Erscheinung ließ auf eine intimere Bekanntschaft mit schmutzigen Jurten, Bergwildnissen und sibirischen Stürmen schließen, als mit den civilisierenden Einflüssen von Seife, Wasser, Rasiermesser und Nadeln. Wir ertrugen jedoch die eingehende Besichtigung der Versammlung mit der Gleichgiltigkeit von Männern, die an dergleichen gewöhnt sind, und schlürften unsern Thee, während wir auf den Anfang der Ceremonie warteten. Ich spähte umher, ob ich die glücklichen Ehekandidaten nicht herausfinden könnte, aber sie befanden sich offenbar in einem der geschlossenen Pologs. Das Essen und Trinken schien mittlerweile zum Abschluß zu gelangen, die Menge war in Aufregung und Erwartung der Dinge, die da kommen sollten. Plötzlich wurden wir durch lauten, regelmäßigen Trommelschlag erschreckt; das korjäkische Instrument heißt »barabán«. – In demselben Augenblick öffnete sich das Zelt, um einem großen, ernst aussehenden Korjäken Einlaß zu gewähren, der einen Arm voll Weidengerten und Erlenzweige trug, welche er anfing, in alle Pologs des Zeltes zu verteilen. »Was kann das zu bedeuten haben,« fragte Dodd leise. »Ich weiß nicht,« war die Antwort; »halten Sie sich ruhig, und Sie werden's sehen.« Das Trommeln wurde während des Verteilens der Zweige fortgesetzt; dann fing der Trommler an, ein leises, wohlklingendes Recitativ zu singen, das allmählich an Stärke zunahm, bis es in eine wilde, barbarische Weise ausartete, zu der er auf der Trommel den Takt schlug. Es entstand eine Bewegung; die Vorhänge der Pologs wurden geöffnet, die Frauen stellten sich in kleinen Abteilungen von zwei und drei vor dem Eingang derselben auf und ergriffen die daselbst deponierten Weidenzweige. Aus einem der Pologs in der Nähe der Thüre trat nun ein ehrwürdiger Eingeborener, vermutlich der Vater des Bräutigams oder der Braut, und führte einen hübschen, 167 jungen Korjäken und seine Zukünftige. Bei ihrem Erscheinen wurde die Aufregung zur Raserei, die Musik ertönte mit verdoppelter Geschwindigkeit, die Männer in der Mitte des Zeltes stimmten in den seltsamen Gesang ein und stießen in kurzen Zwischenräumen einen schrillen Schrei wilder Erregung aus. Auf ein gegebenes Zeichen des Eingeborenen, der das Paar geführt, stürzte die Braut plötzlich in den ersten Polog und begann eine wilde Flucht um das Zelt herum, indem sie die Zwischenvorhänge der Pologs aufhob, um durchzuschlüpfen. Der Bräutigam verfolgte sie eilig; aber die Frauen, die in jedem Gemach standen, bereiteten ihm alle möglichen Hindernisse, traten ihm auf den Fuß, hielten die Vorhänge fest, um sein Durchschlüpfen zu verhindern, und wenn er sich bückte, um seinen Zweck zu erreichen, fuchtelten sie unbarmherzig mit den Weiden- und Erlenruten auf einen sehr empfindlichen Teil seines Körpers los. – Trommelwirbel, laute ermutigende und spöttische Zurufe und das Geräusch der schweren Hiebe, welche die Frauen dem armen Spießrutenläufer austeilten, erfüllten die Luft. Es war klar, er konnte trotz aller Anstrengungen die fliehende Atalanta nicht einholen, ehe sie den Kreislauf vollendet. Selbst die goldenen Äpfel der Hesperiden hätten ihm gegen solch entmutigende Überlegenheit nichts nützen können; aber er strebte mit unverzagter Ausdauer vorwärts, stolperte über die ausgestreckten Füße seiner weiblichen Gegner und verwickelte sich in die weiten Falten der Vorhänge, die ihm mit Matadorengewandtheit über Kopf und Augen geworfen wurden. Die Braut hatte schon den letzten geschlossenen Polog an der Thüre betreten, als der unglückliche Bräutigam auf halbem Wege noch gegen die Fülle von Hindernissen kämpfte, die ihm bereitet wurden. Ich glaubte, er werde in seinen Anstrengungen erlahmen und den Kampf aufgeben, als die Braut verschwand, und wollte zu seinen Gunsten gegen die Unbilligkeit des Verfahrens protestieren; aber zu meinem Erstaunen kämpfte er weiter, bis er schließlich mit einem gewaltigen Sprunge durch den Vorhang des letzten Polog zu seiner Braut stürmte. 168 Die Musik hörte plötzlich auf, und die Menge strömte aus dem Zelte. Die Ceremonie war offenbar zu Ende. Wir fragten Meroneff, der derselben mit belustigtem Grinsen zugeschaut, was das alles bedeute. »Sind sie verheiratet?« »Da's« war die bejahende Antwort. »Aber,« wandten wir ein, »er hat sie ja nicht gefangen.« »Sie wartete auf ihn, Euer Gnaden, im letzten Polog, und wenn er sie dort fing, so genügt es.« »Wenn er sie aber dort nicht fing, was dann?« – »Dann,« erwiderte der Kosak mit vielsagendem Achselzucken, »hätte der ›Caidnak‹ (arme Bursche) noch zwei weitere Jahre dienen müssen.« – Das wäre ja sehr angenehm – für den Bräutigam! Zwei Jahre um eine Frau arbeiten, am Ende seiner Lehrjahre zwischen Weidengerten Spießruten laufen und dann noch nicht einmal die Gewißheit, daß die Braut ihr Versprechen halten wird! Sein Glaube an ihre Beständigkeit muß grenzenlos sein. Die Bedeutung der ganzen Ceremonie gipfelte offenbar darin, daß man dem Mädchen die Entscheidung ließ, ob sie den Mann heiraten wollte oder nicht, da es für ihn unter besagten Umständen faktisch unmöglich war, sie zu fangen, wenn sie nicht in einem der Pologs freiwillig auf ihn wartete. Der Gedanke zeigte für die Wünsche des liebenswürdigeren Geschlechts mehr Ritterlichkeit und Achtung, als man in einem Gesellschaftszustand so primitiver Art erwarten sollte; aber mich, als unparteiischen Beobachter, wollte bedünken, daß man zu demselben Resultat hätte gelangen können, ohne den Bräutigam so schlecht zu behandeln. Seinen Gefühlen als Mann war man doch auch einige Rücksicht schuldig. Über die Bedeutung der Züchtigung, welche die Frauen dem Bräutigam mit Weidenruten zu teil werden ließen, konnte ich nichts erfahren. Dodd meinte, sie sei vielleicht ein Sinnbild des ehelichen Lebens, eine Art Vorspiel für spätere häusliche Erfahrungen; aber angesichts des männlichen Charakters der Korjaken schien dies nicht wahrscheinlich. Keine Frau, die bei Sinnen wäre, würde ein zweites Mal das Experiment mit einem der ernsten, entschlossenen Männer 169 versuchen, die Zeuge der Ceremonie waren und dieselbe ganz in Ordnung fanden. Mr. A. S. Bickmore meint im »Amerikanischen Journal für Wissenschaft«, Mai 1868, in Hinsicht auf diese merkwürdige Sitte der Korjäken: die Züchtigung bezwecke, die »Fähigkeit des jungen Mannes im Ertragen der Widerwärtigkeiten des Lebens« auf die Probe zu stellen; ich erlaube mir zu bemerken, daß die Widerwärtigkeiten des Lebens gewöhnlich in anderer Gestalt auftreten, und daß das Prügeln mit Weidenruten eine sehr eigentümliche Vorbereitung für künftiges Unglück irgend welcher Art ist. Was auch der Sitte zu Grunde liegen mag, sie ist sicherlich ein Eingriff in die allgemein anerkannten Vorrechte des stärkeren Geschlechts und sollte von allen Korjäken, welche die männliche Suprematie begünstigen, bekämpft werden. Ehe sie sich's versehen, werden sie einen weiblichen Wahlverein auf dem Halse haben, Rednerinnen werden von einem Lager zum andern ziehen und befürworten, daß man die harmlosen Weidenruten durch Prügel aus Walnußholz ersetze, und gegen die Tyrannei protestieren, die ihnen nicht erlauben will, dem interessanten Zeitvertreib wenigstens dreimal die Woche obzuliegen. Nach dem Schluß der Ceremonie begaben wir uns ins benachbarte Zelt und waren überrascht, als wir ins Freie kamen, drei oder vier Korjäken, mit einem gehörigen Rausche behaftet, schreiend umhertaumeln zu sehen, vermutlich zu Ehren des glücklichen, eben stattgefundenen Ereignisses. Ich wußte, daß in ganz Nord-Kamtschatka weder ein einziger Tropfen alkoholhaltiger Flüssigkeit, noch irgend eine Ingredienz dazu vorhanden war, und es war mir ein Rätsel, wie sie es fertig gebracht, sich so schnell und so gründlich zu berauschen. Wir vernahmen zu unserm Erstaunen, daß sie Pilze gegessen, die unter dem Namen »Krötenstuhl« bekannt sind. Es giebt in Sibirien eine besondere Art derselben, von den Eingeborenen »muk-a-moor« genannt, die sehr berauschende Eigenschaften hat und fast von allen sibirischen 170 Stämmen als Anregungsmittel benutzt wird. In großer Menge genossen ist der Krötenstuhl ein heftiges, narkotisches Gift, aber in kleinen Dosen hat er die Wirkung geistiger Getränke. Häufiger Gebrauch zerrüttet das ganze Nervensystem, weshalb das russische Gesetz den Verkauf desselben als eine strafbare Handlung ansieht. Ungeachtet aller Verbote wird der Handel damit im geheimen betrieben, und ich habe Pelze im Wert von zwanzig Dollars für einen einzigen dieser Giftschwämme hingeben sehen. Die Korjäken würden dieselben wohl selbst einsammeln, aber sie wachsen nur im Walde und nicht auf den unfruchtbaren Steppen, auf denen sie umherziehen, so daß sie dieselben zu ungeheuern Preisen von den russischen Händlern kaufen. Ein gastlicher Korjäke fordert seinen vorübergehenden Freund nicht auf, ein Gläschen mit ihm zu trinken, sondern er sagt: »Willst du nicht einen Krötenstuhl haben?« Einem civilisierten Zechbruder mag die Frage nicht sehr verlockend sein, aber auf einen liederlichen Korjäken bringt sie eine magische Wirkung hervor. Da diese Krötenstühle nicht in genügender Menge wachsen, hat der korjäkische Scharfsinn allerlei ersonnen, um mit diesem kostbaren Reizmittel sparsam hauszuhalten und so weit wie möglich damit zu reichen. Manchmal wird es im Laufe menschlicher Ereignisse absolut notwendig, daß eine ganze Nomadenfamilie sich ein Räuschchen anschafft, und doch verfügen sie nur über einen einzigen Krötenstuhl. In welcher Weise sie es möglich machen, dieses Problem zu lösen, findet der neugierige Leser in Goldsmiths »Weltbürger«, Brief 32, geschildert. Es ist übrigens nur gerecht, mitzuteilen, daß diese gräßliche Gewohnheit ausschließlich bei den ansässigen Korjäken am Penschinagolf heimisch ist, dem entartetsten und rohesten Teile des ganzen Stammes. Vielleicht begegnet man derselben auch hier und da unter den wandernden Korjäken, aber mir wurde nur ein einziges derartiges Beispiel bekannt. Unsere Reise war, nachdem wir das dritte Lager verlassen, einige Tage hindurch ermüdend und einförmig. Das unveränderliche Einerlei unseres täglichen Lebens in 171 rauchigen Korjäkenzelten, die eintönige Flachheit und Unfruchtbarkeit des Landes, in dem wir reisten, wurden unaussprechlich langweilig, und wir sahen der russischen Niederlassung Gischiginsk, dem Mekka unserer langen Pilgerfahrt, mit größter Sehnsucht entgegen. Länger als eine Woche hintereinander mit den wandernden Korjäken zu leben, ohne sich einsam und heimwehkrank zu fühlen, dazu gehören unerschöpfliche geistige Hilfsquellen. Man ist ganz und gar auf sich selbst angewiesen. Keine Zeitung liefert Stoff zum Denken und Diskutieren für die langen Abende am Zeltfeuer; kein Krieg oder Kriegsgerücht, kein Staatsstreich, keine Wahlaufregung erschüttert je die stockende geistige Atmosphäre des Korjäkendaseins. Sowohl in physischer wie in geistiger Hinsicht durch eine unendliche Entfernung von allen Interessen, ehrgeizigen Bestrebungen und Aufregungen, welche unsere Welt ausmachen, getrennt, vegetiert der Korjäke wie eine menschliche Auster in den stillen Gewässern seines eintönigen Lebens. Eine Geburt, eine Heirat, das Opfer eines Hundes oder in seltenen Fällen eines Menschen für den korjäkischen Ahriman, die seltenen Besuche eines russischen Händlers, das sind die hervorragendsten Ereignisse in seiner Geschichte, von der Wiege bis zum Grabe. Wenn ich am Feuer eines Korjäkenzeltes saß, war es manchmal fast unmöglich, mir zu vergegenwärtigen, daß ich mich in der modernen Welt der Eisenbahnen, Telegraphen und Zeitungen befand; es schien, als ob ich durch irgend einen Zauber um Jahrtausende zurückversetzt worden und zu den Zeltbewohnern Sems und Japhets gehörte. Nichts in unserer ganzen Umgebung erinnerte an die viel gerühmte Aufklärung und Civilisation des neunzehnten Jahrhunderts, und indem wir uns allmählich an die neuen und seltsamen Zustände primitiven Barbarentums gewöhnten, verblaßten unsere Erinnerungen an civilisiertes Leben zu wesenlosen Traumgebilden. 172   20. Kapitel. Unser langer Verkehr mit den nomadischen Korjäken verschaffte uns Gelegenheit, viele ihrer Eigentümlichkeiten zu beobachten, die der Aufmerksamkeit eines flüchtigen Besuchers entgehen werden, und da unsere Reise bis zu unserer Ankunft am Penschinagolf sehr arm an Ereignissen war, will ich diesen Abschnitt meiner Reiseskizzen mit einem Bericht über Sprache, Religion, Aberglauben, Sitten und Lebensweise der kamtschadalischen Korjäken beschließen. Es kann kein Zweifel darüber herrschen, daß die Korjäken und der mächtige sibirische Stamm der Tschutschken desselben Ursprungs und zusammen aus ihrer alten Heimat nach ihren jetzigen Wohnsitzen ausgewandert sind. Selbst nach mehreren Jahrhunderten der Trennung haben sie noch so große Ähnlichkeit, daß man sie kaum von einander unterscheiden kann, und ihre Sprachen weichen weniger von einander ab, als das Portugiesische vom Spanischen. Unseren Korjäken-Dolmetschern bereitete es durchaus keine Schwierigkeit, sich mit Tschutschken zu unterhalten, und ein Vergleich von Wörtern, den wir später anstellten, ergab nur eine kleine Dialektveränderung. Keine der sibirischen Sprachen, die mir bekannt sind, wird geschrieben, und da es an einem feststehenden, mustergiltigen Vorbilde fehlt, verändern sie sich sehr rasch, wie dies ein Vergleich 173 zwischen einem neueren tschutschkischen Wörterbuch und dem von M. de Lesseps im Jahr 1788 zusammengestellten, beweist. Viele Wörter haben sich zur Unkenntlichkeit verändert. Andere sind ganz dieselben geblieben, wie z. B. »tintin,« Eis, »uttut,« Holz, »wingay,« nein, »ay,« ja und die meisten Zahlwörter bis zehn. Sowohl die Korjäken wie die Tschutschken zählen nach Fünfern anstatt nach Zehnern, eine Eigentümlichkeit, welche sich auch in der Sprache der Co-Jukons in Alaska findet. Die Zahlwörter der Korjäken sind: Innín eins Neé-ak ° h zwei Nee-ók ° h drei Nee-ák ° h vier Míl-li-gen fünf Innín mil-li-gen fünf-eins Neé-ak ° h " fünf-zwei Nee-ók ° h " fünf-drei Nee-ák ° h " fünf-vier Meen-ye-geet-k ° hin zehn. Nach zehn zählen sie zehn-eins, zehn-zwei etc. bis fünfzehn und dann zehn-fünf-eins; über zwanzig hinaus werden die Zahlwörter so unbeschreiblich kompliziert, daß es leichter wäre, eine Tasche voll Steine zum Rechnen mit sich herum zu tragen, als die entsprechenden Wörter auszusprechen. Sechsundfünfzig z. B. heißt »Nee-akh-khleep-kin-meen-ye-geet-kin-par-ol-in-nin-mil-li-gen« und ist doch nur sechsundfünfzig, wenn es alles ausgesprochen ist! Es sollte wenigstens zweihundert dreiundsechzig Million, neunhundert vierzehntausend siebenhundertundeins sein, und dafür wäre es nicht kurz. Die Korjäken haben freilich selten Gelegenheit, hohe Zahlen auszusprechen, und wenn dies der Fall, haben sie Überfluß an Zeit dieses zu thun. Es wäre ein hartes Stück Arbeit für einen Knaben, eine der mannigfaltigen Aufgaben in Rays höherer Arithmetik auf Korjäkisch zu lösen. Zu sagen 324×5260 = 1 704 240 würde ihn zu einer freien Stunde und einer Belohnung 174 für besonderes Verdienst berechtigen. Wir waren nie imstande, irgendwelche Ähnlichkeit zwischen der korjäkisch-tschutschkischen Sprache und den Sprachen der Eingeborenen auf der östlichen Seite der Behringsstraße festzustellen. Wenn dieselbe besteht, muß sie in der Grammatik liegen. Die Religion aller nomadischen und ansässigen Eingeborenen Nordostsibiriens, einschließlich sechs oder sieben anderer verschiedener Stämme, ist ein korrumpierter Buddhismus, der als Schamanismus bekannt ist. Derselbe nimmt bei verschiedenen Stämmen andere Formen an. Bei den Korjäken und Tschutschken kann er kurz als die Verehrung der bösen Geister definiert werden, von denen man glaubt, daß sie sich in den geheimnisvollen Naturkräften und Erscheinungen verkörpern, wie z. B. in epidemischen und ansteckenden Krankheiten, Orkanen, Hungersnot, Sonnen- und Mondfinsternissen und besonders glänzenden Nordlichtern. Der Name kommt von »Schamans«, den Priestern, welche die Dolmetscher der Wünsche der Dämonen und die Vermittler zwischen ihnen und den Menschen spielen. Alle ungewöhnlichen, von schlimmen Folgen begleiteten Naturerscheinungen werden diesen bösen Geistern zugeschrieben und gelten als Kundgebungen ihres Mißfallens. Viele behaupten, das ganze System des »Schamanismus« sei ein ungeheurer Betrug, dessen sich einige listige Priester gegen die Leichtgläubigkeit beschränkter Eingeborener schuldig machten. Dies ist sicherlich eine irrige Auffassung. Keiner, der je unter sibirischen Eingeborenen gelebt, ihren Charakter studiert hat, den Einflüssen unterworfen war, welche sie umgeben, und sich so viel wie möglich an ihre Stelle versetzt hat, wird die Aufrichtigkeit der Priester und ihrer Anhänger bezweifeln, oder sich wundern, daß die Verehrung von bösen Geistern ihre einzige Religion ist. Es ist die einzig mögliche Religion für diese Menschen unter den gegebenen Umständen. Ein neuerer Schriftsteller W. E. H. Lecky, Geschichte des Rationalismus in Europa. von großer Unparteilichkeit hat 175 den Charakter der sibirischen Korjäken und den Ursprung und die Art und Weise ihres religiösen Glaubens so bewundernswert geschildert, daß ich nichts Besseres thun kann, als hier seine eigenen Worte wieder zu geben: »Schrecken ist überall der Anfang der Religion. Die Erscheinungen, welche sich dem Geiste des Wilden am stärksten einprägen, sind nicht diejenigen, welche sich der Ordnung der Naturgesetze einreihen und wohlthätige Wirkungen hervorbringen, sondern solche, welche unheilvoll und scheinbar abnorm sind. Das Gefühl der Dankbarkeit ist bei weitem weniger intensiv, als das der Furcht, und die geringste Störung eines Naturgesetzes macht einen viel tieferen Eindruck als der erhabenste alltägliche Vorgang. Wenn daher die furchtbarsten, erschreckendsten Naturereignisse seinen Geist überwältigen, wenn Krankheit und Erdumwälzungen in ihren zerstörendsten Formen sein Land verheeren, so drängt sich dem Wilden die unabweisbare Überzeugung auf, daß dabei diabolische Kräfte wirksam sind. Im Dunkel der Nacht, am gähnenden Abgrund, bei dem vielfachen Echo der Bergschlucht, bei der unheimlichen Glut eines Kometen oder der feierlichen Düsterkeit einer Sonnenfinsternis, wenn Hungersnot das Land heimsucht, Erdbeben und Seuchen Tausende von Opfern gefordert haben, in allem, was seltsam, unheilverkündend, todbringend ist, fühlt er das Übernatürliche und beugt sich vor demselben. Allen Einflüssen der Natur preisgegeben, ohne sich des Zusammenhangs ihrer mannigfaltigen Teile bewußt zu sein, lebt er in fortwährender Angst vor dem, was er für die unmittelbaren, isolierten Thaten böser Geister hält. Da er sich stets von denselben umgeben fühlt, wird er natürlich darnach streben, in Beziehung zu ihnen zu treten, wird suchen, sie mit Gaben zu versöhnen. Wenn irgend ein großes Unglück über ihn hereingebrochen, oder ein rachsüchtiger Gedanke Herr seiner Vernunft geworden ist, wird er versuchen, sich selbst mit ihrer Macht zu bekleiden, und seine erregte Einbildungskraft 176 wird ihn bald glauben machen, daß ihm dies gelungen sei.« Diese einleuchtenden Worte sind der Schlüssel zur Religion der sibirischen Eingeborenen und machen den Ursprung der »Schamans« begreiflich. Wenn ein Beweis nötig wäre, daß dieses Religionssystem der natürliche Ausfluß der menschlichen Natur unter gewissen Bedingungen des Barbarismus ist, so würde er dadurch erbracht werden, daß der Schamanismus unter so vielen Stämmen von verschiedenem Charakter und Ursprung überwiegt. Der Stamm der Tungusen z. B. ist sicherlich chinesischer, und der der Jakuten türkischer Abkunft. Beide kamen aus von einander entfernten Regionen mit ihrem eigenen Glauben und Aberglauben, ihren eigenen Anschauungen; aber als beide allen störenden Wirkungen entzogen und den nämlichen äußeren Einflüssen unterworfen wurden, bildete sich dasselbe Religionssystem bei ihnen aus. Wenn eine Schar unwissender, barbarischer Mohammedaner nach Nordostsibirien verpflanzt und gezwungen würde, jahrhundertelang in den wilden, düsteren Gegenden des Stanowoigebirges zu leben, wo sie unter schrecklichen Stürmen litten, deren Ursachen sie nicht erklären könnten, ihre Renntiere plötzlich durch eine Seuche verlören, die aller menschlichen Mittel spottet, durch Nordlichter, die das Weltall in Flammen zu setzen scheinen, erschreckt, und durch Epidemieen decimiert würden, deren Ursache sie nicht begreifen, und deren unheilvollen Folgen sie ohnmächtig gegenüberstehen – sie würden ganz gewiß nach und nach ihren Glauben an Allah und Mohammed verlieren und Schamaniten werden wie die sibirischen Korjäken und Tschutschken. Selbst ein ganzes Jahrhundert teilweiser Civilisation und christlicher Erziehung hat den unwiderstehlichen schamanistischen Einfluß, welchen die wilden, schrecklichen Naturereignisse in diesen einsamen und unwirtlichen Regionen auf den Geist ausüben, nicht ganz zu überwinden vermocht. Die Kamtschadalen, die mich in das Samankagebirge begleiteten, waren Söhne christlicher Eltern und von Kindheit an in der griechischen Kirche erzogen worden; sie 177 glaubten fest an die göttliche Vorsehung und die göttliche Erlösung und beteten abends und morgens um Schutz und Erhaltung ihres Lebens; und doch, als der Sturm uns in den Bergen überraschte, besiegte das Gefühl des Übernatürlichen ihre religiösen Überzeugungen; Gott schien ferne, die bösen Geister waren nahe und geschäftig, und sie opferten wie wirkliche Heiden einen Hund, um den diabolischen Zorn, der den Sturm hervorgerufen, zu versöhnen. Ich könnte viele ähnliche Beispiele anführen, wo die festesten und augenscheinlich aufrichtigsten Überzeugungen von der Wahrheit von Gottes Weltregierung durch den Einfluß, den erschreckende und außergewöhnliche Naturerscheinungen auf die Einbildungskraft ausübten, überwältigt worden sind. Die Handlungen des Menschen werden nicht so sehr von seinem Verstande, als von seiner Einbildungskraft beherrscht; der lebendige Eindruck diabolischer Gegenwart hat den Schamanismus erzeugt. Die Funktionen der Schamáns oder Priester bei den Korjäken bestehen darin, am Krankenlager Beschwörungsformeln zu singen, sich mit den bösen Geistern in Beziehung zu setzen und ihre Wünsche und Beschlüsse den Menschen auszulegen. Wenn irgend ein Unglück, wie Krankheit, Sturm oder Hungersnot, die Korjäken heimsucht, so wird dies natürlich dem Mißfallen irgend eines Geistes zugeschrieben und der Schamán über die beste Art, seinen Zorn zu besänftigen, um Rat gefragt. Der Priester versammelt nun das Volk in einem der größten Zelte des Lagers, bekleidet sich mit einem Gewande, das mit phantastischen Figuren von Vögeln, anderen Tieren und merkwürdigen hieroglyphischen Sinnbildern verziert ist, löst sein langes, schwarzes Haar, ergreift eine große, einheimische Trommel, und unter Begleitung von langsamen, gleichförmigen Trommelschlägen fängt er an, mit gedämpfter Stimme zu singen. Der Gesang wird allmählich lauter und schneller, die Augen des Priesters scheinen starr zu werden, er gerät in krampfhafte Zuckungen, die wilde Weise wird immer ungestümer: die Trommelschläge sind nur noch ein ununterbrochenes Rollen. Dann springt er auf, wirft seinen Kopf 178 konvulsivisch hin und her, daß sein Haar den Boden berührt, und beginnt einen rasenden Tanz im Zelte herum. bis er offenbar erschöpft auf seinen Sitz sinkt. Einige Augenblicke später verkündet er den von heiliger Scheu ergriffenen Eingeborenen die Botschaft, welche er von den bösen Geistern empfangen hat, und die gewöhnlich in dem Befehle besteht, den erzürnten Göttern eine gewisse Anzahl von Hunden oder Renntieren oder vielleicht einen Menschen zu opfern. In dieser wilden Ekstase machen sich die Priester gegen ihre leichtgläubigen Anhänger allerlei Betruges schuldig, thun als ob sie glühende Kohlen verschlängen, oder sich mit Messern durchbohrten; meist jedoch glaubt der Schamán wirklich, daß er unter dem Einfluß eines diabolischen Geistes stehe. Die Eingeborenen scheinen selbst manchmal die angebliche Inspiration des Priesters zu bezweifeln und peitschen ihn durch, um die Aufrichtigkeit seiner Aussagen und die Echtheit seiner Offenbarungen zu prüfen. Wenn er die Züchtigung mit Geistesstärke erträgt, ohne menschlichen Schmerz oder Schwäche zu verraten, dann ist seine Autorität als Diener der bösen Geister erwiesen, und seine Befehle werden befolgt. Außer den Opfern, welche von den Schamáns befohlen werden, spenden die Korjäken wenigstens zweimal im Jahre Opfergaben, um sich einen guten Fisch- und Seehundsfang und ein gedeihliches Jahr zu sichern. Wir sahen häufig über einem einzigen Lager zwanzig bis dreißig Hunde mit den Hinterbeinen an langen Pfählen aufgehängt. Während des Sommers werden große Mengen grüner Gräser gesammelt, zu Kränzen geflochten und den gemordeten Tieren um den Hals gewunden. Wenn die Korjäken einen Berg überschreiten müssen, bringen sie den bösen Geistern Tabakspenden dar. Bei all den Nomadenstämmen werden die Körper der Toten samt ihren beweglichen Gütern verbrannt, in der Hoffnung auf eine Auferstehung des Geistes und der Materie; die Kranken werden, wenn ihre Genesung hoffnungslos ist, entweder zu Tode gesteinigt oder mit einem Spieße durchbohrt. Wir fanden die Aussage der Russen und Kamtschadalen 179 bestätigt, daß die Korjäken alle bejahrten Leute, welche durch Krankheit oder Altersschwäche untauglich geworden, die Beschwerden des Nomadenlebens zu ertragen, ermordeten. Lange Erfahrung hat sie mit der besten und schnellsten Methode, das Leben zu vernichten, schrecklich vertraut gemacht, und sie erklärten uns oft, wenn wir abends in ihren rauchigen Pologs saßen, mit schaudererregender Genauigkeit die verschiedenen Arten wie man einen Mann töten könne, und bezeichneten die wesentlichsten Teile des Körpers, wo ein Messer- oder Speerstich augenblicklich verhängnisvoll werden mußte. Alle Korjäken lernen einen derartigen Tod als das natürliche Ende ihres Daseins betrachten und sehen demselben im allgemeinen mit vollkommener Fassung entgegen. Beispiele, daß ein Mann die Periode seiner physischen Thätigkeit und Nützlichkeit zu überleben wünscht, sind selten. Er wird in Gegenwart der ganzen Gesellschaft mit sorgfältigen, aber unverständlichen Ceremonien getötet, sein Körper verbrannt und seine Asche in alle vier Winde gestreut. Die Gebräuche, die Alten und Kranken zu ermorden, die Körper der Toten zu verbrennen, beruhen auf dem Wanderleben der Korjäken und sind nur Beweise von dem mächtigen Einfluß, den physische Gesetze überall auf die Handlungen und sittlichen Gefühle der Menschen ausüben. Beide sind eine logische und so zu sagen unvermeidliche Folgerung aus der natürlichen und klimatischen Beschaffenheit des Landes. Die Unfruchtbarkeit des Bodens in Nordost-Sibirien und die Strenge des langen Winters veranlaßten den Menschen als einziges Mittel, sich Unterhalt zu verschaffen, das Renntier zu zähmen; die Zähmung des Renntieres machte das Nomadenleben zur Notwendigkeit; das Umherziehen ließ Krankheit und Altersschwäche sowohl für die davon Betroffenen als auch für ihre Umgebung außerordentlich lästig erscheinen, und dies führte endlich zum Mord der Alten und Kranken, als einer von Klugheit und Mitleid vorgeschriebenen Maßregel. Denselben Ursachen verdankt die Sitte, die Toten zu verbrennen, ihren Ursprung. 180 Ihr nomadisches Leben machte einen gemeinsamen Begräbnisort zur Unmöglichkeit, und nur mit der größten Schwierigkeit konnten sie in dem immerwährend gefrorenen Boden ein Grab graben. Man wollte die Leichname nicht den Wölfen preisgeben, und da war das Verbrennen die einzig übrig bleibende Alternative. Keine dieser Sitten setzt von seiten der Korjäken eine ursprüngliche, angeborene Roheit oder Barbarei voraus. Sie sind die natürliche Entwickelung gewisser Umstände und beweisen nur, daß die stärksten Regungen der menschlichen Natur, wie kindliche Ehrfurcht, brüderliche Zuneigung, selbstsüchtige Liebe zum Leben, Ehrerbietung vor den Überresten teurer Freunde, vollständig machtlos sind, dem Einfluß großer Naturgesetze Widerstand zu leisten. Die russische Kirche ist bemüht, durch Missionare alle sibirischen Heiden zum Christentum zu bekehren, und obgleich diese unter den ansässigen Stämmen einen gewissen Grad von Erfolg gehabt zu haben scheinen, die nomadischen sind noch Anhänger des Schamanismus, und unter der spärlichen Bevölkerung Nordostsibiriens befinden sich mehr als 70 000 Bekenner desselben. Einer dauernden und wirklichen Bekehrung der wandernden Korjäken und Tschutschken müßte aufklärende Erziehung und eine vollständige Veränderung ihrer Lebensweise vorhergehen. Zum Aberglauben der nomadischen Korjäken und Tschutschken gehört auch ihre Abneigung, sich von einem lebenden Renntiere zu trennen. Tote Renntiere kann man so viele kaufen, wie man will, bis zu fünfhundert, das Stück für siebzig Cents; aber ein lebendiges ist weder für Geld noch gute Worte zu haben. Du kannst ihnen ein Vermögen in Tabak, kupfernen Kesseln, Perlen und scharlachrotem Tuche für ein einziges lebendiges Tier anbieten, sie werden sich weigern, es zu verkaufen; wenn du ihnen aber erlaubst, das nämliche Tier zu töten, kannst du es für eine kleine Reihe gewöhnlicher Glasperlen erhalten. Es führt zu nichts, sie der Abgeschmacktheit ihres Aberglaubens überführen zu wollen. Sie geben keinen andern Grund, keine andere Erklärung 181 als, »ein lebendes Renntier zu verkaufen, wäre »atkin« – schlecht«. Da es bei der Errichtung unserer projektierten Telegraphenlinie notwendig für uns war, eigene dressierte Renntiere zu besitzen, boten wir alles Erdenkliche auf, die Korjäken zur Abtretung eines einzigen zu bewegen; alle Bemühungen blieben erfolglos. Für hundert Pfund Tabak gaben sie bereitwillig hundert geschlachtete Tiere; aber selbst fünfhundert Pfund Tabak konnten sie nicht in Versuchung führen, sich von einem einzigen Tiere zu trennen, so lange es noch atmete. Während der dritthalb Jahre, die wir in Sibirien verbrachten, gelang es keiner von unseren Abteilungen, die Korjäken oder Tschutschken je zum Verzicht auf ihren Aberglauben zu bewegen. Alle Renntiere, die wir eventuell besaßen, ungefähr achthundert, kauften wir von den nomadischen Tungusen. Die Korjäken sind wahrscheinlich die reichsten Renntierbesitzer Sibiriens und folglich der Welt. Viele der Herden, denen wir im nördlichen Kamtschatka begegneten, beliefen sich auf acht- bis zwölftausend, und es wurde uns erzählt, ein reicher Korjäke, der in der Mitte der großen »Tundra« wohne, besitze an verschiedenen Orten drei ungeheure Herden zusammen von dreißigtausend Köpfen. Die Sorge für diese großen Herden ist fast die einzige Beschäftigung der Korjäken. Sie müssen wegen der Nahrung ihrer Tiere beständig von Ort zu Ort reisen, und sie bei Tag und Nacht vor Wölfen beschützen. Acht bis zehn Korjäken verlassen jeden Abend vor einbrechender Dunkelheit mit Speeren und Messern bewaffnet das Lager, gehen eine Meile oder zwei an den Ort, wo die Tiere weiden, machen sich aus Kiefernzweigen kleine Hütten, die ungefähr drei Fuß hoch und zwei Fuß lang und breit sind, und kauern in denselben während der langen, kalten Stunden einer arktischen Nacht, um auf die Wölfe zu passen. Je schlechter das Wetter, desto größer die Notwendigkeit, auf der Hut zu sein. Manchmal macht eine Schar Wölfe in einer dunkeln Winternacht, während ein schrecklicher Nordoststurm mit Schneegestöber über die Steppe heult, 182 einen ungestümen, plötzlichen Angriff auf eine Renntierherde und zerstreut sie nach allen Himmelsrichtungen. Derartige Angriffe sollen die Korjäkenwachen verhindern. Allein und fast obdachlos auf diesem ungeheuren Schneemeere, kauert jeder in seinem zerbrechlichen Bienenkorb von Hütte, beobachtet das wundervolle Nordlicht, welches das blaue Himmelsgewölbe und die Erde karmesinrot zu färben scheint, horcht auf das Pulsieren des Blutes in seinen Ohren und das ferne Geheul seiner Feinde, der Wölfe. Geduldig erträgt er die Kälte, die das Quecksilber zu festen Klumpen gefrieren macht, und Stürme, die sein Obdach wie Spreu in einer Schneewolke hinwegfegen. Nichts entmutigt ihn; nichts erschreckt ihn, daß er je den Schutz der Zelte aufsuchte. Ich habe ihn des Nachts mit erfrorenen Wangen und von Frost gedrückter Nase, so daß sie ganz unempfindlich und schwarz geworden waren, auf der Wache gesehen, und an manchem kalten Wintermorgen unter einem Busche kauernd, sein Gesicht vom Pelzrock bedeckt, als ob er tot wäre. Nie konnte ich an einer der kleinen Buschhütten der trostlosen »Tundra« vorübergehen, ohne an den einsamen Mann zu denken, der darin gewacht, und mir vorzustellen, was während der langen, traurigen Nächte, in denen er auf den ersten, schwachen Dämmerschein wartete, in seinem Geiste vorgegangen. Hatte er sich je gefragt, wenn die feurigen Strahlen des Nordlichtes über seinem Haupte wogten, was diese geheimnisvollen Lichtströme verursacht? Hatten die unaufhörlich über der Schneeebene kreisenden Sterne ihn nicht an die Möglichkeit schönerer, glücklicherer Welten denken lassen? »Der silberne Mond, die glitzernden Sterne, Die wandeln still in unendlicher Ferne, Erweckten sie nicht im Alltagsgetriebe Gedanken an Gott und ewige Liebe?« Ach die arme, hilflose, menschliche Kreatur! Übernatürliche Einflüsse konnte er fühlen und fühlte sie; aber die Trommel und das wüste Geschrei des Schamán bewiesen, wie sehr er dieselben und ihre Lehren mißverstand. 183 Die natürlichen Anlagen der wandernden Korjäken sind durchaus gut. Sie behandeln ihre Frauen und Kinder mit großer Güte; während meines mehr als zweijährigen Verkehrs mit ihnen sah ich nie, daß eine Frau oder ein Kind geschlagen wurde. Ihre Ehrlichkeit ist bemerkenswert. Es kam öfter vor, daß sie uns fünf bis zehn Meilen mit einem Renntiergespann nacheilten, um uns ein Messer, eine Pfeife oder sonstige Kleinigkeit, die wir in der Eile in ihrem Zelte zurückgelassen, nachzubringen. Unsere mit Tabak, Perlen und anderen Tauschmitteln beladenen Schlitten standen unbewacht vor ihren Zelten, aber nie wurde unseres Wissens irgend etwas gestohlen. Wir wurden von vielen mit so viel Güte und so großmütiger Gastfreundschaft behandelt, wie ich nur je in einem civilisierten Lande von christlichen Bewohnern erfahren, und wenn es mir an Geld und Freunden fehlte, würde ich mich mit weit größerem Vertrauen an die nomadischen Korjäken als an manche amerikanische Familie wenden. Grausam und barbarisch mögen sie sein, nach unseren Begriffen von Grausamkeit und Barbarei; aber Verrat haben sie nie begangen, und ich würde ihnen mein Leben so rückhaltlos anvertrauen, wie irgend einem civilisierten Volke, das ich kennen gelernt habe. Nacht für Nacht, je weiter nördlich wir kamen, desto mehr näherte sich der Polarstern dem Zenith, bis wir endlich am zweiundsechzigsten Breitegrad der weißen Gipfel des Stanowoigebirges an der Spitze des Penschinagolfes ansichtig wurden, welches die Nordgrenze von Kamtschatka bezeichnete. Unter dem Schutz seiner schneebedeckten Abhänge kampierten wir zum letztenmale in den rauchigen Zelten der kamtschadalischen Korjäken, aßen zum letztenmale aus ihren hölzernen Trögen und verabschiedeten uns mit wenig Bedauern von den trostlosen Steppen der Halbinsel und dem Zeltleben seiner Nomaden. 184   21. Kapitel. Am Morgen des 23. November gelangten wir bei klarer, scharfer Luft von fünfundzwanzig Grad unter Null an der Mündung des großen Flusses Penschina an, der sich in den Penschinagolf, am nördlichen Ende des ochotskischen Meeres, ergießt. Eine dichte Wolke gefrorenen Nebels, welche über der Mitte des Golfes hing, bewies, daß dort offenes Wasser war; aber die Flußmündung war von großen Eisblöcken und holperigen, grünen Eisschollen, welche ein Südweststurm hereingetrieben, und die in wirren Massen zusammengefroren waren, vollständig versperrt. Durch den grauen Nebel konnten wir auf dem hochgelegenen Ufer der anderen Seite die eigentümlichen Umrisse der Xförmigen Jurten der Kamensker Korjäken unterscheiden. Der Major, Dodd und ich überließen den Führern, die Renntiere und Schlitten, so gut sie könnten, hinüberzuschaffen, und machten uns auf den Weg, den wir zwischen ungeheuer großen, unregelmäßigen Eisblöcken suchen mußten. Bald kletterten wir auf Händen und Knieen über Eisberge, bald fielen wir in weite, tiefe Spalten oder stolperten mühsam über die vom mächtigen Wellenschlag des Meeres scharf gespaltenen Eisstücke. Wir hatten fast das andere Ufer erreicht, als Dodd plötzlich ausrief: »Oh Kennan! Ihre Nase ist ganz weiß; reiben Sie dieselbe mit Schnee! schnell!« Ich bezweifle 185 nicht, daß der übrige Teil meines Gesichtes bei dieser erschreckenden Nachricht auch weiß wurde, denn der Verlust meiner Nase beim Beginn meiner arktischen Laufbahn wäre ein großes Unglück gewesen. Ich packte eine Handvoll Schnee, die jedoch mit scharfen Eissplittern gemischt war, und rieb das leblose Glied, bis keine Spur von Haut mehr an der Spitze blieb und setzte dann das Reiben mit meinem Fausthandschuh fort, bis mein Arm erlahmte. Wenn energische Behandlung sie retten konnte, war ich fest entschlossen, dieses Mal meine Nase noch nicht einzubüßen. Als sie endlich schmerzte, ließ ich nach und kletterte hinter Dodd und dem Major das steile, hohe Ufer hinauf in das Korjäkendorf Kamensk. Die Niederlassung glich einer Sammlung titanischer, hölzerner Sanduhren, die von einem Erdbeben zusammengerüttelt worden. Die Häuser – wenn man sie so nennen kann – waren zwanzig Fuß hoch, von Treibholz errichtet, welches das Meer ausgeworfen, und konnten nur mit einer Sanduhr verglichen werden. Sie hatten weder Thüren noch Fenster, und um in das Innere zu gelangen, mußte man von außen an einem Pfahl hinaufklettern und sich an einem andern Pfahl durch den Kamin hinabgleiten lassen; die Möglichkeit, seinen Einzug auf diese Weise zu bewerkstelligen, hing von dem lebhafteren oder schwächeren Feuer ab, das darunter brannte. Rauch und Funken waren, obgleich unangenehm genug, verhältnismäßige Kleinigkeiten. Ich erinnere mich, daß mir in meiner Kindheit erzählt worden, der heilige Nikolaus komme durch den Kamin in das Haus, und obgleich ich mit blindem Kinderglauben die Behauptung hinnahm, konnte ich doch nie begreifen, wie das eigentümliche Kunststück, in einem Kamin herunterzuklettern, sicher ausgeführt werden könne, und war jedes Jahr stark in Versuchung, das Experiment zu probieren; nur die engen Ofenröhren, durch die man hindurch gemußt hätte, um in ein Zimmer zu kommen, hielten mich ab. Mein erster Eintritt in eine Korjäkenjurte zu Kamensk löste all meine früheren Schwierigkeiten und bewies die Möglichkeit, in der excentrischen Weise des heiligen Nikolaus in ein 186 Haus zu gelangen. Eine Menge wild aussehende, in Pelz gekleidete Eingeborene hatten sich im Dorfe um uns versammelt und starrten uns mit dummer Neugierde an, als wir unsern ersten Kletterversuch machten. Aus Achtung vor dem Rang und den ausgezeichneten Vorzügen des Majors erlaubten wir ihm, den Reigen zu eröffnen. Er kletterte behend den ersten Pfahl hinauf und ließ sich mit bewundernswertem Vertrauen in das dunkele, enge Kaminloch hinab, aus dem große Rauchwolken aufstiegen; aber in dem kritischen Augenblicke, da sein Kopf noch eben im Rauche sichtbar, aber sein Körper schon im Kamin verschwunden war, blieb er plötzlich stecken. Die Löcher in dem Holzbalken, an dem er hinunterklettern wollte, waren zu eng für seine mit schweren Pelzstiefeln bedeckten Füße, und so hing er in dem Kamin, ohne rückwärts noch vorwärts zu können – ein trostloses Bild der Hilflosigkeit. Thränen rannen aus seinen geschlossenen Augen, und der Rauch machte ihn husten und erstickte seine Stimme, wenn er um Hilfe rufen wollte. Endlich befreite ihn ein Eingeborener, der im Innern der Hütte seinen vergeblichen Bemühungen zugesehen hatte, aus seiner kritischen Lage und landete ihn sicher auf dem Boden. Durch seine Erfahrung kluggemacht, nahmen Dodd und ich gar keine Rücksicht auf die Löcher, sondern schlangen unsere Arme um den latten Pfahl und ließen uns hinabgleiten. Als ich meine thränenden Augen öffnete, wurde ich durch einen Chor gedehnter »Zda–rṓ–ō–o–va's« von einem halben Dutzend hagerer, schmieriger alter Frauen begrüßt, welche mit gekreuzten Beinen auf einer erhöhten Plattform ums Feuer saßen und Pelzkleider nähten. Das Innere einer Korjäkenjurte – d. h. einer der hölzernen Jurten der ansässigen Korjäken, bietet dem, der sich nicht durch die Länge der Zeit an ihren Schmutz, Rauch und ihre eisige Atmosphäre gewöhnt hat, einen seltsamen, wenig einladenden Anblick. Sie empfängt ihr einziges Licht von sehr zweifelhafter Beschaffenheit durch das zwanzig Fuß über dem Boden befindliche runde Loch, welches als Fenster, Thüre und 187 Kamin dient, und zu dem man durch einen runden, mit Löchern zum Klettern versehenen Stamm gelangt, der im Centrum desselben senkrecht steht. Die Balken, Sparren und Stämme, welche die Jurte bilden, sind von dem Rauch, der sie beständig einhüllt, glänzend schwarz. Einen Fuß über der Erde befindet sich eine hölzerne Plattform, welche in einer Breite von sechs Fuß sich auf drei Seiten hinzieht, so daß in der Mitte ein freier Raum von acht bis zehn Fuß Durchmesser für das Feuer und einen großen kupfernen Kessel mit schmelzendem Schnee übrig bleibt. Auf der Plattform sind drei oder vier quadratische Pologs von Fellen errichtet, welche den Bewohnern als Schlafstätten und Zufluchtsort vor dem Rauche dienen, der manchmal ganz unerträglich wird. Ein kleiner Kreis flacher Steine auf dem Boden im Mittelpunkte der Jurte dient als Feuerraum, über welchem gewöhnlich ein Kessel voll Fisch- oder Renntierfleisch kocht, woraus mit getrocknetem Salm, Seehundsspeck und ranzigem Öl die Speisekarte der Korjäken besteht. Alles, was man berührt, trägt die Zeichen korjakischen Ursprungs, Fett und Rauch. Wenn jemand die Jurte betritt, so erfährst du diese Thatsache durch eine vollständige Verfinsterung der Kaminöffnung und eine plötzliche Dunkelheit, und wenn du durch einen Nebel von Renntierhaaren aufblickst, welche vom Pelzrock des Ankömmlings abgeschabt werden, siehst du ein Paar dünne Beine, die in einer Rauchwolke den Pfahl herabsteigen. Die Beine seiner Bekannten erkennt man bald an ihrer Form und Bekleidung; ihre Gesichter kommen als Mittel, ihre Identität festzustellen, erst in zweiter Linie in Betracht. Wenn du Iwans Beine den Kamin herunterkommen siehst, hast du die moralische Gewißheit, daß Iwans Kopf oben irgendwo im Rauche steckt, und Nikolas' Stiefel, die sich im Eingangsloch in kühnem Relief vom Himmel abheben, sind ein ebenso befriedigender Beweis von Nikolas' Identität, wie es sein Kopf sein würde, wenn dieser Teil seines Körpers zuerst erschiene. Die Beine sind deshalb die ausdrucksvollsten Züge einer Korjäkenphysiognomie, vom innern Standpunkt aus betrachtet. 188 Wenn der Schnee gegen die Jurten getrieben wird, so daß die Hunde an den Kamin gelangen können, ist es ihr Entzücken, um das Loch herum zu liegen, in die Jurte zu spähen und die Dünste, welche von dem kochenden Fische aus dem großen Kessel aufsteigen, zu schnüffeln. Nicht selten geraten sie wegen des besten Observationspunktes in Streit, und in demselben Augenblick, da du dein Mittagessen aus gekochtem Salm vom Feuer heben willst, plumpst ein kläffender Hund in den Kessel, während sein triumphierender Gegner mit der Schadenfreude befriedigter Rache auf sein unglückliches Opfer durch das Kaminloch herabblickt. Ein Korjäke nimmt den gebrühten Hund am Schopfe, trägt ihn den Kamin hinauf, schleudert ihn über den Band der Jurte in den Schnee und verspeist dann mit ungetrübter Gemütsruhe die mit Hund gewürzte und mit Haaren verdickte Fischsuppe. Haare, und besonders Renntierhaare gehören zu den unerläßlichen Zuthaten jedes in einer Korjäkenjurte gekochten Gerichts; wir eigneten uns in Hinsicht darauf bald eine vollkommene Gleichgiltigkeit an. Was für Vorsichtsmaßregeln wir auch ergreifen mochten, sie fanden stets ihren Weg in Thee und Suppe und klebten am gebratenen Fleische. Jemand ging oder kam beständig über dem Feuer, und die durch das Kaminloch gezwängten Renntierfellröcke verbreiteten eine förmliche Wolke von kurzen grauen Haaren, welche in alles fielen, was auf dem Feuer stand. Unsere erste Mahlzeit in der Korjäkenjurte zu Kamensk war deshalb durchaus nicht befriedigend. Wir waren noch nicht zwanzig Minuten in der Niederlassung, als die Jurte, in der wir uns befanden, gedrängt voll dumm und roh aussehender Männer war, die, in gefleckte Renntierfelle gekleidet, in ihren Ohren Schnüre von bunten Perlen und schwere, zwei Fuß lange Messer in Scheiden um ihre Beine gebunden trugen. Sie waren offenbar eine andere Klasse von Eingeborenen, wie die, welche wir bis jetzt gesehen hatten; ihre wilden, tierischen Gesichter flößten uns wenig Vertrauen ein. Bald erschien jedoch ein hübscher Russe, näherte 189 sich uns mit entblößtem Kopfe, verbeugte sich und stellte sich als Kosak von Gischiginsk vor. Der Kurier, der Ljesnowsk vor uns verlassen, hatte Gischiginsk zehn Tage vor uns erreicht, und der Gouverneur hatte uns einen Kosaken nach Kamensk entgegengesandt, der uns durch die Dörfer der ansässigen Korjäken um die Spitze des Penschinagolfs geleiten sollte. Der Kosak säuberte die Jurte von den Eindringlingen, und der Major befragte ihn über den Charakter des Landes nördlich und westlich von Gischiginsk, die Entfernung von Kamensk zum russischen Vorposten Anadyrsk, die Reisegelegenheiten im Winter, und in wieviel Zeit diese Reise auszuführen sei. In der Besorgnis, der Oberingenieur habe eine Abteilung Männer am Anadyr landen lassen, hatte Major Abaza beschlossen, direkt von Kamensk nach Anadyrsk zu reisen, um dieselben aufzusuchen und Dodd und mich in westlicher Richtung längs der Küste des ochotskischen Meeres Mahood und Bush entgegenzuschicken. Der Kosak teilte uns mit, daß gerade vor seiner Abreise eine Gesellschaft Leute auf Hundeschlitten vom Anadyr in Gischiginsk angekommen sei, aber von der Anwesenheit von Amerikanern am Anadyr nichts berichtet hätte. Oberst Bulkley, der Oberingenieur des Unternehmens, hatte uns, als wir San Franzisco verließen, versprochen, daß er eine Abteilung Leute, an oder in der Nähe der Anadyrmündung mit einem Walfischboot so zeitig wollte landen lassen, daß sie den Fluß aufwärts bis Anadyrsk gelangen und sich gleich zu Beginn des Winters mit uns in Verbindung setzen könnten. Dies war offenbar nicht geschehen, sonst hätten die dortigen Bewohner etwas davon gewußt. Die ungünstige Beschaffenheit des Landes in der Umgebung der Behringsstraße, oder die vorgerückte Jahreszeit, als die Schiffe der Gesellschaft jenen Punkt erreicht, hatten vermutlich zum Verzicht auf diesen Teil des ursprünglichen Planes geführt. Major Abaza hatte diese Absicht nie gebilligt, aber er war doch ein wenig enttäuscht, als er vernahm, daß keine Abteilung gelandet war, und daß es ihm verblieb, mit vier Männern die achtzehnhundert Meilen Landes zwischen der 190 Meerenge und dem Amur zu erforschen. Der Kosak versicherte, wir könnten uns ohne Schwierigkeit in Gischiginsk Leute und Hundeschlitten zur Erforschung irgend eines Landesteiles in westlicher oder nördlicher Richtung verschaffen und stellte uns von seiten des Gouverneurs jede nur gewünschte Unterstützung in Aussicht. Unter diesen Umständen blieb also nichts übrig, als nach Gischiginsk weiter zu reisen, das, nach Aussage des Kosaken, in zwei bis drei Tagen zu erreichen war. Die Korjäken von Kamensk wurden beordert, sofort für ein Dutzend Hundeschlitten zu sorgen, welche uns zur nächsten Niederlassung Schestakówa befördern sollten, und das ganze Dorf war alsbald unter der Aufsicht des Kosaken beschäftigt, unser Gepäck und unsere Vorräte aus den Renntierschlitten der nomadischen Korjäken in die langen und schmalen Hundeschlitten von deren ansässigen Verwandten zu transportieren. Unsere alten Führer wurden nun mit Tabak, Perlen und Kattun in auffallenden Farben abgelohnt, und trotz vielem Hin- und Hergezänk zwischen den Korjäken und unserm neuen Kosaken Kerrillof war bald alles zur Abreise bereit. Obgleich fast Mittag, war die Luft noch scharf wie ein Messer; wir hüllten unsere Gesichter und Köpfe in große Pelzkragen, bestiegen unsere Schlitten, und die wilden Hunde von Kamensk jagten in einer wahren Schneewolke, welche die »oerstels« ihrer Führer aufgewühlt, das Dorf hinaus und das hohe Ufer hinunter. Der Major, Dodd und ich fuhren in bedeckten Schlitten, welche den Sibiriern als »pavoskas« bekannt sind; aber das tolle Fahren der Kamensker Korjäken ließ uns in weniger als einer Stunde bereuen, daß wir keine andern gewählt, von denen wir bei einem Unfall leichter hätten abspringen können. Einstweilen waren wir so eingeschachtelt, daß wir ohne Hilfe uns gar nicht bewegen konnten. Unsere Pavoskas glichen ganz und gar langen, schmalen Särgen, die mit Seehundsfell bedeckt, auf Läufe gestellt und am Kopfende mit einer steifen Kappe überdacht waren, gerade groß genug, um darin aufrecht sitzen zu können. An dem Rande dieses 191 Verdecks war ein schwerer Vorhang befestigt, der bei schlechtem Wetter herabgelassen und festgeknöpft werden konnte, so daß Luft und Schneegestöber ausgeschlossen waren. Wenn wir in diesen Schlitten saßen, steckten unsere Beine in der langen, sargähnlichen Kiste, auf welcher der Kutscher seinen Sitz nahm, und unsere Köpfe und Schultern wurden von dem Verdeck aus Seehundsfell beschützt. Unsere Körper waren derartig zwischen Kissen und schweren Pelzen eingekeilt, daß wir uns weder drehen noch wenden konnten. In dieser hilflosen Lage waren wir ganz in der Gewalt unserer Kutscher; wenn es ihnen beliebte, uns über den Rand eines Abgrundes gleiten zu lassen, blieb uns nichts übrig, als die Augen zu schließen und auf die Vorsehung zu vertrauen. Siebenmal in weniger als drei Stunden warf mein Kamensker Kutscher mit Hilfe von vierzehn verrückten Hunden und seinem »oerstel« um, so daß mein Pavoska das Unterste zu oberst zu liegen kam, schleifte ihn in dieser Lage, bis das Vordeck voll Schnee war und ließ mich dann auf dem Kopfe stehen, mit meinen Beinen in der engen Kiste und meinem Gesicht im Schnee, während er ein Pfeifchen rauchte und über die Schwierigkeiten einer Gebirgsreise im allgemeinen und die umstürzenden Tendenzen von Hundeschlitten im besonderen Betrachtungen anstellte. Es war zum Tollwerden! Ich bedrohte ihn mit dem Revolver, schwur entrüstet bei allen bösen Geistern der korjäkischen Theogonie, wenn er mich wieder in dieser Weise umwerfe, ich ihn auf der Stelle totschießen würde. Alles vergeblich. Er war zu unwissend, um sich vor einer Pistole zu fürchten, und meine mörderischen Drohungen verstand er nicht. Er kauerte sich auf seine Fersen in den Schnee, blies seine Backen mit Rauch auf und starrte mich mit dummem Erstaunen an, als ob ich ein wildes Tier sei, das ohne irgend welche Ursache eine seltsame Neigung besitzt, zu plappern und Grimassen zu schneiden. Wenn er die Läufe seines Schlittens eisen wollte, was wohl dreimal pro Stunde der Fall war, stürzte er kaltblütig den Schlitten um, stützte denselben mit seinem »oerstel«, 192 und ich stand auf meinem Kopfe, während er die Läufe mit Wasser und einem Stück Renntierfell bearbeitete. Das brachte mich schließlich zur Verzweiflung, und es gelang mir nach längerem Kampfe, aus meiner sargartigen Kiste herauszukommen. Mit entrüsteten Gefühlen und rachsüchtigen Gedanken nahm ich neben meinem durch nichts zu erschütternden Peiniger Platz. Nun litt meine unbeschützte Nase wieder vom Frost, und meine Zeit, bis wir Schestakowa erreichten, war damit ausgefüllt, mit der einen Hand dieses lästige Glied zu reiben, mich mit der andern festzuhalten oder mich mit beiden aus dem Schnee aufzuraffen. Die einzige Befriedigung, die ich hatte, war, daß es dem Major durch die Albernheit und Schändlichkeit seines Kutschers noch viel schlimmer erging als mir. Wollte er weiter fahren, so bestand sein Kutscher darauf, einzuhalten, um ein Pfeifchen zu schmauchen; wollte er rauchen, so warf der Kutscher den Schlitten um und setzte ihn in den Schnee; wollte er einen besonders steilen Hügel zu Fuß hinuntergehen, so trieb der Kutscher seine Hunde an und raste mit ihm auf Gefahr seines Lebens den Berg hinab gleich einer Lawine; wollte er schlafen, so bedeutete ihm der Kutscher in unverschämter Weise, er solle machen, daß er herauskomme und die Anhöhe hinaufspazieren; bis endlich der Major den Kosaken Kerrillof herbeirief und dem Korjäken nachdrücklich kund thun ließ, wenn er seinen Befehlen nicht gehorche und entgegenkommender sei, er ihn an seinen Schlitten gebunden in Gischiginsk dem russischen Gouverneur zur Bestrafung ausliefern werde. Das nützte allerdings etwas; aber alle unsere Fuhrleute waren von so unverschämter, herausfordernder Roheit, wie wir sie in Sibirien noch nicht kennen gelernt. Der Major erklärte, wenn unsere Linie ausgeführt und er über genügende Kräfte verfügen würde, er den Kamensker Korjäken eine Lektion erteilen wolle, an die sie denken sollten. Wir fuhren den ganzen Nachmittag über einen wellenförmigen Landstrich ohne allen Pflanzenwuchs, der 193 sich zwischen einer kahlen, mit Schnee bedeckten Bergkette und dem Meere hinzog, und mit hereinbrechender Nacht erreichten wir die Niederlassung Schestakowa, die auf der Küste an der Mündung eines kleinen Flusses mit waldigen Ufern lag. Wir verweilten nur kurze Zeit, um unsern Hunden Ruhe zu gönnen, und fuhren dann nach einem andern Korjäkendorf, Mikina, zehn Meilen weiter westlich, um daselbst die Nacht zu verbringen. Mikina war das Ebenbild von Kamensk, nur in kleinerem Maßstabe. Es hat dieselben Sanduhr-Häuser, dieselben konischen »Bologans« auf Stelzen, und die nämlichen großen Skelette von Seehundsfell-»baideras« oder Meerbarken waren in einer Reihe auf dem Strande aufgepflanzt. Wir kletterten an der ansehnlichsten Jurte des Dorfes hinauf – über welcher ein toter, ausgenommener Hund mit einem Kranz von grünem Gras um den Hals hing – und glitten durch den Kamin in ein elendes bis zum Ersticken mit blauem Rauch gefülltes Zimmer, das nur durch ein glimmendes Feuer erhellt wurde und nach faulem Fisch und ranzigem Öl duftete. Wuschin hatte bald den Theekessel auf dem Feuer, und in zwanzig Minuten saßen wir wie Türken auf der erhöhten Plattform am einen Ende der Jurte, kauten hartes Brot und tranken Thee, während ungefähr zwanzig häßliche, wild aussehende Männer um uns herum kauerten und jede unserer Bewegungen bewachten. Die am Penschinagolf ansässigen Korjäken sind unstreitig die schlimmsten, häßlichsten, rohsten und verderbtesten Eingeborenen von ganz Nordost-Sibirien. Es sind ihrer nur drei- bis vierhundert, die in verschiedenen Niederlassungen der Seeküste entlang wohnen, aber sie verursachten uns mehr Unannehmlichkeiten, als alle anderen Bewohner Sibiriens und Kamtschatkas zusammengenommen. Ursprünglich führten sie auch ein Nomadenleben wie die andern Korjäken; da sie aber durch irgend ein Unglück oder eine Seuche ihre Renntiere verloren, errichteten sie Häuser von Treibholz an der Seeküste, ließen sich nieder und gewinnen jetzt einen kärglichen Unterhalt durch Fisch- und Seehundsfang und 194 machen Jagd auf Walfischgerippe, welche von den amerikanischen Walfischfängern ihres Speckes entblößt und vom Meere an die Küste getrieben worden sind. Sie sind grausam und roh von Natur, unverschämt gegen jedermann, rachsüchtig, unehrlich und unwahr. Von den nomadischen Korjäken sind sie in allem das Gegenteil. Die Gründe für diese Verschiedenheit sind mannigfaltig. Die Dörfer der ansässigen Korjäken werden häufig von russischen Händlern besucht, und von diesen und den russischen Bauern haben sie einige der schlimmsten Laster der Civilisation angenommen ohne ihre Tugenden. Hierzu kommt der demoralisierende Einfluß der amerikanischen Walfischfänger, welche ihnen den Rum und schreckliche Krankheiten gebracht haben, die durch ihre Nahrung und Lebensweise noch verschlimmert werden. Von den Russen haben sie lügen, betrügen und stehlen gelernt, von den Walfischfängern das Rumtrinken und die Ausschweifung. Außerdem genießen sie den berauschenden sibirischen Krötenstuhl in unmäßigen Mengen, und diese Gewohnheit allein würde genügen, irgend welche Menschen mit der Zeit im höchsten Grade herabzuwürdigen und zu verrohen. Fast allen diesen entsittlichenden Einflüssen bleiben die wandernden Korjäken durch ihre Lebensweise fern. Sie verbringen mehr Zeit im Freien, haben eine gesündere Körperbeschaffenheit, russische Händler und Wodka kommen ihnen selten zu Gesicht, und sie sind im allgemeinen mäßig, keusch und männlich in allen ihren Gewohnheiten. Die natürliche Folge ist, daß sie in moralischer, physischer und geistiger Hinsicht bessere Menschen sind, als die ansässigen Eingeborenen je sein werden oder sein können. Ich hege für viele der wandernden Korjäken, denen ich gelegentlich auf den großen sibirischen »Tundren« begegnete, aufrichtige und herzliche Bewunderung, aber ihre ansässigen Verwandten sind die schlimmste Menschensorte, die ich in Nordasien von der Behringsstraße bis zum Uralgebirge kennen lernte. 195   22. Kapitel. Wir verließen Mikina in der Frühe des 23. November. Vor uns lag eine weite, schneebedeckte Ebene, die als einzige Vegetation hier und da einige dünne Grasspitzen und magere Gruppen niedriger Kiefern aufzuweisen hatte. Seitdem wir Ljesnowsk den Rücken gekehrt, hatte ich die Kunst oder Wissenschaft (je nach Belieben), einen Hundeschlitten zu lenken, eifrigst studiert mit dem festen, aber geheim gehaltenen Entschluß, wenn je die Gelegenheit günstig sein sollte, die Aufsicht über mein eigenes Gespann zu übernehmen, und Dodd und die Eingeborenen durch die Entfaltung meiner Geschicklichkeit als »kiour« in Erstaunen zu setzen. Erfahrung hatte mich gelehrt, daß diese ungebildeten Korjäken einen Mann nicht so sehr nach dem schätzten, was er wußte und sie nicht, als nach seiner Vertrautheit mit ihren eigenen, besonderen Beschäftigungen, und ich beschloß, selbst ihren umnachteten Verstandeskräften zur Evidenz zu beweisen, daß die Kenntnisse der Civilisation in ihrer Anwendung universell seien, und daß der weiße Mann, wenn auch in Hinsicht auf die Farbe im Nachteil, allein durch Intuition imstande sei, ein Hundegespann besser zu lenken, als sie durch jahrhundertelang angesammelte Erfahrung, daß derselbe im Falle der Not »die Prinzipien des 196 Hundelenkens aus den Tiefen seines sittlichen Bewußtseins entwickeln könne«. Ich muß übrigens eingestehen, daß ich selbst kein überzeugter Konvertit meiner eigenen Ideen war, und es deshalb nicht verschmähte, mir die Ergebnisse der Erfahrung der Eingeborenen zu nutze zu machen, insofern sie in Hinsicht auf das Wahre und Schöne des Hundelenkens mit meiner eigenen Überzeugung übereinstimmten. Ich hatte jede Bewegung meines Korjäkenkutschers genau beobachtet, hatte theoretisch gelernt, wie man das »oerstel« zwischen den Läufen in den Schnee stoßen mußte, damit es als Hemmschuh diene; hatte die einsilbigen Kehllaute, die in der Hundesprache »rechts« und »links« bedeuten, sowie noch viele andere Wörter, die wohl etwas anderes besagten, die ich aber häufig gegen Hunde hatte äußern hören, meinem Gedächtnis fest eingeprägt und eifrigst wiederholt, und schmeichelte mir, ebenso gut fahren zu können wie ein Korjäke, wenn nicht besser. Für mein unerfahrenes Auge war es nicht schwieriger, wie sein Geld in kalifornischen Bergwerksaktien zu verlieren. Da die Straße gut und das Wetter günstig war, beschloß ich also, an diesem Tage meine eigenen und angeeigneten Theorieen in die Praxis zu übertragen. Ich schlug also meinem Korjäken vor, den Hintersitz einzunehmen und mir die Abzeichen des Amtes auszuliefern. Als er mir den eisenbeschlagenen Stock überreichte, bemerkte ich, daß ein spöttisches Lächeln um seine Lippen zuckte, das wohl als Geringschätzung meiner Fähigkeiten aufzufassen war; aber ich behandelte es, wie besseres Wissen den Hohn der Dummheit stets behandeln sollte – mit stillschweigender Verachtung, setzte mich rittlings auf den Kutschersitz und rief den Hunden zu: »Nu! Paschol!« Meine Stimme brachte die Wirkung, die ich erwartet, durchaus nicht hervor. Der Leithund, ein grimmiger, derber Nestor von einem Tiere, schaute sich gleichgiltig um und verlangsamte seinen Schritt. Diese plötzliche, sichtbare Verachtung meiner Autorität seitens der Hunde erschütterte mehr mein Vertrauen in meine eigene Geschicklichkeit als alles höhnische Grinsen der Korjäken. Aber meine 197 Hilfsquellen waren noch nicht erschöpft, und ich schleuderte ihnen ein-, zwei- und vielsilbige Wörter an ihre verwünschten Köpfe, schrie : »Akh! Te schelma! Proclataja takaja! Smatri! Ja tibi dam!« Aber alles vergeblich; die Hunde waren gegen derartiges rhetorisches Feuerwerk durchaus unempfindlich und offenbarten ihre Gleichgiltigkeit durch immer langsamer werdendes Tempo. Als ich die letzte Schale meines Zornes über sie ausgoß, fuhr Dodd, der die Sprache verstand, der ich mich so unbedachtsam bediente, langsam heran und sagte lachend: »Sie fluchen ja ganz hübsch für einen Anfänger.« Hätte sich ein Abgrund zu meinen Füßen aufgethan, ich wäre nicht weniger erstaunt gewesen. »Fluchen! Ich fluchen! Sie wollen doch nicht sagen, daß ich geflucht habe?« – »Freilich haben Sie geflucht, wie ein Seeräuber.« Ich ließ mein »oerstel« entmutigt sinken. Waren das die Prinzipien über Hundelenken, die ich aus den Tiefen meines sittlichen Bewußtseins entwickelt hatte? Sie schienen eher aus der Tiefe meiner unsittlichen Bewußtlosigkeit zu kommen. »Sie schändlicher Mensch, haben Sie mich diese nämlichen Wörter nicht gelehrt?« »Das that ich auch,« lautete die unverfrorene Antwort; »aber Sie haben mich nicht gefragt, was dieselben bedeuten, sondern nur, wie man sie ausspricht, und das habe ich Ihnen gesagt. Ich glaubte, Sie machten Studien in vergleichender Sprachwissenschaft und wollten durch die Identität der Flüche die Einheit der menschlichen Rasse oder die Abstammung der Digger-Indianer von den Chinesen beweisen. Sie müssen doch selbst zugeben, daß Ihr Kopf – der übrigens in mancher Hinsicht gar nicht zu verachten ist – immer von solchem Zeuge vollsteckt.« »Dodd,« erwiderte ich mit einer Feierlichkeit, die in seinem verhärteten Gewissen Reue erwecken sollte, »ich bin unwissentlich zur Sünde verleitet worden, und da etwas mehr oder weniger an meiner Schuld nichts ändern kann, habe ich die allergrößte Lust, mich Ihrer ruchlosen Belehrungen gegen Sie selbst zu bedienen.« Er lachte mich aus und fuhr davon. Diese kleine Episode dämpfte meinen Enthusiasmus und machte 198 mich in der Anwendung der fremden Sprache sehr vorsichtig. Unter den gewöhnlichsten Hunde-Ausdrücken vermutete ich entsetzliche Verwünschungen, und selbst die Wörter »khta« und »hugh«, die »rechts« und »links« bedeuten sollten, kamen mir verdächtig vor. Die Hunde, welche jeden Mangel an Aufmerksamkeit seitens ihres Führers sofort bemerken, schienen, durch mein Schweigen ermutigt, eine Neigung, still zu stehen und sich auszuruhen, welche gegen alle Disziplin verstieß, und die sie einem erfahrenen Führer gegenüber nicht gewagt hätten, an den Tag zu legen. Entschlossen, durch strengere Maßregeln meine Autorität zur Geltung zu bringen, schleuderte ich mein »oerstel« wie eine Harpune gegen den Leithund, in der Absicht, dasselbe beim Vorbeifahren des Schlittens wieder aufzuheben. Der Hund jedoch wich demselben geschickt aus, und es rollte zehn Fuß weit fort. Gerade in diesem Augenblicke sprangen einige wilde Renntiere in einer Entfernung von drei- bis vierhundert Metern hinter einer kleinen Anhöhe hervor und galoppierten über die Steppe in der Richtung einer jähen Schlucht, durch welche ein Arm des Mikina fließt. Die Hunde jagten, ihren wölfischen Instinkten getreu, mit wildem Geheul hinterher. Ich machte einen verzweifelten Versuch, wieder in Besitz meines »oerstels« zu gelangen, aber umsonst, und so flogen wir über die Tundra dahin, der Schlucht zu; der Schlitten, meist nur auf einem Lauf, prallte mit solcher Gewalt an die harten Schneewellen (»sastrugi«) an, daß man die Verrenkung all seiner Gelenke befürchten mußte. Der Korjäke war, mit mehr Verstand, als ich ihm zugetraut, einige Sekunden vorher vom Schlitten gerollt; ein Blick rückwärts zeigte mir ein Bündel Arme und Beine, das sich auf dem Schnee wälzte. Ich hatte jedoch bei der mir drohenden Gefahr keine Zeit, seinen Unfall zu bedauern. Meine ganze Thatkraft war darauf gerichtet, die schreckliche Geschwindigkeit, mit welcher wir der Schlucht zueilten, zu vermindern. Ohne das »oerstel« war ich ganz hilflos, und in einem Augenblick waren wir am Rande. Ich schloß die Augen, hielt mich krampfhaft am Schlitten 199 fest und hinab ging's. Auf halbem Wege wurde der Abstieg plötzlich steiler, der Leithund wich seitwärts aus, zog den Schlitten herum wie die Schnur einer Peitsche; dieser fiel um, und ich schoß gleich einem Meteor durch die Luft in den weichen Schnee der Tiefe. Ich mußte wenigstens achtzehn Fuß tief gefallen sein, denn ich steckte ganz im Schnee, mit Ausnahme meiner unteren Extremitäten, welche ein schwaches Hilfesignal zappelten. Durch die schweren Pelze behindert, gelang es mir nur mit großer Mühe, wieder auf die Beine zu kommen, und als ich endlich mit wenigstens drei Pinten Schnee im Rücken auftauchte, erblickte ich das runde, lauernde Gesicht meines Kutschers, das mich durch die Büsche am Rande des Abgrundes angrinste. »Uma,« rief er mich an. »Nun?« erwiderte der bis an die Hüften im Schnee steckende Schneemann. »Amerikanski njebt dobra kiour, oh?« (Der Amerikaner ist kein guter Kutscher.) »Njebt soßem dobra,« war die melancholische Antwort, indem ich herauswatete. Der Schlitten war, wie ich entdeckte, nicht weit von mir in Büsche verwickelt, und die Hunde, wütend über das Hindernis, heulten alle im Chor. Einstweilen hatte ich genug an meinem Experiment und ließ den Korjäken ohne Widerspruch seine frühere Funktion aufnehmen. Die Logik der Umstände hatte mich überzeugt, daß das Hundelenken ein sorgfältigeres und ernsteres Studium erfordere, als ich ihm gewidmet, und ich beschloß, mir seine elementaren Grundzüge, so wie sie von den korjäkischen Professoren gelehrt werden, zu eigen zu machen, ehe ich wieder versuchen wollte, meine eigenen Theorieen über den Gegenstand in die Praxis zu übertragen. Als wir der Schlucht entronnen, wieder auf die offene Steppe kamen, sah ich, wie die übrige Gesellschaft, eine Meile weiter, dem Korjäkendorf Kuil zueilte. Am Spätnachmittage fuhren wir an Kuil vorüber und kampierten die Nacht in einem Birken-, Pappeln- und Espenwald, am Ufer des Paren. Wir waren nun nur noch siebzig Meilen von Gischiginsk entfernt. Am folgenden Abend gelangten wir an 200 einem Arm des Gischina an eine kleine Holzjurte, welche die Regierung zum Schutz der Reisenden errichtet hat, und Freitagmorgen, den 25. November gegen elf Uhr, erblickten wir den roten Kirchturm der russischen Niederlassung Gischiginsk. Keiner, der nicht drei lange Monate in einer Wildnis, wie Kamtschatka, gereist ist, bei furchtbaren Stürmen im Gebirge kampiert, drei Wochen lang in rauchigen Zelten und in den noch rauchigeren und schmutzigeren Korjäkenjurten geschlafen und wie ein vollkommener Wilder und Barbar gelebt hat; keiner, der nicht alles dies erfahren, kann begreifen, mit welch freudigen Herzen wir jenen roten Kirchturm und die Civilisation, von der er ein Zeichen war, begrüßten. Seit einem Monate hatten wir jede Nacht entweder auf der bloßen Erde oder auf dem Schnee geschlafen, nie einen Stuhl, einen Tisch, ein Bett oder einen Spiegel erblickt, stets in unsern Kleidern gesteckt und unsere Gesichter in drei oder vier Wochen drei- oder viermal gewaschen. Wir waren schmutzig und rauchig vom Auf- und Abklettern in den Korjäkenkaminen; unser lang gewordenes Haar klebte uns um die Ohren, von Nasen und Backenknochen hatte sich die erfrorene Haut abgeschält, unsere Röcke und Hosen waren ganz grau von den Renntierhaaren unserer »kukhlánkas«; wir sahen so verwildert und vernachlässigt aus, wie man überhaupt aussehen kann, wenn in der Erscheinung nur noch ein ganz leiser Anklang an bessere Tage übrig bleibt. Es fehlte uns jedoch an Zeit und Lust, uns ordentlich zu machen; unsere Hunde jagten in tollem Galopp in das Dorf; ihr lautes Gekläff weckte einen entsprechenden Chor aus zwei- bis dreihundert andern Hundekehlen; unsere Kutscher schrieen : »khta! khta! hugh! hugh!« und wirbelten mit ihren »oerstels« förmliche Schneewolken auf, als wir durch die Straßen rasten, und die ganze Bevölkerung lief an die Thüren, um die Ursache dieses Höllenlärms zu ergründen. Unsere fünfzehn Schlitten hielten endlich vor einem großen, behaglich aussehenden Hause mit Doppelfenstern, das, wie Kerrillof behauptete, zu unserm Empfange hergerichtet worden war. Kaum 201 hatten wir ein geräumiges, sauber gescheuertes Zimmer betreten und unsere schweren Pelze abgelegt, als sich die Thür öffnete und ein kleiner, ungestümer Mann mit hastigen Bewegungen eintrat. Er hatte einen langen, braunen Schnurrbart, blondes, kurz geschorenes Haar, trug Kleider von feinem Tuch, tadellose Wäsche, Siegelringe an den Fingern, eine einfache Goldkette am Knopf der Weste und einen Stock. Wir erkannten in ihm sofort den Isprawnik oder russischen Gouverneur. Dodd und ich machten einen plötzlichen Versuch, aus dem Zimmer zu entwischen, aber es war zu spät; wir grüßten unsern Besuch mit »zdrastonitia«, setzten uns linkisch auf unsere Stühle, rollten unsere rauchigen Hände in unsere roten und gelben Baumwollentaschentücher und versuchten trotz des lebendigen Bewußtseins unserer schmutzigen Gesichter und unseres verdächtigen Aussehens eine der Beamten der großen russisch-amerikanischen Telegraphenexpedition würdige Haltung anzunehmen. Es war verlorene Mühe; wir sahen doch nur aus wie nomadische Korjäken in zurückgekommenen Verhältnissen. Dem Isprawnik schien in unserer Erscheinung nichts Ungewöhnliches aufzufallen; er überschüttete uns in nervöser Weise mit Fragen, wie: »Wann haben Sie Petropawlowsk verlassen? Kommen Sie direkt von Amerika? Ich schickte einen Kosaken. Sind Sie ihm begegnet? Wie sind Sie über die Tundren gekommen, mit den Korjäken? Akh! die proclatje Korjäken! Etwas Neues von Petersburg? Sie müssen hinüberkommen und mit mir zu Mittag speisen. Wie lange werden Sie in der Stadt bleiben? Sie können gleich nach Tisch ein Bad nehmen! He! ludi! (sehr laut und peremptorisch) Geh und sage meinem Iwan, sofort das Bad zu heizen. Akh! Chort jikh vaymi!« und der kleine Mann hielt schließlich aus Erschöpfung ein und ging aufgeregt im Zimmer auf und ab, während der Major unsere Abenteuer erzählte, ihm die neuesten Nachrichten aus Rußland mitteilte, unsere Pläne und den Zweck unserer Expedition erklärte, von der Ermordung Lincolns, dem Ende der Rebellion, den neuesten Nachrichten von dem 202 französischen Einfall in Mexiko, den Klatschereien am kaiserlichen Hofe und noch von allem Möglichen sprach, von Neuigkeiten, die schon sechs Monate alt waren, von denen der arme verbannte Isprawnik aber keine blasse Ahnung hatte. In fast elf Monaten hatte er nichts aus Rußland gehört. Nachdem er nochmals dringend aufgefordert, sogleich zum Mittagessen in sein Haus zu kommen, eilte er geschäftig aus dem Zimmer, und nun konnten wir uns endlich waschen und umkleiden. Zwei Stunden später marschierte die erste sibirische Erforschungsexpedition in großem Gala, blauen Röcken mit Messingknöpfen und Epauletten, mit rasierten Gesichtern, gestärkten Hemden und glänzenden Lederstiefeln zum Hause des Isprawnik. Die russischen Bauern, denen wir begegneten, nahmen instinktiv ihre bereiften Pelzmützen ab und betrachteten uns so erstaunt, als ob wir in geheimnisvoller Weise aus den Wolken gefallen wären. Niemand würde in uns die schmutzigen, eingeräucherten, zerlumpten Vagabunden erkannt haben, die vor zwei Stunden in das Dorf gekommen waren. Die Raupen hatten sich in blaue und goldene Schmetterlinge verwandelt. Der Isprawnik erwartete uns in einem schönen, geräumigen Zimmer, das mit allem Luxus eines civilisierten Heims ausgestattet war. Die Wände waren tapeziert und mit kostbaren Gemälden und Stichen geschmückt, die Fenster mit Vorhängen versehen; den Boden bedeckte ein weicher, bunter Teppich; ein großer Schreibtisch aus Nußbaumholz nahm eine Ecke des Zimmers ein, ein Accordion aus Rosenholz die andere, und in der Mitte stand der Eßtisch mit frischer Tischwäsche, schönem Porzellan und glänzendem Silber. Wir waren von dem Anblick so ungewohnter und unerwarteter Pracht ganz geblendet. Nach den unvermeidlichen »fünfzehn Tropfen« Branntwein und dem Imbiß aus geräuchertem Fisch, Roggenbrot und Caviar, der Einleitung zu jedem russischen Mittagessen, nahmen wir am Tische Platz, arbeiteten uns während anderthalb Stunden gewissenhaft durch die zahlreichen Gänge von Krautsuppe, Salmpastete, Wildkoteletten, Wildbraten, kleinen 203 Fleischpastetchen, Pudding und feinem Gebäck durch und unterhielten uns über die Neuigkeiten der ganzen Welt von den Blockhäusern der kamtschadalischen Dörfer bis zu den kaiserlichen Palästen Moskaus und Petersburgs. Dann befahl unser gastfreier Wirt, Champagner zu bringen, und wir stellten bei dem kalten, perlenden Cliquot Betrachtungen über die Abwechslung im sibirischen Leben an. Gestern saßen wir auf der Erde in einem Korjäkenzelt und aßen mit unsern Fingern Renntierfleisch aus einem hölzernen Troge, heute speisten wir mit dem russischen Gouverneur in einem luxuriösen Hause Wildkoteletten und Plumpudding und tranken Champagner. Außer einer bemerkenswerten, aber in Schranken gehaltenen Neigung seitens Dodd und mir selbst, die Beine zu krümmen und uns auf die Erde zu setzen, war, glaube ich, nichts in unserem Benehmen, was auf die barbarische Ungebundenheit unseres Lebens in den letzten Monaten und die demoralisierenden Einflüsse, denen wir ausgesetzt gewesen, schließen ließ. Wir handhabten Messer und Gabel und schlürften unsern Champagner mit einer Grazie, um die uns Lord Chesterfield selbst hätte beneiden können. Aber es war doch eine schwere Arbeit. In unsere Quartiere zurückgekehrt, zogen wir die Uniform aus, breiteten unsere Bärenfelle auf den Boden und setzten uns mit gekreuzten Beinen darauf, um in der guten, alten, ungezwungenen Weise ein behagliches Pfeifchen zu schmauchen. Wenn unsere Gesichter nur ein ganz klein wenig schmutzig, so wäre das Glück vollkommen gewesen! Die folgenden zehn Tage unseres Aufenthalts in Gischiginsk verbrachten wir in verhältnismäßiger Unthätigkeit. Wenn das Wetter nicht zu kalt war, gingen wir spazieren, empfingen Staatsvisiten von den russischen Kaufleuten des Ortes, besuchten den Isprawnik, tranken seinen köstlichen Blütenthee, rauchten am Abend seine Cigarren und entschädigten uns für die drei Monate in der Wildnis, indem wir uns die unschuldigen Zerstreuungen gestatteten, welche das kleine Dorf bot. Diese angenehme, zwecklose Existenz fand jedoch bald ihren 204 Abschluß durch den Befehl des Majors, uns zur plötzlichen Abreise nach dem Polarkreis oder der Westküste des ochotskischen Meeres bereit zu halten. Er war entschlossen, vor dem Frühling die Route für unsere Linie von der Behringsstraße bis zum Amur festzustellen, und es war keine Zeit zu verlieren. Was wir in Gischiginsk über das Innere des Landes erfahren konnten, war nicht befriedigend. Nach den Berichten der Eingeborenen befanden sich zwischen dem ochotskischen Meere und der Behringsstraße nur zwei Niederlassungen, und die nächste – Penschinsk – war vierhundert Werst entfernt. Das dazwischen liegende Land bestand aus großen Moostundren, die im Sommer unpassierbar und ganz ohne Baumschlag sind; und der Teil derselben, der nordöstlich von der letzten Niederlassung liegt, war wegen des Holzmangels ganz unbewohnbar. Ein russischer Offizier, Namens Phillippeus, hatte im Winter 1860 einen Erforschungsversuch daselbst gemacht, war aber halb verhungert und erschöpft unverrichteter Sache umgekehrt. Auf der ganzen Entfernung von achthundert Werst zwischen Gischiginsk und der Anadyrmündung sollten nur vier bis fünf Orte sein, wo man Baumstämme zum Gebrauch von Telegraphenstangen finden könnte. Eine Reise von Gischiginsk bis zur Niederlassung Anadyrsk am nördlichen Polarkreis würde je nach dem Wetter zwanzig bis dreißig Tage in Anspruch nehmen, und über diesen Punkt noch weiter nördlich vorzudringen, unter allen Umständen unmöglich sein. Die Region westlich von Gischiginsk längs der Küste des ochotskischen Meeres wurde als günstiger, aber doch als rauh und gebirgig und mit Kiefer- und Lärchenwald dicht bewachsen geschildert. Das Dorf Ochotsk, achthundert Werst südlich, war in Hundeschlitten in ungefähr einem Monat zu erreichen. Das war alles, was wir in Erfahrung bringen konnten, und es flößte uns in Bezug auf den endgiltigen Erfolg unseres Unternehmens kein allzu großes Vertrauen ein. Zum erstenmal wurde mir klar, welche ungeheuer schwierige Aufgabe die russisch-amerikanische Telegraphengesellschaft sich gestellt hatte. An 205 Rückzug war nicht zu denken, sondern unsere deutlich vorgeschriebene Pflicht war, Ausdehnung und Beschaffenheit des Landes und etwaige Schwierigkeiten, welche sich bei dem Bau der Linie bieten konnten, klar zu stellen. Die russischen Niederlassungen Ochotsk und Gischiginsk teilten das Land zwischen der Behringsstraße und dem Amur in drei fast gleiche Teile, von denen zwei gebirgig und bewaldet, der dritte verhältnismäßig eben und fast unfruchtbar war. Die erste dieser Abteilungen zwischen dem Amur und Ochotsk war Mahood und Bush zur Erforschung zugewiesen worden, und wir vermuteten, daß sie schon am Werke seien. Die andern beiden Abteilungen, welche die ganze Region zwischen Ochotsk und der Behringsstraße umfaßten, sollten zwischen dem Major, Dodd und mir verteilt werden. In Anbetracht der vermeintlichen unbekannten Einöde westlich von der Behringsstraße wurde es für besser gehalten, dieses Gebiet einstweilen bis zum Frühling unberücksichtigt zu lassen. Die versprochene Mitwirkung der Anadyr-Abteilung war ausgeblieben, und der Major hielt es nicht für ratsam, ohne mehr Leute die Erforschung eines Gebietes vorzunehmen, das für eine Winterreise so viele und große Hindernisse bot. Die zu bewältigende Entfernung beschränkte sich also auf vierzehnhundert Werst von Ochotsk bis zum russischen Vorposten Anadyrsk, gerade südlich vom Polarkreise. Nach einiger Überlegung entschloß sich der Major, Dodd und mich mit einer Anzahl von Eingeborenen nach Anadyrsk zu schicken und selbst auf Hundeschlitten nach Ochotsk zu reisen, wo er mit Mahood und Bush zusammenzutreffen gedachte. Auf diese Weise hofften wir in Zeit von fünf Monaten die ganze Route der Linie ziemlich genau zu überblicken. Die Vorräte, die wir von Petropawlowsk mitgebracht, waren mit Ausnahme von etwas Thee, Zucker und einigen Büchsen Ochsenfleisch, aufgezehrt; aber wir verschafften uns in Gischiginsk zwei oder drei Pud schwarzes Roggenbrot, vier oder fünf gefrorene Renntiere, etwas Salz, einen reichlichen Vorrat von »Jukala« oder getrocknetem Fisch und einige Kuchen gefrorener Milch. 206 Außerdem versahen wir uns noch mit sechs bis acht Pud kaukasischem Blättertabak, der statt Geldes dienen mußte, teilten unsern kleinen Vorrat von Perlen, Pfeifen, Messern und Tauschwaren, kauften neue Pelzanzüge und trafen alle nur erdenklichen Vorbereitungen zu einem drei- bis viermonatlichen Lagerleben in arktischem Klima. Der russische Gouverneur beorderte sechs seiner Kosaken, Dodd und mich auf Hundeschlitten bis zum Korjäkendorf Schestakowa zu befördern, und schickte durch die heimkehrenden Anadyrsker Botschaft nach Penschinsk, am 20. Dezember zu Schestakowa drei oder vier Leute mit Hundegespannen bereit zu halten, welche uns nach Penschinsk und Anadyrsk transportieren sollten. Wir nahmen einen alten erfahrenen, des Tschutschkischen mächtigen Kosaken, Namens Gregorie Zinevief, als Führer und Dolmetscher in Dienst, mieteten einen jungen Russen, Jagor, als Koch und aide-de-camp (im buchstäblichen Sinn), packten unsere Vorräte auf die Schlitten, befestigten sie mit Riemen aus Seehundsfell, und am 13. Dezember waren wir reisefertig. Am Vorabend erteilte uns der Major seine letzten Befehle. Wir sollten auf der regelmäßigen Schlittenstraße über Schestakowa nach Penschinsk und Anadyrsk fahren, uns vergewissern, welche Vorteile dieselbe in Hinsicht auf Holz und Bodenbeschaffenheit für die Errichtung der Telegraphenlinie bieten könne, die Eingeborenen von Penschinsk und Anadyrsk mit der Vorbereitung von Telegraphenstangen beauftragen, und wo dies möglich, seitwärts abschweifen, um zu erforschen, ob zwischen dem Penschinagolf und dem Behringsmeer keine Verbindung durch Flüsse mit bewaldeten Ufern vorhanden wäre. Spät im Frühjahr sollten wir mit unsern neu erworbenen Kenntnissen nach Gischiginsk zurückkehren. Der Major wollte bis zum 17. Dezember daselbst bleiben und dann mit Wuschin und einer kleinen Abteilung Kosaken nach Ochotsk reisen. Sollte er Mahood und Bush daselbst treffen, dann wollte er sofort umkehren, um uns am 1. April 1866 in Gischiginsk zu erwarten. 207   23. Kapitel. Der Morgen des 13. Dezember dämmerte klar, kalt und still, mit einer Temperatur von einunddreißig Grad unter Null ; aber da die Sonne erst gegen halb elf aufging, war es beinah Mittag, ehe unsere Leute beisammen und unsere Hunde zur Abfahrt gesattelt waren. Unser kleines Gefolge in gestickten Pelzröcken, roten Schärpen und gelben Fuchsfell-Kappen gewährte einen ganz neuen, malerischen Anblick, als es sich in corpore vor unserem Hause versammelte, um sich von dem Isprawnik und dem Major zu verabschieden. Acht schwer beladene Schlitten standen in einer Reihe vor der Thüre, und nahezu hundert Hunde sprangen wie toll in ihrem Sattelzeug und stimmten ein betäubendes Geheul an 7 als wir aus dem Hause in die stille, eisige Atmosphäre traten. Nach eiligem Abschied, und mit einem herzlichen »Gott sei mit euch, Jungens!« von dem Major, sausten wir in einer Wolke fliegenden Schnees, der uns wie Funken im Gesicht brannte, dahin. Der alte Paderin, der Befehlshaber der Kosaken von Gischiginsk, stand mit weiß bereiftem Haar und Bart vor seinem kleinen, roten Blockhause, und winkte uns mit seiner Pelzmütze ein letztes Lebewohl zu, als wir in die große, ebene Steppe hinter der Stadt einbogen. Es war gerade Mittag; aber obgleich die Sonne ihren höchsten Punkt erreicht hatte, glühte sie wie ein roter 208 Feuerball tief am südlichen Horizonte, und die weiße Winterlandschaft lag in einem eigentümlich düsteren Zwielichte. Ich hatte den Eindruck, als ob die Sonne eben aufgehe, und es nun bald Tag werden müsse. Ein weißes Schneehuhn flog dann und wann mit lautem Schwirren vor uns auf, stieß erschreckte Laute aus, ließ sich mehrere Ruten weiter entfernt im Schnee nieder und wurde plötzlich unsichtbar. Einige Elstern saßen regungslos auf niedrigen Kiefern; ihre Federn standen wie Krausen um ihre Köpfe; sie schienen von der intensiven Kälte ganz erstarrt und betäubt. Die Umrisse des fernen, blauen Waldgürtels am Ufer des Gischina zitterten und schwankten, als ob man sie durch heiße Luftströme betrachte, und die weißen, geisterhaften Berge, dreißig Meilen südlich, hoben und verzerrten sich durch die Strahlenbrechung in tausenderlei luftige, phantastische Gestalten, die unmerkbar in einander übergingen wie eine Reihe von Nebelbildern. Alles in der Scenerie war fremdartig, zauberhaft, arktisch. Die rote Sonne bewegte sich langsam am südlichen Horizonte weiter, bis sie fern im Südwesten auf einem Schneegipfel zu ruhen schien, und dann, während wir noch auf Tageslicht warteten, verschwand sie plötzlich, und das düstere Zwielicht verwandelte sich allmählich in Nacht. Seit Sonnenaufgang waren erst drei Stunden vergangen, und doch waren Sterne erster Größe bereits deutlich zu erkennen. Die Nacht verbrachten wir im Hause eines russischen Bauern, am Ufer des Gischina, ungefähr fünfzehn Werst östlich von der Niederlassung Gischiginsk. Während wir Thee tranken, erschien ein Bote, der uns als Abschiedsgeschenk vom Major und der Civilisation zwei gefrorene Heidelbeerpasteten überbrachte. Aus Besorgnis, daß diesen Delikatessen etwas zustoßen könnte, aß Dodd die eine bis auf die letzte Heidelbeere auf, und damit er sich nicht in übertriebenem Pflichtgefühl aufopfere und die andere auch noch verspeise, sorgte ich selbst für deren Aufbewahrung und brachte sie gegen alle etwaigen Unfälle in Sicherheit. Am folgenden Tage erreichten wir die kleine 209 Holzjurte an dem Malmowka, wo wir auf unserem Wege nach Gischiginsk eine Nacht verbracht hatten; da die Kälte noch sehr intensiv, benutzten wir gerne dieses Obdach und lagerten uns dicht um das Feuer, das Jagor auf einer Art Lehmaltar in der Mitte des Zimmers angezündet hatte. Die Jurte bot nicht genügenden Raum für unsere ganze Gesellschaft, und unsere Leute machten im Freien ein großes Feuer von Tamarakklötzen, hingen ihre Theekessel darüber, tauten ihre gefrorenen Bärte auf, aßen getrockneten Fisch, sangen lustige russische Lieder und waren so geräuschvoll glücklich, daß wir uns versucht fühlten, den Luxus eines Daches aufzugeben, um uns an ihrer Ausgelassenheit zu beteiligen. Die Thermometer zeigten jedoch 35 Grad unter Null an, und wir wagten uns nur hinaus, wenn ein ungewöhnlich lautes Gelächter irgend einen wunderbaren sibirischen Scherz verkündete und unsere Neugierde reizte. Die äußere Luft schien gerade erfrischend genug, um auf unsere lebhaften Kosaken einen anregenden Einfluß auszuüben, aber für amerikanische Konstitutionen war sie nicht geeignet. Mit einem guten Feuer und viel heißem Thee gelang es uns jedoch, uns in der Jurte behaglich zu fühlen, und wir verbrachten den langen Abend mit Rauchen von kaukasischem Tabak und Kiefernrinde, mit Singen amerikanischer Lieder und Geschichtenerzählen und neckten gelegentlich unsern gutmütigen aber äußerst unschuldigen Kosaken Meroneff. Es war ganz spät, als wir endlich in unsere Pelzsäcke krochen, um zu schlafen; aber noch lange hörten wir die Lieder, Scherze und das Gelächter unseres Gefolges am Lagerfeuer. Am andern Morgen waren wir lange vor Tagesanbruch auf den Beinen, und nach einem eiligen Frühstück aus Schwarzbrot, getrocknetem Fisch und Thee, sattelten wir unsere Hunde, begossen unsere Schlittenläufe mit Wasser aus den Theekesseln, um ihnen einen Eisüberzug zu verschaffen, packten unsere Lagerutensilien, verließen den Schutz des die Jurte umgebenden Tamarakwaldes und fuhren in die große schneeige Sahara, welche 210 zwischen dem Malmowka und dem Penschinagolf liegt. Die Gegend war trostlos. Eine große, ebene Steppe, so schrankenlos für das müde Auge wie das Meer selbst, zog sich in jeder Richtung bis an den Horizont, ohne einen einzigen Baum oder Busch, der die endlose Schneefläche unterbrochen hätte. Nirgends erblickten wir ein Zeichen tierischen oder vegetabilischen Lebens, auch nicht die leiseste Erinnerung an Sommer, Blumen oder warmen Sonnenschein, um die traurige Wüste der vom Sturm gefurchten Schneefläche weniger schrecklich zu machen. Weiß, kalt und schweigsam lag sie vor uns wie ein gefrorener Ozean, von der Sichel des abnehmenden Mondes im Osten und den zauberhaften, blauen Lichtströmen der Aurora borealis , welche am nördlichen Horizont hin- und herzuckten, schwach erleuchtet. Selbst als die Sonne groß und feurig in einem Nebel gefrorenen Dunstes im Süden aufging, flößte sie der blassen Winterlandschaft weder Wärme noch Leben ein. Sie überwältigte bloß mit ihrem düster roten Schein die blauen, flackernden Lichtströme des Nordlichtes und den weißen Strahlenglanz von Mond und Sternen, warf einen matten Schimmer auf den Schnee und beleuchtete im Nordwesten eine wundervolle Luftspiegelung, die uns in ihrem feierlichen Hohne auf die uns vertraut gewordene Scenerie geradezu erschreckte. Der Stab des nordischen Zauberers hatte die unfruchtbare Schneesteppe berührt, und sie verwandelte sich plötzlich in einen blauen, tropischen See, an dessen Ufern sich die Mauern, Dome und schlanken Minarets einer orientalischen Stadt erhoben. Massen üppigen Blattwerks schienen über dem klaren, blauen Wasser zu hängen und aus seiner Tiefe zurückzustrahlen, während die weißen Mauern vom ersten rosigen Hauch der aufgehenden Sonne berührt wurden. Nie war die Illusion des Sommers im Winter, des Lebens im Tode greifbarer und vollkommener. Man schaute instinktiv um sich, um durch den Anblick bekannter Gegenstände sich zu vergewissern, daß man nicht in einem Traume befangen sei; schweifte dann das Auge wieder nach Nordwesten über den mattblauen See, so stiegen aus demselben die 211 großartigen, zitternden Umrisse der Luftspiegelung in ihrer überirdischen Schönheit; die in die Wolken ragenden Türme und prächtigen Paläste schienen in ihrer geheimnisvollen Feierlichkeit den Zweifel, der sie für Traumgebilde halten wollte, tadelnd zu widerlegen. Die glänzende Erscheinung verblaßte, glühte und verblaßte wieder zur Undeutlichkeit, und aus ihren Trümmern erhoben sich zwei kolossale Säulen aus rosigem Quarz, deren Kapitäle sich allmählich näherten und zu einem titanischen Bogen verbanden, gleich einem großartigen Himmelsportale. Dieses verschmolz in eine ausgedehnte Festung mit massiven Bastionen und Strebepfeilern, flankierenden Türmen, tiefen Schießscharten, aus- und einspringenden Winkeln, deren Schatten und Perspektive so natürlich wie die Wirklichkeit selber waren. – Und nicht nur in der Ferne entstanden diese täuschenden Luftspiegelungen. Eine Krähe, die zweihundert Meter weit auf dem Schnee stand, wurde zur Unkenntlichkeit vergrößert und verzerrt; einmal, als ich etwas hinter der übrigen Gesellschaft zurückgeblieben war, wurde ich durch eine lange Reihe schattenhafter Hundeschlitten erschreckt, die sich in einiger Entfernung in einer Höhe von acht bis zehn Fuß über dem Boden rasch durch die Luft bewegten. Die Scheinschlitten waren umgekehrt, und die Scheinhunde trabten mit ihren Füßen in der Luft; aber ihre Umrisse waren fast so klar wie die der wirklichen Schlitten und Hunde. Diese merkwürdige Erscheinung dauerte nur einen Augenblick, aber es folgten andere, ebenso seltsame, bis wir schließlich alles Vertrauen in unseren Gesichtssinn verloren und nicht mehr an die Wesenheit von irgend etwas glauben wollten, wenn wir es nicht mit den Händen betasten konnten. Jeder kahle, kleine Hügel oder dunkle Gegenstand auf dem Schnee war der Kern, um den sich diese Trugbilder woben, und einigemal machten wir uns mit unseren Flinten zur Verfolgung von Wölfen und schwarzen Füchsen auf, die sich bei näherer Besichtigung als Krähen entpuppten. Ich hatte bisher keine Ahnung davon gehabt, wie günstig Licht und Luft für Strahlenbrechung 212 sein können, und war nie so über Größe, Gestalt und Entfernung der Gegenstände auf dem Schnee getäuscht worden. Das Thermometer zeigte mittags -35° , bei Sonnenuntergang -38° und sank noch immer. Seit wir die Jurte an dem Malmowka verlassen, hatten wir kein Holz gesehen, und da wir nicht ohne ein Feuer zu kampieren wagten, fuhren wir noch während fünf Stunden in der Dunkelheit weiter, von den Sternen und einem bläulichen, zuckenden Nordlichte geleitet. Unter dem Einfluß der intensiven Kälte bildete sich auf allem, was mit unserm Atem in Berührung kam, eine Eisschicht. Die Bärte wurden wie steife, wirre Massen gefrorenen Eisendrahtes, die Augenlider schwer von einer weißen Eisberandung und froren zusammen, wenn wir blinzelten, und unsere, in dichte Dunstwolken gehüllten Hunde sahen wie schneeige Polarwölfe aus. Nur durch fortwährendes Laufen neben unseren Schlitten konnten wir ein Gefühl von Leben in unseren Füßen erhalten. Gegen acht Uhr hoben sich einige zerstreut liegende Bäume dunkel vom östlichen Himmel ab, und ein Freudenschrei unserer leitenden Führer verkündigte die Entdeckung von Holz. Wir waren an dem Usinowa, einem kleinen Flüßchen fünfundsiebzig Werst östlich von Gischiginsk in der Mitte der großen Steppe angekommen und hatten die Empfindung, als ob wir uns nach langer Seefahrt einer Insel näherten. Unsere Hunde hielten an und rollten sich in kleine, runde Ballen auf dem Schnee zusammen, als ob sie wüßten, daß die lange Tagereise zu Ende war, während unsere Begleiter sich anschickten, schleunigst und systematisch ein sibirisches Halblager zu errichten. Drei Schlitten wurden zusammengestellt, so daß sie auf drei Seiten einen Raum von zehn Quadratfuß begrenzten; der aus dem Innern geschaufelte Schnee wurde von außen gegen die drei geschlossenen Seiten als Damm aufgeschichtet, an der offenen Seite ein kolossales Feuer von Kiefernzweigen aufgestapelt und der Boden dieses kleinen Schneekellers drei bis vier Zoll dick mit Weiden- und Erlenzweigen bestreut. Hierüber 213 breiteten wir unsere Bärenfelle, die einen warmen, weichen Teppich bildeten, und machten unsere Pelzschlafsäcke für die Nacht zurecht. Auf einen kleinen, aus einer Lichterkiste improvisierten Tisch, in der Mitte, stellte Jagor bald zwei Tassen dampfenden, heißen Thee und einige getrocknete Fische. Wir streckten uns auf die Bärenfelle aus mit den Füßen nach dem Feuer, den Rücken von Kissen gestützt, und tranken in aller Behaglichkeit Thee, rauchten und erzählten Geschichten. Nach dem Nachtessen türmten unsere Leute trockene Kiefernzweige auf das Feuer, daß die Flammensäule zehn Fuß hoch züngelte, saßen dann in malerischer Gruppe um die Glut, sangen stundenlang melancholische, kamtschadalische Lieder und erzählten nicht endenwollende Geschichten von Beschwerden und Abenteuern auf den großen Steppen und an den Küsten des Eismeeres. Das Sternbild »Orion« mahnte uns, daß es Zeit zum Schlafengehen. Mit Knurren und Balgen empfingen die Hunde ihre tägliche Ration, einen getrockneten Fisch; wir zogen unsere von der Ausdünstung feuchten Pelzstrümpfe aus, um sie am Feuer zu trocknen, bekleideten uns mit unseren dicksten »Kukhlankas«, krochen, die Füße zuerst, in unsere Schlafsäcke von Bärenfellen, zogen dieselben über unsere Köpfe und schliefen ein. Ein Lager in einer klaren, dunkeln Winternacht bietet einen seltsamen, ungewöhnlichen Anblick. Bald nach Mitternacht weckten mich meine kalten Füße; ich stützte mich auf den Ellenbogen und streckte meinen Kopf aus dem Pelzsack, um nach den Sternen zu beurteilen, wie viel Uhr es sei. Das Feuer war zu einem roten Haufen rauchender Asche zusammengebrannt. Es war gerade hell genug, um die dunkeln Umrisse der beladenen Schlitten, der in Pelz gehüllten Gestalten unserer Begleiter, die hier und da um das Feuer gruppiert lagen, und der wie hundert haarige Ballen auf dem Schnee zusammengerollten Hunde zu unterscheiden. Jenseits des Lagers dehnte sich die trostlose Steppe in einer Reihe langgezogener Schneewellen aus, die allmählich zu einem großen, weißen Ozean verschmolzen und in der Ferne 214 und Dunkelheit der Nacht verschwanden. Hoch über unsern Häuptern an einem fast schwarzen Himmel funkelten die Sternbilder des Orion und der Plejaden, der himmlischen Zeitmesser, welche die langen, einförmigen Stunden zwischen Sonnenauf- und Sonnenuntergang bezeichnen. Die blauen, geheimnisvollen Lichtströme der Aurora borealis zitterten im Norden, schossen bald in hellen, klaren Linien zum Zenith empor, bald wogten sie in großen, majestätischen Kurven über das stille Lager dahin, als ob sie waghalsige Reisende vor den unbekannten Regionen am Pol warnen wollten. Es herrschte tiefes, unheimliches Schweigen. Nichts als das Pulsieren des Blutes in meinen Ohren und der Atem der zu meinen Füßen schlafenden Menschen unterbrach die allgemeine Stille. Plötzlich ertönte ein schwacher, langgezogener Klageruf, wie der Aufschrei eines in äußerster Not befindlichen menschlichen Wesens. Allmählich schwoll derselbe an und wurde stärker, bis er die ganze Atmosphäre mit seinem Trauerklang zu erfüllen schien, und erstarb endlich in einem leisen, verzweifelten Seufzer. Es war das Signalgeheul eines sibirischen Hundes; aber es klang so schauerlich, so geisterhaft in der einsamen, arktischen Nacht, daß ich meinte, das Blut müsse mir vor Schrecken in den Adern erstarren. In demselben Augenblicke wurde der Klageruf vor einem andern Hunde aufgenommen in etwas höheren Tonlage, zwei, drei andere fielen ein, dann zehn, zwanzig, vierzig, sechzig, achtzig, bis alle hundert in einem höllischen Chor zusammenheulten, daß die Luft davon erschüttert wurde, wie von den Baßnoten einer mächtigen Orgel. Eine Minute lang schienen Himmel und Erde von heulenden, kreischenden Furien erfüllt zu sein. Dann beruhigte sich einer nach dem andern, der entsetzliche Tumult wurd schwächer und schwächer, bis er zuletzt in einem langgezogenen, unaussprechlich traurigen Klageruf ausklang, dann war alles stille. Der eine oder der andere unserer Leute warf sich im Schlaf unruhig hin und her, als ob das traurige Geheul unangenehme Traumgebilde bei ihm hervorgerufen; aber 215 keiner erwachte, und ringsum herrschte Todesstille. Plötzlich strahlte das Nordlicht in erhöhtem Glanze; seine zuckenden Schwerter fegten in großen Halbkreisen über den dunkeln, gestirnten Himmel und beleuchteten die Schneesteppe mit flüchtigen Lichteffekten, als ob die Himmelsthore bald weit aufgethan, bald geschlossen würden. Dann verblaßte es zu einer schwachen Glut am nördlichen Firmament, und nur ein blaßgrüner Lichtstrom schoß langsam gegen den Zenith auf, bis er mit seiner durchsichtigen Spitze den Brillantengürtel des Orion berührte; dann verschwand auch dieser, und nur ein weißer Schein am nördlichen Horizont bezeichnete den Ort des himmlischen Zeughauses, aus dem die arktischen Geister die glühenden Schwerter und Lanzen entlehnen, die sie allnächtlich über den einsamen, sibirischen Steppen schwingen. Als die Aurora borealis erloschen war, kroch ich in meinen Pelzsack zurück und schlief fast bis zum Morgen. Mit dem ersten Dämmerschein kam Leben in das Lager. Die Hunde krochen aus den tiefen Löchern, die durch ihre warmen Körper in den Schnee geschmolzen waren; die Kosaken streckten ihre Köpfe aus ihren bereiften Pelzröcken hervor und entfernten mit kleinen Stöcken das Eis, das sich um die Luftlöcher ihrer Umhüllung gebildet hatte. Nun wurde Feuer gemacht, Thee bereitet, und wir kamen auch aus unseren Schlafsäcken hervor, um am Feuer vor Kälte zu schaudern und ein eiliges Frühstück von Roggenbrot, getrocknetem Fisch und Thee einzunehmen. In zwanzig Minuten waren die Hunde gesattelt, die Schlitten bepackt, die Läufe mit Eis überzogen, und einer nach dem andern fuhr in raschem Trabe davon, um eine neue Tagereise auf der öden Steppe anzutreten. Fahren, Lageraufschlagen, auf dem Schnee schlafen, das war die ganze Abwechslung, welche jeder Tag brachte, bis wir am 20. Dezember im Korjäkendorf Schestakowa in der Nähe des Penschinagolfes ankamen. Von hier aus sollten unsere Kosaken aus Gischiginsk nach ihrem Dorfe zurückkehren und wir die bestellten Schlitten von 216 Penschinsk erwarten. Wir spedierten unser Bettzeug, unser Lagergerät und unsere Vorräte durch den Kamin der geräumigsten Jurte des kleinen Dorfes, richteten auf der hölzernen Plattform, die sich an der einen Seite der Wand hinzog, alles so geschmackvoll wie möglich her und machten es uns so behaglich, wie die Dunkelheit, der Rauch, die Kälte und der Schmutz es erlauben wollten. 217   24. Kapitel. Unser kurzer Aufenthalt in Schestakowa, während wir auf die Schlitten von Penschinsk warteten, war über alle Maßen gräßlich und einsam. Am Nachmittag des zwanzigsten erhob sich ein furchtbarer Sturm und wirbelte von der großen Steppe nördlich des Dorfes so schreckliche Schneemassen auf, daß es dunkel wurde, wie bei einer Sonnenfinsternis, und die Atmosphäre hundert Fuß hoch vom Boden buchstäblich mit einem weißen, schier undurchdringlichen Nebel von Schneeflocken erfüllt war. Ich wagte mich einmal an den Eingang des Kamines, wurde aber beinah weggeweht und vom Schnee erstickt, so daß ich schleunigst den Rückzug antrat und mir Glück wünschte, bei einem solchen Orkan mich nicht im Freien aufhalten zu müssen. Um uns vor dem eindringenden Schnee zu schützen, mußten wir das Feuer löschen und die Kaminöffnung mit einer Art hölzerner Fallthüre verschließen, so daß wir in der Kälte und vollständiger Dunkelheit saßen. Wir zündeten Lichter an, um wenigstens lesen zu können, aber es war so intensiv kalt, daß wir schließlich den Gedanken an litterarische Unterhaltung aufgaben, uns mit unseren dicksten Pelzanzügen bekleideten und in unsere Schlafsäcke krochen, um den herrlichen Tag zu verschlafen. Was blieb uns in dem halbunterirdischen, dunkeln Gefängnis bei zehn Grad unter Null anders übrig? 218 Mir ist es ein Rätsel, wie es möglich ist, daß menschliche Wesen in so abscheulichen, gräßlichen Häusern wie die der ansässigen Korjäken leben können! Ich konnte denselben auch nicht eine günstige Seite abgewinnen. Sie werden durch den Kamin betreten, beleuchtet und ventiliert; die Sonne scheint nur einmal im Jahr in dieselben, im Juni; im Winter sind sie kalt, im Sommer dumpfig und unbehaglich, zu jeder Zeit rauchig. Sie duften stets nach ranzigem Öl und faulem Fisch; die Balken derselben sind schwarz und fettig vom Rauch, und der Boden besteht aus einem unbeschreiblichen Gemisch von Renntierhaaren und trocknem, festgetretenem Kot. Hölzerne Gefäße mit Seehundsthran, in dem Moosfasern brennen, und schwarze, hölzerne Tröge, die bald als Schüsseln, bald als Sitze dienen, bilden das einzige Hausgerät. Das Los der Kinder, die in diesen Häusern geboren werden, ist überaus traurig. Sie kommen nie an die frische Luft, bis sie alt genug sind, selbst den Kamin hinauszuklettern. Den Tag nach unserer Ankunft in Schestakowa wurde das Wetter viel besser, und unser Kosak Meroneff, der nach Tigiljsk zurückkehrte, verabschiedete sich und trat mit einigen Eingeborenen die Rückreise nach Kamensk an. Dodd und ich tranken, um die Zeit zu verkürzen, acht- bis zehnmal am Tage Thee, lasen von einem Cooper'schen Roman einen Band, den wir in Gischiginsk aufgelesen, und schweiften mit unseren Flinten auf dem hohen Ufer der Bucht umher, auf der Suche nach Füchsen. Bald nach Einbruch der Dunkelheit, als wir aus purer Verzweiflung zum siebentenmal Thee tranken, schlugen unsere Hunde, die außerhalb der Jurte angebunden waren, an, und Jagor glitt in aufgeregtem Zustande den Kamin herab und brachte die Kunde, es sei gerade ein russischer Kosak mit Briefen vom Major aus Petropawlowsk angekommen. Dodd sprang auf die Füße, warf den Theekessel um, ließ seine Tasse fallen und stürzte wie toll auf die Kaminleiter zu; aber noch ehe er sie erreichte, sahen wir jemandes Beine den Kamin besteigen, und einen Augenblick später erschien 219 eine große, in gefleckte Renntierfelle gekleidete Gestalt 7 bekreuzte sich sorgfältig zwei- oder dreimal, offenbar als Dankeszoll für seine glückliche Ankunft, und wendete sich dann mit der russischen Begrüßung: » Zdrastwuitia, « an uns. – » At Kuda? « – woher, fragte Dodd schnell. »Von Petropawlowsk mit Briefen für den Major,« war die Antwort; »es sind drei Telegraphenschiffe dort gewesen, und ich überbringe wichtige Nachrichten von dem amerikanischen Netschalnik, ich bin von Petropawlowsk bis hierher neununddreißig Tage und Nächte unterwegs gewesen.« Das waren wichtige Neuigkeiteu. Oberst Bulkley hatte nach seiner Rückkehr von der Behringsstraße offenbar am Südende von Kamtschatka angelegt, und die vom Kurier überbrachten Briefe enthielten ohne Zweifel die Erklärung, weshalb er auf die Absicht, an der Anadyrmündung eine Abteilung landen zu lassen, verzichtet hatte. Ich war in großer Versuchung, die Briefe zu öffnen, aber da ich vermutete, daß sie meine Mission nicht beeinflussen würden, beschloß ich, dieselben ohne Aufschub nach Gischiginsk weiter zu schicken, in der schwachen Hoffnung, daß der Major noch nicht nach Ochotsk abgereist sei. Zwanzig Minuten später war der Kosak wieder unterwegs, und wir ergingen uns in Vermutungen über den Inhalt der Briefe und die Richtung, welche die von Oberst Bulkley an die Behringsstraße beförderten Abteilungen eingeschlagen haben könnten. Ich bereute hundertmal, daß ich die Briefe nicht geöffnet und mich vergewissert, daß die Anadyrabteilung nicht gelandet worden war. Aber jetzt war es zu spät, und wir konnten nur hoffen, daß der Kurier den Major noch vor seiner Abreise treffen, und dieser uns Botschaft nach Anadyrsk senden werde. Von Schlitten aus Penschinsk war immer noch keine Spur, und wir verbrachten eine weitere Nacht und einen weitern langen, trübseligen Tag in der rauchigen Jurte zu Schestakowa in der Erwartung von Transportmitteln. Am Abend des zweiundzwanzigsten Dezember kam Jagor, der als Schildwache diente, mit einer neuen Sensationsnachricht den Kamin herunter. Er hatte in der 220 Richtung von Penschinsk Hunde heulen hören. Wir begaben uns auf das Dach der Jurte und lauschten mehrere Minuten aufmerksam, da aber nichts als das Geräusch des Windes an unser Ohr drang, vermuteten wir, Jagor habe sich getäuscht oder das Geheul von Wölfen in der Nähe der Niederlassung gehört. Jagor hatte aber doch recht, denn zehn Minuten später hielten die lang erwarteten Schlitten unter allgemeinem Geschrei und Geheul vor unserer Jurte an. Im Laufe der Unterhaltung mit den neuen Ankömmlingen glaubte ich zu verstehen, daß einer der Leute aus Penschinsk etwas von einer Gesellschaft erzähle, die an der Mündung des Anadyr erschienen sei und daselbst ein Haus baue, als ob sie die Absicht hätte, den Winter dort zu verbringen. Ich verstand noch nicht russisch genug, vermutete aber, daß es sich um die vielbesprochene Anadyrabteilung handele, sprang ganz erregt auf und rief Dodd als Dolmetscher herbei. Nach dem, was wir in Erfahrung bringen konnten, schien es, daß zu Beginn des Winters eine kleine Gesellschaft von Amerikanern an der Anadyrmündung aufgetaucht war, und daß sie aus Treibholz und mitgebrachten Brettern ein Haus errichtet hatten. Niemand wußte, was sie wollten, wer sie waren, oder wie lange sie zu bleiben beabsichtigten, da die Kunde von wandernden Tschutschken herrührte, welche die Amerikaner auch nicht selbst gesehen, sondern durch andere von ihnen gehört hatten. Die Neuigkeit war aus einem Tschutschkenlager ins andere und endlich nach Penschinsk und von dort zu uns nach Schestakowa gelangt, mehr als fünfhundert Meilen von dem Ort, wo sich die Amerikaner aufhalten sollten. Wir hielten es kaum für möglich, daß Oberst Bulkley zu Beginn eines arktischen Winters eine Erforschungsgesellschaft in der trostlosen Region südlich der Behringsstraße gelandet habe; aber was hatten Amerikaner da zu schaffen, wenn sie nicht unserer Expedition angehörten? Es war kein Ort, den sich civilisierte Menschen zur Winterresidenz aussuchen, wenn sie nicht sehr gewichtige Gründe dafür haben. Die nächste Niederlassung, Anadyrsk, war fast 221 zweihundertundfünfzig Meilen entfernt. Die Gegend am unteren Anadyr sollte ganz ohne Holz und nur von herumziehenden Tschutschken bewohnt sein, und Amerikaner ohne Dolmetscher konnten nicht einmal mit diesen wilden, unabhängigen Eingeborenen in Beziehung treten oder sich Transportmittel verschaffen. Wer sie auch waren, sie mußten sich in sehr unangenehmer Lage befinden. Die Angelegenheit beschäftigte Dodd und mich bis gegen Mitternacht, und endlich beschlossen wir, bei unserer Ankunft in Anadyrsk mit einer Anzahl erfahrener Eingeborener und Vorräten für dreißig Tage auf Hundeschlitten an die Küste des stillen Ozeans zu reisen, um die mysteriösen Amerikaner aufzusuchen. Das Abenteuer war neu und gefährlich genug, um interessant zu sein, und wenn es uns gelang, die Mündung des Anadyr im Winter zu erreichen, so vollbrachten wir etwas, was noch niemand gelungen und erst einmal versucht worden war. Mit diesem Entschluß krochen wir in unsere Pelzsäcke und träumten, daß wir nach dem offenen Polarmeer abreisten, um Sir John Franklin aufzusuchen. Sobald es am Morgen des dreiundzwanzigsten Dezember zum Sehen hell genug war, luden wir unseren Tabak, Thee, Zucker, unsere Vorräte und Tauschwaren auf die Schlitten aus Penschinsk und fuhren von der Schestakowabucht durch ein seichtes, mit Buschwerk bestandenes Thal in der Richtung einer Bergkette, eines Ausläufers des großen Stanowoigebirges, in welchem der Strom entspringt. Am frühen Nachmittag ging's in einer Höhe von tausend Fuß über die Berge; wir gelangten den nördlichen Abhang hinab in ein enges Thal, welches auf die großen Steppen am Flusse Aklan mündet. Das Wetter war klar und nicht sehr kalt, aber der Schnee im Thal weich und tief, so daß wir nur sehr langsam vorwärts kamen. Wir hatten gehofft, den Aklan noch bei Tage zu erreichen, aber der Tag war so kurz und die Straße so schlecht, daß wir noch fünf Stunden in der Dunkelheit fuhren und doch zehn Werst südlich vom Flusse übernachten mußten. Eine Befriedigung ward uns jedoch zuteil, nämlich zwei sehr schöne Nebenmonde 222 zu sehen und eine prachtvolle Gruppe kriechender Kiefern zu entdecken, die uns trockenes Holz zu einem herrlichen Lagerfeuer lieferten. Der merkwürdige Baum oder Busch, der den Russen als » Kedrewnik « bekannt ist und in der englischen Übersetzung von Wrangels Reisen als »kriechende Ceder« bezeichnet wird, ist eines der eigentümlichsten Produkte Sibiriens. Ich weiß kaum, ob ich es Baum, Busch oder Schlinggewächs benennen soll, denn es besitzt charakteristische Merkmale von allen dreien und sieht doch keinem ähnlich. Es gleicht am meisten einer Zwergkiefer mit einem besonders knorrigen, gekrümmten und gewundenen Stamm, der wie ein vernachlässigtes Schlinggewächs horizontal auf dem Boden hinkriecht und senkrechte Zweige durch den Schnee empor sendet. Es hat Nadeln und Zapfen wie die gemeine Kiefer, aber es steht nie aufrecht wie ein Baum und wächst in Gruppen von einigen Metern bis zu einem Hektar. Man könnte im Winter über eine weite, damit bewachsene Fläche hinschreiten, ohne etwas anderes davon zu erblicken, als einige scharfe, grüne Nadeln, die aus dem Schnee hervorragen. Die kriechende Kiefer wird auf den trostlosesten Steppen und felsigsten Bergen vom ochotskischen bis zum nördlichen Eismeere gefunden und scheint da, wo der Boden am unfruchtbarsten und die Stürme am ärgsten sind, am üppigsten zu gedeihen. Auf großen, ozeanartigen Ebenen, die aller Vegetation bar sind, wächst diese kriechende Kiefer unter dem Schnee und bedeckt an manchen Stellen den Boden mit einem förmlichen Netze von knorrigen, ineinander geschlungenen Stämmen. Aus irgend einem Grunde scheint sie in einem gewissen Alter abzusterben, und wo man ihre grünen, stacheligen Nadeln findet, entdeckt man auch trockene, weiße Stämme, die so leicht entzündbar sind wie Zunder. Sie liefert fast das einzige Brennholz für die nomadischen Korjäken und Tschutschken, und ohne dieselbe wären viele Teile Nordostsibiriens absolut unbewohnbar. Während unserer Erforschungsreise in Sibirien wären wir gar manche Nacht gezwungen gewesen, ohne Feuer, Wasser oder warme Nahrung zu kampieren, hätte die 223 Natur nicht überall für einen Überfluß von kriechender Kiefer gesorgt und dieselbe zum Gebrauch von Reisenden unter dem Schnee verborgen. Früh am andern Morgen verließen wir unser Lager in dem Thale, fuhren über den großen, mit bewaldeten Ufern versehenen Fluß Aklán und in die weite Steppe hinaus, welche sich von seinem nördlichen Ufer in der Richtung von Anadyrsk hinzieht. Zwei Tage lang reisten wir über diese unfruchtbare Schneeebene, die nur gelegentlich an den Ufern von Flüßchen einige verkrüppelte Bäume oder Gruppen von kriechender Kiefer aufzuweisen hatte, und auf der das tierische Leben sich auf einige vereinzelte Raben und einen roten Fuchs beschränkte. Diese öde, traurige Landschaft läßt sich in zwei Worten beschreiben – Schnee und Himmel. Ich war mit dem vollen Glauben an den endgiltigen Erfolg der russisch-amerikanischen Telegraphenlinie nach Sibirien gekommen; aber je tiefer ich in das Land vordrang, je mehr ich diese vollständige Einöde kennen lernte, desto weniger zuversichtlich wurde ich. Seit wir Gischiginsk verlassen, hatten wir eine Strecke von dreihundert Werst zurückgelegt, nur vier Orte gefunden, wo wir uns Telegraphenstangen verschaffen konnten, und waren nur durch drei Niederlassungen gekommen. Wenn wir keine bessere Route, als die von uns bereiste, zu entdecken imstande waren, fürchtete ich, die sibirische Telegraphenlinie würde ein Mißerfolg sein. Bis dato waren wir von außergewöhnlich gutem Wetter begünstigt gewesen, aber es war die Zeit im Jahre, da Stürme häufig sind, und so war ich denn auch nicht im geringsten überrascht, als ich in der Weihnachtsnacht vom Heulen des Windes und dem zischenden Laut des Schnees geweckt wurde, der durch unser unbedecktes Lager fegte und Hunde und Schlitten unter seiner Decke begrub. Es war ein kleiner Vorgeschmack von einer sibirischen »purga«. Das Gehölz an dem kleinen Fluß, an dem wir kampierten, schützte uns noch einigermaßen, aber auf der offenen Steppe mußte ein Orkan hausen. Wir erhoben uns wie 224 gewöhnlich, als der Tag graute, und machten einen Versuch, weiter zu reisen, aber kaum waren wir des Schutzes der Bäume beraubt, da wurden unsere Hunde ganz unbändig, und vom Schnee fast erstickt, kehrten wir in das eben verlassene Asyl zurück. Man konnte nicht fünfzehn Schritte weit sehen, und der Sturm war so heftig, daß unsere Hunde demselben nicht Trotz bieten wollten. Wir stellten unsere Schlitten als eine Art Brustwehr gegen den antreibenden Schnee aufeinander, breiteten unsere Pelzsäcke hinter denselben aus, krochen hinein, bedeckten unsere Köpfe mit Renntierfellen und Decken und machten uns mit dem Gedanken an eine lange, traurige Belagerung vertraut. Es giebt nichts Unbehaglicheres und Schrecklicheres als bei Sturm auf einer sibirischen Steppe zu kampieren. Der Wind weht mit solcher Gewalt, daß an Errichtung eines Zeltes nicht zu denken ist; das Feuer wird von dem Schneetreiben fast ausgelöscht und füllt einem, wenn es überhaupt brennt, die Augen mit Rauch und Asche; Unterhaltung wird durch das Heulen des Sturmes und den Schnee, der einem ins Gesicht schlägt, zur Unmöglichkeit; Bärenfelle, Kissen und Pelze werden von dem halbgeschmolzenen Hagel steif und mit Eis bedeckt, die Schlitten unter dem Schnee begraben, und dem unglücklichen Reisenden bleibt nichts anderes übrig, als in seinen Schlafsack zu kriechen, seinen Kopf zuzudecken und vor Frost zu zittern. Wir lagen zwei Tage bei diesem Sturme meist in unseren Pelzsäcken auf dem Schnee und litten während der langen, dunkeln Nächte entsetzlich von der Kälte. Am 28. gegen vier Uhr des Morgens ließ der Sturm etwas nach, und um sechs hatten wir unsere Schlitten herausgeschaufelt und waren unterwegs. Ungefähr zehn Werst nördlich von unserem Lager befand sich ein niedriger Ausläufer des Stanowoigebirges, und unsere Leute versicherten, wenn es uns gelänge, vor Tagesanbruch denselben zu überschreiten, würden wir wahrscheinlich vor unserer Ankunft in Penschinsk kein schlechtes Wetter mehr bekommen. Unser Hundefutter war 225 aufgezehrt, und wir mußten innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden die Niederlassung zu erreichen suchen. Der Schnee war vom Winde ganz hart geworden, unsere Hunde waren nach zweitägiger Rast besonders flink; vor Tagesanbruch lag der Bergrücken hinter uns, und wir lagerten am nördlichen Abhang desselben in einem kleinen Thale, um Thee zu trinken. Wenn die sibirischen Eingeborenen gezwungen sind, die ganze Nacht zu reisen, pflegen sie gerade vor Sonnenaufgang Halt zu machen, um ihren Hunden einen Erholungsschlaf zu gestatten. Sie folgern, wenn ein Hund einschlafe, während es noch dunkel ist, und nach einer Stunde im Sonnenschein aufwache, bilde er sich ein, er habe eine volle Nachtruhe genossen und laufe dann den ganzen Tag, ohne an Ermüdung zu denken. Eine Stunde Rast zu jeder andern Zeit halten sie für nicht zweckdienlich. Sobald wir also meinten, unsere Hunde könnten sich einbilden, die ganze Nacht geschlafen zu haben, weckten wir sie und fuhren das Thal hinab in der Richtung eines Nebenflusses des Penschina, Uskanowa genannt. Das Wetter war klar und nicht sehr kalt, und wir alle freuten uns des angenehmen Wechsels und der zwei kurzen Stunden Sonnenschein, ehe das Tagesgestirn hinter den schneebedeckten Gipfeln des Stanowoigebirges hinabsank. Bei einbrechender Dunkelheit überschritten wir den Fluß Kondra, fünfzehn Meilen von Penschinsk, und zwei Stunden später irrten wir auf einer großen, ebenen Steppe, in zwei oder drei getrennten Partieen umher. Ich war, bald nachdem wir den Kondra passiert hatten, eingeschlafen und hatte nicht die geringste Ahnung, welche Fortschritte wir machten, oder in welcher Richtung wir vordrangen, bis Dodd mich plötzlich an der Schulter faßte und sagte: »Kennan, wir haben uns verirrt.« Jedenfalls eine angenehme Art, geweckt zu werden, aber da Dodd nicht sehr beunruhigt schien, versicherte ich ihm, daß es mir ganz einerlei sei, legte mich in mein Kissen zurück und schlief wieder ein, in der Zuversicht. daß es meinem Kutscher gelingen werde, im Laufe der Nacht nach Penschinsk zu kommen. – 226 Indem wir uns nach den Gestirnen richteten, schlugen Dodd, Gregorie und ich mit noch einem andern Schlitten, der bei uns geblieben, die östliche Richtung ein und gelangten gegen neun Uhr an den Penschina, etwas unterhalb der Niederlassung. Wir fuhren nun auf dem Eise desselben aufwärts und hatten erst eine kurze Strecke zurückgelegt, als uns einige Schlitten entgegenkamen. Überrascht, daß um diese Stunde der Nacht sich Schlitten vom Dorfe entfernten, riefen wir sie an: »Hallo!« »Hallo!« »Wohin des Weges?« »Wir wollen nach Penschinsk; wer seid ihr?« »Wir kommen von Gischiginsk und wollen auch nach Penschinsk; warum kommt ihr den Fluß herunter?« »Wir suchen das verwünschte Dorf; wir sind die ganze Nacht gereist und können's nicht finden.« Dodd fing laut an zu lachen, und als die geheimnisvollen Schlitten dicht bei uns waren, erkannten wir in den Kutschern drei unserer eigenen Leute, die sich bei einbrechender Dunkelheit von uns getrennt und Penschinsk zu erreichen suchten, indem sie flußabwärts, dem ochotskischen Meere zufuhren. Wir konnten sie kaum davon überzeugen, daß das Dorf nicht in dieser Richtung liege. Sie kehrten jedoch schließlich mit uns um, und bald nach Mitternacht hielten wir unseren Einzug in Penschinsk, weckten die schlafenden Bewohner mit lautem Geschrei, veranlaßten fünfzig oder sechzig Hunde, einen Heulprotest gegen diese unzeitige Störung anzustimmen, und brachten die ganze Niederlassung in Aufruhr. Zehn Minuten später saßen wir auf Bärenfellen vor einem warmen Feuer in einem behaglichen russischen Hause, tranken eine Tasse duftenden Thees nach der andern und besprachen unsere nächtlichen Abenteuer. 227   25. Kapitel. Das Dorf Penschinsk besteht aus einer kleinen Anzahl von Blockhäusern, platten Jurten und vierbeinigen Bologans am nördlichen Ufer des Penschina, halbwegs zwischen dem ochotskischen Meere und Anadyrsk. Es wird meist von »mestcháns« oder freien russischen Bauern bewohnt; aber unter der spärlichen Bevölkerung befinden sich auch einige der Urbewohner Sibiriens, »Tschuansen«, welche im achtzehnten Jahrhundert von den russischen Kosaken unterworfen wurden, die Sprache ihrer Besieger angenommen haben und durch Fischfang und Pelzhandel sich ihren kärglichen Unterhalt verdienen. Die Stadt wird im Norden durch eine hundert Fuß hohe, steile Anhöhe geschützt, welche, wie alle Hügel in der Nachbarschaft russischer Niederlassungen, auf ihrem Gipfel ein eigentümliches, dreiarmiges, griechisches Kreuz trägt. Der Fluß der Niederlassung gegenüber ist ungefähr hundert Meter breit, und seine Ufer sind mit Birken, Lärchen, Pappeln, Weiden und Espen dicht bewachsen. Wegen warmer Quellen in seinem Bett friert das Wasser an diesem Punkte nie fest zu, und bei einer Temperatur von 40° unter Null steigen dichte Dampfwolken aus demselben empor, welche das Dorf so vollständig dem Auge verbergen, wie ein Londoner Nebel. Wir verbrachten drei Tage in Penschinsk, um Erkundigungen über die Umgebung einzuziehen und 228 Auftrag wegen Zurichtung von Telegraphenstangen zu erteilen. Die Leute waren freundlich, gutmütig, gastfrei und bereit, alles, was in ihrer Macht stand, zur Förderung unserer Pläne zu thun; aber sie hatten natürlich nie etwas von einem Telegraphen gehört und konnten sich gar nicht vorstellen, was wir mit den Pfählen machen wollten, die sie zuschneiden sollten. Einige behaupteten, wir beabsichtigten, von Gischiginsk nach Anadyrsk eine hölzerne Straße zu bauen, damit man im Sommer hin- und herreisen könne; andere bestritten mit einem gewissen Schein von Wahrscheinlichkeit, daß zwei Männer, selbst wenn sie Amerikaner wären, imstande seien, eine sechshundert Werst lange hölzerne Straße zu errichten, und sagten, wir wollten ein großes Haus bauen. Nach dem Zwecke dieses ungeheuren Gebäudes befragt, gerieten jedoch die Verteidiger der Haustheorie in Verlegenheit und konnten nur die physische Unmöglichkeit einer Straße geltend machen, und es ihren Gegnern überlassen, für das Haus etwas anderes in Vorschlag zu bringen. Es gelang uns jedoch, sechzehn starke Männer gegen eine mäßige Entschädigung mit der Beschaffung von Telegraphenstangen zu beauftragen; wir gaben ihnen das Maß, einundzwanzig Fuß lang bei fünf Zoll Durchmesser an der Spitze – empfahlen ihnen, so viele wie möglich zu schneiden und sie am Ufer des Flusses aufzustapeln. Ich will hier gleich erwähnen, daß ich bei meiner Rückkehr von Anadyrsk im März die Stangen besichtigte und deren fünfhundert vorfand. Zu meinem Erstaunen war kaum eine darunter, die an der Spitze weniger als zwölf Zoll Durchmesser hatte, und die meisten derselben waren so schwer und plump, daß zwölf Männer sie kaum fortbewegen konnten. Ich sagte den Eingeborenen, daß sie nicht zu gebrauchen seien, und fragte, warum sie meine Anweisung nicht befolgt. Sie erwiderten, sie hätten geglaubt, ich wollte auf der Spitze dieser Pfähle eine Art Straße errichten, und Stangen von nur fünf Zoll Durchmesser seien dazu doch nicht stark genug. Die Pfähle liegen noch dort im arktischen Schnee begraben, und 229 ich bezweifle nicht, daß in vielen, vielen Jahren, wenn Macaulays Neuseeländer von den Ruinen der Paulskirche eine Skizze entworfen und sich nach Sibirien begeben haben wird, um seine Erziehung zu vollenden, seine eingeborenen Diener ihm die Mär berichten werden, wie zwei verrückte Amerikaner einst eine erhöhte Eisenbahn zwischen dem ochotskischen Meere und der Behringsstraße errichten wollten. Ich hoffe, der Neuseeländer wird dann ein Buch schreiben und durch dasselbe den zwei verrückten Amerikanern die Unsterblichkeit verleihen, welche ihre Arbeiten verdient, aber die erhöhte Eisenbahn ihnen nicht verschafft hat. Am 31. Dezember reisten wir von Penschinsk nach Anadyrsk ab. Nachdem wir wie gewöhnlich den ganzen Tag über eine öde Steppe gefahren waren, kampierten wir die Nacht in einer schrecklichen Temperatur von 53° unter Null am Fuße eines isolierten, schneebedeckten Berges, Namens Nalgim. Es war Sylvester, und als ich in meinen dicksten Pelzen am Feuer saß, von Kopf bis zu Fuß mit Reif bedeckt, gedachte ich an den Wechsel, den ein einziges Jahr in meiner Umgebung hervorgebracht. Den Sylvesterabend von 1864 hatte ich in Centralamerika verlebt, und ritt damals auf einem Maultiere vom Nicaraguasee zur Küste des stillen Ozeans durch einen herrlichen tropischen Wald. Am Sylvesterabend 1865 kauerte ich auf einer großen Schneeebene unweit des nördlichen Polarkreises und bemühte mich, bei einer Temperatur von 53° unter Null meine Suppe zu essen, ehe sie an den Teller fror. Ein größerer Kontrast ließ sich wohl kaum erdenken. Unser Lager in der Nähe des Nalgim war sehr reich an kriechender Kiefer, und wir schichteten ein Feuer auf, das eine zehn Fuß hohe Flammensäule emporlodern ließ; auf die Atmosphäre schien es jedoch wenig Einfluß zu haben. Unsere Augenlider froren zusammen; während wir Thee tranken; unsere heiß aus dem Kessel geschöpfte Suppe fror in den Teller, ehe wir sie essen konnten, und die Vorderseite unserer Pelzröcke war mit Reif bedeckt, obgleich wir nur einige Fuß von dem 230 großen lodernden Lagerfeuer entfernt saßen. An zinnernen Tellern, Messern und Löffeln verbrannte man sich bei Berührung die bloße Hand, gerade als ob sie glühend wären, und Wasser, das nur vierzehn Zoll vom Feuer auf ein kleines Brett gegossen wurde, verwandelte sich in weniger als zwei Minuten in festes Eis. Von den warmen Körpern unserer Hunde stiegen große Dampfwolken auf, und selbst die bloße, ganz trockne Hand dünstete sichtbar aus, wenn man sie der Luft aussetzte. Noch nie hatten wir eine so niedrige Temperatur gehabt, aber wir litten trotzdem wenig, außer an kalten Füßen, und Dodd erklärte, mit einem guten Feuer und reichlicher, fetter Nahrung fürchte er sich nicht vor noch fünfzehn Grad mehr Kälte. Die schlimmsten Leiden in Sibirien verursacht der Wind. Zwanzig Grad unter Null mit einer frischen Brise sind nahezu unerträglich, und ein heftiger Wind bei -40° würde für jedes lebende Wesen, das ihm ausgesetzt wäre, todbringend sein. Intensive Kälte an und für sich ist nicht lebensgefährlich. Nach einem reichlichen Mahle aus getrocknetem Fisch und Talg kann man in einem sibirischen Kostüm in einem dicken Pelzsacke bei einer Temperatur von -70° die Nacht ohne ernstliche Gefahr im Freien verbringen; wer aber, vom langen Reisen ermüdet, sich mit feuchten Kleidern und ohne genügende Nahrung niederlegt, kann bei einer Temperatur von 0 Grad den Tod davontragen. Die wichtigsten Vorschriften für einen Reisenden in diesen nördlichen Gegenden lauten: »Iß viel, und zwar recht fette Gerichte; hüte dich vor Überanstrengung und Nachtreisen, und erhitze dich nie durch körperliche Bewegung, um vorübergehende Wärme zu erzeugen.« – Ich habe in einer Gegend ohne Holz und bei gefährlicher Temperatur nomadische Tschutschken den ganzen Tag mit schmerzenden Füßen reisen sehen; sie hüteten sich wohl, ihre Kräfte durch Laufen zu erschöpfen, um ihre Füße zu erwärmen. Nur wenn sie in äußerster Gefahr waren zu erfrieren, machten sie sich körperliche Bewegung. Die natürliche Folge war, daß sie am Abend noch so 231 frisch waren, wie sie am Morgen gewesen, und wenn sie kein Holz fanden, oder genötigt waren, vierundzwanzig Stunden unausgesetzt unterwegs zu sein, so versagten ihre Kräfte nie. Ein unerfahrener Reisender würde unter gleichen Umständen am Tage all seine Kraft erschöpft haben, um warm zu bleiben, und des Nachts wäre infolge der übermäßigen Anstrengung und seiner durch Schwitzen feuchten Kleidung der Tod durch Erfrieren sein unvermeidliches Los gewesen. Zwei Stunden lang nach dem Nachtessen saßen Dodd und ich am Feuer und machten allerlei Experimente, um die Wirkung intensiver Kälte kennen zu lernen. Gegen acht Uhr umwölkte sich plötzlich der Himmel, und in weniger als einer Stunde war das Thermometer um fast dreißig Grad gestiegen. Wir wünschten uns gegenseitig Glück zu diesem Witterungswechsel, krochen in unsere Pelzsäcke und versuchten, die lange arktische Nacht zu verschlafen. Unser Leben in den nächsten Tagen verfloß in derselben Monotonie, mit der wir schon so vertraut geworden. Fahren, im Freien lagern, essen, schlafen, immer dasselbe Einerlei. Die Gegend war im allgemeinen öde, trostlos, uninteressant; das Wetter kalt genug, um sich unbehaglich zu fühlen, und nicht kalt genug, um den Aufenthalt im Freien gefährlich oder aufregend zu machen, Die Tage dauerten zwei bis drei Stunden, die Nächte nahmen kein Ende. Wenn wir bei Sonnenuntergang früh am Nachmittag das Lager bezogen, hatten wir eine zwanzigstündige Dunkelheit vor uns, während der wir uns in irgend einer Weise belustigen oder schlafen mußten. Zwanzig Stunden Schlaf sind wohl für jeden, der nicht ein Rip van Winkle, eine etwas starke Dosis, und so verbrachten wir gewöhnlich, wenigstens die Hälfte der Zeit, auf unseren Bärenfellen am Lagerfeuer und plauderten. Seit Petropawlowsk war Plaudern unsere Hauptunterhaltung gewesen; anfänglich, die ersten hundert Nächte, hatte es uns nicht an Unterhaltungsstoff gefehlt, aber nach und nach wiederholten wir uns; unsere geistigen Hilfsquellen gingen auf die Neige. Wir 232 konnten uns auf keinen Gegenstand mehr besinnen, der nicht schon besprochen, kritisiert und nach allen Seiten beleuchtet worden war. Nicht nur unsere eigene Lebensgeschichte hatten wir uns gegenseitig bis in alle Einzelheiten erzählt, sondern auch die unserer Vorfahren, soweit wir etwas davon wußten. Alle bekannten Probleme, Liebe, Krieg, Wissenschaft, Politik und Religion, einschließlich vieler, von denen wir absolut nichts verstanden, waren gründlich diskutiert worden, und endlich waren wir bei Gesprächsstoffen angekommen, wie die Größe des Heeres, mit welchem Xerxes in Griechenland eingefallen, und die Ausdehnung der Sintflut. Da keine Möglichkeit vorhanden war, diese wichtigen Fragen zu allgemeiner Zufriedenheit zu beantworten, hatte sich die Debatte über zwanzig oder dreißig aufeinander folgende Nächte erstreckt und war schließlich vertagt worden. Xerxes und die Sintflut blieben durch schweigende Übereinkunft als letztes Auskunftsmittel für stürmische Nächte in Korjäkenjurten einstweilen als offene Fragen unberührt. Als wir einst die Nacht auf einer großen Steppe nördlich von Schestakowa zubrachten, kam mir der glückliche Gedanke, daß ich die langen Abende benützen könne, um unserm Gefolge von Eingeborenen Vorträge über die Wunder der modernen Wissenschaft zu halten. Mir war es Zeitvertreib, und sie konnten dadurch belehrt werden – ich hoffte es wenigstens – und brachte meinen Plan sofort zur Ausführung. Zuerst wandte ich mich der Astronomie zu. Da wir im Freien kampierten, mit dem gestirnten Himmel als einziges Dach, war mir zur Erläuterung meines Gegenstandes die beste Gelegenheit geboten. Wie John Phoenix war ich gezwungen, mein eigenes Planetarium anzufertigen; ein Klumpen gefrorenen Talges stellte die Erde, ein Stück Schwarzbrot den Mond, und kleine Stückchen getrockneten Fleisches die kleineren Planeten vor. Die Ähnlichkeit mit den Himmelskörpern war leider nicht sehr groß. Für einen Zuschauer wäre es jedenfalls sehr amüsant gewesen, den feierlichen Ernst zu beobachten, mit dem ich das Brot und den Talg ihre entsprechenden Bahnen zurücklegen 233 ließ, und die langgezogenen Rufe des Staunens von seiten der Eingeborenen zu vernehmen, als die Mondfinsternis auf dem Stück Brot sichtbar wurde. Mein erster Vortrag wäre von großartigem Erfolge gewesen, hätte mein Auditorium nur den symbolischen Charakter von Brot und Talg begreifen können. Leider war ihre Einbildungskraft sehr schwach. Es war ihnen nicht klar zu machen, daß das Brot den Mond und der Talg die Erde bedeute; sie betrachteten dieselben einfach als irdische Produkte, die ihren eigenen, inwohnenden Wert haben. Sie schmolzen die Erde, um sie zu trinken, verschlangen den Mond und verlangten sofort einen zweiten Vortrag. Ich bemühte mich, ihnen verständlich zu machen, daß ich astronomische und nicht gastronomische Vorträge halten wolle, und daß es sehr unpassend sei, die Himmelskörper zu essen und zu trinken; daß die astronomische Wissenschaft von so vollständigen Finsternissen, wie sie das Verschlingen der Himmelskörper hervorbringe, nichts wisse, und wie befriedigend auch dies Verfahren für sie, es für mein Planetarium durchaus nicht von Nutzen sei. Meine Vorwürfe hatten sehr wenig Wirkung, und ich mußte zu jedem Vortrag eine neue Sonne, einen neuen Mond und eine neue Erde liefern. Ich sah bald ein, daß diese astronomischen Feste zu volkstümlich wurden, denn mein Auditorium verzehrte jeden Abend ein ganzes Sonnensystem, und das Planetenmaterial fing an, rar zu werden. Ich mußte endlich zur Darstellung der Himmelskörper meine Zuflucht zu Steinen und Schneeballen nehmen, anstatt Brot und Talg zu verwenden, und nun nahmen das Interesse für astronomische Erscheinungen und die Beliebtheit meiner Vorträge dergestalt ab, daß ich schließlich keinen einzigen Zuhörer mehr hatte. Der kurze Wintertag war längst vorüber und die Nacht schon weit vorgeschritten, als wir uns nach dreiundzwanzigtägiger, angestrengter Reise unserm Bestimmungsorte, der ultima Thule der russischen Civilisation, näherten. Ich lag in dicke Pelze vergraben und im Halbschlummer auf meinem Schlitten, als fernes 234 Hundegebell verkündete, daß wir das Dorf Anadyrsk erreicht hatten. Nun machte ich einen eiligen Versuch, meine dicken Pelz-»torbassa« und Überstrümpfe mit amerikanischen Stiefeln zu vertauschen; aber während ich noch damit beschäftigt war, hielt mein Schlitten schon vor dem Hause des russischen Geistlichen, bei dem wir wohnen wollten, bis wir ein eigenes Haus gefunden hätten. Eine Menge neugieriger Zuschauer hatte sich an der Thüre versammelt, um die merkwürdigen Amerikaner zu sehen, von denen sie schon gehört hatten, und inmitten der in Pelze gehüllten Menschen stand der Priester mit wallendem Haar und Bart, in ein weites, schwarzes Gewand gekleidet, und hielt über seinem Kopfe ein langes Talglicht, das in der kalten Nachtluft unruhig flackerte. Sobald ich meine Füße von meinen Pelzgamaschen befreit hatte, sprang ich unter tiefen Bücklingen und »zdrastwuitias« der Menge von meinem Schlitten und wurde von dem patriarchalischen Priester herzlich bewillkommt. Drei Wochen in der Wildnis hatten meine persönliche Erscheinung nicht gerade verschönert, und mein Kostüm würde überall, außer in Sibirien, das größte Aufsehen gemacht haben. Mein nicht allzu sauberes Gesicht war durch dreiwöchentlichen Bartwuchs verwildert; mein verwirrtes Haar hing in langen, unordentlichen Locken über meine Stirn, und die Fransen des zottigen schwarzen Bärenfelles, die mein Gesicht einrahmten, vermehrten den wilden Ausdruck meines Antlitzes. Die amerikanischen Stiefel, die ich schleunigst angezogen, waren das einzige Zeichen, das auf frühere Bekanntschaft meinerseits mit der Civilisation schließen ließ. Indem ich die respektvollen Grüße der Tschuansen, Jukaghiren und russischen Kosaken erwiderte, die sich in gelben Pelzkappen und Röcken von gefleckten Renntierfellen an der Thüre drängten, folgte ich dem Geistlichen ins Haus. Dies war die zweite Wohnung, welche diesen Namen verdiente, die ich seit zweiundzwanzig Tagen betrat, und nach den rauchigen Korjäkenjurten zu Kuil, Mikina und Schestakowa kam sie mir wie ein Palast vor. Der Fußboden war mit einem weichen Teppich 235 aus dunkeln Renntierfellen bedeckt, in den der Fuß bei jedem Schritt tief einsank; ein loderndes Feuer brannte in einem hübschen Kamin in einer Ecke des Zimmers und verbreitete eine behagliche Helle; die Tische waren mit schönen amerikanischen Decken versehen; eine kleine vergoldete Wachskerze brannte vor einem massiv goldenen Heiligenschrein der Thüre gegenüber; die Fenster waren von Glas anstatt von Eisplatten oder Fischblasen; auf einem Gestelle lagen mehrere illustrierte Zeitungen, und alles war mit einem Geschmack und einer Rücksicht auf Behagen eingerichtet, die einem wegemüden Wanderer ebenso willkommen, wie sie in diesem Lande der trostlosen Steppen und uncivilisierten Menschen unerwartet waren. Dodd, der selbst seinen Schlitten lenkte, war noch nicht angekommen; aber an der Thüre konnten wir aus dem nahe gelegenen Walde eine Stimme vernehmen, welche sang: »O läge doch die Wildnis hinter mir, die Wildnis, die Wildnis« –; offenbar ahnte der Sänger nicht, wie nahe er dem Ziele, und daß sein melodisch ausgedrückter Wunsch von irgend jemand gehört werden konnte. Meine Kenntnis des Russischen war zu beschränkt und ungenau, als daß ich mich in befriedigender Weise mit dem Geistlichen hätte unterhalten können, und ich war deshalb herzlich froh, als Dodd aus der Wildnis erschien und meiner Verlegenheit ein Ende machte. Er sah nicht viel besser aus als ich, das war ein Trost. Ich stellte, sobald er das Zimmer betrat, im stillen Vergleiche an, und gewann die Überzeugung, daß wir beide Korjäken auffallend ähnlich sähen, und daß keiner den Vorrang der Civilisation wegen eleganterer Kleidung beanspruchen könne. Wir wurden der Frau des Geistlichen, einer blassen, schlanken Dame mit blondem Haar und dunkeln Augen vorgestellt – machten Bekanntschaft mit zwei oder drei niedlichen Kindern, die, sobald sie konnten, schleunigst die Flucht ergriffen, und setzten uns schließlich nieder, um Thee zu trinken. Durch das herzliche Entgegenkommen unseres Wirtes fühlten wir uns bald behaglich, und in Zeit von zehn 236 Minuten schwatzte Dodd mit der größten Ungeniertheit darauf los, erzählte von unsern Abenteuern und Leiden, lachte, scherzte und trank dem Geistlichen so vertraut zu, als ob er ihn seit zehn Jahren, anstatt seit ebensoviel Minuten gekannt hätte. Dodd hatte dafür eine besondere Begabung, um die ich ihn oft beneidete. Er verstand es, in fünf Minuten mit Hilfe von etwas Wodka die ceremoniellste Zurückhaltung des strengsten alten Patriarchen in der ganzen griechischen Kirche über den Haufen zu werfen und ihn im Sturme zu erobern, während ich dabeisaß und lächelte, ohne ein Wort sagen zu können. Nach einem vortrefflichen Nachtessen, das aus »Schi« oder Kohlsuppe, Koteletten und Weißbrot mit Butter bestand, breiteten wir unsere Bärenfelle auf den Boden, entkleideten uns zum zweitenmal seit drei Wochen und gingen zu Bett. Das Gefühl, ohne Pelze und mit unbedecktem Kopfe zu schlafen, war so seltsam, daß wir lange wach lagen, das rötliche Licht des flackernden Feuers auf der Wand beobachteten, uns der köstlichen Wärme weicher, flockiger Decken und des Luxus uneingeengter Gliedmaßen und bloßer Füße erfreuten. 237   26. Kapitel. Die vier kleinen Dörfer, etwas südlich vom nördlichen Polarkreis gelegen, welche unter dem Gesamtnamen Anadyrsk bekannt sind, bilden das letzte Glied der großen Kette von Niederlassungen, welche sich vom Ural bis zur Behringsstraße erstreckt. Dank ihrer isolierten Lage und der Reiseschwierigkeiten in der einzigen Jahreszeit, während welcher dieselben zugänglich sind, waren sie vor unserer Ankunft erst einmal von einem Fremden besucht worden, und zwar im Winter 1859/60 von einem schwedischen Offizier in russischen Diensten, der eine Erforschungsreise von Anadyrsk nach der Behringsstraße machte. Während der Hälfte des Jahres von der ganzen übrigen Welt abgeschnitten und nur in langen Zwischenräumen von einigen halbcivilisierten Händlern besucht, war dieses vierfache Dorf so unabhängig und auf sich selbst angewiesen, als ob es mitten im offenen Polarmeere liege. Selbst sein Vorhandensein war denen fraglich, die keine direkten Beziehungen zu demselben hatten. Es wurde im achtzehnten Jahrhundert von einer Bande herumziehender Kosakenabenteurer gegründet, die, nachdem sie fast ganz Sibirien erobert, durch die Berge von dem Kolyma nach dem Anadyr vordrangen, die Tschutschken, welche ihnen Widerstand leisteten, vertrieben und am Fluß einige Werst oberhalb der jetzigen Niederlassung einen 238 Militärposten errichteten. Es folgte dann zwischen den Tschutschken und den russischen Eindringlingen ein planloser Krieg, der mit abwechselndem Erfolge viele Jahre dauerte. Während geraumer Zeit war Anadyrsk von einer Streitmacht von sechshundert Mann und einer Artillerie-Batterie besetzt; nach der Entdeckung und Ansiedelung Kamtschatkas versank es in verhältnismäßige Bedeutungslosigkeit; die Truppen wurden meist zurückgezogen, und schließlich wurde es von den Tschutschken erobert und eingeäschert. Während des Krieges, der die Zerstörung Anadyrsks zur Folge hatte, wurden zwei Stämme von Eingeborenen, die Tschuansen und Jukaghiren, welche sich auf die Seite der Russen gestellt, fast vollständig von den Tschutschken vernichtet und konnten ihre Stammesindividualität seitdem nie mehr zur Geltung bringen. Die wenigen, welche übrig blieben, verloren ihre Renntiere und ihr Lagergerät, mußten sich bei ihren russischen Verbündeten niederlassen und mit Jagd und Fischfang ihren Lebensunterhalt verdienen. Sie haben allmählich russische Sitten und Gebräuche angenommen und alle unterscheidenden Charakterzüge verloren; in einigen Jahren wird keine lebende Seele mehr die Sprache dieser einst so mächtigen Stämme reden. Anadyrsk, endlich von den Russen, Tschuansen und Jukaghiren wieder aufgebaut, wurde mit der Zeit ein Handelsplatz von großer Bedeutung. Der Tabak, den die Russen eingeführt, gelangte bei den Tschutschken zu großer Beliebtheit, und um sich diesen hochgeschätzten Luxusartikel zu verschaffen, stellten sie die Feindseligkeiten ein und statteten Anadyrsk zu Handelszwecken jährliche Besuche ab. Sie verloren jedoch nie ganz ein gewisses feindliches Gefühl gegen die Russen, die in ihr Gebiet eingefallen waren, und wollten jahrelang nichts mit ihnen zu schaffen haben, außer vermittelst der Spitze des Speeres. Sie pflegten ein Bündel Pelze oder einen schönen Walroßzahn an die Klinge einer langen Tschutschkenlanze zu hängen, und wenn ein russischer Händler dies wegnahm und als Ersatz eine entsprechende Menge Tabak daran hing, dann war alles gut und schön: 239 wenn nicht, dann gab es keinen Handel. Dies Verfahren bot absolute Sicherheit gegen Betrug, denn in ganz Sibirien war kein Russe, der einen dieser grimmigen Wilden zu übervorteilen wagte, wenn dessen Lanzenspitze zehn Zoll von seiner Brust entfernt war. Ehrlichkeit war die beste Politik, und die moralische Überzeugungskraft eines Tschutschkenspeeres entwickelte das uneigennützigste Wohlwollen in der Brust des Mannes, auf den die Spitze gerichtet war. Der auf diese Weise gegründete Handel ist noch heute die Quelle großen Vorteiles für die Bewohner von Anadyrsk und die russischen Kaufleute, die jedes Jahr von Gischiginsk dorthin kommen. Die vier kleinen Dörfer, welche die Niederlassung bilden und als »Pokorukof,« »Psolkin,« »Markowa« und »der Crepast« bekannt sind, haben zusammen eine Bevölkerung von vielleicht zweihundert Seelen. Das mittlere Dorf, Markowa, ist die Residenz des Popen und besitzt eine kunstlos gebaute Kirche, ist aber im Winter ein trostloses Nest. Die kleinen Blockhäuser haben an Stelle der Fenster dicke Eisplatten, die dem Fluß entnommen werden; viele stecken der größeren Wärme wegen halb in der Erde, und alle liegen mehr oder weniger im Schnee begraben. Ein dichter Lärchen-, Pappel- und Espenwald umgiebt das Dorf, so daß der von Gischiginsk kommende Reisende manchmal einen ganzen Tag nach demselben sucht, und wenn er mit dem Kanalnetz, in welches der Anadyr sich hier verteilt, nicht vertraut ist, findet er es vielleicht gar nicht. Die Bewohner der vier Niederlassungen teilen im Sommer ihre Zeit zwischen dem Fischfang und der Jagd auf wilde Renntiere, welche jährlich in ungeheuern Herden über den Fluß wandern. Im Winter sind sie gewöhnlich mit ihren Schlitten abwesend, treiben Handel mit den nomadischen Tschutschken, begeben sich mit Waren auf die jährliche, große Messe nach Kolymsk und treten in Dienst bei den russischen Händlern von Gischiginsk. Der Anadyr ist in der Nähe des Dorfes und fünfundsiebzig Meilen oberhalb desselben dicht bewaldet mit 240 Bäumen, die achtzehn bis vierundzwanzig Zoll im Durchmesser haben, obgleich der Oberlauf desselben sich bis zum sechsundsechzigsten Grad nördlicher Breite erstreckt. Das Klima ist sehr streng; meteorologischen Beobachtungen zufolge, die wir im Februar 1867 zu Markowa anstellten, zeigte das Thermometer während sechzehn Tagen in jenem Monat -40° , an acht Tagen -50° , an fünf Tagen -60° und einmal -68° . – Dar war die niedrigste Temperatur, die wir in Sibirien kennen lernten. Der Wechsel zwischen intensiver Kälte und verhältnismäßiger Wärme ist oft sehr rasch. Am 18. Februar um neun Uhr morgens stand das Thermometer auf -52° , siebenundzwanzig Stunden später war es dreiundsiebzig Grad gestiegen und stand auf +21° . Am einundzwanzigsten zeigte es +30° , am zweiundzwanzigsten -49° , ein ebenso rascher Umschlag in entgegengesetzter Richtung. Trotz des Klimas ist jedoch Anadyrsk ein ebenso angenehmer Aufenthalt wie neun Zehntel der russischen Niederlassungen in Nordostsibirien und die neuen Erfahrungen, die wir daselbst im Winter 1866 machten, verschafften uns so viel Vergnügen und Befriedigung, wie nur irgend ein Abschnitt unserer sibirischen Reise. Am Tage nach unserer Ankunft ruhten wir uns aus und versuchten uns so schön zu machen, wie es unsere beschränkten Reiseeffekten erlaubten. Donnerstag den 6. Januar war das russische Weihnachtsfest, und wir alle standen vier Stunden vor Tagesanbruch auf, um dem Frühgottesdienste beizuwohnen. Jeder im Hause war bei der Hand; im Kamin brannte ein loderndes Feuer, vor allen Heiligenbildern und Schreinen in unserem Zimmer waren vergoldete Wachskerzen angezündet, und die Luft war von Weihrauch erfüllt. Draußen herrschte noch vollkommene Dunkelheit. Die Plejaden standen tief am westlichen Himmel, der Orion war schon teilweise untergegangen, und ein schwaches Nordlicht zuckte über den Baumwipfeln nördlich vom Dorfe. Aus jedem Schornstein in der Nähe stiegen Rauchwolken auf und sprühten Funken, was bewies, daß 241 schon alles munter war. Wir eilten in die kleine Holzkirche, wo der Gottesdienst bereits begonnen, und gesellten uns leise zu der Menge der Andächtigen. Die Wände waren mit Bildern von Patriarchen und russischen Heiligen bedeckt, vor denen lange Wachskerzen brannten, die spiralförmig mit Streifen von Goldpapier umwickelt waren. Blaue Weihrauchwolken stiegen aus schwingenden Rauchfässern zur Decke empor, und die tiefe Intonation des kostbar gekleideten Popen bildete zum hohen Sopran des Chores einen eigentümlichen Gegensatz. Der Gottesdienst der griechischen Kirche ist eindrucksvoller als der der römischen, aber da er in der alten slavonischen Sprache gehalten wird, ist er fast ganz unverständlich. Der Priester plappert mit großer Zungenfertigkeit Gebete her, die niemand versteht; schwingt das Rauchfaß, verbeugt und bekreuzt sich und küßt eine große Bibel, die wenigstens dreißig Pfund wiegt. Die Spendung des Sakramentes und die Ceremonieen bei der Wandlung des Brotes und Weines sind sehr wirksam. Das Schönste im ganzen griechisch-russischen Gottesdienste ist die Musik. Niemand kann sie ohne Rührung hören, selbst in einer kleinen Holzkapelle im fernen Sibirien. Wie mangelhaft auch ihre Ausführung sein mag, sie stimmt andächtig, und ich habe oft zwei bis drei Stunden während eines langen Gottesdienstes gestanden, nur um einige Psalmen und Gebete singen zu hören. Selbst das langweilige Geplapper des Priesters wird in kurzen Zwischenräumen von dem mannigfaltigen und prächtig modulierten »Gospodi pamilni« (Gott sei uns gnädig) und »Padai Gospodin« (Gewähre es, o Herr!) des Chores unterbrochen. Die Menge der Gläubigen wohnt selbst dem längsten Gottesdienst stehend bei und scheint ganz in Andacht versunken. Unaufhörlich verbeugen und bekreuzigen sie sich als Erwiderung auf die Worte des Priesters, und nicht selten werfen sie sich nieder und pressen Stirne und Lippen ehrerbietig an den Boden. Einem Zuschauer kommt dies sehr merkwürdig vor. Einen Augenblick ist man von einer Menge in Pelz gekleideter Eingeborener 242 und Kosaken umgeben, welche dem Gottesdienste ruhig zu folgen scheinen, dann wirft sich plötzlich die ganze Versammlung auf den Boden, wie eine Rotte Infanterie unter dem Feuer einer maskierten Batterie, und er steht allein unter hundert hingestreckten Gestalten aufrecht. Zum Schluß des Weihnachtsgottesdienstes stimmte der Chor eine Jubelhymne an, um der Freude der Engel über die Geburt des Erlösers Ausdruck zu geben; und unter dem unharmonischen Geläute der Glocken, welche in einem kleinen, hölzernen Turme hingen, verließen Dodd und ich die Kirche, um zu Hause Thee zu trinken. Ich hatte gerade meine letzte Tasse geschlürft und eine Cigarette angezündet, als die Thüre sich plötzlich öffnete, ein halbes Dutzend Männer mit ernsten, bewegten Gesichtern in einer Reihe eintraten, einige Schritte vor den Heiligenbildern in der Ecke still standen, sich zu gleicher Zeit inbrünstiglich bekreuzten und eine einfache, süße, russische Melodie anstimmten, welche mit den Worten begann »Christ ist geboren.« Da ich nicht erwartet, in einer kleinen, sibirischen Niederlassung am Polarkreise Weihnachtslieder zu hören, war ich vollständig überrascht und konnte nur staunen; erst starrte ich Dodd an, um zu sehen, was er davon halte, und dann die Sänger. Letztere schienen in ihrer musikalischen Ekstase unsere Gegenwart ganz zu vergessen, und erst als sie fertig waren, wandten sie sich uns zu, schüttelten uns die Hände und wünschten uns fröhliche Weihnachten. Dodd gab jedem einige Kopeken, und indem sie wiederholt den erhabenen Excellenzen ein vergnügtes Fest, langes Leben und viel Glück wünschten, zogen sie sich zurück, um der Reihe nach in den anderen Häusern des Dorfes vorzusprechen. Eine Sängergesellschaft folgte der andern; bis zum Tagesanbruch hatte der ganze jüngere Teil der Bewohner unser Haus besucht und Kopeken empfangen. Einige der kleineren Knaben, denen es mehr auf das Geld als die Feierlichkeit der Ceremonie ankam, verdarben die Wirkung, indem sie ihre Hymne damit abschlossen: »Christ ist geboren; schenken Sie mir etwas!« Aber die meisten betrugen sich sehr anständig und ließen 243 uns an der schönen und angemessenen Sitte großen Gefallen finden. Bei Sonnenaufgang wurden alle Kerzen ausgelöscht, die Leute zogen ihre besten Kleider an, und das ganze Dorf überließ sich dem uneingeschränktesten Genuß eines großen Feiertages. Die Kirchenglocken läuteten unaufhörlich; Hundeschlitten, mit jungen Mädchen besetzt, sausten durch die Straßen, luden ihre Insassen in den Schnee ab und rasten unter lautem Gelächter den Hügel hinab; Frauen in buntgeblümten Kattunkleidern, ihr Haar in rot seidene Tücher gebunden, gingen von Haus zu Haus, machten Gratulationsvisiten und sprachen von der Ankunft der vornehmen amerikanischen Offiziere; viele Männer spielten Schlagball auf dem Schnee, und die ganze Niederlassung war in ausgelassenster Stimmung. Am Abend des dritten Tages nach Weihnachten gab der Priester uns zu Ehren einen großartigen, sibirischen Ball, zu dem alle Bewohner der vier Niederlassungen geladen und die sorgfältigsten Vorbereitungen gemacht wurden. Daß ein Geistlicher an einem Sonntagabend einen Ball geben wollte, erschien mir sehr unpassend und ich zögerte, eine so offenbare Verletzung des vierten Gebotes gut zu heißen. Dodd jedoch bewies mir in der bündigsten Weise, daß infolge des Zeitunterschiedes es in Amerika gar nicht Sonntag, sondern Samstag sei, daß unsere Freunde in diesem Augenblicke entweder ihren Geschäften oder dem Vergnügen nachgingen, und daß er nicht einsähe, warum wir, weil wir uns zufällig auf der anderen Halbkugel aufhielten, nicht dasselbe thun könnten wie unsere antipodischen Freunde. Ich war mir vollkommen seiner Sophisterei bewußt, aber er verwirrte mich so mit Längegraden, Zeit von Greenwich, Bowditschs Seefahrern, russischen Sonntagen und amerikanischen Sonntagen, daß ich um die Welt nicht hätte sagen können, ob es in Amerika heute oder gestern sei, und wann ein sibirischer Sonntag anfange. Ich kam schließlich zu der Ansicht, daß, da die Russen den Samstagabend heilig halten und bei Sonnenuntergang am Sonntag eine neue Woche anfange, ein Tanz an diesem 244 Abend doch etwas Unschuldiges sei. Sibirischen Begriffen von Anstand entsprach es sicherlich. In unserem Hause wurde eine Scheidewand herausgenommen, der Teppich entfernt, das Zimmer mit Lampen, die mit geschmolzenem Fett gefüllt waren, glänzend beleuchtet; an drei Seiten des Hauses wurden Bänke für die Damen aufgestellt, und gegen fünf Uhr fingen die Gäste an, sich zu versammeln. Eine frühe Stunde für einen Ball, aber es war schon so lange dunkel. Es erschienen ungefähr vierzig Geladene; die Männer trugen alle schwere Pelzkukhlankas, Pelzhosen und Pelzstiefel, die Damen weißen Muslin und geblümten Kattun. Die Kostüme der verschiedenen Geschlechter paßten wenig zusammen; die einen waren leicht und luftig genug für einen afrikanischen Sommer, die andern eigneten sich für eine Nordpolexpedition, um Sir John Franklin aufzusuchen. Die allgemeine Wirkung war jedoch sehr malerisch. Das Orchester bestand aus zwei kunstlosen Geigen, zwei »Bellalikas« oder dreieckigen, zweisaitigen Guitarren und einem großen, mit einem Stück Papier überzogenen Kamm. Ich war natürlich neugierig, wie eine derartige Festlichkeit nach sibirischer Etikette verlaufen würde, und setzte mich in eine geschützte Ecke, um alles beobachten zu können. Die Damen nahmen, sobald sie erschienen, in feierlicher Reihe auf einer hölzernen Bank am einen Ende des Zimmers Platz, die Männer stellten sich dicht gedrängt in der andern auf. Alle waren außerordentlich ernst, niemand lachte, niemand sprach, und das Schweigen wurde nur gelegentlich durch Kratzen auf einer asthmatischen Fiedel oder ein melancholisches Getute auf einem Kamm unterbrochen, wenn ein Musiker sein Instrument stimmte. Wenn das der Charakter des Festes war, konnte ich die Veranstaltung am Sonntag nicht unpassend finden. Es brachte einen auf so traurige Gedanken wie ein Begräbnis. Ich ahnte nicht, welche Aufregung unter dem nüchternen Äußeren dieser Eingeborenen schlummerte. Eine Bewegung in der Nähe der Thüre zeigte an, daß Erfrischungen herumgereicht wurden; ein junger Tschuanse 245 bot mir alsbald ein großes, hölzernes Gefäß mit wenigstens vier Litern rohen gefrorenen Preiselbeeren an. Man konnte doch unmöglich erwarten, daß ich vier Liter gefrorene Preiselbeeren verspeisen würde! Ich nahm einige Löffel voll und blickte Dodd an, der mir bedeutete, ich solle das Gefäß weiter reichen, und da sie wie saure Hagelkörner schmeckten und mir Zahnweh verursachten, that ich es mit Vergnügen. Der nächste Gang, wieder in einem hölzernen Gefäß, sah aus wie weiße Hobelspäne von Tannenholz, und ich betrachtete das Gericht mit nicht geringem Erstaunen. Gefrorene Preiselbeeren und Hobelspäne waren die seltsamste Erfrischung, die ich noch je gesehen – selbst in Sibirien; aber ich that mir etwas darauf zu gut, fast alles essen zu können, und wenn die Eingeborenen Preiselbeeren und Hobelspäne vertragen konnten, konnte ich's auch. Die Hobelspäne erwiesen sich als rohen, gefrorenen Fisch – eine große Delikatesse bei den Sibiriern, mit der ich später unter dem Namen »struganini« sehr vertraut wurde. Die Hobelspäne aus Fisch bekamen mir weiter nicht schlecht, nur verschlimmerten sie mein Zahnweh. Auf dieselben folgte: Weißbrot und Butter, Preiselbeertörtchen und Tassen voll kochend heißen Thees, womit das Nachtessen seinen Abschluß fand. Nun glaubte man, wir seien für die Arbeit des Abends genügend gestärkt; und nach langem Stimmen spielte endlich das Orchester einen lebhaften russischen Tanz, »Kapaluschka« genannt. Die Köpfe der Musiker nickten, ihre rechten Beine traten den Takt, der Pettinist. blies sich einen roten Kopf an, und die ganze Versammlung fing an zu singen. Einen Augenblick später sprang einer der Männer in geflecktem Renntierfellrock und Bocklederhosen in die Mitte des Zimmer und neigte sich tief vor einer Dame, die am Ende einer langen, dicht besetzten Bank saß. Die Dame erhob sich, machte eine graziöse Verbeugung, und das Paar führte eine Art Tanz oder Pantomime auf, indem sie im Takte vor-, zurück-, aneinander vorbeischritten und sich rasch herumschwangen; der Mann machte der Dame offenbar den Hof, und diese 246 wies all seine Anträge ab, wandte sich weg und bedeckte ihr Gesicht mit einem Taschentuche. Nach diesem stummen Spiele zog sich die Dame zurück, und eine andere trat an ihre Stelle; die Musik spielte lauter und rascher, die Tänzer bewegten sich in rasendem Tempo unter lauten Zurufen von allen Seiten: »Hikh! Hikh! Hikh! Wallai-i-i! Ne fastavai-i-i!« und dem Takttreten von einem halben Hundert Füßen. Die ansteckende Aufregung machte mein Blut in den Adern wallen. Plötzlich warf sich der Mann auf den Boden zu Füßen seiner Tänzerin und fing an, wie eine große Heuschrecke mit zerbrochenen Beinen auf seinen Ellenbogen und Zehen herumzuspringen. Dieses außergewöhnliche Kunststück erntete stürmischen Beifall, der Aufruhr übertönte alle Instrumente außer dem Kamm, der wie ein schottischer Dudelsack brummte. Noch nie war ich Zeuge solchen Tanzens und Singens, solcher Aufregung gewesen. Sie nahm mir meine Selbstbeherrschung wie der Schall einer Trompete, die zum Angriff bläst. Nachdem der Mann mit allen Damen im Zimmer der Reihe nach getanzt hatte, hörte er endlich, offenbar erschöpft, auf; der Schweiß rann ihm in Strömen vom Gesicht, und er holte sich einige gefrorene Preiselbeeren, um sich nach seiner großen Anstrengung zu erfrischen. Diesem Tanz, der »Rusko« heißt, folgte der Kosakenwalzer, an dem sich Dodd zu meinem großen Erstaunen beteiligte. Was er konnte, konnte ich auch; ich forderte also eine Dame in rotem und blauem Kattun auf und stellte mich in die Reihe. Als die beiden Amerikaner sich im Zimmer herumdrehten, war die Aufregung geradezu unbeschreiblich; die Musiker spielten in rasendem Tempo, der Pettinist bekam einen heftigen Hustenanfall vor Anstrengung, fünfzig bis sechzig Füße stampften den Takt. »Vallai! Amerikanse! Hikh! Hikh! Hikh!« brüllte ein Teil der wahnwitzigen Menge, während die andern sangen. In welchen Grad von Aufregung sich diese Eingeborenen bei ihrem Tanzen hineinarbeiten, ist fast unglaublich; selbst ein Fremder kann sich der ansteckenden Wirkung derselben nicht entziehen. Wäre ich nicht vorübergehend 247 gestört gewesen, so hätte ich mich doch nie und nimmer so lächerlich gemacht, den Kosakenwalzer zu tanzen. In Sibirien ist es ein großer Verstoß gegen die Etikette, wenn man einmal zu tanzen angefangen, sich zu setzen, ehe man alle anwesenden Damen aufgefordert hat; und wenn dieselben zahlreich sind, ist es ein sehr ermüdendes Vergnügen. Als Dodd und ich der Etikette Genüge gethan, wären wir am liebsten hinausgelaufen, um auf einer Schneebank Platz zu nehmen, gefrorenen Fisch und Preiselbeeren-Hagelkörner literweise zu verspeisen. Wir meinten vor Hitze schmelzen zu müssen. Um zu zeigen, welche Achtung Amerikaner in der wenig aufgeklärten Niederlassung Anadyrsk genießen, muß ich erzählen, daß ich während des Kosakenwalzers einem russischen Bauern mit meinen schweren Stiefeln auf den Fuß trat. Ich bemerkte, daß sein Gesicht einen Augenblick lang lebhaften Schmerz ausdrückte, und sobald der Tanz zu Ende war, begab ich mich mit Dodd als Dolmetscher zu ihm, um mich zu entschuldigen. Er unterbrach mich mit vielen Bücklingen, versicherte, daß ich ihm gar nicht wehe gethan, und erklärte mit Nachdruck, daß er es sich zur Ehre rechne, wenn ein Amerikaner ihm auf die Zehen trete! Es war mir noch nie vorher so zum Bewußtsein gekommen, welche stolze und beneidenswerte Auszeichnung es für mich war, ein Eingeborener unseres so sehr begünstigten Landes zu sein! Ich konnte ohne Rücksicht auf irgend jemandes Zehen stolz in andern Ländern einherschreiten, in der festen Überzeugung, daß ich den armen Fremdlingen eine desto größere Ehre erwies, je häufiger ich ihnen auf die Füße trat. Das ist offenbar der Ort, an den nicht richtig gewürdigte Amerikaner sich begeben müßten, und wenn irgend ein junger Mann findet, daß seine Verdienste in der Heimat nicht hoch genug angeschlagen werden, so rate ich ihm allen Ernstes, sich nach Sibirien zu begeben. Die Tänze wechselten mit merkwürdigen Spielen ab, Erfrischungen von gefrorenen Preiselbeeren wurden häufig herumgereicht, so daß die Festlichkeit sich bis um zwei Uhr verlängerte, also volle neun Stunden gewährt hatte. 248 Ich habe diese Tanzgesellschaft so ausführlich geschildert, weil derartige Veranstaltungen die Hauptunterhaltung der halbcivilisierten Bewohner aller russischen Niederlassungen in Sibirien bilden, und besser als irgend etwas anderes Zeugnis für die sorglose, glückliche Veranlagung des Volkes ablegen. Während der Feiertage bestand die Beschäftigung der ganzen Bevölkerung in Besuchemachen, Theegesellschaftengeben, Tanzen, Schlittenfahren und Ballspielen. Zwischen Weihnachten und Neujahr gingen jeden Abend Leute in phantastischen Verkleidungen mit Musik von Haus zu Haus und unterhielten ihre Wirte mit Gesang und Tanz. Die Bewohner dieser kleinen, russischen Niederlassungen in Nordostsibirien sind die sorglosesten, warmherzigsten, gastfreisten Menschen der Welt, und ihrem geselligen Leben wird von diesen Eigenschaften der Stempel aufgedrückt. Keine Klasse sucht sich durch Ceremoniell oder Affektation von den andern abzusondern. Der Verkehr ist nicht beschränkt, alle behandeln sich mit gegenseitiger Herzlichkeit, und die Männer küssen sich häufig bei der Begrüßung oder beim Abschied, als ob sie Brüder wären. Ihre Abgeschiedenheit von der ganzen übrigen Welt scheint sie in gegenseitiger Sympathie und Abhängigkeit verbunden, und alle Regungen von Neid, Eifersucht und kleinlicher Selbstsucht verbannt zu haben. Während unseres Aufenthaltes bei dem Geistlichen wurden wir mit der rücksichtsvollsten Hochachtung und Güte behandelt, und sein Vorrat von Luxusartikeln, wie Mehl, Zucker und Butter, fand in freigebigster Weise zur Bereicherung unserer Mahlzeiten Verwendung. So lange dieselben vorhielten, freute er sich, sie mit uns zu teilen, ohne an ein Entgelt zu denken, oder sich einzubilden, daß er mehr thue, als die Gastlichkeit erfordere. An die ersten zehn Tage unseres Aufenthaltes in Anadyrsk knüpfen sich einige der angenehmsten Erinnerungen unseres sibirischen Lebens. 249   27. Kapitel. Sofort nach unserer Ankunft in Anadyrsk hatten wir nach den Amerikanern, die sich irgendwo in der Nähe der Anadyrmündung aufhalten sollten, Erkundigungen eingezogen, aber nicht mehr erfahren, als wir schon wußten. Wandernde Korjäken hatten die Kunde nach der Niederlassung gebracht, daß im Spätherbst eine kleine Gesellschaft weißer Männer mit einem »Feuerschiff« (Dampfer) an der Küste südlich der Behringsstraße gelandet wären, daß dieselben eine Art Keller gegraben, ihn mit Gebüsch und Brettern bedeckt und als Winterquartier bezogen hätten. Wer sie waren, weshalb sie gekommen, und wie lange sie zu bleiben beabsichtigten, das waren Fragen, welche den ganzen Tschutschkenstamm aufregten, die aber niemand zu beantworten vermochte. Ihre kleine, unterirdische Hütte war den Aussagen der Eingeborenen zufolge ganz vom Schnee begraben, und nichts als eine merkwürdige eiserne Röhre, aus der Rauch und Funken kämen, ließe den Wohnsitz der weißen Männer erkennen. Diese merkwürdige eiserne Röhre, welche die Tschutschken so sehr in Erstaunen setzte, erkannten wir sofort als ein Ofenrohr, und gerade dies war uns ein untrüglicher Beweis für die Wahrheit der Geschichte. Kein sibirischer Eingeborener hätte die Idee von einem Ofenrohr erfinden können, er mußte eins gesehen haben. Daß Amerikaner 250 irgendwo an der Küste des Behringsmeeres lebten, und daß sie wahrscheinlich eine von Oberst Bulkley gelandete Erforschungsabteilung seien, die gemeinsam mit uns arbeiten sollte, war uns jetzt über allen Zweifel erhaben. Die Verhaltungsmaßregeln, welche der Major mir bei der Abreise von Gischiginsk erteilt, hatten auf ein derartiges Ereignis nicht Bezug genommen, weil wir alle Hoffnung auf Unterstützung von dieser Seite aufgegeben und im Glauben lebten, allein die ganze Aufgabe lösen zu müssen. Der Oberingenieur hatte, als wir von San Franzisco absegelten, fest versprochen, wenn er überhaupt an der Mündung des Anadyr eine Abteilung landen ließe, dies bei guter Jahreszeit geschehen solle, damit sie vermittelst eines Walfischbootes vor Anbruch des Winters sich flußaufwärts in eine Niederlassung begeben könnte. Als wir spät im November zu Gischiginsk mit den Anadyrskern zusammengetroffen waren und von ihnen vernommen hatten, daß niemand von einer solchen Gesellschaft Kunde erhalten, glaubten wir uns deshalb natürlich zu dem Schlusse berechtigt, Oberst Bulkley habe aus irgend einem Grunde auf sein Vorhaben verzichtet. Niemand hätte sich träumen lassen, daß er zu Beginn eines arktischen Winters in der trostlosen Region südlich der Behringsstraße eine Handvoll Leute ohne jegliche Transportmittel, ohne Obdach inmitten wilder, gesetzloser Eingeborener, mehr als zweihundert Meilen von den nächsten civilisierten menschlichen Wesen aussetzen würde. Was sollten die armen Menschen machen? Sie konnten nur in Unthätigkeit daselbst verharren, bis sie Hungers starben, ermordet, oder von einer Expedition, die ihnen aus dem Innern zu Hilfe eilte, weggeholt und gerettet wurden. – Dies war die Lage, als Dodd und ich in Anadyrsk ankamen. Unsern Befehlen zufolge sollten wir den Anadyr bis zu einer andern Jahreszeit unerforscht lassen; aber wir wußten, daß der Major, sobald er im Besitz der in Schestakowa durch unsere Hände gegangenen Briefe, welche ihm die Nachricht von der Landung der Anadyrabteilung brachten, uns den Auftrag erteilen würde, diese aufzusuchen und nach Anadyrsk 251 zu befördern, wo sie von Nutzen sein konnte. Wir beschlossen deshalb, ohne Zögern und auf unsere eigene Verantwortung hin eine Entdeckungsreise nach dem amerikanischen Ofenrohre zu unternehmen. Unsere Lage war übrigens eine ganz eigentümliche. Wir besaßen nicht einmal Mittel, um herauszufinden, wo wir selbst waren, geschweige denn die Amerikaner mit ihrem Ofenrohre. Wir hatten keine Instrumente, um astronomische Beobachtungen anzustellen, konnten selbst nicht mit nur annähernder Genauigkeit unsern Breite- und Längegrad bestimmen und wußten nicht, waren wir zweihundert oder fünfhundert Meilen vom stillen Ozean entfernt. Nach dem Bericht von Lieutenant Phillippeus, der den Anadyr teilweise erforscht, lagen tausend Werst zwischen der Niederlassung und der Anadyrbucht, während die Berechnung, die wir zu Gischiginsk gemacht, kaum über vierhundert Meilen ergeben hatte. Die wirkliche Entfernung war für uns eine Lebensfrage, denn wir mußten für die ganze Reise Hundefutter mitnehmen, und wenn die Entfernung tausend Werst betrug, würden unsere Hunde aller Wahrscheinlichkeit nach Hungers sterben, ehe wir zurückkommen konnten. Außerdem, wenn wir überhaupt an die Anadyrbucht gelangten, wie konnten wir herausfinden, wo sich die Amerikaner aufhielten? Wenn wir nicht zufällig den Tschutschken begegneten, die sie gesehen, konnten wir vielleicht einen Monat lang auf den trostlosen Ebenen umherwandern, ohne das Ofenrohr, das einzige äußere Zeichen ihrer unterirdischen Wohnung, zu entdecken. Als wir den Bewohnern von Anadyrsk unsere Absicht, an die Küste des stillen Ozeans zu reisen, mitteilten, und einige aufforderten, sich uns als Freiwillige anzuschließen, stießen wir auf den größten Widerstand. Die Eingeborenen erklärten einstimmig, eine derartige Reise sei unmöglich, sie sei noch nie ausgeführt worden; der untere Anadyr werde von schrecklichen Stürmen heimgesucht; Holz wäre dort gar nicht vorhanden, die Kälte übersteige alle Begriffe, wir würden alle Hungers sterben, zu Tode frieren oder unsere Hunde verlieren. 252 Als abschreckendes Beispiel führten sie Lieutenant Phillippeus an, der in derselben Region im Jahre 1860 mit genauer Not dem Hungertode entkommen, und dabei sei er noch im Frühling gereist, während wir uns mitten im Winter aufmachen wollten, wenn die Kälte am stärksten und die Stürme am schlimmsten wären. Ein derartiges Abenteuer müsse ein böses Ende nehmen. Unser Kosak Gregorie, ein wackerer und zuverlässiger alter Mann war im Jahre 1860 Lieutenant Philippeus' Führer und tschutschkischer Dolmetscher gewesen und im Winter ungefähr hundertundfünfzig Meilen flußabwärts gekommen, er mußte etwas von der Sache verstehen. Wir entließen also die Eingeborenen und besprachen uns mit ihm. Er versicherte, soweit er flußabwärts gekommen, gäbe es kriechende Kiefer genug, um uns mit Brennholz zu versorgen; das Land sei nicht schlimmer, als das schon von uns bereiste zwischen Gischiginsk und Anadyrsk; er sei bereit, die Reise zu unternehmen und uns mit seinem Hundegespann überall hin zu folgen. Der Geistliche, der im Sommer schon flußabwärts gefahren war, hielt ebenfalls die Reise für ausführbar und versicherte, er würde selbst gehen, wenn es andern zum Besten gereichen könne. Kraft dieser Ermutigung teilten wir den Eingeborenen unsern endgiltigen Entschluß mit, zeigten ihnen den Brief des russischen Gouverneurs zu Gischiginsk, welcher uns ermächtigte, Leute und Schlitten zu jeglichem Dienst zu requirieren, und drohten, bei fernerem Weigern ihren Ungehorsam durch einen besonderen Boten in Gischiginsk melden zu lassen. Diese Drohung und das Beispiel unseres Kosaken Gregorie, der vom ochotskischen bis zum nördlichen Eismeere als erprobter Führer bekannt war, hatten die gewünschte Wirkung. Elf Männer willigten ein, uns zu begleiten, und wir fingen sogleich an, Hundefutter und Vorräte für eine baldige Abreise einzukaufen. In Hinsicht auf den Aufenthaltsort der Amerikaner besaßen wir noch die unbestimmteste Auskunft und beschlossen, die Rückkehr eines Kosaken, Namens Kozhewin, der sich zu wandernden Tschutschken begeben hatte, zu erwarten. Der 253 Geistliche versicherte, er werde gewiß die neuesten und zuverlässigsten Nachrichten mitbringen, denn die wandernden Eingeborenen im ganzen Lande wüßten um die Ankunft der geheimnisvollen weißen Männer und würden Kozhewin den Aufenthaltsort derselben annähernd bestimmen. Mittlerweile vervollständigten wir unsere Pelzausstattung, verfertigten Masken aus Eichhornfellen, die bei großer Kälte das Gesicht schützen sollten, und ließen von allen Frauen im Dorfe ein großes Pelzzelt anfertigen. Samstag den 20. Januar kehrte Kozhewin von seinem Besuche bei den Tschutschken nördlich von Anadyrsk zurück und brachte, wie wir erwartet hatten, neuere und ausführlichere Berichte über die bewußten verbannten Amerikaner mit. Nach der besten tschutschkischen Auskunft waren es ihrer fünf, welche sich in der Nähe des Anadyr, ungefähr eine Tagereise von seiner Mündung, aufhielten. Sie lebten, wie wir schon früher gehört, in einer kleinen unterirdischen, aus Gebüsch und Brettern errichteten Hütte, die ganz vom Schnee bedeckt war. Man erzählte, sie hätten große Vorräte und viele Fäßchen voll Wodka; wir vermuteten, daß dieselben gesalzenes Fleisch enthielten. Ihre Art, Feuer zu machen, indem sie »schwarze Steine in einem eisernen Kasten verbrannten«, während der Rauch durch eine gebogene eiserne Röhre herauskomme, welche der Wind herumdrehe, schien den Eingeborenen besonders bemerkenswert. Sie sollten auch, wie Kozhewin berichtete, einen ungeheuer großen, zahmen, schwarzen Bären besitzen, dem sie erlaubten, in der Nähe des Hauses frei herumzulaufen, und der die Tschutschken in energischer Weise verjage. Als ich das hörte, konnte ich ein frohlockendes Hurra! nicht unterdrücken. Die Amerikaner waren niemand anderes als unsere alten Kameraden aus San Franzisco, und der zahme, schwarze Bär war Robinsons Neufundländer! Hundertmal hatte ich denselben in Amerika gestreichelt und besaß sogar seine Photographie. Es war der Hund der Expedition. Nun konnte kein Zweifel mehr herrschen, die im Schnee auf der großen Steppe südlich der Behringsstraße vergrabenen Amerikaner 254 waren – die Anadyrabteilung der Erforschungsgesellschaft unter dem Befehl von Lieutenant Macrae. Unsere Herzen schlugen fast hörbar vor Aufregung, wenn wir an die Überraschung dachten, die es unsern alten Freunden und Kameraden bereiten mußte, wenn wir in der trostlosen, gottverlassenen Gegend, fast zweitausend Meilen von dem Punkt, an dem sie uns wähnten, so plötzlich vor sie hinträten! Ein derartiges Wiedersehen bot zehnfache Entschädigung für alle ausgestandenen Mühsale und Beschwerden. Alles war nun zum Aufbruch bereit. Unsere Schlitten waren fünf Fuß hoch mit Vorräten und Hundefutter für dreißig Tage beladen; unser Pelzzelt war fertig und eingepackt, um bei sehr großer Kälte zur Verwendung zu kommen; Säcke, Gamaschen, Masken, dicke Schlafröcke, Schneeschaufeln, Äxte, Flinten und lange sibirische Schneeschuhe waren auf die verschiedenen Schlitten verteilt, und alles, was Gregorie, Dodd oder ich ersinnen konnten, um den Erfolg der Expedition zu sichern, war geschehen. Montagmorgen, den 22. Januar, versammelte sich die ganze Gesellschaft vor dem Hause des Geistlichen. Um Transportmittel zu sparen und das Schicksal unserer Leute, wie es auch ausfallen möge, zu teilen, verzichteten Dodd und ich auf unsere Pavoskas und lenkten unsere eigenen beladenen Schlitten. Die Eingeborenen sollten nicht sagen können, daß wir sie zur Expedition gezwungen und uns dann der Arbeit und den Beschwerden entzogen hätten. Die ganze Bevölkerung des Dorfes, Männer, Frauen und Kinder kamen herbei, um unserer Abreise beizuwohnen, und die Straße vor dem Hause des Geistlichen war versperrt von einer Menge dunkeler Männer in gefleckten Pelzröcken, roten Schärpen und Fuchsfellkappen, ängstlich aussehender Frauen, die hin- und herliefen und sich von ihren Männern oder Brüdern verabschiedeten, von elf langen, schmalen Schlitten, die mit getrocknetem Fisch hoch bepackt und mit gelbem Bockleder bedeckt, das mit Riemen von Seehundsfell befestigt war, und endlich von hundertfünfundzwanzig 255 zottigen Wolfshunden, die mit ihrem wilden, ungeduldigen Geheul jeden andern Laut übertönten. Unsere Leute gingen in das Haus des Geistlichen, bekreuzten sich und beteten vor dem Bilde des Erlösers, wie sie stets zu thun pflegen, ehe sie eine lange Reise antreten. Dodd und ich verabschiedeten uns von dem gütigen Priester und empfingen das herzliche »s' bokhem« (geht mit Gott), welches das russische Lebewohl ist; dann sprangen wir auf unsere Schlitten, gaben unsere wilden Hunde frei und flogen in einer Schneewolke, die wie Diamantstaub im roten Sonnenschein glänzte, zum Dorfe hinaus. Jenseits der zwei- oder dreihundert Meilen weiten Schneewüste, die vor uns lag, erblickten wir im Geiste, aus weißer Schneebank emporragend, ein Ofenrohr – »den heiligen Gral«, nach dem wir als arktische irrende Ritter auf der Suche waren. 256   28. Kapitel. Ich werde den Leser mit dem ersten Teil unserer Reise von Anadyrsk an den stillen Ozean nicht lange aufhalten, da sie nur eine neue und verbesserte Auflage unserer früher in Sibirien gemachten Erfahrungen war. Am Tage fuhren wir auf dem Eise des Flusses oder über unfruchtbare Steppen, des Nachts kampierten wir bei gutem und schlechtem Wetter auf dem Schnee. Das, was diese traurige Eintönigkeit unseres Lebens einigermaßen erträglich machte, war die Hoffnung auf ein frohes Wiedersehen mit unsern verbannten Freunden und das befriedigende Bewußtsein, daß wir in ein Land vordrangen, das noch nie der Fuß eines civilisierten Menschen betreten hatte. Die aus Erlengebüsch bestehende Einfassung des Flußufers wurde täglich niedriger und dürftiger, und je mehr der verbreiterte Fluß sich dem Meere näherte, desto weißer und unfruchtbarer wurden die großen Steppen an seinen Ufern. Schließlich war jegliche Spur von Vegetation verschwunden, und wir traten unsere zehnte Tagereise an einem Flusse an, der eine Meile breit geworden und auf einer trostlosen Ebene, die alles Lebens bar und sich, so weit man sehen konnte, in ununterbrochen weißer Fläche bis an den Horizont erstreckte. Nicht ohne Unbehagen dachte ich an die Möglichkeit, in dieser Einöde von einem andauernden Sturm überrascht zu werden. Wir hatten, 257 soweit es sich annähernd bestimmen ließ, seit Anadyrsk ungefähr zweihundert Werst zurückgelegt, besaßen aber keine Mittel, um festzustellen, ob wir der Seeküste nahe seien. Das Wetter war seit fast einer Woche im allgemeinen klar und nicht sehr kalt gewesen; aber in der Nacht des 1. Februar sank das Thermometer auf -35° , und wir konnten nur gerade soviel grünes Gestrüpp zusammenlesen, um unser Theewasser zu kochen. Wir gruben überall im Schnee nach Holz, fanden aber nichts wie Moos und einige kleine Preiselbeersträucher, die nicht brennen wollten. Von der langen Tagereise und dem erfolglosen Suchen nach Holz ermüdet, kehrten Dodd und ich ins Lager zurück und warfen uns auf unsere Bärenfelle, um Thee zu trinken. Kaum hatte Dodd seine Tasse an die Lippen geführt, als seine Züge einen bestürzten Ausdruck annahmen, als ob sein Thee einen besonderen, außergewöhnlichen Geschmack habe. Ich wollte ihn gerade darüber fragen, als er freudig überrascht ausrief: »Brackwasser! der Thee schmeckt salzig!« Da vielleicht zufällig etwas Salz in den Thee gefallen sein konnte, schickte ich Leute an den Fluß, um ein frisches Stück Eis zu holen, das wir sorgfältig schmelzen ließen. Es war wirklich salzig. Wir waren an dem Punkte angelangt, bis wohin die Flut des stillen Ozeans sich erstreckte, und konnten folglich vom Meere nicht mehr allzu ferne sein. Eine weitere Tagereise mußte uns sicherlich an die Behausung der Amerikaner oder an die Flußmündung bringen. Allem Anscheine nach würden wir kein Holz mehr finden; wir wollten deshalb das klare Wetter so gut wie möglich benutzen, schliefen nur ungefähr sechs Stunden und setzten um Mitternacht bei hellem Mondschein unsere Reise fort. Am elften Tage nach unserer Abreise von Anadyrsk gegen Ende des langen Zwielichts, das auf einen arktischen Tag folgt, näherte sich unser kleiner Zug von elf Schlitten dem Orte, wo wir nach dem Bericht der Tschutschken unsere verbannten Amerikaner zu finden hofften. Die Nacht war still, klar und außerordentlich kalt; bei Sonnenuntergang zeigte das Thermometer 258 44° unter Null und sank, während der rosige Schimmer im Westen immer schwächer wurde, und die Nacht sich auf die weite Steppe lagerte, auf -50° . Gar manches Mal hatte ich in Sibirien und Kamtschatka die Natur in ihrem Wintergewand und von recht schlimmer Seite kennen gelernt, aber noch nie hatten sich Kälte, Unfruchtbarkeit und Einöde zu einem so traurigen Bilde vereinigt, wie in jener Nacht. So weit das Auge die hereinbrechende Dunkelheit zu durchdringen vermochte, dehnte sich in jeder Richtung die trostlose Steppe wie ein schrankenloses Schneemeer, in dem frühere Stürme wellenartige Erhöhungen aufgetürmt hatten. Kein Baum, kein Busch, kein Zeichen tierischen oder vegetabilischen Lebens, um uns zu beweisen, daß wir uns nicht auf einem erstarrten Ozean befänden. Ringsum Schweigen und Tod. Das Land schien von Gott und den Menschen dem arktischen Geiste überlassen zu sein, dessen flatterndes Banner als Zeichen der Eroberung und Herrschaft im Norden aufzuckte. Gegen acht Uhr ging der Vollmond groß und rot im Osten auf und warf einen düstern Schein auf das unermeßliche Schneegefilde; aber als ob auch er unter dem Banne des arktischen Geistes stände, nahm er beständig die phantastischsten, mannigfaltigsten Formen an. Bald dehnte er sich seitwärts in eine lange Ellipse, bald zog er sich in die Höhe, wie eine riesige rote Urne, verlängerte sich in eine senkrechte Stange mit abgerundeten Enden und wurde schließlich dreieckig. Man kann sich kaum vorstellen, in welchem Grade dieser blutrote, verzerrte Mond das Ungewöhnliche und Schauerliche der Scenerie noch erhöhte. Wir kamen uns vor wie in einer erstarrten, verlassenen Welt, in der alle Naturgesetze und Naturerscheinungen aufgehoben, alles tierische und vegetabilische Leben erloschen, und der selbst die Gnade des Schöpfers entzogen worden. Die furchtbare Kälte, die Einsamkeit, das bedrückende Schweigen, das rote, unheimliche Mondlicht, wie der Schein einer fernen großartigen Feuersbrunst, alles verband sich, um den Geist mit einem Gefühl der Bangigkeit zu erfüllen, das vielleicht noch durch 259 das Bewußtsein verstärkt ward, daß noch kein menschliches Wesen, außer einigen nomadischen Tschutschken, sich im Winter in dieses Gebiet des Eiskönigs gewagt hatte. Niemand sang oder scherzte, wie dies unsere Leute sonst bei nächtlichen Fahrten zu thun pflegten. Wie schwerfällig und unempfindlich sie auch sein mochten, es war etwas in dieser Umgebung, das auch sie fühlten, und das sie schweigsam machte. Stunde auf Stunde schlich langsam dahin bis Mitternacht. Wir hatten den Punkt am Fluß, wo die Amerikaner sein sollten, schon mehr als zwanzig Meilen hinter uns, aber von der unterirdischen Hütte, von dem Ofenrohr war keine Spur entdeckt worden, und die große Steppe lag so weiß, so geisterhaft, so unermeßlich vor uns, wie nur je. Seit vierundzwanzig Stunden, Nacht und Tag waren wir gefahren, ohne Aufenthalt, außer gerade vor Sonnenaufgang, um unsere müden Hunde ausruhen zu lassen, und die strenge Kälte, die Ermüdung, die Sorge, der Mangel warmer Nahrung machten sich bei unsern Leuten fühlbar, obgleich sie ohne Murren alles ertrugen. Zum erstenmal wurde uns klar, auf welch abenteuerliches Wagnis wir uns eingelassen hatten, und wie aussichtslos der Erfolg unseres Unternehmens war. Wie konnten wir hoffen, in der Nacht in dieser endlosen Schneewüste eine kleine vergrabene Hütte zu finden, deren Lage wir nicht einmal auf fünfzig Meilen annähernd bestimmen konnten. Wer wußte, ob diese Amerikaner nicht schon vor zwei Monaten ihre unterirdische Wohnung verlassen und mit Eingeborenen einen geschützteren, behaglicheren Aufenthaltsort gesucht hatten. Unsere letzten Nachrichten über sie waren vom 1. Dezember, und jetzt war es Februar. Sie konnten, um eine Niederlassung aufzusuchen, in der Zeit hundert Meilen südlicher der Küste entlang gezogen oder mit Renntier-Tschutschken weit ins Innere gewandert sein. Es war nicht wahrscheinlich, daß sie in dieser öden, traurigen Region vier Monate, ohne einen Versuch, derselben zu entrinnen, verbracht hatten. Und selbst wenn sie noch in ihrem alten Lager ausharrten, wie sollten wir sie finden? Vielleicht waren wir vor Stunden 260 an ihrer unterirdischen Hütte vorübergekommen, ohne dieselbe zu bemerken, und entfernten uns weiter und weiter von derselben, von Holz und von Obdach. Zu Anadyrsk schien es so leicht, einfach flußabwärts zu reisen, bis wir an ein Haus am Ufer kämen oder ein Ofenrohr aus dem Schnee emporragen sähen; aber nun, zweihundertundfünfzig oder dreihundert Meilen von der Niederlassung entfernt, bei einer Temperatur von 50° unter Null , wenn vielleicht unser Leben davon abhing, diese kleine, begrabene Hütte aufzufinden, drängte sich uns die Überzeugung auf, daß wir voreilig gehandelt, und daß unsere Aussichten auf Erfolg sehr gering waren. Mehr als fünfzig Meilen hinter uns hatten wir das letzte Holz gefunden, und durchgefroren und erschöpft, wie wir waren, durften wir an Kampieren ohne Feuer nicht denken. Vorwärts oder rückwärts mußte unsere Losung sein; es handelte sich darum, entweder innerhalb vier Stunden die Hütte zu entdecken, oder auf ihre Auffindung zu verzichten und so schnell wie möglich an die Stelle zurückzukehren, wo wir uns Holz verschaffen konnten. Unsere Hunde fingen schon an, untrügliche Spuren von Erschöpfung zu zeigen; ihre von der langen Reise geschwollenen Füße waren zwischen den Zehen aufgesprungen und färbten bei jedem Schritt den Schnee mit ihrem Blute rot. Es widerstrebte uns, so lange nur ein Schimmer von Hoffnung blieb, unser Vorhaben aufzugeben, und so eilten wir noch immer ostwärts, dem hohen, kahlen Ufer des Flusses entlang, in großer Entfernung von einander, um unsere spähenden Blicke auf einen möglichst großen Raum ausdehnen zu können. Der volle Mond, der jetzt hoch am Himmel stand, beleuchtete die weite, einsame Ebene auf dem nördlichen Flußufer, taghell, aber ihre Weiße wurde von keinem dunkeln Gegenstande unterbrochen, außer von einigen mit Moos oder Sumpfgras bewachsenen kleinen Erhöhungen, von denen der wütende Sturm den Schnee weggefegt hatte. Wir litten alle schrecklich von der Kälte, und unsere Pelzmützen und die Brust unserer Pelzröcke waren mit einer weißen Eisdecke, die von unserem Atem 261 herrührte, bedeckt. Ich hatte zwei schwere Kukhlánkas von Renntierfellen angezogen, die ungefähr dreißig Pfund wogen, sie mit einer Schärpe fest um den Leib gebunden, die dicken Kaputzen derselben über meinen Kopf gezogen und mein Gesicht hinter einer Maske von Eichhornfell in Sicherheit gebracht; aber trotz allem konnte ich nur dem Tode durch Erfrieren entgehen, indem ich neben meinem Schlitten herlief. Dodd sprach kein Wort, er war offenbar entmutigt und halb erstarrt, und die Eingeborenen saßen schweigend auf ihren Schlitten, als ob sie nichts mehr erwarteten und auf nichts mehr hofften. Nur Gregorie und ein alter Tschutschke, den wir als Führer mitgenommen, besaßen noch Energie und schienen das Vertrauen in den endlichen Erfolg unserer Expedition nicht verloren zu haben. Sie gingen voraus, gruben überall im Schnee nach Holz, untersuchten sorgfältig die Flußufer und schweiften gelegentlich auf der Schneeebene in nördlicher Richtung ab. Dodd übergab, ohne mir etwas zu sagen, sein »Oerstel« einem Eingeborenen, versteckte Kopf und Arme in seinen Pelzrock und streckte sich, trotz meiner Warnungen und ohne meine Fragen zu beantworten, auf seinem Schlitten zum Schlafe aus. Die todbringende Kälte, welche von den Extremitäten in tückischer Weise immer mehr zum Sitz des Lebens vordrang, hatte ihn offenbar schon der Besinnung beraubt. Wenn es nicht gelang, ihn aufzurütteln, würde er aller Wahrscheinlichkeit nach die Nacht nicht überleben und konnte schon in zwei Stunden tot sein. Durch unsere scheinbar hoffnungslose Lage verstimmt und von der beständigen Anstrengung, warm zu bleiben, erschöpft, verlor ich schließlich allen Mut und beschloß, weitere Nachforschungen einzustellen und ein Lager zu errichten. Wenn wir blieben, wo wir waren, einen unserer Schlitten als Brennholz opferten, um Thee zu bereiten, konnte Dodd gerettet werden, während es unser aller Leben aufs Spiel setzen hieß, wenn wir ohne Aussicht auf Erfolg oder Brennholz noch weiter in östlicher Richtung vorgingen. Ich hatte gerade den Eingeborenen in meiner nächsten Nähe den Befehl 262 zum Kampieren erteilt, als ich in der Ferne ein schwaches Hallo zu vernehmen wähnte. Alles Blut strömte mir mit einemmal zum Herzen, als ich meine Kaputzen vom Kopfe zog und lauschte. Wieder ertönte durch die lautlose Atmosphäre ein schwacher, langgezogener Ruf aus drei vorausgeeilten Schlitten. Meine Hunde spitzten bei dem überraschenden Klang die Ohren und eilten vorwärts, und einen Augenblick später hatte ich mehrere unserer Führer eingeholt, die am Flußufer um ein halb im Schnee verborgenes, umgestürztes Walfischboot herum standen. Was die Spur im Sande für Robinson Crusoe, das war für uns dieses verwitterte, verlassene Boot, denn es bewies, daß irgendwo in der Nachbarschaft Obdach und Leben zu finden sein müßten. Einer der Leute war einige Augenblicke vorher über einen dunkeln, harten Gegenstand gefahren, den er für Treibholz gehalten, und der sich bei näherer Besichtigung als ein amerikanisches Walfischboot erwies. Wenn wir je Gott aus Herzensgrund Dank gezollt, so war es damals. Ich entfernte mit meinem Fausthandschuh die langen Reiffransen an meinen Augenlidern und spähte umher; aber Gregorie war flinker gewesen als ich; ein Freudenschrei von einem etwas entfernteren Punkte flußabwärts verkündete eine neue Entdeckung. Ich überließ meine Hunde sich selbst, warf mein »Oerstel« von mir und lief, so schnell mich meine Beine tragen konnten, in der Richtung des Schalles. Gregorie und der alte Tschutschke standen vor einem niedrigen Schneehügel und untersuchten einen daraus hervorragenden, schwarzen Gegenstand. Es war das viel besprochene, lang ersehnte Ofenrohr! Die Anadyrabteilung war gefunden! Die unerwartete Auffindung unserer Landsleute in später Nacht, da wir gerade alle Hoffnung auf Obdach, ja fast auf Verlängerung unseres Lebens aufgegeben, erschien unsern entmutigten Herzen als eine Schickung Gottes; ich wußte in meiner Aufregung kaum, was ich that. Ich erinnere mich, daß ich vor dem Schneehügel auf und ab lief und bei jedem Schritt flüsterte: »Gott sei Dank! Gott sei Dank!« Ich war mir nur des einen 263 bewußt, daß wir wirklich gerettet waren. Dodd, den die große Aufregung über die Entdeckung aus seiner Lethargie aufgerüttelt, machte den Vorschlag, den Eingang des Hauses so schnell wie möglich ausfindig zu machen, denn er sei vor Kälte und Erschöpfung dem Tode nahe. Wir konnten an dem Schneehügel kein Lebenszeichen entdecken; wenn derselbe wirklich Bewohner hatte, mußten sie schlafen. Eine Thür war nicht aufzufinden; ich bestieg den Hügel und schrie, so laut ich vermochte, durch das Ofenrohr: »Hallo! das Haus!« Eine erschreckte Stimme unter meinen Füßen fragte: »Wer ist da?« »Kommen Sie heraus! Wo ist die Thüre?« Meine Stimme schien den entsetzten Amerikanern aus dem Ofen zu kommen – ein Phänomen, das ihnen völlig neu war; aber sie zogen den ganz richtigen Schluß, daß einem Ofen, der mitten in der Nacht in gutem Englisch nach der Thür fragen könne, das unzweifelhafte Recht zukomme, Antwort zu erhalten, und sie erwiderten, wenn auch etwas zögernd, die Thür befinde sich auf der südöstlichen Ecke. Nun waren wir gerade so klug wie vorher. Erstens wußten wir gar nicht, wo Südosten war, und zweitens konnte man nicht behaupten, daß der Schneehügel eine Ecke habe. Ich beschrieb also einen Kreis um das Ofenrohr, in der Hoffnung, irgend eine Art von Eingang zu entdecken. – Die Insassen hatten als Thorweg einen tiefen, ungefähr dreißig Fuß langen Gang gegraben und denselben mit Stangen und Renntierfellen bedeckt, um das Einschneien zu vermeiden. Auf dieses schwache Dach trat ich unvorsichtigerweise und fiel durch dasselbe in dem nämlichen Augenblicke, da einer der erschreckten Männer in leichter Bekleidung mit einem Lichte aus dem Zimmer kam, um zu sehen, wer in dem dunkeln Tunnel auftauchen würde. Eine Erscheinung, wie die meinige, durch das Dach herabkommen zu sehen, war gerade nicht geeignet, erregte Nerven zu beruhigen. Mit zwei schweren »Kukhlánkas« bekleidet, hatte meine Gestalt eine gigantische Dimension angenommen; über meinen 264 Kopf waren zwei dicke Kaputzen aus Renntierfellen mit schwarzen, bereiften Fransen aus Bärenfell gezogen; mein Gesicht bedeckte eine Eichhornfellmaske, die mit einer dicken Eisschicht versehen war; nur die durch die wirren bereiften Haarmassen blickenden Augen bewiesen, daß in den Pelzen ein menschliches Wesen steckte. Der Mann taumelte einige Schritte zurück und ließ beinahe sein Licht fallen. Ich kam in so fragwürdiger Gestalt, daß er wohl Zweifel über meine Absichten hegen konnte. Als ich ihn jedoch abermals in englischer Sprache anredete, blieb er stehen; ich riß meine Maske ab und nannte meinen Namen. Die Freude in dem kleinen, unterirdischen Keller läßt sich nicht beschreiben, als ich in den beiden Verbannten meine alten Kameraden und Freunde erkannte, von denen ich mich vor acht Monaten, als die Olga aus dem goldenen Thor von San Franzisco segelte, verabschiedet hatte. Das hätte ich mir nicht träumen lassen, daß ich Harder und Robinson das nächste Mal mitten in der Nacht in einem kleinen, schneebedeckten Keller auf den großen, einsamen Steppen des unteren Anadyr wiedersehen würde. Sobald wir uns unserer schweren Pelze entledigt und ans Feuer gesetzt hatten, empfanden wir die Reaktion, welche nach den letzten vierundzwanzig, in Gefahr, Leiden und Sorgen verbrachten Stunden, nicht ausbleiben konnte. Unsere überreizten Nerven gaben nach, und in Zeit von zehn Minuten war ich außer stande, eine Tasse Kaffee an meine Lippen zu führen. Beschämt über diese weibische Schwäche, suchte ich dieselbe vor den Amerikanern zu verbergen, und ich glaube, sie ahnen heute noch nicht, daß Dodd und ich in den ersten zwanzig Minuten einigemal nahe daran waren, das Bewußtsein zu verlieren infolge des plötzlichen Wechsels von 50° unter auf 70° über Null und der durch Mangel an Schlaf und Sorgen erzeugten nervösen Erschöpfung. Wir hatten ein unwiderstehliches Verlangen nach einem starken Reizmittel, und baten um Branntwein, aber es war nichts Derartiges vorhanden. Diese Schwäche ging jedoch bald vorüber, und wir erzählten uns gegenseitig unsere Erlebnisse und Abenteuer, 265 während unsere Begleiter sich in einer Ecke der Hütte zusammendrängten und an Thee gütlich thaten. Die Amerikaner, die wir mehr als dreihundert Werst von Anadyrsk so im Schnee vergraben aufgefunden hatten, waren im September von einem der Schiffe der Telegraphengesellschaft ans Land gesetzt worden. Sie hatten beabsichtigt, in einem Walfischboote bis an eine Niederlassung stromaufwärts zu fahren und von da aus Fühlung mit uns zu suchen; aber der Winter war so plötzlich eingetreten, und der Fluß so unerwartet schnell zugefroren, daß der Plan nicht ausgeführt werden konnte. Da sie außer dem Boote über keinerlei Transportmittel verfügten, blieb ihnen nichts anderes übrig, als sich ein Haus zu bauen und Winterquartiere zu beziehen in der schwachen Hoffnung, Major Abaza würde ihnen vor dem Frühling Entsatzmannschaft schicken. Aus Gebüsch, Treibholz und einigen mitgebrachten Brettern hatten sie eine Art unterirdische Höhle errichtet und darin seit fünf Monaten bei Lampenlicht gehaust, ohne ein civilisiertes menschliches Wesen zu erblicken. Die nomadischen Tschutschken hatten sie entdeckt und ihnen auf Renntierschlitten Besuche abgestattet, sie auch mit frischem Fleisch und Thran versehen, den sie als Lampenöl benutzten. Aber infolge des von mir erwähnten Aberglaubens war es ihnen unmöglich, sich von den Eingeborenen lebendige Renntiere zum Transport zu verschaffen. Die Abteilung hatte ursprünglich aus fünf Männern bestanden – Macrae, Arnold, Robinson, Harder und Smith; ungefähr drei Wochen vor unserer Ankunft waren Macrae und Arnold mit wandernden Tschutschken auf der Suche nach einer russischen Niederlassung fortgezogen. Seitdem hatten sie kein Lebenszeichen von sich gegeben, und Robinson, Harder und Smith waren sich allein überlassen gewesen. Dies war die Lage, als wir die Gesellschaft entdeckten. Es blieb natürlich nichts anderes übrig, als diese drei Männer samt ihren Vorräten nach Anadyrsk zu verbringen, wo vermutlich Macrae und Arnold schon unserer Ankunft harrten. Die Tschutschken kamen, wie 266 mir bekannt, jeden Winter zu Handelszwecken nach Anadyrsk und würden vermutlich die beiden Amerikaner mitbringen. Nach drei Tagen, die wir der Ruhe, dem Ausbessern von Schäden und dem Einpacken gewidmet, traten wir die Rückreise an und gelangten am 6. Februar wohlbehalten nach Anadyrsk. 267   29. Kapitel. Alle Bewohner der Niederlassung begrüßten uns bei unserer Ankunft auf den Straßen; aber wir waren enttäuscht, Macrae und Arnold nicht unter ihnen zu erblicken. Viele Tschutschken vom unteren Anadyr waren im Dorfe angekommen, von den vermißten Männern hatte keiner Kunde gebracht. Seit sie ihr Lager am Fluß verlassen, waren fünfundvierzig Tage verstrichen, und wenn sie nicht umgekommen oder ermordet worden waren, hätten sie längst auf der Bildfläche erschienen sein müssen. Gern hätte ich sie aufsuchen lassen, aber es fehlte mir an jeglichem Anhaltspunkte über die Richtung und Absichten der Tschutschken, denen sie sich zugesellt hatten; nach einer Gesellschaft wandernder Tschutschken auf diesen weiten Steppen zu suchen, war ebenso hoffnungslos, wie nach einem verlorenen Schiff auf dem stillen Ozean und weit gefährlicher. Wir konnten also nur warten und das Beste hoffen. In der ersten Woche nach unserer Rückkehr ruhten wir uns aus, holten in unseren Tagebüchern das Versäumte nach und verfaßten einen Bericht über unsere Beobachtungen und Erlebnisse, der dem Major durch einen Kurier überbracht werden sollte. Während dieser Zeit erschienen zahlreiche, wilde, nomadische Eingeborene – Tschutschken, Lamutken und einige Korjäken – in der Niederlassung, um ihre Pelze und Walroßzähne gegen Tabak 268 auszutauschen, und verschafften uns eine vortreffliche Gelegenheit, ihre Lebensweise und charakteristischen Eigenschaften zu studieren. Die wandernden Tschutschken, welche am meisten vertreten waren, offenbar der mächtigste Stamm in Nordostsibirien, machten uns in ihrer Erscheinung im allgemeinen einen sehr günstigen Eindruck. Mit Ausnahme ihrer Kleidung waren sie kaum von den Indianern Nordamerikas zu unterscheiden, viele von ihnen gehörten zu den größten, athletischsten und kraftvollsten Männern, die ich je gesehen. Sie unterschieden sich in nichts Wesentlichem von den wandernden Korjäken, deren Sitten, Religion und Lebensweise ich bereits geschildert habe. Die Lamutken dagegen waren eine durchaus verschiedene Rasse, und das einzig Gemeinsame mit den Tschutschken war ihr Nomadenleben. Alle Eingeborenen Nordostsibiriens außer den Kamtschadalen, Tschuansen und Jukahiren, die teilweise russifiziert sind, können in drei Klassen eingeteilt werden. Die erste derselben, welche die nord-amerikanisch-indianische Klasse genannt werden kann, umfaßt die wandernden und ansässigen Tschutschken und Korjäken, welche den zwischen dem hundertundsechzigsten Grad östlicher Länge und der Behringsstraße liegenden Teil von Sibirien innehaben. Dies ist die einzige Klasse, welche der russischen Eroberung je erfolgreichen Widerstand geleistet hat, und die Zugehörigen derselben sind ohne Zweifel die tapfersten und unabhängigsten Wilden in ganz Sibirien. Ich glaube nicht, daß sich deren Zahl auf mehr als sechs- oder achttausend Seelen beläuft, obgleich die Russen viel höhere Zahlen angeben. Die zweite Klasse umfaßt alle Eingeborenen von untrüglich chinesischer Abstammung, wie die Tungusen, Lamutken, Monzhauren und die Giljaken des Amurflusses. Sie nimmt wahrscheinlich so viel Raum ein, wie die beiden andern Klassen zusammengenommen, da die Repräsentanten derselben im Westen bis an den Jenisei und im Osten bis Anadyrsk auf dem hundertneunundsechzigsten Grad östlicher Länge zu finden sind. Die 269 einzigen, mir bekannten Zweige dieser Klasse sind die Lamutken und Tungusen. Sie sind sich außerordentlich ähnlich, sehr schlank gebaut, haben schlichtes, schwarzes Haar, dunkelolivenfarbene Haut, keinen Bart und mehr oder weniger schiefstehende Augen. Sie gleichen einem Tschutschken oder Korjäken ebensowenig, wie ein Chinese einem Camanchen oder Sioux. Ihre Kleidung ist sehr eigentümlich. Sie besteht aus Pelzkappen, engen Pelzhosen, kurzen Stiefeln aus Renntierfell, Schurzfellen, wie sie Freimaurer tragen, aus weichem Bockleder, das mit Perlen und Metallstückchen sorgfältig verziert ist, und eigentümlichen kurzen Überröcken von civilisiertem Schnitt aus Renntierfell mit langer Chenille aus gefärbten Renntierhaaren besetzt. Dieselbe macht ganz den Eindruck einer Uniform. Männer und Frauen sind sich in Hinsicht auf Erscheinung und Kleidung sehr ähnlich, einem Fremden wäre es unmöglich, sie zu unterscheiden. Wie die Tschutschken und Korjäken sind sie Renntiernomaden, aber ihre Lebensweise ist von der der ersteren verschieden. Ihre Zelte sind kleiner und von anderer Konstruktion, und anstatt ihre Zeltpfähle wie die Tschutschken von einem Ort zum andern zu schleppen, lassen sie dieselben bei Aufbruch des Lagers stehen, und schneiden entweder andere zu oder bedienen sich derer, die andere Nomaden stehen ließen. Zeltpfähle dienen deshalb als Landmark, und man rechnet von einem Zeltgerüst zum andern eine Tagereise. Nur wenige Tungusen oder Lamutken besitzen viele Renntiere. Zwei- oder dreihundert gelten für eine große Herde, und ein Mann, der noch mehr besitzt, wird als eine Art Millionär betrachtet. Herden von fünf- bis zehntausend, wie die der Korjäken im nördlichen Kamtschatka, sind westlich von Gischiginsk nicht anzutreffen. Die Tungusen nutzen aber ihre Tiere viel besser aus; sie richten dieselben z. B. zum Reiten und Lastentragen ab, was die Korjäken selten thun. Die Tungusen sind mild und liebenswürdig, leicht zu regieren und zu beeinflussen, und wenn sie sich über so weite Strecken Landes verbreitet haben, ist dies mehr der Duldung anderer Stämme, als ihrer eigenen, aggressiven 270 Veranlagung zuzuschreiben. Ihre ursprüngliche Religion war der Schamanismus, aber jetzt bekennen sie sich fast ganz allgemein zum griechisch-russischen Glauben und empfangen christliche Namen. Sie erkennen auch die Oberhoheit des Zaren an und bezahlen einen regelmäßigen, jährlichen Tribut in Pelzen. Fast alle sibirischen Eichhörnchenfelle, welche auf den europäischen Markt kommen, werden von russischen Händlern den wandernden Tungusen am ochotskischen Meere abgekauft. Als ich im Herbste 1867 Ochotsk verließ, hatte ein einziger russischer Kaufmann daselbst einen Vorrat von siebzigtausend Eichhörnchenfellen, und dies war nur ein kleiner Teil der von den Tungusen in jenem Sommer eingefangenen. Die Lamutken, mit den Tungusen nahe verwandt, sind geringer an Zahl, leben aber genau in derselben Weise. Während fast zweijähriger, ununterbrochener Reisen in allen Teilen Nordostsibiriens begegnete ich drei, höchstens vier Nomadenfamilien dieses Stammes. Die dritte Klasse von Eingeborenen ist die türkische. Sie umfaßt einzig und allein die Jakuten, die von der Lenaquelle bis zum nördlichen Eismeere ansässig sind. Ihr Ursprung ist unbekannt, aber ihre Sprache soll dem Türkischen oder modernen Osmanischen so ähnlich sein, daß ein Konstantinopolitaner der niederen Klassen sich mit einem Jakuten an der Lena vortrefflich verständigen könnte. Ich bedauere, daß ich während meines sibirischen Aufenthaltes nicht genug Interesse für die vergleichende Sprachwissenschaft besaß, um ein Wörterbuch und eine Grammatik der jakutischen Sprache zusammenzustellen. Ich hätte vortreffliche Gelegenheit dazu gehabt, war mir aber zur Zeit ihrer großen Ähnlichkeit mit dem Türkischen nicht bewußt und betrachtete sie nur als ein unverständliches Kauderwelsch, das die Teilnahme der Jakuten am Turmbau zu Babel klar bewies. Der größere Teil dieses Stammes wohnt unmittelbar am nördlichen Polarkreis, und sie können unstreitig, ohne darunter zu leiden, eine niedrigere Temperatur vertragen als die anderen Eingeborenen Sibiriens. Der russische 271 Forscher Wrangel nennt sie »Leute von Eisen«, und sie verdienen wirklich diese Benennung. Das Thermometer zu Jakutsk, wo mehrere tausend von ihnen ansässig sind, zeigt während der drei Wintermonate durchschnittlich siebenunddreißig Grad unter Null , aber diese intensive Kälte scheint ihnen nicht das mindeste Unbehagen zu verursachen. Ich habe sie bei einer Temperatur von -40° nur mit einem Hemd und einem einzigen Schafspelzrock ruhig in der Straße stehen, plaudern und lachen sehen, als ob der herrlichste Sommertag sei, und das lindeste Lüftchen wehe. Sie sind die sparsamsten und fleißigsten Eingeborenen in ganz Nordasien. Eine sprichwörtliche Redensart in Sibirien sagt, wenn man einen von allem entblößten Jakuten in die Mitte einer großen, öden Steppe versetze, und nach einem Jahre auf denselben Fleck zurückkehre, man ihn in einem großen, behaglichen, von Scheunen und Heuschobern umgebenen Hause, im Besitz von Pferde- und Kinderherden und im Vollgenuß eines patriarchalischen Lebens finden würde. Alle sind durch den russischen Verkehr mehr oder weniger civilisiert und haben russische Sitten und den Glauben der griechischen Kirche angenommen. Die an der Lena ansässigen bauen Roggen und Gras, halten Herden von sibirischen Pferden und Vieh, leben hauptsächlich von schlechtem Schwarzbrot, Milch, Butter und Pferdefleisch und sind notorische Vielesser. Das »Topor« oder die kurze russische Axt verstehen sie vortrefflich zu handhaben; mit diesem Instrument in einen Urwald versetzt, fällen sie Bäume, richten Bauholz und Bretter her, schlagen ein behagliches Haus auf und vollenden es samt Thüren mit Füllungen und Fensterkreuzen. Sie sind die einzigen Eingeborenen in ganz Nordostsibirien, die fähig und willens sind, schwere Arbeit andauernd zu verrichten. Diese drei großen Klassen, die amerikanisch-indianischen Eingeborenen, die chinesischen Eingeborenen und die türkisch-jakutischen Eingeborenen umfassen alle Ureinwohner des nordöstlichen Sibirien, außer den Kamtschadalen, den Tschuansen und Jukahiren, und diese 272 haben sich unter russischem Einfluß so verändert, daß es schwierig ist zu bestimmen, mit welcher Klasse sie am nächsten verwandt sind; der Ethnologe wird demnächst durch ihr unvermeidliches Aussterben in dieser Hinsicht aller Mühe überhoben sein. Die Tschuansen und Jukahiren sind nur noch Überbleibsel von Stämmen, und ihre Sprache wird mit der gegenwärtigen Generation verschwinden. Die Eingeborenen, die wir in Anadyrsk am besten kennen lernten, waren, wie schon gesagt, die Tschutschken. Sie suchten uns häufig in zahlreichen Gesellschaften auf und belustigten uns nicht wenig durch ihre naiven, kindlichen Bemerkungen über Amerikaner, amerikanische Instrumente und die merkwürdigen amerikanischen Dinge im allgemeinen, die wir zu ihrer Besichtigung hervorholten. Nie werde ich das maßlose Staunen vergessen, mit dem einige von ihnen durch meinen Feldstecher blickten. An einem klaren, kalten Tage benutzte ich denselben im Freien, und eine große Menge Tschutschken und Jukahiren versammelte sich um mich, um mir zuzusehen. Da ich ihre Neugierde bemerkte, reichte ich einem von ihnen das Glas und hieß ihn einen anderen Eingeborenen betrachten, der in einer Entfernung von etwa zweihundert Metern auf der Ebene stand. Der Ausdruck bestürzten, halb ungläubigen Erstaunens in seinen Zügen, als er den Eingeborenen scheinbar nur einige Fuß von sich entfernt sah, war unwiderstehlich komisch. Er ahnte nichts von einer optischen Täuschung, sondern glaubte, das wunderbare Instrument habe den Mann in Wirklichkeit aus der Entfernung von hundert Metern in seine Nähe versetzt, und indem er das Glas mit der einen Hand vor seine Augen hielt, griff er mit der andern nach dem Manne, um ihn festzuhalten. Da er denselben zu seinem Erstaunen nicht fassen konnte, entfernte er das Glas und sah ihn zweihundert Meter weit ruhig an demselben Platze stehen. Er meinte, wenn er nur rasch genug das geheimnisvolle Instrument an seine Angen bringen, er den Mann in seiner Vorwärtsbewegung überraschen, ihn vielleicht auf halbem Wege fangen und herausfinden 273 könnte, wie die Sache vor sich gehe. So erhob er das Glas sehr langsam (indem er den Mann aufmerksam beobachtete, ob er sich nicht zu früh in Bewegung setze), und als es noch einen Zoll von seinen Augen entfernt war, blickte er schnell durch dasselbe. Aber was nützte alles? Der Mann war momentan wieder dicht vor ihm, doch wie das geschehen, das wußte er nicht. Vielleicht könnte er ihn fangen, wenn er sich plötzlich auf ihn stürzte, und er versuchte es. Aber auch das war vergeblich, und die andern Eingeborenen betrachteten ihren Kameraden mit wachsendem Erstaunen und fragten sich, was alle seine sonderbaren Bewegungen zu bedeuten hätten. In großer Aufregung bemühte er sich, ihnen zu erklären, daß der Mann ihm auf Armes Länge nahe gebracht worden, und daß er ihn doch nicht habe fassen können. Die andern behaupteten natürlich, der Mann habe sich gar nicht bewegt, und nun stritten sie sich herum, ob dieser unschuldige und ahnungslose Mann sich ihnen genähert habe oder nicht. Der getäuschte Eingeborene wandte sich an mich, aber da ich mich vor Lachen schüttelte, konnte ich ihm keine Antwort geben, und so lief er davon, um sich bei dem Manne selbst des Näheren zu erkundigen. Wir, die wir mit den Entdeckungen der Wissenschaft vertraut sind, können kaum den Eindruck begreifen, den sie auf jeglicher Bildung ermangelnde Wilde machen; aber wenn vollendetere Wesen vom Jupiter kämen und uns ein geheimnisvolles Instrument zeigten, das einen Mann befähigte, an zwei Orten zugleich zu sein, so würden wir die Regungen eines armen Tschutschken begreifen, der durch einen Feldstecher sieht. Bald nachher kampierte ich mit einer Gesellschaft dieser nämlichen Eingeborenen auf einer großen Ebene unweit Anadyrsks, und da mir Dodd durch einen besonderen Boten ein Billet geschickt, las ich dasselbe am Lagerfeuer. Bei mehreren humoristischen Stellen brach ich in lautes Lachen aus, was einige Eingeborene veranlaßte, sich mit den Ellenbogen anzustoßen und auf mich zu deuten, als ob sie sagen wollten: »Seht 274 doch einmal den verrückten Amerikaner! Was ist jetzt mit ihm los?« Schließlich fragte mich ein alter Mann mit grauen Haaren, über was ich lache. Ich zeigte auf das Stück Papier und erwiderte: »Ich lache hierüber.« Der alte Mann überlegte sich die Sache, besprach sich mit den andern, und auch diese sannen nach, aber niemand schien ein Licht über mein unbegreifliches Lachen aufzugehen. Da nahm der alte Mann ein halbverbranntes Stück Holz aus dem Feuer und sagte: »Was würden Sie dazu sagen, wenn ich einen Augenblick lang dieses Stück Holz betrachtete und dann lachte?« »Ich würde Sie für einen Narren halten,« lautete meine Antwort. »Nun,« versetzte er mit großer Befriedigung, »das ist gerade, was ich von Ihnen denke.« Es schien ihm sehr zu gefallen, daß unsere Meinungen über so verrücktes Betragen übereinstimmten. Einen Stock betrachten und lachen und ein Stück Papier betrachten und lachen war für ihn eines so abgeschmackt wie das andere. Die Sprachen der Tschutschken und Korjäken sind nie geschrieben worden, noch versuchen diese Stämme je, so viel ich weiß, Gedanken durch Zeichen oder Bilder auszudrücken. Ein geschriebener Gedanke ist für viele von ihnen ein unmöglicher Begriff. Man kann sich vielleicht vorstellen, mit welcher Verwunderung und getäuschter Neugierde sie sich in illustrierte Zeitungen vertiefen, die ihnen gelegentlich von Matrosen von Walfischbooten, die die Küste berühren, geschenkt werden. In einigen der Bilder erkennen sie Darstellungen von Dingen, mit denen sie bekannt sind, aber bei weitem die meisten sind ihnen so unverständlich, wie die Hieroglyphen der Azteken. Einst brachte mir ein Korjäke ein altes, zerfetztes Modebild aus »Frank Leslies illustrierter Zeitung«, auf dem drei oder vier Damen in ganzer Figur in weiten Crinolinen, wie sie damals modern, dargestellt waren. Der arme Korjäke erzählte mir, er habe sich oft gefragt, was für merkwürdige Dinger das sein könnten, ich als Amerikaner könne es ihm gewiß sagen. Er hatte offenbar nicht den geringsten Argwohn, daß sie menschliche Wesen vorstellen sollten. Ich teilte ihm mit, daß diese 275 merkwürdigen Dinger, wie er sie nannte, amerikanische Frauen seien. Er konnte sich nicht fassen vor Erstaunen und fragte mit verwundertem Blick: »Sind alle Frauen in Ihrem Lande unten so umfangreich?« Das war eine scharfe Bemerkung über die Kleidung unserer Frauen, und ich wagte nicht, ihm zu sagen, daß der Umfang künstlich sei, sondern bejahte traurig seine Frage. Er betrachtete neugierig meine Füße und dann das Bild und dann wieder meine Füße, als ob er die Ähnlichkeit zwischen einem amerikanischen Mann und einer amerikanischen Frau feststellen wolle; aber es gelang ihm nicht, und sein weiser Schluß lautete, daß dieselben ganz verschiedener Art sein müßten. Die Bilder dieser Zeitungen dienen oft merkwürdigen Zwecken. In der Hütte eines zum Christentum bekehrten, aber unwissenden Eingeborenen in der Nähe von Anadyrsk erblickte ich einmal in einer Ecke des Zimmers das Porträt von Generalmajor Dix, das aus »Harpers Weekly« geschnitten und hier als russisches Heiligenbild verehrt wurde. Eine vergoldete Kerze brannte vor seinem eingeräucherten Gesichte, und morgens und abends richteten ein Dutzend Eingeborene ihre Gebete an einen Generalmajor des Heeres der Vereinigten Staaten. Dies ist wohl das einzige Beispiel, daß ein Generalmajor bei Lebzeiten zur Würde eines Heiligen erhoben worden. Der heilige Georg soll ursprünglich ein bestechlicher Armeelieferant in Kappadozien gewesen sein, aber er wurde erst lange nach seinem Tode kanonisiert, als das Andenken an seine Kontrakte verwischt war. Dem Generalmajor Dix war die Ehre vorbehalten, zu gleicher Zeit Gesandter der Vereinigten Staaten zu Paris und in Sibirien ein Heiliger zu sein. 276   30. Kapitel. Unter den spärlichen Freuden, welche dem Reisenden im hohen Norden Ersatz bieten für die vielen Beschwerden und Mühsale, ist keine größer und nachhaltiger, als das Schauspiel der Aurora borealis , welche gelegentlich die Finsternis der langen Polarnacht erhellt und das ganze Himmelsgewölbe in überirdischem Strahlenglanze erscheinen läßt. Keine andere Naturerscheinung ist so großartig, so geheimnisvoll, so schrecklich schön in ihrer himmlischen Pracht wie diese; der Schleier, welcher dem sterblichen Auge die Strahlenkrone des Ewigen verhüllt, scheint gelüftet, und der von banger Ehrfurcht erfüllte Beschauer, der Atmosphäre des täglichen Lebens entrückt, wähnt vor Gottes Thron zu stehen. Am 26. Februar, als wir noch alle in Anadyrsk beisammen waren, hatten wir das Glück, ein so großartiges Nordlicht bewundern zu dürfen, wie seit mehr als fünfzig Jahren keins gesehen worden war; selbst die Eingeborenen staunten ob seines außergewöhnlichen, wunderbaren Glanzes. Es war eine kalte, dunkle, aber klare Winternacht, und in den frühen Abendstunden war am Himmel noch keine Spur von der prächtigen Illumination zu entdecken, die sich vorbereitete. Im Norden zuckten zwar dann und wann einige Lichtströme auf; ein matter Glanz, wie der des aufgehenden Mondes, zeigte sich über dem dunkeln Gebüsch, welches das 277 Flußufer einfaßte; aber das waren gewöhnliche Erscheinungen, die niemandes Aufmerksamkeit erregten. Spät am Abend, da wir uns anschickten, zu Bett zu gehen, begab sich Dodd zufällig noch einmal ins Freie, um nach seinen Hunden zu sehen; kaum an der Hausthüre angelangt, stürzte er zurück und schrie mit vor Aufregung glühendem Gesichte: »Kennan, Robinson, heraus! schnell!« – Unter dem Eindruck, daß das ganze Dorf in Flammen stehe, sprang ich auf und lief, ohne mir zum Anziehen meiner Pelze Zeit zu nehmen, hinaus, von Robinson, Harder und Smith gefolgt. Als wir ins Freie kamen, umfloß uns eine so überraschend großartige Lichtfülle und Farbenpracht, daß unsere erschreckten Augen ganz geblendet waren. Das ganze Weltall schien in Flammen aufzulodern. Gleich einem gigantischen Regenbogen spannte sich am Himmelsgewölbe von Osten nach Westen ein breiter glänzender Streifen in allen Farben des Prismas, von dessen convexem Rand sich eine lange Franse roter und gelber Lichtströme bis zum Zenith erstreckte. Diesem Bogen parallel tauchten plötzlich am nördlichen Horizont breite Lichtwellen auf, die in ruhiger Majestät sich über den ganzen Himmel ergossen, wie lange Wogen phosphorescierenden Lichtes, die aus einem schrankenlosen Lichtmeere hervorquollen. Für die Dauer eines Augenblicks wallte und zitterte der majestätische Bogen, wechselte die Farbe, und die glänzenden Lichtströme an seinem Rande wogten in großen Curven hin und her. Dann bewegte sich der herrliche Nordlicht-Regenbogen mit seinen zuckenden Lichtströmen langsam nach dem Zenith, und ein zweiter Bogen von gleicher Pracht bildete sich unter demselben, aus dem eine lange, dichtgedrängte Reihe bunter Lanzen zum Polarstern aufschossen, als ob himmlische Heerscharen die Waffen präsentierten. Mit jedem Augenblick entfaltete das Phänomen noch überirdischere Pracht. Die Lichtstreifen drehten sich schnell wie die Speichen eines leuchtenden Rades; die Lichtströme zuckten von den Enden der Bogen nach dem Mittelpunkte, und dann und wann tauchte im 278 Norden eine Glutwelle auf, die den ganzen Himmel karmesinrot färbte und die Schneehülle der Erde mit rosigem Schimmer übergoß. Aber als die Worte der Prophezeiung »Und die Himmel werden in Blut verwandelt werden« sich mir auf die Lippen drängten, verschwand plötzlich das Rot, ein orangegelber leuchtender Blitz überflutete alles mit seinem blendenden Glanze und erstreckte sich sogar auf den südlichen Horizont, als ob die ganze Atmosphäre momentan in Brand geraten sei. Ich hielt einen Augenblick den Atem an in banger Erwartung des furchtbaren Donnerschlages, der, wie mir schien, dieser lebhaften Lichterscheinung folgen müßte; aber weder am Himmel noch auf der Erde unterbrach der geringste Laut die feierliche Stille der Nacht, außer dem hastig gemurmelten Gebete des erschreckten Eingeborenen an meiner Seite, der sich bekreuzte und vor der sichtbaren Majestät Gottes in die Kniee sank. Mich dünkte, selbst der Allmächtige könne der Herrlichkeit der Aurora borealis , wie sie jetzt erschien, nichts mehr hinzufügen. Der rasche Wechsel von Rot, Blau, Grün und Gelb am Himmel wurde von der weißen Schneefläche so lebhaft zurückgeworfen, daß bald die ganze Welt in Glut getaucht schien, bald in blasser, geisterhaft grüner Atmosphäre zitterte, von welcher sich in unsagbarer Schönheit die roten und gelben Bogen abhoben. Aber das war noch nicht alles. Da wir mit unverwandtem Blick das Hin- und Herwogen der großen himmlischen Fluten bunten Lichtes beobachteten, wurde das letzte Siegel der erhabenen Offenbarung plötzlich gelöst: beide Bogen wurden gleichzeitig in tausend parallele schnurgerade Stäbe zertrümmert, von denen jeder vom einen Ende zum andern in regelmäßiger Reihenfolge die sieben ursprünglichen Farben des Spektrums entfaltete. Von Horizont zu Horizont wölbten sich nun zwei breite Brücken von bunten Stäben, auf denen wir fast die lichten Gestalten einer anderen Welt einherschreiten zu sehen hofften. Unter den Zeichen des Staunens und Schreckens und dem Schrei der Eingeborenen: »Gott sei uns gnädig!« gerieten nun diese zahllosen Stäbe längs 279 der ganzen Ausdehnung der beiden Bogen in rasche, tanzende Bewegung, schossen mit so verwirrender Geschwindigkeit aneinander vorüber, daß das Auge ihnen nicht zu folgen vermochte. Das ganze Himmelsgewölbe schien in ein großes, drehendes Kaleidoskop von zerschmetterten Regenbogen verwandelt zu sein. Daß ein Nordlicht eine so großartige Erscheinung sein könne, hätte ich mir nicht träumen lassen, und ich schäme mich nicht zu gestehen, daß seine Herrlichkeit in diesem Augenblick mich mit Ehrfurcht und Schrecken erfüllte. Der ganze Himmel vom Zenith zum Horizont war ein wogendes Farben- und Feuermeer, karmesinrot und purpurn, scharlachrot und grün, Farben, für welche die Sprache keine Worte und der Geist keine Begriffe hat, – Dinge, die man nur fassen kann, während das Auge sie schaut. Die Zeichen am Himmel waren großartig genug, um den Untergang einer Welt zu verkünden, Blitze von prächtiger, zitternder Farbe bedeckten den halben Himmel für einen Augenblick und verschwanden wie Wetterleuchten; glänzend grüne Lichtströme schossen bis zum Zenith empor; Tausende bunter Stäbe flogen in zwei prachtvollen Bogen aneinander vorbei, und unermeßliche Lichtwogen rollten aus dem Weltenraume daher und durchbrachen mit ihrem Strahlenglanze die Luftschicht der dunkeln Erde. Mit der Zersplitterung der beiden Bogen in die gleichartigen Stäbe erreichte die Pracht der Naturerscheinung ihren Höhepunkt; von dem Augenblick an verblaßte die überirdische Schönheit langsam aber stet. Der erste Bogen verschwand und bald darauf der zweite; die Farbenblitze wurden weniger häufig und matter, die Lichtwellen zuckten nicht mehr zum Zenith auf, und eine Stunde später erinnerte an dem dunkeln, gestirnten Himmel nichts mehr an die Aurora borealis als einige schwach erleuchtete Dunstwolken. Ich bin mir nur zu sehr meiner Unfähigkeit bewußt, die einzigartige Pracht dieser großartigen Naturerscheinung in entsprechender Weise zu schildern; aber derartige Lichteffekte lassen sich ebensowenig in Worte 280 fassen, wie ein unerfahrener Anfänger mit Holzkohle die Farbenpracht einer Turner'schen Landschaft wiedergeben könnte. Ich habe nur Winke zu geben vermocht, welche die Einbildungskraft des Lesers ergänzen muß. Aber er möge mir's glauben, auch nicht die getreueste Schilderung, nicht der kühnste Flug der Phantasie könnte einem Schauspiel von so überirdischer Großartigkeit gerecht werden. Ehe der Mensch seine sterbliche Hülle abgestreift und in Gegenwart des Ewigen steht, wird er keine so überwältigende Offenbarung »der Herrlichkeit des Herrn« schauen, wie sie eine Aurora borealis darbietet. Der Monat Februar schlich langsam dahin, und der März fand uns noch in Anadyrsk ohne Nachrichten von dem Major oder den Vermißten, Arnold und Macrae. Siebenundfünfzig Tage waren vergangen, seit sie ihr Lager am unteren Anadyr verlassen, und wir fingen an zu befürchten, daß sie auf Nimmerwiedersehen verschwunden seien. Waren sie Hungers gestorben, oder auf einer der trostlosen Ebenen südlich der Behringsstraße erfroren, oder von den Tschutschken ermordet worden? Wir konnten uns nur in Vermutungen ergehen, ihre lange Abwesenheit war jedenfalls ein Beweis, daß ihnen irgend ein Unglück zugestoßen war. Von der Gegend, durch die wir von Schestakowa nach Anadyrsk gekommen, war ich durchaus nicht erbaut, erstens wegen ihrer Unfruchtbarkeit und zweitens wegen der Unmöglichkeit, von den wenigen bewaldeten Flüssen, welche sie durchströmten, schwere Telegraphenstangen über die weiten Schneesteppen transportieren zu können. So verließ ich Anadyrsk am vierten März mit fünf Hundeschlitten, um, wenn möglich, zwischen dem Anadyr und den Quellen des Penschina eine bessere Route zu entdecken. Drei Tage nach unserer Abreise begegneten wir auf dem Wege nach Penschinsk einem Boten aus Gischiginsk, welcher einen Brief vom Major überbrachte, der »Ochotsk, den neunzehnten Januar« datiert war. Eingeschlossen waren Briefe von Oberst Bulkley, welche das Landen der Anadyrabteilung unter Lieutenant Macrae meldeten, und ein Situationsplan ihres Lagers. 281 Der Major schrieb Folgendes: »Im Fall – was Gott verhüte – Macrae und seine Begleiter noch nicht in Anadyrsk angekommen sind, werden Sie nach Empfang dieser Zeilen alles aufbieten, um sie aus ihrem allzulangen Winterquartier an der Anadyrmündung zu erlösen, wo sie sich seit September befinden. Ich war versichert worden, Macrae würde nur ans Land gesetzt werden, wenn man mit absoluter Sicherheit darauf rechnen könnte, daß er Anadyrsk per Boot zu erreichen imstande sei, und ich muß gestehen, daß Überraschungen, wie Oberst Bulkley sie mir bereitet hat, mir sehr mißfallen. Nichtsdestoweniger ist es jetzt unsere Pflicht, für die Anadyrabteilung alles zu thun, was in unseren Kräften steht. Sie müssen sofort Hundeschlitten requirieren, sie mit Hundefutter und Vorräten bepacken und sich zur Entdeckung von Macraes Lager aufmachen.« – Diesen Auftrag hatte ich bereits ausgeführt, und Macraes Gesellschaft, oder wenigstens alle, die ich auffinden konnte, befanden sich zu Anadyrsk. Als der Major diesen Brief schrieb, konnte er natürlich nicht ahnen, daß Dodd und ich durch die wandernden Tschutschken von der Landung dieser Abteilung benachrichtigt worden, und daß wir uns zu ihrer Entdeckung ohne Befehl aufgemacht hatten. Er hatte uns ja ausdrücklich gesagt, die Erforschung des Anadyr auf eine andere Jahreszeit zu verschieben, und war überzeugt, daß wir uns nicht über Anadyrsk hinauswagen würden. Auf dem beeisten Lauf meines umgestürzten Schlittens schrieb ich in Eile einige Zeilen an Dodd – erfror beiläufig gesagt zwei Finger bei der Gelegenheit – und schickte den Kurier mit den Briefen weiter nach Anadyrsk. Die Post hatte mir auch Briefe von Kapitän Scammon, dem Flotten-Kommandanten der Gesellschaft, und von meinem naturwissenschaftlichen Freunde Dall überbracht, der mit den Schiffen nach San Franzisco zurückgekehrt war und während eines mehrtägigen Aufenthaltes in Petropawlowsk eine Epistel an mich verfaßt hatte. Er bat mich bei allen heiligen Interessen der Wissenschaft, ein wachsames Auge auf jeden Käfer oder jedes lebendige Ding irgend welcher Art zu haben, aber 282 als ich an jenem Abend am Lagerfeuer seinen Brief las, entlockte mir derselbe ein Lächeln, wenn ich daran dachte, wie wenig günstig die Schneesteppen Sibiriens und eine Temperatur von 30 und 40° unter Null für Vermehrung und Verbreitung von Käfern, ihr Einfangen und ihre Aufbewahrung sind. Ich will den Leser nicht mit Einzelheiten über die Erforschungen langweilen, die Lieutenant Robinson und ich auf der Suche nach einer besseren Route für unsere Linie zwischen dem Penschina und Anadyrsk machten. Wir entdeckten, daß das Flußgebiet des Anadyr von dem des Penschina nur durch einen niedrigen, leicht passierbaren Bergrücken getrennt war, und daß wir fast ununterbrochene Verbindung zu Wasser zwischen dem ochotskischen Meere und der Behringsstraße haben könnten, wenn wir gewissen Nebenflüssen des Penschina folgten, die Wasserscheide überschritten und an einem der Anadyrarme flußabwärts gingen. Längs dieser Flüsse war fast überall Holz im Überfluß, und wo das nicht der Fall, konnten die Telegraphenstangen als Flöße transportiert werden. Diese Route war für unseren Zweck vortrefflich geeignet, und am 13. März kehrten wir, von den Resultaten unserer Reise außerordentlich befriedigt, nach Anadyrsk zurück. Groß war unsere Freude, als der erste Mann, dem wir in der Niederlassung begegneten, uns mitteilte, daß Macrae und Arnold angekommen seien, und fünf Minuten später schüttelten wir ihnen die Hand, gratulierten ihnen zu ihrer glücklichen Ankunft und bestürmten sie mit Fragen über ihre Reisen und Abenteuer und die Gründe ihrer langen Abwesenheit. Vierundsechzig Tage hatten sie mit den wandernden Tschutschken verlebt und waren auf Umwegen nach Anadyrsk gekommen. Im allgemeinen waren sie gut behandelt worden, aber die Nomaden, mit denen sie reisten, hatten keine Eile gehabt, die Niederlassung zu erreichen, und sie in Tagereisen von zehn und zwölf Meilen über die großen, öden Steppen südlich vom Anadyr mitgeschleppt. An Beschwerden und Entbehrungen hatte 283 es ihnen nicht gefehlt; wochenlang waren Renntiereingeweide und Talg ihre einzige Nahrung gewesen, das Ungeziefer hatte sie fast aufgezehrt; den größten Teil von zwei langen Monaten hatten sie in rauchigen Tschutschkenpologs zugebracht, und gar manches Mal waren ihnen Zweifel gekommen, ob sie je nach einer russischen Niederlassung gelangen oder ein civilisiertes menschliches Wesen zu Gesicht bekommen würden. Sie hatten jedoch den Mut nicht sinken lassen und waren schließlich wohlbehalten in Anadyrsk eingetroffen. Ihr ganzes Gepäck bei ihrer Ankunft in der Niederlassung bestand in einer Flasche Whisky, die in eine amerikanische Flagge gewickelt war. Sobald wir alle beisammen waren, wurde die Flagge über unserem kleinen Blockhause aufgehißt, aus dem Whisky, der in halb Nordostsibirien herumgekommen, Punsch gebraut und zu Ehren der Männer getrunken, welche vierundsechzig Tage bei den wandernden Tschutschken verbracht und das Sternenbanner durch die wildeste, unbekannteste Region der Erde getragen hatten. Da wir nun unsere Aufgabe erfüllt, trafen wir Vorbereitungen zu unserer Rückkehr nach Gischiginsk. Der Major hatte mir befohlen, ihn am ersten April mit Macrae, Arnold, Robinson und Dodd daselbst aufzusuchen, und der Monat März nahte seinem Ende. Am zwanzigsten packten wir unsere Vorräte ein, nahmen Abschied von den gutmütigen und gastfreien Menschen zu Anadyrsk und machten uns in einer langen Schlittenreihe nach der Küste des ochotskischen Meeres auf den Weg. Unsere Reise war einförmig und arm an Ereignissen; am zweiten April zu später Nachtstunde ließen wir die weiße, trostlose Steppe des Paren hinter uns und näherten uns der kleinen Jurte an der Malmowka, die nur fünfundzwanzig Werst von Gischiginsk entfernt war. Hier fanden wir frische Leute, Hunde und Schlitten, die uns der Major entgegengeschickt; wir ließen unsere beladenen Schlitten und müden Hunde im Stich, nahmen auf den leichten »narts« der Gischiginsk-Kosaken Platz 284 und fuhren, beim Schein eines schönen Nordlichtes, der Niederlassung zu. Gegen ein Uhr vernahmen wir fernes Hundegebell, und einige Augenblicke später rasten wir in das stille Dorf und hielten vor dem Hause des russischen Kaufmannes Worrebeoff, bei dem wir im vergangenen Herbst gewohnt hatten, und wo wir auch den Major zu finden hofften. Ich sprang von meinem Schlitten, tastete mich durch den Eingang in ein warmes, dunkles Zimmer und rief: »Fstavaitia«, um die schlafenden Insassen zu wecken. Plötzlich erhob sich jemand von dem Boden zu meinen Füßen, packte mich am Arme und rief in einer seltsam bekannten Stimme: »Kennan, bist du es?« Erschreckt, verdutzt und ungläubig konnte ich nur hervorstoßen: »Bush, bist du es?« und als ein schläfriger Junge mit einem Lichte eintrat, war er nicht wenig erstaunt, einen ganz in Pelze gehüllten Mann in den Armen eines andern zu finden, der nur mit Hemd und Unterhosen bekleidet war. Da ging's lustig her in jenem Blockhause, als der Major, Bush, Macrae, Arnold, Robinson, Dodd und ich um den dampfenden Samovar saßen und die Abenteuer, Ereignisse und Unfälle unseres ersten arktischen Winters besprachen. Einige von uns waren vom äußersten Ende Kamtschatkas, einige von der chinesischen Grenze und andere von der Behringsstraße gekommen, und wir alle trafen uns in jener Nacht zu Gischiginsk und gratulierten uns gegenseitig zur erfolgreichen Erforschung der ganzen Route von der Anadyrbai bis zum Amur, welche der russisch-amerikanische Telegraph durchschneiden sollte. Die verschiedenen versammelten Mitglieder der Gesellschaft hatten in sieben Monaten im Durchschnitt fast zehntausend Meilen zurückgelegt. Die Resultate unserer Winterarbeit waren kurz folgende. Bush und Mahood hatten, nachdem sie den Major und mich in Petropawlowsk verlassen, sich nach der russischen Niederlassung Nikolajewsk an der Amurmündung begeben und die Erforschung der Westküste des ochotskischen Meeres sofort in Angriff genommen. 285 Sie waren mit wandernden Tungusen durch die dichtbewaldete Region zwischen Nikolajewsk und Ajan gereist, auf Renntieren über die zerklüfteten Höhen des Stanowoigebirges südlich von Ochotsk geritten und schließlich an letzterem Orte am zweiundzwanzigsten Februar mit dem Major zusammengetroffen. Der Major hatte allein die ganze Nordküste des ochotskischen Meeres untersucht und wegen der erforderlichen Arbeiter und Pferde der russischen Stadt Jakutsk, sechshundert Werst westlich von Ochotsk, einen Besuch abgestattet. Er hatte sich die Gewißheit verschafft, daß er in den Niederlassungen längs der Lena tausend jakutische Arbeiter zu sechzig Dollars im Jahr pro Mann haben und so viel sibirische Pferde, wie wir nötig haben würden, zu ganz anständigen Preisen kaufen könnte. Und endlich hatte er eine Route für die Linie zwischen Gischiginsk und Ochotsk festgestellt und die Oberaufsicht über das ganze Werk geführt. Macrae und Arnold hatten fast die ganze Gegend südlich vom Anadyr und am unteren Main bereist und schätzenswerte Kenntnisse über den wenig bekannten Stamm der wandernden Tschutschken erlangt. Dodd, Robinson und ich hatten zwei Routen zwischen Gischiginsk und Anadyrsk kennen gelernt und ein waldreiches Stromnetz aufgefunden, welches das ochotskische Meer mit dem stillen Ozean in der Nähe der Behringsstraße verband. Die Eingeborenen hatten sich überall als friedliche und gut gesinnte Leute erwiesen, und viele von ihnen waren längs der Route der Linie bereits mit der Herstellung von Telegraphenstangen beschäftigt. Obgleich das Land für die Errichtung einer Telegraphenlinie keineswegs günstig war, so bot es doch keine Hindernisse, welche mit Ausdauer und Thatkraft nicht hätten überwunden werden können; und indem wir unsere Leistungen des verflossenen Winters überblickten, waren wir überzeugt, daß, wenn auch das Unternehmen kein leichtes sei, dasselbe doch günstige Aussichten auf Erfolg habe. 286   31. Kapitel. Die Monate April und Mai sind wegen der Länge der Tage und des verhältnismäßig milden Wetters in Nordostsibirien die günstigste Zeit für Arbeiten im Freien und zum Reisen, und da die Schiffe der Gesellschaft vor Anfang Juni nicht in Gischiginsk erwartet werden konnten, beschloß Major Abaza, die Zwischenzeit so gut wie möglich auszunutzen. Sobald er sich deshalb von seinen Reisestrapazen einigermaßen erholt hatte, machte er sich mit Bush, Macrae und dem russischen Gouverneur nach Anadyrsk auf, um daselbst fünfzig bis sechzig Eingeborene als Arbeiter in Dienst und die Errichtung eines Stationshauses und die Zurichtung und Verteilung von Telegraphenstangen längs des Anadyr in Angriff zu nehmen. Meine eigenen Bemühungen zu dem Zweck waren dank der Trägheit der Anadyrsker erfolglos geblieben, aber wir hofften durch den Einfluß und die Mitwirkung der Behörden etwas fertig zu bringen. Major Abaza kehrte mit der letzten Schlittengelegenheit im Mai zurück. Seine Expedition war von Erfolg gekrönt gewesen; Herr Bush hatte den Oberbefehl über den nördlichen Distrikt von Penschinsk bis zur Behringsstraße erhalten, und er nebst Macrae, Harder und Smith waren für den Sommer in Anadyrsk geblieben. Sobald der Anadyr eisfrei, sollten sie in Kähnen flußabwärts reisen und an der Mündung die Ankunft der Schiffe der 287 Gesellschaft von San Franzisco mit Verstärkungen und Vorräten erwarten. Mittlerweile hatten sie fünfzig eingeborene Arbeiter aus Anadyrsk, Osolkin und Pokorukof zu ihrer Verfügung, und bis der Fluß schiffbar wurde, konnten sie sechs bis acht Stationshäuser und mehrere tausend Telegraphenstangen vorbereitet haben, um sie in Flößen zwischen Anadyrsk und dem stillen Ozean zu verteilen. Nachdem Major Abaza mit den beschränkten Mitteln, die zu seiner Verfügung standen, alles geleistet, was möglich war, kehrte er nach Gischiginsk zurück, um die aus Amerika versprochenen Schiffe mit Leuten, Material und Vorräten zur Fortsetzung des Unternehmens zu erwarten. Die Zeit zum Reisen in Hundeschlitten war nun vorüber, und da das Land keine anderen Transportmittel besaß, konnten wir vor Ankunft unserer Schiffe weder unser Werk fördern, noch mit den zu Anadyrsk und Ochotsk befindlichen Abteilungen in Beziehung treten. Wir mieteten deshalb ein kleines Blockhaus, welches Aussicht auf das Gischigathal hatte, möblierten es so behaglich wie möglich mit einigen einfachen, hölzernen Stühlen und Tischen, hängten unsere Land- und Seekarten über die rohen Holzwände, stellten unsere Bibliothek, die aus zwei Büchern, dem Neuen Testament und Shakspere, bestand, in einer Ecke auf und richteten uns auf einen Monat wonnigen Nichtsthuns ein. Es war jetzt Juni. Der Schnee verschwand rasch unter dem Einfluß des warmen, langanhaltenden Sonnenscheins, das Eis im Fluß sah aus, als ob es bald aufbrechen müsse, hie und da an sonnigen Abhängen erschien der unbedeckte Boden, alles deutete auf das baldige Nahen des kurzen, aber heißen arktischen Sommers. In den meisten Teilen Nordostsibiriens verabschiedet sich der Winter im Mai, und der Sommer hält mit raschen Schritten seinen Einzug und bedeckt den Boden, auf dem kaum der Schnee geschmolzen ist, mit Gras und Blumen. Die zarten, wachsähnlichen Blüten der Heidelbeere und Sternblume und die großen, weißen Blütenbüschel des Labradorthees zieren die grünen 288 Moosebenen; Birken, Weiden und Erlen zeigen sich plötzlich im Blätterschmuck; die Flußufer überziehen sich mit weichem Grasteppich und die warme, stille Luft ist den ganzen Tag von dem trompetenartigen Ruf der wilden Schwäne und Gänse erfüllt, die in Schwärmen vom Meere nach dem fernen Norden fliegen. Drei Wochen nach dem Verschwinden des letzten Schnees hat die Natur ihr Sommergewand angezogen und erfreut sich unausgesetzten Sonnenscheines. Dort weiß man nichts von unserem langsam erwachenden, feuchten Frühling, dem allmählichen Entfalten der Knospen und Blätter. Die Vegetation, welche acht lange Monate in eisigen Fesseln geschmachtet, sprengt plötzlich ihre Bande und nimmt mit unwiderstehlicher Gewalt die Welt im Sturme ein. Die Dunkelheit der Nacht ist verschwunden; ein Tag geht fast unbemerkt in den andern über, nach kurzem Zwielicht, das die Kühle und Ruhe der Nacht ohne ihre Finsternis bietet. Bis zwölf Uhr kannst du am offenen Fenster sitzen und lesen, indem du den Blumenduft, der auf den Schwingen eines kühlen Nachtlüftchens zu dir dringt, einatmest, dem Gemurmel der aufspritzenden Wellen des Flusses im Thal lauschest und an der Flut rosigen Lichtes, welche im Norden hinter purpurnen Bergen aufsteigt, den Fortschritt des verborgenen Taggestirnes beobachtest. Es ist helles Tageslicht, und doch liegt die Natur im Schlummer, und ein seltsames, geheimnisvolles Schweigen herrscht zwischen Himmel und Erde, wie bei einer Sonnenfinsternis. Das schwache Rauschen der Brandung an der zehn Meilen entfernten Felsenküste dringt sogar an dein Ohr. Dann und wann träumt ein im Erlendickicht des Flußufers verborgener Singvogel, es sei Morgen, und flötet eine kurze Melodie; aber wenn er erwacht, hält er plötzlich inne, piept wie in Verlegenheit, als ob er nicht recht wisse, ob es Morgen oder gestern Abend, und ob er singen oder schlafen solle. Er scheint sich für letzteres zu entscheiden, und alles versinkt wieder in tiefes Schweigen, außer dem Gemurmel des Baches in seinem felsigen Bett und dem Rauschen der fernen Meeresbrandung. Bald nach ein Uhr erscheint 289 ein glänzender Kreisabschnitt der Sonne zwischen den wolkenähnlichen Gipfeln der fernen Berge; ein plötzlicher Strahl des goldenen Lichtes erleuchtet die grüne, taubedeckte Landschaft; der kleine Sänger im Erlendickicht vollendet triumphierend sein unterbrochenes Lied; die Enten, Gänse und andere Wasservögel erneuern ihren unharmonischen Ruf an den Sumpfstellen des Flusses, und die ganze Natur erwacht plötzlich zum Bewußtsein eines neuen Tages. Nacht ist nicht gewesen, und doch ist ein neuer Tag angebrochen. Der Reisende, der nie einen arktischen Sommer erlebt, und der gewohnt gewesen, Sibirien als das Land des ewigen Schnees und Eises zu betrachten, kann nur staunen über diese plötzliche wunderbare Entfaltung tierischen und vegetabilischen Lebens und den raschen, in wenigen kurzen Wochen sich vollziehenden Übergang vom Winter zum Sommer. In den ersten Tagen des Juni kann man in der Nachbarschaft von Gischiginsk häufig noch mit Hundeschlitten reisen, während in den letzten Tagen desselben Monates die Bäume in vollem Blätterschmucke prangen, Primeln, Butterblumen, Baldrian, Fünffingerkraut und Labradorthee überall auf den höheren Ebenen und Flußufern blühen, und das Thermometer mittags häufig 70° Fahrenheit im Schatten zeigt. Frühling im gewöhnlichen Sinne giebt es nicht. Das Verschwinden des Schnees und das Erscheinen der Vegetation sind fast gleichzeitig, und obgleich die Tundren oder Moossteppen eine Zeitlang das Wasser halten wie ein Schwamm, sind sie doch mit Blumen und blühenden Heidelbeerbüschen bedeckt und zeigen keine Spur des langen, kalten Winters, der eben erst geendet. In weniger als einem Monat nach dem Verschwinden des Schnees im Jahre 1866 pflückte ich auf einer hoch gelegenen Ebene von ungefähr fünf Acker Ausdehnung, in der Nähe der Gischigamündung, mehr als sechzig verschiedene Arten Blumen. Auch tierisches Leben jeglicher Art entfaltet sich mit gleicher Raschheit. Lange ehe das Eis aus den Buchten und Golfen der Küste verschwunden ist, erscheinen eine unzählige Menge von 290 Zugvögeln vom Meere her. Zahllose Arten von Enten, Gänsen und Schwänen – von denen viele den amerikanischen Ornithologen unbekannt sind – umschwärmen jeden kleinen Teich in den Thälern und auf den niedrig gelegenen Ebenen; Möwen, Fischreiher und Adler lassen an den zahlreichen Flußmündungen fortwährend ihre Stimme erschallen; die felsige, steile Meeresküste wimmelt von zahllosen Millionen rotgeschnäbelter Tauchenten oder Seepapageien, welche ihre Nester in die Spalten und auf die Firste der unzugänglichsten Klippen bauen und beim Knall eines Schusses in solchen Massen auffliegen, daß sie die Luft verdunkeln. Außer diesen Raub- und Wasservögeln giebt es noch viele andere, die nicht so scharenweise beisammen leben und deshalb weniger die Aufmerksamkeit auf sich lenken. Zu diesen gehören die gewöhnlichen Rauchschwalben, Krähen, Raben, Elstern, Drosseln, Regenpfeifer, Schneehühner und eine Art Haselhuhn, das den Russen als »Tetir« bekannt ist. Soviel ich weiß, giebt es nur einen Singvogel im Lande, eine Art Sperling, welcher die trockneren, grasigeren Ebenen in der Nachbarschaft der russischen Niederlassungen aufsucht. Das Dorf Gischiginsk, wo wir zeitweise unser Hauptquartier aufgeschlagen hatten, war eine kleine Niederlassung von fünfzig bis sechzig einfachen Blockhäusern am linken Ufer des Gischiga, acht bis zehn Meilen vom Gischigagolf. Es war damals eine der wichtigsten und blühendsten Niederlassungen an der Küste des ochotskischen Meeres und beherrschte den Handel Nordostsibiriens bis an den Anadyr im Norden und das Dorf Ochotsk im Westen. Es war die Residenz eines Lokalgouverneurs, das Hauptquartier von vier oder fünf russischen Kaufleuten, wurde jährlich von einem Regierungsdampfer und mehreren Handelsschiffen, die reichen amerikanischen Häusern gehörten, aufgesucht. Die Bevölkerung bestand hauptsächlich aus sibirischen Kosaken und Nachkommen von unfreiwilligen Emigranten aus Rußland, denen man als Ersatz für ihre gewaltsame Verbannung die Freiheit geschenkt hatte. Wie bei allen 291 andern ansässigen Bewohnern Sibiriens und Kamtschatkas, bestand ihr Hauptnahrungsmittel aus Fisch; aber da das Land sehr reich an Wild ist, und das Klima und der Boden im Thale des Gischiga den Anbau der härtesten Gemüsearten gestattet, war ihre Lage eine weit bessere, als sie in Rußland gewesen wäre. Sie waren vollkommen frei, konnten über ihre Zeit und sich selbst nach Belieben verfügen, und indem sie sich und ihre Hundeschlitten während des Winters an russische Händler vermieteten, verdienten sie Geld genug, um sich das ganze Jahr mit Thee, Zucker und Tabak zu versehen. Wie alle Bewohner Sibiriens, und wie alle Russen, waren sie außerordentlich gastfrei, gutmütig und gefällig und trugen während der langen Monate, die wir in ihrer entlegenen Niederlassung zu verbringen gezwungen waren, nicht wenig zu unserem Behagen und unserer Erheiterung bei. Die Anwesenheit von Amerikanern in einem so selten von Fremden besuchten Ort wie Gischiginsk übte einen sehr anregenden Einfluß auf die Geselligkeit aus, und sobald die Erfahrung den Bewohnern bewiesen, daß die hohen Gäste es nicht unter ihrer Würde hielten, mit den gewöhnlichen Leuten » prostoi narod « zu verkehren, regnete es Einladungen zu Thee- und Tanzgesellschaften. Vom Wunsche beseelt, das Leben des Volkes kennen zu lernen, und nur zu froh, Abwechselung in unser einförmiges Dasein zu bringen, nahmen wir gern jede Einladung an, und Arnold und ich waren während der Abwesenheit des Majors und des russischen Gouverneurs in Anadyrsk die unermüdlichsten Tänzer. Wir brauchten unsern Kosaken Jagor nicht zu fragen, wann wieder ein Tanzvergnügen stattfinden werde, sondern die Frage lautete: »Wo wird heute Abend getanzt?«, denn daß dies der Fall sein werde, nahmen wir mit Bestimmtheit an und wollten uns nur versichern, ob die Decken des Hauses hoch genug wären, um die Sicherheit unserer Schädel nicht zu gefährden. Der Gedanke, Leute zum Tanzen einer russischen Gigue in ein Zimmer einzuladen, das so niedrig ist, daß ein Mann von Mittelgröße nicht einmal aufrecht darin stehen kann, scheint widersinnig, 292 abgeschmackt, aber : den Vergnügungssüchtigen in Gischiginsk erschien dies durchaus nicht so; Abend für Abend hüpften sie beim Klang einer alten Fiedel und einer zweisaitigen Guitarre mit dem größten Vergnügen in einem sieben Fuß breiten und neun Fuß langen Zimmer herum, traten sich gegenseitig auf die Zehen und stießen ihre Köpfe mit dem erdenklichsten Gleichmut an die Decke. Bei diesen Tanzgesellschaften waren die Amerikaner stets herzlich willkommen und wurden mit Beeren, Schwarzbrot und Thee gefüttert, bis sie nicht mehr essen noch tanzen konnten. Gelegentlich nahm jedoch die sibirische Gastfreundschaft eine Form an, die nicht mehr angenehm war. Dodd und ich erhielten z. B. eines Abends eine Einladung in das Haus eines Kosaken, und wie in solchen Fällen üblich, setzte uns unser Wirt ein einfaches Mahl aus Schwarzbrot, Salz, rohem gefrorenen Fisch und einer kleinen, halbvollen Flasche von irgend einer Flüssigkeit vor, die er für »Wodka« ausgab. Da wir wußten, daß außer den geistigen Getränken, die wir besaßen, keine in der Niederlassung vorhanden, fragte Dodd, woher er den »Wodka« habe. Er erwiderte in offenbarer Verlegenheit, er habe denselben im Herbste von einem Handelsschiff gekauft und für besondere Gelegenheiten aufgehoben. Meiner Ansicht nach gab es in ganz Nordostsibirien keinen Kosaken, der imstande gewesen wäre, eine Flasche Branntwein so lange aufzuheben, und in Anbetracht seines sichtlichen Unbehagens hielten wir es für am besten, diese Erfrischung auszuschlagen und keine weiteren Fragen zu thun. Es mochte »Wodka« sein, aber jedenfalls war er nicht über allen Verdacht erhaben. Nach Hause zurückgekehrt, citierte ich unseren Diener und fragte, ob ihm etwas über den Branntwein des Kosaken bekannt sei, wie er sich denselben verschafft, und woher derselbe zu dieser Jahreszeit stamme, da keiner der russischen Kaufleute denselben im Verlag habe. Der Junge zögerte mit der Antwort, da wir aber in ihn drangen, enthüllte er das Geheimnis. Es scheint, der Branntwein stammte von uns. Wenn einer von den Bewohnern des Dorfes uns besuchte, 293 was häufig geschah, besonders an Feiertagen, pflegten wir ihm ein Gläschen anzubieten. Unser Freund, der Kosak, benutzte diese Gelegenheit, versah sich mit einer kleinen Flasche, hing sie an einem Bande um den Hals, verbarg sie unter seinem Pelzrock und kam in unser Haus, unter dem Vorwande, uns zu dem einen oder andern russischen Feitertage zu gratulieren. Natürlich mußten wir diese uneigennützige Freundlichkeit mit einem Schnäpschen belohnen. Der Kosak pflegte, so viel er konnte, von dem Feuerwasser hinunterzuschlucken, dann so viel wie möglich davon in den Mund zu nehmen, schreckliche Grimassen zu schneiden, sein Gesicht mit der Hand zu bedecken, als ob der Branntwein sehr stark wäre, und nach der Küche zu laufen, als ob er Wasser trinken wolle. Sobald er sich der Beobachtung entzogen, nahm er seine Flasche heraus, deponierte in derselben den letzten Schluck Wodka, den er noch im Munde hatte, und kehrte zurück, um uns für unsere Gastfreundschaft zu danken. Dieses Manöver hatte er, ich weiß nicht wie lange, auf unsere Kosten ausgeführt und beinah eine Pinte angesammelt. Dann hatte er die Unverfrorenheit, uns diesen halbverschluckten Wodka in einem alten Fläschchen vorzusetzen und zu behaupten, er habe denselben seit Herbst für eine feierliche Gelegenheit aufgespart. War das nicht eine empörende Unverschämtheit? Ich will noch einen Zwischenfall erzählen, der sich während des ersten Monats unseres Aufenthalts in Gischiginsk zutrug, und eine andere Seite des Volkscharakters beleuchtet, nämlich großen Aberglauben. Als ich eines Morgens allein im Hause beim Thee saß, wurde ich durch das plötzliche Eintreten eines russischen Kosaken, Namens Kolmagorof, unterbrochen. Er schien wegen irgend etwas außerordentlich ernst und unruhig zu sein, und nachdem er sich verbeugt und mir guten Morgen gewünscht hatte, wandte er sich an unseren Kosaken Wuschin und erzählte ihm mit leiser Stimme etwas, das sich zugetragen und das beiden großes Interesse einzuflößen schien. Da ich der Sprache nur unvollkommen mächtig war, und die Unterhaltung leise geführt wurde, 294 entging mir die Hauptsache, aber sie schloß mit der ernsten Bitte, Wuschin möge Kolmagorof irgend ein Kleidungsstück überlassen, so viel ich verstand ein Umschlagetuch oder eine Pelerine. Wuschin ging an einen kleinen Schrank in einer Ecke des Zimmers, wo er seine persönlichen Effekten aufzuheben pflegte, zog eine große Tasche aus Seehundsfell heraus und suchte darin nach dem gewünschten Gegenstande. Nachdem er drei oder vier Paar Pelzstiefel, einen Klumpen Talg, Strümpfe aus Hundefell, ein Beil und ein Bündel Eichhörnchenfelle herausgezogen, hielt er schließlich die Hälfte einer alten schmutzigen, mottenzerfressenen wollenen Pelerine triumphierend in die Höhe, übergab sie Kolmagorof und fing an, nach der anderen Hälfte zu suchen. Auch diese ward gefunden, wenn möglich, in noch schlimmerem Zustande als die erste. Sie sahen aus, als ob sie aus dem Sack eines armen Lumpensammlers kämen, der sie irgendwo aus einer Gosse aufgelesen. Kolmagorof band die beiden Stücke zusammen, wickelte sie sorgfältig in eine alte Zeitung, dankte Wuschin für seine Mühe, grüßte mit offenbar erleichtertem Herzen und entfernte sich. Neugierig, welchen Gebrauch er von dem abgetragenen, schmutzigen und zerrissenen Kleidungsstück machen könne, bat ich Wuschin um Aufklärung des Geheimnisses. »Wozu wollte er den Kragen haben?« fragte ich; »er ist doch zu nichts mehr zu gebrauchen.« »Ich weiß,« erwiderte Wuschin, »es ist ein schlechter, alter Lappen, aber es ist kein anderer im Dorfe, und seine Tochter hat die »Anadyrski bol (Anadyrsker Krankheit).« »Anadyrski bol!« wiederholte ich mit Erstaunen, da ich nie von dieser Krankheit gehört; »was hat die Anadyrski bol mit einem alten Kragen zu thun?« »Nun, seine Tochter hat eine Pelerine verlangt, und da sie die Anadyrsker Krankheit hat, müssen sie ihr eine zu verschaffen suchen. Es schadet nichts, daß sie alt ist.« Das war denn doch eine sonderbare Erklärung für 295 einen eigentümlichen Vorfall, und ich befragte Wuschin eingehender über diese seltsame Krankheit, und wieso ein alter, mottenzerfressener Kragen dem Patienten Erleichterung verschaffen könne. Die Auskunft, die ich erhielt, war kurz folgende. Die »Anadyrski bol«, sogenannt, weil dieselbe in Anadyrsk entstanden, war eine eigentümliche Krankheitserscheinung, welche der modernen spiritistischen Verzückung, die lange in Nordostsibirien an der Tagesordnung gewesen, sehr ähnlich sah, und allen gewöhnlichen Arzneimitteln und Behandlungsmethoden Trotz bot. Die von derselben ergriffenen Personen, gewöhnlich Frauen, wurden bewußtlos, besaßen plötzlich die Fähigkeit, Sprachen zu sprechen, die sie nie gehört, und vorübergehend eine Sehergabe, welche sie Dinge genau beschreiben ließ, die sie nie geschaut, und die sich nicht in ihrer Umgebung befanden. In diesem Zustande verlangten sie häufig irgend einen besonderen Gegenstand, von dem sie genau angaben, wie er aussah, und wo er war, und wenn sie denselben nicht erhielten, bekamen sie Krämpfe, sangen in fremden Sprachen, stießen seltsame Töne aus und betrugen sich, als ob sie wahnsinnig wären. Nichts konnte sie beruhigen, bis der fragliche Gegenstand herbeigebracht wurde. Kolmagorofs Tochter hatte ausdrücklich eine wollene Pelerine verlangt, und da der arme Kosak nichts Derartiges besaß, hatte er versucht, im Dorfe eine zu entdecken. Dies war alles, was mir Wuschin berichten konnte. Er hatte nie eine der besessenen Personen gesehen, sondern nur von andern über die Krankheit gehört, sagte aber, von Paderin, dem Befehlshaber der Gischigjinsker Kosaken, könne ich Genaueres darüber hören, da dessen Tochter denselben Zustand gehabt habe. Erstaunt bei den unwissenden Bauern Nordostsibiriens eine Krankheit zu finden, deren Symptome den Erscheinungen des modernen Spiritismus so nahe verwandt waren, beschloß ich, der Sache auf den Grund zu gehen, und sobald der Major nach Hause zurückkehrte, ersuchte ich ihn, Paderin holen zu lassen. Der Kosakenbefehlshaber – ein einfacher, ehrlicher Mensch, den man 296 absichtlicher Täuschung ganz und gar nicht für fähig halten konnte, – bestätigte alles, was Wuschin gesagt, und fügte noch mehr hinzu. Er teilte uns mit, er habe in diesem Zustand häufig seine Tochter eine fremde Sprache reden hören, und sie hätte mitunter Ereignisse erzählt, die sich an Orten, die mehrere hundert Meilen entfernt, abspielten. Als der Major fragte, was für eine Sprache seine Tochter spreche, erwiderte er, er wisse es nicht, aber es sei weder Russisch, noch Korjäkisch, noch irgend eine andere Sprache von Eingeborenen, mit denen er vertraut sei. Ich erkundigte mich, was geschehe, wenn die Kranke einen Gegenstand verlange, den man unmöglich herbeischaffen könne. Paderin antwortete, von einem solchen Falle sei ihm nichts bekannt: wenn der Gegenstand ein ungewöhnlicher sei, gebe das Mädchen immer an, wo er sich befinde – indem sie häufig mit der größten Genauigkeit Dinge beschreibe, die sie, so viel er wisse, nie gesehen haben könne. Einmal habe seine Tochter einen eigentümlich gefleckten Hund verlangt, der zu seinem Gespann gehörte. Der Hund sei gebracht worden, und das Mädchen habe sich beruhigt; aber der Hund sei von der Zeit an so wild und aufgeregt, ja geradezu unlenksam gewesen, daß er ihn schließlich habe töten müssen. »Und das Zeug glauben Sie?« rief der Major ungeduldig, und Paderin hielt zögernd inne und sagte dann: »Ich glaube an Gott und unseren Heiland Jesus Christus,« indem er das Kreuz schlug. »Das ist ganz recht, das sollen Sie auch,« versetzte der Major; »aber das hat zu der »Anadyrski bol« doch keine Beziehung. Glauben Sie wirklich, daß diese Frauen eine Sprache sprechen, die sie nie gehört, und Dinge beschreiben, die sie nie gesehen haben?« Paderin zuckte bedeutungsvoll mit den Schultern und sagte, er glaube, was er sehe. Dann erzählte er uns noch weitere, unglaubliche Einzelheiten von den Symptomen der Krankheit und den geheimnisvollen Kräften, welche sie in den betroffenen Personen erzeuge, indem er seine Behauptungen durch Beispiele von dem Zustande seiner eigenen Tochter erläuterte. Er glaubte 297 offenbar fest an die Wirklichkeit der Krankheit, wollte aber nicht sagen, welcher Macht er das Phänomen der Hellseherei und das Reden in fremden Sprachen zuschreibe, welche ihre bemerkenswertesten Symptome waren. Im Lauf des Tages besuchten wir den Isprawnik, erwähnten in der Unterhaltung die »Anadyrski bol« und berichteten einige der Geschichten, die Paderin uns erzählt hatte. Der Isprawnik – überhaupt eine skeptische Natur, und besonders in Hinsicht auf diese Sache – sagte, er habe öfters von der Krankheit gehört, und seine Frau glaube fest daran, aber er halte sie für Humbug, der wohl am besten mit körperlicher Züchtigung zu überwinden sei. Seiner Meinung nach waren alle russischen Bauern abergläubisch und imstande, geradezu alles für wahr zu halten, und die »Anadyrski bol« sei teils Wahn, teils ein Betrug, dessen sich die Frauen zur Förderung selbstsüchtiger Zwecke gegen ihre Männer schuldig machten. Eine Frau, die sich einen neuen Hut wünsche und denselben durch Quälen auf gewöhnlichem Wege nicht erlangen könne, gerate als letztes Hilfsmittel in Verzückung und fordere den Hut als physiologische Notwendigkeit. Bleibe der Mann noch halsstarrig, dann genügten einige gut ausgeführte Zuckungen und ein oder zwei Lieder in der sogenannten fremden Sprache, um ihn zum Nachgeben zu zwingen. Dann erzählte er ein Beispiel von einem russischen Kaufmann, dessen Frau einen Anfall der »Anadyrski bol« hatte, und der eine Winterreise von Gischiginsk nach Tomsk machte – eine Entfernung von 300 Werst – um ein seidenes Kleid einzukaufen, das sie verlangt hatte, und das anderswo nicht zu haben war. Natürlich verlangen die Frauen nicht immer Dinge, von denen man glauben könne, sie wollten sie sich zum Gebrauch in gesunden Tagen verschaffen; denn dies würde bald den Verdacht der getäuschten Gatten, Väter und Brüder erregen und zu unangenehmen Nachforschungen führen, wenn nicht zu noch unangenehmeren Experimenten über den Charakter der geheimnisvollen Krankheit. Um dies zu vermeiden 298 und die Männer über die wahre Natur des vermeintlichen Wahnes zu täuschen, verlangen die Frauen häufig Hunde, Schlitten, Äxte und ähnliche Dinge, von denen sie keinen Gebrauch machen können, um so ihren leichtgläubigen Verwandten weis zu machen, daß ihre Forderungen nur von den Launen der Krankheit eingegeben sind und keinen bestimmten Zweck haben. Dies war die rationalistische Erklärung des Isprawnik von dem seltsamen Wahn, der als »Anadyrski bol« bekannt war, und obgleich dieselbe mehr Schlauheit seitens der Frauen und mehr Leichtgläubigkeit seitens der Männer voraussetzte, als ich beiden Geschlechtern zutraute, mußte ich doch zugeben, daß die Erklärung sehr plausibel war und die meisten Erscheinungen genügend begründete. Angesichts dieser weiblichen Strategie müssen unsere amerikanischen Frauen zugeben, daß ihre sibirischen Schwestern größeren Scharfsinn entwickeln, um ihre Rechte zu erlangen und ihren Herren und Gebietern Sand in die Augen zu streuen, als alle für Frauenrechte Kämpfenden in der Christenheit. Eine eingebildete Krankheit mit solch eigentümlichen Symptomen zu erfinden, sie als Epidemie in einem ganzen Lande zur Geltung zu bringen, sie als Hebel zu benutzen, damit die Geldtaschen der Männer sich öffnen, um weibliche Bedürfnisse zu befriedigen, das ist der größte Triumph, den weibliche Findigkeit über männliche Dummheit davongetragen! Die Enthüllungen des Isprawnik brachten eine sehr eigentümliche Wirkung auf Dodd hervor. Er erklärte, er fühle bereits die ersten Symptome der »Anadyrski bol« und sei überzeugt, daß er zum Opfer dieser tückischen Krankheit ausersehen. Der Major möge nicht erstaunt sein, wenn er ihn eines Tages in starken Zuckungen finde, und ihn »Yankee Doodle« in fremder Sprache singen und seine rückständige Zahlung verlangen höre. Der Major versicherte ihn, in diesem verzweifelten Falle würde er sich genötigt sehen, zum Mittel des Isprawnik seine Zuflucht zu nehmen, nämlich zu zwanzig 299 Streichen auf den bloßen Rücken, und riet ihm, die Zuckungen zu vertagen, bis der Schatzmeister der sibirischen Abteilung in der Lage sei, seinen Forderungen gerecht zu werden. Unser Leben in Gischiginsk zu Beginn des Juni war mit dem der ersten sechs Monate gar nicht zu vergleichen. Das Wetter war im allgemeinen warm und angenehm; Hügel und Thäler waren mit üppigem Grün bedeckt; das Tageslicht nahm kein Ende, und wir hatten nichts zu thun, als nach Wild umherzuschweifen, gelegentlich an die Mündung des Flusses zu rudern, um nach Schiffen auszuschauen, und allerlei Vergnügungen zum Zeitvertreib auszusinnen. Die Nacht war der beste Teil des Tages, aber die fortwährende Helle kam uns noch seltsamer vor, als die immerwährende Finsternis im Winter. Wir konnten nie zu unserer Zufriedenheit entscheiden, wann ein Tag zu Ende ging, und ein anderer anfing, oder wann es Zeit war, schlafen zu gehen. Es schien so lächerlich, sich zur Ruhe zu begeben, ehe die Sonne untergegangen war, und doch, wenn wir es nicht thaten, ging sie sicher wieder auf, ehe wir eingeschlafen waren, und dann schien es gerade so widersinnig im Bette zu liegen. Wir ließen schließlich an all unseren Fenstern dichte, hölzerne Läden anbringen, steckten Lichter an und machten uns selber weis, es sei Nacht, obgleich im Freien die Sonne in vollem Glanze strahlte. Wenn wir erwachten, harrte unser eine neue Schwierigkeit. Waren wir heute oder gestern zu Bett gegangen? Und was ist jetzt? Heute, gestern, morgen zerflossen ineinander, es war uns geradezu unmöglich, dieselben von einander zu unterscheiden. Ich entdeckte oft, daß ich innerhalb vierundzwanzig Stunden zweimal in mein Tagebuch geschrieben hatte, unter dem irrtümlichen Eindruck, daß zwei Tage vorüber seien. Sobald der Gischigagolf ziemlich eisfrei geworden, ließ Major Abaza eine Anzahl Kosaken an der Flußmündung stationieren mit dem Befehl, Tag und Nacht 300 nach Segeln auszuschauen und uns von deren Erscheinen sofort Mitteilung zu machen. Am 18. Juni lief die Handelsbrigg »Hallie Jackson« von W. H. Bordman in Boston in den Golf ein und kam, sobald es die Flut gestattete, den Fluß herauf, um ihre Ladung zu löschen. Dieses Schiff brachte uns seit mehr als elf Monaten die ersten Nachrichten von der Außenwelt, und seine Ankunft wurde sowohl von Russen wie von Amerikanern mit der größten Begeisterung begrüßt. Sobald sich die Kunde verbreitete, daß ein Schiff angekommen sei, eilte die halbe Bevölkerung an die Flußmündung, und der Hafen war mehrere Tage lang der Schauplatz ungewohnter Thätigkeit und Aufregung. Die »Jackson« wußte von den Schiffen unserer Gesellschaft nur zu berichten, daß im März, als sie San Franzisco verlassen, dieselben in aller Eile Ladung eingenommen und zur Seereise hergerichtet worden. Sie brachte uns übrigens alle Vorräte, die wir im Herbst in Petropawlowsk zurückgelassen, und eine große Ladung Thee, Zucker, Tabak und verschiedene Tauschmittel für den Handel in Sibirien. Die Erfahrung hatte uns gelehrt, daß außer in den Niederlassungen Ochotsk, Gischiginsk und Anadyrsk Geld als Zahlung für von den Eingeborenen geleistete Dienste nicht verwandt werden konnte; daß Thee, Zucker und Tabak in jeder Hinsicht vorzuziehen seien, weil im ganzen Lande starke Nachfrage nach diesen Artikeln war, und dieselben im Winter sehr im Preise stiegen. Ein Arbeiter oder Hundeschlittenbesitzer, der für seine monatlichen Leistungen zwanzig Rubel in Münze verlangte, war, wenn wir ihm statt dessen acht Pfund Thee und zehn Pfund Zucker gaben, sehr befriedigt, und da uns dies nur zehn Rubel kostete, sparten wir die Hälfte. In Anbetracht dieses Umstandes beschloß Major Abaza, so wenig Geld wie möglich zu verwenden und immer seine Zahlungen in Waren zu machen. So kaufte er von der »Jackson« zehntausend Pfund Thee und fünfzehn- bis zwanzigtausend Pfund Zucker, die er in 301 Regierungsmagazinen aufbewahrte, damit sie im folgenden Winter als Geld dienen könnten. Die »Jackson« lud alle für Gischiginsk bestimmten Waren aus und segelte, sobald die Wasserverhältnisse es gestatteten, nach Petropawlowsk ab. Wir waren wieder allein. 302   32. Kapitel. Nach der Abfahrt der »Jackson« sehnten wir uns nach der Ankunft unserer eigenen Schiffe und dem Ende unserer langen Gefangenschaft zu Gischiginsk. Acht Monate andauerndes nomadisches Lagerleben hatte eine Abenteuerlust und ein Aufregungsbedürfnis in uns geweckt, die nur in fortwährendem Reisen Befriedigung finden konnten, und sobald unserem Faulenzerleben der Reiz der Neuheit abging, wurden wir des Nichtsthuns müde, und die Ungeduld verzehrte uns bald. Die Belustigungen von Gischiginsk hatten wir zum Überdruß genossen, alle von der »Jackson« importierten Zeitungen gelesen und ihren Inhalt bis in die kleinlichsten Einzelheiten besprochen, jeden Fußbreit Land in der Nachbarschaft der Niederlassung besichtigt und alles, was unser Scharfsinn nur erdenken konnte, versucht, um die Zeit totzuschlagen. Aber die Tage schienen endlos, die heißersehnten Schiffe kamen nicht, und die Moskitos und Schnaken machten uns das Dasein zur Last. Gegen den zehnten Juli erhebt sich der Moskito – jener Fluch des nordischen Sommers – aus dem feuchten Moos der niederen Ebenen und bläst sein schrilles Horn, um der ganzen lebendigen Natur seine siegreiche Auferstehung und seine Bereitwilligkeit anzumelden, zu sehr billigem Preise Menschen und Tieren musikalische 303 Unterhaltung zu gewähren. Wenn das Wetter ruhig und warm, ist in drei bis vier Tagen die ganze Atmosphäre buchstäblich mit Wolken von Moskitos angefüllt, und vier Wochen lang verfolgen sie jedes lebende Wesen mit einer unausgesetzten, blutdürstigen Hartnäckigkeit, die kein Mitleid kennt. Entkommen ist unmöglich, Verteidigung nutzlos; überall hin verfolgen sie ihr unglückliches Opfer, und ihre unermüdliche Ausdauer überwindet jedes Hindernis, das ihnen menschlicher Scharfsinn in den Weg legt. Rauch von gewöhnlicher Dichtigkeit behandeln sie mit verächtlicher Gleichgiltigkeit; Moskitonetze wissen sie listig zu umgehen, oder nehmen sie mit Sturm; der Mensch kann ihrer beharrlichen Verfolgung nur zu entrinnen hoffen, wenn er sich lebendig begräbt. Vergeblich trugen wir Gazeschleier über dem Kopfe, vergeblich verbargen wir uns in »Pologs« von Baumwollzeug. Die Menge unserer kleinen Angreifer war so groß, daß sie früher oder später eine unbewachte Öffnung entdeckten, und gerade, wenn wir uns am sichersten glaubten, wurden wir von einem neuen und unerwarteten Angriff plötzlich überrascht und aus unserem Zufluchtsorte vertrieben. Ich weiß, daß Moskitos zu dem landläufigen Begriff von Sibirien nicht passen, aber nie habe ich in einem tropischen Lande dieselben in solch ungeheueren Mengen vertreten gesehen, wie in Nordostsibirien im Monat Juli. Sie machen an manchen Stellen die großen Moostundren ganz unbewohnbar und zwingen selbst die pelzbedeckten Renntiere, Schutz in der kühleren Atmosphäre der Berge zu suchen. In den russischen Niederlassungen quälen sie Hunde und Vieh; letzteres rennt toll vor Schmerz wütend umher und erkämpft sich oft mit verzweifelter Anstrengung einen Platz im Rauche des Feuers. Selbst noch so weit nördlich, wie Kolymsk an der Küste des Eismeeres, sind die Eingeborenen bei stillem, warmem Wetter gezwungen, ihre Häuser mit qualmenden Feuern zu umgeben, um sich und ihre Haustiere vor der unaufhörlichen Verfolgung des Moskitos zu beschützen. Zu Anfang Juli schlossen alle Bewohner von Gischiginsk mit Ausnahme des Gouverneurs und einiger 304 russischer Kaufleute ihre Winterwohnungen und begaben sich in ihre Sommer-»Letowas« oder Fischstationen an den Ufern des Flusses, um die Ankunft des Lachses zu erwarten. Da uns das verlassene Dorf recht langweilig war, gingen Dodd, Robinson, Arnold und ich an die Flußmündung und schlugen unsere Residenz in dem leeren Warengebäude der Regierung auf, das wir auch während der Anwesenheit der »Hallie Jackson« bewohnt hatten. Ich will nicht bei dem eintönigen, unbehaglichen Leben verweilen, das wir während des nächsten Monats führten. Es kann in vier Worten zusammengefaßt werden: Unthätigkeit, Enttäuschung, Moskitos, Elend. Nach Schiffen auszuspähen war unsere einzige Pflicht, Moskitos bekämpfen unsere einzige Zerstreuung, und da erstere nie erschienen und letztere nie verschwanden, waren beide Beschäftigungen gleich nutzlos und unbefriedigend. Zwanzigmal am Tage hüllten wir uns in Gazeschleier, banden unsere Kleidung am Handgelenk und den Knöcheln fest und kletterten mühsam auf die Höhe des steilen Ufers, um nach Schiffen auszuschauen; aber zwanzigmal kehrten wir enttäuscht in unsere kahlen, ungemütlichen Zimmer zurück und machten unserer Entrüstung über das Land, die Telegraphengesellschaft, die Schiffe und die Moskitos Luft. Wir hatten die Empfindung, als ob wir aus dem Gedränge der geschäftigen Welt ausgestoßen, unsere Plätze von anderen ausgefüllt und wir selbst in Vergessenheit geraten wären. Der Oberingenieur unseres Unternehmens hatte fest versprochen, daß, sobald das Eis dies zulasse, Schiffe mit Leuten, Material und Vorräten zur sofortigen Inangriffnahme der Arbeit zu Gischiginsk und an der Anadyrmündung eintreffen sollten; aber es war jetzt August, und dieselben waren nicht erschienen. Wir ergingen uns in Vermutungen, ob die Schiffe vielleicht verloren gegangen, oder das ganze Unternehmen aufgegeben worden; aber als Woche auf Woche verging, ohne Nachricht zu bringen, verloren wir schließlich alle Hoffnung und fingen an zu diskutieren, ob es nicht ratsam sei, jemand 305 in die Hauptstadt Sibiriens abzuschicken, um die Gesellschaft auf telegraphischem Wege über unsere Lage zu unterrichten. Ich muß Major Abaza die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er während der ewig langen Monate des Wartens sich nie entmutigen ließ und nie in Frage zog, daß die Gesellschaft das begonnene Werk mit Ausdauer vollenden werde. Die Schiffe konnten sich verspätet haben, es konnte ihnen ein Unglück zugestoßen sein; aber er hielt es nicht für möglich, daß man auf das Unternehmen verzichtet habe, und setzte während des Sommers seine Vorbereitungen zu einer weiteren Winterkampagne fort. Zu Beginn des August kehrten Dodd und ich, des Ausschauens nach Schiffen, die nie ankamen, und die, wie wir fest glaubten, überhaupt nicht ankommen würden, müde, zu Fuß nach der Niederlassung zurück und ließen Arnold und Robinson allein auf dem Wachtposten an der Flußmündung. Am späten Nachmittag des 14., als ich emsig beschäftigt war, Karten zu zeichnen, die unsere Erforschungen vom letzten Winter erläutern sollten, stürzte unser Kosak in atemloser Eile ins Zimmer und schrie: »Puschka! sudna!« – eine Kanone, ein Schiff! Da wir wußten, daß mit Arnold und Robinson drei Schüsse als Zeichen verabredet waren, daß ein Schiff in den Golf einfahre, liefen wir schnell hinaus, um auf den zweiten Schuß zu horchen. Wir brauchten nicht lange zu warten. Ein zweiter, schwacher Knall ertönte in der Richtung des Leuchtturmes, nach kurzem Zwischenraum von einem dritten gefolgt, so daß kein Zweifel blieb, die lang ersehnten Schiffe mußten angekommen sein. Unter großer Aufregung wurde ein Boot hergerichtet; wir setzten uns auf unsere Bärenfelle auf dem Boden und befahlen unseren Kosakenruderern loszulegen. Bei jeder »Latova«, Fischstation, flußabwärts wurden wir mit dem Rufe begrüßt: »Sudna! Sudna!«, ein Schiff, ein Schiff! und bei der letzten – Volynkina – wo wir unsern Leuten einen Augenblick Rast gönnten, vernahmen wir, das Schiff sei 306 von den Hügeln aus zu sehen, es hätte an der Insel Matuga, ungefähr zwölf Meilen von der Flußmündung, Anker geworfen. Da es also kein falscher Alarm war, eilten wir mit verdoppelter Geschwindigkeit vorwärts und landeten in Zeit von fünfzehn Minuten an der Spitze des Golfes. Arnold und Robinson hatten sich mit dem russischen Piloten Kerrillof bereits im Regierungswalfischboot nach dem Schiff begeben, so daß uns nichts anderes übrig blieb, wie die Anhöhe des Ufers zu erklimmen und ihrer Rückkehr sehnsuchtsvoll und ungeduldig entgegenzuharren. Es war schon spät am Nachmittage gewesen, als das Signal für ein Schiff in Sicht gegeben worden, und als wir an die Flußmündung gelangten, war es nicht weit mehr von Sonnenuntergang. Das Schiff, eine große Bark, lag mitten im Golf ruhig vor Anker, ungefähr zwölf Meilen entfernt, mit einer kleinen amerikanischen Flagge an der Gaffel. Wir konnten das Regierungswalfischboot am Hinterteil des Schiffes befestigt sehen und wußten, daß Arnold und Robinson an Bord sein mußten; aber die Boote des Schiffes hingen noch an den Davits, und es wurden offenbar keine Vorbereitungen zum Landen gemacht. Der russische Gouverneur hatte uns das Versprechen abgenommen, daß wir, wenn das signalisierte Schiff Wirklichkeit und kein Wahn sei, noch drei Schüsse abfeuern würden. Häufige Enttäuschung hatte ihn von der Unzuverlässigkeit menschlicher Aussagen in Bezug auf Ankunft von Schiffen in diesem besonderen Hafen überzeugt, und er hatte nicht vor, in einem lecken Fahrzeug die Reise nach dem Leuchtturm zu unternehmen, ehe er seiner Sache sicher war. Da kein Zweifel mehr herrschte, luden wir die alte rostige Kanone, stopften sie voll nassen Grases, um ihre Stimme zu stärken, und gaben die gewünschten Signale, welche krachend von jedem felsigen Vorgebirge der Küste wiederhallten. Im Verlauf einer Stunde erschien der Gouverneur, und ehe es dunkel ward, kletterten wir alle nochmals auf das steile Ufer, um einen letzten Blick auf das Schiff zu werfen, ehe es in der Dunkelheit unsichtbar 307 wurde. An Bord desselben war kein Zeichen von Thätigkeit, und die späte Stunde machte die Rückkehr Arnolds und Robinsons vor dem nächsten Tage unwahrscheinlich. Wir begaben uns daher wieder in das leere Regierungsgebäude oder »Kazarme« und ergingen uns die halbe Nacht in Vermutungen über die Ursachen der verspäteten Ankunft des Schiffes und die Nachrichten, die es überbringen würde. Beim ersten Schein des Zwielichtes kletterten Dodd und ich abermals auf die Anhöhe, um Gewißheit zu erlangen, daß das Schiff nicht wie der fliegende Holländer im Schutze der Dunkelheit verschwunden sei und uns um eine Täuschung reicher gemacht habe. Unsere Befürchtung war grundlos. Die Bark lag nicht nur an demselben Platze, sondern während der Nacht waren noch andere Schiffe angekommen. Ein großer Dampfer mit drei Masten von annähernd 2000 Tonnen Gehalt lag außerhalb des Hafens, und in einer Entfernung von wenigen Meilen strebten drei kleinere Boote der Flußmündung zu. Diese Entdeckung brachte keine geringe Aufregung hervor. Dodd stürzte den Hügel hinunter nach dem »Kazarme« und rief dem Major schon von weitem zu, daß ein Dampfer im Golf und Boote fünf Meilen vom Leuchtturm entfernt seien. Einige Augenblicke später waren wir alle auf dem höchsten Punkt des Ufers versammelt, stellten Vermutungen über den rätselhaften Dampfer auf, der uns so überraschte, und beobachteten das Näherkommen der Boote. Das größte war jetzt nur noch drei Meilen entfernt, und unsere Gläser ließen uns in dem regelmäßigen Ruderschlag die geübte Mannschaft eines Kriegsschiffes und an den eigentümlichen Epauletten seiner Passagiere russische Offiziere erkennen. Der Dampfer war offenbar ein Kriegsschiff, aber weshalb es in diesen fernen, wenig besuchten Teil der Erde gekommen, suchten wir vergeblich zu enträtseln. Eine halbe Stunde später befanden sich zwei der Boote dem hohen Ufer des Leuchtturmes gegenüber, und wir begaben uns in großer Aufregung hinab an den Landungsplatz, um sie zu erwarten. Seit vierzehn Monaten hatten 308 wir keine Nachricht aus der Heimat erhalten, und die Aussicht auf Briefe und baldige Beschäftigung entschuldigt wohl zur Genüge unsere ungewöhnliche Erregung. Das kleinste Boot stieß zuerst ans Ufer, und als es auf dem sandigen Strande knirschte, sprang ein Offizier in blauer Marineuniform heraus und stellte sich als Kapitän Sutton, von der »Clara Bell«, Bark der russisch-amerikanischen Telegraphengesellschaft, vor, die zwei Monate mit Hilfsmannschaft und Material zum Bau der Linie von San Franzisco aus unterwegs gewesen. »Wo sind Sie den ganzen Sommer geblieben?« fragte der Major, indem er dem Kapitän die Hand schüttelte; »wir haben seit Juni immerfort Ihre Ankunft erwartet und waren fast der Meinung, die Gesellschaft habe das Unternehmen aufgegeben.« Kapitän Sutton erwiderte, alle Schiffe der Gesellschaft seien mit Verspätung von San Franzisco ausgelaufen, und außerdem hätten ihn gewisse Umstände in Petropawlowsk aufgehalten, worüber der Major in den mitgebrachten Briefen Näheres finden werde. »Was für ein Dampfer liegt jenseits der »Clara Bell« vor Anker,« fragte der Major. »Das ist die russische Korvette »Warag« aus Japan.« – »Aber was will sie hier?« – »Das sollten Sie wissen, Herr Major,« versetzte der Kapitän mit belustigtem Lächeln; »so viel ich höre, erwartet sie Befehle von Ihnen; ich glaube, die russische Regierung hat sie beauftragt, sich am Bau der Linie zu beteiligen; wenigstens hörte ich so, als wir ihr in Petropawlowsk begegneten. Sie hat einen russischen Kommissär und einen Korrespondenten des »New-York Herald« an Bord.« Das waren unerwartete Neuigkeiten. Wir hatten zwar gehört, daß die russischen und amerikanischen Marineabteilungen Befehl erhalten, Schiffe nach dem Behringsmeer zu senden, um der Gesellschaft bei den Sondierungen und dem Legen des Kabels zwischen der amerikanischen und sibirischen Küste behilflich zu sein, aber nicht erwartet, eines dieser Schiffe in Gischiginsk zu sehen. Die gleichzeitige Ankunft einer beladenen Bark, einer Dampfkorvette, eines russischen Kommissärs und eines Korrespondenten des »New-York Herald«, das 309 sah geschäftsmäßig aus, und wir gratulierten uns gegenseitig zu den verbesserten Aussichten der sibirischen Abteilung. Das Boot der Korvette war nun auch gelandet, und nachdem wir mit Herrn Anossof, Oberst Knox, dem Korrespondenten des »Herald« und einem halben Dutzend russischer Offiziere, die fließend englisch sprachen, Bekanntschaft gemacht, schickten wir uns an, die lang ersehnten Briefe zu lesen. Die Nachrichten, sofern sie die Angelegenheiten der Gesellschaft und die Aussichten des Unternehmens betrafen, waren sehr befriedigend. Oberst Bulkley, der Oberingenieur, war auf seinem Wege nordwärts in Petropawlowsk angefahren und hatte uns von da durch die »Warag« und die »Clara Bell« ausführliche Einzelheiten über seine Bewegungen und Anordnungen mitgeteilt. Drei Schiffe, »Clara Bell«, »Palmetto« und »Onward«, waren mit sechzig Mann und entsprechender Ladung, im Werte von 60 000 Dollars, von San Franzisco nach Gischiginsk gesandt worden. Eines derselben, die »Clara Bell«, welches Unterlagen und Isolatoren an Bord hatte, war schon angekommen, und die beiden anderen mit Proviant, Draht, Instrumenten und Leuten waren unterwegs. Ferner war ein viertes Schiff mit dreißig Beamten und Arbeitern, einem kleinen Flußdampfer und einer ganzen Ausrüstung von Werkzeugen und Vorräten an die Anadyrmündung geschickt worden, wo Lieutenant Bush es in Empfang nehmen würde. Die Korvette »Warag« war von der russischen Marineabteilung beauftragt, bei der Legung des Kabels in der Behringsstraße Hilfe zu leisten; da aber das in England bestelle Kabel noch nicht angekommen war, fehlte es für die »Warag« an Beschäftigung, und Oberst Bulkley hatte dieselbe mit dem russischen Kommissär nach Gischiginsk dirigiert. Wegen ihres großen Tiefgangs – zweiundzwanzig Fuß – mußte dieselbe fünfzehn bis zwanzig Meilen von der Küste des ochotskischen Meeres entfernt bleiben und konnte uns natürlich nicht von großem Nutzen sein; aber ihre bloße Anwesenheit mit einem besonderen russischen Kommissär an Bord verlieh 310 unserem Unternehmen einen gewissen gouvernementalen Anstrich, der uns den Lokalbehörden und dem Volke gegenüber von großem Werte sein mußte. Major Abaza hatte beabsichtigt, nach der Ankunft eines Schiffes der Gesellschaft sofort nach der russischen Stadt Jakutsk an der Lena zu reisen, fünf- bis sechshundert eingeborene Arbeiter zu mieten, dreihundert Pferde zu kaufen und für deren Verteilung längs der ganzen Linie Sorge zu tragen. Besondere Umstände machten seine Abreise zur Zeit der Ankunft der »Warag« und der »Clara Bell« zur Unmöglichkeit. »Onward« und »Palmetto« wurden noch mit wertvollen Ladungen erwartet, deren Verteilung längs der Küste des ochotskischen Meeres er persönlich zu beaufsichtigen wünschte. Er beschloß deshalb, seinen Ausflug nach Jakutsk auf später zu verschieben und einstweilen mit den zwei Schiffen zu seiner Verfügung zu leisten, was in seinen Kräften stünde. Die »Clara Bell« hatte auch einen Werkführer und drei oder vier Arbeiter mitgebracht, und Major Abaza beschloß, dieselben unter dem Kommando von Lieutenant Arnold nach Jamsk zu schicken, wo sie so viele eingeborene Arbeiter wie möglich in Dienst nehmen und Vorbereitung von Telegraphenstangen und Stationshäusern in Angriff nehmen sollten. Die »Warag« sollte mit Vorräten und Depeschen für Mahood nach Ochotsk fahren, wo derselbe seit fünf Monaten ohne Nachrichten, Geld oder Vorräte lebte und nahezu entmutigt sein mußte. Am Tage vor der Abreise der »Warag« wurden wir alle von den geselligen und liebenswürdigen Offizieren derselben zu einem Abschiedsessen eingeladen, und obgleich unsere kärglichen Mittel uns nicht erlaubt hatten und erlauben würden, denselben eine ähnliche Aufmerksamkeit zu erweisen, zögerten wir nicht, die freundliche Einladung anzunehmen, und uns wieder einmal an den Genüssen des civilisierten Lebens zu erfreuen. Fast alle Offiziere der »Warag«, einige dreißig, sprachen geläufig englisch; das Schiff war luxuriös ausgestattet, Militärmusik begrüßte uns mit »Heil Columbia«, als wir an Bord kamen, und spielte während der Tafel Stücke aus Martha, Traviata und Freischütz; 311 kurz, alles trug dazu bei, unseren Besuch auf der »Warag« zu einer schönen Erinnerung unseres Aufenthaltes in Sibirien zu machen. Am folgenden Morgen um zehn Uhr kehrten wir auf die »Clara Bell« zurück, die Korvette dampfte langsam in See, die Offiziere schwenkten ihre Hüte als stummen Abschiedsgruß vom Decke, und die Militärkapelle spielte »Stets blüh' euch Glück und Segen«, eine bittere Ironie auf unsere einsame, freudlose Verbannung. Es war eine schwermütige Gesellschaft, die an jenem Nachmittage in die kahlen Räume des Regierungsvorratshauses zu einem Nachtessen von Renntierfleisch und Kohl zurückkehrte. Die »Clara Bell« wurde sobald wie thunlich in die Flußmündung gebracht, ihre Ladung gelöscht, und mit der nächsten Hochflut am 26. August segelte sie mit Lieutenant Arnold nach Jamsk, so daß in Gischiginsk nur die ursprüngliche, kamtschadalische Abteilung, Dodd, der Major und ich, zurückblieb. 312   33. Kapitel. Der kurzen Aufregung, welche die Ankunft der »Warag« und der »Clara Bell« hervorgebracht, folgte wieder ein endlos langer Monat des Wartens, den wir in einsamem Unbehagen an der Mündung der Gischiga verbrachten. Woche auf Woche schlich dahin, ohne Kunde von den vermißten Schiffen zu bringen, der kurze nordische Sommer ging zu Ende, die Berge bedeckten sich mit Schnee, und schwere, andauernde Stürme verkündeten das Herannahen eines neuen Winters. Seit der vermeintlichen Abreise der Schiffe »Onward« und »Palmetto« von San Franzisco waren drei Monate vergangen, und wir konnten uns ihr Nichterscheinen nur durch einen Unfall erklären. Am 18. September beschloß Major Abaza, einen Boten in die sibirische Hauptstadt zu senden, um die Gesellschaft auf telegraphischem Wege um Verhaltungsmaßregeln zu bitten. Zu Beginn eines zweiten Winters ohne Leute, Werkzeuge und Material, außer 50 000 Isolatoren und Unterlagen, konnten wir zur Förderung des Baues der Linie gar nichts thun, und unser einziger Ausweg war, der Gesellschaft Mitteilung von unserer Lage zu machen. Am neunzehnten jedoch, ehe der Vorsatz ausgeführt werden konnte, erschien die lang erwartete Bark »Palmetto«, von dem russischen Dampfer »Sachalin« aus Nikolajewsk gefolgt. Da letzterer vom Winde unabhängig war und sehr wenig Tiefgang besaß, hatte er nicht die geringste Schwierigkeit, in den Fluß einzulaufen, während die »Palmetto« vor Anker gehen und eine stärkere Flut abwarten mußte. Das Wetter, das seit mehreren Tagen kalt und drohend gewesen, wurde momentan schlimmer, und am 22. stürmte der Wind aus Südost mit einer Stärke, welche das Dichtreefen der Marssegel erforderlich machte. Wir hegten die ernstesten Befürchtungen für die unglückliche Bark; aber da das Wasser ihr die Barre an der Flußmündung nicht zu passieren erlaubte, konnte nichts geschehen, ehe eine Hochflut eintrat. Am 23. wurde es offenbar, daß die »Palmetto«, auf der all unsere Hoffnungen ruhten, unvermeidlich stranden würde. Ihr schwerster Anker war zerbrochen, und die Bark trieb langsam aber sicher gegen die felsige, steile Küste auf der Ostseite des Flusses, wo sie nichts vor dem Zerschmettern bewahren konnte. Es blieb keine Alternative; Kapitän Arthur schlippte seine Kette, brachte sein Schiff unter Segel und steuerte geradeswegs auf die Flußmündung zu. Stranden mußte sie irgendwo, und es war besser, auf eine Sandbank aufzulaufen, als gegen eine senkrechte Felsenwand zu treiben, wo der Untergang gewiß sein mußte. Die Bark kam stattlich daher, bis sie ungefähr eine halbe Meile vom Leuchtturm in sieben Fuß tiefem Wasser auf den Grund fuhr. Sie stieß mit ungeheurer Gewalt auf, während das Meer in weißen Schaumwellen ihr Hinterdeck überflutete. Es schien nicht wahrscheinlich, daß sie die Nacht überdauern könnte. Als jedoch die Flut stieg, trieb sie der Flußmündung näher und näher, und bei Hochflut war sie nur noch eine Viertelmeile entfernt. Da das Schiff sehr stark gebaut war, litt es weniger Schaden, als wir vermutet, und als die Ebbe eintrat, lag es hoch und trocken auf der Barre und hatte keinen größeren Schaden zu verzeichnen, als daß der Loskiel fehlte und einige Platten des kupfernen Bodenbeschlags abgerissen waren. Da das Schiff bis zu 45° geneigt auf der Seite lag, war es unmöglich, etwas aus dem Rumpf herauszuheißen, 314 aber wir trafen Vorbereitungen, sobald eine neue Flut es in aufrechte Stellung gebracht haben würde, die Ladung in Boote zu schaffen. Die Hoffnung, das Schiff zu retten, schien gering, aber es war wichtig, wenigstens die Ladung zu bergen, ehe es in Trümmer ging. Kapitän Tobezin, vom russischen Dampfer »Sachalin«, bot alle seine Boote und die Hilfe seiner Mannschaft an, und am folgenden Tage machten wir uns mit sechs oder sieben Booten, einem großen Leichterfahrzeug und ungefähr fünfzig Mann an die Arbeit. Die See ging noch immer hoch; die Bark fing wieder an, gegen den Grund aufzustoßen; das Leichterfahrzeug füllte sich mit Wasser und sank ungefähr hundert Meter vom Ufer mit voller Ladung, und ein ganzes Assortiment von Kästen, Packkörben und Mehlfässern trieb mit der Flut flußaufwärts. Trotz alles Mißgeschickes harrten wir mit den Booten bei der Arbeit aus, so lange das Wasser tief genug blieb, und als die Ebbe unserer Thätigkeit ein Ende machte, konnten wir uns Glück wünschen, so viele Vorräte geborgen zu haben, daß wir vor dem Hungertode gesichert waren, selbst wenn das Schiff in der Nacht zerschellen sollte. Am 25. ließ die Heftigkeit des Windes etwas nach, und die See nahm ab. Vom 25. bis 29. September waren alle Boote und die ganze Mannschaft des »Sachalin« und der »Palmetto« beschäftigt, Vorräte von der Bark ans Ufer zu schaffen, und am 30. war wenigstens die Hälfte der Ladung geborgen. Soweit wir es beurteilen konnten, würde das Schiff imstande sein, mit der ersten Hochflut im Oktober in See zu stechen. Eine sorgfältige Untersuchung stellte fest, daß es nur seinen Loskiel verloren, und die Offiziere des »Sachalin« behaupteten, daß dies seine Seetauglichkeit durchaus nicht beeinträchtige. Da entstand eine neue Schwierigkeit. Die Mannschaft der »Palmetto« bestand aus Negern; sobald sie vernahmen, Major Abaza beabsichtige, die Bark noch diesen Herbst nach San Franzisco zu schicken, weigerten sie sich, dem Befehle zu gehorchen, weil das Schiff seeuntauglich sei; sie wollten lieber den Winter in Sibirien verbringen, als auf demselben eine Reise nach Amerika wagen. Major 315 Abaza berief sofort eine Kommission von den Offizieren des »Sachalin«, bat sie, die Bark nochmals zu untersuchen und ihre Meinung in Bezug auf die Seetauglichkeit derselben schriftlich abzugeben. Die Untersuchung fand statt, und das Gutachten erklärte sie zu einer Reise nach Petropawlowsk, Kamtschatka und wahrscheinlich auch nach San Franzisco geeignet. Diese Entscheidung wurde den Negern vorgelesen, aber sie beharrten auf ihrer Weigerung. Nachdem der Major sie vor den Folgen einer Meuterei vergeblich gewarnt, ließ er ihren Rädelsführer fesseln und an Bord des »Sachalin« ins »schwarze Loch« stecken; aber seine Kameraden blieben standhaft. Es war von höchster Wichtigkeit, daß die »Palmetto« mit der ersten Hochflut in See stach, denn die Jahreszeit war schon weit vorgeschritten, und wenn sie länger als Mitte Oktober im Fluß blieb, mußte sie vom Eis zertrümmert werden. Außerdem war Major Abaza genötigt, sich nach Jakutsk zu begeben, und der Dampfer »Sachalin«, den er benutzen wollte, war reisefertig. Am Nachmittag des ersten, als der »Sachalin« zur Abfahrt bereit war, ließen die Neger dem Major sagen, wenn er ihren gefesselten Kameraden freigebe, wollten sie sich anstrengen, die »Palmetto« noch vollends auszuladen und nach San Franzisco zurückzubringen. Der Mann wurde in Freiheit gesetzt, und zwei Stunden später fuhr der Major auf dem »Sachalin« nach Ochotsk ab, und wir blieben mit dem halbgestrandeten Schiff und der meuterischen Mannschaft allein. Die Ladung der Bark war erst zur Hälfte geborgen, und wir setzten in den nächsten fünf Tagen mit Booten die harte, entmutigende Arbeit fort, denn nur während sechs Stunden von vierundzwanzig konnten wir uns dem Schiffe nähern, von elf Uhr abends bis fünf Uhr morgens. In der ganzen übrigen Zeit lag das Schiff auf der Seite, und das umgebende Wasser war zu seicht, als daß ein Brett darin hätte schwimmen können. Um unsere Schwierigkeiten und Sorgen zu vermehren, wurde das Wetter plötzlich kälter, das Thermometer sank auf Null , 316 jede Flut brachte Massen von Treibeis, das große Stücke Kupferblech vom Schiffe abriß, und der Fluß war bald dergestalt mit Eisstücken bedeckt, daß wir die Boote mit Tauen hin- und herziehen mußten. Trotz Wetter, Wasser und Eis wurde jedoch nach und nach alles ans Land geschafft, und am zehnten Oktober war nichts mehr an Bord als einige Fässer voll Mehl, etwas gesalzenes Fleisch, das wir nicht wollten, und fünfundsiebzig bis hundert Tonnen Kohlen, was als Ballast nach San Franzisco zurückkehren sollte. Die Flut wurde jeden Tag höher, und am 11. Oktober war die »Palmetto« zum erstenmal seit drei Wochen flott. Sobald der Kiel von der Barre frei kam, wurde das Schiff in dem Kanal herumgeschwungen, so daß sein Bug nunmehr dem Ausgang zugekehrt war, und mit zwei leichten Warpankern so verankert, daß es am folgenden Tage jeden Augenblick unter Segel gehen könne. Seitdem in der vorhergehenden Woche die intensive Kälte eingetreten war, hatten die Neger keine Lust mehr bezeigt, den Winter in Sibirien zu verbringen, und wenn der Wind nicht plötzlich nach Süden umschlug, stand ihrer Abfahrt nichts mehr im Wege. Für einmal blieb der Wind günstig, so daß am 12. Oktober um zwei Uhr nachmittags die »Palmetto« ihre nur lose befestigten Unter- und Marssegel fallen lassen und unter einer leichten Nordostbriese langsam wieder in den Golf hinaussegeln konnte, nachdem die Warpankertaue gekappt worden waren. Der köstlich frische Gesang: »Ho! Heiß! Ho!«, mit welchem die aus Negern bestehende Schiffsbesatzung außerhalb der Barre die Bramsegel vorschotete, war die schönste Musik für mein Ohr. Die Bark war auf See, und zwar war sie keinen Tag zu früh davongefahren. In Zeit von einer Woche nach ihrer Abreise waren der Fluß und der obere Teil der Bucht derart mit Eis bedeckt, daß sie sich weder bewegen, noch vollständigen Ruin hätte vermeiden können. Zu Beginn des zweiten Winters waren die Aussichten unseres Unternehmens günstiger, als sie je gewesen. Die Schiffe der Gesellschaft waren zwar sehr verspätet, 317 und eins, die »Onward«, gar nicht angekommen; aber die »Palmetto« hatte zwölf Leute, Werkzeuge und große Vorräte gebracht; Major Abaza hatte sich nach Jakutsk begeben, um sechs- bis achthundert Arbeiter anzuwerben und dreihundert Pferde zu kaufen, und wir hofften, am 1. Februar würde die Arbeit längs der ganzen Ausdehnung der Linie im Gang sein. So schnell wie möglich nach der Abfahrt der »Palmetto« schickte ich Lieutenant Sandford und zwölf Arbeiter in den Wald am Ufer der Gischiga oberhalb der Niederlassung, versah sie mit Äxten, Schneeschuhen, Hundeschlitten und Vorräten und ließ sie Telegraphenstangen und Holz für Häuser herrichten, welche auf den Steppen zwischen Gischiginsk und dem Penschinagolf verteilt werden sollten. Mit Herrn Wheeler sandte ich eine kleine Gesellschaft Eingeborene mit fünf oder sechs Schlittenladungen voll Äxte und Vorräte für Lieutenant Arnold und mit Depeschen, die Major Abaza sollten nachgeschickt werden, nach Jamsk. Weiter gab's für mich einstweilen an der Küste des ochotskischen Meeres nichts mehr zu thun, und ich bereitete mich vor, wieder einmal nach dem Norden abzureisen. Seit dem ersten Mai waren wir ohne jegliche Nachricht von Lieutenant Bush und seiner Gesellschaft und natürlich begierig zu erfahren, welchen Erfolg er mit der Herstellung und dem Transport der Telegraphenstangen am Anadyr gehabt, und was für Pläne und Aussichten er für den Winter habe. Die verspätete Ankunft der »Palmetto« zu Gischiginsk ließ uns befürchten, daß das für den Anadyr bestimmte Schiff ebenfalls aufgehalten worden, und daß Lieutenant Bush mit seiner Gesellschaft dadurch in eine unangenehme, ja geradezu gefährliche Lage geraten sein könnte. Major Abaza hatte mir deshalb vor seiner Abreise nach Ochotsk aufgetragen, sobald Winterreisegelegenheit vorhanden, mich nach Anadyrsk zu begeben, um festzustellen, ob Schiffe der Gesellschaft an der Anadyrmündung angelaufen seien, und ob Bush der Hilfe bedürfe. Ich packte also mein Lagergerät und Pelzkleider, belud fünf Schlitten mit Thee, Zucker, Tabak und anderen Vorräten und trat am zweiten November 318 mit sechs Kosaken meine letzte Reise nach dem nördlichen Polarkreise an. Keine Expedition während meines ganzen sibirischen Aufenthaltes war so einsam und so schrecklich wie diese. Um Transportkosten zu sparen, hatte ich beschlossen, keinen meiner amerikanischen Kameraden mitzunehmen; aber an manchem einsamen Lagerfeuer bereute ich meine selbstverleugnende Sparsamkeit und sehnte mich nach dem herzlichen Lachen und den gutmütigen Späßen meines » fidus Achates « – Dodd. Während fünfundzwanzig Tagen begegnete ich keinem civilisierten menschlichen Wesen und redete nicht ein einzigmal meine Muttersprache; schließlich wäre ich beglückt gewesen, mich mit einem intelligenten amerikanischen Hund unterhalten zu können. »Einsamkeit,« sagt Beecher, »ist für das gesellige Leben, was Pausen in der Musik«; aber eine Reise, die man ganz allein macht, ist ebensowenig unterhaltend, wie ein Musikstück, das ganz aus Pausen bestände; nur eine lebhafte Phantasie kann aus beiden etwas machen. Zu Kuil an der Küste des Penschinagolfes war ich gezwungen, mich von meinen gutgelaunten Kosaken zu trennen und ein Dutzend dumme, unfreundliche, geschorene Korjäken in Dienst zu nehmen, und nun war ich einsamer als je! Mit den Kosaken hatte ich wenigstens noch etwas zu plaudern vermocht, hatte sie an den langen Winterabenden am Lagerfeuer über ihre Ansichten, ihren Aberglauben befragt und ihren charakteristischen Erzählungen über sibirisches Leben zugehört; aber jetzt hatte ich, da ich mich der Korjäkensprache nicht bedienen konnte, gar keine Unterhaltung. Meine neuen Reisegefährten waren die häßlichsten Schurkenphysiognomieen von Korjäken, die man in allen Niederlassungen am Penschinagolf finden konnte, und ihr Eigensinn und ihre schreckliche Dummheit machten von Kuil bis Penschinsk meine schlechte Laune zu einem chronischen Zustande. Nur durch Drohung mit dem Revolver waren sie zum Gehorsam zu bringen. Von der Kunst, sich bei schlechtem Wetter ein behagliches Lager 319 herzurichten, verstanden sie absolut nichts, und ich bemühte mich vergeblich, ihnen etwas davon beizubringen. Trotz meiner Belehrungen und Erläuterungen blieben sie dabei, jeden Abend im Schnee ein tiefes, enges Loch für das Feuer zu machen, und hockten darum herum, wie Frösche um einen Teich, während ich mir selbst ein Lager herstellte. Auch von der edeln Kochkunst hatten sie keine blasse Ahnung, und das Geheimnis von Conserven konnten sie nie ergründen. Warum der Inhalt einer Büchse gekocht, während derjenige einer andern von ganz dem nämlichen Aussehen geröstet wurde; warum der eine sich in Suppe und der andere in einen Kuchen verwandelte, das waren Fragen, über die sie jeden Abend ernstlich disputierten, über die sie sich aber nie zu einigen vermochten. Die Experimente, die sie gelegentlich mit dem Inhalte der unbegreiflichen Büchsen veranstalteten, waren erstaunlich. Sie brachten mir Tomaten in Butter gebacken, Pfirsiche mit Ochsenfleisch vermischt und zu Suppe gekocht; grüne Kerne wurden mit Zucker zubereitet und getrocknete Gemüse mit Steinen in Stücke zermalmt. Nie trafen sie das Richtige, wenn ich nicht daneben stand und persönlich die Zubereitung meines Nachtessens überwachte. Wie unwissend sie aber auch in Bezug auf diese seltsamen amerikanischen Nahrungsmittel waren, so begierig waren sie, dieselben zu versuchen, und ihre Experimente in dieser Hinsicht waren oft sehr belustigend. Eines Abends, bald nachdem wir Schestakowa verlassen, sahen sie mich zufällig eine eingemachte Gurke verzehren, und da etwas Derartiges in ihrer beschränkten gastronomischen Erfahrung noch nicht dagewesen, baten sie mich um ein Stück. Da ich mir das Resultat dachte, gab ich dem schmutzigsten, verwahrlosesten Vagabunden der Gesellschaft eine ganze Gurke und bedeutete ihm, gut hineinzubeißen. Als er dieselbe an seine Lippen brachte, bewachten ihn seine Kameraden mit atemloser Neugierde, um zu sehen, wie es ihm schmecke. Einen Augenblick lang waren seine Züge ein Gemisch von Überraschung, Verwunderung und Widerwillen, was unwiderstehlich lächerlich aussah, und er 320 schien geneigt, was er im Munde hatte, auszuspeien; aber er bezwang sich, that, als ob er befriedigt sei, schmatzte, erklärte, es sei »akhmel nemelkhin« – sehr gut, und gab die Gurke seinem Nachbar. Dieser war von der unerwarteten Säure ebenso überrascht und angeekelt, aber lieber als er seine Enttäuschung eingestanden und sich hätte auslachen lassen, behauptete auch er, es sei kostbar, und gab sie weiter. Sechs von ihnen spielten nach einander mit dem feierlichsten Ernste diese Posse; aber als alle die Gurke versucht und alle erwischt worden waren, brachen sie gleichzeitig in ein »tei–i–i–i« der Verwunderung aus und ließen ihren unterdrückten Gefühlen des Entsetzens freien Lauf. Das heftige Speien, Husten und Auswaschen des Mundes mit Schnee, welches nun folgte, bewies, daß der Geschmack für derartige Dinge ein künstlich angeeigneter ist, daß der Mensch in seinem Naturzustande denselben nicht besitzt. Was mich besonders belustigte, war, wie sie sich gegenseitig hintergingen. Jeder, der erwischt worden, wollte, daß der andere ebenso angeführt wurde, und keiner hätte zugegeben, daß ihm die Gurke schlecht schmeckte, bis alle sie versucht hatten. Das Unglück hat gerne Leidensgefährten, und die menschliche Natur ist überall die nämliche. Obgleich dieses Experiment durchaus nicht zu ihrer Zufriedenheit ausgefallen war, wollten sie von jeder Büchse, die ich öffnete, den Versuch haben. Kurz vor unserer Ankunft in Penschinsk ereignete sich jedoch eine Katastrophe, die mich von ihrer Zudringlichkeit befreite und ihnen eine abergläubische Ehrfurcht vor Conservenbüchsen einflößte, die von keiner Vertrautheit mit denselben mehr besiegt werden konnte. Wenn wir abends ein Lager bezogen, pflegten wir die Conserven in heiße Asche zu stellen, um dieselben aufzutauen, und zu wiederholten Malen hatte ich den Leuten anbefohlen, die Büchsen zuerst zu öffnen. Ich konnte ihnen nicht erklären, daß der sich anhäufende Dampf dieselben auseinander sprengen werde; aber ich sagte ihnen, es würde schlimm, »atkin«, ausfallen, wenn sie kein Loch in den Deckel machten, ehe sie dieselben ans Feuer brächten. 321 Eines Abends jedoch vernachlässigten oder vergaßen sie diese Vorsichtsmaßregel, und während alle im Kreise um das Feuer kauerten, explodierte eine der Büchsen mit fürchterlichem Knall, eine große Dampfwolke entwischte, und die Stückchen heißen Hammelfleisches stoben in allen Richtungen auseinander. Hätte sich plötzlich ein Vulkan unter dem Lagerfeuer aufgethan, die Korjäken hätten nicht bestürzter sein können. Sie hatten keine Zeit aufzustehen und davonzulaufen, so streckten sie die Beine in die Luft, schrieen »Kammuk!« – der Teufel! – und hielten sich für verloren. Mein herzliches Lachen beruhigte sie schließlich, und sie schämten sich ihrer augenblicklichen Panik; aber seit der Zeit gingen sie mit Conservenbüchsen um, als ob sie geladene Bomben wären, und wollten nie mehr den Inhalt derselben versuchen. Nachdem wir die Küste des ochotskischen Meeres verlassen, kamen wir auf unserem Wege nach Anadyrsk nur sehr langsam vorwärts, einmal wegen der Kürze der Tage und dann wegen des weichen, frischgefallenen Schnees. Häufig mußten wir auf eine Entfernung von zehn bis fünfzehn Meilen hintereinander auf Schneeschuhen eine Bahn für unsere schwer beladenen Schlitten machen, und selbst dann konnten sich unsere ermüdeten Hunde kaum durch das weiche, pulverartige Gestöber durchkämpfen. Das Wetter war so intensiv kalt, daß mein Quecksilber-Thermometer, das nur -23° anzeigen konnte, fast nutzlos war. Mehrere Tage lang stieg das Quecksilber gar nicht aus der Kugel, und ich konnte die Temperatur nur nach der Geschwindigkeit schätzen, mit der mein Nachtessen gefror, wenn es vom Feuer genommen wurde. Mehr als einmal verwandelte sich die Suppe in meinen Händen zu einem festen Körper, und die grünen Kerne froren an meinen Teller, ehe ich sie essen konnte. Am vierzehnten Tage, nachdem wir Gischiginsk verlassen, erreichten wir Penschinsk, was noch zweihundert Werst von Anadyrsk entfernt ist. Seit dem letzten Mai war niemand in die Niederlassung gekommen, und die 322 ganze Dorfbevölkerung, Männer, Frauen, Kinder und Hunde strömten uns mit den größten Freudenbezeigungen entgegen. Seit sie zuletzt ein fremdes Gesicht gesehen oder von der Außenwelt gehört, waren sechs Monate vergangen, und sie feuerten vor Freude aus einem halben Dutzend rostiger Musketen Salutschüsse ab. Als ich Gischiginsk verließ, hatte ich zuversichtlich erwartet, daß mir irgendwo unterwegs ein Kurier mit Nachrichten und Depeschen von Bush entgegenkommen würde, und als ich Penschinsk erreicht, war ich sehr enttäuscht und auch beunruhigt, daß in diesem Dorfe niemand von Anadyrsk angekommen war, und daß man daselbst seit dem Frühling von unserer Gesellschaft nichts gehört hatte. Ich hatte eine Ahnung, daß irgend etwas schief gehen müsse, weil Bush ausdrücklichen Befehl erhalten, sobald die Winterstraße fahrbar, einen Kurier nach Gischiginsk zu schicken, und jetzt waren wir schon weit im November. Am folgenden Tage verwirklichten sich meine schlimmsten Befürchtungen. Spät am Abend, als ich in dem Hause eines der russischen Bauern beim Thee saß, ertönte plötzlich der Ruf, daß »Anadyrski jajdut« – jemand von Anadyrsk gekommen sei; ich eilte aus dem Hause und begegnete dem Priester von Anadyrsk, der gerade vor der Thüre aus seinem Schlitten stieg. Meine erste Frage lautete natürlich: »Wo ist Bush?« Aber das Herz sank mir in die Schuhe, als der Geistliche erwiderte, »Bokh jevo zniet« – Gott allein weiß es. »Aber wo haben Sie ihn zuletzt gesehen, wo hat er den Sommer verbracht?« fragte ich weiter. »Ich sah ihn zuletzt an der Anadyrmündung im Juli«, versetzte der Priester, »und seitdem hat er nichts von sich hören lassen«. Einige weitere Fragen enthüllten die ganze traurige Geschichte. Bush, Macrae, Harder und Smith waren im Juni mit Flößen für Stationshäuser, die am Ufer errichtet werden sollten, flußabwärts gefahren. Nachdem sie an den günstigsten Punkten diese Häuser aufgeschlagen, hatten sie sich in Booten nach dem Anadyrgolf begeben, um die Ankunft der Schiffe der Gesellschaft von San 323 Franzisco zu erwarten. Hier war der Geistliche zu ihnen gestoßen und hatte mehrere Wochen mit ihnen verlebt; aber spät im Juli, als ihre kärglichen Vorräte ausgegangen und die erwarteten Schiffe nicht angekommen waren, hatte der Priester die Niederlassung wieder aufgesucht, während die Amerikaner halbverhungert an der Anadyrmündung zurückblieben. Seitdem hatte man nichts mehr von ihnen gehört, und wie der Priester sagte, Gott allein wußte, wo sie sich befanden und was ihnen zugestoßen war. Da der Lachsfang am Anadyr im letzten Sommer sehr schlecht ausgefallen, war in Anadyrsk eine schreckliche Hungersnot ausgebrochen; ein Teil der Bewohner und viele Hunde waren aus Mangel an Nahrung gestorben, und das Dorf war fast ganz verödet. Jeder, der Hunde genug besaß, um einen Schlitten zu ziehen, hatte die wandernden Tschutschken aufgesucht, bei denen er bis zum nächsten Sommer leben konnte, und die wenigen Leute, die in der Niederlassung verblieben waren, aßen ihre Stiefel und Stücke von Renntierfell auf, um ihr Leben zu fristen. Zu Anfang Oktober hatten sich Eingeborene mit Hundeschlitten aufgemacht, um Bush und seine Begleiter aufzusuchen, aber seit ihrer Abreise war mehr als ein Monat verstrichen, und sie waren noch nicht zurückgekehrt. Aller Wahrscheinlichkeit nach waren sie auf den weiten, trostlosen Steppen des unteren Anadyr erfroren, da sie sich nur mit Proviant für zehn Tage hatten versehen können. Ob sie mit Tschutschken zusammengestoßen waren, die ihre Bedürfnisse decken konnten, war sehr zweifelhaft. Das war die erste Nachricht aus dem Norden – Hungersnot in Anadyrsk, Bush und Genossen seit Juli und acht Eingeborene mit Hundeschlitten seit Mitte Oktober verschollen. Die Sachlage hätte kaum schlimmer sein können, und ich verbrachte eine schlaflose Nacht in Sorgen und Überlegen, was zu thun sei. So sehr ich auch eine abermalige Reise an die Mündung des Anadyr fürchtete, was blieb mir für eine andere Wahl? Die Thatsache, daß seit vier Monaten von Bush keine 324 Nachricht gekommen, bewies, daß ihm ein Unglück zugestoßen sein mußte, und es war meine Pflicht, mich, wenn dies möglich, nach der Anadyrbai zu begeben, um ihn aufzusuchen. Am folgenden Morgen fing ich deshalb an, Hundefutter einzukaufen, und vor Nacht hatte ich 2000 getrocknete Fische und eine Quantität Robbenspeck beisammen, einen Vorrat, von dem ich hoffte, daß er für fünf Hundegespanne wenigstens vierzig Tage vorhalten werde. Dann ließ ich den Häuptling einer Gesellschaft wandernder Korjäken holen, der zufällig in der Nähe von Penschinsk ein Lager bezogen, und veranlaßte ihn, seine Renntierherde nach Anadyrsk zu treiben und so viele zu töten, daß die hungernden Bewohner einstweilen mit Nahrung versorgt wären, bis andere Hilfe käme. An den russischen Gouverneur von Gischiginsk sandte ich durch zwei Eingeborene auf Hundeschlitten einen Brief, um ihn von der Hungersnot in Anadyrsk zu benachrichtigen, und Dodd ersuchte ich, alle Schlitten, deren er habhaft werden könnte, mit Vorräten bepackt nach Penschinsk zu schicken, damit ich dieselben von da aus nach der heimgesuchten Niederlassung könnte transportieren lassen. Ich reiste selbst am 20. November mit fünf der besten Führer und den fünf besten Hundegespannen von Penschinsk nach Anadyrsk ab. Im Falle ich vor meiner Ankunft in Anadyrsk nichts von Bush hören sollte, beabsichtigte ich, dieselben mit an die Anadyrmündung zu nehmen. 325   34. Kapitel. Da wir die Schlittenbahn, welche der Priester gemacht, benutzen konnten, kamen wir rascher in der Richtung von Anadyrsk vorwärts, als ich erwartet; und am 22. November kampierten wir dreißig Werst südlich von der Niederlassung am Fuße eines niedrigen Gebirgszuges, der als »Ruski Chrebet« bekannt ist. In der Hoffnung, unseren Bestimmungsort vor dem nächsten Morgen zu erreichen, hatten wir beabsichtigt, die ganze Nacht zu reisen, aber gerade vor Einbruch der Dunkelheit erhob sich ein Sturm, der uns am Überschreiten des Passes verhinderte. Gegen Mitternacht ließ der Wind ein wenig nach, der Mond blickte gelegentlich aus den Wolken hervor, und da wir fürchteten, das Wetter könne sich wieder verschlechtern, alarmierten wir unsere Hunde und fuhren bergan. Es war ein wildes, einsames Bild. Der Schnee trieb uns in dichten Wolken aus dem Paß entgegen, verhüllte fast die weißen Bergspitzen zu beiden Seiten und machte die Landschaft hinter uns vollständig unsichtbar. Dann und wann drang das Mondlicht siegreich durch die Wolken fliegenden Schnees und beleuchtete einen Augenblick den mächtigen, kahlen Bergabhang über unseren Häuptern; dann jagte der Sturm wieder die Schlucht herab, und alles verschwand in Wolken und Finsternis. Als wir ganz atemlos auf der Höhe angekommen waren, gestatteten wir unseren Hunden einen 326 Augenblick zu verschnaufen. Da erblickten wir plötzlich eine lange Reihe dunkler Gegenstände, welche über die kahle Hochfläche nur wenige Meter von uns entfernt dahineilten und in der Schlucht, der wir eben entronnen, verschwanden. Ich erhaschte nur einen flüchtigen Eindruck, aber es schienen Hundeschlitten zu sein, und mit lautem Geschrei jagten wir hinter ihnen her. Es waren wirklich Hundeschlitten, und als wir näher kamen, erkannte ich den alten, mit Seehundsfell bedeckten »Pavoska«, den ich im vorhergehenden Winter zu Anadyrsk gelassen, und in dem sich sicherlich ein Amerikaner befinden mußte. Mit laut klopfendem Herzen sprang ich von meinem Schlitten, eilte zum Pavoska und fragte: »Wer da?« Es war zu dunkel, um die Züge zu erkennen, aber die Stimme, die ich mit tausend Freuden willkommen hieß, war die von Bush. Seit länger als drei Wochen hatte ich keinen Landsmann gesehen, kein Wort englisch gesprochen; fortwährendes Mißgeschick hatte mich entmutigt, und plötzlich, um Mitternacht, auf einer öden Bergspitze im Sturm begegnet mir ein alter Kamerad und Freund, den ich fast als verloren betrauert hatte. Das war ein freudiges Wiedersehen! Die Eingeborenen, welche sich zum Entsatz der Amerikaner an den Anadyrgolf begeben, waren mit Bush glücklich zurückgekehrt, und dieser war nach Gischiginsk unterwegs, wohin er die Kunde von der Hungersnot bringen und Vorräte und Hilfe holen wollte. Auch er war wie wir vom Sturme aufgehalten worden, hatte sich, als derselbe um Mitternacht nachließ, ebenfalls aufgemacht, und so waren wir auf der Höhe zusammengetroffen. Wir kehrten in mein verlassenes Lager an der Südseite des Gebirges zurück, entfachten die noch rauchende Asche, breiteten unsere Bärenfelle aus und plauderten, bis der Schnee uns das Aussehen von Eisbären verliehen und der Tag im Osten graute. Bush brachte noch mehr schlechte Nachrichten. Er und seine Gefährten hatten, wie der Priester mir schon erzählt, sich in der ersten Hälfte des Juni an die Anadyrmündung begeben und dort fast vier Monate auf die Schiffe 327 der Gesellschaft gewartet. Ihre Vorräte waren schließlich auf die Neige gegangen, und sie hatten von den wenigen Fischen, die sie von Tag zu Tag fingen, ihr Dasein gefristet, und wenn sie keine Fische hatten, gehungert. Um sich Salz zu verschaffen, hatten sie eine alte Tonne ausgeschabt, in der gesalzenes Fleisch gewesen, und die sich von Macraes Aufenthalt in dem Lager noch daselbst befunden; als Kaffee hatten sie einen Aufguß von geröstetem Reis getrunken. Endlich waren ihnen aber auch Salz und Reis ausgegangen, und sie waren auf ein spärliches Gericht von gekochtem Fisch ohne Salz, Brot oder Kaffee angewiesen gewesen. Inmitten eines großen Moossumpfes fünfzig Meilen vom nächsten Baum zu leben, sich in Ermangelung von anderen Kleidungsstücken in Tierfelle zu hüllen, häufig von Hunger und beständig von Moskitos gequält zu werden, Tag für Tag und Woche für Woche nach Schiffen spähen, die nie ankommen, – das ist wirklich keine beneidenswerte Lage. Im Oktober war endlich »das goldene Thor«, eine der Gesellschaft gehörende Bark, mit fünfundzwanzig Mann und einem kleinen Dampfer angelangt. Aber der Winter hatte schon seinen Einzug gehalten, und fünf Tage später, ehe die Ladung des Schiffes geborgen werden konnte, war dasselbe vom Eis zertrümmert worden. Es war zwar gelungen, die Mannschaft und fast alle Vorräte zu retten, aber dieses Mißgeschick hatte die Abteilung von fünfundzwanzig auf siebenundvierzig Köpfe vermehrt, ohne entsprechende Vergrößerung der Vorräte zu ihrem Unterhalte. Glücklicherweise waren wandernde Tschutschken in die Nähe gekommen, denen Bush eine bedeutende Anzahl Renntiere abgekauft, die er gefrieren und zu späterem Gebrauche hatte aufbewahren lassen. Nachdem der Anadyr zugefroren, war Bush, wie Macrae im vorhergehenden Winter, ohne Transportmittel, um die zweihundertundfünfzig Meilen entfernte Niederlassung zu erreichen; aber er hatte den Fall vorgesehen und Befehl hinterlassen, wenn er, ehe sich der Fluß gestellt, nicht auf Booten zurückgekehrt sei, solle man ihm Hundeschlitten zum Entsatze schicken. Trotz der Hungersnot 328 war dieser Befehl ausgeführt worden, und Bush war mit zwei seiner Leute nach Anadyrsk gekommen. Als er die Niederlassung von Hungersnot heimgesucht und verödet fand, hatte er sich ohne Aufschub nach Gischiginsk aufgemacht, obgleich seine erschöpften und hungernden Hunde unterwegs tot liegen blieben. Die Lage, als ich mit Bush auf der Höhe des Ruski Chrebet zusammentraf, war also kurz folgende: Vierundvierzig Mann lebten an der Anadyrmündung, zweihundertundfünfzig Meilen von der nächsten Niederlassung, ohne genügende Vorräte für den Winter und ohne Transportmittel, um sich von dort zu entfernen. Das Dorf Anadyrsk war verödet, und mit Ausnahme einiger Gespanne zu Penschinsk befanden sich im ganzen nördlichen Distrikt vom ochotskischen Meere bis zur Behringsstraße keine brauchbaren Hunde. Was war unter solchen Umständen zu thun? Die ganze Nacht diskutierten Bush und ich diese Frage am einsamen Lagerfeuer am Fuße des Ruski Chrebetgebirges, ohne zu einem Resultate zu gelangen, und nachdem wir drei bis vier Stunden geschlafen, setzten wir die Reise nach Anadyrsk fort. Spät am Nachmittage fuhren wir in das Dorf ein, das keine Niederlassung mehr genannt werden konnte. Die beiden oberen Dörfer, »Osalkin« und »Pokorukof«, die im vorigen Winter einen so wohlhabenden Eindruck gemacht, waren ohne eine lebende Seele, und in Markowa befanden sich nur noch einige hungernde Familien, deren Hunde alle tot waren, und die deshalb nicht fort konnten. Kein Heulchor zeigte unsere Ankunft an, niemand kam uns entgegen; die Fenster der Häuser waren mit hölzernen Läden verschlossen und halb im Schnee begraben, durch den kein Pfad führte; Todesschweigen herrschte im ganzen Dorfe, es war wie ausgestorben. Wir hielten an einem kleinen Blockhause, wo Bush sein Hauptquartier aufgeschlagen, und verbrachten den Rest des Tages damit, unsere gegenseitigen Erfahrungen auszutauschen. Die unangenehme Lage, in der wir uns befanden, war fast ausschließlich die Folge der Hungersnot zu 329 Anadyrsk. Die verspätete Ankunft und der Schiffbruch des »Goldenen Thores« war natürlich ein großes Mißgeschick, aber das wäre leicht zu überwinden gewesen, hätte uns die Hungersnot nicht aller Transportmittel beraubt. Sowohl die Existenz der Bewohner Anadyrsks, wie die aller anderen russischen Niederlassungen in Sibirien hängt von den Fischen ab, welche jeden Sommer die Flüsse hinaufschwimmen, um zu laichen. Sie verteilen sich in die seichten Neben- und Seitenflüsse im Innern des Landes und werden daselbst zu Tausenden gefangen. So lange diese Fischwanderungen regelmäßig sind, können sich die Eingeborenen Nahrung im Überfluß verschaffen; aber aus einem unaufgeklärten Grunde bleiben alle drei oder vier Jahre die Fische einmal aus, und dann entsteht eine Hungersnot, wie die zu Anadyrsk, und manchmal eine noch viel schlimmere. Im Jahre 1860 starben in vier Niederlassungen am Penschinagolf mehr als hundertundfünfzig Eingeborene aus Mangel an Nahrung, und die Halbinsel Kamtschatka ist seit der russischen Eroberung so häufig von Hungersnot heimgesucht worden, daß die Bevölkerung auf weniger als die Hälfte zusammengeschmolzen ist. Wenn nicht die wandernden Korjäken mit ihren großen Renntierherden der hungernden Bevölkerung Hilfe brächten, würden meines Erachtens die ansässigen Bewohner Sibiriens, einschließlich Russen, Tschuansen, Jukahiren und Kamtschadalen in weniger als fünfzig Jahren aussterben. Durch die große Entfernung der Niederlassungen von einander und den Mangel jeglichen Verkehrsmittels im Sommer, ist jedes Dorf auf seine eigenen Hilfsmittel angewiesen und alle gegenseitige Unterstützung unmöglich, bis es oft zu spät ist. Die ersten Opfer einer solchen Hungersnot sind immer die Hunde, und die ihrer Transportmittel beraubten Bewohner können die heimgesuchte Niederlassung nicht verlassen, verzehren ihre Stiefel, Riemen aus Seehundsfell und was sonst von ungegerbten Häuten vorhanden, bis sie schließlich Hungers sterben. Übrigens ist ihre eigene Unbedachtsamkeit daran schuld. Sie könnten in einem Jahre Fischvorräte für drei Jahre 330 ansammeln, statt dessen versehen sie sich nur für einen Winter und überlassen das Weitere dem Zufall. Die schlimmsten Erfahrungen und Leiden machen sie indes nicht klüger. Ein Mann, der mit knapper Not dem Hungertode entronnen ist, zieht daraus durchaus keine Lehre, sondern setzt sich wieder der nämlichen Gefahr aus, lieber als daß er sich etwas mehr anstrengte, um eine größere Zahl Fische zu fangen. Selbst wenn die Hungersnot unvermeidlich scheint, treffen diese Leute keine Vorkehrungen, um das Elend zu mildern oder Hilfe zu schaffen, bis sie keinen Bissen mehr in den Mund zu stecken haben. Ein Eingeborener von Anadyrsk erzählte mir einst, er habe nur noch für fünf Tage Hundefutter. »Aber,« sagte ich, »was werden Sie nach fünf Tagen anfangen?« – »Bokh gevo zniet« – »Gott weiß!« war die charakteristische Antwort, und er wendete sich gleichgiltig ab, als ob es sich um nichts von Bedeutung handele. Er schien zu meinen, wenn Gott es nur wüßte, dann wäre es von wenig Belang, ob jemand anders davon Kenntnis habe oder nicht. Wenn er den letzten getrockneten Fisch verfüttert, dann wäre es Zeit genug, sich umzuthun; einstweilen hielt er jegliche Bemühung für überflüssig. Diese bekannte Sorglosigkeit der Eingeborenen veranlaßte die russische Regierung, in mehreren dieser nordostsibirischen Niederlassungen eine Einrichtung zu machen, welche man eine Fisch-Sparbank oder Hungersnot-Versicherung nennen könnte. Um dieselbe zu organisieren, wurden von den Eingeborenen ungefähr hunderttausend getrocknete Fische oder »Jukala« gekauft, welche den Grundstock der Bank bildeten. Jeder männliche Bewohner der Niederlassung wurde dann gesetzlich gezwungen, jährlich ein Zehntel der von ihm gefangenen Fische in diese Bank einzuzahlen; Entschuldigungen waren unzulässig. Der so geschaffene Überschuß wurde zum Kapital geschlagen, so daß die Hilfsquellen der Bank sich jedes Jahr vermehrten, solange die Fische regelmäßig erschienen. Kamen die Fische nicht, und drohte Hungersnot, dann durfte jeder Deponent oder vielmehr 331 Steuerzahler die zu seinem Unterhalte notwendigen Fische von der Bank borgen, unter der Bedingung, dieselben im folgenden Sommer zurückzugeben, samt der regelmäßigen jährlichen Entrichtung des Zehnten. Es ist klar, daß eine auf einer solchen Basis etablierte und nach solchen Grundsätzen verwaltete Einrichtung nie zahlungsunfähig werden konnte, sondern daß sich ihr Fischvorrat stets vermehren und die Niederlassung vor jeglicher Möglichkeit einer Hungersnot bewahrt bleiben mußte. Zu Kolymsk am nördlichen Eismeere, wo das Experiment zuerst versucht wurde, hatte es sich vollständig bewährt. Die Bank unterhielt während zwei aufeinanderfolgender Hungerjahre die Bewohner des Dorfes, und im Jahre 1867 belief sich der Vorrat auf 300 000 getrocknete Fische und vermehrte sich jedes Jahr um 20 000. Da Anadyrsk nicht russischer Militärposten war, hatte es keine derartige Bank; wäre unser Unternehmen zustande gekommen, so hätten wir die russische Regierung ersucht, in allen Niederlassungen längs unserer Linie derartige Einrichtungen zu machen. Einstweilen nahm die Hungersnot ihren Verlauf, und am 1. Dezember befand sich Bush in einem ausgestorbenen Dorfe, sechshundert Werst von Gischiginsk, ohne Geld, ohne Vorräte und ohne Transportmittel – und mit einer Mannschaft von vierundvierzig Köpfen an der Anadyrmündung, die auf seine Unterstützung rechnete. Unter solchen Umständen eine Telegraphenlinie errichten, war außer Frage. Alles was er zu vollbringen hoffen konnte, war, seine Leute mit der nötigen Nahrung zu versorgen, bis die Ankunft von Arbeitern und Pferden von Jakutsk ihm die Wiederaufnahme der Arbeit gestatten würde. Weil ich zu Anadyrsk nicht von Nutzen sein konnte und nur die spärlichen Vorräte Bushs aufzehren half, reiste ich am 29. November mit zwei Penschinsker Schlitten nach Gischiginsk ab. Da ich den nördlichen Distrikt nicht mehr besuchte, will ich hier kurz berichten, was ich später brieflich über das Mißgeschick und die unglücklichen Erfahrungen der Angestellten der 332 Telegraphengesellschaft in jener Region erfuhr. Die Schlitten, die ich von Gischiginsk beordert, erreichten Penschinsk spät im Dezember mit ungefähr 3000 Pfund Bohnen, Reis, hartem Brot und anderen Vorräten. Bush beeilte sich, nach deren Ankunft sechs Schlitten mit einigen Vorräten an die Anadyrmündung zu spedieren, und im Februar kehrten die Schlitten mit sechs Leuten zurück. Entschlossen, wenigstens etwas, wenn auch noch so wenig zu leisten, schickte Bush diese sechs Arbeiter an einen gewissen Punkt des Main, ungefähr fünfundsiebzig Werst von Anadyrsk, und ließ sie auf Schneeschuhen längs der Route der Linie Telegraphenstangen aufstellen. Später im Winter wurde eine neue Expedition an den Anadyrgolf geschickt, und am 4. März kehrte dieselbe mit Lieutenant Macrae und sieben weiteren Arbeitern zurück. Diese Abteilung hatte unterwegs entsetzliches Wetter, und ein Mann derselben, Namens Robinson, kam in einem Sturme ungefähr 150 Werst von Anadyrsk ums Leben. Sein Leichnam blieb in einem der im Sommer von Bush errichteten Häuser unbegraben liegen, und seine Kameraden zogen weiter. Sobald sie in Anadyrsk angelangt waren, wurden sie ebenfalls an den Main dirigiert, und gegen Mitte März hatten die beiden Abteilungen zusammen an den Ufern des Flusses ungefähr dreitausend Telegraphenstangen hergerichtet und aufgestellt. Im April waren ihre Vorräte so zusammengeschmolzen, daß Hungersnot in Sicht war, und Bush machte sich mit einigen elenden Hundegespannen zum zweitenmal nach Gischiginsk auf, um Nahrungsmittel herbeizuschaffen. Während seiner Abwesenheit waren sich die unglücklichen Leute am Main selbst überlassen, und nachdem sie ihren letzten Bissen verzehrt und die Pferde, die man ihnen früher von Anadyrsk zugesandt hatte, aufgegessen, machten sie sich auf Schneeschuhen nach der Niederlassung auf. Es war eine schreckliche Expedition für halbverhungerte Menschen, und obgleich sie alle ihren Bestimmungsort erreichten, waren sie so erschöpft, daß, als sie in die Nähe des Dorfes gekommen, sie etwa alle hundert Meter 333 zusammenbrachen. Zu Anadyrsk gelang es ihnen, sich eine kleine Menge Renntierfleisch zu verschaffen, wovon sie lebten, bis Lieutenant Bush im Mai mit neuen Vorräten von Gischiginsk zurückkehrte. So endigte der zweite Winter im nördlichen Distrikt. Sofern praktische Erfolge in Betracht kamen, war das Unternehmen hier fast vollständig mißlungen; aber unsere Beamten und Arbeiter hatten einen Mut, eine Ausdauer entfaltet, eine Geduld im Ertragen der härtesten Beschwerden bewährt, welche den glänzendsten Erfolg verdient und denselben unter günstigeren Verhältnissen auch errungen haben würden. Während Herr Norton mit seinen Leuten im Februar am Main an der Arbeit war, stand das Thermometer an sechzehn Tagen von einundzwanzig mehr als 40° unter Null, fünfmal auf -60° und einmal sogar auf -68° , also hundert Grad unter dem Gefrierpunkt des Wassers. Bei einer Temperatur von 40 bis 60 Grad unter Null auf Schneeschuhen Telegraphenstangen zuschneiden, ist gewiß keine Kleinigkeit; aber wenn noch die Qualen des Hungers und die Gefahr, in der Wildnis am Mangel zu Grunde zu gehen, hinzukommen, dann übersteigt das menschliche Kräfte, und es ist nur zu verwundern, daß Macrae und Norton so viel fertig gebracht haben. Am 15. Dezember kam ich in Gigischinsk an nach einer schlimmen und einsamen, sechzehntägigen Reise. Es war daselbst gerade ein Kurier von Jakutsk mit Briefen und Befehlen von Major Abaza eingetroffen. Unter Mithilfe des Gouverneurs der Provinz war es ihm gelungen, für eine Periode von drei Jahren achthundert jakutische Arbeiter in Dienst zu nehmen zum festen jährlichen Lohn von sechzig Rubeln oder vierzig Dollars pro Mann. Ferner hatte er dreihundert jakutische Pferde und Packsättel und eine ungeheure Menge von Material und Vorräten der verschiedensten Art zur Ausrüstung und zum Unterhalt der Pferde und Arbeiter gekauft. Ein Teil der Leute war schon nach Ochotsk unterwegs, andere sollten in verschiedenen Abteilungen 334 so schnell wie möglich folgen und längs der ganzen Route der Linie verteilt werden. Es war natürlich nötig, diese Eingeborenen unter Aufsicht erfahrener Amerikaner zu stellen, und da wir in allen unseren Abteilungen höchstens fünf oder sechs Werkführer besaßen, hatte Major Abaza beschlossen, einen Kurier nach Petropawlowsk zu schicken, weil er vermutete, daß die Beamten, welche mit der »Onward« San Franzisco verlassen, in Kamtschatka gelandet seien. Er trug mir deshalb auf, zum Transport dieser Leute von Petropawlowsk nach Gischiginsk Vorkehrungen zu treffen, mich auf den sofortigen Empfang von fünfzig bis sechzig jakutischen Arbeitern zu richten, zum Unterhalt unserer amerikanischen Abteilung in Jamsk sechshundert Armeerationen zu schicken nebst dreitausend Pfund Roggenmehl für eine Gesellschaft Jakuten, die im Februar daselbst ankommen würden. Um allen diesen Anforderungen gerecht zu werden, verfügte ich über ungefähr fünfzehn Hundeschlitten, und selbst diese waren mit Vorräten für Lieutenant Bush nach Penschinsk unterwegs. Mit Hilfe des russischen Gouverneurs gelang es mir, zwei Kosaken nach Petropawlowsk und ein halbes Dutzend Korjäken mit Vorräten nach Jamsk abzusenden, während Lieutenant Arnold selbst in Schlitten die sechshundert Rationen abholen ließ. So verblieben mir meine fünfzehn Schlitten, um Lieutenant Sandford und seine Abteilung, die am Tilghai nördlich vom Penschinagolf Pfähle zuschnitten, mit allem Nötigen zu versorgen. Als gegen Ende Dezember Dodd und ich eines Tages auf dem Flusse oberhalb der Niederlassung ein Hundegespann dressierten, wurde uns gemeldet, es sei ein Amerikaner aus Kamtschatka mit Nachrichten über die langvermißte Bark »Onward« und die von derselben zu Petropawlowsk gelandeten Leute angekommen. Wir eilten ins Dorf und fanden Herrn Lewis, den besagten Amerikaner, in unserem Hause beschäftigt, Thee zu trinken. Dieser unternehmende junge Mann, der, beiläufig gesagt, ein an ein hartes Leben durchaus nicht gewöhnter Telegraphist war, hatte mitten im Winter, ohne ein Wort 335 russisch zu sprechen, die ganze Wildnis zwischen Petropawlowsk und Gischiginsk allein bereist. Er war zweiundvierzig Tage unterwegs gewesen und hatte mit einigen Eingeborenen und einem Kosaken von Tigilsk auf Hundeschlitten fast zwölfhundert Meilen zurückgelegt. Er schien diese Leistung sehr bescheiden aufzufassen, und doch war es in gewisser Hinsicht eine der bemerkenswertesten Reisen, welche je ein Angestellter der Telegraphengesellschaft ausgeführt hat. Die »Onward« hatte, wie wir vermuteten, wegen der vorgeschrittenen Jahreszeit nicht nach Gischiginsk kommen können und deshalb ihre Ladung und die meisten Passagiere in Petropawlowsk gelassen, und Lieutenant Lewis war von dem Befehlshaber der Gesellschaft an Major Abaza abgeschickt worden, um ihm dies zu melden und seine Befehle entgegenzunehmen. Nach Herrn Lewis' Ankunft ereignete sich bis zum März nichts Bemerkenswertes. Arnold zu Jamsk, Sandford am Tilghai und Bush zu Anadyrsk versuchten mit den wenigen zu ihrer Verfügung stehenden Leuten zu leisten, was möglich war; aber ihre Anstrengungen blieben wegen der heftigen Schneestürme, der entsetzlichen Kälte und des allgemeinen Mangels an Vorräten und Hunden meist fruchtlos. Im Januar machte ich mit zwölf oder fünfzehn Hundeschlitten einen Ausflug nach Sandfords Lager am Tilghai und versuchte seine Abteilung an einen anderen Punkt, dreißig bis vierzig Werst näher bei Gischiginsk, zu transportieren, aber in einem schrecklichen Sturm auf der Kuilsteppe wurden wir von einander getrennt, und nachdem wir einige Tage in Schneewehen verloren gewesen, die manchmal sogar die Hunde unseren Blicken entzogen, kehrte Sandford mit einem Teil der Gesellschaft an den Tilghai und ich mit den übrigen nach Gischiginsk zurück. Gegen Ende Februar kam der Kosak Kolmagorof mit drei von den Leuten der »Onward« von Petropawlowsk an. Im März erhielt ich durch einen besonderen Kurier 336 abermals einen Brief und weitere Anordnungen von Major Abaza aus Jakutsk. Die achthundert von ihm gedingten Arbeiter waren alle nach Ochotsk unterwegs und mehr als hundertundfünfzig derselben schon in Ochotsk und Jamsk in voller Thätigkeit. Die Ausstattung und der Transport der übrigen erforderten noch seine persönliche Aufsicht, und er schrieb, es würde ihm unmöglich sein, diesen Winter nach Gischiginsk zu kommen. Er wollte sich aber nach der Korjäkenniederlassung Jamsk, dreihundert Werst westlich von Gischiginsk, begeben und forderte mich auf, in Zeit von zwölf Tagen nach Empfang seines Briefes daselbst mit ihm zusammenzutreffen. Ich machte mich sofort mit einem amerikanischen Begleiter, Namens Leet, auf den Weg, mit Vorräten und Hundefutter für zwölf Tage. Die Gegend zwischen Gischiginsk und Jamsk trug einen von allem, was ich bisher in Sibirien gesehen, gänzlich verschiedenen Charakter. Es gab daselbst keine so großen, öden Ebenen, wie zwischen Gischiginsk und Anadyrsk und im nördlichen Teile von Kamtschatka. Im Gegenteil, die ganze Küste am ochotskischen Meere in einer Länge von fast sechshundert Meilen westlich von Gischiginsk, war eine Wildnis von zerklüfteten, fast unpassierbaren Bergen, die von tiefen Thälern und Schluchten durchschnitten und mit dichtem Kiefern- und Lärchenwald bewachsen waren. Das Stanowoigebirge, welches sich von der chinesischen Grenze um das ochotskische Meer zieht, hält sich überall dicht an der Küste und schickt durch seine Seitenzweige Hunderte kleiner Flüßchen, welche in tiefen, bewaldeten Thälern dem Meere zufließen. Die Straße oder vielmehr die Reiseroute von Gischiginsk nach Jamsk schneidet alle diese Flüßchen und Gebirgsausläufer im rechten Winkel und läuft ungefähr in der Mitte zwischen der Hauptkette und dem Meere hin. Die meisten dieser Bergrücken zwischen den Flüssen sind nichts als hohe, kahle Wasserscheiden, die leicht zu übersteigen sind; aber an einem Punkt, ungefähr hundertundfünfzig Werst westlich von 337 Gischiginsk, schickt die Hauptkette einen Ausläufer an das Meer, der 2500 bis 3000 Fuß hoch ist und die Straße vollständig versperrt. Am Fuße dieses Berges zieht sich ein tiefes, düsteres, als die »Wiliga« bekanntes Thal hin, dessen oberes Ende die Hauptkette durchschneidet und den zwischen den Steppen und dem Meere eingeschlossenen Winden einen Ausgang gewährt. Im Winter, wenn das offene Wasser des ochotskischen Meeres wärmer ist, als die gefrorenen Ebenen im Norden der Berge, steigt die warme Luft über dem Meere in die Höhe, und die kältere Luft strömt durch das Wiligathal aus, um dieselbe zu ersetzen. Im Sommer dagegen, wenn das Wasser des Meeres von den ungeschmolzenen Eismassen noch kalt ist, die großen Steppen hinter den Bergen sich aber immerwährenden Sonnenscheins erfreuen, ist die Richtung des Windes eine entgegengesetzte. Das Wiligathal ist der große, natürliche Luftkanal, durch welchen die inneren Steppen einmal im Jahre Atem holen. An keinem anderen Punkte gewährt das Stanowoigebirge eine Öffnung, durch welche die Luft zwischen Steppen und Meer hin- und herströmen kann, und als natürliche Folge wütet in diesem Thale ein fortwährender, fast ununterbrochener Sturm. Während das Wetter überall ruhig und heiter ist, braust der Wind als Orkan durch das Wiligathal und reißt von den Seiten der Berge große Schneewolken weg, um sie weit hinaus ins Meer zu tragen. Deshalb fürchten alle Eingeborenen, die diesen Weg machen müssen, die in ganz Nordostsibirien berüchtigte »stürmische Wiligaschlucht«. Am fünften Tage nach unserer Abreise von Gischiginsk näherte sich unsere, durch einen russischen Postillion und drei oder vier Schlitten, welche die jährliche Post von Kamtschatka transportierten, verstärkte kleine Reisegesellschaft dem Fuße der gefürchteten Wiligaberge. Wegen des tiefen Schnees waren wir weniger schnell vorwärts gekommen, als wir erwartet, und erst am fünften Abend hatten wir eine kleine, 338 zum Schutz der Reisenden errichtete Jurte in der Nähe der Topolowkaquelle, dreißig Werst vom Wiligathale, erreicht. Hier rasteten wir, tranken Thee und streckten uns auf den rohen Holzdielen zum Schlafen aus, denn wir wußten, daß unser eine mühselige Tagesarbeit harre. 339   35. Kapitel. »Kennan, o Kennan! Stehen Sie auf! Es ist Tag.« Ein schläfriges Stöhnen und ein noch schlaftrunkeneres »So?« von einem Bündel Pelze auf dem Boden, verrieten gerade kein lebhaftes Interesse seitens der ausgestreckten Gestalt an der gemeldeten Thatsache, während die tiefen, langen Atemzüge, welche auf diese momentane Unterbrechung folgten, bewiesen, daß energischere Maßregeln ergriffen werden müßten, um dieselbe dem Traumlande zu entreißen. »Kennan! Wachen Sie doch auf, das Frühstück ist seit einer halben Stunde bereit.« Das magische Wort Frühstück appellierte an ein noch stärkeres Gefühl als die Schlaftrunkenheit, und indem ich den Kopf aus seiner Pelzhülle hervorzog, öffnete ich widerstrebend die Augen, betrachtete mir die Situation und versuchte mich zu besinnen, wo ich war, und wie ich hierher gekommen. Ein helles, knisterndes Feuer von harzigen Kieferzweigen brannte in der Mitte der Hütte und strahlte in die entferntesten Winkel eine gewaltige Hitze aus, so daß auf den moderigen Holzstämmen der Wände und den rohen Brettern der Decke dicke Wassertropfen standen. Der Rauch stieg langsam durch das viereckige Loch im Dache gegen die weißen Sterne empor, die uns durch die dunkeln, überhängenden Lärchenzweige feierlich entgegenfunkelten. Herr Leet beugte sich über mich mit einem Messer, auf das ein 340 Stück Speck gespießt, in der einen und einem Schüreisen in der andern Hand, welche Amtsabzeichen er wütend hin- und herschwang, um mich zum Aufstehen zu veranlassen. Seine tollen Bewegungen hatten den gewünschten Erfolg. Mit dem unbestimmten Eindruck, daß ich an einer Insel von Menschenfressern gestrandet, und den Schutzgöttern geopfert werden sollte, sprang ich auf und rieb mir die Augen, um Herr meiner Sinne zu werden. Herr Leet war in ausgelassenster Stimmung. Unser Reisegefährte, der »Postillion«, hatte seit mehreren Tagen eine große Neigung bezeigt, Arbeit zu vermeiden und uns das Bahnbrechen überlassen, während er behaglich auf unserer Spur dahinfuhr; dieses Manöver hatte ihm Herrn Leets unversöhnlichen Haß zugezogen. Dieser hatte deshalb den armen Menschen geweckt, als er kaum fünf Stunden geschlafen, und ihm weisgemacht, das Nordlicht sei der erste Tagesschimmer. So war derselbe um Mitternacht aufgebrochen und bahnte den steilen Berg hinauf den Weg durch drei Fuß tiefen weichen Schnee, im Glauben, daß wir vor Sonnenaufgang ihm folgen würden. Um fünf Uhr, als ich mich erhob, konnte man die Stimmen von den Leuten des Postillions noch vernehmen, die auf dem Berge ihre erschöpften Hunde ermutigten. Wir frühstückten alle mit Muße, um ihnen reichlich Zeit zum Brechen der Bahn zu lassen, und fuhren erst nach sechs Uhr ab. Es war ein herrlich klarer Morgen, als wir den Berg oberhalb unserer Jurte überschritten und durch kahle, offene Thäler zwischen hohen Hügeln in der Richtung der Seeküste dahinfuhren. Die Sonne war über den östlichen Hügelspitzen aufgegangen; der Schnee glitzerte, als sei er mit Tausenden von Diamanten bestreut, während die fernen Gipfel der Wiligaberge, in zartem Purpur gebadet, sich in ihrem Schneegewande so ruhig und majestätisch abhoben, als ob der übele Ruf, den sie genossen, eitel Verleumdung sei. Die Luft war zwar intensiv kalt, aber klar und belebend; die Hunde jagten im Galopp über die harte Straße, und es war eine Freude, so im Schlitten dahinzufliegen. 341 Gegen Mittag kamen wir aus den Bergen an die Küste und holten den Postillion ein, der Halt gemacht hatte, um seinen ermüdeten Hunden Ruhe zu gönnen. Da die unsrigen noch frisch waren, fuhren wir wieder voraus und näherten uns schnell dem Wiligathale. Ich gratulierte mir gerade im stillen zu dem Glück, heim Passieren dieses gefürchteten Punktes schönes Wetter zu haben, als eine merkwürdige, weiße Wolke, die sich von der Mündung der Wiligaschlucht bis weit über das schwarze, offene Wasser des ochotskischen Meeres erstreckte, meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Was war das? Ich zeigte es unserem Führer und fragte ihn, ob es Nebel sei. Seine Züge drückten Besorgnis aus, als er hinblickte und lakonisch erwiderte: »Wiliga durit« – die Berge machen Spaß. Diese orakelhafte Antwort machte mich nicht klüger, und ich bat um Erklärung. Zu meinem Erstaunen und Schrecken erfuhr ich denn, daß der merkwürdige, weiße Nebel eine dichte Schneewolke sei, die der Sturm, der vermutlich gerade in den oberen Schluchten der Stanowoikette begonnen, aus der Mündung des Thales herausschleudere. Der Führer erklärte, es sei gefährlich, ja geradezu unmöglich, das Thal zu passieren, ehe sich der Orkan gelegt habe. Ich wollte von Gefahr und Unmöglichkeit nichts hören, und da sich jenseits der Schlucht eine Jurte oder Schutzhütte befand, beschloß ich, vorzudringen und wenigstens einen Versuch zu machen. Wo wir uns befanden, war das Wetter schön und windstill; ein Licht hätte im Freien brennen können, ohne zu flackern; ich konnte mir von der furchtbaren Gewalt des Orkans, der eine Meile entfernt den Schnee aus der Mündung der Schlucht und vier Meilen weit ins Meer hinausfegte, keinen Begriff machen. Da unser Führer sah, daß Leet und ich entschlossen waren, in das Thal vorzudringen, zuckte er die Achseln, als wenn er sagen wollte: »Ihr werdet es bald genug bereuen«, und wir fuhren weiter. Indem wir uns allmählich dem weißen Nebelvorhang näherten, empfanden wir dann und wann scharfe Windstöße und kleine Schneewirbel, die immer häufiger und 342 heftiger wurden, je näher wir der Mündung der Schlucht kamen. Unser Führer warnte uns nochmals vor der Thorheit, uns einem solchen Sturme auszusetzen, aber Leet lachte ihn aus und erklärte in gebrochenem Russisch, er habe in der Sierra Nevada ganz andere Orkane erlebt. In Zeit von fünf Minuten mußte er jedoch zugeben, daß dieser Wiligasturm den Vergleich mit den Stürmen Californiens aushalten könne. Als wir um das Ende einer schützenden Anhöhe am Rande der Schlucht bogen, tobte uns die Windsbraut mit voller Gewalt entgegen; dichte Wolken von Treibschnee machten uns blind und nahmen uns den Atem; die Sonne und der blaue Himmel verschwanden, und wir waren in Finsternis gehüllt. Die Plötzlichkeit des Wechsels von hellem Sonnenschein und völliger Windstille zu diesem tobenden Orkane war fast übernatürlich; ich fing selbst an, die Ausführbarkeit unseres Vorhabens zu bezweifeln. Unser Führer warf mir einen verzweifelten Blick zu, als ob er mir meinen Eigensinn vorwerfen wollte, und trieb dann mit Zuruf und Schlägen seine mutlosen Hunde an. Die Augenhöhlen der armen Tiere waren ganz mit Schnee erfüllt, und aus vielen quollen Blutstropfen hervor; aber obgleich blind, kämpften sie doch weiter, stießen aber in kurzen Zwischenräumen klägliche Töne aus, die mich mehr erschreckten, als alles Heulen des Sturmes. In einem Augenblicke waren wir auf der Thalsohle, und ehe wir die Geschwindigkeit unserer Fahrzeuge hemmen konnten, befanden wir uns auf der glatten Eisfläche des »Propadschina«, des Flusses der Verlorenen, und rasten abwärts, dem offenen Wasser des ochotskischen Meeres zu, das nur hundert Meter entfernt war. Anfangs scheiterten alle Versuche, unsere Schlitten zurückzuhalten, an der Gewalt des Windes, und ich fing an, zu begreifen, welcher Art die Gefahr war, auf die unser Führer angespielt hatte. Wenn es uns nicht gelang, unsere Schlitten zu hemmen, ehe wir an der Flußmündung ankamen, mußten wir vom Eise in achtzehn bis zwanzig Fuß tiefes Wasser geschleudert werden. Eine derartige Katastrophe hatte dem Fluß seinen 343 unheimlichen Namen verschafft. Leet und der Kosak Paderin, die jeder allein auf einem Schlitten saßen, und die von Anfang an nicht so weit vom Ufer weggetragen worden, gelang es, mit Hilfe ihrer eisenbeschlagenen Stöcke sich ans Land zu schaffen; aber der alte Führer und ich saßen zusammen auf einem Schlitten, und unsere umfangreichen Pelzkleider fingen soviel Wind, daß unsere Oerstels unsern Schlitten nicht zurückhielten und unsere Hunde sich nicht auf ihren Füßen behaupten konnten. Da ich glaubte, der Schlitten würde sicher ins Meer geweht werden, wenn wir uns beide an denselben klammerten, ließ ich schließlich los und suchte mich dadurch zu retten, daß ich mich erst auf das Eis setzte, dann platt auf dasselbe legte; aber alles half nichts, wegen meiner glatten Pelze flog ich auf der verräterischen Fläche sogar noch rascher dahin, als vorher. Meiner Pelzhandschuhe hatte ich mich schon früher entledigt, und als ich über eine unebene Stelle im Eise glitt, gelang es mir, mittelst meiner Fingernägel an den Unebenheiten Halt zu finden und meiner gefährlichen Rutschpartie ein Ende zu machen; aber ich wagte kaum zu atmen, aus Angst loszulassen. Leet, der meine verzweifelte Lage sah; schob mir ein »Oerstel« mit scharfer, eiserner Spitze zu, mit dem ich mich mühsam über das Eis ans Ufer arbeitete, ein wenig oberhalb der offnen Flußmündung, in die meine Handschuhe schon geweht waren. Unser Führer, der mit dem Schlitten noch weiter flußabwärts geglitten war, wurde von Paderin gerettet. Ich hatte genug vom Sturme und wäre gern umgekehrt, aber unser Führer war jetzt eigensinnig, bestand darauf, die Reise fortzusetzen, und wenn wir alle unsere Schlitten im Meere verlören. Er hätte uns vor der Gefahr gewarnt, wir hätten darauf bestanden, dem Sturme zu trotzen, nun sollten wir auch die Folgen tragen. Da es klar war, daß wir an diesem Punkte den Fluß nicht überschreiten konnten, kämpften wir uns gegen den Sturm auf dem linken Ufer eine halbe Meile flußaufwärts, bis wir an eine Biegung kamen, so daß zwischen uns und dem offenen Wasser ein Stück Land lag. 344 Hier machten wir einen zweiten und zwar erfolgreichen Versuch. Nachdem wir einen niedrigen Bergrücken westlich von dem »Propadschina« überschritten, kamen wir an ein anderes Flüßchen, das als Wiliga bekannt ist, am Fuß der Wiligaberge. Am Ufer desselben zog sich ein schmaler Streifen dichten Waldes hin, und in demselben stand die Jurte, die wir suchten. Unser Führer schien den Weg durch eine Art Instinkt zu finden, denn die Schneewehen ließen uns selbst unsere Leithunde aus den Augen verlieren, und alles, was wir von der Umgebung sehen konnten, war der Boden, auf dem wir standen. Ungefähr eine Stunde vor einbrechender Dunkelheit hielten wir müde und kalt bis ins Mark vor einer kleinen Holzhütte, welche nach unseres Führers Aussage die Wiligajurte war. Die letzten Reisenden, welche dieselbe benutzt, hatten die Kaminöffnung offen gelassen, und die Jurte war fast ganz mit Schnee angefüllt; aber wir reinigten sie so gut es ging, machten in der Mitte derselben ein Feuer an und kauerten trotz des Rauches um dasselbe, um Thee zu trinken. Seit Mittag hatten wir von dem Postillion nichts erblickt und hielten es kaum für möglich, daß er bei der Jurte eintreffen könne; aber gerade als es anfing, dunkel zu werden, hörten wir das Geheul seiner Hunde im Walde, und einige Augenblicke später erschien er. Wir waren nun unser neune; zwei Amerikaner, drei Russen und vier Korjäken – und eine wild aussehende Gesellschaft war es, die in der verräucherten, niedrigen Hütte ums Feuer lagerte, Thee trank und dem Heulen des Windes lauschte. Da nicht Raum für alle zum Schlafen vorhanden, kampierten die Korjäken außerhalb auf dem Schnee und waren vor dem anderen Morgen halb verweht. Der Sturm dauerte die ganze Nacht fort, und auch bei Tagesanbruch hatte er noch nichts von seiner Gewalt eingebüßt. Wir wußten, daß derselbe möglicherweise vierzehn Tage lang ohne Unterbrechung in der Schlucht wüten konnte, und besaßen nur noch für vier Tage Hundefutter und Vorräte. Etwas mußte geschehen. Über die Wiligaberge, welche die Straße nach Jamsk 345 versperrten, führten drei Pässe, die alle in das Thal einmündeten und bei klarem Wetter leicht aufgefunden und überschritten werden konnten. In einem solchen Sturme aber, wie der, welcher tobte, nützten hundert Pässe nichts, denn die Schneewehen verhüllten alles auf dreißig Fuß Entfernung. – – – – – – – – – – – Wir kamen ziemlich gut vorwärts, als wir uns plötzlich einem ganz unerwarteten und scheinbar unüberwindlichen Hindernis gegenüber sahen. Die Küste war, so weit wir in westlicher Richtung sehen konnten, vom Rande des Wassers an bis zu einer Höhe von fünfundsiebzig bis hundert Fuß von ungeheuren Schneemassen bedeckt, welche sich im Laufe des Winters allmählich hier angesammelt und nun die ganze Vorderseite des Abgrundes verdeckten und zwischen demselben und dem Meere keinen Durchgang frei ließen. Diese Schneemassen waren durch häufigen Witterungswechsel so hart und schlüpfrig wie Eis geworden, und da sie sich aufwärts zu den Spitzen der Klippen in einem Winkel von 75 bis 80° abdachten, war es unmöglich, Fuß auf denselben zu fassen, ehe man mit einer Axt Stufen gehauen. Auf dieser glatten Schneeböschung, welche unmittelbar aus zwölf bis achtzehn Fuß tiefem Wasser aufstieg, zog sich der einzige Weg nach Jamsk hin. Die Aussicht, dieses Hindernis ohne Unfall zu überwinden, schien sehr gering, denn sobald der Schnee nachgab, mußten wir alle ins Meer stürzen; da wir aber keine andere Wahl hatten, befestigten wir unsere Hunde an Eisstücke, verteilten die Äxte, zogen unsere Pelze aus und fingen an, eine Straße zu hauen. Den ganzen Tag arbeiteten wir, und gegen sechs Uhr abends hatten wir bis an einen Punkt, eine und eine Viertelmeile westlich von der Wiligamündung, einen tiefen, drei Fuß breiten Graben in den Schnee gehauen. Da trat uns eine Schwierigkeit entgegen, die schlimmer war, als alles, war wir noch erlebt. Die Küste, welche sich bis jetzt in ununterbrochener Linie am Fuß der Klippen hingezogen hatte, verschwand plötzlich, und die Schneemasse, durch die wir eine Straße hergestellt, 346 fand einen jähen Abschluß. Ohne Stütze von unten, war die ganze Böschung ins Meer versunken, und wir standen vor einer fünfunddreißig Fuß breiten Spalte, in deren Tiefe uns offenes Wasser entgegengähnte, aus welchem die schwarze Wand der Küste senkrecht aufstieg. Ohne eine Schiffbrücke war nicht hinüberzukommen. Entmutigt und müde mußten wir die Nacht auf dem Abhange der Böschung verbringen, ohne Aussicht, am folgenden Morgen etwas anderes thun zu können, wie in Eile nach der Wiligaschlucht zurückzukehren und den Gedanken, nach Jamsk zu gelangen, vollständig aufzugeben. Einen schauerlicheren und gefährlicheren Punkt für ein Lager hätte man kaum in ganz Sibirien finden können, und ich beobachtete mit dem größten Unbehagen das Wetter, als es anfing, dunkel zu werden. Die große Schneeböschung, auf welcher wir standen, erhob sich unmittelbar aus dem Wasser, und wer konnte wissen, ob ihre ganze Grundlage aus mehr als einem schmalen Streifen Eis bestand. Wenn dies der Fall war, so konnte eine Briese aus irgend welcher Richtung, außer von Norden, Wellen aufwerfen, die stark genug waren, um die ganze Böschung zu unterminieren, und uns entweder mit einer Lawine ins Meer stürzen oder uns fünfundsiebzig Fuß über demselben auf der nackten Fläche des Abgrundes wie Entenmuscheln kleben lassen. Beides waren unangenehme Aussichten, und ich beschloß, wenn möglich, einen Ort aufzusuchen, der größere Sicherheit bot. Leet grub sich mit seiner gewohnten Sorglosigkeit ungefähr fünfzig Fuß über dem Wasser ein »Schlafzimmer«, wie er es nannte, in den Schnee und versprach mir eine »gute Nachtruhe«, wenn ich seine Gastfreundschaft annehmen und seine Grube teilen wollte; aber in Anbetracht der Umstände hielt ich es für besser, sein Anerbieten abzuschlagen. Sein »Schlafzimmer«, Bett nebst Bettzeug, alles konnte vor dem Morgen ins Meer versinken, und seine »gute Nachtruhe« in alle Ewigkeit verlängert werden. Indem ich eine kurze Strecke in der Richtung der Wiliga zurückging, entdeckte ich eine Stelle, wo früher ein kleiner Fluß über die Höhe der 347 Klippe herabgefallen und eine steile, enge Rinne in derselben zurückgelassen hatte. In diesem felsigen, unebenen Bette streckten die Eingeborenen und ich uns zur Nachtruhe aus, – unsere Körper in einem Winkel von 45° geneigt, unsere Köpfe natürlich nach oben. Der Leser versetze sich in Gedanken auf das steil abfallende Dach einer großen Kathedrale, mit einer hundert Fuß hohen, steilen Felswand über seinem Kopfe und achtzehn bis zwanzig Fuß tiefes Wasser zu seinen Füßen, und er wird einen Begriff von unserem Lager in jener denkwürdigen Nacht erhalten. Beim ersten Dämmerschein waren wir auf den Beinen. Während wir mißmutig unsere Vorbereitungen trafen, an die Wiliga zurückzukehren, kam ein Korjäke, der nochmals an die Spalte gelaufen war, um sich das offene Wasser zu betrachten, eiligst zurück, indem er freudig rief: »Mozhno perryckat! mozhno perryckat!« – Wir können hinüber! Die Flut, welche während der Nacht eingetreten war, hatte die Öffnung mit Eis gefüllt, welches eine kunstlose Brücke bildete. Da wir aber fürchteten, dieselbe könne kein schweres Gewicht tragen, luden wir alle unsere Schlitten ab, trugen Lasten, Schlitten und Hunde nacheinander hinüber, luden auf der anderen Seite wieder auf und setzten die Reise fort. Das Schlimmste war überstanden. Zwar hatten wir noch öfters durch zusammengewehte Schneemassen einen Weg zu bahnen; aber je weiter wir westlich kamen, desto breiter und höher wurde die Küste, wie es die Korjäken vorausgesagt; das Eis verschwand, und abends waren wir unserem Ziele um dreißig Werst näher gerückt. Wir befanden uns zwar noch immer zwischen dem Meere und den Klippen, aber am folgenden Tage änderte sich dies, indem wir durch das Thal des Kananagaflusses fuhren. Am zwölften Tage unserer Reise waren wir auf einer großen Steppe, »Malcachan« genannt, nur dreißig Meilen von Jamsk; unser Hundefutter und unsere Vorräte waren erschöpft, und wir hofften, die Niederlassung in der Nacht zu erreichen. Mit einbrechender 348 Dunkelheit stellte sich jedoch ein neuer Schneesturm ein, sodaß wir uns verirrten, und da wir fürchteten, über den Rand des Abhanges, welcher die Steppe im Osten begrenzte, ins Meer zu stürzen, waren wir gezwungen, Halt zu machen. Holz war nicht aufzutreiben; aber selbst wenn es uns gelungen wäre, Feuer anzuzünden, so hätten die Schneewolken, welche der Orkan über die Ebene trieb, dasselbe ausgelöscht. Wir breiteten deshalb unser Zelttuch auf den Boden, beschwerten es mit einem Hundeschlitten, den wir umstürzten, und krochen darunter, um vor dem Schnee geschützt zu sein. Die Gesichter nach dem Boden gekehrt, während das Zelttuch uns auf den Rücken schlug, schabten wir unsere Brotsäcke aus, um noch einiger gefrorener Krumen habhaft zu werden, und aßen etwas rohes Fleisch, das Herr Leet noch in einem der Schlitten entdeckt hatte. Nach fünfzehn bis zwanzig Minuten bemerkten wir, daß die Bewegungen des Zelttuches immer kürzer wurden, daß es sich um unsere Körper zu legen schien, und als wir herauszukommen versuchten, fühlten wir, daß wir niedergehalten wurden. Der Schnee war in solchen Massen auf das Zelttuch geweht, daß wir es nicht heben konnten, und nach einigen vergeblichen Versuchen beschlossen wir, uns still zu verhalten. So lange der Schnee uns nicht ganz und gar begrub, waren wir unter dem Zelte besser daran, als anderswo, weil wir wenigstens vor dem Winde beschützt wurden. In Zeit von einer halben Stunde war aber so viel Schnee auf uns geweht, daß wir uns nicht mehr umzudrehen vermochten und jeder Luftzutritt vollständig abgeschnitten war. Jetzt handelte es sich darum, herauszukommen oder zu ersticken. In Erwartung dieser Krisis hielt ich schon seit fünfzehn Minuten mein Taschenmesser bereit, und da das Atmen immer schwieriger wurde, machte ich einen langen Schnitt in das Zelttuch über meinem Kopfe, und wir krochen hinaus. Augenblicklich waren unsere Augen und Nasenlöcher vollständig mit Schnee überzogen, und wir schnappten nach Atem, als ob uns der Schlauch einer Feuerspritze aufs Gesicht gehalten worden wäre. Unsere 349 Köpfe und Arme zogen wir in unsere Pelzröcke und kauerten auf dem Schnee nieder, um den Anbruch des Tages zu erwarten. Herr Leet rief in den Halsausschnitt meines Pelzrockes hinein: »Was würden unsere Mütter sagen, wenn sie uns in dieser Lage sähen?« Ich wollte ihn fragen, ob der Schneesturm den Vergleich mit den Stürmen in seiner viel gerühmten Sierra Nevada aushalten könne, aber ehe ich meinen Kopf frei machen konnte, war er verschwunden, und ich hörte die ganze Nacht nichts mehr von ihm. Länger als zehn Stunden saßen wir auf jener trostlosen, vom Sturm gepeitschten Ebene, ohne Feuer, Nahrung oder Schlaf; Kälte und Hunger wurden immer empfindlicher, und der Tag schien nie anbrechen zu wollen. Endlich graute der Morgen durch die fliegenden Schneewolken; wir erhoben uns mit steifen Gliedern und versuchten, unsere im Schnee begrabenen Schlitten herauszuschaffen. Ohne die unermüdlichen Anstrengungen des Herrn Leet wären wir nie damit zustande gekommen; denn meine Hände und Arme waren so von Kälte erstarrt, daß ich weder Axt noch Schaufel halten konnte, und unsere erschreckten und mutlosen Begleiter schienen zu allem unfähig. Dank der persönlichen Bemühungen des Herrn Leet wurden die Schlitten frei, und wir fuhren weiter. Dieser Kraftaufwand war der letzte Sieg eines starken Willens über einen erschöpften Körper; eine halbe Stunde später ersuchte er uns, ihn an seinen Schlitten festzubinden. Wir schnallten ihn von Kopf bis zu Fuß mit Riemen aus Seehundshaut fest und bedeckten ihn mit Bärenfellen. Nach einer Stunde kam Paderin, sein Kutscher, mit von Schrecken entstellten Zügen zu mir und sagte, Herr Leet sei tot; er habe ihn geschüttelt und ihn gerufen, aber keine Antwort erhalten. Entsetzt sprang ich von meinem Schlitten, lief zu ihm, rief ihm zu, schüttelte ihn und versuchte, seinen Kopf frei zu machen, den er in seinen Pelzrock hineingezogen hatte. Einen Augenblick später vernahm ich zu meiner großen Erleichterung seine Stimme. Er versicherte, er sei wohl und könne, wenn nötig, bis zur Nacht aushalten; er habe 350 Paderin nicht geantwortet, weil es zu mühsam sei, aber ich brauche mich nicht seinetwegen zu beunruhigen, und dann glaubte ich, noch etwas über Sierra Nevada-Stürme zu hören, was mich überzeugte, daß es noch nicht mit ihm zu Ende gehe. So lange er noch die Stürme Californiens hervorheben konnte, war sicherlich noch Hoffnung für ihn. Nachmittags kamen wir an den Jama, und nachdem wir über eine Stunde im Walde umhergewandert, zu einer der Abteilungen von Jakutenarbeitern, die unter Lieutenant Arnolds Aufsicht standen. Diese führten uns in ihr einige Meilen von der Niederlassung befindliches Lager, wo wir uns mit etwas Roggenbrot und heißem Thee stärkten, unsere erstarrten Glieder erwärmten und den Schnee teilweise aus unseren Kleidern entfernten. Als ich Herrn Leet entkleidet sah, mußte ich mich wundern, daß er nicht gestorben war. Während er in der Nacht im Sturme auf dem Boden gekauert, war ihm eine große Masse Schnee am Nacken hinuntergeweht, und nachdem derselbe durch die Körperwärme teilweise geschmolzen, längs des Rückgrates wieder zu Eis gefroren; in diesem Zustande war der Ärmste zwanzig Werst weit gefahren. Nur ein starker Wille und die intensivste Lebenskraft hatten ihn die sechs letzten, schlimmen Stunden überdauern lassen. Als wir uns im Lager der Jakuten erwärmt, ausgeruht und getrocknet hatten, setzten wir unsere Reise fort und gelangten gegen Abend, nach einer dreizehntägigen Reise voller Mühsal und Beschwerden, wie sie gar häufig das Los sibirischer Reisenden sind, in die Niederlassung Jamsk. Herr Leet erholte sich so rasch, daß er schon drei Tage später nach Ochotsk abreisen konnte, wo er auf des Majors Wunsch eine Abteilung jakutischer Arbeiter beaufsichtigen sollte. Die letzten Worte, die ich mir von ihm erinnere, waren die, welche er mir in Sturm und Finsternis in jener schauderhaften Nacht auf der Malcachansteppe zurief: »Was würden unsere Mütter sagen, wenn sie uns hier sehen könnten!?« Der arme Bursche wurde später infolge von Aufregungen und Beschwerden, wie ich sie hier geschildert, 351 wahnsinnig, und gerade diese Expedition gab wahrscheinlich den Anstoß zu seiner Geisteszerrüttung. Er erschoß sich schließlich in einer der einsamen sibirischen Niederlassungen an der Küste des ochotskischen Meeres. Ich habe diese Reise nach Jamsk so ausführlich geschildert, weil sie die düsterste Seite sibirischen Lebens und Reisens veranschaulicht. Man wird zwar nicht häufig so viele Unannehmlichkeiten und Beschwerden auf einer einzigen Reise zu ertragen haben, aber in einem so wilden und spärlich bevölkerten Lande wie Sibirien sind Winterreisen notwendigerweise immer mit größeren oder geringeren Leiden und Entbehrungen verbunden. 352   36. Kapitel. Der Ausflug nach Jamsk, den ich im vorhergehenden Kapitel geschildert habe, war die letzte Reise, die ich in Nordostsibirien unternahm. Am achtzehnten März kehrte Major Abaza nach Jakutsk zurück, um daselbst die Organisation und Ausrüstung unserer jakutischen Arbeiter zu vollenden, und ich nach Gischiginsk, um nochmals auf die Ankunft amerikanischer Schiffe zu warten. Von der Zeit an bis zur Eröffnung der Schiffahrt konnte von der sibirischen Abteilung nirgends Erhebliches geleistet werden. Im März erschien der Kosak Gregorie Zinowief, den ich nach Petropawlowsk gesandt, mit den übrigen Beamten, welche die »Onward« dort abgesetzt hatte, und ich schickte dieselben, des Majors Weisung entsprechend, nach Jamsk weiter. Sandford mit seiner Abteilung hatte die Herrichtung von Telegraphenstangen am Tilghai beendet, und ich expedierte sie nach Penschinsk; aber die Zeit, für welche sich die Leute der Telegraphengesellschaft verpflichtet, war abgelaufen; sie hatten keine Lust, den Vertrag zu erneuern, und so verblieben mir nur fünf Arbeiter. Gegen Ende Mai fing das Eis im Gischigagolf an zu tauen, und am ersten Juni kam auf der Insel Matuga ein Schiff an. Es war die Bark »Sea Breeze« aus New Bedford in Massachusetts, mit amerikanischen Nachrichten vom ersten März. Das Legen des atlantischen Kabels 353 war gelungen, und durch das San Franzisco Bulletin vernahmen wir, daß infolge davon »das Unternehmen des russisch-amerikanischen Telegraphen aufgegeben und die Arbeiten eingestellt seien«. Am fünfzehnten Juli kam die Bark der Gesellschaft, »Onward«, von San Franzisco an, mit dem Befehl, die Geschäfte abzuwickeln, unsere eingeborenen Arbeiter zu entlassen und mit unseren Leuten nach Amerika zurückzukehren. Das atlantische Kabel war ein großer Erfolg, und die Telegraphengesellschaft für westlichen Verkehr hatte, nachdem sie fast 3 000 000 Dollars aufgewendet, beschlossen, das Projekt einer Überlandlinie nach Rußland aufzugeben. Es fiel uns schwer, auf ein Unternehmen zu verzichten, dem wir drei Jahre unseres Lebens gewidmet, und für dessen Gelingen wir alle möglichen Beschwerden, Kälte, Verbannung und Hunger erduldet hatten; aber es blieb uns keine Wahl, und wir trafen alsbald Vorbereitungen zu unserer Abreise. Die Lage der Dinge zur Zeit, da auf das Unternehmen verzichtet wurde, war kurz folgende. Wir hatten die ganze Route der Linie, vom Amur bis zur Behringsstraße, erforscht und festgestellt, im ganzen ungefähr fünfzehntausend Telegraphenstangen zugeschnitten, zwischen vierzig und fünfzig Stationshäuser und Magazine errichtet, durch die Wälder zwischen Jamsk und Ochotsk eine fünfzig Meilen lange Straße gebaut und längs der ganzen Linie noch viele vorbereitende Arbeit vollbracht. An Hilfsquellen für weitere Leistungen war kein Mangel. Außer fünfundsiebzig Amerikanern verfügten wir über hundertundfünfzig Eingeborene, die zwischen Jamsk und Ochotsk schon in voller Thätigkeit waren, und sechshundert weitere Arbeiter waren von Jakutsk aus unterwegs; unsere Transportmittel wären im folgenden Jahre unbeschränkt gewesen. Wir hatten auf dem Anadyr bereits einen kleinen Dampfer und hatten einen zweiten nach Penschinsk bestellt; wir besaßen hundertundfünfzig Hunde und mehrere hundert Renntiere zu Jamsk, Ochotsk und Gischiginsk und hatten zu Jakutsk dreihundert sibirische Pferde nebst Material für deren Ausrüstung und 354 Unterhalt eingekauft. Am ersten September hätten wir mit fast tausend Mann die Arbeit fördern können. Der Erfolg des atlantischen Kabels machte jedoch alle unsere Vorbereitungen überflüssig. Die Linie konnte errichtet werden, aber keine Gesellschaft der Welt hätte nur ein einziges Jahr die Konkurrenz mit dem atlantischen Kabel aushalten können. An und für sich bot die Route von der Behringsstraße zum Amur der russisch-amerikanischen Telegraphengesellschaft für die Errichtung einer Linie keine unübersteiglichen Hindernisse. Die Arbeit wäre schwierig gewesen, aber sie hätte vollbracht werden können, und ich halte diese Route für eine Drahtverbindung mit China für bei weitem praktischer als die neuerdings von Herrn Collins vorgeschlagene über die Aleuten, Kamtschatka und Japan. Die Arbeit ist in Sibirien sehr billig, und in Jakutsk kann man für vierzig Dollars im Jahre und den Unterhalt jede gewünschte Zahl von Arbeitern bekommen. Auch Pferde sind in großer Anzahl zu Jakutsk und Kolymsk für fünfzehn bis fünfundzwanzig Dollars käuflich. Von Amerika hätte man nur den Draht, die Isolatoren und Werkzeuge und eine geringe Quantität Vorräte für eine beschränkte Anzahl amerikanischer Werkführer zu beschaffen. Ich glaube, wenn das Bedürfnis vorhanden wäre, könnte man in Zeit von zwei Jahren für nicht über 250 000 Dollars eine Linie von der Behringsstraße an den Amur errichten. Der Rest des Sommers von 1867 nach der Ankunft der »Onward« ging damit hin, unsere an der Küste des ochotskischen Meeres zerstreuten Abteilungen zusammenzuberufen, unsere Vorräte an russische Händler zu verkaufen und unsere Vorbereitungen zur Abreise zu treffen. Für Bush und seine Kameraden war ein besonderes Schiff an die Anadyrmündung gesendet worden, so daß wir keine Gelegenheit mehr hatten, sie zu sehen. Am sechsten August trat Major Abaza seine Reise nach Petersburg über Land an, und zu Beginn des Oktober segelte die »Onward« mit allen Angestellten der unglücklichen russisch-amerikanischen Telegraphen-Expedition nach San 355 Franzisco. Leet, Price, Mahood und ich, »der Nachtrab der großen Armee«, blieben zu Ochotsk, mit der Absicht, im Winter über Asien und Europa nach Hause zurückzukehren. Es war eine einsame Zeit, die wir nach der Abreise unserer Gefährten in der langweiligen Niederlassung verbrachten. Am 24. Oktober traten Price und ich auf Hundeschlitten die mehr als 5000 Meilen weite Reise nach Petersburg an. Ich habe nicht die Absicht, die vielen Beschreibungen der Reise vom stillen Ozean nach Rußland noch um eine zu bereichern. Zu Jakutsk nahmen wir Postpferde, reisten Tag und Nacht und kamen am 6. Dezember durch Irkutsk, die Hauptstadt Ostsibiriens. Am 30. überschritten wir die russische Grenze, am 3. Januar erblickten wir, nach zehnwöchentlicher, ununterbrochener Reise, die glänzenden Kuppeln von Moskau und klappten das Buch unserer sibirischen Erfahrungen zu.