Mendele Moicher Sfurim Die Mähre »Die Mähre« wurde von Salomo Birnbaum aus dem Jiddischen übersetzt. Sie sind deutsch zum erstenmal 1924 im Jüdischen Verlag, Berlin, erschienen. Vorrede des Mendele Moicher Sfurim Also spricht Mendele der Buchhändler: Gelobt sei der Schöpfer, daß er sich, nachdem er die ganze große Welt geschaffen hatte, mit den himmlischen Heerscharen beriet und zuletzt eine kleine Welt schuf, den Menschen nämlich, der Mikrokosmos heißt, weil das Menschlein alle Arten von Wesen und Geschöpfen in sich vereinigt. Man findet in ihm allerlei wildes Getier, auch verschiedene Arten von Vieh; man findet Eidechse, Blutegel, spanische Fliege, Schabe und ähnliches ekelhaftes Zeug und Ziefer; man findet in ihm sogar den Teufel, den Bösen, den Satan, den Verderber, Kobold, Judenfresser und ähnliche Zerstörer, Vernichter und Plagegeister; man sieht auch wunderbare Szenen: wie zum Beispiel eine Katze mit der Maus spielt; wie ein Iltis in einen Käfig eindringt und den Vögeln die Hälse abdreht; wie Affen einem alles nachmachen, was man tut; wie ein Hund Dressurstücke macht und vor jedem, der ihm ein Stücklein Brot zuwirft, schwanzwedelt; wie eine Spinne eine Fliege an sich lockt, sie umstrickt und aussaugt; wie Mücken einem nachfliegen und die Ohren vollsummen und ähnliche wunderbare Dinge. Aber nicht davon wollte ich sprechen. Gepriesen sei der liebe Gott, der allem schweigend zusieht, was in dieser »kleinen Welt« vorgeht, und sie trotzdem nicht zur Hölle schickt; der langmütig ist und die Sünden vergibt und an dem sündhaften Menschen seine Gnade übt. Ich habe die Absicht, hier von der großen Gnade zu erzählen, die der Herrgott mir armem Sünder erwies, nachdem er mich vorher ein wenig gezüchtigt hatte. Liebe Leser, mein Rößlein war tot! Mein Rößlein war krepiert, mein treues Pferdchen, das sein Leben lang im Dienste war, mir diente und nichts anderes als unsere Bücher kannte; das auf allen Straßen berühmt und beschlagen war und ein gutes Gedächtnis für jedes Einkehrhaus hatte; das mit mir fast in allen jüdischen Gegenden herumgekommen, in allen Gemeinden und überall bekannt war – dieses Rößlein ist gestorben, hat am Lagboimer in Dümmingen einen schrecklichen Tod erlitten! Es ist schmerzvoll zu sagen, aber Armut ist keine Schande – das Tier ist vor Hunger krepiert! Seine Nahrung waren gewöhnlich ein wenig Häcksel, manchmal ein paar Stücklein trockenen Brotes, das ich Armen mit Bettelsäcken abzukaufen pflegte. Ach und weh, das arme Pferd, das zu einem jüdischen Buchhändler gerät! Immer muß es auf dem Trabe sein und plagt sich vielleicht noch mehr als die anderen, die reiche Ware führen, aber zu essen kriegt es einen Schmarren; ein jüdischer Buchhändler hat selbst einen Schmarren zu essen und krepiert mit Frau und Kindern zehnmal am Tage vor Hunger! Aber nicht davon wollte ich sprechen. Gott hat mich gestraft und ich stand ohne Pferd da. Für den Kauf eines andern hatte ich kein Geld, und da sollte ich auf die Messen fahren! Es war mir gar übel zumute. Und als ich so in Sorgen saß, kam ein Bekannter zu mir, ging auf mich zu und sagte: »Reb Mendele, würdet Ihr eine Mähre kaufen?« »Ich täte es gerne«, antwortete ich ächzend, »aber wo nehme ich die Katze her?« »Ah bah«, erwiderte er, »das hat nichts zu sagen! Ihr werdet jetzt keinen Pfennig zu geben brauchen. Es ist sogar vielleicht möglich, daß man Euch noch was borgt. Es ist bekannt, daß Ihr ein ehrlicher Mann seid, aber freilich.« »Wenn dem so ist«, sagte ich zu ihm, »so kaufe ich die Mähre sehr gerne, gleich und ohne Zögern, kommt, laßt uns gehen und die Ware ansehen.« »Ihr könnt Euch das Gehen ersparen«, antwortete er, »ich habe die Mähre hier bei mir.« »Was heißt das, Ihr habt sie hier?« fragte ich ihn erstaunt. »Ja, hier, bei mir unter dem Mantel«, antwortete er lächelnd. »Ihr macht Euch über mich lustig, Gevatter«, sagte ich ärgerlich. »Sucht Euch einen andern zum Verspotten. Späße sind mir jetzt nicht nach dem Sinn.« »Behüte. Ich scherze gar nicht«, sagte er und zog unter dem Rockschoß ein großes Bündel Papiere hervor. »Seht Ihr, Reb Mendele, das Ganze da gehört einem Freunde von mir. Seinen Namen werdet Ihr in den Sachen finden, die er geschrieben hat. Eine heißt ›Die Mähre‹, versteht Ihr. Der Verfasser ist jetzt – 's treffe Euch nicht! –, wie soll ich's sagen ... durcheinander ... wirr. Wir alle, seine Freunde, sahen es gerne, daß seine Geschichten fortlaufend gedruckt und verkauft werden. Und wen andern hätten wir wählen können, um sich damit zu beschäftigen, als Euch, Reb Mendele, der in unsern Gegenden einen solchen Ruf hat. Wir verlangen von Euch, daß Ihr die Papiere gut durchseht, jede Geschichte ordnet, genau wie es nötig ist – darin verlassen wir uns schon auf Euch. Und zu allererst sollt Ihr ›Die Mähre‹ drucken lassen. Über Vergütung werden wir später sprechen. Ihr werdet sicher zufrieden sein, gewiß. Wenn Ihr jetzt Geld nötig habt, werden wir Euch vorläufig eine Anzahlung geben. Nun wollt Ihr, Reb Mendele?« »Eine schöne Frage, ob ich will?! Ich will von ganzem Herzen«, antwortete ich und tanzte förmlich vor Freude. Nachdem ich meine Geschäfte erledigt hatte, ging ich eifrig an »Die Mähre« – stellte sie zusammen, wie es nötig war, teilte sie in Kapitel ein, gab jedem Kapitel einen passenden Namen – eine Arbeit, für die allein sich manche auf den Schriften eines andern unterschreiben und sich Autoren heißen. Kurz, ich war nicht faul und tat getreulich meine Sache. Nun, liebe Leser, ein paar Worte über »Die Mähre«! »Die Mähre« ist auf hohe Art geschrieben, in der Weise, wie die Alten schrieben. Jeder wird sie gemäß seinem Verstande und seiner Stufe verstehen. Für Menschen tieferer Stufe wird sie einfach eine wunderschöne Geschichte sein, ihnen wird schon die bloße Fabel gefallen. Wer aber von höherer Stufe ist, der wird in ihr Hinweise und Andeutungen über uns sündhafte Menschen finden. Ich zum Beispiel, auf meiner Stufe, fand in ihr fast alle jüdischen Seelen, alle unsere Wesen und das Geheimnis dessen, was sie hier auf der Welt tun. Ich bin überzeugt, beim Lesen werden viele von euch Lesern, jeder nach seiner Stufe, sich nicht zurückhalten können und feurig ausrufen – der eine: »Ah, das ist eine Andeutung auf unsern Reb Jossel«, der andere: »Ah, hier ist Nußen Reb Chakes gemeint! Salmen-Jaankale Reb Mottales! Herschke Reb Abbales!«, der dritte: »Oh, oh, ich habe das Geheimnis unserer Fleischsteuer, unserer Wohltäter und aller unserer Sitten entdeckt!« und so fort. Ich richtete an die Dümminger Rabbinatsassessoren und alle führenden Männer der besten Gesellschaft folgende Anfrage: »Da ich dem Publikum die Herausgabe eines zweiten Teils der ›Fleischsteuer‹ versprochen und dabei nicht ›Unverschworen!‹ gesagt habe, so war ja mein Wort schon so gut wie ein Gelübde; wie steht es nun nach Gesetz und Recht, meine Herren«, fragte ich sie, »wenn ich jetzt meine ›Mähre‹ herausgebe, kann ich damit mein Gelübde einlösen?« Sie überlegten hin und überlegten her, kratzten sich den Kopf und kratzten sich den Schädel und sprachen endlich also: »Ja, Reb Mendele, da wir hier eine Spur, einen Duft vom Wesen der ›Fleischsteuer‹ verspürt haben, so wollen wir Euch von Eurem Gelübde lösen. ›Ha-Mähre ha-si‹ – diese Mähre, ›chschiwe luchem‹ – sie sei Euch angerechnet ›ke-ille ki-jamtem‹ – als hättet Ihr Wort gehalten und hättet ›ha-chejlek ha-schejne‹ – den zweiten Teil der ›Fleischsteuer‹ ›bechol prutew‹ – mit allem Drum und Dran herausgegeben. Gewiß, Ihr könnt mit ihr nach aller Meinung gut Euerm Versprechen nachkommen.« »Kamme males toiwes lamukkem« – wieviel Dank bin ich Gott schuldig! Hätte ich »Die Mähre« einfach ganz ohne Vorschuß für den Kauf eines Pferdes erwischt, so wäre es ja genug gewesen. Hätte ich sie mit einem Vorschuß erwischt und sie nicht etwas vom Wesen der »Fleischsteuer« an sich getragen, wäre es genug gewesen. Hätte sie etwas vom Wesen der »Fleischsteuer« an sich gehabt und die Rabbinatsassessoren hätten mich nicht vom Gelübde gelöst, so wäre es genug gewesen. Hätten mich die Rabbinatsassessoren nicht vom Gelübde gelöst und sich dabei nicht sonderlich am Kopf gekratzt und ich hätte nicht gewußt, warum, so wäre es genug gewesen. Hätte ich gewußt, warum, und verstünde nicht, daß »Die Mähre« wohl danach angetan ist, daß man sich ihretwegen am Kopfe kratze, so wäre es auch genug. Um soviel mehr habe ich dem Herrn zu danken, daß ich »Die Mähre« erwischt habe, und noch dazu Vorschuß für den Kauf eines Pferdes, und daß sie etwas vom Wesen der »Fleischsteuer« an sich hat und die Rabbinatsassessoren mich vom Gelübde lösten und sich dabei sonderlich am Kopfe kratzten und daß ich weiß, warum, und daß ich verstehe, daß »Die Mähre« wohl dazu angetan ist, daß man sich ihretwegen am Kopfe kratze, »lechapper al kol awoinessejne« als Sühne für unsere Sünden. Das, meine Leser, wollte ich mit meiner kurzen Vorrede sagen. Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über! Am Neumondstag des Ellel, auf dem Bücherwagen zwischen Dümmingen und Dösenheim In Bescheidenheit Mendele Moicher Sfurim Erstes Kapitel Ssrulik will ein Mensch werden Wie Noah einst von allen Geschöpfen der Welt, die in der Sintflut ertranken, in der Arche überblieb, so bin ich, Jißruul ben Zippe, in meiner Stadt übriggeblieben, als der einzig Unverheiratete unter allen meinen Kameraden, die durch die Landplage der Heiratsvermittler vorzeitig zu jungen Ehemännern wurden und bis tief an den Hals in Armut und Schnorrertum einsanken, die Armen. Diese Plage Gottes, die Heiratsvermittler, fielen auch über meine Mutter her, um ihr für mich Heiraten vorzuschlagen. Meine Mutter, eine einfache, aber kluge Frau, war Witwe, nicht reich, aber auch nicht arm. Sie lebte von ihrem Galanteriewarengeschäft, trug Perlen am Halse und hatte ihr gutes Auskommen. Ich war ihr einziger Sohn, ihr Glück und ihre Freude, sie gab mir in allem nach, was ich verlangte. Und als ich darauf bestand, nicht jung zu heiraten, setzte ich es daher auch durch. Anfangs versuchte sie allerdings, mich zu überreden: »Ssrulik! Wie oft habe ich Gott gebeten, ich möge die Zeit erleben, wo man dir Heiraten anträgt. Du bist ja mein einziger Augapfel, ich will ja bloß dein Bestes, also folge mir, wahrhaftig, und heirate! Es ist schon Zeit dazu, Ssrulik, hohe Zeit. Schau dich an! Ein Mann, unbeschrien! Mit einem Bart! Deine Schulkollegen haben schon bei der Barmizwe geheiratet. Wahrhaftig, folge deiner Mutter, tu, was Gott befohlen hat, damit ich an dir Freude haben kann.« Aber als sie sah, daß ihre Worte umsonst waren, und ich, soviel sie auch sprach, an meiner Absicht festhielt, und immer bei Nein und Nein blieb, gab sie mir nach und sprach kein Wort mehr darüber. Ich sagte ihr ganz deutlich die reine Wahrheit, daß ich gesonnen sei, alles zu lernen, was man im Gymnasium lernt, dann die Prüfung abzulegen und auf die Universität zu gehen, dort die medizinische Wissenschaft zu studieren, um später mir und der Welt von Nutzen zu sein. »Mutter«, sagte ich zu ihr. »Heute ist die Welt schon anders. Wahrhaftig, es ist an der Zeit, das große Glück zu erkennen, das die Juden mit ihren frühen Heiraten machen, die Herrlichkeiten, die man von unsern jungen Bürgern hat! Einst verheirateten die Eltern ihre Kinder im Vertrauen: ›Gott hat uns genügend zum Leben geschickt, wahrscheinlich wird er's auch ihnen schicken und sie werden schon nicht vor Hunger sterben.‹ In jener Zeit war Gottvertrauen noch halbwegs am Platze, aber heute kann man sich damit begraben lassen. Schwer, sehr schwer ist es in der heutigen Zeit, von seinen fünf Fingern zu leben und aus Schnee Quarkknödel zu machen, jeder Mensch muß rechtzeitig sehen und alles tun, was möglich ist, damit er alle seine vielfältigen Bedürfnisse befriedigen kann, und zwar für immer, für sein ganzes Leben; und insbesondere wir Juden, die wir so in der Klemme sind und von allen Seiten gedrückt und gepreßt werden, für uns gibt es gar keinen andern Weg, uns irgendwie aus der Not herauszureißen, als eine Wissenschaft zu studieren, wie zum Beispiel die Heilkunst, oder einen andern Beruf. Wenn ich selber jetzt in der Jugend mich nicht um mein Fortkommen sorge, was sollte dann, behüte, aus mir werden? Es würde mir so gehen wie vielen jungen Leuten unserer Art, die glücklich geheiratet und goldene Berge gekriegt zu haben scheinen. Das Gold verschwindet und Misthaufen bleiben zurück. Die einen wandern herum, andere werden Lehrer und ein Teil ist nicht einmal dazu nütze, du Jammer. Werde ich aber Arzt, so wird sich die weite Welt vor mir auftun, ich werde es zu etwas bringen und mein Stücklein Brot leicht verdienen.« Die Mutter hatte keine Wahl, sie gab mir auch darin nach, daß ich studiere, aber vorher mußte ich ihr versprechen, ein guter Jude zu bleiben. Ich besaß einen scharfen Verstand, nichts im Talmud war mir zu schwer, man sagte in der Stadt, ich würde ein großer Rabbi werden. Ich überließ diese Ehre andern, schloß mich in mein Zimmer ein und ging daran, Tag und Nacht voll Eifer alle Dinge zu lernen, die für das Examen notwendig sind. Mathematik, auch Physik, Grammatik, und die Sprachen gingen mir so leicht wie Butter ein, Schwierigkeiten bereitete mir nur die Geschichte, auch das, was sie Literaturlehre nennen. Ich mußte all die leeren Märchen und Kriege auswendig können, wie sich die Menschen, seit die Welt steht bis heute, schlugen und erschlugen, einander zum Tode brachten, Not und brennende Qual zufügten, und mußte noch das Jahr und den Ort im Kopfe behalten! Das und ähnliche Dinge hieß Geschichte. Dazu mußte ich ferner noch absonderliche Geschichten von furchtbaren Helden, gewaltigen Trinkern und berühmten Räubern erlernen; Märchen von Verwandlungen, von Zauberern und Hexen; Märchen von lebendem und totem Wasser, von goldenen Äpfeln und silbernen Pferden. Außerdem mußte ich noch über irgend jemandes schöne Worte und Phrasen wie ein Papagei plappern können, und mußte allerlei Absichten und Ansichten, Erklärungen und Belehrungen hineinlesen, die weder ich, noch der Verfasser selbst, noch der, welcher mit mir lernte, verstand. Dabei mußte man in Hitze kommen und vor Begeisterung außer sich sein, laut schreien, mit Händen und Füßen fuchteln und feurig reden, als seien es Geheimnisse der Thora, Kabbala-Worte. Man nahm große Anläufe, machte viel Einleitungen, um die Sache ein bißchen zu verwickeln und von der Vernunft zu entfernen, damit man es ganz anders und nicht so einfach verstünde. Diese paar Litaneien, all der Krimskrams mit all den Verdrehungen hieß Literaturlehre. Man mag sagen, was man will, in den älteren Jahren ist es sehr, sehr schwierig, solches Zeug ins Gehirn zu stopfen und dort zu behalten, insbesondere für jemanden, der einen guten Kopf und die Begier hat, nützlichere Dinge zu lernen. Ja, ich sage es noch einmal, mir fielen diese Dinge sehr schwer. Das fortwährende Auswendiglernen und Plappern machte mir den Kopf förmlich wirr, es raubte mir vollständig Kraft und Gesundheit und brachte mich von Sinnen. Ich wurde manchmal einfach toll davon und ging ganz wirr herum, im Kopfe dröhnte es mir wie eine Windmühle, rein, um verrückt zu werden. Manchmal begann ich gar zu bezweifeln, ob mir mein Plan, auf die Universität zu gehen, gelingen würde. Wer weiß, was da noch kommen konnte? Grade würde ich bei der Prüfung mich irgend einer dummen Geschichte nicht entsinnen oder über irgend ein Gedicht stolpern, dann bräche ich mir auf einmal den Kopf und aus wäre es mit all meiner Plage, mit meinem Studium und mit dem Arzt, nach dem ich so sehr strebte: Dann wurden alle meine Hoffnungen zuschanden und ich selbst dazu! Was würde ich tun und wie würde ich aussehen? Ich würde ein armseliges Jüdlein bleiben. Ich würde ganz tief stehen und, so wie alle andern Jüdlein, von jedermann in der Welt Schmach und Schande zu ertragen haben, ich würde ein Luftmensch bleiben, Kraft ohne Stoff, das heißt: Ich würde in mir die Kraft fühlen, etwas zu tun, würde aber nicht die Möglichkeit haben, die Kraft zu betätigen, irgendwie nützlich zu verwenden, wie viele solcher armer Seelen, die es unter unsern Juden gibt. Ich würde ein Jude bleiben und kein Mensch werden. Ich würde ein Rätsel bleiben: Ein Heinzelmännlein, das überall fegt und reinigt und sich selbst in einem schmutzigen Winkel aufhält; ein Heinzelmännlein, das sich hier herumtreibt und doch nicht in dieser Welt weilt; das Fleisch und Blut ist und jedem doch ein Nichts zu sein scheint. Eins dieser drei Heinzelwesen kenne ich – den Besen – und die beiden andern – aber was hat das zu sagen? Kennen hin, kennen her, was ich sein würde, würde ich sein – ein Mensch jedenfalls nicht. Die ewige Eingeschlossenheit, das Lernen und Wiederholen und gleichzeitig der ewige Gedanke, daß die ganze Plage umsonst sein würde, brachte mich ganz herunter. Ich wurde mager und zaundürr, schwächlich und sehr nervös, dazu war ich dauernd in Sorge und Trübsal, so daß ich fast nicht mehr zu erkennen war. Wenn mich die Trübsal befiel, verfluchte ich alle Hexen und die alte Jaha, die verwünschte, und den Zauberer Koschzej zusammen: Zur Hölle mit ihnen allen! Wurde mir besser, bat ich sie um Verzeihung. Dann kam wieder die alte Jaha, wieder Koschzej und die ganze Bande an die Reihe. Meine Mutter weinte, wenn sie mich ansah, und begann Ärzte und Bader zu holen. Sie verschrieben mir Fläschlein, gossen Heiltränke in mich hinein, trugen mir strenge auf, im Sommer um Gottes- und Himmelswillen viel spazieren zu gehen, vor der Stadt frische Luft zu atmen und weniger zu grübeln. Ach, wenn die Ärzte es besser verstanden und mich von dem Schnickschnack befreit hätten, der mich krank und mir den Kopf wirr machte! Zweites Kapitel Ssrulik gerät außer sich, da er sieht, was um ihn herum vorgeht An einem schönen Sommertage im Tammes, als es vor Hitze nicht auszuhalten war, ging ich vor die Stadt, weit ins freie Feld. An diesem Tage war ich gerade sehr schwermütig, ich hatte schrecklichen Kopfschwindel, in den Schläfen schlug es mir, im Herzen wallte es wie in einem Kessel, und ich war sehr verwirrt, schlimmer als je. Eine ziemliche Zeit lang strich ich umher, ohne recht zu wissen, wohin mich meine Füße trugen. Ich ging immer weiter und weiter, bis ich unter einen Baum fiel, irgendwo neben einem Kanal, und mich längelang hinstreckte. Finster wurde es mir vor den Augen, es schoß und dröhnte mir in den Ohren, als ob krachende Raketen sie durchflögen. Ich glaubte in einen Abgrund zu versinken, immer tiefer und tiefer zu sinken, um mich herum tobte es fürchterlich. Ich wollte etwas erfassen, mich an etwas halten. Aber ich fühlte weder Hände noch Füße. Ich war wie aus der Haut gefahren, wie außer mir, war bloß ein Luft-Ssrulik, körper- und gliederlos, nichts war von mir da als die nackte, bloße Seele. Plötzlich riß es mich in die Höhe, bis ich die Erde erfaßte, auf der ich lag, und wahrnahm, wie die Sonne meinen Rücken briet. Ich war wie neu geboren, wie vollständig verwandelt, ein ganz anderes Wesen. Alles um mich herum, die Erde, der Himmel, die Bäume und das Gras waren auch wie soeben aus der Schale gekrochen. Sie tanzten und schüttelten sich, grüßten, blieben nicht am gleichen Ort stehen und winkten mir unaufhörlich zu, als ob sie sprächen: »Komm hoppsen, Gevatter, mach mal ein Tänzlein!« Zwei Grillen sprangen und tanzten mir aus dem Gras hervor entgegen, sahen mich mit dummen, großen Augen an und bewegten dabei die Mäuler: Im Nu würden sie, schien mir, in mich hineinkriechen – ein Sprung, eins, zwei – oh, mein Kopf, mein Kopf! Ich machte eine Handbewegung und drehte den Kopf zur andern Seite. Und wie ich so lag, sah ich überall hin, betrachtete alles, das brachte mich auf Gedanken und ich dachte versonnen. Auf dem Felde sah ich herrschaftliche Böcke, Esel und ganze Rudel Pferde weiden, nicht abgearbeitetes Vieh, sondern edle Rosse, die Adelsbriefe über die Herkunft von edlen Eltern haben. Des einen Ahn war ein englischer Hengst, der vor Zeiten auf der Durchreise durch Kanaan eine arabische Stute geheiratet hatte. Des andern Ahnfrau stammte aus einem berühmten Geschlecht, das gar viel Pulver gerochen hatte, und des dritten Urahnin hatte eine noble Erziehung genossen, in einem berühmten Gestüt, war sehr gelehrt gewesen und hatte zu ihrer Zeit zusammen mit noch vielen gebildeten Pferden Tanz- und Springkonzerte gegeben. Denn man muß wissen, daß bei Pferden der Adel eine große Rolle spielt, auf gutes Blut wird sehr geachtet, und diejenigen, die aus einem guten Gestüt stammen, heißen edel oder wohlgeboren. Diese edlen Pferde weideten frank und frei, richteten auch Schaden an, zerstörten das Getreide, das die armen, elenden Bauern im Schweiße ihres Angesichts gesät hatten. Und man tat, als sähe man nichts und sagte ihnen kein krummes Wort. Die Pferde sprangen, wieherten und stampften mit den Hufen. Ihre Kraft, ihre Stärke und ihre Wildheit war ungeheuerlich. Und als ich nun so aufgebracht dalag, hörte ich von ferne ein schreckliches Geschrei, Menschengetümmel und Hundegebell. Anfangs meinte ich, die Bauern hätten sich versammelt und kämen schreiend herbeigelaufen, um die Herrenböcke und die Pferde aus ihrem Korn zu jagen; aber gefehlt! Der Lärm entfernte sich immer mehr und ging endlich nach einer ganz anderen Seite. Da stand ich auf und ging neugierig den Stimmen nach, bis ich an einen großen, grasbewachsenen Platz kam, und dort sahen meine Augen eine furchtbare Szene. Wilde Burschen jagten von allen Seiten eine dürre, magere Mähre, bewarfen sie mit Steinen, hetzten ganze Rudel Hunde von allerhand Arten auf sie los. Manche Hunde bellten bloß und fletschten die Zähne, manche fielen über sie her und bissen, so viel sie nur vermochten. Ich konnte nicht stehen bleiben und solcher Unbill schweigend aus der Ferne zusehen. Erstens war es ja einfach ein Jammer, die Menschlichkeit erlaubte es nicht, solcher Grausamkeit zuzusehen. Und zweitens, vom Mitleid schon abgesehen, hatte die Mähre ja ein großes Recht auf mich, daß ich ihr hülfe, denn ich war Mitglied des Tierschutz-Vereines, dem es nicht recht ist, daß man lebende Wesen quält und ihnen Leid antut, da sie ja das gleiche Lebensrecht wie wir haben. Ich will mich hier nicht in die alten und sehr tiefen Überlegungen über Mensch und Tier einlassen. Mag es sein, wie manche behaupten, daß ich, Mensch, das Juwel, der König und Oberherr über alle Tiere bin, daß sie mir dienen, im Joch gehen und mir ihr Leben opfern müssen – trotzdem, glaubte ich, sobald die Mähre, eine so gewöhnliche Sklavin, ein gewisses Recht auf mich hatte, so mußte ich nach dem Gesetz, wenn schon nicht nach der Menschlichkeit, meine Pflicht gegen sie erfüllen. »Lausbuben!« rief ich, auf die dunkle Gesellschaft zugehend. »Was wollt ihr von der armen Mähre, bitte?« Ein Teil der wilden Burschen hörte mich gar nicht, andere hörten wohl etwas, lachten aber frech. Manche Hunde betrachteten mich erstaunt, einige bellten von weitem, andere wieder stierten mich aus schrecklich bösen Augen an, sie waren bereit, von hinten über mich herzufallen und mich in Stücke zu reißen. »Lausbuben!« sagte ich nochmals. »Warum jagt und quält ihr Gottes Geschöpf, die arme Mähre?« »Schön arm!« antworteten sie spöttisch. »Warum weidet sie hier? Warum weidet die liebe Mähre hier?« »Was denn?« sagte ich. »Hier ist ja Weide, hier weidet ja seit ewigen Zeiten alles Stadtvieh!« »Das Stadtvieh«, antworteten sie, »ist was anderes, das darf's und sie darf's nicht.« »Warum darf sie nicht?« sagte ich. »Hat sie denn keine lebendige Seele wie alles Stadtvieh?« »Vielleicht wirklich nicht«, erwiderten sie. »Gesindel!« sagte ich zu ihnen. »Aber sie hat doch sicher einen Besitzer, der in der Stadt Steuern und alle andern Abgaben zahlt. Sie gehört ja auch zum Stadtvieh.« »Das wissen wir eben nicht«, antworteten sie höhnisch. »Ob sie auch zum Stadtvieh gehört, das ist erst eine Frage.« »Es kann sein, wie es will«, sagte ich, »aber die Mähre ist ja inzwischen hungrig, das arme Tier will doch essen.« »Mag sie sich selber auffressen«, gaben sie zurück. »Was will sie von uns? Warum soll so eine dem Stadtvieh alles wegfressen?« »Banditen!« konnte ich mich nicht mehr zurückhalten und schrie voll Zorn. »Warum seht ihr nicht, daß dort Herrenböcke und ganze Rudel Pferde im Korn gehen und Blut und Schweiß von elenden, armen Bauern fressen? Das allein, was sie zertreten, was sie, so mir nichts dir nichts, verderben, würde der Mähre bis für ihre Ururenkel reichen! Ihr Spitzbuben, ihr habt keine Spur von Gerechtigkeit, ihr seid niemanden treu als euch selber, und ihr habt noch die Unverschämtheit, euch des Stadtviehs sozusagen anzunehmen!« »Hö-hö!« sagten die Kerle. »Er ist gar zornig, er stellt gar Fragen! Kommt, Kinder. Was haben wir von dem Gerede? Laßt ihn schreien, wer kümmert sich um ihn? Kommt, Kinder, kommt.« Einer tat einen Pfiff, und bald stürmte die schwarze Bande mit ihren Hunden hinter der Mähre her und überfiel sie wieder. Lange Zeit wurde sie herumgejagt, gerissen und gebissen, bis man sie endlich in eine tiefe Grube trieb. Drittes Kapitel Gepriesen der Schöpfer merkwürdiger Wesen! Der Abend war sehr schön und still, der Himmel klar, sternbesät und ganz niedrig. Dort, wo er herniederkam, stieg wie aus dem Boden der blutrote Mond auf. Das Vieh hatte schon lange seine Raufen leergefressen, sein gewöhnliches Abendbrot, und schlief ruhig auf seinem Lager in den Ställen, nachdem man es vorher wie üblich gut ausgemolken hatte. Ich bekam ein Bündel frisches Heu, um es der unglücklichen Mähre zu ihrer Grube zu bringen, so wie es sich für ein gutes Mitglied des Tierschutz-Vereines ziemt. Die arme Mähre lag sehr müde im Morast. Wären nicht ihre Flanken keuchend gegangen, so hätte man sicher geglaubt, daß hier ein Aas liege, so dürr und mager, bloß Haut und Knochen, war sie. »Schack, schack, schack!« begann ich in der Pferdesprache und ging zu der Mähre, streichelte sie am Halse und legte das Bündel Heu nieder. Die Mähre hob den Kopf, richtete ihre Augen auf mich und sah mich verwundert an. Was war denn das? Ein Mensch erwies einer elenden Mähre Ehre und machte ihr bei Nacht im Morast einen Besuch? »Schack, schack, schack!« sagte ich zu ihr in der Pferdesprache, das heißt: »Guten Abend, Mähre.« – »Schack, schack« – »Da hast du Abendbrot, da hast du Heu, wenn du noch einen Zahn im Munde hast.« – »Schack, schack!« – »Wahrhaftig, daß sich Gott deiner erbarm, du armes Tier«, sagte ich, streichelte sie voll Mitleid und schob ihr das bißchen Heu hart vor die Nase. »Grüß Gott!« ertönte plötzlich eine dumpfe Stimme. Ich erstarrte, als ich den Gruß hörte. Wer spricht da, wenn hier bei mir und weit in der Runde herum nicht einmal die Spur eines Menschen ist? »Erschrick nicht, junger Mann«, ließ sich die Stimme wieder hören. »Erschrick nicht! Ich, die Mähre, spreche zu dir.« »Die Mähre!« rief ich mit entsetzter Stimme aus, und ein heißer Strom lief mir wie ein Ameisenhaufen über meine Glieder und brachte mein Blut zum Sieden. Das scheint ja schon so die rechte Mähre zu sein, dachte ich und erinnerte mich auch gleich, daß heute Mittwoch nachts war, die richtige Zeit für Dämonen. »Denk nicht viel nach«, ließ sich die Stimme wieder vernehmen. »Die Sache ist höchst einfach, ich, die Mähre, spreche zu dir.« »Was soll das heißen? Wie kann eine Mähre sprechen?!« sagte ich. »Das ist gar kein solches Wunder«, antwortete sie, »solche Dinge haben sich schon ereignet. In den geschriebenen Geschichtsbüchern findet man viele Reden, die Pferde hielten, von Bileams Tier bis heute.« »Hm, vielleicht ist es wirklich so«, sagte ich, kratzte mich eine Weile am Kopf und erinnerte mich jener Geschichten, die ich für die Prüfung gelernt hatte. »Ja, ganz richtig, rednerische Pferde kenne ich, aber eine Stute?« »Was hat das zu sagen? Auch eine Stute. Im Gegenteil, wenn es schon dazu kommt, so spricht gewöhnlich die Stute. Bileams Esel war auch eine Stute. Aber trotzdem, sei ruhig, mit dir spricht keine Mähre.« »Was heißt das?! Zuerst Mähre, dann keine Mähre!« sagte ich erstaunt und beugte mich hin, um die Sache näher zu betrachten. »Du bist gewiß –« »Ein Dämon, willst du sagen«, fiel sie mir in die Rede. »Nein, nein, mein Freund, du irrst. Ich bin kein Dämon, sage ich dir, und auch keine Mähre. Wenn du wüßtest, was mir in der Welt geschah, verstündest du mich und wundertest dich nicht mehr.« Und plötzlich sahen mich zwei Augen an, die Leid, Müdigkeit und zugleich Flehen und unendliche Güte ausdrückten, wie die Augen eines kranken, unglücklichen, unschuldig gekränkten und gequälten Menschen. Jeder Blick spricht, schreit Zeter, bittet um Erbarmen und zerreißt das Herz. Ich schaute und schaute – wo war da eine Mähre, wer war da eine Mähre! Vor mir war gar etwas wie ein Menschengesicht. Wie, was, woher kam da plötzlich ein Mensch, eine solche Mißgeburt?! Und als ich das Geschöpf versteinert ansah, da kam ihm unten eine Hand hervor, und als ich sie aus Höflichkeit ergriff, fühlte ich erst, daß ich einen Huf hielt. »Gepriesen sei, der da merkwürdige Wesen schafft«, entschlüpfte mir unwillkürlich die bekannte Benedeiung. Und plötzlich war Lärm an meinem Ohr, so wie ein bitteres Geschrei, wie von einer Mutter, die um ihr Kind weint, wie Lärm und Getümmel der Diener um einen Kranken. Mir schien, daß es an mir zog und mich warf und mich mit kaltem Wasser begoß. Kalt war's, die Glieder zitterten mir – ich kauerte mich zusammen und schmiegte mich an die Mähre, um mich an ihr zu wärmen. »Bist du schon lange so merkwürdig?« »Ach, ewig lange, wie das Exil«, antwortete sie mir seufzend. »Wie ist dir das geschehen?« fragte ich und schob mich noch näher an sie heran. Das Geschöpf richtete seine Augen auf mich und sah mich wie einen Verrückten an. Dann wurde ihre Miene ernst und sie begann traurig das Folgende zu sagen: »Wer auch nur ein wenig in die Bücher hineingesehen oder von Ältern erzählen gehört hat, weiß, daß Menschen die Gestalt von allerlei Getier und Vieh, Gewürm und Geziefer annehmen, noch beim Leben, oder sich nach dem Tod in sie verwandeln – das ist eins der alltäglichen Dinge. Große Gelehrte, darunter auch Geistliche, bestätigen das mit dem Munde und mit der Feder. Wir finden in den Geschichtswerken, daß Semiramis, die Königin von Babylon, im Alter die Gestalt einer Taube annahm. Daniel sah in der Prophetie die vier Kaiserreiche in den Gestalten von Löwen, Pardeln, Bären, und er erzählt, wie Nebukadnezar, der König von Babel, am Ende seiner Tage ein Bär wurde. Von den Griechen gar nicht zu sprechen – dort war das sehr gewöhnlich. Ihr Gott Zeus, der in puncto puncti sehr eifrig war, verwandelte sich einmal in einen Ochsen. Die Prinzessin Jo, des Königs Inachos Tochter, verwandelte er in eine Kuh, und so, in Kuhgestalt, trieb sich das arme Wesen lange in der Welt umher. In ihrem Lande gab es auch Geschöpfe, die halb Tier und halb Mensch waren, die hießen Kentauren. Ein Kentaur namens Chiron, halb Pferd, halb Mensch, mit Bart und Pejes und einem Hut auf dem Kopfe, war der Lehrer des Prinzen Theseus. Selbstverständlich: wie das Volk, so der Lehrer. Sind die Menschen Ungeheuer, so ist auch ihr Lehrer ein Ungeheuer. Und wieviel alte Weiber und Jungfrauen ohne Zahl sahen Gelehrte in Europa und gottesfürchtige Männer, wie sie sich in Frösche, Drachen und anderes giftiges Gewürm verwandelten, auch auf Schaufeln und Besenstielen durch die Luft fuhren. Und die Sache wurde dann durch Zeichen und Beweise bestätigt. Für Taschenspieler, für Schwarzkünstler und für Augenblender war das damals eine Zeit! Sie führten die Welt und taten Dinge, die furchtbar zu hören sind. Viele Menschen, viele Prinzen und Prinzessinnen wurden durch sie zu wilden Tieren, die Armen. Lest in den Büchern, in den geschriebenen Erzählungen eines jeden Volkes, so werdet Ihr sehen, daß mehr als ein König und mehr als ein Prinz von ihnen in einen Bock, ein Pferd, einen Ochsen oder derlei Vieh verwandelt wurde; mehr als eine arme Prinzessin, mehr als eine arme Königstochter wurde von ihnen in eine Kuh, ein Kalb, eine Ziege verwandelt, mehr als ein Fürst und mehr als ein Herr in einen Hund, einen Wolf, einen Bären, der Menschen zerriß und tötete, ihr Blut saugte und ihnen das Mark aus den Knochen nahm. Ja, ganzen Dörfern und ganzen Städten geschah das Unglück, von ihnen in Schafherden verwandelt zu werden, und sie erlitten viel Not, schreckliche Leiden und schwere Qualen. Das hat es gegeben, das hat die Kraft der Augenverblendung, des Zaubers und der Geisterbeschwörung angerichtet!« Diese Worte tönten dumpf wie aus einem hohlen Faß. Es war nicht wie Sprache mit den Lippen, nicht als ob die Mähre redete, sondern als ob ein Geist aus ihr spräche. Das wühlte mir das Hirn auf, rauschte, brummte, als ob sich aus einer Rinne ein heftiger Strom kalten Wassers darüber ergösse. Die Mähre sah mich an und ließ ihre Rede wieder vernehmen: »In diesen Zeiten gab es einmal einen Prinzen, einen feinen, klugen, wohlgeratenen Menschen mit allen Vorzügen, etwas Herrliches. Dieser Königssohn war in der Jugend gewandert und hatte Reisen gemacht, um die Welt kennen zu lernen. Und überall, wohin er kam, hallte es von seinem Ruhme wider. Bloß der König von Ägypten, dem berühmten Lande der Zigeuner und Taschenspieler, geriet in Zorn über diesen Prinzen, der ihn besuchte. Aus Furcht, der Prinz könnte später Abrechnung mit ihm halten und ihn aus seinem eigenen Lande vertreiben, lud er alle seine großen Hexenmeister zu sich und sprach zu ihnen: ›Huwwe mißchakme loi!‹ Das heißt: Laßt uns den Prinzen überlisten, Brüder, und ihm türkisch kommen. Die Zauberer verwandelten den Prinzen mit ihrem Zauber in eine Mähre und ließen das arme Tier den schwersten Frondienst machen! Die arme Mähre mußte ganze Berge von Ziegeln und Lehm führen, und damit wurde Pithom und Ramses erbaut. Viele Jahre marterten sie die Zigeuner, zerstörten ihr Leben, bis sich Gott ihrer erbarmte. Es kam ein großer, berühmter Mann, ein Wundertäter, der alle Zigeuner mit ihrem Zauber zu Spott machte und mit dem heiligen Offenbaren Namen größere Künste als sie vollbrachte. Er sagte einen Spruch – und aus der Mähre wurde wieder ein Prinz! Solange dieser große Wundermann und seine berühmten Schüler, die nach ihm kamen, lebten, ging es dem Prinzen menschlich, er lebte in Reichtum und Ehren in seinem Lande. Hernach aber, als alle gestorben waren, verwandelten Feinde den Prinzen wieder in eine Mähre, und in dieser Gestalt treibt man den Armen schon unendliche Jahre von einem Ort zum andern. Für den unglücklichen Prinzen paßt wirklich der Name: ›Die ewige Mähre‹. Ewig wandert und irrt die Mähre umher, an allen Enden der Welt. Wem es nur einfallen mag, der sitzt auf und reitet sie; wer nur Lust bekommen mag, stößt sie und schlägt sie; jeder lädt ihr sein Bündel und Ränzel auf. Ewig trägt sie das Joch, schleppt ohne Ende Ziegel und Lehm, das arme Tier, mit vieler Plage, mit Blut und mit Schweiß, aus denen man schon ganze Städte erbaut hat!« Zu dieser Zeit, als mein Kopf voll wunderbarer Geschichten von Zauberern und Hexenmeistern war; zu dieser Zeit, da ich außer den Geschichtenbüchern, wie zum Beispiel »Tausend und eine Nacht«, »Hundert Aventüren«, »Buwwe-Buch« und dergleichen, die ich in der Jugend eifrig gelesen hatte, jetzt aufs Neue noch allerlei Geschichten wie Wein verschlungen hatte; zu dieser Zeit, da mein Herz heiß war, mein Blut siedend und meine Phantasie feurigflammend, da meine Gefühle Pulver waren, die sich bei der geringsten Reibung entzündeten und explodierten, meine Augen Quellen, warme Springfluten, in denen jeder Leidende warme, heiße Tränen für sich fand – zu dieser Zeit ergriff mich die Geschichte des unglücklichen Prinzen gar sehr. »Sage mir bitte«, sagte ich, »sage mir, wo ist er jetzt? Wo befindet sich der unselige, unglückliche Prinz jetzt?« »Der Prinz, der unselige Prinz, liegt jetzt in der Gestalt, mit dem Aussehen einer Mähre, vor dir!« Ich seufzte, weinte und benetzte meine elende, unglückliche Mähre mit blutigheißen Tränen. Viertes Kapitel Ssrulik und die Mähre sprechen sich miteinander aus Als ich ein wenig zu mir kam und den Kopf aufhob, sah ich, wie der Mond schien und mit seinen silbernen Strahlen in die Grube hineinblickte. Meine Mähre kaute Heu, ganz ruhig und kühlen Mutes, wirklich wie eine geborene, wahre Mähre. In meinem Herzen wogten verschiedene Gefühle. Bald fühlte ich, wie mein Leben in großem Erbarmen über die elende, unglückliche Mähre gar vergehen wollte, bald wieder ärgerte ich mich über sie – was war das, wie konnte sie so ruhig und gleichmütig im Dreck liegen, als ob sie die Bitterkeit ihrer Lage nicht spürte und begriffe! Wie konnte sich ihr Mund zum Heukauen auftun, nach einer solch furchtbaren Szene und nach den Hieben, die sie erst heute gekriegt hatte! Ich begann bei mir zu überlegen, ob die ganze Geschichte nicht ein Traum gewesen sei; ob ich es nicht bloß mit einer einfachen Mähre zu tun hätte, die nicht einmal ein Atom von einem Prinzen in sich hatte; die kein Ehrgefühl hatte und nicht imstande war – du Jammer! – ihre eigene Not, die große Schmach und Schande zu fühlen. Es konnte nicht anders sein, als daß ich verrückt war! Was hatte ich getan? Für wen hatte ich da soeben geseufzt und geweint? Für wen Blutstränen vergossen? Für wen war ich soeben bereit gewesen, mich hinzugeben, meine Tage und Jahre, mein ganzes Leben zu opfern? Für wen? Für eine kurzatmige Schindmähre! Ich sah mich nach allen Seiten um und rückte mit zerrissenem Herzen ein wenig fort. Die Mähre seufzte plötzlich auf. Ihr Seufzer hallte in meinem Herzen wie Donner wider. Ich erzitterte. Feurige Mitleidgefühle flammten in meinem Blut auf. Dieser eine Seufzer aus ihrem Munde rief eine ganze Umwälzung in mir hervor und zog mich wieder wie ein starker Magnet zu ihr hin. So ist's gut, dachte ich. Seufze, seufze, Mähre! Das ist ein gutes Zeichen, an dem Seufzen erkennt man den unglücklichen Prinzen, wie er alle Kräfte anstrengt, um Menschengestalt zu erlangen. In dem Seufzen ist seine Stimme zu hören, wie er ruft: »Ich lebe noch und fühle noch alles, wie alle Menschen! Um Himmels willen, Menschen, erbarmt euch, laßt mich meine Gestalt wieder annehmen!« – Seufze, Mähre, seufze! Und als ich so dachte, bemerkte ich, daß neben meiner Mähre kein Hälmlein Heu mehr lag. Sie hatte es gänzlich aufgegessen, nicht einmal ein einziges Blättlein hatte sie übrig gelassen. Oh, oh, oh, dachte ich, das also hat ihr Seufzen bedeutet! Sie seufzte einfach, daß ihr der Wanst nicht voll wurde, weil sie nicht noch ein Bündel Heu, noch einen Haufen Gras hatte. Bekäme sie viel Heu und viel Gras, dazu noch ein paar Maß Hafer, dann wäre sie zufrieden und ganz selig. »Mag sein, was da wolle – wenn's nur viel Hafer gibt, wenn nur der Wanst was kriegt.« Eine rechte, echte Mähre, wahrhaftig! Dieser Gedanke brachte mich ganz außer mir. Vor Ärger zitterte ich und war sehr erregt. »Warum zitterst du so?« kam es aus der Mähre zu mir hervor. »Vielleicht hast du es hier zu eng, du scheinst neben mir unbequem zu sitzen?« »Dir ist es hier vielleicht angenehm, aber für einen Menschen mit Verstand und Gefühl, der weiß, was gut ist, ist ein solcher Platz schlecht, ganz schlecht!« sagte ich ein bißchen zornig und wollte sie mit einem bissigen Worte verletzen. »Du hast freilich gut reden«, sagte sie und bewegte den Kopf. »Wäre ein anderer so wie ich so viele Jahre in eine Mähre verwandelt, stünde ein anderer so viel aus wie ich, irrte ein anderer unstet und flüchtig unter Hieben und Schlägen, hätte er wahrhaftig schon längst seinen Verstand und sein Gefühl verloren. Er hätte überhaupt keine Sprache mehr und wäre ein wahres, echtes Vieh.« »Nun, nun«, fiel ich ihr ins Wort, »ist dir der Dreck angenehm, hast du es hier gut?« »Anscheinend. Jedenfalls besser als früher. Es hat Zeiten gegeben, da man mich fortwährend jagte und mir nicht einmal einen Augenblick Rast vergönnte. Jetzt ruhe ich mich wenigstens ein bißchen aus, im Morast liege ich weich, und ich strecke wenigstens meine alten kranken Knochen gerade.« »Und die Hiebe und Prügel, die du erst heute von den Kerlen gekriegt hast, und die Hunde, die soeben erst über dich hergefallen sind – die hast du schon vergessen? Heißt das bei dir vielleicht auch gut?« »Noch immer besser als früher. Das sollen Hunde sein? Die Hunde hättest du sehen müssen, die man einst auf mich hetzte. Die waren groß, gelehrt, dressiert, standen auf den Pfoten, wedelten mit den Schwänzen und gehorchten jedem Befehl, sie waren förmliche Professoren unter den Hunden. Verstand besaßen sie wie die Menschen – aber Herz und Maul waren echt hündisch. Ihr Biß war schrecklich, ich habe noch heute die Spuren ihrer Zähne. Die Hunde, die du heute gesehen hast, das sind einfach dumme Kälber, Schafsköpfe; sie verstehen nicht einmal richtig, über einen herzufallen, zu beißen, zu bellen, daß ich nicht lache, grad damit es gebellt heißt; sie bellen den Mond auch an. Mit einem Stücklein Brot verstopft man ihnen das Maul, und dann kann man frank und frei vor ihren Augen stehlen, rauben und plündern. Das sollen wilde Kerle sein? So was hat es bloß in jenen Zeiten gegeben; die glaubten an ihren Unsinn und trieben dummes Zeug, machten die andern verrückt und erfanden tolle Faxen; sie fürchteten sich vor dem erfundenen Irrsal und sie verstellten sich damit als Bären, brummten ›bu‹ und erschreckten die Leute. Es ist wahr, die heutigen Kerle lassen es auch an nichts fehlen, aber wie können sie sich mit den alten vergleichen! Wenn die mit ihren Faxen über mich kamen, verzweifelte ich einfach am Leben. Was meinst du, zum Beispiel, wie plagten und quälten mich die starken Pferde, die du heute im Korn gesehen hast!« »Was redest du?« sagte ich schrecklich verwundert. »Was soll das heißen, Pferde quälten und marterten dich auch? Was haben die Pferde, die heutigen Pferde, mit dir zu tun?« »Wenn die Menschen in das Innere eines jeden Dinges sehen könnten, wären ihnen viele Rätsel in der Welt gelöst. Unbesorgt, ich rede zur Sache. Diese Pferde sind die Wiedergeburten furchtbarer, entsetzlicher, häßlicher Kerle, die vor Zeiten die Leute aussaugten und plackten, viel Unheil stifteten und Schaden anrichteten. Selbst hatte keiner eine Seele, und tausende Seelen mußten für ihn arbeiten. Sie aßen im Schweiße ihres Angesichts ein trockenes Stücklein Brot und gönnten sich außer diesem gar nichts von dem, was sie selbst mit ihrer Plage hervorbrachten – und er badete im Luxus, aß auf, was sie geschaffen, und verschwendete noch gar. Sie gaben sich für ihn hin, sie verschafften ihm durch ihre Arbeit Güter, Dörfer, Städte; sie brachten ihm mit ihrer Plackerei großen Besitz, und das bißchen Essen, das die armen Kerle manchmal von ihm bekamen, es war gerade so viel, um das Leben zu erhalten – das hieß noch Almosen! Sie hießen arme Bettler und er – der Barmherzige, der Freigebige, der Wohltätige, der Gütige. Wenn sie sich für ihn rackerten, so war das etwas ganz Gewöhnliches, so hatte es eben zu sein, und gab er manchmal ein Almosen für die Hungrigen und bei ihrer schweren Rackerei Erkrankten, so kam das in alle Welt herum, man besang und bewunderte es in allen Zeitungen und verbreitete es nach allen Richtungen! Einst waren diese Pferde vornehme menschliche Müßiggänger, heute sind sie vornehme müßiggehende Pferde. Denn, wollen wir uns nicht täuschen, wozu sind edle, gelehrte Pferde nütze? Arbeiten – das tun ja die gewöhnlichen Pferde, die armen Tiere. Sie ackern die Felder, sie führen Wasser und Holz, sie tragen und schleppen Lasten und machen alle Wirtschaftsarbeit. Die edlen Pferde dagegen führen im Stall bei Heu und Hafer ein glückliches Leben; sie fahren manchmal ihren Edelmann spazieren, sie strecken den Hals, sie tun mit ihrem fetten Bäuchlein groß, mit ihrem schönen Geschirr, oder sie tanzen und treiben Possen im Zirkus und luchsen so den Leuten ihr Geld ab. Wirklich, wozu nützt das, wenn ein Pferd tanzt und Hokuspokus macht? Warum soll ein solches Pferd im Gold schwimmen, warum soll man es in seiner ganzen Größe mit Geld überschütten? Diese Pferde sollten lieber arbeiten und keinen Schaden stiften!« »Sscht, ein wenig leiser!« sagte ich zu ihr. »Sprichst du immer so viel?« »Ach«, antwortete die Mähre seufzend. »Gewöhnlich schweige ich und kann nicht einmal ein Wort reden. Man will nicht, daß ich spreche. Sehr oft kann ich nicht einmal einen Mucks tun, und dann bin ich wirklich eine Mähre, voll und ganz, dann könnte man von heute bis ins nächste Jahr zu mir sprechen, so hörte ich nichts. Dann kann man schreien: ›Geh rechts!‹ und ich ginge links, außer wenn man mich bei der Mähne packte und gewaltsam schleppte. Dann kann jeder, der will, auf mir reiten, selbst ein Kind, ein Narr, ein Bengel, ein Lump, ein Taugenichts, ein Schlemiel! Aber es gibt gewisse Zeiten, da sich mein Mund auftut, und wenn man dann an meiner Zunge rührt, so strömen mir die Worte scheffelweise aus dem Munde. Mein Blut siedet, steigt mir in schrecklichen Wogen zu Kopf, reißt am Gehirn und dringt bei den Augen hervor. Meine Galle platzt, die Bitterkeit meines Herzens und meine bedrückte Seele schreien sich aus.« »Sage mir, mein Herz«, fragte ich, »sage mir, da schon einmal die Rede darauf gekommen ist: warum richtest du Schaden an? Eben heute erst fiel man deswegen über dich her. Erst heute schrie man: ›Du richtest Schaden an!‹« »Betrachte die Sache genauer«, antwortete sie, »dann wirst du mir keine Schuld geben. Wenn man von dem Schaden durch mich spricht, so muß man auch den Nutzen, den ich bringe, dagegenstellen. Denn man kann nur so ein Urteil fällen, zum Guten oder zum Schlechten, daß man beide Dinge auf die Waagschalen einander gegenüber legt, um zu sehen, was schwerer ist. Sonst ergäbe sich, daß fast jedermann Schaden stiftet. Beinahe niemand ist von Fehlern rein, selbst der, welcher darüber Zeter schreit. Bei der heutigen Ordnung überall in der ganzen Welt ist Schaden ein Fehler, ein Vergehen, das überall sich gar nicht beseitigen und nur mit der gleichen Sünde verteidigen läßt. Warum, fragt man, stiftet der andere Schaden? – Das ist eine Sünde, die bestehen bleibt, so sehr man auch schreit; man kann sie bloß unter einer Hülle halten, mit Wohltat oder Nutzen bedeckt und verhüllt. Der Geschädigte schreit, der arme Teufel: ›Der X. Y. macht Schaden!‹ – ›Ja‹, antwortet man, ›X. Y. stiftet hier ein wenig Schaden, aber was soll er tun, er hat keine andere Wahl! Schau doch, wie er dafür anderswo nützlich ist! ...‹ – Und daß ich auch nützlich bin? Und daß ich der Welt auch Nutzen gebracht habe und bringe? Das wird wohl niemand leugnen. Seit ewigen, unvordenklichen Zeiten ritt man mich, benützte man mich, jeder hatte was von mir, der eine mehr, der andere weniger. Wen alles habe ich denn schon nicht auf meinem Rücken getragen? Und an wessen Schaden hatte ich in meinem Leben nicht schon schuld? Ich glaube, daß meine Arbeit viel mehr als ein Haufen Gras wert ist! Das wäre das Erste. Und nun zweitens, vergiß nicht, daß mich die Verhältnisse pressen! Wenn ich mir nicht selber Essen suchen werde, geben wird mir keiner was. Dann könnte ich die Zähne in den Schrank tun und Hungers sterben. Anstand kann ich nicht abwarten; solange man lebt, muß man essen; was will ich denn mehr als essen? Und was ist denn der ganze Schaden, den ich anrichte? Ein Haufen Heu, ein bißchen Gras, daß ich nicht lache! Die netten Pferde dort haben doch das Beste und Schönste, ihnen gibt man alles, was sie brauchen, sie haben ja das Recht, überall frei auf dem Grase zu weiden – warum richten sie Schaden an? Und was für einen Schaden noch dazu! Sie zertreten Getreide, verwüsten ganze Felder und vernichten sie.« »Welches Verhältnis«, fragte ich sie, als wäre ich ihr Richter, »bestand einst zwischen dir und den Pferden dort, oder wie du sagst, den wilden Kerlen?« »Die wilden Kerle dort, oder, wie du sagst, Pferde«, antwortete sie, »haben mich einst, einst furchtbar gequält und bis auf den Tod gepeinigt. Als einmal eine Gesellschaft von ihnen in einen Krieg gegen die Tatern zog, stampften und traten sie mich und quetschten mir das Mark aus den Knochen. Sie rissen mir damals die Haut ab, zerfetzten mir die Adern, stempelten und brannten mich mit glühenden Kohlen. Auf meinem Fell steht in verschiedenen Buchstaben die ganze Geschichte der Grausamkeit, Wildheit und Dummheit jener bitteren Zeit geschrieben. Mein geschundenes Fell mit den blauen Malen, mein zergeißelter Rücken mit den Wunden – das ist die niedergeschriebene Geschichte jener alten Geschlechter. Betrachte mein Fell und lies!« Fünftes Kapitel Die Mähre erhebt sich im Sturm aus der Grube Wie eine Windmühle ging mir's im Kopf von alledem, was mir soeben enthüllt worden war, und die Welt und alle ihre Geschöpfe drehten sich mit und vermischten und vertauschten sich mit- und ineinander. Mir schien, daß alle nicht das sind, wofür sie sich ausgeben. Keiner ist innen das, wonach er außen aussieht. Die Inder, die glauben, daß die Menschenseelen in alle möglichen Geschöpfe übergehen, und die Kabbalisten scheinen Recht zu haben. Die ganze Welt besteht aus lauter Seelenwanderung. Der Grund, der irgendwo im Ssidder steht, warum es eine Mizwe sei, am Schabbes Fisch zu essen – um dadurch die in Fische verwandelten Seelen zu erlösen –, ist offenbar vollständig wahr. Ist dem so, dann sieht ja die Welt ganz anders aus, dann muß man sie mit andern Augen anschauen und jegliches Ding ganz anders betrachten. In einem Menschen liegt vielleicht ein Hund versteckt, und in einem Hunde liegt ein Mensch versteckt. Ein Pfund frischer Fisch ist vielleicht ein Pfund zappelfrischer Seele, in einem guten Karpfen liegt ein Plaudersack von Redner mit Pfeffer und Zwiebeln auf der Schüssel vor mir! Ist dem so, dann lösen sich viele Rätsel der Vorsehung auch im Gebaren der Menschen; dann wird es erklärlich, woher bei uns die Narren, Dummköpfe, Heuchler, Müßiggänger, Weltbeglücker, Presser, Fleischsteuerpächter, Vorsteher, »Vertrauenspersonen«, Fürsprecher, Wohltäter, Stadterben, feine Leute, vornehme Herren, Moralprediger, Schmarotzer und Hans-Dampf-in-allen-Gassen stammen. Dann wird es begreiflich, wer sie sind, woher sie kommen, wessen Natur sie haben, und welches ihr Zweck und ihr Ziel hier in der Welt, unter uns unglücklichen, sündhaften Menschen ist. Es kommt oft in der Welt vor, daß einer sich sein ganzes Leben lang mit Studieren beschäftigt und ein Narr bleibt. Und dem andern gelingt es, leicht und ohne Mühe weise zu werden. In dieser Nacht wurde ich weise! Und da ich weise wurde, versteht es sich von selbst, daß ich an allem zu zweifeln begann. Und nicht nur an andern fing ich zu zweifeln an, so daß ich nicht klar wußte, wer sie wären und was sie wären – sogar an mir selbst höchstpersönlich auch: Vielleicht bin ich gar nicht ich? Vielleicht bin ich in der Hand einer andern in mir lebenden Kraft und nicht ich bin der Herr meines Körpers, alles nach meinem Verstand und Willen zu tun, sondern dieser andere beherrscht mich und zwingt mich mit Gewalt, das zu tun, was er will, seine Geschäfte zu vollführen und nach seiner Art zu leben, so wie er eben früher war. Wirklich »kehinne kachoimer« – ich bin der Choimer, der Stoff, und er ist der Schöpfer, der ganze Wirker, oder ich bin der Chammer, der Esel, und er ist der Treiber. Ja, aber wer soll das eigentlich in mir sein? Und wessen Geist spricht aus mir? Vielleicht wohnt in mir eine der erhabenen Seelen – etwa die Seele König Salomos! Und das könnte ich mir vorstellen. Er wurde in einer Nacht urplötzlich weise, klüger als alle Menschen seiner Zeit, und ich Jüngling wurde ja »klug wie die Nacht«. Das heißt also offenbar, er will, daß seine Weisheit durch mich weiterlaufe, und ich klüger als alle Menschen meiner Zeit sei. Oder vielleicht wohnt in mir eine andere große Seele? Wenn die Mähre – ein Weibchen – ein Prinz ist, so bin ich – ein Mann – vielleicht gar eine Prinzessin. Und daß die Seelen bei der Wanderung vertauscht werden, das heißt, daß aus einem Mann ein Weib, und aus einem Weib ein Mann wird, das ist etwas sehr leicht Mögliches. Und ich erinnere mich, daß ich dasselbe auch in einem Roman eines berühmten französischen Astronomen gelesen hatte. Wenn dem so war, konnte ich die Königin von Saba selber sein. Dann wären wir also nicht so grundlos hier zusammengetroffen, ich und die Mähre. Nun, und wenn es vielleicht ein Irrtum war und keine der beiden Seelen in mir wohnte, so schadete es auch nichts. Die Hauptsache war doch eine hohe, große Seele. Und gibt es denn nicht viele hohe Seelen bei uns? Und nach dem Wallen meines heißen Blutes und meinem großen Enthusiasmus war vielleicht der Geist Juda Makkabis in mir. Meine Kraft lag im Munde, mein Heldentum in der Zunge. Ich fühlte jetzt in mir den Drang, ein Geschrei auszustoßen, das so furchtbar war, wie es mir ums Herz war, damit die Welt erbebe. Und als ich den Mund öffnete und aufschrie, da kamen Blitz und Donner und schrecklicher Sturm, eine große Luftsäule kreiste wie ein Rad in der Höhe, ein Gewalle, ein Gemenge verschiedener Gestalten, die tanzten, sprangen, toll wie Geister flogen und alles, was ihnen in den Weg kam, in ihren Reigen hineinrissen. Es wirbelte und kreiste tobend und heftig, von einem wahnsinnigen Orchester begleitet. Es krächzte, quakte, stöhnte, heulte, summte, toste, zerriß die Ohren. Die Bäume im Walde antworteten im Takt, bogen sich nach allen Seiten, rauschten, tönten, klatschten und patschten mit den Ästen. Der Mond erschrak und lief und versteckte sich hinter einem Wolkenstück. Ich erstarrte. War es möglich, daß dieses Toben, dieser Sturm von meinem Schrei, von dem Hauch meines Mundes kam? Vielleicht fand jetzt bei der Geisterbande eine Hochzeit statt, vielleicht führte man eine Hexe zur Vermählung mit dem ihr Bescherten, munter und lustig, während alte und junge Hexen tanzten und sprangen und mit Teufeln einen Reigen aufführten. Ich sah mich nach der Mähre um und erkannte sie nicht. Ihr Gesicht veränderte sich, und sie nahm jede Minute eine neue Gestalt an. Bald schien sie menschliche Gestalt anzunehmen: Ein dürrer Hals, eine magere Kehle mit hervorstehendem Knopf, wirre, weichselzöpfige Pejes, ein offener Mund mit herunterhängender Lippe. Seufzer nach Seufzer entrang sich der Tiefe ihres Herzens. Im nächsten Augenblick nahm sie eine merkwürdige Gestalt an, und es war nicht zu verstehen, was für eine Mißgeburt das war. Und plötzlich spitzte sie die Ohren, als ob sie auf etwas horchte, als hätte sie etwas gefühlt, sprang zitternd auf die Beine, als ob sie eine Schlange gebissen hätte, streckte sich, so lang sie war, warf den Schweif, wie eine echte Mähre. Und bald schoß ein Wesen wie aus der Erde hervor, sprang rittlings auf die Mähre, hieb sie mit seinen Beinen, pfiff – davon, davon! Die Mähre sprang geschwind aus der Grube hinaus und verschwand. »Ach, ach, Mähre! Ach, ach, meine Mähre!« schrie ich mit allen Kräften. Und der Sturm ließ nicht nach, und die Donnerschläge wurden immer stärker und stärker. Die kreisende Luftsäule von früher packte mich, und ich kreiste in ihrem Innern mit verschiedenen Ungeheuern. Alte Hexen auf Besenstielen und Schaufeln und schöne junge auf Ziegenböcken, Geier, Eulen, Kater. Geschrei und Gekeife und Geschwätze und Gebrumme in ganz fremder Sprache: »Scharlui waamrlui besoch bisjoch bisbesajoch messamssajoch!« Der Kopf schwindelte mir, die Augen schlossen sich, Schweiß brach mir aus allen Poren. Und ich fühlte, wie mir eine Hand bald an den Kopf, bald an die Füße griff, ich schrie im Fallen auf und öffnete die Augen. Ich fühlte Kissen unter dem Kopfe und wußte noch immer nicht mit Klarheit, wo ich war. Ich hörte seltsame Worte, ähnlich den früheren, als ich in der Säule kreiste, aber wer da sprach, das sah ich nicht. Eine Weile später, als ich zu mir zu kommen begann, erschienen mir nacheinander ein breitzausiger Bart, lange Pejes und das merkwürdige Gesicht eines Mannes. Dieses Geschöpf tat sich in einem Winkel herum, stierte, schnitt absonderliche Grimassen, stampfte, als ob es mit jemandem stritte und sagte zornig solcherlei Wörter: »Ich beschwöre euch im Namen Luziferiels, im Namen Plutoniels, Zerberiels, Proserpiniels, im Namen ... im Namen ... im Namen ..., daß ihr keine Macht habet über Jißrulik ben Zippe. Zerstiebet, verflieget, nach öden Feldern, nach wüsten Wäldern! Dort steht ein Stein, auf dem Stein ein anderer Stein, dort steht ein Berg, auf dem Berge ein anderer Berg, oben tut Schmendrig ben Getz sitzen und weidet wilde Katzen und Kitzen. Packt die Kater vor allen Sachen, packt überall die Drachen! Packt auf der Welt alle Fliegen, Schaben, Grillen, Flöhe, Wanzen und geht mit ihnen tanzen, tanzt in den wüsten Wäldern und auf den öden Feldern, tanzt, springt mit Juhu, und laßt die Welt in Ruh!« Und eine alte Bäuerin stand da und flüsterte einsam und leise in einem Winkel, spuckte und gähnte laut mit aufgerissenem Munde. »Porche sike limrike, bich, bich!« murmelte das Geschöpf, beugte sich über mich und erfaßte meine Nasenspitze. »Hssich a fsssich a fsssssich!« antwortete ihm mein Nase in lautem Genieße. »Gesundheit, Gesundheit!« wünschte mir der Mensch voll Freude, lief geschwind zur Tür und verkündete die frohe Botschaft: »Zippe, kommt und seht, Euer Sohn ist frisch und gesund.« »Wo bin ich?« fragte ich sehr verwundert. »Bei mir, mein Kind. Bei mir, bis ins hundertzwanzigste Jahr«, antwortete meine Mutter noch in der Tür, und im Augenblick war sie da und fiel mir bitterlich weinend an den Hals. »Schabriri, briri, riri, ri«, flüsterte der Mensch, blies und blies, als ob er jemanden vertreiben wollte. Dann wandte er sich zu meiner Mutter und sagte: »Zippe, ich habe schon an dreißig Jahre mit den Geistern zu tun – ja, Zippe, so ist die Rechnung, bald nach der ersten Panik nicht heute erwähnt! – bin ich ein Wundermann geworden. Ein paar Jahre vor dem großen Brand, gerade in der Zeit, als Reb Toiwje-Kalmen Reb Gedalje-Izzes in der Stadt einen Schatz fand, ungefähr ein Jahr, bevor man den Fluß und die Mikwe reinigte – ja, Zippe, es wird schon an die dreißig Jahre sein, wenn nicht mehr. In der Zeit hatte ich genügend mit ihnen zu tun und brachte ihnen Respekt bei. Die Bande hat heute von mir eine Portion abgekriegt, aber gewiß ja. Das war ihr Werk, das hatten sie angestellt.« »Ha – huch!« gähnte die alte Bäuerin laut, sagte einen Spruch, spie aus, und abermals gähnend schloß sie: »Trasßza ich materi!« Der Wundermann schnitt vom Tisch und den Stühlen sieben Holzspäne ab, nahm unter der Schwelle sieben Handvoll Staub hervor, wickelte sieben Silbermünzen in ein Wollzeug von mir, das ihm meine Mutter reichte, und sagte zu ihr: »Alles, was ich da nehme, muß ich haben, um bei Nacht darüber meinen Spruch zu sprechen, beim Mondschein vor der Stadt am Scheideweg; dazu muß man noch sieben Haare aus dem Bart eines alten Hundes legen, so wie es geschrieben steht. Aber im Notfall, wenn man keinen Hund hat, kann man auch mit einer Katze auskommen. Deine Katze ist gewiß in der Küche, Zippe, und ich gehe mal hinaus, um sieben Handvoll Asche vom Herd zu holen, dann kann ich bei der Gelegenheit gleich der Katze sieben Haare aus der Schwanzspitze reißen.« So sagte der Wundermann, und nachdem er die Mesise geküßt hatte, winkte er der Bäuerin, und unter dem Versprechen, morgen zu kommen und seine Arbeit zu vollenden, ging er mit ihr aus dem Hause. »Mutter, was geht hier vor?« fragte ich voll Mitleid mit meiner Mutter, da ich sah, wie sie weinte. »Warum weinst du, Mutter?« »Ach, weh ist mir, ach wie elend ich bin, mein liebes Kind!« »Was ist geschehen?« »Ach, daß das nur nimmer wiederkomme, was geschehen ist!« »Erbarme dich, Mutter, und erzähle mir. Ich werde nicht ruhig sein, bis du mich beruhigst. Weine nicht und erzähle mir, süße, teure Mutter. Ich will's wissen.« »Warte ein wenig, mein Leben, ich will mich ausweinen.« Es war still. Der Kopf meiner Mutter lag an meiner Brust, sie schluchzte leise und zitterte am ganzen Leibe. Eine Weile später hob sie ihr Gesicht zu mir, beherrschte sich und erzählte mir seufzend folgendes: »Als du ins Feld spazieren gingst und bis spät nachts nicht zurückkamst, da gingen wir alle aus der Stadt und begannen dich nach allen Richtungen hin zu suchen. Wir suchten und suchten so lange, bis wir dich wie in einem wachen Schlaf unter einem Baum neben einem Kanal fanden. Als wir heimkamen, erkannten wir gleich an dir, daß du wie verwirrt warst. Der Schlaf mied dich, und du warst sehr erregt. Am nächsten Morgen nahmst du kein Essen in den Mund, warst erregt und nachdenklich und sprachst ungereimtes Zeug zu dir selber. Wir alle im Hause konnten nicht verstehen, was das bedeuten sollte. – Hernach hat es sich gezeigt, ach und wehe! Lieber Herrgott, daß wir nichts mehr davon wüßten, weder wir noch ganz Israel!« »Nein«, sagte die Mutter unter Tränen und hielt mitten im Sprechen inne, »nein, ich kann nicht mehr reden, jedes Wort sticht mich wie eine Nadel. Ich bitte dich, mein Kind, gönne mir Ruhe, für dich ist es auch schon an der Zeit, daß du dich ausruhst. Nach dem Schlaf wird's dir leichter werden. Schlafe, mein Sohn, der Schlaf tut dir sehr gut, Ssruul!« »Aber nur unter der Bedingung, Mutter, daß du mir versprichst, morgen weiter zu erzählen.« »Gut, gut«, sagte die Mutter. »Schlafe, schlafe, mein Kind, schlafe, Ssruul.« Sechstes Kapitel Was die Mutter nicht zu Ende erzählt, das ergänzt der Diener Am nächsten Morgen kam die Mutter zu mir und erkundigte sich nach meinem Befinden, und als ich sie inständig bat, ihr Wort zu halten und zu erzählen, wischte sie sich mit der Schürze die Augen und sagte seufzend: »Daß ich alles genau erzähle, ist ausgeschlossen. Sehr merkwürdig war dein Treiben und dein Reden. An jenem Tag – nicht heute erwähnt! – sprachst du, was Zeug hielt, über Tiere und Vieh und über Menschen und hattest mit einer armen, elenden, unglücklichen Mähre, die krank, zerschlagen und unselig war, schreckliches Mitleid. Gebe Gott, daß deine Reden wie Rauch verfliegen, über wüste Wälder und öde Felder! Und in der Stadt ist inzwischen über dich ein Gerücht aufgekommen, daß du – – lieber Herrgott, verrückt mögen sie werden, die Feinde, die mir und ganz Israel Böses wünschen! Wie im Fieber warfst du dich ein paar Tage herum und lagst teilnahmslos und wirr da. Gelobt sei Gott, daß du heute frisch aufgewacht bist. Ach, daß es dir gut ginge!« »Zippe!« sagte der Wundermann, der mit der Bäuerin auf den Zehenspitzen ins Zimmer getreten war, um nicht plötzlich Unruhe zu dem Kranken zu tragen, und eine Weile still hinter meiner Mutter gestanden hatte, als sie redete. »Nicht er hat gesprochen, das waren ›ihre‹ Worte, der Teufel hat aus ihm gesprochen.« »Prawda!« mengte sich die alte Bäuerin ein, die ein bißchen Jüdisch verstand. »Eto ichnje dilo. Trasßza ich materi!« Alle spuckten dreimal aus. Mittendrin kam Braandel die Vorsagerin herein, die von der Mutter auf den Friedhof geschickt worden war, um auf den Gräbern zu flehen und Kerzendochte zu messen. Beim Eintreten küßte sie dreimal die Mesise und trat eilends zu meiner Mutter, verweint und tränenschluchzend, und sagte ihr in der Klagelieder-Melodie: »Ich bat die Großmutter Jente, die Tante Selde – mögen sie das helle Paradies haben! Es waren fromme Frauen –, den Vater, den Großvater, Reb Schebbssel und die ganze Familie, ich bat auch die alte Rebbezen, die Fromme – ihr Verdienst stehe bei uns! –, daß sie sich vor Gottes Thron bemühten. Der Ewiglebende wird ihr Gebet erhören, er ist ja ein barmherziger, gerechter Vater. Ssrulik wird, will's Gott, gesund werden. Man müßte nochmals Eier rollen und Wachs gießen. Das hat er von einem plötzlichen Schreck bekommen. Voriges Jahr ist dieselbe Sache dem Sohn des Brodder Lehrers passiert. Kroine rollte gleich tüchtig Eier und nahm's ihm wie mit der Hand fort. Wie geht es ihm jetzt, Zippe?« »So ziemlich«, sagte der Wundermann. »Es ist keine Gefahr mehr. Er hat's von einem plötzlichen Schreck bekommen, sagst du, Braandel, von einem plötzlichen Schreck? Das ist ein Irrtum! In den Dingen bin ich Fachmann. Das war ihr Werk, Braandel, das haben sie getan, Ihr könnt die Andersgläubige fragen, sie ist mejwen kol dibber, du kannst jüdisch zu ihr sprechen. Wir haben in unserm Leben schon allerhand Geschäfte zusammen besorgt.« »Prawda, Brandlja«, sagte die alte Bäuerin und nickte mit dem Kopf. »Schtscho prawda, to prawda. Eto ichnje dilo. Trasßza ich materi!« »Ich weiß wahrhaftig nicht«, verwunderte sich meine Mutter und sprach wie in die Luft hinein, »woher er zu so absonderlichen Gedanken kommt. Das muß nur, glaube ich, von seinen Büchern kommen, in die er sich ganz versenkt hat. Mehr als einmal habe ich ihm gesagt: ›Ssrulik, zu allen Teufeln mit deinen Büchern! Zum Satan und zur Hölle mit dem ganzen Examen, verstopfe dir den Kopf nicht mit solchen dummen Büchern, mit solchen verrückten Geschichten! Wichtige Sache!‹ Lange Zeit lernt er fortwährend, lernt eine Geschichte von einem Helden auswendig, der sechsunddreißig Pferdeställe ausräumte, eine Geschichte von einer räuberischen Nachtigall, oder von einem Ritter, der einen Branntweinozean austrank und große Eichbäume so leicht wie ein Haar ausriß; Geschichten von einem Zauberer Koschzej und von irgend einer alten Jaha, die die Welt in Aufregung brachten und deren Pferde wie die Menschen sprachen; Geschichten von einer Stiefmutter, die ihren Stiefsohn in einen Ziegenbock verwandelte; Geschichten von Tumulten, Schlägereien, Kämpfen, Kriegen, Schlägen, Hieben, Not und Unglück, und was weiß ich noch alles. Natürlich, was kann da Gutes herauskommen?« »Aber liebste Mutter!« sagte ich. »Stehen denn in unsern Büchern nicht auch solche Geschichten geschrieben? Wieviel hast du mir doch selbst erzählt und wieviel habe ich von andern erzählen gehört, solche Geschichten und andere Geschichten von Werwölfen und Seelenwanderung? Und Tote, die in der Chaoswelt herumirren, und Geschichten von Geistern, Dämonen, von kleinen Kindern, von Bräutigamen und Bräuten, die den Unholden in die Hände fielen. Wieviel gebratene Hühner haben unsere Juden vor sich auf der Schüssel nicht schon krähen gehört? Wieviel Kälber, wieviel Kühe, wieviel Ochsen, Stiere, Pferde und Esel haben urplötzlich losgeweint und um Erlösung gebeten? Wie viele davon haben die Wundermänner nicht schon erlöst und ihnen das jüdische Grab verschafft? ›Mi mune afar Jaankew?‹« »Was für Wörter sind das?« sagte die Mutter erschrocken und glaubte, daß ich wieder irre redete. »Mi mune ...?« »Bis ins hundertzwanzigste Jahr mögest du leben, Zippale«, fiel Braandel mit innigem Lächeln ein, voll Wonne, daß sie jetzt ihre Gelehrsamkeit zeigen konnte. »Schon recht, mein Herz, das heißt: Mi mune – wer kann zählen, afar – den Staub, das bedeutet die Gräber, ›Jaankew‹ – die man bei Jakob gemacht hat. Damit sind die Juden gemeint, die ›Jakob‹ genannt werden. Das ist ja ein Vers aus der Zennerenne und der Bechaje sagt –« »Was er über Seelenwanderung sagt«, mischte sich der Wundermann ins Gespräch, »so schwöre ich Euch bei meinem Bart und den Pejes, daß es mir in meinem Leben schon oft vorkam, daß ich bei Besessenen Austreibungen machte, und sie selber schreien hörte, so wahr ich die Posaune des Messias hören will.« »Oh, die Seelenwanderung! Oh, die Seelenwanderung! Das ist keine Kleinigkeit!« sagte Braandel und machte ein frommes Gesicht. »Oh, das steht ja in der Heiligen Schrift. Das ist sehr gewöhnlich, was braucht Ihr mehr, da habt Ihr den Schnorringer Besessenen! In der ganzen Welt machte die Seelenwanderung damals Aufsehen. Übrigens – gepriesen, der Vergessenes in Erinnerung bringt! – ist bei uns denn nicht die Geschichte mit dem schwarzen Kater vorgefallen? Das war an drei Jahre nach meiner Hochzeit mit meinem zweiten Mann, Gott habe ihn selig, gerade zu der Zeit, als ich mit meinem Chazkale – er lebe mir! – schwanger ging. Ich erinnere mich daran, als wäre es heute passiert, damals wurde in allen Schiehlen ausgerufen, man sollte gehen und der Austreibung zuschauen, und Schwangere dürften nicht zuschauen gehen –« »Hörst du, liebste Mutter?« fragte ich sie. »Hörst du, was der Wundermann und Braandel sagen?« »Hm, wahrhaftig, Ssrulik«, antwortete sie ohne richtige Worte. »Bei uns ist das etwas anderes. Ach, wo kommst du hin? Ach wo, wie kann man so was vergleichen? Das eine kommt vom Unreinen und das andere vom Heiligen.« »Das ist wahr, Zippe, so wahr ich Bart und Pejes trage«, bekräftigte der Wundermann. »Eine gute Widerlegung, wahrhaftig, Zippe! Das ist die Wahrheit, auf mein Wort!« »Nu, a schtscho wi kashete?« sagte ich zu der alten Bäuerin, da ich sah, daß meine Worte vergeblich waren und man nicht auf mich hörte. »Win maje prawo«, antwortete sie und nickte mit dem Kopf. »Eto ichnje dilo, trasßza ich materi!«   Es kommt manchmal vor, daß ein Mensch etwas träumt, und wenn er aufsteht, ist keine Spur vom Traum geblieben. Später aber, wenn einem etwas wie ein Nachhall des Traumes im Kopf klingt, läßt es einen nicht ruhen, bis man sich seiner ganz erinnert. Und ebenso erging es mir. Die paar Worte, die mir meine Mutter andeutungsweise erzählt hatte, bohrten in meinem Kopfe und wollten den Rest erfahren, der verschwommen vor mir schwebte, ohne sich im Gehirn fassen zu lassen. Bald darauf wurde mir alles klar. Im Laden der Mutter diente ein Angestellter schon seit seiner Jugend; jetzt war er schon ein betagter Mann, ein Jude mit all seinen Eigentümlichkeiten und ein Ladenkommis mit allem Drum und Dran. Er hieß Ssenderel Schelune, »unser Ssenderlein«. Diesen Ssender kränkte es sehr, daß ich den rechten Weg verlassen hatte und mich mit dummem Zeug abgab, und mein ganzes Tun einer so hochstehenden Familie wie der meinen – lauter Adel! – keine Ehre machte. Außerdem sah er darin eine Ehrverletzung für sich selbst, wie es die Art von Dienern ist, die mit dem Ansehen ihrer Herren großtun; bei jeder Gelegenheit suchte er mir einen Stich zu versetzen, doch hielt es sich noch in gewissen Grenzen. Diesmal brachte ihn der Vorfall furchtbar gegen mich auf. »Wie!« sagte er. »Daß er uns solche Schande macht!« Einmal, als wir einander stichelten und er mir beweisen wollte, wie weit mich die Ketzerei verführt habe, kam er mit der ganzen Sprache heraus und hielt mir eine Strafpredigt, indem er mir meine Taten mit folgenden Worten erzählte: »Als du einmal auf den Hof hinausgingst, kam dir unser großer Hahn entgegen. ›Durchlaucht!‹ sagtest du zu ihm und nahmst den Hut ab. ›Ihr seid ein Gardist, Ihr tragt Sporen und schöne Federn, die Welt hält Euch für gebildet und sehr klug. Aber verzeiht mir, was ich Euch sagen werde: Ihr treibt es wahrhaftig nicht sehr schön. Seit Ihr bei uns wohnt, hört man Euch nur schreien und lärmen und streiten, bald mit dem, bald mit jenem, und immer um Frauen, um Unsinn. Habt Ihr nicht jeden Tag Liebschaften genug, daß Ihr dem andern noch seine einzige rauben wollt? Warum fielt Ihr zum Beispiel über jenen armen Tropf her? Warum habt Ihr mit ihm ein Duell geführt und ihn verwundet? Und das heißt noch ›Ehre‹ bei euch! Beim gewöhnlichen Volk ist das einfach Mord. Eure Frau ist wahrhaftig zu bedauern. Die Arme rackert sich mit Euren Kindern ab, die Ihr nicht einmal ansehen wollt. Herr Gans und Herr Truthahn gefallen mir wahrhaftig besser. Die Welt hält sie für dumm, für einfältig, sie leben aber sehr anständig, sind treue Väter und ernähren Frau und Kinder, so wie es Gott befohlen hat. Im Vergleich mit ihnen seid Ihr wirklich einen Schmarren, Kapures wert, Durchlaucht, wahrhaftig!‹ Dann bist du vom Hahn weggegangen und hast unsere Kuh und das Kalb am Spreuzuber getroffen. Du begrüßtest sie sehr höflich. ›Ah, Madame Kuh!‹ sagtest du. ›Wie geht's? Was macht Euer werter Gemahl, Herr Stier? Eure Toilette, Madame, gefällt mir sehr, sie ist sowohl stark als auch schön. Der Schwanz, der Euch hinten nachschleppt, ist heute die letzte Mode, er paßt den Damen vorzüglich. Sehr schön, auf mein Wort, Euer Mann hat von Euch Hörner bekommen, sagt man. Oh, ein sehr schönes Geschenk, wahrhaftig! Er freut sich gewiß! Warum ist er immer so beschäftigt? Man muß manchmal mit der Frau spazieren gehen und zusammen Besuche machen. Was hat denn eine Dame sonst zu tun? Ihr seid wahrscheinlich der gleichen Ansicht, Madame Kuh, wie jene, die meinen, das Weib sei nicht zu ernster Arbeit geschaffen, so wie der Mann. Wie sieht denn das zum Beispiel aus, wenn ein Mädel Pferde lenkt? Ja, habt Ihr schon mit unserer Holländerin Bekanntschaft geschlossen? Oh, eine sehr schöne, dicke Dame! So was Ausländisches ist doch ganz was anderes! Herr Stier scheint mit ihr recht gut zu stehen. Bitte, nehmt doch ein bißchen Konfitüren, Madame‹, zeigtest du auf die Krippe, ›nehmt doch, Madame, und gebt auch Eurer Mamsell! Geniert Euch nicht, Mamsell Kalb! Da tut Ihr sehr recht daran, Madame Kuh, daß Ihr Eure Tochter immer bei Euch behaltet. Was kommt dabei heraus, wenn man die Töchter irgendwo zur Erziehung hintut? Hinausgeworfenes Geld, wahrhaftig! Sagt lieber, bewirbt man sich schon um Eure Mamsell? Schämt Euch nicht, Mamsell, schon recht, das ist ja eine bekannte Sache. Kälblein ist gut und fromm wie die Mutter. Ich mache Euch wahrhaftig keine Komplimente, es ist bloß die reine Wahrheit.‹ Gerade damals mußte es sich treffen, daß Herr Zempel mit Frau und Töchtern zu Besuch kam. Da packtest du – nicht heute erwähnt! – den Trog, trugst ihn in den Salon, stelltest ihn vor die Gäste und fordertest sie in der Kuhsprache auf, Spreu zu essen. ›Es ist wahrhaftig schon Zeit‹, sagtest du, ›die Kühe zu melken und sie an ihren Platz zu schicken. Wie lange sollen sie so spazieren gehen? Bei uns in der Wirtschaft ist eine schreckliche Unordnung!‹ Du kannst dir vorstellen, wie alle versteinert dasaßen und wie es jedem ums Herz war. Man entfernte dich geschwind. Plötzlich hörte man ein Geschrei, man lief hinaus und sah – schwarz wurde es allen vor Augen! Da stand Reb Izzek-Wolf im Hause – ein so angesehener Mann, keine Kleinigkeit, er ist Vorsteher in den wohltätigen Vereinen, alles in der Stadt ist in seinen Händen und man glaubt ihm aufs Wort – also du standest vor ihm und schriest – nicht heute erwähnt! – ›Ein Skandal, wie unsere Gemeinde geführt wird! Kriegt man schon einen Gemeindebock, so läßt man ihn laufen und niemand kümmert sich mehr um ihn. Was tut aber ein solcher Bock? Meistens geht er in die Klous, dort ist sein Aufenthaltsraum, er leckt die Wände, wühlt in alten Buchblättern, springt mit dem ganzen Rudel Ziegen in den Gärten herum, schleicht sich leise in alle Häuser; kaum wendet man die Augen ab, steckt er die Schnauze in einen Trog, einen Kasten oder in eine Büchse und richtet Schaden an. Gemeinde, pack deinen Bock am Bart und sieh, daß er nicht mehr in den Gärten herumspringt, nichts mehr aus den Trögen reißt! Nein, das tut keiner, jeder hat Angst, sich auch nur an ihn heranzuwagen. Kommt es manchmal vor, daß mehrere Leute beieinander stehen und wichtige Dinge besprechen, und sehen sie von weitem den Gemeindebock, beginnen sie wie Espenlaub zu zittern und zerstieben nach allen Seiten.‹ Schmach und Schande hast du uns mit deinen Sachen angetan. So feine, anständige Leute hast du zu Vieh gemacht! Oh – oh – oh!« schloß Ssenderel und griff sich an den Kopf. »Hätte sich eine Grube geöffnet, wir hätten uns lebend hineingewünscht.« Siebentes Kapitel Ssrulik will noch immer ein Mensch werden Wegen dreier Sünden war ich in der Stadt sehr verrufen: Daß ich ein Bursch von über zwanzig Jahren und noch unverheiratet war; daß ich das »Lernen« verraten und den Talmud verlassen und daß ich mich mit allen Sinnen auf die »Bücher« geworfen hatte. Die Leute meiner Stadt hielten mich für einen Ketzer, sahen mich scheel an und mieden meine Nähe. Schlimm ist die Lage dessen, der in der Fremde einsam ist, aber noch viel schlimmer für den, der es in seiner Heimat ist. In der Fremde kennt der Einsame niemanden und niemand kennt ihn. Das ist sicher ein Herzeleid, aber es steckt keine Schande darin. In der Heimat, unter Angehörigen, fremd zu sein – das ist ein Zustand, in dem Herzeleid und Schande zugleich stecken. Das bedrückte Herz eines solchen armen Menschen kann bloß jemand nachfühlen, den man unter den Gästen einer Versammlung oder eines Festes zum Beispiel allein sitzen läßt, um den sich mit oder ohne Absicht niemand kümmert. Er scheint eine Tarnkappe aufzuhaben, er sieht jeden – ihn sieht niemand. Sagt er ein Wort, so hört man nicht, was er sagt, und seine Worte kommen zu seinen Ohren zurück. Antwortet ihm einer schon mal eine halbe Silbe, die er in den Bart brummt, so sieht das aus, als ob er ihm eine Gnade erwiese und dazu bei sich dächte: »Da hast du und geh zu allen Teufeln!« Wäre ich wie früher Tag und Nacht in meinem Zimmer über meinen Büchern eingesperrt gesessen, so hätte ich vielleicht nicht so sehr gefühlt, daß mich die Leute haßten. Jetzt aber, da ich infolge meiner Krankheit gezwungen war, weniger zu lernen und manchmal eine Zeitlang das Lernen ganz zu lassen, jetzt fühlte ich sehr, wie schrecklich und schwer es für mich war, daß ich von den Meinen und von Fremden losgerissen war, weder dahin noch dorthin gehörte. Meine Mutter kränkte sich sehr, daß ich mit meinem Tun und Treiben andere Wege als alle anderen in der Stadt ging. Doch nahm sie sich in acht und sagte mir kein scheeles Wort, da sie ihrem einzigen Sohn nicht weh tun wollte. Darum wurde meine Liebe zu ihr noch stärker, und wenn mir nicht wohl zumute war, so trieb es mich ungeheuer, ihr mein bedrücktes Herz auszuschütten. »Ach Mutter, es ist schlimm«, klagte ich ihr einmal in einer schweren Minute, »es ist schlimm für den Menschen, allein zu sein.« Meine Mutter fuhr auf, als sie das hörte und sagte mit freudestrahlendem Gesicht: »Du hast mir neues Leben gegeben, mein liebes Kind! Soeben sprach man darüber. Hätte man den Messias erwähnt, so wäre er gekommen. Ich sehe darin offensichtlich das beste Vorzeichen, daß das, was ich dir jetzt zu sagen habe, von Gott kommt. Ich bin überzeugt, daß du mich heute gern anhören wirst. Dein Glück möge von heute an – o gib's, Herrgott! – wie der helle Morgenstern zu leuchten anfangen. Höre zu, mein Sohn! Heute hat man mir eine Heirat für dich vorgeschlagen, eine herrliche Sache. Die Braut – was Wunderbares! Schön, reich, auch – –« »Genug! Genug!« bat ich meine Mutter. Sie hörte mich nicht an. »– auch viel Geld, Geschenke, Schmuck, Gold und Silber, Brillanten, schöne Kleider, Kest, alles wie bei reichen Leuten.« »Alles wie in Israel, alles wie bei den Juden!« rief ich aus und fiel meiner Mutter ins Wort. »Alte Geschichten! Anfangen tut es wie bei reichen Leuten und der Schluß ist wie gewöhnlich nach Schnorrerweise: Ein Packen Kinder, Armut, bitteres Leben, Lehrerei, Luftmenschentum, Maklerei, gebeugter Rücken, Bücken, Knien, Dankschönsagen, Untertänigkeit, Loben und Preisen – pfui! – Preisen, Preisen, Preisen und Preisen ...« »Genug, höre schon auf!« sagte die Mutter und fuhr erschrocken zurück. »Eine Sintflut von Worten, daß Gott einen schütze! Sscht, sscht, ich werde nichts mehr reden. Hättest du nicht angefangen, so hätte ich kein Wort gesagt, Du hast ja mit deinem eigenen Mund soeben erst gesagt, wie es in der Schrift steht: Es ist für den Menschen nicht gut, allein zu sein. Das heißt, es ist für den Menschen nicht gut, ohne Frau zu sein.« »Ach, ach, Mutter! Ich habe damit gemeint, daß ich hier ganz einsam und von allen Menschen entfernt bin.« »Du, Ssrulik, du selber hast dich von den Leuten entfernt, du gehst doch nicht ihren Weg. Wenn du willst, kannst du ja die Sache in Ordnung bringen.« »Soll ich Buße tun, rätst du mir das vielleicht, Mutter, soll ich wieder ein Luftmensch werden, mit allen Bräuchen unserer Luftmenschen? Gegen meinen Verstand und meinen Willen handeln und mein Leben lang ein Narr sein, damit Narren mit mir zufrieden seien? Nein, Mutter, dadurch werde ich mir's noch schlimmer machen: Ein Mensch, der im Gegensatz zu seinem Verstand und seinem Willen handelt – ist ein Nichts, schlechter als ein Aas. Das gilt nicht nur für Juden, sondern für die Menschen überhaupt.« Meine Mutter schwieg, schüttelte den Kopf, sah mich sorgenvoll an und seufzte. Mein Herz war bitter, und ich klagte vor ihr in großem Leid: »Wehe, Mutter, daß du mich geboren hast, um unglücklich und den Menschen verhaßt zu sein. Schlimm habe ich es bei den Meinigen, bei den Juden, und schlimm habe ich es bei ›ihnen‹, den Nicht-Meinigen. Die einen hassen mich, weil ich kein solcher Jude bin, wie sie wollen, und für die anderen bin ich wie alle Juden zum Unglück der Jude. Für diese Sünde, mit der ich und meine Väter auf die Welt gekommen sind, die wir seit unserem Vater Abraham als Erbe haben, werden wir mit großer Not, Unterdrückungen, Verhängnissen, Leid und Qual und jeder möglichen Pein bestraft. Ich halte es für die gewichtigste Pflicht, alles, was nur möglich ist, gegen ein solches Unglück anzuwenden. Ein Mensch, den man aus der Gemeinschaft ausschließt; in dem man die menschliche Würde, die Gabe Gottes, erniedrigt; den man zusammenpfercht, so wie die Vögel in den Käfig, daß er sich gar nicht rühren kann – und dem das alles ganz wurst ist –, für den wäre es besser, gar nicht geboren zu sein. Ich bin ein Mensch, Mutter! Ich lebe und will leben, ich verlange danach, aus der Enge herauszukommen und menschlich in Gottes großer Welt zu leben, alles zu tun, was nur möglich ist, damit mir das Judentum nicht schade, und ich meine Lage verbessere.« »Ach, was sprichst du, mein Kind!« rief meine Mutter und wurde totenblaß, als ob sie ohnmächtig werden wollte. »Beruhige dich, Mutter«, redete ich ihr herzlich zu. »Ssruul, dein Sohn, ist Ssruul und wird ewig Ssrulik bleiben. Meine Lage verbessern will ich durch Bildung. Dadurch, daß ich die Universität besuche, werde ich besondere Rechte bekommen, darunter auch das Recht, die Enge, den Rayon zu verlassen und mich frank und frei auf der ganzen Welt zu bewegen.« »Du willst also anscheinend, mein Kind, wieder zu deinen Geschichten, willst Tag und Nacht über deinen Büchern schwitzen«, sagte meine Mutter mit Sorge um die Gesundheit meines Körpers und die Ruhe meiner Seele. »Ach, deine Bücher, deine Bücher! Nur Leid und Not bringen sie uns, Ssruul. Eine einfache Frau bin ich, und ich verstehe überhaupt nicht, was dir diese Welt ist, von der du so oft sprichst und die dich so sehr anzieht. Bleibe bei deiner Mutter, du hast bei mir, Gott sei Dank, alles, was du brauchst. Und für wen placke und rackere ich mich mein ganzes Leben lang? Doch bloß für dich, mein teures Kind.« »Ein Müßiggänger zu sein und der Mutter auf dem Halse zu hocken, o wie häßlich das ist! Ein erwachsener Bursch wie ich, der an Mutters Schürze hängt, ißt und nichts tut – für ihn, für sie und für die Welt wäre es besser, daß er gar nicht da wäre. Nein, nein, ein Luftmensch will ich nicht sein, es gibt bei den Juden Luftmenschen genug!« »Ich bitte dich, lass' deine Bücher, Ssruul; und das Recht, dort zu wohnen, wo es verboten ist, von dem du sprichst, ach, dafür gibt es ja ein Mittel – Geld und ein Handwerkerzeugnis.« »Was heißt ›Geld‹?!« »Ach, man bezahlt für ein Kaufmannszeugnis einer beliebigen Gilde, und das gibt dem Juden das Recht, in der Welt zu wohnen, nach der es dich so sehr hinzieht.« »Ach, traurig, wenn einem Menschen das Geld hilft und nicht er selber. Ein Recht, das vom Geld stammt, ist eine Schande, sowohl für den, der es gibt, wie für den, der es bekommt. Pfui, ich will das nicht, und Handel hasse ich überhaupt. Ich hasse ihn wegen der Kaufleute, deren Mehrheit, von den Trödlern bis zu den Krämern und Bankiers, alle Schüler Labans sind, und die Kaufleute wieder hasse ich wegen des Neides und der Konkurrenz und des großen Durcheinanders in der ganzen Weise der Handelswelt, die mit oder ohne Willen schlecht auf sie wirkt. Trödler und Händler gibt es bei den Juden auch ohne mich genügend! Und was du sagst – ein Handwerkerzeugnis – aber Mutter! Was habe ich mit Handwerk zu tun? Ich kann keines und kenn' keines.« »Das Handwerk ist nicht so notwendig«, flüsterte mir meine Mutter zu, »die Hauptsache ist das Handwerkerzeugnis, verstehst du?« Ich verzog zur Antwort die Nase, da mir die Worte meiner Mutter nicht behagten. Allerdings ist es eigentlich erlaubt, wenn es sich um lebenswichtige Dinge handelt, einen klugen Ausweg zu finden, wie zum Beispiel: einen Ejrew, daß man tragen kann, einen Dispens, daß man Zinsen nehmen kann usw. Eine ziemliche Weile schwieg ich und rümpfte die Nase, dann kam ich mit der Sprache heraus, kurz und bündig: »Ich will von nichts anderem wissen als vom Doktordiplom, und das Diplom werde ich mit allen meinen Kräften zu bekommen trachten. Ich werde nicht eher ruhen, als bis ich es habe. Einmal für allemal, ich will lernen!« »Lernen – deine ›Lehre‹, daß ich nicht lache! Ach, deine Lehre, sie raubt dir ja deine ganze Kraft, Ssruul.« »Müßiggang schwächt die Kraft noch mehr, und man ist gar kein Mensch mehr.« Was sollte meine arme Mutter tun? Sie gab mir nach, aber unter der Bedingung, daß ich mir eine Zeit fürs Lernen, eine Zeit fürs Spazierengehen, fürs Schlafen und ähnliche Dinge bestimme, um meine Gesundheit zu schonen: In einem gesunden Körper ist eine gesunde Seele. So ging ich in glücklicher Stunde wieder an meine Bücher, lernte tüchtig und geordnet, genau so wie früher, bis die Zeit der Examina kam. Achtes Kapitel Ein Mutterherz ahnt richtig An einem schönen Morgen im Frühling fuhr vor unserem Haus ein Wagen vor, der mich nach Dnjeperstadt zu bringen hatte, wo ich mein Examen machen sollte. Meine Mutter war sehr traurig, ihre Augen wurden von Tränen nicht trocken; sie weinte unaufhörlich und sah mich an, sah mich an und weinte. »Weine nicht, Mutter«, bat ich sie und heulte selber los. Es war mir schrecklich schwer ums Herz. »Weine nicht, Mütterlein! Ich fahre doch nicht Gott weiß wohin und wozu. Ich muß doch den Tanz einmal überstehen, ich habe soviel gearbeitet und mich geplagt, Gott wird helfen, ich werde mein Ziel erreichen, ich werde mein Brot in Ehren verdienen können und es zu etwas bringen – dann, Mütterlein, wirst du Freude von mir haben. Weine nicht, wahrhaftig, weine nicht, Mütterlein.« »Ach, Ssrulik«, antwortete sie. »Du hast das so leicht zu sagen. Wenn ein Mutterherz weint, kann man es nicht so leicht beruhigen wie ein Kind. Es weint nicht ohne Grund. Es spürt, es erfühlt etwas, was niemand mit dem Verstand begreifen kann. Ich bitte dich, Ssrulik, vielleicht überlegst du es dir doch noch und fährst nicht? Wozu sollst du dich in den Jahren so plagen, du armer Kerl? Wer weiß, ob du es nach aller Mühe gut haben wirst? Ob dir deine Rackerei etwas helfen wird? Wieviel gebildete Menschen gehen bei uns Juden ohne Stiefel, die armen Teufel! Wieviel gelehrte Leute quälen sich ihr ganzes Leben und gehen zugrunde! Ssrulik, die ganze Geschichte mit ihren Schulen und ihrer Lehre ist ja was ganz Neues, unsere Väter hatten keine Ahnung davon. Gebe Gott, daß das nicht uns und ganz Israel Not bringe, daß nicht Kinder von den Eltern losgerissen werden. Ich bitte dich, bleib daheim. Schwer, sehr schwer ist mir der Abschied von dir.« Der Fuhrmann kam ins Haus, nahm alle meine Sachen und machte damit meinem Gespräch mit der Mutter ein Ende. Wir küßten und verabschiedeten uns beide weinend. Ich warf mich in den Wagen und fuhr ab. Lacht nur, ihr heutigen Aufgeklärten, lacht, worüber ihr wollt, aber bitte lacht nicht über die Meinung, daß das Weinen eines Mutterherzens einen Grund haben muß! Solange ihr schweigt und mir die Frage nicht beantworten könnt, was das Leben ist, wie im Innern unseres Gehirnes alle unsere Gedanken und Gefühle entstehen, wie sich in uns aus einem Stoff und Faden, die noch nicht auf der Welt sind und sich erst später entwickeln werden, wunderbare Träume spinnen und weben – solange ihr schweigt und keine Ahnung von Begreifen habt, werde ich euch nicht über die Meinung lachen lassen, daß das Menschenherz fühlt und errät. Ihr dürft nicht, ihr habt nicht das Recht, zu lachen, wenn ich sage, daß meiner Mutter Herz nicht ohne Grund weinte: Ich fiel durchs Examen! Es lohnt sich zu wissen, wie und was mir mißlang. An dem Tage, da ich die Prüfung ablegen sollte, war ich just guter Stimmung und unverzagt und trank auch noch, um mir Mut zu machen, ein Gläslein Branntwein, obwohl ich sonst nie trinke. Unbesorgt, dachte ich, Gott wird mir schon helfen! Warum sollte ich solche Angst haben? Ich habe es doch mit gelehrten, feinen Männern zu tun, die werden mich wohl fein und zart behandeln, so wie es Gelehrte tun müssen, und werden mir Mut machen. Aber wehe! Als ich zur Prüfung kam, ließ ich bald die Nase hangen. Die Lehrer saßen in Uniformen mit Messingknöpfen da und sahen mich so strenge und böse an, als ob ich gestohlen oder einen Menschen erschlagen hätte, sie blickten wie ein Kommissar zu jenen Zeiten, dessen erster Willkommengruß lautete: »Woher? Ich werd dir –! Hast du einen Paß?« Wozu brauchen wohl Lehrer, deren Beruf es ist, aus uns und unsern Kindern Menschen mit Verstand und Gefühl zu machen, deren Beruf es erfordert, daß sie gut, einfach und gegen jedermann zutraulich seien, damit sich ihnen die Herzen, in die sie den Samen der Erkenntnis, des Lebens, des Friedens und der Menschenliebe zu säen haben, eröffnen – wozu brauchen sie wohl Messingknöpfe, wozu blicken sie streng wie die Polizisten? Man sage, was man will, man kann sich Sokrates, Plato, Aristoteles und die anderen doch nicht mit solchen Knöpfen, mit solchen sauren Mienen und finsteren Gesichtern vorstellen! Begreiflicherweise verlor ich bei ihrem Willkomm bald meinen Mut und wußte nicht mehr, was mit mir geschah. Und wenn das der Zweck war, dann erreichten die Lehrer, was sie wünschten, daß es eine Art hatte. Mein Kopf war sofort wirr. Ein Lehrer wandte sich mit einer Miene an mich, als ob er sagte: »Das will auch wer sein! Ich habe einen offenen Kopf, ein gutes Hirn! Ich frage! Verstehst du? Ich, ich frage. Respekt, ja?!« Mit solcher Miene wandte er sich mir zu und warf mir Fragen von hier und von dort an den Kopf, bis wir auf eine Geschichte kamen – just auf die alte Jaha! Ich verwickelte und verstrickte mich, ich kam vom Weg ab und stolperte. Die Lehrer erwiesen mir die Ehre, mir ein Lachen zu schenken, ihre Miene wurde heiterer, und damit war's mit meinem Examen Schluß – aus mit der ganzen Mühe, aus und Schluß mit allen Hoffnungen! Vor Leid konnte ich nicht in meinem Quartier sitzen bleiben und irrte in der Stadt umher, durchmaß alle Straßen und die schönen hohen Berge in der Umgebung der Stadt. Ich kam bloß ins Quartier, um irgend etwas zu mir zu nehmen und zu schlafen. Ich sage das so: Schlafen: Der Schlaf mied mich gänzlich, und ich verlebte furchtbare Nächte, in denen ich mich in meinem Bette von einer Seite auf die andere warf! Kaum schloß ich die Augen, so tauchten, wie aus dem Boden gewachsen, absonderliche Gestalten vor mir auf, blickten mich böse mit sauern Mienen an – und es begann das Theater – das furchtbare Theater. Eine Komödie wurde gegeben, in der ich der Sühnehahn war und den Spruch von den »Menschenkindern« vor mir im Buch sah, ohne die Bedeutung von »Menschen« zu kennen, ohne zu wissen, was »Menschen« heißt, und fühlte, wie ich durch die Luft flog und kreiste, an allen Vieren gebunden, wie man mit mir Kapures schlug. Einmal krähte ich während eines solchen Spiels mit gewaltiger Stimme auf und erschrak so heftig über mein Kikerki, daß ich tödlich entsetzt aus meinem Bette sprang und ganz wirr hinausfloh. Mir schien, als ob man mir nachliefe und fortwährend schrie: »Wo ist er? Haltet ihn!« Als ich so Hals über Kopf rannte, stieß ich plötzlich an jemanden und fühlte, daß mich eine kalte Hand eisenfest hielt. Vor mir erblickte ich ein altes Weib, dürr, ohne ein Lot Fleisch, bloß Haut und Knochen. Anstelle der Augen waren zwei tiefe Löcher, verbrämt mit schmutzigfaltiger, lederartiger Haut, von einer eklig-abscheulichen Farbe, der Mund war bis zu den Ohren offen, kein einziger Zahn in seiner Leere und Öde, bloß die Zunge schoß drinnen umher und krümmte sich zappelnd wie ein Wurm in seinem Loch. An ihrem Arm hing ein Korb mit großen lebenden Krebsen, die Ungeheuer krochen übereinander herum und bewegten die Scheren wie Zangen. Sie sah mich schweigend an, ihr Mund zog sich noch breiter auseinander. Er schien zu lachen. Entsetzen, was für ein Lachen das war! Ein finsterer Schatten von Schwermut lagerte sich davon über die Seele, und das Innerste erstarrte zu Eis. Die alte Jaha fiel mir ein, die schon seit Jahren mein Unglück war, die mir im Weg stand und mich nicht emporkommen ließ. Kalter Schweiß drang mir aus allen Poren, es wurde mir zur Ohnmacht übel. Ich tat mir Gewalt an, riß mich von der Stelle los und rannte wie von Sinnen. Neuntes Kapitel Er findet sie wieder Die alte Jaha flößte mir solches Entsetzen ein, daß ich mich beim Gehen nach allen Seiten umsah und mich hütete, ihr zu begegnen. Ich hatte ja schon seit langem gehört, daß Jaha in Dnjeperstadt wohnte und die Leute mit langen Nasen in Angst hielt. Wenn sich ihr ein solcher zeigte, packte sie ihn an der Nase, tat einen Pfiff – dann kamen die Richtigen – die Geister, die Kobolde. Sie riß ihn an der Nase und die andern stießen von hinten – und die Langbenasten mußten in ihre Grenzen. Seit dieser Zeit begann ich immer nach meiner Nase zu fühlen und versteckte sie der Gefahr halber, so gut es ging. Als ich einmal auf der Straße ging, sah ich von ferne, wie Polizisten ein Tier schleppten und mörderlich schlugen. Nach meiner Pflicht als Mitglied des Tierschutz-Vereines ging ich sofort auf die Polizisten zu und wollte sie um Mitleid für das Tier bitten. Als ich näher kam und sah – brach mir kalter Schweiß am ganzen Leibe hervor: Das war sie, ja sie! Mit der weichselzöpfigen Frisur, mit ihrem dürren Hals und ihrem krummen, zerpeitschten Rücken! Das war sie, ja sie – meine alte, meine dürre, meine elende Mähre! »Warum«, fragte ich die Polizisten, »warum schlagt ihr ein lebendes Wesen so – das arme Tier?« »Das ist nicht deine Sache. Mach, daß du fortkommst, zudringlicher Kerl!« »Ich bin Mitglied im Tierschutz-Verein – versteht ihr?« »Wir führen sie zur Polizei«, antworteten die Polizisten widerwillig. »Wozu schlagt ihr da noch?« »Ohne einen Hieb sieht das Führen nach nichts aus, so wie eine Hochzeit ohne Musik«, antworteten sie höhnisch. »Aber es ist ja zum Erbarmen, tut es ihr denn nicht weh, wenn man sie schlägt? Oh, ihr schlagt ja ein lebendes Wesen, ein menschliches Wesen.« »Wa-a-as?!« sagten die Polizisten, wandten mir böse Gesichter zu und durchbohrten mich mit den Augen. Das dreigipflige »Was« und das Durchbohren mit den Augen machte alle meine Glieder erstarren, besonders meine Nase. Fast unbewußt fuhr meine Hand in die Tasche und aus der Tasche in ihre Hände und gleich wurden sie milder. Ich benutzte ihre gute Stimmung und fragte sie nunmehr als guter Bekannter: »Das Geschöpf da – was hat es denn eigentlich verbrochen?« »Das Vieh hat nicht in der Stadt herumzulaufen, nach dem Gesetz muß es in seinem Stall liegen.« »Warum laufen denn andere in den Straßen herum?« »Was haben wir da viel zu reden! So ist der Befehl, und so tun wir. Übrigens, wenn du dich der Sache so sehr annimmst, sag, ist es vielleicht deine Mähre?« Ich wollte gleich antworten: »Ja, sie gehört mir, die Mähre gehört mir.« Ich warf aber gerade einen Blick auf sie, und es ärgerte mich sehr, wie ruhig sie dastand, ohne ein Fünklein Gefühl, als ob das ganze Gespräch sie nichts anginge: Als ob nicht sie gemeint wäre, sondern die Luft; als ob sie dächte: »Na, schön, wenn man mich schon beleidigt und verhöhnt, was kümmert mich das?« Oder als ob sie gar nichts dächte, ganz einfach gar nichts, und nichts anderes im Sinne hätte, als irgendwas zum Ausstopfen ihres Wanstes zu erwischen. Vor Zorn wollte ich schon sagen: »Nein, sie gehört nicht mir, wir haben überhaupt nichts miteinander zu tun!« wollte ausspucken und davongehen. Gleich aber packte es mich am Herzen, so daß ich feurig sagte: »Nun, natürlich gehört sie mir.« Wozu soll ich lange Geschichten erzählen, was ich alles mit den Polizisten redete? Kurz, ich feilschte, zahlte, gab ihnen das ihrige und erlöste die Mähre aus ihren Händen, unter der Bedingung, sie aus der Stadt zu führen. Wenn sie ihnen aber noch einmal vor Augen käme, dann könnte ich sicher sein, daß – es mich mehr kosten würde. Ich hielt Wort, dachte nicht lange nach und machte mich mit der Mähre auf den Weg. Man stelle sich meine Lage vor: Auf dem stellenweise grubenreichen, steinigen und dornigen Wege ging ich Pechvogel zu Fuß mit einer Mähre! Ich plagte mich, arbeitete über meine Kraft, ging voraus und sie kroch hinterdrein, kaum, daß sie die Füße hob. Das war noch gut, zeitweise aber stolperte sie, blieb stehen, und man mochte tun, was man wollte, so rührte sie sich nicht vom Ort! Sie wollte sogar den Weg verlassen und in den Morast steigen. Was war mit ihr anzufangen? Welchen Rat sollte man sich da schaffen? Ich packte sie an der Mähne und schleppte sie mit Gewalt. Ich wurde aber vom Schleppen müde und schwitzte gehörig. Dann tat mir das Herz weh, sie zu schleppen – ein Jammer, es mußte ihr weh tun! Schlimm! Das war ein böses Geschäft. Ich blieb mit verschränkten Händen stehen, war sehr zornig über sie und schimpfte: »Pfui, wahrhaftig«, sagte ich mürrisch, als spräche ich zur Luft. »Ich habe nicht erwartet, daß sie mir für meine Freundschaft und Güte soviel Ärger und Leid bereiten würde! Ich streite und schlage mich für sie und nehme mich ihrer an, ich lege ein gutes Wort für sie ein, bitte sie, so gut es geht, los, daß man sie nicht so schlecht behandle; ich gehe ihr zuliebe wie ein Bettler zu Fuß und schaue nicht auf meine Ehre, gebe meine Gesundheit her und quäle mich so – wozu? Damit sie etwas Besseres erreiche, sich ausruhe, frei atme – und sie läßt mir die Galle platzen, wie der ärgste Feind! Nun, frage ich, ist das denn recht, ist das denn schön? Pfui, meiner Seele! Ich mache ganze Pläne und denke viel über sie nach, immer über sie und sie – und sie zerschlägt mir mit ihrem jetzigen Gebaren alle meine Gedanken. Ich sage ihr: ›Geh!‹ – so bleibt sie hinten stehen; ich schrei: ›Geh den Weg da!‹ – so kriecht sie in den Morast. Ich bin nett und gut und höflich und freundlich und sie ist widerborstig und eklig und abscheulich und tut mir alles zu Trotz! Nun, ist das recht, ist das schön?! Pfui! Lächerlich, wahrhaftig. Ich weiß sehr wohl«, sagte ich nach einer Weile des Stillschweigens und zeigte ihr mit dem Finger direkt ins Gesicht, »wenn ich mich zum Reiten auf dich setzte, dir einen Zaum anlegte und dich peitschte, dann gingest du sicher, wohin ich dich lenkte. Vor dem, der auf dir reitet, meine liebe Mähre, hast du Respekt, zitterst vor seinem Wink, vor seinem Blick, und erachtest dich für selig, wenn du ihn zufriedenstellst, selbst wenn er dir das Fell vom Leibe schindet. Aber mein Herz läßt mich nicht auf dir reiten. Möge meine Zunge am Gaumen festhaften, wenn ich dir sagen werde: ›Trage!‹ Wenn ich dir einen Hieb versetzen werde, elende Mähre, so verdorre meine Rechte! Denke nur gut nach.« So sprach ich feurig zu der Mähre, so redete und predigte ich von ganzem Herzen, ich weinte förmlich vor Schmerz wie ein Kind, und sie stand da und rupfte sich ganz kühlen Mutes Gras an der Seite des Weges. Was war zu tun? Was anzufangen? Überzeugende Reden halfen nichts, Predigten nützten nichts, weder im Bösen, noch im Guten war etwas auszurichten. Sie zu verlassen ließ mein Herz nicht zu, ich hatte schreckliches Mitleid mit ihr, und wie zu einem Magneten zog es mich zu ihr hin. Ich faßte sie wieder an der Mähne und schleppte sie auf gut Glück, so weit ich konnte. Ich bat Gott, daß wenigstens keine fremden Menschen vorbeiführen und mich und meine Mähre auslachten, daß wenigstens keine Fremden sähen, was bei uns vorginge, daß es wenigstens unter uns bliebe, hübsch verborgen. Aber mein Gebet ging nicht in Erfüllung. Zum Unglück mußten von allen Seiten Menschen daherkommen, von edlem und von gewöhnlichem Stande. Jeder wies beim Vorüberfahren mit den Fingern nach uns, machte einen Witz und lachte. Der eine sagte: »Wo habt Ihr solch eine muntere Mähre erwischt? Ein prächtiger Kauf!« Der andere: »Wozu steckt Ihr bei einem solchen Unglücksvieh, junger Mann? Geht Eures Weges und laßt das Aas laufen. Wozu macht Ihr Euch umsonst den Kopf wirr, Ihr werdet mit der da gar nichts ausrichten. Seht ihr denn nicht, daß sie schon nach Friedhofsgras, nach Totengebeten riecht?« Ein dritter: »Steigt auf und schlagt ihr die Knochen entzwei, dann sollt Ihr sehen, wie sie die Beine auf die Schultern nehmen und fliegen wird.« Und wieder ein anderer: »Nehmt das Luder auf die Achsel, dann wird's besser gehen, meiner Seel!« Wie es mir ums Herz war, daß ich von jedermann solche Reden hören mußte, weiß nur Gott. Inzwischen war die Nacht hereingebrochen. Der Himmel war von schwarzen Wolken bedeckt. An manchen Stellen blitzte es. Die Mähre trieb ihre Faxen weiter. Ich eilte, wollte irgend ein Nachtlager erreichen und beschloß darum, mein Unglücksvieh aus Leibeskräften zu schleppen. Man höre aber! Als ich sie stark zog, bäumte sie sich auf und schlug aus. »Hö-hö!« dachte ich. »Du schlägst aus, du willst mich schlagen. Also dann gute Nacht! Schlaf nur allein. Ich werde fortgehen, dann werde ich alle Sorgen los sein, werde mir Schmach und Spott und Hohn ersparen.« Gleich überlegte ich es mir aber wieder: »Hö-hö! Du schlägst aus, du bist wütend, du willst mich schlagen – schon recht; du beginnst wohl zu fühlen, es kümmert dich was, und wenn dich was kümmert und du zu fühlen beginnst, so ist zu hoffen, daß du, will's Gott, zu Verstand kommst – dann wird alles ganz anders werden!« Voll Liebe umarmte und streichelte ich meine Mähre und führte sie langsam und vorsichtig, bis wir an einen großen, dichten Wald kamen, den wir zum Übernachten betraten. Zehntes Kapitel Was Ssrulik in dieser Nacht erlebte Unter einem hohen und großen Baum warfen wir uns beide hin, sehr müde und schwach von so schwerer Reise. Es blitzte, als habe sich der Himmel gespalten, und die Welt war in Feuer getaucht. Bald darauf brüllte der Donner und tönte von allen Seiten in schrecklichem Widerhall wie von tausenden Kanonen. Ein Sturm brach los, pfiff und weinte und heulte fürchterlich, so wie hungrige Wölfe, als ob sich an diesem Tage hundert Hexenmeister aufgehängt hätten. Der schlafende Wald erwachte entsetzt. Jedes Hälmlein, jedes Zweiglein, jedes Blättlein erwachte, alle lärmten und rauschten und plapperten in allerlei Tönen und Sprachdurcheinander. Elstern, Raben und Eulen mit ihren Genossen krächzten auch ihre Trauermelodie darein. Alles ächzte und seufzte, schrie, einer übertönte den anderen, bis ein Platzregen mit einem Mal jedem den Mund stopfte. Furchtbar ist eine solche Nacht im Walde, furchtbar, furchtbar! Ich drückte mich zusammengekauert und eingerollt an den Baum. Der Regen überschwemmte mich schrecklich, ich zitterte am ganzen Leibe. Und zwischen den Donnerschlägen klangen mir die göttlichen, kraftvollen Psalmenworte ans Ohr: Die Erde wankt in ihren Gründen, Sie bebt bis zu der Berge Schlünden, Sie wanken bis ins Fundament, Wenn er in seinem Zorn entbrennt. Flamme und Rauch entströmt seiner Wut, Fressendes Feuer aus seinem Munde, Von ihm fahren Kohlen in lohender Glut, Verzehrender Brand durcheilt die Runde! Er neigt den Himmel und fährt hernieder, Die Wetterwolke der Stab seiner Glieder. Er kommt auf dem Cherub im Sturme gezogen, Auf den Flügeln des Windes schwebend geflogen. Da war er, Gott! Dort sah ich ihn einherfahren, dort zwischen den zerrissenen Wolken! Ein schwarzes, dichtes Wolkenstück mit hellen Rändern schwebte oben in der Gestalt eines ungeheuren Pferdes mit klarweißer Mähne auf dunkelgeflecktem Halse. Aus den Nüstern fuhren feurige Blitze im Zickzack. Das war er – der Cherub. Ein ungeheurer Reiter saß auf ihm, ein Held im Purpurkleid, mit langen grauen Locken und langem, gekräuseltem, rein silberweißem Bart. Hinter ihm her kam ein ganzes Heer von Riesen, so wie Og der Basankönig und Gog und Magog, mit allen möglichen Tieren, kleinen und großen. Alle hatten ernste Gesichter, alle waren versonnen, alle eilten in Hast, Gott weiß wohin – und ließen auf dem Himmel einen blauen, klaren Pfad hinter sich. Der Mond steckte ein Stücklein von seinem Kopf hinter den Wolken hervor und blickte ihnen von Ferne voll Ehrfurcht nach, so wie ein Herr, durch dessen Gebiet ein höherer Herr fährt. Die Bäume neigten die Köpfe, bückten sich voll Respekt und sahen wie geprügelt aus. Und aus ihrem grünen Blättermantel troffen Wassertropfen, klapp-klapp – zur Erde, klapp-klapp auf meinen Kopf. »Oh, heiliger Gott!« rief ich aus und stürzte auf mein Angesicht, ins feuchte, nasse Gras. Ein furchtbarer Ton wie das Heulen eines Hundes, das Miauen einer Katze und das Brummen eines Bären warf mich plötzlich in Entsetzen, so daß ich erzitterte und auf die Füße sprang. Es war schwer zu sagen, ob die Töne von verschiedenen Tieren kamen oder ob es vielleicht nur ein Tier war, das in verschiedenen Lauten schrie. Nach einer Weile ließ sich das Geräusch von Schritten von ferne hören, als ob jemand im Walde über trockene Blätter und zerbrochene Zweige gehe. Bevor ich noch Zeit hatte, mich mit einem Knüttel vom Boden zu bewaffnen, blitzten ein Paar Augen wie Laternen aus der Dunkelheit mich an. Gleichzeitig erschienen ein Kopf, ein offenes Maul, eine rote Zunge, scharfe, spitze, schneeweiße Zähne, gleich darauf der ganze Körper – im Hui stand ein großer Wolf vor mir, furchtbar anzusehen. Ein Brummen – ein Sprung – und ich war in seinen Tatzen! Ich war wie eine Maus, die besinnungslos in den Krallen der Katze zappelt. Das tödliche Entsetzen, das mich zuerst in den Klauen des Wolfes befiel, verschwand bald, und ich fühlte Paradiesesgeschmack, wie es Heilige beim Hinscheiden fühlen. Ich sah mich in »ewigem Frieden auf meiner Ruhestatt« liegen, auf meinem Lager unter einem Baldachin aus Purpurwolle, Hände und Füße mit leinenen Stricken gebunden. Eine große eisgefüllte Fischblase saß mir wie eine kristallene Krone auf dem Haupt. Diener in weißen Gewändern bedienten mich aus allen Kräften, man setzte mich in eine Marmorwanne und ließ einen Strom balsamischen Wassers über mich fließen. Meine Mutter stand neben mir, der Wundermann und die alte Bäuerin waren auch da, die Gesichter strahlten, aus den Augen rannen Freudentränen, da sie sahen, welche Ehren man mir erwies; ich war entzückt, da ich sie ansah, und sie waren entzückt, da sie mich ansahen. Aber unaufhörliche Wonne, dauernde Freude unendlich strahlender Gesichter, wurden mir zuwider. Pfui, zum Brechen, so wie eine Honigspeise, Zucker und Lakritze zusammen. Auch die Krone saß und paßte mir nicht. Da wurde ich zornig und schloß die Augen, um die strahlenden Gesichter mit der fortwährenden Wonne nicht zu sehen. Und erst in später Nacht entschlummerte ich. Eingeschlafen war ich oben, mein Aufwachen erfolgte unten, in einem Dickicht, neben einer Höhle, mit großen Ästen alter Bäume bedeckt. Ohne zu wissen, wie ich dort hinauf und wie ich hier hinuntergekommen war, blickte ich zwischen dem Laub hervor und sah einen freien Platz, in seiner Mitte einen Baumstumpf, in dem ein Messer steckte, das im Mondschein blinkte. Ein Wolf sprang hin und her, und ich erkannte ihn gleich – das war derselbe, der mich früher gepackt hatte. Er lief nahe an den Stumpf heran, betrachtete ihn unter stillem Gebrumm und lief wieder weg, als übe er sich im Springen. Endlich blieb er stehen, maß die Entfernung zwischen sich und dem Stumpf, nahm aus voller Kraft einen Anlauf, sprang hinüber, überschlug sich über dem Messer, fiel dröhnend auf der andern Seite zu Boden und streckte sich seiner ganzen Länge nach hin. »Gepriesen sei der Richter der Wahrheit«, sagte ich voll Freude. »Der Wolf ist krepiert!« Da stand ich auf und ging, um dem Leichnam seine Gebühr zu geben – ihm die Haut abzuschinden. Aber da lag gar auf der Erde eine menschliche Gestalt hingestreckt, ein handfester, roter Kerl mit starkem Nacken, mächtigem Bart, mit einem großen Schopf, einer Nase wie ein Kürbis, tief im Gesicht zwischen den Augen sitzend, einem Kopf wie ein nach oben anschwellender Topf, und sah aus wie ein Trunkener beim Nüchternwerden. Als ich das sah, erinnerte ich mich daran, was Weise und Gelehrte in ihren Büchern über Werwölfe sagen: Sie wären Zauberer und Hexen, die sich in Wölfe verwandeln und dann wieder Menschengestalt annehmen. Eben wie der da es gerade getan hatte. Und nicht bloß in Wölfe können sich Menschen verwandeln, sondern auch in Hunde und andere Tiere, Kobolde und ekelhaftes Geschmeiß, sogar in Holz und Stein. Da sah ich deutlich, wie tief die Worte der Weisen sind, alles wissen sie und nichts bleibt ihnen verborgen. Ich rieb meine Hände nach dem Gesetz im feuchten Grase, rückte meinen Hut zurecht und sprach mit großer Inbrunst die Benedeiung: »Gepriesen sei, der einem Menschen von seiner Weisheit gegeben hat!« Als der Mensch da sah, wie ich mit verzogenem Gesicht und zum Himmel glotzenden Augen leise flüsterte, starrte er mich voll Wut an, er glaubte, daß ich ihn mit einem Spruch behexen wolle. Sobald ich ihm die Wahrheit erzählte und unsere Gelehrten über die Maßen pries, daß sie die Kunst, sich zu verwandeln, verstünden, daß sie alles wüßten, über alles schrieben und sprächen, ließ sein Zorn nach. Als ich bemerkte, daß er nicht mehr zornig war, sondern mich ansah und schwieg, da streckte ich ihm die Hand hin und fragte ihn nach seinem Namen. »Ich heiße Koschzej«, brummte er in seinen Bart, stand vom Boden auf, dehnte die Glieder und schüttelte seinen Schopf. »So – oh, Koschzej!« sagte ich in großem Erstaunen mit erschrockenem Herzen und bückte mich schmeichelnd, um ihm zu gefallen. »Wohl dem, der einen Menschen wie dich sieht, dessen Ruhm die Welt füllt, den jeder kennt, selbst das kleinste Kind.« Koschzej nickte mir zu, ein Zeichen, daß er sehr zufrieden war. Ich war nicht faul und sagte ihm den ganzen Ruhm ins Gesicht, so wie es über ihn geschrieben steht, gleichzeitig zog ich die alte Jaha und alle Weisen und Sternseher in den Staub, sie reichten ihm nicht bis an die Knöchel und hätten im Kopfe nicht soviel, wie er im kleinen Finger, alles nach gutem Brauch jüdischer Gelehrter. Koschzej war entzückt und sagte mir sehr freundlich: »Ich freue mich sehr, mein Herr, daß ich dich nicht aufgegessen habe. Während ich ein Raubtier bin, ist ein Jude für mich ein Leckerbissen. Es ist dein Sauglück, daß mein Bauch gerade übervoll war. Gut, jetzt freue ich mich eines solchen Gastes, komm, wir wollen dir zu Ehren eins trinken.« Als Koschzej ein bißchen angeheitert wurde, bekam er Lust, seine Größe zu beweisen, zu zeigen, wer und was er wäre. Er tat einen Pfiff – sofort entstand ein Getümmel, von allen Seiten eilten Eulen, Elstern, Raben, Fledermäuse, Katzen, Affen, Frösche, Salamander, Eidechsen, Schlangen, Drachen, Basilisken in fürchterlichem Haufen herbei, der ganze Wald erzitterte von ihrem furchtbaren Toben. Ich stand voll Entsetzen da und bebte am ganzen Leibe. Koschzej hauchte gegen sie – und herrliche Jungfrauen, bildschöne Mädchen, anmutige Nymphen standen vor mir. Unter kurzen, eng an den Körper geschmiegten Battist-Tuniken sah klare, rosenfarbige Haut hervor, die Glieder waren wie Götterskulpturen, herrliche Anmut schwebte über jeder ihrer Bewegungen. Ihre Augen waren Feuerflammen, sie gingen einem durch Leib und Seele, sie versengten das Herz und entzündeten das Blut – und das Herz war voll Drang und Sehnsucht, es wollte vergehen, da ein Menschenherz so viel Schönheit und Herrlichkeit nicht ertragen kann. Koschzej sagte etwas – da ertönte Gesang. Mädchenkehlen ließen Lieder ausströmen, Lieder, die die Seele erfaßten und sie in einem Ozean stürmender Gefühle von Woge zu Woge schleuderten. Scharen von Jungfrauen und Nymphen schwebten tanzend, in Tuniken und Schleiern aus Gaze, welche die Augen mit den Farben des Regenbogens blendeten, ein Gewirr wie von Myrrhen und Rosenketten, von allerlei schönen Blumen in Lustgärten. Koschzej geriet in Feuer, sprang unter die Tänzerinnen, zog mich auch mit sich, und wir tanzten beide im Reigen mit. Er tanzte Kosakentänze, auf die Füße niederschnellend, ich hüpfte und kreiste am gleichen Orte. Er sang »Krassnaja djewuschka«, und ich sang »Ma-juffes« und bückte und drehte mich. Das war ein Gesinge, ein Gespiele, Tuniken flogen in die Höhe wie silberne Kreisel, Arme und Beine glänzten und strahlten wie Marmorsäulen vor den Augen. Der Lärm wurde stärker, man tanzte, und ich bewegte mich in höheren Sphären, fiel wirr zu Boden und wußte nicht mehr, wo in aller Welt ich war. Als ich am nächsten Tag im Morgengrauen erwachte, fand ich mich unter einem Baum liegen, an der gleichen Stelle, wo ich früher gefallen war. Mein Kopf war schwer, mein Herz bedrückt und meine Seele wirr. Elftes Kapitel Ssrulik überdenkt die Welt Ein frisches, angenehmes Lüftlein blies sachte aus den Wolken. Vom Sturm war keine Spur mehr geblieben. Der reingebadete Wald stand wie ein Jüngling in einem neuen grünen Rock, soeben erst vom Frühling verfertigt, und strahlte wie der helle Morgenstern, der voranlaufend die frohe Botschaft brachte, daß bald die Sonne herangefahren werde – die teure, goldene Brautmutter, und die Hochzeit begänne. Alles in der Runde leuchtete und funkelte. Alles schien sich zu rüsten. Die noch vor kurzem öde, schmutzige Erde sah jetzt wie eine Braut aus, in vollem Glanz, in Anmut, mit schönen Sträußen und Kränzlein duftender Blumen. Überall sah es festlich aus, es duftete würzig, angenehme herrliche Balsamgerüche. – Schön ist der Tagesanbruch im Frühling im Wald, schön, sehr schön! Die berühmte Künstlerin, die Nachtigall, stand in einem Winkel und spielte zu Ehren des Festtags einen Tusch. Und in ihrer süßen Weise klang ein Trauerton, eine Ergießung aus der Tiefe des Herzens in Gesang und Flehen, wie das Gebet für die Toten, das die Musikanten dem Brautpaare bei der Hochzeit zum Badekkens spielen, wenn sie Waisen sind, die Ärmsten! Teure, liebe Nachtigall! Was ist dir, warum bist du so traurig? Warum träufelst du sogar dann, wenn du eine frohe Weise singst, einen bittern Schwermutstropfen ein? Warum sieden und rauschen in dem Meer deiner süßen Melodien bittere Tränen? Siehe, vor dir steht ja jetzt das Leben, du feierst ja ein Fest! Dein Mann hat dir das Haus zurechtgemacht, ein weiches Lager bereitet und Glück steht dir bevor. Von allen Seiten duftet der Sommer. Der Wald ist mit dem grünen Festrock angetan, die Erde im neuen Hochzeitskleid erwartet sehnend die heißen, stürmischen Küsse des Bräutigams – und jetzt, gerade in einer solchen Zeit, mußt du fröhliche und traurige Melodien ineinander verweben?! »Oh, ich weiß, was in deinem Herzen vorgeht, meine teure, liebste Nachtigall! Die Seele des Dichters fühlt die Qual der Welt, fühlt, was ihr fehlt und mangelt – und was er fühlt, das singt er, das erwähnt er immer bei Freuden und Festen. Du singst deinem Liebsten ein munteres, prächtiges Liebeslied, und mitten darin stöhnt ein Seufzen auf, ein Nachklang eines schrecklichen Winters, als ihr in der Verbannung in einem fremden Lande irrtet! Du spielst dem Walde auf, der mit seinem neuen grünen Hut auf dem Kopfe strahlt, in deinem innigen Glückwunsch tönt eine weinende Stimme, ein Grabgesang für seine vorjährigen Blätter, die faulen und sich im Staub zu seinen Füßen wälzen, die armen. Und unsrer Erde, der Braut im Schmucke der frischen Blumen, hältst du voll Trauer die Totenfeier für ihre Kinder, die sie gebiert und begräbt in jedem Jahre. Du bist mir lieb, weltberühmte Sängerin, meine Nachtigall! Dieses traurige Stück in deiner süßen Weise – es rührt mich mehr als alle deine Lieder. Denn zu Leid und in Trauer gebar mich meine Mutter, in Trauer wiegte sie mich, und das Lied des Leides und der Not, mit dem sie mich einschläferte, ist mir das Lied meines ganzen Lebens geblieben, wehe! Was habe ich Unglücksmensch mit dem Frühling zu tun? Was habe ich Elender mit all den festlichen Wesen zu tun – mit dem schönen Walde, mit der frischblühenden Natur hier? Die Freude der Welt gilt nicht für mich. Wenn die andern in froher Ruhe leben, hängt Qual über mir. Wenn in ihren Straßen ein Fest ist, sind Zeter, Blut und Brand, Feuer und Rauch in meiner Gasse. Wenn Blüten im Lande erscheinen und Vögel zu singen beginnen, fängt die Reihe meiner Fasttage an, Jammer und Klage. Singe, Nachtigall, singe! Singe eine rührende, traurige Weise, daß es an der Seele reiße und zerre! Die Nachtigall singt und klagt. Ihre Melodie rührt mir tief im Herzen verborgene Saiten. Sie dröhnen und schreien, sprechen Worte, und in den Sinn kommen mir alte und neue, nicht erfreuliche Dinge. Ich höre das Seufzen einer elenden Seele – und ein trauriges Bild tritt mir vor Augen, als ob es lebte. Es ist Winter. Wolken. Wind und Schnee. Ein melancholischer Tag. Unter dem Tisch, auf der Leiste zwischen den Beinen, sitzt Pickpick, unsere Henne. Sie sitzt einsam und elend, den Kopf unter die Flügel gesteckt. Mitunter scheint es, daß sie schläft und sich nicht rührt. Manchmal zittert sie auf. Der Sommer erscheint ihr, gute Tage, da ihr das Leben lachte. Geschätzt und geliebt wurde sie von Hähnlein, ihrem Mann, einem großen, schönen, sporenbewaffneten Helden mit dem Kammhelm auf dem Haupte. Hähnlein war in sie verliebt. Das war ein ununterbrochenes Gekose, er ging ihr Tag und Nacht nicht von der Schürze. An jedem Morgen führte er sie aus dem Hühnerstall und ging mit ihr in Hof und Garten spazieren. Er scharrte und spielte mit ihr im Sande, suchte, wühlte und brachte ihr, was er dort fand. Allen Frauen ist ein solches Leben zu wünschen, wie sie es bei ihm hatte. Sie setzte sich hin, brütete und brachte Küchlein hervor. Zehn Kinder auf einmal. Alle niedlich, hübsch, flaumig, gelblich. Gleich als sie aus dem Ei krochen – Schalenstücklein klebten ihnen noch hinten –, standen sie schon auf den Beinlein und piepsten – »Grüß Gott!« – einfach so in die Welt hinein. Die Welt gefiel ihnen, sie war gut und hell und wonnig. Da lachten sie lustig und fröhlich, liefen nach Herzenslust hin und her, wohin die Augen wollten. Die Mutter war selig, nahm sie unter ihre Flügel, schützte und wärmte sie, und sie dankten ihr mit herzlichem Piepsen. Den ganzen Tag lang führte sie die Kleinen überall hin, wo es nur ein Stücklein Platz, ein Häuflein Mist gab. Dort suchte und scharrte sie. Fand sie etwas, so gab es ein lautes Geschrei: »Schnell, Kinder, schnell, kommt schnell zu mir!« Vorübergehende blieben stehen, um sie und die Kinderschar anzusehen, und freuten sich sehr. – Pickpick erscheinen die alten guten Zeiten, ihr Kopf liegt unter dem Flügel, und sie sitzt ruhig da.   Plötzlich erzittert Pickpick, sträubt das Gefieder und schwillt an – das Ende ihres Glückes und der Beginn ihres Unglücks erscheinen ihr. Eines schönen Morgens packt der Sperber ein Kind und flog damit hoch in die Lüfte. Die arme Mutter schrie: »Mein Kind, mein Herzlieb!« Aber was half das Jammern, das Kind war verschwunden. Bloß ein Federlein von ihm, ein weiches, blutbeschmutztes Federlein fiel zur Erde und trieb und schaukelte im Wind umher. Seit jener Zeit war das Verderben über ihre süßen Kinder hereingebrochen. Das eine verzehrte der Iltis, dem andern drehte die Katze den Hals ab, dieses oder jenes fiel in Menschenhand. Einmal am Freitag kam die unselige Mutter in die Küche, um dort wie immer zu picken, da wurde ihr das Augenlicht dunkel – wehe, ihr Töchterlein, ein gutes, braves Mädel, lag geschlachtet auf dem Salzbrett! Die Köchin spaltete ihr den Bauch, nahm die Gedärme heraus und warf sie ihr, der elenden Mutter, und der Katze hin, die daneben lag! Von allen Kindern verblieb Pickpick nur ein einziges, ein junges Hähnlein, dem gerade das Kämmlein auf dem Kopfe hervorbrach. Als er in die Federn kam und volljährig, das heißt vollkrähend wurde, straffte er sich und rief mit dünner Stimme zum erstenmal Kikeriki, öffentlich, mit großem Pomp. Die Mutter zerfloß vor Freude und sagte: »Amen! Gebe Tarnegiel, daß du den Tagesanbruch zu bekrähen verstehst, so wie dein Vater, der weise Mann!« Ihr ganzer Trost war das Juwel da, er und ihr lieber Mann. Sie hatte noch nicht die Hoffnung verloren, in ihrem Leben viel Glück zu sehen. Aber breit und tief ist der Becher der Tränen, sie hatte ihn noch nicht geleert. Draußen war es Herbst. Sie ging mit Mann und Kind zu dritt auf der Straße spazieren. Sie suchten, scharrten, pickten und plauderten. Beim Heimkommen wurden ihr Mann und ihr Sohn gepackt und vor ihren Augen gebunden, die Hausleute ergriffen sie an den Beinen und schwangen sie über dem Kopf. Die armen Gefesselten ächzten, und die Leute ließen sie kreisen und kreisen. Danach packte man sie am Kamm und schleuderte sie zur Erde. Der Schächter kam und schnitt ihnen die Kehle ab und Pickpick blieb elend allein, ohne Mann und ohne Kind! Mein Herz ist um deinetwillen zerrissen, unglückliche Pickpick! Du gehörst ja zu uns, du bist ja in unserm Hause aufgewachsen, und von allen Arten Vögeln auf der Welt bist du doch, du allein, mir bekannt. Ich habe dein Leben beobachtet, habe mich für alles interessiert, was du tust und treibst. Und seit ich dich einsam sitzen sah, den Kopf unter dem Flügel, steht mir deine Gestalt immer vor Augen, in deinem Kummer, deiner Not und Trauer. Ach und wehe, meine arme Pickpick! Dein Leid und deine Qual sind von dem Leid, das über die Welt geschickt wird, seit sie geschaffen wurde. Die Leiden der Welt aber sind von jeder Art, sie sind um Stufen gegeneinander erhöht. Und ich, ach und wehe, ich bin mit allen geprüft – ach, ich bin durch alle hindurchgegangen! Singe, kleine Nachtigall, singe, lasse deine Melodien strömen! Die Nachtigall trillert – und vor meine Augen tritt ein anderes Bild, ein finsteres, trauriges. Herbstzeit. Ein kleines, niedriges Haus. Drinnen düster, Unordnung, ein ungebettetes Bett. Nichts an seinem Platze. Der Ofen ungeheizt. Schon lange, daß man keinen Rauch aus dem Schornstein steigen sieht. Wüst und öde ist's in jedem Winkel. Die Wände weinen. Auf der Milchbank sitzt Hinde, die Witwe. Sie sitzt zusammengekauert, in Leid, die Füße unter sich zurückgezogen. Bald schweigt sie, stumm wie der Stein und rührt sich nicht. Ihr Kopf ist gesenkt. Die Augen stieren erstarrt in eine Richtung. Bald beginnt sie zu zittern, packt sich am Kopf, jammert und klagt. Nicht darüber, daß sie arm ist, klagt Hinde. An das Elend ist sie gewöhnt. Luxus hat sie nie verlangt und sich mit dem wenigen, das sie mit ihrer Arbeit verdiente, begnügt. Um ihren Sohn, um ihr letztes verlorenes Kind klagt sie! Fünf Söhne hat Hinde geboren und alle nur zum Leide. Den ältesten hatte man zu den Rekruten genommen. Den Menschen ist ja üblicherweise die Welt zu klein, darum streiten und kämpfen sie, einer will den andern beherrschen, der will den verschlingen, darum muß man Leute haben, um sich gegen den Feind zu wehren, mit allen Arten von Gerät. So zog ihr Sohn also davon, um zu töten oder getötet zu werden, und ist bis zum heutigen Tage verschwunden. Den zweiten hatte der Engel des Todes genommen. Oh, wie das arme Kind gelitten hatte, bis es seine reine Seele aushauchte! Der dritte wurde ein Märtyrer. Kein wildes Tier, kein Wolf, kein Bär zerriß ihn, Menschen waren es, die ihn erschlugen, Fleisch und Blut so wie er. Ein böser Geist der Verwirrung und des Wahnes war über die Welt gekommen – die Menschen verwilderten, ihre Herzen wurden zu Stein, wie Raubtiere stürzten sie sich auf ihre Brüder, brachen ein und stachen wie im Irrsinn, ohne Erbarmen. Der vierte Sohn, beraubt, erniedrigt, vernichtet, nahm in Not und Unglück den Sack auf die Schulter, den Stock in die Hand und irrte über Meere und Wüsten, in die Fernen, und ist bis auf den heutigen Tag verschwunden. Der fünfte, ihr letzter, ihr Augapfel, war jetzt zur Kriegszeit zum Militär gekommen, gestern erst hatte er die arme unselige Mutter verlassen und war gegangen, um weit in der Welt sein Leben zu lassen. Jetzt saß Hinde einsam und elend da und sann über das große Unglück, das sie und ihre Kinder getroffen. Kinder hatte sie geboren und nur zum Leide geboren – ihr zum Leide und den Ärmsten zum Leide! Pickpick! Deine Kinder genossen sofort die Welt! Gestern waren sie nicht mehr als Eier, und am nächsten Morgen machten sie schon ein Wesen aus sich, wie richtige Altansässige – sie aßen, spielten munter und lustig, liefen und hüpften überall umher, als seien sie mit der Welt schon seit vielen Jahren bekannt und wüßten, was sie brauchten und zu tun hätten. Diese Vöglein lebten, sie hatten eine Jugend und sie erfreuten sich ihrer. Aber die Kinder Hindes, ach und wehe, daß sie auf die Welt gekommen waren! Zugleich mit ihnen kamen ihre Leiden, Krankheiten und vielerlei Schmerzen: Bauchweh, Zahnschmerzen, Pocken, Masern, Scharlach. Die Armen mußten viel vom Himmel gesandte Not erdulden, bis endlich ihre Äuglein aufgingen und sie die Welt vor sich erblickten. Und als sie ein wenig spielen und sich gütlich tun wollten, da fielen Armut, Elend und schreckliche Heimsuchung durch Menschenhand über sie her. Kinder hatte Hinde mit viel Plage und Leid erzogen, um ihretwillen Tage und Nächte in Not verbracht – und kaum hatte sie sie großgezogen, da raubte man sie ihr: sie ist keine Mutter, hat kein Recht auf ihre Kinder, sondern eine Magd ist sie, eine Magd des Todesengels und der menschlichen Gesellschaft, eine Sklavin, die sich nicht selbst gehört und deren Kinder nicht ihr gehören. Sie geboren – das hatte sie getan. Die Mühen mit ihrer Erziehung – die hatte sie gehabt. Und dann kamen Tod und Mensch und nahmen sich das fertige Werk. Daß diese Sklavin fühlt, liebt, sich vor Sehnsucht nach ihren Kindern verzehrt – wen kümmert das? Nicht mehr als eine Sklavin ist sie! Hinde aber ist noch eine Mutter, ein Wesen für sich, und darum schlägt sie sich an die Brust, rauft sich das Haar auf ihrem Haupte, weint und klagt – und ihr bitterer Jammer steigt zum Himmel! Singe, liebe Nachtigall, aber singe sanft! Furchtbar ist der Schrei meines Herzens, furchtbar summen und zittern seine verborgenen Saiten, bis zum Zerspringen. Die Nachtigall beginnt ihr hallendes Lied, und auf seinen stürmenden Trillerwogen jagt in wirrem Entsetzen meine Seele. Mein Hirn geht in jagender Flucht, und die verschiedensten Bilder eilen an ihm vorbei. Da ist ein Wald, grüne Felder mit Korn und Blumen. Der Morgenstern spiegelt sich voll lächelnder Anmut in den Tautropfen. Dann erscheint die Stadt mit ihrem Getümmel und Toben. Düstere Schwermut lagert über ihr. Sonne und Mond – nur verstohlen leuchten sie dort –, die hohen Mauern und die engen, schmalen Straßen stellen sich ihnen in den Weg. Ich sehe einen Tag in der Stadt, wie und womit ihn die Menschen verbringen, womit sie aufstehen und womit sie sich schlafen legen. Ich sehe einen Morgen: Die Juden stehen auf und stöhnen! Sie wissen nicht, was sie anfangen und tun, wovon sie leben sollen. Ihre Gesichter sind blaß, ihre Stirn voll Runzeln, die Augen fliegen nach allen Seiten, als ob sie etwas suchten, das sie ergreifen, darauf sie sich stützen könnten, um nicht in den Fluten des Tages elend zu ertrinken. Sie seufzen und ächzen und ziehen ihre Stirnen endlos in Falten. Ich sehe ein Haus am Tage, wo die Tür keinen Augenblick verschlossen bleibt. Die Armen kommen. Jung und alt, Frauen, Mädchen und kleine Kinder, der eine geht hinaus, der andere kommt hinein. Darunter die holden Vorsteherinnen. Dann erscheinen feine Leute in seidenen Röcken und verlangen Geld unter Berufung auf ihre Herkunft. Nach ihnen kommt ein Magged, ein Abbrändler, ein Jerusalemer, ein Sendling, eine Verlassene mit alten, verschimmelten Papieren. Bald danach kommt der Schammes der Schiehl und will die Miete für den Platz, das Geld für eine Liee, für einen Mischebejrech, für ein Mule, für ein Gelübde. Hat man ihn abgefertigt, so strömen Haufen von Vorstehern herbei, mit und ohne Klingelbeutel. Der eine will Palästinageld, der andere für Lehrzwecke, der dritte bittet für den Fonds für arme Bräute, der vierte fürs Spital, der fünfte für den Mischna-Verein, der sechste für den Ewig-Licht-Verein und noch für viele solche Gesellschaften. Zwischendurch kommen zwei angesehene Bürger, flüstern einem etwas leise ins Ohr und sagen dann seufzend laut: »Also begreift Ihr schon, für wen?« und nehmen was. Mittendrin kommt der Gemeindebote und kassiert für das Register, der Fleischer läßt noch einmal durch das Dienstmädchen bestellen, daß man von jetzt an so freundlich sein und beim Pfund Fleisch so und so viel Pfennig mehr geben solle, die Fleischsteuer sei erhöht worden. Kurz, von allen Seiten wird gerissen, jeder zaust und zerrt und knufft, daß man Tränen in die Augen bekommt und es kaum aushält. Sing, liebe Nachtigall, singe, ich will ein wenig weinen. Ich sehe, wie jüdisches Gut und jüdisches Blut zugrunde gehen, sie verströmen wie Wasser und bringen keinen Nutzen. Ach, was ist unsere Liebe, unser Wohltun? Da ist der Markt mit all seinen Geschöpfen, groß und klein. Der Markt mit seinen Kaufleuten und seinem Handel, mit seinen Betrügern und Betrogenen, mit den wilden Begierden, der dummen Ehre, dem Neid und Haß, die auf ihm herrschen. Da erscheint der ganze Haufe von Armen, Schnorrern, Bettlern, von gefallenen, heruntergekommenen, bedürftigen, leidenden, kranken, gebrochenen, magern und hagern, blassen, schmalgesichtigen Leuten. Da wimmeln Trödler, Krämer, Makler, in Gedanken versunken, die Hüte auf dem Hinterkopf, Leute mit Säcken, Leute mit Stöcken, Nichtstuer, Luftmenschen. Alles läuft wie wahnsinnig, wühlt und sucht nach Erwerb, um nur irgendwie zu leben, das Leben der Frauen und Kinder zu fristen. Alles ist sehr beschäftigt und sorgenvoll, alles sinnt, irgendein Verdienstlein zu erhaschen, und zieht es listvoll aus den Taschen der anderen. Ich sehe Menschengrüpplein, feine Leute, die wie Hunde, wie Raben neben Toten und Aas warten, die von fremdem Fleisch, von fremdem Blute leben; Menschlein, die keinen Dreier wert sind und trotzdem viel gelten; Menschlein, die jeder als ganz klein kennt und die doch sehr hoch stehen; Menschlein, die in der Gemeinde eine Eiterbeule sind, die ihr das Blut verderben und sie aussaugen; Menschlein, die, wenn man sie ansieht, immer sehr beschäftigt, immer von wichtigen Angelegenheiten erfüllt scheinen, deren Gesicht von Schweiß bedeckt ist, die immer voller Geheimnisse und Diskretion sind und in Andeutungen sprechen – während es in Wirklichkeit hohle Kerle, Müßiggänger, Nullen, Taugenichtse sind; Menschlein, die sich immer an die Stadtverwaltung heranmachen, die der Stadt immer bloß zu Ersparnissen verhelfen und ihr bloß Wohltaten erweisen wollen, die sich gänzlich für sie opfern und in Ehren leben, das Beste essen und ein gutes Gläslein Wein trinken; Menschlein, die in den Gemeindestuben, bei den Reichen, auf den Versammlungen, in den Fleischereien und den Weinstuben herumstreichen; die bei den Wahlen das Kommando führen, jedem ein Geheimnis ins Ohr raunen und für ganz Israel »Erwünscht!« oder »Unerwünscht!« schreien; Menschlein, die vor jedem kleinen Beamten, vor jedem kleinen Edelmann den Hut ziehen und ihn begrüßen, die sich immer herandrängen, um sich dem neuen Gouverneur, dem neuen Polizeimeister vorzustellen, die immer Berichte über die Stadt einschicken; Menschlein, die wie furchtbare Wölfe unter den armen, elenden Schafen des Marktes erscheinen! Ach, wie schrecklich der Markt ist, wieviel Not, Sorge, Leid und Qual, wieviel Erniedrigung, Schmach, Schande, wieviel Falschheit, Schwindel, List, Verdrehung um das Stücklein Sündenbrot! Ach, wie schwer, wie bitter und schwer der Mensch seinen Unterhalt hat! Mein Herz will brechen. Eine traurige, tieftraurige Weise. Langsam, Nachtigall, langsam, sing nicht so stark, Sängerin, ach, in meinem Herzen springt eine Saite, sie ist schon gesprungen! Unselig bist du, Mensch, verflucht vor allem Getier und allen Geschöpfen der Welt. Der Herr hat dich meisterhaft erschaffen, mit vielen Vorzügen, höheren als denen anderer Geschöpfe, dir zum Frommen, und du hast die Vorzüge zum Bösen verwendet. Viel Vernunft, Mensch, gab dir Gott und du gebrauchtest sie nicht richtig. Du begannst zuviel herumzugrübeln und zu sinnen und auf Abwege zu kommen, gegen dich selbst und gegen die Natur zu handeln. Aus zu vielem Grübeln entstehen viele Fehler. Aus zu vielen Leistungen und Erfindungen zu viele neue Nöte, Mangel, Zwang und Unglück. Viele neue Dinge hat dein Verstand zu deiner eigenen Not hervorgebracht – daß sie die Arbeit aus deinen Händen, das Stücklein Brot von deinem Munde reißen, dich in der Klemme halten und deine Jahre rasch kürzen! Unglück bringt dir, Mensch, dein Verstand und Unglück deine Sprache. Dieses Gnadengeschenk, dessen du gewürdigt wurdest, es ist dir zum Fluche geworden. Ebenso wie der Hund hier, der dich anbellt, bellt auch sein Hundegenosse im fernen Spanien zum Beispiel. Gleich ist das Losstürzen, gleich das Gebell bei allen Hunden. Der Esel in unsern Ländern öffnet das Maul und schreit wie alle Esel in der Welt. Der eine Esel oder der andere Esel, was will das sagen, es ist das gleiche. Alle Frösche in Bächen und Morästen quaken mit der gleichen Stimme, von Ägypten an bis heute. Und die Menschen, sie sind einander fremd, und das ist ein sehr großes Unglück. Unglücklich, Mensch, bist du durch deine Phantasien. Gott schuf den Menschen in seinem Ebenbild, hauchte ihm die menschliche Seele ein, für alle Menschen gleich. Da kamst du, Klügling, und fügtest zu ihr noch eine gemeinsame, eine gemachte Volksseele hinzu, das heißt, daß die Menschen in vielen Dingen einander entgegen sein müssen. Was der eine nicht darf, darf der andere wohl; was sich der eine als Fehler anrechnet, rechnet sich der andere als größten Vorzug an; was dem einen eins von den Zehn Geboten ist, ist für jenen nicht verkündet worden. Und wieviel Leid und Blutvergießen stammt davon! Auch in deiner Frömmigkeit, in deiner Güte, in der Art deiner Anständigkeit steckt oft der Wurm, dein Unglück. Ein göttlicher Geist, ein Geist der Erkenntnis und Gottesfurcht geht wie ein strömender Fluß vom Heiligen Throne aus, um allen Menschen Leben und Glück zu verleihen. Und da stehen nun an seinen Ufern Mühlen und allerlei Fabriken. Jede dieser Fabriken zieht das Wasser an sich heran, staut und hält es an, damit es die Räder ihrer Maschinen für sie drehe. Das Material für alle ist das gleiche, derselbe Rohstoff – sobald er auf die Welt kommt, wird er zum Teil in die eine und zum Teil in die andere Fabrik genommen. Dort wird der neugekommene Stoff in eine Form getan, damit eine fertige Sache aus ihm werde. Dann verläßt sie mit dem Stempel die Fabrik, und zwar oft so, daß sie dem Artikel einer andern Fabrik im Wege steht. Die Waren sind verschieden, die Konkurrenz ist groß, jeder will größere Geltung auf dem Markt haben, und dadurch entsteht Feindschaft, Haß, Kampf, Raub und Mord. Ach, wieviel Leid und Qual gibt es in der Welt, seit sie erschaffen ist – und da kommen die Menschen und fügen von ihrer Seite noch neue hinzu! Langsamer, Nachtigall, singe langsamer! In meinem Herzen ist wieder eine Saite gesprungen! »Weine, Ssrulik, weine!« sagt mir die kleine Waldmusikerin mit jedem Ton. Es scheint mir, daß ich ein Bräutigam während des Badeckens bin. »Ein Bräutigam gleicht dem König!« sagt der Badchen und erinnert mich daran, daß ich eine Waise bin. »Ssrulik!« schließt er seine Reime mit rührender Stimme. »Eine Waise muß viel leiden, das ist der Welt Lauf. – Weine, lieber Ssrulik, weine! Musik, spiel auf!« »Eine Waise bist du und ein König zugleich!« – Ein Bräutigam, der dem König gleicht, und eine Waise, die dem Wurm gleicht, der sich unter den Füßen windet. Das ist wie Honig und Galle zusammengemischt. Die immer erniedrigte Waise mit der kurzen Ehrung des Bräutigams. Das ist ein bitterer Spaß, ein furchtbarer Spaß, der tief ins Herz schneidet. Es ist mir nicht wohl ums Herz, im Kopfe schwindelt es mir, alles um mich herum schaukelt und tanzt, die Pflanzen des Feldes hüpfen, die Bäume klatschen mit den Zweigen den Takt dazu. Da versammeln sich Gestalten und tanzen mit – Gestalten von Vorstehern, Schamußem, »Heiligen Beamten«, Gestalten von Böcken, Ochsen, Pferden, Windhunden, alle zusammen, und aus dem raschen Wirbelreigen fliegen Pejes, Schwänze, Hände, Mähnen, Pferdeschweife, Eselsohren hervor. Ich höre Musik spielen, es geht hoch her, es ist Lagboimer, wo es viel Hochzeiten gibt. Voraus laufen Hals über Kopf alle Bengel der Stadt. Dann folgt ein großer Zug, ein Haufen von »Empfängern«, Armen, Schnorrern, Habenichtsen, Tunichtguten, Krüppeln, Lehrern, Bürgern von vor zehn Jahren, vorjährigen, heurigen, Bürgerlein, die noch auf Kest sind. Hawdule-Kerzen brennen. Man führt einen Traubaldachin zur Schiehl, um dort einen Buben und ein Mädel, die noch keine Ahnung von der Welt haben, unglücklich zu machen. Bis spät bei Nacht werden die Baldachine geführt, unzählige Hochzeiten werden erledigt. Alte Frauen klatschen in die Hände, die Brauteltern tanzen, die Leute sind lustig, munter und fröhlich! – Herzlichen Glückwunsch zu den nagelneuen Armen! Herzlichen Glückwunsch, ihr Juden, zu dem Haufen Nichtstuer! Zu den Kandidaten für Lehrer, »Empfänger«, Bankdrücker und Hämorrhoidarier! Herzlichen Glückwunsch zu der frischen Liste schmutziger Wäsche: Zu allen euren schmierigen, faulen, hohlen Menschlein! Herzlichen Glückwunsch zu den zappelfrischen Blutegeln! Bereitet Blut vor, Leute, bereitet Geld vor, Geld, Geld! O genug, Nachtigall, genug, singe nicht weiter! Mein Herz bricht, alle Saiten in mir springen und platzen! Zwölftes Kapitel Die Mähre als Kommentar zu Hiob »Ist es deine Stimme, guter, alter Bekannter?« »Ja, mein unseliger Prinz, meine elende, unglückliche Mähre«, antwortete ich und weinte auf. »Warum weinst du?« fragte sie und schüttelte so heftig den Kopf, als werfe sie einen ganzen Berg voller Last ab und blickte mich mit einem Ausdruck, wirklich wie ein Mensch, freundlich an. »Du mußtest wohl um meinetwillen viel Leid und Not ertragen?« »Ach!« antwortete ich. »Meine Leiden bedeuten nichts, du hast sie mir nicht absichtlich angetan. Du hast keine Schuld, du Arme. Deine Not ist grenzenlos, groß wie der Ozean. Ich weine, wenn ich dich ansehe, mein gestürzter, irrender Prinz. Ach, wie lange wirst du diese Qualen tragen, umherirren und von jedermann Leiden erdulden? Wie lange, ach, wirst du eine Mähre sein, die ewige Mähre der Welt?« »Bis die Menschen besser und vernünftiger sein werden«, erwiderte sie, »bis Grausamkeit und Erbarmen, Böses und Wohltat, Hintanstellung und Bevorzugung aufhören und allein Wahrheit und Gerechtigkeit in der Welt herrschen werden. Bis die Unterschiede zwischen den Menschen aufhören werden, der Wolf mit dem Schafe wohnen, der Bär mit der Kuh zusammen weiden und der Löwe wie das Rind Stroh essen wird. Bis das Übel verschwinden, die bösen Mächte ihre Macht verlieren und die Tränen von jeglichem Angesichte gewischt sein werden!« »Ach!« stöhnte ich. »Zu lange ist es noch, darauf zu warten. Bis dahin, fürchte ich, wird man dir den Garaus machen, dir die Seele aus dem Leibe reißen.« »Es geht mir genau so«, meinte sie, »wie einem alten Leidensgefährten, wie Hiob. Als er dem Satan übergeben wurde, sprach Gott also: ›Satan, tu meinem Hiob, was du willst, schlage, quäle, peinige, martere seinen Leib, aber rühre nicht an seinen Geist, an seine Seele!‹« »Hiob!« rief ich aus. »Ja, das ist dein Leidensgefährte. Nein, das bist du selbst! Hiob ist Gleichnis für dich. Dort spiegelt sich dein einstiges, glückliches, reiches und angesehenes Leben wider. Dort spiegeln sich deine Leiden wider, die Verfolgungen, die spitzen Reden der Menschen, als dich das große Unglück traf. Dort spiegelt sich alles getreulich wider. Hiob bist du! Du bist Hiob mit seinem Satan, mit seinen Heimsuchungen, mit den falschen Freunden, die in der schlimmen Zeit über ihn herfallen und ihn beschuldigen, daß er nicht gut, daß er nicht fromm sei. Hiob ist deine Geschichte. Der Anfang und die Mitte Hiobs haben sich bei dir schon klar gezeigt, auch sein Ende wird bei dir ganz sicher in Erfüllung gehen. Der Sturm, in dem Gott und die Gerechtigkeit erscheinen werden, wird, glaube ich, ein größerer und stärkerer als der sein, der vor kurzem war!« »Man sagt«, meinte sie, »daß das eben von jenem berühmten Mann geschrieben sei, der mich einst aus einer Mähre wieder zu einem Menschen gemacht hat. Er hat darin in weite Fernen gesehen.« Ich sah meine Mähre an – da nahm ich wahr, daß sie wie tot auf den Rücken gestreckt lag und heftig stöhnte. »Ach!« sagte sie ächzend zu mir. »Sie haben mich entsetzlich gemartert. Ich fühle, daß mir die Kräfte immer mehr schwinden. Wenn sich mein Mund zum Sprechen auftut, sobald ich mich umzuschauen und alles zu bedenken beginne, dann fange ich erst an, meine Schmerzen zu spüren. Ach, sie haben mich schrecklich schwach gemacht – ich glaube, ich habe kein heiles Glied, keinen heilen Knochen mehr! Da haben mich eben erst ein paar Leute fürchterlich gemartert, ich bin ihren Händen kaum lebend entronnen. Hilf mir, bitte, daß ich mich ein wenig aufrichte und auf die Seite stütze, es schickt sich ja nicht, wie ich so ausgestreckt daliege, ich kann mich allein nicht rühren. Ach, mein Kopf, mein Kopf!« »Was hast du?« fragte ich sie mitleidig. »Tut dir der Kopf weh?« »Oh«, antwortete sie, »jedes Gliedlein tut mir weh, mein ganzer Körper tut mir weh. Der Kopf schmerzt mich, der Kopf und der Vorderleib, der Vorderleib und auch das Hinter-, Hinterteil!« »Laß dich aber nicht unterkriegen«, bat ich sie, »morgen, wenn wir in der Stadt sein werden, werde ich einen Arzt bitten, dich zu untersuchen und dir etwas zu verschreiben.« »Ach, ach!« fuhr sie entsetzt auf. »Sag den Namen Arzt nicht vor mir, erwähne ihn nicht. Wer kennt die Ärzte so wie ich, die Pfuscher mit ihren Medizinen, mit ihren Rezepten?! Sie sind gleich mit Aderlassen, Blutzapfen bei der Hand. Ich trage gottlob schon eine Menge blauer Spuren von ihren Rezepten an mir. Siehst du hier die frischen Zeichen? Die hat mir unlängst ein Dnjeperstädter Pfuscher mit seinem Handwerkszeug und seinen Rezepten gemacht. Er ist außer sich vor Vergnügen, wenn er Gelegenheit zum Verschreiben hat. Es gibt sehr viel solcher Ärzte, die es lieben, bei der kleinsten Kleinigkeit zu schreiben, sie schreiben ganze Litaneien nieder, ganze große Bogen voll.« »Erzähle mir doch«, bat ich sie, »wo warst du die ganze Zeit, seit du mir entschwandest? Was ist das für ein Wesen, das damals auf dich hinaufsprang und dich aus der Grube hinausritt? Wo kam das her?« Meine Mähre hob mit gewaltiger Anstrengung den halben Körper auf die beiden Vorderbeine, sah mich freundlich an und begann zu erzählen: »Das war ein Dämon, der auf mir aufsaß. Wenn mich die unguten Kerle ein wenig in Frieden lassen, wächst plötzlich ein Dämon wie aus dem Boden hervor, sitzt auf mir auf und jagt mich über Berg und Tal, über Felder und Wälder. Sobald nur einer den Anfang gemacht hat, tauchen plötzlich noch viele Dämonen in verschiedenen Gestalten und Graden auf. Dann gibt es ein Spotten und Lachen bis in den Himmel hoch, jeder zeigt lange Nasen und steckt die Zunge heraus. Alle, klein und groß, machen sich über mich her und beschäftigen sich mit mir. Oft geraten sie um meinetwillen in Streit. Der eine meint, man solle so und so mit mir vorgehen und der andere sagt etwas anderes. Der meint, ich solle in der Luft fliegen und jener wünscht, ich solle durch die Erde gehen. Das gibt einen Lärm, ein Geschrei, ein Getobe, ein Getümmel, daß einem der Kopf vom Hören wirr wird. So treiben sie ihr Spiel mit mir und schreien, und die ewige Frage über mich bleibt ungelöst. Im trüben Wasser, sagt die Welt, ist gut fischen. Mitten in dem scheußlichen Wirbel packt mich dann einer und reitet auf mir in die Welt hinein, macht mit mir Geschäfte und beginnt mich an verschiedene Leute zu verkaufen. Ich sage an ›verschiedene‹, denn in kurzer Zeit diene ich vielen Herren. Bevor ich mich noch recht bei dem einen umgesehen habe, kommt der Teufel und bringt mich zu einem andern. Bei wem war ich denn nicht schon überall? Wer hatte denn nicht schon von mir Nutzen und schöpfte sich bei mir was ab? Fang beim kleinsten Edelmännlein an, beim Hundert-Obmann, beim Viertelführer bis hoch hinauf; beim Magged, beim Prediger, beim Moralpauker, beim frommen Mann bis zum Gottespolizisten und ähnlichen Beamten im Himmelskorps; beim Lakaien, beim Aufseher, beim Briefträger bis zum Direktor einer jüdischen Schule; beim Schammes, Gemeindeschreiber, Presser, beim Abgeordneten, beim Rat, beim Ratgeber, Philanthropen, Fürsprecher bis zum Steuerpächter für Fleisch und Kerzen und die ganze Gesellschaft in der Verwaltung; fang beim Belfer an, beim Lehrer, beim Heiratsvermittler, beim Hochzeitsspaßmacher, beim Luftmenschen, bei all den tausenden Vorstehern, Sendboten, Fürsprechern, Jeschiwe-Jüngern, ›Abgesonderten‹, Gelehrten, beim feinen Mann, beim noblen Herrn, beim Sohn guter Eltern, beim Psalmensager, beim Mischna-Lerner, beim Vorbeter, Schoifer-Bläser, Drejdel-Macher, Pirem-Schauspieler, Mazze-Radler bis zum Dajen, Schächter, Porscher, Aufseher, bis zur Taucherin, Dochtlegerin, Friedhofmesserin und dem ganzen Bündel ›Heiliger Beamter‹ – alle, alle haben sich über mich hergemacht, für jeden mußte ich arbeiten, jeden auf mir tragen, sie kosten mich Gesundheit und Leben, ich könnte von ihnen sagen und singen. Wenn meine Arbeit sie wenigstens befriedigte! Aber wo! So viel ich auch arbeite, alles ist zu wenig und ungenügend. Das ist kein Spaß, ein solcher Haufen, eine so große hungrige Gesellschaft. Brächte meine Arbeit wenigstens einen Nutzen! Aber wo! Ich arbeite und plage mich – für wen? Daß ich nicht lache – für wen?! Und als ob es der Teufel täte, falle ich immer in die Hände solcher Leute, sie nehmen mir das Mark aus den Knochen, machen mir Kopf und Hirn stumpfsinnig. Von diesen Leuten weiß ich sehr viel Dinge, über sie gibt es viel zu sprechen und zu fragen. Aber nicht alles, was man weiß, kann man reden, nicht alle Fragen kann man stellen und nicht jede Frage erhält ihre Lösung. Was ist zu tun? Man muß sich manchmal mit einer Lösung für alle Fragen begnügen: ›Knechte waren wir dem Pharao in Ägypten‹, das heißt: ›Zur Mähre machte mich der König von Ägypten.‹« »Eine Frage möchte ich dir wirklich stellen«, sagte ich zu ihr. »Wie kommt es, daß auch jene Edelleute, die du aufgezählt hast, sich einer so elenden, armseligen Mähre bedienen wollen?« »Das ist eben das Unglück«, antwortete sie, »daß ihre Augen verblendet sind. Der Satan betrügt sie, und sie glauben, daß ich gar nicht armselig und ausgemergelt, sondern im Gegenteil eine arbeitsame, geldbringende Mähre sei.« »Unglücklicher Prinz, unselige Mähre«, stöhnte ich und versank in tiefe Gedanken. Dreizehntes Kapitel Ein Brief an den Vorstand des Tierschutz-Vereines Nachdem die Mähre ihre Geschichte zu Ende erzählt hatte, seufzte ich von ganzem Herzen auf und dachte wieder nach. »Du denkst heute zu viel nach«, redete mich die Mähre an. »Du bist verwirrt, lege dich schlafen und ruhe dich ein wenig aus.« »Ich soll schlafen!« rief ich feurig, »während du leidest, während du stöhnst, während dir jedes Glied weh tut?! Ich soll schlafen, während du Hilfe brauchst, während du dich nicht allein von der Stelle rühren kannst, du Arme, und jemanden haben mußt, der dir hilft, ein wenig aufzustehen und auf den Beinen zu stehen?! Es ist ja wahr, ich bin eigentlich nicht der Mensch, den du in deiner Not brauchst. Was kann ein so krankes Menschlein wie ich dir helfen? Wie groß ist denn meine ganze Kraft? Daß ich nicht lache! Ich halte mich selber kaum auf den Beinen, mit einem Hauch kann man mich umwerfen. Du brauchst einen Starken, einen Machtvollen, einen Gesunden und Tüchtigen. Aber solange dieser eine nicht da ist, solange du niemanden hast, darf ich mich nicht stellen, als wüßte ich nichts, und mich schlafen legen. Ich muß alle meine Kräfte anwenden, um dir irgendwie zu helfen, du Arme. Nein, behüte, wie darf ich, wie kann ich schlafen? – Ich soll mich ausruhen, sagst du! Sage doch selbst, ist es möglich zu ruhen, nach allem, was ich sah und hörte? Kann ich ruhen, wenn so große Leiden vor meinen Augen stehen, wenn die ganze Bande Nichtstuer und Blutsauger mir den Kopf wirr macht und wie schreckliche Heuschreckenschwärme vor mir herum wirbelt? Im nächsten Nu, glaube ich, fallen sie über mich her und zerfetzen mich in kleine Stücklein. Jeder versetzt mir bloß einen kleinen Biß – sie verzehren mich und keine Spur bleibt von mir zurück. Nein, sage ich dir, ich werde nicht schlafen, ich werde nicht ruhen!« »Du sprichst feurig, wie ein Jüngling, verzeih«, sagte die Mähre und schüttelte den Kopf, »wie jemand, der eben das Gymnasium verlassen hat. Gewöhnlich schließen die rasch Bekanntschaft und hängen gleich innig aneinander. Das kleinste bißchen Unrecht setzt sie in Flammen, sie brennen und lodern, sie reden unendlich, sie nehmen sich den Kopf voll, sie glauben, damit die ganze Welt umzukrempeln. Ich sah schon viele solcher Menschen in meinem Leben. Wenn sie ein wenig älter wurden und in der Welt herumkamen, Nahrungssorgen spürten, ließen sie die Nase hängen, dann verloren sie die Sprache, und außer ihrem eigenen Interesse kümmerte sie gar nichts weiter. Es war wenigstens noch gut, wenn sie selbst ehrlich blieben und die Wahrheit nicht um einen Pfennig verkauften und sich nicht den Leuten anschlossen, gegen die sie früher waren, weil sie krumme Wege gingen; es war noch gut, wenn sie diese Leute nicht vor der ganzen Welt lobten und ihre frühern Freunde mit glühender Kohle überschütteten. Bei dir wird es auch so gehen. Jetzt bist du jung und feuerheiß, bald wirst du dich abkühlen, wirst mich vergessen und ganz ruhig schlafen – was wird dich die elende Mähre kümmern? Später, ach gewiß, wirst du kälter und stiller werden. Das ist schon so der Lauf der Natur, bei Mensch und Tier. Sieh zum Beispiel das kleinste Kälblein an, wie es mit den Beinlein stampft, wie heftig es den Schwanz aufwirft und wie ein Teufel herumspringt. Schau aber mal das gleiche Kälblein ein wenig später an, wenn es ein Ochse wird, wie still es ist, wie es mit dem Kopf unters Joch gebeugt dahergeht. Was hat's zu sagen? Wahrhaftig, jeder wird später ein Ochse.« »Bei meiner Seele!« rief ich noch feuriger aus. »Du irrst in mir, bei meiner Seele! Ach, wenn du wüßtest, was es in meinem Herzen gibt, was ich schon für dich getan habe und was ich noch für dich zu tun gedenke.« »Was du getan hast und noch zu tun gedenkst?« unterbrach mich die Mähre, und ihre Worte enthielten Verwunderung und Spott. »Na, so erzähle doch, so laß doch mal hören!« Ein paar Augenblicke stöberte ich in meiner Busentasche herum und nahm ein paar beschriebene Bogen hervor. »Das wird dir bezeugen«, sagte ich mit ernstem Gesicht, indem ich einen Bogen hervorzog, »daß ich es liebe, zu handeln, und mich nicht mit bloßem Reden begnüge, so wie andere. Das ist ein Brief, den ich deinetwegen an den Vorstand des Tierschutz-Vereines schrieb, verstehst du, als ich deine schlimme Lage kennen lernte.« Meine Mähre spitzte die Ohren, und ich las ihr meinen Brief mit folgenden Worten laut vor: »Die Eigenschaft des Mitleides ist heutzutage so stark und so sehr in der Mode, daß die Menschen begannen, sich nicht nur der Menschen allein zu erbarmen, nämlich sie nicht zu hassen, zu quälen, ihr Leben zu verbittern, so wie in den alten Zeiten, sondern jedermann als Bruder, als Gefährten, als Freund zu betrachten, ohne Unterschied, aus welchem Lande oder von welchem Glauben er sei; nicht nur Menschen allein, sage ich, begann man heute, barmherzig und menschlich zu behandeln, sondern noch mehr die Tiere, selbst sie behandelt man heute erbarmungsvoll und betrachtet sie als Geschöpfe Gottes, und darum verdient auch die heutige Zeit mit Recht ihren Namen als Zeit der Menschlichkeit.« »Phrasen, Phrasen, Phrasen!« fiel mir die Mähre höhnend ins Wort. »Nette Menschlichkeit! Du hättest noch hinzufügen dürfen, daß man einander heute das Leben auf sehr leichte und geschwinde Weise nimmt, mit guten Gewehren und klugen Erfindungen, die das barmherzige Geschlecht zum Besten der Menschen ersann.« »Warte nur, warte!« rief ich hitzig. »Nur ein wenig Geduld! Was habe ich von deinem Gerede! Hör doch nur weiter und bring mich nicht durcheinander. Wo bin ich stehen geblieben? Ja, hier: ›Die heutige Zeit verdient mit Recht ihren Namen als Zeit der Menschlichkeit. Die Ehre für diese erhabene Tugend gebührt Euch, meine Herren, Euch, Ihr herrlichen, kostbaren, guten Menschen, Euch Führern des berühmten Tierschutz-Vereines! Durch Euch ist ja so vielen lebendigen Geschöpfen geholfen worden, so viel Tieren, so viel Vögeln, Euch ist es zu verdanken, daß man sie heute besser, menschlicher behandelt, daß die Mode des Quälens, Schlagens, Leidzufügens vorüber ist! Überall, auf allen Wegen, auf allen Fahrstraßen, in allen Städten, in allen Dörfern, in allen Nestern gibt es ja heute Eure barmherzigen Boten, gute und kluge Mitglieder, die eifrig auf der Wacht sind und jedermann auch nur den mindesten Schmerz, den er Tieren bereitet, büßen lassen. Behüte – heute weh zu tun!‹« »Phrasen, Phrasen, Phrasen!« unterbrach mich die Mähre wieder mit heftigem Hohn. »Heil euch, ihr lebenden Wesen, Heil euern Kindern, daß ihr in einem Geschlechte lebt, da gute Vereinsmitglieder um euch bekümmert sind! Tanzt, ihr Tierlein, tanzet! Auf den Schlachthof bemühe dich einmal, dann wirst du ein Konzert hören, da wirst du hören und sehen, wie Hühner, Gänse, Truthühner und andere vor Freude singen, springen und zappeln! Dort steht Gottes Lieblingskind, der König aller Geschöpfe, irgend ein Schächter, ein frommes Männlein, sagt die Benedeiung, schneidet einem Hahn die Kehle durch und rupft ihm gleich im selben Augenblick die ganzen Federn aus. Der Hahn schreit laut Amen und brüllt vor lauter Wonne. Er zuckt und zappelt in seiner Nacktheit, und es dauert manchmal eine hübsche Weile, bis er seine Seele aushaucht, und während des Aushauchens freut er sich mächtig, daß er gewürdigt wird, zusammen mit allen Hühnern der Stadt dem guten, dem frommen, dem barmherzigen Schächter seine Federn als Erbe zu hinterlassen ... Wieviel vollgepackte Säcke mit Federn trug ich in Dümmingen bei den Schächtern! Dieses Erbe; dieses kostbare, herrliche Erbe – oder Federnrecht, wie sie es nennen – kostete mich viel Schweiß, ich rackerte mich mächtig ab, die Knochen tun mir davon wehe!« »Ach was!« erwiderte ich und glühte und brannte von dem Vergnügen des Lesens. »Ach, was hat das damit zu tun? Wahrhaftig, du verstehst nicht, wie man zu schreiben hat, du hast kein Gefühl dafür. Hör lieber weiter, was weiter steht! Schweige lieber und höre mit Verstand zu, was ich vorlese. Also, ich schreibe so weiter: ›Und da ich die Ehre und das große Glück habe, ein Mitglied dieser Gesellschaft zu sein, bin ich verpflichtet, Euch von einem Geschöpfe Gottes zu berichten, das keinen Namen hat, das Euch zu nennen ich wahrhaftig in Verlegenheit bin. Sollte ich es eine Mähre nennen, so scheint es doch wieder – bitte, lachet nur nicht – ein Mensch zu sein. Sollte ich es einen Menschen nennen, so scheint es doch eine Mähre zu sein! Noch einmal, meine Herren, lacht mich nicht aus! Ich habe es mir nicht aus den Fingern gesogen. Die Sache ist höchst einfach, dieses Geschöpf lebt auf der Welt. Es ist eine Mähre, aber es hat Herz und Hirn und alles wie ein Mensch. Wenn man darüber philosophiert, kann man sogar beweisen, daß es nichts Neues unter der Sonne gibt, daß solche Dinge vorkommen. Was waren denn die Parias in Indien zum Beispiel? Ja das waren Menschen, die so viel wie Hunde galten. Was waren denn einst die Leibeigenen – drüben in Amerika? Weder Menschen noch Vieh. Was will man mehr, stellte denn nicht erst vor kurzem ein großer Jesuitenpater, Burgstaller aus Feldkirch, den berühmten Gelehrten Alexander von Humboldt in seinem Zorn auf die Stufe der Tiere? Er machte diesen Gelehrten ganz einfach zum Vieh! Ein Wunder, daß man noch rechtzeitig darauf achtete, ein großes Gelächter erhob und nichts daraus wurde. Aber ich will mich nicht in höhere Sphären begeben. Wisset, daß es in unserer Gegend ein armes Wesen gibt, das furchtbar leidet. Jeder, der etwas braucht, nützt es zu seinem Vorteil aus. Es trägt das Joch und Lasten über seine Kräfte. Trotzdem behandelt man es schlecht. Man hält das Wesen nämlich von der Stadtherde abgesondert, als ob es die Pest hätte. Wenn es irgendwo nur das kleinste Bröselchen erwischt, hetzt man die Hunde darauf und schreit Zeter, daß es Schaden anrichte, von allen Seiten hageln die Hiebe auf das Unglückswesen nieder. Viele Vereinsmitglieder sehen zu und – o Wunder! – stellen sich, als wüßten sie nichts, als ob es vogelfrei sei und den Verein überhaupt nichts angehe. Ich versuchte mich einige Male für das Geschöpf einzusetzen, da bekam ich es ordentlich ab. Um Himmels willen, schreie ich, was ist das? Angenommen sogar, das Wesen, von dem ich hier schreibe, wäre nichts weiter als eine Mähre, alles andere sei ganz beiseite gelassen – aber schließlich ist es ja ein Geschöpf Gottes wie alle anderen Mähren. Auch für die Armen gilt die Mitleidspflicht! Und Ihr, barmherzige Vorsteher des herrlichen Vereines, dessen großes Erbarmen allem Getier und Vieh gilt, erbarmt Euch der elenden, unglücklichen Mähre! Stehet ihr in ihren Nöten bei und schützet sie vor der Unbill. Breitet Eure Fittiche über sie, daß sie durch Euch Rettung finde, auf daß auch das arme Unglückswesen wisse, daß es heute nicht mehr vogelfrei in der Welt zugeht, daß es den ›Tierschutz-Verein‹ gibt!‹« Vierzehntes Kapitel Die Leistung des Vorstands in der Angelegenheit Die letzten Worte meines Briefes, daß es »heute nicht mehr vogelfrei in der Welt zugeht, daß es den ›Tierschutz-Verein‹ gibt«, schloß ich mit lauter Stimme und so heftig, daß es im ganzen Walde widerhallte, als ob alle seine Geschöpfe beim Vernehmen solcher Worte vor Freude schwöllen, sich vor Wonne umarmten und einander zu der frohen Botschaft beglückwünschten und ausriefen: »Es lebe der Tierschutz-Verein!« Den Namen des Vereins hörte ich ganz deutlich im Walde hallen. Die Mähre aber schwieg, schüttelte den Kopf und sah mich lächelnd an, als ob sie sagte: »Ach, was für ein Narr du bist!« Ich ärgerte mich zwar ein wenig darüber, dachte aber bei mir: »Ach, was sie schon vom Schreiben versteht! Schließlich war sie ja doch soviel Jahre eine Mähre.« Ich kratzte mich hinten am Kopf, faltete einen zweiten Bogen auseinander und las die Antwort des Vorstandes vor: »In Erledigung Eurer Bitte betreffs der Mähre oder des Wesens, von dem wir gar nicht begreifen, was für ein Unglücksvieh das ist, teilen wir, der Vorstand des Tierschutz-Vereines, Euch, sehr lieber Herr, mit, daß außer von Euch schon viel Gesuche von verschiedenen Seiten über diese Mähre an uns gelangt sind. Manche klagen ihre Peiniger an, beschreiben ihre schlimme Lage und bitten um Erbarmen: wir sollten doch einen ausdrücklichen Befehl an unsere Mitglieder ergehen lassen, überall, wo sich die Mähre befinde, sie menschlich zu behandeln, wie alle Tiere und Geschöpfe, die unter unserm Schutz stehen, ganz ohne jeden Unterschied; wir sollten ein für allemal erklären, daß unter das Mitleidsgesetz alle Geschöpfe gleichmäßig fallen, selbst die Mähre, und wenn man sähe, daß jemand sie schlecht behandle, solle man es ihn an Ort und Stelle nach Gesetz und Recht büßen lassen. Unter diesen gibt es auch welche, die von der Mähre viel Aufhebens machen und Wunder von ihr plappern und plaudern, genau so wie Ihr, sehr geehrter Herr. Manche dagegen schreiben das Gegenteil. ›Ihr könnt und braucht Euch nicht mit denen zu überwerfen‹, sagen sie uns, ›die ihr manchmal einen Hieb versetzen; der Hieb ist sehr notwendig, man kann nicht anders auskommen. ‹ Nach ihrem Bericht benimmt sie sich sehr wild, ihr ganzes Betragen ist nicht so, wie es sein sollte. Will man sie wie üblich einspannen, bäumt sie sich und stellt sich auf zwei Beine. Schaut man einmal ein wenig zur Seite, so springt sie aus den Deichselstangen heraus, wirft die ganze Last ab, schlägt gerne heimlich aus und beißt kleine Kinder. Sie muß eine Peitsche über sich haben, ohne Hiebe kann man mit ihr gar nicht auskommen. Nun und obendrein ist sie noch unsauber. Eine lange weichselzöpfige Mähne baumelt ihr nach, auf dem Kopfe eitert ihr etwas. Man darf sie unter keiner Bedingung unter die andern Pferde lassen, sie wird sie sicher noch anstecken. Und was die Arbeiten betrifft, so ist sie zu gar keiner Arbeit nütze, bloß zu gewissen unschönen Tätigkeiten. Zu all den Tugenden richtete sie noch gerne Schaden an. Mehr als einmal ertappt man sie im Korn, das sie frißt und zertritt, wodurch sie den armen Bauern schreckliche Verluste bereitet, während andere Pferde, die viel besser und schöner als sie sind, hübsch ordentlich, wie es sich gehört, auf dem grünen Grase weiden. Es ist darum gefährlich, sie in den Dörfern zu halten. Ihr braucht Euch wahrhaftig um nichts zu kümmern und nichts gegen die zu unternehmen, die sie manchmal mit einem Hieb traktieren. Nicht eines jeden kann sich der Verein erbarmen. Sie verdient wahrlich den Hieb. Sie ist eine Heimsuchung, eine von Gott geschickte Plage.« Ein Seufzer drang tief aus dem Herzen der armen Mähre, sie stellte die Ohren auf, öffnete den Mund, als sie solche Beschuldigungen und Verleumdungen über sich vernahm. Ich las weiter: »Nachdem wir, der Vorstand, beide Parteien gründlich angehört und auch von unserer Seite im geheimen Zeugnisse durch unsere Mitglieder vernommen hatten, übergaben wir die ganze Angelegenheit mit allen Akten einer Sonderkommission, damit sie sie gründlich überlege und die richtigen Mittel finde, um die Sache zu verbessern. Die Kommission hat sehr eifrig gearbeitet und ihrerseits auch genaue Untersuchungen angestellt, bis sie Gottlob etwas erreichte.« »Werden die leeren Reden endlich einmal ein Ende nehmen und fertig sein?« fragte die Mähre. »Wahrhaftig, es wird einem vom Hören übel.« »Nur Geduld, du wirst dich bald freuen«, antwortete ich und las weiter: »In ihrem Referat legte uns die Kommission das Ergebnis in folgenden Worten vor: ›Vor allem ist der Mähre der Weichselzopf abzuschneiden, sie hat wirklich reinlicher zu werden. Um viele Zwistigkeiten in dieser Sache auszuschalten und ihren Zustand für die Zukunft zu verbessern, muß man, unserer Meinung nach, trachten, daß sie nicht so roh und derb sei, man muß sie auf den richtigen Weg bringen – sie bilden und lehren, wie sie den Fuß zu setzen habe und noch andere Dinge. Dann erst mag sie unser Mitleid haben. Erst dann, wenn sie alle die Künste kennen wird, die man von einer gelehrten Mähre verlangt, wird ihr der Verein beistehen und nicht zulassen, daß man sie roh behandle. Vorläufig ist darauf zu achten, daß sie jedenfalls den Getreidefeldern nicht zu nahe komme, um ihres eigenen Wohles willen. Das heißt, wie dem auch sei, ob sie Schaden stifte oder nicht, vorläufig darf sie nicht überfallen werden.‹ Dieser Vorschlag der Kommission wurde angenommen, und wir haben unsererseits schon alles getan, was in unserer Macht steht, um ihn mit Gottes Hilfe binnen kurzem zu verwirklichen. Indem wir Euch dies mitteilen, können wir uns nicht enthalten, Euch, erbarmungsvoller Herr, für die Ergebenheit zu danken, mit der Ihr immer dem Vereine dient, und für Eure große Barmherzigkeit, mit der Ihr dauernd um die armen, unschuldigen, unglücklichen Geschöpfe besorgt seid. Wahrlich, der Vorstand hat ein Auge und versteht es, so wertvolle Menschen wie Euch zu schätzen und –« Ich hatte noch kaum den Dank beendet, den mir der Vorstand aussprach, als ich im Walde ein Geschrei vernahm. Ich glaubte, es sei vielleicht ein wildes Tier oder ein Räuber – wer weiß, was im Walde vorkommen kann! –, steckte den Brief schnell in die Busentasche, versteckte mich besser im Gezweige und saß in Schreck und großer Not. Der Lärm wurde immer besser vernehmbar, und ein paar Minuten darauf kam ein Bauer mit einer großen Fuhre Holz aus dem Walde gefahren. Er schrie, stieß Verwünschungen und Flüche aus und prügelte auf mörderische Weise sein armes, kleines Pferd, dem es schrecklich schwer fiel, eine derartige Last zu schleppen, und das immer stehen blieb. Ein Stein fiel mir vom Herzen. Da also keine Gefahr war, kam ich kühn aus meinem Versteck hervor, ging auf den Bauern zu und sagte ihm: »Hör mal! Warum schlägst du das arme Pferd so? Ein Jammer, man darf nicht so schlagen.« »Was sagt der da vom ›darf nicht‹?!« sagte der Kerl sehr verwundert und machte sich wieder über das arme Pferd her. »Hände weg«, sagte ich und wurde zornig. »Du hast es nicht anzurühren!« »Was gehst du mich an? Mit welchem Recht mengst du dich in fremde Dinge und läßt mich meine Sache nicht schlagen?!« antwortete der Bauer frech. »Ich bin Mitglied des ›Tierschutz-Vereines!‹ erwiderte ich stolz und glaubte, der Kerl werde erschrecken und rasch den Hut ziehen. »Der Teufel hole dich und deinen Verein! Troll dich zur Hölle, du Verrückter! Ich habe keine Zeit zum Diskutieren. Das Holz hier muß ich ganz früh zur Stadt bringen.« »Aber das Pferd kann einen so vollgepackten Wagen nicht schleppen!« »Nun, dann spann dich ein und hilf ihm schleppen, wenn du gar so gut bist.« »Wirf ein wenig Holz hinunter!« »Zahl es mir, dann will ich es hinunterwerfen!« »Du bist ein kluger Mann! Zahlen! Warum sollte ich dir zahlen?« »Bist du verrückt oder besoffen oder ein Dämon oder was sonst? Pff! Pack dich zu allen Teufeln, zudringlicher Kerl!« sagte der Bauer sehr böse und versetzte dem Pferde einen Hieb. »Ich bin Vereinsmitglied! Ich lasse es nicht zu! Verstanden?!« »Ich werde dir die Knochen zerschlagen, du Wahnsinniger! Zu allen Teufeln mit deinem Verein!« fluchte und tobte der Kerl und war drauf und dran, mich mit der Peitsche zu schlagen. Halbtot vor Schreck floh ich und setzte mich wieder an die Stelle von vorhin. Fünfzehntes Kapitel Lerne tanzen! Eine ziemliche Weile saß ich still, und meine Zunge wollte nicht sprechen. Dann hustete ich mich ein wenig aus und fragte die Mähre: »Na, was sagst du zum Verein? Wie gut und edel er ist, wie er an dich denkt und sich um deine Zukunft kümmert! Er will dein Schicksal besser gestalten, daß man dich nicht mehr so schlecht behandle. Aber das hängt auch sehr von dir ab. Dein Glück und Heil liegt auch sehr in deiner eigenen Hand. Wenn du gehorchen und die Sitte und Weise gelehrter Pferde annehmen wirst, wirst du es später mit Gottes Hilfe gut haben. Statt der groben Arbeiten wird man dich zu schönen und leichten Diensten verwenden. Wer weiß, was sich im Laufe der Zeit noch alles ergeben kann? Du kannst es noch zu etwas bringen und ein ganz anderes Aus- und Ansehen haben. Nun, was sagst du?« Ich war überzeugt, die Mähre werde beim Hören solcher Worte ganz einfach außer Rand und Band geraten, werde, wie man sagt, mit Händen und Füßen danach greifen und dem Herrn Preis und Lob singen in großer Wonne, wie auch mir, seinem Boten, der ihr die frohe Kunde gebracht hatte. Ich gestehe, daß ich ein ganz ungewöhnliches Vergnügen habe, wenn mir jemand für eine Wohltat dankt, die er von mir oder durch mich hatte. Ich fühle dann, daß ich sein Herr bin und er mein Knecht ist, ich bin der edle Mann, der Glückspender, der Barmherzige, der Wohltäter, und er ist – na ja, der arme Teufel. Mir gebührt natürlich alles, mir gebührt Geld und jedes Vergnügen, und ihm? Er mag sich freuen, daß ein Mensch wie ich sich seiner erbarmte und ihm etwas gab. Ich hätte ihn ja gar anfahren und hinauswerfen können. Wenn er zum Beispiel zu mir gekommen wäre und um etwas gebeten hätte, was er fürs Leben haben mußte und was für mich eine lächerliche Kleinigkeit war – hätte es sich gerade treffen können, daß ich ihn scheel ansah, nicht zu mir reden ließ und die Nase so verzog, daß er kaum die Tür gefunden hätte. Mit einem Blicke hätte ich ihn wie eine Fliege zerquetscht, und alle seine Hoffnungen wären wie Spinngewebe zerrissen. Es hing alles nur an einem Haare. Wenn mir so ein Mensch dankt, fühle ich, wie hoch ich doch stehe. Dann scheint es, als ob er mir die Segnungen zugestehe, mir das Diesseits und auch das Jenseits gebe und sich mit Recht für eine Null halte. Mir gebührt natürlich ein leichtes Leben, ohne Mühe, ohne Arbeit, ohne Sorge. Dafür bin ich ja ein feiner, edler Mensch. Und ihm – das ist ganz was anderes. Wir sind zwar beide Fleisch und Blut, aber edles Blut ist doch etwas anderes. Nun, und unser beider Natur ist auch verschieden, ich bin an ein gutes Leben und alle Genüsse gewöhnt. Wenn ich mein Gläslein Kaffee oder das Gläslein Tee nicht zur Zeit habe oder wenn mir zu Mittag ein Gericht nicht behagt, oder ich mich ein wenig zu sehr bücke, dann ist's um mich geschehen. Er aber ist das Rackern gewohnt, er ist derb und ganz gefühllos. Die Därme eines Armen sind nicht wählerisch, mag es trocknes Brot sein, mag es Kieselstein sein, wenn es nur zum Essen ist. Wie darf er sich mit mir vergleichen? Wenn mir so ein gewöhnliches, armseliges Menschlein mit zittriger Stimme dankt, dann stehe ich und lächle ein wenig, ganz sonderbar, wie es sich nicht beschreiben läßt. In diesem Lächeln liegen Bescheidenheit und Stolz, eine Art Ernst und Spott, Zutraulichkeit und Abstoßen, na, meinetwegen Mitleid und na, meinetwegen hol dich der Teufel, Redeerlaubnis und eine Andeutung: »Trotzdem Respekt!« Wenn ich ihm dann einen Blick schenke, dann, glaube ich, ist er gar erquickt. Schenke ich ihm noch ein paar Worte, so lasse ich mich zu ihm hinab und predige ihm in meiner Güte Moral, zum Beispiel: »Man muß arbeiten, sich placken, den Pfennig redlich im Schweiße seines Angesichts verdienen, man darf nicht faul sein, man muß mit Berechnung leben!« Oder wenn ich mich einfach auf gut Glück mit Ratschlägen in seine Angelegenheiten einmische und aus dem Finger gesogene Weisheiten von mir gebe: »So ist das und das zu machen, das und das zu schreiben, so ist es gut, so ist es schlecht«, und ähnliche Ansichten ohne Grundlage – dann, scheint es mir, weiß er sich vor Freude nicht zu lassen, er sagt zu jedem meiner Worte Amen und dankt mir für meine erquickende Moralpredigt, für meine klugen Ratschläge. Ich glaube, daß mir hierin viele reiche Leute gleich sind, viele barmherzige, große Herren. Ich erkenne es immer an ihrem Gesicht, an ihrem Lächeln, an ihren leuchtenden Augen, an ihrer Rede, an ihren Ratschlägen und ihren Moralpredigten. Noch besser zeigt es sich manchmal in ihrem Handreichen. Was kann da wohl auf den ersten Blick beim Handreichen sein? Bei gewöhnlichen Menschen ist das ganz einfach, man gibt dem andern die Hand mit allen Fingern, so wie sie ist, ganz ungekünstelt. Aber bei den feinen Leuten stecken im Handgeben große Künste, man gibt sie auf vielerlei Art. In jeder Art stecken ganze Gesetze, eine ganze Sprache kommt darin zum Ausdruck. Als ich ein feiner Mensch wurde, habe ich die Künste des Handgebens eine sehr sehr lange Zeit lernen müssen. Wenn Gott mir Gesundheit und Leben schenkt, gedenke ich ein dickes Buch in mehreren Teilen unter dem Titel »Die Handkunst« drucken zu lassen. Der erste Teil behandelt das Nehmen. Nun, das ist eine leichte Sache, eine Regel für immer, für jedermann gleich, daß man mit der ganzen Hand nehmen soll, und wenn es geht, pflegt man überall mit beiden zuzugreifen. Die ganze Schwierigkeit liegt im Geben. Darüber handeln alle Kommentare, dafür gibt es tausende Erläuterungen, hier ist der Kern des Buches. Ich bin überzeugt, daß die Welt von dem Buch großen Nutzen haben wird, insbesondere jene Menschen, die plötzlich in die Höhe kommen, die sehr gerne eine Rolle spielen, in allen Dingen den Großen und Vornehmen nachtun möchten; ferner auch den Frauenzimmern, die plötzlich in den älteren Jahren die jüdische Kopfhaube abwerfen, sich nach der letzten Mode putzen, schön tun, sich ein Air geben und gar mit einem Male ganze Damen werden! Diesmal aber war mir keine Freude beschert. Die Mähre dankte mir nicht nur nicht, sie wollte sogar dem Anscheine nach von meinen Worten nicht einmal was hören. Sie wandte sich zur Seite und fraß mit einer Miene Gras, als merke sie gar nicht, daß ich überhaupt neben ihr saß. Das verletzte mich ein wenig, ich wiederholte ihr abermals meine früheren Worte, sie tat weiter, als gehe sie's nicht an und blieb bei ihrer Sache, als ob sie sagte: »Was kümmert es mich, was der da schwätzt, was der mich lehren will?« Eine solche Kränkung konnte ich nicht mehr ertragen. Was sollte das heißen?! Erzählte ich hier denn Unsinn? Ich sprach doch über Aufklärung, über Bildung! Ich war wütend, daß ihr das keine Freude machte. Ich sprang rasch auf, wandte mich zu der Mähre und hielt ihr eine ganze Predigt: »Jedermann weiß«, sprach ich feurig, »klein und groß, daß alle Weisen die Bildung oder Gelehrsamkeit mit dem Lichte vergleichen. Die ›Lehre ist Licht‹, sagt auch die Heilige Schrift. Aber Roheit und Unbildung vergleichen sie mit der Finsternis. Ein Gebildeter hat es klar vor den Augen, klar in all seinen Gliedern. Die Bildung gibt jedem, genau so wie das Licht, Glück und Leben. Wer gebildet ist, der lebt sehr glücklich, in Reichtum und Ehren. Er erfreut sich der Welt und die Welt erfreut sich seiner, jedermann liebt ihn ganz außergewöhnlich, man hält es ohne ihn gar nicht aus. Man gibt ihm das Schönste und das Beste, selbst das Tellerlein vom Himmel nimmt man herab und erfüllt ihm jeden Schlaraffenwunsch. Kurz, es geht ihm gut, gut, unendlich gut. Die Reichen und Großen sind vor Freude über ihn außer sich, wissen sich gar nicht zu lassen, lecken sich alle zehn Finger, wenn er nur ein Wort sagt. Jeder will ihn wie einen kostbaren Edelstein zu sich ziehen, und wenn sie einen Ball, ein Mahl oder ein Fest veranstalten, dann steht er als erster auf ihrer Liste, als Glanzpunkt. Jawohl, sie begreifen, daß das Geld ein Schmarren ist, heute ist es da und morgen nicht mehr, er aber ist selber Geld, er ist Gold und Silber. Was braucht er Geld? Was Schmuck? Wo er doch selbst als Goldstück gilt, wo er doch selbst ein Edelstein ist! Wenn er es versucht und um ein Darlehen oder dergleichen bittet, erfüllen sie augenblicklich und freudig seinen Wunsch. Welcher reiche Mann zum Beispiel hat in seinem Leben je einem Gebildeten etwas verweigert? Wer, bitte, und wann? Ich glaube, kein einziger! Beklagt sich jemand in dieser Sache, so ist er gewiß ein Lügner, und wenn er als wahrheitsliebender Mensch bekannt ist, so muß etwas dahinterstecken, sie haben sich wohl beide geirrt. Die Aristokraten, das heißt die feinen Leute, die immer die Nase in der Höhe haben und groß tun, ganz ohne Grund, die von jedem Respekt für sich verlangen, wegen ihrer modernen Hosen, Stiefeletten und so weiter, wegen ihres Verständnisses für schöne Waren und alle geschmackvollen Dinge und auch wegen ihres guten Mittagessen, bei dem ein wenig mehr Fleisch und Schmalz und ein Gericht mehr zu finden ist als bei den gewöhnlichen Leuten – diese verfeinerten Menschen laufen dem Gebildeten entgegen und erweisen ihm viel Ehre. Selbst jene Damen, die so schön tun, daß man, wenn man auf sie zugeht, manchmal ganz klein wird, sonderbare Gesichter schneidet und nicht weiß, wie man stehen, wie man sitzen, wo man die Hände hintun soll; daß man ganz wirr wird, durcheinander spricht und an jedem Worte ersticken will; die Stimme sich verändert, es in den Ohren rauscht, daß man beinahe selber nicht hört, was man spricht; jene Damen, in deren Gesellschaft sich selbst die ganz Forschen mit gezwungener Ungezwungenheit benehmen, das heißt in klarem Deutsch, sich Gewalt antun und sich zwingen, ihr Benehmen ungezwungen und frei erscheinen zu lassen; die glauben, daß sie die Menschen mit jedem Wort, mit jedem Blick beglücken; denen ganze Berge von wichtigen Dingen obliegen – gewichtige Berge von fremdem Haar und Wälder von Lumpenblumen auf dem Kopfe – selbst sie laufen dem Gebildeten nach und erquicken sich an jedem seiner Worte. Hat es denn nicht auch so zu sein? Sagt es denn nicht die Schrift? Sie sagt: ›Heil dem Menschen, der Weisheit gefunden!‹ Warum? ›Denn besser ist ihr Erwerb, als der Erwerb des Silbers, in ihrer Linken ist Reichtum und Ehre.‹ Nun braucht man denn besseren Beweis als die Schrift? Ich will mich hier nicht lange darüber verbreiten, um aus dem Weltlauf her zu beweisen, wie schlecht und schlimm und böse es den Ungebildeten geht, wie schwach und verächtlich die armen Kerle sind, wie sie sich überall bücken und ducken müssen, wie sie leiden und sich quälen. Nein! Ich will jetzt nicht davon sprechen, ich will hier nicht mehr beweisen, wie gut die Bildung ist, und von hier aus will ich auf dich kommen, damit du begreifst, wie willkommen dir die Absicht des Vereins sein muß, dich zu –« Aber meine Mähre stand plötzlich mitten in meiner Rede auf, ging ein paar Schritte fort und begann Gras zu fressen, ganz gleichmütig, ohne mich auch nur eines Blickes zu würdigen. Ich aber wollte nicht schweigen, jetzt ging's mir schon um das Rechtbehalten, ich war sehr ärgerlich. War ich denn ein kleines Kind, wie?! Schwatzte ich denn bloß? So predigte ich ihr wenigstens von ferne, wenn sie gleich nichts hören wollte, immer weiter und schloß laut mit der Schrift: »Wenn ihr folgen und hören werdet, werdet ihr das Beste des Landes essen!« Sechzehntes Kapitel Tanz geht dem Essen nicht voran Als ich zu Ende geredet hatte, warf ich mich erschöpft und schweißbedeckt mit brennendem Gesicht und wundem Herzen unter den Baum. Die Mähre war für mich nach einer solchen Aufführung erledigt. Ich hielt sie für verloren, auf ewig verloren. Nimmer würde sie es zu etwas bringen. Ihre Feinde schienen wohl recht zu haben, die Welt ist ja nicht von Sinnen, sie war wohl wirklich ein schlemieliges Unglücksvieh. Was sollte ich sie da betreuen und bemuttern? Ich wollte noch ein wenig warten, dachte ich, bis es rechter Tag würde, um von ihr wegzufliehen, wohin mich die Augen führten. Ich würde selbst ans Lebewohl vergessen und mich nicht verabschieden. Mochte sie tun, was sie wollte. Wir hatten überhaupt nichts mehr miteinander zu schaffen. Während ich so in meiner Wut dasaß, hörte ich von ferne eine Stimme zu mir sprechen. »Ja, was bedeutet das, daß du so fliehen willst? Wie, ein Mann wie du und fliehen?!« »Die Mähre ist eine Zauberin, sie weiß, was im Herzen vorgeht. Sie hat wohl erraten, daß ich von ihr fliehen will!« So dachte ich und glaubte, die Stimme komme von der Mähre, darum stellte ich mich einfältig und fragte stotternd: »Was ... fliehen ... wer ... vor wem ...?« »Vor dem Bauern.« »Ach vor dem Bauern, fragst du, warum ich vor dem davongelaufen bin?« sagte ich und wurde ruhiger. »Ein Bauer bleibt ja ein Bauer, ein Wilder. Er wollte mich ja schlagen.« »Was? Wen schlagen?! Dich? Und du bliebst dazu still?!« »Na, was hätte ich denn tun können?« »S-s-o-o-o! Du konntest nichts tun, du bist geflohen! Und sein elendes Pferd hat er immer weiter geschlagen! Wie?! Sind denn barmherzige Vereinsmitglieder nicht auf den Wegen und Straßen?« Ich wurde verwirrt und hatte nichts zu erwidern. »Die erbarmungsvollen Leute sind wohl wirklich die erbarmungsvollen Leute und die unschuldigen Geschöpfe – die armen unglücklichen Pferde leiden weiter! Die Unglückswesen, die man früher marterte, die quält man wohl auch jetzt noch! Aber aber, geht es in der Welt denn vogelfrei her?!« Ich ließ bei diesen Worten die Nase hängen. »Ja, heutzutage gibt's den ›Tierschutz-Verein‹.« Ich konnte ihr nicht in die Augen sehen und wandte den Kopf ab. »Als du früher diese Worte laut von ganzem Herzen ausriefst, hätte man wahrhaftig glauben können, daß die messianische Zeit gekommen sei! Alles Getier und Vieh kommt brüderlich zusammen, Wölfe verbrüdern sich mit Lämmern, Tiger und Ziegen werden Gesellen, sie bitten einander um Verzeihung wegen früherer Sünden, wegen einstigen Unsinns; was gewesen ist, ist gewesen, ab heute sollen gute Einrichtungen getroffen werden. Die scharfen Nägel und die schrecklichen Zähne sind in den Schrank zu tun, mit der Mode des Blutvergießens und Fleischessens ist es vorbei, es gibt keine starken und vornehmen Herren, alle sind gleich, man schreit lustig: ›Hurra, hurra!‹ Die messianische Zeit ist da, und während alle sich freuen und tanzen, muß gerade ein Bauer mit einem Pferde daherkommen und es mörderlich prügeln – und die ganze Freude ist verstört. Ich bitte dich, was hat er dir gesagt, der wilde Kerl?« »Sie höhnt mich«, dachte ich ärgerlich und erwiderte kein Wort. »Es ist wohl ein Irrtum. Alles, was du sagtest, war wohl bloß ein Theaterstück, bloß eine Komödie. Da sitzt der Vorstand des Tierschutz-Vereines, ist besorgt, erzählt von Barmherzigkeit, Menschlichkeit, und dort quält man die unglücklichen Geschöpfe. Wer will, lädt den Pferden über ihre Kräfte Lasten auf und preßt ihnen die Seele aus dem Leibe hinaus. Man hilft ihnen anscheinend nur mit einem guten Wort, mit einem Seufzen, mit einem Ach. Das reinste Theater, wahrhaftig! Die heutige Zeit verdient wahrlich den Namen: Die Zeit des Achsagens, Redens, Schwatzens.« »Genug!« fuhr ich zornig los. Ich konnte bei diesem Gespött nicht mehr an mich halten. »Genug, spotte nicht mehr, wenn man ernst zu dir spricht, wenn man zu dir von Aufklärung und Bildung spricht.« »Man spricht ernst mit ihr?!« erhielt ich, gleichfalls zornig, die Antwort. »Nun, so höre – warum liegst du wie ein Aas am Boden? –, so höre, was dir aus ganzem Munde gesagt wird. Man spricht ernst mit ihr, sagst du?! Nein soowas! Wenn du einem die Zähne öffnest, dann muß man dir sagen, daß du absonderlich bist, deine Reden und deine Briefe sind ganz absonderlich und es ist wohl nicht anders: Du mußt verrückt sein. Man sagt dem unglücklichen Wesen: ›Lerne!‹ So frage ich: Erstens, du Neunmalweiser, warum befiehlt man es gerade ihr? Gibt es denn in der Welt sonst gar keine ungebildeten Pferde, ganz gewöhnliche Tiere, die in keinem Gestüt erzogen wurden – trotzdem könnte man ihr ein solches Leben wie ihnen wünschen, ohne daß sie zu kurz kämen! Zweitens, wenn sie auch wirklich die Faxen der edlen, gebildeten Pferde nicht kann, darf man sie gleichwohl kein rohes Tier nennen, scheint mir. Und wo steht geschrieben, daß jedes Pferd just das Zeugnis eines Gestüts haben müsse? Drittens, wenn sie zwar nicht so tanzen und Faxen machen kann, wie Gestütspferde, so hat man dafür wieder mehr, viel mehr Nutzen von ihr als von ihnen. Die andern brauchen nichts zu arbeiten, sie kennen nichts als den Spazierwagen und den Jagdritt. Sie dagegen muß die schwersten Arbeiten tun und alle Lasten schleppen. Wo ist ihr Fleisch, ihr Leib hingekommen? Sie hat es an der Arbeit verloren. Man mag sagen, was man will, aber ihre Mühe und Plage haben sehr viel Nutzen gestiftet. Viertens, welchen Zusammenhang, ich bitte dich, haben Essen und die notwendigen Bedürfnisse mit der Bildung? Ist es gerecht und billig, jemanden nicht essen und frei atmen zu lassen, wenn er nicht gewisse Künste erlernt? Jedes Geschöpf, das geboren wird, ist vor allem eine lebendige Sache, von der Natur mit allen nur für es bestimmten Sinnen und Gliedern ausgerüstet, um alles für sein Leben Notwendige zu erhalten. Es hat zum Beispiel einen Mund zum Essen, es hat eine Nase zum Atmen, es hat Füße zum Gehen und nicht zum Tanzen. Tanzen und ähnlicher Krimskrams sind bloß erfundene Dinge, die hat man später selbst erfunden und Bildung genannt. Ich will mich hier nicht ins Philosophieren einlassen, ob die Bildung und alle die Kunststücke gut oder schlecht sind; ob alles, was man lehrt, wie man es angeordnet hat und woher es stammt, ob das alles gar Bildung heiße. Denn man sieht ja viele Künste, die einst auf dem Programm standen und sehr viel galten, während sie heute nicht mehr am Platze sind. Andere Künste wieder, deren ganzes Fundament – o weh! – auf Geschmack und Hypothesen ruht, sind doch bei allen Menschen sehr verschieden. Andere wieder, angeblich ernste Kunststücke, die auf der Willkür des Menschen, auf Launen, auf alten verschimmelten Sitten beruhen. Es gibt auch Geschichten, die man von vornherein auf Sand gebaut hat, auf die Phantasie, die Einbildungskraft. Dann gibt es Geschichten, die sich auf Tatsachen stützen, das heißt darauf, was in der Welt geschehen ist, aber die Tatsachen an und für sich sind wirr und durcheinander, jeder erzählt sie auf andere Weise, jeder sieht sie anders, außerdem werden sie nur von außen abgeschildert, aber wer weiß, was im Innern vorgeht? Nun, und dann darf man ja nicht vergessen, daß auch die angeblich ernsten Geschichten nichts weiter geben als Possen, Faxen und Kinderspiele, aber die im Wesen guten Erfindungen, die edlen, herrlichen Künste, die kommen hier nicht besonders gut weg. Noch einmal: ich lasse mich hier nicht in tiefes Philosophieren ein, ob an der Bildung und euren Kunststücken etwas daran ist oder nicht, ob sie der Welt Glück oder Unglück gebracht haben. Solche Grübeleien kümmern mich jetzt nicht. Ich will nicht mehr sagen, als daß sie bloß Nebensachen sind. Bei der Geburt weiß das Geschöpf nichts von ihnen, es spürt sofort den Trieb zum Essen, zum Atmen und zur Bewegung, bevor es noch die allermindeste Ahnung von jenen ausgedachten Erfindungen hat. Ihr braucht ihm meinetwegen kostbares Geschirr, Kopfbüsche und Flitterkram und ähnliches Spielzeug und Tand nicht zu geben – die ihr für jene Künste bestimmt habt –, aber Nahrung, freies Atmen und alles Notwendige, das der Körper verlangt und ohne das er nicht auskommen kann, all das müßt ihr ihm geben, es hat ein Recht darauf, ihr könnt es ihm unter keiner Bedingung rauben. Ihr könnt das Geschöpf nicht eingesperrt halten, damit es sich nicht bewege, denn dadurch muß es allmählich absterben – so nehmt ihr ihm doch das Recht auf Leben –, ihr dürft es nicht einfach quälen und martern, denn das muß es ja schmerzen, es könnte noch ein elender Krüppel werden – so nehmt ihr ihm ja das Recht auf Gesundheit und Lebensgenuß! Und wenn du einem schon die Lippen aufreißt, so will ich es dir offen sagen: Ich verzichte auf dein Mitleid! Ich will deine Vermittlung nicht, daß man sie nicht so quäle, daß man ihr das Nötige gebe, um ihr Leben zu fristen, bloß aus Barmherzigkeit, weil es ein Jammer ist, das anzusehen. Sie will nicht einmal, daß du alle ihr zum Leben notwendigen Dinge mit der Begründung erbettelst, daß und welchen Nutzen man von ihr habe und haben könne. Das sind alte Geschichten, alte Lieder, die ich schon zu verschiedenen Zeiten singen hörte. Gewöhnlich, wenn die Welt um sich zu sehen und zu überlegen beginnt, spricht man von Humanität, das heißt Menschlichkeit, von Mitleid, von Barmherzigkeit. Es dauert gar nicht lange und die Welt fängt allmählich an, praktischer zu werden – dann wird es Mode, vom Utilitarismus zu sprechen, das heißt, von der Nützlichkeit, vom Nutzen, den man von diesem und jenem haben kann. Zum Schluß, wenn die Welt zur Vernunft und zur Billigkeit kommt und den Weg der Natur und all ihrer Geschöpfe besser begreift, dann beginnt man, von Wahrheit, von Gerechtigkeit zu sprechen. – Ich will nichts von Erbarmen und Nutzen hören. Erbarmen und Nutzen sind Dinge, auf die sich die Welt nicht gründen kann. ›Ich bin allen gleich‹, sagt das Geschöpf mit Recht, ›aus Fleisch und Blut sind wir alle, unsere Bedürfnisse sind die gleichen, und dasselbe Recht zum Leben haben wir alle. Wenn jemand Erbarmen mit mir hat, so heißt das soviel, als daß ich durch seine Gnade lebe; er – hat das Recht aufs Leben und ich – nicht! Daß ich mich erhalte und ein wenig Luft schnappe, das habe ich ganz und gar nur ihm zu verdanken. Während wir beide gleiche Geschöpfe mit denselben Bedürfnissen sind, läßt er mich leben, weil ich ihm Nutzen bringe – das heißt soviel, daß er das Ziel, das Wesentliche ist, und ich bloß lebe, weil ich ihm dadurch nütze bin; für mich selbst hätte ich gar nicht geschaffen zu werden brauchen. Ich will aber so wie alle andern leben, bloß weil ich auch ein Wesen für mich bin. Verstehst du, du gerechter Anwalt, du barmherziger Herr? Auf eure Barmherzigkeit und darauf, daß ihr von mir Nutzen haben könnt, kann ich mich überhaupt nicht verlassen. Morgen kann sich dein Herz verhärten, zu allen Teufeln, du bist schlechter Laune, oder ich werde dir einmal nicht die genaue Ziegelzahl liefern können – dann kannst du in Zorn geraten, deine Wut über mich ergießen, und es wäre um mich geschehen! Wenn ihr mich gerecht behandeln werdet, so wie ihr andere behandelt, dann, siehst du, werden wir über Künste sprechen. In guten Umständen, in angenehmer Lage, ja, dann ist's recht, dann hat man den Kopf für solche Dinge. Du wirst es dir dann sogar ersparen können, mir Predigten zu halten.‹ Nu, was sagst du dazu, mein Herrlein?!« »Was ich sage?« antwortete ich. »Ich sage: Das muß der Teufel sein, der heute aus dir spricht, ja, der Teufel!« Siebzehntes Kapitel Man soll den Teufel nicht an die Wand malen »Da bin ich!« sagte ein Fremder von sonderbarem Aussehen mit wirrem Haar und einer rundum mit allen möglichen Federn besteckten Mütze. »Da bin ich«, sagte er, indem er plötzlich hinter den Zweigen hervorsprang, sich vor mich hinstellte und mich aus seinen grauen Katzenaugen anstarrte. Ich war erschrocken und entsetzt, hier im Walde einen solchen Gesellen zu sehen. Das ist gewiß ein Räuber, dachte ich, sein fester Nacken, seine Fratze und sein schrecklicher Blick sahen nach einem furchtbaren Räuber aus, der in seinem Leben schon viele Menschen abgeschlachtet hatte. Es schien mir schon, als ob er mich zu Boden schleuderte, ein großes Schlachtmesser zückte. Vor Angst pochte mir das Herz heftig, die Zähne schlugen mir aneinander, und ich fühlte den Geschmack des Todes, als sitze mir das Messer schon an der Kehle. Ich schloß die Augen und sagte im stillen das Sterbebekenntnis. »Was flüsterst du da, junger Mann?« fragte er und stieß ein sonderbares Gelächter aus, daß es mir in den Ohren gellte und weit im Walde umher ein schreckliches Echo ertönte, als ob tausend alte Hexen zu gleicher Zeit lachten. »Das ist schon das richtige Gelächter«, dachte ich. »Gleich ist es aus mit mir, gleich geh ich hinüber.« Wie zum Trotz erschien mir die Welt damals so schön und so gut, daß ich gerne alles hingegeben hätte, um leben zu bleiben. Kein Reich besitzt das, was ich damals für eine kurze Zeit Leben gezahlt hätte. Ach wie schön unsere Welt ist! Welche Menschen! Wenn viele andere dasselbe fühlten, wie ich damals, dann sagten sie: »Zur Hölle der Hochmut, der Adel, die Ehre! Zu allen Teufeln aller Zank und Zwist, leerer Streit und Krieg, Verleumdung, Intrigen, Neid und Haß! Es ist alles Eitelkeit der Eitelkeiten, sinnloser Tand. Alle Menschen sind Brüder und Gefährten, sie stammen eigentlich alle vom gleichen Vater, alle hat eigentlich derselbe Gott geschaffen!« Wenn einer vom Leben Abschied nähme und bei vollen Sinnen wäre, so wie ich damals, sagte er: »Ach, warum habe ich es nicht früher begriffen! Umsonst und grundlos war ich überheblich und händelsüchtig: ›Der ist ein Unglücksrabe, ein Nichtsnutz, ein Vagabund, ein Bettler, und jener ist nicht meines Glaubens, er ist ein Schacherer, ein Schwindler, ein schofler Kerl, der nicht auf Ehre sieht. Pfui, ich war böse und schlecht, ein Schwätzer und Lästermaul, ein Lügner, ein Schmeichler, ein Zwischenträger und Verleumder, mein Mund und meine Feder haben unwahres Zeug gesprochen! Was hatten mir denn die andern getan – arme, unbeschirmte, erniedrigte, unterdrückte, elende Menschen? Hatten die armen Seelen nicht genug eigener Not, Leid und Qual von allen Seiten, Elend, Kummer und Sorge in jeglichem Augenblicke, daß auch ich noch kommen und über sie herfallen und sie plagen mußte? Und warum, mein Gott, warum?‹« Ich bat alle Menschen um Verzeihung und fühlte in Wahrheit, wie dumm es war, daß man stritt und zankte und einander verfolgte. Wenn es möglich gewesen wäre, hätte ich alle gehalst und geküßt und weinend um Verzeihung gebeten. Die Welt gefiel mir so sehr, daß ich beim Scheiden begehrte, noch einmal einen Blick auf sie zu werfen. Ich öffnete die Augen zur Hälfte und schaute in furchtbarer Verwirrung. Alles ging durcheinander, das Oberste war zu unterst, und das Unterste oben. Es blitzte mir in den Augen und donnerte in den Ohren. Große Schweißtropfen drangen mir aus den Poren. Es war mir kalt und war mir heiß. Feurige Räder, Punkte, Punkte von allen Farben, von allen möglichen Gestalten tanzten und schwebten vor mir, der Teufel weiß, wohin. In ihrer Mitte stand ein großer schwarzer Hund, der in jedem Augenblicke anders aussah, er glotzte, knirschte mit den Zähnen, schnitt Grimassen, bis er endlich die Gestalt eines wilden Menschen annahm und ich in ihm den Unbekannten erkannte. »Ha-ha, du zitterst!« verspottete er mich. »So mag ich euch, ihr lieben Menschlein, wenn ihr zittert und schweigt.« Ich blickte ihn schweigend an, genau so wie eine Maus die Katze. »Nun, da du zitterst«, sprach er weiter, »so sollst du wenigstens wissen, vor wem du zitterst. Ich bin's, der den Weg in eine neue Welt geöffnet hat, damit die alte immer neu werde. Durch mich trollt man sich immer wieder, um hier Platz machen. Ich bin's, dessen Kraft immer breit der andern Kraft meines Widerparts entgegensteht. Wir ringen und wollen einander verschlingen. So entspringt in der Welt Neues, dadurch wird alles geboren. Ich bin's, der da war, ehe mir das Nichts urplötzlich strahlend entsprang. Da wurde Wesen aus ihm gemacht, und es vergaß, woher es kam und will seinen alten Vater aus der Welt schaffen. Wir folgen einander auf dem Fuße. Aus jedem Schritte wird und wächst die Zeit. Ich bin der Fürst der Finsternis, der König der Teufel, ich bin der Satan, ich bin Asmodai.« Ich sank beinahe in Ohnmacht, als ich das hörte. Asmodai berührte mich mit dem Finger, und ich fühlte mich gleich stärker, so daß ich auf den Füßen stehen und sogar sprechen konnte. »Verzeihe mir«, sprach ich in tiefer Scheu, »daß ich dich fragen werde. Soweit ich gewöhnliches Menschlein deine verhüllten Worte verstand, meinst du es so, daß du und dein Widerpart in dem, was existiert, gegeneinander arbeiten. Der andre zieht an und du stößt ab. Der andre hält zusammen und du trennst alles. Was der andere baut, zerstörst du. Was du zerstörst, baut der andere wieder auf. Das heißt, der andere ist Erschaffer, Schöpfer, und du, Asmodai, Vertilger, Vernichter. Darauf ist die Welt mit ihrem ganzen Inhalt gegründet. Auf diese Weise sieht und fühlt man in ihr immer neues Leben, Tun und Bewegung. ›Es ward Abend und es ward Morgen‹: Es gibt Tag und Nacht, Raum und Zeit. Wenn dem wirklich so ist, wie ich verstand, so entspringt doch das Übel gar nicht aus dir?« »Das ist es, was ich dir sagen wollte: Ich, Asmodai, verderbe die Welt nicht so sehr wie ihr, Menschlein. Aus meiner Schlechtheit, wie ihr meint, entsteht ihr nicht so viel Not und Übel wie aus eurer Gutheit. Gewiß, ich heiße bei euch der Böse, der Satan. Was immer mal geschehen mag, so geht das allgemeine Geschrei und die Anklage gegen mich los, obwohl das Leid in der Welt gar nicht so ansehnlich ist. Ihr aber, Menschlein, wenn ihr auf einmal unendlich viel Menschen schlachtet, peinigt, Leid und Qual zufügt, so heißt ihr doch gut und fromm! Ihr verdientet noch einen Kuß, denn ihr tut das alles aus Güte! Ihr haltet euch für sehr weise, setzt an der Natur, am Lauf der Welt Fehler aus, ihr redet euch ein, mit eurer Vernunft, mit eurer Güte eine ganz herrliche Welt erschaffen zu haben. Als ihr die gänzlich fertige Welt in die Hände nahmt, habt ihr sie schrecklich verdorben, überall Unordnung und Schaden verursacht, sie sieht aus wie eine kostbare Uhr, die in die Hände eines Kindes fiel. Ich bin wie ich bin. In der ganzen Natur herrschen nur Gesetze, die immer gleichmäßig für alle gelten, da gibt es keine Vornehmheit, keine Barmherzigkeit, alles geht und bewegt sich nach ewigen, gerechten Gesetzen. Ihr, ihr guten Menschlein, wollt das aber nicht zulassen, bei euch wollt ihr von solcher Ordnung nichts wissen. Ihr habt euch in tausenderlei Völker, Religionen, Klassen, Stände, Innungen geteilt und die teilen sich wieder in andere. Für jeden gibt's andere Einführungen – alles verschieden, alles andersartig.« »Aber worauf bezieht sich das alles, was du mir sagst?« fragte ich ihn. »Hö-hö, worauf sich das bezieht?! Ich sage es sicherlich nicht einfach in die Luft, so wie ihr es zu tun pflegt, ihr Menschlein, bei denen zwei Leute zusammenkommen und wie die Stare zu schwatzen beginnen, um ihre Weisheit, ihre Philosophie zu zeigen, und dabei Kraut und Rüben durcheinander bringen. Meine Worte beziehen sich auf die Rede, die du soeben über Barmherzigkeit, über eure Vereine gehalten hast. Woher das alles bei euch kommt, will ich dir zeigen. Der Grund ist ein ganz einfacher. Darum spricht man bei euch fortwährend von Barmherzigkeit, darum vermehren sich die barmherzigen Vereine fortwährend, weil bei euch sehr viel Grausamkeit, Verfolgung und Unrecht herrscht. Wenn nur Wahrheit und Gerechtigkeit herrschten, könntet ihr es euch ersparen, den Geschmack der Barmherzigkeit zu verkosten und besäßet nicht so viel erbarmungsreiche Leute, so viel Wohltäter und Vereine. Meine Worte bezogen sich auf eure Güte, verstehst du, auf eure Gutherzigkeit bezogen sich meine Worte, verstehst du?« »Ach – – tja – –«, stotterte ich ohne richtige Worte. »Siehst du«, sagte er, »wenn ihr Menschlein so ach und tja stottert, dann ist das manchmal besser als eine Rede. Für euch könnt ihr ja wohl manchmal wie Klarsinnige sprechen, ihr könnt zum Beispiel sagen: ›Da hast du einen Pfennig und gib mir eine Semmel, da hast du so und so viel und schaff mir meine Sache‹, und anderes, was euch selbst angeht. Eure Absicht ist sehr leicht zu begreifen. Kommt es aber einmal dazu, über Angelegenheiten der Gesamtheit zu sprechen oder zu schreiben, dann werdet ihr, zu allen Teufeln, rein verrückt, zu wahrem Vieh! Ihr plappert ganz jämmerlich und redet nicht zur Sache: tausend Lügen, tausend Sprüchlein und sinnloses, ungereimtes Zeug. Ihr betrügt einander, ihr klettert an geraden Wänden hinauf. Ihr verdreht und verwirrt alles so, daß es unmöglich ist, sich herauszuwinden, man kann nicht verstehen, was ihr wollt. Dastehen und wundern muß man sich dann, wie Menschen schreiben, reden, schreiben – und doch nichts zu hören ist: Wie sie mit ihrer Gabe, der Sprache, einander nicht verstehen können, schlimmer, wahrhaftig, als die Tiere!« »Aber warum hast du eine so heftige Rede losgelassen?« fragte ich. »Nochmals, ›warum und worauf‹? Selbstverständlich rede ich hier nicht in die Luft hinein, um Spott zu treiben. Meine Worte beziehen sich auf deinen Schriftwechsel mit dem Verein, auf dein früheres Gespräch mit der Mähre beziehen sie sich. Ich sage, daß dein Ach und Tja, das du vorhin wie ein Esel von dir gabst – entschuldige! –, wahrhaftig besser und klüger als deine Predigten sind. Überlege es dir doch selber, ob du nicht rein verrückt bist! Vor dir steht eine sieche, hungrige Mähre, die ein klein wenig Ruhe, ein Mäßlein Ruhe, ein Bündel Heu lebensnotwendig hat – und du willst ihr Heu und Hafer im Abc-Buch zeigen und ihr beweisen, wie gut und schön es sei, irgendwelche Kunststücke zu erlernen! Glaubst du vielleicht, daß bloß du es bist, der sowas plappert? Nein! Komm bitte und ich werde dir viele zeigen, die hungrigen und bedrückten Menschen die gleichen Dinge predigen wie du. Meine Geschäfte bringen mich sehr oft unter die Leute – du mußt wissen, daß Satan, Asmodai, immer sehr stark beschäftigt ist – ich statte jedem Besuch ab, bin mit allen großen Herren bekannt, ich sehe alles, was sie tun, was sie arbeiten, und höre alles, was sie reden und predigen. Laß uns, zum Beispiel, folgende Art nehmen: Stelle dir vor, einer zetert bei euch über die Lehrer: ›Wie lange wird man die Kinder noch solchen Pfuschern anvertrauen, die aus ihren Schülern absonderliche und unnütze Menschen machen?‹ Ein anderer lärmt: ›Wie lange noch wird man junge Kinder verheiraten? Wie lange noch werden die Vermittler zwei Wesen zusammenführen, die bis nach der Hochzeit einander nicht kennen und nichts voneinander wissen?‹ Der dritte erhebt sein Geschrei über die Luftmenschen, die bei euch wie Unkraut sprießen und die Leute mit ihrem dummen Zeug und ihren krummen Dingen verführen. Der vierte schreit: ›Wie lange werden bei uns die Wohltäter blühen und gedeihen, die Steuerpächter, die Stadtbeglücker und ähnliches Gelichter?‹ Alles schreit und tobt: ›Es ist schon an der Zeit, all das zu lassen und klüger, gebildeter, erfahrener zu werden!‹ Kommt aber bei ihrem Geschrei etwas heraus? Alles bleibt, wie es vorher war. Es kann bei ihrem Geschrei auch gar nichts herauskommen: Warum? Darum! Weil in der Welt das gleiche Gesetz für alle Wesen, für alle Menschen herrscht, das keiner, er sei wer immer, ändern kann, gegen das kein Schreien und kein Reden, keine Predigten und keinerlei Mittel hilft; ein Gesetz, das stärker als alle Starken, hartnäckiger als alle Hartnäckigen ist, das sich tausend andere Wege sucht, wenn man sich ihm entgegenstemmt, tausend Erfindungen und Listen, um sich zu erhalten – ich meine das bekannte Gesetz, daß alle essen wollen, jeder sein Leben erhalten will, auf jede mögliche Art, mit allen angängigen Mitteln. Was sind denn die Lehrer? Das ist bei euch eine große, sehr große Menge von Menschen, die essen wollen, die leben wollen, die das aber in der Welt nur gerade durch das Mittel bekommen, daß sie eure Kinder in das Chejder nehmen. Solche notleidende Menschen finden alle Wege, wenden jedes Mittel an, daß eure Kinder in ihre Hände fallen müssen. Gegen euch arbeitet eine gewaltige Kraft, gegen euch kämpft ein Naturgesetz. Die paar Leute mit ihren Verordnungen und ihren Predigten werden es auf keine Weise besiegen! Ebenso ist es mit den frühen Ehen. Jammert darüber, so viel ihr wollt – umsonst! Es gibt eine Menge von Menschen bei euch, die bloß durch Vermittlung von Ehen leben können, und sie verlegen sich aus allen Kräften darauf, den schlechten Brauch zu erhalten und eure Kinder zu verheiraten. Ihr müßt eure Kinder früh zur Hochzeit bringen, denn dafür gibt es bei euch ja ganze Scharen von Vermittlern, sie müssen Vermittler sein, denn davon können sie leben! So geht es auch mit dem Unsinn. Ihr mögt darüber lachen, ihr Prediger, ihr fixen Kerle, so viel ihr wollt – umsonst! Was sind denn die Luftmenschen, die Unsinntreiber? Es sind Menschen, eine ziemliche Menge von Menschen, denen es sonst unmöglich wäre, zu existieren, wenn es diesen Unsinn nicht gäbe. Sie arbeiten eifrig, stellen alle Künste und Faxen an, um den Nonsens bei euch zu erhalten. Ihr müßt an ihm festhalten, denn dafür gibt es bei euch die Scharen von Dummköpfen; und die armen Teufel müssen sich zu Dummköpfen machen, denn davon können sie ihr Stücklein Brot haben und anständig leben. Das gleiche ist's mit euern Wohltätern, mit euern Vormündern und Beglückern. Schimpft darüber, so viel ihr wollt, es wird euch wahrhaftig nichts helfen. Was sind denn eure Stadtwohltäter, eure Weltbeglücker? Eine Menge von armseligen Menschlein, die einfach nichts für einen Tag zu leben hätten und direkt vor Hunger umkämen, wenn sie sich nicht mit allen möglichen Mitteln anstrengten, euch Wohltaten zu erweisen: Eure Fleischsteuer zu erhalten und immer nagelneue Abgaben zu erfinden, wie zum Beispiel auf Mehl, auf Salz, auf Schmalz, auf Licht und so fort; eure ›Empfänger‹ im Lande Israels zu unterhalten und eure Armen hier zu begraben; eure Waisen in jüdischen Schulen zu erziehen und böse Gesetze zu verhindern, damit die armen Juden so wie früher nach etwas aussähen und das blieben, was sie sind. Die armen Kerle müssen sich sorgen, sie müssen sich eurer erbarmen. Die armen Menschen müssen euch Wohltaten erweisen und ihr Armen müsset von ihnen Wohltaten empfangen. Gegen euch, sage ich noch einmal, arbeiten gewaltige Kräfte, gegen euch tritt ein Naturgesetz auf, in allen den Menschen, die eigentlich bloß Nahrung suchen und alle Mittel gebrauchen, um ihren Unterhalt, ihr Leben zu fristen. Ihr findet euern Unterhalt und euer Leben voneinander, ihr verzehrt und vernichtet einander. Hätte man euch aber wie alle Menschen frei leben lassen, so wie es sich gebührt, dann kämen solche Dinge bei euch überhaupt nicht vor. Würde man euch nur die Welt erschließen, dann könnten all diese Dinge von selbst aufhören und ihr wäret auf einmal von aller Not erlöst. Aber solange ich, Asmodai, da bin, werde ich das nicht zulassen. Ich werde Hokuspokus machen, daß man bloß schimpfe, schreie, predige und Reden halte und nichts tue, daß man euch beständig im Munde führe und es mit euch nie zu einer Regelung komme. Kein anderer Weg für euch, kein anderes Mittel zum Leben! Eßt, freßt einander auf! Beißt und zerreißt einander. Verschlingt einander wie die Fische! Zu allen Höllen mit euch!« »Ach!« stöhnte ich und faßte mich an den Kopf. »Was hast du gegen uns? Was haben wir dir getan?« »Was ich gegen euch habe?« sagte er und knirschte mit den Zähnen. »Ich bin euer Todfeind, weil ihr mich gequält habt.« »Was sagst du?« erwiderte ich. »Wir haben dich gequält?« »Euer König Salomo hat mich, Asmodai, einmal gefangen«, sagte er zornig, »und mich an eine Kette geschmiedet. Er hat mich furchtbar gequält.« »Um Himmels willen«, rief ich, »aber welche Schuld haben wir denn? Warum sollen wir Armen für eine Tat büßen, die vor ein paar tausend Jahren geschehen ist? Man muß beide Teile hören. Um Himmels willen, was hast du gegen uns arme Teufel? Was haben wir zu büßen, welche Schuld haben wir?« »König Salomo gehört zu euch!« schrie er in furchtbarer Wut und versetzte dem Unglücksvieh, der armen Mähre, die während der ganzen Zeit in qualvollem Zittern dagestanden war, einen Hieb. »Ihr, ihr habt Schuld! Jetzt liegt mein Fluch auf euch: Seht alles, nur das nicht, was nottut! Hört jeden, bloß eure wahren Freunde nicht! Redet viel über fremde Angelegenheiten, aber sobald die Rede auf eure eigenen kommt, verlieret die Sprache! Gehet an alles heran, bloß nicht an den rechten Weg zum Glücke! Eure Wohltäter mögen wie die Flöhe im Sommer fruchtbar sein und sich mehren! Sie mögen euch soviel Wohltaten erweisen, daß ihr von ihren Wohltaten krank werdet und keine Kraft mehr habt, sie zu empfangen. Eure Vereine mögen wie Unkraut wachsen und die Kassenbücher ohne Spur verschwinden! Eure Fleischsteuern mögen in Ewigkeit nicht aufhören, ihr sollt hager und mager werden, Geld zahlen und Knochen nagen! Wenn sich einmal jemand eurer annehmen wird, so sollt ihr wie die Tollen über ihn herfallen und ihn mit Steinen bewerfen! Eure Reichen sollen überall Gold in vollen Haufen ausschütten: bloß nicht dafür und dort, wo es nottut. Dort, wo es notwendig ist, sollen sie keinen Pfennig geben wollen! Ihr sollt erbarmungsvoll sein, wenn eure Barmherzigkeit keinen Pfifferling mehr nützt: wenn der schon mit dem Bettelsack herumzieht oder jener am Tode ist und die Seele aufgeben will. Aber während er sich noch hält und nach Mitteln sucht, um sich anständig durchzubringen, sollt ihr ihn verfolgen, ihn niederschleudern und mit den Füßen zertreten. Ihr sollt lange Atlasmäntel anziehen und mit ihnen in den Straßenschmutz steigen! Selbst ein Schnorrer soll lieber seidene Lumpen als ein ganzes Kleid aus Tuch anziehen. In den Angelegenheiten des Diesseits soll sich jeder um sich besonders kümmern, aber in Jenseitsdingen soll man sich sehr um andere kümmern, als bürgte man für sie. Darum sollen Fremde für euch das Gesetz der Gemeinbürgschaft einführen: wird einer ein Verbrechen begehen, so sollt ihr alle schuldig sein. Vor dem Geringsten unter den andern Völkern soll sich der Höchste unter euch klein machen und sich seine Gesellschaft zur Ehre anrechnen. Dagegen bei euch soll der Geringste gar keinen Respekt vor dem Größten haben, jedes Nichts soll Wesens aus sich machen, jeder Narr soll sich für einen sonderlichen Weisen, jeder rohe Flegel für einen edlen Menschen halten! Ein ungebildeter Kerl soll die Frechheit haben, den Gelehrten zu verhöhnen, wer kein Wort von der Thora weiß, soll sich für frömmer als Thoraweise halten. Ihr sollt einander beißen und zerreißen, einander fressen, zu allen Höllen! Geschieht euch recht, so recht! Ich freue mich, ich lache vor Freude!« Er stieß ein Lachen aus, daß der ganze Wald von Gelächter erfüllt wurde, und verschwand. Achtzehntes Kapitel Ssrulik zwischen Schweben und Stehen Dämonen lachten, Unholde spotteten, das war ein Gehöhne und Geschwatze, zum Verrücktwerden. Mein Kopf war wirr, meine Füße, oh, fühlten keinen Halt unter sich – ich hing wohl in der Luft! »Barche«, schien eine Stimme vom Himmel her zu kommen. »Geh und warte dem da auf, richte ihn nach Erfordernis zu und bring ihn dann zu mir an den Platz.« Und alsogleich erblickte ich vor mir eine sehr merkwürdig aussehende Menschengestalt. »Da hast du, Ssruul!« sagte er, nachdem er mich angesehen hatte, und versetzte mir zwei feuerheiße Ohrfeigen. »Was bedeuten diese Ohrfeigen?!« fragte ich äußerst erstaunt. »Es ist schon in Ordnung, Ssruul, es ist eine Ohrfeige wert. Da hast du einen Grund. Und zweitens ist es einfach bei uns üblich, so zu grüßen.« »Oh«, sagte ich mürrisch, »eine solche Grußart gibt's auch nur bei Dämonen.« »So ist es, wie du sagst«, antwortete er mit einer Grimasse. »Ich bin einer von ihnen. So ist es bei uns Dämonen Brauch. Aber warum wunderst du dich so? Haben denn die Menschen nicht dieselbe Sitte wie wir?« Ich schwieg und wußte nicht, was ich ihm erwidern sollte. »Wahrhaftig, Ssruul, du gefällst mir sehr. Beug nur mal deinen Kopf, damit ich dir die Mütze aufsetzen kann.« »Aber die Mütze ist ja für Verrückte!« rief ich in bitterem Entsetzen. »Ich will sie nicht! Tu, was du willst mit mir, schlag mich, zerhack mich – aber die Mütze tu mir nicht auf den Kopf – ich bin nicht verrückt.« »Du Narr du, Ssruul! Du begreifst nicht, daß meine Absicht dir wohl will. Die Mütze da ist eine Tarnkappe, und für dich paßt es gerade, von niemandem gesehen zu werden. Etwas Besseres gibt es gar nicht. Es wird dir ein nützliches Mittel beim Gelderwerb und wird dir ein Schutz vor einem Überfall in schlimmer Zeit sein. Wenn die bösen Buben mit den Fäusten über dich kommen werden, wirst du die Mütze aufsetzen, sie über die Nase ziehen und Reißaus nehmen, so daß nicht die mindeste Spur von dir zurückbleibt, Ssrulik!« »Aber wodurch habe ich diese Gnade verdient?« »Du bist ein großer Glückspilz, Ssruul, unbeschrien. Man hat es mir befohlen und ich tue es.« So wie ein Belfer das Kind weckt, wäscht, ankleidet, aufnimmt und auf den Schultern trägt, beschäftigte sich Barche mit mir. Er stellte mich unter einen Strom kalten Wassers, schlug und streckte mir die Knochen gerade, bekleidete mich mit einem merkwürdigen Hemd, einer Mütze, einem langen Leinwandrock und ähnlichen für meine Gesundheit notwendigen Dingen. Barche war ein guter Teufel, ein redseliger Kerl und bediente mich treulich – rückte mir die Mütze auf dem Kopf gerade, wischte mir die Nase ab und schwoll vor Freude, da er mein schönes Aussehen sah, und erzählte mir furchtbare Geschichten von den Teufeln und ihrem Leben. Die Teufel sind, wie er mir erzählte, in verschiedene Klassen eingeteilt. Er, Barche, gehöre zur Koboldsgruppe. Die Kobolde sind ein großes Schwindelpack, sie treiben mit den Menschen Possen und dumme Faxen und spielen manchmal auch einen schlimmen Schabernack. Die Mittwoch- und die Sabbat-Nacht sind die besten Zeiten für ihr Spiel. In diesen Nächten nehmen sie menschliche und tierische Gestalten an, um Vorüberreisende zu höhnen und zu verführen. Barche erzählte mir: Einmal erschien er einem Weisen in der Gestalt eines schönen Weibes, und sie spielten miteinander bis zum Hahnenschrei, da zog er dem Weisen eine lange Nase und verschwand unter Höllengelächter. Eine andere Geschichte, wie er Mittwoch nachts einem Fuhrmann in der Gestalt eines gebundenen Kalbes erschien; da kletterte der Mann vom Kutschbock, nahm es und warf es in den Wagen. Während er dabei herumschaffte, ah, da nahm es die Füße auf die Achseln, stellte den Schwanz auf – und auf und davon war's! Barche verlachte unsere Wundermänner und die Zauberer und Tataren der Christen, mit ihren Sprüchen und Amuletten, und erklärte sie für große Betrüger. Es wäre lächerlich, die Teufel kümmerten sich den Deubel um sie. Ich tastete Barche an den Kopf und fragte ihn darauf erstaunt: »Aber, Barche, wo sind denn deine Hörner?« Da lachte er hellauf und antwortete: »Hörner, die haben wir nicht und die hatten wir nie, das ist bloß ein Sinnbild, so wie die Hörner, die die Frauen bei euch ihren Männern aufsetzen.« Und als ich sagte, daß nach der Äußerung der Weisen die Teufel wie Menschen essen und trinken, wie Menschen fruchtbar sind und sich mehren, da nickte er bejahend und fügte noch hinzu: »Nicht nur wie Menschen, sondern auch mit Menschen«, und brachte Beweise aus der Thora und aus dem Midrasch. Die Urschlange, die bekanntlich Sammael selbst ist, verführte ja die Eva, und sie wurde davon mit Kain schwanger. Adam selbst lebte ja, wie bekannt, hundertunddreißig Jahre mit den Teufelinnen, die von ihm Teufel und Dämonen gebaren. Die Engel Schemchasai und Asaël lebten wieder mit Menschenfrauen und erzeugten die Nefilim, die bekannten Riesen. »Trotzdem, hörst du, was ich dir sagen will, es wäre besser, wenn du über solche Dinge nicht grübeltest. Du bist ja unbeweibt. Ein Junggeselle über zwanzig Jahre alt, ach und weh!« fuhr er mich zornig an, erhob seine Hand, und die Ohrfeigen flogen mir wie die Holzscheite an den Kopf, er schlug und sprach: »Was dir ein Geheimnis ist, darüber hast du nicht zu grübeln, junger Mann! Da hast du, Nummer drei, Nummer vier, damit du dich erinnerst und den andern jungen Männern verkündest, daß sie ihren Mund und ihre Feder nicht mit Liebesdingen beflecken!« Ach, die Ohrfeigen! Diese Ohrfeigen hatten eine gute Wirkung auf mich. Ich schlief nach ihnen wie nach einem Bade herzhaft ein. Wie lange ich schlief, weiß ich nicht, aber als ich erwachte, fand ich mich in der Hand Asmodais liegen, und er flog durch die Lüfte! Neunzehntes Kapitel Ssruul fliegt »Willkommen!« sagte Asmodai mit lächelnder Miene. »Ich freue mich sehr, dich in der Luft fliegen zu sehen, Ssruul. Sieh, wie die Luft der ganzen Welt frei vor dir liegt!« Ein Dröhnen wie von großen Massen drang donnernd weit durch die Lüfte. Bald erblickte ich ganze Scharen von Geistern, Kobolden, alle Arten von Teufeln und Dämonen vor mir, unter ihnen auch Zauberer, Taschenspieler, Gaukelkünstler, Hexenmeister aller Völker, zusammen mit Hexen, alten Zauberinnen, Zigeunerinnen, Kartenlegerinnen jeglicher Zunge und Religion; manche ritten auf Vampiren, manche auf Drachen; andre auf Eulen, auf Eidechsen und junge Hexen auf abgenützten Besen, Kochlöffeln, Besenstielen, Feuerschaufeln und Spaten. Es war ein Entsetzen, die furchtbare Schar anzusehen, die wirbelte, wie eine Staubsäule. Es pfiff, brummte, zischte, heulte, tanzte, tollte und hielt keinen Augenblick still. Wo die wohl hinwirbeln? wunderte ich mich und streckte meine Nase hervor, die mir zum Schnüffeln dient so wie die Fühlhörner den Käfern. Und die Erschütterung, die ich dabei hervorrief, brachte Asmodai, der mich schon vergessen hatte, wieder auf mich, und er sagte zu mir: »Wie geht es dir, mein Herz? Wie lebst du in der Welt da drunten, Ssruul? Nichts für ungut, daß ich so unhöflich gegen dich war und dich nicht gleich beim ersten Willkommen gefragt habe.« »Wie es mir geht, wie ich dort lebe? fragst du. Was soll ich dir antworten?« erwiderte ich und fand keine Worte. »Ach ... nichts ... ich lebe ... aber ... die Geschäfte sind nicht auf der Höhe ... man verdient nichts ...« »Das scheint also wohl zu heißen, daß es so ziemlich geht, daß dir sonst nichts fehlt«, sagte Asmodai und sah mich mit listigem Lächeln an. »Im allgemeinen geht's dir also nicht übel. Meinen Glückwunsch, Ssruul! Aber, was bedeutet dein Umherirren, mein Herz, als ob es dir dort zu eng sei? Übrigens, beug mal den Kopf her, bitte, und schau auf die Erde da drunten hinunter.« Das behagte mir nicht. Die Erde, die mir eine Stiefmutter war, zog mein Herz nicht an. Darum wollte ich Asmodai ganz schlau überlisten, ihn in ein Gespräch über Politik verwickeln, in der ich Gottseidank recht gut Bescheid weiß, um auf diese Weise vielleicht dem Verhängnis zu entgehen – und begann ein langes Garn über die Länder zu spinnen und dekretierte, wo Krieg und Frieden sein sollte und vermengte und vermischte eins mit dem andern, alles in einem Atem, so wie bei »asseeres bnej Hummen«. »Sei nicht überklug, Ssruul, und tu, was dir befohlen wird«, zürnte mir Asmodai und bog mir den Kopf zur Erde. »Schau und sieh!« »Ich schaue, ich schaue!« sagte ich in großem Schreck. »Aber es ist unklar, so wie wenn man durch unreine Brillen sieht.« »Warte ein wenig, dann wirst du schon durch reine, klare Brillen schauen«, sagte er und fuhr mir mit der Hand über die Augen. Und da sah ich gleich gut, und ein furchtbares Zittern ergriff mich. »Zittere doch nicht, Ssrulik«, bat mich Asmodai lächelnd. »Unbesorgt, ich halte dich gut in der Hand. Schaue lieber und berichte mir genau, was du dort siehst.« »Ich sehe – auf den Feldern liegen weit und breit ausgestreckt menschliche Leichen und Tierkadaver zusammen, krepierte Pferde. Manchen sind die Arme, manchen die Beine ausgerissen. Andern wieder quellen die Gedärme hervor. Unter ihnen zappeln halbtote menschliche Gestalten, wenn man sie so nennen kann. Aus Wunden rinnt Blut, der Mund steht offen, glühende Augen und verbrannte Lippen, vor Durst verschmachtend. Dort hinten tragen Hunde ganze Köpfe davon, Raben und andere Raubvögel fallen über die Toten her, picken und reißen ihnen die Augen aus und fetzen ihnen ganze Stücke Fleisch aus dem Leibe. Ach, Blut! Blut rinnt und fließt in ganzen Strömen, aus denen heißer Dampf aufsteigt und bis zu den Wolken hinaufdringt. Und Menschen, oh, Menschen, Menschen fallen wie die Hunde über ihre toten Brüder her, durchsuchen, bestehlen und berauben sie, ohne eine Spur von Menschlichkeit und Erbarmen. Dort seh ich einen Verwundeten, der erlöschend kaum noch atmet. Er öffnet den Mund, streckt die Hände aus, der Ärmste lechzt nach Wasser und die Leute schlendern um ihn herum, betasten ihn und rauben ihm alles, was er hat, und sehen ihn kalten Herzens an. Nein, ich kann nicht zuschauen – schrecklich, schrecklich!« »Ah, bah«, sagte Asmodai mit spöttisch verzogenem Munde. »Ganz gewöhnliche Geschichten. Krieg! Kann das anders sein? Das wäre ein übles Geschäft für mich gewesen, wahrhaftig, wenn die Menschen, seit die Welt steht, bis jetzt, einander nicht den Tod gebracht hätten, behüte. Das einzige bißchen Freude, das einzige Stücklein Nutzen, das ich, der Teufel, von euch netten, guten Menschlein habe! Schön ist bloß das: Sie vernichten, vertilgen, verderben – und ich soll das ganze Bad ausgießen. Sie sind's, die schächten, und mich erklären sie für den Schlechten. Heuchler! In der Schrift, ach ja, da sind die Kriege und Schlachtereien in Ordnung. Der, dessen Namen ich nicht erwähnen darf, der heißt bei ihnen Kriegsherr, ein Feldmarschall in roter Uniform mit Sporen. Dort ist es in Ordnung, ach freilich, und hier ist es ihm schrecklich, schrecklich‹! Zier dich nicht, Ssrulik, schau!« »Ich kann nicht, bei meiner Seele!« schwor ich bei meinem Judentum. »Meine Natur ist dagegen. Pfui! So wahr ich ein Jude bin! Trag mich weiter, Teufel, trag mich weiter.« Der Teufel flog schweigend weiter. Ich glaubte, daß er meine Bitte erfülle und ich so Entsetzliches nicht mehr sehen müsse. Aber ich irrte. Eine Weile später hielt er an und befahl mir wieder, hinunterzuschauen. Vor meinen Augen wuchs eine Stadt empor. Ich sah Menschenmassen wie im Wahnsinn laufen und rennen. Sie überfielen wie Heuschrecken die Häuser, zertrümmerten mit Steinen die Fenster, zerbrachen Türen, sie hackten, fetzten, rissen, schlugen, voll Grausamkeit, schlimmer als wilde Bestien, jung und alt, ohne jegliches Erbarmen. Und all das, o wehe, vor Gott und den Menschen, mitten in der Stadt! »O weh, o weh!« rief ich erschütterten Herzens. »Wo sind wir? Wo sind wir jetzt?« »Da seh mal einer den weisen Mann!« lachte Asmodai und blinzelte seiner Dämonenschar zu. »Die schönsten Jugendjahre hockt man dort bei ihnen über der Geographie, wie sie es nennen – daß ich nicht lache! – man fährt über Landkarten – mit den fünf Fingern, deutet auf jedes Winkelchen, auf jedes Bächlein. Die ganze Erde ist in ihrer Hand. Das ist keine Kleinigkeit: Solche Gehirne, solch vollgepfropfte Gelehrte! Und wenn im Leben einmal was vorkommt, dann sind sie wie das liebe Vieh, unwissende Tölpel, die nicht einmal bis drei zählen können und nicht weiter als über die eigene Nase schauen. Du Rindvieh! Wir fliegen jetzt über Rumänien. Schau hinunter, du Schwachkopf, schau hinunter!« »Oh, oh!« schrie ich laut, so wie ein Kind auf den Schultern des Belfers auf der Straße brüllt, da es vom dunkeln Schulzimmer nichts wissen will, und schloß meine Augen. »Seht, seht, mein Schatz«, besänftigte mich Asmodai, schmatzte mir wie einem Kinde mit den Lippen zu und streichelte meine Wange. Und sein Streicheln öffnete meine Ohren, daß ich deutlich hörte. »Wenn es dir schwer fällt, mein Herz, auf einmal zu schauen, so horche inzwischen ein wenig. Nun, was gibt es jetzt?« »Ich höre Schreien und Flehen von Unglücklichen und Elenden, ich höre Röcheln, Stöhnen, Sterben. Ach«, bat ich um Erbarmen, »wieder das Gleiche. O weh, o weh, laß es schon genug des Krieges sein, der Grausamkeit, des Blutvergießens!« »Stille, Närrlein, seht! Rege dich nicht so sehr auf, Ssruul. Das ist kein Krieg! Das ist bloß so ein Spiel, ein neuartiges Spiel. Die armen Menschen lassen's hoch hergehen. Das ist eine Art Jagd, Närrlein. Da wird geschlagen und gelacht.« »Wer schlägt denn und wer wird geschlagen?« fragte ich. »Hast du es denn nicht an den Händen erkannt, wer da schlägt?! Hast du denn nicht an der Stimme erkannt, wer da geschlagen wird? ›Die Stimme ist die Stimme‹ –« »›Jakobs‹! Oh, oh!« schrie ich und faßte mich an den Kopf. »O weh, o weh, warum, warum?« »Hi-hi-ha!« lachte Asmodai los und sein Ziegenbart schütterte. »Er fragt: ›Warum‹? Was hat das zu sagen? Warum hin, warum her – wenn nur geschlagen wird? Dazu ist das Spiel ja da! Was für ein Spiel das ist, hi-ha-ha! Sonne und Regen zu gleicher Zeit, Weinen und Lachen durcheinander! Neige dein Ohr, Ssrulik und höre!« »Ich bitte dich, o Herr, lasse mich! Ich schwöre dir, ich kann es nicht mehr hören, ich kann die Stimme des Blutes meiner Brüder, das von der Erde schreit, nicht hören und ertragen!« »Feigling!« fuhr mich Asmodai höhnend an. »Er kann nicht! Er kann nicht sehen, er kann nicht hören! Und eure Geschichten lesen, das kannst du wohl, wie, eure Historien, eure Hihistorien, das kannst du?! Eine Liste von Marter und Verfolgung und Leid und Qual und Schmerz und Angst und Pein, eine Aufzählung Vertriebener, Verschlagener, Geschlagener, Geprügelter, Gemarterter, Umgekommener niederzuschreiben – darin sind sie tüchtig, ja freilich! ›Behüte, daß man es vergäße. Im Gegenteil, mögen es die Urenkel noch fühlen und wissen! Das stärkt die Seele des Volkes, wunderbar und herrlich.‹ Graben sie tief unten bei den vergangenen Geschlechtern noch einen Verprügelten hervor, so greifen sie nach ihm wie nach einem kostbaren Edelstein, erwischen sie noch einen Zerschlagenen – hoppla, haben sie ihn in die Liste gesetzt. ›Da habt ihr – auf daß die Welt unsere Stärke sehe!‹ Es ist eine Ehre und ein Stolz, sie schöpfen Freude daraus, sie fühlen sich frischer, lebendiger – zum Lachen – daß man was gleich sehe –, wenn es aber zum Leiden kommt, daß man selbst die mindeste Kleinigkeit erleiden soll oder mit den Augen zusehen oder mit den Ohren zuhören soll, ha-ha, dann zappelt er mit Händen und Füßen: er kann nicht! Es ist ja keine Kleinigkeit: Ssrulik, ein solcher Held, ein leidengeprüfter Adelsmensch! Entsetzlich!« schloß er mit bösem Lachen und quetschte mich dabei so heftig, daß ich unwillkürlich aufschrie. Selbstverständlich war mir das alles recht unangenehm: das Quetschen und die Sticheleien und Andeutungen über jene Geschichten, wie er es nannte. Pfui, das war eine eklige Sache! Aber was soll man anfangen, wenn man in jemandes Händen ist, wenn man in der Luft hängt und gänzlich vom Willen eines andern abhängt? Wollte er – so bewegte er die Hände und warf mich hinaus – und ich war hin! So zornig ich war, so mußte ich doch schweigen und alles hinunterschlucken. So sehr ich mich ärgerte, so mußte ich mich stellen, als verstünde ich's nicht, ja ich mußte sogar noch gute Miene zum bösen Spiel machen, als habe das nichts zu sagen. Aber das alles hat bloß bei andern Geltung, da können Kniffe und Verstellung helfen, da mag man alles denken, wenn man nur ein gutes und frommes Gesicht schneidet und die Zunge zuckersüß gehen läßt. Doch der Teufel läßt sich nicht betrügen, er liest sehr gut in den Gedanken. Wenn man sagt »klug wie der Teufel«, so scheint das wahr zu sein. »Mir scheint, du bist ganz durcheinander, Ssruul, und recht unzufrieden? Hast du es vielleicht bei mir in der Hand zu enge, o dann kannst du ja hinaus!« sagte Asmodai und sah mich scharf und böse an, und ohne lange Zeremonien nahm er mich und setzte mich sofort auf die Spitze seines kleinen Fingers. Ich war in der Schwebe, zwischen Hin und Her. Der leichteste Hauch hätte mich, behüte, wer weiß wohin schleudern und mir den Martertod bringen können, und niemand hätte auch nur gewußt, wo meine Knochen wären. Vor Entsetzen lief mir das Grausen über den Leib. Ach, wie schlimm es um mich stand! »Du hast die Wahl, Ssrulik«, sagte der Asmodai wie beleidigt und böse. »Geh nur, geh nur, bitte, wenn es dir bei mir hier nicht gefällt!« »Was heißt das, ›nicht gefällt‹?!« stellte ich mich dumm, stotterte verwirrt mit schmeichelndem Lächeln und hielt mich mit beiden Händen am Teufel fest. »Im Gegenteil, Herr Asmodai, ich finde es sehr schön bei dir, unbeschrien, ganz wunderbar! Ich reise umsonst, ohne Fahrkarte, wie ein großer Herr. Deine Kobolde treiben zwar manchmal ihre Possen mit mir, aber es geht schon, ich bin daran schon gewöhnt. Bah, es hat nichts zu sagen!« Und während ich Asmodai so zuredete, schlüpfte ich ihm verstohlen wie ein Floh in den Busen hinein und ließ mich nieder, wo man es nicht tun darf ... »Ach, wie schlau du bist, Ssruul!« sagte Asmodai mit bösem Gelächter und streckte die Hand aus, um mich zu fassen. Ich war wie ein erschrockener Hase, dem der Jäger nachsetzt. Mein Kopf war wirr, vor den Augen war es mir dunkel, und in meinen Ohren rauschte ein furchtbarer Wasserfall. Zwanzigstes Kapitel Wessen sich Asmodai unterfängt Irgendwo in den Fernen, in den höchsten Welten, gegen Osten zu, spaltete sich der Himmel und rotflammende Köpfe schöner, heller Cherubim blickten hervor. Seraphim und Radengel, die ganzen himmlischen Heere standen voll Ehrfurcht dort oben. Sie riefen einander zu und sprachen: »Heilig, heilig, heilig ist der Gott der Heerscharen!« Engelchöre ließen ein Halleluja erschallen, das auf göttlicher Saite die ganze Welt durchströmte, in süßer, zarter, leiser Melodie, jegliche Seele rührend, alle Wesen weckend. Alle priesen und dankten dem Herrn. Voll war die Erde seiner Herrlichkeit! In den Reihen der Teufel entstand Getümmel und Verwirrung. Die Dämonen zitterten und bebten, die Unholde waren voll Betäubung und Entsetzen, sie flogen und tobten wie toll und vergiftet durcheinander. Asmodai begann es wie einen Fiebernden zu schütteln. Es zog ihn wie einen Ball zusammen, dann wieder richtete er sich plötzlich mit mißtönigem Pfeifen gerade, machte einen meilenlangen Sprung in der Luft, blieb plötzlich mit aufgerecktem Kopfe stehen, öffnete den Mund, in ihm kochte und siedete es, er hob die Faust empor und sprach frech: »Wehe euch, euerm Sang und euerm Preis! Ich kenne euch wohl. Knechte seid ihr, Sklaven, ohne ein Stücklein eigenen Willens, Dummköpfe, Narren! Ich kenne auch ihn, euern Herrn, den hohen Herrn. Er liebt Schmeichelei, will immer Komplimente, Lob und Dank für seine Güte hören – alles, was er bei andern nicht leiden mag und dort für eine arge Sünde hält. Behüte, daß man Entgelt für eine Mizwe, Dank für eine Wohltat erbitte! Ihn aber soll man segnen, zu ihm beten und beten, unaufhörlich für jedes Bröselchen danken und preisen – und ihr seid nicht sparsam, ihr gebt ihm Lob in vollen Scheffeln! Schmeichler, Kriecher, niedriges Gesindel seid ihr!« Die Morgenbenedeiung, die ich wie immer in der Frühe zu sprechen begonnen hatte, blieb mir bei diesen Schimpf- und Schandworten wie ein Knochen im Halse stecken. Wie kann man beten und das Judentum erfüllen, wenn man beim Teufel ist und so entsetzliche Worte hört! Mit tobendem Lärmen flogen die Teufel über Planeten und Sterne, weit, weit zu den Enden der Welt. Vor den Augen wurde es plötzlich schwarzes Dunkel. Es rauschte und stürmte ringsum, es blies und dröhnte Entsetzen. Das war das von Gott vertriebene, öde Urchaos, das sich wie ein wildes Tier aus dem geschlossenen Gefängnis losreißen wollte, um in die Grenzen des Raumes und der Zeit einzubrechen. Das war Asmodai, der mit seinen Flügeln schlug, der an die Tore der ewigen Urfinsternis pochte, der nach einer Spalte forschte und ritzte, um sie hinterrücks freizulassen und die Welt in Dunkel zu hüllen. O wie schrecklich, wie furchtbar es hier war! Hier war die Grenze zwischen dem Lichte, der Wirklichkeit und der Finsternis, dem Nichts, dem Chaos. Wie das hier an ihren Gemarkungen tobte und wütete und mit einander rang! Schwarze Wolken stiegen gebirgshoch empor, im Nu schienen sie Himmel und Erde verschlingen zu wollen. Aber feurige Engel, die mit gezückten Flammenschwertern Wacht hielten, donnerten und blitzten und riefen: »Bis hierher und nicht weiter!« Es gab ein Gejage und ein Gehaste und einen Sprung in ihre Grenzen zurück. Die Welten – in ihrem Wechsel von Tag und Nacht waren sie voneinander geschieden. In der einen Welt wurde es immer hellerer Tag. Die Himmel erzählten die Ehre Gottes, Engelscharen sangen ihre Hymnen, jede Seele pries seinen Namen: Halleluja! Und in einer andern Welt wieder war es stockfinster: Nacht! Dort wimmelten Ungeheuer, da schwärmten alle absonderlichen Wesen, böse Geister brüllten wie die Tiger, sie wollten zerreißen, vernichten – alles zu allen Höllen! Dem Propheten Jona war es nicht so schlimm zumute, als er im Bauche des Fisches lag, wie mir am Busen Asmodais. Wir waren beide freilich sehr übel dran. Ach und wehe, welch ein Schicksal wir hatten, wie wir in der Klemme saßen, bei solchem Aufenthalt, o Jammer. Aber doch war der Unterschied groß. Er, Jona, konnte wenigstens schreien, zum Herrn beten, um Heimkehr flehen – ich aber mußte den Mund halten, ich durfte mich nicht einmal mucksen, damit es die Dämonen nicht hörten, damit sich der Teufel nicht meiner entsinne und mich in den Abgrund schleudere! Es tobte gewaltig. Hoch in den Himmeln wirbelten und flogen Welten. Sonnen und Monde gingen auf und gingen unter. Die Zeiten wechselten, die Gestirne lösten einander auf der Wache ab, die einen stiegen auf, die andern versanken. Jedes an seinem Orte, kein Haarbreit zur Seite. Asmodai sah das alles und verging vor Wut, er knirschte mit den Zähnen und schmähte und schändete die ganze Welt. Es war ihm wohl diesmal nicht gelungen, die himmlischen Heerscharen zum Abfall von Gott aufzuhetzen. Er blies seine Teufelsbande zusammen und machte sich auf den Rückweg zu unserer Erde, die sich da unten drehte und wie ein Nadelköpflein in den Fernen aussah. Er wollte sie also nicht lassen. Keine andere kam so wie sie seiner Arbeit zupaß, hier hatte er viele Helfer und viele Mittel, um seine Macht zu zeigen. Hier war Hoffnung auf Sieg vorhanden, Aussicht darauf, im Kampfe mit dem Herrn die Oberhand zu erlangen. »Wozu seid ihr nütze? Was habt ihr von all den Himmeln, von allen euren Paradiesen, wenn ihr Knechte und Lakaien seid? Wenn ihr keine Freiheit und keinen eigenen Willen habt, wenn ihr nur Puppen seid, die die Lippen bewegen und plappern, so wie man sie aufzieht?! Zu allen Höllen!« rief Asmodai, ballte beide Fäuste gegen den Himmel, spie Pech und Schwefel, blitzte im Blinzeln seiner Augen. Dann stieß er ein Lachen aus, das wie ein Messer schnitt, besprach sich in absonderlichen, ungeheuren Lauten mit den Teufeln und ermunterte sie, ihm nachzufliegen. Er flog geschwind. Jeder Flügelschwung brachte ihn um eine Welt weiter, die Erde wurde immer größer und größer und Asmodai immer ruhiger. Plötzlich hielt er inne und schwebte still, beugte und streckte sich gerade, als ob er ganze Bergeslasten von sich würfe. Dann fuhr er sich mit der Hand in den Busen – er wollte sich wohl kratzen – und berührte mich ganz unerwartet. »Hö-hö, wohin du geraten bist, Ssrulik! Wenn man dich nur eine Weile aus den Augen läßt, dann drängelst du weiter und schleichst und kriechst, bis du einem wie ein Knochen in der Kehle stecken bleibst! Na, bitte, seid so gut, Reb Ssrulik, bemüht Euch, bitte, ein wenig weiter, Reb Ssruul!« lud mich Asmodai höflich ein und zog mich heraus, indem er mich mit leichtem Drucke zwischen den Fingern hielt. Das war jetzt eine häßliche Geschichte, so häßlich, wie man sich's nur vorstellen kann! Aber ich verlor meinen Mut nicht, da ich mich an die wunderbaren Ereignisse erinnerte, die ich bisher erlebt hatte, und dachte: »Ach was, es wird schon gehen. Wenn ich bis jetzt eine solche Reise machen konnte – das ist keine Kleinigkeit, was für eine Reise das ist, bis ans Ende der Welt unter so vielen Unholden und Ungeheuern! – und doch ganz und wohlbehalten blieb, so werde ich auch weiterhin, will's Gott, davonkommen.« In diesem Gottvertrauen zappelte ich in den Fingern Asmodais und sah ihn dabei merkwürdig an, als ob ich sagte: Na schön, das Quetschen ist eben mal so, daran bin ich schon gewöhnt, das sind Kleinigkeiten! Aber wie soll das denn weiter werden?« »Du hast ein verdammtes Glück, Ssrulik, daß ich jetzt gerade bei guter Laune bin, darum verzeihe ich dir. Ich werde dich noch nicht um die Ecke bringen, im Gegenteil, ich werde dir auf meiner Hand noch mehr Raum zum Sitzen schaffen.« Als ich eines freundlichen Wortes gewürdigt wurde, fühlte ich mich gleich mächtig gehoben und wagte es, Asmodai als guten Bekannten neugierig zu fragen: »Warum bist du so freudig gestimmt, Herr Asmodai?« »Du wirst gleich sehen, warum, du Rindvieh«, antwortete mir Asmodai mit sonderbarem Lächeln, schnellte mir den Finger an die Nase und bog mir den Kopf hinunter. »Nun, was siehst du jetzt auf der Erde drunten?« »Kaum etwas!« sagte ich und rieb mir die Nase und die Augen. »Rauchsäulen wie von tausenden feuerspeienden Bergen steigen auf. Da ist eine Umwälzung wie in Sodom und Gomorrha.« »Nein, Närrlein!« sagte Asmodai und blies dabei so, daß der Rauch zur Seite ging. »Schau jetzt hin, dann wirst du tausende Schornsteine sehen; das sind große, hohe Schornsteine von meinen tausenderlei Fabriken, die da rauchen, Fabriken für Kanonen, Gewehre und alle andern todbringenden Waffen; mehr Fabriken als nötig, um lebenswichtige Dinge zu fälschen, und auch Fabriken, um Schnickschnack herzustellen, der nicht sehr lebenswichtig ist; Fabriken für Geräte und Maschinen, um menschliche Hände zu ersparen, ihre Arbeit billiger zu machen und vielen Menschen den Erwerb zu rauben; Fabriken für Erfindungen, die Raum und Zeit verkürzen und dadurch sehr oft auch das Leben der Menschen kürzen; Fabriken, um schnell und geschwind recht viel Unsinn zu drucken und in der Welt zu verbreiten – Lüge, üble Nachrede, Verleumdung ohne Sinn und Grund, Neid und Haß und noch viel ähnliches häßliches Zeug und Böses, von den einen gegen die andern. Kurz und gut – das ist der Rauch der Zivilisation, wie ihr es da unten nennt. Warte nur, warte ein wenig, da hast du ein Panorama, schau nun und freu dich!« Vor meinen Augen tat sich ein Stück Landes auf, das wie ein wunderherrliches Gemälde war. Felder in den grünsamtenen Mantel jungen, frischen Getreides gehüllt, mit Blumensprenkeln an den Säumen. In Tälern weideten Schafe und auf Hügeln hüpften klarweiße Ziegen. In der Luft schwang ein Konzert von allerlei Tönen: Singen und Trillern der Vöglein in Wäldern und Wäldlein; Zirpen, Summen, Zimbeln fliegender Mücken und Käfer in der Höhe, springender Grillen und Heuschrecken im Grase unten; zuweilen Pferdegewieher und der breite Baß der Rinder. Weit in der Runde lagen Dörfer und Weiler umhergestreut, mit guten Häusern, vollständiger Wirtschaft, dabei große schöne Gärten und Weingärten. Dort blühte der Weinstock, der Feigenbaum entfaltete seine Blätter, Rosen und alle andern duftenden Kräuter strömten würzige Gerüche aus. Kinder hüpften wie die Böcklein auf den Höfen, tollten und lachten aus vollem Herzen, Erwachsene saßen behaglich unter den Bäumen, rauchten und plauderten fröhlich, aßen und tranken und waren guter Dinge. »Ach«, rief ich, »wie gut, wie schön! Das ist ja ein Leben wie bloß im Paradiese!« Asmodai sah mich von der Seite mit einem Lächeln an und sagte kein Wort. Dann faßte er mich an der Bartspitze und zog mich so am Kopf, daß ich hinuntersähe. »Ach, ach!« stieß ich ein Wehegeschrei aus. »Nicht zu erkennen ist es, das Land, so wüst ist es, eine solche Vernichtung! Nackt sind die Felder, da ist kein Weizen, kein Korn, Feuer hat das letzte Gräslein verbrannt und verkohlt. Die Bäume stehen verdorrt, die Äste sind zerbrochen, die Fröhlichkeit der Menschen ist geschwunden. Man hört keinen Ton vom Vieh, still ist es und lautlos, Vögel und Vieh sind wie ausgestorben.« »Das hat die Zivilisation geleistet«, erklärte mir Asmodai mit seinem gewöhnlichen bösen Lachen. »In ihrer Güte ist sie ungebeten mit Blut und Feuer und Rauch hierhergekommen. Sie kam aus weiter Ferne, um die gewöhnlichen Leute hier ihre Wohltaten zu lehren. Und da sich die Leute bedankten und wie vorher ohne die Wohltaten leben wollten, brachte sie ihnen Respekt bei und zeigte ihnen, wer stärker sei. – Warum ich so freudig gestimmt bin, fragst du? Schafskopf! Es ist eine Freude, zu sehen, wie sie die Welt versengt und verbrennt. Reichen ihr die Wälder zu ihren Launen nicht aus, dann gräbt sie sich wie ein Maulwurf tief in die Erde hinein und reißt dort die Gräber der Vorzeitpflanzen auf, die lange vor der Sintflut wuchsen und zu harten Kohlen geworden sind, und nimmt sie für ihren Bedarf. Auch das wird ihr bald nicht mehr ausreichen, sie wird das Innerste in den Eingeweiden der Erde ausbrennen und auffressen – dann wird sie sich an die Sonne oben machen. Aus dem Kampfwagen des Alten im Himmel wird sie die heißen, lodernden Seraphim stehlen und sie in ihre Maschinen spannen, um zu schleppen, Räder zu drehen, und wird sie dabei mit elektrischen Blitzen prügeln, daß es donnere, schieße, fliege, schmettere. Du Narr! Alle Schornsteine der unzähligen, unendlichen Fabriken da unten sind Altäre, auf denen zu meinen Ehren und zu Ehren des goldenen Kalbes geräuchert wird, des Gottes der Spekulation, des Schwindels, der Projekte und des Geldes. Dieser Rauch dörrt die Herzen, räuchert die Gefühle aus und verwandelt alles in Ware. Liebe, Freundschaft, Frömmigkeit, Glauben, Wohltun und ähnliches – sind Waren! Und außerdem räuchert dieser Rauch allmählich dort auch den aus, dessen Namen ich nicht erwähnen darf, er tritt immer weiter und weiter in den Hintergrund zurück, und im Laufe der Zeit wird die Erde mir ganz gehören, das hoffe ich.« »Oh, oh, das mögest du nie erleben, du Schurke«, dachte ich im Herzen, und zog ein gottesfürchtiges Gesicht. »Du wirst untergehen und er wird in Ewigkeit bestehen.« ^ Einundzwanzigstes Kapitel Ssruul begegnet einem General König Salomos »He-he!« sagte Asmodai, hob den Kopf, als ob er lausche, und schnupperte mit der Nase. Und bald kam mir Getümmel und Geplapper an die Ohren. »Es ist nichts, es ist nichts, ein paar Hexen haben Krämpfe bekommen und sind in Ohnmacht gefallen«, sagte Asmodai mit einem Lachen, »das sind gewöhnliche Dinge. Ach, was für eine Zeit das ist, was für eine Zeit! Gar nicht mit den Hexen von einst zu vergleichen! Wenn früher eine Hexe sich ans Reiten machte, ritt sie aus Leibeskräften, und wurde gar nicht müde, und wenn der andere zum Teufel ging. Aber die heutigen Hexen, daß ich nicht lache, bei der geringsten Kleinigkeit haben sie es mit den Nerven und kriegen Krämpfe. Sie wollen sich von den Kavalieren gerne wieder zum Bewußtsein bringen lassen. Ach, diese Zeit! Wie die Menschen, so sind die Hexen. – He, Rohirot!« Ein zusammengeschrumpfter, altersgebeugter Teufel, dürr wie ein Span, mit einem Körper von abscheulicher Farbe, einem ziemlichen Buckel und einer dünnen, langen, elefantenrüsselartig gewundenen Nase, kam schnell zu Asmodai geflogen, trat vor ihn hin, warf den langen haarlos gewordenen Schwanz zwischen seine Hühnerbeine und beugte die schmale Stirn, auf der in den beiden Winkeln zwei steife Zöpfe wie Hörner emporstanden. »Rohirot, mein guter, treuer Diener!« wandte sich Asmodai lächelnd an den Teufel. »Wie geht es unsern Damen?« »Sie tun schön, gnädiger Herr. Es sind Frauenzimmer! Was wollen die Weiber? Tanzen. Nach einer so langen Reise haben sie Lust, sich ein wenig auszuruhen, sich ein wenig aufzufrischen, sich zu putzen, sich zu unterhalten, irgend jemandem zu gefallen und wäre es der Hölle.« »Gut, Rohirot! Geh und tu deine Sache.« Es dauerte nicht lange, so breitete sich weit durch die Lüfte ein kostbarer Seidenteppich, mit edlem Gold, mit den schönsten Blüten und den kunstvollsten Gemälden der Erde bestickt. Vor den Augen funkelten und schillerten smaragdgrüne Wälder, aus denen rubinrote Orangen, reife, anmutige Pfirsiche hervorsahen und unter den Blättern ihre drallen, rotfarbenen, mit kurzen Haaren besetzten Wänglein hervorsteckten und wie von selbst stumm um einen Kuß baten. Schwarze Kirschen warfen Äuglein, blinzelten, winkten und lockten die Seele. Die Augen entbrannten einem vor Lust. Wohin man sah, war es schön und lieblich. Wohin man sich kehrte, zog und trieb es einen hin, das Herz sehnte sich in Begier – man hätte von Sinnen kommen mögen! Wie die Heuschrecken ließen sich die Teufelsmassen hier nieder, klein und groß, jung und alt, liefen nach allen Seiten auseinander und verschwanden bald. Asmodai ließ mich los und befahl mir, ein wenig spazieren gehen. Als ich aus den Händen des Teufels kam, war ich wie ein lange gebundener Hahn, der nach dem Losbinden noch eine Zeitlang angstvoll still daliegt, kaum aber, daß er Atem geholt hat, aufspringt und hochgereckt ein stolzes Kikeriki hinausschmettert, als sei er der größte, beste, strammste Hahn der Welt. Ich vergaß sogleich die Not und war ein forscher Gesell, ich spazierte umher. Was ich erblickte, begehrte ich, all die schönen Dinge wollte ich haben. So blieb ich auf meinem Spaziergang bei einem großen Strauß aus kostbarsten Edelsteinen stehen: Diamanten, Brillanten, Saphire, Rubinen aller Arten, in Gold gefaßt. In meinem Innern begann sich etwas zu regen. Nach meiner Schätzung war er gewiß Hunderttausende von Talern wert, vielleicht noch ein paar Pfennig darüber, ja, ein paar Millionen Taler, ohne zu übertreiben. Es quälte mich: »O weh, o weh, wenn ich das hätte! Ich verkaufte es, hätte dann ein hübsches Kapital beisammen, lebte als reicher Mann, hätte genug für Suppe und Brei und brächte so meine Jährlein zu!« Der böse Trieb packte mich heftig. »Wirklich«, sagte er, »warum solltest du einen solch kostbaren, ehrlichen Fund nicht aufheben, Ssruul? Wem nützt das hier, wer hat hier einen Genuß davon? Weder Gott noch die Menschen. Wenn die Teufel das nicht mehr haben, so müssen sie drum noch nicht zum Teufel gehen. Sie haben ja genug. Nimm! Du wirst dadurch die ewige Seligkeit erwerben. Bei jedem Bissen, den du dadurch genießen wirst, wirst du ja eine Benedeiung sprechen. Gott wird sich freuen, und du auch. Nimm, nimm!« Ich sah mich nach allen Seiten um – niemand war da. Ich stand ein wenig und überlegte. Ich faßte mir ein Herz und – Als ich die Hand ausstreckte, fühlte ich von hinten einen Schlag wie mit einem Riemen. Ich sah mich vor Schreck halbtot um, und erblickte den alten buckligen Teufel. »Oh, oh, Friede mit Euch, willkommen!« sagte er lächelnd und gab mir mit dem Schweife einen leichten Schlag auf die Hand, so wie Teufel einander zu grüßen pflegten. »Friede!« brummte ich in meinen Bart und sah ihn mit halbgeschlossenen Augen an. »Ich glaube ... Ihr kommt mir bekannt vor.« »Ich bin Rohirot! Habt Ihr mich vergessen? Ich bin Rohirot, der Statthalter dieses Teppichs.« »So! Der Statthalter!!« fuhr ich erschrocken zusammen, lüftete meine Mütze, trat voll Ehrfurcht zurück und dachte bei mir: »O weh, er hat's gewiß erraten, was ich grade tun wollte.« »Ach, nicht doch, Reb Ssruul, macht bloß kein Aufhebens! Ich will Euch hier bei mir als einen lieben Gast aufnehmen. Oh, oh: Reb Ssrulik! Daß ich das Glück habe, in meinem Lande den Enkel eines so berühmten Ahnen zu sehen!« »Ach, Ihr scherzt!« »Behüte! Ich bin ganz ernst. Ich habe Euern Ahnherrn sehr gut gekannt, den weltberühmten Weisen, den seligen König Salomo. Ich habe viele Jahre unter ihm gedient, meine besten Jahre, als ich noch jung war und mein Schweif noch nicht kahl. Er war es, der mich hier als Statthalter eingesetzt hat. Wollt Ihr vielleicht von der Weisheit Eures Ahnherrn hören, wollen wir uns hier auf den Teppich setzen und ich will Euch erzählen. Ich habe jetzt Zeit. Heute ist Teufelssabbat.« Wir ließen uns bei dem Strauße meiner Begierde nieder. Rohirot streichelte mich mit dem Schweife als Zeichen der Ehrung und Zuneigung und erzählte mir mit folgenden Worten: »Dieser Teppich, den Ihr da seht, er ist sechzig Meilen lang und sechzig Meilen breit, gehörte dem König Salomo. Er reiste mit ihm so schnell durch die Lüfte, daß er das Mittagmahl in Damaskus und das Abendbrot in Medien aß. Heere besaß er in unendlicher Zahl, von allen Geschöpfen der Welt. Seine obersten Flügeladjutanten, durch die er seine Kommandos erteilte und Befehle sandte, waren vier: Von den Menschen: Aßaf ben Berachja; von den Teufeln: Rohirot, meine Wenigkeit höchstpersönlich; von den Tieren: der Löwe; von den Vögeln: der Adler.« »Aber wo ist denn der Auerhahn?!« fiel ich Rohirot in die Rede. »Man erzählt ja so viel vom Auerhahn!« »Ach was, Unsinn! Bringt bitte die Dinge nicht durcheinander. Der Auerhahn ist eine Geschichte für sich, mit dem Würmlein, und das ist etwas ganz anderes«, sagte Rohirot mit saurer Miene, verzog die Nase und traf mich mit seinem Schweife absichtlich oder versehentlich viel heftiger als mit einer gewichtigen Ohrfeige und erzählte weiter. »Stolz war König Salomo – nicht wie der Teufel, sondern wie tausend Millionen Teufel zusammen. Er hielt furchtbar viel von sich. Darum beging er manchmal – es sei ihm keine Schande! – Dummheiten und zog sich dadurch Feindschaft und Gerede der Leute zu. Ich selbst hatte einmal einen Auftritt mit ihm und wollte diesen Teppich nicht mehr führen, so daß vierzigtausend Menschen auf die Erde hinunterstürzten und er in Schmach und Schande sich bessern mußte. Ein andermal bekam er folgendes ab: Auf einer Luftreise flogen wir einmal über das Tal der Milben, da hörte er, wie eine schwarze Milbe zu den übrigen sagte: ›Geschwind in Eure Häuser, damit euch die Heere König Salomos nicht vernichten!‹ – ›So!‹ sagte er grimmig. ›Steig hinunter, Rohirot!‹ Ich kam zu den Milben: ›Wer hat das zu sagen gewagt?‹ Da gestand eine: ›Ich fürchtete, sie könnten laufen, um eure Heere anzusehen und dabei die Lobpreisungen Gottes vernachlässigen, und er würde uns dann in seinem Zorne töten.‹ Ich fragte sie: ›Warum hast gerade du gesprochen?‹ – ›Ich bin die Königin!‹ sagte sie. ›Wie heißt du?‹ – ›Ich heiße Machschama.‹ Kurz und gut, ich nahm sie gefangen und brachte sie vor Salomo. Er nahm sie auf die Hand, hielt sie vor sein Gesicht und sprach zu ihr: ›Sage, gibt es auf der Welt denn jemanden, der größer wäre als ich?‹ – ›Ja!‹ antwortete sie kurz und bündig. – ›Wer?‹ – ›Wer? Ich!‹ – ›Wieso bist du größer?!‹ – ›Wenn ich nicht größer wäre als du, hätte dich Gott doch nicht hierher geschickt, um mich sorgfältig auf den Händen zu tragen.‹ Salomo geriet in helle Wut, schleuderte sie zur Erde und rief: ›Milbe, weißt du, wer ich bin?! Ich bin Salomo, der Sohn König Davids!‹ – ›Ach, darum brauchst du nicht groß zu tun‹, sagte sie, ›du bist ein Fleischklumpen wie alle andern!‹ Da war König Salomo starr und schämte sich sehr nach den Reden der Milbe.« »Ich bitte Euch um Verzeihung«, sagte ich erstaunt, »aber das ist nicht so leicht zu verstehen. Eine Milbe und solche Reden! Wie kommt das zusammen?« »Stille!« sagte Rohirot ganz gelassen. »Wenn ich Euch einen Midrasch beibringen und zeigen werde, daß dasselbe im Midrasch steht, werdet Ihr es dann glauben?« Rohirot war wie alle alten ausgedienten Krieger. Sie schwatzen und schwindeln, erzählen mächtig viel von Wundern und Heldentaten, rühmen ihre Generäle und berichten unbedenklich die ungeheuersten Dinge: sie lassen Kamele über die Dächer fliegen, erfinden balkendicke Schlangen, lassen die Toten wieder auferstehen, sie schwingen ihre Speere über viele Tausende von Leichen. Und was das Schlimmste ist: wenn sie zu erzählen anfangen, reihen sie eine Geschichte an die andere, bis es die Ohren nicht mehr hören können. Und auch Rohirot erzählte, als er von Salomo angefangen hatte, wieder weiter: »Einmal machte seine Majestät, der selige König Salomo, eine Luftreise und blieb zehn Tage und zehn Nächte oben. Eines Tages sah er einen hohen Palast, der ganz aus Holz gebaut war. Da sagte er zu seinen Fürsten: ›Einen solchen Palast habe ich in der Welt noch nicht gesehen.‹ Er befahl dem Wind, hinunterzusteigen, und spazierte mit Aßaf ben Barachja um das Schloß herum – die Kräuter dufteten wie im Paradies –, aber sie fanden keine Tür zum Eintreten. Da waren sie sehr erstaunt: ›Wie sollen wir's anstellen, daß wir hineinkommen?‹ Da trat ich zum König und sagte zu ihm: ›Mein Herr, warum bist du so bekümmert?‹ Der König antwortete: ›Ich bin wegen dieses Schlosses bekümmert, das keinen Eingang hat.‹ Da sagte ich ihm: ›Herr König, ich werde den Teufeln befehlen, über das Dach des Palastes zu gehen, vielleicht finden sie dort was, Menschen oder Vögel oder sonst ein Wesen.‹ Ich schrie die Teufel an und befahl ihnen: ›Steigt schnell auf das Dach und seht nach, ob ihr was findet!‹ Sie gingen und berichteten bei der Rückkehr: ›Herr, wir sahen dort keinen Menschen, sondern bloß einen großen Vogel namens Adler, der über seinen Jungen saß.‹ Da rief er den Vogelfürsten und sagte zu ihm: ›Geh und bring mir den Adler.‹ Da ging der Vogelfürst und brachte den Adler vor König Salomo, und er sang und lobpries den Herrn und begrüßte den König. Der fragte ihn: ›Wie heißt du?‹ Er antwortete: ›Alenad.‹ – ›Wie alt bist du?‹ fragte er ihn. ›Siebenhundert Jahre.‹ – ›Hast du gesehen oder gehört oder weißt du, daß dieses Haus einen Eingang hat?‹ Er antwortete: ›Mein Herr, bei meinem Leben, ich weiß es nicht, aber ich habe einen Bruder, der ist zweihundert Jahre älter und weiß und versteht mehr, er wohnt auf der zweiten Stufe.‹ Da sagte Salomo zum Vogelfürsten: ›Führ diesen Adler zurück und bring mir seinen älteren Bruder.‹ Nach einer Weile kam er mit einem Adler zurück, der größer als der erste war und den Schöpfer pries und lobsang und den König begrüßte. Er fragte ihn: ›Wie heißt du?‹ Er antwortete: ›Alëuf.‹ Er fragte ihn: ›Wie alt bist du?‹ – ›Neunhundert Jahre.‹ Er fragte ihn: ›Weißt du oder hast du gehört, daß dieser Palast einen Eingang hat?‹ Er antwortete: ›Mein Herr, bei meinem Leben, ich weiß es nicht, aber ich habe einen Bruder, der ist zweihundert Jahre älter, der weiß und versteht mehr, er wohnt auf der dritten Stufe.‹ Da sagte Salomo zum Vogelfürsten: ›Führ den zurück und bring mir seinen ältern Bruder.‹ Nach einer Weile kam der große Adler, der war sehr alt und konnte nicht fliegen. Sie hoben ihn auf ihre Flügel und brachten ihn vor Salomo, er pries den Schöpfer und begrüßte den König. Salomo sprach zu ihm: ›Wie heißt du?‹ Er erwiderte: ›Altamar.‹ Dann fragte er: ›Wie alt bist du?‹ Er erwiderte: ›Tausendunddreihundert Jahre.‹ Er fragte ihn: ›Weißt du oder hast du gehört, daß dieses Schloß einen Eingang hat?‹ Er antwortete: ›Mein Herr, bei meinem Leben, ich weiß es nicht, aber mein Vater erzählte mir, daß es auf der Westseite einen Eingang hätte, doch im Laufe der vielen Jahre sei er vom Sand verschüttet worden. Wenn du willst, so befiehl dem Wind, den Sand abzutragen und das Tor bloßzulegen.‹ Salomo gebot es dem Wind, der blies und entfernte den Sand und das Tor wurde frei. Es war ein sehr großes eisernes Tor und auf dem Schloß der Tür stand geschrieben: ›Wisset, ihr Menschen, in diesem Schlosse wohnten wir viele Jahre herrlich und in Freuden, und als der Hunger über uns kam, mahlten wir Perlen in den Weizen hinein, aber es half uns nichts, und wir ließen das Haus den Adlern und lagen auf der Erde.‹ Dann stand noch: ›Dieses Haus betrete nur Prophet oder König. Wenn er hineingehen will, so grabe er bei der rechten Seite des Tores, dort wird er einen Kasten finden, den zerschlage er und nehme die Schlüssel heraus.‹ Er öffnete das Tor, da fand er eine goldene Pforte. Er öffnete und durchschritt sie, und fand ein schönes Gebäude mit sehr, sehr vielen schönen Zimmern und fliesenbedeckten Höfen, aus Gold und Silber. Darin sah er einen silbernen Skorpion, er entfernte ihn und entdeckte ein unterirdisches Gemach voll Perlen, Silber und Gold. Dann fand er ein zweites Tor und auf der Tür stand geschrieben: ›Der Herr dieses Schlosses lebte in Macht und Ehren, die Löwen und Bären fürchteten seine Herrschaft und Hoheit. Er saß auf dem Thron und kam vor der Zeit zum Sterben und die Krone fiel ihm vom Haupte.‹ Dann öffnete er das Tor, durchschritt es, fand ein drittes Tor und darauf stand geschrieben, daß sie in Ehren und großem Reichtum lebten, daß die Schätze zurückblieben und sie starben. Dann öffnete er das Tor. Er fand eine Aufschrift: ›Wieviel bestand ich, wieviel erlebte ich, wieviel aß ich, wieviel trank ich, wieviel schöne Kleider trug ich, wieviel bedrohte ich und wieviel bedräute mich.‹ Er ging weiter und fand ein schönes Gelaß aus Rubin und Topas, das hatte drei Türen. Auf der einen stand: ›Mensch, du gehst dahin von deinem Ort und ruhst in der Erde.‹ Auf der zweiten Tür: ›Eile nicht, geh langsam, denn die Welt wird dem einen genommen und dem andern gegeben.‹ Auf der dritten stand: ›Nimm dir Wegzehrung und schaffe dir Speise, solange es noch Tag ist, denn du wirst nicht auf der Erde bleiben und kennst den Tag deines Todes nicht.‹ Er öffnete die Tür und ging hinein und sah eine sitzende Gestalt; wer sie ansah, hielt sie für lebendig, und er ging vor das Bild und trat heran, da bebte es und schrie mit lauter Stimme: ›Kommet, ihr Söhne des Satans, sehet, Salomo ist gekommen, um euch zu vernichten!‹ Und es sprühte Feuer und Dampf aus seinen Nüstern. Da rief Salomo ihnen entgegen: ›Ihr wollt mich bedrohen? Ihr wißt nicht, daß ich König Salomo bin, der über alles Wesen herrscht, das Gott geschaffen hat! Ich will euch züchtigen und ihr erhebt euch wider mich!‹ Und er sprach den ausdrücklichen Namen über sie. Da schwiegen sie alle und fielen aufs Gesicht. Da trat Salomo zu dem Bilde, nahm eine silberne Tafel aus seiner Kehle und eine Kette, und auf der Tafel stand alles über das Schloß, aber er wußte es nicht zu lesen und er betrübte sich sehr und sprach zu seinen Fürsten: ›Fürwahr, ihr wisset, so sehr habe ich mich gemüht, um an das Bild zu gelangen! Jetzt habe ich die Tafel und weiß nicht, was auf ihr steht.‹ Da sah er einen Jüngling aus der Wüste nahen. Er kam vor Salomo, bückte sich vor ihm und sprach: ›Was ist dir, König Salomo, daß du bekümmert bist?‹ Er erwiderte: ›Ich bin wegen dieser Tafel betrübt, weil ich nicht weiß, was auf ihr steht.‹ Der Jüngling sagte: ›Gib sie mir, ich werde sie dir vorlesen. Ich saß an meiner Stätte und Gott sah, daß du bekümmert bist, und schickte mich, um dir die Schrift vorzulesen.‹ Er überreichte sie ihm. Der Jüngling betrachtete sie, war erstaunt und weinte: ›Ach, Salomo, diese Schrift ist in griechischer Sprache und sagt: Ich Schadar ben Ad herrschte über Myriaden von Ländern und ritt auf Myriaden von Rossen, und unter meinen Händen waren Myriaden von Königen, ich tötete Myriaden von Helden, und in der Stunde, da der Todesengel zu mir kam, überwand ich ihn nicht. Jeder, der diese Schrift liest, wird sich in dieser Welt nicht sehr mühen, denn das Ende jedes Menschen ist der Tod und nichts bleibt dem Menschen über als ein guter Name.‹ Ich habe noch viele Geschichten aus dem Leben Salomos, aber da ich sehe, daß Ihr ein wenig ketzerisch seid, nichts für ungut, und einem grauen, alten Teufel nichts glaubt, ist es klüger und besser zu schweigen. Daß ich Euch aber so einfach fortlasse, geht nicht. Ihr seid ja schließlich Reb Ssrulik, ein so lieber Gast, der Enkel König Salomos. Sagt, was wollt Ihr, Reb Ssrulik?« Ich wollte um den Brillantenstrauß bitten, den mein Herz so sehr begehrte, aber ich überlegte es mir sofort: Nein! Das gleich so einfach hinauszusagen: »Gib mir!« das hatte keinen Zweck. Der Teufel mochte wissen, was er beabsichtigte. Vielleicht war es nur ein Kniff. Also was sollte ich tun? Ich mußte es hinten herum und pfiffig machen. Ich hatte bald einen ganz schlauen Einfall und fragte ihn: »Sagt mir, Herr Rohirot: Nach Euern eigenen Worten hat dieser Teppich dem König Salomo gehört, also meinem Großvater, wie Ihr sagt. Nun, da fragt es sich doch, wie kommt er jetzt zu Asmodai?« Hierin lag ein Wink mit dem Zaunpfahl, eine Einleitung für den Strauß: »Gibst du mir's gutwillig, so ist es recht, dann werde ich auch damit schon zufrieden sein. Mit hunderttausend Millionen Talern kann man schon irgendwie leben. Sonst trete ich als Erbe auf, fordere den ganzen Teppich und führe dich als Zeugen.« Rohirot verstand mich offenbar wohl. Er war verwirrt, schnitt Gesichter und stotterte mit halben Worten: »Das ist so eine Sache ... versteht Ihr ... das war eine Geschichte ... Zwischen König Salomo und Asmodai fiel etwas vor ... Asmodai wurde von Salomo durch List gefangen und mit Wein betäubt. Dann rächte er sich und warf Salomo vierhundert Meilen weit, nahm ihm das Reich weg, nahm ihm die Frauen, den Teppich, alles ... Das ist eine ganze Geschichte ... Aber ... Ihr seid ja ein wenig von einem Ketzer«, schloß Rohirot, versetzte mir, mit oder ohne Absicht, einen mächtigen Schlag mit dem Schwanz und verschwand. »Wartet nur, wartet nur«, dachte ich in starkem Zorne, »der Teufel wird euch holen! Was das für ein Grund ist: ›Er nahm es ihm!‹ Eine schöne Geschichte, wahrhaftig, sehr schön! Versteht man's: König Salomos Königreich, ein Gut von sechzig Meilen in die Länge und in die Breite – und plötzlich mochte er mit langer Nase zum Teufel abziehen.« Den Feinden Zions mein bitteres Leid! Bei jedem Schritt hatte ich alle die wunderbaren Herrlichkeiten vor Augen, all den Reichtum, all das Gut – mir gehörte es, mir und doch nicht mir, Gott sei's geklagt! ... Zweiundzwanzigstes Kapitel Der Tanz vor Asmodai Plötzlich erhob sich vor mir wie aus dem Boden geschossen ein Schloß. Mein Herz pochte auf, mein jüdisches Herz: Der Palast Salomos! Das Innere des Schlosses war kostbar ausgestattet. Ebenholzmöbel, silberne Tische mit güldenem Gerät und kristallenem Geschirr. Das schimmerte und flimmerte und blendete die Augen. Prinzessinnen in Ballkleidern gingen da umher, in Gaze, halb entblößt, mit nackten Armen, den Hals bis zur Brust offen – o pfui! –, gerade wie in den geschriebenen Geschichten. Auf einer hohen Estrade in der Mitte stand, wie ein bemalter Golem, Asmodai selber, den Kopf in merkwürdigem Ernste gesenkt. Junge, wunderschöne Hexlein umgaben ihn, berührten ihn, streichelten ihm den Ziegenbart, und er grinste vor lauter Vergnügen ganz einfältig. Alte Hexen sahen von weitem gelb und grün vor Neid zu. Aus Furcht, er könne sie treten, wenn sie ihm nahekämen, nahmen sie mit gewöhnlichen, alten, schäbigen Teufeln fürlieb. Sie tanzten und sprangen wie toll in einem Reigen und erwiesen ihm beim Vorbeikommen voll Ehrfurcht ihre Reverenz. Die Kavaliere, die Teufel, verneigten sich und die Damen, die Hexen, zogen die Lippen zusammen und knixten. Man kniete und bückte sich und räucherte ihm Räucherwerk. Asmodai zog den Wohlgeruch ein, als könne er ohne ihn nicht leben. Überhaupt sah Asmodai jetzt in seinem ganzen Gehaben, mit seinem Riechen, mit dem Streichelnlassen und seiner ganzen Ziererei recht tölpelhaft aus. Das war ja ein Jammerlappen, der die Weiber anflehte, der einem an den Lippen hing und andere nötig hatte. »Liebster, bester Ssrulik!« wandte sich Asmodai mit weicher, schwacher, bittender Stimme an mich. »Oh, gib mir Geruch!« »Ja, einen Schmarren! Das wirst du nicht erleben«, dachte ich bei mir und stellte mich einfältig, als ob ich nicht erriete, was er wollte, was das hieße. »Räucherwerk!« erklärte er mir mit kläglicher Miene. »Du gibst mir damit Kraft.« »Was? Wie kann das sein?!« »Stell dich nicht blöd, Ssrulik! Du weißt ja sehr gut, daß ›er‹, der große Herr, auch von seinen Dienern Kraft haben will. Ihr Dienst soll ihn in den Stand setzen – nun, was sagen denn eure Bücher?« »Und zweitens«, fuhr ich in meiner Sache fort, »frag ich dich, wozu brauchst du von mir ein Rüchlein zu erschnorren, wo dir doch die ganze Welt mit Räucherwerk freisteht? Wo du doch hingehen und riechen kannst, soviel du willst!« »Da hat man's: Er philosophiert! Jeder Jude muß grübeln und tüfteln! Das ist nichts für dein Gehirn, Ssrulik, diese hohe Materie. Übrigens, wart mal, ein Beispiel: Zum Lachen kann man nur gebracht werden, wenn einen ein anderer kitzelt, nicht wenn man's selber tut. Begreifst du es jetzt schon ein wenig?« »Ach was», sagte ich und rümpfte die Nase. »Du hast auch ohne mich genug Leute, die dich kitzeln.« »Man kann einen Juden nicht überzeugen!« murmelte Asmodai und wandte den Kopf zornig zur Seite. Eine Teufelin, ein schönes, schwarzhaariges Hexlein hob ihre Augen zu mir und sagte leise und erregt: »Komm – tanzen!« »Pfui!« spie ich aus, vor Scham errötend und traf gerade einen Teufel, den Bösen Trieb, mitten auf den Bart. »Ah, du Tölpel, du Mistfink, Dreckkerl, du Schwein, ohne Gefühl und Anstand und ohne Erziehung!« sprang der Böse Trieb mit häßlichen Worten auf mich los und kitzelte mich. Die Teufelin winkte mir ohne Unterlaß, sie verwandte kein Auge von mir, jeder ihrer Blicke war ein Pfeil, der mich tief ins Herz traf, jeder Blick zog mich näher ... und bald stand ich, ohne selbst recht zu wissen, wie und was mir geschah, Arm in Arm mit der Schönen, und wir tanzten beide lächelnd und entbrannt eine Quadrille! In unserm Reigen waren noch viel andere Paare, Teufel und Teufelinnen aller Art – unter ihnen auch alle die feinen Gesellen, die den Juden die Ehre erwiesen, in ihrer Geschichte zu stehen. Während wir bei der letzten Figur vor Asmodai vorbeitanzten, zog mich die Teufelin – und, o wehe! – ich bückte mich ihr zuliebe und räucherte ihm! Da wurde er frischer und stärker, so wie ein alter Knasterbart nach einer guten Prise, stampfte mit den Hühnerbeinen, hob den Schweif – und pardauz sprang er nießend und freudekeuchend von der Estrade herunter. Ich verlor vor Schreck fast die Besinnung und glaubte, es werde mir im nächsten Nu so ergehen, wie Josef de la Reina. Der Fromme hatte Sammael gefangen und gefesselt. Da weinte und flehte Sammael: »Laß mich ein wenig Räucherwerk riechen!« Er erbarmte sich und gab es ihm. Da bekam Sammael seine Kraft, streifte die Fesseln ab und entschwand und de la Reina kam von Sinnen. »Munter, ihr Leute!« hetzte Asmodai an. »Kommt, Opferwein soll fließen, Wein und was ihr wollt!« Da erhoben sich wie ein Sturm die Teufel und Teufelinnen aller Art und Gestalt, klein und groß, jung und alt, alles zusammen. Das war ein Durcheinander und Wirrwarr und Gehetze zu einem ihnen bekannten Ort. Die mit der roten Nase und dem Baß, aus der richtigen Gesellschaft, eilten pfeifend, tobend, lärmend, munter, lustig und ausgelassen voran. »Komm geschwind her, Ssrulik, und sieh und höre die große Ehre, die mir hier auf der Erde erwiesen wird«, sagte Asmodai, faßte mich am Halse, bog mir den Kopf hinunter und ließ mich schauen. Ein wilder Hymnus aus tausenden offenen Mündern stieg auf, Lachen, Platzen von Gläsern und Flaschen, Zertrümmern von Scheiben, Zerschmettern, Zerschlagen von Fässern – Opfer an Branntwein, Wein und andern Getränken. Da stieg auch bitterliches Weinen von Leidenden auf, Händeringen, Schluchzen, Ächzen, Stöhnen, Jammern aus tausenden gebrochenen Herzen – Opfer an blutheißen Tränen. Das war ein Durcheinander vom Jubel der Freuden und vom »Wehe!« der Leiden, von Starken, Stolzen, Großen und von Schwachen, Niedrigen, Bloßen, Getöse bis in den Himmel weit, von Hader, Zank und Streit, von bissigen Reden, Spott und Schand und Andeutungen mit Finger und Wink der Hand. Ach, wie weh der Hymnus tut, den die Erde singt – ein wilder, wilder Hymnus! »Genug, genug«, rief ich. »Ich will nicht mehr hinschauen!« Keine Antwort. Da bemerkte ich, daß Asmodai ganz wirr und verändert war. Das Gesicht rot, die Augäpfel vergrößert, die Augen stierten gläsern. Sein Kopf wackelte hin und her, und er konnte kaum noch die Flügel bewegen. Er taumelte willenlos durch die Lüfte, im nächsten Augenblicke mußte er wie ein Stein hinunterstürzen und ich mit ihm – und mir die Glieder zerschmettern. Ach, welch furchtbare Lage! Ich packte ihn an – ja freilich! Aus seiner Nase drang der Geruch von Wein, von Schnaps, von Spiritus. »So, du bist betrunken!« sagte ich und kniff ihn tüchtig aus voller Kraft. »Im Fieber sollst du den fremden Branntwein, das fremde Blut ausschwitzen, aber nicht jetzt. Später, später, wenn ich dich los sein und glücklich aus deinen Händen kommen werde.« Ich kniff und ermunterte ihn – aber meine Mühe war umsonst. Man muß ihm seine Hexen rufen, die Besprecherinnen, dachte ich. Ich sah mich nach ihnen um und rief sie – aber alle waren sie angeheitert, jung und alt –, alle hatten einen Schwips, da war niemand, mit dem man sprechen konnte! Es war mir zumute wie jemandem auf einem untergehenden Schiff. Und als ich so verzweifelt war, stieß etwas von unten plötzlich herauf, so daß ich beinahe emporsprang und Asmodai auffuhr. »Pfui! Pfui!« spuckte er, glotzte und bewegte verwirrt und wortlos die Lippen. Ich sah mich um: Hö-hö, wir befanden uns auf einem Dach bei einer Luke, durch die das Licht wie durch ein Fenster in einen großen Saal hinunterdrang. »Da ... wohin wir ... geraten ... ein Rathaus ... hi-hi-hi!« stotterte Asmodai und grinste, sah von oben durch das Fenster in den Saal und nickte mit dem Kopf, als ob er dort einen Bekannten begrüßte. »Ah, ah, ich grüße Euch, Herr Haman, guten Tag.« »Ach was Haman! Wo ist heute Haman! Haman ist schon vor mehr als ein paar tausend Jahren mit seinen Sprößlingen aufgeknüpft worden. Du sprichst ja, wie –« »wie ein Besoffener«, wollte ich sagen, hielt aber aus Furcht rasch inne. »Rindvieh! ›Wenn man den Dieb braucht, dann schneidet man ihn vom Galgen ab.‹ Einst hin, einst her, heute hin, heute her – Haman! Du ... hörst ... Ssruul? Alle da ... seine Söhne ... auch Wajsatha«, stotterte er, packte mich und quetschte mein Gesicht heftig gegen das Fenster. »Siehst, ja?« »Ja«, sagte ich und biß die Lippen aufeinander. »Ich sehe Krakau und Lemberg, so quetschst du mich.« »Richtig«, lobte mich Asmodai und streichelte mir freundlich die Wangen. »Wie gut er Geographie kann! Unbeschrien! – Nun, was siehst du noch?« »Der Saal ist voll von Menschen. Einer steht auf dem Podium. Sowie er nur den Mund aufmacht, klatscht man ihm von allen Seiten Bravo!« »Ja, das wollte ich«, lachte Asmodai und bog mir von hinten den Kopf hinunter und quetschte mich arg. »Hörst du die Predigt?« »Lächerlich, es lohnt sich nicht«, brummte ich in meinen Bart, weil ich ihm das Quetschen übelnahm. »›Es lohnt sich nicht‹, sagt er«, äffte Asmodai nach und steckte mir die Zunge heraus. »Mir scheint, er macht seinen Mund recht gut auf und spricht ganz klar: ›Es gibt ein Volk‹, sagt er, ›das ist verbreitet und verstreut in allen Landen.‹ Höre nur weiter, was er sagt.« »Alte Geschichten«, sagte ich und machte eine wegwerfende Handbewegung. »Es wird einem schon übel, wenn man das hört, pfui Teufel noch einmal! Ich bitte dich, mach Schluß.« »Schade, es tut mir wahrhaftig leid. Das, was du gesehen und gehört hast, ist erst ein Tropfen aus dem Meer. Aber mir ist es jetzt auch zum Brechen, brrr! Ich muß noch ein wenig Wein nehmen, um nüchtern zu werden. Komm, wir wollen zu deinen Leuten gehen.« »Warum denn gerade zu meinen Leuten?« »Wein, um die ganze Welt trunken zu machen – den haben sie, das ist ihre Sache. Wer mir zum ersten Male Wein statt Wasser zu trinken gab und mich trunken machte, das weißt du ja ganz gut, wer das war: Das war einer von euch, Benaja ben Jojada! Wie, ist es vielleicht eine Lüge? Geh, frage eure Klous-Leute, höre, was eure Weisen sagen.« »Nie kann man es Euch recht machen. Gibt man Euch Wasser, so schimpft Ihr. Gibt man Wein statt Wassers, schimpft Ihr auch. Nun, was sollen wir denn mit Euch anfangen – Genug! Ich bin schon ganz von Sinnen. Ich bitte dich, laß mich los!« Ein schönes Hexlein erschien plötzlich, knixte, sprang mit verführerischem Lächeln auf den zusammengezogenen Lippen zu Asmodai hin und flüsterte mit ihm eine ganze Weile. Ich erkannte sie. Das war die schöne Teufelin, mit der ich getanzt hatte. Sie sah auch zu mir hin, warf mir kokette Blicke zu. Ich gestehe, daß es mich gar sehr zu ihr hinzog, ich wäre gern mein ganzes Leben bei ihr geblieben. »Du bittest mich, daß ich dich freilasse, mein Teuerster«, sagte Asmodai, indem er jedes Wort betonte, und sah mich mit einem Schelmenlächeln an. Ich stand verwirrt und bereute meine Bitte und wußte nicht, was ich ihm erwidern sollte. »Nun, wohin willst du, daß ich dich lasse? Nenne mir den Ort, wo du wohnst, man hat dich ja in der Luft schwebend gefunden.« Ich stand wie ein Klotz da und wußte ihm nichts zu antworten, wie ein Findling, der seine Herkunft nicht kennt. Ich stand und wandte mich in der Qual meines Herzens nach Osten. Ich öffnete den Mund, und heiße Tränen rannen aus meinen Augen. »Deine Gedanken, Ssruul, kenne ich. Auch deine weinende Hinwendung nach Osten verstehe ich, ich begreife, was sie bedeutet – die verlangt gar Großes. Aber dein Unglück ist das, daß du nicht praktisch bist, sondern ein Phantast. Und nicht nur ein Phantast bist du, sondern auch ein großer Haarspalter und Tüftler. Die Eigenschaft der Haarspalterei und Tüftelei ist der große Fehler, den alle deine Brüder haben, die Leute vom Markt so gut wie die Leute vom Lehrhaus. Die Haarspalterei verkrüppelt ihre Seele, macht sie zu verbissenen Eiferern, zu großen Prahlern und Übertreibern. Sie schafft Haß und Kampf und Streit. Die Brüderlichkeit wird zerstört, sie tüfteln und halten viele lange Predigten – handeln, nein, das tun sie nicht! Diese häßliche Eigenschaft läßt sie sich nicht zu gemeinsamer Arbeit zum Wohle des ganzen Volkes vereinigen. – Dir fehlt Welt, Ssruul, und vorläufig kann man dir keinen andern Rat als den geben, den du der Mähre gabst: Dich belehren und unterrichten zu lassen. Solange du nicht zu Verstand kommst und deinen Platz auf der Erde einnimmst, wirst du in der Luft schweben. Die Hexe, die du hier siehst, wird sich von heute an mit dir beschäftigen. Sie will deine Bekanntschaft machen. Geh mit ihr.« Ich und meine Schöne sahen einander an und verneigten uns. Auf Asmodais Befehl kam Rohirot mit einer großen Ofengabel, mein Hexlein zog einen großen, merkwürdigen, von beiden Seiten mit ganzen Fledermäusen geputzten Hut an, setzte sich rittlings auf die Ofengabel, ich, Ssruul, setzte mich hinter sie, hielt mich mit beiden Händen an ihr fest – und wir flogen munter und lustig durch die Lüfte. Dreiundzwanzigstes Kapitel Ssruul wird zum Wohltäter gekrönt und rittlings auf die Mähre gesetzt Wer nicht wie ich auf einer Ofengabel durch die Lüfte ritt – dem kann man den Geschmack einer solchen Reise nicht mit Worten wiedergeben! Das muß man selbst versucht haben. Und darum betete ich auf meiner Flugreise mit großer Inbrunst: »Herr der Welt! Wodurch habe ich armer Sünder es mehr als alle andern Menschen, die Söhne Adams und Evas, verdient, erhoben zu werden und unter deinen Himmeln zu fliegen wie ein Vogel? Lasse, o allmächtiger Gott, auch sie, die Menschen, fliegen, wenn schon nicht alle, so doch wenigstens einen Teil von ihnen, um deiner Wahrheit willen, um deiner Gerechtigkeit willen, teurer Vater im Himmel! Da du sie nicht mit Fittichen begnadet hast, so möge sie der Teufel auf seinen Flügeln tragen, sie mögen in den Lüften schweben, groß und klein, mit Weib und Kind, und mögen erfahren, wie das Fliegen in der Luft tut!« Wie lange die Luftreise dauerte, kann ich nicht mit Bestimmtheit angeben. Ich weiß nicht mehr, als daß wir eine lange Zeit flogen, bis wir endlich in ein sehr großes und furchtbar tiefes Tal kamen, das zwischen gewaltig hohen, bis an die Wolken reichenden Bergen lag. Ich schaudere noch heute, wenn ich mich an dieses Tal erinnere, so wüst und ungeheuerlich war es. Von Halm und Baum keine Spur! Auf Schritt und Tritt sah man nur Dornen und Steinhaufen. Zwischen ihnen wimmelte es von Schlangen, Skorpionen und Drachen. Das Ohr schmerzte einem von dem Geschrei, das in Jammer- und Klagetönen aus den Höhlen und Löchern der reißenden Tiere und wilden Vögel drang. Es stank nach Schwefel, Teer und Teufelskot, an manchen Stellen drangen Rauchwolken aus dem Boden und breiteten sich wie Nebelschwaden nach allen Seiten. Dieses Tal hatten sich die Teufel erwählt, hier war ihre Stätte! Eine Spalte zwischen Felsen führte in eine riesige Höhle, deren Ungeheuerlichkeit auch nicht zum tausendsten Teil zu beschreiben möglich ist. Hier strömte ein Fluß schwarzer Tinte, und an seinen Ufern standen Federwälder. In den Wäldern wimmelten Dämonen, Wesen wie die Affen, die vollständig Menschen glichen. Von weitem sah ich, wie Dämonen meine arme, elende Mähre im Strome tränkten, sie dann badeten und sie so oft in die Tinte tauchten, bis sie schwarz wie ein Teufel herausstieg. »Das ist meine Kanzlei«, sagte Asmodai zu mir. »Diesen Fluß und die Wälder habe ich für deine Brüder vorbereitet. Meine Sekretäre werden so lange über sie schreiben, als es Tinte in diesem Tintenfaß und Federn in diesem Federzeug gibt. Sieh dort, von dem Tintenfaß gehen Kanäle, Tintenleitungen in die Ferne zu verschiedenen Orten, in Redaktionszimmer und in Kabinette gewisser Menschen. Dieser Kanal, Nr. 999\ 999, den du jetzt betrachtest, geht zu dem Tintenfaß des Dnjepperstädter Zeitungsschreibers. Tinte und Federn sind wie das Meer vorhanden und Schreiber wie der Sand.« Er tat einen Pfiff, und aus den Wäldern schwärmten die Dämonen wie die Fliegen herbei, stellten sich in eine gerade Reihe auf, jeder mit einer Feder in der Hand und einem Papierhelm auf dem Kopf. »Das sind meine Schreiber«, sagte er zu mir und sah mich dabei lächelnd an. Wie ein Feldherr begrüßte er dann seine Regimenter: »Guten Morgen, Leute!« »Guten Morgen, Majestät! Hurrah!« gab ein großes Geschrei die Antwort. Als es stiller wurde, begann er sie zu drillen. Die Übungen bestanden im Zungenherausstrecken, Langenasemachen, Lachen, Faustballen, Fußstoßen. Zum Schluß kommandierte er laut: »Federn fertig! Tunkt ein!« Hernach mit lautem, langgezogenem Ruf: »Schrrreeeibt!« Das Teufelsheer machte sich ans Schreiben, alle fast über dieselben Dinge und mit den gleichen Worten. Die Haare standen mir zu Berge, als ich die geschriebenen Worte las. Sie hatten Spitzen und Haken und stachen wie Spieße. Manchen zitterten die Hände und pochte das Herz beim Schreiben. Wie ich später erfuhr, waren das Rekruten, die erst seit kurzem eingerückt waren. Ihnen fielen diese Dinge noch schwer. Außer diesen arbeitete ein Teil wie die Feuerwehr und spritzte einfach Schlamm. Nach dieser Inspizierung pfiff Asmodai aufs neue, und es erschien ein riesiger Teufel in voller Uniform, den Kopf mit Federn, Schreibfedern und Federwischen umhangen. »Was hast du in der Zeit, da ich nicht hier war, gearbeitet? Wie stehen unsere Geschäfte?« fragte Asmodai den Teufel und stellte uns, nebenbei, einander vor: »Mein Sekretär, Herzog Luzifer – Reb Ssrulik.« Sekretär Luzifer schnitt eine böse Miene und würdigte mich nicht eines Blickes. Er zog gleich seinen Rapport heraus und las vor: »Eure asmodäische Dunkelheit! König aller Teufel und Dämonen, Fürst aller Höllen, Herzog der sieben Höllenschlünde, Graf von Sodom und Gomorrha, Erzhirt aller Sündenböcke! Unsere Agenten, die Wohltäter in allen Städten, berichten in ihren Rapporten, durch ihre großen Bemühungen an den zuständigen Stellen sei es ihnen schließlich gelungen, die Abschaffung der Fleischsteuer zu verhindern.« Asmodai strahlte vor Freude. »Ich danke Euch«, sagte er zum Sekretär, »ich danke Eurer dunkeln Schwarzheit, Herzog Luzifer, daß Ihr mir zuerst eine so wichtige Angelegenheit vorgetragen habt.« Dann wandte er sich an mich: »Siehst du, so etwas ist mir die richtige Nachricht. Erstens werden deine Brüder einen Schmarren, aber kein Fleisch essen, und dadurch immer krank sein. – Seid krank und verfaulet, zu allen Höllen! – Zweitens habe ich die Fleischsteuer ja für mein Geschäft nötig. Dadurch bildet sich bei euch die ganze Bande von Wohltätern aus, die jeden an der Nase führen und euch sich nicht rühren lassen; davon haben alle meine Agenten ihr Brot und reichliches Auskommen; dadurch haben euere hohlen Menschen Geldsummen in der Hand, um sie für alles mögliche, was man nicht sagen kann, auszugeben; an ihnen habt ihr das beste Zeichen, daß eure Abgaben und Steuern denen der andern Völker gleich sind, daß ihr aber durch eure Ausgaben für die notwendigen Bedürfnisse des Gemeinwesens von ihnen geschieden seid; daher ist es ganz unmöglich, daß ihr euch mit ihnen in den gleichen Gefühlen für das Land vereinigt, und darum werden schlechte Menschen stets Gelegenheit finden, gegen euch loszuziehen. Eure Verhältnisse werden verwirrt und verstrickt sein. Wenn ich nur mit allen andern Menschlein so weit wäre wie mit euch! Begreifst du nun, wie wichtig mir diese Nachricht ist? Behüte, daß man jemals die Fleischsteuer abschaffe! Nun, meine Agenten verstehen was von Politik, sie verdienen eine Belohnung für ihre Bemühung.« »Nach verläßlichen Nachrichten«, las Luzifer seinen Bericht weiter, »sind die meisten an der Epidemie Gestorbenen arme Leute, die den Geschmack des immer teurer werdenden Fleisches nicht kannten.« »Ich danke Euch«, sagte Asmodai. »Gut, sehr gut! Während der Cholera zeigt die Fleischsteuer ihre Macht unter dem armen Volke. Erst vor kurzem las ich in einer Stadt ein Plakat mit der Unterschrift: ›Die unsern Brüdern, dem Volke Israel, das Beste wünschen.‹ Dort forderte man die Leute auf, da die Cholera gemeldet werde, um Himmels willen doch Fleisch zu essen, selbst in den Trauertagen der Tempelzerstörung. Während des Lesens lachte ich unaufhörlich, wie man zum Fleischessen riet – zum Wohle der Brüder. Zum Wohle der Brüder – dabei erhöhte man den Preis.« »Kandidaten für Wohltäterämter gibt es sehr viel, alle Arten von Menschen«, las Luzifer weiter, »die Stellen reichen gar nicht hin, es sei denn, man setze zu jedem Substituten eines Hauptwohltäters noch an die hundert Untersubstituten, die sich dann selbst um die Ausfindigmachung neuer Nahrungsquellen kümmern müßten. Manche haben diesbezüglich schon ganz ansprechende Entwürfe eingereicht. Ich habe sie einer besondern Kommission übergeben, die aus Schemchasai, Asael, Ahriman, Acheron, Typhon, Schiwa und Beelzebub besteht. – Im Dümminger Spital geht es jetzt infolge der Tätigkeit einiger unserer Agenten nicht übel zu. Wir sind mit Dümmingen schon auf dem besten Wege! – An Rekruten sind in dieser Zeit dreitausenddreihundertdreiunddreißig eingerückt. Sie sind vorläufig noch unausgebildet. Beelzebub hat sie zum Drill übernommen. – An Tinte sind in der letzten Zeit siebentausendfünfhundertneunundneuzig Eimer und anderthalb Quart verbraucht worden.« »So wenig!« warf Asmodai ein, und seine Miene zeigte, daß er nicht zufrieden war. Luzifer wollte es erklären, aber als er den Mund zum Reden öffnete, kam ein Teufel mit Depeschen hereingeflogen, Asmodai winkte, Luzifer sollte dem Teufel vom Dienste die Telegramme abnehmen und lesen. »Diese Depesche«, meldete Luzifer, »ist aus Rumänien. Sie bitten flehentlichst um rascheste Tintensendung. Belegexemplare einer jeden Sache, die dort geschrieben wird, verpflichten sie sich immer pünktlich unserer Bibliothek einzuschicken. Die zweite ist aus Österreich. – Meine ergebene Gratulation, großer Asmodai, zu der guten Nachricht«, sagte Luzifer fröhlich lächelnd und wies seine spitzen Hundezähne: »Kardinal Schwarzenberg erbittet eine ganz unendliche Menge Tinte für seine Zeitung. Er will mit uns ein Geschäft machen: Außer der Tinte, die er für den eigenen Bedarf braucht, sollen wir ihm noch welche in Kommission geben, für die Geistlichen in Böhmen und Mähren, die wie in der guten alten Zeit ans Schreiben gegangen sind.« »Hochleben mögen meine treuen Gesellen«, sagte Asmodai lustig. »Solange ihr Puls noch schlägt, brauche ich wirklich keine Sorgen zu haben. Luzifer! Man muß der Tinte ein wenig Blut, Galle, Drachengift und Teufelskot beimengen, damit sie recht gut wird.« »Das alles habe ich schon selbst hineingetan«, antwortete Luzifer und begann die übrigen Depeschen vorzulesen. Er las, was der Redaktor der »Volkszeitung« in Galizien verlangte. Mit verächtlicher Handbewegung und mitleidsvollem Gesicht sagte er: »Ah, das ist von unserm Dnjepperstädter! Er klagt, daß ihm das Tintenfaß beinahe schon ausgetrocknet sei. Er hat einfach nichts mehr zum Schreiben und muß doch zur entsprechenden Zeit die Nummern erscheinen lassen! Ein Jammer, wahrhaftig.« »Geschwind die Hähne öffnen!« kommandierte Asmodai schreiend. Wohl eine Kompagnie Teufel stürzte an die Hähne. Die Tinte strömte durch die Leitungen nach verschiedenen Stellen. Plötzlich kam eine bloße, nackte Seele herbeigeflogen, schwebte wie ein Schmetterling auf und nieder und schlug mit ihren wie angezündeter Spiritus lichtblau flammenden Flügeln fortwährend auf die Erde. Sie sah wie eine große, ganz dünne Seifenblase aus und schillerte in vielen feinen Farben, daß es einem vor den Augen flimmerte. Wenn man gut hinsah, konnte man eine Gestalt aus purem Gas erkennen. »Ach!« rief Asmodai aus, als er sie sah und griff sich an den Kopf. »Ein großer Wohltäter ist verschieden, ein großer Barmherziger, einer meiner besten Agenten! Das ist seine Seele, die jetzt nach dem Hingang gekommen ist, um bei mir zusammen mit den Seelen aller Wohltäter zu wohnen.« Ich betrachtete die Seele genau und erkannte sie. Es war die eines wirklich ungeheuerlichen Wohltäters aus meiner Stadt! »Klage und weine, Ssrulik«, sagte Asmodai mit trauriger Stimme zu mir. »Deine Stadt hat einen großen Verlust erlitten, deine Gemeinde hat einen großen Erbarmer, ihren Schmuck verloren. Jammert, klagt, ihr Teufel und Dämonen! Ich, euer König, habe meinen besten Ratgeber verloren, ohne ihn bin ich wie ohne meine Rechte!« In der ganzen Höhle, im ganzen Tale brach ein furchtbarer Jammer in wilden Tönen los. Das war ein Heulen, so wie Hunde manchmal bei Nacht schrecklich vor dem Fenster klagen, ein Miauen, so wie Katzen in der Brunstzeit auf den Dächern weinen. Eine schaurige Totenklage von Eulen, ein Krächzen von Elstern, ein Quaken von Fröschen. Das war Zischen von Schlangen, Pfeifen von Ratten, Brüllen von Stieren, Brummen von Bären, Heulen von Tigern und Knarren von Betten – als ob alle wilden Tiere einen solchen Wohltäter, eine so edle Seele beklagten. Ich fiel beinahe in Ohnmacht und wurde von dieser furchtbaren Totenklage schier taub. Asmodai brachte den Lärm nur mit großer Mühe zum Verstummen, haschte die Seele mit seiner Hand, so wie man eine Fliege fängt und begrub sie mit folgenden Worten tief in der Erde: »Was hilft das Weinen, der Mensch muß sterben! Früher oder später, der Teufel mußte dich holen. So liege nun also ganz tief im Loch und geh zu allen Höllen! Ich werde ohne dich auskommen müssen und gewiß einen Teufelsbraten an deiner Statt finden. Ssrulik, mein liebster«, wandte er sich nach dieser Grabrede an mich, »es wird dir gar nichts helfen, du wirst mir in deiner Stadt an seiner Stelle Wohltäter werden müssen.« »Ich will, ich kann kein Wohltäter sein!« schrie ich mit fürchterlicher Stimme. »Erbarme dich, schicke einen andern an seine Stelle. Es gibt viel Interessenten, viel Kandidaten für eine Wohltäterstelle. Schicke, wen du willst und befreie mich von einem solchen Amt!« »Erteile mir, bitte, keine Ratschläge«, antwortete er, »ich werde wohl wissen, was ich tue.« »Was hast du denn an mir gefunden?« rief ich. »Ich bin wahrhaftig ein Unglücksvogel und bin für solche Dinge nicht tauglich. Ich werde dir klügere, bessere und geschicktere als mich empfehlen. Schick Lejbale Reb Abbales, Moischale Reb Binems, Tratel Reb Jossales, Fischke Reb Nissales oder jemanden aus ihrer Bande, jeder der Leute, nach seinem Stande, versteht sein Geschäft und tut seine Sache meisterlich. Wie könnte ich mich mit ihnen vergleichen?« »Alle diese Leute sind schon beschäftigt, jeder von ihnen hat eine Stelle. Es wird dir gar nichts helfen, Ssrulik, sage ich, Asmodai, dir noch einmal. Schweig lieber und sei nicht eigensinnig, wenn du gerne leben möchtest und nicht verlangst, daß ich dir den Eigensinn mit Gewalt austreibe. Kein Wort mehr! Still! Sonst ...« Er machte eine furchtbare Miene und drohte mir mit dem Finger, so daß mir ein Grausen über den Leib lief und ich vor Schreck stumm wie die Wand wurde. »So mag ich dich, Ssrulik, wenn du schweigst«, sagte er und lächelte er herzlich und streichelte mir die Wange. »Ach ja, du bist ganz hübsch klug, Ssrulik. Du bist gar nicht so dumm, wie du aussiehst. Ich fühle, daß du passen und mir mit der Zeit ein wunderbares Instrument abgeben wirst. Aber bevor ich die herrliche Stelle eines Wohltäters vergebe, muß ich dich ein wenig instruieren: Höre zu, mein teurer Ssrulik! Die Stadt – das ist man selbst! Das bedeutet höchst einfach: Tu alles, was du willst, und sage: So will es die Gemeinde. Die ganze Gemeinde ist so, als wäre sie nicht auf der Welt, bloß du allein bist da. Das ist mein erstes Gebot. Mein zweites Gebot ist ein gottesfürchtiges Gesicht. Frömmigkeit ist für einen klugen Menschen eine gute Kuh, die ihm viel Milch und Butter gibt, als wäre es die beste Holländerin. Eine solche Kapitalkuh muß man darum gut pflegen, man muß ihr öfters ein paar Doppel-Zizzes vorsetzen, sie mit Rabbenu-Tams-Twillen füttern, ihr einen großen Talles-Sack mit verschiedenen Blättern und Buchseiten vormischen, daß sie jeden Tag ein paar Stunden an der Krippe steht; man muß sie Mesises lecken lassen und sie mit Mezize, Chewwre-Kedische-Met, Jahrzeits-Branntwein und ähnlichen Dingen tränken. So ist die Frömmigkeit bei meinen Agenten der frommen Schichten. Meine Vertrauensleute der heutigen Welt setzen auch eine gottesfürchtige Miene auf, aber auf andere Art: Sie stellen sich gewöhnlich einfältig, leben mit jedermann gut, lächeln süß, drehen ihre Zünglein dahin und dorthin, tragen Kleidung, die weder kurz noch lang ist, ihr Bart ist weder ganz noch abgeschoren, sie drehen sich nach allen Seiten und wollen es mit jedermann halten. Einige gibt es unter dieser Gesellschaft, die nicht viel Frömmigkeit haben, sondern deren Weisheit bloß in Kraft, in Stärke, in der Faust besteht. Doch sind es aber wirklich nur wenige. Aber solche Erzfrechlinge können kein Beispiel abgeben. Nicht jeder Mensch kann diese Stufe erreichen. – Mein drittes Gebot ist: Barmherzigkeit! Das bedeutet, daß man jede Niedertracht tue, Toten und Lebendigen die Haut vom Leibe schinde und dabei immer sage: ›Es ist zum Erbarmen!‹ In der Stille muß man kneifen und beißen, aber vor den Leuten besorgt tun, seufzen, ächzen und sich das Wohl des Ganzen angelegen sein lassen. – Mein viertes Gebot ist: Gemeinsame Sache! Das heißt, immer mit dem Starken unter einer Decke stecken. Man muß zum Beispiel mit dem Fleischsteuerpächter verknüpft und verbunden sein, denn er ist die Ursache aller Ursachen, der Quell aller Wohltaten, er ist die Wohltat selbst. Er ist Fleisch von euerm Fleische, Bein von euerm Beine; darum verlasse ein kluger Mann Vater und Mutter und hange dem Fleischsteuerpächter an und sei mit ihm ein Leib und eine Seele! Vernichte deinen Willen vor seinem Willen, damit er manchmal seinen Willen dem deinen unterwerfe, dann könnt ihr beide Lust und Freude haben. – Mein fünftes Gebot ist: Ansprüche! Das heißt, soviel man auch heimlich nehme, soviel man schinde und verdiene, vor den Leuten klage man immer! Sei unzufrieden und erhebe fortwährend gegen die Stadt Vorwürfe, daß man Verluste habe, daß man Geld zusetze, daß es sich nicht lohne, sich so zum Wohle der Allgemeinheit zu quälen. – Mein sechstes Gebot ist: Lulle ein! Das bedeutet höchst einfach, daß man die Leute in den Schlaf zu wiegen und ihnen Schlummerlieder zu singen hat. Das Publikum ist ein Kind, wenn man ihm ein Liedlein singt und ein Märlein erzählt, dann macht es die Augen zu und schläft; wenn man ›Buh‹ schreit, hält es einen für einen Bären; prügelt man es, so küßt es die Rute. Das beste Schlaflied ist das alte von dem Kästlein, dann kommt das Lied ›Die Thora ist die beste Ware‹, die alte Geschichte vom ›Rabbi mit seiner Frau‹, von den Wundermännern, und ähnliche Dinge. – Mein siebentes Gebot ist: Bah und Tja! Die einfache Bedeutung dieser halben Worte ist: Wenn es sich einmal ereignen sollte, daß die Leute – das dumme Kind – Zeter zu schreien beginnen, dann ist es besser, in dem Augenblick gar nichts zu tun, das Kind hat dann sicherlich Bauchgrimmen, es tut dem armen Wurm wohl schon gehörig weh. Dann soll man unartikulierte Bah und Tja von sich geben. Ach, das Kind wird sich ausschreien und wieder einschlummern, noch süßer als früher. – Mein achtes Gebot heißt: Unterdrücke! Wenn einer plötzlich Fragen aufwerfen will, er fände hier einen Haken, dort einen Haken, so muß man ihn einfach zunichte machen: Er sei ein Ketzer, ein Lump, ein Nichts, es bedeute gar ein Unrecht, mit ihm zu sprechen. – Mein neuntes Gebot ist: Hetzen! Wenn ein armer Teufel einmal unter bitteren Tränen jammert und klagt und zetert, daß man ihn kneife und klemme und es ihm weh tue, muß man die Kinder, das wilde Volk, das man hat, auf ihn hetzen, auf daß sie schreien: ›Pfui,pfui, so ein feiner Bursch! Er schwatzt aus der Schule!‹ – Mein zehntes Gebot ist: Altweiber-Mittel! Wenn das Kind erkrankt, ganz herunterkommt und die Seele aufgeben will, dann soll man keinen Arzt holen lassen, man soll lieber die Altweiber-Mittel benutzen, zu Besprechern, Zigeunern, Wahrsagern fahren. Diese zehn Gebote sollst du erfüllen! Dann wirst du mir gefallen, wirst glücklich und in Freuden leben, du, deine Frau und deine Kinder, und wirst dir das Diesseits erwerben. Das Jenseits kannst du andern schenken. Versprich ihnen Fleisch und Wein im Jenseits, nach dem Tode. Du aber iß Fleisch und trink Wein auf dieser Welt!« Ich sperrte den Mund und riß die Augen auf, und stand wie ein Klotz glotzend da, als ich diese zehn Gebote hörte. »Du mußt nun bald reisen, Ssrulik«, sagte Asmodai weiter. »Deine Stadt ist inzwischen ohne Wohltäter, daraus könnte mir behüte irgend ein Schaden erwachsen. Ich werde dir die Mähre mitgeben, damit du auf ihr reitest.« »Ach!« rief ich aus, als er das Wort »Mähre« aussprach. »Ich kann nicht, wahrhaftig, ich kann nicht reiten!« »Ach was«, antwortete er. »Du wirst schon können! Wir werden es dich lehren. Die Mähre ist sehr folgsam, man kann sie sehr leicht reiten. Schau nicht darauf, daß sie nicht gerade sehr schön aussieht, dafür hat sie andere Vorzüge, sie ist aus bestem Geschlecht. Du wirst mit ihr zufrieden sein, gewiß und sie später gar nicht aus den Händen lassen wollen, das versichere ich dir!« Auf seinen Befehl brachte man die arme, unselige Mähre herbeigeschleppt. Das Herz wollte mir brechen, als ich sie ansah. Wie elend und jammervoll, wie siech und schwach sie war! Gott allein mochte wissen, was das arme Geschöpf von den Dämonen zu ertragen gehabt hatte. Ich ließ den Kopf sinken und schämte mich wie ein Dieb, ihr in die Augen zu schauen, und vergoß Tränenströme, wenn ich daran dachte, daß ich sie auch würde reiten und ihr als Last auf dem Halse liegen müssen. Ich sah keinen Ausweg, dem zu entgehen. »Wir wollen Ssrulik krönen!« sagte Asmodai. »Wir wollen ihn gesalbt sehen, wir wollen wissen, wie er in der Wohltäteruniform aussieht und wie er die Mähre reitet. Ans Geschäft, Leute!« Es dauerte keine Minute, da brachten seine Diener unzählige Kleider von allen Arten und allen Formen. Einer von ihnen, der Garderobenvorsteher, der Kammerdiener Asmodais, nahm mich in Arbeit. Er kämmte mir eine schöne Locke, schmierte mir die Haare mit viel Myrrhen- und Balsampomade, stutzte mir kunstvoll den Bart, hängte mir ein Leinwandschild mit vier Perlmutterknöpfen vor die Brust, ein Seidentüchlein um den Hals, dann zog er mir ein paar feste, mit vielen Eisenstiften benagelte Stiefel und ein paar Tuchhosen an, die wie Säcke herunterhingen, einen Kamletrock und einen bis über die Knie reichenden Oberrock, auf den Kopf eine kunstvoll genähte Kappe. »Ach!« sagte Asmodai, als er mich vom Kopf bis zu den Füßen musterte. »Das ist die Uniform eines Gemeindesekretärs! Für Ssrulik paßt ein solches Kostüm nicht. Suche eine andere Uniform heraus!« Der Kammerdiener kämmte mich geschwind um, schor mir die Haare ein wenig, zog mir den Bart lang, tat mir eine andere Weste an, eine aus Atlas, glaube ich, die bis an den Hals geknöpft war, einen Baumwolloberrock, der weder jüdisch noch christlich war, hinten einen Schlitz hatte und viel länger als der vorige war, so daß die Hosen unten bloß drei Finger breit hervorsahen, und auf den Kopf tat er mir einen ernsten, würdigen Hut. »Nun, was für ein Ding ist denn das?« sagte Asmodai und betrachtete mich. »Ah, die Uniform eines Gemeindeabgeordneten! Der Teufel hole sie, mit ihrem Schlitze hinten und ihren unendlich tiefen Taschen! Nein, Ssrulik muß eine andere Uniform haben. Schau sein Jammergesicht an, dann wirst du erfassen, welche ihm passen wird.« Noch viele Uniformen maß mir der Kammerdiener an. Während er mich umkleidete und jeden Augenblick anders frisierte, zupfte, zog und riß er an meinen Haaren, daß mir die Tränen in die Augen traten. Ganz zum Schluß schor er mich völlig ab, ließ ein paar schöne Pejes zurück, setzte mir ein Käpplein auf, darüber eine hohe Pelzmütze, ein Hemd mit einem großen Umlegekragen, mit Bändern zusammengebunden und ohne Halstuch, ein langes Arbekanfes, kurze Leinwandhosen, Halbschuhe und lange Strümpfe, einen langen Atlasrock mit einem Gürtel und einen Fehpelz. Der Kammerdiener sah mich an, verzog sein Gesicht recht sonderbar, ließ eine Speichelperle auf seiner Lippe erscheinen und streckte mir auch die Zunge heraus. »Wunderschön bist du, Ssrulik!« lachte Asmodai vor Freude, als er mich sah. »Es ist ganz einfach eine Wonne für mich, wenn ich dich in diesen Gewändern sehe! Dein Gesicht glüht wie Zimmes, du schwitzest in dem Pelz, du strahlst aus der Mütze hervor wie der helle Morgenstern. Schwitze, schwitze, Ssrulik, das tut dir gut! Etwas fehlt noch, die Uniform ist noch nicht vollkommen«, sagte er und wandte sich zu dem Kammerdiener. »Erinnerst du dich, wie Jossel-Dintsches einen neuen Gouverneur zu empfangen pflegte?« »Richtig, sehr richtig«, antwortete der Kammerdiener. »Ich habe es ganz vergessen, oh, oh! Gleich wird es getan werden.« Er rasierte mir sofort ein paar runde Flecken am Hinterkopf aus und setzte für ein paar Minuten, der Schönheit halber, Schröpfköpfe an. »Jetzt ist Ssrulik in der vollständigen Uniform«, sagte Asmodai, »jetzt kann er schon auf der Mähre reiten.« In jubelnder Parade schleppten mich die Teufel zu der Mähre, sie tanzten vor mir, so wie man vor der Braut tanzt, und riefen und sangen: »Reite, Ssrulik, reite! – Heil dir, daß du gewürdigt bist, eine solche Mähre zu reiten, die Mähre der Welt! Klettere hinauf, mit Händen und Füßen, und reite sie wie ein Fürst bis an dein seliges Ende, bis dich der Teufel holen und ein anderer an deine Stelle treten wird!« »Verzeihe mir, unselige Mähre«, sagte ich. »Was soll ich tun, was kann ich machen? Wenn mich die Teufel dich zu reiten zwingen. Ach und wehe, wir Unglücklichen, wir beide! Ach und wehe, du Arme, daß du eine Mähre bist, daß du mich tragen mußt, und ach und wehe, daß ich, dein Freund, gezwungen bin, dir auf dem Nacken zu sitzen! Was sollen wir Elenden tun, wenn wir beide schlimm daran sind, wenn wir beide so unglücklich und in einer Zwangslage sind.« Die Teufel versetzten der armen Mähre aus allen Kräften einen solchen Hieb, daß sie im Galopp davonstürmte. Es gab ein Getobe und Geschrei: »Hurra, hurra!« Während sie so jagte, entrang sich der Tiefe ihres Herzens ein Seufzer, der mir durch die Seele schnitt. Ich wußte nicht mehr, was los war und fiel wie ein Sack zu Boden. »Lasse nur den Mut nicht sinken, oh, du wirst es schon gut machen, Ssrulik!« spottete Asmodai und setzte mich wieder auf die Mähre. »Keine langen Geschichten gemacht, es ist Zeit zum Aufbruch, wiederhole dir gut meine Gebote. Lege deine Hand unter meine Lenden und schwöre mir, daß du sie erfüllen wirst!« Ich saß wie ein Lehmkloß und wußte nicht, was mit mir vorging. »Säume nicht, säume nicht, Ssrulik!« sagte Asmodai. »Schnell, tu, was ich dir befehle. Schnell, die Zeit ist kostbar!« Unwillkürlich streckte ich die Hand aus und legte sie unter die Lenden Asmodais. Er winkte dem Sekretär, und Luzifer begann mir sofort einen furchtbaren Schwur vorzulesen. »Warum schweigst du, Ssrulik?« sprach Asmodai ärgerlich zu mir. »Warum sprichst du den Schwur nicht Wort für Wort nach? Glaubst du, bei mir mit Kniffen, Vorbehalten, Reservationen anzukommen, so wie bei euch feinen Menschlein? Nein! sage ich dir, Vorbehalte gibt es bei mir nicht, bei mir hilft es nichts, sich dumm zu stellen. Schwöre!« »Ich kann nicht schwören«, antwortete ich mit zitternder Stimme. »Was? Wie!« schrie Asmodai zornig, daß der Erdboden zitterte. Die Mähre nickte mit dem Kopfe, als ob sie sagte: »Nein, Mensch! Bleibt fest bei Eurer Sache, nein und nein und nein!« »Ich kann nicht schwören«, wiederholte ich meine früheren Worte mit größerem Mut. »Schwöre!« rief Asmodai in noch wilderem Zorn aus, daß ihm die Funken aus den Augen sprühten und Rauch aus dem Munde fuhr. Meine arme Mähre seufzte. Ihr Seufzer erinnerte mich an all das große Leid, das sie in ihrem Leben erduldet hatte. »Ach, ach«, dachte ich, »leidet denn das Unglücksgeschöpf nicht genügend von andern, daß auch ich ihr noch meinen Packen auflegen sollte! Mag nur geschehen, was da wolle, ich kann das nicht tun. Bestehen muß ich die Probe als ein wackerer Mann.« »Unter keiner Bedingung! Unter keiner Bedingung werde ich dir schwören!« erwiderte ich Asmodai kalten Blutes und zog meine Hand von seinen Lenden zurück. Dabei mußte ich ihn noch zum Unglück ein wenig kribbeln. Asmodai geriet in rasende Wut, es war furchtbar anzusehen. Mit einem ungeheuerlichen Geschrei sprang er in die Lüfte, reckte sich schrecklich hoch, packte mein Haar und schleuderte mich voll Wucht, wie ein Holzstück fort. Ich stürzte vom Himmel hernieder! Als ich zu fallen begann, hörte ich das wilde Gelächter aller Teufel zusammen. Ich sah, wie die Mähre in der Luft schwebte, sich überschlug und mir nachsauste. »Ach, wir fallen, wir fallen!« stieß ich mühsam hervor. »Das macht nichts«, schrie mir die Mähre nach. »Wenn ich falle, so stehe ich wieder auf. Es ist nicht das erste Mal, daß ich so stürze und doch nicht zugrunde gehe.« Ich fiel immer tiefer und tiefer, bis ich endlich mit dem Kopfe an die Erde stieß, mich stark anschlug und in heftigem Schmerz ein schreckliches Geschrei ausstieß. Ich fühlte, wie jemandes Hände mich umfingen. Man schien über mir zu weinen und heiße Tränen tropften auf mein Gesicht nieder. Vierundzwanzigstes Kapitel Daß sie alle der Teufel hole! Ich öffnete die Augen und sah, wie ich auf dem Fußboden neben meinem Bette in meinem Zimmer ausgestreckt dalag. Meine Mutter weinte und half ein paar Leuten, mich aufzuheben. Als ich schon im Bette lag, begann ich nachzusinnen, was mit mir geschehen, wie ich da plötzlich hergekommen wäre. Ich sah mich verwundert nach allen Seiten um. In meinem Zimmer erblickte ich wieder den Wundermann und die alte Hexe, die da herumschafften und ihre Sprüchlein sagten. Meine Mutter befühlte meinen Kopf und weinte. »Warum weinst du, Mutter?« fragte ich und küßte sie voll Mitleid und Liebe. »Ach, Ssrulik, Ssrulik«, schluchzte sie. »Ach, wieviel habe ich deinetwegen gelitten! Gelobt und gepriesen sei der Herr Gott, daß du schon die Augen aufgemacht hast. – Tat es sehr weh, als du aus dem Bett fielst?« »Mutter!« fragte ich. »Was ist denn schon wieder geschehen?« »Frag nicht, frag lieber nicht! Das kommt alles von Deinen Büchern.« »Büchern? Meinen Büchern?« »Die dummen Geschichten, mit denen du dir den Kopf vollgestopft hast«, sagte meine Mutter und nickte. »Nun, du hast darauf bestanden, du mußt und du mußt die Medizin studieren – was hätte ich da mit dir anfangen sollen? Ich hatte keine Wahl. Aber wozu noch solche Bücher, solche Geschichten, solcher Schmarren, was haben die mit der Medizin zu tun? Will einer die Medizin lernen, so soll er hingehen und es nach Herzenslust tun. Wenn man es erlernt hat und kann, ganz richtig kann, kriegt man einen Wisch, daß man heilen kann, auch wenn man mit jenen Märchen gar nichts zu tun hat. Sonst helfen einem alle diese Märchen nichts. Mir scheint, so müßte es sein nach meinem Weiberverstand, so faßt es mein Weibergehirn auf. Was behaupteten sie aber? Was antworteten sie, als ich zu jedem einzelnen laufen und rennen mußte? ›Nein! Du magst einen großen Verstand haben, es ist wohl möglich, daß du ein großer Mann und berühmter Arzt wirst, aber wenn du dich in den Geschichten und ›Historien‹, wie sie es nennen, nicht gut auskennst, dann gilt es nichts!‹ ›Historien‹ und Geschichten zu meiner Qual! Ach hätte sie bloß der Teufel geholt, lieber Herrgott, dann wäre mir soviel Leid erspart geblieben. Ach und wehe, was für Leid sie mir angetan haben, als ich sie anweinte und anflehte!« »Wen flehtest du an, Mutter?« Und als ich in meine Mutter drang, erzählte sie mir mit weinender Stimme folgendes: »Als ich deinen Brief aus Dnjepperstadt erhielt, daß du beim Examen jener Geschichten nicht gut geantwortet hast und es darum mit deiner Doktorei aus wäre, da meinte ich, daß du bald heimkommen und alle deine dummen Pläne zum Teufel schicken, lieber heiraten und so leben würdest, wie es Gott befohlen hat, so wie Juden zu leben haben. Ich wartete acht Tage – du kamst nicht, noch acht Tage – du warst nicht da, du schriebst nicht einmal einen Buchstaben. Mein Kopf wollte mir auseinandergehen vor Nachsinnen, was das bedeuten sollte. Ich hatte keine Ruhe, ich schlief nicht, das Essen wollte mir nicht zum Munde hineingehen, du bist ja mein einziges Kind, Ssrulik, mein einziger Augapfel! Was nützt mir mein ganzes Leben ohne dich? In der Stadt gingen inzwischen verschiedene Gerüchte über dich herum. Einige sagten, du wärest gestorben; andere sagten – daß ihr Mund die Sprache verliere! –, du hättest dich getauft, und was weiß ich noch für Dinge, die die Feinde erdachten. Ich konnte es nicht mehr ertragen und fuhr selbst nach Dnjepperstadt. Als ich hinkam, o weh, o weh, traf ich dich in furchtbarer Verfassung! Dein Gesicht war grau, du warst mager und verdorrt, hattest kein Lot Fleisch an dir, warst bloß Haut und Knochen. Ich fragte dich, wie es dir ging, und du antwortetest mir, o weh, von böhmischen Dörfern. Ich sprach vernünftig zu dir und du erzähltest mir Unsinn und Ammenmärchen. Wenn ich dich ansah, wollte mein Herz brechen, ich glaubte, ich müßte gleich hinfallen und tot sein. Die Leute rieten mir, zu den Lehrern zu gehen und sie zu bitten, die kleinen Fehler zu übersehen und dich nach deinen Fähigkeiten zu beurteilen. Vielleicht würde es mir gelingen und die gute Nachricht würde auf dich wirken und dich zu Bewußtsein bringen. Ich ging natürlich hin, weinte und flehte, aber umsonst! Sie antworteten mir: ›Nein, es ist unmöglich!‹ Ich mietete einen Wagen und brachte dich nach Hause. Mit jedem Tage wurdest du trübsinniger, immer warst du in Gedanken. Du hast wie ein Wasserfall gesprochen – daß sich Gott erbarm! – hast alle feinen Leute verwünscht, alle unsere angesehenen und ehrbaren Männer in der Stadt. Es war noch gut – wahrhaftig, ein Wunder –, daß ich außer guten Bekannten niemanden zu dir hineinließ. So haben die Menschen wenigstens nichts gehört und wissen nicht, was du über sie gesprochen hast. Du bist immer schwächer und kränker geworden und hast dich schließlich ins Bett legen müssen. Zwei Wochen bist du wie im Sterben gelegen, mit geschlossenen Augen, fast ohne Spur von Leben, nur von Zeit zu Zeit hast du aus dem Fieber gesprochen und schreckliche Geschichten erzählt. Ach, Ssrulik, mein teurer Ssrulik, was deine Bücher, deine Geschichten angerichtet haben! Mach schon Schluß, ja! Ach, hättest du früher der Mutter gefolgt und geheiratet, nach dem Lauf der Welt, so wie es bei uns Juden üblich ist, dann wären wir beide vor solchen Qualen behütet gewesen. Ach deine Geschichten, deine Geschichten! Ach deine Historien, deine Historien!« »Das kommt alles von ihnen, von ihnen, von den Bösen meine ich!« sagte der Wundermann. »Neulich erst hatte ich mit ihnen genau dieselbe Sache. Die Alte weiß auch von der Geschichte, die ich mit ihnen hatte. Na, wie, war's schön?« fragte er die Bäuerin. »Natürlich«, antwortete sie gähnend, mit Besprechen beschäftigt. »Er hat Recht, das haben sie angestellt – daß sie alle der Teufel hole!«