Koloman Mikszáth Der wundertätige Regenschirm Erster Teil Die Legende Die kleine Veronika wird an ihren Bestimmungsort geführt Die verwitwete Schulmeisterin in Halap ist gestorben. Auch wenn der Schulmeister stirbt, bleiben die Totengräber durstig; nun gar wenn ihm die Witwe nachfolgt. Nichts auf dieser weiten Welt hatte sie hinterlassen, als eine Ziege, eine Gans, die gerade gemästet wurde, und ein zweijähriges Töchterchen. Die Gans hätte noch höchstens einer Woche bedurft, um die gehörige Fülle zu erreichen, aber die arme Frau Kantorin hat, wie es scheint, nicht einmal so lange warten können. Für die Gans war sie zu früh und für das Kind zu spät gestorben. Dem wär's am besten gewesen, gar nicht geboren zu werden. Wenn doch nur der liebe Herrgott auch die Frau Kantorin gleichzeitig mit ihrem armen Mann zu sich genommen hätte! Und was für eine schöne Stimme der hatte, o du mein Gott! Das arme Würmchen kam erst nach seines Vaters Tod zur Welt, aber nicht lange, höchstens ein – zwei Monate später. Ich würde verdienen, daß man mir die Zunge ausschneide, wenn ich damit was Böses sagen wollte; weder sag' ich's, noch denk ich's. Sie war ein gutes, braves Weib, aber was sollte ihr noch dieses Nesthäkchen? Sie wäre wahrlich leichter ins Jenseits gegangen, wenn sie diese Last mit sich hätte nehmen können, anstatt sie hier zurücklassen zu müssen. Und dann, es war wirklich schon unschicklich, Gott verzeih' ihr die Sünde! Die Schulmeistersleute hatten ja schon einen erwachsenen Sohn, den Herrn Kaplan. Er war ein guter Sohn, schade, daß er der Mutter nicht ein wenig helfen konnte, da er bisher selbst nur Kaplan bei einem sehr, sehr armen Pfarrer war, weit oben in der Slowakei; aber nun, so vor zwei Wochen, war er, wie man erzählte, Pfarrer geworden in einem kleinen Dorfe, Namens Glogowa, irgendwo zwischen den Sohler und Schemnitzer Bergen. Es gab sogar jemanden im Dorfe, nämlich den Johann Kapiczány, der seinerzeit als Ochsentreiber in jener Gegend gewesen war und nun erzählen konnte, was für ein abscheuliches Nest das Glogowa ist. Und gerade jetzt, wo der geistliche Herr Sohn vielleicht ein wenig hätte helfen können, mußte die Frau Kantorin sterben. Aber die können wir wahrlich mit keinerlei Lamentationen wieder zum Leben erwecken, deshalb will ich nur noch berichten, daß man (der vieledlen Gemeinde Halap sei's zum Lobe gesagt) die gute Seele anständig begrub. Das gesammelte Geld reichte wohl nicht für die Begräbniskosten, und auch die Ziege mußte verkauft werden, aber die Gans, die blieb, nur mußte sie abmagern, weil kein Kukuruz für sie geblieben war, und anstatt langsam vor sich hinzuschnaufen, fing sie wieder an, wie gewöhnlich leicht zu atmen, und das träge Watscheln wegen des großen Bauches vertauschte sie mit ihrer frühern Behendigkeit. Kurzum, eines andern Wesens Sterben rettete sie von dem nahen Tode. Gott in seinem weisen Ratschluß kann Leben erhalten, selbst wo er Leben zerstört, denn glaubet mir, im himmlischen Protokoll sind die unvernünftigen Tiere eben so gut eingetragen, wie die vernünftigen, und es wird für sie gesorgt, so gut wie für Könige und Fürsten. Gott, unser Herr, ist gewiß gut, weise und mächtig, –, aber auch der Herr Richter ist nichts Geringes. Er verordnete also gleich nach dem Begräbnis, das winzige Mägdelein (Veronika war ihr Taufname) solle der Reihe nach bei den wohlhabendern Bauern in Pflege genommen werden, und der Gemeindediener habe die Verpflichtung, sie täglich an einen andern Hof zu bringen, wo man ihr gehörige Versorgung angedeihen lassen solle. »Und wie lange wird dies dauern, Herr Richter?« frug der Gemeinderat besorgt. »Bis es mir beliebt, anders zu verfügen,« antwortete kurz angebunden Michael Nagy. So stand die Sache zehn Tage, als es sich traf, daß die Bauern Matthäus Billegi und Franz Koczka ihren Weizen nach Neusohl auf den Markt führen wollten (denn, wie man erzählte, waren in jener Gegend die Juden noch nicht so durchtrieben wie bei uns). Michael Nagy ergriff die gute Gelegenheit. »Na, wenn ihr euer Getreide dorthin führt, könnt ihr auch das Kind zu seinem Bruder, dem Pfarrer, nach Glogowa mitnehmen. Das Glogowa muß auch dort wo liegen.« »Warum nicht gar, das liegt ganz anders wo,« entgegneten jene. »Dort muß es liegen, punktum,« entschied der Richter. Die beiden drehten und klügelten lange hin und her, fanden, daß das ein großer Umweg, daß die Reise mit vielen Ungelegenheiten verbunden sei, aber es half ihnen nichts. Befehl bleibt Befehl. An einem Mittwoch wurde hoch oben auf die Säcke, die auf dem Wagen des Herrn Billegi lagen, ein Korb hingesetzt und in diesen die kleine Veronika mit der Gans, die als ihr Erbe ihr mitgegeben wurde. Die Bäuerinnen gaben der armen, verwaisten Kleinen frischgebackene Pogatscherln und Marzipan auf den weiten Weg in die schreckliche, fremde Welt mit, füllten ihr eine große Bütte mit Dörrobst, und als sich der schwere Wagen in Bewegung setzte, weinten sie dem kleinen, winzigen Kinde auch noch einige Thränen nach, dem süßen Kinde, das nicht wußte, wohin man es führt, warum man es führt, und mit seinem breiten Lächeln nur das eine sah, daß die vorgespannten Hottos sich in Bewegung setzen, und daß es selbst sich hoch oben auf den Säcken in seinem Korbe nicht rührt, während die Häuser, Gärten, Felder und Bäume immer näher und näher rücken. Glogowa von einst. Nicht nur unser Herr Kapiczány hat Glogowa gesehen, auch der Schreiber dieser Zeilen hat es mit leibhaftigen Augen geschaut. Dürftig und öde ist die Landschaft, im engen Thale drückt sich das Dörfchen an die kahlen Berge an. In der ganzen weiten Runde giebt es dort keine einzige brauchbare Landstraße, geschweige denn eine Eisenbahn. Seit neuester Zeit verkehrt so eine Art Kaffeemaschine zwischen Neusohl und Schemnitz, aber auch die berührt Glogowa nicht. Fünfhundert Jahre wird Glogowa brauchen, um das Niveau der innerhalb der Civilisationslinie liegenden Dörfer zu erreichen. Die Erde dort ist lehmig, unfruchtbar und widerspenstig. Sie versteift sich darauf, nur gewisse Pflanzen ernähren zu wollen, wie z. B. Hafer und Erdäpfel, von anderen will sie nichts wissen – und selbst die beiden muß man noch beinahe mit Gewalt der Muttererde entreißen. Diese Erde ist aber auch gar keine Mutter, viel eher eine Schwiegermutter. Ihr Schoß ist voller Steine, und häßliche Risse und Gräben durchziehen sie, an deren Rändern ein wenig Marienflachs vegetiert, gleichwie einzelne Härchen am Kinn eines greisen Mütterchens. Ist die Erde hier vielleicht schon zu alt? Aber sie kann ja doch nicht älter sein als anderswo. Nur schneller ausgelebt hat sie sich. Unten, die goldährige Ebene hat jahrtausendelang nur Gräser hervorgebracht, hier oben im Felsenlande wachsen Rieseneichen und Tannen aus dem Mutterschoß hervor. Kein Wunder, daß sie schneller müde geworden. Armut und Elend herrschen hier, und doch ist ein unbeschreiblicher Reiz, eine süße Poesie über die öde Gegend gebreitet. Die elenden Hütten werden von den mächtigen Felsen, die auf sie niederschauen, verschönt. Diese schönen Felsen durch zierliche Schlösser zu verunstalten, deren Türme sie verdecken würden, wäre wahrlich schade. Die Luft ist von Wacholder- und Fliederduft erfüllt. Andere Blumen giebt es hier nicht. Höchstens sieht man aus dem einen oder andern Gärtchen eine Malve weiß oder rot hervorschimmern. Bloßfüßige, flachshaarige junge Slowakinnen begießen sie aus ihren Steinkrügen. Heute noch sehe ich das kleine slowakische Dorf vor mir, so deutlich wie im Jahre 1873, zu welcher Zeit ich dort war, ich sehe die kleinen Häuschen, die Gärten, in denen Klee gesäet und Kukuruz gepflanzt ist, und dazwischen einige Zwetschkenbäume, mit Stangen gestützt; denn die Obstbäume thun ihr Möglichstes, als hätten sie sich besprochen: »Ernähren wir unsere armen Slowaken.« Es war gerade der Pfarrer gestorben, und ich war mit dem Stuhlrichter zur Aufnahme des Nachlasses gekommen. Sie gab uns nicht viel Arbeit, nur einige schäbige Möbel und abgetragene Soutanen waren zurückgeblieben. Die Dorfbewohner beweinten den alten Pfarrer. »Er ist ein guter Mensch gewesen,« sagten sie, »aber er hat nicht verstanden zu wirtschaften. Freilich war auch nicht viel da zum wirtschaften.« »Warum bezahlt ihr denn euren Pfarrer nicht besser?« warf ihnen mein Prinzipal vor. Ein Slowak mit einem großen Zopf antwortete ihm und schob sich dabei den Lendengurt wie herausfordernd ein wenig höher über den Bauch. »Der Pfarrer ist nicht unser Knecht, sondern der Diener Gottes. Jeder mag seinen eigenen Knecht bezahlen.« Nach der Aufnahme der Hinterlassenschaft gingen wir, bis die Pferde angespannt waren, einige Augenblicke die Schule besichtigen, denn mein Stuhlrichter spielte sich mit Vorliebe auf den Pädagogen auf. Ein niederes, baufälliges Häuschen war die Schule, natürlich nur mit Stroh gedeckt – denn bis zu Schindeln hatte es in Glogowa nur unser Herrgott gebracht; aber auch sein Haus war bescheiden, nicht einmal einen Turm hatte es, sondern bloß unten einen Glockenstuhl. Der Schulmeister erwartete uns im Hofe. Wenn ich mich gut erinnere, hieß er Georg Majzik. Er war ein robuster, starker Mann, im besten Mannesalter, mit einem klugen, verständigen Gesicht und von einfacher, gerader Redeweise. Er erweckte auf den ersten Blick Sympathie. Er führte uns zu den Kindern, die Schulmädchen saßen links, die Buben rechts, alle glatt gekämmt. Sie erhoben sich geräuschvoll und riefen mit singender Stimme: » Vitajtye, panyi, vitajtye !« (»Seid willkommen, Herren!«) Der Stuhlrichter stellte einige Fragen an die hübschen, pausbäckigen Kinder, die uns mit ihren weit aufgerissenen, nußfarbigen Augen verwundert anstarrten. Alle hatten nußfarbene Augen. Die Fragen waren natürlich nicht schwer: ob Gott einzig ist, wie dieses Land heißt und dergleichen mehr: den Kindern verursachten sie nichtsdestoweniger einiges Nachdenken und Kopfzerbrechen. Aber mein Prinzipal war kein strenger Mann, er klopfte dem Schulmeister freundlich auf die Achsel: »Ich bin zufrieden, amice .« Der Lehrer verbeugte sich und geleitete uns barhaupt auf den Hof. »Hübsche Kinder,« bemerkte draußen der Stuhlrichter launig, »aber wie kommt es denn, domine frater , daß sie alle ein und dasselbe Gesicht haben?« Der Schulmeister von Glogowa kam ein wenig in Verlegenheit, aber dann verbreitete sich eine aufrichtige Gemütlichkeit über sein gesundes, rotes Gesicht. »Das kommt daher, Euer Wohlgeboren, weil im Sommer alle Männer von Glogowa hinunter in die Tiefebene gehen zur Feldarbeit, und dann bleibe ich bis zum Herbste der einzige Mann hier im Dorfe.« (Ein schelmisches Lächeln umspielte seine Lippen.) »Belieben zu verstehen?« »Und wie lange sind Sie schon hier?« fragte hierauf der Stuhlrichter lebhaft. »Vierzehn Jahre, bitte ergebenst. Ich bemerke aus der Frage, daß Sie zu verstehen beliebt haben.« Dieser kleine Dialog ist mir bis zum heutigen Tage im Gedächtnis geblieben, als Charakteristik für Glogowa. Wir wiederholten ihn öfters im Wagen und lachten immer herzlich darüber. Der Stuhlrichter gab es zu Hause noch lange in den Gesellschaften zum besten, als famosen Leckerbissen. Zwei Wochen später kam die Nachricht, daß die Glogowaer einen jungen Kaplan, Namens Johannes Belyi als Pfarrer bekommen hatten. Ich erinnere mich, daß der Stuhlrichter bemerkte: »Wenigstens wird der Schulmeister im Sommer nicht mehr allein bleiben.« Der neue Pfarrer in Glogowa. Der junge, ehrwürdige Herr hielt seinen Einzug. Auf einem einzigen, unbeschlagenen Bauernwagen brachten die Glogowaer ihren Pfarrer in die neue Heimat. Das Gespann bestand aus zwei kleinen krummhörnigen Kühen. Der Kirchendiener, Peter Szlávik, melkte sie unterwegs und bot dem jungen Geistlichen von der Milch an. »Ausgezeichnete Milch,« sagte er, »besonders die Milch der ›Bimbo.‹ Bedeutet ungarisch Knospe. Die schmeckt so vorzüglich, als ob es Apfelwein wäre.« Das Gepäck des neuen Pfarrers war sehr bescheiden, eine ungestrichene Truhe, ein Bündel Bettzeug, ferner zwei zusammengebundene Stöcke und Pfeifenrohre, das war das ganze. Unterwegs in den Dörfern neckte man überall die Glogowaer: »Hättet ihr kein besseres Gespann eurem Pfarrer schicken können?« Und da hilft kein Leugnen, die Sache verdroß die Glogowaer, aber sie halfen sich auf Kosten des jungen Pfarrers, indem sie antworteten: »Ach was! Es ist auch so gut genug. Dieses Gepäck wäre ja auch einem Kalb nicht zu schwer.« Wenn der geistliche Herr Johannes Belyi keine überflüssigen Güter nach Glogowa gebracht, fand er auch dort nichts anderes als die baufällige Pfarre. Die Verwandten des frühern Pfarrers hatten alles mitgenommen, mit Ausnahme eines Hundes, des Lieblings des verstorbenen Pfarrers. Er war, was sein Äußeres betrifft, ein Hund wie jeder andere, aber zufolge seines unglückseligen Naturells fing er an, eine gewissermaßen unpopuläre Stellung einzunehmen; er besuchte nämlich zur Mittagszeit aus Gefräßigkeit alle Häuser der Reihe nach und steckte seinen Kopf in jede Küche. Diese Gewohnheit war ihm von seinem gottseligen Herrn geblieben, der sich täglich bei einem andern Bauern zu Mittag laden ließ und seinen Hund stets mit sich nahm. Der Hund, er hieß Vistula Ungarischer Name für Weichsel. (es war wirklich schade, soweit zu gehen wegen eines Flußnamens, wo doch den Dorfhotter die blinkende Bjela Boda Heißt slowakisch Weiß Wasser. durchfließt), machte nun die bittere Erfahrung, daß sie zu zweit mit dem Herrn Pfarrer einen viel größeren Wert repräsentierten, während er früher mit seiner Hundephilosophie gedacht, der Herr Pfarrer esse ihm die besten Bissen weg. Ja freilich, aber er besaß dafür auch das Ansehn und den Einfluß. Jetzt ward Vistula gar oft aus der Küche gejagt, ehe er sich noch etwas hätte beiseite schaffen können, und manchmal bekam er sogar den Stock zu fühlen. Mit einem Worte, er befand sich in einem sehr zerlumpten, elenden Zustand, als der neue Pfarrer ankam, und der Meßner demselben sein neues Heim zeigte, die vier kahlen Wände, den mit Unkraut überwucherten Garten, und die leeren Ställe. Der arme junge Geistliche frug lächelnd: »Und dies alles gehört mir?« »Alles, alles, was Sie hier sehen, sogar der Hund,« sagte Peter Szlávik mit einer gewissen Gemütlichkeit. »Was ist das für ein Hund?« »Das ist der Nachlaß des gottseligen Herrn Pfarrers. Der ist nach ihm hier zurückgeblieben. Wir wollten das arme, lästige Tier schon totschlagen, aber niemand traut sich an ihn heran, denn wer weiß, ob der alte ehrwürdige Herr nicht vom Himmel herabschaut und dann sein Geist des Hundes wegen noch seinen Spuk hier treiben möchte.« Der Hund sah den neuen Pfarrer zahm und traurig, mit beinahe flehenden Augen an. Wahrscheinlich hatte ihn der Anblick des Priesterrockes in diese melancholische Stimmung versetzt. »Ich will ihn behalten,« sagte der junge Geistliche, und sich herunterbeugend, streichelte er den Rücken des abgemagerten Tieres. »Wenigstens habe ich ein lebendes Wesen in meiner Nähe.« »Das wird ganz gut sein,« bemerkte humoristisch der Küster (denn der Bauer findet ein großes Vergnügen darin, sich mit einem Geistlichen zu necken). »Der Mensch muß doch irgendwo beginnen. Sie könnten sich auch erst das zu Bewachende und dann den Wächter anschaffen. Aber umgekehrt ist auch gefahren, ehrwürdiger Herr.« Der Pfarrer lächelte, und er verstand so sympathisch zu lächeln wie ein Mädchen. Er sah selber ein, daß des alten Vistula kein großer Wirkungskreis harrte, und daß er nun ein förmlicher Privatier in der Hundegesellschaft sein würde. Inzwischen sammelten sich immer mehr und mehr Leute im Hofe, junge Weiber, die den neuen Geistlichen von weitem anschauten und sagten: »Mein Gott, wie jung er ist und schon Pfarrer.« Die Männer gingen ganz nah an ihn heran und reichten ihm die Hand: »Gott zum Gruße! Hier werden Sie es gut haben.« Ein altes Mütterchen rief dazwischen: »Zeitlebens können Sie bei uns bleiben!« Eine von den älteren Weibern bemerkte: »Es ist ein hübscher Mann. Das war eine brave Mutter, die ihn geboren hat.« Mit einem Worte, der neue Seelsorger erregte allgemeines Gefallen. Er plauderte ein Weilchen freundlich mit den älteren Leuten, dann sagte er, er sei müde, und ging zum Schulmeister, denn dort war er einquartiert, bis die Pfarrgebäude in bewohnbaren Zustand gebracht und die ersten Einkünfte eingegangen sein würden. Zum Lehrer begleiteten ihn nur mehr die einflußreichsten Dorfinsassen, die Vorstände der Gemeinde, Peter Szlávik, Michael Gongoly, der Nabob von Glogowa und Georg Klimcsok, der Müller. Bei denen erkundigte er sich dann eingehender nach den eitlen irdischen Verhältnissen und machte sich Aufzeichnungen, um seine Berechnungen aufstellen zu können. »Wie viel Seelen zählt das Dorf?« »Beinahe fünfhundert.« »Was bezahlen die dem Pfarrer?« Die wackern Leute zählten getreulich her: Wie viel der Zehnt' beträgt, wie viel Holz, wie viel Scheffel Korn, wie viel »Zlevka« Zlevka heißt der Wein, der dem Seelsorger von den Weingartenbesitzern gebührt und der in ein gemeinsames Gefäß geschüttet, ein eigentümliches Getränk ergiebt. dem Pfarrer gebührt. Der junge Pfarrer ward immer trauriger und trauriger. »Das ist freilich wenig,« sagte er niedergeschlagen. »Wie viel beträgt die Stola?« »Nun, die ist groß genug,« erwiderte der in allem bewanderte Georg Klimcsok, »bei einem Begräbnis hängt sie davon ab, wer der Verstorbene war, die Trauungsgebühr richtet sich nach dem Brautpaare (denn bei dieser Gelegenheit ist doch jedermann ein Kavalier), aber der Taufschein trägt dem Herrn Pfarrer einen Gulden ein ... Das zählt schon etwas.« »Und wieviel Trauungen giebt es hier jährlich?« »Na, das hängt von der Quantität der Erdäpfel ab. Viel Erdäpfel, viel Hochzeiten. Die Ernte entscheidet. Aber vier bis fünf giebt's immer.« »Nun, das ist wenig. Und wie viel Todesfälle giebt es?« »Na, das hängt von der Qualität der Erdäpfelernte ab. Schlechte Erdäpfel, viele Todesfälle, bei guten Erdäpfeln giebt's keine Sterblichkeit. Ich will nicht sagen, daß nicht ein – zwei Leute im Wald von einem abgesägten Baume zu Tode getroffen werden. Oder es geschieht ein Unglück, ein Leiterwagen stürzt in einen Graben und erschlägt den Bauer. In guten Jahren pflegt die Zahl der Todesfälle auch auf acht zu steigen.« »Aber das gehört nicht alles dem Pfarrer!« sagte der Nabob von Glogowa, wobei er seinen rückwärts mit einem Kamm zusammengehaltenen Zopf stolz richtete. »Wieso?« frug der Pfarrer betroffen. »Ein Teil der Toten kommt nie in den Friedhof. Sie werden im Winter von den Wölfen gefressen, ohne vorher auf der Pfarre angemeldet worden zu sein. Der andere Teil wieder unternimmt die Reise ins Jenseits von der Fremde aus,« setzte Georg Klimcsok hinzu, »und nur ein Geschreibsel über dieselben kommt an den Richter.« »Das sind freilich schlechte Aussichten, aber die Felder der Pfarre? Wie viel Feld besitzt die Pfarre?« Jetzt wollten aber alle drei auf einmal reden. Georg Klimcsok zog den Peter Szlávik aus dem Vordergrund nach rückwärts und stellte sich selbst vor den Diener Gottes. »Feld? Wie viel Feld es giebt? So viel Sie nur befehlen. Wenn Sie hundert Joch brauchen ...« »Was, hundert Joch, auch fünfhundert Joch,« rief Klimcsok begeistert. »Wir werden doch unserm Pfarrer den Boden nicht entziehen!« Auf des Priesters Antlitz schimmerte ein Strahl der Freude, was jedoch der boshafte Szlávik nicht lange ertragen konnte. »Denn belieben zu verstehen, die Sache verhält sich folgendermaßen: Das Gebiet von Glogowa ist bis zum heutigen Tage nicht vermessen. Ein regelrechtes Grundbuch giebt es nicht, es hat wohl irgend eine Eintragung der Felder existiert, aber im Jahre 1823 ist die Gemeindetruhe verbrannt und mit ihr die Eintragung. Es hat nun jeder soviel vom Hotter, wie er mit seinen Händen und seinem Zugvieh bearbeiten kann. Jeder ackert seinen eigenen Boden, und wenn im Verlaufe der Jahre derselbe durch Gräben zerrissen, zerspalten und unfruchtbar geworden ist, sucht er sich ein anderes Stück Erde zum Ackern. Die Hälfte des Gebietes bleibt immer unbenutzt, natürlich die schlechtere Hälfte, an der herumzubasteln nicht der Mühe wert ist.« »Ich verstehe,« seufzte der Pfarrer, »in dieser Hälfte liegen die Felder der Pfarre.« Das waren freilich schmale Aussichten für die Zukunft. Aber er beruhigte sich doch allmählich, und wenn ihn die Bangigkeit ergriff, befreite er seine Seele durch Gebet. Das Gebet war seine Domäne mit ihrem ewig fruchtbaren Boden; dort konnte er zu jeder Zeit mähen, was er eben nötig hatte: Geduld, Hoffnung, Trost und Zufriedenheit. Er begann seine Wohnung allmählich in Ordnung zu bringen, um endlich einmal sein eigener Herr sein zu können. Nur ein Kaplan weiß das zu schätzen. Zu seinem Glück entdeckte er in dem Nachbardorfe, Kopanyica, einen Schulkameraden. Er hieß Thomas Urszinyi, ein großer stämmiger Mann, derb und geradeheraus, aber gutmütig. Urszinyi half ihm mit einer kleinen Anleihe. »Glogowa ist ein Hundenest,« sagte Urszinyi. »Na, wahrlich, das Bistum von Neutra ist es nicht, aber wer kann dafür? Magere Herde, magerer Hirt. Du mußt aushalten. Daniel hatte es in der Löwengrube noch schlechter. Diese hier sind am Ende doch nur Schafe.« »Auf denen keine Wolle ist,« bemerkte der Seelsorger lachend. »Die haben sie auch, nur dir fehlt die Schere für dieselbe.« In wenigen Tagen möblierte er sich mit dem geliehenen Geld, und an einem schönen Herbstnachmittage zog er in sein eigenes Pfarrhaus. O welche Wonne war es, sich in seinem eigenen Heim zu bewegen, Ordnung zu machen, und wie süß, in seinem eigenen Bette zu schlafen, auf den Kissen, deren Federn sein Mütterchen geschlissen. Lange sann er so vor sich hin und hing seinen Phantasien nach; vor dem Schlafengehen zählte er die Balken, um, wenn er träumte, es ja nicht zu vergessen. Er vergaß es auch nicht, er hatte von etwas sehr Schönem geträumt. Auf den Wiesen seines Heimatdorfes haschte er nach Schmetterlingen, nahm Vogelnester aus mit mutwilligen Kameraden und Kameradinnen, geriet auch mit dem Paul Szabó in Streit, wollte ihn auch eben tüchtig durchbläuen, hatte schon seine Rute erhoben, als jemand von draußen an das Fenster klopfte. Der Pfarrer schrak auf, fuhr zusammen und begann, sich den süßen Schlaf aus den Augen zu reiben. Es war Morgen, die Sonne schien in das Zimmer. »Was giebt's?« schrie er. »Öffne die Thüre, Hans! Hans!« Wer nennt ihn Hans, wer sagt du zu ihm, wer spricht ungarisch mit ihm? Es war ihm, als sei es einer der Kameraden, von denen er im Traum sich soeben getrennt hatte. »Wer ist draußen? Wer ruft mich?« »Ich bin es, der Matthäus Billegi, von zu Haus. Komm heraus, Hänschen, will sagen, belieben ein wenig herauszukommen, ehrwürdiger Herr, ich hab' was mitgebracht.« Der Pfarrer warf eilig die Kleider um. Fieberhaft klopfte sein Herz. Vielleicht verspürte sein zärtliches Gemüt eine Vorahnung der bösen Nachricht. Er öffnete die Thüre und trat unter das Vordach hinaus. »Hier bin ich, Matthäus Billegi. Was habt Ihr mir gebracht?« Aber der Billegi war damals schon nicht mehr dort, sondern stand draußen auf der Landstraße neben seinem mit Säcken beladenen Leiterwagen und band den Korb los, in dem die kleine Veronika und die Gans saßen. Die Pferde, Schwalbe und Lerche senkten matt ihre Köpfe: Schwalbe wollte sich ein wenig niederlegen, versuchte es auch, aber die Deichsel hinderte es daran. Als es sich seitwärts neigte, fühlte es, wie die Stränge des Geschirres ihm in die Haut schnitten, und die Pferdeehre erlaubt es nicht, es sich vor Abnahme des Geschirres bequem zu machen. Das muß etwas ganz Besonderes sein, wenn sich ein angeschirrtes Pferd niederlegt; denn das Pferd besitzt ein starkes Pflichtgefühl. Matthäus Billegi wendete sich jetzt um und bemerkte den Geistlichen an der Schwelle. »Hopp, Hans. Ei, wie bist du gewachsen! Potztausend, bist du ein langaufgeschossener Bursche geworden. Deine arme Mutter, die möcht' sich kurios wundern, wenn sie noch am Leben wär'. Der Teufel soll den Strick holen, welch' starken Knoten ich darein geknüpft hab'!« Der Pfarrer that ein, zwei Schritte auf den Wagen zu, wo sich der Billegi noch immer mit dem Losknüpfen des Korbes abmühte. Die Worte, »wenn deine Mutter noch am Leben wär',« fielen auf sein Haupt wie ein Felsenstück, sein Kopf begann zu sausen, seine Füße versagten den Dienst. »Von meiner Mutter redet Ihr?« stotterte er erbleichend. »Meine Mutter ist tot?« »Ja, die arme Seele hat ins Gras gebissen. Aber hier (er nahm sein Taschenmesser mit dem Holzgriff heraus und schnitt den Strick entzwei) bringe ich dir dein Schwesterchen. Doch Gott verzeih' mir, mit meinem Katzenkopf vergesse ich immer, daß ich vor dem Herrn Pfarrer steh'! ... ich hab' dem ehrwürdigen Herrn sein Schwesterchen gebracht. Wo soll ich es niedersetzen?« Und mit diesen Worten hob er den Korb herab, in welchem das Kind schön ruhig neben der Gans schlief. Die Gans behütete das Mägdelein, als wäre sie eine Kindsmagd, sie verscheuchte mit ihrem stets sich hin und her bewegenden Halse die Fliegen, die auf das rote Mündchen des Kindes so gern wie auf Honig flogen. Der gedämpfte Strahl der Herbstsonne beschien den Korb und das schlafende Kind. Der Bauer Matthäus erhob fragend seine wässerigen Augen zu dem Geistlichen und wartete auf eine Antwort. »Gestorben?« frug dieser endlich nach langer Zeit. »Unmöglich! Ich habe nichts gefühlt.« Er griff sich an die Stirne und rief schmerzlich: »Niemand, niemand hat mich verständigt. Nicht einmal das letzte Geleit konnte ich ihr geben!« »Ich war auch nicht dabei,« sagte Billegi. – Er wollte ihn vielleicht damit trösten. Dann setzte er gutmütig hinzu: »Gott, der Herr, hat sie zu sich genommen, er hat sie vor seinen heiligen Thron berufen. Der vergißt keinen von uns hier. Na, diese schmierigen Frösche, soeben bin ich auf einen getreten.« In dem von Unkraut überwucherten Pfarrhof hüpften die Frösche lustig herum, die aus dem feuchten, löcherigen Fundament der Kirche hervorkamen, um sich hier zu sonnen. »Wo soll ich das Kind hinlegen?« wiederholte der Billegi, aber da er keine Antwort erhielt, stellte er den Korb behutsam unter dem Vordach nieder. Niedergeschmettert, empfindungslos, mit erstarrter Seele stand der Pfarrer da, die Augen auf den Boden geheftet. Ihm war es, als drehe sich die Erde mit den Häusern, mit der Umzäunung seines Hofes, mit Matthäus Billegi und dem Korbe, und nur er stehe ganz still auf derselben, unfähig der geringsten Bewegung. Aus dem Hintergrunde ertönte das Brausen der Tannen im Ukricawalde, und ihm war, als ob ein geheimnisvoller, herzzerreißender Ton, der Stimme seiner Mutter ähnlich, in dieses Sausen verwebt sei. Zitternd horchte er auf, er versuchte die Stimmen auseinander zu halten, und als er endlich die einzelnen Töne zu erkennen, zu unterscheiden vermeinte, wurden sie plötzlich wieder von einem fremdartigen Rauschen verschlungen und vernichtet. Doch horch! horch! Der Mutter Stimme erhebt sich jetzt triumphierend aus dem Walde: »Hans, mein Hans, behüte das Kind!« Aber während Pfarrer Johannes den überirdischen Tönen lauschte, verargte ihm Herr Matthäus seine Wortlosigkeit gar sehr; einen Mönchsgroschen hätte er doch wohl verdient, wenn schon nichts anderes, so meinte er. (Mönchsgroschen nennt man in jener Gegend das Danken.) »Nun, das Geschehene läßt sich nicht ändern,« sagte der Bauer verdrießlich und schwang seine Peitsche. »Gott befohlen, ehrwürdiger Herr! Hott, hü, Schwalbe!« Pfarrer Johannes antwortete noch immer nicht, er bemerkte in seinem großen Schmerze gar nicht, was um ihn herum geschah, die Pferde setzten sich in Bewegung, und neben ihnen schritt der Billegi zu Fuß – denn der Weg führte bergauf – mit leisem, ärgerlichem Brummen über die eigentümliche Weltordnung, die es zuläßt, daß aus dem Hähnchen ein Pfau wird, weil es von frühern Zeiten nichts mehr wissen will. Als er den Hügel erklommen hatte, sah er nochmals zurück, und den noch immer bewegungslosen Schulmeisterssohn erblickend, schrie er ihm zu, sich gleichsam die erfüllte Pflicht bestätigend: »Das Übernommene habe ich doch richtig abgeliefert!« Auf diesen Ruf kam der Priester zu sich. Erbebend kehrte seine Seele von der traurigen Wanderung zurück; denn weit war sie seinem Mütterchen nachgeirrt. Er suchte sie auf in seinem Vaterhaus, durchlebte noch einmal die Zeit, die er mit ihr verbracht, und durchlebte in seinen Gedanken auch jene Zeit mit ihr, in der das unerbittliche Schicksal ihn von der Mutter fern gehalten. Er war zugegen in ihrer Todesstunde, er kniete und betete an ihrem Sterbebett, und den letzten Gedanken, den letzten Wunsch, den letzten Seufzer der sterbenden Mutter nahm die Luft auf, übergab ihn dem Winde, und der Wind ließ ihn aus dem Walde hervorbrausen: »Behüte das Kind, mein Hans!« Das Kind muß nicht im Vaterhause sein, um den letzten Gedanken, den letzten Wunsch der Mutter zu erfahren. Kein Papier braucht ihn aufzunehmen, kein Telegraphendraht fortzutragen, es giebt eine größere, mächtigere Kraft, die das Kind mit der sterbenden Mutter verbindet. Der erste Instinkt des Johannes war: dem Herrn Billegi nachzulaufen, damit er stehen bleibe, und ihm alles, was er von seinem Mütterchen weiß, erzählen möge; wie sie die letzten zwei Jahre gelebt, wie sie gestorben, wie man sie begraben, alles, alles, aber der Haláper Leiterwagen war schon weit weg, und in diesem Momente erblickte er den Korb, der seine Aufmerksamkeit fesselte. In dem Korbe schlief sein Schwesterchen. Der junge Pfarrer kannte das Kind nicht, er hatte es noch nie gesehen. Bei dem Begräbnisse seines Vaters war er zum letztenmal in der Heimat gewesen. Die Mutter hatte einen Bauernwagen für ihn geschickt, diesmal hatte ihn niemand verständigt; die kleine Veronika war damals noch nicht auf der Welt gewesen, er wußte nur aus den Briefen seiner Mutter von ihrer Existenz, und diese Briefe waren auch so verschämt, so wortkarg gewesen. Johannes trat an den Korb heran und betrachtete das pausbäckige, sympathische Gesichtchen. Sie hat etwas vom Mütterchen, dachte er, und wie er so schaut, schaut, immer weiter schaut, begann das Gesicht zu wachsen, sich zu verändern, und vor seinen flimmernden Augen stand urplötzlich Zug für Zug das Mutterantlitz. Großer Gott, welch' Wunder, welch' Traumgesicht! Das ganze währte keine Sekunde. Dann war es wieder das kleine Kind. O, wenn es nur die Äuglein öffnen wollte! Johannes wünschte so sehr, es möge die Augen aufschlagen, aber sie blieben geschlossen, nur die langen Wimpern quollen wie Seidenfransen aus den zwei Spalten hervor. »Und die werde ich jetzt aufziehen müssen?« frug er sinnend, und unendliche Wärme überflutete plötzlich sein Herz – »und ich werde sie auch großziehen. Aber wovon? Mein Gott, wovon? Habe ich doch selbst nichts zu essen. Was soll ich beginnen?« Und so wie bisher immer das Gebet seine Zuflucht war, wenn Verzagtheit und Ratlosigkeit sein Herz bedrückten, ging er auch jetzt in die Kirche um zu beten. Das Gotteshaus war eben offen, zwei alte Mütterchen tünchten die Wände. Pfarrer Johannes ging nicht zum Altar, denn die alten Weiber hantierten gerade dort herum, sondern kniete gleich außen vor dem Weihkessel nieder, über dem der aus Holz und Blech geformte Gottessohn voll Barmherzigkeit auf ihn niederschaute. Der Regenschirm und Sankt Petrus. Ja, vor Jesum kniete der Priester. An Jesum wandte er sich, an unsern Heiland, Jesum Christum. Welch' Glück für die Menschheit ist Jesus, dieser Gott, der Mensch war. Von Gott weiß ich nicht, wie er ist, von Jesum weiß ich es. Jesu kenne ich, und jedermann kennt ihn. Ich kenne seine Thaten, ich kenne seine Gedanken, sogar sein Gesicht ist mir bekannt. Nicht das Bewußtsein, daß er mein Herr ist, erfüllt meine Seele mit Beruhigung, sondern das Gefühl, daß ich ihn kenne. Vor zweitausend Jahren lebte auf dieser Welt ein Bekannter von mir, welch' weltenverknüpfender Gedanke! Die Menschen, die damals gelebt und jene, die nach ihnen gekommen, wurden zu Staub, aus dem Staube ward Gras, und weiß Gott was aus dem Grase; aber er, mein Bekannter lebte immer fort, war immer und wird immer sein. Wenn ich weit fortreise in fremde Länder, zu fremden Völkern, finde ich andere Gesichter, auch die Tiere sind anders, das Gras ist ein anderes, sogar der Himmel ist ein anderer, alles ist anders, und ich fange schon in meiner trostlosen, fürchterlichen Verlassenheit und Einsamkeit an zu glauben, daß ich nicht einmal mehr auf dieser Welt bin: da aber taucht urplötzlich am Saume einer menschlichen Niederlassung ein Kreuz vor mir auf, und von diesem Kreuze wendet mir ein aus Wunden blutendes Menschenbild sein bekanntes Antlitz zu. Ah, hier ist er, den ich kenne! Sogar hier finde ich ihn wieder! Und ich bin nicht mehr allein, ich bin nicht mehr verlassen. Dann kniee ich vor ihn hin, und ich schütte ihm mein Herz aus, ebenso wie jetzt dieser Priester. »Hilf mir, mein Herr Jesu,« also betete zu ihm der Geistliche Johannes. »Meine Mutter ist tot, mein Schwesterchen hat man mir gebracht, ich muß es erziehen. Ich bin arm, ich bin hilflos, ich verstand nie mit Kindern umzugehen. Schicke mir einen rettenden Gedanken, o Jesu! Und schütte aus deinem unerschöpflichen Füllhorn die Mittel herab, damit ich mein Schwesterchen ernähren und pflegen kann. O, thue ein Wunder, Herr Jesu!« Und es war, als ob der auf Blech gemalte Gottessohn das Gebet erhören wollte, als ob die Licht- und Schattenstreifen, die von den Mauern und Fenstern zitternd auf ihn fielen, die Offenbarungen seines Gesichtes wären, als ob er inmitten seiner Leiden lächeln und mit dem Kopfe nicken würde: »Schon gut, schon gut. Ich weiß alles, ich werde mich schon darum bekümmern.« Lange betete der Geistliche so in sich versunken, er fing immer von neuem an und bemerkte gar nicht, daß unterdessen, wie so oft im Herbst nach der drückenden, beinahe unnatürlichen Hitze, der Himmel plötzlich sich verfinsterte, schwarze Wolken heraufzogen, und ein Gewitter sich erhob. Als er aus der Kirchenthüre trat, strömte ein furchtbarer Platzregen nieder. Von den Bergen hinter dem Dorfe stürzten wasserreiche Wildbäche, und das Rindvieh lief brüllend in den Gassen umher. Johannes ergriff Entsetzen. »Ich habe das Kind unter dem Vordach gelassen. Mein Gott, das wird sein Tod sein!« Er rannte wie ein Wahnsinniger seinem Hause zu und verwunderte sich höchlich über den Anblick, der sich ihm dort bot. Der Korb stand noch immer an derselben Stelle. Das Kind saß im Korbe, und die Gans lief im Hofe umher, und der Regen strömte noch immer, strömte auch unter das Vordach in Bächen nieder, und doch blieb das Kind trocken und unversehrt, denn ein mächtiger, verschossener, roter Schirm war über den Korb gespannt. Flick neben Flick war auf dem Schirm, und der klein geblümte Rand, der nach alter Mode rings um den Schirm lief, war kaum mehr erkenntlich. Mit einem Dankesblick gen Himmel hob der junge Priester das Kind hastig auf, küßte es und trug es unter dem Schirme in seine ärmliche Behausung. Die Augen des Kindes waren jetzt geöffnet, sie waren blau und blickten erstaunt auf den Pfarrer. »Das ist wahrlich ein großes Glück, daß das Kind nicht durchnäßt ist,« murmelte der Pfarrer, »es hätte sich zu Tode erkälten können, zumal ich kein trocknes Kleidchen für dasselbe hätte.« Aber wie kam der Schirm über die Kleine? Unbegreiflich! In Glogowa besitzt niemand einen Regenschirm. In den Nachbarhäusern gruben die Bauern Rinnen im Hofe, damit das Wasser ablaufe. Der geistliche Herr fragte der Reihe nach bei ihnen: »Habet ihr nicht gesehen, daß jemand bei dem Kinde war?« Das Kind hatten sie wohl gesehen, aber ihres Wissens war niemand bei demselben gewesen. Die alte Frau Mathias Adametz, die mit einem Leinentuch über dem Kopfe nach Haus geflüchtet war, hatte gesehen, wie sich was Rotes, Rundes eben damals vom Himmel niederließ. Zu Stein möge sie gleich erstarren, wenn nicht (so sagt Frau Adametz) die heilige Mutter Gottes selbst das Zeug zum Schutze des Waisenkindes vom Himmel herabgelassen habe. Dummes Geschwätz der Frau Adametz! Sie trinkt gern eins über den Durst, die Adametz, kein Wunder, wenn sie mehr sieht als wahr ist. Auch neulich, zu Peter-Paul öffnete sich des Nachts der Himmel vor ihr, sie hörte die Engelsscharen singen, wie sie in einer Prozession vor unsern Herrgott zogen, der auf seinem Thron aus Karfunkeln saß. Dort ging mit der Prozession auch ihr vor dritthalb Jahren verstorbenes Enkelkind, der Jankó Plachta, in seinem leinenen Höschen, rotem Leibchen, (welches sie, die Adametz, seinerzeit selbst genäht hatte) und sie erblickte auch einige von den im letzten Jahrzehnt verstorbenen Glogowaern, wie sie bei himmlischem Gesang, langsam und feierlich dahinwandelten, genau in denselben Kleidern, in denen man sie begraben. Man kann sich vorstellen, wie gesucht nach dem Peter- und Paultage die heilige Witwe ward, so bald die Kunde von der Vision sich verbreitet hatte: der Reihe nach kamen alle zu ihr, die teure Verstorbene unter die Erde gebettet hatten, ob sie die nicht oben im Himmelreich gesehen habe? Und mein Töchterchen? Und mein Väterchen? Und meinen armen Mann? Sie glaubten es, denn es erschien ihnen natürlich, daß die Adametz eher etwas von den himmlischen Mächten zu sehen bekäme, als ein gewöhnliches Weib. Denn mit ihrem Vater, dem in Gott entschlafenen Andreas Flinta, der im Rufe eines großen Diebes gestanden, war ein wahrhaftiges Wunder geschehen. Als man nämlich vor acht Jahren ein Stück aus dem Glogowaer Friedhofe für die Landstraße abschied, wurde seine Ruhestätte aufgegraben, um den Leichnam anderswohin zu legen, und da sah man, daß dem Alten im Grabe ein Bart gewachsen war, während doch fünf Zeugen bestätigten, daß ihn, bevor er begraben wurde, Thomas Gundros, der Kuhhirt, schön rein abrasiert hatte. Nun, daß der alte Flinta sich jetzt im Himmelreich befindet, ist so sicher, wie zwei mal zwei vier, und wenn er schon dort ist, läßt er – der doch immer so ein alter Schlaumeier war – gewiß hier und da das Thor offen, damit seine Tochter Agnisa ein wenig hineingucken könne. Freilich behauptet der Glöckner Paul Krapka etwas ganz anderes. Wie Paul Krapka erzählt, hat er, als er bei Ausbruch des Gewitters gegen die Wolken läutete und sich unterdessen ein wenig umwandte, eine Gestalt, einem alten Juden gleich, auf dem Wege zur Pfarre gesehen: und die hatte das riesengroße, rote Leinwandtuch in der Hand, das der ehrwürdige Herr über den Korb gebreitet gefunden. Krapka hatte natürlich nicht gar zu sehr darauf geachtet, denn er war schläfrig, und der Wind blies ihm den Staub ins Gesicht, er erinnerte sich nur dunkel, aber an was er sich erinnert, das kann er auch beschwören (und Paul Krapka ist ein glaubwürdiger Mann). Diesen, einem Juden ähnlichen Mann haben auch andere gesehen. Er war alt, hochgewachsen, grauhaarig, von gebückter Haltung und hatte einen Stock in der Hand, dessen Griff wie der Schweif eines Ferkels gewunden war. Bei dem Brunnen des Pribil riß ihm der Wind den Hut vom Kopfe, und da ward eine Glatze, so groß wie ein Halfterring sichtbar. »Geschehe mit mir, was da wolle,« sagte der Meßner (er war es, der ihn so barhaupt gesehen), »wenn er nicht so ausgeschaut, wie der Sankt Petrus auf den Bildern. Accurat so war er, nur gerade die Schlüssel in seiner Hand fehlten.« Von dem Brunnen des Pribil ging er geradeaus hinüber ins Kleefeld des Stephan Stropov, wohin die krummhörnige Kuh des Krátki, die sich losgerissen hatte, gelaufen war; die wollte den alten Juden aufspießen, worauf sie dieser mit seinem Stocke schlug, und seitdem giebt die Kuh täglich vierzehn Liter Milch (fragt nur die Familie Krátki), früher war es schon ein Wunder, wenn sie viere gab. Am Ende des Dorfes hatte er die Magd des Müllers gefragt, welches der Weg nach Lehota sei? Die Lisi sagte es ihm, worauf er auf dem ausgetretenen Weg bergauf zu steigen begann. Der Lisi kommt es nachträglich so vor, als ob auch, wie er so dahinschritt, ein Glorienschein über seinem Haupte schwebte. Nun freilich war es der heilige Petrus! Warum sollte er es auch nicht gewesen sein? Ist er doch genug auf dieser Erde umhergewandert in frühern Zeiten, mit unserm Herrn Christus. Auch genug Chroniken sind über seine Thaten hier zurückgeblieben, die man sich noch nach Jahrhunderten erzählen wird. Und was einst nicht unmöglich war, kann doch auch heute wieder geschehen. Von Ohr zu Ohr flog die wunderbare Mär im Dorf, daß unser Herrgott dem Schwesterchen des Pfarrers im Wolkenbruche ein Leinwandzelt herabgeschickt habe, damit das Kindchen nicht durchnäßt werde. Den heiligen Peter in eigener Person hatte der Beschützer der Waisen und Hilflosen ausgesandt. Nun begannen fürwahr gute Zeiten für das Kind. Auf der Stelle kam sie in Mode. Die alten Dorfweiber gingen frisch daran, Milchbrot zu kneten, Gries in Milch zu kochen, Mohnbeugel zu backen, um dem kleinen Ankömmling etwas mitbringen zu können. Der ehrwürdige Herr konnte nicht genug die Thüre öffnen, so viele Frauen brachten mit schneeweißen Brottüchern bedeckte Schüsseln voll der feinsten Leckerbissen herbei. Der Pfarrer Johannes kam aus dem Erstaunen gar nicht heraus, als die Weiber so eine nach der andern kamen. »Mein lieber ehrwürdiger Herr, ich habe einen kleinen Leckerbissen gebracht. Wir haben die Ankunft Ihrer kleinen Schwester erfahren und da hab' ich mir gedacht, ein, zwei schmackhafte Bissen werden ihr gut bekommen. Wohl könnte es besser sein, aber ein Lump, der mehr giebt, als er hat. Unsere Absicht ist die beste, mein lieber ehrwürdiger Herr, aber unser Mehl ist freilich kein Mundmehl, der Müller, der Diebskerl, hat es ein wenig verbrannt, wenigstens den Teil, den er nicht gestohlen, der Höllenschlingel. Darf ich den kleinen Engel ansehen? Man sagt ja, daß es ein Prachtgeschöpfchen ist.« Wie hätte es der ehrwürdige Herr ihnen nicht erlaubt, die kleine Veronika der Reihe nach zu besichtigen, sie zu streicheln, zu hätscheln, zu liebkosen. Manche küßten sogar ihre Füßchen. Der Pfarrer wandte sich oft ab, damit seine Getreuen die Thränen nicht bemerkten, die ihm vor lauter Rührung aus den Augen sickerten, und dabei fühlte er Gewissensbisse, er machte sich Vorwürfe: »Wie habe ich diese Menschen verkannt! Auf Gottes Boden giebt's keine bessern Leute als diese Glogowaer, und wie sie mich lieben! Erstaunlich, wie sehr sie mich lieben!« Spät zur Vesperzeit kam auch Frau Adametz herbei, die bisher vom neuen Geistlichen nicht gar viel gehalten, und auf den im Grabe gewachsenen Bart ihres Vaters pochend (weshalb derselbe einigermaßen zu den Heiligen gezählt wurde), glaubte sie sich mit Recht in die Angelegenheiten der Kirche mengen zu dürfen. »Ehrwürdiges Väterchen,« sagte sie, »das Kind braucht eine Pflegerin.« »Freilich könnte sie die wohl brauchen,« antwortete der Pfarrer nachdenklich, »aber die Kirche ist arm.« »Arm ist der Teufel,« fuhr Frau Adametz auf, »weil er kein Herz hat. Wir aber haben ein Herz. Und am Ende kann doch der ehrwürdige Herr das kleine Mädchen weder ankleiden, noch kämmen und ihm das Haar flechten. Und dann verlangt das ja auch tagsüber zu essen, beim Kantor können Sie mit einem Kinde nicht verköstigt werden. Sie müssen zu Hause kochen lassen, heiliges Väterchen. Das sage ich, die alte Adametz. Und der Glöckner ist gut genug zum Aufräumen, aber was versteht der Tölpel von der Pflege eines Kindes.« »Gewiß, gewiß, aber wo soll ich sie hernehmen ...« »Wo hernehmen? Bin ich denn nicht da? Bin ich doch wie zur Pfarrersköchin geschaffen, mir kommt kein Verdacht mehr nahe.« »Ja, ja,« überlegte der Pfarrer, »aber wo nehme ich für Sie Bezahlung her?« Frau Adametz schlug mit beiden Händen auf ihre Hüften. »Überlassen Sie das, mein Lieber, uns beiden, mir und unserm Herrgott. Er wird mir das schon heimzahlen anstatt des Väterchens. Noch heute Abend trete ich den Dienst an und bringe auch mein Geschirr mit.« Der Pfarrer staunte immer mehr und mehr. Und gar erst Ursrimp, als er gegen Abend hinüberkam, den Geistlichen zu besuchen, und ihm dieser die Begebenheiten des Tages erzählte; er schlug über den Antrag der Frau Adametz die Hände zusammen: »Die Adametz? Diese alte Hexe? Ohne Bezahlung? Gott soll es ihr bezahlen? Nun, Johannes, ein solches Wunder ist noch nicht geschehen, daß ein Glogowaer unsern lieben Herrgott als Zahler und Bürgen angenommen hätte. Du hast diese Menschen rein verhext.« Der Priester lächelte still vor sich hin, und tiefe Andacht zitterte in ihm. Auch er fühlte es, daß hier ein Wunder geschehen. Alles ist ja so absonderlich, so unbegreiflich. Aber er ahnte die Quelle dieser Veränderung. Das Gebet, das er zu Jesus sandte, als er auf dem kalten Stein der Kirche gekniet, fand oben Erhörung. Jesus nahm den Glogowaern die egoistischen Seelen und gab ihnen von seiner eigenen. Der Hauch Jesu ist an dem Gesicht, an dem Betragen der Menschen fühlbar. Wahrlich, es ist ein Wunder geschehen! Die Gerüchte über den Schirm hatte er zum Teil nicht gehört, zum Teil lächelte er über dieselben. Er konnte sich freilich nicht erklären, wie der Schirm dorthin kam, einen Augenblick wunderte er sich auch darüber, aber dann bekümmerte er sich nicht weiter darum und lehnte ihn in einen Winkel, bis sich der Besitzer melden werde, wenn gleich das ganze Zeug keine fünf Groschen wert war. Aber die Begebenheiten des Tages waren damit noch nicht erschöpft. Gegen Abend verbreitete sich wie der Blitz die Kunde, daß die Frau Michael Gongoly, das Weib des Glogowaer Nabobs, in der Bjela Boda, die infolge des Wolkenbruches heillos angeschwollen war, ertrunken sei. Das unglückselige Weib wollte über das Brett gehen, um ihre auf dem andern Ufer zurückgebliebenen Gänse zu holen; sie brachte auch schon den Gänserich und eine schwarzbeschopfte Gans unter dem Arm hinüber, aber als sie um die anderen zwei wieder zurückging, glitt sie aus und fiel in den schäumend dahinstürzenden Fluß. Mein Gott, des Morgens war noch kaum Wasser darin, eine Ziege hätte es auf einen Zug austrinken können, und mittags war das Bächlein schon zu einem rasenden Fluß angeschwollen, der die arme Frau, da niemand in der Nähe war, auf ewig verschlang. Den ganzen Nachmittag suchte man sie, man durchstöberte die Scheune, den Boden, den Keller, bis gegen Abend das Wasser bei Lehota die Leiche ans Ufer schwemmte. Dort fanden und erkannten sie Lehotaer Bauern, und einer eilte zu Pferd mit der Kunde zu Michael Gongoly. Der entsetzliche Fall verursachte große Aufregung in der Gemeinde. Die Menschen versammelten sich in großen Haufen vor einzelnen Bauernhöfen: »Ja, ja, Gott bezwingt auch die Reichen!« Georg Klimcsok klopfte auch beim Pfarrer an. »Übermorgen haben Sie ein großes Begräbnis!« Der Glöckner sprach beim Kantor vor, ein Gläschen Branntwein für die Nachricht erwartend: »Nun, Herr Kantor,« sagte er, »jetzt nehmen Sie Ihren Verstand zusammen. Es giebt eine fette Leiche. Schöne Verse werden nötig sein.« Den dritten Tag fand auch richtig das Begräbnis statt. Lange hatte Glogowa kein ähnliches gesehen. Unser Herr Gongoly hatte auch den Pfarrer von Lehota kommen lassen, damit zwei Geistliche über die Verstorbene die Trauerweisen sagen möchten; den Sarg brachten sie mit Vorspann aus Neusohl, das Kreuz wurde zum Tischler nach Kopanyica geschickt, damit er es schwarz färbe und mit weißen Buchstaben den Namen und den Todestag der Verstorbenen daraufschreibe. Eine ungeheure Menschenmenge war dabei, wie erst wenn schönes Wetter gewesen wäre; aber eben als sich der Pfarrer im vollen Ornate mit den Ministranten ins Trauerhaus begeben wollte, brach plötzlich wieder ein heftiger Platzregen los, weshalb er auch den Krapka zurückschickte. »Geht rasch und bringt mir den Regenschirm, er ist an den Kasten angelehnt.« Paul Krapka starrte verblüfft auf den Geistlichen. Wußte er doch nicht, was ein Regenschirm ist. »Ei nun,« sagte der Pfarrer ungeduldig. »Ich meine jene große Leinwandscheibe, die wir vorgestern über dem Korbe meiner kleinen Schwester gefunden.« »Jetzt verstehe ich.« Der geistliche Herr stellte sich, um nicht naß zu werden, unter das Vordach des Peter Maggo, bis nach kurzer Zeit der flinkfüßige Krapka den Regenschirm brachte, den Seine Ehrwürden zur großen Verwunderung aller mit einer einzigen Bewegung seiner Hand breit und rund ausspreizte, daß es aussah, als ob hundert Fledermausflügel ineinander gewachsen wären. Und dann faßte er ihn beim Griff, hob ihn über seinen Kopf und schritt langsam und majestätisch dahin, ohne naß zu werden; die Regentropfen klatschten und klopften auf das sonderbare Ding, flossen aber schön ruhig wieder von demselben ab, ohne den Herrn Pfarrer berühren zu können. Auch bei der Bestattung bewunderte jeder den Regenschirm, und von ihm flüsterten die Weiber und Männer miteinander. »Den hat der heilige Petrus gebracht!« Nur die schönen Verse des Herrn Kantor lenkten auf einen Augenblick die Aufmerksamkeit vom Schirme ab, und hier und dort hörte man ein Schluchzen in der Versammlung, als er die Tote die gefühlvollen Abschiedsworte sagen ließ: Lebet wohl, lebet wohl, ihr Nachbarn rechts und links, Lebwohl Gevatter Lajkó, Schwager Klimcsok lebe wohl! Das ganze Hausgesinde des Paul Lajkó begann zu weinen, Frau Klimcsok rief ganz hingerissen: »Mein Gott, wie hat er nur das so schön ausdenken können.« Dieser Ausruf gab dem Kantor einen kräftigen Ansporn, und seine Stimme erhebend, rief er die anderen Bekannten und Verwandten noch schöner, noch gefühlvoller im Namen der Toten an. Da blieb wohl kein einziges Auge trocken. Kaum war Frau Gongoly verscharrt, noch hatten sich die alten Dorfweiber gar nicht über die Pracht des Leichenbegängnisses ausplaudern können, sowie über den Witwenstand des Gongoly, und daß er, Gott verzeih' ihnen ihre Schwatzhaftigkeit, schon beim Begräbnis das schöne Gesicht der Anna Tynrek mit seinen Geieraugen gesucht habe, woraus auch der Blinde weissagen könne, der berühmte »mentyék« der Jeder wohlhabende Slowake kauft seinem Weib einen Pelz, und dieses teure Kleidungsstück bleibt oft vier bis fünf Generationen und wird nur zum Kirchgang, über die Achsel geworfen, getragen und heißt slowakisch »mentyék.« Frau Gongoly werde nicht lange herrenlos bleiben; kurzum, die Totengräber waren noch kaum nüchtern geworden vom vielen Branntwein, den sie beim Leichenschmaus getrunken, als schon wieder ein neues Grab gegraben werden mußte. Nach der Frau Gongoly starb der Johann Srankó, der auch früher schon, als Frau Gongoly noch ein hübsches Weibchen war, sich viel um dieselbe zu thun gemacht hatte. Und jetzt machten sie sich gemeinsam auf den Weg, als ob sie es so verabredet hätten. Die Leute erwarteten das beinahe. Früher, so erzählte man sich, verschwand auch manchesmal Frau Gongoly im Korn und dann tauchte nach kurzer Zeit plötzlich der Srankó auf, und auch er verschwand im Korn. O, dieses gottlose Korn! Es wächst so hoch, daß es jeden Unsinn verdeckt. Auch jetzt entschwanden die zwei Schatten hintereinander ins unendliche Nichts ... Den Srankó fand man tot im Bette am Morgen nach dem Leichenbegängnis; wie es scheint, hat ihn der »Donnerkeil« des Todes, der Schlag, getroffen. Auch Srankó war ein wohlhabender Mann, ein »Magnatsch,« Die zwölf reichsten Bauern nennen die Slowaken »Magnatsch,« welche Bezeichnung natürlich von dem Worte Magnat stammt. dreihundert Schafe von ihm weideten auf dem Dorfhotter, und gar viele Äcker hatte er bebaut, also auch ihm gebührte eine glänzende Bestattung. Und Frau Srankó geizte auch nicht, sie ging selbst zum Lehrer und Pfarrer und ordnete an: »Alles soll ganz so sein wie bei dem Leichenbegängnisse der Frau Gongoly. Koste es, was es wolle, die Familie Srankó ist nichts Geringeres als die der Gongoly! Zwei Geistliche müssen beim Begräbnisse sein, vier Ministrantenknaben in schwarzen Röckchen, fortwährendes Glockengeläute und so weiter, und so weiter ...« Pfarrer Johannes nickte zufrieden mit dem Kopfe: »Wird geschehen, alles wird geschehen.« Pfarrer Johannes rechnete mit der Kreide aus, wie viel es kosten würde. »Wohl,« sagte Frau Srankó, »aber geben Sie, ehrwürdiger Herr, noch jenes ›Rote‹ dazu; sehen wir nun, um wie viel wird es dann teurer sein?« »Was für Rotes?« »Nun, was Sie bei dem Begräbnis der Gongoly über den Kopf gehalten haben. Das war wunderbar.« Der Pfarrer konnte sich nicht enthalten, aufzulachen. »Das ist ja unmöglich! Ah! Ah!« Frau Srankó fuhr beleidigt auf, den Kopf stolz zurückwerfend. »Warum wäre es unmöglich? Mein Geld ist doch so gut, wie das des Gongoly. Vielleicht nicht?« »Aber liebe Frau Srankó, damals regnete es ja; und morgen wird wahrscheinlich schönes Wetter sein.« Aber Frau Srankó mit Kapazitieren herum zu bekommen, war gar schwer, sie verstand die Dialektik besser als der hochwürdige Herr. »Weil es damals geregnet? Um so eher können Sie, mein Seelchen, heiliges Väterchen, das Rote jetzt mitbringen, wenigstens wird das teure Ding nicht naß werden. Und dann verdient es mein Gottseliger auch. Der hatte gewiß nicht weniger Verdienste als die Gongoly. War er doch Dorfrichter gewesen, auch für die Kirche hat er geopfert, er war es, der vor fünf Jahren die bunten Kerzen aus Neusohl mitgebracht, und die große weiße Altardecke, die hat seine Schwester gehäkelt. Also das ›Rote‹ muß dabei sein.« »Aber ich kann mich doch nicht lächerlich machen und unter einem Regenschirm bei sonnigem, heiterm Wetter bestatten. Hören Sie auf mit dem Unsinn, Frau Srankó!« Doch Frau Srankó brach hierauf in Thränen aus. »Womit habe ich diese Schande verdient, daß der Diener Gottes mir die Ehre verweigert, die dem Toten gebührt und auch den Lebenden wohlthut. Was wird man im Dorfe sagen? Man wird sagen: ›Die Srankó hat ihrem Manne nicht einmal eine anständige Bestattung gegönnt, in die Grube ließ sie ihn werfen wie einen Bettler.‹ »Thun Sie es, thun Sie es, Hochwürden,« flehte sie, und mit dem Schnupftuche ihre nassen Augen trocknend, drehte sie den einen Zipfel so lange hin und her, bis sich der Knoten löste und eine Zehnguldennote herausfiel. Frau Srankó hob sie vom Boden auf und legte sie mit zarter Bescheidenheit auf des Pfarrers Tisch. »Das gebe ich noch dazu, nur soll der Pomp vollständig sein, bitte ergebenst.« Bei dieser Scene stürzte nun auch Frau Adametz aus der Küche mit Schürze und Kochlöffel herbei und fügte auch ihre Bitte hinzu: »So ist es, lieber ehrwürdiger Herr, der Srankó war ein gottgefälliger Mann. Das viele Gerede ist nicht wahr; doch wenn es auch wahr wäre, so würde diese Wahrheit gerade die Gongoly treffen – Gott hab' sie selig. Wenn also der heilige Schirm bei dem einen Begräbnis dabei war, kann er auch getrost bei dem andern dort sein. Entweder zürnt unser Herrgott schon, dann bleibt es sich gleich, ob er ein wenig mehr zürnt, oder er zürnt noch nicht, dann wird er sich auch jetzt nicht erzürnen.« »Aber Frau Adametz, schämen Sie sich nicht, solchen Unsinn zusammen zu reden? Lassen Sie mich mit solchem Aberglauben in Ruh'! Ihr Wunsch ist ganz einfach lächerlich.« Doch die zwei Weiber ließen sich nicht abreden. »Wir wissen, was wir wissen, uns kann der ehrwürdige Herr nicht täuschen,« und so lange jammerten sie ihn an und belästigten ihn, bis er endlich zusagte, auch den Johann Srankó unter dem Schirme zu bestatten, nur hinzufügend: »Wenn ihn bis dahin nicht der Eigentümer fortträgt, denn das steht fest, daß ihn jemand hier gelassen, und wenn er ihn abholt, muß ich ihn hergeben.« Frau Adametz blinzelte bedeutsam der Srankó zu. »Na, dessentwegen können wir ruhig schlafen, wer den gebracht hat, pflegt nur einmal in tausend Jahren auf unserm Planeten zu erscheinen.« Wahrlich, um den Schirm fand sich niemand ein – so daß tags darauf der junge Geistliche, trotzdem es ein trockner, schöner Nachmittag war, und nicht das kleinste Wölkchen sich am Firmament zeigte, den Schirm doch vor dem Sarge aufspannte und unter demselben einherschreitend dem eingesegneten Sarge das Geleite in den Friedhof gab. Vier starke Männer: Szlávik, Lajkó und die zwei stämmigen Brüder Magát trugen die Bahre, auf der der Sarg ruhte. Gottes Wille war es, daß der eine Magát vor der Schmiedewerkstätte über einen Stein stolperte und fiel, worüber der hinter ihm schreitende Paul Lajkó erschrak, ins Wanken kam und die Geistesgegenwart verlor; die Tragbahre neigte sich zur Seite, und der Sarg stürzte auf die Steine hinunter. Der Sarg krachte, barst, zerbrach, einen Augenblick leuchtete das geschlungene Bahrtuch hervor, dann später ward auch der Tote sichtbar, der infolge der großen Erschütterung aus dem Scheintode erwachte, einen tiefen Atemzug that, sich bewegte und aufseufzte: »Mein Gott, wo bin ich?« Das war ein großes Staunen und Wundern, bis sie vom Schmiede rasch Federbetten und Polster holten und ein Lager auf einem im Hofe befindlichen Wagen, der zum Beschlagen dort war, bereiteten. Darauf legten sie den durch das seltsame Gotteswunder auferstandenen Toten, und aus einem Trauerzuge in eine Gott preisende Prozession sich verwandelnd, begleiteten sie, kirchliche Psalmen singend, den armen Johann Srankó nach Hause; dieser kam unterwegs so zu sich, daß er zu Hause gleich zu essen verlangte. Sie brachten ihm einen Krug Milch. Er schüttelte den Kopf. Lajkó reichte ihm die Schnapsflasche, die schon für den Leichenschmaus gefüllt war. Er lächelte. Von diesem merkwürdigen Ereignisse an beginnt eigentlich die Legende des Regenschirmes, die dahinflog über Tannenwälder und zu himmelragenden Felsen hinan, weiter und immer weiter, immer wachsend, in immer neuer Gestalt, mit immer wechselnden Einzelheiten vergoldet. Wenn sie an einem Felsen eine Vertiefung fanden, so war es Sankt Petri Fußspur: wo eine seltsam gefärbte Blume in der Gegend erblühte, dort hatte gewiß der Stock Sankt Petri den Boden berührt. Alles, alles verkündete, daß Sankt Petrus vor nicht langer Zeit in Glogowa gewesen. Das ist doch eine große Sache, Gevattern! Und den Regenschirm selbst umstrahlte der wunderbare Glanz des Mysticismus. Der Schleier des Geheimnisvollen verhüllte eigentlich nur den Umstand, wie derselbe über den Korb der kleinen Veronika gekommen. Aber das war genug. Der Aberglaube sucht den Nebel, das Nebelhafte zieht den Aberglauben an. Diese beiden teilten sich in die Beute: den alten Regenschirm. Und die Legende verbreitete sich weithin, so weit nur die Bjela Boda fließt und einfache Slowaken bei Hirtenfeuer und in der Spinnstube sich erzählen, was ihrer Phantasie imponiert, was ihr Interesse erfaßt, das Wunderbare, das Seltsame. Sie glauben den volkstümlichen Sankt Petrus zu sehen, den Pförtner des Himmelreiches, wie er den Regenschirm bringt, damit das Schwesterchen des Pfarrers nicht durchnäßt werde. Wie sich wohl der Alte vom Himmel herabgelassen haben mag? Wahrscheinlich setzte er sich auf eine Wolke, die brachte ihn schön herunter und stellte ihn auf irgend einen Berg nieder. Und dann erzählen sie von der Wunderkraft des Schirmes, wie der Tote auferstanden, als er ihn erblickte, und so fliegt die Legende immer weiter, weiter, die Gestalt des Pfarrers von Glogowa und seiner Schwester mit sich tragend. (Ei, das wird ein Mann sein, der die einst heimführen wird!) Und wenn ein wohlhabender Bauer stirbt, holt man den Pfarrer Johannes auch aus dem zehnten Dorfe samt seiner Dalmatika und dem heiligen Regenschirm, der nun schon Reliquie geworden, zum Leichenbegängnis. Aber nicht nur zu Leichenbegängnissen wird der Pfarrer geholt, sondern auch zur Beichte, zu hoffnungslosen Siechen, manchmal zwei Tagereisen weit, mit der Bedingung, daß er den Schirm des heiligen Petrus während der Beichte über den Kranken halte. Es ist unmöglich, daß dies nicht nützen sollte; entweder wird der Kranke gesund, oder wenn er nicht gesund wird, wird er wenigstens selig. Brautpaare, wenn sie eine große Parade entwickeln wollen, und das wollen diese doch immer, wallfahrten, wenn sie ihr eigener Pfarrer zu Hause schon getraut, noch zur Glogowaer Pfarre, damit ihre Hände unter dem Regenschirm noch einmal ineinander gelegt werden. Und das ist dann das Richtige. Der Glöckner Krapka hält den heiligen Leinwandpilz über ihre Köpfe, wofür dann auch in seinen Gurt einige Silbersechser fließen. Und was den Pfarrer von Glogowa betrifft, dem strömen Geld und Geschenke nur so zu, als schütte man sie aus einem Sacke. Anfangs sträubte er sich genügend, dann aber fing er selbst zu glauben an, daß der rote Schirm, der von Tag zu Tag verschossener und zerfetzter wurde, göttlichen Ursprunges sein könne. War er denn nicht direkt auf sein Gebet zum Schutze des Mägdleins hingezaubert worden, und stammt nicht von ihm die Quelle all' seines Wohlstandes, seines Vermögens, um welches er gebetet hatte? »Herr Jesu,« sagte er an jenem traurigen Morgen, »thue ein Wunder, damit ich das Kind erziehen kann.« Und siehe, das Wunder war geschehen. Geld, Wohlstand, Reichtum entströmen dem einfachen, zerrissenen Schirm, als wäre er das Lämmchen im Märchen, aus dessen Wolle Goldstücke herausfallen, wenn es sich schüttelt. Der Ruf des Schirmes drang auch bis in die hohen Kreise. Selbst Seine Hochwürden, der Bischof von Neusohl, wurde neugierig und ließ den Pfarrer samt dem Schirm vor sich berufen, und nachdem er diesen untersucht und sich die Geschichte hatte erzählen lassen, bekreuzigte er sich andächtig und sagte: » Deus est omnipotens. « Was so viel zu bedeuten hatte, daß auch er an den Regenschirm glaube. Einige Wochen später that der Bischof noch mehr. Er gab dem Pfarrer Johannes den Befehl, er solle die Reliquie nicht mehr bei sich behalten, sondern sie ins Sanktuarium zu den Kirchengeräten legen. Pfarrer Johannes erwiderte sofort, daß besagter Schirm eigentlich seiner Schwester, der minderjährigen Veronika Belyi gehöre, und er kein Recht habe, ihn ihr wegzunehmen und der Kirche zu schenken. Sobald das Mädchen jedoch großjährig sein werde, würde sie ihn ohne Zweifel der Kirche schenken. Aber nicht nur dem Pfarrer, der sich bald Zugvieh anschaffte, eine große Wirtschaft zu betreiben anfing, nach einigen Jahren sich ein hübsches Steinhaus bauen ließ und einen Wagen hielt, kam der Schirm zu gute, sondern auch die Gemeinde Glogowa wurde durch ihn gehoben. Im Sommer kamen aus den benachbarten Badeorten scharenweise die Damen, oft auch Gräfinnen (meistens alte Gräfinnen), um unter dem Schirme stehend ein Gebet hersagen zu können, und für diese wurde auch der Pfarre gegenüber ein Gasthof gebaut mit der Aufschrift: »Zum wundertätigen Regenschirm.« Mit einem Worte, Glogowa begann zusehends sich zu heben. Die Einheimischen schämten sich des Glockengehäuses vor den vielen Fremden und bauten einen netten Turm mit einem Blechdach auf ihre Kirche und ließen zwei neue Glocken von Neusohl kommen. Johann Srankó spendete zur Erinnerung an seine Rückkehr aus dem Reiche des Todes eine prachtvolle Dreieinigkeitsstatue vor die Kirche. Die Erzieherin (denn Pfarrer Johannes hielt später für Veronika eine Erzieherin, die einen Hut trug) pflanzte im Hofe des Pfarrers Georginen und Fuchsien, welche Blumen kein Glogowaer Auge noch je gesehen. Alles schmückte und verschönerte sich (bis auf die Frau Adametz, die seither noch häßlicher geworden), und der Hochmut der Glogowaer verstieg sich so weit, daß sie an Sonntagnachmittagen, wo die Menschen Zeit haben, über alles mögliche zu plaudern, nun schon nachzugrübeln begannen, ob es nicht gut wäre, einen Kalvarienberg in Glogowa zu bauen, gleich demjenigen zu Schemnitz, damit die Wallfahrer nach Glogowa kommen sollten und Geld und Leben in das Dorf bringen möchten. Zweiter Teil. Die Familie Gregorics. Der taktlose Gregorics. Vor vielen Jahren (nämlich vor Beginn unserer Erzählung) lebte in der königlichen Freistadt Neusohl ein Mann, Namens Paul Gregorics, den man gewöhnlich nur den »taktlosen« nannte, obzwar sein ganzes Dasein darauf basiert war, andern zu gefallen. Paul Gregorics lief immer der Popularität nach, die ein hübsches, kokettes Mädchen ist, und traf überall auf die Kritik, diese Hexe mit dem bösen Gesicht und den giftigen Augen. Paul Gregorics kam nach dem Tode seines Vaters zur Welt und zwar nach neun Monaten, von dem Tage des Begräbnisses an gerechnet, womit er doch schon eine gewisse Taktlosigkeit gegen seine Mama beging, die sonst eine sehr ehrenwerte Frau war. Wäre er einige Wochen früher zur Welt gekommen, so hätte er viel unangenehmes Gerede im Keime erstickt. Doch daran war am Ende Paul Gregorics unschuldig; ein viel größeres Pech war es für die andern lebenden Mitglieder der Familie Gregorics, daß er überhaupt geboren wurde, denn die Erbschaft wurde nun in mehr Teile zerstückelt. Das Kind war schwächlich, und die anderen Gregorics' (die erwachsenen Brüder des Paul Gregorics) warteten fortwährend auf seinen Tod; aber Paul Gregorics starb nicht (deshalb war er ja zum taktlosen Menschen prädestiniert), sondern wuchs auf, wurde großjährig und übernahm sein Vermögen, welches größtenteils von seiner seither verstorbenen Mutter herrührte, und woran die Kinder aus erster Ehe nicht beteiligt waren; dieser Teil des Vermögens war größer, obzwar das von vaterseits zurückgebliebene Erbteil auch nicht gerade unbedeutend genannt werden konnte, denn der alte Gregorics hatte beim Weinhandel hübsch viel Geld beiseite geschafft. Dazumal war es in jener Gegend noch leicht, auf diesem Felde reich zu werden. Wein gab es noch, Juden hingegen gab es noch nicht. Heute fehlen schon viel Zuthaten des damaligen Weinhandels: aber das Wasser der Gran, das existiert noch immer. Dem Paul Gregorics verlieh die Natur ein sommersprossiges Gesicht und rotes Haar, zu welchen Eigenschaften die Menschen zu bemerken pflegen, daß ein rothaariger Mensch niemals gut sein kann. Nun, Paul Gregorics will beweisen, daß er gut sein wird. Sprichwörter sind nichts anderes als alte Töpfe, in denen schon ganze Generationen gekocht haben. Einen dieser Töpfe wird Paul Gregorics zerbrechen. Er wird so gut sein wie ein Bissen Brot. Er wird so weich sein wie Butter, die sich sowohl auf Weißbrot wie auf Schwarzbrot gleich gut streichen läßt. Er nahm sich vor, sehr gut zu sein, sehr liebenswürdig zu sein, und sein ganzer Lebenszweck bestand darin, die Liebe der Menschen zu gewinnen. Und er war gut auf Schritt und Tritt; doch was nützte das, wenn ein böser Geist, der ihm voranschritt, das Urteil der Menschen so richtete, daß dieselben seine Thaten falsch auffaßten? Nachdem er von Pest heimgekehrt war, wo er der juridischen Wissenschaft obgelegen hatte, ging er, als er das erste Mal am Marktplatze erschien, in eine Tabaktrafik und kaufte feine Havannacigarren; alsogleich kamen die Neusohler Zungen in Bewegung: »Der Kerl raucht Cigarren zu fünfunddreißig Kreuzer! Oho! So stehen wir? Das ist ja ein kolossaler Verschwender! Ihr werdet sehen, der endet noch im Armenhaus. O! wenn sein armer Vater aus dem Grabe steigen und sehen könnte, daß er Cigarren zu fünfunddreißig Kreuzer raucht! Herr Gott! Der Alte mischte getrocknete Erdäpfelblätter in den Tabak, um mehr zu haben, und begoß ihn mit Kaffeesatz, damit er langsamer brenne.« Es kam Paul Gregorics zu Ohren, daß seine teuren Cigarren Anstoß erregendes Aufsehen im Städtchen verursachten, worauf er alsogleich zu den kurzen zwei Kreuzer-Cigarren überging. Den Leuten gefiel auch dies nicht: »Dieser Paul Gregorics ist eigentlich ein ganz gewöhnlicher Knicker. Der wird ein noch größerer Hund sein als sein Vater. Pfui, wie abscheulich ist der Geiz!« Paul Gregorics verdroß es sehr, für einen Knicker gehalten zu werden, und bei der ersten Gelegenheit, als er auf einem Wohlthätigkeitsballe erschien, (auf dem Balle der Feuerwehr, dessen Lady Patronesse die Frau des Obergespans war und wo auf den Einladungskarten stand: »Überzahlungen werden angenommen«), löste er seine Eintrittskarte zu zwei Gulden mit zwanzig Gulden aus und dachte bei sich: »Paul Gregorics wird euch beweisen, daß er kein Knicker ist.« Jedoch hierauf steckten die Arrangeure sogleich die Köpfe zusammen und erklärten: »Paul Gregorics ist ein taktloser Großthuer.« Und sie hatten wahrlich Ursache zur Entrüstung. Eine unerhörte Unverschämtheit das, ein Gregorics untersteht sich, den Obergespan, einen Baron Radvánszky zu überbieten. Radvánszky giebt zehn Gulden für seine Karte, Gregorics wirft zwanzig Gulden hin. Das ist ja ein direkter Insult! Der Sohn eines Weinhändlers! Herr Gott, welch ein Jahrhundert! Ein Floh hat die Keckheit, sich lauter zu räuspern als ein Löwe. Welch ein Jahrhundert! Welch ein wunderliches Jahrhundert! Der arme Paul Gregorics mochte auf dieser Welt beginnen, was er wollte, alles wendete sich gegen ihn. Wenn er mit jemandem in Streit geriet und nicht nachgab, hieß man ihn einen Krakehler, geriet er in Streit und gab nach, war er ein »Poltron.« Anfangs ergriff er, trotzdem er Jus absolviert hatte, keine Beschäftigung; er fuhr zur Jagd auf seine Besitzung, welche eine Meile von der Stadt entfernt lag, und die er von seiner Mutter geerbt hatte. Ein anderes Mal unternahm er einen Ausflug nach Wien, wo er ein Zinshaus – ebenfalls Erbteil seiner Mutter – besaß, daraus bestand seine ganze Beschäftigung, was seine vollständige Verachtung in der arbeitsamen Neusohler Gesellschaft hervorrief. »Der Paul Gregorics,« sagten sie, »ist nur eine Weltlast. Wochenlang hebt er nicht einmal einen Strohhalm auf. Wozu nur so eine Drohne auf der Welt lebt?« Auch dies kam dem Paul Gregorics zu Ohren, und er sah ein, daß die Menschen recht hatten, und daß man sein Leben nicht durchfaulenzen darf. So ist's recht, jeder Mensch soll das Brot verdienen, welches er ißt. Paul Gregorics erbot sich, seiner Stadt oder seinem Komitate mit seinen Fähigkeiten zu dienen. Nun, das fehlte noch, Paul Gregorics. Hundert Zungen streckten sich sofort gegen diesen Plan. »Was? Der Paul Gregorics will etwas sein? Hier bei uns? Schämt er sich denn nicht? Einem armen Menschen das Brot aus dem Munde nehmen, wo er doch Kuchen hat! Es wäre besser, er überließe die kleinen Ämter, welche hier sind, jenen, die darauf angewiesen sind.« Paul Gregorics sah ein, daß auch dies richtig sei, entsagte dem Beamtenstand, den öffentlichen Angelegenheiten, zog sich immer mehr von der Herrengesellschaft zurück und faßte den Entschluß, zu heiraten, eine Familie zu gründen. Auch das ist ja ein genügend ehrenwerter, schöner Beruf. Er begann einzelne Familien zu besuchen, wo hübsche Mädchen waren, und wo man ihn als gute Partie auch gern empfing –, aber seine intriguierenden Halbgeschwister, die noch immer hofften, das hüstelnde, magere Männchen werde doch einmal sterben, zerstörten ihm jedes angesponnene Verhältnis mit unerhörter List und Schlauheit (wovon es der Mühe wert wäre eine separate Novelle zu schreiben) so daß Paul Gregorics soviel Körbe nacheinander erhielt, daß er dadurch im ganzen Komitate berühmt wurde. Später fanden sich allerdings junge Mädchen, welche der Jungfernkranz schon sehr drückte (denn auch der ist nach einer gewissen Zeit eine lästige Zier), aber diese wurden schon vom Schamgefühl zurückgehalten. Warum nicht gar? Den Mann heiraten, den schon so viele Mädchen zurückgewiesen? Welche will die Königin des Königs aller Körbe sein? Wahrlich nicht eine einzige! Am Sankt Andreastage wurde viel Blei gegossen, viel Blei wurde wieder hart in den Herrenhöfen am Ufer der Gran, aber aus keinem einzigen Stück löste sich die Gestalt des Paul Gregorics. Mit einem Worte, die schwärmerischen Backfische wollen von Paul Gregorics nichts wissen. Die begehren noch Poesie, nicht Geld. Möglich, daß ein altes Mädchen schneller nach dem Ringe greifen würde, denn die sind flinker dabei. Aber von den jungen Mädchen zu den alten Mädchen führt nicht ein Sprung, dazu gehören schon zwei Sprünge, den Haltepunkt zwischen den beiden bilden die jungen Frauen. Die alten Jungfern sind die letzte Station. Die Backfische und die alten Jungfern sind zwei abgesonderte Welten. Der kleinen Karoline, dem Backfisch, sagt man über Paul Gregorics, er huste Blut, und das erschreckt die kleine Karoline, und bei dem zweiten Besuche des Paul Gregorics fühlt das kleine, heftig klopfende Herz nichts als Mitleid, wo es sich doch gestern beim Anblick des Viererzuges ganz andere Gefühle aufdisputieren wollte. Ah! armer Paul Gregorics! Der arme Paul Gregorics hustet Blut! Welch' Unglück! Umsonst schüttelt das vor den Schlitten gespannte Pferd seinen unruhigen Kopf, heute klingt das Schellengeläute nicht mehr so lustig. Hustet doch der Paul Gregorics Blut! Ach, du einfältige, kleine Karoline! Ich weiß es, ich glaube es dir, daß Paul Gregorics ein häßlicher, verkümmerter Mann ist, aber wie reich ist er, und am Ende hustet er doch nur sein eigenes Blut –, was geht denn das dich an? Glaube es mir, daß Rosalie, die im ganzen zehn Jahre vor dir in die Schule zu »Madame« ging, schon kein so süßer, kleiner Einfaltspinsel wäre wie du. Rosalie ist schon Philosoph, und wenn man ihr von Paul Gregorics sagen würde, er hustet Blut, so würde sie sich denken: »Wahrlich, dieser Mensch hat Wert.« Und laut würde sie ausrufen: »Ich will ihn pflegen.« Und tief unten am Grunde des Gehirnes, wo sich jene Regungen befinden, die noch nicht in Worte geformt werden können, weil sie noch keine Gedanken sind, sondern nur abgelagerter Schlamm egoistischer Gefühle, tief unten würde sich schon die Berechnung verstecken: »Wenn Paul Gregorics heute schon Blut hustet, wird er wenigstens schneller fertig werden.« Ah, kleine Backfische, ihr kennt das Leben noch nicht: Das lange Kleid hat euch Mütterchen schon angelegt, aber euer Verstand ist noch kurz geblieben. Zürnt mir nicht, daß ich euch dies vorwerfe, ich muß es thun, wenn ich dem Leser begreiflich machen will, warum Paul Gregorics keine von euch zum Weibe erhielt. Die Sache verhält sich ganz einfach. Die aufgeblühte Rose ist nicht mehr rein; Bienen haben in ihrem Kelche gebadet, Käfer darin geruht, doch im Innern der sich öffnenden Knospe findet sich noch kein Körnchen Erdenstaub. Deshalb hat Paul Gregorics soviel Körbe von den Backfischen erhalten; er begann auch langsam einzusehen (denn wie gesagt, er war ein sehr guter Mensch), daß die Ehe wirklich nicht für ihn geschaffen sei: die Backfische haben recht, wenn sie einwenden, er huste Blut. Blut hat am Ende einen andern Zweck. Er faßte den Entschluß, nicht zu heiraten, infolgedessen bekümmerte er sich auch gar nicht mehr um die Mädchen, sondern nur um die jungen Frauen. Diesen machte er den Hof; der schönen, vollblütigen Frau Vozary ließ er von Wien die Blumensträuße kommen, in den Garten der stattlichen Frau Mathias Muskulyi ließ er eines schönen Abends fünfhundert Nachtigallen los, die er mit vieler Mühe irgendwo in Siebenbürgen hatte zusammenfangen lassen. Ein Herrmannstädter Vogelhändler hatte sie ihm geliefert. Die schöne Frau wunderte sich, als ihr schneeiger Körper sich auf den Kissen hin- und herwarf, warum wohl heute Nacht die Vögel so schön sängen. Junge Frauen hofieren, das ist ein reeller Maßstab. Weder die Backfische beurteilen einen Mann richtig, noch die alten Jungfern, der Gesichtspunkt beider ist schief, jede reitet ein falsches Steckenpferd; jedoch die jungen Frauen, die unter dem Baume der Erkenntnis stehen und von dort aus den Mann betrachten, die schon nicht mehr träumen und nicht mehr ungeduldig sind, zeigen ganz ruhig, wie viel ein Mann wert ist. Das richtige Gewicht eines Mannes ist immer dasjenige, welches die Urteilswage der jungen Frauen abgiebt. Paul Gregorics –, wozu sollte ich sein Pech beschönigen –, brachte es auch bei den jungen Frauen nicht weit. Überall gab ihm die Frau den Laufpaß, nicht der Gatte, und die Männer haben es doch gerade auf die Gatten abgesehen; diese sollen es sein, die zuletzt wüten. Er langweilte sich schon über die Maßen und wußte gar nicht mehr was anzufangen, als der Freiheitskampf ausbrach. Auch dort nahm man ihn nicht auf. Sie sagten, er sei klein, er sei schmächtig, er könne die Mühen des Kriegszuges nicht ertragen, er würde nur das Regiment verunzieren. Er aber wollte um jeden Preis etwas thun. Der Werbeoberst, der ein guter Bekannter von ihm war, gab ihm folgenden Rat: »Mir ist es ja recht, wenn Sie durchaus mit uns wirken wollen, wählen Sie sich irgend eine gefahrlose Beschäftigung. Der Kriegszug ist ja auch mit allerlei Geschreibsel verbunden. Wir werden Sie einer Kanzlei zuteilen.« Paul Gregorics streckte sich stolz, beleidigt in die Höhe, als wenn eine Eule den Pfau nachahmt: »Ich habe die Absicht, mir die gefährlichste Beschäftigung zu wählen. Welche halten Sie dafür, Herr Oberst?« »Ohne Zweifel den Spiondienst.« »So werde ich Spion.« Und Gregorics ward ein Spion. Er kleidete sich als eine Art Pilger (es gab dazumal viel solche verkommene Gestalten), ging von einem Feldlager zum andern und leistete dem ungarischen Heer nützliche Dienste. Alte Soldaten erwähnen noch heute das Männchen mit dem roten Regenschirm, das die feindlichen Linien tollkühn durchdrang mit einem so einfältigen Gesicht, als ob es nicht bis zehn zählen könnte. Sein schmales Vogelgesicht, seine aufgekrempten Hosen, sein alter, zerzauster, eingeschlagener Cylinder und sein roter Regenschirm mit dem gebogenen Griff machten ihn auffallend. Wer ihn einmal gesehen, konnte ihn nicht leicht vergessen. Und einmal gesehen hatte ihn jedermann, denn er wandelte unstet umher, wie der Geist des Urban. Wenige ahnten, was eigentlich seine Beschäftigung sei, aber Dembinszky mußte es wissen, denn er äußerte sich folgendermaßen über ihn: »Das Männchen mit dem roten Schirm ist der Teufel in eigener Person, aber aus der Familie der guten Teufel.« Nachdem der Schlachtensturm ausgetobt, in den grabesstillen Zeiten kehrte er nach Neusohl zurück und wurde ein echter Misanthrop. Er rührte sich aus seinem großen, alten Steinhause nicht heraus und dachte weder daran, eine Rolle zu spielen, noch zu heiraten. Es erging ihm wie den meisten Junggesellen, er verliebte sich in seine Köchin. Die Dinge vereinfachen, vereinfachen und immer mehr vereinfachen, das ist der Fortschritt, das ist die Weisheit. Das war nun auch seine Theorie. Der Mann braucht eine Frau, um sich bedienen zu lassen, und eine, um sie zu lieben. Das giebt also zusammen zwei Frauen. Aber warum könnten sich diese zwei Frauen nicht in einer Person vereinigen? Anna Wibra war ein großes, vierschrötiges Frauenzimmer, irgendwo aus Detva her, wo der kleinste Mann eine Klafter mißt, ganz gleich dem Langholz ihrer mächtigen Waldungen; ihr Gesicht war nett genug, doch außerdem wußte sie des Abends, während sie ihr Geschirr spülte, schön zu singen: Ein Floß schießt auf der Gran im Lauf, Der Jankó schmaucht seine Pfeife drauf. Ihre Stimme war so weich und einschmeichelnd, daß sie der Herr einmal in sein Zimmer rief und sie auf dem weichen, mit Leder überzogenen Sessel niedersitzen hieß. Noch niemals in ihrem Leben hatte sie auf einem solchen gesessen. »Mir gefällt dein Gesang, Anka. Du hast eine hübsche Stimme. Singe hier drinnen, damit ich dich besser hören kann.« Anka fing ein melancholisches Lied zu singen an, vom Brief des »angeworbenen Burschen,« der der Geliebten sein Leid klagt: Weißt du, mein Liebchen, wie mein Bett ausschaut? Auf eiskalten Stein gebreiteter Mantel, Dies ist mein Lager. Dort schlafe ich. Und was ist mein Labsal? Pferdefleisch ist meine Speise, Schnee ist mein Trank, Kennst du jetzt Liebchen, mein Leben? Die Melodie rührte Paul Gregorics, er rief auch dreimal aus: »Welche Kehle du hast, Anna Wibra, welch' wunderbare Kehle du hast!« Und er kam der wunderbaren Kehle immer näher und begann, sie mit seiner Hand zu streicheln, als ob nur die eigentümliche Formation der Kehle ihn interessierte. All dies duldete die Anka ruhig, aber als dann, ob zufällig, ob absichtlich, die knochige Hand des Paul Gregorics tiefer glitt, errötete sie plötzlich und stieß ihn trotzig fort. »Dies ist im Lohn nicht inbegriffen, gnädiger Herr.« Auch Paul Gregorics errötete und sagte mit etwas stockender Stimme: »Aber Anka, nimm doch Vernunft an. Sei nicht einfältig.« Aber Anka wollte nicht vernünftig sein, sie sprang auf und lief zur Thüre. »Laufe doch nicht hinaus, du Närrin. Ich esse dich ja nicht auf.« Anka hörte nicht auf ihn, sie lief in die Küche und sperrte sich ein, umsonst kam ihr Paul Gregorics nach, umsonst wiederholte er an der Thüre: »Ich esse dich nicht auf. Bei Gott, ich esse dich nicht auf. Warte nur Ancsura, du wirst es noch bereuen.« Ancsura wollte tags darauf den Dienst verlassen, aber der Herr versöhnte sie mit einem Goldringe und dem Versprechen, sie mit keinem Finger mehr zu berühren. Er könnte sie nicht entlassen, so sagte er, denn er könnte sich nicht mehr an die Küche einer anderen gewöhnen. Der Ancsa gefiel das Lob und der Goldring, und sie blieb. »Aber der gnädige Herr soll dann auch sein Versprechen halten, denn wenn er sich noch einmal vergißt, so schlage ich aus.« Nun da hilft kein Leugnen, nach einiger Zeit vergaß er sich wieder. Und wieder wollte Ancsura fortgehen, und wieder besänftigte sie Paul Gregorics mit einer roten Korallenschnur samt Goldschnalle, wie sie die Baronessen Radvanszky beim Kirchgang tragen, und die sich so schön auf ihrem kräftigen, weißen Nacken ausnehmen wird. Die Korallenschnur war so prächtig, daß Ancsura gar nicht mehr das Einstellen der Neckereien zur Bedingung machte. Ist doch der Herr reich genug, was soll sie ihm sparen helfen? Vielmehr richtete sie noch denselben Tag, als sie die Korallenschnur erhielt, die diplomatische Frage an die alte Krämersfrau, Witwe Karl Botár, welche im Hause des Gregorics einen kleinen Laden in Miete hatte: »Sagen Sie doch, Frau Gevatterin, thut es sehr weh, wenn man einem die Ohren sticht?« Die Krämersfrau lachte: »O, du närrische Tollkirsche, du willst doch vielleicht nicht Ohrringe tragen? Ei, Ancsa, Ancsa, du hast böse Gedanken, Ancsa!« Ancsa wurde zornig und schlug die Thüre wütend zu, so daß die Klingel noch eine Viertelstunde zitterte und tönte. Natürlich wollte sie Ohrringe. Warum auch hätte sie diese nicht haben sollen? Auch ihre Ohren hatte derselbe Herrgott erschaffen, wie diejenigen der in Seide gehüllten Frauenzimmer. Und während des Tages erfuhr sie auch, daß das Ohrenstechen keinen größern Schmerz verursache als ein Flohbiß. Jawohl, sie wünschte Ohrringe, und jetzt war sie es, die sich Mühe gab, die ungeduldig wartete, Paul Gregorics möge recht bald seine Neckereien wieder beginnen. Das kann doch beschleunigt werden. Jede Evastochter findet die Mittel dazu. Sie kleidete sich hübsch und nett, flocht feuerrote Seidenbänder in ihren flachsblonden Zopf, legte ihr Busenhemd aus feinster Leinwand an, so dünn wie Fliegenpapier, warf das festschließende Leibchen beiseite, welches die Formen beengt und verdeckt, und ging nun so bloß herum, für Männeraugen gefährlich, daß sogar das Heben ihres Busens sichtbar ward. Paul Gregorics mag pfiffig und schlau genug gewesen sein als Spion der ganzen russischen und österreichischen Armee gegenüber, doch ein Mädchen, und möge sie auch ein einfältiges Mädchen aus Detva sein, ist noch hundertmal schlauer als Gregorics. Nächsten Sonntag erschien sie schon mit goldenen Ohrringen in der Kirche, wo die Burschen und Mädchen, die sie unter sich den Grenadier nannten, sofort kichernd ihre Köpfe zusammensteckten. »Hm, der Grenadier ist über jemanden gestolpert.« Und wirklich nach einigen Wochen beklatschten die Leute in der ganzen Stadt das fürchterliche Ereignis, Paul Gregorics habe ein Verhältnis mit ihr. »Nun sehet mal, der alte Ziegenbock leckt Küchensalz.« Kurze, pikante Scenen wußten sie sich zu erzählen, in denen viel burleske Komik steckte. Die Brüder des Paul Gregorics posaunten den Fall mit neuen Zuthaten geschmückt in der Stadt aus. »Ein Gregorics und eine Dienstmagd! Entsetzlich! So etwas ist vielleicht noch nie dagewesen!« Die Fremden zuckten die Achseln (ach, freilich war es schon dagewesen) und beruhigten die Familie: »Das ist ja nichts. Es ist etwas ganz Natürliches. Keine einzige Angelegenheit des Paul Gregorics ist je korrekt gewesen, aber für euch ist es so besser, wenigstens wird er nicht heiraten, und das große Vermögen bleibt euch.« Was daran wahr gewesen, und was nicht, konnte nicht sicher festgestellt werden. Aber Thatsache ist, daß die Gerüchte schon langsam einschliefen und erst nach Jahren wieder lebendig wurden, als diejenigen, die in das düstere Gregorics-Haus eindrangen, einen kleinen Jungen auf dem Rasen des Hofes mit einem dort grasenden Lämmchen spielen sahen. Wem gehörte dieser Junge? Was suchte er hier? Wie kam er in den Gregorics-Hof? Manchmal spielte auch Gregorics mit ihm. Wer durch das Schlüsselloch des abgesperrten Thores hineinguckte, konnte sehen, daß die Hüften des Sonderlings Gregorics ein roter Gürtel umschloß, aus dem zwei Spagatschnüre als Zügel heraushingen, die der kleine Bursche hielt, während er in der andern Hand eine kleine Peitsche schwang. »Hü, du Rappe!« Und der alte Esel trabte im Geschirr, tanzte, hüpfte herum, fing alsdann zu laufen an, hie und da wieherte er sogar. Und seitdem wurde er noch verschlossener; man sah ihn nur selten sich schwerfällig über den Marktplatz bewegen (denn er hatte zwei linke Füße, wie ein Spottvogel bemerkte) im abgetragenen, seltsamen Gewand, an welches er sich aus den Zeiten seines Spiondienstes gewöhnt hatte, mit dem roten Regenschirm unter dem Arme, welcher Winter und Sommer, bei Regen und Sonnenschein immer bei ihm war, und welchen er nie im Vorzimmer niederstellte, wenn er einen Besuch abstattete, sondern mit sich nahm und fortwährend in der Hand hielt. Es kam oft vor, daß man ihn aufmerksam machte: »Legen Sie doch den Schirm nieder, Onkelchen.« »Nein, nein« entgegnete er »ich habe mich an ihn gewöhnt, ich habe mich derart an ihn gewöhnt, daß ich ihn in der Hand halten muß; ohne ihn könnte ich mich nicht wohl fühlen. Auf Ehre! Als ob mir eine Rippe fehlen würde. Auf Ehre!« Viel wurde darüber gesprochen, weshalb er so an dem Regenschirm hinge. Es ist unbegreiflich! Ei, vielleicht ist er eine Reliquie. Jemand erzählte (ich glaube der Grundbuchsprotokollführer Stephan Pazár, der Honved gewesen war), Paul Gregorics hätte zu seiner Zeit in diesem alten Schirme die wichtigen Estafetten und Notizen getragen, denn der Stock des Schirmes wäre angeblich an einer Stelle hohl. Das könnte freilich auch wahr sein. Den übrigen Gregorics', die auf die Erbschaft warteten, war der verdächtige kleine Junge im Hofe des Gregorics-Hauses ein Dorn im Auge, und so lange spürten sie der Sache nach, bis sie in der Matrikel der katholischen Kirche zu Privorec (in Privorec lag das Landgut des Paul Gregorics) fanden, was sie gesucht. Er war als »Georg Wibra, illegitim« eingetragen, als seine Mutter Anna Wibra. Er war ein hübscher kleiner Fratz, voll Feuer, voll Leben, in den sich auch fremde Leute verlieben konnten. Verdächtige Erscheinungen. Der kleine Georg Wibra wuchs schön heran und wurde ein kräftiger, mächtiger Bursche mit einem Brustkorb wie eine Trommel. Paul Gregorics konnte nicht oft genug wiederholen: »Wo er nur diesen Brustkorb hergenommen hat? Zum Teufel, wo mag er ihn hergenommen haben?« Ihm, dem Engbrüstigen, imponierte dieser Brustkorb am meisten, die andern Fähigkeiten des Georg interessierten ihn kaum. Und er war wirklich ein besonders talentierter Junge. Der alte pensionierte Professor Martin Kupeczky, der ihm täglich in den Elementarwissenschaften Unterricht erteilte, sagte zu Gregorics mit Begeisterung: »Der Knabe ist ein großes Talent; glauben Sie mir, Herr Gregorics. Er wird ein großer Mann, Herr Gregorics. Um was wetten wir, Herr Gregorics?« In solchen Momenten fühlte sich Gregorics glücklich; er mußte den Knaben sehr lieb haben, obzwar er es nicht zeigte. Gregorics lächelte darauf und sprach: »Also ich wette um eine Cigarre und betrachte sie schon jetzt als verloren.« Er bot dem alten Professor, der sehr gern wettete und plauschte, von seinen feinsten Cigarren an. »Ich habe noch keinen so genialen Schüler gehabt, glauben Sie mir, Herr Gregorics. Mit lauter mittelmäßigen Fratzen plage ich mich das ganze Leben lang. Auf die verschwende ich meine Wissenschaft. Das ist ein höchst trauriges Gefühl, glauben Sie mir, Herr Gregorics. (Und er linderte seinen großen Schmerz mit einem Prischen Schnupftabak.) Es ergeht mir, Herr Gregorics, wie dem Staatsmünzer. Haben Sie schon davon gehört, Herr Gregorics? Wie, Sie hätten es noch nicht gehört? Nun, ein großes Stück Gold ist unlängst im Münzamt in Verlust geraten. Man sucht, man findet nichts. Wohlan, eine große Untersuchung wird eingeleitet, und es kommt an den Tag, das große Stück Gold ist aus Unvorsichtigkeit in die Kupferkreuzer vermischt worden. Nun, das ist die Sache. Sie verstehen mich doch, Herr Gregorics? Meinen Geist gieße ich schon seit Generationen in lauter Dummköpfe. Denique, jetzt am Ende treffe ich auf ein echtes Talent. Sie verstehen mich doch, Herr Gregorics?« Und Paul Gregorics hatte nicht nötig, angespornt zu werden; er nährte ohnehin schon eine etwas übertriebene Neigung zu dem Wibra-Jungen, und diejenigen, welche vielleicht nur den Zweck hatten, die Familie Gregorics in Angst zu jagen mit ihrer Weissagung: »Das Ende vom Liede wird sein, daß er die Anna Wibra heiratet und den Jungen adoptiert« kamen sehr nahe an die Wahrheit heran. Sogar Kupeczky sagte es: »Das wird das Ende sein. Wer wettet mit mir, daß es so sein wird?« Es wäre auch dazu gekommen. Paul Gregorics dachte selbst daran, dies wäre auch –, gestehen wir es nur –, das korrekte Verfahren gewesen, aber Gregorics liebte den kleinen Georg viel zu sehr, als daß er sich getraut hätte, korrekt zu sein. Vor den logischen Lauf der Begebenheiten stellten sich zwei seltsame Umstände. Einer derselben war, daß Anna Wibra eines Tages von der Leiter fiel und sich den Fuß brach, so daß sie lebenslang lahm blieb, und wer könnte eine lahme Dienstmagd brauchen? Der zweite Umstand zerriß das Herz des Sonderlings noch mehr. Der kleine Georg erkrankte eines Tages, wurde ganz blau, hatte Krämpfe, das Fieber schüttelte ihn, man glaubte schon, er werde sterben. Gregorics warf jede falsche Scham beiseite, ließ sein Haupt auf das Bettchen des Kranken sinken, küßte sein Gesicht, seine Augen, seine erkaltende Hand und sprach das erste Mal mit seines Herzens Ton zu ihm: »Was fehlt dir? Was schmerzt dich, mein teures Kind?« »Ich weiß es nicht, Onkelchen,« wimmerte das Kind. Gar seltsam war der alte Gregorics in diesem Momente anzusehen mit seinem gen Himmel sich sträubenden, dünnen roten Haar; er sah die Pein, die Todesqual des Kindes, und sein schwächlicher Körper fühlte die Qualen mit, seine Glieder begannen zu zucken, sein Herz brach, und sein Geheimnis kam ans Tageslicht. Er erfaßte die Hand des Arztes. »Er ist mein Sohn. Hören Sie, mein Sohn. Ein Backkorb voll Gold ist Ihr Lohn, wenn Sie ihn retten.« Der Arzt rettete den Knaben auch, er erhielt auch den Backkorb voll Gold, so wie ihm das Gregorics im Momente der Gefahr versprochen hatte. Freilich hatte den Backkorb nicht der Arzt ausgesucht, sondern Gregorics ließ ihn eigens flechten von den Sohler Slowaken. Den Jungen heilte der Doktor, doch Gregorics machte er krank. Er erweckte einen großen Verdacht in der Seele des Gregorics, indem er Vergiftungssymptome bei der Krankheit des Knaben konstatierte. Nun, dem Gregorics fehlte nur noch dies, um ewig zu grübeln, besorgt zu sein. Wie konnte dies geschehen? »Hast du, mein Herzchen, nicht einen giftigen Pilz gegessen?« Georg schüttelte den Kopf. »Ich habe keinen gegessen, Papa-Onkelchen.« (Das war der neue Titel. Er acceptierte den »Papa,« wollte aber das alte »Onkelchen« nicht lassen.) Was konnte er dann gegessen haben? Auch die Mutter riet hin und her. Vielleicht dies, vielleicht jenes. Vielleicht war der Essig in der Speise verdorben. »Was haben wir nur an dem Tage gekocht?« Aber auch das ist nicht unmöglich, daß das Kupfergeschirr unrein war. Gregorics schüttelte erbittert den Kopf. »Rede keine Dummheiten, Ancsura!« Gregorics hatte andere Gedanken; er teilte seinen Verdacht niemandem mit, aber vorhanden war er unter seinen geheimsten Gedanken, dort bohrte und zehrte er und zerstörte ihm Schlaf und Appetit. Gregorics dachte an seine Geschwister. Ihre Hand war es, ihre nach der Erbschaft ausgestreckte Hand. Nun waren seine Pläne, den Knaben zu adoptieren, ihm den Namen und das Vermögen zu geben, für immer vernichtet. »Nein, nein. Es könnte sein Leben kosten. Sie würden ihn töten, wenn ich ihn in ihren Weg stellen wollte. Ich werde ihn nicht in ihren Weg stellen.« Er zitterte für das Kind, getraute sich aber nicht mehr, es zu lieben. Er setzte sich ein neues System fest, die Taktik der Verteidigung. Und das war eine grausame und närrische Taktik. Er befahl dem aufgeweckten Knaben, ihn von nun an »gnädiger Herr« zu nennen und ihn nicht mehr zu lieben. »Das war nur so ein Scherz,« sagte er »daß ich mich als deinen Vater aufgespielt habe. Hast du verstanden?« Aus den Augen des kleinen Jungen quollen auf diese Worte Thränen hervor. Der alte Gregorics zitterte, beugte sich herab, küßte ihm die Thränen weg, und seine Stimme war unendlich traurig: »Du darfst niemandem sagen, daß ich dich geküßt habe, denn du könntest in großer Gefahr schweben, wenn man es erfahren würde.« Er verfiel in eine wahre Vorsichtsmanie. Er nahm Kupeczky ins Haus, der Tag und Nacht den Knaben beaufsichtigen und ihm jede Speise vorkosten mußte. Wenn der Junge das festversperrte Haus verlassen wollte, wurde er zuerst ausgekleidet; er mußte den Samtrock und die hübschen Lackschuhe ablegen, um draußen bloßfüßig, abgerissen herumzulaufen (alte, schmutzige Kleider wurden eigens zu diesem Zwecke angeschafft), damit, wenn in der Stadt gefragt wird: »Wem gehört der kleine Händelsucher?« diejenigen, die es wissen, antworten sollen: »Der Köchin des Gregorics.« Ja, um den Verdacht der Verwandten vollkommen einzuschläfern, nahm er es sogar auf sich, für die Erziehung eines Sohnes seiner Schwester Marie, verheiratete Panyoki, zu sorgen. Er nahm ihn auch mit nach Wien ins Theresianum und umgab ihn mit herrschaftlichem Glanz unter den Grafen- und Fürstenkindern; auch den andern Neffen schickte er unaufhörlich Geschenke, so daß die Gregorics', die ihren Bruder Paul nie geliebt, sich langsam mit ihm zufrieden gaben. »Er ist kein arger Mensch,« sagten sie, »nur ein großer Esel.« Den kleinen Georg schickte er – als die lateinische Schule an die Reihe kam – in weit entfernt liegende Städte, nach Szegedin, Klausenburg, wohin die Intrigue der Familie nicht reichen konnte. Alsbald verschwand auch Kupeczky insgeheim aus der Stadt; er hätte sich doch wahrlich auch bei Trommelwirbel entfernen können, und kein Hahn hätte nach ihm gekräht. Zweifelsohne lag eine gewisse Übertriebenheit in dieser Vorsicht. Doch eben die Übertreibungen bildeten ja den Grundzug von Paul Gregorics' Charakter. Er bewegte sich ewig auf dem Grenzsteg. Wenn er eine Sache unternahm, zu der Mut gehörte, war er verwegener als der Teufel selbst, und wenn ihn die Furcht ergriff, sah er tausend Schreckgespenster aus allen Winkeln hervorflattern. Seine Liebe zu Georg war überspannt, seine Angst um ihn war auch überspannt, aber dafür konnte er nicht. Während der Knabe sich schon entwickelte und eine Klasse nach der andern mit ausgezeichnetem Erfolge absolvierte, begann das Männchen mit dem roten Regenschirm seine Liegenschaften zu verkaufen. Er erzählte, er habe eine große Besitzung in Böhmen gekauft, weshalb er das Wiener Zinshaus verkaufen müßte. Nach kurzer Zeit baute er eine Zuckerfabrik auf seinem böhmischen Besitz, infolgedessen er einen Käufer für das Privorecer Landgut suchte. Es fand sich auch sofort dafür ein reicher Kaschauer Kaufmann. Es lag in all dem, daß das kleine rote Männchen auf seine alten Tage sich in solche Veränderungen einließ, etwas Geheimnisvolles, Rätselhaftes. Eines Tages verschrieb er auch sein Neusohler Haus auf Anna Wibra: Und das kleine Männchen war so heiter, so beweglich, so zufrieden wie niemals vorher. Er begann wieder Gesellschaften aufzusuchen, interessierte sich, plauderte, ließ sich schön thun, speiste abwechselnd bei seinen Geschwistern, wobei er hier und dort Anspielungen fallen ließ: »Ich werde doch nicht, was ich besitze, auf meinem Rücken ins Jenseits tragen.« Er fing wieder an, den Frauen Besuche abzustatten, welche er in jungen Jahren vergebens hofierte, außerdem verreiste er öfters auf Wochen und Monate mit seinem abgenützten Regenschirm, welcher ihn nie verließ, unter dem Arme. In der Stadt kümmerte man sich nicht mehr viel darum: »Gewiß hat sich der Alte auf seine böhmischen Besitzungen begeben.« Von diesen böhmischen Besitzungen sprach er wenig, trotzdem besonders die Geschwister viel Interesse für dieselben zeigten. Einer oder der andere erbot sich auch, ihn einmal zu begleiten, da er Böhmen noch nicht kannte u. s. w., aber Herr Paul wußte jedesmal den Fragen zu entschlüpfen und schien sich überhaupt nicht viel in seinem Geiste mit diesem Besitz zu beschäftigen, was er um so eher thun konnte, als er nicht mehr vom böhmischen Boden besaß, als was er einmal unter seinen Nägeln aus Karlsbad mitgebracht, wo er seine Nieren kurierte. Das ganze böhmische Besitztum war nur für die Verwandten ausgedacht. Paul Gregorics machte einfach alles zu Geld, um es in einer Bank placieren und seinem Sohne geben zu können. Aus einer Bankanweisung wird seine Erbschaft bestehen, aus einem Stückchen Papier, welches niemand sieht, welches er in die Westentasche stecken kann, und doch wird es ihn zu einem reichen Manne machen. Schön und vernünftig war es ausgedacht. Er reiste auch infolgedessen nicht auf seine böhmischen Besitzungen, sondern vielmehr in die Städte, wo Georg mit seinem alten Mentor dem Studium oblag. Dies waren seine glücklichen Tage, der einzige Sonnenschein seines Lebens, wo er sein Kind, das unterdessen ein hübscher, schlanker Student geworden, frei lieben durfte. Er war erster Eminent in der Klasse, und auch an Charakter wie an Benehmen überragte er seine Kameraden. Der Alte blieb wochenlang in der Mathias-Stadt (wie Szegedin genannt wird) und ergötzte sich an Georg Wibra. Oft sah man sie am Theißufer spazieren gehen, und wie er so mit Kupeczky und Georg sich slowakisch unterhielt, wandte sich jede lebende Seele auf den Klang dieser seltsamen Laute um: was das wohl für Figuren sein möchten, welche Abkömmlinge eines sprachverwirrten Erbauers des Turmes von Babylon. Gregorics lebte in solchen Zeiten nur für den Jungen. Nach der letzten Lektion wartete er schon auf ihn im Thore des Schulhauses, und der Knabe lief ihm voll Liebe entgegen, trotzdem die bösen Rangen, von welchen man voraussetzt, daß sie außer Ball- und Knopfspiel für andere weltliche Dinge keinen Sinn haben, ihren Spott mit ihm trieben wegen des roten Männchens. Sie erzählten sich, er sei der höllische Satan in eigener Person; er ist es, der die Aufgaben des Georg Wibra macht, er gießt ihm mit einer Zauberformel die aufgegebene Lektion in den Kopf, auf diese Art ist es nicht schwer, erster Eminent zu sein. Es fand sich auch unter ihnen ein Taugenichts, der auf Himmel und Erde schwur, der rätselhafte Alte habe einen Pferdefuß, wenn er seine Stiefel ablege; dem abgerissenen, roten Regenschirm, den er immer bei sich trug, dichteten sie ebenfalls irgend eine Zaubereigenschaft an, so ähnlich wie sie der Lampe des Aladin eigen ist. Stephan Parvesányi, der beste Versmacher der Klasse, schrieb auch ein Distichon an den roten Regenschirm, welches die Neider des ersten Eminenten oft zu dessen Ärgernis deklamierten. Aber Parvesányi bekam auch das Honorar dafür von Georg Wibra in Gestalt eines Backenstreiches, daß ihm das Blut aus Mund und Nase hervorquoll. Der Knabe Georg ärgerte sich von nun an über den roten, zerrissenen Schirm, welcher »Papa-Onkelchen« vor der Klasse lächerlich machte, und eines Tages sprach er darüber mit Gregorics: »Papa-Onkelchen, Sie könnten sich wirklich schon einen neuen Schirm anschaffen.« Der alte Herr lächelte verschmitzt. »Was? Vielleicht gefällt dir mein Schirm nicht, du Zierbengel?« »Man verspottet Sie seinetwegen, Papa-Onkelchen, glauben Sie mir, die Gymnasiasten haben sogar schon einen Vers darüber geschrieben.« »Mein Söhnchen, sage den Studenten, daß nicht alles Gold ist, was glänzt, das wissen auch sie schon, aber setze hinzu, daß manchmal auch dasjenige Gold sein könne, was nicht glänzt. Einst wirst du das verstehen, wenn du groß sein wirst.« Er wurde nachdenklich, stöberte zerstreut mit dem Stocke des Schirmes im blinkenden Flugsand herum und setzte hinzu: »Wenn der Schirm dein Eigentum sein wird.« Georg schnitt eine gefällige Grimasse mit seinen beweglichen Mundwinkeln und Augen: »Danke schön, Papa-Onkelchen. Ich sehe schon, Sie haben ihn mir zum Namenstagsgeschenk bestimmt; aber doch nicht an Stelle des versprochenen Ponnys?« Und er lachte übermütig, worauf auch der Alte zu lachen begann, indem er zufrieden seinen aus vier- bis fünf Härchen bestehenden Schnurrbart streichelte. Es lag in seinem Lachen etwas Listiges, Bedeutungsvolles, als ob er nach innen, in seine eigene Seele hinein lachte. »Nein, nein, den Pony bekommst du. Aber ich versichere dich, daß der Schirm einst dir angehören und ein guter Schutz gegen Wetter und Wolken sein wird.« »Welche Starrköpfigkeit!« dachte Georg. »Diese alten Herren hängen so an ihren gewohnten Gegenständen und überschätzen dieselben. Auch der Professor Havranek schneidet seine Federn seit einundvierzig Jahren mit demselben Federmesser, nur der Griff und die Klinge sind seitdem schon einigemal erneuert worden.« Aber eine Episode machte auch den Georg stutzig, und er unterließ endgültig alle Versuche gegen den Regenschirm. Eines Tages ruderten sie auf die »gelbe Insel,« ein kleines Eiland, welches sich bei dem Zusammenfluß der Maros und Theiß gebildet hat, und wo die Szegediner alten Fischer die köstliche Fischsuppe kochen. Die jüngeren wissen schon nicht lateinisch, und das ist die einzige Speise, zu deren Bereitung die lateinische Sprache nötig ist, und außerdem natürlich der Karpfen, der Stierl, der Paprika und das Theißwasser. So ist es aufgezeichnet im berühmten Kochbuch des Martin und spielt eigentlich nur darauf an, daß ein Weib nicht imstande ist, eine Fischsuppe zu kochen ; oder auch das ist nicht unmöglich, daß es sich auf die alte dreifache Regel der Szegediner Fischer bezieht, welche sie bei der Zubereitung der Fischsuppe schon seit undenklichen Zeiten befolgt haben: » habet saporem, colorem et odorem « (sie hat Geschmack, Farbe und Duft). Also wie gesagt, Kupeczky, Gregorics und Georg unternahmen einen Ausflug auf die gelbe Insel. Als ihr Seelentränker schon beinahe das Ufer erreichte, stieß er an ein Hindernis und kippte beinahe um. Gregorics, der im Aufstehen begriffen war, wankte, verlor das Gleichgewicht, fiel im Kahn um und ließ im Schrecken seinen Regenschirm fallen, so daß derselbe geradeaus ins Wasser glitt und der Strom ihn schön langsam flußabwärts trieb. Gregorics schrie auf: »Ach mein Schirm!« Leichenblässe überzog sein Gesicht. Aus seinen Augen sprach Entsetzen. Die zwei Ruderer lächelten, der alte Martin Ördög bemerkte geringschätzig, seine Pfeife in den andern Mundwinkel schiebend: »Es ist nicht schade darum, Euer Wohlgeboren. Der war ohnehin schon zu nichts anderem gut, als in die Hand des ›Weizenmannes‹« (Weizenmann heißt man die aus Fetzen angezogene Vogelscheuche, die zum Abschrecken der Sperlinge in das Weizenfeld gestellt wird.) »Hundert Gulden für den, der ihn zurückbringt!« röchelte der Alte verzweifelt. Die Ruderer schauten sich an, der jüngere, Hans Börcsök, begann, sich die Stiefel auszuziehen. »Spricht der Herr im Ernst?« »Hier sind die hundert Gulden,« sprach Gregorics schwer atmend und zog aus seiner schwarzen Brieftasche die hundert-Guldennote heraus. Hans Börcsök, ein hübsches Exemplar der Szegediner Schiffbauer, wandte sich an Kupeczky: »Ist dieser Herr nicht verrückt?« fragte er in seinem langsamen Tempo, während sich der Regenschirm sanft auf der Oberfläche des Wassers wiegte und immer weiter schwamm auf dem gewellten Rücken des trägen ungarischen Nils. »Nein, nein,« antwortete Kupeczky, den die sonderbare Anhänglichkeit des Gregorics an den Schirm auch in Erstaunen versetzte. »So viel ist er nicht wert, domine spectabilis , auf Ehre, es ist eine große Dummheit.« »Schnell, schnell,« keuchte Gregorics. Jetzt erfaßte noch ein Zweifel den Hans Börcsök: »Ist die Banknote nicht falsch, Euer Wohlgeboren?« »Nein, nein, nur schnell, schnell.« Bei diesen Worten hatte Hans Börcsök schon seine Stiefel ausgezogen und entledigte sich seines schwarzen Spencers; in einem Nu war er ins Wasser gesprungen wie ein munterer Frosch und begann, dem Schirm nachzuschwimmen. Martin Ördög konnte ihm nicht genug nachschreien: »Du bist ein großer Esel, Iankó! Was thust du, Iankó? Steig' heraus, Iankó! Quäle dich nicht umsonst!« Der erschrockene Gregorics sprang auf ihn los, faßte mit einer Hand seine Halsbinde und begann, ihn zu würgen: »Schreien Sie nicht, oder ich töte Sie, ich töte Sie sogleich. Wollen Sie mich zu Grunde richten?« Martin Ördög nahm dies alles mit dem größten Gleichmute auf. »Nun, was soll das bedeuten? Der Herr will mich doch hoffentlich nicht erwürgen? Lassen Sie mein Halstuch los!« »So lassen Sie den Burschen nach dem Regenschirm schwimmen.« »Aber die Henne muß doch das Hühnchen belehren,« entschuldigte sich Martin Ördög. »Hier ist der Hauptstrom des Wassers, er erreicht den Schirm nicht, doch wozu auch, denn er kommt von selbst nach einer halben Stunde auf das andere Ufer der gelben Insel, da der Fluß hier im Ring um dieselbe fließt. Nach einer halben Stunde werden die Fischer drüben ihr großes Netz ausbreiten, und der Schirm des Herrn läuft sicher hinein, sogar dann, wenn irgend ein großer Fisch ihn bis dahin verschluckt, höchstens nehmen wir den Schirm aus seinem Bauch heraus.« Es geschah auch so, wie der alte Fischer vorausgesagt, der Regenschirm lief in das Netz ein, und groß war die Freude des Gregorics, als er sein liebstes Hab und Gut wieder in der Hand halten konnte. Ganz leichten Herzens zahlte er dem Johann Böresök die hundert Gulden aus, obzwar er den Schirm richtig nicht erreicht hatte, obendrein beschenkte er auch noch die Fischer reichlich, die tags darauf die Stadt mit der seltsamen Begebenheit vollposaunten, daß ein närrischer alter Mann hundert Gulden für das Herausfischen seines Regenschirmes gezahlt habe. Ein so fetter Karpfen war schon gar lange nicht in der Theiß geschwommen. Die neidischen Fischer und Marktweiber rieten hin und her: »War vielleicht der Griff des Schirmes aus Gold?« »Bewahre, ganz gewöhnliches Holz.« »So muß die Leinwand besonders fein gewesen sein?« »Unsinn! Giebt's denn eine Leinwand auf der Welt, die hundert Gulden wert ist? Er war aus rotem Kanevas, und auch der war zerrissen und geflickt.« »Nun, dann war das auch nicht so.« »Und doch war es so.« Selbst Kupeczky sagte dem Gregorics vor Georg vertraulich nach: »Ich möchte darauf wetten, daß im Schädel des Alten eine Schraube zerbrochen ist.« »Er ist ein launenhafter, doch guter Mensch,« entschuldigte ihn Georg. »Wer weiß, welche Erinnerungen ihn an seinen Schirm fesseln?« Paul Gregorics' Tod und Nachlaß. Das Ereignis gewann übrigens erst später nach Jahren an Bedeutung, als sich schon niemand mehr daran erinnern konnte, und als es auch Georg vergessen hatte. Dem Kupeczky konnte es schon gewiß nicht mehr in den Sinn kommen, da den alten Mentor auf die Nachricht von Paul Gregorics' Tod, die ein Telegramm, das wie der Blitz einschlug, aus Neusohl gebracht, das Fieber packte, er selbst sich ins Bett legte und folgendermaßen zu seinem schluchzenden Schüler sprach: »Georg, ich sterbe. Ich fühle, daß ich sterbe. Gregorics hat den Lebensmut in mir aufrecht erhalten. Das heißt, ich habe meinen Lebensmut ihm zuliebe aufrecht erhalten, doch jetzt lasse ich ihn sinken. Aus ist's. Ich weiß nicht, was aus dir werden wird, armer Junge! Ob wohl Gregorics für dich gesorgt hat? Aber für mich hat er nicht gesorgt. Alles ist umsonst, ich fühle, daß ich sterbe. Ich möchte wetten.« Und er hatte die Wette gewonnen, denn Gregorics' Tod und die späteren Nachrichten wirkten auf den Alten so niederschmetternd, daß er das Bett nicht mehr verließ. Georg, der zum Begräbnisse nach Hause gereist war, wurde nach einer Woche durch seine Wirtschafterin benachrichtigt, auch der Mentor sei gestorben, man solle Begräbniskosten schicken. Aber was war der Tod des Kupeczky im Vergleich zu dem des Gregorics? Die alte Motte hatte niemand mehr nötig, sie that wohl daran zu verschwinden, ihr Fehlen bemerkte kaum jemand. Schön bescheiden zog er sich ins Jenseits zurück, wie es sich schickt. Zeitlebens hat er auch nicht viel Wasser getrübt. Er war da, er verschwand, Punktum. Doch Paul Gregorics vollbrachte auch diese Sache gar sonderbar. Es geschah eben am Gründonnerstag, daß der Alte zu Mittag anfing, sich über Magenkrämpfe zu beklagen, sehr erbleichte und große Schmerzen empfand, sich niederlegte und bat, ihm gewärmte Hafersäckchen auf den Magen zu legen. Ancsura brachte ihm den Hafer und richtete seine Kissen. Seine Magenkrämpfe ließen etwas nach, aber eine fürchterliche Mattigkeit überkam ihn, er schlief bis zum Abend. Gegen Abend schlug er die Augen auf und sprach: »Gieb mir meinen Schirm, Ancsura, lege ihn mir unter den Kopf.« »So, jetzt fühle ich mich leichter.« Er entschlummerte wieder ein wenig, doch alsbald schreckte er mit verzerrtem Gesicht auf. »Einen gräßlichen Traum habe ich gehabt, Ancsura. Ich träumte, ich sei ein Pferd geworden, und man führte mich auf den Markt. Meine Brüder, meine Neffen kamen hin und handelten um mich. Und ich zitterte, welcher mich wohl kaufen werde. Mein Bruder Balthasar riß mir das Maul auf besah meine Zähne und sagte: ›Der taugt schon zu nichts mehr, nur die Haut ist fünf Gulden wert.‹ Und wie sie so um mich feilschen, kommt ein Sensenmann daher und klopft mir auf die Schenkel. Jetzt noch schmerzt meine Seite davon. Ich fühle es, Ancsura, hier hat er mich abgeklopft. ›Das Pferd ist mein,‹ sagte er, ›ich kaufe es.‹ Ich schau mir den Sensenmann an, da war's der Tod. Aber den Halfter gebe ich nicht her – erwiderte mein Eigentümer. ›Mir ist es auch so recht,‹ stimmte der Sensenmann zu, ›ich werde gleich einen Halfter aus dem Nachbarladen bringen, warten Sie, ich komme sogleich.‹ Darauf bin ich aufgewacht, Ancsura. Das ist furchtbar!« Seine rötlichen Haare standen gen Himmel, und Todesschweiß perlte an seinen Schläfen. Ancsura wischte ihn mit einem Tuche ab. »Unsinn, glauben Sie mir, das ist Unsinn. Träume kommen nicht vom Himmel, sondern aus dem Magen.« »Nein, nein,« stöhnte der Kranke »ich fühle, dies ist mein Ende, ich fühle es. Mir bleibt nur so viel Zeit, Ancsura, bis er den Halfter bringt. Tröste mich nicht, ich liebe das leere Geschwätz nicht, aber gieb mir rasch Tinte und Papier, ich will dem Jungen, dem Georg, eine Depesche aufsetzen, er möge sogleich nach Hause kommen. Das Kind werde ich noch erwarten. Ja, ich erwarte ihn.« Man schob ihm einen Tisch hin, und rasch mit kräftigen Zügen schrieb er auf das Papier: »Komme schnell nach Hause, Papa-Onkelchen liegt im Sterben, er will dir etwas übergeben. Deine Mutter.« »Der Diener trage die Depesche auf der Stelle fort.« Er war so lange unruhig, bis der Diener nach Hause kam. Dreimal fragte er nach ihm. Endlich kam er nach Hause, aber mit einer schlechten Nachricht. Das Telegraphenamt war schon gesperrt, die Depesche konnte nicht aufgegeben werden. »Es thut nichts, wir werden sie schon morgen aufgeben. Der Herr macht sich ohnehin nur unnötige Sorgen, es wird ihm nichts sein, aber er ist derart nervös, daß man ihn nicht aufregen darf. Sagen Sie nur drin, die Depesche sei abgegangen.« Diese Lüge beruhigte den Kranken, er fühlte sich ganz erleichtert. Er rechnete aus, wann der Junge ankommen könne. Übermorgen zu Mittag wird er sicher hier sein. Er schlief die Nacht hindurch ganz ruhig, des Morgens stand er auf, er war sehr bleich, sehr schwach, aber er ging umher, machte sich zu schaffen, räumte in seiner Lade unter alten Andenken. Ancsura dachte bei sich: »Es ist überflüssig, die Depesche abzusenden, es wird ihm nichts sein, schon ist ihm besser, nach einigen Tagen erholt er sich ganz.« Den ganzen Tag wankte er herum. Nachmittags sperrte er sich in sein Schreibzimmer ein, trank eine Flasche Tokajer Ausbruch und schrieb ununterbrochen. Ancsura bat, ein einziges Mal hineinkommen zu dürfen, um zu erfahren, ob er nicht etwas benötige. »Nichts.« »Thut Ihnen nichts weh?« »Die Seite schmerzt mich, die Stelle schmerzt mich, wo mich der Sensenmann im Traum geklopft hat. Dort innen thut es weh.« »Sehr weh?« »Sehr.« »Soll ich nicht zum Arzt schicken?« »Nein.« Gegen Abend ließ er den königlichen Notar, Herrn Johann Sztolarik holen. Er war sehr vergnügt, als der Notar kam, er lachte sogar. Er bat ihn, Platz zu nehmen, und ließ noch eine Flasche Tokajer kommen. »Von der Februar-Lese, Ancsura.« Der war noch von seinem Vater, dem bekannten Weinhändler, ihm hinterlassen; es war ein Wein aus dem Jahre, wo in Tokaj zwei Weinlesen stattfanden: eine im Februar und eine im Oktober. Nur Könige trinken davon. Die »Februar-Lese« war infolge des im vorhergehenden Jahre früh eingetretenen Winters bis zum Frühjahr auf dem Stocke geblieben. Es läßt sich denken, welch' eigentümlich feinen, kräftigen Saft die aufgesprungenen Trauben ergaben. Der verstorbene Gregorics nannte dieses Getränk den »Lebensretter« und wiederholte immer: »Wenn ein Selbstmörder vor dem Akt zwei Gläschen voll davon trinkt, läuft er gewiß, wenn er ledig ist, zu dem Heiratsvermittler, und wenn er verheiratet ist, zum Advokaten. Das heißt: er will heiraten oder sich scheiden lassen, doch sterben keineswegs.« Sie stießen mit der starken Flüssigkeit an. Gregorics schnalzte mit der Zunge. »Höllisch gut. Davon hat mein Vater an meinem Geburtstage getrunken. Das war der Anfang, und ich schließe ebenfalls damit mein Ende ab.« Dann stießen sie neuerdings mit ihren Gläsern an. Auch dem Notar mundete der Wein. Herr Gregorics zog ein versiegeltes Schriftbündel aus der Tasche. »Darin ist mein Testament, Herr Sztolarik. Ich habe Sie deshalb rufen lassen, um es Ihnen zur Aufbewahrung zu übergeben.« Er rieb sich die Hände und lachte. »Gar seltsame Dinge stehen darin.« »Die Sache ist noch verfrüht,« bemerkte Herr Sztolarik, die Schrift entgegen nehmend. »Weshalb eilen Sie so?« Herr Gregorics lächelte matt. »Das weiß ich schon besser als Sie, Herr Sztolarik. Aber trinken Sie noch ein Gläschen, trinken Sie noch. Lassen wir den Tod, der handelt jetzt um den Halfter. Es ist weit interessanter, Herr Sztolarik, wie mein Vater zu diesem Weine kam. Das ist eine nette Sache.« »Ich bin ganz neugierig, Herr Gregorics.« »Na, mein Vater war ein großer Schelm. Er arbeitete mit List, wo er auf geradem Wege nicht weiter kam. Etwas habe auch ich von dieser Schlauheit geerbt, aber das ist nicht die richtige, was übrigens ohnehin schon alles eins ist. In Zemplin lebte ein Nabob, ein sehr, sehr reicher Graf, der nebenbei ein großer Esel war. Das heißt, er war nur ein gutherziger Mensch, der anderen gern Freude bereitete. Nun eben deshalb war er ja ein großer Esel. Mein Vater pflegte Weine von ihm zu kaufen, und wenn sie einen guten Kauf abgeschlossen, bot ihm der Graf jedesmal von diesem Nektar ein Liliputaner-Gläschen an. Es war natürlich, daß er als leidenschaftlicher Weinhändler den Grafen in einem fort molestierte, er möge ihm ein oder zwei Eimer von diesem Weine verkaufen, aber der wollte gar nichts davon hören: ›Nicht einmal Kaiser Franz besitzt soviel Geld, um den kaufen zu können‹ Nun einmal, als sie eben einen Weinkauf mit dem ›Lebensretter‹ besiegelten, fängt plötzlich mein Gottseliger zu seufzen an: ›O, welch' köstlicher Saft, o, welch' vorzüglicher Trank, o, wenn mein armes krankes Weib täglich davon trinken könnte, wenn auch nur einen Fingerhut voll, zwei Wochen lang, dann würde sie sicher genesen.‹ Dadurch wurde der edle Graf gerührt, ließ sofort seinen Kellermeister holen und erteilte ihm den Befehl: ›Füllen Sie die Feldflasche des Herrn Gregorics aus dem ›Lebensretter‹-Fasse.‹ Nach einigen Tagen erhielt der Graf Gäste, hübsche Damen, welchen er vom Feentrank anbieten wollte, doch der Kellermeister meldete: ›Kein Tropfen davon ist mehr da.‹ – ›Wohin haben Sie ihn denn gethan?‹ fuhr der Graf erstaunt auf. ›Alles ist in die Feldflasche des Gregorics hineingegangen, es war nicht einmal genug.‹ Mein Alter hatte nämlich eine drei Eimer große Feldflasche zu Hause vom Böttcher Pivák verfertigen lassen (der alte Pivák lebt noch heute und erinnert sich daran), die hatte er eigens auf einem gemieteten Fuhrwerk nach Zemplin gebracht, um auf diesem Wege zu dem Weine zu gelangen. Aber gelt, er ist sehr gut? Nun trinken Sie noch ein Gläschen auf den Weg, Herr Sztolarik.« Sobald der Notar sich verabschiedet hatte, rief er den Diener Matykó herbei. »Geh' sogleich zum Klempner und kaufe einen Kessel bei ihm. Dann suche mir, für wie viel Geld es auch sei, zwei Maurer. Aber daß du dir ja nicht einfallen läßt, ein Sterbenswörtchen von all dem jemand zu erzählen.« Hei, und eben das war die schwache Seite des Matykó. Wenn man es wenigstens nicht verboten hätte! Dann wäre es vielleicht noch möglich zu schweigen. »Geh' rasch und handle rasch! Nimm die Füße in die Hand!« Bevor man die Lichter anzündete, waren sowohl die Maurer als auch der Kessel dort. Paul Gregorics rief die zwei Handwerker in sein innerstes Zimmer und sperrte sorglich die Thüren ab. »Wißt ihr wohl zu schweigen?« Die Maurer sahen sich an, dachten nach, endlich antwortete der ältere: »Nun, schweigen kann doch der Mensch, er fängt ja gleich damit an, wenn er zur Welt kommt. Und so lange, bis man reden lernt, ist es auch nicht schwer.« »Später kann man es auch versuchen,« sagte der jüngere Maurer – »wenn es sich lohnt.« »Nun, es lohnt sich. Ihr bekommt je fünfzig Gulden, wenn ihr heute Nacht eine solche Öffnung in die Zwischenmauer baut, in welcher ein Kessel Platz hat, und diese wieder so vermauert, daß niemand es bemerken kann.« »Nur das?« »Nur eben das. Und von nun an gebühren euch jährlich je fünfzig Gulden vom Eigentümer des Hauses, so lange ihr über die Sache schweigt.« Die Maurer sahen sich wieder an und der ältere antwortete: »Wir werden es machen. Wo soll die Arbeit gethan werden?« »Ich werde euch führen.« Gregorics nahm einen rostigen Schlüssel vom Nagel herab, dann ließ er die Arbeiter vorausgehen und folgte ihnen in den Hof, trotzdem ihm das Gehen schwer fiel. »Kommt mir nach.« Er ging den Garten entlang. Hinter dem Garten stand »der Libanon,« ein kleines Steinhäuschen, in einem Grunde von zwei Joch, welcher dicht mit Apfelbäumen bepflanzt war. Äpfel mit köstlichem Aroma wuchsen hier. Diesen zuliebe kaufte Gregorics das kleine Haus von der Witwe des Seelsorgers und schenkte es dem kleinen Georg, auf dessen Namen es auch gleich geschrieben wurde. So lange Georg zu Hause war, hatte er dort mit Kupeczky sein Quartier aufgeschlagen, seitdem stand es unbewohnt, verlassen da. In dieses kleine Häuschen führte Gregorics die Maurer, bezeichnete die Stelle in der Steinwand, wo sie die Nische aushöhlen sollten und ordnete an, ihn zu holen, sobald sie fertig wären, um dann den Kessel hintragen zu können, bei dessen Einmauern er selbst bis zu Ende gegenwärtig sein wollte. Bis Mitternacht war das Loch fertig. Die Maurer kamen und klopften an das Fenster, Gregorics ließ sie ein. Der Kessel stand schon in der Mitte des Zimmers. Man sah aber nichts anderes als Sägemehl, doch war er trotzdem entsetzlich schwer, die zwei Maurer konnten ihn kaum tragen. Der Inhalt war unsichtbar. Gregorics folgte ihnen auf dem Fuße nach. Dann rührte er sich nicht weg, so lange, bis sie die Öffnung vermauert und dieselbe verputzt hatten. »Wenn es der Herr morgen übertünchen läßt, würde nicht einmal der Teufel die Stelle übermorgen finden können.« »Ich bin zufrieden,« sagte Paul Gregorics und zahlte ihnen die versprochene Summe aus. »Jetzt könnt ihr fortgehen.« Der ältere Maurer schien sich zu wundern, daß man ihn so leichten Kaufes fortließ. »Früher ging's bei ähnlichen Anlässen ganz anders zu,« sagte er mit einer gewissen Geringschätzung. »Ich habe von derartigen Sachen gelesen und auch gehört. Früher ließ man gewöhnlich bei solchen Gelegenheiten den Maurern die Augen ausstechen, damit auch sie sich nicht mehr hinfinden könnten; aber auch das ist wahr, daß sie nicht fünfzig Gulden dafür erhielten, sondern hundertmal so viel.« »Das war noch in den guten alten Zeiten!« seufzte der andere auf. Doch Paul Gregorics ließ sich mit ihnen nicht weiter ein, sperrte die schwere Eichenthür des Häuschens ab und ging nach Hause, um sich niederzulegen. Den Morgen darauf stellten sich die Magenkrämpfe wieder ein, er stöhnte und litt viel in seinen Schmerzen. Die Lorbeertropfen und das auf den Magen gelegte Senfpapier verschafften ihm nur eine momentane Erleichterung. Er wurde entsetzlich matt, und in seinen Augenhöhlen verbreitete sich ein stumpfes, gespenstisches Dunkel. Er ächzte, murmelte und zeigte nur hier und da Interesse für die Außenwelt. »Richte ein gutes Mittagsessen her, Ancsura, ein gutes Mittagsessen. Auch Mohnnudeln sollen dabei sein, denn der Junge kommt zu Mittag an.« Nach einer halben Stunde wandte er sich wieder an Ancsura: »Bereite die Mohnnudeln mit Honig, Ancsura, denn so ißt sie der Junge gern.« Für sich verlangte er Sauerwasser, er trank fortwährend, er leerte auf einmal eine ganze Flasche Sauerwasser aus, es bekam ihm sehr wohl, er mußte entsetzliche innere Hitze haben. Gegen Mittag wurden die Krämpfe noch heftiger, und er begann, Blut zu husten. Ancsura erschrak und brach in Weinen aus. Sie fragte, ob sie nicht zum Arzt oder zum Geistlichen schicken solle. Gregorics schüttelte den Kopf. »Nein, nein. Ich bin schon fertig. Alles ist in Ordnung. Ich warte nur noch auf den Jungen. Wie viel Uhr ist es jetzt?« Gerade erklang die Mittagsglocke im Münster. »Um diese Zeit kommt der Postwagen mit den Reisenden an. Geh', sag' dem Matykó, er soll sich vor das Thor stellen und den Georg erwarten, damit er seine Tasche hereinbringt.« Ancsura rang die Hände in ihrer Verzweiflung. Soll sie gestehen, daß sie die Depesche an den Jungen nicht abgeschickt hat? Mein Gott, wie sehnlich er ihn erwartet! Sie getraute sich nicht, es einzugestehen, trieb lieber die Verstellung weiter und sagte, es wäre gut, sie würde den Mathias hinausschicken. Jedoch der Kranke wurde immer ungeduldiger. »Trage dem Mathias das Horn hinaus, Ancsura. (Ein riesiges Hirschhorn hing an einer grünen Schnur an der Wand.) Er soll hineinblasen, wenn der Junge ankommt, damit ich es auch dadurch frischer erfahre.« Nun, auch das Horn mußte abgenommen und hinausgetragen werden, doch Ancsura getraute sich jetzt noch weniger, ihre Versäumnis einzugestehen. Nach all dem beruhigte sich der Kranke, er stöhnte nicht, er keuchte nicht, sondern horchte, sein Haupt öfters von den Kissen erhebend, und streichelte den Griff des abgetragenen Regenschirmes, der an seinen Kopf gelehnt war, als ob ihm dies Erleichterung verschaffte. »Öffne das Fenster, Ancsura, damit ich das Blasen des Matykó hören kann.« Durch das geöffnete Fenster strömte das Sonnenlicht herein, und der säuselnde Wind trieb berauschenden Akazienduft vor sich her. Gregorics sog ihn ein, und Sonnenstrahl und Akazienduft regten noch einmal längst abgestumpfte Sinne seiner Seele an. »Streichle mir die Stirne mit deiner Handfläche, Ancsura,« keuchte er kaum hörbar, »noch einmal möchte ich Weiberhand auf meinem Leibe fühlen.« Er schloß die Augen, während Ancsura die Hände auf seinen Schläfen hielt, es schien ihm wohl zu thun, den Kopf so eingepreßt zu fühlen. Nicht die geringste Hitze zeigte sich auf seiner Stirn, sie war sogar eher kalt und trocken, die Haut besaß nicht die gewöhnliche Feuchtigkeit, sie war spröde und schälte sich beinahe. Der Kranke seufzte: »Deine Hand ist nicht glatt genug? nicht genug ... Deine Hand ist rauh geworden, Ancsura.« Dann setzte er hinzu: »Doch die Hand des Bübchens, die ist so weich, so warm ...« Er lächelte matt und öffnete wieder die Augen: »Hast du nichts gehört? Pst! Als ob der Matykó bliese?« »Ich glaube kaum, ich höre nichts.« Gregorics wies gereizt mit seinen Händen in das nächste Zimmer. »Diese Hundeuhr rasselt dort, die stört, die ärgert mich. Halte sie an, Ancsura, schnell, schnell.« Eine altertümliche Uhr tickte im Nebenzimmer auf der Kommode. Es war eine schöne Uhr, die noch der Vater des Gregorics gekauft, als man in Gomör bei einem Herrn von Szentivanyi licitiert hatte. Sie stellte eine Vorhalle aus Ebenholz dar mit zwei Alabastersäulen und goldener Treppenbarriere, in der Vorhalle schwang sich ein Pendel mit einer großen Scheibe von einer Wand zur andern unter dumpfem, krachendem Ticken. Ancsura stellte sich auf einen Stuhl und sich emporstreckend brachte sie den Pendel zum Stehen. In diesem Momente ließ sich in der eingetretenen Stille ein röchelnder Schrei vernehmen, ein unverständlicher Mißton, als riefe der Kranke erstickend aus: »Ich höre das Horn, ich höre es,« dann wieder ein Röcheln und ein Fall. Ancsura sprang hinab und lief ins Schlafzimmer. Da war schon alles still, das Bett von Blut überströmt, und Gregorics lag dort, tot, bleich, mit offenen, starren Augen. Die eine Hand hing herab und hielt den Regenschirm krampfhaft fest. So endete der arme Paul Gregorics. Die Nachricht seines Todes verbreitete sich rasch bei den Verwandten und Nachbarn. Der städtische Arzt gab als Ursache des Todes ein Magengeschwür an. Er plapperte etwas mit lateinischen Worten untermischt, daß die Magenwand durchlöchert wäre, daher rühre der Blutsturz, und wenn man ihn früher gerufen hätte, so wäre noch Hilfe möglich gewesen. Bruder Balthasar erschien auf der Stelle, sowie auch Kaspar mit all seinen Kindern. Frau Panyoki (geb. Esmeralda Gregorics), die älteste Halbschwester des Verstorbenen, die den Sommer über auf dem Lande wohnte und erst gegen Abend Kenntnis von dem traurigen Fall erhielt, heulte verzweifelt: »Welch ein Schlag! welch ein Schlag, daß er im Sommer sterben mußte. Ich habe immer gebetet, er soll im Winter sterben und nicht im Sommer, und siehe, er stirbt doch jetzt. Ist es also der Mühe wert, in der heutigen Welt zu beten? Mein Gott, welch ein Schlag! Diese zwei Diebeskerle stehlen mir unterdessen alles vor der Nase weg.« Sie ließ sofort einspannen, begab sich in aller Eile nach Neusohl, kam jedoch erst in der Nacht an, als Balthasar und Kaspar alles durchstöbert, in allem herumgewühlt und die Herrschaft vollständig an sich gerissen hatten, sogar die Ancsura jagten sie weg. Die fromme Seele widersetzte sich umsonst, das Haus sei ja ihr Eigentum, auf ihren Namen geschrieben und sie der Herr hier. »Nur die vier Wände gehören Euch,« replizierte Herr Kaspar, »die werdet Ihr bekommen! Alles andere gehört uns. Hier hat eine Person mit einem unreinen Lebenswandel nichts zu suchen. Packt Euch von hier.« Der Kaspar war Advokat und sehr redegewandt, wie hätte die Ancsura gegen ihn aufkommen können? Sie weinte nur, weinte immerzu, dann nahm sie ihr Tuch, ihre Truhe, ihr Bündel und siedelte zur Mutter des Matykó über, doch erst untersuchten noch die gottlosen Gregorics ihre Sachen, ob sie nicht darunter Schätze, Sparkassenbücher und dergleichen mehr mit forttrage. Den dritten Tag wurde Paul Gregorics zu Grabe getragen. Es war ein mageres, ärmliches Begräbnis, niemand beweinte den Verstorbenen, nur die arme Ancsura, die sich wegen der bösen Verwandtschaft gar nicht an den Sarg heranwagte, sondern nur irgendwo hinten sich beiseite schob. Der Knabe war von Szegedin nicht angekommen. (Es ist besser so, daß er sich verspätet, sie hätten ihn noch vielleicht aus dem Hofe hinausgejagt.) Trotzdem aber die Ancsura hinten stand, sah man doch nur sie an, sie fiel jedermann ins Auge, noch mehr aber das große, herrschaftliche Gregoricshaus, das ihr als Erbteil zugefallen war; und als sie zufällig ihr thränenfeuchtes Taschentuch fallen ließ, stürzten alle Witwer der Trauerversammlung herbei, darunter auch ein Ratsherr, um es aufzuheben. Das fallengelassene Taschentuch war der Maßstab dessen, wie hoch sie in der Meinung der Menschen mit dem heutigen Tage gestiegen war. Den dritten Tag versammelte sich die ganze Verwandtschaft bei dem königlichen Notar Sztolarik, wo das Testament eröffnet wurde. Nun, das war freilich ein wenig sonderbar. Der ungarischen Akademie der Wissenschaften hinterließ der Alte zweitausend Gulden. Er testierte ferner allen Frauenspersonen, die er besser gekannt, die er nicht zu besuchen gepflegt, oder denen er den Hof gemacht hatte, einzeln je zweitausend Gulden. Und solche Damen zählte er nun beim Namen auf, die Summe der Legate, zwanzigtausend Gulden ö. W. hatte er in Bargeld dem Testament beigeschlossen und mit deren Verteilung den Notar Sztolarik betraut. Atemlos lauschten die Verwandten bis hierher und Bruder Balthasar oder manchmal Bruder Kaspar drückten bei den einzelnen Punkten ihre Beruhigung mit einem Kopfnicken aus, eventuell mit irgend einem Zwischenrufe, wie: »Nun, auch das ist recht.« »Dies ist nur billig.« »In Gottes Namen.« »Er hat wohl daran gethan.« Nur Frau Panyoki grinste höhnisch, als die Namen der neun Frauen vorgelesen wurden: »Ei nun! Wie sonderbar ... wie sonderbar!« Bruder Balthasar, der meinte, »es sei nicht der Mühe wert, sich bei Kleinigkeiten aufzuhalten« (der arme Paul war ja sein ganzes Leben lang verrückt), rief, seine Großmut zur Schau tragend, aus: »Lesen Sie weiter, Herr Notar'« Der Notar antwortete kurz: »Es ist nichts weiter da.« Ausrufe der Verwunderung ließen sich hören. Sie stürzten alle auf das Testament zu. »Das ist unmöglich.« Der Notar zuckte die Achseln: »Und doch ist kein Buchstabe weiter darin.« »Jedoch das übrige Vermögen? Die böhmische Besitzung?« »Darüber verfügt das Testament nicht. Ich kann nur lesen, was darin steht. Das können die Herren wohl einsehen.« »Unbegreiflich!« keuchte Kaspar Gregorics. »Das Sonderbarste ist am Ganzen,« meinte Balthasar, »daß er sich seiner Köchin, sowie ihres Fratzen nicht erinnert, trotzdem die ganze Welt die Sache durchschaut.« »Ja, ja,« bestärkte Kaspar, »dahinter steckt ein Schwindel.« Der Notar beeilte sich, sie zu beruhigen. »Schließlich kann ja das den Herren alles eins sein. Was an Vermögensüberschuß da sein wird, gehört ohne Zweifel den Geschwistern.« »Ja, ja,« bemerkte Kaspar, »was die Liegenschaften anbelangt. Aber wo ist das Bargeld? Denn viel, sehr viel Bargeld muß er besessen haben. Ich befürchte, damit ist irgend ein Mißbrauch geschehen.« Frau Panyoki sah mißtrauisch ihre Brüder an. Die habgierigen Gregorics. Der Inhalt des Testamentes verbreitete sich alsbald in den vornehmen Lokalkreisen und erregte ungeheures Ärgernis in den einfachen, patriarchalischen Salons, wo über dem Piano aus Kirschenholz der »Ausfall Nikolaus Zrinys« hängt, und wo auf dem mit einem weißen Tuche bedeckten Tische als Zierde zwei leere Silberleuchter stehen, zwischen diesen ein aus Teplitz mitgebrachtes, riesiges Trinkglas mit den Abbildungen der Teplitzer Badegebäude und in diesem Glase ein duftender Fliederzweig. Ach, in diesen lieben, kleinen Salons kochten und gärten förmlich die Meinungen. »Es ist doch entsetzlich, was der Gregorics gethan, zeitlebens ist er taktlos gewesen. Aber daß er noch nach seinem Tode ehrbare Damen so kompromittiert, die nun schon mit grauem Haar ihre Enkelkinder wiegen (die Hälfte derselben war in das Großmutterstadium eingetreten), das ist doch eine unerhörte Sache.« Die neun Frauen waren an einen moralischen Pranger gestellt. Die ganze Stadt sprach von ihnen, ihre Namen wanderten aus einem Munde in den andern, und wenn es Menschen gab, die Gregorics schalten, fanden sich auch solche, die folgendermaßen sprachen: »Am Ende, wer weiß, was zwischen ihnen bestanden! Gregorics muß in jungen Jahren ein großer Teufelskerl gewesen sein.« Doch sogar diejenigen, welche Gregorics unbedingt verurteilten, zogen folgenden Schluß: »Irgend eine Freundschaft muß doch zwischen ihnen bestanden haben, daß er sich ihrer erinnert hat, aber das Verfahren ist keineswegs gentlemanlike, nicht einmal, wenn wir das Ärgste annehmen; in diesem Falle ist es sogar eine noch größere Taktlosigkeit.« »Das ist ein Streich,« sagte der städtische Vicenotar Michael Vertany, »für den man ihn aus dem Kasino hinausballottieren sollte, das heißt, hätte sollen. Das heißt, man könnte ihn hinausballottieren, wenn er noch am Leben wäre. Ich schwöre bei Gott, wenn auf seinem Grabstein stehen wird, er sei ein Edelmann gewesen, will ich es mit meinem eigenen Taschenmesser abkratzen.« Der Oberarchivar und gleichzeitige Feuerwehrkommandant, der in Ehrenangelegenheiten seit zwanzig Jahren als Sachverständiger arbeitete, faßte den Fall ganz anders auf. »Das Ganze ist eine einfache Poltronerie. Was, die Frauen? Die Frauen zählen nur bis zu ihrem fünfunddreißigsten Jahre. Diese jedoch sind alle neun Matronen. Was schadet ihnen eine kleine Indiskretion oder eine kleine Verleumdung? Auf der rostigen Stahlklinge läßt der Hauch keinen Flecken mehr zurück. Auch die Raupen werden nur von jenen Bäumen abgeklaubt, auf welchen Blätter und Blüten sind, nicht wahr? oder welche noch Früchte tragen werden; auf dürren Bäumen läßt man sie sitzen. Doch fürwahr, Gregorics hat die Gatten beleidigt, er hat eine Feigheit begangen, denn es ist eine Poltronerie, wenn ein Mensch beleidigt, der nicht imstande ist, Genugtuung zu geben. Und Gregorics, ich getraue mich, es getrost auszusprechen, ist nicht satisfaktionsfähig. Und darin eben liegt der Fehler.« Selbst die Brüder Gregorics trieben nach reiflicher Überlegung in der ganzen Stadt ihr Gespött mit den neun Flammen des Verstorbenen, worauf gleich den anderen Morgen Stefan Vozary, dessen Gemahlin auch unter den Legatären war, sich gar trotzig bei dem Notar einstellte und erklärte, daß seine Frau das Erbteil von zweitausend Gulden nicht annehme, da sie absolut kein Verhältnis mit dem unverschämten Gregorics gehabt. Als sich die Kunde davon in der Stadt verbreitete, kamen der Reihe nach die anderen Frauen zu Sztolarik und erklärten, daß auch sie die Erbschaft nicht annehmen wollten, denn auch sie hätten kein Verhältnis mit Gregorics gehabt. Herr Sztolarik hatte schon lange keinen ähnlichen Genuß gehabt, als an diesem Tage; denn der Anblick der runzlichen Mütterchen, wie sie noch einmal gezwungen waren, zahnlos, mit grauen Flechten, unter heftigem Erröten von ihrer Tugend zu reden, war wahrlich amüsant. Aber noch amüsanter war dies für die Geschwister Gregorics; denn auf diese Weise blieben ihnen die dem Testamente beigeschlossenen zwanzig Tausender, das heißt mit Ausnahme von Zweien, denn die Akademie der Wissenschaft nahm die Summe an, obwohl auch sie gar kein Verhältnis mit dem Verstorbenen gehabt hatte. Denn die Akademie (das zehnte Mütterchen) ist nicht so verschämt, wie die andern neun waren. Jedoch die Freude der Geschwister Gregorics verwandelte sich alsbald in Mißmut. Sie waren nicht imstande, die böhmische Besitzung aufzufinden. Herr Kaspar reiste nach Prag und forschte dort danach, doch vergeblich. Schon zu Hause fiel es ihnen auf, daß sie nirgends die geringste Spur von der böhmischen Herrschaft unter den Schriften gefunden: weder einen Kaufvertrag noch irgend einen Wirtschaftsbrief, den ein Wirtschaftsbeamter geschrieben. Dies war unbegreiflich. Balthasar fluchte: »So was ist auf dieser Welt noch nicht vorgekommen.« Der Notar Sztolarik scherzte: »Das dumme Meer, welches Shakespeare nach Böhmen versetzte, muß Schuld tragen an der Konfusion, das mag die Gregorics-Besitzungen verschlungen haben.« Sie schäumten vor Wut, stampften, drohten dem Matykó und der Ancsura mit dem Kerker, wenn sie nicht gestehen wollten, wo die böhmischen Besitzungen lägen. Endlich bei der Nachlaßverhandlung wurden auch die zwei Dienstleute über diesen Punkt verhört: »Der Matykó muß es ja wissen, er hat doch seinen Herrn begleitet, so oft dieser auf seine böhmischen Besitzungen reiste.« Matykó gestand dann auch, der Gottselige habe nur zu Hause die böhmische Reise ausgesprengt, eigentlich waren sie nur in Szegedin oder Klausenburg gewesen, wo der Knabe Georg eben studierte. Ach, der Ränkeschmied Paul Gregorics! Wie hat er seine armen Verwandten angeführt! Jetzt war es nicht mehr schwer zu erraten, was der alte Missethäter im Schilde geführt (aber selbst die Erde wird seine Gebeine auswerfen), weshalb er insgeheim seine sämtlichen Liegenschaften zu Geld gemacht hatte. Es ist klar, daß er den Preis des Wiener Hauses und des Landgutes dem Fratzen hatte zukommen lassen wollen. Aber hatte er ihm das Geld auch faktisch übergeben? Er konnte doch wohl einem Gelbschnabel nicht Hunderttausende anvertraut haben. Wo aber hatte er es dann deponiert? wem übergeben? Das war das große Rätsel, dem die Gregorics' nachspürten. Der Notar, der zuletzt mit dem Verstorbenen gesprochen, behauptete, daß derselbe vor ihm nicht mit einer Silbe des Geldes Erwähnung gethan, Ancsura schwor auf Himmel und Erde, sie besitze keinen Heller, und war selbst erbittert, daß er sie mit leerer Hand zurückgelassen. Sie kann dem Gottseligen wahrlich nichts Gutes nachsagen. Er hat den armen Jungen unglücklich gemacht, indem er ihm alles freigebig gewährte, so lange er gelebt, und jetzt plötzlich versiegt die Quelle des Wohlstandes; aus dem jungen Herrn, dem man einen Mentor gehalten, wird ein stundengebender Student, wenn es überhaupt dazu kommt, denn es ist nicht sicher, ob sie fähig sein wird, ihn aus dem Einkommen des Hauses auf die Universität zu schicken. »Ei nun,« meinte Sztolarik, »wenn es seine Absicht gewesen wäre, dem Knaben all sein Geld zu geben, hätte er es ihm doch ganz offen schenken dürfen, die Herren hätten nichts dagegen thun können. Ist es so oder nicht?« Das war freilich wahr, und eben deshalb erschien die ganze Sache unerklärlich, rätselhaft. Das Wiener Haus hatte Gregorics für hundertachtzigtausend Gulden verkauft, das Privorecer Landgut für fünfundsiebzigtausend, was zusammen eine Viertelmillion beträgt. Herrgott, wo kann er die ungeheuere Summe hingethan haben? Wenn er sie zu Gold eingelöst, eingeschmolzen und seitdem mit Löffeln gegessen hätte, könnte er es doch nicht vergeudet haben. Doch Gregorics war sparsam, das Geld muß demnach irgendwo vorhanden sein. Jedoch wo? Man konnte verrückt werden über dieses Nachgrübeln. Es schien zwar nicht wahrscheinlich, daß sich das Geld bei Ancsura oder dem Knaben befinde, oder bei Sztolarik, der Vormund des Georg Wibra geworden; jedoch die Brüder Gregorics entsagten dieser Möglichkeit nicht und mieteten Spione, die insgeheim auf die Ancsura acht haben und ihnen jedes fallengelassene Wort hinterbringen sollten, sowie sie auch in Pest einen geschickten Burschen fanden, welcher als Jurist dorthin geraten war, der mit Georg mittlerweile Freundschaft schloß und aus seiner Lebensweise und seinen Worten den wahren Thatbestand ableiten sollte. Georg jedoch lebte ärmlich, hörte fleißig die Universitätsvorträge, wohnte in den »Sieben Eulen« und speiste in einem kleinen, billigen Wirtshause in der Malergasse, welches die Aufschrift »Zum ersten April« führte. Dieses kleine Gasthaus mit seinem Juristenpublikum war eine jener Specialitäten, welche das moderne Leben mit der ihm eigenen Gefräßigkeit verschlingt. Auf seine Speisekarte war ein wohlbeleibter Herr gemalt, der sich auf der Gasse mit einer magern Gestalt in ein Gespräch einläßt, und darunter stand folgender Dialog: Herr Dünn: »Wo speisen Sie eigentlich, Herr Vetter, daß Sie so prächtig aussehen?« Herr Dick: »Nun, hier im »Ersten April.« Herr Dünn: »Ei, dann gehe ich auch dorthin!« Nichtsdestoweniger wurde im »Ersten April« schlecht gekocht, und vielleicht war die Aufschrift »Zum ersten April« eben durch diesen Aufsitzer motiviert. Ja, die alten Wirte waren aufrichtig; sogar wenn sie logen, thaten sie dies auf eine so unschuldige Art, daß jeder den Betrug bemerken konnte. Über Georgs tägliches Leben gelangten förmliche Bulletins an Herrn Kaspar: er frühstückt in einem Kaffeeschank, vormittags befindet er sich bei den Vorlesungen, zu Mittag speist er im »Ersten April,« in den Nachmittagsstunden kritzelt er in einer Advokaturskanzlei, des Abends genießt er ein Stückchen Speck oder Käse, das er beim Krämer kauft; dann studiert er bis nach Mitternacht. Jedermann liebt und rühmt ihn, er wird ein trefflicher Mann werden. Der schlaue Kaspar Gregorics wünschte beinahe, die Viertelmillion möge sich bei Georg befinden, und derselbe möge mit der Zeit seine Tochter Minka heiraten, die sich gerade zur Knospe zu entwickeln begann – sie konnte ungefähr elf Jahre zählen. Es war eine dumme Voraussetzung, daß sich das Geld bei Ancsura befinden könnte, es hätte sich doch in irgend etwas bei dem Knaben bemerkbar machen müssen. Ancsura vermietete das geerbte Haus, und aus dieser Miete schickte Herr Sztolarik Georg monatlich dreißig Gulden. Die Geschwister Gregorics teilten unter sich die von den Frauen zurückgewiesenen achtzehntausend Gulden und die paar hundert, die aus der Versteigerung von Paul Gregorics' Möbeln und anderen beweglichen Gütern eingeflossen waren, doch vom übrigen Vermögen blieb jede Spur verloren. Die ganze Stadt zerbrach sich darüber den Kopf, und die Leute erdachten verschiedenen Unsinn. Sie erzählten sich, der Alte habe das Geld dem Klapka hingeschickt, und ihr werdet schon sehen – eines Tages bringt es Klapka in Gestalt von Bajonetten zurück. Sie plapperten auch solches Zeug: Paul Gregorics hätte irgendwo in den Lopataer Waldungen ein Feenschloß besessen, in dem er ein schönes Weib hütete. Und wenn auch er nicht imstande gewesen wäre, sein Vermögen zu Gold eingeschmolzen mit dem Eßlöffel aufzuessen, so könne es ein schönes Weib wahrlich sogar mit einem Kaffeelöffel in kurzer Zeit ausnippen. Aber aus all dem Gerede zog eine Thatsache die Aufmerksamkeit der Verwandten auf sich, nämlich diejenige, die vom Klempner kam, daß Paul Gregorics den Tag vor seinem Tode einen großen Kessel bei ihm kaufen ließ und diesen nicht bezahlte, weshalb er sich mit der Rechnung bei Herrn Kaspar einstellte. Kaspar schlug sich an die Stirne. Tausend Donner, dieser Kessel war im Nachlaß nicht vorhanden. Er durchsah das Versteigerungsprotokoll, wo die verkauften Gegenstände verzeichnet waren, aber kein Kessel befand sich unter denselben. »Ich bin auf der Spur,« grinste Kaspar Gregorics. »Den Kessel hat mein vielgeliebtes Brüderchen nicht umsonst kaufen lassen. Wozu hatte er ihn also kaufen lassen? Um etwas hineinzulegen. Und dieses ›Etwas‹ ist das, was wir suchen.« Er teilte seinen Verdacht Balthasar mit, Balthasar jauchzte vor Freude: »Dies ist Gottes Finger, Bruder! Jetzt glaube ich schon selbst, daß wir den Schatz finden werden. Paul hat den Kessel irgendwo vergraben, damit er uns das Geld entziehe, und es wäre ihm auch gelungen, wenn er nicht die Dummheit begangen hätte, den Preis des Kessels schuldig zu bleiben. Aber das ist ja eben das Glück bei solchen Dingen, daß der Missethäter irgendwo immer einen Fehler begeht.« Der Klempner erinnerte sich, daß der Diener Matykó den Kessel ausgesucht und davongetragen hatte; Kaspar Gregorics lud deshalb eines Tages den Matykó ein, bewirtete ihn, gab ihm gut zu essen und zu trinken, fragte ihn über die letzten Tage des Verstorbenen freundlich aus und flocht den Kessel, dessen Preis jetzt der Klempner forderte, listig in das Gespräch ein. »Nun, wie steht die Sache mit dem Kessel, mein Sohn Matykó? Sollte ihn wirklich dein Herr bestellt haben? Das ist beinahe unglaublich! Wozu hätte er ihn brauchen können? Ich fürchte, Matyko, du selbst hast einen Streich auf die Rechnung deines Herrn verübt.« Eben nur das fehlte noch dem frommen Matykó, daß man seiner Ehre nahetrat, damit ward seine Zunge gelöst wie diejenige eines Stares. Er erzählte der Reihe nach alles, um seine Makellosigkeit zu beweisen; sein Herr habe ihm einen Tag vor seinem Tode befohlen: »Verschaffe mir schnell einen Kessel und zwei Maurer.« Er schaffte das Verlangte auch sogleich herbei. Dies geschah so gegen Abend. Den Kessel trug er in das Schlafzimmer seines Herrn, und zur selben Zeit ließ er auch die zwei Maurer hinein. Auch die zwei Maurer hatten den Kessel gesehen und können es bezeugen.« »Ei nun,« sagte Herr Kasper heiter, »du bist ein glücklicher Mensch, Matykó. Wenn du Zeugen aufstellen kannst, dann ist ja alles gut, dann steht deine Ehre so rein da, wie frisch gemolkene Milch. Ich selbst ziehe meine Worte zurück. Ei, mein Söhnchen, es ist mir viel wert, daß du dich so schön aus der Affaire gezogen hast. Nun so trinke noch ein Gläschen von diesem Rotwein und sei nicht böse wegen meines unüberlegten Redens, denn siehst du, der Verdacht war begründet; den Kessel haben wir nirgends unter den Sachen gefunden und der Klempner fordert nichtsdestoweniger den Preis mit der Bemerkung, du habest den Kessel fortgetragen. Aber wo kann er denn nur eigentlich hingekommen sein?« Matykó zuckte die Achseln. »Das weiß Gott.« »Und du hättest ihn seitdem nicht mehr gesehen?« »Nein.« »Und was ist aus den Maurern geworden? Was haben die Maurer gethan?« »Ich weiß es nicht.« Kaspar Gregorics lachte dem Matykó höhnisch in die Augen. »Du bist ganz so wie der weiß nicht Hans' im Märchen, der sagte auch auf alles ›ich weiß es nicht‹ Natürlich weißt du auch von den zwei Zeugen nichts, die deine Unschuld in der Kesselangelegenhett beweisen sollen. Ja, mein Freund, dann bleibst du auch drin in der Sauce.« »Aber ich kenne ja den einen!« »Wie heißt er?« »Ja, wenn ich seinen Namen wüßte!« »Was kennst du denn an ihm?« »Drei Härchen sind auf seiner Nase.« »Unsinn! Und wenn er seitdem die drei Härchen abgeschnitten hat?« »Auch dann erkenne ich seine Physiognomie, er sieht aus wie eine Eule.« »Und wo hast du die zwei Maurer aufgelesen?« »Sie haben die Mauern des Münsters ausgebessert, von dort habe ich sie gerufen.« Kaspar Gregorics entnahm dem Kopfe des Matykó alles, was er darin wertvolles fand, und nun brannte ihm die Erde schon unter den Sohlen; er machte sich in aller Eile auf die Beine, um den Maurer in der ganzen Stadt zu suchen, der drei Härchen auf der Nase hatte. Es war nicht schwer, über ihn Auskunft zu erhalten. Im ersten Maurerkreise antworteten ihm sofort drei, als er sich nach den drei Härchen erkundigte. »Das kann nur der Andreas Prepelicza sein. Er ist es, dessen Schnurrbart sich den merkwürdigen Spaß erlaubt hat, auf seine Nasenspitze hinaufzuspazieren.« Jetzt war es nur noch ein Kinderspiel, Prepelicza aufzufinden, jeder Maurer und jedes ziegelreichende Kind wußte es, daß er in der Stadt Pest baute. Irgendwo auf der Kerepeser Straße arbeitete er an einem großen Hause. Herr Kaspar scheute wahrlich die Mühe nicht, sich sofort auf einen Wagen zu setzen, ohne Unterbrechung in die Hauptstadt zu fahren und dort Prepelicza unter den Slowaken aufzusuchen. Derselbe ließ sich eben auf einem Aufzug in den dritten Stock hinaufziehen, als er ihn auffand. Dem Gregorics ward ganz kalt vor Schrecken. Herr Gott, wenn jetzt dieser Aufzug reißen würde! »Holla, Prepelicza!« schrie er ihm nach. »Bleibt stehen! Eben Euch suche ich. Wir haben etwas miteinander zu reden.« »Gut, gut,« antwortete der Maurer gleichmütig, den Ankömmling auf der Höhe betrachtend, »kommen Sie herauf, wenn Sie was zu reden haben.« »Kommt herunter, die Sache ist dringend.« »Schreien Sie herauf, ich höre es so auch.« »Das kann nicht sein, wir müssen um jeden Preis unter vier Augen miteinander reden.« »Ist es etwas Gutes oder Schlechtes?« frug neugierig Prepelicza aus der Höhe. »Etwas sehr Gutes.« »Für mich gut?« »Für Euch gut.« »Nun, wenn es für mich gut ist, wird es auch am Abend gut sein, warten Sie damit bis zum Abend, dann komme ich hinunter, denn jetzt arbeite ich am obersten Fenster.« »Seid vernünftig. Kommt sogleich herab, Prepelicza. Es wird Euch nicht gereuen.« »Ei, ich weiß ja gar nicht, wer der Herr ist.« »Nun, so werde ich es Euch gleich zu wissen thun.« Und mit dem nächsten Aufzug schickte er dem Prepelicza eine knisternde Zehnguldennote in die Höhe. Einen Gulden erhielt derjenige, der sie hinauftrug. Nach Empfang dieser Visitenkarte warf Prepelicza sofort den Hammer und die Kelle auf das Gerüst hin und ließ sich mit dem nächsten Aufzug zur Mutter Erde hinab, wo auch seit Moses und Christus noch fortwährend Wunder geschehen. »Was befehlen Sie, Euer Gnaden?« »Folgen Sie mir.« »Bis in die Hölle hinein, Euer Gnaden.« »Soweit gehen wir nicht,« sagte Kaspar Gregorics lächelnd. Und wirklich führte er ihn nur in das Wirtshaus zum »Hahn,« wo er Wein bringen ließ und unter freundschaftlichem Anstoßen folgendermaßen zu ihm sprach: »Könnt Ihr reden, Prepelicza?« Prepelicza überlegte, wovon eigentlich die Rede sein könne, sah lange und spähend in die kleinen stahlgrauen Augen des unbekannten Mannes, dann antwortete er vorsichtig: »Reden kann auch der Star, mein Herr.« »Ich bin aus Neusohl.« »Ei nun, dort wohnen brave Menschen. Wahrhaftig, mir kommt es vor, als hätte ich Euer Gnaden schon wo gesehen.« »Das war' gewiß mein Bruder, den Ihr gesehen,« unterbrach ihn Gregorics schlau, »wißt Ihr, bei dem die geheimnisvolle Angelegenheit mit dem Kessel sich zutrug.« »Mit dem Kessel! (Prepelicza ließ vor lauter Verwunderung den Mund offen.) Das war Ihr Bruder? So, jetzt verstehe ich. Das heißt ... (er kratzte sich verwirrt am Ohr), von welchem Kessel ist die Rede? Herr Gott, wenn ich jeden Kessel und jede Pfanne im Gedächtnis behalten möchte, die ich in meinem Leben gesehen.« Gregorics war auf eine kleine Verstellung vorbereitet. Er beachtete sie deshalb gar nicht und bot dem Prepelicza eine Cigarre an, die dieser erst befeuchtete, damit sie langsamer brennen sollte; dann zündete er sie an und trommelte mit seinem großen eckigen Maurerbleistift gleichmütig aus den Tisch, wie ein Mensch, der zufällig darauf kommt, daß er etwas zu verkaufen hat, und fühlt, daß der richtige Käufer dafür da ist. Jetzt nur noch Phlegma, viel Phlegma, und der Preis der Ware wächst fabelhaft. Sein Herz klopfte laut. Der weiße Hahn, der in einem Rahmen über dem grüngestrichenen Weintisch an der Wand hing, schien vor seinen flimmernden Augen lebendig zu werden und ab und zu seinen Ruf in das Gespräch hinein ertönen zu lassen: »Guten Tag, Andreas Prepelicza. Kikiriki! Du hast das Glück aufgefunden, Andreas Prepelicza!« »Wie, Ihr wollt sagen, daß Ihr Euch an den Kessel nicht mehr erinnert, Prepelicza? Ei, ei, für einen so dummen Menschen haltet Ihr mich? Schau' ich denn so aus? Übrigens thut Ihr wohl daran, Prepelicza, ganz wohl. Ich würde vielleicht ebenso handeln. Aber nicht wahr, der Wein ist nicht schlecht? Er hat einen Faßgeruch? Ei, Potztausend, er kann doch keinen Bettgeruch haben. Bringe noch eine Flasche, Bursche, dann scher' dich zum Teufel, laß uns allein. Nun ja, wo sind wir geblieben? Richtig! Ihr habt vorhin gesagt, auch der Star könne reden. Es war ein kluges Wort, eine wahre Rede. Ihr seid ein vernünftiger Mann, Prepelicza. Ich sehe aus allem, daß ich auf meinen Mann gestoßen bin, und das liebe ich. Wir werden uns rasch verstehen. Nun ja, auch der Star kann reden, so habt Ihr es gemeint, aber nur, wenn man ihm die Zunge löst. Nun also, habt Ihr es nicht so gemeint?« »Hm,« sagte der Maurer, und die drei Härchen auf seiner Nase bewegten sich, als er durch dieselbe einen tiefen Atemzug that. »Ich weiß auch,« fuhr Kaspar Gregorys fort, »daß man die Zunge des Stares mit einem Messer zu lösen pflegt. Aber da Ihr kein Star seid, Prepelicza ...« »Nein, nein,« stotterte Prepelicza verschämt. »So löse ich anstatt mit dem Messer mit diesen zwei Banknoten Eure Zunge.« Und mit diesen Worten zog er zwei Hunderter aus seiner Brieftasche hervor und legte sie vor sich auf den Tisch hin. Die Augen des Maurers hasteten gierig auf den zwei Papierstücken voll Wunderreiz, an den zwei nackten Jungen am Rande, von denen der eine eine Weizengarbe, der andere ein Buch in der Hand hält. Die Augen fielen dem Prepelicza beinahe aus dem Kopfe vor lauter Schauen, aber er bemeisterte sich und sprach mit heiserer, dumpfer Stimme: »Der Kessel war sehr schwer ... furchtbar schwer war der Kessel.« Es fiel ihm nichts anderes ein, trotzdem er nach Worten suchte, während er immerfort die Banknoten betrachtete und diese lieben Kinderchen auf den Banknoten. Er hat auch sechs Stück zu Hause, aber die sind nicht so lieb. »Nun, was giebt's, Prepelicza?« fragte Gregorics verwundert. »Ihr schweigt noch immer?« »Ein großer Stein möchte auf mein Gewissen fallen, wenn ich reden würde,« seufzte der Maurer, »ein sehr großer Stein. Vielleicht würde ich es gar nicht ertragen können.« »Unsinn! Redet keine Albernheiten. Stein ist Stein. Euer ganzes Leben lang arbeitet Ihr mit Steinen, und jetzt fangt Ihr an zu jammern, daß ein Stein Eure Seele bedrücken wird. Nun, so schleppt ihn! Ihr verlangt doch wohl nicht, daß ich Euch zweihundert Gulden gebe und anstatt eines Steines ein warmes Brot auf die Seele lege? Seid kein Kind, Prepelicza!« Prepelicza lächelte hierauf, streckte jedoch demonstrativ seine schmutzigen roten Hände nach rückwärts, als Zeichen, daß er das Geld nicht berühren wolle. »Ist es Euch vielleicht zu wenig?« Er antwortete nicht eine Silbe, starrte vor sich hin und zerzauste sich das Haar: er sah so einem kranken Kakadu ähnlich. Nach einer Weile leerte er sein Glas bis zum Grunde und stellte es so energisch auf den Tisch, daß der Fuß sogleich abbrach. »Eine Niederträchtigkeit!« rief er erbittert aus. »Die Ehre eines armen Mannes ist zweihundert Gulden wert. Und Gott hat uns doch gleich erschaffen. Mir hat er dieselbe Ehre gegeben wie dem Bischof oder dem Baron von Radvany. Aber der Herr taxiert die meinige doch nur auf zweihundert Gulden. Schande und Spott.« Auf diesen Trumpf spielte Gregorics seinen Trumpf aus. »Nun gut, Prepelicza. Deshalb müßt Ihr ja noch nicht gleich böse sein. Wenn Eure Ehre so teuer ist, werde ich eine wohlfeilere suchen. (Und damit steckte er die beiden Hunderter in seine Hosentasche zurück.) Ich werde Euern Kameraden, den andern Maurer, aufsuchen.« Er nahm sein Taschenmesser heraus und klingelte damit an die Flasche. »Zahlen!« Prepelicza lachte auf. »Nun, nun! Soll denn ein armer Mensch schon gar nicht einmal mehr reden dürfen? Freilich werden Sie den andern aufsuchen. Und der ist kein so ehrlicher Mensch wie ich. Freilich, freilich. (Verdrießlich kratzte er sich das Genick, welches ein böses Geschwür verunstaltete.) Gut denn ... Legen Euer Gnaden noch einen Fünfziger dazu, und ich erzähle alles.« »In Gottes Namen! Wir sind handelseinig.« Prepelicza erzählte nun ausführlich die Begebenheiten jener Nacht, wie sie den Kessel durch den Garten in ein kleines Häuschen getragen hatten. »In den Libanon,« lispelte Herr Kaspar voll Wonne, und sogar sein Schopf triefte vor Schweiß. »In das Häuschen des Fratzen.« Er erzählte alles, wie er eines Abends mit seinem Gefährten hingekommen, wie sie den Kessel in das kleine Haus getragen, wie Paul Gregorics dort Wache gestanden, bis sie den Kessel in die Zwischenwand eingemauert hatten. Herr Kaspar stellte inzwischen erregte Fragen an ihn. »War der Kessel schwer?« »Furchtbar schwer.« »Hat es niemand gesehen, als Ihr ihn durch den Hof getragen?« »Nicht eine Seele. Jeder schlief im Hause.« Er verschlang mit Genuß jedes Wort des Maurers, seine Lunge erweiterte sich, seine Augen blitzten, seine Gedanken schweiften in die Zukunft voraus, wo er sich als reichen Mann, als den Herrn unermeßlicher Schätze sah – vielleicht kann er noch einmal sogar die Baronie kaufen. Baron Kaspar Gregorics! hm, das klingt gar nicht übel. Und die Minka wird Baronesse. Der Esel, der Paul, wußte sein Vermögen nicht zu genießen. Er mußte viel Geld angehäuft haben, sehr viel. Er war doch so sparsam. »Was hat Euch mein Bruder gegeben?« »Je fünfzig Gulden.« »Ganz recht, sehr recht.« Ein Stein ist ihm beinahe vom Herzen gefallen, daß Paul ihnen nur je fünfzig Gulden gegeben hat. Er hatte zu fürchten begonnen, sein Bruder könnte ihnen auch Tausende für das Schweigen hingeworfen haben. Es hätte ihn gekränkt –, das wäre doch jetzt sein Schaden gewesen, denn der Libanon mußte ihm angehören, er mußte sein Eigentum werden, um jeden Preis, samt Kessel und allem. Gleich morgen wird er ihn vom Vormunde kaufen. Und er schwelgte im voraus in dem Gedanken, wie Balthasar und Frau Panyoki von ihm angeführt werden würden. So rasch als möglich erschien er wieder in Neusohl und stieg gar nicht vor seinem Hause ab, sondern fuhr geradeswegs zu Sztolarik mit dem Antrag, er wäre geneigt, den Libanon zu kaufen. So nannte man die Kurie des verstorbenen Geistlichen, welche Paul Gregorics der Witwe des Pfarrers für Georg Wibra abgekauft hatte. Der gottselige ehrwürdige Herr konnte keine einzige Rede von der Kanzel herabhalten, ohne darin die Cedern des Libanon zu erwähnen, und als er das kleine Ackerstück sich einwirtschaftete, versuchte er auch im Garten zwischen den Apfelbäumen Cedern zu ziehen; jedoch der zahme Boden von Neusohl widersetzte sich, erstickte sie, gab ihnen keine Nahrung, und die gottlosen Neusohler benannten das liebe kleine Gut aus lauter Spott den Libanon. Herr Sztolarik zeigte nicht das geringste Erstaunen. »Den Libanon wollen Sie kaufen? Ein hübscher Obstgarten und trägt schön ein. Auch heuer hat ein vornehmer Wiener Hotelier die sämtlichen Äpfel angekauft, Sie würden staunen, zu welchem Preis. Aber wie kommen Sie darauf, den Libanon zu kaufen?« »Ich habe die Absicht, dort ein Haus zu bauen, ein größeres Haus.« »Hm, diese Art von Verkauf hat immer seine Schwierigkeiten,« sagte Sztolarik kalt, »der Eigentümer ist minderjährig und die Sache mit viel Geschreibsel an den Waisenrat verbunden. Ich lasse die Dinge lieber so, wie sie sind. Heute oder morgen ist der Junge fertig, großjährig, dann soll er mit seinen sieben Zwetschken machen, was er kann. Er könnte mir noch Vorwürfe machen. Nein, nein, Herr Gregorics, ich lasse mich in diese Angelegenheit nicht ein. Für den Jungen besitzt am Ende diese kleine Hütte mit den zwei Joch den praetium affectonis , dort hat er gespielt, dort seine Kinderjahre verbracht.« »Doch wenn ich es sehr gut bezahle!« warf Herr Gregorics aufgeregt ein. Herr Sztolarik wurde neugierig. »Was nennen Sie gut? Was beabsichtigen Sie dafür zu geben?« »Nun, ich gebe dafür –« und da befiel ihn plötzlich ein erstickender Husten, er wurde rot wie Purpur – »ich gebe fünfzehntausend Gulden.« »Hm, das ist eine nette Summe. Paul Gregorics hat es für fünftausend Gulden von der Pfarrerswitwe erstanden. Der Grund beträgt zwei Joch und liegt ziemlich außerhalb des Marktes, der Klafter ist kaum mehr wert als drei Gulden. Den Wert des Häuschens können wir auf zweitausend festsetzen, aber das ist schon das Maximum –, Utcumque –, sagte Sztolarik laut, »das Anerbieten ist nicht ungünstig. Im Gegenteil ... Also, wissen Sie was, Herr Gregorics,« setzte er mit plötzlichem Entschluß hinzu, »ich gehe auf die Sache ein im Interesse des Jungen, doch vorerst will ich ihm noch schreiben und auch mit seiner Mutter reden.« »Doch mir ist die Sache dringend.« »So schreibe ich dem Jungen noch heute.« Herr Gregorics wollte die Angelegenheit nicht weiter forcieren, um keinen Verdacht zu erwecken. Er ging nach Hause, und den dritten Tag schickte er Herrn Sztolarik ein kleines Fäßchen Tokaier von den Weinen des Paul Gregorics, in die sich die Geschwister geteilt hatten, und ließ gleichzeitig fragen, ob noch keine Antwort von Budapest gekommen sei. Herr Sztolarik ließ sagen, er erwarte die Antwort stündlich und danke für die wertvolle Sendung; er sagte auch dem Kellermeister des Herrn Gregorics, der den Wein hingetragen hatte, er hoffe, alles werde glatt ablaufen. Ob der Wein glatt ablaufen werde oder etwas anderes, das wußte der Kellermeister nicht. Kaum war der Kellermeister fortgegangen, so kam der Brief an (Georg willigte in den Verkauf ein); Sztolarik wollte eben seinen Adjunkten mit der Nachricht zu Kaspar schicken, als sich die Kanzleithür öffnete und der beliebte Balthasar Gregorics eintrat, schnaufend wie eine übermästete Gans; man sah ihm an, daß er eilig gekommen war. »Belieben Platz zu nehmen, Herr Gregorics. Was haben Sie uns Gutes gebracht?« »Viel, viel Banknötchen habe ich gebracht!« keuchte er, nicht einmal verschnaufend. »Nun, das können wir eben brauchen.« »Ich will das kleine Gütchen des Waisenkindchens kaufen, den Libanon.« Herr Balthasar war bekannt wegen seiner honigsüßen Redeweise. »Den Libanon?« rief Herr Sztolarik erstaunt und brummte das weitere in sich: »Was zum Teufel ist in diese gefahren?« Dann antwortete er laut: »Vielleicht für Ihren Bruder?« »Nein, nein, ich kaufe es für mich. Es ist ein sehr gut gelegenes Gütchen, hübsch, angenehm, und diese herrliche Aussicht, diese prächtigen Apfelbäumchen.« »Sehr sonderbar –, wahrlich sonderbar.« »Warum sollte es denn so sonderbar sein?« fragte Herr Balthasar betroffen. »Weil eben jetzt ein anderer Käufer dafür da ist.« »Ach Pappenstiel! Wir überlassen es ihm nicht. Die Verwandten stehen doch näher. Und dann gebe ich auch mehr dafür als der andere ...« »Das glaube ich schwerlich,« meinte der Vormund, »der bisherige Käufer bietet fünfzehntausend Gulden.« Balthasar verzog nicht einmal die Augenbrauen. »Es thut nichts. Ich gebe zwanzigtausend dafür.« Erst später fiel es ihm ein, daß es freilich nicht einmal fünfzehntausend wert ist, und er wandte sich mit unruhiger Neugierde an den Vormund. »Er bietet fünfzehntausend Gulden? Wer kann der verrückte Kerl sein?« »Nun, das ist niemand anders, als der Bruder des Herrn Gregorics, der Kaspar.« Als ob man einen Stier mit der Fleischeraxt auf die Stirn geschlagen hätte, so wankte Herr Balthasar bei diesem Namen und sank totenbleich auf einen Stuhl. Seine Lippen bewegten sich, doch kein Ton wurde hörbar, Sztolarik glaubte, ein Schlaganfall habe den alten Herrn getroffen, und er rannte, angstvoll um Hilfe rufend, hinaus, um Wasser zu holen. Doch als er mit der Köchin zurückkehrte, die in ihrem Schrecken auch den Nudelteig mit hineinbrachte, war Herr Balthasar schon zu sich gekommen und begann sich zu entschuldigen. »Ein Schwindel hat mich erfaßt, ich habe oft solche Anfälle, ich bin schon alt, und der menschliche Organismus ist unvollkommen ... Übrigens kehren wir zu unserm Gegenstand zurück, nun jawohl, ich will zwanzigtausend Gulden für den Libanon geben und kann sie auch jetzt gleich auszahlen.« Sztolarik dachte nach. »Ja, das geht nicht so rasch. Erst ist die Einwilligung des Waisenrates nötig. Heute noch werde ich den vormundschaftlichen Bericht unterbreiten.« Er unterbreitete ihn auch noch an demselben Tage (sein Mündel macht ja einen wahren Treffer) und dachte unterdessen fortwährend nach, weshalb eigentlich die Brüder Gregorics sich um den Libanon rissen. Es muß seine Ursache haben. Wer weiß, ob in dem Schoße des Libanon nicht eine Goldader steckt. Am Ende ist dies nicht unmöglich. Die Könige aus dem Arpádhaus haben ja auch zuerst hier herumgewühlt und nicht in Schemnitz. Er beschloß auch, gleich morgen seinen Verdacht dem pensionierten Bergingenieur Stephan Drotler mitzuteilen; der ist ein so großer Gelehrter, daß er, sobald er seinen Bohrer in die Erde versenkt, ohne Zweifel sofort im reinen darüber ist, was in ihr steckt. Doch bevor er noch den Ingenieur aufsuchen konnte, kam Kaspar Gregorics den nächsten Tag, um sich zu erkundigen, ob schon der Brief angekommen sei. Sztolarik geriet einigermaßen in Verlegenheit. »Der Brief ist angekommen ... ja, ja, der Brief ist angekommen, aber auch etwas anderes hat sich zugetragen. Ein neuer Käufer hat sich gefunden, der zwanzigtausend Gulden für den Libanon verspricht.« Das war ein förmlicher Blitzschlag für Herrn Kaspar. »Unmöglich,« stotterte er, »doch wohl nicht der Balthasar?« »Ja eben der Balthasar.« Kaspar Gregorics kam in Wut, fluchte wie ein Kutscher, seine Lippen zitterten vor Erregung, und mit seinem Stocke herumfuchtelnd (denn das Gespräch trug sich auf dem Gange zu), schlug er einen Blumentopf der gnädigen Frau von Sztolarik herab, in dem ein selten schönes Hyazinthenexemplar prankte. »Ah, der Spitzbube ... der Spitzbube.« zischte er zwischen den Zähnen. Und dann stierte er beinahe eine Viertelstunde lang vor sich hin in die Luft, während er kaum hörbar grübelte: »Wie konnte er es erfahren haben? Unbegreiflich!« Und doch war die Sache sehr einfach. Der fromme Prepelicza erfuhr sehr leicht von den nach Neusohl zuständigen Arbeitern, daß noch mehr Geschwister des Paul Gregorics, bei dem sie den Kessel vermauert hatten, am Leben seien. Wenn nun das Geheimnis für den einen zweihundertfünfzig Gulden wert war, wird wahrscheinlich der andere auch etwas dafür geben; infolgedessen setzte sich Michael Prepelicza auf die Eisenbahn, um Herrn Balthasar in Neusohl aufzusuchen. Darin liegt durchaus nichts Unbegreifliches, außer man hält es für unbegreiflich, daß Michael Prepelicza kein dummer Mensch ist. »O der Spitzbube, der Spitzbube,« wiederholte er immer leidenschaftlicher. »Es soll ihm nicht gehören, nun gerade nicht. Ich kaufe den Libanon. Ich gebe fünfundzwanzigtausend Gulden für den Libanon.« Herr Sztolarik lächelte, verbeugte sich und rieb sich die Hände. »Wer mehr giebt, dem wird es gehören. Wenn es mein Besitz wäre, würde ich bei den fünfzehntausend Gulden von neulich bleiben. Das Wort eines Mannes ist fest wie Eisen. Doch das Gut gehört einem Kinde, und die Interessen eines Kindes dürfen nicht erdrückt werden, nicht einmal mit solchem Eisen ... finden Sie nicht, Herr Gregorics, daß dies ein sehr schöner Ausspruch von mir ist?« Kaspar Gregorys sah die Schönheit des Spruches ein und nahm wieder und immer wieder dem Sztolarik das Wort ab, daß er das Gut ihm ablassen werde, und entfernte sich demnach förmlich mit Eisen beschlagen. Doch was half ihm das? Herr Sztolarik begegnete noch denselben Abend Balthasar Gregorics im Kasino und machte durchaus kein Geheimnis daraus, daß Herr Kaspar ihn heute neuerdings aufgesucht und wieder fünftausend Gulden mehr für den Libanon geboten habe als er. Herr Balthasar kam diesmal durchaus nicht aus der Fassung. »So sollen es denn dreißigtausend Gulden sein.« Dieses närrische Überbieten dauerte tagelang fort, so daß die ganze Stadt aufmerksam wurde, ob wohl die Brüder Gregorics verrückt geworden seien oder ob die Sache einen andern Haken habe. Kaspar kam und bot zweiunddreißigtausend Gulden, dies erfuhr wieder Balthasar und überbot ihn mit dreitausend Gulden und so weiter, weiter, daß den Menschen schon die Haare gen Himmel standen bei diesem entsetzlichen Wetteifern. Der Präsident des Waisenrates verzögerte absichtlich die Verkaufslicenz: »Der Wert der Besitzung soll wachsen, er soll nur wachsen!« Und er wuchs auch, bis zu fünfzigtausend Gulden. So viel hatte Balthasar Gregorys schon geboten und weiß Gott, wo die verrückten Brüder stehen bleiben werden. Es war dies um so befremdender, als der Bergingenieur Drotler, der infolge der aufgetauchten Umstände im Auftrage Sztolariks Bohrungen angestellt hatte, rundweg erklärte, er könne darauf schwören, daß im Schoße der Neusohler Erde keine Unze Gold sich befinde, ausgenommen vielleicht diejenige, die man in Frauenzähnen dorthin vergraben hatte. »Aber wer weiß, ob keine Steinkohle unter dem Libanon ist?« »Auch die ist dort nicht zu finden.« »Dann muß jemand die Brüder Gregorics zum Narren gehalten haben.« Gleichviel, was sie auch treibt! Das eine ist sicher, daß dem Knaben Georg ein großes Glück widerfährt, daß der Vormund ausnützen muß bis zum letzten Tropfen. Die Trauben werden auch erst dann in den Träber geworfen, wenn sie schon gar keinen Saft mehr enthalten, wer hat je gehört, daß man sie fortwirft, wenn sie noch von selbst tropfen? So ließ denn Herr Sztolarik die Brüder wetteifern. Das Manneswort ist zwar Eisen, aber vor dem Golde muß auch das Eisen die Segel streichen. Und hier wahrlich floß das Gold. Er wartete eben darauf, wie die fünfzigtausend Gulden von Balthasar mit zweiundfünfzigtausend überboten werden würden, als plötzlich eine überraschende Wendung eintrat. Kaspar hatte einen Einfall. (Kaspar war um vieles gescheiter und schlauer als der andere Bruder.) Dem Kaspar fiel es nämlich auf, daß sich Frau von Panyoki, seine Schwester, nicht rührte. Woher kommt das, was hat das zu bedeuten? Nun, dies ist nur so möglich, daß Frau von Panyoki nichts über die Sache weiß, und daß Michael Prepelicza ihr das Geheimnis nicht verkauft hat. Prepelicza verriet auch damit, daß er ein sehr kluger Mann sei. Denn wenn er das Geheimnis auch der Frau von Panyoki verkauft haben würde, hätte er seine Rolle endgültig ausgespielt, so jedoch, wenn die zwei Brüder sich den Inhalt des Kessels aneigneten, würden sie seine beständigen Steuerzahler bleiben, damit er der Dritten nichts sagen sollte. Nachdem Kaspar Gregorics sich dies in seinem Geiste zurechtgelegt hatte, begann er es für einen großen Unsinn zu halten, daß sie beide der ganzen Welt zum Gelächter ihr Vermögen dem illegitimen Fratzen für den Libanon hinwarfen und damit auch den Verdacht ihrer Schwester erweckten. Das eine steht fest, welcher von ihnen auch den Libanon erkauft, so wird ihm der andere wegen des Kessels Verdruß bereiten. Wäre es nicht weit billiger und zweckmäßiger, wenn sie den Libanon gemeinsam ankauften, die schatzbergende Mauer gemeinsam abtrügen und, die Zunge des Prepelicza im Zaum haltend, ganz still die Schätze des gottseligen Paul einsteckten? Nun wahrlich, dies wäre hundertmal vernünftiger ... Kaspar versöhnte sich also eines schönen Tages mit Balthasar, und Herr Sztolarik verwunderte sich gar sehr, als am darauffolgenden Tage Balthasar bei ihm erschien und erklärte, er nehme sein Wort in betreff des Libanon zurück, er habe sich die Sache überlegt, eins darüber geschlafen, auch seine Rechnung aufgestellt, und er sehe ein, er sei keine fünfzigtausend Gulden wert. »Das thut nichts,« antwortete Herr Sztolarik, »Kaspar Gregorics wird es schon für achtundvierzigtausend kaufen.« Er konnte kaum erwarten, mit ihm zusammenzutreffen, um ihn sofort zum Abschluß des Vertrages aufzufordern. Doch Herr Kaspar zuckte die Achseln. »Es war ein Unsinn von mir,« sagte er nachlässig. »Wie ein böser Traum ist es mir aus dem Kopfe entschwunden. Ich danke Ihnen, lieber Herr Sztolarik, daß Sie mich nicht gleich bei meinem Worte genommen, aber jetzt lasse ich mich nicht mehr darauf ein. Zum Teufel, für achtundvierzigtausend Gulden läßt sich ja beinahe ein Herrensitz ankaufen.« Der Vormund verzweifelte. Er glaubte, die Sache mit dem Anspannen der Saiten selbst verdorben zu haben, er fühlte, die ganze Stadt werde über sein ungeschicktes Verfahren lachen und Georg ihn einst mit Vorwürfen überhäufen. Er rannte deshalb zu Herrn Balthasar und bot ihm den Libanon für fünfundvierzigtausend Gulden an. Balthasar antwortete kurz, indem er sein Doppelkinn kratzte: »Hält mich denn der Herr für einen Narren?« Von Balthasar rannte er atemlos zu Kaspar: »Nun meinetwegen behalten Sie den Libanon für vierzig.« Kaspar schüttelte gelassen den Kopf. »Ich habe doch keinen Stechapfel gegessen.« Und jetzt begann die Licitation von vorne, aber nun nach abwärts, er bot ihnen den Libanon für fünfunddreißig, dreißig, fünfundzwanzigtausend Gulden an, bis er ihn endlich nach langem Hin- und Herhandeln ihnen für fünfzehntausend Gulden an den Hals schwatzte. Gemeinsam kauften sie ihn an, und gemeinsam ließen sie ihn auf ihre Namen in das Grundbuch eintragen. Denselben Tag, an dem sie von dem Vormunde den Schlüssel des Häuschens übernommen hatten, sperrten sie sich beide darin ein und trugen Hacken unter ihren Mänteln mit sich, wie das bei späteren Zeugenaussagen ans Tageslicht kam; es ist natürlich, daß sie gleich damals die den Kessel bergende Mauer demolierten, doch was sie in dem Kessel aufgefunden, das konnte nie mit Sicherheit festgestellt werden, obzwar eben das die Hauptfrage des Prozesses Gregorics bildete, der dem Neusohler königlichen Gerichtshof ein Jahrzehnt lang zu schaffen gab. Der Prozeß begann nämlich auf folgende Art: Michael Prepelicza erschien nach ein paar Monaten bei den Brüdern Gregorics und forderte sein Teil von dem hervorgegrabenen Schatze mit der Drohung, im entgegengesetzten Falle alles der Frau Panyoki zu erzählen. Die Brüder Gregorics gerieten in Wut, als sie ihn erblickten. »Du hast uns betrogen, Spitzbube. Du selber warst der Spießgeselle des toten Räubers, der uns nach seinem Tode zu Gunsten seines Bastards plündern wollte. Für teures Geld wollte er uns seine Hütte anhängen. Deshalb habt Ihr altes Eisen und Nägel in den Kessel gelegt. Gut, daß du gekommen bist. Gleich wirst du dein Teil vom Schatze herausbekommen!« Und hiermit hoben sie jeder einen Knüttel in die Höhe und piff, paff, prügelten sie den frommen Prepelicza derart, daß dieser sofort zum Arzt rannte, er möge eine Landkarte von den seinen Rücken durchschneidenden blauen Linien aufnehmen; dann lief er zum Winkeladvokaten Johann Krelics, damit er eine wunderschöne Klageschrift beim König selbst in Wien gegen die Brüder Gregorics einreiche, die sich erdreisteten, einen ausgedienten Korporal aus dem Este-Regiment so zu schänden. (Wenn sich der König nicht schämt – bemerkte Prepelicza bei dem Advokaten – ich schäme mich durchaus nicht, denn sie waren zwei gegen mich.) Als dritte Heimzahlung mietete er auf der Stelle einen Bauernwagen (denn er konnte mit seinen zerschlagenen Gliedern nicht zu Fuße wandern), ließ sich nach Barecska fahren, wo Frau Panyoki wohnte, und erzählte ihr alles ganz aufrichtig, alles vom Anfang bis zu Ende. Daher datierte dann der Riesenprozeß Gregorics', in dem Frau Panyoki als Klägerin auftrat und ganz Oberungarn während mehr als zehn Jahren beschäftigte. Eine Legion Zeugen mußte verhört werden, und die Akten wuchsen mit der Zeit bis zu einem Gewicht von dreiundsiebzig Pfund an. Frau Panyoki wies die Existenz und das Vermauern des Kessels, sowie die böse Absicht ihrer Brüder nach (mehr konnte sie nicht erzielen), die Brüder Gregorics und ihre Advokaten diskutierten über die Betrügerei des Verstorbenen, der Nägel und altes Eisen in den Kessel gelegt, um sie zu Narren zu halten und auszuplündern. Da der Tote weder Advokaten noch Protektion besaß, blieb endlich doch nur er in der Patsche. Es ist auch wahrscheinlich, daß er es war, der sich den bösen Scherz mit den Nägeln und dem alten Eisen erlaubt hatte; er hinterließ ihnen diese Erbschaft, indem er listig den verhängnisvollen Prozeß voraus erdachte, der erst dann sein Ende erreichte, als es schon ganz gleich war, wer ihn gewann, wer ihn verlor, da keinem von ihnen mehr etwas geblieben war: diese dreiundsiebzig Pfund Papier und fünf bis sechs Advokaten hatten ihr ganzes Vermögen verschlungen. Die Gregorics' starben der Reihe nach alle in Armut. Auch ihr Andenken verblaßte immer mehr, nur die Advokaten erwähnten manchesmal den Paul Gregorics: »Ei, das war ein Mann von seltenem Verstande!« Aber wo sein Vermögen hingekommen, das konnte niemand erraten. Und doch war es dagewesen, es war bedeutend gewesen, aber seine Spur verschwand, ohne daß es jemand angehört hätte. Aber doch! Die Sagen hatten es geerbt. Die verfügten frei darüber, verminderten es, vermehrten es, thaten es her und thaten es hin, ganz nach ihrem Belieben. Dritter Teil. Auf der Spur. Der Regenschirm kommt zum Vorschein. Viele Jahre sind vergangen, viele Flöße über die Gran geschwommen, viel hat sich in Neusohl verändert seitdem; doch uns interessiert von allen Veränderungen am meisten die kleine Tafel im Korridor des Gregoricshauses, auf welcher mit kleinen Goldbuchstaben geschrieben steht: »Georg Wibra, Landes- und Wechseladvokat.« Die Welt schreitet immer weiter, immer weiter ... aus dem kleinen Knaben Georg ist ein berühmter Advokat geworden. Weise Komitatsherren erbitten sich seine Meinung, wenn er im Rat sitzt, und schöne Mädchenköpfe lächeln hinter blumenbesetzten Fenstern auf ihn hinab, wenn er über die Gasse geht. Er ist auch wahrlich ein hübscher Mann und hat viel Verstand. Und was braucht man mehr auf der Welt? Er ist jung, gesund – die ganze Zukunft steht offen vor ihm da. Er kann sogar noch einmal Deputierter werden. Doch soweit voraus schweift die Phantasie der Kleinstädter nicht. Sie steigen nur immer um eine Stufe höher. Und was könnte die nächste Stufe denn anderes sein, als: wen wird Georg Wibra heiraten? Nun, den möchte auch Käthchen Krikovszky heiraten, obgleich sie das schönste Mädchen in der Stadt ist; mit beiden Händen würde Mathilde Hupka nach ihm greifen, und die ist doch gewiß ein hochmütiges, spöttisches Ding. Vielleicht möchte ihm sogar Mariechen von Biky keinen Korb geben, trotzdem sie von Adel ist und fünfzigtausend Gulden Mitgift bekommt. Die Mädchen sind heutzutage sehr wohlfeil! Jedoch Georg Wibra bekümmerte sich um all dies nicht, er war sehr ernst und in sich gekehrt. Seine Bekannten fühlten heraus, daß in seinem Kopfe ganz andere Gedanken ihr Wesen trieben, als in dem der andern Menschen. Der Lauf der Dinge ist: daß man sich erst das Diplom erwirbt, dann eine Kanzlei eröffnet, hernach sich Klienten verschafft und das primitive Nest sich immer mehr erweitert, bis es endlich einmal vor lauter Geräumigkeit so leer erscheint, daß jemand unbedingt diese Leere ausfüllen muß. Ein schönes Frauenköpfchen fehlt darin, ein blondes oder ein brünettes. So machen es die andern jungen Advokaten, denen das Glück lächelt. Georg kam dies gar nicht in den Sinn. Als Mama Krikovszky einmal die Frage an ihn richtete: »Wann werden wir Ihren Namen unter den Heiratsnachrichten lesen?« antwortete er mit förmlicher Entrüstung: »Pardon, aber ich habe nicht die Gewohnheit mich zu verheiraten.« Wahrlich, heiraten ist auch nichts anderes als eine schlechte Gewohnheit, jedoch eine Gewohnheit, die durchaus nicht aus der Mode kommen will. Generationen nach Generationen thun desgleichen seit Jahrtausenden, beklagen sich auch darüber, kratzen sich die Köpfe, daß sie eine Dummheit begangen, doch klüger wird die Welt dadurch doch nicht. So lange schöne, junge Mädchen blühen, blühen sie immer für jemand. Seine Kanzlei kam prächtig in Gang, das Glück lächelte ihm überall zu, doch er nahm es mit ziemlich saurem Gesicht auf. Er arbeitete, er arbeitete freilich, aber eher aus Gewohnheit, so wie sich der Mensch alltäglich wäscht und kämmt, so verrichtete er seine Advokatursgeschäfte. Seine Seele befand sich anderswo. Doch wo? Ei, wohin wandert denn die Seele in diesem Alter? Seine Freunde glaubten es zu wissen und bestürmten ihn genug: »Warum heiratest du nicht, Alter?« »Ich habe kein Geld.« »Nun eben deshalb; die Frau bringt ja das Geld.« (Diese Auffassung herrscht in der Lateinerwelt.) Georg schüttelte den Kopf, er hatte einen schönen, ovalen Männerkopf mit seelenvollen, melancholischen schwarzen Augen. »Das ist nicht richtig. Das Geld bringt die Frau!« Ach, welch eine Frau muß der begehren! Sie meinten hochstrebende Pläne in ihm zu entdecken. »Ein verdammt großer Streber ist der Georg Wibra. Er will viel, er will was Großes. Diese einfachen, kleinen Bürgermädchen gefallen ihm nicht. Vielleicht geht ihm eine Baronesse Mednyanszky oder Radvanszky im Kopfe herum. Mit einem Wort, er ist ein großer Streber, so wie die wilde Rebe, die in die Höhe klimmt und dann erst Blüten treibt. Und er konnte sich doch emporschwingen, auch wenn er jetzt heiraten würde. Sehet, die Adlerbohne klimmt mit ihren Blüten zugleich aufwärts.« Das war lauter dummes Gerede. Georg Wibra fehlte nichts anderes, was die Gleichmäßigkeit seiner Carriere, die Harmonie seiner Individualität getrübt hätte, als diese unglückselige Legende von seiner Erbschaft. Ihn störte kein Mädchenantlitz, kein Ehrgeiz, nur seine Legende. Denn für andere war es eine Legende, doch für ihn beinahe Wirklichkeit, die vor ihm leuchtete gleich einem Irrlicht: er kann weder davon lassen, noch es erreichen. Er läuft, läuft ihm immer nach, aus dem alltäglichen Geleise getrieben, er läuft erregt und ohne Unterbrechung: es hüpft ihm überall in den Weg, verfolgt ihn wach und im Traume, eine Stimme ruft ihm aus Mauern und Straßensteinen zu: »Du bist ja ein Millionär.« Wenn er die erbärmlichen Klageschriften zu fünf und zehn Gulden schreibt, grinsen ihm plötzlich die Schnörkel der Buchstaben entgegen: »Wirf die Feder nieder, Georg Wibra, du besitzest genug Schätze, Gott weiß, wie viel Schätze. Dein Vater hat sie hinterlassen, denn er war dein Vater, für dich hat er sie gesammelt, sie sind dein rechtliches Erbe. Du bist ein großer Herr, Georg, und kein armer Anfänger! Wirf die Akten zum Teufel und schau dich nach deinen Schätzen um. Wo du sie suchen sollst? Nun freilich, wo? Das ist es ja eben, worüber man verrückt werden kann. Womöglich sitzt du darauf, wenn du dich müde irgendwo ausstreckst, womöglich erwärmst du sie mit deiner Hand, wenn du dieselbe an etwas lehnst, und auch das ist nicht ausgeschlossen, daß du sie nie auffinden wirst. Und welch ein Herr könntest du damit sein! Was alles könntest du mit diesem Gelde ausrichten! Mit einem Viererzug könntest du fahren, Champagner trinken, Dienerschaft halten. Eine andere Welt, ein anderes Leben würde sich vor dir eröffnen. Der Silberschlüssel wappengeschmückter Thüren würde auf das Geräusch deiner Tritte knarren. Und es ist nur Sache des Erratens, daß all dies eintreffe. Es gehört nichts anderes dazu, als ein glückliches Aufblitzen deines Geistes. Doch da sich dieses nicht melden will, schreibe die Klageschriften nur weiter, mein Freund, und verteidige mit edler Ruhe die armen slowakischen Angeklagten.« Der Gedanke an das verschwundene Vermögen war ein förmliches Unglück für ihn. Er fühlte dies selbst und wünschte oft, nie etwas darüber gehört zu haben. Er hätte viel dafür gegeben, wenn aus dem Dunkel eine Einzelheit auftauchen würde, die die Existenz der Erbschaft zweifelhaft oder unwahrscheinlich erscheinen ließ. Wenn sich nur einmal ein Mensch melden würde, der folgendermaßen spräche: »Ich habe den alten Gregorics in Monako gesehen, er hat riesige Summen verloren!« Doch nein, lauter solche Einzelheiten kamen zum Vorschein, die noch mehr das verborgene Vermögen bewiesen, und solche Menschen tauchten auf, die den jungen Advokaten anspornten. »Ein großes Vermögen, ohne Zweifel ein sehr großes Vermögen hat Ihnen der gottselige Paul Gregorics hinterlassen. Ich sage es bei Gott, er muß viel Geld besessen haben. Ahnen Sie wirklich nichts davon?« Er ahnte nichts – aber seine Gedanken beschäftigten sich immer damit und zerstörten ihm jede Freude, jede Ruhe. Der vorzügliche Jüngling wurde in Wahrheit nur ein halber Mensch, denn er trug den Seelenzustand von zwei Menschen in sich. An einem Tage lebte er in dem Bewußtsein, daß er der Sohn einer Dienstmagd sei und noch dazu der illegitime. Er begann zu fühlen, daß er es weit gebracht mit seinem Verstand, mit seiner Individualität, und in solchen Momenten war er glücklich und zufrieden, edle Arbeitslust erfüllte ihn. Doch es bedurfte nur eines Wortes, eines Gedankens, und der junge Advokat verwandelte sich in einen andern Menschen. Er wurde der Sohn des steinreichen Paul Gregorics, der jetzt heimatlos ist, bis er das Erbe auffindet. Von Zeit zu Zeit überkam ihn der Durst des Tantalus nach dem verhängnisvollen Vermögen; er verließ oft seine blühende Kanzlei und reiste auf Wochen nach Wien, um bei denjenigen nachzuforschen, die einst mit seinem Vater in geschäftlicher Verbindung gestanden. Der reiche Wagenfabrikant, der das Wiener Haus des Paul Gregorics angekauft hatte, lieferte auch thatsächlich einen wichtigen Anhaltepunkt. »Ihr Vater sprach einmal folgendermaßen zu mir, als ich den Kaufpreis bezahlte: ›Ich lege das Geld in einer Bankanweisung an‹ und er erkundigte sich bei mir nach dem Wesen der Anweisungen und Checks.« Georg forschte auf dieser Grundlage bei allen Banken nach, aber erfolglos. Vollkommen erschöpft und mißgestimmt kehrte er mit dem festen Vorsatz nach Neusohl zurück, die ganze Angelegenheit als nicht vorhanden zu betrachten. »Der Narrentanz muß sein Ende haben. Ich dulde es nicht, daß mir das goldene Kalb ewig in die Ohren brüllt und mir alles verschlingt. Nicht einen Schritt will ich mehr thun, ich nehme an, das Ganze ist nur ein Traum gewesen.« Aber ist dies ausführbar? Man kann vielleicht die Glut mit Asche bedecken, doch wird sie nicht trotz alledem rauchen? Wird sie nicht ewig von einem Windstoße wieder angefacht werden? Einmal plauscht der, ein andermal jener. Die Mama, die gute alte Mama, die nun schon auf Krücken geht, erwähnt oft neben dem warmen Kamin vertraulich und aufrichtig die guten, alten Zeiten. Es ist schon lange her, jetzt ist es ohnehin alles eins. Sie gesteht auch langsam ein, daß der gute Paul Gregorics, als er im Sterben lag, Georg durch eine Depesche an sein Bett berufen wollte. »Ach, wie sehnlich hat er dich erwartet, er konnte gar nicht sterben, ehe du nicht kamst. Aber ich war die Schuldige.« »Und warum wartete er so sehnsüchtig auf mich? Hat er es nicht gesagt?« »Ja freilich hat er es gesagt. Er wollte dir etwas übergeben. « Wie hell es wird, wie sich das Dunkel lichtet. Kleine, weiße Punkte entstehen hier und dort. Aus dem Bericht des Wiener Wagenfabrikanten kann festgestellt werden, daß sich das Vermögen des Paul Gregorics in einer Bankanweisung befinden müsse. Aus den Worten der alten Mama ist zu entnehmen, daß er die Anweisung Georg, seinem Sohne, übergeben wollte. Folglich war sie bei ihm. Doch wo ist sie hingekommen? Auf welche Bank lautete sie? Ist es möglich, dem nicht nachzuforschen? Kann man sich darein mit gesunder Vernunft ergeben, es ruhig für ewig vergessen? Nein, nein. Es kann nicht für immer spurlos verloren sein. Sogar ein Weizenkorn, wenn es am Rande eines Grabens oder wo immer niederfällt, kommt einmal unerwartet ans Tageslicht, es sprießt sogar aus der Rocktasche hervor. Und nun erst eine solche Sache! Ein Wort kann sie aufdecken, ein Funke erleuchten ... Er mußte auch nicht lange warten. Eines Tages wurde Georg zum sterbenden Bürgermeister Thomas Krikovszki gerufen, um das Testament aufzusetzen. Der städtische Obernotar und einige Senatoren waren anwesend, die er ebenfalls zu seiner letzten Stunde hatte rufen lassen. Das Haupt der Stadt (dieses trotzige, befehlende Haupt) lag matt und fahl auf den Kissen, doch auch jetzt noch steckte eine feierliche Rede darin, mit welcher er sich vom Magistrate verabschiedete, indem er ihnen die weitere Pflege der edlen Stadt ans Herz legte; dann zog er das Amtssiegel der Stadt unter seinem Kopf hervor und übergab es dem Obernotar mit einem tiefen Seufzer: »Zwanzig Jahre lang habe ich damit das Recht besiegelt.« Alsdann diktierte er sein Testament Georg in die Feder, wobei er gleichsam sein ganzes Leben überblickte und von seinen Revolutionserinnerungen zu reden begann. »Donnerwetter, das waren Zeiten,« sprach er, seine Worte an Georg richtend. »Ihr Vater hat einen roten Regenschirm gehabt, dessen Stock ausgehöhlt war. In diesem Regenschirmloche hat er die geheimsten Informationen von Lager zu Lager getragen ...« »So? Der Regenschirm,« stotterte Georg Wibra, und seine Augen leuchteten auf. Wie der Blitz schlug der Gedanke in seinem Kopf ein. O weh! In diesem Regenschirm befand sich die Bankanweisung! Das Blut begann rasch in seinen Adern zu kreisen, von seinen Schläfen rann Schweiß, und sein Geist drang mit jauchzender Siegesgewißheit der Sicherheit entgegen. Dort war sie, dort war sie, ganz sicher war sie dort! Plötzlich tauchte die Theißscene vor ihm auf, wie den Alten Entsetzen ergriff, als der Schirm aus dem Kahne in die schönen blauen Wellen sank, welch großen Lohn er für den Regenschirm versprach. »Ach, es ist sicher, sicher!« In seinem Ohre erklangen sogar die damaligen Worte des Gregorics »wenn der Regenschirm dir einst angehören wird, wird er ein guter Schutz gegen Wetter und Wolken sein,« sie erklangen und tönten, schallten, als kämen sie gerade aus dem Jenseits herüber. Die Senatoren konnten es nicht begreifen, was den jungen Advokaten am Sterben des Herrn Krikovszky derart aufregen mochte, er thut ja am Ende wohl daran, zu gehen, er hat seine gichtischen Füße ohnehin schon langsam hier oben nach sich geschleppt, er thut wohl daran, jungen Kräften Platz zu machen; er hat wahrlich nicht umsonst gelebt, sein Porträt wird für den Sitzungssaal gemalt werden, und das ist ein schönes Ende – wenn er noch weitere zehn Jahre die Zügel der Stadt halten würde, könnte er auch nicht mehr erreichen, als daß sein Porträt gemalt wird, nur das Bild würde dann schon häßlicher. Noch mehr erstaunten die Senatoren über die sonderbare, ja sogar förmlich einfältige Frage, die Georg trotz des feierlichen Momentes an den Sterbenden richtete: »Und war die Höhlung groß, lieber Herr Bürgermeister?« »Welche Höhlung?« fragte der Sterbende, der schon vergessen hatte, was er gesagt. »Das Loch des Regenschirmstockes.« Er erhob seine verglasten, trüben Augen matt und verwundert zu Georg, während er zwischen seinen Zähnen nach Luft rang. »Ich weiß es wirklich nicht, ich habe Ihren Vater nie danach gefragt.« Dann schloß er die Augen und setzte leise mit jener eigentümlichen, nachlässigen Gemütlichkeit, mit der nur der Ungar zu sterben versteht, hinzu: »Aber wenn Sie ein wenig warten wollen, werde ich mich gleich danach erkundigen.« Und was er versprochen, mag er auch gehalten haben, denn kaum hatten sich der Advokat und die Ratsherren entfernt, so hißte der Heiduck Privoda schon nach einer halben Stunde eine große schwarze Fahne auf die Fassade des Rathauses, und in den katholischen Kirchen erklangen der Reihe nach die Glocken für den Verstorbenen. Georg Wibra, der unterdessen zu Hause angekommen war, lief voll Fieber und Erregung in seiner Kanzlei auf und ab. Bald hüpfte sein Herz, vor Freude trunken: »Der Schatz ist da, der Schatz ist da,« bald zog es sich hoffnungslos zusammen: »Das heißt, er wäre hier, wenn der Regenschirm bei der Hand wäre. Aber wo ist er?« Er konnte weder essen, noch trinken, noch schlafen, bis er der Sache nicht auf den Grund kam. Zuerst fragte er seine Mutter aus. Die alte Frau strengte ihr Gedächtnis auch an, konnte aber nur soviel sagen: »Wer kann das wissen, mein lieber Sohn, nach so vielen Jahren! Und wozu sollte dir auch der zerrissene Regenschirm nützen?« Georg seufzte auf. »Aus der Erde Grund möchte ich ihn mit meinen fünf Nägeln hervorgraben, wenn es möglich wäre.« Die Frau zuckte die Achseln und schüttelte den Kopf. »Vielleicht weiß der Matykó davon!« Es war leicht, den Matykó aufzufinden, er rauchte auch jetzt seine Pfeife im Vorzimmer des » mladipan « (junger Herr), als dessen Diener, aber auch er sang dieselbe Weise, daß er seitdem auch wichtigere Dinge als den Regenschirm vergessen habe, jedoch daran erinnert er sich, daß ihn der alte Herr noch im Sterben verlangt habe. Der gute Gott weiß, weshalb er gar so sehr auf ihn acht gegeben hatte. (Das weiß nun auch schon ein anderer, nicht nur der gute Gott.) Den meisten Wert hatten die Bemerkungen der Witwe Botár, die noch immer Mieterin des kleinen Krämerladens im Gregoricshause war und zugegen war, ja sogar mithalf bei der Waschung und dem Ankleiden des toten Gregorics. Die brave Frau schwor bei Himmel und Erde, daß der Regenschirm in der zusammengepreßten starren Hand des Toten gewesen war, seine Finger mußten auseinandergerissen werden, um den Regenschirm herauszunehmen und an seine Stelle, so wie es sich schickt, das heilige Kruzifix zu legen. Der Advokat wandte sich ab und zerdrückte ein, zwei herabperlende Thränen in seinen Augen bei diesen Einzelheiten. »Ja, ja, der Regenschirm war in seiner Hand« – wiederholte die Witwe Botár – »ich soll mich nie von dieser Stelle rühren können, wenn es nicht wahr ist.« »Das ist alles nichts wert,« brummte Herr Georg, »wir müßten wissen, wo er sich jetzt befindet. Gewiß hat man ihn verschleudert, wie die andern Sachen.« Das war das Wahrscheinlichste. Auf der Stelle lief Georg in das Archiv, dort mußte unter den Verlassenschaftsakten auch das Versteigerungsprotokoll noch vorhanden sein. Er fand alsbald das Verzeichnis der verkauften Gegenstände: an wen und für wie viel die Schränke, Tische, Stühle verkauft wurden, dort waren Pelze, Pistolen, Jagdtaschen, Filzschuhe, Wurstfüller angeführt, jedoch ein Regenschirm kam nicht vor. Er durchlas es zehnmal, vergebens, keine Spur fand sich, wenn nicht folgende Zeile dafür genommen werden konnte: »Unbrauchbare Dinge zwei Gulden. Vom weißen Juden angekauft.« Wer weiß, ob nicht dies das Richtige ist. Nur das kann es sein. Unter diesen unbrauchbaren Gegenständen muß der Regenschirm gewesen sein. Der weiße Jude hat sie gekauft. Nun, so muß der weiße Jude aufgesucht werden. Das ist die erste Aufgabe. Doch wer ist eigentlich der weiße Jude? Denn in den glücklichen Bergstädten waren zuzeiten der Licitation die Juden noch eine Seltenheit. Ein, zwei, die sich fanden, waren leicht zu unterscheiden. Der eine wurde gelb genannt infolge seines blonden Haares, der andere schwarz, der dritte eventuell rot, oder wenn er ergraut war, weiß, mit diesen vier Farben ließen sich sämtliche Israeliten der Stadt unterscheiden – jedoch seitdem ist ihre Zahl in Neusohl auf über hundert Familien angewachsen –, aber für die Vermehrung der Haarfarben hat unser Herrgott nicht gesorgt. Es war trotzdem nicht schwer, es herauszufinden; ältere Leute erinnerten sich daran, daß einst Jonas Münz der weiße Jude genannt wurde, und es war um so wahrscheinlicher, daß er es war, denn die alten Hosen und Westen der Stadt versammelten sich in seinem kleinen Laden in der Getreidegasse, bevor sie die zweite Periode ihrer irdischen Laufbahn begannen. Viele erinnerten sich noch an diesen kleinen Laden, als dessen Schild abgetragene Stiefel, Krispinen, Bauernmäntel und Flausröcke draußen hingen, mit folgender, mit Kohle auf die Thüre gezeichneten Aufschrift: »Nur die Lilien auf dem Felde kleiden sich billiger, als es in diesem Laden möglich ist.« (Das war freilich richtig mit dem Zusatz, daß die Lilien auf dem Felde sich auch etwas schöner kleideten, als es in diesem Laden möglich war.) Georg war von all diesen Erklärungen nicht sehr befriedigt, und obzwar er nicht mit sanguinischen Hoffnungen erfüllt war, was das Auffinden des Regenschirmes anbelangt, ging er doch aus dem Archiv zum Präsidenten des Gerichtshofes, dem hochwohlgeborenen Herrn Sztolarik, um sich nach weiteren Einzelheiten zu erkundigen, da derselbe geraume Zeit hindurch Notar in der Stadt gewesen war und alle Menschen, alle Verhältnisse kannte. Er erzählte aufrichtig und ausführlich seine Entdeckung, daß das Vermögen des Paul Gregorics, welches aller Wahrscheinlichkeit nach in einer ausländischen Bank deponiert sei, beinahe aufgefunden wäre, und fügte hinzu, es erleide keinen Zweifel, daß die Anweisung in dem Stock des Regenschirmes verborgen war. Der Regenschirm wurde wahrscheinlich bei der Versteigerung von einem Juden, Namens Jonas Münz, gekauft. Dies alles stotterte Georg keuchend, rasch, in einem Atem bei seinem ehemaligen Vormund hervor. »So viel ist mir gelungen zu erfahren. Doch was soll ich nun beginnen?« »Das ist viel, das ist mehr, als ich geglaubt hätte. Jetzt muß nur weiter geforscht werden.« »Aber wo soll ich forschen? Der Münz existiert ja nicht mehr. Und wenn auch der Münz existieren würde, wer weiß, auf welchem Misthaufen seitdem schon der Regenschirm verfault.« »Der Faden darf doch nicht fallengelassen werden.« »Haben Sie, Herr Vormund, den Jonas Münz gekannt?« »Gewiß! Er war ein sehr ehrlicher Jude, deshalb hat es der Arme zu nichts gebracht. Er ist oft zu mir gekommen, ich sehe ihn noch heute mit seinem Kahlkopf und dem flatternden weißen Haar an den Rändern. Bei Gott (und da sprang Sztolarik auf wie eine Ziege), er hat den roten Regenschirm des Paul Gregorics in der Hand gehabt, als ich ihn zuletzt gesehen. Hörst du, Georg, jetzt weiß ich es ganz genau, ich könnte darauf schwören, ich habe noch meinen Spaß mit ihm getrieben: ›Sie gehen vielleicht sogar ins Jenseits hinüber hausieren, Jonas, und haben diesen Regenschirm dort dem Gregorics abgekauft?‹ Worauf er lachte und launig erwiderte, soweit hätte er es noch nicht gebracht, er wandere nur in Sohl und Hont, die andern Komitate habe er unter seine Söhne verteilt, dem Moritz gehörte Trentschin und Neutra, dem Sami die Zips und Liptau. Robi, der jüngste Sprößling, habe erst vorige Woche das Barscher Komitat erhalten; doch ins Jenseits habe er nicht die Absicht zu wandern, noch seine Kinder hinüber zu lassen, wenn es nicht sein müsse.« Die Augen des Georg Wibra leuchteten vor Freude auf. »Bravo, mein lieber Vormund!« rief er aus. »Ein solches Gedächtnis haben nur die Götter besessen.« »Du bist ein Glückskerl, Georg. Eine Vorahnung flüstert mir zu, daß du auf der richtigen Spur bist, daß du dein Erbe auffinden wirst.« »Jetzt glaube ich es selbst,« rief triumphierend der Advokat, der ebenso leicht zum Optimismus neigte wie zum Gegenteil, »doch was ist aus dem armen Münz geworden?« »Es existiert eine christliche Legende über die Juden, daß an jedem langen Tag ein Jude aus der Welt spurlos verschwindet. So ist auch der alte Jonas verloren gegangen: jetzt vor vierzehn Jahren kam die Reihe an ihn. (Habe keine Angst, von den Rothschilds wird keiner verloren gehen.) Sein Weib, seine Kinder warteten, warteten immer auf ihn, doch Jonas kam nicht zurück. Dann brachen seine Söhne auf und suchten nach ihm von Spur zu Spur, und es stellte sich heraus, daß der alte Jonas irrsinnig geworden sei und so in den slowakischen Dörfern herumirrte. Bald sah man ihn hier, bald dort; vor den suchenden Söhnen tauchte die Kunde von ihm öfters auf, bis endlich eines Tages die Gran seine Leiche auswarf.« Über das schöne Antlitz des Advokaten zog eine Wolke des Mißmutes und der Verzagtheit. »Dann ist ja der Schirm auch in die Gran gefallen.« »Vielleicht nicht. Er konnte ihn ja auch zu Hause gelassen haben; und wenn er ihn zu Hause gelassen hat, kann er noch jetzt unter den alten Sachen liegen – denn gekauft hat ihn sicher niemand. Eine Glücksprobe, mein Junge! Wenn ich an deiner Stelle wäre, würde ich mich sofort in einen Wagen werfen und fahren, fahren; so lange bis ...« »Ich möchte auch gehen, doch wohin soll ich gehen?« »Nun freilich, freilich. (Sztolarik dachte nach.) Die Münzjungen sind in der Welt verstreut – die Zündhölzchenpäckchen, mit welchen sie ihre Laufbahn begonnen, sind seitdem vielleicht irgendwo zu Häusern angewachsen, von den Münzjungen habe ich nichts gehört, doch weißt du was, fahre nach Bábaszék, ihre Mutter, die Witwe, lebt dort.« »Wo liegt Bábaszék?« »Gleich bei Altsohl, im Gebirge, man spottet darüber, daß in Bábaszék ein Schaf in den Hundstagen angeblich erfroren sei.« »Und wissen Sie sicher, daß Frau Münz dort wohnt?« »Ganz sicher. Vor einigen Jahren hat man sie als Juden aufgenommen und nach Bábaszék geführt.« Unsere Rosalie. Jawohl, die alte Frau Münz ist als Jude nach Bábaszék geführt worden, für vierzig Gulden Scheidemünze, weil in Bábaszék kein Jude war und unbedingt einer herbeigeschafft werden mußte. Die Sache verhält sich eigentlich folgendermaßen (für einen Pester allerdings schwer zu verstehen): Bábaszék ist eines jener Kolibristädtchen, die sich nur dadurch von den ärmlichen oberungarischen Dörfern unterscheiden, daß man ihren Richter Bürgermeister tituliert, und daß an einem gewissen Tage des Jahres von den benachbarten Gehöften und Dörfern ein, zwei junge Kühe und Ochsen, sowie einige abgezehrte Pferdchen hingetrieben werden. Ferner kommt an demselben Tage der Lebzelter Samuel Plokár aus Neusohl und stellt in seiner Bude seine Herzen, Husaren und Wiegen aus Pfefferkuchen aus, die alsbald vergriffen und für die Mädchen und Kinder der Umgebung mitgenommen werden. Mit einem Wort, in Bábaszék ist Jahrmarkt. Und auf den ist seit Jahrhunderten jeder eingeborene Bábaszéker stolz und teilt das Kalenderjahr, sowie die Weltereignisse in zwei Teile, derart, daß der eine Teil so und so viel Wochen oder Monate vor dem Jahrmarkt geschieht, der andere Teil hingegen nach dem Jahrmarkte stattfindet, sowie zum Beispiel Franz Deaks Tod gerade zwei Tage nach dem Bábaszéker Jahrmarkt eintraf. Und an all dem sind die ehemaligen Könige schuld, die in den Burgen von Altsohl und Végles jagten und die benachbarten Dörfer, anstatt ein Trinkgeld zu geben, zu Städten erhoben. Am Ende ist dies ein schönes Privilegium. In der Stadt hat alles mehr Wert, gilt alles mehr, der Grund und Boden, der Garten, sogar der Mensch. Man ist Bürger, und das ist schon etwas. Wenn man in den Rat gewählt wird, ist man Senator. Das alte, strohgedeckte Haus, wo der Rat seine Sitzungen hält, heißt das Rathaus; der Kleinrichter mit den Riemenschuhen, der anstatt des Dolmans einen Lendengurt mit Kupferschnalle trägt, wird Heiduck genannt. Der Heiduck muß auch zu trommeln verstehen, denn das Städtchen besitzt seine eigene Trommel – die reicheren Städte schaffen sich sogar eine Wasserspritze an ... Da hilft alles nichts, Rang bleibt Rang – doch der muß dann auch aufrecht erhalten werden. Besonders als vom Komitatshause das Gerücht ausging, daß die meisten der Städtchen von acht-, neunhundert Einwohnern aufgehoben werden sollten, entstand ein Wettstreit zwischen ihnen; jedes wollte seine Lebensfähigkeit beweisen, jedes eilte, sich auf das hohe Pferd zu setzen, trotzdem sein Hafersack nur für den Kopf eines Füllens berechnet war. Das wird kein gutes Ende nehmen, wer so lange lebt, wird es sehen. Die gute Stadt Altsohl erklärt Slavisch-Pleschnitz den Krieg. »Das ist ja keine Stadt, nicht einmal eine Apotheke ist darin.« Altsohl möchte Pleschnitz in einem Löffel Wasser ertränken. (Aber, o du mein Gott, es kann doch nicht jeder Winkel und jede Ecke Neusohl oder London sein!) Aber auch Pleschnitz ist bissig und bellt und fletscht die Zähne gegen das elende Bábaszék. »Das ist ja keine Stadt! Nicht einmal einen Juden haben sie! Und der Ort, wo sich kein Jude niederläßt, hat keine Zukunft, der ist schon gewiß nicht für eine Stadt geeignet.« Bábaszék beißt wieder die geringeren Ortschaften ... Doch ich bin jetzt nicht dazu hier, um dieses garstige Ringen zu schildern, ich will nur kurz bemerken, daß der verdienstvolle Vorstand von Bábaszék sich die neidischen Schmähungen des Feindes zur Lehre dienen ließ – gleich wie die Biene auch aus Giftpflanzen Honig saugt – und mit der erwähnten Witwe Jonas Münz Verhandlungen pflog, sie möge nach Bábaszék ziehen und dort in der Mitte des Marktplatzes der Schmiedewerkstätte gegenüber ein Geschäft errichten, welches jedem Durchreisenden sofort in die Augen stechen müßte und in welchem besonders folgende Waren verkauft werden sollten: Seife, Peitschen, Schminke, Waschblau, Pferdebürsten, Striegel, Pfriemen, Nägel, Salz, Wagenfett, Safran, Ingwer, Zimmet, Kleister, Hanföl, mit einem Wort, alle Artikel, die im Hotter von Bábaszék nicht wuchsen und in Bábaszék auch nicht verfertigt wurden, und wahrlich, es gab außer dem Hergezählten noch einige solche auf der Welt. So geriet Frau Münz nach Bábaszék, wo man sie auch mit großen Ehren empfing und sie in allem verhätschelte, ja sogar beinahe auf Händen trug (was übrigens kein Spaß gewesen wäre, denn Frau Rosalie wog ungefähr zwei Centner). Anfangs mißfiel es manchen, daß der Magistrat keinen Juden verschafft hatte, sondern nur eine Jüdin, denn es wäre doch schöner, es wäre erhebender gewesen, wenn sie sagen könnten: »Unser Jude hat dies gesagt, jenes gesagt. Unser Moritz oder unser Tobias hat dies gethan, jenes gethan,« aber nur sagen zu können: »Unsere Judenfrau, unsere Rosalie,« das ist nichts, das klingt gar zu bescheiden. Mit einem Worte, einen Juden hätte man nach Bábaszék bringen sollen, einen großbärtigen, krummnasigen, womöglich rothaarigen – das wäre das Richtige. Doch Herr Konopka, der klügste der Senatoren, der mit Frau Münz die Verhandlungen pflog und sie und ihre Sachen in eigener Person mit dem bestellten Leiterwagen aus Neusohl abholte (sogar die Pferde, welche die Frau brachten, hatte er mit Federbüschen geschmückt), trumpfte die Unzufriedenen ohne Gnade mit einem Argument ab, das noch besser traf als der aus Davids Schleuder geflogene Stein. »Seid nicht so dumm! Wenn einmal ein Weib König von Ungarn war, warum könnte ein anderes Weib nicht Geschäftsjude von Bábaszék sein?« Was wahr ist, ist wahr, sie beruhigten sich allmählich und fingen sogar an, die Wahl des Magistrates zu preisen, als am ersten Purimtage und später auch an jedem Laubhüttenfest die Söhne der Frau Münz, sieben an der Zahl, aus allen Weltgegenden zusammenkamen und man sie über den Marktplatz spazieren sah, in eleganten Feiertagsgewändern, mit Schnürschuhen an den Füßen und hohen, topfähnlichen Hüten auf dem Kopfe. Die Bürger von Bábaszék stellten sich zu solchen Zeiten in ihre Gärten voll Pappelrosen und riefen sich über die Umzäumung zu, während ihr Herz voll Stolz schwoll, wie sie ihnen nachblickten: »Nun, wenn das keine Stadt ist, Gevatter, so ist auch die Fledermaus nur eine Eintagsfliege.« »Nicht einmal in zehn Jahren sieht man soviel Juden in Pleschnitz,« antwortete, sich den Bauch streichelnd, der andere Gevatter. Die alte Frau Münz weidete ihre Augen an ihren Söhnen von der Ladenthür aus, denn dort saß sie zumeist und strickte, eine Brille mit Kupferrand auf der Nase (sogar diese Brille verlieh Bábaszék ein gewisses vornehmes, städtisches Ansehen); doch sonst war die Witwe Münz eine alte Frau mit einem freundlichen, angenehmen Gesicht und paßte so gut zum Marktplatze, zu den weißgetünchten Gebäuden, zu der würdevollen Fassade des Rathauses, daß niemand an ihr vorübergehen konnte, ohne den Hut abzunehmen, ebensowenig wie vor der Statue des Johannes Nepomuk. (Am Ende waren ja das die zwei einzigen Sehenswürdigkeiten von Bábaszék.) Jeder fühlte instinktiv, das kleine, runde Mütterchen sei mit eingeflochten in die Pläne von Bábaszéks Emporblühen. »Guten Tag, junge Frau. Wie geht es Ihnen, junge Frau?« »Gut, meine lieben Kinder.« »Wie geht das Geschäft, junge Frau?« »Gut, meine lieben Kinder.« Sie freuten sich so sehr, so sehr, daß die junge Frau flink wie eine Eidechse und gesund wie ein Fisch war, und daß sie sich zusehends bereicherte; sie prahlten auch damit überall, wo sie nur mit ihren Fuhrwerken herumkamen. »Unsere Rosalie gedeiht. Potztausend, unsere Rosalie macht sich immer mehr heraus. Aber in Bábaszék ist dies auch leicht möglich! Bábaszék ist eine goldene Stadt. Bábaszék ist ein jungfräulicher Ort ... in Bábaszék laßt es sich noch leben.« Die junge Frau Rosalie wurde im wahren Sinne des Wortes verwöhnt. Sie war schon über die Siebzig und wurde doch nicht anders als »mlada pani« (junge Frau) genannt. Und darin steckt auch eine gewisse Logik. Der König hat alle wertlosen Titel an sich gerissen, und nur er darf dieselben verleihen. Da fiel es dem Volke im Gefühle seiner Souveränität ein, die Jugend als Titel zu verleihen. Wie gesagt, die junge Frau Rosalie wurde hoch geschätzt und verhätschelt, und als sie einige Jahre nach ihrer Übersiedelung am Marktplatze ein Steinhaus zu bauen begann, boten sich alle mit Fuhrwerken versehenen Leute aus Gefälligkeit an, ihr eine Fuhre Steine oder Holz umsonst zu holen, und die Kleinhäusler nahmen es auf sich, einen Tag umsonst für sie zu arbeiten; es fanden sich kaum ein, zwei Faulenzer, die sich darum drückten und nicht kamen, und die wurden fürwahr von den Vernünftigeren und Vornehmeren fast ausgescholten. »Das ist ein nichtswürdiger Mensch,« sagten sie von einem solchen, »der ehrt nichts, weder Gott, noch die Geistlichen, noch die Juden.« Der Respekt der städtischen Behörde ging sogar soweit, daß sie bei der Kommassierung infolge der Aufforderung des weitblickenden Bürgermeisters Johann Mravucsán zwei von den innerhalb der Stadt liegenden Grundstücken extra aussonderte, das eine für einen eventuellen jüdischen Tempel und das andere für einen jüdischen Friedhof – wo sie doch nur diese eine Jüdin im Orte hatten. Doch gleichviel. Die Zukunft liegt vor ihnen, und wer weiß, was in ihr schlummert. Und schließlich thut es so wohl, in die mit Fremden geführten alltäglichen Gespräche einzuflechten: »ein Steinwurf vom Bábaszéker jüdischen Friedhof entfernt,« oder »vor dem Grundstück des Bábaszéker jüdischen Tempels vorbeigehend« u. s. w. All dies jedoch hörten die noch kleineren Nachbarstädtchen mit großem Neid und Ärger an, indem sie sich folgendermaßen hinter dem Rücken der Bábaszéker äußerten: »O diese Bábaszéker! In Größenwahn sind sie verfallen, die Erbärmlichen!« Die Fäden führen nach Glogowa. An einem sonnigen Frühlingsnachmittag blieb ein leichtes Gefährt vor dem Laden der Frau Jonas Münz stehen, und ein junger Herr sprang aus dem Wagen heraus – der, wie wir schon wissen, niemand anderes ist als unser Georg Wibra. Die junge Frau Rosalie, die eben draußen mit dem Bürgermeister Mravucsán und dem Senator Galba plauderte, fragte neugierig den mit elastischen Schritten auf sie zukommenden Herrn: »Befehlen Sie etwas?« »Frau Jonas Münz?« »Die bin ich.« »Ich möchte einen Regenschirm kaufen.« Die zwei Senatoren blickten erstaunt zum wolkenlosen, heitern Himmel auf. »Zum Teufel,« brummte der weitblickende Mravucsán in sich hinein, »wozu braucht man in solcher Zeit den Regenschirm?« Dann fragte er laut: »Woher kommt der Herr?« »Aus Neusohl.« Mravucsán verwunderte sich noch mehr, er hatte beinahe Lust, sich in die Brust zu werfen. Es ist doch eine große Sache, wenn man von Neusohl nach Bábaszék kommt, um einen Regenschirm zu kaufen. Es ist eine schöne Sache, so was zu erleben und gar noch unter seiner eigenen Bürgermeisterschaft. Er stieß Galba leicht an und flüsterte ihm zu: »Haben Sie gehört?« »Dies ist nur ein ärmlicher, kleiner Dorfladen, mein Herr, Regenschirme und ähnliche Artikel halte ich nicht,« antwortete Tantchen Rosalie. »Schade genug,« brummte Herr Mravucsán, seinen großen, ausgewichsten Schnurrbart kauend. »Aber ich habe gehört,« sprach wieder der Fremde, »daß Sie alte Regenschirme haben.« »Alte Regenschirme! Pfui!« Herr Mravucsán, der asthmatisch war, fing plötzlich an, rasch und kurz zu atmen, und wollte eben ein geringschätzendes Wort an den Fremden hervorstoßen, als plötzlich das Herbeirasen scheugewordener Pferde die Aufmerksamkeit anderswohin lenkte. Das Jahrmarktsvolk, welches den Marktplatz anfüllte, flüchtete aufgescheucht von der Mitte des Weges, in der Schmiedewerkstätte gegenüber hörte das betäubende Hämmern auf, die Schmiedegesellen liefen mit erschrockenem Geschrei nach der rechts aufgestellten Garküche, deren Herd das dahinbrausende Gefährte samt den Braten umgeworfen hatte. Die rasch gebräunten Schweinskarbonaden lagen im Staube umher, ihr prächtiger Duft kitzelte angenehm die Nasen der Schmiedegesellen. Die Marktweiber kreischten und jammerten, einige von den Tapfern banden ihre blauen Schürzen ab und schwenkten diese vor den Pferden, um sie abzuschrecken, worauf sich dieselben glücklicherweise gegen die Hütten der Schuster richteten. Eine förmliche Rebellion brach aus, der ganze Marktplatz wogte, war in Bewegung. Ein Schmiedegeselle bemächtigte sich eines gewaltigen Bratenstückes, die Marktweiber rannten ihm nach, worauf ein anderer Schmiedegeselle, um seinem verfolgten Kameraden zu Hilfe zu kommen, plötzlich unter dem Blasebalg ein Stück glühendes Eisen hervorriß, damit auf die Marktweiber zulief und es wie toll mit dem Hammer bearbeitete, so daß die Feuerfunken zwei Klafter weit in der Runde sprühten. Die zwei Pferde jagten unterdessen über die Waren der Töpfer von Kolpach dahin, die Trümmer eines leichten Gefährtes nach sich schleppend. »Nun, aus dem wird auch kein Wagen mehr,« bemerkte der Schmied phlegmatisch und sah der Scene zu, die Hände unter die Lederschürze gesteckt. Wahrscheinlich war der Wagen gegen eine Mauer geworfen worden, denn der hintere Teil war ganz zertrümmert; auch die Deichsel war entzwei gebrochen, das eine Rad samt Leiste und Schrägen war verloren gegangen, so daß schon der orangegelb gestrichene Wagenkorb hinabzugleiten begann. Die Zügel, die zwischen die Pferde gefallen waren, strichen am Boden, und es war wirklich ein schöner Anblick, die scheu gewordenen Tiere zu sehen. Mit fliegenden Mähnen, schäumendem Maul, dampfenden Nüstern stürmten sie wie im Taumel des Genusses der Harmlosigkeit mit zurückgeworfenem Halse wie toll dahin, und mit ihren Vorderfüßen schienen sie gleichsam in der Luft zu fliegen. »Schöne Gäule!« sagte Herr Senator Galba. »Die Pferde des Pfarrers von Glogowa,« bemerkte Mravucsán. »Ich fürchte, ein Unglück ist geschehen. Gehen wir, Galba!« Während Frau Münz mit den Magistratsherren vor der Ladenthür plauderte, vermehrte sich die Zahl der Käufer, die sie bedienen mußte, und die geduldig auf die junge Frau warteten. Sie sprach nachlässig zu dem Fremden: »Alte Regenschirme wären da, mein Herr, gewiß finden sich einige auf dem Boden, aber die passen nicht für einen so feinen Herrn.« »Potztausend! Könnte ich sie nicht doch vielleicht sehen?« Frau Münz trat in die Ladenthüre, faßte die Klinke an, um die Käufer einzulassen, und machte nur von der Schwelle eine zurückweisende Bewegung. »Ich versichere Sie, Sie würden sie gar nicht in die Hand nehmen mögen.« Doch unser Held ließ sich nicht so leicht abschütteln, er ging ihr in den Laden nach, wartete, bis sie mit ihren Kunden fertig war, dann wiederholte er, daß er die alten Sachen sehen wolle. »Ei, mein Herr, lassen Sie mich in Ruhe! Ich sage Ihnen, daß sie nicht für Sie passen. Diese Regenschirme stammen noch aus der Zeit, wo mein Mann am Leben war, der sie zu reparieren verstand; die meisten haben ein zerbrochenes Gestell und sind zerrissen, außerdem sind sie auf dem Boden mit unbrauchbarem Gerümpel und alten Fetzen so herumgeworfen worden, daß es nicht der Mühe lohnt, wegen derselben hinaufzugehen. Nebenbei ist es auch nicht möglich. Mein Sohn ist auf den Jahrmarkt gegangen, die Dienstmagd hat einen schlimmen Fuß und kann sich nicht bewegen, ich selbst darf mich zur Zeit des Jahrmarktes nicht auf eine Minute aus dem Laden rühren.« Der Advokat zog eine Fünfguldennote aus seiner Brieftasche hervor. »Ich verlange Ihre Gefälligkeit nicht umsonst, Frau Münz, doch die Regenschirme will ich sehen, um jeden Preis. Lassen Sie mich denn allein auf den Boden hinauf. Nehmen Sie dies vorläufig.« Frau Münz griff nicht nach dem Gelde, und ihre kleinen Augen, die tief in den Höhlen ihres fetten Gesichtes saßen, hafteten stechend und mißtrauisch an dem vornehmen Jüngling. »Jetzt zeige ich die Regenschirme schon gewiß nicht.« »Warum nicht?« »Weil mein gottseliger Mann mich gelehrt hat: ›Thue nie etwas, Rosalie, was du nicht verstehst,‹ und mein armer Mann war ein sehr weiser Mensch.« »Freilich, freilich. Sie haben recht, wenn Sie nicht verstehen, warum ich Ihnen fünf Gulden für das Betrachten von zerrissenen Regenschirmen biete.« »So ist es, für fünf Gulden können Sie was Schöneres sehen.« »Nun und die Geschichte ist dennoch sehr einfach. Mein Vater hat einen alten Regenschirm besessen, welcher ihm zu seinen Lebzeiten sehr lieb war, er hing förmlich an ihm; ich erfuhr durch Zufall, daß derselbe in die Hände Ihres Mannes geraten ist, Frau Münz, jetzt möchte ich ihn als Reliquie zurückgewinnen.« »Wer war Ihr Vater, mein Herr? Vielleicht weiß ich etwas von der Sache.« Der Fremde errötete ein wenig. »Paul Gregorics,« sagte er. »Ach, der Gregorics! Warten Sie nur! Ja, ja, ich erinnere mich, dieses sonderbare Männchen, das nach seinem Tode ...« »Ja, ja! Der je zweitausend Gulden den Neusohler Frauen hinterließ.« »Ich weiß, ich weiß, doch er hatte, wenn ich mich recht erinnere, keinen Sohn ...« »Jawohl, das heißt ... (er kam in Verlegenheit, er blieb stecken). Ich bin der Advokat Georg Wibra.« Nun kam die alte Frau Münz in Verlegenheit. »Ja freilich! Ach, ach! Mein dummer, alter Kopf. Ach, ach, ich weiß es schon. Wie sollte ich nichts davon wissen. Ich habe schon vom gnädigen Herrn gehört. Ich habe Ihren armen Tate gekannt. Mein Gott, wie sehr Sie ihm ähnlich sehen und doch wie hübsch. Ich habe ihn gut gekannt, trotzdem,« setzte sie lächelnd hinzu, »er mir keine zweitausend Gulden hinterließ. Ach, ich war schon damals alt, als er noch jung war. Nun bitte, betrachten Sie nur die Regenschirme. Ich werde Ihnen den Weg weisen und erklären, wo sich dieselben auf dem Boden befinden. Bitte, folgen Sie mir nach. Wenn Sie nur den Regenschirm des alten gnädigen Herrn finden möchten ...« »Fünfzig Gulden wären Ihr Lohn, Frau Münz.« Bei den Worten »fünfzig Gulden« leuchteten die Augen der alten Frau auf wie Johanniskäfer. »Ach, der gute Sohn!« seufzte sie zum Himmel aufblickend, »es giebt doch nichts Gottgefälligeres, als einen guten Sohn, der das Andenken seiner Eltern ehrt.« Bei den Worten »fünfzig Gulden« ward sie so flink, so lebhaft wie eine Spindel und führte Georg, nachdem sie die innere Glasthür des Ladens von außen geschlossen hatte, mit raschem Trippeln in den Hof zur Leiter, wo sie nun schon selbst mit ihm hinaufsteigen wollte, um ihm behilflich zu sein. »Nein, nein, bleiben Sie unten, Frau Münz. Was würde die Welt dazu sagen,« scherzte Georg, »wenn man sehen würde, daß wir zwei miteinander auf den Boden hinaufgehen.« Mama Rosalie brach in ein lustiges Lachen aus und schlug dabei die Hände zusammen. »Ach, mein liebes gnädiges Herrchen! Wie weit bin ich schon davon entfernt. Mir hat schon Ihr Papa nichts mehr testiert, trotzdem ich einst ... (Sie strich sich die zerzausten grauen Haare vorn glatt.) Nun, gehen Sie nur hinauf, mein Lieber.« Georg Wibra stöberte eine gute halbe Stunde im alten Gerümpel der Frau Münz herum, während die Frau zweimal aus dem Laden lief, um nach ihm zu sehen. Die fünfzig Gulden machten sie ungeduldig. »Nun, was giebt's?« fragte sie, als sie ihn endlich die Stufen der Leiter herunterkommen sah. Doch die Frage war unnütz: er kam ohne Regenschirm. »Ich habe alles nachgesehen,« sagte er niedergeschlagen, »kein einziger Schirm ist der richtige.« Die alte Jüdin schnitt ein mißmutiges Gesicht: ihr Doppelkinn schien schmerzlich zu zittern, und ihre Augen zwinkerten heftig. »O weh, wo kann ihn der dumme Jonas hingethan haben?« brummte sie. »Fünfzig Gulden! Schrecklich! Jonas hatte nie Instinkte ...« »Wahrscheinlich hat Ihr Mann diesen Regenschirm getragen. Herr Sztolarik, der jetzige Präsident des Gerichtshofes, behauptet, er hätte den Regenschirm in seiner Hand gesehen, er erinnert sich ganz genau daran.« »Wie sah er aus?« »Der Stoff war rot, mit einem lederfarbenen Flicken obenauf, den Stoff unten umgab ein schmaler grüngeblümter Streifen; der schwarze Stock endigte in einem grauen Horngriff.« Die junge Frau Rosalie schrie auf: »Ich soll nie in den Himmel kommen, wenn der Jonas nicht den Regenschirm auf seinen letzten Weg mit sich genommen hat. Als ob er noch heute vor mir stände. Der war es, den er mit sich getragen, bei Gott, der war es ...« »Schlimm genug!« Mama Rosalie begann ihn zu verteidigen. »Was wußte er, welchen er zu Hause lassen sollte! Er hatte keine Instinkte.« »Also aus!« seufzte der Advokat, der ratlos, beinahe erstarrt neben der Leiter stand, wie Marius auf den Trümmern von Karthago; nur daß von seinem Karthago nicht einmal Trümmer geblieben waren – das Ganze hatte sich in Luft aufgelöst, aus der es erbaut war. Niedergeschlagen schritt er zum Thore hinaus auf seinen Wagen zu; das Mütterchen trippelte ihm träge nach, hin- und herwankend, wie eine gemästete Gans, doch draußen auf der Gasse griff sie lebhaft nach dem Mantel des Georg Wibra. »Ei nun! Ich hätte beinahe vergessen. Mein Sohn Moritz ist ja eben zu Hause, er ist Fleischhacker in Ipolyságh und ist hergekommen, um Schafe zu kaufen. Mein Sohn Moritz weiß alles, und ich soll nie in den Himmel kommen (Mama Rosalie scheint lieber hier auf der Erde bleiben zu wollen), wenn der nicht irgend eine Aufklärung betreffs des roten Regenschirmes geben kann. Gehen Sie nur, mein lieber gnädiger Herr, geradeaus auf den Marktplatz zwischen die Schafe und reden Sie dort den schönsten Mann an, und das wird mein Sohn Moritz sein ... er ist großartig schön, besonders schön ist der Moritz. Reden Sie ihn nur an und versprechen Sie ihm die fünfzig Gulden. Ich soll nie in den Himmel kommen, wenn mir der Moritz nicht etwas über diesen Regenschirm erzählt hat. Denn als mein armer Jonas verschwand, ging Moritzchen, ihn zu suchen, und nachdem er den Faden aufgefunden hatte, verfolgte er denselben von Spur zu Spur, von Dorf zu Dorf, überall nachfragend, forschend, bis endlich alles ans Licht kam. (Mama Rosalie blickte weinend zum Himmel auf.) Ach, Jonas, Jonas, warum hast du uns das angethan? Wenn du schon deinen Verstand verloren hattest, wozu mußtest du selbst verloren gehen? Deine Söhne haben genug Verstand.« Georg Wibra hätte sich jetzt schon auch an einen Strohhalm geklammert; er eilte deshalb, ohne ein Wort zu sagen, zu den mit Schuhsohlen und Filzwaren angefüllten Buden auf den Marktplatz. Nach kurzer Nachfrage fand er den Moritz Münz, ein untersetztes, fettes Männchen, mit einem so sommersprossigen Gesichte wie ein Putenei. Er war häßlich wie ein Faun. Von seiner Hüfte hing ein blanker Stahl herab, und auf seinem rechten Arm war ein Ochsenkopf tättowiert. Er handelte eben um eine krummhörnige Kuh. Der Verkäufer, ein Kürschnermeister aus Pest, schwor auf Himmel und Erde, daß kein lebender Mensch in Bábaszék noch je eine Kuh gekauft hatte, welche mit dieser zu vergleichen wäre. »Denn die frißt auch Stroh,« sagte er, »und giebt doch täglich vierzehn Liter Milch.« »Unsinn!« antwortete geringschätzig Moritz Münz, »ich bin ja kein Kalb, welches trinken will, daß Ihr mir die Milch anpreist, ich bin ein Fleischhacker, der sie abschlachtet und auswägt.« »Nun, das ist wahr,« gab der ehrliche Kürschnermeister zu und ließ aus eigener Initiative fünf Gulden von dem Preise der Kuh ab. Das mag dem Moritz noch zu wenig gewesen sein, denn er schlug dem Tiere, nachdem er es überall betastet hatte, fest auf das Schulterblatt: »Wie viel Knochen!« rief er verzweifelt aus, dann riß er ihr das Maul auf und besah ihre Zähne. »Ach, die hat ja nicht einmal mehr Zähne!« »Was spricht der Herr von Zähnen?« murrte der ehrliche Kürschner. »Sie wollen doch vielleicht nicht auch die Zähne auswägen?« »Aber das häßliche Tier schlägt ja aus!« »Ach was, nach seinem Tode wird es nicht mehr ausschlagen; und ich hoffe, Sie haben die Absicht, dasselbe erst nach seinem Tode auszuwägen.« Der ehrliche Kürschner lachte über seine eigene Bemerkung, und weil ihn dies in gute Stimmung versetzte, ließ er in dieser guten Stimmung wieder fünf Gulden ab. Auch dies schien dem Moritz zu wenig zu sein, denn er betrachtete noch immer die »Bimbó,« um neue und wieder neue Fehler an ihr zu entdecken, als Georg Wibra plötzlich erschien und ihn ungarisch ansprach: »Kommen Sie auf ein Wort, Herr Münz!« Als man seinen Käufer fortrief, ließ der erschrockene Kürschner noch weitere fünf Gulden ab, worauf ihm nun der kluge Moritz, der immer erst gegen Abend von den hoffnungslosen Eigentümern einkaufte, die bis dahin ihr Vieh nicht anbringen konnten, in die Hand schlug. »Was wünschen Sie, mein Herr?« »Ich möchte Ihnen etwas abkaufen, was weder mir gehört, noch Ihnen.« »Nun, solche Waren giebt es genug auf der Welt,« grinste Moritz. »Ich versichere Sie, daß ich es sehr preiswürdig hergeben werde.« »Gehen wir etwas weiter weg von hier!« Georg führte ihn aus der Menge hinaus zu dem Brunnen der Stadt, wo ein ausgebreiteter Eichenbaum Schatten spendete. Dieser Baum, den die vieledle Stadt mit einer Schranke umgeben und unter den sie zu beiden Seiten Bänke gestellt hatte, gehörte auch zu der zukünftigen Größe von Bábaszék: die goldiggrün schimmernden Käfer mit dem Bisamgeruch, welche seine schmalen, länglichen Blätter bedeckten und zu der Bereitung gewisser Arzneien nötig sind, die spanischen Fliegen (wie sie von den Gelehrten genannt werden) können ebensoviel Argumente bei der Obrigkeit sein, daß auch Bábaszék einst eine Apotheke erhalten soll. Früher haben die jungen Weiber von Bábaszék oft solche Käfer in kleinen Töpfen nach Altsohl getragen, wo sie der Apotheker ihnen für ein paar Groschen abkaufte, doch später verbot die edle Stadt diesen Handel und bemerkte: »Dem Baume gebührt eine Apotheke. Wir erlauben nicht, Käfer auszuführen ...« Der weitblickende Mravucsán kennt seine Pflicht gar gut! Georg erzählte kurz, was ihn herführte, daß er den Lieblingsregenschirm seines Vaters, den der alte Jonas mit sich getragen, als Reliquie zurückkaufen wollte. »Wissen Sie etwas darüber?« »Jawohl,« antwortete Moritz mißmutig, und seine Nase wurde ziemlich lang, daß nur von so einer Kleinigkeit die Rede war. »Ich biete Ihnen fünfzig Gulden, wenn Sie mir den richtigen Weg weisen und es Erfolg hat.« Moritz riß erschrocken die Mütze vom Kopfe. Fünfzig Gulden für einen alten Regenschirm! Ha, das ist vielleicht der Herzog von Koburg selbst aus Szent-Antal. Mit einem einzigen Blick seiner Augen bemerkte er jetzt, welch eleganten Anzug der Fremde trug. »Der Regenschirm kann aufgefunden werden,« sagte er mit auffallender Hast, dann setzte er nachdenklich das mäßigende »glaube ich« hinzu. »Erzählen Sie alles, was Sie wissen!« Er schwieg eine Weile in Gedanken vertieft; die auf seinen Vater sich beziehenden Erinnerungen waren in seinem Kopfe wirr durcheinander geworfen, wie ein Distelschober. »Ja, ja, der Regenschirm! Wo war er nur? Es sind vierzehn, fünfzehn Jahre her, daß mein Vater verschwunden ist, viel Einzelheiten sind in meiner Erinnerung verblaßt, doch das eine weiß ich sicher, daß ich, als ich mit meinem Bruder auf die Suche nach ihm ausging, den ersten Faden in Podhrágy aufgefunden habe, von wo aus wir seinen Weg verfolgen konnten. In Podhrágy war er noch vollkommen bei Verstand, verkaufte einige Kleinigkeiten an die Bewohner des Dorfes, übernachtete in der Herberge und kaufte für zwei Gulden ein altes Petschaft von einem Landedelmann Namens Raksányi. Er war noch sehr bei Verstand, denn dieses Petschaft haben wir in seiner Tasche gefunden, als man ihn aus der Gran zog, und haben es für fünfzig Gulden an einen Antiquar verkauft, denn es stellte sich heraus, daß es das Siegel des Bid von Mohvra war aus der Arpadenzeit.« »Schön, schön, aber diese Details interessieren mich nicht, Herr Moritz,« warf unser Held ungeduldig ein. »Sie werden schon sehen, daß sie interessant sind.« »Das ist möglich, aber sie beziehen sich nicht auf den Regenschirm.« »Doch, auch auf diesen beziehen sie sich. Belieben nur mit Aufmerksamkeit zuzuhören. In Podhrágy habe ich erfahren, daß er sich von dort nach Abellowa wandte. So bin ich auch nach Abellowa gegangen. Nach dem Vorhergegangenen fing ich schon an, den Verdacht zu hegen, daß sich der Geist meines Alten umnachtet habe; er neigte ohnehin immer zur Schwermut. Hier nämlich erzählte man uns, daß er die Engelskreuzer mit vier Kreuzern von den Dorfbewohnern einlöste. Doch später stellte es sich heraus, daß ich mich in meiner Voraussetzung geirrt hatte.« »Wie? Er war noch immer nicht verrückt?« »Nein, denn einige Tage nach ihm kamen zwei Judenburschen nach Abellowa, die jeder einen Sack Engelskreuzer mit sich brachten, welche wieder die Abellowaer zu drei Kreuzern einlösten, in dem Glauben, daß die Engelskreuzer viere wert seien.« »Demnach ist es möglich ...« »Nicht nur möglich, sondern gewiß, daß die zwei jungen Betrüger meinen ehrlichen Alten mit dem Einkauf der Engelskreuzer betraut hatten, der so unbewußt ihr Mitschuldiger ward. Es ist doch wahrscheinlich, daß sein Verstand nicht mehr ganz beisammen war, sonst hätte er sich nicht drankriegen lassen. Von Abellowa ging er über den Birkenwald Visroka Hora nach Dolinka, aber hier konnten wir nichts besonderes über sein Betragen erfahren, trotzdem er sich zwei Tage hier aufhielt; hingegen ist es sicher, daß in dem nächsten Dorfe Sztrecsnyó ihm schon die Kinder nachliefen und ihn verspotteten, wie einst den Propheten Elias, er aber band sein Bündel auf (nicht der Prophet Elias, sondern mein Tate) und bewarf sie mit seinen Waren. Nicht nach fünfzig Jahren wird man diesen Tag in Sztrecsnyó vergessen, als Kokusseife, Korallen, Taschenmesser und Harmonikas wie himmlisches Manna unter das Volk fielen. Seitdem ist es, wie ich höre, Sprichwort geworden ›Einmal ist nach Sztrecsnyó ein verrückter Jude gekommen.‹ Der Teufel soll Sztrecsnyó holen.« »Kommen wir endlich einmal zur Sache.« »Wir sind schon dabei. In dem rotbetürmten Kobolnyik sah man meinen armen Vater schon ohne Bündel, wie er sich in einer Hand mit dem Stocke, in der andern mit seinem Regenschirm gegen die auf ihn gehetzten Hunde wehrte. In Kobolnyik hatte er folglich den Regenschirm noch bei sich.« Über das sommersprossige Antlitz des Moritz perlten die Thränen herab, er war so gerührt, sein Herz war beklommen bei all diesen Einzelheiten, auch seine Stimme klang dumpf und unendlich weich. »Überall forschten wir nach in jener Gegend, aber nur in Lehota konnten wir etwas über ihn erfahren. In einer stürmischen Sommernacht klopfte er bei dem am Rande des Dorfes wohnenden Feldhüter an, doch der jagte ihn hinaus, als er sah, daß er ein Jude war. Damals hatte er schon weder Hut noch Schirm. Nur den großen gebogenen Stock, mit dem er uns so oft in unseren Kinderjahren getrieben hat – –« »Ach ja, ich fange an, ihre Weitläufigkeit zu verstehen. Der Regenschirm ist auf dem Gebiet zwischen Kobolnyik und Lehota verloren gegangen – das wollen Sie nachweisen.« »Ja.« »Ich glaube es, Herr Moritz, doch dies ist so viel wie nichts. Ihr Vater kann ihn im Walde zwischen die Felsen geworfen haben. Und im besten Falle, wenn ihn jemand gefunden, hat er ihn auf sein Weizenfeld getragen, um die Vogelscheuche damit noch fürchterlicher auszustatten.« »Das ist nicht geschehen. Ich weiß, was geschehen ist.« »Wie?« »Aus Zufall habe ich es erfahren, denn nicht den Regenschirm habe ich gesucht, was kümmerte mich der Regenschirm, sondern meinen Vater. Im Gebirge ›Kvet‹ begegneten wir einem Töpfer. Der Töpfer, der zu Fuß neben seinem Wagen schritt, war ein sehr redseliger Mann. Wie jeden Reisenden, frug ich auch ihn, ob er auf seinen Wanderungen nicht einen Juden gesehen, der so und so ausgesehen habe. ›Gewiß habe ich ihn gesehen,‹ antwortete er, ›vor Wochen in Glogowa, gerade bei einem Wolkenbruche, fiel es mir auf, wie derselbe über ein dem Regen ausgesetztes Kind unter dem Vordache eines Hauses seinen Regenschirm breitete und weiterging.‹« Der Advokat sprang lebhaft auf: »Oho! Nur weiter, weiter!« »Nichts weiter, mein Herr, ich weiß nur soviel, aber das ist sicher. Die Beschreibung des Hafners paßte auf meinen Vater, und außerdem liegt Glogowa zwischen Lehota und Kobolnyik.« »Das sind schon wertvolle Daten,« rief der Advokat aus und nahm einen Fünfziger aus seiner Brieftasche. »Nehmen Sie dies für Ihre Gefälligkeit. Gott befohlen!« Er rannte davon wie ein Windhund, der endlich die richtige Spur wittert. Hurra! Ihm nach! Er sprang über einen Zaun, um rascher durch die Wacholdersträucher auf den Weg hinauszugelangen und um schneller zu seinem Wagen zu kommen. Er hätte am liebsten fliegen mögen. Er schritt weiter, doch als er auf einen Moment bei einer Bude stehen blieb und sich umschaute, stand plötzlich wieder Moritz Münz vor ihm. »Verzeihen Sie,« sprach er, »daß ich Ihnen nachgelaufen bin, doch es ist mir eingefallen, daß ich Ihnen einen guten Rat geben kann. Es sind soviel Glogowaer jetzt auf dem Jahrmarkte hier, daß es Euer Hochwohlgeboren austrommeln lassen könnte – ich weiß nicht, ob ich Sie gut tituliere?« »Gar zu gut,« antwortete der Advokat. »Sie könnten austrommeln lassen, daß derjenige, welcher von dem vor Jahren stattgefundenen Vorfall mit dem Schirm etwas weiß, wenn er sich meldet, eine Belohnung erhält. Ich bin überzeugt, Sie hätten schon nach einer Stunde sichere Daten. In einem so kleinen Dorfe weiß man alles.« »Es ist überflüssig,« bemerkte der Advokat, »denn ich begebe mich sogleich selbst nach Glogowa. Nichtsdestoweniger danke ich für Ihre Gefälligkeit.« »Ach, mein Herr, ich muß Ihnen danken. Sie haben mich wahrlich fürstlich belohnt für so eine Kleinigkeit. Ich schäme mich beinahe. Zum Teufel, fünfzig Gulden. Auch für einen Gulden hätte ich es Ihnen erzählt.« Der Advokat lächelte. »Und ich hätte auch tausend dafür gegeben, Herr Moritz.« Und damit bog er eilig bei dem blaugestrichenen Thore des Schramekhauses ein, wo die feschen Weibchen von Zeleonyik ihre langen Haselnußketten und in große Haufen gelegten Zwiebelkränze u. s. w. verkauften, und wo noch anstatt Geld meistenteils nur Produkte den Tauschwert bildeten. Moritz schaute ihm unterdessen in Erstaunen versunken nach, so lange er ihn nur sehen konnte. »Auch tausend Gulden hätte er gegeben!« sann er nach, und dann schritt er, den Kopf schüttelnd, seinem dem Pester Kürschner abgekauften Kühlein zu. Das Ohrgehänge. Dem Schramekschen Hause schräg gegenüber tönte laute Jahrmarktsfröhlichkeit aus den geöffneten Fenstern der Schenke, das heißt, pardon, des Gasthauses – so liebten es die Bábaszéker zu nennen und mit Recht, denn es verachtete den einfachen Wacholderbund der Dorfschenken, und von seiner Front wehte der aristokratischere Holzspanbusch. Schon von weitem hörte man das Fiedeln der Pleschnitzer Zigeuner. Neugierige junge Slowakenweiber mit froschförmig aufgesteckten Haaren und koketten Häubchen, von welchen in der Richtung des Ohres je ein neckischer Spitzenwürfel hinabbaumelte, schlanke Mägdlein mit rotem Band in ihren flachsblonden Zöpfen guckten zu den Fenstern hinein und drehten sich draußen auf der Straße im Tanze bei den anregenden Weisen. Doch die Neugierde ist noch mächtiger als die Melodie. Plötzlich hört das mutwillige Herumhüpfen auf, weil der Heiduck der Stadt, Johann Fiala, von einer großen Menge begleitet, mit der großen Trommel am Halse herannaht. Er bleibt stehen und fängt aus Leibeskräften zu trommeln an. »Nun, Was kann denn Merkwürdiges geschehen sein? Sind vielleicht die zarten Gänschen der Frau Mravucsán von der Weide verloren gegangen?« Wohl zehn Leute erkundigten sich bei Fiala, was geschehen, doch Fiala nimmt nicht um die Welt die prächtig brennende »Zapekacska« Eine Thonpfeife, welche die Slowaken angefüllt in die Glut vergraben und sie erst dann zu rauchen anfangen, wenn sie schon eine Weile dort gelegen hat. aus dem Munde und ist überhaupt ein viel zu selbstbewußter Mann, als daß er Amtliches auf privatem Wege mitteilen würde. Deshalb trommelte er auch erst seinen Vers herunter und rief dann mit Stentorstimme, währenddem er mit den Trommelschlägern gestikulierte, wie folgt: »Es wird jedem, den es betrifft, kund gethan, daß ein goldenes Ohrgehänge mit grünen Edelsteinen auf dem Wege vom Ziegelbrenner bis zur Kirche in Verlust geraten ist. Dem ehrlichen Finder, der es auf das Rathaus bringt, wird die gebührende Belohnung garantiert.« Auch Georg blieb einen Augenblick bei dem Laut der Trommel stehen, hörte die Kundmachung an und lachte über die erwartungsvollen Gesichter der jungen Weiber und Mädchen. »Nun, ich würde es wahrlich nicht zurückgeben, wenn ich es fände,« sprach die eine. »Eine goldene Nadel fürs Haar würde ich mir davon machen lassen,« sagte eine andere. »Blicke auf mich herab, mein Gott!« seufzte die dritte, indem sie ihre Augen gen Himmel richtete. »Nicht hinauf zum Himmel schau, du Tölpel, wenn du es finden willst, sondern zur Erde hinunter!« machte sie die vierte aufmerksam. Jedoch das Schicksal fügte es so, daß das Ohrgehänge gerade einer fand, der es nicht gewünscht hatte, und das war Georg Wibra. Er that kaum einige Schritte, als ihn plötzlich aus dem Staube ein winziges grünes Auge anlachte, so groß wie eine Erbse. Er beugte sich nieder und hob es auf, und siehe, es war gerade das ausgetrommelte goldene Ohrgehänge mit dem Smaragd. Nun, das ist auch ein Ärgernis, wenn man es gar so eilig hat. Hätte es nicht ein anderer finden können von den vielen hundert Menschen, die sich auf der Gasse herumtrieben! Doch gleichviel, das grüne Auge blickt ihn so freundlich an, er kann es nicht wieder hinwerfen, dass es im nächsten Moment von einem Stiefel zertreten werde. Wer mag hier einen so feinen Schmuckgegenstand tragen? Ei, wer es auch sei, wenn er es schon gefunden hat, will er es auch auf das Rathaus tragen, deswegen wird er sich nicht den Rücken brechen, es ist ohnehin nur zehn bis zwanzig Schritte von hier entfernt. Er trat in das altertümliche Thor des Rathauses, wo von der Wölbung Leiterkannen imponierend herunterhingen, und wo in den Winkel geworfen düster ein verfallener Strafklotz stand ( Sic Transit Gloria mundi ); er ging die Treppe hinan und trat in den Sitzungssaal, wo an dem großen grünen Tisch der Senat beisammen saß und über eine gar ernste und dringende Angelegenheit beratschlagte. Ein wirklich unangenehmer Vorfall stand auf dem Tapet. Der Hüter des Liskowinaer Waldes, welcher Eigentum der Stadt war, hatte keuchend die Meldung gebracht, dass er einen fremden Mann in Herrenkleidung an einem Baume aufgehängt gefunden – was hat nun mit der Leiche zu geschehen? Darüber grübelten eben der Senat, und die großen Seelenkämpfe der Herren waren an den gerunzelten Stirnen ersichtlich. Senator Konopka setzte auseinander, die Ordnung der Dinge sei, den gehängten Mann in die Leichenhalle hereinzubringen und den Stuhlrichter, den wohlgeboren Herrn Michael Gerry, zu verständigen, damit er mit dem Bezirksarzt, der die Leiche sezieren müsse, an Ort und Stelle erscheinen könne. Galba schüttelte den Kopf; Galba war immer ein Diplomat, auch jetzt arbeitete sein Verstand an einer List. »Ei,« so sprach er, »ich würde es für das Vernünftigste halten, nichts zu sagen, nichts zu schreiben, sondern die Leiche insgeheim in das ›Kvaka‹ genannte Birkenhölzchen zu schleppen, welches schon zum Travniker Hotter gehört. Mögen ihn dort die Travniker finden.« Mravucsán schwankte, summte, bewegte sich unruhig hin und her, kratzte sich den Kopf und begann endlich zu brummen, dass eine fürchterliche, erstickende Hitze herrsche, dass ihn die Gicht in den Händen reiße, und dass der eine Fuß des Senatstisches wackele, man müsse ein altes Aktenbündel darunter legen. Er wartete unterdessen auf die Entscheidung der Majorität. Die Majorität war auf Galbas Seite. Nur dass die Partei des Galba sich wieder in zwei Lager teilte. Die strengen Galbaisten forderten das Hinüberschmuggeln der Leiche auf das Travniker Gebiet. Die Gemäßigten würden sich infolge des Vorschlages von Andreas Kozsehuba, abweichend von den Mamelucken des Galba, auch damit begnügt haben, den Unglücklichen unter dem Baume, an dem er sich erhängt hatte, in die Muttererde zu verscharren. Sie wollten nur dem ausweichen, dass man ihn durch den ganzen Hotter auf den Friedhof führe, was unbedingt erfolgen mußte, wenn man den Stuhlrichter von dem Falle verständigte, und was von großem Nachteil für die Bábaszéker sein würde, da infolgedessen bekanntlich ein Hagelschlag zu befürchten wäre. »Dummer Aberglaube!« fuhr Konopka auf. »Es ist ja freilich wahr, Herr Konopka, doch wer kann dafür, wenn das Volk nun einmal daran glaubt,« bestärkte der zur Kozsehubapartei gehörende Senator Fajka. Konopka schlug zornig mit seiner siegelringgeschmückten fette Hand auf den Tisch, worauf kirchliche Stille entstand. »Traurig genug, wenn ein Senator so spricht. Ich versichere Sie, dass unser Herrgott wegen dieser armen Leiche seine Hagelwolken gewiss nicht herdirigieren wird. Für einen Abtrünnigen wird er nicht tausend solche strafen, die an seiner Seite geblieben sind, noch dazu in einer Form, die gerade den Sünder unbestraft lässt. Was für ein Gott wäre denn das?« Mravucsán atmete bei diesen beredten Worten, welche sichtlich den ganzen Magistrat stutzig machten, erleichtert auf, erkannte sofort den glücklichen Moment, und wie einst der Zaunkönig unter den Adlerfittichen, versuchte er höher zu fliegen als der Adler selbst. »Was richtig ist, ist richtig,« sprach er und zog die Schnüre seiner Toga zurecht, »und folglich spreche ich die Entscheidung aus, daß aus angegebenen Gründen kein Hagelschlag sein wird.« Darauf sprang Herr Fajka wie ein Hamster auf. »Gleichviel! Ich wollte, es käme einer, wenn die Sache schon so steht. Denn, wenn schon die ganze Stadt bei der Triester versichert, weiß ich keinen Unterschied, ob Hagelschlag ist oder nicht. Es wäre sogar besser, wenn es hageln würde, denn die Bábaszéker, wie ich sie kenne, werden ihre Saaten über ihren Wert versichern, wenn man die Leiche durch den Hotter führt. Hier liegt das Unglück nicht im Hagelschlag, sondern im Transportieren des Toten.« Fürwahr, Herr Fajka ist ein großer Redner, er hat den Nagel wieder auf den Kopf getroffen. Die Galba- und Kozsehubaparteien waren elektrisiert. »Welch Gehirn!« schrie Kozsehuba auf. Beim Gehirn fiel dem Galba das Secieren ein – per associationem idearum – und er warf lebhaft dazwischen: »Wozu diesen Menschen secieren? Wir wissen ohnehin, wer er ist. Ich soll ein Hund sein, wenn es nicht ein habgieriger Agent der Versicherungsgesellschaft ist, der sich deshalb hier bei uns erhängt hat, damit er die Bevölkerung zur Versicherung antreibt. Es ist ja so klar wie die Sonne.« »Ihr seid närrisch, Galba!« brauste Konopka heftig auf, worauf ein Aufruhr, ein zügelloser Lärm ausbrach. Die Senatoren sprangen auf und wie der Heiduck Fiala zu sagen pflegte: »die Töpfe der Stadt kochten über,« alle Augen hingen an dem Bürgermeister, an dem Löffel, der den überflüssigen Schaum abschöpfen sollte. Doch der Bürgermeister zog seinen Kopf in den Kragen seiner blauen Toga, er verschwand beinahe darin wie ein Sandhaufen zwischen aufgepeitschten Wellen; er kaute ratlos an seinem Schnurrbart und überlegte, was er nun thun, was er sagen solle, als plötzlich Georg Wibra in der Thüre erschien ... Wirklich, über die Autorität der Mächtigen wacht die Vorsehung! Als er den seltsamen Fremdling erblickte, der vor ein, zwei Stunden einen alten Regenschirm bei Frau Münz kaufen wollte, stieß er seinen Sessel weg und rannte in aller Eile auf den jungen Mann zu, damit die Senatoren glauben möchten, er hätte eine besonders dringende und wichtige Angelegenheit mit dem Eingetretenen zu besprechen. »Ach, mein Herr,« sprach er hastig, »Sie suchen mich.« »Falls Sie der Bürgermeister sind?« »Natürlich, o natürlich.« (Wer anders könnte denn in Bábaszék Bürgermeister sein als Mravucsán?) »Es ist ein verlorenes Ohrgehänge ausgetrommelt worden.« »Ja, ja, es ist ausgetrommelt worden.« »Ich habe das Ohrgehänge gefunden, hier ist es.« Darauf strahlte der Bürgermeister vor Zufriedenheit. »Nun, das ist Ehrlichkeit, mein Herr. Das liebe ich. Unter meiner Bürgermeisterschaft ist noch kein Ohrgehänge in Verlust geraten außer diesem, und auch das hat sich gefunden. Das nenne ich behördliche Ordnung.« Dann wandte er sich an die Senatoren: »Vor einer Stunde habe ich den Fiala mit der Trommel ausgeschickt, und das Ohrgehänge ist schon da. So was findet man nicht einmal in Budapest. So was kommt nur in Bábaszék vor.« Unterdessen bemerkte er, daß der fremde Herr Anstalt machte, sich zu entfernen, und begann, ihn mit verdächtiger Hast zurückzuhalten. »Aber was ist das? Sie wollen doch nicht fortgehen? Zum Teufel, mein Herr, dafür ist eine Belohnung versprochen.« »Ich mache keinen Anspruch darauf.« »Ach, warum nicht gar? (Er schüttelte mißbilligend den Kopf.) Bitte, sagen Sie so was nicht! Ich weiß nicht, in welchen Apostelbriefen es geschrieben steht, ›und es besteht nicht jede Süßigkeit aus Gold und Silber.‹ Junger Herr, junger Herr, man muß nicht so leichtsinnig sein Glück verscherzen. Ungesehen verkaufte nur der arme Mann dem Teufel, was er nicht kannte, und dann bedauerte er es sehr. In einem Märchen kommt das vor.« »Es ist wahr, er bedauerte es,« antwortete lächelnd der Advokat, dem das Volksmärchen in den Sinn kam, »doch hier liegt schwerlich ein ähnlicher Fall vor.« »Sie ahnen gewiß gar nicht, wem das Ohrgehänge gehört?« »Nun, wem denn?« »Der Schwester des Glogowaer Pastors.« Herr Georg verzog spöttisch den Mund. »Nun, nun, seien Sie vernünftig, kommen Sie nur auf einen Moment hinein, Sie werden es nicht bereuen.« »Wo soll ich hineingehen?« »Hier in das Nebenzimmer.« Der Bürgermeister wollte ihn mit Gewalt zurückhalten, um Zeit zu gewinnen, bis sich die Zukunft des gehängten Mannes entschieden hatte, er klammerte sich an ihn und zog ihn mit sich. »Aber mein Herr, ich habe zu thun.« »Gleichviel, Sie müssen hereinkommen.« Damit öffnete er die Thür des Nebenzimmers und stieß Georg förmlich vor sich hinein. »Fräulein,« rief er hinter dem Rücken des jungen Mannes hinein, »hier bringe ich Ihr Ohrgehänge!« Bei diesen Worten wandte ein junges Mädchen, das in knieender Stellung kalte Umschläge auf die Schulter einer auf dem Diwan liegenden älteren Dame legte, plötzlich den Kopf. Georg war auf diese Scene nicht vorbereitet. Eine ungewöhnliche Verwirrung und Unbeholfenheit bemächtigte sich seiner, als ob die Centnerlast einer begangenen Unziemlichkeit ihn gelähmt hätte. Die ältere Dame lag halb entkleidet auf dem Diwan, die verletzte rechte Schulter (eine sehr magere, reizlose Schulter) war ganz und gar nackt, und um den Umschlag herum ward die krankhafte weiße Farbe des Körpers sichtbar. Er murmelte etwas wie eine Entschuldigung, indem er zur Thür zurückwich. Mravucsán verstellte ihm den Weg. »Oho, ho! Man beißt Ihnen nicht die Nase ab!« Das junge Mädchen, dessen sympathisches, liebes Gesicht nur für einen Moment in frischer Schönheit hervorleuchtete, deckte schnell ein Kleidungsstück auf die Verwundete und war im nächsten Augenblick schon aus ihrer knieenden Stellung aufgesprungen. Ach, welch wunderliebliche, schlanke Gestalt sie war. Georg kam es vor, als ob eine gebeugte Lilie sich in ihrer leichten, wiegenden Pracht aufrichtete. »Dieser junge Herr hat Ihr Ohrgehänge gefunden und hergebracht, Fräulein.« Ein ungesuchtes Lächeln erblühte auf ihren Lippen (als ob Frühlingssonnenschein in das düstere graue Arbeitszimmer des Bürgermeisters eingedrungen wäre), sie errötete ein wenig und machte dann einen achtungsvollen Knicks vor dem ehrlichen Finder, einen echten Backfischknicks, ungeschickt und doch reizend. »Ich danke Ihnen, daß Sie so gut waren. Ich freue mich nun doppelt darüber, da ich schon darauf verzichtet hatte.« Sie nahm das kleine Ohrgehänge in die Hand, begann, es zwischen ihren zwei Fingern zu schaukeln, als ob es die sichtbare Zunge einer unsichtbaren kleinen Glocke wäre und bewegte dementsprechend auch ihren seitwärts geneigten, lieblichen Kopf hin und her. Sie war noch ein echtes, großes Kind – nur so schnell aufgeschossen wie eine Silberpappel. Georg fühlte, daß er jetzt etwas sagen mußte, aber er fand keine Antwort auf diese zwitschernde, frische Kinderstimme; dieses Kind verwirrte ihn. Und außerdem verbreitete sich ein eigentümlich süßer Duft in der Kanzlei, wie die einfache Stube mit gewohnter Bábaszéker Großthuerei genannt wurde, welcher ihn betäubte. Dort stand er unbeholfen, wortlos, als ob er auf etwas wartete. Vielleicht, daß die unsichtbare kleine Glocke ertöne? Oder vielleicht auf die Belohnung? Diese Stille war geradezu peinlich. Freilich verursachte dies die heikle Situation. Endlich sah das Mädchen, daß sich der ehrliche Finder nicht entfernte, und brach das Schweigen. »Ach mein Gott, beinahe hätte ich vor Freude vergessen, daß ich dafür ... wie soll ich nur sagen.« Blitzschnell bemerkte Georg den nahenden Satz (zur Zeit der Gefahr wird der ermattete Geist in einem Moment wieder elastisch) und warf instinktiv seinen Namen als Schild dazwischen. »Ich bin der Doktor Georg Wibra aus Neusohl.« Der Backfisch schlug vor Freude die Händchen zusammen. »Herr Gott, welch' Glück! Wir benötigen ja soeben einen Doktor. Die arme Madame ...« Dieses kleine Mißverständnis kam gerade recht. Wie Löschpapier die Tinte aufsaugt, so verschlang es plötzlich die eingetretene Verwirrung. Georg lächelte. »Ich bedauere, mein Fräulein, aber ich bin kein solcher Doktor, sondern nur Advokat.« Der Backfisch war ganz niedergeschlagen über diesen Irrtum, errötete sogar, aber um so lebhafter wurde Mravucsán: »Was sagen Sie? Daß Sie der Wibra sind, der berühmte junge Wibra? Nun, das ist schön. Wer hätte das gedacht? Zum Teufel, jetzt verstehe ich schon. (Mravucsán schlug sich auf die Stirne.) Euer Wohlgeboren forschen wahrscheinlich in einer Kriminalangelegenheit. Es hätte mir gleich bei der Frau Münz einfallen können. So ein Herr kauft keine abgetragenen Sachen ohne Ursache. Ei nun, Gott hat Sie hergebracht, denn wir beraten drinnen eben über eine so verwickelte Angelegenheit, daß unser Verstand zu kurz dazu ist. O, o, Fräulein Veronika, welch' Zufall, daß eben der berühmteste Advokat Ihr Ohrgehänge findet.« Veronika blickte verstohlen auf den berühmtesten Advokaten, sie sah erst jetzt, wie hübsch, wie vornehm er aussah, ihr Herz begann erschrocken zu pochen bei dem Gedanken, daß sie ihm beinahe die fünf Gulden angeboten hätte, die ihr Mravucsán als Belohnung für den eventuellen Finder angeraten hatte. Mravucsán hingegen beeilte sich, dem Advokaten einen Stuhl hinzuschieben, und ließ seinen Blick mit einer gewissen Ängstlichkeit über die unordentliche Kanzlei schweifen, wo Aktenbündel, als Versatz genommene Bauernpelzjacken, leere Gläser und Flaschen in augenverletzendem Durcheinander herumlagen. Die Herren Senatoren verurteilten nämlich nach jedem Prozeß die streitenden Parteien dazu, ein Gastmahl zu geben, welches gleich in diesem Zimmer verzehrt wurde: denn es gehört sich so, daß sie nach der Wahrheit, die sie aus sich herausgaben, wieder neue Wahrheit einsammeln müssen, und die steckt bekanntlich im Weine. Das Aussehen der Kanzlei hätte in diesem Momente den Bürgermeister wirklich niedergedrückt, wenn ihm nicht das an der Wand hängende Bild des Obergespans, Baron Radvanszky, in die Augen gefallen wäre, der verlieh dem Zimmer doch einen gewissen würdevollen, feierlichen Prunk. Der Bürgermeister wünschte von Herzen, der hochgeborene Herr möge lebendig werden und diese ungewöhnlich schöne Gesellschaft hier sehen. Doch da der hochgeborene Herr nicht lebendig werden wollte, gab er selbst seinen stolzen Gefühlen Ausdruck. »Ich bin ein armer Mann, aber es ist mir mehr als hundert Gulden wert, daß ich eine solche Gesellschaft in meiner Kanzlei begrüßen kann! Potztausend! das ist schon etwas, der berühmteste Advokat und das schönste Mädchen des Komitates ...« »Aber, Onkel Mravucsán!« rief Veronika aus, und ihr Gesicht flammte vor lauter Scham wie eine Fackel. »Nun, nun,« besänftigte sie Mravucsán, »was wahr ist, ist wahr. Es ist keine Schande, meine Kleine, wenn der Mensch schön ist. Ich war auch schön, doch schämte ich mich deshalb nie. Und schließlich ist ein schönes Gesicht eine große Hilfe für die Frauenzimmer. Nicht wahr, Herr Advokat?« »Gewiß ist es ein großes Glück,« antwortete Georg aufschreckend, beinahe mechanisch. Mravucsán schüttelte den Kopf. »Bleiben wir nur dabei, daß es eine Hilfe ist, denn aus dem Glück kann leicht ein Unglück werden und aus dem Unglück ein Glück, sowie es jetzt auch geschah; denn ohne den heutigen Vorfall mit dem traurigen Ausgang hätte ich nicht das Glück, Sie hier alle von Angesicht zu Angesicht zu sehen.« »Wie?« fragte Georg, »ist ein Unglück geschehen?« Veronika wollte antworten, aber der redselige Mravucsán kam ihr zuvor. »Freilich ist ein Unglück geschehen, aber nach und nach wird jede Spur davon verschwinden; das Ohrgehänge ist wieder da, auch die Schulter der Madame ist da, nur daß sie eine Weile blau sein wird, doch zum Teufel, nicht die Farbe macht die Schultern aus ... und schließlich wird auch der Wagen wieder da sein, sobald ihn der Schmied gerichtet haben wird.« »Ah, also der zerbrochene Wagen, mit dem die wild gewordenen Pferde auf dem Marktplatz durchgegangen sind ...« »War unser Wagen,« sagte Veronika, »bei dem Ziegelbrenner wurden die Pferde scheu, die Zügel fielen aus der Hand des Kutschers, und als er versuchte, sich nach ihnen hinunterzubeugen, stürzte er selbst aus dem Wagen. Wir sprangen dann in unserm großen Entsetzen hinunter; mir geschah nichts, aber die arme Madame hat sich verletzt, mein Gott, vielleicht wird sie noch krank. Haben Sie große Schmerzen, Madame Kriszbay?« Madame Kriszbay öffnete ihre bisher geschlossenen, kleinen, stechenden, gelben Augen, und gleich das erste, was sie von der Welt erblickte, war Veronikas in Unordnung geratene Frisur. »Bringen Sie Ihre Frisur in Ordnung,« machte sie Veronika auf Französisch aufmerksam, dann stöhnte sie ein-, zweimal, und ihre Augenlider schlossen sich wieder. Veronika faßte erschrocken nach ihrem Haar und richtig war der eine Zopf gelöst. »Ach, mein Haar,« rief sie kindlich aus und befühlte ihren Kopf mit beiden Händen; dann stotterte sie, ganz bleich geworden: »Meine Haarnadeln sind verloren gegangen, als ich vom Wagen gesprungen bin, nicht nur das Ohrgehänge. Mein Gott, was soll ich machen?« »Lassen Sie auch den andern Zopf hinunter,« schlug Mravucsán vor. »So! Bei Gott, so sind Sie noch schöner. Nicht wahr, Herr Advokat?« »Gewiß,« gab Georg verwirrt zu, als er jetzt seinen Blick gezwungen auf die blauschwarzen, sammetweichen Haare warf, die das Madonnenantlitz umrahmten und in zwei schweren Zöpfen bis zum Saum des geblümten, mit Falbeln besetzten Röckchens hinabhingen. Also dies ist die Schwester des Glogowaer Pastors! Unglaublich! Er träumt vielleicht nur. Nicht so hat er sich die Pfarrersschwestern vorgestellt. Das sind fette, pausbäckige Schwestern, die einen Entengang haben und mit der Zeit ihrem Pastor ähnlich werden; sie duften nach Pomade und haben ein Doppelkinn. Ohne Doppelkinn giebt's keine Schönheit in den Pfarrhäusern. Der Advokat versuchte, seiner Verwirrung Herr zu werden und ein Gespräch anzuknüpfen. »Ich kann mir vorstellen, wie sehr Sie erschrocken sind.« »Nicht sehr. Ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt erschrocken bin. Doch jetzt fange ich schon an, mich zu fürchten. Mein Bruder wird außer sich sein.« »Der Pfarrer?« »Ja, der Pfarrer. Er liebt mich sehr, er wird unglücklich sein, daß wir nicht nach Hause gekommen sind, und ich weiß nicht, wie und wann dies geschehen wird.« »Warum nicht gar,« warf Mravucsán ermutigend ein, »die Pferde sind da, und einen Wagen werden wir uns verschaffen.« Veronika schauderte und schüttelte den Kopf. »Ich, mit jenen Pferden? Nie!« »Ei, liebes Fräulein, Sie dürfen die Pferde nicht ernst nehmen. Die besitzen keinen festen Charakter. Denn woraus entstand die Sache? Bei dem Ziegelbrenner befindet sich jene närrische Windmühle, denn bei Gott, in einer Stadt muß alles vorhanden sein, die Welt schreitet vorwärts. Sie schreitet vorwärts, so sehr sich auch der Herr Senator Fajka dagegen sträuben mag. Nun, wie gesagt, dort befindet sich jene Windmühle. Ich habe sie errichten lassen, weil man uns immer verspottet hat, daß wir kein Wasser haben. Nun gut, so werde ich den Wind einfangen, so soll der mahlen. Freilich betrachten das die Pferde anders, oberungarische Vollblutpferde, die noch nie ein Tier mit solchen Riesenflügeln in der Luft sich herumdrehen sahen, deshalb sind sie erschrocken und wild geworden. Das kann man ihnen nicht übelnehmen. Aber wenn ihnen jetzt der Schrecken aus dem Kopfe gedampft ist, werden sie das Fräuleinchen schon ruhig nach Hause führen.« »Nein, nein, ich habe nun einmal Angst vor diesen Pferden. O, wie fürchterlich waren sie! Wenn Sie sie gesehen hätten! Ach, nicht einen Schritt fahre ich mit ihnen. Ich selbst würde mich ja auch zu Fuße auf den Weg begeben, jedoch die arme Madame Kriszbay ...« »Nun, das wäre schön,« rief entsetzt Herr Mravucsán, »wenn ich das Schwesterchen meines liebsten Pastors mit ihren Bisquitfüßchen zu Fuß auf den Weg ließe. Das wäre schön! Wie würde unser kleiner Engel über die spitzen Steine tip-tap, tip-tap, in seinen zarten Stiefelchen wandern! Mein lieber hochwürdiger Herr würde gewiß sagen: Nun, mein Freund Mravucsán ist eigentlich ein niederträchtiger Mensch; so oft habe ich ihn bewirtet, in Milch und Honig gebadet, und doch läßt er meinen liebsten Schatz so in die Welt hinaus. Nein, das geht nicht, lieber würde ich das Fräulein auf meinem eigenen Rücken bis zur Pfarre von Glogowa tragen.« Veronika blickte dankbar auf Mravucsán, und in Georg entstand plötzlich der Gedanke, wenn wahrhaftig gar kein Fuhrwerk auf dieser Welt wäre und das junge Mädchen in Wirklichkeit auf dem Rücken nach Hause getragen werden müßte, ob wohl Mravucsán die Last ertragen könnte, und ob dann nicht an ihn die Reihe käme, sie nach Hause zu tragen. Und neugierig begann er, seine Körperkraft zu messen, zu schätzen, er sah seine Schultern, seinen Brustkorb an – als ob wirklich das nun die brennendste Frage wäre, wer Veronika auf seinem Rücken nach Hause tragen würde. Er fand, daß Mravucsán ein schwacher, kraftloser Mann war, und fühlte lächelnd, daß ihn dies beinahe angenehm berührte. Man kann sich gar nicht vorstellen, in wieviel ungeahnte Richtungen die Gedanken sich verlieren, und aus wie weit verzweigten Quellen der erste Tropfen Liebe hervorsprudelt. »So, so, meine Liebe,« versuchte Mravucsán das Mädchen um jeden Preis zu beruhigen, »ruhen Sie sich erst aus, wir werden schon alles ordnen; seien Sie ganz ohne Sorge. Freilich wären andere Pferde besser. Aber was sollen wir thun? Hier in Bábaszék hält man keine Pferde, nur Ochsen, ich selbst besitze auch nur Ochsen. Ein Berg bleibt schließlich immer ein Berg. Ins Gebirge gehört kein Pferd, denn das Pferd kann hier auch nichts anderes thun als der Ochs – im Schritte gehen. Hier kann man nicht paradieren, galoppieren, herumhüpfen, den Kopf hin- und herwerfen, dies hier ist eine ernste Gegend. Jawohl, eine ernste Gegend. Hier muß gezogen werden, und dazu taugt der Ochs. Das Pferd wird hier mutlos, sobald es die Umstände bemerkt, und wächst nicht einmal dem Herkopater zuliebe, als wollte es sagen: ›Ich bin nicht dumm, ich bleibe lieber ewig ein Füllen.‹ Wenn sich hier schon ein Pferd findet, ist es nicht viel größer als eine Katze und greulich anzuschauen.« Er würde den Faden seiner Unterhaltung noch weiter gesponnen und die Gattung der Pferde bis aufs äußerste herabgesetzt haben, wenn ihn Georg nicht unterbrochen hätte. »Aber ich habe ja meinen Wagen hier, mein Fräulein, und bringe Sie sehr gern nach Hause.« »Sie würden es thun?« rief Mravucsán erfreut aus. »Ich wußte, daß Sie ein Kavalier sind! Doch warum haben Sie nicht früher gesprochen, um des Himmels willen!« »Weil Sie mich nicht zu Worte kommen ließen.« »Das ist freilich wahr,« lachte Mravucsán gemütlich. »Also Sie nehmen sie mit?« »Natürlich; auch wenn ich nicht eben die Absicht gehabt hätte, nach Glogowa zu fahren.« »Sie begeben sich auch dorthin?« fragte Veronika erstaunt. »Ja.« Sie blickte ihn eine Weile nachdenklich mit ihren schwärmerischen Augen an, dann drohte sie ihm plötzlich neckisch mit zwei Fingern. »Aber betrügen Sie mich nicht!« Georg gefiel diese Bewegung ungemein, er lächelte darüber. »Auf mein Wort, ich habe die Absicht, nach Glogowa zu fahren. Kommen Sie also mit?« Veronika nickte fröhlich mit dem Kopfe und erhob schon die Hände, um vor Freude zu klatschen, als Madame sich plötzlich auf ihrer Ruhestätte bewegte und tief aufseufzte. »Ach, mein Gott, die Madame!« rief Veronika erschrocken. »Ich habe ganz vergessen, daß wir vielleicht gar nicht mit Ihnen fahren können.« »Warum nicht?« sagte der Advokat einfach. »Der Wagen ist bequem genug, wir haben ganz gut Platz darin.« »Ja freilich, aber ist es wohl erlaubt?« »Nach Hause zu fahren? Wer könnte es Ihnen verbieten?« »Also Sie wissen es nicht?« »Wer denn?« fragte Georg erstaunt. »Die Anstandsregeln,« antwortete sie schüchtern. Georg lachte auf. »O, das Gänschen!« »Ja, ja,« beteuerte sie heftig, beleidigt, daß man sie auslachte, denn auch Mravucsán grinste. »Die Anstandsregeln sagen: ›den Arm eines fremden Mannes darf man nicht annehmen.‹« »Aber ein Wagen ist ja kein Arm,« fuhr Mravucsán auf. »Wie könnte der Wagen ein Arm sein! Dann hätte ich ja gleich selbst zwei Wagen. Ei, mein Herzchen, lassen wir diese Regeln zum Teufel. In Bábaszék stelle ich die Regeln auf, nicht die Mademoiselle. Ich aber sage, daß der Wagen kein Arm ist, punktum.« »Das ist freilich wahr, aber ich muß doch erst noch mit der Madame sprechen.« »So reden Sie gefälligst mit ihr!« Veronika hockte wieder neben dem Diwan nieder, und über die Kranke gebeugt, flüsterte sie eine Weile mit ihr. Das Ergebnis der Unterhaltung, aus welcher Georgs Ohren einzelne französische Worte auffingen, schien zu sein, daß Madame Kriszbay die Ansichten des Mravucsán teilte, nach welchen der Wagen kein Arm, und wer schon einmal vorgestellt, kein Fremder wäre. Infolgedessen, so meinte Madame Kriszbay, sollte die Gefälligkeit des jungen Mannes angenommen werden. »Zu Zeiten der Gefahr,« sagte Madame, »giebt es übrigens keine Etikette. Die schöne Blanche Montmorency wurde einmal bei einer Feuersbrunst vom Marquis Privardière im bloßen Hemde aus dem Bette getragen, und nicht einmal der Turm von Notre-Dame ist darüber eingestürzt.« Georg fühlte eine ähnliche Ungeduld wie der Spieler beim Austeilen der Karten, wenn er eine große Summe auf eine Karte gesetzt hat. Endlich wandte Veronika sich um. »Wir nehmen den Wagen dankend an,« sprach sie lächelnd und dachte bei sich: »gewiß hätte Blanche Montmorency in diesem Falle auch so gehandelt.« Mit gieriger Hast nahm Georg die Antwort entgegen. Die Lust zum Aufbruch ergriff ihn sogleich. »Ich eile, um den Wagen zu bestellen,« sagte er, indem er nach seinem Hute griff. Doch Mravucsán verstellte ihm flink den Weg. »Oho, ho! Daraus wird nichts. Pro primo , wenn auch das Fräulein fahren könnte, wäre es eine Sünde, Madame so krank auf einen Wagen zu setzen; es ist nicht eher möglich, als bis sie sich ein wenig von dem Schrecken und der Streifwunde erholt hat. Wenn meine Frau die Geschwulst für die Nacht mit ihrer Wundersalbe bestreicht, wird Madame morgen früh als wahres junges Weibchen aufwachen. Pro secundo , können Sie nicht fahren, weil ich nicht zugebe, dass Sie sich fortrühren. Pro tertio , weil es gleich dunkel wird; bitte nur zum Fenster hinauszusehen, wie könnten Sie in die Nacht hinausfahren?« Wahrlich, die Sonne war schon hinter das stahlblaue Sohler Gebirge gesunken. Die vor dem Fenster stehenden Weißtannen warfen ihre riesenhaften Schatten über die breite Straße bis in den gegenüberliegenden Garten des Bürgermeisters, wo eine magere Katze ihre abendlichen Waschungen beendigte. Trotzdem versuchte der Advokat zu rippostieren (das gehört ja zu seinem Handwerk): »Es wird eine ruhige, milde Nacht sein; warum könnten wir uns nicht auf den Weg machen? Und Madame mag es schließlich ganz gleich sein, ob sie im Bette ächzt oder im Wagen.« »Aber es wird schnell dunkel,« erwiderte Mravucsán, »und der Weg nach Glogowa führt an argen, klüftigen Stellen vorbei. Trotzdem ich Bürgermeister bin, kann ich das Mondlicht nicht an den Himmel befehlen.« »Ei, es ist auch unnötig; es sind Lampen auf meinem Wagen.« Veronika war unschlüssig; sie schwankte hin und her, je nach einem triftigen Grund der zwei streitenden Männer, bis endlich Mravucsán einen sechs Center schweren Beweisgrund vorbrachte. »Heut' Nacht gibt's einen Sturm, weil ein Erhängter neben dem Wege an einem Aste baumelt. Sie werden ihn sehen, wenn Sie durch den Wald fahren.« Darauf schauerte der ganze Körper des kleinen Backfisches zusammen. »Ach, nicht um die Welt fahre ich bei Nacht durch diesen Wald.« Damit war die Frage erledigt. Georg neigte gehorsam den Kopf (ein sonniges Lächeln war sein Lohn), und Mravucsán rannte elektrisiert in den Sitzungssaal, um das Präsidium Konopka anzuvertrauen. (Er war überglücklich, dass er befreit war.) Er habe Gäste, er sei beschäftigt, flüsterte er gleich brühheiß einigen Senatoren, die bessere Röcke anhatten, ins Ohr, er werde sich freuen, sie beim Nachtmahl zu sehen. Dann lief er nach Hause, um Vorkehrungen für die Bewirtung der vornehmen Gäste zu treffen, wobei er Fiale, den er unterwegs auf der Treppe erblickte, schleunigst zu dem Wagen des Herrn Advokaten Wibra schickte, welcher vor dem Laden der Frau Münz stand, um denselben in seinen Hof einfahren zu lassen. Bald kam Frau Mravucsán selbst, um die Damen abzuholen. Sie war ein kleines, liebes Weibchen, aus ihrem breiten, lächelnden Gesicht leuchtete Sanftmut und Gutherzigkeit. Sie trug das ehrsame Gewand der oberländischen Handwerkersfrauen, einen glatten, rostbraunen Rock und eine schwarze Seidenschürze; auf dem Kopfe hatte sie eine gekräuselte schwarze Seidenhaube, die unter dem Kinn mit einem Bande zugebunden war. Mit großem Geräusch und Lärm stürzte sie in das Zimmer, wie es in dieser einfachen, freundlichen Welt Sitte ist. »Ach mein Gott, ist es wahr, was ich gehört habe? Der Mravucsán sagt, Sie werden unsere Gäste sein! Welches Glück! Aber ich habe es gewußt, ich habe es gefühlt. Im Traume sah ich heute Nacht eine weiße Lilie aus meinem Waschbecken hervorblühen. Ei nun, das ist eingetroffen. Na, meine Liebe, suchen Sie nur Ihre Sachen zusammen, ich werde dieselben schon hinübertragen, denn ich bin stark wie ein Bär. Aber das Wichtigste habe ich vergessen, was ich zu allererst hätte sagen sollen, daß ich die Frau des Mravucsán bin. Ach, mein Herzchen, mein Fräuleinchen, ich hatte mir nicht vorgestellt, daß Sie so schön sind. O heilige Jungfrau, heilige Jungfrau! Jetzt verstehe ich schon, weshalb unsere Himmelsfrau Maria den Regenschirm auf Sie hinabgesandt hat, damit Ihr thaufrisches Gesichtchen nicht naß werde. Ich höre, die Dame ist krank, sie hat sich die Schulter verletzt. Nun, ich habe ein Kraut, das wir auflegen werden, belieben Sie nur zu kommen. Nur nicht den Mut verlieren, mein Täubchen, das hat nichts zu sagen. Ich bin auch einmal gestürzt, trotzdem Mravucsán die Zügel der Pferde hielt. Wir rollten in einen Abgrund und ich brach mir zwei Rippen. Trotzdem bin ich doch noch da, aber meine Nieren, bei Gott, fühle ich seit dieser Zeit immer. So was kann schon unterwegs passieren. Schmerzt es sehr?« »Die Dame kann nicht slowakisch,« sagte Veronika, »auch nicht ungarisch.« »Heiliger Gott,« und Frau Mravucsán schlug ihre Hände zusammen. »So alt, und kann nicht einmal ungarisch! Wie ist dies nur möglich?« Veronika mußte erzählen, daß Madame direkt aus München zu ihr als Gesellschafterin gekommen, bisher noch nie in Ungarn gewesen und Witwe eines französischen Offiziers wäre. (Frau Mravucsán hätte nicht um die Welt den geringsten Umstand unaufgeklärt gelassen); vorgestern hatten sie in Glogowa den Brief erhalten, daß sie kommen würde, und Veronika wollte sie selbst von der Eisenbahnstation abholen. »Ach so? Also diese ... (Frau Mravucsán wollte Hopfenstange sagen, schlug sich aber schnell auf den Mund) also diese Dame kann weder slowakisch noch ungarisch. Armes, hilfloses Geschöpf! Was soll ich nun mit ihr beginnen, wen bei Tische neben sie setzen, wie ihr etwas anbieten? Na, das wird eine schöne Unterhaltung werden! Ein Glück, daß der Kantor deutsch spricht! Und gewiß auch der junge Herr?« »Beruhigen Sie sich, liebe Frau, ich werde sie schon bei Tisch unterhalten und ihr auch vorlegen,« antwortete Georg. Mit vieler Mühe kamen sie auf den Weg. Madame Kriszbay jammerte und ächzte, als man ihr die Kleidungsstücke wieder aufnötigte, Georg trieben sie vorher in den Korridor hinaus, damit er sie nicht sehe, denn Madame Kriszbay war verschämt; die großen Tücher und Mäntel nahm Frau Mravucsán auf den Arm. »Den Koffer wird die Magd holen.« Dann nahm sie Madame unter den Arm, damit sie sich auf sie stützen sollte, und führte sie so mit Mühe und Not die Treppe hinunter. Madame stöhnte, murmelte etwas in deutscher, mit französischen Brocken untermischter Sprache, während auch Frau Mravucsán fortwährend bald zu den vorausschreitenden jungen Leuten, bald zu der armen Madame sprach, die in ihrer zerzausten Frisur aussah wie ein kranker Kakadu. »Nur hierher, hierher, mein Fräuleinchen! Das dort ist unser Haus. Nur noch ein, zwei Schritte, liebe Frau. Der Hund beißt nicht. Ruhig, Gran! Gleich sind wir zu Hause. Sie werden schon sehen, Madame, welch' schönes Bett ich Ihnen für die Nacht bereite, aus lauter Flaum sind die Kissen.« Es störte sie nicht im geringsten, daß Madame Kriszbay kein Wort von all dem verstand. Manche Frau spricht nur deshalb, weil es ihr wohlthut. Was würde sie auch thun, wenn sie nicht reden könnte! Vielleicht würde ihr dann sogar die Spinne den Mund zuweben. »Sie haben Schmerzen, nicht wahr? Jedoch morgen wird der Schmerz noch ärger sein. So pflegt es schon bei diesen Quetschungen zu gehen. Aber was wahr ist, ist wahr,« sagte sie mit einem bedeutungsvollen Blick auf die Vorausschreitenden, »sie werden ein prächtiges Paar abgeben.« Das Mravucsánsche Haus mit seiner einladenden Vorhalle und den freundlichen Fenstern war nur einige Schritte weit entfernt, es wäre jedoch noch näher gewesen, wenn sich nicht vor dem Rathause ein großer Tümpel breit gemacht hätte, dessentwegen sie einen Umweg bei dem Wirtshaus vorbei machen mußten. Doch dieser Tümpel war eine Notwendigkeit, er wurde auch von allen Bábaszékern in Ehre gehalten, denn auf ihm schwammen die Gänse des Städtchens herum, an seinen Rändern wälzten sich die kleinen Ferkel, und aus ihm endlich schöpften die Feuerwehrleute das Wasser zur Zeit einer Feuersbrunst. Das erwähne ich gar nicht, daß sämtliche Frösche des Städtchens sich hier aufhielten und für die Bevölkerung wunderbare Konzerte veranstalteten. Dieser Tümpel war also notwendig, er wurde gern geduldet als eine gemeinnützige Institution, und als einmal der Komitats-Oberingenieur Johann Nepomuk Brunkusz auf der Durchreise den Vorstand aufmerksam machte, daß die Vertiefung vor dem Rathause ausgefüllt werden sollte, lachte jedermann Johann Nepomuk Brunkusz aus. Der Tümpel mußte demnach jetzt auch von den Gästen der Frau Mravucsán umgangen werden, so daß sie an dem Wirtshause vorbeigehen mußten, welches die Fremden »Zum erfrorenen Schaf« betitelten, mit Bezug auf die klimatischen Verhältnisse von Bábaszék. Im »Erfrorenen Schaf« tönte noch immer Musik, die Gäste hatten schon nicht Platz darin, einige Turozer »Safranyiks« tranken draußen stehend ihren Branntwein, während ein Altsohler Karrenschieber sich an den einzigen Tisch niedersetzte und die Weinflaschen zu dritt kommen ließ. Er hatte schon einen tüchtigen Rausch und ließ sich in ein lautes Selbstgespräch ein, indem er mit zärtlichen Augen zu seinem mageren Gaul hinüberschielte, der vor den Karren gespannt war und mit herabhängendem Kopfe unter dem aus Wacholder geflochtenen Schuppen auf seinen Herrn wartete. »Mein Nachbar behauptet gar,« philosophierte der Karrenschieber, »mein Pferd sei kein Pferd. Wie wäre es kein Pferd? Das war schon ein Pferd noch in den Kossuthzeiten. Er sagt, es ertrage die Last nicht. Freilich wohl, weil die Last schwer ist. Es ist mager? Wie sollte es nicht mager sein, wenn ich ihm keinen Hafer gebe? Warum ich ihm keinen gebe? Nun, ich möchte ihm schon welchen geben, wenn ich welchen hätte. Er hat gesagt, daß es auch neulich nicht imstande war, den Karren hinauszuziehen. Freilich, wenn das Rad in der Pfütze stecken blieb! Mein Nachbar ist ein großer Esel. Ist es so oder nicht?« Er erhob sich taumelnd und forderte um jeden Preis von den Turozer Safranyiks, sich zu erklären, ob sein Nachbar ein Esel sei oder nicht. Diese wichen ihm aus, worauf der Karrenschieber wie ein toller Hund, der weder sieht noch hört und nur durch seinen Spürsinn zu den Menschen gezogen wird, auf die am Arm der Frau Mravucsán dahintrippelnde Madame Kriszbay losstürzte: »Ist also mein Pferd ein Pferd oder kein Pferd?« Frau Kriszbay erschrak und schrie auf; der aus dem Munde des Karrenschiebers dampfende Weingeruch brachte sie einer Ohnmacht nahe. »Heiliger Gott!« stöhnte sie mit ersterbender Stimme, »in welches Land bin ich geraten!« Jedoch so sanft Frau Mravucsán war, ebenso schneidig konnte sie auch sein. »Ob dein Pferd ein Pferd ist, das weiß ich nicht – aber daß du ein betrunkenes Schwein bist, das sehe ich.« Und sie gab ihm einen Stoß, daß er am Wege hinfiel wie ein Stück Holz und auf dem Rücken liegend sein Grübeln mit röchelnder Stimme fortsetzte: »Mein Nachbar sagt, der Gaul sei auf einem Auge blind. Unsinn! Er kann doch mit einem Auge ein ebensolches Stück des Weges sehen, wie mit zweien.« Alsbald erhob er sich und stürzte ihnen mit der unbewußten Konsequenz der Betrunkenen nach, worauf Madame Kriszbay ihre Wunde vergaß und zu laufen begann, indem sie dabei ihre langen Röcke, in denen sie sonst gestolpert wäre, ungeschickt bis zu den Knieen aufhob. Die Safranyiks, die ihr nachblickten, lachten über ihre dünnen Beine und riefen: »Wie zum Teufel kann sie mit diesen Beinen so laufen!« Noch mehr erstaunte die voranschreitende Veronika, die mit Georg plaudernd nichts von der Zudringlichkeit des Altsohler Karrenschiebers bemerkt hatte und nicht wußte, was es zu bedeuten hatte, als sie die kranke Dame so flink laufen sah. »Madame, Madame, was fehlt Ihnen?« Sie antwortete nicht, sondern rannte nur geradeaus auf das Mravucsánsche Thor zu, wo sie jedoch mit einem markerschütternden Schrei zurückprallte, entsetzt durch drei mächtige Bauernhunde, die sie mit lautem Bellen im Thore empfingen. Sie wäre eben ohnmächtig zu Boden gesunken, wenn der gastfreundliche Mravucsán nicht plötzlich dort erschienen wäre; so fiel sie in seinen Armen in Ohnmacht. Der brave Bürgermeister hielt sie darin, hielt sie mit unentschlossenem, einfältigem Gesichte, hatte er doch noch nie ein ohnmächtiges Weib gesehen; er hatte zwar etwas davon gehört, daß man sie zu solchen Zeiten mit Wasser zu besprengen pflegt, aber Wasser holen konnte er nicht. Er dachte, daß man sie ein wenig kneifen sollte (davon blinzelt auch ein totes Weib auf), nur daß zum Kneifen etwas Fleisch nötig ist, und Madame Kriszbay bestand aus lauter Knochen. Er wartete lieber mit christlicher Geduld, bis die andern hinzukamen, die das arme nervöse Geschöpf alsbald zum Bewußtsein brachten. »Ach,« seufzte sie immer wieder. »In was für ein Land bin ich geraten!« Vierter Teil Die Intelligenz von Bábaszék Ein Souper beim Bürgermeister Mravucsán Ich will nicht breit erzählen, was sich noch weiter zutrug. Nur mit Christi Gewändern geschah das Wunder, daß sie mit dem Kinde zugleich wuchsen. Das kleine Mäntelchen, welches er als Knäblein getragen, war noch dasselbe, welches die Glieder des nach Golgatha schreitenden Mannes Jesus bedeckte. Seitdem giebt es solche Mäntel nicht mehr (zur großen Freude der Schneider), nur unter der Hand der Romanschriftsteller entstehen noch hier und da ähnliche Wunder; der geringe Stoff, für ein Westchen genug, dehnt sich unter ihrer Feder zu ganzen Ballen aus. Doch ich bin kein Freund dieses Verfahrens und will nur kurz über das Nachtmahl bei Mravucsáns hinweggehen, trotzdem es vorzüglich und schmackhaft war – und wenn sich ein Unzufriedener gefunden, konnte dies nur Madame Kriszbay sein, die bei dem ersten Gang, dem köstlichen Lammpaprikasch, sich den Mund verbrannte und aufschrie: »Ach, da beißt mich etwas in der Kehle!« Noch weniger konnte das zweite Gericht: Topfnudeln mit Speckgrieben ihr Gefallen erregen, denn sie legte ihre Gabel mit einer häßlichen Grimasse nieder, sobald sie davon gekostet hatte: » Mon Dieu , das sind ja kleingeschnittene, nasse Lappen!« Die arme Frau Mravucsán war ganz konsterniert, daß Madame Kriszbay nichts essen wollte. »Welch eine Schande ist das für mich,« jammerte sie. Zum Schlusse brachte sie ihr übriggebliebenes eingesottenes Obst herbei, welchem Madame Kriszbay auch tüchtig zusprach, und sowie sie sich langsam mit ihrem Magen aussöhnte, begann sie sich auch mit ihrer Lage zu befreunden. Und mit Recht, denn der lutherische Geistliche des Ortes, der hochwürdige Herr Samuel Rafanides und der Kantor Teophil Klempa amüsierten sie bei Tische, der eine links, der andere rechts. Schon die Einladung an die beiden lautete folgendermaßen: »Sie müssen kommen, denn eine deutsche Frauensperson wird bei dem Nachtmahl zugegen sein, die Sie zerstreuen müssen.« Aber sie thaten auch ihr Möglichstes aus lauter »Flanz.« Denn beide wollten vor den Senatoren beweisen, wie bewandert sie in der feinen deutschen Konversation wären. Madame Kriszbay fand ihre Nachbarn angenehm, besonders als sie erfuhr, daß der hochwürdige Herr Samuel Rafanides ein heiratsfähiger Mann sei. Wie? Also hier pflegen die Geistlichen zu heiraten? (Vielleicht ist sie doch in ein gutes Land geraten!) Der Kantor war ein hübscherer Mann, aber schon verheiratet und älter. Sein intelligentes ovales Gesicht fand seine Fortsetzung in einem glänzenden, langen, schwarzen Barte, welcher seine ganze Brust bedeckte, außerdem offenbarte sich auch ewiger Witz in ihm, doch dieser sickerte aus ihm nur so heraus wie aus rauhen Baumstämmen das Harz. Madame Kriszbay lachte oft auf bei einem gelungenen Einfall, schade, daß sie nicht wagte, sich dem Lachreiz ganz hinzugeben, denn in ihrer Kehle kratzte noch immer der verdammte Paprika oder nur die furchtbare Rückerinnerung daran. Ihr wachsgelbes Gesicht wurde öfters rot, sie bemühte sich sichtlich, den Husten zu unterdrücken, welcher nicht nur der Vorbote des Alters, sondern auch ungebührlich ist. »Ei, das ist ja nichts,« munterte sie Frau Mravucsán auf, »husten Sie sich nur getrost aus, meine Liebe! Kutz, kutz! Husten und Armut lassen sich nicht verheimlichen.« Sie fühlte sich immer wohler, denn der ehrwürdige Herr besaß auch noch den Vorteil, daß er einst in München die Schule besucht hatte und kleine Anekdoten aus dem dortigen Leben zu erzählen wußte, im dortigen Dialekt, was Madame so gut gefiel, als ob man ihre Seele in Honig badete. Der ehrwürdige Herr Samuel Rafanides gehörte durchaus nicht zu den langweiligen, frömmelnden Geistlichen, und obzwar der berühmte slowakische Spruch von Bábaszék, welchen Teophil Klempa so geistvoll zusammengestellt hatte, daß er von rückwärts gelesen, denselben Sinn hatte: » szedi na fare Rafanidesz « (Rafanides sitzt auf der Pfarre) ihn als zu Haus auf der Pfarre sitzenden Mann schilderte, war er doch eben das Gegenteil eines Stubenhockers und wanderte und strich ewig umher. Mit einem Wort, er hatte gutes Blut, und schon aus seiner früheren Gemeinde (irgendwo im Komitate Neograd) mußte er sich wegen einer Weiberangelegenheit entfernen. Frau Mravucsán weiß von der Geschichte, sie kennt sogar die betreffende Frau, eine gewisse Frau Matthias Baho: sie muß eine dumme Person sein, denn sie selbst hat ihr Verhältnis mit dem Geistlichen vor ihrem Manne, dem Oberkurator, ausgeplauscht: außerdem ist sie auch keine große Schönheit, denn Frau Mravucsán hat sich Wort für Wort folgendermaßen geäußert: »Rafanides war dumm, sich mit ihr einzulassen. Von einer häßlichen Frau darf man keinen Kuß, von einem armen Menschen keine Anleihe begehren, denn sie prahlen gleich damit.« So äußerte sich Frau Mravucsán; freilich setzte sie hinzu: »Wenn sich jedoch jemand auf mich berufen sollte, werde ich es ableugnen.« Deshalb kann ich nicht einmal dafür gutstehen, daß sich Frau Mravucsán so geäußert hat, denn ich könnte es nicht beweisen. Doch das ändert nichts an der Sache. Die trockne Thatsache ist die, daß Madame Kriszbay heiter mit ihren Nachbarn plauderte. Die zwei hochgebildeten Männer brachten ihr eine günstigere Meinung über Ungarn bei. Ein wahres Glück, daß sie slowakisch nicht verstand und jene gewöhnlichere Unterhaltung nicht hören konnte, welche die andern eingeladenen Notabilitäten von Bábaszék untereinander pflogen. Denn was wahr ist, ist wahr, auch dies sind kluge Leute, aber auf ihre eigene Art. Die schöne Veronika lächelte öfter als einmal über ihre Späße, denn sie hatte dieselben noch nicht gehört, doch die Eingeborenen kannten schon alle diese Tafelwitze. Eigentlich ist es eine Gottversuchung, ein solches Nachtmahl schildern zu wollen. Es geschieht ja nichts Nennenswertes. Man ißt, trinkt und geht dann nach Hause. Werden vielleicht interessante Dinge besprochen? Keineswegs. Tausend Nichtigkeiten tauchen auf. Gott behüte einen, das zu drucken. Und doch wird man in Bábaszék noch tagelang von diesen Nichtigkeiten sprechen, daß Herr Mravucsán den roten Wein vergoß, und wie dieser über das Tischtuch floß und man es mit Salz zu bestreuen begann, Senator Konopka ausrief: »Ei, Frau Gevatterin, es giebt eine Kindtaufe!« Frau Mravucsán errötete natürlich, während Veronika mit unschuldigem Gesicht fragte: »Wie läßt sich daraus eine Taufe bestimmen?« (Entweder ist das Mädchen noch ein großes Gänschen oder schon eine große Schauspielerin.) Wie soll man ihr darauf antworten? Denn sie hat ein Gesicht, so sanft, wie das der Jungfrau Maria gewesen sein muß, als dieselbe noch ein Mädchen mit kurzen Röcken war. Sie blickten sich alle gegenseitig an. Doch zum Glücke war die Frau des Försters Wladimir Szliminszky anwesend. Diese Frau mit dem erfinderischen Kopf gab folgende Erklärung: »Nun, mein Fräulein, die Sache verhält sich folgendermaßen, daß der Storch, der die Kinder zu bringen pflegt, unsichtbar voraus erscheint und das Glas als Mahnzeichen umwirft.« Veronika dachte eine Weile nach, dann schüttelte sie ungläubig ihren schönen Kopf, um den die Glorie der Unschuld zu schweben schien. »Aber ich habs ja gesehen, wie der geistliche Herr das Glas mit seinem Ellbogen umgeworfen hat!« Darauf wußte Frau Szliminszky nicht zu antworten und streichelte und liebkoste ihren Gatten den ganzen Abend ihrer Gewohnheit gemäß. »Kratze das Fett von deinem Gänsebraten, Wladin!« Wladin runzelte ärgerlich die Stirn, und an seinem mageren Halse bewegte sich der Adamsapfel rascher hin und her, immer ein Zeichen, daß er böse ist. »Wenn ich das aber am meisten liebe!« »Gleichviel, Wladin. Ich gebe es nicht zu. Die Gesundheit geht vor.« Wladin entfernt gehorsam die fetten Teile. »Warum ist dein Rock aufgeknöpft? Fühlst du nicht, daß es kühl ist? Knöpfe sogleich deinen Rock zu, Wladin.« Der Förster knöpft seinen Rock zu und greift mit dem wohlthuenden Gefühle der erfüllten Pflicht wieder zur Schüssel. »Keinen Bissen mehr, Wladin! Du hast genug! Du sollst heute Nacht nicht von Ochsen träumen.« Wladin legt gehorsam die Gabel nieder und will ein Glas Wasser trinken. »Gieb es mir erst her,« ruft ihm die Dame erschrocken zu, »damit ich mich überzeuge, ob es nicht gar zu kalt ist.« Wladin reicht ihr das Wasserglas. »Du kannst ein wenig trinken. Es ist lau genug. Aber trinke nicht zu viel, viel Flüssigkeit im Magen thut nicht gut. Nun, was giebt's, Wladin? Du trinkst ja wie ein Regenbogen. Genug, genug, um des Himmels willen!« Armer Wladimir! Märtyrer der ehelichen Liebe! Seit sechzehn Jahren steht er unter unaufhörlicher Pflege und wartet, trotzdem er als kräftiger Mann geheiratet und auch seitdem nie krank gewesen, zu jeder Stunde auf die Katastrophe, denn infolge der fortwährenden Bevormundung glaubt der einfältige Pole heilig, daß es nur eines Luftzuges oder eines schlechten Bissens bedürfe, um sein Ende herbeizuführen. Er fühlt, er fühlt überall die Natur in tausend Gestalten mit mörderischer Absicht um ihn herumschleichen. »Gieb acht, Wladin! Der Hund wird dir ins Bein beißen!« Unter dem Tische nagt ein Schäferhund an einem hinuntergeworfenen Knochen und schleicht zwischen den Beinen der Gäste herum, weiterhin miaut die Katze jämmerlich, als ob sie sagen wollte: »Gebt mir auch etwas von diesen vielen Eßwaren ab!« Die sogenannte » amabilis confusio « beginnt sich einzustellen. Jeder spricht, jeder von etwas anderem, jeder zu einem andern. Die Senatoren kommen wieder auf die öffentlichen Angelegenheiten, auf den aus dem Falle des gehängten Mannes entstandenen Konflikt zu sprechen. Frau Mravucsán klagt, daß niemand etwas gegessen habe, und wahre Betrübnis lagert deshalb auf ihrem ehrlichen, einfachen Antlitz. Teophil Klempa, dessen Zunge der rote Wein gelöst hat, ruft, um die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, da sich ohnehin der Geistliche mit Madame Kriszbay beschäftigt: »Meine Herren Senatoren, ich will eine bußfertige Beichte ablegen.« »Hört! Wovon?« »Vom Selbstmord der Hunde.« Ah, das ist eine merkwürdige Sache. Allgemeine Aufmerksamkeit entsteht, sogar der Geistliche muß seine Plauderei abbrechen. »Pst, pst! Hören wir den Selbstmord der Hunde!« Seit einiger Zeit nämlich beginnt es in der Gegend große Sensation zu erregen, daß man jeden Morgen im Bienenstande des Kantor Klempa einen toten Hund findet, der mit einem Gewehr einen Selbstmord begangen hat; er hat sich jedoch nicht vor den Kopf geschossen, sondern in das Rückgrat. »Ich bin der Mörder,« erzählt Klempa. »Ich pflege folgendermaßen vorzugehen: ich stecke den Lauf einer geladenen Flinte in den obern Teil des leeren Bienenkorbes, binde an den außengebliebenen und gespannten Drücker eine Schnur, mit der ich den Schaft des Gewehres umwinde, und, die Schnur unter der Klappe durchziehend, führe ich sie auch in das Innere des Korbes hinein. Schließlich binde ich ein Stück Fleisch an das Ende der Schnur, der Hund nähert sich, beschnuppert das Fleisch, steckt darum den Kopf in das Innere des Bienenkorbes und beginnt natürlich, das Fleisch mit den Zähnen zu zerren, worauf die Flinte losgeht, bum, und der Tod sich einstellt.« Der Hundetod wird mit homerischem Gelächter aufgenommen, und Mravucsán zieht sogleich folgende Moral daraus: »Es giebt ohne Zweifel vielerlei Selbstmorde, doch der schrecklichste mag doch der aus Durst hervorgerufene Selbstmord sein. Trinken wir also, meine Herren!« Die Gläser klingen aneinander, in den heitern Klang mischt sich eine Stimme: »Ei, Wladin, Wladin!« Das ist die Stimme der Frau Szliminszky, die es übelnimmt, daß auch Wladin zu seinem Glase greift. Ihr wieder nimmt es Mokry, der stutzerhafte Notaradjunkt übel, daß sie, trotz des interessanten Themas, mit welchem er sie amüsierte, mit ihrer Aufmerksamkeit ewig nur ihren Mann verfolgt. »Diese starke Cigarre wird dir schaden, Wladin! Lege sie doch nieder! Einige Züge davon könnten dir genügen! ... Also, weshalb waren Sie noch in Neusohl, lieber Mokry?« »Viele Kleinigkeiten habe ich zu besorgen gehabt, und obendrein habe ich diesen Anzug, den ich jetzt trage, von der ›Ziege‹ nach Hause gebracht.« Er betrachtete mit bewunderndem Wohlgefallen seinen dunkelblauen neuen Anzug, wer weiß zum wievieltenmal heute Abend. »Ein hübscher Anzug. Wie teuer war er?« »Ich habe ihn nach Maß bei dem Schneider Klener anfertigen lassen, er ist eigens für mich zugeschnitten worden.« »Wie viel haben Sie dafür gezahlt?« »Das ist galizisches Tuch, so stark, daß auch das Wasser nicht durchdringen kann, bei Tag müßten Sie es ansehen.« »Freilich, doch war der Preis ein hoher?« antwortete zerstreut das polnische Frauchen. »Ich habe das unberührte Stück Tuch gesehen, sogar der gelbe Anfang war noch daran. Ich war zugegen, als man es abschnitt. Es hat ein ganz eigentümliches Farbenspiel im Sonnenlicht.« »Gut, gut, aber ich frage nach dem Preise.« Jedoch es war nicht so leicht, Mokry aus seinem Geleise zu bringen, wenn er von seinem neuen Anzug reden konnte. »Der Klener hat einen Zuschneider, einen gewissen Kupek. Früher war er bei einem Hofschneider in Wien. Dieser Kupek sprach zu mir: ›Es soll Ihnen nicht leid um das Geld sein, Herr Mokry, denn das ist ein Stoff, daß selbst das Leder sich daneben verstecken muß.‹ Fassen Sie es nur an, Frau Försterin!« »Weich wie Seide... Wladin, mein Söhnchen, du solltest deinen Platz mit mir wechseln. Dort kann dich leicht ein Luftzug berühren, wenn die Thür geöffnet wird. Nun, weshalb schneidest du ein solch trotziges, böses Gesicht? Du willst mir vielleicht gar widersprechen? Eins, zwei, drei, setze dich herüber, Wladin!« Der Märtyrer der Liebe tauscht seinen Platz mit demjenigen seiner Frau, und jetzt gerät Frau Szliminszky auf die andere Seite hinüber, neben den jungen Advokaten Wibra, der hauptsächlich mit Veronika beschäftigt ist. Auch der Backfisch plaudert mit Georg, als ob man ihm die Zunge gelöst hätte. Der berühmte, kluge Mann, von dem man sich erzählt, daß er dereinst der Deputierte von Neusohl sein wird, hört ihr mit so gespanntem Interesse zu, als ob ein Bischof redete. Nicht um die Welt möchte er die Augen von ihr wenden, außer dann für einen Moment, wenn Veronika die ihrigen zu ihm aufschlägt. Sie plaudern leise, man könnte glauben von Gott weiß wie wichtigen Dingen, und doch besprechen sie nur lauter Nichtigkeiten. Was Veronika tagsüber zu thun gewöhnt ist? Nun, sie liest, geht spazieren, daraus entspringt die nächste Frage: was liest sie, wo geht sie spazieren? Veronika zählt die Bücher her. Die hat auch Georg alle gelesen, und sie fangen an, die Helden der Romane zu besprechen, gleich gemeinsamen Bekannten: Elemer, den Adler, Iwan Berend, Elschen Ankerschmidt, Aranka Beldi. Der Paul Beldi war eigentlich ein großer Esel, daß er das Fürstentum nicht angenommen hat. Doch wer weiß, ob er nicht wohlgethan, denn wenn er es angenommen, woraus wäre dann der schöne Roman entstanden? Dann erkundigt sich der Advokat nach Glogowa, ob es wohl sehr langweilig sei? Veronika schlägt verwundert ihre dunkelblauen Augen zu ihm auf: »Wie könnte Glogowa langweilig sein?« (Als ob ein unwissender Mensch gefragt hätte, ob wohl Paris langweilig sei.) »Giebt es in Glogowa einen Wald?« »Und was für einen Wald.« »Pflegen Sie hinaus zu gehen?« »Gewiß.« »Und Sie fürchten sich nicht?« »Wovor?« »Nun, Sie wissen wohl, der Wald hat manchmal gewisse Bewohner.« »Ach, die Bewohner unseres Waldes fürchten sich im Gegenteil vor mir.« »Was Sie nicht sagen? Kann man sich vor Ihnen auch fürchten?« »Denn ich fange sie.« »Die Räuber?« »Ach gehen Sie! Ich schlage Ihnen gleich auf die Hand, wenn Sie so reden.« »Nur zu! Hier ist meine Hand.« »Wenn Sie noch einmal so reden werden! Ich fange die Schmetterlinge im Walde.« »Und giebt es dort schöne Schmetterlinge? In meinen Studentenzeiten habe ich auch eine Sammlung besessen. Jetzt noch sind einige Exemplare davon vorhanden.« Hierauf ergriff auch Veronika die Prahlsucht. »Da sollten Sie meine Sammlung sehen. Alles habe ich schon darin: Totenkopfschwärmer, Admiral, Bärenraupe, Apollo. Schade, daß der eine Flügel meines Apollo zerspalten ist.« »Und eine Hebe haben Sie auch?« »Das will ich meinen, und noch dazu so groß wie meine Hand.« »Wie groß wird denn Ihre Hand sein? Zeigen Sie her!« Veronika legte ihre Hand auf das Tischtuch. Die war freilich winzig, doch so blütenweiß, wie ein Rosenblatt. »Ein Klafter groß im Lande Liliput!« bemerkte scherzend der Advokat, nahm ein Zündhölzchen und begann mutwillig die Breite ihrer Hand zu messen. Während des Messens berührte er sie unvorsichtig mit seinen Fingern, worauf der Backfisch zusammenschrak, die Hand zurückzog und heftig errötete. »Hier herrscht eine große Hitze,« sagte sie mit gepreßter Stimme, die Handfläche auf das flammende Antlitz pressend, als ob sie dieselbe nur deshalb zurückgezogen hätte. »Die Stube hat sich wirklich erwärmt,« ergriff Frau Szliminszky das Wort. »Knöpfe deinen Rock auf, Wladin!« Wladin pustete und knöpfte sich den Rock auf, und Veronika kehrte zu ihren Schmetterlingen zurück. »Der Schmetterlingsfang ist ein wahrer Sport bei mir. Es mag dasselbe sein, wie wenn Männer ein Wild verfolgen.« »Auch ich begeistere mich für die Schmetterlinge,« beteuerte Georg, »weil sie nur einmal lieben.« »Ach, ich liebe sie aus einer anderen Ursache ...« »Doch vielleicht nicht, weil sie einen Schnurrbart haben ...« Veronika wandte trotzig den Kopf ab. »Herr Wibra. Sie fangen an, unausstehlich zu werden.« »Danke für das Bekenntnis.« »Welches Bekenntnis?« »Daß ich anfange, unausstehlich zu werden. Folglich war ich es bisher nicht.« »Ah, siehe da! Der bekannte Advokatenkniff! Etwas in die Worte des Menschen hineinlegen, was er nicht gesagt hat. Mit Ihnen ist es gefährlich zu reden, wissen Sie wohl. Kein Wort sage ich mehr.« Georg legte flehend die Hände zusammen. »Ich will es nicht mehr thun, nie mehr. Sprechen Sie nur.« »Interessieren Sie die Schmetterlinge im Ernst?« »Auf Ehre, nicht einmal die Löwen und Tiger interessieren mich in diesem Momente in solchem Maße!« »Sehen Sie, die Schmetterlinge sind so schön, wie prächtig gekleidete Frauen. Welch' geschmackvolle Farbenvermischung! Ich betrachte ihre Flügel wie ebensoviel gemusterte Stoffe. Nehmen wir zum Beispiel die Hebe, passen ihre schwarz-roten untern Flügel nicht wunderbar zu den bläulich-gelben obern? Die köstliche Harmonie in der Buntheit der Bärenraupe wetteifert mit der feierlich düstern Stimmung der gelbgeränderten, blaugetupften braunen Toilette des Totenkopfschwärmers. Glauben Sie mir, der berühmte Pariser Worth könnte in den Wald kommen, um Toilettenkunst von den Schmetterlingen zu lernen.« »Leiser, Wladin!« ruft in diesem Momente Frau Szliminszky. »Wie viel Lungen besitzt du eigentlich? Auf Lokalbriefe genügen drei Kreuzermarken.« Wladimir Szliminszky ließ sich nämlich mit dem Senator Fajka in einen Streit über das aktuelle Thema ein, welches die Folgen wären, wenn der Gehörsinn den Menschen fehlen würde, und darüber disputierten sie so laut, daß die liebende Gattin diese überflüssige Vergeudung von Wladins Lunge nicht ohne ein zurechtweisendes Wort anhören konnte. »Sie sitzen nebeneinander und schreien dennoch ...« brummte sie mit ärgerlichem Kopfschütteln, »als ob man fünfzehn Kreuzermarken auf Lokalbriefe klebte. Ach, mein Gott, mein Gott, wann wird die Menschheit einmal ganz vernünftig werden!« In diesem Augenblicke erhob sich Senator Konopka und ließ den Hausherrn, den »Regenerator« von Bábaszék, hochleben, mit derselben dünnen, heisern Stimme wie diejenige des Mravucsán, man konnte mit geschlossenen Augen beinahe glauben, daß sich Mravucsán selbst verherrliche, was laute Heiterkeit hervorrief. Hierauf sprang Mravucsán auf und replizierte Konopka mit denselben Bewegungen, Grimassen und Augenzwinkern, mit welchen Konopka zu reden gewöhnt war. Auch darüber wurde viel gelacht. Und doch thun die Könige auch ähnliches, wenn sie sich gegenseitig in den Kleidern des andern besuchen – nur daß sich darüber niemand zu lachen getraut. Die Toaste begannen sich jetzt mit großer Schnelligkeit zu mehren. »Du hast die Hunde entfesselt,« flüsterte Fajka dem Konopka zu. Mokry ließ die Hausfrau leben. Mravucsán erhob sich neuerdings und trank im Namen seiner Frau, sowie in seinem eigenen auf das Wohl der Gäste und sprach seinen Dank für ihr liebenswürdiges Erscheinen aus. Er bemerkte, daß Frau Münz die einzige wäre, die von den Eingeladenen nicht hätte kommen können, denn die Gicht wäre ihr gegen Abend in den Fuß gefahren. Es ist kein Wunder, die arme alte Frau ist heute am Markttage viel herumgelaufen. Er leert sein Glas auf das Wohl der abwesenden Judenfrau von Bábaszék. Laute, begeisterte Hochrufe ließen sich vernehmen, und nachdem der Lärm sich gelegt hatte, rief Wladimir Szliminszky aus: »Jetzt ist an mir die Reihe zu reden!« »Wladin sprich nicht!« ermahnte ihn seine Frau. »Sprich nicht! Die laute Rede schadet deiner Lunge.« Doch Wladin war nicht beizukommen. Alles kann der Mensch vollbringen unter dem Regimente des Pantoffels; er knöpft seinen Rock zu, er knöpft ihn auf, er ißt nicht, er trinkt nicht, doch daß jemand den Toast, der in ihm steckt, zurückgedrängt hätte, ein solcher Grad des Gehorsams ist unbekannt in den Annalen von Ungarn. »Meine Herren, ich erhebe mein Glas auf die schönste Blüte dieser Gesellschaft, auf das Schwesterchen unseres Herren Jesus Christus, auf das Lamm der Unschuld, für welches Gott Wunder gethan, seinem Diener befehlend: ›Geh' rasch, Peter, laß das Kindchen nicht im Regen naß werden‹ Fräulein Veronika Belyi lebe hoch!« Veronika wurde rot wie Purpur, besonders als die Gäste aufsprangen und der Reihe nach sich zu ihr begaben, um ihr die Hand zu küssen, manche sogar vor ihr niederknieten, während die religiöse Frau Mravucsán sich bis zum Boden beugte und den Saum ihres Gewandes mit den Lippen berührte. Georg meinte zuerst, als er die närrischen Epithetons vernahm, daß der Förster verrückt geworden sei, doch als er jetzt die ganze Gesellschaft närrisch werden sah, ergriff ihn eine mit Erstaunen vermischte Verwirrung und ein eigentümliches Gefühl des Unbehagens. »Von welchem Wunder sprach der Herr Gemahl?« fragte er, sich zu Frau Szliminszky wendend. Frau Szliminszky schlug die Hände zusammen. »Wie? Sie wissen es also nicht? Wissen Sie es wirklich nicht? Aber das ist ja unmöglich. Es ist ja sogar schon in Druck erschienen, in slowakischen Versen.« »Was ist im Druck erschienen?« »Nun, die Geschichte des Regenschirmes ... Wladin, du erhitzest dich zu sehr, du bist so rot wie ein Krebs, du bist ganz in Schweiß gebadet! Soll ich dir nicht meinen Fächer reichen?« »Welchen Regenschirm?« fragte der Advokat ungeduldig. »Nun, das ist interessant, daß Sie noch nichts darüber gehört haben. Die Geschichte trug sich folgendermaßen zu: Als Ihre schöne Nachbarin noch ein kleines Kind war, wurde sie in einem Korbe irgendwo draußen im Pfarrhof vergessen. Ihr Bruder, der Glogowaer Pastor, betete in der Kirche. Unterdessen erhob sich ein großer Sturm und ein Wolkenbruch, das schmächtige Kind wäre gewiß davon gestorben, hätte Lungenentzündung oder wer weiß welche Krankheit bekommen können, wenn nicht ein Wunder geschehen wäre. Woher er kam, wohin er ging, weiß keiner, doch plötzlich erschien ein greiser Mann neben dem kleinen Mädchen, als ob er ein von Gott gesandter Himmelsbote wäre, und breitete einen Regenschirm über das Kind.« »Meinen Regenschirm,« brach es unfreiwillig aus dem Munde des Advokaten hervor. »Was haben Sie gesagt?« »Nichts, nichts.« Das Blut jagte rasch in seinen Adern, sein Herz pochte laut, mit seinen Händen fuchtelte er ungeduldig in der Luft herum, so daß auch er sein Glas umwarf. »Eine Taufe! Noch eine Taufe!« jauchzten alle heiter. Der verschüttete Wein nahm seinen Lauf nach Frau Szliminszky hin. »Ich gratuliere, Frau Försterin,« neckte dieselbe der hochwürdige Herr Rafanides. Frau Szliminszky schlug die Augen nieder. »Es ist nicht so,« stotterte sie verschämt. »Nicht wahr, Wladin?« Doch der Advokat gab es nicht zu, daß neuauftauchende Albernheiten das große Thema, an dem er arbeitete, verschlangen. Er zog seinen Sessel näher an die junge Frau. »Und dann?« keuchte er fieberhaft erregt. »Der greise Mann verschwand, als ob die Erde ihn verschlungen hatte, und keine Spur ist von ihm zurückgeblieben. Diejenigen, welche ihn einen Augenblick gesehen hatten, haben in ihm den heiligen Petrus mit dem großen Bart erkannt.« »Es war der Jude Münz.« »Haben Sie etwas gesagt?« Georg biß sich in die Lippen, es verdroß ihn wieder, laut gedacht zu haben. »Nichts, nichts. Fahren Sie fort, bitte.« »Nun, Sankt Petrus ist verschwunden, doch der Regenschirm ist zurückgeblieben.« »Und ist er da?« fragte er hastig. »Das will ich glauben. Er wird in der Kirche zu Glogowa bewacht wie ein Schatz.« »Gott sei Dank!« Er atmete tief auf, als wenn ihm eine Zentnerlast vom Herzen gefallen wäre, und trocknete sich die perlende Stirne mit seinem Taschentuch. »Gefunden!« murmelte er und blickte starr in die Luft. Er glaubte vom Sessel zu stürzen. Er wusste alles und brach zusammen unter der Last des Glückes. Er fühlte eine Starrheit im Genick, eine Beklemmung im Herzen, es sauste ihm in den Ohren. »Und wem gehört jetzt der Regenschirm? Der Kirche?« erkundigte er sich mechanisch. »Er kann auch noch Ihnen gehören,« neckte ihn die junge Frau. »Veronika bringt ihn ihrem Gatten mit in die Ehe. So sagte es mir einst der geistliche Herr von Glogowa: ›Der Regenschirm gehört meiner Schwester, falls sie ihn nicht bei ihrer Verheiratung der Kirche schenkt‹« »Nein, nein,« murmelte der Advokat kopfschüttelnd und ließ seinen wirren Blick unsicher umherschweifen, als ob er nicht bei vollem Verstande wäre. »Ich dulde es nicht ... Das heißt, was sage ich. Ja, ja, wovon war die Rede? Mir ist fürchterlich heiß. Ich ersticke beinahe. Herr Mravucsán, bitte, könnte nicht ein Fenster geöffnet werden?« »Warum denn nicht?« Mravucsán lief zum Fenster. »Knöpfe deinen Rock zu, Wladin.« Die kühle Luft der Frühlingsnacht strömte durch das Fenster herein; der Wind blies in mutwilliger Laune plötzlich beide Kerzen aus. »Der Kuss ist frei!« rief der Schelm Klempa in der großen Finsternis. Durch das offene Fenster neigte sich ein Fliederzweig aus dem Garten herein, und seine reichen Blütendolden erfüllten das Zimmer mit liebreizendem Duft, als Tausch für den hinausströmenden Cigarrenrauch. Madame Kriszbay schrie auf, wahrscheinlich über die Finsternis erschrocken, doch der Schelm Klempa versuchte, den unschuldigen Umstand zu einem boshaften Zwischenruf auszunutzen: »Auf Ehre, ich war es nicht!« Geheimnisvolles Kichern entstand ringsumher. Im Finstern klingt das unterdrückte Lachen übrigens immer geheimnisvoller. Frau Szliminszky jedoch wollte auch während der Zeit, bis die Kerzen angezündet wurden, demonstrieren, daß sie über diese rohen Witze erhaben sei, und setzte unbefangen die Geschichte des Regenschirmes fort, womit sie gleichzeitig auch bewies, daß sie mit ihrem Munde spräche – ihn folglich zu nichts anderem gebrauchen könnte. »Das ist eine schöne Legende, Herr Wibra, Sie können es glauben. Ich bin keine gläubige Frau, außerdem sind wir Lutheraner (obzwar es nicht Sitte ist, das einzugestehen); aber das ist doch eine sehr schöne Legende. Der Regenschirm ist ein wahres Wunder. Kranke genesen, sobald sie unter denselben treten; ein Toter, den der Regenschirm berührt hat, ist auferstanden. Sie schütteln umsonst den Kopf. Das ist so. Ich selbst habe jenen Mann gekannt, er lebt noch heute. Und überhaupt ist es unbegreiflich, was alles mit diesem Regenschirm geschehen ist. Schon an und für sich die Thatsache, daß er viel Glück und großen Reichtum über das Glogowaer Pfarrhaus gebracht hat.« Georg wurde von einem entsetzlichen Verdacht ergriffen. Als die Kerzen wieder lodernd aufflammten, konnte man sehen, daß sein Antlitz bleich wie das eines Toten war. »Ist der Pfarrer reich?« fragte er leise mit gespensterhaft blitzenden Augen. »Sehr reich,« antwortete Frau Szliminszky. Er neigte sich noch näher an sie heran und ergriff plötzlich krampfhaft ihre Hand. Frau Szliminszky konnte es sich nicht erklären. (Wenn er es wenigstens früher gethan hätte, würde sie es verstehen – aber jetzt, wo ja schon die Kerzen wieder brennen!) »Nicht wahr, er hat etwas im Regenschirm gefunden?« fragte er keuchend, mit gepreßter Stimme. Frau Szliminszky zuckte kokett ihre aus dem Spitzeneinsatz hervorschimmernde, weiße Schulter. »Ei, was könnte er in einem Regenschirm finden? Das ist ja weder ein Sessel, noch eine eiserne Truhe. Doch von weiter Ferne pilgern die Brautpaare seit vierzehn Jahren hin, um unter dem Regenschirm getraut zu werden, und zahlen reichlich, und soviel vermögende Kranke und Tote nur an den Ufern der Bjela Voda sind vom Szitnya bis zum Kriván, denen allen nimmt der Glogowaer Pfarrer die Beichte am Totenbette ab und begräbt sie unter dem Regenschirm.« Veronika, der Frau Mravucsán ihre gestickten Tischtücher und ihr köstliches Linnen gezeigt, begann erst jetzt mit halbem Ohr zu erfassen, worüber ihre Nachbarn verhandelten. »Sie sprechen von unserm Regenschirm?« fragte sie unbefangen, sich anmutig auf dem Sessel schaukelnd. Georg und Frau Szliminszky schraken zusammen. »Ja, Fräulein Veronika,« sagte die Försterin mit einiger Verlegenheit. Georg lächelte spöttisch. »Nun,« fragte Veronika, »wie ich sehe, glauben Sie nicht daran?« »Nein.« »Ach!« sprach das Mädchen mit einem vorwurfsvollen Blick, »und weshalb nicht?« »Weil ich an gar keinen Unsinn glaube und weil ...« Hier wollte er eine große Sache ausplaudern, doch seine Worte wurden abgeschnitten durch die verletzte Miene, den Schrecken, der im ganzen Wesen des jungen Mädchens sichtbar ward. Sie zog sich zusammen wie der Vogel, dem man eine Feder ausgerupft hat. Still wandte sie den Kopf ab und blickte wortlos auf ihren Teller, auf dem die abgeschälte grüne Kruste des Karpathenkäses lag. Auch Georg verstummte, trotzdem ihn etwas kitzelte und antrieb, aufzuspringen und auszurufen: »Ich bin reich, ich bin ein Herr geworden, im Stocke jenes Regenschirmes sind meine Schätze verborgen.« Es ist eigentümlich, wenn uns ein großes Glück zufällt, ist unser erster Wunsch (denn Wünsche bleiben uns noch immer, auch wenn alle unsere Wünsche erfüllt sind) die Mitteilung: wir möchten es gerne mit Posaunen ausblasen lassen, Herolde müßten das große Ereignis verkünden, die ganze Welt soll es vernehmen. Doch wenn auch das erste Gefühl dieser Art ist, gehört das zweite schon dem Zweifel an, hinter dem größten Glück lauert ein Schatten, ein unangenehmes »Wer weiß.« Auch Georg sah das bald. »Wie sieht besagter Regenschirm aus, mein Fräulein?« Veronika verzog den Mund, als ob sie es nicht der Mühe Wert hielte, über diesen Gegenstand mit dem Frager sich in ein Gespräch einzulassen. »Ach, es ist nichts besonderes daran,« sagte sie dann gedehnt, »ein verschossener, roter Stoff, als ob er tausend Jahr alt wäre, auch geflickt ist er, ich weiß nicht wie oft.« »Rings um den Rand kleine grüne Blümchen?« »Haben Sie ihn gesehen?« »Nein, ich frage nur.« »Ja, am Rande sind Blumen.« »Darf ich ihn ansehen?« »Natürlich. Sie wollen ihn ansehen?« »Deshalb fahre ich ja nach Glogowa.« »Deshalb? Wie soll ich das verstehen, Wenn Sie nicht an seinen Ursprung glauben.« »Eben deshalb. Wenn ich daran glaubte, würde ich nicht hinfahren.« »Sie sind ein böser Mensch, ein Heide.« Sie rückte ein wenig ihren Sessel von Georg weg, worauf dieser sichtlich betroffen und ernst wurde. »Habe ich Sie verletzt?« fragte er sanft und reuig. »Nein, nur erschreckt.« Und ihr schönes, ovales Gesicht drückte Enttäuschung aus. »Ich will lieber an alles glauben, fürchten Sie sich nur nicht vor mir.« Ein Lächeln schwebte um Veronikas Lippen. »Es wäre auch Sünde, nicht zu glauben,« unterbrach Frau Szliminszky das Gespräch. »Das ist kein Aberglaube; es sind Thatsachen, die geschehen und bewiesen sind. Wer daran nicht glaubt, glaubt an nichts. Entweder sind Christi Wunder wahr, und dann kann auch dies wahr sein, oder ...« Doch sie konnte ihren Satz nicht mehr beendigen, denn Madame Kriszbay hob die Tafel auf, indem sie erklärte, sie sei müde und wolle sich zur Ruhe begeben, worauf sich alle erhoben und Frau Mravucsán sowohl sie als auch Veronika in die zwei nach dem Hof gelegenen Zimmerchen führte. Bei der Thür schlich sich Georg an Veronika heran, welche auch ihm ein »Gute Nacht« zunickte. »Wollen wir morgen zeitig aufbrechen?« fragte er. Sie verbeugte sich mit mutwilligem Gehorsam, indem sie ihren schneeweißen Hals zur Seite neigte. »Wie Sie befehlen, Herr Thomas .« Georg verstand die Benennung »Thomas« und antwortete scherzend: »Alles hängt davon ab, wie lange die Heiligen schlafen.« Veronika wandte sich in der Vorhalle zurück, machte ein böses Gesicht, ballte die kleine Faust und drohte Georg ganz bäuerisch damit. »Warten Sie nur!« Georg konnte seine Augen nicht von ihr abwenden. Sie war so schön, und die drohende Faust stand dem kleinen Schelm so gut. Das sollen ihr die Heiligen nachmachen, wenn sie können. Bald begab sich auch das Ehepaar Szliminszky nach Hause. (Mravucsán bestellte ihnen einen Mann mit einer Laterne, da kein Mondlicht war.) Frau Szliminszky hüllte Wladin in einen Überzieher ein, hing noch einen Mantel darüber, umwickelte seinen Hals mit einem großen Wolltuche, und während sie ihm anriet, draußen ja nur durch die Nase Atem zu schöpfen, hatte sie auch noch Zeit, mit Georg zu plaudern. »Das ist wahrlich eine wunderbare Legende, mich wenigstens ergreift sie sehr.« »Ach diese armen Legenden!« antwortete Georg. »Wenn man den Goldschmelz, den heiligen Duft, den Rauch des Geheimnisvollen von ihnen wegblasen würde, welch' eine sonderbare, anspruchslose Wirklichkeit bliebe da am Grunde zurück!« »So darf man nicht draufblasen,« sagte die Frau. »Schlage den Kragen deines Mantels auf, Wladin!« Der Advokat dachte nach. »Sie mögen recht haben,« murmelte er mit sinnendem Blick. Bald darauf sehnte sich auch Georg nach Schlaf oder nach Ruhe und bat Frau Mravucsán, ihm sein Lager zu zeigen. »Hm, der Magnet ist fortgegangen,« murrte der Notaradjunkt. Kaum hatte er die Thür hinter sich geschlossen, so schrie der Fleischer Kukucska lustig auf: »Das Wurmstichige ist abgefallen.« Er legte seinen Rock ab, streifte keck seine flatternden Hemdärmel auf (auf seinem nackten linken Arm wurde ein tätowierter Ochsenkopf sichtbar), dann blinzelte er Mravucsán schelmisch an. Der Herr Stadtrichter verstand den Wink. »Gewiß, gewiß,« erwiderte er mit leuchtendem Antlitz, »wir können uns nicht zur Ruhe begeben, bevor wir nicht eine Probe gemacht haben, ob uns die Frauen noch lieben.« Mit diesen Worten zog er aus dem Kasten eine Schublade und nahm ein Paket Karten heraus. Von den Karten fehlte zwar der Grünunter, doch das störte die Intelligenz von Bábaszék nicht im mindesten, denn unlängst hatten sie auch auf diese Art Préférence gespielt, der letzte bekam eine Karte weniger beim Austeilen, doch dieselbe ward in der Einbildung doch ihm zu teil und fungierte als illusorische Karte im Spiel. Wenn grün gerufen wurde, spielte der letzte in seiner Einbildung den Grünunter aus und sagte: »Der illusorische Unter liegt darauf.« Manchmal galt sie auch als Stich, besonders wenn Grün Trumpf war. Heute jedoch wurde mit Hinsicht auf die fehlende Karte eine kleine Färbelpartie arrangiert, welche bis nach Mitternacht dauerte. Es spielten die Senatoren, der Fleischer und der geistliche Herr, der Vicenotar trug die Weingläser herbei, der geldlose Klempa (überall ist der Kantor der ärmste) stützte sich bald hier bald dort müßig auf die Ellbogen, denn man jagte ihn von einem Platz zum andern mit dem Bemerken, er sei ein Pechkiebitz, was im Grunde genommen ein sehr verstimmender, erbitternder Titel, aber doch keine Ehrenbeleidigung ist. Der arme Klempa zog und wanderte von Spieler zu Spieler, bis er endlich auf die zwischen dem Fleischhauer und dem geistlichen Herrn sich befindende Tafelecke sein müdes Haupt senkte und einschlief. Dabei diente sein langer, dichter Bart seinem Kinn als Kissen, doch gleichzeitig bereitete er ihm eine unangenehme Zukunft, denn der Taugenichts Paul Kukucska stellte in seiner ausgelassenen Laune (als er einen großen Gewinn eingezogen hatte) den Antrag, man möge den Bart des Klempa an den Tisch siegeln. Es wird köstlich sein, wenn er aufschreckt und der Tisch ihn nicht losläßt. Sie ergriffen mit Hast den köstlichen Gedanken, Mokry hielt die Kerze, Kukucska tropfte das Wachs ungefähr an drei Stellen auf seinen Bart, während Mravucsán in eigener Person ihn mit seinem Siegelringe an den Tisch drückte ... Daraus wird aber eine große Hatz entstehen! Auch andere, doch ebenfalls nicht nennenswerte Episoden ereigneten sich. Madame Kriszbay, welche Frau Mravucsán in ihr eigenes Zimmer einquartiert hatte, wagte es nicht, sich in den Ocean von Bettfedern niederzulegen, sie fürchtete, darin zu versinken und zu ersticken. Sie wünschte um jeden Preis eine Decke. Frau Mravucsán besaß keine, brachte jedoch mit findigem Kopfe den langhaarigen Fellpelz ihres Gatten herbei und breitete ihn über Madame, worüber diese derart erschrak, daß sie sofort Migräne bekam; man mußte ihr die ganze Nacht Kren auf die Schläfen legen. Veronika betraf eine andere Unannehmlichkeit. Sobald sie in dem schönsten Zimmer des Mravucsánhauses alleingeblieben war, verriegelte sie von innen die Thür, hing eine Mantille an die Klinke, damit niemand durch das Schlüsselloch hineinschauen könnte, und zog die Vorhänge an dem kleinen Fenster zu, welches auf den Hof mündete; dann begann sie sich auszukleiden; sie öffnete vorne ihr Leibchen, ein Haken nach dem andern gab nach, auch die Fischbeine leisteten Folge und gaben damit dem Busen und der Taille ihre wirkliche Form zurück – tausendmal schöner, als sie ahnen ließen. Auch der letzte Haken, welcher den obern Rock hielt, ihn um die Hüften pressend, sprang auf, und das geblümte Röckchen mit den Volants begann hinabzugleiten, sowie von der Rosenknospe die neidische grüne Hülle sich löst. Langsam glitt das Röckchen nieder, den blendend weißen Unterrock streifend. Schon wollte sie auch das Band des letzteren aufbinden, als sie entsetzt bemerkte, daß zwei kleine rote Augen starr auf sie gerichtet waren. Eine kleine, gefleckte Katze kam unter dem Bette hervorgeschlichen, die schaute sie an, schaute, schaute neugierig, voll Interesse, als ob sie ein zur Katze verwandelter Königssohn wäre. Veronika faßte erschrocken ihr geöffnetes Leibchen an, beugte sich hastig hinunter, raffte mit der andern Hand den hinabgeglittenen Rock wieder auf (aus dem sie eben hinaustreten wollte), während sie bald mit flehender, bald mit befehlender Stimme die Katze schalt und scheuchte. »Marsch Katze! Pack' dich, garstige Katze! Schau' nicht her, Kätzchen!« Der Backfisch schämte sich, vor der Katze Nachttoilette zu machen. Sie kleidete sich wieder ganz regelrecht an und versuchte, die Katze zu vertreiben, doch diese versteckte sich hinter die Möbel, sprang auf die Kasten, das Umherjagen war umsonst, die Katze ließ sich nicht aus dem Zimmer treiben. Frau Mravucsán wurde auf das Geräusch aufmerksam und sprach aus dem Nebenzimmer hinein: »Was fehlt Ihnen, mein liebes Fräulein?« »Ich kann die Katze nicht hinaustreiben, Tantchen Mravucsán.« »Es thut nichts, mein Herzchen, auch wenn sie drinnen bleibt; sie ist ein gutes, unschuldiges Tier.« »Aber sie sieht,« antwortete Veronika ängstlich. Hierauf löschte sie die Kerze aus und wollte sich im Finstern entkleiden, doch die vertrackte Katze kam wieder bis in die Mitte des Zimmers, und ihre Augen leuchteten im Dunkeln noch mehr. »Warte nur, du neugieriges Geschöpf, ich will dir gleich beikommen.« Sie errichtete eine Barrikade aus Stühlen, und hinter dieser Barrikade, als ob sie in ihrer Burg wäre, in die man nicht hineinschauen kann, setzte sie sich auf den Rand des Bettes, kreuzte ihre Füßchen und schnürte zuerst ihre Schuhe auf. Kip, kop, klopfte das eine Stiefelchen, sowie sie es auszog und auf den Boden fallen ließ, kip, kop, klopfte auch das zweite. Wie, die Sesselburg sollte der Katze imponieren? Tip, top, that sie einen Satz mit gestrecktem Leib und war auf dem mit einem Tuche bedeckten Waschtische; tip, top, noch ein Satz, und dort saß sie in Veronikas Bett, in der Mitte ihres Kissens. Doch es war nicht gut zu nahe zu kommen. Veronika war auch nicht faul und fing sie mit einer geschickten Bewegung. »Jetzt halte ich dich, Gevatterin Katze! Nur rasch, wo ist ein Tuch? Ich will dich lehren, zuschauen, wenn sich Mädchen entkleiden. Weißt du, Kätzchen, daß dies unschicklich ist?« Sie fand ein dickes Baumwollentuch und band es doppelt der Katze um die Augen; »Jetzt magst du schauen, wenn du kannst!« Dann begann sie, sich neuerdings auszukleiden. Die Nacht giebt Rat. Während so thörichte Kleinigkeiten das Weibervolk beschäftigten, und während Herr Klempa mit niedergesiegeltem Bart den Schlaf des Gerechten schlief (niemand kann schöner träumen als ein schlummernder Kiebitz), wachte Georg Wibra, in Gedanken versunken. Er entkleidete sich, legte sich nieder, konnte jedoch nicht einschlafen. Sein Entkleiden (bitte nicht zu erschrecken) wird nicht umständlich beschrieben werden, denn das ist nach den Begriffen der gebildeten Gesellschaftskreise eine Anstoß erregende Scene. Weshalb? Weiß ich es denn? Es ist unschön, infolgedessen nicht zu beschreiben. Im Entkleiden des Weibes steckt Poesie. Wenn es gut geschildert ist, fühlt der Leser anstatt Druckerschwärze den feinen, verwirrenden Duft des Frauenleibes aus den Buchstaben heraus, doch das Entkleiden eines Mannes, pfui, nicht einmal es zu erwähnen, getraue ich mich. Auf einen Frauenrock darf man sogar Oden, Dithyramben schreiben, doch schon der Name der Hose ist »unaussprechlich.« Und weshalb? Nun, Gott weiß es. Und was beweist es? Vielleicht, daß der Mann ein unästhetischeres Geschöpf ist als das Weib? Wahrscheinlich nur, daß derjenige, welcher schicklich und unschicklich erfunden hat, ein großer Esel war. Doch schließlich war es eine ärgere Sache, daß unser Held nicht schlief. Nicht sein Magen war überfüllt von den Speisen der Frau Mravucsán, sondern seine Seele, sein Gehirn war voll von dem großen Ereignis des Tages. Die vielerlei Eindrücke verwirrten sich in seinem Kopfe zu einem formlosen Chaos, als ob er in einigen Stunden einige Jahre durchlebt hätte. Heiliger Gott, wie lange, lange ist es her, daß er auf dem Boden der Frau Münz den Regenschirm gesucht hat! Nun endlich war er gefunden! Die Vorsehung hat ihn geführt. Gott hat einen Engel damit betraut. Hier schweiften seine Gedanken vom Regenschirm zu dem »Engel« hinüber. Ein hübsches, kleines Ding, das muß man zugeben, durchaus nicht unangenehm, während die anderen jungen Damen, wenn sie in den Backfischjahren sind, steif und gezwungen zu sein pflegen und nichts Natürliches an ihnen ist. Veronika ist eine Ausnahme. Veronika ist ein netter kleiner Backfisch, er fühlte entschieden etwas Sympathie für sie. Er rief sich jedes ihrer Worte, jede ihrer Bewegungen, welche ihm günstig waren, in das Gedächtnis zurück und genoß sie wieder und wieder (nur daß jetzt zum dritten- und viertenmal noch mehr Honig darin enthalten war). Doch als er am bunten Faden der Erinnerung immer weiter zurückging, und Lächeln, fallengelassene Worte, weiche Stimme, selbstvergessene Blicke, instinktive Gebärden zusammentrug (welch' eine süße Sammlung das war!) fand er darunter auch Gleichgültigkeit und Kälte und warf sich verzagt, mit Gewalt über die Planke der Schwärmerei in die goldige Wirklichkeit – zum Regenschirm hinüber. Er kann sich wahrlich glücklich fühlen und hat nicht nötig, die unreifen Gedanken von Gelbschnäbeln zu erraten. Mit dem heutigen Tage ist er ein Herr, ein Nabob geworden. Wie ein Fürst will er seine Tage verleben, den Winter in Budapest oder an der Riviera, den Sommer in Ostende oder Monaco zubringen, mit einem Wort, er wird ein großer Herr sein, der gewisse Pfarrersschwesterchen gar nicht beachtet. (Ei, ei, seine Gedanken kehren doch stets zu dem Springinsfeld Veronika zurück.) Kein Schlaf kam in seine Augen, wie hätte er auch jetzt schlafen können? Immer schönere Lebenspläne schwirrten vor ihm, wie die Schmetterlinge im Glogowaer Walde. Er haschte nach ihnen, haschte immerfort nach ihnen ... Ei, wenn es nur schon tagen wollte, daß er weitergehen, sich bewegen könnte! Seine Taschenuhr tickte lustig auf dem neben dem Kopfende sich befindenden Tischchen, er blickte darauf, sie zeigte gerade Mitternacht. Unmöglich, sollte es nicht später sein! Geht sie vielleicht nicht richtig? Irgendwo im dritten Hofe krähte ein Hahn, als ob er sagen wollte: »Ihre Uhr geht richtig, Herr Wibra!« Aus dem »Erfrorenen Schaf« klang die Musik undeutlich herüber. Ein Hirte sang trübselig das berühmte slowakische Schäferlied, dessen Anfang in freier Übersetzung folgendermaßen heißt: Kein Hirte ist, der geschlachtetes Fleisch gern sieht; Nicht dem gehört das Schäfchen, der es auferzieht. Georg zündete seine Cigarre an, und dieses närrische Lied drehte beim Aufsteigen der krausen Rauchwolken den schönen roten Stoff seiner Gedanken auf die verkehrte Seite. Wahrhaftig, gar oft gehört das Schaf nicht dem Hüter. Schau, schau, wo auch dieser Regenschirm zum Vorschein gekommen ist (das heißt, er ist ja noch gar nicht zum Vorschein gekommen), er ist noch immer nicht in seiner Hand. Er ist ihm sogar, wenn wir es streng nehmen, nicht einmal viel naher gerückt. Bisher hatte er befürchtet, daß der Regenschirm als wertloser Plunder irgendwo auf den Mist geworfen wurde, wo er verfault ist, und deshalb war seine Hoffnung, ihn zu erreichen, gering. Was war nun geschehen? Die Sache hatte sich gewendet. Jetzt besteht das Übel darin, daß der Regenschirm ein förmliches Kleinod, eine kirchliche Reliquie ist. Sehen wir 'mal, was geschehen wird. Was wird er morgen dem Pfarrer von Glogowa sagen? Vielleicht »ich bin wegen meines Regenschirmes gekommen?« Der Pfarrer wird ihn sicher auslachen, denn entweder ist er ein bigotter Schwärmer, und dann glaubt er heilig, Sankt Petrus habe den Schirm seiner Schwester gebracht, oder ein Betrüger, ein Pharisäer, und dann wird er nicht so verrückt sein, sich demaskieren zu lassen. Draußen tobte der Wind und heulte mit zornigem Tosen durch das schlechte Fenster und die schlechte Thür in die Kammer hinein, wo ihn Frau Mravucsán für die Nacht einquartiert hatte. Auch die Möbel bewegten sich und krachten. Das ferne Brausen des Liskowinawaldes war deutlich zu vernehmen. Der gehängte Mann, den Mravucsán erwähnt hatte, arbeitete gar arg darin herum. Georg löschte wieder die Kerze aus, mit welcher der Wind sein unangenehmes Spiel trieb, kroch unter das Federbett zurück und drückte die Augen zu. Seine Phantasie wuchs im Dunkeln; er meinte den gehängten Mann zu sehen, wie er sich am Baume hin- und herneigte und grinsend nickte: »Herr Widra, Sie werden sicher ausgelacht auf der Pfarre zu Glogowa.« »Heillose Wirren!« murmelte er, sich unruhig in den schneeigen Kissen herumwerfend, denen der unbestimmbare Duft des Frühlingssonnenscheins entströmte. (Sie waren nicht umsonst heute über den Zaun gebreitet.) Gleichviel spann er seine Gedanken weiter: »Der Regenschirm ist doch mein. Ich kann es ja im ärgsten Falle auch vor Gericht beweisen. Zeugen dafür sind Sztolarik, Frau Münz, ihre Söhne, die ganze Stadt Neusohl.« Doch hierauf lachte er plötzlich bitter auf. »Das heißt, wie könnte es bewiesen werden? Wo denke ich hin. Gehört doch der Regenschirm nicht mir, sondern der Familie Münz. Der alte Münz hat ihn bei einer regelrechten Auktion aus dem Gregorics-Nachlasse unter den unbrauchbaren Gegenständen angekauft. Der Regenschirm ist folglich Eigentum der Familie Münz, mir gebührt nur, was im Innern steckt. Doch kann ich das vorbringen? Kann ich dem Geistlichen sagen: ›Hochwürdiger Herr, in dem Stocke des Regenschirmes befindet sich eine Bankanweisung auf zwei- bis dreimalhunderttausend Gulden, bitte, sie gefälligst herzugeben, denn mir kommt sie zu.‹« Georg begann nun, der Reihe nach zu analysieren, was hierauf der Pfarrer thun könnte. Entweder glaubt er an die heilige Legende und spricht: »Geh' zum Teufel! Sankt Petrus wird nicht so verrückt sein, dir vom Himmel eine Bankanweisung zu bringen.« Wenn er jedoch wirklich in Versuchung gerät, nachzuschauen, und sie in dem Stocke findet, dann wird er sagen: »Wenn er sie doch gebracht hat, so hat er sie sicher mir gebracht,« nimmt die Bankanweisung heraus und verwertet sie selbst. Weshalb sollte er sie auch Georg geben? Womit könnte dieser beweisen, daß sie sein Eigentum ist? Bald klügelte unser Held auf folgende Art weiter: »Soll ich ihn vielleicht in meine Lebensgeschichte einweihen? Soll ich ihm von Anfang bis zu Ende alles erzählen, von meiner Mutter, von meinem Vater, von den Umständen seines Todes? Nehmen wir an, er glaubt alles, von Alpha bis Omega. Was nutzt das? Leuchtet aus all dem hervor, daß der Schatz mir gehört? Keineswegs. Und wenn er auch einsehen sollte, daß er mein ist, würde er ihn auch hergeben? Auch der Geistliche ist nur ein Mensch. Soll ich ihn vielleicht verklagen, wenn er ihn nicht hergiebt? Lächerlich! Er nimmt die Anweisung schön heraus, und welchen Beweis soll ich dann liefern, daß sie im Regenschirmstocke drin war?« Der Schweiß rann von Georgs Stirne, er biß vor Wut in sein Kissen. So nahe seiner Erbschaft zu sein, und doch so unermeßlich weit von ihr entfernt! ... Finstere Nacht, gieb Rat! Und es lohnt sich, zu der Nacht seine Zuflucht zu nehmen. Georg that wohl daran, von ihr Rat zu erbitten. Sie ist die beste Freundin der Grübler und Denker. Unter die goldenen Sprüche sollte man schreiben: Überlege jede wichtige Angelegenheit bei Nacht, auch falls du schon bei Tage darüber verfügt hast. Denn der Mensch besitzt einen nächtlichen Verstand und einen Tagesverstand. Welcher der bessere ist, weiß ich nicht. Daß keiner von beiden vollkommen ist, ahne ich wohl. Bei Tage webt das Sonnenlicht wie ein Weber seine bunten Farben in unsere Gedanken ein, und auch die Nacht läßt aus ihren schwarzen Fittichen je eine Feder dazwischen fallen. Sie malen, pantschen, vergrößern, verkleinern, falsifizieren folglich beide. Die Nacht läßt die Gestalt deines Liebchens schöner erscheinen als sie in Wirklichkeit ist, deinen Feind mächtiger, deinen Kummer größer, deine Freude geringer. Dies ist kein schönes Verfahren von ihr, doch die Nacht ist souverän und ist niemandem Rechenschaft schuldig. Nimm sie so, wie sie ist, doch umgehe ihren Rat nicht, frommer Grübler, wenn du die Wahrheit suchst. Das heißt, du suchst ja nicht die Wahrheit – selbst wenn sie dir entgegenträte – würdest du ihr ausweichen. Ich habe mich schlecht ausgedrückt – umgehe die Nacht nicht, wenn du einen Ausweg suchst. Sie ist nur scheinbar stumm. Sie flüstert dir so zu, daß du es nicht bemerkst. Wenn es nicht anders möglich ist, bringt sie schon still auf den Fußspitzen den Traum herbei und webt mit unerschöpflicher Erfindungsgabe ihre Ratschläge hinein. Plötzlich legte sich der Wind, die Musik im »Erfrorenen Schafe« erstarb, Georg hörte nichts mehr als ein leises, rhythmisches Summen. Dann schien es ihm, als ob er sich in einer andern Gegend befände, als ob er im Walde von Glogowa mit Veronika Schmetterlinge jagte. Wie sie so im Gebüsche weiterschritten, kam ihnen am Wege ein alter Mann entgegen, den gewundenen Goldstab in der Hand, Glorienschein über dem Haupte. »Sie sind Herr Wibra?« fragte der Greis. »Ja, und Sie?« »Ich bin der heilige Petrus.« »Was wünschen Sie?« »Ich will eine Erklärung zu Ihren Gunsten unterschreiben.« »Zu meinen Gunsten?« »Ich habe erfahren, daß Sie nicht zu Ihrem Regenschirm kommen können. Mein Freund Gregorics hat mich ersucht, Ihnen auszuhelfen. Ich unterschreibe daher mit Vergnügen eine Erklärung, daß nicht ich es war, der den Regenschirm dem Fräulein schenkte.« »Schön von Ihnen, doch hier habe ich weder Papier noch Tinte bei mir. Kehren wir in das Dorf zurück.« »Das geht nicht, so viel Zeit habe ich nicht. Sie wissen ja, daß ich beim Thor Wache stehe, ich muß gehen.« »Doch was soll ich dann beginnen? Wie komme ich zu meinem Regenschirm?« Sankt Petrus zuckte die Achseln und schien sich entfernen zu wollen. Bei einem alten, hohen Eichenbaume blieb er jedoch stehen und winkte Georg, näherzutreten. Georg folgte ihm. »Wissen Sie was, geehrter Freund, grübeln Sie nicht lange nach, nehmen Sie die Veronika zum Weibe, und mit ihr zu gleicher Zeit gelangt auch der Regenschirm in Ihren Besitz.« »Kommen Sie!« sprach Georg und faßte den Mantel des heiligen Petrus fest an. »Halten Sie in meinem Namen um sie an!« Georg zerrte und zerrte ihn, doch in diesem Momente war es ihm, als ob irgend eine gewaltsame Hand ihn von rückwärts erfaßt und mit fürchterlicher Kraft mit sich gerissen hätte – er erwachte. Ein Klopfen ertönte an der Thüre. »Herein,« murmelte er mechanisch mit benebeltem Kopfe. Die Dienstmagd der Mravucsáns trat gähnend mit arg zerzaustem Haare ein, um seine Schuhe zu holen. Georg rieb sich den Schlaf aus den Augen. Es war Morgen. Durch die Fenster lachte die Sonne hinein. Sein Gedächtnis überflog rasch die Einzelheiten des schwindenden Traumes. Er glaubte in dem sich zerteilenden Nebel noch die blassen Umrisse der Einzelheiten zu sehen. Alles stand noch lebendig vor ihm. Das trockene Laubwerk krachte noch sozusagen unter den Sohlen des Sankt Petrus, und feierlich klang seine gütige Stimme: »Mein Freund, nehmen Sie Veronika zum Weibe, dann wird der Regenschirm in Ihren Besitz gelangen.« »Ein eigentümliches Traumgesicht,« sprach Georg sinnend, »und wie viel Logik darin steckt. Das hätte mir wirklich auch einfallen können.« Ei, als ob ihm das nicht selbst eingefallen wäre! Die Nacht befahl nur: Komm hervor, Traum, und baue ihm ein zusammenhängendes Märchen aus dem Stoffe auf, der in ihm gärt. Als sich Georg angekleidet hatte, war es nicht mehr sehr früh. Das ganze Mravucsán-Haus war in Bewegung, wie ein bevölkerter Bienenkorb. Eine Dienstmagd trug einen Milchkrug, die andere ein Sieb (alle beschäftigten sich mit der frischgemolkenen Milch), Georgs Kutscher rauchte seine Pfeife bei dem Thore, welches der nächtliche Wind aus seinen Angeln gerissen hatte, und verwunderte sich mit den anderen über die Kraft des Windes; als er seinen Herrn bemerkte, lüftete er seinen mit einer Straußenfeder geschmückten Hut. »Soll ich einspannen?« »Ich weiß es noch nicht. Hallo, kleines Mädchen! Sind die Damen schon aufgestanden?« »Sie frühstücken schon im Garten,« antwortete eine Frauensperson, die eine Pfanne mit aufgekochter Milch trug. »Bitte hierher.« »So, dann kannst du einspannen, Johann.« Georg traf sie allesamt unter dem Nußbaum um einen großen runden Steintisch sitzen. Sie hatten ihr Frühmahl schon beendet, nur Madame knusperte noch an dem gerösteten Brote. Georg wurde mit großem Gelächter empfangen. Veronika rief mutwillig aus: »Da kommt der Frühaufsteher!« »Der Titel gebührt mir,« erwiderte Mravucsán, »denn ich habe mich gar nicht niedergelegt, wir haben bis zum Morgen Karten gespielt. Der arme Klempa schläft noch immer auf seine zwei Ellbogen gestützt, mit seinem an den Tisch gesiegelten Bart.« »Das schickt sich gar nicht, solche Dinge zu thun!« ermahnte ihn Frau Mravucsán. »Guten Morgen! Guten Morgen!« Sie reichten alle Georg die Hand, auch Veronika erhob sich und verbeugte sich zu wiederholten Malen mutwillig vor ihm. »Guten Morgen, Sie Frühaufsteher! Guten Morgen. Nun weshalb betrachten Sie mich gar so sehr?« »Ich schaue,« sagte Georg verwirrt, indem er seine Augen von der Schönheit des Mädchens nicht abwenden konnte, »wie ... sehr ... Sie gewachsen sind!« »In einer Nacht?« »Gestern waren Sie noch ein Kind.« »Ihre Augen waren geblendet.« »Die sind auch heute geblendet.« »Weil Sie noch verschlafen sind. So spät steht man auf?« Der scherzhafte, tändelnde Ton elektrisierte Georg wie eine süße Berührung, und er begann redselig zu werden, verteidigte sich scherzend, in übermütiger Laune. »Ich habe es ein wenig verschlafen, ja, würde sogar jetzt noch schlafen, wenn die Dienstmagd nicht an die Thür geklopft hätte. Ach, wäre sie nur wenigstens fünf Minuten später eingetreten.« »Wie,« sprach Frau Mravucsán, »so süß haben Sie geträumt? Was wünschen Sie? Kaffee oder kalten Braten?« »Ich bitte Kaffee.« »Wollen Sie Ihren Traum nicht erzählen?« »Ich habe im Traum geheiratet. Das heißt, die Angelegenheit ist nur bis zur Werbung gekommen.« »Wie? Also Sie haben einen Korb erhalten?« fragte Veronika, ihr neugieriges Köpfchen vorbeugend, welches heute durch die aufgebaute reiche Haarkrone noch schöner war. Die Haarkrone wieder wurde noch durch eine aufgesteckte Pfingstnelke verschönt. »Es ist fraglich, was weiter geschehen wäre. Die Dienstmagd hat mich eben im entscheidenden Momente aufgeweckt.« »So? Ich hätte beinahe geglaubt, Ihre Person habe der Person nicht gefallen,« sprach Veronika in den Märchenstil verfallend. »Wie schade, daß wir es nun nicht mehr erfahren werden.« »Ich versichere Sie, daß Sie es erfahren werden.« »Wieso?« »So, daß ich es Ihnen sagen werde.« »Ach, reden Sie nicht! Die Träume gehen doch nicht von einer Nacht zur andern in Fortsetzungen über wie die Zeitungsromane.« Georg trank seinen Kaffee aus, zündete seine Cigarre an und sprach aus einer großen Rauchwolke heraus, indem er mit geheimnisvoller Miene die Augen scherzend zum Himmel erhob: »Es giebt solche Träume, Sie werden schon sehen. Doch wie haben Sie geruht?« Frau Mravucsán wartete nur auf diese Bemerkung, um die Geschichte mit der Katze, wegen welcher Veronika am Abend sich nicht zu entkleiden traute, breit vorzutragen. Georg stellte sich die reizende Scene vor und genoß sie in seinen Gedanken, Veronika wechselte wiederholt die Farbe, Mravucsán lachte, während Frau Mravucsán einige belehrende Worte daran knüpfte, wie es sich für eine ältere, erfahrene Frau schickt. »Auch vom Guten ist ein Übermaß nicht gut, mein Täubchen. Auch die Züchtigkeit schadet, wenn sie das genügende Maß überschreitet. Daran muß man sich gewöhnen. Wenn Sie nun erst einen Mann haben werden, Herzchen! Der schleicht sich wirklich ins Schlafgemach ein und schnürt selbst die Taille seines Frauchens auf. Darüber muß man hinwegkommen!« »Ach, Tantchen, Tantchen! Was reden Sie, Tantchen!« Sie hielt sich die Ohren zu, sprang auf und lief auf die Johannisbeersträucher zu. Ein winziger Zweig verwickelte sich in den Saum ihres Rockes, den sie so heftig zurückzog, daß sie ihn aus den Falten riß. Das war eine schöne Bescherung! Rasch eine Nadel, Zwirn! Die Verwirrung wurde noch erhöht durch das Vorfahren von Wibras Wagen. Zwei Rappen mit silberbeschlagenem Geschirr! Hei, der Advokatenstand ist doch ein gutes Handwerk! (So jung hat er sich schon ein solches Gespann zusammengelogen.) Frau Mravucsán sowie jedes lebende Wesen im Hause hatte alle Hände voll zu thun. »Anka, binde schnell den Schinken, den ich für die Reise gekocht habe, in eine Serviette ein. Und du, Suschen, bringe den Kuchen. Doch Sie haben vielleicht kein Messer? Bringt rasch ein Messer mit Hirschhorngriff herbei! Soll ich nicht noch etwas Dörrobst in den Wagenkasten legen? Es ist gut, wenn man unterwegs etwas zu knabbern hat, meine Liebe, besonders für die fremde Dame. Soll ich nicht noch ein Töpfchen mit Marmelade dazuthun? Jedenfalls werde ich Ihnen etwas davon mitgeben.« »Aber, liebe Tante,« wehrte Veronika ab, »wir sind ja zu Mittag daheim!« »Und wenn sich etwas zuträgt? Wer kann das wissen?« Die gute Tante Mravucsán kam und ging, bald lief sie davon, bald erschien sie wieder wie ein rollender Reifen, während Mravucsán seine Gäste um jeden Preis überreden wollte, doch zu Mittag zu bleiben, oder wenn schon nicht so lange, doch wenigstens noch eine Stunde. Zuletzt flehte er nur um eine halbe Stunde, indem er sie versicherte, daß Klempa bis dahin unbedingt aufwachen werde, und das würde ein Schauspiel werden, wie es nicht einmal der König zu sehen bekäme. Doch es half nichts, sie blieben fest bei ihrem Vorsatze und setzten sich auf das hübsche kleine Gefährt; die Damen auf dem Rücksitz, Georg auf dem Kutschersitz nach innen gewendet, so daß seine Kniee jetzt schon Veronikas Kniee berührten ... Wie wird das bis Glogowa werden! »Wir fahren nach Glogowa!« befahl Georg dem Kutscher. Johann schwang seine Peitsche, die Pferde setzten sich in Bewegung, doch kaum war der Wagen über die Thorbrücke hinausgerollt, als ihnen Frau Mravucsán atemlos nachkam, aus vollem Halse schreiend: »Ho, hallo! Stehenbleiben!« Der Wagen blieb stehen, die Damen sahen sich erschrocken um, was geschehen sein könnte. Doch es war nichts geschehen. Frau Mravucsán hatte noch einige tadellose Äpfel irgendwo in der Speisekammer entdeckt; diese gehüteten Schätze brachte sie in ihrer Schürze herbei und steckte sie, da die Damen keine Taschen in ihren Kleidern hatten, in Georgs Rock mit der Bedingung, daß Veronika diesen schönen roten, echten Scherzeker essen sollte. Hierauf fuhren sie endlich im Ernste ab unter großem Tücher- und Hüteschwenken, bis an einer Biegung des Weges der freundliche Mravucsán-Hof mit seinen sämtlichen Bewohnern, seinem großen Nußbaume, seinem rauchenden Schornsteine vor ihren Augen verschwand. Immer neue und neue Bilder aus dem Gassenleben des rasch vorbeifliegenden Bábaszék entfalteten sich nun vor ihnen. Vor dem Laden stand Frau Münz in ihrer krausen, schneeweißen Haube und nickte freundlich mit ihrem ehrsamen, grauen Haupte, welches die blinkenden Augengläser in gerader Linie in zwei gleiche Teile teilten. Vor der Schmiede wurde tapfer auf den zerbrochenen Wagen des Glogowaer Pastors losgehämmert. Die mit Wasser begossenen glühenden Eisen zischten wie Schlangen. Etwas weiter legten die Handwerker ihre unverkauften Waren in große, dreieckige Kisten zurück. Langsam blieben die Häuschen mit dem tulpengeschmückten Thor und den im Kranze aufgeschriebenen Anfangsbuchstaben ihres Eigentümers nach der Reihe zurück. Bei dem letzten, dessen Fenster auf den zukünftigen jüdischen Friedhof schauten, wurden die Pferde neben dem Zaun von zwei Pistolenschüssen erschreckt. Die Glogowaer Reisenden blickten hin: dort stand Herr Mokry in seinem funkelnagelneuen, blauen Gewande, welches der berühmte Neusohler Schneider Klener genäht hatte, in einer Hand seinen Hut zum Abschiede schwenkend, in der andern die zu ihren Ehren abgefeuerte Pistole hochhaltend. Auf der andern Seite warf der schreckende Flügel der gefährlichen Windmühle seinen finstern Schatten auf das lächelnde, rote, blumige Kleefeld. Zum Glück war er jetzt bewegungslos, wie eine aufgespießte Riesenfliege. Nicht der leiseste Windhauch rührte sich. Das Getreide wiegte seine kleinen, verkümmerten Ähren nicht, sondern sie standen still von den sengenden Sonnenstrahlen übergossen, unbeweglich, gerade wie die Grenadiere. Tiefe Ruhe lag auf dem Felde ringsumher. Nur die Hufe der Pferde schlugen an die Steine, und der Liskowinawald, der immer näher und näher an sie herankam, mit seinem trägen, endlosen grünen Leib schien leise zu atmen. Fünfter Teil. Der dritte Teufel. Die Rose der Maria Czobor, die Kluft und der alte Birnbaum. Madame Kriszbay betrachtete die Gegend und stellte fortwährend Fragen. Alles, was sie sah, interessierte sie: der verfallene Schafstall am Rande der Liskowina, im Dickicht des Waldes die zwischen schönen weißen Birken hervorschimmernde Kapelle. Veronika erklärte ihr, dort haben einst Räuber einen reichen Wirt erschlagen – seine trauernde Witwe hat an der Stelle eine Kapelle erbauen lassen. »Vielleicht aus lauter Freude,« setzte Georg hinzu. »Sie böser Mensch!« tadelte ihn Veronika. Die Liskowina ist eine breite, lange Waldung, untermischt mit schönen Thälern, Bergabhängen, smaragdgrünen Lichtungen, gleich einem englischen Park, nur ist wenig Abwechslung in der Baumart. Der Lieblingsbaum der Slawen, die Birke, ist in riesiger Überzahl da, ebenso melancholisch blond unter den Bäumen, wie jene flachshaarigen Ancsuras und Bohuskas unter den Mädchen. Hingegen ist die üppige Vegetation der Liskowina mannigfaltig; die mächtigen Farrenkräuter reichen beinahe bis an die Mitte der Bäume hinan, das Ruchgras ist schon abgeblüht und durchduftet in vertrocknetem Zustande den ganzen Wald. Also auch unter den Pflanzen giebt es solche Schelme, die erst nach ihrem Tode Vergnügen bereiten. Ach wie viel Mannigfaltigkeit in diesem leblosen Leben! Der schwertförmige Gladiolus verbirgt seinen wertvollsten Teil, die Zwiebel, unter der Erde; wer davon ißt, träumt in derselben Nacht von seinem Zukünftigen. Viel mitteilsamer ist die gewöhnliche Kamillenblüte, denn sie offenbart den Menschen ohne viel Mühe, ob man von dem Gegenstände seines Sehnens geliebt wird oder nicht: von Herzen, mit Schmerzen, ein wenig oder gar nicht. Diese Pflanzen sind nicht wie die Pfleglinge des Gartens, der Muttererde aufgedrungene fremde Junge (manche will sie gar nicht aufnehmen, die müssen in Töpfen abgesondert werden), sondern sie sind aus ihrer innersten Seele hervorgegangene Sprößlinge, die sie ars eigenem Antriebe hervorbringt und aufzieht, so wie sie es in ihrer Winterruhe ausdenkt, je nach den Bedürfnissen der andern Geschöpfe dieser Gegend. Der Kelch der wilden Nelke ist die Herberge der flatterhaften Wespen, die Turbanlilie der Vögel Trinkglas, das Seidenheu mit der kugelförmigen Samenkapsel die Schaukel der Schmetterlinge. Die Liskowina ist ein freundlicher Wald, er gewährt den Käfern eine Ruhestätte im Kelche der Glockenblume, vogelsuchenden Kindern bietet er Erdbeeren; er bietet jedem, was er verdient, für die Singvögel erzeugt er Beeren, für junges Weibervolk einen Blumenstrauß, für alte Frauen Heilpflanzen, für den bösen Wolf den Eisenhut, der ein Giftkraut ist und in der Sprache des Volkes »wolftötender Eisenhut« genannt wird. Ob diese Pflanze schon einen Wolf getötet hat, ist eine große Frage. Denn auch der Wolf besitzt so viel praktischen Verstand und weiß soviel Botanik, um den Wolfsjungen von Generation zu Generation mitzuteilen: »Kinder, rührt das Aconitum Lycoctinum nicht an, esset lieber Fleisch.« Durch die Liskowina führte wenigstens ein angenehmer, schattiger Weg. Madame Kriszbay erbebte zwar jedesmal, so oft ein hüpfendes Eichhörnchen im Strauchwerk raschelte, und wartete immerfort auf die Räuber, welche den reichen Wirt getötet hatten. »Das war doch vor achtzig Jahren, Madame, die sind schon längst gestorben.« »Und ihre Söhne?« Sie beruhigte sich erst, als sie die Liskowina verließen und sich der weite Oporzer Hotter mit seinen magern Hafer- und Haidegrützefeldern vor ihnen ausbreitete. Eine traurige Gegend das, wo die Heuhaufen auf Pfählen sitzen. « In wiesenarmen Gegenden, wo wenig Heu wächst, wird es sorgsam auf Pfähle gelegt, damit nichts davon zu Grunde gehen soll. Jedoch Madames Ruhe währte nicht lange, denn hinter dem Oporzer Hotter nahm wieder ein Wald seinen Anfang, der berühmte »Zelena Hruska,« welcher sich birnenförmig gegen Makova hinzieht. Wer weiß, ob die Räuber nicht hier hinter den großen Eichen auftauchen werden! Und wovor sich Madame gar so sehr fürchtete, das wurde von Georg sehnlichst herbeigewünscht. Sowie er dem Mädchen gegenübersaß, reifte der Entschluß, sie wegen des Regenschirmes zu heiraten, immer mehr in ihm. Das Mädchen ist sehr hübsch, doch wenn sie es auch nicht wäre, der Regenschirm ist des Opfers wert. Sankt Petrus hat ihm den Rat gegeben, folglich will er es thun, er wird unbedingt um ihre Hand anhalten. Der dumme Aberglaube, welcher früher so oft seinen Spott hervorgerufen, hat nun auch ihn umgarnt und die Herrschaft über seine gesunden Sinne an sich gerissen. Er fühlte, wie eine unsichtbare Kraft ihn diesem Schritt entgegentrieb. Woher kam jene Kraft? Nun, sicher von Sankt Petrus, der ihm im Traume den Befehl erteilt hatte. Doch wie sollte er die Sache anfangen? Darüber grübelte er den ganzen Weg. Wie gut käme ihm jetzt ein wenig Romantik zu statten. Wenn Räuber sie nun im Walde überfielen? Dann würde er sie allesamt mit seinem Revolver niederschießen, würde Veronika von ihnen zurückerobern, die dann voll Rührung zu ihm sagen würde: »Du hast mein Leben gerettet, dein bin ich bis in den Tod.« Doch so ohne alle Antecedenzien wagte er es nicht, sich ihr zu nähern, die Worte, die er in seinem Geiste so schön ausgedacht, blieben ihm in der Kehle stecken. Zweifel ergriffen ihn: vielleicht gefiel er ihr gar nicht? Vielleicht war ihr Herz nicht mehr frei? Unmöglich wäre das nicht. Es mußte sie doch unbedingt schon mancher gesehen haben, und wer sie gesehen, hatte sich auch sicher in sie verliebt. Irgend ein äußeres Ereignis müßte eintreffen, um seine Angelegenheit zu fördern. Aber die Räuber wollten durchaus nicht zum Vorschein kommen, vielleicht existierten sie gar nicht. Dies ist eine gar arme Gegend, hier giebt es nichts zu stehlen und zu rauben, nicht einmal Räuber gedeihen hier. Jenseits des »Zelena Hruska« tauchte auf der Bergesspitze Szlatinàs altertümliches Schloß mit seinem schlanken Turme auf; es war einst das Eigentum eines Czobor gewesen, jetzt gehört es den Herzögen von Koburg. Vor der Herberge mußten die Pferde gefüttert werden; Veronika schlug vor, unterdessen das Schloß zu besichtigen, welches von einem alten Pförtner bewacht und den Reisenden gezeigt wurde. Der Wirt erzählte diensteifrig: »Die Besichtigung ist sehr lohnend. Einige Zimmer stehen noch ganz so da, wie sie die Czobors zurückgelassen, im Hofe starren dem Eintretenden noch einige Kanonen entgegen, in den Gemächern sind großartige Waffen und besonders interessante Familienbilder zu sehen, darunter dasjenige eines kleinen Mädchens, der Katharine Czobor, die in ihrem siebenten Jahre von Hause verschwunden ist.« Veronika interessierte sich für die Kleine. »Und was geschah mit ihr?« fragte sie den Wirt. »Nun, das arme Fräuleinchen ist noch bis zum heutigen Tage nicht zum Vorschein gekommen,« seufzte der Wirt. »Wann trug sich denn die Begebenheit zu?« »So ungefähr vor dreihundert Jahren,« antwortete er mit einem heimlichen Lächeln und geleitete seine Gäste den steilen Pfad des Hügels zwischen Fliedersträuchern in das verlassene Ahnennest hinauf. Sie verließen dasselbe mit der trüben Stimmung, die der Anblick der Vergänglichkeit hervorruft. Madame Kriszbay rümpfte die Nase: »Welch muffiger Geruch!« Jedoch Veronika begeisterte sich an den Erinnerungen, und als sie eine prachtvolle aufgeblühte Rose unter der halb zur Ruine eingesunkenen Basteimauer erblickte und ausrief: »Ach, welch' herrliche Blume,« wußte der alte Pförtner auch von dieser eine Legende zu erzählen. An der Stelle, wo jetzt diese Rose wuchs, hauchte die schöne Maria Czobor, die sich von der Bastei hinabgestürzt hatte, ihre Seele aus. Sie hatte einen Hirten geliebt, und ihr Vater hatte sie zwingen wollen, die Frau eines kaiserlichen Brigadiers zu werden. Der Hirtenknabe hat an jener Stelle einen Rosenbaum gepflanzt, welchem seit dieser Zeit alljährlich eine einzige Blüte entsprießt. Georg blieb zurück und winkte den Pförtner beiseite. »Pflücken Sie mir jene Rose ab.« »Ach, mein Herr, was denken Sie? Der Geist des verstorbenen Mädchens würde sich empören.« Georg nahm seine Geldtasche hervor und ließ zwei Silbergulden in die Hand des Pförtners gleiten, worauf dieser ohne eine Wort sein Taschenmesser hervorzog und die Rose vorsichtig abschnitt. »Empört sich der Geist nun nicht mehr,« fragte Georg lachend. »Nein, weil ich für die Hälfte der Summe durch den Pfarrer eine Messe lesen lassen will.« Wie mit einem Schatze rannte Georg mit der Rose den Damen nach und überreichte dieselbe Veronika mit einem wahren Siegesgefühl. »Hier ist die Rose der Maria Czobor! Als Tausch erbitte ich mir die Nelke, mein Fräulein.« Veronika legte die Hände auf den Rücken und sagte kühl: »Sie haben das Herz gehabt, sie abzureißen?« »Gewiß, Ihnen zuliebe. Wollen Sie denn nicht tauschen?« »Nein. Nicht um die Welt möchte ich sie anstecken, ich würde glauben, sie dem toten Mädchen geraubt zu haben.« »Sie wollen sie wirklich nicht von mir annehmen?« »Nein.« Georg war darüber sehr erbittert, er schleuderte die Rose ärgerlich fort, so daß sie den steilen Hügelabhang hinabrollte und zwischen Gräsern, Buschwerk und ihren Schwestern, den wilden Blumen, in den Staub der Straße niederglitt. Veronika schaute voll Bedauern der Blume nach, so lange sie dieselbe nur sehen konnte. »Schickt sich das, was Sie gethan haben?« schalt sie ihn dann, »hat diese arme Rose etwas gegen Sie verbrochen?« »Jawohl,« antwortete der Advokat heftig. »Was denn? Hat sie Sie gestochen?« »Sie hat mich zu Tode gestochen. Sie hat mir etwas kundgethan, was unangenehm ist.« »Was denn?« »Sie hat mir die Fortsetzung meines heutigen Traumes zugeflüstert.« »O, die kleine Schwätzerin!« Liebenswürdige Schalkhaftigkeit klang aus ihrer Stimme, und ihre großen Augen hefteten sich lachend auf Georg. »Ich hätte einen Korb erhalten.« Veronika warf den Kopf zurück, wandte ihre Augen zum Himmel, welcher in azurblauer Farbe leuchtete, und indem sie ihr ganzes Gesicht kläglich verlängerte, rief sie aus: »Ach, armer Herr Wibra, wie unglücklich sind Sie (und dabei lächelte sie schelmisch)! Sie hätten im Traum einen Korb erhalten?« »Gut, gut, spotten Sie nur noch!« sprach der Advokat mit fühlbarer Bitterkeit. »Und sind Sie dessen auch ganz sicher, daß Sie wirklich einen Korb bekommen hätten?« »Ja, jetzt bin ich dessen schon sicher,« antwortete er traurig. »Sie können doch ahnen, um wen ich geworben habe.« »Ich?« sprach sie erbleichend, und ihr Lachen erstarb plötzlich. »Wie, ich?« stammelte sie, doch mehr sprach sie nicht, sondern schritt langsam, wortlos, mit gesenktem Kopfe den schmalen Pfad abwärts, der Madame nach. Sie hob ihre Röcke ein wenig in die Höhe, damit Wurzel- und Strauchwerk nicht daran hängen blieben, wobei ihre schöngeformten Füßchen sichtbar wurden. Sie schreitet mit dem einen, sie schreitet mit dem andern, schön rhythmisch knarren die kleinen Stiefelchen; Gräser und Feldblumen biegen sich unter ihrem Tritt, doch sie brechen nicht; sie richten sich wieder in die Höhe und sind vielleicht noch frischer, stolzer unter der Spur ihrer Füßchen hervorgegangen. Eine Eidechse kam in schönem Gewande, mit einem Silberpanzer bekleidet, über den Weg gelaufen. Sie kam unter dem Spindelbaum hervor und wollte in den Liliputaner Wald des schwarzbeerigen Wacholders huschen. Doch welches Los ereilte den kleinen gepanzerten Ritter? Ein zürnender Riese kam des Weges daher (der berühmte Neusohler Advokat), stampfte wütend mit dem schweren Schuhabsatze auf und trennte der kleinen Eidechse den Kopf vom Rumpfe. Veronika wandte sich um, erblickte es und hatte beinahe Lust, die arme Eidechse zu beweinen, doch sie getraute sich nicht, etwas zu sagen, sie begann, sich nun auch vor dem entsetzlichen Goliath zu fürchten, und murmelte nur in sich, freilich halb hörbar: »Henker.« Als sie jedoch vom Hügel herabgestiegen war und ihr Weg sie an der kleinen Rose vorbeiführte, welche dort lag, von den Steinen zerrissen, vom Staube beschmutzt, dachte sie Gott weiß woran, beugte sich plötzlich nieder und hob sie auf; sie hauchte sie an, blies mit ihrem schönen kleinen Munde den Staub ab und steckte sie dann zwischen die Brustfalten ihres Kleides. Es schien, als ob sie dort hervorgeblüht wäre. Sie sprach kein Wort, sie blickte nicht einmal auf den entsetzlichen Goliath, sondern wandte den Kopf ab, um nicht in sein Gesicht schauen zu müssen, und der Goliath begnügte sich nun auch damit, nur die Rose zu sehen; er fühlte eine Wärme in seiner Herzgegend, ein Gefühl der Güte, daß er gern hundert Gulden hingegeben hätte, wenn er imstande gewesen wäre, den Körper des Eidechsenritters wieder an dessen Kopf zu befestigen, doch das war nicht mehr möglich. Unten vor der Herberge hatte Johann unterdessen die Pferde gefüttert, der Wagen wartete auf die Reisenden, welche darin auch ihre Plätze einnahmen, doch unter der Last einer eigentümlichen Verwirrung, einer drückenden Stimmung. Stumm saßen sie sich gegenüber, wenn der eine die linke Seite der Gegend betrachtete, flüchteten die Augen des andern rechts auf die stahlblauen Bergesspitzen, und wenn ihre Blicke sich doch zufällig trafen, wandten sie dieselben jäh voneinander ab. Wenn sie sprachen, richteten sie ihre Worte beide an Madame Kriszbay, die langsam zu spüren begann, daß etwas zwischen ihnen geschehen war. Doch was? Ei, was war denn auch geschehen? Nun, nichts, eine Kleinigkeit, einige kindische Worte, welche ihr junger Verstand ausgedehnt, in die Breite gezogen hatte, wie einst in Debrezin der Teufel die enge Zelle des Professors Hawani – bis endlich die ganze Stadt hineingelegt werden konnte. Nun, auch in diese wenigen Worte konnte alles hineingelegt werden ... Und dann geschah auch noch mehr, viel mehr. Weshalb sie es that, weiß ich nicht, ich glaube, sie hatte eine Stecknadel verloren, doch plötzlich bog Veronika ihr Köpfchen nieder, als ob sie etwas im Wagen suchen wollte, und siehe, die gewünschte Nelke glitt aus ihrem Haar und fiel von selbst in Georgs Schoß. Georg hob sie auf, um sie zurückzugeben – Veronika winkte mit der Hand, er möge sie nur behalten. »Sie soll Ihnen gehören, wenn sie schon zu Ihnen hingefallen ist, wenn sie schon nicht in meinem Haar bleiben wollte.« Wollte sie wirklich nicht dort bleiben? Darüber grübelte Georg nach, während er ihren Geruch einatmete. Welch' wunderbar süßen Duft sie ausströmte! Woher mag derselbe herrühren? Vom Haar? Und welchen Duft mag das Haar ohne die Nelke ausströmen! Das Gefährt rollte unterdessen weiter, immer weiter, bald auf-, bald abwärts am Fuße des Branaberges hin. Ach, der Brana, der berühmte Brana, er sperrt die Welt ab, wie das Thor den Hof, deshalb führt er auch den Namen Brana (Thor). Der Brana ist ein Aristokrat unter den Bergen – auch in schönem Wetter trägt er einen Hut – Wolken krönen sein Haupt. Doch der Alte schwitzt auch: rieselnde Wasseradern und aus Felsenhöhlen hervorsprudelnde Quellen fließen über seinen gefurchten gelben Rucken zur Kvetymàwiese herab, durch deren steinigen, weidenumsäumten Grund ein großer, blauer Bach schäumend dahinsprudelt. »Dies ist schon die Bjela Voda,« erklärte Veronika der Madame Kriszbay, »der Glogowaer Bach, wir sind nicht mehr weit!« Nur noch einen Wald müssen sie durchfahren, dann sehen sie Glogowa mit seinen kleinen weißen Häuschen gleich vor sich im Thale liegen. Aber das ist auch der elendeste Weg, krumm wie die Seele des Teufels, voller Klüfte und Felsen und an manchen Stellen so schmal, daß der Wagen kaum durchfahren kann. Johann wendete sich zurück, indem er sich gar besorgt den Kopf kraute. »Der Hemmschuh ist König in diesem Reiche!« Der Hemmschuh? Doch an der Kalesche ist keiner – folglich schweben sie mit der Kalesche in Gefahr. All dies meldete er auf solchen Umwegen seinem Herrn. »Dann gieb acht, Johann, damit du nicht umwirfst!« Er stieg jeden Augenblick ab, um das Rad zu hemmen oder wieder loszubinden; die Pferde kamen nur im Schritt vorwärts, manchmal war der Weg so eng zwischen den Felsen, daß nur der Himmel sichtbar war. »Dies ist nur eine Heimat für einen Vogel,« murmelte Johann. »Gefällt dir die Gegend nicht?« »Ihr Gesicht ist zu blatternarbig,« meinte Johann, »das ist keine Gegend zum Heiraten!« Georg schrak zusammen. Sollte der schon etwas bemerkt haben? »Weshalb, Johann?« »Weil mein früherer Herr, der Baron (Johann war vordem bei einem Baron aus dem Sároser Komitate bedienstet gewesen), seinen Söhnen zu sagen pflegte, und er war ein kluger Herr: ›Verheiratet euch nie nach einer Gegend, wo keine Felsen sind, wo gute Luft ist und es Sauerwasser giebt.‹« Hierauf fingen Veronika und Georg zu lachen an. »Ein echt Sároser Gedankengang,« sagte Georg. »Doch siehst du, du hast das Fräulein erzürnt.« »So soll ich ewig eine alte Jungfer bleiben?« klagte Veronika scherzend. Johann widersetzte sich mit Händen und Füßen. »Ach, mein liebes Fräulein, keineswegs, keineswegs, wenn Sie ...« Er wollte etwas sehr Schönes sagen, er suchte nur nach dem passenden Worte, doch Gott wollte, daß er in einen großen Fluch ausbrechen sollte, denn in diesem Momente wurden sie gegen eine herausstehende Felsenspitze geschleudert, und der Wagen senkte sich mit argem Krachen auf die Seite. »Donnerwetter! Unsere Achse ist gebrochen, gnädiger Herr.« Die Frauen erschraken, Georg sprang ab und untersuchte die Achse. Nun, die war gründlich zerbrochen. »Was sollen wir nun beginnen,« klagte Johann. »Ich habe es gesagt, daß dies ein Land für Vögel ist, die sich weder zu Fuß noch zu Wagen fortbewegen.« »Das thut nichts,« antwortete Georg, den jetzt nichts aus der guten Laune bringen konnte, weder eine Achse, noch hundert Achsen. »Reich' mir das Beil her! Halte nur die Pferde, ich werde gleich einen Baum abhauen, den wir unter die Achse schieben können.« Ein Beil mit kurzem Griff lag unter dem Wagensitze, er nahm dasselbe und beruhigte die Damen, er werde sofort dem Übel abhelfen – nur Kaltblütigkeit. Er sprang über den Erddamm und durchwatete das mit dichter Waldrebe überwucherte Strauchwerk bis zu den Bäumen. Bäume waren hier auch so spärlich, wie die Haare auf dem Schädel eines greisen Mannes. Eine verkommene Birke auf einem großen Fleck mit Haselnuß- und wildem Rosengesträuch, dann nichts, dann hin und wieder ein alter Baum, als ob ein davongelaufener Wald ihn hier vergessen hätte. Dieser rotbraune Lehmboden gehört gar nicht mehr zum Körper der Erde, die Produktionskraft ist längst daraus ausgebrannt. (Er bringt nur Pilze und Marienflachs hervor.) Eine Warze auf dem Körper der Erde. Das ist der Berg von Glogowa. Es war schwer, einen geeigneten Baum zur Stütze auszusuchen. Dieser war gar zu dick, jener gar zu dünn – er ging daher tiefer, immer tiefer in den Wald hinein. Hier mußte er eine Kluft umgehen, dort einen durch das Wasser ausgeschwemmten Graben. Er kam so weit, daß der Wagen vor seinen Blicken verschwand, nur der Schirm Veronikas leuchtete aus der Ferne wie ein Königspilz. Endlich warf er sein Auge auf eine Birke, welche einsam am Rande einer Kluft wuchs, für eine Gerte schon zu groß, für einen Baum noch zu klein. Ein wahrer Backfisch unter den Bäumen, schön gewachsen, viel versprechend. Gleichviel, du gehörst dem Tode, kleiner Backfisch! Er haute sein Beil hinein. Doch kaum krachte das Beil ein-, zweimal, als das Wort: » Reta! Reta !« (Hilfe! Hilfe!) ertönte. Georg schrak zusammen und wandte sich um. Wer hatte gerufen? Die Stimme schien aus der Nähe zu kommen, doch weder nah noch fern war jemand zu sehen, trotzdem er ein großes Stück überblicken konnte. Der Hilferuf wurde wieder hörbar, heiser und dumpf, als ob er aus der Erde hervordränge. Nun war es deutlich erkennbar, daß aus der tiefen Kluft jemand rief. Georg begann die Kluft entlang zu laufen. »Hier bin ich!« rief er. »Wer bist du? Wo bist du? Was ist dir geschehen?« »Hier bin ich,« sprach die frühere Stimme aus der tiefen Kluft hervor. »Hilf mir, wenn du eine Christenseele bist.« Georg blickte in die Kluft hinab und sah eine mit einem Rock bekleidete Gestalt am Grunde hocken, doch er konnte von dem Menschen nur wenig sehen, denn ganz an den Rand des lockeren Bodens zu treten, wäre gefährlich gewesen. »Dies ist merkwürdig! Wie sind Sie dorthin gekommen?« »Ich bin gestern Abend hineingefallen,« wimmerte der Mann im Rocke. »Wie, schon gestern Abend? Und Sie können nicht heraufkommen?« »Unmöglich, denn es ist nichts da, wo ich mich anhalten konnte: wenn ich mich an einen Busch anklammere, reißt er samt den Wurzeln aus der Erde, und ich falle immer wieder zurück.« »Donnerwetter! Sie sind in einem Hundezustand! Und niemand ist seitdem hier vorübergegangen?« »Hier geht niemand vorbei. Ich war schon auf das Entsetzlichste vorbereitet, als die Axthiebe in der Nähe ertönten. Dank sei dir, o du mein Gott! Helfen Sie mir, guter Mann dort oben, ich will Sie belohnen, wer Sie auch immer sein mögen.« »Sehr gern. O natürlich. Ich denke nur über die Mittel nach. Wenn ich Ihnen vielleicht einen langen Baumstamm hinablassen würde, könnten Sie daran heraufklettern?« »Ich bin durch die Schlaflosigkeit und den Hunger sehr geschwächt,« kam die Antwort aus der Tiefe mit vom vielen Rufen klangloser, abgematteter Stimme zurück. »Ach, armer Mensch! Warten Sie nur!« Die Äpfel fielen ihm ein, welche Frau Mravucsán heute Morgen in seine Tasche gesteckt hatte. »Holla! Geben Sie acht! Ich werfe Ihnen einstweilen einige Äpfel hinab, bis ich etwas ausgeklügelt habe.« Er nahm die Äpfel der Reihe nach hervor und warf sie in die Kluft hinab. Plötzlich erschrak er. Ach, auch Veronikas Apfel befand sich darunter. Vielleicht wird sie zürnen. »Haben Sie sie gefunden?« »Ja. Danke.« »Bitte, essen Sie den roten nicht, denn er gehört nicht mir.« »Ich werde ihn nicht essen.« »Sie scheinen zur gebildeten Klasse zu gehören.« »Ich bin der Pfarrer von Glogowa.« Georg taumelte erstaunt zurück. Heiliger Gott: der Pfarrer von Glogowa! Er hätte nichts Wunderbareres auf dieser Welt hören können. »Ich werde sogleich helfen, hochwürdiger Herr, warten Sie nur noch ein Weilchen.« Er rannte flugs zu dem Wagen zurück, der ruhig unten im Thale zwischen hohen, unfruchtbaren, zerklüfteten Bergwänden stand. Die Gegend war von dort wie der innere Teil eines gespaltenen Mohnkopfes anzusehen. Er mußte nicht ganz an den Wagen herantreten, sobald sie seine Stimme hören konnten, rief er Johann an: »Nimm rasch das Geschirr von den Pferden ab und bringe es mir nach, die Pferde binde einstweilen an einen Baum!« Johann folgte dem Befehl, jedoch mit argem Brummen und Kopfschütteln. Er konnte durchaus nicht erraten, was geschehen war, wozu das Pferdegeschirr nötig sei. Er hatte zwar einst ein Märchen in der Spinnstube gehört, in dem der » Bäume ausreißende Gabriel « einmal zwei Bären im Walde vor seinen Wagen spannte. Das Geschirr wird doch wohl nicht zu etwas Ähnlichem nötig sein? Gleichviel. Sein Herr mag es gebrauchen, wozu er will, er trägt es ihm zur Kluft nach. Dort banden sie die zwei Geschirre mit Hilfe der Riemen zu einem einzigen zusammen und ließen es in die Tiefe hinab. »Fassen Sie es an, Herr Pfarrer! Und wir beide, Johann, ziehen ihn herauf!« Der Pfarrer that, wie ihm Georg geheißen: er faßte mit Anspannung seiner äußersten Kraft das derart verlängerte Pferdegeschirr an, und obzwar die steile Wand der Kluft auch jetzt seinen Füßen entglitt, kam er doch glücklich auf die Oberfläche der Erde empor. Doch wie sah er aus! Lauter Staub, lauter Schmutz, auf seinem Gesichte die Verheerungen der angstvoll durchlebten Nacht, wozu sich noch Erschöpfung und Hunger gesellten. Der Arme hatte schon gar kein menschliches Aussehen mehr. Wir (nämlich ich und meine Leser), die ihn zuletzt als jungen Mann gesehen, suchen umsonst sein schönes, weiches Gesicht, er war ein Mann mit runzligem Antlitz geworden, sein kastanienbraunes Haar war mit weißen Fäden durchzogen; längeres Suchen war nötig, bis das Auge einen bekannten Zug an ihm entdeckte. Nur eines blieb unverändert, die Güte und Sanftmut, welche dieses magere, ernste, echte Priesterantlitz gleichsam durchleuchtete. Er war erstaunt, einen feingekleideten jungen Mann vor sich zu sehen. Ein wahres Wunder, hier am Rande des Glogowaer Waldes! »Ach, wie soll ich Ihre Güte lohnen?« rief er mit jenem gewissen Pathos, an welchem man den Pfarrer erkennt. Er that einige Schritte dem Bach zu, um sich darin zu waschen, doch sein Fuß versagte den Dienst, und er fühlte einen stechenden Schmerz im Rücken. »Es scheint, ich habe mich bei dem Falle verletzt, ich kann nicht recht gehen.« »Stützen Sie sich auf mich, lieber ehrwürdiger Herr!« munterte ihn Georg auf. »Zum Glück ist mein Wagen nicht weit. Und du, Johann, haue unterdessen dieses Bäumchen ab, während wir langsam weitergehen.« Sie kamen freilich gar langsam vorwärts; der Geistliche konnte den linken Fuß nicht gut heben, er stolperte jeden Augenblick über die aus der Erde geschwemmten Baumwurzeln, die sich kreuz und quer nach allen Richtungen verzweigten, wie die Namensunterschrift des Sultans. Der Wagen war weit entfernt, sie hatten Zeit, unterwegs zu plaudern. Der Pfarrer mußte auch öfters ausruhen; es gab Stühle, nämlich Baumstämme, genug am Wege. »Sagen Sie mir nur eins, hochwürdiger Herr, wie kamen Sie des Nachts allein hierher?« Er erzählte, daß er seine Schwester gestern erwartet hatte, die der Erzieherin zur weitgelegenen Eisenbahnstation entgegengefahren war. Da sie zur Zeit nicht angelangt waren, überkam ihn gegen Abend Unruhe und Ungeduld, und wie schon oft vorher, spazierte er ihnen am Waldwege entgegen. Er ging weiter, immer weiter, mit erhöhter Sorge den Weg von den Hügeln überblickend und nach Dunkelwerden lauschend, ob er kein fernes Wagengerassel vernehme. Plötzlich fiel es ihm ein, ob sie wohl nicht bei der Pribalszkymühle auf den längeren, doch schöneren Weg abgebogen sein könnten, der durch Uhlyavna nach Glogowa führt. Veronika (so heißt nämlich meine Schwester) schwärmt für schattige Waldwege. Ja, so wird es sein, sicher wird es so sein. Seitdem sind sie längst zu Hause angekommen, während er sich hier absorgt. Es wird deshalb das beste sein, sofort zurückzukehren, und zu seinem Unglück bog er, um früher zu Hause zu sein, in einen kurzen Fußpfad ein. Der Teufel der Eile hatte ihn ins Unglück geführt, er trat im Dunkeln fehl und stürzte in die Kluft hinunter. »Mein armes, kleines Schwesterchen,« seufzte er auf, »wie viel muß sie nun meinethalben leiden!« Georg bemühte sich um jeden Preis, der trüben Stimmung des Pfarrers eine gemütlichere Wendung zu geben. »Ei, das Fräulein wird sich trösten, ich stehe gut dafür, und auch Euer Hochwürden werden sich erholen, wenn Sie eins darüber geschlafen haben. Glauben Sie mir, in zwei, drei Tagen wird es Ihnen wie ein unterhaltliches Abenteuer erscheinen.« »Welches jedoch leicht mit dem entsetzlichsten Tode hätte enden können, wenn Sie die Vorsehung nicht hergeführt hätte.« »Die Vorsehung muß ihre Hand im Spiele gehabt haben. Die Achse meines Wagens ist am Wege zerbrochen, sonst wäre ich nicht an diese Stelle gekommen.« Der Pfarrer erhob seine Augen gerührt zum Himmel. »Auch wenn ich hundert Jahre leben sollte, werde ich Ihre zartfühlende Herzlichkeit nicht vergessen. Ich will Ihren Namen in meine Gebete einflechten. Doch ach, ich Undankbarer, ich habe ja noch gar nicht nach Ihrem Namen gefragt.« »Georg Wibra!« »Der berühmte Neusohler Advokat! Mein Gott, so jung! Ich freue mich, mein Herr, daß ich mit einem braven Manne, den ganz Neusohl preist, einen Händedruck wechseln kann. Doch hundertmal mehr würde ich mich jetzt freuen, wenn ein armer wandernder Student als Retter, anstatt des vornehmen Herrn vor mir stände, den könnte ich auf die gehörige Art belohnen. Doch wie soll ich Ihnen gegenüber meine Dankbarkeit beweisen? Ich weiß, Sie würden nichts von mir annehmen ...« Ein schlaues Lächeln umspielte Georgs Lippen. »Das ist fraglich! Wissen Sie nicht, daß die Advokaten sehr habgierig sind?« »Ach, reden Sie, reden Sie! (Unsicher, argwöhnisch blickte er ihm in die Augen.) Wirklich? Treiben Sie keinen Scherz mit mir?« Der Advokat antwortete nicht sogleich. Stumm thaten sie einige Schritte den Hügel hinan, auf einen verwitterten wilden Birnbaum zu, in dessen Richtung der Wagen stand. »Nun ja,« sagte er dann mit beklommener, beinahe bebender Stimme, »ich möchte gern etwas von Ihnen annehmen.« »Bitte, reden Sie nur ohne Zurückhaltung!« »Es ist mir eingefallen, daß Sie etwas auf meinem Wagen haben.« »Auf Ihrem Wagen?« »Wovon Sie nichts wissen und womit Sie mich beglücken können.« Der Priester streckte ihm hastig beide Hände entgegen. »Was es auch sein mag, es ist Ihr Eigentum.« Es währte keine halbe Minute mehr, und sie waren oben bei dem Birnbaum. »Sehen Sie, dort steht mein Wagen.« Der Pfarrer blickte hin, zuerst stach ihm ein roter Sonnenschirm in die Augen, darunter ein kleiner schwarzer Strohhut mit weißen Margaretenblüten und noch tiefer unten ein leuchtendes Frauenantlitz. Alles war ihm so bekannt, der Schirm, der Hut, die Margaretenblüten und das Antlitz. Er bebte, als ob er ein Traumgesicht erblickt hätte, dann schrie er auf, indem er den Arm des Advokaten erfaßte: »Mein Gott, meine Veronika!« Der Advokat lächelte sanft, neigte den Kopf vor dem Priester und legte die Hände flehend zusammen. »Das heißt, Ihre Veronika,« verbesserte sich der Pfarrer mit gütiger Stimme, »wenn es auch sie so haben will.« Nun hatte auch Veronika ihren Bruder erkannt, sprang vom Wagen herab und lief rasch mit frohem Zuruf auf ihn zu: »Hier bin ich. Es ist mir nichts geschehen. Ach, wie mußt du dich gesorgt haben. Aber unser Wagen ist zerbrochen. Ach, wenn du unsere Pferde gesehen hättest. Doch was hat sich noch alles zugetragen! Auch Madame Kriszbay habe ich mitgebracht.« Der Pfarrer umarmte sie. Er war froh, daß sie von seinem Unfall nichts wußte. (Welch braver Mann dieser Wibra ist, daß er das Kind nicht erschreckt hat.) »Gut, gut, mein kleines Herzchen, du wirst mir alles nacheinander mitteilen.« Doch Veronika wollte alles zu gleicher Zeit erzählen, das Zertrümmern des Wagens in Bábaszék, das Souper bei dem Bürgermeister Mravucsán (richtig, Onkel Mravucsán läßt dich grüßen), die Details des heutigen Weges, den Verlust des Smaragdohrringes und dessen Auffinden ... Der Pfarrer, welcher den Zusammenhang allmählich zu verstehen begann, unterbrach sie scherzend: »Und dem ehrlichen Finder hast du nichts gegeben?« Sie war betroffen über die unerwartete Frage; sie verstummte, als wenn jemand ein schnurrendes Spinnrad plötzlich anhält. »Nein, nein. Wie meinst du das?« antwortete sie ahnungslos, verwirrt. »Es schickt sich doch nicht, dann wollte er auch nichts.« »Das wundert mich, denn von mir hat er schon etwas gefordert.« »Unmöglich,« rief Veronika erstaunt, mit halbem Auge nach Georg spähend. (Ein seltsamer, unaussprechlicher Verdacht begann in ihrem Herzen zu keimen.) »Und was verlangt er?« setzte sie mit verschleierter Stimme hinzu. »Er bittet gar viel.« »Viel?« stammelte sie erbleichend. »Er bittet das Ohrgehänge, welches er gefunden, zurück, doch samt seiner Eigentümerin,« sagte der Pfarrer feierlich. »Und ich habe es ihm auch schon versprochen.« Veronika neigte den Kopf, ihr Gesicht erglühte, ihr Busen hob sich erregt, ihre Nasenflügel bebten ... Ach, gleich wird sie in Thränen ausbrechen! »Nun, du antwortest gar nicht? Habe ich recht gethan, dich hinzugeben? Wie? So antworte doch, Veronika!« Auch Georg trat an sie heran und bat mit leiser, furchtsamer Stimme: »Fräulein Veronika, ich flehe Sie an, nur ein Wort!« Zaghaft wich sie unter den verwitterten Birnbaum zurück, von dem ein vom Sturm gebrochener Zweig bis zur Erde herabhing und sie halb verdeckte. »Ach, ich schäme mich so,« stammelte sie mit ersterbender Stimme, »ich schäme mich so sehr ...« Sie sprach kein Wort mehr, kein einziges Wort – sie brach nur jäh in Schluchzen aus. Ein Windstoß kam über die Brana daher und schüttelte tüchtig den alten Baum, welcher dann gehorsam seine blaßroten Blüten ihr über den Kopf und das Kleid schüttete, vielleicht die letzten, welche er auf seine alten Tage hervorbringen konnte. Drei Späne Dort sitzen Sie auf dem Wagen, Madame, und wissen von nichts, Sie fühlen nur, daß Sie hungerig sind. Der Ihrer Obhut anvertraute Backfisch springt vom Wagen, läuft davon und fällt einer Persönlichkeit mit langem Rocke um den Hals, worauf sie etwas mit lebhaften Gesten und blitzenden Augen unter dem Baume besprechen. Der kleine Backfisch kommt sodann lustig hüpfend wie ein Lämmchen und erglühend wie eine Rose an dem Arme des jungen Mannes, der gestern ihr Ohrgehänge gefunden, zurück. All dies ist so unerwartet und sonderbar. Bis die zerbrochene Achse des Wagens gestützt wird und die Pferde wieder angeschirrt und eingespannt sind, flüstert Ihnen der Mann im langen Rocke, welcher der Bruder des Backfisches ist, vertraulich zu: »Ihr Zögling ist Braut geworden.« – »Heiliger Gott, wann, wo?« – »Nun, soeben unter dem Baume.« Ach, Madame Kriszbay, ich fühle wohl, daß Sie jetzt in Ohnmacht fallen sollten, teils weil es sich für eine feine Dame bloß bei dem Vernehmen dieses Ereignisses so schickt, teils weil Sie unter so unvollkommene Leute geraten sind; doch Ihr Flacon mit Eau de Cologne liegt zu tief unten in Ihrem Koffer, und so wird es doch besser sein, nicht in Ohnmacht zu fallen, die innere Entrüstung wird auch genügen. Denn der Baum ist eine gar schöne Sache zu Flirt und Liebesergüssen an Mondscheinabenden, doch zur Werbung, zur Verlobung (besonders in den Romanen) ist ein schön möblierter Salon erforderlich. Das Mädchen läuft, wenn es verschämt ist, zur Thür hinaus, oder es kniet vor den Eltern, eventuell dem Vormund nieder und bittet um den Segen, wenn es nicht gar zu verschämt ist – doch wo soll sie unter dem Baume niederknieen? Entsetzlich! Unter dem Baum! Von den wilden Ehen sagt man: »Unter dem Baume haben sie sich Treue zugeschworen.« Welche Schande! Was wird man dazu sagen? Denn wenn sie auch den Eid nicht unter dem Baume abgelegt haben, fand ihre Verlobung doch dort statt! Dies abzuleugnen wird unmöglich sein. All dies beschäftigte nur Madame Kriszbay. Veronika nicht. Im Gegenteil, sie dachte daran, einmal, wenn ein schöner Tag sein würde, mit ihrem Skizzenbuche herauszukommen und den alten Baum zu verewigen. Unterdessen rollte der Wagen langsam weiter. Der Kutscher hatte nicht Platz oben gehabt. Georg ließ ihn absteigen und zu Fuß dem Wagen nachgehen. Er selbst nahm die Zügel, und Veronika mußte sich neben ihn auf den Bock setzen. Mein Gott, mein Gott, was wird man im Dorfe sagen, wenn man sie so sieht! Nachdem sie sich aus dem » gespaltenen Mohnkopf ,« wo Engpässe, Mulden, lockere Höhlen abwechseln, herausgewunden haben, sprudelt unten im Thale wieder die Bjela Voda, von Stein zu Stein hüpfend, hervor und läuft von nun an stets neben dem Wagen her wie ein Zigeunerjunge. Hier auf dem guten Wege bewegt sich das Gefährte schon rascher vorwärts, gemütlich knarren die Räder, und Georg, der die Zügel gelockert hat, sinnt über die Begebenheiten nach ... Ist all dies nicht bloß ein Traum? Nein, nein, neben ihm sitzt Veronika, und im Wagen plaudert der hochwürdige Herr Johannes Belyi mit Madame Kriszbay, die Sprache der Gallier radebrechend. Ja, es ist die reine Wirklichkeit, unglaublicher als ein Roman und doch Wirklichkeit. Hätte er es gestern geglaubt, daß er, bevor die Sonne zweimal sinkt, sein Erbe wiederfinden und obendrein noch zu einer Frau kommen würde? Alles zusammen das Ergebnis von vierundzwanzig Stunden. Gestern um diese Zeit wußte er noch nicht, daß eine Veronika Belyi auf dieser Welt ist. Seltsam! Er begann nachzudenken, wie eigentlich die Welt ohne Veronika ausgesehen. Unbegreiflich, daß er gestern um diese Zeit noch gar keinen Mangel empfunden hatte. Wie kann das sein? Doch die närrischen Räder rasselten wie toll, so daß er sein gestriges Ich nicht zusammenstellen konnte ... Es geschehen Wunder! Eine Legende (diejenige des Regenschirmes) ist zusammengebrochen, doch eine andere ist an ihrer Stelle entstanden. Himmel und Erde haben sich ihm als Advokaten zur Verfügung gestellt, um ihm zu seiner Erbschaft zu verhelfen. Der Himmel hat einen Traum gesandt, die Erdöffnung einen Protektor. Sein Herz schwoll und schwelgte in diesem großen Glück: »Ei, wenn du wüßtest, kleines Mädchen, welch einem reichen Herrn du deine Hand geschenkt!« Dieser Gedanke hob und reizte ihn, und er lächelte insgeheim wie ein verkleideter Prinz: »Wenn es die Kleine erfahren wird!« Über die Gebirgszunge von Kopanyica, welche sich wie eine spanische Wand in das Thal hinunterzieht, springen uns plötzlich die Häuschen Glogowas mit ihren Gärtchen in die Augen. »Wir sind daheim,« sagte Veronika. »Wo liegt das Pfarrhaus?« »Am andern Ende des Dorfes.« »Sagen Sie dann, wo ich rechts oder links einbiegen soll.« »Gut, gut, Herr Kutscher; fahren Sie nur gerade aus.« Lavendelduft ergießt sich über die Straße. Der Reihe nach kommen die bekannten kleinen Gärten mit der Umzäunung, den hohen Sonnenblumen, mit den Steinkrügen auf den Pfählen und der auf Stangen ausgebreiteten Wäsche zum Vorschein. Vor den aus Ruten geflochtenen Thoren spielen Kinder im Hemde mit den abgebrochenen Ohren der Töpfe Pferdchen. Drinnen im Hofe springt ein Füllen mit einem Glöckchen am Halse herum. Das Dorf ist um diese Zeit sozusagen entvölkert; wer seine Hand bewegen kann, arbeitet draußen auf dem Felde, und die Frauen haben das Essen dem Bauer hinausgetragen. Nur auf dem Rasen vor der Schule ist Leben und Bewegung, doch das Äußere der Kinder ist nicht mehr so gleichförmig wie einst in den jüngeren Jahren des Herrn Lehrer Majzik; es sind blonde, braune, schlanke, stämmige untermischt und rufen ihr »Gelobt sei Gott« ungarisch der Kalesche nach. Von den Männern faulenzen nur die »Magnaten« zu Hause. Von dem Flur seines netten, ziegelgedeckten Hauses schwingt Herr Gongoly seinen Hut; er ist gewaltig fett geworden: er hat einen Wanst, als ob er zehn Jahre in Ketten gesessen hätte. Der Bauer pflegt gewöhnlich nur im Kerker fett zu werden. Vor der Schmiedewerkstätte sitzt Klimcsok, seine Pfeife rauchend, während der Schmied einen Reifen auf sein Rad zieht. »Wohin, wohin?« ruft er gemütlich, mit Händen und Füßen dem geistlichen Herrn zuwinkend. »Wir haben schon einen andern Pfarrer gewählt!« (Das Wegbleiben des Pfarrers scheint in der Gemeinde lebhaftes Aufsehen erregt zu haben.) Potztausend, wie ist dieses Glogowa fortgeschritten! Oben auf dem Hügel hinter dem Haufe des Krizsán leuchten die zwölf weißen Stationen der Calvarie herüber. Und welch' schönen, schlanken Turm mit Blechdach sie auf ihre Kirche gesetzt haben! Bis Losoncz findet man keinen ähnlichen. Nur daß auf dem Lolonczer Turm eine Wetterfahne ist! In der Mitte des Dorfes erhebt sich ein Gasthof »Zum heiligen Regenschirm.« Hinter demselben steht ein auffallend schönes Häuschen mit Säulen geschmückt, von wildem Wein umsponnen (auf dem einstigen Grundstück des Michael Sztrelnyik), weiß, als ob es aus Zucker gemeißelt wäre, dahinter ein umgitterter Garten; vorn stehen schlanke junge Silberpappeln in Reih' und Glied wie Grenadiere. »Wessen Haus ist dies?« fragte Georg sich umwendend. »Dort sitzt der Eigentümer auf dem Bock.« »Ach so! Ihnen gehört es, Veronika?« Stumm, verschämt nickte sie mit dem Kopfe. »Ein kleiner Grundbesitz gehört auch dazu,« setzte der Pfarrer mit Stolz hinzu. Georg schnitt ein geringschätziges Gesicht. »Das werden wir nicht von hier forttragen. Es soll dem Bruder gehören. Nicht wahr, Veronika?« Dann wandte er sich wieder um und sagte zu dem Pfarrer: »Veronika besitzt eine Mitgift, welche auch für eine Gräfin groß genug wäre, doch das weiß weder der hochwürdige Herr noch sie selbst.« Über diesen geheimnisvollen Satz sann sowohl der Pfarrer wie auch Veronika so nach; daß sie ihre Ankunft daheim nicht bemerkten. Georg wäre vorbeigefahren, wenn der Hund Vistula ihnen nicht mit freudigem Winseln entgegengesprungen, und die im Thor weinende Frau Adametz nicht aufgeschrieen hätte: »Heilige Mutter Gottes, du hast das unterthänige Flehen deiner Dienerin erhört!« »Halt, stehenbleiben! Wir sind daheim. Öffnen Sie das Thor, Frau Adametz.« Frau Adametz trocknete sich die Thränen, versteckte den Rosenkranz in ihren Busen und öffnete das Thor. »Haben Sie ein Mittagessen bereitet, Frau Adametz?« fragte hastig der hochwürdige Herr. »Ach, wie sollte ich eines bereitet haben! Für wen hätte ich kochen sollen? Wir haben alle gedacht, Euer Hochwürden wären verloren gegangen. Bei Gott, nicht einmal Feuer habe ich angezündet! Denn wozu? Ich hätte es ohnedies mit meinen strömenden Thränen wieder ausgelöscht.« »Gut, schon gut, Frau Adametz, ich weiß, daß Sie sich um mich gesorgt haben, ich kenne Ihr gutes Herz, doch jetzt schauen Sie, daß wir zu einem Mittagessen kommen, aber rasch, meine liebe Alte, denn wir sterben alle vor Hunger.« Veronika schöpfte bei den Worten der Frau Adametz Verdacht und nahm ihren Bruder ins Verhör, um zu erfahren, was ihm geschehen wäre, schließlich brach sie in Thränen aus und schmollte auch mit Georg, daß man etwas vor ihr verheimliche. Endlich mußte man ihr alles erzählen und ihr kleines Herz brach beinahe bei dem Gedanken an die Gefahr, in der ihr Bruder geschwebt hatte. Unter großem Schaffen und Treiben kochte unterdessen das Mittagmahl draußen in der Küche, beide Mägde und sogar der Hausknecht hatten alle Hände voll zu thun. »Schnell, schlage den Schaum, Hanka! Bringe etwas Salz, Barbara. Ist die Gans schon gerupft? Ei, ihr Faulenzer! Pack' dich, eins, zwei drei. Andreas, reiße schnell etwas Petersilie im Garten ab. O, du mein guter Gott, Welch eine magere Erzieherin hat sich das Fräulein mitgebracht! Habt ihr sie gesehen? Na, Adametzin (sprach sie zu sich selbst), jetzt wirst du wieder zu thun haben, diese Hopfenstange zu mästen. Du, gieb mir die Pfanne her! Nicht diese, die andere! Und du, Barbara, reibe ein wenig Semmelbrösel. Aber der junge Herr, der mit ihnen kam, ist sehr hübsch; wo sie ihn aufgelesen, wozu sie ihn aufgelesen, das kann ich nicht erraten. Hast du etwas gesagt? Du auch nicht? Esel! Wenn ich es nicht weiß, was könntest du wissen, Gänschen. Doch eines ist sicher, es soll aber unter uns bleiben, in den Augen des Fräuleins liegt ein ganz sonderbarer Ausdruck. Da steckt eine Geschichte dahinter. Der Teufel soll mich holen, wenn es nicht so ist. Ich verstehe es nur nicht herauszulesen.« Frau Adametz plapperte viel, Gutes und Schlechtes, doch als Köchin war sie zweifellos gut; sie ließ bald ein Mittagessen anrichten, dem sogar die Verliebten mit gutem Appetit zusprachen. Nach dem Essen nahm Georg einen Reiter an, der dem Gerichtspräsidenten Sztolarik einen Brief nach Neusohl trug. »Lieber Vormund! (so lautete der Brief). Ich habe Ihnen große Dinge mitzuteilen, jedoch nur kurz, die Details werde ich Ihnen persönlich erzählen. Das Vermächtnis meines Vaters, respektive den Regenschirm habe ich aufgefunden, teils durch Frau Münz, teils durch blinden Zufall. Gegenwärtig befinde ich mich bei dem Pfarrer in Glogowa, dessen Schwester Veronika ich heiraten werde. Sie ist ein sehr hübsches Mädchen, und außerdem kann ich nur durch diese Heirat zu meinem Erbteil kommen. Sonderbare Umstände sind eingetroffen. Bitte, schicken Sie durch diesen Reiter zwei goldene Verlobungsringe aus dem Laden des Goldarbeiters Samuel Huszák und meinen Taufschein, der sich unter Ihren vormundschaftlichen Schriften befindet. Es wäre mir lieb, wenn das erste Aufgebot schon übermorgen stattfinden könnte. Empfangen Sie« u. s. w. Er spornte den Reiter zur Eile an. »Ich möchte schon eilen, aber das Pferd will nicht.« »So treibe es an!« »Hei, unser Herrgott hat keine Sporen an Riemenschuhe wachsen lassen!« Der Slowake hatte ein schlechtes Pferd, doch die Zeit ein gar schnellfüßiges. Ein Tag war verflogen wie ein Augenblick. Den nächsten Tag rasselt eine Kutsche draußen, und wer kommt zur Vorhalle herein? Nun, der Herr Gerichtspräsident Sztolarik. Doch an diesem Gaste, mochte er ein noch so großer Herr und lieber Mann sein, hatte nur der Pfarrer Freude. Veronika erschrak vielmehr vor ihm, als ob ein kalter, eisiger Luftstrom mit ihm hereingezogen wäre. Weshalb ist der jetzt hergekommen? Und doch war der Präsident herzlich und freundlich genug zu ihr. »Das ist diese kleine Veronika?« »Gewiß ist sie es,« sagte Georg triumphierend. Der Präsident gab ihr einen tüchtigen Handschlag, und wie es so alten Herrn gut ansteht, kniff er ihr auch schelmisch die erbleichende Wange – doch sie wurde trotzdem nicht rot. Eine böse Ahnung beschwerte ihr Herz. Weshalb ist der jetzt hergekommen? Selbst Georg war erstaunt. Die Ankunft des schwerfälligen Präsidenten schien mindestens sonderbar. »Haben Sie sie mitgebracht?« fragte er ihn forschend. »Ja.« Veronika atmete erleichtert auf. (Georg hatte sie schon eingeweiht, daß er die Ringe aus Neusohl erwarte.) »Geben Sie sie her!« »Später,« sprach der Präsident gedehnt. » Erst muß ich mit dir reden.« Er muß erst reden! Folglich will er etwas sagen, was nachher nicht mehr möglich wäre (verstehe: nach Übergabe des Ringes). Veronika fühlte die Welt unter sich versinken. Georg erhob sich mißmutig von seinem Platze neben Veronika, deren Hände aufgeregt die Häkelnadel bewegten. »Kommen Sie in mein Zimmer hinüber, Vormund!« Georgs Zimmer befand sich am Ende des in Form eines L erbauten Pfarrhauses. In früheren Zeiten, wo die Schule noch nicht erbaut war, war dies der Schulsaal gewesen. (Die alte Frau Adametz zum Beispiel hat noch hier das Abc gelernt.) Der frühere Geistliche teilte schon das scheunenartige Zimmer durch eine hübsche Bretterwand in zwei Teile, machte aus dem diesseitigen, größeren Teile ein Gastzimmer und eine Speisekammer aus dem andern. Veronika fühlte jetzt nur das eine, daß sie unsäglich unglücklich war, und daß sie in diesem Momente alles hergeben würde, wenn sie hören könnte, wovon sie redeten. Alles, alles hängt ja davon ab. Ein Dämon, der offenbar nie in einem Erziehungsinstitut bei Nonnen war und nicht gelernt hatte, daß Horchen unschicklich ist, fing an, sie anzuspornen, anzutreiben: »Veronika, laufe schnell in die Speisekammer, dort wirst du hören, was sie sprechen, wenn du dich schön still an die Mauer schmiegst und dein Ohr an die dünne Wand legst.« Und Veronika ließ sich nicht bitten, sie ging, sie rannte. (Unglaublich, wie viel Honig in der Sprache der bösen Dämonen steckt.) Dieses wohlerzogene, feine Kind war imstande, sich auf dem Gurkenfasse, zwischen Fetttönnchen und Proviantsäcken niederzukauern und mit Anspannung aller ihrer Nerven auf jeden Ton zu horchen. Die tiefe Stille wurde nur durch das Klopfen ihres Herzens und das Tröpfeln der von dem Balken herabhängenden Speckseiten gestört. Von der großen Hitze begannen auch diese gelb und weich zu werden und zu zergehen, plumps, plumps, plumps. Es plumpste und tropfte auch auf das schöne resedafarbige Kleid – doch wer sollte sich jetzt darum bekümmern? » Demque , bist du zu dem Regenschirm gekommen,« ließ sich die Stimme des Präsidenten deutlich vernehmen, »doch hast du ihn auch schon gesehen?« »Wozu?« antwortete Georg. »In seinen Besitz gelange ich ja doch erst nach der Trauung.« »Weshalb nicht vorher?« »Weil ich die Geschichte des Regenschirms aus sehr vielen Ursachen nicht auftischen will.« »Zum Beispiel?« »Erstens, weil der Pfarrer Gegenstand des allgemeinen Gespöttes würde.« »Was kümmerst du dich um den Pfarrer?« »Zweitens wäre es ein Mangel an Zartgefühl Veronika gegenüber; sie könnte glauben, ich heirate sie nur wegen des Regenschirmes.« »Sie wird es später ohnehin erfahren.« »Nie werde ich es ihr sagen.« »Hast du noch eine Ursache?« »Ja. Die, daß man mir die Bankanweisung vielleicht gar nicht geben würde, sie lautet ja auf keinen Namen, womit soll ich beweisen, daß sie mein Eigentum ist? Sie gehört vielmehr denen, in deren Hand sie sich befindet. Und eventuell bekäme ich auch das Mädchen nicht; wenn das Vermögen so groß ist, wie wir vermuten, findet sie für jeden Finger einen Magnaten.« Ein Schwindel ergriff Veronika. Sie verstand nicht viel von dieser wirren Rede, Regenschirm, Bankanweisung, großes Vermögen. Welches Vermögen? Jedoch eines begann sie zu verstehen, daß sie nur ein Mittel zum Erreichen eines ihr unverständlichen, geheimnisvollen Zweckes war. »Gut, gut,« nahm der Präsident nach einer Weile den Faden der Rede wieder auf, »die Sache ist jedenfalls verwickelt bis hierher, doch die ärgsten Verwicklungen folgen vielleicht noch später.« »Ei, was könnte noch kommen?« fragte Georg mit unsicherer Stimme. »Verhalte dich jetzt ruhig, warte den Fünfuhrzug ab. Vor allem kommen wir damit ins reine, ob du das Mädchen liebst.« Die arme Veronika bebte in ihrem Versteck, wie ein zitternder Vogel. Sie schloß die Augen, wie ein Verurteilter auf dem Schafott, den ein thörichter Instinkt glauben läßt, daß das niedersausende Henkersschwert auf diese Art nicht gar so entsetzlich ist. Ach, was wird er antworten? »Ich glaube, ich liebe sie,« antwortete Georg mit unsicherer Stimme. »Sie ist so hübsch! Gefällt sie Ihnen nicht?« »Gewiß, ich bin doch auch nicht aus Brotkrume. Die Frage ist die, ob du sie heiraten würdest ohne diese Regenschirmgeschichte. Antworte aufrichtig.« »Es wäre mir gar nicht eingefallen.« Ein Schrei aus dem Nebenraum wurde hörbar und dann ein Rasseln, wie wenn ein Möbelstück umgeworfen wird. Der Präsident wurde aufmerksam und fragte, auf die Mauer zeigend: »Weißt du nicht, was dort drüben ist?« »Ich glaube, eine Vorratskammer.« »Es war mir, als ob dort jemand aufgeschrieen hätte.« »Vielleicht hat eine Frauensperson eine Maus erblickt.« Nun ja. So erscheint eine Tragödie aus dem Nebenzimmer, wenn es dünne Wände hat; wenn es keine dünne Wand hat, nicht einmal so. Eine Frauensperson hat eine Maus erblickt, oder ein Herz ist in Trümmer gegangen. Wer konnte es wissen? Verzweiflung und harmloser Schreck haben denselben Ton. Veronika lief mit dem Stachel im Herzen in die freie Luft hinaus, mehr wollte sie nicht wissen, nur hinaus, sonst erstickt sie, weg, weg, wer weiß wohin, wo immer hin ... und all dies sieht sich im Nebenzimmer so an, als ob Frau Adametz oder Hanka auf eine Maus getreten hätten. Gleichviel, wie es immer erscheint, dauert dieser Schrei nur eine halbe Minute, dann wird er über ihrem wichtigen Gesprächsstoff vergessen. »Du sagst, es wäre dir gar nicht eingefallen, um sie zu werben ... Darin liegt es eben. Du darfst die Angelegenheit mit dem Ringe nicht übereilen, noch weniger mit der Trauung. Sehen wir erst den Bären, den Regenschirm, respektive dessen Inhalt, dann können wir weiter reden.« Georg drehte gleichmütig eine Cigarette und dachte bei sich: »Sztolarik wird alt, daß er so viel tolles Zeug zusammenplauscht.« Er versuchte doch zartfühlend gegen ihn zu sein. »Ich habe das schon überlegt, lieber Vormund, hier giebt es nichts anderes zu thun, als das Mädchen zu heiraten.« Sztolarik erhob sich von seinem Sitz, stellte sich vor den jungen Mann hin und fixierte ihn starr mit seinen schlaublitzenden Augen: als ob er mit einem großen Argumente herausrücken wollte. »Und wenn du ohne Veronika zu deinem Erbteil gelangen kannst?« Er konnte ein geringschätziges Lächeln nicht unterdrücken. »Ich habe doch soeben auseinandergesetzt,« sagte er ungeduldig, »daß dies nicht möglich ist, doch wenn es auch möglich wäre, würde ich sie aus der Erbschaft nicht ausschließen, welche halb und halb ein Fund ist, den die Vorsehung ihr gleichsam absichtlich zugerollt hat.« Sztolarik drehte nun die Frage um. »Doch wenn du auch durch Veronika nicht zu deinem Erbteil kommst?« »Das scheint beinahe ausgeschlossen.« »So? Dann gieb acht, mein Sohn Georg, denn nun wird gleich jener gewisse Fünfuhrzug hereinbrausen, den ich vorher erwähnt habe.« »Jawohl, ich gebe acht.« Doch sein Verstand war abwesend; zerstreut, ungeduldig trommelte er mit den Fingern auf dem Tische. »Nun, als ich heute Morgen infolge deines Briefes bei dem Goldarbeiter Huszák eintrete, um die Verlobungsringe zu kaufen und mit deinem Reitersmann herzuschicken (damals habe ich noch nicht einmal im Traume daran gedacht, selbst zu kommen), war Herr Huszák nicht im Laden, nur sein Gehilfe, der Joseph Klaniczay, der Hasenschartige.« Georg nickte mit dem Kopfe; er war ihm bekannt. »Ich sage ihm, er soll mir zwei Trauringe geben. Er fragt: ›Für wen?‹ – ›Für weit,‹ antworte ich ihm. ›Wohin?‹ – ›Nach Glogowa.‹ – ›Doch wohl nicht fürs Pastorfräulein?‹ – ›Eben für dieselbe.‹ – ›Ein Prachtgeschöpf,‹ sagt er. ›Kennen Sie sie denn?‹ – ›Sehr gut.‹« Georg unterließ das Trommeln, Entsetzen erfaßte ihn, er sprang erregt auf. »Er hat etwas über Veronika gesagt?« »Sogleich wirst du es erfahren. Ein Wort gab das andere, während Klaniczay die Ringe verpackte. ›Woher kennen Sie das Pastorfräulein?‹ – ›Ich war vergangenes Jahr in Glogowa.‹ – ›Was zum Teufel haben Sie in Glogowa gesucht?‹ – ›Nun, die Gemeinde hat einen silbernen Griff auf einen alten Regenschirm bei uns anfertigen lassen, den sie in der Kirche bewahren. Die Narren wagten es nicht, ihn herzubringen,‹ sagte er, ›sie fürchteten sich, wir könnten ihn stehlen, und er ist keine zwei Groschen wert; ich mußte hinreisen, um den Stock daran zu machen.‹« »Das wäre ja entsetzlich!« rief Georg erbleichend aus. Der Gerichtspräsident lächelte mit Überlegenheit. »Deshalb sagte ich, Freund, wir sollten vor allem mit dem Regenschirm ins reine kommen.« »Gehen wir auf der Stelle! Suchen wir den Pfarrer auf!« Der Boden brannte ihm unter den Füßen. Er war seiner Erbschaft so nahe, und nun ist sie wieder im Begriff, vor ihm zu entweichen gleich einem Irrlicht, welches den Wanderer lockt. Der Pfarrer war bald aufgefunden, er fütterte seine Tauben beim Taubenschlag. »Heiliger Vater,« sprach Georg, der während des gestrigen Nachtmahles mit seinem zukünftigen Schwager Brüderschaft getrunken hatte. »Der Präsident wünscht, da er nun 'mal hier ist, Euern berühmten Regenschirm zu sehen. Ist dies möglich?« »Ach, warum nicht?« Und er rief auf der Stelle Frau Adametz zu, welche in der Vorhalle Hühner rupfte. »Bringen Sie 'mal den Kirchenschlüssel heraus, meine liebe Alte.« Die alte Frau Adametz kehrte mit dem großen Kirchenschlüssel zurück, und der Pastor führte, seinen Gästen voranschreitend, dieselben durch die Kirche unter den kühlen Bogengewölben zwischen den zeitgeschwärzten Bänken hindurch. O, wie schön sind diese ärmlichen Dorfkirchen und alles, was zu ihnen gehört! Der Rasen um die Kirche, die roten, grünen und bunten Kirchenfahnen innen, am Ende der Bänke die Bilder von schönen, sanften Frauen, Sankta Barbara, Sankta Rosalia ora pro nobis . Wie viel heilige Legenden auf einem Haufen! Die Himmlischen haben dieselben auf halbem Wege herabgebracht (denn die Hälfte des Weges vom Himmel ist die Kirche), wo sie mit den Irdischen beisammen sein können. Gegenüber der Hauptaltar, mit dem den Kindern Nüsse austeilenden heiligen Nikolaus, dem bisherigen Schutzheiligen Glogowas. (Deshalb der bisherige, weil seit einiger Zeit Sankt Peter beginnt, ihm das Brot abwendig zu machen.) Links bei dem Weihkessel das Bild Jesu mit einem künstlichen Rosenkranz über der Dornenkrone. An dieser Stelle hatte der junge Pastor gebetet an dem Tage, als Matthäus Billegi ihm Veronika als mutterloses Kind gebracht hatte. Alles war so still und erhaben; Frieden und Gnade atmen die ernsten Mauern aus, und als ob der Geruch des Weihrauches seit Sonntag noch nicht verflüchtigt wäre, schwebt und verbreitet er sich hier vereinigt mit dem Duft der Resedasträuße der flachshaarigen Mädchen von Glogowa und schaukelt auf der funkelnden Garbe des zum obern Fenster sich hereinstehlenden Sonnenlichtes. Alles hier hat seine Geschichte. Die dicken bunten Wachskerzen hat Frau Nikolaus Domanyik dem Herrgott gekauft – als unser Herrgott ihren Mann zu sich berufen; eine Hand wäscht die andere, denkt der Mensch, doch es ist nicht so, denn die schöne Altardecke hat Frau Gongoly gestickt, die später doch im Flusse ertrunken ist (unser Herrgott läßt sich nicht bestechen). »Hierher, hierher, Euer Hochwohlgeboren, in die Sakristei!« Wie sie eintraten, fiel er ihnen sofort in die Augen, dort war der alte Regenschirm des seligen Paul Gregorics unter den Kasulas, Pluvialen und Stolas, und sein farbloser, roter Stoff lächelte ihnen so bekannt entgegen, nur der Silbergriff, ach der Silbergriff glänzte fremd. Georg schaute ihn steif und starr an und konnte kein Wort hervorbringen. Er fühlte, daß das Verhängnis gegen ihn war. Ein Teufel verfolgt ihn, der ihn anspornt: »Geh', geh' nur deiner Erbschaft nach.« Ein anderer Teufel geht ihm voran, der ihn neckt: »Komm, komm nur, hier ist sie.« Doch es giebt auch einen dritten Teufel, den aufgewecktesten, der auch dem mittleren Teufel zuvorkommend, sich beim Ziele herumtreibt, und wenn er dort anlangt, mit bösem Grinsen sagt: »Hier ist das Nichts.« Sztolarik bewahrte seine Kaltblütigkeit, prüfte mit großer Aufmerksamkeit den Griff des Schirmes, als ob er die künstlerische Ausführung bewundern wollte. »Hat er immer denselben Griff gehabt?« fragte er. »Ach bewahre! Dieser ist aus massivem Silber und wirklich eine schöne Arbeit. Der Neusohler Huszák ist ein großer Meister, der hat ihn verfertigt. Belieben ihn nur genauer anzusehen, dieser Geschmack, dieser Stil. Nicht wahr, eine Prachtarbeit? Meine Getreuen haben mich im vorigen Sommer damit überrascht, während ich im Bade zu Szkleno war. Von dem alten ist der Beingriff abgebrochen, er war kaum mehr zu brauchen. Es ist das Verdienst eines gewissen Stephan Klimcsok: der hatte die Sammlung begonnen. Ach, es giebt noch gläubige Christenseelen.« Dann wandte er sich an Georg. »Ich werde dich mit diesem Klimcsok bekannt machen. Er ist wirklich ein ehrenwerter Mann.« Georg hätte den ehrenwerten Klimcsok am liebsten zur Hölle geschickt – und es wäre eben jemand zum Führen vorhanden gewesen, denn der erste Teufel befand sich wieder hinter seinem Rücken und stiftete ihn an: »Geh' deiner Erbschaft nach.« »Doch wahrscheinlich habt ihr den alten Stock behalten?« fragte er mit auflebender Hoffnung. »Schwerlich,« antwortete der Pastor, »es war ein gewöhnliches Holzstöckchen; ich glaube, die Adametz hat es sich damals von Veronika erbeten.« (Wahrscheinlich sprach der mittlere Teufel aus dem Pfarrer: »Der Regenschirmstock befindet sich bei der Adametz.«) Hierauf wurde auch der Präsident aufmerksam. »Wer ist jene Frau Adametz?« »Meine alte Köchin, die vorher die Schlüssel gebracht hat.« Herr Sztolarik begann laut zu lachen – die Thränen rannen ihm von den Wangen herunter vor Lachen. Die Wände und Steinfliesen der Kirche hallten wieder, die ganze Kirche schien mitzulachen. Als sie dann aus der Kirche traten und der Pfarrer den Schlüssel hineintrug, zog Herr Sztolarik die in Seidenpapier gewickelten Ringe hervor und drückte dieselben Georg in die Hand, mit stillem Humor hinzufügend: »Deiner früheren Logik gemäß mußt du nun Frau Adametz heiraten. So geh', hier sind die Ringe, und verlobe dich mit ihr.« Georg beantwortete den beißenden Scherz gar nicht, er stürzte mit der nervösen Hast der Unsicherheit in die Küche, wo Frau Adametz bei der lodernden Flamme des Sparherdloches eben Pfannkuchen buk. »Hören Sie, Frau Adametz; wo haben Sie den alten Stock des Kirchenschirmes hingethan?« Frau Adametz buk den Pfannkuchen fertig, stürzte ihn vorsichtig auf eine Holzschüssel, wo sich schon ein großer Haufen davon befand, und blickte erst dann auf, wer zu ihr spreche. »Nach dem alten Stock belieben zu fragen, Euer Gnaden, mein Täubchen? Nun, das verhält sich folgendermaßen: der Matykó, mein kleines Enkelkind, erkrankte das vergangene Jahr gerade zur Zeit der Krautreife, doch nein, noch früher ...« »Was kümmert es mich, wann es war!« Frau Adametz goß ruhig frischen Teig in die Pfanne. »Nun ja ... wo bin ich nur geblieben? Bei dem Matykó. Es kam ihm vom Auge. Das heißt, seine Krankheit kam vom Auge. Das Volk glaubt, das neidische Angaffen verzaubere das Kind. Denn der Marykó ist ein Prachtkind.« Georg stampfte ungeduldig mit dem Fuße. »Sie wollen nicht sagen, wo er sich befindet.« »Dort ist er im Winkel.« »Der Regenschirmstock?« »Bewahre; der Matykó.« Dort kauerte wahrhaftig neben der Abwaschschale, auf einem umgestürzten Brotkorbe sitzend, ein blauäugiges Slowakenknäblein mit schmutzigem Gesicht. Er ließ bunte Bohnen langsam durch seine Hand gleiten, und seine Wangen waren von dem auf einmal hineingestopften Pfannkuchen aufgeschwollen. »Donnerwetter, Mütterchen! Seid Ihr denn taub?« fuhr der Advokat auf. »Ich frage nach dem alten Regenschirmstock.« Frau Adametz schüttelte mißbilligend ihr Haupt. »Davon rede ich doch ... den Matykó hatte jemand, wie gesagt, mit einem bösen Auge geschlagen, mein Liebling, mein süßer Fratz war schon ganz weg, und dagegen, mein lieber gnädiger Herr, giebt es nur eine Medizin, drei brennende Späne in das Trinkglas des Kindes zu legen und ihm drei Tage lang davon zu trinken zu geben. Doch, mein Herrgotts es nutzte nichts, es nutzte alles nichts, das arme Kind siechte hin, nahm ab von Tag zu Tag, das Herz brach mir beinahe, wenn ich ihn anschaute, denn ich habe ein sehr weiches Herz, das erkennt auch der Herr Pfarrer an ...« »Ich will es auch anerkennen, doch kehren wir um Gottes willen schon auf unsern Gegenstand zurück!« »Dabei bin ich schon, bitte ergebenst, denn dazumal wurde der Silbergriff an den heiligen Schirm befestigt, und das Fräulein, die gute Seele, hat den alten Stock mir geschenkt. Nun, so sprach ich, das wird gerade dem Matykó gut sein, drei glühende Späne von diesem heiligen Holz, wenn auch das nichts nützt, so wird der Matykó eingereiht, als kleiner Soldat ins Regiment unseres Herrgottes.« Sie brach in Weinen aus bei dem Gedanken, daß aus dem kleinen Matykó ein Soldat Gottes hätte werden können, ihre Thränen begannen zu rinnen – ein Glück, wenn sie nicht in den Pfannkuchenteig gefallen sind. »Frau Adametz!« rief Georg mit vor Aufregung zitternder Stimme aus, »Sie haben doch vielleicht nicht den Stock des Regenschirmes verbrannt?« Die alte Frau blickte ihn verwundert an. »Ei, wo hätte ich denn sonst die drei verkohlten Späne hernehmen sollen, wenn ich ihn nicht verbrannt hätte?« Georg taumelte an die Wand. Die Küche begann sich mit ihm zu drehen, die Teller, Pfannen und Töpfe liefen wie toll im Kreise um ihn herum, aus dem Sparherdloch streckte jener gewisse dritte Teufel eine Riesenflammenzunge gegen ihn heraus und grinste ihn am Ziele an: »Hier ist das Nichts!« Doch plötzlich rüttelte ihn eine Hand auf, welche sich auf seine Schulter legte: die Hand des Sztolarik. »Es war, es ist vorbei, deshalb brauchst du nicht den Kopf hängen zu lassen, Freund. Das Verhängnis wollte es so, punktum. In Zukunft wirst du wenigstens keinen eiteln Träumen nachjagen, du bist deiner eigenen Kraft zurückgegeben. Glaube mir, das ist auch etwas wert.« Die kleine Veronika wird an ihren Bestimmungsort geführt. Jedoch Sztolarik tröstete ihn vergebens. Es ist gar leicht zu predigen, irdische Güter lenken den Menschen von den himmlischen ab, deshalb schmecken diese irdischen Güter doch gar gut. Wenn jemandem sein Lieblingskind stirbt, findet sich immer ein großer Philosoph in der Familie, welcher das vor Schmerz zuckende Herz heilen will: wer weiß, was aus dem Kinde geworden wäre, vielleicht hätte es am Galgen enden können, vielleicht ist es besser, daß es jetzt und auf diese Art verschieden ist; doch diese Philosophie hat noch nie eine einzige Thräne getrocknet. Das ist eine gar leichte Ware dem Schmerze gegenüber. Auch Sztolarik schwatzte buntes Zeug in Fülle, doch Georgs Herz krampfte sich zusammen bei dem Gedanken, daß er jetzt nie mehr eine Domäne, einen englischen Park und alles andere, was damit verbunden ist, sein eigen nennen würde; die ganze Welt erschien ihm neu und traurig. Und doch war sie nur die alte. Alles nahm seinen frühern Lauf, als ob Frau Adametz den alten Regenschirmstock gar nicht verbrannt hätte. Die musizierende Uhr im Wohnzimmer der Pfarre gelangte zur römischen Zwei, worauf sie ein Lied spielte, die Mägde den Tisch deckten, Frau Adametz die Suppe hereinbrachte, der hochwürdige Herr seine Gäste aufsuchte, in das Speisezimmer führte und sie rechts und links von Madame Kriszbay niedersetzen ließ, als er plötzlich bemerkte: »Wo mag denn Veronika sein?« »Eben dasselbe wollte auch ich fragen,« sagte Madame. »War sie denn nicht bei den Herren?« »Ich dachte,« sprach der Geistliche, »sie sei bei Ihnen.« »Es sind zwei Stunden her, daß ich sie nicht gesehen habe.« »Wir auch nicht.« »Ich auch nicht.« »Vielleicht ist sie in der Küche?« Madame Kriszbay erhob sich mit ärgerlichem Gesichte von ihrem Präsidentensitze, um Veronika hereinzubringen, kam jedoch alsbald achselzuckend zurück. »Auch in der Küche hat man sie nicht gesehen.« »Nun, das ist eine nette Überraschung,« brauste der Pfarrer auf und lief selbst hinaus, die Dienerschaft aufzuscheuchen, sie solle sofort das Fräulein in irgend einer Laube des Gartens aufsuchen, wo sie offenbar versteckt einen Roman lese. Draußen klagte Frau Adametz, das Essen verderbe durch das Stehen. »So richten Sie an,« befahl der Pfarrer, »wer nicht da ist, bekommt kein Mittagessen. Einen so großen Herrn, wie den Präsidenten, kann man schließlich nicht warten lassen, besonders, da er nach Hause fahren will.« Die Speisen wurden daher nacheinander aufgetragen, nach der Suppe der Hirsenbrei mit Gänsefleisch, das gefüllte Kraut mit den Schweineschnauzen und Ohren (nicht einmal der König kann was Köstlicheres essen), das Spanferkel, den Pfannkuchen; doch Veronika blieb verschollen. Inzwischen kam die Hanka und meldete, daß man sie nirgends finden könnte. Georg saß unempfindlich da wie ein Klotz, nur sein Gesicht war bleich, wie das eines Toten. »Ei, vielleicht ist sie bei den Bienen eingeschlafen,« sagte der Pfarrer, »oder vielleicht (er zögerte einen Moment, ob er fortfahren solle) oder ist vielleicht etwas zwischen euch vorgefallen?« Er blickte Georg forschend an. »Zwischen uns? Nein, nichts,« sprach Georg fröstelnd. »Dann laufe in das neue Haus hinüber, Hanka, und schaue bei den Bienen nach. Und wir, meine Herren, trinken weiter und lassen uns nicht stören. Sie ist ja noch ein Kind, das von seinen Launen hin- und hergetrieben wird. Vielleicht ist sie einem Schmetterlinge nachgelaufen. Belieben von diesem Roten zu versuchen, Herr Präsident?« Er vertröstete nicht so sehr seine Gäste als vielmehr sich selbst, er saß auf Nadeln, Besorgnis preßte ihm das Herz zusammen, er plauderte zerstreut. Der Präsident erkundigte sich, ob die vorzeitige Hitze heuer irgend einen Einfluß auf die hiesige Ernte ausgeübt hätte und welchen? »Ja, ungefähr zwei,« antwortete der Pfarrer. »Haben Sie noch mehr Geschwister, Hochwürden?« »Ich weiß es nicht.« Die verkehrten Antworten wiesen auf sein gedrücktes Gemüt, und daß er nur aus gezwungener Artigkeit neben ihnen sitzen blieb. Endlich erbarmte sich der Präsident seiner und sprach beim schwarzen Kaffee: »Es wäre besser, wenn Euer Hochwürden selbst nach dem Fräulein schauen wollten. Dann bitte auch meinem Kutscher zu befehlen, er solle einspannen, denn Neusohl ist viel Katzensprünge weit von hier.« Der Pfarrer ergriff hastig die Gelegenheit, Madame Kriszbay bat gleichfalls um Erlaubnis, sich entfernen zu dürfen, denn das Geschehene war so sonderbar, daß auch sie anfing, unruhig zu werden. Die zwei Männer blieben allein. Eine peinliche Stille folgte. Nur die Wanduhr tickte gespensterhaft. Georg schaute mit weitgeöffneten Augen, starr, bewegungslos auf den aufgedunsenen Kanarienvogel im Käfig. Auch der war jetzt so traurig. »Laß auch du anspannen,« brach endlich der Präsident die Stille. »Fahren wir zusammen!« Georg ließ eine Art Stöhnen vernehmen, es war nicht gut zu verstehen, doch da er auch den Kopf dazu schüttelte, war es deutlich, daß er nicht die Absicht habe, anspannen zu lassen. »Und doch mußt du unbedingt kommen. Unsere Rolle hier ist ausgespielt.« »Ich sage, es ist unmöglich.« »Weshalb?« »Sehen Sie denn nicht, daß Veronika fort ist?« »Was kümmerst du dich darum? Ist doch auch der Regenschirmstock fort!« Georg schlug ärgerlich mit seinem Ellbogen gegen die Gläser. »Was liegt mir an dem Regenschirmstocke!« »Wie? Also du willst das Mädchen? So hast du vor dem Mittagessen nicht mit mir gesprochen.« Georg zuckte die Achseln. »Das war damals. Damals wußte ich es noch nicht.« »Und nun weißt du es schon?« »Nun weiß ich es schon,« antwortete er kurz. »Ach, ach!« bemerkte der Herr Präsident scharf, »wann kann Amor dieses seltsame Feuer entzündet haben, denn das Verschwinden des Mädchens deutet auf kein allzu großes Interesse für dich.« »Eben deshalb fühle ich in diesem Augenblicke jede Bitterkeit der Hölle. Ach, mein Vormund, glauben Sie mir, daß der Untergang des Vermögens mir beinahe kleinlich erscheint.« Der Kummer des Jünglings, der mit so aufrichtigem Ton zum Ausbruch kam, ergriff den Präsidenten tief. »Das ist etwas anderes. Tausend Sapperment, warum hast du das nicht gleich gesagt? Wenn die Sache so steht, dann bleibe ich auch da. Komm, suchen wir auch nach der Kleinen und schauen wir ihr in die Augen, was sie wünscht.« Als sie hinauskamen, war schon große Aufregung im Hofe, doch am meisten wehklagte Frau Adametz, indem sie ihre Hände rang. »Ich wußte, wußte, daß dies das Ende sein würde. Auch die Fee im Märchen darf man mit keinem Finger berühren, sonst zerfließt sie wie Nebel. O, unser süßes, kleines Fräulein! Sie war die Braut Jesu, und man verlobte sie einem sterblichen Mann, so hat sie Jesus zu sich berufen.« Sztolarik sprang auf sie zu und erfaßte ihre Hand. »Was sagen Sie? Haben Sie etwas gehört?« »Jetzt erzählt, bitte ergebenst, die Frau des Kuhhirten Gundros, daß sie das Fräulein am Vormittag gesehen hat, wie sie mit verweinten Augen auf den Wiesen geradeaus der Bjela Voda zuschritt ... Ach mein Gott, es ist ganz deutlich.« Ein Haufen Weiber und Kinder, welche sich auf die Kunde von dem Ereignis eingefunden hatten, trieben sich vor der Küchenthür herum. Eine von ihnen hatte Veronika auch bei den Gärten gesehen, doch noch vor Frau Gundros. »War sie traurig?« fragte Georg. »Sie weinte.« »Weh mir!« stöhnte er verzweifelt. »Wir werden sie aufsuchen,« sprach der Präsident ermutigend. »Wo?« »Im Hotter, denn nun ist es sicher, daß sie dort ist, wir werden gleich erfahren, wo.« »Ach, wenn das so leicht wäre!« seufzte Georg auf. »Nur die Märchen besitzen einen Spiegel dafür ...« »Gleich bringe ich den ganzen Hotter her!« Georg schüttelte ungläubig den Kopf, vielleicht ist Herr Sztolarik gar verrückt geworden, daß er den ganzen Hotter voll Krümmungen samt seinen Thälern, Wäldern, seinem Forst herbringen will, um darin nach Veronika zu suchen. Und Herr Sztolarik zerbrach sich wahrhaftig über etwas Ähnlichem den Kopf. Veronika muß um jeden Preis herbeigeschafft werden, das Weitere werden wir dann von ihr erfahren. »Wo ist der Herr Pfarrer?« fragte er die Gaffenden. »Er ist zur Flachsschwemme gegangen, um nachzusehen, ob das Fräulein nicht hineingefallen ist.« »Und wo ist der Glöckner?« »Hier bin ich.« »Steige sofort in den Turm hinauf und läute die große Glocke!« »Es ist ja kein Feuer!« »Gleichviel, ich befehle es. Kennst du mich?« Wie sollte er ihn nicht kennen? Bevor Herr Sztolarik königlicher Notar geworden, war er in diesem Bezirke Stuhlrichter, und schon dazumal wuchsen viel Haselnußstöcke in Glogowa; Paul Krapka lief daher wie toll, und nach kurzer Weile ertönte die Glocke mit warnendem, dumpfem Klange, bim, bam, bam ... Es war Windstille. Der alarmierende Klang schwebte rein und voll immer weiter nach allen Richtungen, und die Wiesen, Thäler, Berge, Tiefen, Wälder und Schilfe begannen aus Norden, Süden, Westen und Osten die Menschen auszuschütten, welche alle dem Dorfe zurannten. Es war beinahe zum Verwundern, woher plötzlich die vielen Menschen kamen. Nur wer beim jüngsten Gericht das Trompeten des Erzengels Gabriel erleben wird, kann etwas Ähnliches zu sehen bekommen. Sztolarik sah vom Kirchenhügel mit Zufriedenheit die Menge keuchend herbeikommen. »Nun, siehst du, jetzt müßten wir uns nur in die Mitte des Dorfes stellen, und die aus allen Winkeln des Hotters Herbeikommenden würden uns Nachricht über Veronika bringen. Doch auch das ist überflüssig. Denn Veronika selbst wird gleich zum Vorschein kommen. Hallo, Glöckner, schau' zum Fenster hinaus, ob du nicht irgendwo das Fräulein siehst!« »Jawohl, ich sehe sie, dort läuft sie neben dem Kukuruzfeld des Srankó.« »Sie lebt!« rief Georg wie elektrisiert aus, doch plötzlich schmetterte ihn die Folgerung nieder: »Sie lebt, es fehlt ihr nichts, folglich ist sie vor mir davongelaufen.« Er begann zu ermessen, ob es nicht besser wäre, wenn sie nicht lebte. Dann könnte er glauben, sie hätte ihn geliebt, und könnte sie beweinen, weil sie ihn geliebt hatte. Der Präsident schrie den Glöckner an, der noch immer an dem Glockenstrang riß. »Laß es schon gut sein, du Esel. Zeige mit deiner Hand, in welcher Richtung sich das Kukuruzfeld des Srankó befindet.« Der Glöckner zeigte nach den Wiesen. »Geh' ihr nun entgegen, Georg, und locke mit Güte aus ihr heraus, was geschehen ist.« Und Georg ging auch schon den Garten des Pfarrers entlang, bog auf das Kleefeld des Joseph Magát ab, sein Herz pochte auf, von dort war Veronika in ihrem grünen Kleide mit den Volants schon zu sehen, nicht einmal einen Hut hatte sie auf dem Kopfe, nur ein kleines rotes Tuch lose umgeworfen: nun eilte er zwischen den Weiden des Georg Szlávik weiter und erschien plötzlich vor ihr auf der Wiese des Gongoly. Das junge Mädchen schrie auf und begann am ganzen Körper zu zittern, sobald sie ihn erblickte. »Wo ist das Feuer?« fragte sie dumpf. »Erschrecken Sie nicht, Veronika. Es brennt nirgends. Mein Vormund ließ die Glocken läuten, um Sie nach Hause zu locken. Weshalb sind Sie davongegangen?« Das Gesicht des Mädchens war von Blässe überzogen, sie biß sich in ihre schönen, roten Lippen. »Das weiß ich allein,« sprach sie leise, mit ersterbender Stimme. »Verlassen Sie mich, bitte ... verlassen Sie mich.« Sie wandte sich um, als ob sie wieder in den Wald zurückgehen wollte. »Veronika, um des Himmels willen ... peinigen Sie mich nicht. Was fehlt Ihnen? Was habe ich verbrochen?« Das Mädchen blickte ihn kalt und stechend an. »Verlassen Sie mich,« wiederholte sie. »Was wollen Sie von mir?« Der Jüngling sprang auf sie zu und erfaßte ihre Hand, Veronika wollte ihm dieselbe um jeden Preis entreißen, und so zogen sie sich hin und her. Doch er ließ sie nicht eher los, als bis er ihr mit aller Gewalt den einen Verlobungsring an den Finger gesteckt hatte. »Das wollte ich,« sprach er mit stehendem Blick. »Das wollten Sie?« lachte das Mädchen bitter auf. »Und das will ich, schauen Sie her!« Und damit riß sie den Ring vom Finger und warf ihn weit in die Wiese hinein, unter tausend sich wiegende, bebende Gräser. Der arme Georg griff sich mit beiden Händen an die Schläfen. »Ach was haben Sie mir gethan? Was haben Sie gethan?« »So spielen Sie doch keine Komödie vor mir, Herr Wibra. Stecken Sie den Ring nicht an meinen armen Finger, sondern auf den Regenschirm ... denn Sie wollen den Regenschirm heiraten und nicht mich. Verstehen Sie nun endlich?« Georg wurde plötzlich die ganze Verwicklung klar. »O, du mein Gott, Sie haben uns behorcht.« »Ja, ich weiß alles,« sprach sie leicht errötend. »Sie würden vergebens leugnen.« »Ach mein Gott, ich will nichts leugnen. Hören Sie mich an, bitte, hören Sie mich an.« Sie gingen miteinander über die Wiese, Georg sprach, das junge Mädchen hörte zu, während Milliarden Käfer und Grillen in der Wildnis des Grases lebhaft summten und schwirrten, indem sie ihren wundersamen Weg kreuz und quer zurücklegten. Georg sprach, er erzählte sein ganzes Leben, die Geschichte seines Vaters, die Wahrscheinlichkeit des Vermächtnisses, wie sie darauf kamen, wo Gregorics es verborgen haben könnte, wie er die Spur von Faden zu Faden bis nach Bábaszék verfolgte, kurz, er erzählte alles. Das junge Mädchen hörte ihn an zuerst als Anklägerin mit stummem bittern Vorwurf in den Augen, später nur als Richterin, um die Wahrheit herauszuschälen, dann begann sie die Entwicklung der Geschichte zu interessieren, sie erwärmte sich dafür: sie war weder Anklägerin, noch Richterin mehr, nur eine erstaunte Zuhörerin, die oft den Faden der Erzählung mit dem Ausrufe der Verwunderung unterbricht. Ach, wie sich diese Geschichte ihr nähert, langsam, jedoch sicher, schon waren die Linien sichtbar, welche in ihr Lebensschicksal eingeflochten sind. Nur weiter, weiter! Es kommt immer näher, es braust schon heran ... es hält bei dem Sohne des Münz. Münz bringt es ans Licht, daß sich der Regenschirm in Glogowa befindet. Dann beginnt bei dem Nachtmahl des Mravucsán die Försterin zu sprechen ... ach, die Frau Försterin hat es ausgeplaudert, was Sankt Petrus über den Kopf des verwaisten Kindes gebreitet hat. Nur noch einige Worte, und Veronika wußte alles, erriet alles mit in Thränen schwimmenden Augen. »Ach mein Gott, den Stock hat ja die Adametz verbrannt!« »Gott soll sie segnen dafür, daß sie es gethan hat,« sprach Georg heiter, da er merkte, daß des jungen Mädchens Zorn schwand, »denn jetzt kann ich Ihnen wenigstens beweisen, daß ich Sie auch ohne den Regenschirm liebe.« Veronika band sich das rote Tuch vom Kopfe, und wie sie es in der Hand schwang, schlug sie damit Georg plötzlich auf die Schulter und lächelte ihn unter Thränen an. »So wollen Sie mich trotzdem noch immer heiraten?« »Natürlich. Was sagen Sie dazu?« »Nun daß ...« (Sie blieb stecken, eine seltsame Beklemmung schnürte ihr die Kehle zu.) »Daß?« »Daß Sie ein sehr leichtsinniger Mensch sind, und ...« »Und?« »Und daß ... wir zurücklaufen sollten, um meinen Ring zu suchen.« Damit wandte sie sich um und lief übermütig wie ein kleines Füllen auf die Wiese des Gongoly zurück, so daß Georg ihr kaum nachkommen konnte. Lange suchten sie den Ring, jedoch vergebens; bald kam ihnen auch der geistliche Herr nach. (»Hören Sie, Georg, sagen Sie meinem Bruder nichts über den Regenschirm.«) (»Nein, mein Herz, ich werde nie darüber reden.«) Seine Hochwürden schalt Veronika tüchtig aus. »Nun, du schlimmes Kind, schickt sich das? Wo hast du dich herumgetrieben? Wie waren wir erschrocken! Nicht wahr, du bist einem Schmetterling nachgelaufen?« »Ich bin vielmehr vor ihm davongelaufen, doch er hat mich eingefangen.« »Der Schmetterling?« »Dieser garstige, große Schmetterling.« Seine Hochwürden verstand, so viel man ihm zu verstehen gab, und er fing an, den Ring zu suchen, doch den hätten sie bis zum jüngsten Gericht suchen können, wenn Herr Gongoly nicht davon Kunde erhalten hätte und mit seinem dicken Bauche, auf dem die Franse und die Lammklaue seines Tabaksäckchens hin- und herbaumelten, hingetrottelt wäre. Veronika war schon in Verzweiflung wegen des Ringes. »Nun, nun,« sagte der Nabob von Glogowa, seinen Kopf schüttelnd, auf dem sein langes graues Haar mit einem Kamme rückwärts hinaufgehalten war. »Grämen Sie sich nicht, kleines Fräulein, der Vetter Gongoly wird ihn schon finden. Der wird ihn wirklich finden, denn er hat die Mittel dazu. Das Messelesen versteht der eine und dies versteht der andere. Nach einer Viertelstunde lasse ich das Gras von den Mähern abmähen.« Obwohl das Gras noch keine zwei Finger hoch war, da doch die Heuhäufeln erst vor zwei Wochen eingefahren worden, ließ Herr Gongoly doch die Mäher antreten, und unter einer Sense erklang und blinkte wahrhaftig der kleine Goldring, welcher den nächsten Tag schon an dem Finger Veronikas glänzte. Die Erinnerung an das wunderbare Ereignis von der Wiese des nobeln Gongoly hat bis heute fortgedauert; daß diese dreimal des Jahres abgemäht worden ist, damit prahlt jeder Glogowaer, wenn Fremde die Qualität des Hotters herabsetzen. Was soll ich noch erzählen? Wahrlich vieles häuft sich noch vor meiner Feder auf, auch manches, was ein ewiges Geheimnis bleiben wird, zum Beispiel: von dem Vermögen des Paul Gregorics existiert heute noch nicht die geringste Spur. Ob die vermutete Bankanweisung in dem alten Regenschirmstocke enthalten war oder nicht, das weiß niemand, nicht einmal der kleine Matykó, der vermittelst der drei Späne sogar davon getrunken hat. Einen so teuern Trank wie Matykó trinken nicht einmal die Kaiser, wenn sich die Geschichte wirklich so verhalten hat. Die Legende von dem Regenschirm des heiligen Peter zu Glogowa lebt noch bis auf den heutigen Tag in jener Gegend. Durch Sztolarik, der es gern allerwärts erzählte, wie der alte Jude Münz das Christentum mit einer heiligen Reliquie beschenkte, sickerte die nackte Wahrheit durch; doch der Glaube ist stärker als die Wahrheit, und er unterdrückte dieselbe nach und nach ganz und gar. Ich will sie gewiß nicht wieder hervorgraben. Auch für das Bisherige bitte ich um Vergebung; denn es liegt zweifellos etwas Mystisches in der Sache. Der heilige Regenschirm hat unermeßlich viel Segen und Glück auf jeden gebracht, selbst auf Georg, der durch ihn zu dem reizendsten Frauchen dieser Welt gelangt ist am dritten Sonntage, welcher den erzählten Begebenheiten folgte. Nie hat Glogowa eine ähnliche Hochzeit gesehen. Veronika hatte die Laune, sämtliche Gäste, die bei Bürgermeister Mravucsáns Souper waren, einzuladen, damit all diejenigen, die bei ihrer ersten Bekanntschaft zugegen waren, auch bei ihrer Hochzeit anwesend sein sollten. Auch von Neusohl waren viele gekommen, darunter die Mutter des Bräutigams in schwarzem Ternokleide, der Gerichtspräsident, der Vicegespan und Gott weiß wer noch. Von Kopanyica waren die Urszinyis da, von Lehota die Verwalter-Fräuleins (mit harmonikaartig gefalteten rosenfarbenen Röcken), von Bábaszék Frau Münz (mit goldenen Ohrringen, so groß wie meine Faust). So viel Wagen und Kaleschen waren damals zugleich in Glogowa, daß man eine Woche gebraucht hätte, nur um das verschiedene Pferdegeschirr zu bewundern. Nach der Vesper schob der Kirchendiener schnell die Bauern hinaus, doch Seine Hochwürden blieb noch in der Kirche, denn er wartete auf den Hochzeitszug. Jesus Maria, wie viel vornehme Leute – und wie viel Tuch an ihnen! Sie schritten zu zweien, eine Frau, ein Mann, ein Fräulein, ein Jüngling. Voran kam die Braut mit grünem Kranze, in weißem Kleide. (Ach wie schön war sie – schade, daß einst auch sie alt wird.) Doch auch der Bräutigam war nichts Geringeres, es war der Mühe wert, ihn anzusehen, er war in einem Anzuge ganz ähnlich demjenigen, in welchem der König gemalt ist. Sein goldner Säbel in der Sammetscheide rasselte nur so über die Steinfliesen der Kirche ... Es war ein erhebender Anblick! Darum umstanden sie den Altar im Halbkreise, die vielen Frauen hatten alle Blumensträuße in der Hand, und überdies war ihr Haar mit teuern Wässern besprengt. Die Kirche duftete nach ihnen wie eine Apotheke. Es war auch ein wenig kühl. Die Verwalter-Fräuleins, die Zimperlichen, schauerten zusammen im Tüll, doch sonst ging alles sehr schön, wunderbar schön. Der Bräutigam sprach das »Ja« herzhaft aus, daß es nur so schallte unter dem hohen Bogengewölbe, doch die Braut sprach es nur schüchtern und leise, wie wenn eine kleine Fliege summt. Die Arme war am Ende so gerührt, daß sie zu weinen anfing. Dann suchte sie ihr Taschentuch in dem herrlichen, weißen Kleide, doch das hatte ja gar keine Tasche, die gute Seele konnte es durchaus nicht finden. Endlich reichte ihr eine Dame das ihrige, die hinter ihrem Rücken stand und sich jeden Augenblick an ihren Mann wandte mit den Worten: »Wladin, knöpfe dir deinen Rock zu!« Ende.