Ludwig Steub Novellen und Schilderungen Inhalt. Der Staatsdienstaspirant Der Helden Jugend Das Seefräulein Haymon und Haura Das Gnadenbild auf dem Weißenstein in Tirol Eine Woche am Bodensee Erinnerungen aus dem Etschlande Die Trompete Der Staatsdienstaspirant. Aus dem deutschen Leben. Wir haben einmal in den Werken eines englischen Weltweisen die Behauptung gelesen, die Hälfte der Menschen wisse nicht, wie die andere Hälfte lebe. Bei näherer Betrachtung dieses Satzes glaubten wir zu finden, daß dieses Urtheil noch viel zu günstig laute. Es wollte uns bedünken, als ob zwar immerhin das Leben der Familie sowohl als das der Einzelnen eine Anzahl heiterer oder trüber Eindrücke mit sich führe und veranlasse, die allen Menschen aller Zeiten und Zonen gemeinsam sind, daß dagegen auch mit dem irdischen Fortkommen, wie es die Verhältnisse eines jeden Individuums bedingen, eine Summe von Freuden und Schmerzen, von Hoffnungen und Befürchtungen verknüpft sey, von denen der außerhalb des bestimmten Kreises Stehende nur zerstreute Anschauungen, ohne eigens darauf gerichtete Beobachtungen und Studien aber nie eine ausgiebige Kenntniß besitzen könne. Da nun aber gerade diese letztern Empfindungen dem menschlichen Leben die überwiegende Farbe geben, dieselben jedoch den Unbeteiligten nur zufällig und vereinzelt ersichtlich werden, so möchten wir eher sagen, der Mensch, wenigstens einer, der nie aus seinem Kreise getreten ist, kenne nur diesen, vielleicht noch etwas Weniges von dem nächst verwandten, sonst aber keinen. Der Gelehrte zum Beispiel, der seinen Rock anthut, er sey ausgebürstet oder nicht, hat keine Ahnung von der Freude, die ein junges Mädchen empfindet, wenn es zum ersten Male ein neues florseidenes Ballkleid überwirft. Eben so wenig weiß der Richter, der mit dumpfem Gleichmuth den Aktenkasten auf- und zuschlägt, von dem Behagen, das sich in hellem Scheine auf das Antlitz der Hauswirthin legt, wenn sie ihren Leinwandschrein eröffnet. Der Städter, der, zu frühe aufgewacht, das Fenster öffnet und das Gesicht verdrießlich über die kalte Morgenluft wieder zurückzieht, denkt er wohl an die Wonne, in der zur selben Stunde der Waidmann lebt, der draußen im Forste auf den Rehbock wartet? Der Dichter geht mit eben dem Vergnügen durch sein letztes Trauerspiel, als der Landwirth durch seine frisch gedüngten Auen, aber es fällt dem Einen nicht ein, dabei auch an den Andern zu denken. In der That scheint auch Manches darauf hinzuweisen. daß die Gegenwart diesen Mangel allgemein fühlt; sie scheint ihn fast als etwas zu betrachten, das einer schleunigen Abhülfe bedürftig sey. Herkömmlicherweise hat sich denn auch die Literatur dieser Lücke zugewendet, und so haben wir bereits Salonsnovellen zum Besten derer, die nie einen Parketboden betreten, und bürgerliche Pracht- und Misèrestücke zur Orientirung der Aristokratie des Geldes und der Geburt. Will sich die höhere Gesellschaft und das Bürgerthum über das Leben der untersten Klassen belehren, so stehen vor der Hand die schätzbaren Pöbelromane der Engländer zu Gebote, die wenigstens Analogien zur Erkenntniß der heimischen Zustände liefern. Auch wird es schwerlich mehr lange dauern, bis ein glücklicher Finder das Bauernleben entdeckt und dem Publikum zur Beschauung ausstellt. Außerdem aber sind seit Jahren auch schon Schritte geschehen, um den Festländer mit dem Leben zur See, den Städter mit dem Treiben der Fischer, Jäger und Räuber novellistisch bekannt zu machen, und in einer Anzahl der trefflichsten Produktionen sieht sich endlich der zahme Mensch den halb und ganz wilden, den Beduinen, den Irokesen und Neger gegenübergestellt. Bei all Dem gibt es indeß manche Sphären, die noch ihren Bearbeiter erwarten, sogar in unserer nächsten Nähe, und wir wenigstens meinten zu entdecken, daß das Leben der Staatsdienstaspiranten, dieser allenthalben in Deutschland verbreiteten Gattung, bisher noch gänzlich übersehen worden. In dieser Meinung haben wir uns daran gemacht, den bisherigen Lebenslauf eines derartigen Zeitgenossen zu schildern, welcher, ist er auch kein Musterbild der ganzen Art, doch viele charakteristische Züge, die sonst in ihr zerstreut angetroffen werden, in sich vereinigt. Wir geben diese Skizze um so leichteren Herzens, als wir von dem Geschilderten außer einigen Eigentümlichkeiten nur Rühmliches zu melden haben, übrigens aber auch demselben nicht gerade befreundet, sondern nur so weit bekannt sind, um seinen Lebensgang in kurzer Entfernung betrachten zu können, so daß wir uns auch nicht gegen die Pietät verfehlt haben würden, wenn wir die christliche Liebe des Lesers für diese oder jene Schwäche hätten in Anspruch nehmen müssen. Herr Johann Baptist Schimmelhauser wurde vor etwa dreiunddreißig Jahren in einem süddeutschen Städtchen geboren, dessen Name hier nichts zur Sache thut. Sein Vater war ehedem ein angesehener Bürger und Handelsmann gewesen, allein die Kriegsläufte hatten seinen Wohlstand dergestalt untergraben, daß er bald nach dem allgemeinen Frieden mit seinen Gläubigern in schwere Prozesse gerieth, welche höchst unglücklich für ihn endigten. Er wurde von Haus und Hof vertrieben und mußte zufrieden seyn, in einem kleinen Gemeindeamte Schutz vor Hunger und Elend zu finden, die ihm einst so entlegen gewesen waren. Herr Schimmelhauser galt allgemein für einen verständigen Mann, aber das war ihm nicht aus dem Kopfe zu bringen, daß er noch auf seinem Hause säße, wenn der Herr Aktuar Schlingelmann, der sein Schuldenwesen behandelt hatte, ihm gewogener gewesen, überhaupt nicht mit so entsetzlicher Strenge verfahren wäre; denn, meinte er, es hätte sich so machen lassen, wie so. Um die Zeit, wo sein Wohlstand und seine Hausehre unterging, war Johann Baptist noch ein Knäblein, das in den unteren Klassen der deutschen Schule lesen und schreiben zu lernen begann, was aber nicht verhinderte, daß schon jetzt sein Verhängniß festgestellt und ein Spruch gethan wurde, dessen Folgen noch zur Stunde auf ihm lasten. Es war nämlich der große entscheidende Tag, wo das Anwesen und die Gerechtsame seines Vaters dem Meistbietenden zugeschlagen wurde, ein Tag der peinlichsten Aufregung für den ehrbaren Bürger, als dieser mit funkelnden Augen und zitternd in seiner Seelenangst hereintrat, den Knaben vorrief und, ihm die Hand auf den Scheitel legend, mit bebender Stimme sagte: »Baptist, du mußt ein Jurist werden; die können die Menschen am unglücklichsten machen. Schlag nur dem Schlingelmann nach; es soll auch Andern gehen, wie mir.« Die Worte verhallten, aber der Eindruck blieb. Baptist, wiewohl nur aus einer Art von Blutrache zum Rechtsgelehrten bestimmt, schien nie die Frage an sich zu stellen, ob er auch dazu passe; vielmehr wollte es Manchen bedünken, als fände er jetzt schon in der Sicherheit über seinen künftigen Beruf eine gewisse Beruhigung, und es soll dem bescheidenen Knaben sehr gut gelassen haben, wenn er im Spiel mit seinen Altersgenossen, so oft die Lebensbahn besprochen und die Rollen ausgefeilt wurden, während die Andern in sich einstige Fürsten und Herren, Generale und Seekapitäne zu schauen vermeinten, still und sittsam sagte: »Ich will nichts werden als ein Jurist.« Baptist wuchs ruhig in die Höhe und wurde immer älter. Die langen Jahre des Gymnasiums lagen glücklich hinter ihm; sie waren mit Ehren überstanden. Glänzende Talente wahrzunehmen, hatte er seinen Lehrern keine Gelegenheit gegeben, allein einen gewissen phlegmatischen Fleiß, der nie mehr thut, als er soll, aber dieses gründlich, den konnte ihm keiner absprechen. So war denn die Zeit gekommen, wo Baptist als Herr Johann Baptist Schimmelhauser die hohe Schule beziehen sollte. Ein mäßiges Stadtstipendium, das gerade vorher erledigt und darauf von dem Magistrate ihm zugetheilt worden war, reichte wenigstens so weit, daß er ein beschränktes Leben ohne Zuschuß aus der väterlichen Sparbüchse führen konnte, und ein schönes testimonium paupertatis sollte ihn auch von der Verbindlichkeit des Honorarzahlens befreien. Die übrigen Vorbereitungen waren bald getroffen; ihm aber blieben die letzten acht Tage im väterlichen Hause ein Erinnerungsstück für sein ganzes Leben, denn er hatte sich's ausgebeten, für diese Abschiedstage den Speisezettel bestimmen zu dürfen, und so waren sie denn zu einer wochenlangen Schwelgerei geworden, wo er nichts genoß als seine Lieblingsgerichte, Fleischknödel in Wildpretsauce, Leberwürste und Sauerkraut, Schweinsbraten mit bayrischen Rüben u. s. w. Sein Vater, der sich von jetzt an Johann Baptist Schimmelhauser senior nannte, führte ihn in der Universitätsstadt auf, besorgte ihm seine Wohnung, kundschaftete die billigsten Mittagstische aus, verabredete dann das Uebrige mit seinem Sohne und ging wieder seiner Wege. Baptist, wenn auch in der Welt noch wenig erfahren, denn er hatte seine Vaterstadt bis dahin nur verlassen, um die Kirchweihen der nächsten Dörfer zu besuchen, fand sich doch bald in das neue Wesen, das ihn umgab, obwohl er es sich ganz nach seiner Weise zurichtete. Es schien ihm ein großes Glück, daß er in eine Stube mit einem ältern Studenten gerathen war, der ebenfalls die Rechtsgelehrsamkeit betrieb, und der ihm mit überzeugender Darstellungsgabe Alles bezeichnete, was er als Jurist zu wissen brauche und was nicht. Mit Vergnügen vernahm er da, daß das Meiste, was am schwarzen Brette als Aufgabe für die beiden ersten Jahre angeschlagen stand, eigentlich unnützer Hausrath sey, da Philosophie, Philologie und Geschichte den Rechtsgelehrten gar nichts angehen, so wenig als Chemie, Botanik und dergleichen, insofern in allen Fällen, wo wissenschaftliche oder technische Fragen auf die Entscheidung eines Rechtsstreites Einfluß haben, es Sache der Parteien sey, dem Richter Alles und Jegliches an die Hand zu geben, was von den betreffenden Wissenschaften oder Künsten einschlage, wie denn auch der Spruch: jura noscit curia ein Mehreres nicht besage. Was aber etwa die Anthropologie Interessantes habe, das wisse ein erwachsener Mensch ohnedem schon. Nichts desto weniger belegte Schimmelhauser die meisten dieser Collegien, wie die andern Studenten auch, und selbst auf den Bänken wurde er selten vermißt, denn er fürchtete üble Nachrede, die etwa in seiner Vaterstadt verbreitet werden möchte. Dabei aber konnte Anfangs seinen Nachbarn eine gewisse Träumerei in seinen Blicken und zuweilen auch eine gänzliche Abwesenheit von dem Vortrage des Docenten nicht entgehen, und geraume Zeit hielten sie ihn derohalben für einen Schwärmer oder für verliebt, bis die Sache später durch sein Bekenntniß aufgeklärt wurde, er habe im Anfang besonders die letzten acht Tage am väterlichen Tische so gar lange nicht vergessen können. Die Zeit indeß heilte auch diese Sehnsucht und die Erinnerung an jene Freuden der Vergangenheit trat mehr und mehr in den Schatten; aber Herr Johann Baptist Schimmelhauser hielt sich auch von da an nicht veranlaßt, den ihm auferlegten Wissenschaften lebhaftere Theilnahme zuzuwenden, und so gab er denn, wenn er etwa von einem der Bekannten über seine Ansicht in diesem oder jenem Punkte zur Rede gestellt wurde, stets unerschütterlich die Antwort: »Das ist Alles Sache der Parteien.« Im Uebrigen lebte er eingezogen und sparsam, denn er kannte den haushälterischen Ernst Herrn Johann Baptist Schimmelhausers senior zu wohl, als daß er hoffen konnte, ihm am Ende des Semesters ein paar unberichtigte Rechnungen anheimstellen zu dürfen. Das rauschende Studentenleben ging daher nur von ferne an ihm vorüber. Man hat nie erfahren, daß er an irgend einer der Vergnügungen desselben Theil genommen hätte. Dagegen weiß man, daß er öfter, wenn er sich eine gute Stunde machen wollte, seine Bücher in den Schrank schloß, die Vorhänge zuzog, sich in aller Heimlichkeit eine Pfeife anbrannte und mit dieser nachdenkend in der Stube auf und ab ging. Zuweilen setzte er sich auch Stundenlang in ein abgelegenes Wirthshäuslein, wo er sicher war Niemand anzutreffen, der ihn kannte. Selbst dem Schlummer ergab er sich nicht selten unter Tags aus dem Grunde, daß dies die Unterhaltung, die am wenigsten in's Geld gehe. So gingen denn auch die beiden, den philosophischen Studien geweihten Jahre vorüber. Er hätte sie vielleicht langweilig genannt, wenn er überhaupt gewohnt gewesen wäre, etwas kurzweilig zu finden. Als er aber sofort im fünften Semester wieder auf die hohe Schule zog, trat er als Candidatus juris auf, und er soll dabei einiges Behagen nicht verheimlicht haben, daß er jetzt endlich den Punkt getroffen, auf den er seit zehn Jahren unablässig gezielt. Den Doktrinen, deren Aneignung ihn nun zum Rechtsgelehrten stempeln sollte, sah er übrigens ohne Spannung entgegen; doch fand er für gut, in seiner Lebensweise einige Aenderungen eintreten zu lassen, indem er einesteils den Nachmittagsschlummer aufgab, anderntheils einige Stunden für die Repitition der Collegien feststellte. Auch fing er jetzt an, in den Vorlesungen nachzuschreiben, was er früher folgerechter Weise für unnöthig hatte halten müssen, und während er ehedem sich seinen Platz gern in den letzten Bänken auswählt, setzte er sich nunmehr, um Alles genau zu hören, lieber in die ersten. Auf diese Art erübrigte er sich denn genug, um anständig durch das Schlußexamen zu schlüpfen, und als er sein Attest in der Tasche hatte, verließ er sein Dachstübchen und kam als geprüfter Rechtspraktikant in seiner Geburtsstadt und im väterlichen Hause an. Herr Johann Baptist Schimmelhauser senior hatte damals schon lange gekränkelt, und nun, als sein geprüfter Sohn von der Hochschule zurückkehrte, hatte er nicht mehr weit zum Tode. Aber das freute ihn noch auf dem Sterbebette, daß sein Eingeborner dem väterlichen Rufe treu geblieben und Jurist geworden war. »Baptist,« sagte er, »du hast deßwegen ein Rechtsgelehrter werden müssen, damit du dich im Leben auskennest, damit dir Niemand etwas Unrechtes anhaben könne. Mich freut's, daß ich's noch erlebt habe.« Noch öfter kam er in dieser Weise auf den Stand seines Sohnes zu sprechen, immer mit innigem Behagen, aber die Beziehung auf Schlingelmann schien ihm jetzt ferne zu liegen. Er erwähnte seiner nicht mehr, sondern starb, mit diesem und aller Welt versöhnt. Ueber die beiden Jahre, die jetzt folgen und die Herrn Schimmelhausers Assessorexamen vorausgingen, eilen wir hinweg. Er war bei dem Landgerichte seines Städtchens als Praktikant in Dienst gegangen, bildete sich in aller Stille zu einem brauchbaren Geschäftsmann heran, und stellte nach und nach in sich jene Lebensansichten und Verhaltungsmaximen fest, die wir später bei ihm finden werden. Man hörte wenig von ihm reden und sah ihn auch nur selten in einem alten grünen Frack über die Straße gehen. Sein Einkommen war zu kärglich, als daß er sich viel hätte zeigen können. Der Vater hatte nichts hinterlassen, und was der Gerichtsvorstand gab, reichte nur zum notdürftigsten Unterhalte. Er soll sich damals schon nach einer Anstellung gesehnt haben, doch zeigte er sich in Veröffentlichung seiner Wünsche jedenfalls sehr vorsichtig, denn es war augenscheinlich noch zu früh. Das Assessorexamen war endlich auch überstanden, und nach einigen Monaten kam die Note. Es war eben nicht die beste, was Herr Schimmelhauser dem Umstande zuschrieb, daß die Beantwortung der gegebenen Fragen allenthalben aus Büchern habe geschöpft werden müssen, die er nicht zur Hand gehabt. Doch war es eine angenehme Stunde, als das versiegelte Schreiben einlief, und er setzte sich hin und machte seine erste Eingabe. Um diese Zeit begab sich ein Ereigniß, das die Umstände unseres Freundes wesentlich verbessern sollte. Es starb nämlich der Ehegatte seiner Muhme, und die kinderlose Wittwe, die sich jetzt einsam fühlte in der weiten Welt, trat ihrem Vetter Baptist näher und begann sich mehr und mehr seiner anzunehmen. Bisher hatte sie nicht viel von ihm wissen wollen, denn nach dem Votum, das sie in frühern Jahren im Familienrathe abgegeben, sollte aus dem Jüngling ein geistlicher Herr werden, und da diesem entgegen der Vater darauf bestand, daß er der Justiz geweiht werden müsse, hatte sie sich ihm lange Zeit hindurch fast abhold gezeigt. Jetzt aber fing sie an zu fühlen, daß er doch der Nächste sey ihres Stammes, der Sohn ihres armen Bruders, und so mochte es ihr christlich scheinen, dem Vetter etwas von ihrem Wohlstande zufließen zu lassen. Sie stand, ohne Reichthümer zu besitzen, eben so fern von allem Mangel, als Herr Schimmelhauser nahe daran. Ihr Gemahl war ein Korbmacher gewesen und hatte während seines Daseins so fleißig Körbe gemacht, daß seine Wittwe unabhängig leben und sogar selbst einen austheilen konnte, als es einem jungen Manne einfiel, um ihre Hand zu werben, die sie nimmermehr vergeben wollte. Als nun eines Tages die Base unsern Baptist auf der Gasse fragte, ob er sie nicht zuweilen in ihrer Einsamkeit heimsuchen wolle, zeigte er sich allerdings etwas verlegen und wußte nicht recht, was er antworten sollte; aber als er sich einmal den Muth gefaßt hatte und hingegangen war, kam er immer häufiger. Er fand bald, daß die böse Base eigentlich eine ganz gute Frau sey, und sie gewahrte mit Vergnügen, daß Vetter Baptist, den sie sich früher so gerne als völlig mißrathen gedacht hatte, ein sehr rechtschaffener Praktikant geworden. So fing sie nun an zu überlegen, wie ihm wohl am sachdienlichsten beizuspringen wäre, und die nahe bevorstehenden Ostern boten ihr gleich die erste Gelegenheit dazu. Am Ostersonntage erwachte Herr Schimmelhauser ganz feierlich in seinem Stübchen, und als er die Augen aufgeschlagen, sah er auf dem Tischchen vor seinem Bett einen neuen Feiertagsfrack auf einem schönen Teller, und als er verwundert, was das zu bedeuten habe – denn er hatte schon seit Jahren keinen Rock mehr bestellt – das schmucke Gewand in die Höhe hob und zur allseitigen Betrachtung näher an sich heranzog, bemerkte er auf dem Teller darunter drei neue Thaler, die ihn hell und freundlich anstrahlten. Ungeduldig rief er nach der Hausfrau, welche schon auf sein Erwachen gewartet zu haben schien, und alsbald hereinstürzend sagte: »Gehört alles Ihnen, Herr Praktikant, ein Osterpräsent von der Frau Base.« Herr Schimmelhauser lächelte vergnügt, aber bei aller Fröhlichkeit über die Bescherung vergaß er nicht, daß er schon seit drei Monaten den Miethzins schuldig sey, und so nahm er gleichwohl die drei Thaler in die Hand, um sie in die seiner Hausfrau zu drücken, worauf jedoch diese ablehnend erklärte: »Darf nichts mehr annehmen, weil den Miethzins von jetzt an eine unbekannte Wohlthäterin zahlt.« Herr Schimmelhauser war nicht wenig erstaunt über diese Worte, verstand aber doch, was sie sagen wollten, und blieb nur noch so lange im Bett, bis er sich auf einen wohlgesetzten Danksagungsspruch besonnen hatte. Dann aber zog er sich eiligst an und spazierte in dem neuen Fracke zu seiner Base, welche mit freundlichem Lächeln seine Rede anhörte und zu wiederholtenmalen ihre Freude darüber äußerte, daß er jetzt so viel gleich sehe. Herr Schimmelhauser ließ sich davon selbst unschwer überzeugen, und es beeinträchtigte auch sein Gefallen an dem neuen Gewande nur wenig, als ihm Abends beim Bier der Schneidersmann, der den Rock gemacht hatte, mit aufrichtiger Gemütlichkeit versicherte, es sey dieß der wohlbekannte Hochzeitfrack seines seligen Freundes, des Korbmachers, den derselbe fünfzehn Jahre lang an allen Sonn- und Feiertagen getragen, was man ihm übrigens gar nicht anmerke, maßen es vortreffliches Brüsseler Tuch gewesen. Von jetzt an ging es unserm Praktikanten ganz erträglich. Für seine Kleider bot die Hinterlassenschaft des seligen Korbmachers lange hinaus gar trefflichen Nachschuß; um den Miethzins fragte er nimmer, und um seine Wäsche nahm sich die Base so mütterlich an, daß sie nie weniger wurde, indem sie von Zeit zu Zeit heimlicherweise einem abgetragenen Stück ein neues unterstellte. So kam es, daß Vetter Baptist sogar hin und wieder in der Tasche einen überflüssigen Thaler klappern hörte, und dieß regte ihn gewaltig auf. Er verfiel nachgerade in Dinge, die ihm früher nie in den Sinn gekommen; es war, als wenn er jetzt noch am Rande seiner Blüthezeit verlorene Jugendjahre hereinholen wollte, obgleich auf der andern Seite der Gleichmuth, mit dem er seine dahin gerichteten Versuche mißlingen sah, wieder auf die Annahme führen mußte, er trachte, sich nur einmal die Ueberzeugung zu verschaffen, daß er kein Geschick dazu habe, um sich dann desto vorwurfsloser zur Ruhe begeben zu können. So sah man ihn jetzt eines Nachmittags sogar beschäftigt, Billard zu spielen, was er jedoch sogleich gutwillig wieder aufgab, nachdem er vorerst ein Loch in's Tuch gestoßen, dessen Ausfüllung sein ganzes damaliges Vermögen auffraß. Als er dieß verschmerzt, wollte er's mit der Jagd versuchen, ließ sich sofort zu einem Treibjagen einladen, that aber nur einen einzigen Schuß, und setzte auch diese Belustigung nicht fort, weil jener einem Treiber durch den Hut gegangen war. Ebenso mißlich gestaltete sich der Ausgang, der ihm bestimmt war, da er zum ersten Male als Reiter auftrat. Nachdem er eines Abends seinen Wunsch, auch diese Leibesübung zu versuchen, geäußert hatte, versprach ihm der Gastgeber zum goldenen Löwen sein ehemaliges Lieblingspferd, ein betagtes Thier, das mit der Weisheit des Alters eine mädchenhafte Sanftmuth verband. In der That stieg Herr Schimmelhauser eines Nachmittags in den Sattel und ritt, von männiglich angestaunt, zum Thore hinaus. Anfangs ging Alles recht gut, aber der Reiter gewann bald zu viel Vertrauen und ruhte nicht eher, als bis er das Pferd durch allerlei Künste in raschen Trab gesetzt hatte. Seltsam angewandelt von dieser ungewohnten Bewegung wollte Baptist allerdings schnell wieder auf den früheren Schritt zurückkehren, verlor jedoch Steigbügel wie Sitz und konnte sich nur dadurch vor dem Falle wahren, daß er sich fest in die Mähne klammerte, wobei er aber unbewußter Weise mit dem Sporne lebhaft in die Weichen seines Thieres bohrte. Dadurch immer muthiger gemacht, stürzte der Gaul fort und fort über Wies und Feld, bis er zuletzt in dem wohl bekannten Stalle eines nahe gelegenen Dorfwirthshauses seine Ruhe wieder fand, nachdem er den Reiter an der Thüre rücksichtslos herabgestreift. Dieser fand sich zwar nicht bedeutend verletzt, aber doch so schmerzhaft geschunden, daß er dem Wirth zum goldenen Löwen alsbald einen eigenen Boten schickte, er möge ihn mit seinem Einspänner abholen. Herr Schimmelhauser wurde über diesen neuen Unfall zwar vielfältig belächelt, zeigte aber keine Empfindlichkeit, sondern sagte lediglich: »Ich hab's jetzt doch probirt!« Bald darauf begleitete er die Base, welche mit einer jungen Verwandten ausnahmsweise die Kirchweih eines nahe gelegenen Dorfes besuchte, auf diesem Freudengang, und draußen wurde er in kurzer Zeit so übermüthig, daß er zum erstenmal in seinem Leben auf den Einfall kam, zu tanzen. Die junge Verwandte gab sich willig dazu her, und sie legten ohne sichtlichen Unfall einen vollen Walzer zurück. Aber als er nun seinen Tanzsechser bezahlen wollte und der schnurrige Musikant diesen anzunehmen sich weigerte, weil er doch keinen Takt gehalten habe, freute sich zwar Herr Schimmelhauser über diese Uneigennützigkeit, tanzte jedoch an diesem Abende nicht mehr. Zur Base sagte er: »Ich hab's nur probiren wollen,« und sie ließ sich's gefallen; beim Nachhausegehen aber schlossen sich der Muhme und ihrer Begleiterin noch mehrere junge Mädchen an, welche ein beständiges Flüstern und Kichern unterhielten, das ihn Anfangs allerdings gar nicht belästigte, weil er eben im Mondenscheine daherwandelnd die Frage untersuchte, ob ein Tänzer, der keinen Takt halte, auch nicht gehalten sey, ein Honorar zu bezahlen, und ob, im Falle er eines bezahlt, ihm die Condictio indebiti zustehe. Als ihm aber endlich eine der muthwilligen Schönen den Rath gab, er solle sich versuchsweise heimgeigen lassen, um sein Ohr doch einmal etwas an Musik zu gewöhnen, so wollte ihm dieses fast etwas spöttisch bedünken, und da er an den Umgang mit dem andern Geschlechte nicht gewöhnt und bei der Friedfertigkeit seines stillen Lebens überhaupt nicht geübt war, sich bei solchen Anlässen durch eine rasche Erwiederung schadlos zu halten, so fiel ihm die Rede schwer auf's Herz, noch schwerer aber das darauf folgende Gelächter, in welchem sich die Mädchen gar nicht mehr mäßigen wollten. Er glaubte jetzt zu fühlen, daß es mit diesen Künsten für ihn vorüber sey, tröstete sich aber dennoch, und noch vor dem Einschlafen mit dem Gedanken, es sey gut, daß er jetzt einmal erfahren habe, wie wenig er dazu geschaffen, auch sey dieser Tand nur geeignet, Geld und Zeit aufzufressen, wovon er weder das Eine noch das Andere im Ueberfluß besitze. Andern Tags kam er zur Base wieder in seiner gewöhnlichen Ruhe, und sagte in Bezug auf den gestrigen Auftritt lediglich: »Base, jetzt hab' ich ausgetobt; aber versuchen hab' ich's müssen.« Die Base lächelte und meinte, er hätte früher dazu thun sollen. Er aber schüttelte den Kopf und sagte: »Solche Sachen taugen nicht für den Geschäftsmann.« Mit diesem Tage war Herrn Schimmelhausers Flegeljahr zu Ende, und von jetzt an floß sein Leben wieder, wie es vorher gethan, leisen Zuges dahin, ohne Unfall und Mißgeschick; nur wurde es jetzt, wenn möglich, noch abgemessener, als ehedem, und was früher noch etwa der Willkür und einem augenblicklichen Einfall preisgegeben war, das zog er nun gleichmäßig in feste Regeln. So finden wir uns denn auch im Stande, bei dieser Epoche angekommen, ein genaues Bild seiner Tagesordnung zu geben, und wir wollen uns dieses Vergnügen, in Anbetracht ihrer Wichtigkeit für unsere Erzählung, denn auch nicht versagen. Herr Schimmelhauser also verließ tagtäglich sein Lager um halb acht Uhr; er war kein Freund der Morgenröthe, behauptend, wenn man überhaupt auf derlei Dinge Werth legen wolle, so thue die Abendröthe die nämlichen Dienste, und zog sich dann gemächlich an, so daß er mit dem Schlag acht in seine Kanzlei trat. Dort verlebte er in Amtsgeschäften den Vormittag, wartete in Ruhe den ersten Klang der Mittagsglocke ab, spritzte seine Feder aus und ging in den goldenen Löwen zum Essen. Hiezu gönnte er sich nur eine halbe Stunde Zeit, und nach Tische begab er sich Sommer wie Winter auf den Spaziergang um die Stadt herum, wobei er abwechselnd einen Tag zum obern, den andern zum untern Thore hinausging. Seine Wanderung endigte in dem Häuschen seiner Base, welches das letzte der Vorstadt war, dort erwartete ihn ein Glas Bier, dem er aus eigenen Mitteln eine Pfeife Tabak beifügte. Hier blieb er an dem runden eichenen Tisch vorne am Fenster sitzen, bis es drei schlug. Eigentlich sollte er schon um zwei Uhr wieder in der Kanzlei seyn, aber der Gerichtsvorstand hatte ihm schon lange, wegen seines Fleißes in den übrigen, diese eine Stunde geschenkt. Von da an saß er wieder emsig auf seinem Drehstuhl bis sechs Uhr, und dann ging er nach Hause, um dort bis sieben Uhr zu verweilen. Er las da, je nachdem es kam, das Regierungsblatt, das er später, wie wir hören werden, excerpirte; dann fütterte er eine Grasmücke, welche er einst im Garten der Base gefangen; zuweilen blickte er ausruhend zum Fenster hinaus, meistentheils aber war er mit Schreibereien beschäftigt. Entweder rechnete er seine eigenen Ausgaben zusammen und stellte sie zum Behuf des Monatschlusses in übersichtliche Ordnung, oder er faßte Gratulationsbriefe für Namens-, Geburt- und Neujahrstage ab. Einige davon gingen an einen Pfarrer, der sein Firmpathe war, andere waren für die Base bestimmt, der er in späteren Jahren nicht mehr mündlich gratuliren wollte, weil er in seiner kurzen Festrede einmal gestockt hatte, so daß sie ihm darauf helfen mußte, und wenn's auf den Namenstag des Gerichtsvorstandes zuging, so war sein Tisch voll verschiedener Briefsteller, und er hatte es, so zu sagen, recht hart; denn er mußte nicht allein für seinen eigenen Bedarf einen Glückwunsch anfertigen, sondern auch für sämmtliche Kinder seines Vorstandes, welche um diese Epoche von dessen Frau immer ihm zugewiesen wurden. Endlich verfaßte er auch alle Quatember seine Bittschrift um eine Anstellung, so daß er also des Jahres viermal mit der Bitte, ihm doch auch etwas zu leben zu geben, ehrfurchtsvollst »erstarb«. Um sieben Uhr brach er auf nach dem goldenen Löwen, wo er bis zur Polizeistunde blieb und drei oder vier Gläser Bier trank. Er hatte da seinen ausgemachte Platz, den er schon seit Jahren besetzt hielt. Er liebte ihn sehr, diesen Platz, und wenn es vorkam, daß ein Unberufener sich darauf gesetzt hatte, so bemerkte er es gleich beim Eintritte und sagte: »So eben wird mir übel,« und ging nach Hause. Darauf ließ er sich seinen Abendtrunk auf die Stube holen und dachte über Rechtsfälle und Anstellungen nach, aber immerhin nahm er es sehr mißfällig auf, wenn ihm in dieser Art der Abend vergällt worden war. Baptist's Anhänglichkeit an das Gasthaus hatte etwas Rührendes. Obgleich ihm der Wirth zum goldenen Löwen nie einen andern Dienst erwies, als daß er ihm gegen Entgelt sein Bier zu trinken gab, welches oft schlecht genug war, so lebten in ihm doch ganz die Gesinnungen jener ergrauten, treuen Diener alter Häuser, und er meinte seiner Pflicht zu fehlen, wenn er nicht Jahr aus Jahr ein an seinem langhergebrachten Platze säße. Beim Biere war er im Allgemeinen stille, und nur wenn Einer etwas Dummes sagte, lachte er; dagegen mischte er sich gerne in das Gespräch, wenn von Rechtsfällen die Rede war. Zuweilen auch, wenn der Goldarbeiter Fingerling und der Uhrmacher Scheurer am nächsten Tische über Preßfreiheit oder Oeffentlichkeit und Mündlichkeit sich unterredeten, blickte er bedauerlich hinüber und sagte mit Achselzucken ungefähr: »Fatal ist's doch, daß der Bürgerstand gar keinen rechten Leitfaden hat. So discurrirt er oft in den Tag hinein und kommt dann leicht in Untersuchung. Dem Beamten dagegen, wenn er denkt, was ihm vorgeschrieben ist, kann Niemand etwas anhaben, weder der Vorgesetzte, noch der Mitbürger.« Um eilf Uhr endlich ging er ruhig nach Hause, legte sich zu Bette und schlief ununterbrochen fort bis andern Tags halb acht Uhr; denn er hatte einen sehr gesunden Schlaf. Der Vollständigkeit wegen müssen wir noch berichten, daß an Sonntagen eine Ausnahme von dieser Tagesordnung eintrat, indem er dann Morgens mit einem Gebetbuche, das er von der seligen Mutter ererbt hatte, in die Kirche ging, nach Tische aber, statt einmal, zweimal um die Stadt lustwandelte, Nachmittags endlich, statt in die Kanzlei, sich in den goldenen Löwen begab, um die Andern Billard spielen zu sehen. Wenn ihn da Einer im Spaß oder Ernst aufforderte, auch einmal eine Partie mitzumachen, so wies er lediglich auf jenes Loch hin, welches er vordem hineingerannt hatte, und schwieg. Für Reiten, Billardspiel, Tanzen und solchen Zeitvertreib war demnach keine Stunde ausgesetzt und sohin, wie oben bemerkt, keine Rede mehr davon. – Er vermißte, wie wir bestimmt wissen, diese Dinge nicht; aber auch die Lectüre nahm ihm keine Zeit weg. »Ich hab's öfter probirt mit dem Bücherlesen, pflegte er zu sagen, aber bei mir geht das Ding nicht. Was haben wir denn auch für Bücher? fragte er dann vorwurfsvoll. Sie geben ja nichts Gescheidtes heraus; hab' auch noch nie gehört, daß sich ein vernünftiger Mensch zum Bücherschreiben herbeiläßt. Da machen sie zum Beispiel Gedichte. Ja, wenn ich was phantasirt haben will, phantasir' ich mir lieber selber was vor. Oder die Reisebeschreibungen? was hilft's mir denn, wenn ich von der neuen Welt was lese und komme nie hin? Was helfen mir denn die Menschenfresser? Und die sogenannten Rittergeschichten? wenn sie wahr wären, ja! aber etwas Erlogenes, das mag ich nicht; da reut mich die Zeit. Und was man sonst aus den Büchern brauchen könnte, ich hab's schon oft gesagt, das ist alles Sache der Parteien. Die werden's einem schon beibringen, wenn man's wissen muß.« Unter Allem, was seine Zeit ausfüllte, war Herrn Schimmelhauser der Nachmittagsbesuch bei der Base das Liebste. Da durfte er sich am unbefangensten herauslassen über seine Hoffnung auf eine Assessorsstelle, welche immer sehnsüchtiger wurde, und hier konnte er auch die schwierigsten Rechtsfälle vortragen, für die er im goldenen Löwen kaum mehr ein offenes Ohr gefunden hätte. Ihr erzählte er auch alle Auftritte, die sich Abends vorher beim Abendtrunke zugetragen hatten, und es freute ihn, wenn sie nochmals belächelte, was ihm Tags zuvor schon so lustig vorgekommen war. So sagte er zum Beispiele: »Gestern haben wir wieder einen Hauptspaß gehabt mit dem jungen Praktikanten da, indem derselbe meinte, der von einer Weibsperson verklagte Liebhaber dürfe die exceptio plurium etc. nur so obenhin entgegenschützen, ohne eine Person zu nennen, während doch schon lange ausgemacht ist, daß er seinen angeblichen Nebenbuhler namhaft bezeichnen muß. Das hat uns viel lachen gemacht.« – »Ja, das muß lustig gewesen seyn,« sagte dann die Base, »so viel weiß ich schon.« Hiezu lächelte sie höchst vergnügt; er dagegen freute sich, daß sie die Unkenntniß des Praktikanten so erheiternd fand. »Ja, ja,« so konnte er dann fortfahren, »die Rechtsgelehrsamkeit ist keine Wissenschaft, die man so auf Spaziergängen oder beim Kartenspiel erlernen kann – das will studirt seyn. In neuerer Zeit gehört fast gar zu viel dazu: so nicht allein das römische Recht und der gemeine Civilprozeß, sondern auch das Landrecht und die Gerichtsordnung, die Strafgesetzgebung, das Staatsrecht –.« – »So wie auch,« fiel die Base ein, »das Kirchenrecht und die verschiedenen Novellen.« – »Nun, Ihr wißt's ja fast schon besser als ich,« sagte dann der Vetter aufmunternd und begann allenfalls ihr den Zusammenhang dieser verschiedenen Disciplinen, so weit er ihm geläufig war, auseinander zu setzen oder ihr zu erklären, was die Gerichtsordnung und die Novellen an dem gemeinen Civilprozesse geändert haben. Indessen war die Unterhaltung nicht gerade alle Tage juridischen Inhalts, sondern mitunter beherrschte auch die Base das Gespräch und brachte es auf Gegenstände, die ihr näher lagen. Die Frauen sprechen am liebsten von dem, was sie am innigsten berührt, von Liebe und Hochzeiten, und auch die Base verirrte sich am allerersten in diese freundlichen Gefilde jugendlicher Wonnen. Leider war aber Vetter Baptist schwer bei solchen Dingen festzuhalten. Er hielt nämlich nicht viel auf das andere Geschlecht, nicht etwa wegen unangenehmer Erfahrungen, die er dabei erlebt, sondern wohl nur weil er es nicht kannte, und jetzt auch keine Zeit mehr hatte, es kennen zu lernen. Wenn das überhaupt ein Umstand war, der seiner ständigen Seelenruhe nur förderlich seyn konnte, so darf man denen, die ihn etwa gern anders gewünscht hätten, auch nicht verhehlen, daß gerade an diesem Gerichtssitze sich keineswegs die beste Gelegenheit bot, weibliches Wesen von der günstigsten Seite zu beschauen; denn die Frauen standen einander daselbst in zwei großen feindlichen Heerlagern gegenüber, die sich Jahr aus Jahr ein mit Wortpfeilspitzen bekriegten, welche vergiftet waren. Etliche Jahre vorher hatte man nämlich der Frau Revierförsterin, einer jungen Dame, damals von neunzehn Frühlingen, aus der Residenz ein Häubchen geschickt, welches die Blößen ihres dunkeln Haarwuchses, der durch längere Krankheit vorübergehend gelitten hatte, so meisterhaft verdeckte, daß ein junger Forstamtsactuar, der leichtsinnige Herr von Stritzel, ihr vor allen Leuten das indiscrete Compliment machte, jetzt sey sie wieder weitaus die schönste Frau in dem ganzen Burgfrieden. Die Frau Landrichterin hatte dies mit angehört und sich auf der Stelle das nämliche Häubchen kommen lassen. Allein schon bei der ersten Probe fand sie mißliebig, daß es Sommersprossen und großen Mund gleichwohl nicht verhülle, und während sie sich so gestehen mußte, daß ihre junge Freundin ungemein gewonnen habe, erlangte sie die traurige Gewißheit, daß bei ihr Alles so geblieben wie es vorher gewesen. Seit der Zeit ging die Zwietracht auf zwischen den beiden Damen – sie betraten nie wieder die nämliche Promenade, nie mehr denselben Wirthsgarten, sie vermieden sich selbst in der Kirche. Die Landrichterin riß die ältere Frauenwelt zu sich herüber und schleuderte bitteres Gift auf den Ruf der Revierförsterin; zu dieser aber hielten mannlich ihre jüngern Freundinnen und stellten im Einklang mit ihr die Vorgesetzte als einen gräulichen Drachen dar, der nur in Besudelung jugendlicher Charaktere schwelge. Ihre Fahne war die siegreiche – Jugend und Schönheit haben immer etwas voraus – und überdieß war ihren Farben an dem feurigen Herrn von Stritzel ein Vorkämpfer geworden, der es mit dem Schwerte seiner Zunge allein schon mit den erlesensten Heldinnen des andern Lagers aufnahm. Von allen diesen Dingen wußte Herr Schimmelhauser kein Wort, und wenn auch im goldenen Löwen zuweilen etwas davon verlautete, so klang ihm dieß wie eine unbekannte Sprache, von der er nichts verstand. Er kannte die Frauen nur als rechtsunkundige Personen, die man unter Zuziehung eines Beiständers über die Authentica, si qua mulier und das Senatus consultum Vellejanum unterrichten müsse, und was Liebe und Hochzeit betrifft, so hatte er seine Ansichten darüber lediglich deßhalb in Ordnung gestellt, um der Base, die nun einmal immer wieder auf diese Sachen zurückkam, eine leidliche Antwort geben zu können. Wenn sie ihn also zuweilen befragte, warum er sich denn nicht um ein solides Frauenzimmer umsehe und vorbereitungsweise in Bekanntschaft trete, und wie er es hiemit künftig als Assessor zu halten gedenke, so pflegte er ungefähr zu sagen: »Warum sollte ich mich verlieben, Base, da ich doch nie zu heirathen gedenke? Sieht man nicht an dem jungen Julius Klopfermann, wie viel ihm seine heftige Verliebtheit zu schaffen macht, so zwar, daß er dadurch sogar zuweilen abgehalten wird, unsere Abendgesellschaft zu besuchen? Auch soll sich ein königlicher Staatsdiener mit Töchtern von gemeinem Stande nicht ehelich zusammengeben, und die Mädchen der Beamten werden ja heutigen Tags nicht mehr erzogen, wie es sich gehört. Seht Ihr nicht, Base, wie sie nur an Tanzen, Singen und Springen, an Musikmachen und Lesen unnützer Bücher ihr Vergnügen finden, und Alles auf die Unterhaltung setzen! Wie sollte ich einer solchen Gesponsin Genüge thun zu ihrem Zeitvertreib, da ich nur zumeist von Rechtsfällen spreche, wovon sie vielleicht nichts zu hören wünschte, sonst aber kaum etwas Neues weiß? Denn wenn ich auch zuweilen, während des Abends, das Zeitungsblatt zur Hand nehme, so würde sie es wahrscheinlich schon zuerst gelesen haben, da sich jetzt das Frauenzimmer bereits auch damit abgibt. Ebenso pflege ich wenig zu Hause zu seyn, da ich unter Tags in der Kanzlei beschäftigt, den Abendtrunk dagegen in anständiger Gesellschaft einzunehmen gewohnt bin. So könnte es denn leicht kommen, daß sie sich anderwärts nach Unterhaltung umsähe, und ich meine Ehehälfte zum Besten eines Dritten alimentiren müßte, welches ganz gegen die Rechtsregel streiten würde, die da will, daß, wer die commoda habe, auch die incommoda trage.« Derlei Meinungen hatte Herr Johann Baptist Schimmelhauser von der Ehe. – Unterdessen aber zogen die Jahre bleischwer dahin, und unser Aspirant, der schon zum fünfundzwanzigsten Mal ehrfurchtsvollst »erstorben« war und das dreiunddreißigste Lebensjahr überschritten hatte, wurde einsylbiger, schweigsamer, trüber, obgleich er sich noch hin und wieder einen »lustigen Kerl« nannte. Er blickte immer sehnsüchtiger in die Zukunft, in deren Schooße seine Assessorenuniform liegen mußte, und mit wie unverfänglicher Gutmüthigkeit auch die Base ihre Hülfe ihm unterschob, er fühlte, daß es nachgerade Zeit wäre, sich auf eigenen Füßen zu finden. Die Base sah mit Theilnahme seine Verdüsterung; es wäre ihr fast lieb gewesen, wenn er wieder eine der Passionen seines Flegeljahrs aufgenommen hätte, die sie damals freilich – bis auf das Tanzen – nur mit Achselzucken betrachtet hatte, aber das waren jetzt längst verschollene Neigungen. Sie dagegen hörte nicht auf zu sinnen, wie sein stiller Unmuth ihm abzulisten wäre, und da die Gemälde, welche sie von der Jagd, von Reiten und Tanzen, oder von den Freuden einer soliden Bekanntschaft so reizend entwarf, nichts über ihn vermochten, sie überhaupt den Gedanken, ihn durch eine große Leidenschaft von seinem Grübeln abzuziehen, aufgeben mußte, so wollte sie doch wenigstens noch einen Versuch machen, ihm jene kurzen Stunden zu erheitern, die er unter ihren Augen in ihrem Stübchen zubrachte. So wartete sie nur den nächsten Weihnachtsabend ab, und als Vetter Baptist, den die Aussicht auf diesen schönen Abend auch jetzt noch zu entdüstern pflegte, erwartungsvoll in die niedere Thüre trat, fand er statt des Christbaums, der sonst über dem eichenen Tische funkelte, den viereckigen Pfeiler, der in der Mitte das Getäfel der Stube trug, von oben bis unten grün verkleidet mit Tannenreisern, an denen unzählige Lichtchen blitzten und kleines Backwerk und Schnitze von geräucherten Zungen und Schinken in Menge herabhingen. Ein seidenes Halstuch, in geschmackvollen Knoten geschlungen, war wie ein Siegeskranz an einen Zweig in der Höhe gesteckt, und eine neue Weste breitete unten trophäenartig ihre Flügel aus. Eine schöne rothseidene Schnur aber ging von der Decke herunter und verlor sich in zierlichem Bogen mitten im dunkeln Wald des Reisigs. Baptist schwieg in freudiger Ueberraschung. Er betrachtete vergnügten Blickes die neue Weste und das seidene Halstuch; aber noch mehr beschäftigte ihn die rothe Schnur, die so räthselhaft unter den grünen Aestchen verschwand. Fragend blickte er auf die Base, welche dann bald auch das Räthsel löste, und nach dem Ende der Schnur greifend, aus dem dunkeln Gebüsche einen goldigglänzenden Messingring hervorzog, auf dem in lateinischen Buchstaben die Worte standen: »Zum Vergnügen«. Sie überreichte mit klugem Lächeln dem erstaunten Vetter die strahlende Bescheerung und sagte: »Hiemit, Herr Baptist, könnt Ihr Euch im Ringspiel üben, welches eine gar schöne Unterhaltung ist und Euch viel Zeitvertreib verschaffen wird. Die Kanzleigeschäfte machen gleichwohl zuweilen etwas tiefsinnig, und da ist's gut, wenn man sich zu zerstreuen sucht. So müßt Ihr Euch denn bemühen, diesen Ring so oft als möglich in jenen eisernen Haken zu schleudern, und wenn Ihr einmal etwas Schönes leistet, so werd' ich's an einem Prämium nicht fehlen lassen.« Dieser Abend verging, wie alle Weihnachtsabende bei der Base, in sittsamer Vergnügtheit. Seine Gönnerin holte Bier und Wein aus ihrem Keller. Baptist heimste die leckern Früchte ein, die an den Tannensprossen baumelten, und zuletzt mußte er auch noch das Halstuch und die Weste probiren, welche ihm beide sehr gut zu Gesichte standen. Mit dem Ringspiel indessen wollte es heute nicht mehr viel bedeuten; er versuchte es zwar, aber als er um eilf Uhr nach Hause ging, hatte er noch nicht Einmal in den Haken getroffen. So angenehm im Uebrigen die Zeit verflossen war, so schien ihm seine Ungeschicklichkeit doch nahe zu gehen, wenigstens brummte er auf dem Nachhausewege etwas Weniges über Dieses Ringspiel, das er jetzt zu seinem Vergnügen lernen müsse, und behauptete, die Base habe mitunter doch auch ihre seltsamen Einfälle. Trotz dem ließ ihm aber das Geschenk keine Ruhe: je mehr er darüber nachdachte, desto wahrscheinlicher wurde ihm, daß etwas Besonderes damit gemeint sey, desto geheimnißvoller schien ihm die Absicht der Geberin. Weste und Halstuch verschwanden ganz neben dem messingenen Ringe, und als er eingeschlafen war, träumte er sogar davon. Da kam es ihm nämlich vor, als stände er in der kleinen Stube des letzten Hauses in der Vorstadt vor dem grünen, hellerleuchteten, geschmückten Pfeiler und hielte den Ring in der Hand und begänne zu spielen. Jetzt zeigte er freilich weit mehr Geschick als im Wachen, aber es schien auch viel mehr darauf anzukommen; er selbst stand im schwarzen Fracke und weißer Halsbinde auf seinem Stande und eine feierliche Stimme zählte die Treffer ab. Der Ring flog und flog, und fehlte nie, und die Stimme zählte fort und fort, von zehn bis auf zwanzig, von zwanzig bis gegen dreißig. Und als der Ring zum dreißigstenmale in den Haken fiel, erscholl die Stimme wie mit Trommetenton, rief ihr »dreißig«, und zu gleicher Zeit erhob sich aus dem Tannengesträuche, wie hinter den Scheiben auf den Schießstätten, wenn der Punkt getroffen wird, eine Fortuna in den Landesfarben und überreichte Herrn Schimmelhauser ein Anstellungspatent. Darüber erwachte er, meinte in der Schlaftrunkenheit, es habe sich wirklich so zugetragen und die Fortuna das Schreiben auf den Tisch gelegt, sprang vom Lager, suchte nach, fand nichts, legte sich wieder nieder, schlief abermals und hörte von Neuem wie im Nachhalle die Stimme zählen, den Ring klingen, die Fortuna aufrasseln – kurz, er hatte die ganze Nacht daran zu träumen. Andern Tags erzählte er der Base sein Traumgesicht, und diese bestärkte ihn in der Meinung, daß der Traum etwas habe sagen wollen. Er fand auch unschwer die richtige Bedeutung desselben darin, daß dann seine Anstellung nicht mehr fern seyn werde, wenn er mit dem Ringe dreißigmal hinter einander in den Haken getroffen. Er hatte sich in der ersten Woche schon dergestalt in diese Vorstellung eingelebt, daß er zur großen Freude der Base dem Spiele alle seine Liebe widmete; denn jetzt schien es ja nur von seinen Fortschritten abzuhängen, den lang erschmachteten Moment langsamer oder schneller herbeizuführen. So kam er schon im ersten Vierteljahre fast auf ein Dutzend Treffer, und die Base unterstützte seinen Eifer dadurch, daß sie zuweilen für eine schöne Leistung ein Paket Rauchtabak aussetzte. Manchmal ging es dann allerdings auch wieder rückwärts, auch kamen volle Wochen, wo er keinen Fortschritt machte; aber dessen ungeachtet ließ er sich die Zuversicht nicht rauben, daß er über's Jahr am Ziele seyn werde. Nach dem alten Sprüchworte aber, daß oft im Augenblicke eintrifft, was im Jahre nicht erwartet wird, wollte er gleichwohl seine Vorkehrungen treffen, und so schrieb er an einen alten Schulkameraden, der unterdessen bei der Regierung in der Hauptstadt Registrator geworden war, und bat ihn, er möchte sich die Mühe nicht reuen lassen, und wenn einmal das Regierungsblatt mit seiner Ernennung erschienen sey, dem Postbuben, der die Ordinari brachte, Nachricht davon geben. Dem Postillon aber, welcher alle Tage vor drei Uhr an dem Häuschen seiner Base vorbeirollte, trug er strengstens auf, wenn ihm der Herr Registrator gesagt, daß das Regierungsblatt im Felleisen sey, so solle er von Ferne schon den lieben Augustin blasen auf seinem Posthorn, außerdem aber nichts, damit er nicht irre werde. Unterdessen aber übte sich Herr Schimmelhauser tagtäglich, lernte den richtigen Handgriff und den rechten Schwung und traf hin und wieder schon neunzehn oder zwanzigmal in den Haken. Deßwegen nahm er denn jetzt auch eine neue Regel an und spielte jedesmal nur so lange, als er traf, legte aber den Ring still zur Ruhe, wenn er gefehlt hatte; »denn,« sagte er zur Base, die ihn öfter fortzuspielen bat, »denn es würde doch nichts bedeuten, im Traume ging's auf's erstemal.« Hiedurch wurde denn freilich wieder viele Zeit seines Nachmittagbesuches verfügbar, allein Vetter Baptist brachte jetzt ein neues Geschäft mit, das ihn mit freundlicher Anziehungskraft festhielt. Sein vorzüglichstes Denken und Sinnen war nämlich immer die künftige Anstellung, und wenn er nachgerade auch zu wissen glaubte, wovon sie abhing, so blieb ihm das Ereigniß selbst räthselvoll genug; denn über Monat und Tag des Eintreffens konnte er ja auch jetzt immer nur erst unsichere Vermuthungen wagen. So faßte er denn den Gedanken, dieser Erscheinung mit einer Art von Wahrscheinlichkeitsberechnung, und zwar nicht allein für sich, sondern auch in Beziehung auf die Andern auf den Leib zu gehen, und er freute sich gar mächtig, wie er, wenn einmal die Formel gefunden, jene Hunderte von jungen Juristen überraschen würde, die bisher über diese wichtigste ihrer Angelegenheiten in pfadloser Finsterniß getappt. Baptist machte sich nun allererst daran, die nöthigen Materialien zu sammeln, und bat sich von seinen Kollegen die Listen der Praktikanten, aller seiner Vor- und Nachmänner, nicht allein seines Regierungsbezirkes, sondern, wenn er sie erhalten konnte, auch der übrigen aus. Dann forschte er mit einer Neugier, welche Alle, die ihn kannten und die Ursache nicht wußten, in Erstaunen setzen mußte, nach ihren Noten im Assessorexamen oder in der Praxis. Als er seine Sammlung für vollständig genug hielt, um eine Berechnung darauf bauen zu können, ging er ernstlich mit sich zu Rathe und fiel dann darauf, eine durchschnittliche Praxis des Vorbereitungsdienstes zu sieben Jahren anzunehmen, für die guten Noten einen verhältnißmäßigen Zeitabzug, für die schlechten eine ungemessene Aufrechnung eintreten zu lassen und so für jeden einzelnen Fall die Epoche festzustellen, die den Aspiranten mit dem staatsdienerlichen Degen umgürten sollte. Das war aber nur die Kindheit seiner Lehre. Er fand bald, daß sich auf diese Sätze nur höchst trügliche Schlüsse bauen ließen; denn Mancher, der seiner Berechnung nach über ein Decennium hinausgeworfen wurde, war schon in den ersten Jahren Assessor geworden, und Mancher, der es hätte in den ersten Jahren werden sollen, lebte im achten oder neunten noch in seliger Erwartung. Wenn daher seine Berechnung auch zuweilen eintraf, wie er denn sogar einmal die Freude genoß, den Cyklus eines Bekannten bis auf die Woche und fast bis auf den Tag berechnet zu haben, so stellten sich doch so viele Unregelmäßigkeiten ein, daß er nach neuen Gesetzen forschen mußte. In diesen Tagen warf er nun zufällig einst einen Blick in den Kalender, auf dessen Zeichen er sich sonst nicht übel verstand, und plötzlich war es ihm, als ob er den Versuch machen sollte, ob denn die Anstellungen am Ende nicht von astronomischen Einflüssen abhängig seyen. So kam er darauf, eine Analogie zu finden zwischen jenen ihm bisher unerklärlichen Erscheinungen und den Schalttagen, wobei er freilich einräumen mußte, daß die Intercalaranstellungen eben so häufig seyen, als die Schalttage selten. Oft sogar, in einer oder der andern Epoche, schienen jene milchstraßenartig durch das Regierungsblatt zu ziehen, und die berechenbaren Erscheinungen traten fast ganz zurück. Nun wurde es also seine Aufgabe, die zyklische Wiederkehr jener Epochen selbst zu erforschen, und da fielen ihm denn die Wendekreise des Krebses und des Steinbockes ein, und er glaubte wirklich durch lang fortgesetzte Beobachtungen in seinen astronomischen Annalen – den Praktikantenlisten und den Regierungsblättern – gefunden zu haben, daß die Sonne der Anstellung ebenfalls diese Gesetze anerkenne, und sich epochenweise in der intercalirenden vorwärtsspringenden Manier des Steinbocks oder in der stillen, rückwärtsgehenden Weise des Krebses verhalte. Für die Theorie mochte diese Entdeckung ein großer Fortschritt seyn, aber für die Praxis war nichts damit gewonnen, ja die Bestimmung der einzelnen Fälle war eher schwankender geworden; denn um jetzt ein Horoscop zu stellen, mußte man vorerst wissen, daß die Sonne zur Zeit des Eintreffens im Krebse stehen würde – die Steinbockanstellungen schienen noch immer völlig räthselhaft – und diese Gewißheit war durchaus nicht mathematisch herzustellen, da alle Berechnungen über die Dauer und Wiederkehr dieser Perioden noch zu keinem Resultate geführt hatten. Auf diesem Punkte stand die neue Wissenschaft des Herrn Schimmelhauser, als er eines Abends im goldenen Löwen den Assessor die gewagte Meinung äußern hörte, der Praktikant Schnellfischer habe seine frühe Anstellung seinen Connexionen zu verdanken. »Connexionen?« fragte Schimmelhauser. »Was hat denn der junge Mann für eine Note?« »O, mein Gott,« fiel der leichtsinnige Herr von Stritzel lebhaft ein, »ich muß lachen, so oft ich von den Noten höre. Dem Minister sein Vetter hat die letzte Note im Examen, ist doch vier Wochen darnach angestellt worden, der arme Teufel, weil man ihn mit den fünftausend Gulden, die seine Güter tragen, nicht verhungern lassen kann. Und in meinem Fach – der Forstpraktikant Eichelhuber ist ein ganz besonderer Lutheraner gewesen – hab' ihn oft plärren hören am Sonntag in seiner Kirche – ist schnell katholisch worden und gleich auch Forstmeister. Jetzt fängt er die Moosschnepfen mit dem Rosenkranz und schneidet den Namen Jesu in alle Zwetschgenbäume. Der Geometer Winkelhauser hat die alte Tochter vom Direktor Simpelmaier geheirathet – das ist ein Jugendfreund von einem Hochgestellten, den ich auch noch nenne, wenn ich einmal Zeit habe. Ach, was die beiden Biedermänner in ihrer Jugend, so lange es die Knochen ausgehalten, für Unschuld und Tugend, für Religion und Sittsamkeit geleistet haben – ach, das glaubt man nicht – man dürfte es vielleicht auch gar nicht sagen. Jetzt ist der Geometer Bauinspektor und hat gleich Urlaub bekommen auf anderthalb Jahr, damit er zuerst noch den neuen Baustyl studiren kann. Jetzt wird er wahrscheinlich auch lernen, wie man einen Ziegelstein und ein Chokoladetäferl auseinanderkennt; denn bisher hat er's kaum gewußt. Und im letzten halben Jahre sind ja fast nur lauter Cavaliere im Regierungsblatt gestanden, gleichsam als sollten die Andern, die studirt haben, lauter Pflasterer werden. Drum muß ich lachen, wenn einer sich was einbildet auf seine Note. Da sollte man lieber die ausgezeichneten Männer, welche unglücklicher Weise die letzte Note haben, die bekehrten Ketzer, die Barone und die Schwiegersöhne, die sollte man alle Jahre zuerst vorweg versorgen und die gemeinen Leute sollte man nachher würfeln lassen, um das, was überbleibt – da hätte es doch Jeder in der eigenen Hand.« »Aber,« sagte Herr Schimmelhauser sich selbst vergessend, »da könnte man ja gar nichts mehr berechnen!« »O, edler Freund!« erwiederte Herr von Stritzel, »mit dem Einmaleins ist da ohnedem nichts auszurichten. Aber Connexionen, wenn du hättest, mein Schimmelhauser, oder Baron wenn du wärst, oder Schwiegersohn, oder lutherisch, daß du dich bekehren könntest, da wärest du in vierzehn Tagen vielleicht Regierungsrath.« »So, so!« sagte Baptist, »da könnte ich übrigens noch am ehesten lutherisch werden. Das Beichten und die Fastenspeisen möcht' ich leicht entbehren – Cavalier dagegen und Schwiegersohn, ich wüßte nicht, wie das zu machen wäre.« Dieses Gespräch, das sich noch länger fortspann, eröffnete unserm Freund eine neue Welt von Anschauungen. Er erkundigte sich weiter, forschte und erfuhr zu seiner Beschämung, daß außer den Noten und Wendekreisen noch gar manche Elemente Einfluß hätten, die ihm bisher unbekannt geblieben, wie z. B. vor Allem diese Connexionen, worunter man Verbindungen mit hochgestellten Personen verstehe, oder auch der Patriotismus, was die richtigen politischen Ansichten bedeute, oder gute Sitten, worunter allerlei begriffen sey. Herr Schimmelhauser lauschte in größter Ueberraschung diesen Offenbarungen, beschloß aber auch gleich sie nutzbringend zu machen, und fragte unter Zuhandnahme der letzten Regierungsblätter bei Allen, die etwas davon wußten, aufs Angelegentlichste darnach, was dieser oder jener der jüngst Angestellten für Connexionen, was für Patriotismus, was er für gute Sitten habe, ob er von Adel, Schwiegersohn, lutherisch sey, notirte sich auch gleich die Erhebungen, und trug sie, schwarz auf weiß nach Hause, sinnend, vergleichend, rechnend. Jetzt kam es also darauf an, für diese Einflüsse die Ziffer zu finden. Dieß kostete eine Unzahl von Gleichungen, die immer und immer mit andern Unterstellungen wiederholt wurden und immer keine Ergebnisse lieferten, die für alle Fälle paßten, obgleich unser Freund auch die Durchschnittsdauer der Vorbereitungszeit einer neuen Prüfung unterworfen und gefunden hatte, daß sie nicht, wie er bisher angenommen, sieben runde Jahre, sondern sieben Jahre und hundert dreiundsiebzig Tage betrage, obgleich er jetzt endlich auch für besonders ausgezeichnete Schnellanstellungen die Kategorie der Kometen eingeführt. Schimmelhauser fand sich in einem schrecklichen Irrsal von schwankenden Ziffern, von unbekannten Momenten und rätselhaften Einflüssen, und wenn er früher nur mit Noten gerechnet hatte, so hatte er jetzt nicht allein diese, sondern auch Intercalarzeiten und Wendekreise, Connexionen, Adel, Schwiegersohnschaft, Conversionsfähigkeit, Patriotismus und gute Sitten in den Calcul zu ziehen, der, je näher er ihn dem Ziel glaubte, desto unsicherer wurde. Unwirsch schlug er sich oft vor die Stirne und blickte mit großen Augen gegen den Himmel – was er sonst nie gethan hatte – so daß die Base sich an solchen Zeichen entsetzte und bald anfing, mehr von dieser Zerstreuung zu fürchten, als sie je von seinem stillen Gram besorgt hatte. Oefter und öfter sprach sie ihm zu, von den überschwierigen Intercalarzeiten, den unbegreiflichen Wendekreisen, von dem unberechenbaren Patriotismus, den geheimnißvollen Connexionen, und den allem Calcul widerstrebenden guten Sitten, von diesen und allen andern Bedingungen abzulassen, für sich und seine Duldungsgefährten die endliche Erlösung in Ruhe zu erwarten und vor der Hand sein Glas Bier in aller Gemütlichkeit zu trinken; aber er war taub für ihren guten Rath. »Es muß noch heraus,« sagte er, »es muß Gesetze geben, nach denen die Staatsdienstaspiranten ihre Bahnen abmessen; denn das werdet Ihr doch nicht läugnen wollen, Base, daß sie natürliche Körper sind, und wenn Ihr so viel einräumt, so müßt Ihr auch zugeben, daß sie ihren Gesetzen unterworfen sind, denn die Natur hat ihre festen Normen.« So rechnete er fort und fort, alle Tage anderthalb Stunden, legte für jeden der erkundschafteten Concurrenten einen eigenen Bogen an, und ein eigenes Heft für den generellen Calcul, hatte schon ganze Bücher Papier verschrieben und kam immer nicht darauf. Was bei zweien und dreien eingeschlagen hatte, das erwies sich am vierten als falsch; was bei diesem und einem andern als nöthige Annahme sich aufdrang, das paßte für die Uebrigen nicht. Ein Anderer wäre verzweifelt, Herr Schimmelhauser rechnete aber nur immer emsiger. Manchmal traten dann auch neue Phasen ein, aber nur um das Chaotische seiner Emulationen zu vermehren; einmal wollte er den Glauben an die Wendekreise fahren lassen, ein andermal den Gedanken an einen Einfluß der Noten; aber mit dem nächsten Regierungsblatt wollte es ihn gar wieder anwandeln, als habe er wahrscheinlich noch lange nicht Alles hereingezogen, was die Erscheinung bedinge, und zuletzt wollte er sogar auch dem Mondscheine eine Einwirkung übertragen, und war eifrigst bemüht, die Modalitäten und die ihnen entsprechenden Ziffern zu ergründen. Mittlerweile war Herr Schimmelhauser etliche vierzig Mal »erstorben« und siebenunddreißig Jahre alt geworden, und Weihnachten war wieder herangekommen. Am Vorabende dieses Festes saß der Vetter bei der Base und rechnete, ging dann in die Kanzlei und arbeitete, ging nach Hause und schrieb, ging wieder zur Base und freute sich an den neuen Angebinden, Alles wie sonst; aber in der Nacht hatte er einen Traum. Er sah sich wieder wie in jener Christnacht vorm Jahre in schwarzem Fracke und weißer Halsbinde mit dem glänzenden Ringe in der Hand, und es kam ihm vor, als spiele er wieder und treffe unausgesetzt, und daneben hörte er zum zweitenmale jene feierliche Stimme, die bis auf dreißig zählte, worauf dann abermals jene landesfarbige Fortuna in die Höhe fuhr und ihm jenes ersehnte Anstellungspatent wirklich überreichte, mit einem feierlichen Spruche, über dem der Glückliche erwachte. »Gratulire, Herr Schimmelhauser, zum Christkind!« sagte er zu sich selber. »Der heutige Nachmittag scheint ein gewisses Regierungsblatt bringen zu wollen, in welchem ein gewisser Schimmelhauser Assessor wird.« In ganz heiterer Stimmung zog er sich an, ging in die Kirche, in die Kanzlei, zu Tisch und dann zur Base. Heute war ihm die Zeit, bis er das kleine Vorstadthäuschen betreten konnte, länger geworden, als je. Kaum eingetreten, riß er auch seine Hefte heraus und setzte sich darüber. Er fing an zu rechnen, nahm die Durchschnittsdauer der Aspirantenlaufbahnen als Basis, setzte einen Krebsstand der Sonne voraus, brachte den Mangel der Connexionen, des Adels, der Schwiegersohnschaft, der Conversionsfähigkeit, das Vorhandenseyn des Patriotismus und der guten Sitten in Anschlag, ließ seine Note gelten, was sie nach einzelnen bewährten Fällen gelten konnte, rechnete, rechnete abermals und zum dritten Male, und siehe da, es fand sich, daß sich heute seine Praktikantenlaufbahn schließen müsse. »Victoria,« rief er der Base zu, »meine Planetenbahn ist zu Ende, und heute werde ich wirklicher Assessor! Ich habe mich ganz deutlich herausgerechnet und habe auch wieder einen Traum gehabt. Es kann nicht fehlen.« Die Base war mehr geneigt, auf seine Visionen ein Gewicht zu legen, als auf die Rechnung, hörte übrigens seiner Erzählung aufmerksam zu und meinte wohl auch, jetzt könne der Assessor nicht mehr lange ausbleiben. Herr Schimmelhauser ging nun aber zur schwierigsten und zuverlässigsten Probe seiner Erwartungen, zum Ringspiel, über. Es verdient hier bemerkt zu werden, daß bis dahin achtundzwanzig Treffer das höchste war, wozu er es gebracht hatte, und dieß war ungefähr vor einem Vierteljahre vorgekommen, zu einer Zeit, als eine Assessorstelle in Schierlingsstetten leer gewesen, auf die der Ring also wünschelruthenmäßig hingedeutet. Seitdem war er immer wieder nur in den Anfängen der Zwanziger geblieben; heute aber fiel der Ring achtundzwanzigmal in den Haken. »Achtundzwanzigmal,« rief Baptist laut aus, »achtundzwanzig, Base! 's ist wieder etwas ledig, aber ich krieg's gewiß wieder nicht.« Der Ring flog abermals. »Neunundzwanzig!« »Neunundzwanzig!« wiederholte die Base. »Herr Gott!« rief der Vetter, »das muß etwas bedeuten. Bestimmt lieg' ich im Kabinet zur Unterschrift, bin vielleicht schon unterschrieben; denn wie ich sehe, habe ich ja auch den schwarzen Frack und die weiße Halsbinde an, wie im Traume. Aber, liebe Base, seyd doch so gut, und holt mir, da es so wichtig ist, noch eine Halbe. Ich muß einen frischen Trunk zu mir nehmen, ehe ich den letzten Schuß thue.« Der Trunk war gethan und Schimmelhauser griff wieder in großer Bewegung nach dem Ringe. »Also, woll's Gott, zum letztenmale!« – Der Ring löste sich aus seiner Hand, flog in schönem Bogen auf den Pfeiler zu – er hat's, er hat's – der Haken klingt, der Ring dreht sich, drin hängt er. »Dreißig, dreißig!« schrie der Glückliche, und zu gleicher Zeit hörte man von Ferne, wie ein Posthorn lieblich sang: »Ei, du lieber Augustin.« – »Nun, Base, reißt die Thüre auf! ich bin Assessor!« Er stürzte hinaus; der Postbube kam in starkem Trabe herangefahren, winkte fröhlich mit dem Schnupftuch und rief vorbeirollend: »Ich hab's, ich hab's!« Herr Schimmelhauser setzte sich in Bewegung, nahm die Schöße seines Fracks in die Hände und raunte dem Postillon im gestreckten Lauf nach, so daß seine Taschen, worin er Pfeife und Tabaksbeutel verwahrte, hinten entsetzlich aneinander schlugen. Dabei hörte er nicht auf zu rufen: »Hast du's, hast du's?« und der Bube antwortete eben so oft: »Ich hab's, ich hab's!« und weil Jeder früher in den Posthof einlaufen wollte, so schlug der Eine immer hitziger auf sein Pferd los, während der Andere immer größere Sprünge machte, wobei sie sich immer anlachten und zuriefen. Diese Erscheinung erregte in der Hauptstraße, durch welche sie rannten, ein ungewöhnliches Aufsehen. Da man Herrn Schimmelhauser seit seinen Jünglingsjahren stets nur im ruhigsten Schritte hatte durch die Gassen wandeln sehen, so entstand in allen, die ihn jetzt wie einen Bolzen dahinfliegen sahen, der Gedanke, es müsse etwas Großes sich ereignet haben. Alle Fenster gingen auf und wer nicht durch Unverschiebliches verhindert war, eilte der Post zu, um die Neuigkeit zu erfahren. Auch die Schule war um diese Nachmittagsstunde geschlossen worden und die Jugend folgte in Schaaren den angeseheneren Leuten. So drängten sie alle zusammen, gespannt und der Dinge gewärtig, in den Posthof, wo sie den Herrn Praktikanten wieder fanden, halb erlegen von seinem Laufe, in den Armen des Postmeisters, der ihm unaufhörlich gratulirte. Vor ihm stand der Postillon und feierte das Ereigniß, indem er seine Peitsche einmal um das andere über dem Haupte des Glücklichen mächtig knallen ließ. Mitunter klopfte er sich fast hochmüthig auf die Brust und rief: »Sind schon Viele in die Stadt gefahren, hat's doch noch keiner gebracht, als ich.« Herr Schimmelhauser, der allmälig den Athem wieder ruhiger kommen fühlte, hob das Regierungsblatt, das er mittlerweile erhalten hatte, von Zeit zu Zeit hoch in die Luft, und lispelte Anfangs leise, dann deutlicher: Assessor! Es bedurfte aber nur dieses einzigen Wortes, um die versammelte Menge über die interessante Lage aufzuklären, in welcher sich Herr Schimmelhauser befand. Die Männer des Städtchens umringten ihn glückwünschend, händeschüttelnd und behaupteten, so hätte es noch Keiner verdient, während die Jugend ihn mit Erstaunen, ja mit Bewunderung ansah. So hatte der neue Assessor Mühe zu Worte zu kommen und zu sagen: »Ich danke, meine lieben Herren, aber die Hauptsache ist jetzt, daß es die Base zur rechten Zeit erfährt, denn sonst nimmts sie's übel und dann ist der heutige Tag verpfuscht. Wenn nur einer da wäre,« sprach er ungehört weiter, »der ihr die Botschaft langsam beibrächte, denn ich fürchte immer, die große Freude möchte ihr schädlich werden.« Nachdem er so gesprochen, schlug er den Weg zur Vorstadt ein. Wer bisher um ihn gewesen, begleitete ihn, wer die neue Mähr erst jetzt erfuhr, der schloß sich dem Zuge an. So kamen sie zum Hause der Korbmacherin, welche ahnungsvoll zu Hause geblieben war. Sie hatte nicht gewagt, dem Vetter in seinem Laufe zu folgen, weil sie dachte, am Ende möchte es etwa nur ein loser Streich des Postbuben seyn und sie zum Gespötte der Städter werden. Nun aber war's ihr wonnige Gewißheit, und um auch die letzten Zweifel zu heben, gab ihr Baptist fröhlich die Hand und sagte: »Ja, Base, jetzt bin ichs, gerade wie es nach der Planetenberechnung hat herauskommen müssen.« Die Base stand vor den Augen der angesehenen Bürger, welche ihren armen Vetter bis in ihre entlegene Stube begleitet hatten, so verschämt, daß sie keine Worte fand, um ihren Empfindungen Ausdruck zu geben. Verlegen ging sie aber an den Schrank, öffnete und hob einen Uniformshut heraus, den sie lange vorher in ihrer Liebe auf der Versteigerung gekauft hatte, die nach des Aktuars Schlingelmann Hinscheiden gehalten worden war. Den hatte sie bereit gelegt für den großen Tag, wo ihr Vetter ihn selber würde tragen dürfen, aber ihm hatte sie nie ein Wort davon gesagt. Rasch schritt sie nun auf den Assessor zu, gab sich einen Schwung und setzte ihm den Hut auf den Kopf, indem sie unter Thränen sprach: »Gesegn' es Gott!« Mittlerweile hatten sich auch der Dekan und der Bürgermeister auf der Gasse begegnet, und da in der Stadt Alles wußte, daß der neue Assessor jetzt bei der Korbmacherin draußen sey, waren sie unverweilt dahin gegangen. Auch sie traten glückwünschend ein und der Bürgermeister meinte, es sey eine Ehre für die ganze Bürgerschaft, daß jetzt einmal ein Bürgerssohn königlicher Beamter geworden, und nur zu bedauern, daß der alte Schimmelhauser diesen Tag nicht mehr erlebt. Der Herr Dekan aber sagte, es wäre unmöglich gewesen, wenn nicht eine höhere Hand es gemacht hätte. – Indessen mahnten gewichtige Stimmen, es sey wohl Zeit auch ins königliche Landgericht zu gehen, um dem Herrn Landrichter die Botschaft und das Regierungsblatt zu überbringen. Man fühlte, daß dies vor Allem geschehen müsse, und so zog Herr Johann Baptist Schimmelhauser, schon von ferne kennbar durch den neuen Uniformhut, geführt von dem Dekan, welcher links und dem Bürgermeister, welcher rechts ging, in würdigem Schritte aus der Vorstadt in die Stadt. Die andern Bürger wandelten hinter den drei Honoratioren und nach ihnen trippelte fröhlich die heitere Jugend. Die Knaben jubilirten und schrien Vivat; ja selbst die Mädchen hüpften zuweilen einzeln über den Bürgermeister oder den hochwürdigen Dekan vor, nickten Herrn Schimmelhauser ins Gesicht und sagten lächelnd: Wünsch' Glück, Herr Assessor! Der Herr Landrichter hatte wohl schon etliche Zeit vorher die Kunde vernommen, allein da es ihm in seiner Pflicht zu liegen schien, das Ereigniß durch eine, wenn auch kurze Rede zu feiern, so war er des kleinen Zeitvorsprungs ziemlich froh und ging mit großen Schritten in seiner Kanzlei auf und ab, einen kleinen Leitfaden über Redekunst in der Hand, denkend, sinnend, grübelnd. Endlich nahte der Zug. Der Gerichtsvorstand trat in feierlicher Weise ihn zu empfangen auf die Vortreppe seines Amtsgebändes und sprach kurz aber erhebend zu den Versammelten, während Herr Schimmelhauser in weihevoller Beklommenheit unter dem Uniformshute zuhörte: »Schon längst ist es mir in meinen Träumen vorgegangen, daß wir am Vorabend wichtiger Ereignisse stehen. Wer hätte es je gedacht, daß ein Bürgerssohn aus diesem unbedeutenden Städtchen der Collega eines königlichen, ja überhaupt nur eines Landrichters werden könnte? Und was sehen wir jetzt, meine geliebten Zuhörer! Steht er nicht vor uns, der vor Kurzem noch geprüfter Rechtspraktikant war, steht er nicht vor uns, wie er leibt und lebt und auch bereits in seinem Uniformhute? Er aber verdankt das Glück nur seiner Ausdauer, denn wie hätte das Auge des allegeliebten Landesfürsten auf ihn fallen können, wenn nicht seine Zeit gekommen wäre, welche alle Schmerzen heilt? Und wie oft geschieht es nicht, daß das Talent schon früh ausgeht und doch bis zum Abend seines Lebens keine Anerkennung findet? Du aber, hochgeehrte Schuljugend, nimm Dir ein Beispiel an dem, was Du heute siehst! Euch Knaben wird es ein Sporn seyn, eure Schritte zu verdoppeln, um recht bald dasselbe hohe Ziel zu erreichen, und ihr, geliebte Mädchen, werdet euch einst glücklich schätzen, in den Armen eines solchen Mannes zu ruhen. Sie aber, Herr Assessor, Johann Baptist Schimmelhauser, treten Sie jetzt mit beiden Füßen herein in den Kreis der Würdenträger, denen die wohlverdiente Aufgabe geworden ist, ein unkultivirtes Volk zu den höchsten Gütern der Wissenschaft und der Kunst durch Lehre und eigenes Beispiel zu erziehen. Und nun thun wir, was uns nach unsern schwachen Kräften noch übrig bleibt, bringen wir ein Hoch dem Allerhöchsten aus, denn man mag sagen, was man will, er ist denn doch der Landesvater!« Der Helden Jugend. Dies ist das erste Kapitel eines Romans, den der Verfasser vor langen Jahren zu schreiben gedachte, aber bisher nicht vollendet hat. In Süddeutschland liegt eine kleine Stadt, nicht ferne vom Gebirge, am Gestade eines grünen Stroms, in einer heitern Gegend. An diesem Orte lebte vor manchen Jahren ein angesehener Würdenträger aus guter, alter Familie. Er hatte zu seiner Zeit ein adeliges Fräulein geehlicht, das ihm zwar keine Schätze, aber bald einen braunlockigen Knaben einbrachte, den die Aeltern um so inniger liebten, als er das einzige Kind des Hauses blieb. In der That hatten sie auch viele Freude an dem Jungen. Es war eine stille, innerlich geschäftige Natur, äußerlich zumeist in seltsame Fährten verloren, dabei jedoch oft Laut gebend von einem geheimen Leben, das die Aeltern nicht verstanden, aber bewundernd ahnten. So merkten sie bei vergehender Kindheit mehr und mehr, wie der Knabe Haus und Garten und die altertümlichen Gassen für sich eigens erbaute und ergrünen ließ und einen Flor von Dichtung darüber warf, der zu schön war, um kindisch zu heißen, und als er mit zunehmenden Jahren öfter und öfter vor die Thore kam, so hatte er auch sein eigenes Schauen für die Landschaft, und der Wiesenbach, der Wald und das Hochgebirge waren Dinge, die ihm offenbar mehr bedeuteten als den anderen Leuten in dem Städtchen. Der Landrichter von Bolzen bewohnte ein landesfürstliches Haus, das, vor Jahrhunderten als festes Schloß zu Schutz und Trutz erbaut, noch den gothischen Giebel, die dicken Wände mit schmalen Fenstern, im Innern dunkle Gänge, hinter sich aber einen lachenden Burggarten hatte, der zwischen bezinnten Mauern in sicherm Verschlusse lag. Er endigte in einem halbverfallenen Thurm, aus dessen Schießscharten man über Wies' und Feld auf ferne Dörfer sah, deren spitzige Kirchthürme über den Wäldern erglänzten, während am Horizonte die Alpen mächtig hinabzogen. Es war dem Knaben lieb, wenn er oben im Vaterhause auf dem bretternen Speicher, der manches sonderbare Geräth, manch' altverbrauchtes Zeug bewahrte, wenn er da einsam und vergessen von dem Giebelfenster hinunter schauen konnte auf die schwarzen Dächer der Stadt, wo verschiedene heimliche Hofstätten erschienen, mancher hölzerne Gang, den er unten nicht mehr finden konnte, wo unbekannte Männer und Frauen wandelten und oft halbverhallende Stimmen herüberklangen, die er nicht verstand, wo er weit über das Land hinsehen und den Alleebäumen nachgehen konnte, bis sie auf fernen Hügeln verschwanden, wo entlegene Weiher glänzten und hohe Wälder dunkelten, hinter denen er sich die Fremde dachte. Auch freute er sich oft in den finstern Gängen seines Schlosses, die von seinem Fußtritte erschallten und seine Stimme in starkem Wiederhalle zurückgaben, an den alten schwarzen Bildnissen, deren Namen Niemand mehr wußte – er glaubte, es wären verstorbene Kaiser der deutschen Nation. Neben ihnen hingen auch noch hin und wieder alte Pickelhauben oder ein verrostetes Schwert aus vergangenen Zeiten, die ihm aber noch immer zu groß und zu gewichtig waren, so oft er sie auch versuchte – mit der Zeit, war seine Hoffnung, würde er auch noch hinein wachsen. Und so saß er auch manche Abendstunde in den Fensterbrüstungen auf den eingemauerten Bänken und blickte in die stillen Gassen hinunter, spähend, als erwarte er eine wichtige Begebenheit – aber lieber als dies Alles war ihm der alte Thurm an der Stadtmauer, der in der Ecke des Gartens stand, und zwar da, wo die Bäume immer mächtiger wurden, das Gras immer höher und die Haselbüsche immer dichter. Auch der Epheu zeigte hier den reichsten Wuchs und wand sich an dem morschen Treppengeländer hinauf und über dem Dache spielten die leichten Ranken im Winde, wobei der Wetterhahn zuweilen seltsam knarrte. In diesen Thurm verlegte Jörg seine Kinderstube; da las er seine ersten Bücher und träumte seine schönsten Träume. Da schleppte er allerlei zusammen, was ihm werthvoll dünkte, Geschichten blondhaariger Ritter, die Beschreibungen fernem Länder, alte schmuckreiche Landkarten und die herrlichen Leiden Robinson's. So stieg er am Abend immer hinauf in sein Thurmstübchen und las, oft weinend, oft in lautem Jubel, in seinen alten Historien oder in den Erzählungen von der Neuen Welt. Abwechselnd lag er dann auch über den vergilbten Landkarten und betrachtete die großen Städte, wie sie mit ihren eckigen Bastionen an den Flüssen liegen oder an der See. Da weilte sein Blick gern auf Köln am Rhein, oder auf Danzig in Polnisch-Preußen, oder auf Augsburg am Lech im Herzogthum Schwaben. Er meinte in ihre Gassen hineinzusehen und das Volk gewahr zu werden, wie es ehrenfest und mannhaft mit leisem Summen darin herum wimmelte. Er erschaute die ehrenfesten Patricier, die aus dem Rathhause kommen, die schönen Frauen, die aus der Kirche gehen und wenn sein Auge auf die niederländischen Städte fiel, so glaubte er den Freiheitsdonner der Kanonen zu hören aus dem Kriege gegen den spanischen Philipp. Dann betrachtete er auch die schwarzen reißenden Ströme, die durch den großen Bogen hinrieseln, bis sie sich ins Meer stürzen, wo die Delphine spielen und die holländischen Fregatten mit grüßenden Schüssen vorübersegeln. Er wäre ihnen gern nachgezogen in den großen Ocean und über diesen hinüber, um in der Neuen Welt zu landen, zu Valparaiso in Neuspanien. Nebenbei dachte er sich oft als Einsiedler in einem warmen Lande mit einer Hütte an der Felsenwand und einem Garten von Palmen und Brodfruchtbäumen, unter denen sich seltsame Blumen wiegen und vertraute Lama's weiden. An den Garten stieß der Urwald und durch die Palmen sah man auf das Meer, an dessen anderm Ufer seine Heimath lag. Zuweilen dachte er sich auch in den sonnigen Orient und ritt auf arabischem Hengste mit den Karavanen nach Mekka, oder er meinte, er ziehe im Lande Hindostan als indischer Fürstensohn auf weißem Elephanten über den Bazar zu Madras. Er liebte sein Vaterland, die alten Herzogthümer, die großen Ströme, die mächtigen Städte, die ehemaligen Kaiser und die deutschen Ritter, aber doch gab er Allem ausländische, ferne Namen. Die Flur seiner Geburtsstadt nannte er das Thal von Quito und die beschneiten Alpen hieß er die Cordilleras de los Andes. Wenn er aber nicht auf den deutschen Strömen hinunter ruderte, so träumte er sich ins Gebirge, wo die stille Herrlichkeit der Gletscher ruht und weit hinten im Forste die ewigen Quellen entspringen und von dort schlug er sich durch Drachen und böse Greifen seinen Weg hinunter nach Italien, in die grünen Ebenen der Lombardei und zog hinab im Gefolge des großen Barbarossa durch die Mark Ancona, um in Apulien auszuruhen, im paradiesischen Tarent. Selige Stunden, die der Knabe an seiner Schießscharte verlebte, im Thale von Quito, am Fuße der Cordilleras, im neunten, im zehnten, vielleicht auch im elften Jahre seiner Jugend! Doch saß er nicht immer gedankenvoll auf seiner Warte, sondern oft auch trug er seine Träume herunter in den Garten und webte die Lilien und die Rosen hinein, die da an der Mauer hin erblühten. Er dachte oft, wenn nur Eine verzauberte darunter wäre, legte sich ins Gras und beobachtete ihr Walten, ihr leises Regen in dem Winde. Er gab ihnen Namen, nannte die Rose Florismund, die Lilie Blancheur und lauschte, ob der Rosenprinz nicht zum Lilienfräulein spreche. Auf dem Bache aber, der hell und klar in ungedämmtem Bette durch den Garten floß, erbaute er seine Flotten und richtete manchen schönen Hafen ein für seine Galeeren, die er aus dicken Tannenrinden geschnitten hatte. Auch gab er dem Gewässer wieder jene klingenden fremden Namen, bei deren Klange seine Sehnsucht mitklang und zuweilen ließ er eine Galeere mit vollen Segeln auf dem Bache fortwogen, der sie dann durch die Wiesen in den Strom trug. Wenn so das Schiff mit fliegenden Wimpeln durch Hochburgund und Aragonien dahinzog, sagte er zu sich selber, es geht nach den Inseln der Seligen. Er wäre zu gern Admiral gewesen, um in den Indischen Ocean zu schiffen und ins Stille Meer oder um die Schlacht von Lepanto zu schlagen oder den bedrängten Rhodisern zu helfen, die ihm so herrlich vorkamen auf ihrer asiatischen Insel. Es konnte ihn sehr inniglich betrüben, daß die alten Ritter untergegangen bis auf die großen Grabsteine in der Pfarrkirche, wo sie kniend ausgehauen waren; aber manchmal dachte er, er könnte doch noch einer werden und dann ging er hin und nahm seine Armbrust, lehnte sich an die Gartenmauer und schoß einen Pfeil hinaus durch den Epheu in das Abendroth, um Alles zu vertilgen, was schlecht und niederträchtig auf dieser Erde. Von allen diesen Dingen wußte der alte Herr von Bolzen sehr wenig und seine Gemahlin nicht viel mehr. Sie sahen zwar, wenn sie etwa in den Thurm hinaufstiegen, die Bücher und die Landkarten des Knaben, aber er hat ihnen nie gesagt, daß die Ebene um seine Vaterstadt das Thal von Quito und die Tirolerberge die Cordilleras de los Andes seyen. Auch bemerkten sie wohl seine Schiffe in dem Gartenbache und die Mutter gab ihm zuweilen verschiedenes Zeug zu ihrer Betakelung, aber sie hatte keine Ahnung davon, daß von Zeit zu Zeit eine Galeere nach den Inseln der Seligen segle. Etwas Näheres hätte vielleicht des Amtmanns Marie, Jörg's Schulfreundin, erfahren können, allein sie erkundigte sich nicht darum. Ihres Vaters Garten stieß an den des Landrichters und manchen schönen Sommerabend, wenn sie auf die Scheidemauer gestiegen war und in die Bäume hineingerufen hatte: Jörg, wie geht's! erschien dieser, reichte ihr die Hand, ließ sie in sein Gebiet herunterspringen und ging dann mit ihr an dem Bache lustwandelnd auf und ab. Dabei sagte er ihr, sie sey eine Prinzessin oder ein Ritterfräulein und hieße Bertha von der Reismühle oder Rosamunde von Plantagenet oder Theophania von Byzanz. Auch sprach er zuweilen verschiedene unbekannte Sprachen mit ihr, die er selber nicht verstand, die sie aber sehr gern zu hören behauptete. Ebenso nannte er ihr die Namen aller seiner Galeeren, allein wenn sie auch da war, zu den Zeiten, als wieder ein Segel nach dem fernen Ocean entsandt wurde, er sagte ihr nicht, wohin es bestimmt war, und auch nicht, was er in den Brief geschrieben hatte, der für seinen überseeischen Freund darin lag. Hätte sie ihn gefragt, sie konnte es vielleicht erfahren, allein sie war nicht neugierig. Eines Abends aber, als Jörg auf den Ruf ihrer Stimme aus seinem Dickicht heraustrat, sah er auf der Gartenmauer neben Marien noch eine andere jugendliche Gestalt, welche er freundlich einlud herabzuspringen, während er selbst der Dame ritterlich seine Hand bot. Diese sagte, ihr Begleiter sey des Försters Erstgeborener, mit Namen Kunz, dem sie so viel Schönes von seinen Galeeren erzählt, und der nun gekommen sey, sie zu sehen. Vor jungen Leuten hatte Jörg keine Scheu; er nahm den Knaben an der Hand, führte ihn durch die Laubgange, welche er ihm als Urwald bezeichnete, zu seinen Wässern und zu seinen Flotten und erklärte ihm das Meiste ohne Rückhalt. Er sagte ihm, dies sey der Strom Guadalquivir, welcher von verschiedenen seefahrenden Nationen umwohnt werde. Dort unter den Apfelbäumen läge Hochburgund, die Freigrafschaft, und da an den Haselsträuchen sey das Reich Aragonien. Unter dem Schutze dieser Krone habe er hier einen Hafen angelegt, welchen man Tartessus heiße, weiter oben aber den Platz zu einer Stadt ausgesteckt, welche wegen ihrer gesunden Luft Buenos-Ayres genannt werden würde. Seine Flotte ferner sey die ansehnlichste in diesen Meeren und er unterhalte damit Verbindungen bis in den Ocean. Als des Försters Kunz diese Dinge hörte, fingen seine Augen an vor Freude zu glänzen. Er sagte schüchtern, auch er habe schon in Büchern gelesen, wo von solchen Geschichten die Rede sey, was ihn bei Jörg so sehr empfahl, daß ihm dieser eröffnete, er brauche nachgerade einen Admiral und wollte ihm gern diese Stelle verleihen. Försters Kunz empfing die Würde mit hohen Freuden und hat sie von dem Tage an mit Ehren getragen. Es war viel Kunstsinn in dem jungen Admiral. Schnitzen und Zimmern verstand er weit besser als sein Herr und Meister und sein Vater hatte auch das schönste Werkzeug dazu. So stellte er bald in dem Hafen zu Tartessus statt der Rindenflotte, die er einst feierlich verbrannte, ein kleines Geschwader aus, das seemännisch hergezimmert war – weitbäuchige Schiffchen, schwarz angestrichen, innerhalb kalfatert, die Masten und das Takelwerk in schönster Ordnung. Auch die Waffen zu Schutz und Trutz mußten spüren, daß ein tüchtiger Schmied über sie gekommen. Die Schwerter legten sich besser in die Hände. Helm und Schild wurden zierlicher. Die Knaben verstanden sich immer mehr und hielten immer fester zusammen. Was Jörg oben im Thurme ersonnen hatte, das führte Kunz unten im Garten aus. Manche Stunde aber saßen sie in der Thurmstube ruhig nebeneinander oder an einer Schießscharte des Gartens und schauten auf das Thal von Quito hin, über dem die Sonne unterging, sprachen dabei von den Reichen jenseit des Oceans, von Valparaiso und von ihrer Insel in der Südsee, oder sie wünschten sich hinüber auf die andere Seite der Cordilleras de los Andes, und meinten, wenn jetzt die Zinnen von Ravenna oder von Tarent so schön im Abendroth glänzten, da müßte es herrlich seyn, als Belagerer davor zu liegen mit einem Heere von hunderttausend Mann. Die schönsten Tage aber gingen ihnen auf am Schluß der Kinderjahre, wenn immer der Treuenfelser Heinz zum Pfarrer in die Vacanz kam. Dieser war eigentlich ein junger Freiherr, der auf einem Landsitze von einer klugen Mutter erzogen wurde und hatte deshalb vor den Knaben in dem Städtchen Verschiedenes voraus. Er konnte sich rühmen, schon etliche Male Sporen getragen und beim Heueinfahren den Sattelgaul geritten zu haben, auch ging er zuweilen mit dem alten Forstwart auf die Jagd. Dabei war er auch voll großer Träume und trat gläubig ein in die mährchenhafte Welt, die Jörg um sich erschaffen hatte. Doch war ihm der Garten fast zu klein und er zog lieber in den Wald und durch die Felder oder führte seine Gespielen in dem kleinen Nachen auf dem Teich. Er war sonst freundlich und guten Herzens, aber streitbar und wild, wenn's zum Schlagen kam. Er hatte wohl auch eine eigene Lust an seinen jungen Fäusten und mit dem Treuenfelser Heinz zog jeweils der Krieg in die kleine Landstadt ein. Da wurden unter den Bürgerskindern die wehrhaften ausgehoben und mächtige Schlachten geschlagen, auf den Wiesen vor der Stadt oder selbst unter den Fenstern des Pfarrhofs. Das war ausgemacht, der Treuenfelser führte die besten Streiche und kümmerte sich am wenigsten um seine Haut. Wenn er dann in der grünen Au seine Scharen musterte, so sagte er ihnen, der Kampf gehe um das Heilige Grab, er sey Richard Löwenherz von England, Jörg stelle Ludwig den Heiligen von Frankreich vor und Försters Kunz nenne sich Tankred von Sizilien. Darauf schwenkte er kampflustig das Banner und führte seine Reisigen mit gewaltigem Kriegsgeschrei gegen die Sarazenen unter Sultan Saladin, in denen man die tapfere Jugend der Vorstadt erkennen konnte. Sie mußten manchen Strauß verloren geben, die Ungläubigen, und manche ihrer Standarten wurde in dem Thurme aufgehängt als Erinnerungsmal an die glorreichen Tage König Richard's, bis er wieder kam im Herbste und wieder seine Getreuen sammelte und wieder gegen Jerusalem zog oder Askalon stürmte. Freilich gerieth er auch zuweilen in Noth, wie ja die besten, und als er einmal Ludwig den Heiligen aus einem starken Fähnlein Seldschuken, das ihn im Siegesjubel davon führen wollte, herauszuhauen unternahm, da geschah es, daß er zwar den König rettete, aber nur mit seinem eigenen Blut, denn als der Kampf geschlagen war, hatte er lange zu thun, um in Guadalquivir seine Stirnwunden zu stillen, und Ludwig der Heilige sagte ihm mit einem Spruche, den er vielleicht auch in einem Buche gelesen hatte: Lieber Vetter, ich will's euch stets gedenken. Solche Thaten machten den Treuenfelser fast zum Wunder für die Knaben, und auch die Mädchen dachten gut von dem blonden Helden, seit er einst Amtmanns Marie an dem verwegenen Thürmerseppel so ritterlich gerächt. Dieser hatte sich nämlich bei einem Spiele auf dem Friedhofe an dem Mädchen, das den christlichen Kreuzfahrern zugethan war, vergriffen und wollte es an den Haaren zu Boden reißen, als Heinz in edlem Zorne herbeiflog, den Frechen ins Gras warf, ihn bei den Füßen in den Pfarrhof zog und dort in den Schafstall sperrte. So, Seppel, sagte er, jetzt bist du Sultan Bajazet, und darfst froh seyn, daß du es so weit gebracht. Wenn dann an solchen Tagen der Kampf vorüber und die Abendsonne im Sinken war, dann zogen die Kämpen mit den Trophäen in den Thurm hinauf, trockneten sich den Schweiß von der Stirn und beriethen in ernster Versammlung – den hohen Rath von Indien nannten sie es – die kriegerischen Geschäfte des nächsten Tages. Und wenn die Zeit gekommen war. wo der Treuenfelser Heinz wieder auf sein Stammschloß gehen mußte, dann nahmen sie mit nassen Augen Abschied von dem edeln und festen, und zählten die Tage ab bis er wiederkommen würde und mit ihm die Tage der Abenteuer, der Kriegslust und der Schlachten. So vergingen die Jahre und mit der Zeit kam auch der Tag heran, wo der alte Herr von Bolzen sterben mußte. Jörg drückte ihm sanft die Augen zu und schluchzte: Du hast auch nicht mehr erleben können, lieber Vater, wie aus deinem Kinde etwas wurde! Frau von Bolzen war zu den Füßen des Todtenlagers niedergesunken, unfähig ihren Thränen zu gebieten. Er fiel ihr um den Hals und weinte fast noch stärker als sie. Sey ruhig, Mutter, sagte er, – uns wird geholfen werden – ich geh' nach Indien. – Sie verstand ihn nicht. Als der Vater begraben war, zog Frau von Bolzen aus dem alten Schlosse, verließ die Landstadt und schlug ihren Wittwensitz in einer größern auf, wo sie einfach und in stillem Frieden lebte. Jörg hatte Försters Kunz und dem Treuenfelser Heinz Lebewohl sagen und den Thurm, den Garten, seine Waffen und seine Flotten alle verlassen müssen. Der jähe Sprung aus den Kinderjahren in das Jünglingsalter hatte ihm ziemlich weh' gethan in seinem Herzen. Das Thal von Quito sah er nimmer mehr, die Cordilleras nur noch am fernen Horizonte – aber oft an schönen Abenden dachte er wehmüthig zurück an jene Freuden seiner Jugend. Das Seefräulein. Peut-être l'avenir me gardait-il encore Un retour de bonheur dont l'espoir est perdu – Peut-être dans la foule une âme qui j'ignore Aurait compris mon âme et m'aurait répondu. Lamartine I. Das Abendroth stand über dem Gebirge und die Alpenhörner ragten mit strahlender Klarheit gegen Himmel. Zerfallene Burgtrümmer trauerten auf einer Thalhöhe und über die öden Zinnen schien der Mond bis in den See. Aus dem dunkeln Wasser webten sich leichte Schleier; da und dort zuckte auch der Spiegel, aber wer weiß, was ihn bewegte. Weit drüben am andern Gestade dämmerte in der stillen Wiese ein einsames Gehöfte; die Luft war ruhig und warm – die Berge lauschten schweigend und die Wälder lispelten kaum. Kein Laut weder nah noch fern, als je nach langer Zeit der verhallende Ruf eines Hirten, der von der Alm herabtönte, oder der entlegene Gesang eines Mädchens, das ihm antwortete. Um solche Zeit kam ein junger Wanderer zum ersten Male in die Gegend. Als er des See's und der rosenrothen Hörner und des dunkelnden Thales ansichtig wurde, freute er sich des lieblichen Schauers, den ihm die abendliche Feierlichkeit des Bildes gewährte. Er verließ den Heerweg, um am Gestade hinzuschlendern, kam bald in einen lichten Laubwald und nach etlichen hundert Schritten an eine Stelle, die ihm besonders anmuthig dünkte. Ein alter Ahorn breitete riesige Aeste über eine kleine Bucht – viel frisches Gebüsche umgrünte die Bai; Schilfrohr wie Binsen standen flüsternd im Wasser und zwischen den dünnen Stengeln schwammen etliche Seerosen. Auch ein kleiner Nachen war an dem stillen Ufer angelegt. Unter dem alten Ahorn fand der Wanderer eine Ruhebank mit der Aussicht auf den See, auf das dunkelnde Bauernhaus fern über der Tiefe und auf die schimmernden Trümmer des alten Schlosses. Da ließ er sich gerne nieder und betrachtete aufmerksam das Gebirge und das Gewässer, in dem der Mond jetzt einen langen silbernen Strahl zog bis zu den wirklichen Füßen des Fremden. Diesem schien das Alles sehr gut zu gefallen, und endlich begann er sogar zu sprechen, ganz allein für sich, lauter Reden, welche Niemand hören sollte. »Das ist ja in der That wie Ossian in Italien! der Himmel so rein und die Luft so warm wie zu Neapel, und doch ist der Bergwald gar nicht ohne Schauer, und wenn er recht feierlich zu rauschen anfinge, könnte es einen anheimeln wie ein alter Jugendschrecken. Selbst die Ruine dort oben ist nicht zu verachten, auf der sich jetzt der liebe Mond so breit macht. Und das ist auch eine herrliche Heimlichkeit, diese Ahornlaube, höchst geeignet zu schwatzen, zu kosen und die Welt zu vergessen. Da fehlt ja gar nichts als ein Freund und dieser Freund sollte eigentlich eine Freundin seyn. Ja, du lieber Mond, nur einmal eine Liebe, die mit einem Wort verräth, daß sie weiter gehen will, als die elende Plauderei des Cotillons – nur einmal ein Blick, der durch die Seele ginge, nur einmal etwas Geheimnißvolles, etwas Hinreißendes, Begeisterndes! Wärst du dann auch schön dazu, mein Abgott, und hättest schwarze, blitzende Augen und schwarze hohe Bogen darüber und einen schlanken Leib und Dies und Jenes – ach Lirum Larum! – Und doch weiß ich ganz gewiß, du bist auf der Welt, und lebst und liegst jetzt vielleicht in Italien am offenen Fenster und schaust über blühende Orangenbäume in die Sterne und denkst dir – oder vielleicht stehst du auf einem Balkon zu Venedig und siehst wehmüthig, wie das Mondlicht an den alten, bleichen Palästen niederfließt, oder du singst in einem Sommerhaus am Bodensee – brauchst aber deßwegen keine Schwäbin zu seyn – oder du fährst auf einsamem Nachen im Rheine, und denkst dir, den muß es auch noch geben auf der grünen Erde, dem ich meine liebsten Sachen sagen kann und meine innersten Gedanken und meine ältesten Träume und meine allerneuesten Einfälle – und wenn der nicht da wäre, wäre ich auch nicht da, denn das darf man dem lieben Gott schon zutrauen, daß er – Ei was! der hat sich noch um andre Dinge zu kümmern und heute finde ich sie doch nicht mehr, und wenn ich gleich in diesem Nachen hinaussegelte in die weite See und an allen Ländern der Menschen anlanden würde. Uebrigens dieses werthe Fahrzeug wird man heute kaum noch suchen und so steure ich jetzt gerade wieder ans andre Ufer, wo mir der Himmel allmälig eine gute Herberge bescheeren wird. Und ihr, ihr freundlichen Elfen dieser Gewässer, ihr seyd eingeladen, meine Fahrt zu geleiten, und wenn sich ein Seefräulein zu mir setzen will, dem soll es keineswegs verdacht seyn!« So stand der Pilger auf und trat in das Schifflein und bückte sich, um das Ruder zu suchen, das aber im Finstern nicht zu finden war. Etwas unwirsch erhob er sich und sah auf dem Spiegel des Kahnes ganz unvermuthet eine weiße Gestalt. Sie streckte den Arm aus und aus dem Schleier machte sich ein weißer, geisterhafter Finger los und gebot ihm sich niederzulassen. Der Pilger wußte vor Erstaunen nicht, wie ihm geschah und setzte sich schweigend. Die Gestalt senkte ein Ruder in den stillen See und mit leiser Bewegung kamen sie aus dem Schatten des Ahorns hinaus in den hellen Mondschein. Der Jüngling aber, wenn wir ihn so nennen dürfen, da er schon ausgelernt und ein Maler war, der Jüngling rührte sich Anfangs gar nicht, sondern betrachtete mit dem tiefinnigsten Fleiße die wunderliche Erscheinung, welche ein langes, weißes Gewand trug und auf dem Haupte einen Schleier, der zu beiden Seiten der dunkeln Haare herabfiel. Auf dem Schleier lag ein Kranz von Seerosen. Die Gestalt schien dem Jüngling so fein und schlank, jungfräulich und minniglich, daß er meinte, ihres Gleichen nicht leicht gesehen zu haben. Aber in ihrem Gesichte wollten sich seine Augen, sonst so scharf und zuverlässig, ganz verlieren, ohne ein Ende zu finden und einen Anfang. Nur duftende Linien, verschwimmende Andeutungen wunderschöner Züge glaubte er zu gewahren, und in dem bleichen Runde funkelten immer gleich milde und gleich lieblich zwei große leuchtende Augen mit hohen dunkeln Bogen darüber. In lauterm Anschauen schien es ihm zuletzt, als wäre nichts mehr um ihn, als ein schwarzer stiller Ocean und darinnen schwebte die weiße, mondbeglänzte Gestalt, welche ihn immer ruhig anblickte und mit halblautem schwachem Ruderschlage den Nachen lenkte. »Am Ende wird's doch unheimlich,« sprach er zu sich selbst, »aber es gibt keine Geister. Landmädchen ist es nicht; sie muß aus der Stadt seyn. Wenn ich nur wüßte, wie man sie anreden soll.« »Mein Fräulein!« sagte er endlich. Die Gestalt schwieg. »Mein Fräulein, ist der Abend nicht sehr schön?« »Ja, sehr schön.« »Und die Luft so lau.« »Und die Luft so lau.« »Und der Mond scheint so hell!« »Ach ja,« klang die Antwort, »der Abend ist schön und die Luft so lau und der Mond scheint hell und die Menschen reden immer dasselbe.« Das ging dem Jüngling schmerzlich durch das Herz und in seinem Liebesärger fuhr er unvorsichtig heraus; »Drum thut's mir auch bald leid, daß ich einer worden bin. Ich wollte, ich wäre ein Elfe, wie Sie eine zu seyn scheinen. Es ist heute Mitsommernacht, wo sich König Oberon mit seiner Gemahlin versöhnte, wie bei Shakespeare zu lesen.« »Das wußte man schon lange, ehe es in den Büchern stand – schon zu den Zeiten, als Sir Guy Musgrave, der junge Ritter, den Elfen jenen krystallenen Pokal wegtrug, den seine Nachkommen noch bewahren – nicht weit von Edenhall auf einem runden Wiesenplan, den lauter Erlen einfassen. Da war oft lustiger Tanz und gar hübsche Weisen gab es dort zu hören. Erinnern Sie sich, wie man zwischen den Linden durch den rothen Thurm des Schlosses sieht? Da scheint auch noch um Mitternacht ein Licht, aber Niemand kann die Halle finden, in der es brennt. Wissen Sie warum?« »Ich nicht« – sagte der Jüngling, sehr überrascht von dieser Frage. »Waren Sie nie in England bei dem biedern Volk der Britten, bei König Artus und bei Frau Ginevra?« »Nicht einmal Herrn Lancelot vom See kenne ich persönlich.« »O weh,« klagte die Gestalt, »ich glaubte, Sie verständen mich. So wäre es wohl besser, ich sänge das Lied der Loreley.« »Was soll das bedeuten?« fragte der Jüngling in andauernder Verwunderung. »Sie meinen doch das schöne Lied aus dem Buche –« »Ich habe nie ein Buch gelesen,« fiel die Gestalt rasch ein. »Aber die Loreley haben die Menschen auch verläumdet – das arme Mädchen auf seinem öden Felsen im Rheine, das noch nie aufrichtig geliebt wurde. Was kann sie dafür, daß die Menschen die ganze tiefe Wehmuth ihres Leides und ihres Liedes nicht ertragen können? Ja, schwach, weich, lind muß Alles seyn! das helle, klingende Wort einer großen, unendlichen Mädchenseele macht sie krank und sterben.« »Wenn Sie mich da auch unter die Menschen rechnen, unbekanntes Fräulein, thun Sie mir weher, als Sie meinen. Die unendlichen Mädchenseelen haben mich nie krank gemacht. Sofern es aber in meinem Herzen einige ungesunde Gegenden gibt, so kommt dies nur von jener Loreleyluft, die darüber brütet. Ich bin, glaub' ich, auch nie aufrichtig geliebt worden.« »O, Sie mußten auch Vertrauen haben, junger Ritter!« »Wer viel vertraut, wird oft getäuscht.« »Vielleicht bewahrt Ihnen die Zukunft noch ein Glück, auf das die Hoffnung jetzt verloren scheint.« »Ein freundlicher Gedanke, edles Fräulein! Wer hat Ihnen das eingegeben?« »Vielleicht wird einmal in der weiten Welt eine Seele, die Sie nicht ahnen, Ihre Seele verstehen und ihr antworten.« Der Jüngling fand sich wehmüthig betroffen bei diesen Worten. »Und Ihre Seele,« fragte er zaghaft, »wie wird es der ergehen?« »Die ist verloren!« entgegnete die Gestalt. »Irdische Liebe hat selten Heil gebracht. Als einst drei Fräulein aus dem See zur Hochzeit gingen, verspätete sich einem schönen Jüngling zu Liebe die dritte. Als sie wieder zur Heimath zurückgekehrt, sprang ein Blutstrahl aus dem Wasser.« »Eigenthümlich!« sagte der Jüngling. »Wenn nun aber ein Herz sich fände so stark und mächtig, daß die Elfe gar nicht mehr an ihre Heimkehr dächte.« »Wer weiß, ob dann die Elfe mehr zu beneiden wäre, als zu bedauern.« »Und wenn ich nun,« sagte der Andere mit steigender Wärme, »wenn ich der junge Ritter wäre, dessen Seele die große, unendliche Mädchenseele ertragen könnte und vergelten?« »Dann fehlt freilich zur Zeit nur die Elfe, die Sie selig machen soll.« »Und wenn Sie nun selbst die Elfe wären? wenn Sie endlich sprechen sollten für Ihr eigenes Herz?« »Dann wüßte ich nicht, was ich sagen würde.« »Nein aber, Mädchen, Elfe, oder wer Du bist,« rief der Andere sich selbst vergessend mit dem wärmsten Laute seines Herzens – »Deine Augen blitzen und ich höre den süßen Klang Deiner Stimme, aber Deine Züge schwinden im Mondenscheine und ich werde sie nicht wieder kennen am Tage. O so laß mich nur die Fingerspitzen an den Mund drücken, und in Deine Augen sehen!« »Wir dulden keine Berührung.« »Nur in Deine Augen laß mich sehen,« wiederholte der Jüngling, der Gestalt sich nähernd. »So muß ich mich erheben,« sagte die Elfe, indem sie ruhig aufstand – »und in die Tiefe hinunter sinken, obgleich die Luft so lau und der Mondschein so helle.« Bei diesen Worten glaubte der Jüngling der Gestalt schon ganz nahe zu seyn, als er plötzlich ausglitschte und hin stürzte in den schaukelnden Kahn. Da er sich aufgeholfen, war die Gestalt verschwunden und der Nachen fand sich wieder in dem Schatten des Ahorns wie früher. Er sprang schnell heraus und bat flehentlich und beschwor das Mädchen zu bleiben; sie aber war nirgends mehr zu finden und seine Worte verhallten in dem Winde. II. An demselben Abende blickte eine Dame in denselben Mond, den wir bei der Begebenheit zwischen der Elfe und dem Jüngling öfter zu erwähnen Gelegenheit hatten. Sie lag im Fenster eines Bauernhauses, welches da steht zwischen laubigen Apfelbäumen in der Gegend von Reichenhall, und sah hinunter auf den Thumsee, der zwischen hohen Bergen lieblich glitzerte. Nicht selten auch warf sie ein Auge hinüber auf die malerischen Trümmer von Karlstein, welche Veste einst Karl der Große erbaut haben soll. Uebrigens hatte sie schon längere Zeit auf Jemand gewartet, und um so größer war ihre Freude, als endlich Schritte auf der Treppe klangen und zur geöffneten Thüre eine jugendliche Gestalt herein eilte, welche ihr um den Hals fiel und fast verathmend sprach: »Aber, Tante, das war köstlich! Ein solch Vergnügen habe ich lange nicht erlebt.« »Gott sey Dank! Ich wartete seit der Dämmerung auf Dich und hatte meine liebe Angst. Vielleicht, dachte ich mir, ist sie unter die Sennerinnen gerathen und schläft heute im Heu – das war noch das Beste, was ich mir sagen konnte; denn daß Du im See ertrunken, wollte ich doch nicht glauben.« »Nein! aber die Geschichte hängt mit dem See zusammen. Ich will Dir Alles erzählen; nur ein paar Minuten laß mich ausathmen.« Das Mädchen legte den Mantel nieder, zog einen Schemel heran, setzte sich zu den Füßen der Tante und begann nach einiger Weile: »Heute Abend hast Du wieder Deine Zeitung studirt, so tief versenkt in die Begebenheiten, daß Dich die Welt gar nicht mehr kümmerte. Da schlich ich nun leise hinab an das Gestade und band den kleinen Nachen los, in dem am Morgen die Bauernkinder fuhren und steuerte hinein in den See. Tante! das ist ein glorioses Gefühl, abendlicher Weile so allein wie der Geist des Herrn über den stillen Wässern zu schweben. Da habe ich mit innigem Wohlbehagen betrachtet, wie die Alpengipfel rosenroth wurden, und wie sich die weißen Nebel über den See legten. Alte Sagen fielen mir ein von Nixen und Seefräulein, und es wurde mir immer seliger zu Muthe. In meiner Freude legte ich mein Halstuch als Schleier um und flocht mir einen Kranz von Seerosen auf das Haupt, und sang leise dahin so etwas wie ein Elfenlied. Wie ich nun so dem andern Gestade näher komme, fällt mir ein düsterer Baum mit ungeheuern Aesten in die Augen, und ich denke mir, da mußt du einmal landen. Ich setze mich unter das Laubdach, und bemerke, wie die Berge immer finsterer werden und mit ihren langen dunkeln Gesichtern fast drohend auf mich herabblicken. Da wäre mir beinahe Angst geworden, wenn nicht der liebe Mond ganz meisterhaft über den alten Ruinen empor gestiegen wäre, und die sämmtliche Landschaft mit seinem stillen Glanze erfreut hätte. Melancholisch hat mich aber der bleiche Jugendfreund doch gemacht und so verfalle ich in meine alte Schwärmerei, die Du so oft belacht. Ich fange wirklich an nachzudenken, und frage mich, warum ich denn eigentlich auf der Welt bin und warum meine Eltern so früh gestorben und mir das schöne Hab zurückgelassen, mit dem ich nicht weiß, was ich thun soll. Und da Du mir, liebe Tante, denn doch nie ganz verheimlichst, daß wir zu gelegener Zeit und unter guten Umständen auch Jemand gern haben dürfen, so denk' ich mir, wo magst du jetzt seyn und zu welchem Sterne siehst du jetzt hinauf – du lieber Traumheld, welcher dereinst in mein irdisches Leben als ein wirklicher treten soll, und da raschelt's auf einmal in den Bäumen und auf dem Uferpfad daher kommen Schritte und gehen auf den großen Baum zu, so, daß ich gerade noch Zeit hatte, mich dahinter zu verbergen. Nun hofft' ich zwar, das würde vorübergehen, aber das setzt sich vielmehr gerade auf die Stelle, die ich verlassen, und verliert sich allmälig in einen Monolog und aus der Stimme erkenn' ich, daß es ein junger Mensch seyn muß. Die Stimme aber – ach es war gar zu rührend – die Stimme fängt an ihre Gedanken spazieren zu führen und schwärmt wie ich – nur etwas deutlicher – von einer lieben Gedankenmaid – unbekannt und nirgends zu treffen – ihrer Sehnsucht ewig Ziel. Das hat mich nun unverzüglich für den jungen Ritter eingenommen, obgleich er nebenbei die Mädchen recht arg herunter machte, gleich als wüßten sie nichts Gescheidtes zu reden und stünden ihm nicht ganz werkthätig bei, wenn er Langeweile hätte. So schwärmt der Fremdling hin und her, und zuletzt nimmt er sich vor, eine Spazierfahrt in demselben Nachen zu unternehmen, den ich dahin gebracht, und ruft alle lieben Elfen auf, sie sollen nur kommen und ihn begleiten. Wart, denk' ich mir, du sollst nicht umsonst deinen Muthwillen treiben und mein Schifflein kann ich dir auch nicht lassen, und wie er einsteigt, werf' ich meinen Mantel ab und trete hinter ihm schneeweiß in den Kahn. Dem jungen Menschen war's aber wohl, als hätte er einen Geist zu sehen, so versteinert stand er da. Wie wir nun hinauskamen in den See und der Mond die Gesellschaft etwas beleuchtete und heimlicher machte, fing er allmälig auch zu sprechen an, worauf ich in den wunderlichsten Reden Antwort gab, mit Fleiß, um mich zu rächen und die Mädchen, von denen er so klein gedacht. Das muß ich dir wirklich nachher erzählen, was wir für mährchenhafte Gespräche geführt, und wie ich elfenartig mich benommen. Nur freilich, wenn ich so weise wäre, wie Du es immer wünschest, hätte ich unter andern bedenken sollen, daß der junge Herr auch etwa zärtlich werden könnte, und wie ich das so kommen sah, so steuerte ich wieder leise dem Ufer zu. Und richtig, zuletzt fährt er auf und ruft ganz schwärmerisch: Mädchen, Elfe oder wer du bist – und meinte, ich soll ihn meine Hand küssen und in meine Augen sehen lassen, damit er mich morgen wieder kenne. Ja! dacht' ich mir, das wäre noch schöner, und während er aufsteht und auf mich zugeht, erhebe ich mich und steige ans Land und gebe dem Schifflein einen Stoß wie Wilhelm Tell, so daß mein Traumheld – das muß er mir noch verzeihen – im Kahn ohne Aufenthalt zusammenpurzelte. Nun nahm ich schnell meinen Mantel um, riß den Schleier ab und eilte athemlos hieher. Den Klageruf des jungen Menschen aber, daß er mich verloren, den hörte ich noch lange hinhallen an den Gestaden des stillen See's.« III. Am andern Morgen in thauiger Frühe ging der Jüngling den See entlang, emsig spähend nach allen Seiten, ob ihm nicht ein Zeichen würde über die Erscheinung von gestern. Er fand den alten Ahorn wieder, auch die Rastbank und selbst das Schifflein lag ruhig in seiner Bucht. Eine Seerose, die er darinnen sah, hob er mit freudiger Ueberraschung auf. Sie mußte aus dem Kranz der Elfe gefallen seyn und galt ihm als ein sinniges Gedächtniß ihrer jungen Bekanntschaft. Er setzte sich auf die Bank und ließ seine Augen in der Landschaft schwelgen, nebenbei auch bedacht, was etwa schön zu malen wäre und gut in ein Bild paßte. Die Sonne in ihrer vollen Pracht und ein herrlich blauer Himmel lagen über dem duftenden Thale. Der See glänzte und das alte Schloß dräute und der Bauernhof in den Apfelbäumen ließ seine Fensterlein höchst einladend schimmern. Zuweilen ging ein leiser Morgenwind von dem Fichtenwald herab, säuselte durch das Schilficht und kräuselte den See. »Ein anmuthiges Bild!« sagte er zu sich selber. »Aber wie blaß sind doch diese hellen, sonnenscheinigen Schönheiten gegen die poetische Götterdämmerung von gestern. Etwas Räthselhaftes bleibt es immer. Ich wollt', es wäre eine Nixe, eine Elfe, ein Seefräulein – jedenfalls ist es ein ungewöhnliches Wesen, denn diese liebliche Keckheit, die hat von Hunderttausenden nicht Eine.« Er schlenderte fort am Gestade, immer bemüht, die Erscheinung sich zu erklären, und die schwachen Züge, die ihr Antlitz in seinem Gedächtnisse hinterlassen, zu einem deutlichen Bilde zusammenzumalen. So stand er plötzlich vor dem Bauernhofe in den Apfelbäumen. Die Bäurin saß auf der Sommerbank und spann; die Dirne nicht weit davon, that mit der Sichel etliche leichte Sonntagsschnitte ins hohe Gras. »Mit Verlaub,« sagte der Jüngling, »ist da nicht ein Fräulein gesehen worden, jung und schön, in einem weißen Gewande?« »Gewiß nit,« sagte die Bäurin, »daherum gibt's keine Fräulein.« »Habt Ihr also keine Stadtleute in der Wohnung, die den Sommer auf dem Lande zubringen?« »Was thäten wir mit den Stadtleuten,« sagte die Dirne lächelnd. »Wir beten alle Tage, daß sie uns in Ruhe lassen.« »Also gar keine Spur?« »Nit von weitem!« antwortete die Bäurin. »B'hüt Euch Gott.« Der Jüngling ging kopfschüttelnd seines Weges, und war noch nicht weit gekommen, als die Dirne kichernd zur Bäurin sagte: »Das wird die Herrschaft freuen, wenn sie heim kommt, daß wir den jungen Herrn so richtig losgeworden sind.« Der Jüngling stieg zum Karlstein hinauf und trat durch den hohen Thorweg in die öden Mauern, aus denen allenthalben frische Kräuter sproßten, während junge Buchen spielende Schatten auf die zerbröckelnden Brustwehren warfen. Er hoffte noch immer ein Zeichen zu finden, vielleicht eine gepflückte Blume, einen Namen frisch in den Baum geschnitten, ein vergessenes Buch – vielleicht auch sie selbst, die geisterhafte, in ihrem weißen Gewande unter dem Laubdache dahinwandelnd – Nichts – es war, als wenn seit Jahren hier keine Menschen zugekehrt. Fast hoffnungslos ging er wieder auf den Weg hinunter, der durch eine wilde Schlucht an das Wirthshaus führt, wo er die Nacht zugebracht. Vor ihm wanderte in festlichem Feiertagsstaate mit Blumen auf dem Hute ein ansehnlicher Landmann, den der Jüngling bald einholte und begrüßte. Der Bauer kehrte ihm ein schöngefärbtes heiteres Gesicht zu, in welches schlichte, weiße Haare hingen, und sagte lächelnd: »Nu, so sind wir doch unser zwei; es geht sich immer etwas frischer.« »Wo kommt Ihr denn her?« fragte der Jüngling. »Ich hab' meinen Hof da oben,« antwortete der Bauer, »da oben nicht weit vom See, beim Seebichler heißt man's.« »Habt Ihr vielleicht auch Stadtleute in der Wohnung?« »Ich nicht; kein Platz dafür – aber da drüben beim Seebauern, der hat sich erst seinen Hof ein Bissel herrichten lassen, da möchten wohl etliche seyn.« »Bin schon dort gewesen, aber die Bäurin will nichts davon wissen, und die Dirne noch weniger. Und doch ist mir gestern ein Fräulein begegnet, ich weiß nicht wie.« »Nun, wenn ein schöner Tag ist, da kommen sie oft von Reichenhall heraus und gehen spazieren.« »Es war aber schon ganz spät am Abende im Mondschein.« »Ja wo denn?« fragte der Seebichler mit sichtlicher Neugierde. »Da oben am See. Das Fräulein fuhr im Schifflein – ich auch damit – und führte seltsame Reden. Sie trug einen Schleier und einen Kranz von Seerosen darauf. Ich konnte aber nicht erfragen, woher sie sey und wie sie heiße.« »Halt!« sagte der Seebichler, »das ist ganz etwas Andres.« »Und was denn?« »'S paßt nicht für Jeden und da sind wir lieber still.« »Nun möcht' ich's aber gar zu gerne wissen, lieber, angenehmer Seebichler!« »Ja, wenn's da oben ist gewesen am See, im Schifflein, im Mondschein, ganz unbekannt und so weiter, dann bedeutet's ein Seefräulein. Die kommen zuweilen herauf und vor Altem hat man sie oft gesehen. Das sind schöne Mädeln und wenn sie einen gern haben, können sie ihn recht glücklich machen.« »Wunderlicher Mensch!« sagte der Maler, »geht Euch denn das Ding wirklich von Herzen?« »Wenn Ihr nicht wollt, so müßt Ihr's ja nicht glauben. Aber bleibt nur einmal ein halbes Jahr in unsrer Gegend; da gibt es ganz besondre Geschichten.« »Die hör' ich für mein Leben gern,« sagte der Maler. »Fangt doch gleich an damit, lieber Seebichler!« »Jetzt schon gar nicht,« entgegnete der Bauer, »wo es auf Mittag zugeht und Alles so hell ist und voll Sonnenschein. Aber heut' Abend nach Betläuten, da lass' ich mich wieder finden.« »Und wo denn?« »Das wird sich weisen. Jetzt gehen wir einmal miteinander bis ins Wirthshaus da unten und da ist eine Hochzeit. Da heirathet das Beckerlenerl von Hausmaning den Schlagerlenz aus unsrer Gemein'. Da bin ich der Vetter zu der Braut und da will ich Euch schon befreundt machen mit den Hochzeitgästen, daß Ihr einen lustigen Tag habt – wenn Ihr überhaupt mit Bauersleuten umgehen könnt.« »Da dürft Ihr gewiß keine Angst haben,« sagte der Maler. »Nu, wir werden's bald sehen,« erwiederte der Bauer. »Richtig, da unten kommt schon der Zug aus der Kirche und die Musikanten spielen, daß es eine Freude ist. Jetzt gebt nur Acht; 's wird Alles recht werden.« Unter diesen Gesprächen waren die Beiden vor dem Wirthshause angekommen. Der Seebichler zog seinen Gefährten schnell in den Garten, und da waren sie unter den Bäumen nicht lange gestanden, als der Hochzeitszug durch die Thüre hereinkam, und die Musikanten, ihre lustigen Reigen blasend, an ihnen vorüberschritten. Nach diesen ging das jugendliche Brautpaar, welches den Zug verließ, als es den Seebichler bemerkte und ihm mit freundlichem Lachen entgegegentrat, während er herzlich grüßte. »Schau, schau – der Herr Vetter von Seebichel hat uns auch nicht vergessen,« sagte das Lenerl von Hausmaning, »ganz frisch schaut er aus und ganz jung, der liebe Vetter, und wunderschön ist er aufgeputzt. Und da hat er erst noch einen saubern Herrn mitgebracht – wer muß denn der seyn?« »Ich bin ein Maler,« sagte der Jüngling. »Nun, das sieht man Ihnen schon von weitem an,« entgegnete das Mädchen. »Aber bei uns gäbe es auch gleich eine Arbeit. Gelt, Lenzi, hast erst gestern gesagt, wir sollte uns malen lassen in unserm Hochzeitgewand?« »Freilich,« sagte der Bräutigam, »aber muß es denn jetzt schon seyn?« »Wer weiß, ob wieder einer kommt, der's besser kann,« meinte die Braut. »Nun, mir ist's recht,« sagte Lenzel mit Ergebung. »Aber Lenerl, daß Du Dich am Ende recht hermalen laßt wie ein Fräulein? Malen Sie ihr die Sommerflecken nur auch hinein in's Gesicht, Herr Maler, sonst wird sie allzu hoffärtig.« »Ja, und ihn malen Sie nur ein Bissel kurzweiliger, als er ist, sonst sieht er gar nichts gleich.« »Nu, helf Gott,« sagte der Seebichler, »was die Fratzen bissig sind.« »Das macht Alles seine Eifersucht,« entgegnete lachend das Mädchen. »Aber Sie, Herr Maler, wenn Sie nichts Besseres wissen, so bleiben Sie gleich auf unsrer Hochzeit. In einer Stunde geht das Mahl an und später der Tanz. Schauen S' nur die Musikanten an, was das für rare Spielleut' sind.« Der Maler dankte ganz vergnügt für diese Einladung. Er glaubte seinem Herzen nicht zu nahe zu treten, wenn er sich über Tags die Forschungen nach der weißen Gestalt erließe. In der Nähe des See's schien sie sich nicht aufzuhalten, und war sie ferner, wo sollte er sie finden? Er ging heitern Muthes unter die Bauern, die ihn bald als einen frohen Gesellen achten lernten. Als dann die Stunde des Mahles schlug und die Gäste mit den Brautleuten in den Saal hinaufzogen, wo in bäuerlicher Pracht die Tafel gerüstet war, kam ihm der Seebichler wieder nahe, und lud ihn ein, an seiner Seite zu zechen. Es ist aber nicht nöthig, die Freuden des Festes weiter zu beschreiben, nicht die scherzhaften Reden, mit denen der Seebichler sein Bäschen und ihren Liebsten neckte, und eben so wenig die laute Fröhlichkeit des Tanzes, bei welchem auch der Maler Ehren halber dem lustigen Lenerl die Hand reichte. Innerlich war er nicht ganz ruhig darüber, denn er fürchtete, es sey ein Frevel an dem Seefräulein. IV. Am selbigen Abend ging die Elfe mit ihrer Tante lustwandeln, zuerst auf den Karlstein und dann hinüber nach dem Kirchlein von St. Pankraz, das auf einem stolzen Vorsprung über dem Thale steht und weit hinaus sieht bis an die blauen Hügel des Flachlands. »Tante!« rief das Mädchen plötzlich, »da unten muß eine Hochzeit seyn. Hörst Du, wie die Clarinetten sehnsüchtig girren und die Trompeten mit ihrem Heldentenor darein schmettern. Da tanzen die Bauern – juchhe! Komm, komm, da gehen wir hinab.« »Entsetzliches Mädchen!« sagte die Tante lächelnd, »Du hast wohl keine Idee, wie es bei solchen Fêten zugeht?« »I! was werden sie uns denn thun, diese biedern, deutschen Landleute? Für was reisen wir denn, als um die Sitten der Menschen und ihre Gemüthsart zu ergründen? Heute willst du wieder gar nicht für meine Erziehung sorgen?« »Es scheint immer mehr, als hättest Du die meinige übernommen,« sagte die Tante, indem sie dem Mädchen, das in raschem Lauf den Berg hinabeilte, mit langsamern Schritten folgte. »Da sind wir!« begann die junge wieder. »Hier ist das Wirthshaus – hier der Garten. Kein Mensch darinnen, und dort eine Laube, ganz vertraut und heimlich. Daherein, liebe Tante – da warten wir ruhig ab, was die Ereignisse bringen.« Die Damen saßen friedlich plaudernd in der Laube, als ein Bauer mit freundlichem Kopfnicken zu ihnen trat. »Jetzt ist mir's fast zu eng worden da oben und zu warm,« sagte er, den Hut auf den Tisch werfend. »Mit Verlaub, ich muß ein wenig ausrasten – man wird halt immer älter.« »Aber ein lustiger Tag ist es doch,« meinte das Mädchen. »Und die Brautleute, das muß ein nettes Paar seyn.« »Ja, da fehlt nichts – und ein fürnehmes Paar sind sie auch, so was man unter Bauern fürnehm heißt. Sein Vater hat den großen Holzhandel und die reiche Alm bei Berchtesgaden, und ist alleweil so einer von den richtigsten gewesen, und sie, sie schreibt sich Becker, von denen Becker von Hausmaning; das ist eine besondere Familie.« »Wie denn das?« »Ja, die Becker von Hausmaning, die haben schon von Alters her etwas voraus gehabt. Da hat man vor Zeiten allerhand erzählt, aber jetzt thäte man die Hälfte nicht mehr glauben.« »Wenn man's nur nicht glauben muß,« sagte das Mädchen. »Hören würden wir's sehr gerne.« »Ja, ja,« fuhr der Bauer etwas näher rückend fort, »in unserer Gegend, da gibt es wunderbare Geschichten. Das macht schon der Untersberg, der große Berg dort, in dem der Kaiser Karl verwunschen ist, bis ihm der Bart dreimal um den Tisch wächst.« »Davon haben wir schon gehört.« »Nu, im Untersberg gibt's auch Bergmännlein und in dem andern Berg da, heißt man Staufen, da gibt's wilde Frauen, und dort auf dem Karlstein ist ein Burgfräulein und oben im See sind Seefräulein, das ist auch kein Spaß.« »Da soll erst gestern wieder eines erschienen seyn« – sagte das muthwillige Mädchen. »So, habt Ihr das auch schon vernommen,« fragte der Bauer und warf einen argwöhnischen Blick auf das Fräulein. »Ja wohl, aber was gehen denn alle diese Sachen die Braut an?« »Das habe ich eben sagen wollen,« erwiederte der Bauer. »Denn gerade die Becker von Hausmaning, heißt das ihr Vater, und ihr Vater auch noch nicht recht, aber ihrem Vater sein Vater und sein Ahnel und seines Ahnels Ahneln, gerade von denen hat man am meisten gesagt, daß sie's mit den Bergmännlein gehalten, daß daher der Reichthum kommt, und mit den wilden Frauen, die oft zu ihnen in Heimgarten gegangen sind, und mit den Seefräulein, die ihnen auch kein Leid gethan. Und das hat mein Vater noch oft erzählt, wie sein Ahnel geheirathet, der hat eine aus dem Geschlecht genommen, da ist ein Seefräulein zur Hochzeit gekommen und hat mit dem Hochzeiter getanzt und ist gar schön gewesen und freundlich, und hat gesagt, wenn einmal wieder aus dem Geschlecht eine achtzehnjährige Jungfrau heirathet, dann wird sie wiederkommen. Nu, achtzehn Jahre sind schon etliche alt gewesen, aber Hochzeit hat's keine gegeben und vielleicht wäre auch der andere Umstand abgegangen. Aber diesmal ist's leicht möglich – das ist ein prächtiges Mädel gewesen zu allen Zeiten.« »Eine herrliche Geschichte,« sagte das Mädchen und klopfte sich in die Hände. »Wenn also das Seefräulein Wort hält, so kommt es heute noch zur Hochzeit.« »Mir wär's, mein Eid, ganz lieb,« sagte der Bauer, »und das geschähe ihnen gerade recht, den verstockten Sündern, weil sie mich immer auslachen mit meinen Geschichten.« »Himmel!« rief das Mädchen, »was hätte ich eine Freude, wenn ich so ein Seefräulein sähe!« »Und wie wär's Euch denn, wenn Ihr selbst eines vorstellen solltet?« fragte der Bauer lächelnd. »Hei, das ist's, das ist's,« jubelte das Fräulein. »Das ist ein unsterblicher Gedanke und des Schweißes der Edlen werth – –.« »Du willst doch nicht« – sagte die Tante, fruchtlos warnend wie immer. »Nur heute noch, Tante, sey nachsichtig, und laß meinen Flegeljahren ihr göttliches, so leicht verjährbares Recht, und dann will ich gerne wieder so eingezogen seyn, als wäre ich die Enkelin von fünfzehn Pastoren.« »Wenn ich nur einige Hoffnung des Gelingens hätte –« »Nu, wäre es denn zum erstenmal? Etwas Uebung hab' ich ja voraus.« Der Bauer betrachtete mit schlauem Auge das Mädchen und winkte ihm ermunternd zu, bis er nach kurzem Sinnen sagte: »Aber wahrhaftig, wir sollten den Bauern einmal etwas aufführen. Und Ihr paßt gerade dazu; auf jeden Fall seyd Ihr schön genug. Nur den Hut thut herab, Fräulein, und die Haare laßt ein wenig fallen – weißes Gewand habt Ihr so schon an. Es ist jetzt nicht mehr weit von Ave Maria – und so etwa zehn Vaterunser darnach, da macht Euch auf und kommt hinauf in den Tanzsaal; dann geht nur keck hinein und singt oder sagt etwas und das Andere werd' ich schon richten.« »Aber wie wird das ausgehen unter diesen rauhen Menschen;« fragte die Tante bedenklich. »Für diese rauhen Menschen steh' ich gut« – entgegnete der Bauer mit beruhigender Heiterkeit. »Entweder merken sie die Falschheit nicht – und im Herzen glauben sie alle daran – dann werden wir schon sehen, wie es weiter geht, oder sie merken's und dann haben wir einen Hauptspaß. Dann seyd nur auch gleich bei der Hand, gnädige Frau, daß Euch nicht das Beste auskommt. Dann setzt Ihr Euch zu uns und das Mädel tanzt mit den Burschen, wenn sie nicht zu stolz ist. Ich werd' ihr schon die saubersten heraussuchen. Gefehlt ist's auf keinen Fall.« »Hier, Alter, habt Ihr mein Wort!« sagte das Mädchen. »Ich komme ganz gewiß.« Der Seebichler drückte mit dankenden Reden die feine Hand und ging in schalkhaftem Ernste von dannen. »Der Maler da oben,« murmelte er vor sich hin, »der nimmt mir's gewiß auch nicht übel; denn da wett' ich meine arme Seel', das ist sein Gegenstand.« V. Schon mancher Becher war geleert, schon mancher Scherz gelungen, schon mancher Tanz getanzt. Dem Maler, als einem volksfreundlichen Jüngling, war bisher keine Minute zu lang geworden, aber als der Abend nahte und die Sonne hinter die Berge hinabsank, da überfiel ihn eine große Sehnsucht nach der lieben Stille des Sees, und voll süßer Ahnungen wollte er sich aufmachen und wäre auch gegangen, hätte ihn nicht der Seebichler, wieder eintretend, durch das Versprechen gehalten, daß er bald, ja recht bald mit ihm nach Hause ziehen werde. Die Musikanten spielten da wieder eine wilde Weise, die alle dahin riß, die jungen Leute – nur ihn nicht, der in dem wirren Lärm, in dem gellenden Jauchzen und dem dröhnenden Taktschlag der schwerbeschuhten Tänzer sich plötzlich nicht mehr heimisch fühlte. Aus seinen Träumen weckte ihn des Seebichlers Stimme, die mit großer Kraft in den drehenden Haufen hineinrief: Ave Maria! Im selben Augenblicke schwiegen die Spielleute, verstummte das Rauschen des Tanzes und die Abendglocke hallte in feierlichen Klängen durch den stillen Saal. Lenerl ging zum Fenster und sprach das Gebet. Als sie fertig war, sagte sie Allen freundlich: guten Abend, wie es Sitte ist, wenn das Gebet vollendet. Mittlerweile waren auch die Lichter gebracht und auf den Tischen reichlich aufgestellt worden. Eine andächtige Regung hielt das junge Volk noch zurück, den unterbrochenen Reigen fortzuführen, als die Braut in scherzhafter Weise sprach: »Jetzt ist Betläuten vorbei und kommt dem Seebichler seine Zeit. Jetzt wird er bald anheben zu erzählen von seinen Bergmännlein und von den wilden Frauen.« »Und gerad heute ist's meine Schuldigkeit,« entgegnete der Seebichler, »weil Ihr Alle nicht mehr daran denkt, was früher der Brauch ist gewesen, wenn Eine heirathet von denen Becker von Hausmaning.« Auf diese Rede bemächtigte sich sämmtlicher Gäste eine große Spannung. Lenerl ließ sich auf einen Stuhl nieder, gegenüber dem sagenreichen Vetter; diesem zur Seite setzte sich Lenzel; die Andern traten um ihn in einen engen Kreis. »Also, wißt Ihr denn noch, daß dieses Geschlecht ist allezeit fürnehm gewesen und achtbar, und hat seinen Reichthum von den Bergmännlein.« »Ja, ja, so sagt man« – sprachen nickend und lachend die Bauern und die Bäurinnen. »Und hat allezeit Freundschaft gehabt mit den wilden Frauen vorn Staufen und mit den Seefräulein da oben im Thumsee, die ihre Wäsche aufhängen am Karlstein im Mondschein.« »So erzählen's wenigstens die alten Leute.« »Und das wißt Ihr auch noch, daß in frühern Zeiten die wilden Frauen in Heimgarten gegangen sind und gesungen haben, wenn aus dem Geschlechte ein Kind zur Welt gekommen ist.« Die Runde nickte abermals bejahend. »Gut, so will ich Euch noch erzählen, daß meinem Vater sein Ahnel auch eine aus dem Geschlechte geheirathet hat, ein gar hübsches Mädel, wie das Lenerl da, und da ist zur Hochzeit ein Seefräulein gekommen, hat ihr Lied gesungen und mit dem Hochzeiter getanzt und ist eine ganz glückselige Ehe geworden. Das ist jetzt etwa hundert Jahre, und hundert Jahr davor soll sie auch schon auf einer Hochzeit gewesen seyn. Und wenn etwa, hat das Seefräulein gesagt, aus dem Geschlechte zum drittenmale ein achtzehnjähriges Mädchen heirathet, dann kommt sie wieder und ist erlöst.« »Und dann heirathet sie einen aus der Gemein',« fragte der Schlagerlenz – »oder etwa nit?« »Sie kann sich auch sonst einen aussuchen,« antwortete der Seebichler mit einem bedeutsamen Blick auf den Maler. »Ah, der Tausend,« hob nun Lenerl an, »ich bin vor drei Wochen achtzehn Jahre alt worden. Und das wäre keine kleine Ehr', ein Seefräulein zu erlösen.« »Ja, aber, liebes Mädel,« entgegnete der Seebichler, »das Seefräulein hat gesagt, es muß eine Jungfrau seyn.« »Wenn das ist,« sagte Lenerl und erhob sich erröthend, knöchelte mit dem Zeigefinger auf den Tisch und sah dem Bräutigam frisch in die Augen – »wenn das ist, dann kommt sie noch heute.« »Und da ist sie schon!« rief der Seebichler wie in jähem Schrecken aus, so daß alle betroffen der Richtung seines starren Blickes folgten. Auf den Stufen aber, die in die andere Stube führten, mitten in der offenen, dunkeln Thüre stand eine weiße Gestalt mit langen schwarzen Haaren und sah hehr und milde in den vollen Saal. »Das Seefräulein!!« riefen Alle wie aus Einem Munde, und ganz verloren in Betrachtung. Nur der Maler stieß den Seebichler und flüsterte im höchsten Erstaunen ihm zu: »Das ist ja das Fräulein vom See!« »Freilich,« sagte der Andere, »weil es das Seefräulein ist« – und damit schob er den Maler hinter sich, damit nicht etwa die Augen der Gestalt auf einen Gegenstand fielen, der sie zu früh in der Ruhe ihres Geistes stören konnte. Das Seefräulein aber streckte die Rechte wie segnend aus und sprach mit gehobener Stimme: Im tiefen See hat das Fräulein vernommen, Daß heute ein festlicher Tag gekommen Für die liebliche Jungfrau von achtzehn Jahren, Deren Väter wir immer günstig waren, Für den ehrsamen Jüngling, der sie gefreit In ihrer schönsten Jugendzeit. Drum bin ich erschienen und trete ein Und wünsche, ihr möget glücklich seyn. Auf dieses nahm der Seebichler den Lenzel sowohl als das Lenerl bei der Hand, und trat mit ihnen der Erscheinung näher. »Edles Seefräulein,« sagte er dann in feierlicher Sprache, »hier bringe ich vor Euch das junge Brautpaar, Lorenz Schlager aus unserer Gemein', und Helena Becker von Hausmaning, welches sich Eurer Freundschaft herzlich empfiehlt.« »Ja,« sagte Lenerl, sich in tiefer Beklommenheit verneigend, »das ist eine besondere Ehre für uns vor allen Nachbarsleuten, daß Sie sich auf unsere Hochzeit bemühen, so weit herauf aus dem tiefen See.« »Gewiß, eine besondere Ehre,« fuhr Lenzel fort, der sich auch noch nicht ganz erholt hatte – »denn es hat's kein Mensch mehr glauben wollen, daß es Seefräulein gibt.« »Wenn Ihr auch unserer vergessen habt,« erwiederte die Gestalt, indem sie die Stufen herniederstieg, »so haben wir doch stets in Liebe an unsere Freunde gedacht, und ihr Glück immer gefördert, so viel wir konnten.« »Edles Seefräulein,« hob da der Seebichler wieder an, »dieweil es ein alter Brauch ist, daß Ihr, so Ihr hier er scheinet, unsere Ergötzlichkeit Euch gefallen lasset, so wollt' ich an Euch die Frage thun, ob Ihr an unserm Tanze freundlich Theil nehmen möget.« »Altes Herkommen und löblichen Brauch zu ehren bin ich da, und gerne bereit, meine Hand dem Bräutigam zu bieten zum sittigen Reigen.« »Edles Fräulein,« sagte der Seebichler ferner, »dieweil aber der heutige Bräutigam ein etwas rauherer Mensch, und für das feinere Frauenvolk nicht ganz gerecht ist, so wollt' ich Euch bitten, hier einen andern Gegenstand in Acht zu nehmen, der eine taugsamere Manier und schon den ganzen Tag auf Euch gewartet hat.« Bei diesen Worten wandte sich der Seebichler nach dem Maler um, der sich unbeachtet in seine Nähe geschlichen und in der größten Spannung, voll Bangigkeit und Entzücken, das Fräulein betrachtet hatte. »Nun, Herr Maler, gebt auch Ihr dem Fräulein Euren Gruß!« Der Maler nahm alle seine Fassung zusammen, trat vor und verneigte sich. Das Seefräulein aber that einen Schrei des Erstaunens, daß die Bauersleute alle einander verwundert ansahen. »So lassen Sie mich, liebliche Elfe,« sprach nun der Maler, ihre Hand erfassend – »wenigstens heute die Fingerspitzen an den Mund drücken und in Ihre Augen sehen, die so herrlich leuchten.« »Gott im Himmel,« sagte die Elfe, mit schwachem Sträuben, in der reizendsten Verwirrung – »was habe ich da für Muthwillen verübt und was werden Sie denken?« »Hoffen will ich, liebes Fräulein, hoffen, daß die Zukunft noch ein Glück bewahrt, das mir längst verloren schien.« »Ach, das sind meine eigenen Worte!« »Vielleicht auch hat in der weiten Welt eine Seele, die ich nicht ahnte, die meinige verstanden und ihr – – –« »Und ihr –« »Sprechen Sie, Fräulein, um meines treuen, liebenden Herzens willen, sprechen Sie!« »Und ihr geantwortet!« sprach die Elfe. Nun aber besann sich der Jüngling auch nicht länger, sondern breitete seine Arme aus, und das Mädchen, wie unwiderstehlich angezogen, sank hinein, und er küßte sie mit einer Leidenschaft, als wäre es zum letztenmal in seinem Leben. Des Fräuleins liebe Tante hatte im Verstecke dem ganzen Vorgang zugesehen, und war nun fröhlich zur Hand und innig gerührt, daß sich die beiden heikeln Seelen endlich gefunden. Der Seebichler aber sprang auf den Tisch und rief in seiner allerheitersten Laune: »Liebe Nachbarsleute, dieweil Ihr in Eurer sündhaften Verstocktheit immer gezweifelt, ob es ein Seefräulein gibt, so ist es also heute selber erschienen. Dieweil aber unser liebes, schönes Lenerl durch seine wunderbare Tugend dasselbige erlöst hat, so ist es leicht möglich, daß es das letzte Seefräulein ist, das auf der Hochzeit einer Beckertochter von Hausmaning erscheint. Damit wir aber ganz deutlich zeigen, was für eine große Freude wir haben, daß Alles so glücklich gegangen, so rufen wir: Vivat, Vivat, Vivat, der Herr Maler und das Fräulein vom See.« Die ganze Bauernschaft brach in unermeßlichen Jubel aus, und das Beckerlenerl fiel dem Maler um den Hals und der Schlagerlenz dem Fräulein und der Seebichler umarmte die Tante. Und nun brauchen wir auch nicht mehr zu sagen, daß der Maler und das Fräulein noch viele tausend Liebesworte getauscht, und daß sie sich sehr dankbar gezeigt gegen den heitern Seebichler und die andern ehrsamen Bauersleute, und an ihrer Fröhlichkeit anmuthig Theil genommen haben. Das aber können wir nicht verheimlichen, daß der Maler und das Fräulein, sobald der Schlagerlenz und das Beckerlenerl gemalt waren, auch ihre Hochzeit hielten und ein glückliches Paar geworden sind. Haymon und Haura. I. Einst stand ein Wald in der Normandie, war anderthalb Tagreisen lang, hatte viele Dickichte, aber auch manchen sonnigen Wiesengrund. Es war da ein großer Reichthum an Wild und die Herren der Nachbarschaft hatten das Gejaid darin. Oft waren viele Waidmänner zu ihrem fröhlichen Werk in diesem Forste, ohne daß dem einen ein Schall zukam von dem andern. Auf der einen Seite ging das Gehölze an fruchtbaren Feldungen aus, in denen manche Dorfschaften, auch etliche Schlösser lagen; auf der andern war das Meer, welches hier und da, wo die Küste felsig, sich in lauter Brandung brach, anderswo aber am niedern Gestade flüsternd verlief. In einer Gegend nun, wo die Wellen ruhig an das sandige Ufer spielten und einen frischen Bach aufnahmen, war einmal zwischen zwei alten Eichen eine prächtige Decke ausgespannt. Von ihr herab reichten morgenländische Teppiche bis in den grünen Rasen. Unter dem Zelte war aus kostbaren Zeugen ein reiches Lager aufgeschlagen, auf welchem ein siecher Jüngling lag. Das ist aber jetzt schon lange her – es werden bald siebenhundert fünfzig Jahre seyn, achthalb lange Jahrhunderte. Der Kranke streichelte mit schwacher Hand einen großen Löwen, der sich teilnehmend neben seinem Lager niedergelassen hatte. Durch die Locken seines Haares ringelte sich eine grüne Schlange, welche jedoch von Zeit zu Zeit sich aufmachte, in langsamen Bogen das Bett umging und dann an den vorigen Ort zurückkehrte. Ueber ihm wiegten sich in goldenen Reifen etliche Papageie; zur andern Seite, mit leichter Kette an einen Pfahl aus Ebenholz gefesselt, flatterte ein persischer Edelfalke. Waffen verschiedener Art, reich mit Edelsteinen verziert, waren an den Wänden aufgehängt. Der bleiche Jüngling stützte das Haupt in die Hand und sagte in wehmüthigem Klange: »Die Hand des Herrn liegt schwer auf uns, Haura! – Seit das schöne Kameel, das der Erzbischof von Besançon bestellt hatte, in der Rhone ertrank, haben wir kein Glück mehr erlebt. Der kostbare Psittich für den gnädigen König von Frankreich ist auch dahingegangen und weder Fürst noch Herr hat uns seitdem liebreich aufgenommen. Sonst wollten die egyptischen Kunststücke den Ungläubigen so wohl gefallen und die Wahrsagerei – nun ist uns Alles widerwärtig. Meine Augen werden bald brechen und Du wirst allein seyn in dem fremden Lande.« »Das verhüte Gott, lieber Bruder!« entgegnete eine weibliche Stimme. »Du besserst Dich zusehends, seitdem Du den Trank des weisen Meisters Averroes genommen. Und was soll Dein schwermüthiger Blick in die Zukunft, da uns noch Reichthümer genug geblieben, um nach Hispanien zu ziehen, wenn du in den Reichen der Ungläubigen nicht länger weilen willst. Uns wird es sicher wieder gut gehen, wenn wir einmal in ein friedfertiges Land wandern, wo nicht ewiger Krieg ist, wie hier unter diesem streitsüchtigen Geschlechte.« »Ich werde in der That bald in ein friedfertiges Land wandern,« erwiederte der blasse Jüngling, »und mir wird kein Trank mehr helfen. Und Du, Haura, suche dann nach Rouen zu kommen, wo Dich unser Hausvogt erwartet und mit ihm schiffe nach Sevilla und sage unsern Vettern, daß ich hoffe, sie im Paradiese wieder zu sehen.« Solche traurige Worte wurden an diesem Tage noch viele gewechselt und das Mädchen weinte manche bittere Thräne dazu. Auch am andern Tage begann der Jüngling oft von seines Lebens nahem Ende zu sprechen und am dritten verschied er in den Armen seiner Schwester. Der Löwe stand betrübt am Todtenlager; die Papageien schwiegen; der persische Edelfalke flatterte schwermüthig an seiner Kette; die Schlange hob von Zeit zu Zeit unmuthig ihren Kopf empor und blickte zerstört in die Runde. II. Als nun am andern Tage Herr Haymon von Nullepart über die Zugbrücke seines Schlosses herausgeritten war, um in dem Walde zu jagen, kam er weit ab von seinen Gefährten und verirrte sich immer tiefer in dem Forste. Jung und feurig, zu Abenteuern aufgelegt, trabte er ohne Sorgen dahin und war manche Zeit geritten, als er von ferne hin und wieder durch die Büsche etwas schimmern sah, was seine Augen anzog. Allmälig kam er näher und gewahrte, noch verborgen durch das Gehölz, in der Lichtung des Waldes ein Zelt aufgeschlagen, von prächtigen Teppichen. Vor dem Zelte sah er eine weiße Gestalt, welche junge Zweige, wie er meinte, von wilden Rosen an einem Erdhügel einpflanzte. Die ganze Erscheinung dünkte dem Ritter nicht anders als wunderbar. So lange er denken konnte, hatte er nie gehört, daß in dem Forste sich Ansiedler aufhielten und hätte er auch solche vermuthen wollen, so waren sie sicherlich nicht von dieser Art; denn die weiße Gestalt schien ihm, so viel er aus ziemlicher Nähe ersehen konnte, zwar von besonders reizendem Wesen, doch nicht ganz von christlichem Ansehen; vielmehr verrieth das seltsame Gewand und das Geflecht der Haare eine morgenländische Herkunft und ungläubige Erziehung. Der Ritter wußte das übrigens sehr wohl zu deuten, weil in derselben Zeit gar manche seiner Gesellen kreuzfahrend im Morgenlande gewesen waren und bei ihrer Heimkehr von dem, was sie gesehen, Kunde gebracht hatten. Da konnte denn nach damaliger Sitte auch Gestalt und Ansehen der schönen Damen von Asien nicht ganz unbesprochen bleiben. Herr Haymon soll zwar im Kampfe zu allen Zeiten ein Held gewesen seyn, aber dabei sehr wohl bewandert in den höfischen Zierlichkeiten des zwölften Jahrhunderts, überdies frisch, heiter und anmuthig. So vertraute er auch in dieser Stunde der holden Gewalt seiner Ritterlichkeit und nachdem er eine Weile in stiller Ueberraschung nach der Lichtung hinausgespäht, gab er seinem Rosse die Sporen und ritt in zierlichen Sprüngen aus dem Holze, pfeilgerade gegen das Fräulein hin, adelich grüßend mit der Hand, bis plötzlich der große Löwe, diese Annäherung witternd, aus dem Zelte heraus mit einem entsetzlichen Satze und fürchterlich brüllend dem Rosse sich entgegen warf, so daß dieses in Todesschauer sich bäumte und der Ritter, der auf die ungewöhnliche Erscheinung nicht vorbereitet war, zwar rasch, aber unschädlich aus dem Sattel in das hohe und weiche Gras heruntersank, worauf ihm der Löwe die Tatze schwer auf die Brust setzte und ihn mit funkelnden Augen anstarrte. Herr Haymon von Nullepart, obwohl ihn sein kalter Muth auch in dieser Lage nicht verließ, besorgte gleichwohl zerrissen zu werden und sprach zu der Jungfrau, welche ruhig näher kam: »Schönes Fräulein, so Ihr eine Gewalt habt über diesen Leuen, so möcht' ich Euch gebeten haben, rettet mir das junge Leben!« Hierauf erwiederte ihm die weiße Gestalt in ernster Anmuth: »Seyd willkommen in dieser Einsamkeit, soferne Ihr nicht herangeritten seyd, die Stille dieses Aufenthalts zu stören und meine Trauer.« Als der Löwe den milden Ton dieser Worte vernahm, warf er einen fragenden Blick auf die Augen seiner Gebieterin, hob dann seine Tatze von der Brust des Ritters und stellte sich dem Mädchen zur Seite, der Dinge gewärtig. Der Ritter aber war schnell wieder aufgesprungen, hatte die Hand an sein gutes Schwert gelegt und sprach nicht ganz ohne jene Verwirrung, welche man schon oft an solchen bemerkt hat, die eben der Todesgefahr entronnen: »Ein guter Kämpe für ein einsames Fräulein, dieser Leu, welcher mich, wie Ihr gewahrt haben werdet, jählings aus dem Sattel warf. Das mag meiner ritterlichen Tugend geschadet haben in Euern Augen.« »Was heute geschieht, ist morgen vergessen« – antwortete das Mädchen. »Wollte Gott, ich könnte den Staub des Abendlandes von den Füßen schütteln und all sein Gedächtniß aus dem Haupte. Das hat mir auch meinen Bruder genommen; der liegt hier unter diesem Hügel.« Dabei betrachtete sie wieder das neue Grab und die Rosenschößlinge, die sie an dasselbe gesetzt und weinte. Auch Herr Haymon schwieg und schien an ihrer Trauer mitzutragen, bis er nach einer Weile sagte: »Eure Geschichte muß wunderbar seyn, edles Fräulein! Auch scheint Ihr von ferne herzukommen.« »Aus dem Morgenlande« – lispelte sie. »Vom heiligen Grabe?« fragte er. »Ich bin eine Sarazenin« – sagte sie. »So sey Euch Gott gnädig in diesem unwirschen Lande, so weit nicht meine Hand Euch schützen mag.« »Auch dafür werd' ich Euch kaum viel Dank schuldig werden« – sprach das Mädchen und senkte nachdenkend das Haupt. »Vielleicht, daß ich Euch doch eines Tages diese Stunde vergelten kann! Aber wenn es Eure werthe Trauer zuläßt, so erzählt mir Euer Schicksal.« »Was kann das Euch bedeuten? Ihr seyd ein glücklicher Jüngling und mich hat der Jammer seit vielen Monden nicht mehr verlassen.« »Und könnt Ihr denn nicht glauben, daß Eure Leiden auch meiner Seele weh thun?« »Freilich seyd Ihr der erste Mensch, den ich außer meinem Bruder seit manchem Tage gesehen und deßwegen wohl einer Ehre werth!« Während das Mädchen diese Worte flüsterte, lehnte sie sich auf den Löwen, der sich neben ihr niedergelassen hatte und in einem sanften Schlummer lag. Der Ritter setzte sich, nachdem er sein Roß an die Eiche gebunden, nicht ferne davon ins Gras. »Mein Vater,« hob die Sarazenin an, »lebte zu Antiochien, einer der Fürsten der Stadt. Drei Brüder hatte ich auch, alle bieder und wohlgemuth, alle unablässig im Waidwerke. Den Löwen fingen sie einst in den Schluchten des Libanons, zähmten ihn und veredelten seine Natur, so daß er keiner niedern Handlung fähig ist und arabisch versteht, obwohl er es nicht sprechen kann. Auch viele andere Thiere und edle Vögel brachten sie ein in den Zwinger unseres Hauses, der am Meere liegt und lehrten sie Gehorsam und verschiedene Künste. Miri, wo bist du?« Auf diese Ladung schlüpfte der persische Edelfalke schwirrend durch eine Falte des Zeltes und setzte sich neben das Mädchen auf den Rücken des Löwen. Der Ritter war sehr erstaunt und schien dem Fortgang der Geschichte mit Spannung entgegen zu sehen. »Als nun die Abendländer kamen und unsere theure Stadt erstürmten, fielen in einer blutigen Nacht mein Vater und die älteren beiden meiner Brüder. Mich rettete der jüngste an das Meer, wo wir mit unserm Hausvogt ein gutes Schiff bestiegen. Auch die Thiere, die gezähmten, wollte mein Bruder nicht den Händen der Ungläubigen lassen und brachte sie auf dasselbe Fahrzeug. Ohne zu wissen wohin, segelten wir wie Wind und Wetter uns die Fahrt anwiesen und kamen nach Sizilien. Allda nahm uns der Graf des Eilands mit angenehmer Sitte auf und verlangte von uns zu bleiben. Da nun von dem Golde, welches unser Vater in Antiochien zusammengetragen, wenig gerettet worden, so gedachte mein Bruder sich in anderer Art Gunst und Erwerb zu schaffen. Demnach brachte er vor die Augen der sicilischen Fürsten jene Zaubereien und Kunststücke, die er einst in Egypten gelernt und wurde herrlich beschenkt. Auch von den Thieren gab er ihnen manche gegen reichliches Entgelt und selbst seine Schwester brachte Schätze zu den seinigen, denn ich besitze die Gabe der Weissagung.« Der Ritter war abermals sehr erstaunt über diese Reden und fragte das Fräulein, ob sie ihm nicht seine Zukunft vorhersagen wolle, was sie aber ablehnte. »Und warum wollt Ihr nicht?« sagte Herr Haymon – »ich biet' Euch dreißig Byzantiner.« »Es scheint Euch viel daran gelegen?« »O ja, aus Eurem Munde mein Schicksal zu hören,« entgegnete der Jüngling lächelnd, »das wünsch' ich von ganzem Herzen.« »So behaltet Eure Byzantiner und weist dafür die Hand her.« Der Ritter folgte diesen Worten; die Sarazenin ergriff mit zwei Fingern seinen mittlern und zog seine Hand unter ihre Augen. In dieser Art hielt sie dieselbe fest und blickte unverwandt hinein, so daß dem Ritter ein magisches Zittern durch die ganze Gestalt lief. Er betrachtete emsig das Fräulein und gewahrte, wie sich ihr Auge verdüsterte, ihr Gesicht so ängstlich wurde, wie sie seufzte und selbst zu beben begann. »Hier steht ein Ritter vor dem Hochgerichte,« sagte sie endlich. »Ihr dürft nicht scherzen!« entgegnete Herr Haymon. »Vor dem Hochgerichte,« fuhr sie fort, »und das seyd Ihr – da sitzt der König von England –« »Mein Lehnsherr« – sagte der Ritter. »Dort steht der Ankläger, ein Mann mit weißem Barte, ein alter Mann; o Himmel! er grüßt mich mit der Hand.« »Was bedeutet das?« fragte Herr Haymon. »Ich kenn' ihn,« fuhr das Mädchen fort – »aber der Ritter wird zum Tode abgeführt –« »In Gottes Namen,« sagte Herr Haymon und bekreuzte sich. »Da kommt ein Mädchen, ein verschleiertes Mädchen, das stürzt vor den König hin – das ist – das ist – Nein!– unmöglich! –« Das Fräulein ächzte tief auf, ließ die Hand des Ritters los, zuckte zusammen und stützte fast ohnmächtig das Haupt in den Arm; Herr Haymon aber, obwohl nicht ohne innere Bewegung, sagte warnend: »Laßt diese Kunst, schönes Fräulein! denn wenn Euch fremdes Unglück so nahe geht, so könntet Ihr einst irre werden in Eurem Verstande.« Die Sarazenin gab keine Antwort; allmälig aber erwachte sie wieder wie aus einem schweren Traume und begann von selbst ihre Erzählung fortzusetzen. »Nachdem wir etliche Wochen auf der Insel Sizilien verlebt hatten, kam aber der Marschall des Königs von England, welcher aus Palästina heimwärts fuhr, und hörte von meinem Bruder, ging zu ihm und ergötzte sich höchlich an dem, was er sah; lud ihn auch ein zu seinem Herrn nach Rouen zu kommen, da derselbe an Allem, was er mitbrächte, eine ungemeine Freude haben würde, indem er selbst einen Thiergarten mit großem Aufwands angelegt. Auf Dieses fuhren wir über Meer nach Marseille und zogen von dort herauf in diese Länder, wobei wir in manche große Stadt und auf viele feste Burgen kamen und mit Geschenken wieder entlassen wurden. Meinen Bruder aber, so freudig er sich auf die Fahrt begeben, überfiel allmälig ein großer Trübsinn und ein schleichendes Siechthum. Er meinte, der Anblick der Ungläubigen sey ihm tödtlich und so suchten wir die Hochwälder und abgelegenen Pfade auf und kamen von dem Gebirge herab in dieses Land, dessen Name mir nicht bekannt ist, so wenig als der Eure.« »Ich bin der edle Herr Haymon von Nullepart,« sagte der Ritter, »und dieses Land ist die Normandie, welche unsere Vorfahren auf ehrliche Weise erobert haben.« »Und als wir nun,« fuhr das Mädchen fort, »vor längeren Tagen in diese Gegend kamen, und mein Bruder dieses Waldes ansichtig wurde, da gefiel er ihm über die Maßen und er wollte in der Einsamkeit desselben sterben. So suchten wir nun diese stille Lichtung auf, wo die Aussicht auf das Meer so schön ist und schlugen das Zelt auf. Und als wir nun etliche Tage hier in der Wildniß gelebt, so wurde das Siechthum meines Bruders immer schwerer und bald verschied er auf seinem Lager und mit seinem Schwerte habe ich ihm hier sein Grab gegraben.« Bei diesen Worten brach wieder eine Zähre aus ihren Augen und Herr Haymon schien sie mitleidig anzublicken. »Wie kommt es aber,« fragte er nach einer Weile, »daß Ihr die Sprache der Franken so geläufig sprecht, ja sie sogar mit Zierlichkeit gebraucht?« »Was ich Euch sagen wollte aus der Vergangenheit, das hab' ich Euch gesagt.« »Und was gedenkt Ihr nun zu thun?« »Noch drei Tage will ich hier bleiben im Walde und dann soll ich mich aufmachen nach der Stadt Rouen.« »Und dann?« »Dort erwartet mich Dionys, unser Hausvogt zu Antiochien. Dieser war ein Christensklave aus dem Frankenlande, den unser Vater jung gefangen und erzogen hatte, eine ehrliche und getreue Seele, und als wir diese Einsamkeit gefunden und das Zelt aufgeschlagen hatten, entsandte ihn mein Bruder mit unsern beiden Sklaven und mit allen Schätzen, um diese sicher zu hinterlegen und um Kundschaft zu bringen, wie es mit dem König von England beschaffen sey und ob es wahr, was der Marschall von ihm gesagt. In drei Wochen sollte er zu Rouen seyn; die sind jetzt bald vergangen.« »Dahin, ungläubiges Fräulein! würde ich Euch gerne das Geleite geben mit etlichen gutbewaffneten Reisigen.« »Ich bin sicherer bei meinem eigenen Gefolge.« »Oder wollt Ihr nicht vielleicht für diese Tage Herberge nehmen in meinem Schlosse?« »Nein!« antwortete die Sarazenin. »Soll ich Euch nicht wenigstens Nahrung schaffen, Speise und Trank für den irdischen Leib?« »Das schafft mir Arslan, der Löwe, der den Rehen nach geht und Miri, der Edelfalke, welcher meisterhaft auf die Vögel des Waldes stößt.« »Darauf steht nach den Gesetzen König Wilhelms die Strafe der Blendung.« »Ihr wilden Ungläubigen!« rief das Mädchen und lächelte zum erstenmale seit der Ritter sie gesehen. – »Wie abscheulich seyd Ihr in der Rohheit Eurer Sitten!« »Hei,« sprach der Ritter, »findet Ihr mich denn nicht von artiger Weise und zum Frauendienst bereit und taugsam?« »Wenn es Euch nicht schmerzt,« antwortete das Mädchen, »so möcht ich vielmehr, da die Sonne sinkt, Euch gebeten haben, mich wieder zu verlassen.« »O, Ihr müßt diese schöne Stunde nicht muthwillig verkürzen,« rief Herr Haymon. »Ich danke dem lieben Gott im Himmel, daß er mich armen Sünder heute in diesen finstern Wald geführt, wo eine Sonne der Schönheit leuchtet, wie sie mir auf dieser elenden Welt noch nicht geschienen.« »Schweig und fliehe,« sagte Haura abgewandten Gesichts, während der Leu, aus seinem Schlummer erwachend, heftig zu brüllen begann. »Nicht doch,« entgegnete Herr Haymon etwas eingezogener, »laßt mich der Freude Eures Anblicks so lange genießen, als es Tag ist, da Ihr ja nichts zu fürchten habt. Führt mich lieber dort in Euer Gezelt, welches mir höchst kostbar und der Betrachtung sehr werth zu seyn scheint.« »Das soll Euch nicht lange aufhalten,« sagte das Mädchen. »Folgt mir nur behende!« Damit ging sie, begleitet von dem Löwen, der den Falken trug, an das Zelt und öffnete den Vorhang, so daß der Ritter mit Erstaunen die Pracht der Teppiche und das Lager von dunklem Damast, rosenrother Seide und schneeigem weißem Linnen gewahrte. Die Vögel, welche in den Reifen hingen, schlugen wie zum Willkomm mit den Flügeln und kreischten unverständliche Grüße. Die grüne Schlange, welche geringelt auf dem weißen Kissen lag, erhob ihr Haupt mehrere Spannen hoch und züngelte freundlich gegen den, obwohl ihr unbekannten Ritter. Dieser betrachtete mit Verwunderung die prächtigen Zeuge des Morgenlandes, aber mehr noch gefielen ihm die kostbaren Waffen, welche der verstorbene Bruder hinterlassen hatte und die schönen Psittiche. Nur die grüne Schlange, die von Zeit zu Zeit wieder das Köpfchen aufreckte und ihre schwarzen stechenden Augen in der Runde herumgehen ließ, dünkte ihm keine angenehme Gesellin, obwohl das Mädchen belehrend sagte: »Die grüne Schlange ist eine Viper aus Arabien, die sehr befreundet war mit meinem Bruder. Sie ist gutmüthig und liebt die Menschen, aber wenn sie zürnt, ist ihr Biß tödtlich.« Alsbald setzte sich auch die Jungfrau auf das Lager, ohne weiter nach dem Thiere umzusehen; der Ritter wollte nicht weniger thun und ließ sich neben dem Mädchen nieder. Dieses schwieg mit gesenkten Augenlidern und schien seine Gedanken weit über das Meer zu führen, bis es endlich leise anhob: »Die Dämmerung ist nicht mehr weit, edler Herr! und so bitte ich Euch –« »Mahnt mich nicht an die Heimkehr, schöne Sarazenin, denn Eure Sonne wird hier leuchten, ob es Dämmerung wird oder Nacht –« »Geht, edler Herr, geht! Hört Ihr Euer Roß den Boden stampfen?« »Laßt es stampfen, aber laßt uns nicht auseinandergehen, wie zwei Fremdlinge, die sich nicht mehr sehen sollen in diesem Leben. Ich meine, schönes Fräulein, Ihr sollt mir Eure Minne vergönnen.« »Was ist das?« fragte die Maid. »Das mag ich Euch gerne lehren,« antwortete der Ritter lächelnd und lehnte sich in zarter Weise nach dem blühenden Antlitz des Mädchens aus dem Morgenlande, schlang seinen Arm um ihre Hüften und gedachte sie schmeichelnd an sein normännisches Herz zu ziehen, als sie hocherröthend einen leisen Schrei von sich stieß und auf arabisch ausrief: »El'aun,« das heißt: »Hülfe«. Das Wort war aber noch nicht verklungen, als die Psittiche alle unheimlich ächzend sich von den Reifen erhoben und um das Haupt des Ritters schwirrten, während der Leu mit fürchterlichem Gebrüll seine Tatze ihm auf das Knie legte und die andere drohend hoch erhob, während der Edelfalke sich auf seinen Scheitel setzte und mit dem spitzen, harten Schnabel in seine Augen zielte, während die grüne Schlange behende unter seinem Arm herauskroch, sich um seinen Hals ringelte und zornig gegen seine Lippen züngelte, gleich als wollte sie ihm durch den Mund in die Seele fahren. »O du heiliger Anselm von Canterbury,« schrie der Ritter in wilder Hast und ließ die Hüfte des Mädchens los. »Schafft mir das entsetzliche Gethier vom Leibe, liebes Fräulein! Das ist kein Kampf für einen ehrlichen Normannen.« »Das ist der Geist meines Bruders,« entgegnete das Fräulein, »der den unvernünftigen Geschöpfen diese Weisheit gelehrt –« »Aber beim heiligen Blut zu Lucca,« rief der Ritter abermals – »so Ihr eine Gewalt habt –« »So Ihr bescheiden seyn wollt und sittsam, wie es einem Jüngling von Eurer Geburt geziemt, so mag ich Euch gerne helfen.« Hierauf klatschte Haura in die Hände und rief: »Khallu sebilahu« – das heißt: »Laßt ihn los.« Bei diesem Laute flogen die Papageien wieder auf ihre Reife, die grüne Schlange verkroch sich unter das weiche Lager, der Falke setzte sich auf das Knie seiner Herrin und der Löwe ließ sich knurrend zu ihren Füßen nieder. Herr Haymon war seiner Befreiung über die Maßen froh und es dünkte ihm, als wenn er nun aus Dankbarkeit die Sarazenin verlassen sollte. »Ihr seyd eine Zauberin, schöne Dame!« sagte er, »und hätte Euch der liebe Gott nicht mit überirdischer Schönheit gesegnet, so müßtet Ihr mir sehr unheimlich vorkommen. Dieweil es aber Euer Wille ist, daß ich Euch allein lasse, so gehabt Euch wohl und behaltet mich in freundlichem Gedächtniß.« »Der Friede sey mit Euch,« entgegnete das Mädchen, sanft hinsinkend auf das Lager, gleichwie zum Schlafe, nur daß sie ihre Hände faltete und die Augen zum Himmel aufschlug. Herr Haymon zögerte noch, den Vorhang des Zeltes in der Hand, wie fest gehalten von dem hinziehenden Bilde der liebreizenden Jungfrau. Sie aber gab kein Zeichen mehr von sich und so ließ er den Vorhang fallen, schwang sich auf sein Roß und ritt langsam von dannen. Der Mond schien auf seinen Pfad und war seinen Gedanken ein angenehmer Begleiter. Das hatte er sich nicht gedacht, als er am frühen Morgen im grauen Schloß zu Nullepart aufs Pferd stieg. um Hirsche zu jagen, daß er selbst mit einem spitzen Pfeil im Herzen wieder heimkehren würde. In der That war an dieser empfindlichen Stelle ein ansehnliches Liebesfeuer ausgebrochen, das um so schmerzlicher ausschlug, je mehr Herr Haymon empfand, daß er von Anfang bis zu Ende seiner Gegenwart weder für seine Tapferkeit, noch für die sonstige Anmuth seiner Sitten und Reden ein günstiges Feld gefunden. So viel glaubte er deutlich zu spüren: bei all seiner gewinnenden Mannlichkeit hatte er der einsamen Sarazenin fürs Erste nichts abgewonnen. Wenn sie auch sichtlich ein Ergötzen hatte, wieder einmal in der Wildniß ein lebendes, menschliches Wesen zu sehen, so schien sie doch gar keinen Werth darauf zu legen, daß dies gerade die Blume der normannischen Ritterschaft gewesen. All dies machte ihn aber nicht demüthig, sondern bitter. »Und doch soll sie mir nicht entkommen,« sagte Herr Haymon zu wiederholtenmalen mit lauter Stimme zu sich selber und schlug grimmig auf seine Brust, so daß es im Wald fast wiederhallte. Je heißer seine Wünsche entbrannten, desto wilder wurden seine Gedanken. Nur zuweilen, wenn ihm die seltsame Weissagung wieder in Erinnerung kam, war's ihm eine kurze Zeit lang, als läge eine tiefe Warnung darin, bis er und zwar bald wieder zu finden glaubte, gerade durch das Geheimnisvolle ihres Wesens sey das Mädchen so zauberhaft und gerade deßwegen eines jeden Wagstücks werth. III. So stand er andern Tages fast zur selben Zeit vor dem Zelte und wunderte sich über die tiefe Waldesstille, da nur der Schlag der Finken, die oben im Laube saßen, zu hören war und das Rieseln des Baches, aber zu sehen weder Arslan, der Löwe, noch Miri, der Edelfalke, noch auch das Fräulein. Herr Haymon lüftete vorsichtig den Saum des Teppichs, gewahrte jedoch auch innerhalb kein Leben. Die Psittiche schliefen auf ihren Reifen, das Mädchen aber, wie er leise näher tretend ersah, lag schlummernd auf dem Lager, ein aufgeschlagenes Buch neben sich, das Haupt in das feine, reiche Haupthaar versenkt und halb vergraben in den linden Pfuhl, die Glieder anmuthsvoll ausgestreckt und mit leichten, indischen Zeugen leicht bedeckt. Der junge Ritter war voll Freuden, daß ihn sein guter Stern zu so taugsamer Zeit dahergeführt und letzte sich gar sanft und still an der holden Schläferin, sie immer unverwandten Auges betrachtend – denn das hatte er sich gestern auf der Heimkehr auch noch bekennen müssen, daß er aus der Verwunderung und Bewegung seines Gemüthes heraus nicht einmal den Weg zur festen und standhaften Anschauung seiner Huldin gefunden, so daß er sich in der schlaflosen Nacht vergeblich besonnen hatte, wie deren wunderbares Antlitz denn eigentlich gestaltet und welche Farbe zunächst die ihrer Augen sey. Auf Letzteres kam er freilich auch zu dieser Frist noch nicht, denn die langfransigen Lider waren fest geschlossen. So wenig indeß die Lage der Ungläubigen seiner Wißbegierde genug that, so schien sie ihn doch nicht zu bekümmern, vielmehr einen andern Gedanken in ihm aufzuwecken, einen so lieblichen, daß er ihn noch frisch und neugeboren ins Werk setzte. Nachdem er nämlich einige Zeit in tiefer Ruhe mit übereinandergelegten Händen auf das morgenländische Fräulein gesehen, ihr leises Athmen und den stillen Wellengang ihrer Brust betrachtet hatte, bückte er sich und küßte sie. So zart dies anmuthige Werk auch vollendet ward, so störte es doch den leichten Schlummer der Sarazenin und als sie ihre Augen aufschlagend, die seinigen sich so nahe sah, fuhr sie rasch auf und rief, seine Verwegenheit ahnend, zornig aus: »Was habt Ihr gethan?« »Ich küßte Euch,« antwortete der Ritter. »Hebt Euch von hinnen,« befahl das Mädchen, ihre bannende Hand nach ihm ausstreckend. »Ihr seyd nicht werth, auf diesen Boden zu treten, da Ihr den Schlummer einer einsamen Jungfrau nicht zu achten vermögt.« »Bleibt ruhig, edle Maid! und hört –« entgegnete bittenden Tones Herr Haymon. »Das wißt Ihr selbst, daß ich gestern von ungefähr in diese Wildniß gekommen bin und daß Ihr mich freundlich aufgenommen habt – aber das wißt Ihr vielleicht nicht, daß ich meiner Tage kein schöner Frauenbild gesehen, daß mir Eure wunderbare Gestalt nicht mehr aus dem Sinne geht, daß mir Eure lieblichen Worte beständig in den Ohren klingen, und daß mir Eure Minne das höchste Gut auf Erden scheint. Und seit ich Euch gestern gesehen, hat mein Herz keine Ruhe mehr gefunden und wenn dies Weh so fortdauert, so werde ich liebeskrank werden und elendiglich versiechen.« »Auch dafür,« sagte das Mädchen wieder in sanftem Tone und blätterte in dem Buche, das neben ihr gelegen, »auch dafür hat der weise Meister Averroes einen Trank erfunden, und so Ihr einmal in solche Noth kommt so nehmet Beifuß, Osterluzei, etwas Bärenwurz –« »O, für diese Krankheit helfen weder Kräuter noch Wurzeln, sondern nur Euer liebes Herz.« »Von hier nach Damaskus ist nicht weiter, als unsere Herzen auseinander sind.« »Selbst Damaskus haben die Normannen erreicht und so gebe Gott, daß ich auch noch den Weg zu Euren Gnaden glücklich zurücklege.« »Laßt mich allein,« sprach das Fräulein nachdrücklich, »ich habe meine Gefährten diesen Nachmittag entsendet. Miri, der Edelfalke, ist seewärts geflogen, um zu fischen; der Löwe aber ging mit der Schlange lustwandeln in den grünen Wald.« »Und der Augenblick sey gebenedeit,« sagte Herr Haymon freudig, »daß die höllischen Drachen nicht wieder zwischen mich und meine Liebe treten können!« Er nahte rasch der Sarazenin, um seinen Arm kosend um ihren Nacken zu legen. Das Mädchen aber entschlüpfte, griff schnell nach dem goldenen Horn, das verborgen unter dem Pfuhl gelegen und stürzte zum Zelte hinaus, wie der Ritter leicht denken konnte, in der Absicht, ihre treuen Kämpen aus dem Walde herbeizurufen. Herr Haymon sah, daß nur eine rasche That ihn retten könne, und so rief er: »Gott verzeihe mir, edles Fräulein, aber da Ihr mir Eure Liebe nicht freiwillig schenken wollt, so wird es wohl mit Gewalt geschehen müssen.« Während dieser Worte ergriff er das Mädchen am Gürtel, warf sie behende auf seinen Renner, sprang selbst in den Sattel, gab dem Rosse die Sporen und ritt im schärfsten Laufe davon. Die orientalische Fürstentochter wußte in den ersten Augenblicken nicht, wie ihr geschehen war, doch währte es nicht lange, bis ihr Zorn ausbrach und sie sich ungestüm von dem frechen Räuber loszureißen suchte. Zartes Flehen hörte Herr Haymon nicht aus ihrem süßen Munde, dagegen manche böse Drohung in düstern Worten. Dann bemühte sich das holde Mädchen wieder mit den weichen Armen und den schlanken Füßen dem Ritter etwas abzuringen, gleichsam als strebte sie ihn aus dem Sattel zu heben, aber nachdem er ihrer schönen Unbändigkeit eine Weile zugesehen, stellte er leicht mit seiner starken Faust die nöthige Ruhe wieder her. Wenn sie Arslan, den Löwen, oder Miri, den Edelfalken, zu Hülfe rufen wollte, obgleich sie schon so ferne waren, daß ihre Stimme ungehört verklingen zu müssen schien, so schloß er mit flacher Hand den Mund und wenn sie, von ihren nutzlosen Anstrengungen ermattet, wieder ausholte und frischen Athem schöpfte, so lächelte er ihr freundlich und minniglich ins Angesicht und sagte: »Schönes Heidenmädchen, wie freue ich mich auf die Tage, wo ich Deiner Liebe froh werden soll!« Wenn sie aber mit lodernden Augen ihm entgegen rief: »Verflucht sey die Stunde, wo Ihr« – so legte er auf die weichen Lippen wieder seinen ritterlichen Finger und sagte: »Du sollst mir nicht eher fluchen, als bis drei Tage vorüber sind, wenn Dich dann noch darnach gelüstet.« So fühlte sich der normannische Jüngling recht wonniglich beschäftigt und angesprochen, bald durch ihre wilden und doch sehr anmuthigen Gebärden, bald durch ihre zürnenden Worte, die er mit dem freundlichsten Klange der Sehnsucht vergalt. Den einen Arm hatte er um ihre volle Hüfte geschlungen, mit der andern hielt er das Köpfchen aufrecht, das sich jeweils im tiefsten Widerwillen anstellte, als wollte es sich und den ganzen leichten Leib weit über Roß und Reiter hinausschnellen. Indessen flog der Renner und flog, immer frisch gespornt von dem freudigen Reiter, und sprengte allmälig aus dem Dunkel des Waldes hinaus in die Freiheit des Feldes, wo gar nicht mehr weit von dannen das alte Schloß von Nullepart erschien, gebieterisch herabblickend in das Thal, auf steilen Felsen einsam gelegen, mit vielen Dächern und grauen Thürmen normannischer Baukunst, an welchen sich der Epheu hinaufschlang. In die hohen Fenster der Burgkapelle schienen die letzten Strahlen der Abendsonne; über dem Thore sah man schon die spiegelnden Waffen des Reisigen, der die Wache hielt. Bei dieser Ansicht jauchzte der Ritter fröhlich auf, so daß es seiner Beute schneidend durch das Herz ging. »Gottlob,« rief er, »da ist mein festes Schloß und eh' Ihr Euch dreimal umschaut, sind wir drinnen. Nun gebt die Wehr auf, liebes, edles, süßes Fräulein!« Das Mädchen aber wurde durch diesen Zuspruch nur zu neuem Unmuth erhoben und zuckte abermals mit allen Kräften, um sich frei zu machen, bis sie plötzlich selber wild zu jauchzen anfing, denn gleich, nachdem Herr Haymon jene Worte gesagt, vernahm sie, auch nicht mehr gar ferne, das grauenvolle Gebrüll des Löwen, der, wie der Ritter schnell gewahrte, in schauerlichen Sätzen auf seiner Fährte war und ihn erreichen mußte auf dem steilen Felsenpfade zur Burg hinauf, wo der Renner selbst schon todesmüde fast erlag. »Jetzt gebt mich frei,« rief die Sarazenin, »gebt mich frei, oder Ihr seyd des Todes.« »Ich will auch des Todes seyn oder Euch heute noch gewinnen,« sagte Herr Haymon, drückte in Todesmuth und Liebeswuth das Mädchen mit eiserner Faust an seine Brust und zog sein Schwert. »Ihr sollt mich aber heute nicht gewinnen,« schrie Haura, riß einen heimlichen Dolch aus dem Busen und hieb in wahnsinnigem Zorne nach dem Ritter, daß ihm der Stahl zwischen Hals und Brust dreimal Finger tief in das Fleisch stach, während der Falke, der unversehens aus heiterer Luft herabgestürzt, ihn schreiend umkreiste und mit dem Schwerte kaum von Aergerem abzuhalten war. Herr Haymon hielt nur noch mit Mühe den Sattel und seine süße Last; der Renner erwildete und stürzte mit den allerletzten Kräften noch über die Zugbrücke hinein und der Löwe war so nah an seinen Hufen, daß er endlich, wie er eifrig getrachtet, den tödtlichen Sprung auf den Rücken des Rosses dicht hinter den Ritter vornehmen konnte. Im Burghof stürzte der Renner mit aufgerissenem Leibe verendend auf das Pflaster und ächzte bald zum letztenmale; der Ritter sank schweigend, leichenblaß, von Blut übergossen auf die Staffeln seiner Freitreppe; das Fräulein drehte sich schwindelnd mit verschwimmenden Augen an den steinernen Brunnen. Das Gesinde lief sinnlos in den Bogengängen des Hauses umher und schaute mit bleichen Gesichtern auf das fürchterliche Thier, welches brüllend das Blut des Renners aufschlürfte. Der persische Edelfalke schwirrte rachgierig um den sterbenden Ritter und erwartete nur des Fräuleins Befehl, um seine Waffen einzuschlagen. – Da war große Noth auf der alten Burg zu Nullepart, während die Sonne unterging und die hohen Fenster der Burgkapelle vergoldete. IV. Das Fräulein aber nahm einen frischen Trunk aus dem Brunnen, strich sich das kalte Wasser über die Stirne und blickte wieder gefaßt um sich her. Und als sie den bleichen Ritter mit gebrochenen Augen auf der Treppe liegen sah, fuhr sie sich gedankenvoll über die Augen und sagte leise vor sich hin: »Schade um den Jüngling, so edel und so schön! Wohl habe ich eine Missethat verübt; vielleicht ist sie aber noch gut zu machen.« Alsbald winkte sie das Gesinde herbei, den Kastellan, den Burgpfaffen und die Knechte, welchen sie sagte: »Thut was ich Euch befehle und fürchtet nichts! Dem Ritter wascht das Blut ab und bringt ihn hinauf auf ein weiches Lager. Mir aber weist den Zwinger, damit ich den Löwen versorge.« Und so geschah es auch. Das Fräulein führte den getreuen Arslan schmeichelnd von dem blutenden Renner weg und schloß ihn in den Burgzwinger; den Falken hieß sie wieder seewärts fliegen und dann ging sie über den Burghof, wo noch das Thor offen stand und die Zugbrücke winkte, die der Burgwart wegen seines Schreckens noch nicht aufgezogen hatte, so daß sie ins Feld hinaussah und auf die dunkeln Bäume des Hochwaldes. Doch gab sie jetzt nichts mehr für ihre Freiheit, sondern eilte hinauf in das Gemach, wo Herr Haymon, den Leib von Blut und Staub gereinigt, im weißen Hemde auf sein Lager hingebreitet war, noch immer todtenstill und bleich und gebrochenen Auges. Der Kaplan und der Burgvogt waren bemüht, die Wunden zu verbinden, aber das Mädchen nahm ihnen geschäftig das Linnen aus den Händen und bat sie, die Pflege ihr zu lassen; sie sey in aller Arzneikunst wohl erfahren. Von den verschiedenen Salben, die der Burgpfaff herbeibrachte, und mit denen er schon manchen Hieb geheilt zu haben meinte, wählte sie verständig die besten aus und legte den Verband so geschickt über des Ritters Schultern und Brust, daß die beiden Gehülfen über ihre Kunstfertigkeit staunten und nicht wußten, was sie denken sollten. Endlich hieß sie die würdigen Männer gehen, da sie den Herrn jetzt selbst behüten werde; sie hoffe, es sey noch Leben in ihm und wenn dies, so müsse es bald wieder hervorbrechen. Zugleich trug sie ihnen auf, das Zelt im Walde bewachen, die grüne Schlange nicht stören und das Buch des weisen Meisters Averroes so schnell als möglich auf die Burg bringen zu lassen. Die würdigen Männer gingen und beriethen sich noch lange mit dem Hausgesinde, aber da war Niemand, der die Geschichte erklären konnte oder sagen, was der Löwe bedeute oder das morgenländische Fräulein oder der verwundete Ritter. Unterdessen saß das Mädchen oben im stillen Gemache des Jünglings und pflegte ihn. Zum hohen Fenster sah der Mond herein und auf dem Tische stand eine Lampe. Während diese ihr wankendes Licht auf den Ritter warf, schien es dem Mädchen öfter, als zucke er mit den Augen, als gingen die Lider auf, als fielen sie wieder ermattet zu. Sie flüsterte, sie sprach leise seinen Namen, aber noch hörte er keinen Laut. Sie blies unmuthig die Lampe aus, so daß der Mond mit vollem Scheine auf das ruhige Gesicht des Todten schien. Sie wärmte seine kalten Hände in den ihrigen, sie fühlte freudig, daß er noch leise athmete, sie meinte, auch aus seinen Wangen weiche allmälig die Leichenblässe zurück und es war ihr, als fingen wieder, obwohl bleiche, Rosen darauf zu blühen an. Wie sie nun so auf der Spähe lag und ihr Mitleid mit dem armen, wehrlosen Siechen immer zunahm, kam ihr der Gedanke, ob sie nicht, weniger aus Rache, als zum Zeichen der Versöhnung, wenigstens auf dieser Welt, ihm eben so thun sollte, als er ihr heute in ihrem Schlafe gethan, und als sie sich nun wirklich über Herrn Haymon hinbeugte und ihren warmen Mund auf den seinigen legte, schlug er plötzlich die Augen auf, lächelte und sprach mit schwacher Stimme: »Gott sey Dank, liebes Fräulein, daß ich Euch noch einmal sehe auf dieser Welt, um Euch zu bitten, daß Ihr mir meine That verzeihet« – worauf das Mädchen entgegnete: »Ich hab' Euch wohl Leid und Weh gethan, aber Gott ist groß und kann es wieder besser machen.« Sie schauten sich Beide mit sehr milden Augen an und lächelten einander freundlich zu; doch hatte der Ritter keine Kraft mehr weiter zu sprechen und verfiel in einen gesunden Schlaf, welcher so lange fortdauerte, bis am andern Morgen die Sonne auf sein Lager schien. Auch zur selben Zeit stand wieder das Fräulein an seinem Bette, welches ihn bat, ruhig und getrost zu seyn, was er ohnedem schon war. Auf seine Frage aber, wie sie es über das Herz bringe könne, jetzt ihm ihre Pflege zu leisten, nachdem er sie so schwer beleidigt, sagte sie, das sey jetzt vergessen und er möge sich mit solchen Gedanken nicht die Genesung stören. Nach Allem, was geschehen, sey sie ihm, da er ihre Hülfe bedürfe, doch freundlich gewogen. So herrlich ward wohl nicht leicht ein Ritter gepflegt, als Herr Haymon von Nullepart, da er an jenen drei Dolchwunden darniederlag, welche ihm die Sarazenin geschlagen hatte. Auch kann man kaum behaupten, daß er dessen nicht gewahr ward, denn als die erste Schwäche und Kraftlosigkeit vorüber war, so erheiterte sich sein Gemüth wieder zusehends und das Heidenmädchen freute sich nicht selten über seine anmuthigen und schalkhaften Reden. Freilich gab sie nicht immer gerne Antworten, die er wünschte, und wenn er sie zum Beispiel fragte, ob ihre Herzen noch so weit auseinanderlägen, als Nullepart und Damaskus, so erwiederte sie, vielleicht seyen sie sich etwas näher gekommen, aber noch liege ein tiefes Meer dazwischen. Wenn Herr Haymon sagte, er meine nicht, daß er sie mehr lassen könne, entgegnete sie, in dieser Zeit gedenke sie auch nicht von ihm zu gehen, aber ehe er wieder in den Steigbügel treten könne, würde sie sicherlich nach Rouen ziehen, wo Dionys, der Hausvogt, wohl schon in großer Beängstigung auf sie warte. Von dort gedenke sie mit ihm nach Hispanien zu fahren, nach Sevilla, wo die Verwandten ihres Vaters, hochangesehene Häuser, sie gastlich aufnehmen würden. Sagte hierauf der Ritter: »Laßt Euch das nicht träumen; Ihr bleibt bei mir« – so erwiederte sie: »dankt dem lieben Gotte, daß er Euch so weit geholfen und sinnet nicht auf neue Sünden.« – Und in dieser Anschauung hatte sie vielleicht auch recht, denn Herr Haymon, als ein frommer, christgläubiger Rittersmann hatte immerhin einen kleinen heimlichen Schauer vor ihrem Heidenthume und, was man auch davon denken mag, seine Gedanken gingen dazumal nicht so fast auf eine eheliche Gemeinschaft mit der ungläubigen Fürstentochter, als vielmehr auf eine freilich sehr heiße Liebe, jedoch mit ungewissem Ausgange. Dessen mochte auch das Fräulein immer gewisser werden und daher kam es, daß sie mehr und mehr von ihrer Abreise sprach, je kräftiger Herr Haymon wurde und je näher der Tag schien, wo er wieder auf sein Roß steigen und dem Waidwerk oder andern ritterlichen Uebungen der damaligen Zeit würde obliegen können. V. Bald darauf aber wurde das Pfingstfest gefeiert und König Heinrich von England verweilte mit vielen Würdenträgern, mit Bischöfen, Prälaten und einer zahlreichen Ritterschaft zu Rouen in seinem Herzogthume Normandie. Daselbst saß er auch eines Morgens auf dem Frohnhofe vor dem Dome, um Recht zu sprechen über einen Vasallen, welcher angeklagt war, ein junges Heidenmädchen geraubt und mit Gewalt auf sein Schloß geschleppt zu haben. Das Volk von Rouen erwartete einen schweren Spruch, denn im Mittelalter war es also eingerichtet, daß einer in den Tagen der Verwirrung viele Uebelthaten und Gräuel begehen konnte, ohne Strafe, Buße oder Rache zu erleiden, aber wenn er etwa in einen strengen Jahrgang fiel, so mochte es ihm auch viel schlimmer ergehen, als in unsern gnadenreichen Zeiten. Von König Heinrich nun versah sich damals Niemand großer Milde, denn er zürnte seinen Edelherren, weil sie einander in den letzten Zeiten wieder recht meisterlich ihre Schlösser angezündet, sich die Schwerter durch den Leib gerannt, ihre altadeligen Frauen verunehrt, die Knechte erschlagen und die Länder wüste gelegt hatten. Die Klage wegen des geraubten Heidenmädchens hatte übrigens Dionys, der Hausvogt, erhoben, nachdem ihm das Gerücht die Kunde hinterbracht. Auf sein Ersuchen hatte Herr Roger von Meulan, des Königs Großjustitiar, den Missethäter laden lassen, das heißt: seine Knechte hatten ihn bei dunkler Nacht aus seiner Burg geholt und in den Kerker, das Fräulein aber zur nämlichen Zeit zu St. Wandregisel ins Nonnenkloster gebracht. An jenem Morgen nun stand Herr Haymon vor der Assise, wo vierundzwanzig normannische Barone sein Urtheil sprechen sollten. Er trug ein härenes graues Gewand, war barfuß und noch immer bleich von seinem Siechthum her, auch etwas schwermüthig, denn er wollte die Wahrheit der Geschichte nicht bekämpfen und kannte die Strafe, der er verfallen würde, nämlich den Tod. Nicht weit von ihm saß tiefverschleiert die Sarazenin. Der Hausvogt stand auf und sprach: »Ich klage wider Herrn Haymon von Nullepart, der gegen den Frieden Gottes und des Herrn Königs Haura von Antiochien, mein Fräulein und meine Herrin wider ihren Willen geraubt und auf sein Schloß zu Nullepart geschleppt, und bin bereit dies zu beweisen zu jeder Stunde des Tages.« »Es ist kein Beweis vonnöthen,« entgegnete der Ritter – »ich bin der That geständig.« »Ihr könnt also in Wahrheit nicht behaupten,« sprach König Heinrich, »daß sie Euch gern und willig gefolgt, Herr Haymon von Nullepart?« Herr Haymon antwortete leise: »Ich glaube nicht, daß sie mir gerne und willig gefolgt« – während das Mädchen sich rasch erhob und ausrief: »Nein, bei Gott und dem Propheten, ich bin nicht gerne und willig gegangen, sondern der Ritter hat mich mit seiner Kraft auf sein Roß geworfen und dann im schnellsten Laufe gen Nullepart geführt.« Auf dieses entbot König Heinrich den vierundzwanzig Baronen, den Spruch zu geben, worauf einer nach dem andern aufstand und mit emporgehaltener Rechten den Eid schwur, Herr Haymon von Nullepart sey schuldig, das Fräulein Haura von Antiochien wider ihren Willen geraubt zu haben, deßwegen seiner Ehren und Würden verlustig und dem Tode verfallen.« »Ihr habt Euch wohl gerächt, daß ich's empfinden werde, schönes Fräulein,« sprach der Ritter, als die vierundzwanzig Barone geschworen hatten. »Und nun,« setzte er hinzu, »laßt mich abführen, Herr König, und vergönnt mir ein baldiges Ende.« König Heinrich von England war traurig und winkte trüben Blickes den Bewaffneten, welche den Verurteilten umstanden, als plötzlich mit einem lauten Schrei das Fräulein vor den König hinstürzte, den Schleier zurückschlug und rief: »Ich bitte um Gnade, Herr König von England, für den edlen Herrn Haymon von Nullepart, denn obgleich er mich wider meinen Willen geraubt, so hat er mich doch in Zucht und Ehren gehalten, da ich ihn pflegte. Schenkt ihm seine Würden und sein Leben, indem seine Missethat ohne meinen Schaden abgegangen ist. Auch wird meine Gegenwart nicht länger an das Geschehene erinnern und von mir in diesen Ländern bald nicht mehr die Rede seyn, da ich willens bin, morgen nach Hispanien zu ziehen, und mein Oheim zu Sevilla Haus hält.« König Heinrich war erstaunt über die Schönheit des Mädchens von Antiochien und über ihre blonden Haare. Daß sie die normännische Sprache, obwohl eine Morgenländerin, so zierlich zu handhaben wußte, wunderte ihn nicht minder und da er auch Herrn Haymon wegen manches guten Dienstes, den er der Krone von England in ihren Nöthen schon geleistet, besonders freundlich gesinnt war, so sprach er, während er dem Fräulein sich zu erheben winkte: »Was haltet Ihr für Rechtens, Herr Roger von Meulan, Großjustitiar von England?« »Um der Gleichheit der Sachen willen,« entgegnete der Großjustitiar, »gedenke ich Euch an einen Spruch zu mahnen, der vor siebenzehn Jahren erging, als zu Coutances ein hebräischer Jongleur gestorben war und Herr Robert von Carneville desselben junge Wittwe mit Gewalt auf seine Burg geführt hatte. Damals bat die Jüdin, den christlichen Glauben annehmen zu dürfen, der Ritter versprach sie zu ehelichen, der würdige Erzbischof von Rouen bat um sein Leben und König Wilhelm schenkte es ihm.« Ein fröhliches Flüstern ging bei diesen Worten durch die Versammlung und Ritter wie Edelknechte, Frauen wie Fräulein und auch das andere Volk – alle dankten es mit vergeltenden Gebärden dem Herrn Roger von Meulan, daß er den Weg zur Gnade, zum Leben und zum Glück so wohlverständlich angedeutet. Auch König Heinrich sprach mit wohlwollendem Lächeln: »Und was habt Ihr dazu zu sagen, schönes Fräulein?« »Fragt erst den Ritter,« erwiederte Haura und erröthete dergestalt, daß sie, um es zu verbergen, schnell den Schleier wieder herabfallen ließ. »Ich,« sprach Herr Haymon unaufgefordert, »ich habe meiner Tage kein edler und liebevoller Frauenbild gesehen, danke ihr auch nebst Gott mein Leben und hätte nie einen andern Willen gehabt, denn sie als Dame von Nullepart zu feiern, wäre nicht ihr schnödes Heidenthum –« »Wollt Ihr ihn aber Eures schnöden Heidenthums wegen sterben lassen?« fragte der König wieder und gab seinem Schenken ein Zeichen, so daß Dieser einen goldenen mit Wein gefüllten Becher vor den König stellte. »Meine Mutter,« sagte Haura zögernd, »meine Mutter ist mir in ihren gesunden Tagen und in ihren letzten Stunden dringend angelegen, daß ich dereinst, wenn ich durch Verhängniß Gottes in das Abendland geführt würde, zum Christenglauben schwören möchte.« »Die Gelegenheit scheint günstig,« sprach der König heiter. »Denn,« fiel Dionys, der Hausvogt, ein, »es lebte ehedem die eheliche Hausfrau weiland Herrn Hugos von Quilesait, aus der Normandie, der als Pilger bei Tyrus von den Sarazenen erschlagen worden ist. Sein schönes Gemahl aber nahm der Emir von Antiochien aus den Gefangenen und hielt sie als eine seiner Frauen. Und sieben Monate nach Herrn Hugos Tod gebar seine Wittwe das Fräulein zu Antiochien, welches sie heimlich taufte auf den Namen der heiligen Mathilde. Aus Furcht vor dem ungläubigen Herrn und Gebieter wollte sie zwar der Tochter von diesen Dingen nie erzählen, ich sage es jedoch bei meiner Treue und bin bereit, es mit den schwersten Eiden zu erhärten, dieweil ich Herrn Hugos Knecht gewesen bin und mit ihm und der Edelfrau von Quilesait vor achtzehn Jahren von dieser Stadt Rouen auf Pilgerfahrt gen Orient zog und meinen Herrn bei Tyrus fallen sah und seiner Hausfrau in die Gefangenschaft folgte, allwo sie nach sieben Jahren aus Gram und Heimweh starb. Und dort habe ich diese Zeit verlebt, bis die Kreuzfahrer mit der Beihülfe der heiligen Jungfrau Maria die Stadt Antiochien erobert, worauf ich meinen Sinn darauf gestellt, das edle Fräulein, welches eine sehr tugendsame Maid und mir allezeit eine fürtreffliche Gebieterin gewesen ist, aus dem Kriege und den wilden Stößen mit den Ungläubigen in ihr Vaterland zu bringen, was ich auch mit der Gnade Gottes ausgeführt habe. Und hier ist der Siegelring meines Herrn Hugo von Quilesait, welchen ich ihm abzog, als er erschlagen lag auf dem Strand von Tyrus.« Als König Heinrich den Siegelring betrachtet und ihn erkannt hatte, hob er fröhlich seinen Becher empor und rief: »Hört, Ihr Herren und Frauen! Es lebe das edle Fräulein Mathilde von Quilesait, nunmehr die holde Braut des Herrn Haymon von Nullepart, den wir also begnadigen und in seine Ehren und Würden wieder einsetzen.« Schon die Augenzeugen, welche dazumal zu Rouen vor dem Gerichtshofe standen, alle Worte hörten und Alles sahen was vorging, fanden es nachher sehr schwierig, den andern, welche zu Hause geblieben, den Freudenlärm zu beschreiben, der sich jetzt in dem gesammten Umstande des Gerichtes erhob und darum möchte es wohl den Spätergeborenen fast unmöglich seyn, davon eine getreue Darstellung zu geben. Eine schöne Augenweide war es sicherlich, als die ganze Schaar des mächtigen Hauses Quilesait herantrat, um das Fräulein als neugefundenes Zweiglein des alten und in seiner Art edlen Stammes zu begrüßen, als die Ritter und Junker, die Frauen und Fräulein sie zu küssen und ihrer Freundschaft und Liebe zu versichern eilten. Das Fräulein stand, wie man sagt, in reizender Verwirrung, nach allen Seiten hingezogen, zumeist freilich nach Herrn Haymon, an dessen Hals sie schnell etliche Zähren geweint, dann nach dem getreuen Hausvogt Dionys, dessen Anhänglichkeit in ihrem dunkeln Drange diesen fröhlichen Ausgang herbeigeführt; nach König Heinrich von England, der sich heute so gnädig gezeigt und nach der freundlichen Verwandtschaft, die sie umdrängte und einschloß. Wie dem auch sey, es ist hier nicht die Stelle, um all der Festlichkeiten zu gedenken, welche zu Ehren Herrn Haymons Brautschaft und Hochzeit dazumal zu Rouen gefeiert wurden; aber drei Wochen darauf zog der Ritter mit seiner jungen, ihm jetzt angetrauten Hausfrau und dem getreuen Hausvogt Dionysius hinaus gen Nullepart und dort fingen sie ihr ehlich Leben an, welches sie bald zu großer Anmuth und Würde brachten. Es darf nicht vergessen werden, daß des Fräuleins biderbe Gefährten im Walde, Arslan, der Löwe, Miri, der Edelfalke, die getreue arabische Viper und das andere Gethier, jetzt in der Burg versammelt, den Herrn von Nullepart auch bald als den ihrigen anerkannten und ihm alle Dienste leisteten, die er billigerweise von ihnen verlangen konnte. Und da Alles ein so fröhliches Ende genommen, vielmehr das Ende wieder der Anfang eines glücklichen Lebens geworden, so kam es, daß Herr Haymon und Frau Mathilde gar oft die Stunde segneten, wo sie sich im wilden Walde begegnet. Das Gnadenbild auf dem Weißenstein in Tirol. Leifers an der Etsch. Im Herbst 1847. In unserm Dörfchen, das sonst nur von der lebhaften Durchfuhr einige Bewegung erhält, herrscht seit längerer Zeit eine eigenthümliche Aufregung. Die Veranlassung hierzu gab ein Gnadenbild, dessen Geschichte wir gerne erzählen wollen: Vor langen Zeiten also entstand auf einem nahe gelegenen gegen fünftausend Fuß hohen Berge, welcher eine herrliche Aussicht bietet, die Wallfahrt zu unserer lieben Frau auf dem Weißenstein. Ein frommer Bauer hatte nämlich auf höhere Eingebung an einer Stelle, die ihm die heilige Jungfrau selbst bezeichnet, sein Grabscheit eingestochen und ein Marienbild aus weißem Marmor gefunden. Wer dasselbe dorthin vergraben, ist bisher noch nicht erkundet worden, dürfte auch kaum mehr zu erfahren seyn, da seitdem schon dreihundert Jahre vorübergegangen sind. Das Wunder zog das Volk mächtig an, es entstand eine Kirche, die Andacht wuchs mit jedem Tage und die Wallfahrt wurde landberühmt. Das reichliche Opfer, das da zu fallen kam, überzeugte allmälig auch die Priesterschaft, welch' herrlichen Gnadenschatz der Himmel in dieser windigen Höhe eröffnet; die Anfangs kleinen Gebäude wurden immer vergrößert und endlich im Jahre 1718 ward das neuerbaute stattliche Kloster dem Serviten-Orden übergeben. So lebten diese »Diener Mariens« manches Jahrzehend in fröhlicher Frömmigkeit auf ihrem Gnadenberge, geehrt von den Männern, geliebt von den Weibern und freuten sich des nie versiegenden Segens, den die Gottesmutter, ihre eigenthümliche Herrin, über das Kloster ausgoß. Der ehrwürdige Convent grünte für und für und das steinerne Bild wirkte seine Wunder täglich und stündlich bis zum Jahre 1787, als Kaiser Joseph den frommen Verein auseinandergehen, die Gebäude verkaufen und das Marienbild den Berg herunterwandern ließ in die Kirche von Leifers zur bequemern zeitersparenden Andacht. Von jener Zeit her schreibt sich aber ein schwerer Zweifel, wo das wahre Gnadenbild zu finden sey. Die Diener Mariens behaupteten nämlich dazumal im Stillen, sie hätten nur eine Nachbildung abgegeben und das ächte wunderthätige Idol sey zurückgeblieben auf dem Weißenstein, den es sich selbst als seinen Ruhesitz erkoren. Dieser Glaube erhielt sich auch im Volke, das nach Kaiser Josephs Willensmeinung wenig fragte und noch stets den alten rauhen Steinweg zum Heiligthum auf dem Berge einschlug, jedoch nicht, ohne – Sicherheitshalber – auch das Bild in der Kirche von Leifers zu begrüßen. Es ist begreiflich, daß die Wallfahrer, wenn ihnen geholfen worden, nur selten angeben konnten, ob es unten oder oben geschehen sey. So blühte viele Jahre lang ein reger, aber stiller Doppelkultus, bis die Serviten zu Innsbruck sich wieder des hohen Gnadenortes erinnerten, der einmal ihr Stolz und ihre Freude gewesen. Die »Erhebung des katholischen Bewußtseins« hatte auch diesen Orden ergriffen und er glaubte das Seinige thun zu müssen für gänzliche Wiederherstellung des alten heiligen Tirols. Im Jahre 1833 erbat er von dem Kaiser die Herstellung des Hospizes auf dem weihevollen Berge, fand aber noch kein geneigtes Ohr. Die Diener Mariens gaben gleichwohl das gute Werk nicht auf, sondern kauften vielmehr das alte Gebäude und bezogen es noch im selben Jahre. Als dies geschehen, erweichte eine höhere Macht auch das Herz des Kaisers und er genehmigte nachträglich die neue Ansiedelung. Nun gewahrte aber das aufmerksame Auge der frommen Väter, daß aus alter Gewohnheit und kaum mehr zu rechtfertigendem Schlendrian in der Wallfahrtskirche zu Leifers doch noch einiges Opfer dargebracht werde, und es schien daher gerathen und nothwendig, auch dieses dem einzig wahren und ächten Marienbilde auf dem Berge zuzuwenden; denn daß dieses allein und kein anderes jenes alte ehrwürdige sey, welches der fromme Bauer ausgegraben, dies zeigte sich erst jetzt recht deutlich durch die vielen und unglaublichen Wunder, welche die steinerne Maria zu wirken anfing. Es kam nun darauf an, das Bild zu Leifers, das nebenbei auch nicht unglücklich fortexperimentirte, seiner angemaßten Wunderkraft zu entkleiden. Allein es zeigte sich hier, daß nichts schwieriger sey, als ein unächtes Gnadenbild, dem einmal etliche Mirakel gelungen, wieder von dieser seiner Unart abzubringen. Da alle Versuche scheiterten, so schien es denn nicht so fast zum Vortheil der ehrwürdigen Serviten als vielmehr der Mutter Gottes selbst, daß man nunmehro die Tradition umstürzte, in dem Bilde von Leifers das wahre und getreue Ebenbild der körperlosen Jungfrau im Himmel anerkannte, zugleich aber auch demselben den stummen Wunsch nach oben in's Herz legte, als empfinde es eine fast menschliche Sehnsucht nach der herrlichen Aussicht, der schönern Lage, der reinern Lust, dem anständigern Haushalt und den andern Bequemlichkeiten auf den Höhen des Weißensteins, sowie auch nach der geläuterten Gesellschaft der frommen Serviten, was ihm nicht zu verargen wäre, da es in unserm Dorfe hauptsächlich nur Floßknechte und Fuhrleute um sich sieht. Die Herren von Weißenstein baten daher dringendst um die Rückgabe des wunderthätigen Bildes. Unser Gouverneur, aus dem gräflichen Geschlechte derer von Brandis, ein andächtiger Staatsmann, selbst Mitglied mehrerer frommer Brüderschaften, in welche er sich mit würdevoller Feier aufnehmen ließ, Verfasser eines lateinischen Gebetbuches und einer Geschichte Friedrichs mit der leeren Tasche, unser Gouverneur, der sich auch um die Verehrung der vierzehn Nothhelfer und mehrerer anderer obsuleter Heiligen namhafte Verdienste erworben hat, übersah die tiefe Bedeutung und volksthümlich religiöse Wichtigkeit dieser Sache keineswegs. Er ließ die Gemeinde vorerst durch den Propst von Botzen zur freiwilligen Herausgabe ermahnen, jedoch ohne Erfolg, sintemalen die Gemeinde behauptete, das wunderthätige Bild sey durch kaiserliche Uebertragung und unvordenkliche Verjährung ein Bestandtheil des Kircheninventars geworden und könne daher ohne Surrogirung eines andern gleich kräftigen Gnadenbildes nur mit empfindlichstem Schaden abgetreten werden; es sey auch letzteres um so weniger nöthig, als ja nach der früheren Aussage der Sachverständigen das wahre Bild noch immer auf dem Berge verehrt werde, jenes im Dorfe nur eine Nachahmung und ihnen daher wohl zu vergönnen sey, daß sie für gichtbrüchige, lungenschwache und andere Personen, die des Berges nicht mehr mächtig werden möchten, eine verhältnißmäßig zugänglichere Wallfahrt besäßen. Der Gouverneur war durch die Antwort keineswegs befriedigt, fand vielmehr jene Ansicht eher einfältig als weise und gab nunmehr selbst den Befehl, das Bild herauszugeben. Statt diesen Bescheid zu ehren, blieben aber die Leiferser mit bedauerlichem Eigensinn auf ihrem angeblichem Rechte stehen und behelligten sogar die höhern Stellen mit dem Streite um das Gnadenbild. Leider scheint auch, man weiß nicht wie, manche irdische Verstimmung sich eingemischt zu haben und die Leiferser nahmen Dinge zu Hülfe, welche sie zum Besten der Serviten vielleicht lieber aus dem Spiel gelassen hätten. Sie legten nämlich ihrer Streitschrift eine Schachtel bei, welche verschiedene Bilder, Täfelchen, Ablaßbriefe, geweihte Wasser für Vieh und Menschen und eben solche Brote enthielt, lauter Artikel, welche in einem wohl assortirten Laden neben dem Tempel der heiligen Jungfrau für ihre und ihrer Diener Wohlfahrt verkauft werden. Die oberste Hofstelle zu Wien, welche bei der in dem übrigen Kaiserstaate immer mehr überhand nehmenden Aufklärerei sich schon lange außer allem Verkehr mit Gnadenbildern halten soll, scheint die Vorlage mißverstanden und die pastorale Bedeutung dieser Erbauungsmittel gänzlich verkannt zu haben, – ja sie ging so weit Nachforschungen anzustellen, ob dieser »Unfug« noch bestehe. Die Serviten mußten fühlen, daß ihrer Andacht, ihrer Frömmigkeit und ihrem Eifer für die wahre Verehrung des ächten Bildes zu wenig Rechnung getragen werde und so nahmen sie ihr Gesuch »einstweilen« zurück, nicht ohne Hoffnung, daß einst auch für sie eine freundlichere Sonne leuchten werde. Diese heraufzuführen, ist, man muß es anerkennen, unser Gouverneur emsig beflissen; war er ja doch schon einmal Willens, das Nebenbild zu Leifers an der Spitze eines Bataillons der Kaiserjäger zu begrüßen und es mit kriegerischem Gepränge auf den Weißenstein zu führen; vielleicht das beste Mittel, um den Eigensinn der Leiferser zu brechen. Noch alle Jahre begnadigte Se. Excellenz auch das Bild auf dem Weißenstein mit seinem hohen Besuche, wodurch diesem eine offizielle Beglaubigung erwuchs, die seine Lust, Wunder zu wirken, noch ungemein angeeifert zu haben scheint. Nichts desto weniger ist auch das Herz Sr. Excellenz nicht ganz frei von Zweifeln, die nur dann erlöschen werden, wenn das Bild von Leifers einst auf die Höhe von Weißenstein gebracht und dadurch die Möglichkeit gegeben seyn wird, die beiden Mütter Gottes zu vergleichen und die unächte herauszuerkennen. Unterdessen gibt die hohe Bedeutsamkeit, welche die wiederauflebende Wallfahrt in unserm Leben gewonnen, schon Anlaß zum heilsamsten Verkehre mit unsern italienischen Nachbarn. Bei der großen Zahl von Messen nämlich, welche durch die Wallfahrer bestellt werden, ist es dem deutschen Clerus unmöglich geworden, sie alle rechnungsmäßig abzulösen. So gehen denn alljährlich viele Hunderte dieser Messebestellungen nach Welschland, jedoch zu herabgesetzten Preisen, da dieselben dort um zehn bis zwanzig Prozente wohlfeiler verarbeitet werden als in Deutsch-Tirol. Der Ueberschuß verbleibt, worüber sich der Patriot nur freuen kann, in deutschen Händen und trägt nicht wenig bei zum gottgefälligen Leben unseres Clerus. Die schlichte Erzählung der Geschichte von dem Gnadenbilde möchte übrigens darthun, daß wir hier zu Lande noch im Stande sind, das Irdische dem Ueberirdischen unterzuordnen und das Ewige nicht zu vernachlässigen über den Fragen der Gegenwart. Sollte sich auch das Projekt der Eisenbahn, die Etschregulirung, die Forstfrage und anderes Dergleichen in neuerer Zeit ungebührlich breit gemacht haben, so weiß Jeder, der unsere Verhältnisse genauer kennt, daß wir uns aus allen diesen Wirrsalen, Möglichkeiten und Unmöglichkeiten immer gerne wieder an der Hand unserer Priester zurückwenden zu den Angelegenheiten unsers ewigen Heils. Eine Woche am Bodensee. Im Frühling 1850. I. Von Augsburg bis ins Allgau hinauf begleitete uns damals das abscheulichste Wetter; aber als wir in tiefer Nacht über die Lindauer Brücke rollten und erwachend nach dem Himmel auslugten, waren alle Schneewolken abgezogen, und die Sterne funkelten in hellem Glanze. Um aber vom Wetter abzukommen, so ist es bekanntlich eine sehr interessante Streitfrage, ob die Insel, auf welcher Tiberius bei der Belegung der Rhätier sein Castell gebaut, für Reichenau oder für Lindau (mit seiner Heidenmauer) zu halten sey. Indessen läßt man jetzt in letzterer Stadt diesen alten Hader gutmüthig liegen, und beschäftigt sich desto eifriger mit Reederei und Küstenschifffahrt, so daß die Lindauer im Sommer ihre bayerische Flagge selbst unter den Wällen von Schaffhausen wehen lassen. Wenn nun der Wanderer sieben lange Jahre vom Leben auf den Wassern nicht mehr gesehen als Isarflöße und die Einbäume auf dem Würmsee, so begrüßt er mit geziemender Freude die schnellen Dampfer mit ihrem schlanken Leibe, die da im Port so heimlich aus- und einfahren. Auch sieht er da noch manches Andere, wovon man sich zwischen München und Fürstenfeldbruck nichts träumen läßt, wie Hafenbauten, Baggermaschinen, Schiffswerfte, Leuchtthürme \&c. Selbst von Matrosen hört man ganz ernsthaft sprechen und von Schiffskapitänen, gleichsam als säße man am Strand der Nordsee bei einem Austernfrühstück. Nicht minder weichen die alten »Lädinen«, diese Ostindienfahrer des Bodensee's, die schon Tiberius kopfschüttelnd betrachtet, nicht minder weichen auch sie dem neuen Geiste der über diesen Wassern schwebt, und gehen in den modernen Lastschiffen auf, welche, elegant und schön betakelt, nach den besten Hamburger Mustern gebaut sind. Und endlich, was ein empfindsames Herz so sinnig anspricht, der edle Theergeruch an diesem Hafen, der unmittelbar vom Weltmeer hereinzuduften scheint, und die Gedanken auch wieder hinausträgt so weit die deutsche Flagge weht, und sie verrinnen läßt zu einem ungeheuern Welttraum von deutscher Bedeutung und Wichtigkeit, von Nationalreichthum und kosmischem Güterleben! Wer übrigens in diesen Tagen an den Bodensee kommt, der findet die Gemüther wie umgestülpt. Alle großen und gefährlichen Ideen scheinen auf leichten Schwingen davongezogen, und man hört kein Wort von den mächtigen Fragen welche Deutschland erregen, weder in den Weinschoppen noch in den Gasthäusern, nicht auf den Dampfbooten, nicht am Familientische. Die Lindauer sind so getreu wie je, und brüten nur über einem zweifachen Räthsel: warum man nämlich den Bürgern monatelang Einquartierung beschert und die Kaserne leer gelassen, und warum sie damals der General F.* so entsetzlich angefahren habe. Letzteres namentlich hätten sie nur im Bewußtsein ihrer Unschuld so ruhig ertragen können, sonst aber in keinem Fall. Uebrigens haben die unaufhörlichen Märzbewegungen das alte schwäbische Lindauer Bataillon, das sich seit den Kriegszeiten selbst an den Seewein gewöhnt hatte, bis nach Lohr in Unterfranken geschoben, und dafür liegen jetzt altbayerische Krieger von Passau in Besatzung. Von Spannung aber fühlt man nichts, da der gemeine Mann so zu sagen »ein guter Kerl« ist, und die Offiziere von Anfang an erklärt und bisher gezeigt haben, daß sie mit den Bürgern angenehme Freundschaft pflegen wollen. Auch Bregenz liegt nicht weit von Lindau, stolz auf seinen Gebhardsberg, der die unendliche Fernsicht über den See und über alemannisches Hoch- und Flachland bietet. An einem hellen Sonntagsnachmittag ward selbst dieser Stadt ein Besuch gemacht auf einer Landstraße, die, sobald sie den kaiserlichen Boden erreicht, eine Zierlichkeit entfaltet, wie wir sie »im engern Vaterlande« schwer wieder zu finden wüßten. Uebrigens ist jetzt zwischen Lindau und Bregenz dasselbe herzliche Einverständnis wie zwischen Ludwig von der Pforten und Felix von Schwarzenberg. An jenem Tage war es auf dem langen Wege wie ein eifrig und inbrünstig gepflogener Bittgang von lauter österreichischen Infanteristen, welche ihr Vaterland auf einige Stunden verließen, um in den Schenken und Brauhäusern auf der bayerischen Seite sowohl ihren Durst zu löschen als konstitutionelle Ideen auszutauschen. Auch der Winter verging sehr lustig bei dieser Freundschaft. Noch am Anfang des Märzen erzählte man von den Bällen welche die Helden von Oesterreich den Fräulein vom See bereitet, und selbst jetzt soll man auf dem Casino zu Lindau noch leicht die seelenvolle Harmonie entdecken, welche zwischen den Schönen und Tapfern von dies- und jenseits lieblich nachdauert. So viel ist übrigens richtig, daß jetzt in Vorarlberg eine ehrfurchtgebietende Armada beisammensteht. In Bregenz war auf den Straßen kaum durchzukommen vor Soldaten, und weiter hinein in Dörfern und Flecken soll man sich auch schwer rühren können. Außerdem ist noch der Bau eines Hafens zu erwähnen, der sehr stattlich zu werden verspricht, jedenfalls schon angelegt für die Zeiten, wo die Zollschranken gefallen seyn werden, denn bis jetzt liegt das Städtchen nicht innerhalb der großen Verkehrslinien des See's. Die Stimmung der Bewohner war natürlich in zwei Stunden, während welcher man sich wenig mit ihr abgab, nicht leicht herauszufinden. Die Beamten schienen zu hoffen, es werde denn doch einmal wieder gehen; das Ministerium sey ungeheuer thätig und so schnell im Fortschritt, daß der Untergebene kaum mehr nachkomme. Das übrige Publikum schien etwas zaghaft und verstimmt wegen Einquartierung, Papiergeld, drohender Steuern \&c. Vorarlberg ist bekanntlich ein Land voll gescheiter Leute, die zum Theil sehr reich sind, große Fabriken besitzen und weite Reisen machen, mit mannigfaltigen Ideen und der Kenntniß fremder Zungen behaftet. Früher war das Gebiet eine Art Afterrepublik unter habsburgischer Zucht, welche bei so großer Ferne in nachsichtige Gemütlichkeit ausartete. Die Fürsten und Herren, welche ehedem dieses rhätische Vorland ziemlich schlecht bewirtschaftet, wurden schon vor langen Zeiten von dem Erzhause ausgekauft, und so hat das Ländchen von den Vorzügen einer hohen Aristokratie keine Erinnerung mehr, jetzt auch keine Begier darnach. Es gefällt sich vielmehr möglichst demokratisch einherzugehen, und zeigte im Jahr der großen Erhebung einen schönen und rühmenswerthen Zug nach einem großen, deutschen Vaterlande, welches leider zur Zeit noch Vorarlberger und Nichtvorarlberger vergeblich suchen. Der Unterschied zwischen Herr, Bürger und Bauer scheint hier sogar im äußerlichen einer Ausgleichung sehr nahe. Die Landleute gucken jetzt sogar ins Modejournal, um sich Sachdienliches herauszunehmen. Die jungen Bauernweiber und die Mädchen kommen mit Hüten in die Stadt vom selben Schnitte wie die der Kreispräsidentin, nur von wohlfeilerem Zeuge – Halbhüte heißen sie – und den gebräunten Nacken deckt ein langer Shawl. Man kann nicht sagen daß dies übel aussieht, aber doch bin ich darob »verhofft«. Ich glaube es war die Eifersucht des »Gebildeten«, daß sich die Andern nun auch gebildet kleiden wollen, und sohin fast ein schnödes Gefühl. Seyen wir also nicht zu bedenklich über diese Erscheinung, und wenn wir eine junge Bauerndame von Bregenz mit Halbhut und Shawl, und eine frische Miesbacherin mit Mieder und Spitzhut vor uns haben, so laßt uns keine derselben durch Zurücksetzung kränken, vielmehr beide freundlich willkommen heißen. Selbst gen Constanz ist man gefahren, fast nur aus Patriotismus, aus dem Streben sich an Allem was das Vaterland Großes und Schönes hat, zu erbauen, dießmal nämlich an dem herrlichen Heere, an dem dunkelblauen Bollwerk Deutschlands. Das hab' ich immer als eine meiner wenigen Tugenden anerkennen müssen, daß ich selbst die Preußen gern habe, und diese Zuneigung auch widerstrebender Umgebung mitzutheilen suche. Ueberhaupt, wenn uns nicht, wie man euphemistisch sagt, »die Geschichte« auseinanderhielte, man könnte fast zur Einsicht kommen, daß die gegenseitigen Stammeseigentümlichkeiten einander eher anziehen als abstoßen. Also um die Preußen zu sehen in ihrer Pracht, stand ich auf dem Dampfboot, das gegen Westen fuhr, nach dem uns glücklich erhaltenen Großherzogthum Baden. Es war ein elegischer Abend, wo der See schon schlummerte noch ehe es Nacht war, und eine feurige Wolke, halb so groß als der Abendhimmel, über der Schweiz hing, und der Kirchthurm von Uttwyl ganz schwarz in die Gluth hineinstieß. Die Dörfer und Städte auf dem fernen deutschen Ufer verloren sich mälig in die blaue Finsterniß, während die Häuser und Schlösser auf dem eidgenössischen ihre Lichter anzündeten, die Abendglocken läuteten und die beschneiten Berghäupter von Rhätien und Helvetien ein zartes Alpenglühen überkam. Der Dampfer ging tiefathmend seinen Weg durch die spiegelglatte Fluth, immer abendwärts, und zuletzt stiegen wir in der That bei finsterer Nacht zu Constanz auf den Damm, wo die Pickelhauben – mein Reiseziel – unserer warteten. Eine Pickelhaube ist aber wirklich ein schwarzlederner Sturz über einen preußischen Kopf, trägt vorne einen Adler und verjüngt sich oben in eine metallene Spitze. Sonst ist die Pracht der Kriegsgewänder etwas abgetragen, und es scheint seit dem badischen Feldzuge nicht mehr viel dafür geschehen zu seyn. Das Regiment ist aus der Gegend von Magdeburg, und gilt im Ganzen für wohlerzogen und sittsam. Die Offiziere gestatten Annäherung im Museum, gehen aber sonst nicht mit den Bürgern um. Nach verlässigen Angaben ist man mit den Preußen als Quartierleuten im badischen Oberlande nicht übel zufrieden. In Vorarlberg lobt man auch die Oesterreicher, freilich mehr die aus deutschen Ländern als die andern. Ebenso haben die Bayern am Untersee und im Schwarzwald ein gutes Andenken hinterlassen, und es ist eine wahre Geschichte, daß sie ihre Freistunden hergaben um den Knechten und Dirnen in Hof und Feld zu helfen, wofür sie dann manche Freundschafts- und Liebesdienste zurückerhielten. Anmaßender und begehrlicher seyen die Württemberger und über diese noch die Hessen gewesen, weil der Dünkel desto größer sey; je kleiner die Armee. Constanz ist nicht arm an Merkwürdigkeiten. Das große Concilium goß einen soliden Heiligenschein auf das bescheidene Seestädtchen, das seitdem nach allgemeiner Meinung freilich immer mehr heruntergekommen ist, und wie schon der griechische Weltweise bei Jacobs vorhergesagt, jene kurze Zeit der kirchlichen Wollüste mit langer Verkümmerung bezahlen mußte. Auch das Haus wird gezeigt, wo Barbarossa mit den lombardischen Städten seinen Frieden schloß, nun ein Weinhaus, in dem man noch jetzt eine Flasche guten feurigen Barbarossa trinken kann. Nicht minder ist die Herberge anzumerken, wo Johannes Huß gewohnt. Die Stelle, auf der der fromme Held verbrannt worden, war viele Menschenalter hindurch vergessen oder wenigstens bestritten, ist aber jetzt durch Professor Josua Eiselin wieder glücklich festgestellt, und liegt in dem Gartenland vor den Thoren, nicht weit von dem Plane, wo Herzog Friedel von Tirol sein »Gestech« hielt, um Johann XXII. unbeachtet aus der Stadt zu bringen. Den Weg zur Wiederfindung wies die Chronik Herrn Ulrichs v. Reichenthal, der damals zu Constanz lebte und die traurige Feierlichkeit mit vielem Fleiße beschrieben hat. Dieses Zeitbuch, vor langen Zeiten einst gedruckt, ist jetzt wieder fast verschollen und sollte jüngst neu aufgelegt werden, was aber wegen der Kostspieligkeit des Unternehmens nicht auszuführen war. Es wird auf dem Stadthaus mit großer Freundlichkeit gezeigt, und enthält viele leidliche Malereien, die den Hergang der Dinge sehr angenehm verdeutlichen. Wer nicht Muße hat das ganze Buch zu lesen, der läßt sich doch die Stelle zeigen wo Hussens Gericht beschrieben wird. Da kommt er selbst auch mehrmals vor im Conterfei mit blonden lockigen Haaren, bleichen Antlitzes und ohne Bart; die Worte aber, die sein Martyrium schildern, nachdem er auf dem Scheiterhaufen stand, lauten wie folgt: »Und wolt angefangen haben zu predigen in tütsch, das wolt ihm Herzog Ludwig (von der Pfalz) nit vergunen und hieß ihn brennen. Da nahm ihn der Henker und band ihn mit Schuh und Häs und zündt das Feuer an. Da schrie er vast und was bald verbrunnen.« In historischer Feierstimmung ging ich nun an das Thor und behändigte der Wache ein vortreffliches Certifikat über die Unschuld meines Reisezweckes, welches man mir in Lindau als einen Talisman übergeben hatte, erntete aber damit nur Zurückweisung. Das wissen nämlich die wenigsten, wie streng es jetzt die Constanzer Preußen mit diesen Urkunden halten. Schon des Tags zuvor war ich auf der Stadtkommandantur gewesen, um sicheres Geleit zu haben, und hatte wegen des großen Zudrangs gegen drei Viertelstunden gewartet. Eine Menge Eidgenossen niederen Schlags standen da, alle mit hocherhobenen Zettelchen vor den Barren. Ein schöner Jüngling und Lieutenant wandelte die schweizerischen Gäste in preußischer Sprache ab; ein badischer Offiziant vermittelte das Verständniß wenn es zu leiden schien. So bekam zuletzt ein Jeder sein Papier zurück und ging gemüthlich seiner Wege ins Freie – bis auf mich, der's zum andern Morgen versparte, und dem dann der Soldat am Thore bedeutete, daß kein Ausgang gestattet werde. Umstempeln, sagte er, müssen sich umstempeln lassen, weil das Visa von gestern ist. Zog also verdrießlich abermals auf die Commandantur, wo schon wieder ein anderer Lieutenant am Visirtische stand und gnädig seine Schuldigkeit that. Derweilen war aber das Dampfschiff reisefertig geworden, und ich eilte was ich konnte auf sein freies Deck – once more upon the waves – und es war mir als wäre ich glücklich aus der Hausvogtei entkommen; versparte auch den Besuch bei Hussens Todtenmal auf schönere Tage, wo es den Preußen nicht mehr die Dienstpflicht gebieten wird so beschwerlich zu seyn. Diese Quälerei ist übrigens so gleichheitlich ausgetheilt, daß sie Jeden trifft, die Einwohner wie die Fremden, und daß die reicheren Schweizerbauern, die sonst so viel Hausbedarf in Constanz holten, den Burgfrieden der Stadt fast nicht mehr betreten. Die Bürger nehmen das auch sehr schwer, und Einer meinte, wenn die Gewalthaber nur fünf Minuten darüber nachdenken wollten, was das für ein Schaden sey, so müßte es bald anders werden. Die Beamten dagegen, die vom besten Geiste beseelt sind, behaupten, jetzt könne man doch wieder einmal regieren. Einer derselben war so tief durchdrungen von den Vorteilen dieses Zustandes, daß er die Hypothese aufstellte: um sie einzusehen brauche man von den gewöhnlichen fünf Sinnen nicht mehr als ihrer drei, und für jeden Mann der badischen Ordnung sey es unausstehlich gewesen, wie vorm Jahr die junge Schweiz alle Sonntage herübergekommen und in allen Wirthshäusern die unfläthigsten politischen Toaste ausgebracht. Jetzt sey dem vorgekehrt, und kein Schaden, daß die herrlichen Preußen einen Appenzeller Kuhhirten unter Pönitenz gestellt, weil er ein Scharlachleibchen trug, und einem Schiffskapitän verboten, mit seinem rothen Griechenfesi ferner an Bord zu prunken. Einen jungen Bayern soll man auch wegen winzigen Rede-Exzesses auf Wochen gen Rastatt geführt haben. Gar gefährlich ist es insbesondere ungünstig von dem König von Preußen zu sprechen, was in Bayern doch Vielen zur andern Natur geworden. II. In Rorschach ist ganz anderes Leben – es stehen zwar auch drei Landjäger am Hafen, aber das ist nur Zierrath, sonst weit und breit keine Uniform. Dieser Flecken ist am See das vornehmste Emporium der Schweiz, daher voll Regsamkeit. Manches Republikanische fällt dem Beobachter auf – so schon die Wirthshäuser, wo die süddeutsche Unterscheidung in Zech- und Herrenstube verschwindet, und den freien Männern, sey auch der Stand verschieden, doch Wind und Sonne gleich vertheilt werden. Es herrscht hier nicht der Schmutz des zerrissenen Bodens, zerbrochener Scheiben und rauchiger Vorhänge, sondern die freundliche Behaglichkeit einer gutgehaltenen Wohnstube mit reinlichen Tischen und hellen Fenstern auch für den gemeinen Mann. An den Wänden weniger schlechte Heiligenbilder, sehr selten die abgedroschene Geschichte der heiligen Genofeva und des verlornen Sohnes, aber desto mehr Landkarten, Stadtpläne, hübsche Lithographien, Bildnisse bedeutender Männer. Außerhalb des Fleckens sieht man fleißig gebaute, mit Obstbäumen bepflanzte Felder, eine treffliche Straße und hohe, stattliche, mit dem glänzenden Schuppenpanzer bekleidete Bauernhäuser. St. Gallen aber, die Stadt des heiligen Gallus, ist ein gar erquickendes Bild, und zeigt wie Freiheit, Fleiß und Bildung den Menschen heben und auf dieser Welt fast schon glücklich machen können. Diese Sauberkeit der äußern Erscheinung hat man in deutschen Ländern nur selten wahrgenommen. Die Häuser, alle so blank geputzt, so wohlständig, so zufriedenen Aussehens, wetteifern in heiterm Glanze mit den Palästen, welche für Schulen, Spitäler und derlei öffentliche Anstalten erbaut sind. Man glaubt bei jedem Tritte zu merken, daß auch der letzte Pfennig des öffentlichen Seckels, ja selbst die »Erübrigungen« zum wohlverstandenen Heile des steuernden Bürgers verwendet werden. In den Bergschluchten außerhalb der Stadt, wo die Gewässer von den Höhen herunterstürzen, stehen prächtige Fabrikgebäude, eines über dem andern zwischen Gärten und kleinen Hainen. Auf den Gassen bewegt sich fleißig eine gutgekleidete Bevölkerung verständigen Aussehens, und wenn man nach einem Hause fragt, so gehen die Leute als Wegweiser mit bis vor die Thüre. Außerdem herrscht große Sicherheit des Eigenthums, und man hört nicht daß in der guten Gesellschaft Regenschirme und Mäntel »mitgenommen« und im Lesezimmer Bilder aus den Büchern geschnitten werden. Vieles entbehrt man freilich, wenn man aus unsern deutschen Großstädten kommt, z. B. die Wachparade und den Zapfenstreich, die Livreebedienten und die Kammerjunker, die Hof- und die Reichsräthe u. s. f., aber wie leicht werden uns diese Entbehrungen, wenn nur der erste halbe Tag überstanden ist! Sonderbar klingt es, daß ohne großartigen Kunstbetrieb allenthalben zu Stadt und Land ein Streben nach Eleganz und schönen Formen für Haus und Stube bemerkbar wird, während anderswo Bürger und Bauer um die »monumentalen Schöpfungen« so gedankenlos und ungelehrig herumtrollen, wie der egyptische Fellah um seine Pyramiden. Was die Menschen betrifft, so kann man nicht gerade ebenso von Eleganz und schönen Formen sprechen, aber man bewegt sich in freundlichen, zweckmäßigen Manieren ohne überflüssige Süßigkeiten. An der Wirthstafel im Löwen, wo doch auch große Männer da waren aus dem Kanton, war keiner in seinem Benehmen jenem Würdenträger zu vergleichen, der etliche Jahre lang im bojoarischen Hof zu Ix Ix Jeden mündlich abraufte, den das Unglück in seine Nähe führte. Uebrigens haben sich die St. Galler wie die andern Schweizer um die Würde und Hoheit eines großartigen Beamtentums muthwillig selbst gebracht, da sie ihre Obrigkeiten auf kurze Jahre wählen, den allerwenigsten einen Gehalt und keinem eine Pension geben. Selbst die Richter werden durch alle drei Instanzen nur auf Zeit erkoren, gelehrte und ungelehrte durcheinander, brauchen auch kein Gesetzbuch. Was hätte man da in Bayern seit Wigulejus von Kreitmayr an herrlichen Talenten ersparen können, wenn sie so betrieben worden wäre die Jurisprudenz, dieser, wie Johannes Loredanus sagt, scopulus fatalis celeberrimorum ingeniorum et oceanus qui sublimissimos spiritus absorpserit . Freilich wird im Ausland zuweilen angenommen, die schweizerische Rechtspflege bethätige sich überhaupt mehr in väterlichen Ermahnungen als in ernstgemeinten Aufträgen, und es sey nicht so leicht zu dem Seinigen zu kommen, aber sollte es nicht auch andere Länder geben, wo die Rechtsgelehrsamkeit in tropischer Blüthe steht, und wo gleichwohl die theuern Gerichte durch Gesetz und Praxis, durch Richter und Advokaten, und durch die Schelmerei der Parteien selbst nur groteske Asylanstalten werden, immer beschäftigt den Schuldner vor dem Gläubiger zu bergen – ungefähr das gerade Gegentheil von dem was sie seyn sollen und wofür sie bezahlt sind? So viele Nachtheile indeß diese Beamtenlosigkeit herbeiführen mag, eine schöne Folge ist ihr nicht abzusprechen, nämlich der höfliche und rücksichtsvolle Umgang der Obrigkeiten mit den andern Leuten, welche in diesem Jahre zufällig keine Obrigkeit geworden sind. Sah man doch des Abends einen guten Theil des jetzt versammelten Großraths beim Hirschenwirth, und konnte sich nur freuen über das angenehm manierliche Wesen dieser Herren, welche vielleicht an gesundem Menschenverstand ebenso weit voraus, als an Grobheit zurück sind hinter den bekannten ultramontanen Parlamentsrhetoren zu Derwischabad. Daß man auch sehr wenige Abgaben bezahlt, wollen wir gar nicht erwähnen, um nicht verlarvter Wühlerei beschuldigt zu werden. Nun hat zwar allerdings auch die Schweiz ihre Gegenden, wo die Menschheit und ihre Cultur sich nicht viel anders darstellt als zwischen Feldmoching und Ampermoching im rechtgläubigen Altbayern, und solche zurückgebliebene Gegenden sollen leider die katholischen Kantone seyn. So ergäbe sich denn, daß gerade calvinistische Ansichten vom Uebersinnlichen auf einem kleinen freien Gebiet die meisten Chancen bieten für bürgerliches Glück und gedeihlichen Haushalt auf Erden. Freilich muß dies vielleicht mit ewiger Verdammniß gebüßt werden, und schon aus diesem Grunde ist den Deutschen nicht zu rathen calvinisch zu werden und Germanien in fünfhundert Kantone zu zerschlagen, wenn auch die Mission, die uns geworden, jene deutsche Zukunft voll Macht und Größe vorerst zu träumen und später auszuführen, die pfahlbürgerliche Behaglichkeit einer helvetischen Kantonscapitale nicht aufwiegen sollte. Vielmehr wollten wir nur ungefähr Folgendes andeuten: wie der Dichter immer wieder auf den uralten Homeros zurückgehen soll, um sich an seiner Einfalt zu erziehen und zu bilden, so sollten auch auswärtige Menschenfreunde und sogar Staatsweise hin und wieder durch den Garten dieser kleinen Republiken gehen, um an ihrer Einfachheit sich zu erquicken und daraus zu lernen. Auch den regierenden Fürsten und solchen, die es werden wollen, sollte man dringendst empfehlen, nicht mehr nach Italien zu reisen, sondern auch zuweilen in die Eidgenossenschaft. Dort sehen sie hauptsächlich wie viel Elend der Mensch ertragen kann, ehe er sich selbst das Leben nimmt – und dieß stimmt das fürstliche Gemüth leicht despotisch – hier dagegen, wie wenig Weisheit dazu gehört, ein Volk glücklich zu machen, wenn man es nur sich selbst überläßt. Um aber den Leser über Zweck und Ziel der Schweizerreise nicht länger hinzuhalten – dazumal lebte in St. Gallen der Fragmentist, geboren zu Tschötsch bei Brixen, in dem Befreiungskriege bayerischer Lieutenant, später Professor, Reisender im Orient, dann Parlamentsmitglied für Au und Haidhausen zu Frankfurt, später zu Stuttgart, noch später Flüchtling und Hochverräther, ein Gebietiger des Scharfsinns, wie ihn der Sultan in seinem Ordenspatent nennt, zugleich Gegenstand und Inhaber eines königlich bayerischen Steckbriefes. Im Löwen wohnte er, aber in der Sonne traf ich ihn im Lesezimmer, ganz allein, den Hut tief in die Stirne gedrückt, eifrig über den deutschen Zeitungen. Es war ein freundliches Wiedersehen, obgleich der ganze, von ihm vorausgesehene Schiffbruch der großen deutschen Hoffnungen zwischen jetzt lag und seinen letzten Tagen in München. Wie aber denen, die den Herrn lieben, alles zum Besten gereichen muß, so ist ihm auch das Exil höchst förderlich gewesen; die freie Luft und die Gesundbäder zu Appenzell haben den ermatteten Körper wieder gestärkt, die Stimme geht wieder klar von der Brust, und der Humor erfreut sich seiner alten frischen Bosheit. Auch die Lust mit dem Publikum zu verkehren, ist wieder vorhanden, und man soll in nächster Zeit Verschiedenes lesen, was der Beschreibung nach schon recht bitter werden dürfte. Zum vollen Seelenfrieden, meint er, fehlen ihm nur die Feinde, und er will sich jetzt behend etliche Dutzend auf den Hals schreiben, damit Alles in seine Ordnung komme. Das aber kann er noch immer nicht vergessen, daß die Allgemeine Zeitung damals seine Spruchpoesie so buchstäblich genommen und das pauvre, vieux, malade, fugutif in alle Welt habe gehen lassen. Denn erstens sind wir gar nicht arm, zweitens in den besten Jahren, drittens hechtgesund, und viertens ist jetzt auch der Steckbrief abgewürdigt, und der Gebietiger des Scharfsinns kann wieder unbehelligt sich durch alle Lande ergießen »wo es an Salze gebricht«. Vorderhand indeß gingen wir nur lustwandeln auf die Morgenpromenade bis zu einem Hause, das, laut seines Schildes, H. J. J. Müller, Dachdecker und »Kabisschnätzler« innehat, von dort aber wieder nach der Stadt. Es hülfe nichts zu verheimlichen, daß wir auch über Lord Palmerston, den Tiger, gesprochen haben. Der Fragmentist beklagt sich über den großen Mißverstand, daß das gelehrte Europa in seinen Dogmen einigen Griechenhaß zu spüren glaube. Nicht daß die Hellenen von »Strutz und Kukkurutz« zur Freiheit gediehen, habe ihn verdrossen, sondern daß sie nicht gleich großer geworden. Zu viel Honig habe er aus den großen Alten gesogen, als daß er ihren kleinen Enkeln – wenn man sie nur so nennen dürfe – nicht dankbar seyn sollte. Aber was ihm die Galle aufrege, sey, daß die freundlichen Großmächte nicht auf seine Worte hören wollten. Immer habe er sie doch um Geld und Flotten angegangen, und auch die Griechen selbst schon dringend gebeten, mächtiger zu seyn als sie wirklich sind. So ohne Hülfe müsse natürlich das ganze Volkskapital sammt Zinsen im ägeischen Meere zu Grunde gehen. Wenn man das neue Hellas in civilisirte Gegenden, etwa nach Thüringen, unter sanfte Nachbaren versetzen könnte, so würde er sein ganzes Geschäft niederlegen, und lieber über Seidenbau im Haspelmoos oder Aehnliches schreiben. Allein daß man sein Schooßkind gerade der Büffelnatur dieser Engländer aussetze, gerade wo der Weg nach Ostindien vorbeigehe, und daß man sie habe zum Nachtheil und Schaden der Krämer von Nottingham so viele Schiffe bauen lassen, das habe er nie billigen können und immer dagegen geeifert. Wenn nun der Uebermächtige in Versuchung falle, das zu nehmen was ihm Niemand wehre, zumal, wenn es geschehe, um einen Ehrenmann, wie Don Pacifico, zu vergnügen, so sey das höchlich zu bedauern, aber vorauszusehen gewesen. Ihm liege übrigens nichts an dem Ruhme, hier das Kommende geweissagt zu haben, vielmehr schmerze ihn nur, daß man seine guten Dienste für die öffentliche Aufklärung nicht anerkennen wolle. Das schöne Lob und empfehlende Sittenzeugniß aber, das er letzthin in der besagten Allgemeinen Zeitung dem jungen Padischah ausgestellt, solle, obwohl schon bisher nicht unverdient, doch noch mehr eine Aufmunterung für die Zukunft seyn und den hoffnungsvollen Monarchen, der den Werth der unabhängigen süddeutschen Presse vollkommen anerkenne, zu rühmlichen Thaten und edlen Handlungen begeistern. Vielleicht darf auch erwähnt werden, daß wir Nachmittags auf den Freudenberg stiegen, wo wir die Freude genossen, nach Deutschland hinüber zu sehen, weit über den Bodensee ins schwäbische Land hinein, ins Allgau, nach Oberschwaben und bis gegen den Rhein hinab. Dort, konnte man vermuthen, liegt Kempten, wo sie den Haggenmüller mit einem Fanghund eingefangen, dort auch Augsburg, wo sie den berühmten Steckbrief erlassen, dort unten sind die seligen Gaue, wo sie den Trütschler erschossen und den Kinkel beinahe umgebracht, »obgleich er so schöne Verse macht«. Es liegt ein etwas blutrother Schleier dahinab; wenn es nur nicht seiner Zeit eine Wetterwolke wird. Die langen Reden über Hochverrath und dergleichen haben leider nicht alle Gemüther mit diesen hochnothpeinlichen Gerichten versöhnen können. So zu sagen ist jede neue Zeit ein Hochverrath an der alten, und eine gefährliche Aufgabe dieß criminalistisch auf die einzelnen zu repartiren und mit dem Tode zu strafen. In Deutschland zumal sollte man sehr vorsichtig seyn, da laut der Erfahrung die Gewaltigen nach jedem Umschwung gerade mit den Grundsätzen regieren und renommiren, die sie vorher mit Ketten und Zuchthaus belegt haben. Da kommen denn die lieben Getreuen halbverfault aus den Festungen heraus, und sind gerade die, an denen man sein Wohlgefallen hat. Jedes Decennium schwelgt von dem Auswurf des vorherigen, und es kann eine Zeit kommen, wo der christliche Staat, oder ein anderer, die Erschossenen gerne wieder lebendig haben möchte, aber dann werden sie nicht mehr kommen wollen. Das ist das Bedenkliche an der Sache. Nicht aus diesen Gründen allein, sondern auch aus andern glaubt indessen der Fragmentist, daß aus diesem Deutschland nie etwas werden könne. So sehr ihn auch die »Noten, Denkschriften, Verfassungsentwürfe, Protokollerklärungen und Additionalakten« eines Bessern überzeugen, und wenigstens von der Mitwirkung vieler erleuchteter Männer und selbst Diplomaten überführen sollten, so glaubt er dennoch, wie vorher gesagt, daß nie etwas daraus wird. Entweder scheint ihm die Tugend der Nation schon zu weit vorgeschritten, und diese für politische Zwecke zu leidenschaftlos, zu philosophisch, überhaupt zu groß für diese Erde, oder er fürchtet, daß die Dynasten aus höheren und mit drei Sinnen schon faßbaren Rücksichten, das Gespenst jener unheimlichen »Macht und Größe« verscheuchen müssen, oder daß es überhaupt zu unbillig sey, dreißig verschiedenen Köpfen immer denselben Gedanken zuzumuthen, daß sich gerade die christliche Freiheit in Gott nur durch die Mannigfaltigkeit und das Disparate der verschiedenen Anschläge äußern könne – mit einem Worte: es wird nichts daraus. Vielmehr werde das alte, biedere, theuere Vaterland durch seine Uneinigkeit mit der Zeit in solches Elend verfallen, daß die großen und glücklichen Nachbarn schon aus Mitleid zugreifen müssen, und so würden alle Erker, Vorsprünge und Luginslande, welche kraft der früheren Eintracht noch gegen wälsche und slavische Feinde errettet worden, abgeschliffen werden, und nichts übrig bleiben, als ein zur Erhaltung des europäischen Gleichgewichts nöthiger byzantinisch zu regierender Landstrich, in dem wenige Millionen sich selbst beweinen würden – ohne Flotte, ohne Kaiser, höchstens mit einem König von Preußen. Trotz alle Dem wird man mir glauben, daß ich Deutschland nicht aufgegeben und auch für Griechenland ein gutes Wort eingelegt habe, allein da die Reisebeschreibung ohnedem schon viel zu lang geworden, so theile ich meine eigenen Sprüche und Verteidigungsreden vielleicht ein andermal mit. Erinnerungen aus dem Etschlande. 1851. Soll ich noch einmal alle geplünderten Notizenhefte nach einer übergebliebenen Denkwürdigkeit durchsuchen, oder ist es vielleicht erlaubt, ein kleines Bild aus dem Gedächtnisse niederzuschreiben? Ich habe dabei einen lieblichen Ort bei Botzen im Sinne, ein etwas abgelegenes, aber schmuckes Landhaus, hinter dem ein schöner Garten über schmale Ebene an die Porphyrwand hinaufzieht, mit einem Worte, den Hof zu Payrsberg, welcher dem Dr.  Joseph Streiter gehört. Ehe wir weiter gehen, wollen wir indeß doch aus dem Gesagten noch etwas Belehrung ziehen und zwar gerade aus dem Namen dieser Villa. Moritz Arndt, glaube ich, sagt den Schweden nach, daß sie eine große Vorliebe für schöne, wohlklingende Namen haben und denselben Zug finden wir bei den Tirolern wieder. Wenn sonst in Süddeutschland in einem Flecken oder einem Dorfe ein adeliger Sitz vorhanden, so heißt er einfach: das Schloß – in Tirol aber hat er seinen Namen für sich, und wenn in einem Orte mehrere solcher Edelhäuser stehen, so führt jedes seinen althergebrachten Ritternamen, sey's nun Sprengenburg, Riesenstein, Rosengarten oder wie immer. Man sieht, daß die Sitte ursprünglich von den Burgen ausging und eine besondere Funktion der letzteren, die sie auch noch erfüllen können, selbst wenn sie längst vom Erdboden verschwunden sind, ist die, daß sie adeligen Geschlechtern Beinamen oder nach offiziellem Ausdruck, Prädikate verleihen. Diese Prädikate haben sich übrigens erst in den letzten Jahrhunderten festgestellt und da die meisten Burgställe von jeher ein sehr wechselndes Besitzthum gewesen, so trifft es sich, daß der niedere Adel zum guten Theil den Beinamen von Schlössern führt, die er erst lange nach der Zeit der mittelalterlichen Ritterschaft erworben oder oft auch schon lange wieder verloren hat. Vom Schloß Tirol haben das Prädikat die Erzherzoge von Oesterreich selbst, von der nebenbuhlerischen Veste Hoheneppan, trugen es einst die Herren von Pach, die aber mit den alten Eppanern in gar keiner Verwandtschaft standen, vielmehr das Schloß sammt Urbar erst nach langem Wechsel der Besitzer durch Kauf an sich gebracht hatten. Jetzt gibt es Freiherren von Teimer auf Hoheneppan. Von Zenoburg, König Heinrich's Veste bei Meran, schreiben sich die Herren von Braitenberg zu Botzen, die die schöne Ruine noch besitzen, von andren andere. Ein Herr von ohne zu wird hier kaum geduldet. Uebrigens nehmen in Oesterreich auch die Krieger, die wegen langer und ausgezeichneter Dienstjahre in den Adelstand erhoben wurden, ein solches Prädikat an, und zwar, da sie oft keinen Güterbesitz haben, in vielen Fällen ein imaginäres, mit poetischem Sinn erfundenes; so die Edlen von Stuckimfeld, von Löwenschwert, von Lorbeerkranz u. s. w. Die Verleihung dieser Prädikate scheint von dem österreichischen Erzhause schon seit mehreren Jahrhunderten geübt zu seyn. Nach der wahrscheinlichsten, zuerst von Primisser aufgeführten Sage von der wunderbaren Rettung Mar des Ersten aus der Martinswand, wurde der rettende Jäger, Oswald Zips, der ihm oben auf der Klippe: Holla, was machst du da? zugerufen hatte, vom Kaiser zum Dank geadelt und zur Erinnerung mit dem Namen: »Hollauer von Hohenfelsen« beschenkt. Gewisser noch als dies ist, daß der Geheimschreiber Fabricius, der am 13. Mai 1618 mit Slawata und Martinitz aus dem Fenster des Schlosses zu Prag geworfen wurde und aus der Stadt entronnen, dem Kaiser die Botschaft nach Wien brachte, geadelt und durch den an seinen Sturz erinnernden sehr entsprechenden Namen: »von Hohenfall« geehrt worden ist. Hier schließen wir übrigens diese Abschweifung, die sich um so weniger rechtfertigen läßt, als gerade von Payrsberg keine Familie das Prädikat führt. In diesem Hofe wuchs nun in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts ein junger Mann heran, der schon sehr früh an Schiller und etlichen anderen deutschen Dichtern ein seltsames Wohlgefallen fand und seinen Lieblingen mit großer Treue anhing. obgleich sie ihm hin und wieder von den strengen Lehrern weggenommen wurden. Je älter er aber wurde, desto inniger überzeugte er sich, daß »in Deutschland draußen« eigentlich doch mehr geistiges Leben sey, als dazumal in Tirol, und noch jung an Jahren, erfaßte ihn die Sehnsucht hinauszupilgern und Personen und Dinge selbst zu sehen. Da fuhr er oft gen Norden, aus den Alpen heraus über den Donaustrom, dem edlen Vater Rhein zu und sogar in die sächsischen und preußischen Länder hinein, um an der Bildung und Wissenschaft der plattdeutschen Niederungen sich für den Druck zu laben, den die analphabeten Berge seiner Heimath ihn erleiden ließen. In jenen Gegenden, wo kaum je ein anderer Tiroler erschienen war, als ein Handschuhhändler aus dem Zillerthal, in Dresden und Berlin staunte man über diesen wunderlichen Sohn der Alpen, der alle Jodler seines Hochgebirges für eine Symphonie von Beethoven, alle Stifter und Abteien für eine gute Hochschule und alle docirenden Bettelmönche für einen tüchtigen, feurigen Berliner Docenten hingegeben hätte. Bei Tieck in Dresden saß er manchen Abend und horchte mit angezogenem Athem, wie der Meister den Shakespeare las. Wenn er dann wieder heimwärts zog, so hatte er sich reich beladen mit Büchern und Bildern, von denen man in Tirol nie gehört hatte. Darunter waren freilich manche protestantische Erzeugnisse, wie sie jenseit des Brenners nur Scheu und Zagen erwecken konnten, und man munkelte in den gut unterrichteten Kreisen der Stadt, der Doktor halte fast zu viel auf das »lutterische« Wesen. Alsbald begann er auch sein Landhaus mit allen den Zierden zu versehen, die er in Deutschland draußen kennen und lieben gelernt. Die Halle seiner Villa schmückte er mit Cornelius' Zeichnungen zu Goethe's Faust und im Salon des obern Stockes richtete er sich eine Büchersammlung ein, die schon manchen Pilger in Erstaunen gesetzt hat. In der That wird es schwer seyn, bei einem Privatmann in irgend einem Lande eine so fein ausgesuchte Bibliothek zu finden, die das Beste aus allen Literaturen, den neuen und den alten, enthält, und dabei gar keinen Schofel. Selbst die äußere Erscheinung seiner Bücher pflegt der Hausherr mit großem Fleiße und ihre Hülle ist daher ebenso elegant als ihr Inhalt klassisch. In anderen Gemächern dagegen fand er Raum für werthvolle Stiche und schöne Gemälde. Einmal trug er sich lange mit dem Gedanken, er sollte auch eine Malerei von Meister Kaulbach haben, und dieser hatte es ihm wirklich versprochen, hätte es auch sicher ausgeführt, wenn ihm nicht bald darauf der Anlaß zu seinen großen, historischen Bildern gekommen wäre. Zu gleicher Zeit arbeitete indessen der Herr von Payrsberg auch in seinem Garten, der ganz etwas Anderes werden sollte, als er bisher gewesen. Vor Allem ging er aus, eine kleine Hochebene zu schaffen, eine Terrasse, die zugleich eine Warte für die Fernsicht, ein Empfangssaal für die Freunde, ein Museum für künstlerische und botanische Schätze werden sollte. Er führte am Fuße der Porphyrwand einen mächtigen Unterbau, ließ selbst den aufsteigenden Felsen sprengen und behauen, und so entstand eine geräumige Platte, die er mit Springbrunnen und Spalieren, mit Tischen und Stühlen, mit Lauben, Gebüschen und zierlichem Geländer ausschmückte. Das Glashaus wurde mit neuer Pflege bedacht, aus südlicheren Gärten schöne Blumen verschrieben und mit bisher unbekannten Gewächsen Acclimatisirungsversuche gemacht. Während der Zeit war auch schon die Kunst zu Botzen mit Aufträgen bedacht worden. Ein Maler, so gut er sich auffinden ließ, mußte an die äußere Wand des Glashauses eine Scene aus Tieck's Zerbino malen, und ein Bildhauer, der tüchtige Rainalter zu Botzen, der bis dahin fast nur Grabmonumente gemeißelt hatte, erhielt den überraschenden Auftrag, die Büsten von Schiller und Goethe in Alabaster auszuhauen. Als dies geschehen, wurden die beiden Bilder mit geziemender Feierlichkeit aufgestellt und jedem zur Seite ein Lorbeerbusch gepflanzt, der da fröhlich grünt und mit seinen schönsten Blättern die Schläfe der hohen Häupter beschattet. Nachdem so die Terrasse in Ordnung gebracht, ging der Hausherr noch weiter an der Porphyrwand hinauf und wußte noch allerlei Stellen zu finden, an denen er Ruhebänke, Sommerhäuschen und dergleichen kleinere Schönheiten anbrachte. Wer die Mühsal des Steigens nicht scheut, der kann da noch thurmhoch hinaufklettern und einer immer schönern Aussicht sich erfreuen. Lassen wir uns indessen jene auf der Terrasse genügen, auf der ich so manche schöne Frühstunde in lieber Einsamkeit verlebt. Ein zarter Morgennebel lag auf den Dächern der Stadt, welche bekanntlich in einem tiefen Thale am Eisack liegt, mit dem sich hier die Talfer vereinigt, worauf er dann der Etsch zuströmt. Die Umgebung ist weit und breit vom dunkelsten Grün, ein Teppich, der aus frischem Weinlaub gewoben wird, denn in der schönen kleinen Ebene stehen hier nichts als Weingärten. Zwischen solchem dunkeln Grün liegt also die braune Stadt, aus welcher ein röthlicher Dom emporragt und mehrere kleinere graue Thürme mit weißen Spitzen. Die Berge umher sind bis zu den höchsten Höhen bewachsen, unten mit Reben, mit Kastanien, Feigen und Melonen, oben mit Kornfeldern, Lärchen- und Fichtenwäldern. Von allen Seiten blinken weiße Häuser, weiße Kirchthürme herab und auf den niederen Felsenschöpfen dräuen verfallene Kastelle. Auf den rebenreichen Höhen jenseits der Etsch, zieht vor Allem das Schloß von Hoheneppan das Auge auf sich. Dieses liegt gerade unter der rothen Mendel und war einst der Horst der welfischen Eppaner, die wir schon genannt, eines mächtigen Geschlechts in diesen Gegenden, das nur die Grafen von Tirol zu fürchten hatte, denen es endlich nach langem Ringen auch unterlag. Dort drüben liegt auch Kaltern mit seinem See, im Lande schon lange berühmt wegen seiner Weine, in unseren Zeiten aber noch bekannter durch die ekstatische Jungfrau, Maria von Mörl, welche fromme, gläubige Pilger, besonders hohe und niedere Geistlichkeit von nah und fern heranzog. Weiter hinab in der blauen Ferne, wo die Etsch in Wälsch-Tirol einströmt, schieben sich die steil abfallenden Berge allmälig in einander. Die Tagesordnung war eine sehr einfache, stille. Waren die Morgenstunden im Garten verbracht und kam die Mittagshitze näher, so nahm den Gast das kühle Haus in seinen Schatten auf und er ergötzte sich an der Lectüre in einem Lehnstuhl der Bibliothek. Zum Mittagstische kam der Hausherr seiner Geschäfte halber gewöhnlich erst, wenn die Familie ihr Mahl schon eingenommen hatte. Wir saßen dann zu Zweien, oder, wenn die Gattin Theil nahm, zu Dreien beisammen und plauderten etwa über das Neueste was die Zeitung gebracht hatte. Alle Drei waren wir einig, daß die Jahre bald eine Bewegung in Deutschland herbeiführen würden, von der man sich viel Schönes versprechen dürfe. Das haben wir aber freilich nicht ganz genau errathen. Außerdem hatten wir aber noch allerlei Einheimisches zu reden, denn in Tirol war es auf einmal recht lebendig geworden. Der Doktor beschäftigte sich viel mit den Jesuiten und wollte es durchaus nicht leiden, daß sie in Innsbruck das Gymnasium in ihre Hände bekommen. Ein tirolischer Geschichtsforscher hatte in demselben Jahre im Ferdinandeum daselbst einen historischen Vortrag über diesen Orden gehalten, der ihr früheres Wirken im Lande schilderte und fast als gemeinschädlich darstellte. Dieser Vorgang, dem der Gouverneur selbst angewohnt, verursachte eine, seit langen Zeiten nicht mehr verspürte Aufregung in der ganzen Gesellschaft. Man schrieb es von Innsbruck in alle Thäler hinein, man berichtete in den deutschen Zeitungen, der Gouverneur griff selbst zur Feder, kurz, es war ein Ereigniß von der größten Bedeutung. Dazu kam noch eine andere Geschichte. Dr.  Streiter hatte nämlich schon in jungen Jahren Verschiedenes gedichtet. Nicht lange vor der Juliusrevolution war auch in Innsbruck eine Art von Hainbund entstanden, ein Verein junger Leute, die miteinander die »Alpenblumen« herausgaben. Die Leiter dieser Verbindung waren Dr.  Johann Schuler, Beda Weber, beide jetzt von Frankfurt her bekannt, und eben unser Freund, der sich Berengarius Ivo nannte. Als die »Alpenblumen« abgeblüht, was sehr bald geschehen, gaben die beiden letzteren gleichwohl die frohe Kunst nicht auf. Beda Weber dichtete Lieder, Berengarius Ivo versuchte sich in verschiedenen Gattungen, namentlich auch im Drama. Als ihn nun einmal im langen Winter 1843–1844 die Trübsal beschlich und der Aerger, daß gar nichts vorwärts gehen wollte in Tyrol, daß aller Verkehr mit Deutschland abgeschnitten sey, daß auch die »draußen« sich gar nicht um ihre Landsleute in den Alpen kümmern – da fiel ihm plötzlich die Frage ein, ob es denn nicht möglich wäre, über Tirol einen Artikel in eine deutsche Zeitung zu schreiben. Nur wer da weiß, daß sich über Tirol in der ganzen deutschen Presse seit den Kriegszeiten nicht eine Zeile findet, wird die Tragweite dieses Einfalls bemessen können. Nun kam es aber darauf an, den rechten Gegenstand zu finden, und da schien denn die Geschichte der neuern tirolischen Poesie ein ebenso anziehender als harmloser Vorwurf. So stand denn im Anfang des Jahres 1844, etliche Monate ehe die Jesuitenhändel begannen, in der Allgemeinen Zeitung plötzlich und durch nichts angekündigt, ein längerer Aufsatz: »Poetische Regungen in Tirol«. Das Erstaunen im Lande war ungeheuer, denn Viele waren des Glaubens gewesen, die tirolischen Zustände seyen so eigenthümlich, daß sie eigentlich mit Worten gar nicht wiederzugeben seyen. Viele erschracken, gleich als ob über ihnen das Dach eingebrochen sey und plötzlich der blaue Himmel hereinschaue, Andere freuten sich und hofften, an diesen Erstling würden sich allmälig andere Besprechungen tirolischer Dinge anschließen, und so der gänzliche Mangel einer inländischen Presse bestmöglich durch die auswärtige gehoben werden. Andere ärgerten sich auch, daß man diese tirolischen Seltenheiten, an denen in Deutschland doch die Wenigsten Gefallen finden möchten, in der Allgemeinen Zeitung gleichsam so bespreche, als wäre es der Mühe werth. Indessen der Verfasser freute sich des gelungenen Wagstückes, und in der Wirkung hat er sich auch nicht verrechnet, denn gerade von diesem Artikel an schreibt sich das Wiederauftreten Tirols in den deutschen Zeitungen. Die allernächste Folge für ihn war freilich eine unbezielte; es erschien nämlich bald darauf in demselben Blatte eine Kritik seiner Darstellung, die, von einem der Dargestellten verfaßt, an Gift und Schärfe nichts zu wünschen übrig ließ. Richtig war allerdings der Vorwurf, daß Berengarius Ivo sich damals selbst besprochen, allein nicht gegründet war die Behauptung, daß er sich selbst gelobt, obgleich er das in den Blättern der andern Seite noch öfter lesen mußte. Die Erwähnung seiner eigenen Arbeiten war lediglich deßwegen für nöthig befunden worden, weil man sonst aus diesem Stillschweigen gleich im ersten Griffe den Verfasser errathen hätte, was dazumal immerhin vermieden werden durfte. Diese literarischen Plänkeleien haben uns damals viele Unterhaltung verschafft. Nach Tische konnte man etwas schlafen oder die Vormittags begonnene Lectüre fortsetzen; gegen Abend kam der Doktor wieder aus seinem Geschäftszimmer in der Stadt und dann, wenn wir Sehnsucht in das Weite fühlten, gingen wir auf die Wassermauer an der Talfer oder gegen Rungelstein, gewöhnlich bald zufrieden mit unserm Gang. Zu Hause fanden wir die Kinder in dem Garten, die es uns sehr gut auslegten, wenn wir an ihren Spielen einigen Antheil nahmen. Wenn sie zur Ruhe gegangen und die Nacht eingebrochen, zogen wir mit Windlichtern auf die Terrasse, um uns dort noch etwas gütlich zu thun. Das waren mitunter sehr vergnügte Stunden in der lauen Abendluft, während die Lorbeerbüsche und die Myrthen leise säuselten, hin und wieder eine Nachtigall im Mandelbaum sich vernehmen ließ, dann wieder ein verhallender Ruf vom Berg herunter oder ein ferner Gesang aus den näheren Häusern der Stadt. Freilich hatten diese Abendstunden nur in den ersten Wochen gedeihlichen Bestand, denn später, als der Sommer mächtiger heranzog, spielten auch alle denkbaren Gattungen von geflügelten Insekten, schlechtweg »Vieher« genannt, um die Lichter und fielen halbverbrannt in unsern frugalen Imbiß. Um diesen Quälereien auszuweichen, setzten wir dann das friedliche Gelage in den vier Wänden des Hauses fort, unterließen aber selten früh zu Bette zu gehen, weil den schönen Sommermorgen Niemand verschlafen wollte. Die Stadt Botzen selbst hat der Gast auch zuweilen betreten. Ihre Physiognomie ist anziehend, zumal weil sich zu dem deutschen Elemente manches Italienische gesellt. Es gibt da viele Kaufleute, die aus Wälschland stammen und vieles Andere, was an südlichere Gegenden erinnert, namentlich der Markt mit seinen herrlichen Früchten. Die Gassen sind enge, die Häuser hoch, alle mit Erkern versehen, die überhaupt nirgends so beliebt seyn können, als in Tirol, wo sie sich fast an jedem Bauernhause finden. In der Hauptstraße sind zu beiden Seiten Lauben oder Bogengänge, gut für Regen und Hitze, zugleich aber auch ein reicher Bazar, der sich in einer langen Budenreihe auslegt. Wie in Wälschland arbeitet man auch hier bei offenen Fenstern und wie dort ist in den Sommermonden der Tag die stille Zeit, wo die Gassen schlummern und erst die Nacht bringt Leben in die leuchtenden, wachen Straßen. Wenn der Wonnemond vorüber ist und der Juni seine Sonne bringt, dann geht der Botzner in die Sommerfrische auf den Berg. Die drückende Hitze in den engen Gassen weckt mächtig die Sehnsucht nach den kühlen Alpenhöhen, deren waldige Gipfel über die Stadt emporragen. Nur wenige, nur die allerunentbehrlichsten Männer bleiben dazu Hause, und bejammern sich selbst, wenn sie am schwülen Nachmittage schläfrig im Kaffeehaus sitzen und in halben Träumen die schwimmenden Buchstaben aus den neuesten Journalen zusammenlesen. In der That sind sie auch beneidenswert die Glücklichen, die da oben im Hochlande leben und sich der milden Sonne, des breiten Schattens und des weichen Grases erfreuen, die da im seligen Nichtsthun ihren Sommerhof halten. Dieser Glücklichen sind übrigens nicht wenige, denn in Tirol lebt zur schönen Jahreszeit kürzer oder länger fast die Hälfte der Bevölkerung ein paar tausend Fuß höher als die warmen Thäler. Die Botzner haben auf einem weiten Bergrücken zwei Flecken angebaut, wo ein halbhundert Familien in ländlicher Kurzweile die Hitze überstehen, ebenso haben die reichen Familien zu Meran, zu Trient und Roveredo ihre Villen im Gebirge. Die wohlhabenden Leute, welche keine eigenen Höfe besitzen, gehen dafür in die Bäder, wo billig und gut zu leben ist, und deren sich allenthalben fast von Meile zu Meile finden. Und endlich lassen sogar die ärmsten Leute den Sommer nicht vorüber, ohne in die Frische zu gehen, oder wie sie es nennen, ins Heuliegen, was darin besteht, daß etwa ein Dutzend Männer, Weiber und Kinder mit Mundvorrath, mit Schüsseln und Pfannen auszieht, hinauf in die Hochalmen, dort eine leere Sennhütte einnimmt und etliche Tage die Kur gebraucht. Dabei vergraben sie sich bis aufs Hemde ausgezogen tief ins Heu und kommen schweißtriefend wieder heraus, was ein unwiderstehliches Mittel gegen den Rheumatismus und das Gliederweh des ganzen Jahres seyn soll. Unsere Sommerfrische war auf dem Ritten, am Rand einer steilen Hochebene, fast dritthalbtausend Fuß hoch über der Stadt. Hier grünt keine Rebe mehr, kein Mandelbaum und keine Melonen; die Landschaft und ihre Erzeugnisse sind nordisch, etwa wie am Tegernsee oder bei Fischbachau in Bayern. Die Felder tragen Roggen oder Gerste, die Wälder bestehen aus Lärchenbäumen, wie diese überhaupt auf allen Höhen und Bergen ihr treffliches Fortkommen haben, aber der Streu wegen von unten bis oben an den Zweigen beschnitten werden, was sie ihres schönsten Schmuckes entkleidet. Hier stehen viele hübsche Häuser der reichen Botzner mit niedlichen Gärten, mit Kegelbahnen und anderen Lustbarkeiten. Auch ein sehr wohl eingerichteter Schießstand ist zu erwähnen, der an Sonn- und Feiertagen seine Stammgäste anzieht. Nur zum Lustwandeln ist eigentlich wenig bequeme Gelegenheit, da der Bergrücken in steilen Hügeln auf- und absteigt, und die Aussicht in den Lärchenwäldern unfrei ist. – Die Sommerfrischler vermissen indessen dies Vergnügen nicht zu schmerzlich. Entweder unternehmen sie größere Auszüge auf die nahen Berghäupter mit Pferden, Eseln, Trägern und reichem Mundvorrath, oder sie bleiben stillvergnügt in ihren Gärten. Unser Doktor besaß kein eigenes Haus auf dem Ritten, sondern hatte sich eine etwas beschränkte Wohnung gemiethet – unser einer wohnte nicht weit davon beim Selrainer, was ein sehr gutes Wirthshaus ist. Man findet da nicht allein trefflichen Wein und die landesübliche Küche, sondern auch alle hochgebirgischen Leckereien wie sonst nirgends, namentlich Geflügel, wie Schneehühner und dergleichen Arten, die mir jetzt im Augenblicke nicht mehr alle einfallen. Wenn die Städter wieder von ihren Bergen herabsteigen, ist die Weinlese nicht mehr fern; es naht die Zeit der Traubenkur und die Fremden ziehen in dichten Haufen durch das Etschland. Um diese Zeit kommen denn auch nach Payrsberg manche Reisende von fern her, theils um Briefe an den Hausherrn zu bestellen, theils um den schönen Garten zu besehen. Da hatten wir manchen lieben Freund zu Tische und zechten oft lange, sintemalen der Wein zu Payrsberg sehr schmackhaft ist. Nicht seltner Gast war zum Beispiel Friedrich Lentner, der im Winter seit langen Jahren zu Meran lebt, den Sommer aber in Bayern zubringt, jetzt damit beschäftigt, in des Königs Auftrag Alles zu sammeln, was von alten Sitten, Gebräuchen, Mähren und dergleichen noch unbeachtet in Dorf und Stadt zu finden ist. Friedrich Lentner ist eigentlich ein Münchner, kam aber schon in Jünglingsjahren nach Tirol und hat sich seitdem so eingelebt, daß er kaum mehr von einem Tiroler zu unterscheiden ist. Vor bald zehn Jahren schrieb er das Tiroler Bauernspiel, eine sehr schöne Geschichte von Anno Neun, und seitdem noch viel andere Erzählungen aus den Bergen. In Meran ist er so zu sagen der Genius der Heiterkeit, der den Winter durch Alles lenkt und leitet, alle Scherze angibt, alle Maskeraden zeichnet, alle Gedichte fertigt. Nicht minder ist er auch ein großer Nothhelfer der Stadt bei andern Feierlichkeiten, wenn ein beglückender Erzherzog einherfährt, namentlich wenn Erzherzog Johann sein Schloß Schänna besucht und bei seinen Nachbarn zu Meran zuspricht. Auch das heurige Schännaer Hausschießen ist in seinem festlichen Schmucke zunächst von unserm Freunde angeordnet worden. Wegen so vieler Verdienste hat er schon im vorigen Jahre das Ehrenbürgerrecht von Meran erhalten. Im selben Jahre hat er sich auch mit einer lieblichen Tochter Merans verehelicht. Friedrich Lentner ist seitdem zu Meran gestorben, den 23. April 1852, im achtunddreißigsten Jahre seines Lebens, noch reichlich bedacht mit Undank für die vielen Verdienste, die er sich um jene Stadt erworben. Eine sehr gern gewährte, seit Jahren ausgeübte Herbergsgerechtigkeit zu Payrsberg hat auch der »Fragmentist«. Von der Persönlichkeit, von Geburt, Lehrjahren und weiterem Erdenwallen dieses seltenen Mannes wissen eigentlich die wenigsten deutschen Leser etwas Zuverlässiges und es wird daher nicht verboten seyn, gerade bei dieser so günstigen Gelegenheit über ihn zu sprechen. Tschötsch ist ein kleines Dorf nicht weit von Brixen in Tirol, liegt auf sonnigem Abhange über dem Eisack und genießt einer sehr schönen Aussicht über den Thalweg des Stromes sowohl als über die Hochebene zu dessen beiden Seiten. »Dieses reizende Rebengelände,« sagt ein tirolischer Topograph, »mit seinen Obstgärten und Kastaniengruppen, hüllt sich schon vollends in südländischen Schmuck und die Trauben an seinen terrassenartigen Hügeln gekocht, geben einen Wein, der den bessern des Landes beigezählt wird. Es gehört zu den auserlesenen Vergnügungen der Brixner, an den schönen Herbsttagen in zahlreichen Gesellschaften nach Tschötsch zu wallen und bei dem edlen Weine und gebratenen Kastanien oder frischen Nüssen sich gütlich zu thun.« In diesem lieblichen Erdenwinkel wurde Philipp Jakob Fallmerayer im Jahre 1791 geboren, der Sohn eines Landmannes mit zahlreicher Familie, aber geringen Mitteln. Bei der romantischen Lage der Heimath mögen schwärmerische Gefühle für Naturschönheiten in dem Knaben schon früh erwacht seyn. Wohlthätige Geistliche, die einiges Talent bemerkten, brachten den armen Jungen, zu künftigem Nutzen der Kirche, als Domschüler zu Brixen gratis unter und sorgten für die nothwendige Aussteuer. Außer gut geleiteten Uebungen in der griechischen Grammatik wurde indessen hier wenig Förderndes geboten und so verließ der unzufriedene Schüler im Spätherbste 1809 heimlich das Institut, um mitten durch die Unglücksscenen des Tiroleraufstandes, mitten durch die feindseligen Heerhaufen hindurch nach Salzburg zu flüchten. Dort fand er bessern und reichlichen Unterricht, auch sonst größere Freiheit, mußte sich aber nebenbei ärmlich behelfen und großen Theils durch Privatstunden den nöthigen Unterhalt gewinnen. Er hatte aber unverdrossenen Sinn, vortreffliche Lehrer und die reichliche Büchersammlung der gefälligen Benedictiner von St. Peter zu unbedingter Benutzung. Mit Eifer und nicht ohne Erfolg ward unter Leitung des in Göttingen gebildeten Pater Albert Naguzaun das Studium der semitischen Sprachen betrieben und zu gleicher Zeit durch die seltene Lehrgabe eines für den wißbegierigen Schüler nur zu früh nach Lemberg versetzten Geschichtslehrers, von Maus, die Liebe für historische Wissenschaft wunderbar angeregt und entzündet. In diesen Zeiten hätte es sich aber bald ereignet, daß unser junger Fallmerayer ein Mönch geworden wäre, und wir hätten dann wohl der Fragmente aus dem Orient und der Vorrede dazu für immer entbehren müssen. Er meldete sich eines Tages zum Eintritt in die berühmte Benediktinerabtei zu Kremsmünster in Oberösterreich, vermochte aber die gewünschte Ruhe in einer weltvergessenen Zelle dieses Stifts nicht zu finden, weil er in Bayern die Bewilligung zur Auswanderung nicht erhalten konnte. So verließ er nach zweijährigem Studium der Gottesgelehrtheit das freundliche Salzburg und zog auf die Hochschule zu Landshut, um zum Ueberflusse auch noch mit der Jurisprudenz einen Versuch zu machen, wobei denn nebenher die historischen, klassischen und linguistischen Arbeiten mit ungemindertem Eifer fortbetrieben wurden. In diesen Bestrebungen kam ihn plötzlich, als die Deutschen mit Napoleon zu brechen anfingen, ein kriegerisches Gelüste an, er trat unter die Fahnen, wurde Unterlieutenant in einem bayerischen Infanteriebataillon, focht in der Schlacht bei Hanau und wurde wegen guten Verhaltens an diesem denkwürdigen Tage öffentlich vor der Fronte belobt. Hierauf dreimonatlicher Winterfeldzug und manches mörderische Gefecht im Innern Frankreichs. Nach dem ersten Pariser Frieden blieb der junge Held ein volles Jahr beim Okkupationskorps auf dem linken Rheinufer und im zweiten französischen Feldzuge verlebte er, als Galopin des Generals Grafen von Sprebi, unter den angenehmsten Verhältnissen, beinahe ein halbes Jahr in der Umgegend von Orleans. Insbesondere erinnert er sich mit großem Behagen an den Aufenthalt in einem Landschlosse dortiger Gegend, bei einem Marquis und einer Marquise, welche die feinen Sitten der alten Zeiten wohl zu wahren wußten und bei aller Achtung vor seinen tirolischen Manieren und Eigenthümlichkeiten gleichwohl entschiedenen Fleiß daran setzten, ihn nebenbei auch in die besten französischen Formen zu tauchen und ihm die reinsten Töne ihrer Sprache zu lehren. Es schreibt sich wohl zunächst aus dieser Schule, daß der Fragmentist das Französische sehr geläufig und mit einem besonders guten Accent zu sprechen weiß. Als Lieutenant kam er aber wieder aus Frankreich zurück und erhielt seine Garnison zu Lindau, wo ein frischer Trieb zu den alten Studien erwachte. In dieser ehemaligen Reichsstadt, deren Bibliothek ihm freundliche Hülfe bot, lernte er Neugriechisch, Persisch und Türkisch. Um nun ganz zur Wissenschaft zurückzukehren, nahm er 1818 seinen Abschied, trat zum Lehrfache über und hatte sich im Jahre 1826 zum Lehrer der Universalgeschichte und der Philologie am Lyceum zu Landshut emporgeschwungen. Hier schrieb er den ersten Theil seiner Geschichte der Halbinsel Morea während des Mittelalters, welcher 1830 erschien. Darin suchte er bekanntlich nachzuweisen, daß die heutigen Griechen nicht, wie man bisher geglaubt, die Abkömmlinge der alten Hellenen seyen – vielmehr hätten im frühen Mittelalter slavische Stämme fast ganz Griechenland verheert, die alten Bewohner vernichtet und sich selbst dann auf ihrem Boden angesiedelt. Diese neue slavische Bevölkerung sey dann erst durch byzantinische Gewalt wieder gräcisirt worden und daher die griechische Sprache in Rumelien und dem Peloponnes. Eine solche Hypothese mußte in Deutschland, wo sich die Begeisterung für den Befreiungskampf der Griechen kaum erst verloren hatte, einen widrigen Eindruck machen. Sie wurde vielfach bekämpft, von ihrem Schöpfer aber wohl auch lebhaft in Schutz genommen. Jedenfalls bleibt es ein Verdienst Fallmerayer's, auf die Durchschießung des neugriechischen Volkes mit slavischem Blut hingewiesen zu haben, aber es ist kaum zweifelhaft, daß er zu weit geht, wenn er annimmt, die alten Hellenen seyen durch die Slaven fast bis auf den letzten Mann ausgerottet worden. Im Sommer 1831 schloß er zu Landshut seine vielbesuchten Vorträge und ging mit Urlaub als Begleiter des russischen Generals Grafen Ostermann-Tolstoy zum erstenmale in den Orient. Fast ein Jahr blieb er in Egypten und Nubien; ebenso lange wanderte er in Palästina und Syrien, zu beiden Seiten des Libanon herum, besah Jerusalem, Antiochien, Haleb, Balbek, Damaskus, die Residenz des Drusenfürsten, landete auf Cypern, auf Rhodus, an den jonischen Küsten und setzte sich zuletzt in Konstantinopel fest. Hier übte er sich mit den ernsten Moslem als fleißiger Gast der Kaffeehäuser in der türkischen Sprache, für die er eine große Vorliebe bewahrt hat. Die Cykladen, das griechische Festland von Sparta bis zu den Thermopylen, die sieben Inseln und das Königreich Neapel füllten das dritte Jahr. In der Zwischenzeit war ein anderer Geist in das bayerische Schulwesen eingezogen, Fallmerayer's Stelle zu Landshut besetzt, er selbst etwas unbequem geworden. Seine Vorträge vor der lauschenden, oft hingerissenen Jugend wollte man nicht wiederkehren sehen; in der Akademie dagegen, meinte man, sey ein stillerer und doch nicht unangenehmer Ort für ihn. Er wurde auch wirklich Mitglied dieser gelehrten Gesellschaft zu München und erhielt sogar im Jahre 1836 Erlaubniß, öffentliche Vorträge über Universalgeschichte anzukündigen, zu denen jedoch der Zutritt nur dem höhern Publikum offenstehen, den Studenten aber strenge verboten seyn sollte. Statt dem höhern Publikum vorzulesen, zog indessen Fallmerayer im Sommer 1836 ins südliche Frankreich, von da nach Florenz und Rom. Kleinere Reisen nach seiner Rückkehr wechselten mit längeren seßhaften Studien ab, bis er 1840 zu München die Anstalten zu seiner zweiten Fahrt in den Orient begann. Von Regensburg schiffte er sofort auf der Donau ins schwarze Meer, von Konstantinopel nach Trapezunt, von da wieder nach Stambul, wo er ein ganzes Jahr verlebte, wieder mit denselben ernsten Moslem in denselben Kaffeehäusern türkisch plaudernd, was er so zu einer von allen Rechtgläubigen bewunderten Fertigkeit brachte. Vom Bosporus ging er nach dem heiligen Berge Athos, von da nach Griechenland. In der griechischen Hauptstadt soll Fallmerayer wegen seiner eigentümlichen Meinungen über die hellenische Vergangenheit zwar mancherlei Gezänke und Anfechtungen bestanden, es aber doch im Laufe mehrerer Wochen zu einigem Verständnisse mit den Hellenen gebracht haben. Nach zweijähriger Wanderschaft kehrte er im Sommer wieder glücklich nach München zurück. Von dieser Reise stammt das Bild des immergrünen Buschwaldes zu Kolchis und die Schilderung des klösterlichen Stilllebens auf dem heiligen Berge, Arbeiten, die ursprünglich in der Allgemeinen Zeitung erschienen und in Deutschland zuerst die Aufmerksamkeit des größern Publikums auf den Mann richteten, der bisher durch seine Geschichte des Kaiserthums Trapezunt und der Halbinsel Morea nur erst den Männern der Wissenschaft empfohlen war. Seitdem unternahm er verschiedene kleinere Reisen, doch auch wieder eine größere nach Wien, Venedig und Tirol, ergänzte die Fragmente aus dem Orient, die jetzt auch gedruckt wurden, und 1847 finden wir ihn sogar wieder auf einem Zug in die Türkei. Er kam gerade recht nach Hause, um ins Parlament zu Frankfurt gewählt zu werden. Daß er später nach Stuttgart, nach St. Gallen ging, ist bekannt; seit dem Frühling vorigen Jahres blieb er zu München wohnen, nicht ohne wiederholte Abstecher nach Tirol, nicht ohne manche bittere Stunde, die ihm später die Ringseis'schen Händel zugezogen. Durch seine Fragmente hat sich Fallmerayer eine vornehme Stelle unter den deutschen Reiseschriftstellern erworben, und doch finden sich etliche, unter anderen auch ich, die nicht wenig Lust haben, ihm ein reines deutsches Geblüt ungefähr mit denselben Gründen abzusprechen, die er einst gegen die empfindlichen Neuhellenen gebraucht. Um Brixen herum, hart am Eisack hinab wie an der Etsch hinauf, saß nämlich noch ziemlich lang ins Mittelalter herein, romanisches Landvolk, das erst allmälig deutsche Sprache annahm. Wie der Geschichtschreiber der Halbinsel Morea seine Slaven an den Zurückgebliebenen Ortsnamen, an Veligosti, Glogowa und Selichowo (Wolgast, Glogau und Züllichau), wieder erkannte, so lassen sich auch dort noch in den deutschen Landschaften die romanischen Ortsnamen erkennen und deuten, und unter anderen scheint der Name Fallmerayer nicht anderswo herzukommen, als von Valmarei, Val Mariae Marienthal. In der That zeigt auch das Aeußere des berühmten Reisenden, die dunkle, doch gutgefärbte Haut, die gebogene Nase, einige Spuren seiner südlichen Abkunft. Früher trugen zu diesem Aussehen noch schwarze Haare bei, die indessen die Zeit mehr oder weniger gebleicht. Von Wuchs ist der Fragmentist nicht besonders lang gerathen, dabei etwas rundlicht, obgleich er sehr wenig Nahrung, gar keinen Wein und erst in neuerer Zeit des Tages ein paar Gläser Bier zu sich nimmt. Der militärische Gang erinnert noch an seine Heldenzeiten. Sein Benehmen, das er nicht ungern auf jenes Landschloß bei Orleans zurückführt, ist nicht ohne Feinheit; sein Umgang voll Milde und Freundlichkeit. Besonders gesprächig wollen ihn jene, die ihm in den letzten zwanzig Jahren nahe standen, nie gefunden haben, in neuerer Zeit redet er fast wenig. An Wortwechsel und Streit selbst über seine eigenen Hypothesen nimmt er kaum je Antheil; er hat aus den türkischen Kaffeehäusern eine gewisse Gleichgültigkeit gegen diese erhitzende Gymnastik des Geistes mitgebracht. Nur am Schreibtische ist der Fragmentist, wie bekannt, etwas herb und herausfordernd. Die Trompete Oberbayerische Dorfgeschichte. Der Bauernmaler Johannes Duldenhofer zu Grünau schreibt an den Herrn Lorenz Rehböckel, Forstwart zu Marquardstein, Juli 1848: Mein liebster Freund, Laurentius! der bist Du auf dieser schnöden Welt und darum erzähle ich Dir jetzt brieflich eine Geschichte. Ein Dorf hat uns geboren, Ein Pfarrer hat uns getauft und miteinander sind wir jung gewesen. Ich wollte, wir hätten es um's Verkennen weiter gebracht – wer weiß, ob wir einander nicht hätten helfen können. Ja, lieber Freund, wäre mir zur rechten Zeit nur auch so ein Wohlthäter aufgestanden, wie man öfter in den Geschichtsbüchern liest und hätte mir etliche hundert Gulden anvertraut! Dann wäre ich nach München und hätte die Malerei ordentlich gelernt und dann dürfte ich vielleicht jetzt auch die berühmten Gemälder in die Kirchen malen in der Stadt und wäre ein anderer Bursch. So aber schaut kein Mensch auf mich und muß zufrieden seyn, wenn es genug Hochzeitkästen anzustreichen gibt und Todtenkreuze. Hat mir's doch der alte Forstmeister versprochen, wenn sein Sohn einmal ausstudirt hätte und der Pfarrer von Wildenau, wenn er eine bessere Pfarrei bekommt und der untere Wirth selig, wenn der Waizen fünfzig Gulden kostet – aber, mein Gott! die sind alle lieber gestorben, als daß sie mir geholfen hätten. Uebrigens wäre ich beinahe eingesperrt worden, wenn nicht die Regierung dazugekommen und mein Schutzengel gewesen wäre. Ja, der alte Hang zur Musik hätte mich fast ins Unglück gestürzt, aber unschuldigerweise; der Vikar dagegen, der hat's mit Fleiß gethan und der hat eigentlich die Verantwortung, wenn ich wirklich nach Amerika gehe. Des ganzen Unfriedens Ursache und Wurzel ist aber eine Trompete, die alte Trompete in Es , die mir der Hofinstrumentenmacher Michael Süßlein schon vor Jahren als Ehrengeschenk und Andenken übergeben hat. Nicht wahr, lieber Lorenz, Du erinnerst Dich noch an dieses angenehme Instrument und was es für einen wundersamen Ton hatte, wenn es an hohen Feiertagen beim Gloria erklang! Der Lenzenhiesel sagt noch heut zu Tage, erst wie ich diese Trompete in Es vom Chore herab so andächtig geblasen habe, ist's ihm bei seiner Copulation ganz deutlich geworden und gleichsam innerlich aufgegangen, was das für ein heiliges Sakrament ist. Und bei den Tanzmusiken will ich gar nicht sagen, was man mit ihr ausrichten konnte. Indessen muß ich Dir, damit Du besser weißt, woran Du bist, gleichwohl auch schreiben, daß wir allhier schon seit etlichen Jahren eine musikalische Gesellschaft haben, welche – wie es der Schulmeister in die Statuten gar fein hinzugesetzt – mit redlichem Fleiße bestrebt ist, sich in der schönen Kunst der Töne zu üben und gegenseitig zu fördern, sowohl zum Zwecke würdiger Belebung des Gottesdienstes als auch zum Behufe veredelnder Erholung in den freien Stunden der Woche. Die Gesellschaft kommt alle Monate drei- oder viermal zusammen und man nennt sie gewöhnlich den Cäcilienverein. So kam es denn, daß die alte Trompete in Es bald an weltlichen Orten zu hören war, bald auch wieder vom Chore herab in der Kirche. In den letzten Wochen aber war sie fast ausschließlich dem Dienste des Herrn geweiht und ruhte, wenn nicht geblasen wurde, lautlos in einem Schranke des Chors. Nun, lieber Freund, bis jetzt merkst du freilich noch nicht, wo das Unglück herkommen soll, aber wie gesagt, ich schreib Dir's schon und zwar gleich. Ich hoffe, Du denkst ihn noch, den sogenannten Lehrernazi, den Sohn des vorvorigen Schulmeisters, der zu seiner Zeit auf den Grünauer Wiesen mit uns herumgelaufen und ein einfacher Knabe gewesen ist, wie wir auch, eine Waise, die bei dem alten Wirthe Unterschluf und Erziehung gefunden hat. Später kam er zur Studi, wie man zu sagen pflegt, und es soll ihm dabei nicht übel gegangen seyn. Wir haben ihn ja nachher noch öfter hier gesehen bis er zuletzt nicht mehr erschien, weil er Cooperator im Unterland geworden war. Ja, richtig, einmal war er wieder da, als er schon die Tonsur überstanden hatte, und da wurden wir erst die besten Freunde und hatten Manches auszurichten mit den Mädchen, unsern ehemaligen Schulkamerädinnen, die mittlerweile auch groß geworden waren, doch Alles in Zucht und Ehren, wie Du mich kennst, lieber Lorenz. Nur um des Heubauern Lisi war unser Trachten etwas ernsthafter und ehe der halbgeweihte Lehrernazi wieder gekommen, galt sie eigentlich für meine Liebste, ohne zu wissen warum. Auch stand ich eines Tages oder vielmehr Abends, genau gesagt war es jedoch gegen Mitternacht – da stand ich draußen einen Büchsenschuß vom Dorf an ihrem Hofe – der Mond schien so hell und die Apfelbäume blühten und der Bach rauschte daneben – innerhalb schlief das Liserl und durch das offene Fenster hörte man ganz leise den Zug ihres Athems – ach wenn sich's für unser einen schickte, ich würde sagen, daß ich ganz poetisch gestimmt war, bis auf einmal um das Haus der Lehrernazi kommt und wie er mich sieht ganz weinerlich und schmerzhaft sagt: »Ach Gott und hier muß ich Dich wieder finden, lieber Hansi, wo Du doch weißt, daß ich mich zum geistlichen Stande bestimmt habe, und daß mir die Freuden dieses Lebens bald alle versagt seyn werden und heute Abend, wo ich von dem Liserl habe einen unschuldigen Abschied nehmen wollen auf ewig, da bist Du da! Ach, wie weh mir das thut, das kann ich Dir gar nicht sagen.« »Nun,« sagte ich, »hätte ich gewußt, daß dies Dein Gang ist um diese Zeit, so wäre ich etwa auch gar nicht hergekommen.« »Ach,« sagte der Nazi, »Du mußt nichts Uebles denken, aber wenn Du's heute über Dich bringen könntest, mein geliebter Jugendfreund, so würdest Du mir den Abschied sehr erleichtern, der mir ohnedem das Herz abdrückt.« Dabei nahm er mich bei der Hand und ich bin ganz irre geworden und so sag' ich: »Ja, wenn Du meinst, Du bist dem Liserl so viel lieber als ich, so gehe ich heim und laß Dich hier in Gottesnamen.« Derweil aber hat das Liserl das Gespräch gehört und wispert: »Wenn Ihr meint, auf Euch allein kommts an –« und schlägt das Fenster zu und heirathet bald darauf aus Verdruß den Tannenbauernsohn von Hirschenberg, was ich ihr nicht verwehren konnte, aber lange Zeit sehr bedauerte. So habe ich ihm damals mein ganzes Lebensglück geopfert, aber nicht für immer, da ich dasselbe, wie ich nicht anders sagen kann, bei meiner gegenwärtigen Frau und Gattin, welche sich Dir als unbekannt empfehlen läßt, doch noch richtig gefunden habe. Jetzt fällts mir aber auf einmal ein, wie lange ich Dir schon nicht mehr geschrieben haben muß, denn von meiner Hochzeit weißt Du noch gar nichts und da fang ich also jetzt gleich an. Das weißt Du aber schon, daß ich früher immer ledig war bis in's fünfundzwanzigste Jahr meines Lebens und an einem schönen Sonntag gerad vor Pfingsten nach der Kirche, wie ich da so sitz' und ausruh', schaut auf einmal zu meinem Fenster ein fremdes Mädel herein – schier als wenn eine junge Rose aus dem Garten in meine Stube wachsen wollte, so schlank und frisch, so weiß und roth. »Ich bin die Bauerntochter von Lindenberg,« sagt sie, »und vor vier Wochen ist der Vater gestorben, Thaddäus Brandner, und der Bruder laßt Dir sagen, Du sollst eine schöne Tafel malen auf sein Grab, so groß wie die für den Wirth von Wildenau, die Du voriges Jahr gemalt hast und kosten darf sie auch so viel.« »Und wie soll sie denn aussehen?« frag ich. »So?« sagt sie, »das wirst Du wohl selber wissen, wenn Du ein Maler bist und wie Du's machst, so ist's recht.« »Eine Weisung muß ich aber doch haben,« sag' ich, »wenn's noch so gering ist.« »Ich wüßte schon,« sagt das Mädel und wird ein bissel roth, »ich wüßte schon wie ich mein'; ich hab mir's selber ein wenig ausdenkt, aber Du darfst nicht lachen!« Und dabei schlagt's die Augen nieder und fangt zu zeichnen an mit dem Finger auf dem Fenstersimsen und sagt: Oben hinaus in den Himmel malst den heiligen Thaddäus – der muß aber gut getroffen seyn! – und den Vater sieht man, wie er in den Himmel kommt, halber noch in den Wolken und gibt dem heiligen Thaddäus die Hand. Der Vater aber muß ganz freudig aussehen und unverzagt, nicht als wenn er aus Gnade in den Himmel käme, sondern weil er's verdient hat. Und der Vater hat lange weiße Haare und ein rothfarbiges Gesicht und bissel eine hucklichte Nase. Und unten malst die Wolken hin, goldfarbig und weiß durcheinander, recht licht, und den Himmel, ganz blau. Und unter den Himmel malst das Gebirg, daß man recht weit einschaut in die Thäler und daß man die Almhütten sieht von ferne und obenauf den Schnee, der muß glanzen, und unterhalb den Wald. Und die Berg gehen rechter Hand und linker Hand weit voran und auf der einen Seite auf der Höhe malst unsern Hof zu Lindenberg mit den drei Linden und auf der andern die heilige Eich', die Wallfahrt. Und zwischen das Gebirg malst eine Gegend, wo der Bach rinnt und die Erlbäum und die Buchen und die Haselstauden und da malst Bauernhäuser hinein und im Laub drinn sieht man die Kirchthürm', den runden, das ist der von Erlbach und den spitzigen, das ist der von Wildenau. Und ganz vorn malst ein Feldkreuz, ein großes, wie eines steht, wo man von Lindenberg geht nach Wildenau, in einem grünen Busch von Rosen, den haben wir selbst gesetzt. Und vor dem Feldkreuz malst eine Betbank, wo wir oft knieen, der Bruder und ich, wenn ein schöner Abend ist, und beten und in's Land herunter schauen. Und auf die Betbank malst uns alle zwei, wie wir unser Gebet verrichten und dann ist's fertig.« Auf diese Manier hat mir das Mädel die Beschreibung angegeben und wer's nicht gesehen hat, der glaubt's sein Leben nicht, wie lieb das gewesen ist. Und sie ist ganz warm worden vor lauter Eifer und hat nicht aufgeschaut; zuletzt aber, wie sie fertig ist und mich ansieht, schrickt sie zusammen und wird überroth, wie wenn sie nicht mehr wüßte, daß ihr Jemand zuhört. Mir ist aber auch ganz anders worden bei der Geschichte, und wenn ich jetzt daran denke, ist mir oft als wenn ich Gott weiß was dafür gäbe, wenn ichs noch einmal erleben könnte, die kurze Zeit, wo sie mit dem Zeigefinger auf dem Simsen ihren Gedanken so nachgegangen ist und so für sich hingesprochen hat, so sittsam und so zierlich. So schauen wir einander an, bissel verwirrt, bis ich zuletzt sag: »So gute Weisung habe ich nicht leicht noch gehabt und ich sag wahrhaftig Dank dafür. Aber gehst denn nicht ein wenig herein und thust ausrasten?« »Ach,« sagt sie, es könnte dem Bruder nicht recht seyn. Jetzt mal Du nur fleißig und ich komme schon wieder.« So lauft sie fort über die Wiese in den Wald hinein und den Berg hinauf. Bin doch öfter am Hof zu Lindenberg vorbeigegangen, hab nie gedacht, daß ein solches Mädel drinnen ist. Aber freilich etwas weit ist's schon und die Leute von den Berghöfen gehören nach Erlbach in die Pfarrei, kommen auch selten herab in unser Wirthshaus. Ich fang also zu malen an und hat mich nie etwas besser gefreut und ist mir auch alle Tage vorgekommen, als könnt' ichs noch besser als vorher. Und wie es fertig war, Du hättest gewiß den größten Gefallen daran gehabt, lieber Lenzel, schon an dem heiligen Thaddäus und an dem alten Lindenberger, aber noch viel mehr, wie ich den Bruder und die Schwester hingemalt, insbesondere aber das Mädel mit ihrem grünen Spitzhut, und mit dem schwarzen Mieder und dem weißen Schürzel. Und selbst das Gesicht habe ich ein wenig getroffen; es hat ausgesehen wie eine Apfelblüthe. Und eines Tages nicht lang darnach kommen der Bruder und die Schwester das Bild anzuschauen, waren voller Freude, so hat es ihnen getaugt. Der Bruder hat auch Alles nach einander rechtschaffen hergelobt und hat die Kirchthürme und die ganze Gegend richtig wieder gefunden, das Mädel aber hat wenig gesprochen, außer mit den Augen, die waren voller Lob und Preis; denn wirklich war jedes Wort und jedes Wörtel von ihr hineingemalt in das Bild. »Nur die Burgel, mein' ich,« sagt der Bruder, »hast zu schön angefärbt.« »Da kann ich nicht helfen,« sag' ich, »sie ist mir halt so vorgekommen.« Da hat er gelacht und sie ist ganz roth geworden. Item der Schmied von Erlbach macht das Kreuz zu der Tafel und Alles miteinander wird auf den Kirchhof gestellt und auf das Grab. Und dort stehts noch und wenn Du einmal hinkommst, so wirst Du's finden. Wer aber noch eine rechte Freude empfunden, das waren die Bauern von Erlbach, die den alten Lindenberger alle gern gehabt haben und noch jetzt, wenn mir einer begegnet aus der Gemeinde, so lobt er das schöne Grabbild. Aber bald darauf kommt der Bruder wieder und sagt: »Wer weiß, was aus der Tafel wird auf dem Kirchhofe in Regen und Schnee. Ich ließe mir das Gemälde gern auf eine Leinwand malen, drei, viermal größer und hinge es auf im Hof zu Lindenberg. Meinst, Du kannst das machen?« »Ich will's probiren,« sag' ich, »das kann recht schön werden und eine wahre Pracht. Aber nachher müßte man die Gesichter nicht mehr so von ungefähr malen, sondern ein ordentliches Conterfei.« »Schau,« sagt der Bruder, »das war schön und so bald Du Zeit hast, kommst Du hinauf und bleibst bei uns. Und nebenbei streichst die Thüren an und die Fenster und zu den Bauern sagst Du überhaupt, es ist nichts Anderes, denn wenn wir uns abmalen lassen, so junge Leut, das könnten sie übel nehmen.« Item am andern Tage schon habe ich Zeit gehabt und bin hinauf nach Lindenberg und habe angestrichen, die Thüren und die Fenster, und nebenbei Porträt gemalt. Und wenn die Schwester auf dem Felde war, habe ich den Bruder porträtirt und wenn der Bruder nicht Zeit hatte, die Schwester und jetzt weißt Alles – denn meines Lebens schönste Zeit war auf dem Hof zu Lindenberg. Das Bild aber wurde fast noch schöner als das andere und wenn weniger Rede davon ist, so kommt das daher, weil Weniger davon wissen. Und den Bruder habe ich schon dergestalt getroffen, daß er sich im Anfang nicht genug anschauen konnte und von der Burgel will ich gar nichts sagen, wie die so freundlich dakniet mit ihren blauen Augen und dem blonden Haar. Das Gemälde hängt jetzt noch auf dem Hofe zu Lindenberg, in derselben Stube, wo man die schöne Aussicht hat, und wenn Du einmal hinkommst, so wird Dir' s der Bruder schon zeigen. Und wie das Bild fertig gewesen, war auch die ganze Sache mit dem Bruder schon verabredet und bald darauf war die Hochzeit und die Burgel zieht von ihrem Berghof herunter nach Grünau. Den Bauern in der Nachbarschaft war's freilich nicht ganz recht, daß die Bauerntochter einen Dorfmaler heirathet, aber der Bruder sagte, wenn sie ihn gern hat, so kommt's ihm nicht auf den Stand an. Und auch sonst war er recht ordentlich und hat ihr Alles gethan, was er hat thun können. Und seit der Zeit denk' ich auch nicht mehr an die Heubauernlisi, wenigstens nicht so, als wenn's mir leid thäte, daß es damals nichts geworden ist. Lebhafter vielleicht um's Kennen und kecker und lustbarlicher wäre die Lisi gewesen, aber die Burgel ist viel freundschaftlicher und heimlicher. Und was sie gar schön kann, das ist das Citherspielen. Freilich muß ich aufrichtig sagen, sie hat noch viel gelernt von der Lehrerrosi seit sie herunten ist von dem Berge, und das Singen hat ihr die Rosi eigentlich erst recht gezeigt. Aber jetzt geht's schon wunderschön und wenn die Burgel und die andere oft an einem Abend miteinander aufspielen und singen – ja Du meinst schon, Du bist im Himmel oben und hörst die Engelein. Aber siehe da, eines Tages kommt der Nazi wieder aus dem Unterland und ist Vikar bei uns, geht feierlich im Talar herum und hat eine Häuserin, die recht hübsch ist. Freundlich war er im Anfang, das muß man sagen und wir saßen oft im Herrenstübel beim untern Wirth beisammen und sprachen von der Veredlung des Menschengeschlechtes, wovon er ein großer Liebhaber war, auch von der Obstbaumzucht und von der Weltgeschichte. Aber weil nichts einen Bestand hat auf dieser Welt, so ist auch dies bald anders worden und zwar deßwegen, weil so scharfe Schriften und Bücher aus der Stadt gekommen sind, und immer schärfer sind sie worden und immer schärfer und der Vikar hat sich daran ganz schwindlicht gelesen. Im Anfang freilich hat er mir so die schönsten Stücklein erzählt und hat gelacht dazu, aber auf einmal kommt er daher und sagt: »Jetzt habe ich's erst gemerkt, daß wirklich was dahinter ist und zwar was Rechtes. Ja, von jetzt an wird der Priesterstand auch in diesem Dorf in die Höhe wachsen, wie das Senfkorn im Evangelium.« Und bald darauf reist er nach München und kommt wieder zurück und da treffe ich ihn wieder beim untern Wirth und er sagt ganz vornehm: »Jetzt weiß ich erst wie man thun muß! Da haben sie mich in München bei den berühmten Männern herumgeführt und die muß man hören, wenn man wissen will, was der Priesterstand bedeutet. Für was haben wir denn die großen Päbste, Gregori,« sagt er, glaub ich, »und noch ein paar Andere, als um ihr erhabenes Beispiel nachzuahmen! Woher kommt so vieles Uebel in der Welt, als weil das Volk keinen Gehorsam mehr hat, gegen seinen Priesterstand! Es geht jetzt ein neues Reich an und eine neue Zeit. Auch wir dürfen nicht mehr Du zu einander sagen, sondern höchstens ich zu Dir, aber Du nicht mehr zu mir. So ists!« – Wie ich das höre, wurde ich innerlich ganz zornig und sagte: Für so vornehme Gesellschaft bin ich nicht auferzogen und gehe wieder heim und erzähle es meiner Frau, welche jedoch darüber blos gelacht hat, mit der Behauptung: »Bisher hab' ich sogar unsern Herrgott gedutzt, lieber Hansel, wenn ich was mit ihm zu reden gehabt; und jetzt will's gar der Vikar nimmer leiden! da werd' ich mich noch oft verfehlen!« Ich glaub auch wirklich, lieber Lorenz, daß ihr das eine harte Arbeit werden möchte, denn da oben auf den Berghöfen sind sie noch gar altdeutsch und auf das Ihrzen gar nicht eingeschossen. Und der Vikari, nicht faul, fangt Dir an zu predigen, aus der Kirchengeschichte, von dem Pabst Gregori und seines Gleichen, denen die römischen Kaiser die Steigbügel gehalten und daß gar keine Achtung groß genug sey vor dem Priesterstande; daß überall Zeichen und Wunder sich begeben; daß die Muttergottes in Frankreich leibhaftig erschienen sey und Hunger und Mißwachs vorausgesagt habe, wenn sich das Volk nicht bessere, und die beste Besserung sey der Respekt und alleweil größerer Respekt vor denen, die das Wort Gottes verkünden, und wenn wir den gehörigen Respekt schon voriges Jahr gehabt, so wäre der große Hagelschlag gar nicht gekommen. Nun, das wäre Alles recht, aber der Hochmuth ist auch immer gewachsen beim Vikari und Niemand hat sich mehr tief genug bücken können und aller Respekt war immer noch zu wenig und Alles hat er übel genommen und in Alles hat er hineingeredet und im Beichtstuhl hat er die Leute erschrecklich heruntergemacht und die heimlichsten Sachen hat er wissen wollen, und Kundschafter waren auch da, die ihm wieder hinterbrachten, was die Andern über ihn gesagt und von der Kanzel herab hat er dann wieder mit Fingern auf die Leute gedeutet, die lasterhaften, die verworfenen – sagt er – die in ihrer teuflischen Verstocktheit sich über seine Hoffart ärgerten. Und eh Du umschaust, lieber Lenzel, war im ganzen Dorf Alles wie umgekehrt, keiner hat dem Andern mehr getraut; unter vier Augen haben alle über den Vikari geschimpft und in's Gesicht haben sie ihm geschmeichelt und demüthig hofirt; – denn, ich weiß nicht, lieber Freund, ob Du schon in dem Fall gewesen, es ist aber etwas Hartes, wenn man Sonntags in der Kirche, wo man sich doch einfindet, um mit seinem lieben Herrgott zu verkehren, auf einmal ganz unverhofft so von oben herab angesprochen und abgemalt wird, gleich als hätte man sich dem Teufel verschworen und wäre zu nichts mehr gut, als zum abschreckenden Beispiel für Andre. Item unsere Geschichte muß auch ein Ende haben, und der Vikari nimmt immer zu in seiner Herrlichkeit, bis mir der junge Wirth von Zell die Botschaft thut, sie hätten eine Hochzeit, aber keine Trompeter dazu; ich möchte kommen und blasen. Und so lauf ich hinunter in aller Eile zum Schullehrer und bitt' ihn, er soll mir den Schlüssel geben zum Instrumentenkasten, welchen er aber nicht hatte. Und wenn ich ihn auch hätte, sagt er, so könnte ich Dir die Trompete nicht geben, weil der Vikar jetzt das Zeug vom Chor zu Tanzmusiken nicht mehr hergibt. Ja, sag' ich, wenn er das nur verwehren kann? Nu, meint der Lehrer, er hat erst gestern gesagt, Deine Trompete sey für die Kirche gekauft. Da wirst Du Dich schwer thun. Nun habe ich von Weitem nicht gemeint, daß da eine Bosheit dahinter ist, sondern nur ein Irrthum und denk mir also, daß man mit dem Vikar reden muß. Ich suche ihn auch auf und treff' ihn in der Stube beim Seilermeister, welcher mit seinem ganzen Hauswesen beim Essen war. So wünsche ich guten Tag und sage: »Ich habe gehört, Hochwürden Herr Vikar, meine alte Trompete in Es sey gekauft. Wer hat sie denn gekauft?« »Die Kirche hat sie gekauft,« sagt der Vikar. »Zum Chor ist sie gekauft.« »Wie können Sie so reden,« sag ich, »Herr Vikari, von meiner alten Trompete in Es , da ich gar nichts davon weiß.« Auf dies macht der Vikar ein fürnehmes Gesicht, zieht den Kopf hochmüthig in die Höhe und sagt: »Sie ist gekauft! – Wir haben übrigens schon ausgeredet, denn ich gebe mich nicht länger ab mit so einem niedrigen Menschen, so einem gemeinen Layen, wie Du einer bist.« Wie er das sagt, reißt der Seilermeister und seine ganze Familie die Augen auf und war Alles todtenstill vor Schrecken. Aber, lieber Laurentius, jetzt frag' ich Dich, hättest Du vielleicht das ruhig ausgehalten? Du schon gar nicht, aber auch mir ist ganz elend worden vor lauter Aerger und Beleidigung, denn wenn ich schon nur ein Dorfmaler bin, so halte ich doch viel darauf, daß ich auch ein Stadtmaler hätte werden können, wäre die Armuth nicht gewesen und Familienvater werd' ich auch bald seyn, weil mir's meine liebe Frau, die sich Dir noch einmal empfehlen läßt, auf Mariä Geburt bestimmt versprochen hat und ein redlicher Mensch bin ich obendrein. Deßwegen meine ich im Dorfe eine bescheidene aber würdige Stellung einzunehmen, und wenn der Herr Vikar des Willens ist, mich an die christliche Demuth zu erinnern, so hat er dazu den Beichtstuhl, allwo er hoffentlich auch zu derselben Tugend vermahnt wird. Und wenn's das Unglück so gewollt hat, daß ich ein Laye worden bin, so bin ich doch so weit studirt, daß die Kirche deßwegen die Priester höher hinauf stellt, damit sie uns in Gerechtigkeit und Heiligkeit vorangehen, nicht aber die Layen verkürzen und beleidigen sollen, am wenigsten solche, die wie ich, Jahre lang auf dem Chore zu Lob und Preis der heiligen Dreifaltigkeit und der gebenedeiten Jungfrau Maria Trompeten geblasen haben. Freilich, lieber Alter, bei Dir braucht's keine Entschuldigung, aber wenn ich einmal in's Raisonniren hineinkomme, so lasse ich mir gerne meinen Lauf, vor Allem so unter vier Augen vor Deinem Angesicht; denn sonst fehlt's bedeutend am mündlichen Vortrag und überhaupt wenn ich so einen Brief an Dich schreibe, komme ich mir oft viel gescheidter vor, als ich wirklich bin. Aber der Zorn war damals zu groß und gar lange konnte ich mich nicht besinnen und so fahre ich heraus und sage: »O Du grimmiger Vikari, wenn Du etwa an unsere frühere Freundschaft denken möchtest und an des Heubauern Lisi, so thätest Du Dich vielleicht schämen, daß Du Deinen guten alten Kameraden jetzt so hinunter drücken willst. Und wenn Du sagst, die alte Trompete in Es ist gekauft, so bist Du ein Lügner.« Und sofort ging ich zur Thüre hinaus. Jetzt frag ich wieder, wer hat Recht? Denn daß ich den Vikari gedutzt habe, kann so weit nicht gefehlt seyn, weil er selber angefangen hat. Freilich hat er's vielleicht nur gethan zur Erinnerung an unsere schöne Jugendzeit – aber warum soll ich mich nicht auch erinnern? Und in der selbigen Zeit, wo unser Heiland seine Kirche gestiftet, haben die Leute, wie das Evangeli ausweist, alle einander gedutzt und wenn ich mich länger besinnen wollte, fielen mir noch ganz andere Sachen ein. Item es gehen etliche Tage herum und bald hat es mich gefreut, daß ich ihm so herzhaft hinausgegeben und bald habe ich ein Bedauern gehabt, daß die Menschen einander so beleidigen mögen, ohne zu wissen warum, aber auf einmal in der andern Woche kommt ein Einspänner in's Dorf herein, ein ganz frisches Fuhrwerk, und sitzt der Assessor drinnen und der Praktikant, welche beide beim Vikari absteigen. Ich schau da von meinem Hause (man dürfte fast sagen: Häuschen), öfter hinüber und so nach etlichen Stunden kommen alle drei wieder heraus, ganz feuerroth im Gesicht und so lustig, wie ich seit meinem Hochzeittag nicht mehr gewesen bin. Und die Hauserin kommt auch hinterdrein und schaut ganz liebreich auf die Herren. Und alle drei haben Cigarren geraucht und die Häuserin hat auch eine gehabt, aber halbversteckt in der Hand. Aha, denk ich mir, da hat der Ruppertsberger und derselbige Grimmeldinger, den die Häuserin so lobt, die haben da auch mitgethan. Und zuerst heben sie den Assessor auf seinen Sitz und der Praktikant springt nach wie ein Eichhorn und der Vikar sagt: »Liebe Landsleut, noch einmal sag' ich's euch. Jetzt laßt mich nicht sitzen, sonst ist aller Respekt verloren, wie dem Juden seine Seel'.« »Ja wahrhaftig,« sagt der Praktikant darauf ganz überlaut und gibt ihm die Hand, »Dir soll geholfen werden, Pfaff, zuerst um Deines Glaubens willen, und nachher weil Du einen so guten Tropfen im Keller und eine so schöne Magd im Bett hast. Bist Du zufrieden mit dreimal vierundzwanzig Stunden?« »Ach,« sagt der Vikar und schlägt die Augen demüthig nieder, »wenn es Ruthenhiebe wären, die hätt' ich lieber.« »Ei, damit kann ich jetzt nicht aufwarten,« erwiedert der Praktikant. »Freilich wäre keine Strafe groß genug für den gottlosen Pfuscher, der ein so aufrichtiges Kirchenlicht einen Lügner schimpft.« Wie ich dies höre, geht mir ein ellenlanger Stich durch's Herz und meine arme Frau fällt mir um den Hals und zugleich in die größte Trübsal und ich weiß mir auch nicht zu helfen, bis zum guten Glück der Steffelbauer von Osterberg seinen Buben herüber schickt, er ließe jetzt sein Haus abweißen und ich möchte ihm geschwind auf die vordere Wand ein paar Heilige malen. Das war eine Schickung Gottes; denn zu Haus hätte ich's doch nicht ausgehalten und wenn wir beisammen geblieben wären und alleweil darüber geredet hätten, Stund für Stund, so wär' es uns alle Tage nur bitterlicher worden. Also packe ich schnell meinen Zeug zusammen und wandere über's Gebirg hinüber nach Osterberg. Dort male ich ein paar Tage die Heiligen auf das Haus, den heiligen Isidor und die heilige Notburga und hab gar oft beim Malen mein Gebet verrichtet: O ihr lieben Heiligen, nehmt euch um mich an – nur diese Schande laßt mich nicht ausstehen; lieber zieht mir den Arrest siebenfach von meinem Leben ab! Insbesondere die heilige Notburga habe ich darum angesprochen, weil sie doch die Namenspatronin ist von meiner Frau. Und in der andern Woche gehe ich wieder übers Gebirg nach Haus und da kommt mir die Burgel ganz freundlich und gefaßt entgegen und gibt mir einen Zettel, der mich in's Landgericht ladet und sagt: »Ich hab' mich jetzt genug zergrämt über diese Geschichte – sey standhaft, lieber Hansi, wer weiß wie's geht.« Und am andern Morgen mache ich mich auf zum Landgericht und daselbst geh ich im Gang auf und ab und wie es meine Stunde schlägt, geh ich hinein in die große Stube, die voller Bauern war. Wie aber der Praktikant mich sieht, so fahrt er auf und sagt recht spaßig und heiter: »Aha, der ganzen Figur nach ist Er der Bauernmaler von Grünau?« und wie ich darauf mit dem Kopf bescheiden nicke, so lacht er wie närrisch und sagt zu den andern Schreibern in der Stube: »He Leut, aufgepaßt! das ist der weltberühmte Raphael von Grünau, der den Vikari dutzt und die geistlichen Herren so herschimpft! S'ist gewiß der Mühe werth, daß man sich den Kameraden anschaut! der gehört auf den Jahrmarkt, wo man die Affen um einen Groschen zeigt.« Und auf dies fangen alle, der Oberschreiber, der große Lump, und die fünf andern Schreiber und im Nebenzimmer der Assessor und die zwei Gerichtsdiener und der Gensdarm am Ofen, die fangen alle hellauf zu lachen an. O mein, da hast nicht irr werden können, daß schon Alles verabredet war, und daß sie sich schon gefreut haben auf den armen Bauernmaler von Grünau, der ihnen doch seiner Lebtage nichts zu Leide gethan. Der Praktikant aber nimmt ein paar Bogen Papier her und sagt ganz kurz und voller Eile: »Nun, so viel ist ausgemacht, daß Er den Vikar einen Lügner geschimpft hat oder will Er's etwa läugnen?« »Nein,« sag ich, »das läugn' ich nicht, aber« – und da hätte ich ihm gern die ganze Sache erzählt, wie sie sich zugetragen und wie ich's mir auf dem Weg her ausgedacht und zusammengestellt und repetirt hatte. Da war aber nicht zu helfen, denn der Praktikant schreit: »Was Aber! Glaubt Er, daß man seine Zeit mit Ihm verliert, wenn so viele ordentliche Unterthanen auf Abfertigung warten? Da! das Protokoll hab ich schon schreiben lassen, 's braucht nur die Unterschrift.« Ich nehm die Feder in die Hand und schau in das Protokoll, weiß aber nimmer recht was drinnen gestanden ist. Und wie ichs unterschrieben habe, so denk ich mir, es muß halt doch heraus und fang wieder an. Der Praktikant aber schreit ganz zornig: »Er Simpel, wenn Er was weiß zu seiner Entschuldigung, so hätt' Er's vorher sagen sollen. Jetzt ist das Erkenntniß schon gemacht. Drei Tage geschärften Arrest und die Kosten hat Er selbst zu tragen. Das kann Er auch gleich unterschreiben.« Wie nun das auch vorbei war, da kommt mir zum drittenmal die Hitz und die Rechtschaffenheit und ich sage: »Jetzt, Herr Praktikant, denken Sie an Ihr letztes Ende und an die Hölle und an das Himmelreich und geben Sie mir Auskunft, ob mir Niemand helfen kann auf dieser Welt, daß ich die Schand nicht ausstehen muß.« »Da kann Niemand helfen,« gibt er mir zur Antwort – »die Strafe ist einmal zu gerecht. Geht Er zur Regierung. so bekommt Er Ruthenhiebe, denn wenn man jetzt einem geistlichen Herren etwas thut, so ist's der Regierung immer, als wenn man's ihr selbst gethan hätte. In vierzehn Tagen stellt Er sich und laßt sich einsperren. Jetzt rechtsum kehrt euch, G'schwindschritt Marsch, hinaus.« – Und da lachen wieder alle die Schreiber so erbärmlich, daß es eine Schande war. Ja, G'schwindschritt Marsch, hinaus, denk ich mir, etwa ins Wasser, in die bessere Welt, bis mir auf der Stiege der Schlickertoni von Feldwies begegnet, derselbe brave Bursch, weißt Du, der uns vor fünf Jahren einmal geholfen hat auf dem Miesbacher Markt, wie wir mit den Schlierseern gerauft haben und sagt: »Du bist ja ganz käsweiß, Hansel, hat Dich gewiß was geärgert!« Auf dies erzähl' ich ihm die ganze Geschichte. »Nu!« sagt er, »so sollen doch gleich alle Schreiber verrecken, wenn da nicht zu helfen ist. Ich bin einmal in der nämlichen Patsch gewesen und in München ist mir doch noch geholfen worden. Jetzt besorg ich Dir oben die Abschrift und dann fährst Du mit mir auf Feldwies und bleibst über Nacht, und da geb ich Dir schon die rechten Einschläge. Und morgen machst, daß Du hinein kommst. – Wer weiß wie's geht.« Das war mir Alles recht und dem Zennsenseppel von Weihern, der war auch bei Gericht, dem haben wir aufgegeben, daß er der Burgel sagt, wo ich hingegangen bin und haben's ihm recht eingebunden, daß er's nicht vergißt, wie's ihm so oft passirt, und so fahren wir nach Feldwies und bleiben über Nacht und da hab' ich mich gefreut, wie der ordentliche Mensch seinen Hof so schön eingerichtet hat, mit seiner jungen Frau, schier gerad wie bei uns, nur viel vermöglicher. Und am andern Tage lauf ich in die Stadt, wie ein Wiesel und richtig, wie mirs der Schlickertoni gesagt hat, so finde ich das Thor beim Fischbrunnen und den Gang und das Zimmer und die Nummer und geh hinein und sag: »Ich habe eine unterthänige Beschwerde.« Steht Einer da, ein langer, weiß Gott wer's gewesen ist, und schaut mich so an, wie man einen Bauern anschaut. »Nu, wo feilts?« sagt er, »raus mit der Stimm!« Da bin ich wieder herzhaft worden, weil der Herr so gut bayrisch geredet hat, fast noch besser, als ich selber und geb' ihm die Abschrift. Und wie ers gelesen hat, wird er ganz zornig und sagt: »Sakra, daß die Pfuscher da draußen aus ihrem Holzweg nie herausfinden! Jetzt bringens da eine Polizeisach' zwegen! Das Zeug gehört ja in einen ganz andern Mühlgang.« »O Du lieber Gott im Himmel,« sag' ich, »also ist doch noch zu helfen!« »Das wär' das Wenigste, sagt der Andere – aber daß das keine Polizeisach ist, das sieht ein Blinder. Das müssen wir jetzt als null und nichtig aufheben und haben die Schererei umsonst, dürfen die Akten hereinkommen lassen und wieder nausschicken und ist Alles für Nichts. Und so geht's einen Tag um den andern, weil die damischen Herrn nicht aufpassen und haben doch ganze Fuder voll Verordnungen draußen. Es fehlt halt an der Bildung. Freilich heißt es, geringe Schimpfereien gehören der Polizei, aber dann müssen's an öffentlichen Orten vorfallen, verstanden! Das weiß man jetzt schon bald seit vierzig Jahren, seit Menschengedenken, aber bis es die da draußen merken, da darf ich noch fünfhundert Jahr so fortmachen im Schweiß des Angesichts. Aha, ja, ja, beim Seilermeister in der Stuben! Ist denn das ein öffentlicher Ort, frag' ich? das weiß daheim mein kleines Linerl schon besser, ist doch erst fünf Jahr alt und geht noch gar nicht in die Schul, hat aber freilich mehr Verstand. Und was nicht zu der Polizei gehört, das gehört zu der« – – aber das Wort fallt mir nicht mehr ein, das er da gesagt hat. »Wenn's da aber nicht bald einen Fried gibt mit denen Trompeten da,« sagt er nachher wieder, »so will ich mit dem Referenten schon reden, daß er eine Verordnung drüber hinaus gehen läßt, eine recht gesalzene.« Und so hat er fast lang so fortgescholten und dabei immer geschrieben und zuletzt war ein Protokoll fertig und das hab' ich unterschreiben müssen. »So!« sagt er, »jetzt bist schon abgefertigt.« »Aber lieber gnädiger Herr!« sag' ich, »wie ist's denn jetzt? ist mir geholfen oder nicht?« »Wie's ist?« sagt er, »die ganze Geschicht' ist halt in den unrechten Hals gekommen und da gibt's keinen Frieden, bis sie wieder heraus ist. Und weiß Gott, was da noch für Patschereien dazwischen kommen können. Vor vierzehn Tagen kann man freilich nichts sagen, aber so wie es ist, darf es nicht bleiben; das wär zum Lachen. Das Landgericht wird es Euch aber schon zu wissen thun.« Jetzt habe ich mich herzlich bedankt für den gnädigen Bescheid, und voller Freuden habe ich mir denkt, wenn es nur die Burgel auch gleich wüßte und muß der arme Narr jetzt noch einen ganzen Tag lang warten. O du grundgütige Regierung! wenn du nicht geholfen hättest, wär das Unglück ohne Ende gewesen, und meine Kinder hätten sich noch nachsagen lassen müssen, daß ihr Vater einmal ist eingesperrt gewesen, wie ein Dieb oder Räuber. Wie nützlich ist es doch, lieber Lenzel, daß es mehrere Obrigkeiten über einander gibt und daß die obern wieder umwerfen, was die untern aufstellen, wenn wir's nur nicht selber zahlen müßten! Item ich trinke schnell am Fischbrunnen und dann wieder fort und hinaus und in einem Zuge bis Feldwies zum Schlickertoni, der sich rechtschaffen gefreut hat, daß Alles so gut gegangen ist. Und am andern Tag, das war ein Sonntag, da bin ich freilich übermäßig müd gewesen von dem weiten Weg und am Mittag im Brennberger Wald, da sink ich hin in der Hitze und will etwas ausrasten – derweilen aber schlaf' ich ein und muß etliche Stunden verschlafen haben. Mir sind sie freilich nicht lang vorgekommen, hat mir aber auch von nichts geträumt als von daheim. Und wie ich Abends nach Hause komme, so war die Burgel im Garten draußen und sitzt unter dem großen Nußbaum, hat auch die Cither auf dem Knie, spielt aber nicht. Ja ganz versunken war sie in Gedanken und hält sich mit den Händen die Augen zu, als wenn sie nichts mehr sehen wollte von der Welt. Wie ich ihr aber zuruf: Mädel, es ist schon geholfen – so springt sie auf und jauchzt und halst mich und ist voller Seligkeit und ganz wie auseinander. Aber das habe ich gleich gemerkt, daß sie nebenbei ganz schwermüthig ist und denke mir, sie wird schon selber reden, sie hat aber wenig gesagt. Und so sitzen wir zusammen unter dem Nußbaum und sie hält mich immer im Arm, ganz trübselig und ganz heiß. Und wie ich ihr die Geschicht erzählt habe, wie es in der Stadt gegangen, so sag ich zuletzt: Aber Burgel, Du bist heut nicht wie sonst; Dir muß etwas geschehen seyn, was Dir nicht recht ist. Auf Dieses aber fangt sie zu weinen an, daß die Zähren herunterschießen wie ein Mühlbach und man meinte, es müsse ihr das Herz abstoßen. Item es hat aber Alles seine Zeit und die Burgel ist zuletzt doch wieder gefaßt worden und hat mir erzählt, daß sie sich tüchtig gefreut, wie der Zennsenseppel die Botschaft gebracht, daß noch nicht Alles verloren sey. Und in der Früh, das heißt an dem Sonntag, wo ich heimgekommen bin, da geht sie in die Kirche. »Bin schon ganz früh gegangen,« sagt sie, »leicht eine Stund vor dem Amt und hab alleweil gebetet, daß es Dir recht gut gehen möchte und ist mir alleweil leichter worden und hab bald gemeint, jetzt weiß ich's gewiß. Und nachher habe ich mich mit Fleiß besser an die Kanzel hingesetzt und hab gedacht, heut ist Jubiläumsablaß, da hat er gewiß recht fromme Gedanken, und wenn er mich sieht, möcht ihm vielleicht einfallen, daß Du nicht allein in die Schande kommst, sondern ich mit und wenn's Dir vielleicht in der Stadt doch nicht geräth, so könnt' er selber noch nachhelfen. Und so fangt denn die Predigt an und der Vikari liest das Evangelium: Mir ist alle Gewalt gegeben – und sagt, das muß auch wieder werden, daß der Priesterstand alle Gewalt habe auf Erden, weil er die Schlüssel hat zur Hölle und zum Himmelreich. Und dabei ist er geblieben und hat noch allerhand gesagt von derselben Gattung und auf einmal schaut er auf mich herunter und fangt an: Und sogar die weltliche Obrigkeit, die so lange verblendet war, der hat jetzt der liebe Gott in seiner Barmherzigkeit die Augen aufgethan und sie ist jetzt zur Erkenntniß gekommen, daß Ehrfurcht vor dem Priesterstand und Gehorsam der Welt allein vor den schrecklichsten Lastern und vor ewiger Verdammniß helfen können. Deßwegen, sagt er, wird auch mit nächstem ein Frevler, leider, leider aus unserer Gemeinde, der sich an dem geweihten Diener des Herrn vergangen hat, der Strafe anheimfallen, der gerechten aber schimpflichen Strafe, so daß die Schande nicht allein an ihm ausgeht, sondern auch an seinem jungen und tugendhaften Weib! Und wie nun der Vikari dies sagt und mit dem Zeigefinger herunterdeutet, so schauen Alle auf mich – die Mehreren, ich darf's wohl sagen, recht mitleidig, die andern aber fast spöttisch und boshaft. Und da wird's mir auf einmal, wie wenn's Einem übel wird und so stehe ich auf und wie ich so ganz schwindlig hinaus gehe, steht die alte Rappenbäurin auch auf, gibt mir die Hand, führt mich hinaus und sagt: Hast Recht, Burgel, daß Du gehst – es wird mir jetzt auch zu arg – und draußen auf dem Kirchhof kniet sie sich auf das Grab, wo ihr Mann seliger liegt und sagt: »Der Rappenbauer, wenn lebte, der schlüg den Vikari herunter von der Kanzel, Ein Ding, ob's ihm recht wäre oder nicht. Aber die braven Leute sind jetzt alle todt.« Jesus! Jesus! Da fangen die Zähren wieder zu schießen an und die Burgel fallt mir wieder um den Hals und ich hätte fast auch mitgeweint, wenn nicht auf einmal der Bruder von Lindenberg dahergekommen wäre. Das ist ein Bursch, daß man ihn vergolden soll und überall kommt er zur rechten Zeit. »Ich weiß schon, wie es gegangen ist, liebe Burgel,« sagt er, und gibt ihr die Hand, »Du brauchst mir nichts zu erzählen. 'S sind etliche Burschen und gute Freund zu mir hinaufgekommen und haben mir Alles gesagt. Die wären gleich dabei gewesen in der Nacht Haberfeld treiben beim geistlichen Herrn, wenn ich hätte mitgehen wollen. Das thut aber nichts, wenn Dich der Vikari von der Kanzel verschreit, wenn Du Dich nur nicht selber in Unehr bringst.« – Und so hat er ihr zugesprochen, so daß die Burgel bald wieder ganz recht worden ist. Nachher sind wir auch zu reden gekommen, wie es mir in der Stadt ergangen, das hat ihm aber nicht ganz gefallen wollen. Mein, sagt er, die Herren sind oft gar falsch und wer weiß, ob Du ihn recht verstanden hast und wenn auch von Arrest keine Rede mehr ist, so bekommst vielleicht Ruthenhieb dafür. Da hat die Burgel wieder einen tiefen Schmerzen gehabt, als wenn sie das nicht überleben könnte und sich was anthun müßte. Nun tröstet sie der Bruder wieder und sagt, da wär's noch allemal Zeit dazu, aber jetzt einmal soll sie hinauf nach Lindenberg, daß sie nichts mehr von der Geschichte hören muß, und daß die Grünauer Leut ihr nicht mehr im Weg umgehen, bis das Ende vom Landgericht kommt, und ich sollte auch mit. Das wär mir freilich recht gewesen, aber die Leute hätten meinen können, ich thäte es des Faullenzens wegen und das hätte mich nur verdrossen. So sind denn also Beide miteinander fort und ich habe sie noch bis halbwegs begleitet und hab herzlich Abschied genommen und am andern Morgen in aller Früh hab' ich mein Zeug zusammengepackt und bin zum Schlickertoni nach Feldwies, weil der mir gesagt hatte, ich soll ihn abporträtiren, wenn ich einmal Zeit hätte. Nachher sind aus dem einzigen Schlickertoni drei Bauern und zwei Bäurinnen worden und ich hab' vierzehn Tage zu thun gehabt, bis die Bilder alle fertig waren. Und so ist die Woche ruhig herumgegangen und am Samstag bin ich von Feldwies nach Grünau, ganz spät, und über Nacht geblieben und am andern Tag in aller Früh bin ich hinauf zum Hof. Der Bruder und die Burgel sind mir auch entgegen gegangen und haben die größte Freud gehabt, aber die Burgel auch verweinte Augen. Nachher sind wir in die Kirche nach Erlbach und da habe ich die Grabtafel wieder gesehen, die noch ganz schön ist wie neu. Und der Pfarrer von Erlbach, das ist einer von den alten Herren, die sich nicht mehr in den neuen Hochmuth hineinreißen lassen, der hat uns in den Pfarrhof gerufen, wie wir auf dem Heimwege vorüberkamen und sagt, daß die Burgel allzeit so brav gewesen ist in der Schule und in der Kirche und daß er gar nicht wüßt, zu was der Grünauer Vikar sie so martern thät. Und einen ganz schönen Zuspruch hat er ihr gemacht; das hat sie recht aufgerichtet. Und daheim, nämlich auf dem Hof, setzen wir uns in die große Stube, wo man die schöne Aussicht hat, und wo das schöne Bild hängt, von dem ich Dir schon geschrieben habe. Da war ein Tag so klar und hell und so warmes, liebliches Sommerwetter und die Felder und die Wälder, die Dörfer und die Schlösser sind so freundlich dagelegen, daß es eine Pracht war und der Sonnenglanz hat so schön geflimmert, daß ich es Dir leider nicht beschreiben kann. Da macht die Burgel das große Fenster auf und sagt: Ach wär doch das Land so schön, wenn die Leute nicht so feindselig wären! Und so sind wir mit einander auf die Laube hinaus und haben uns fast verwundert über die Herrlichkeit und die Burgel nimmt sich einen Stuhl und will gar nicht mehr weg. Der Bruder aber gibt mir ein Zeichen und wir gehen miteinander wieder in die große Stube. »So, jetzt können wir noch ein Wort miteinander reden, sagt er, und Du darfst zufrieden seyn, Hansel, was das Madel gut von Dir spricht, aber die Geschichte geht ihr entsetzlich zu Herzen und die verweinten Augen bringst ihr nicht mehr aus dem Gesichte. Das hat sie freilich daheroben nicht gewohnt, daß sie so mit Schand' und Spott aus der Kirch soll gehen, und das wurmt mich und kommt mir immer wieder frisch, daß man so ein gutes unschuldiges Madel soll so verschimpfen lassen müssen. Und Dein' Sach gefallt mir auch nicht ganz und ich fürcht, es könnt leicht was Schlimmers kommen vom Landgericht als Du meinst. Und neulich bin ich auch darinnen gewesen wegen der Vormundschaft über die Schwester. Da sind sie wieder so grob gewesen, bis ich noch gröber geworden bin, denn in's Gesicht speien lasse ich mir nicht vom Assessor. Aber wenn die Hetzerei einmal angeht mit dem Gericht, dann gehts Dein Lebtag nicht mehr aus. Da hast Nichts als Gänge und Zeitversäumniß, Plagerei und Kosten. Da kannst heut hineingehen fünf sechs Stunden weit und sie schicken Dich wieder heim und schauen zum Fenster hinaus, als wenn's keine Zeit hätten. Und geben thut man ihnen oft nicht so viel, daß sie leben könnten und so muß halt der Bauer selber seine milde Hand aufthun. Sonst kannst jeweil gar nichts ausrichten und Du weißt, warum es oft den braven Leuten so schlecht gegangen ist und warum jetzt der Metzgerwastel von Audorf die ganze Gemeinde regiert, und warum keiner mehr angehört wird, der sich über ihn beklagen will. Und wenn die Spitzbuben die Gewalt haben, nachher weißt schon, wie es den ehrlichen Leuten geht. Und dann, wo Du hinkommst vor Gericht oder in die Stadt, heißt's halt die dummen Bauern, aber daß wir gescheidter werden, um das kümmert sich kein Mensch. Und die geistlichen Herren werden auch nicht mehr besser; die alten sterben weg und die jungen sind oft nicht zu erleiden vor lauter Uebermuth und Schärfe. Und jetzt ziehens die ausländischen Bußprediger in's Land, daß die Leut noch ganz närrisch werden. So hetzen sie Dich Jahr aus Jahr ein mit lauter Beten und Beichten und Büßen wegen Deiner schrecklichen Verworfenheit als Ebenbild Gottes, aber eine ehrliche Recreation lassen sie Dir nicht. Da sollst keine Cither mehr spielen und kein Lied mehr singen, da haben sie in Erlbach gar die Komödie verboten und am Kirchtag darfst bald auf keine Musik mehr gehen. Früher bin ich wohl als Wildschütz hinaus in den Wald, aber das mag ich nimmer seit ich Herr bin auf dem Hof. Und so setzst Dich halt ins Wirthshaus und liegst vor dem Faß und saufst und raufst und wenn Du Einen an den unrechten Ort stichst, so kommst auf Dein Lebenlang ins Zuchthaus.« – »Recht hast,« sag ich, »aber das wird schon so seyn müssen.« »Nein, das muß nicht so seyn,« sagt der Bruder ganz laut, »da geht man nach Amerika.« Nach Amerika! wie das die Burgel hört, kommt sie von der Laube herein und wir schauen den Bruder mit großen Augen an. Der sagt aber ganz fest: Ja, nach Amerika. Ich habe noch nie davon geredet, aber die drei Erlbacher Burschen, die vor zwei Jahren fortgegangen sind, die haben jetzt geschrieben, daß es ihnen ganz besonders gut geht. Weit hinten sind sie freilich in Amerika, aber einen prächtigen Boden haben sie fast geschenkt bekommen und den schönsten Wald und das Wildpret schießt man vom Fenster aus. Und Steuern gibt es auch keine und es hat Dir kein Mensch was einzureden und darf dich kein Vikari plagen. Und mir schreibt der Wolfel Thoma extra, gar nicht weit von ihm ist ein Berg und da hat man eine gar schöne Aussicht und wenn ich dahin meinen Hof baue, so müßt' es mir vorkommen, wie zu Lindenberg. Und da gibts so eigene Bücheln über das Amerika und die hab' ich jetzt zum Lesen und da find ich, daß es wahr ist, was die Burschen schreiben, und wenn ich meinen Hof ordentlich verkaufen könnte, so ginge ich je eher je lieber. »Hei sakra,« sagt der Bruder und fahrt auf und schlagt auf den Tisch, daß die Fenster zittern, »wenn so fünfzehn, zwanzig tüchtige Burschen beisammen wären, wie Du und ich und so fünfzehn zwanzig junge frische Weiber und wir wirthschaften da hinten im amerikanischen Wald – wer kann uns denn an? Hab' beim letzten Schießen dreimal nacheinander den Punkt hinausgeschossen, da werd ich wohl auch die Büffelochsen treffen und die gefährlichen Vieher und wenn's ans Raufen geht, so hat mir auch noch Keiner die Feder vom Hut gethan!« Nun kannst Dir denken, lieber Lenzel, was wir da dreing'schaut haben, die Burgel und ich, daß wir aus unserm lieben Vaterland so fort sollen, aber der Bruder hat uns noch gar viel erzählt aus seinen Bücheln und zuletzt ist's uns bei weitem so arg nicht mehr vorgekommen. Item am selbigen Sonntag gehe ich wieder herunter und am Montag wieder nach Feldwies zu meinen fünf Leuten. Da hat's der Zufall gewollt, daß ich sie so schön getroffen habe, wie es die Maler aus der Stadt nicht besser könnten. Und abermals am Sonntag komm' ich in der Früh nach Lindenberg und wir gehen wieder in die Kirche nach Erlbach und wieder heim und essen. Arbeit habe ich auswärts keine mehr gehabt und jetzt ist's darauf angekommen, ob ich mein Hauswesen in Grünau allein fortführen soll oder wie es ist mit der Burgel. Und da sagt sie ganz frisch: »Jetzt habe ich mich lang genug erholt auf dem Berg und jetzt will ich gleichwohl mit dem Hansel auch wieder hinab ins Dorf.« Und der Bruder hat auch nicht viel dagegen sagen können, und so sind wir halt wieder herab und haben uns herzlich bedankt beim Bruder. Der hat uns noch ein gutes Stück weit das Geleit gegeben und zuletzt, wie wir einmal im Discurs waren, ist er gleich ganz herab mit uns. Am Dorfe aber sind wir außen hergegangen bis an unsere hintere Gartenthüre, welche wir aufmachten, und fast Niemand bemerkte, daß wir wieder gekommen. Kaum aber, daß wir die Läden wieder aufgemacht und uns im Haus ein wenig umgeschaut hatten, so gehen wir in den Garten hinaus und setzen uns unter denselben großen Nußbaum, halb traurig und halb vergnügt. Uns zweien war's wenigstens recht lieb, daß wir wieder zusammengekommen und auf einmal steht die Lehrerrosi an dem Gartenzaun und gibt uns ein Schreiben vom Landgericht, das der Gerichtsbot in der Früh gebracht hatte. »Der Vikar,« sagt sie, »hat freilich gemeint, ich solls ihm sagen, eh' ichs übergeben will, aber es wird so heikel nicht seyn, denn er hat das seinige auch schon aufgemacht.« O Du lieber Gott, ich weiß gar nicht, wie mir da worden ist vor lauter Begierigkeit und vor lauter Angst, denn weil der Bruder so bedenklich worden ist, so habe ich doch wieder gezweifelt, ob sich die Regierung nicht anders besinnen möchte. Da macht die Burgel ein Kreuz über den Brief und reißt ihn auf und fangt zu lesen an, buchstabirt die schweren Wörter, reibt sich die Stirn und sagt: »Da müßt ihr mir schon helfen – es geht mir nicht zusammen.« So fangen wir also auch an und da heißt es, wie derselbe bei der Regierung gesagt hat: als null und nichtig aufgehoben. Damit es keine Irrung gibt, möcht ich Dir wohl gleich das Ganze schreiben, aber es ist zu lang und wenn Du herüberkommst, so laß ich Dirs schon lesen. Gründe waren auch dabei, welche wir indessen nur zum wenigsten verstanden haben. Das aber haben wir gleichwohl gemerkt, daß die ganze Sach nichts ist, wie sie das Landgericht gemacht hat. Und so lesen wir immer fort, immer wieder von vorn und hat uns doch immer besser gefallen und der Bruder hat's zuletzt selber geglaubt, daß es überstanden ist, bis ich auf einmal hinter dem großen Haselbusche, der neben dem Sommerhaus steht, meine alte Trompete in Es erschallen höre, gerade wie aus Zauberei, so fürnehm und so hell, und spielt ein lustiges Lied. Auf das renn ich zum Gartenthürl und mach' auf und da steigt der Vikari herein und blast immer munter fort und nickt als Blasender rechts und links zum Gruß. Auf einmal aber setzt er ab und sagt: »Mein Gott, was sich doch die besten Jugendfreunde oft weh thun können! Und jetzt besonders wegen der dummen Trompete da, 's ist wahrhaftig nicht der Mühe werth. Ich meinte, wir richten wieder die alte Freundschaft auf, lieber Hansel, und der Burgel wird's gewiß auch recht seyn.« Ich bin ganz still gesessen und hab auf den Boden geschaut, der Bruder dagegen hat sich seine Fäuste zusammengerichtet, gerade als wenn er etwas anpacken wollte, aber die Burgel zeigt dem Vikar die Signatur und spricht: »Was sagst denn nachher zu dem Brief da, Vikari?« Da wird er aber ganz bleich und sagt: »O mein Gott, wenn ihr's schon wißt, so denkt halt an das Leiden unsers Erlösers, der am Kreuze für uns gestorben ist und verzeiht euern Widersachern, wie sie auch euch verzeihen. Und nur die Liebe erweist mir und sagt nichts davon im Dorf. Gelt, Burgel, den Gefallen thust Du mir schon um der fünf Wunden Christi willen?« Aber die Burgel steht auf, ganz stolz, wie ichs gar nie weiß, und wirft ihm ihre blauen Augen in's Gesicht, daß er die seinigen gerne niedergeschlagen hat und sagt: »Jetzt, Vikari, laß Deine Sprüch! Ich bin eine Bauerntochter von Lindenberg und mein Vater hat mich rechtschaffen auferzogen und wenn ich gewußt hätte, daß die Leute da herunten so schlecht sind, so wäre ich nie herab vom Berg. Und zuerst bist mit uns umgegangen wie mit den ärgsten Missethätern und hast uns ganz untertaucht in Schand und Spott und jetzt sollen wir still seyn dazu, als wenn uns recht geschehen wäre? Nein, ich habe in der ganzen Geschichte bis jetzt nichts als geweint, jetzt will ich einmal etwas Anderes thun.« Und mit diesen Worten nimmt sie den Brief vom Landgericht und einen Hammer aus dem Gartenhaus und einen Nagel und geht davon und schaut nimmer um, dieweil sich der Vikar ganz betrübt hinausschleicht und die alte Trompete im Garten liegen läßt. Die Burgel aber geht über die Gasse an die Kirchenthür und nagelt da ganz keck den Brief an, daß die Schläg durchs ganze Dorf hallen und die Bauern, die aus der Vesper kommen, und die Bauernweiber, die lesens alle und der Schullehrer verdeutschts. Die Bauernleute haben wirklich die größte Freude gehabt, daß es der Maler gewonnen hat und die Burschen haben ausgemacht, daß Niemand Hand anlegen soll an den Brief, bis ihn der Wind selber herunterreißt. Und der Bruder war ganz zufrieden mit dem Ausgang und sagt: »Das Madel ist halt gut geschaffen und weiß sich redlich zu helfen,« und da hat er Recht. Das ist die Geschichte, lieber Lorenz, von der alten Trompete in Es – und an dieser Geschichte schreibe ich Dir jetzt schon den fünften Sonntag, weil ich in der Woche nicht Zeit habe. Aber seit den fünf Wochen kann ich Dir gar nicht sagen, was sich da Alles verändert hat – erstens die alte Trompete in Es liegt jetzt in dem tiefen Dümpel an der Mühl, wo sie die Burgel hingeworfen hat und zweitens ist der Vikari weggekommen mit seinem Gregori, ganz still und unversehens und wie die Häuserin sagt, voller Reu und Leid, daß er sich damals in der Stadt hat so anlernen lassen und drittens bemerk ich deßwegen eine große Freude im ganzen Dorf, weil uns ein sichtbares Heil widerfahren ist, denn er hat recht viel Feindseligkeit und Hetzerei mit sich fortgenommen. Und überhaupt, sagt der untere Wirth, der seither öfter in die Stadt fährt, es geht jetzt ein anderer Wind und die geistlichen Herrn auf der ganzen Straß, nämlich die hoffärtigen, sind viel handsamer worden und recht einlenkig – wenn sie es nur auch bleiben. Und es sollen jetzt bald allerhand neue Sachen herauskommen, eine bessere Gerechtigkeit, und viel aufrichtiger soll Alles zugehen, der Unterthan soll wieder seine Ehr kriegen und seinen Respekt und allerhand Lasten sollen weggenommen und die gemeinen Leute nicht mehr so gehudelt werden. Das ist so was für den Bruder; wenn der hört, daß es besser wird, so ist er voller Freuden und meint, wenn sich die Bauern nur einmal ein bissel auskennen thäten, daß sie selber etwas nachhelfen könnten. Und von Amerika ist gar keine Rede mehr. Jetzt heißts da bleiben, sagt der Bruder, und wenn nicht Alles erlogen ist, so wird's bei uns im lieben Vaterland schon noch recht werden. Und die Burgel ist auch ganz zufrieden, weil Alles wieder so friedfertig ist. Der Vorsteher und die andern grüßen sie jetzt so freundlich, als wenn sie die Fürnehmste wäre im ganzen Dorf. Ferner ist seit der letzten Woche auch die Botschaft gekommen, daß der Pfarrer von Erlbach herunter will und unser Seelsorger werden, weil ihm bei seinen hohen Jahren das Bergsteigen nicht mehr gut thut und so leid es den Erlbachern ist, für uns ist das ein großes Glück, denn der hält gar viel auf die Burgel und ist recht gut mit ihm auszukommen, und ein ganz freundlicher alter Herr. Der braucht auch keinen solchen Deuter wie der vorige und drum werden wir den bewußten Brief schon wieder abreißen vor er kommt. Und in vierzehn Tagen hält er seinen Einstand und ich mal' jetzt schon die Inschriften und die andern richten die Triumphbögen her und die Schulkinder lernen ihren Gesang. Das wird aber gar ein schöner Festtag werden und darum möchte ich die Bitte an Dich thun, lieber Laurentius, daß Du bis dahin herüber kämst und mit uns Dich ergötzen thätest, denn daß es mich doppelt freut, wenn du dabei bist, das weißt Du ohnedem. Und so schließe ich denn und bleibe Dein ewig getreuer Freund und Bruder Johannes Duldenhofer, Maler zu Grünau.