Der Seeräuber Lustspiel in vier Aufzügen von Ludwig Fulda     Stuttgart und Berlin 1912 J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger     Personen Don Luis de Mendoza , Corregidor Juan Rufo , Alkalde Pedro Vargas Manuela , seine Frau Vater Capacho und Mutter Ines , ihre Eltern Isabel Galvez , Witwe Serafin , ein fahrender Gaukler Trillo , sein Gehilfe Torribio , ein Bettler Lisarda , Zofe Manuelas Nachbar Hurtado , Schneider Mercedes , seine Frau Ramirez und Borrego , Bürger Blanca , Frau des Ramirez Estela und Casilda , Bürgermädchen Ein Hauptmann Bürger, Schergen, Diener, Bewaffnete Die Handlung spielt an drei aufeinanderfolgenden Tagen in einer Landstadt Andalusiens Zeit: Siebzehntes Jahrhundert     Erster Aufzug Freier Platz, im Hintergrund von Bäumen und Rasenflächen begrenzt, die zu einer öffentlichen Anlage gehören. Links das stattliche Haus des Pedro Vargas , rechts das bescheidenere der Isabel Galvez ; beide Häuser haben Eingangstüren und im ersten Stock (praktikable) Fenster in den einander gegenüberliegeuden Fronten, sowie je eine Tür an der vorderen Schmalseite. Diese letzteren Türen münden in je eine nach vorn zu offene, von dichtem Weinlaub übersponnene Laube. In beiden Lauben Tisch, Bank und Stühle, die des Vargas ist die geräumigere. Das Haus der Witwe hat nach vorn über der Laube einen kleinen Balkon. An das Haus des Vargas grenzt, durch eine schmale Gasse davon getrennt, das Haus des Nachbars Hurtado, das schräg stehend die linke abgestumpfte Ecke einnimmt. Breitere Gasse rechts hinten. In der Mitte des Platzes Brunnen mit Rundbank. Erster Auftritt Vater Capacho , Mutter Ines (sitzen in der Laube links) Capacho Ja, wir haben ausgesorgt, Und wir können ruhig altern. Mutter, wie, hab' ich nicht recht? Ines Immer hast du recht, Capacho; Hast du's nicht, so willst du's haben. Capacho Will es haben? 8 Ines                               Gnad' mir Gott, Wollt' ich je dir widersprechen. Capacho Ist denn das kein Widerspruch? Will ich's haben, oder hab' ich's? Ines Ja, du hast es. Capacho               Und das hört sich Just so an, als hätt' ich's nicht. Ines Ewig mußt du streiten. Capacho                           Ich? Wer fing an zu streiten, Mutter? Ines Ich doch wahrlich nicht. Capacho                             Und so Streiten wir uns drum, wer streitet, Zweiundzwanzig Jahre schon! Ines Hat bisher dir nichts geschadet. 9 Capacho Etwa dir? Ines                       Ich sage nichts. Capacho Doch ich seh', du denkst dir etwas. – Schau dir unsre Kinder an! Unsre Tochter, unsern braven, Musterhaften Schwiegersohn. Haben die sich je gestritten? Ines Kann noch kommen. Capacho                         Lächerlich. Zweiter Auftritt Vorige . Hurtado Hurtado (ist aus seinem Haus getreten, hat in der Laube sprechen hören und geht an sie heran) Nachbar Pedro, seid Ihr drinnen? Capacho (steht auf, sieht hinaus) Wer . . . (ihn erkennend)               ach, Ihr!         (Zu Ines, die ihn fragend ansieht)                             Der Nachbar ist's, Herr Hurtado. (Zu diesem)                       Tretet näher. 10 Hurtado (tritt in die Laube) Ei, die Eltern . . . Capacho                   Unsre Kinder Sucht Ihr? Hurtado         Ja, wo sind sie denn? Capacho Bei der Messe. Wo denn sonst? Zweimal täglich bei der Messe. Ines Und wir warten selbst auf sie. Hurtado Nämlich . . . Capacho                     Macht's Euch doch bequem. Hurtado (sich setzend) Nur auf einen kleinen Schwatz Wollt' ich mal herüberschauen. Meine Frau hat große Wäsche, Und das ist ein eigner Tag. Ganz unnahbar ist sie nämlich, Wenn sie große Wäsche hat. 11 Dritter Auftritt Vorige . Mercedes Mercedes (ist inzwischen aus dem Haus Hurtados getreten, nähert sich der Laube) He! Capacho Wer ruft? Mercedes               Die Nachbarin. Hurtado (verwundert) Meine Frau! Mercedes (von außen)                     Mein Mann hat heute Sehr viel Arbeit, hockt und näht Eine seidne Galaweste Für den Herrn Corregidor, Und da darf man ihn nicht stören. Drum ein Weilchen, wenn's erlaubt ist . . . Capacho Nur herein. Mercedes (tritt in die Laube, erstaunt)                           Hier sitzt er ja. Und ich denke mir, er schneidert! Hurtado Und ich denke mir, sie wäscht. 12 Mercedes Pah, man muß doch Atem schöpfen. Hurtado (ein wenig verschnupft) Ja, das muß man – hinterrücks. Mercedes (zupft ihn am Ohr) Gingst voran mit gutem Beispiel. Hurtado Meine Weste wird schon fertig. Mercedes Meine Wäsche läuft nicht weg. Capacho Freilich, Arbeit macht verdrießlich; Ausruhn aber heitert auf. Hurtado Ihr, Ihr habt gut reden, Alter! Ihr mit Eurem Haufen Geld. Capacho Hab's nicht mehr. Gab alles hin, Meine Tochter auszustatten. Alles – und dies Haus dazu. Hurtado Doch auf Eurem Landgut wohnt Ihr Wie ein Fürst. 13 Capacho               Sogar das Landgut Ließ ich meinem Schwiegersohn. Uns genügt der Ruhesitz, Den wir dort uns vorbehalten. Denn verständig, wie wir sind – Nicht wahr, Mutter? Ines                               Du besonders. Capacho – Ließen wir das junge Paar Hier für sich und wohnen draußen. Wenn wir dann durch unser Kommen Ab und zu die guten Kinder Überraschen, so wie heut, Dann – Ihr werdet's gleich erleben – Dann ist ihre Freude rein, Und es braucht uns nie zu bangen, Daß wir ihnen lästig sind. Hurtado Solche Weisheit lob' ich mir. Fragt Mercedes, ob ich nicht Täglich sage: Pedro Vargas Hat das große Los gezogen. Capacho Doch nicht minder wir an ihm. Heut, bei diesen schlimmen Zeiten, Wo von lauter Teufelei, 14 Bosheit, Arglist, Niedertracht, Lug und Trug die Welt erfüllt ist . . . Mercedes Schauerlich! Capacho                     Da können Eltern Froh sein, wenn sie solchen Mann Für ihr einzig Kind gefunden. Ines Immer sprichst du nur von ihm! Unsre Manuela, dächt' ich . . . . Capacho Sie zu rühmen wäre Selbstlob. Haben wir sie doch erzogen Tugendsam nach unserm Vorbild, Und . . . Hurtado       Mir däucht, ich höre sie.         (Er geht aus der Laube heraus) Vierter Auftritt Vorige . Pedro (mit einem Rosenkranz, und) Manuela (mit einem Fächer, kommen gemächlichen Schrittes von rechts hinten) Pedro (aufgedunsen und kurzatmig) Heut wird's warm. 15 Manuela                     Nun, um so besser. Eine kleine Abwechslung Gegen gestern, wo es kühl war. Pedro Müd bin ich davon . . . Manuela                               Das bist du Ja bei jeder Witterung. Pedro Und schon atemlos von diesem Kurzen Kirchgang. Manuela                     So verschnauf dich. Hurtado (sie begrüßend) Nachbar; schöne Nachbarin . . . Pedro Gott zum Gruß, Nachbar Hurtado. Hurtado Ihr vergebt, wenn wir auf Euch Warteten in Eurer Laube. Pedro Ihr vergebt, wenn wir im Dienste Der gebenedeiten Jungfrau Warten ließen. (Sie gehen alle drei in die Laube) Capacho (zu Mercedes)                       Nun gebt acht! Pedro (auftragend) Was erblick' ich, Manuela! Welch erlesne Überraschung! Capacho (schmunzelnd) Ja, das ahntet ihr wohl nicht. Manuela Vater, Mutter, guten Tag.         (Sie umarmt beide pflichtmäßig) Capacho Staunst du nicht, mein Kind? Manuela (gelangweilt)                         Und ob. Mögt Ihr diese Überraschung Auf genau die gleiche Art Beinah täglich wiederholen, Immer wirkt sie doch wie neu. (Nach vollzogenen Begrüßungen setzt man sich um den Tisch herum) Ines Geht's euch gut? Manuela                   Und euch? Ines                                           So, so. 17 Capacho Mutter hat ja stets zu klagen. Ines Vater weiß vielleicht, warum. Pedro (öffnet die Tür, die ins Haus führt, ruft) He, Lisarda, bring uns Wein! Lisarda (kommt während des Folgenden mit einem Krug und Bechern aus dem Haus, schenkt ein, kredenzt und geht wieder ab) Capacho Sonst nichts Neues? Manuela                               Neues – hier?! Pedro Nein, dem Himmel dank, hier ist Weiter alles hübsch heim alten. Hurtado Mit Verlaub, da irrt Ihr, Nachbar. Des Alonso Frau, des Schusters, Kam mit einem Buben nieder. Manuela Richtig! Und des Tischlers Mendo Graue Katze fraß des Klempners Federico Nachtigall. 18 Pedro Vater, nun? Wie steht es draußen? Capacho Ist mir doch, du willst schon lange Selbst mal nach dem Rechten schau'n. Pedro Morgen komm' ich – oder nein, Übermorgen – um die zwei Vollblutrappen einzufahren. Hä, war das kein guter Kauf? Capacho Ja, das muß der Neid dir lassen, Dich haut niemand übers Ohr. Doch vergiß auch nicht, mein Sohn, Daß wir einen neuen Wächter Brauchen. Pedro             Weiß schon. Capacho                           Oder willst du's Nochmals wagen mit dem alten, Der uns Jahre treu gedient? Pedro Nein, das ist ein Trunkenbold, Und ich dulde keine Laster. 19 Manuela Er ist streng, mein Mann. Pedro                                           Jawohl, Schwerlich kann man streng genug sein, Wenn man Tugend, Zucht und Ehre Gegen Lockerung der Sitten Standhaft aufrecht halten will. Hurtado Wackrer Grundsatz! Pedro                                   Leider, Nachbar, Selbst in unsrer frommen Stadt Haben wir ein Ärgernis Höchsten Grades vor der Türe. Hurtado Ja, die Wittib gegenüber. Ein verstörtes Weibsbild das! Mercedes Heuchler du! Wen hab' ich neulich Just ertappt, als er nach ihr Blicke warf – und was für Blicke! Hurtado Blicke sittlicher Empörung. Pedro Andere verdient sie nicht. 20 Capacho Wenn es wahr ist, was man munkelt . . . Pedro Munkelt? O, die treibt es offen. Ines Nein, ich kann's einmal nicht glauben, Daß ein Weib so schamlos ist. Manuela (sich fächelnd) Es vergnügt sie, denk' ich mir. Pedro Manuela! Was vernehm' ich? Du verteidigst sie? Manuela                     Bewahre. Denn ein größeres Vergnügen Als die Tugend gibt's ja nicht. Capacho Meine Tochter, so ist's recht. Fünfter Auftritt Vorige . Der Alkalde (ist durch die Gasse links hinten gekommen und klopft an Pedros Haustür) Pedro Pochte da nicht jemand?         (Der Alkalde klopft wieder. Pedro sieht hinaus) 21                                         Ei, Täuscht mein Aug'? Der Herr Alkalde! (Er geht zur Laube hinaus. Die andern stehen auf) Manuela Was will der? Pedro (mit Bückling)       Verehrlichster, Sucht Ihr mich? Alkalde                   Euch, Pedro Vargas. Pedro Welcher Vorzug! Kommt, ich bitt' Euch, In den Schatten meiner Laube, Zu dem Kreis der Meinigen. Oder habt Ihr ein Geheimnis? Alkalde Keineswegs.         (Zu den andern, die neugierig aus der Laube herausgetreten sind)                           Grüß Gott beisammen.         (Zu Pedro) Meine Botschaft ist gewiß Auch den Eurigen erfreulich.         (Da Pedro ihn in die Laube führen will, abwehrend) Keinen Umstand, wenn's genehm ist. Menschen sind wir allzumal. Pedro Sprecht! 22 Alkalde           Wohlan, so sprech' ich denn.         (In amtlicher Positur) Pedro Vargas, wenn Ihr gleich Nicht in unsrer Stadt geboren Und als Fremder zu uns kamt Vor . . . hm, wieviel Jahre sind es? Pedro Fünf. Alkalde       Ganz richtig; fünf, das stimmt. Manuela (zu ihren Eltern) Damals war er schlanker. Alkalde                                 Fünf. . . . wurdet Ihr der Unsre bald, Und zwar nicht nur durch Versippung Mit dem reichen, angeseh'nen Hause der Capacho, sondern Auch durch Eure Gottesfurcht, Eure treffliche Gesinnung, Die durch makellosen Wandel Ihr bekräftigt und bewährt. Pedro Allzuviel der Ehre. Alkalde                           Nein, Allzuwenig noch. Somit . . . Hm, wo war ich stehn geblieben? 23 Manuela Bei dem makellosen Wandel. Alkalde Also kurz, in Anerkennung Eurer Musterhaftigkeit Hat das Ratskollegium Eben jetzt mit Stimmeneinheit Euch das Bürgerrecht verliehn. Capacho (umarmt Ines) Mutter! Hurtado     Unsern Glückwunsch, Nachbar. Capacho (zu Manuela) Kind, bist du nicht stolz auf ihn? Manuela Über alle Maßen. Pedro                               Habt Nachsicht, edler Herr Alkalde, Wenn Ergriffenheit mich hindert, Eurer wohlgesetzten Rede Zu erwidern, wie sich's ziemt. Ehrlich Denken, ehrlich Tun Fordert zwar nicht solchen Lohn, Doch ihn soll der hohe Rat Nimmermehr verschwendet nennen. 24 Alkalde Bürger Vargas, Eure Hand. Pedro Nun verschmäht mir nicht ein Schlückchen Selbstgepflanzten. Alkalde                     Dank für diesmal. Amtsgeschäfte rufen mich Über Land . . . Capacho (zum Alkalden)                       Mein Eselsfuhrwerk Hab' ich hinterm Hause stehn: Fahrt mit uns. Ich setz' Euch ab, Wo Ihr wollt. Alkalde               Ihr seid sehr gütig. Pedro (zu den Eltern) Wie? Schon heim? Capacho                     In unsre Ordnung. – Mutter brät heut eine Gans . . . Ines Vater hat sie schon geschnüffelt. Pedro (zum Alkalden) Ich geleit' Euch. 25 Capacho                 Gott befohlen, Tochter. Ines               Bleib gesund. Manuela                             Ihr gleichfalls. (Pedro, Alkalde, Capacho, Ines ab links hinten. Manuela wendet sich seufzend dem Hause zu) Mercedes (Manuela aufhaltend) Nur noch auf ein wichtig Wort, Nachbarin. (Zu Hurtado)                   Du Faulpelz, marsch An die Arbeit! Hurtado               Ja doch; ja.         (Er geht zögernd ab in sein Haus) Mercedes Um die Wäsche handelt sich's. Manuela Um die Wäsche! Was Ihr sagt! Mercedes Weil sie doch am schnellsten trocknet, Möglichst lustig aufgehängt, Drum, sofern's Euch nicht zuwider, Zwischen unserm Haus und Eurem Spannen möcht' ich gern ein Seil. 26 Manuela Spannt, was immer Euch gefällt. Mercedes Dank Euch. Und zu Gegendiensten Stets bereit. (Ab in ihr Haus) Sechster Auftritt Manuela . Lisarda Manuela (für sich, ausbrechend)                     Ach, ich ersticke! Lisarda (ist vor Pedros Abgang wieder aus dem Haus in die Laube gekommen, hat wiederholt neugierig hinausgespäht und tritt jetzt so weit vor, daß sie von außen sichtbar ist) Manuela (sie bemerkend) Ach, Lisarda, ich ersticke! Lisarda Was begab sich? Manuela                         Dumme Frage! Was begibt sich hier denn andres Als das immer, immer Gleiche, Das sich gestern hat begeben, Morgen wieder sich begibt? O wie lange noch ertrag' ich, Ohne aus der Haut zu fahren, Dieses öde Einerlei! 27 Lisarda (lachend) Allerdings, an Kurzweil hapert's In dem Nest hier. Manuela                   O Lisarda, Du kannst lachen; du bist frei. Schwingst als Wandervogel dich Leichtgefiedert in die Weite, Wenn die Nähe dir mißfällt. Aber ich . . . Lisarda               Ihr habt 'nen Mann. Manuela Ja, den hab' ich! Sechzehn kaum Zählt' ich, spielte noch mit Puppen, Wußte von den Männern nur, Daß sie plumper sind als wir Und zuweilen Bärte tragen, Als die Eltern mir ihn brachten, Mich beglückt, begnadet hießen, Weil sein wohlgefüllter Beutel Werbend an den meinen klang. Und nun darf ich schon vier Jahre – Welche Gnade, welches Glück! – Ihn bei Tage gähnen sehn Und bei Nacht ihn schnarchen hören. Daß die Zeit nicht völlig stillsteht, Zeigt mir nur sein wachsend Fett. Aber weh mir, wollt' ich jammern, Meiner eingepferchten Jugend 28 Sehnsucht in die Lüfte schrei'n! Ist er doch ein Mustermensch; Das versichern mir die Eltern; Das bestätigt ihm die Stadt. Lisarda Das bezeug' auch ich. Der erste Meiner Brotherrn, der mich niemals Auch nur in die Wange kniff. Manuela Draußen aber liegt die Welt Voll von Wundern, Abenteuern, Voll von Prinzen, Rittern, Helden, Räuberfürsten und Korsaren, Männern, die des Namens wert. Eine himmlische Geschichte Las ich gestern erst von einem, Der ein heißgeliebtes Weib, Sämtlichen Gefahren trotzend, Auf sein schnelles Schiff entführte Und die ganze Mannschaft zwang, Ihr als Königin zu dienen. Lisarda Seid Ihr schon zu Ende wieder Mit den Büchern? Manuela                     Und mich hungert Schon nach mehr. Denn was bewahrt mich Vorm Verschmachten, wenn nicht sie, Mein geheimer Herzenstrost, 29 Der mich träumend läßt genießen, Was das Leben vorenthält? –         (Sie gibt ihr einen Schlüssel) Hier der Schlüssel zum Versteck. Hol mir neue; doch behutsam, Daß mein Mann nichts merkt. Lisarda                                       Was könnt' er Ernstlich denn dawider haben? Lesen ist doch keine Sünde. (Sie geht in die Laube, schließt dort die Schublade des Tisches auf und nimmt einige in Schweinsleder gebundene Bücher heraus) Manuela Der? Du kennst ihn schlecht. Verderbnis Wittert er in all und jedem, Was nicht fromm und geistlich ist. Zetern würd' er, wenn er wüßte, Welchen Inhalts diese Bücher, Und erst recht, wer sie mir leiht. Siebenter Auftritt Vorige . Isabel Galvez (kommt aus ihrem Haus) Lisarda (sie bemerkend, zu Manuela) Dort sie selber. Isabel                     Guten Morgen! Manuela (scheu) Guten Morgen, Nachbarin Isabel. 30 Isabel         Dies Lüftchen heute! Kost es nicht wie ein Verliebter? Manuela Grade wollt' ich eben . . . Isabel                                           Was? Manuela Euch um neue Bücher bitten. Isabel Meiner Kiste ganzer Vorrat Steht Euch ein für allemal Zur Verfügung. In der Stube Links . . . Lisarda weiß Bescheid. Lisarda Freilich. (Sie geht ins Haus der Isabel) Manuela             Ihr verpflichtet mich Mehr, als Ihr ermessen könnt. Isabel Doch inmitten der Verpflichtung Lugt Ihr angstvoll ringsumher, Ob kein Späherblick Euch trifft In so brenzlicher Gesellschaft. Manuela Nein, Ihr irrt. Ich bin nicht so. 31 Isabel Nur die Rücksicht; o, das kennt man! Aber für mein Leben gern Wüßt' ich, was die weißen Lämmer Mir verübeln eigentlich. Hab' ich meinen Seligen Etwa nicht geliebt, vergöttert, Nicht betrauert, als er starb? Bin ich schuld dran, daß verfrüht Er als Wittib mich zurückließ? Oder soll ich gar dem Toten Treu sein, wo doch nicht einmal Ich's ihm war, solang' er lebte? Manuela Ich, mein Wort, verdenk' Euch nichts. Höchstens daß ich Euch beneide. Isabel Seht mir doch das Frauchen an. Mich beneiden! Armes Ding! Habt wohl Lust und keinen Mut? Manuela Beides hätt' ich, wenn . . . Isabel                                             Ein Dritteil Eures Gelds nur sollt' ich haben – Dann heidi! Nicht eine Stunde Würd' ich hier im Spinnenwinkel, Abgeschmackten Lästermäulern 32 Zur Bespeichlung hocken bleiben, Sondern zöge nach Sevilla, Wo man junge, flotte Frauen Besser weiß zu schätzen. Lisarda (mit andern Büchern zurückgekehrt)                                       Das Unterschreib' ich aus Erfahrung. Manuela (tief seufzend) . Ach. – Isabel         Weil aber hier mich festhält Als der leider einz'ge Nachlaß Des Verblichnen dieses Haus, Drum vertreib' ich wenigstens – Nehmt Euch dran ein Beispiel, Frauchen – Mir die Zeit, so gut ich kann. Manuela Fragt sich nur, mit wem. Was gibt's denn Hier als Krämervolk und Bauern? Allenfalls noch, daß ein Gaukler Von der jammervollsten Sorte Dann und wann sich her verirrt, Längstbekannte Künste weisend. Andres ist es, was mich lockt: Mannesgröße, so erhaben, Daß dran aufzuschau'n man schwindelt, Heldenmut bis zum Verbrechen, Liebe bis zur Raserei. 33 Isabel Recht bescheiden. Derlei steht In den Büchern zwar . . . Manuela (zu Lisarda)               Verschließe Sie nur gleich! Lisarda (schließt die Bücher in den Tisch der Laube, gibt während des Folgenden Manuela den Schlüssel) . Isabel                   Doch töricht wär's, Fremder Fabelfrüchte wegen Zu verschmähn den roten Apfel, Wenn er in den Schoß uns fällt. Manuela (treuherzig) Staunenswert, in welchem Grad Ihr bewandert seid! Isabel                           Es tut sich. Manuela Manches möcht' ich noch Euch fragen. Isabel Fragt nur. Manuela             Jeden Augenblick Wird jedoch mein Mann zurück sein . . . 34 Isabel Nun, so kommt mit mir ins Haus. Manuela Wenn ich dürfte . . . Isabel                                     Werdet ihn Doch nicht um Erlaubnis bitten. Manuela Wie denn sonst? Isabel                               Man merkt, bei Euch Fehlt's noch an den Anfangsgründen. Manuela Was in solchem Falle denn Tatet Ihr? Isabel             Mein Seliger Fand mich allezeit gehorsam, Weil, so oft ich nicht gehorchte, Schonend ich es ihm verbarg. Manuela (überzeugt) Das ist gut. – Lisarda, sag Meinem Manne, wenn er nachforscht, Wo ich bin, ich sei beim Schuster, Weil die neuen Schuh' mich drücken. Lisarda (lachend) Wird besorgt. (Ab ins Haus des Pedro) 35 Isabel                   So recht. Ihr seid Mindestens nicht ungelehrig. Kommt!         (Der Karren Serafins wird sichtbar)               Was für ein Aufzug? Manuela                                       Wieder So ein fahrender Hanswurst. Isabel Doch er scheint nicht schlecht gewachsen. (Beide ab in Isabels Haus) Achter Auftritt (Von rechts hinten ist eine sonderbare Gruppe erschienen. Auf einem mit Jahrmarktsplunder beladenen, grell bemalten Karren, der von) Trillo (und) Torribio (einem hinkenden Bettler, mangels anderer Bespannung gezogen wird, thront) Serafin r(in schäbiger Tracht). Halbwüchsige Jugend (beiderlei Geschlechts neugierig hinterdrein) Serafin (in der Mitte des Hintergrunds angekommen) Halt, mein feuriges Gespann! Zeichen aller Art bekunden, Angelangt sei mein Triumphzug In des neuen Mittelpunktes Mittelpunkt.         (Der Karren hält. Zur Jugend gewendet)                   Ihr jungen Fräulein, Jungen Herrn, gehabt Euch wohl. 36 Unentgeltlich Gaffen ist Weder Euch noch mir ersprießlich. Falls Ihr mich bewundern wollt, Stellt zu meiner ersten großen Vorstellung Euch ein heut abend. Sie beginnt um Glock halb acht. Kinder zahlen bloß die Hälfte. (Die Jugend zerstreut sich) Trillo (wischt sich den Schweiß) Uff, mir tun die Knochen weh. Auch zum Esel braucht man Übung. Torribio (zieht die Mütze) Wenn ich jetzt Euch nicht mehr nötig . . . Serafin Gleich, sogleich, mein Teuerster, Werd' ich für gewährte Hilfskraft Euch entlohnen. Laßt mich nur Meinen Hochsitz erst vertauschen Mit der Erde festem Grund.         (Er springt gelenkig vom Karren herab; großartig, zu Torribio) Ihr bekommt wieviel? Torribio                           Ihr wißt schon. Serafin (sucht in seinen Taschen) Nichts. – Hier auch nicht. – Potz, wo hab' ich Meinen fürstlichen Besitz?         (Er findet ein paar Münzen, gibt sie ihm) Da, mein Freund. (Leise zu Trillo) 37                           Es war das letzte. Völlig blank. Trillo (leise)         O weh. Torribio (unzufrieden nachzählend)                                 Mit Betteln Hält' ich mehr verdient. Serafin                               Jedoch Heut verdientet Ihr durch Arbeit. Überreich entschädigt Euch Dies erhebende Bewußtsein. Torribio (weinerlich) Herr, ich war nicht immer Bettler. Beßre Zeiten sah ich einst, Holt' im eignen Kauffahrteischiff Frachten von der Maurenküste; Doch an einem bösen Tag Trieb dem ärgsten Meerestiger Mich mein Unstern in den Rachen, Dem berüchtigten Korsaren Estornudo. Serafin             Ha, verdammt! Torribio Hörtet ihr von ihm? Trillo                                   Was fragt Ihr! In ganz Andalusien schreckt 38 Man mit seinem Namen Kinder, Die nicht artig sind. Serafin                         Sogar Unter meinen Vortragsstücken Hab' ich eins, das ihn betrifft; Eine schaurige Romanze, Die mit Beifall ich des öftern Schmelzend zur Guitarre sang.         (Er deklamiert)     »Umbraust von hochgetürmten Wogen,     Umringt von seiner kühnen Schar,     Auf seinem Raubschiff hergeflogen     Kommt Estornudo, der Korsar.     Sein bloßer Anblick haucht Entsetzen,     Kein Staubgeborner hält ihm stand;     Kein Blei, kein Stahl kann ihn verletzen,     Es hemmt ihn keine Kerkerwand.« Und so weiter. Torribio (enthusiastisch)                       Ausgezeichnet! Serafin Seht, das habt Ihr nun umsonst. Torribio Ja, der Satanskerl, der war es, Der mich Unglücksel'gen damals Auf der Höhe von Gibraltar Überfiel. Der Enterhaken, Dann ein Schuß durch dieses Bein Lähmten meinen Widerstand. 39 Sein Gefangner ward ich, mußte Wohl ein volles Jahr und drüber Harten Ruderdienst ihm tun. Serafin Doch wie seid Ihr ihm entkommen? Torribio Erst sein Tod erlöste mich. Trillo Ist er tot? Torribio           Seit Jahren brät er In der Hölle schon. Trillo                           Das Volk An den Küsten glaubt's nicht recht, Sondern bangt, er komme wieder. Torribio Jeden Eid kann ich drauf leisten, Daß der niemals wiederkommt. Denn vor meinen Augen fuhr er Abwärts in sein nasses Grab, Als gepackt vom Sturm das Raubschiff Jäh zerbarst an einem Felsen Und mit Mann und Maus versank. Serafin Friede seiner feuchten Asche. 40 Torribio Mich allein von allen hat Ein mir unbegreiflich Wunder Lebend an den Strand gespült. Doch was hat's genützt? Ich Ärmster Kam auf keinen grünen Zweig mehr, Muß von Ort zu Orte humpeln Für ein Stückchen trocknes Brot. Serafin Nur getrost; sobald ich einen Meiner hohen Gönner spreche, Werd' ich warm ihm Euch empfehlen. Torribio (ihn von der Seite musternd) Hm, das dauert mir zu lang'. Diener.         (Er geht nach rechts hinten, an den Häusern emporschielend, und leiert geschäftsmäßig im Abgehen)             Bitt' um eine Gabe. Bitt' um eine milde Gabe. (Ab rechts) Neunter Auftritt Serafin . Trillo Trillo Meister, wär's am klügsten nicht, Wenn wir mit gezogner Mütze Schlankweg dem ins Handwerk pfuschten? Sein Geschäft, so scheint mir fast, Bringt erheblich mehr als unsres. 41 Serafin Bursch, was unterstehst du dich! Oder muß ich erst betonen, Wem zu dienen dir gegönnt? Jeder echte Künstler sitzt Hin und wieder auf dem Trocknen . . . Trillo Doch wir sitzen immer drauf. Serafin Und er hat, wenn seine Kunst Ihn zu nähren dauernd weigert, Ehrgefühl genug im Leih, Um mit Anstand zu verhungern. Trillo Ohne Anstand satt zu werden, Zieh' für meinen Teil ich vor. Serafin Wart, es wird schon wieder gehn. Trillo Ja, bergab – so geht's beständig. Zu veräußern bleibt nichts mehr, Seit Ihr noch im letzten Wirtshaus Euren Esel für die Zeche Hinterließt. Serafin (rührselig) Der alte, treue Kamerad! Ich werde nie Seinen Scheideblick vergessen. 42 Trillo Doch zu seinem Stellvertreter Spür' ich keinerlei Beruf. Serafin (kratzt sich am Ohr) Immerhin, ich will nicht leugnen, Daß es heute mehr als jemals Einen Hauptschlag gilt zu tun. Drum nicht länger laß uns schwatzen. Hier errichten wir, so denk' ich, Unterstützt von diesem grünen, Stimmungsvollen Hintergrund, Meine Bude. Doch zuvor Trommel her und Dudelsack!         (Trillo geht zum Karren und sucht dort die Instrumente hervor) Aufruhr weckend wollen wir Gleich die Stadt von einem Ende Bis zum anderen durchziehn. Trillo (noch kramend) Beide liegen nah beisammen, Und wer aufgerührt soll werden, Ist mir vorderhand ein Rätsel; Denn das Nest, von ein paar Rangen Abgesehn, scheint ausgestorben. Serafin Diesmal straf' ich deinen Kleinmut Lügen durch den Augenschein.         (Er zeigt in die Gasse links) Schau dorthin! Da kommt ein Mensch, Und ein völlig ausgewachsner. 43 Trillo Einer! Serafin         Doch er zählt für Zwei, Erstens durch den Umfang, zweitens, Weil ein Duft von feistem Wohlstand Ihm entströmt auf zwanzig Schritt. Trillo Macht Euch an ihn! Serafin                             Will's versuchen. Zehnter Auftritt Vorige . Pedro (kommt aus der Gasse links und schlendert auf seine Haustür zu) Serafin (nähert sich ihm, während Trillo beim Karren bleibt, mit unterschiedlichen Bücklingen) Darf ich Euer Wohlgeboren Einen Augenblick . . . Pedro (barsch)                   Was wollt Ihr? Serafin Eure Herrlichkeit um Gunst Und geneigten Zuspruch bitten. Pedro (geschmeichelt, etwas milder) Inwiefern denn? 44 Serafin                     Euer Gnaden Sehn in mir den weltberühmten Tausendkünstler Serafin. Pedro (verächtlich) Diese Gattung kennen wir! Serafin Bitte, mich nicht zu verwechseln Mit gemeinen Possenreißern, Stümpern, die den edlen Orden In Verruf zu bringen drohn. Wollt vielmehr heut abend Euch Gütigst selber überzeugen, Daß ich einfach alles kann. Eine nie bisher gezeigte Leistung biet' ich am Trapez, Tanze Seil, verschlinge Feuer, Werf' auf einmal sieben Kugeln In die Luft und fange sie, Während mir ein blankes Schwert Auf der Nasenspitze baumelt; Lass' ein lebend, gackernd Huhn In der freien Hand verschwinden, Hol' ein ganzes Warenlager Aus 'nem leeren Hut hervor . . . Pedro (ungeduldig) Schon genug! Serafin                 Dies für die Menge. Doch ich bin auch, wenn's verlangt wird, Um Genüsse nicht verlegen 45 Für den feineren Geschmack: Täuschend unter anderm ahm' ich Alle Vogelstimmen nach, Ferner jedes Menschen Stimme, Die mir zu Gehör gebracht wird, Was durchaus ergötzlich ist. Aus dem Stegreif dicht' ich, singe Zur Guitarre stets das Neuste, Was man in Sevilla singt. Endlich . . . Pedro (losplatzend) Endlich macht ein Ende! Könnt Ihr das und zehnmal mehr, Müht Euch länger nicht vergebens, Mich dafür zu fangen, sondern Schert Euch flugs damit zum Teufel, Der für solch verruchtes Blendwerk Mehr gewiß hat übrig als . . .         (Schnaufend) Puh, mir geht der Atem aus . . . Als die Bürger dieser Stadt. Habt Ihr mich verstanden? Serafin                                   Ja. (Er geht nach hinten) Trillo (ihn empfangend) Hübscher Anfang. Serafin                       Ein Barbar. Wenden wir uns an das Ohr Der gebildeten Bevölkrung. (Er nimmt den Dudelsack, Trillo die Trommel, so ziehen sie durch die Gasse links hinten ab, ihre Instrumente bearbeitend, deren Geräusch sich allmählich in der Ferne verliert) 46 Elfter Auftritt Pedro . (Gleich darauf) Torribio Pedro (hat sich atemschöpfend auf die Brunnenbank gelegt, für sich) Narretei, mich zu ereifern, Wo's mir doch so schlecht bekommt. Torribio (ist von rechts hinten wieder erschienen, noch ohne Pedro zu sehen) Bitt' um eine milde Gabe. Pedro (für sich) Lauter fremd Gesindel heut! Torribio (hat Pedro entdeckt, kommt auf ihn zu) Eine milde Gabe, Herr. Armer Mann mit lahmem Bein. Pedro Gebe nichts. Torribio (betroffen) Die Stimme . . . Nicht doch! Aberwitz! Pedro             Was glotzt Ihr noch? Packt Euch! Torribio               Seltsam . . . ! Rein, undenkbar! Der war halb so dick. 47 Pedro (ist aufgestanden)       Wie lang' Steht der Kerl noch da und murmelt? Fort! Sonst ruf' ich einen Häscher. Torribio Dieses Auge! dieser Blick! Ja – kein Zweifel! Pedro (beunruhigt)         Hört Ihr nicht? Torribio (entsetzt, sich bekreuzigend) Allbarmherz'ger Gott im Himmel, Stehn die Toten wieder auf?! Estornudo! Pedro (in furchtbarem Schreck zusammenfahrend)                   Was . . . was soll Das bedeuten? Torribio                 Spuk der Hölle! (Er will fliehen) Pedro (mit mühsamer Fassung, hält ihn fest) Hiergeblieben, sag' ich jetzt! Hier herein, du dreister Strolch!         (Er zerrt ihn nach links in die Laube) Torribio (jammernd) Dieser Griff! Er ist's, er ist's! Pedro Hier herein! (Sie sind in der Laube angelangt)                       Und nun, wer bin ich 48 Deiner Meinung nach, Halunke? Welchen Namen gabst du mir? Torribio Euren, Herr. Pedro                         Ich heiße Vargas; Pedro Vargas. Torribio               Herr, das glaub' Euch, Wer Euch nicht gekannt wie ich. Denn Ihr seid's, wenngleich verändert; Seid es, den ich von den Haien Längst verspeist gewähnt . . . Pedro                                         Gefasel, Hirnverbranntes! Torribio                   Und Ihr kennt Wohl auch noch Torribio, Müßt ihn kennen. Pedro (heiser vor Aufregung)                           Kenn' dich nicht. Hab' dich nie gesehn. Torribio (entblößt, den Ärmel aufstreifend, seinen rechten Oberarm)                                 So stärkt Euch Das Gedächtnis durch dies Brandmal, Das wie jedem Eurer Opfer Ihr beim Fang mir aufgedrückt. 49 Pedro (starrt erst eine Sekunde darauf hin, packt ihn dann mit raschem Entschluß bei der Gurgel und würgt ihn) Plappermaul, dich mach' ich stumm. Torribio (sich wehrend) Hilfe! Pedro       Stirb! Torribio (schwächer)                     Ihr Heiligen! Pedro Deine Stunde hat . . . .         (Er läßt plötzlich los, greift sich nach dem Herzen)                                       Wie wird mir? Luft! (Er taumelt und sinkt auf einen Stuhl) Torribio (reibt sich keuchend den Hals)           Verwünschter Scherz das! Puh! Pedro (ebenfalls keuchend) Puh! Torribio (sieht ihn verwundert an)         Gottlob, Ihr seid nicht halb mehr, Was Ihr wart. Sonst wär' ich hin. Pedro (noch immer kläglich nach Luft schnappend) Aus der Übung – ja, beim Henker – Und verfettet obendrein. Torribio Könntet nun beinah mich dauern. 50 Pedro Atemnot . . . Torribio                   Warum auch strengt Ihr Meinethalb so sehr Euch an? Pedro Herzbeklemmung . . . Torribio                               Seid beruhigt. Ich fürwahr verrat' Euch nicht. Pedro Schwöre mir . . . Torribio                       Denn überlegt nur:         (Näher und leiser) War doch, wenn auch unfreiwillig, Euer Spießgesell bei mancher Gottverbotnen Tat, und sollte, Dunkles zerrend an das Licht, Selbst mich an den Galgen liefern? Haltet Ihr Torribio Für so dumm? Pedro (sich allmählich erholend)                         'nen Schwur verlang' ich, Daß du schweigst. Torribio                     Bei meiner Seele Seligkeit. 51 Pedro             Der taugt nicht viel. Torribio Dann bei meinem Leben also. Pedro Ja, dein Leben soll's dich kosten – Dir hinwieder schwör' ich dies –, Wenn das Bauwerk, das ich sorgsam Aufgerichtet Stein um Stein, Mir durch dich zertrümmert wird. Torribio Top. Nur seid Ihr bis dahin Andrerseits wohl gern behilflich, Dieses Leben mir zu fristen, Das durch Euch zertrümmert ward. Pedro (braust wieder auf) Schuft . . . ! Torribio             Besinnt Euch. Herzbeklemmung; Atemnot . . . Pedro (gemäßigt)   Nun ja, warum auch Schließlich nicht? Wenn wir im Hauptpunkt Handelseinig . . . Und zudem Heißt im Auge dich behalten Um so sichrer dir vertrau'n.         (Er schenkt sich Wein ein) 52 Erst nur muß ich auf den Schreck . . .         (Beunruhigt innehaltend) Ob auch niemand uns gehört hat? Torribio (schaut hinaus) Niemand. Pedro             Erst ein Mittelchen Zur Ermuntrung . . . (Er trinkt) Torribio (sieht ihm gierig zu) Wohl bekomm's. Pedro (ihm einschenkend) Da – trink auch. Torribio                   Ich bin so frei. Meines alten Herrn Gesundheit.         (Er trinkt) Pedro Der, vergiß das nicht, ist tot! Torribio Mausetot, verlaßt Euch drauf. Pedro Ich dagegen, Pedro Vargas, Nehme dich in meinen Dienst . . . Torribio Sollt mit mir zufrieden sein. 53 Pedro Und bestalle dich zum Wächter Für mein Gut, 'ne Viertelmeile Vor der Stadt. Torribio               Ein Gut sogar Habt Ihr? Pedro             Allerdings. Torribio                         Mir schwindelt! Wetter, wer noch heute früh Diese glückliche Begegnung Mir geweissagt hätte . . . Denkt: Soll man's denn für möglich halten? Ihr im tiefsten Binnenland Gutsbesitzer, nach dem Abschied Zwischen uns, den ich aus trift'ger Ursach für den letzten hielt! Pedro Ich erst recht. Torribio                   Bei meinem festen Glauben, ich als Einz'ger hätte Jenen Schiffbruch überlebt. Pedro Und bei meiner Zuversicht, Mitersoffen wärst auch du. 54 Torribio Daß Ihr hexen könnt, erfuhr ich Zwar genugsam; aber das – Herr, um alles in der Welt Sagt, wie habt Ihr das geschafft? Pedro (lacht geschmeichelt) Ha, du Tölpel – äußerst einfach. Durch den überstandnen Schiffbruch Bot sich mir erwünschtermaßen Günstigste Gelegenheit, Mich nach Jahren steter Mühsal, Steten Spiels um Kopf und Kragen Vom Geschäft zurückzuziehn. Torribio Aber wie nur . . . Pedro (selbstgefällig)           Was noch weiter? Alle Zeugen des Vergangnen Weggerafft mit einem Schlag, Ich vermeintlich selber tot, Überhoben jeder Sorge Vor Verfolgung wie Verrat, Und mein Schäfchen hübsch im Trocknen! Was noch weiter? Nackt und bloß Von der Brandung, die mich zehnmal Schon verschlungen, ausgespien, Holt' ich aus der Ufergrotte, Drin ich meine Beute stets Gleich versteckt nach jedem Fischzug, 55 Mir den ganzen Reingewinn, Kleidung, Perlen, Edelsteine, Bares Gold im Überfluß, Wandte drauf mich sacht landeinwärts, Unbehelligt, unerkannt, Zog entschlossen einen Strich Unter mein bisherig Dasein Und begann ein unbescholtnes Neues als gemachter Mann. Torribio Hat Euch denn die Obrigkeit Nie befragt nach Paß und Ausweis? Pedro Ei gewiß. Jedoch den hatt' ich Von dem satten Kaufmann Vargas, Als ich ihn mit Extrapost In die Ewigkeit befördert, Ohne Testament geerbt. Torribio Meisterhaft! Pedro                         In dieser Stadt, Fern genug dem alten Schauplatz Und den Klippen des Verkehrs, Schlug ich meinen Wohnsitz auf. Bald verschaffte mir mein Geld Wie mein löbliches Gebaren Zutrau'n, Freundschaft, Anerkennung, Und – haha – bevor ein Jahr 56 Abgelaufen, war des reichsten Bürgers mitgiftschwere Tochter Meine Frau. Torribio               Bewundernswert! Unnachahmlich! – Doch verzeiht: Habt Ihr nie seitdem – wie sag' ich? – Nie zur Rückkehr in das alte Dasein ein Gelüst verspürt? Pedro Ha, das fehlt mir grad! Ich danke! Wer so sündhaft wild wie ich Über Schranken weg und Leichen Seine Jugend ausgetobt hat, Der verspürt nur ein Gelüst noch, Und das heißt Bequemlichkeit. Meine Ruhe will ich haben; Wehe dem, der sie mir raubt! Torribio Das muß wahr sein: was Ihr macht, Macht Ihr gründlich. Pedro (ist aufgestanden)     Merk dir's.– Horch! Torribio (lauschend) Stimmen . . . Pedro (gibt ihm ein Goldstück, rasch)                       Hier dein Handgeld. Geh, Kauf dir für dein Wächteramt Was zum Anziehn. 57 Torribio                       Herr, ich werde Wächter Eurer Ruhe sein. (Ab links vorn) Zwölfter Auftritt Pedro . Isabel , Manuela (treten aus dem Hause rechts, hinter dessen kurz zuvor geöffneter Tür man sie bereits hatte sprechen hören) Pedro (spähend, für sich) Seh' ich recht? Isabel (zu Manuela, die sich ängstlich umschaut)                         Das Feld ist rein. – Kommt nur öfter. Manuela                     Gern. Isabel (anzüglich)                   Zum Schuster. Pedro (tritt aus der Laube und verstellt Manuela, die nach links hinüber will, den Weg) Manuela! Manuela (erschrocken)                 Ach herrje! Pedro Du – du warst bei dieser? 58 Manuela (stotternd)                   Ich . . . Isabel (schnippisch) Ja, bei dieser. Diese hat Sie für diesmal nicht gefressen. Pedro Hab' ich dir nicht untersagt, Sie zu grüßen? Und du läufst In ihr Haus? Manuela             Ich wollte nur . . . Isabel Ist mein Haus vielleicht verpestet? Pedro (ohne Isabel zu beachten) Eines ehrenhaften Manns Zücht'ge Gattin schämt sich nicht, Umzugehn mit einer solchen? Isabel Einer solchen? Welche denn? Welche solche? Meint Ihr mich? Weil von Männern Eures Schlags Ich ein vollgestrichnes Dutzend Haben könnt' an jeder Hand? Doch, was Euch betrifft, seid ruhig: Eurer zücht'gen Hausfrau schnappt Euch Keine solche jemals weg; Solchen ehrenfesten Schmerbauch Gönn' ich neidlos ihr allein.         (Ab in ihr Haus) 59 Dreizehnter Auftritt Pedro . Manuela Pedro Wirst du jetzt mir wohl erklären . . . ? Manuela Nun denn, grad heraus, ich litt Langeweile; drum, jawohl, Wollt' ich mal mich unterhalten. Pedro Und mit der da? Hast du nicht Deinen Mann zur Unterhaltung? Manuela Wie man's nimmt. Pedro (energisch)                 Wie nimmt man's, bitte? Manuela (mit Anlauf) Du . . . Pedro           Nun – wird's bald? Manuela (eingeschüchtert)             . . . . warst ja doch Nicht zur Stelle. Pedro                       Bin ich dir Keinen Augenblick entbehrlich? 60 Manuela (herausplatzend) Nein, im Gegenteil! – Das heißt . . .         (Ihn voll ansehend) Unter uns – bei Licht betrachtet: Findest du nicht unser Leben Etwas . . . Pedro             Sprich! Manuela                   Im gleichen Gleis? Pedro Hat dir deine saubre Freundin Mucken in den Kopf gesetzt? Manuela Nein, von selber . . . Pedro                                     Dann vernimm: Wer im rechten Gleise wandelt, Will und soll darin verbleiben; Denn nur dieses führt zum Heil. Manuela (zögernd) Schau, wir hätten Zeit und Geld . . . Könnten wir nicht wenigstens Einmal nach Sevilla reisen? Pedro Und wozu! Was haben wir Dort verloren? 61 Manuela (schwärmerisch)                       Eine große, Große Stadt! Pedro                 Mit vielen Häusern. Manuela Menschen, Menschen . . . Pedro                                             Auf zwei Beinen Just wie wir. Manuela             Gesang und Tanz, Buntheit, Frohsinn, Lebensflut . . . Pedro Schlechte Straßen . . . Manuela                               Doch mir neue. Pedro Schlechte Kost . . . Manuela                           Doch andre Zutat. Pedro Schlechte Betten . . . Manuela                             Wen'ger Schlaf! Pedro Diebesbanden unterwegs . . . 62 Manuela (entzückt) O wie schön! Pedro                   Du bist wohl närrisch? (Trommel und Dudelsack werden in der Ferne wieder hörbar und nähern sich) Manuela (verklärt wiederholend) Diebesbanden! Pedro                     Möchtest du Meuchlings angefallen sein? Manuela Und beschützt von dir. Pedro                                       Es schützt Dich vor jedem Ungemach Unser friedlich Heim am besten. Laß dir das von mir gesagt sein, Der die Welt so ziemlich kennt. – – So, nun fühl mir mal den Puls. Manuela (tut es) Fehlt dir was? Pedro                   Es geht mir heut Nicht besonders. Manuela (nachdem sie gezählt)                           Hüpft ein bißchen. 63 Pedro Dacht' ich's doch! Und meine Zunge?         (Er streckt sie heraus) Manuela Sieht wie eingepökelt aus. Pedro Ob das von der Galle kommt? Will mich jedenfalls ein Stündchen Niederlegen. (Ab in sein Haus) Manuela (sieht ihm nach; dann für sich, aus tiefster Brust)                     Hoffnungslos! – 64 Zweiter Aufzug Dieselbe Dekoration wie im ersten Aufzug In der Mitte des Hintergrundes erhebt sich jetzt die armselige Schaubude Serafins, aus Stangenwerk und vielfach geflicktem Segeltuch, mit ein paar primitiven, marktschreierischen Bildern behangen. An ihrer linken Ecke über zwei Stufen der Eingang fürs Publikum; an der rechten, durch einen schmutzigen Vorhang verdeckt, der »Bühneneingang«. – Vom Hause Hurtados zum Hause Pedros ist hoch über die Gasse ein Wäscheseil gespannt, an dem Wäsche zum Trocknen hängt. – Sonnenschein Erster Auftritt Serafin , Trillo (sitzen zusammen auf der Brunnenbank) Serafin (überzählt kleine Münzen) Sieben – acht – Trillo                       Mich wundert nur, Daß Ihr immer wieder nachzählt. Schwerlich wird's vom Zählen mehr. Serafin (abschließend) Neun ein halb. Trillo                     Es bleibt dabei. 65 Serafin Neun ein halb! Und dieses halbe, Wenn nicht alles trügt, ist falsch! Trillo Ja, das war ein Abend gestern! Der verlohnte sich der Müh! Trotz dem aufgewandten Lärm Stundenlanger Liebeswerbung, Trotz entzweigeschlagner Trommel Und geplagtem Dudelsack Eure Bude gähnend leer; Reih' um Reihe, Bank für Bank Raum genug zum Kegelschieben; Nur – als Trost zugleich und Hohn – Eine Handvoll Gassenjugend Hinten auf dem letzten Platz! Serafin (kopfschüttelnd) Wenn dies nicht ein böser Traum . . . Trillo Leider nein. Serafin                 O Mitwelt, Mitwelt, So belohnst du deine Besten! O Jahrhundert, grausam wahrlich Bist du gegen das Talent! Lisarda (erscheint am Fenster von Pedros Hans, sucht sich Trillo bemerkbar zu machen) Pst! 66 Trillo (wird aufmerksam)         Aha. Serafin (sich ihm schwermütig zuwendend)                   Wie meinst du? Lisarda (liebäugelnd, halblaut)       Trillo! Serafin Rief dich wer? Trillo                         Das Zöfchen dort. Ist sie nicht ein niedlich Ding? Gestern nach der Vorstellung Hat sie meines Herzeleids Liebevoll sich angenommen. Serafin Ähnlich ging es mir. Ich fand, Als ich einsam aus dem fruchtlos Abgebrannten Kerzenlicht In das nächt'ge Dunkel trat, Statt des mir entgangnen Lorbeers Eine Ros' am Wege. Isabel (ist am Fenster ihres Hauses erschienen; halblaut)                                 Pst! Serafin! Trillo           Ist's diese? Serafin                         Wohl. 67 Trillo Auch nicht übel. Serafin                       Und von äußerst Leidenschaftlichem Geblüt. Trillo Ganz wie meine. (Kreuzfeuer von Blicken) Serafin (seufzend)         Doch was hilft das? Trillo Was das hilft? Muß unsereiner Doppelt sich und dreifach nicht An der Liebe schadlos halten, Da sie doch das Einzige, Was nichts kostet? Serafin                         Und nichts einbringt. Trillo Manchmal doch. Mir trug sie gestern Warmes Abendbrot. Serafin                           Mir nicht. Trillo Hättet Ihr wie ich nur tüchtig Auf den Busch geklopft . . . 68 Serafin                                     Ich klopfte; Doch der Busch war taub dafür. Satten Herzens, leeren Magens Kroch ich in mein Bett aus Stroh. (Lisarda und Isabel ziehen sich, nachdem sie inzwischen noch einige Kußhände geworfen, von den Fenstern zurück) Trillo Und was jetzt? Nur wissen möcht' ich, Wie das werden soll mit uns. Der Ertrag von gestern reicht Kaum für'n karges Mittagessen . . . Serafin Du vergißt, ich geb' heut abend Meine zweite Vorstellung. Trillo Wollt Ihr Eure Kerzen wirklich Einmal noch umsonst verbrennen? Serafin (aufstehend) Wagen muß ich's; muß! Zu würfeln, Schicksal, zwingst du mich: entweder Eine volle Kasse heut, Mittel schaffend, um von hier Ohne Schuldhaft loszukommen, Langend bis zur nächsten Stadt . . . Trillo Oder? Serafin         Oder ratsam wär's, Daß ich gleich hier auf dem Fleck 69 Mit dem großen Purzelbaum, Den so leicht mir keiner nachmacht, Mich in diesen Brunnen stürzte. Trillo Nur nichts übereilen, Meister. Dieser Ausweg bleibt Euch frei. Serafin (mit großen Schritten auf und ab gehend) Ja, kein Zweifel: heutzutage Beißt auf Kunst, auf bloße Kunst Überhaupt kein Hund mehr an. Trillo Hab' ich's Euch nicht längst gesagt? Serafin Um der Menge träges Hirn Aus der Stumpfheit aufzurütteln, Braucht sogar die Meisterschaft Nötiger als all ihr Können Irgend einen groben Köder, Einen ganz gemeinen Kniff! Trillo Fragt sich nur, wo man ihn her nimmt. Serafin (in angestrengtem Nachdenken) Wenn zum Beispiel . . . Nein, so nicht. Aber so vielleicht . . . Trillo                               Ihr meint? 70 Serafin Oder so . . . Trillo                       Verteufelt pfiffig; Nur im Ausdruck nicht recht klar. Serafin Was erzeugt Gedräng? Die Neugier. Folglich müßte man sie kitzeln. Und was kitzelt sie gewisser Als das Rätsel, das Versteckspiel? Wenn man diesem blöden Pack Auf die Nase könnte binden, Daß ich ganz was andres bin, Als ich scheine . . . Trillo                           Käm' drauf an. Serafin Eine möglichst spannende, Möglichst abenteuerliche, Möglichst noch nicht dagewes'ne Wichtige Persönlichkeit . . . Trillo Ein verkappter Prinz am Ende, Der zum puren Zeitvertreib Tages über Hunger leidet Und am Abend Feuer schluckt! Serafin Geht nicht; geht nicht. Glaubt mir niemand. 71 Trillo Was denn sonst? Serafin                         Ein großes Tier . . . Trillo Das bei Nacht sich auf dem Stroh Plagen läßt von kleinen Tieren! Serafin Nein, geht auch nicht. –         (Mit plötzlicher Erleuchtung)                                           Halt, ich hab's! Trillo, den Gedanken schickt Mir mein guter Engel. Trillo                               Welchen? Serafin Ein Verbrecher! Trillo                           Seid Ihr toll? Serafin Ein gefürchteter Verbrecher! Wer hat glaublicheren Anlaß Zur Verkleidung? Wer erregt Prickelnderen Reiz und Schauder, Wirkt mit stärk'rer Angst und Lockung Auf die Weiblichkeit? Entsinn dich, Wie schon als Romanzenheld, Vom Gedicht nur vorgespiegelt, 72 Solch ein Wütrich Wangen lodern, Busen höher schaukeln macht, Jedesmal, wenn ich beginne:     »Umbraust von hochgetürmten Wogen,     Umringt von seiner kühnen Schar,     Auf seinem Raubschiff hergeflogen     Kommt Estornudo, der Korsar . . .«         (Sich vor die Stirn schlagend) Estornudo, der Korsar! – Blitz und Hagel – ja, das ists! Läßt sich der nicht neu beleben, Da den Leichnam niemand sah? Räuberfürst, nicht mehr noch minder! Mischgeruch von Blut und Meersalz, Balsamiert mit Sagenduft . . .         (Er fährt auf Trillo los und schüttelt ihn) Kerl, wie dünkt dich das? Trillo                                   Versteh' ich Recht? Ihr wolltet . . . ? Serafin                               Stell dir vor: Estornudo, der Verschollne, Heimlich wieder aufgetaucht, Um für seinen nächsten Raubzug Mannschaft rings im Land zu werben, Unter eines Gauklers Maske Hier sich bergend und heut abend In der Bude dort leibhaftig Gegen Eintrittsgeld zu sehn! 73 Trillo Ausverkauft! Serafin                   Ans Werk somit! Unsern Weg von gestern geh Statt mit Trommeln heut mit Flüstern . . . Trillo Ausverkauft! Serafin                   Und bring in Umlauf Das entsetzliche Geheimnis. Trillo Wenigen ins Ohr geraunt, Läuft's von selber. Serafin                         Vorwärts! Trillo (geht ein paar Schritte, bleibt stehen)                                               Nur – Ob der Plan trotz aller Schlauheit Nicht bedenklich? Serafin                       Pah, was hat noch Zu bedenken, wem das Messer An der Kehle sitzt wie mir? Trillo Das ist wahr. 74 Serafin                   Und wenn die Gimpel Heut nur glatt uns auf den Leim gehn – Morgen sind wir weit vom Schuß. Trillo Aber falls die Obrigkeit Sich hineinmengt . . . Serafin                             So erklär' ich's Für ein lächerlich Gerede, Einen mißverstandnen Witz, Und mein Paß erweist mich ihr Als ein Lamm, das keiner Mücke Jemals was zuleid getan. Trillo Das ist richtig. – Gut, ich mach's!         (Er bemerkt Lisarda) Gleich bei der da. Serafin (hat die Münzen wieder hervorgezogen, läßt sie in der Hand klimpern)                             Mittlerweil Kauf' ich ein für unsre Tafel. Überflüssig, noch zu sparen In Erwartung des Erfolgs. (Ab rechts) 75 Zweiter Auftritt Trillo . Lisarda (ist aus Pedros Haus getreten) Trillo Kleine, suchst du mich?         (Er will sie umfassen) Lisarda (ihn abwehrend)           Du Schlingel! Winkt' ich mir den Arm nicht lahm? Wollte nicht mit dir ein Stündchen Schöntun, während meine Herrschaft In der Messe weilt? Und du . . . Trillo Ich? Wieso? Lisarda                 Du hast's nicht eilig, Spielst mir schon den Kühlen vor. Trillo Welch ein Irrtum! Lisarda                         Doch so geht's, Wenn euch niederträcht'ges Mannsvolk Eine nicht lang' zappeln läßt! Trillo O, wie schwer du mich verkennst! Hab' auch ich doch einen Herrn; Und wenn der befiehlt . . . 76 Lisarda                                   Zum Lachen! Einen Herrn! Das nennt sich Herr; Das befiehlt noch! Trillo                         Wenn du wüßtest, Wem ich diene . . . Lisarda                         Wem du dienst? Hat mir wer nicht vorgejammert, Daß er bei dem Habenichts Halb schon Hunger sei gestorben? Trillo Ja, so sagt' ich dir, wie jedem; Doch die Wahrheit . . . Lisarda                               Was? Trillo                                           Die Wahrheit . . . Lisarda Wie? Trillo             Nein, nein, die muß ich tief, Abgrundtief in mir vergraben. Lisarda Auch vor mir? Trillo                           So hart mir's ankommt . . . 77 Lisarda Schnickschnack! Nur heraus damit! Trillo (sich umsehend) Wär' ich sicher, daß du schweigst . . . Lisarda Pfui, welch Mißtrau'n! Trillo                                       Jetzt und ewig . . . Lisarda Ja doch! – Also? Trillo (ausholend)             Also . . . Lisarda                                       Nun? Trillo Dir zulieb . . . Lisarda                     Du folterst mich. Trillo Zum Beweis, wie bodenlos Du mir's angetan . . . Lisarda                           Mich kribbelt's. Trillo Und wie fest ich auf dich baue . . . 78 Lisarda Sprich, wenn ich nicht platzen soll! Trillo Höre denn, was niemand ahnt, Niemand ahnen darf: Mein Herr Ist . . . (Er sieht sich wieder um)           Komm näher. Näher noch. Ist in Wirklichkeit . . .         (Er tuschelt ihr ins Ohr) Lisarda (zuhörend, spricht in Absätzen, während ihr Mienenspiel den sensationellen Eindruck des Mitgeteilten malt)                                   Nicht möglich! – Der? – Ich bin ja sprachlos. – Der! – – Aber nein, du scherzest! Trillo                                   Scherzt man Mit so fürchterlichen Dingen? Wenn du mir jedoch nicht glaubst . . .         (Er macht Miene fortzugehen) Lisarda (ihn festhaltend) Ja doch! Trillo             Wider meinen Willen Hast du mir's herausgelockt, Und dann sagst du, daß ich scherze . . . 79 Lisarda Halt! Vergib mir! Läßt sich so was Denn im Handumdrehn verdau'n? – Nicht so ganz geheuer zwar Kam er gleich mir vor. – Es fällt Mir wie Schuppen von den Augen. – Ähnlich ungefähr beschrieb ihn Ja mein erster Bräutigam, Der zur See gerauft mit ihm. – Doch warum? Wieso? Weswegen?         (Er tuschelt ihr wieder ins Ohr) Deshalb! – Und der Jahrmarktsplunder Nur Bemäntlung? – Wie verschmitzt! –         (Da Trillo aufhorchend abbricht) Weiter, weiter! Dritter Auftritt Vorige . Isabel . (Dann) Serafin Isabel (tritt aus ihrem Hause, sieht sich um)                         Ist er fort? Trillo (stellt sich erschrocken) Still! Lisarda (ärgerlich)         Muß die uns grad . . . Trillo                                       Heut abend Mehr davon. 80 Lisarda               Du kommst? Trillo                                     Bestimmt. Isabel (sich umsehend) He, wo steckt, Gesell, dein Meister? Trillo Werde schau'n. (Er geht nach links hinten, bleibt dort am Eingang der Gasse beobachtend stehen) Lisarda (angelegentlich auf sie zu)                             Frau Isabel, Denkt Euch nur . . . Isabel                             Was gibt's, Lisarda? Lisarda Aber unterm strengsten Siegel Der Verschwiegenheit! Isabel                               Versteht sich. Lisarda Dieser Gaukler . . . Isabel                                 Serafin? Lisarda Ist . . . (Sie tuschelt ihr ins Ohr) 81 Serafin (kommt von rechts zurück, mit Brot, Käse, Zwiebeln, die er in sein Schnupftuch eingewickelt hat, bleibt an der hinteren Ecke von Isabels Haus beobachtend stehen, sieht Trillo, der ihm während des Folgenden, auf die Weiber zeigend, pantomimisch andeutet, das Rad sei schon im Rollen, tauscht Blicke mit ihm, ermahnt ihn dann pantomimisch, die Arbeit fortzusetzen. Trillo geht schließlich ab links hinten) Isabel (während des Zuhörens)                   Wahrhaftig? – Was der tausend! – Weißt du's auch gewiß? – Von Trillo? Freilich, dann – So mir nichts, dir nichts? – Überaus bemerkenswert! Lisarda Nicht wahr? Isabel                       Doch mich wundert's nicht. Ganz und gar nicht. Es bezeugt mir Nur mein feines Näschen wieder. Denn der Spitzbub schien ein Spitzbub Mir vom ersten Augenblick. Lisarda Solch ein Waghals! Gnad' ihm Gott, Wenn mein sittenstrenger Herr Wind bekäm' davon! Isabel (ängstlich)               Du wirst's ihm Doch nicht stecken! Lisarda                         Ihm? Da beiß' ich Mir die Zunge lieber ab. (Sie geht ab in Pedros Haus) 82 Vierter Auftritt Isabel . Serafin Isabel (entdeckt Serafin, eilt auf ihn zu, umarmt ihn) O, da bist du, Trauter! Serafin                             Traute, Drück mir meine Mittagsmahlzeit Nicht entzwei. Isabel (mit sanftem Vorwurf)                       Warum nicht offen Warst du gegen mich? Serafin                             Du weißt . . . ? Isabel Alles. Serafin (mit gespieltem Schreck)               Ha, dann muß ich fliehn! Isabel Süßes Räuberchen, weshalb? Einen Mann, der mir gefällt, Frag' ich nicht nach seinem Handwerk. Du verbleibst für mich, ob Gaukler, Ob Korsar, mein Serafin. Serafin Und dir graust es nicht vor mir? 83 Isabel Huh, der Mann, vor dem mir graust, Muß noch erst geboren werden. Was auch lohnt bei mir den Raub, Da du schon mein Herz gekapert? Serafin Mancherlei noch außerdem Wär' grad jetzt mir dringend nötig. Isabel Nein, du Schlimmer: Liebe fordr' ich, Liebe geb' ich; das ist alles. Serafin Ja, das hab' ich schon bemerkt. Isabel Morgen wirst du weiterziehn, Wirst in einer andern Arm Mich vergessen. Serafin                     Kaum. Isabel                                   Du wirst es. Darin seid ihr alle gleich. Aber hier zum mindesten Für die kurze Dauer sollst du Mir gehören, mir allein. Vierundzwanzig Stunden Treue, Das ist nicht zu viel verlangt. 84 Serafin (hat inzwischen aus seinem Mundvorrat ein Stück Brot hervorgeholt und hineingebissen, kauend) Wahrlich nein. Isabel (horchend)     Es kommen Leute.         (Mit gedämpfter Stimme) Zur bewußten Zeit! Serafin                         Jawohl. Isabel Dort in meiner Laube wieder. Serafin Abgemacht. Isabel (verliebt)       Ich harre dein. (Sie schlüpft in ihr Haus. – Serafin geht zu seiner Bude, setzt sich halb abgewandt auf die Stufen ihres Haupteingangs und packt seinen Proviant aus, dem er während des nächsten Auftritts, ohne aufzuschauen, eifrig zuspricht) Fünfter Auftritt Serafin (im Hintergrund). Pedro , Manuela (kommen genau wie im ersten Aufzug, er mit Rosenkranz, sie mit Fächer, von rechts. – Dann) Lisarda Pedro (mit ihr auf sein Haus zuschlendernd) Heut ist's wärmer noch als gestern. Manuela Streng dich also nur nicht an. 85 Pedro Unser Tagwerk an Gebeten War' vollbracht; nun unser Schmaus . . . Manuela Dann dein Schläfchen – wie gewöhnlich. Pedro Nein, heut wird sich etwas ändern. Manuela (erfreut) Ändern? In der Tat? Pedro                             Heut werd' ich Außen in der Laube schlafen, Weil's im Haus zu stickig ist. Manuela Und ich dachte schon . . . Pedro                                             Du weißt: Morgen, wo der Gäule wegen Ich aufs Gut hinaus will, steht Mir ein schwerer Tag bevor. Manuela Ja, mit solcher Müh' vor Augen Mußt du doppelt gründlich ruhn. Lisarda (erscheint in der Haustür) Eben wollt' ich nach der Herrschaft Ausspähn. 86 Pedro               Was ist los? Lisarda                               Die Suppe Hab' ich auf den Tisch gestellt. Pedro Gut. (Er geht in sein Haus) Lisarda (halblaut, zu Manuela)             Auch hätt' ich was für Euch Insgeheim auf Lager. Manuela                         Nämlich? Lisarda Eine große Neuigkeit. Manuela (ironisch) Noch ein Bub? Ein Mädchen diesmal? Lisarda Ganz was andres! Manuela                           Zwillinge? Lisarda Starr sein werdet Ihr. Manuela                               Im Ernst? 87 Pedro (erscheint oben am Fenster, mit umgebundener Serviette) Manuela, wo denn bleibst du? Manuela (ihm in der Tür eine Nase drehend) Bin schon da.         (Zu Lisarda, die ihm gleichfalls eine Nase dreht)                       Hernach. (Beide ab ins Haus. Pedro verschwindet vom Fenster) Sechster Auftritt Serafin . Trillo Trillo (kommt rasch und erhitzt aus der Gasse links, eilt auf Serafin zu)                                       Hallo, Meister! Serafin (noch kauend)               Wirkt es? Trillo                           Ob es wirkt! Serafin (schiebt ihm Essen zu) Hier dein Anteil am Gelage. Trillo Ob es wirkt! Gleich einem Feuer, An vier Ecken angezündet, Fliegt und springt es durch die Stadt. Jeder, dem ich's eingeblasen, Gab es hurtig Fünfen weiter, 88 Diese Fünfe fünfmal Fünfen, Und so wächst es, wogt und wallt Aus den Gassen in die Häuser, Aus den Häusern auf den Markt. Serafin (ist aufgestanden) Hab' ich euch, ihr Tröpfe? Trillo (nach links deutend)           Schaut, Wie von dort bereits ein Schwarm Sich mit lüsternem Entsetzen Sacht heranschiebt. Serafin                         Hammelherde, Du bekundest deutlich selber, Daß du nicht erquickt, begeistert, Nur geschoren werden willst! Trillo Bloß verbergt Euch jetzt. Sie dürfen Doch das Wundertier beileibe Nicht schon vor der Bude sehn. Serafin Nein, ich will sie zappeln lassen, Bis die Sehnsucht nach dem Anblick Des vermeinten Gottseibeiuns Ihren Siedegrad erreicht. Trillo Ich eröffne gleich die Kasse. 89 Serafin Zu erhöhten Preisen heut! (Er geht durch den Nebeneingang in die Bude. – Trillo streift den Vorhang vor dem Haupteingang halb zurück, läßt dadurch einen kleinen Vorraum sichtbar werden, in dem er ein Tischchen und einen Stuhl für seine Kasse zurechtrückt, und von wo aus er die folgenden Vorgänge beobachtet) Siebenter Auftritt Trillo . (Aus der Gasse links kommen nach und nach) Bürger , Frauen , Mädchen (in lebhaften Gruppen, aufgeregt zischelnd und nach der Bude schielend. Darunter) Ramirez , Blanca , Borrego (die vorn eine Gruppe für sich bilden. Dann aus ihrem Hause) Hurtado , Mercedes (die sofort umringt und von dem allgemeinen Gesprächsstoff unterrichtet werden) Borrego Ist's erhört? Ramirez                   Unglaublich ist's! Borrego Aber solchem ausgepichten Scheusal zuzutrau'n. Ramirez                         Nachdem er Jahrelang sich still verhalten . . . Borrego Regt er sich auf einmal wieder. Ramirez Hat die Stirn, durchs Land zu streifen! 90 Borrego Treibt zum Scheine Hokuspokus . . . Ramirez Während er für seine Bande Neuen Anhang sucht. Borrego                           Sogar Hier bei uns! Blanca (sich bekreuzigend)                     O heil'ge Jungfrau, Schirm uns, daß er uns nichts antut. Ramirez Schaf, mit solchen Kleinigkeiten Gibt sich der nicht ab. Borrego                           Der schluckt Ganze Schiffe mit Besatzung. Ramirez Plündert ganze Küstenstriche. Hurtado (kommt hastig nach vorn, zu Ramirez) Wißt Ihr schon, Gevatter? Wißt Ihr, Daß der Räuber Estornudo . . . Mercedes (ist ihm gefolgt, hält ihm den Mund zu) Schweig; man darf's nicht weitersagen. 91 Ramirez Umgekehrt! Nicht schweigen darf man, Muß den Kannibalen hindern, Künft'ge Greuel zu verüben. Meine Meinung ist, wir gehn Zum Alkalden. Borrego (ihn festhaltend)                       Keinen Schritt! Hurtado Wollt Ihr Euch ins Unglück stürzen? Blanca Heil'ge Jungfrau! Ramirez                       Dingfest machen Will ich ihn. Borrego             Vermögt Ihr das? Heißt es nicht, er kenn' ein Mittel, Wie man Kerkertüren sprengt? Möchtet Ihr, wenn er entkommt, Seiner Rache trotzen? Blanca                             Mann, Denk an Weib und Kinder! Hurtado                                   Denkt An uns alle! Steckte kürzlich 92 Ein entsprungner Räuberhauptmann Nicht sogleich die ganze Stadt, Wo man ihn gefaßt, in Flammen? Blanca (sich an Ramirez klammernd) Mann, wenn dir dein Leben lieb . . . Ramirez (kleinlaut) Aber wie sich dann verhalten? Borrego Ihn nicht reizen. Mercedes                       Tun, als ob Wir ihm seinen Schwindel glaubten. Hurtado Kurz und gut, ihn sehn. Blanca                                       Ihn sehn, Ja, das will ich auch. Borrego                         Ich auch. Ramirez Ich erst recht. Hurtado                       Ein Kehlabschneider Als Hanswurst – wenn wir an hundert Jahre leben, solch ein Schaustück 93 Wird uns nicht zum zweiten Mal Vorgesetzt. Borrego             Ich muß dabei sein, Ob es auch mein halb Vermögen Kosten sollt'. Alle Fünf             Ihn sehn! (Inzwischen haben sich immer mehr Menschen angesammelt, die Bude dicht umlagernd) Trillo (tritt vor, laut ankündigend)                                     Heut abend Große Vorstellung. – Die Kasse Ist eröffnet.         (Dies ist das Signal für den ganzen Menschenhauf, sich ungestüm zum Eingang zu drängen)                   Nur Geduld! Nur Geduld! Erst wird gezahlt! Immer einer nach dem andern. Hurtado Welch ein Andrang! Trillo (von Fragern bestürmt)     Gute Plätze Kann ich später nicht versprechen. Wer sich einen sichern will, Setzt am besten gleich sich drauf. Borrego Seht, wir sind im Hintertreffen.         (Er drängt sich ebenfalls zur Bude) 94 Hurtado Schnell, Mercedes! Ramirez                               Hurtig, Blanca! Blanca Nein, ich will so nah nicht sitzen. – Wenn er schießt! Stimme (vor der Bude) Nicht drängeln, bitte! Trillo Immer einer nach dem andern. (Er kassiert während des Folgenden die Eintrittsgelder ein. Immer neue Personen treten auf und schließen sich an die drängende Menge an, während die zum Eingang Gelangten einzeln in kleinen Zeitabständen Trillos Sperre passieren und, nachdem sie gezahlt, in der Bude verschwinden. Ramirez, Blanca, Hurtado, Mercedes sind unter den – von der Bude aus gerechnet – Hintersten) Achter Auftritt Vorige . Manuela , Lisarda (kommen aus der vorderen Tür von Pedros Haus in die Laube. Beide tragen etliche Kissen, mit denen sie während ihres Gesprächs die Bank polstern) Manuela (zitternd und fiebernd vor Erregung, spricht ins Haus zurück) Ja; wir richten dir nur erst Ein bequemes Ruhebett.         (Sie schließt die Tür, schnell, zu Lisarda) Wach' ich oder träum' ich denn? 95 Ist's kein Trugbild meiner Sehnsucht, Keine Täuschung meines Ohrs? Lisarda (weist nach der Bude hin) Dort mit Händen könnt Ihr's greifen. Manuela Wahrheit also? Wirklichkeit?         (Sie umarmend) Ach, Lisarda, schon die Botschaft Macht mich taumlig wie ein Rausch. Das unnahbar ferne Leben – Endlich schickt es eine Welle Bis an meinen dürren Strand. Lisarda Und dazu gleich was für eine! Manuela Nicht zu fassen! Wenig Schritte Nur von mir getrennt ein Held, Wie bis heut mir ihn als Luftbild Meine Sinne vorgemalt: Einer, der nicht Tod noch Teufel Fürchtet, Sturm und Ungewitter Mit Gebieterblicken bändigt, Feinde dutzendweis zerschmettert Und mit Herzen Fangball spielt! Lisarda Wenn Ihr ihn Euch anschau'n wollt . . . Manuela Anschau'n? Das genügt mir nicht. 96 Kennen lernen muß ich ihn, Muß ihn sprechen, mir von ihm Viel, o viel erzählen lassen . . . Lisarda Doch der Herr . . . Manuela                           Mein Mann? Ach was! Wenn der erst einmal im Schlaf liegt, Wacht er dir so bald nicht auf. Lisarda Mir soll's recht sein. Manuela                             Eine kurze Zwiesprach nur! Lisarda                   Die schaff' ich Euch. Manuela Sag ihm, ich . . . nein, sag ihm nichts. Lisarda Habt Ihr Angst? Manuela                       Bewahr'! Lisarda                                       Ihr zittert. Manuela Ja, gottlob! 97 Neunter Auftritt Vorige . Pedro (tritt aus dem Haus in die Laube. – Von der Menge ist nur noch ein kleiner Teil außerhalb der Bude. – Später) Serafin Pedro (gähnend)         Uah! Manuela (fürsorglich tuend)   Schau her, Männchen, hab' ich dir dein Lager Gut zurechtgemacht? Pedro                             Es scheint. Manuela Streck dich. Pedro (während er sich auf die Bank legt)                             Kam die Bratenbrühe Dir nicht auch versalzen vor? Manuela Etwas. Pedro (sich räkelnd) Ah, wie bin ich müd! – Noch ein Kissen untern Kopf. Manuela Gerne.         (Sie schiebt es ihm unter. Leise, zu Lisarda)                   Geh doch jetzt! (Zu Pedro)                                           So recht? 98 Lisarda (geht aus der Laube zur Bude hin und sucht sich Trillo zu nähern) Pedro Und noch eines hintern Rücken. Manuela So genug? Pedro (gähnt)           Uah. – Gib acht, Daß mich niemand stört. Manuela                             Natürlich. (Sie zieht eine Handarbeit hervor, setzt sich und beginnt scheinbar eifrig zu häkeln, während sie ihn erwartungsvoll beobachtet) Lisarda (in Trillos Nähe gelangt) Trillo! Trillo (nach wie vor einkassierend)           Was? Lisarda               Ein Wörtchen. Trillo                                       Später. Hab' jetzt keine Zeit für dich. (Beide gestikulieren miteinander) Mercedes (zu Hurtado, mit dem sie unter den letzten zum Eingang gelangt ist) Glücklich nun an uns die Reihe. 99 Hurtado Halt einmal, da fällt mir ein: Ob auch Nachbar Pedro weiß, Was hier vorgeht? Mercedes                     Einerlei. Hurtado Nein, bei Nachbarsleuten muß Eine Hand die andre waschen. Wart! Mercedes   Ich geh' derweil voraus.         (Ab in die Bude) Hurtado (ist nach vorn links geeilt, spricht in die Laube hinein) Nachbar Pedro . . . Pedro (der schon die Augen geschlossen hatte, ärgerlich)                               Was denn? Was denn? Manuela (hinaussprechend) Stört ihn nicht. Er hält Siesta. Hurtado Nur dies einzige: Vernahmt Ihr die Schauermär? Der Gaukler . . . Pedro Was geht mich der Gaukler an? Laßt mich schlafen! 100 Manuela                       Laßt ihn schlafen! Hurtado (achselzuckend) Meinethalb. (Er geht zur Bude zurück, vor der sich außer Lisarda niemand mehr befindet. Diese hat inzwischen den Augenblick, wo Trillo unbeschäftigt war, benutzt, um ihm leise das Anliegen ihrer Herrin mitzuteilen) Trillo (darauf erwidernd)                     Ich sag's ihm. Lisarda                                   Aber Gleich. Es eilt. (Sie geht nach vorn links, postiert sich in der Nähe der Laube, indem sie abwechselnd in diese hinein und nach der Bude späht) Hurtado (zu Trillo)   Noch Platz? Trillo                                       Nur letzte Bank noch. Hurtado (zahlt und tritt in die Bude) Pedro (der wieder die Augen geschlossen hatte, mit einem unwilligen Ruck)                   Sakrament! Manuela                             Was ist? Pedro Eine Fliege. 101 Manuela (wirft ihm ein leichtes Tuch übers Gesicht)                       So, nun wirst du Ruhe haben – hoffentlich. Trillo (ist zum Nebeneingang der Bude gegangen; mit gedämpfter Stimme) Meister! Serafin (streckt vorsichtig den Kopf heraus, sieht sich um)               Sind schon alle drin? Trillo Ja; doch kommt gewiß noch Nachschub. Serafin (entzückt) Märchenhaft! Trillo                   Ihr watet förmlich In Berühmtheit. Nun ersucht Euch Gar die Herrin meines Schäfchens, Die für Räuber von Bedeutung Heftig schwärmt, um ein Gespräch. Serafin Jenes allerliebste Weibchen Mit dem dicken Mann? Trillo                                 Die reichste Frau der Stadt! Ich wette drum, Daß da was zu holen ist. 102 Serafin Potz, die trifft es gut. Ich bin Sehr in Stimmung! Trillo                           Und die drinnen Gehn Euch nicht davon. Serafin                                 Ich glaub's! Hab' sie ja durchs Loch gesehn, Fieberhaft gespannt, gebannt Vorm geschlossen Vorhang sitzen; Doch daß der sich früher auftut Als zur festgesetzten Stunde, Soll trotz aller Halsverrenkung Ihnen nicht beschieden sein.         (Er tritt heraus) Her mit der Verehrerin! (Trillo gibt Lisarda einen Wink. Diese schleicht sich zum Eingang der Laube, in der Pedro nunmehr durch laute Schnarchtöne zu erkennen gibt, daß er fest schläft. Manuela, von ihr pantomimisch verständigt, wirft noch einen prüfenden Blick auf ihn, legt dann ihre Handarbeit auf den Tisch und schleicht heraus) Trillo (hindeutend) Schon in Sicht. Serafin                   Nur her mit ihr! Lisarda (flüstert) Kommt! Manuela (erschauernd, zu Lisarda)               Ein wunderschöner Mann! 103 Serafin (zu Trillo) Ein bezaubernd Weib. Trillo (zu Serafin)                 Ich ruf' Euch, Wann es Zeit ist. (Er kehrt zu seinem Platz an der Kasse zurück) Lisarda (zu Manuela)   Mut! (Sie geht in Pedros Haus) Zehnter Auftritt Pedro (schlafend). Serafin . Manuela . (Während dieses Auftrittes sitzt Trillo halb verdeckt an der Kasse. Gegen Schluß des Auftrittes beginnt es zu dämmern) Manuela (sieht sich mit Serafin allein, für sich)                                       Ach Gott! Serafin (sich ihr nähernd) Edle Donna, mich zu sprechen Wünscht Ihr? Manuela (haucht)   Ja. Serafin (sich ihr nähernd) Doch wo? Man darf mich Nicht erblicken hier. Manuela                       Mich auch nicht. – In der Laube! 104 Serafin                 Gut. (Er will nach vorn links) Manuela                     Nein, nein, Nicht in der. Da schläft mein Mann. Serafin Holla! Manuela (deutet nach rechts)                 Sondern drüben. Serafin (unwillkürlich)                 Wieder? Manuela (stutzig) Wieder? Serafin         Wieder eine Laube, Wollt' ich sagen. Manuela                   Die gehört Meiner Freundin. Serafin                     Wie's beliebt. (Sie gehen zusammen in die Laube rechts. – Ab und zu kommen von jetzt an wieder neue Besucher und begeben sich in die Bude) Manuela Hier gewahrt uns niemand. 105 Serafin                                           Gönnt, Edle Donna, meinen Lippen Einen huldigenden Gruß An die Spitzen Eurer Finger. Manuela O wie ritterlich! – Ihr werdet Drum verstehn . . . Serafin                         Durchaus. Manuela                                       Ich meine, Falls Ihr Euch verwundert . . . Serafin                                         Nicht Im geringsten. Manuela (verhimmelnd)                       Eure Züge – Laßt mich nur geflissentlich Sie betrachten. Serafin                   So von vorn? Oder seitlich? Manuela             Ach, ich komm' Euch Sicher wie ein Schulkind vor. Die Verwirrung . . . das Gefühl 106 Von der Flüchtigkeit des seltnen Augenblicks . . . Gewiß ja habt Ihr Wenig Muße . . . Serafin                       Bis zum Anfang Meiner großen Vorstellung Bin ich Euer. Manuela             Sprecht nicht so! Wähnt Ihr, eines Gauklers wegen Hätt' ich diesen Schritt gewagt? Wird nicht schon durch Eure düstre Löwenstirn, den Falkenblick Eures Auges mir bestätigt, Wer in dieser unscheinbaren Hülle vor mir steht? Serafin (düster)               Ein Mensch, Der sich, wenn man ihn verriete, Wehren würde bis zum letzten Tropfen Blutes. Manuela                 Ich gelob' Euch: Hüten will ich das Geheimnis, Hüten wie ein Heiligtum. Serafin (ihr überkräftig die Hand schüttelnd) Euer Wort ist mir genug. 107 Manuela Ach, Ihr könnt ja nicht ermessen, Wieviel Dank ich für die Schickung Hege, die mich eingeweiht; Könnt es nicht, weit Ihr nicht ahnt, Welche Welt von andrem, neuem, Nie gewährtem, stets ersehntem Euer Name mir umschließt: Estornudo! Serafin             Kennt Ihr denn Mehr von mir als dieses Namens Donnerklang? Manuela               Nur Bücher zwar Schilderten mir Euresgleichen, Aber so beredt, so machtvoll, Daß mir ist, als hätt' ich längst Euch gekannt, Euch längst bewundert. Serafin Bücher! Lumpiges Gesabel! Ausgeburt von Stubenhockern, Die sich Meeresabenteuer Fischen aus dem Tintenfaß! Manuela Ihr jedoch erlebtet sie! Serafin Tausendfältig. 108 Manuela                     Eben deshalb Gäb' ich drum, ich weiß nicht was, Wenn Bericht von Euren Taten Ich empfangen könnt' aus Eurem Eignen Mund. Serafin                 Wo wäre da Der Beginn, und wo das Ende? Meine Taten sind so zahllos, Daß ich, um vom siebten Teil Nur den Umriß zu entwerfen, Einer ganzen Nacht bedürfte. Manuela Sieben ganze Nächte lang Würd' ich unermüdet lauschen. Serafin Doch die Haare stünden Euch In der ersten schon zu Berg. Manuela Um so besser! Serafin                           Denn mein Handwerk Ist Verheerung; Kugelpfeifen, Schwertgerassel und des Sturmes Laut Gebrüll mein Element. Unter mir die grimme Flut, Über mir der Blitze Zickzack, Vor mir, Bomb' auf Bombe hagelnd, 109 Feindliche Kanonenschlünde, Neben mir das Schmerzgestöhn Der verwundeten Gefährten; Hinter mir . . . (Er schielt hinaus in der Richtung der Bude, zu der gerade wieder ein Trupp von Besuchern hindrängt; in anderem Ton, erfreut)                         Noch immer neues Schaugewimmel! Manuela (atemlos)       Hinter Euch? Serafin Hinter mir der Hölle Gähnen, Tod in jeglicher Gestalt. Manuela Herrlich! Göttlich! Serafin                               Doch als Geiseln Meiner Meeresherrschaft lagen Tag für Tag bereits beim Frühstück Mir zu Füßen Könige, Prinzen, Granden, Würdenträger, Admirale, Kommodoren, Scheiche, Muftis und Effendis, Weiß und schwarz von Farbe, braun Und gesprenkelt. Manuela                   Wundervoll! Nur verzeiht mir eine Frage . . . 110 Serafin Bitte! Manuela       Nein, ich trau' mich nicht. Serafin (ermunternd) Wird schon werden. Manuela                       Brennend gern Möcht' ich wissen, wieviel Frauen Ihr entführtet. Serafin                 So genau Hab' ich da nicht nachgezählt. Manuela Waren Königstöchter drunter? Serafin Massenhaft. Zum Beispiel fand ich Eines Nachts bei mir an Bord Eine maurische Prinzessin, Die mit heißem Tränenstrom Vor mir kniend mich beschwor, Sie zu rauben. Manuela               Und Ihr tatet's! Serafin Ich verschmähte sie. 111 Manuela                             Warum? Serafin Weil sie mir nicht hübsch genug war. Manuela Sonst . . . ? Serafin                     Sonst hätt' ich selbstverständlich Sie befreit. Manuela         Sie war gefangen? Serafin Schlimmer noch: sie war vermählt. Manuela Ah! Serafin           Doch lieber als zur Trübsal Ihrer Ehe heimzukehren, Stürzte sie vor meinen Augen Sich ins Wasser. Manuela (mit Blick nach links)                           Das begreif' ich! Serafin Schlecht gerechnet zwanzigmal Konnt' ich selber Sultan werden; Und – Verräterei des Glücks – 112 Ich, der in erkämpftem Reichtum Schwelgend Kronen von sich wies, Ich verlor durch einen Schiffbruch Alles. Manuela   Oh! Serafin           Die schwarze Kluft Schlang mit meinen ganzen Schätzen Mich hinunter . . . (Hinausschielend, wie oben)                             Sie verschlingt Menschen immerzu. Manuela                       Die Kluft? Serafin Meine Bude. Manuela                 So versankt Ihr? Serafin Sank und sank, so daß ich fast Schon bewußtlos Feuer schluckte . . . Manuela Feuer? Serafin               Wasser, wollt' ich sagen. Und es stand seither mir dauernd Bis zum Hals. 113 Manuela               Allein Ihr werdet Stärker sein als das Verhängnis, Werdet recht nach Heldenart Euch mit ungestümer Tatkraft Wieder auf den Gipfel schwingen. Serafin Grade bin ich im Begriff. Manuela Könnt' ich für mein armes Teil Euch dabei zu Hilfe kommen, O, wie wär' ich stolz! Serafin                           Darüber Läßt sich reden. Manuela                 Mich bereichern Würd' es, wenn Ihr mich beraubt! Serafin So viel Großmut, so viel Schönheit . . . Manuela Findet Ihr mich schön? Serafin                                       Berückend. Keine von den Königstöchtern . . . (Man hört in der Bude ungeduldiges Trampeln) 114 Manuela (aufhorchend) Was ist das? Serafin               Das ist Getrampel. Elfter Auftritt Vorige . Trillo (kommt schnell aus der Bude, deren Segeltuchwände infolge der Überfüllung begonnen haben, sich mehr und mehr auszubauchen) Trillo (an die Laube rechts heraneilend) Meister, mit Verlaub . . . Serafin                                 Ja, ja. Trillo Gleich halb acht. Da drinnen fällt Keine Nadel mehr zu Boden, Und die harrende Gemeinde, Länger nicht im Zaun zu halten, Stampft wie toll vor Ungeduld. Serafin Gut, ich komme. Steck die Lichter An und gib das erste Zeichen. (Trillo ab in die Bude) Zwölfter Auftritt Vorige (ohne Trillo. Zuletzt) Isabel . (Die Dämmerung nimmt zu) Serafin Holde Gönnerin, lebt wohl. 115 Manuela Schon der Abschied? Wann denn soll Ich Euch wiedersehn? (In der Bude ertönt ein Tamtam; dann blitzen Lichter in ihr auf und werden mit einem allgemeinen »Ah« begrüßt) Serafin                             Sofort Auf den Brettern, wenn Ihr wollt. Manuela Niemals. Müßt Ihr gleich aus Kriegslist Zu so kläglicher Verpuppung Euch entwürdigen – Ihr steht Mir zu hoch, als daß der Anblick Mich nicht martern würde. Serafin                                   Schade. Manuela Morgen aber . . . Serafin                             Morgen muß ich Ja von hinnen. Manuela (leidenschaftlich)                       O wie grausam Seid Ihr doch! Nachdem Ihr eben Die Gefilde meines Traums Mir wie durch ein Kerkerfenster Greifbar wesenhaft gezeigt, Schlagt Ihr's unsanft wieder zu, 116 Laßt in meiner engen Öde Mich verschmachten. Serafin                             Muß ich nicht? Oder? Nein, dies Oder wäre Gar zu tollkühn. Manuela                   Selbst für Euch? (Neues Trampeln. Das Tamtam ertönt zum zweiten Male) Serafin Nun ist's allerhöchste Zeit. Manuela (ihn zurückhaltend) Hört nur noch . . . Serafin                         Ich hör' Euch; aber Krieg ist Krieg: Ich bin genötigt, Unterdessen mich zu rüsten. (Er entledigt sich rasch seiner Überkleider und erscheint in Gauklertracht) Manuela (unbeirrt) Morgen früh begibt mein Mann Sich auf unser Gut. Ihr träfet Mich allein . . . Serafin                   Wohlan, ich werde Pünktlich mir die Ehre geben. Manuela Ihr versprecht's? 117 Serafin                             Korsarenwort. Und noch obendrauf ein Siegel! (Er reißt sie an sich und küßt sie) Isabel (Ist auf ihren Balkon herausgetreten, sieht hinab, gewahrt die beiden; für sich) Was erblick' ich! Und in meiner Laube! Himmel, das ist stark! (Sie verschwindet) Manuela (erschauernd) Solcher Mannheit gegenüber Gibt es keinen Widerstand. Serafin (seine Überkleider unter den Arm packend) Morgen früh! Pedro (ohne sich noch zu rühren, gähnt laut aus dem Schlaf)                       Uah! Manuela                       Die Stimme Meines Mannes! (Serafin einen verheißungsvollen Abschiedsblick zuwerfend, läuft sie hinüber in die Laube links, nimmt dort ihren vorigen Platz ein und beginnt wieder eifrig zu häkeln) Dreizehnter Auftritt Vorige . Trillo (aus der Bude) Trillo (einen vollen Beutel in der Hand, prallt mit Serafin, der zur Bude eilen will, in der Mitte des Weges zusammen)                             Meister, flink! 118 Serafin Bin schon da. Trillo (den Beutel schwingend)                           Vernehmt, wie's klappert! Bud' und Beutel sind zu klein. Serafin Ins Gefecht! Isabel (ist aus ihrem Haus gekommen, stürzt sich auf ihn)                           Du falsches Untier, Ein Gefecht erst zwischen uns! (Verstärktes Trampeln in der Bude) Serafin Später! Isabel (an seinem Kleiderpack zerrend)                   Krokodil, was hast du Mir beteuert? Serafin (von Trillo gleichzeitig nach der anderen Seite gezogen, zu Isabel)                       Laß mich los. Isabel Willst schon heut mir untreu werden? Und noch gar mit dieser Schlange, Die, was ich ihr eingetrichtert, Schleunigst gegen mich mißbraucht! Serafin Nimm Vernunft an! 119 Isabel                                 Hüte dich! Serafin Ja. Isabel         Zu allem war' ich fähig, Wenn du mich mit der betrögst! Serafin Nein. (Er sucht sich zu befreien) Vierzehnter Auftritt Vorige . Eine Anzahl von Frauen und Mädchen , (unter letzterem Estela , Casilda (sind mit der Hast von Nachzüglern durch die Gasse links gekommen, wollten zur Bude, entdecken Serafin) Estela             Dort ist er ja! Casilda                               Wahrhaftig! (Im Nu ist Serafin von ihnen umringt) Estela Um Vergebung, eine Zeile Spendet mir von Eurer Hand! Casilda Schenkt, ich bitt' Euch, eine Locke Mir von Eurem Haar! 120 Mehrere                           Mir auch! Serafin (verzweifelt) Später, später. Trillo (sucht Bahn zu schaffen)                         Gebt ihm Raum! Serafin (leise zu Trillo) Morgen sind wir weit vom Schuß. (Es gelingt ihm, sich wie ein Aal durchzuwinden. Mit einem Satz ist er beim Nebeneingang der Bude angelangt und schlüpft hinein) Casilda Rasch, damit wir nichts versäumen. Alle (Isabel inbegriffen, eilen zum Haupteingang der Bude) Trillo (ihnen zuvorkommend) Halt! Zuerst das Eintrittsgeld! (Sie strömen, nachdem sie gezahlt haben, in die Bude, in deren Innerem nun Beifallslärm erschallt) Pedro (kommt zu sich, dehnt sich und reibt sich die Augen) Manuela Männchen, bist du wach? Pedro (sich befriedigt halb aufrichtend) Ich habe Gut geschlafen. Manuela (doppelsinnig) Gott sei Dank! 121 Dritter Aufzug Schlafstube bei Pedro Kurze Bühne. In der Mitte der Hinterwand offener Alkoven mit breitem Bett (Längsstellung); links daneben die einzige Tür. In der sehr schrägen rechten Wand ein Fenster nach der Gasse, an welchem das über diese hinweggespannte Wäscheseil, zu einem möglichst großen Teil sichtbar, befestigt ist. Ganz vorne rechts Toilettentisch mit Spiegel; mehr nach der Mitte zu rundes Tischchen mit Stühlen. An der Wand links große Kommode mit Spiegel darüber; dahinter Kleiderriegel. Die Einrichtung, im Geschmack der Zeit gehalten, zeugt von kleinstädtischem Wohlstand Erster Auftritt Manuela (sitzt am Toilettentisch, ihre Frisur beendend). Pedro (in Hemdsärmeln, steht bei der Kommode, auf der zwei neue Reitsättel liegen, und rasiert sich. Dann) Lisarda Manuela (ihre innere Unruhe verbergend) Bist du fertig? Pedro                   Gleich. – Umsonst Hab' ich meine Morgenruh' Nicht geopfert. Manuela                 Legtest ja Gestern abend mit den Hühnern 122 Dich dafür zu Bett und schliefst Nach dem Schlummer in der Laube Bald von neuem wie ein Sack. Pedro Doch ich habe schwer geträumt: Die zwei Gäule, Gott verdamm' mich, Waren mit mir durchgegangen Mitten auf das Meer hinaus. Manuela (belustigt) Auf dem Meere du? Haha! Pedro Taugen sie nicht für die Kutsche, Dann verwend' ich ganz und gar Sie zum Reiten. Manuela                 Du beritten?! Pedro (mit dem Rasieren fertig, zieht seinen Rock an) Spaßes halber tät' ich's nicht; Sondern weil es mir der Bader Kürzlich dringend anempfohlen Gegen meine Fettigkeit. Manuela Komm nur schneller nicht herunter Als hinauf! Pedro (öffnet die Tür, ruft hinaus)                   Lisarda, he! 123 Manuela (ist aufgestanden, mit kaum verhehlter Ungeduld) Gehst du nun? Pedro                   Ich warte bloß Auf das Fuhrwerk, das mich abholt.         (Zu der eintretenden Lisarda) Ist der neue Wächter da Mit dem Eselswagen? Lisarda                           Nicht Daß ich wüßte. Pedro                     Hab' ihm deutlich Eingeschärft . . . Wo bleibt er denn?         (Er geht zum Fenster, öffnet es, sieht hinaus) Manuela Ja, wo bleibt er? (Gespannt) Siehst du ihn Kommen? (Sie wechselt mit Lisarda Blicke) Pedro             Wäsche seh' ich nur, Vor der Nas' uns aufgehängt. Manuela Schau von drüben. Pedro (ärgerlich das Fenster schließend)                                     Unverschämtheit, Uns die Aussicht zu versperren! (Ab) 124 Zweiter Auftritt Manuela . Lisarda Manuela . Nun? Die ganze Nacht kein Auge Tat ich zu. Wie steht es? Hast du Was erkundet? Ist er schon Auf dem Posten? Lisarda                     Alle zwei Schafften wie der böse Feind An dem Abbruch ihrer Bude Seit dem Morgengrau'n; und jetzt Laden sie den Karren voll. Manuela Wenn er mir sein Wort nicht hielte! Lisarda Da verlaßt Euch nur auf mich. Manuela Wie dir lohnen kann ich jemals, Was du für mich tust? Lisarda                             Ich tu's Um der guten Sache willen. Manuela Wackres Mädchen du! 125 Lisarda                                     Sobald Sich der Herr empfohlen, zupf' ich Meinen Trillo flugs am Ärmel . . . Manuela Und der Wagen noch nicht hier! Hörst du nichts? Lisarda (lauschend)     Es könnte sein . . . Manuela Wenn der Wächter sich verspätet . . . Wenn er überhaupt verschlief . . . Wenn mein Mann nicht zeitig fortkommt Oder gar zu Hause bleibt . . . Wenn aus Gründen trift'ger Art Estornudo seinen Aufbruch Nicht imstand ist zu verzögern . . . Was, Lisarda, dann? Was dann? Lisarda (deutet auf die sich öffnende Tür) Eure Furcht war unnütz. Manuela                             Ah! Dritter Auftritt Vorige . Pedro (mit Hut und Mantel. Ihm folgt) Torribio (neu ausstaffiert) Torribio (devot, zu Manuela) Diener. 126 Pedro         Saubre Trödelei. Torribio Herr, ich dachte . . . Pedro                                     Denk du künftig Nichts. Manuela (zu Pedro, drängend)             Vom Rand der Gartenmauer Werden Vater, Mutter schon Ängstlich nach dir spähn. Beeil' dich! (Sie gibt Lisarda einen heimlichen Wink; diese geht ab) Pedro (zu Torribio, auf die Kommode zeigend) Nimm die neuen Sättel. (Torribio gehorcht) Manuela                             Wann Ungefähr gedenkst du wieder Da zu sein? Pedro               Auf keinen Fall Vor dem Mittag. (Näher, mit gedämpfter Stimme)                         Daß du mir Hübsch zu Hause bleibst inzwischen. Manuela Selbstverständlich. 127 Pedro                                 Auch dich nicht Vorn zum Fenster breit hinauslegst. Manuela Gott bewahr'! Pedro                           Die Sittsamkeit Über alles. Manuela         Über alles! –         (Er geht, sie ruft ihm nach) Grüß die Eltern! sei behutsam! Pedro (mit Torribio bei der Tür angelangt, kehrt wieder um) Wetter auch! Das Wichtigste Hätt' ich um ein Haar vergessen. Manuela Was denn? Pedro                       Meinen Rosenkranz. (Er nimmt ihn von der Kommode; mit Torribio ab) Vierter Auftritt Manuela . (Gleich darauf) Lisarda . (Zuletzt) Serafin Manuela (allein, aufatmend) Endlich! – Nein, du pochend Herz, Juble nicht zu früh! – Vielleicht 128 Kehrt er um, besinnt sich anders . . . Für Sekunden halt noch an dich, Zitternd auf der Schwebe zwischen Höll' und Himmel! Lisarda (eintretend)       Euer Mann . . . Manuela (erschrocken) Was? Lisarda     Ist glücklich abgefahren. Manuela (mit ausbrechendem Übermut) Er ist fort, ist fort, ist fort! Seligkeit, so grenzenlos, Um vor Wonne zu zerspringen! Er ist fort, ist fort, ist fort! Lisarda Und sogleich – dies läßt Euch Trillo Melden – wird der Gegenstand Eurer Wünsche nah'n. Manuela                           Sogleich? –         (In steigender Fieberigkeit) Und ich bin . . . ich hab' . . . ich konnte Nicht einmal mich zum Empfang Festlich schmücken. Pedro hätte Sonst Verdacht geschöpft . . . Wie schau' ich Aus? 129 Lisarda     Als wär't Ihr eben frisch Aus dem Ei geschält. Manuela                         Dies Kleid? Lisarda Zart wie Morgentau. Manuela                               Das Haar? Lisarda Hingehaucht. Manuela (vorm Spiegel) Die Flechte hier Fällt herab. Lisarda             Verführerische Regellosigkeit. Manuela               Mein erstes Stelldichein! Die Stube dreht Sich im Kreis . . . Lisarda                       Mit der Gewohnheit Legt sich das. (Lauschend) Tapp, tapp; ich hör' ihn Auf der Treppe. Manuela (halb für sich) Was ist jetzt 130 Richtiger? Entgegeneilen? Oder sitzen? Lisarda (hat die Tür geöffnet, spricht hinaus)                     Hier herein. Serafin (erscheint in der Tür, in seiner Alltagskleidung, mit einem langen Theaterschwert bewaffnet) Guten Morgen. Lisarda                 Tretet näher. Serafin Kann ich? Darf ich? Lisarda                               Dürft und sollt. Manuela (befangen) Guten Morgen. Serafin (zu Lisarda)   Trillo will Abschied von Euch nehmen, Fräulein. Lisarda (leichtfertig) Dieses überleb' ich nicht. (Ab) Fünfter Auftritt Manuela . Serafin Serafin Hochgeneigte Lichtgestalt, Ihr befahlt; hier bin ich. 131 Manuela                             Dank, Daß Ihr kamt. – Ihr seid bewaffnet? Serafin (gleichsam vorstellend) Mein erprobtes Schwert, dem nicht An der Wiege war gesungen, Daß vor einem Pöbelhauf Ich's auf meiner Nasenspitze Tanzen lassen muß. Manuela                       Wozu Habt Ihr's mitgebracht? Serafin                               Zur Ansicht. Manuela (angstvoll) Nein, gesteht, Ihr seid erkannt, Seid bedroht . . . Serafin                       Noch nicht. Noch ist Frei die Bahn. Manuela               Doch Ihr gewärtigt . . . Serafin Unberechenbare Schlingen Lauern auf ein Edelwild. Jeder Schritt nach links, nach rechts Kann auf eine Mine stoßen, Die zerplatzend Unheil spuckt. 132 Manuela Gruselig – und doch so wonnig! Serafin Ist nicht gestern mir's geglückt, Eine ganze Stadt zu hänseln? Muß ich, eh' sie Lunte riecht, Nicht bedacht sein, ihren Staub Von den Sohlen abzuschütteln? Läge nicht zu dieser Stunde Schon ihr Weichbild ein paar Meilen Hinter mir, wenn Ihr nicht wär't? Manuela (entzückt) Mir zu lieb mißachtet Ihr Eure Sicherheit? Serafin                     Glattweg. Manuela Wagt für mich das Äußerste? Serafin Ja, so bin ich. Manuela                     Das – das ist es Was mir immer vorgeschwebt! Serafin Scheut ein Mann – ein Mann wie ich Einen Halsbruch oder zweie, Wenn ihm eine Frau wie Ihr – 133 Eine Frau? Was sag' ich da? – Wenn ein Cherub, eine Sylphe Mitgefühl ihm zeigt, Verständnis, Ja sogar für seine großen Zukunftspläne Förderung Ihm verheißt? Manuela               Ist's wahr? Ich könnt' Euch Mehr bedeuten als . . . Serafin (vor Begeisterung halbwegs aus der Rolle fallend)                                   Ihr fragt? Förderung! Welch ein Gedanke! Sonnenaufgang! Wendepunkt! Statt der Wandrung durch die Wüste, Statt der unabänderlichen Hungersnot in der Provinz Eine Wirkungsstätte, würdig Meines Könnens, festgezimmert Und mit allem zeitgemäßen Zubehör . . . Manuela             Das neue Raubschiff? Serafin (sich besinnend) Ja, das Raubschiff! Mich erwartend Liegt's vor Anker in verschwiegner Bucht. Manuela     Schon fertig? 134 Serafin                           Segelfertig. Manuela Was noch mehr? Serafin                             Doch nicht bezahlt. Und noch zwischen ihm und mir Strecken Landes; noch das heikle Kunststück, mich bis nach Sevilla Durchzuschlagen. Manuela                   Nach Sevilla! Serafin Meiner Mannschaft Sammelplatz. Manuela Schon geworben ist sie? Serafin                                         Wohl. Aber vorderhand vertröstet Auf den Sold. – Kurzum, ein Beitrag, Nicht geschenkt, nur vorgestreckt Und mit Zinsen rückvergütet . . . Manuela Alles, was in meiner Macht! Aber sagt erst . . . Serafin                       Himmlische! Wollt Ihr? 135 Manuela         Sagt erst, ob es Wahrheit, Was im Ohr mir wundertönig Wiederklang die ganze Nacht, Ohne daß ich's glauben konnte; Sagt mir, ob von all den Frauen, Die sich Euch zu Füßen warfen, Keine schöner war als ich! Serafin Schöner? Keine war es wert, Nur das Schuhband Euch zu lösen. Keine hat wie Ihr beim ersten Anblick schon zu solcher Sturmflut Meine Tiefen aufgewühlt. Manuela (ergriffen) Estornudo! Serafin             Göttin! Göttin!         (Er umschlingt sie) Manuela Ist's denn möglich? Liebt Ihr mich? Serafin Bis zum Wahnwitz. Manuela (berauscht)           Das ist Glück! Serafin Allzu kurzes! 136 Manuela                   Nein, o nein, Ewig, ewig soll es währen! Serafin Aber meine Zeit ist knapp. Manuela Könnt Ihr noch Euch von mir reißen? Könnt mich blindlings meinem Elend Überlassen? Serafin               Seid Ihr nicht Angekettet? Manuela             Und an wen! Einen Mann, so klein und nüchtern, Wie Ihr groß und heldenhaft; Einen Alltagsmenschen, fähig Nur der Liebe zu sich selbst, Faul und krittlig und gefräßig, Der von Mut und Kraft und Feuer Lebensdurst und Todbereitschaft Nie sich etwas träumen ließ! O, wie soll mit ihm fortan Ich dieselbe Luft noch atmen, Ohne daß mich beim Vergleich Dieses himmelweiten Abstands Die Verzweiflung sterben läßt? Serafin So bedenk doch, Teuerste: Kann ich hier bei dir, obschon 137 Blutend es mein Herz verlangt, Wohnen bleiben? Manuela                   Nein, es wäre Dein Verderben! Serafin                     Und das deine. Nur der Augenblick ist unser; Nützen wir ihn drum!         (Er zieht sie wieder an sich) Manuela                           Geliebter, Nein, du sollst erkennen, wem Du dein Herz geschenkt; erkennen, Daß ihm meins an Liebe weder, Noch an Stärke weichen will. Zieh, wohin dein Stern dich ruft; Aber dennoch nichts von Trennung: Nimm mich mit; ich folge dir! Serafin (höchst verdutzt) Folgst mir?! Manuela           Folge dir hinaus In die Freiheit, in das Leben . . . Serafin Darauf war ich nicht gefaßt! 138 Manuela Hand in Hand bis nach Sevilla, Dann zur Bucht und auf dein Raubschiff, Wenn du dort mich hegen willst. Serafin Kind, besinn dich . . . Manuela                               Kein Besinnen! Serafin Das ist Tollheit. Manuela                       Um so besser. Serafin Die Gefahr . . . Manuela                     Die lockt mich grad. Serafin Flutgetos . . . Manuela                   Und unsre Seelen Wilder wogend als das Meer – Danach lechz' ich! Serafin                       Kampfgetümmel . . . 139 Manuela Sieg, für mich von dir erfochten, Und gefangne Könige, Die du zwingst, vor mir zu knien. Serafin Doch bevor mir Beute winkt, Bleicher Mangel, dem schon einzeln Kaum die Stirn ich bieten kann. Manuela Hab' ich nicht genug für zwei? Serafin (mit großen Augen) Wie? Manuela Beträchtlich mehr als nötig, Schiff und Mannschaft zu bezahlen Und noch vieles andre? Serafin                               Was? Manuela (auf die Kommode weisend) Dort im Kasten Schmuck und Barschaft, Mein gesondert Eigentum, Über das ich frei verfüge, Von den Eltern mir gestiftet Und in Jahren aufgespart. Serafin Und dies alles . . . Manuela                           Heiß' ich mitgehn Als gemeinsam Reisegut. 140 Serafin (schwindlig) Potz, da wär' ich ja mit einmal Übern Berg! Da hätt' ich . . . könnt' ich . . . Ja, du Heldin, bis zum letzten Atemzuge nichts von Trennung! Ich, dein Held, entführe dich! Manuela Einziger!         (Feurige Umarmung. Hinter der Szene erhebt sich Stimmengewirr. Sie fährt zusammen)                       Was für ein Lärm? Serafin (aufhorchend) Zank, so scheint es. Manuela                       Hier im Haus? Serafin Wenn uns jemand überraschte . . . Manuela (ist zur Tür geeilt, schiebt den Riegel vor) So! Geborgen! – Auf Lisarda Kann ich baun.         (Wiederholtes Pochen an der Tür. Sie sehen einander an)                         Es klopft. Serafin                                   Es klopft. Manuela (zitternd) Wer . . . 141 Stimme des Alkalden (von außen)               Im Namen des Gesetzes – Öffnet! Manuela (entsetzt)             Allbarmherziger! Der Alkalde. Serafin               Nun wird's heiter. Stimme des Alkalden Öffnet! Manuela                                 Flieh! Du bist entdeckt! Auf den Fersen sind sie dir! Rette dich! Serafin (der sich vergeblich nach einem Ausweg umsieht)                   Wohin? Dies ist Eine Mausefalle. Stimme des Alkalden Nochmals: Öffnet, wenn ich nicht Gewalt Brauchen soll. Manuela (nach außen laut antwortend)                         Sofort. Beim Anziehn War ich grad; will nur mein Kleid Überwerfen . . . Stimme des Alkalden Bitte, schnell! 142 Manuela (verzweifelt) Du verstrickt – und ich der Anlaß! Serafin (sehr gefaßt) Pah, der Tod für dich ist süß. Manuela Sei getrost; ich schütze dich! Serafin Wie? Manuela       Versteck dich! Serafin                                 Wo? Manuela (ratlos)                           Ja, wo denn? Serafin Unterm Bett? Manuela                   Nein, nein! Da sucht man Einen Räuber doch zuerst! – In dem Bett vielmehr.         (Sie eilt hin, deckt es auf) Serafin                             Du meinst . . . ? Manuela Rasch, nur rasch! Serafin                               Ich soll . . . ? Manuela                                                 Hinein! (Er legt sich, von ihr gedrängt, mit seinem Schwert ins Bett. Sie zieht sämtliche Decken über ihn) Hier dich zu vermuten, hindert, Geb' es Gott, mein guter Ruf. (Neues energisches Pochen) Stimme des Alkalden Eilt Euch! Manuela (antwortend)                 Ja.         (Sie bemerkt mit Schrecken, daß ein Stück des Schwertes aus dem Bett herausragt)                                               Das Schwert! (Sie schiebt es hinein)                                                                   Hier bin ich. (Sie rennt zur Tür und macht auf) Sechster Auftritt Vorige . Alkalde (begleitet von) zwei Schergen (die jeder mit einer großen Pistole versehen sind und sich an der Tür aufpflanzem. Unmittelbar dahinter) Lisarda , Isabel (in heftigem Wortwechsel) Alkalde (behutsam eintretend, zu den Schergen) Vorsicht! Umsicht! (Zu Manuela)                             Wollt vergeben . . . Manuela (mit gewaltsamer Beherrschung) Was verschafft mir . . . Isabel                                 Ei, das Täubchen! Wie verwundert sie noch tut! 144 Lisarda (zu Isabel) Könnt Ihr's wagen . . . ? Isabel                                 Wollt Ihr's wehren? Lisarda (eifrig) Ich versichr' Euch, Herr Alkalde, Sie verleumdet. Isabel (ebenso)         Ich versichr' Euch, Herr Alkalde, die da lügt. Lisarda Stänkerei! Isabel                     Mit meinen Augen Sah ich . . . Lisarda             Täuschung! Alkalde                               Ruhe! Isabel                                           Täuschen Herr Alkalde, will man Euch. Lisarda Aber . . . Isabel                   Wenn doch . . . 145 Alkalde                                         Ruhe jetzt! Mich laßt reden! (Zu den Schergen)                         Vorsicht! Umsicht!         (Er geht einen kleinen Schritt vor, stets sich den Rücken deckend, zu Manuela) Wollt vergeben, werte Frau, Daß ich störe. Doch die Pflicht Meines Amts, in diesem Falle Doppelt leidig, sintemal Meine Schätzung Eures Hauses Stadtbekannt . . . Manuela                   Ich bin begierig, Zu vernehmen . . . Isabel                           Seht, sie schlottert! Manuela Welcher Grund . . . Alkalde                                 Ein Grund, gegründet Auf die sehr bestimmte Meldung, Die mir abgestattet worden Von der hier befindlichen Witwe Galvez. Isabel                   Ja, von mir. Rache, Rache will ich haben 146 Für den Treubruch des Verhaßten Und für Eure Heuchelei! Stellt sich an, als wäre sie Nicht imstand, bis drei zu zählen, Bittet mich um Unterweisung Ihrer Einfalt, und dabei Hat sie's dicker hintern Ohren Als ich selber. Manuela               Herr Alkalde, Solche Schmähung . . . Isabel                                 Ohne Scham Hinter ihres Mannes Rücken Nimmt sie sich den ersten besten Hergelaufnen Strolch ins Haus. Manuela Solcher Schimpf! Lisarda                             Empörend! Isabel                                                 Leugnet Ihr noch gar? Manuela             Wodurch verdient' ich Das um Euch? Isabel                     Und ich? Und ich? 147 Manuela Eure Bosheit? Isabel                           Euren Undank? Lisarda Himmelschreiend! Manuela                           Niederträchtig! (Die drei Weiber schreien gleichzeitig durcheinander, so daß man kein Wort mehr versteht) Alkalde (dazwischen) Ruhe! Ruhe, sag' ich! Ruhe! Hab' ich meine Zeit gestohlen? Hört ihr nicht? Gebt Frieden! Oder Ich verhaft' euch alle drei. (Sie lassen voneinander ab und wenden sich ihm zu) Manuela Herr Alkalde . . . Isabel                                 Herr Alkalde . . . Lisarda Herr Alkalde . . . Alkalde                             Werd' ich wohl Heut' noch hier zu Worte kommen? Weiberzwist und Liebeshändel Gehn die Obrigkeit nichts an; Sondern einzig und allein 148 Die Behauptung, hier im Haus Steck' ein Missetäter . . . Isabel                                   Ja, Die Behauptung wiederhol' ich. Alkalde Dann erschwert es mir nicht länger, Nachzuprüfen, ob sie stimmt. Tor und Türen sind besetzt, Keine Ratze kann entrinnen; Ihr somit seid nun entbehrlich. Geht! (Zu Lisarda) Auch Ihr. Manuela (zu Isabel)                   Doch seht Euch vor! Wenn mein Mann davon erfährt, Welche Kränkung man mir zufügt . . . Isabel Euer Mann? Haha, seid ruhig; Der erfährt es. Manuela               Wie? Isabel                           Dem hab' ich Im Galopp auf meine Rechnung Einen Boten nachgeschickt. Manuela (leise) O mein Gott! 149 Isabel                   Damit zum Vorteil Seiner Nachbarn er in Zukunft Vor der eignen Türe kehrt. Alkalde Geht! Isabel             Ich geh' schon. (Knicksend) Zücht'ge Gattin, Dem gestrengen Herrn Gemahl Schönsten Gruß von einer solchen. (Ab) Lisarda (folgt ihr) Siebenter Auftritt Vorige (ohne Isabel und Lisarda) Manuela (fast weinend) Schändlich! Alkalde             Nichts für ungut also, Wenn mit aller schuldigen Ehrerbietung ich das Haus Bis hinein in jeden Winkel Gründlich untersuchen muß. Hier beginn' ich. Manuela (in höchster Bedrängnis)                           Hier ist niemand. Möglich, daß in einen andern Raum ein Dieb sich eingeschlichen. 150 Dies Gemach, das schwör' ich Euch, Ward von mir seit gestern abend Nicht verlassen. Hier ist niemand . . . Alkalde Gut. Jedoch um einwandfrei Dies auch amtlich festzustellen, Wollen wir das Bett zunächst . . . Manuela (vertritt ihm den Weg) Herr Alkalde, nein, Ihr werdet Mir und meinem wackren Mann Die gehäufte Schmach nicht antun, Mittels grober Schergenhand Unser eheliches Lager Zu durchwühlen . . . Alkalde                           Werte Frau, Just damit auf Eurem Haupte, Das mir sehr am Herzen liegt, Nicht ein Stäubchen von Verdacht Haften bleibt, ist's unerläßlich.         (Zu den Schergen, sehr ängstlich) Vorsicht! Umsicht! Aufgepaßt.         (Er sieht sie zittern) Seid ihr Memmen? (gleichfalls zitternd)                               Schaut auf mich! Und vor allem die Pistolen Schußbereit im Anschlag . . . (Die Drei nähern sich mit umständlichster Behutsamkeit dem Alkoven) Manuela (für sich)                       Aus!         (Sie bemerkt Pedro) Alles aus! – 151 Achter Auftritt Vorige . (Durch die jäh aufgerissene Tür kommen eilig) Pedro , Torribio Pedro (atemlos, in großer Erregung)                     Was geht hier vor? Puh! – Was hat das zu bedeuten? Ich bin außer mir. Auf halbem Wege dringend heimgerufen Find' ich – puh – mein Haus von Wachen Rings umstellt und die Behörde Hier in meinem Schlafgemach! Manuela, was geht vor? Manuela (stockend) Ich . . . Pedro         Du bist ja weiß wie Kreide. Manuela (zu letzter Notwehr entschlossen) Ich bin außer mir wie du. Pedro Herr Alkalde . . . ? Alkalde (der bei Pedros Eintreten mit den Schergen halt gemacht hat)                               Seht mich trostlos, Mein Verehrter, ob des Wirrwarrs, Den ich unter Eurem Dach Anzurichten bin genötigt. Pedro Und weshalb? Was ist geschehn? 152 Alkalde Urteilt selbst, ob mir die Wahl bleibt. Ein unglaubliches Gerücht Drang zu mir schon gestern abend . . . Pedro Ein Gerücht? Alkalde                   Jedoch da nahm ich's Noch nicht ernst. Hingegen heut Wird es mir mit so viel Nachdruck, So viel Anschein von Beweis Neu verbürgt . . . Pedro                       Was ist sein Inhalt? Alkalde Ein gemeingefährlicher Bösewicht. Pedro               Warum nicht gar! Alkalde Ersten Rangs und größten Maßstabs. Pedro (scheu) Wer denn sollte das . . . Alkalde                               Ja, denkt nur: Hier in unsrer guten Stadt Berge sich – so wird versichert – 153 Unter einem falschen Namen Der gefürchtete Korsar Estornudo. Pedro (prallt zurück, wie von einem Faustschlag getroffen; stammelnd)                   Das . . . das ist . . . (Er wechselt einen Blick mit dem gleichfalls äußerst erschrockenen Torribio) Alkalde Nicht wahr, schaudervoll? Doch mehr noch: Seine Spur, nach Zeugenausspruch, Weist hierher in Euer Haus. Pedro (schnell und leise zu Torribio) Schurk', du hast geschwatzt! Torribio (ebenso)                         Mit keiner Silbe, Herr! Alkalde             Wie dünkt Euch das? Pedro (bebend) In mein Haus? Manuela (zähneklappernd)                         Nun sag doch bloß, Ob du glauben kannst . . . Alkalde (ebenfalls von neuem zitternd)                                         Verläßlich Ward mir angezeigt, er habe Hier, gleichviel aus welchem Umstand, Einen Unterschlupf gesucht Und gefunden. 154 Pedro (leise zu Torribio)                       Festgerannt! Alkalde Folglich werdet Ihr verstehn . . . Pedro (finster) . Fackelt nicht mit halben Worten! Sagt, was Ihr im Schilde führt. Alkalde Ihn, wenn's wahr ist, aufzustöbern. Und ich hoffe sehr, Ihr werdet Mir dabei behilflich sein. Pedro (erleichtert) Ich? – Ach so! – Manuela                   Du wirst doch nicht Auf ein leer Gered' . . . Pedro (Oberwasser bekommend) Behilflich? Habt nur etwas läuten hören, Und ich soll mit Euch vereinigt Forschen, wo die Glocke hängt? Alkalde Muß Euch selber nicht als Hausherrn, Ehrenmann und gutem Bürger Viel daran gelegen sein, Daß wir seiner habhaft werden? 155 Manuela (mit erlöschender Stimme) Pedro . . . Pedro             Was? Manuela                 Ich kann nicht mehr. (Sie sinkt wie ohnmächtig auf einen Stuhl) Pedro Manuela – fasse dich! –         (Er zieht aus seiner Tasche ein Riechfläschchen) Nimm dies Fläschchen; riech daran!         (Zum Alkalden, mit wiedergewonnener dreister Sicherheit) Unverzeihlich, Herr Alkalde, Grundlos meiner armen Frau Solchen Schrecken einzujagen. Manuela (von dieser Wendung höchlich überrascht, blickt verstohlen auf) Alkalde Grundlos? Pedro                     Ja, gelind gesagt. Und ich kann als Hausherr, Bürger, Ehrenmann Euch nicht verhehlen, Daß ich über Euer Vorgehn Tief entrüstet bin. Alkalde                     Erlaubt . . . Pedro Nein, erlaubt nun mir zuvörderst! Weil Euch ein Altweibertratsch 156 Zugeweht wird, ein Gewäsch, Dem auf Meilen anzuschaun, Daß es aus der Luft gegriffen, Tastet Ihr an meines Hauses Frieden, überfallt bewaffnet Meine Frau? Manuela (neubelebt aufspringend)                     Da habt Ihr's nun! Alkalde Aber . . . Manuela               Wenn sogar mein Mann Keinen Argwohn hat! Pedro                               Was, Argwohn! Ich erklär' Euch rund heraus: Hier bei Pedro Vargas hält sich Weder ein Korsar verborgen Noch ein andrer Sündenbock. Manuela (triumphierend) Seht Ihr? Alkalde         Aber . . . Manuela (zu Pedro)       Ganz dasselbe Hab' auch ich von Anbeginn Hoch und teuer ihm bekräftigt; Er indessen ließ nicht ab. 157 Pedro Unverantwortlich! Alkalde (mit einer Bewegung nach dem Alkoven hin)                               Der Ordnung Halber wenigstens . . . Manuela (fällt vorbeugend ein) Und wollte – Nein, ich schäme mich, es laut Auszusprechen . . . Pedro                           Sprich es aus! Manuela Wollte, grad bevor du kamst, Mit den Griffen seiner Schergen Unser Ehebett entweihn. Pedro Beispiellos! Das ist der Gipfel! Alkalde (ärgerlich) In Erfüllung meiner Amtspflicht! Oder wähnt Ihr, zum Vergnügen Trag' ich meine Haut zu Markt? Pedro Unser keusches Ehebett! Herr, das nenn' ich Tempelschändung, Und ich werde mich darob Heftig über Euch beschweren Bei dem Herrn Corregidor. 158 Alkalde So? Doch wenn durch Eure Schuld Mir der Fang entgeht, was dann? Nehmt Ihr das auf Eure Kappe Bei dem Herrn Corregidor? Pedro Ja, das tu' ich, und ich will Obendrein Euch schriftlich geben, Daß Ihr Eure falsche Fährte Nur auf meine Bürgschaft hin, Auf das feierliche Pfand Meines Namens, meiner Ehre Zu verfolgen Abstand nahmt. Alkalde Hm . . . nun freilich . . . hm, das dürfte Wohl genügen. Ohnehin Leidet meine Frau daheim Todesängste meinetwegen. Pedro (mit schwerem Aufatmen) Puh! – So kommt; wir setzen's förmlich Auf. Manuela (leise für sich)         Gerettet! Pedro                   Und ich lege, Wenn Ihr abgezogen seid, Vor Erregung und Erschöpfung In dies Bett mich selbst hinein. Manuela (in neuer Bestürzung, leise) O! 159 Pedro (an der Tür, komplimentierend)       Nach Euch! Alkalde (gleichfalls aufatmend, zu Manuela)                           Empfehle mich. (Er geht mit den Schergen ab. Pedro und, auf dessen Wink, Torribio folgen ihm) Neunter Auftritt Manuela . Serafin Manuela (eilt zum Alkoven) Liebster, sie sind fort. Geschwind, Komm heraus! Serafin (sich aus den Decken aufrichtend)                         Ein warm Gefängnis. Manuela Kannst da drinnen nicht mehr bleiben. Serafin Leg' auch keinen Wert darauf. Manuela Denn mein Mann . . . er will . . . du hörtest? Serafin (sich herauswickelnd) Allerdings. Ich mach' ihm Platz. Manuela O wie war ich doch gefoltert! 160 Serafin O wie hab' ich doch geschwitzt! Manuela (während sie die Decken wieder glatt streicht) Und der Pinsel merkte nichts! Gab sich noch die größte Müh', Dich zu schirmen! Serafin                       Starke Leistung, Selbst für einen Ehemann.         (sehr ängstlich) Aber wenn er nun zurückkommt . . . Manuela Eben darum! Serafin                       Wie verschwind' ich Diesmal? Manuela         Wenn ich das nur wüßte! Serafin Durch die Tür? Manuela                       Wo denkst du hin! Würdest ihnen gradeswegs In die Arme laufen. Serafin                         Zwar Bin ich unerreicht im Zaubern; 161 Aber unsichtbar mich machen Kann ich nicht aus freier Hand. Manuela Und das Fenster viel zu hoch! Serafin Laß doch sehn.         (Er läuft hin, reißt es auf) Manuela                       Du kämst zerschmettert Unten an! Serafin (hat das Wäscheseil entdeckt)                 Ein Seil! Manuela                       Was hilft das? Serafin (prüft es mit Kennerschaft) Gut befestigt. Straff gespannt. Beste Sorte Hanf. Es trägt. – Alles, was wir brauchen. Manuela (schaudernd)             Wie? Dich erkühnen willst du . . . ?! Serafin                                         Hättest Meiner Vorstellung du gestern Beigewohnt, so wär' dir klar, 162 Daß für mich solch eine schmale Brücke zwischen Erd' und Himmel Nichts als ein Spaziergang ist. Manuela Dann mit Gott! Serafin (sich auf die Brüstung schwingend)                               Auf Wiedersehn. Manuela Warte meiner! Serafin                         Vor dem Stadttor. Und vergiß das Zehrgeld nicht. (Er wandelt, das lange Schwert als Balancierstange benutzend, mit virtuoser Selbstverständlichkeit auf dem Wäscheseil zum Fenster hinaus) Manuela (sieht ihm nach, begeistert) Glänzend! Majestätisch!         (Sie hört die Tür gehen)                                     Er!         (Sie wirft schnell das Fenster zu) Zehnter Auftritt Manuela . Pedro , Torribio (kommen zurück) Pedro (im Auftreten leise zu Torribio) Unbegreiflich! Torribio (leise)       Rätselhaft! 163 Pedro (laut) Seinen Rückzug trat er an, Manuela. Manuela (fahrig)               Welch ein Auftritt! Alle Glieder zittern mir Noch am Leibe. Pedro                       Keine Furcht mehr! Manuela (in Verfolgung eines Planes) Keine Furcht? Wenn seines Lebens Hier man nicht mehr sicher ist? (Sie geht nach links zur Kommode, schließt eine Schieblade auf, öffnet sie) Pedro Torheit! Manuela         Ich auf jeden Fall Will mich vorsehn. (Sie beginnt eifrig in der Schieblade zu kramen) Pedro (zieht Torribio nach rechts vorn; hastiges leises Gespräch)                               Wer im Teufels Namen hat das aufgebracht, Wenn nicht du? Torribio                 Hier auf dem Fleck Soll ich sterben, kam ein Hauch Über meine Lippen! 164 Pedro                             Flucht? – Nein, die macht mich erst verdächtig. Tief im Nebel tappen sie, Könnten mir zudem so leicht Nichts beweisen . . .         (Laut zu Manuela)                               Was dort kramst du? Manuela (ohne aufzuschauen) Laß mich nur. Pedro (leise, wie zuvor)                       Ein Glück noch wahrlich, Daß dies Schäfchen nichts gemerkt. Torribio (ebenso) Nennt mich einen Tropf, wenn alles Nicht im Sand verläuft. Pedro (stirnrunzelnd)             Will's hoffen. Hab' fürs Erste grad genug. Manuela (hat, nachdem sie eine Anzahl von Schmuckkästchen und gefüllten Geldbeuteln zutage gefördert und auf die Kommode gestellt, sich umgewendet) Wovon tuschelt ihr? Du glaubst Hinterher, es könnte doch Etwas dran sein? Pedro (seinen Rock ausziehend)                           Keineswegs. 165 Manuela Oder willst du dich im Ernst Nun zur Ruhe niederlegen? Und die Eltern, die sich fragen, Wo du bleibst? Pedro (während er seinen Rock an den Kleiderriegel hängt, von diesem einen geblümten Schlafrock nimmt und anzieht)                         Mir leid. Ich bin Außer Stand jetzt . . . (Zu Torribio) Fahr allein; Sag, ich käme später nach.         (Leise) Nichts von dem, was hier geschah. Torribio Gut. (Er geht) Pedro (ihm nachrufend)               Bewach den Stall! Es gibt Allerhand Gelichter draußen. Laß mir niemand Unbefugten Zu den Gäulen. Torribio                 Unbesorgt. (Ab) Elfter Auftritt Manuela . Pedro Manuela (hat noch ein großes Tuch aus der Kommode genommen) So, nun hilf! 166 Pedro (ungeduldig) Was soll das alles? Manuela Hilf mein Geld und meinen Schmuck In ein Bündel schnüren. Pedro                                 Immer Noch die Angst vor dem Gespenst? Manuela War's nicht Leichtsinn, war's Ermuntrung Nicht zum Einbruch, all dies Gut In dem schwachen Rumpelkasten Zu verwahren? Pedro                     Kinderei! Manuela Nein, ich werde mich nicht eher Frei von einem Alpdruck fühlen, Als bevor ich meine Schätze Besser aufgehoben weiß. Pedro Possen! Manuela         Hilf mir! Pedro                           Meinethalb. – Bloß damit du dich beruhigst. (Sie packen gemeinsam die Wertsachen in das Tuch, das Manuela dann zusammenschnürt) 167 Manuela Und du selber? Pedro                             Ich? Manuela                               Du selber? Scheint es dir so ganz undenkbar, Daß der Eifer des Alkalden Recht gefahndet? Pedro                       Ausgeschlossen. Manuela (pikiert) Nicht einmal ein Zweifel also! Grad als wär' in deinem Hause Gar nichts, was den Raub verlohnt! Pedro Zu dem Raub gehört ein Räuber; Und den gibt es nicht. Manuela .                         So, so! Gibt es nicht; hat überhaupt Keinen je gegeben, gibt Ganz ausschließlich Mustermenschen – So wie du. Pedro (eindringlicher)                 Wenn ich dir sage, Daß es eine Fabel ist, Ein erweislich Hirngespinst! 168 Manuela (mit wachsender Ironie) Estornudo der Korsar Eine Fabel? Pedro               Eben der Kann hier nicht lebendig umgehn, Weil er schon seit langen Jahren Modert auf dem Meeresgrund. Manuela Wie du das nur so bestimmt Wissen kannst! Pedro                     Gescheitert ist er Und ertrunken! Manuela                 In der Tat? Warst du denn dabei? Pedro (ärgerlich)               Zum Kuckuck, Ich, dein Mann, ich steh' dafür, Und ich habe keine Lust, Abgemattet, wie ich bin, Mir die Lunge lahmzureden. Der ist tot, und damit fertig! Manuela (ausbrechend) Ja, das möchte dir so passen! Fertig – zu dem edlen Zweck, Daß du mit dem alten Gleichmut Übers Ohr die Decke ziehst 169 Und ich wieder dir die Mücken Wehre, fromm danebensitzend, Unverändert wie zuvor! Pedro Was für eine Sprache? Manuela (entfesselt)               Fabel Alles, was dir die Verdauung Stören könnte; Hirngespinst, Was für dein Gehirn zu hoch! Und so hast du mich bis heut In Gewöhnlichkeit vergraben, Hast mich mit gebundnen Flügeln In die kahlen Bretterwände Deines Stumpfsinns eingesperrt! Pedro Überspanntes dummes Zeug! Manuela Aber wenn du dachtest, ewig Dauern würde meine Blindheit . . . Pedro Ich verbitte mir . . . Manuela                           Dann war Deine Rechnung falsch, mein Bester. Pedro Schweig! Sonst reißt mir die Geduld! 170 Manuela Mag sie! Pedro                   Widersetzlichkeit? Aufstand gegen den vor Gott Angetrauten Herrn und Gatten? Das ist neu! Manuela           Ja, rolle nur Mit den Augen; schnaub, soviel Dir gefällt! Vor dir, du Weichling, Bangt mir nicht – und fertig, fertig, Hör, so ruf' ich gleichfalls! Pedro                                     Weib, Hast du den Verstand verloren? Manuela (immer exaltierter) Ihn gefunden hab' ich; sehend Bin ich worden, auferweckt Aus der Gruft – und das verdank' ich Ihm, den du für tot erklärt, Ihm, der dennoch höchst lebendig, Tausendfach lebendiger Ist als du. Pedro (heiser)   Von wem – von wem Redest du? Manuela           Von Estornudo Dem Korsaren. 171 Pedro (sprachlos)     Von . . . Manuela                             Jawohl, Von dem wilden Meereskönig, Dem gewaltigen, dem kühnen, Aller Männer männlichstem! Pedro (grell auflachend) Hahaha! Der Spaß ist gut! – Estornudo, sagst du? Manuela                         Ja, Ja, du kluger Alleswisser, Wohltat ist mir's, Hochgenuß, Dir das ins Gesicht zu schleudern: Estornudo lebt nicht nur, Weilte nicht nur in der Stadt, Sondern kam – verstehst du? – kam, Gleich nachdem du fortgefahren, Hier ins Haus. Pedro (noch immer lachend)                       Wenn da der Teufel In Person dich nicht gefoppt . . . Manuela (auftrumpfend) Mehr noch – meinetwegen kam er, War bei mir, als man die Jagd Auf ihn anhob – und ich selbst, Ich versteckt' ihn vorm Alkalden: Denn er liebt mich – und ich ihn! 172 Pedro (in helle Wut versetzt) Was? Ein Mensch hat sich erdreistet . . . ? Manuela Wenn es nicht der Teufel war. Pedro Ehrvergeßne! Dieser Mensch, Dem du meines Hauses Tür Öffnetest als deinem Buhlen – Dieser nennt sich . . . Manuela                           Soll ich's dir Buchstabieren? (Mit Betonung jeder Silbe) Estornudo Nennt er sich. Pedro (schreiend)     Betrug! Manuela                           Natürlich. Pedro Grober Schwindel! Manuela                         Offenbar. Pedro Unverschämter Namensmißbrauch! Manuela Und so fort. 173 Pedro (außer sich)       Zum Rasendwerden! Weil dir irgendwer im Schmuck Fremder Federn, mit gestohlnem Titel, ausgeborgtem Licht Irgendwas zusammenprahlte, Gingst du diesem Affen, diesem Popanz in die Falle – du, Meine Frau?! Manuela             Dein Schmähn vermag Ihn so wenig zu verkleinern, Wie's dich größer macht. Pedro                                   Du Närrin, Zum Korsaren braucht man mehr Als ein Maulwerk. Manuela                     Alles braucht man, Was ihm eignet und dir fehlt. Pedro (schäumend) Mir das! Mir, den's nur ein Wort, Kosten würd', ein einzig Wort, Zu beweisen . . . Manuela                   Daß er tot ist. Pedro (würgend) Daß er . . . daß ich . . . Oh! – Vor dir Ihn entlarven werd' ich! Laß 174 Mich den Lumpenkerl, den Gauner Nur erwischen . . . (Nachdenkend)                             Aber wie Konnt' er denn hinaus? Manuela                           Du selber Ebnetest ihm ja den Weg. Pedro Ich?! Manuela     Indem du den Alkalden So geschickt beiseit' geschafft. Pedro (schlägt sich vor die Stirn) Sakrament! – (Wieder nachdenkend)                       Unmöglich – nein! Als die Wachen sich entfernt, War doch ich auf Trepp' und Flur, Und er mußte mir begegnen. Manuela (lachend) Falls er durch die Türe ging. Pedro Wie denn anders? Manuela (frohlockend)     Der vermag, Was er will. Er ging durchs Fenster. Pedro Unsinn! 175 Manuela         Übers Wäscheseil. Pedro (stürzt zum Fenster, reißt es auf) Ha! Manuela Was ist? Pedro                   Nun hab' ich ihn! Manuela Schwerlich. Pedro                       Drüben an des Nachbars Zugeschloßnem Fensterladen, Der ihm keinen Einlaß beut, Unfreiwillig festgehalten, Klammert, schwebend auf dem Seil, Er sich hilflos an die Mauer! Manuela (hinaussehend, erschreckt) Ja, wahrhaftig! Pedro (hinüberbrüllend)                       Heda, Freund! Auf dem Weg, den du genommen, Augenblicklich kehr zurück; Oder ich durchhau' den Strang, Daß die Wäsche, drauf du stehst, In dein Leichentuch sich wandelt!         (Zu Manuela) Schau, wie hurtig er gehorcht! 176 Manuela (mit funkelnden Augen) Ei, das dürfte dich gereuen! Spielend nimmt es der mit einem Schock von deinesgleichen auf. Zwölfter Auftritt Vorige . Serafin (kehrt aus dieselbe Art wie vorhin durchs Fenster zurück) Pedro Schuft, steh Rede! Serafin (noch auf dem Seil, in großer Angst, mit zitternder Stimme)                               Was befehlen Euer Gnaden? Pedro                   Du versuchtest . . . Serafin (heruntersteigend) Einen neuen Tanz versucht' ich Auf dem Seil. Pedro                   Dir anzumaßen Wagtest du mit frecher Stirn Einen Namen, der . . . Serafin                               Ein Irrtum, Euer Wohlgeboren. Ich Nenne voll Bescheidenheit Mich den Gaukler Serafin. 177 Pedro (hohnlachend, zu Manuela) Merkst du wohl? Ein Gaukler! Manuela (zu Serafin)                       Nein, Estornudo! – Nicht mehr nötig, Daß Ihr Euch vor ihm verstellt. Denn – verzeiht – ich sagt' ihm alles. Serafin (mit dummem Gesicht) Alles? Manuela   Aber wenn vor bittrem Groll der Mund mir überlief – Was auch immer draus erwächst, Seid gewiß, mit Euch vereint Werd' ich's tragen. Pedro (auf ihn eindringend)                             Bube, hast du Mit erbärmlichem Geflunker Meiner Frau den Kopf verdreht Oder nicht? Serafin (retiriert geschmeidig, das Schwert vor sich hinstreckend)                   Ich bitte sehr . . . Pedro (ihn verfolgend) Wicht, verfluchter! Hätt' ich jetzt Eine Waffe . . . Manuela (zu Serafin) Zeigt es ihm, Daß er einen Löwen angreift! 178 Pedro Memme, wart! Serafin                       Ich bitte sehr . . . (Er fuchtelt aus Todesangst mit seinem Schwert, Pedro sucht es ihm zu entreißen. Sie werden handgemein) Manuela (zuschauend, klatscht vor Entzücken wie ein Kind in die Hände) Zweikampf – und um meinetwillen! Ich der Anlaß blut'gen Ringens; Ich der Preis! Nur zu! Nur zu! Pedro (hat Serafin das Schwert entwunden) So! Nun sprich dein Vaterunser! Serafin Bitte sehr . . . Manuela                   Entsetzen! Pedro (ausfallend)                       Da! (Der Stoß trifft mit voller Wucht Serafins Brust. Aber das Schwert, aus billigem Blech hergestellt, dringt nicht in seinen Körper ein, sondern biegt sich krumm. Pedro wirft es verächtlich fort) Schundzeug! Manuela (zu Serafin) Durch ein Wunder bliebt Ihr Unversehrt. Serafin (da Pedro von neuem auf ihn eindringt)                   Besänftigt Euch! 179 Pedro Einerlei; bei dir, Kujon, Tut's ein Handgriff auch.         (Er packt ihn an der Gurgel) Serafin (sich verzweifelt wehrend) Laßt ab! Manuela Drauf und dran! Pedro (ihn drosselnd)         Erstick, du Hund! –         (Plötzlich loslassend, greift er sich nach dem Herzen und taumelt) Luft! – (Er sinkt auf einen Stuhl) Serafin (sich den Hals reibend, erstaunt)             Was hat er? Manuela                       Kampfunfähig. Pedro (luftschnappend) Herzbeklemmung . . . Manuela                           Frei die Tür! Serafin Lass' ich mir nicht zweimal sagen.         (Und schon ist er draußen) Pedro Atemnot . . . 180 Manuela                 Ins Bett, mein Lieber! Zur Erholung tu dasselbe, Was du während unsrer ganzen Ehe tatest: schlaf dich aus!         (Sie nimmt rasch von der Kommode das Bündel) Ich dagegen, jung und wach, Zieh' mit ihm, das Herz voll Jubel, Allen Wettern, allen Stürmen Trottend in die offne Welt. (Sie eilt hinaus und dreht von außen hörbar den Schlüssel herum) Dreizehnter Auftritt Pedro (allein) Pedro (noch immer unfähig, sich zu rühren) Puh – vermaledeite Schwäche! – Du verdammtes Lotterleben, Hast du mich so weit gebracht? – Manuela, hör doch nur: Ich – nicht er – ich selbst, ich selbst Bin . . . (Verwundert) So still auf einmal? –         (Er sieht sich allein)                                                               Fort?! –         (Er rafft sich gewaltsam auf) Racker, büßen sollst du das!         (Er gelangt zur Tür, sucht sie vergeblich zu öffnen) Eingeschlossen!! – Höll' und Pest!         (Er schleppt sich zu dem offen gebliebenen Fenster, schreit aus Leibeskräften) Hilfe! Nachbarn! Mir zu Hilfe! Frevel! Schandtat! Büberei! 181 Diebe! Mörder! – Nachbarn, Freunde, Kommt herauf! Ich bin gefangen! Eilt! Man stiehlt mir meine Frau! Vierzehnter Auftritt Pedro . (Die Tür wird von außen aufgeschlossen. Durch sie kommt eilig) Hurtado (mit einigen anderen) Nachbarn Hurtado Was ist los? Weswegen brüllt Ihr Wie ein Stier? Pedro (halb wahnsinnig)                       Was Ungeheures, Schmähliches! Ein Galgenstrick Hat mir meine Frau geraubt . . . Hurtado Wohl der Ränder Estornudo? Pedro (toll vor Wut) Nein, der Räuber ist kein Räuber, Nennt sich nur des Raubes wegen Räuber ohne Fug! Hurtado (zu den Nachbarn, auf seine Stirn deutend)                             Bei dem Rappelt's! Pedro             Hinterdrein mit Schergen, Bütteln, Häschern . . . Zum Alkalden! 182 Zum Corregidor! Gericht! Staatsgewalt! – Er ist kein Räuber, Ist ein Lügner! Ihr beweisen Werd' ich's, kost' es, was es will! (Er droht zusammenzubrechen. Die kopfschüttelnden Nachbarn stützen ihn) 183 Vierter Aufzug Landstraße vor dem Gut Die Richtung der Straße geht von rechts nach links quer über die Vorderbühne. Gradlinig an ihr entlang zieht sich im Hintergrund die massive Mauer des Landgutes, dessen Niveau dahinter um etwa anderthalb Meter höher liegt. Links, nur zu einem Teil sichtbar, ist das Stallgebäude in sie hineingebaut, mit ziemlich hoch angeordnetem Gitterfenster. In der Mitte der Mauer Tor mit Treppe zum Garten; rechts oben ein belaubter Säulengang mit Gartentisch und Stühlen. Ganz hinten rechts gewahrt man etwas von dem Landhaus. Die Straße ist rechts und links von hohen Bäumen flankiert. Unter einer Baumgruppe rechts vorn eine Steinbank. Links ganz vorn kleine Anhöhe, darauf steinerner Bildstock mit Heiligenbild Erster Auftritt Capacho , Ines (tauchen oben rechts im Säulengang am Rande der Mauer auf und blicken suchend umher. – Dann) Torribio Ines Nichts von Pedro weit und breit. Capacho Red', soviel du magst – ich hörte Deutlich unsern Esel schrei'n. Ines Eingebildet hast du dir, Daß er schrie. 184 Capacho               Du, daß er nicht schrie. Ines Soll ich unsres Esels Stimme Nicht mehr kennen? Capacho                       Ja, du kennst sie: Doch du hast sie nicht gehört. Ines Weil sie nicht zu hören war. Capacho Heller als die deinige. Ines Wär' der Esel da, dann müßte Doch auch Pedro da sein. Capacho                               Wetten Will ich drum, er ist im Stall Und wird gleich zum Vorschein kommen. Ines Wundern soll mich das. (Torribio kommt von links, am Stall entlang, will zum Tor der Mauer) Capacho (ihn bemerkend)       Der Wächter! Wer hat recht? (Zu Torribio) Seit wann zurück? 185 Torribio (vor dem Tor stehen bleibend) Eben mit dem Eselsfuhrwerk Angelangt. Capacho (zu Ines)                 Aha! Ines                         Wo habt Ihr Unsern Schwiegersohn? Torribio                             Er blieb In der Stadt. Ines (zu Capacho) Aha! Torribio                     Bestellen Soll ich Euch, Geschäfte hielten Dort ihn auf; er käme später. Ines (zu Capacho) Wer hat recht nun? Capacho                     Ich! Der Esel Schrie. Ines           Nein, ich! Denn Pedro Kam nicht. 186 Torribio           Mit Verlaub, ich muß Zu den Gäulen. (Ab links) Capacho                 Gehn wir also Wieder mal ins Haus. Ines                                 Wir hätten's Gar nicht zu verlassen brauchen. Capacho Schrie der Esel etwa nicht? Ines Immer du mit deinem Esel! (Sie verschwinden) Zweiter Auftritt Lisarda , Trillo (kommen von rechts gelaufen, sie mit einem Bündel, er mit dem Geldbeutel aus dem zweiten Aufzug; beide sehr erhitzt) Lisarda Steh! Wir sind am Ort. Trillo (sich die Stirn trocknend)     Ein wahrer Segen. Solch ein Dauerlauf Ist kein Kinderspiel. 187 Lisarda (nach links hinter die Bühne deutend)                                 Da siehst du Schon die Stalltür – und davor Auch den Wächter. (Sie ruft) Holla, he! Wächter! – Ist der Hinkfuß taub? Ohne herzublicken, geht er In den Stall. Trillo                 Nun paß mal auf: Machen wir uns erst einmal Die Geschichte klar. – Mit meinem Herren hat sich deine Herrin Aufgemacht, um nach Sevilla Durchzugehn . . . Lisarda                       Nun, und? Trillo                                           Paß auf! Du mit mir desgleichen. Lisarda                               Sollt' ich In dem Rest vielleicht verschimmeln? Trillo Paß nur auf. Sie gaben uns Den Befehl, vorauszurennen, Was das Zeug hält . . . Lisarda                             Ja; damit wir Die zwei Pferde satteln heißen. 188 Trillo Ihrer schnellern Flucht zulieb. Lisarda Drum . . . (Sie will nach links hinten) Trillo (sie aufhaltend) Da wären wie beim Kern Der Betrachtung: Sie zu Roß, Wir zu Fuß. Lisarda               Als ging' in allem Herrschaft nicht vor Dienerschaft! Trillo Schatz, wo steht es denn geschrieben, Daß wir uns in fremdem Dienst Schinden müssen demutsvoll Bis an unser selig Ende, Während wir doch unverkennbar Zu was Höherm sind geboren? Lisarda Sicherlich; jedoch . . . Trillo (mit dem Beutel klappernd) Der Beutel Mit dem gestrigen Ertrag, Den mein Herr nunmehr als Fänger Eines echten Goldfasans Ohne Schmerz entbehren kann, 189 Und dazu die beiden Pferde – Säßen da für alle Zeit Nicht wir selbst bequem im Sattel? Lisarda (von der Idee gepackt) Trillo – wir . . . ? Trillo                         Bist du dabei? Lisarda Dann vermagst du ja zur Frau Mich zu nehmen! Trillo                         Wenn ich will. Lisarda Der Gedanke hat was Großes. Trillo Also – flugs! Lisarda (geht nach hinten in die Nähe des Gitterfensters, ruft laut)                       He, holla! Wächter! Beide Wächter! Wächter! He! Torribio (erscheint am Gitterfenster)                                       Wer ruft? 190 Lisarda Ich, die Zofe. Von der Herrin Hab' ich Auftrag: Satteln sollt Ihr Schleunig die zwei neuen Rappen . . . Torribio Auftrag hab' ich von dem Herrn, Die zwei Rappen niemand anderm Auszuhändigen als ihm. (Er verschwindet) Lisarda Wächter – he! Trillo                           Da kannst du lange Schrei'n. Lisarda         Der Grobian! Trillo (nach rechts deutend)     Und dort Kommt, weiß Gott, schon unsre Herrschaft. Lisarda Trommeln wir an seine Tür, Bis er aufmacht. Trillo                       Schön. Im Trommeln Hab' ich ja Geläufigkeit. (Beide ab links) 191 Dritter Auftritt (Gleichzeitig erscheint von rechts) Serafin (im Schweiße seines Angesichts den Karren ziehend; auf diesem sitzt) Manuela (das Bündel in der Hand haltend, mit einem Schleiertuch um den Kopf, sonst in der nämlichen Kleidung wie vorher) Manuela Hier das Landgut. Serafin (haltmachend)           Dieser Teil Der Entführung war beschwerlich. Manuela Tut nichts! Freiheit! Los und ledig, Hingezogen vom Geliebten Unbekannten Wundern zu! Serafin Immerhin ersehn' ich jetzt Flottere Befördrung. Manuela (während er ihr vom Karren herabhilft)                               Ja, Laß uns erst im Bügel sein . . . Serafin Wirst du was gewahr, das irgend Pferden ähnlich sieht? Manuela                           Noch nicht. – 192 Aber dort Lisarda, Trillo Vor der Stalltür . . . (Man hört, wie mit Fäusten gegen eine Tür geschlagen wird) Serafin                         Die, so scheint es, Vorderhand nicht aufgehn will. Manuela Zeitverlust! Wenn meine Eltern Mich erblicken . . . Serafin (pressiert)           Auch dein Mann Ist vielleicht schon aufgebrochen Und verfolgt uns. Manuela (ruft Trillo und Lisarda entgegen)                             Habt ihr sie? Vierter Auftritt Vorige . Trillo , Lisarda (kehren von links zurück) Lisarda Keine Möglichkeit. Trillo                                 Wir taten, Was wir konnten. Lisarda                     Doch der Flegel Wies uns störrisch ab. Die Pferde Geb' er nur dem Herrn heraus. 193 Trillo (bestätigend) Nur dem Herrn. Manuela (ratlos)       Was nun? Serafin                                   Dem Herrn? Leichter nichts fürwahr als das! Manuela Wie? Serafin             Besitz' ich nicht in niemals Dagewes'nem Maß die Kunst, Jedes Menschen Stimme täuschend Nachzuahmen? Trillo, was? Trillo Unvergleichlich. Serafin (zu Manuela)     Und den Tonfall Deines lieben Manns vernahm ich Ja genugsam. – Bring zuwege, Daß der Bursch mich hören kann Und nicht sieht. Manuela                 So stell dich dort An die Mauer. (Serafin stellt sich dicht unter das Gitterfenster) Manuela (etwas weiter davon weg, ruft)                         Heda Wächter! Wächter! 194 Torribio (erscheint am Fenster)                 Was schon wieder? Manuela                                       Habt Ihr Keine Augen? Torribio (sieht Manuela)                       Herrin, Ihr? Manuela Und der Herr. Torribio                       Der Herr? Serafin (Pedros Stimme und kurzatmige Sprechweise getreu kopierend)                                             Jawohl – Puh – wir beide.         (Leise zu Manuela)                           Sag mir vor. Torribio Bitte vielmals um Vergebung; Herr, ich dachte . . . Serafin (dem Manuela souffliert, wie oben)                                 Denk du künftig Nichts. Ich will mit meiner Frau Probe reiten. Schließ die Stalltür Auf und sattle flink die Rappen. Torribio Nach Befehl. (Er will verschwinden) 195 Serafin (wie oben)         So warte doch! Geh dann aus dem Stall sogleich Durch den Garten zu den Eltern . . . Und bestell, in einer Stunde Seien wir zurück . . . sie sollen Einen Imbiß richten – puh. Torribio Gut. (Er verschwindet) Manuela (bewundernd, zu Serafin)                 Vorzüglich! Serafin (mit einer Künstlerverbeugung)                                     Kleinigkeit. Manuela Alles kannst du doch! Serafin                                   Was grade So verlangt wird. Manuela                   Bleib noch stehn, Daß er dich vom Garten aus Nicht erblickt. (Zu Lisarda und Trillo) Sobald er dort Auftaucht, holt ihr uns die Rappen Aus dem Stall. (Lisarda und Trillo werfen sich Blicke zu) Serafin                   Und folgt uns dann Mit dem Karren. 196 Manuela                   Mit dem Karren? Hat der noch nicht ausgedient? Serafin Er gehört zu meiner Maske. Wär's nicht äußerste Gefährdung, Sie zu lüften vor der Zeit? Manuela Richtig, das vergaß ich. Serafin                                       Nie Wieder darfst du das vergessen. Manuela Bis wir auf dem Raubschiff sind. (Torribio, hinter der Mauer aus einer dort anzunehmenden Tür aus dem Stall in den Garten gelangt, wird oben rechts beim Säulengang sichtbar. Sie bemerkt ihn; zu Trillo und Lisarda) Jetzt! Trillo       Wir fliegen! (Mit Lisarda schnell ab links) Fünfter Auftritt Manuela . Serafin Manuela (ruft zu Torribio hinauf)                             Einen Gruß Richtet aus an Vater, Mutter, Daß mir's besser geht als je; 197 Drum nicht Ursach hätten sie, Sich um mich zu sorgen. Torribio (zustimmend)             Diener. (Er verschwindet nach dem Landhaus zu) Serafin (nach links deutend) Heil! Sie führen aus der Stalltür Sie heraus. Manuela           Das wär' gelungen. Serafin Edle Zucht! Manuela                 Hinauf und fort! (Sie wollen nach links, bleiben plötzlich verdutzt stehen) Serafin Was ist das?! Manuela                   Was tun sie da?! Serafin Selber schwingen sie sich drauf! Manuela Dummer Spaß! (rufend) Lisarda! Serafin                                                   Trillo! Stimme Lisardas Herrin, lebt recht wohl! 198 Stimme Trillos                                       Viel Glück, Meister! (Man hört das Geräusch von hinwegtrabenden Pferden) Serafin         Wendet! Manuela                     Haltet ein! Serafin Husch, da traben sie davon, Daß die Funken stieben. Manuela                             Flucht! Serafin Und auf unsern Pferden! Manuela                                   Tücke Sondergleichen! Serafin                     Hinterlist! Manuela Wortbruch! Serafin                       Hochverrat! Manuela                                         Lisarda, 199 Deren Treue mir erhaben Über jeden Zweifel schien! Serafin Trillo, dieses Nichts, aus dem ich Mühsam einen Menschen schuf; Diese Natter, die bis heut Sich an meinem Busen nährte . . . ! Manuela Liebster, klage nicht; wir zwei Stehn ja doch dafür auf immer Fest zusammen. Serafin                     Fest zusammen In der Klemme stecken wir. Manuela Keine Wahl – wir müssen vorwärts. Serafin (verstimmt) Mit der gleichen Schneckenpost Wie bisher. Manuela           Im nächsten Flecken Sind wir bald, und andre Pferde Gibt es dort für Geld. Serafin                             Sitz auf!         (Er hilft ihr auf den Karren) 200 Manuela Ach, ich bin gleichwohl unsagbar Glücklich. Du nicht auch? Serafin (sich vorspannend)         Und ob! Manuela Vor uns liegen goldne Berge . . . Serafin Lägen sie doch hinter uns! Manuela Und das Raubschiff . . . Serafin (anziehend, ärgerlich)           Raubschiff hin, Raubschiff her – ein ganz Geschwader Hilft mir nicht den Karren ziehn. (Stimmen vom Landhaus her) Manuela (sich verschleiernd) Rasch! Ich höre meiner Eltern Stimmen! (Ihn antreibend) Rascher! Serafin (zieht, was er kann)                     Leicht gesagt. (Beide mit dem Karren ab links) Sechster Auftritt Capacho , Ines , Torribio (erscheinen im Säulengang) Ines Eigensinn! Die Kinder speisen Lieber drinnen. 201 Capacho                 Lieber draußen Speisen sie. Ines (zu Torribio)   Ward Euch darüber Nichts von ihnen mitgeteilt? Torribio Nichts. Capacho           Nun also! Ines                                 Sonderbar, Nach der Ankunft fortzureiten Ohne Guten Tag. Torribio                     Sie waren Äußerst eilig. Ines                     Doch weswegen, Vater, frag' ich, waren sie's? Capacho Wenn sie wieder da sind, Mutter, Frag sie selbst; vor allem aber Laß den Tisch hier decken. Ines                                         Drinnen. 202 Capacho Als ob nicht ein Schmaus im Freien Ihnen besser schmeckte! Ines                                     Neulich Schmausten sie mit uns im Zimmer. Capacho Weil es neulich regnete. Ines Kann es heut nicht wieder regnen? Capacho Ohne Wolken? Ines                               Ein Gewitter Naht im Nu. Capacho             Zumal bei dir. Torribio (nach rechts hinausblickend) Trügt mein Auge mich? Capacho                             Wieso? Torribio (hindeutend) Seht! Capacho   Ich seh 'nen Leiterwagen, Der im Schatten der Kastanien Anhält. 203 Torribio     Und wer steigt, von andern Unterstützt, heraus? Ines                               Das ist Pedro! Capacho     Lächerlich! Der müßte Doch zu Pferd sein. Ines                               Und wo hat er Manuela? Torribio         Laßt uns schau'n. Ines Gleich hat mir geschwant . . . Capacho                                     So komm doch! (Alle drei verlassen den Säulengang und eilen über die Treppe herab auf die Straße) Siebenter Auftritt Vorige . (Aus der Straße kommen von rechts) Pedro , Hurtado , Nachbarn . (Dicht hinter ihnen der) Alkalde (mit einigen) Schergen Pedro (mit blutunterlaufenem Gesicht, in einem Zustand von Erregung, der hart an Unzurechnungsfähigkeit grenzt; er macht sich von den Nachbarn los) Stützt mich nicht! Ich bin kein Schwächling. 204 Kraft besitz' ich, Riesenkraft . . . Werd's beweisen! Capacho (mit Ines auf ihn zukommend)                           Schwiegersohn, Was geschah? Ines                       Wo hast du denn Unsre Tochter? Pedro                       Eure Tochter Lief mir fort! Ines (wankend)       Allmächtiger! Capacho Unser Kind?! Alkalde (dazwischentretend)                             Mit einem Räuber . . . Pedro (schreiend) Keinem Räuber! Alkalde (bedeutet die Eltern pantomimisch, daß es bei Pedro nicht richtig sei)                           Einerlei . . . Pedro Keinem Räuber; einem Schwindler, Sag' ich euch! 205 Alkalde                 Laut einwandfreiem Zeugnis vieler wählten sie Diese Straße . . . Ines                           Niemals glaub' ich Das von ihr! Capacho (zu Pedro)                   Erklär' uns doch . . . Pedro Keine Zeit! Ich muß ihr nach; Wiederhaben muß ich sie, Will sie fassen, will sie stellen, Sie zu meinen Füßen sehn . . . Herr Alkalde . . . ! Alkalde                       Sinnlos wütend Hemmt Ihr mich und Euch. Anstatt Nur so lang' Euch zu gedulden, Bis ein regelrechtes Fuhrwerk Angespannt war, stürmtet Ihr Einen Leiterwagen, zwangt mich In dies holprige Gefährt, Wie ich ging und stand, hinein . . . Pedro Bloß damit wir unverzüglich Zu geschwindester Verfolgung Hier auf meine Rappen springen . . . Sattle sie, Torribio! Tummle dich! 206 Torribio (starr)       Die Rappen? Pedro                                       Ja. Torribio Herr, Ihr träumt. Pedro                             Ich träume, Lümmel? Torribio Habt Ihr die zwei Rappen doch Schon vorhin von mir verlangt! Pedro Ich?! Torribio     Mit Eurer Frau. Pedro                                 Du selber Träumst. Torribio       Ihr gabt mir nicht Befehl, Sie zu satteln und die Stalltür Aufzuschließen? Pedro                       Und du Strohkopf . . . ? Torribio Ich gehorchte. 207 Pedro                           Schwerenot! Herr Alkalde – neue Schandtat! Auch die Gäule mir gestohlen! Alkalde Dieser Räuber scheint sein Handwerk Zu verstehn. Pedro (brüllt)       Er ist kein Räuber! Alkalde Wird sich finden. Pedro                             Auf dem Rücken Meiner Rappen fliehn sie jetzt Und entwischen! – Einen Gaul! Schafft mir einen Gaul! Alkalde                             Bezähmt Euch; Des Gesetzes Arm ist länger Als der Eure. (Nach rechts deutend) Dort – was wollt Ihr Mehr? – in seiner Kutsche rasselt Schon der Herr Corregidor Selbst heran. Pedro                 Zu spät! Alkalde                           Es ziemt mir, 208 Ihm den Wagenschlag zu öffnen.         (Ab rechts) Pedro Und inzwischen setzt sie mir Hörner auf! Ines                   Das tut sie niemals! Capacho Unser Vorbild . . . Pedro                                 Hol' der Henker Euer Vorbild! Capacho (beleidigt) Schwiegersohn . . . ! Achter Auftritt Vorige . Corregidor (vom Alkalden geleitet, kommt von rechts und wird von allen Anwesenden ehrerbietig begrüßt). Zwei Diener (folgen ihm. Dann ein) Hauptmann Corregidor (ein vornehmer, älterer Herr, geschniegelt und mit den Allüren eines Hofmanns; er ist kurzsichtig und bedient sich einer Lorgnette. Im Auftreten halblaut zum Alkalden) Gebt Ihr diesen wirren Reden Einen Sinn? Alkalde (halblaut, mit Geste)                   Verrückt! 209 Corregidor                       Ein Räuber, Der kein Räuber ist, und den Schon in seinem Haus zu greifen Ängstlich fast er Euch gehindert . . . Seltsam! Pedro (auf ihn zu)               Herr Corregidor . . . Corregidor Mein bedauernswerter Vargas . . . Pedro Kein Bedauern will ich, sondern Recht nur und Gerechtigkeit. Schafft mir das betörte Weib, Das vor Gott und Menschen mein ist, Schafft sie, Herr Corregidor, Mir herbei, daß ich die Binde Vom Gesicht ihr reißen kann! Corregidor Sachte! Seit ich hier den König Zu vertreten bin erwählt, Ward am Recht noch niemand irre. Dieses Paar entgeht mir nicht. Einen starken Trupp von Reitern Hab' ich querfeldein gesandt, Um den Weg ihm abzuschneiden, Und . . . (Ein Hauptmann kommt eilig von links) Alkalde (ihn bemerkend)               Ist dies ihr Hauptmann nicht? 210 Corregidor Ja, das ist er. (Ihm entgegenrufend)                                 Nun, wie steht's? Hauptmann (militärisch rapportierend) Eurer Herrlichkeit zu melden: Die bewußten Flüchtigen Sind in unsrer Hand. (Allgemeine Bewegung) Corregidor (zu Pedro)       Ihr hört. Pedro (in grimmiger Freude) Ah! – Corregidor (zum Hauptmann)           Wo habt Ihr sie gefunden? Hauptmann Tausend Schritte kaum von hier. Aus dem Buschwerk überfielen Wir die gänzlich Ahnungslosen, Hatten sie sofort umzingelt, Schärfsten Widerstands gewärtig; Der Korsar jedoch ergab sich Ohne jede Gegenwehr. Pedro (auflachend) Der Korsar – haha! Hauptmann (nach links deutend)                             Hier bringen Meine Leute sie gefangen. Corregidor (hinspähend) Was für eine Karawane? 211 Hauptmann Just wie wir sie trafen. Pedro                                           Warte, Du! Nun soll . . . Corregidor (zu Pedro) Gemach! Ihr werdet Still sein, bis ich sie vernommen. Neunter Auftritt Vorige . (Von links erscheinen) Manuela (auf dem Karren sitzend, und) Serafin (ihn ziehend, eskortiert von) Bewaffneten Ines (händeringend) Meine Tochter! Capacho (ebenso)     Manuela! Pedro (will sich auf sie stürzen) Weib, verblendetes! Corregidor                   Gemach!         (Zu den Schergen) Haltet ihn zurück. (Die Schergen verbarrikadieren Pedro den Weg. – Corregidor zu den Bewaffneten, auf Serafin deutend)                           Den Täter Führt mir vor. 212 Manuela (vom Karren herunterkletternd)                       Laßt mich Euch sagen, Edler Herr . . . Corregidor             Geduld! Ich möchte Nur mit Eurem Ritter erst Nähere Bekanntschaft machen. (Er setzt sich rechts vorn auf die Steinbank. Der Alkalde postiert sich stehend neben ihn) Serafin (in seine Nähe geführt, sehr kleinlaut) Eure Durchlaucht . . . Corregidor                       Stellt Euch nicht Gar so schüchtern, hoher Gast. Preist Euch doch der laute Ruhm, Der auch mir ans Ohr geklungen, Als den unerschrocken Räuber Estornudo. Serafin (mit zitternder Hand ein Schriftstück hervorziehend)                 Mißverständnis, Eure Hoheit. Prüft, ich bitt' Euch, Meinen Paß. Corregidor (nimmt es entgegen und blickt flüchtig hinein)                   Der kann gefälscht sein. Doch dahingestellt, was etwa Sonst Ihr auf dem Kerbholz habt, 213 Heute wurdet Ihr unleugbar Abgefaßt auf frischer Tat: Auf dem Raub von eines Bürgers Ehefrau. Manuela       Das ist nicht wahr! Corregidor Wie? Manuela             Daran ist er so schuldlos Wie ein neugebornes Kind. Serafin Allerdings. Manuela               Denn mag er auch Fest entschlossen sein, für mich Heldenhaft sich aufzuopfern, Hier vor Euch, vor meinen Eltern Und vor meinem Mann bezeug' ich's: Nicht als willenlose Beute, Nein, vielmehr aus freien Stücken Folgt' ich ihm. Pedro (knirschend, sucht vorzudringen)                       Mißratne! Capacho (jammernd)               Furchtbar! Ines (ebenso) Grauenvoll! 214 Capacho           Das hat sie wahrlich Nicht von mir! Ines                       Von mir vielleicht? Manuela Und ich nahm nur mit, was rechtens Mir gehört. Corregidor       Ihr selbst gehört Eurem ehelichen Gatten. Manuela Niemals! Keine Macht auf Erden Schleift mich in mein Joch zurück. Ja, mit diesem lieber sterben, Als mit dem noch einen Tag Länger leben! Pedro (wie ein Besessener losbrechend)                     Blinde Närrin, Die mich noch zu höhnen wagt, Während ich sie bis aufs Blut Höhnen könnte, die voll Scham Ob des abgeschmackten Tausches Hier vor aller Augen reuig Meine Knie würd' umklammern, Wenn sie wüßte . . . Corregidor (halblaut zum Alkalden)                               Was ist das? 215 Manuela Wenn ich wüßte? Corregidor (zu den Schergen, die Pedro zurückdrängen)                                   Laßt ihn reden. Pedro (ihr unbehindert gegenübertretend) Wenn du wüßtest, wer ich hin. Manuela Hattest ja vier Jahre Zeit, Mir das zu Gemüt zu führen, Und ich weiß es drum genau. Pedro Nein, du weißt es nicht; beinah Hatt' ich selber es vergessen. Nun jedoch – damit Gelächter, Unauslöschliches Gelächter Dir vergilt – merk auf, nun zerr' ich Aus der Kutte mich hervor, Mich, an dem du seit vier Jahren Echt besaßest und leibhaftig, Was dir jener vorgeäfft. Alkalde (halblaut zum Corregidor) Wahnsinn. Corregidor (der gespannt zugehört, halblaut)                 Unterbrecht ihn nicht! 216 Pedro Auf den Namen, der gewaltsam Wie des jüngsten Tags Posaune Beben ließ der Erde Rund; Auf den Namen, den ein Gauch In Ermanglung eines eignen Sich wie herrenloses Gut Angemaßt hat; auf den Namen, Dessen bloßer Schall genügt, Um damit ein Weib zu kirren, Horch, auf diesen, meinen Namen Leg' ich wiederum Beschlag, Ich, des Meeres Schrecken vormals Und sein Allgebieter – ich, Estornudo, der Korsar! (Allgemeines Kopfschütteln) Manuela (die bisher spöttisch gelächelt hat, lacht laut auf) Ha, nun wird er scherzhaft. Hurtado                                   Armer Nachbar! Corregidor     Wunderliche Sorte Von Verrücktheit. Manuela (von Lachen geschüttelt)                           Der da – der Ein Korsar! Haha, zum Platzen! Pedro Rabenaas, du glaubst mir nicht? 217 Manuela Schaut ihn euch doch an, den Plumpsack, Schaut ihn an, den Haustyrannen, Der mit seiner Schläfrigkeit Wie mit seiner Sittenstrenge Mich dreiviertel totgequält; Ihn, der aus dem Stegreif plötzlich Räuber sein will – schaut, ihr Leute, Dieses Bild geblähter Tugend, Und dann sagt mir, wer's ihm glaubt. Mehrere durcheinander Niemand! Niemand! Corregidor (ist aufgestanden)                           Euer Kummer, Vargas, stieg Euch in den Kopf. Wickelt Euch ein nasses Tuch Um die Stirne. Pedro (heiser)         Niemand glaubt mir? Ich verlacht statt ihrer? Kam es Schon mit mir bis dahin? Sank Ich zum Kinderspott herunter? Hat das Nichtstun mich verwandelt In die Fratze meiner selbst? Nein, ihr sollt, ihr werdet glauben – Ihr und sie! – Torribio, Komm herzu! Torribio (angstvoll gehorchend)                       Was fällt Euch ein? 218 Pedro Dieser war mein Helfershelfer. Fragt ihn! Torribio         Herr, Ihr rast! Pedro                                 Ich löse Dich von deinem Schwur. Wer hin ich? Torribio Vargas, Herr; ich kenn' Euch nur Unterm Namen Vargas. Pedro                                 Streift Ihm den rechten Ärmel auf! (Ein Wink des Corregidors, und die Schergen entsprechen Pedros Ermahuung) Torribio (währenddessen) Meiner Seel', ich weiß von nichts. Pedro Was gewahrt ihr dort? Corregidor (Torribios Oberarm durch die Lorgnette betrachtend)                                     Kein Zweifel, Das ist Estornudos Brandmal,. Wie man's nach dem Schiffbruch sorgsam Von dem Arm ertrunkner Sklaven Abgezeichnet und zur Kenntnis Allen Ämtern übersandt.         (Zu Pedro) 219 Nur daß Ihr's ihm aufgedrückt, Läßt sich draus nicht folgern. Pedro                                         Holt Eine Schaufel ans dem Garten! Corregidor (seinem Schergen winkend) Welchen Zweck . . . ? (Der Scherge geht die Treppe hinauf in den Garten und kehrt kurz darauf mit einer Schaufel zurück) Pedro                               Das Stempeleisen Zeig' ich Euch, mit dem ich's tat. Alkalde (zum Corregidor) Sollt' er wirklich . . . ? Corregidor (halblaut)         Weckt ihn nicht Aus dem Taumel des Bekennens! Pedro (deutet nach links vorn) Dort auf jener Böschung, dicht Unterm Heiligenbild laßt graben Ungefähr zwei Spannen tief. (Der Scherge beginnt an der bezeichneten Stelle nachzugraben) Corregidor Jenes Eisen, sagt Ihr . . . ? Pedro                                               Zufall Oder nicht – in meinen Fingern 220 Hielt ich's grad, als unter mir Jäh zerbrach die letzte Planke; Trug es, während mich die Wellen An das Ufer warfen, krampfhaft Noch in der geballten Faust. Drum, als wär's ein Amulett, Mich mit Zauberkräften wappnend Gegen Mißgeschick, bewahrt' ich's Lange heimlich auf, und erst In der Nacht vor meiner Hochzeit Hab' ich's dort verscharrt. (Der Scherge hat unterdessen ein Eisen von etwa einem Fuß Länge zu Tag gefördert und es dem Alkalden übergeben) Alkalde                                 Hier ist's. (Er reicht es dem Corregidor. – Bewegung und Verblüffung) Corregidor (es prüfend) Augenscheinlich! Form und Abform Sind aufs Haar einander gleich. Pedro Wird mir jetzt geglaubt? Corregidor (Torribio vornehmend) Der Wahrheit Gib die Ehre, Kamerad: Ist er's? Torribio (weinerlich)             Ja; doch nur gezwungen Dient' ich ihm. 221 Pedro                     Was für Beweise Wollt ihr noch, daß mir mein Name Ward entwandt von diesem Schuft? Corregidor (zu Serafin) Wie gelangtet Ihr dazu? Serafin (der mit äußerster Verdutztheit zugehört) Künstlerelend, Eure Durchlaucht. Dringend war ich angewiesen Auf ein grelles Aushängschild. Corregidor Und weshalb vor dieser da Spieltet Ihr die Rolle weiter? Serafin Es beglückte sie. Warum Sollt' ich sie mit rauher Hand Aus dem siebten Himmel stürzen? Corregidor (zu Manuela) Gute Frau, da hilft nichts mehr; Unzweideutig liegt's am Tage: Mit dem falschen Räuber liefet Ihr davon, und mit dem rechten Wart Ihr unbewußt vermählt. Pedro (in wildem Triumph) Hörst du wohl, du blöde Gans? Wird dir deine Riesendummheit Klar? Begreifst du, wer die Lacher 222 Jetzt auf seiner Seite hat? Weizen gabst du hin für Spreu, Gold für Flitter, und du stehst Mir zur Labsal, zur Vergütung Als gefopptes Weib am Pranger Hier und vor der ganzen Stadt! Manuela (zwischen beiden, sich aus völliger Erstarrung aufraffend) Die Gefoppte, ja, die bin ich. Beide habt ihr mich getäuscht, Mich belogen und betrogen; Darin hat vorm andern keiner Was voraus. Und doch, mich dünkt –         (zu Pedro gewendet) Seine Lüge war die schön're. Biederkeit ward mir von dir Kunstreich vorgespielt, von ihm Heldentum; du hast geheuchelt,. Er gedichtet. Ausgegähnt Hast du dich an meiner Seite Von vollbrachten Taten; er Ließ mich nie geschehne träumen. Hättest du mir nach der Hochzeit All dein einstig Tun enthüllt, Schweigsam hätt' ich, ja mit Stolz Deine Last mit dir getragen; Deine satte Tugend aber Weckt mir noch verstärkten Ekel, Nun sie sich als Schein erweist. Kurz, du warst ein schlechter Gaukler, Er ein guter; drum von neuem Ihn erwähl' ich mir. 223 Pedro                           Oho! Fehlgeschossen! Hierzuland Gibt's Gesetze noch, mein Engel, Die das Heiligtum der Ehe Schützen vor Verwilderung. Du bist mein, untrennbar mein, Und Verzeihung dir erbettelnd Wirst du heut noch – das verlang' ich Angesichts der Obrigkeit – Wiederkehren in das Heim, Draus du schnöd' entwichen. Corregidor (ihm die Hand schwer auf die Schulter legend)                                           Kommt Zur Besinnung, Estornudo. Pedro Wie? Corregidor   Denn eben die Gesetze, Deren Schutz Ihr anruft, wenden Ihre Schärfe gegen Euch: Euer eigenes Geständnis, Euch vom Ingrimm abgerungen, Liefert uns den totgeglaubten Übeltäter in die Hände, Der für ungezählte Frevel Uns die Sühne schuldig blieb. Pedro (wie aus einer tiefen Hypnose erwachend, in schreckensvoller Klarheit) Weh! – Was tat ich?! – 224 Corregidor                         Und ich greife Kaum dem Spruch der Kirche vor, Wenn ich Euren Ehebund Als durch gröbsten Trug erschlichen Null und nichtig nenne. Pedro                                 Weh! War ich toll? Wie konnt' ich selbst Mir die Galgenschlinge knüpfen? Corregidor Reichlich habt Ihr die verdient. Aber weil Ihr seit geraumer Frist von Eurem finstren Treiben Abgewandt in unsrer Mitte Tadellos Euch habt geführt, Kann des Königs Milde walten. Günstig trefft Ihr's grad: Im Seekrieg Mit den Berbern, der soeben Losbrach, fehlt es unsern Schiffen An Bemannung; armen Sündern, Die der Gnade sich empfehlen, Lindert man die Todesstrafe Drum zu Kriegsdienst auf dem Meer; Und wenn dort fürs Vaterland Alte Kampflust neu bewährend Vor dem Feind Ihr Eure Schuld Rühmlich tilgt, vermögt Ihr's gar Bis zum Kapitän zu bringen. Pedro (kläglich) Weh! Bedenkt, ich bin aus aller 225 Übung; das bequeme Leben Hat zum Krüppel mich gemacht, Kurz von Atem, schwer von Gliedern . . . Corregidor Heilsam bringen um so schneller Euch die Kriegsbeschwerden Schlankheit Und Geschmeidigkeit zurück.         (Zum Alkalden gewendet) Eurer Obhut übergeb' ich Ihn als Häftling, Herr Alkalde. Schafft ihn unter sichrer Deckung In Gewahrsam. Alkalde (zu den Schergen)                       Vorsicht! Umsicht! Pedro (während er von den Schergen abgeführt wird) Ich Hansnarr! Ich Irrenhäusler, Der ich um ein treulos Weib Mich verraten! (Die Schergen mit Pedro ab rechts. Auch Torribio wird durch einen Wink des Alkalden zum Mitgehen genötigt. Der Alkalde folgt, dann als Nachhut der Hauptmann und die Bewaffneten. Hurtado und die Nachbarn schließen sich, untereinander aufgeregt flüsternd, neugierig an) Zehnter Auftritt Capacho . Ines . Manuela . Serafin . Corregidor (mit seinen zwei Dienern) Ines (jammernd)         O der Schande! 226 Capacho (ebenso) Wir und unser ganz Geschlecht Überhäuft mit Schimpf und Makel! Ines Zwiefach unser Kind entehrt! Corregidor (zu beiden) Fürchtet nicht, geschätztes Paar, Daß der lockre Vogel dort Leichten Kaufes uns entflattert; Hält ja doch an straffem Faden Weislich das Gesetz auch ihn. Unerbittlich den Entführer Zwingt es, der entehrten Frau, Falls kein andres Band sie fesselt, Vorm Altar die Hand zu reichen. Serafin (würdevoll) Hierzu seht mich ohne Zwang, Rein aus innrem Trieb der Seele Gern bereit. Corregidor (lächelnd)                   Kumpan, es ist Nebenbei nicht Euer Schaden. Als Gemahl der reichsten Erbin Rings im Umkreis könnt Ihr künftig Breit an voller Schüssel sitzen. Serafin (verklärt) Traumhaft! 227 Capacho           Unsre Tochter Gattin Eines Gauklers! Serafin                     Tröstet Euch! Opfermutig ihr zulieb Werd' ich meiner Kunst entsagen, Und der einz'ge Lorbeer, den ich Fürder noch erstrebe, sei Der des musterhaften Bürgers Und des treuen Ehemanns. Manuela (mit langem Gesicht) Von dem Regen in die Traufe! Wieder einer, den's gelüstet, In der Ehe sich vom Leben Auszuruhn. – Doch sei gewarnt: Wirst auch du nun dick und faul, Brenn' ich durch mit einem dritten!