Ernst Schulze Cäcilie Inhalt: Biographische Vorrede I. Gesang II. Gesang III. Gesang IV. Gesang V. Gesang VI. Gesang VII. Gesang VIII. Gesang IX. Gesang X. Gesang XI. Gesang XII. Gesang XIII. Gesang XIV. Gesang XV. Gesang XVI. Gesang XVII. Gesang XVIII. Gesang XIX. Gesang XX. Gesang An Cäcilie Biographische Vorrede. Ich habe den Auftrag übernommen, die nachgelassenen Gedichte eines jungen Mannes herauszugeben, der mir vor Vielen theuer war. Sein würdiger Vater wünschte es. Der Unvergeßliche selbst würde mir, glaube ich, dieselbe Pflicht auferlegen, wenn unsre irdischen Angelegenheiten ihn noch kümmerten; denn seine Muse ist unter meinen Augen aufgewachsen, und das Zutrauen, das er zu mir hatte, ist unverändert geblieben von der Zeit seines ersten Aufenthalts in Göttingen an bis zu dem Augenblicke, da er mir zum letzten Male die Hand drückte. Ein Urtheil über seine Poesie, ihren hohen Werth und ihre Mängel zu fällen, ist hier nicht der Ort; aber ein Theil der Lebensgeschichte des jungen Dichters steht in so enger Verbindung mit der Cäcilie , die in den beiden ersten Bänden dieser nachgelassenen Gedichte zum ersten Male gedruckt erscheint, daß ich schon aus diesem Grunde eine biographische Vorrede, statt jeder andern, für zweckmäßig halten würde, wenn auch sonst dem Publicum nicht daran gelegen seyn müßte, auch von der Seite des wirklichen Lebens einen Dichter näher kennen zu lernen, dessen Name, wenn mich nicht Alles trügt, so lange mit Auszeichnung genannt werden wird, als unsre Sprache lebt. Die meisten der Notizen, die ich über ihn mitzutheilen habe, verdanke ich der genauen Bekanntschaft mit ihm selbst, die übrigen, die seine Kindheit und seine ersten Jünglingsjahre betreffen, hat mir sein Vater, der Hr. Bürgermeister D . Schulze zu Celle, schriftlich zukommen lassen. Ernst Schulze , mit seinem vollständigen Taufnamen Ernst Conrad Friedrich , geboren zu Celle am 22sten März 1789, schien in seinem Knabenalter mehr Anlage als Neigung zu wissenschaftlichen Studien zu haben. Zu den Arbeiten, die seine Lehrer ihm aufgaben, mußte er angehalten werden. Er verschob sie gewöhnlich bis auf den letzten Augenblick, und that sie dann im Fluge ab. Aber zu drolligen Streichen und zu allen Arten von Leibesübungen war er immer bereit, und deswegen auch unter seinen Bekannten sehr beliebt. Wo die Flucht ergriffen werden mußte, war er unter den Fliehenden der letzte. Im väterlichen Hause ließ Jedermann seiner Herzensgüte Gerechtigkeit widerfahren; aber man versprach sich nicht viel von ihm, weil er zur Besorgung von Aufträgen nicht zu gebrauchen war, seine Bücher verlor, keine Art von Ordnung zu lieben schien. Seine Kleider waren in wenigen Tagen, nachdem sie neu gewesen, beschmuzt und zerrissen. Der Director von dem Gymnasium tröstete den besorgten Vater damit, daß es dem Knaben nur an Fleiße, nicht an Talenten, fehle. Beharrlichkeit zeigte er bei kleinen Liebhabereien, die er eifrig so lange fortsetzte, bis er sie nicht mehr nach seinem Geschmacke befriedigen konnte. Er studirte z. B. die Wappenbücher, mit solchem Fleiße, daß er in seinem vierzehnten Jahre von Malern bei der Verzierung von Särgen zu Rathe gezogen wurde. Aber er verschenkte seine Wappensammlung, wie eine ähnliche Sammlung von kleinen Münzen, als er ein gewisses Ziel erreicht hatte. Die erste Veranlassung zur Entwickelung der Dichtertalente Ernst Schulzens gab sein vertrauter Umgang mit den Söhnen eines geschätzten Oberappellationsraths, der bald nachher die hannoverischen Dienste verließ. In Verbindung mit diesen lebhaften und geistvollen Knaben schrieb er kleine Aufsätze und eine Art von Zeitung, in welcher Familiengeschichten als Hof- und Staatsangelegenheiten behandelt wurden. Seinen Schmerz über die Trennung von diesen Freunden, an denen er enthusiastisch hing, drückte er in einem Gedichte aus, dem ersten von seiner Hand, dessen sein Vater sich erinnert. Jetzt fing er auch fleißiger zu lesen an. Seine Lieblingslectüre wurden Rittergeschichten und Feenmährchen. Ein ansehnlicher Vorrath solcher Bücher fand sich in einer alten Bibliothek auf einem Landgute nicht weit von Celle. Ein Ritterzimmer in dem verfallenen Wohnhause war so ganz nach dem Geschmacke des jungen Dichters, daß er seinen Vater um Erlaubniß bat, dort bei der Pachterfamilie einige Zeit sich aufzuhalten. Unter diesen Umgebungen entwickelte sich seine Phantasie. Der Pachter äußerte die Besorgniß, der junge Mann scheine sich überzustudiren und tiefsinnig zu werden, aber er lobte doch die Hülfe, die ihm der fleißige Bücherleser als Dolmetscher und auf andere Art bei den Durchmärschen der Franzosen leistete, die im Jahre 1803 das hannöverische Land besetzten. Man liebte ihn als einen munteren und herzhaften Burschen. Von einer Reise in das Bad nach Rehburg, wo besonders die jungen Damen ihn sehr interessirt zu haben schienen, kam er noch heiterer zurück. Nun beschäftigte er sich auch ernstlicher mit den gelehrten Studien, durch die er sich auf die Universität vorbereitete. Aber Rechnen zu lernen, wollte er sich nie bequemen. Als die Zeit heranrückte, da er sich zu einem bestimmten Fache entschließen mußte, wählte er die Theologie, wahrscheinlich nur, um doch etwas zu wählen, das zu einem Amte führte, denn gegen die Jurisprudenz hatte er eine eben so entschiedene Abneigung, wie gegen die Medicin. Im Herbste des Jahres 1806 fingen die Universitätsstudien des jungen Dichters, der damals nur eine dunkle Ahnung von seiner natürlichen Bestimmung hatte, in Göttingen an. Ich sah ihn zum ersten Male, als er sich bei mir zu einem Collegium meldete. Sein Aeußeres nahm bei'm ersten Anblicke weder für noch gegen ihn ein. Sein gut gebaueter Körper, von mittlerer Größe, hatte eine feste Haltung, sein regelmäßig gebildetes Gesicht hatte edle Züge, aber sein geistvolles Auge war unstät. In seinem einfachen, geraden und anspruchlosen Betragen lag nichts, das ungewöhnliche Erwartungen hätte erregen können. Aufmerksam wurde ich auf ihn zuerst, als er in einem Practicum, dessen Zweck war, den schriftlichen Styl der Theilnehmer zu bilden, durch Ausarbeitungen sich auszeichnete, in denen Gefühl und Phantasie so zart und so correct sich ausdrückten, wie es sich von einem jungen Mann von achtzehn Jahren kaum erwarten ließ. Das verdiente Lob, das ich ihm öffentlich ertheilte, veranlaßte ihn, nach einiger Zeit mich zu besuchen, um mir einige seiner Gedichte zur Beurtheilung vorzulegen. Es waren Sonette, Episteln und Elegien, mangelhaft von mehreren Seiten, aber an einigen Stellen unübertrefflich, und im Ganzen unbezweifelbare Beweise von wahrem Dichtertalent. Mit dem lebhaftesten Danke nahm er meine Zurechtweisungen an, wo ihre Gründe ihm einleuchteten. Wo das Gefühl entscheiden mußte, vertheidigte er seine Ansichten. Auch dies gefiel mir. Wir wurden immer näher mit einander bekannt. Wieland war damals besonders nach seinem Geschmack, obgleich seine eigne Poesie keinen Zug von der Satyre der Wielandischen hatte. Die Heiterkeit der Wielandischen Poesie, versicherte er mir, habe auf seinen Geist den glücklichsten Einfluß gehabt. Ein strenger Ernst scheine ihm das Leben und die Kunst zu verderben. Er glaube, diese Meinung auch vor einem Professor der Philosophie nicht verbergen zu dürfen, weil er sich nichts vorzuwerfen habe, das eine vernünftige Moral tadeln könne. Auch von Andern erfuhr ich, daß an seinen Sitten nichts zu tadeln sey, außer einem kleinen Leichtsinne, der aber nie leidenschaftlich wurde, und nie die Grenzen des Anstandes und der strengsten Redlichkeit übersprang. Es war ihm nur um eine ganz ästhetische Lösung der Aufgabe des menschlichen Lebens zu thun. Heiter, wie sein Geist, waren alle seine Gedichte. Einer Schwermuth, wie diejenige, in die er nachher versunken war, als er seine Cäcilie schrieb, schien er in den ersten Jahre seines Aufenthalts zu Göttingen gar nicht fähig zu seyn. Ich suchte einiges Interesse für Philosophie in ihm zu wecken. Er hörte die Logik bei mir, aber dabei blieb es; das eigentliche Philosophiren war und wurde nie seine Sache. Desto eifriger legte er sich auf die alte Literatur, da er einsah, daß es für die Theologie nicht passe. Sein Vater hatte nichts dagegen, daß er bald die theologischen Studien ganz aufgab, um sich zum Lehrer der alten Sprachen und der schönen Literatur zu bilden. Aber auch nach dieser Veränderung seines Studienplans interessirte er sich für die Vorlesungen, die er besuchte, nur wenig. Was er lernte, verdankte er fast ganz seinem Privatfleiße. Ein erzählendes Gedicht, Psyche , das er mir stückweise mittheilte, bewies die Fortschritte, die er in der poetischen Behandlung der Sprache und in der Kunst des Styls machte. Von seinen Herzensangelegenheiten vertraute er mir damals noch nichts an, aber nach einem Jahre bemerkte ich, daß er immer ernsthafter wurde. Auch seinem Vater fiel diese Veränderung auf. Er sprach wenig, las viel, schien an den Dingen, die ihn vorher interessierten, wenig Antheil zu nehmen, und erwiderte auf die Frage, was ihm fehle, er sey in seinem Leben nicht glücklicher gewesen. Von Natur ein wenig verschlossen, verhehlte er auch seinen Freunden leicht, was ein Geheimniß seines Herzens bleiben sollte. Aber es verrieth durch die Umstände sich selbst. Seine Phantasie suchte einen Gegenstand, in dem ihm die Idee des Schönen verkörpert erschien. Ernsthafter und in sich gekehrter wurde er schon lange vorher, ehe er die Cäcilie gefunden hatte, die an Leib und Seele seinem Ideale von weiblicher Liebenswürdigkeit entsprach. Indem er bald hier, bald dort, sich näher anzuschließen strebte, war für ihn schon die Lebensperiode vorüber, von der er in einer seiner Elegien sagt: Wahrlich ich habe gelebt! Nicht reut mich die fröhliche Wildheit.     »Fest an die feurige Brust drückt' ich das blühende Seyn, »Küßte die scheidende Lust, und der nahenden lacht' ich entgegen,     »Und zur geliebtesten Braut ward die Minute mir stets.« Während dieser Zeit des Suchens einer Liebe, die sein Herz ausfüllen sollte, bereitete er sich auch mit ernstlichem Fleiße in seinen philologischen Studien auf die Stelle vor, die er in der Reihe der akademischen Privatdocenten einzunehmen wünschte. Unter seinen Bekannten fand er Freunde, die sich in Verbindung mit ihm eben so thätig als er mit der alten Literatur beschäftigten. Mit entschiedener Vorliebe studirte er die Homerischen Gedichte. Einer seiner literarischen Plane war, eine Geschichte der lyrischen Poesie der Griechen zu schreiben. Alle diese Studien trugen nicht wenig dazu bei, seinen Geschmack für das Classische zu bilden, und seine Phantasie vor den gewöhnlichen Verirrungen im Gebiete der Romantik zu sichern. Die echte Romantik wußte er nach ihrem ganzen Werthe zu schätzen. Die Wiedererweckung der deutschen Poesie des Mittelalters freute ihn ungemein. Unter den englischen Dichtern waren ihm Shakspeare und Spencer die liebsten, unter den italienischen Ariost. Auf diese Art erweiterten sich seine Kenntnisse zugleich mit seinem poetischen Gesichtskreise, als er die Cäcilie kennen lernte, die in der Geschichte seines Geistes Epoche macht. Cäcilie, die Tochter eines göttingischen Gelehrten, hatte alle Eigenschaften, die einen jungen Dichter von Ernst Schulzens Denk- und Sinnesart bezaubern mußten. In der vollen Blüthe der Jugend, reizend vor Vielen ihres Geschlechts, von zarter Sittsamkeit, empfänglich für alles Schöne, geistvoll, von hinreißender Lebendigkeit in ihrem ganzen Wesen, zeichnete sie sich auch durch ihren feinen Kunstsinn und ihre Talente aus. Im Zeichnen und Malen hatte sie es schon weit gebracht. Mit Fertigkeit und Ausdruck spielte sie das Clavier und die Harfe. Ihr und ihrer eben so liebenswürdigen Schwester Adelheid sich nähern zu dürfen, wurde des jungen Dichters höchstes Glück. Bald verdunkelte seine Liebe zu Cäcilien alles Irdische in seinen Gedanken. Cäcilie erwiderte seine schwärmerische Zuneigung mit freundlichem Wohlwollen, und mehr bedurfte er nicht; denn eine poetischere und den gewöhnlichen Forderungen der Leidenschaft williger entsagende Liebe kann es nicht wohl geben. Seine Episteln an die Geliebte in der Sammlung seiner Gedichte, die er im Jahr 1813 herausgegeben hat, durften unbedenklich sein Gefühl der ganzen Welt verrathen. Die schöne Schwärmerei, der er sich ganz hingab, verleitete ihn auch zu keinen Thorheiten im wirklichen Leben. Er benahm sich äußerlich, wie vorher, setzte fleißig seine philologischen Studien fort, und wurde nach vorhergegangenem Examen in der philosophischen Facultät zum Doctor und Magister promovirt. Sein Geist blieb heiter auch in seiner Schwärmerei. Was aus seiner Liebe, die gar kein irdisches Ziel hatte, unter glücklichen Umständen auf die Länge geworden seyn würde, ließ sich nicht voraussehen. Aber die schöne Gegenwart, in der er sich so glücklich fühlte, dauerte nicht lange. Die reizende Cäcilie zog sich durch eine Erkältung eine Krankheit zu, die ihrem zarten Körper bald tödtlich zu werden drohte. Die Krankheit nagte beinahe ein Jahr an ihrem Leben. Während dieser Zeit erreichte Schulze's Enthusiasmus für sie seine äußerste Höhe. Die Bewunderung der Seelengröße, die die Kranke bei ihrem Leiden zeigte, machte sie in seinen Augen schon vor ihrem Tode zu einer Heiligen. Sie starb, noch nicht völlig achtzehn Jahr alt. Seit dem Tode Cäciliens ist keine dauernde Heiterkeit wieder in die Seele ihres Dichters gekommen. Aber ein Dichter blieb er auch im Gefühle des tiefsten Schmerzes. In starrer Verzweiflung die schöne Leiche betrachtend, gerieth er auf die erste Idee zu dem Werke, das ihren Namen trägt. Sie zu verherrlichen durch ein Gedicht, auf das er alle geistigen Kräfte wenden wollte, die ihm die Natur verliehen hatte, sollte das größte Geschäft seines Lebens seyn. Er theilte mir seine kühne Idee mit, sobald sein Schmerz ihm erlaubte, davon zu reden. Schon in den Grundzügen der romantischen Erfindung erkannte ich den Dichter nicht wieder, der bis dahin allen Dingen eine erheiternde Seite abzusehen gewußt, mit dem Mysticismus des Christentums sich nie befaßt, überhaupt zur religiösen Poesie weder Anlage noch Neigung zu haben geschienen hatte. Aber er war auch nicht der Vorige mehr. Der Uebergang vom schwärmerischen Glücke zu einem Schmerze, von dem er sich bis dahin keine Vorstellung machen konnte, hatte allen seinen Gedanken eine andere Richtung gegeben. Das Liebliche, an dem seine Phantasie hing, kleidete sich in die Farben der Schwermuth. Der Kampf des freien Gemüths mit dem Schicksale und die religiöse Hingebung des Glaubens an das Göttliche wurden seine Lieblingsideen. Düster und grauenvoll sollte der Hintergrund des großen Gemäldes seyn, an dem seine Phantasie rastlos arbeitete. Das Furchtbare und Schauderhafte sollte im Contraste mit dem Milden und Edeln recht stark hervorstechen. So verlangte es das Gefühl, aus dem das Gedicht hervorging. Die Heftigkeit dieses Gefühls ließ auch keine langsame Ausführung zu. Im Januar 1813 wurde der erste Gesang angefangen. Nicht lange darauf theilte mir der Dichter schon den zweiten mit. Vieles wurde seitdem über Plan und Ausführung unter uns gesprochen. Ich gestand ihm offen, daß ich mit der Erfindung nicht sympathisiren könne. Ich fragte ihn, ob er nicht lieber noch einmal umlenken sollte, um anstatt der seltsamen, von ihm erfundenen Legende eine zu wählen, die vormals Glauben gefunden, aber er hielt fest an seiner Erfindung, besonders um der Rose willen, die für ihn ein Sinnbild des Köstlichsten in der Welt geworden war. Ich glaubte ihm rathen zu müssen, seine Poesie überhaupt ein wenig zusammen zu halten; sich von der Leichtigkeit, mit der er Verse machte, nicht über die Grenzen des inneren Interesse der Dichtung hinreißen zu lassen; besonders die langen Reden und die Gebete abzukürzen; mit dem Wunderbaren nicht so verschwenderisch zu seyn, und der prosaischen Wahrscheinlichkeit schon deswegen, damit nicht auch das Wunderbare sich selbst entkräfte, ein wenig mehr Antheil an der Erfindung zu gönnen. Aber Alles in diesem Gedichte, das unaufhaltbar sich immer umständlicher entwickelte, hing so fest mit dem Gefühle zusammen, das ihm zum Grunde lag, daß dem Dichter, der sonst so gern Belehrung annahm, kein Theil diesem Ganzen unwesentlich und keine Stanze überflüssig schien. Zusätze zu liefern, war er immer bereit. Sprache und Styl unterwarf er der strengsten Kritik, um nöthige Aenderungen zu machen. Aber mit jedem Gesange wurde er immer mehr Meister der Form. In der Kunst der poetischen Beschreibung erreichte er bald die ersten Muster des Alterthums und der neueren Zeiten. Sein Widerwille gegen alles Gezierte und Manierirte war so groß, daß er auch jede Eigenthümlichkeit des Styls verschmähte, sobald ihm etwas Gesuchtes in ihr zu liegen schien. Der einzige Dichter, den er an mehreren Stellen, besonders in den Schlachtgemälden, geflissentlich nachgeahmt hat, ist Homer. Einen Theil dieser Nachahmungen hat er selbst in den Anmerkungen angezeigt. Als die ersten Gesänge vollendet waren, bedauerte er sehr, daß er sich durch Wieland's Beispiel zu den unregelmäßigen Stanzen habe verführen lassen, da ihm die Ausführung des ganzen Gedichts in echten Octaven nicht schwer gefallen seyn würde. Aber die vollendeten Gesänge durch Umarbeitung in regelmäßige Stanzen umzugießen, schien ihm eine frostige Künstelei. Er behielt also, wenn gleich ungern, die metrische Freiheit bei, die er sich einmal genommen hatte. Binnen einem Jahre war das Gedicht bis zum Schlusse des siebenten Gesanges vorgerückt. Nebenher waren ihm noch eine Menge kleinerer Gedichte aus der Feder geflossen. Mehrere der älteren gab er noch in demselben Jahre 1813 in der mir zugeeigneten Sammlung heraus. Während eben dieser Zeit hatte er die alte Literatur nicht vernachlässigt, und mehrere Stunden täglich Privatunterricht im Griechischen und Lateinischen gegeben. Seine Melancholie, die er aber tief in seinem Innern verschloß, wurde noch vermehrt durch Mißverhältnisse, in die er gerieth, als er im Umgange mit gebildeten Frauenzimmern bei der Freundschaft eine Entschädigung suchte, die nirgends in der wirklichen Welt für ihn zu finden war. Seine bis dahin feste Gesundheit fing an zu wanken. Brustschmerzen, zu denen er immer eine Anlage gehabt hatte, machten seine Unpäßlichkeit bedenklich. Ihm selbst schien das Leben fast gleichgültig geworden zu seyn. Aber es war auch nicht etwa der Wunsch, auf eine ehrenvolle Art zu sterben, was ihn gegen das Ende des Jahrs 1813 bestimmte, alle Hindernisse zu überwinden, um als freiwilliger Jäger an der Befreiung Deutschlands Theil zu nehmen. Das Leben verlassen zu müssen, ehe er seine Cäcilie vollendet habe, war ihm ein niederschlagender Gedanke. Aber er sey, meinte er, nicht werth, das Gedicht zu vollenden, wenn er nicht bereit sey, es einem höhern Interesse aufzuopfern. Ungern gab sein besorgter Vater einem Wunsche nach, der den jungen Mann aus seiner natürlichen Bestimmung herausriß. Sobald das Grubenhagische Jägerbataillon unter dem Obersten, damals Oberstlieutenant und Oberforstmeister, von Beaulieu in Göttingen sich bildete, ließ Ernst Schulze als freiwilliger Jäger sich einschreiben. Die völlige Ausrüstung dieses Bataillons zog sich hin bis gegen das Frühjahr 1814. Der treffliche Beaulieu bemerkte bald, daß der Dichter in der Jägeruniform dem Vaterlande auch im Kriege mit der Feder nützen könnte. Er bediente sich seiner in Secretariatsgeschäften, gewann ihn sehr lieb und nahm ihn mit besonderer Auszeichnung in seinen Familienkreis auf. Da die freiwilligen Jäger schon vor dem Ausmarsche wie die übrigen Soldaten des Bataillons einquartirt wurden, ließ es sich einrichten, daß Schulze sein Quartier bei mir erhielt und aus diese Art beinahe zwei Monat mein Haus- und Tischgenoß wurde. Als das Bataillon in's Feld rückte, ging der Marsch zu der alliirten Nordarmee, die den furchtbaren Davoust aus Hamburg und der Gegend vertreiben sollte. Schulze'n begleitete in seiner Jagdtasche eine Handausgabe der Iliade. Er blieb in engerer Verbindung mit seinem verehrten Oberstlieutenant; aber ganz durfte er sich dem gewöhnlichen Soldatendienste nicht entziehen, obgleich seine Kurzsichtigkeit ihn mehr Gefahren als Andere aussetzte. Einen komischen Brief schrieb er mir, als er des Nachts auf einem Vorposten unweit einer französischen Schanze Betrachtungen über Dichter- und Soldatenglück angestellt hatte. Sein Geist erheiterte, seine Gesundheit stärkte sich unter den militärischen Beschwerden und Entbehrungen. Nach dem Abzuge der französischen Armee unter Davoust hatte er das Vergnügen, mit seinem Bataillon in das befreiete Hamburg einzurücken. Aber mit dem Frieden kehrte sein Trübsinn zurück. Wer seine Verhältnisse näher kannte, mußte wünschen, daß er Göttingen so bald noch nicht wiedersähe. Aber er war nicht zu bewegen, einen andern Ort zu wählen, um eine künftige Bestimmung abzuwarten. In Göttingen wollte er seine Cäcilie vollenden und seine philologischen Studien so lange fortsetzen, bis er eine Professur erhielte. Ungern sah ich meinen jungen Freund wieder, so lieb mir auch seine Gegenwart war. Die alten Mißverhältnisse, in die er wieder gerieth, setzten ihn in eine peinliche Spannung. Was er von Gesundheit und Heiterkeit aus dem Feldzuge mitgebracht hatte, ging bald wieder verloren. In seiner düstern Stimmung glaubte er verkannt und geringgeschätzt zu werden, wo er Liebe und Vertrauen erwartete. Gram und Mißmuth bemächtigten sich seines ganzen Gemüths. Er zog sich immer mehr von den Gesellschaften zurück, um ungestört zu arbeiten und zu dichten. Die öffentlichen Vorlesungen, die er über alte Autoren zu halten anfing, schienen wenig Beifall zu finden, weil ihm das Talent des freien Vortrags fehlte. Desto mehr wurde sein Privatunterricht im Griechischen und Lateinischen von den Studirenden gesucht und geschätzt. Die Cäcilie rückte mit unglaublicher Schnelligkeit vor. Da ihm ein guter Vers wenig Mühe kostete, ließ er sich zuweilen auch ohne Weigerung zu Gelegenheitsgedichten, um die er oft angesprochen wurde, bereit finden, sobald er glaubte Jemandem eine Freude damit zu machen. Als er einmal ein solches versprochenes Gelegenheitsgedicht bis auf den letzten Augenblick verschoben hatte, und ihm nichts in den Sinn kommen wollte, was er in Reime bringen mochte, fiel ihm plötzlich ein, aus dem Gedichte ein Akrostichon zu machen und auf diese Art einem schon theuern Namen zu huldigen, wovon der Mann, dem das Gedicht bestimmt war, nichts ahnen durfte. Sogleich stellten sich die nöthigen Gedanken ein. In einer halben Stunde war das Geschäft beendigt. Zu den vorzüglichsten der kleinern Gedichte Schulzes gehören mehrere lyrische aus dieser Periode. Die Cäcilie wurde mit dem zwanzigsten Gesange vollendet im December 1815. Das ganze Gedicht ist also in drei Jahren entstanden, von denen der Feldzug über sechs Monate weggenommen hat. Seit dieser Zeit fing der Dichter, dessen Herz so fest an Göttingen hing, selbst einzusehen an, daß er andere Luft athmen müsse, um sich an Leib und Seele zu erholen. Einige seiner Freunde, die ein glückliches Zusammentreffen von Umständen nach Rom geführt hatte, luden ihn zu sich ein. Italien wurde nun das nächste Ziel seiner Wünsche. Vieles, in Beziehung auf sein bürgerliches Glück, ließ sich gegen diese Reise einwenden, aber sein liberaler Vater, der ihm die nöthigen Vorstellungen darüber machte, trug zuletzt auch kein Bedenken mehr, ihm die Reisekosten zu bewilligen. Unterdessen arbeitete seine Phantasie schon an einem zweiten romantischen Gedichte, das von nicht kleinerem Umfange, als die Cäcilie, aber durchaus heiter seyn und mit Ariost's Roland eine gewisse Aehnlichkeit haben sollte. Dieses Gedicht, meinte er, könne ihm nirgends besser als in Italien gelingen. Während des Sommers 1816 beschäftigte er sich mit Vorbereitungen auf die Reise und mit fleißiger Fortsetzung seiner philologischen Studien. Im Herbste 1816 machte er noch eine Wanderung zu Fuß durch die Rhein- und Main-Gegenden. Aber diese Reise, auf der er, wie immer, um seine Gesundheit wenig bekümmert war, beschleunigte wahrscheinlich die Auflösung seines Körpers. Bald nach seiner Zurückkunft nahmen seine Brustschmerzen zu, seine Kräfte ab. Dessen ungeachtet arbeitete er eben so fleißig, wie vorher. Schon sehr erschöpft, schrieb er noch das Gedichte Die bezauberte Rose , durch das er das Höchste leisten wollte, was er in der Kunst des Styls und des Versbaues vermöchte. Sobald es vollendet war, schickte er es anonymisch nach Leipzig zur Concurrenz um den Preis, der auf die beste poetische Erzählung gesetzt war. Im Frühling 1817 wollte er die Reise nach Italien antreten. Wie alle Schwindsüchtigen, ahnete er nicht die Nähe seines Todes. Seine Krankheit nahm so schnell zu, daß er den Frühling nicht erleben zu können schien. Als der Frühling kam, erholte sich der Kranke gegen alle Erwartung seiner trauernden Freunde noch einmal so weit, daß er, obgleich mit großer Beschwerde, die Abreise nach Celle in das väterliche Haus ertragen konnte. Ich sah ihn zum letzten Male. Keine Pflege und keine ärztliche Hülfe konnte ihn retten. Als er den Preis für die bezauberte Rose erhielt, freuete er sich zwar, sagte aber dabei, daß er an dem Gedichte nichts als die Verse hübsch finde. Er starb in Celle am 26sten Juni 1817, im neun und zwanzigsten Jahre seines Alters. Was die an ihm verloren haben, die ihn näher kannten, kann ihnen die Ehre, die seinem poetischen Nachlasse zu Theil werden wird, nicht ersetzen. Ernst Schulze war ein Mann von edler Seele, voll männlichen Selbstgefühls, aber nie sich selbst, am wenigsten seine Talente überschätzend, verschlossen, aber unverstellt, kein philosophischer Geist, aber wahr in seinem Innersten, ein Todfeind der Lüge, des Trugs, der Schmeichelei und der Zweideutigkeit im Reden und Handeln, freigesinnt und ohne Furcht, fest und treu in der Freundschaft, standhaft bis zum Eigensinn in seinen Entschlüssen und verständig in allen gewöhnlichen Verhältnissen des Lebens, sehr empfindlich gegen Beleidigungen, aber jede Rache in eigenen Angelegenheiten verachtend, überhaupt wenig besorgt um sich selbst, zu wenig um sein äußeres Glück, desto bereitwilliger zu Aufopferungen und Entbehrungen, wo es galt, ein Ziel zu erreichen, das ihm eines liberalen Mannes würdig schien. Dem Abdrucke der Cäcilie ist die Handschrift zum Grunde gelegt, die der Dichter selbst den Aeltern der Geliebten, deren Namen das Gedicht trägt, übergeben hatte. Veränderungen, die er nachher noch mit dem Werke vorgenommen hätte, haben sich unter seinen Papieren nicht gefunden, zwei Stanzen zum letzten Gesange abgerechnet, die am rechten Orte eingeschaltet worden sind. Göttingen am 20sten März 1818. Bouterwek . Erster Gesang. 1.                           Du zartes Bild, das aus dem schönern Leben So freundlich oft zu mir herniedertaucht, Das Mild' und Kraft und Reinheit mir gegeben Und ew'ge Liebe mir in's tiefe Herz gehaucht; Du Heilige, die einst zum dunklen Raume Der trüben Welt aus himmlischem Gefild Herabgeschwebt und leis' im sel'gen Traume Das ferne Licht der Zukunft uns enthüllt;   2. Cäcilie, du früh verwelkte Blume, Die schöner jetzt im stillen Heiligthume Der unbewölkten Lust, von goldnem Glanz umwebt, Den reinen Kelch zum ew'gen Strahl erhebt; O sende freundlich du den linden Duft hernieder, Erfrische mit dem Thau verklärter Seligkeit Den Blüthenkranz der zarten Lieder, Den fromme Wehmuth jetzt auf deinen Hügel streut.   3. Denn als ich stumm an deinem Lager kniete Und hoffnungslos mit meinem Kummer rang, Als heißer Schmerz in jeder Ader glühte, Und dann mit eis'gem Arm Verzweiflung mich umschlang, Als jeder Engel floh, der früher mich bewachte, Kein Stern des Trostes mich zum schönern Glauben rief, Als jede Thrän' im starren Auge schlief, Und kalter Hohn im öden Herzen lachte:   4. Da blickt' ich auf zu dir, und sieh', ein zarter Glanz Umwob den keuschen Mund, den Schnee der bleichen Wangen, Rings schwebt' ein sel'ger Geist, wie leichter Weste Tanz, Und süßer Schlaf hielt friedlich dich umfangen. Die Stirn umduftete der Myrte blüh'nder Kranz, Des Lebens frische Zier schien um den Tod zu prangen, Und Thränen fand mein Blick; des Glaubens lichte Spur Verfolgt' ich fromm und that den großen Schwur:   5. Nicht ungenannt sollst du von hinnen scheiden, Dein Staub soll nicht im Sturm der Zeit verwehn. Der Enkel soll an deinem Bild sich weiden, Verherrlicht sich in dir die Jungfrau sehn. Was mir die Gunst der Himmlischen verliehen, Soll ewig, unverwelkt, auf deinem Grabe blühen, Und was Begeistrung mich in kühnen Träumen lehrt, Sey meiner Lieb' und deines Reizes werth.   6. Und als mich jetzt die heil'ge Nacht umgraute, Worin die Seele sich dem Himmel näher glaubt, Als ich empor zu jenen Sternen schaute, Die, einst so oft mein Trost, mir Alles jetzt geraubt, Da weht' es sanft wie Säuseln einer Laute; Ein überird'scher Glanz umleuchtete mein Haupt, Und geistig floß mit strahlendem Gefieder Dein hellverklärtes Bild aus lichten Wolken nieder.   7. Die freie Stirn umwand ein frischer Eichenkranz, Der stolze Schmuck der vaterländ'schen Haine. Kühn flammt' in deinem Blick gleich regem Nordlichtsscheine Die Phantasie mit heilig ernstem Glanz. Die Harfe, die so oft das fessellose Schweben Der Macht, die dich erhob, in raschem Schwung gefühlt, Lag leuchtend dir im Arm, vom goldnen Licht umspielt, Und rauschend klang der Saiten irres Leben.   8. Mild reichtest du und freundlich mir die Hand, Und schnell den dunklen Pfad der Träume Flohn wir dahin durch luft'ge Räume, Und tief in Nebelduft verschwebte Meer und Land. Lang schwammen wir bei bleichem Sternenschimmer Durch bunte Wolken auf und ab, Und senkten dann auf öde Felsentrümmer Am Strand des weiten Meers den kühnen Flug hinab.   9. Sieh, da begann die Fluth sich zu erhellen, Ein zarter Silberduft umschwamm den nächt'gen Flor, Und friedlich taucht', aus fernen Meereswellen Aufzitternd, durch's Gewölk der stille Mond empor. In irrem Kampfe rang das Düstre mit dem Milden, Und siegend flog die kühne Zauberin, Die Phantasie, auf bunten Luftgefilden, Halb Licht, halb Nacht, durch Erd' und Himmel hin.   10. Da breitete das dunkle Reich der Sage Geheimnißvoll vor meinem Blick sich aus; Gigantisch hob sich aus dem nächt'gen Graus Das kühne Riesenbild der alten Heldentage. Und sehnsuchtsvoll mit mächt'gem Flügelschlage Schwang sich mein trunkner Geist in's ferne Land hinaus; Laut klang der Harfe Gold, um meine Lippen bebte Dein Kuß, Cäcilie! und dein Gebild entschwebte.   11. Und hoch vom drohenden Gestein Blickt' ich hinab in ferne Thäler: Gewaltig trotzten rings der Vorzeit Riesenmäler, Das laute Horn erklang im heil'gen Eichenhain, Fern durch die Haiden kam der rauhe Sturm geflogen, Dumpfrauschend schwoll der Fichte Wehn daher, Und zürnend schlug mit breiten Wogen Den schroffen Felsendamm das hochgethürmte Meer.   12. Und luft'ge Geister sah ich walten, Dem trüben Nebel gleich, in bleichen Dunst gehüllt, Die Zaubernorne schlich Die Zaubernorne schlich – Nornen hießen die Schicksalsgöttinnen der nordischen Volker. Ihre Namen waren: Urd, Werande und Skuld: Vergangen, Gegenwärtig und Zukünftig. Später maßten sich aber auch die Wolen (Prophetinnen und Zauberinnen) den Namen Nornen an. Zur Unterscheidung von jenen Göttinnen des Verhängnisses können sie also Zaubernornen genannt werden. S. Abhandlung über die Nornen in Gräter's nordischen Blumen. in wechselnden Gestalten Dumpfmurmelnd sich durch's nächtliche Gefild, Der Elfen leichter Schwarm umtanzte Halm und Bluten, Die Nixe sang in kühler Felsenkluft, Und laut herab aus finstrer Luft Begann das wilde Heer durch Wald und Thal zu wüthen.   13. Da rang ein Schiff durch ferne Fluth sich fort, Beschäumt zerstob die Wog' am spitzen Kiele, Die Wimpel flatterten bewegt vom luft'gen Spiele, Und schaurig saust' im Segeltuch der Nord; Im tiefen Schlummer lag um's halberloschne Feuer Die rüst'ge Mannschaft her, nur wacht' im hintern Raum Der späh'nde Schiffer noch, und ächzend brach das Steuer In seiner Hand der Wogen wilden Schaum.   14. Tiefsinnig saß, auf ihre Hand sich lehnend, Das zarte Haupt in weißen Flor Verhüllt, ein Fräulein da und blickte still und sehnend Bald in die Fluth hinab, zum Himmel bald empor. Gleich Blüthen, die in Edens Lauben Zum ew'gen Schmuck der reinen Engel blühn, Schien sich ein heil'ger Kranz aus Unschuld, Lieb' und Glauben Mit mildem Licht um ihre Stirn zu ziehn.   15. Habt ihr den ersten Glanz des frühen Strahls gesehen, Wenn er empor sich schwingt an blauen Himmelshöhen Und mit dem Graun der Nebelwogen spielt? O habt ihr dann das Wehn der Düfte, Den linden Kuß der neuerwachten Lüfte, Des reinern Lebens frischen Hauch gefühlt? So paarte still in ihrem Bilde Sich adlich kühner Stolz mit himmlisch reiner Milde.   16. Und ihr zur Seite saß mit düsterm Angesicht, Die wunde Brust vom blut'gen Tuch umzogen, Ein junger Mann. In's wilde Spiel der Wogen Entsank sein starrer Blick und hob zu Gott sich nicht. Um seine Schultern floß, aus Gold und blauer Seide Gewebt, ein Sängermantel hin, Und prangend hing, der Lieder Kunst Gewinn, Auf seiner Brust manch köstliches Geschmeide.   17. Wie feindlich bald dem Sturme zugesellt Ein schwarz Gewölk den bleichen Mond umkränzet, Bald wieder frei die goldne Scheibe glänzet Und still des leisen Thau's einsamen Pfad erhellt, So schwebte bald mit nächtlichem Gefieder Trostloser Schmerz um seinen matten Blick, Bald kehrte mild ein sanft'rer Strahl zurück, Und leuchtend floß der Wehmuth Thräne nieder.   18. Und auf die Harfe fiel sein Auge, die zerstört Im Schooß' ihm lag, und heiß're Thränen rannen. Er sucht' umsonst die Saiten aufzuspannen, Die einst so oft ihm Schmerz und Lust gewährt. Doch als kein zarter Klang mit seinem Kummer kos'te, Warf er das Spiel erzürnt in's weite Meer hinaus, Und streckte dann ach! nach dem letzten Troste Der trüben Brust den Arm vergebens aus.   19. Du dauerst mich, begann mit sanftem Tone Cäcilie, dir fehlt das friedliche Gemüth, Das heiter, wenn die Lust mit ihrer Blumenkrone Dir winkt, still bei des Schicksals Hohne, Dort bei dem Jetzt verweilt und hier die Zukunft flieht. Rasch strebst du fort, wenn unter duft'gen Blüthen Dir Ruh' und Glück ein freundlich Obdach bieten, Und weilst, wenn heiß um dich des Unglücks Kampf entglüht.   20. O kannst du nicht empor zu jenen Sternen blicken, Die freundlich ihren Strahl uns schicken? Kann sich dein Geist zu jenen blauen Höhn, In's heil'ge Land der Hoffnung nicht erheben, Wo, bald den Schmuck des Sieges uns zu geben, Mit kühlem Duft die ew'gen Palmen wehn? Was frommt es dir, des Schmerzens Gift zu trinken, Wenn mit des Trostes Kelch dir Glaub' und Friede winken?   21. Sprich, welch ein schöner Muth begeisterte dich jüngst, Als ohne Schild, mit unbewehrtem Haupte Du in den Kriegerschwarm dich stürztest, der mich raubte, Und kühn für mich dem Tod entgegen gingst? Und jetzt, da uns der Tod beschieden, Senkst du verzagend dich in finstern Gram hinab? O sey getrost, wir nahn dem ew'gen Frieden: Was uns die Welt versagt, gewährt uns bald das Grab.   22. O Heilige! rief jetzt mit bittern Thränen Der Jüngling aus, wie kannst du wähnen, Mein Schicksal kränke mich allein? Ach! dich, an der mit ewigem Verlangen, Mit heil'ger Treu mein liebend Herz gehangen, Dich hingeschleppt zum fremden Götzenhain, Geopfert dich zu sehn, das sollt' ich Aermster tragen Und nicht an mir und selbst an Gott verzagen?   23. Ich weiß es wohl, du hast mich nie geliebt; Ach! dich kann nie ein sterblich Band umwinden. Du bist zu schön, zu rein von allen Sünden; Nie hat ein ird'scher Hauch dein heil'ges Herz getrübt, Im Himmel nur kannst du die Seele finden, Die rein zurück, was du ihr reichtest, gibt; Doch ach! des Menschen Sinn hängt hoffend an den Sternen, Glänzt ewig auch ihr Licht in nie erreichten Fernen.   24. Oft zwar verhieß ein stiller Wahn es mir, Einst kam' ein sel'ger Tag, wo meiner ew'gen Liebe Dein weiches Herz nicht mehr verschlossen bliebe; Es war ein schöner Traum – den Traum auch dank' ich dir. O wär' ich jüngst im Kampf für dich erschlagen, Dann hätte dich mein Tod vielleicht betrübt! Auch das ist mir versagt! Jetzt muß ich ungeliebt Und trostlos Lebewohl dir sagen.   25. Nahm mir das Schicksal nicht schon jetzt die einz'ge Lust, Den letzten Trost, dir Freude zu bereiten? Die Harfe liegt zerstört, zerrissen sind die Saiten, Und jedes Lied verstummt schon längst in meiner Brust. Oft sah ich sonst dein Auge sich verklären, Wenn dir mein Lied im Herzen wiederklang, Und reiner machte dann und heil'ger mich dein Dank; Wohlan, es sey! Ich will auch dies entbehren!   26. Er sagt's und hüllt den nassen Blick Tief in den Mantel ein und schweigt in stummer Trauer; Sein mattes Haupt sinkt auf die Hand zurück, Laut seufzt er auf, und kalte Fieberschauer Durchrieseln sein Gebein. Ach! eine düstre Mauer Trennt ewig ihn von Licht und Lieb' und Glück. Hier, denkt er, konnt' ich doch an ihrem Reiz mich weiden, Dort wird ihr heil'ger Glanz zu weit von ihr mich scheiden.   27. O Reinald! ruft mit tief bewegtem Ton Das Fräulein jetzt, wie kannst du mich so kränken? Durft' ich für deine Treu denn Täuschung dir zum Lohn, Durft' ich ein halbes Herz für dein Gefühl dir schenken? Ehrt' ich nicht stets den theuren Freund, Den Bruder nicht in dir? Verklagte Nicht oft mein Herz sich selbst, daß Lieb' es dir versagte? Hab' ich nicht selbst bei deinem Schmerz geweint?   28. Hat je dein Geist der Sterne Pfad ergründet, Die friedlich ziehn auf nie verrückter Bahn? Der eine darf dem andern nimmer nahn, Wenn ein Gesetz sie nicht verbindet. Fern grüßt nur Strahl und Strahl sich durch den weiten Plan. So folgt das Herz der Vorsicht ew'gen Wegen; Wohl Manchem neigt es sanft und traulich sich entgegen, Doch Einem nur ist's ewig unterthan.   29. O warum mußtest du mit meinem Pfad den deinen, Dein Loos mit meinem Loos vereinen? Zu weit hat uns der ew'ge Rath getrennt. Du solltest frei durch's sorgenlose Leben, Leicht auf dem Wellentanz des raschen Zufalls schweben, Der flücht'ge Lust und flücht'gen Schmerz nur kennt; Mir ward bestimmt, durch Nebel hinzuschreiten Und selbst, mein eigner Stern, mich durch die Nacht zu leiten.   30. Begreifst du jene Macht, die herrschend in der Brust Dahin mich reißt zum unbekannten Ziele? Kannst du den ew'gen Schmerz, die wunderbare Lust, Den nie gestillten Kampf allmächtiger Gefühle, Der in mir lebt, verstehn? O nein, du kannst es nicht; Dich hält die Phantasie mit süßem Band hienieden Und wandelt dir die Welt zum zarten Traumgesicht; Mich zieht's durch Sturm und Streit empor zum ew'gen Frieden.   31. Nicht stets war so mein Blick zur Ferne hingewandt, Auch ich hielt einst das Seyn mit Liebesarm umfangen; Froh tändelt' ich mit Lust und mit Verlangen, Durchirrte süß erstaunt der Täuschung Zauberland. Erst jüngst ließ meinem Geist ein höh'res Ziel sich schauen, Zerrissen sank der trübe Schleier hin. Du bist mein Freund, und deinem zarten Sinn Will ich mein Heiligstes vertrauen.   32. Die Nacht vorher, eh' ich in's ferne Land Den Zug begann, die Schwester auszuspähen, Die so geheimnisvoll aus unsrer Burg verschwand; – Ach! Adelheid, dich sollt' ich nimmer wiedersehen. In jener Nacht, als ohne Schlaf ich lag, – Zu wach erhielt mich noch des Tages irres Treiben – Und still bewunderte, wie auf den bunten Scheiben Im wunderbaren Spiel der helle Mond sich brach:   33. Da zuckt' es schnell gleich farb'gen Zauberflammen Vor meinem Blick, des Mondes flücht'ger Glanz Rann zarten Blüthen gleich zusammen, Und zitternd wob aus ihm sich rings ein luft'ger Kranz, Und vor dem Kranze floß gleich einem Silberschleier Ein wogend Licht herab, und so wie leis' empor Der Rose Bild sich neigt im sanft bewegten Weiher, So trat aus jenem Glanz ein göttlich Weib hervor.   34. Hast du wohl je, wenn still auf säuselndem Gefieder Die laue Dämmrung schwebt, und leicht durch Thal und Hain Auf Halm und Blüthen sich der Elfen Gaukelreihn Gleich bunten Funken wiegt, und alle Blumen wieder, Dem Schlaf entweckt durch leise Zauberlieder, Aus neu enthülltem Kelch den zarten Hauch verstreun, Hast du wohl dann des Duftes rege Wogen Mit durst'gem Athemzug tief in die Brust gezogen?   35. So weht' es um mich her; und sieh', das hehre Weib, Es nahte still. Von goldnen Sternen glänzend Wob sich ein blau Gewand um ihren schlanken Leib, Und durch die Locken floß mit duft'gem Licht sie kränzend Ein geist'ger Blumenschmuck. Halb wohnte Seligkeit In ihrem Blick, halb wehmutsvolles Sehnen; Dem Engel schien sie gleich, der, göttlich selbst in Thränen, Ein Traumgebild von ird'schem Wahn bereut.   36. Sie winkte mir, und wie bei Sturmes Walten Bildsamer Schaum sich regt auf raschem Wellenspiel, So schien aus bleichem Duft im ringenden Gewühl Ein Luftgesicht sich mir traumähnlich zu entfalten. Rings wanden magische Gestalten Sich aus der Dämmrung los, und als der Nebel fiel, Der um den Kampf sich wob, sah ich im raschen Leben Ein wunderbares Bild vor meinen Blicken schweben.   37. Des Krieges Flamme brannte wild, Das Erz erklang, hell blitzten Schwert und Speere, Verderblich wälzte rings sich gleich dem hohen Meere Die Schlacht durch's bebende Gefild, Hoch flatterte dem einen Heere Des Kreuzes Schmuck voran; ein frommes Götterbild Hob drohend auf der andern Seite Die eh'rne Kolb' empor, als rüst' es sich zum Streite.   38. Gewaltig drang die Schaar der Heiden vor; das Feld War rings von Christenblut geröthet, Schon wich das Kreuz zurück, zu dem sie fromm gebetet, Schon weht's in Feindes Hand. Da tobt ein fremder Held Durch's laute Schlachtgewühl, rings stürzen Schaaren nieder, Wohin sein Roß ihn trägt, schon prangt In seiner Hand die heil'ge Fahne wieder, Der Gott der Heiden sinkt, und seine Rotte wankt.   39. So stürzt mit mächt'gem Sprung, die Beute zu erhaschen, Der Löw' aus finstrer Felsenkluft; So schwingt in Sturm gehüllt ein dunkler Geist der Luft Blitzschleudernd sich daher und peitscht mit schwarzen Schwingen Das Wuthgeheul des Meers. Mit farb'gem Licht geschmückt Schien um des Ritters Helm ein Feuerkranz zu blühen, In seinem Blick des Cherubs Zorn zu glühen, Der weit das Flammenschwert durch alle Himmel zückt.   40. Verzagend flieht in ihre Veste Der Heiden trotz'ge Schaar; doch Mauern frommen nicht Vor Gottes Rächerzorn. Das Band der Thürme bricht, Zusammen stürzt das Thor, hoch lodern rings Paläste In rother Gluth empor, und Odin's Altar sinkt. Und Odin's Altar sinkt . – Odin war der höchste Gott der nordischen Völker, die Sonne des Lebens, die Sonne unter den Göttern und die Sonne am Himmel, wie Gräter ihn in seinen mythologischen Briefen nennt. Bragur, B. 7. Abth. 2. S. 21. Er war, wie der Jupiter der Griechen, das Wesen, welches zuerst den eigentlich mythischen Götterkreis eröffnet, da die früheren nordischen Gottheiten, wie die ersten Generationen der griechischen Götter, nur physische Ideen versinnlichten. Daß er eine historische Person sey, scheint ziemlich ausgemacht zu seyn. S.  Saco Grammat. Lib. I. p. 13. 14. ed. Klotz . Doch horch', in heil'ge Ruh zerrinnen Des Krieges Klänge jetzt, im Strahl der Sonne blinkt Siegprangend schon das Kreuz hoch von den Tempelzinnen.   41. Und staunend sah ich jetzt aus fernem Nebelmeer, Ich selbst, mein eignes Bild entbeben; Es nahte sich mit leisem Schweben, Und um den Ritter schlang's die Arme liebend her, Der blutig, bleich und ohne Leben Im Kranz des Sieges lag. Da senkte schwarz und schwer Sich ein Gewölk herab. Doch sieh, zwei neue Sonnen Entglühten durch die Nacht – und Alles war zerronnen.   42. Du siehst, mein Pfad ist mir von höhrer Hand gezeigt: Mich darf nicht ird'sche Lieb' umfahen; Mein Herz muß unverwelkt dem schönen Ziel sich nahen Und werth des Kranzes seyn, den nicht die Welt mir reicht. Sprich, soll die Blüthe sich nicht freuen, Wenn sie die Hülle löst, die nächtlich sie umgiebt? O weine nicht, du hast mich treu geliebt, Du wirst mein Glück, dein Leiden mir verzeihen.   43. Sie spricht's und reicht mit hellem Blick Dem Schweigenden die Hand. Schon zog der schwarze Schleier Der Nacht allmählig sich zurück, Und glühend wob ein rosenrothes Feuer Sich um des Himmels Saum: da hebt die heil'ge Gluth Sich zitternd aus dem Meer; aus leichtem Wellentanze Sprühn Funken rings empor; rein schwimmt in heiterm Glanze Die blaue Luft, im Purpurschein die Fluth.   44. O süßes Licht, du zauberische Helle! Wie schön bist du, des Lebens Schöpferin! Wie fließt aus deinem goldnen Quelle Gedeihn und Kraft auf alle Wesen hin! In deinem Strahl sucht jedes Blatt zu grünen, Die Blume strebt empor, sich deines Blicks zu freun, Gedanken, voll von Kraft, hauchst du dem Weisen ein, Machst den Verzagten stark und kühner noch den Kühnen.   45. Der Sänger blickt empor, in seinem Auge bebt Der goldne Strahl und wiegt mit lichtem Scheine In seinen Thränen sich. O sieh, wie sie entschwebt Auf reinem Pfad, die Ewigreine! Ruft er begeistert aus; zu ihrem Glanz vermag Kein kühner Blick sich zu erheben; Doch blühend folgt das frische Leben, Und Duft und Farb' und laue Mild' ihr nach.   46. O kannst du mir verzeihn, daß ich im ird'schen Traume Dein keusches, dein geweihtes Bild umfing, Daß lastend ich, wie ein Gewölk am Saume Des hehren Lichts, an deinem Leben hing? Nein, du bist frei, ich will nicht länger weinen, Ich habe Gott in seinem Glanz gesehn. Ach, jetzt wirst du mir doppelt schön, Doch doppelt heilig auch erscheinen!   47. Indeß erwacht beim ersten Strahl Der rüst'gen Räuber Schaar. Rauh rasselt rings das Eisen Um ihre Glieder her, hell blinkt im glatten Stahl Der Sonne Glanz, und wilde Lieder preisen Den früh erwachten Gott. Stolz aus der Mitte rafft Sich Skiold, ihr Führer, auf, ein Held geübt im Ringen, Im Kampf der Streitaxt kühn, und stark, den mächt'gen Schaft Weitsausend durch die Luft auf seinen Feind zu schwingen.   48. Vom Belt bis hin zum Inselmeer Des fernen Orients schweift irrend er umher, Der Freunde Schild, der Feinde Grauen; Oft sahn Hispaniens, oft Welschlands blühnde Auen Erbebend seine Wimpel nahn. Fest war sein Sinn wie Stahl, wild gleich dem Meersorkan; Ihm schien's ein leichtes Spiel, sein Leben Für Freund und Vaterland und Odin hinzugeben.   49. In ehrner Rüstung tritt der Held Vor das gefangne Paar, und auf das Fräulein fällt Gedankenvoll sein Blick. Dich hat im finstern Zorne, Beginnt er jetzt, die böse Norne Hinausgelockt zur blauen Fluth. Schön bist du wie der Mond, schlank wie das Reh der Haide, Rein wie der Wiesenquell. Doch seine heil'gen Eide Brach Skiold noch nie, und Hertha fordert Blut Und Hertha fordert Blut – Hertha, nordisch Jördt, die Mutter Erde, oder Rinda, der Erdkreis, war die erste Gemahlin Odin's. Bragur am a. O. Daß Menschenopfer unter den skandinavischen Völkern sehr gewöhnlich waren, zeigt sich überall. S. Saxo Gramm. L. III. p. 48.  Bartholin. Antiq. Dan. Lib. II. Cap. VII. p. 389. Lib. III. Cap. III. p. 662 . .   50. Denn als auf Roskilds Höhn Denn als auf Roskild's Höhn . – Das Alter der Stadt Roskild reicht in die grauesten Zeiten. Nach Saxo Gramm. Lib. II. p. 37. wurde sie von Reo, dem elften dänischen König, lange vor der christlichen Zeitrechnung erbaut. – Auf's schwarze Roß der Wellen . – In Regner Lodbrog's Todesgesang, Stanze 5, heißen die Schiffe segelnde Rosse. So sagt ja auch schon Homer Odyss. IV. 708. von den Schiffen: . . . . . αίθ' αλὸς ίπποι ’Ανδράοι γίγνονται. – – , den tapfern Kampfgesellen Zur Beute, jüngst mein heller Schild erklang, Und fröhlich dann auf's schwarze Roß der Wellen Das rüst'ge Volk der Fluth sich schwang, Da bohrt' ich meinen Speer tief in den Grund und weihte Der Göttin heiligem Altar, Wenn mit der kühnen Kriegerschaar Ich siegend heimgekehrt, das Blut der ersten Beute.   51. Ich ehr' euch, weil ihr nicht vergebens zagt und weint; Wohl nenn' ich euch aus altem Stamm entsprossen. Dem Tapfern ist der Tod ein Freund Verachtung des Todes war ein Hauptzug im Charakter der nordischen Völker. – Schon Tacitus bemerkt, daß die Religion Theil hieran hatte. Annal. XII. 34. »Während Caractatus (der Fürst der Britannier) dieses sagte, rief ihm das Volk zu: Jeder sey durch die Religion verbunden, weder vor Waffen noch vor Wunden zu weichen.« Es war den Skandinaviern schimpflich, auf eine nicht gewaltthätige Art zu sterben. Daher erkaufte sich auch der berühmte Kämpfer Starkather (eigentlich Starködder) gegen das Ende seines Lebens jemanden, der ihn umbrachte. Saxo Gramm. Lib. VIII. p. 235 . Wer nicht auf dem Schlachtfelde geblieben war, ruhete in Nifelheim (Nebelheim) im düstern Reiche der Hela (des Todes) in ewiger Vergessenheit. Diejenigen aber, die durch das Schwert gefallen waren, kamen nach Walhalla (Halle der Erschlagenen), dem Sitze des Odin, wo sie in ewigen Gastmählern und Kämpfen die Genüsse und Beschäftigungen ihres Lebens wiederfanden. S. Abhandlung über Walhalla in Gräter's nordischen Blumen. Die Walkyren (Todtenwählerinnen) waren die Göttinnen des Todes und der Schlacht, aber nach einer weit edleren Idee, als die Homerischen Kären. Sie ritten als reizende Jungfrauen, bewaffnet, in die Schacht, führten die Gefallenen nach Walhalla und bedienten sie dort an Odin's Tafel. S. Abhandlung über die Walkyren in Gräter's nordischen Blumen. Weitläufig handelt über alle diese Gegenstände Bartholin in seinem gelehrten Werke: De causis contemtae a Danis mortis . ; Wo Großes je geschah, da ist auch Blut geflossen. Den Feigen, der dem Kampf' entflieht, Birgt Helas düstres Reich. Euch werden die Walkyren Zu Odin's Göttertafel führen, Wo einst beim Heldenmahl auch Skiold euch wieder sieht.   52. Was Freud' euch noch im kurzen Leben Gewähren mag, das sagt getrost mir an; Was euch der Normann geben kann, Das wird er treu und redlich geben. Wohl selber freut' ich mich, wärt ihr im Sachsenreich Daheim in eurer Väter Hallen, Und wär' ein rüst'ger Feind für euch Zum Opfertod in meine Hand gefallen.   53. Das Fräulein schweigt; nicht dürfen Lust und Schmerz Sie ferner noch mit ird'schem Hauch berühren; Doch ungern will des Sängers Herz Im Tode selbst des Lebens Trost verlieren. Ich acht' euch, spricht er kalt, ihr scheint ein Held zu seyn. Gern spräch' ich zwar zu euch nur mit des Schwertes Streichen; Doch still davon. Wollt ihr mich jetzt erfreun, So laßt zur letzten Gab' ein Harfenspiel mir reichen.   54. Da bietet Asmund ihm, des Wiederhalles Sohn Des Wiederhalles Sohn – Wie Son of the feeble hand, Son of the rock, Sopn of song u. s. w. bei'm Ossian. Die Skalden pflegten ihre Könige auf ihren Zügen zu begleiten, um ihre Thaten nach eigner Ansicht zu besingen. , Die eigne Harfe dar und grüßt den Kunstgefährten Mit Wort und Händedruck. Im heitern Glanz verklärten Des Sängers Blicke sich. Hell klang der goldne Ton Und wiegte klagend bald, bald wieder kühn und rauschend Zum fernen Felsenstrand sich über's weite Meer. Sein Lied beginnt, und freundlich steht und lauschend Die wilde Kriegerschaar rings um den Jüngling her.   55. Lebt wohl, so sang er, goldne Höhen! Leb' ewig wohl, mein deutsches Vaterland! Nicht ferner soll dein Lufthauch mich umwehen, Ach, deine Blüthen bricht nicht ferner meine Hand! Du weiches Quellenmoos! ihr Höhn, bekränzt mit Reben! Du lichter Hain! du duft'ges Wiesengrün! O lebe wohl, du ewig heitres Leben! Ich muß den Pfad des kalten Todes ziehn.   56. Lebt wohl, ihr zarten Fraun! Schon muß der Sänger scheiden, Die Tänze ruhn, es schweigt im Rittersaal der Klang. Leb wohl, du schöne Welt! mit deinen Freuden, Du flücht'ge Lust! du minniger Gesang! O lebe wohl, du meine süße Liebe! Wie fällt von dir der Abschied mir so schwer! Von Thränen wird mein Auge schwer und trübe, Das Lied verhallt, die Harfe klingt nicht mehr.   57. Er sang's, und klagend klang der letzte Ton der Saiten Mit langem, leisem Hall vom fernen Fels zurück. Matt ließ sein Arm die Harf' entgleiten. Doch sieh, Cäcilie ergriff mit klarem Blick Das goldne Spiel, hell flammt' ein göttlich Sehnen Um Wang' und Mund, und himmelan Erhob sie Aug' und Herz; hoch rang auf kühnen Tönen Begeistrung sich empor, und ihr Gesang begann:   58. Sey mir gegrüßt, du ew'ges Land der Wonne! Du heil'ger Strahl der nie bewölkten Sonne! Du Quell des Lichts, des Lebens, sey gegrüßt! Kann ird'sche Macht dem fliehnden Licht gebieten, Erneun den Duft der hingewelkten Blüthen, Die Woge bändigen, wenn rasch der Quell entfließt? Hier keimt die Lust im Spiel der kurzen Augenblicke, Dort ruht die Zeit umarmt vom ew'gen Glücke.   59. Die Schatten fliehn, es flammt empor, es tagt; Hell schmückt ein goldnes Kreuz die klaren Himmelsauen. O Licht des Heils! mein Busen hofft und zagt; Ach, darf mein trüber Blick den Glanz der Gottheit schauen? Doch freundlich winkt der Sohn der reinen Magd Der Sohn der reinen Magd – In den altdeutschen Gedichten erhält die heilige Jungfrau häufig den Namen: reine Magd: Nu bin ick vro, nu ys my wol, Wente ick nimmer van dy sol Gescheyden werde, von dy Maget reine . Kinderling's Fragmente aus alten deutschen Schriften, in Adelung's Magazin für deutsche Sprache. Band 2. Stück 1. ; Mein Blick wird hell und heilig mein Vertrauen, Der Blüthenglanz der zarten Lieb' entkeimt, Und rein umarmt mein Herz, was es geträumt.   60. So singt Cäcilie und legt die Harfe nieder. Sein Saitenspiel ergreift der Skald' und ruft erfreut: Unsterblich tönen jetzt, ihr Saiten! eure Lieder, Euch hat Idunna's Hand geweiht Euch hat Idunna's Hand geweiht – Idunna, die Göttin der Unsterblichkeit, die Gemahlin Braga's, des Gottes der Poesie und Beredtsamkeit. . Indeß erwacht mit frischem Wehen Ein kühler Wind und treibt das Fahrzeug schneller fort; Schon naht das Land, schon zeigt der Port, Vom Fels und Wald umhegt, sich zwischen sichern Höhen.   61. Fern hebt im Ocean, dort, wo das wüste Meer Vom Sachsenreich das Land der Dänen scheidet, Ein Eiland sich empor Jene Völker verehren insgesammt die Herthus (Hertha), die Mutter Erde, und glauben, daß sie zu den Menschen herabsteige und unter ihnen wandle. Auf einer Insel im Ocean ist ein heiliger See, worin sich der verhüllte Wagen der Göttin befindet, der nur von ihrem Priester berührt werden darf. Wenn dieser merkt, daß die Göttin in ihr Heiligthum hinabgestiegen sey, bespannt er den Wagen mit Stieren und fährt damit durchs Land. Ueberall wird die Göttin mit großer Freude und Ehrfurcht aufgenommen. Die Kriege ruhn, alle Waffen werden verborgen, bis der Priester seine Gottheit, wenn sie der Unterhaltung mit den Menschen überdrüssig geworden ist, in ihr Heiligthum zurückbringt. Dann wird der Wagen, die Decke desselben und die Gottheit selbst in einem geheimen See gewaschen, und die Diener, welche bei diesem Geschäfte zur Hand sind, verschlingt sogleich der See. Tacit. de morib. Germ. c. 40 . Diese Insel hält Münter für Seeland, Pontanus für Helgoland, Kosegarten für Rügen (Kosegarten's Rhapsodien B. 2. S. 110.), Suhm für Fünen. . Rings tobt die Fluth umher Und peitscht den hohen Strand, den schroffer Fels umkleidet. Verborgen ziehn nur dann und wann In's Land sich Buchten hin und bieten Dem Schiff, das eilig vor dem Wüthen Der wildern Brandung flieht, den stillen Hafen an.   62. Wüst liegt das Ufer rings, das finstre Wälder krönen, Und Dämmrung nur ist dort der lichte Tag; Nie ließ der Jäger dort sein lautes Horn ertönen, Nie schallt' im Hain des Beiles heller Schlag; Dort hausen Wolf und Bär in sichern Felsenklüften; Die Schlange nährt im feuchten Thal die Brut; Und früher hebt aus dunkler Fluth Die Nacht sich dort empor auf grauen Nebeldüften.   63. Auf schroffen Felsentrümmern thront Zerstörung dort und streut aus falben Blättern Ein weites Lager sich. Das dumpfe Schweigen wohnt Im Hain und lauschet bang, wenn hohl auf fernen Wettern Der Donner rollend naht. Oft tobt im Graun der Nacht Des wilden Heers gebannte Jagd Durch Wald und Höhn dahin und stürzt mit Sturmsgefieder Den morschen Stamm bemooster Eichen nieder.   64. Im tiefsten Haine senkt ein Thal Sich still und schauerlich gleich Helas öden Reichen. Dort wälzt ein schwarzer See, bekränzt von hohen Eichen, Dumpfhallend seine Fluth, worin sich nie der Strahl Des heitern Lichts gekühlt. Vor jedem Blick geschirmet, Vom Dänenvolk mit banger Scheu geehrt, Erhebt an seinem Rand, aus Felsen aufgethürmet, Sich Hertha's heil'ger Opferheerd.   65. Und eine nahe Felsenhalle, Durch deren Wölbung stets mit mattgedämpftem Schale Die Woge seufzend tönt, erkor die Priesterin Thorilde sich zum Sitz. Mit ewig ernstem Sinn Und kaltem Busen haust in menschenleerer Stille Die Zauberjungfrau dort; nie glänzt die milde Lust In ihrem kühnen Blick, nie hob in keuscher Hülle Sich sehnsuchtsvoll und liebend ihre Brust.   66. Vergebens buhlten lang des Nordens Heldensöhne Um ihrer Minne süßen Lohn; Hoch prangte sie in unberührter Schöne, Verschlossen jedem Flehn und stolz bei kühnem Drohn; Sie will mit Geistern nur das öde Lager theilen. Der bange Schiffer hört oft aus dem finstern Hain Bei ihres Zaubers Zwang die Wölfe schaurig heulen, Und zagend hüllt der Mond in bleichen Duft sich ein.   67. Indessen naht auf unbetretnen Wegen Durch Fels und Wald dem schaurigen Altar Mit ihrem Opfer sich der Heiden rauhe Schaar. Kühn geht Cäcilie dem nahen Tod' entgegen; Des Auges frommer Glanz beut seinen letzten Segen Dem blinden Volk, das sie ermordet, dar. Stumm folgt ihr Reinald nach und sucht aus ihren Blicken Sein Herz mit Muth und Glauben zu erquicken.   68. In dumpfer Stille zieht das Heer Mit seinem Raube fort. Oft hatt' in frühern Tagen Der Männer wilde Kraft das ungezähmte Meer, Den heißen Sturm der blut'gen Schlacht ertragen, Doch keinem wurde je vom Zagen Die Brust so eng, das Herz so bang und schwer; Und mancher Krieger fühlt mit heimlichem Ergrimmen Ob seiner eignem Schmach sein Aug' in Thränen schwimmen.   69. Schon dehnen sich zum weiten Thor Die Felsen aus, die rings das düstre Thal verrammen, Schon wirbeln fern die rothen Opferflammen, In Dampf gehüllt, sich vom Altar empor; Und hoch und hehr, gleich einem Götterbilde, In ihrer Hand das heil'ge Schwert, Harrt schweigend schon die schreckliche Thorilde, In priesterlichem Schmuck, an ihrer Göttin Heerd.   70. Und sie beginnt die alten Runenlieder, Ihr Auge glüht, die langen Locken wehn Im Sturm dahin; laut hallen rings die Höhn Den rauhen Klang der fremden Worte wieder; Erbebend sinkt mit demuthsvollem Flehn Das bange Volk vor seiner Göttin nieder, Und höher flammt vom schroffen Fels die Gluth, Rings schwimmt in Dampf der Wald, in rothem Schein die Fluth.   71. Da kniet der Sänger hin und streckt die flehnden Arme Zu seiner Lieb' empor und ruft mit nassem Blick: O Heilige! willst du sein letztes Glück Dem Freund' entziehn? O laß in stummem Harme Nicht so mich von dir gehn! Noch einmal flüstre du Nur Einen Laut, Ein Trosteswort mir zu! O stärke mild auf finstern Todeswegen Mein banges Herz mit deinem letzten Segen!   72. Still naht das Fräulein sich; in ihren Augen blinkt Der Glanz des Himmels schon, doch leise Zähren hangen In ihren Blicken noch. Durch Thränen lächelnd, schlingt Sie um den Freund den Arm, und seine bleichen Wangen Berührt ein keuscher Kuß. Leb wohl, du treues Herz! So flüstert sie, leb wohl! Dein Kummer macht mir Schmerz. O weine nicht! Mit freudigen Gebeten Laß uns den Pfad der schönern Welt betreten!   73. Jetzt schwieg der Priesterin Gesang, Schon tritt sie still die hohen Felsenstufen Mit drohndem Schwert herab. Doch horch, vom Waffenklang Erschallt der Hain, und lautes Rufen Ertönet hier und dort. Gott der Barmherzigkeit! Jauchzt Reinald laut, sie nahn, wir sind befreit. Doch Alles wirft im Dänenheere Die Schilde vor die Brust und zuckt die langen Speere.   74. In hellem Stahl stürzt von den Höhn Sich jetzt ein Kriegerschwarm, und blanke Schwerter blitzen Rings durch's Gebüsch. Seht dort den Altar stehn, Mir nach, mein deutsches Volk! die Opfer zu beschützen, Die blinder Wahn dort würgt! So ruft halb athemlos Ein junger Held, der vor den ersten Reihen Der fremden Krieger prangt, und wild, mit lautem Dräuen, Stürzt mit der tapfern Schaar er auf die Dänen los.   75. Heil, Deutschland, Heil! jauchzt mit entzückter Stimme Der Sänger auf, und gleich dem Blitze fährt Er auf Thorilden zu, entringt ihr rasch das Schwert, Umschlingt Cäcilien und haut mit wildem Grimme Sich durch die Dänenschaar. Rings dringen Lanzen ein, Ihn schützt sein Gott, schon ist er drüben, Schon barg er sie, entfernt vom Kampf, im sichern Hain Und eilt zurück, von Lieb' und Muth getrieben.   76. Schon floß von Blut das enge Thal. Mit langen Speeren hält das rüst'ge Volk der Dänen Den Feind zurück, hell klirrt der Stahl Vom Wurf des Pfeils, die blanken Helme tönen Dumpf von der Streitaxt Schlag. Die Deutschen strecken weit Die Schilde vor, rasch saust die kürzre Lanze In's feindliche Gewühl, und Helm und Panzerkleid Durchflammt das breite Schwert, gleich schnellem Blitzesglanze.   77. Froh tummelt Reinald sich, den ersten Reihn gesellt. Auf seiner Waffe ruhn Thorildens Zauberlieder; Wen sie berührt, der schaut das Licht nicht wieder, Drum sinkt von seiner Hand schon mancher Dänenheld. Schon hat er Helm und Schild errungen, Der Minnesänger prangt mit wilder Krieger Zier, – Allmächt'ge Lieb' ist sein Panier. Wer für die Liebe kämpft, ward selten noch bezwungen.   78. Doch haust noch grimmiger der fremde Paladin Mit Lanz' und Schwert im dichten Dänenheere, Der edle Held, der kühn für Gottes Ehre Und für die Menschheit kämpft. Gluthrothe Funken sprühn, Wohin sein Stahl sich schwingt, aus Helm- und Panzerringen; Ihm steht kein Däne mehr, schon schwanken ihre Reihn, Gebrochen ist die Bahn, und seine Schaaren dringen Mit lautem Kriegesruf hinein.   79. Muth, Muth, mein Volk! O steht, ihr nord'schen Krieger! Ihr kämpft für Hertha's Heiligthum, Siegt oder fallt! Walhalla lohnt den Sieger, Und ewig singt der Skalde seinen Ruhm. So tönt Thorildens Ruf hernieder in die Wogen Der wilden Schlacht; hoch steht sie am Altar, Das kühne Weib, und schnellt vom raschen Bogen Verderblich Pfeil auf Pfeil hinab zur deutschen Schaar.   80. Noch einmal stehn die Dänenhaufen Bei diesem Ruf. Ein Jeder will durch Tod Sich Odin's Gunst, durch Sieg sich Ruhm erkaufen. Laut schallt ihr Schlachtgeschrei, und fürchterlicher droht Mit hohem Schwung die Axt und streckt mit mächt'gen Streichen Noch manchen Feind dahin. Doch selbst Verzweiflung hält Den Ritter nicht zurück, er siegt, rings schwimmt das Feld In Dänenblut und prangt mit Feindes-Leichen.   81. So stand der Cherub in der Schlacht, Als einst des Abgrunds Thor sich krachend aufgeschlossen, Und ohne Zahl das Heer der Nacht Sich gegen Gottes Thron verderblich ausgegossen. Von Blitzen flammt sein Schwert, erzitternd glüht die Luft Vom feurigen Geschoß, rings senden lichte Strahlen Aus seinem Blick den Tod, und in die alte Kluft Stürzt er das düstre Heer zurück zu ew'gen Qualen.   82. Indessen rast mit gleicher Wuth Im fernen Kampf, wo Reinald streitet, Der tapfre Skiold. Hell träuft von deutschem Blut Sein langer Speer, ein Wall von Leichen breitet Vor ihm sich aus; rasch stürzt und wild Mit kühner Kampfbegier der Sänger ihm entgegen, Zusammen klirrt der Stahl, doch bei des Normanns Schlägen Erbeben Reinald's Knie', und tönend bricht sein Schild.   83. Da hört der Dänenheld der Deutschen Jubel schallen, Er blickt zurück und sieht die Seinen fallen; Schnell läßt er ab vom Feind und fliegt mit Mordbegier Durch's laute Schlachtgewühl. Heran, heran zu mir! Laß ab vom Mord des schwächern Heeres, So ruft er laut, hier hast du mehr Gewinn. Und schon von weitem saust die mächt'ge Wuth des Speeres, Der Bote nahen Kampfs, auf unsern Ritter hin.   84. Als dieser noch mit breitem Schilde Sich sichert, stürzt dem Speer sein Schleudrer schon sich nach, Und wild, wie Hagel auf's Gefilde Zerschmetternd rauscht, so trifft er Schlag auf Schlag Des Deutschen Helm. Doch rasch mit Schwertesschneide Hält er den Schwung der Axt zurück, Zückt hier und dort den Stahl und späht mit scharfem Blick, Wo in den Fugen sich des Feindes Harnisch scheide.   85. So kämpfen Luft und Meer, wenn Nacht den Pol verhüllt, Und Zwietracht rings auf wilden Stürmen Die Erd' umschwebt. Lautdonnernd thürmen Die Fluthen sich empor, und Well' auf Welle schwillt; Doch zuckend trifft mit sichern Flammen Der Blitz den stolzen Feind, vom Strahl zerschmettert kracht Die Wogenburg und stürzt zusammen, Doch schäumend hebt sie bald sich mit verjüngter Macht.   86. Indeß nun Beider Kampf sich immer mehr erbittert, Und schon des Dänen Blut aus mancher Wunde quillt, Doch auch schon seine Axt den Schild Des tapfern Feindes längst zersplittert, Da schmilzt allmählig rings zur schauerlichen Ruh Das Schlachtgewühl; kein nord'scher Krieger Entrann dem deutschen Schwert, und staunend reihn die Sieger Sich um die Helden her und schaun dem Kampfe zu.   87. Ergieb dich! Sieh, schon sanken deine Schaaren, So ruft der Deutsche jetzt, ergieb dich, tapfrer Mann! Du bist ein wackrer Held und mußt dein Leben sparen, Drum biet' ich freie Haft auf Ritterwort dir an. Ha, ruft der Däne wild, einst hat in heißen Schlachten Mein Ahnherr Hother sich an Asgard's Heer gewagt Und selbst vor Miölner nicht gezagt – –Einst hat in heißen Schlachten / Mein Ahnherr Hother sich an Asgard's Heer gewagt / Und selbst vor Miölner nicht gezagt . Hother, der vierzehnte dänische König, warb zugleich mit Balder, dem Sohn des Odin, um die Nanna, die Tochter des Riesen Gewar. Zwischen Beiden kam es zu einer Schlacht. Odin kämpfte nebst allen übrigen Göttern auf der Seite seines Sohns und wurde doch von Hother zur Flucht gezwungen. Besonders furchtbar zeigte sich in diesem Kampfe Thor, der Gott des Donners, bis Hother seinen Streithammer, (Miölner) Zermalmer, zerspaltete. Zuletzt kam Balder, der Gott, sogar durch Hother's Schwert um und sank, was sehr sonderbar scheint, in Hela's Reich hinab. Damals scheint sich also die Idee von Walhalla noch nicht ausgebildet zu haben. Erst später wird Balder zu den Göttern zurückgeführt. S.  Bartholin. p. 585. u. s. w. Die Erzählung jenes Kampfe mit den Göttern findet sich beim Saxo Gramm. Lib. III. p. 67 . Asgard heißt die Residenz der Götter (Asen oder Aesen). ; Drum soll auch Skiold den Tod nicht achten.   88. So ruft er zürnend aus und streckt Den nächsten Krieger hin, den seine Händ' erreichen. Erbittert dringen jetzt, zu neuer Wuth geweckt, Die Deutschen auf ihn ein, und laut von mächt'gen Streichen Erbebt ihm Helm und Schild. Doch gleich dem Donner fällt Sein schwerer Hammer rings, noch rasselt mancher Held Zu Boden vor ihm hin; doch ist von häuf'gen Wunden Auch ihm schon Muth und Kraft geschwunden.   89. Da stürzt die kühne Priesterin Vom Felsen sich herab. Rasch rafft sie eine Keule Vom Boden auf; sie fliegt mit Sturmeseile In's Kampfgewühl. Zwei Krieger sinken hin, Von ihrer Hand entseelt; den Normann, der zur Erde Schon halb hintaumelt, fängt mit starkem Arm sie auf, Und mächtig reißt zum heil'gen Opferheerde Den matten Helden sie hinauf.   90. Der Deutsche folgt ergrimmt. So stürzen Jäger-Schaaren Der starken Löwin nach, die mit der Beute flieht. Sie nahn; doch sieh, blitzhelle Flammen fahren Verzehrend von ihr aus; gleich Unglückssternen glüht Ihr trotz'ger Blick; mit ungewissem Schritte Bebt scheu der Feind zurück. Und einen lichten Brand Reißt sie vom Herd, schwingt ihn mit kühner Hand Um's Haupt und schleudert ihn in ihrer Feinde Mitte.   91. So sinke glühend Weh auf eure Schaar hinab! Hohnlachend breite sich mit nächtlichem Gefieder Verderben um euch aus! Nie künd' ein rühmlich Grab, Daß ihr gelebt! Vergessen sinkt hernieder In Helas ödes Reich! Kennst du die Macht der Lieder, Ohnmächt'ges Volk! und meinen Zauberstab? Noch fleht Thorilde nicht zu unterjochten Göttern; Die Macht, die jetzt mich schützt, bald wird sie euch zerschmettern.   92. Und du, Stolzprangender! der kühn die That erdacht, Dich soll zwiefacher Fluch erdrücken. Was trotzest du mich an? Weh, weh! In deinen Blicken Ist Tod! Weh, Odin, weh! Wie ist dem Wurm die Macht, Zerstörungsblitz dem Staub geworden! Ich seh – Schweig! – Künd', o Mund, die Götterdämmrung Verkünd', o Mund, die Götterdämmerung nicht . – Die nordischen Völker glaubten, einst würde das Universum und mit ihm die Götter von den Feuergeistern (Muspelle) zerstört werden, und die Guten würden nach dem Lande Gimle zum höchsten Gott (Allvadur), die Bösen aber zu dem schrecklichen Drachen Nidhoggr nach Nastrond (Leichenstrand) kommen. Dieser Untergang der Götter hieß die Götterdämmrung (Ragnarokr). Bartholin. p. 590 sqq. und die Fabel von Wasthrudner in Gräter's nordischen Blumen. nicht! Doch höre du, was mir dein Blick verspricht: Fluch, Fluch sey dir! Den Bruder wirst du morden.   93. Die Zauberjungfrau ruft's, und bebend steht die Schaar, Und ihren Helden selbst ergreift eiskaltes Grausen. Laut lacht Thorild' und stürzt vom ragenden Altar Mit Skiold sich in die Fluth. Die schwarzen Wellen brausen Um ihren Raub; ein grauer Nebelflor Schwebt schaurig um den Zorn der Fluthen, Und eine Woge schlägt empor Und löscht auf Hertha's Herd die heil'gen Opfergluthen. Zweiter Gesang. 1.                     Noch steht das deutsche Volk erstarrt am finstern See, Noch scheint der Fluch im Spiel der Wellen Aus schwarzer Tief' empor mit heiserm Laut zu gellen, Und Jeder wähnt, schon stürze tödtlich Weh Aus dunkler Wolken Schooß. Laßt ab vom feigen Grauen! Beginnt der Ritter jetzt, wir stehn in Gottes Hand; Uns trifft kein Fluch, wir wollen dem vertrauen, Der unsern Schritt gelenkt und uns den Sieg gesandt.   2. Was mir die Zauberin verkündet, Das lenke Gott mit gnäd'ger Huld. Noch bin ich rein von blut'ger Schuld, Doch dunkel sind und unergründet Der Vorsicht Pfade stets. Kann Einer unter euch Jetzt solcher schwarzen That mich werth und fähig zeihen, Der tret' hervor: nicht soll den Todesstreich, Eh größre Schuld mich deckt, mein sünd'ger Busen scheuen.   3. Heil Adalbert! Heil unserm edlen Herrn! So jauchzt das Volk, das Unglück bleibe fern Von deinem Haupt! Den mag der Fluch vernichten, Der kühnlich über dich zu richten, Dich zu verdammen wagt! Herab, Hernieder mit den falschen Göttern! Zerbrecht den Runenstein! Tief soll im Wellengrab Ihr eigner Opferherd die Lügenbrut zerschmettern.   4. Hin stürzen sie; schon wankt der Stein, Von ihrer Hand gefaßt, schon liegt der Herd zerbrochen, Er stürzt hinab; aufschäumend kochen Die Wellen rings empor, es bebt der alte Hain, Der hoch auf schroffen Felsengipfeln Sich um den See mit kühner Wölbung hebt, Und horch, ein schaurig Säuseln schwebt Wie fernes Geisterdrohn in seinen dunkeln Wipfeln.   5. Indessen tritt an Reinalds Hand Cäcilie herbei. Sanft glühen ihre Wangen Von zarter Scham, von jungfräulichem Bangen, Und züchtig ist ihr Blick zur Erde hingewandt. Herr Ritter! flüstert sie, ihr schütztet unser Leben, Ihr zeigtet Menschlichkeit mit hohem Muth vereint. Ich dank' euch, tapfrer Held! für mich und meinen Freund, Den bessern Dank mag eure That euch geben.   6. Ist gleich mein Schwert dem Himmel nur geweiht, Erwidert Adalbert mit edler Höflichkeit, So konnt' ich nimmer doch die Pflicht so schön erfüllen, Die Gott mir auferlegt. Doch dieser wackre Held, So fährt er endlich fort, und auf den Sänger fällt Sein Blick, hat seinen guten Willen Weit kräft'ger noch als ich für euer Heil bewährt, Und wohl verdient er es, wenn euer Herz ihn ehrt.   7. NurTreue gab mir Kraft, und Großmuth wird mir lohnen, Beginnt, das Zartgefühl Cäciliens zu schonen, Der Sänger jetzt. Ich bin der niedrigste Vasall Des edlen Fräuleins hier, allein wir Alle gäben Mit Freuden Gut und Blut und Leben Für ihre Wohlfahrt hin. Er spricht's; mit leisem Hall Verräth ein Seufzerhauch, den er umsonst verhehlte, Daß Ehrfurcht nicht allein ihn jüngst im Kampf beseelte.   8. Sie schaut ihn dankbar an, doch als ihr Blick zugleich Den Ritter trifft, da zuckt ein Fieberbeben Um ihren Mund. O Gott, mein Traum! er tritt in's Leben. So seufzt sie leis' und taumelt matt und bleich In Reinalds Arm. Der kämpft mit Lust und Leiden, Dies ist sein bitterster, sein schönster Augenblick: In seinem Arme ruht sein Glück, Es ruht in seinem Arm, um ewig dann zu scheiden.   9. Der Retter tritt besorgt hinzu. Mein edles Fräulein, gönnt der Ruh Euch einen Augenblick, ermuntert eure Sinnen, Euch schreckt Erinnrung hier, bald ziehen wir von hinnen, Schon liegt im Port das Schiff bereit. Gern geb' ich bis zum Strand der Sachsen euch Geleit, Vertraue dann euch sichern Freundeshänden, Um in die Heimath euch, wohin ihr wollt, zu senden.   10. So spricht der Held, und schüchtern weilt Sein Blick auf ihren schönen Zügen. So fühlte nie von Schmerz und von Vergnügen Sein Busen wechselnd sich getheilt. Rasch wendet er sich ab und eilt Zu seinen Schaaren hin, die Wallung zu besiegen. Ihm ist auf dieser Welt kein heitres Loos verliehn; Was zarte Liebe beut, das muß er ewig fliehn.   11. Indeß erhebt wie zum verjüngten Leben Das Fräulein sich. Wie ist ihr Blick so licht, Ihr Herz so still, so voll! Ihr Busen zittert nicht. Nie darf der Sturm, was Gott geweiht, umschweben. Allmächt'ger Glaub' und heil'ge Lieb' umweben Mit klarem Glanz ihr helles Angesicht; Dem fliehnden Engel gleich entschwebt dem niedern Kreise Der Welt ihr trunkner Blick und lächelt süß und leise.   12. So prangt der Rosenkelch, der von der Knosp' umringt, Des Regens Sturm ertrug im feuchten Nebelthale, Wenn jetzt sein blühnder Schmuck beim ersten heitern Strahle Mit sehnsuchtsvoller Kraft aus seinem Hülle dringt. Vom Rand der Knospe rinnt das helle Silber nieder In seinen zarten Schooß und flammt Im Glanz des goldnen Lichts, und was vom Himmel stammt, Der geist'ge Duft, erhebt sich jetzt zum Himmel wieder.   13. So steht sie schön und frei vor Reinalds feuchtem Blicke. Gieb mir die Hand, wir müssen scheiden, Beginnt sie jetzt, mich fordert mein Geschicke; Du darfst nicht länger für mich leiden, Nicht länger fruchtlos kühn den Pfad Der wechselnden Gefahr an meiner Seite gehen. Du hast ein großes Herz; laß um die kühnste That, Laß um die schönste mich jetzt nicht vergebens flehen.   14. Du siehst ja selbst, wie arm ich bin; Ich kann ja nicht, was du gethan, vergelten. O sey getrost! Wohnt nicht in schönern Welten Ein großer Gott? Zu ihm mit frommem Sinn, Laß uns zu ihm den Blick, den Geist zu ihm erheben, Der Licht dem Sonnenkreis, dem Herzen Liebe giebt; Dir wird er Trost und mir Verzeihung geben, Daß ich so lang, so bitter dich betrübt.   15. Vergiß mich, armer Freund! vergiß die Undankbare! Wohl wird es weh mir thun, doch nicht darf längre Qual Für mich dein Herz – – – o nein, vergiß mich nicht, bewahre In treuer Brust den heil'gen Strahl! O sieh mich an! schwimmt nicht in heitrer Milde Mein sel'ger Geist? Nie wird der Traum der Sehnsucht mein, Doch ewig hängt mein Herz am heißgeliebten Bilde; Die Lieb' ist süß, auch du wirst glücklich seyn.   16. Wohlan, es sey! Ich will auch das dir schenken, Ruft Reinald aus, nicht soll mein stummer Gram Dein heil'ges Herz mit ird'scher Sorge kränken. Der Gott, der dich, der alles Glück mir nahm, Er wird mir Kraft verleihn. Ich will in Lust mich kleiden, Und lächeln soll mein nasser Blick, Wenn er zu dir sich hebt; ich will an deinem Glück, Wie an dem letzten Strahl der Sterbende, mich weiden.   17. Und wenn auch fern zu fliehn dein Wille mir gebeut, Ich widerstrebe nicht. Leicht wird sich ja des Armen Ein dunkler Hain, ein stilles Thal erbarmen, Das friedlich seinen Schutz der kranken Brust verleiht. Dort soll dein ew'ger Reiz in meinen Liedern blühen; Die Blumen, die du einst geliebt, Will ich wehmüthig dort mit zarter Sorg' erziehen, Und jeden Traum umfahn, der dich mir wiedergiebt.   18. Indeß hat schon zur weitern Fahrt sich wieder Die deutsche Schaar gereiht. Ihr Führer tritt hinzu, Sein Busen bebt, er senkt die Augen nieder, Indeß erröthend zwar, doch mit geweihter Ruh Das Fräulein ihn empfängt. Sie sehn sich an und schweigen, Und Beiden ahnt der Anbeginn Schmerzreicher Tage schon; doch mit getrostem Sinn Schwört Jeder dem Beschluß des Himmels sich zu beugen.   19. Jetzt laßt uns ziehn, wenn's euch gefällt, Die Krieger stehn bereit, beginnt der deutsche Held, Auch euch wird's lieber seyn, nicht länger hier zu weilen. Zwar wird die Nacht uns auf dem Meer ereilen, Doch besser ist's, von wilder Fluth umrauscht, Im offnen Kampf dem Sturm zu widerstreben, Als hier, wo still der Trug feindsel'ger Mächte lauscht, Vor tückischem Verrath, der heimlich schleicht, zu beben.   20. Das Fräulein beut den Arm ihm dar, Sie gehn, es folgt die Schaar im blanken Waffenkleide. O welch ein Sturm, welch eine Stille war Jetzt in des Ritters Brust! Wie war von zartem Leide Sein Blick so feucht, wie war sein Blick so klar Vom Glanz der reinen Lust! Wie schmiegte leis' um Beide Gleich duft'gem Mondenlicht und fernem Harfenlaut Die heil'ge Sehnsucht sich, des Glaubens keusche Braut!   21. Der Sänger folgte still von weiten Dem Zuge nach. Das Harfenspiel Des Skalden, der im Kampf für seine Brüder fiel, Umfängt sein Arm. Bald regen laut die Saiten Ihr zitternd Gold, bald schmilzt mit Westeswehn der Klang; Er klagt nicht mehr, ihm ist's, als sängen ferne Lieder Ihm weiche Ruh in's Herz, und still zum Untergang Der Sonne schaut sein Blick mit feuchtem Lächeln nieder.   22. Schon senken sich die wald'gen Höhn Dem Meere zu, schon sieht die Schaar am Strande In farb'gem Spiel die bunten Wimpel wehn, Schnell ist das Schiff bemannt und treibt hinweg vom Lande Mit munterm Ruderschlag. Bei seinen Gästen sitzt Der deutsche Paladin, und in den letzten Strahlen Des heitern Sonnenlichtes blitzt Zur Labung goldner Wein in leuchtenden Pokalen.   23. Indeß der Schimmer nun auf rother Fluth verglimmt, Aus fernem Meer die Sterne freundlich tauchen, In mattem Glanz die stille Woge schwimmt, Und duft'ge Kühlung schon der Dämmrung Flügel hauchen, Erzählt der deutsche Held, wie er, die stolze Macht Der frechen Räuber zu bekriegen, Den Wellen sich vertraut, und wie nach manchen Zügen Sein guter Engel ihn an Hertha's Strand gebracht.   24. Zwar muß ich bald mich von Euch trennen, So fährt er seufzend fort, mich bindet eine Pflicht, Die Gott mir auferlegt; das darf ich nimmer kennen, Was schmeichelnd oft zu meinem Herzen spricht. Ihr, schönes Fräulein! könnt ein Glück mir noch vergönnen, Ich bin an Glück nicht reich, vergeßt zu bald mich nicht. Zwar hab' ich Nichts zu fordern mehr am Leben, Doch könnte dies, dies Einz'ge, Trost mir geben.   25. Er spricht's. Sie schweigt, doch fällt ein Blick auf ihn, Der Alles lindern kann und jedes Leid vergüten, In welchem Scham und Huld und alle Wunderblüthen Des heiligsten Gefühls mit stillem Zauber blühn. Ach, solch ein Blick bezähmt das glühendste Verlangen, Macht jeden Sturm und alle Sorgen ruhn; Verzweifeln kann der nie und nimmer Sünde thun, Wer einmal nur solch einen Blick empfangen.   26. O Strahl der Seligkeit! Du heil'ger Harfenlaut, Wenn zart der tiefsten Brust geweihte Saiten tönen! Du Himmel des Gefühls, woraus verklärtes Sehnen Und Mild' in's bange Herz und Lust hernieder thaut! Du reiner Quell, worin das ew'ge Streben Der keuschen Phantasie die bunte Welle regt! Du wunderbarer Blick! wie hat dein stilles Leben Mein tiefstes Herz so oft geheimnißvoll bewegt!   27. Indeß hat schon der Mond die weiten Meeresfluthen Mit flücht'gem Zauberglanz erhellt, Der Lüfte kühler Hauch und Meer und Himmel ruhten, Und für die Träume wob die Nacht ihr dämmernd Zelt. Schon sank zum Schlaf die müde Schaar hernieder, Das Fräulein träumte schon im schwankenden Gemach, Und friedlich gaukelte auf leisem Wellenschlag Des Lebens sanftes Wehn mit stillerem Gefieder.   28. Da blickte von des Schiffes Rand Der Sänger fern hinaus. Mit weichen Zauberschwingen Umsäuselt ihn die Ruh; was seine Brust empfand, Das ließ sein irrend Spiel auf leisen Saiten klingen. Wie war sein Herz so klar, so groß, Wie fühlt' er freundlich sich von heil'ger Lust umschlungen! Ein heitrer Strahl aus dunkler Wolken Schooß, Entschwang sein Lied sich durch die Dämmerungen:   29. Ihr schwebt so leis' in lauer Nacht, Ihr Wellen! durch die duft'ge Ferne, Und hold in blauer Tiefe lacht Das zarte Liebesbild, das Bild der goldnen Sterne. Doch schäumend hebt ihr jetzt die Fluth Und strebt zum Himmel auf mit wildem Sehnsuchtstriebe. O trübt es nicht, das Bild, das euch im Schooße ruht! Heiß ist der Sehnsucht Kampf, doch süß die stille Liebe.   30. Wohl irrt' ich düster einst und wild, Und Ruhe durft' ich nimmer finden; Mich reizt' ein tief verhülltes Bild, Doch was der Schleier barg, das konnt' ich nicht ergründen. Da trat es leuchtend vor mich hin, Daß sich zu seinem Glanz mein zweifelnd Aug' erhübe, Und selig ward mein Herz und sprach mit gläub'gem Sinn: Heiß ist der Sehnsucht Kampf, doch süß die stille Liebe.   31. Doch düstrer schwebte jetzt um Hertha's heil'gen Strand Die trübe Nacht, graunvolle Wolken drohten Verhängnißvoll hoch von der Felsen Rand, Und heulend wandelten des nahnden Zaubers Boten, Die Wölfe, durch den Wald; dumpf ruhten Luft und Meer, Unholde grinsten rings aus blassen Nebeldüften, Und ächzend stahl in todten Lüften Der scheue Tanz der Geister sich umher.   32. Ein starres Schweigen lag rings auf dem Schlachtgefilde, Nur seufzte leis' am Strand die heil'ge Fluth empor, Rings drängte durch den duft'gen Flor Der Mond sein trübes Licht, und Panzer, Helm' und Schilde Umwob ein bleicher Glanz. Vermählt mit grauser Ruh Lag hier des Kampfes Bild in regungslosem Drange. Nur Geier wachten noch, und zischend schlich die Schlange Dem kalten Leichenmahle zu.   33. Horch, da beginnt's im See zu leben, Es rauscht empor, in weiten Kreisen weicht Die Wog' an's Land zurück, Thorild' und Skiold erheben Sich aus der offnen Fluth; stumm an's Gestade steigt Das düstre Paar, doch ungebeugt Scheint trotziges Vertraun auf ihrer Stirn zu schweben, Und schweigend sinkt auf's offne Grab Der muth'gen Dänenschaar ihr finstrer Blick hinab.   34. Da ruht sie jetzt, beginnt mit dumpfem Tone Der nord'sche Held, da ruht die tapfre Schaar, Und netzt mit eignem Blut, dem stolzen Feind zum Hohne, Den hingeschmetterten Altar. Kein Jäger späht auf weiter Haide Nach ihrem hohen Grab und hört das Lied der Schlacht Um ihren Hügel nahn, und liest mit stolzer Freude, Was seine Väter einst vollbracht.   35. Du treues Volk! wie hat in heißen Tagen So oft dein starker Arm die nord'sche Kraft bewährt Und weit die Banner Skiolds und seinen Ruhm getragen, Und deines Königs Schlacht durch kühnen Muth geehrt! Du Heldenschaar! die manchen Thron erschüttert, Kalt liegst du jetzt, der gier'gen Wölfe Raub, Und höhnend führt der Sturm den namenlosen Staub Zu fernen Ufern hin, die einst vor dir gezittert.   36. Warum hat mich dein Arm erweckt Zum Anblick meiner Schmach? Warum, gewalt'ge Norne! So fährt er wilder fort und blickt mit finsterm Zorne Thorilden an, warum hat Schande mich befleckt Durch deines Zaubers Zwang? Soll in der Heimath Hallen Ich schimpflich ruhn, indeß der nord'sche Mann Lauthöhnend ruft: Für Skiold sind sie gefallen, Die Tapfersten, doch Skiold entrann!   37. Schweig, Thor, beginnt mit finsterm Blicke Thorilde, richte nicht vor sterblichem Gericht Den Zwang der ewigen Geschicke. Ob dir zum Schmerz, ob dir zum Glücke Ihr Lied die Zaubernorne spricht, Gehorsam ist dir Noth, und Zürnen fruchtet nicht. Wähnst du, ich hätt' umsonst tief in den Felsenspalten Des nie erforschten Sees dein Leben dir erhalten?   38. Soll ungerächt, befleckt vom Feindesschwert, Der eignen Kinder Blut der heil'ge Boden trinken? Soll in der Göttin See ihr eigner Opferherd, Besiegt von Menschenhand, die Macht der Götter sinken? Besiegt von Menschenhand die Macht der Götter sinken . – Die skandinavischen Völker vertrauten auf die Allmacht und Unbezwinglichkeit ihrer Götter eben nicht sehr. Das beweisen schon die ewigen Kämpfe der Götter mit den Riesen, wobei die Ersteren nicht selten zu kurz kamen. Vergl. das Gespräch Harbard in Gräter's nordischen Blumen, und Edda, Fabel 38 und 41. Daß überhaupt ungebildete Nationen die Kraft der Menschen der göttlichen Allmacht entgegensetzten, sieht man schon aus dem Homer an vielen Stellen. Il. V. 383–415. 336. 856. VI.  131. 559 [? 559 gibt's nicht]. Ein grauses Schicksal naht, noch schläft's in finstrer Nacht; Auf, auf, eh flammend es erwache! Es gilt für dich, für mich, für Odin gilt die Schlacht, Die Pflicht ermahnt, und wüthend spornt die Rache.   39. Ich liebe dich, nie nahte Liebe mir; Jetzt lieb' ich dich mit ungezähmten Gluthen. Dir folg' ich nach durch Land und Fluthen, Durch Sturm und Nacht und Kampf, zum Tode folg' ich dir. Du sollst mein Rächer seyn, du sollst die Götter rächen! Sey stark, mein kühner Held! Dein harrt ein großer Schwur: Der Feinde Trotz, du sollst ihn brechen Und sterben, wenn es gilt, doch mit Thorilden nur!   40. So ruft sie aus, und ihre Blicke sprühen Helllodernd Lieb' und Haß. In wilder Größe steht Die hehre Jungfrau da, des Zorns Gewölk' umziehen Todkündend ihre Stirn, der Rache Sturm durchweht Gewaltig ihre Brust, und herrlich, im Vertrauen Auf sich und auf den Gott, der ihren Mund belebt, Legt sie die Recht' auf's Herz und hebt Die Linke kühn empor durch's finstre Nebelgrauen.   41. So flammt ein leuchtend Meteor So flammt ein leuchtend Meteor . – Der Nordschein, der am nördlichen Himmel eine sehr gewöhnliche Erscheinung ist, gleicht oft ganz dieser Beschreibung. Am nord'schen Himmelssaum aus trüber Nacht empor. Rings dämpft ein hellverklärter Schleier Des Glanzes blendend Licht, doch sprühn mit regem Feuer Gluthstrahlen rings hervor; rasch wie ein schäumend Meer, Und bunt im Farbenglanz wogt's um den Himmel her, Und furchtbar jetzt, jetzt herrlich anzublicken, Erweckt es Zagen bald, bald schauriges Entzücken.   42. Ha, kühnes Weib! Heil uns, wir sind gerächt, Ruft Skiold erfreut, dich ließ ein Gott mich finden. Mit Starken soll der Starke sich verbinden, Daß hoch ein tapferes Geschlecht Nachwandle seinem Pfad. Nimm mich! Ich bin dein eigen, Und meine Schwüre, nimm sie hin! Nie weich' ich ab von dir, nie soll mein ehrner Sinn In fremder Götter Joch dem fremden Volk sich beugen.   43. Ihr Aasen Aasen oder Asen heißt der jüngere mythische Götterstamm, der nach der Vorrede zur Edda und nach Snorres norwegischer Chronik aus Asiaten bestand, die vor den Waffen des Pompejus in die nordischen Gegenden entflohen und sich dort religiöse Verehrung zu verschaffen wußten. Tyr , der Sohn Odin's und der Frigga, der stärkste unter den Göttern. – Und du Zerschmetternder – Thor, der Gott des Donners. Von ihm heißt es in der Edda: Die Felsen krachten, Flammend brannte die Erde, Als Odin's Sohn Nach Jöturheim fuhr. (Jöturheim, das Land der Riesen, Jötunnen). Skulda , die Norne der Zukunft. , die ihr hell in Asgard's Hallen wohnt! Held Odin, heil'ges Licht der Götter! Und Tyr, du in der Schlacht ein Blitze schleudernd Wetter! Und du Zerschmetternder, der hoch auf Donnern thront! Jungfraun der Schlacht! vernehmt's, streitkundige Walkyren! Und Skulda grab' in ew'gen Fels den Schwur: Für euch, für's Vaterland und für Thorilden nur Soll Skiold die mächt'ge Lanze führen.   44. Er schwört's. Sie bietet ihm die Hand, Und fest umschlingt er sie. Die kühnen Herzen schlagen Laut an einander ohne Zagen, Und gegenseit'ge Kraft ist ihrer Treue Pfand. Sie wollen kämpfen, stehn und wagen, Ein Herz, Ein Leben seyn; ihr Muth will kühn das Band Der ew'gen Schicksalsmächte brechen, Beschirmen ihren Stamm und ihre Götter rächen.   45. Jetzt höre, was schon längst die Sterne mir vertraut, Beginnt die Priesterin, bald wird, um Lethra's Zinnen Bald wird um Lethra's Zinnen – Wo Harald's Königsburg – Lethra war die uralte Residenz der dänischen Könige, die Rolvo, der dreizehnte dänische König, erbaut hatte. Saxo Gramm. II. p. 39. Harald Blaatand, der 59ste König in Dänemark, wurde von dem Kaiser Otto I. angegriffen und gezwungen, die christliche Religion anzunehmen. Dem Dichter wird es erlaubt seyn, sich dieser historischen Thatsache nach Willkür zu bedienen. , Wo Harald's Königsburg vom Felsen niederschaut, Des Kampfes wilder Sturm beginnen; Verderben naht, in düstern Sternen dräut's, Schwarz ziehn am nord'schen Pol Gewitter sich zusammen, Und freundlich naht ein leuchtend Kreuz Vom Süden sich heran und zuckt in rothen Flammen.   46. Dort blüht, mit mächt'ger Kraft begabt, Ein heil'ger Rosenkelch in Lethra's Tempelhallen: Nie kann der Dänenstamm und nimmer Odin fallen, So lang sein Volk an diesem Duft sich labt. Ihm naht ein Jeder sich mit Zagen, Weil den, der ihn berührt, des Todes Pfeil erreicht; Doch kühnem Sinn wird jeder Frevel leicht, Und was die Furcht verbeut, das kann der Wahnsinn wagen.   47. Dorthin, wo die Gefahr mit nahnden Blitzen droht, Dorthin geht unser Pfad, dort ist Vertheid'gung noth, Dort wollen kühn wir stehn und Odin's Tempel stützen, Die Säulen seiner Kraft, und vor dem Tode nicht, Nur vor der Schande fliehn; des Glaubens heil'ges Licht Soll dort verzehrend rings von Schwert und Lanze blitzen, Das edle Kleinod zu beschützen, Womit der ew'ge Ruhm der Dänen sich verflicht.   48. Doch erst soll volle Rach' uns letzen An jener deutschen Schaar. Wohl wird ihr Führer fliehn, Denn dunkle Schicksalsmächte ziehn Um ihn den heil'gen Kreis; doch ha, bald stürzt Entsetzen Vernichtend auf ihn hin, wenn er die blut'ge That, Die ich ihm droht', erfüllt. Jetzt geh; im Nebelgrauen Ziehn Geister schon umher, des Zaubers Stunde naht, Kein sterblich Auge darf die düstre Feier schauen.   49. Er geht. Sie bleibt in öder Nacht zurück. Ihr Athem eilt, die raschen Pulse streben Gewalt'ger schon empor, verderblich rollt ihr Blick, Und trunkner Wahnsinn scheint durch jedes Glied zu beben; Sie stampft den Grund mit lautem Schritt Und streckt den mächt'gen Stab hinaus zu allen Winden Mit murmelndem Gesang; die bleichen Sterne schwinden, Die Woge bebt, die Felsen beben mit.   50. Und Kräuter häuft sie jetzt und morsch Gebein zusammen Auf glühndem Zauberherd' und netzt mit eignem Blut Den regen Kampf der bunten Flammen, Und bläulich zischt und kocht und ringelt sich die Gluth. Und als die Flammen jetzt mit matterm Glanz erbleichen, Und trüber Dampf die schwache Gluth umgraut, Bedräut sie rings die Dänenleichen Bedräut sie rings die Dänenleichen – Wiedererweckung der Todten, besonders derer, die in der Schlacht gefallen waren, gehörte zu den schauderhaftesten Proben der nordischen Zauberei. So liest man in der 67sten Fabel der Edda, daß Hilda, die Tochter Högner's, die von ihrem Liebhaber Hedin entführt war, in dem Kriege, der hierüber zwischen Högner und Hedin entstand, die Krieger, die des Tages in der Schlacht gefallen waren, des Nachts wieder erweckt habe, und daß so diese Schlacht bis zur Götterdämmrung fortdauern werde. Etwas verschieden erzählt dieselbe Fabel Saxo Gramm. V. p. 135 , welcher den Högner Hoginus und den Hedin Hithinus nennt. Mit hochgeschwungnem Stab und ruft mit dumpfem Laut:   51. Erwacht! Erwacht! euch ruft Thorilde: Noch einmal füllt des Körpers starren Raum, Ihr Geister! aus; ersteht, hohläugige Gebilde! Und fühllos hüllt und bleich euch in des Lebens Traum! Um euern Schild sey kaltes Grausen, Um euern Helm Gewitternacht, Um euern Pfad der Stürme Brausen! Thorilde ruft, erwacht, erwacht, erwacht!   52. Und gräßlich rasseln rings die Waffen, Und zögernd folgt die Schaar dem trotzigen Gebot: Noch einmal rinnt ihr Blut, die breiten Wunden klaffen, Sie stehn empor; doch starrt in ihrem Blick der Tod, Und träumend schwanken sie und tragen Die schweren Glieder kaum, matt an den Einen lehnt Der Andre sich, und zuckend schlagen Sie Schild an Schild, ihr hohler Busen stöhnt.   53. Und jetzt zum dunklen Luftgefilde Hebt sich der Jungfrau Stab, und schaurig tönt ihr Lied: Herab, herab, dich ruft Thorilde, Du schwarze Wolke dort, die schwer vorüberzieht! Mit Blitzen flammend komm, von Donnern hoch geschwollen! Auf dir sey Tod! Tief öffn' ein weites Grab Den düstern Schlund, wo deine Wogen rollen! Thorilde ruft, herab, herab, herab!   54. Da senkt die Wolkenburg sich schwarz und schwer hernieder: Es heult im Wald, der Stamm der Eiche kracht, Und kämpfend spielt's mit dunklem Luftgefieder Um Fels und Hain und wogt in reger Nacht; Es seufzt im See, gewalt'ge Wetter ringen Mit seiner Fluth, die Blitze schwingen Zerschmetternd sich durch laute Donner hin, Und leuchtend prangt im Glanz die kühne Zauberin.   55. Und jetzt zum See, wo hoch die wilde, Die drohnde Woge schäumt, senkt sich der Herrscherstab: Empor, empor, euch ruft Thorilde, Erwacht im feuchten Wellengrab, Ihr Kinder gift'ger Brut, die Regner einst erschlagen! Ihr Kinder gift'ger Brut, die Regner einst erschlagen . Regner Lodbrock, der 51ste König der Dänen, liebte Thora, die Tochter Heroth's, des Königs von Schweden, und tödtete zwei ungeheure Schlangen, welche Heroth anfangs von seiner Tochter hatte auffüttern lassen, die aber später so groß und grimmig wurden, daß der König dem seine Tochter versprach, der die Ungeheuer erlegen würde. Die Geschichte steht weitläufig bei'm Saxo Gramm. IX. p. 262. Regner ist überhaupt sehr berühmt in der Sage, und sein Todesgesang gehört zu den schönsten Stücken in der alten nordischen Poesie. Taucht langgestreckt aus schwarzer Fluth hervor! Thorilde heischt den schnellen Zauberwagen, Thorilde ruft, empor, empor, empor!   56. Horch, da beginnt's sich tief im See zu regen, Unbändig ringt's sich in die Höh, Die Wog' erbebt von unsichtbaren Schlägen, Und Flammen speit und gift'gen Dampf der See: Und grimmig wälzen jetzt zwei große Ungeheuer Sich aus der Fluth, die mit Gebraus Sich um sie hebt, und sprühn das langgehemmte Feuer Auf's feindliche Gewühl der schwarzen Wellen aus.   57. Vom Gift ist hoch der gelbe Bauch geschwollen, Mit hartem Schuppenkleid der Rücken rings bedeckt, Auf bäumt sich kühn das Haupt, in tausend Kreise rollen Sie Hals und Leib, die spitze Zunge streckt Giftträufelnd weit sich aus. Thorildens Zauberwagen Schließt sich an ihren Schweif mit ehrnen Banden an, Und wild begehrt das wüthende Gespann, Die leichte Last dahin durch Luft und Meer zu tragen.   58. Es kömmt zum Strand empor am zackigen Gestein, Und um den Wagen schmiegt sich dicht die dunkle Wolke; Thorildens Stab gebeut dem bleichen Geistervolke, Zum grausen Zuge sich um ihren Sitz zu reihn. Und grinsend nahn die blut'gen Schaaren, Rauh rasselt rings der rost'ge Stahl Um ihre Glieder her, und zuckend läßt der Strahl Des Grabes starren Frost in jedem Zug gewahren.   59. Jetzt rase, Sturm! Ihr Töchter Aegir's, naht! Ihr Töchter Aegir's naht –»Fornjodur, die Urerde, erzeugt Aegir, das Weltmeer, Kare, die Luft, und Lage, das Feuer. Aegir, als ein Riese gedacht und als solcher auch Gymer, der Unermeßliche, der Ungeheure, genannt, zeugt mit einer andern Riesin, Aurbode, die Tochter Gerda. Als ein Theil der Natur, als Elementargott, vermählt er sich mit Ran (dem Raube) und erzeugt mit ihr die Alles verschlingenden Stürme und Wogen, Hinningläffa, Dufa, Blödughadda, Hefring, Udur, Raun, Bylgia, Dröbna und Kolga, deren Namen alle den verschiedenen Grad ihrer Heftigkeit auszudrücken scheinen. So ist Bylgia der Sturm selbst, Dröbna das brausende und rauschende Wasser, Kolga die Meeresfluth, Hefring die sich erhebende, Hinningläffa die himmelandrohende Woge. Doch bieten sie auch schwesterlich, wie sie hier vereinigt sind, und freundlich den guten Menschen als Wellenmädchen die tröstende Hand und geleiten sie entweder glücklich an's Ufer oder legen die nicht mehr Errettbaren in den sanften Schooß der Mutter Ran.« Gräter's mythologische Briefe. S. Bragur 7ter Band. II. Abth. S. 27. Im wilden Tanz durchtobt den Schaum der Welle! Hoch hebe, Kolga, dich! und, Hinningläffa, schwelle! Laut beb' um euern Schritt der Woge rauher Pfad! Nicht bettet sanft, wenn eure Opfer sinken, Sie in der Mutter Schooß; zerschmettert tief im Meer An Klippen Stirn und Brust, ihr kaltes Blut zu trinken! Und rastlos treib' im Sturm ihr morsch Gebein umher!   60. Um meinen Pfad sey Graun, und unter mir Verderben! Rasch züngle, Blitz, aus meiner starken Hand! Worauf mein Blick sich senkt, das muß verzagend sterben, Mein Hauch ist Qual, und dunkel mein Gewand, Mein Wagen soll mit schwarzem Blut sich färben, Zermalmen soll sein Rad der Panzer ehrnes Band. Beginnt den Schlachtgesang, hohläugige Gebilde! Thorilde zieht zum Kampf, auf Wettern thront Thorilde.   61. So ruft sie aus, und, horch, die finstre Schaar beginnt Ein Lied der Nacht, ein gräßlich Lied zu heulen, Wobei in kühnster Brust das starre Blut verweilen, Das Herz zerspringen muß. So saust der hohle Wind Im öden Schutt verfallner Trümmer; So windet grausenhaft durch schwarzer Nächte Flor Bald bang, verzweifelnd bald, ein fernes Klaggewimmer Aus Marterkammern sich empor.   62. Auf! auf! nicht länger darf die blut'ge Rache zaudern; Geliebter, komm! das dunkle Werk gelang. So tönt Thorildens Ruf. Der Däne naht mit Schaudern, Doch stärkt ein kräft'ger Zaubertrank Ihm Herz und Glieder bald. Das Paar besteigt den Wagen, Die Wolk' erhebt mit ihrer Herrscherin Sich hoch empor, und rasch, vom Sturm getragen, Schwimmt über Wald und Fels schwarzrollend sie dahin.   63. Wie beben rings die Höhn! wie brechen Des Waldes Häupter jetzt! wie rauscht das dürre Laub Im Wirbelwind umher, wie stürzt in Feuerbächen Der rothe Blitz sich auf den sichern Raub! Wie rast die Wog' empor und trotzt den drohnden Wettern! Wie bricht sie krachend hin! Wie senken grau und schwer Die Hagelschauer sich und peitschen und zerschmettern Mit wildem Geißelschlag das ungezähmte Meer!   64. Es pfeift und saust und heult und kracht und wüthet: Blitz kämpft mit Blitz, die Fluth verschlingt die Fluth, Aufwogend thürmt die Nacht sich um die Gluth, Auf Donnern thront der Tod, der Zwietracht Hohn gebietet Von Stürmen laut herab, in rothem Feuer brennt Der Wellen schwarzer Kampf, die Woge schlägt den Himmel, Der Himmel sinkt auf's Meer, und keine Grenze trennt Jetzt Luft und Fluth und Land im rasenden Getümmel.   65. Wer hat euch Kraft, wer euch die ehrne Brust verliehn, Ihr Schrecklichen! die ihr den raschen Wagen Mit stummem Ernst und ohne Zagen Durch dies Verderben lenkt? Fest thronet ihr und kühn, Ihr Könige der Nacht! Weit reißt das wilde Grauen Den Rachen um euch auf, ihr zittert nicht zurück; Hoch schlägt im Sturm das Herz, und glühend strebt der Blick Das Ziel der Rache nur und nur den Feind zu schauen.   66. O fliehe, Schiff, das Deutschlands Helden trägt, Weit, weit hinweg zu friedlichen Gestaden! Schon naht der Sturm, schon rauscht auf wilden Pfaden Die Fluth zu dir heran und schlägt Gewalt'ger schon den Bord. Des Schiffers Blicke stieren Vom Graun gebannt der nahnden Wolke zu, Und jach entschreckt der süßen Ruh, Beginnt sich rings das Volk in banger Hast zu rühren.   67. Der zieht die Segel ein, der klimmt am straffen Seil Zum Mast empor, der sucht umsonst das Schiff zu lenken, Der hält des Ankers spitzen Pfeil In seiner Hand bereit, ihn in den Grund zu senken, Der wirft in's hochgeschwollne Meer Die salz'ge Fluth zurück, der sucht den Leck zu dämpfen, Und jener greift nach Schild und Speer, Als könne Menschenkraft mit Sturm und Woge kämpfen.   68. Hoch, wie ein Gott, mit Kraft und Ruhe geht Held Adalbert umher und trotzet den Gefahren Und ordnet und ermahnt. Umsonst; sein Ruf verweht Im lauten Sturm, und Schreck betäubt die Schaaren. Doch ruhig, wie ein Heil'genbild, Sieht man bei Blitzesglanz das zarte Fräulein sitzen, Und fruchtlos sucht mit breitem Schild Vor Sturm und Regenguß der Sänger sie zu schützen.   69. Und höher tobt die Wog' empor, Die schwarze Wolkenburg droht lastend über'm Schiffe, Der Himmel schließt sich zu, tief gähnt des Abgrunds Thor Und zeigt am Grund des Meers die spitzen Felsenriffe. Sieh, eine Wog' erhebt mit ungeheurem Schlag Sich auf's Verdeck und reißt mit drohnder Schwere Den Sänger fort. Er sinkt, und eine Wehmuthszähre Sinkt aus dem frommen Blick Cäciliens ihm nach.   70. O Gott, o großer Gott! ruft mit gepreßtem Tone Der deutsche Held, wenn unsre Sündenschuld Uns fordert, nimm uns hin! Nur jene dort verschone, Die Heil'ge dort, die still mit gläubiger Geduld Auf deinen Arm vertraut! Und rasch zu ihren Füßen Sinkt er dahin: O bete du, Du selbst für dich! dir hört der Himmel zu, Du bist von Sünden rein: nur uns allein laß büßen!   71. Er fleht umsonst. Der unerforschte Rath Der Vorsicht waltet hoch auf Stürmen: Und lauter heult der Wind, und immer höher thürmen Die Wogen sich empor, und immer tiefer naht Die Wolke sich herab, sie birst mit lautem Krachen. So springt der Hölle schwarzes Thor: Und grausend bäumen jetzt die ungeheuren Drachen Mit ihren Herrschern sich aus finsterm Dampf hervor.   72. Und nieder sinkt das Volk mit gräßlichem Verzagen, Nur Adalbert erhebt den tapfern Blick; Den letzten Kampf, er will ihn kühnlich wagen, Er schwingt den Speer; doch in die Fluth zurück Treibt spottend ihn der Sturm. Mit dumpfen Grabestönen Beginnt die Geisterschaar den heulenden Gesang. Die bleiche Lippe grinst, und ihrer Schilde Klang Scheint rauh den schwachen Feind zu höhlen.   73. Hohnlachend ruft die Jungfrau jetzt hinab: Erkennst du mich, Ohnmächt'ger, fruchtlos Kühner? Verachtest du noch jetzt der Rache schnelle Diener, Wenn Hertha zürnt, der Norne mächt'gen Stab? Fahr hin! fahr hin! Dich streckt Thorilde nieder. Wenn auch dein Gott dich jetzt dem Tod entrafft Wenn auch dein Gott dich jetzt dem Tod entrafft . – Nach der Vorstellung der alten Dänen konnte jeder Gott den Seinigen helfen und in seinem Kreise wirken. Suhm über die leichte Verdrängung der Odinischen Religion. Bragur B. 4. Abth. I. S. 131. , Noch hat mein Arm, mein Zauber Kraft; Dir schwör' ich ewigen Kampf! Fahr hin! Du siehst mich wieder.   74. Sie ruft's und schwingt in kühner Hand Das flammende Geschoß, und rothe Blitze schmettern Auf's Schiff herab. Hoch steigt in grauen Wettern Die Gluth empor, und flackernd läuft der Brand Von Bord zu Bord. In raschem Fluge Rollt jetzt der Wagen fort; die mächt'gen Schweife schwingt Im Fliehn das Drachenpaar. Laut kracht in jeder Fuge Das schwergetroffne Schiff, und jede Fessel springt.   75. Da faßt im letzten Augenblicke, Als rings die Fluth, die rege Flamme droht, Der Held Cäcilien und hebt die nassen Blicke Zu Gott empor und ruft im Drang der heißen Noth: O schütze du, o rette, gnäd'ger Himmel, Was ich nicht retten kann! Und horch, dumpfkrachend sinkt Das Schiff hinab, und mit dem Fräulein springt Voll gläubigen Vertrauns der Held in's Fluthgetümmel. Dritter Gesang. 1.                       Indeß entschwand am fernen Himmelssaum Der Wolke drohnder Flug, es schwieg des Sturms Gefieder, Und friedlich wiegte bunter Schaum Sich auf der stillen Fluth hellperlend auf und nieder; Wie auferweckt aus bösem Traum, Hob aus zerrißnen Wolken wieder, Noch halb von Duft umwebt, der Mond sein Licht hervor – Und fern am Himmel stieg die Dämmrung schon empor.   2. Mit gläubigem Sinn die theure Last umschlingend, Vertraute hoffnungsvoll sich Adalbert der Fluth Und schwamm, mit starkem Arme ringend, Durch's weite Meer dahin. Wie stählte kühner Muth Ihm Kraft und Herz! Ruht nicht sein Glück, sein Leben An seiner Brust? Darf liebend nicht sein Arm Das zarte Bild umfahn? Fühlt er nicht bang und warm Selbst in der Fluth ihr Herz an seinem Herzen beben?   3. Und wenn auch oft des Kampfs Gewalt Die letzte Kraft ihm raubt, und matt sein Athem schwindet, Dann schaut er gläubig hin zur himmlischen Gestalt, Die bang sich an ihn schmiegt, und neuer Muth entzündet An ihrem Reize sich. Ach von dem sel'gen Blick, Der ew'ge Lieb' ihm gab, scheint noch mit mattem Leben In ihrem Aug' ein leiser Traum zu schweben; Und mit der Sehnsucht kehrt auch Hoffnung ihm zurück.   4. Noch lebt sie ja; wenn auch schon halb gebrochen Ihr Auge sinkt, noch lächelt's still und schön, Noch fühlt er schwach des Herzens Schläge pochen, An seiner Wange noch den linden Athem wehn. O güt'ger Gott! du läßt sie nicht verzagen; Wenn auch der Liebe Glück ihm dein Beschluß verbeut, Laß für der Liebe süßes Leid, Für seinen letzten Trost die letzte Kraft ihn wagen!   5. Und sieh, da stieg der frühe Tag Im Morgenduft empor; die heißersehnte Helle Umfloß das weite Reich der Welle, Und fröhlich wiegte sich mit leisem Wogenschlag Im frischen Hauch das Meer. O milder Strahl der Gnade, Du Licht des Heils, von Himmelshöhn gesandt! Schon zeigt Errettung sich, schon hebt ein nahen Land Aus stillem Meer die friedlichen Gestade.   6. O weile noch! Nur einen Augenblick Umsäusle noch, du süßer Hauch des Lebens, Ihr mattes Herz! O laß, allgütiges Geschick, Dem Ziel des Kampfs mich nicht vergebens, Mich nicht verzweifelnd nahn! So ruft in banger Lust Der müde Held und blickt auf seine Liebe nieder; Und horch, ein leiser Hauch entweht der zarten Brust, Und staunend öffnen sich dem Licht die Augen wieder.   7. Schon ist der Strand erreicht. In's weiche Blumengrün Legt Adalbert die schwererrungne Beute Und faltet fromm die Händ' und dankt auf seinen Knien Dem großen Gott, der ihn im blut'gen Streite, Im wilden Meer bewahrt. Wie rinnt im heißen Drang Aus seinem freud'gen Blick der Quell der süßen Thränen, Wie schwingt zum Himmel sich in halb erstickten Tönen, Im raschen Hauch der Brust des Herzens glühnder Dank!   8. Und als er jetzt der ew'gen Güte Die fromme Schuld bezahlt, kehrt er zu ihr sich hin, Die still im leisen Anbeginn Erneuerten Gefühls gleich einer zarten Blüthe Zum Leben auferwacht. Mit ungetrübtem Strahl Hing jetzt des Ritters Blick am heißgeliebten Bilde, Und keimend auf dem Glanz entblühnder Schönheit stahl In seine Brust sich Ruh' und Milde.   9. So spiegeln sich im zarten Thau Des reinen Blüthenkelchs herab aus blauer Ferne Mit freundlich hellem Licht die unbewölkten Sterne, Wenn von des Himmels weiter Au Der Ungewitter düstre Wogen, Die lang verheerend rings die blaue Flur umzogen, Zum fernen Horizont entschwebt, Und jetzt ein sanftes Wehn die stillre Nacht belebt.   10. Sie athmet tief und athmet leise; Noch ist ihr Geist sich nicht des Lebens ganz bewußt, Noch zieht die bunten Zauberkreise Die Täuschung um sie her. Mit kindlich zarter Lust Durchtändelt ihre Hand die weichen Blumenkräuter, Womit ihr Lager sich bekränzt, Und zu dem goldnen Licht, das ihre Wang' umglänzt, Schaut träumend sie empor und lächelt fromm und heiter.   11. Sie blickt umher, aus trüber Dämmrung lebt Ihr Geist allmählig auf, zu ihrem Retter hebt Ihr Auge sich und was in tiefster Fülle Das herrliche Gemüth, das rein und innig liebt, Was jungfräuliche Schaam und fromme Seelenstille, Was heil'ger Glaub' und innrer Adel giebt, Was jemals Göttliches das schöne Herz empfunden, Das hat in einem Blick des Dankes sich verbunden.   12. Und vor der leuchtenden Gestalt Sinkt Adalbert mit frommem Triebe Auf seine Knie hinab. O süße Allgewalt Des Schönen! Heil'ger Strahl! O zarter Hauch der Liebe! So ruft er aus; euch hat von ew'gen Höhn Der Himmel mir geschickt, ich darf nicht widerstehn, Ihr seyd mir Gottes Pfand; ihr sollt zum großen Werke, Das er mir auferlegt, mir Muth verleihn und Stärke!   13. O güt'ger Gott, wie sollt' es Sünde seyn, Daß ich dein schönstes Bild im tiefsten Busen trage, Daß ich die kühne That mit höherm Muthe wage, Wenn du mir sichtbar bist? O nein, Du willst es nicht, daß dein Geschöpf verzage. Du gabst mir dies Gefühl, du wirst es auch verzeihn. Entsagung hat dein Wink mir vorgeschrieben; Ich folge gern; nur laß, Allgüt'ger, laß mich lieben!   14. Und du, in deren Zauberbann Sich Alles schmiegt, was je mein Herz empfunden, Was sag' ich dir, der ich nur bittre Stunden, Nur mein Gefühl und nicht mich selber bieten kann? Nicht darf ich dich in mein Geschick verflechten, Vergiß mich, tilge jede Spur Von mir aus deiner Brust. Erinnrung laß mir nur Und meinen Schmerz. Nie soll mit dir mein Kummer rechten!   15. Tod ist mein Schicksal, kalter Tod Im Lenz der Kraft, in blühnder Lebensfülle – Ich klage nicht! Gepriesen sey der Wille Der ew'gen Macht, die Großes mir gebot! Doch dich, dich muß ich erst bewahren Vor jedem Leid, erst dir ein sichres Loos verleihn, Dann scheid' ich gern; mein Pfad geht durch Gefahren Dem Grabe zu, und du mußt glücklich seyn!   16. So ruft er aus. In himmlischer Verklärung Und unentstellt von rascher Leidenschaft, Durch Liebe schön, und groß durch gläub'ge Kraft, Erhebt sie sich. Ihr Auge strahlt Gewährung, Um ihre Lippen weilt das Lächeln süßer Huld, Muth thront und freudige Geduld Auf ihrer freien Stirn, und auf den hellen Wangen Ist still das Morgenroth der Zartheit aufgegangen.   17. Gieb mir die Hand, spricht sie mit sanftem Ton, Wir sind vereint, uns soll kein Schicksal scheiden; Ich will mit dir, was dir bestimmt ist, leiden, Mit dir zugleich den schönen Lohn Der frommen That empfahn! In frühen Tagen schon Bestimmte Gottes Rath ein gleiches Loos uns Beiden. Wollt' ich nicht gern dir mein Gefühl gestehn, So würd' ich stolz die ew'ge Vorsicht schmähn!   18. Nicht darf mein Mund die Botschaft dir erzählen, Die mir vom Himmel kam; was dich vielleicht betrübt, Das will ich treu und sorgsam dir verhehlen, Dir, dem mein Herz, das nie geliebt, In reiner Kraft jungfräulich sich ergiebt; Dir, den sich selbst der Vorsicht Mächt' erwählen Zum Herold ihres Ruhms, dir darf um ird'schen Wahn Kein feiger Schmerz und keine Sorge nahn.   19. Mit keuschem Sinn will ich dein Bild verwahren In reiner Brust, du sollst mein einz'ges Glück Im Leben seyn, durch drohende Gefahren Will ich mit dir dem nächtlichen Geschick, Dem Tode nahn! O, auch in meinem Herzen Ist stolzer Muth, auch mich hat Gott geweiht, Das zu verschmähn, wonach der Streit Der ird'schen Wünsche ringt, und mit dem Schmerz zu scherzen.   20. Wird nicht ein Land der sel'gen Ruh Die Auserwählten einst vereinen? Führt uns nicht einst dem Kreis der Heiligen und Reinen Um Gottes Thron ein lichter Engel zu? Wie werden dort so schön die goldnen Siegerkronen Um unsre Stirn sich ziehn! Wie werden rein und hell Die Geister sich umfahn! Wie wird der ew'ge Quell Der Lieb' aus Gottes Blick für unsre Treu' uns lohnen!   21. Sie spricht's mit frommer Zuversicht Und blickt empor und glänzt in sel'gen Zähren; Ach! Alles, was sie einst vom Himmel sich verspricht, Es scheint schon jetzt ihr Auge zu verklären. Bewundernd steht der Held und widerstrebt ihr nicht Und scheint in ihrem Wort des Himmels Ruf zu ehren, Und Jeder fühlt, von freud'gem Muth entbrannt, Ein Band, das Gott geknüpft, das sey ein ew'ges Band.   22. Indeß erhob der Tag im waldumkränzten Thale, Zu dessen stillem Schooß die Wogen sie gebracht, Sich leuchtender empor; und was im Sturm der Nacht Das edle Paar erlitt, das schwand im wärmern Strahle Der höhern Sonne bald. Und friedlich im Gebüsch, Wo aus dem Felsen klar und frisch Ein rascher Quell entspringt, den duft'ges Grün umschattet, Ruht jetzt das Fräulein aus, vom langen Kampf ermattet.   23. Doch spähend streift der Paladin Im nahen Wald umher, ein Mahl für sie zu pflücken; Und reich beschwert von wilden Früchten, nicken Die Zweig' ihm zu, rings glänzt im Wiesengrün Der Beeren bunter Schmuck, und breite Blätter bieten Zur Schüssel sich ihm an; und um die Dürftigkeit Des kargen Mahls durch Schönheit zu vergüten, Hat er es bunt mit Blumen überstreut.   24. Froh kehrt er jetzt zurück, als eben Cäcilie dem weichen Arm Des Schlummers sich entwand. Wie glänzt' im frischern Leben Ihr heller Blick, wie spielte zart und warm Der Stärkung Rosenhauch um ihre heitern Wangen! Ihr Lächeln war so rein und jeder Zug so mild, Als war' ihr blühendes Gebild Aus schöpferischer Hand erst jetzt hervorgegangen.   25. Und mit dem lichten Rosenglanz, Der ihre Wang' umwob, schien auch ein neuer Morgen Um ihren Geist zu blühn, und was im Strahlenkranz Der Hoheit sich vorher mit schwächerm Licht verborgen, Das keimte jetzt hervor. Ihr leicht beschwingter Mund Verstand so süß die Sorgen fortzuspielen, Und arglos gab sich jetzt in kindlichen Gefühlen, In Scherz und Tändelei die zarte Jungfrau kund.   26. Mit leisen Zauberschwingen schwebte Die rege Phantasie um jeden Blüthensaum, Und jedes ird'sche Bild belebte Ihr warmer Frühlingshauch und schuf zum geist'gen Traum Bedeutungsvoll es um; und was der Geist dem Herzen, Und was das Herz dem Geist zum schönern Schmuck verliehn, Das ließ sie jetzt in zarterfundnen Scherzen, In tändelndem Gefühl auf ihren Lippen blühn.   27. Unglaublich schien's, daß solche große Seele So anspruchslos verhüllt in stillen Reizen sey, Daß jungfräuliche Lust mit kühner Schwärmerei, Mit heiterm Scherz sich heil'ger Ernst vermähle, Und Muth mit weichem Sinn. Vor jedem raschen Laut, Vor jedem Tropfen, der vom Zweige niederthaut, Erbebt sie scheu mit mädchenhaftem Zagen; Wenn Gott befiehlt, wird sie ihr Leben wagen.   28. O zartes Wesen! ruft der Held Wehmüthig aus, so willst du jetzt schon scheiden, Schon jetzt den Glanz der schönen Welt, Den warmen Hauch des frischen Lebens meiden? Vernimm, noch hab' ich ja nicht Alles dir erzählt, Was meiner harrt, vernimm mein ganzes Leben; Wenn dann dein Herz kein andres Loos erwählt, Dann darf ich Gottes Wink nicht länger widerstreben.   29. Nicht kann ich dir mein Vaterland, Nicht mein Geschlecht, nicht meinen Namen sagen. Schon in den frühsten Kindertagen Hat aus der Aeltern Schooß mein Schicksal mich verbannt. Ein edler deutscher Graf, der tapfre Folko, fand Mich früh Verlaßnen einst, als er, den Ur zu jagen, Den wildern Forst durchstrich, und trug mit mildem Sinn Zu seinem Schloß den zarten Säugling hin.   30. Der Himmel hatt' ihm keine Erben Des edlen Stamms gewährt. In früher Liebeszeit Sah er die holde Gattin sterben, Und traurig schlich in trüber Einsamkeit Sein später Herbst ihm hin. Der älternlose Knabe Schien ein Geschenk des Himmels ihm zu seyn, Denn nimmer wähnt' er noch, so nahe schon dem Grabe, An väterlicher Lust sein Alter zu erfreun.   31. Nie konnt' ein Vater wohl so treu die Liebespflichten Für seinen eignen Sohn vollziehn. Er selbst verpflegte mich mit zärtlichem Bemühn, Ließ mich im Ritterthum und Glauben unterrichten, Und suchte stets durch Wort und That, Durch eignes Beispiel bald und bald durch weisen Rath, Und durch die Sagen alter Zeiten Zu allem Guten nur mein junges Herz zu leiten.   32. Der edle Mann! Schon ist er längst dahin; Doch nie vergeß' ich seine Lehren, Stets wird mein Herz durch frommen Sinn, Durch ritterliches Thun sein theures Bild verehren. Er hat mir Geld und Gut und Rang, Hat eine Heimath mir, ein ehrlich Schild gegeben. Wohl dank' ich's ihm; doch was mein innres Leben Ihm schuldig ist, das fordert größern Dank.   33. In tiefer Einsamkeit entschwanden Die frühern Jahre mir. Ein altes Felsenschloß, Wo seine Aeltern einst der Gattin ihn verbanden, Wo ihm der Mai der sel'gen Lieb' entfloß, War Folko's Lieblingssitz. Nur wenn in blut'gen Kriegen Dem Kaiser beizustehn ihm seine Pflicht befahl, Zog er in's Land hinab, um an dem späten Strahl Des alten Ruhms sein Herz noch einmal zu vergnügen.   34. Ich blieb indeß in stiller Burg allein. Der kind'schen Lust war früh mein Herz verschlossen; Gern mied ich stets den Kreis der wilden Spielgenossen Und irrte träumerisch durch Klippen, Thal und Hain. Mir war's die größte Lust, auf hohen Felsenspitzen, Vom Sturm umsaust, in dunkler Nacht zu sitzen, Und ahnend zu des Himmels Höhn Und in das dunkle Grau der Ebne hinzusehn.   35. Wohl ahnet' ich, daß in der weiten Ferne Mein Vaterhaus und meine Heimath sey, Und sehnsuchtsvoll in weicher Träumerei Verfolgt' ich oft den stillen Zug der Sterne Zum letzten Himmelssaum. Sie ziehn vielleicht dahin, So seufzt' ich dann, zur Wohnung deiner Lieben; Du bist allein, mit fremdem Sinn, Im fremden Volk zurück geblieben.   36. Und wenn ich dann im kühlen Thau Die heiße Brust verbarg, und häuf'ger von den Wangen Die Sehnsuchtsthräne floß, dann sah im Nebelgrau Ich oft ein zartes Licht mit stillem Schimmer prangen; Und freundlich fühlt' ich mich von einer holden Frau Mit leisem luft'gen Arm umfangen, Und immer war mein Herz, so oft ich sie erblickt, Wehmüth'ger zwar, doch wunderbar erquickt.   37. Bei ihr empfand ich nie das Grauen, Das sonst der Menschen Brust bei Geisternahn erfüllt; Mein ganzes Wesen hing mit kindlichem Vertrauen, Mit frommer Lieb' an ihr. Sie war so still, so mild, Gab mir zum Spiel so oft die schönsten Wunderblüthen, Erschien dem Irrenden, wenn ihm der Pfad entschwand, Und sucht' in dunkler Nacht vor jedem Felsenrand, Vor jeder Kluft den Fuß des Strauchelnden zu hüten.   38. Nach ihrem Namen fragt' ich nie Und strebte nie, warum sie kam, zu wissen. Mir war's, als hätte sie mir stets erscheinen müssen, Als wär' aus frühster Zeit mit meiner Phantasie Ihr zartes Bild vermählt. Still wohnt' im tiefsten Herzen Die Holde mir gleich einer süßen Braut, Und frevelnd wähnet' ich mit meinem Glück zu scherzen, Hätt' ich es je der fremden Brust vertraut.   39. So träumt' ich in den Jünglingsjahren, Dem Leben fern, in einer fremden Welt, Als Eberhard, der kühne Frankenheld, Zum Aufruhr sich erhob Als Eberhard, der kühne Frankenheld, / zum Aufruhr sich erhob – Eberhard, Herzog von Franken, ein unruhiger und tapferer Fürst, verband sich mit Heinrich, dem Bruder, und Thankmar, dem Halbbruder des deutschen Königs, gegen diesen. Der vierte Bundesgenosse war Giselbert, Herzog von Lotharingen. Der Krieg fiel indeß unglücklich aus. Otto schlug seine Feinde in mehreren Schlachten, und Eberhard, Thankmar und Giselbert verloren ihr Leben. Nach Wittekind Annal. Lib. II. blieben in der Schlacht bei Anderbach nur Eberhard und Giselbert, nachdem Thankmar schon früher umgekommen war. Das Chronic. Australe in Freher script. rer. Germ. T. I. setzt die Schlacht bei Anderbach in's Jahr 940. und rasch mit mächt'gen Schaaren Den Kaiser überfiel. Des Reiches Edle waren Mit ihren Bannern schon in's blut'ge Kriegesfeld, Dem Kaiser der , dem Herzog der gewogen, Ein Jeder zu dem Heer des Freundes hingezogen.   40. Da trat der biedre Graf mit diesem Wort zu mir: Jetzt gilt es, Adalbert! jetzt kannst du Ruhm erwerben. Mir ward kein Kind, des Vaters Glanz zu erben; Mein schwaches Alter ruht, mein edler Stamm auf dir. Mit Freuden will ich jetzt und redlich streitend sterben, Kann ich mein ehrliches Panier, Mein unbescholtnes Schwert mit meinem Vatersegen In deine Hände niederlegen.   41. Der Aufruhr tobt am Rhein. Mich rufen Pflicht und Eid Für meinen Lehensherrn zum Streit; Du sollst die Rittersporn in dieser Fehd' erringen. Wohl lehrt' ich dich den Speer, das breite Schwert zu schwingen, Das Roß zu bändigen. Zieh hin, mein einz'ger Sohn! Dein Ruhm soll mir den süßen Lohn Der treuen Vatersorge geben, Und Folko's alte Kraft in dir noch einmal leben.   42. Ich küßte dankbar seine Hand; Er segnete den Sohn, und eine stille Zähre Benetzte meine Stirn. Bald zogen wir zum Heere Des Kaisers jetzt hinab in's schöne Frankenland. Willkommen, rief der Fürst, du schlugst schon manche Schlachten Für Otto's Recht, du altes treues Schwert, Du redlicher Vasall! wer Folko's Haupt nicht ehrt, Der wird des Kaisers Haupt verachten.   43. Bald trafen wir bei Andernach Den stolzen Feind. Es war ein heißer Tag, Und viele tapfre Helden sanken In's blut'ge Gras dahin. Wohl kämpfte rasch und kühn Der wilde Eberhard mit seinen muth'gen Franken; Schon wich des Kaisers Heer, und schon begann's zu fliehn, Nur Folko sammelte die flücht'gen Schaaren wieder, Und flammend schlug sein Schwert den Frankenherzog nieder.   44. Von Zorn und Rachbegier erhitzt Drang Gieselbert von Lotharingen Auf meinen Vater ein, und Thankmar's Lanze blitzt, Um auf den tapfern Greis, der mühsam nur sich schützt, Weil manche Wund' ihn hemmt, durchbohrend sich zu schwingen. Schon ist sein Schild zerhaun, und immer mächt'ger dringen Die Franken ein; sein Banner weicht zurück, Und zwischen Schwert und Brust weilt nur ein Augenblick   45. Mich hielt indeß im andern Streite Ein starker Krieger auf; da sah ich Folko's Noth. Rasch stürz' ich hin, auf meinem Schwert ist Tod, Schon dring' ich durch, schon steh' ich ihm zur Seite, Schon hat den Sinkenden mein Arm emporgerafft, Die Rechte schwingt das Schwert, fest schützet in der Linken Den theuren Greis mein Schild, der Himmel giebt mir Kraft, Und Gieselbert und Thankmar sinken.   46. Und schnell vertrau' ich jetzt der sichern Freundeshand Das liebe, schwererkämpfte Pfand, Und eile fort, sein edles Blut zu rächen. Die flücht'gen Schaaren stehn, sie ziehn mir nach, sie brechen Wuthschnaubend in den Feind, der jetzt sich nicht mehr hält, Da seine tapfern Führer sanken; Schwach kämpfen seine Reihn, ihr Banner sinkt, sie wanken, Der stolze Heinrich flieht, und unser ist das Feld.   47. Als nun mit frohem Siegsgepränge Die Krieger sich gereiht, in's Lager heim zu gehn, Entstahl ich mich dem lärmenden Gedränge Und eilte fort, den theuren Greis zu sehn; Doch Otto ließ schon längst in's eigne Zelt ihn tragen; Die Wund' in seiner Brust, die Gieselbert ihm schlug, Sie gab dem Tod ihn hin; kaum kam ich früh genug, Mein letztes Lebewohl dem edlen Mann zu sagen.   48. Schwachathmend lag er da. Mit seinen Rittern stand Der Kaiser um sein Bett, des Helden Tod zu ehren. Matt winkt' er mir; mit heißen Zähren Kniet' ich dahin und küßte seine Hand, Die liebend mich erzog. Leb wohl, mein junger Degen, So sprach er leis', ich sterbe gern; Sey deinem Glauben treu und deinem edlen Herrn Und stirb wie ich; das ist mein bester Segen.   49. Sein Athem schwand. Ich hielt den Schmerz nicht mehr, Ich weinte laut und gab in Klagetönen Dem bittern Leide Raum. Mit ehrerbiet'gen Thränen Stand still die Heldenschaar um seine Leiche her. Er war ein Held, Gott segn' ihn droben, Begann der Kaiser jetzt; wenn unser Ende naht, So mag's ein solches seyn; nicht kann für seine That Mein Mund ihm dankbar seyn, drum soll mein Werk ihn loben.   50. Und schnell ergriff er Folko's Schwert Und sprach zu mir, der noch am Lager kniete: Komm her, mein junger Held, daß ich an dir vergüte, Was mir der Vater that; du bist des Vaters werth. Gern zähl' ich dich zu meinen Lehnsvasallen, Nimm diesen Schlag von meiner Hand, Und keinen zweiten mehr, und was an Ehr' und Land Dein Vater jetzt besaß, sey dir anheimgefallen.   51. Er sprach's und gab mir dann – er soll es nie bereun, Was er gethan – den heil'gen Schlag der Weihe ; Auf Folko's Schwert schwur ich den Eid der Treue, Versprach des Glaubens Hort, der Waisen Schutz zu seyn. Und freundlich grüßte jetzt den neuen Kampfgesellen Mit Wort und Händedruck die graue Heldenschaar, Und Mancher sprach: Sey du, wie Folko war, Dann wird kein Rost dein adlich Schild entstellen!   52. Und als ich jetzt mit nassem Blick Den theuren Mann zur Gruft geleitet, Da zog ich still, von meiner Schaar begleitet, Mit trüber Brust zu meiner Burg zurück. Ach, Alles mußte hier den bittern Gram erneuen, Rings zeigte sich des theuren Vaters Spur; Ich floh die Welt; mein eigner Kummer nur, Er konnte Lust und Lindrung mir verleihen.   53. Er war der Einz'ge ja, der auf der neuen Welt Mich sein genannt; nun war ich ganz verlassen! Wen durft' ich jetzt mit zarter Lieb' umfassen, Wem kindlich mich vertraun? Mit süßem Glauben hält Des Jünglings Herz so gern sich an den Kreis der Seinen, Der traulich ihn mit sicherm Band umzieht; Mir hatte nie dies ganze Glück geblüht, Und was Ersatz mir gab, das mußt' ich jetzt beweinen.   54. Einst, als die Burg schon längst in tiefen Schimmer sank, Und nur mein schwacher Schmerz auf ödem Lager klagte, Da weht' es sanft, wie leiser Harfenklang Auf Dämmrungswehn, und lichter Schimmer tagte Vom ros'gen Saum umkränzt; und sieh, das holde Bild, Das sonst so oft des Knaben Sehnsuchtsthräne Mit leiser Hand gehemmt, das lang sich jetzt verhüllt, Es nahte mir mit wunderbarer Schöne.   55. Sanft wallten, rings von goldnem Licht umhaucht, Gleich einem Heil'genschein der Locken weiche Wogen. Wie reine Himmelsblumen zogen Lichthelle Sterne sich, in bunten Schein getaucht, Um ihre zarte Brust. Rasch schwamm der irre Schimmer, Der sie umgab, und wob zur sichern Form sich nimmer. Nur friedlich lächelte der Augen stiller Glanz, Dem klaren Monde gleich im flücht'gen Wellentanz.   56. Was weinst du, Adalbert, mit unfruchtbaren Zähren? So tönte süß ihr ernstes Wort herab; Der Sterbliche muß Gottes Wink verehren Und freudig niedersehn auf seiner Lieben Grab. Nur fromme Ruh' und gläubiges Vertrauen, Nur Thaten für die Welt und für des Ew'gen Ruhm, Sie sind in Gottes Heiligthum Mit heller Flammenschrift zu schauen.   57. Du bist zum Großen ausersehn: Du kannst die Welt und mich kannst du beglücken, Kannst dir den Kranz des ew'gen Ruhmes pflücken Und unter blindem Volk das heil'ge Kreuz erhöhn. Sieh auf zum Herrn und trockne von den Wangen Der Schwachheit Thränen ab – dir thut durch meinen Mund Der große Gott den ew'gen Willen kund – Nicht darf, wen Gott erkor, nach Irdischem verlangen.   58. Fern, wo ein trotzig Volk vor falschen Göttern kniet, Im Königssitz der nord'schen Räuberschaaren, Dort prangt ein Heiligthum auf heidnischen Altaren, Der schöner einst in gläub'ger Hand geblüht. Der zarten Rose gleicht's, doch strahlt in ew'gem Glanze Der Kelch, den Engel einst von jenem Strauch gepflückt, Der schmerzenreich im bittern Dornenkranze Am Tage des Triumphs das Heil der Welt geschmückt.   59. Mit schnöder List den edlen Schmuck zu rauben, Verlieh den Heiden einst der Vorsicht weise Hand. Nie lenkt das kühne Volk sein Herz zum wahren Glauben, So lang dies hochbegabte Pfand Ihm Schutz und Muth gewährt. Dich hat der Herr erkoren Zum Rächer seines Ruhms. Sey gläubig, fromm und kühn! Noch einmal soll der Schmuck, den schwacher Wahn verloren, Durch deinen Muth in heil'ger Erde blühn.   60. Nicht darf dich niedres Glück verführen, Nicht Lieb' und träge Lust und Wahn und Eitelkeit Mit ird'schem Hauch dein reines Herz berühren, Du bist dem Tod' und Gott bist du geweiht! Wer kühn den Rosenkelch aus Feindeshand errungen, Den hält der Tod mit kaltem Arm umschlungen; Doch herrlich hebt ihn dann zum Chor Der frommen Märtyrer sein schöner Sieg empor.   61. Sie sprach's und sah mit einem Blick der Liebe, Mit einem Blick wehmütiger Lust mich an; Ihr Auge ward von leisen Thränen trübe Und hob zu Gott mit hellerm Glanz sich dann. Sie nahte mir, mich freundlich zu umfangen, Auf ihren Lippen schien ein letztes süßes Wort Emporzublühn; doch rasch mit flücht'gem Bangen Erbebte sie und hob auf lichtem Pfad sich fort.   62. Und auf die Knie' in Demuth hingebogen, Hob ich die Hand' empor mit brünst'gem Flehn Und dankte Gott, der meinen Arm gewogen Und auf den schwachen Staub voll Huld herabgesehn. Von gläub'gem Muth war meine Brust durchdrungen, Mich hatte Gott mit heil'ger Kraft erfüllt; Und aus des Grabes Dämmerungen Erhob sich schön und klar des Himmels heitres Bild.   63. Als jetzt der Morgenstrahl die Zinnen hell verklärte, Berief ich meine Schaar mit lautem Hörnerklang Und gürtete mich mit dem guten Schwerte, Das Folko einst in heißen Schlachten schwang. Und freudig sank ich jetzt vor seinem Bilde nieder Und rief: O Vater, sieh auf deinen Sohn herab! Er scheut wie du das dunkle Grab Für Recht und Glauben nicht und findet bald dich wieder.   64. Nach Norden zogen wir und kämpften manche Schlacht, Bis dich der Herr durch meinen Arm befreite. Weh mir, vergebens war's, daß ich im blut'gen Streite Für dich die Heiden schlug; noch einmal droht die Nacht Des Todes dir! O sprich, wie kann ich jetzt dich schützen? Die Schaar, die kühn und treu an meiner Seite stand, Sie sank dahin vor Gottes Blitzen, Und Alles ruht allein in dieser schwachen Hand.   65. So schloß der deutsche Held, und seine Blicke sanken Mit düsterm Schmerz zu Boden jetzt zurück. Das Fräulein schwieg, in wechselnde Gedanken Mit irrem Geist vertieft. Erst hob ihr klarer Blick Zum Himmel sich mit freud'gem Sehnen, Mit stiller Lust; doch plötzlich schien Sich um den heitern Strahl ein trüber Duft zu ziehn, Und tief im zarten Aug' entblühten leise Thränen.   66. Und ihre Hand ergriff mit tief bewegter Brust Der Paladin und rief: O nein, du darfst nicht leiden, Der Blühenden gebührt des Lebens blühnde Lust; Du mußt noch lang' im Kranz der heitern Freuden Die schönste Blume seyn. O fliehe weit von hier! Mir laß den Schmerz, den kalten Tod laß mir; Mein Herz ist längst verwelkt für alle holden Spiele Der Lust, im schwülen Hauch sehnsüchtiger Gefühle. (Dritter Gesang.) 67.                     Da sah sie lächelnd ihn durch leise Thränen an. – So seht ihr still im Quell die zarte Blume beben. – Kleinmüth'ger, sprach sie sanft, so wähnst du, daß dem Leben Die Thräne galt, die meinem Aug' entrann? Nicht säumt mein Herz mit dir die große That zu wagen; Doch menschlich ist's, der Freunde Tod, Der Lieben rettungslose Noth Mit stiller Wehmuth zu beklagen.   68. Ach, in des Lebens frühem Mai Ist mir zu viel des Theuren schon entschwunden: Die Aeltern starben mir, als ich noch kaum empfunden, Wie süß des Vaters Blick, der Kuß der Mutter sey; Für mich entsank in's finstre Bette Der wilden Fluth der treue Freund; Und ach, in welchem Kerker weint Die Schwester jetzt vielleicht und harrt, daß ich sie rette.   69. Wir lebten still auf väterlichem Schloß, Dort, wo im schönen Sachsenlande Der Leinestrom mit blühndem Uferrande Durch bunte Wiesen fließt. Ein edler Kampfgenoß, Den einst mein Vater sich im fernen Krieg erworben Und mit zur Burg gebracht, ein tapfrer Biedermann, Er nahm, da früh die Aeltern uns gestorben, Der schwachen Jungfraun sich mit regem Eifer an.   70. Der Kindheit unbesorgte Stunden Entschwanden mir und Adelheid Im leichten Spiel dahin. Uns schien die flücht'ge Zeit An jede zarte Lust mit Blumen festgebunden; Wir hatten nie die Einsamkeit, Die uns umgab, mit leerer Brust empfunden; Und nichts erschien so freundlich uns, so schön, Als unser Burggemach und unsre Felsenhöhn.   71. Am liebsten spielten wir in unserm weiten Garten, Der sich im nahen Hain geheimnißvoll verlor. Dort war es ihre Lust, den bunten Blumenflor Mit zärtlichem Bemühn zu warten; Und wenn ich dann am Wellentanz Des klaren Quells entschlief und Engel rings erblickte Im sel'gen Traum, dann kam sie leis' und schmückte Mein schlummernd Haupt mit ihrem schönsten Kranz.   72. Sie war so freundlich stets, an heitrer Seelenstille, An frohem Sinn, an Zartgefühl so reich, So kindlich ihr Gemüth, und doch so fest ihr Wille, Ihr Geist so klar, und doch ihr Herz so weich. Oft sah ich Lust bei ihr und Schmerzen Wie Duft und Thau in einem Kelch vereint; Und muthig konnte sie, wenn sie sich ausgeweint, Zu Andrer Trost mit ihrem Kummer scherzen.   73. Wir blühten still empor, beglückt und unbekannt; Da kam ein alter Spielgenosse, Er, welcher jüngst den Tod im Sturm der Fluthen fand, Zu uns zurück. Er war der letzte Sprosse Aus einem edlen Stamm, den Freundschaft uns verband, Und lebte stets auf unserm Schlosse, Seit eines mächt'gen Feindes Schwert Den Vater ihm geraubt und seine Burg zerstört.   74. Er übte früh die Kunst der Lieder; Und da die blühnde Lust des Lebens ihm gefiel, Verließ er unsre Burg und zog in's Land hernieder Und wallte leicht gesinnt mit seinem Saitenspiel Von Schloß zu Schloß umher. Jetzt kehrt' er fröhlich wieder Mit bunter Phantasie und zärtlichem Gefühl, Und ruhte von der langen Reise, Vom flücht'gen Rausch der Welt in unserm stillen Kreise.   75. Wir alle grüßten ihn mit freundlichem Empfang. Er wußte stets uns Freude zu bereiten, Vertrieb uns bald die Zeit durch fröhlichen Gesang, Und lehrt' uns bald der goldnen Saiten Anmuth'ge Kunst verstehn, erzählte bis zur Nacht Vom Ritterspiel uns oft, von fremder Höfe Pracht, Und kürzte sinnreich uns die langen Wintertage Am traulichen Kamin durch manche Wundersage.   76. Doch als der Frühling wieder kam, Da schien sein froher Sinn allmählig zu entschwinden, Und heimlich ein verschwiegner Gram Den düstern Flor um seinen Blick zu winden. Verschlossen irrt' er jetzt durch Thal und ferne Höhn; Wir hörten oft ihn laut in stiller Kammer weinen, Und klagend oft aus dunklen Hainen Sein zitternd Harfenlied zu uns herüber wehn.   77. Ich sah es wohl, wie seine Wange glühte, Wenn ich ihn freundlich angeblickt, Wie er verstohlen oft die kleinste Wiesenblüthe, Den zarten Zweig, den meine Hand gepflückt, An seinem Busen barg; ich sah es wohl und klagte In stiller Brust um meines Freundes Leid Und hätt' ihm gern durch holde Freundlichkeit, Durch Achtung ihm ersetzt, was ihm mein Herz versagte.   78. Gleich einem Bruder ehrt' ich ihn Und sucht' ihn stets durch heitre Launenspiele Zum flücht'gen Sonnenstrahl der tändelnden Gefühle Und auf den bunten Pfad der Lust zurückzuziehn. Er war so sanft, so treu, verbarg die leisen Klagen So zart in tiefer Brust und litt so still, so mild – Wohl liebt' ich ihn, dürft' ich ein andres Bild Als dich durch Gottes Schluß in meinem Busen tragen.   79. So kam der Sommer uns heran, Indeß ich peinlich stets des armen Reinalds Kummer Im trüben Geist empfand. Da ging der edle Mann, Der redlich uns beschützt, in sanftem Todesschlummer Zu einer bessern Welt. Wir weinten still ihm nach. Den zweiten Vater barg uns jetzt der Schooß der Erde; Nicht ahnten wir, daß bald ein neuer Schlag Viel härter noch uns treffen werde.   80. Denn kurz darauf, als einst zur Dämmrungszeit Die Burgvasallen sich nach altgewohnter Weise Zum trauten abendlichen Kreise Im Rittersaal vereint, da fehlt' uns Adelheid. Sie ließ noch nie so lange sich erwarten, Drum sucht' ich sie besorgt im Schloß und Hof und Garten, Im nahen Hain, im ganzen Burgrevier; Doch nirgends zeigte sich die kleinste Spur von ihr.   81. Ein Landmann, der zur Burg gekommen, Erzählt' uns jetzt, er hab' im Hain Der Waffen ehrnen Klang und Flehn und banges Schrein Und fremder Sprache Laut und Rosseshuf vernommen. Jetzt war's gewiß, die Arme war Uns kühn geraubt; und ohne Weilen Zog Reinald mit der tapfern Schaar Der Diener aus der Burg, den Räubern nachzueilen.   82. Ich blieb allein. Nie hab' ich eine Nacht So trostlos je, so kummervoll durchwacht, Nie hab' ich mehr geweint, nie heißere Gebete Aus tiefrer Brust zu Gott empor geschickt, So sehnsuchtsvoll zur fernen Morgenröthe Mit nassem Auge nie geblickt. Ach lieber wollt' ich ja, ich selbst, den Tod mir geben, Als ohne dich, du süße Schwester, leben.   83. Sie war des Lebens schönste Zier, Die einz'ge Freundin mir, und alle meine Thränen Und jedes zarte Glück und jedes stille Sehnen, Mein ganzes Herz vertraut' ich ihr. Vergebens mußt du jetzt nach Trost und Rettung weinen! Mich ruft der Himmel ab, o Theure, zage nicht! Es lebt ein Gott, der deine Ketten bricht; Wenn auch die Welt uns trennt, das Grab wird uns vereinen.   84. Zwei Tage schlichen hin, da sah ich vom Altan, Ach ohne sie, die Meinen nahn. Man hatt' umsonst in allen Felsenschlünden, In Wald und Thal den Räubern nachgejagt, Vergebens rings nach Adelheid gefragt, Von ihrem Aufenthalt war keine Spur zu finden; Nur hatten ferner Brand und fliehndes Volk gelehrt, Es hab' ein Räuberzug das flache Land verheert.   85. Da fühlt' ich kühnen Muth in meinen Adern wallen, Gott sandte Kraft in's schwache Mädchenherz: Schnell waffnet' ich die treuen Lehnsvasallen Und hüllte selbst in rauhes Erz Die jungfräuliche Brust, und vor der Ahnen Bilde Im Rittersaale schwur mein Mund den theuren Eid: Nie kehrt mein Fuß zurück zum heimischen Gefilde, Bis eure Tochter ich, ihr Herrlichen, befreit!   86. So rief ich aus, und meine Diener schwuren Mir Treue bis zum Tod. Hinab in's flache Land Ging unsre Fahrt; fern zeigten Staub und Brand Und rings der Hütten Sturz und hingestampfte Fluren Und Klag' und Noth der schnellen Räuber Spuren; Und manche flücht'ge Schaar verband Mit meinem Zuge sich und schwur für meine Sache Und für das eigne Land den Räubern blut'ge Rache.   87. Schon war ich manchen Tag mit meiner kleinen Schaar Durch manches Land dahingezogen, Da bot mit ungestümen Wogen Das weite Meer sich unsern Blicken dar; Und jede Spur entschwand, nur fern am Himmelsbogen Nahm ich mit bitterm Schmerz die fliehnden Wimpel wahr, Ich sah mein Glück hinweg von rascher Fluth getragen, Und hatte nichts als unfruchtbare Klagen.   88. Doch nicht vergaß ich meinen Schwur. Ich hieß die Schaar für mich, für meine Schwester beten Und in die Heimath ziehn; mit wenig Treuen nur Wollt' ich in fremder Tracht des Feindes Land betreten, Dem schwachen Kahn vertraut. Das tapfre Häuflein schied; Doch fruchtlos waren Flehn und Zähren, Als ich den Sänger bat, in's freundliche Gebiet Der heitern Lust, in's Leben heimzukehren.   89. Nie, sprach er, hat mein stolzer Sinn Dem Hohn der Willkür sich, dem fremden Wink gebogen, Frei bin ich durch die Welt gezogen, Frei wählt' ich jetzt mir eine Herrscherin. In ihrem Dienste will ich sterben, Und, wenn ihr Herz auch nie den zarten Dank mir beut, Mir eine Thräne für mein Leid, Ein trauernd Lächeln mir für meine Treu' erwerben.   90. Wehmüthig drückt' ich ihm die Hand Und blickte weinend fort und theilte seine Klagen. Jetzt wurden an des Meeres Strand Gezelte für uns aufgeschlagen. Schon morgen sollt' in's wüste Land Des nord'schen Räubervolks der leichte Kahn uns tragen, Und Jeder stärkte sich durch andachtsvolles Flehn, Mit heldenmüt'gem Sinn das Wagniß zu bestehn.   91. Der Abend sank, rings wehte linde Kühle, Auf weichen Wölkchen schwamm die Dämmerung einher; Hell wiegte sich der Mond auf buntem Wolkenspiele, Und flücht'gem Silber gleich erschien das weite Meer. Ich ging, den lauen Hauch der Lüfte zu genießen, Zum Strand und ruhte dort auf einem Felsenhang, Und schweigend saß mein Freund und träumend mir zu Füßen Und feierte die Nacht mit leisem Harfenklang.   92. Da rauscht' es um uns her, und mächtige Gestalten Umringten uns, in rasselnd Erz gehüllt. Schon fühlt' ich mich von rauher Faust gehalten, Zum Strande mich geschleppt; da stürzte rasch und wild Mein Freund herzu und schlug mit mächt'gen Schlägen Den ersten Räuber hin. Vergebens war sein Muth Mit unbewehrter Hand; er sank, schon rann sein Blut; Schon sah ich seinen Arm in harte Fesseln legen.   93. Man trug uns fort in's schnelle Boot; Als Opfer sollten wir am Festaltare prangen. Du schütztest uns. Er ist dahin gegangen, Wo Keiner weint; ich habe seinem Tod Die Thräne nicht versagt; er liebte mich, ich ehre Den treuen Freund, und ihm und Adelheid, Des Lebens goldnem Strahl fließt diese letzte Zähre. Verzeih mir, güt'ger Gott, verzeih', ich bin bereit. –   94. Sie sprach's, und hell durchbrach der Thränen Dämmerungen Des Glaubens lichter Strahl. Der Ritter seufzt' und schwieg. Ach, Jeder hatte jetzt mit ird'schem Schmerz gerungen, Und Jeder feierte in stiller Brust den Sieg Des heiligen Gefühls. Sie standen auf und gingen. Ach, jedes Wort war für die sel'ge Ruh Der Brust Entweihung jetzt. Nur auf den leisen Schwingen Der Blicke sandten sie der Liebe Hauch sich zu.   95. Und als sie jetzt den nahen Berg umgangen, Da sehn sie fern im rothen Abendschein Mit Thürmen kühn geschmückt, auf drohendem Gestein Hochthronend eine Stadt in stolzem Schimmer prangen. Auf ihren Zinnen schien und rings um's Felsenthor Vertraun und Spott für jeden Feind zu wohnen, Und trotzig hob mit ew'gen Mauerkronen In sichrer Ruh die Burg sich in's Gewölk empor.   96. Bewundernd stehn sie still; da tönt's wie Rosses Hufe, Wie heller Schilde Klang, und rings der Hain erhallt Von Siegsgesang, von lautem Rufe, Von jubelndem Geschrei, und sieh, aus nahem Wald Zieht eine Kriegerschaar in blankem Stahlgeschmeide Auf Rossen froh daher; die Abendsonne glänzt In Schild und Helm, den Eichenlaub bekränzt; Rings folgt ein großes Volk mit ausgelaßner Freude.   97. Der Haufe naht, nur scheidet ein Gesträuch Von unserm Paar die fremden Ritter. Stumm ziehn die Krieger her, erstarrten Todten gleich, Kaum deckt den stieren Blick des Helms geschloßnes Gitter; Doch trotzig prangen hoch zu Roß Mit offnem Helm und hochgezücktem Schwerte Vor ihrer düstern Schaar Thorild' und ihr Gefährte, Und jauchzend schreit des Volkes lauter Troß:   98. Heil, Heil, Thorilden Heil, und Heil dem kühnen Degen, Dem starken Skiold, der seine Feinde schlug! Schon rüstet Lethra sich und jubelt euch entgegen, Den Schilden seiner Kraft und seiner Feinde Fluch; In Harald's Hallen blinkt mit süßem Meth die Schaale In Harald's Hallen blinkt mit süßem Meth die Schaale . – Die Normänner hatten ein gewisses Getränk, welches sie Mundgut nannten, und das wahrscheinlich eine Art von Meth war. Der Wein scheint bei ihnen noch nicht sehr gebräuchlich gewesen zu seyn, denn selbst in Walhalla trinkt blos Odin Wein. ; Die Skalden stimmten schon der Harfen tönend Gold: Zieht ein, zieht ein zu Harald's Heldenmahle! Heil, Heil, Thorilden Heil, und Heil dem starken Skiold!   99. Vorüber strömt der Zug im freudigen Gedränge, Da öffnet sich das hohe Thor Der Königsstadt, und sieh, mit festlichem Gepränge Zieht eine andre Schaar in hellem Schmuck hervor. Im goldnen Harnisch prangt vor seinen tapfern Kriegern Der König selbst; er grüßt mit gnäd'gem Blick Das Heldenpaar und zieht mit den gepriesnen Siegern In seine Mauern dann zurück.   100. Gelobt sey Gott, der unsern Schritt geleitet, Beginnt der Held, die große Stunde naht. Der wilde Feind, er selber deutet Das Ziel uns an, dorthin geht unser Pfad; In jenen Mauern blüht das heil'ge Siegeszeichen, Womit im Tode mich die Huld des Himmels schmückt. Bald wird der finstre Trug, der dieses Land umstrickt, Dem hellen Sonnenstrahl der ew'gen Wahrheit weichen.   101. Der Himmel fordert mich! Dich grüß ich, sel'ger Tod, O Engel Gottes, sey willkommen! Wie wallt mein Herz so kühn, wie scheint des Herrn Gebot Mir jetzt so leicht, wie strebt zum Sitz der Frommen Mein gläub'ger Geist empor! O heil'ge du mein Schwert Mit ehrner Kraft, o send' auf meine Pfade Dein Licht herab, o laß, du Gott der Gnade, Nicht ohne Sieg die That, die mich dein Wink gelehrt!   102. Doch du, so fährt mit weichrer Stimme Der Ritter fort, und trüber wird sein Blick, Was wird aus dir? Du bleibst allein zurück, Ach ohne Schutz dem raschen Grimme Des aufgereizten Volks, der wilden Rachbegier Der stolzen Feinde hingegeben! O du, mein einz'ges Glück, mein Leben, Hülflose, sprich, was wird aus dir?   103. Und fliehst du auch, wer wird zurück dich leiten Durch's fremde Land in's heimische Gefild? Wer wird für deine Ruh, für deine Rettung streiten? Wer wird in jeder Noth der Schild Der schwachen Jungfrau seyn? Durch Nacht und Ungewitter Irrst du allein auf weitem Meer, Des Friedens zartes Bild, durch wilden Kampf umher, Ein Raub der Noth! – O Gott, dein Kelch ist bitter!   104. Er sprach's und seufzte laut, und mit erschlaffter Hand Verbarg er stumm die bittern Thränen, Worin sein Auge schwamm. In tiefster Brust empfand Er jetzt der Lieb' allmächtiges Sehnen, Den Reiz der blühnden Lust, die süß mit Schmeicheltönen Ihn heim in's Leben rief; sein Muth, sein Glaube schwand. O Gott, du weißt allein, wie viel ein Mensch zu tragen Vermag, drum wird bei dir sein Schmerz ihn nicht verklagen.   105. Doch wie aus zartem Licht gewebt Im luft'gen Blüthenglanz der stille Regenbogen, Wenn Sturms Gewölk den Pol umzogen, Ein leuchtend Wunderbild, am finstern Himmel schwebt; Es flammt, der Donner rollt, die ew'ge Feste bebt, Zerstörend wälzt auf schwarzen Wetterwogen Der Sturm sich her; umsonst, er glänzt in heil'ger Pracht, Ein Bote gnäd'ger Huld im wilden Kampf der Nacht:   106. So prangt Cäcilie. Kleinmüth'ger, darfst du wanken? So strafte sie mit sanftem Ton Den bangen Freund. O sieh, geöffnet stehn die Schranken! Es ruft zum heil'gen Kampf, und glänzend harrt der Lohn. Was zagt dein Herz um mich, die Gott dir zugesendet? Was sträubt um ird'schen Wahn mit feiger Ungeduld Sich gegen Gott dein Geist? Mich schützt die ew'ge Huld, Und schöner nah' ich dir, wenn du den Kampf vollendet.   107. O wähnst du denn, mein glühend Herz, Es weich' an Lieb', an Treu dem deinen? Dich lieb' ich, dich allein, doch nimmer will ich weinen Um deinen Tod; gern duld' ich ird'schen Schmerz Um ew'ge Seligkeit. Zieh hin für Gottes Ehre, Für dich, für mich! Erst wenn die große That Vollendet ist, erlaubt der Vorsicht dunkler Rath, Daß ich dir ganz, dir ewig angehöre.   108. Sie spricht's. Mit zarter Sehnsucht ruht Ihr Blick auf ihm, auf ihm, den sie mit aller Liebe Der reichen Brust umfängt. Da füllt ihn heil'ger Muth; Und wenn die ganze Welt sich gegen ihn erhübe, Und wenn zur trotz'gen Gegenwehr, Zum Schutze seines Reichs der Hölle finstres Heer Mit flammendem Geschoß der schwarzen Kluft entstiege, Mit ihm ist Gott und sie , nichts fehlt ihm jetzt zum Siege.   109. Schon will er fort; mit unbewehrter Hand Will er dahin zum Dänenhaufen, Will mit der Feinde Blut sich einen Pfad erkaufen Zu Odin's Herd, will kühn das heil'ge Pfand Fortreißen vom Altar; kaum hält mit sanftem Flehen Cäcilie den Stürmenden zurück, Um mit verständ'ger Wahl den günst'gen Augenblick Des Abenteuers zu erspähen.   110. Sie nahn der Stadt. Schon sank auf finsterm Duft Die Nacht herab. Nicht ferne von den Thoren, Wo in ein wald'ges Thal die Felsen sich verloren, Beut schützend eine dunkle Kluft Dem Irrenden sich dar; sie soll das Paar verhüllen, Bis Adalbert, sobald der Morgen sich erneut, Das Kleinod ausgespäht, und eine günst'ge Zeit Herangenaht, den Ruf des Himmels zu erfüllen.   111. Und für das Fräulein sucht im Hain Der Ritter Laub und Moos zur weichen Lagerstäte, Er selber streckt auf harten Stein Sich vor der Grotte hin. Sanft hüllt in leise Röthe Des Fräuleins Wange sich, und an der fernsten Wand Der Höhle breitet still und sittsam ihre Hand Das keusche Lager aus, dann senkt die holden Glieder Sie zagend und verschämt in's tiefste Moos hernieder.   112. Sanft ruhn sie jetzt im weichen Arm Des Schlummers, ruhn so sanft am Rande bittrer Leiden. Wie spielt um ihren Mund so frisch, so lebenswarm Der Jugend blühnder Hauch! Umsonst, sie müssen scheiden, Fern droht die Stunde schon. Ach, was der heitre Traum Des frühen Lebens einst, von leichtem Wahn beflügelt, Der süßgetäuschten Brust holdlächelnd vorgespiegelt, Das Alles deckt nun bald des Grabes enger Raum.   113. Zwei Träume nahn indeß auf buntem Mondesglanze. Der eine lagert bang und schwer Sich auf des Ritters Brust, doch hold im leisen Tanze Schwebt um des Fräuleins Stirn der andre gaukelnd her. Sie lächelt süß, es hebt mit stillem Sehnen, Mit frommer Lust ihr Busen sich empor, Ihr Athem weilt, als horch' ihr lauschend Ohr Der Geister nahndem Flug und lust'gen Engeltönen.   114. Ach, ihrer Schwester zartes Bild, Es sank mit leuchtendem Gefieder, In Glanz und ros'gen Duft gehüllt, Wie blühnder Morgenschein auf lichtem Pfad hernieder In ihren Händen lag, einst ihre Sorg' und Lust, Ein frischer Kranz von bunten Blüthen, Und Glanz und heil'ge Ruh im frommen Blick verriethen Die tiefe Seligkeit der unbewegten Brust.   115. So dämmert wunderbar im stillen Wasserspiegel, Den schroffe Felsenhöhn bunt abgestuft umziehn, Das Zauberspiel des Lichts; rings schwebt mit irrem Flügel Aufwogend farb'ger Glanz; in heil'ger Tiefe blühn Duftgleiche Bilder auf, und immer neu gestaltet Die reiche Schöpfung sich und wallt, vom ew'gen Thau Des kühlen Borns umspielt; doch klar und endlos waltet Im hellen Mittelpunkt des Himmels heitres Blau.   116. Mit diesem Kranz dein Haupt zu schmücken, Hat mich der Herr gesandt, so sprach die Traumgestalt, Bald wirst du schönre Blumen pflücken, Des Himmels reiner Glanz verklärt die Sel'ge bald. Was säumst du noch, die Schwester zu umfangen? Nicht darf das ird'sche Bild dem reinen Geiste nahn. Das gläub'ge Herz wird schön an's Ziel gelangen, Mit Nacht beginnt, im Lichte schließt die Bahn.   117. So sprach das luft'ge Bild und nahte leis' und linde, Und in den Schooß des Fräuleins sank Der wunderbare Kranz, und gleich dem Frühlingswinde, Der über Wellen spielt, entschwang Auf flücht'gem Silberlicht, das gaukelnd sie umwebte, Sich lächelnd die Gestalt, und wie der späte Tag In Dämmrung sanft verschwimmt, so schwebte Stets ferner, schwächer stets, der bunte Glanz ihr nach.   118. Der Schlummer flieht; des Fräuleins Arm' entfalten Sich sehnsuchtsvoll, das holde Bild zu halten, Das längst in eitle Luft entschwand. O nimm mich mit in's stille Land Der Seligkeit empor! so ruft mit frommem Flehen Ihr Mund der Schwester nach. O du, mein süßes Glück, Du fliehst? Verweile noch! O komm aus lichten Höhen, Noch einmal komm, Geliebte, mir zurück!   119. Ach, Adelheid, so bist du auch geschieden? Was auf der Welt mir lieb und theuer war, Es schwebt empor und ruht im ew'gen Frieden; Ich bleib' allein zurück in Kummer und Gefahr, In Nacht und Kampf! O ihr im schönen Lande drüben! Bald nah' auch ich, nicht lange hält Der Erde Band mich mehr. O nehmt, ihr meine Lieben, Mich freundlich auf in eure schöne Welt!   120. Sie ruft's, und sieh, wie fern im Schooß der Wellen Dem Schiffer sich ein friedlich Eiland zeigt, Noch gleicht's dem Wolkenduft, doch frische Lüfte schwellen Die Segel auf, und immer heller steigt Das ferne Bild empor, mit Wald umkränzt erheben Die Berge schon ihr Haupt, schon glänzt das heitre Grün Der Wiesen über's Meer, schon sieht im regen Leben, Im bunten Reiz, der Blick die Flur des Friedens blühn:   122. So dämmert nach und nach ein göttlicher Gedanke In ihrer Brust empor. Noch faßt ihr irrer Geist Sich selbst nicht ganz. Er tagt! – und jede Fessel reißt, Die Schwachheit um sie wand, herab sinkt jede Schranke, Die noch von Gott sie trennt, in kühner Majestät Erhebt sie sich und glänzt in Muth und Liebe; Schon hebt sie rasch den Fuß, doch schnell mit frommem Triebe Sinkt sie dahin und ruft im brünstigen Gebet:   122. O leihe du den schwachen Händen Der Jungfrau deine Kraft! O laß die große That, Allmächt'ger Gott, mich laß die That vollenden! Du selbst hast mich geweiht, du deutest ja den Pfad Mit eigner Hand mir an; von dir ist er gekommen, Der sel'ge Traum, ich habe dein Gebot Aus deines Engels Mund vernommen; Und muthig eilt mein Herz und freudig in den Tod.   123. Und ihn, ihn sollt' ich ja zu deinem Thron geleiten, Ihn, den du selbst mir gabst, ich muß voran ihm gehn! Sein Arm ist stark, er kann noch tapfer streiten Für deinen Ruhm, dich herrlich noch erhöhn Im gläub'gen Kampf. O laß im Glanz des Lebens Ihn noch zurück! Er kannte sie noch nicht, Die zarte Lust der Welt; mir winkt sie längst vergebens, Mir gönne, Gott, den Tod, und ihm das blühnde Lichte   124. So betet sie, und aus der dunklen Höhle Enteilt sie leis' und leicht. Ihr nasses Auge sieht Noch einmal hin auf ihn, der in der tiefsten Seele Ihr ewig wohnt, sie weilt, sie reißt sich los, sie flieht. Gleich einem flüchtigen Gaukelsterne, Der durch die Nacht mit hellem Strahl Vom Himmel niedersinkt, schwebt sie dahin durch's Thal Im irren Mondesglanz und schwindet in die Ferne.   125. Doch ach, mit schwärzern Träumen rang Des Ritters Seele jetzt im Graun der Geisterstunde. Das dunkle Wort, das aus Thorildens Munde Wie ferner Donner einst zu ihm hernieder klang, Es nahte seinem Geist, und düstre Schicksalsbilder, Gespenstern gleich, mit schwarzem Blut bethaut, Hohnlachten um ihn her. Sein Busen hob sich wilder, Schnell schlug sein Herz, sein Athem stöhnte laut.   126. Ihm war's, als irrt' er still auf nachtumhüllten Wegen Durch Leichen hin, um sich ein weites Grab; Bang zitterte die Luft von dumpfen Donnerschlägen, Und flammend fuhr der rothe Blitz herab; Rings ächzte Todeslaut, von frischem Morde rauchte Mit feuchtem Glanz des Ritters scharfer Stahl; Und gräßlich rief's: Fluch dir und ew'ge Qual, Der in des Bruders Blut des Schwertes Schneide tauchte!   127. Wild springt er auf; ein kalter Schauder fährt Durch sein Gebein, sein Auge blickt verstört Im Kreis' umher, und jetzt mit heißem Flehen Sinkt er vor Gott auf's Angesicht: O Gott, nur diesen Kelch laß mir vorübergehen! Erbarmender, so schrecklich zürne nicht! O hat dein Sohn nicht einst am bittern Kreuz die Sünden Des schwachen Staubs gebüßt? Auch mich laß Gnade finden!   128. Er ruft's; schon will er fort, will noch in dieser Nacht Sich kämpfend nahn den heidnischen Altaren; Der Tod, der um den Kelch der heil'gen Rose wacht, Soll ihn vor härterm Leid, vor Brudermord bewahren. Nur einmal noch, zur letzten, bittern Lust Des Lebens, soll sein Blick auf seiner Liebe weilen, Dann will er gern mit tapfrer Brust Im gottgeweihten Kampf dem Tod entgegen eilen.   129. Er naht der Kluft und biegt mit leiser Hand Die Ranken fort und zagt, ein Blättchen möge rauschen, Ihm scheint's Entweihung fast die Heil'ge zu belauschen, Und zögernd hält das stille Band Der keuschen Schaam ihn noch; die Blicke nahn, sie finden Das Fräulein nicht, doch scheint des Mondes Glanz, Der durch die Blätter spielt, gleich einem Wunderkranz Von Himmelsblüthen rings ihr Lager zu umwinden.   130. Da gaukelt schnell ein frommer Wahn Durch seine Brust. O Gott, so ruft er, Gott der Güte, Du ließest hold mir deinen Engel nahn, Daß er auf rauhem Pfad mein zagend Herz behüte, Mein Stern, mein Retter sey! Er ist zu deinem Thron Zurückgekehrt, dort soll er mich empfangen; Was an die Welt mich band, es ist mit ihm entflohn, Und nur im Himmel blüht mein Glück und mein Verlangen.   131. So spricht er froh und eilt mit kühnem Sinn Durch's Thal hinweg. Er drängt durch Dorngewinde Mit blut'ger Wang' und wunder Brust sich hin, Irrt unverzagt durch dunkle Felsenschlünde Und klimmt auf glattem Pfad am schroffen Stein empor; Schon naht er sich der Stadt, schon führt das offne Thor, Das alle Wächter längst in sichrer Ruh verlassen, Seit Skiold die Mauern schützt, ihn in die breiten Gassen.   132. Schon sank auf's Dänenvolk des Schlummers trüber Duft, Und schweigend lag die Stadt gleich einer weiten Gruft In schwarzer Stille da. Des Helden Schritte schallen Nachtönend durch die wüsten Hallen, Sein Athemzug belebt allein die todte Nacht. Er irrt auf unbekannten Wegen Bald hier, bald dort; da ragt in ernster Pracht Ein hochgethürmter Dom dem Zweifelnden entgegen.   133. Zum Himmel hob die Kraft der Pfeiler sich empor, Rings trotzten ungeheure Zinnen Aus ewigem Granit, weit offen stand das Thor, Und nächtlich leiteten nach innen Die hohen Stufen auf; des Mondes irrer Trug Umwebte wunderbar mit grellen Ungestalten mit grellen Ungestalten .– Das Wort Ungestalt ist in dieser Bedeutung neu, aber nach der Analogie richtig. Es bedeutet das, was gar keine Gestalt hat, und schien für die hin und herschwankenden Lichter und Schatten des Mondes paßlich zu seyn. Den schwarzen Riesenbau, und dunkle Wolken wallten Um seine Kuppeln her und drohten finstern Fluch.   134. Hier denkt der Held der Reise Ziel zu finden, Er betet still zu Gott, er naht, er tritt herein, Schon steigt er kühn empor, und dunkle Hallen winden Sich in das Innre jetzt; doch schwimmt ein ferner Schein, An Farb' und Glanz wie Morgenröthe, Durch's tiefe Dunkel her; er folgt dem Schimmer nach, Und immer heller folgt die Nacht dem ros'gen Tag, Und sieh, in Flammenpracht erscheint die heil'ge Stäte.   135. Dort stand auf ragendem Altar, Vom goldnen Gitterwerk umhegt, die Wunderblüthe. Der Kelch schien grünes Licht, und jedem Blatt entsprühte Hellrother Strahlenglanz, und trennte wunderbar In lichte Perlen sich, die dann zum weiten Kranze In buntes Farbenspiel verwebt Den Herd umgaukelten, zum ew'gen Cirkeltanze, Vom regen Zauberduft des blühnden Kelchs belebt.   136. Doch alle Wunderpracht, sie glänzt dem starren Ritter Umsonst; er sieht nur sie, die am Altar sich zeigt, Cäcilien, die schon das goldne Gitter Des Herdes aufgethan, die Stufen schon ersteigt, Der Rose naht. O weile, weile, Du pflückst den Tod! Er ruft's, er fliegt mit Sturmeseile Zum Herd empor; sie dreht den bangen Blick Der Stimme zu und sinkt von Schreck entseelt zurück.   137. Er hebt sie rasch empor, er hält sie fest umschlungen, Laut schreit er auf, er schweigt im stummen Schmerz. O Gott, o Gott, du siehst es, wie sein Herz Im Leid verzagt, wie kalt von Todesangst umrungen Ihm jede Kraft erstarrt! – Doch sieh, ihr Auge schließt Sich dämmernd auf, sie blickt ihn lange Und schweigend an, und eine Thräne fließt Wehmüthig jetzt von ihrer Wange.   138. O, ruft er weinend aus, o sprich, was that ich dir, Daß du mich so betrübst? Für mich willst du erblassen, Willst mir die ew'ge Klage lassen Um deinen Tod, den Schmerz des Lebens mir? Was thust du? Ach, du raubst dem Leben Sein schönstes Kleinod. Bleib, o bleib! Der Tod ist mein! Erst durch die heil'ge That kann mich der Himmel weihn, Den scheuen Blick empor zu deinem Glanz zu heben.   139. Da windet sie aus seinem Arm sich los. Hoch steht sie da, ihr Herz wird groß, Ihr Auge licht, hell leuchten ihre Thränen In kühner Lieb', in heiligem Vertraun. O sel'ges Bild, du reiner Glanz des Schönen, Wer kann mit sünd'gem Blick dir jetzt in's Auge schaun? So strahlt, wenn einst der Tag des ew'gen Lichts entglommen, Der Blume zarter Kelch am offnen Grab der Frommen.   140. Wohlan, du willst, spricht sie mit ernstem Laut, So soll vereint der Tod uns finden! Hier steh' ich, deine keusche Braut, Hier soll mit dir mich Gott verbinden Am heiligen Altar! Zugleich soll unsre Hand Das große Werk des Glaubens wagen. Ein Grab soll uns empfahn, ein Engel uns in's Land Der Seligkeit, zu Gottes Thron uns tragen!   141. Sie beut die Hand ihm dar, sie eilt, sie steigt empor – Horch, horch, da rasselt's in den Gängen Des Tempels rings, von lauten Waffenklängen Erbebt das Heiligthum, auf springt das innre Thor, Blutdürstig naht der Feind. Schon droht er in der Ferne Mit gräßlichem Geschrei; hin stürzt er zum Altar, Und grimmig flammt gleich einem Unglückssterne Thorildens langes Schwert voran der wilden Schaar.   142. Ha, trotz'ger Held, wir sehn uns wieder, Jetzt schützt bei meiner Götter Herd Dein Gott dich nicht. Auf, Dänen, reißt ihn nieder! Sie ruft's, sie stürzt heran. Des Ritters Rechte fährt Herab, den Stahl zu ziehn; doch ach, der lag schon lange, Vom Sturm geraubt, im tiefen Meeresschooß. Da springt er kühn zurück, und eine schwere Stange Reißt mächtig seine Hand vom goldnen Gitter los.   143. Er schwingt sie hoch, er stürzt dahin, es tönen Die Helme laut, vom mächt'gen Schlag Zerbirst das Erz, hin sinken rings die Dänen, Und rauchend färbt ein blut'ger Bach Des Tempels heil'gen Grund. Doch immer wilder brechen Die Schaaren ein, der Freunde Tod zu rächen, Stets blut'ger tobt um Odin's Herd die Schlacht, Und immer mächt'ger wächst des Feindes Uebermacht.   144. Laut ruft er auf zu Gott; er will nur sie erretten, Sie, die er liebt. Doch ach, die Schaar umringt Das Fräulein schon, schon sinkt in schweren Ketten Ihr Arm hinab. Verzweifelnd springt Der Ritter hin zu ihr, im frischen Blute gleitet Sein Fuß, er stürzt, noch auf den Knieen streitet Der starke Held; umsonst, sein müder Arm erliegt, Die Fesseln klirren schon, und Odin hat gesiegt.   145. So sollen eure Feinde fallen, Ihr Götter meines Stamms! ruft jetzt die Priesterin, So soll mit kühnem Schwert, mit ungebeugtem Sinn Vor euren ew'gen Tempelhallen Thorilde stehn! Herab! herab! Vertobe, stolzer Knab', in dunklen Kerkerschlünden Umsonst die eitle Wuth! Bald soll dein schmählich Grab Den Feinden meines Volks Thorildens Rache künden.   146. Sie ruft's; ihr Haufe hebt die Schweigenden empor Und schleppt auf ewig finstern Stiegen Zum Kerker sie hinab, laut knarrt ein schwarzes Thor, Man schleudert sie hinein, mit dumpfem Rasseln fliegen Die Riegel zu. In gräßlich stummen Schmerz Sinkt Adalbert zurück; von seinem Blute röthet Der Boden sich; er schweigt. Doch fromm erhebt ihr Herz Cäcilie zu Gott, sie kniet dahin, sie betet. Vierter Gesang. 1.                         Schon dämmerte der Tag um Lethra's wald'ge Flur, Schon flog im Dänenvolk die thränenreiche Kunde Der blut'gen Schlacht von Mund zu Munde Und drang zur hohen Burg. Von seinem Lager fuhr Der König zürnend auf und stieg die breiten Stufen Zum Heldensaal empor, im leuchtenden Gewand, Und Diener wurden rings zur Stadt hinabgesandt, Die Fürsten seines Reichs zum Rath herbei zu rufen.   2. Bald nahte jetzt in Erz gehüllt, Mit drohend wehndem Helm, am Arm den blanken Schild, In starker Hand den Speer, die Heldenschaar der Dänen. Kühn blickt ihr Aug' umher; um ihre Glieder klirrt Des Eisens heller Schmuck; die weiten Hallen tönen Vom Schritt der Wandelnden; und leicht und hüpfend irrt Im Schatten rings mit goldnem Strahle Der flücht'ge Wiederschein vom hellpolirten Stahle.   3. Skiold zieht zuerst heran. Sein ungeheurer Speer, Der sonst als Fichtenstamm mit Stürmen oft gestritten, Ragt leuchtend durch die Luft daher, Dem Stern der Frühe gleich. Ihm folgt mit raschen Schritten Thorilde nach. Noch trieft ihr ehrnes Kleid Von schwarzem Blut; noch blitzt mit feuchtem Glanze Ihr breites Schwert; ihr dunkles Auge dräut; Und prangend glänzt der Helm im heil'gen Eichenkranze.   4. Auch Rolfo, den der Fels von Helgoland gebar, Ein Krieger, weis' im Rath und unverzagt im Streite, Besteigt die Burg. An seiner Seite Gehn Alf und Edelrad, ein tapfres Brüderpaar, Das in der Jüten blühndem Lande Mit reichem Scepter herrscht. Drauf schreitet Grim heran, Der manchen edlen Schatz auf Anholts seichtem Strande auf Anholts seichtem Strande – Die Insel Anholt im Kattegat ist wegen der Sandgründe, die sie umgeben, für die Seefahrenden gefährlich. Aus Schiffen, die der Sturm zerschmetterte, gewann.   5. Dann nahte Torkills Kraft in blühnder Jugendfülle. Er lebt' in Langeland auf väterlichem Schloß Im Arm der zarten Braut, als ihn des Königs Wille Nach Lethra rief. Sein treuer Kampfgenoß, Der tapfre Biorn, der Fünens fette Weiden Mit milder Hand regiert, umschlingt den lieben Freund. Sie sah man stets in Freud' und Schmerz vereint, Und früh schon schwuren sie: Der Tod nur soll uns scheiden.   6. In rauher Bärenhaut schritt Grombar dann einher. Er herrschte dort, wo Hekla's Feuersäule Durch trübe Nebel flammt; nicht führt' er Schwert und Speer, Sein starker Arm schwang eine mächt'ge Keule Aus hartem Stahl. Ihm folgte Tolkar nach, Der fernher von des Eismeers Wogen, Wo einmal nur im Jahr die Nacht den nahnden Tag Vorüberwandelnd grüßt, nach Lethra's Burg gezogen.   7. Noch mancher Held, geehrt im Rath und in der Schlacht, Besteigt die Burg, es füllen sich die Hallen, Und in den Kreis der mächtigen Vasallen Tritt Harald selbst in königlicher Pracht. Mit goldnem Glanze prangt um seinen Helm die Krone, Ein reicher Mantel wallt um's Stahlgewand hinab, Die starke Rechte hält den stolzen Herrscherstab; Und so beginnt er jetzt mit feierlichem Tone:   8. Ihr Schwerter meiner Schlacht, hochherz'ge Dänen, hört Auf eures Königs Wort. Euch hat in Lethra's Mauern Mein Wille jüngst vereint, weil noch mit rüst'gem Schwert Am Eiderstrand die falschen Sachsen lauern, Zum Ueberfall bereit. Ihr sollt mit starker Hand Um euern König stehn und Odins Spötter schlagen Und weit umher in meiner Feinde Land Das flammende Panier des blut'gen Krieges tragen.   9. Wohl hat auch Biarko schon, des Reichs verbannter Feind, Er, den sein eigner Wahn des Dänenthrons beraubte, Weil er dem schwachen Gott des fremden Volkes glaubte Weil er dem schwachen Gott des fremden Volkes glaubte . – Als Poppo den Dänen und dem König Harald Blaatand bei Jifefiord das Christentum predigte, gaben sie wohl zu, daß Christus Gott sey, aber dennoch behaupteten sie, ihre eigenen Götter seyen größer und älter. Suhm über die leichte Verdrängung der Odin. Relig. S. 108. , Mit ihren Schaaren sich vereint. Ihr stolzes Heer, das frühre Schmach zu rächen Schon lange heimlich brennt, bald wird es drohend itzt, Vom falschen Schein des Rechts geschützt, Mit ungestümer Wuth in unsre Grenzen brechen.   10. Doch größrer Frevel noch hat mit verborgner List Zu unserm Sturz den Feinden sich verdungen: Dem Schmuck, der unser Heil, der unser Retter ist, Den unsre Faust dem Gott der Schwachen abgezwungen, Ihm nahte Raub. Dir, kühne Priesterin, Dir dankt mein Volk, du hast den Frechen widerstanden, Und schon erwarten sie den schmerzlichen Gewinn Der kecken That in harten Eisenbanden.   11. Ihr seht's, daß selbst der sichre Tod Sie, deren Geist erzürnte Nornen leiten, Nicht ferner schreckt, Betrug und Wahnsinn streiten Um Odins Sturz, verborgnes Unheil droht Den Säulen unsres Reichs. Jetzt rathet, edle Dänen, Was sichert unsre Macht? Was heischt das Wohl des Staats? Und welch ein Strafgericht des tückischen Verraths Soll unsrer Brüder Blut und Odins Zorn versöhnen?   12. Er spricht's, sie schweigen rings, nur Rolfo tritt hervor. Leicht ist, so spricht der Held, der beste Rath gefunden, Wo Wachsamkeit, mit Muth und Trotz verbunden, Als letztes Heil sich zeigt. Laß um das ehrne Thor Des Tempels tausend starke Helden Als sichre Mauer stehn; dann mögen Haupt und Hand Des kühnen Paars zum Feindesheer gesandt Den Ausgang ihrer That und unsre Rache melden.   13. Er ruft's, und lärmend tönt und hell Ihm Beifall rings von jedem Schild entgegen; Nur Skiold verschmäht den Rath. Nicht so, beginnt er schnell, Nicht schimpflich soll der kühne Degen Hinsinken wie ein Knecht! Er ist ein tapfrer Held, Und nimmer soll der Enkel sagen: Er, der die Männer Skiolds, der Dänen Schmuck, gefällt, Liegt ruhmlos, ohne Grab, von feiger Hand erschlagen.   14. Ihm zürnt mit bitterm Haß, mit heißer Rachbegier Mein glühend Herz, ihm kann ich nie verzeihen: Er nahm mir meinen Raub, er würgte meine Treuen; Nur mir gebührt der Kampf, die blut'ge Rache mir! Noch einmal soll mein Ruhm durch seinen Fall sich heben; Doch sollten ihm die Nornen Sieg verleihn, Dann zieh' er frei hinweg; er bot mir einst das Leben, Nichts will ich ihm, dem Feinde, schuldig seyn. Nichts will ich ihm, dem Feinde, schuldig seyn . – Die alten Normänner scheuten sich sehr, den glorwürdigen Namen, den sie sich durch tapfere Thaten errungen hatten, dadurch zu verdunkeln, daß sie der Gnade eines Feindes das Leben verdankten. Bartholin. p. 39.   15. Doch Jene, die er mir, die er mit trotz'gem Muthe Den Göttern nahm, sie laß ich nicht; Noch nie verletzte Skiold des Eides heil'ge Pflicht. Ihr schwur ich Tod; sie sink' in ihrem Blute Vor Hertha's Opferherd! Dann laß mit kühner Macht Den Sachsenkönig nahn; noch ward den nord'schen Rittern Der Nacken nicht gekrümmt; nur Knecht' und Weiber zittern, Der freie Mann empfängt den Tod und lacht. Der freie Mann empfängt den Tod und lacht . – Es wurde bei den Dänen für rühmlich gehalten, mit Lachen die Todeswunde zu empfangen. Ein solches Beispiel erzählt Saxo Gramm. p. 42. von Agnak , als er durch Biarko fiel. Auch Regner Lodbrog's Todesgesang endigt mit den Worten: Lachend will ich sterben.   16. Er ruft's und schlägt an's Schwert und schüttelt seine Lanze In starker Hand, von ungebeugtem Muth Erglänzt sein Blick: so flammt mit kühnem Glanze Durch dunkle Nacht vom hohen Fels die Gluth. Rings weilt im weiten Saal der Ehrfurcht scheues Schweigen, Bewundernd schaut die Schaar ihn an, Und keiner hofft den kühnen Mann Durch kecken Widerspruch zum klügern Rath zu beugen.   17. Nur Harald wagt's. Er zagt im bangen Geist Für seines Throns gewalt'ge Stütze Und sucht mit sanftem Wort die ungestüme Hitze, Die rasch zum blinden Glück des blut'gen Kampfs ihn reißt, Zu bändigen. Umsonst; fest trotzt auf seinen Willen Der mächtige Vasall und schwört Bei seinem Haupt und bei der Götter Herd, Was er gesprochen, zu erfüllen.   18. Laßt ab, beginnt mit ernstem Wort Thorilde jetzt, ihr könnt ihn nicht erweichen. Die dunkle Norne reißt mit stiller Macht ihn fort, Sie spricht durch seinen Mund, sie giebt mir dieses Zeichen, Daß nicht mein Geist mich trog, als ich mit Brudermord Dem Deutschen jüngst gedräut. Er darf noch nicht erbleichen, Noch einmal muß er fliehn; doch ruht in Skulda's Schooß In düstre Nacht verhüllt für ihn ein gräßlich Loos.   19. Doch du, so fährt sie fort und heftet ihre Blicke Mit starrem Glanz auf Skiold, und dunkle Ahnung schwebt Um ihren Mund, wer hat mit deines Feinds Geschicke So wunderbar dein eignes Loos verwebt? Durch dich entflieht er jetzt, du machst der Band' ihn ledig, Doch auch auf deiner Stirn entdeckt des Todes Graun Mein Geist noch nicht. Ihr Götter, seyd uns gnädig, Und laßt die Dämmrung bald der düstern Nacht uns schaun!   20. Sie spricht's und blickt hinweg, und alle Fürsten schaudern Bei ihrem dunklen Wort. Nur Skiold erzittert nicht. Ich glaube, ruft er stolz, was mir mein Schwert verspricht; Ihm sey mein Loos vertraut! Nicht lange will ich zaudern. Besorgt den Kampf! Gewaltig zieht Mein Herz mich fort, nach Blute lechzend glüht In meiner Hand der Speer. Was mir die Nornen weben, Das acht' ich nicht; mein Wille lenkt mein Leben.   21. So ruft er aus und geht. Und stürmisch folgt die Schaar Dem Helden nach, und Schild und Schwerter tönen Um seinen Pfad; jetzt ziehn sie zum Altar, Durch heil'ges Opferblut die Gottheit zu versöhnen, Die wildes Kampfgewühl und frevelnde Gewalt Verderblich jüngst im stillen Heiligthume Mit schwarzem Mord befleckt; und weit umher erschallt Der Skalden kühnes Lied zu Skiolds und Odins Ruhme.   22. Doch als der sechste Morgen graut, Da werden rasch zum blut'gen Werke Auf weitem Markt die Schranken aufgebaut; Und zu dem Paladin, der mit erneuter Stärke Von seinen Wunden jetzt durch weise Pfleg' erstand, Tritt Edelrad, von Skiold gesandt, Um Band' und Kerkerthor dem Helden aufzuschließen Und ihn mit diesem Wort von Roskilds Herrn zu grüßen:   23. Steh auf und waffne dich. Dich fordert Skiold zum Streit; Er sah durch dich die tapfern Freunde sterben, Er will mit deinem Blut die mächt'ge Lanze färben. Ergreif den Speer, zieh an das ehrne Kleid! Schon harrt sein Zorn, die Schranken stehn bereit, Dir oder ihm harrt tödtliches Verderben. Doch wenn den Sieg die Nornen dir verliehn, Dann magst du frei hinweg zu deinen Freunden ziehn   24. Er spricht's und reicht ihm Schwert und Lanze, Und breitet dann mit hellem Schein Die Waffen vor ihm aus. Hell blitzt im Silberglanze Der ungeheure Schild; zum Flug entfaltet dräun Des raschen Adlers breite Schwingen Vom hohen Helm herab; das schuppige Gewand Verkettet dreifach sich mit dichtverwebten Ringen; Und lastend füllt die Axt des Helden starke Hand.   25. Schnell springt der Ritter auf. Ach, lange schon entbehrte Sein Blick der Waffen edle Zier. Kühn greift er nach dem guten Schwerte, Das ihm sein Feind gesandt, er schwingt mit Kampfbegier Hoch durch die Luft den Speer, und wiegt in starken Händen Die mächt'ge Axt, und spiegelt froh im Strahl Des blanken Schildes sich. Willkommen, scharfer Stahl, So ruft er, treuer Freund, du sollst mein Leiden enden!   26. Und vor der zarten Dulderin, Die ungebeugt in harten Eisenbanden Mit Pfleg' und frommem Trost dem Freunde beigestanden, Sinkt gläubig jetzt der Held auf seine Knie dahin. Und lange blickt er ihr mit tiefempfundnem Schweigen In's friedliche Gesicht, und leise Thränen steigen In seinem Aug' empor; gewaltig ringt sein Herz Mit ehrfurchtsvoller Scheu, mit Lieb' und Lust und Schmerz.   27. O du, so ruft er aus, dich nennt, du reines Wesen, Kein ird'scher Name mehr! O du, die Gottes Hand Schon auf der Welt zum Engel sich erlesen, Du sel'ger Traum, den mir der Herr gesandt, Ach, du bedarfst es nicht, daß ich mit schwachem Schwerte Dich schütze! Betend hebt zum Himmel sich dein Blick, Und liebend führt dich, Hellverklärte, Der Engel deines Hauchs zu Gottes Thron zurück!   28. Und doch, o laß ihn mir, den wundersüßen Glauben, Dein Retter jetzt zu seyn! O laß den Kranz von Licht, Den Reinheit, Lieb' und Muth schon jetzt um's Haupt dir flicht, Nicht jeden freud'gen Strahl aus meinem Leben rauben, Nicht jede That für dich! O laß für dich zum Streit, Zum Siege jetzt mich gehn! Mit reiner Hand verleihe Du diesen Waffen jetzt, die mir der Himmel beut, Du heil'ges Bild, des Glaubens fromme Weihe!   29. Er spricht's. Sie lächelt leis' und mild, Als sollte sich sein Herz aus ihren süßen Blicken Mit Muth und frischer Kraft zum heißen Kampf erquicken. Doch auch in banger Ahnung füllt Ihr Busen sich, sie kann die Thräne nicht ersticken, Die stiller Dämmrung gleich aus ihrem Auge quillt; Sie, die dem Tode jüngst sich muthig hingegeben, Sie zittert jetzt für ihres Freundes Leben.   30. Doch wie der Blüthenkelch, der rings vom Thau beschwert Den zarten Saum geneigt mit zweifelhaftem Schwanken, Jetzt, wenn in's Wiesengrün die Perlen niedersanken, Sich fröhlicher erhebt von feuchtem Glanz verklärt; So hob Cäcilie sich bald aus bangen Thränen Verherrlichter empor, und was dem ird'schen Leid Mit menschlichem Gefühl ihr weiches Herz geweiht, Das mußte heller jetzt den sel'gen Blick verschönen.   31. Und Händ' und Augen hob sie jetzt zu Gott empor Und schien aus tiefer Brust mit heißem Flehn zu beten; Und sieh, ein goldnes Kreuz, das sonst ihr Busenflor Verbarg, das schlang sie jetzt mit schüchternem Erröthen Um ihres Ritters Hals. Von Glauben und Geduld Schien halb in ihrem Blick ein heller Glanz zu tagen, Halb lauschte still der Liebe süßes Zagen Und zarte Schaam in ihm, die Botin keuscher Huld.   32. So zieh denn hin, spricht sie mit leisem Tone, Mein theurer Held, zieh hin für Gott, für mich! Schon harrt des Glaubens Palmenkrone, Mein sehnend Herz, die Liebe harrt auf dich. Nimm dieses Pfand von mir! Wenn wild der Kampf entlodert, Dann soll es Kraft dir leihn! Wie er, der für die Welt Am Kreuze rang und starb, so kämpfe, tapfrer Held, Mit gläub'gem Sinn und stirb, wenn Gott es fodert!   33. O lebe wohl, du, den ich heiß geliebt, Du Einziger, von dem mein Herz sich nimmer Entfernen kann, leb wohl! Was auch dein Loos dir giebt, Sey muthig, sey getrost, wir scheiden nicht auf immer. O weine nicht, o nimm auch mir Den Muth zur Trennung nicht! Sey stark in bittern Nöthen! Ist nicht der Liebe Kraft, ist nicht der Herr mit dir? Leb wohl, leb wohl, und mich laß für dich beten!   34. O sieh empor! Mit ewig heiterm Licht Hat sich der Schooß des Himmels aufgeschlossen, Der Kerker strahlt von goldnem Schein umflossen, Die Mauer sinkt, das Erz der Fesseln bricht, Der Hauch der Liebe weht, und frische Kränze sprossen! Das düstre Grab, es hemmt den kühnen Sieger nicht! Ein sel'ges Heil hat uns der Herr beschieden, Zieh hin zum Kampf, zieh hin zum schönern Frieden!   35. Sie ruft's. Hoch über Nacht und Grab Scheint im Triumph ihr Geist emporzuschweben, Ein göttlich Feuer ist in ihrem Aug' erwacht, Aufwachend hebt ein reines Leben Mit sanftem Hauch die Brust. Hell flammt des Ritters Geist Von heil'ger Kraft, mit kühnem Fittig reißt Ihr Glaub' ihn mit empor; was seinen Muth gebunden, Ist vor dem hellen Blitz des Lichts zu Staub geschwunden   36. Rasch springt er auf, er zaudert jetzt nicht mehr, Schon prangt der ehrne Schmuck um seine starken Glieder, Er faßt den Schild und schlägt den Helmsturz nieder Und schnallt den breiten Stahl um seine Hüften her, Die Linke zuckt den Speer, und drohend schwingt die Rechte Zum blut'gen Streich die schwere Kolb' empor; Und leuchtend tritt er jetzt aus heiterm Licht hervor Und zieht mit lautem Schritt zum tödtlichen Gefechte.   37. So hebt der Sonnenglanz, der lang mit finsterm Duft Der Wolken düstres Heer umflossen, Sich siegend aus der Nacht. Im Glanze schwammt die Luft, Und Strahlen senkt er rings gleich flammenden Geschossen Um seine Bahnen her. Vom Licht zerrissen fliehn Die Wolken vor ihm hin im kämpfenden Gewühle, Doch er durchwandelt still und kühn Den leicht erstrittnen Pfad hinab zum fernen Ziele.   38. Doch wie der starke Leu, der stolz des Kampfes harrt, Wenn ihn aus sichern Eisengittern Des Wärters Hand entließ, die borst'ge Mähne starrt, Die Tatze wühlt, von seiner Stimme zittern Die Schranken rings, und Luft und Boden ächzt Von seines Schweifes Schlag, die rothe Zunge lechzt Nach blut'gem Mord, weit gähnt der Rachen, flammend schauen Die Augen rings umher mit trotzigem Vertrauen:   39. So wartet Skiold im Mittelpunkt der Bahn Auf seinen Feind, der jetzt mit festem Schritte Den Schranken naht. Auf ragendem Altan Sitzt Harald selbst in seiner Helden Mitte In königlichem Schmuck. Dicht steht das Volk umher Und harrt des Kampfs mit ahnungsvollem Schweigen: So zagt, wenn fern empor graunvolle Wetter steigen, In dumpfer Ruh das athemlose Meer.   40. Und drohend treffen jetzt die Helden schon zusammen, Sie stehn und schaun sich unverwandt In's feindliche Gesicht und senden glühnde Flammen Aus ihrem Blick sich zu, an's eiserne Gewand Schlägt wild vor Grimm ihr Herz, mit festgeschloßnem Krampfe Umspannt die Hand den Speer, und unerschüttert trotzt Am Grund ihr ehrner Fuß, und jede Sehne strotzt, Und horch, schon schmettert laut des Erzes Klang zum Kampfe.   41. Skiold hebt zuerst in starker Faust Die Lanz' empor; der mächt'ge Speer entsaust Und zappelt in der Luft vom ungeheuern Schwunge. Vorschauend weicht mit raschem Sprunge Dem Wurf der Ritter aus, und mit gewalt'ger Kraft Senkt fern dahin geschnellt das Eisen Sich knirschend in den Grund, und zürnend schlägt der Schaft Die Luft und zittert lang in immer schwächern Kreisen.   42. Jetzt wiegt auch Adalbert in sichrer Hand den Speer Und schleudert rasch, wie von der straffen Sehne Der Pfeil entschlüpft, ihn fort; doch mächtig wirft der Däne Mit weitgestrecktem Arm den breiten Schild vorher. Die Lanze stürzt gleich einem Ungewitter Sich auf den Stahl und krümmt lautgellend sich und prallt Aufzitternd dann zurück, doch von des Wurfs Gewalt Zerkracht sie in der Luft und springt in tausend Splitter.   43. Und rasch mit hochgezücktem Stahl Begegnen jetzt gleich dunklen Wettern Die wilden Streiter sich; und gleich des Blitzes Strahl Flammt hier und dort das Schwert, und laute Hiebe schmettern Auf Helm und Schild herab, ein Strom von Funken sprüht Um ihre Schläge rings, und Schneid' an Schneide glüht Vom heißen Gegendrang, und eine dichte Wolke Von Staub verhüllt den Kampfe dem bangerstaunten Volke.   44. So rast mit ungezähmter Wuth Ein plötzlich aufgeflammtes Feuer Durch glühnde Trümmer hin. Rings hüllt in trüben Schleier Der schwarze Dampf es ein, doch prasselnd bricht die Gluth Auflodernd oft hindurch und hebt die raschen Flammen Zum wilden Kampf empor, der Sturz der Balken kracht, Die Mauern bersten laut, und donnernd stürzt die Pracht Der stolzen Königsstadt in öden Schutt zusammen.   45. Fest steht der deutsche Held mit ungebeugtem Sinn, Kämpft doch sein tapfres Schwert für sie , für Gottes Sache. Doch wüthend spornen Groll und Ruhmbegier und Rache Und Stolz den nord'schen Mann auf seinen Feind dahin; Und mächt'ger stürmt er stets mit immer wilderm Drange Auf seinen Gegner ein, und immer höher schwingt Sein Arm den Stahl, bis rasch mit hellem Klange Am Schild des Paladins sein gutes Schwert zerspringt.   46. Kaum sieht der deutsche Held des Dänen Stahl zerfliegen, So wirft auch er die eigne Waffe weit Von sich hinweg: Ergreif zum neuen Streit Die Axt! nicht will ich schändlich siegen, So ruft er aus. Und bittrer noch ergrollt, Daß ihn sein Schwert getäuscht, und daß sein Feind ihn schone, Schwingt grimmig jetzt der wilde Skiold Die Axt, daß jäher Tod dem stolzen Gegner lohne.   47. Den schützt sein Schild, und er auch hebt Die Kolb' empor, die knot'gen Eisenkeulen Begegnen sich mit Macht und hämmern tiefe Beulen In's stählerne Gewand, vom Fall der Streiche bebt Der Boden rings; und nimmer endet Der Kampf, obgleich den heißen Brand Die Mittagssonne schon vom Himmel niedersendet, Und fast die letzte Kraft den Streitenden entschwand.   48. Fast scheint die Kolbe nur den Arm noch zu regieren, In hochgeschwollner Faust läßt jede Muskel nach, Der Panzer brennt und preßt, hell rinnt ein heißer Bach Von Wang' und Stirn, die trüben Augen stieren Sich halbgebrochen an, von trockner Hitze glüht Des Hauchs beschwingtes Wehn, den schweren Körper halten Nur schwankend noch die Knie, und ihren Blick umzieht Der Ohnmacht Nebelduft in gaukelnden Gestalten.   49. So ringen, wenn der Kampf der Winde sich gelegt, Auf weitem Meer die schlaffen Wellen, Vom frühern Drange nur, nicht mehr vom Sturm erregt, Mit müder Kraft. Noch sinken sie und schwellen Arbeitend auf, und manche Woge steigt Noch einmal stolz empor, doch beugt Die eigne Last sie bald, und kaum zum Strand erhoben Sinkt brechend sie zurück in flücht'gen Schaum zerstoben.   50. Doch lange schaut der König schon Besorgt dem Kampfe zu, da keinen noch zum Siege Die Vorsicht ruft; er zagt, daß Skiold erliege, Der Kühnste seines Volks, der stets den Dänenthron Mit starkem Arm beschützt; auf fluthenden Gedanken Treibt rasch sein Geist umher, Entschluß und Wille schwanken Im Hauch des Augenblicks, doch schwarz und blutig naht Der düstern Seele jetzt ein unheilschwangrer Rath.   51. Noch drängt er in die tiefsten Falten Des Busens ihn zurück, und mit dem Heroldsstab Eilt Rolfo jetzt auf sein Gebot hinab, Das müde Heldenpaar vom Kampf zurückzuhalten. Jetzt sollen beide ruhn, da längst der harte Streit Die Schwankenden erschöpft; doch wenn zum frischen Leben Der künft'ge Tag die Kraft der Zürnenden erneut, Dann mag noch einmal sich der bittre Kampf erheben.   52. Wohlan, es sey! beginnt mit mattem Ton Der wilde Skiold, als er das Wort vernommen. Ich oder du, nicht soll der Aufschub frommen! Walfadur harrt auf seine Beute schon! Walfadur harrt auf seine Beute schon . – Walfaudr, Walfodr, oder Walfadur (Vater der Erschlagenen) war ein Beiname des Odin, der auch in demselben Sinne Walgautur (Herrscher oder Hüter der Schlacht) heißt. Nach dem nordischen Glauben erhielt Odin die eine Hälfte der Gebliebenen, seine Gattin Freia, die Göttin der Liebe, die andre. S. Edda Fab. 22. Bartholin. p. 352. – Gräter über Walhalla (S. 329. Anmerk.), hat die gefallende Idee, Freia sey in der angeführten Stelle der Edda ein Abschreibefehler, und es müsse Frigga, eine andere Gemahlin des Odin dafür stehen, in welchem Falle denn die Fabel physisch zu deuten sey, indem Frigga, als Symbol der Erde, einen Theil der Erschlagenen, den Leichnam, Odin, als Symbol der Sonne, den andern Theil, die Seele erhalte. Dir hab' ich Groll und Tod geschworen, Mich ehrt dein Kampf, du bist ein tapfrer Feind. Gieb mir die Hand! Gern schied' ich als dein Freund, Wenn nicht zu ew'gem Haß die Nornen uns geboren.   53. Und grimmig schüttelt jetzt das tapfre Kriegerpaar Die ehrnen Hände sich, die nach des Feindes Blute So lüstern sind, sie gehn mit trotz'gem Muthe Und unversöhnter Brust. Zur frohen Dänenschaar Kehrt Skiold zurück; doch wie die müden Glieder, Von langer Jagd erschöpft, in dunkler Felsenkluft Der Löwe streckt, so steigt zur Kerkergruft Mit matter Kraft der deutsche Held hernieder.   54. Auch Harald kehrt zur hohen Burg zurück, Und noch nicht feig genug, durch falschen Schein zu lügen, Enthüllt er ohne Scheu im schwarzbewölkten Blick Den nächtlichen Entschluß; in seinen düstern Zügen Lacht tückischer Verrath. Und als sich nach und nach Die Fürsten seines Reichs vom Heldenmahl zerstreuten, Da winkt er Rolf, in's innerste Gemach Der Burg ihn heimlich zu begleiten.   55. Der Held gehorcht, und so begann Der Fürst: Du sahst den Kampf, noch läßt sich nicht errathen, Wer morgen siegt, doch spornt zu ungeheuern Thaten Verzweiflung stets den Hoffnungslosen an. Der ist ein Thor, der mühsam ringt und streitet, Wenn ihm der Nornen Hand ein leichtres Ziel vergönnt, Und der nicht jeden Rath erlaubt und tüchtig nennt, Der, von Gefahr entfernt, zum sichern Sieg ihn leitet.   56. Vorsichtig hab' ich stets und weise dich erkannt, Du selber riethest mir die Frevler zu verderben: Wohlan es sey, sie sollen beide sterben! Der Dänen Heil vertrau' ich deiner Hand; Nimm diesen Dolch, und wenn vom Schlaf gebunden Der Ritter kraftlos ruht in stiller Mitternacht, Dann sichre du den Thron. Ein Stoß – es ist vollbracht, Und unser Freund geschützt, und unsre Furcht entschwunden!   57. Und auch die Jungfrau fliehe nicht, Die Skiold für Hertha's Herd zum Opfer auserkoren. Nicht, was wir rasch den Göttern einst geschworen, Nein, was sie sichrer schützt, das ist die größte Pflicht. Sie könnte leicht uns zum Verderben zeugen; Wohl kennst du Skiold, sein Herz ist treu, Doch ungezähmt sein Zorn, und schwer sein Sinn zu beugen, Und Lethra's Heil verlangt, daß unser Freund er sey.   58. Er spricht's und reicht mit gnäd'gen Mienen Den Dolch ihm dar. Doch rasch von Zorn entbrannt Wirft Rolf den Stahl aus seiner Hand Und ruft unwillig aus: Nicht so will ich dir dienen. Noch nie hat niedrer Mord mein edles Schwert befleckt, Die feige That gebührt dem Schwachen, Dem Knecht ein knechtisch Werk! Den freien Mann erschreckt Dein Zürnen nicht. Ihn wird sein Arm bewachen.   59. Wohl rieth ich jüngst des kühnen Paares Tod, Und sicher war der Rath und konnte mich nicht schänden, Ich sah die Frevler nur, die mit verwegnen Händen Die stolze Ruh des Dänenvolks bedroht. Jetzt, da den deutschen Mann der Kampf des Dänen ehrte, Darf keine Schmach ihm nahn, ich selber schütz' ihn jetzt, Und wer zum stillen Mord den Stahl verräthrisch wetzt, Der hüte jetzt sich auch vor Rolfo's Schwerte!   60. So ruft er aus und geht. Mit stiller Wuth im Blick Sieht ihm der König nach. Von streitenden Entschlüssen Wird wiederum sein irrer Geist zerrissen. Hier treibt die Furcht ihn an, dort hält sie ihn zurück. Unruhig springt er auf und irrt durch alle Säle Der weiten Burg, und nimmer ruht Der wilde Kampf in ihm, er heischt der Feinde Blut, Doch zweifelnd zagt er stets, welch einen Weg er wähle. (Vierter Gesang.)  61.                           Doch hatt' indeß zum Stolz des edlen Paars Ein andrer Held sich jetzt den Thoren Der Dänenstadt genaht: der biedre Sänger war's, Den beide schon als für die Welt verloren Wehmüthig jüngst beklagt. Zwar riß in jener Nacht Die Wuth des Meers ihn fort, doch auf dem wilden Pfade Der Wogen hatt' ihn bald zum dänischen Gestade Vom Sturm gejagt, die hohe Fluth gebracht.   62. Verzweifelnd saß er dort am schroffen Felsenrisse Und rang die Hände wund und sah mit nassem Blick In's weite Meer hinaus und spähte nach dem Schiffe, Worauf verzagend jetzt sein einz'ges, letztes Glück Dem Tod entgegensah. Noch wagt sein Herz zu hoffen. Doch ach, bald wälzte schon im Wogenspiel das Meer Dem Strande Leichen zu, und hart vom Blitz getroffen Schwamm rings zerstreut des Schiffes Rest daher.   63. Sie ist dahin, so ruft mit heißen Thränen Der Arme jetzt, ach meine Lieb' entsank In's kalte Grab! O du mein zartes Sehnen, So bist du todt? verhallt, du süßer Klang? Entblättert welkt der duft'ge Kranz des Schönen, Der freundlich sich um meine Tage schlang, Und jeder Traum, den mir mein Herz gegeben, Er ist verblüht, und ewig kalt mein Leben!   64. O wilder Sturm! Treulose Wogenfluth! Verhaßtes Meer! Euch rührten alle Blüthen Des reinsten Lebens nicht! In eurem Schooße ruht Des Friedens heil'ges Bild, und ach, noch könnt ihr wüthen Vom wilden Kampf empört? Doch nein, ihr sinkt hinab, Der Hauch der Stille weht, und leise Wellen schlagen Nun seufzend noch empor und klagen Vergebens jetzt um meiner Liebe Grab.   65. O süßer Traum, o Quell der zarten Leiden, Du bist versiegt! Du bunter Dämmerglanz Der Phantasie, dein luft'ger Zaubertanz Umschwebt mich jetzt nicht mehr! Lebt wohl, ihr meine Freuden! Erstarre, weiches Herz! Verwelke, frischer Kranz Des blühenden Gefühls! Von Allem muß ich scheiden, Was liebend ich gepflegt, und kalte Nacht umzieht Den düstern Geist, dem jeder Stern entflieht.   66. Was steigst du dort, du Strahl des jungen Lebens, Am glühnden Himmel auf? Was spielst du, lauer Hauch, Um meine Brust? Was säuselt, blühnder Strauch, Dein Duft zu mir empor? Weh mir, ihr lockt vergebens Den Sohn des schwarzen Grams! Weh mir! Was Farb' und Duft Und Glanz dem Leben gab, was alle leisen Töne Der Schöpfung mir enthüllt, das Heilige, das Schöne, Ach Alles schläft verwelkt in dunkler Gruft!   67. Hier will ich, fern der Welt, mir eine Hütte bauen, Hier soll mein Blick mit immer neuem Gram In's weite Reich der wilden Woge schauen, Die mir mein Glück, mein Herz, mein Leben nahm, Und Blüthen will ich stets in's Meer herniederstreuen, Des feuchten Grabes Schmuck, und nimmer soll mein Herz Sich selbst ein andres Glück als jenes, das der Schmerz, Das mir die Thräne giebt, verzeihen!   68. So ruft er weinend aus und irrt am Meeresstrand, Ein stilles Plätzchen zu entdecken, Wo seine Wohnung sey. Da schimmert's durch die Hecken, Die wild verwirrt den flachern Rand Der Fluth umziehn, wie Gold; er drängt sich durch die Ranken Und sieht sein Saitenspiel, das einem blühnden Strauch Der Sturmwind zugeführt, bald leicht vom zarten Hauch Der Luft, und bald vom Kuß der flücht'gen Welle schwanken.   69. Er hebt es rasch empor, sein feuchtes Auge ruht Wehmüthig lang auf seinem schönen Funde. O Dank dir, ruft er aus, du mitleidsvolle Fluth, Die mir des Lebens trübste Stunde Mit süßem Trost gemischt! Hier, wo du mild genaht, Du Freundliche, hier will ich wohnen, Und zitternd soll der Klang, der leis' um deinen Pfad Mit leichten Schwingen irrt, für deinen Dienst dir lohnen!   70. Und bald begann er jetzt am Meer Aus blühendem Gesträuch ein Laubendach zu bauen, Und Blumen pflanzt' er dann, wie auf den bunten Auen Der späte Lenz sie gab, um seine Hütte her: Das Veilchen, das so oft ihr seidnes Haar bekränzte, Die Rose, die der Thau zur schönsten Braut erkor, Den duft'gen Kelch des Mais, der Lilie Silberflor, Und Alles, was im Schooß der frischen Wiese glänzte.   71. Und wenn am goldnen Himmelssaum Die Sonne sich erhob, und Luft und Woge glühten, Dann flocht er einen Kranz von seinen schönsten Blüthen Und gab der Fluth ihn hin. Und wenn auf leichtem Schaum Die zarten Blumen abwärts trieben Vom linden Wellentanz geraubt, Dann sang er leis': O schwimmt zu meiner Lieben, Ihr Duftenden, und kränzt ihr schlummernd Haupt!   72. Oft stieg Erinnerung wehmüthig zu ihm nieder Und löste seinen Gram in stille Thränen auf, Und weicher tönten dann die sanften Harfenlieder, Und gläub'ger hob sein Blick zum Himmel sich hinauf. Dann sah er oft bei flücht'gem Mondenscheine Im süßen Wahn durch Wies' und Haine, Wie Silber rein und leicht wie Westeswehn, Das sel'ge Bild der holden Freundin gehn.   73. So saß er einst, im Spiel der zarten Träume, Als schon die Dämmerung des sechsten Tages sank, Im duft'gen Hain. Gleich schwindendem Gesang Durchflüsterte die dunklen Bäume Der Lüfte linder Hauch, mit stillem Glanze schien Der Sterne goldnes Licht durch's rege Blättergrün, Und friedlich über Wies' und Welle Lag wie ein sel'ger Geist des Mondes Silberhelle.   74. Da zuckt' ein heller Strahl erzitternd durch den Wald, Im flücht'gen Glanz schien jedes Blatt zu grünen, Und sieh, die himmlische Gestalt, Die schon Cäcilien und Adalbert erschienen, Stand leuchtend vor ihm da. Auf seinem Antlitz lag Der Staunende, vom Licht, das sie umringte, Als wie vom Blitz versehrt; doch hold und freundlich winkte Dem Zagenden das sel'ge Bild und sprach:   75. Steh auf, die Freunde zu erretten, Um deren Tod du klagst! Von seinen lichten Höhn Hat Gott mit gnäd'gem Blick dein treues Herz gesehn Und lohnt, wie Gott nur lohnt. Zieh hin und brich die Ketten, Die deine Lieb' umziehn! Mit seiner heil'gen Macht Begabt der Herr dich jetzt, das Große zu vollenden, Und seine Diener wird er senden, Dir hell voranzugehn durch's Graun der wüsten Nacht.   76. So sprach das Bild und schwand. Von staunendem Entzücken Erbebte laut des kühnen Sängers Herz. Wohl beut die Lieb' ihm ew'gen Schmerz; Doch jene, die er liebt, zu retten, zu beglücken, Das wiegt ihm jede glühnde Lust Erfüllter Sehnsucht auf; und fest, in treuer Brust Verheißt er Gott und ihr , sein Leben Für sie und für den Mann, der sie ihm raubt, zu geben.   77. Nur an der Liebe süßem Wahn, An holden Träumen nur will sein Gemüth sich weiden, Anbetend will er nur der Heiligen sich nahn, Will kämpfen nur für sie und leiden Und sie nur glücklich sehn; ihr zarter Reiz allein, Nicht ihres Reizes Dank soll sein Verlangen krönen, Und nur die keusche Lust am Schönen, Sie soll sein Wunsch, sein Lohn, sein Glück, sein Himmel seyn.   78. Begeistert springt er auf, und feurig nach dem Ziele Der That verlangt sein Herz, nicht sorgt sein gläub'ger Muth Um Waffen jetzt zur Wehr und Hut: Er greift mit frommem Sinn nach seinem Harfenspiele. Hell tönt, von flücht'ger Hand berührt, Von Lieb' und Gott das Gold der Saiten, Und durch den dunkeln Wald beginnt er fortzuschreiten Mit freudigem Vertraun, wohin sein Fuß ihn führt.   79. Doch als er kaum sich in den dichten Gängen Des wildern Hains verlor, da wogt' ein reges Meer Von leisen, wunderbaren Klängen Um seinen Pfad wie Geisterlispeln her, Ein süßer Hauch durchfloß des Haines stille Hallen, Aufdämmernd wiegte sich der Wohllaut auf dem Duft Und schien wie Frühlingswehn durch's weite Reich der Luft Mit leichten Schwingen fortzuwallen.   80. Und wie auf sanfter Fluth der luft'ge Schaum zerspringt, So schlossen plötzlich alle Blüthen Die zarten Blätter auf, und farb'ge Funken glühten In ihrem weichen Schooß und hoben leicht beschwingt Sich aus dem bunten Kelch; in zauberischen Tänzen Durchwogte flücht'ger Glanz den sanft erhellten Hain, Und in den Lüften schien mit wunderbarem Schein Ein geist'ges Blumenreich erzitternd aufzuglänzen.   81. Und durch der Blätter dunkles Grün Und durch das weiche Moos der frischen Wiesenquelle Sieht Reinalds Blick den Schwarm der Elfen ziehn. Bald wiegt er auf dem Schaum der raschen Wasserfälle Bald auf den Halmen sich, bald nahn und bald entfliehn Die Gaukelnden, und tausendfarb'ge Helle Umflimmert ihren Pfad, und rastlos zitternd lacht Gleich Sternen in der Fluth der Schimmer durch die Nacht.   82. Jetzt irrt der bunte Schwarm verworren durch die Laube Des wilden Hains in ordnungslosem Glanz, Jetzt schaukeln sie vereint, gleich farb'gen Feuertrauben, Am zarten Zweige sich, jetzt webt ein lichter Kranz Sich um der Blume Rand, jetzt tauchen Sie in die Blüthen sich, und irres Feuer sprüht Des Kelchs belebter Thau; und horch, wie Weste hauchen, Wie ferne Wellen fliehn, so flüstert ihr Gesang:   83.             Wir sind nach milder Elfenweise             Als Leitgestirn der dunkeln Reise             Dem frommen Wanderer genaht.             Auf, tummelt euch auf luft'gem Gleise,             Ihr Blumengeister, kündet leise             Durch Wald und Thal den irren Pfad!             Vertraue du dem Zauberkreise,             Und glücklich endest du die That!   84. So singt das Geistervolk und gaukelt bunt und fröhlich Um Reinalds Pfade her. Der folgt durch Nacht und Hain Der leichten Schaar, und süße Träumerein Umflattern seine Brust und wiegen still und selig Auf seiner Harfe sich. Doch als mit hellem Schein Der Frühe Rosenlicht allmählig Am blauen Himmel tagt, da sinkt zur blühnden Trift Der Elfentanz zurück, gleich leisem Thaugedüft.   85. Und hoch auf schroffen Felsenhöhen, Wo in ein weites Thal das Auge niedersinkt, Sieht staunend sich der Sänger stehen, Und fern im Morgenlichte blickt Die Burg der Dänenstadt, der Ahnung Zauber winkt Dem Zweifelnden durch's Thal dahin zu gehen, Den hohen Thürmen zu; und kühn vom steilen Rand Der Felsen klimmt er jetzt hinab in's ebne Land.   86. Beschwerlich ist der Pfad: bald ritzen Dornenranken Ihm Händ' und Angesicht mit scharfem Stachel wund, Bald hemmt der Wiesen feuchter Grund Den irren Fuß, und Gras und Büsche wanken Bei seinem leichten Schritt; noch manchen Fels erklimmt Und manchen wilden Strom durchschwimmt Der Unermüdliche, und bei der glühnden Schwüle Des hohen Mittags erst gelangt er matt zum Ziele.   87. Kaum hatte jetzt das Heldenpaar Den heißen Kampf vollbracht, da kommt er am Gegitter Der Schranken an, er drängt sich durch die Schaar Des dichten Volks, und sieh, der deutsche Ritter Tritt jetzt, mit Staub bedeckt, im offnen Helm hervor. Laut schlägt des Sängers Herz, die freud'gen Blicke künden Sein muthiges Vertraun, er folgt und sieht in's Thor Des Kerkers nach der Burg den tapfern Freund verschwinden.   88. Er naht dem Kriegerschwarm; der um die Pforten wacht, Und grüßt ihn unverzagt und rührt die goldnen Saiten Und singt ein Lied aus grauen Zeiten Von alter Heldenkraft, von Sieg und Ruhm und Schlacht. Die Wächter horchen auf, die kühnen Augen blitzen Begeistert bei'm Gesang, und freundlich winkend steht Vom Mahl ihr Hauptmann auf und reicht ihm süßen Meth In heller Schaale dar und heißt ihn niedersitzen.   89. Und fröhlich, daß die List gelang, Beginnt er mächt'ger stets die Saiten anzuschlagen, Vertraun und Noth und heil'ge Liebe tragen Sein Herz im Lied empor, begeistert schwebt der Klang Auf goldnem Fittig auf, und kühne Bilder tagen Aus irrer Dämmerung im siegenden Gesang. Stumm wird das Volk und drängt im dichtern Kreise Sich um den Sänger her und athmet tief und leise.   90. Da sieht von seines Schlosses Höhn Der Fürst, der immer noch ein sichres Ziel zu finden Vergebens sich bemüht, den deutschen Harfner stehn, Fremd scheint ihm seine Tracht, und Mien' und Blick verkünden Ihm Muth und leichten Sinn. Ihn reizt dein Gold vielleicht, Er hat hier nichts zu hoffen, zu verlieren, Er zieht zur Heimath fort, der dunkle Kerker schweigt. – Es sey, so ruft er rasch und läßt ihn vor sich führen.   91. Gar sittig naht der edle Knecht Und läßt auf seine Knie sich vor dem König nieder; Doch der erhebt mit gnäd'gem Blick ihn wieder Und forscht nach Namen und Geschlecht, Nach Stand und Vaterland. In heller Röthe lodert Des deutschen Mannes Angesicht: Noch nie betrog sein Wort; doch jetzt, da Gott es fodert, Beginnt er schlau mit kecker Zuversicht:   92. Ich heiße Gram, der Knecht der Minne, Aus Angeln stamm' ich her, die Freiheit ist mein Stand, Die Harfe meine Kunst. Mit jugendlichem Sinne Verließ ich früh mein Vaterland Und zog nach fröhlichem Gewinne Durch manches Reich umher. Jetzt kehr' ich weitgenannt Zur Heimath bald zurück, doch im Vorüberreisen Begehrt' ich dich zu sehn, den alle Skalden preisen.   93. Er spricht's. Der König schweigt und prüft den fremden Gast Mit scharfem Blick. Ihm scheint, er dürf' ihm trauen, Und gnädig läßt er jetzt der Hallen Glanz ihn schauen, Er führt im schimmernden Palast Den Staunenden umher und breitet alle Schätze Der Krone vor ihm aus, daß an dem hellen Schein Der königlichen Pracht, an Gold und Edelstein Der Habsucht trunkner Blick sich letze.   94. Du siehst, beginnt er jetzt, ich habe Gold genug, Dem treuen Mann weit über Wunsch zu lohnen; Doch grimmig ist mein Zorn, nie lernt' ich den verschonen, Der schlau mit frevelndem Betrug Mein fürstlich Ohr getäuscht. Du hast zu Lethra's Thoren In guter Stunde dich genaht, Groß ist der Lohn und leicht die That, Wozu mein Wille dich erkoren.   95. Tief unter'm Schloß, im dunkeln Kerker liegt Ein fremdes Frevlerpaar mit hartem Erz gebunden. Längst hätten beide schon den würd'gen Tod gefunden, Verlangte Vorsicht nicht, der selbst der Fürst sich schmiegt, Daß still und heimlich ihr Verderben Und unergründlich sey. Dich wählte Harald's Huld Zur Säule seines Throns; zu reif schon ist die Schuld Der argen Brut, noch heute muß sie sterben.   96. Nimm diesen Trank, den einst mit weiser Hand Ein Zauberweib gemischt; in farb'gen Glanz gekleidet, Schwimmt rascher Tod darin. Wohlan, des Bechers Rand Benetz' ein Tröpfchen nur, und unaufhaltsam scheidet Das Leben aus der Brust. Dies Eisen öffnet dir Des Kerkers Schloß, kein Wächter wird dich sehen In dunkler Nacht, und wenn die That geschehen, Dann komm zurück und nimm den reichen Lohn von mir.   97. Doch länger darfst du dann in Lethra nicht verweilen: Schon steht ein schnelles Roß am Thore dir gezäumt. Still mußt du dann und ungesäumt Hinweg in ferne Länder eilen, Weit über's Meer dahin. Ja tausendfaches Weh Mag ewig dich bedrohn, und fort dein Name schwinden Aus deines Enkels Lied, wagt deine Zung' es je, Was ich dir jetzt befahl, verräthrisch zu verkünden.   98. Er spricht's. Von freud'gem Staunen schwillt Des Sängers Herz, ein sel'ges Lächeln breitet Um seinen Mund sich aus, er sieht, daß Gott ihn leitet, Da seinen kühnsten Wunsch der Todfeind selbst erfüllt. Kaum kann sein Mund den Ruf der lauten Freude halten; Doch zeitig fühlt er noch, daß sich sein Herz vergißt, Und ruhig drängt in seine frühern Falten Er sein Gesicht zurück und spricht mit kühner List:   99. Wohl hat das Glück auf goldnem Pfade Nach Lethra mich geführt; stets segn' ich diesen Tag, Der deine Huld mir gab. Doch machte deine Gnade Noch einen Wunsch, o König, in mir wach: Treu folgten mir zum dänischen Gestade Ein biedrer Freund, ein treues Liebchen nach, Und nimmer trüge wohl ihr Herz das bittre Leiden, Vermöcht' ich heimlich je aus ihrem Arm zu scheiden.   100. Drum laß, sobald die Nacht mit tieferm Dunkel graut, Vor Lethra's Thor drei rasche Rosse stehen. Schnell flieh ich dann mit Freund und Braut, Nie soll der Dänenstrand den Sänger wiedersehen. Bei Heimdall Bei Heimdall schwör' ich dir – Heimdall, den Odin mit neun Riesenjungfrauen am Erdenrande zeugte (s. Lied der Hindla, Stanze 33. 34. in Gräter's Nord. Bl.), war der Wächter der Natur und der Götter und wohnte am Rande des Himmels. Mit einer solchen Wohnung scheinen die alten nordischen Völker die Idee einer großen Weisheit verbunden zu haben. Edda Fab. 16. Fabel von Wafthrudner No. 37. Lied von Hymer Str. 5 in Gräter's Nord. Blumen. schwör' ich dir, der an den heil'gen Höhen Des blauen Himmels wohnt und alles überschaut: Kein sterblich Ohr soll je aus meinem Mund' erfahren, Daß die durch mich erblaßt, die Harald's Feinde waren.   101. Der Fürst gewährt's und heißt ihn in der Burg verziehn Und läßt ihm Speis' und Trank in goldnen Schaalen reichen. Wie schien dem Sänger jetzt der träge Tag zu schleichen, Wie zögernd ihm das Roth der Dämmrung aufzublühn. Erwartung, Furcht und Schmerz und Seligkeit verwoben Sich wunderbar im kämpfenden Gemüth. Nie hatte so sein Herz begeistert sich erhoben, Und heißre Liebe nie in seiner Brust geglüht.   102. Jetzt sank die Nacht. Gewitterwolken zogen Sich um den Rand des düstern Himmels her, Die Sterne blinkten matt, und ferne Blitze flogen, Todt lag in schwüler Ruh der Lüfte weites Meer. Still ward's im hohen Schloß und auf den breiten Gassen, Verklungen schwieg der Helden spätes Mahl. Ermüdet hatte längst, weil Harald so befahl, Die Wächterschaar das Kerkerthor verlassen.   103. Da gürtet Reinald sich mit einem breiten Schwert, Das ihm der Fürst geschenkt zum Schutz der dunklen Reise, Und lauschend tastet er und leise Die Stufen sich hinab; oft steht er still und kehrt Besorglich oft zurück, wenn sich im weiten Kreise Der Höf' ein Lüftchen regt, und seine Rechte fährt Oft kühn dem Stahle zu, wenn durch die finstern Hallen Vom fernen Blitz schnellfliehnde Schatten wallen.   104. Schon naht er sich dem Thor, schon kracht Das rost'ge Schloß, die ehrnen Thüren knarren Schwerfällig auf, von rauhen Felsen starren Die Wände rings, und wogend strömt die Nacht Der offnen Pforte zu und hüllt den bleichen Schimmer Der Stern' in Finsterniß. Kühn naht dem Schreckensort Der deutsche Mann und tappt durch morsche Trümmer Und über Kies und Grand im dichten Dunkel fort.   105. Doch stiehlt sich bald aus öden Weiten Ein fernes Licht daher, bekannte Töne leiten Den Retter jetzt zum Ziel, und sieh, auf hartem Stein Saß dort Cäcilie bei schwachem Lampenschein, Dem süßen Traume gleich, der durch die Dämmrungshülle Mit ros'gem Glanz sich hebt; ihr sanfter Blick verhieß Entsagung, Lieb' und Ruh, sie koste leis' und süß; Und ihr zu Füßen saß ihr Freund in frommer Stille.   106. Da läßt der Selige, von heil'ger Lust erfüllt, Sein helles Saitenspiel durch's Graun der Nacht erklingen. Erweckt von freud'gem Staunen springen Die Horchenden empor und sehn des Freundes Bild Durch graue Dämmrung nahn. O Schatten, treu und mild, So ruft das Fräulein aus, sankst du mit leisen Schwingen Von lichten Höhn in unser finstres Grab, Ein Engel Gottes, uns zum süßen Trost herab?   107. Doch als sie kaum das Wort geendet, Da sinkt der Sänger schon vor seiner Herrscherin, Erst schweigend, weinend dann, auf seine Knie dahin. O Heil'ge, ruft er aus, wohl hat mich Gott gesendet, Doch noch hat Kraft und Muth zu deinem Schutz mein Arm; Von Thränen nur um dich ist dieser Blick so trübe, Noch schlägt lebendig stets und warm Für dich in meiner Brust ein Herz voll ew'ger Liebe.   108. O zürne nicht, nicht komm' ich listig her, Durch edlen Schein dein Herz zu mir zu lenken. Wohl ist mein Kummer groß, doch dich, dich lieb' ich mehr, Nicht darf ich dich, du Reine, kränken Durch innern Kampf. Nur ein Verlangen kennt Mein Busen noch: o laß mich nimmer scheiden Von deinem Pfad, ich will ja freudig leiden, Ist deine Nähe nur, dein Anblick mir vergönnt.   109. O nein, ich kann von dir nicht lassen! Wohl fühlt' ich's jüngst. Mein Herz, das ewig glüht, Muß stets ein Bild, ein Liebes-Bild umfassen, Es kann nicht fühllos ruhn. Doch auf! die Zeit entflieht, Mit jedem Augenblick kann auch die Rettung schwinden; Geöffnet steht das Thor, die Rosse sind bereit; Der frühe Morgen muß schon weit Von Lethra's Mauern uns in sichrer Freistatt finden.   110. Er spricht's. Der Ritter jauchzt im Sturm der Lust und sinkt An seines Retters Brust, und Freud' und Dank verklären Sein Antlitz. Großes Herz, so ruft er laut und schlingt Sich fester um ihn her und netzt mit heißen Zähren Des Freundes Brust, großmüth'ges zartes Herz, Darf ich den Blick zu dir erheben, Der so mich jetzt beschämt? Was kann für deinen Schmerz Ich Armer dir und was für deine That dir geben?   111. O laß uns Freunde seyn! Uns kettet gleicher Gram. O nein, du darfst mit mir nicht grollen. Ach, wenn ich auch dein Glück, dein einz'ges Glück dir nahm: Auch ich bin reich an Schmerz. O komm, wir beide wollen Es nicht mehr seyn! Das Herz, das heilig liebt, Muß durch die Liebe stets sich bessern und verschönen, Und göttlich ist das reine Sehnen, Das immer keuscher wird, je mehr die Lieb' ihm giebt.   112. So soll auch uns der sel'ge Traum erscheinen, Den uns der Himmel beut. Entfernt von ird'schem Wahn Soll feste Treue stets uns brüderlich vereinen, Weil wir dasselbe Bild mit heil'ger Gluth umfahn. Wir beide wollen jetzt sie schützen, für sie leiden, Für sie zum Tode gehn, wir beid' im bittern Schmerz Ihr tröstend nahn, an ihrem Glück uns weiden! Nur die Begierd' ist arm, doch ewig reich das Herz.   113. Er ruft's, schon will er fliehn, da fällt auf seine Waffen, Die Skiold ihm zugesandt, sein Blick. Er starrt und seufzt und bebt, und Arm' und Knie erschlaffen, Und auf den Felsen sinkt er trauernd jetzt zurück. Doch bald ermannt er sich, er trocknet seine Zähren Und steht empor. Nie soll die Ritterpflicht, Die jetzt ihn mahnt, ein feiger Schmerz entehren, Drum hebt er kühn den ernsten Blick und spricht:   114. O flieht, o eilt hinweg! Ich kann euch nicht begleiten, Die Ehre ruft, der bittre Feind begehrt Erneuten Kampf, noch einmal muß ich streiten, Ich fliehe nicht, er ist des Kampfes werth. Wohl wär' es süß, könnt' ich mit eignem Schwert, Geliebte, dich befrein und selbst zurück dich leiten! Der Himmel will es nicht, du selbst verlangst von mir Kein Werk der Schmach. Lebt wohl! ich bleibe hier.   115. Wohl scheiden wir vielleicht auf immer, Ich kann ja doch mich nicht dem dunklen Loos' entziehn, Das frühen Tod mir gab. O süßer Sternenschimmer Der Liebe, Strahl der Nacht, der tröstend mir erschien, So scheidest du schon jetzt? Leb wohl, vergiß mich nimmer, Du heil'ges Bild! O eilt! die Stunden fliehn, Nichts frommt der Schmerz, und keine Thränen stillen Der Trennung Leid. Lebt wohl! Wir stehn in Gottes Willen.   116. Er spricht's und schweigt. Der Sänger blickt Ihn trauernd an; doch bald beginnt er zu erzählen, Wie mit verräthrischen Befehlen Des Königs blut'ger Sinn zum Kerker ihn geschickt. Du siehst es, ruft er aus, so will der Däne siegen, Zur Flucht ermahnt dich jetzt dein eignes Ritterwort. Zwar jetzt mißlang, doch morgen glückt der Mord, Und schmählich mußt du dann und ohne Kampf erliegen.   117. Er räth umsonst, der Ritter hört ihn nicht. Vor feigem Trug soll nie mein Herz erbeben, So ruft er kühn, der Herr beschützt mein Leben, Ich trau' auf ihn, nie brech' ich Ritterpflicht Um schnöde Furcht! Wohlan, er mag sie senden, Der schwache Mann, die Diener, die ihn schänden Mit ew'ger Schmach; noch fühl ich Kraft und Muth, Und klagend seh er dann, des Blutes Preis sey Blut!   118. Du siehst's, ich red' umsonst, ruft jetzt der treue Sänger Mit banger Ungeduld dem zarten Fräulein zu. O Gott, die Nacht verrinnt! Bald tagt's! Nicht darf sich länger Die Flucht verziehn. O komm, entwaffne du Des Freundes starren Sinn! dir wird er gern sich beugen, Auf deinen Lippen weilt mit schmeichlerischem Ton Der Worte süße Kraft. Du liebst ihn; darfst du schweigen, Wenn Schmerz und Tod dem theuren Freunde drohn?   119. Ihn lenkt sein Herz, ich darf ihn nicht verführen, Beginnt Cäcilie, die mit gelaßnem Blick Dem Kampfe zugesehn, du wirst auch mich nicht rühren, Ich selber bleib' im Kerker jetzt zurück. Sey muthig, Adalbert, uns wird der Herr bewahren, Ich scheide nicht, denn uns hat Gott vermählt. Der Geist, den gläub'ger Muth mit heil'ger Kraft beseelt, Der zittert nie vor irdischen Gefahren.   120. Leb wohl, du treues Herz, o du mein biedrer Freund! Wie soll ich dich, du zarte Seele, nennen? Leb wohl, du kamst umsonst! O zürne nicht! wir können Nicht mit dir gehn. Was trauerst du, was weint Dein Aug' um uns? Die Erde mag uns trennen, Sind alle Gute doch im Himmel einst vereint! Dich kann ich wohl, doch nimmer uns beklagen; Was Gottes Will' uns gab, das laß uns muthig tragen!   121. O frevle nicht, so fällt mit banger Qual Der Sänger ein, was nennst du Gottes Willen? Sah ich nicht selbst den Himmel sich enthüllen, Stieg freundlich nicht mit lichtem Strahl Sein Engel mir herab? Befahl Der sel'ge Geist mir nicht die Botschaft zu erfüllen, Wozu mich Gott ersehn? Hat nicht durch Wald und Nacht Ein himmlisches Geleit zum Ziele mich gebracht?   122. Und schnell erzählt er jetzt, wie er dem Meer entkommen, Wie ihm sein Saitenspiel die Fluth zurückgeschenkt, Wie sich das Luftgebild zu ihm herabgesenkt, Und welches Wort sein Ohr vernommen, Und welchen Trost sein Herz, wie dann die Elfenschaar Ihn leuchtend durch die Nacht geleitet, Und wie die Vorsicht wunderbar, Die That ihm zu vertraun, des Feindes Herz geleitet.   123. Da staunt das Paar, und in dem Luftgesicht, Das ihn gesandt, die Freunde zu erlösen, Erkennen beide jetzt das wunderbare Wesen, Das einst ihr Loos bestimmt. Wohlan, der Himmel spricht, So ruft der Held, ich kann nicht länger streiten. Auf, laßt uns fliehn! Wohl wird mein Nam' ein Raub Der Schande seyn; doch nimmer darf der Staub Mit kühnem Sinn den Rath des Ew'gen deuten.   124. Doch sagt mein Herz mir, einst erscheint Ein Tag des neuen Ruhms. Verderblich kehr' ich wieder, Zerschmetternd stürzt mein Arm den falschen Götzen nieder, Dem dieses Volk sich schmiegt, und schlägt den stolzen Feind, Der seine Tempel schützt. Auf, laßt uns fliehn, die Lüfte Der Freiheit wehn so mild! O komm, mein süßes Glück! Dein Reiz erhellte mir des Kerkers dunkle Grüfte, Jetzt führ' ich fröhlich dich zum goldnen Licht zurück!   125. Und hurtig hüllt er jetzt das Eisen Um seine Glieder her, nicht will er wehrlos fliehn. Ihm ward zum bittern Kampf der ehrne Schmuck verliehn; Dies Schwert, bald soll es jetzt dem stolzen Feind beweisen, Nicht sey er feig entflohn. Und sieh, in heller Pracht Steht schon der Ritter da, das Fräulein schmiegt erröthend Sich an des Helden Arm, sie gehn, und gläubig betend Folgt leis' und leicht der Sänger durch die Nacht.   126. Vorschauend ziehn sie durch die Gassen Der todten Stadt, schon nahn sie sich dem Thor. Kein Gitter ist herabgelassen, Kein Wächter tritt mit rauhem Wort hervor, Drei Rosse wiehern schon den Nahenden entgegen Und stampfen laut den Grund, das Häuflein schwingt sich auf, Und muthig sprengt's im raschen Lauf Den fernen Bergen zu auf ungebahnten Wegen. Fünfter Gesang. 1.                           Schon hatte jetzt um ihren weiten Thron Die stille Mitternacht den schwarzen Flor gefaltet, Und zürnend wälzte sich der nahen Stürme Drohn Dumpfhallend durch die Luft; Unholden gleich gestaltet, Mit schwerem Fittig zog der Wolken finstre Brut Am Himmel her, dem ehrnen Donnerwagen Ein nächtliches Gespann, und zuckend flog die Gluth Als Botin schon voran, den Aufruhr anzusagen.   2. Rasch durch die Haiden flohn die muntern Rosse fort, Als böten sie dem Sturm die Wette. Schon nahn die Helden sich der wald'gen Bergeskette, Die fern die Ebne kränzt, und spähen hier und dort Nach einem sichern Zufluchtsort, Der vor dem nahen Zorn des Wolkenkampfs sie rette; Und in ein Klippenthal, das wie ein schwarzes Grab Sich tief und schaurig senkt, führt jetzt der Pfad hinab.   3. Kaum ist die Schlucht erreicht, so bricht mit raschen Schwingen Der wilde Sturm lautbrausend schon herein. Vor seinem Nahn erschrickt der tausendjähr'ge Hain, Von Blitzen flammt die Nacht, und Gluth und Wasser ringen In dunkler Luft, gewalt'ge Ströme dringen Von allen Höhn herab, und schwere Donner dräun Dumpfrasselnd rings umher, ein unsichtbares Leben Durchtobt den finstern Wald, und Berg' und Felsen beben.   4. Den starken Fittig fühlt des Sturms unbänd'ge Kraft Im tiefen Thal gehemmt; er reißt mit raschem Grimme Sich durch die Schluchten fort und rafft Zu Boden, was ihn hemmt, und heult mit lauter Stimme Um alle Felsen her. Bald hebt zur kühnen Schlacht Der Wald sein Haupt empor, bald sinkt den Ungewittern Er krachend hin. Im Dickicht springt mit Zittern Das scheue Wild empor und irrt durch's Graun der Nacht.   5. Mühselig ziehn im Sturm und Regen Mit ihrer zarten Schützlingin Durch's tiefe Thal die deutschen Helden hin; Sie spähn umsonst nach sicher Wegen: Bald sinkt der Rosse Fuß in's bodenlose Moor, Bald ritzen scharfe Felsenecken Den unbewehrten Huf, bald ziehn verworrne Hecken Ihr dorniges Geflecht dem rauhen Pfade vor.   6. Sie steigen ab. Durch's dichte Dunkel schreitet Der Paladin voran und bricht mit Schwertesschlag Sich eine Bahn, doch sein Gefährte leitet Cäcilien hindurch und führt die Rosse nach. Bald täuscht sich der , bald der , denn Rath und Ruf verwehen Im Sturmgeheul, und nur von Zeit zu Zeit Vergönnt ein heller Blitz, der rasch die Nacht zerstreut, Des Pfades Graun, doch nicht zum Trost, zu sehen.   7. Und immer feuriger entglüht Der rothe Strahl, die Donner rasten nimmer, Und pfeifend fährt der Sturm mit gellendem Gewimmer Durch Reinald's Saitenspiel und heult ein gräßlich Lied. Kaum kann das Fräulein noch des Pfades Müh' ertragen; Doch folgt sie still und ohne Klagen, Wenn mancher Stachel auch die zarte Ferse ritzt, Und schwach nur ihr Gewand vor Näss' und Sturm sie schützt   8. Wohl hätte jetzt die Nacht der Dämmrung weichen müssen, Doch siegend hielt sie noch das heitre Licht zurück; Mit Zögern nur erhob der Tag den scheuen Blick, Die Wolken, die der Sturm in manches Bild zerrissen, Umfloß ein grauer Schein, noch scholl das heische Wehn Der Wind' im düstern Thal, noch strömt' es kalt hernieder, Und bleicher Nebel hing mit kämpfendem Gefieder Um's finstre Haupt der schroffen Felsenhöhn.   9. Allmählig tauchte jetzt aus schwachem Dämmerscheine Der Wüste grauses Bild, doch formlos noch, hervor; Tief senkte sich das Thal, und in's Gewölk verlor Die Stirn der Berge sich; vom ragenden Gesteine Erhoben schwarze Tannenhaine Der Wipfel öde Nacht im wilden Sturm empor; Und traurig dehnten rings sich unwirthbare Haiden, Mit dürrem Grau den Fuß der Felsen zu bekleiden.   10. Hier kündete kein Pfad des Menschen milde Spur, Nur Stürme hatten hier auf rauher Bahn gewaltet, Und Wolf und Bär und Schlang' und Geier nur Behausten das Geklüft. Zu Trümmern umgestaltet Sank mancher Felsen schon in's tiefe Thal hinab, Schon mancher Wald erhob sich auf dem frühern Grab, Und traurig kränkelte das kaum erblühte Leben, Vom öden Wust des ältern Schmucks umgeben.   11. Rings lag zerrissen vom Orcan Verwittertes Gestein mit feuchtem Moos umwoben, Und Bäche wühlten rings mit Toben Durch Felsen und Gestrüpp sich eine neue Bahn; Im wilden Moor verflochten alte Tannen Zu kühnen Gruppen sich, und durch das Dickicht schien Des dichten Efeus ew'ges Grün Ein undurchdringlich Netz dem Wandrer auszuspannen.   12. Hoch am Gebirg, wo schauriger der Sturm Um' s dunkle Haupt der schlanken Fichten wehte, Sah jetzt der deutsche Held, der rings den Wald durchspähte, Ein altes Mauerwerk. Noch hob ein mächt'ger Thurm, Gleich einem Riesengeist aus grauen Heldenzeiten, Der Zinnen morschen Kranz aus ödem Schutt empor, Und nahe schien ein ehrnes Thor Zur wüsten Dämmerung der Hallen hinzuleiten.   13. Ein Jeder hofft erfreut vor Sturm und Regenguß Ein sichres Obdach dort zu finden, Und mühevoll durch Strauch und Klippen winden Die Wandrer sich hinauf. Am steilen Pfade muß Ohnmächtig oft das zarte Fräulein rasten, Oft bebt ihr banger Fuß am schmalen Felsensteg; Doch wenn auch Müh' und Schmerz und Furcht ihr Herz belasten, Ein Blick auf Adalbert nimmt jedes Leid hinweg.   14. Jetzt langt am trotzigen Gemäuer Das matte Häuflein an. Mit ernstem Dunkel ragt Der Wald umher, und nimmer tagt Die graue Dämmrung hier; hoch flattern Aar und Geier Laut krächzend um den Thurm, mit scheuem Flug verläßt Das Käuzlein seine Gruft und schwirrt um Helm und Degen, Vom Licht geblendet, her, und aus dem Felsennest Zischt Schlang' und Molch den Nahenden entgegen.   15. Doch bald entflieht die Brut vom scharfen Stahl verbannt, Und muthig nahn der Thür, die zu der Warte leitet, Die Helden sich. Mit blankem Schwerte schreitet Der Paladin voran und führt an sichrer Hand Das Fräulein nach. Auch Reinald's Arm bereitet Zum Kampfe sich, er lehnt an eine morsche Wand Sein treues Saitenspiel und folgt mit festem Willen, Mag Frieden oder Streit der finstre Thurm verhüllen.   16. Sie treten ein. Ein falbes Zwielicht graut Um Mauer und Gewölb' und schweigend liegt die Halle; Nur stehlen fern mit bangem Schalle Sich Seufzer durch den Raum. Noch schaut Umsonst ihr Blick umher, denn flücht'ge Schatten trügen Ihr mattes Auge noch. Sie schreiten still heran; Da sehn am dunkeln Ort sie einen fremden Mann, Ein Bild des schwarzen Grams, am harten Boden liegen.   17. Am Felsen wund geritzt troff blutig Brust und Haupt, Sein Blick war starr, sein todtes Auge trocken, Am Boden ringelten die dunkelblonden Locken Sich ordnungslos umher, verworren und bestaubt, Schwerathmend schien mit letzter Kraft sein Leben Aus tiefer Brust gewaltsam fortzustreben, Und mühsam nur, als er die Nahenden erblickt, Entrang dies Wort sich ihm, in Seufzern oft erstickt:   18. Seyd mir gegrüßt, ihr Todesboten! Hier ist mein Haupt, o zögert nicht! Mein süßes Glück, es schlummert bei den Todten, Ihm folg' ich gern! Wohlan, vollzieht die blut'ge Pflicht. Ich bin's, dem Harald's Gier den Vaterthron genommen, Ich, dessen Blut sein wilder Haß begehrt. Was zagt ihr noch? Wohl führt' ich einst ein Schwert, Jetzt heiß' ich freundlich euch willkommen.   19. O weh, du zartes Morgenroth Der Hoffnung, süßer Mai der Liebe! Wie ward so bald dein goldner Himmel trübe! Du sel'ges Bild der Lust! so bist du kalt und todt? Dir wollt' ich Glanz und Ruhm erstreiten, Und ach, kaum find' ich jetzt für dich ein stilles Grab! Weh mir! Du solltest nie zum Throne mich begleiten, Drum folg' ich gern dir in die Gruft hinab.   20. So ruft er und entblößt dem Schwerte Die wunde Brust, und sieh, die erste Thräne rinnt Aus seinem Aug' hervor. Der Held und sein Gefährte Stehn staunend vor ihm da. Dich täuscht dein Wahn, beginnt Der Paladin, nicht fordern wir dein Leben; Der dich verfolgt, den fliehn auch wir, Uns kettet gleiche Noth. Mit Freuden biet' ich dir Zum Schutz und Trutz mein Schwert, doch Trost kann Gott nur geben.   21. Er spricht's. Der fremde Jüngling starrt Ihn düster an. Wohl kann nur Gott mich trösten, Das Grab und Gott. – Des Lebens Bande lösten Sich längst für mich; was künftig meiner harrt, Das acht' ich nicht. – Mein Muth ist todt, zerstoben Ist meine Kraft; Vertraun und kühner Sinn Und Ruhm und Thatendrang, die sonst mein Herz erhoben, Ach, Alles sank mit dir, geliebtes Bild, dahin!   22. Wie friedlich schlummerst du, du schönste der Gestalten, Die je im Traum der Ahnung mir erschien! Dein Athem sehnt sich noch in deiner Brust zu walten, Noch wollen Wang' und Mund in zarter Röthe blühn, Das Leben scheint dich liebend festzuhalten, Und warm sein letzter Kuß im Antlitz dir zu glühn; Doch zagend muß mein Blick von dir hinweg sich wenden, Dein Leben ist nur Traum, und jeder Traum muß enden.   23. Er rief's und weinte laut und neigte schluchzend dann Sein Haupt zurück. Der weiche Sänger sann Schon lang' auf Hülf' und Trost. Einst hatt' ein weiser Meister, Den er im fernen Land durch manches Lied geehrt, Ihm alle Tugenden der flücht'gen Pflanzengeister, Der Steine seltne Kraft, der Mischung Kunst gelehrt, Und oft schon ward durch sein geheimes Wissen Der offnen Gruft ihr sichrer Raub entrissen.   24. Auch jetzt vertraut er ihm und betet still zu Gott Und spricht: Die Grenz' ist schmal, die Seyn und Nichtsein scheidet, Und oft schon hat dem finstern Feind zum Spott Das Leben in's Gewand des Todes sich gekleidet. Du sagst, noch blühe frisch und schön Die Hülle deiner Braut? Nicht rath' ich dir zu hoffen; Doch manches schwere Ziel hat schon die Kunst getroffen, Und Gott ist groß, drum laß die Schlummernde mich sehn.   25. Er spricht's. Der Jüngling springt mit plötzlichem Entzücken Vom Boden auf. Der Hoffnung schwächster Schein Nimmt siegend schon sein ganzes Wesen ein: Lust lacht um seinen Mund und glänzt in seinen Blicken Und hebt sein Herz hoch auf. O Gott, du sendest Tag In meine Gruft! Du hörtest auf mein Rufen! So jauchzt er laut und fliegt die Wendelstufen Im alten Thurm empor und zieht den Sänger nach.   26. Der Held und seine Freundin bleiben Am Fuß der Treppe stehn und wünschen Heil und Glück Auf Reinald's Hand herab. Und horch, ein freud'ges Treiben Beginnt im obern Thurm, und mit verklärtem Blick Kehrt Reinald jetzt in banger Hast zurück; Erstaunen, Lust und Angst betäuben Sein Ohr, er hört sie nicht und eilt dem Blitze gleich Durch Hall' und Thür und schwindet im Gesträuch.   27. Sie schaun ihm forschend nach; und sieh, mit mancher Pflanze, Die mild im duft'gen Schooß lebend'ge Kraft verschließt, Kehrt er zurück. In freudigen Thränen fließt Sein Aug' und senkt mit ungewohntem Glanze Sich auf Cäcilien, schon will ein fröhlich Wort Gewaltsam ihm entfliehn; doch hastig stürzt er fort Die Stieg' empor und ruft: O bleibt! laßt euch beschwören! Nur jetzt noch naht euch nicht! Bald sollt ihr Alles hören.   28. Erstaunt verziehn sie noch; da schallt es hell herab: Sie lebt, sie lebt! Das finstre Grab Gab seinen Raub zurück! Kaum rastet jetzt noch länger Des Ritters Ungeduld, da naht Mit schnellem Schritt der treue Sänger. In seinem Auge lacht die schön gelungne That, Doch zagend, daß die Lust des Fräuleins Herz zu mächtig Erschüttre, spricht er prüfend und bedächtig:   29. Du siehst, wie heitrer Glanz das Auge mir verklärt, Wie meine Wangen sich in freud'ge Röthe kleiden, Dir gilt dies Herz voll Lust! Ach, alle meine Freuden Sind ja die deinen nur, dein Kummer nur beschwert Mein Herz allein! Sey stark! Oft hat in düstern Tagen Dein heil'ger Muth dem nächtlichen Geschick Unwandelbar getrotzt, o lerne jetzt das Glück, Das unverhofft dir naht, ertragen!   30. Ich weiß es ja, wie sehr du sie geliebt, Die freundlich durch den Lenz der Jugend dich begleitet, Die Arglist dir geraubt, die Gott dir wiedergibt! O bebe nicht! sie ist dir nah, sie breitet Die Arme nach dir aus, die freud'ge Hoffnung schmiegt Sich tröstend an ihr Herz und nimmt dem frühern Grame, Dem Tode selbst sein Gift, sie lebt, dein theurer Name Hat jeden düstern Geist der schwarzen Nacht besiegt.   31. Er spricht's. Von rascher Lust erbeben Des Fräuleins Knie. O Strahl der Seligkeit, So ruft sie aus, o Glück, o süßes Leben In todter Brust, o holde Adelheid, Dich soll ich wiedersehn? Wo ist sie? Komm, o führe Mich hin zu ihr! O komm! Nach ihren Blicken sehnt Zu lang sich schon mein Herz und zittert bang und wähnt, Daß es durch Zögerung noch einmal sie verliere.   32. Sie ruft's, sie eilt empor, sie öffnet das Gemach. Da ruhte sanft im ersten heitern Lichte, Das siegend jetzt der junge Tag Aus Wolkenduft gesandt, mit hellem Angesichte Der Schwester zartes Bild. Sie fliegt hinzu, sie sinkt An's Lager hin, ihr brünst'ger Arm umschlingt Die Langverlorene, wehmüth'ge Thränen brechen Hervor, sie seufzt tief auf und sucht umsonst zu sprechen.   33. Mit lautem Wonneruf erhebt Sich Adelheid. Gewaltsam ringt die Freude In ihrer Brust, sie lacht, sie weint im süßen Leide Der raschen Lust, ihr voller Busen bebt Und athmet schnell. Doch sieh, schon löst der Sturm allmählig In weiche Ruh sich auf, die zarte Trösterin Der schönen Brust, die Wehmuth, naht, und selig Und friedlich sinkt ihr Blick auf ihre Schwester hin.   34. So zittert im Krystall der Quelle, Die ein entrollter Stein zum raschen Spiel bewegt, Der Rose blühndes Bild. Noch ringen Well' und Welle, Stets wandelt sich der Kelch, im irren Silber regt Sich wunderbar sein Glanz; doch immer schwächre Kreise Verschmilzt die Fluth, schon ist der Kampf gestillt, Die reine Tiefe lacht, und freundlich schwimmt und leise Im ruhig klaren Born das unbewegte Bild.   35. Mit fest verschlungnem Arm umschließen Die holden Jungfraun sich, ihr trunk'nes Auge scheint Tief in des Andern Blick sein Leben zu ergießen, Mund ruht an Mund, ihr Busen klopft vereint, Verschwistert weht ihr Hauch, zusammenrinnend grüßen Die heißen Thränen sich, die Beider Auge weint, Und halberstickte Laute drängen Sich aus der freud'gen Brust, die Schmerz und Lust beengen.   36. Die stillgefaltnen Hände legt Der Ritter auf sein Herz und blickt mit nasser Wange Zur Sonn' empor. Der fromme Sänger schlägt Die Harfe zitternd an und ehrt mit leisem Klange Den heil'gen Augenblick. Doch unbeweglich kniet Der fremde Held, er betet nicht, er sieht Nur still zu Gott empor, Gedank' und Will' entschwinden Der trunknen Brust, er kann nur schweigen und empfinden.   37. Doch als die erste Fluth der raschen Lust verrauscht, Und Jeder für den Sturm, der ihm im Busen wehte, Den milden Hauch des Friedens eingetauscht, Da hob von ihrer Lagerstäte Sich Adelheid empor. Schon war die letzte Spur Der Krankheit fast vertilgt, des Auges Schmachten nur Und nur das bleichre Roth der sanftgefärbten Wangen Bezeugten noch die Nacht, die eben sie umfangen.   38. So glänzt der frische Schnee, der ferne Berg' umzieht, Mild angehaucht von leiser Röthe, Wenn zart des Abends Saum im Rosenschimmer glüht; So strahlt auf buntem Blumenbeete, Wo mancher Rosenkelch im linden Weste bebt, Das Silberlicht des Thaus; so webt Ein flüchtig heller Glanz sich um die duft'gen Ranken, Die schwer von blühndem Schmuck in's Quellgeriesel sanken.   39. Schon steht sie freundlich da. Mit holden Worten naht Dem Sänger sie zuerst: Du traulicher Gespiele, So spricht sie sanft, der auf dem heitern Pfad Der frühen Jugend schon die kindlichen Gefühle Der Lust mit uns getheilt, jetzt führt die süße Pflicht Des Dankes mich zu dir. Du weißt es zu erklären, Was schweigend oft in meinem Auge spricht, Und wirst den stolzen Prunk der Worte gern entbehren.   40. Und du, so fährt sie fort und blickt mit zarter Gluth Den fremden Jüngling an, du, der so treu mich liebte, Den ich so lang durch kalten Schein betrübte, Verzeih mir meinen Stolz, er ist mein schönstes Gut. Nicht läßt mein Herz sich gern ergründen, Im weiblichen Gemüth regiert wie Frühlingswehn Der reine Hauch der Zucht. Süß ist es, zu empfinden, Doch schwer, Empfindung zu gestehn.   41. Du hast mit treuem Sinn nach meiner Huld gerungen Und nur mein Glück, nicht meinen Dank begehrt, Hast schweigend dein Gefühl und deinen Schmerz bezwungen, Dir weicht mein freies Herz, du bist des Sieges werth. Gern reich' ich dir in dieser heil'gen Stunde, Worin zum zweiten Mal mein Leben sich erneut, Worin mir Gottes Gunst so theure Zeugen beut, Die jungfräuliche Hand zum ew'gen Liebesbunde.   42. Sie sprach's und sah, von zartem Roth umspielt, Und doch mit sichrer Ruh, mit heitrer Seelenhelle Den Ritter an. So schimmert in der Welle Des glatten Sees, worin die Abendgluth sich kühlt, Der Liebe goldner Stern. In stummer Wonne kniete Der Jüngling vor ihr hin, aus seinem Auge sprühte Die alte Kraft, und größer anzusehn Erhob sich jetzt der Held, durch Muth und Liebe schön.   43. Mit trautem Wort begrüßten Alle Den neuen Freund. Bei flücht'gem Harfenklang Erhob des Sängers Kunst mit freud'gem Liederschalle Der Sehnsucht stillen Schmerz, der Minne süßen Dank. Des Ritters Auge traf, von leisem Kummer trübe, Cäcilien; doch ihren Geist erkor Jetzt reine Lust zum Sitz, und reich an heil'ger Liebe Sah erst ihr Blick auf ihn und dann zu Gott empor.   44. Als jetzt die weiche Ruh der zarten Wehmuth schwindet, Da fördert Alles, rings in freud'ger Hast gesellt, Den traulichen Verein. Mit scharfem Schwerte fällt Der Ritter dürres Holz, der flinke Sänger zündet Ein lust'ges Feuer an, indeß der fremde Held Mit Pfeil und Bogen sich durch Dorn und Dickicht windet Zum Raub der Jagd, und am verfallnen Herd Das holde Schwesterpaar die rasche Flamme nährt.   45. Schon sitzt der frohe Kreis beisammen, Und wirthlich beut der Tisch ein ungeschmücktes Mahl, Hell knisterten die flücht'gen Flammen, Und laue Milde schwamm im hochgewölbten Saal; Reicht schwand die Zeit im raschen Spiele Der heitern Lust, im Reiz der zarteren Gefühle, Und Keiner fast vernahm, wie mit gewalt'gem Flug Der feuchte Sturm die öden Mauern schlug.   46. Jetzt ist das Mahl vollbracht. Indeß nun immer wilder Der Wind die Fähnlein dreht und um die Zinnen saust, Und wärmer stets und freundlicher und milder Der sichre Thurm die Traulichen behaust, Hebt Jeder an dem Andern zu erklären, Wie nach so langer Trennungsnacht, Nach mancher Lust, nach manchen bittern Zähren Die Vorsicht ihn zu diesem Thurm gebracht.   47. Zuerst beginnt Cäcilie die Leiden Der heil'gen Fahrt; doch liebevoll verschweigt Die Zärtliche, daß bald des Himmels Ruf vielleicht Noch einmal sie von ihrer Schwester scheiden, Auf immer scheiden wird. Sie hüllt den großen Schwur, Der jetzt an Adalbert und an den Tod sie kettet, In täuschend Dunkel ein und schreibt dem Zufall nur Die Leiden zu, woraus sie Gott errettet.   48. Mit tiefem Mitgefühl vernimmt Der Schwester zartes Herz die seltnen Abenteuer Und fühlt sich wechselweis zu Freud' und Schmerz gestimmt; Bald zagt sie bang, bald webt der Rosenschleier Der Lust sich um sie her. So wallt an heitern Höhn, Wenn fern am Himmelssaum die Strahlen schon erstarben, Sanft angehaucht von lindem Dämmrungswehn, Der Wolken leichter Duft in tausend bunten Farben.   49. Du edles Herz, so ruft sie aus und weint An ihrer Brust und hält sie fest umschlungen: Ich bin zum Dank zu arm! Doch daß dein Werk gelungen, Daß jetzt der Himmel uns so wunderbar vereint, Das ist dein schönster Lohn! Jetzt sollen nie die Leiden Der Trennung sich erneun! Wie unser Loos auch fällt, Mit dir erduld' ich's gern, und nimmer soll die Welt, Das dunkle Grab nur soll uns scheiden!   50. Zu tief empfand auch ich der Trennung bittre Pein, Viel leichter schien es mir der Freiheit zu entsagen Als dir. Nicht hätt' ich's lang ertragen, Du reines Herz, von dir entfernt zu seyn. Zwar nahte meinem dunkeln Leben Sich tröstend oft ein heitrer Sonnenblick; Doch fühlt' ich nie ein ungetrübtes Glück, Bis Gott mir dich zurückgegeben.   51. Du weißt es, wie die Räuberschaar Im Hain mich überfiel! Wie zittert' ich, wie flehte, Wie weint' ich laut, wie rief im Drange der Gefahr Ich bald den großen Gott in feurigem Gebete, Bald dich um Rettung an! Umsonst, man riß mich fort Ins Thal, wo schon bereit die flücht'gen Rosse standen, Und manche rauhe Hand, noch roth von blut'gem Mord, Ergriff mich und umflocht mich eng mit ehrnen Banden.   52. Rasch ging's durch's nächtliche Gefild Zum größern Zug dahin. Gern will ich dir verhehlen, Wie grausenvoll des Krieges blut'ges Bild Mich jetzt umgab; wer kann den Jammer zählen, Den freche Willkür schafft? Das gräßliche Panier Des Frevels flatterte hoch über Blut und Flammen, Laut jauchzten Grimm und Hohn und wilde Raubbegier, Und alles Heil'ge sank in Staub und Schutt zusammen.   53. Ach kennst du wohl ein härtres Loos, Als Unrecht anzusehn und Haß und bittre Thränen, Wenn du nicht rächen, nicht versöhnen, Nicht hülfreich lindern kannst? Oft ward das Herz mir groß, Oft zürnt' ich tief empört vom blutigen Gewühle, Daß Banden nur mein Arm, kein Schwert der Rache trug; Doch fand ich bald, zum zarten Mitgefühle Sey selbst das ärmste Herz noch immer reich genug.   54. Schon nahten wir dem weiten Meersgestade, Bunt flatterten die Wimpel schon daher, Unendlich dehnten sich die unwirthbaren Pfade Der Wogen vor mir aus, und rauschend schwoll das Meer Am Ufer auf und höhnte meine Klagen Mit fühllos dumpfem Laut, schon stießen wir vom Strand, Schnell flohn die Schiffe fort von leichter Fluth getragen, Die Segel wallten hoch, und – Deutschlands Küste schwand.   55. Wie streckt' ich weinend jetzt und sehnsuchtsvoll die Arme Zum fernen Ufer aus! Bald klagt' ich laut und rang Die Hand' im bittern Leid, bald schwieg im stummen Harme Die kalte Brust, und auf die Fluthen sank Mein Blick und sann auf Tod. O weh, ihr zarten Freuden Der Kindheit! Holdes Land, das freundlich uns genährt! Vertraulich lieber Kreis am väterlichen Herd! Wie bitter ist's, von euch zu scheiden!   56. Allein ihr kennt es ja, dies arglos heitre Herz, Das mir zum süßen Trost der gute Gott beschieden, Des Geistes klare Ruh, den stillen Seelenfrieden, Den kühnen Stolz, der nie verzagt dem Schmerz Sich lange beugt und ohne feiges Klagen In stiller Brust ein großes Leid verhehlt. Wohl hat das Glück vor Vielen mich erwählt, Mich kindlich stets zu freun, doch männlich zu ertragen.   57. So bändigt' ich auch jetzt des Schicksals harten Zwang. Wenn Ketten auch den matten Arm umwanden, Wenn herrisch auch das Wort der Räuber oft erklang – War ich nicht frei? Der trägt verdiente Banden, Wer feig in ihnen zagt. Mit kaltem, strengem Blick Verachtet' ich die Schaar, die mir gebieten wollte, Und zeigte kühn, daß trotz dem knechtischen Geschick Kein knechtisch Blut in meinen Adern rollte.   58. Schon hatten wir der Dänen Strand erreicht, Und prangend zog die Schaar mit ihrer reichen Beute In Lethra's Mauern ein. Von meinem Loos erweicht, Nahm in ihr dienendes Geleite Die Königin mich auf. Wohl schien es oft mir schwer, Den freien Sinn nach fremdem Wink zu lenken; Allein so nah dem Thron besorgt' ich auch nicht mehr, Es werde niedre Schmach die edle Jungfrau kränken.   59. Ich ward zur Wärterin der Blumen ausersehn, Die farbenhell auf buntgeschmückten Beeten, Bekränzt von sonnenreichen Höhn, So selten nur die feuchten Stürme wehten, Die Burg umdufteten. Wohl konnt' im Sclavenstand Des Himmels Gunst mir nie ein schönres Loos bescheiden Als dies, worin mein Herz der Kindheit erste Freuden, Das friedliche Geschäft der Heimath wiederfand.   60. Und wenn mit kühlem Trank die Blümlein ich erquickte, Träumt' ich zu dir mich hin. Solch eine Rose war's, So dacht' ich, die so oft zum Schmuck des seidnen Haars Cäcilie sich im Thau der Frühe pflückte! Die Glöcklein haben oft an ihrer Brust geglänzt! Und hat der Efeu dort, der flatternd von den Aesten Herniederhängt, nicht oft bei unsern Kinderfesten Der Grotten kühle Nacht mit frischem Grün bekränzt?   61. Dann konnt' ich still in süße Träume sinken: Dich wähnt' ich dann im Haine zu erspähn, Im klaren Quell sah ich dein Bild mir winken, Und kosend flüsterte in zarter Blätter Wehn Dein Laut zu mir heran. Oft pflückt' ich frische Blüthen, Um hold, wenn du erschienst, dir einen Kranz zu bieten, Und wenn ein leiser Schritt mein grünend Reich betrat, Dann rief ich oft: Horch, horch, die süße Schwester naht.   62. Wie tröstend war es mir, so manches Lied zu singen, Das Reinald uns gelehrt! Wenn dann im Tannenhain Am Felsenhang mit leisern Schwingen Die Lüfte säuselten, und heller vom Gestein Der Quell sich niedergoß – dann wähnt' ich, dich zu hören, Wie du mit fernem Harfenspiel Mein Lied begleitetest. Wohl täuscht' ich mein Gefühl; Doch ach, wer wollte wohl nicht gern sich so bethören? (Fünfter Gesang.) 63.             Noch war nur kurze Zeit der Knechtschaft mir entflohn, Da kam vom fränk'schen Hof, wohin sein Hang ihn führte, Mein theurer Biarko dort, des Königs Gormo Sohn Mein theurer Biarko dort, des Königs Gormo Sohn . – Wegen dieses Verstoßes gegen die Geschichte muß sich der Dichter die Verzeihung des Historikers erbitten. , Ins Dänenreich zurück. An seiner Statt regierte Sein Oheim Harald jetzt, den bei des Todes Nahn Einst König Gormo zum Verwalter Des Reiches eingesetzt, bis Biarko's reifres Alter Ihn zeitige, das Scepter zu empfahn.   64. Er hatt' an Ludwigs Hof mit adeliger Sitte, Mit mancher feinern Kunst die nord'sche Kraft geschmückt: Hell leuchtet' er in seines Volkes Mitte, Wie rein aus rohem Erz gediegnes Silber blickt. Auch hatt' im fremden Land des Himmels ew'ge Gnade Den Dunst des falschen Wahns vor seinem Blick zerstreut, Und gläubig wandelt' er schon lang im lichten Pfade, Worauf das Heil der Welt uns seine Palmen beut.   65. Wir sahn uns oft im stillen Garten, Wenn er dem taumelnden Gelag Verstohlen sich entzog. Dort naht' er mir und sprach Manch schüchtern Wort zu mir, half mir die Blumen warten Und lauschte, wenn ich sang, manch Stündchen ward verkost, Manch ernster Augenblick in stiller Brust empfunden. Ich sah ihn gern, er war allein mein Trost, Der einz'ge Freund, den ich in fremdem Land gefunden.   66. Nie wähnet' ich, uns werd' ein zartres Band Als jenes, das so sanft die Freundschaft webt, verbinden. Ich hatte selbst die Liebe nie gekannt, Wie konnt' ich sein Gefühl, sein schüchtern Herz ergründen? Wohl merkt' ich, daß auch ich nicht mehr wie sonst empfand, Doch konnt' ich nie den Sinn des süßen Räthsels finden; Oft wähnt' ich, daß es Gram und stilles Heimweh sey, Und doch befand ich mich so innig wohl dabei.   67. Auch Biarko kam nach wenig Tagen Mir ganz verwandelt vor. Er seufzt' und schwieg und sann Oft lang mit irrem Geist, sah bald mich heimlich an, Bald wandt' er, wenn mein Blick ihn traf, mit schnellem Zagen Der Augen feuchten Glanz; jetzt mied er meinen Pfad, Doch lauscht' er fern auf meine Schritte, Jetzt schien's, als naht' er schnell mit einer raschen Bitte; Doch schüchtern schwieg er stets, sobald er sich genaht.   68. Ihn schien ein heimlich Leid zu drücken. Doch oftmals, wenn er still an meiner Seite ging, Und traulich mild mein Aug' an seinem Auge hing, Dann flammt' ein göttlich Licht in seinen trunknen Blicken, Dann schien er groß und froh. Begeistert sprach sein Mund Von Recht und Freiheit dann, vom Ewigen und Schönen; Bald schwamm sein Aug' in Gluth, bald lächelt' es in Thränen, Bald gab's in heller Ruh die stille Größe kund.   69. Auch ich empfand, wie in dem Zauberlichte, Das junge Liebe jetzt, mir selber unenthüllt, Um meine Tage wob, mir jedes ird'sche Bild Gleich einem zarten Traumgesichte Der schönen Welt erschien. So glänzend hatte nie, Wenn hold der Lenz auf blauen Lüften schwebte, Das Leben mich umspielt, als jetzt die Phantasie, Vom Hauch der Lieb' erregt, die Schöpfung mir belebte.   70. Wie Manches schwand mir sonst bedeutungslos dahin, Was eng und traulich jetzt an mein Gefühl sich schmiegte! In jedem irren Glanz, der auf der Flur sich wiegte, In jedem Blüthenkelch schien mir ein tiefer Sinn Der eignen Brust erklärt. Doch nimmermehr genügte Dem ungestillten Geist der freundliche Gewinn: Stets wähnt' ich, daß in unenthüllter Tiefe Noch eine schönre Welt der zartern Bilder schliefe.   71. Wohl welkte jetzt der schöne Blumenkranz, Der sonst, vom lichten Hauch der flücht'gen Lust gefächelt, Mit stets verjüngtem Reiz und ewig frischem Glanz Um meine Kinderzeit gelächelt; Doch ruhig, hehr und herrlich schien Jetzt eine einz'ge Wunderblume, Der ew'gen Flamme gleich im stillen Heiligthume, In meiner stillen Brust mit sel'gem Hauch zu blühn.   72. Noch wußt' ich nicht, daß mit verstohlnem Sehnen Mein Herz für Biarko schlug. Doch zarte Lust durchdrang Mein träumendes Gefühl, wenn mit gedämpften Tönen Sein nächtlich Lied von fern zu meinem Lager klang; Und freundlich lächelt' ich zum Blau der heitern Lüfte, Wenn früh um mein Gemach die jugendlichen Düfte Der Blumen säuselten, die in verschwiegner Nacht Zu meines Fensters Rand mein holder Freund gebracht.   73. Einst, als der Abend uns vertraulich hingeschwunden, Und tiefres Dunkel schon die Rückkehr mir befahl, Da bot er einen Strauß, den er mit zarter Wahl Aus manchen Blumen mir gewunden, Mir dar. Ich dankt' und ging. Mit süßen Träumen band Mich bald der Schlaf; und sieh, am andern Morgen Sah ich mit leiser Scham das duftig blühnde Pfand Noch immer hold verwahrt an meiner Brust geborgen.   74. Da blitzte durch den Traum, der dämmernd mich umfing, Ein lichter Strahl. Ich fühlte hell und plötzlich, Daß ich mit heißer Lieb' an meinem Freunde hing, Daß sein Verlust mir unersetzlich, Sein Leben meines sey. Doch kühn und züchtig hob Sich auch mein Stolz empor, der lange jetzt geschwiegen, Und stärker kämpft' ich stets, die Liebe zu besiegen, Je fester sie ihr Netz um meine Seele wob.   75. Ihn, den ich still und heiß in tiefem Herzen liebte, Ihn schreckt' ich jetzt mit strengen Blicken fort; Den einzigen, den treusten Freund betrübte Jetzt oft mein schnelles Fliehn und oft mein kaltes Wort. Und jede kleine Gunst und alle zarte Blüthen Der Huld, die ich so gern der Freundschaft sonst verliehn, Sie strebt' ich jetzt mit schmerzlichem Bemühn Dem eignen Herzen zu verbieten.   76. Und ach, doch wandelt' ich mir selber unbewußt So gern den Pfad, auf dem er kaum enteilte, Doch weilt' ich dort so gern, wo er vor Zeiten weilte, Und schmückte sinnend Stirn und Brust Mit seinen Gaben aus. Doch wenn die Zauberhülle Der Täuschung dann zerfloß, dann schalt ich mein Gefühl Und nannte das, was aus der tiefsten Fülle Der heil'gen Lieb' entblüht, ein kindisch eitles Spiel.   77. O sahst du nicht, wie oft bei meinem Scheiden Das Aug' in Thränen schwamm, das dich noch kaum so kalt, So stolz dich angeblickt? wie oft dein stilles Leiden Auch meine Brust mit schmerzlicher Gewalt Zu langen Seufzern hob? Hast du es nie errathen, Wer deine Grotten oft mit blühndem Schmuck umwand? Wer schüchtern oft, wenn deine Schritte nahten, Ins dämmernde Gebüsch von deinem Sitz entschwand?   78. Wie durftest du so treu mein hart Gebot erfüllen, Das Schweigen dir befahl? O sprich, Konnt' ich denn selbst mein Innres dir enthüllen, Dir selbst gestehn, daß ich nur dich Mit ganzer Seel' umfing? Du wagtest kaum zu klagen, In stummen Thränen nur entdeckte sich dein Herz. Grausamer Mann, ich trug zwiefachen Schmerz Um dich und mich und mußt' ihn lächelnd tragen!   79. So sprach sie tiefbewegt und bot die zarte Hand Dem Freunde dar. O liebliches Gebilde! Rief Biarko jetzt, o welch ein Schatz von Milde Ruht tief verhüllt und unerkannt In deiner keuschen Brust! Wie hold hast du die Wunden Der Seele mir geheilt! Wie überschwenglich beut Dein zarter Sinn mir jetzt den Lohn für alles Leid, Das ich so hoffnungslos, so lang um dich empfunden!   80. Wie durft' ich dir mit kühnen Wünschen nahn, Da ich so tief den eignen Unwerth fühlte? Ein Knabe war ich nur, der feig im schwachen Wahn Vor Müh' und Kämpfen floh und nur mit Träumen spielte, Die sein Gelüst ihm bot. Von großen Thaten fern Ließ Harald mir schon früh die Jugend träg entgleiten, Um einst den willenlosen Herrn Des Reichs nach seinem Wink zu leiten.   81. Wohl preis' ich dankbar mein Geschick, Das manche Ritterthat auf Frankreichs Flur mich lehrte; Doch senkte Haralds List, als ich zur Heimath kehrte, Bald in den weichen Schooß der Ruhe mich zurück. Kaum fühlt' ich noch, daß auf dem Dänenthrone Ein fremder Herrscher saß, und gab mit leichtem Sinn Für Fest und Spiel die königliche Krone, Für thatenlose Schmach den Kranz des Ruhms dahin.   82. Da sah ich dich, wie du die Sclavenketten So stolz, so fürstlich trugst, wie ungebeugt und kühn Hoch über deinem Herrn dein Geist zu thronen schien – Und fest beschloß ich, dich und mich mit dir zu retten Und groß zu seyn wie du. Wohl hielt dein keusches Herz Stets von dem Ziel mich fern, das mir so nah erschienen; Doch stärker ward ich stets und edler durch den Schmerz Und muth'ger stets, dich zu verdienen.   83. Nicht wollt' ich jetzt der feigen Knechtschaft Zwang, Nicht mehr die Schmach der trägen Lust ertragen. Groß war des Kampfs, des Sieges Dank, Drum wollt' ich Großes auch und deiner Würd'ges wagen. Ach, wer nach deiner Gunst, nach deiner Liebe rang, Wie durfte der dem Schmerz und selbst dem Tode zagen? Ein niedres Loos genügt der schwachen Brust allein; Wer werth zu herrschen ist, der soll auch Herrscher seyn.   84. Oft wenn dein strenger Sinn mit bitterm Gram mich kränkte, Und wie ein schwarz Gewölk Verzweigung bang und schwer Auf meiner Seele lag, dann nahm ich Schild und Speer, Und wo am schaurigsten die Felsenbucht sich senkte, Wo zürnender der Strom durch's schroffe Bett sich drängte, Da irrt' ich schweigend dann mit dunkelm Geist umher; Wo tödtliche Gefahr am nächsten mich bedräute, Da, wähnt' ich, sey der Pfad, der hin zu dir mich leite.   85. Und wenn ich dann die wilde Brut Der Felsenkluft erlegt, wenn ich mit raschem Stahle Ein kühnes Räuberheer im dunkeln Klippenthale Erschlagen und verscheucht und roth von Feindesblut, Vom heißen Kampfe matt zurück zur Heimath kehrte, Dann wähnt' ich, daß ich jetzt schon würd'ger dir genaht, Und feurig strebt' ich stets nach einer kühnern That, Je mehr dein hoher Sinn den eignen Werth mich lehrte.   86. Bald merkt' ich jetzt, daß Haralds Frevlerhand Nicht ohne Blut mein Recht mir geben werde, Daß er des Volkes Sinn längst von mir abgewandt Und rings mit tödtlicher Gefährde Mir meinen Pfad umhegt. Doch, was mich sonst geschreckt, Das mußte mächt'ger jetzt mein tapfres Herz entzünden; Lang schlief der Leu, den Liebe jetzt geweckt, Und grimmig sollte bald sein Zürnen sich verkünden.   87. Es ist vorbei! Siegprangend hebt Der Räuber sein Panier in seiner Väter Hallen, Rings sind in blut'gen Staub die Freunde hingefallen, Ich bin wie einst ein Knecht und hab' umsonst gelebt! Wie darf der Schwache jetzt noch wagen Sich deinem Blick zu nahn? Du warst des Sieges Ziel, Und Biarko's Arm erlag? O Gott, es ist zu viel! Kein edler Sinn vermag solch eine Schmach zu tragen.   88. Er rief's und sah mit tiefem Gram Zu seiner Lieb' empor, dann senkt' er trüb' und schweigend Den düstern Blick, aufloderte die Scham Auf seiner Wang', und still hinab sich neigend Verbarg er sein Gesicht. Doch jetzt mit rascher Hand Warf er das Schwert, das an der Seit' ihm blitzte, Weit, weit von sich hinweg; dann saß er starr und stützte Sein sinkend Haupt auf seine flache Hand.   89. Und still sieht Adelheid zu ihrem Freund hinüber Mit hellem Blick; doch immer feuchter schwebt Der Glanz in ihrem Aug', und trüber stets und trüber Taucht leiser Kummer auf, und sieh, allmählig bebt Die milde Thrän' empor. So schwimmt in heitrer Stille Die abendliche Luft; doch dunkler sinkt der Flor Der Dämmrung nach und nach, und aus der luft'gen Hülle Drängt fern und zitternd sich der erste Stern hervor.   90. Du thust nicht wohl, unmuthig zu verzagen, Beginnt sie jetzt, im Innern tief bewegt, Und schwer verwundest du durch mitleidslose Klagen Dies Herz, das jetzt für dich, für dich allein nur schlägt. Wie soll denn ich mein Leid und wie das deine tragen, Wenn deinen Geist schon das, was er für mich erträgt, So ganz zu Boden drückt? Ich wähnte, daß der Liebe Stets in sich selber Muth und Kraft und Tröstung bliebe.   91. Werd' ich nicht lindernd stets im Kummer bei dir stehn, Nicht fest und treu an dein Geschick mich ketten, Mich nicht vor jedem Gram an deinen Busen retten, Nicht lächeln, wenn du lachst, und wenn du stirbst, vergehn? Hast du es nicht gewagt, mein Sclavenband zu brechen? Dank' ich nicht dir die Lust, die jetzt mein Herz erhebt? Und doch vermochtest du es huldlos auszusprechen, Das harte Wort: ich hab' umsonst gelebt!   92. Wer hat so kühn wie du das mächt'ge Schwert geschwungen? Wer stand so fest wie du im lauten Sturm der Schlacht? Wer hat in jener blut'gen Nacht Mit seinem Mißgeschick so unverzagt gerungen? Wer hat wie du, wenn ihn auch Feindeszahl bezwungen, Den Sieg zum Fall, den Fall zum Sieg gemacht? Vergebens willst du das, was dich erhöht, verhehlen; Das Zartgefühl verschweigt, soll Dankbarkeit erzählen.   93. Einst nahte Fro's blutreiches Opfermahl Einst nahte Fro's blutreiches Opfermahl . – Fro, Fron, Frei oder Freir, der Herrscher der Natur, war einer der geehrtesten Götter in der nordischen Religion und nach Snorre's Chronik ursprünglich ein schwedischer König. Ihm pflegte man bei Hungersnoth Menschenopfer zu bringen, die Froblod genannt wurden. S.  Barthol. p. 322. Saxo Gramm. L. I. , Dicht stand das Volk geschaart im heil'gen Eichenhaine, Schwarz sank bewölkte Nacht; doch hoch mit rothem Scheine Entloderte dem Herd der Flamme flücht'ger Strahl, Im grellen Glanz erschien am alten Runensteine Des Königs düstres Bild, in starker Hand den Stahl, Indeß mit zagendem Gemüthe Vor Harald hingebeugt ein Sclav als Opfer kniete.   94. Dicht hinter Fro's Altar, von heller Gluth verklärt, Erhob Swanwithe sich mit goldnem Opferhorne, Swanwithe, Lethra's Schutz, die mächt'ge Zaubernorne, Die einst Thorildens Kraft an Mutterbrust genährt. Und um die Priesterin und um den König reihte Im blanken Stahlgewand sich Harald's Heldenschaar, Und in dem Kreise stand nicht ferne vom Altar Die Königin in ihrer Fraun Geleite.   95. Schon war der festliche Gesang Der Priesterin vollbracht, und auf das Opfer schwang Der König schon den Stahl – da trat im Waffenglanze Mein Freund hervor. Mit einem welken Kranze, Den einst in früher Zeit ihm meine Hand gepflückt, Hatt' er zum ernsten Werk den goldnen Helm geschmückt; In seiner Linken lag mit drohndem Schein die Lanze, Und in der Rechten war das breite Schwert gezückt.   96. Bewundernd sahn die edlen Dänen Den Jüngling nahn, und Harald's Wang' erblich. Stolz trat er in den Kreis, und jeder Krieger wich, Und leise flüsterte mit halbgedämpften Tönen Erstaunen durch das Volk. Doch muthig schritt er fort, Und als er jetzt dem Herd, der in des Kreises Mitte Hell flammte, sich genaht, da hemmt' er seine Schritte Und stand, auf's Schwert gestützt, und sprach das kühne Wort:   97. Dir, Harald, gilt mein Ruf! Gieb sie zurück, die Krone, Die einst dein Herr, mein edler Vater, trug! Der Sitz, wo du jetzt prangst, gebühret Gormo's Sohne, Mein ist das nord'sche Reich. Schon fühl' ich Kraft genug Dein Fürst zu seyn; nicht spricht der schwache Knabe, Den du so schlau getäuscht, dein König spricht zu dir! Der Feige nur empfängt sein Recht als milde Gabe, Ich hab' ein kühnes Herz, das meine fordr' ich mir.   98. Ihr Helden meines Reichs, die oft in Gormo's Schlachten Die Blitze seines Zorns verderblich ausgestreut, Nicht werdet ihr den Zweig aus Gormo's Stamm verachten, Der jetzt euch seinen Schutz und seinen Schatten beut! Zu lange habt ihr schon ein schmählich Joch getragen! Empfangt den würd'gern Herrn und hört Mit günst'gem Sinn den Eid, den euer König schwört, Für euer Heil und Recht sein letztes Blut zu wagen.   99. Er sprach's und harrte still, und banges Staunen schwieg Im Volke rings, und zögernd zuckt' am Schwerte Des finstern Königs Hand. Doch horch, allmählig gährte Ein dumpfes Murmeln auf, gedämpft und flüsternd stieg Des Beifalls Wog' empor, und schnell und hoch empörte Sich bald des Aufruhrs Fluth; laut zum gerechten Krieg Erklang der Helden Schild, und Lethra's Fürsten schlossen Zum dichten Kreise sich um Gormo's edlen Sprossen.   100. Da stieg mit wildem Blick und aufgelöstem Haar, Den mächt'gen Runenstab in kühn geschwungner Rechten, Swanwithens hohes Bild vom ragenden Altar. Hört, Dänen, hört, ihr folgt unholden Mächten! Begann sie laut. Soll tief in schnöden Staub Hinsinken Odin's Thron, und Miolner's Erz Miolner's Erz – der Hammer Thors – Der zweifach scharfe Stahl – Odin's zweischneidiges Schwert, welches Gugner hieß. Edda 48. ein Raub Der schwachen Götter seyn? Soll hell in Asgard's Sitzen Der zweifach scharfe Stahl in Feindeshänden blitzen?   101. Noch ist des Mondes Silberhorn Und Odin's Schild noch nicht von Fenri's Brut verschlungen, Noch ruht in Loke's Reich der Feuergeister Zorn, Fest hält den Erdenkreis der Drache noch umrungen. Ihr selber wühlt, von blindem Wahn bethört, An Ydrasil's weltaltem Stamme, Verderblich bahnt ihr selbst den Pfad der wilden Flamme, Die bald zur Götterburg aus Surtur's Rachen fährt! Noch ist des Mondes Silberhorn / Und Odin's Schild noch nicht von Fenri's Brut verschlungen . Die ganze Stanze bezieht sich auf die Beschreibung, welche uns die Edda von der Götterdämmrung macht. Fenris, der Sohn des Loke, ein ungeheurer starker Wolf, wird sich zum Kampf mit den Göttern losreißen und den Odin, der mit ihm streitet, verschlingen. Volusp.54.  Edda 48. Seine Söhne, zwei andre Wölfe, Keri und Freki, oder Skoll und Hathe, werden die Sonne und den Mond verschlingen. Volusp. 41. Edda 9. Da Odin der Gott der Sonne ist, so erlaubt man es vielleicht dem Dichter, die Sonne den Schild Odin's zu nennen, wie bei den Griechen die drohende Wetterwolke die Aegis des Jupiter heißt. Noch ruht in Loke's Reich der Feuergeister Zorn . – Loke, der ewige Feind und Verleumder der Götter, eigentlich das böse Princip, ist unter dem Namen Loge auch der Gott des Feuers. Er wird sich gegen das Ende der Welt mit den Feuersöhnen (Muspelle) vereinigen, um die Götter zu stürzen. Volusp. 51. Edda 48. Fest hält den Erdenkreis der Drache noch umrungen . – Die Mitgardische Schlange, Jormundar, oder Jormungandar, eine Tochter des Loke (Edda 28), welche von den Göttern unter das Meer versenkt wurde, wuchs zu einer so ungeheuren Länge, daß sie die ganze Erde umwinden und sich noch obendrein in den Schwanz beißen konnte. Auch sie reißt sich bei der Götterdämmrung los und kämpft mit dem Thor, der sie zwar erlegt, aber doch nachher von dem Gift, das sie ausspeit, stirbt. Volusp. 55. Edda 48. Ihr selber wühlt, vom blinden Wahn bethört, / An Ydrasil's weltaltem Stamme – Ygdrasil oder Ydrasil, ein ungeheurer Eschenbaum, dessen Zweige die ganze Welt beschatten und bis zum Himmel reichen, während die eine seiner Wurzeln zu den Göttern, die andere zu den Riesen, und die dritte zur Unterwelt geht, (Volusp. 19. 20. 21. Edda 14. 15.) ist nach Gräter (Nord. Bl. S. 47.) der Aether. Er wird bei'm Untergange der Götter zwar bleiben, aber doch stark erschüttert werden. Volusp. 49. Edda 48. Verderblich bahnt ihr selbst den Pfad der wilden Flamme, / Die bald zur Götterburg aus Surtur's Rachen fährt – Surtur (der Schwarze) oder Suttung ist der Herrscher der Feuerwelt, die gegen Osten liegt. Edda 2. 3. Er ist der Anführer der Feuersöhne und wird die Erde und den Himmel verbrennen. Volusp. 53. 57. Edda 48.   102. O laßt euch nicht durch falschen Schein betrügen! Er, den ihr jetzt mit ehrnem Kreis umringt, Er lernte längst dem Christengott sich schmiegen; Zertrümmern wird er bald, wenn er den Thron erringt, Der Asen altes Reich. Wohlan, tritt hin zum Herde, Du Prangender! Ergreif des heil'gen Ringes Gold Ergreif des heil'gen Ringes Gold . – Der Gebrauch bei'm Schwören war dieser: Man ernannte sich Zeugen, faßte an den Ring des Altars und sagte: So wahr helfe mir Freir, Niord und jener allmächtige As (Odin), als ich die Wahrheit sagen werde. Müller über den Ursprung und Verfall der Isländ. Historiograph. S. 139. Landnama nach Suhm's Ausg. S. 200. Niord war der Gott des Windes, und man nahm diese drei Götter wahrscheinlich deswegen zur Bekräftigung des Schwurs, weil sie auf das Wohl des gemeinen Lebens den meisten Einfluß hatten. So war es auch gebräuchlich, bei Gastmählern ihnen zu Ehren drei Becher zu trinken, zu welchen Manche dann noch einen vierten für den Braga hinzufügten. Barthol. 128. Und sprich: So sey mir Fro, Niord und Odin hold, Als ich für ihren Ruhm mein Blut nicht sparen werde!   103. Sie sprach's, und sieh, es schloß der blanke Waffenkreis Sich rasselnd auf, und laut rief Alles: Schwöre! Schon zagt' ich bang für meines Gottes Ehre, Für Biarko's ew'ges Heil, und flehte still und heiß Zum Herrn des Lichts. Doch ohne feiges Zittern, Und herrlich wie der Strahl des Morgens anzuschaun, Trat Gormo's Sohn hervor, und zu den nord'schen Rittern Begann er so mit gläubigem Vertraun:   104. Dem großen Gott der Macht, dem alle Himmel zagen, Dem dreifach Göttlichen hab' ich mein Herz geweiht. Nie werd' ich ihm, nie meinem Recht entsagen, Er schützt mich, wenn auch rings Empörung mich bedräut; Nie brach ich ja mein heiliges Versprechen, So halt' ich auch den Eid, den ich euch dargebracht; So zwingt mich keine Erdenmacht, Den Schwur, den ich dem Gott der Wahrheit that, zu brechen.   105. Er sprach's und Alles schwieg. Doch laut mit drohndem Wort Rief Harald jetzt: Ihr hört's, er ist ein Feind der Götter, Sein Leben bringt uns Fluch! Und wie ein fernes Wetter, Das langsam sich erhebt und wechselnd hier und dort Mit dumpfen Donnern dräut, indeß bei'm nahnden Spiel Des ungewissen Sturms der Wogen irrer Lauf Zwieträchtig sich durchkreuzt; so stieg im Volksgewühle Mit zweifelhaftem Sinn ein leises Murmeln auf.   106. Doch lang schon hatte jetzt mit wilden Blitzesflammen Swanwithens Aug' auf mir geruht. Rasch zitternd schauderte die Schreckliche zusammen, Laut stöhnend hob mit heißrer Wuth Ihr Busen sich empor, ergrimmte Wolken schwammen Um ihre finstre Stirn, verderblich sprühnde Gluth Entloderte dem Blick, und schwarz von Nacht umzogen Schien wild in ihrer Brust ein zürnend Meer zu wogen.   107. Und drohend rief sie jetzt den Fluch zu mir herab: Weh der, die dich gebar! Weh Allen, die sich freuten, Als du geboren warst! Wer hat der Ungeweihten Des Zaubers Macht, wer hat den Herrscherstab Der fremden Magd verliehn? Fluch dir! Was willst du streiten Mit meinem Gott? Weh! Weh! Ich seh der Helden Grab, Der Asen Fall! Fluch dir! Auf, Dänen, tilgt die Schlange, Die still das Gift genährt zu Odin's Untergange!   108. Und mit gezücktem Schwerte drang Sie wüthend auf mich ein. Mit dumpfem Wehgeheule Umringte mich das Volk, rings drohten Speer' und Beile, Die Schilde rasselten, vom ehrnen Waffenklang Erbebte laut der Hain. Doch mit gewalt'ger Eile War Biarko mir genaht; sein starker Arm umschlang Mich fest, mich barg sein Schild, und durch die dunkeln Hallen Des Haines ließ er hell zum Kampf sein Horn erschallen.   109. Da naht' es rings mit Schlachtgeschrei, Fern glänzten Waffen her im schwachen Flammenscheine, Rasch flog zu Roß der Freunde Schaar herbei, Die Gormo's Sohn im dunkeln Götterhaine Zum Schutz und Trutz versteckt. Wohl war die edle Zahl Der Tapfern nur gering, doch stark und waffenfertig Und treu wie Gold ihr Sinn, und fest ihr Mut wie Stahl, Und jeder wie des Siegs so auch des Falls gewärtig.   110. Schnell war der erste Schwarm, der mich umgab, zerstreut, Schnell hatt' auf's hohe Roß mein Biarko sich geschwungen, Und unter Freundesschutz, doch nahe noch dem Streit, Zum Haine mich geführt. Nur halb ist's mir gelungen, Rief er mir zu, das Werk, das ich für dich gewagt. Der Würfel liegt, jetzt gilt's gewalt'ge Thaten. Wo uns das Glück verläßt, muß trotz'ge Kühnheit rathen, Und nie hat Liebe noch, wo Liebe lohnt, gezagt.   111. Er sprach's, und stürzte fort und tief im Schlachtgedrange Verlor mein Aug' ihn bald. Doch wo mit wilderm Ton Die Waffen rasselten, wo schneller rings die Menge Der Feinde schmolz, wo kühne Helden flohn, Da sucht' ich stets mit spähnden Blicken Den Freund, da fand ich ihn: und wenn auch bange Pein Mein Herz erschütterte, doch dacht' ich mit Entzücken: Heil dir! das edelste, das größte Herz ist dein!   112. Lautdröhnend scholl des Kampfes Toben Durch Haid' und Wald. Halb war das Schlachtgefild Vom schwarzen Flor der düstern Nacht umwoben, Und formlos wüthete das ewig rege Bild Des dunkeln Streits umher. Halb schwamm im rothen Feuer Am Opferherd die Schlacht, hell blinkten Stahl und Blut, Und seltsam angestrahlt von wandelbarer Gluth Schien riesig jede Form und grell und ungeheuer.   113. Bald hüllte raschbewegter Dampf Das Mordgetümmel ein, nur einzelne Gestalten Erglänzten hier und dort, im unsichtbaren Kampf Schien feindlich wild ein Heer unheimlicher Gewalten Durch's Graun der Nacht zu ziehn; bald scheuchte Sturmeshauch Den flücht'gen Nebel fort, und gleich dem grausen Traume, Der dunkelhell sich naht, entwand dem fliehnden Rauch Sich matt das blut'ge Bild im trüberhellten Raume.   114. Wie ward hier mancher Helm und manches Panzerkleid Vom schweren Fall der Axt erschüttert! Wie manches gute Schwert in Heldenfaust zersplittert! Wie mancher Schild zerhaun! Wie krachten laut und weit Zerbrochne Speer' umher! Rings hallte Ruf und Dräuen Und wildes Wuthgeheul und Hohn und Wehgeschrei; Und krächzend flog ein Geierschwarm herbei Und schien des blut'gen Mahls laut flatternd sich zu freuen.   115. Groß war des Feindes Uebermacht, Und starke Heldenschwerter blitzten Zu Harald's Schirm, kühn focht in wilder Schlacht Für seinen Thron der Fürst, und grimme Schaaren schützten Der Götter alten Herd. Doch mächt'ger war die Kraft Der Lieb' in Biarko's Brust: schon viele Krieger sanken, Von seines Schwertes Strahl zu Boden hingerafft, Und jach in rascher Furcht begann der Feind zu wanken.   116. Da rief die Priesterin mit grausenvollem Ton: Verzagtes Volk, nicht werth der starken Helden, Die Sigurd's Verzagtes Volk, nicht werth der starken Helden, / Die Sigurd's Zeit gebar – Sigurd, ein sehr berühmter Held in der nordischen Sage, derselbe, der im Nibelungen-Liede Siegfried heißt, ist durch den kräftig und poetisch bearbeiteten Sagencyklus des Barons de la Motte Fouqué »Der Held des Nordens« hinlänglich bekannt. – – – schon fliegt zu Odin 's Thron / Der heilige Rab' empor, ihm deine Schmach zu melden – Der Rabe war dem Odin heilig. Barthol. 429 . Nach Edda 34. hatte er beständig zwei Raben Huginn (Erkennung) und Mumim (Gedächtniß) auf seinen Schultern sitzen, die er des Morgens abschickte, um das Treiben der Menschen zu erfahren. Zeit gebar! schon fliegt zu Odin's Thron Der heil'ge Rab' empor, ihm deine Schmach zu melden. Siehst du den Blitz, der zuckend glüht? Hörst du den Ruf des Zorns, der auf entfernten Wettern Dumpf durch die Nacht sich wälzt? Weh dir! Zur Rache zieht Der starke Gott heran, die Feigen zu zerschmettern.   117. Sie rief's, und durch die schwarze Nacht Scholl fern ein Donner her. Schnell wandten Harald's Krieger Sich neu belebt, und wilder ward die Schlacht. Kaum stand die kleine Schaar der kampfesmüden Sieger Dem frischempörten Sturm, matt war die Hand am Speer, Gelähmt der Arm vom Schild, das schlaffe Knie gebogen; Und weh! noch kam ein neues Heer Jetzt aus der nahen Stadt zum Feind herangezogen.   118. Da rief ein jeder Held in Biarko's müder Schaar Zu seinem Gott empor, dem tapfern Kampfgenossen Bot jeder seine Hand zum letzten Gruße dar; Hoch zückten sie das Schwert, zur ehrnen Mauer schlossen Die starken Schilde sich, und unerschüttert stand Das edle Häuflein jetzt; den Fallenden beschirmte Des Unverletzten Schild, den Freund des Freundes Hand, Indeß der Feind mit Grimm die Tapfern rings bestürmte.   119. Und Einer nach dem Andern sank In blut'gen Staub dahin. Doch selbst im Sterben schwang Ein Jeder noch das Schwert, den Feind voranzusenden, Fest hielt ein jeder Held in todeskalten Händen Den treuen Stahl umfaßt, stets ward des Freundes Fall Durch Feindes Tod gerächt, für Blut nur Blut gegeben, Rings sah man einen hohen Wall Erschlagner Krieger sich um Biarko's Schaar erheben.   120. Jetzt stand er ganz allein, von tiefen Wunden roth, Vom Kampf erschöpft, doch hoch auf Feindesleichen; Noch stritt er unverzagt, noch flammte rascher Tod Auf seinem Schwert, noch hob zu schweren Streichen Sich seine Kolb' empor. Wohl drängt' ihn harte Noth, Doch nicht vergönnt' ihm jetzt sein kühnes Herz zu weichen, Wo seine Schaar erlag; und auf den einz'gen Mann Zog grimmig, doch umsonst, ein ganzes Heer heran.   121. Indeß um Biarko nun das rasende Getümmel Stets lauter ward, drang auch zu mir, Die auf den Knieen lag und regungslos zum Himmel Die flehnden Händ' erhob, mit blut'ger Mordbegier Der Feind heran. Die Schaar, die mich beschützte, Sank schon dahin im tapfern Streit, Und still erwartet' ich, zum Tode längst bereit, Den scharfen Stahl, der mir entgegenblitzte.   122. Da sah mein Freund herab auf mich; Mich mußt' er, wenn er blieb, dem wilden Feinde lassen, Und lassen seinen Ruhm, wenn er dem Feinde wich. Ich sah ihn schwankend stehn und schaudern und erblassen Im ungeheuren Schmerz. Er blickte fort und stand. Und horch, schon rasselten die Ketten, Schon nahte mir des Feindes blut'ge Hand – Nur jetzt noch konnt' er mich, doch später nie erretten.   123. Da sprang er ungestüm herab. Ruht sanft, so rief er laut, ihr hingesunknen Freunde! O zürnt mir nicht, daß euer Grab Nicht auch das meine ward! Und sieh, den Schwarm der Feinde Zertheilt' er wie ein Blitz; schon hatt' er schnell vom Roß Den nächsten Mann gestürzt, schon sich hinaufgeschwungen, Schon war er durch den Kreis, der drohend mich umschloß, Auf blut'ger Leichenbahn zu mir herangedrungen.   124. Rings stürzte, was sich mir genaht, Blut spritzte jeder Helm, wo seine Hieb' erklangen, Rasch hob er mich empor, fest hielt er mich umfangen, Und durch den dunkeln Hain auf wild verwachs'nem Pfad Trug schäumend uns das Roß. Mit laut erzürntem Toben Verfolgt' uns Harald's Heer, aufsprühnde Funken stoben Rings durch die Nacht, dumpf scholl der Hufe Schlag Durch Berg und Thal und Fels und Wald uns nach.   125. Doch als mit kühlem Hauch der Morgen Durch Hain und Wiese strich, da hatte vor der Schaar, Die unsre Spur verlor, uns jenes Thal geborgen, Und hoch am Felsen nahm mein Freund die Zinnen wahr, Die jetzt uns Schutz verleihn. Doch matt von bangen Sorgen, Erschöpft vom Drange der Gefahr, Versank ich jetzt nach wenig Stunden In jenen Todesschlaf, den Reinald überwunden.   126. O freundliches, o süßes Licht, Das mir nach jener Nacht so wunderlieblich strahlte! O Lohn, der jedes Leid mir tausendfach bezahlte! O Liebe, goldner Stern, der alle Wolken bricht! O sel'ges Wiedersehn! Die Nebel sind zerronnen, Der Himmel lacht von blauem Glanz verklärt; Was nie der helle Schein des ew'gen Glücks gewährt, Das hat aus dunkelm Schmerz der sel'ge Geist gewonnen. Sechster Gesang. 1.                       Wie hell das weite Meer in glatter Stille ruht, Wenn athemlos die raschen Winde schweigen, Doch gaukelnd naht ein West, und schwankend wallt die Fluth Zum Strand und bebt zurück, und bunte Perlen steigen In flücht'gen Kreisen auf, erzitternd hüpft der Schaum Und bilderreich umher, doch friedlich noch entfaltet Der Tiefe grünes Reich den ungemeßnen Raum, Worin ein Zauberspiel rastloser Wunder waltet:   2. So schwieg zuerst, als Adelheid Mit sanft verklärtem Blick geschlossen, Der Freunde stiller Kreis. Doch nach und nach ergossen, Vom wandelbaren Drang verschiedner Trieb' entzweit, Die freud'gen Herzen sich, und Aller Augen flossen Von süßer Lust, von süßem Leid. Ein bunter Zauberquell von wechselnden Gefühlen Schien tief und unverhüllt in jedem Blick zu spielen.   3. Und schnell entschwand der Tag im traulichen Verein. Und als die Nacht mit schwarz bewölktem Schleier Sich aus dem Thal erhob, durchzog bei Fackelschein Die heitre Schaar das finstre Burggemäuer. Hell blitzte rings, bestrahlt vom regen Feuer, Im feuchten Tropfenglanz das ragende Gestein, Und seltsam, wie im Traum die Formen oft zerrinnen, Gestalteten im Licht sich Pfeiler, Thurm und Zinnen.   4. Bald öffneten sich jetzt in schauerlicher Nacht Der Hallen hochgewölbte Bogen, Und öde Prunkgemächer zogen Sich durch die Trümmer hin in väterlicher Pracht. Mit feierlichem Ernst rings an den Wänden starrten Die Bilder alter Zeit, und drohend hob die Zahl Der Panzer sich umher, als ob im rost'gen Stahl Gestorbne Helden hier der nahnden Enkel harrten.   5. Wohl hatte rings mit wildem Machtgebot Zerstörung hier den ehrnen Stab geschwungen. Gespalten war der Grund, der Wölbung Wand gesprungen, Vom Sturz der Pfeiler schien der wüste Raum bedroht, Zerrissen hing um moosbedeckte Mauern Der goldne Teppich her, der Tisch des Heldenmahls Stand halb verdeckt vom Schutt des hohen Saals, Und jedes Ahnenbild schien grauumflort zu trauern.   6. Geschäftig mühten jetzt mit unverdroßner Hand Die Fraun und Ritter sich, das öde Graun zu mindern. Geebnet ward der Grund, gesäubert Deck' und Wand, Und von den ehrnen Waffenbildern Der schnöde Staub verscheucht; vom alten Herde schlug Die muntre Gluth der bunten Flammen Bald hell empor, und Jeder trug Des Sammts verblichne Pracht zum Lager sich zusammen.   7. So wurde bald dem todten Graun Ein heitres Bild des Lebens abgewonnen, Und freundlich lächelten die fröhlich holden Fraun Die neue Schöpfung an. So sehn wir milde Sonnen Durch fliehendes Gewölk zur Erde niederschaun, Wenn kaum der starre Frost, der öde Schnee zerronnen, Und bandenfrei, obgleich noch ungeschmückt, Die sanfterwärmte Flur dem Lenz entgegenblickt.   8. Und jetzt, als schon allmählig schwächer Die Gluth des Herdes glomm, und nach des Tages Mühn Die bilderreiche Welt der linden Ruh erschien, Da zogen sittiglich in ferne Schlafgemächer Die Fräulein sich zurück. Bald sank auf Adelheid Der süße Traum mit flatterndem Gefieder; Doch betend warf vor Gott Cäcilie sich nieder Und flehte so mit stiller Innigkeit:   9. O Gott, allmächt'ger Gott, der du nach rauhen Stürmen Mit starker Hand die wilde Nacht zerstreust, Der du gewaltig bist, des Schwachen Haupt zu schirmen, Und unverhofftes Licht dem Zagenden verleihst – Du güt'ger Gott, wie hast du hell und heiter Den trostlos dunkeln Pfad des Schicksals mir verklärt Und zu der frühen Gruft als freundlichen Begleiter Mir den erfüllten Wunsch der tiefsten Brust gewährt.   10. Ein schwaches Werkzeug hast du dir erkoren! Ja sie ist rauh und dornenvoll, die Bahn; Wohl fühl' ich's selbst. Verzeih dem ird'schen Wahn! Auch ich bin ja aus sünd'gem Staub geboren, Nicht bin ich rein wie du. Hast du nicht selbst in's Herz Mir Lieb' und Lust gelegt? O zürn' ihm nicht, dem Schmerz, Der Lieb' und Lust beweint! Ich will ja gern entsagen, O lehre du den Gram des Freundes mich ertragen!   11. Du tränkst mit Thau den durst'gen Blüthenzweig, Du läßt den Strahl durch dunkle Wolken scheinen, O Gott, du bist an Lieb' und Huld so reich, Dich freut es nicht, wenn deine Kinder weinen! Ja, du wirst stark und tröstend bei mir stehn, Und sollt' ich einst – o laß ihn nimmer tagen, Den Tag der Schuld! – und sollt' ich einst verzagen, Nicht in's Gericht mit deinem Kinde gehn.   12. So fleht sie still. Da träufelt milden Frieden Ihr Engel auf sie hin und wiegt sie leis' und süß In Schlummer ein. Ihr ist ein schöner Trost beschieden, Der Glaub' an Gott, der nie die Seinigen verließ. Er lächelt fromm auf ihren blühnden Wangen, Verklärt mit heiterm Glanz ihr stilles Angesicht, Kühlt mit der Hoffnung Thau ihr schmerzliches Verlangen, Verschmilzt zur Ruh den Sturm und wandelt Gluth in Licht.   13. So schläft, vom Abendschein umflossen, Im Frühlingsthau die jugendliche Flur. Wohl regt sich wunderbar, durch jeden Stein ergossen, Der ahnungsvolle Trieb der knospenden Natur; Doch in dem linden Wehn, das jetzt mit Schlummer-Tönen Stillsäuselnd niederwallt, scheint sanft der heiße Drang, Womit zum Licht empor das junge Leben rang, Sich zur erfüllten Lust der Sehnsucht zu verschönen.   14. Und hold entblühte jetzt bei'm nächsten Sonnenstrahl Ein schöner Kranz von friedlich heitern Tagen: Früh, wann im Nebelmeer noch Burg und Klüfte lagen, Durchzog das Ritterpaar nach Beute Wald und Thal; Doch ordnend walteten im alternden Gemäuer Die zarten Fraun mit sorglichem Gemüth; Und gern erheiterte des Sängers leichtes Lied Den trauten Kreis am abendlichen Feuer.   15. Um Alle webte sich der Liebe Zauberband. Beglückend und beglückt und duldend ohne Zähren Und sehnsuchtsvoll und selig im Entbehren Belohnte Jeder sich mit dem, was er empfand. Ein zarter Abendschein der Wehmuth und der Milde Verklärte jedes Wort und schmückte jede That, Und freundlich schien dem Kreis der irdischen Gebilde Ein himmlisch Licht aus ew'gen Höhn genaht.   16. O zartes Leid, ihr stillgeweinten Thränen, Du Schmerz, der durch's Gefühl sich mit sich selbst versöhnt, Du heiliges, du hoffnungsloses Sehnen, Das sich im Wiederschein des fremden Glücks verschönt, Entsagung, Siegesschmuck der heldenmüth'gen Seelen, Die werth zu dulden sind, ihr Kränz' aus Dämmerlicht, Womit das Schicksal stets die heitre Welt umflicht, Euch ließ die Liebe nie in meinem Leben fehlen!   17. Ein holdes Labyrinth von süßen Bildern hielt Den nord'schen Helden jetzt und seine Braut umschlossen, Und Alles, was schon einst ihr zweifelnd Herz gefühlt, Das schien, vom Sonnenschein beglückter Lieb' umflossen, Lebend'ger aufzublühn. Wie wurden Wort und Blick Verstohlen jetzt belauscht! wie hing am Blüthenrande Der Lust das trunkne Herz und sah in jedem Pfande Der längst bewährten Huld ein unbekanntes Glück!   18. So lauscht, vom goldnen Saum der Wolken halb umkleidet, Der Lenz zur Flur hinab, wenn seine holde Braut Zum Fest sich kränzt. An jeder Knospe weidet Sein lüstern Auge sich, in jedes Blümchen thaut Sein Fittig bunten Glanz, er sieht im Licht der Quellen Sein lächelnd Bild und staunt, auf leisem Frühlingshauch Schwebt er hinab zum Spiel mit leichten Wellen Und flüstert sehnsuchtsvoll im duft'gen Blüthenstrauch.   19. Noch scheinen beide nur das sel'ge Glück zu ahnen, Das ihnen längst im hellen Glanz erschien; Durch zarte Sorg' und freundliches Bemühn Sucht Jeder sich den Pfad zum schönen Ziel zu bahnen, Das längst errungen war. Wie herrlich auch und licht Beglückte Lieb' aus Beider Augen spricht, So denkt doch jedes Herz mit heimlich süßem Bangen: Ist's auch kein holder Traum, der schmeichelnd dich umfangen?   20. O Blüthenzeit der jungfräulichen Lust, Wenn kaum die Lieb', aus ihrer Knosp' entkeimend, Halb zweifelnd noch und halb des Sieges sich bewußt, Von hellem Glück umglänzt, von hellerm Glücke träumend, Die neue Welt erblickt; wie hebt sich dann die Brust So bang und doch so kühn, wie sprudelt leicht und schäumend Des Lebens frischer Quell, wie schwebt der Bilder Spiel So ahnungsvoll um's dämmernde Gefühl!   21. Indeß die Liebe nun mit ihren reinsten Freuden In's Herz der Glücklichen vom Himmel niederstieg, Und jeder fremde Wunsch in ihrem Busen schwieg, Bekämpfte Folko's Sohn mit starkem Sinn die Leiden Der hoffnungslosen Brust. Wohl trübte Wort und Blick Sich oft vom bittern Schmerz, der sein Gefühl entzweite, Wohl drängt' er mühsam nur nach langem Widerstreite Die laute Klag' in's tiefe Herz zurück.   22. Doch wenn er dann empor zu seiner Heil'gen schaute, Die stark durch Gott mit ernster Freudigkeit Auf sich, auf ihn und auf den Herrn vertraute, In Liebe schön und groß im stillen Leid; Wenn sie so mild die düstre Ferne Der Zukunft ihm mit heiterm Schmuck umwand Und freundlich ernst, gleich einem hellen Sterne, Im nächtlichen Gewölk des rauhen Lebens stand:   23. Dann fühlt' er hoch sein Herz von edlem Muth erhoben, Zerrissen sank der Schleier dann hinab, Ein göttlich Licht erschien ihm dann von oben, Ein goldner Blüthenkranz umleuchtete sein Grab; Dann zürnt' er still dem unbeständ'gen Zagen, Das ihm so lange schon den köstlichen Gewinn Der großen That entzog, und schwur mit festem Sinn, Den siegreich kühnen Kampf mit Schmerz und Tod zu wagen.   24. Einst zog das Ritterpaar zur frühen Jagd hinaus. Bergauf, bergab, durch Wald und Fels und Niederungen War ohne Rast ihr Fuß schon lange vorgedrungen, Doch dehnte weiter stets der dichte Hain sich aus. Und jetzt, als immer mehr die Zweige sich verwirrten, Und jede leise Spur des Pfades sich entstahl, Da hemmt' ein dunkles Klippenthal Mit schroffgespaltner Wand die Bahnen der Verirrten.   25. Gewaltig ragten hier die finstern Höhn empor, Und kühn am steilen Fels, der rings die Berge krönte, Sprang zackiges Gestein mit drohndem Schwung hervor, Worauf im Sturm die Nacht der schwarzen Fichten tönte, Lautzürnend ließ der Strom der Wellen trotz'ge Macht Durch's enge Bett zerrißner Klippen schallen, Und ernst erhob in grüner Pracht Die dichte Wölbung sich der alten Eichenhallen.   26. Mühselig klomm das edle Paar, Um einen sichern Pfad zur Rückkehr aufzufinden, Die schroffe Wand hinan. An grausen Felsenschlünden Schwankt ungewiß ihr Fuß, und drohende Gefahr Gähnt aus der Tief' empor. Doch als der steile Rücken Des Berges ebner wird, da lichtet sich der Hain, Und heiter liegt im Sonnenschein Ein weitgedehntes Thal vor ihren freud'gen Blicken.   27. Fern drängten dort, wie zahllos rings im Meer Die weiße Woge schäumt, sich schimmernde Gezelte, Und Krieger flogen rings auf hohem Roß umher, Trompeten schmetterten, in blanke Reihen stellte Zur Heerschau sich das Volk. Und als sie staunend stehn, Sieht Adalbert mit freudig raschem Zagen In blauer Luft, vom Winde leicht getragen, Den heil'gen Schmuck der deutschen Banner wehn.   28. Heil dir, mein Volk! Dort flattern deine Fahnen! So ruft er jetzt mit froher Ungeduld. O Vaterland, du kamst, an seine Schuld Den Zögernden mit lautem Ruf zu mahnen! Dank dir, ich bin bereit! O Freund, was zaudern wir? Dort ist die Hülf' uns nah, dort ist uns Noth zu streiten; Bald soll das siegende Panier Zu deinem Throne dich, und mich zum Tode leiten!   29. Wohl hat der Kaiser jetzt den längstbeschloßnen Krieg Mit Harald's trotz'gem Volk begonnen, Schon dämmern fern die himmlisch reinen Sonnen, Die Odin's Nacht zerstreun, bald lohnt ein heil'ger Sieg Des Glaubens tapfern Kampf! Sieh, wie sie wehn und winken, Die Banner unters Heils, wie hell zur kühnen That Des Erzes Klang uns ruft! Dorthin geht unser Pfad! Mit uns ist Gott, er läßt das Recht nicht sinken!   30. So ruft er aus und eilt voran, Das freudige Gesicht dem Fräulein zu verkünden, Und Biarko folgt ihm schnell. Durch Dorn und Distel winden Die raschen Helden sich und klimmen Höhn hinan Und Höhn hinab; nicht hält auf Felsentrümmern Der jähe Spalt, nicht hält der wilde Lauf Des flücht'gen Stroms im dunkeln Thal sie auf, Und bald schon sehn sie fern die graue Warte schimmern.   31. Und als sie jetzt erzählt, was sie im Thal gesehn, Da wird als bester Rath befunden, Das Paar der Ritter soll hinab in's Lager gehn, Den Führer und den Zug des Heeres zu erkunden. Indeß wird Reinald's gutem Schwert Die Hut der Frauen anbefohlen, Bis zu dem öden Thurm die Helden heimgekehrt, Mit schützendem Geleit die Theuren abzuholen.   32. Schnell waffnen beide sich, und zagend stehn die Fraun, Den letzten Gruß den Scheidenden zu geben; Bang hebt der Busen sich, und ihre Herzen beben, Als sollt' ihr Auge nie die Theuren mehr erschaun. Doch als die fürstlichen Gestalten So ernst, so mild und kühn, im hellen Silberlicht Der Waffen, hoch zu Roß am finstern Thore halten, Da schmilzt die starre Furcht zur heitern Zuversicht.   33. Die Ritter ziehn hinweg, und Arm um Arm gewunden Sitzt jetzt das Schwesterpaar in stiller Einsamkeit. Da naht der Sänger sich im Graun der Dämmerstunden; Er hatt' ein altes Buch aus längst verblichner Zeit Im Schutt des Waffensaals gefunden. Bunt war die Runenschrift, von Silber Spang' und Kleid, Und grell gefärbt von glänzenden Tincturen Gestalteten am Rand sich mancherlei Figuren.   34. Er, der als Sänger früh die weite Welt gesehn, Verstand viel fremde Schrift und ferner Völker Zungen, Und jetzt auch war's ihm bald gelungen, Den dunkeln Sinn der Zeichen zu erspähn. Und, um vom trüben Trennungstage Den finstern Nebel zu zerstreun Und schnellre Fittige der Dämmrung zu verleihn, Begann er so die alte Wundersage:   35. Zur Zeit, als durch das Licht des Herrn Zur Zeit, als durch das Licht des Herrn – Das Christentum wurde in den nordischen Reichen schon früher von Einzelnen angenommen, da das Volk nicht sehr intolerant war. Auch manche Könige widersetzten sich der neuen Lehre nicht, wenn sie ihr auch nicht zugethan waren. Nur einige unter diesen zeichneten sich als eifrige Heiden aus und verfolgten die Christen mit Feuer und Schwert. S. Suhm über die leichte Verdrängung der Odinischen Religion. – – – Da hatt' ein mächtiger Jarl – Dies war der Name kleinerer nordischer Fürsten, etwa unserer Grafen. Sie waren freilich Vasallen der Könige, regierten aber doch in der frühern Zeit in ihren Besitzungen ziemlich unumschränkt. Das blinde Heidenthum zu dämmern schon begonnen, Und bei des wahren Glaubens Stern Den Pfad zur Seligkeit manch frommes Herz gewonnen, Da hatt' ein mächt'ger Jarl, im Lande weit geehrt, An Gütern reich, aus hohem Stamm geboren Und kühn im Kampf mit Lanz' und Schwert, Dies stolze Felsenschloß zur Wohnung sich erkoren.   36. Dem hatte Gott ein trefflich Weib Zum ehlichen Gemahl beschieden. Die lebte sittiglich in Ehr' und Zucht und Frieden Und war gar wohl gethan Die war gar wohl gethan an Sinnesart und Leib . – Wohlgethan in der alten Sprache für wohl gemacht, wohl gebildet, so wie gethan für gemacht. Tiutsche man sint wolgezogen Als Engel sint die wib gethan . Walter von der Vogelweide .   Herr anger was ir ûch froeiden mustet nieten Da min Frowe kam gegan Und ir wissen hende begunte bieten Nach ûwern Bluomen wolgetan . Christian von Hameln. an Sinnesart und Leib. Doch heller leuchtete als Gold und Sammt und Seide Und vielmal köstlicher als köstliches Gestein In ihres Herzens keuschem Schrein Des wahren Christentums Geschmeide.   37. Wohl mußte sie mit stillem Sinn Am tiefverborgnen Glanz des edlen Schmucks sich letzen. Denn eifrig hing ihr Herr am Dienst der falschen Götzen Und achtete das Kreuz für kärglichen Gewinn; Auch schwur er oft vor seinen Dienstvasallen: Wer je in meinem Gau vom alten Glauben weicht Und knechtisch seine Knie dem Kreuzesgotte beugt, Der soll vor meinem Grimm durch Schwertes Schärfe fallen.   38. So kämpfte denn die edle Frau Mit harter Furcht und bittern Seelennöthen. Da neigte Gott sein Ohr den brünstigen Gebeten Der treuen Magd und spendete den Thau Der Gnad' auf ihren Weg. Und einst am frühen Morgen, Da kaum der erste Strahl durch graue Nebel brach, Und sie, erweckt von frommen Sorgen, Mit heißem Flehn vor Christi Bilde lag:   39. Da schien mit rosenrothen Schwingen Ein goldnes Duftgewölk am Himmel aufzugehn, Und fernher nahte sich ein liebliches Getön, Wie wenn im leichten Wind viel Silberglöcklein klingen; Und näher wiegte stets das Wölkchen sich heran, Ein wunderbar Gedüft schien vor ihm her zu fließen, Und an der dunkeln Wand begann Viel fremder Blumenschmelz buntfarbig aufzusprießen.   40. Und aus der Wolke trat ein Knäblein hold hervor, Das war wie Morgenroth und Frühlicht anzuschauen: Sein schimmernd Kleid war heller Silberflor, Sein Auge leuchtete, wie blaue Blumen thauen, Gar zierlich floß um's Haupt sein goldnes Lockenhaar, Um das ein lichter Glanz sich leis' und zitternd wiegte, Und an das Elfenbein der zarten Schultern schmiegte Sich buntgefärbt ein leichtes Flügelpaar.   41. Und eine Rose hielt der Knab' in seinen Händen, Die schien ein Purpurstern, umhüllt von Quellenlicht. So helle Strahlen kann die Sonne nimmer senden, So milden Schimmer trägt des Mondes Scheibe nicht, So röthet nie die ewig rege Welle Der junge Tag, so spielt am Blüthenkranz Im Thau die Farbe nicht, als Mild' und bunter Glanz Die Himmelsros' umfloß und Reiz und Gluth und Helle.   42. Und züchtig neigte jetzt das wunderbare Kind Sich vor der Frau und sprach: Dir biet' ich Glück und Frieden. Der Herr beschützt, die reines Herzens sind, Und wer auf ihn vertraut, dem ist das Heil beschieden. Wohl hast du treu und unverzagt Für ew'ge Seligkeit mit ird'scher Noth gerungen; Drum sey getrost, du fromme Magd, Denn zu dem Thron des Herrn ist dein Gebet gedrungen.   43. Und seinen Engel hat dir Gott herabgesandt, Im heißen Kampf dein zagend Herz zu trösten. Nimm hin dies wunderbare Pfand, Das Christi Blut gefärbt zum Heile der Erlösten. So lang dein gläub'ges Herz den edlen Schmuck bewacht, Wird List und Macht umsonst sich gegen dich vereinen; Denn Schaum ist nur vor Gott die List, und Staub die Macht, Und er ist stark, und siegreich sind die Seinen.   44. Und wenn die Könige der Welt mit stolzem Heer, Und wenn mit glühndem Zorn des Abgrunds Geister kämen Zum Raub des Heiligthums, sie raubten's nimmermehr; Denn was dir Gott geschenkt, das kann auch Gott nur nehmen. Doch wagst du einst um ird'schen Glückes Schein Mit eigner Hand das ew'ge zu verschwenden, Dann wird der Herr im Grimm sein Antlitz von dir wenden, Und Kraft der Welt, der Hölle Sieg verleihn.   45. So sprach das zarte Bild und bot die lichte Blüthe Der frommen Frau und neigte sich und schwand. Und sieh, vom Glanz der heil'gen Rose glühte Wie Morgenroth die hochgewölbte Wand. Und freundlich schwamm in wunderbarer Röthe Die holde Frau und hell im goldnen Licht, Und auf dem Duft der Himmelsblume wehte Ihr Ruh und Kraft in's Herz und gläub'ge Zuversicht.   46. Da sank sie still auf's Antlitz nieder Und ruhte lang vor Gott im Staub' und schwieg. Schon schmolz der Thau, und höher stieg Die Sonne schon empor; da hob ihr Blick sich wieder, Und selig stand sie da. Wohl hatte Gottes Wehn Lebendig um sie her mit Frühlingskraft gewaltet, Denn höher war ihr Leib und fürstlicher gestaltet, Und schöner ihr Gesicht und heller anzusehn.   47. Und wohl verwahrt bei güldenem Geschmeide Stand jetzt die Ros' im stillen Schlafgemach Und blühte frischer stets, und nie verging ein Tag, Daß nicht die edle Frau mit frommer Seelenweide Das Kleinod angeschaut. Und wenn der Abend sank, Und leis' im nahen Hain die Blüthen sich bewegten, Umweht' es oft ihr Ohr wie holder Stimmen Klang, Als ob den theuren Schatz viel zarte Engel pflegten.   48. Wohl prangte jetzt das Haus im fröhlichen Gedeihn, Und was die Frau begann, das ließ der Herr gerathen. Nie stahl die Seuche sich in ihre Hürden ein, Kein schneller Räuberzug verheerte Wies' und Saaten, Nie raubte Hagelschlag und Sturm und gift'ger Thau Des Herbstes Frucht, nie riß aus sicherm Damme Der Strom sich wild hervor, nie traf den starken Bau Der hochgethürmten Burg des Blitzes rothe Flamme.   49. Einst zog der mächt'ge Jarl in fernes Land hinaus, An hoher Thaten Ruhm sein kühnes Herz zu laben. Und züchtig hütete die fromme Frau das Haus Und wartete getreu die holden Zwillingsknaben, Die Gott ihr kaum verliehn; auf ihre Pfleg' allein Ging all' ihr Dichten, all' ihr Trachten, Und süßer war es ihr als Thau und Sonnenschein, Wenn ihr in's Angesicht die zarten Knäblein lachten.   50. Nun hauste zu derselben Zeit In ihrem finstern Waldgebiete, Nicht fern von diesem Schloß, die Zauberin Swanwithe: Die war zu allem Dienst der Hölle stets bereit, Verstand mit grausem Lied die Leichen zu beschwören, Den lauten Sturm der Wetter zu bedrohn, Und jach durch gift'gen Hauch und dumpfen Runenton Des Feindes wachen Geist zum Wahnsinn zu bethören.   51. Die merkt' es lange schon, daß sich von Odin's Pfad Die fromme Frau zum Herrn des Heils gewendet, Und heimlich sann ihr Herz, von Rach' und Groll verblendet, Mit unfruchtbarer Müh' auf Unheil und Verrath. Denn wenn die Flammen schon vom Giebel sich erhoben, Dann senkte Gottes Thau sich löschend auf den Brand, Und wenn ein Sturmgewölk den Himmel schwarz umwoben, Dann nahte Gottes Strahl, und Sturm und Wolke schwand.   52. Und zürnend sang sie jetzt die dumpfe Zauberweise Und rief mit mächt'gem Stab das Höllenheer empor. Und schnaubend nahten sich die Geister ihrem Kreise, Und einer trat mit diesem Wort hervor: Nie wird der Herr der Nacht den Herrn des Lichts bezwingen, Wenn nicht auf Odin's Herd die Kreuzesrose prangt, Durch List nur kann der Sieg gelingen, Gebunden ist der Feind, sobald sein Glaube wankt.   53. Er sprach's. Da freute sich im tückischen Gemüthe Das zauberische Weib und dacht' im frechen Sinn: Und wenn auch Gluth und Gift der Kelch der Rose sprühte, Mich reizt der herrliche Gewinn. Bald ist sie mein, die stolze Kreuzesblüthe, So wahr ich Odin's Magd und Christi Feindin bin! Und täglich sann sie jetzt auf List und böse Tücke, Wie sie das gläub'ge Herz der frommen Frau berücke.   54. Und einst begab es sich, daß alle Dienerschaar Schon längst in Schlummer sank, und nur die Herrin wachte. Wohl schien der Mond so still und klar In's bunte Fensterlein, und leis' im Traume lachte Von Silberschein verklärt das zarte Zwillingspaar, Und selig lag die Frau und sah sie an und dachte An manch vergangnes Leid, an manche künft'ge Lust, Und drückte warm und mild die Kindlein an die Brust.   55. Da schien in blut'gen Duft das Mondlicht zu zerrinnen, Fern rauscht' es her, und gellend stieg ein Sturm Aus tiefem Thal empor und peitschte Dach und Zinnen, Und kläglich wimmerten die Fähnlein auf dem Thurm, Und wolkigt ward die Nacht, und aus den Wolken blickten Viel Bilder bleich und grell, und durch die Windesbraut Scholl kreischend Wehgeschrei, und Fledermäuse pickten An's Fensterlein, und Eulen riefen laut.   56. Und als im Lager jetzt sich bang die Frau erhoben Und lauschend saß, von starrer Furcht gebannt, Da raste gräßlicher des Sturmes lautes Toben, Und krachend sprang, gesprengt von starker Hand, Der Riegel des Gemachs. Und wie Cometen wandern Durchs finstre Reich der Nacht, so bot mit wildem Haar, In einer Hand das Schwert und Flammen in der andern, Swanwithens grauses Bild der bangen Frau sich dar.   57. Von blut'gem Schaum war ihr Gewand geröthet, Am Gürtel bäumte sich der Schlangen Haupt empor, Und wie des Drachen Zorn, der fern durch Blicke tödtet, So schoß ein grimmer Blitz aus ihrem Aug' hervor. Und Wahnwitz, grasse Wuth und Angst und eis'ges Schauern Schien, tief im Furchenkreis der Stirne, stumm und kalt Mit sinnverwirrender Gewalt Auf seinen sichern Raub zu lauern.   58. Sie nahte sich, und mitten im Gemach Umschrieb sie mit dem Schwert, das hell im Dunkel blitzte, Den zauberischen Kreis, und Flammen folgten nach, Wohin der Stahl sich zog, und gift'gen Geifer spritzte Das Schlangenpaar hinein. Schon war der Kreis gefüllt, Und aus dem trüben Schall, der wirbelnd aufwärts zischte, Wenn mit der Gluth das Gift sich mischte, Erhob sich trügerisch ein luft'ges Gaukelbild.   59. Denn ach, die Kindlein, die ihr an dem Herzen ruhten, Sie sah die Mutter jetzt, von falschem Wahn bethört, Im Arm der Zauberin, umringt von rothen Gluthen, Vom gelben Gift benetzt, bedroht vom blanken Schwert, Schon schien die zarte Haut vom scharfen Stahl zu bluten, Die goldne Locke schon vom heißen Dampf verzehrt; Und bei der Eule Ruf und bei des Sturms Gestöhne Erschallten fremd und wild des Zaubers dumpfe Töne:   60. Sieh, wie die Kindelein so lang hinüber sehn, Wie zu der Mutter sie die kleinen Arme strecken! Ihr Auge scheint um Schutz dich anzuflehn, Gern möcht' ihr Häuptlein sich an treuer Brust verstecken. Denn sieh, schon will die Gluth die zarten Füße lecken, Schon bräunt die Wange sich von gift'gen Dampfes Wehn. Fort murmle, Lied, die matte Gluth zu laben! Gieb mir die Rose, Frau, so schenk' ich dir die Knaben!   61. Und ihre Hände ringt die Frau in wilder Pein Und stöhnt und starrt und sinkt zur Erde nieder. O nimm mein Gold, mein köstliches Gestein, Nur gieb die Kinder mir, gieb mir die Theuren wieder! Erbarme dich! O send' auf meinen Leib Die Gluth! mir gieb den Tod, ich will an Gottes Throne Dich nie des Mordes zeihn! die Kindlein nur verschone! So rief sie aus. Doch lachend sprach das Weib:   62. Mich lockt kein Gold, mich sühnen keine Schätze, Mir frommt kein Dank, mich labt der Knäblein Blut. Schau, wie ich jetzt mit Gift die rothen Mündlein netze, Bald bleichen sie beschäumt von stiller Wuth! Schau, wie ich mit dem Schwert den zarten Leib zerfetze! So rinnt der rothe Thau, ihn trinkt die durst'ge Gluth. Fort murmle, Lied, die matte Gluth zu laben! Gieb mir die Rose, Frau, so schenk' ich dir die Knaben!   63. Und höher loderte der Flammen lust'ger Brand, Den holden Raub begierig zu verzehren, Und zappelnd fuhr der Kindlein kleine Hand Bald hier, bald dort umher, dem grimmen Schmerz zu wehren. Schon schien ihr Aug' in Leid sich gräßlich zu verkehren, Rasch zuckte Wang' und Mund, der zarte Körper wand Sich ringend auf und ab, die trockne Zunge lechzte, Indeß aus tiefer Brust grausamer Jammer ächzte.   64. Da sprang die Frau empor und rief in Wahnsinnsangst: Laß ab, laß ab, daß nicht die Kindlein sterben In glühnder Qual! Nimm hin, was du verlangst! Fluch sey dem Gott, der zum Verderben Mir seine Gaben bot! Ich tilg', ich reiß' ihn fort Aus meiner Brust; und wenn auch ew'ge Qualen Die rasche That bedrohn, kein Himmel kann den Mord Der holden Knäblein mir bezahlen.   65. Sie rief's, sie stürzte fort und brach mit starker Hand Das goldne Schloß, den Schutz der heil'gen Blüthe. Da wandte sich der Herr, unsel'ger Wahnsinn glühte In ihrer Brust, fort warf sie Gottes Pfand In schnöden Staub. Und glühnde Funken sprühte Die Rose nach ihr aus, rasch bebte Dach und Wand, Und dumpfer Donner scholl. Doch nach dem theuren Lohne Griff schnell das Zauberweib und sprach mit bitterm Hohne:   66. Heil mir! Wohl ist's ein schwacher Gott, Dem sich dein Knie gebeugt, und kann sein Volk nicht schützen. Ohnmächtig spielt sein Zorn mit unfruchtbaren Blitzen Und trägt in feiger Ruh der Feinde kecken Spott. Schau, wie dein Gott dir hilft! schau hin, du bist betrogen. Was deinen Glauben brach, hat meine List erdacht! Verstumme, Lied! zerrinnt, ihr Dampfeswogen! Stirb, Gluth! Gebild, entflieh! Der Zauber ist vollbracht.   67. Sie rief's und lacht' und schwand. Und mit der bunten Welle Des regen Dampfs zerfloß der falsche Zauberschein, Und friedlich stahl die milde Helle Des Mondes wie zuvor sich in's Gemach hinein. Zufrieden ruhten noch an ihrer alten Stelle Mit lächelndem Gesicht die holden Kindelein, Und kosend schien auf leisen Athemzügen Um ihren Mund der Schlaf sich auf und abzuwiegen.   68. Da hüllte stumm und starr die Frau ihr Angesicht In ihr Gewand und ruhte still im Staube. Sie betete, sie klagt' und weinte nicht, Ihr Herz war kalt, erstorben Furcht und Glaube. Nur kämpften dann und wann, wie tief versenkt in's Grab Das wache Leben stöhnt, sich dumpfe Jammerlaute Aus ihrer Brust, und keine Thräne thaute Zur Linderung des starren Grams herab.   69. Schon stieg das Morgenroth, vom Duftgewölk getragen, Schon rollte feierlich aus goldnem Himmelsthor Das Lichtgespann des Herrn in blauer Luft empor, Und schweigend lag sie noch und wollte nimmer wagen Zu Gott empor zu sehn. Da flog vom Meeresrand Ein dunkles Wölkchen her; doch hell und zuckend lohte Der Blitz aus seinem Schooß, schon naht' es sich, schon stand Zornmüthig vor der Frau des Herren heil'ger Bote.   70. Nicht tröstend war sein Aug' und freundlich anzusehn; Nein, wie auf wilden Meereswogen, Wenn ungestüm die Winde wehn, Und nächtliches Gewölk den schwarzen Pol umzogen, Ein scheuer Sonnenstrahl mit rothem Glanz sich bricht, Hoch schäumt die dunkle Fluth und wälzt das grelle Licht Beweglich hin und her und hebt's und senkt es wieder, So schoß des Engels Blick zur bangen Frau hernieder.   71. Kleingläub'ges Herz! so sprach mit ernstem Ton Die Lichtgestalt, wohl ziemt dir Furcht und Grauen. Mild ist der Herr, zu lohnen, die ihm trauen, Doch schnell sein Zorn und nicht umsonst sein Drohn. Wer treu ihm folgt, der soll sein Antlitz schauen, Wer ihn verräth, der erntet bittern Lohn. Hör' an mein Wort, denn dies ist Gottes Stimme! So spricht der Herr zu dir in seinem Grimme:   72. Wähnst du, mein Wort sey Schaum und Spreu, Die schnell entfliehn, wenn Wog' und Wind sie jagen? Wähnst du, daß schwach mein Arm und blind mein Auge sey, Daß Gott dein Herr, dem Erd' und Himmel zagen, Sich beuge fremdem Hohn? Warum denn hat so kühn Sich gegen Gottes Kraft der niedre Staub erhoben Und hat dem Herrn geflucht, den Sonn' und Sterne loben, Und das Geschenk verschmäht, das meine Huld verliehn?   73. So will ich denn auch dein nicht ferner achten Und stoße dich hinweg aus meiner Diener Zahl. Vergebens soll in bittrer Qual Dein rastlos irrer Geist nach meiner Freude schmachten Und immer fern mir seyn. An dunkeln Wolkenhöhn, Wo sich um's reine Licht die trüben Schleier winden, Soll einsam dein Gebild durch blasse Nebel gehn Und meine Wonne schaun und seinen Fluch empfinden.   74. Und aus des Lebens heil'gem Buch Vertilg' ich dein Geschlecht und schütze, die dich hassen. Nie sollst du liebevoll den Gatten mehr umfassen, Und strafen soll kein Arm den Feind, der ihn erschlug. Und sie, die Kindelein, um die du mich verlassen, Sie trenne bis in's Grab des ew'gen Hasses Fluch; Was deine Furcht gefehlt, das soll ihr Zürnen büßen, Und durch des Bruders Schwert das Blut des Bruders fließen.   75. So send' ich meinen Zorn auf dein belastet Haupt Und will nicht lindern noch verzeihen, Bis wiederum das Pfand, das dir der Feind geraubt, Das jetzt mit schnödem Dienst unheil'ge Händ' entweihen, In heil'ger Erde blüht. Des Wankelsinnes Schmach Kann nur durch starken Muth Vergebung sich verdienen, Und was die Liebe jetzt im schwachen Wahn verbrach, Das kann auch Liebe nur durch gläub'ge Kraft versühnen.   76. Wohl mag nur Lieb' und Muth den großen Kampf bestehn; Denn in des trotz'gen Volkes Mitte Prangt jetzt der Rosenkelch, und Todesschauer wehn Den kühnen Sieger an, wenn er mit tapferm Schritte Dem Kleinod sich genaht. So lang das Gnadenpfand In Odin's Tempel blüht, kann nie sein Stamm erliegen; Denn mächt'ge Kraft verlieh dem Kleinod Gottes Hand, Und nie kann Gottes Wort sich wandeln noch betrügen.   77. Der Engel sprach's und schwand; und zagend saß die Frau Und harrte, daß der Zorn des Rächers sich erfülle. Wohl hob die Sonne sich, wohl sank der späte Thau, Sie klagt' und weinte nicht und schwieg in dumpfer Stille. Nur wenn die holden Kinder sich So freundlich und so fromm an ihren Busen schmiegten, Dann seufzte tief sie auf und weinte bitterlich, Bis im erschöpften Blick die Thränen ganz versiegten.   78. Und als ihr ohne Schlaf der neue Morgen kam, Da flog ein Knecht heran und sprach mit bitterm Leide: O Frau, ich künd' euch harten Gram! Erschlagen liegt mein Herr auf blut'ger Kampfeshaide. Gekämpft war mancher wilde Krieg Und mancher edle Schatz gewonnen, Da kam ein fremdes Volk und raubt' uns Beut' und Sieg, Und ich allein nur bin entronnen.   79. Da neigte mit zerknirschtem Sinn Die Frau ihr Haupt und sprach: Dein Wille, Gott, geschehe! Und horch, im nahen Hain erscholl ein kläglich Wehe, Und jammernd flog die Wärterin Der Knäblein in's Gemach. O Frau, was müßt ihr hören! Das eine Knäblein ward vom Arme mir geraubt Mit frevelnder Gewalt! Nicht ruht auf meinem Haupt Die Schuld der That! Ich konnt's nicht wehren!   80. Sie sprach's. Da sank die Frau auf's feuchte Bett zurück Und weinte laut und rief: O Gott, dein Kelch ist bitter! Und als sie seufzend lag, da kam vom Feld ein Schnitter Zur Burg im raschen Lauf und sprach mit bangem Blick: Geschwollen ist der Strom und hat den Damm bezwungen, Die Wiese ward zum See, vernichtet liegt die Frucht, Und Heerd' und Hirt ertrank! Kaum ist die rasche Flucht Aus tödtlicher Gefahr mir Einzigem gelungen!   81. Noch war ihm kaum das Wort entflohn, Da schwärzte sich die Luft, und wilde Hagelschauer Zerschmetterten das Dach, dumpf scholl der Donner Drohn, Und Blitz und Sturm begann, und krachend sank die Mauer Der Burg in's Thal hinab. Da packte wildes Graus Die Dienerschaft, bang zagten sie zu büßen Die Sünden ihrer Herrn, und Knecht und Magd verließen Wehklagend das verfluchte Haus.   82. Nur ich, der Knecht des Herrn, der dieses Buch geschrieben, Ich bin getreu bis in den Tod Bei meiner edlen Frau in dieser grimmen Noth Als Diener, Arzt und Trost und Beichtiger verblieben. Stumm ruhte sie. Und als die Sonne schwand, Da hat sie reuevoll mir ihren Fehl bekannt Und hat ihr Haupt geneigt und ist dahin geschieden. Der Herr erbarme sich und schenk' ihr seinen Frieden.   83. So schloß die Schrift, und schweigend saß und bang Der stille Kreis von kaltem Graun erschüttert. Oft hatte Adelheid mit scheuem Blick gezittert, Wenn feindlich ihr in's Ohr der wilde Name klang, Der sie schon einst geschreckt. Und wenn mit hohlem Brausen Der Sturm an's Fenster schlug, und wenn die Flamme sich Lautknisternd hoch erhob, dann schlich ein stilles Grausen In ihrer Brust empor, und ihre Wang' erblich.   84. Doch rascher wechselten Gedanken und Gefühle In ihrer Schwester Brust. Schon zeigte halb erfüllt Sich zum verhängnißvollen Ziele Des Schicksals dunkler Pfad, und dämmernd stieg das Bild Verschwundner Zeit empor. Und gleich dem Flammenspiele, Das neue Farben stets und neue Form enthüllt, War Lieb' und Glaub' und Muth und freudiges Vertrauen Mit wandelbarem Glanz in ihrem Blick zu schauen.   85. Noch sitzen sie verstummt im traulichen Gemach, Wo Dämmerlicht und Grabesschweigen An Wand und Wölbung schläft. Die matten Gluthen steigen Nur einzeln noch empor und sinken nach und nach Mit flücht'gem Zittern hin, ein ungewißer Schimmer Füllt grell und grau, halb Licht, halb Nacht, den Thurm, Und nur zuweilen heult der Sturm Um Thür und Fenster her mit kläglichem Gewimmer.   86. Da regt sich's wunderbar im Hain, Als ob in banger Hast viel fremde Stimmen flüstern, Und durch die Trümmer schleicht ein Rauschen und ein Knistern, Und manches Nebelbild und mancher bleiche Schein Durchirrt Gebüsch und Thal, die alten Fenster klirren Jetzt leis' und lauter jetzt, und bunte Funken schwirren In wunderbarer Form aus trüber Gluth empor, Und aus dem Dampfe ringt manch Scheusal sich hervor.   87. Und wie im Fiebertraum ein kaum vernehmlich Sausen Eintönig erst vor unserm Ohr verweilt, Doch steigt es nach und nach und wird zum Sturmesbrausen Und lacht und gellt und zischt und brüllt und heult Im vielfach wilden Chor, und gräßlich wächst das Grausen, Laut klopft das Herz, der irre Geist zertheilt In tausend Schrecken sich, und tausend Ungestalten Sieht regungslos der Blick in rascher Mischung walten:   88. So regt zuerst vom leisen Wind Unheimlich sich der Wald; bei nahnder Geister Schweben Schmiegt Blatt an Blatt sich an, und alle Wipfel beben, Und jedes Vöglein lauscht. Doch nach und nach beginnt Ein lautres Wehn, gewalt'ger tobt das Beben Des nächt'gen Spuks und reißt sich pfeilgeschwind Durch Tannen und Gesträuch, und durch des Sturmes Dröhnen Schallt gellend ein Gemisch von seltsam fremden Tönen.   89. Und jetzt, als mächtiger des Sturms unbänd'ge Wuth Dahin sich rafft durch Wald und Trümmer, Da springt die Thür. Noch einmal schlägt die Gluth Gewaltig auf den Herd und füllt mit rothem Schimmer Das bebende Gemach. Und sieh, im grellen Schein, Durch den ein Funkenheer in bunten Strömen sprühte, Stürzt grimm und wild die schreckliche Swanwithe, Ein Bild des Fluchs, sich in's Gemach hinein.   90. So hebt aus Hekla's tiefen Schlünden, Wenn lange schon mit dumpfe Schall, Den nahen Ausbruch zu verkünden, Der innre Kampf gegrollt, sich jetzt mit lautem Knall Ein rascher Feuerstrom. Die breiten Flammen winden Wie Schlangen sich empor, und aus dem dunkeln Schwall, Der um die Gluth sich thürmt, gestalten im Gefilde Der röthlich hellen Luft sich gräuliche Gebilde.   91. Da springt der Sänger auf und zückt das scharfe Schwert Und stürmt mit mächtig drohnden Schlägen Zum Kampf heran. Doch sieh, von eigner Schneide fährt Ein rückwärts glühnder Strahl dem Zürnenden entgegen, Und zischend schmilzt das Erz. Mit kaltem Hohn erhebt Die Zauberin den Stab, und Wand und Decke bebt Beim starken Schwung, und helle Flammenwogen Entglühen, wo der Stab sich durch die Luft gezogen.   92. Und zürnend ruft sie aus: Was ringst du, schwacher Wurm, Mit mir, die aus dem Stamm der Wanen Mit mir, die aus dem Stamm der Wanen / In Götterkraft entsproß – Ueber die Wanen oder Vanen äußert sich die Voluspaa und die jüngere Edda nur dunkel. S. Volusp. Str. 14. Edda 21. und 31. Sie scheinen ein mächtiger Stamm von Riesen oder Halbgöttern gewesen zu seyn, vielleicht die Urbewohner des Landes. Die Edda erwähnt ihrer Kriege mit den Göttern, und daß bei'm Frieden aus ihrer Mitte Niord den Göttern zur Geißel gegeben und dann zum Rang der Götter erhoben sey, da sie hingegen von den Göttern den Häner oder Höner erhielten, den sie darauf zum König erwählten. In Götterkraft entsproß? Kannst du aus luft'gen Bahnen Den Mond herunter ziehn und bändigen den Sturm, Worauf der Donner fährt? Ich steige kühn hernieder Zum Bauch der Erd' und wandle durch die Höhn Der Luft im Nordlichtsglanz, die Wolk' ist mein Gefieder, Der Blitz mein Schwert; und du willst mich bestehn?   93. Mich trifft kein Stahl; denn meine Brust ist Eisen, Mein Athem Gift, und helle Gluth mein Kleid, Die Erd' erbebt in meinen Zauberkreisen, Mein Zorn ist Tod, und Schrecken mein Geleit. Verbirg dich fern dem Licht in tiefen Felsenschlünden – Fest stampft mein Fuß den Grund, und deine Kluft zerspringt; Flieh' über's Meer – ich fahr' auf schnellen Winden Durch's Meer dir nach, und deine Barke sinkt.   94. Und dennoch wähntet ihr mit unbefugtem Sinne Der Rache zu entfliehn, die grimmig mich verzehrt? Hast du nicht jüngst nach meinem Kampfgewinne Den kühnen Arm gestreckt, und du nicht meinem Schwert Und meinem Fluch getrotzt? Euch hat mein Zorn gerichtet. Fahrt hin in's Reich der Nacht, zur tiefgewölbten Kluft, Und harrt, im Leben todt, und lebend in der Gruft, Bis euch nach langer Qual mein mildrer Haß vernichtet.   95. Sie ruft's und hebt den Stab und stampft den harten Grund, Die Erde bebt, und alle Mauern zittern, Und unten tobt's gleich fernen Ungewittern Und stöhnt und kracht, und gräßlich thut der Schlund Der Nacht sich auf. So weit die Augen schauen, Ist Fels und Finsterniß und wüst Geklüft und Grauen Und jäher Tod – und schnell in's weite Grab Sinkt mit den zarten Fraun der treue Freund hinab. Siebenter Gesang. 1.                             Indessen zog am wald'gen Bergeshange Das Ritterpaar dahin. Schon röthete der Strahl Der schwächern Sonne sich zum nahen Untergange, Und riesig senkte sich bis tief hinab in's Thal Der Tannen Schattenbild. Im dicken Waldgehege Schwamm dunkler schon die Nacht, schon rafften Wolf und Bär In sichrer Kluft sich auf und wandelten umher Nach Raub und Blut auf ungebahntem Wege.   2. Unendlich breitete der Hain Sich vor den Helden aus und schloß mit dichten Zweigen Den Rossen oft die Bahn. Jetzt galt's, hinabzusteigen In's rauhe Klippenthal, jetzt über wüst Gestein Sich Pfade zu erspähn. Rings ruhte grauses Schweigen, Und in die Tiefen sah des Monds bewölkter Schein, Wie in ein stilles Grab; nur dumpf und stöhnend sausten Im Wind die Tannen noch, und ferne Wasser brausten.   3. Schon war die Dämmrung nicht mehr fern, Um Fels und Wald begann der Nebel schon zu grauen, Und freundlich ließ der Morgenstern Mit röthlich hellem Licht sich schon am Himmel schauen; Da senkten sich die Höhn, und, bleich verhüllt vom Flor Der Düfte, schien ein Thal, das tief sich vor den Füßen Der Ritter niederzog, gleich einem Riesenthor, Den Pfad zur Ebne aufzuschließen.   4. Bei'm ersten Morgenschein erreicht das edle Paar Den tiefen Grund und reitet eine Strecke Durch dicht Gestrüpp und rauhe Felsenblöcke Mühselig fort. Da beut ein Pfad sich dar. Und als sie jetzt um eine Felsenecke Sich wenden, nimmt ihr Ohr ein helles Klingen wahr, Und laut ertönt das Thal wie bei'm entbrannten Kampfe Von wilder Stimmen Drohn und dumpfem Roßgestampfe.   5. Da treiben sie mit kühnem Sinn Die Rosse schneller an, und mit verhängtem Zügel, Die Speere scharf gesenkt, und fest den Fuß im Bügel, Und stark den Schild gefaßt, geht's rasch durch's Thal dahin, Dem Ort des Kampfes zu. Der Nebel graues Wehen Vergönnt den Rittern kaum, die Streitenden zu sehen, Und nur zuweilen blitzt ein heller Sonnenstrahl, Der durch den Duft sich drängt, herab auf Blut und Stahl.   6. Doch als sie jetzt das Schlachtgefild erreichen, Da sehen sie, wie dicht vom Feind umringt Ein deutsches Fähnlein kämpft, auf das mit mächt'gen Streichen Ein großer Schwarm erzürnter Heiden dringt. Schon war das Feld bedeckt mit Blut und Leichen, Stets grimmer wird die Noth, und immer rascher schwingt Die Heidenschaar das Schwert, verwundet waren Alle Im Christenhäuflein schon, und Jeder nah dem Falle.   7. Ein Ritter nur, der stolz im hellen Schein Der goldnen Waffen prangt, und hoch auf schwarzem Rosse, Thut kräftig noch dem wilden Trosse Der Feinde Widerstand. Wohl schließt der Schwarm ihn ein; Doch schnell und grimmig flammt in raschgeschwungnen Kreisen Sein breites Schwert umher und schlägt durch Stahl und Eisen Sich eine blut'ge Bahn. Kein Panzer ist so dicht, Daß nicht der starke Schwung der edlen Kling' ihn bricht.   8. Wohl war vom festen Helm sein Angesicht umfangen, Doch stolz und fürstlich schoß gleich hellem Blitzesglühn Sein tapfrer Blick hervor; auf seinem Schild' erschien Ein königlicher Aar mit kühnem Flügelprangen; Gar bunt und herrlich war der Waffenrock gestickt, Der sich um's Erz des blanken Panzers schmiegte; Und auf dem goldnen Helme wiegte Sich hoch ein Reiherbusch, mit Perlen ausgeschmückt.   9. Schon minderte sich stets die Schaar, die ihm zur Seite Mit treuem Muthe focht, schon sank der letzte Held Durch's Schwert der Heiden hin – da flog zum wilden Streite Auf raschem Roß das Ritterpaar durch's Feld. Zwei Feinde taumeln schon, vom scharfen Speer getroffen, In's Gras hinab, schon steht zum tapfern Mann, Der nur mit Noth sich wehrt, die Bahn den Helden offen, Und schützend schließen sie dem Wankenden sich an.   10. Von neuem wurde jetzt der bittre Streit begonnen: Den Deutschen wuchs, den Dänen sank der Muth; Nur mühsam war vorher der theure Sieg gewonnen, Erschöpft war jeder Feind und jeder roth von Blut; Kaum fing ihr matter Arm mit halbem Schild die Schläge Der frischen Helden auf und hob nur schwach und träge Den schart'gen Stahl, indeß der Ritter Schwert Von jedem neuen Hieb nur blutig wiederkehrt.   11. So schießt der Adler nicht mit schlagendem Gefieder Auf seinen Raub, so fährt das gelbe Licht Des Wetterstrahls vom Himmel nicht hernieder, So folgt die Well' im Sturm der fliehnden Welle nicht, Als jetzt im raschen Kampf zerschmetternd hin und wieder Der Helden Arm sich regt, und schnell und stark und dicht Der Schlag dem Schlage folgt, und scharf die harten Klingen Durch Panzer, Helm und Schild in's tiefe Leben dringen.   12. Schon hält Beschämung nur die Heiden noch zurück, Daß sie nicht rasch zur Flucht die müden Rosse wenden. Die Faust erlahmt, das Schwert entsinkt den Händen, Der Schild dem Arm, und mit gebrochnem Blick Fällt Mann auf Mann dahin, rings ächzt ein dumpfes Stöhnen, Und wem Erstarrung noch die letzte Kraft nicht raubt, Der beut dem Schwert jetzt gern das unbeschützte Haupt Und will durch muth'gen Tod das tapfre Leben krönen.   13. Vollendet war der Kampf, und hehr und herrlich stieg Hoch über alle Nebelwellen Die Sonne jetzt empor, den schwererrungnen Sieg Mit freud'gem Glanze zu erhellen. Und wie aus dunkler Gruft zum heitern Sonnenschein Mit schlanker Kraft drei Pappeln aufwärts streben, So stehn auf blut'gem Plan mit jugendlichem Leben Die kühnen Helden da im kräftigen Verein.   14. Und ruhig senket jetzt die Hand zur festen Scheide Das feuchte Schwert zurück und auf das Ritterpaar Blickt froh der fremde Held und schlingt gerührt um Beide Den tapfern Arm: O ihr, die wunderbar Mir Gott zur Zeit gesandt im Drange der Gefahr, So ruft er aus und drückt in biedrer Freude Sie fester an sein Herz, zu arm ist jeder Dank, Wenn euch die That nicht lohnt, die euer Muth errang.   15. Wohl achtet ihr gering das Werk, das euch gelungen, Und ahnet nicht, was ihr vollbracht. O glaubt mir, selten ward ein solcher Preis errungen, Als jetzt. Doch kündet mir, denn fremd ist eure Tracht, Aus welchem Volk ihr seyd und welchem Stamm entsprungen. Noch nimmer sah ich euch im Heer und in der Schlacht Und müßte fast, wenn nicht ein Bundeszeichen Mir eure That gewährt, den Feinden euch vergleichen.   16. O edler Held, erwidert Folko's Sohn, Wohl hast du uns noch nie im Lager wahrgenommen. Wir sind vor Kurzem erst aus fremder Haft entflohn Und jetzt zum deutschen Heer in Feindestracht gekommen, Doch nicht mit Feindessinn; ich meinem Volk zu Frommen, Und Jener für sein Recht und für des Vaters Thron. Drum wollest du nach Wahrheit uns verkünden, Ob wir in eurem Heer den deutschen Kaiser finden!   17. Willkommen! spricht der Held, wohl ist er dort, und leicht Wird, was ihr fordert, euch gelingen. Gern werd' ich selbst zu seinem Thron euch bringen, Er ist mir längst gar gnädig und geneigt, Und nichts versagt er mir. Doch laßt uns stärker reiten, Das Lager ist noch fern, und lang schon harrt das Heer Mit ungeduld'ger Furcht auf meine Wiederkehr Und könnte leicht mein Zögern übel deuten.   18. Sie ziehn durchs Thal, und Adalbert erzählt Dem Ritter sein Geschlecht, und wie im Frankenlande Er einst die Feinde schlug und dann, von Gott erwählt, Durch's Meer dahin geschifft zum wilden Dänenstrande. Der Fremde hört's erstaunt, und als der Jüngling schweigt, Da spornt er schnell sein Roß und reicht Den Fremden seine Hand und ruft: Lebt wohl, ihr Helden. Ich eile jetzt voran, dem Kaiser euch zu melden.   19. Er sprengte fort, und freudig zog das Paar Die letzten Höhn hinab, von wo sich weit und eben Die Fläche niederzog. Da bot im rüst'gen Leben Das deutsche Lager sich dem Blick der Helden dar. Hell schimmerten die weißen Zelte Im heitern Sonnenglanz, die luft'gen Wände schwellte Der leichte Wind, und aus dem Innern drang Viel dumpf Geräusch hervor und kriegerischer Klang.   20. So sahn wir oft vom Sonnenschein umflossen Den goldnen Schmuck der reifen Aerndte stehn: Hoch thürmen sich, in lange Reihn geschlossen, Die reichen Garben auf, und rüst'ge Schnitter gehn Geschäftig hin und her und mühn sich unverdrossen: Die sammeln ein, die binden, jene mähn, Indeß die Feiernden im duft'gen Schatten singen, Und laut in's muntre Lied die hellen Sicheln klingen.   21. Dem Monde gleich, der kaum den Silberkreis Erst halb vollbracht, so dehnten sanftgebogen Des Lagers Reihn sich aus; die bunten Fähnlein flogen Im Wind umher; dort stand mit grünem Reis Ein Zelt bekränzt, ein andres dort umzogen Mit farb'gem Stoff, ein andres hell und weiß; Und rings umher im grünenden Gefilde Erschienen buntgemischt viel krieg'rische Gebilde.   22. Dort stellte sich zur nachgeahmten Schlacht Ein Kriegerschwarm in blanke Waffenreihen, Dem Schwerte scheint das Schwert, dem Speer der Speer zu dräuen, Das Heerhorn tönt, sie treffen sich mit Macht, Hoch bäumt das Roß sich auf und scheint der Waffenpracht Und seines Reiters sich mit edlem Muth zu freuen, Hier schwärmt und dort die Schaar, und jeder Krieger schwingt Zum Hieb und Schutz den Stahl, und Helm und Schild erklingt.   23. Dort kündet thatenreich, vom Jünglingskreis umgeben, Ein alter Kriegsgesell, wie er zu Meer und Land Manch Abenteuer sah und oft auf Tod und Leben Im wilden Streite focht und manche Noth bestand. Still horcht das jüngre Volk und schießt aus freud'gen Blicken Den Strahl des Muths, von Kühnheit bald beseelt, Bald mild und bald voll Zorns; und was der Greis erzählt, Das scheint in ihrem Blick sich wechselnd auszudrücken.   24. Doch Andre treiben sich geschäftig hin und her, Zu ordnen, zu vollziehn, zu rüsten, zu bestellen. Der säubert Helm und Schild, der schleift den stumpfen Speer, Der führt das müde Roß zum kühlen Trank der Wellen, Der schwingt das Schwert und der das scharfe Beil, Der sucht im schnellsten Lauf zu stehn und auszuweichen, Und Jener strebt mit leicht beschwingtem Pfeil Das ferne Ziel schußkundig zu erreichen.   25. Entsattelt geht und frei auf weichem Wiesengrün, Wo zitternd durch's Gesträuch viel frische Quellen fließen, Der Rosse muntre Zucht. Aus ihrem Auge schießen Die Blitze freud'ger Kraft, die weiten Nüstern glühn Vom Zorn des Streits, aus Stellung und Gebehrde Blickt Muth und Stolz, vom hellen Wiehern schallt Im Wiederhall Gebirg und Thal und Wald, Die Mähne weht, und laut zerstampft ihr Fuß die Erde.   26. Im Mittelpunkt des Lagers blickt Das Kaiserzelt hervor, das weit an Pracht und Glanze Die andern übertraf. So prangt im Blumenkranze, Den mancher Blüthenstern und manche Knospe schmückt, Der Rose voller Kelch. Mit buntem Schimmer wehte Der Teppich sich umher, und manche goldne Zier Verbrämte Dach und Wand, und vor dem Eingang schwebte, Gewiegt von blauer Luft, das heil'ge Reichspanier.   27. Und als die Ritter jetzt dem Lager nahn, da treten Viel Krieger rings hervor und bilden blanke Reihn Im festlich hellen Schmuck. Weich hallen süße Flöten, Und Cymbeln tönen laut und fröhliche Schalmein, Und mächtig mischen sich Posaunen und Trompeten Wie Schlachtgesang zum Liebesgruß darein. Und jauchzend ruft durch Hall und Klang und Schmettern Das dichte Volk: Heil, Heil den Siegern, den Errettern!   28. Und als sie zweifelnd stehn, da naht ein edler Held, Von Dienerschaft umringt, mit höflichem Gepränge Und grüßt sie ritterlich und leitet durch's Gedränge Die Staunenden in ein geschmücktes Zelt. Dort glänzte manch Gewand von Gold und Sammt und Seide Und manch geschliffnes Schwert, manch blankes Waffenstück Und manches blitzende Geschmeide Warf blendend hell den Strahl der Sonne dort zurück.   29. Und jetzt wird ungesäumt mit reichen Prunkgewändern Das edle Ritterpaar geehrt, Und ihre Brust geschmückt mit theuren Gnadenpfändern, Und ausgeziert ihr tapfres Schwert Mit goldnem Wehrgehenk. Und als im heitern Prangen Sich jede blut'ge Spur des frühen Kampfs verlor, Da naht der Held, der sie empfangen, Und führt zum frohen Volk sie aus dem Zelt hervor.   30. So gehn am Wellensaum die holden Zwillingssterne Hellleuchtend auf. Durch alle Nebel bricht Ihr goldner Schein und schimmert durch die Ferne So friedlich mild und doch so kühn und licht. Ihn grüßt erfreut das Volk, denn Hülf' und Heil bedeutet Der gnäd'ge Strahl, und jeder Sturm entflieht, Wenn klar das Sterngebild vom Himmel niedersieht, Das rettend durch die Fluth den irren Schiffer leitet.   31. Bescheiden und verschämt und doch im Selbstgefühl Der Kraft und froh des Ruhms geht still durch's Volksgetümmel Das Heldenpaar dahin. So färbt den Morgenhimmel Ein schüchtern Roth, doch leuchtend bricht das Spiel Des frühen Strahls hervor. Zum Kaiserzelt geleiten Die Schaaren sie mit Prunk; der Teppich wallt zurück, Und auf dem Thron erkennt ihr überraschter Blick Im königlichen Schmuck den Mann, den sie befreiten.   32. Wie still am sichern Pol der Stern des Norden steht Und hell das ew'ge Licht zur Erde niedersendet, Ein Bild der Kraft; wohl regt und dreht Der Kranz des Himmels sich, wie sich die Wölbung wendet Im mächt'gen Schwung, ein Licht entdämmert fern Dem flücht'gen Meer, ein andres senkt sich wieder; Doch unbeweglich glänzt der Axe fester Stern Und steigt in's kühle Bad der Welle nie hernieder:   33. So saß, von seines Reichs Gewaltigen umringt, Mit offnem Helm und um den Helm die Krone, Den Scepter in der Hand, auf goldgewirktem Throne Der Kaiser da. Von seinen Schultern sinkt Der Mantel tief herab und schmiegt mit sammtnen Falten Sich um den Waffenrock, und ob dem Thron erhöht, Beschattet feierlich, von Fürstenhand gehalten, Ein reicher Baldachin des Kaisers Majestät.   34. Zum Abend neigte schon sein Leben sich hernieder; Doch wie den Fels, der alternd sich erhebt, Lebend'ges Grün und frisches Moos umwebt, So blühte ungeschwächt um seine stolzen Glieder Die jugendliche Kraft, und gleich dem Sonnenschein, Der mit dem Stäubchen spielt und mit allmächt'gem Lichte Die Welt umfängt, so ließ auf seinem Angesichte Sich Mild' und Würde schaun im fürstlichen Verein.   35. Auch jetzt noch schien der Gott, der ihn zum Thron ersehen Und seiner Hand den Stab der Macht verliehn, Um die geweihte Stirn mit heil'gem Hauch zu wehen Und sein gesalbtes Haupt mit Strahlen zu umziehn. In seinem Auge ließ die Kraft des Herrn sich sehen, Und ernst um Blick und Mund und Wang' und Stirn erschien Das Walten stiller Scheu, das keine Namen nennen, Wenn auch Gefühl und Geist es staunend anerkennen.   36. Und zu den Rittern sprach der Fürst mit gnäd'gem Ton: Ihr Helden, die genaht zu meines Reiches Frommen, Als Freund begrüßt' ich euch auf blut'gem Felde schon, Noch einmal heiß' ich jetzt als Kaiser euch willkommen! Schon hab' ich, was ihr wünscht, vernommen, Und wohl gelobt' ich euch, am kaiserlichen Thron Zu eures Rechtes Schutz ein günstig Wort zu sprechen; Und was der Freund verhieß, das wird der Fürst nicht brechen.   37. Ihr Edeln meines Reichs! seht hier das Heldenpaar, Das, als ich heut am frühen Morgen Auf Kundschaft zog, und schnell die stärkre Schaar Der Feinde mich umgab, die sich im Thal verborgen, Mit heldenmüth'gem Sinn, nicht achtend die Gefahr, Für mich ihr Haupt gewagt und euch von bittern Sorgen, Vom Tode mich befreit; nun redet, welche Huld Belohnt das große Werk und tilgt des Kaisers Schuld?   38. Er sprach's, und mancher Held, der im Gewühl der Schlachten Ruhmwürdig längst ergraut, erhob die kühne That, Und Jeder freute sich, die Tapfern zu betrachten, Und Jeder rief: O Herr, was frommt dir unser Rath? Wer so die Heldenbahn betrat, Der ist dem Besten gleich, des Größten werth zu achten. So rief der Fürstenkreis um Otto's hohen Thron. Und zu dem Ritterpaar sprach Heinrich's großer Sohn:   39. Euch ist in diesem Spruch mein eignes Wort erklungen. Nicht bin ich mit bewehrter Hand Aus Gier nach fremdem Gut in's Dänenreich gedrungen. Dem deutschen Mann genügt das deutsche Land. Nur Krieg und Raub und Schmach von meinem Volk zu wenden, Hab' ich das Schwert gefaßt. Drum nimm, sobald die Brut Der Räuber mir erlag, du Sproß aus Gormo's Blut, Das Erbe deines Stamms aus deines Rächers Händen.   40. Und du, mein junger Stern, der schon so leuchtend strahlt, Wenn andre kaum mit schwachem Schein sich heben, Dir dankt' ich einst den Sieg, dir dank' ich jetzt das Leben, Und trefflich hast du mir die Rittersporn bezahlt. Doch wenig wird die That dir frommen, Für solche große Schuld ist Otto's Schatz zu klein. Genügt es dir, des Kaisers Freund zu seyn, So sey mir stets am Thron, am Herzen stets willkommen!   41. So sprach der Fürst und neigte seinen Stab Vor Folko's Sohn mit gnäd'gen Blicken, Und freundlich stieg er dann vom Kaiserthron herab, Den Jüngling väterlich an seine Brust zu drücken. Du sollst mein Reichsgeschmeid' als schönste Perle schmücken, Du Liebling meines Freunds, der redlich bis in's Grab Mein Recht verfocht! So rief mit weichem Herzen Der Fürst, und Adalbert verging in Lust und Schmerzen.   42. Und auf dem Wiesengrün, wo sanft emporgeschwellt Mit bunten Blumen sich das frische Gras verwebte, Und leis' im duft'gen Buchenzelt Durch laue Dämmerung der Lüste Säuseln schwebte, Wird jetzt, da höher schon die Mittags-Sonne schwebte, Ein festlich Gastmahl angestellt, Und Otto führte selbst die neuen Waffenbrüder Hinaus und setzte sich in ihrer Mitte nieder.   43. Und fröhlich reihte jetzt zum königlichen Mahl Der Kreis der Helden sich zusammen. Hoch sprudelte der Wein im köstlichen Pocal, Hell schimmerte das Gold, bewegte Funken schwammen Aufzitternd im Getränk, und kühn und zagend klang, Einhallend in der Kelche Läuten, Bei'm wandelbaren Ton der leichtbewegten Saiten Manch süßes Minnelied und mancher Schlachtgesang.   44. Gar lieblich war's zu schaun, wie unter duft'gem Schatten, Von Blüthen angehaucht, in milder Fröhlichkeit Die Helden sich gelagert hatten, Die manche Schlacht gekämpft und jetzt zum neuen Streit Das kühne Herz gewandt. Und wenn vom leisen Wehen Das Blätterdach sich hob, und hell im Sonnenglanz Die Ritter leuchteten, dann wähntest du den Kranz Des nahen Sieges schon auf ihrer Stirn zu sehen.   45. Wohl dachte keiner jetzt, wie bald von Feindes Hand Dahin gestreckt zur blut'gen Erde, Dem Vätergrabe fern und seinem Vaterland, Er nie den Freudenkreis am heimatlichen Herde, Die Liebste, die sein Herz mit süßen Fesseln band, Das jugendliche Weib nicht wieder grüßen werde. Ach, wen die holde Lust mit reichem Arm umflicht, Der wähnt ein Gott zu seyn und denkt des Todes nicht!   46. Lebend'ger schwebte schon auf hellen Becherklängen Der leichte Scherz, da sah der freud'ge Kreis Von fernher einen Mann im raschen Laufe sprengen, Laut schnob das schnelle Roß, bedeckt mit Schaum und Schweiß. Schon naht' er sich dem Freudenorte, Schon sprang er ab, des Athems fast beraubt, Und neigte sittiglich dem Herrn des Reichs sein Haupt Und sank auf's Knie herab und sprach die hast'gen Worte:   47. O Herr, ich bin zu dir, ein Herold großer Noth, Gesandt von deinen Reichsvasallen: Jüngst sind in's Sachsenland die Hunnen eingefallen Mit mächt'gem Heer, rings wüthet Brand und Tod, Die Besten sinken hin, und blut'ge Ströme wallen, Wo sich der Feind genaht, unsel'ge Knechtschaft droht Den Edelsten des Gaus, und halb zertrümmert trauern, Des heil'gen Schmucks beraubt, der Tempel öde Mauern.   48. Wohl ließ vom hohen Schloß herab in's weite Land Manch edler Graf sein Kriegerhorn ertönen; Doch zagend flieht das Volk, vom Schrecken übermannt, Und folgt den Führern nicht, und alle Herzen sehnen Nach deinem Schutz sich nur. Drum neige du dem Flehn Der bangen Schaar dein Ohr und eile den Bedrückten, Die mich um Hülf' und Rath zu deinem Throne schickten, Mit mächt'gem Schwerte beizustehn.   49. Er sprach's, und tief bewegt vernahm der Fürst die Kunde, Mit ernstem Blick verstummte jeder Gast, Die Harfe schwieg, der Becher sank vom Munde, Und rasch hielt manche Hand den Schwertesgriff gefaßt; Die heitre Feier ward zur finstern Trauerstunde, Gewichen war der Scherz, der Freude Kranz erblaßt. Doch bald begann, zum sichern Rath entschlossen, Der tapfre Fürst zu seinen Kampfgenossen:   50. Mich ruft des Reiches Heil und meine Kaiserpflicht, Ihr würdet selbst den Zögernden nicht loben; Drum zieh' ich heim, dem Sturm, der plötzlich sich erhoben, Zu widerstehn. Doch zürnt dem Himmel nicht! Nie soll Besiegten gleich mein Heer von diesem Strande, Dem Feind ein Spott, entfliehn. Ihr weilt im Dänenlande, Bis ihr den Krieg vollbracht; ich zieh' allein zum Streit, Denn wo der Kaiser naht, ist auch ein Heer bereit.   51. Sobald vom Morgenthau die bunten Felder blitzen, Tret' ich die Fahrt mit wenig Rittern an. Gott wird mein Recht und meinen Pfad beschützen; Wer ihm vertraut, dem zieht ein himmlisch Heer voran. Er selber hat durch dunkle Traumgestalten Die Zukunft mir in dieser Nacht enthüllt. Wohl schien mir rätselhaft das flüchtige Luftgebild; Doch sichrer kann vielleicht der Geist es jetzt entfalten.   52. Mir schien's, als hätte mich die Himmelskönigin Zum Wächter eingesetzt in ihrem Blumengarten, Und Schwert und Scepter legt' ich hin Und ging von Beet zu Beet, den bunten Schmuck zu warten. Dort flammte mancher Kelch gleich hellem Edelstein Und mancher ließ den Glanz des Morgenroths erscheinen, Und andre schimmerten im matten Silberschein, Den Perlen gleich, die sel'ge Engel weinen.   53. Doch ferne, wo den letzten Rand Des blühnden Reichs ein dicht Gehege schützte, Hob eine Rose sich im leuchtenden Gewand, Die wie ein heller Strahl aus Gottes Augen blitzte. Wohl schien mir um den heil'gen Strauch Ein ganzes weites Feld von Rosen aufgesprossen; Denn zitternd hatte sich gleich duft'gem Morgenhauch Der sel'gen Blume Glanz durch Busch und Wies' ergossen.   54. Entzückt betrachtet' ich das holde Blüthenlicht. Da kam mit schwirrendem Gefieder Aus hoher Luft ein häßlich Raubgezücht Und schoß mit raschem Schwung zum zarten Strauch hernieder, Und gierig flog und hüpft' es jetzt Von Kelch zu Kelch und nascht' und pickte; Und manche Knospe sank verletzt Vom spitzen Schnabel hin, und mancher Zweig zerknickte.   55. Und zürnend der verwegnen Brut Ergriff ich meinen Stab, die Räuber fortzuscheuchen. Da rauscht' es in des Hains verworrenen Gesträuchen, Und brüllend stürzte sich mit aufgereizter Wuth Ein wilder Leu hervor. Rasch hob zu raschen Streichen Sein Schweif sich aus, der Rachen troff von Blut, Und aufrecht stand er da und schwang die scharfen Klauen, Zu meinem Herzen sich den Todespfad zu hauen.   56. Da dacht' ich in der Noth des Rosenstrauchs nicht mehr, Jetzt galt's, durch tapfern Kampf dem Tode zu entrinnen. Nicht konnt' ich mehr mein Schwert, das fern mir lag, gewinnen, Drum schwang ich hoch den Stab zur rüst'gen Gegenwehr. Wohl fuhr der grimme Feind mir ungestüm entgegen, Doch wich ich rasch ihm aus und sprang mit kühnem Sinn Gewalt'ger dann hinzu, und sieh, nach wenig Schlägen Sank halbgelähmt das Thier zu meinen Füßen hin.   57. Und als ich jetzt um seine starken Glieder Den tapfern Arm, es zu erwürgen, schlang Und unverzagt mit meinem Feinde rang, Da ließ ein Adlerpaar sich aus den Lüften nieder. Der eine schien erst jüngst aus strenger Haft befreit, Und muthig schwang er jetzt zum Streit Der Ketten harte Last, indeß mit meinem Schwerte, Das fern im Grase lag, der andre sich bewehrte.   58. Und grimmig fielen sie die frechen Vögel an, Die immer schamlos noch die heil'ge Ros' entweihten. Wild krächzt' im Zorn die Schaar, ein harter Kampf begann, Die Flügel rauschten laut, die scharfen Krallen dräuten, Die Schnäbel trafen sich; und sieh, es zog von weiten Noch mancher dichte Schwarm heran, Den Räubern beizustehn; schon flogen leicht und lose Im Wind die Federn rings, und Blut entrann der Rose.   59. Kaum hatt' ich jetzt nach harter Kampfesnoth Das grimme Thier in meinem Arm bezwungen, Da war den Adlern auch der blut'ge Sieg gelungen. Die Feinde flohn von tiefen Wunden roth, Und mancher barg verzagt sich in die Dämmerungen Des wilden Hains, und mancher stürzte todt In's Gras herab. Ein lindes Säuseln wallte, Wo eben noch des Kampfs verworrnes Krächzen schallte.   60. Und prangend breitete der jüngst gefangne Aar Die Flügel aus und hing mit leisem Schweben Still ob dem Rosenstrauch, und ruhig schien und klar Ein goldner Kronenschmuck sich um sein Haupt zu weben; Und girrend fanden sich viel fromme Tauben ein Und nisteten im Schutz der mächtigen Gefieder Und träufelten von zarten Flügelein Viel kühlen Thau zur kranken Rose nieder.   61. Doch jener, der das Schwert zum kühnen Kampf gezückt, Sank siegreich zwar, doch schon vom Tod' umstrickt, Rasch blutend hin. Und wie die rothe Welle Aus seiner wunden Brust den heil'gen Strauch umfloß, Da lachte wunderbar in frischer Rosenhelle Ein jeder welke Kelch, und jede Knospe schloß Sich leuchtend auf, und lieblich hört' ich's schallen: Der Phönix lebt, wenn auch der Staub zerfallen.   62. Dies war mein Traum. Jetzt deutet, edle Herrn, Das nächtliche Gesicht! Zwar dämmert's mir von weiten, Doch halb entschleiert nur gleich einem blassen Stern, Um den mit leisem Flug sich dünne Wolken breiten. Wenn auch für Alle Sieg und Glück Die luft'gen Bilder uns verkünden, So scheint für Einen doch ein feindliches Geschick Das freud'ge Licht des Heils mit Nebel zu umwinden.   63. Der Kaiser sprach's, und so begann Ansgarius, des Herrn gesalbter Diener Ansgarius, des Herrn gesalbter Diener – Ansgar, Ansgarius, oder Anscharius, der erste Erzbischof von Hamburg und Bremen, gehört freilich nicht hieher, da er hundert Jahre früher unter Ludwig dem Frommen und Ludwig dem Deutschen lebte. Weil er aber zuerst das Christentum unter den nordischen Völkern zu verbreiten anfing und dabei mit besonderer Klugheit, Mäßigung und Rechtschaffenheit verfuhr, so gestattet man es dem Dichter vielleicht eben so gern, daß er diesen Reformator in die Handlung seines Gedichts verwebt, als man dem Virgil die Einführung der Dido gestattete. Eine Lebensbeschreibung des heiligen Ansgar von seinem Schüler und Nachfolger, dem heiligen Rimbert, die zuerst vollständig von Lambeccius im Jahre 1651, nachher mit einer alten dänischen Uebersetzung von Arrhen 1677 herausgegeben wurde, verbreitet vieles Licht über die frühere christliche Religionsgeschichte der nordischen Völker. Bei beiden Ausgaben befindet sich auch eine Biographie desselben Mannes in heroischen Versen, die von Lambeccius einem gewissen Gualdo, einem Mönch in Corvey, der im 14ten Jahrhunderte lebte, zugeschrieben wird. : Wohl ziemt ein frommer Tod dem tapfern Kriegesmann, Und was Verruchte schreckt, das macht den Gläub'gen kühner. Drum wag' ich ohne Scheu, wie mir's, von Gott beseelt, Der Geist enthüllt, den Sinn des Traumes euch zu melden. Dann prüft euch selbst, ihr wackern Helden, Wen unter euch der Herr zum schönen Tod erwählt.   64. Ist Christi Glaube nicht der Blume zu vergleichen, Die Glanz und Duft durch alle Welt verstreut? Muß welkend nicht ihr heller Schein erbleichen, Da mit verwegnem Hohn die Heiden sie entweiht? Kann jetzt des Kaisers Arm dem schnöden Frevel wehren, Da Deutschlands heil'gem Reich die wilden Hunnen drohn? Und wird nicht friedlich einst um Biarko's sichern Thron, Wenn uns der Sieg gelang, die gläub'ge Schaar sich mehren?   65. Doch wie der Sohn des Herrn, vom blut'gen Stahl verletzt, Am Kreuze rang und starb, das Heil uns zu erwerben, So soll auch jener Held, dem wir als Führer jetzt Das Schwert des Reichs vertraun, für Gottes Ehre sterben. Wohlan, wer unter euch sich jenes Preises werth, Zum Tode stark sich fühlt, wozu der Herr ihn weihte, Der trete männlich auf und fasse kühn das Schwert Und sey mit heil'ger Kraft des Heeres Fürst im Streite!   66. Der Bischof sprach's, und fromm und düster stand Der Ritterkreis umher, und Jeder dacht' im Herzen An seine zarte Braut, an's theure Vaterland, An manche treue Brust, die lange schon mit Schmerzen Den Fernen heimgewünscht. Wie schwer die bittre Schmach Auch Jeden ängstete, kein Held erstand und sprach. O Leben, blühnde Lust! wie scheint uns Hoffnungsvollen Dein Reiz so arm, so reich, wenn wir dich meiden sollen!   67. Als so die edle Schaar im innere Kampfe schwieg, Trat Adalbert hervor und sprach mit glühnden Blicken: Gieb mir, o Fürst, das Heer! vertraue mir den Krieg! Was auch dem Wagenden die ew'gen Mächte schicken, Mich reizt der Tod, mich lohnt der heil'ge Sieg. Ich will die Palm' erziehn, mag sie ein Andrer pflücken, Ich duld' es gern; denn wenn der Himmel spricht, Dann beuge sich der Mensch und zag' und richte nicht!   68. Nichts kann schon längst die blühnde Welt mir geben, Mein einz'ges Ziel ist was mir Gott gebeut; Fern sieht mein Blick die goldne Krone schweben, Der ring' ich nach durch Muth und Schmerz und Streit; Im Tode nur erblüht mein wahres Leben, Was Leben heißt, das ist mir Noth und Leid. Drum zürnet nicht, daß der den Preis euch raube, Der nichts verlangt und nichts mehr hoffen darf vom Staube.   69. Er sprach's und hob den Geist empor aus ird'scher Nacht Und stand mit kühnem Blick, das Schwert in seinen Händen, Wie still am Himmelsthor der erste Cherub wacht, Mag Segen oder Fluch der Herr herniedersenden. Zerronnen war vor ihm der Erde Leid und Glück, Und jeder Sonnenstrahl, der durch die Blätterkrone Der Bäume niedersank, schien ihm ein Liebesblick, Womit Cäcilie dem theuern Sieger lohne.   70. O Liebe, Kranz des Lichts, wie leuchtest du so schön, Wenn Kraft und Glaube sich mit deinem Schmuck verbinden! Groß wird der Geist, den deine Düft' umwehn, Und alles Niedre muß vor seinem Blick entschwinden. Entsagend selbst wird er den Himmel finden Und kühn durch Nacht und Tod auf deinen Pfaden gehn. Und weil er liebt, verachtet er das Leben Und will das Schöne nur, und nicht die Lust erstreben.   71. Bewundernd sieht der Fürst den jungen Helden an, Der jetzt so stolz, so freudig, so gelassen In's Aug' ihm blickt; und traurig ruft er dann: O Blume meines Reichs, sollst du schon jetzt erblassen, Da kaum dein Lenz in frischer Kraft begann? Wie kannst du so das schöne Leben hassen, Das selbst den schwachen Greis in Müh' und Schmerz erfreut, Das viel noch von dir heischt und noch so viel dir beut?   72. Allein es sey! Ich kann den Spruch nicht wenden, Der Gott gefällt. Geh hin an's hohe Ziel! Und Kraft und Trost wird dir der Himmel senden, Dem, nach dem Heiland, nie ein reinres Opfer fiel. So magst du groß und schön und herrlich enden, Du Schwert des Herrn im wilden Kampfgewühl, Und ewig soll den Kranz, den jetzt mit dunkelm Walten Das Schicksal dir entzieht, der Nachruhm grün erhalten.   73. Wohl muß ich jetzt mit Schmerz von hinnen ziehn, Wie von dem Sohn der Vater trauernd scheidet. Noch seh' ich dich in heitrer Schöne blühn, Bald liegst du starr in bleichen Tod gekleidet: Entflohn ist dann die Kraft, der freud'ge Heldenmuth, Ein finstrer Leichenschmuck des Armen ganze Habe, Und mancher Wunsch und manche Hoffnung ruht Mit dir zugleich verhüllt im dunkeln Grabe.   74. Doch sey getrost! Mit kühnem Angesicht Sieh auf zu Gott, zu ihm, der dich gesendet! Den feigen Mann erkennt das Leben nicht; Der lebt allein, wer Herrliches vollendet. Und wie das Roth, das um den fernen Pfad Des Himmels glüht, wenn auch die Sonn' entschwebte, So kündet lange noch der Segen seiner That Der späten Welt den Raum, wo einst ein Edler lebte.   75. Er sprach's und reichte dann dem Jüngling seine Hand Und küßt' ihn väterlich und führte durch die Reihe Der Fürsten dort ihn hin, wo Gottes Priester stand, Daß er zum heil'gen Kampf das Schwert des Helden weihe. Andächtig vor dem frommen Greis Ließ jetzt sich auf die Knie der edle Ritter nieder, Und schweigend schloß zum weiten Kreis Sich rings die tapfre Schaar der deutschen Waffenbrüder.   76. So steht das dichte Volk um's stille Feuer her, Das hell empor zum heil'gen Opfer lodert; Wohl Manchem ist das Herz von leisen Sorgen schwer, Der staunt, der preist den Herrn, und Jener wünscht und fodert; Doch frei und fröhlich drängt sich durch den dünnen Flor Des Dampfs die reine Gluth und spielt in lichter Helle, Und mancher Funke steigt empor Und naht aus ird'scher Nacht des Lichtes ew'gem Quelle.   77. Zieh hin mit Gott, so sprach der Knecht des Herrn, Sieh auf zu ihm, so wird er niederschauen. Bekämpfe dich, entsag' und dulde gern, Sey groß in Kraft, in Demuth, in Vertrauen! Den Deinigen sey in der Noth ein Stern, Den Flehenden ein Schild, dem Feind ein tödtlich Grauen! Wie leuchtend auch der Kranz um deine Stirn sich flicht, Du bist ein Mensch, drum frevl' im Stolze nicht!   78. Nimm hin das Schwert, das ich mit Gottes Segen Zum Kampf geweiht, und schwing es stark und kühn! Du sollst es sterbend nur aus deinen Händen legen; Der Himmel hat zum Sieg, zum Tod es dir verliehn. Der Herr behüte dich und segne dich hienieden Und dort, der Herr des Lichts erleuchte dir voll Huld Sein Angesicht und tilge deine Schuld. Der Herr erbarme sich und schenke dir den Frieden!   79. Er sprach's, und ernst erhob im Kreise sich der Held Und stand, dem Monde gleich von Wolken halb umgeben. Geschieden war er jetzt vom Leben, Durch feierlichen Schwur dem Tode zugesellt. O großes Herz, wie freudig mußt du schlagen! Kein schönres Loos begehrt der edle Mann, Der Alles für die Liebe wagen, Von Liebe Alles hoffen kann.   80. Schon sank der späte Tag, und wie im Erdentraume Ein heil'ges Leben stirbt, um schöner aufzublühn, So neigte sich das Licht am klaren Himmelssaume, Im Sinken groß und leuchtend im Entfliehn. Noch lange schien der Strahl auf fernem Wellenschaume Und lang' um's grüne Haupt der Berge noch zu glühn. Doch als mit grauem Schein die Wolken rings erblaßten, Ging Jeder heim, im nahen Zelt zu rasten. Achter Gesang. 1.                       Kaum war der frühe Tag am Himmelssaum erwacht Und hob, wie halb vom Traume noch umfangen, Durch fliehnden Duft, mit rosenrothen Wangen Und irrem Blick sich aus dem Schooß der Nacht, Da klang der Ruf des Horns, und jeder Führer stellte Die tapfre Schaar um's flatternde Panier, Und herrlich angethan mit edler Waffenzier Trat Heinrich's großer Sohn hervor aus seinem Zelte.   2. Wie durch des Gärtners Kunst getrennt in manches Beet Der Garten prangt, wo Rosen hier entsprießen, Dort mit dem offnen Kelch die Lilien dich grüßen, Die Nelke dort sich senkt und dort die Tulpe steht; So war um seine eignen Fahnen Ein jeder Gau geschaart, in seines Volkes Tracht Ein jeder Mann gehüllt, und jeder Fürst der Schlacht Trug stolz am Schild und Speer die Farben seiner Ahnen.   3. Mit Adalbert erschien vor seiner Völker Reihn Der Herr des deutschen Reichs, und wie mit wildem Brausen Die Windesbraut am Tannenhain Im Zorn vorüberfährt, daß hell die Gipfel sausen, Rasch reißt der Sturm sich fort und heult und kracht und gellt Und schwindet nach und nach gedämpft in ferner Haide: So flog ein Siegesruf der Freude Erst laut, verhallend dann, durch's weite Waffenfeld.   4. Ihr Völker meines Throns und Streiter meiner Kriege, Begann der Fürst, mich ruft des Reiches Noth. Treu folgtet ihr mir stets zur Schlacht und froh zum Siege, Vernehmt auch jetzt und achtet mein Gebot! Der alte Feldherr muß von seinem Heere scheiden, Doch läßt er nicht euch ohne Schutz zurück; Drum muthig! kämpft und steht mit Freuden! Nur mit dem Rechte flieht, nicht mit dem Herrn das Glück.   5. Vertraut auf den, den ich mir auserkoren, Den Gott sich selbst zur großen That ersehn; Ihm haltet, was ihr mir geschworen, Und was durch ihn geschieht, das sey durch mich geschehn! Mein war der Kampf, jetzt will ihn Gott vollbringen. Seyd treu und stark, ein Rath, ein Will', ein Schwert! Einträcht'ge liebt der Herr und läßt ihr Werk gelingen, Wer seinem Stolz gebeut, nur der ist ehrenwerth.   6. Wie dort der Strahl am rothen Himmel leuchtet, Und wie der Thau, der stille Sohn der Nacht, Ringsum die Flur mit kühlem Duft befeuchtet, Daß Wies' und Wald in frischem Glanze lacht: So soll auch dieses Volk durch unsre blut'ge Fehde Ein Licht des Heils, ein ew'ger Tag erfreun, Und fröhlich soll in feindlich wilder Oede Mit friedlich mildem Glanz das Wort des Herrn gedeihn.   7. Drum seyd getrost und haltet wach am Schwerte Die tapfre Hand! Nicht muthlos ist der Feind, Nicht ohne Müh das Werk, wodurch der Herr euch ehrte, Nicht klein der Dank, der euch am Ziel erscheint. Nur durch gewalt'ge Kraft wird Herrliches geboren, Nur durch den harten Stahl entsprüht der Glanz dem Stein, Und nur der Held geht zu des Sieges Thoren Durch Blut und Schutt, des Friedens Herold, ein.   8. Und du, den Gott als einen Krieger sandte Zum heil'gen Kampf, dem er schon früh Das junge Herz zu großen Thaten wandte Und in der kleinen Welt so hohen Sinn verlieh, Dir sag' ich nichts. Du trägst den Kranz mit Freuden, Wodurch dich Gott vor allem Volk verklärt, Zu groß für ird'sche Lust bist du des Todes werth, Dein Kaiser weint um dich, – du lächelst – laß uns scheiden!   9. Er sprach's und drückte rasch des Helden ehrne Hand Und ging dem Rosse zu. Und alle Fahnen senkten Sich vor dem Jüngling tief, und viele Thränen drängten Aus Heldenaugen sich, und mancher Krieger stand Mit frommerhobnem Blick. Doch durch die feuchten Auen, Die jugendlich der lichte Hain umlaubt, Ritt Otto schon hinweg und bog das ernste Haupt Noch oft zurück, den Freund zum letzten Mal zu schauen.   10. Doch als im Walde Mann und Roß Allmählig schwand, da denkt der Held an seine Lieben, Die fern auf ödem Felsenschloß In Reinalds Schutz zurückgeblieben. Nicht länger kann er jetzt das Wiedersehn verschieben, Auch mahnt ihn schweigend oft sein tapferer Genoß Durch Wink und Blick. Was frommen Ruhm und Freuden, Soll unser Herz dafür sein schönstes Kleinod meiden!   11. Doch darf er nicht das Volk, das ihm sein Herr befahl, Der irren Heerde gleich, dem Zufall überlassen; Drum schaut er still umher und sucht mit ernster Wahl Den Mann, der würdig sey, das Feldherrn Schwert zu fassen. Wohl war hier mancher Held von adligem Geblüt, Wohl mancher konnte werth des schönen Lohnes heißen, Doch keiner thronte jetzt so hoch in Sag' und Lied Als Archimbald, der edle Graf von Meißen.   12. Zu ihm trat Adalbert und sprach mit mildem Wort: Mir hat ein ernstes Amt der Kaiser zugewendet; Doch ruft die ältre Pflicht auf kurze Zeit mich fort. Sey du der Schutz des Heers, bis ich die Fahrt vollendet! Lang glänzt dein alter Ruhm durch manche kühne That, Wohl möchte mich dein Herz ein stolzes Knäblein schelten, Bestimmt' ich dir mit keckem Wort den Pfad, An dessen Ziel schon längst dich Kraft und Weisheit stellten.   13. Gar sittig neigt der Graf sein Haupt Und spricht: Mich ehrt die Pflicht, die mir dein Ruf vertraute. Wenn auch vom Alter längst die Scheitel mir ergraute, Noch ist nicht jede Kraft dem tapfern Arm geraubt, Nicht aller Muth der Brust. Dies Schwert, das oft die Kriege Des Reichs verfocht, der alte treue Stahl, Den noch kein Feind zerbrach, wohl führt er noch ein Mal Auf längst gewohnter Bahn den grauen Freund zum Siege.   14. Er sprach's und schlug an's Schwert und bot den Rittern dann Zum Lebewohl die Hand. Die eilten zu den Rossen Und ritten, hell vom Glanz des frühen Lichts umflossen, Durch Wies' und Thal hinweg. Tiefschweigend übersann Ein jeder sein Geschick. Durch leichte Liebesträume Flog Biarko's Geist dahin und schaute stolz im Glück Zur schönen Welt hinab; doch seines Freundes Blick Hing ernst und ahnungsvoll am Blau der ew'gen Räume.   15. O Seligkeit! so dachte Gormo's Sohn, Ha, wie es glänzt und duftend weht und schimmert! Wie lacht die Luft so hell, wie schallt von süßem Ton Gebirg und Thal, wie perlt und flimmert Im Blüthenkelch der Thau! Ist nicht die weite Welt Ein holdes Brautgemach, wo Lieb' und Lust und Sehnen Mit tausend Stimmen spricht, und Wies' und Wald und Feld Zu einem Kranz sich webt, der Liebsten Haupt zu krönen!   16. Wie flüchtig wallt in meiner Brust das Blut, Wie rieselt freud'ge Kraft durch meine leichten Glieder! Hoch schwillt das kühne Herz von frischem Lebensmuth, Dem raschen Geiste wächst ein fröhliches Gefieder, Das in die Höh' ihn schwingt. Und wie sich auf und nieder Der Himmel regt, und hell die blaue, luft'ge Fluth In zartes Licht zerrinnt, so scheint mein ganzes Wesen Leisathmend in den Glanz der Lust sich aufzulösen.   17. Bald werd' ich jetzt die Heißgeliebte sehn. Wohl harrt sie mein, vielleicht vom duft'gen Blüthenschleier Des Hains verhüllt, und horcht dem linden Wehn Des Laubendachs und seufzt: Wo weilst du, mein Getreuer? Ihr zartes Haupt ruht sinnend auf der Hand, Das helle Morgenroth umleuchtet ihre Wangen, Die Blume küßt den Arm, und leichte Blüthen hangen Im sanft gelockten Haar und flattern um's Gewand.   18. Ich nahe schon, ich nahe, süßes Leben! Schon ist mit Gott mein tapfres Schwert bereit, Dich hoch empor, Geliebte, zu erheben Aus niederm Staub und öder Einsamkeit. Die helle Krone soll in deinen Locken blitzen, Ein goldner Schmuck um deinen zarten Leib, Und wie die Sonn' am Pol, so sollst du prangend sitzen Auf königlichem Thron, ein königliches Weib.   19. Und wenn ich zagend dann, von heißer Sehnsucht trunken, Geblendet von dem Strahl, der deinem Aug' entfließt, Auf meine Knie vor dir, du Herrliche, gesunken, Und nur mit scheuem Blick mein banges Herz dich grüßt, Dann hülle mild die freundliche Gewährung Dein keusches Angesicht in ihren Rosenflor, Und schüchtern hebe du zu seliger Verklärung Den Glücklichen, der dich errang, empor!   20. So träumte Gormo's Sohn, und süße Gluth durchbebte Sein klopfend Herz; auf jedem leisen Laut, Auf jedem Duft, auf jedem Lüftchen schwebte Sein freud'ger Geist voran zu seiner holden Braut. Doch wie der stille Mond das luft'ge Meer durchgleitet Und auf die Wolken selbst, die feindlich sich ihm nahn, Auch im Verschwinden noch sein mildes Licht verbreitet, So zog sein Freund dahin und dacht' im heil'gen Wahn:   21. Sey still, mein Herz! Was schlägst du schwer und bange, Da sich das Ziel, wonach du rangst, genaht? Selbst schwachen Sinn erhöht und stärkt die große That; Was zagst denn du, da Gott dich schon so lange Zu seinem Werk erkor? Schon steigt auf hellem Pfad Die Sonn' empor, schon sinkt zum Untergange Das heil'ge Licht. Ein edler Fall erhebt, Wer herrlich stirbt, der hat genug gelebt.   22. Senkt nicht der Thau sich friedlich auf's Gefilde, Ein zarter Gast, der aus dem Himmel stammt? Er schafft den Blüthenhalm zum hellen Sterngebilde Und kühlt im Kelch den Duft, wenn heiß die Sonne flammt. Doch wenn er mild das matte Grün erhoben Und in der Blume Schooß ein zartrer Athem lebt, Dann kehrt er auf dem Strahl des Lichts zurück nach oben, Ein silbernes Gedüft, das durch den Himmel schwebt.   23. So muß die Liebe nahn und so das Herz berühren, Im irdischen Gebild ein Funk' aus Gottes Brust. Nur stärken soll sie uns, nur heiligen und zieren, Auf Erden wohnt der Wunsch, im Himmel nur die Lust. Und ist die weite Welt auch herrlich rings gestaltet, Schlägt auch das junge Herz mit sehnsuchtsvollem Drang Dem warmen Leben zu, noch keine Kraft errang Die Perle, die erst dort ihr reines Licht entfaltet.   24. Uns ist ein schönres Land da drüben aufgethan, Auf Wolken thront die Burg, die Starke nur gewinnen; Durch Nacht und Nebel geht die Bahn, Doch weht das Morgenroth als Fahne von den Zinnen. Hinan, hinan! Ein Engel zieht vorauf Und haucht dir Stärkung zu, wenn Kraft und Muth ermatten, Und friedlich endet sich im lichten Palmenschatten Nach heißer Müh der siegbekränzte Lauf.   25. So denkt der Gottesheld und zieht im ernsten Schweigen Mit seinem Freund bergauf, bergab. Sein Herz ist hell, und Glaub' und Hoffnung steigen In seinem Busen auf und kränzen Tod und Grab. Er schaut empor, und Engelbilder neigen Zum zarten Gruß dem Freunde sich hinab, Und über kurzes Glück und über Wunsch und Wehe Schwingt zu der sel'gen Schaar sein Geist sich in die Höhe.   26. Schon war das Thal durcheilt, schon dröhnte rasch und laut Vom Doppelschlag des Hufs der hohe Bergesrücken, Die Ritter sahn umher, die Zinnen zu erblicken, Wo Liebe jetzt vielleicht nach ihren Freunden schaut. Wohl ragten fern die alten Tannen Am Rand des Vorgebirgs, wohl that des Berges Thor Sich tief einschneidend auf, wo tausend Bäche rannen, Doch keine Warte hob im Walde sich hervor.   27. Und dunkle Ahnung weht gleich mitternächt'gen Winden Sie schaurig an, ein schwarz beschwingter Geist, Der Zweifel treibt sie fort, das Räthsel zu ergründen, Indeß des Unheils Furcht sie stehn und zaudern heißt. Nur langsam nahn sie sich, wie auf unheil'ger Stelle Ein Wandrer geht, wo tief der Erde Bauch Gefangnes Feuer nährt, und gift'ger Schwefelhauch Durch jähe Spalten dringt aus unterird'schem Quelle.   28. Sie langen an, und wie die Flur sich zeigt, Wenn wild das Element sein Felsenband zerrissen Und mit gewalt'gem Zorn aus tiefen Finsternissen Zum Licht empor mit tausend Armen steigt, Der Boden höhlt sich aus von grimmen Feuerflüssen, Zum Abgrund wird der Fels, gespaltnen Bergen weicht Das enge Thal, zerstörte Städte decken Gleich einem Leichenstein die fluchbeladnen Strecken:   29. So lag die Stätte da, worauf die Liebe kaum Ihr schönstes Fest beging. Zertrümmert war der Hallen Gewölbtes Dach, vom Schutt bedeckt der Raum, Wo Pfeiler und Gesims in's tiefe Thal gefallen, War Baum und Busch zerknickt. Doch wie ein starker Held Im Siegeskranze liegt auf blut'gem Waffenfeld, So schien der alte Thurm mit seinen Mauerkronen, Wenn auch hinabgestürzt, noch auf dem Schutt zu thronen.   30. Der Bilder alte Zier, die sonst den Saal geschmückt, Das fürstliche Geschlecht, das einst mit stolzem Prangen In dieser Burg geherrscht und tapfer und beglückt Hier manches Siegesmahl, manch hohes Fest begangen, Vergessen lag es jetzt, von Schutt und Staub umfangen, Von seiner eignen Macht zerschmettert und erdrückt, Und jede Stelle war dem Enkel längst entschwunden, Wo Lieb' und Wohl und Weh die Väter einst empfunden.   31. Nicht hatte Menschenhand und nicht die Kraft der Zeit So wunderbar den alten Bau zerrüttet. Der Steine Riesenlast war weit umher verstreut, Emporgewühlt der Grund, die Giebel tief verschüttet, Gespalten war der Fels, der hoch die Feste trug, Verwelkt das Grün, das seinen Abhang schmückte, Und ringsum schien's, als ob ein schwerer Fluch Gefild und Wald und Luft und Leben drückte.   32. Erstarrt steht Adalbert, ein kaltes Zittern strebt Durch sein Gebein, ein trüber Schleier windet Sich um sein Aug', aus seinen Wangen schwindet Das Roth, es bricht sein Knie, sein Körper schwankt und bebt. Er weiß im Schmerz sich nicht zu helfen noch zu rathen, Die Hand, die zürnend erst zum Schwerte fuhr, sie neigt Sich schlaff dahin, er denkt an seine Thaten Und sieht empor zu Gott und sieht hinab und schweigt.   33. So schwieg der alte Held So schwieg der alte Held . – Dieses Bild ist aus einer Situation im Titus Andronicus Act III. Sc. 1. genommen, einem Stücke, das nach verschiedenen Urtheilen dem Shakspeare bald ab- bald zugesprochen wird, worin ich aber fast nur diese einzige Scene seiner würdig nennen möchte. , der Alles hingegeben, Was ihn geschmückt, der Hohn und bittre Pein, Der Schande selbst ertrug, der Kinder holdes Leben Aus seines Feindes Hand vom Tode zu befrein. Bald denkt er nun die Theuren zu umarmen, Das Einzige, was noch das Glück ihm nicht geraubt, Da naht ein Henker sich und bringt ihm ohn' Erbarmen Mit kaltem Spott der Söhne blutig Haupt.   34. Doch wie der Blitz, wenn auch die Wolk' ihn bindet, Und schwarz verhüllt der Donner mit ihm ringt, Mit raschem Strahl die rege Nacht durchdringt Und leicht sein Grimm ein sichres Opfer findet, Er zuckt und fährt hinab und trifft und zündet, Die Flamme steigt, und Fels und Mauer sinkt, Der ist kein Kind des Glücks und nicht von Gott gesegnet, Der auf der mächt'gen Bahn dem Zürnenden begegnet:   35. So flammte Biarko's Zorn. Kein dumpfes Staunen band Ihm Geist und Arm, nein, wilder Schmerz empörte Zum Wahnsinn seine Kraft. Rasch griff er nach dem Schwerte, Sein Auge flog umher und suchte wuthentbrannt Den Räuber seines Glücks, durch Busch und Dorn und Hecken Und Klippen drang er vor und sprang von Wand zu Wand Am Fels hinab und rief und schwieg und lauscht' und stand, Die Stimme seiner Braut im Thale zu entdecken.   36. Dann kehrt' er heim zur Burg und sucht' in wilder Qual, Ob dort ihm keine Spur, kein schwacher Trost erscheine. Bald irrt' er hier, bald da und grub mit scharfem Stahl In Asch' und Staub und schleuderte die Steine Umher mit wüth'ger Kraft. Rings splitterten die Haine, Laut scholl die Luft, dumpf donnerte das Thal Vom harten Wurf, und wie in Wind und Wetter Zerstoben, rasselten vom Schutt die dürren Blätter.   37. Doch als erschöpft die letzte Kraft ihm bricht, Da sinkt er stumm mit sterbender Geberde, Mit wundgeritzter Hand und blut'gem Angesicht Und athemloser Brust, entstellt und bleich zur Erde, Sein Auge starrt, er regt und fühlt sich nicht Und seufzt nur matt. So liegt am Opferherde Des Stiers gelähmte Kraft. Er schweigt, und nach und nach Wird mit den Thränen erst die dumpfe Klage wach.   38. Ist auch ein Gott, so sprach vom Wahn bezwungen Der irre Geist aus ihm, wo weilte denn sein Blick, Als diese Blume sank? Und ist das höchste Glück Denn nur ein eitler Traum, vom Augenblick entsprungen, Vom Zufall fortgerafft, so dulde, zürnend Herz! Was freust du dich im Glück, was blutest du im Schmerz? Wohl ist ein Gott, hart treffen seine Pfeile; Doch keinen Richter giebt's, der Lust und Leid vertheile.   39. Und ist es denn umsonst, daß kühn der edle Muth Ein hohes Ziel sich setzt, um das er Alles wage, Um das er Kampf und Müh' und Schmerz und Noth ertrage, Um das er freudig Gut und Blut Und Kraft und Leben giebt, das jedes Glück ihm gründet, Für alles Herrliche den tapfern Mann entzündet, Mit jeder Tugend ihn, mit jedem Schmuck ihn ziert Und einst den Würdigen empor zum Himmel führt?   40. So hab' ich dich geliebt! So warst du meinem Leben Der beste Schatz! Ach, Liebe nur vermag Mein schwankend Herz zu großer That zu heben! Jetzt bist du hin, und zagend sinkt und schwach Mein Geist zurück. Was du mir einst gegeben, Entschwand mit dir, der Schmerz nur blieb mir nach! Was frommt es mir, zu hoffen und zu wagen, Ist's nicht für dich? – Fahr' hin! ich muß verzagen.   41. Nein, ich verzage nicht. Noch lebst du wohl, noch traut Und hofft dein Herz auf mich. Dich will ich wiederfinden, Ich schwör' es dir! Sey muthig, holde Braut! Und wärst du auch versteckt in tiefen Felsenschlünden, Wärst du auch dort, wohin kein Menschenlaut, Kein Auge reicht, wo Licht und Leben schwinden, Ich dringe kühn in deinen Kerker ein Und will dein Schutz, dein Heil, wo nicht dein Retter seyn!   42. Er ruft's und rafft sich auf und steht mit frischem Muthe, Mit alter Stärke da, sein Aug' ist neu belebt, Er fühlt es nicht, daß Wang' und Hand ihm blute, Da über Schwäch' und Schmerz die Hoffnung ihn erhebt. Noch schwieg sein Freund; wo sie von ihm geschieden, Da saß er still, auf seinem Arme lag Sein mattes Haupt, er sann und kämpfte lang um Frieden, Um Glauben nur zu Gott. Dann sah er auf und sprach:   43. So sey es denn, ich will auch das dir schenken! Gewalt'ger Gott, schwer fühl' ich deine Hand Auf meinem Haupt. Ich dulde, magst du's lenken, Wie dir's gefällt. Dir ist allein bekannt, Was deinem Kinde frommt. Du hast mir Sorg' und Klagen Und nahen Tod bestimmt. Oft hat in frührer Zeit Mein Herz gezürnt. Vergieb! – Jetzt kann ich Alles tragen, Nachdem ich dies ertrug. Befiehl! ich bin bereit.   44. Doch ach, daß sie, die Göttliche, die Reine, Die, reich an heil'ger Kraft und frei von ird'scher Schuld, Dein schönster Abglanz war, du Gott der Lieb' und Huld, Daß sie so früh schon sank, das ist's, warum ich weine, Was mich verzweifeln läßt. Weh mir, weh, armes Herz, Sie litt für dich! Sie, der so hold hienieden Das Leben lächelte, sie ist für dich geschieden, Und du, du brichst noch nicht und trägst den bittern Schmerz?   45. Ach, die so liebreich war, so heilig im Gemüthe, Der Gott den reichsten Schmuck so wunderbar verliehn, Daß alles Herrliche, was je im Leben blühte, In ihr allein nur klar und tadellos erschien, Sie, deren offnes Herz von jedem leisen Klange Der Lust erzitterte, in der sich jedes Glück Verschönerte, sie starb, und ich, der schon so lange Vom Leben schied, ich Armer blieb zurück!   46. Doch flieht das Zarteste nicht immer früh von hinnen? Naht nicht im schönsten Duft den Blüthen schon der Tod? Erblaßt bei'm ersten Strahl nicht schon das Morgenroth? Muß nicht im Sinken fast die Perle schon zerrinnen, Die rein vom Himmel thaut? Ach, von den ew'gen Höhn Sieht selten nur der Mensch die selben Engel steigen! Wen einmal sie gegrüßt, der muß vor Gott sich neigen Und freudig seyn, er hat den Glanz des Herrn gesehn.   47. Ich will ihr nach! Nicht lange will ich scheiden Von ihr, die jeden Schmerz ertragen mich gelehrt! Sie liebte mich, ich bin des Himmels werth; Stark will ich seyn, will kämpfen jetzt mit Freuden! Sie leitet mein Panier, sie selber lenkt mein Schwert. Süß ist's, für sie zu handeln und zu leiden, Für sie zu sterben, süß, und wenn das Werk gelang, Dann lohne mich der Tod, ihr sey des Sieges Dank!   48. So ruft er aus und sieht mit hellen Blicken Zum Himmel auf, dann naht er seinem Freund. Sie sehn sich schweigend an und drücken Sich lang an' s Herz, und Jeder seufzt und weint An seines Freundes Brust. Uns ließ das Glück uns finden, Ruft Adalbert, und gleicher Liebessinn Zog leis' und süß den Freund zum Freunde hin, Viel fester noch wird jetzt uns gleiches Leid verbinden.   49. Ich ziehe fort, wohin die Pflicht gebeut. Du bleib' und forsche rings in diesen wilden Hainen, Ob Gott uns nicht vielleicht noch Trost und Heil verleiht! Bald kehr' auch ich zurück, mit dir mich zu vereinen. Schwer wird mir jetzt mein Amt, doch stärkt der Herr die Seinen: Wie du dem Minnedienst, so bin ich ihm geweiht. Und mag noch härter mich des Unglücks Arm erreichen, Ich will von meinem Schwur nicht wanken und nicht weichen.   50. Wohl weiß ich, daß mir fern ein größer Leid noch droht, Wie einst in ihrem Zorn die Zauberin mich lehrte. Weh mir, es schläft in diesem Schwerte Noch eine grause That, des eignen Bruders Tod. Du siehst, o Gott, mein Herz, dir liegt es aufgeschlagen, Das Buch des Heils, das Buch der Schuld; Sey gnädig, sey gerecht, gieb Kraft mir und Geduld, Das Ungeheure selbst mit Demuth zu ertragen!   51. Er spricht's. Sie scheiden still mit abgewandtem Blick, Als scheue Jeder sich des Andern Schmerz zu sehen. Der Ritter zieht den Pfad durch Wald und Thal und Höhen, Den er so freudig kam, mit düsterm Geist zurück. Vergebens hüpft mit leichtem Tanze Der Quell am Weg empor, vergebens schmückt der Hain Mit süßen Liedern sich, die Flur mit Blumenglanze, Er sieht und hört es nicht und denkt in stiller Pein:   52. Hinaus, hinaus, wo wild die Herzen schlagen In Haß und Zorn, hinaus in's blut'ge Feld! Dort stirbt der eigne Schmerz, betäubt von fremden Klagen, Es klirrt das Schwert, die Lanze saust und gellt. Hoch wächst der matte Muth im Kämpfen und im Wagen, Wie Glück und träger Sinn sind Kraft und Noth gesellt. Wenn aus der Brust die blut'gen Ströme rinnen, Zersprengt der Geist sein Band und schwingt sich frei von hinnen.   53. So sinnend naht er sich dem hohen Bergesthor, Wo schroffe Felsenreihn den letzten Abhang krönen. Da schallt ein wildverworrnes Tönen Durch's langgewundne Thal von weiten ihm in's Ohr, Schon hört er Schlachtgeschrei, und helle Hörner schmettern Gar muthig drein, es klirrt wie Schwert und Speer, Und trappelnd dröhnt, gleich dumpfen Donnerwettern, In wilder Hast der Rosse Huf daher.   54. Und als er jetzt mit raschverhängtem Zügel Den Ort erreicht, wo sich die Ebne senkt, Da sieht er staunend schon vom letzten flachen Hügel, Daß wild durch's weite Thal die laute Schlacht sich drängt. Die Flur erbebt, hoch steigt des Staubes Wolke Zum Himmel auf und hüllt die Sonn' in Nacht, Am Christenlager tobt schon nah die grimme Schlacht, Schon bricht das deutsche Heer und weicht dem Dänenvolke.   55. Kaum sieht sein Blick die Noth, die seinen Schaaren dräut, Da hat auch rasch sein Arm das scharfe Schwert gezogen, Schon ist beschäumt sein Roß in's Thal hinab geflogen, Schon langt er an, schon stürzt er in den Streit, Er droht und fleht und reißt sich durch die Wogen Des Kampfes hin und her und ordnet und gebeut, Hier haut sein flammend Schwert die kühnen Feinde nieder, Dort stellt, dort sammelt er die flücht'gen Seinen wieder.   56. Stets sprengt er auf und ab und wechselt stets den Ort, Scheint stets zu fliehn und dennoch nie zu weichen, Hoch über Schwert und Schild und über Feind und Leichen, Durch Tod und Leben trägt sein blutig Roß ihn fort. Er scheint dem Aar im Flug, der Flamm' an Zorn zu gleichen, Gleich Blitzen zuckt sein Schwert, gleich Blitzen trifft sein Wort, Die Fähnlein schließen sich, die fast gebrochen waren, Und neu gesammelt stehn die rings versprengten Schaaren.   57. Schon mußte Archimbald, der ritterliche Graf, Im heißesten Gewühl vom blut'gen Felde scheiden. Gar männlich focht der Greis, und manches Leben traf Sein gutes Schwert, kein Fähnlein wich den Heiden, So lang der Führer stand. Da tobte Grim heran, Ein starker Held, der fern in Anholt hauste, Hoch schwang sein Arm die Axt, sein Streitroß schnob und brauste, Und drohend rief er jetzt den alten Helden an:   58. Was weilst du, Greis, im wilden Schlachtgewühle, Ein morscher Stamm, den jedes Kind zerbricht? Dem Jüngling ziemen nur des Krieges blut'ge Spiele, Wohl blinkt in schwacher Hand das Schwert, doch trifft es nicht. Bleib du daheim und sitz in stiller Kammer Und meld' in sichrer Burg den zarten Kindelein, Was du als Mann gethan! Er spricht's und schwingt den Hammer Und dringt mit hartem Schlag auf seinen Gegner ein.   59. Rasch hält der Greis ihm seinen Schild entgegen, Daß von dem eignen Streich zurück der Spötter prallt, Und unerschüttert sitzt der tapfre Archimbald. Dann holt er aus und schwingt den guten Degen Um seines Feindes Haupt und trifft mit mächt'gen Schlägen Ihn hier und dort, daß laut der Helm erschallt; Nur mühsam kann der Feind mit flinkem Arm sich schützen, So grimmig sieht er rings die scharfe Schneide blitzen.   60. Noch einmal stürmt er ein, doch trifft er stets den Schild Und kann das Haupt ihm nie und nie die Brust verwunden. Indeß hat Archimbald die Fugen ausgefunden, Wo unter'm Helm die Brust des Feindes sich enthüllt. Dort trifft er ihn mit Macht: vom scharfen Hieb gespalten Trennt Helm und Harnisch sich, in heißen Strömen dampft Sein Blut, er sinkt vom Roß, das zürnend ihn zerstampft Und laut ruft Archimbald: Das nimm du hin vom Alten.   61. Ergrimmt sieht Rolf, der vorn im Dänenheer Die Christen hart bedrängt, das Blut des Freundes fließen. Ha, kecker Greis, das sollst du schwer mir büßen! So ruft er aus und wirft den langen Speer Auf Archimbald. Der beugt sich dem Geschosse Mit schlauer Kunst, der Speer berührt ihn nicht, Doch trifft er hart den Mann, der ihm zur Seite ficht, Den tapfern Gundibert, und stürzt ihn todt vom Rosse.   62. Doch folgt auch Rolfo schon dem mächt'gen Speere nach, Er spornt sein Pferd und haut sich durch die Kreise Des dichten Schlachtgewühls und setzt dem tapfern Greise Mit scharfem Schwerte zu und sendet Schlag auf Schlag Auf Helm und Schild hinab. Der ist nicht faul zum Streite, Er schwingt den Stahl und trifft, vom Schilde stets geschützt, Bald Rolfo's Brust und bald sein Haupt, bald seine Seite, Daß schon das helle Blut aus mancher Wunde sprützt.   63. Da hebt der Feind, vom langen Kampf erbittert, Die Kolb' empor, sie saust und trifft mit Macht Des Helden Arm und Brust, das gute Schwert zersplittert, Es bricht der Schild, die ehrne Rüstung kracht, Der Alte wankt und greift umher und zittert Und hält sich kaum zu Roß, sein Aug' umdunkelt Nacht; Doch stützt ein Knapp' ihn schnell und faßt sein Thier am Zügel Und lenkt es aus dem Kampf auf einen fernen Hügel. (Achter Gesang.) 64.                       Dort saß er nun, indeß mit sanfter Hand Ansgarius, der fromme Gottespriester, Die tiefe Wund' in seiner Brust verband. Er fühlte keinen Schmerz und sah nur stumm und düster Auf sein zerbrochnes Schwert; oft blickt' er's traurig an Und hob's empor und legt' es schweigend nieder. Ein Thränlein wässerte die grauen Augenlieder, Die lange nicht geweint, und seufzend sprach er dann:   65. Du treuer Freund, so bist auch du geschieden? So brachst du, gutes Schwert, das seinem alten Herrn So manche Noth gewehrt, so manchen Sieg beschieden. Jetzt ist gewiß mein eigner Tod nicht fern. Wohl mocht' ich sonst ein tapfrer Degen heißen, So lang ich dich geführt, nun schreckst du Keinen mehr! Nie hör' ich künftig noch schon aus der Ferne her Im Schlachtgewühl den Ruf: Da ist das Schwert von Meißen!   66. Wohl freuen Andre sich am Tanz und Saitenspiel Und üben manche Lust in ihren jungen Tagen, Mir galt des Hofes Pracht und feige Ruh nicht viel, Nur Kühnheit konnte mir und guter Ruhm behagen. Drum hielt ich dich vor allen Schätzen werth Und sorgte stets, daß Keiner dich verlachte, Daß scharf die Schneide war und blank der Stahl, und dachte: Dem guten Mann geziemt ein gutes Schwert.   67. Nie strebt' ich je nach zarter Frauenminne, Worauf ein Andrer wohl sein schönstes Hoffen baut, An dir nur hing ich treu mit ritterlichem Sinne, Du warst allein Geliebte mir und Braut. Und wenn in stiller Burg mir trübe Tage nahten, Dann nahm ich dich, du alter Kampfgenoß, Und sieh, es schien mir dann, als zögen alle Thaten, Die ich mit dir vollbracht, hinein in's öde Schloß.   68. Nie hab' ich dich zur Hinterlist gezogen, Nie deinen hellen Glanz durch schuldlos Blut entweiht; Du prüftest deine Kraft nur im gerechten Streit, Du warst Bedrängten stets, dem Dränger nie gewogen. Und sah ich vor der Schlacht dein helles Eisen an Und konnte keinen Rost und keine Schart' entdecken, Dann dacht' ich stets: Das Schwert ist ohne Flecken, So sey denn ohne Flecken auch der Mann!   69. Jetzt liegst du da, geschändet und zersplittert, Kaum tüchtig, daß man noch mit dir die Gruft mir gräbt. Jetzt fühl' ich's erst, wie meine Rechte zittert, Da deine Kraft nicht mehr den alten Arm belebt. Wohl prangt' ich rühmlich noch im edeln Ritterorden, Wenn auch mein schwacher Fuß schon nah dem Grabe stand, Jetzt erst bin ich verwaist, zum Greis erst jetzt geworden, Da Weib und Kind und Freund und Kraft mit dir entschwand.   70. So trauerte der Greis, indeß im Schlachtgedränge Die halbgebrochnen Reihn Held Adalbert erneut. Groß war und wohl bewehrt der Heiden Heeresmenge, Vom Sieg ihr Muth erhöht, ihr Arm geübt im Streit. Und wenn auch jetzt im blut'gen Thale Von Neuem sich das Heer dem Feind entgegenstellt, Noch räumt er keinen Schritt ihm vom errungnen Feld, Noch würgt der Tod gemischt, noch schwankt des Sieges Schaale.   71. Doch wie ein Strom, der träg' und zaudernd ruht, Wenn ihm ein starker Damm den glatten Pfad verrammelt, Doch schweigend steigt und wächst an stiller Kraft die Fluth, Indem mit leisem Spiel sich Well' auf Welle sammelt, Und plötzlich bricht er jetzt mit mächt'gem Druck sein Band, Er rauscht und schäumt und stürzt in tausend Wasserfällen, Reißt Bäum' und Häuser fort und schlägt das weite Land, In wilder Freiheit stolz, mit uferlosen Wellen:   72. So bricht der deutsche Held, nachdem er jetzt sein Heer Mit neuem Muth gestärkt, des Feindes dichte Glieder. Ihn hält kein Widerstand, kein Drohn erschreckt ihn mehr, Wer kühnlich ihm genaht, der sieht das Licht nicht wieder, Was kämpft, das schlägt und stößt sein Schwert zu Boden nieder, Was fällt, zerstampft sein Roß, was flieht, erreicht sein Speer, Wohl tausend Arme scheint der eine Held zu regen; So blitzt und stürzt es rings von seinen mächt'gen Schlägen.   73. Wer wagt es jetzt, du Starker, dir zu nahn? Wer trägt den Zorn, den deine Blicke schießen? Durch Schwerter geht und Leichen deine Bahn, Du schwingst den Arm, und blut'ge Quellen fließen Von Helm und Panzer aus! So haust der Nachtorcan Im dichten Tannenwald, so flammen und ergießen Die glühnden Ströme sich, wenn laut im Donnerklang In Hekla's tiefem Schlund der Hölle Riegel sprang – – wenn laut mit Donnerklang / In Hekla's tiefem Schlund der Hölle Riegel sprang. – Nach den Versicherungen mehrerer nordischen Gelehrten und Reisebeschreiber hielten sowohl die Heiden als auch die spätern Christen den Schlund des Hekla für den Strafort der Verdammten. Die hierauf sich beziehenden Stellen findet man bei'm Barthol. L. II. cap. 6. gesammelt. .   74. Schon scheint das Dänenheer sich zagend zu verwirren, Schon neigt es sich zur Flucht; doch Scham und Zürnen hält Die Flücht'gen auf, sie stehn, und tausend Schwerter klirren Um Folko's tapfern Sohn, und Spieß' und Pfeile schwirren Verderblich ihm um's Haupt, die Lanze droht, es gellt Vom Schlag der Axt sein Schild, die Keule saust und fällt; Doch er weiß Schlag und Wurf zu hemmen und zu meiden, Was ihm die Heiden drohn, das giebt er stets den Heiden.   75. Vom wald'gen Fels, den schlau die rüst'ge Schaar Der Jüten sich zum Hinterhalt erkoren, Sahn Alf und Edelrad, ein kühnem Brüderpaar, Des Heeres Noth. An einem Tag geboren, In einem Schild gewiegt, getränkt an einer Brust, War Jeder stets des Andern höchste Lust, Sie kämpften stets vereint und theilten Leid und Freuden, Sie konnte keine Noth, kein Zwang, kein Schicksal scheiden.   76. So war auch Beider Herz im Lieben gleich gesinnt. Seit manchem Jahr schon warben Beide Um Hildegard, das schöne Riesenkind Seit manchem Jahr schon warben Beide / Um Hildegard, das schöne Riesenkind . – Unter der Benennung der Riesen dachte man sich nicht immer Wesen von übernatürlicher Größe, sondern auch sehr weise und durch Zauberkunst mächtige Menschen. Saco Grammaticus , und nach ihm Olaus magn. de rit. gent. System. L. V. c. 1. nehmen drei auf einander folgende Riesengeschlechter an: das älteste, das sich blos durch ungeheure Körpergröße auszeichnete; das zweite, das mit größerm und stärkerm Körperbau auch eine tiefe magische Weisheit verband; und das jüngste, welches sich blos durch seine Zauberkunst von den übrigen Menschen unterschied. , Das kühn auf Holmland's Höhn die wüste Felsenhaide Als Jägerin durchstrich. Doch konnte selbst die Qual Der wilden Eifersucht den treuen Bund nicht trennen, Und wen der Jungfrau freie Wahl Zum Gatten sich ersehn, der sollte sein sie nennen.   77. Doch als des Königs Ruf nach Lethra sie entbot, Und schon in Nisumfiord die Schiff' am Strande trieben, Befraget Hildebierg, der Vater ihrer Lieben Des Opfers heil'ge Gluth, ob Leben oder Tod Das Loos der Helden sey. Und als nun glatt und heiter Zur Fahrt das Meer sie lud, da rief vom Fels herab Der Greis den Fliehnden nach: Seyd stark, ihr kecken Streiter! Dem Einen winkt der Sieg, dem Andern Tod und Grab.   78. Doch machte sie das Wort nicht zagen, Getrost durchschifften sie des Meeres glatte Bahn, Und Jeder strebte nur das Kühnere zu wagen Und rascher sich dem Feind und der Gefahr zu nahn, Um einst nach heißen Kampfestagen Von Hildegard den Preis des Sieges zu empfahn. Doch wünschte Jeder wohl viel lieber selbst zu sterben, Als durch des Bruders Tod die Braut sich zu erwerben.   79. Als nun der deutsche Held schon nah zum Hügel drang, Sprach Alf zu Edelrad: Was frommt's, daß man zu Hause – – – Was frommt's, daß man zu Hause – – »Glaukos, warum doch ehrte man uns vor Anderen immer, Hoch an Sitz, an Fleische des Mahls und gefüllten Bechern – Darum ziemet uns jetzt mit Lykier-Helden des Vorkampfs Dazustehn und hinein in die brennende Schlacht uns zu stürzen, Daß man also im Volk der gepanzerten Lykier sage: Nicht fürwahr unrühmlich beherrschen sie Lykia's Söhne.« Homer's Ilias XII. 310. – – auf ehrnem Sichelwagen – Auch bei den nordischen Völkern war der Sichelwagen im Kriege gebräuchlich. Olaus magn. L. IX. c. 2–3. redet von zwei verschiedenen Arten derselben. Die erstere gebrauchte man bei Belagerungen, indem man sie mit Steinen gefüllt von Anhöhen gegen die andringenden Feinde herunterrollen ließ; die andern wurden in offener Schlacht von den kühnsten Kriegern geleitet.   Als Fürsten uns verehrt, bei unsrer Schilde Klang Hinaus zum Kampfe zieht und uns zuerst bei'm Schmause Die vollen Becher reicht, wenn jetzt wir träge stehn, Da Jene dort im Thal ihr bestes Blut versprützen? Auf, komm zur Schlacht hinab, damit die Unsern sehn, Daß auf der Helden Stuhl nicht feige Knaben sitzen!   80. Und rüstig werfen sie vor ihre Brust den Schild Und schlagen hell an's Erz nach kühner Krieger Weise, Und trotzig wandeln sie, von Kampfeslust erfüllt, Den Berg hinab und summen dumpf und leise Ein Lied der Schlacht. So gehn am Himmelskreise Zwei Wolken auf, in schwarze Nacht gehüllt, Und ziehen langsam fort, vom Blitz und Sturm geschwollen, Indeß in ihrem Schooß halblaute Donner rollen.   81. Schon nahn sie sich, und Alf's Geschoß entsaust Und trifft des Ritters Roß durchbohrend in die Weichen. Hoch bäumt das edle Thier sich auf und schnaubt und braust Und haut im Schmerz und Zorn die Luft mit mächt'gen Streichen; Noch einmal wiehert's laut, doch mit dem hellen Blut, Das aus der Wunde strömt, ermatten Kraft und Muth, Es bebt und schaudert still und streckt die schönen Glieder Entseelt auf Leichenhaufen nieder.   82. Kaum hat der Ritter jetzt vom Bügel sich befreit, Da stürmen schon mit wildem Toben, Vom breiten Schild gedeckt, die Kolben hoch erhoben, Die Brüder auf ihn ein, und heiß entbrennt der Streit. Wie rasch und grimmig auch des Helden Schläge blitzen, Wie er mit starkem Arm den festen Schild auch schwingt, Schwer wird's, im Doppelkampf vor Wunden sich zu schützen, Da ihm bald hier, bald dort der Feind entgegendringt.   83. Denn wie in dunkler Felsenhalle, Vom Druck und Schwung beseelt, die Eisenhämmer glühn Und stets mit gleicher Kraft und stets mit gleichem Falle Des Erzes harten Kern zu brechen sich bemühn, Die Werkstatt dröhnt vom dumpfen Schalle, Es zischt die rothe Gluth, und rasche Funken sprühn, Und nie ermüdet scheint ein unsichtbares Leben Die ungeheure Last zu senken und zu heben:   84. So schwingt das Brüderpaar das lastende Gewicht Der Kolben stets zugleich, mit gleicher Kraft erschüttern Sie Schild und Panzer stets, und leichte Funken zittern Aus dem getroffnen Stahl, und manche Spange bricht. Doch muthig steht der Held den kühnen Dänenrittern Und stößt mit Faust und Schild und ringt und haut und sticht, Bald springt er rasch hervor und sucht den Feind zu schrecken, Bald muß als Schutzwehr ihn das todte Streitroß decken.   85. Doch plötzlich stürmt der kühne Held Noch einmal seinem Feind mit aller Kraft entgegen Und trifft auf Edelrad mit so gewalt'gen Schlägen, Daß krachend und zerstückt der Schild vom Arm ihm fällt. Schon will des Ritters Schwert das Blut des Feindes trinken, Da deckt ihn rasch mit eignem Schild Der Bruder und empfängt, wo er die Brust enthüllt, Den Streich für ihn und sinkt und lächelt noch im Sinken.   86. So stirbt im holden Lenz, umspielt vom Purpurschein, Der Sonne letzter Glanz auf ferner Meereswelle: Kein wilder Sturmwind braust, nur säuselnd bebt der Hain, Und leis' und ruhig rinnt im Rosenlicht die Quelle. Gleich einer Mutter naht die Nacht sich süß und mild, Und in der Sonne letzten Strahlen Scheint, wie schon leicht umschwebt vom schönen Traumgebild, Mit wärmern Farben sich Gebirg und Flur zu malen.   87. O kühner Jüngling, treues Herz, Du magst wohl sanft und süß in deinem Grabe schlafen! Die Wunden schmerzen nicht, die deinen Busen trafen, Der Fall des Bruders nur schien dir der einz'ge Schmerz. Mag mit der Liebsten nun sich Edelrad vereinen, Doch wird noch oft mit bitterm Leid, Wenn deinen Staub auch längst die Winde schon zerstreut, Die schöne Hildegard an deinem Hügel weinen.   88. Laut jammert Edelrad und sinkt Auf seinen Bruder hin und hält ihn still umschlungen. Auch ihn wähnt Adalbert vom scharfen Schwert durchdrungen Und stürzt sich in's Gewühl, wo neuer Streit ihm winkt. Und als nun jener bald den ersten Schmerz bezwungen Und wild empor zur blut'gen Rache springt, Ist dieser von den raschen Wogen Des wandelbaren Kampfs schon weit hinweggezogen.   89. Indeß nun hier, von Adalbert gedeckt, Der Deutschen tapfre Schaar den Heidenschwarm zerstreute, Ward auf des Kampfes andrer Seite Das sächsische Panier nicht minder hart bedrängt. Dort folgte Skiold ergrimmt dem fliehnden Christenheere, Und Torkill hauste dort mit Biorn im Schwerterklang, Und mächtig schleuderten mit rauhem Schlachtgesang Des Eismeers wildes Volk und Grombar's Schaar die Speere.   90. Doch wilder tobte noch im dichten Drang der Schlacht, Von Panzerrossen fortgetragen, Im schwarzen Waffenschmuck, auf ehrnem Sichelwagen, Thorilde dort, ein Zorngewölk der Nacht. Laut rasselten von rothem Blute schimmernd Die Räder durch's Gefild, zerschneidend und zertrümmernd, Und zürnend flog durch Wehgeschrei und Mord Mit tauber Brust die rasche Jungfrau fort.   91. So stürzte prasselnd einst sich von des Brockens Gipfel So stürzte prasselnd einst sich von des Brockens Gipfel – Sowohl der Augenschein als auch die Meinung mehrerer Naturforscher spricht dafür, daß der Gipfel des Brockens sonst aus einer hohen Felsenkuppe bestand, die später bei einer Naturrevolution hinabstürzte. Der alte Felsenkranz in's tiefe Thal hinab: Zerschmettert brachen rings des Waldes hohe Wipfel, Die Quelle ward zum See, die Flur ein weites Grab, Die Klippen rollten fort, von Schutt und Staub begleitet, Hoch siedeten die Wasser auf, vom Fall Des Urgesteins erdrückt, und wild lag überall Zerrissener Granit und Graus und Tod verbreitet.   92. Und wie der Hagelsturm auf blut'gen Wolken fährt Und rasch und dicht auf Felder und auf Auen Mit rauhem Schall den vollen Köcher leert, Es sinkt die Saat, der Hirt erblickt's mit Grauen Und flieht in's Thal, doch rasch beflügelt stürmt Das Wetter nach, kein Baum, kein Dickigt schirmt Vor seinem Zorn, es sinkt die zarte Herde, Vom kalten Wurf verletzt, es sinkt der Hirt zur Erde:   93. So läßt die Zauberin aus unerschrockner Hand Vom Wagen hoch herab die scharfen Pfeile schwirren, Stets wachsam ist ihr Aug', ihr Bogen stets gespannt, Nie sieht man ihr Geschoß vom Ziele sich verirren; Mit ehrnem Klange tönt um's eiserne Gewand Der Köcher her, die blanken Pfeile klirren, Die Senne rauscht, der starke Bogen gellt, Befiedert flieht das Erz, und blutend sinkt ein Held.   94. Wohl konnte weder Stahl noch Eisen Dem tödtlichen Geschoß der Kühnen widerstehn, Vernichtung herrschte rings in ihren Zauberkreisen, Und was ihr Aug' ersah, das war zum Tod ersehn. Schon lag Lothar, der Fürst der Franken, Den Pfeil in wunder Brust, aus Erwin's Seite floß Des Blutes reicher Strom, und Wolf und Siegmar sanken, Durch Helm und Panzerkleid getroffen vom Geschoß.   95. Und gegen Eccard läßt sie jetzt den Bogen tönen, Und durch's Visier tief in den Schlund hinein Senkt tödtlich sich der Pfeil. Er fällt, und mit den Zähnen Zerknirscht er sterbend noch den Boden seiner Pein. Rasch naht sich Heribert, den Freund empor zu heben; Doch kaum noch hat sein Arm den Sinkenden umfaßt, Durchbohrt auch ihn das Erz, und mit der theuren Last Entsinkt er und verhaucht an Freundesbrust das Leben.   96. Ergrimmt sieht Eginhard, ein tapfrer Kriegesheld, Die Seinen fliehn. O Schmach dem deutschen Lande, So ruft er zürnend aus, o Tag der ew'gen Schande, Uns jagt ein Weib, ein Weib gewinnt das Feld! Und hat mit ihr auch selbst die Hölle sich verbündet, Viel lieber sterb' ich hier, als daß am Donaustrand Der Ruf dem Enkel einst in Sag' und Sang verkündet: Die deutschen Ritter flohn vor eines Weibes Hand.   97. Er spricht's und schleudert rasch entschlossen Den Schild hinweg, und zur verwegnen That Bewehrt er jede Hand mit tödtlichen Geschossen Und stellt mit kühnem Sinn sich harrend auf den Pfad, Wo donnernd mit den wilden Rossen, Vom scharfen Erz umstarrt, der rasche Wagen naht, Ihn kann der Leichen Zahl, die seine Spur bedecken, Der Sicheln blut'ger Glanz, der Rosse Zorn nicht schrecken.   98. Schon ist Thorilde nah, schon braust Das wüthende Gespann und hebt den Huf zum Streite, Da sinkt er rasch auf's Knie und stößt mit starker Faust Tief in der Rosse Brust und Seite Den scharfgeschliffnen Speer. Sie wiehern laut und sprühn Und haun und bäumen sich, er sinkt, und über ihn Rollt noch das Rad hinweg, doch mit dem Sturz der Pferde Schlägt rasselnd und zerstückt der Wagen auch zur Erde.   99. Thorilde fällt, und tausend Krieger nahn Mit hochgeschwungnem Stahl. Tief hat bei'm Sturz das Eisen Der Sicheln sie verletzt, doch blitzt in raschen Kreisen Ihr langes Schwert umher und haut sich eine Bahn. Wild stürzt auch Skiold hinzu, er bricht der Feinde Glieder Und hebt mit starkem Arm die kühne Braut auf's Roß Und trägt sie fern hinweg, wohin sich kein Geschoß, Kein Schleuderstein verirrt und läßt in's Gras sie nieder.   100. Sie kehrt zur Stadt zurück und er zur blut'gen Schlacht, Noch wilder als zuvor von Rach' und Zorn getrieben. Schon neigt sich Günther's Haupt von seinen mächt'gen Hieben, Durchbohrt sinkt Degenhardt, und Hugo's Schild zerkracht. Auch Almerich von Bern, der Fürst der Schweizerschaaren, Stürzt rasselnd in sein Blut, in Ottfried's Nacken fliegt Der rasche Speer, und Horst, in jedem Kampf erfahren, Erkennt den Meister hier, der seine Kunst besiegt.   101. Da naht sich Wilibald, der in der Pfalz am Rheine An eines Rebenhügels Hang Sein schönes Schloß gebaut, wo nie nach edlem Weine Die Becher dürsteten, und nie vom Saitenklang Die lust'ge Halle schwieg. Von Minne sanft erzogen, Von holder Kunst erfreut, vom Glück gekrönt, entfloß Sein Leben wie ein Duft, und Fraun und Sänger zogen Und muntre Ritter gern in's gastlich offne Schloß.   102. Doch konnte nie die Ruh zur Feigheit ihn gewöhnen, Nicht war des Krieges Brauch und Kunst ihm unbekannt, Nur sucht' er stets das Graun durch Anmuth zu verschönen, War kühn und mild zugleich und kräftig und gewandt. So künstlich wußte nie ein Held das Schwert zu führen, So leicht und edel nie des Rosses muntern Tanz, So sinnreich keiner je mit buntem Farbenglanz Und deutungsvoller Schrift die Waffen auszuzieren.   103. Wie durch der Nächte wüstes Graun Ein leuchtend Würmchen fliegt mit grünlich hellem Feuer, So ließ der zarte Held im wilden Kampf sich schaun: Ein Kranz umwand den Helm, und eine goldne Leier Erglänzt' am blanken Schild. Er schien im Schlachtgewühl Nach holder Frauen Gunst und Lächeln nur zu jagen, Wohl war's, als braucht' er stets die Waffen nur zum Spiel, Und doch lag rings um ihn viel Dänenvolk erschlagen.   104. Doch ach, nichts half ihm jetzt der Musen süße Gunst, Des Rosses leichter Sprung, der Waffen heitre Schöne: Er prüft an Skiold umsonst der Klinge Kraft und Kunst, Ihn trifft mit starker Axt tief in die Brust der Däne, Und röchelnd sinkt er hin. So fällt ein Vögelein, Das frei mit farbigem Gefieder Durch grüne Wipfel flog und hell im duft'gen Hain Viel süße Weisen sang, vom Pfeil getroffen nieder.   105. O zarte Emma, holde Braut, Wie manche Thräne wird von deiner Wange beben! Der süße Mund verstummt, es schweigt der Harfenlaut, Kein Lied wird ferner dich in stiller Nacht umschweben. Wie wird so leer der helle Saal, Wie einsam wird die Burg, die Rebenlaube scheinen! Wie wird der Sänger edle Zahl Noch lang mit trübem Blick den holden Freund beweinen.   106. So sankst auch du jüngst in der heil'gen Schlacht O Theodor, du Zweig aus Deutschlands Siegeskrone! An edler Kühnheit reich und reich an Liedesmacht, Nahmst du für Lieb' und Lust den schönen Tod zum Lohne. Was weinst du, Vaterland, dem tapfern Heldensohne? Er schlummert sanft und kühl in grüner Eichen Nacht, Er schlummert nur, auch in den fernsten Jahren Wird Schwert und Leier stets sein Leben uns bewahren.   107. O wär' auch mir, als ich den blut'gen Pfad Des Krieges ging, ein gleiches Loos gefallen! Frei könnt' ich dann mit dir in deinem Himmel wallen, Du heil'ges Bild, das jetzt im Liede nur mir naht. Jetzt laß ich Klagen nur bei'm Siegesfeste schallen, Die thatenreiche Zeit gewährt mir keine That. Ich muß vom Ruhme fern, verwaist an Lieb' und Freuden, An Traum nur und Gesang die düstre Seele weiden.   108. Indeß nun hier vor Skiold's gewalt'gem Stahl Der Deutschen Blüthe sank, war auf dem andern Flügel Der Sieg den Christen hold, schon brach auf wald'gem Hügel Der Jüten Kraft, und zagend flohn im Thal Die Dänen hier und dort. Doch wie ein Leu im Grimme – – – doch wie ein Leu im Grimme – – »Stets noch durch das Gefild entflohen sie, scheu wie die Rinder, Welche der Löwe verscheucht in dämmernder Stunde des Melkens, Allzumal; doch der einen erscheint jetzt grauses Verderben – Also verfolgte sie Atreus gewaltiger Sohn Agamemnon, Immerdar hinstreckend den Aeußersten« – Ilias XI. 172. Die Heerde brüllend jagt und, was er faßt, verzehrt, So folgte Folko's Sohn und traf mit scharfem Schwert Die letzten Krieger stets und rief mit lauter Stimme:   109. Mir nach, mir nach, du tapfre Schaar des Herrn! Seyd unverzagt und laßt das Schwert nicht sinken! Schon lächelt uns des Sieges heller Stern, Bald wird sein goldner Glanz von Lethra's Thürmen blinken. Mir nach! Für uns noch weilt das Licht im raschen Lauf Und läßt im heil'gen Glanz die Kreuzesfahne wallen. Wer für den Himmel ficht, dem zieht der Herr vorauf, Und selig ruht, wer für den Herrn gefallen.   110. So treibt er seine Schaar und trifft mit starker Hand Auf Sueno jetzt und wirft ihn todt zur Erde, Dann sinken Thorismund und Holm und Skioldebrand, Und Iring zuckt und ächzt, erdrückt vom todten Pferde. Auch Gualto, der ihm kühn das Antlitz zugewandt, Empfängt den Stahl und stürzt mit trotziger Geberde Noch drohend in sein Blut, mit bleichem Angesicht Flieht Bielk umsonst und Regner's Panzer bricht.   111. Da wandte Thorald sich Da wandte Thorald sich – – »Drauf den Axylos erschlug der Rufer im Streit Diomedes, Theutra's Sohn; er wohnt' in der schöngebauten Arisbe, Reich an Lebensgut; auch war er geliebt von den Menschen, Weil er Alle mit Lieb' herbergete, wohnend am Heerweg. Doch nicht Einer davon entfernt' ihm das grause Verderben, Vor ihn selbst hintretend.« – – Ilias VI. 12. , der an des Glommen Strande Die Heerden weidete und reich an Gold und Gut Den Wanderer aus fernem Lande Gastfreundlich stets zum Mahl in seine Hallen lud. Ach, jetzt ist Keiner nah, die Schuld ihm abzutragen! Getroffen sinkt er hin und haucht sein Leben aus. Doch wird zum Sohn noch oft der müde Vater sagen: Sieh, dort am Hügel stand des guten Mannes Haus!   112. So waltet Adalbert auf blutigem Gefilde, Und siegend folgt sein Heer, entflammt zu gleicher Wuth. Erschlagne liegen rings, gespaltne Helm' und Schilde Und Pfeil' und Lanzen rings und Schwerter, roth vom Blut. Dort schleift ein wüthend Roß den Herrn durch Staub und Leichen, Ein andres wälzt sich dort im letzten Todeskrampf, Den streckt der Hufschlag hin, Der muß im Sturz erbleichen, Der fällt im Fliehen und Der im festen Kampf.   113. Der Fürst von Helgoland, erschöpft von mancher Wunde, Die Archimbald ihm schlug, erträgt den Streit nicht mehr, Er spornt sein Roß und eilt auf blut'gem Grunde Das Thal entlang und blickt nach Skiold umher. Und wo am dichtesten des Staubes Wolken ziehen, Wo gräßlicher das Schlachtgetös' erschallt; Wo in getrennten Reihn die deutschen Banner fliehen, Da sucht und trifft sein Blick den kühnen Helden bald.   114. Er sprengt hinan zu ihm und spricht die flücht'gen Worte: Was weilst du hier, o Held, und treibst die schwache Schaar? Jetzt prüfe deinen Arm an einem würd'gern Orte, Wo grimme Noth uns drängt und rasende Gefahr. Hier sinkt die That hinab zu Hela's dunkler Pforte, Dort beut ihr Skulda's Hand die ew'ge Krone dar. Des Heeres Kern erliegt, die Helden sind erschlagen, Und Alles ist dahin, wenn wir nicht Alles wagen.   115. Er spricht's, und Skiold erseufzt, als er dies Wort vernimmt, Er schlägt mit ehrner Faust sich vor die Stirn, es rasseln Die Waffen um ihn her, sein Auge schaut ergrimmt Zum Himmel auf. Und wie mit wildem Prasseln Durch Asch' und Schutt die glühnde Lohe fährt, So sprengt er über Blut und Trümmer Durch's Schlachtgefild hinweg, und schmerzliches Gewimmer Umtönt des Rosses Huf, und blutig blitzt sein Schwert.   116. Erschlagne zeichnen rings die Bahn des starken Helden, Und Wehgeschrei und ängstliches Gewühl Scheint ihn von ferne schon dem Ritter anzumelden, Dem an des Sieges nahem Ziel Der schwerste Kampf noch droht. Nicht sucht er auszuweichen, Nicht säumt er lang; sobald sein Aug' ihn sieht, Da stachelt er sein Roß, den Gegner zu erreichen, Und drängt sich durch die Schaar, die bang vor Jenem flieht.   117. Schon nahn sie sich, schon treffen sie zusammen, Schon ist der Speer zersprengt, die Klinge schon gezückt, Man sieht nicht Schwerter, sondern Flammen, Laut schallen Hieb und Stoß, die Keiner doch erblickt. Gleich Funken scheint der Zorn aus ihrem Blick zu sprühen, Die Zähne knirschen laut, aus ihrem Munde weht Des Hasses wilder Hauch, die dunkeln Wangen glühen, Indeß im Kreise stets ihr blankes Schwert sich dreht.   118. Es scheinen Beide sich an Kraft und Muth zu gleichen, Ihr Aug', ihr Schwert, ihr Schild ist überall. Nicht künstlich fechten sie mit schlauverhehlten Streichen, Mit trügerischem Drohn und raschem Ueberfall; Die Schläge, die sie thun, nicht jene, die sie leiden, Sind ihrer Sorge Ziel, wohl sind sie stets zum Streit, Doch selten nur zum Schutz, zum Weichen nie bereit, Hier soll Gewandtheit nicht, die Kraft nur soll entscheiden.   119. Bald brauchen sie das Schwert und bald den Schild zum Stoß Und bald die ehrne Faust, sie drängen, haun und ringen, Jetzt giebt der Eine sich, der Andre jetzt sich blos, Was Diesem kaum mißlang, das sieht man Dem gelingen; Jetzt trifft der deutsche Held, der Däne weicht und bebt, Doch schnell ermannt er sich und beugt mit mächt'gem Schlage Den Deutschen tief auf's Roß, und auf und nieder schwebt Mit gleichem Schwunge stets des Sieges blut'ge Wage.   120. Nicht lassen Stärk' und Muth im langen Streite nach, Und stets erfrischt der Zorn die kampfesmüden Glieder, Am harten Schlage rächt sich stets ein härtrer Schlag, Je mehr ein Arm sich bog, je sichrer trifft er wieder. So stürzt im Lustgeheg' ein Bach Von schroffen Klippenreihn in's Marmorbecken nieder; Doch steigt viel höher gleich von neuem aus dem Thal, Durch Kunst emporgedrängt, der breite Wasserstrahl.   121. Auch in den Rossen scheint der Herrscher Zorn zu toben: Sie haun und beißen sich mit wildergrimmtem Blick, Jetzt bäumen sie sich auf und treiben hoch erhoben Mit scharfem Vorderhuf den nahen Feind zurück, Jetzt sinken sie hinab; bald stemmt sich Hüft' an Hüfte, Bald Stirn an Stirn, es schäumt die Lippe, trotzig stampft Ihr Fuß, die Mähne starrt, die Nüster schnaubt und dampft, Und hell und zürnend schallt ihr Wiehern durch die Lüfte.   122. Vom rauhen Waffenklang ertönt das Feld umher, Es bebt und ächzt der Grund, den Roß und Reiter drücken, Dicht steigt und wälzt der Staub sich wie ein graues Meer Und wehrt den Streitern fast, in's Auge sich zu blicken, Rings tobt die wüste Schlacht, und mancher scharfe Speer Und mancher rasche Pfeil, den Freund' und Feinde schicken, Streift Helm und Schild mit Macht; sie kämpfen ungestört Ein Blut, ein Sieg nur ist's, den Jedes Zorn begehrt.   123. Schon mancher Splitter war vom Schild und Helm gefallen, Schon manche Spange brach am eisernen Gewand, Nur spärlich sah man noch den hohen Helmbusch wallen, Und doch benetzte noch kein Tröpfchen Bluts den Sand. Da soll der erste Schlag dem wilden Skiold gelingen: Er schwingt mit wüth'ger Kraft das Schwert, es saust und fällt; Der Deutsche wankt, des Schildes Bänder springen, Der Schild entsinkt, und schutzlos ist der Held.   124. Im Drange der Gefahr ergreift mit beiden Händen Der Ritter jetzt sein Schwert, er hebt's und betet laut: Cäcilie, du meine heil'ge Braut, Du kannst allein mit Gott mir Hülfe senden In dieser grimmen Noth! Er ruft's, und wie der Strahl Vom Himmel niederfährt, so senkt die scharfe Schneide Sich auf des Dänen Brust, ihr wehren Erz und Stahl Umsonst den blut'gen Pfad, und taumelnd schwankt der Heide.   125. Da stürzen sich mit grimmigem Geschrei, Zu dichten Reihn geschaart, gleich wilden Meereswogen, Zu ihres Führers Schutz die Dänen rings herbei: Schon ist der Held gestützt, sein Roß schon fortgezogen, Umsonst drängt Adalbert sich durch's Gewühl der Schlacht, Stets wirft ein neuer Schwarm sich seinem Schwert entgegen, Geborgen ist der Feind, schon wird auf sichern Wegen Der schwerverletzte Held zur nahen Stadt gebracht.   126. Als so dem Ritter nun sein blut'ger Raub entgangen, Da stillt er seinen Zorn im dichtesten Gewühl, Wohl hundert müssen jetzt von ihm den Tod empfangen Für Eines Schuld, sein Schwert wird nimmer kühl, Rings spritzt das Blut empor und netzt ihm Brust und Wangen, Und nie verfehlt sein Schwert das auserkorne Ziel. Sie sterben gern, da sie den Herrn gerettet, Und liegen trotzig rings, auf blut'gem Schild gebettet.   127. Jetzt hält kein Widerstand die deutschen Krieger mehr, Und siegreich weht auf jeder Seite Das christliche Panier. Der Dänen müdes Heer Zieht langsam sich zur Stadt, doch kehrt es stets dem Streite Sein kühnes Antlitz zu. Gewaltig drängt der Held Die Feinde rings. Sie fliehn, doch ohne zu verzagen, Und auch im deutschen Heere fällt Noch mancher tapfre Mann, vom Dänenschwert erschlagen.   128. Schon sank die wolkenschwere Nacht, Und still und dunkel ward's und einsam auf den Auen, Nur einzeln schallte noch der wüste Lärm der Schlacht, Bald schwieg er ganz. und durch der Dämmrung Grauen Stahl fern und nah sich Klag' und banges Flehn, Gebet und Fluch und Röcheln und Gestöhn; Doch schwebte nach und nach mit linderndem Gefieder Der heißersehnte Tod auf's starre Schlachtfeld nieder.   129. Durch Wolken wandelte der Mond mit scheuem Licht Hoch über Berg und Thal und blutbefleckte Haiden, In seinem Strahle schien das bleiche Angesicht Der todten Kriegerschaar noch bleicher sich zu kleiden. Gar schaurig war die Nacht, mit kühlem Wehn erhob Vom nahen Walde sich ein unsichtbares Leben; Und in dem blassen Duft, der um die Flur sich wob, Schien flüsternd, leis' und leicht ein Geistertanz zu schweben.   130. Da neigte Folko's Sohn auf blut'gem Waffenfeld Sich in den Staub vor Gott, und alle Krieger sanken Auf ihre Knie, dem großen Herrn zu danken, Der Sieg und Tod in starken Händen hält. Andächt'ges Schweigen war durch's ganze Heer ergossen, Die gläub'gen Blicke sahn zum Himmel still empor, Gebete drangen heiß aus jeder Brust hervor, Und Seufzer hoben sich, und fromme Thränen flossen.   131. Dann zog mit Siegesschall das tapfre Heer zurück. Wohl Viele sahn im Kampf den Sohn, den Vater fallen, Den treuen Freund, doch schlug das Herz in Allen Gar freudig und getrost, wenn auch in manchem Blick Ein stilles Thränlein schwamm. Und in den sichern Zelten, Zu denen rings die Schaar der Krieger sich zerstreut, Sank bald der Schlaf hinab, des Tages Müh' und Leid Mit süßen Träumen zu vergelten. Neunter Gesang. 1.                     Indeß vom Himmel nun der dichte Wolkenflor In's Thal hernieder hängt, und still die Lüfte thauen, Entriegelt sich vor mir der Erde Felsenthor Und läßt in's alte Reich der ew'gen Nacht mich schauen. Tief unten leuchten dort die Bilder zarter Frauen, Aus stillen Klüften schallt's wie Harfenklang empor, Und kühn bewegt es mich, von neuen Wunderdingen Aus unbekannter Welt ein seltsam Lied zu singen.   2. Dort, wo im nächtlichen Gebiet Das Leben sich entspinnt, wo tief in Felsenspalten Ein köstlich Blumenreich, dem Tage fern, entblüht, Und fremd und wunderbar die Stoffe sich gestalten, Wo auf verborgner Bahn lichtscheue Stürme walten, Und seinen eignen Pfad der rasche Strom nicht sieht, Dort hielt das Schwesternpaar und ihren Spielgenossen Swanwithens Zauberbann gefangen und verschlossen.   3. So flüchtig schwingt sich kaum das Licht auf zarter Luft Und kaum der Geist sich fort auf Wünschen und Gedanken, Als Jene tiefer stets und tiefer in die Kluft Besinnungslos hinab durch Nacht und Klippen sanken. Doch siehe, nach und nach begann Ein unsichtbarer Drang dem Sturz zu widerstreben, Auf Wellen schienen sie sanftgleitend hinzuschweben, Bis unverletzt ihr Fuß den sichern Grund gewann.   4. Nicht herrschte hier die Nacht mit formlos todtem Dunkel, Nein, wie das Dämmergrau mit Sternen sich durchwebt, So war die weite Kluft von irrem Lichtgefunkel Gar wunderbar durchflimmert und belebt; Und bunt erleuchtete mit tausend flücht'gen Farben, Die leis' und luftig bald in ferner Dämmrung starben, Bald hell aufloderten, dem Regenbogen gleich, Ein milder Zauberschein das schwarze Felsenreich.   5. Unendlich dehnten rings die unterird'schen Hallen Und unerforscht sich aus: Dort stieg ein Fels empor, Ein andrer drohte dort, ein andrer war gefallen, Der glich dem Säulengang und der dem Riesenthor; Hier häufte sich der Schutt gleich ausgebrannten Schlacken, Dort reifte neugeformt die Erde zum Gestein, Und Gänge wanden rings sich in's Geklüft hinein, Und Schlünde senkten sich bewehrt mit Felsenzacken.   6. Wohl hatte nie dies Grab den Sonnenstrahl gesehn, Und doch schien räthselhaft das Leben hier zu hausen, Denn nah und fern erscholl's wie rascher Ströme Brausen, Wie flüchtig lohnde Gluth und dumpfes Sturmgestöhn; Auch hallte hier und dort wie von metallnem Klange Das weite Felsenhaus, und durch das Nebelmeer Stahl leis' und schaurig oft ein fremder Laut sich her, Gleich ernstem Zauberspruch und lust'gem Rundgesange.   7. Als Jen' allmählig nun vom Taumel aufgewacht Und zagend ihren Blick erhoben, Da wähnt ein Jeder noch, er ruh' in finstrer Nacht Im fieberhaften Schlaf, vom grausen Traum umwoben. Noch einmal schließen sie der Augen trübes Licht, Den Schrecken zu entfliehn, die ihrem Blick sich bieten, Bis endlich hoffnungslos aus dumpfem Geistesbrüten Erinnerung mit grellem Schimmer bricht.   8. Sie weinen nicht, es schwellen keine Klagen Ihr mattes Herz. Wie kann die todte Gluth Noch einmal hell empor in raschen Flammen schlagen? So fehlt auch ihrer Brust zum Leide selbst der Muth. Ihr stummer Blick durchirrt die ungeheuren Oeden Und hängt am Boden bald und bald an schroffen Höhn, Kein Auge mag den Freund im gleichen Leide sehn, Und Jeder zagt, der Andre möge reden.   9. Ach, was lebend'ger sonst das Herz Im Glück erfreut, was trübe Seelen lichtet, Verwandte Lust und gleicher Schmerz, Das ist's, was jetzt sie ganz zerschmettert und vernichtet. Wie hart sein Loos auch sey, wohl trüg' es Jeder gern Und möchte freudig wohl zum Tode sich bereiten, Wenn Freund und Schwester nur von diesen Klüften fern Am heitern Licht des Lebens sich erfreuten.   10. Doch als sie lange nun geharrt in stummer Qual, Da hob Cäcilie zuerst aus niederm Staube Den Geist empor. Stets mächt'ger wuchs der Glaube In ihrer Brust, stets heller ward der Strahl In ihrem frommen Blick. So fliegen Feuerfunken Weit über Berg und Thal, vom Sturm herangeweht, Hellleuchtend durch die Nacht. Und auf die Knie gesunken Begann sie so das brünstige Gebet:   11. Dir trau' ich, Gott! Du hast dich mir verkündet In jeder Noth und stets mein Flehn erfüllt, Du bist auch hier mir nah, wo alles Leben schwindet, Du wachst, wo Alles schläft, in ew'ge Nacht gehüllt. Du hebst die Hand empor und läßt die Stimme schallen, Und zagend flieht das Meer, die Veste bebt, es fallen Die Felsen in den Staub, du schwebst auf Frühlingswehn, Und aus dem Grabe muß die junge Welt erstehn.   12. Hast du mich selber nicht zu deinem Werk gesendet, Nicht gnädig mich bewahrt auf grauser Todesbahn, Nicht Flamm' und Meereswuth von meinem Haupt gewendet, Nicht mächtig mir das Thor des Kerkers aufgethan? Drum zag' ich nimmermehr, bis ich die That vollendet. Der Pfad, den du mich führst, der muß dem Ziele nahn, Und läg' ich tiefer noch an diamantnen Ketten, Du bist mein Schutz, mein Gott, ich weiß, du wirst mich retten.   13. O seyd getrost, die ihr den dunkeln Pfad Zu eurem Mißgeschick mit mir vereint gegangen! Wohl mag auf kurze Zeit der Stolze stehn und prangen, Doch in den Schwachen auch, die er zu Boden trat, Erwacht die Kraft des Herrn. Nicht ziemt uns Klag' und Bangen, Denn selbst aus Flammen preist der Fromme Gottes Rath, Und auch die trübe Nacht, die stumm uns jetzt umbrütet, Ist seiner Hände Werk und tagt, wenn er's gebietet.   14. So ruft sie aus und stärkt mit gläubigem Vertraun Der Freunde tief betrübte Seelen: Ein neuer Muth beginnt ihr mattes Herz zu stählen, Und wie die Hoffnung naht, entflieht das nächt'ge Graun. Ihr Blick erträgt es schon, die unterird'schen Höhlen, Der Felsen drohnden Bau, die Tiefen anzuschaun; Denn wer es kühnlich wagt, sein Unglück zu ergründen, Dem wird zur Hälfte schon das dumpfe Zagen schwinden.   15. In einen grausen Schlund verlor Ihr Auge sich zuerst: Bald dehnten, bald verengten Die rauhen Wände sich, bald sprang der Fels hervor, Bald wich er schroff zurück, die starren Klüfte senkten Sich steiler stets hinab, und düstre Klippen drängten In graulicher Gestalt stets ferner sich empor, Und schwächer glimmten stets die Lichter in den Tiefen, Bis sie zuletzt verschwebt in grauer Nacht entschliefen.   16. Zum Mittelpunkt hinab, wo mit gewalt'gem Zwang Der kräftige Magnet das Rund der Erde bindet, Schien unerforscht und unergründet Der dunkle Schlund gesenkt. Gleich dumpfem Donnerklang, Der schwer und mühsam sich durch dichte Wolken windet, Ertönte jeder Stein, der in die Tiefe sank, Und aus dem Abgrund schien ein sinnetödtend Grauen Hohläugig und verlarvt den Späher anzuschauen.   17. Erschrocken mieden sie den steilen Klippenrand Und folgten jetzt dem nächsten Gange, Der eng sich in's Gestein mit mancher Krümme wand. Oft scholl um ihren Fuß das Erz mit hellem Klange, Gespenstisch waltete, gleich dämmerndem Gesange, Ein wunderbar Getön durch's wüste Felsenland, Und leuchtend flimmerten mit tausendfarb'gem Scheine Um ihren dunkeln Pfad viel seltne Edelsteine.   18. Doch bald begann ein schönrer Glanz Den Pfad, der breiter jetzt sich dehnte, zu erhellen: Die Farben spielten rings mit mannichfalt'gen Wellen, Und Licht und Schatten schwamm in gaukelhaftem Tanz. Und wie im Abendschein am himmlischen Gefilde Das flüchtige Gewölk sich scheidet und verwebt, So lösten wunderbar, bald nahend, bald verschwebt, Sich aus dem Glanzgedüft gar liebliche Gebilde.   19. Bald läßt ein stiller Teich mit wald'gem Rand sich sehen, Wo weiße Schwäne ziehn und leichte Nachen schwanken; Doch sieh, die Well' entblüht zu dichtverschlungnen Ranken, Zu Blättern wird der Schaum, die Fluth zu Rebenhöhn, Dann dehnt der grüne Kreis zu fürstlichen Gebäuden, Zu hohen Tempeln sich, auf deren glattem Dach Ein lust'ger Anger glänzt, wo nah am hellen Bach Gar friedlich Löw' und Wolf mit zarten Lämmern weiden.   20. Jetzt endigt sich der Gang in einen weiten Raum, Wo kühn und neu die reichsten Wunder prangen. Wohl wähnt der Geist sich hier vom schönsten Morgentraum Auf junger Frühlingsau umsäuselt und umfangen, Oft wendet sich verletzt vom lichten Glanz der Blick Und kehrt verlangend doch von neuem stets zurück, Und gläubig wähnt die fromme Seele, Hier sey das Paradies, wovon die Schrift erzähle.   21. Die weite Felsenhalle schien Dem luft'gen Garten gleich mit zierlich ebnen Gängen, Wo tausend Blumen rings auf breiten Beeten blühn, Und unter dichtem Laub sich reife Früchte drängen, Wo um die grüne Nacht sich Laubengitter ziehn, Und Reben tief in's Gras wie bunte Schleier hängen, Bald wie ein zart Gewächs der Quell vom Boden steigt, Bald durch das weiche Grün gleich irren Ranken schleicht.   22. Was sonst die flücht'ge Zeit, was Land und Himmel scheidet, War freundlich hier in einem Raum gesellt, Und jedes Bild erschien in dieser Zauberwelt Aus edlerm Stoff gewebt, in hellern Glanz gekleidet. Denn alles Köstliche, was uns die Tiefe beut, Was oft mit Müh' und Tod des Menschen Gier vergolten, Das hatte wandelbar, wie Laun' und Lust es wollten, Die träumerische Kunst leichtspielend hier verstreut.   23. Hier wölbten aus Beryll sich dichtverschlungne Lauben, Und Rosen blühten dort aus leuchtendem Rubin, Topas und Amethyst, vereint zu vollen Trauben, Verbargen halbenthüllt sich im smaragdnen Grün. Oft schien das Köstlichste dem Blicke sich zu rauben, Das Reizendste verschämt im Dunkel oft zu blühn, Und in dem Blumenkelch, der kaum sich halb entfaltet, Lag oft der Diamant, zum Tröpfchen Thaus gestaltet.   24. Ein breiter Bach mit tausendfarb'gem Rand Goß, klar und tief, mit lieblich leisem Wallen Sich durch ein Bett von leuchtenden Krystallen, Vom Grün umrankt, bestreut mit goldnem Sand. Und unten dämmerte zu wunderbaren Hallen Verschlungen und verwirrt ein neues Zauberland, Worin das Köstlichste, was je die Tiefe hegte, Im leichten Glanz der Fluth sich spielend hob und regte.   25. Von unsichtbarer Kraft beschwingt Begann das Wasser oft zur Luft empor zu schwellen, Und bunt zerrannen dann die Bilder in den Wellen, Wie sich der rasche Tanz durch tausend Pfade schlingt; Doch oben schimmerte mit seinen Silberzweigen Der strahlenreiche Quell, von farb'gem Licht umwallt, Und schuf mit flücht'ger Kunst im Sinken und im Steigen Manch schnell verrauschend Bild und manche Glanzgestalt.   26. Jetzt glich er hochgeschwellt dem blätterreichen Baume, Der reich begabt mit bunten Früchten prangt, Jetzt wölbt er traulich sich zum engen Hüttenraume, Um den mit grünem Netz der irre Wein sich rankt, Jetzt dehnt er sich zu dichten Laubengängen, Zu Grotten jetzt sich aus, vor deren hohem Thor, Gleich leichtbewegtem Silberflor, Mit rieselndem Geräusch die feuchten Schleier hängen.   27. Geschwätzig floß er dann im Ufer wieder fort, Durch Wiesen bald und bald durch lichte Haine, Und üppig rankten sich um seinen hellen Bord Zu irren Lauben oft die blühenden Gesteine, Und freundlich zitterte das holde Schattenbild Und schien in tiefer Fluth viel irrer noch zu schweben, Und von der Welle zart umhüllt Verklärte sich der Stein zum warmen Blüthenleben.   28. Kein Strahl erleuchtete das stille Felsenhaus, Vielfarbig breiteten verwobne Feuerdüfte Von unterird'scher Gluth sich an der Wölbung aus Und wallten auf und ab, wie leicht bewegte Lüfte. Auch glich die Helle hier dem ird'schen Tage nicht; Nein, wie mit wechselndem Geflimmer Die Steine leuchteten, so zitterte der Schimmer Bald grün und röthlich bald und bald mit goldnem Licht.   29. Es lag die schöne Flur gehüllt in todtes Schweigen, Kein bunter Schmetterling, kein Bienlein ließ sich sehn, Kein Vogel schaukelte sich singend auf den Zweigen, Nie regte sich das Grün mit säuselndem Getön, Kein Wipfel wollte sich vertraulich niederneigen, Kein Blatt bewegte sich von leiser Lüfte Wehn Und Alles schien in diesen Zauberräumen Die Wunder, die man sah, dem Blick nur vorzuträumen.   30. Der Quell allein, der glatt vorüberwallt, Ließ rieselnd durch die Luft sein helles Silber klingen: Bald glich es holdem Spiel und stillen Klagen bald Zu lachen schien es bald und lieblich bald zu singen. So schlüpfte lind und leicht mit wandelbaren Schwingen, Jetzt lauter schwellend, jetzt verhallt, Der flücht'ge Wohllaut hin, und leis' und schmeichelnd riefen Den Klängen in der Luft die Kläng' aus klaren Tiefen.   31. Erstaunt durchwandelten den holden Zauberhain Mit ihrem Freund die zarten Frauen, Da ließ auf grüner Flur sich eine Halle schauen Aus klingendem Metall und leuchtendem Gestein. Sie hemmen ihren Schritt, dann nahn sie und vertrauen Auf Gottes Schutz und wagen sich hinein. Doch als sie jetzt den scheuen Blick erheben, Durchzittert sie ein bänglich süßes Beben.   32. Dort saß im köstlichen Gewand Ein Zwerglein feierlich auf reich geziertem Throne: Sein Häuptlein war geschmückt mit einer goldnen Krone, Und einen Scepter trug's gebietend in der Hand; Es blickte still und ernst, doch war von holder Milde Ein sanfter Schein um sein Gesicht verstreut, Und seltsam zeigten sich im zierlichen Gebilde Bedächt'ge Kraft und kühne Herrlichkeit.   33. Seyd mir gegrüßt in meinen stillen Hallen! Begann der Zwerg, ihr dürft getrost mir nahn. Laßt's ohne Zagen euch in meinem Reich gefallen, Auch ich bin Gottes Werk und wandl' auf seiner Bahn. Schon längst war eure Noth vom Geist mir angedeutet, Drum hab' ich selbst auf grauser Niederfahrt Vor grimmig jähem Tod euch zauberisch bewahrt Und euch auf dunkelm Pfad zu meinem Thron geleitet.   34. Erhebt den Geist und traut auf Gott den Herrn! Nicht ewig hält euch diese Kluft gefangen. Wohl mag auf kurze Zeit im Sieg die Hölle prangen; Doch bleibt der frechen That die Rache nimmer fern. Leicht könnt' ich diesen Fels mit meinem Stab zerschlagen, Mit einem Worte leicht euch aus der Gruft befrein; Doch würde dann nur neue Noth euch dräun, Und nur, wann Gott gebeut, darf euch die Rettung tagen.   35. Doch sollen euch indeß, so lang ihr bei mir säumt, In grauser Einsamkeit die Stunden nicht entgleiten. Ich selber will euch jetzt durch diese Klüfte leiten, Wo still und unbelauscht des Lebens Wurzel keimt, Und will mit hellem Wort euch alle Räthsel deuten, Wovon die Weisesten so manchen Traum geträumt; Wonach im eitlen Wahn umsonst die Stolzen ringen, Das soll auf leichtem Pfad der Demuth jetzt gelingen.   36. Wie in der rothen Gluth der Salamander wohnt, Wie wandelbar in grauen Nebelhallen Auf donnerndem Gewölk der Geist der Lüfte thront, Und still die Nixe webt in flüssigen Krystallen: So hat auch hier der Herr der Welt Der Zwerge künstlich Volk zu seinem Dienst bestellt Und über alle Bergesgeister Mich, seinen treuen Knecht, zum Herrn gesetzt und Meister.   37. Des Erzes reicher Schatz, das köstliche Gestein, Das tausendfach verzweigt sich durch die Erde breitet, Der leuchtende Krystall, des Goldes edler Schein, Das Alles wird von uns gewartet und bereitet. Auch fördern wir das träge Glück Der frommen Menschen gern und leiten ohne Schaden Durch wüste Nacht auf unbekannten Pfaden Den längst verlornen Mann an's helle Licht zurück.   38. Denn feindlich hausen auch in diesen tiefen Schlünden Denn friedlich hausen auch in diesen tiefen Schlünden – Dieser Unterschied zwischen guten und bösen Berggeistern wird von mehrern Schriftstellern älterer Zeiten berührt. S. Olai Magn. L. VI. C. 10. Georg. Agricolae Bermannus s. dial. de re metallica p. 432–433. ed. Froben. Unholde mancher Art, die Gottes Zorn verbannt. Die schweifen still umher, unsel'gen Raub zu finden: Den stürzen sie hinab von schroffer Felsenwand, Den tödten sie mit gift'gen Winden, Durch grause Larven Den, und Den durch raschen Brand. Doch wen nach Gott verlangt und nicht nach ird'schen Schätzen, Den kann der freche Schwarm der Hölle nicht verletzen.   39. So sprach der Zwerg und stieg vom Thron herab Und ging voran, die Wanderer zu leiten. Es öffnete der Fels sich seinem Zauberstab, Und Gänge zeigten sich vertheilt nach allen Seiten. Hier sah man silberhell und gelblich dort und grün Und roth und golden dort des Erzes Zweige blühn, Und sattsam schimmerte mit selbsterzeugtem Scheine Manch wunderbar Gebild aus köstlichem Gesteine.   40. Wo um den Mittelpunct der Erdenball sich dreht, Begann der Zwerg, da schwebt, von eigner Kraft gehoben, Dem harten Kerne gleich, von weicher Frucht umwoben, Mit nie erschöpfter Kraft der bindende Magnet. Er kettet mächtig alles Leben Am sichern Boden fest und hält den Erdengrund, Und weil er rund sich wölbt, muß auch gewölbt und rund In gleicher Ferne stets das Erdreich ihn umgeben.   41. Doch hier und dort, wo mit gewalt'ger Wuth Doch hier und dort, wo mit gewalt'ger Wuth – Die Sagen von Magnetenbergen, die aus den arabischen Mährchen bekannt sind, waren auch bei den scandinavischen Völkern verbreitet. Nach Olaus Magn. L. II. C. 26. befanden sich dergleichen im äußersten Norden. Der Erde tiefstes Herz das wilde Meer zerrissen, Da steigt er hoch empor aus seinen Finsternissen, Ein rauher Fels, umtobt von stets ergrimmter Fluth. Dort sucht der Steuermann umsonst das Schiff zu leiten, Es stürmt dahin von dunkler Nacht gefaßt, Am Klippenrand zerkrachen Kiel und Mast, Und Trümmer wälzen sich zerstreut nach allen Seiten.   42. Ein jeder Stoff, den Meer und Erde kennt, Muß sich zuerst in diesem Stein erzeugen; Dann rankt er sich empor in vielverschlungnen Zweigen Und sucht auf irrem Pfad sein freundlich Element. So strebt auch hier auf nachtumhüllten Wegen Das mannichfalt'ge Erz dem Sonnenlicht entgegen, Und still entkeimt und reift der edlen Steine Glanz Der duft'gen Flur zum zarten Frühlingskranz.   43. Noch schlummern sie im träumerischen Leben, So lang den zarten Geist die Schale noch umhüllt; Doch wann sie einst zum Licht der Sonne sich erheben, Dann steigt manch freundliches Gebild Aus ihrem Kern empor, mit glänzenden Saphiren Wird im Cyanenschmuck das bunte Feld sich zieren, Zur glühnden Rose wird der leuchtende Rubin, Zur keuschen Lilie der Diamant entblühn.   44. Der helle Glanz, der in dem Steine waltet Und ängstlich hin und her im engen Kerker bebt, Ist frei und geistig dann, wann sich der Kelch entfaltet, Zum lieblichen Gedüft zerronnen und verschwebt. Sehnsüchtig drängt er dann sich durch den grünen Schleier Der zarten Knospe schon hervor Und hebt zum reinsten Licht, zum ew'gen Sonnenfeuer, Das einst ihn in den Stein verbannte, sich empor.   45. Und dennoch sucht der Mensch mit gierigem Gemüthe In tiefer Erdenkluft, wo manche Noth ihm dräut, Den todten Glanz, der als lebend'ge Blüthe, Dufthauchend, zartbeseelt sich ihm so willig beut! Fühlt nicht, wie du, die Blume Lust und Schmerzen? Scheint sie nicht gern für dich zu prangen, zu vergehn? Und dennoch kannst du stolz das duft'ge Kind verschmähn Und trägst für blühnden Schmuck den kalten Stein am Herzen?   46. Zwar ewig glänzt der Stein und altert unversehrt, Indeß nach kurzem Blühn die Blumen sich entfärben, Denn nur Beseeltes kann ersterben, Da stets durch eigne Kraft das Leben sich zerstört; Doch sie betrübt es nicht, vom holden Licht zu scheiden, Wenn einmal nur der Lenz sie freundlich angelacht, Und nie vertauschten sie für ew'ge Farbenpracht Des Lebens süßen Schmerz und seine kurzen Freuden.   47. So führte sie der Zwerg durch sein verborgnes Land. Da that mit rothem Schein sich eine neue Halle Vor ihren Blicken auf: Der steilen Felsenwand Entstürzten Ströme dort mit ungestümem Falle, Und Hämmer regten sich mit mächt'gem Schwung und Schalle, Und Winde sausten dort und raschbeschwingter Brand, Und zischend mischte sich das Wasser mit den Gluthen, Und brausend waltete der Sturm in Flamm' und Fluthen.   48. Um einen großen Herd war in geschäft'ger Hast Der Zwerge künstlich Volk zum Werke dort vereinigt: Der schürt die Gluth, Der treibt des Hammers Last, Der lenkt des Erzes Fluß, das Jener schmelzt und reinigt, Der schließt den flücht'gen Sturm mit zauberischem Zwang In enge Röhren ein, Der hält den Strom zusammen Und lehrt ihn seine Bahn; und durch Gebraus und Flammen Erschallte räthselhaft ihr heller Rundgesang:   49. Wir Zwerge ziehn den heil'gen Kreis und weben Dem Tage fern, was einst zu Tage soll. Von hier entkeimt, hieher entsinkt das Leben, Und Jedes giebt dem Andern seinen Zoll. Geburt und Tod muß auf und nieder schweben, So bleibt die Zahl der Schöpfung ewig voll. Gluth lodre, brause Strom, und rauscht, ihr Winde, Daß mit dem Seyn sich die Gestalt verbinde!   50. So sang der zauberische Kreis Und regt' und tummelte sich rasch auf allen Seiten, Und schien geheimnißvoll mit nimmer müdem Fleiß Ein seltsam Werk gar künstlich zu bereiten. Vom Herde wirbelten viel Dünste sich empor, Die wie ein schwebend Meer an hoher Wölbung wallten, Und wunderbar zerrann der dichte Zauberflor In bunte Farben oft und irrende Gestalten.   51. Doch aus der Gluth erhob sich rascher stets der Dampf, Gewaltsam schien's im Nebelmeer zu ringen, Zwieträchtig regte sich der Formen dunkler Kampf, Und jede war bemüht die andre zu verschlingen. Doch als nun jedes Bild in's alte Nichts zerfiel, Zerstörend und zerstört verschmolz in stiller Welle Zu einem Glanz der Farben Wechselspiel, Und mild und reizend schwamm die Luft in grüner Helle.   52. Als so die Zwergenschaar das Zauberwerk vollbracht, Da ließen sie den Zorn der wilden Flamme schweigen Und schlossen Sturm und Fluth in einen Felsenschacht Und tanzten um den Herd im vielverschlungnen Reigen. Und Jeder schien am schönen Glanz Sein Auge zu erfreun und seine Kunst zu preisen, Und lieblich sangen sie nach fremden Zauberweisen Ein seltsam Lied zu gaukelhaftem Tanz:   53.             Walle, walle Durch die Halle, Eins aus Vielen, Eins für Alle, Walle, schöner Zauberflor! Schwimm' und schwebe, Wall' und webe, Daß die Erd' in Wollust bebe, Geist des Lebens, schweb' empor!   54. In den Zweigen Wird sich's zeigen, Wird zum Himmel grünend steigen, Was der Zwerge Kunst vollbracht, Und hernieder Strebt es wieder, Senkt die vielverschlungnen Glieder In die alte Felsennacht.   55. Nimmer siegend, Nie erliegend, Kämpft, in jede Form sich schmiegend, Stoff mit Stoff im harten Streit. Wird den Müden Rast beschieden, Dann zerstört durch ihren Frieden Sich des Lebens Einigkeit.   56. Grimmig halten Die Gewalten Sich umschlungen, und gestalten Bittern Haß zu stiller Huld. Kraft muß sprühen, Segen blühen Aus den wilden Kampfesmühen, Ew'ges Heil aus ew'ger Schuld.   57.             So sang das Zwergenvolk, und staunend sahn die Frauen Und ihr Genoß das Zauberwesen an Und zitterten in Lust und süßem Grauen, Als so der Zwerg, der sie geführt, begann: Wohl mögt ihr still entzückt das holde Wunder schauen, Das aus entzweitem Drang einträchtig sich entspann; Denn was am heimlichsten der Erdengeist bereitet, Das ward vor eurem Blick gewebt und ausgebreitet.   58. Die Kräfte, welche, stets von wildem Haß entzweit, Gewaltig doch das Wohl der Erde gründen, Der Erde fester Stoff, die Luft mit Wolk' und Winden, Die ungezähmte Fluth, des Feuers reger Streit, Die alle müssen sich zu einer Kraft verbinden Und thätig seyn im Zwang erzürnter Einigkeit: So wird aus ihrem Bund der flücht'ge Geist entfaltet, Der mit lebendiger Kraft durch alle Wesen waltet.   59. Beweglich rinnt er dann aus dieser Felsenkluft Durch tausend Röhren fort und strömt in alles Leben; Durch ihn ergrünt der Hain, die Wiese schwimmt im Duft, Die Blume muß entblühn, die junge Saat sich heben; Er trägt den Schmetterling, den Vogel durch die Luft Und läßt den schnellen Fisch auf glatter Woge schweben, Und, wunderbar beseelt von seinem Wehn, erfüllt Mit edlen Kräften sich des Menschen schönes Bild.   60. Jetzt will ich euch in jene Höhlen führen, Wo, unsrer Kraft mit Zürnen unterthan, Im rohen Streben sich die Elemente rühren In tiefer Nacht, auf unwillkommner Bahn. Erhebt den Geist und folgt mir ohne Grausen, Wenn aus den Tiefen auch der ungeheure Brand Die grünen Flammen hebt, und Stürm' und Wellen brausen, Leicht bändigt ihren Zorn des Meisters starke Hand.   61. So spricht der Zwerg und führt auf dunkelm Pfade Sie weiter fort durch's wüste Felsenhaus. Da dehnt zuerst ein finsteres Gestade Unendlich, unerforscht, vor ihrem Blick sich aus. Dort wogt die starke Fluth mit mitternächt'gen Wellen Und schäumt und schwillt und schlägt mit mächt'gem Schlag Den harten Strand, und alle Klüfte gellen Den zürnenden Gesang der wilden Jungfrau nach.   62. Kein Sturm ertönt in diesen dunkeln Hallen, Von innrer Kraft gewaltig aufgeregt, Entströmt und naht die Fluth nach eigenem Gefallen Und höhnt das Meer, das fremde Ketten trägt; Und wenn sie beid' auch einst aus einem Quell entsprangen Und Schwestern sind durch Kraft, durch Sitten und Gestalt, So nahn sie doch sich stets mit feindlicher Gewalt Und sind seit Ewigkeit im wilden Streit befangen.   63. Denn täglich stürzt, von Kampfeslust erfüllt, Das Meer hinab in's unterird'sche Grauen, Daß aus der flachen Fluth die tiefen Klippen schauen, Und weit umher das Ufer sich enthüllt; Doch siegt es nie, denn grimmig widerstreitet Die nächt'ge Wog' und drängt in's heimische Gebiet Den Feind zurück, der laut aufrauschend flieht Und rasch emporgeschwellt sein Ufer überschreitet.   64. In einem schmalen Kahn, der sich am Felsenrand Beweglich schaukelte im raschen Wellenreigen, Ließ jetzt der Zwerge Fürst die Wandrer niedersteigen Und nahm dann selbst das Ruder in die Hand. Wohl zitterten die zarten Frauen Im engen Kahn, vom wilden Meer umspült; Doch bald begannen sie dem Führer zu vertrauen, Der mit geprüfter Kunst das sichre Steuer hielt. (Neunter Gesang.) 65.                       So schifften sie dahin durch unterird'sche Räume, Und nächtlich flutheten die Wogen um sie her, Und Inseln hoben oft wie ungestalte Träume, Und rauhe Klippen oft sich aus dem wüsten Meer; Eintönig plätscherten vom Ruderschlag die Wogen Und murmelten und schluchzten nah und fern, Kein Strahl erleuchtete, kein freundlich heller Stern Die finstre Bahn, worauf sie weiterzogen.   66. Da steigt ein schroffer Strand aus fernem Meer hervor, Verwoben und verhüllt in graue Nebelschleier, Die Klippen ragten dort, wie mächt'ge Abenteuer, Unförmlich, wildgemischt und schroff gezackt empor. Auch schallte schauerlich aus jenen Felsenöden Ein dumpf Gezisch und grimmiges Gestöhn; Und als die Schiffenden besorgt hinübersehn, Beginnt dies Wort der Zwergenfürst zu reden:   67. Dort, wo der graue Fels am Strande niederhängt, Vertieft sich eine Kluft, verwahrt mit ehrnen Thoren, Und alles Scheußliche, was je die Nacht geboren, Ist, eng gefangen, dort in ihren Schlund gezwängt. Gluthsausend, giftgeschwellt, vielköpfig, tausendstimmig Und tausendfach verwebt, feindselig, stark und grimmig Liegt dort, vom Fels gepreßt, genährt von schwarzem Blut, In tiefer Finsternis die grause Schlangenbrut.   68. Von ew'ger Zwietracht ist die wilde Schaar entzündet, Und Keiner kennt den Feind, der zornig ihn umschlingt, Und qualvoll auf und nieder windet Sich stets der dunkle Kampf, und Alles wühlt und ringt Im gräßlichen Gedräng, und auf verschlungnen Pfaden Zerfleischt manch Ungethüm ergrimmt Den eignen Riesenleib, der mannichfach gekrümmt Sich ihm entgegenbäumt, und wähnt dem Feind zu schaden.   69. Nie hat der Sonnenstrahl ihr rothes Aug' erhellt, Und milde Wärme nie die kalte Brust empfunden, Nie mit dem Gleichen dort das Gleiche sich verbunden, Was grimme Löwen doch und Tiger selbst gesellt. Nein, wenn im Kampf aus glühndem Rachen Der gift'ge Geifer träuft und mit dem Blut sich mischt, Entsteht die junge Brut, die, kaum noch im Erwachen, Der eignen Mutter schon zum Streit entgegenzischt.   70. Wohl wird von Zeit zu Zeit durch dunkle Felsenritzen Der Ungeheuer eins zur lichten Welt gesandt, Bald, um verborgnes Gold zu schützen Vor frecher Menschengier und ungerechter Hand, Bald, um das sünd'ge Blut der Frevler zu versprützen, Von denen Gottes Blick im Zorn sich abgewandt, Bald als ein warnend Bild vor künft'gen Gräuelthaten Bald als ein warnend Bild von künftigen Greuelthaten – Solche ungeheure Schlangen, die, wenn sie sich zeigten, auf große Revolutionen hindeuteten, führt Olaus Magn. L. XXI. C. 43. an. Eine derselben pflegte sich an der norwegischen Küste, nicht weit von Bergen, zu zeigen, eine andere, welche die Vertreibung des Königs Christian angedeutet haben soll, auf der Insel Moos. Die erstere soll über 200 Fuß Länge und 20 Fuß Breite, die andere 58 Ellen Länge gehabt haben. , Vor Krieg und Königsmord und Untergang der Staaten.   71. Und schaudernd schifften sie vorbei im bangen Wahn, Als werde krachend jetzt der Felsen sich zerspalten, Und, riesenhaft verzerrt zu grausen Ungestalten, Der fessellose Schwarm sich sinnverwirrend nahn. Allmählig sahn sie jetzt ein Ufer sich entfalten, Und eine stille Bucht umhegte bald den Kahn. Und als sie angelangt, da kettet ihr Begleiter Den Nachen an den Strand und führt sie schweigend weiter.   72. Schon nahn sie sich der ungeheuren Kluft, Wo zornerfüllt die wilden Winde hausen. Von ferne schon umscholl den Pfad ein dumpfes Brausen, Vom mächt'gen Flügelschlag erzitterte die Luft. Unendlich gähnte dann vor ihrem Blick die Höhle, Und fluthend wälzte sich ein breites Nebelmeer Mit starkem Drang um alle Klippen her, Als reg' unbändig hier sich eine Riesenseele.   73. Und wie der Klang sich mischt, wenn ohne Wahl gesellt Lieblos in einem Raum viel wilde Thiere weilen, Das brüllt und jenes schnaubt, das wiehert, jenes bellt, Das pfeift, ein andres lacht, die zischen, jene heulen: So schallt ein grauenvoll Getön Betäubend rings umher, der Boden wankt, es zittern Gewölb' und Wand von starken Ungewittern, Und jede Kraft erseufzt mit kläglichem Gestöhn.   74. Noch schauerlicher ward in diesen leeren Weiten, Wo jedes Bild vom neblichen Gewand Verschlungen lag, der Töne grimmes Streiten, Da nirgends sich ein Quell des grausen Aufruhrs fand. Fast wähnen, vom Gewirr verzerrter Fieberträume, Worin um's bange Ohr, gar wunderlich gemengt, Des Schalls Empörung braust, die Wandrer sich bedrängt, Und fliehn in banger Hast die grauenvollen Räume.   75. Doch wie der Höllenschlund den weiten Rachen trennt, Worin, von Ewigkeit entzündet, Von fremder Qual genährt, die rothe Flamme brennt, Und grimmiges Geheul der Schuld'gen Pein verkündet, So liegt, als jetzt der Pfad um einen Fels sich windet, Vor ihrem Blick des Feuers Element. Sie stehn und schaudern rasch zurück vor diesen Pforten Und trauen zögernd nur des Zwerges Wink' und Worten.   76. Aus einem jähen Schlund, um welchen schwarzgebrannt Und ihrem Sturze nah die Klippen sich gestalten, Erhebt mit wandelbarem Walten Die Gluth ihr züngelnd Haupt und leckt den Felsenrand Mit hungriger Begier, empor und nieder ringen Die raschen Flammen sich, und dunkel steigt der Dampf Zu Riesenbildern auf und wogt im ew'gen Kampf, Als woll' er jetzt die Gluth, jetzt ihn die Gluth verschlingen.   77. So schäumt im Wellenspiel das ungeheure Meer Und treibt die wilde Fluth unbändig hin und wieder; Doch lastend legen sich die Wolken rings umher Und schlagen stürmisch oft die hohen Fluthen nieder. Doch was die Woge kaum zu Boden hingedrückt, Muß jetzt ihr neue Kraft und neuen Schwung verleihen, Und wenn in's Meer auch oft die Wolken niederdräuen, So wird auch oft die Fluth den Wolken nah erblickt.   78. Tief unten gährt's von schmelzenden Metallen, Von zähem Harz und flüssigem Gestein, Und wie um andern Stoff die leichten Flammen wallen, So kleiden sie sich auch in andern Farbenschein. Gar lieblich mischt sich oft das Silber mit dem Grauen, Im Blauen blitzt das Gold, und wie im Blätterkranz Die zarte Rose glüht, so läßt sich in dem Glanz, Der grünlich wallt, manch Purpurflämmchen schauen.   79. Hier sind vor eurem Blick die Pforten aufgethan, Begann der Zwerg, die ich zu nennen zage: Tief unten wandelt hier auf ewig glühnder Bahn Die unglücksel'ge Schaar und heult in grimmer Plage Umsonst zum Himmel auf, denn keine Stimme dringt, Kein Geist durch diese Gluth, die rettungslos verschlingt, Und die vermögen nur zum Licht sich zu erheben, In deren Hand der Herr die sünd'ge Welt gegeben.   80. Denn mächtig rafft, wenn Gottes Ruf erscholl, Die starke Gluth sich auf und stürzt die Felsenstirnen Der Berg' in's Thal hinab, mit lang verhaltnem Groll Zerreißt sie jedes Band und hebt mit lautem Zürnen Sich frei zum Himmel auf; von glühnden Felsen saust Die Luft, es bebt der Grund, die Woge zischt und braust, Es donnert im Gewölk und in der Erde Hallen, Des Menschen Werk versinkt, und Flammenströme wallen.   81. Dann nahn die Geister auch, die Gottes Zorn gesandt, Aus tiefer Nacht den irdischen Gefilden Und thürmen grauenvoll sich um des Schlundes Rand, Bewegten Wolken gleich und schwarzen Dunstgebilden. Verderblich ziehn sie dann mit langgeschweifter Gluth Am Himmel hin als leuchtende Cometen Und drängen hart mit Seuch' und Wasserfluth Das sündige Geschlecht und grimmen Kriegesnöthen.   82. Noch spricht der Zwerg, noch schauen tiefbewegt Die Wanderer hinab, da hebt mit wildem Ringen Das Feuer sich empor und schlägt Zur hohen Wölbung auf. An allen Wänden schlingen Die Flammen sich umher, sie theilen sich und dringen, Der gift'gen Hyder gleich, die tausend Zungen regt, Auf die Erschrocknen ein, die vor den glühnden Pfeilen Bald hier, bald dorthin fliehn und nach dem Ausgang eilen.   83. Doch drohend hob das Zwerglein seine Hand Und rief: Zurück! was brichst du deine Schranken, Unbänd'ge Gluth? Und zitternd floh der Brand Und krümmte sich im Schmerz, und von den Felsen sanken Die Flammen rasch hinab, und mit gebundner Wuth Erstöhnt' und murmelte in tiefer Kluft die Gluth Und schleuderte mit eitlem Zorn nach oben Kraftlose Funken auf, die in der Luft zerstoben.   84. Und als sie jetzt im nächtlichen Gebiet Manch Wunder noch gesehn, manch weises Wort vernommen, Da wandeln sie zurück mit sinnendem Gemüth Auf irrer Bahn, halb freudig, halb beklommen. Schon zeigt sich wiederum, vom heitern Schmuck umblüht, Der holde Zauberhain, aus dem sie hergekommen, Und freundlich führt der Zwerg auf buntem Pfad sie fort Zu einer Marmorkluft und redet dieses Wort:   85. Was nie des Menschen Geist begriffen und gedeutet, Das Alles hat sich jetzt euch willig aufgethan. Nur wer mit stillem Sinn durch's wilde Leben schreitet, Vom bangen Zweifel fern und fern vom stolzen Wahn, Der darf allein sich heil'gen Dingen nahn, Und nur für Kinder ist das Himmelreich bereitet. Drum sey auch euch, ihr Frommen, offenbart, Was am verborgensten die tiefe Nacht bewahrt.   86. Wie leis' in dunkler Kluft der Keim der jungen Saaten, Noch fern dem Licht, zum Leben schon erwacht, So gaukeln dämmernd oft die Bilder künft'ger Thaten, Den Träumen gleich, durch unsre stille Nacht Und lassen deutungsvoll den klugen Sinn errathen, Was Gott in später Zeit den Menschen zugedacht. Er spricht's und hebt den Stab und ruft geheime Worte, Da öffnet im Gestein sich eine hohe Pforte.   87. Sie treten ein, und ihrem Auge zeigt Im Dämmerlicht sich eine weite Halle, Worin, dem Spiegel gleich, von glänzendem Krystalle Die glatte Wand empor zur hohen Wölbung steigt. Und wie der frühe Duft mit wandelbaren Wogen Von Winden aufgewiegt das helle Licht umwebt, So ist mit grauem Duft der Silberglanz umzogen, Der leuchtend im Krystall mit stillen Schwingen schwebt.   88. Doch nach und nach beginnt im dunkeln Zauberspiegel Durch's todte Dämmergrau ein frischer Hauch zu wehn; Beweglich sinkt und steigt der Duft mit raschem Flügel, Scheint zitternd bald zu fliehn und bald zu widerstehn. Hier schaut ein Thurm hervor und dort ein grüner Hügel, Hier läßt ein Wald das Haupt und dort die Tiefe sehn, Dort treibt ein breiter Strom mit sonderbaren Wellen Die grauen Nebel fort, die ihm entgegen schwellen.   89. Und als nun ganz die Dämmrung sich erhellt, Da ist ein reiches Bild aus ihr hervorgegangen. Von Wäldern grünt der Berg, mit Saaten wogt das Feld, Und Städte blühn empor, und stolze Vesten prangen; Hier zeigt sich ein Palast und dort ein Hirtenzelt, Hier Meer vom Land umhegt, dort Land vom Meer umfangen, Und Menschen wandern rings umher von Ort zu Ort, Und durch die Wellen fliehn die weißen Segel fort.   90. Die Länder, wo der Frost die Fluthen ewig bindet, Und wo sein flammend Nest der edle Phönix baut, Wo sich der Atlas thürmt, wo sich der Ganges windet, Und wie im Ost die Nacht, der Tag im Westen graut, Wo nie die Sonn' erscheint und wo sie nimmer schwindet, Und wo sie schräg empor und senkrecht niederschaut, Wo Strom, Gebirg und Meer und weite Wüsten trennen, Das ließ im engen Raum sich hier vereint erkennen.   91. Sie sahn auch jenes Land, wo einst in bittrer Pein Der Sohn des Herrn für uns den Kreuzestod erlitten: Wohl ist das heil'ge Grab demüthig, arm und klein, Doch mancher Pilger kommt zu ihm herangeschritten Und will vom Himmel dort sich Gnad' und Heil erbitten Und am geweihten Ort sein sündlich Thun bereun; Doch wehrt mit frecher Hand der Heiden wilde Rotte Dem Volk der Gläubigen die Bahn zu seinem Gotte.   92. Da häuft zum frommen Zug sich große Kriegesmacht, Und tapfre Helden nahn aus allen Christenreichen, Und manche kühne That wird rühmlich dort vollbracht, Und hoch im Kampfe wallt das heil'ge Kreuzeszeichen. Die Engel Gottes ziehn dem Heer voran zur Schlacht, Es fällt die Heidenschaar von glühnden Schwertesstreichen, Die stolze Veste sinkt, errungen ist das Grab, Und hoch von Zion schaut das blut'ge Kreuz herab.   93. Auch läßt sich fern auf grünem Bergeshange Im frühen Morgenlicht ein heil'ger Sänger sehn, Er rührt das Saitenspiel mit wunderbarem Klange, Daß weit durch alle Welt die hellen Töne wehn, Und was sein Aug' erblickt, das preist er im Gesange Und mischt mit Lieb' und Lust das wilde Schlachtgetön. Um seine Locken scheint ein goldner Glanz zu spielen, Sein Geist schon jetzt den Ruhm, der einst ihn kränzt, zu fühlen.   94. Dann zeigt sich uferlos der wilde Ocean, Der um die Erde sich mit mächt'gen Fluthen windet. Dort steuert kühn ein Held auf nie beschiffter Bahn Und sucht das ferne Ziel, das ihm sein Geist verkündet. Vergebens stürmt das wilde Meer, Umsonst der eignen Schaar Empörung um ihn her, Ihm können Noth und Zwang die innre Kraft nicht rauben, Und eine neue Welt empfängt durch ihn den Glauben.   95. Und ferner sahn sie jetzt, wie, durch Betrug erhöht, An seinen Stuhl die Welt ein stolzer Priester kettet, Und wie ein kühner Mann des Geistes Freiheit rettet, Der unverzagt dem Wahn zum Kampf entgegen geht, Wie Jene, die ihm traun, des Scheiterhaufens Gluthen, Des Henkers Beil nicht scheun und für die Wahrheit bluten, Und wie ein stolzer Fürst mit übermächt'gem Schwert Der Deutschen freies Reich bewältigt und verheert.   96. Da steigt von nordischen Gestaden, Die Völker zu befrein, ein junger Held herab, Und Recht und Wahrheit ziehn und Sieg auf seinen Pfaden, Er bricht mit starkem Arm des Herrschers harten Stab. Wohl muß die kühne Brust im eignen Blut sich baden; Doch preist das freie Volk noch lang sein rühmlich Grab. Wo im gerechten Kampf die ehrnen Schwerter klingen, Da wird der deutsche Mann auch seine Thaten singen.   97. Doch naht noch einmal sich ein übermüt'ger Knecht, Der aus dem Staub zum Thron emporgestiegen: Sein Gott ist seine Gier, sein Schwert nur ist sein Recht, Hier herrscht er durch Gewalt und dort durch freche Lügen. Vergebens waffnet sich das blutende Geschlecht, Ihn treibt sein künft'ger Fluch und hilft ihm selber siegen; Doch ist das Maß einst voll von Trug und Mord und Raub, Hohnlachend tritt er dann den Sclaven in den Staub.   98. Und sieh, es ist erfüllt! Vom ird'schen Wahne wenden Die Völker sich zu Gott und flehn empor zum Herrn; Dann fassen sie das Schwert mit unverzagten Händen, Es tönt der Schlachtenruf der Freiheit nah und fern. In ihren Reihen ist ein ehrnes Kreuz zu schauen, Denn Gott ist ihre Kraft, ihr Schild und ihr Vertrauen. Wenn Glauben, Ehr' und Recht zum heil'gen Kampfe gehn, Muß leuchtend auch voran das Banner Gottes wehn.   99. So großes Ungemach ist nimmer wohl erlitten, Und damals selbst geschahn so große Thaten nicht, Als auf der Erde noch die alten Helden stritten, Wovon noch jetzt die Sage singt und spricht. Gerüstet schwankt der Greis mit alterschweren Schritten, Das Kind bewehrt die Hand mit eisernem Gewicht, Dem Gatten reicht das Weib, die Mutter ihren Söhnen, Dem Jüngling seine Braut die Waffen ohne Thränen.   100. Wovor sich früher selbst des Mannes Herz gescheut, Das thun und dulden jetzt demüthig edle Frauen, Sie wandeln still einher im ungeschmückten Kleid Und nahn dem blut'gen Bett des Wunden ohne Grauen. Der wird durch mildes Wort, durch Pflege Der erfreut, Und Allen lassen sie ihr tröstend Antlitz schauen Und geben gern für schöneren Gewinn Der edeln Steine Glanz, das goldne Kleinod hin.   101. So wird durch große Kraft der große Sieg errungen, Durch manches theure Blut das hohe Ziel erstrebt, Der freche Dränger flieht verlassen und bezwungen, Indeß ein friedlich Band die ganze Welt verwebt. Heil Jedem, welcher einst in jener Zeit entsprungen, Die unvergänglich fort in ew'gen Liedern lebt! Heil Allen, die gekämpft! und Heil und Friede Allen, Die in dem edeln Kampf geblutet und gefallen!   102. So dämmerte der späten Tage Bild Vor ihrem Geist empor mit wandelbarem Walten; Doch schwinden nach und nach die luftigen Gestalten, Und nur mit reinem Licht ist jetzt die Fläch' erfüllt. Da nahn sie sich dem leuchtenden Gesteine, Ob auch ihr eignes Bild in seinem Glanz erscheine, Und Jeder bebt erstaunt und wähnt im süßen Traum, Sich selbst zu sehn, und kennt die eignen Züge kaum.   103. Auf einem Wolkenthron, den farb'ge Strahlen schmücken, Sieht dort Cäcilie ihr holdes Bild erhöht; Es strahlt ein heil'ger Ernst in ihren keuschen Blicken, Sie schaut zum Himmel auf mit stiller Majestät, In allen Zügen weilt ein seliges Entzücken, Aus Lieb' und Huld gemischt und Sehnsucht und Gebet, Der helle Morgen glüht auf ihrem Angesichte Und schmückt das ganze Bild mit röthlich goldnem Lichte.   104. Durchsichtig, klar, aus blauer Luft gewebt, Ist um die zarte Form ein leicht Gewand gegossen, Und aus dem Myrtenkranz, der in den Locken schwebt, Wo sich die Stirne wölbt, ein Rosenkelch entsprossen; Fast scheint's, als ob das Kleid, als ob die Locke bebt, Als ob der Kranz sich regt, vom linden Hauch umflossen, Und wie auf leiser Fluth der Sonnenschein sich bricht, So schmückt den letzten Saum des Haars ein goldnes Licht.   105. Viel' Engelbilder ruhn und spielen Um ihre Herrin her, zum holden Dienst bereit: Der scheint mit sanftem Wehn die Wangen ihr zu kühlen, Indeß ein andrer ihr die goldne Harfe beut; Den füllt Begeisterung mit stürmischen Gefühlen, Der schlummert im Gewölk in stiller Seligkeit; Und jener hebt das Haupt und scheint entzückt zu lauschen, Als woll' ein süßer Ton den Saiten jetzt entrauschen.   106. Doch wie, je reichlicher die bunte Blüthe sprießt, Die Zweige tiefer stets in's Grün herniederhangen, So trägt auch sie den Glanz, der sie umfließt, Demüthig, still und ohne stolzes Prangen. Ein lichter Kreis, wo Stern an Stern sich schließt, Scheint wie ein goldner Reif das Bildniß zu umfangen, Und feierlich bewegt mit immer gleichem Tanz Sich um das stille Bild der hellgesternte Kranz.   107. Doch plötzlich wird ein wunderbares Leben In jeder Form erzitternd aufgeregt, Der Athem weht, die raschen Pulse beben, Die Farben wandeln sich, das Herz im Busen schlägt, Die Harfe klingt, die Engel nahn und schweben, Die Wolke schwimmt empor, vom leisen Hauch bewegt, Und unter Chorgesang und hellem Saitenschalle Zerrinnt das holde Bild in hochgewölbter Halle.   108. Doch herrlich angethan mit leuchtendem Gewand Erblickt sich Adelheid auf reichgeschmücktem Throne: Anstatt des Scepters hält nur Myrten ihre Hand, Doch in den Locken blitzt die königliche Krone, Ein holdes Feuer ist in ihrem Aug' entbrannt, Gleich zarter Lust und keuschem Liebeslohne; Doch wie im klaren Bach die Silberwölkchen ziehn, So scheint im tiefsten Blick ein Thränlein aufzublühn.   109. Und was mit holdem Reiz und was mit stolzem Scheine Die Augen lockt und unser Herz erfreut, Das edle Gold, die köstlichen Gesteine, Die Perle, die vom Thau den Silberschimmer leiht, Das Alles lag in lieblichem Vereine Und wechselnder Gestalt um ihren Thron verstreut. Doch scheint sie kaum die Pracht, die sie umgiebt, zu fühlen Und sinnig hingelehnt mit Schönerem zu spielen.   110. Denn vielverflochten schlingt sich um das holde Bild Ein Kranz von Blumen her und jungen Frühlingssprossen: Hier ist die Blüthe noch vom grünen Rand umhüllt, Dort kaum hervorgekeimt, dort glänzend aufgeschossen; Mit hellem Thau ist jeder Kelch erfüllt Und jeder frisch und süß vom eignen Duft umflossen, Und durch die Blüthen schmiegt, bald hell und dunkel bald, Das zarte Laub sich hin in wechselnder Gestalt.   111. Auch fliegen leis' und leicht mit tausendfarb'gen Schwingen Viel Vöglein um den Kranz und hüpfen durch das Grün: Sie flattern hin und her, man hört sie lieblich singen Und fühlt ein leises Wehn, wenn sie vorüberziehn; Und manche Blüthe bebt von bunten Schmetterlingen, Die naschend bald sich nahn und lustig bald entfliehn, Und wenn sie in den Schooß der Blume still sich neigen, Scheint aus dem schönen Kelch ein schönrer noch zu steigen.   112. Wohl minder fröhlich war im glänzenden Gestein, Doch sanft und mild der Sänger anzuschauen; Ein Kreis von Wolken schloß den Rand des Bildes ein, Und selten nur durchbrach ein Stern das nächt'ge Grauen; Und in der Mitte schwamm ein abendlicher Schein, Wehmüthig ernst, auf herbstlich bunten Auen; Von falben Zweigen hing manch welker Kranz herab, Doch grün und duftend hob im Haine sich ein Grab.   113. Dort saß er still und blickte durch die Weiten Und sinnend dann auf's nahe Grab zurück, Versunken schien sein Geist in längstverblühte Zeiten, In süßgeträumte Lust und nie errungnes Glück. Bald rührt' er mächtiger und leiser bald die Saiten, Und freundlich lächelte durch Thränen oft sein Blick; Er schien ein tiefes Leid in seiner Brust zu hegen Und wie sein leeres Gut den stillen Schmerz zu pflegen.   114. So zeigte Jedem sich, von fremder Schrank' umhegt, Sein umgewandelt Bild im glänzenden Krystalle. Verstummt und träumerisch verlassen sie die Halle, Von manchem Schmerz, von mancher Lust bewegt. Und Keiner wagt es jetzt, den Andern anzusehen, Und Keiner, was er sah, dem Freunde zu gestehen, Und Jedes Seele treibt auf einem raschen Meer Von Zweifel, Sorg' und Wahn und Furcht und Lust umher.   115. Der Abend sank indeß mit rosenfarbnem Scheine. Dort unten scheiden zwar sich nimmer Nacht und Tag; Doch ahmte wunderbar in diesem Zauberhaine Der Geister mächt'ge Kunst des Lebens Bilder nach. Allmählig schienen sich die Wolken zu entfärben, Der Steine bunter Glanz, der sonst die Kluft erhellt, Begann im Blüthenkelch zu dämmern und zu sterben, Und süß im Schlummer lag die unterird'sche Welt.   116. Da führt der Zwerg die müden Gäste Der Grotte zu, woraus der Quell sich drängt. Dort hatten diamantne Aeste Zum holden Laubendach gar traulich sich verschränkt, Und weiches Moos, das selbst in ew'gen Finsternissen Vom nackten Fels sein karges Leben leiht, War für die Wandrer dort zum sanften Ruhekissen Von Geisterhand gastfreundlich ausgestreut.   117. Schon schliefen tief und süß die minniglichen Frauen. Da saß der Sänger noch im bunten Zauberhain, Um still in's leise Wehn der Nacht hinaus zu schauen, Die flüchtig jetzt mit ungewißem Schein Um alle Bilder hing. Es schlich ein süßes Grauen Begeisternd sich in seinen Busen ein, Und oft erschien es ihm, als ob in stiller Oede Manch hold vertraulich Wort die Quelle mit ihm rede.   118. Da ließ ein wunderbar Getön Gespenstisch sich in weiter Ferne hören: Bald scholl es hell empor zu luft'gen Geisterchören, Und schien verhallend bald in Dämmrung zu vergehn, Als wolle jetzt die Nacht ein tönend Kind gebären Und ringe noch mit zweifelhaften Wehn. Doch wurden nach und nach die Töne zu Gesängen, Und nah und näher kam's aus dunkeln Felsengängen.   119. Und sieh, da zog in seltsam neuer Tracht, Mit goldnem Schmuck behängt und silbernen Gewändern, Und fröhlich ausgeziert mit Kronen und mit Bändern, Ein singend Zwergenchor durch's Dämmergrau der Nacht; Behende drehten sich in vielverschlungnen Kreisen Die Männlein hin und her und tanzten auf und ab, Und schlugen mit dem Zauberstab Das räthselhafte Maß zu ihren Sangesweisen.   120. Und als der buntgemischte Chor Dem Orte sich genaht, wo Reinald staunend lauschte, Da sprang aus dichtem Kreis ein Zwergenbild hervor Und bot ein Harfenspiel, das lieblich klang und rauschte, Dem freud'gen Sänger dar. Im hellpolirten Rand Schien jedes edle Erz sich künstlich zu vereinen, Und prangend war an köstlichen Gesteinen Das lichte Gold der Saiten ausgespannt.   121. Und rauschend ließ er jetzt das goldne Spiel erschallen, Daß weit der helle Ton durch alle Klüfte drang: Aus tiefen Fernen her erwiderten die Hallen Mit nachgeahmtem Ruf den unbekannten Klang, Und lauter schien der Quell und gellender zu wallen Und schwoll und zitterte mit graulichem Gesang, Und wilder stets begann auf starkgeschlagnen Saiten Der Tön' entfesselt Heer zu irren und zu streiten.   122. Doch hob von neuem sich zum Tanz die leichte Schaar Und schien sich wüster stets zu wirbeln und zu drehen: Bald faßte sich der Kreis, und bald sich Paar und Paar, Am Boden schwebt' es jetzt, und jetzt in luft'gen Höhen, Und Jeder beugt' und warf die Glieder wunderbar, Ließ stets in neuer Form mit kühnerm Sprung sich sehen, Bis endlich rasch durch eine Felsenwand In's Innre des Gebirgs der nächt'ge Zug verschwand.   123. Und als in ferner Nacht die Töne jetzt zerflogen, Und sich des Sängers Geist vom wilden Rausch erhob, Da blickt' er in die Kluft, wo friedlich ausgegossen Sich um die zarten Fraun der süße Schlummer wob. Und leiser ließ er jetzt die goldnen Saiten klingen Und paarte Ton und Ton mit künstlich holder Wahl, Und still begann er dann ein luftig Lied zu singen, Das, kaum gehört, sich durch die Dämmrung stahl:   124.         Wo Felsen hangen In Nacht und Grausen, Wo Ströme brausen In dunkler Kluft, Da ist gefangen Der Stern der Liebe Und blinkt so trübe Durch Wolk' und Duft.   125. Die Felsen tragen Ein Kleid von Golde: So schließt das Holde Der Kerker ein. Einst wird es tagen, Dem Königssohne In seiner Krone, Ein Kleinod seyn.   126. Es spielt das Leben Im Sonnenschimmer, Zu uns dringt nimmer Der Strahl herab. Die Wälder beben, Der Sturmwind waltet, Kein Blitz zerspaltet Das Felsengrab.   127. Die Wellen schäumen Im Meer dort oben, Wo sich mit Toben Die Brandung bricht; Die Perlen träumen Im sichern Hause, Des Meers Gebrause Erweckt sie nicht.   128. Schlaft sanft, ihr Schönen, Schlaft ohne Sorgen Und träumt vom Morgen In dunkler Nacht! Von süßen Tönen Erschallt die Oede, Der Fels giebt Rede, Der Sänger wacht.   129.                   So schallte Reinalds Lied, und sanft umfing den Müden Der weiche Schlummer jetzt. Das holde Gnadenpfand, Das ihm bei'm nächt'gen Tanz der Zwerge Gunst beschieden, Entglitt mit leisem Klang der hingesunknen Hand. O schlummert sanft, ihr Frommen, träumt in Frieden! Schon ist der Retter nah, den Gottes Wink gesandt. Wenn droben auf der Welt die frühen Strahlen ragen, Wird euch die dunkle Fluth in's helle Leben tagen. Zehnter Gesang. 1.                           Durch Berg und Thal und dunkle Waldesnacht War Gormo's Sohn indeß schon lang' umhergezogen, Von Furcht gejagt, von Hoffnung stets betrogen, Zu neuer Hoffnung stets durch Täuschung angefacht. Die schroffe Kluft des Stroms, geschwollne Wogen, Der schneebedeckte Fels, wo nie der Lenz erwacht, Der Pfad, wo Müh' und Tod mit jedem Schritte kämpfen, Nichts konnte seinen Muth und seine Sehnsucht dämpfen.   2. Je drohender der Fels zu ihm herniedersah, Je mächtiger die tiefe Höhle gähnte, Je größre Noth erschien, um desto sichrer wähnte Der kühne Held, er sey dem Ziele nah. Und wo der Waldesstrom zu tiefen Bergesschlünden Gewaltig niederfiel und um den dichtern Hain Die breiten Wellen zog, da sprang er kühn hinein Und glaubte dort gewiß die holde Braut zu finden.   3. Und wenn er dann mit starker Hand Der Strudel rasches Drehn, der Woge wildes Wallen Mit Mühe nur besiegt, und in den finstern Hallen Des Haines keine Spur der theuren Freunde fand, Dann ließ er weit umher den lauten Ruf erschallen, Daß gellend sich der Ton durch Thal und Felsen wand, Und immer schien es ihm, daß aus des Waldes Tiefe Ihn Adelheid mit leisen Klagen riefe.   4. So trieb der rasche Wahn ihn immer weiter fort, Indeß sich wilder stets der öde Pfad verwirrte: Wie oft ein Wanderer, der sich im Hain verirrte, Dem leichten Flämmchen folgt, das täuschend hier und dort In dunkler Ferne hüpft; schon wähnt er sich der Hütte Geliebter Menschen nah und fördert stets die Schritte, Als rasch in's tiefe Moor der falsche Schein versinkt, Und ohne Ziel und Pfad die Wildniß ihn umringt.   5. Als nun das Abendroth am Himmel schon entglommen, Da wirft der matte Fürst mit lebensmüdem Sinn, Von Zorn und Schmerz erregt, von dumpfer Angst beklommen, Tiefseufzend, hoffnungslos in's feuchte Gras sich hin. Und so wie dichter stets in dunkler Waldesstille Die Dämmerung durch Zweig und Wipfel zieht, So scheint auch ihm im trauernden Gemüth, Daß immer nächtlicher die Hoffnung sich verhülle.   6. Es ist umsonst! so klagt der müde Held, Wo soll ich jetzt verziehn und welchen Pfad beschreiten? O wehe mir! wie ist die weite Welt So grenzenlos, wie viele Wege leiten Durch ihre Fernen hin! Wie darf ich eine Bahn Aus tausenden verschmähn, aus tausend eine wählen? Kann ich auf jeder nicht das dunkle Ziel verfehlen, Auf jeder nicht vielleicht dem Ziele nahn?   7. Ach, daß ich jetzt so weit von dir geschieden Und doch, du holdes Bild, vielleicht so nah dir bin! Wo weilst du jetzt? Wo trug dein Loos dich hin? Bist du schon dort? Umfängt dich noch hienieden, Weh mir! ein fernes Land? Ach, hat durch diesen Wald Dein Fuß nicht auch vielleicht dich irr' umhergetragen? Erscholl nicht auch vielleicht in deinen lauten Klagen Des Freundes Name hier, wo jetzt der deine schallt?   8. Du wehst so sanft mit deinen hohen Zweigen, Du dunkler Hain, als wolle mir dein Wink, Dein Säuseln mir die holde Stelle zeigen, Wo kühlend jüngst dein Schatten sie umfing. O Quell, wie plätscherst du so freundlich von den Höhen, Als sage mir dein lieblich heller Laut: Dort ist der Pfad, dort suche deine Braut! Weh mir! es ist umsonst, ich kann euch nicht verstehen.   9. Doch wenn auch dunkler noch die Nacht herniederschwebt, So fährt er rascher fort und drängt die feigen Schmerzen In seine Brust zurück, wenn auch die Erde bebt, Und sich vom Sturmgewölk die bleichen Sterne schwärzen. Dir folg' ich stets, so lang noch Muth im Herzen, So lang noch Kraft in diesen Gliedern lebt; Und erst wenn jeden Dienst mir Leib und Geist versagen, Erst dann will ich an mir und auch an dir verzagen.   10. So ruft er aus. Und wie mit stärkrer Kraft Der Fichtenstamm sich hebt, je mehr er sich gebogen, Und wie der flücht'ge Pfeil, je straffer angezogen Die Senne gellt, gewalt'ger fort sich rafft: So hebt auch männlicher sein tapfres Herz sich wieder Und trotzt des Glücks veränderlichem Spiel, Und wandellos verfolgt mit mächtigerm Gefieder Sein kühner Geist das unverrückte Ziel.   11. Er wandelt fort, als schon im letzten Scheine Des Abendroths die hohen Felsen glühn, Da öffnet unverhofft im unwirthbaren Haine Sich eine Wiesenflur mit üppig weichem Grün, Um die sich dort ein Kranz von ragendem Gesteine Und hier des Stroms geschwollne Wellen ziehn; Auch blüht ein Gärtchen dort, und eine kleine Hütte, Vom grünen Netz umrankt, erhebt sich in der Mitte.   12. Der Ritter naht erfreut und watet durch die Fluth, Und ungewiß, wer hier in dichter Wildniß hause, Betritt er jetzt die enge Klause, Die menschenleer in dunkler Stille ruht. Den Gott der Christen schien der Eigner zu verehren, Ein hölzerner Altar war dort dem Herrn erhöht, Von dessen Kreuz zum heiligen Gebet Ein Kranz herniederhing aus wilden Waldesbeeren.   13. Da zeigt im Winkel sich verrostet und zerfetzt Ein Panzerhemd, umstrickt mit Spinngeweben, Und feiernd stand ein altes Schwert daneben, Von manchem Hieb versehrt, zu mancher Schlacht gewetzt, Die stumpfe Streitaxt lag vergessen längst im Staube, Im breiten Schilde glomm des Herdes matte Gluth, Und friedlich saß die fromme Turteltaube Im kriegerischen Helm auf ihrer zarten Brut.   14. Der Held bewundert noch die seltnen Hausgeräthe, Da naht ein alter Mann dem engen Hüttenraum Und sieht zuerst, versunken im Gebete Mit fromm geneigter Stirn, den jungen Ritter kaum. Wohl schien die starke Brust des eisernen Gewandes, Der Arm des Schwerts gewohnt, des Helms das kühne Haupt; Doch war vom milden Ernst des stillen Siedlerstandes Dem schlachtenfreud'gen Blick der wilde Trotz geraubt.   15. Doch als er jetzt sein still Gebet geendet Und seinen Gast verwundert angesehn, Da bleibt er starr und wie vom Blitz geblendet, Mit abgewandtem Haupt am Hüttenpförtchen stehn. Und wie er schüchtern nun den Blick noch einmal wendet, Da scheint ein freud'ger Glanz um sein Gesicht zu wehn, Er eilt hinzu und stürzt vor Biarko nieder, Und küßt des Helden Hand und drückt und küßt sie wieder.   16. Und auch der Jüngling beugt mit glühendem Gesicht, Von bittrer Lust, von süßem Schmerz durchdrungen, Zum Greise sich hinab und hält ihn fest umschlungen, Indeß ein Thränenstrom aus seinen Augen bricht. Und schweigend ruhn sie lang, vom holden Schreck bezwungen, Und Keiner hebt das Haupt, und Keiner fragt und spricht. So sieht man oft den Baum mit jugendlichen Zweigen Auf ein verfallnes Mahl sich freundlich niederneigen.   17. O theurer Herr, o königlicher Freund! So ruft der Greis zuletzt, so hörte Gott mein Flehen! Noch einmal soll ich dich mit diesen Augen sehen, Die lange schon um deinen Tod geweint! Dich, den ich früh als Knaben schon geleitet, Den ich auf jeder Fahrt, in jedem Kampf begleitet, Der Vater mich genannt, dich führt das rasche Glück Dem alterschweren Greis in blühnder Kraft zurück!   18. Wie träge schlichen mir die freudenlosen Stunden In dieser Wüste hin! Wie war dem trüben Geist Mit dir ein jeder Trost und jede Kraft entschwunden! Wie fühlt' ich mich so ganz verlassen und verwaist! Und sah ich leuchtend dann das Schwert im Winkel blinken, Die Axt, woran sich oft dein junger Arm geübt, Dann weint' ich fast und sagte tief betrübt: Ihr fochtet einst für ihn und konntet ihn nicht schützen.   19. O sprich, wie kamst du her? Wie konntest du entfliehn In jener Nacht, wo alle deine Treuen Der Feinde Schwert erschlug? Wer hat dir Kraft verliehn, Aus Harald's wilder Schaar allein dich zu befreien? Und Jene, die so ganz dein tiefstes Herz erfüllt, Zu deren Schutz du mit dem mächt'gen Heere Den Kampf begannst, wo ist das holde Bild, Daß ich in ihm dein Glück und deinen Engel ehre?   20. O Sivald, ruft der Jüngling tief bewegt, Du sprichst von ihr, um die ich ewig klage! Du treues Herz, wie hat mir deine Frage Den ganzen tiefen Schmerz noch bittrer aufgeregt! Weh mir, daß grade jetzt an diesem schönen Tage So herben Kummer mir das Schicksal aufgelegt! Ach, mußt' ich dich nur darum wiederfinden, Um dir das größte Leid des Lebens zu verkünden!   21. Doch nein, ich will den Trost des Himmels nicht verschmähn, Will freudig meine Hand der holden Hoffnung reichen. Noch liebt mich Gott, er giebt mir jetzt das Zeichen, Ich werd' auch sie noch einmal wiedersehn. Wohl ist das flücht'ge Glück der Biene zu vergleichen, Die dort am liebsten wohnt, wo duft'ge Blumen stehn. Dich fand ich unverhofft in diesen Waldesgründen, Und sollte sie nicht auch einst wiederfinden?   22. Und jetzt erzählt er ihm, wie er dem Tod' entkam, Wie Gott der theuren Braut das Leben, Die holde Schwester ihr, den Freund zurückgegeben, Und wie von neuem jetzt das Glück ihm Alles nahm. Doch du, wie bist denn du der blut'gen Schlacht entgangen? So fährt er fort; du sankst von tiefen Wunden roth An meiner Seite hin, schon wähnt' ich längst dich todt Und glaubte nie den Freund noch einmal zu umfangen.   23. Ich selber meinte kaum dem Tode zu entfliehn, Begann der Greis; von manchem Schwert getroffen, Entsank ich neben dir in's rothbenetzte Grün Und ruhte fast betäubt und ohne Furcht und Hoffen, Von Leichen überdeckt. Mit kalter, starrer Hand Schloß oft Ermattung mir die müden Augenlieder. Und frostig bebten schon im eisernen Gewand Vom Todeskrampf die blutlos bleichen Glieder.   24. Doch als allmählig nun das Schlachtgetümmel schwieg, Und leis' empor vom Morgenduft getragen Aus fernem Meer die warme Sonne stieg, Begann's auch mir im dumpfen Geist zu tagen. Ich blickt' empor und sah der Feinde Sieg Und leer das blut'ge Feld und jeden Feind erschlagen; Doch kräftig regte sich in meiner alten Brust Bei'm hellen Morgenstrahl des Lebens holde Lust.   25. Mit Müh' erhob ich mich, geschwächt von vielen Wunden, Und schleppte langsam mich von jener Stätte fort, Und als ich jetzt im Hain mir Brust und Arm verbunden, Verfolgt' ich meinen Weg und irrte hier und dort, Und kam zuletzt, als schon der Tag verschwunden, Nach vielem Ungemach an diesen wilden Ort, Wo einst ein alter Freund, dem ich am meisten traute, Zum frommen Siedlerstand sich diese Klause baute.   26. Schon war er todt, ich fand die Hütte leer; Da sprach ich zu mir selbst: Hier sollst du künftig wohnen; Die Welt hat doch für dich nun keine Freude mehr, Nur Biarko konnte dir die lange Treue lohnen. So lebt' ich manchen Tag in diesem dichten Wald Und diente Gott mit Buß' und brünst'gem Flehen Und betete: Laß mich, o Himmel, bald In deinem Reich den Liebling wiedersehen.   27. Nun setze dich! das Mahl ist längst bereit; Doch heller will ich erst des Herdes Gluth entzünden, Denn tiefer naht die Nacht den engen Felsenschlünden, Und dunkler wird des Waldes Einsamkeit. Fern braust die Tanne schon von ungestümen Winden, Der Rabe krächzt, bald ist es an der Zeit, Und sichrer läßt es sich bei'm muntern Feuer weilen, Wenn draußen in dem Forst die Geister ziehn und heulen.   28. So sprach der Greis und trug mit rüst'ger Hand Viel trocknes Holz und dürres Laub zusammen, Und lustig loderte vom Herde bald der Brand Und spielte durch's Gemach mit leichtbewegten Flammen. Und als sie Beide nun dem Herde nah gerückt Und sich mit Speis' und Trank gesättigt und erquickt, Da fragte Gormo's Sohn, was jenes Wort bedeute, Und welche Schrecken hier die tiefre Nacht bereite.   29. Du wirst ein grausend Spiel in diesen Wäldern sehn, Begann der Greis; denn wenn am nächt'gen Himmel Auf ihrer höchsten Bahn die goldnen Sterne stehn, Erhebt von ferne sich ein gräßliches Getümmel, Und nah und näher tobt's von jenen wald'gen Höhn, Und durch die Lüfte zieht ein wunderbar Gewimmel Von Nebelbildern hin, und gleich dem Lärm der Jagd Erschallt's und heult's und bellt's und wiehert's durch die Nacht.   30. Zwar kündete mir einst ein hocherfahrner Meister, Sobald ein kühner Mann auf jenen Schwarm den Speer Emporzuschleudern wagt, so fliehn die wilden Geister Und toben künftig stets auf anderm Pfad umher. Doch gräulich ist's, mit nächt'gem Spuk zu streiten, Und da schon jenes Kreuz durch Gottes heil'ge Macht Vor jedem Ungestüm der Hölle mich bewacht, Vermaß ich mich noch nie zum Kampf hervorzuschreiten.   31. Erstaunt vernahm's der Held und freudig rief er aus: Sey unverzagt! ich will den Arm dir leihen. Sobald die Stunde naht, tret' ich zum Kampf hinaus, Von jenem wüsten Schwarm dein Obdach zu befreien. Schon traf ich manchen Feind in wilden Kriegerreihen, Jetzt will ich sehn, ob auch in diesem Strauß Der Speer mir nicht versagt. Leb wohl, schon ziehn die Sterne Am Himmel hoch empor, schon braust es in der Ferne.   32. Er sprach's und machte sich zum nächt'gen Kampf bereit, Doch Sivald sprang empor und rief mit glühnden Wangen: Das sage Keiner je, daß ich die Bahn gescheut, Worauf mein König mir, mein Freund vorangegangen! War ich nicht stets der Nächste dir im Streit? Hab' ich in deinem Dienst nicht manche Wund' empfangen? Vergaß' ich je aus schnöder Furcht die Pflicht, Wohl hätt' ich deine Huld und diese Narben nicht.   33. Wähnst du, ich wolle jetzt noch einmal dich verlieren, Da du so wunderbar zu mir zurückgekehrt? Noch kann mein Arm den Stahl, die ehrne Kolbe führen, Noch fühlt vom Druck des Helms mein Haupt sich nicht beschwert. So lang das Leben weilt, will auch die Kraft sich rühren, Und freudig blüht der Muth, so lang' ihn Hoffnung nährt. Nur wenn des Baumes Keim der rasche Blitz zerschlagen, Magst du den Stamm zerhaun und ihn in's Feuer tragen.   34. So ruft er aus und streift das Bußgewand Von seinen Schultern ab und wirft's zur Erde nieder, Und freudig nimmt er dann den Panzer von der Wand Und schmückt mit ehrnem Kleid die kräft'gen Heldenglieder; Schon glänzen Art und Schwert in seiner alten Hand, Schon hängt der staub'ge Schild an seinem Arme wieder, Und freundlich spricht er jetzt, als er die Taub' erblickt, Die sich im rost'gen Helm verschüchtert niederdrückt:   35. Dich pflegt' ich stets zu tränken und zu speisen In meiner Einsamkeit, du frommes kleines Thier; Jetzt raub' ich dir dein Nest, dein Herr muß weiter reisen Und läßt das ganze Haus zum Erbe dir dafür; Gar friedlich wohntest du in deiner Hütt' aus Eisen, Bald pocht mit blut'ger Hand der Krieg an ihre Thür. Er spricht's und trägt das Nest zum kleinen Betaltare Und drückt den schweren Helm auf seine grauen Haare.   36. So wandeln sie hinaus in's nächtliche Gefild. Rings lag die Flur in grauenvollem Schweigen, Am Himmel hing der Mond, von Wolken halb umhüllt, Und drohend stand der Wald mit schwarz vermummten Zweigen, Auf manchen Bergen schien manch stummes Riesenbild Bald starr hinabzuschaun und bald empor zu steigen, Der Welle Rauschen klang wie Schluchzen und Gestöhn, Und heimlich flüsterte das Laub im nächt'gen Wehn.   37. Und horch, von fern erscholl ein halb vernehmlich Brausen, Und von den Bergen zog's wie Wolkendunst heran, Und nah und näher kam's mit immer wilderm Sausen, Und Heulen und Gebell und Ruf und Klang begann; Die Zweige zitterten im ungeheuren Grausen, Es schmiegte Blatt an Blatt und Halm an Halm sich an, Und schäumend schien die Fluth im grimmigen Entsetzen, Vom Grund emporgedrängt, der Bäume Haupt zu netzen.   38. Und wie ein wild Gemisch von Bildern sich verwebt, Wenn rasch in düstrer Luft die Wolken ziehn und walten; Von Ungeheuern scheint der weite Raum belebt, Die bald einander fliehn, bald fest im Kampf sich halten, Das wälzt sich, jenes läuft, das kriecht, ein andres schwebt, Und gräßlich gatten sich die feindlichen Gestalten, Doch heulend fährt der Sturm auf breiter Bahn daher Und treibt den wüsten Schwarm weit über Land und Meer:   39. So drängt vielköpfig, vielgegliedert, Ein dichtes Thiergewühl am Himmel sich herbei; Hier hat sich Schlang' und Greif zu einer Form verbrüdert, Und Adlerkrallen schwingt zum Kampfe dort der Leu, Der Eber stürzt heran, roßhufig und gefiedert, Und trotzig prangt der Bär mit drohendem Geweih, Und grimm zerfleischt den rothgefleckten Drachen, Worin sein Schweif sich schließt, der Wolf mit blut'gem Rachen.   40. Wohl schien aus blasser, dunst'ger Luft Der ganze Zug geformt, doch nahte sich dem Leben Ein jedes Nebelbild durch bleichen Farbenduft Und schien durch eigne Kraft gesondert fortzustreben. Und wie der wilde Sturm mit tausend Stimmen gellt, Wenn eine Felsenschlucht sein Wehn gefangen hält, So schallte rings Geheul und Zorngebrüll und Aechzen Und Röcheln und Geschrill und Angstgepfeif' und Krächzen.   41. Dann nahten stürmisch sich auf dichter Wolkenbahn, Mit hochgezücktem Speer, auf feuersprühnden Rossen, Mit dunklen Waffen angethan, In riesiger Gestalt die finstern Jagdgenossen. Die Stirn war wild gefurcht, die Wange hohl und grau, Verzerrt der offne Mund, das Auge halb gebrochen, Das Haar emporgesträubt, die Stimme dumpf und rauh, Und gräßlich klapperten von Frost die nackten Knochen.   42. Lautgellend schmetterte des Horns gewaltiger Klang, Die Peitschen klatschten hell, es klirrten Pfeil und Bogen, Daß weit der wüste Schall durch alle Thäler drang, Und von der Berge Stirn die Nebel abwärts flogen, Die Hunde bellten drein, vom hartgeschwungnen Huf Erdröhnten Erd' und Luft, und Roß und Reiter schnoben, Gebot und Jauchzen scholl, Gelächter, Drohn und Ruf, Und dumpfig sang die Schaar durch's wilde Sturmestoben:   43.                 Halloh, Halloh, zur Jagd, zur Jagd! Hurrah, ihr blassen Nebelhüllen! Es pfeift der Sturm, es heult die Nacht, Der Fels erbebt, die Fichte kracht, Der Waldstrom rauscht, die Klüfte brüllen, Noch währt der Geister Recht und Macht. Vorüber, eh der Tag erwacht, Die kecke Waidmannslust zu stillen   44. Ihr finstern Jäger, stoßt in's Horn, Daß rings die Felsen sich zerspalten! Durch Haid' und Wald, durch Busch und Dorn, Wie Windesgeißel, Blitzessporn, In blutlos bleichen Wahngestalten, Bei Sturmesruf und Sturmeszorn, Und Nebel hinten, Nebel vorn, So ziehn die nächtlichen Gewalten.   45.                       So sang der wüste Schwarm und tobte durch die Luft Und senkte tiefer stets sich in das Thal hernieder, Und wilder heulte stets der Sturm um Fels und Kluft Und peitschte Wald und Fluth mit zürnendem Gefieder; Mühselig rang der Mond mit raschem Wolkenduft, Sah kläglich bald hervor und bald entschwand er wieder, Und bleich, verstört und wüst, wie wenn Verzweiflung lacht, Beschien ein trübes Licht die grausenvolle Nacht.   46. Die Helden stehn erstarrt, mit wilden Blicken stieren Sie himmelan, betäubt sind Geist und Ohr, Fast will vor Graun das Blut in ihrer Brust gefrieren. Da reißt aus feigem Wahn der Ritter sich hervor; Entzeuch, unholder Schwarm, aus diesen Waldrevieren! So ruft er drohend aus und hebt den Speer empor, Er schwingt und schleudert ihn, und durch der Winde Brausen Hört man den langen Schaft gewaltig aufwärts sausen.   47. Dem nächt'gen Heere zog ein kühnes Riesenbild Auf schwarzem Roß voran. Die dunkeln Locken flogen Im Sturm umher, vom Helm nur halb verhüllt, Um den ein glühnder Kreis von Flammen sich gezogen; Dem Schein des Nordes glich sein ungeheurer Bogen, Sein Speer dem Wetterstrahl, dem Sturmgewölk sein Schild, Und hier und dort von rothen Funken blitzte Das schwarze Panzerkleid, das seinen Leib beschützte.   48. Ihn traf des Ritters Wurf, und pfeifend flog der Speer Durch's finstre Nebelbild und sank mit lautem Klirren Dann in den Wald hinab. Und wie auf wildem Meer Die Wellen wunderbar sich in einander wirren Und auf und nieder fliehn und hier und dorthin irren, So regt' und mischte sich das luft'ge Geisterheer; Und rasch begann mit gräßlich dumpfem Heulen In Stück' und Glieder sich ein jedes Bild zu theilen.   49. Hier schien in bleichen Dunst der Reiter zu verwehn, Dort flog als Nebelstreif das hohe Roß von dannen, Hier ließ ein Haupt und dort ein Rumpf sich sehn, Dort sucht' ein bloßer Arm den Bogen noch zu spannen, Hier strebte noch der Fuß im Bügel fest zu stehn, Da Schenkel, Brust und Leib schon formenlos zerrannen, Bis endlich ein Gewölk das Gaukelwerk verschlang Und sausend durch die Luft zum fernen Meer sich schwang.   50. Wohl übten fliehend noch die finsteren Gewalten Ihr altes Recht, durch neue Schmach ergrimmt: Es bricht der Fels, die Eiche muß sich spalten, Wo tobend ihren Flug die Sturmeswolke nimmt. Doch folgt' auch holde Ruh den nächtlichen Gestalten, Wie hinter'm raschen Kiel die Woge heller schwimmt, Und sanft beleuchtete die kaum entstandnen Trümmer Der Mond aus blauer Luft mit friedlich leichtem Schimmer.   51. Und wie die Welt bei'm ersten Frühlingsstrahl Tiefathmend sich belebt, gelöst vom harten Bande: Schon keimt das junge Grün im sonnenhellen Thal, Die Quelle rieselt schon im dünn umkränzten Rande, Die weiße Blüthe bricht ihr zartgeflochtnes Haus, Im lichten Schatten singt das Vöglein seine Lieder, Zur bunten Wiese wagt die Biene sich hinaus, Und auf den Halmen wiegt der Schmetterling sich wieder:   52. So wachte sanft das friedliche Gefild Aus grausen Träumen auf, und stiller floß das Wehen Der lauen Nacht umher, von keinem Duft verhüllt Ließ jetzt der klare Mond die volle Scheibe sehen, Entschleiert zeigten sich in blauer Luft die Höhen, Im tiefen Strome schwamm des Himmels schönes Bild, Und freundlich säuselte, durchspielt von linden Westen, Der Hain mit lichtem Laub und silberfarbnen Aesten.   53. Doch nach und nach beginnt ein lieblicher Gesang Durch Wies' und Hain und um den Strom zu schallen; Es scheint, als dufte rings die Blume süßen Klang, Als spiele Well' und Wind mit tönenden Metallen. Und auf den Halmen schwebt und schwimmt's die Fluth entlang, In bunten Flammen scheint des Haines Grün zu wallen, Und luftig zieht in drei getrennten Reihn Der Elfen leichte Schaar durch Wiese, Strom und Hain.   54. In weichem Grase schwingt sich hell der eine Reigen, Wie wenn der flücht'ge Bach im Frühlicht Wellen schlägt; Es darf kein zarter Halm bei ihrem Nahn sich neigen, Kein schlummernd Würmchen wird von ihrem Tanz erregt. Die stillen Düfte nur, die aus den Blumen steigen, Sie scheinen sanft vom Flug der Gaukelnden bewegt, Und lieblich wandelt sich durch zauberisches Walten Der unsichtbare Hauch in Farben und Gestalten.   55. So schien die Wiese jetzt dem bunten Himmel gleich, Wenn freundlich durch's Gewölk viel tausend Sterne glänzen; Doch holder noch begann das grünende Gesträuch, Der Haine dunkles Laub mit Schimmer sich zu kränzen. Denn wie mit irrem Schein im tiefen Wellenreich Der Glanz der Nächte schwimmt bei leichten Wogentänzen, So zitterte der Funken goldne Pracht, Vom Wehn des Hains bewegt, in stiller Waldesnacht.   56. Und wie der Bienenschwarm durch duftig grüne Linden Bald hier bald dort mit leisem Summen fliegt, So regt die bunte Schaar sich in den Irrgewinden Des dichten Hains, wo Zweig an Zweig sich schmiegt, Indeß, umhergeweht von lieblich lauen Winden, Um ihren leichten Pfad ein holder Klang sich wiegt; Und wenn sie ruhend oft an schlanken Zweigen hangen, Dann scheint mit goldner Frucht der stille Wald zu prangen.   57. Doch schiffend schwamm auf manchem blühnden Reis, Auf zartem Laub und duft'gem Quellenmoose, Ein Schooß der Lilien, im Silberkelch des Mai's, Im irren Labyrinth der halb entblühten Rose, Von klaren Wellen leis' und lose Umflüstert und umspielt, der dritte Zauberkreis. Es glänzten Strom und Strand von wunderbarer Helle, Und hold verschwisterten sich Licht und Blüth' und Welle.   58. So hab' ich oft dein Aug', o Adelheid, erblickt, Wenn leis' ein holdes Bild in deiner Brust erwachte, Und dein Gemüth, halb sinnend, halb entzückt, Im Denken zart empfand und im Empfinden dachte; Dann war mit Zauberglanz der dunkle Quell geschmückt, Doch friedlich regt' er sich, und nur die Seele lachte, Und tief im Auge schwamm und um der Lippe Saum Anstatt des Lächelns nur des Lächelns leiser Traum.   59. Indeß ist jene Schaar an's Ufer schon geschwommen, Und auch die Andern sind durch's duft'ge Blüthenfeld Und aus der grünen Nacht des Hains herbeigekommen Und haben alle sich zu einem Schwarm gesellt. Jetzt ist im Wiesengrün ein lichter Kreis entglommen, Und in der Mitte steht der süß erstaunte Held, Und sieht statt irren Scheins viel zarte Bilder wallen, Und hört anstatt des Klangs ein holdes Lied erschallen.   60. Denn wie sich inniger ihr bunter Tanz verflicht, Scheint jedes Flämmchen sich zu dehnen und zu heben, Und lieblich gattet sich mit farb'gem Duft das Licht, Und in dem Glanz beginnt's zu formen und zu weben. Schon sieht man hier und dort ein zartes Füßchen schweben, Aus heller Dämmrung taucht manch holdes Angesicht, Bis nach und nach viel freundliche Gestalten Sich wunderbar aus Farb' und Glanz entfalten.   61. So strahlt die Rose nicht, vom frischen Thau getränkt, Und nicht die Lilie im Spiegel klarer Quellen; So lieblich mischt, wenn sich die Sonne senkt, In stiller Luft sich nicht das Farb'ge mit dem Hellen, Als Licht und zarte Gluth um ihre Wangen fliegt, Und in der holden Form sich Farb' an Farbe schmiegt. Von ihrem Schein beginnt der Lüfte leises Säuseln Gleich goldnen Wellen sich zu wiegen und zu kräuseln.   62. Und wie im Edelstein sich flücht'ger Glanz verschließt, Und wie der Morgen tagt an glühnden Himmelshöhen, Und wie ein Strahlenquell mit leichten Wellen fließt, So waren Aug' und Wang' und Locken anzusehen. Und Alles, was im Lenz auf zarten Wiesen sprießt, Umkränzte bunt ihr Haupt mit duftig leisem Wehen, Und wie der Harfenklang durch stille Dämmrung zieht, Ertönte träumerisch ihr wunderbares Lied.   63.         Leise, leise Zieht die vielverschlungnen Kreise Auf der Wies', im Hain, am Bache, Daß die Blume nicht erwache! Denn sie schläft im stillen Haus, Sendet von des Kelches Saume Nur im Traume Ihren linden Athem aus.   64. Denn der wilde Kampf der feindlichen Gebilde Hat mit stürmisch wüstem Walten Lang die Kindlein wach gehalten In der grausen Mitternacht, Und die milden Pflegerinnen Flohn von hinnen Vor der drohnden Geisterjagd.   65. Doch bezwungen Hat das Heer sich fortgeschlungen, Und es kehrt die Elfe wieder, Singt die längst verklungnen Lieder An der bunten Kelche Rand, Und es flüstern leichte Winde Lau und linde Durch das fromme Blumenland.   66. Heil dem Retter, Der gebannt die Sturmeswetter! Durch die Wälder, durch die Weiten Soll die Elf' ihn freundlich leiten, Bis der Liebesstern ihm scheint. Trage sanft, o Strom, den Nachen! Elfen wachen Schützend über ihrem Freund. (Zehnter Gesang.)   67.                       So singt der holde Kreis und flattert zum Gestade, Wo dichtes Grün sich um die Wellen rankt. Und staunend folgt der Ritter ihrem Pfade Und sieht ein kleines Schiff, das leis' am Ufer schwankt. Noch traut er kaum des Himmels reicher Gnade, Er wünscht und zagt, er zweifelt, hofft und dankt, Sein Herz erbebt von Sehnsucht, Lust und Leide, Er seufzt und lacht und weint vor Schmerz und Freude.   68. Auch Sivald folgt, sie treten in den Kahn, Ein leises Lüftchen treibt den kleinen Bord vom Lande, Die Elfen ziehn voran auf leichter Wellenbahn Und gaukeln hier und dort am grün umkränzten Strande, Und leise schwimmt das Schiff, wie durch den Teich ein Schwan, Und Blumen keimen rings am sanft geschweiften Rande, Süß weht der Duft umher, ein buntes Flämmchen glüht In jedem Kelch, der um den Kahn entblüht.   69. Und auch der Waffenschmuck, worin die Helden glänzen, Der kühne Helm, der ritterliche Schild, Beginnt sich wunderbar mit frischem Grün zu kränzen, Mit duft'gem Rankenschmuck sind Lanz' und Schwert umhüllt. So schweben sie dahin auf leisen Wellentänzen, Wie durch die Frühlingsnacht ein holdes Traumgebild. Die Vöglein wachen auf und flattern leis' und singen, Und Blüthen wehn umher gleich bunten Schmetterlingen.   70. Vom stillen Rausch der Lust ist wie mit goldnem Licht Des Jünglings blühnde Wang' umflossen; Er staunt und träumt und schweigt und regt sich nicht, Und glänzend liegt vor ihm die Zukunft aufgeschlossen. Doch friedlich lacht mit sinnigem Gesicht Der alte Held, bekränzt mit jungen Frühlingssprossen, Und denkt bewegt und still zurück an jene Zeit, Als einst auch ihn die Lust, die zarte Lieb' erfreut.   71. So schiffen sie dahin, indeß mit dichten Zweigen Sich oft der Hain um ihren Kahn verschränkt, Bald stille Thäler sich und bunte Wiesen zeigen, Die mancher klare Bach mit kühler Welle tränkt, Bald dicht am Strand die steilen Berge steigen, Und grünend auf den Strom der Fels die Ranken senkt; Auch dehnt sich dann und wann der Fluß zum stillen Teiche, Von wald'gen Höhn umkränzt und säuselndem Gesträuche.   72. Dort naht den Helden oft sich liebliche Gefahr; Die Nixe taucht empor aus ihren Felsenhallen Und hebt die holde Brust und läßt das grüne Haar Zum Strome lang hinab gleich leichtem Schleier wallen, Sie lacht und spielt und gaukelt wunderbar Bald hier, bald dort in flüssigen Krystallen, Und sanft, wie Windeshauch und leiser Wellenklang, Beginnt ihr süßer Mund den lockenden Gesang:   73.             Unter bläulichen Gewässern Wohnt die Nix' in Felsenschlössern, Und die Wogen ziehn und brausen Lieblich um die grüne Schwelle; Fröhlich tändelt Glanz mit Glanze, Fluth mit Fluth im hellen Tanze, Still und kühlig läßt sich's hausen Tief im Glanz, in glatter Welle.   74. Hain und Blumen, Sonn' und Sterne Zittern hold in blauer Ferne, Und die Wolken wehn und schwimmen Tief mit duftigem Gefieder. An den linden Wellenspielen Will sich Alles freun und kühlen, Und es ruft mit tausend Stimmen: Komm hernieder, komm hernieder!   75.                     Doch läßt umsonst das wunderholde Bild Den schmeichelnden Gesang durch stille Dämmrung tönen. Nur eine Herrin ist's, die sein Gemüth erfüllt, Nach einer Stimme nur verlangt sein ganzes Sehnen; Sie flüstert aus dem Hain, in jedem West hervor, Und kost und plaudert süß in jeder leisen Welle, Sie schlägt ihr holdes Aug' aus jeder Blüth' empor, Und lacht und schwebt in Glanz und Duft und Mondenhelle.   76. Indeß beschleunigt sich des Flusses rascher Lauf, Und wüster wird die Gegend anzusehen, Und düster hebt mit waldbewachsnen Höhen Ein Berg die Felsenstirn zum nächt'gen Himmel auf, Stets enger wird der Strand, mit Zornesrauschen fließen Die Wellen wild dahin auf oft gehemmtem Pfad, Und eine Klippenwand, der jetzt der Nachen naht, Scheint auch die letzte Bahn dem Strome zu verschließen.   77. Doch öffnet bald im drohenden Gestein Ein ungeheures Thor die rauh gewölbten Bogen, Und widerstrebend stürzt mit fortgerißnen Wogen Der aufgereizte Strom sich in die Kluft hinein. Er schäumt am Strand empor und schlägt mit lautem Brausen Den hohen Fels und strebt zurückzufliehn; Doch fruchtlos ist sein Zorn, und stärkre Mächte ziehn Auf unwillkommner Bahn ihn fort in Nacht und Grausen.   78. Indeß der Ritter nun von fern die Kluft erspäht, Und starr sein Auge ruht auf jenen wüsten Höhlen, Wo ew'ge Nacht mit schwarzen Schwingen weht, Und stille Schauer sich in seinen Busen stehlen, Da hebt der Elfenschwarm sich vom Gestad' empor, Und Blüth' und Grün, die um den Kahn sich winden, Der Waffen bunter Schmuck und Licht und Glanz entschwinden, Und hold ermunternd singt auf leichter Fluth der Chor:   79.         Weiter, weiter! Kämpfe muthig, kühner Streiter! In die Tiefe mußt du dringen, Willst du edles Gold erringen, Und in Nächten wohnt das Glück. Doch in's helle, blühnde Leben Fliehn und schweben Zu den Blumen wir zurück.   80.                  Dem Krieger gleich, den sanft nach heißen Tagen Ein süßer Schlaf in stiller Nacht bethört Und freundlich seinen Geist zur Heimath hingetragen, Zur holden Braut, zum väterlichen Herd; Doch plötzlich klingt das Horn, es klingt der Kriegeswagen, Die Rosse trappeln rings, es klirren Pfeil und Schwert, Und muthig springt er auf und greift nach Lanz' und Schilde Und geht mit freud'gem Schritt zum blut'gen Kampfgefilde   81. So ruft auch Gormo's Sohn den tapfern Geist zurück, Als jetzt die lichte Schaar von seinem Pfad entflogen, Und wild, durchbraust von mitternächt'gen Wogen, Die Kluft sich aufgethan. Er mißt mit kühnem Blick Die grause Finsterniß, wohin die rasche Welle Den Nachen stürmisch reißt, schon ist er nah davor, Und wüthend hebt die Fluth den schwachen Kahn empor Und schleudert ihn hinein mit ungeheurer Schnelle.   82. Hab' ich doch oft in mancher heißen Schlacht, Beginnt der alte Held, das scharfe Schwert geschwungen, Auf mancher Meeresfahrt mit Wog' und Sturm gerungen, In mancher dunkeln Kluft bei Schlang' und Wolf gewacht; Doch nimmer sah ich noch ein solches Abenteuer, So zornig heulte nie das Meer, Am Klippenstrand empor, so wüst und ungeheuer Verwirrte nie die Nacht um meinen Pfad sich her.   83. Gar freudig schlägt mein Herz in diesen Felsenhallen, Und kühn gemahnt es mich an meine Jugendzeit, Als ich zum erstenmal die hohen Fahnen wallen, Die Helme glänzen sah im ritterlichen Streit. Fast möcht' ich jetzt mit jenen Klippen kämpfen Und unverzagt mit dieser alten Faust Die Woge bändigen, die uns entgegenbraust, Um so die Kriegeslust im heißen Blut zu dämpfen.   84. Du altes Schwert, ruft Gormo's tapfrer Sohn, Dich kann die Zeit nicht schwächen noch zersplittern. Wohl schwillt das kühne Herz den kampfesfreud'gen Rittern Wenn unerhörte Mühn und Wunder sie bedrohn. Doch möcht' auf dieser Fahrt wohl kaum ein Knecht erzittern, So lieblich ist, so minniglich der Lohn; Wohl hat die Tiefe nie so edlen Schatz gehütet, Als jener, welchen uns dies Abenteuer bietet.   85. Ach sie, für die zuerst sich meine Kraft geübt, Die meinen Geist befreit aus schmählig feigen Ketten, Die mich zum Kampf geweckt, mein Recht und mich zu retten, Die meinen Fall gesehn, und die mich doch geliebt, Für sie beginn' ich jetzt, um jene Schmach zu sühnen, Durch Nacht und Fluth den nie beschifften Pfad, Und will durch kühnen Muth und ritterliche That Die Huld, die unverdient mich drückte, mir verdienen.   86. Wohl darf ich dann vielleicht den Blick Mit größrer Zuversicht zu ihrem Blick erheben, Sie rief mich einst empor zu einem edlern Leben, Und freudig geb' ich ihr, was sie mir gab, zurück. Doch nein, was könnt' ich wohl der holden Herrin geben? Wohnt nicht bei ihr allein Gewährung, Huld und Glück? Und wenn ich zitterte dies Wagniß zu bestehen, Müßt' ich dann fern von ihr in Kummer nicht vergehen?   87. So reden sie, indeß des Stromes Macht Auf abgesenkter Bahn gewaltig niedergleitet, Und immer schauriger die nie erforschte Nacht Um ihren Pfad sich feucht und kalt verbreitet. Ihr Ohr vernimmt es nur, wie Wog' und Woge streitet, Wie dumpf der Nachen oft am rauhen Felsen kracht; Sie fühlen, daß Gefahr sie tausendfach umwalte, Doch Keiner kann erspähn, wie sich ihr Bild gestalte.   88. Oft hat der schmale Strand sich eng und schroff verschränkt, Daß nur mit Müh der Strom sich durch die Oeffnung windet, Und in der Helden Brust, vom Druck der Luft bedrängt, Das Herz gewalt'ger pocht und fast der Athem schwindet. Bald dehnt die dunkle Kluft sich unermeßlich aus, Man hört die freie Fluth nach allen Seiten wallen, Und aus der Ferne nur das zürnende Gebraus Des eingehegten Stroms am Felsenufer schallen.   89. Wie helle Blumen oft im finstern Wald entblühn, So heben hier und dort sich bunte Wasserschlangen: Ihr rothes Auge glänzt gleich funkelndem Rubin, Mit goldnen Kronen scheint die breite Stirn zu prangen, Den glatten Rücken deckt der Schuppen blitzend Grün, Von lichtem Himmelsblau ist Hals und Bauch umfangen, Und Strand und Fluth erglänzt, und farb'ges Feuer schwimmt, Wo leicht ihr schlanker Leib sich durch die Wellen krümmt.   90. Die bösen Geister auch, die in den Tiefen hausen, Sie nahn sich oft in grimmiger Gestalt: Von ferne ziehn sie her auf dumpfem Windesbrausen, Mit wild gesträubtem Haar, von rother Gluth umwallt, Und fahren hell vorbei und rasch durch's nächt'ge Grausen, Daß weit von ihrem Flug die dunkle Wog' erschallt. Doch fruchtlos zürnen sie, denn unverzagt befehlen Den heil'gen Engelein die Helden ihre Seelen.   91. Indeß beginnt die Woge nach und nach Auf ebnem Grund sich friedlich zu ergießen. Es wird der breite Strom zum engen Felsenbach, Den, künstlicher gewölbt, die Hallen jetzt umschließen. Und um die Wellen scheint ein graues Licht zu stießen, Und immer heller schwimmt um Fels und Gluth der Tag, Und lieblich naht es sich aus vielverschlungnen Gängen, Gleich freundlichem Gesang und holden Harfenklängen.   92. Wie räthselhaft in's jugendliche Herz Die erste Liebe sinkt auf dämmernden Gefühlen; Um jeden Trieb beginnt ihr leiser Hauch zu spielen, Der Ernst wird heiliger und sinniger der Schmerz, Und sehnend strebt der Geist nach unbekannten Zielen Und regt sich wandelbar in Freud' und süßem Schmerz, Bis nach und nach das Bild der Sehnsucht sich gestaltet, Und aus der Dämmrung sich ein goldner Tag entfaltet.   93. So gaukelte das liebliche Getön Bald hier, bald dort mit unsichtbarem Schweben, Jetzt schien es durch die Luft, am Felsen jetzt zu wehn, Und um die Wellen jetzt ein tönend Netz zu weben. Noch konnten Ohr und Geist sein Pausen nicht verstehn, Doch tief empfand das Herz der Klänge süßes Leben, Bis endlich, da der Kahn den Tönen näher drang, Dies leise Liebeslied aus weiter Fern' erklang:   94.         Flüchtig wehn die Kläng' und schallen Lieblich in den Felsenhallen Durch die unterird'sche Welt; Freundlich kann die Seele tönen, Wenn auch Schmerz und eitles Sehnen Nächtlich sie umfangen hält. Süße Wehmuth, treues Lieben Ist dem Herzen doch geblieben.   95. Kehrt auch nie der Morgen wieder, Tröstend leuchten zarte Lieder Gleich den Sternen in der Nacht, Lassen durch der Nebel Wehen Mich die fernen Fluren sehen, Wo der Frühling spielt und lacht. Lust will stets im Glanze funkeln, Liebe duftet auch im Dunkeln.   96. Ferne wohnt die Sonn' im Blauen, Doch die kleinen Blümlein schauen Still empor zum milden Schein, Und am Lächeln und an Blicken Kann das Herz sich schon erquicken, Im Entbehren fröhlich seyn. Denn die Lust ist nicht für Einen, Allen will die Sonne scheinen.   97. Kleine Blumen, kleine Lieder Blühen und verblühen wieder Und begehren keinen Dank, Wollen nur ihr Leben fühlen, Wollen klingen, wehn und spielen Eine kurze Stunde lang. Trautes Herz, warum so trübe? Hast ja Leben, Lied und Liebe.   98.                       So klang das Lied. Und als der Kahn zugleich Um eine Krümmung schwamm, da floh das Dämmergrauen, Und hell umflimmert ließ der Zwerge Zauberreich Im holden Farbenspiel sich bunt und blühend schauen, Und freundlich ruhten dort, vom blitzenden Gesträuch Der Edelstein' umwölbt, die minniglichen Frauen, Indeß ihr Freund mit leichtem Harfenklang Zu ihren Füßen saß und leise Lieder sang.   99. So wie dem Wandrer ist So wie dem Wandrer ist. – Es ist bekannt, daß in den afrikanischen Sandwüsten sich hin und wieder einzelne grüne, bewässerte und mit Bäumen bewachsene Stellen, gleichsam freundliche Inseln in dem ungeheuren, unfruchtbaren Meere, befinden, welche man Oasen nennt, und wo die Karavanen verweilen und sich mit frischem Wasser versehen. Mancher wird durch dieses Bild an die reizende Erzählung von La Motte Fouqué: Die Hauptleute, erinnert werden, die auch die Veranlassung dazu gab. , der in Sahara's Sande, Von Gluth und Durst gequält, nach jenen Fluren strebt, Wo, weit von aller Welt, in einem blühnden Lande, Das Wüsten rings umziehn, die Vielgeliebte lebt; Schon sieht er, wie sich fern mit grünem Uferrande Aus grauser Oed' empor die sel'ge Insel hebt, Er fühlt die Düfte wehn und hört die Quellen fließen Und kann von weiten schon die Liebste sehn und grüßen:   100. So fühlt der Ritter sich von rascher Lust erfüllt; Er zweifelt noch und wähnt, vor seinen Sinnen Erhebe sich ein holdes Traumgebild Und werde täuschend bald in eitle Luft zerrinnen. Sein Herz erzittert laut, sein Busen athmet wild Und kann dem trunknen Geist nur Seufzer abgewinnen, Er schweigt mit starrem Blick und weint in sel'ger Lust Und drückt den alten Freund gewaltsam an die Brust.   101. Noch lauschen still auf Reinalds Lied die Frauen Und ahnen noch den nahen Retter nicht, Da rauscht der Kahn heran; sie springen auf und schauen, Es kämpfen Bleich und Roth auf ihrem Angesicht, Ihr Geist will gern, doch nie ihr Auge trauen, Im Blicke wechseln rasch Gewölk und Sonnenlicht, Und wie sie zitternd stehn und starr hinübersehen, Scheint durch die Freude fast ein leises Graun zu wehen.   102. Doch eh der Kahn das Ufer noch erreicht, Hat schon der Held sich an den Strand geschwungen Und hält entzückt die Knie' der holden Braut umschlungen, Die still und weinend sich zu ihm herniederneigt. Noch irrt und träumt der Geist, vom freud'gen Rausch bezwungen, Und nur die Seele lebt und lächelt süß und schweigt. Doch trennt sich nach und nach die reine Lust vom Leide, Und lieblich wandelt sich der Sturm in heil'ge Freude.   103. Und Alles zeigt sich jetzt, was in dem sel'gen Kranz Der Liebe blüht, die tiefempfundne Stille, Das Flüstern süßer Huld, der Blicke feuchter Glanz, Der milde Thränenstrom, wovon die reiche Fülle Des Herzens überquillt, der Seufzer zartes Flehn, Der Augen leises Nahn und scheues Niedersehn, Demüth'ges Knien und anmuthvolles Neigen Und holdes Eingestehn und holderes Verschweigen.   104. Nicht ferne von dem sel'gen Paar Ist fromm auf ihre Knie' Cäcilie gesunken. Von milder Freude glänzt ihr Auge still und klar, Und nur von Andacht ist die heil'ge Seele trunken, Sie betet leis' und fleht mit gläub'gem Blick Für sich um Muth und Kraft, für Jen' um Heil und Glück. Doch fröhlich sieht man jetzt von Einem zu dem Andern Mit holdem Wort und Gruß den treuen Sänger wandern.   105. Als so die Freude sich in Jedem offenbart, Da nahte sich der Zwerg und sprach mit günst'gen Mienen: Schon ist der Tag des Heils, der Rettung Tag erschienen, Und offen steht euch jetzt zum Sonnenlicht die Fahrt. Wohl mögt ihr Herrliches durch Sinn und That verdienen, Da Gott so gnädig euch geleitet und bewahrt; So scheidet denn getrost und kehrt zurück in Frieden Und nehmt, was meine Huld gastfreundlich euch beschieden.   106. So spricht der Zwerg und läßt die Diener nahn, In deren Hand viel' edle Gaben prangen. Mit goldner Rüstung wird der Ritter angethan, Ein hell geschliffnes Schwert dem Alten umgehangen, Und für die Frauen füllt mit köstlich goldnen Spangen Und diamantnem Schmuck sich reichlich dann der Kahn. Und als die Diener nun am angewiesen Orte Ein Jedes wohl verwahrt, da spricht der Zwerg die Worte:   107. So lebt denn wohl, und möge stets des Herrn Allgüt'ge Huld, wie jetzt, durch's Leben euch geleiten. Doch dunkel ist der Pfad und euer Ziel noch fern, Noch kann euch manche Noth die nächt'ge Fahrt bereiten. Drum sollen hell gleich jenem Zwillingsstern, Der irre Schiffer schützt, zwei Boten euch begleiten, Bis euer Kahn das Felsenthor erreicht, Wo Nacht und Noth dem heitern Tage weicht.   108. Er spricht's und pflückt von einem nahen Strauche Zwei Rosen ab aus blitzendem Rubin Und rührt sie murmelnd an nach zauberischem Brauche, Und warmes Leben scheint im Steine zu entblühn; Und als er sie belebt mit unsichtbarem Hauche, Da läßt er plötzlich sie aus seiner Hand entfliehn. Sie leuchten weit umher und regen hundert Schwingen Und flattern um den Kahn gleich holden Schmetterlingen.   109. Schon schwimmt das Schifflein fort in's nächtliche Gebiet, Indeß ihm hell voran die Rosenvöglein schweben. Das Paar der Liebenden, das sich nur hört und sieht, Bemerkt die Schatten kaum, die dunkler sie umgeben. Still sinnt Cäcilie mit freudigem Gemüth; Von leisen Klängen läßt ihr Freund die Saiten beben; Doch hocherstaunt durchspäht der alte Kriegesheld Mit wachem Blick die unterird'sche Welt.   110. Indeß verhaucht von zarten Purpurschwingen Sein zauberisch Gedüft das schwebende Gestein, Die Welle tönt, die leichten Lüfte singen, Und Bilder gaukeln rings mit ungewissem Schein, Und bunte Dämmrung wiegt und leises Wehn und Klingen Die Schiffenden in sanften Schlummer ein, Und flüchtig läßt viel holde Traumgestalten Der Zauber des Rubins um ihre Sinne walten Und flüchtig läßt viel holde Traumgestalten / Der Zauber des Rubins um ihre Sinne walten. – Unter vielen wunderbaren Kräften der Edelsteine glaubte man vor Zeiten auch an die des Rubins, daß er angenehme Träume verleihe. .   111. Schon weilt Cäcilie im goldnen Himmelssaal Und wähnt die Engel dort im holden Spiel zu schauen, Indeß die Liebenden im stillumhegten Thal An klaren Quellen ruhn und Rosenlauben bauen. Um Reinalds Pfade glänzt der frische Morgenstrahl, Das Vöglein singt im Hain, der Frühling schmückt die Auen; Doch kühn erprobt der Greis in wilder Schlacht das Schwert, Das ihm der Zwerg zum Gastgeschenk verehrt.   112. Und als sie jetzt aus tiefem Schlaf erwachen, Da sehn sie hell die Sonn' am Himmel stehn, Und leise schwimmt der goldbeladne Nachen Durch stille Wälder hin und grünbekränzte Höhn. Die Wiesen blühn umher, die Felsenquellen lachen, Von Liedern tönt der Hain, und milde Düfte wehn, Und säuselnd scheint das kaum erwachte Leben Von Zweig zu Zweig, von Halm zu Halm zu schweben.   113. O süße Lust, die rasch das Herz durchrinnt! O holder Rausch von wechselnden Gefühlen! Wie scheint die Flur so grün, die leichte Luft so lind, Wie lieblich scheint der Wald zu schatten und zu kühlen! Jetzt lassen sie im Haar den lauen Morgenwind, Und jetzt um ihre Hand die frischen Wellen spielen; Wie wüst auch oft der Strand, wie arm das Blümchen sey, Dem freud'gen Geist ist Alles schön und neu.   114. Wo glänzender sich Wald und Wiese schmücken, Muß oft das Schiff dem bunten Ufer nahn, Und Adelheid beginnt den bunten Schmuck zu pflücken Und kränzt die Freund' und sich und füllt mit Grün den Kahn. Doch ihre Schwester sitzt mit sanft verklärten Blicken Und fügt sich still bewegt dem kindlich holden Wahn, Wohl kränzt die liebe Hand sich jetzt mit duft'gen Blüthen; Wird nicht der künft'ge Tag vielleicht den Tod ihr bieten?   115. Gar lieblich war es anzuschaun, Wie jetzt das kleine Schiff, mit grünem Schmuck behangen, Hellleuchtend vom Gestein und edlen Goldes Prangen, Mit Rittern angefüllt und wunderholden Fraun, Indeß um seinen Pfad die Saiten fröhlich klangen, So friedlich weiterschwamm durch bunte Frühlingsaun, Und wie der goldne Glanz vom Panzer, Helm und Schild Gar weit hinüber schien durch's sonnige Gefilde.   116. Wohl wird der leicht bewegte Bord Von unfühlbarer Macht zu seinem Ziel geleitet, Denn munter treibt der Wind den Nachen fort, Obgleich die Fluth ihm rasch entgegengleitet. Schon zeigt sich jetzt der blutbefleckte Ort, Wo gestern noch die Schlacht ihr Banner ausgebreitet; Doch wie der Nachen naht, umrankt von frischem Grün, Da scheint durch's wüste Feld der Fried' einherzuziehn.   117. So fuhr versöhnend einst in früher Väter Tagen Die Mutter Jörd – – Die Mutter Jörd – Jörd, der alt nordische Name für die deutsche Hertha. Die Sitte, daß sie von ihren Priestern von Zeit zu Zeit durch's Land gefahren wurde, und daß dann alle Kriege und Zwistigkeiten ruhen, ja selbst die Waffen verborgen werden mußten, ist aus Tacit. de morib. Germ. Cap. 40. bekannt. , die Alles schafft und nährt, Durch's freud'ge Land auf reichgeschmücktem Wagen Und weilte mild am niedern Menschenherd. Von allem Volke ward mit festlichen Gelagen Die Göttliche bewirthet und verehrt, Das schon gezückte Schwert verbarg sich in die Scheide Und Helm und Panzer wich dem bunten Feierkleide.   118. Und durch's Gebüsch, das grün den Strand umhegt, Läßt bald das Lager schon die weißen Zelte sehen. Schon wird der kleine Kahn am Ufer angelegt, Wohin die Lüftchen ihn mit raschem Säuseln wehen. Der Sänger nimmt sein Spiel, des Zwerges Gaben trägt Der alte Held, und leicht und fröhlich gehen Die Andern durch's Gewühl, das staunend schaut und schweift Und vor dem holden Zug in Ehrfurcht sich verneigt.   119. Und als sie jetzt zum Feldherrnzelt gelangen, Da ruht der Ritter noch, erschöpft vom späten Streit, Auf hartem Lagerbett, vom schweren Schlaf umfangen, Mit ungelöstem Schwert, im ehrnen Panzerkleid. Vom Kampfe lodern noch die jugendlichen Wangen, Um Brust und Nacken wallt das gelbe Haar verstreut, Mit bittern Träumen scheint sein reger Geist zu ringen, Und Thränen sieht man oft durch seine Wimpern dringen.   120. Wie leuchtend einst am heiligen Gericht, Wann auf die Welt der Herr zurückgekommen, Mit hellem Kleid und hellerm Angesicht Ein Engel tritt zur stillen Gruft des Frommen; Sein Haar ist wallend Gold, sein Auge Sonnenlicht, Und Morgenröthe scheint auf seiner Wang' entglommen, Und mit dem Palmenzweig berührt er leis' und mild Zum sel'gen Auferstehn das schlummernde Gebild;   121. So scheint Cäcilie in's stille Zelt zu treten. Sie weilt und schwankt und naht mit bangem Muth, Von Seufzern wallt ihr Herz und feurigen Gebeten, In Lieb' und Glauben schwimmt des Auges heil'ge Gluth; Und ihre Wangen fliegt ein liebliches Erröthen, Als jetzt ihr feuchter Blick auf seinen Zügen ruht, Um glühend beugt sie sich im dämmrigen Gemache Und rührt ihn zagend an und lispelt süß: Erwache!   122. Doch wie dem Schiffer ist, den wilde Sturmesnacht Vom sichern Strand auf's hohe Meer verschlagen, Und der von Müh' erschöpft in unwirthbarer Nacht Sich in den Kahn gestreckt, versenkt in dumpfes Zagen; Doch wie er jetzt aus wüstem Traum erwacht, Da hat die rasche Fluth zur Heimath ihn getragen: So fühlt sich Adalbert, als er den Blick erhebt, Und fährt vom Lager auf und sieht und staunt und bebt.   123. O sel'ges Glück, du holdes Wiedersehen Des Theuersten, was je das Herz verlor! Wie reizend muß mir jetzt dein Bild vorübergehen, Wie ringt der alte Schmerz lebendig sich hervor! Verschlossen sind des Himmels heil'ge Höhen, Wohl dringt der Wunsch, doch nie der Will' empor. Doch Jene wandeln dort in ewig blühnden Hainen Und denken unser nicht, die ihren Tod beweinen.   124. Und als er jetzt zu ihren Füßen kniet, Und ihre Arme sich zu ihm herunterneigen, Als er hinauf und sie herniedersieht, Und Thränen leis' empor in Beider Augen steigen, Als sie in Milde glänzt und er in Liebe glüht, Und als sie weinen, lächeln, ruhn und schweigen, Da greift mit leiser Hand in's goldne Saitenspiel Der Sänger und beginnt im freudigen Gefühl:   125.         Wehe nur, du Geist des Lebens, Liebe, durch die weite Welt! Alle Herzen stehn dir offen, Alle wünschen, Alle hoffen, Und du weilst, wo dir's gefällt. Sehnt auch meines sich vergebens, Wehe nur, du Geist des Lebens, Liebe durch die weite Welt! Elfter Gesang. 1.                             Als Alle nun, die lange sich verloren, Sich wiederum vereint, da wendet seinen Blick Auf jenes große Werk, wozu ihn Gott erkoren, Mit neuem Muth der tapfre Held zurück. Er denkt des heiligen Schwurs, den er dem Herrn geschworen, Er sieht des Glaubens Sieg, der Völker nahes Glück, Und kühn ermannt er sich und ordnet und bereitet Mit freud'gem Sinn den Pfad, der ihn zum Tode leitet.   2. Und als der nächste Tag die Erde kaum erhellt, Und an des Himmels blauen Hallen Noch bleicher Nebel schwimmt, da läßt von Zelt zu Zelt Ihr lautes Aufgebot die Kriegstrompete schallen. Schon sieht man Fähnlein ziehn und hohe Banner wallen, Von Waffen blitzt und klirrt das weite Feld, Verworren bebt die Luft von kriegerischen Tönen, Indeß vom Rosseshuf die grünen Wiesen dröhnen.   3. Bald trennt und ordnet sich in lange Reihn das Heer, Und jeder Führer hält im blanken Waffenkleide, Mit buntem Schild und reichem Helmgeschmeide Vor seiner tapfern Schaar. Es drängt sich Speer an Speer, Wie dicht die reiche Saat auf sonnigem Gefilde Die goldnen Aehren hebt, nah schließt der Schild dem Schilde, Der Helm dem Helm sich an, in Schritt und Stellung scheint Zu einem einz'igen Mann das ganze Heer vereint.   4. Der helle Morgen blüht im jugendlichen Leben, Ein leichter Wind erhebt sich frisch und kühl, Die Zier der Helme wallt, die hohen Fahnen schweben Und rauschen hin und her im mannichfalt'gen Spiel, Des Reiches Adler scheint gewaltig fortzustreben Zu Kampf und Sieg, zu glorreich blut'gem Ziel, Die Krieger schaun erfreut empor zum heil'gen Zeichen Und schwören, vom Panier im Tode nur zu weichen.   5. Und lauter schallt der Feldposaune Klang, Der Ruf der Führer tönt, es regen sich die Glieder, Schon zieht das rüst'ge Heer das bunte Feld entlang Und haucht den freud'gen Muth in kühne Kriegeslieder Vom Schritt der Wandelnden dröhnt Thal und Hügel wieder, Die ehrne Waffe klirrt zum fröhlichen Gesang, Hoch bäumt das Roß sich auf und tanzt mit leichten Füßen Und scheint den hellen Tag lautwiehernd zu begrüßen.   6. Wie durch die Luft bei raschem Windeswehn, Vom Lichte halb verklärt und halb in nächt'gem Grausen, Und schön zugleich und furchtbar anzusehn, Die Wolke naht, worin die Wetter hausen: So zog das deutsche Heer durch's feindliche Gefild; Wie bunt auch Helm und Schild mit manchem Schmuck sich färben, Wie glänzend auch der Strahl der Helden Brust umhüllt, Im Reize lauscht der Zorn und schmückt sich zum Verderben.   7. Im ersten Zuge geht in leichter Kriegestracht Der Schweizer tapfre Schaar, bewehrt mit Pfeil und Bogen, Die jene Flur gesandt, wo von des Rheines Wogen Der Fels erbebt und rings das Ufer kracht. Nie irrt der Pfeil, der ihrer Hand entzogen, Doch kämpft auch unverzagt ihr Schwert in naher Schlacht Sie führt, seit Almerich im Kampfe jüngst gefallen Sie führt, seit Almerich im Kampfe jüngst gefallen – (Siehe den 8ten Gesang, Stanze 100 ). , Vinzenz, ein edler Graf aus Habsburgs Felsenhallen.   8. Nach ihnen folgt in lang gedehnten Reihn Verderbliches Geschütz und schwere Kriegeswagen Und Schleudern mancher Art, die Pfeile rings verstreun, Und Balken, vorn gespitzt, mit starkem Erz beschlagen, Schilddächer auch und hartes Wurfgestein Und Schwerter lang und scharf, von Rädern fortgetragen Und Schwerter lang und scharf, von Rädern fortgetragen – Man bediente sich vor Zeiten im Norden einer besondern Waffe, welche aus einem sehr breiten und langen Schwerte bestand, das auf Rädern lief und von mehreren Kriegern unter die Feinde geschoben wurde. Olaus Magn. L. IX. C. 1. , giebt eine Beschreibung und Abbildung davon. . Dann zieht, zu mancher Schaar nach Sitt' und Land gesellt, Des Heeres Kern durch's waffenhelle Feld.   9. Die Völker jener Flur, wo still durch ew'ge Haiden Mit schwarzer Fluth die Aller sich ergießt, Und die am Elbestrand die reichen Heerden weiden, Und wo durch Winfelds Thal die glatte Weser fließt, Und die in's rauhe Fell des wilden Ur sich kleiden, Dort wo das Harzgebirg die nahen Wolken grüßt, Sie, die sich allesammt zu einer Schaar geschlossen, Führt Wittekind, ein Fürst, dem Sachsenstamm entsprossen.   10. Dann nahn die Franken sich, die an des Maines Strand Auf grün bekränzten Höhn die edlen Reben bauen, Und Jene, die vom Haupt Gabreta's – vom Haupt Gabreta's – Der alte Name des Thüringer Waldes. Cluver. Germ. ant. L. III. C. 29 u. 47. Und die der wald'ge Berg von seinen Höhn gesandt, / Wo düstre Nebel stets um Odin's Säule grauen. – Umschreibung des Odenwaldes. – – seit jüngst ihr Fürst Lothar / Thorildens Pfeil' erlag – (S. den 8ten Gesang, St. 94. ) weit in's Land Von Felsenburgen niederschauen, Und die der wald'ge Berg von seinen Höhn gesandt, Wo düstre Nebel stets um Odins Säule grauen. Askan gebeut, seit jüngst ihr Fürst Lothar Thorildens Pfeil erlag, der früh verwaisten Schaar.   11. Drauf zieht das Volk herbei, dem unter milden Zonen Sein schönes Land gleich welschen Gärten blüht, Dort, wo zum grünen Rhein mit ew'gen Felsenkronen An edlen Quellen reich der Taunus niedersieht. Ihm schließen die sich an, die am Gebirge wohnen, Das schwarz vom Wald umkränzt den Schwabenkreis umzieht. Zwei Helden zeigen sich als Führer dieser Schaaren, Unähnlich an Geschick, doch gleich an Muth und Jahren.   12. Im dumpfen Schweigen zog der Pfalzgraf durchs Gefild, Mit trübem Blick und kummerbleichen Wangen: Mit schwarzem Flore war des Schildes Glanz verhüllt, Man sah an Haupt und Brust kein goldnes Kleinod prangen, Nicht war sein Geist wie sonst von Thatenruhm erfüllt, Nicht trieb zu Beut' und Sieg ihn freudiges Verlangen; Ihm, welkem jüngst das Herz von kühnen Wünschen schlug, Schien jetzt ein enger Raum zum Grabe schon genug.   13. Denn sie, für die er einst so manche Thaten wagte, Die holde Braut, die er mit Müh' errang, Sie starb, als freundlich schon die schönste Feier tagte, Als schon im hellen Saal der Hochzeitsreigen klang. Da war ihm Alles todt, kein Ritterspiel behagte, Kein freud'ges Fest ihm mehr, kein lieblicher Gesang, Nichts schien ihm jetzt erwünscht, als sich zur Schlacht zu rüsten, Und dort nur fand er Ruh, wo Andre sie vermißten.   14. Doch prangend zeigt mit blanker Waff' und Wehr Sich Adelhelm, der junge Fürst der Schwaben: Ein rosig Band umflattert seinen Speer, Die Rüstung glänzt von manchen Minnegaben; Er tummelt frei und leicht sein gutes Roß umher Und spornt es bald zum Sprung, bald läßt er's munter traben, Und wie er kühn dahin zum blut'gen Kampfe zieht, Beginnt der freud'ge Held manch minnigliches Lied.   15. Schon hatt' er lang' um Berthas Huld gerungen, Schon manchen Ritterdank zu ihrem Ruhm erreicht; Doch glich ihr hoher Sinn dem Stamm, dem sie entsprungen, Durch seine Siege ward die Stolze nicht erweicht. Doch da des Kaisers Ruf in's Schwabenland gedrungen, Und schon sein Kriegesroß der tapfre Fürst besteigt, Da schmückt sie seinen Speer mit ihrem Busenbande Und spricht: Des Siegers harrt die Braut, des Feigen Schande.   16. So zog er fort mit freudigem Gemüth, In bunten Waffen hell und hell in Liebesglanze, Der edle Lorbeerzweig, der nur dem Kühnen blüht, Er windet bald sich ihn zum zarten Myrtenkranze. Und wenn der wilden Schlacht das Heer entgegenzieht, Dann ist's, als ruf' es ihn zum holden Fackeltanze Dann ist's, als ruf' es ihn zum holden Fackeltanze . – Der Fackeltanz gehörte zu der Feierlichkeit einer ritterlichen Vermählung. , Und selig träumt er stets, wenn er auf feuchtem Moos Nach hartem Streite liegt, er ruh' in Berthas Schoos.   17. Dann naht das Volk, das an dem breiten Strande Der Donau wohnt und an den mächt'gen Höhn, Die, Mauern gleich gethürmt, im ewgen Schneegewande Die deutschen Grenzen hier und dort die welschen sehn. Sie leitet Friedebert, ein Fürst im Baierlande, Um dessen ernste Stirn schon weiße Locken wehn; Wohl macht das Alter ihn in jedem Rath erfahren, Doch grünt sein frischer Muth noch wie in Jünglingsjahren.   18. So ordnet sich das Heer. Doch an den Flügeln ziehn In dichten Reihn auf hohen Panzerrossen, Im hellen Waffenschmuck, der Ritterschaft Genossen, Die frei von fremdem Zwang, nur für den Ruhm sich mühn; Zwei Haufen haben sich aus ihrer Zahl geschlossen, In jedem Kampf geübt, zu jedem Wagniß kühn. Dem tapfern Archimbald von Meißen folgt der eine, Den andern leitet Guelf, ein edler Graf vom Rheine.   19. Doch wie, wenn feierlich in sternenreicher Nacht Das Heer des Himmels zieht auf wolkenlosen Pfaden, Der siebenfache Glanz der leuchtenden Plejaden Zum goldnen Kreis gesellt vor allen strahlt und lacht: So ließ, vom Kriegsgewühl des dichten Volks geschieden, Durch Waffen und Gewand, durch Reiz und Würde schön, Zum Kampfe halb geschmückt und halb dem milden Frieden Durch bunte Zierden gleich, ein holder Zug sich sehn.   20. Dort leuchtet Adalbert im hellen Waffenglanze, Und Biarko zeigt sich dort dem tapfern Freund gesellt, Und Reinald spornt das Roß zum zierlich edlen Tanze, Und rüstig reitet dort der alte Dänenheld. Auf weißen Zeltern ziehn die reichgeschmückten Frauen, Der kühnen Kriegerschaar ein liebliches Geleit, Und nahe läßt im priesterlichen Kleid Der fromme Greis Ansgarius sich schauen.   21. Hochprangend zog der Feldherr durch's Gefild Im silberhellen Stahl mit scharfgeschliffnem Schwerte: Ein blühnder Rosenstrauch erschien im blanken Schild, Der rings am grünen Stamm mit Dornen sich bewehrte; Doch war der Blume Haupt in licht Gewölk gehüllt, Das wie ein Heil'genschein den glühnden Kelch verklärte, Und unten stand in goldner Schrift dies Wort: Mein Schmerz ist hier, doch meine Lust ist dort.   22. Doch heller sah man noch von muth'ger Kampfesfreude Und rascher Ungeduld den Dänenfürsten glühn: Er glänzte weit umher im goldnen Waffenkleide, Das ihm der fromme Zwerg zum Gastgeschenk verliehn; Im Schilde war ein Schwert mit doppelt scharfer Schneide, Auf das aus klarer Luft ein Stern herniederschien, Am Rand verschlungen sich viel holde Namenszüge, Und unten stand die Schrift: Er leuchtet mir zum Siege.   23. Auch Reinald ist zum blut'gen Kampf bereit: Wohl hält kein schwerer Helm sein wallend Haar umfangen, Man sieht kein ehrnes Kleid um seine Glieder prangen, Nicht führt er Lanz' und Axt zum vielfach harten Streit, Doch hoch im Busen flammt ihm muthiges Verlangen, Sein helles Auge blitzt von kühner Freudigkeit; Nicht gnügt es ihm, die Saiten nur zu schlagen, Was er im Liede pries, das will er selber wagen.   24. So zieht er keck dahin und regt sich flink und leicht: Ein bunter Mantel fließt von seinen Schultern nieder, Auf seinem Hute wallt ein prangendes Gefieder, Das bald sich säuselnd hebt und schwankend bald sich neigt, Am Gürtel blitzt ein Schwert, ein Schild bedeckt die Glieder, In dessen blankem Kreis ein Eichenkranz sich zeigt. Und in der Mitte steht mit heller Schrift geschrieben: Ich bin in Frost und Gluth dem Freunde grün geblieben.   25. So war zum Streit ein jeder Held geschmückt. Doch wie sich oft in wilder Strudel Drehen Manch zartes Blümlein zeigt, von rascher Fluth gepflückt, So ließ in ihrem Kreis das Schwesternpaar sich sehen. Durch ihren Busen zog der Ahnung dunkles Wehen; Denn heilig ist das Land, das Jede rings erblickt: Ein stiller Hügel soll die Eine hier umfangen, Die Andre fürstlich hier auf goldnem Throne prangen.   26. Noch freut die Eine sich am heitern Spiel der Welt, Der Andern beut kein Glück sich mehr hienieden; Von holder Hoffnung ist der Einen Brust geschwellt, Der Andern Seele ruht im frommen Gottesfrieden; Was Diese still geliebt, dem ist sie jetzt gesellt, Von dem, was Jene liebt, hat Gott sie selbst geschieden. So blühn zwei Blumen oft aus einem Zweig hervor, Die neigt das Haupt, und jene steigt empor.   27. Doch wenn der Schmerz zuweilen bang und leise Die stille Brust Cäciliens bewegt, Dann wendet sie den Blick zum priesterlichen Greise, Der fromm das heil'ge Kreuz in seinen Händen trägt. O süßer Trost der bittern Todesreise! O Bild, das mächt'ge Kraft im Schwachen selbst erregt! Er, denkt sie, hat für dich den harten Tod geduldet, Und stirbst du tausendmal, du bleibst ihm doch verschuldet.   28. Als jetzt das Heer die letzten Höhn erreicht, Die sanft geschwellt das grüne Thal begrenzen, Da öffnet sich das Feld, und Lethra's Veste steigt Mit hohen Zinnenreihn und stolzen Mauerkränzen Vom fernen Fels empor. Ein Jeder jauchzt und zeigt Dem Andern jetzt das Ziel, und Aller Augen glänzen Vom freud'gen Kriegesmuth. Ein lautes Feldgeschrei Entdeckt der sichern Stadt, wie nah der Feind ihr sey.   29. Doch Biarko fühlt ein wunderbares Sehnen, Als er von fern die theuren Mauern sieht, Er streckt die Arme aus, sein Auge schwimmt in Thränen, Indeß von Schmerz und Lust sein Busen wechselnd glüht. O, ruft er, edle Stadt, du alter Sitz der Dänen, Noch einmal grüß' ich jetzt dein heiliges Gebiet! Doch ach, die mich gepflegt in frühen Kinderjahren, Der nah' ich, wehe mir, mit fremden Kriegesschaaren.   30. Doch trauerst du nicht selbst gebeugt von frechem Hohn? Hat nicht ein schnöder Knecht in Bande dich geschlagen? Soll ich zu deiner Schmach dem theuren Recht entsagen, Zu eines Räubers Heil der Väter altem Thron? Nicht fall' auf mich dein Fluch, nur Harald soll ihn tragen! Er ist dein Feind, und ich bin Gormo's Sohn. Was zauderst du und duldest fremde Ketten? Zu mir, zu mir, mein Volk! Dein König will dich retten.   31. So ruft er laut. Doch fromm begeistert steigt Der deutsche Held vom Roß und neigt sein Knie zur Erde, Und beugt sich tief vor Gott mit gläubiger Geberde, Indeß das ganze Heer in stiller Andacht schweigt. Dir weih' ich, Herr, dies Land, daß es dein eigen werde, So betet er, das Ziel ist jetzt erreicht. Mag jetzt zu jedem Loos dein Rathschluß mich erkiesen, Dein ist die Macht, dein Wille sey gepriesen!   32. Er spricht's und rafft sich auf. Und bald beginnt durch's Feld Das mächt'ge Heer sich zahllos auszudehnen, Das Lager steigt empor, es drängt sich Zelt an Zelt, Und eine neue Stadt umringt die Stadt der Dänen, Rings werden Wäll' erhöht, und Wachen ausgestellt, Die weite Flur erschallt von kriegerischen Tönen, Von Beilen kracht der Hain, manch lust'ges Feuer flammt, Manch Schutzdach wird gebaut, und mancher Pfad verrammt.   33. Der Feldherr sorgt und waltet unverdrossen, Indeß in edlem Schweiß ihm stets die Wangen glühn: Jetzt tritt er selbst an's Werk, jetzt treibt er die Genossen, Begegnet jeder Noth, läßt keinen Vortheil fliehn; Sein Aug' ist selten nur der süßen Ruh geschlossen, Ihn sieht die späte Nacht, der frühe Tag sich mühn, Im Ordnen, im Vollziehn, im Rath, im Heer, im Streite Sind Vorsicht stets und Kühnheit ihm zur Seite.   34. Doch auch die Heiden sind zur tapfern Gegenwehr Nicht minder reg und wach, ihr Heiligthum zu schirmen: Auf Zinn' und Mauer steht ein kühnes Heldenheer, Und Kriegsgeschütze drohn herab von allen Thürmen; Der bringt Geräth herbei, der schmiedet Schwert und Speer, Der sichert Thor und Wall vor raschgewagten Stürmen, Die Sichelwagen stehn mit Steinen angefüllt, Indeß vom glühnden Naß der Kessel überquillt.   35. Der alte König geht mit jugendlichen Schritten Durch Gass' und Burg und spornt zum rüst'gen Fleiß Sein rasches Volk; den treibt er an mit Bitten, Vergilt mit goldnem Lohn des Andern Müh und Schweiß, Ermahnt und lobt mit sanftem Wort den Dritten, Und straft des Vierten Thun mit drohendem Verweis; Und hier und dort erschallt zum Aufgebot und Zeichen Sein mächt'ger Kriegesschild von hellen Schwertesstreichen.   36. Wohl bricht auch oft in unwirthbarer Nacht Ein kühner Kreis verschworner Kampfgesellen In's Feld hinaus und naht des Lagers Wällen, Wo stets zum Schirm des Heers ein Christen-Fähnlein wacht. Bald weicht die deutsche Schaar den raschen Ueberfällen, Bald sinkt der Heiden Schwarm in unberühmter Schlacht; Doch wird, wie klein auch oft der dunkle Kampf begonnen, Manch edler Held erlegt, manch schöner Preis gewonnen   37. Doch Andre nahn indeß mit brünstigem Gebet Doch Andre nahn indeß mit brünstigem Gebet . – Odin, Thor und Frey waren die vornehmsten Götter der nordischen Völker, und man stellte sie deshalb oft auf demselben Altar zusammen. So fand man sie in dem berühmten Tempel zu Upsala, den Olaus Magn. L. III. C. 3. und Olaus Worm. Monum. Dan. L. I. C. 4. beschreiben. Die Dänen verehrten Odin als den höchsten Gott, die Norweger den Thor, die Schweden den Frey. Dem Heiligthum und traun auf stärkre Retter: Das Volk der Dänen ruft zum Vater aller Götter, Der hoch auf heil'gem Herd in goldner Rüstung steht; Der Normann kniet vor Thor, dem Herrn der Donnerwetter, Indeß zum mächt'gen Frey die Schaar der Schweden fleht; Das Götterhaus ertönt von heil'ger Lieder Schalle, Von Blut erglänzt der Herd, von Opfern dampft die Halle.   38. Nur Skiold verschmäht das weibisch feige Flehn, Ihm scheint nach Blut und Kampf und Sieg nur zu gelüsten: Man sieht ihn ohne Rast um Thürm' und Mauern gehn, Das ungestüme Volk zu ordnen und zu rüsten; Stets läßt er, wo die Noth am größten ist, sich sehn, Und drängt von Zinn' und Wall mit Flamm' und Schwert die Christen. Ihm folgt der Sieg; wo ihn die Seinen schaun, Ist Hülf' und Schutz und Kühnheit und Vertraun.   39. Nur Feige knien, so spricht er zu Thorilden, Ich hab' allein auf mich mein Heil gestellt. Was ruft das Volk zu steinernen Gebilden Und ist zum Beten nur und nicht zum Kampf gesellt? In unsern Schwertern wohnt, in Helmen und in Schilden Der Asen Hülf' und Kraft; ein Gott ist jeder Held. Nichts kann des Liedes Schall, des Opfers Blut uns nützen, Für Odin kämpfen wir, drum muß uns Odin schützen.   40. Gieb mir die Hand! So laß uns stets vereint Im Leben stehn! Wer wird uns schmähn und beugen? Die Sonne steigt und sinkt, das falsche Glück erscheint Und flieht; was kümmert's uns? Bleibt doch die Kraft uns eigen! Stets ist der Sieg des tapfern Mannes Freund, Das starke Schicksal will vor Starken nur sich neigen. Nie ehrt das End' allein den kühn verfochtnen Krieg, Und auch der Tod ist oft ein ehrenwerther Sieg.   41. So spricht der Held; doch scheint von wilden Sorgen Thorildens Herz erschüttert und entzweit: Sie blättert ohne Ruh vom Abend bis zum Morgen Verhüllte Runen durch und Kunden alter Zeit, Sitzt oft den langen Tag im Kämmerlein verborgen Und treibt manch heimlich Werk, das vor dem Licht sich scheut, Ein schwarz Geheimniß scheint in ihrer Brust verschlossen, Und düster spricht sie oft zum kühnen Kampfgenossen:   42. Noch weiß ich nicht, was uns das Glück verheißt; Die Zukunft ist bewölkt und seltsam sind die Zeichen: Von Wehruf heult die Nacht, graunvolle Bilder schleichen, Im tiefen Grabe seufzt manch alter Heldengeist, Die Sterne kämpfen wild in ihren ew'gen Reichen, Es bebt der Göttersitz, ein großes Schicksal kreist. Wohl war ich oft bereit, den Vorhang fortzurücken; Doch ahnend zagt mein Herz, das Unheil zu erblicken.   43. Längst fürcht' ich, daß auch dir ein schwarz Verhängniß droht; Ich selbst beschwor vielleicht es auf dein Haupt hernieder. Manch feindlich Zeichen spricht vom Kampf entzweiter Brüder, Von fluchbeladnem Sieg und unheilvollem Tod. Nicht ruht auf mir die Schuld, ich sang die dunklen Lieder, Wie sie der Norne Ruf dem wilden Geist gebot. Doch mag auch, wie sie will, die grause Zukunst tagen, Was dir beschieden ist, das will ich mit dir tragen.   44. So redet sie, und ihre Blicke glühn Von Lieb' und Schmerz und Zorn. Und wie um Felsenhöhen Am frühen Morgen oft mit grau beschwingtem Wehen Im seltsam dunklen Spiel sich nächt'ge Wolken ziehn; Doch strahlend läßt am Pol das goldne Licht sich sehen, Der Schleier reißt, die dichten Nebel fliehn, Das Felsenhaupt erglänzt und rauscht mit hohen Zweigen Und scheint in's klare Blau noch kühner aufzusteigen:   45. So läßt der Jungfrau dunkles Wort Mit finstern Zweifeln oft des Freundes Seele ringen, Manch gräuelvolles Bild von Fluch und grausem Mord Scheint tief aus schwarzer Nacht zu ihm empor zu dringen. Doch scheucht nach kurzem Kampf mit siegreich hellen Schwingen Die alte Heldenkraft den düstern Nebel fort; Sein kühnes Herz begehrt im Drange großer Zeiten Nur mit dem Feind, nicht mit sich selbst zu streiten.   46. Als so an Skiolds Vertraun des Volkes Muth sich nährt, Müht auch das deutsche Heer sich draußen unverdrossen. Stets näher wird die Burg bedrängt und eingeschlossen, Nur wenig Pfade sind dem Feind noch unverwehrt, Schon mancher Quell versiegt, der sonst zur Stadt geflossen, Von Kriegesflammen ist schon manche Saat verzehrt. Doch stolz verlacht das Volk, da nichts zum freud'gen Leben Der reichen Stadt gebricht, der Christen eitles Streben.   47. Wohl naht sich oft zum Sturm das deutsche Heer, Doch kehrt es stets verdrängt und blutend wieder, Denn grimmig waltet rings der Dänen Gegenwehr, Der Sichelwagen rollt und bricht des Feindes Glieder, Die heiße Welle strömt, es fliegen Pfeil und Speer, Vom jähen Abhang stürzt der Stachelbalken nieder, Gemäur und Gräben sind mit Todten angefüllt, Und mancher blut'ge Strom durchrieselt das Gefild.   48. So war schon mancher Tag verschwunden, Da spricht im hohen Heldenkreis, Der in des Führers Zelt zum Rathe sich verbunden, Ansgarius, der gottgeweihte Greis: Vergebens müht ihr euch, den Feind zu überwinden, Nicht frommt zum großen Werk des Menschen Kraft und Rath, Bis nicht das Volk, befreit von ird'schen Sünden, Mit reinem Flehn dem höchsten Gott sich naht.   49. Der zweite Mond ist schon vorbeigeflossen, Seit ihr zuerst den Dänenstrand begrüßt, Und doch hat Keiner noch das Mahl des Herrn genossen, Noch Keiner fromm vor Gott sein sündlich Thun gebüßt. Noch prangen blutbefleckt im heiligen Gefilde, Das sich der Himmel selbst zum Eigenthum erkor, Verfluchte Opferhöhn und heidnische Gebilde, Und für den Ew'gen steigt noch kein Altar empor.   50. So tilgt denn jetzt von diesen schönen Auen Den Gräuel fort, der Gottes Erde schmäht! Laßt einen reinen Herd dem Höchsten uns erbauen, Und sühnt den Himmel dort mit Buß' und mit Gebet! Dann kehrt zum Krieg zurück mit freudigem Vertrauen! Nie täuscht der Ew'ge den, der fromm ihn angefleht. Er spricht's, und Jeder ehrt das Wort des Gottgeweihten Und geht, zum heil'gen Werk die Schaaren zu bereiten.   51. Nicht fern vom Lager war mit einem dunklen Hain Ein steiler Hügel rings bekleidet, Und auf dem Gipfel stand ein hoher Opferstein, Wo oft am blut'gen Mahl der mächt'ge Frey sich weidet, Der Kraft den Fluren giebt und Segen und Gedeihn Und mit gewalt'ger Hand die Zeiten lenkt und scheidet; Auch thürmte droben sich, weit schauend durch's Gefild, In riesiger Gestalt das alte Götterbild.   52. Hier war der Ort, wo Biarko's Kampfgenossen Für ihren Herrn dem Tode sich geweiht, Wo Gormo's Sohn, vom Feinde rings umschlossen, Mit tapferm Schwert die Braut und sich befreit. Manch edles Blut war früher hier geflossen Bei'm Mahl des Götzen bald, und bald im wilden Streit. Hier soll, wenn siegreich einst die Kreuzesbanner wallen, Dem Herrn des Himmels auch ein blut'ges Opfer fallen.   53. Schon zieht das Heer die wald'gen Höhn hinan, Das heil'ge Werk des Glaubens zu vollenden; Mit Stab und Inful geht Ansgarius voran Und trägt das Kreuz des Herrn in hocherhobnen Händen; Das ganze Volk stimmt fromme Lieder an Und bittet Gott, sein Heil herabzusenden; Und bald umschließt die tapfre Christenschaar Im weiten Kreis den heidnischen Altar.   54. Doch Adalbert, der auf des Himmels Segen, Auf Gottes Kraft zur kühnen That vertraut, Tritt muthig jetzt dem hohen Bild entgegen, Das zornig ernst zu ihm herniederschaut. Er hebt die Kolb' empor und trifft mit mächt'gen Schlägen Die riesige Gestalt; im Hain erhallt es laut; Es zischt die Luft von ungeheuren Streichen, Der Herd erbebt, der Grund beginnt zu weichen.   55. Schon wankt das Bild, der Opferstein zerspringt, Es wankt und fällt, die nahen Eichen zittern, Ein stilles Grausen scheint die Erde zu erschüttern, Da vom Altar herab ihr alter Herrscher sinkt. Am Himmel rollt's heran gleich fernen Ungewittern, Indeß der mächt'ge Schall den weiten Hain durchdringt. Doch still und leicht umspielt die riesenhaften Trümmer Das heil'ge Sonnenlicht mit siegreich hellem Schimmer.   56. So stürzt ein hoher Fels, um welchen öd' und kahl In schattig feuchter Nacht die nahen Fluren lagen, Von Sturmeszorn gefaßt, von Gottes Blitz zerschlagen, Mit donnerndem Gekrach hinab in's tiefe Thal. Bald wird der freie Grund nun holde Blumen tragen, Vom Thau erquickt, im warmen Sonnenstrahl, Und segensreich wird auf den wüsten Räumen Die junge Saat in freud'ger Fülle keimen.   57. Ein lautes Jauchzen tönt die dichten Reihn entlang, Sobald das stolze Bild von seinem Thron gefallen, Und heller läßt den frommen Chorgesang Die Christenschaar empor zum Himmel schallen, Von jeder Lippe tönt dem Höchsten Preis und Dank, Man sieht aus manchem Blick viel freud'ge Thränen wallen, Und wie der Heidengott gestürzt am Boden liegt, Scheint Jedem auch das Volk der Heiden schon besiegt.   58. Zerbrochen wird des Herdes Grund und Schwelle, Vom schnöden Schutt das Rasengrün befreit, Und rings der Ort mit heil'ger Sühnungswelle Zum neuen Sitz des Ew'gen eingeweiht; Und bald erhebt sich jetzt an jenes Herdes Stelle Ein reiner Hochaltar dem Gott der Christenheit, Und jeder Krieger eilt des Waldes Zier zu pflücken Und will den Tisch des Herrn zur frommen Feier schmücken.   59. So prangt des Ewigen Altar, Mit Blumen hold umkränzt und jugendlichen Zweigen. Auf seinen Stufen steht der heil'ge Greis Ansgar, Und betend harrt das Volk mit demuthsvollem Schweigen. Er hebt das Kreuz empor, und rings beginnt die Schaar Mit fromm entblößtem Haupt sich auf die Knie zu neigen, Der Hain verstummt, kein leises Lüftchen bebt, Als so der Greis die ernste Stimm' erhebt:   60. Zu Boden sank der stolze Gott der Erde, Den blinder Wahn auf seinen Thron gesetzt, Erloschen ist die Flamm' auf schnödem Herde, Versöhnt das Blut, das schuldlos ihn benetzt. Und daß dies Land ein Tempel Gottes werde, Vereinigt ihr zum heil'gen Mahl euch jetzt. Mag lang' auch oft die Nacht am Himmel grauen, Einst läßt sich doch die helle Sonne schauen.   61. O blickt umher, wie hold die Wiesen blühn, Wie segenreich die goldnen Saaten stehen! Vielfarbig lacht der Haine frisches Grün, Der Sonnenglanz umleuchtet Thal und Höhen. Schon scheint der Herr durch sein Gebiet zu ziehn, Die Flur vernimmt und fühlt sein heil'ges Wehen, Gedeihn und Glück bereiten ihm den Pfad, Kein Tod ist dort, wo Gottes Odem naht.   62. Nicht darf dies Land, so reich an Lust und Segen, Ein Räubervolk mit trotz'gem Sinn entweihn, Nicht ferner hier unbänd'ger Zorn sich regen, Und wilder Muth am Frevel sich erfreun. Was Gott erschuf, das muß die Liebe pflegen, Und Friede soll des Schönen Hüter seyn. Die Hölle mag am blut'gen Dienst sich laben, Dem reinen Gott gebühren reine Gaben.   63. Verblendet Volk! Noch deckt dich finstre Nacht, Doch herrlich wird auch dir die Sonne steigen, Der blinde Wahn, des Zorns verwegne Macht Soll fromm sich bald dem milden Glauben neigen, Und deine Kraft, die jetzt den Herrn verlacht, Sich rühmlich einst im Dienst des Herrn erzeigen. Glückselig Volk, dem Gott nach kurzem Streit So reiches Heil, so sel'ge Hoffnung beut!   64. Wohl drängt dich noch des Krieges blut'ges Walten, Denn Großes wird im Kampfe nur erstrebt; Zu mächtig sind die Bande, die dich halten, Zu dicht die Nacht, die deinen Geist umschwebt. Erst muß der Pflug den harten Grund zerspalten, Eh fröhlich sich die junge Saat erhebt, Und Flamm' und Schwert die Dornen rings verzehren, Soll süße Frucht dein Garten dir gewähren.   65. Doch ihr, die Gott zu seinem Heer geweiht, Der großen That verbündete Genossen, Empfangt das Mahl, das euch der Himmel beut, Und denkt an den, deß Blut für euch geflossen! Seyd mild, wie er, und liebt euch und verzeiht, Seyd stark, wie er, zum Kampf und Tod entschlossen. Dann kündet euch des Himmels reiche Huld Durch meinen Mund Vergebung aller Schuld.   66. So spricht der Greis und beut in goldner Schaale Den Leib des Herrn der stillen Menge dar. Fromm naht ein Jeder sich dem heil'gen Liebesmahle, Und sündenfrei verläßt ein Jeder den Altar. Dann wendet wiederum zum Lagerplatz im Thale Mit freud'gen Liedern sich die ausgesöhnte Schaar, Und jeder Krieger fühlt sich nach dem frommen Werke Mit neuem Muth belebt und wunderbarer Stärke. Zwölfter Gesang. 1.                       Doch ruhig sahn zu Frey's erhabnem Thron Die Heiden in der Burg das Heer der Christen schreiten. Wohl ahnen sie das Werk, das Jene dort bereiten, Doch Jeder traut dem Gott und denkt im stillen Hohn: Wohl wird der mächt'ge Frey für seinen Hügel streiten Und wild die freche Schaar mit jähem Zorn bedrohn. Doch sieh, schon sinkt der Herd, von Feindeshand zerschlagen, Schon sieht man hoch das Kreuz auf seinen Trümmern ragen.   2. Wie heimlich oft die rasche Flamm' entspringt Im niedrigen Gebüsch, an dunklen Waldesstellen; Noch schwimmt der Dampf umher in mannichfalt'gen Wellen, Indeß nur hier und dort die Gluth hervor sich ringt; Doch mächtig naht der Sturm, der Flamme Kraft zu schwellen, Die wild und gierig bald von Baum zu Baum sich schlingt, Es saust und kracht im Hain mit grimmigem Getümmel, Und tausend Häupter hebt die rothe Gluth zum Himmel:   3. So hört man jetzt zuerst der Heiden stille Wuth Durch dumpfes Murmeln sich und leises Dräun verkünden, Noch kann der irre Zorn den sichern Pfad nicht finden Und wälzt sich hin und her mit ungewißer Fluth; Doch heller stets beginnt der Grimm sich zu entzünden, Ein Jeder faßt das Schwert, ein Jeder lechzt nach Blut, Rings rennt und wogt das Volk in wildempörten Massen, Auf, zu den Waffen! ruft's auf Mauer, Burg und Gassen.   4. Zur Königshalle wälzt der wüste Schwarm sich fort, Ein Jeder heischt die Schlacht und will die Götter rächen. Vergebens sucht der Fürst ihr Zürnen zu besprechen, Sein Rath ist flücht'ger Schaum, ein Hauch im Sturm sein Wort; Schon will das Volk allein hinaus in's Lager brechen, Schon reihn und rüsten sich die Haufen hier und dort, Da läßt der König auch, die Menge zu versöhnen, Lautschallend von der Burg den goldnen Schild ertönen.   5. Nun rasselt's rings von lautem Waffenklang, Nun bebt der Grund von Fußvolk, Roß und Reitern, Ein jeder Held beginnt den kühnen Schlachtgesang Und zieht einher, umringt von rüstigen Begleitern. Hier naht gepanzert Volk mit dröhnend festem Gang, Dort schweift in freud'ger Hast ein Schwarm von leichten Streitern, Und wechselnd prangt nach Würde, Sitt' und Land Die mannichfalt'ge Schaar in Waffen und Gewand.   6. Wie schlank und stolz auf steilen Bergeshöhen Mit schwarzem Haupt ein Tannenwald sich thürmt, Wo eng vereint die hohen Stämme stehen, Im trotz'gen Bund, wenn wild das Wetter stürmt: So war die dichte Schaar der Dänen anzusehen, Worin der Schild den Schild, der Held den Helden schirmt; Hell blinkte jeder Mann im ehrnen Waffenglanze, Zum festen Kampf bewehrt mit Axt und Schwert und Lanze.   7. Auf hohem Wagen zog der alte Fürst einher: Sein starker Arm gebot vier schwarzen Panzerrossen, Die Glieder leuchteten in kriegerischer Wehr, Dem ew'gen Felsen gleich vom starren Eis umschlossen, Und wie ein Fichtenstamm, am moos'gen Thurm entsprossen, Erglänzt in seiner Hand ein ungeheurer Speer, Von Golde war der Schild, der seinen Leib beschützte, Von Gold der hohe Helm, worauf die Krone blitzte.   8. Doch mächtig hob, in dreifach Erz gehüllt, Sich Skiold empor im Kreis der Waffenbrüder. So schaut ein Heldenmahl, auf wüstem Schlachtgefild Aus Steinen aufgethürmt, auf dunkle Gräber nieder. Auf seinem Helme schwang ein Adler sein Gefieder, Von Blitzen funkelte sein ungeheurer Schild. Dem starken Freunde geht der tapfre Rolf zur Seite, Im Rathe wohl geprüft und wacker auch im Streite.   9. Dann naht mit Edelrad der Jüten rüst'ger Schwarm, Mit ihm, für den im Kampf sein Bruder jüngst gefallen. Wohl ruht er bald vielleicht im holden Liebesarm, Wohl schmückt die Braut vielleicht dem Sieger schon die Hallen, Doch ihn umschattet noch der stillgenährte Harm, Nur Rache fühlt er jetzt, nicht Lieb' im Herzen wallen, Wohl gäb' er gern mit wildverstörtem Sinn Für seines Feindes Blut die Liebste selbst dahin.   10. Dann sieht man Biorn vor seinen Schaaren prangen, Und Torkill zieht mit ihm, sein treuer Kampfgenoß, Er, der daheim, als Harald's Schilde klangen, Die holde Braut verließ im väterlichen Schloß. Wie hielt sie schweigend ihn und lang' und fest umfangen, Wie zagte Wort und Blick, wie manche Thräne floß! Allein wie bitter auch sich Lieb' und Pflicht entzweiten, Er ging, für seinen Gott und für sein Volk zu streiten.   11. So warfst auch du, mein Führer und mein Freund, O Beaulieu, deutscher Held, als noch am Himmelsbogen Die Waage schwankend hing, dich in des Krieges Wogen Und drängtest ritterlich den übermächt'gen Feind. Wie schwarz die Wetter auch um deine Liebe zogen, Dir war das Vaterland noch inniger vereint. Heil dir, der friedlich jetzt im Schatten seiner Eichen Sich mit den Kränzen schmückt, die Lieb' und Ruhm ihm reichen!   12. Doch wie des Nachts auf wüstem Brockenfeld, Wenn schauerlich unholde Zauber walten, Ein düstres Heer verworrener Gestalten Sich grauenvoll zum frohen Fest gesellt; Dumpf heult der Wind in tiefen Felsenspalten, Die Haide seufzt, die Tanne saust und gellt, Und tobend kommt der Schwarm durch's Moor herangefahren, In wildverzerrter Form, mit grimmgesträubten Haaren:   13. So nahte jetzt um Grombar rings zerstreut Das rauhe Heer von Hekla's Eisgefilden. Es prangte jeder Mann im seltsam fremden Kleid, Die Helme starrten hoch von gräßlichen Gebilden, Manch Scheusal zeigte sich auf ihren mächt'gen Schilden, Wie dort ihr grimm Gezücht die Nebelinsel beut, Und schaurig klang in ihren Waffenkreisen Manch Lied der Schlacht in dunklen Sangesweisen.   14. Wie sich ein Nachtgewölk' am heitern Himmel regt, Zieht stolz ihr düstrer Fürst im hellen Sonnenstrahle. Zwei Männer heben kaum die Keul' aus blankem Stahle, Die er mit leichtem Schwung in starker Rechte trägt; Ihn deckt des Bären Fell, den er im finstern Thale Zum blut'gen Trank der Kraft Zum blut'gen Trank der Kraft – Die Sage erzählt von einem berühmten Kämpfer Biarko, der, als er einst einen Bären von ungewöhnlicher Größe erlegt hatte, seinem Diener Hialto befahl, von dem Blute desselben zu trinken, um stärker dadurch zu werden. Olaus Magn. L. V. C. 16. nach hartem Kampf erlegt; Und grimmig bäumte sich dem Helm zur Zier und Wache Hoch über seinem Haupt ein schwarzbeschwingter Drache.   15. Mit wildem Klang und lautem Schlachtgeschrei, Wie krächzend in der Luft viel Geier sich gesellen, Zieht dann ein kühnes Volk, das Tolkar von den Wellen Des eis'gen Meers geführt, zum raschen Kampf herbei. Die lange Lanze weiß den Feind von fern zu fällen, Auf ihren Helmen ragt manch hohes Hirschgeweih. Ihr ries'ger König prangt gebietend vor dem Heere Und schwingt in jeder Hand zwei ungeheure Speere.   16. So reiht sich Harald's Volk. Doch nahn der blut'gen Schlacht Die Männer nicht allein. Auf stolzen Rossen reiten Viel holde Jungfraun auch in kühner Waffenpracht, Zur edlen Heldenbahn die Liebsten zu begleiten. Ihr Aug', in dem so mild die Liebe sonst gelacht, Scheint mit den Blitzen jetzt an hellem Zorn zu streiten; Doch ist der Waffenrock, der ihre Glieder drückt, Mit mancher bunten Zier anmuthig ausgeschmückt.   17. So ritten einst die göttlichen Walkyren, Wie holden Truges voll die alte Sag' uns lehrt, Zur Schlacht hinaus, die Helden heimzuführen Aus blut'gem Thal zu Wallhalls heil'gem Herd. Die Waffe schien zugleich zu schrecken und zu zieren, Und sichern Tod und süßen gab ihr Schwert; Doch war der Krieg vollbracht, dann dienten sie den Gästen Mit minniglicher Huld bei Odin's Götterfesten.   18. Thorilde führt die holde Schaar, Ein silbern Panzerkleid umhüllt die schlanken Glieder, Und leicht und lieblich wallt ihr dunkles Lockenhaar, Vom Winde sanft gewiegt, zur hellen Rüstung nieder; Doch regt's in ihrem Blick sich wild und wunderbar, Als strahl' ein Fluchgestirn aus klaren Quellen wieder, Und wechselnd schwebt um's ernste Angesicht Der Ahnung Nacht, des Zorns erglühend Licht.   19. Doch, wo die ersten Glieder schreiten, Da geht im ernsten Kreis der Skalden edle Zahl. Gleich rüstig ist ihr Muth zum Singen und zum Streiten, Ihr Lied ergötzt das Herz, und Wunden schlägt ihr Stahl; Im Kampfe rühren sie mit ehrnem Schwert die Saiten, Doch süß mit leichter Hand am hochzeitlichen Mahl. Und während laut umher die Harfen jetzt erdröhnen, Beginnt aus tiefer Brust ihr heilig Lied zu tönen:   20. Was schimmert dort an fernen Bergeshöhn? Welch helles Licht umleuchtet Odin's Hallen? Die Götter nahn, mit euch zum Kampf zu gehn, Schon hör' ich fern ihr mächt'ges Wandeln schallen. Schön ist der Sieg, und auch der Tod ist schön; In Freuden prangt, wer siegt, und wer gefallen. So tönt das Lied und facht in jedem Mann Des wilden Muths unbänd'ge Flammen an.   21. Jetzt öffnen sich des Thors gewalt'ge Gitter, In Schaaren strömt das rüst'ge Volk hinaus, Rasch sprengen hier und dort die rüst'gen Dänenritter Und fordern schon von fern den Feind zum Kampf heraus, Die weite Flur ertönt, als nah' ein Ungewitter, Von Wiehern, Klang und Ruf und Stampfen und Gebraus, Und furchtbar gellen oft durch's tobende Gedränge Gleich lautem Schlachtgebot die ehrnen Saitenklänge.   22. Schnell eilen jetzt vom hohen Lagerwall Die Späher durch das Heer, die Kunde zu verstreuen. Die Feinde nahn! so ruft es überall, Auf, Krieger, auf, zu Roß! bewehrt euch! schließt die Reihen! Von Zelt zu Zelt tönt lauter Hörnerschall, Mit Waffenklang gemischt und Frag' und Ruf und Schreien; Der setzt den Helm auf's Haupt, Der schnallt das scharfe Schwert Und Der die Rüstung fest, und Jener steigt auf's Pferd.   23. Indeß die Führer nun die Schaaren reihn und theilen, Und Jeder sich zu seinem Banner stellt, Tritt Adalbert, zum heil'gen Kampf zu eilen, Mit ernstem Blick hervor aus seinem Zelt. Nur kurze Zeit will er bei ihr noch weilen, Mit der ihn Glaub' und Lieb' und Loos gesellt. So geht er fort im hellen Waffenprangen, Das Haupt allein vom Helm noch nicht umfangen.   24. Und als er jetzt ihr Zelt betreten hat, Da beugt er fromm und still sein Knie zur Erde. Aus seinem Blick glänzt jede große That, Sein hoher Sinn aus jeglicher Geberde; Nicht weiß er, ob vielleicht schon jetzt der Tod ihm naht, Das weiß er, daß er stets als Sieger sterben werde, Da sichtbarlich von Gottes Hauch umweht Ein solch Gebild vor seinem Auge steht.   25. Die Sonne blickt mit goldnem Strahlenscheine In's offne Zelt und röthet ihr Gesicht, Und lieblich scheint's, als ob in heil'ger Reine Aus ihren Augen erst der helle Schimmer bricht. So stehst du jetzt im Paradieses Haine, Du sel'ges Bild, verklärt in eignem Licht, Und sendest hold auf deines Sängers Lieder Zum großen Werk Begeistrungsstrahlen nieder   26. 26. Und sanft beginnt der Ritter dieses Wort: Die Feinde nahn, ich muß zum Kampfe gehen; Der Muth, die Pflicht, der Himmel ruft mich fort. Nicht wird vielleicht mein Blick dich wiedersehen, Doch bleibt mir ja die Liebe hier und dort. Drum sprech' ich: Herr, dein Wille mag geschehen! Ich klage nicht; selbst dieser Augenblick, Ein bittrer sonst, ist reich an sel'gem Glück.   27. Denn soll ich nicht der ew'gen Güte danken, Daß sie durch dich, du reines Heil'genbild, Der Wünsche Streit, des Willens feiges Schwanken, Den eitlen Wahn in meiner Brust gestillt? Durch dich mein Herz mit heiligen Gedanken, Mit Gottvertraun und sel'ger Ruh' erfüllt? Daß sie durch dich des Busens wildre Triebe Gereinigt hat zu Glauben, Muth und Liebe?   28. Hätt' ich auch einmal nur in's Auge dir geschaut, Wohl achtet' ich mich schon beglückt und hochgeboren; Jetzt hast du selbst mich liebend auserkoren, Der Himmel selbst hat dich mir angetraut, So bist du mein und gehst mir nie verloren. Leb wohl, geliebtes Bild, leb wohl, du holde Braut. Verzage nicht und laß voran mich schreiten, Dir deinen Sitz dort oben zu bereiten!   29. So spricht der Held. Und wie von Gott gesandt, Ein Engel niedersteigt zum irdischen Gefilde Und still durch's Leben wallt, von Menschen unerkannt, Doch plötzlich sich verklärt in heil'ger Kraft und Milde; Schon leuchten Sterne rings am luftigen Gewand, Und Strahlen sprühn umher vom göttlichen Gebilde, Und der noch kaum am Spiel der Kindlein sich erfreut, Steht hoch und prangend da in lichter Herrlichkeit.   30. So scheint Cäcilie sich sichtlich zu erheben Mit höherer Gestalt und hellerm Angesicht, Um ihre Lippen scheint das Wehn des Herrn zu schweben, Sie legt die zarte Hand auf seine Stirn und spricht: Ich segne dich. Das hat mir Gott gegeben. Hell blitzt durch meinen Geist mir jetzt sein ew'ges Licht. Auf deinem Schwert ist Sieg, und Heil auf deinen Bahnen, Und Gottes Engel ziehn voran den Kreuzesfahnen.   31. Geh hin, ich zage nicht, geh hin zur heil'gen Schlacht! Nicht halt' ich dich zurück mit bangen Liebesbitten. Viel hab' ich sonst im Wahn gerungen und gestritten, Doch jetzt ist Himmelsruh' in meiner Brust erwacht, Ja selig ist mein Herz, daß es für Gott gelitten, Für Gott sein einz'ges Glück zum Opfer dargebracht; Doch sel'ger noch, daß Gottes Lieb' und Gnade Mich dir zum Trost gesellt auf deinem dunklen Pfade.   32. Wenn dir vielleicht auch jetzt schon dein Verhängniß droht, Mir bleibt der Trost, daß ich im Glück und Leide Dich tief und treu geliebt bis in den Tod, Daß nur ein kurzer Raum die gleichen Seelen scheide. Die gleiche Nacht umfing, erweckt ein Morgenroth, Ein Pfad ist uns bereit, ein Himmel für uns beide. Leb wohl, leb wohl! Doch nein, nicht dieses Scheidewort! Willkommen, theurer Freund, hienieden oder dort.   33. So ruft sie aus. Da naht mit ernstem Schweigen Auch Reinald sich, zum tapfern Kampf bewehrt, Er reitet still heran und grüßt mit tiefem Neigen Sie ritterlich und senkt das blanke Schwert; Dann zieht er lächelnd fort, und seine Blicke zeigen, Daß er für sie den Sieg, für sie den Tod begehrt. Und auch der Ritter drückt den Helm auf's Haupt und reitet Zum Kampf hinaus, noch lang von ihrem Blick begleitet.   34. Nur einen Helden hielt der Liebe süßes Band Noch fern vom Schlachtgewühl. Mit lieblich glühnden Wangen Saß neben ihm die Braut und flocht mit leisem Bangen Ihm manche holde Zier um Waffen und Gewand. Ihr Auge lächelte; doch helle Thränen drangen Verstohlen oft hervor und netzten ihre Hand, Die hier und dort bemüht selbst in der hast'gen Eile Nur neue Zögrung fand, damit der Freund noch weile.   35. Doch als gewalt'ger nun der Ruf des Horns gebeut, Da fährt sie auf und spricht nach kurzem Sinnen: Horch, Biarko, horch den Klang! Er ruft dich fort zum Streit. Selbst dich nicht möcht' ich je durch deine Schmach gewinnen. Zieh hin! Hat meine Hand doch deinen Stahl geweiht, Ist doch gerecht und kühn und rühmlich dein Beginnen. Und kämpft die Lieb' auch oft mit Ehr' und Pflicht, Verzeihlich ist der Kampf, doch ist ihr Sieg es nicht.   36. So ruft sie aus und reicht zum letzten Scheiden Mit hellem Blick die zarte Hand ihm dar. Er springt empor, ergreift das Schwert mit Freuden Und sprengt vom Kreis der Lust zum Kreise der Gefahr. Schon liegt der Wall, die Ebne zwischen Beiden, Schon mischt der Held sich in die erste Schaar, Er küßt den theuren Speer, geschmückt von ihren Händen, Dann eilt er muthig ihn in Feindesbrust zu senden.   37. Durch wenig Raum nur sind die Heere noch getrennt, Schon hört die deutsche Schaar der Feinde Ruf und Dräuen, Und Torkill, dessen Muth in hellen Flammen brennt, Zieht schon mit Biorn heran und führt die ersten Reihen. An holden Bildern scheint sein Geist sich zu erfreuen, Er denkt an sie, die stets sein treues Herz ihm nennt, Und späht schon jetzt umher, an wem sein Schwert sich übe, Um durch gewalt'ge That zu zeigen, daß er liebe.   38. Doch Biarko sprengt dem deutschen Heer Im Sturme jetzt voran; er sendet gleich dem Blitze Den kühnen Blick voraus und hebt und wirft den Speer; Auf Torkill's Busen schwingt sich rasch die ehrne Spitze, Nichts frommt des Schildes blanke Wehr, Kein Panzer ist so fest, der vor dem Tod ihn schütze, Es gellt der Schild, die helle Rüstung klingt, Schon fühlt das Herz den Stahl, der Held erseufzt und sinkt.   39. So mußtest du als erstes Opfer fallen, Den kaum so süß die Hoffnung noch gewiegt! Doch wählte dir das Glück den würd'gen Feind vor Allen, Von allen Waffen hat die schönste dich besiegt; Das Band, das jetzt sich färbt von deines Blutes Wallen, Hat zarte Liebeshand an jenen Speer gefügt, Und er, der freudig prangt, daß er den Feind erschlagen, Er würde, kennt' er dich, an deiner Leiche klagen.   40. Im bittern Schmerze springt zur Rache Biorn hervor; Doch sterbend hält mit matten Händen Ihn Torkill jetzt zurück: O hebe mich empor, O laß mich, stammelt er, an deinem Busen enden! Durch dich nur, den ich früh zum Bruder mir erkor, Will ich der Liebsten jetzt die herbe Kunde senden, Dir sey mein Grab, mein Ruhm und meine Pflicht vertraut: Sey Herrscher meines Volks und schütze meine Braut!   41. Er spricht's und stirbt. Doch näher schon befiedern Die Schweizer jetzt der Pfeile rasche Saat. Des Feindes Schleuder saust, dies Grüßen zu erwidern, Schnell eilt und kehrt der Tod zurück auf luft'gem Pfad. Schon schwindet hier und dort ein Streiter in den Gliedern, Ruhmlos gefällt durch ruhmlos dunkle That; Doch als der Raum sich füllt, da läßt die Hand der Schützen Für Schleuder und Geschoß die blanken Schwerter blitzen.   42. Gewaltig sprengt Vinzenz, der Schweizerheld, Die Dänen an und schwingt den scharfen Degen: Schon mancher Schild und mancher Helm zerschellt, Vergebens starrt ihm mancher Speer entgegen; Schon liegen Dannebold und Boldewin gefällt, Er spaltet Othurs Haupt mit zwei gewalt'gen Schlägen. Der laute Lärm des nahen Kampfs erwacht, Und wilder mischt sich schon die rasch entbrannte Schlacht.   43. Bald treffen jetzt sich auch die ganzen Heere, Es klirrt und braust und donnert durch's Gefild, Am Schwert erklingt das Schwert, der Speer am Speere, Dem Helme droht der Helm, der Schild dem Schild. Die weite Fläche gleicht dem hochempörten Meere, Vom Donnersturm durchbraust, von Wetternacht umhüllt, Wo Wolkenbrüche rings und Hagelschauer regnen, Und Well' und Welle sich und Blitz und Blitz begegnen.   44. Hier starrt gefällt ein dichter Lanzenwald, Hoch funkelt dort das Schwert im Sonnenscheine, Zum Rosse drängt das Roß sich mit Gewalt Und kämpft ergrimmt dem Reiter im Vereine, Es schwirrt der Pfeil, es sausen Speer' und Steine, Der Helm zerbricht, der Schild, die Rüstung schallt, Das Horn ertönt, die Kriegstrompeten schmettern, Wie Adlerruf in lauten Sturmeswettern.   45. Noch fällt in jedem Heer dem Tode gleiche Saat, Noch Keiner dringt voran, noch Keinen sieht man weichen; Wie Schwert um Schwert sich hebt, so wechseln That um That, Wer kaum den Feind erlegt, erliegt von Feindesstreichen. Da bricht zuerst sich Adalbert den Pfad, Er sprengt durch Blut, durch Waffen, Wund' und Leichen Dem Orte zu, wo Islands Heldenreihn Mit grimmigem Gefecht die deutsche Schaar bedräun.   46. Wie riesenhoch sich eine Wassersäule Mit dunklem Haupt aus wildem Meer erhebt, So zieht ihr Fürst voran und schwingt die ehrne Keule, Bei deren Fall die Luft, der Grund, nur er nicht, bebt. Ihm folgt die Kriegerschaar mit lautem Schlachtgeheule, Auf ihren Helmen scheint der grause Schmuck belebt: Die Flügel schwingt der Aar, weit gähnt des Wolfes Rachen, Des Greifen Kralle droht, und Flammen spein die Drachen.   47. Kaum naht sich jetzt von fern der deutsche Held, Da hebt sein Feind die mächtige Keul' aus Eisen Und schwingt sie leicht um's Haupt in raschen Kreisen, Daß laut die Luft von ihrem Schwunge gellt. Und dumpf beginnt er dann die alten Väterweisen Und geht mit trotz'gem Schritt durch's blutbedeckte Feld. Sein Riesenleib erhebt sich über alle Streiter, Und höhnisch schaut sein Blick herab auf Roß und Reiter.   48. Der Ritter spornt sein Roß und senkt den Lanzenschaft, Doch Jener hebt die Wehr zu ungeheuren Hieben Und trifft des Feindes Spieß mit so gewalt'ger Kraft, Daß Erz und Splitter rings in alle Lüfte stieben. Schnell hat indeß der Held das Roß vorbeigetrieben, Daß er sein Thier und sich dem zweiten Schlag entrafft, Der, als er hinter ihm zur Erde niederwettert, Gesunkne Schild' und Helm' und Leichen nur zerschmettert.   49. Doch Jener hat indeß sein rasches Roß gewandt, Er zückt das gute Schwert, indeß der wilde Heide Die Waffe wieder hebt, und trennt mit scharfer Schneide Durch einen Schlag vom Arme Keul' und Hand. Dann zuckt er's noch einmal und stößt, von Zorn entbrannt, Den Stahl durch's Waffenkleid ihm tief in's Eingeweide. Er fällt und mordet noch in letzter Todeswuth Ein sterbend Kriegerpaar, das ihm zur Seite ruht.   50. Doch wüthend naht, um Grombar's Tod zu rächen, Das Inselvolk mit grimmigem Geschrei, Sie drohn und schwärmen rings, sie werfen, haun und stechen. Noch hält des Ritters Schild vor Hieb und Wurf ihn frei, Doch muß er bald von harten Schlägen brechen, Und nur sein gutes Schwert bleibt noch dem Helden treu; Das schwingt er ohne Rast in unverzagten Händen, Bald Tod umherzustreun und bald ihn abzuwenden.   51. Indeß beginnt mit leichter Reiterschaar Der Sänger durchs Gefild bald hier bald dort zu sprengen, Und wie sein freud'ger Geist in irrenden Gesängen, So schweift sein Muth umher durch lust'ge Kampfgefahr. Da sieht er fern das Volk im wilden Streit sich drängen, Er nimmt des Freundes Noth, die Wuth der Feinde wahr. Auf, ruft er, auf, dort gilt's! und fliegt heran zum Streite, Und rasselnd sprengt die Schaar der Reiter ihm zur Seite.   52. Sein leichtes Rößlein scheint die Erde zu verschmähn, Der seidne Mantel wallt, entführt vom flücht'gen Winde, Es lacht der blanke Schild, des Hutes Federn wehn, Um seine Schultern glänzt die goldne Waffenbinde; Sein Wesen ist so mild und freundlich anzusehn, Sein Schmuck so festlich hell, als ob er Frieden künde; Und selbst sein scharfer Stahl, auf den die Sonne blickt, Scheint mehr zur Lust, als zum Gefecht gezückt.   53. Doch wie ein Blitz vom heitern Himmel nieder Sich zündend senkt in's dichte Dorngesträuch: Das Feuer sprüht empor und schwingt sich hin und wieder, Umzittert jedes Blatt und hüpft von Zweig zu Zweig, In tausend Farben spielt's, regt tausend schnelle Glieder, Zerstörend zwar, doch lieblich auch zugleich: So bricht mit Reinald jetzt die freud'ge Schaar der Reiter Mit raschem Schwertesschlag in Islands wilde Streiter.   54. Den mächt'gen Hjelm, der schon die Lanze schwingt, Um Adalbert im Rücken zu durchstechen, Ereilt des Sängers Schwert, daß Helm und Haupt zerspringt, Und Herz und Augen ihm im raschen Tode brechen; Auch Suerting, der sich naht, des Freundes Fall zu rächen, Erliegt dem Stahl, der noch von theurem Blute blinkt, Er stürzt auf Hjelm herab und nagt mit bleichem Munde Im wilden Todeskrampf an seines Freundes Wunde.   55. Noch weiß der Ritter nicht, wer ihn so rasch befreit, Doch hört er Schwerterklang und Jauchzen hinter'm Rücken; Er wendet sich und grüßt mit freud'gen Blicken Den lieben Freund, der treu die Hand ihm beut. Dann wählt er Lanz' und Schild sich aus den Waffenstücken, Die rings der wilde Krieg am Boden ausgestreut, Und eilt mit neuer Kraft die Feinde zu bestürmen, Die, kaum so trotzig noch, sich jetzt nur mühsam schirmen.   56. Schon färbt sein mächt'ger Speer von Hakon's Blut sich roth, Und Haldan ächzt durchbohrt und stützt sich matt auf Leichen, Dann senkt auf Haquin sich und Ringo rascher Tod, Der fällt vom Roß zerstampft, und Der von Schwertesstreichen, Auch Halgo, der dem Feind mit schwerer Kolbe droht, Und Hort, der nie gelernt im Heldenkampf zu weichen, Sie, deren kühnes Schwert in mancher Schlacht erklang, Sie leben künftig nur in Sag' und in Gesang.   57. Da nahte Gunnar sich, aus Niflungs Stamm entsprungen Da nahte Gunnar sich, aus Niflung's Stamm entsprungen – Die Nibelungen-Sage zieht von Deutschland durch den ganzen skandinavischen Norden bis nach Island, freilich mit wesentlichen Veränderungen, aber doch sichtbar aus einem Stamm entsprungen, hinauf. S. M. C. Grimm über die Entstehung der altdeutschen Poesie u. s. w. in den Studien von Daub und Creuzer. B. 4. , Der einst am edlen Rhein die mächt'gen Wurzeln schlug. Von ihren Thaten ward manch altes Lied gesungen, Das weit der Helden Ruhm durch alle Länder trug; Doch Gunnar's Name war auf Erden nie erklungen, Schwer lag auf seinem Haupt der Rache dunkler Fluch, Er lebt' auf Islands Aun verwaist und abgeschieden, An Muth den Ahnen gleich, vom Siege stets gemieden.   58. Noch einmal hatt' er jetzt dem Heere sich gesellt, Durch Kühnheit oder Tod den alten Fluch zu enden. Er schreitet weit hervor und zückt mit beiden Händen Der Väter mächt'ges Schwert, das rasselnd niederfällt. Doch weiß des Ritters Schild den raschen Schlag zu wenden, Indeß sein guter Stahl des Feindes Helm zerschellt; Er sinkt. Kein Hügel wird, kein Mahl dem Enkel sagen: Hier liegt der letzte Sproß des Heldenstamms erschlagen.   59. So liegt umstrickt vom dichten Dorngerank Das Hünengrab auf schauerlicher Haide. Wohl focht hier einst ein Held in muth'ger Kampfesfreude, Die Feinde zitterten, wenn fern sein Schwert erklang, Und manches treue Herz verging im bittern Leide, Als auch der Kühnste hier zum Tode niedersank. Jetzt ist am morschen Stein sein Name längst verwittert, Ihn weiß das Lüftchen nur, das um den Hügel zittert.   60. So kämpft der deutsche Held. Doch stets zur Schlacht bereit, Hält Archimbald indeß am andern Heeresflügel Mit seiner Ritterschaar auf einem wald'gen Hügel, Der hoch empor gethürmt der nahen Flur gebeut. Die Panzer funkelten wie hellgeschliffne Spiegel, Noch unbefleckt vom blutig wilden Streit; Denn weise hemmt der Greis den Muth der edlen Schaaren Und will den günst'gen Ort zum Schutz des Heers bewahren.   61. Skiold kämpft indeß im blut'gen Wiesenthal, Wo am gewaltigsten des Krieges Stürme toben; Da hebt er seinen Blick und sieht den Hügel droben Mit Speeren dicht bepflanzt und hell vom blanken Stahl. Jetzt will sein Arm den kühnsten Kampf erproben, Er sammelt schnell der Seinen rüst'ge Zahl Und naht im raschen Sturm sich mit verhängtem Zügel Und lautem Schlachtgeschrei dem wald'gen Felsenhügel.   62. Mit starren Klippen sind die Höhen dort bewehrt, Wo Skiold und seine Schaar dem Feind entgegendringen. Doch früh geübt versteht das leichte Dänenpferd Auf unwegsamem Pfad sich kletternd aufzuschwingen Doch früh geübt, versteht das leichte Dänenpferd / Auf unwegsamem Pfad sich kletternd aufzuschwingen. – Die nordischen Pferde sind nicht blos wegen ihrer Ausdauer, sondern auch wegen ihrer Sicherheit und Behendigkeit auf beschwerliehen Wegen berühmt. Olaus Magn. L. XVII. Cap. 16. führt neunzehn Ursachen ihrer Vorzüglichkeit vor andern Racen an. ; Bald sieht man's ohne Furcht am steilen Rande springen, Der schmale Pfade kaum dem Wanderer gewährt, Und bald an schroffen Felsenecken Zum ungeheuren Satz die schlanken Glieder strecken.   63. Nicht ohne Blut gelingt die hoch vermeßne That, Dicht reihn am Bergeshang sich Archimbald's Genossen Und drängen unverzagt mit sausenden Geschossen Den kühnen Feind, der nur mit Müh sich naht. Bald sinken hier und dort die Reiter von den Rossen, Bald stürzt das Roß durchbohrt auf rettungslosem Pfad; Man sieht sie grausenvoll von Fels zu Felsen fallen Und hört noch fern empor die Rüstung brechend schallen.   64. Auch manches deutsche Roß empfängt aus Feindes Faust Den scharfen Speer. Wo steil die Felsen ragen, Da steigt es wild empor und wiehert laut und braust Und reißt den Reiter mit, den es so treu getragen. Man sieht's im raschen Fall sich gräßlich überschlagen, Indeß die Luft vom Schwung der schweren Bürde saust. Oft stürzt es auf den Feind, der es getroffen, nieder Und giebt für jähen Tod den jähen Tod ihm wieder. (Zwölfter Gesang.) 65.                           Doch muthig sprengt der wilde Skiold vorauf Und will zuerst das kühne Ziel erstreiten, Sein fester Schild fängt alle Lanzen auf, Er beugt und wirft den Leib nach allen Seiten. Bald spornt er unverzagt das Roß zum flücht'gen Lauf, Bald hält er's rasch zurück, bald läßt er's ruhig schreiten. Am Arme rastet nie des Schildes blanke Wehr, Sein Aug' ist immer wach, und stets gezückt sein Speer.   66. So flieht ein Mann, wenn rings mit grausem Walten Der Erdengeist die Felsenfesseln sprengt; Jetzt weicht er Trümmern aus, jetzt rasch zerrißnen Spalten, Und jetzt der rothen Gluth, die prasselnd ihn umfängt; Oft muß sein Arm im Fliehn die morsche Mauer halten, Die krachend schon zum Sturz sich aus den Fugen drängt, Und wenn er hier der Noth noch wehrt mit starken Händen, Zwingt ihn die neue schon den Blick ihr zuzuwenden.   67. Und sieh, schon klimmt er kühn hinan, Er jubelt laut und ruft sein stürmend Volk zum Streite, Schon fällt von seinem Speer ein tapfrer Rittersmann, Er zückt sein scharfes Schwert, und rasselnd fällt der zweite. Bald schließt auch hier und dort sich seine Schaar ihm an, Ein kühn Geschwader zieht dem Helden schon zur Seite, Der jetzt zum raschen Stoß die mächt'ge Lanze schwingt Und im gewalt'gen Sturm dem Feind entgegendringt.   68. Doch schnell gebeut der Graf dem schlachtenkund'gen Heere, Hart drängt sich Roß an Roß, wie Mauern stehn die Reihn, Starr senkt die Ritterschaar die unbewegten Speere, Von tausend Spitzen blinkt der Tod mit stummem Dräun. Wohin der Blick sich auch, wohin das Schwert sich kehre, Kein kühner Sturm durchbricht den trotzigen Verein. Da saust von fern ein dichter Lanzenregen Ans Heidenfaust dem Ritterkreis entgegen.   69. Es pfeift die Luft, hell blitzen Helm und Schild Von Funken rings, die ehrnen Panzer schallen, Doch von dem harten Stahl, der jedes Glied verhüllt, Muß oft der Speer zurück in eitle Lüfte prallen, Und jede Lücke wird von Neuem schnell gefüllt, Wenn hier und dort ein Held vom raschen Wurf gefallen, Und jedes Ritterherz, das jetzt im Tode bricht, Verblutet stumm und zagt und zittert nicht.   70. Doch als der Grund sich zu der Ritter Füßen Mit Speeren nun und Lanzensplittern deckt, Da läßt die edle Schaar die straffen Zügel schießen, Jach bricht das Roß hervor, zum wilden Lauf gestreckt, Und mancher Däne sinkt, durchbohrt von Feindesspießen, Indeß der seine fern im tiefen Boden steckt. Den Geiern des Gebirgs erfüllt zur blut'gen Weide Mit Roß und Reitern sich die wilde Felsenhaide.   71. Doch sammelt rasch der trotz'ge Dänenheld Sein weichend Volk und stürzt mit scharfem Stahle Sich wüthend auf den Feind, der jetzt zum andern Male Zur sichern Gegenwehr in dichte Reihn sich stellt. So schwankt noch lang des Sieges blut'ge Schaale, Bald räumten Die und Jene bald das Feld; Vergebens müht sich Skiold, die Höhe zu gewinnen, Doch treibt auch Archimbald die Dänen nicht von hinnen.   72. Stets heißer ist indeß im Thal die Schlacht entbrannt. Vom bleichen Himmel sinkt des Mittags dumpfe Schwühle, Mit Schweiß und Blut bedeckt sich Antlitz und Gewand, Es keuchen Roß und Mann im drängenden Gewühl, Wohl Mancher neigt erschöpft sich auf den blut'gen Sand, Daß er mit grausem Trank die durst'gen Lippen kühle. Dem Wolkensturme gleich in trüber Mondennacht, Ringt gräßlich durch den Staub sich heisch und wüst die Schlacht.   73. Dort, wo der Pfalzgraf kämpft mit schwarz verhülltem Schilde, Der nicht den Sieg, der Kampf nur und Gefahr Und Tod verlangt, dort sprengt die trotzige Thorilde Im raschen Trab heran mit ihrer holden Schaar. Wie Träume nahten sich die zierlichen Gebilde Mit blühndem Angesicht und blondgelocktem Haar; Ihr Auge funkelte gleich himmlischen Gestirnen, Und schöner rötheten die Wange Muth und Zürnen.   74. Gar freudig sprengt das leichte Roß einher, Als sey es stolz, so holde Last zu tragen, Leicht schwingt die Hand den hellgeschliffnen Speer, Schon Mancher liegt von ihrem Schwert erschlagen; Denn zögernd hebt sich stets der Arm zur Gegenwehr, Das Eisen selber scheint vor ihrem Blut zu zagen, Sie streiten ohne Feind, und mancher Held erliegt, Von ihrem Stahl zugleich und ihrem Blick besiegt.   75. Allein der Graf, der lang nicht mehr empfunden, Welch holdes Licht aus Frauenaugen blitzt, Dem jedes andre Bild, nur eines nicht, verschwunden, Er stürzt zum Streit herbei, von Kampf und Schmerz erhitzt. Wie schlägt sein Schwert so bittre Todeswunden, Wie manches theure Blut wird zornig hier versprützt! In Grabesnacht versinkt manch zartes Liebeshoffen, Und selbst Thorild' entweicht, von seinem Schwert getroffen.   76. Doch Swanhild naht, ein Kind aus fürstlichem Geblüt, Die reizendste der kühnen Kriegerinnen, Die nur aus freud'gem Muth zum wilden Kampfe zieht, Denn Keiner konnte noch ihr stolzes Herz gewinnen. Ach nimmer wird der Feind vor ihrem Schwert entrinnen, Wenn er zugleich nicht auch dem holden Aug' entflieht. Wer sterbend sank, von ihrer Hand erschlagen, Den schien ein süßer Traum zum Himmel aufzutragen.   77. Dies Auge, das im Zorn so helle Blitze schießt, Wie lacht es einst so mild im zärtlichen Verlangen! Das Blut, das jetzt so kühn durch ihre Adern fließt, Wie schüchtern färbt es einst der Braut die zarten Wangen! Und jenes goldne Haar, das jetzt der Helm umschließt, Wie wird im grünen Kranz es einst so lieblich prangen! Der Graf erstarrt, als er sein Aug' erhebt, Er reißt sein Roß zurück und hemmt das Schwert und bebt.   78. Denn, wie uns oft ein Traum mit süßen Lügen Die todte Lust verblühter Zeit enthüllt, So sieht auch hier der Graf in Swanhild's holden Zügen Die längst verlorne Braut, das einst so theure Bild. Noch einmal scheint sie jetzt dem dunklen Grab' entstiegen, Doch nicht wie sonst so zärtlich still und mild; Sie, die so friedlich oft an seinem Herzen ruhte, Hat jetzt den Speer gezückt und lechzt nach seinem Blute.   79. Weit wirft der Graf das Schwert aus seiner Hand, Er schleudert rasch den Schild zu seines Rosses Füßen, Sein starker Arm zerbricht das stählerne Gewand, Um selbst die sichre Bahn dem Eisen aufzuschließen. Schon hat die Feindin ihm den Speer durch's Herz gerannt, In reichem Strom beginnt sein wallend Blut zu fließen, Auf ihren Zügen ruht sein letzter matter Blick, Er seufzt und lächelt still und sinkt erblaßt zurück.   80. So ruh denn sanft! Du hast genug ertragen Im langen Schmerz. Verschlummre deine Noth! Wohl ist es süß, um Liebe viel zu wagen, Doch süß ist auch von lieber Hand der Tod. Schon dämmert jetzt von längst entschwundnen Tagen Noch einmal dir das holde Morgenroth. Wohl folgt' ich gern dir in die sel'gen Hütten, Wo Liebe lohnt, was Liebe treu gelitten.   81. Als Guelf, der Graf vom Rhein, den Fall des Freundes sieht, Da sprengt er rasch hervor, den Feind ihm nachzusenden. Die Jungfrau schaut ihn an – sie schwankt, erbleicht und glüht; Dann zückt sie schnell den Speer, doch nur mit scheuen Händen, Weit schwirrt er ab vom Ziel; sie eilt das Roß zu wenden, Sie seufzt vor Lieb' und Zorn und schaut zurück und flieht. Auch Guelf vergißt den Kampf, seit ihn ihr Blick getroffen, Und jagt ihr flüchtig nach, beschwingt von schönerm Hoffen.   82. Ihn schreckt kein Speer, kein scharfes Dänenschwert, Schon naht er ihr, schon sprengt er ihr zur Seite, Mit starkem Arm umschlingt er seine Beute Und hebt sie leicht herüber auf sein Pferd. Noch sträubt sie sich und ringt im schwachen Streite, Da selbst der Streit die süße Wunde nährt; Schon weiß ihr Blick nicht mehr, der hell von Thränen leuchtet, Ob Zorn, ob Stolz, ob Lieb' ihn jetzt befeuchtet.   83. Schon hat sein schnelles Roß in's Lager sie gebracht. Sie, die noch halb im Zorn um Sieg und Freiheit ringen, Die kaum einander noch bekämpft in blut'ger Schlacht, Wird süße Liebe bald mit schönerm Band umschlingen. So sehn wir freundlich oft in dunkler Wetternacht Durch drohendes Gewölk verstohlne Sternlein dringen; So scheucht ein holder Blick, ein zartes Liebeswort Oft aus der finstern Brust die rauhen Stürme fort.   84. Doch wilder drängt der Streit sich dort im Christenheere, Wo Tolkar's nord'sche Kraft dem Feind entgegendringt. Er trägt in jeder Hand zwei ungeheure Speere, Vier Männer sinken stets, wenn er zum Kampf sie schwingt. Fast naht sich Keiner mehr, der seinem Zürnen wehre, Frei steht der mächt'ge Feind, von Leichen nur umringt. Verwundet wird schon längst Askan hinweggetragen, Und vor der Sachsenschaar liegt Wittekind erschlagen.   85. Indeß hat Adelhelm im kühnen Liebesmuth Durch's rasche Schlachtgewühl sich hin und her getrieben; Da naht er jenem Ort und sieht in trotz'ger Wuth Den Herrn der nord'schen Schaar gewalt'ge Thaten üben. Hier, Bertha, süße Braut, bewahr' ich dir mein Lieben Durch tapfern Sieg vielleicht, vielleicht durch tapfres Blut! So ruft mit freud'gem Geist der ritterliche Degen Und spornt sein schnelles Roß dem wilden Feind entgegen.   86. Doch seine Speere wirft der Feind mit Riesenkraft, Es saust die Luft, als nah' ein vierfach Ungewitter: Der eine trifft den Schild, es krümmt sich Erz und Schaft, Abprallend gellt er laut und springt in tausend Splitter; Der andre streift am Arm mit scharfem Stahl den Ritter; Vom dritten wird dem Helm die bunte Zier entrafft; Doch grimmgeschwungen naht der vierte sich dem Pferde, Zerschmettert Hals und Brust und spießt es an die Erde.   87. Doch rüstig hat der rasche Schwabenheld Im Sturze noch dem Sattel sich entschwungen Und mit dem Speer, noch eh durch's blut'ge Feld Zum Schwerteskampf der Feind herangesprungen, Ihm Panzerkleid und Brust und Herz durchdrungen; Der Heide schwankt und stürzt, daß laut die Rüstung gellt, Der Ritter stürzt hinzu und reißt zum Siegespfande Ihm Helm und Schild hinweg und löst des Panzers Bande.   88. Schnell stürzt das nord'sche Volk zur blut'gen Kampfesbahn. Doch wie ein Löwe sonder Zagen Auf seiner Beute steht, wenn rings die Jäger nahn, Mit Speeren und Geschoß den Raub ihm abzujagen; Den hat sein starker Schweif zu Boden schon geschlagen, Den streckt die Tatze hin und den sein scharfer Zahn, Und langsam dreht er sich und trägt im steten Streite Zur dichten Waldesnacht die schwererkämpfte Beute.   89. So stellt sich Adelhelm zur tapfern Gegenwehr, Als rings mit wildem Zorn die Krieger ihn bestürmen. Bald muß sein Schild und bald sein todtes Roß ihn schirmen, Den trifft des Ritters Stahl, den Tolkar's eigner Speer; Schon bricht der Held sich Bahn, und Leichenhaufen thürmen Ein blutiges Geleit, um ihren Herrn sich her, Und immer kämpfend geht im Angriff und im Weichen Der Held zur deutschen Schaar mit seinen Siegeszeichen.   90. So sind durch Adalbert und Bertha's tapfern Freund Die beiden Flügel schon im Dänenheer erschüttert, Indessen grimmer stets der Kampf sich dort erbittert, Wo sich der Heere Kern im Mittelpunct vereint. Dort wird noch manches Schwert, noch mancher Schaft zersplittert, Auf hohem Wagen prangt dort Biarko's stolzer Feind, Und Biorn und Rolf und Edelrad bewahren Des Königs heil'ges Haupt mit auserlesnen Schaaren.   91. Umsonst ist Gormo's Sohn, von wildem Zorn entbrannt, In Harald's erste Reihn verwegen vorgedrungen, Schon dreimal hat er kühn den König angerannt, Hat dreimal schon den Speer auf seinen Feind geschwungen; Doch immer treibt die Schaar mit kräft'gem Widerstand Den raschen Feind zurück, noch eh die That gelungen; Dicht drängt sich Heer und Heer, und wild zerstampft das Roß Feld, Leichen, Waffenschmuck und Schwerter und Geschoß.   92. Auf Friedebert, der hier die Baiern leitet, Stürzt Rolfo jetzt mit tapfrer Schwerteskraft. Schon liegt auf Beider Haupt des Alters Schnee verbreitet, Doch Keinem hat die Zeit noch Arm und Muth erschlafft. Wohl ist es schön, zu sehn, wie kühn ein Jeder streitet Im unbefleckten Stolz der grauen Ritterschaft, Und wie sie klüglich stets, im Kampfspiel wohl erfahren, Bald Schlag und Stoß verdoppeln, bald versparen.   93. Doch jetzt, als Rolfo's Schwert zum mächt'gen Reiche blitzt, Und Schuppen und Gelenk am Panzer sich verschieben, Hat Schnell sein Feind den Speer ihm durch den Arm getrieben, Daß Rolf vom kräft'gen Stoß sich auf den Sattel stützt; Schon schwingt der Baierfürst den Stahl zu blut'gen Hieben, Als rasch den edlen Jarl sein treues Volk beschützt, Der langsam jetzt, geführt von Freundeshänden, Den Kampf verläßt, nach Lethra sich zu wenden.   94. Schon bricht durch Rolfo's Fall der Dänen feste Schaar, Und Biarko stürzt hinein mit hochgeschwungnem Schwerte, Und treu in jeder Kampfgefahr Sprengt Siwald neben ihm, sein grauer Kriegsgefährte. Ehrwürdig kräuselte des Helden weißes Haar Sich um den rost'gen Helm, der seine Stirn bewehrte, Und freudig schien im kühnen Drang der Schlacht Der halb erloschne Blitz in seinem Aug' erwacht.   95. Schon naht im wilden Streit sich Biarko Harald's Wagen, Und blutend sinkt das Dänenvolk umher; Doch stolz erhebt vom Sitz der Fürst sich ohne Zagen Und schwingt in starker Hand den ungeheuren Speer. Hoch sieht man aus der Schlacht den alten König ragen, Wie sich der Fels erhebt aus sturmdurchbraustem Meer; Der große Schild erglänzt und spielt mit goldnen Blitzen, Die Kron' umstrahlt das Haupt gleich hellen Flammenspitzen.   96. Schon saust sein Riesenspeer, auf Biarko's Brust gesandt, Der beugt sich schnell, doch Siwald muß erblassen; Der Alte schwankt und ringt und will das Roß nicht lassen Und hält die Zügel noch in sieggewohnter Hand. Auch Biarko eilt herbei, den Treuen zu umfassen, Der stets in Kampf und Noth ihm kühn zur Seite stand; Er jammert laut und hält ihn fest am Herzen Und küßt den bleichen Mund und weint vor Zorn und Schmerzen.   97. Doch sterbend stöhnt der Geist aus wunder Brust hervor: Was klagst du, trauter Held? Kommt doch der Tod uns Allen. Dem Sturm entflohn, verdorrt im Sumpf das feige Rohr; Dem Tapfern ziemt's im Sturm, der Eiche gleich, zu fallen. Dort, wo am Meeresstrand die lauten Wogen schallen, Da thürme du zum Mahl den Hügel mir empor! Dort, wo am Meeresstrand die hohen Wogen schallen, / Da thürme du zum Mahl den Hügel mir empor – Die Sorge für ein hochaufgethürmtes und langdauerndes Grab war den nordischen Völkern eben so sehr eigen, als den Homerischen Helden, die sich ihren Hügel gern am Meer aufwerfen ließen, um den vorüberfahrenden Schiffern Gelegenheit zu geben, ihr Gedächtniß auch in fernen Ländern zu verbreiten. Halde , ein alldeutsches Wort für Hügel, das in der poetischen Sprache beibehalten zu werden verdient. Dann singt den Enkeln wohl noch spät ein großer Skalde Das alte Siwaldslied auf meiner Grabeshalde.   98. Er spricht's und stirbt. Da fällt, von Zorn erfüllt, Daß ihm des Feindes Tod den theuren Greis bezahle, Der Held den König an und trifft mit scharfem Stahle Ihn hier und dort. Nichts frommt der goldne Schild, Der Panzer nichts, daß nicht mit rothem Strahle Das heiße Blut ihm bald aus mancher Wunde quillt; Der König schwankt und weicht und peitscht die wilden Rosse Und flieht mit blut'ger Brust zurück nach Lethra's Schlosse.   99. Der Rächer jagt im raschen Zorn ihm nach. Umsonst bestürmt mit kühnen Schwertesstreichen Ihn Lethra's Volk, was naht, das muß erbleichen, Wohin sein Hufschlag schlägt, entspringt ein blut'ger Bach, Dem Sturme gleicht sein Flug, sein Pfad ist über Leichen, Sein Schwert ein Blitz, und Tod ein jeder Schlag. Da wirft sich kühn auf seinen grausen Wegen Ihm Edelrad mit blankem Stahl entgegen.   100. Als noch der erste Traum der Jugend sie umfloß, Erzog auf Lethra's Burg der alte Fürst sie Beide. Dort trieben, gern gesellt, in leichter Kinderfreude Die Knäblein manches Spiel auf Gormo's hohem Schloß, Stets war des Einen Leid dem Andern auch zum Leide, Wenn Jener fröhlich war, dann schien's auch sein Genoß; Doch ließ schon längst der Wechsel rascher Zeiten Der frühen Jahre Bild aus ihrer Brust entgleiten.   101. Doch kaum erblickt auf blut'gem Kampfgefild Den alten Freund der zornentbrannte Ritter, Da naht sich ihm Erinnrung, süß und bitter, Und zeigt ihm fern manch längst entschwundnes Bild. Er senkt das Schwert und hebt des Helmes Gitter, Mit Thränen ist sein sinnend Aug' erfüllt, Noch muß er um den Tod des einen Freundes klagen Und soll mit eignem Schwert den zweiten schon erschlagen.   102. O Edelrad! so ruft mit sanftem Ton Der junge Fürst und schaut mit nassen Wangen Den Helden an, verdient' ich diesen Lohn, Daß ich so treu, so hold dir angehangen? O sieh mich an! bin ich nicht Gormo's Sohn, Der einst so freundlich dich in Lethra's Burg empfangen? Was stehst du trotzig jetzt in seines Feindes Schlacht Und drohst der Brust, die stets in Liebe dein gedacht?   103. O siehst du dort die alten Zinnen ragen, Wo wir so oft in früher Zeit gespielt? Hat nicht durch diese Flur uns oft das Roß getragen? Ist das die Eiche nicht, nach der wir oft gezielt? Noch will ich jeden Strauch, noch jeden Quell dir sagen, Die uns als Knaben einst beschattet und gekühlt. Dir ist das längst vorbei, aus unserm Kinderleben Blieb jenes Schwert dir nur, das ich dir selbst gegeben.   104. Noch kennt der Dänenheld den Ton, der zu ihm spricht, Des Freundes milden Blick und trauliche Geberde, In seinem Herzen siegt die alte Lieb' und Pflicht, Er schwankt und zweifelt nicht und springt herab vom Pferde, Tief senkt er Lanz' und Schwert und beugt sein Knie zur Erde. So harrt er lang' und schweigt mit glühndem Angesicht; Dann läßt er laut den freud'gen Ruf ertönen: Heil, Biarko, Heil dem edlen Herrn der Dänen!   105. So wandelt hier in Liebe sich der Streit. Tief beugt vom Roß sich Gormo's Sohn hernieder, Schon finden Hand und Hand und Herz und Herz sich wieder, Die Wahn und Leben lang geschieden und entzweit; Ein neuer Schwur vereint die alten Waffenbrüder, Das freud'ge Wiedersehn verdunkelt alles Leid, Dem Dänen sind des Bruders Todeswunden, Des treuen Freundes Fall aus Biarko's Geist verschwunden.   106. So fand auch ich, o du mein frühster Freund, Mein Bülow, dich im Krieg als Kampfgenossen, Da manches Jahr mir fern von dir verflossen, Da ich im falschen Wahn schon deinen Tod beweint. Noch einmal ward der Bund der Männer jetzt geschlossen, Der früh die Knaben schon zu Lust und Leid vereint, Und gern vergaß mein Herz an deinem Herzen Auf kurze Zeit die nie gestillten Schmerzen.   107. Dem Führer folgt der Jüten tapfres Heer. Was feindlich kaum gekämpft, das eilt sich zu gesellen, Und milder mischen sich der Schlacht empörte Wellen, Der Feind erkennt den Feind, der Freund den Freund nicht mehr; Was kaum das Schwert beschützt, das strebt es jetzt zu fällen, Entzweites Blut gerinnt an einem Speer. So schlagen oft, wenn Süd und Nord zusammen stürmen, Die Wogen hier den Strand, den dort die Wogen schirmen.   108. Doch Skiold, der noch am Felsenhügel ficht, Wo tapfer ihm die Ritter widerstreiten, Sieht plötzlich jetzt den wüsten Kampf vom Weiten, Und wie die Schlacht der Dänen wankt und bricht; Da stürmen Sorg' und Noth auf ihn von allen Seiten, Mit dunkler Röthe färbt der Zorn sein Angesicht, Noch einmal läßt er jetzt die scharfe Klinge blitzen Und haut im wilden Grimm zwei Ritter von den Sitzen.   109. Dann sieht man ihn mit seiner kühnen Schaar Von Fels zu Fels durch rauhe Klippenengen, Durch Schlünd' und über Höhn, durch Schrecken und Gefahr Unbändig, grausenvoll zum Thale niedersprengen. Umsonst versucht der Feind sich rasch ihm nachzudrängen, Am Absturz scheut das Roß, es starrt des Reiters Haar; Doch Keiner säumt, von hohen Felsenwänden Geschoß und Speer dem Fliehnden nachzusenden.   110. Wie tobt der Däne jetzt im dichten Drang der Schlacht! Wie dreht sein breites Schwert sich in so grimmen Kreisen! Wie springt das heiße Blut, sobald es blitzt und kracht! Wie rast der Tod um ihn in immer neuen Weisen! Nicht Panzer frommt, noch Schild, noch Helm, nicht Stahl, noch Eisen, Nicht tapfre Fechterkunst, noch stolze Waffenpracht; Nie ruht, nie fehlt sein Arm, und gleich des Sieges Schwinge Schwebt hoch und funkelnd stets die rasche Schwertesklinge.   111. Indeß hat Adalbert nach mancher kühnen That Das Inselvolk vertilgt und zieht am andern Flügel Des Heers heran; da sieht er, wie vom Hügel Sich Skiold herniederstürzt zum blut'gen Kampfespfad. Er sieht's, er spornt sein Roß und läßt ihm Zaum und Zügel, Hoch schwingt er Schild und Schwert, er fliegt durch's Heer, er naht. Wie Wind und Fluth, wie helle Blitzesflammen, Trifft jach und zornig schon das Heldenpaar zusammen.   112. Wie Drachen oft, von Gift und Grimm geschwellt, In dunkler Kluft rasch zingelnd sich umschlingen; Wie pfeilgeschwind zum Kampf am blauen Himmelszelt Mit lautem Flügelklang sich Falk' und Adler schwingen; Wie Wog' auf Wog' und Wolk' auf Wolke fällt, Wie Sturm und Sturm und Flamm' und Flamme ringen: So faßt sich Mann und Mann, so trifft sich Pferd und Pferd, So drängt sich Schild und Schild, so kreuzt sich Schwert und Schwert.   113. Indeß verhüllt mit ihrem Nebelschleier Die schwarze Nacht allmählig Berg und Thal, Nur Helm' und Schilde sprühn noch hell von rothem Feuer, Und glühnde Furchen zieht der Stahl am scharfen Stahl. Laut krächzend sammeln sich in dunkler Luft die Geier Und harren gierig schon auf's blut'ge Leichenmahl; Doch schallt noch stets das wüste Schlachtgetümmel Durch Nacht und Graus empor zum finstern Himmel.   114. Da kehrte durch's Gebirg' aus ihrem Zauberhain Nach Lethra's stolzer Burg Thorildens Mutter wieder. Sie stand auf ragendem Gestein Und sah in's weite Thal zur lauten Schlacht hernieder. Schon brach und wich ihr Volk in halbgetrennten Reihn, Und siegend standen rings der Deutschen feste Glieder. Ein wilder Grimm durchdrang Swanwithens Mark und Blut, Zu Flammen ward ihr Blick, ihr Athem Gift und Gluth.   115. So hab' ich denn umsonst in Odin's heil'gen Hallen Die Kreuzesros' erhöht durch kühnen Zaubertrug? Ließ ich umsonst mein Drohn an Frey's Altare schallen, Als Lethra's tapfres Volk den Feind der Götter schlug? So sollst du doch, du stolze Veste, fallen, Dahingestürzt von unerforschtem Fluch? Wohlan, so mag mir jetzt der stärkste Zauber frommen, Der gräßlichste, den selbst der Abgrund nie vernommen!   116. Sie sprach's und hob den Blick empor Und streckte kühn den Arm hinaus in alle Winde, Sie rief dem rothen Blitz, daß er die Wolk' entzünde, Sie rief den wilden Sturm aus Nord und Süd hervor; Und daß mit Zorn und Kraft sich Graun und Wahn verbünde, Zersprengt' ihr mächt'ger Fuß des Abgrunds Felsenthor, Und dumpf begann ihr Mund unnennbar grause Worte, Daß selbst die Nacht erschrack, und Baum und Gras verdorrte.   117. Und gräßlich kam des Abgrunds scheue Brut Und Wolk' und Sturm verderblich hergezogen, Am Himmel schwamm's wie Flamm' und Rauch und Blut Und wälzte sich wie hohe Meereswogen, Durch deren Kampf, von falber Blitzesgluth Nur halb bestrahlt, graunvolle Bilder flogen, Es pfeift und saust, es donnert, rauscht und kracht, Und auf die Nacht sinkt eine neue Nacht.   118. Schon naht das Wettergraun den deutschen Heeresgliedern, Die Wolke schwillt und bricht mit grimmigem Geheul, Bei Blitz und Donner schießt mit struppigen Gefiedern Manch Ungethüm herab, manch scheußlich Höllengräul: Wehrwölfe nahn, Nachtraben, Greifen, Hydern, Es zischen Drach' und Molch mit spitzem Zungenpfeil, Von Schwertern glänzt die Luft, es sausen Flammenspeere, Und glühnder Regen rauscht herab zum Christenheere.   119. Und wo das Schlachtgefild mit Todten sich bedeckt, Beginnt es grauenvoll zu rasseln und zu keuchen, Noch einmal heben sich die kaum erschlagnen Leichen, Durch harten Zauberzwang aus ew'gem Schlaf erweckt. Und Mancher zieht das Schwert hervor zu neuen Streichen, Das tief und blutig noch in seinem Busen steckt; Ihr bleicher Mund beginnt die halb vergeßnen Lieder Verworren, stockend, dumpf im Kampf noch einmal wieder.   120. Doch jedem Deutschen rinnt durch Adern und Gebein Unsäglich Graun, die kühnsten Helden zittern, Jach bebt des Kriegers Knie, es stürzt das Roß den Rittern, Verwirrung tobt umher, es brechen alle Reihn; Und kühn, im grausen Bund mit Larven und Gewittern Dringt siegend jetzt die Schaar der Dänen hinterdrein. Durch Donner, Nacht und Sturm, durch Ruf und Klang der Fechter Schallt laut vom hohen Fels Swanwithens Hohngelächter.   121. Dort, wo der Wall des Lagers Kreis umzieht, Stand lange schon, von Lieb' und Furcht gehalten, Cäcilie mit sorgendem Gemüth Und sah die Schlacht im blut'gen Thale walten. Als jetzt die Schaar der Deutschen schwankt und flieht, Von Sturm und Blitz gedrängt und höllischen Gestalten, Da traut sie ferner nicht auf Menschenkraft und That Und hofft von Gott allein Erbarmen, Hülf' und Rath.   122. Sie fliegt hinweg, durch Wetter, Wind und Regen, Mit flatterndem Gewand und aufgelöstem Haar; Manch Scheusal zischt und schwirrt ihr durch die Nacht entgegen, Doch achtet sie nicht Noth, noch Schrecken und Gefahr. So eilt sie fort auf unbekannten Wegen, Durch Dorn und Busch, empor zu Gottes Hochaltar, Schon langt sie an. So flammt im wilden Sturme Ein rettend Lichtlein auf vom fernen Meeresthurme.   123. Sie athmet laut, sie neigt sich, sie umschlingt Den heil'gen Herd mit frommvertraunden Armen. Vom heißen Kampf der Noth, der ihre Brust durchdringt, Scheint jetzt der kalte Stein mitleidig zu erwarmen. Ihr Blick, ihr Seufzer fleht zum Himmel um Erbarmen, Indeß ihr banger Mund umsonst nach Worten ringt. Doch er, der jedes Herz, schon eh' es schlägt, ergründet, Hat ihr Gebet erhört, noch eh's ihr Mund verkündet.   124. Der Donner Gottes rollt durch Thal, Gebirg und Hain. Da dreht der Wind sich rasch und stürmt mit wildem Heulen, Und Blitze schwingen rings, gleich schnellen Feuerpfeilen, Und Sturm und Hagelschlag sich auf die Dänenreihn; Es hüllt in Wolk' und Dampf, in breite Flammensäulen, In Nacht und Wettergraun der Feinde Heer sich ein, Indeß vom klaren Blau des Himmels still und heiter Der Mond herniederblickt auf Christi tapfre Streiter.   125. Die Dänen fliehn, gejagt von heil'ger Macht, Indeß die deutschen Reihn von neuem Muth entbrennen. Mit ihnen zieht das Licht, vor ihnen Sturm und Nacht, Kaum kann ihr Blick den Feind im dichten Graun erkennen; Ein Morden ist's und keine Schlacht, Ein rasch Verstieben ist's und keine Flucht zu nennen; Was lebend kämpft und flieht, erschlägt das deutsche Schwert, Indeß der rothe Blitz die Leichenschaar verzehrt.   126. Doch rastlos streiten noch die beiden kühnen Ritter, Gewalt'ger stets von Zornesgluth erhitzt; Wetteifernd mißt ihr Schwert sich mit dem Ungewitter, Es saust und blitzt im Kampf, wie jenes saust und blitzt. Schon stiebt von Helm und Rüstung mancher Splitter, Schon bricht der Schild, der ihre Brust beschützt, Da schlägt im grimmsten Streit dicht zwischen Pferd' und Pferde Ein rothgezackter Blitz hochlodernd in die Erde.   127. Jach bäumt im Schreck des Feindes Roß sich auf, Es prallt zurück und sträubt die dunkeln Mähnen, Verachtet Sporn und Schlag mit grimmigem Geschnauf Und sprengt Gebiß und Zaum, lautknirschend mit den Zähnen, Dann rast es ungehemmt und reißt im wilden Lauf Den trotz'gen Herrn mit fort zur hast'gen Flucht der Dänen. Doch jauchzend sprengt mit scharfem Schwertesschlag Der deutsche Held dem fliehnden Haufen nach.   128. Auch Reinald drängt mit seinen schnellen Reitern Im raschen Sturm der Heiden flüchtige Reihn, Schon sprengt er kühn voran den rüstigen Begleitern, Schon jagt sein tapfres Schwert den bangen Schwarm allein. Da dreht noch einmal sich ein Kreis von tapfern Streitern Und schließt den kecken Feind von allen Seiten ein, Sein Roß erliegt von tiefen Todeswunden, Schon ist der Stürzende gefangen und gebunden.   129. Doch kaum hat Adalbert des Freundes Noth erkannt, Da eilt er rasch herbei, den Theuren zu befreien, Bald wird der Pfad zur Stadt der flücht'gen Schaar verrannt, Und stürmisch naht der Held mit lautem Ruf und Dräuen. Der scheue Feind entflieht, dem Walde zugewandt, Und jagt durch Berg und Thal und dunkle Wüsteneien, Indeß der deutsche Held, vom wilden Zorn gedrängt, Der theuren Beute nach auf rauhen Pfaden sprengt.   130. Hoch über Klippen fort, durch Klüft' und Bacheswogen, Durch Busch und Dorn entsaust die wilde Jagd, Vom irren Pfade wird der Ritter oft betrogen, Es keucht und stöhnt sein Roß, erschöpft von langer Schlacht. Schon hat der flücht'ge Feind sich seinem Aug' entzogen, Der Schlag des Hufs verhallt in ferner Waldesnacht, Geborgen zieht die Schaar auf wohlbekannten Wegen Mit ihrem edlen Fang der sichern Stadt entgegen.   131. Doch dichter stets umfängt den Ritten Nacht und Hain, Bald irrt er hier, bald dort, und kennt den Pfad nicht wieder, Mühselig schwankt sein Roß durch Dickigt und Gestein Und streckt sich athemlos zuletzt in's Gras hernieder. Schon schwimmt um Berg und Thal der Dämmrung bleicher Schein, Da brechen auch dem Herrn die kampfesmüden Glieder, Und dunkel sinkt und lastend, wie das Grab, Auf sein verstörtes Haupt ein tiefer Schlaf herab.   132. Doch sie, die Herrliche; die diesen Sieg erflehte, Lag fromm und dankend noch an Gottes Hochaltar. Um ihre Wange flog die erste Morgenröthe, Der erste Strahl umfloß ihr dunkles Lockenhaar; Wohl schien's, als hebe sich mit ihr die heil'ge Stäte, Als neige sich vor ihr der Himmel, blau und klar. Und still erhob sie sich und ging mit zücht'gen Wangen In's Thal hinab, die Sieger zu empfangen. Dreizehnter Gesang. 1.                       Wie wüst die Haide liegt, wenn mit gewalt'ger Macht Der Wolke Thor zerbrach, gesprengt von Blitz und Winden, Und rings der Felsen Haupt, des Haines stolze Pracht, Zerschmettert niedersank zu finstern Bergesschlünden; Die Wasser brausen noch erzürnt durch Wald und Nacht, Durch Schutt und Trümmer kann der Strom sein Bett nicht finden, Das aufgejagte Wild durchstreift Gestripp und Flur Und sucht umsonst die fortgeschwemmte Spur:   2. So waltet jetzt in Lethra Furcht und Zagen, Verworren läuft das scheue Volk umher, Es drängen sich im Thore Roß und Wagen, Die Gassen decken sich mit kriegerischer Wehr, Erschlagne werden hier, dort Wunde fortgetragen, Den stützt des Freundes Arm und Den der blut'ge Speer, Wehklagend nahn sich Weiber, Greis' und Bräute Und forschen, wer entflohn und wer erlag im Streite.   3. Auf hoher Burg in Harald's Heldensaal Vereint indeß in mitternächt'gen Stunden Zum Rathe sich der Fürsten kleine Zahl, Die nicht den Tod in harter Schlacht gefunden. Nicht tönt die Halle jetzt vom lauten Heldenmahl, Ein Jeder sitzt verstummt, gebeugt von Sorg' und Wunden. Nur Skiold, der stets die Stirn dem drohnden Unheil bot, Ist fester, als das Glück, und größer, als die Noth.   4. Zum Frieden mag das Weib mit glatten Worten rathen, So ruft er aus, dem Manne räth sein Schwert. Geworfen sind des Schicksals dunkle Saaten, Und wer erdrückt den Keim, den still die Zukunft nährt? Wohl ist der späte Ruhm gewalt'ger Heldenthaten Die ganze Kraft und Müh des kurzen Lebens werth; Und kann mein Arm die Stadt nicht vor dem Feinde schirmen, So mag ihr Schutt sich mir zum ew'gen Denkmal thürmen.   5. So strebt, gelenkt von seines Stammes Fluch, Der kühne Held dem Untergang entgegen, Indeß Swanwithens Kind durch kräft'gen Zaubersegen Die tiefen Wunden heilt, die ihr der Pfalzgraf schlug. Als nun das Blut versiegt und sich die Schmerzen legen, Da läßt ein altes Runenbuch, Worin manch düstres Bild, manch wunderbares Zeichen Verworren sich verschlingt, die Zauberin sich reichen.   6. Wie oft im bunten Kranz sich Blum' an Blume reiht, Verwebten künstlich hier in Liedern und in Sagen Der Vorwelt Thaten sich, der Helden Lieb' und Streit, Der Harfen ferner Klang aus längst verblichnen Tagen. Hier schaut Thorild' umher und will von alter Zeit Für gegenwärt'ge Noth sich Rath und Trost erfragen. Umsonst durchläuft ihr Blick manch dunkles Wunderlied, Bis diese Mähr ihr ernst vorüberzieht Bis diese Mähr' ihr ernst vorüberzieht – Diese Episode ist, den Hauptumständen nach, aus einer der berühmtesten alten nordischen Sagen, der Hervararsage, entlehnt, obgleich ihre Verwebung in das Gedicht sehr viele Veränderungen, Abkürzungen und Erweiterungen forderte. Deutsch findet man die Hervararsage im ersten und zweiten Theile von Bragur, obgleich unpassend, erzählt, und eine mit ihr verwandte Ballade in Grimm's altdänischen Heldenliedern. :   7. Wo von des Thalland's Höhn erzürnte Wogen fallen, Und stets im Sturm die Fichte saust und kracht, Da hauste rüstig einst in ew'gen Felsenhallen Ein Schmidt von seltner Kunst und starker Zaubermacht. Stets hörte man von fern die ehrnen Hämmer schallen, Die Gluth erhellte stets der Tannen tiefe Nacht, Und immer dröhnte dort vom Klang der Runenlieder, Sobald das Werk begann, des Felsens Wölbung wieder.   8. So schneidend ward kein andres Schwert, So fest kein Helm, kein Schild so stark erfunden, Als die Ingello's Hand auf zauberischem Herd Gehärtet und gefügt in mitternächt'gen Stunden. Drum ward sein Nam' auch weit im Schwedenland geehrt, Sein Ruhm ertönte laut in manchen Schlachtenkunden, Und zog ein tapfrer Held zum fernen Krieg hinaus, So grüßt' er gern vorher des starken Schmidtes Haus.   9. Nun schiffte zu denselben Zeiten Held Arngrim weit durch's Meer, von wildem Muth entbrannt, Um edlen Siegesruhm und Raub sich zu erbeuten, Und kam nach mancher Fahrt auch an den Schwedenstrand. Dort zog er kühn umher, die Helden zu bestreiten, Die ihm der ferne Ruf die tapfersten genannt. Allein, wie mancher auch mit ihm den Kampf begonnen, Noch war kein einziger vor seinem Schwert entronnen.   10. Nicht war ein starker Helm des Hauptes Schirm und Wehr, Kein ehrner Panzer barg die ungeheuern Glieder; Um Leib und Wange zog ein Drachenfell sich her Mit weitgespaltnem Schlund und schuppigem Gefieder, Es ragt' in seiner Hand ein riesenhoher Speer, Und von den Hüften hing ein breites Schwert hernieder. So ging er in den Streit, den Freunden schon ein Graun, Doch wie ein grimm Gespenst den Feinden anzuschaun.   11. Denn stets, sobald beim Kampf mit wildern Wellen Denn stets, sobald bei'm Kampf mit wildern Wellen – Man findet in den nordischen Sagen mehrere Beispiele einer solchen unnatürlichen Kampfwuth, die gewöhnlich die erbliche Eigenschaft eines Geschlechts war. Der schwarze Zorn in seiner Brust sich hob, Begann sein Herz von Wahnsinnswuth zu schwellen, Er knirschte laut, er bebte, schäumt' und schnob, Ein gräßlich Roth begann sein Antlitz zu erhellen, Indeß aus seinem Blick ein sprühend Funkeln stob, Und grauser schallte dann, als wenn in Gier und Grimme Die Brut der Wüste heult, die vielfach wilde Stimme.   12. Und nahm ihn plötzlich einst der rasche Wahnsinn ein, Und trat kein Feind ihm zum Gefecht entgegen, Dann tobt' er ohne Rast auf ungebahnten Wegen, Laut brüllend, wild verzerrt, durch Thal, Gebirg und Hain; Die Bäume stürzten rings von seines Schwerter Schlägen, Die Klüfte donnerten, getroffen vom Gestein. Der Normann pflegt dies gräßliche Entbrennen Unsel'gen Zorns Berserkerwuth zu nennen.   13. Doch als sein gutes Heldenschwert Ihm klirrend einst zersprang im hartgekämpften Streite, Da trat er an Ingello's Herd, Daß er mit kluger Kunst ein neues ihm bereite. Wohl ward von diesem ihm, der sein Ergrimmen scheute, Die trotz'ge Bitte leicht gewährt, Obgleich sein starker Arm ihm noch vor wenig Tagen Im wilden Kampf den treusten Freund erschlagen.   14. Und zu der Esse trat der finstre Zauberschmidt Und ließ die rothe Gluth auf dunklem Herd entbrennen Und schmiedete das Schwert, das sie den Tyrfing nennen, Das wie durch dürres Laub durch ehrne Waffen schnitt. Wohl war es scharf genug, den leichten Flaum zu trennen, Der auf des Stromes Fluth ihm rasch entgegenglitt; Doch als ein graus Geleit den künstlich edlen Gaben War dieser Zauberspruch dem Eisen eingegraben:   15.               Wo ich blitze, bring' ich Tod, Meine Schneid' ist immer roth; Hüte sich vor eigner Noth, Wer mich schwingt in starken Händen! Traf ich lang genug den Feind, Treff' ich auch zuletzt den Freund. Glück und Fluch sind mir vereint. Wer's nicht weiß, nur der kann's wenden.   16.                 Als kaum der wilde Held den finstern Spruch erkannt, Begann unbänd'ger Zorn in seiner Brust zu gähren, Er hob das breite Schwert und schwang's in starker Hand Und rief: An dir zuerst soll sich der Fluch bewähren. Doch schien der edle Stahl den Meister noch zu ehren, Der kühn und unverletzt vor Arngrim's Hieben stand. Vergebens schwang der trotz'ge Feind sein Eisen, Stets fuhr es ab vom Ziel und schwirrt' in nicht'gen Kreisen.   17. Da zog der kecke Held von Neuem durch die Welt Und ließ bald hier bald dort die bunten Wimpel fliegen. Stets war das Glück, das Graun ihm stets gesellt, Durch alle Länder scholl der Ruhm von Tyrfings Siegen. Vor seiner Schneide stand im Kampf kein andrer Held, Selbst Heere mußten oft vor seinem Blitz erliegen, Bis einst durch ihn der kühne Kriegesmann Am nord'schen Strand sich Drontheim's Burg gewann.   18. Dort herrscht' er nun nach trotzigem Gefallen Auf hohem Schloß am nebelgrauen Meer. Zwölf Söhne blühten dort in seinen Felsenhallen, Ihm gleich an Muth und Kraft, um ihren Vater her. Auch tobte früher schon Berserkerwuth in allen, Wie jener kämpften sie stets ohne Schirm und Wehr; Doch über alle hob bei jedem Heldenwerke Angantir sich hervor an Zorn und Riesenstärke.   19. Schon längst verband ein heil'ger Eid Die starke Brüderschaar zu ew'gen Kampfgesellen, Vereint durchschifften sie nach Raub die weiten Wellen, Vereint erschienen sie beim Mahle, Spiel und Streit. Mit Zagen sah der Feind ihr fernes Segel schwellen, Die Vesten schlossen sich, der Krieger stand bereit; Stets kehrten sie mit Beute reich beladen Und ruhmvoll heim zu ihren Felsgestaden.   20. Einst als der trotz'ge Kreis beim festlich frühen Mahl So mancher Meeresfahrt, so manches Kampfs gedachte, Und herrlicher verklärt von muth'ger Freude Strahl Viel kühne Hoffnung noch in ihrer Brust erwachte, Da hob mit rascher Hand Angantir den Pokal, Indeß von heller Gluth sein funkelnd Auge lachte, Von großen Thaten schien sein tapfres Herz geschwellt, Und so begann der unverzagte Held:   21. Gewannen wir im festen Siegesbunde Auch manchen Ruhm, manch edles Kleinod schon, So kam mir kürzlich doch von schönerm Preis die Kunde, Gern geb' ich all mein Blut für solchen reichen Lohn. Wohl lebt kein hold'res Bild auf weitem Erdenrunde, Als Sighild, Frotha's Kind auf Upsal's Königsthron. Sie hab' ich mir zur süßen Braut erkoren, Und ich erkämpfe sie; bei Odin sey's geschworen!   22. Er rief's, und rasch erhob und jubelnd sich die Schaar. Noch einmal schwuren sie, die Arme fest verschlungen, Ihm treulich beizustehn in jeder Kampfsgefahr Und keine Noth zu scheun, bis ihm das Werk gelungen. Schon stand das Schiff bereit, vom hohen Felsen war Schon weit in's Land hinab das Kriegeshorn erklungen, Da rief zum letzten Mal der alte Heldengreis Vor seinen Fürstenstuhl der Söhne tapfern Kreis.   23. Hoch saß er dort, das Schwert in seinen Händen, Das rühmlich ihm so manchen Sieg errang. Hell spiegelte sich in den glatten Wänden Des Felsensaals die Klinge scharf und blank, Und schien im Frieden selbst die Blitze zu versenden, Die sie im wilden Kampf dem Feind entgegenschwang. Und so begann von seinem hohen Throne Der alte Held mit traurig ernstem Tone:   24. Gebrochen ist in diesem Arm die Macht, Nicht wag' ich mehr dies eitle Schwert zu schwingen, Nie laß ich fürder mehr im lauten Lärm der Schlacht Weit über alle Reihn die ehrne Stimme klingen, Bald deckt mich ganz des Hügels Felsennacht; Doch wird durch euern Ruhm der meine sich verjüngen. Darum empfangt von mir zu eurer kühnen Fahrt Das edelste Geräth, das ich euch aufbewahrt!   25. Dies kühne Schwert, so hell von Ruhm und Siegen, Ich leg' es dir, Angantir, in die Hand. Wohl scheint durch mächt'ge Kunst in jenen Runenzügen Ein drohnder Zauberfluch auf seinen Herrn gebannt; Doch zage nicht. Die finstern Worte lügen, Mein siegreich Alter hat den frechen Trug erkannt, Wohl fand dies Eisen stets die Brust des Feindes offen, Doch hat es tückisch nie den, der es schwang, getroffen.   26. So sprach der Greis und bot den edeln Stahl Dem Jüngling dar. Der stritt in kühner Freude Laut klirrend rings umher im hochgewölbten Saal Und prüft' in starker Hand das köstliche Geschmeide. Bald blitzte hier, bald dort der scharfen Klinge Strahl, Hell in den Lüften pfiff die rasch geschwungne Schneide, Und heißer regte stets des Kampfes wilde Lust Bei Tyrfings grimmem Schwung sich in Angantir's Brust.   27. Und wie ein Heldengeist, zu dessen dunklen Grüften Die tiefe Schmach der feigen Enkel dringt, Sich zürnend hebt, gleich grauen Nebeldüften, Und durch die Nacht mit lautem Flug sich schwingt, Indeß um seinen Pfad in wild empörten Lüften Der helle Schwerterschall der alten Schlachten klingt, Und rings der rothe Blitz, der Wald und Busch entzündet, Dem jagenden Geschlecht der Ahnen Zorn verkündet:   28. So hob allmählig jetzt des Wahnsinns trübe Gluth Sich in Angantir's Brust, sein Blick begann zu rollen, Die Haare sträubten sich, aus ihren Höhlen quollen Die Augen grimm hervor, gleich Flammenglanz im Blut, Die Lippe zuckte rasch, und dumpfe Töne schollen Aus seiner tiefen Brust, entstellt von Wahn und Wuth; Im wilden Gaukelspiel verworrener Gebilde Schien ihm der Halle Raum ein blut'ges Schlachtgefilde.   29. Und wie ein Stier, vom Bremsenstich verletzt, Im blinden Zorn, bedeckt mit weißem Schaume, Durch Flur und Haine tobt und wild an jedem Baume Mit grimmigem Gebrüll die krummen Hörner wetzt: So regte hier und dort im weiten Hallenraume Mit kriegerischem Sprung der starke Held sich jetzt, Und rasch begann sein Schwert, gleich ungestümen Wettern, Geräth' und Waffen rings und Zierrath zu zerschmettern.   30. Von Flammen stob die Luft, von Funken Säul' und Wand, Die Brüder wichen scheu vor seinen mächt'gen Hieben, Der alte Held nur war auf seinem Thron geblieben Und schaut' ihm ahnend zu, vom Schicksalszwang gebannt. Da nahte mörderisch, von Tyrfings Fluch getrieben, Dem grauen Vater sich des Sohns gewalt'ge Hand. Lautächzend sank der Greis, aus tiefer Todeswunde Besiegelte sein Blut des Schwertes düstre Kunde.   31. So kann das feindliche Geschick Als seine Boten uns selbst unser Liebstes senden. Der Wahn zerrann, mit festgeballten Händen Stand jetzt Angantir da und mit erstarrtem Blick, Schon zückt' er seinen Stahl, ihn gegen sich zu wenden; Da hielt ein rasch Gefühl die blut'ge That zurück, Er lachte laut und hob im kühnen Grimme Das Schwert zum Himmel auf und rief mit wilder Stimme:   32. Nicht also soll, du dunkle Schicksalsmacht, Dein Opfer dir durch eigne Thorheit fallen! Wohl Mancher soll den Pfad der Nacht Noch vor mir, Mancher soll zugleich mit mir ihn wallen. Bei diesem Schwert, das jetzt so grause That vollbracht, Bei diesem bleichen Haupt, bei diesen blut'gen Hallen Schwör' ich's: Die dunkle Macht, die diesen Greis erschlug, Sey nicht für uns allein, sey aller Welt ein Fluch!   33. So tret' ich jetzt, ihr Nornen, euch entgegen, Nicht sollt ihr ohne Kampf die edle Beute fahn, Verderblich such' ich euch auf euren eignen Wegen, Durch grauses Unheil soll mein blut'ger Zorn euch nahn, Entschwinden soll das Glück, verdorren Heil und Segen, Verstummen Lieb' und Lust auf meiner dunkeln Bahn! Ha, Tyrfing, durst'ger Stahl, wohl sollst du reichlich trinken, Wenn, gleich der reifen Saat, die Helden vor dir sinken!   34. So rief er aus. Und als am Wellenstrand Dem Greise nun auf hochgethürmtem Hügel Das kühne Mahl aus ew'gen Felsen stand, Da fuhr die Schaar hinweg auf blankem Wellenspiegel. Die rasch durchschnittne Fluth umschäumte Kiel und Rand, Leicht hob ein lust'ger Wind des Schiffes weiße Flügel, Schon ragte bald aus bleichem Nebelflor Der ferne Strand des Schwedenreichs hervor.   35. Indessen war nach manchen tapfern Siegen Held Hialmar dort, des Schmidtes kühner Sohn, Zur hohen Gunst des Königs aufgestiegen Und stand zunächst an Frotho's mächt'gem Thron. Schon mußte mancher Held vor seinem Schwert erliegen, Doch heimlich sehnte sich sein Geist nach süßerm Lohn: Wohl konnt' ein holder Strahl aus Sighild's hellen Blicken Viel seliger sein Herz, als Schlacht und Ruhm beglücken.   36. Und wie verschämt im heimlichen Entblühn Der Rosenkelch allmählig sich gestaltet; Noch hüllt die Knospe sich in zartem Hoffnungsgrün, Um welches lieblich schon der linde Athem waltet, Bis sie mit sel'ger Kraft den reichen Schoos entfaltet, Worin wie Morgenroth die hellen Blätter glühn, Und prangend halb und halb verhüllt vom Strauche Die ganze Luft erfüllt mit wundersüßem Hauche:   37. So keimt' in Sighild's Brust die Liebe leis' und mild, Süß ahnend erst im schwankenden Verlangen, Von holden Träumen bald gereizt und bald gestillt, Von Wünschen sanft bewegt, von zarter Zucht gefangen, Bis herrlich sich zuletzt ihr heil'ger Kelch enthüllt Im unbefleckten Glanz und jugendlichen Prangen, Verzagt und stolz, verschämt und kühn zugleich, An süßer Huld und keuscher Anmuth reich.   38. Auch Frotho merkte längst der Tochter holde Bande Und hatte feindlich nie dem zarten Spiel gewehrt, Denn nimmer war im weiten Schwedenlande Ein junger Held so kühn, so rühmlich und verehrt. Als nun der Jüngling einst vom fernen Feindesstrande Mit edlem Sieg und Raub nach Upsal heimgekehrt, Da führt' er mild mit väterlichem Segen Die zücht'ge Braut dem Glücklichen entgegen.   39. Schon stand bereit das hochzeitliche Mahl, Viel Fürsten waren rings zum reichen Fest gebeten, Von Becherklang erscholl der hohe Heldensaal, Von hellem Saitenspiel und Hörnern und Trompeten; Und schüchtern saß die Braut mit lieblichem Erröthen, Ein leuchtender Rubin am köstlichen Pokal: So schien ein goldner Schein von Liebe, Lust und Leben Um ihr verschämtes Haupt mit sel'gem Licht zu schweben.   40. Doch wie im freud'gen Spiel und bunten Reihentanz Verzehrend oft ein Blitz sein plötzlich Opfer findet, Wie oft aus duft'gem Blumenkranz Die Schlange rasch hervor mit gift'gem Haupt sich windet: So wurde bald auch hier am hellen Fackeltanz Der hochzeitlichen Lust ein wilder Brand entzündet, Schon rauschte fern der Norne grimm Geschoß, Dem manches edle Blut und manche Thräne floß.   41. Denn plötzlich sprang, gesprengt von starken Schlägen, Der Halle Thor, vor seinen Brüdern her Trat Arngrim's Sohn herein, gewaltig und verwegen, Mit blankem Schwert und hochgezücktem Speer. Kühn nahten sich die übermüth'gen Degen Dem freud'gen Mahl in blutbefleckter Wehr, Und so begann im schwerbesiegten Grimme, Auf Tyrfings Stahl gestützt, der Held mit stolzer Stimme:   42. Nicht ohne mich sey dieses Fest vollbracht, Zu dem ich weit geschifft von Drontheim's Felsgestaden! Und wenn auch euer Herz des Gastes nicht gedacht, So hat statt eurer doch die Norne mich geladen; Denn wo im hellsten Licht die Freude spielt und lacht, Da geht das Unheil auch auf schwarzverhüllten Pfaden, Und ewig treibt zu Fluch und blut'gem Mord Der Tyrfing seinen Herrn durch alle Länder fort.   43. Dein, Hialmar, harrt mein Zorn nach zwanzig Tagen Zum harten Streit auf Hween's umbüschtem Strand, Und bebst du nicht, die kecke Fahrt zu wagen, So schwöre mir mit kühn gebotner Hand, Dem bräutlich süßen Kuß der Liebe zu entsagen Und still zu bändigen der Sehnsucht heißen Brand, Bis dort mit scharfer Schwertesschneide Das Schicksal über uns und Sighild's Huld entscheide!   44. So sprach der Held. Und wie in grauser Fluth Das zarte Bild der Uferblume zittert, So saß die holde Braut vom raschen Schreck erschüttert, Auf ihrer Wang' erblich der Sehnsucht stille Gluth. Doch rüstig sprang, vom Feindesdrohn erbittert, Der Jüngling auf im freud'gen Liebesmuth, Er bot die Hand ihm dar und sprach die kühnen Worte: Geh hin, ich treffe dich am angewiesen Orte.   45. Noch bin ich keinem Feind entflohn, Stets hörte man mein Schwert im ersten Haufen klingen; Drum sollt' auch jetzt dein stolzes Drohn Von Sighild's holder Brust mich nicht zu weichen zwingen, Verlangt' ich selber nicht der Meinen schönsten Lohn Durch rühmlich kühne That mir kämpfend zu erringen; Denn schöner blüht und unverwelklich grünt Der Liebe sel'ger Kranz, den wir mit Müh verdient.   46. So rief er aus. Da ging mit lauten Schritten Die kühne Schaar zur hohen Burg hinaus. Wohl war aus mancher Hand der Becher dort entglitten, Verklungen war das Lied, verstummt der freud'ge Schmaus, Und wer auch tapfer oft im harten Kampf gestritten, Den füllte Tyrfings Blitz mit ahnungsvollem Graus. Nur Hialmar freute sich der kühngebotnen Fehde Und tröstete die Braut mit mancher holden Rede.   47. Was zagst du, sprach er sanft, was weinst du, zartes Bild? Wie darf dein Herz für deinen Freund erbeben, Der dich ja selbst erkämpft auf heißem Schlachtgefild, Der nie für sich gezagt, für dich nur, süßes Leben? Schienst du nicht siegreich stets im Banner mir zu schweben, Warst du nicht stets in jeder Noth mein Schild? Die ferne Hoffnung schon ließ sonst für dich mich siegen; Jetzt, da das Glück genaht, wie könnt ich jetzt erliegen?   48. Nein, herrlich öffnet sich so mir des Ruhmes Bahn, Nicht soll mein Herz so edlem Ruhm erbangen! Ein Held nur darf so süßen Kuß empfahn, So sel'ge Blicke schaun, so zarten Leib umfangen. Schon seh' ich freudig dich dem hohen Ufer nahn, Wenn fern im Siegeskranz die weißen Segel prangen, Schon schließ' ich dich an's Herz, des hohen Preises werth, Den nicht das Glück allein, den mir mein Muth beschert.   49. So sprach Ingello's Sohn. Und wie nach Sturmestoben, Indem der Flor der Wolken reißt und flieht, Der helle Mond, von bleichem Duft umwoben, Bald hier bald dort durch seinen Schleier sieht; Und wenn er leuchtend auch sich jetzt empor gehoben Und still dahin auf blauen Bahnen zieht, Doch dämmernd noch, vom Silberlicht beglänzet, Ein zartes Thaugewölk die klare Scheibe kränzet:   50. So hellte jetzt sich Sighild's holder Blick Allmählig auf, den bleichen Wangen kehrte Das milde Roth verschämter Lust zurück, Das schöner nach dem Thau der Schmerzen sich verklärte. Und wenn dem vollen Glück auch noch das Zagen wehrte, Die Sorg' um ihren Freund war ihr ein neues Glück; Ihr schien's, als müßt' ihr Schmerz, ihr unbelauschtes Weinen Sie inniger mit ihm und ihn mit ihr vereinen.   51. Und wie am herrlichsten die letzte Rose sprießt, Die schon umrauscht vom herbstlich feuchten Wehen Viel länger Duft und Thau in ihren Schoos verschließt, Um frischer zu entblühn und schöner zu vergehen; Und wie mit bunterm Glanz um Thal, Gebüsch und Höhen Der letzte milde Blick der spätern Sonne fließt: So ward von Beiden jetzt die Lieb' in jenen Stunden Viel treuer noch bewahrt, viel inniger empfunden.   52. Als nun der Tag zur blut'gen Fahrt erschien, Da schritt der Held im zagenden Geleite Der holden Braut zum Strande still und kühn, Und muthig gieng Held Odur ihm zur Seite. Er folgte stets dem Freund zum Spiel und ernsten Streite Und wollt' auch jetzt die Bahn des Schicksals mit ihm ziehn. Dann nahten prangend noch viel auserlesne Schaaren, Vor List und Ueberfall die Kämpfer zu bewahren.   53. Schon regte sich das Schiff am hellgethürmten Strand, Da ward von seines Vaters Händen Ein künstlich Waffenkleid dem Helden zugesandt, Um Tyrfings alten Fluch von seinem Haupt zu wenden. Kein scharfer Stahl durchschnitt das zaubrische Gewand, Doch fügsam schmiegt' es sich um Arme, Brust und Lenden. Eilfertig drängte sich der Diener durch die Schaar Und bot dem tapfern Herrn die edle Gabe dar.   54. Doch Hialmar, der in allen Kriegen Durch eigne Kühnheit nur die Schaar der Feinde schlug, Verschmähte jetzt noch mehr, durch Zauberlist zu siegen, Und wähnte, Liebeskraft vernichte jeden Fluch. Drum mußt' um Odur's Brust Ingello's Werk sich schmiegen, Wie schwer auch Sighild's Herz des Freundes Weigrung trug. Dein Zauber, holdes Bild, soll mich allein beschützen, So sprach er sanft, kein andrer kann mir nützen.   55. Und als er jetzt zum letzten Mal Um Sighild's holden Leib den treuen Arm geschlungen, Als ihres Blickes sel'ger Strahl Noch einmal keusch und mild und zagend ihn durchdrungen, Und aus der Fürsten edler Zahl Noch mancher Scheidegruß dem Helden nachgeklungen; Da ließ er hoch empor die weißen Segel wehn, Und schnell entglitt das Schiff den grünen Uferhöhn.   56. Doch eh' es noch auf glatten Wellenpfaden In's offne Meer mit Macht hinausgerollt, Erhoben rings mit grünenden Gestaden Viel' Inseln sich im frühen Morgengold Und schienen anmuthsvoll die Helden einzuladen Zum freud'gen Spiel, zur Ruhe, süß und hold; So freundlich sahe man von bunten Blumenkränzen Gebüsch und Hain und Fels und Ufer glänzen.   57. Und wie sich oft zum wunderbaren Reihn In stiller Nacht die luft'gen Elfen schließen, So tanzten dort viel holde Mägdelein Mit schlankem Leib und leicht bewegten Füßen, Und freudig schien aus jedem Uferhain Ein muthig Scheidelied die Schiffenden zu grüßen Das so der Wind mit lieblich leisem Flug Durch's weite Meer zu ihrem Ohre trug:   58.         Mit den Wellen Spielt das Meer, Aus den nächtlich alten Quellen Muß es strömen stets und schwellen, Ruht und rastet nimmermehr; Doch es rauscht mit sichern Flügeln Auf den regen Meereshügeln Stolz das hohe Schiff daher.   59. Tief im Herzen Wogt der Sinn, Will bald weinen, will bald scherzen, Hat in Freuden, hat in Schmerzen Nimmer Ruhe, nie Gewinn; Doch der Liebe kühnes Wagen Eilt, vom Adlerflug getragen, Frei zum holden Ziel dahin.   60. Magst du fallen, Magst du stehn, Muß der Klang doch auch verhallen, Und doch bleibt das Lied uns Allen Treu im Herzen, ewig schön; Denn dem heil'gen tiefen Leben Ist ein ew'ger Lenz gegeben, Und nur Todtes kann vergehn.   61.                         So sangen sie, bis fern in duft'gen Weiten Der süße Ton in leises Wehn entschwand. Und rasch begann das Schiff durch's hohe Meer zu gleiten, Vom günst'gen Wind entführt, gelenkt von kluger Hand. Und als am andern Tag die Nebel sich zerstreuten, Da hob von ferne schon sich Hween's umbüschter Strand, Bald ankerte das Schiff an schattenreicher Stelle, Nur leis' umspielt von sanft gebrochner Welle.   62. Noch war kein Feind am Ufer zu erspähn, Darum beschloß der Held, gereizt von kühnem Wagen, Mit Odur durch's Gefild zur fernen Bucht zu gehn, Ob dort das Schiff vielleicht die Kämpfer hingetragen. Schon schritt das edle Paar durch jene wald'gen Höhn, Die mannichfach gethürmt das Eiland überragen. Und harrend nahm indeß die tapfre Kriegerschaar Am Ankerplatz die Huth des Schiffes wahr.   63. Da drängten wild aus dichten Felsgesträuchen Die Brüder sich hervor, vom Wahnsinn schon empört. Hoch funkelte, gezuckt zu mächt'gen Streichen, Vor ihrer Schaar das grimme Tyrfingschwert, Dem raschen Brand des Krieges zu vergleichen, Der Hütt' und Burg, Gefild und Hain verzehrt; Und durch den Wogenschlag der hohen Brandungswellen Begann ihr laut Geheul wie Sturmesdrohn zu gellen.   64. Doch als sie jetzt von fern die Feindesschaar erkannt, Begann sich mächt'ger noch ihr Wahnsinn zu bewegen: Gleich Blitzen leuchtete der Augen rother Brand, Gleich Schlangen schien ihr Haar sich um die Stirn zu regen, Die Bäume splitterten von ihrer starken Hand, Es schallte Fels und Grund von ihres Schwertes Schlägen, Und grimmig stürzten sie mit lautem Schlachtgeschrei Vom hohen Fels zum raschen Kampf herbei.   65. So schießt ein Schwarm von ungeheuern Drachen In's Thal hinab in wilder Hungerpein; Roth flammt die Gluth aus weit gespaltnem Rachen, Die Zunge scheint ein schneidend Schwert zu seyn, Es trieft ihr Leib vom Schaume gift'ger Lachen, Von ihrem Hauch verwelkt der grüne Hain; So wälzen sie die vielverschlungnen Glieder Durch Busch und Dorn und rauhe Felsen nieder.   66. Und wie gereizt von wilder Sturmeswuth Um's lecke Schiff viel tausend Wellen fallen, Indeß zugleich mit rothgezackter Gluth Zum morschen Bord die Blitze niederfallen; Hier drängt der Brand und dort die laute Fluth, Hier sieht man hohen Schaum, dort rasche Flammen wallen, Bis jäh, indem die Gluth noch um die Beute ringt, Das tiefgespaltne Meer den sichern Raub verschlingt:   67. So stürzte jetzt in zwei getrennten Reihen Die Schaar heran, in's Schiff, zum blut'gen Mord, Sie strömten wild mit lautem Zorn und Dräuen Hinauf, hinab, und rasch von Bord zu Bord, Und Flügel schien die Wuth dem Schwerte zu verleihen, Zugleich erklang's und fiel's und traf es hier und dort. Wohl hörte Jeder rings die mächt'gen Hiebe schallen, Doch Keiner sah den Stahl, der ihm auf's Haupt gefallen.   68. Und ob auch kühn der Schweden tapfre Zahl Sich um den Preis des jungen Lebens wehrte, Es brachen Helm und Schild, es sprang der scharfe Stahl, Als ob ein rascher Blitz vom Himmel sie verzehrte. Vollendet war des Tyrfings blut'ges Mahl, Kein Einziger entrann dem zauberischen Schwerte, Und weit umher war Ufer, Schiff und Fluth Von Leichen überdeckt und roth und warm von Blut.   69. Da kam von fernen Felsgestaden, Als schon das Wehgeschrei des wilden Mordes schwieg, Das Heldenpaar zurück. Von hohen Bergespfaden Gewahrt' ihr Auge bald der Feinde grausen Sieg, Und wie die grimme Schaar, mit edlem Raub beladen, Im blutigen Gewand dem öden Schiff entstieg. Von Zorn und Schmerz begann des Helden Herz zu schwellen, Und seufzend sprach er so zu seinen Kampfgesellen:   70. O weh, du junge Heldensaat, Wie sankst du schmählig hin, vom raschen Blitz erschlagen! O feindlich Mißgeschick, o tückischer Verrath! O blut'ges Morgenroth, wer hieß so grimm dich tagen? Ha, Tyrfing, grauses Schwert, ha, das ist deine That! Du konntest, du allein, so keckes Unheil wagen! O wie so stolz im Blut die scharfe Schneide prangt Und rauchend noch vom Mord nach neuem schon verlangt!   71. Wohlan, so sey's! und du, Walkyr', entscheide, Ob Rache mir, ob ihm der Trotz gelingt! Auf, Odur, komm zur blut'gen Kampfeshaide! Nicht halt' ich mehr den Zorn, der mächtig in mir ringt. Wohl ist's ein großer Tag, ein ew'ger für uns Beide, Von dem der Enkel noch in späten Sagen singt. Du kämpfe mit der Schaar, die meinen Feind begleitet, Indeß mein gutes Schwert mit Tyrfings Zauber streitet!   72. So sprach der Held und schritt mit raschem Gang Dem tapfern Freund voran, hernieder in's Gefilde. Hoch hoben sie das Schwert und schlugen an die Schilde, Daß weit der kühne Ruf bis an's Gestade klang. Da nahte sich die Schaar, wie blut'ge Schreckgebilde, Aus tiefem Grab erweckt durch zaubrischen Gesang; Schon schwang das grimme Paar die ungeheuren Klingen, Indeß zum nahen Hain die andern Kämpfer gingen.   73. Und hier und dort erhob sich jetzt der rasche Streit. Held Haking schritt zuerst, der tapferste der Brüder, Auf Hialmar's Freund heran, zum wilden Kampf bereit, Und hob das Schwert mit Macht und schwang's und hob es wieder. Doch Jenen sicherte das feste Zauberkleid, Unschädlich glitten rings die mächt'gen Hiebe nieder. Bald sank, durchbohrt vom starken Schwertesstoß, Der jugendliche Held hinab in's blut'ge Moos.   74. Wohl suchte Hildiger des Bruders Tod zu rächen; Doch fruchtlos hob sein Arm die schwere Kolb' empor, Bald drang in heißen Purpurbächen Sein tapfres Heldenblut aus Brust und Stirn hervor. Schon mußten Hiallo's Knie vor Odur's Scheide brechen, Schon hing um Ormund's Blick der dunkle Todesflor, Dann sah man Arverod von harten Kolbenstreichen Und Ebbo's kühnes Haupt vom Schwertesschlag erbleichen.   75. Auch Friedlef, der die trotz'ge Wuth Der Brüder oft gezähmt durch freundlich milde Sitten, Und Jorm, der tapfer einst durch rasche Zaubergluth Den halben Pfad empor zu Brunhild's Burg geritten Und Jorm u. s. w. – Zu dem Zauberschloß der Brunhild (der Chrimhild im Nibelungenliede), das rings mit Flammen umgeben war, suchte mancher Held zu gelangen, aber nur Sigurd (Siegfried) führte das Abenteuer aus, und Brunhild ward dafür sein eigen. Nach seinem tragischen Tode beredeten sie ihre Brüder, dem Atle (Ezul, Attila) ihre Hand zu geben, der später, nach der nordischen Sage ohne ihren Willen, den Niflungenstamm durch Hinterlist vertilgte. , Und Ralf und Walafried, die kühn um Sigurd's Gut Vor Atlas hohem Schloß mit Nifflung's Stamm gestritten, Und Orm, der letzte Sproß, den Arngrim's Kraft genährt, Sie alle sanken bald vor Odur's Heldenschwert.   76. Und tief erschöpft vom langen Kampfesringen, Saß Odur jetzt im dunklen Bergeshain, Wo kühn herab die dichten Zweige hingen, Am frischen Quell, auf moosigem Gestein. Wohl hört' er draußen stets die scharfen Schwerter klingen, Wohl sah er durch's Gebüsch des Tyrfings hellen Schein, Doch fruchtlos müht' er sich, vom Felsen aufzustehen, Um zu des Freundes Kampf in's Feld hinabzugehen.   77. Dort war noch lange nicht der harte Streit vollbracht, Noch regte Jedes Arm sich rasch zu Stoß und Streichen, Auf ihrer Stirne lag des Zornes dunkle Nacht, Die Augen leuchteten, wie böse Himmelszeichen. Was Arngrim's Sohn gewann durch Tyrfings Zaubermacht, Das schien der Liebesmuth in Hialmar auszugleichen; Und Alles, was die Kunst, was Kraft und Grimm vermag, Erschien in Angriff, Schutz und Wendung, Stoß und Schlag.   78. Jetzt brauchten sie die Axt und jetzt die breiten Klingen, Des Schildes Buckel jetzt und jetzt die ehrne Hand, Jetzt suchte Jenes Arm den Gegner zu umschlingen, Indeß der Andre rasch der Fessel sich entwand; Den sah man mächtig jetzt dem Feind entgegenspringen, Da Jener wohlgeschützt ihn zu erwarten stand, Jetzt schienen regungslos die Kämpfer dazustehen, Um Sturm und Gegenwehr schlauharrend zu erspähen.   79. Schon mußte Hialmar's breiter Schild Und schon sein starker Helm von Tyrfings Schwung zerschellen, Schon war vom Panzerkleid die halbe Brust enthüllt, Zerhaun und schartig schon sein Schwert an vielen Stellen, Sein Blut erweichte schon das harte Kampfgefild, Und jedem neuen Hieb entsprangen neue Quellen; Oft schwebte düster schon der Tod um seinen Blick, Doch zwang die Liebe stets das Leben noch zurück.   80. Doch als des Helden Schwert am ehrnen Waffenkleide Angantir's plötzlich jetzt mit hellem Schall zersprang, Und Arngrim's Sohn in wilder Siegesfreude Zum letzten Todeshieb den mächt'gen Tyrfing schwang, Da wich der Held zurück, daß tief die lange Schneide In's steinigte Gefild gewaltig niederdrang, Und, weil mit rascher Kraft die Klinge weiter strebte, Das Heft der Hand entfuhr und in den Lüften bebte.   81. Und Hialmar zwang zum letzten Mal Die müde Kraft empor, er riß mit starken Händen Tief aus dem Felsengrund Angantir's Zauberstahl, Um auf den eignen Herrn das grimme Schwert zu wenden. Schon blitzte hoch und hell des Tyrfings rascher Strahl, Schon sollte sich sein Fluch an Arngrim's Sohn vollenden, Schon drang die rothe Fluth hervor aus Brust und Mund, Und gräßlich rasselnd sank Angantir auf den Grund.   82. Doch auch des Siegers Knie begann sich jetzt zu neigen, Er stützte sich auf's Schwert und wankte bleich und schwach Der hohen Eiche zu, die nah mit breiten Zweigen Vielfältig sich verschlang zum kühlen Schattendach. Dort saß er athemlos in träumerischem Schweigen, Vor seinem Auge schwamm rasch wechselnd Nacht und Tag, Doch lächelnd schien aus finsterm Todesgrauen Der Braut geliebtes Bild den Sieger anzuschauen.   83. Und aus dem fernen Walde trat Auch Odur jetzt hervor mit neugestärktem Leben, Er sah von weitem schon des Freundes große That Und wollte freudig schon das Siegeslied erheben; Doch als er jetzt dem Baum genaht, Entschwand ihm Wort und Muth, sein Herz begann zu beben, Und klagend, wie der Schwan die letzten Seufzer zieht, Erhob nach nord'schem Brauch sich dieses Wechsellied:   84.         Wie ist dein Panzer Von Blut so roth, Wie deine Wange So bleich vom Tod? Kalt liegt Angantir Am grünen Hang; Doch schallt von Hialmar Kein Siegsgesang?   85. Ist Kleid und Wange Mir roth und bleich, So ist's vom Siege Und Tod zugleich; Und wenn vom Munde Kein Lied mir schallt, So folgt dem Todten Der Sieger bald.   86. Wie soll ich's klagen Der holden Braut, Die bang vom Ufer Herüberschaut? Nicht grünt von Kränzen Des Schiffes Rand, Die Wellen tragen Nur Blut an's Land.   87. Dies Ringlein golden, Das blutig raucht, Bis tief zum Herzen Hab' ich's getaucht; Das bring zum Pfande Der Braut und sprich: Er stritt und siegte Und starb für dich.   88.                   Und wie ein edler Baum, von dem das schwüle Wehen Des langen Sommers schon die Blüthen abgepflückt, Eh Grün und Leben ihm im Winterfrost vergehen, Noch einmal prangend sich mit bunten Früchten schmückt, Und reich und herrlich anzusehen Durch's dürft'ge Waldgesträuch mit farb'gem Schimmer blickt, Und willig dann nach schön beschloßnem Leben Der Erde wiedergiebt, was sie ihm einst gegeben:   89. So hob der tapfre Held, nachdem das Lied verhallt, Noch einmal sich empor; er stand in kühnem Prangen, Die Arm' erschlossen sich mit liebender Gewalt, Als wollt' er noch einmal die ferne Braut umfangen; Ein heller Glanz umfloß die herrliche Gestalt, Ein holdes Morgenroth die todesbleichen Wangen. Dann neigt' er still, der letzten Kraft beraubt, Zum langen Schlaf das jugendliche Haupt.   90. Und Odur grub am Meer ein Grab mit düsterm Schweigen Und senkte weinend dort den theuren Freund hinein, Und pflückte frisches Laub und Blüthen von den Zweigen, Um mit dem letzten Schmuck den Todten zu bestreun; Dann ließ er hoch empor den grünen Hügel steigen Und setzt' ein Mahl darauf von moosigem Gestein, Auch pflanzt' er rings viel schattenreiche Bäume, Daß gern der Wandrer einst an Hialmar's Hügel säume.   91. Auch für Angantir ward ein hohes Grab gebaut Im wüsten Haidenthal, wo Hialmar ihn erschlagen. Doch ward die dunkle Gruft von Thränen nicht bethaut, Nur Schlangen sah man dort an gift'gen Kräutern nagen; Kein Vater klagt' um ihn, kein Freund und keine Braut, Kein Skalde rührte dort die Harf' in späten Tagen; Der blut'ge Tyrfing nur, der ihm den Fluch gebracht, War sein Genoß in dunkler Grabesnacht.   92. Als Odur nun dies Alles treu vollzogen, Da fuhr er heim allein durch's weite Meer, Und leicht durchschnitt sein Schiff die raschen Wogen, Mit Blut getränkt, an Beut' und Kriegern leer. Kein Lied erschallte draus, und keine Gimpel flogen, Den Siegesboten gleich, mit buntem Spiel vorher; Nur Raben sah man oft und Dohlen auf den Masten, Durch keinen Klang verscheucht, vom langen Fluge rasten.   93. Und als die Braut die düstre Kund' empfing, Da schwieg sie lang. Sie nahm mit starren Blicken Des Liebsten letztes Pfand, den blut'gen Fingerring, Um bald ihn an den Mund, bald fest an's Herz zu drücken. Dann ging sie, wo der Fels zum Strande niederhing, Und schaute still hinab zum breiten Meeresrücken; Und erst, als spät hervor die erste Thräne drang, Begann ihr bleicher Mund den leisen Klaggesang:   94.               So liegst du blutig Vom harten Streit, Im Siegeskranze, Im Grabeskleid? So ist dein Busen Zum Tode wund, Dein Blick so dunkel, So bleich dein Mund?   95. O Hialmar, Hialmar! Dich ruf' ich laut; Was schweigst du, Hialmar, Der treuen Braut? Wohl hast du sterbend Auch mich genannt, Und Sighild spielte Am fernen Strand.   96. Hoch steht dein Hügel Am weiten Meer, Die Wogen brausen Gar wild umher. Was stürmt ihr, Winde? Was wogst du, Fluth? Nie bebt der Hügel, Wo Hialmar ruht.   97. Von grüner Haide, Aus dunklem Hain Kommt oft zum Grabe Das Vögelein; Dort singt es lieblich Im Hügelstrauch. Der drinnen schlummert, Sang lieblich auch.   98. Weh, weh dir, Tyrfing, Von Blut so roth, Dich schliff der Vater Zum Sohnes-Tod! Weh dir, Angantir, Der Tyrfing schwang! Dein Name schwinde Aus Sag' und Sang!   99. Und weh dir, Sighild, Verlaßne Braut! Fern hat dein Liebster Sein Haus gebaut. Dort schläft er ruhig Auf kühlem Moos – Wohl ist's noch kühler Im Meeresschoos.   100. Von Hialmar schallet Die Wog' im Meer, Von Hialmar lispelt Der Wind umher. Ihr lockt so freundlich Die Braut hinab; So tragt sie leise An Hialmar's Grab.   101.             Sie rief's und glitt hinab. Und wie mit leisem Singen Die Muttertreu' im Arm das müde Kindlein trägt, Und, daß die Strahlen nicht in's matte Aug' ihm dringen, Ihm los' um's kleine Haupt den zarten Schleier legt: So schien die linde Fluth sie flüsternd zu umschlingen, Vom sanften Liebeshauch der Weste nur bewegt, Bis still zuletzt die lieblich lauen Wogen Mit leichtem Silberflor ihr holdes Haupt umzogen.   102. Allein der Zauberschmidt, der selbst das scharfe Schwert Zum Fall des Sohns gewetzt durch dunkle Runenlieder, Zerbrach mit starker Hand den zauberischen Herd Und sprach: nie leuchte hier die rothe Flamme wieder. Und als er rings die Kluft mit mächt'gem Fluch zerstört, Da stieg er zornentbrannt zum Meeresufer nieder Und steuerte mit rachedurst'gem Sinn Im kleinen Kahn zu Hween's Gestaden hin.   103. Und als nun spät der nächt'ge Leichenrabe Am Hügel dort sein grauses Lied begann, Da öffnet' er sich zu Angantir's Grabe Den dunkeln Pfad durch starken Zauberbann, Und nahm mit düsterm Blick die unheilvolle Gabe, Von der das kalte Blut noch tröpfelnd niederrann. Und um am Todten noch des Sohnes Fall zu rächen, Begann er murmelnd so den schweren Fluch zu sprechen:   104. Unseel'ges Schwert, noch roth von Hialmar's Mord, Kein Zauber tilgt, du fluchbeladnes Eisen, Den blut'gen Spruch von deiner Schneide fort, Den ich dir eingeätzt mit dunkeln Liederweisen. Drum schlummre tief verhüllt am ewig finstern Ort! Doch nächtlich soll dein Herr um deine Stätte kreisen, Und wer verwegen einst Angantir's Stahl begehrt, Der kämpfe mit ihm selbst um's hart verfluchte Schwert!   105. So sprach der Greis und schloß des Grabes Riegel Und trieb den Kahn zurück durchs wilde Meer. Und wenn das Dunkel naht, dann ringt aus seinem Hügel Angantir sich hervor in blutbefleckter Wehr. Laut kreist um seinen Helm das nächt'ge Raubgeflügel, Laut heult der Wolf, die Schlange zischt umher; Doch wachend sitzt der Geist auf hohem Grabessteine Und harrt, ob wohl ein Held zum kühnen Kampf erscheine. Vierzehnter Gesang. 1.                             So klang das Lied vom grausen Tyrfingsschwert. Und wie bald hier, bald dorthin auf den Zinnen Im Sturme sich das Fähnlein kehrt, So schwankt Thorildens Geist im zweifelhaften Sinnen. Wohl scheint ihr jeden Kampfs die mächt'ge Waffe werth, Um sie zum starken Schutz der Mauern zu gewinnen, Doch fruchtlos späht sie lang nach einem sichern Rath, Der ohne Sorge sie dem hohen Ziele naht.   2. Denn wer auch kühn zur Gruft hinabgestiegen Und sich das Schwert errang mit tapfrer Hand, Der mag in jedem Kampf die Feinde wohl besiegen Und wohl aus fremder Macht befrein sein Vaterland; Doch muß er endlich selbst dem harten Fluch erliegen, Den auf die finstre Wehr der Meister einst gebannt. Nur Jener kann entfliehn, der nie die Kraft ergründet, Die in der Waffe sich zu Heil und Fluch verbündet.   3. Und ist des Schwertes Schrift, die diesen Fluch erzählt, Auch längst veraltet schon und fremd seit vielen Jahren, So muß der Ritter doch, den sie zur Fahrt erwählt, Der Sendung Ziel und Zweck aus ihrem Mund' erfahren. Und wenn sie täuschend auch die Wahrheit ihm verhehlt, Leicht können Zeit und Ruf sie künftig offenbaren; Und ihn vielleicht, an dem ihr Herz am treusten hängt, Ihn hätt' ihr eigner Rath zum Tode dann gedrängt.   4. So schlingt mit viel verworrenen Gespinnsten Die Sorge sich um ihren regen Geist, Bis sie zuletzt aus manchen Zauberkünsten Ein Mittel wählt, das Sicherheit verheißt. Sie kennt ein Wunderkraut, in dessen mächt'gen Dünsten Ein seltsam Gaukelspiel die wachen Sinn' umkreist Und so durch raschen Trug den klugen Geist verblendet, Daß Jeder schnell vergißt, was er noch kaum vollendet.   5. Wenn eben auch durch seinen starken Arm Der bittre Feind den blut'gen Tod gefunden, Wenn auch der Glückliche, vom seel'gen Rausch noch warm, Vom Herzen seiner Braut sich eben losgewunden, Und wenn er eben auch des Lebens größten Harm, Des Lebens größte Lust geduldet und empfunden; Genuß und Schmerz und Haß und Liebe flieht, Sobald dies Kraut vor ihm in bunten Flammen glüht.   6. Als nun die Priesterin so klüglich sich bereitet, Da ruft sie Skiold und spricht zu ihrem Freund: Ein böser Elf' auf Hween's Gestaden streitet Ein böser Elf auf Hween's Gestaden streitet – Die Elfen oder Alfen der nordischen Mythologie sind verschieden von denen des deutschen Volksglaubens. Es gab zwei Gattungen, schwarze und weiße, und sie waren bald freundlich bald feindlich. Für Lethra's Fall und schützt den kühnen Feind. Und eh wir nicht ein zaubrisch Schwert erbeutet, In dessen Stahl sich seine Macht vereint, Eh wird's uns nie durch Kraft und Muth gelingen, Von Christi stolzer Schaar den Sieg uns zu erringen.   7. In tiefer Gruft im wüsten Haidenthal Liegt jenes Schwert vor jedem Blick vergraben. Ein grauser Wächter schützt den wunderbaren Stahl, Sobald die Schatten sich um's Grab gelagert haben. Hoch sitzt er dort auf altem Felsenmahl, Den schwarzen Helm umziehn mit scheuem Flug die Raben, Von manchen Streichen ist sein Panzerkleid zerfetzt, Die Wange hohl und bleich, die Brust mit Blut benetzt.   8. Erbebst du nicht, das Wagniß zu beginnen, So mußt du heute noch zum öden Eiland ziehn Und sein gewalt'ges Schwert dem Wächter abgewinnen, Sobald im Sternenkranz die luft'ge Nacht erschien. Dann wird kein Feind vor deinem Arm entrinnen, Und bald das stolze Heer zurück zur Eider fliehn. Kühn ist die That; doch kühne Werke lohnen Den Kühnen mehr, als Andre Gold und Kronen.   9. Doch wenn du dann den harten Streit vollbracht, Dann säume nicht, noch eh die Schatten schwinden, Dies Zauberkraut, ein Kind der stillen Nacht, In rascher Gluth am Himmel anzuzünden. Dies bändigt ganz des Elfen freche Macht, Bezwungen wird er dann in's Reich des Feuers schwinden, Und unverletzt durch deine tapfern Mühn Die Kreuzesros' in Odin's Hallen blühn.   10. So spricht die Zauberin. Und Skiold, der stets mit Freuden Die Bahn betritt, wo's kühne Thaten gilt, Eilt schnell von neuem sich mit Waffen zu bekleiden, Er nimmt den großen Speer, das Schwert, den breiten Schild; Und eh noch Nacht und Tag im Dämmerlicht sich scheiden, Verläßt er Lethra's Thor und reitet in's Gefild Und wählt, weil Zeit und Noth vorsicht'ge Eile fodern, Den Pfad, wo sparsam nur des Lagers Feuer lodern.   11. Wie thürmten Leichen hier sich auf dem blut'gen Feld, Und Helm' und Schilde rings und Schwerter und Geschosse! Wie war der Feind dem Feind so friedlich oft gesellt, Wie dem Genossen oft so lastend der Genosse! Tief unter schlechtem Volk lag hier ein tapfrer Held, Erblichen ruhte dort der Reiter unter'm Rosse; Das edle Thier, das er so oft geschmückt, So treulich stets gepflegt, das hatt' ihn jetzt erdrückt.   12. Auf jener Stirn war noch der Zorn zu lesen, Auf der die Angst, auf jener wildes Dräun, Und Jener dort, der kühn genug gewesen, Durch seinen Fall den Freund, den Bruder zu befrein, Schien durch des Feindes Schwert von größerm Schmerz genesen Und durch den Tod dem Tod entflohn zu seyn; Fast glaubte man, auf solchem Angesichte Verweile freundlicher der Mond mit seinem Lichte.   13. Wie manches Wehrgehäng, wie manches Waffenkleid, Von zarter Liebeshand gewebt in sel'gen Tagen, Lag jetzt zerrissen hier, besudelt und zerstreut! Wie hatt' oft Eines Tod so Manche mit erschlagen! Wie schlief hier manches Herz, das vieles Leid ertragen, Und die es kränkte, trug statt seiner nun das Leid! Mit Trauern ritt der Held durch diese blut'gen Orte Und kam auf kurzem Pfad zur ersten Lagerpforte.   14. Dort schlummerten, ermüdet von der Schlacht, Im Kreise rings die deutschen Kriegsgesellen. Kein Wächter ist, der Thor und Zelt bewacht, Kein Späher schaut von Thürmen und von Wällen; Nur lodern einsam noch die Feuer durch die Nacht, Um weit das große Grab, so schien es, zu erhellen; Kein spätes Lied, kein Reden ward gehört, Und nur im Traume hob noch mancher Lanz' und Schwert.   15. Als nun der Held den stummen Kreis betreten, Da faßt ihn schnell der Rache blut'ge Pein. Wohl könnt' er leicht die müden Schaaren tödten Und weit die Gluth hinschleudern durch die Reihn; Doch will sein Schwert sich nicht mit niederm Blute röthen, Nicht seinen hellen Glanz durch nächt'gen Mord entweihn; Drum kehrt er dort sich hin, wo edle Herrn und Grafen Und Ritter, stark und kühn, in hohen Zelten schlafen.   16. Und wer am würdigsten sich dort zum Kampf ihm beut, Der soll auf seinen Ruf vom Schlummer sich erheben Und ehrlich im gerechten Streit Dem heißen Rachgefühl des Helden Lindrung geben. Wohl drängt ihn Noth und Ort und Zeit, Doch kann dem kecken Wunsch sein Herz nicht widerstreben, Schon schaut sein Blick von Zelt zu Zelt umher Und prüft Gestalt und Antlitz, Schmuck und Wehr.   17. Da hört er dort, wo an des Lagers Walle Ein dicht Gebüsch zur Laube sich verschlingt, Ein holdes Lied, das bei dem süßen Schalle Des Saitenspiels die stille Nacht durchdringt. Die Zweige wölbten sich zu einer grünen Halle, Von manchem bunten Licht durchzittert und durchblinkt, Und lieblich schien die Luft mit oft gehemmtem Rauschen Bald mit dem leisen Klang zu spielen, bald zu lauschen.   18. Als nun der Held zum duftigen Gesträuch Den leisen Schritt des leichten Rosses wandte, Da sah er auf dem Grün ein Lager, schön und weich, Um das ein bunt Gezelt die offnen Flügel spannte. Dort lag ein Ritter, matt und bleich, Den er schon früher oft in dichter Schlacht erkannte; Manch blut'ges Tröpfchen ließ auf Wang' und Kleid sich sehn, Doch schien ein linder Schlaf um seinen Mund zu wehn.   19. Und so wie oft in stiller Nächte Schweigen Zum Kinde, das im süßen Schlummer liegt, Aus ew'gen Höhn die Engel niedersteigen, Vom glänzenden Gewölk umflossen und gewiegt, Das holde Haupt bekränzt mit grünen Palmenzweigen, In leichten Silberflor den zarten Leib geschmiegt, Und sanft auf's Bett geneigt mit ausgespannten Schwingen Vom sel'gen Paradies ihm leise Lieder singen:   20. So sah er an des Bettes Rand Drei holde Fräulein dort in reichen Kleidern prangen. Drei Harfen rührten sie in leichtbewegter Hand, Und während leis' und süß die holden Lippen sangen, War auf den Schlummernden ihr treuer Blick gewandt Und schien von Sorge feucht an jedem Zug zu hangen. Geschmeid' umgab die Brust, das Haupt ein bunter Kranz Gar lieblich angestrahlt von leichtem Zauberglanz.   21. Denn flüchtig zitterten an duftigen Gesträuchen Viel Flämmchen in Krystall mit tausendfarb'gem Schein, Dem funkelnd holden Licht der Würmchen zu vergleichen, Die in der Sommernacht durchschwärmen Wies' und Hain. Bald schien der zarte Glanz zu nahn und bald zu weichen, Bald irrend durch's Gebüsch die Funken auszustreun. Wohl war's, als ob den süßen Harfenklängen, Den Liebesgeistern gleich, die Strahlen leicht entsprängen.   22. Du stille Nacht, so sang ihr holdes Lied, Auf deren Pfad der Schlummer niedergleitet, Ihr Sterne, die ihr hell am Himmel zieht Und unser Loos auf irren Bahnen leitet, Ihr Pflanzen, die ihr nah und fern entblüht Und durch die Luft heilsamen Hauch verbreitet, Vereinigt euch in Milde, Duft und Schein, Um Ruh' und Heil dem Lieben zu verleihn!   23. Du schlummre süß! Vergiß die tiefen Wunden, Vergiß die Müh, des Kampfes heißen Drang! O schlummre süß! dann wirst du bald gesunden, Wenn treuer Pfleg' ihr Hoffen je gelang. Wir warten den in mitternächt'gen Stunden Mit Sorg' und Schutz, mit Sang und süßem Klang. O möge bald beim kräftigern Erwachen Mit heiterm Licht dein frisches Aug' uns lachen!   24. Erstaunt vernahm der Held den süßen Ton Und lauschte lang, verhüllt von dichten Zweigen. In seinem Aug' erlosch der Rache Drohn, Die Hand begann das blanke Schwert zu neigen, Des Kampfes blut'ger Wunsch war seiner Brust entflohn, Er wandte mildgesinnt sein Roß mit ernstem Schweigen, Zog friedlich dann durch's stille Lager fort Und sprach bei sich im frommen Wahn dies Wort:   25. Wohl kenn' ich euch, ihr göttlichen Walkyren, Ihr seyd genaht zur ernsten Todtenwahl Und wollt empor den wunden Jüngling führen Mit Siegesklang zu Odin's Heldenmahl. Leicht konnt' ich's an dem Reiz, der euch umwallte, spüren, Am schlanken Götterleib, am hellen Augenstrahl. Kein lauter Schwerterklang, kein feindlich wildes Dräuen Soll euer heil'ges Werk, Schlachtjungfraun, jetzt entweihen.   26. So zog der Held verborgen durch die Nacht, Von keinem Feind erblickt und aufgehalten. Wohl war's ein falscher Wahn, der ihn so mild gemacht: Nicht webten zaubrisch dort die himmlischen Gestalten, Die, wie der Normann glaubt, im wilden Drang der Schlacht Bald feindlich, freundlich bald, durch alle Reihen walten; Die Holden hatten dort in ihres Bruders Zelt Zum schwesterlichen Dienst dem Wunden sich gesellt.   27. Aus Franken zog der Herr von Egloffsteine Zum Kriege mit in's dänische Gefild. Drei Schwestern blühten ihm im lieblichen Vereine, Nie sah man reizender der holden Eintracht Bild. Wie zart und weich verstreut sich in dem Silberscheine Der keuschen Lilien ein goldner Staub enthüllt, So strahlte durch den Reiz der freundlichen Gebilde Ein edler Schatz hervor von Geist, Gefühl und Milde.   28. Wohl ließ im ganzen Frankenland Kein Fräulein lieblicher das Saitenspiel ertönen, Kein andres wußte so mit kunstverständ'ger Hand Durch Farb' und Stickerei das Schöne zu verschönen, Und wenn ein Sänger auch noch nie besiegt sich fand, Wohl konnt' er sich durch sie den Kranz entrissen wähnen. Allein, was Kunst und Geist den Holden auch verliehn, Doch mußt' es vor dem Reiz der Seele noch entfliehn.   29. Als nun aus allen deutschen Gauen Zum Krieg des Kaisers Ruf die edelsten entbot, Da achteten die treuen Frauen Die Trennung bittrer noch, als Schmerz, Gefahr und Tod, Und zagten nicht, der Fahrt des Heers sich zu vertrauen, Dem wilden Meer, des Krieges Müh' und Noth, Damit dem Liebling nur, an dem die ganze Seele Der holden Schwestern hing, nicht Pfleg' und Freude fehle.   30. Und als er nun in jener Schlacht Gar manche Wund' empfing nach heldenmüt'gem Streite, Da wich der treue Kreis ihm nimmer von der Seite Und war auf Lindrung stets, auf Sorg' und Trost bedacht. Daß freundlicher der Schlaf um seine Wangen gleite, Erfüllten sie vereint mit süßem Klang die Nacht, Und füllten Laub' und Zelt mit Glanz und bunten Blüthen, Um dem Erwachenden ein holdes Bild zu bieten.   31. Ihr Blüthen, die ihr jetzt die reichen Zweige schmückt, Die von dem edlen Stamm durch manches Land sich schlingen, O ihr, die freundlich oft mein wundes Herz erquickt, Mag bald der Himmel euch die Theuren wiederbringen, Die schon so manchen Kranz des Ruhmes sich gepflückt, Die auch noch jetzt das Schwert für Recht und Freiheit schwingen! Nie möge Schmerz und Tod auf ihrer blut'gen Bahn Dem väterlichen Freund, dem holden Bruder nahn!   32. Indessen ritt auf dunklem Waldespfade Der kühne Skiold, von flücht'ger Hast gedrängt. Und als die Sonne kaum aus nächt'gem Meeresbade Die goldnen Locken hob, mit kühlem Thau besprengt, Erschien vor seinem Blick das hohe Felsgestade, Das mit gewalt'gem Arm der blaue Strom umfängt. Längst harrend schien am Strand ein Fischerkahn zu liegen, Den Helden und sein Roß durch's weite Meer zu wiegen.   33. Gleich einem goldnen Netz, das mannichfach verwebt Um einen Schleier sich von zartem Silber breitet, So zeigt die Woge sich, die leis' im Schaume bebt, Indeß der flücht'ge Strahl auf ihrem Kräuseln gleitet. Der Wind, der oft so rauh mit Strand und Welle streitet, Gleicht jetzt dem Schmetterling, der um die Blumen schwebt. So kann im Lieben auch oft wilder Zorn sich regen, Doch süßer wird die Huld, wenn sich die Stürme legen.   34. Gleich einem Vogel schwebt der Kahn Durch's weite Meer dahin, daß rasch die Wimpel fliegen; Fast scheint's, als sey das All dem Kühnen unterthan, Als müsse Well' und Wind nach seinem Wink sich fügen. Schon sieht sein scharfer Blick des Eilands Berge nahn Schon sieht sein scharfer Blick des Eilands Berge nahn – Die Insel Hween, später berühmt als Tycho de Brahe's Wohnsitz, gleicht ganz einem waldigen Berge und liegt zwischen den Küsten von Seeland und Schweden in der Mitte. , Um deren Haupt sich noch die Morgennebel schmiegen, Schon thut die Bucht sich auf, und am erhabnen Strand, Wo Hialmar's Grab sich thürmt, betritt der Held das Land.   35. Längst hatten dicht zum kühlen Schattenhaine Die Bäum' um's hohe Grab die Arme dort verstrickt, Und hold und jugendlich mit vielverflochtnem Weine Und zartem Immergrün den alten Stamm geschmückt; Es blühte mancher Kranz am weichbemoosten Steine, Als wär' er eben erst von Freundeshand gepflückt; Auch grünten hier und dort umlaubte Rasensitze, Dem Wanderer zum Schutz vor Regen, Sturm und Hitze.   36. Ein alter Hirt von Jahren längst ergraut, Doch rüstig noch in Mienen, Blick und Gange, Verweilte lange schon am grünen Hügelhange Und hatt' aus Zweigen sich ein Hüttendach erbaut. Drum tönt' am Grab' es stets von kräftigem Gesange, Und weit durch's Meer erscholl der Flöte süßer Laut, Wenn weidend dort um ihren treuen Hirten Im hohen Gras die weißen Lämmer irrten.   37. Dort landete der kühne Dänenheld, Und freundlich ward von jenem biedern Greise Der edle Gast erquickt mit Trank und Speise Auf kühlem Sitz in grünem Laubenzelt. Und wie sich dann nach gastlich guter Weise Zum trauten Mahl manch trautes Wort gesellt, Da forschte Skiold, wen jenes Grab enthalte; Und so begann mit heiterm Blick der Alte:   38. Längst hat die Zeit des Steines Schrift zerstört, Drum weiß ich nicht den Namen dir zu sagen; Doch hab' ich einst ein altes Lied gehört, Hier sey vordem in grauen Vätertagen Ein kühner Held durch ein bezaubert Schwert Im tapfern Kampf für Lieb' und Recht erschlagen, Und trauernd hab', ob Bruder oder Braut, Ich weiß es nicht, ihm dieses Grab gebaut.   39. Doch mein' ich fast, daß ihn die Braut bestattet, Denn noch verweilt ihr Geist auf diesen Höhn; Und wenn die Nacht sich mit dem Tage gattet, Und laulich rings die Abendlüfte wehn, Dann pflegt das holde Paar, vom duft'gen Hain beschattet, Im flüsternden Gespräch am Hügel hinzugehn. Und wem es je gelang, die Freundlichen zu schauen, Dem wird wohl nimmermehr noch vor dem Tode grauen.   40. Er geht einher in ritterlicher Tracht, Mit goldnem Helm und glänzendem Geschmeide, Sie wandelt hold im himmelblauen Kleide, Das Haupt bekränzt mit bunter Blüthen Pracht. So schweben sie in süßer Eintracht Beide Und Arm in Arm, wie Sterne, durch die Nacht. Auch seh' ich auf dem Pfad, wo sie vorüberziehen, Seltsame Blumen oft, die Niemand kennt, erblühen.   41. Dort, wo das Felsenmahl mit Efeu sich belaubt, Dort läßt sie lieblich oft die leise Harfe klingen, In ihrem Schoose ruht sein blond gelocktes Haupt, Sie scheint mit süßem Ton in Schlummer ihn zu singen. Dann zürn' ich oft der Luft, die mir die Klänge raubt, Um zum Geschenk vielleicht den Blumen sie zu bringen; Denn wirklich seh' ich auch, sobald die Harfe bebt, Wie sich aus jedem Kelch ein buntes Flämmchen hebt   42. Als einst mich dieser Strand vom wilden Meer geborgen, Und meinem Blick zuerst das holde Paar erschien, Beschloß ich gleich den Schmuck des Hügels zu besorgen, Der Rettung, Schutz und Wohnung mir verliehn. Drum kränz' ich jetzt an jedem neuen Morgen Das alte Mahl mit Blumen und mit Grün; Auch hab' ich oft für mein getreues Walten Von jenem seel'gen Paar gar holden Lohn erhalten.   43. Denn wenn der Zufall einst in Felsen und Gesträuch Von meiner Heerde fern ein zartes Lamm entführte, Und ich schon lang' umsonst nach seinem Pfade spürte, Dann kam sie lächelnd oft, der jungen Hirtin gleich, Im buntbekränzten Hut, und statt des Stabes zierte Die luft'ge Geisterhand ein blühnder Lilienzweig. So brachte sie mit freundlicher Geberde Am silberhellen Band das Lamm zurück zur Heerde.   44. Auch oftmals, wenn ein Wolf aus dichtem Walde sprang, Und ich mit nackter Hand umsonst dem Räuber wehrte, Erschien der edle Held in Waffen, schön und blank, Und trieb das grimme Thier hinweg mit scharfem Schwerte. So giebt das holde Paar fast täglich mir den Dank, Daß ich ihr schattig Grab mit frommen Händen ehrte, Und so ist wunderbar und ohne mein Bemühn Zur reichen Heerde jetzt das Häuflein mir gediehn.   45. So sprach der Hirt, indeß mit stiller Freude Ihm Ohr und Geist der Ritter zugewandt. Dann fragt' er auch nach jener wüsten Haide, Wohin ihn jetzt Thorildens Wort gesandt. Da schien's, als ob in Bleich sich Jenes Wange kleide, Der Becher zitterte in seiner alten Hand; Und als er bang nach jenen Oeden Den scheuen Blick gedreht, begann er so zu reden:   46. Nicht kann ich über jenen Ort Dir sichre Rede stehn; nie bin ich hingekommen, Denn immer scheuchte mich ein stilles Grausen fort, Sobald ich vor dem Thal die wüsten Höhn erklommen! Doch hab' ich oft von fern gar grimmen Klang vernommen, Gleich dumpfem Wehgeheul und Drohn und blut'gem Mord. Nicht red' ich gern davon; behüte Odin's Gnade Doch jeden Wanderer vor jenem Schreckenspfade!   47. So sprachen Beide dort, bis fast die Sonne sank, Im kühlen Laubenzelt manch Wort aus alten Tagen. Dann rief der Held sein Roß, das wiehernd zu ihm sprang, Und faßte Lanz' und Schwert, die tief im Grase lagen. Nicht sagt' er seinem Wirth, was ihn zum Scheiden zwang, Und dieser scheute sich, den mächt'gen Jarl zu fragen. Als Beide freundlich nun die Hand Zum Gruße sich gereicht, verließ der Held den Strand.   48. Erst ritt er fort durch dunkler Wälder Schweigen, Durch Busch und Dorn, durch Ranken und Gestein. Schon lauschte rings die Dämmrung auf den Zweigen, Verschwommen stand in grauem Duft der Hain; Doch bald begann der Mond hellleuchtend aufzusteigen, Der Himmel kränzte sich mit Sternen, groß und klein; Am Felsen und im Bach, durch Blätter, Zweig' und Ranken Sah man im bunten Spiel vielfält'ge Lichter schwanken.   49. Da öffnete, verhüllt von weichem Grün, Sich eine Wiesenflur, bekränzt mit schlanken Bäumen. Ein Quell, in dessen Fluth des Himmels Bild erschien, Durchplätscherte das Gras mit silberhellen Schäumen; Man sah an seinem Rand die späte Rose blühn Und duft'ge Veilchen dort zum zweiten Mal entkeimen; Und ohne Kunst verwob sich dort am klaren Bach Aus Reb' und Immergrün manch luftiges Gemach.   50. Doch dort, wo schnell mit oft gebrochnem Falle Durch manches Felsenstück das Bächlein sich ergoß, Und hochgewölbt gleich einer grünen Halle Das üppige Geflecht den holden Strand umfloß, An welchem immer wach vom hellen Wellenschalle Auf jedem schwanken Zweig, auf jedem blühnden Sproß Mit süßem Klang vielfarb'ge Vögel sangen Und oft vom Bad' erfrischt die feuchten Flügel schwangen;   51. Dort ruhte Arm in Arm das sel'ge Liebespaar, Wovon der Hirt erzählt, zur Fluth hinab gebogen. Bis auf die Wellen schwamm ihr aufgelöstes Haar, Um dessen blond Gelock goldhelle Strahlen flogen; Gar lieblich leuchtete im tiefen Glanz der Wogen Ihr leicht bewegtes Bild und lachte still und klar. Wer hier und dort sie sah, der konnte schwer erkennen, Was luft'ges Schattenbild, was Urbild sey zu nennen.   52. Denn in der hellen Fluth, wo tief und unbegrenzt, Von Wolken nicht verhüllt, die blauen Lüfte wallen, Wo leis' und leicht bewegt von rieselnden Krystallen, Mit Sternen übersät, der goldne Himmel glänzt; Wohl schien's, als wohne dort das Paar in sel'gen Hallen, Von lindem Wehn umspielt, mit lichtem Schein bekränzt, Und lieblich täuschend sey, vom Wellenschwung beflügelt, Sein holdes Schattenbild vom Strand' emporgespiegelt.   53. Doch sah man sie am bunten Strand Lebend'ger, blühnder dann, von wärmerm Hauch durchflossen, Von sel'germ Liebeslicht das stillre Aug' entbrannt, Und friedlicher in's Grün die Glieder hingegossen, Und wie um Locken rings und Antlitz und Gewand Thau glänzte, Schimmer schwamm, Duft wehte, Blumen sprossen; Dann mußte bald ein jeder Zweifel fliehn, Daß hier der Himmel selbst, dort nur sein Bild erschien.   54. Wohl wähnte Skiold, es ström' ein neues Leben Durch seine Brust, ein nie empfundnes Glück; Da sah er Sighild's Freund vom Ufer sich erheben. Nicht schauerte das Roß bei seinem Nahn zurück, Wehmüth'ges Lächeln schien um seinen Mund zu schweben; So lächelt selbst im Schmerz des Engels sel'ger Blick. Er hob die Hand empor und schien von jenen Bahnen Halb bittend, warnend halb den Helden abzumahnen.   55. Der fühlt schon Wunsch und Pflicht im Herzen sich entzwein, Er steht und schwankt im ungewissen Sinnen; Da fällt der Götter Noth, die hartbedrängten Zinnen, Sein ritterliches Wort, Thorildens Lieb' ihm ein. Er drückt die Augen zu und spornt sein Roß von hinnen Und sprengt in wilder Hast hinweg durch Wies' und Hain. Schon hat er bald in Waldesfinsternissen Dem freundlichen Gebild, dem Zweifel sich entrissen.   56. Und rauher wurde Pfad und Wald, Dumpf sausten auf den Höhn die schwarzverflochtnen Tannen, Und Felsen thürmten sich in wechselnder Gestalt, Um die, den Schlangen gleich, sich braune Flechten spannen, Bald senkten Höhlen sich und jähe Schlünde bald, Durch deren tiefe Nacht verhüllte Ströme rannen, Indeß mit Mühe nur durch's dunkle Fichtengrün Der Mond zum Täuschen mehr als zum Erleuchten schien.   57. Doch als der Wald sich endlich aufgeschlossen, Da zeigte sich ein Hügel, wüst und kahl, Wo sparsam nur verwachsne Sträucher sprossen Und dürft'ges Moos und Haide, dürr und fahl. Dann senkte bald, von Mondlicht bleich umflossen, Sich schauerlich ein rund umhegtes Thal. Hoch ragten rings die nackten Felsenwände, Als sey das Reich des Lebens dort zu Ende.   58. Dumpfschweigend lag der matt erhellte Raum; Kein Vogel ließ, kein nächtlich Thier sich sehen, Die Grille schwieg, das Lüftchen wagte kaum Ein banges Wort dem Lüftchen zuzuwehen; Es schien, als neige schwer ein mitternächt'ger Traum In wüster Mißgestalt sich über Thal und Höhen, Als schaue dort auf's fluchbeladne Grab Der bleiche Mond viel bleicher noch hinab.   59. Emporgethürmt aus mächt'gen Felsenstücken Erhob der Hügel sich mit rauhgezacktem Rand, Nicht wollte Blum' und Gras die Gruft des Finstern schmücken, Der Lieb' und milde Lust und Mitleid nie gekannt; Nur Dornen sah man dort und Disteln sich verstricken, Dem schwerverfluchten Mahl ein würdiges Gewand; Ein ehrnes Thor verschloß mit ehrnem Riegel Den dunklen Pfad zum tiefen Grabeshügel.   60. Der Held verließ sein Roß und wand durch Stein und Dorn Zur Pforte sich empor auf nie betretnen Wegen, Er stieß mit lautem Klang in's mächt'ge Kriegeshorn Und schlug an's hohe Grab mit dumpfen Schwertesschlägen. Die Tann' am Bergeshang, die Well' im Felsenborn, Die Haid' im wüsten Thal begann sich bang zu regen, Und selbst die Nacht erschrak, die um den Hügel schlief, Als so der tapfre Skiold die kühnen Worte rief:   61. Auf, Wächter, auf zum Streit Auf, Wächter, auf zum Streit! – Solche Kämpfe mit Gespenstern kommen oft in der nordischen Sage vor und sind der Gegenstand mancher noch jetzt berühmten Romanzen. Auch Bartholin in seinen Antiq. Dan. führt mehrere Beispiele davon an. ! zerbrich des Sarges Klammer! Erhebe, grimm Gebild, dich aus der trägen Rast! Noch einmal nimm den Schild, den Speer, den schweren Hammer; Umgieb den morschen Leib mit ehrner Waffenlast! Auf, Wächter, auf zum Streit! verlaß die dunkle Kammer! Dein harrt der Skiold; hervor, du finstrer Höhlengast! Der Skiold von Roskild ruft und heischt zur Siegesbeute Des Hügels Schwert von dir; auf Wächter, auf zum Streite!   62. Als so der Held den grausen Geist beschwor, Begann ein kaltes Wehn durch Haid' und Busch zu schauern, Der Mond verhüllte sich in trüben Wolkenflor, Und bang schien Wald und Thal zu horchen und zu lauern; Dicht thürmten ob den Felsenmauern, Vom nahen Sturm gedrängt, die Wolken sich empor Und dehnten länger stets, wie Bilder voller Grauen, Die Riesenhäupter aus, dem Kampfe zuzuschauen.   63. Schon brach der Sturm durch Wolk' und Duft, Schon sah man hell den Blitz die dichte Nacht zertheilen, Auf fernem Waldespfad, in wüster Felsenkluft Begann der rothe Wolf sein Leichenlied zu heulen, Und Raben flatterten und Geier rings und Eulen Mit lautem Flügelschlag, rauh krächzend, um die Gruft. Wo früher kaum der Puls des Lebens sich gehoben, War Blitz und Donner jetzt, Verheerung, Sturm und Toben.   64. Und aus des Hünen Grabe drang Ein dürres Rasseln erst und grausenvolles Stöhnen, Dann schallt' es dumpf hervor, wie rost'ger Waffenklang, Ein stockend Lied begann in unverstandnen Tönen, Als suche mühsam sich zum alten Schlachtgesang Der langverschloßne Mund von neuem zu gewöhnen. Der Riegel knarrte schon, schon sprang des Grabes Thor, Und hoch und drohend schritt das grimme Bild hervor.   65. Wie dunkel oft aus Hekla's tiefen Klüften Mit breiter Schwing' ein Dampfgewölk sich hebt, Das, dann vermischt mit mitternächt'gen Düften, Zur riesigen Gestalt sich gliedert und belebt Und als ein Schreckgespenst in schwarzbezognen Lüften Mit wüstverwirrtem Haar und finsterm Antlitz schwebt, Indeß um seinen Pfad die hellen Blitze lodern, Und drohend Sturm und Sturm zum raschen Kampf sich fodern:   66. So hob das starre Riesenbild Aus seiner tiefen Gruft die ungeheuren Glieder. In kaltes Eisen war die kältre Brust gehüllt, Die Last der Kolbe zog den morschen Arm hernieder, Viel Raben flatterten um seinen rost'gen Schild, Auf seinem Helme schwang ein Geier sein Gefieder; Wie Wind und Flamme ringt auf hohem Meeresthurm, So mischten um sein Haupt sich kämpfend Blitz und Sturm.   67. Das breite Helmvisir war hoch emporgeschlagen, Und unbewegt erschien das bleiche Angesicht, Wo tief im hohlen Kreis die starren Augen lagen, Erloschnen Nerven gleich, entfärbt und ohne Licht. Schwer ließ sich einst der Blick des Lebenden ertragen, Des Todten mattes Aug' ertrug der Kühnste nicht. Im Winde flatterten die weit zerstreuten Locken, Nie ward die wunde Brust von schwarzem Blute trocken.   68. Und als er jetzt aus seiner Höhle trat, Begann noch welker sich die Wüste zu entfärben, Es sank das duft'ge Moos, der Halme dünne Saat, Was mühsam sich genährt, nun mußt' es ganz verderben, Selbst künft'ger Jahre Keim erstarb auf seinem Pfad, Und seine Spuren nur sah keine Zeit ersterben; So unerbittlich war von rächerischer Hand Des Todes ew'ger Fluch auf seine Bahn gebannt.   69. Wie oft ein Sturm in engen Bergeshallen Sich heulend regt im unwillkommnen Zwang, So ließ das Nachtgespenst die hohle Stimme schallen Und grüßte seinen Feind mit fremdem Schlachtgesang. Dann hob's den schwarzen Schild und ließ die Kolbe fallen, Die wie ein Donnerkeil sich durch die Lüfte schwang; Vom ersten Schlage schon ward Berg und Thal erschüttert, Der Felsengrund zersprengt, des Helden Schwert zersplittert.   70. Doch mit dem mächt'gen Hieb entschwand Auch schon die letzte Kraft den längst ermorschten Knochen. Wie schnell in schwarzer Kluft die glühnden Hämmer pochen, So schwang der Däne jetzt die Keul' in starker Hand, Und gräßlich rasselte, von ehrner Kraft zerbrochen, Das splitternde Gebein im rost'gen Kriegsgewand. Wie hell am Harfenspiel zersprengte Saiten klingen, So hörte man das Band der straffen Sehnen springen.   71. Und wie ein kühner Thurm, der einst mit stolzer Macht Die hohe Burg beschützt, vom Alter jetzt verwittert, Mit grau bemoostem Haupt in's Thal herniederkracht, Wenn in den Fugen ihn ein starker Sturm erschüttert: So sinkt das Riesenbild hernieder durch die Nacht, Die Rüstung klirrt und bricht, der Boden seufzt und zittert. Doch eh der dunkle Geist der grausen Hüll' entfährt, Wird aus dem bleichen Mund noch dieses Wort gehört:   72. Was prangst du, Skiold, daß du mich überwunden, Der freudig jetzt in ew'gen Schlummer sinkt? Auch dich umhüllt nach karggemeßnen Stunden Der Tod, der um dein Haupt schon jetzt die Flügel schwingt. Noch ist von seinem Fluch der Tyrfing nicht entbunden. Nicht neid' ich dir den Sieg, den grimme Noth dir bringt: Schon seh' ich Mutterblut an seinem Eisen wallen, Und von des Bruders Hand durch ihn den Bruder fallen.   73. So sprach der Geist und schwieg; doch kühn versetzte Skiold: Was drohst du, grimm Gebild, mit Tod mir und Verderben Was drohst du, grimm Gebild, mit Tod mir und Verderben? – Skiold antwortet beinahe dasselbe, was Achill am Ende des neunzehnten Buchs der Ilias seinen Pferden antwortet, die ihm den Tod prophezeihen. ? Wohl weiß ich, daß auch mir der dunkle Würfel rollt; Nicht soll bei seinem Fall mein Antlitz sich entfärben. Wer kühn gelebt, der weiß auch kühn zu sterben, Denn tapfre Thaten nur sind tapfrer Thaten Sold. Mein ist der Sieg, und mein sind Beut' und Ehre; Was folgt, das weiß ich nicht, noch schreckt mich's, wenn ich's höre.   74. Er sprach's und schlug mit hartem Stoß Das Thor der finstern Gruft, daß alle Riegel sprangen, Dann schleppt' er seinen Feind empor durch Dorn und Moos, Daß hell die Stein' um's Grab am rost'gen Panzer klangen, Und barg im dunklen Hügelschoos Den Leib, den düster jetzt der ew'ge Schlaf umfangen, Drauf zog er aus dem Schutt, der drinnen sich gehäuft, Das Schwert, das schon so oft von grausem Mord geträuft.   75. Wie manches Blut auch auf die Schneide sprühte, Noch ward kein Rost daran, noch keine Schart' erkannt; So trefflich war der Stahl an Dauer, Kraft und Güte, So künstlich war das Schwert gefügt von kluger Hand. Lang schaute Skiold es an, sein scharfes Auge mühte Umsonst sich an der Schrift, die auf der Klinge stand; Dann hob er's hoch in starken Händen Und prüfte Schneid' und Schwung an Strauch und Felsenwänden.   76. Nicht zürn' ich, daß der Feind die Waffe mir zerschlug, So sprach er jetzt, nie tauscht' ich mehr mit Freuden. Scheint's doch, als schwinge sich das Schwert mit eignem Flug, Als fühl' es eigne Lust am Hauen und am Schneiden. Fast wähn' ich, edler Stahl, lebendig dich und klug. Drum sey mir treu und hold, der Tod nur soll uns scheiden. Hat auch mit mancher Schmach dein Wächter dich belegt, Gut wird auch böses Schwert, wenn gute Hand es trägt.   77. Und wenn ich auch nur kurze Zeit dich schwinge, Wie scheidend mir der finstre Feind gedräut, Vielleicht daß ich durch dich so Herrliches vollbringe, Daß manch Jahrhundert lang sich dehnt die kurze Zeit. So sprach der Held zu jener falschen Klinge, Die er erkämpft zu Schmach und bitterm Leid. Nie sollt' in seiner Hand das Schwert im Kampfe blitzen, Und bald sein eignes Blut von Tyrfings Schneid' entspritzen.   78. Und als er mit dem scharfen Stahl Sich nun umgürtet hat, da zündet er behende Ein helles Feuer an, wie ihm die Braut befahl, Daß gänzlich, wie er wähnt, die Macht des Elfen ende. Hellleuchtend thürmen sich um's alte Riesenmahl Vielfach gestaltet jetzt die nackten Felsenwände; Schon flammt das Zauberkraut, das stille Kräfte nährt, Am Hügelstein empor, von rascher Gluth verzehrt.   79. Als höher nun die Flammen sich erheben, Entsteigt ein dichter Dampf der zauberischen Gluth, Er wallt zum Himmel auf mit luftig leichtem Schweben Und wogt um Berg und Thal mit weitgedehnter Fluth; Und drinnen weht und schafft ein wunderbares Leben, Das auf und nieder schwimmt und nimmer säumt noch ruht; Die Farben, die den Hain, die Berg und Wiese zieren, Beginnen bunt vermischt sich in dem Strom zu rühren.   80. Und als der rege Geist sein seltsam Werk vollbracht, Da lassen Berg und Thal sich ganz verwandelt sehen: Vom Sonnenlichte glänzt die trübe Mondennacht, Weit dehnt die Schlucht sich aus, umhegt von sanften Höhen, Hier steigt ein Wald empor in üppig holder Pracht, Hier sieht man reife Saat und Wiesen dort entstehen, Dort schwimmt ein heller Teich, bekränzt mit dichtem Grün, Dort scheint ein klarer Quell durch bunte Aun zu fliehn,   81. Und Früchte, die noch nie ein sterblich Aug' erblickte, Erglänzten schon gefärbt an Ranken, Strauch und Zweig; Und Blumen, wie noch nie des Menschen Hand sie pflückte, Bekränzten rings umher das holde Zauberreich; Ein irrend Licht, ein bunter Schimmer schmückte Gebirge, Flur und Thal und Wellen und Gesträuch; Vom fernen Libanon und von Hymettus Höhen Schien über's weite Meer der süße Duft zu wehen.   82. Rings sahe man im bunten Hain Zu Lauben still und kühl die Zweige sich verweben, Und Grotten dehnten sich in's moosige Gestein, Von Quellen sanft bespült, verhüllt von grünen Reben, Auch standen Zelte rings voll reicher Stickerein, Mit Wimpeln bunt verziert, von seidnem Stoff umgeben, Viel Schlösser hoben sich auf Berg und Fels empor, Und aus den Büschen sah manch Schäferdach hervor.   83. Von Festen schallt' es rings, von Spiel, Gesang und Freude: Hier flog ein leichter Schwarm im Wettlauf durch die Aun, Und Ritter kämpften hier in glänzendem Geschmeide, Und saßen dort im Kreise schöner Fraun; Dort ließen zart im leichten Kleide Die Schäferinnen sich auf weichen Wiesen schaun, Sie schlangen Hand in Hand zu vielverflochtnen Tänzen Und schienen holder noch die holde Flur zu kränzen.   84. Ein andrer Schwarm begann zur freud'gen Jagd Auf hohem Roß am Berg emporzuziehen: Schön glänzt' ihr schlanker Leib in reicher Jägertracht, Auf ihren Wangen schien ein stolzer Muth zu blühen; Laut schallte schon das Horn durch Berg und Waldesnacht, Die Klüfte zitterten, das Wild begann zu fliehen, Hoch schwang der edle Falk sich aus des Jägers Hand Und hielt im stillen Flug die Flügel ausgespannt.   85. Doch andre schaukelten sich friedlich auf den Wogen Und schmückten hold mit Kränzen ihren Kahn: Bald ruhten sie, wo tief hinabgebogen Zur hellen Fluth die Zweige niedersahn, Bald strebten sie dem Fels, von Immergrün umzogen, Und bald dem blühnden Strand der Inseln sich zu nahn; Hell perlte dort der Wein im glänzenden Kristalle, Und Well' und Ufer klang von süßem Saitenschalle.   86. Manch liebend Paar, das sich der Meng' entstahl, Saß kosend dort an dunklen Waldesstellen, Dort auf umranktem Sitz im blumenreichen Thal, Auf weichem Moose dort am Rande klarer Quellen. Im Blick des Jünglings sprach der Liebe Lust und Qual, Die bange Jungfrau sah erröthend auf die Wellen, Dann sank sie sanft mit leicht bewegtem Sinn In seinen Arm zum ersten Kuß dahin.   87. Auch Dichter wandelten, vom holden Traum umfangen, Von ihrem Gott geführt, durch Wies' und Thal zerstreut, Die zu der Harfe Ton viel hohe Lieder sangen Von Lieb' und Heldenruhm aus alter Väterzeit. Man sah ihr heil'ges Haupt in grünen Kränzen prangen, Manch edler Schmuck umgab ihr festlich helles Kleid, Aus ihren Harfen schien ein goldnes Licht zu springen, Und durch die Saiten sich ein sel'ger Geist zu schwingen.   88. Erstaunt und schweigend stand der Held, Von Duft und Glanz entzückt, von Tänzen, Spiel und Klängen. Fast war's, als sey für ihn die Feier angestellt, So froh begann der Schwarm sich um ihn her zu drängen. Die lacht' ihm freundlich zu, Der lud ihn hold in's Zelt, Die kränzt' ihm Helm und Schild, Der pries ihn in Gesängen. Auch schien's ihm bald durch mächt'ge Zauberei, Als ob er hier und dort und stets doch selber sey:   89. Dort schifft' er durch die Fluth und wähnte dort zu jagen, Indeß er dort im leichten Tanz sich schwang; Er war's, der hier und dort mit kühnem Liebeswagen Im Thal, am Quell, im Hain nach holder Minne rang; Dort glaubt' er süß das Saitenspiel zu schlagen, Und doch war er's, zu dessen Preis er sang. So schien's, als wollten hier aus einem ganzen Leben Die bunten Bilder sich in einen Punct verweben.   90. Doch als die Gluth erlosch am alten Mahl, Da rissen schnell des Dampfes Zauberwogen: Vom Himmel sah des Mondes bleicher Strahl, Vom trüben Thau der Wolken oft umzogen; Die Haide zeigte sich, das Gras, das enge Thal; Duft war und Glanz, Spiel, Klang und Lust entflogen; Nur grauser schien auf schroffen Felsenhöhn Der Hauch der Nacht durch Haid' und Strauch zu wehn.   91. Was du gefühlt, als einst in sel'gen Träumen, Da schon der Kreis des Todes dich umzog, Dein Geist, Cäcilie, aus niedern Erdenräumen, Von gläub'ger Kraft beschwingt, zur holden Heimath flog Und kühl umsäuselt dort von Paradiesesbäumen Das Wehn der reinern Luft mit durst'gen Zügen sog, Doch traurig dann zurück zur Welt sich senkte, Die nie verdient, daß Gott dich einst ihr schenkte:   92. Das fühlte Skiold, als ihm das Bild entschwand. Zum ersten Mal ergriff ihn leises Beben, Als er so einsam sich am düstern Grabe fand, Von Haide, Fels und Nacht, von Graun und Tod umgeben. Ihm schien's, als hab' er jüngst ein sel'ges Liebesleben, Vom wilden Rausch bethört, mit raschem Lauf durchrannt, Und ewig soll' er nun, den kurzen Wahn zu büßen, Sich in der Dämmerung der öden Schlucht verschließen.   93. Nicht wußt' er, was ihm jüngst Thorildens Wort vertraut; Was er noch kaum gehört, gesehn und unternommen, War alles wunderbar verwoben und verschwommen, Wie dem, der fern in's Land der frühen Kindheit schaut. Nur dunkel schien es ihm, er sey durchs Meer gekommen Auf kleinem Fischerkahn im Dienste seiner Braut; Auch sah er in der Nacht, die dämmernd ihn umwebte, Den fremden Tyrfing nicht, der ihm am Gürtel schwebte.   94. Wie kam ich her? was hab' ich hier vollbracht? So rief er jetzt, was wollt' ich nun beginnen? Was steh' ich hier im Traum und dumpfem Sinnen An dieser Gruft so einsam in der Nacht, Indeß zum Sturm vielleicht auf Lethra's hohe Zinnen Der stolze Feind sich naht mit großer Kriegesmacht? Hinweg, hinweg! Was eben mich bethörte, Dem sinn' ich später nach; jetzt ruft die Noth zum Schwerte.   95. So ruft er aus und sprengt auf hoher Bahn Durch Haid' und Fels. Schon ist der Wald durchflogen, Schon hört er fern des Meeres heisre Wogen, Schon langt er an, schon tritt er in den Kahn. Noch ist von dunkler Nacht die weite Fluth umzogen, Man hört nur dumpf die Wellen fliehn und nahn, Und einsam schwimmt das Schiff, von Menschengruß und Rede, Von jedem Blicke fern, hinüber durch die Oede.   96. Als nun auf wüstem Meer Der Ritter durch die Nacht im engen Kahne schwebte, Wo nur die Woge scholl, und weit und breit umher Kein Vogel flatterte, kein kleines Würmchen lebte, Da war's, als ob sein Herz von stillem Graun erbebte, Auf seine Seele sank ein Schleier trüb' und schwer, Und traurig schien ein dunkles Todesahnen Aus Welle, Wind und Nacht den Sinnenden zu mahnen.   97. Das war des Schwertes grimmer Fluch, Der ihn schon jetzt umspann mit tiefverborgnen Schmerzen. Vergebens schalt der Held mit seinem tapfern Herzen, Das sonst so kühn und frei im Sturm und Kampfe schlug; Nur nächtlicher begann sich sein Gemüth zu schwärzen, Bis ihn die rasche Fluth zum dunkeln Ufer trug, Schnell stieg er aus und trieb mit blut'gen Spornen Sein müdes Roß durch Wald, Gebüsch und Dornen.   98. Doch als dem Thier und ihm die letzte Kraft entflieht, Da gähnt auf wilden Waldeswegen Ihm eine Felsenkluft mit finsterm Thor entgegen, Die weit sich in den Berg mit mancher Krümmung zieht. Dort denkt der müde Held der kurzen Ruh zu pflegen, Bis früh am Himmelssaum das Morgenroth entblüht, Er facht ein Feuer an und streckt die matten Glieder Bei heller Gluth zum süßen Schlummer nieder. Funfzehnter Gesang. 1.                           Indeß war Adalbert, der in der letzten Nacht Durch Wald, Gebirg' und Thal, den Freund zu retten, sprengte Und dann, verirrt und müde von der Schlacht, Im wüsten Felsengrund zur Ruh sich niedersenkte, Aus tiefem Schlummer aufgewacht, Als schon der späte Tag die Rosse niederlenkte. So lange hielt ein sel'ges Traumgebild Mit süßem Trug ihm Aug' und Geist umhüllt.   2. Ihm schien's, als nahe sich, von goldnem Licht getragen, Nicht mehr wie sonst von stillem Schmerz getrübt, Die holde Frau, die schon in frühen Tagen So freundlich ihn geleitet und geliebt Und dann sein Herz gelenkt, das kühne Werk zu wagen, Das frühen Tod und ew'gen Ruhm ihm giebt. Nur leis' umschwebten noch sie jetzt die düstern Schatten, Die sonst ihr lichtes Bild so trüb' umdämmert hatten.   3. Wie vor dem Tag, noch eh' er ganz sich hebt, Vom Wiederschein des frühen Lichts entzündet, Das Morgenroth als holde Botin schwebt Und hell und hehr den milden Gott verkündet, Indeß der Duft, der um die Flur sich webt, Allmählig reißt und kämpfend wogt und schwindet, Und bei dem Rosenglanz, der um die Erde fließt, Schon Vogel, Blum' und Blatt das nahe Heil begrüßt:   4. So sah man auch in ihren sel'gen Blicken Den Wiederschein der nahen Lust entbrannt, Als sollte bald ein hellres Licht sie schmücken, Ein schönrer Kranz, ein göttlicher Gewand; Auch schien ihr Nahn schon jetzt die Erde zu erquicken, Und Blumen dufteten und blühten, wo sie stand; Um alle Höhn, um alle Thäler wehte Ein holder Glanz, wie Gold und Morgenröthe.   5. Sie neigte sich zu ihm mit stiller Zärtlichkeit Und sprach mit leisem Ton: O schlummre jetzt in Frieden! Nur wenig Stunden noch sind deinem Loos beschieden, Und wohl bedarfst du Kraft zum letzten bittern Streit. Viel kämpftest du, viel wagtest du hienieden, Für fremdes Glück ertrugst du großes Leid; Nicht wußtest du, für wen du es ertragen, Doch wird dir bald die schöne Wahrheit tagen..   6. Hätt' ich so treu dich wohl, so mütterlich gepflegt, Wenn nicht schon früher einst sich unsre Herzen nahten? Hätt' ich dem Fremden wohl solch Leiden auferlegt, Den Ungeliebten wohl ersehn zu solchen Thaten? O möchtest du schon jetzt, Geliebter, das errathen, Was nur durch heil'gen Zwang mein Geist verschwiegen hegt! Wie trübe scheinen jetzt mir noch die kurzen Stunden, Eh wir uns ganz erkannt und ewig uns verbunden!   7. Schon nah' ich mich dem seligen Gebiet, Schon öffnen sich des Paradieses Hallen. Dort sollst auch du mit mir und mit der Reinen wallen, Die dir des Himmels Huld zum Engel hier beschied. Gelobt sey Gott, dem deine That gefallen, Und der die Rächerhand mir jetzt vom Haupte zieht! Wovon die eigne Schuld noch stets mich fern gehalten, Vergönnt er gnädig mir, schon jetzt dir zu entfalten.   8. Sie sprach's und winkte mit der Hand. Da schien ein leicht Gewölk sie beid' emporzuschwellen, Die Berge senkten sich, die dunkle Welt entschwand, Ein reiner Licht begann ihr Antlitz zu erhellen, Hoch lag und tief das Blau des Himmels ausgespannt, Die Lüfte kräuselten sich rings, wie goldne Wellen, Hell wandelten der Sterne zahllos Heer Und Mond und Sonnen rings durch's weite Wolkenmeer.   9. Wie sahn sie hier in diesen ew'gen Hallen Sich Welt um Welt mit mächt'gem Schwunge drehn, Hier Stürme ziehn, dort wilde Meere wallen, Und Flammen dort durch Erd' und Himmel wehn, Bald ein Gestirn in wüsten Schutt zerfallen, Und ein Gestirn bald aus dem Nichts entstehn! Wie klar verschmolz zuletzt in diesem lauten Drange Die mannichfalt'ge Kraft zu einem sel'gen Klange!   10. Und brach auch hier die Gluth, die lang sich tief verhüllt, Aus ihrem Schlund hervor, um Länder zu zerstören, Sank dort, vom innern Stoß zerspalten, das Gefild, Und wankten Berge dort, durchwühlt von hohen Meeren, Doch schien aus Allem sich ein schönes reichres Bild, Ein hellrer Strahlenkreis der Ordnung zu verklären, Kein sterbend Würmchen war vor Gottes Blick verhehlt, Und keine Thräne floß, die nicht sein Geist gezählt.   11. Doch kann des Menschen Blick den hellen Glanz ertragen, Der blendend jetzt durch alle Himmel drang? Und mußt du, schwaches Herz, nicht vor dem Wahne zagen, Das Ew'ge zu entweihn durch sterblichen Gesang? Durch dich allein, durch dich nur darf ich's wagen, Du Heilige, die längst zu Gott sich schwang; Nur du vermagst von jenem sel'gen Leben, Worin du wallst, die Kunde mir zu geben.   12. Ein heller Land, von ew'gem Licht verklärt, Begann sich jetzt vor ihnen zu entfalten, Wo, vom Gewand des Staubes nicht beschwert, Viel blühender die lieblichen Gestalten, Aus edlerm Stoff gewebt, von reinerm Hauch genährt, In sel'ger Heiterkeit mit leichten Formen wallten, Und wo, gelöst von allen niedern Mühn, Die heil'ge Ruh' ein tiefes Leben schien.   13. Aus grüner Luft, von leiser Grenz' umschlossen, Verwebte sich der Haine hold Gewand; Die Blume schien aus lindem Duft entsprossen, Mit buntem Licht gefärbt ihr zarter Rand; Die Quellen, die wie laue Strahlen flogen, Umflüsterten wie Flötenklang den Strand; Doch ließ im Wellenglanz kein Bild sich heller schauen, Denn keine Täuschung wohnt in jenen heil'gen Auen.   14. Kein leises Lüftchen schien die Blätter zu umwehn, Und dennoch wiegte sich das Laub im leichten Beben, Man sah den bunten Duft am Blumenkelche schweben, Und konnte doch den Quell der Farben nicht erspähn; Durch Alles floß ein selbsterzeugtes Leben, Durch sich allein war Alles frisch und schön. So war die Ruh, die nie ein Fremdes in sich findet, Mit schöpferischem Geist und ew'ger Kraft verbündet.   15. Das Bittre, das so oft auf unserm niedern Stern Dem holden Traume kurzer Stunden, Dem Schatten jener Welt, dem Schönen sich verbunden, War von der sel'gen Flur der reinen Geister fern: Nicht wollte mit dem Dorn die Rose dort verwunden, Kein herbes, hartes Kleid verschloß den süßen Kern; Was Gott zur Fessel hier den kühnen Wünschen sendet, Das sieht man dort nicht mehr, wo alles Wünschen endet.   16. Der süße Duft, der um den zarten Saum Der Blüthen dort mit leisem Säuseln schwebte Und hell und farbig dann, wie leichter Wellenschaum, In manches flücht'ge Bild sich schied und sich verwebte, Er wehte weit hinaus durch jeden Himmelsraum, Durch jede ferne Welt, die Gottes Hauch belebte; Doch still verdämmerte der reinen Farben Spiel, Von dichtrer Luft verhüllt, zum gaukelnden Gefühl.   17. Der holde Traum von schönern Zukunftstagen, Die thränenreiche Lust an fernem Glück und Leid, Der Trost im Weh durch Weh, das innige Behagen, Das plötzlich leuchtend oft der Seele Nacht zerstreut, Gedanken, welche kühn die mächt'gen Flügel schlagen Und weit hinüberfliehn durch Leben, Raum und Zeit, Und Alles, dessen Quell die Menschen nie erriethen, Es weht von oben her aus jenen sel'gen Blüthen.   18. Ihr linder Athem schmiegt gleich einem Traumgesicht Sich um den äußern Saum der irdischen Gestalten Und läßt den tiefern Reiz, den Glanz und Farbe nicht, Nicht Duft und Blühn verleiht, und ihre Formen walten. Er läßt der Liebe Bild sich aus der Ros' entfalten Und giebt den Lilien der Unschuld keusches Licht, Er haucht ein göttlich Wehn um unsre niedern Bahnen Und läßt im Schmetterling uns unsre Zukunft ahnen.   19. Rings füllte Wiese, Thal und Hain Sich mit den seligen Bewohnern dieser Auen. Hier saßen Greis' umher, dort spielten Kindelein, Und Männer wallten dort, dort jugendliche Frauen. Um alle Stirnen floß ein leuchtend goldner Schein, In allen Augen war ein heitrer Glanz zu schauen; Ihr Kleid schien blaue Luft, ihr Körper blendend Licht, Des Menschen Ohr vernahm ihr leises Wandeln nicht.   20. Die Helden, die das Schwert für's Gute nur geschwungen, Die Fürsten, welche Gott in ihrem Volk geliebt, Die gläub'gen Märtyrer, die kühn den Tod bezwungen, Die Edlen, die der Neid auf Erden oft betrübt, Die Sänger, deren Mund vom Göttlichen gesungen, Die Weisen, die ihr Wort auch handelnd ausgeübt, Sie sah man friedlich hier, bald einzeln, bald mit Andern, In traulichem Gespräch und heil'gem Sinnen wandern.   21. Auch die um eignen Zwist einst bittern Zorn genährt, Und die der alte Groll der Völker einst geschieden, Und die sich feindlich einst um das, was sie geehrt, Um das, was sie geträumt, geschmäht, gehaßt, gemieden, Die um den Glauben sich verfolgt mit Gluth und Schwert, Sie Alle ruhten hier in brüderlichem Frieden; Man sah aus allem Volk einträcht'ge Schaaren gehn Und fromm zu einem Gott, zu einem Vater flehn.   22. Wer manchen Kampf auf Erden einst gestritten, Wer viel gewagt und oft getäuscht sich fand, Wer viel umsonst gerungen und gelitten, Wen selbst die Teuersten verachtet und verkannt, Wie war dem Sel'gen jetzt so ganz der Schmerz entglitten, Den er unendlich einst und hoffnungslos genannt! Wie lächelt' er, wenn er an das gedachte, Was nach so kurzem Weh' ihn ewig glücklich machte.   23. Wie herrlich prangten dort in reicher Seligkeit, Die arm und ungeliebt im Leben einst verblühten Und treu bis an den Tod, für Lieb' und langes Leid Mit kaltem Stolz belohnt, in keuschen Flammen glühten! Dort oben, wo der Gott der Lieb' und Huld gebeut, Kann auch das strengste Herz der Liebe nicht gebieten, Dort hält kein Wahn, kein Zwang und kein Geschick Den gleichen Geist vom gleichen Geist zurück.   24. Sie ahnten dort in duft'gen Schattenhainen, Im stillen Thal, auf blumenreichen Höhn, Zerronnen war der Augen trübes Weinen, Die Klage schwieg, das hoffnungslose Flehn; Frei durfte dort der Reine mit dem Reinen Im süßen Traum der Liebe ruhn und gehn, Hell sah man jetzt in ihren lichten Kränzen Die Thränen ihres Grams wie zarte Perlen glänzen.   25. Und Jene, die so tief die Treuen einst betrübt, Jetzt fühlten sie mit sanft beschämten Wangen, Wie zärtlich sie der Freund, den sie verschmäht, geliebt, Wie er so still für sie im bittern Weh vergangen. O wie so süßen Lohn jetzt ihre Huld ihm giebt! Wie Herz am Herzen jetzt und Blick an Blicken hangen! Wie jede Thräne jetzt, die einst ihr Stolz verlacht, Zu einer neuen Flamm' in ihrer Brust erwacht!   26. Dort wird auch Jener einst mit Beatrice wohnen, Dem zweimal Gott sein Reich zu schaun erlaubt; Und Laura's sel'ger Blick wird dort den Sänger lohnen, Der durch sein keusches Lied dem Grabe sie geraubt; Und Leonore schmückt mit schönern Lorbeerkronen, Als hier der Tod ihm nahm – – – mit schönern Lorbeerkronen, / Als hier der Tod ihm nahm. – – Tasso starb bekanntlich den Tag vorher, als er feierlich vom Papst auf dem Capitol gekrönt werden sollte. , Torquato's heil'ges Haupt; Und ihn, den Gottes Geist zu Gottes Ruhm getrieben, Den Erd' und Himmel ehrt, wird dort auch Fanny lieben.   27. Dort reichst auch du mir freundlich einst die Hand, Wenn meinen Schmerz kein süßer Wahn betrogen, Du, die das Grab schon lange mir entzogen, Du, die so streng im Leben mich verbannt. Wohl wird schon jetzt mein Kummer dort gewogen, Mein Herz geprüft und meine Treu' erkannt. Dort wird kein Tod die Seelen ferner scheiden, Und nicht das Herz mehr, weil es liebte, leiden.   28. Nicht länger von dem Blick der Seligen getrennt, Erschienen freundlich auch die leuchtenden Gestalten, Die ungesehen sonst durch jedes Element, Durch jede ferne Welt als Gottes Boten walten, Und deren Nahn der Mensch, von heil'ger Scheu gehalten, Nur schweigend ehrt Und deren Nahn der Mensch, von heil'ger Scheu gehalten, / Nur schweigend ehrt – Nach dem Volksglauben fliegt ein Engel durch's Zimmer, wenn plötzlich ein allgemeines Stillschweigen sich durch eine Gesellschaft verbreitet. und ahnend nur erkennt. Hell schwebten sie an Gottes lichtem Throne, Mit goldnem Flügelpaar und diamantner Krone.   29. Der zeichnete dem Heer der Sterne seine Bahn, Der hieß im Kreise sich die ew'gen Sonnen drehen, Dem war die rasche Gluth und Dem der Winde Wehen Und Dem das weite Reich der Wellen unterthan, Den sah man hold von blauen Himmelshöhen Der jungfräulichen Welt mit duft'gen Blüthen nahn, Indeß ein Anderer mit unsichtbarem Schweben Die Menschen leitete durch's dunkle Pilgerleben.   30. Doch in der Ferne hob ein Hügel sich empor, Erbaut aus Morgenroth, umschleiert und umfangen Von glänzendem Gewölk, durch dessen lichten Flor, Der wie die Sonne war, noch lichtre Strahlen drangen. An seinem Fuße stand ein goldnes Sternenthor Wo laut ihr ew'ges Lied die reinsten Geister sangen; Kein Sel'ger wandelte auf jener heil'gen Bahn, Selbst Engel durften nur bis an die Pforte nahn.   31. Dort wohnte Gott, den nie ein Blick gesehn, Den jedes Herz, sobald es schlug, empfand. Sein helles Haupt umfloß lebend'ges Wehn, Wodurch der Mensch, der Wurm, die Blum' entstand. Weit streckte rings umher durch alle Himmelshöhen, Durch alle Tiefen sich des Meisters mächt'ge Hand, Auf jedes Blüthenblatt, auf jede Sonne sanken, Den lichten Strahlen gleich, die liebenden Gedanken.   32. Doch Adalbert erschrickt und bebt Und wagt es nicht, die Augen aufzuschlagen; Doch muß er vor dem Glanz des hellen Schleiers zagen, Der sich um's Angesicht der ew'gen Liebe webt. Schon fühlt er sich zurück zur niedern Welt getragen, Des Schlummer Wolke bricht, der holde Traum entschwebt, Schon schwingt das sel'ge Bild zum Scheiden sein Gefieder, Und freundlich tönt sein Ruf: Bald sehn wir dort uns wieder!   33. Er rafft sich auf und blickt erstaunt umher Und sucht den Traum, der ihm so rasch entflogen; Nicht duftig scheint und grün der Hain ihm mehr, Nicht klar ihm mehr der blaue Himmelsbogen. Die leichte Luft ist seiner Brust zu schwer, Seit er den Hauch des Himmels eingesogen; Er hebt den Arm, den Fuß, und staunet, als er sieht, Daß stets die Erde noch zu sich zurück ihn zieht.   34. Doch wie sich dem, der in die Welle nieder Bei schwüler Gluth den matten Leib gesenkt, Lebend'ge Kraft durch Adern, Brust und Glieder, Durch Geist und Herz ein frisches Streben drängt: So findet jetzt auch er verjüngt sich wieder, Verklärt ist, was er fühlt, und göttlich, was er denkt. Wie leis' am letzten Saum des Kelchs die Tropfen beben, So hängt sein klarer Geist nur leise noch am Leben.   35. Nun ist sein ganzes Herz auf jene That gewandt, Worin er bald das Ziel der dunklen Wandrung findet. Schon zeigte Gott ja selbst ihm das gelobte Land, Sein eigner Engel hat ihm eben ja verkündet, Bald hebe sich der Flor, bald reiße jedes Band, Das von der Lieb' ihn trennt und an den Schmerz ihn bindet. Wie herb auch noch der letzte Kelch ihm sey, Er will ihn gern empfahn und wünscht die Stund' herbei.   36. Darum soll morgen schon der kühne Sturm beginnen, Sobald am Himmel sich der junge Tag verklärt. Er selber will zuerst erklimmen Wall und Zinnen, Er selbst die erste Bahn sich haun mit scharfem Schwert, Kein Andrer soll vor ihm das heil'ge Pfand gewinnen, Kein Andrer es erhöhn auf Gottes reinem Herd. Dann mag der rasche Tod, der, Odin's Reich zu schützen, Die Himmelsros' umschwebt, auf ihn herniederblitzen.   37. Mit freud'gem Muth ergreift er Schild und Speer Und lenkt sein Roß hinweg auf wilden Wegen. Das senkt das Haupt und geht betrübt einher Das senkt das Haupt und geht betrübt einher – In ältern Zeiten scheint bei allen Völkern dem Pferde, als dem edelsten Thiere, ein lebendiges Gefühl für Liebe und Treue, und ein verständiger, ja oft prophetischer Sinn beigelegt zu seyn. So weinen die Pferde des Achill über den Tod des Patroklus und verkündigen ihrem Herrn seinen eignen Tod vorher; so vertrauen die verschwornen Perser nach dem Tode des falschen Smerdis die Wahl ihres künftigen Königs ihren Pferden. Die wunderbaren Eigenschaften des Bayard, den Reinald von Montalban ritt, sind bekannt; und auch in den nordischen Sagen finden sich viele Beispiele, daß Pferde über den künftigen Tod ihrer Herrn getrauert haben und nach dem Tode derselben vor Schmerz gestorben sind. Und wiehert nicht, wie sonst, ihm froh entgegen, Als fühl' es schon, nicht werde ferner mehr Die treue Hand des milden Herrn es pflegen. Doch Jener zieht dahin mit hellem Angesicht, Dem letzten Strahle gleich im späten Dämmerlicht.   38. Er sucht umsonst den Pfad, den er gekommen, Vergebens drängt er sich durch Dickigt und Gestein; Schon ist der späte Tag verglommen, Und immer dichter wird der weitgedehnte Hain, Bald ruht Gebirg und Thal, in düstre Nacht verschwommen, Kein Ruf erschallt, es blinkt kein ferner Schein; Schon muß die Hoffnung ihm in dieser Wüst' entweichen, Vor Tagesanbruch noch die Seinen zu erreichen.   39. Als Mond und Sterne längst den halben Pfad vollbracht, Da zeigt in tiefen Waldesgründen Sich eine Felsenkluft, durch deren wüste Nacht Nur dürftig noch genährt sich matte Flammen winden. Wohl ist ein Hirt vielleicht, ein Jäger dort zu finden, Der kühn um nächt'gen Raub die Dunkelheit durchwacht. So denkt der Held, er eilt vom Roß zu springen Und zieht das Schwert und läßt den Schild erklingen.   40. Doch kaum umschattet ihn der Höhle finstres Thor, Da scheint's, als ob von fern aus einer dunklen Ecke, Noch halb verhüllt von grauem Dämmerflor, Ein scheußlich Drachenhaupt sich langsam wind' und strecke Und immer deutlicher dann aus der Nacht hervor Den buntgeschuppten Hals, die langen Glieder recke, Bis nach und nach das nächtliche Gebild Bei'm matten Schein der Gluth den ganzen Leib enthüllt.   41. Hoch rollte sich der Schweif in vielverschlungne Bogen, Auf kurzen Füßen kroch der gelbgeschwollne Bauch, Mit einer Krone war das stolze Haupt umzogen, Die Augen funkelten, wie Flammen durch den Rauch, Und weit ergoß, wie finstre Dampfeswogen, Aus Nas' und Rachen sich des Athems gift'ger Hauch, Gleich einer Hölle schien der rothe Schlund zu gähnen Und zeigte grimmbewehrt drei Doppelreihn von Zähnen.   42. Nur langsam wand das Thier sich aus dem nächt'gen Graus, Als ob der Flamme Schein sein finstres Antlitz blende; Bald streckte hier, bald dort der lange Hals sich aus, Und hier und dorten schlug der Schweif die Felsenwände, Rings schnob das Haupt umher durch's weite Felsenhaus, Als ob's den süßen Duft der nahen Speis' empfände; Dann kroch es nach und nach zu einem Rittersmann, Der dicht am Feuer schlief, mit offnem Schlund heran.   43. Da nahte rasch der heldenmüth'ge Degen, Noch eh das Thier den fremden Feind erkannt, Er hob den Schild dem Ungethüm entgegen Und schwang das Schwert in unverzagter Hand, Und hieb und stieß und traf mit mächt'gen Schlägen Sein gift'ges Haupt, sein schuppiges Gewand, Daß weit umher die Felsenklüfte klangen, Und Funkenströme rings dem guten Stahl entsprangen.   44. Doch zürnend, daß der Held die sichre Beut' ihm raubt, Dreht grimmig sich das Thier und droht mit glühnden Blicken, Noch weiter gähnt sein Schlund, der Rachen zischt und schnaubt, Die Schuppen sträuben sich auf seinem breiten Rücken, Bis zum Gewölb' empor erhebt es Hals und Haupt, Um mit gewalt'gem Schwung den Gegner zu umstricken, Der, als es jetzt sich gräßlich niederschlingt, Mit rascher Flucht der grausen Band' entspringt.   45. Dann trifft er ihm von neuem Hals und Nacken, Doch nirgends dringt der scharfe Stahl hinein. Viel leichter sprengt' er wohl die harten Felsenzacken, Die vom Gewölbe rings durch's Dunkel niederdräun. Und schon beginnt das Thier den festen Schild zu packen, Wie Klammern haften rings der Zähne spitze Reihn, Vergebens ringt der Held, er muß die Wehr ihm lassen Und nach dem langen Speer, der seitwärts lehnte, fassen.   46. Und als gewaltig nun der weite Rachen klafft, Da stößt sein starker Arm die Lanz' ihm in die Lungen. Doch wild zerbeißt das Thier den ungeheuren Schaft, Und ob auch tief hinab die Spitz' in's Fleisch gedrungen, Es würgt und windet sich mit grimmer Riesenkraft, Bis es zum Schlund zurück das scharfe Erz gezwungen, Dann speit es Gift und Blut und Eisen mit Gewalt Dem Ritter an's Visir, daß laut der Helm erschallt.   47. Indeß sie Beide so im wilden Kampfe ringen, Ist auch der fremde Held vom Schlummer längst erwacht. Doch eh' er noch vermag vom Boden aufzuspringen, Umkettet ihn der Schweif des grimmen Thiers mit Macht Und bindet ihn mit immer engern Schlingen, Daß fast zerdrückt sein ehrner Panzer kracht; Dann schleudert's ihn mit ungestümen Schlägen Zu Boden bald und bald der Deck' entgegen.   48. Der klammert hier und dort sich an die Felsenwand Und muß bald hier bald dort sich decken, drehn und bücken, Nicht kann sein Arm das Schwert an seiner Hüfte zücken, Doch schwingt er hoch den Dolch in seiner starken Hand Und drängt und stößt mit Macht ihn dort in Schweif und Rücken, Wo Ring an Ring sich fügt im schuppigen Gewand. Schon strömt von manchem Stoß das Blut in reichen Güssen, Und doch will immer noch das Thier den Raub nicht missen.   49. So zürnt das Meer in rascher Wuth, Wenn sich ein Sturm genaht mit sausendem Gefieder, Und wirft den kleinen Kahn auf ungestümer Fluth Zum Himmel jetzt empor und jetzt zur Tiefe wieder; Der Schiffer stößt umsonst mit ungebrochnem Muth Bald hier bald dort in's Meer das breite Ruder nieder, Die hohe Woge fühlt, von stärkerm Zorn erregt, Die schwachen Streiche nicht, womit der Mensch sie schlägt.   50. Auch seinen andern Feind umhegt das Ungeheuer Mit engern Kreisen stets und sperrt ihm schon das Thor. Der Ritter schaut umher, jetzt scheint der Rath ihm theuer, Da er schon Lanz' und Schild im harten Kampf verlor. Da sieht er einen Baum halbbrennend noch im Feuer, Wohl hüben jetzt vier Arm' ihn kaum empor, Doch Adalbert ergreift mit einer Hand im Sprunge Das lodernde Geschoß und schwingt's mit starkem Schwunge.   51. Und als nun sausend jetzt die hellen Flammen wehn, Da schleudert er den Baum in seines Feindes Rachen. Gewaltig sieht er jetzt den ungeheuren Drachen Im grimmen Schmerz sich bäumen und verdrehn, Er hört es laut im weiten Schlund ihm krachen, Der gelbe Leib beginnt sich siedend aufzublähn; Des Athems gift'ger Schwall, der dicht sich ihm entwindet, War von dem glühnden Brand zur raschen Loh' entzündet.   52. Stets höher schlägt die Gluth zum tiefen Schlund hinauf Und lodert hier und dort verzehrend durch die Glieder. Da schleudert wild das Thier mit grimmigem Gebraus Den festumwundnen Raub zur harten Erde nieder, Und tobt und zischt durch's weite Felsenhaus Und bäumt sich hoch und sinkt und bäumt sich wieder, Bis prasselnd von der Gluth der Schuppenleib zerspringt, Und bald das grause Bild in Staub und Asche sinkt.   53. So sieht man oft die hellen Flammen wallen, Wenn klug gelenkt im wilden Meeresstreit Auf's hohe Schiff ein glühnder Pfeil gefallen, Der weit umher sein rasches Feuer speit, Bis endlich durch die Gluth mit ungeheurem Knallen Der schwarze Höllengeist des Krieges sich befreit, Und, wenn er laut zur Flucht die dunkle Schwing' entfaltet, Verdeck und Raum zerreißt und Luft und Woge spaltet.   54. Indeß der Ritter nun mit halbgelähmter Kraft Auf einem Felsen sitzt, vom Kampf sich zu erholen, Hat auch der Andre sich vom Boden aufgerafft, Den kaum das Panzerkleid dem jähen Tod entstohlen. Schon gänzlich ist des Feuers Schwing' erschlafft, Und trüber Dampf umgraut die matten Kohlen; Drum sieht auch Keiner noch des Andern Angesicht, Als so der fremde Held zu seinem Retter spricht:   55. Ich danke dir, den Odin selbst erkoren, Aus harter Noth mich tapfer zu befrein. Und wärst du auch als Bruder mir geboren, Du könntest doch mir nimmer theurer seyn. Drum sey dir ew'ger Dank und Treue zugeschworen, Wenn unserm Freundesbund die Götter Heil verleihn! Noch nie bedrängten mich so grimmige Gefährden, Und solche Heldenkraft erfand ich nie auf Erden.   56. Er spricht's und beut ihm seine Hand. Doch Jener schweigt und weiß die Antwort nicht zu finden, Da er als Heiden ihn aus seiner Red' erkannt, Die feindlich zu bestehn, ihn Glaub' und Pflicht verbinden. Der Andre strebt indeß den halberloschnen Brand Durch manchen dürren Ast von neuem zu entzünden. Und als die Lohe jetzt empor zur Wölbung fährt, Da setzt auch er sich schweigend an den Herd.   57. Und als sie jetzt des Helmes Gitter heben Und forschend dann in's Angesicht sich schaun, Da wähnen sie im luft'gen Traum zu schweben, Und Keiner will den eignen Augen traun. Sie, die noch nie gezagt in ihrem Leben, Durchschüttelt jetzt zum ersten Mal ein Graun. Denn, die sich bittrer stets als Flamm' und Woge haßten, Skiold ist's und Adalbert, die hier so friedlich rasten.   58. Wie oft mit stillem Ernst Gebilde, hoch und hehr, Emporgethürmt aus alten Waffenstücken, Am Gürtel Dolch und Schwert und in der Hand den Speer, Den weiten Rittersaal, den Chor der Kirche schmücken Und, ist die ehrne Brust, der drohnde Helm auch leer, Doch groß und feierlich zum Enkel niederbogen, Als habe herrlich hier in seiner Heldenkraft Der Väter edle Schaar dem Grabe sich entrafft.   59. So saßen dort, erleuchtet von den Flammen, In Erz verhüllt, mit drohender Gestalt Und hohem Helm, die Ritter jetzt beisammen, Die Stimme schien in ihrer Brust verhallt; Wie finster um die Gluth des Dampfes Wogen schwammen, So war von Wolken auch ihr blitzend Aug' umwallt; Noch regte Keiner sich, doch sinnend schauten Beide Sich bald in's Angesicht und bald zur Schwertesschneide.   60. Wie bald die Flamm' empor zur Felsendecke schlug, Und zitternd bald die raschen Gluthen sanken, Und durch die Höhle rings, gleich zauberischem Trug, Licht, Dampf und Schatten schwamm mit ungewissem Schwanken: So trieb durch Lieb' und Haß ein unerforschter Fluch Das kühne Paar umher auf wechselnden Gedanken, Bis Roskild's Jarl zuerst das dumpfe Schweigen brach Und so mit linderm Wort zu seinem Feinde sprach:   61. Wohl zürn' ich fast den hohen Göttermächten, Daß sie von unserm Bund ihr Angesicht gewandt; Doch laß uns heute nicht mit diesen Schwertern fechten, Die kaum noch gleiche Noth zu gleichem Kampf verband! Längst kennst du meinen Muth, die Kraft in meiner Rechten Wie längst auch ich dein kühnes Herz erkannt; Drum wirst du nicht mich schlecht und feige nennen, Begehr' ich ohne Streit mich jetzt von dir zu trennen.   62. Nicht lob' ich's, daß der Norne Neid Zu Feinden die bestimmt, die sich wie Brüder gleichen; Doch du bedrängst mein Volk und dringst mit drohnden Streichen Auf meine Götter ein, drum ziemt uns Haß und Streit. Und dennoch will ich jetzt die Hand dir freundlich reichen; Auch du vergiß den Zorn, der unser Herz entzweit. Gar manche Stunde bleibt zum Haß uns noch im Leben, Doch wird zur Lieb' uns wohl nicht eine mehr gegeben.   63. Doch daß, wenn unser Loos uns von einander drängt, Und feindlich wiederum die kühnen Herzen schlagen, Ein treues Pfand uns sey, wobei der Geist gedenkt, Wie friedlich wir uns einst gesellt in frühern Tagen, So nimm aus meiner Hand dies gute Schwert geschenkt, Und laß das deine mich dafür im Kampfe tragen! Wem auch von Beiden dann das Loos den Tod beschert Er fällt durch tapfre Hand und durch ein liebes Schwert.   64. So sprach der Held und nahm von seiner Seite, Noch eh sein Blick den nächt'gen Trug erkannt, Das grimme Zauberschwert, erkämpft im grausen Streite, Dem, den es trifft und schützt, des Todes sichres Pfand. Schon blitzte blank und scharf die fluchbeladne Beute, Die Todesfackel Skiold's in seines Feindes Hand. Dem sie verderblich flammt und nahen Fall verkündet, Er selber hat sie jetzt zum hellen Brand entzündet.   65. Die Geister weit umher, die mit verruchter Macht Der Heiden trotzig Volk und Odin's Tempel schützen, Durchrauschen Land und Meer und heulen durch die Nacht Und füllen rings im Zorn die Luft mit rothen Blitzen; Um Höhn und Thäler scheint ein wilder Sturm erwacht, Es wimmert durch den Wald und auf den Felsenspitzen, Weit schlägt des Herdes Gluth umher im raschen Kampf, Und manches grause Bild erhebt sich aus dem Dampf.   66. Doch Adalbert bemerkt das grimme Streben Der Hölle nicht und ihrer frechen Schaar, Er nimmt das Schwert, das ihm sein Feind gegeben, Und beut ihm dann das eigne freundlich dar. Oft schützt' es mir, so sprach er, Leib und Leben Und war mir treu in mancher Kriegsgefahr; Jetzt mag es dir, wie mir das deine, frommen, Bis zur Entscheidung einst der größte Kampf gekommen.   67. O trennte feindlich doch uns Volk und Glaube nicht, Gern böt' ich dir die Hand zum ew'gen Freundesbunde! Oft pries die That dich mir und oft die ferne Kunde, Doch stets am sichersten dein treues Angesicht. Vertrau' auch mir! Nur diese kurze Stunde Gehört noch uns, doch morgen wir der Pflicht. Vergebens ehr' ich dich; dies Schwert, es muß dich suchen, Doch wer auch fällt, nicht soll der Feind ihm fluchen!   68. Thorilde drohte mir, einst werd' im harten Streit Durch diesen Arm mein eigner Bruder enden. Wohl hoff' ich, wird der Herr so grimmes Urtheil wenden; Doch wähn' ich fast, nicht würde mindres Leid Durch meine Seele gehn, wenn je von meinen Händen Dein strömend Blut – – – doch Alles lehrt die Zeit. Nicht laß uns jetzt mit solchen düstern Bildern Den kurzen Augenblick des Friedens uns verwildern!   69. So kosen freundlich dort die Helden in der Nacht, Die grimm sich oft begrüßt mit harten Schwertesschlägen. Doch als das Morgenroth am Himmel auferwacht, Durchtraben sie den Wald auf ungebahnten Wegen, Schon öffnet sich das Feld, schon ist die Fahrt vollbracht, Hier führt der Pfad dem Heer und dort der Stadt entgegen. Noch einmal bieten sie die Hand sich freundlich dar, Dann scheidet stumm und ernst das ritterliche Paar.   70. Wie freudig wird der Held vom Heere jetzt empfangen, Das schon so lang' um ihn in bittern Sorgen war! Sie, die nach hartem Kampf den theuern Sieg errangen, Sie wähnen jetzt sich erst entronnen der Gefahr. Rings sieht man Kränze blühn und bunte Fahnen prangen, In hellen Waffen glänzt die schön geschmückte Schaar, Laut tönt zum Jubelruf, zu freudigen Gesängen, Des hohlen Erzes Mund mit kriegerischen Klängen.   71. Doch sie, die alles Glück mit Adalbert verlor, Die mehr als All' ihn liebt und mehr um ihn gelitten, Sie wandelt herrlich jetzt aus ihrem Zelt hervor, Wie oft ein Engel geht aus niedern Erdenhütten. Wohl bebt ihr volles Herz in rascher Freud' empor, Doch schüchtern steht sie fern und naht mit bangen Schritten; Ihr sel'ger Blick macht kühner, als ihr Mund, Die helle Lust der tiefen Seele kund.   72. Und ihm, dem immer noch aus jenen heil'gen Hallen Der holde Traum das ganze Herz erfüllt, Ihm scheint vor seinem Blick der Schleier jetzt zu fallen, Der ihm so lang' in ihr den höhern Geist verhüllt. So sah er dort die reinen Engel wallen, So war ihr Aug', ihr Mund, ihr lichtes Bild, So lacht' ihm dort Verklärung, Lieb' und Segen Und Mild' und Huld aus jedem Zug entgegen.   73. Und wenn er dann mit tiefer Lust gedenkt, Daß nun sobald, vielleicht nach wenig Tagen, Sie, die er heiß und treu im Herzen stets getragen, So ganz sein eigen ist und ewig ihn umfängt, Dann muß sein banger Geist sich selber staunend fragen: Was that ich doch, daß Gott so großes Heil mir schenkt? Wie durft' ich doch so lang die heil'ge That verschieben, Wozu mich Glaub' und Dank und Liebe längst getrieben?   74. Zwar heute frommt der kühne Sturm nicht mehr; Doch laut ertönt der Ruf auf allen Seiten, Auf morgen soll' ein Jeder Waff' und Wehr Und Seel' und Leib zum frühen Kampf bereiten. Mit hellem Jubelruf empfängt das tapfre Heer Den muthigen Befehl, ein Jeder brennt zu streiten. Auf allen Wiesen wird, in allen Zelten jetzt Geschoß und Roß geübt, und Lanz' und Schwert gewetzt.   75. Der Abend sank, von Rosenduft getragen, Am Himmel schwamm die Dämmrung, rein und kühl, Als solle schön der nächste Morgen tagen Zum freud'gen Tanz, zum festlich holden Spiel, Nicht weit umher des Krieges Flamme schlagen Durch Zorn und Mord, durch Trümmer und Gewühl. Doch wenn sein Saum mit Blut sich auch befeuchtet, Ein großer Festtag ist's, der morgen Allen leuchtet.   76. Spät ruft der Bischof noch die Krieger zum Altar, Um dessen grünen Rand die letzten Strahlen schweben, Und spricht manch hohes Wort vom Trost im Tod' und Leben, Von Demuth und Geduld im Glück und in Gefahr. Und seine Sünde wird dem gläub'gen Volk vergeben, Geheiligt und versöhnt erhebt sich jetzt die Schaar Und sieht mit leichter Brust, erquickt von Gottes Segen, Dem Kampf, der Müh, dem Schmerz und selbst dem Tod entgegen.   77. Denn Manchem, den so süß der kurze Schlaf umwand, Wird langen Todesschlaf der künft'ge Tag verleihen. Noch einmal drückt der Freund dem treuen Freund die Hand, Und Mancher geht umher, den Feinden zu verzeihen, Und Mancher denkt zurück an seine fernen Treuen, An Kinder, Weib und Braut, an's liebe Vaterland. Früh sinkt der Schlaf herab, zu tapfern Kriegeswerken, Zum letzten Siegeskampf das müde Heer zu stärken. Sechszehnter Gesang. 1.                       Indessen war mit seines Feindes Schwert Skiold, den die Braut zum Raub des Tyrfings schickte, Zu seinem Volk nach Lethra heimgekehrt, Wo lang' ihm schon Thorild' entgegenblickte. Noch sann er, welch ein Wahn so rasch ihn jüngst bethört, Welch eine Macht ihn jüngst nach Hween's Gestad' entrückte, Und so begann mit zweifelvollem Sinn Der kühne Held zu Hertha's Priesterin:   2. Nur du vermagst vielleicht den Zauber zu entdecken, Der mich so seltsam jetzt in seinen Kreis gebannt. Ein böser Elf schien meinen Geist zu necken – Wohl hat ihn Loke's List zu Odin's Schutz gesandt – Weit führt' er durchs Gefild, durch dunkle Meeresstrecken Mich an ein Riesengrab zum fernen Inselstrand. Vergebens sinn' ich jetzt, was dort mein Arm vollbrachte, Mir schien's ein Traum zu seyn, doch weiß ich, daß ich wachte.   3. Darauf erzählt er ihr, wie er auf nächt'gem Pfad Sich in der Felsenkluft des wilden Hains gebettet, Und wie der Drache dort genaht Und mit gewalt'ger Kraft den Schlummernden gekettet, Bis aus den Fesseln ihn mit heldenmüt'ger That Nach ungeheurem Kampf sein bittrer Feind gerettet, Und wie dann Beide Schwert um Schwert Mit mildem Wort vertauscht und friedlich heimgekehrt.   4. Dumpfsinnend hat die Priesterin geschwiegen, Indeß ihr Freund ihr seine Fahrt erzählt; Kein Blick enthüllt, kein Wechsel in den Zügen, Was mächtig jetzt den stolzen Busen quält; Still ist und tief der Zorn hinabgestiegen Zur finstern Brust, die grimmig ihn verhehlt; Verborgen wogt in ihrem starken Herzen Ein wildes Meer von Liebe, Wuth und Schmerzen.   5. So regt sich oft, vom Erdenschoos verhüllt, Umschlossen rings von harten Felsengängen, In tiefer Nacht die Flamme rasch und wild Und strebt ergrimmt ihr starkes Band zu sprengen; Doch oben grünt und blüht und duftet das Gefild, Der dunkle Hain erschallt von lieblichen Gesängen, Bis plötzlich aus der Kluft die Gluth empor sich ringt Und Berg und Thal zerreißt und Wies' und Wald verschlingt.   6. Wohlan, so siegt, ihr feindlichen Gewalten. Beginnt Thorilde jetzt, als sie allein sich sieht. So mag der Blitz den Opferherd zerspalten, Worauf so lang der Dänen Heil geblüht! Nicht kann der Mensch den Thron der Götter halten, Wenn selbst der Gott ihm seine Hülf' entzieht. Was Geist und Arm vermocht, das Unheil abzuwenden, Hab' ich umsonst versucht; bald gilt es, groß zu enden.   7. Doch noch verzag' ich nicht, noch heb' ich kühn mein Haupt Zu dir empor, noch ring' ich um die Beute, Verhaßte Macht, du, die mir Alles raubt, Was ich geliebt, woran mein Herz sich freute. Nimm mir den Gott, an den ich lang geglaubt, Nimm mir den Freund, verdirb mein Volk im Streite; Nicht beugst du mich, bis nicht dein flammend Schwert Auch meine Brust zerschmettert und verzehrt.   8. Und sollst du einst, du alte Veste, fallen, Soll auch das Kreuz von deinen Zinnen wehn, Soll grimmig dort die wilde Flamme wallen, Wo herrlich jetzt der Heimath Götter stehn; Nicht wird mit ihrem Sturz Thorildens Ruhm verhallen, Und auf den Trümmern wird sich hoch mein Grab erhöhn. Mag Feindesmacht, was ich gethan, zerstäuben; Was ich gewollt, wird doch mir ewig bleiben.   9. So ruft sie aus; dann blickt sie hoch und hehr Zum Himmel auf und weit von Lethra's Zinnen In's Land hinaus und weit in's graue Meer, Mit stolzem Geist versenkt in tiefes Sinnen. Fern sieht sie ein Gewölk, von Blitz und Donner schwer, Den ungestümen Kampf mit Wog' und Fels beginnen; Da spricht sie kühn: Die mächt'ge Woge bricht, Der Fels erbebt; der Tapfre beugt sich nicht.   10. Dann geht sie schnell, zur That sich zu bereiten, Zu welcher jetzt die drohnde Noth sie zwingt: Sie will in deutscher Tracht in's Christenlager reiten, Sobald die Dunkelheit zur Erde niedersinkt, Und dort zum zweiten Mal das Tyrfings Schwert erbeuten, Das in des Feindes Hand so großes Unheil bringt. Doch soll kein Held aus Lethra's Schaaren, Selbst Skiold und Harald nicht, was sie beginnt, erfahren.   11. Schon prangt im Waffenschmuck das jungfräuliche Bild, Als kaum die Nacht sich senkt mit schattigem Gefieder: Ein helles Panzerkleid umschließt die schlanken Glieder, An ihrem Arme prangt des Sängers blanker Schild, Tief wiegt der Reiherbusch sich von dem Helme nieder, Der kühn die holde Stirn, die blühnde Wang' umhüllt. So steht sie herrlich da. Nicht kann man ohne Grauen Und ohne Liebe nicht die schöne Heldin schauen.   12. So läßt im goldnen Kranz der Nacht Bei schwüler Sommergluth der Sirius sich sehen. Wie freundlich auch von dunklen Höhen Das helle Sterngebild zur Erde niederlacht, Die Heerde sinkt dahin, Gewächs und Gras vergehen, Der klare Quell versinkt vor seiner grimmen Macht. Wie bittre Noth auch seine Strahlen senden, Doch kann man kaum den Blick von seinem Glanze wenden.   13. Dann steigt sie auf ein Roß, bei dessen Laufe kaum Vom hohen Gras herab des Thaues Tropfen sinken, Von hellen Perlen glänzt der Decke reicher Saum, Man sieht von edlem Gold Gebiß und Bügel blinken, Es trägt zur Zierde nur den buntgestickten Zaum, Rasch, fromm und klug zugleich, gehorcht es Wort' und Winken, Hoch hebt es Hals und Haupt; fast glaubt, wer es erblickt, Noch schöner wähn' es sich durch seine Last geschmückt.   14. So reitet sie durch Lethra's dunkle Hallen; Gleich Sternen glänzt der Helm, der Schild, der scharfe Speer. Kein Wächter sieht sie nahn und hört den Hufschlag schallen, Denn Schlummer sendet rings ihr Zauberwort umher. Vor ihrem Winke muß die ehrne Brücke fallen, Und knarrend öffnet sich die Pforte, hoch und schwer. Dicht hinter ihr verschließt das Thor sich wieder, Die Brücke steigt, das Gitter rasselt nieder.   15. Wie rings der Himmel sich verhüllt, Wenn mit dem raschen Sturm die finstre Wolke streitet, Und nur des Mondes helles Bild Durch's flücht'ge Dunkel oft auf blauen Bahnen gleitet: So zieht Thorilde jetzt durch's nächt'ge Schlachtgefild; Ein trüber Nebelduft ist weit umher verbreitet, Vor ihr und hinter ihr verschleiert sich der Pfad, Und dort nur ist das Licht, wo sich die Mächt'ge naht.   16. Sie reitet fort auf wohlbekannten Wegen, Bis bald der Wall des Lagers vor ihr liegt. Nicht braucht sie dort den kräft'gen Zaubersegen, Weil Alles längst der Schlummer eingewiegt; Auch hören, die am Thor der nächt'gen Wache pflegen, Den leichten Zelter nicht, der minder läuft, als fliegt. Schon reitet sie, dem Zufall überlassen, In's Thor hinein und durch des Lagers Gassen.   17. Doch sieht sie bald, da sie die Reihn durchspäht, Im Mittelpunkt ein prangend Zelt sich heben, Das herrlich glänzt und fern den andern steht, Von Rasengrün in weitem Kreis' umgeben. Zwei Fahnen rauschen dort, vom Wind umhergeweht, In dieser scheint ein Aar, in der ein Kreuz zu schweben. Dort schwingt sie sich vom Roß, und leise, wie die Nacht Betritt ihr Fuß das Zelt, das kein Trabant bewacht.   18. Süß rastet dort in Schlummer hingegossen, Bei Kerzenschein der ritterliche Held. Hold kräuselt sich sein Haar, das, rings herabgeflossen, Auf Busen, Wang' und Arm in goldnen Locken fällt; Von keinem Panzer ist die kühne Brust umschlossen, Die auch im Traume noch manch hohes Sehnen schwellt; Auf Mund und Wangen glänzt der Jugend reine Blüthe, In jedem Zug gesellt sich Liebe, Kraft und Güte.   19. Wie sanft der Schlaf um seine Lippen schwimmt! Wie friedlich sich die kühnen Augen schließen! Als wiss' er nicht, was ihm sein Loos bestimmt, Als soll' erst jetzt der Lenz der Jugend ihm entsprießen; Und doch wird morgen schon, noch eh der Tag entglimmt, Sein junges Heldenblut der Todeswund' entfließen. Er, den so mancher Schmerz im kurzen Leben traf, Er schläft so ruhig nun, so still den letzten Schlaf.   20. Hell funkelte, entblößt von seiner Scheide, Dicht neben ihm, ein schlimmer Bettgenoß, Das Zauberschwert, durch dessen scharfe Schneide So manches Blut, so manche Thräne floß. Thorild' ergriff's und schwang's in wilder Freude – Unsel'ge, spanne nicht des Schicksals grimm Geschoß! Verderblich wird auch dir die ehrne Senne klingen, Dir selbst der bittre Pfeil in's tiefe Leben dringen.   21. Still steht sie jetzt und finster, wie der Tod, Und sinnt und schwankt, ein großes Werk zu wagen. Wie kann sie jetzt so leicht den mächt'gen Feind erschlagen, Der trotzig ihrem Stamm und ihren Göttern droht! Wohl soll ein kühnes Herz vor nächt'gem Morde zagen, Doch was die Schaam verbeut, laut heischt es jetzt die Noth; Er drängt ihr Volk, er nimmt ihr Lieb' und Glauben, Und sie besinnt sich noch, das Leben ihm zu rauben?   22. So schwankt sie lang' und hat das Schwert gezückt. So oft in ihrer Brust die finstern Geister siegen, Hält ihren raschen Arm ein heimlich Band umstrickt, Ein mächt'ger Zauber scheint ihr Auge zu betrügen. Denn immer deutlicher, je mehr sie auf ihn blickt, Erscheint des Freundes Bild ihr in des Feindes Zügen. So lächeln Wang' und Mund, so ringelt weich und klar Sich um die kühne Stirn das goldne Lockenhaar.   23. Wie darf ihr Arm das holde Bild durchbohren, Worin der Blick den theuern Freund erkennt, Den Einzigen, den ihre Lieb' erkoren, Dem sie die erste Huld der stolzen Brust gegönnt? Was hat so wunderbar sich gegen sie verschworen, Daß Lieb' in ihr erregt, was sie zu tödten brennt? Sie bebt und senkt das Schwert zu Boden nieder, Sie schweigt und schaut und sinnt, dann hebt sie's drohend wieder.   24. Denn wie zuerst den heimlich glühnden Brand Mit schwarzer Schwing' ein dichter Dampf verkündet, Bis plötzlich sich durch's wogende Gewand Die rasche Gluth mit tausend Flammen windet Und sich zur Fackel rings dem nachbarlichen Land, Dem fernen Schiffer sich zum Leitgestirn entzündet; Man sieht ein feurig Roth am Himmel angefacht, Und heller wird zugleich und dunkler Wolk' und Nacht.   25. So lüftet jetzt vor ihrem Angesichte Allmählig sich der Zukunft dunkler Flor, Und gräßlich ringt, verklärt von grellem Lichte, Ein grimm Geheimniß sich aus seiner Nacht hervor. Tief fühlt ihr finstres Herz, wie schwer der Himmel richte, Der sie zum Herold einst des eignen Wehs erkor. Jetzt liegt es deutlich da, was lang der Geist ihr sagte, Was sie schon lang geahnt und doch zu ahnen zagte.   26. Er, dem sie einst im harten Streit, Um seines Namens Glanz vor aller Welt zu schänden, Mit ungeheuerm Fluch den Brudermord gedräut, Soll auf ihr eignes Herz jetzt ihre Drohung wenden. Nicht blieb es ihr verhehlt, daß einst in früher Zeit Der Bruder Skiold's verschwand, geraubt von Feindeshänden. Und er, in dem so ganz des Freundes Bild ihr naht, Er ist, ihn leitet jetzt sein Loos zur dunklen That.   27. Sie steht und schweigt und sinnt mit starren Blicken, Um Wang' und Stirn beginnt ein schwarz Gewölk zu ziehn, Und rasche Blitze scheint ihr Auge dann zu zücken, Wie helle Flammen oft aus finstern Gräbern sprühn. Bald will der innre Kampf ihr ringend Herz erdrücken, Bald widerstrebt's mit Macht und hebt sich frei und kühn. Wie schwer ein Donner rollt aus düstrer Wolkenpforte, Entfliehn der dunklen Brust zuletzt die dumpfen Worte:   28. Hab' ich nicht manches Lied aus alter Zeit gehört, Wie Menschen oft mit unverzagtem Streben, Mit eigner Kraft der Norne Zwang zerstört Und nicht verzagt, den Arm auf Götter selbst zu heben? Nicht zag' auch ich, ich selbst errang das Schwert, Das zu des Bruders Mord dir dein Geschick gegeben, Mir lacht das Glück, mein ist der erste Sieg; Und rasch vollende nun ein Stoß den kühnen Krieg!   29. Du ruhst so schön von blühndem Reiz umflossen, Von manchem Hoffen ist dein Herz vielleicht geschwellt; Wohl manche Thräne wird um dich vergossen, Wenn nun so früh dich schon dein Grab umfangen hält. Doch bin denn ich allein für Lieb' und Lust verschlossen? Betrübt es mich nicht auch, wenn mein Geliebter fällt? Ich muß vor bitterm Gram, wenn ich dich schone, sterben, Dein Tod nur ist mein Heil – drum muß ich dich verderben.   30. Das Blut ist mein, das dir im Herzen fließt, Mit manchem Band bist du mir eng verbunden, Mein einz'ger Freund hat noch vor wenig Stunden Nach harter Noth als Retter dich gegrüßt. Du bist die Waffe nur, die, tief mich zu verwunden, Ein stärkerer, ein größrer Feind erkiest. Nicht zürn' ich dir. Muß auch dein Blut mich röthen, So will ich freundlich doch und klagend selbst dich tödten.   31. So spricht sie sanft. Ein leises Trauern füllt Den großen Blick und hält ihr Herz umfangen; An ihm, den immer noch so sanft der Schlaf umhüllt, Läßt sie noch einmal jetzt die stillen Augen hangen; Sie neigt ihr stolzes Haupt so friedlich und so mild Und küßt mit leisem Kuß des Jünglings blühnde Wangen; Sie sinnt, sie schwankt, sie seufzt zum letzten Mal; Dann fährt sie kühn empor, sie hebt, sie zückt den Stahl.   32. Indessen lag versenkt in Träum' und Sorgen Cäcilie noch wach im nahen Zelt. Manch Zagen regte sich in ihrer Brust verborgen, Von manchem Hoffen war ihr frommes Herz geschwellt; Sie dachte still an jenen großen Morgen, Mit dem auch ihr Geschick nun bald sich ganz erhellt; In manchen Bildern schien ihr jugendliches Leben Von frühen Tagen an vor ihr vorbei zu schweben.   33. Dann dachte sie, wie sie so manches Leid, So kurze Freuden nur auf ihrer Bahn gefunden, Wie Gott ihr Alles nahm, was sonst die Welt erfreut, Und nur an sich allein ihr treues Herz gebunden, Und wie der Himmel ihr nun bald die Palme beut, Weil sie in seinem Dienst gekämpft und überwunden; Dann wandte bald ihr weicher Liebessinn Auf ihn, der mit ihr kämpft, der mit ihr siegt, sich hin.   34. Wie auch der harte Streit am Morgen sich entscheide, Sie ahnt, sie werd' ihn nie im Leben wiedersehn. Nicht klagt und weint sie mehr um ihn in ird'schem Leide, Den hier der Himmel beugt, um dort ihn zu erhöhn. Auch fühlt ihr Herz, nie trenne Gott sie Beide, Wo er dem Tod' erliegt, da müss' auch sie vergehn. Doch fruchtlos müht sie sich die Sehnsucht zu ersticken, Nur einmal noch den Freund im Leben zu erblicken.   35. Doch darf in stiller Nacht, so heimlich, so allein, In ihres Freundes Zelt die scheue Jungfrau treten? Um ihre Wangen fließt ein schüchternes Erröthen, Doch immer mächt'ger wird des Wunsches süße Pein. Sie wendet sich zu Gott mit kindlichen Gebeten, Er kennt ihr Herz, er soll ihr Führer seyn. Da fühlt sie süße Ruh' im zagenden Gemüthe, Sie weiß, sie darf's, sie weiß, daß Gott es selbst gebiete.   36. So zittert sanft, zum Quell hinabgebeugt, Die Blum' und sieht, von süßem Wahn betrogen, Ihr frisches Bild vom Thau der Welle feucht Und hell verklärt vom keuschen Glanz der Wogen, Das freundlich naht, wenn sie sich niederneigt, Und schwindet, wenn ihr Kelch sich leis' emporgebogen, Bis säuselnd um den Strand ein lindes Lüftchen haucht, Und sanft ihr blühndes Haupt zur Schwester niedertaucht.   37. Jetzt hat sie bald in Gold und weiche Seide Den keuschen Reiz der Glieder eingehüllt: Von Perlen glänzt der Saum an ihrem reichen Kleide, Ein zarter Schleierflor umfließt ihr holdes Bild, Auf ihrem Busen prangt ein funkelndes Geschmeide, Das weit die Nacht umher mit hellen Strahlen füllt, Ein breites Band von blitzenden Rubinen Muß leuchtend ihr zum Schmuck der dunklen Locken dienen.   38. Ihn, den ihr Auge jetzt zum letzten Male sieht, Um welchen finster schon die Todesnebel wehen, Den Gottes Hand so lang von ihrem Herzen schied, Noch einmal will sie schön und bräutlich vor ihm stehen; So wie sie reizend jetzt in Schmuck und Jugend blüht, Will sie mit ihm empor zur sel'gen Heimath gehen, Sie sieht im freud'gen Glanz den süßen Brauttag nahn Und darf nicht ungeschmückt den Bräutigam empfahn.   39. Aus ihren Augen strahlt ein unvergänglich Leben, Ein schönres Morgenroth umfließt ihr Angesicht, Und Strahlen sieht man hell um ihre Stirne schweben, Und ihres Schleiers Saum umwallt ein heil'ges Licht, Und schlanker scheint ihr Leib und leichter sich zu heben, Ihr sanft getragner Fuß berührt die Erde nicht; Demüthig steht sie da in wundersel'ger Schöne Und weiß nicht, daß schon jetzt sie Gott zum Engel kröne.   40. So sah auch ich, Cäcilie, dein Bild Am Ziele deiner Bahn von Gottes Glanz umflossen: Je mehr auf Erden sich die Blumen dir verschlossen, Je schönre waren jetzt vom Himmel dir enthüllt. Wie fühlt' ich Lieb' und Huld durch dein Gemüth ergossen, Wie waren Aug' und Herz so selig, fromm und mild! Wohl härmt' ich tief mich um dein frühes Scheiden Und mußte doch dir oft den heil'gen Glanz beneiden.   41. Und leuchtend geht sie jetzt und herrlich durch die Nacht, Dem Regenbogen gleich in herbstlich trüben Stunden. Die Sterne, deren Glanz Thorildens Zaubermacht Zur mitternächt'gen That mit finsterm Duft umwunden, Sind alle glänzender am Himmel jetzt erwacht, Und Gottes heil'ge Hand hält jeden Trug gebunden. Wohl scheint es, daß vor ihr ein mächt'ger Engel schwebt, Weil sich von selbst des Zeltes Vorhang hebt.   42. Sie tritt hinein. Schon zückt die scharfe Klinge Zur blut'gen That Thorildens starke Hand; Da ist's, als ob die Kraft des Himmels sie durchdringe, Als ob, vom Flammenhauch allmächt'gen Zorns entbrannt, Sich Gottes heil'ger Blitz aus ihren Augen schwinge, Der kein Verschonen kennt und keinen Widerstand; Hoch steht sie da, ein Bot' aus Gottes Reiche, Und hebt den Arm empor und droht und ruft: Entweiche!   43. Und als die Feindin kaum die mächt'gen Töne hört, Die mit verborgner Kraft sie strafen und verdammen, Als sie den Glanz erblickt, der ihre Stirn verklärt, Der Wangen sel'ges Licht, des Auges heil'ge Flammen, Da bebt sie rasch, es sinken Arm und Schwert, Ihr Blick verdunkelt sich, sie wankt und stürzt zusammen; Sie, die so kühnen Kampf dem ganzen Himmel bot, Erliegt vor einem Wort, womit der Herr ihr droht.   44. O Lilie, wie hebt in wilden Wettern Dein heller Kelch so kühn sich aus dem niedern Moos! Ein strahlend Gold entleuchtet deinen Blättern, Und Gottes Thau benetzt den reinen Schoos; Der Himmel glüht, und rothe Blitze schmettern, Die starke Eiche sinkt vom mächt'gen Sturmesstoß. Sie, die mit stolzem Haupt zum Himmel sich erhoben, Liegt neben dir geknickt; du stehst und schaust nach oben.   45. Doch wie ein Wild, das vom Geschoß verletzt, Nach langer Flucht durch dunkle Waldeshallen, Des Hauchs beraubt, mit Schaum und Blut genetzt, In's dichte Grün ohnmächtig hingefallen, Wenn noch die Meute bellt, und durch's Gebüsch sich jetzt Der rasche Jäger drängt, und laut die Hörner schallen, Noch einmal sich erhebt und mit der letzten Kraft Durch Wald und Feld, durch Berg und Thal sich rafft:   46. So reißt vom Boden sich die schreckliche Thorilde, Als eben Adalbert von seinem Schlaf erwacht; Sie hebt das Schwert, sie deckt sich mit dem Schilde, Sie stürmt zum Zelt hinaus und sprengt zu Roß mit Macht, In Wolk' und Sturm gehüllt, gleich einem Schreckgebilde, Von Gottes Zorn gejagt, verzweifelnd durch die Nacht. Die Wächter beben rings und fliehn umher mit Grauen, Als sie das grimme Drohn der wilden Jungfrau schauen.   47. Von raschem Wahnsinn ist ihr dunkles Herz bewegt, Vor ihrem Blick beginnt die Erde sich zu drehen; Wie flammend auch die Gluth aus ihren Augen schlägt, Sie scheint in blinder Hast nicht Weg noch Ziel zu sehen, Durch Sturm und Wogenschall, durch Wald und Dornen trägt Ihr schäumend Roß sie fort und über Thal und Höhen, Bis sie zuletzt auf wild verworrnem Pfad Dem heil'gen Hügel sich, dem Herde Gottes, naht.   48. Indessen zog die feindliche Swanwithe, Sie, deren Schoos Thorilden einst gebar, Aus ihrer dunklen Kluft im fernen Waldgebiete Zu gleicher Zeit empor zu Gottes Hochaltar. Denn seit sie jüngst im Kampf vergebens sich bemühte Durch Zauber zu zerstreun der Christen tapfre Schaar, Verschloß das finstre Weib, vor aller Welt verborgen, Sich in ihr wüstes Reich, gequält von Grimm und Sorgen.   49. Dort, wo so prangend jüngst ihr mächtiger Herrscher stand, Dem sie zum Dienste sich als Priesterin ergeben, Dort, wo ihr Drohn noch jüngst, ihr rasches Widerstreben Der Götter kühnen Feind von Thron und Reich verbannt, Dort sah sie jetzt den Herd der Christen sich erheben, Dort herrschte jetzt der Gott, den nie ihr Herz erkannt, Von dort war flammend jüngst zum Unheil ihrer Schaaren Und ihrer Macht zum Hohn der Blitz herabgefahren.   50. Wie still der starke Leu in seiner Höhle weilt, Von rauhen Felsenhöhn und finsterm Wald umschlossen, Und mit verhaltnem Grimm die wunden Glieder heilt, Die jüngst mit scharfem Speer ein Jäger ihm durchschossen; Doch, wenn sich frische Kraft durch sein Gebein ergossen, Blutdürst'ger noch als sonst zu neuem Raub' enteilt: So kam Swanwithe jetzt nach drei durchzürnten Tagen Aus ihrem Hain zurück, noch größern Kampf zu wagen.   51. Nicht lang soll seines Throns der fremde Gott sich freun, Nicht lang' ein feindlich Bild den Hügel Frey's entehren; Sie selber will den heil'gen Stein, Worauf das Kreuz sich hebt, mit finstrer Macht zerstören. So zieht sie kühn hinweg aus ihrem dunklen Hain, Umflattert und umsaust von bösen Geisterheeren, In schwarze Rüstung ist ihr starker Leib gehüllt, Schwarz ist ihr hohes Roß, und schwarz sind Helm und Schild.   52. Schon hat sie jetzt mit neunfach starken Kreisen Im Zauberschritt den Gottesherd umschränkt, Schon neunmal ihn bedroht mit dunklen Runenweisen, Mit gift'gen Tropfen schon den heil'gen Raum besprengt, Und schon die Brust geritzt mit scharfgeschliffnem Eisen, Und mit dem eignen Blut die Geisterschaar getränkt; Da hört sie durch die dichten Lauben Des wildverschlungnen Hains Thorildens Zelter schnauben.   53. Sie, die von heißem Zorn entbrennt, Daß jetzt ein fremder Fuß den stillen Zauber störe, Schwingt hastig sich auf's Roß und spornt es wild und rennt Auf Hertha's Priesterin mit langgestrecktem Speere; Und diese, die das Bild der Mutter nicht erkennt, Hebt hoch den breiten Schild und setzt sich rasch zur Wehre. Und jetzt beginnt ein Kampf auf diesen nächt'gen Höhn, So grimm und wunderbar ihn nie die Welt gesehn.   54. Sie stürmen wild und zornig sich entgegen, Daß Beider Speer am starken Schild zerkracht, Dann zücken sie das Schwert zu ungeheuren Schlägen, Von Funken leuchtet weit die unwirthbare Nacht. Der Mutter ist an Kraft die Tochter überlegen, Drum sichert Jene sich durch ihre Zaubermacht; Bald ist sie hier, bald dort, bald scheint sie sich zu spalten Und droht der Gegnerin in doppelten Gestalten.   55. Doch auch Thorilden ist manch Truggebild bekannt, Des Feindes Augen zu verwirren: Bald scheint ein ganzes Heer im wilden Kampf entbrannt, Man hört im Walde rings viel hundert Schwerter klirren, Und Speere werden rings und Pfeil' umhergesandt, Die ohne Schaden nahn und luftig weiter schwirren; Von lauter Trommeln gellt, von ehrnen Hörnern schallt Und von Trompetenklang erzittert Berg und Wald.   56. Zu Riesen scheinen sich die Bäume zu beleben, Ein scharfes Schwert hält jeder Ast gezückt, Der moos'ge Fels beginnt vom Boden sich zu heben Und schreitet träg einher, von eigner Last gedrückt, Und kämpfend sieht man jetzt viel grause Vögel schweben Und Thiere, welche nie ein menschlich Aug' erblickt, Bald scheint's, als ob zum Strom die Erde, Zum raschen Sturm der Strom, die Luft zur Flamme werde.   57. Und wie im Fichtenwald die Winde heulend wehn, Wie brausend Wog' und Gluth sich mischen, Wie laut der Löwe brüllt, wie gift'ge Schlangen zischen, Wie dumpf die Eule krächzt und Hähne gellend krähn: So hebt verwirrt aus allen Büschen, Aus Luft und Höhlen sich ein gräßliches Getön. Was Erd' und Himmel zeugt, was Ström' und Tiefen hegen, Scheint Alles tobend sich im lauten Kampf zu regen.   58. Und durch den wilden Zaubertraum Drehn rasch sich hier und dort die starken Kämpferinnen, Sie selbst erkennen oft die eigne Schöpfung kaum; So mischen Trug und Trug sich vor den wüsten Sinnen. Die schützt mit Schild und Schwert sich vor Gebüsch und Baum, Die sieht man mächt'gen Kampf mit hartem Fels beginnen; Oft stürzt, wenn rasch vor ihm der Stein als Woge steigt, Das Roß sich in den Strom, der ebnem Rasen gleicht.   59. Da lassen sie die nicht'gen Zauber schwinden, Und heißer hebt ihr eigner Kampf sich dann: Bald sieht man sie als Drachen sich umwinden, Bald fallen sie als grimme Leun sich an; Und will die Eine sich zur Flamme rasch entzünden, So stürzt die Andre sich als wilder Strom heran; Verbirgt die Eine kaum in harten Fels die Glieder, So schlägt die Andre schon als Blitz die Feindin nieder.   60. Schon heben sie zum kühnern Streit Sich in die Nacht empor, gleich zornentbrannten Göttern, Ihr Wagen ist der Sturm, die Wolk' ihr finstres Kleid, Die ehrne Rechte kämpft mit Wogen und mit Wettern; Und während Jene laut mit raschen Donnern dräut, Läßt Die den glühnden Blitz aus starken Händen schmettern. Ein wild Geheul wird durch die Nacht gehört, Der ganze Himmel scheint zum grausen Kampf empört.   61. Denn jene Geister auch, die Beide stets umgeben, Entziehn sich jetzt der wilden Schlacht nicht mehr: Man sieht sie rings wie glühnde Schwerter schweben, Als Drachen stürmen Die, als Greifen Die einher, Als ein geschweifter Stern beginnt sich Der zu heben, Der rauscht und schlägt herab als Hagel dicht und schwer; In Donnern und in Sturm, in Blitz, Gewölk und Regen, In Nacht und Flammen ziehn die Mächt'gen sich entgegen.   62. Die Wälder brechen rings von starker Winde Wehn, Die Klüfte schallen laut, die alten Felsen splittern, Gewässer stürzen dumpf und Ströme von den Höhn, Das ferne Meer erbraust von kämpfenden Gewittern, In Sturm und Gluthen scheint der Himmel zu vergehn, Im tiefsten Grund beginnt die Erde zu erzittern. Doch wie die wilde Nacht auch donnert, saust und blitzt, Hoch steht das heil'ge Kreuz von Gottes Hand geschützt.   63. Schon lang vernimmt von beiden Seiten Die Schaar, die auf der Burg und die im Lager wacht, Den ungeheuren Kampf vom Weiten Und sieht mit bangem Blick die Zeichen in der Nacht, Und mancher Däne glaubt, daß Gott und Odin streiten Im letzten harten Kampf um Scepter, Reich und Macht; Doch Jeder fühlt mit stillem Zagen, Es müss' ein großer Tag nach solchen Wundern tagen.   64. Doch als das kühne Paar erkannt, Wohl werde Keine so die Gegnerin bezwingen, Weil gleicher Zauber stets den gleichen Zauber bannt, Und für und wider sie dieselben Kräfte ringen, Da sieht man Beide sich noch einmal niederschwingen In menschlicher Gestalt und irdischem Gewand, Daß durch des Arms Gewalt und durch des Schwertes Schneide Bald über Sieg und Tod der harte Zwist entscheide.   65. Schon halten Beide hoch zu Roß Und staunen lang sich an, bereit zum scharfen Rennen. Man sieht durch ihren Helm die wilden Augen brennen, Und schon ihr Blick durchbohrt, wie flammendes Geschoß. Noch kann sich immer nicht das kühne Paar erkennen, Da Beid' ein fremder Schmuck, ein feindlich Kleid umschloß; Doch Jede wähnt schon längst, daß seines Herdes Rechte Der Gott der Christen selbst mit starkem Arm verfechte.   66. Und als sie sonder Zaubertrug Die scharfen Schwerter nun auf ihre Herzen wenden, Da sollte noch einmal des Tyrfings grimmer Fluch, Und nicht zum letzten Mal, sein blut'ges Werk vollenden. Kurz war der Kampf, Swanwithens Stunde schlug, Hoch blitzte schon der Tod in ihrer Tochter Händen, Laut saust das Schwert herab, Swanwithens Helm zerfliegt, Die Mutter sinkt, die Tochter hat gesiegt.   67. So trifft des Himmels glühnde Ruthe Den Kühnen, dessen Stolz sich gegen ihn empört. Sie, die mit frechem Uebermuthe Sich gegen Gott erhob, sie sinkt an jenem Herd, Den ihre Hand so oft befleckt mit fremdem Blute, Ein blutig Opfer selbst, durch ihrer Tochter Schwert; Und die das Schwert geraubt, den Himmel zu versuchen, Muß nun die erste That, die es vollbracht, verfluchen.   68. Die Geister, die Swanwithens Hand In ihren Kreisen hielt mit starken Zauberzügeln, Erheben jetzt sich rasch mit ungebundnen Flügeln Und schwärmen laut hinweg durch Wolken, Meer und Land: Der kehrt im Sturm zurück zu seinen Felsenhügeln, Der sucht sein Flammenhaus, Der seines Stromes Strand, Der schwingt mit schlagendem Gefieder Sich in die Luft empor, Der sich zur Tiefe nieder.   69. So regen rasch mit freud'gem Flügelschlag, Durch Wald und Feld im weiten Flug ergossen, Viel bunte Vögel sich, wenn einst ihr Gitterdach Im stolzen Gartenhain sich plötzlich aufgeschlossen; Der sucht sein altes Nest, Der wiegt sich auf den Sprossen, Der flattert durch die Luft den leichten Brüdern nach, Der hüpft an schattigen Gestaden Und freut sich, Schwing' und Haupt im freien Quell zu baden.   70. Der wilde Zorn der starken Kräfte schweigt, Schon säuselt mild die Ruh' auf Höhn und Triften, Der Nebel flieht, ans dunklen Wolken steigt Der Mond empor und schwimmt in blauen Lüften, Des Regens Fall versiegt, in sein Gestad' entweicht Der aufgeschwollne Strom, der Sturm zu fernen Klüften; Die wüsten Wälder nur, der Wies' entstelltes Kleid, Verkünden trauernd noch den grimmgekämpften Streit.   71. Hochprangend wähnt die trotzige Thorilde, Sie hab' in harter Schlacht den Christengott besiegt; Kühn schaut ihr Blick hinab in's heimische Gefilde, Das jetzt nicht lang sich mehr den fremden Ketten schmiegt. Dann naht sie sich dem grausen Leichenbilde, Das stumm und starr und finster vor ihr liegt; Sie löst Swanwithens Helm, von warmem Blut geröthet, Und blickt die Feindin an – und sieht, wen sie getödtet. Siebenzehnter Gesang. 1.                             Ihr, die ihr tief im alten Reich der Nacht, Das schwärzer noch die rothen Flammen färben, Bei Thränen nur und Qualen heulend lacht Und eignen Schmerz versüßt durch fremden Glücks Verderben, Ihr Knechte heil'gen Zorns, des Fluchs unsel'ge Erben, Zerstörer ohne Ziel, Aufrührer ohne Macht! Wohl seh' ich jetzt bei eures Kindes Qualen Aus euerm finstern Blick ein wildes Lächeln strahlen.   2. Denn wenn auch durch Thorildens Schwert Der Hölle kühnster Schutz, ihr Hoffnungsstern gefallen, Das eben ist der Fluch der ewig dunklen Hallen, Daß ihr mit grimmer Lust das eigne Werk zerstört Und ihn, den starken Gott, dem eure Flüche schallen, Durch gräßlich finstre That nur herrlicher verklärt. Was er, was ihr vollbringt, ihr müßt im Schmerz euch krümmen, Am eignen Weh' euch freun und lachen mit Ergrimmen.   3. Wie still und schwer auf weitem Meeresraum, Der leise bebt in ahnungsvollen Zagen, Weit ausgespannt mit hochgeschwollnem Saum, Die Wolke ruht, von eigner Last getragen; Die Welle scheint die Welle bang zu fragen, Und aus der Tiefe steigt vom stummen Drang der Schaum; Noch weiß man nicht, soll Sturm und Blitz beginnen, Soll leiser Thau vom Himmel niederrinnen:   4. So stand Thorilde jetzt, vom tiefen Weh verzehrt, Dumpfschweigend da, von keiner Regung klangen Des Panzers Ring' umher, kein Seufzer ward gehört, Nicht eine Thräne rann von ihren bleichen Wangen; Bald ließ sie ihren Blick am blut'gen Zauberschwert Und an Swanwithen bald und bald am Boden hangen; Ihr stummes Auge war viel dunkler, als die Nacht, Ihr Busen schien ein Grab, worin das Leben wacht.   5. Man sah das Laub des Haines sich entfärben, Entblättert sank die Blum' um ihren Pfad, Das Lüftchen schien mit bangem Hall zu sterben, Sobald sein Hauch sich spielend ihr genaht; Wohl schien's, als wolle Tod und Dunkel und Verderben Mit stillem Leichentuch umziehn die grause That; Für sie, die schweigend stand, schien bang mit leisen Tönen Gebüsch und Gras und Well' und Luft zu stöhnen.   6. Doch plötzlich schlug, gleich einem Wetterstrahl, Mit wilder Kraft das lang gefangne Leben Aus ihrer Brust empor in glühnder Qual, Verzweiflung schien durch jedes Glied zu beben: Weit schleuderte sie aus der Hand den Stahl, Der mit demselben Streich ihr Sieg und Fluch gegeben, Laut schrie sie auf mit bleichem Angesicht Und trocknem Blick, doch Worte fand sie nicht.   7. Und als sie jetzt, umringt von tausend Nöthen, Verzweiflungsvoll am blut'gen Boden lag, Als heißer stets die lauten Seufzer wehten, Und fast die Brust vom wilden Kampfe brach, Da sehnte sich ihr Herz, zu klagen und zu beten, Da fand sie keinen Gott, der Frieden ihr versprach, Nicht wähnte sie, daß über Wolk' und Winde Der Seele brünst'ges Flehn den treuen Vater finde.   8. Ihr Herz verlangt ein Bild, wenn auch aus Erz und Stein, Das nah' ihr sey, das sichtbar vor ihr stehe, Das ihr Verlangen, ihre Pein, Ihr laut Gebet vernehm' und ihre Thränen sehe, Aus dessen Stirn und Blick sie Zürnen und Verzeihn, Erhörung, Rath und Trost mit einem Aug' erspähe. Wohl weiß sie, daß der Stein ein falsches Leben lügt; Doch süß ist jeder Trug, der unsern Schmerz betrügt.   9. Da ruht ihr Blick auf jenem sel'gen Bilde, Das auf den heil'gen Herd der Christen Hand gestellt: Er schaut vom Kreuz so friedlich auf's Gefilde, Von Mondesstrahlen ist sein bleiches Haupt erhellt, Ein König scheint's an Kraft, ein Kind an Ruh' und Milde, Es liebt den bittern Feind und leidet für die Welt. Sie, die durch Wort und That so oft den Heiland schmähte, Sie neigt vor ihm sich jetzt im schmerzlichen Gebete.   10. Ja, du bist mächtiger, als ich! So ruft sie aus, wohl hab' ich's tief empfunden. Dein ist der Sieg, umsonst bekämpf' ich dich. Vernichte mich! du hast mich überwunden. Was blickst du jetzt so still, so mild herab auf mich? Du winkst und rufst umsonst, fest ist mein Herz gebunden, Ich neige mich vor dir, ich fühle deine Macht, Doch weich' ich nimmermehr aus deiner Feinde Schlacht.   11. Du, der so rächerisch im Zorne mir erschienen, Wie scheinst du jetzt vom Zorne mir so fern! Wohl möcht' ich dir, dem sanften Herrscher, dienen, Doch weiht ein ew'ger Schwur mich meinen alten Herrn. Mit ihnen muß ich stehn, ich muß vergehn mit ihnen, Mein Leben ist versagt und fest mein Schicksalsstern. Du siegst, und Odin sinkt, du kannst befrein und ketten, Kannst rächen und verzeihn, doch kannst du mich nicht retten.   12. Wohl bin ich tiefgebeugt, wohl drängt mich grimme Noth, Mein Himmel geht, mein Gott, mein tapfres Volk verloren, Ein fluchbeladner Mord färbt Schwert und Hand mir roth, Es fällt der einz'ge Freund, den sich mein Herz erkoren; Nur Eines bleibt mir noch, die Treu bis an den Tod, Die ich den Göttern einst, die ich mir selbst geschworen. Und blüht auch Fried' und Heil auf deiner milden Spur, Ich schwur dir Kampf und halte meinen Schwur.   13. Doch wenn sich einst die starken Bande trennen, Und auch in deinem Reich, wie dort in Odin's Saal, Die Nornen unserm Geist ein schönres Leben gönnen, Wo keine Pflicht mehr ist, kein Zorn und keine Qual; Dann laß auch mich, du Mächt'ger, dich erkennen, Und, wenn dich Alles liebt, sey Lieb' auch meine Wahl. Und hast du wirklich einst für alle Welt gelitten, So nimm auch mich zu dir, die für ihr Volk gestritten!   14. Sie ruft's; und er, der einst sein Blut für uns vergoß, Der Die gesegnet hat, die ihn an's Kreuz geschlagen, Er, gegen den auch sie jetzt neuen Kampf beschloß, Er haucht ihr Trost in's Herz und stillt ihr wildes Zagen. Schon ist sie stark genug, die grimmste Fahrt zu wagen, Sie rafft sich muthig auf und schwingt sich auf ihr Roß, Dann sprengt sie durch den Wald, daß weit die finstern Hallen Vom Doppelschlag des Hufs dumpfdröhnend wiederschallen.   15. Nicht fern von jenen Höhn, wo nächtlicher der Hain Die schwarzen Schatten streut, und Dorn und Busch sich drängen, Senkt schaurig sich ein Thal, wo schroffe Felsenreihn, Im Kreis emporgethürmt, gewaltig niederhängen. Dort sah das feuchte Moos noch nie der Sonne Schein, Kein Vogel freut sich dort in lieblichen Gesängen, Dort hat im Lenz der Dorn sein schneeiges Gewand, Und ihre Blüthen dort die Haide nie gekannt.   16. Und wo am wildesten die rauhen, Zerrißnen Felsen stehn, mit dunklem Wald gekrönt, Steigt eine tiefe Kluft hinab in nächt'ges Grauen, In deren Schlunde stets ein dumpfes Brausen tönt. Kein Auge kann den Schlund der schwarzen Höhle schauen, Die in der Erde Bauch sich unermeßlich dehnt; Kaum sieht man noch die drohenden Gestalten Der nächsten Klippen sich aus grauem Duft entfalten;   17. Sie ragen stumm aus wüster Nacht hervor, Manch Schreckgebild dem bangen Blick zu bieten: Hier bäumt ein Drache sich, dort springt ein Löw' empor, Dort sieht man ein Gespenst im finstern Neste brüten; Als Wächter scheinen sie der Höhle Felsenthor, Still lauernd auf den Raub und halbverhüllt, zu hüten; Die rege Nacht wogt wie ein dunkles Meer Bald höher, tiefer bald um ihre Glieder her.   18. Am Rande jeder Kluft erhebt im dumpfen Schweigen Ein alter Eichenstamm sein ungeheures Haupt Und breitet weit umher mit vielverschlungnen Zweigen Sich um den Abgrund aus, mit falbem Schmuck belaubt; Denn von den Dünsten ist, die aus der Tiefe steigen, Das jugendliche Grün der Blätter ihm geraubt, Matt läßt er manchen Ast bis dort herniederhängen, Wo aus den Felsen sich die tiefen Wurzeln drängen.   19. In seinem Schatten hat kein Hirt sich je gekühlt, Kein Jäger je auf flücht'gen Raub gelauert, Kein muntrer Vogel je in seinem Laub gespielt, Kein Efeu kränzt den Stamm, der ewig einsam trauert; Von grauser Furcht, von Todesahnung fühlt Sich Jeder, der ihm naht, umnebelt und durchschauert; Sein dunkler Schatten scheint in diesen Wüstenein Im tiefen Grabe noch ein tiefres Grab zu seyn.   20. Dort ist das Thor zu jenen finstern Hallen, Wo ew'ge Qual das Heer der Nacht umringt; Die Klänge, die so dumpf aus jenen Tiefen schallen, Sind ihr Geheul, ihr Fluch, der auf zum Himmel dringt; Und jener gift'ge Dunst, worin die Klüfte wallen, Mischt aus den Seufzern sich, wovon ihr Busen springt; Und Schweigen, Nacht und Tod sind jenen wüsten Orten Die ewig hemmenden, die nie gesprengten Pforten.   21. Nur Jene, welche Gott erkor, Auf unerforschter Bahn sein heil'ges Reich zu mehren, Sie heben finster oft sich aus der Kluft empor, Durch mannichfalt'gen Trug die Menschen zu bethören, Und aus der Eiche läßt und aus der Kluft hervor Den Kindern ihres Reichs ihr lügend Wort sich hören, Und Jedem, der im Wahn dem Baum sich fragend naht, verkündet Heil und spendet Fluch ihr Rath.   22. Doch naht nur Der den wüsten Felsenengen, Den über jedes Graun sein kühnes Herz erhebt; Wer vor den gräßlich wilden Klängen, Wovon sich plötzlich oft das todte Thal belebt, Wer vor den Bildern zagt, die aus der Kluft sich drängen, Und im Geheul und Sturm und Kampf nur einmal bebt, Den reißen jach mit flammendem Gefieder In ihr unsel'ges Reich die grimmen Geister nieder.   23. Dort harrt Thorildens jetzt der letzte große Kampf. Rasch jagt ihr wildes Roß durch öde Waldesstrecken, Der Abgrund selbst vernimmt der Hufe dumpf Gestampf, Die weit die stumme Nacht aus wüstem Schlummer wecken. Gewaltig hebt aus Schatten, Gluth und Dampf Der Hölle grauser Fürst des Hauptes dunkle Schrecken, Er fühlt, wer dort sich naht, und ruft mit Donnerton Der Geister trotz'ge Schaar vor seinen finstern Thron.   24. Sie sammeln sich, die auf den Wassern stürmen, Die durch den Schoos der Erde nächtlich ziehn, Die in den Lüften sich als Wetterwolken thürmen, Die aus der Berge Schwund in mächt'gen Flammen sprühn; Gleich grausen Vögeln naht, gleich scheußlichen Gewürmen, Das tausendfält'ge Heer, gleich Löwen stark und kühn; Laut schallt ihr grimm Geheul, der Sünder bebt zusammen Und birgt sein banges Haupt verzweifelnd in die Flammen.   25. Dort, wo entfernt vom glühnden Ort der Pein, Die alte Nacht in ungeheuren Hallen Sich wogend wölbt, und schweigend und allein, Zu stummer Qual verdammt, lichtscheue Geister wallen, Wo hier und dort Nachtvögel kreischend schrein, Und von der Schlangen Zorn die finstern Klüfte schallen, Wo keine Grenzen je blindtastend Fuß und Hand, Und nie sein eignes Bild das finstre Volk erkannt;   26. Dort ruht auf hoher Dampfeswelle, Die dunkler, als die Nacht, zum Throne sich verwebt, Mit grimmem Drachenhaupt der grause Fürst der Hölle, Vor dessen Wink und Blick der weite Abgrund bebt: Die Augen wälzen sich wie große Feuerbälle, Nur sie erleuchten jetzt das Graun, das brütend schwebt, Und jeden Blick sieht man gleich Flammenpfeilen, Verzehrend, wenn sie nahn, durchs ferne Dunkel eilen.   27. Von milden Seufzern ist sein finstres Herz empört, Die, mag sein Stolz auch grimmig sie verhalten, Man in der Brust doch ringend brausen hört, Wie tief in hohler Kluft gefangne Stürme walten; Sein Hauch ist gift'ger Dampf, die Zung' ein schneidend Schwert, Zu tausend Schlangen ist sein mächt'ger Schweif gespalten, Von Flammen ist der Reif, der seine Stirn umzieht, Sein Scepter ein Comet, der glühndes Unheil sprüht.   28. Und wie ein Meer, das auf verworrnen Pfaden, Vom nahnden Sturm allmählig aufgeregt, Um alle Inseln rauscht und an den Seegestaden Stets höher, lauter stets die rauhen Felsen schlägt, Und wild zuletzt, mit grauem Schaum beladen, Weit über Strand und Feld die raschen Wogen trägt: So schallte jetzt mit immer lauterm Grimme Dumpftönend durch die Nacht des Drachen ehrne Stimme:   29. Ihr Fürsten meines Reichs, die ihr zur ew'gen Schlacht Euch gegen Dessen Zorn, der euch entthront, verbündet, Die ihr in Ketten trotzt und eures Siegers lacht Und neue Kräfte nur in jedem Sturze findet! Noch einmal siegt der Feind, es wankt das Reich der Nacht, Der stolze Thron versinkt, den unser Trug gegründet, Er, den mein Herz verflucht, den nie mein Mund genannt, Bewährt noch einmal uns die ungezwungne Hand.   30. Doch siegt er auch, nicht läßt die Kund' uns zagen. Noch eh der Kampf begann, war uns sein Ziel bewußt. Der Sieg ist ewig sein, doch unser ist das Wagen; Und nicht des Streites Lohn, der Streit ist unsre Lust. So soll gewalt'ger stets des Hasses Flamme schlagen, Und stolzer widerstehn die unheilschwangre Brust! Die Lieb' ist stark, doch stärker ist das Hassen, Und selbst der Sieger muß uns diese Waffen lassen.   31. Und auch sein Sieg erfüllt, was unser Zorn begehrt: Wir sahn mit Blut das weite Land sich färben, Wild ist zum Kampf Volk gegen Volk empört, Die Zwietracht herrscht, das Unheil, das Verderben, Die Mutter fiel durch uns von ihrer Tochter Schwert, Von Bruderhänden muß durch uns der Bruder sterben; Verzweifelnd flucht das Volk und klagt im falschen Wahn Den Herrn des Himmels an um das, was wir gethan.   32. Wir siegen, wir, wenn Jener, der im Streite Uns übermannt, der Hölle Werk vollbringt. Und sinkt auch jenes Reich, das unserm Dienst sich weihte, Die Hölle jauchzt, wenn's grimm und blutig sinkt. Sein ist der Ruhm, uns bleibt die schönste Beute: Sie, die in kühner Hand der Hölle Banner schwingt, Sie, die dort oben naht, sie soll mit blut'gen Thränen, Mit grausen Schmerzen jetzt den Sieg der Hölle krönen!   33. Mit großen Kräften hat der Feind sie einst geschmückt, Hat ihr ein tapfres Herz und tiefen Sinn verliehen, Sie ist sein Werk, er hat ihr längst verziehen, Wie wild auch ihre Hand das Schwert auf ihn gezückt. Dies starke Heldenreis, es soll durch uns verblühen, Von ungeheurer Qual entblättert und zerknickt. Wenn sie ihr letztes Glück dem täuschenden Versprechen Der Hölle dargebracht, dann soll ihr Schmerz uns rächen.   34. Und hat sie Großes auch in unserm Dienst gethan Und kühn das Bild beschützt, das wir zum Gott ihr stellten, Und wähnt sie auch, von uns jetzt Rettung zu empfahn, Wer auf die Hölle traut, darf der die Lüge schelten? Nicht stritt für uns ihr Schwert, es stritt für ihren Wahn; Wohlan, so mag ihr Wahn, was sie vollbracht, vergelten! Wer Lohn und Dank aus unsrer Hand begehrt, Heischt Kühlung von der Gluth und Leben von dem Schwert.   35. So sprach der Fürst der Nacht, und alle Klüfte schallten Noch lang vom dumpfen Ton der Donnerstimme fort, Laut priesen rings die höllischen Gestalten Mit lachendem Geheul des Herrschers stolzes Wort. Die wilde Schaar begann die Flügel zu entfalten Und schwang von neuem sich hinweg zu Trug und Mord. Doch die der Fürst gewählt, erhoben Mit wolkenschwerem Flug sich durch die Kluft nach oben.   36. Doch durch die stille Nacht, die dämmernd sie umfloß, Und durch den Wald, der stets pfadloser sich verzweigte, Entfloh Thorild' indeß auf schaumbedecktem Roß, Bis nach und nach die Bahn sich in die Tiefe neigte, Und bald sich ihrem Blick das grause Thal erschloß, Das kaum nach langem Flug des Mondes Strahl erreichte. Nur mühsam klomm in jenes wüste Grab Durch Dornen und Gestein ihr leichtes Thier hinab.   37. Die Felsen sahn mit ihren dunklen Zinnen Gar schauerlich in's tiefe Thal hinein, Schwarz dehnten rings die Klüfte sich nach innen, Wie Mauern stand der finstre Fichtenhain. Hier schien kein Trost, kein Hoffen, kein Entrinnen, Hier schien Verzweiflung nur und ew'ges Weh zu seyn. Doch immer näher trieb mit unverzagter Seele Thorild' ihr edles Roß der unerforschten Höhle.   38. Doch jetzt begann im stillen Felsenreich Ein dumpf Geheul von wildvermischten Tönen, Hohnlachen scholl, Gebrüll und Drohn zugleich, Aus tiefen Grotten drang Gewinsel, Klag' und Stöhnen; In Haid' und Klippen schien, in Ranken und Gesträuch Ein sterbend Leben sich in grauser Qual zu dehnen, Und weit begann in rascher Furcht der Hain Durch alle Wind' umher sein falbes Laub zu streun.   39. Wie wild ein Löwe reißt an seinen Eisengittern, So schien die Erdenkraft, die hier in Bauden lag, Mit schnellerwachtem Grimm die Ketten zu erschüttern Und laut emporzuschrein im glühnden Zorn der Schmach. Man sah der Felsen Haupt in seinen Kronen zittern, Hell scholl im Sturm die Luft, die Kraft der Wälder brach, Indeß sich wüster stets die grausen Stimmen mischten Und heulten, schmetterten, erkrachten, brausten, zischten.   40. Doch läßt der laute Sturm, der durch die Klüfte brüllt, Die kühne Jungfrau nicht auf ihrem Pfade wanken. Da wandelt rings im Thal sich Alles fremd und wild, Lebendig wird der Hain, der Grund beginnt zu schwanken, Aus jedem Fels ersteht ein grimmes Riesenbild, Zu Schlangen bäumen sich die vielverschlungnen Ranken, Von allen Klippen stürzt sich rasche Wasserfluth, Aus allen Höhlen schlägt breitflammend rothe Gluth.   41. Was nur den bangen Geist verwirren, Das Herz erschüttern kann, umringt Thorildens Pfad: Im Rücken hört sie laut gewalt'ge Schwerter klirren, Und Speere senken sich, wohin ihr Zelter naht, Sie sieht um Helm und Schild viel nächt'ge Vögel schwirren, Und aus dem Boden keimt der Würmer gift'ge Saat, Ihr eignes Roß erscheint im Zaubertruge Brache kriechend bald und bald als Greif im Fluge.   42. Und aus dem Schlund der tiefen Höhle schwebt Ein gräßlich Heer von schattigen Gestalten, Das bald zum frechen Tanz die Nebelglieder hebt, Bald wild im Kampfe stürmt um Berg' und Felsenspalten. Jetzt ist zu einem Bild der wüste Schwarm verwebt, Und tausend sieht man jetzt aus einem sich entfalten. Ihr duft'ger Schleier wogt um Wälder und um Höhn Und flattert weit durch's Thal im raschen Sturmeswehn.   43. Doch als Thorilde kaum der Eiche Kreis betreten, Da schwand in wüster Flucht der grause Zaubertraum; Still lag das Thal umher, des Herbstes Lüfte wehten Nur bang und schaurig noch im hochgewölbten Baum. Still stand sie an der Kluft, und ihre Blicke spähten Erst lange starr hinab zum endlos dunklen Raum, Dann ließ sie dumpf in jene tiefen Hallen Den mächt'gen Bann der Geister niederschallen:   44.             Ihr starken Diener meiner Macht, Erkoren, Odin's Thron zu schützen, Was schlaft ihr jetzt in tiefer Nacht So träg' auf bald zerstörten Sitzen? Thorilde ruft: erwacht, erwacht! Das Unheil naht, die Wetter blitzen. Was euer Wort auch kündet und verlangt, Thorilde ruft, die nimmer zagt und schwankt.   45.                         Sie spricht's; da scheint im Stamm verborgne Gluth zu knistern, Ein seltsam Leben scheint durch jeden Zweig zu wehn, Durch alle Blätter rinnt ein Rauschen und ein Flüstern. Noch kann das Ohr den Ruf der Geister nicht verstehn, Doch hört es nach und nach die Stimmen sich verschwistern, Zu einem Klange wird das säuselnde Getön, Bis heller stets und heller aus den Zweigen Mit gellendem Gesang die Worte niedersteigen:   46.        Und wenn die Odinseiche bricht, Uns freie Geister kümmert's nicht. Wir spielen lustig unsre Spiele Und brauchen weder Dach noch Kühle. Willst du sie pflegen und tränken gut, Sey Thräne der Thau und der Regen Blut! Hast du was Liebes, so laß es sterben! Hurrah! wir lachen, es gilt Verderben.   47.                         So schließt das Lied mit kreischend hellem Schall, Zum Lachen schwillt der Geister grauses Singen, Daß weit umher vom lauten Wiederhall Der Fels erbebt, die fernen Klüfte klingen. Doch als die Tön' entfliehn, entfaltet überall Noch stiller als zuvor das Schweigen seine Schwingen. Nur nach und nach beginnt von neuem leis' und kühl Der Wind in Haid' und Baum sein einsam dunkles Spiel.   48. Und schweigend steht, als jetzt die Töne schwinden, Thorilde da, ein leblos finstres Bild; Sie starrt und sinnt und lauscht den leisen Winden, Die klagend ziehn durch's nächtliche Gefild, Ob sie nicht Trost, nicht Rettung ihr verkünden, Nicht leichtern Rath, als ihr der Baum enthüllt; Noch dunkler, als die Nacht der unerforschten Höhle, Worauf ihr Auge ruht, ist die gebrochne Seele.   49. Und als sie jetzt die falben Blätter sieht, Die weit verstreut am wüsten Boden liegen, Die Zweige, die noch nie im heitern Lenz geblüht, Die Halme, die so bang' im kalten Hauch sich wiegen, Da faßt ein tiefes Weh ihr sinnendes Gemüth, Der ganze Schmerz erwacht, den lang' ihr Muth verschwiegen; Sie, die seit manchem Jahr verachtet Freud' und Qual, Und die noch nie geweint, sie weint zum ersten Mal.   50. Mit bleichem Schauder scheint ihr Angesicht zu zagen, Als auf den Wangen jetzt die ersten Thränen glühn; Das Lüftchen scheut sich fast die Seufzer fortzutragen, Die aus der stolzen Brust so schwer und kämpfend fliehn; Es staunt der Wiederhall und wandelt ihre Klagen, Die er noch nie vernahm, zur Drohung stolz und kühn; Der scheue Mond verbirgt sich hinter Wolkenhöhen, Um nicht den tiefen Schmerz der Herrscherin zu sehen.   51. Und als sie nun so arm, so ganz verlassen steht, Als sie so weich, so menschlich jetzt empfindet, Als ihres Lebens Bild vor ihr vorübergeht Und fern in kalte Nacht auf ewig dann entschwindet, Als jeder sanfte Trieb, den sonst ihr Stolz verschmäht, Nun laut und mächtig sich in ihrer Brust verkündet, Da bricht sie tiefgebeugt, von Thränen überschwemmt, In diese Klagen aus, die mancher Seufzer hemmt:   52. O heitrer Lenz, o junges, blühndes Leben, Das sonst so hell von bunten Träumen lacht, So sollst du einsam mir und arm vorüberschweben Und schon so bald entfliehn in ewig öde Nacht? Nur wenig hast du mir, du reiches Herz, gegeben, Du hast mich kühn und groß, doch glücklich nie gemacht. Ach, deine Fülle soll sich nur durch Schmerz und Zähren, Durch Kämpf' und Opfer nur sich deine Kraft bewähren!   53. Wie war ich sonst so ruhig, so beglückt, Als ich mich harmlos noch an kind'schen Spielen freute, Als ich die Decke noch dem Schicksal nicht entrückt Und noch den finstern Kreis unsel'ger Mächte scheute! Weh mir! jetzt hält ihr Arm mich eng und kalt umstrickt, Verwirrung droht und Kampf und Nacht auf jeder Seite; Die Geister, denen einst mein stolzes Herz gebot, Sie reißen mich hinab und lachen meiner Noth.   54. Ihr Wiesen, wo ich einst in leichten Tänzen spielte, Du Hain, der säuselnd einst in süßen Schlaf mich sang, Du Quell, worin ich oft den heißen Busen kühlte, Ihr Blumen, die ich einst in meine Locken schlang, Du junge blühnde Welt, die mit mir träumt' und fühlte, Wie fremd erscheint mir jetzt dein Schimmer, Duft und Klang. Wie hab' ich damals dich viel freundlicher gefunden, Als noch mein Stolz dich nicht mit finstrer Nacht gebunden!   55. Doch als mein Reiz sich seiner Knosp' entwand, Als reich und prangend jetzt die zarten Glieder blühten, Und als ich herrlich jetzt in meiner Schöne stand, Und von siegreicher Gluth die kühnen Augen glühten, Als ich des Armes Kraft, des Geistes Muth empfand, Die unbezwungne Lust zu thronen, zu gebieten, Da ward ich stolz und wollt' im hohen Wahn Der Erde Herrin seyn und mich den Göttern nahn.   56. Nie ließ mein Herz von Liebe sich besiegen, Nie wollt' es sich an leichten Träumen freun, Nicht knechtisch sich dem schwächern Manne schmiegen, Und stärker sollt' als ich mein Freund und Herrscher seyn. Und als ich kämpfend jetzt den steilen Pfad erstiegen, Da war die ganze Welt, nur nicht die Freude, mein, Es schwiegen Wog' und Sturm vor meinem Wink und Willen, Des Herzens Sehnsucht nur, sie konnt' ich nimmer stillen.   57. Da fand ich ihn, den mir ein Gott geschickt, Mein ungebändigt Herz unheilbar zu verwunden. Ihm neigte sich mein Stolz, mein Sträuben war gebunden, Ich liebt' und war geliebt, doch war ich nicht beglückt. Ach, meine finstre Brust, sie hat es nie empfunden, Wie freundlich Mild' und Huld die erste Liebe schmückt; Wo Andre selbst dem Schmerz ein Lächeln abgewinnen, Da fand ich Kampf und Sturm und Sorg' und düstres Sinnen.   58. An Erd' und Himmel war mein Loos Mit gleichem Band geknüpft, frei war ich und gefangen, Zu klein für einen Gott und für die Welt zu groß, Zu stark für meine Kraft, zu schwach für mein Verlangen. So warf des Lebens Fluth mit zwiefach wildem Stoß Mein zweifelnd Herz umher, getheilt in Wunsch und Bangen; Nicht durft' ich dem Gebot der Götter widerstehn Und zagte doch, den Rath der Liebe zu verschmähn.   59. O wer euch traut, ihr mächtigen Gewalten, Wer kühn es wagt, sein Leben euch zu weihn, Der darf nicht ferner mehr mit seinem Willen schalten, Nicht ist die Freude mehr, nicht Haß noch Liebe sein. Von unsichtbarer Macht umschlungen und gehalten, Darf nur durch euch sein Herz sich kränken und erfreun; Ihn reißt mit euch zugleich des Schicksals ehrne Rechte Zum Himmelslicht empor, hinab in ew'ge Nächte.   60. Wohlan, so sey es denn, was euer Wort gebot! So nehmt sie hin, des Lebens letzte Gabe! Hart will ich seyn und kalt an seinem Grabe, Noch härter, als mein Loos, und kälter, als der Tod. Ihr Götter, nehmt ihn hin! Wie ich geliebt ihn habe, So mächtig wend' er jetzt von euerm Haupt die Noth! Wie mich mein Stolz bestraft, wie mich sein Tod vernichtet, Vernicht' er euern Feind! Nehmt ihn! er ist gerichtet.   61. Sie sprach's und schwieg. Aus ihrem Aug' ergoß Stets reicher sich der Thränen bittre Fülle, Bis nach und nach des Trotzes dunkle Hülle Von neuem um ihr Herz wie Wetterwolken floß, Und wieder streng und kalt in seine dumpfe Stille, Für Schmerz und Freude taub, ihr Busen sich verschloß. Kein Thränlein sah man mehr an ihren Wimpern hangen, Als von den Lippen jetzt ihr diese Worte klangen:   62. Und soll ich arm und kalt im finstern Leben stehn, So soll auch neben mir sich kein Geschöpf mehr freuen! Der fremde Schmerz soll Rache mir verleihen, Der fremde Seufzer Trost in meine Seele wehn. Wem nicht verziehen wird, der kann auch nicht verzeihen, Wer unverstanden klagt, kann Klagen nicht verstehn. Ha, zittre Welt, die mich zum Fluch geboren! Was du in's Herz mir gabst, das bleibt dir nicht verloren.   63. Und du, den mir ein Gott zum bittern Weh geschickt, Dem jetzt mein eigner Rath den Freund zum Opfer sendet! Noch hat nicht jeden Pfeil mein rascher Zorn verschwendet, Noch hält ein scharfes Schwert mein Arm auf dich gezückt. Wenn blutig deine Hand die dunkle That vollendet, Und prangend auf den Raub dein stolzes Auge blickt, Dann soll im Siegesrausch dies Wort dein Herz zerreißen: Den Bruder traf dein Schwert, es traf, wie ich's verheißen.   64. So spricht die finstre Braut. Und als des Mondes Kahn Schon mitten schwimmt in seinem luft'gen Teiche, Verläßt auf rauher Felsenbahn Thorild' in dumpfer Ruh die alte Zaubereiche. Sie scheint als fremder Gast der blühnden Welt zu nahn, Blaß ist ihr kühnes Bild und starr gleich einer Leiche; Ihr dunkles Auge nur, das wilde Flammen schießt, Bezeugt, daß noch der Hauch des Lebens sie durchfließt.   65. Indeß verließ der ritterliche Degen, Den Gottes Rath zu seinem Werk ersehn, Des Lagers Thor und ging auf frommern Wegen Durch's dunkle Feld zu jenen heil'gen Höhn, Um betend dort des Himmels letzten Segen Für sich und für sein Volk zum Kampfe zu erflehn. Sie, die mit ihm zugleich die große That vollendet, Sie hat ihn selbst zur nächt'gen Fahrt gesendet.   66. Denn als die Zauberin, von heil'ger Macht gebannt Und hingestreckt vom Klang der ernsten Töne, Zu Boden sank, daß von des Falls Gedröhne Der müde Held dem Schlummer sich entwand, Und herrlich nun in überird'scher Schöne Das theure Bild vor seinen Augen stand, Da war er rasch, von freud'gem Schreck durchdrungen, Wie vor des Tages Strahl vom Lager aufgesprungen.   67. Wie stand sie jetzt so bräutlich mild, So kühn, so zagend da! Wie halb die Morgenröthe Vom ersten Strahle glänzt und halb den Strahl verhüllt, So schüchtern war der Muth, der ihren Reiz erhöhte; Solch eine sel'ge Kraft umwehte Mit siegreich hellem Glanz ihr süß verschämtes Bild; Des Himmels heil'ger Zorn, die Demuth zarter Frauen War wechselnd in dem Blick der Herrlichen zu schauen.   68. Und ihn, der kämpfend lang die Sehnsucht überwand, Ergreift gewaltig jetzt unendliches Verlangen, In seinen Augen flammt der Liebe kühnster Brand, Sie hebt im Sturm sein Herz und röthet seine Wangen, Er streckt die Arme aus, die Liebste zu umfangen, Nicht Scheu noch Zweifel hemmt des Jünglings rasche Hand. Die Jungfrau bebt zurück, sie schaut mit hellen Thränen Ihn zagend an und spricht mit leisen Tönen:   69. O weh! wie bist du jetzt so anders, als zuvor. Wie ist aus deinem Blick so ganz die Mild' entschwunden! O Adalbert, du, den ich früh erkor, Für den allein mein Herz geathmet und empfunden, Welch trübes Zauberspiel hält deinen Geist gebunden? Erkenne mich, ich bin es, sieh empor! Dich, dem ich treu gefolgt, mit dem ich Lust und Leiden Und Todesnoth getheilt, dich soll ich – zürnend meiden?   70. O du, von Allen mir, die meine Seele liebt, Der Theuerste, o wäre dir hienieden Doch eine andre Braut, ein sanftres Loos beschieden, Und ich nur trüg' allein, was uns der Himmel giebt! Jetzt such' auch ich umsonst, weil du verzagst, den Frieden. Hart' nenn' ich mein Geschick, ach, weil es dich betrübt. Und wär' ich ungeliebt, viel leichter wollt' ich's tragen, Als dem Geliebtesten die Liebe zu versagen.   71. Du armer Reiz, der meine Glieder schmückt, Unseligster von meines Lebens Schätzen, Wie pries ich sonst um dich so reich mich und beglückt, Sah ich an dir den Blick des Freundes sich ergötzen! Weh mir! jetzt zürn' ich dir als trügerischen Netzen, Die seinen heil'gen Sinn, sein starkes Herz umstrickt. Nicht konnte Schmerz und Tod den Freudigen besiegen; Der für den Himmel stritt, er soll jetzt dir erliegen.   72. Schon ist der ernste Tag genaht, Bald wird sein erster Strahl die freie Welt bescheinen, Vollendet ist der Kampf, vollbracht die große That, Der Himmel öffnet sich und ruft empor die Seinen. Einmüthig gingen wir des Sieges schönen Pfad, Soll ich am Ziele noch um den Verlornen weinen? Hell winkt der goldne Kranz uns an des Himmels Höhn, Und du willst nicht empor, du willst zur Erde sehn?   73. So ruft sie aus. Des Jünglings Wang' umhüllt Ein helles Roth, er steht in scheuem Schweigen. Da hört man lauter stets durch's nächtliche Gefild Vom Hügel des Altars den Donner niedersteigen, Von Blitzen flammt die Nacht, der Strom der Klüfte brüllt, Es tanzt in hoher Luft der Sturm den finstern Reigen, Vom wilden Kampf, der grimmig dort erwacht, Erzittert rings der Grund, und zagend heult die Nacht.   74. Und Jener wähnet schon des Rächers Zorn zu hören, Der noch voran der That auf schnellen Schwingen zieht. Sie sinken in den Staub und weinen heiße Zähren Und rufen laut zu Gott mit zagendem Gemüth: Mein ist die Schuld, mich eile zu zerstören, O nimm dein Opfer hin, das ruhig vor dir kniet! Nur für des Andern Heil scheint Jedes Herz zu zagen Und will die ganze Schuld, die ganze Strafe tragen.   75. Doch als der Sturm am fernen Hügel schweigt, Und mild und klar, gleich Gottes gnäd'gen Blicken, Der helle Mond aus fliehnden Wolken steigt, Und sich mit Sternen rings die Lüfte wieder schmücken, Da wird ihr Herz von neuem still und leicht, Ein gläub'ger Trost beginnt ihr Innres zu erquicken, Sie schaun empor; und zu dem Freunde spricht Cäcilie mit freud'gem Angesicht:   76. Dank sey dem Herrn! Er ist vorbeigezogen An unserm Haupt mit Langmuth und Geduld, Er hat mit gnäd'ger Hand der Schwachen Herz gewogen; Streng ist sein Drohn, doch größer ist die Huld. Uns kündet jeder Stern am klaren Himmelsbogen Des Vaters milden Spruch, verziehen ist die Schuld. Drum sey getrost! jetzt sind wir neu geboren Und wieder werth der That, wozu uns Gott erkoren.   77. O lebe wohl! Jetzt laß uns freudig gehn, Als ob wir nur auf kurze Stunden schieden! Wohl sehn wir uns zum letzten Mal hienieden, Um schöner bald im Himmel uns zu sehn. Wie fühl' ich jetzt den heil'gen Gottfrieden So selig schon um meine Seele wehn! Still ist mein helles Herz von allen ird'schen Nöthen. Leb wohl! jetzt kann ich frei und freudig für dich beten.   78. Doch du, dem jetzt vielleicht noch bittre Schmerzen dräun, Nicht darf ich dir dies dunkle Wort erklären, Geh du empor zum heil'gen Opferstein, Um Gottes Fügung dort in Demuth zu verehren. Er litt für uns des Todes herbe Pein, Du leidest jetzt für ihn, er wird dir Kraft gewähren. Leb wohl! Der Kummer wohnt nur hier in unsrer Brust, Die Liebe hier und dort, und dort allein die Lust.   79. So spricht sie sanft. Sie beut zum letzten Male Die Hand ihm dar, dann tritt sie still zurück; Aus ihren Augen bricht mit ihrem reinsten Strahle Die Lieb' und kündet ihm schon jetzt sein nahes Glück. So neigt sich hell zum winterlichen Thale Durch duft'ges Abendroth der Sonne letzter Blick Und scheidet dann, um über blühnden Hainen In ferner Welt mit wärmerm Licht zu scheinen.   80. Als nun vor Adalbert das holde Bild entschwand, Da eilt er ihr Gebot mit Freuden zu vollstrecken. Nicht kümmert ihn das Schwert, das ihm Thorild' entwand, Er geht den Pfad des Herrn, drum wird der Herr ihn decken; Mit Schild und Lanze nur bewehrt er seine Hand, Nicht soll des Rosses Huf die müden Schaaren wecken. So zieht er still durch's hohe Lagerthor Und schreitet schnell den heil'gen Berg empor.   81. Da drängt von fern die schreckliche Thorilde Sich aus dem Wald hinab in's dunkle Thal, Sie sieht den Feind im nächtlichen Gefilde; Noch einmal schlägt des Zornes glühnde Qual In ihrer Brust empor, hoch schwingt den Speer die Wilde, Doch bitter lacht sie dann und senkt den scharfen Stahl. Der Würger naht, das Opfer soll beginnen! So murmelt sie und sprengt nach Lethra's Zinnen. Achtzehnter Gesang. 1.                         Noch zog um Feld und Stadt die Nacht den stummen Flor, Die Wächter riefen nur den Wächtern fern entgegen, Da tritt die Zauberin durch Lethra's dunkles Thor, Von keinem Aug' erkannt, auf unsichtbaren Wegen. Sie eilt mit raschem Schritt zur hohen Burg empor, Den feindlich fremden Schmuck der Waffen abzulegen. Dann ruft sie Skiold, der muthig noch und wach Im Rath der Fürsten sitzt, in's dämmrige Gemach.   2. Und als er jetzt zu ihr hinaufgestiegen Und nun so freudig kühn vor ihren Sitz sich stellt, Da kann sie noch den Sturm des Herzens nicht besiegen, Sie tritt zum Söller hin und schaut hinab in's Feld, Wo rasch vorbei die dunklen Wolken fliegen, Und fern der Forst von nächt'gen Winden gellt; Jetzt redet sie, jetzt schweigt sie zagend wieder Und schreitet rasch die Hallen auf und nieder.   3. Dann schaut sie lang' ihn an, als woll' ihr starrer Blick Zum legten Mal bis tief in's Herz ihm dringen. Sie drängt gewaltsam nur die Thränen noch zurück, Gewaltsam müht sie sich die Seufzer zu bezwingen. Sie schweigt, sie sinnt, sie zürnt, noch muß sie fruchtlos ringen; Sie lacht, und als sie lacht, da siegt auch Skiold's Geschick. Kalt wie ein scharfes Schwert, still wie ein fern Gewitter, Und finster wie die Nacht beginnt sie so zum Ritter:   4. Viel Großes heischt die große Zeit; Wo Götter kämpfend stehn, da darf der Mensch nicht klagen. Wer sieht des Wurmes Noth, wenn im gewalt'gen Streit Sturm, Wog' und Wetterstrahl des Ufers Felsen schlagen? Und sprich, was zagst du auch? was trennst du Lust und Leid? Warum ist dies nicht das? Du weißt es nicht zu sagen. Ist beides doch sich gleich, ein Wahn, ein Augenblick, Ein kurzer Traum der Schmerz, ein kürzrer noch das Glück.   5. Was willst du treu und bieder seyn und lieben Und gern am Glück des Freundes dich erfreun? Ist's schwerer denn, statt Liebe Haß zu üben? Und ist's unmöglich denn, des Freundes Feind zu seyn? Und mag auch Dies dich freun, und Jenes dich betrüben, Warum denn willst du, Thor, nicht statt der Lust die Pein? Ob so, ob so das Blut durch deine Adern rolle, Es rollt ja nur, es rolle, wie es wolle.   6. Nur Eines ist, das acht' ich mehr, als Wahn, Das ist, mit sich allein sein Leben auszufüllen, Als Herr zu stehn auf selbstgeschaffner Bahn, Vor Schmerz und Lust den Busen zu verhüllen, Nicht Jenem feind, noch Diesem unterthan, Nichts kennend, als sein Ziel und seinen ehrnen Willen, Gewaltig wie ein Gott und einsam dazustehn, Und wie ein Gott im Kampf mit Göttern zu vergehn.   7. Sprich, hast du Muth, nach großem Preis zu ringen? Am Hügel Frey's steht dir der Feind bereit, Und magst du ihn, mag dich der Feind bezwingen, Der Sieg gehört dem Glück, dein eigen ist der Streit. Kann doch der Mensch ein Größtes nur vollbringen; Ob's heut, ob's morgen sey, was frommt die Spanne Zeit? Die Kraft, die That nur kann zum Himmel sich erheben, Und Nichts ist Lust und Leid, Haß, Liebe, Tod und Leben.   8. So ruft sie aus; dann steht sie stumm und wild Und schaut hinab und hebt den Blick nicht wieder. Doch plötzlich bricht ihr Herz, mit großen Thränen füllt Ihr dunkles Auge sich, sie sinkt am Sitz hernieder, Tief athmet sie, laut seufzt sie und verhüllt Ihr bleiches Angesicht, Frost schüttelt ihre Glieder. Doch staunend steht ihr Freund und schaut sie forschend an. Lang schweigt er erst, dann spricht der kühne Mann:   9. Wohl bist du jetzt von finstrer Macht getrieben; Was du gesagt, hat nicht dein Herz erdacht. Mir ist ein dunkler Traum, ein Räthselspiel geblieben, Das nicht den festen Sinn des Busens wanken macht. Weil ich dich treu geliebt, drum will ich treu dich lieben, Nicht weil es Kummer je, noch Freude mir gebracht; Will mich am Leben freun, weil's lieblich ist, zu leben, Und doch dem Tode nicht, obgleich er schmerzt, erbeben.   10. Wohl weiß ich's, nur die That kann Ruhm und Heil verleihn, Doch will ich auch die Lust an meiner That empfinden, Will nicht so finster stehn, so trotzig und allein Und unbegrüßt mich nahn und unbeweint entschwinden. Sprich, warum soll ich jetzt an deinem Schmerz mich freun? Warum nicht lieber Trost und Rettung dir erfinden? Erwache, tapfres Herz! Ein wüstes Traumgesicht Umkreist dich, sieh empor! Ich bin's, der zu dir spricht.   11. O sey nicht stets so wild! O lerne menschlich fühlen! Schon hat dein finstrer Sinn so oft mich tief betrübt. Was frommt der dunkle Pfad zu unbekannten Zielen, Die Macht, die Sorgen nur und harten Zwang dir giebt? Wohl kann der Mensch nicht stets im ernsten Leben spielen, Stets lächeln, wenn er herrscht, stets kosen, wenn er liebt; Doch was die Götter uns so selten nur erlauben, Sprich, soll dies Seltne noch der eigne Wahn uns rauben?   12. Bist du nicht groß, nicht mächtig; nicht verehrt? Blüht deine Schönheit nicht in freud'ger Jugendfülle? Wohl gnügt zum Leben schon ein Dach, ein gutes Schwert, Ein Herz für Lust und Leid, ein unverzagter Wille. Warum verlangst du noch, was Unheil nur gewährt, Und lüftest von der Nacht der Götter gnädge Hülle? Falsch deutet oft der Mensch der Räthsel dunklen Sinn Und giebt für Wahn und Traum das reiche Leben hin.   13. Leb wohl! Jetzt will ich gehn, mit ihm den Kampf zu wagen, Zu dem geheimnißvoll dein warnend Wort mich schickt. Ist's auch ein Gott, nicht werd' ich vor ihm zagen, Er hat den Blitz und ich das Schwert gezückt. Und ist's auch Jener selbst, der jüngst den Wurm erschlagen, Der in der Felsenkluft so grimmig mich umstrickt, Du sendest mich, drum muß ich mit ihm streiten; Auch er kennt Lieb' und Recht und weiß mein Thun zu deuten.   14. So spricht der Held und beut ihr seine Hand. Da springt sie auf, sie hebt den feuchten Schleier, Ihr Arm umschlingt den Freund, sie hält ihn fest umspannt Und mischt in Kuß auf Kuß der Liebe kühnstes Feuer. Leb wohl! so ruft sie aus, o nimm dies letzte Pfand Der süßen Huld! Leb wohl! die Zeit ist theuer. Dann tritt sie stumm zurück, und dunkel wie das Grab Rollt wiederum der Flor auf ihr Gesicht herab.   15. Jetzt eilt der Held die Waffen anzulegen Und zieht hinaus mit sinnendem Gemüth, Schnell sprengt er fort auf unbetretnen Wegen, Wo durch die Nacht nicht Freund noch Feind ihn sieht. Schon schwimmt mit kühlem Wehn ihm bleicher Duft entgegen, Der über Berg und Thal voran der Dämmrung zieht, Als er empor am heil'gen Hügel reitet, Wohin sein Loos zum letzten Kampf ihn leitet.   16. Schon war zu Gottes Hochaltar Der deutsche Held herangeschritten, Schon steht er an dem Ort, wo jüngst das kühne Paar Den unglücksel'gen Kampf in grauser Nacht gestritten. Hier nimmt er Tyrfings Raub und dort ihn selber wahr, Der aus Thorildens Hand im raschen Schmerz entglitten. Noch steht er staunend da und hebt das Schwert empor, Da schlägt ein Hufschlag fern dumpfdonnernd an sein Ohr.   17. Und durch den Nebelduft, der, wunderbar verschwommen, Um Berg und Hain im luft'gen Kampfe ringt, Sieht er heran den wilden Reiter kommen, Der sausend durch die Luft die scharfe Schneide schwingt Und, als er ohne Roß den Gegner wahrgenommen, Lautrasselnd auf den Grund von seinem Thiere springt. Kaum kann der Christenheld des Helmes Gitter schließen, Da hört er also schon vom Feinde sich begrüßen:   18. Ich bin der Skiold, den jüngst dein Arm befreit. Wohl hätt' ich gern den Kampf mit dir gemieden, Doch sendet höhre Macht mich jetzt empor zum Streit, Nicht ändern kann der Mensch, was ihm sein Loos beschieden. Doch wenn auch Arm und Mund dir jetzt die Fehde beut, So beut mein Herz dir Treue doch und Frieden. Wohlan, jetzt reiche mir die Hand zum letzten Mal, Dann decke dich! scharf ist auch Freundes Stahl.   19. So ruft er aus und faßt mit starker Rechten Des Ritters Hand, der traurig sinnend schweigt. So stehn sie jetzt, wie in Gewitternächten Zwei schlanke Bäume stehn, aus einem Stamm erzeugt, Die früh getrennt, sich wieder dort verflechten, Wo prangend in die Luft die reiche Krone steigt; Bald wird ein rascher Blitz von neuem sie zertrennen, Und von des einen Brand der andre mit entbrennen.   20. So sey es denn, beginnt der deutsche Held, So mag das Schwert den harten Zwist entscheiden. Nur feindlich hat uns hier des Lebens Loos gesellt, So sey denn Eines Tod ein freundlich Band uns Beiden! Gott geb' uns kurzen Kampf! Eins ist's, wer siegt und fällt, Denn wohl wird Keiner sich an seinem Siege weiden. Ach, bitter ist's, wenn unser eignes Schwert Mit unsers Feindes Brust auch unsre Brust durchfährt!   21. Doch du, o Gott, der dort von sel'gen Höhen Und hier vom Kreuz auf uns herniedersieht, Laß einst auch ihn dein mildes Antlitz sehen, Der irrend nur vor deinem Rufe flieht! Mag er nun oder ich von hier als Sieger gehen, Verein' uns einst bei dir im seligen Gebiet. Wohl weißt du, der so kühn für seinen Wahn jetzt streitet, Er stritte kühner noch, wenn ihn dein Licht geleitet.   22. So spricht der Held, dann zückt er hoch die Wehr Und streckt den Schild dem harten Kampf entgegen. Und wie ein Sturm sich über's weite Meer Gewaltig schwingt mit Hagel, Blitz und Regen, So schreitet jetzt der wilde Skiold einher Und trifft den Feind mit nimmer müden Schlägen. Wohl fühlt der Ritter jetzt, wie schwer die Klinge wiegt, Womit er selber einst so manche Schlacht ersiegt.   23. Doch wie ein Thurm im Meer, um den die Winde brausen, Den rings der Zorn der lauten Woge schlägt, Sich stark erhebt im nächt'gen Wettergrausen Und auf dem Haupt die Flamme prangend trägt, Die höher stets im raschen Windessausen Und freudiger die leichten Glieder regt: So steht der Held bei Skiold's gewalt'gem Toben Stets herrlicher von kühnerm Muth erhoben.   24. Und jetzt erhebt auch er das scharfe Schwert mit Macht: Laut schallt das Erz, der Grund beginnt zu dröhnen, Die Bäume zittern rings, die Gottes Hügel krönen, Und streuen weit umher des Hauptes welke Pracht, Man hört Gebirg und Thal vom Wiederhall ertönen, In allen Klüften scheint ein gleicher Kampf erwacht, Die Thiere, die zurück vom nächt'gen Raub sich stehlen, Entfliehn und bergen sich in ihren tiefen Höhlen.   25. Doch Jene rasten nie mit Auge, Fuß und Hand, Und wechseln wachsam stets des Kampfes Kunst' und Weisen: Jetzt stürmt bald Der, bald Der des Feindes festen Stand, Jetzt drehn sie Beide sich behend in engen Kreisen, Stets sieht man Brust auf Brust und Blick auf Blick gewandt, Dem Schilde droht der Schild, das Eisen wehrt dem Eisen, Jetzt zeigt sich List von Kraft, jetzt Kraft von List besiegt, Jetzt scheint's, als ob sich selbst der schlaue Trug betrügt.   26. Doch bald, als Beide sehn, daß Kunst und Kunst sich gleiche, Da fallen sie mit aller Kraft sich an, Ihr hocherhobnes Schwert thut ungeheure Streiche, Die Keiner sicher lenkt, die Keiner wenden kann. Wohl fiel' auf solchen Schlag der moos'ge Fels, die Eiche, Doch unerschüttert steht vor seinem Schwung der Mann. Vor Schmerzen scheint die Luft bei jedem Hieb zu heulen, In Panzer, Helm und Schild läßt jeder tiefe Beulen.   27. O edler Kampf, wie darf die trübe Nacht Dein rühmlich Bild so neidisch jetzt umgrauen! O wäre rings die ganze Welt erwacht, Dem großen Werk der Helden zuzuschauen! Dann schallt' es weit umher, wie stark der Liebe Macht, Die Kraft des Glaubens sey, das heilige Vertrauen, Und freudig blitzte dann vielleicht zum ersten Mal Auch aus der feigen Brust ein göttlich kühner Strahl.   28. Doch immer dichter kommt der Nebel hergezogen Und deckt den raschen Streit mit wildbewegtem Flor: Kaum schaut das Heldenpaar, wie aus des Meeres Wogen Im Sturm die Klippe steigt, nur wechselnd noch hervor; Von Duftgebilden wird oft Aug' und Hand betrogen, Hier ragt ein Helmbusch nur und dort ein Schwert empor; Fast hört man ganz in schwerer Lüfte Wallen Den hellen Schwerterklang des regen Kampfs verhallen.   29. So wandeln kämpfend oft durch finstre Wolkenhöhn Mit neblich trübem Helm die Geister alter Zeiten. Man sieht sie hochgethürmt in ihrem Zorne stehn, Mit dunklem Schild bedeckt, den Speer gezückt zum Streiten; Doch hört man sausend nur die raschen Stürme wehn, Und kraftlos scheint vom Schild das Eisen abzugleiten; Rasch wogt die Nacht umher, bald zeigt und bald verhüllt Der Wolken schwerer Flug des düstern Kampfes Bild.   30. Wohl freun sie sich, daß jetzt mit dunklem Grauen Die rege Nacht den wilden Kampf umzieht, Denn Keiner kann den Andern mehr erschauen, Der selbst im Streit ihm noch so treu entgegensieht, Und Jeder darf nun ganz dem starken Arm vertrauen, Da bei des Andern Blick nicht mehr die Kraft ihm flieht; Weil nicht die Augen mehr, selbst zielend, ihn verwirren, Wird seltner sich vom Ziel der blinde Stahl verirren.   31. Doch grimm umschwebt des Tyrfings Flug In finstern Kreisen schon das stolze Haupt des Dänen. Das Schwert, das feindlich oft den eignen Herrn erschlug, Soll jetzt im heil'gen Kampf die blut'ge Schuld versöhnen. Stets dichter hüllt der Duft um Skiold sein Leichentuch, Indeß des Deutschen Haupt die ersten Strahlen krönen. Schon soll das Brüderpaar des Himmels Schluß vollziehn, Und bald gerecht vor Gott die sel'ge Mutter knien.   32. Denn jetzt als rasch die unglücksel'ge Schneide Mit starkem Stoß des Dänen Brust durchfährt, Da bricht der Stahl; zu Boden stürzt der Heide, Doch stürzt sein Feind ihm nach und in des Bruders Schwert. So ruhn sie jetzt, mit tiefen Wunden Beide Als Opfer hingestreckt an Gottes heil'gem Herd, Und rings benetzt des Blutes warme Quelle Den grünenden Altar mit reiner Sühnungswelle.   33. O du, des Himmels ew'ger Rath, Wie wandelst du so oft verhüllt auf dunklen Wegen! Wie zürnt der Mensch so oft der unverstandnen That Und hält sein schwaches Licht der fernen Sonn' entgegen. Doch wenn sie siegend dann aus ihren Wolken trat, Dann preist er tiefbeschämt des Himmels reichen Segen. Hat oft nicht frühes Leid die spätre Lust gekrönt, Und einst nicht Eines Tod die ganze Welt versöhnt?   34. Noch ist das Leben nicht aus ihrer Brust entwichen, Noch spielt um ihren Mund des Athems schwaches Wehn; Doch, wo der Rosenschein auf ihrer Wang' erblichen, Entblühn die Lilien des Todes rein und schön. Jetzt ist der lange Zorn des Lebens ausgeglichen, Und freundlich darf der Feind dem Feind' in's Auge sehn, Matt suchen Hand und Hand sich traulich zu umschließen, Und sterbend seufzt der Mund, den neuen Freund zu grüßen.   35. Sie, die so oft geprangt mit blut'gem Feindesraub, Die oft so wild gehaust im raschen Kampfesreigen, Ruhn jetzt so still, so friedlich hier im Staub, Ihr tapfres Aug' erlischt, die kühnen Lippen schweigen. Gar schaurig spielen rings die Lüftchen in den Zweigen, Auf ihre Wangen weht der Herbst sein spätes Laub. Sie blicken still empor, um durch der Nebel Wehen Der Sonne heil'ges Licht nur einmal noch zu sehen.   36. Doch sieh, als jetzt der frühe Schein Schon hell und heller stets durch fliehnde Düfte zittert, Da hüllt von neuem ihn ein finstres Wetter ein, Der heil'ge Hügel wankt, im tiefsten Grund erschüttert, Lautsausend fährt ein Sturm durch Thal, Gebirg und Hain, Es kracht der Eichen Haupt, vom raschen Blitz zersplittert, Und durch die Nacht, die rings den Pol umgraut, Rollt weit umher der Donner schwer und laut.   37. Dem Rosse gleich, das frei von seinen Zügeln Durch's weite Feld mit hellem Wiehern springt, Jauchzt wild der Sturm an allen Felsenhügeln Und peitscht den Wald, der fruchtlos mit ihm ringt; Hoch schlägt der Aar, der Geier mit den Flügeln Die Windesbraut, die seinen Schwung bezwingt; Es braust der Strom auf oft gehemmtem Pfade Und rächt des Wetters Zorn am zitternden Gestade.   38. Ein neuer Herrscher scheint im Himmel aufzustehn, So sieht man jetzt die Nacht den heitern Tag besiegen: Weit läßt sie durch die Luft ihr schwarzes Banner wehn Und rasch durch alle Welt die finstern Boten fliegen; Rings lassen Larven sich und bleiche Bilder sehn, Und Geister heulen rings, der tiefen Gruft entstiegen; Laut singt der Sturm, hell flammt der Blitze Glanz, Der mächt'gen Königin zum wilden Siegestanz.   39. Und schwärzer, als des Meeres nächt'ge Wogen, Und wüster, als des Wahnsinns grimmster Traum, Kommt ein Gewölk am Himmel hergezogen, Weit flattert rings des Dufts zerrißner Saum, Stets höher schwillt es auf, des Himmels weiter Bogen Umfaßt den dunklen Rand der schweren Flügel kaum; Wie laut der Krieg erschallt in hartberennten Thürmen, So rollt's in seinem Schoos von Donnern und von Stürmen.   40. Und wie dem Helden einst auf zornempörtem Meer Thorild' erschien, als sie sein Schiff zerschlagen, So zieht auch jetzt ihr drohend Bild daher Durch nächt'ges Graun, von Drachen fortgetragen. Ihr dunkles Haupt umschwebt die Wolke, schwarz und schwer, Und helle Blitze glühn um ihren ehrnen Wagen, Wild fliegt im Sturm, weit durch die Luft verstreut, Ihr dunkles Haar, ihr wallend Trauerkleid.   41. Wie in der tiefen Brust aus bösem Keim entsprossen Ein nächtlicher Entschluß, vor dem die Seele graut, Durch seinen Schleier oft, der zagend ihn umschlossen, Verderblich, schuldbewußt und schuldgebietend schaut: So naht sich durch die Nacht, von Wolken bald umflossen, Bald halb dem Aug' enthüllt, die kühne Zauberbraut. In banger Ahnung muß, wer so sie sieht, verzagen Und möchte leichter wohl ihr deutlich Bild ertragen.   42. Erblichen ist der Wangen Rosenlicht, Ihr Aug' ist starr und ohne Lust und Thränen, Nichts Menschliches erscheint auf ihrem Angesicht, Nicht Stolz noch rascher Zorn, nicht Liebe mehr noch Sehnen. Mag jetzt der schwache Knecht, der Feigste sie verhöhnen, Sie schaut ihn an und schweigt und fühlt es nicht. Die wilden Geister flohn, die einst das Herz ihr schwellten, Der stille Haß nur blieb, das schweigende Vergelten.   43. Und wie gewaltig auch die Nacht am Himmel schwebt, Wie auch unbänd'ger stets zu blindem Zorn erbittert Der fessellose Sturm die breiten Schwingen hebt Und mit den Wellen ringt und Fels und Hain erschüttert, Wie rings vom Donner auch der heil'ge Hügel bebt, Und wie der Blitz auch rings den dichten Wald zersplittert; Sie, die so bleich, so still in jenem Kampfe sitzt, Ist grauser, als die Nacht, die donnert, saust und blitzt.   44. Skiold, welchen dunkler schon des Todes Nacht' umschweben, Erkennt die Finstre nicht, die dort im Sturme fährt. Doch Adalbert, in dessen Brust das Leben Noch muthiger dem kalten Tode wehrt, Sucht mühsam jetzt sein Haupt vom Boden zu erheben Und lehnt mit müder Kraft sich an den heil'gen Herd. So sieht man ihn mit gläubigem Vertrauen Dem wilden Zorn der Nacht entgegenschauen.   45. Lang blickt die dunkle Braut hinab auf ihren Freund, Schon wähnt sie ihn vom ew'gen Schlaf umschlungen. Ach, alle Thränen hat ihr Auge längst verweint, Längst hat mit allem Schmerz ihr Busen ausgerungen. Sie wendet sich und schaut auf ihren Feind, Sie sieht auch ihn vom gleichen Loos bezwungen, Und finster steigt, wie aus dem tiefen Grab Des Todes Athem wallt, ihr dumpfes Wort hinab:   46. So sieg' ich denn, und Odin ist gerochen. Wenn ich dem Schicksal auch ein großes Opfer bot, Mehr giebt's, als ich begehrt, mehr hält's, als es versprochen, Auch du erliegst, du Stifter meiner Noth. Wohl ist dein Herz vom Tode schon gebrochen, Doch weiß ich Eins, das bittrer ist, als Tod. Erhebe dich, sieh hin auf deine Beute, Gedenk' an Hertha's See. Erfüllt ist, was ich dräute.   47. So ruft sie aus. Doch jetzt, als rasch empor Der Held sich reißt, von schnellem Schmerz erschüttert, Da trennt ein heller Strahl den grauen Nebelflor, Der wie ein dichtes Netz den heil'gen Berg umgittert; Und in den Wolken wölbt sich hoch ein goldnes Thor, Von Sonnenschimmer rings und Rosenglanz umzittert; Und jenseits läßt auf klaren Himmelshöhn Der Sel'gen stilles Reich, die schönre Welt sich sehn.   48. Und so wie einst, da mit gewalt'gen Wogen Des Himmels Zorn das sündige Volk verschlang, Als nach und nach die Wolken sich verzogen, Und schon die Fluth allmählig wieder sank, Mit hellem Glanz der farb'ge Regenbogen, Die Brücke Gottes, sich durch dunkle Lüfte schwang, Und mild von neuem dann auf seinem luft'gen Pfade Der Friede niederstieg, der Segen und die Gnade:   49. So schwebte jetzt auf einer lichten Bahn, Um deren Saum viel goldne Blumen sprossen, Mit Himmelsreiz und Klarheit angethan, Vom ew'gen Glanz der Seligkeit umflossen, Sie, die so lang gebüßt um ird'schen Wahn, Der jetzt das Thor des Heils sich aufgeschlossen. Und Jen', um deren Qual sie einst den Herrn verhöhnt, Sie haben selbst mit Gott die Mutter jetzt versöhnt.   50. Wie im Rubin mit rosenrothem Lichte Beweglich stets ein göttlich Feuer glüht, Und ob die Nacht die Schatten auch verdichte, Doch unversehrt die hellen Strahlen sprüht: So lieblich lacht aus ihrem Angesichte In ew'ger Ruh das selige Gemüth, So sieht sie lächelnd selbst der Söhne Todeswunden. Was Schmerz den Menschen heißt, wird dort nicht mehr empfunden.   51. Und wie der Tag, wenn laut die Harfe bebt, Sich schwellend hebt mit leichtbewegten Schwingen, Doch sinkend dann mit immer leiserm Klingen Nur noch gefühlt in stille Luft verschwebt: So ist mit hellem Glanz in immer weitern Ringen, Die endlich fern verglühn, ihr heil'ges Haupt umwebt; Drei reine Lilien blühn in ihren zarten Händen, Die aus dem Silberkelch ein goldnes Licht versenden.   52. Die wilde Nacht, die noch den Pol umgraut Und dort nur weicht, wo klar aus Glanzeswellen Vom Himmel sich die luft'ge Brücke baut, Scheint schöner noch das Bild des Engels zu erhellen. So lächelt lieblicher des Frühlings holde Braut, Der Rose blühend Haupt, in dunklen Felsenquellen. So leuchtet wunderbar im tiefen Bergesschacht Das flimmernde Krystall, des Goldes edle Pracht.   53. Lebendig scheint des Lenzes laues Wallen Auf heil'gem Pfad durch stille Luft zu ziehn, Hold schmückt der Hain die halbentlaubten Hallen Vor seinem Hauch mit lichtem Maiengrün, Die Vögel lassen hell die frühsten Lieder schallen, Die frühsten Blumen läßt die grüne Wies' entblühn, Und leichter Schimmer schmückt, wie süße Himmelsträume Des Kindes Haupt umwehn, des Kelches zarte Säume.   54. Und um den Helm der bleichen Helden sprießt Ein reicher Kranz von frischen Palmenzweigen, Die wunderbar ein sel'ger Duft umfließt, Aus deren Grün viel goldne Strahlen steigen. Und Beide fühlen schon den Schmerz der Wunde schweigen, Der blut'ge Quell versiegt, der aus der Brust sich gießt, Und Jeder kann, erquickt vom überird'schen Leben, Noch einmal klar und frei sein müdes Haupt erheben.   55. Doch als dem Himmel jetzt so heil'ges Licht entquillt, Da hebt noch einmal sich in wilder Zorneshitze Thorildens Herz. Sie rafft vom ehrnen Sitze Sich hoch empor, sie steht, in Nacht gehüllt, Mit stolzem Haupt und schleudert glühnde Blitze Aus unbezwungner Hand herab auf's sel'ge Bild. Doch weben mildgezähmt die raschgeschwungnen Flammen Zum hellern Heil'genschein um Jene sich zusammen.   56. Nur einen stillen Blick, von Gottes Frieden klar, Von Mitleid sanft betrübt, giebt ihr die Feindin wieder, Dann neigt sie lächelnd sich zum bleichen Bruderpaar Und überschattet sie mit wallendem Gefieder, Und eine Lilie beut sie Jedem freundlich dar Und sendet auf ihr Haupt des Himmels Glanz hernieder. Hell stehn sie jetzt, wie auf des Berges Höhn Im frühen Morgenschein zwei Thaugewölke stehn.   57. Und wie der Duft mit unsichtbaren Schwingen Am zarten Saum der holden Blume spielt Und überall, wohin die Lüft' ihn bringen, Mit süßem Hauch in jede Brust sich stiehlt: So läßt sie jetzt die leise Stimme klingen, Die nicht das Ohr, die nur die Seele fühlt. Ob laut der Donner rollt, ob wild die Stürme wehen, Doch kann den sel'gen Klang ein jedes Herz verstehen:   58. Der ew'ge Rath des Himmels ist vollbracht, Schon siegt das Heil, des Krieges Wetter schweigen. Bald sollt auch ihr aus dieser ird'schen Nacht Zu Gott empor als freud'ge Sieger steigen. So nehmt denn für das Schwert der Lilie keusche Pracht, Und für den schweren Helm den Kranz aus Palmenzweigen! Dies ist der Schmuck, womit auf heller Bahn Dem Thron des Herrn die heil'gen Engel nahn.   59. O seht empor! Erkennt, wen Gott euch sendet! Ich bin's, die Beid' euch einst an treuer Brust genährt, Die einst um euch ihr Herz von Gottes Pfad gewendet, Und welcher Gott um euch Verzeihung jetzt gewährt. Der Schmerz verstummt, die Irrfahrt ist vollendet, Durch blut'ges Unheil selbst ist Gottes Macht verklärt. Sind steil auch oft und dunkel seine Pfade, Am Ziele wohnt der Segen und die Gnade.   60. Kein Kummer soll den heil'gen Tag entweihn, Kein Zweifel mehr in eurer Brust sich regen; Wozu euch Gott gelenkt, das wird euch Gott verzeihn, In Haß und Liebe gingt ihr Beid' auf seinen Wegen. So nehmt vereinigt jetzt nach langer Trennungspein In eurer Mutter Kuß der Eintracht holden Segen! Nicht ihr bekämpftet euch, ihr fielt durch Gottes Schwert, Und euer Blut versühnt den oft entweihten Herd.   61. So ruft sie aus. Und wie dein Tod sich nieder, O Adelheid, in meine Seele neigt Und, längst entflohn, noch immer süße Lieder Und sel'ge Träume noch nachtönend mir erzeugt: So küßte sie mit lindem Kuß die Brüder Und hob sich dann, wie Träume, leis' und leicht. Noch fühlten sie den Kuß auf Lippen, Stirn und Wangen, Als diese Worte schon von neuem niederklangen:   62. Du, dessen treues Herz so gläub'gen Muth geübt, Der schon so todeskühn im jugendlichen Leben Nicht um die Lust der Welt feigherzig sich betrübt, Sey freudig! Gott vergilt, was ihm der Mensch gegeben: Schon naht die Heil'ge sich, die du so keusch geliebt, Um die auf Erden schon des Himmels Strahlen schweben; Bald wird sie siegeshell vor deinen Augen stehn Und froh mit dir empor zur ew'gen Heimath gehn.   63. Und du, der kühn das Schwert dem Herrn entgegenwandte, Du bist gerecht vor Gott, dein Wahn ist dir verziehn. Nicht straft er den, der nimmer ihn erkannte, Die straft er nur, die seinem Pfad entfliehn. Gott war es, den dein Mund mit falschem Namen nannte, Selbst irrend stritt dein Arm nur für, nicht wider ihn. Drum wirst auch du im Kreis der Treuen und der Reinen Mit ihr, mit ihm, mit mir vor Gottes Thron erscheinen.   64. Doch du, du trotzige, du finstre Zauberbraut, Nicht darf ich Strafe jetzt, nicht Rettung dir verkünden. Gerecht ist Gott, er zählt des Staubes Sünden, Doch mild auch ist er dem, der seiner Milde traut. Oft ist er dir genaht; du wolltest ihn nicht finden Und hast mit ehrnem Stolz nur auf dich selbst gebaut. Was deine Geister auch mit falschem Wort dir logen, Sieh hin, Unglückliche, sieh hin, du bist betrogen!   65. So redet sie; sie schwingt durch Nacht und Graus Sich hoch empor, sie ruht mit leisen Schwingen, Sie streckt die mächt'ge Hand weit durch den Himmel aus Und läßt aus ihrem Blick viel tausend Strahlen dringen. Und sieh, es bricht die Nacht, fort rafft sich mit Gebraus Der Sturm, die Wolken fliehn, die dicht den Berg umringen, Und als sich leuchtend rings das weite Thal enthüllt, Da schwindet hoch im Glanz das sel'ge Engelbild.   66. Und siegend läßt das heil'ge Licht sich sehen, Und höher steigt's am Himmel schon empor, Hell heben rings die Wälder und die Höhen Mit grünem Haupt sich aus dem grauen Flor, Und herrlich ragt durch fliehnder Nebel Wehen Mit ihren Zinnen schon die stolze Stadt hervor, Und wo im tiefen Thal noch dicht die Düfte wallen, Da hört man Waffenlärm und freud'gen Jubel schallen.   67. Und wilder hebt sich stets der kriegerische Klang, Laut ruft das Horn dem Horn und jauchzt durch Thal und Hügel, Von ehrnen Helmen strahlt die Ebne licht und blank, Weit glänzt des Schwertes Blitz, des Schildes heller Spiegel, Und flatternd regen hoch das weite Feld entlang Die Fahnen in der Luft die siegesfreud'gen Flügel; Rasch ist bei Lethra's Burg der wilde Drang der Schlacht Auf allen Zinnen rings, um alle Thor' erwacht.   68. Die Dänen fliehn und Christi Streiter siegen, Vom Freudenruf erschallt das weite Thal, Die Pforten brechen schon, die Mauern sind erstiegen, Rings hält das scharfe Schwert sein blut'ges Siegesmahl. Schon sieht man von der Burg des Kreuzes Banner fliegen, Erleuchtet und verklärt vom frühen Sonnenstrahl; Aus allen Tempeln wehn mit rothem Schein die Flammen, In Staub und glühnden Schutt stürzt Odin's Haus zusammen.   69. Und Adalbert entbrennt von edlem Neid, Er starrt hinab und ruft mit glühnden Wangen: O großer Tag, o rühmlich kühner Streit, So seh' ich nur von fern dein leuchtend Banner prangen? O laß, Allgüt'ger, mir nur noch die Spanne Zeit, Bis ich den Siegeszug der Deinen hier empfangen! Er ruft's, doch fester drückt sein Bruder ihn an's Herz Und sendet seinen Blick und spricht im letzten Schmerz:   70. O lebe wohl, leb wohl! Jetzt muß ich sterben, Mag diesem Land' auch jetzt ein schönrer Tag erstehn, Noch trag' ich's nicht, des treuen Volks Verderben, Der Götter alten Sitz in Gluth und Schutt zu sehn. So ruft er aus. Mit bleicherm Schimmer färben Des Helden Wangen sich, es schweigt des Athems Wehn, Ein kalter Schauder dehnt die jugendlichen Glieder, Er senkt sein kühnes Haupt zum langen Schlummer nieder.   71. Doch als Thorildens Geist des Schicksals Schluß erkennt, Da leuchtet rasch, wie aus verhüllten Wettern, Aus ihrem Aug' ein Blitz, sie hebt die mächt'ge Hand Und läßt auf's Drachenpaar die Geißel niederschmettern. Leb wohl, o Welt! so ruft sie zornentbrannt; Mein Schicksal ruft, ich folge meinen Göttern. Und grimmig stürmen jetzt auf ihrer Herrin Wort Hoch über Berg und Wald die grausen Drachen fort.   72. Und wo die Wellen ihr im Meer entgegenschlagen, Und hochgethürmt der Felsenstrand sich hebt, Da senkt sie rasch den ehrnen Zauberwagen, Um den die Wolke noch mit schwarzen Schwingen schwebt, Und tief verhüllt sie sich und stürzt sich ohne Zagen Hernieder in den Schlund, der brausend sie begräbt. – Vorüber rauscht die Fluth, von stärkrer Fluth bezwungen, Und zeigt den Ort nicht mehr, wo sie den Raub verschlungen. Neunzehnter Gesang. 1.                                 Du holder Stern in meiner ird'schen Nacht, Der mir voran am hohen Himmel gleitet, Schon hab' ich bald die fromme Fahrt vollbracht, Zu deren Ziel dein sel'ger Schein mich leitet. Die Schatten fliehn, das Morgenroth erwacht, Schon hat es hell am Himmel sich verbreitet; Bald werd' ich fern den blühnden Hügel sehn, Von dem die Palmen mir schon jetzt entgegenwehn.   2. Heut ist der Tag, der bittre, der uns allen So langen Schmerz und dir nur Lust geschenkt; Und ist es mehr, als Wahn, daß in den sel'gen Hallen Auch noch des Engels Herz getreuer Liebe denkt, So wirst auch du mir heute näher wallen, Mir, der zum Ziele schon die freud'gen Schritte lenkt, Um bald vielleicht, wenn er den Kranz empfangen, Den Pfad dir nachzugehn, den du vorangegangen.   3. Denn wenn auch kaum in frischer Jugendzeit Mit blühnder Kraft mein Innres sich erschlossen, Doch fühlt sich oft in stiller Einsamkeit Von Todeshauch mein sinnend Herz umflossen. Getragen hab' ich längst des Lebens tiefstes Leid, Des Lebens höchstes Glück, ich hab' es längst genossen; Vollendet ist der Pfad, den mir die Lieb' enthüllt, Bekränzt ist dein Altar, und mein Beruf erfüllt.   4. Und soll dies Lied, die Blüthe heil'ger Stunden, Das Letzte seyn, was euch der Sänger giebt, So lebt denn alle wohl, die treu mit mir empfunden, Ihr alle, die mein Lied, und die mich selbst geliebt! Auch ihr, die lang mir schon in ferner Welt verschwunden, Und die ihr feindlich jetzt mein treues Herz betrügt, O laßt, eh bald vielleicht sich diese Lippen schließen, Mit freundlich ernstem Wort noch einmal euch begrüßen!   5. Ihr, die ihr glänzend mir den dunklen Pfad umsäumt, O ihr, in deren Brust des Himmels Flammen brennen, Nicht nennt mein Lied euch jetzt, doch wird die Welt euch nennen, Wenn einst die goldne Frucht aus eurer Blüthe keimt. O möchtet ihr auch mir ein treu Gedächtniß gönnen, Der nicht, wie ihr, gewirkt, der Großes nur geträumt! O möchte dieses Wort des Enkels einst mich ehren: Auch er war werth, den Kreis der Herrlichen zu mehren!   6. Du süße Heimath, theures Land, Wo einst mein Geist zuerst die Schwingen ausgebreitet! Mein Vater, der so früh des Sohnes Sinn verstand Und nicht mit engem Maß ihm seinen Pfad bedeutet! Und du, die nie mein Blick, die nur mein Herz gekannt, O Mutter, die vielleicht als Engel jetzt mich leitet! Wie seh' ich jetzt am Ziele meiner Bahn Euch alle mir so hold, so freundlich nahn!   7. Und du, Antonie, du herrlichste der Frauen, Der nicht mein Mund allein den Mutternamen giebt, Du nahtest jugendlich dem Jüngling mit Vertrauen Und hast im Vater stets auch seinen Sohn geliebt. O möchtest du auch hier dein Kind noch glücklich schauen, Das Freude nur begehrt, weil dich sein Schmerz betrübt! O möchte künftig nie dein feuchter Blick mich fragen: Was drückt dein Herz, was säumst du mir's zu klagen?   8. Wohlan, so laß mein letztes Schwanenlied, Noch einmal laut die kühnen Töne schallen! Die Sonne steigt, der frische Morgen blüht, Und herrlich schmückt das Licht die blauen Hallen. Horch, wie der Siegesklang durch stille Lüfte zieht! Wie bunt die Fahnen rings im grünen Thale wallen! Schon zieht zum heil'gen Herd in freud'ger Siegespracht Die Heldenbraut empor, die Gottes Werk vollbracht.   9. Denn als sie jüngst von ihrem Freund geschieden, Und Adalbert ihr fromm Gebet erfüllt, Da hatte bald zum letzten Mal hienieden Der weiche Schlaf ihr müdes Haupt umhüllt. Und als sie lächelnd lag im träumerischen Frieden, In ihrer Glorie ein schlummernd Himmelsbild, Da war auf goldner Lüfte Wiegen Die Mutter Adalberts zu ihr hinabgestiegen.   10. Nicht war das holde Traumgesicht, Das ihr schon einst erschien, aus ihrem Geist verschwunden; Jetzt naht' es abermals, verklärt von hellerm Licht, Kein Wölkchen wurde mehr in ihrem Blick gefunden. Hell hob Cäcilie das Aug' und zagte nicht, Sie hatte treu gekämpft und siegreich überwunden. Demüthig neigte sich vor Gottes reiner Braut Die glänzende Gestalt und sprach mit süßem Laut:   11. So wird sich dir der sel'ge Himmel neigen, Wenn du empor in deine Heimath ziehst. Schon schmückt sich deine Bahn mit lichten Palmenzweigen, Schon schallt das Siegeslied, das freudig dich begrüßt. Wohl bist du längst der Erde nicht mehr eigen, Seit dieser Strahlenkranz um deine Stirn entsprießt; Doch sollst du eine That hienieden noch vollbringen, Dann magst du dich empor, du lichter Engel, schwingen.   12. Fern hält vom Lager jetzt den Helden Gottes Rath, Nicht seine Locken soll der Kranz des Sieges zieren; Nicht darf die Hand, die jüngst so kühn sich dir genaht, Die keusche Rose mehr, des Herrn Geschenk, berühren. Der reinen Jungfrau nur gebührt die reine That; Was keine Kraft errang, soll schwache Hand vollführen. Wenn deinen gläub'gen Sieg die heil'ge Blume krönt, Dann ist mit ihm und mir der Himmel ausgesöhnt.   13. Wohlan, so eile jetzt vom Schlaf dich zu erheben, Erwecke kühn zum letzten Streit das Heer! Dir hat der Herr sein leuchtend Schwert gegeben, Nicht bist du jetzt die schwache Jungfrau mehr. Wohin du nahst, wird auch sein Engel schweben, Sein Schimmer ist dein Helm, sein Arm ist deine Wehr, Vor deiner Stimme Ruf, vor deiner Fahne Wallen Wird Odin's Schaar entfliehn und Zinn' und Mauer fallen.   14. So spricht das Bild und hebt sich und entflieht. Nicht länger hält der Schlaf Cäcilien umfangen; Und wie sie wachend noch den fliehnden Engel sieht Und noch die Worte hört, die leis' um sie erklangen, Da staunt und schwankt sie nicht, ein freud'ger Muth entglüht In ihrer zarten Brust und leuchtet auf den Wangen. Und als sie jetzt so kühn dem Lager sich entrafft, Da fühlt sie tief, der Glaube sey die Kraft.   15. So blickte lang mit zweifelhaftem Zagen Vom Felsennest der junge Aar in's Thal, Noch zittert er den ersten Flug zu wagen, Dann folgt er bang der raschen Brüder Zahl; Doch als so leicht die hohen Lüft' ihn tragen, Und frei die Schwing' ihn hebt zum lichten Sonnenstrahl, Da spielt er auf der Bahn, wovor er jüngst sich scheute, Und wendet kühner schon den hellen Blick nach Beute.   16. Indeß versammelt sich in früher Dämmrungszeit, Als kaum vom Morgenschein sich fern die Wolken röthen, Wie Adalbert gebot, das deutsche Heer zum Streit: Rings rasselt Waffenlärm, laut schmettern die Trompeten, Um seine Banner ist schon jedes Volk gereiht, Schon ist ein jeder Fürst vor seine Schaar getreten, Fest steht und ernst das Heer in kühner Waffenpracht, Doch wiehernd steigt das Roß und wittert schon die Schlacht.   17. Als Jeder nun zum frühen Kampf bereitet Im Gliede harrt und staunt, daß noch der Feldherr weilt, Und Biarko, dem die Zeit zu träge längst entgleitet, Mit hast'gem Schritte schon zum Zelt des Freundes eilt, Da wandelt, wie der Strahl, der mit dem Nebel streitet Und jetzt mit ihr zugleich die bleiche Dämmrung theilt, Mit ernstem Blick und feierlichem Schritte Cäcilie daher und naht des Heeres Mitte.   18. Ein scharfes Schwert trägt ihre zarte Hand, Das weit umher die raschen Blitze sendet; Zum Himmel ist ihr stiller Blick gewandt, Sie weiß, dort wohnt die Kraft, die antreibt und vollendet; Und heller ist der Schein um ihre Stirn entbrannt, Der mit gewalt'gem Licht des Menschen Auge blendet; Das reiche Lockenhaar, die seidne Hüll' umwallt In muth'ger Winde Spiel die leuchtende Gestalt.   19. Gleich einer Lilie, die hoch und schlank entsproß, Im frühen Sonnenstrahl, vom leisen Hauch bewegt, Von hellem Silberglanz umflossen, Auf ihrem keuschen Haupt die goldne Krone trägt, So steht sie in dem Kreis, der staunend sie umschlossen; Von frommer Sehnsucht ist ihr kühnes Herz erregt, Ihr Auge gleicht dem Stern, in heller Röthe prangen Von Schaam und Muth zugleich die jungfräulichen Wangen.   20. Und wo im Rasengrün die Heeresfahnen stehn, Da naht sie sich; hoch läßt sie in den Winden, Der Erd' entrafft, das Banner Gottes wehn, Von ihren Strahlen scheint das Kreuz sich zu entzünden. So ließen Engel einst an Christi Grab sich sehn, Das auferstandne Heil den Menschen zu verkünden. Man hört, daß Gottes Geist um ihre Lippen wallt, Als so mit ernstem Klang ihr kühnes Wort erschallt:   21. .Du Volk des Herrn, ihr auserlesnen Schaaren, Die sein Gebot versammelt und belebt, Schon habt ihr jüngst des Himmels Huld erfahren, Als euch der Trug der Hölle frech umschwebt. Jetzt will noch herrlicher sein Rath sich offenbaren, Der stolze Häupter beugt und schwache hoch erhebt: Nicht sollen Zorn und Kraft, nicht scharfe Schwerterklingen, Nur frommer Glaube soll jetzt diesen Streit vollbringen.   22. Dem Fürsten euers Heers hat Gott den Sie versagt, Jetzt ist zu mir sein Ruf herabgestiegen. O spottet nicht der ruhmlos schwachen Magd, Die nie das Schwert geführt in wilden Männerkriegen! Nur der allein ist schwach, der an dem Herrn verzagt; Wer Muth zum Sterben hat, der hat auch Kraft zum Siegen. Der matte Funke selbst, der in der Asche schlief, Entzündet Haid' und Wald, wenn Gottes Sturm ihn rief.   23. Nicht treibt mich Durst nach irdisch eitler Ehre, Zu seinem Ruhme nur hat mich der Herr gesandt. Was frommt dem mächt'gen Gott das Schwert gewalt'ger Heere? Ein Wink, ein Blick von ihm zertrümmert Stadt und Land. Nur daß noch herrlicher sein Name sich verkläre, Besiegt er jetzt den Feind durch einer Jungfrau Hand. Was mir beschieden ist, kann Jeder mit erwerben: Ein Kämpfen ohne Furcht, ein glorreich frommes Sterben.   24. So ruft sie aus. Und als die Heeresmacht Noch staunend steht, da hüllt der Himmelsbogen In Wolken sich, in schwere Wetternacht, Der Donner rollt, fern rauschen Wald und Wogen. An Gottes Hügel ist Thorildens Sturm erwacht Und hält den heil'gen Berg mit schwarzem Duft umzogen; Doch heller leuchtet stets von sel'gem Strahlenlicht Der Jungfrau klares Haupt, sie hebt das Schwert und spricht:   25. Hört ihr den Herrn? Erkennt ihr seine Blitze, Die er so hell von seinem Herde schickt? Er selber steigt herab, er thront auf seinem Sitze, Mit seiner Herrlichkeit, mit seiner Macht geschmückt. Daß er sein treues Heer im letzten Kampfe schütze, Hat seine Hand von dort ihr leuchtend Schwert gezückt. Schon ruft er laut herab in Donnern und in Stürmen: Was steht, was säumt mein Heer, das meine Hände schirmen?   26. Wohlan, so zückt auch ihr das Schwert zum tapfern Streit! Laßt laut zum Sturm die Feldposaunen schallen! Seht, wie das Roß sich schon des nahen Kampfes freut, Wie rasch die Fahnen schon dem Sieg entgegenwallen. Wie stolz die Burg auch dort aus ihrem Dunkel dräut, Mit uns ist Gott; wir nahn, und sie wird fallen. Auf, kühnes Heer! Für Gott den tapfern Gang, Mit Gott den Sieg, den Tod in Gott, bei Gott den Dank!   27. So rief sie aus. Und wie mit leichten Schwingen Die Geister, die der Frühling ausgesandt, In jeden Keim belebend niederdringen Und Blumen schon erziehn, noch eh der Schnee entschwand: So flog durch's ganze Heer der Worte süßes Klingen, Daß trotz Gebraus und Sturm sie jedes Ohr verstand. Ein lautes Jauchzen tönt, tief neigt dem lichten Bilde Ein jedes Banner sich, hell schallt das Schwert am Schilde.   28. Da naht ihr Gormo's Sohn mit seiner holden Braut. Nicht wagen sie's, den Blick auf ihr Gesicht zu wenden; Wie mild ihr Antlitz auch auf ihre Lieben schaut, Kein Auge trägt den Glanz, den ihre Strahlen senden. Und Biarko kniet vor ihr mit frommgefaltnen Händen Und spricht: Dir sey mein Volk und dir mein Recht vertraut! Wer du auch seyst, nicht wag' ich's, dich zu nennen, Sey auch noch dann uns hold, wenn uns die Welten trennen!   29. So spricht der Held, doch scheu steht Adelheid Und senkt den Blick und schweigt im heil'gen Bangen. Da naht Cäcilie, um vor dem letzten Streit Noch einmal hold und treu die Theure zu umfangen. Und hell verklären jetzt sich auch der Schwester Wangen, Als ihr das lichte Bild den Kuß der Trennung beut. Wie Herz und Herz in jenem Kuß sich grüßen, Muß die Vereinigten ein Schimmer auch umfließen.   30. So läßt vom hellen Thau erfüllt Die blühnde Rose sich im Silberglanze blicken, Und wechselnd muß der Thau mit Morgenroth sich schmücken, Weil ihn der Purpurschein des zarten Kelchs umhüllt. Doch nahst du, Adelheid, das Frühlingskind zu pflücken, Und neigst zu seinem Glanz dein jungfräuliches Bild, Doch kann das Herz nicht mehr die holden Schwestern trennen, Und will die Rose dich, und dich die Rose nennen.   31. O lebe wohl! so ruft mit leisem Ton Cäcilie, leb wohl! wir müssen scheiden. Der Himmel gab kein gleiches Loos uns Beiden, Dir blüht schon hier das Glück, mein harrt erst dort der Lohn. Für dich auch sterb' ich jetzt, drum laß ich dich mit Freuden, Für Gott und dich zugleich erring' ich einen Thron. Sey glücklich, denke mein! Dort von des Himmels Höhen Wird auch auf dich mein Blick noch oft herniedersehen.   32. So spricht sie sanft. Dann schwingt sie hoch das Schwert, Die Banner regen sich, die Feldposaunen schallen, Sie wandelt kühn voran, von Gottes Glanz verklärt, Und läßt in hoher Luft die heil'ge Fahne wallen. Wie nächtlich auch der Sturm die finstre Luft durchfährt, Um sie ist Frühlingswehn, ihr Schimmer leuchtet Allen. Schon hat das Heer die stolze Stadt umringt, Um deren Zinnen noch die Nacht die Flügel schwingt.   33. Der Heiden Wächter sehn der Christen kühn Beginnen, Schnell künden sie die Noth, die Lethra's Burg bedräut. Laut um die Veste schallt's, und laut erschallt es drinnen: Es naht der Feind! Auf, Helden, auf zum Streit! Schon füllt die Mauer sich, schon steht auf allen Zinnen Geschütz und Heer zum Widerstand bereit; Noch Keiner weiß, daß Skiold die Stadt verlassen, Und fruchtlos sucht man ihn in Tempeln, Burg und Gassen.   34. Doch als die Boten jetzt, die Harald ausgesandt, Umsonst nach seiner Spur die weite Stadt durchlaufen, Da ordnet Rolf, der Greis, und Biorn, der zornentbrannt Den Freund zu rächen strebt, die raschvereinten Haufen. Hoch schwingt der König auch den Speer in starker Hand Und denkt für theuern Preis sein Leben zu verkaufen. Kühn harrt die Schaar des Kampfs, und auf der Mauer Höhn Scheint eine zweite jetzt aus blankem Stahl zu stehn.   35. Und als die Christen kaum die ersten Höhn erstiegen, Da braucht der Feind der Waffen trotz'ge Kraft: Die Schleuder ächzt, Geschoß und Steine fliegen, Hell pfeift der Speer, dumpf saust der glühnde Schaft. Der muß dem heißen Strom und Der dem Schutt erliegen, Der wird vom jähen Sturz des Balkens fortgerafft, Gewalt'ge Haken drohn, und Sichelwagen fahren Zerschneidend, wo sie nahn, und rasselnd durch die Schaaren.   36. Aus allen Thürmen läßt der Schützen kühne Zahl Mit spähndem Blick die raschen Pfeile schwirren, Wie Hagel fliegt und fällt der leichtbeschwingte Stahl, Und Helm und Schild beginnt mit hellem Klang zu klirren. Nur selten täuscht das Ziel der Augen kluge Wahl, Schon sieht man manches Roß des Reiters ledig irren, Vergebens hält der Arm den breiten Schild gezückt, Denn früher naht der Tod, als ihn das Aug' erblickt.   37. Gewaltig hört man rings das Schlachtgeschrei ertönen, Zum Himmel steigt Ruf, Drohung und Gebot, Geheul und Hohn, Erkrachen, Rasseln, Dröhnen, Hier jauchzt der Sieg, dort ächzt der blut'ge Tod. Das grimme Toben scheint den Donner zu verhöhnen, Der zürnend noch herab aus nahen Wolken droht; Vergebens läßt der Sturm den mächt'gen Ruf erschallen, In diesem Aufruhr muß sein lauter Grimm verhallen.   38. Doch ohne Zagen geht das jungfräuliche Bild Dem Heer vorauf und mahnt die Kampfgenossen. Kein Helm bedeckt ihr Haupt, ihr Arm ist ohne Schild, Nur zarte Seide hält die holde Brust umschlossen. Vor ihr und hinter ihr deckt fruchtlos das Gefild Mit schweren Steinen sich, mit Lanzen und Geschossen; Des Himmels Hand schwebt schützend um ihr Haupt, Dem Stein ist seine Last, dem Pfeil der Flug geraubt.   39. Und wie die Braut, die aus den Väterhallen Im festlichen Geleit dem Freund entgegenzieht, Um deren schlanken Leib die reichen Kleider wallen, In deren Lockenhaar die holde Myrte blüht; Der Fremdling selbst erkennt gar leicht sie unter Allen, Die sinnend und verschämt in süßer Ahnung glüht: So wandelt still und mild auf ihren blut'gen Wegen Die freud'ge Siegerin dem schönen Ziel entgegen.   40. Und muthig folgt die Schaar ihr nach: Wie grimm die Noth auch sey, kein Herz beginnt zu zittern, Fest schließt sich Schild an Schild, daß auf dem ehrnen Dach, Das langsam näher rückt, Geschoß und Speer zersplittern, Schon stürmt mit mächt'gem Stoß und Schlag Der Widder Haupt heran, die Pforten zu erschüttern, Indeß sich hier und dort die hohe Leiter hebt Und an der Zinnen Kranz sich fest zu klammern strebt.   41. Doch rüstig stehn die kühnen Heiden droben, Zur Waffe wird, was nur der Hand sich beut: Den sieht man wild mit schweren Stangen toben, Der schwingt den Karst, die Sichel Der zum Streit, Der hat das scharfe Beil und Der die Kolb' erhoben, Der hält zum glühnden Wurf den rothen Brand bereit; Manch drohend Sturmgeräth entbrennt in raschen Flammen, Und manche Leiter kracht mit ihrer Last zusammen.   42. Auch fahren oft, von mächt'ger Kunst geschickt, Zum Christenheer gewalt'ge Schlingen nieder, Und wenn sie rasch des Feindes Haupt und Glieder Den Schlangen gleich mit festem Band umstrickt, Dann heben sie mit ihrer Last sich wieder, Wie durch die Luft den Fisch die Angelruth' entrückt, Und rasselnd stürzt ihr Raub, vom Leben schon verlassen, Weit über Zinn' und Thurm geschleudert, auf die Gassen.   43. Doch wo ob Lethra's festem Thor Vom höchsten Mauerthurm die Feinde niederschauen, Da treten aus dem Heer die Kühnsten jetzt hervor, Um dort den steilen Pfad zum Siege sich zu bauen. Die luft'ge Brücke steigt gewaltig schon empor, Sie sinkt, fest haften schon der Haken ehrne Klauen; Der Heide schwingt vergebens Beil und Schwert, Weil hartes Erz die Sprossen rings bewehrt.   44. Und wie am Fels empor, wenn von des Himmels Hallen Die Wolken fliehn, der Strahl mit leichten Schwingen schwebt, So naht die Jungfrau jetzt und klimmt zuerst von Allen Den hohen Pfad hinan, der steil zur Zinne strebt. Weit sieht man durch die Luft ihr heil'ges Banner wallen, Hell blitzt der scharfe Stahl, den hoch ihr Arm erhebt, Lautjauchzend folgen ihr zum Siege die Genossen, Schon beugen sich beschwert von ehrner Last die Sprossen.   45. Von hohen Zinnen streckt umsonst der Heiden Zahl Die langen Lanzen ihr, das breite Schwert entgegen, Schon blendet ihren Blick der Jungfrau heil'ger Strahl, Und wie im Wahnsinn scheint ihr Arm sich zu bewegen, Bezaubert wenden sie schon auf sich selbst den Stahl, Und blutend sinkt der Freund von seines Freundes Schlägen, Schon faßt Cäcilie den Zinnenkranz am Thurm Und ruft ihr Volk siegprangend nach zum Sturm.   46. Und wie, wenn früh das Licht am Himmel aufgegangen Und trüber Nebel noch im niedern Thale graut, Vom ersten Strahl verklärt, mit feierlichem Prangen Des Kreuzes goldne Zier vom hohen Dome schaut: So steht verherrlicht jetzt, mit morgenhellen Wangen, Hoch auf der Zinne Kranz die heil'ge Gottesbraut Und läßt zum Christenheer von ihren Siegeshöhen Das wallende Panier in stillen Lüften wehen.   47. Denn sieh, sobald ihr Fuß das kühne Ziel erreicht, Da scheint der Himmel auch die Siegerin zu ehren: Es bricht die Nacht, des Donners Zürnen schweigt, Gewölk und Wettersturm entfliehn zu fernen Meeren, Blau glänzt die stille Luft, die heil'ge Sonne steigt Aus fliehndem Duft empor, die Jungfrau zu verklären; Wohl scheint's, als ziehe jetzt mit glänzendem Gewand Des Himmels milder Herr in sein erkämpftes Land.   48. Und rasch wird jetzt im muthigen Vereine Mit kühnerm Kampf ein jeder Thurm berannt: Schon treiben Adelhelm und Guelf, der Graf vom Rheine, Den fliehnden Feind herab von hoher Mauerwand. Und Archimbald zersprengt mit einem mächt'gen Steine Das Thor, das früher kaum dem Widder widerstand. Lautjubelnd bricht durch's innre Pfortengitter Dem kühnen Greise nach die Schaar der tapfern Ritter.   49. Und wie im Sturm, wenn schon den hohen Mast Der Blitz zerschlug, und Bord und Stangen brennen, Mit Wehgeschrei in wildverwirrter Hast Bald hier bald dort die bangen Schiffer rennen; Der eilt mit scharfer Axt des Bootes Tau zu trennen, Indeß den Balken Der und Der das Bret umfaßt; Doch Andre sitzen still und sehn mit starrem Zagen Die mächt'gen Wellen nahn, die fort in's Meer sie tragen.   50. So tobt durch Lethra jetzt Verwirrung, Flucht und Graun. Die Heiden fliehn, hier einzeln, dort in Schaaren, Hier irren Greis' umher und Kinder dort und Fraun Mit flatterndem Gewand und weitzerstreuten Haaren; Der sucht durch flücht'gen Lauf sein Leben zu bewahren, Doch Der will lebend nicht den Fall der Götter schaun Und wartet still am alten Väterherde, Zum Tode kühn, welch Schwert ihn treffen werde.   51. Stumm neigt sich manche Braut auf ihren bleichen Freund, Bis im gewalt'gen Schmerz auch ihr die Augen brechen, Und mancher Vater stürzt, des Sohnes Tod zu rächen, Mit alterschwachem Arm sich zürnend in den Feind, Und manche Gattin droht, den Busen zu durchstechen, An welchem kläglich noch ihr holder Säugling weint; Und während Die dem Feind mit reicher Last entspringen, Eilt Der auf Hab' und Gut den glühnden Brand zu schwingen.   52. Durch alle Gassen zieht lautrasselnd Mann und Roß, Die Christenfahne weht schon hoch von allen Thürmen, Ein Theil der Heiden flieht empor in's feste Schloß, Das nun allein umsonst die Feinde noch bestürmen. Doch Biorn, der Fühne, wirft mit einem tapfern Troß In Odin's Tempel sich, das heil'ge Pfand zu schirmen. Rasch folgt ihm Archimbald mit hocherhobnem Schwert, Nur ihn noch achtet er des kühnen Kampfes werth.   53. Indessen war auf Lethra's andrer Seite, Wo stolz vom Fels mit unbezwungner Macht Die feste Burg des Königs niederdräute, Noch nicht sobald der ernste Kampf vollbracht. Dort zog mit Gormo's Sohn sein tapferes Geleite, Vinzenz und Friedebert und Edelrad, zur Schlacht, Indeß des nahnden Heers auf Mauern und auf Warten Um Rolf und Harald rings viel starke Krieger harrten.   54. Doch als nun Gormo's Sohn, nach langem Widerstand, Vom äußern Mauerkreis die Heidenschaar vertrieben Und jetzt, von wildem Zorn entbrannt, Die erste Pforte sprengt mit mächt'gen Kolbenhieben, Da wird er grimmiglich von Harald angerannt, Der mit der kühnsten Schaar im innern Hof geblieben; Hoch hebt der alte Fürst des Schildes breite Wehr Und zückt mit starker Hand den ungeheuern Speer.   55. So stürmt er wild von jenen breiten Stiegen, Worauf die deutsche Schaar die Veste jetzt ersteigt. Viel lieber will er hier vor seiner Burg erliegen, Eh' er dem bittern Feind nur eine Spanne weicht. Und sausend läßt er jetzt die mächt'ge Lanze fliegen, Indeß sich Biarko schnell dem nahnden Wurfe beugt; Sie stürmt vorbei, um an des Sieges Thoren Den tapfern Grafen noch von Habsburg zu durchbohren.   56. Da schwingt im Zorne Gormo's Sohn Die Kolb', er springt hinan, sein Auge blitzt Verderben. Nimm, ruft er laut, nimm, Räuber, hier den Lohn, Daß meine Hände jetzt mit Dänenblut sich färben! Schon lange sucht' ich dich. Nicht gilt's mehr um den Thron, Um's Leben gilt's; ich oder du sollst sterben! So ruft er aus und trifft mit eisernem Gewicht Des Königs stolzes Haupt, daß Helm und Krone bricht.   57. Und als nun Der, vom harten Schlag erschüttert, Mit hocherhobnem Schild das wunde Haupt bewehrt, Da zieht sein Feind, vom langem Groll erbittert, Mit rascher Hand sein scharfgeschliffnes Schwert Und treibt's ihm in die Brust, daß rings der Panzer splittert Und aus dem Rücken ihm die blut'ge Spitze fährt. Der König ächzt und schwankt und streckt die Riesenglieder, Im Tode trotzig noch, vor seiner Pforte nieder.   58. Und mit dem kühnen Herrscher fällt Auch seiner Schaar der Muth, sie rettet sich nach innen. Das ehrne Gitter sinkt; vergebens sucht der Held Zugleich mit seinem Feind die Pforte zu gewinnen, Schon ist mit raschem Schwung die Brück' emporgeschnellt, Und Balken stürzen rings und Steine von den Zinnen. Der Fels, der, rauh und schroff, nur schmale Pfade beut, Verzögert hier und hindert dort den Streit.   59. Indessen naht mit seinen Kampfgenossen Graf Archimbald sich schon des Tempels Thor, Da prasselt eine Saat von flammenden Geschossen, Die Biorno's Schaar gesandt aus Odin's Haus hervor. Ein wild Getös erhebt sich von den scheuen Rossen, Und manches prallt zurück, und manches steigt empor; Doch mit dem Grafen stürzt, verschüchtert von den Flammen Und tief vom Stahl durchbohrt, sein edles Thier zusammen.   60. Kaum nimmt der Dänenheld den Sturz des Feindes wahr, Da wird zu kühner That sein zürnend Herz entzündet, Rasch bricht er aus dem Thor mit seiner tapfern Schaar Und eilt dem Greise zu, der unter'm Roß sich windet. Dir, Torkill, ruft er aus, bring' ich dies Opfer dar; So bleibt im Tode noch mein Arm dir treu verbündet. Er spricht's und setzt den Fuß auf seines Feindes Brust Und schwingt die Schneide schon in rächerischer Lust.   61. Da eilt nach manchen kühnen Siegen Cäcilie daher, von freud'gem Volk umringt; Sie sieht den tapfern Greis betäubt am Boden liegen, Schon sieht sie, wie der Feind das Schwert um's Haupt ihm schwingt. Und wie, wenn fern herab des Himmels Blitze fliegen, Der starke Fels zerbricht, die hohe Fichte sinkt, So zittert, wie sie naht, mit bleichem Angesichte Der Jüngling in den Staub vor ihrem sel'gen Lichte.   62. Erschrocken fliehn die Dänen fort, Als wolle Jeden schon der heil'ge Strahl verzehren. Und rasch vertheilen sich die Sieger hier und dort, Mit blankem Schwert die Flucht dem bangen Volk zu wehren. Doch sieh, Cäcilie hält jetzt vom blut'gen Mord Die Zürnenden zurück, die ihr Gebot verehren; Dann naht sie Biorn und setzt mit kühner Hand Das scharfe Schwert ihm an des Gitters Rand.   63. Du wolltest mir ein theures Leben rauben, So spricht sie ernst, jetzt ist dein Leben mein. Wohl mag dein Wahn die Rache dir erlauben Und sich am Blut hülfloser Feinde freun; Doch meine Seele hängt an einem schönern Glauben, Der mich Versöhnung lehrt und Frieden und Verzeihn. Dein Gott hat schutzlos dich in meine Hand gegeben – Steh auf und zage nicht! dir schützt mein Gott das Leben.   64. Sie spricht's, und scheues Staunen füllt Des Jünglings Herz, er beugt dem sel'gen Scheine Der Jungfrau sich und spricht: Wie ist dein Gott so mild, Und doch viel mächtiger, viel kühner, als der meine! O bete du für mich, du klares Himmelsbild, Daß einst auch meinem Blick sein gnäd'ges Licht erscheine! So ruft er sanft, dann hebt er schnell versöhnt Den edlen Greis empor, der unter'm Rosse stöhnt.   65. Allein Cäcilie ersteigt mit kühnen Schritten Den Tempel jetzt, das Ziel der tapfern Bahn, Der Himmel siegt, das Kleinod ist erstritten, Vernichtet ist der menschlich blinde Wahn. Sie, die für Gott so lang, so treu gelitten, Soll freudig jetzt den großen Lohn empfahn. Schon tritt sie in den Dom, gleich einem hellen Sterne, Demüthig folgt die Schaar in ehrerbiet'ger Ferne   66. Und als nun jetzt, auf goldnem Herd erhöht, Vom Morgenglanz des zarten Kelchs umgeben, Vor ihrem Blick die heil'ge Rose steht, In hoher Pracht, in ewig blühndem Leben, Und als der süße Duft ihr leis' entgegenweht, Gleich Schwingen, die schon jetzt zum Himmel sie erheben, Da legt sie tiefbewegt das Schwert zu Boden hin Und kniet vor Gott und spricht mit frommem Sinn:   67. Du, der auch hier in oft entweihten Wänden Mein Haupt umschwebt und meine Stimme hört, Gewalt'ger Gott, der, um sein Werk zu enden, Mit seiner Kraft sein schwaches Kind bewehrt! Hier leg' ich jetzt mit demuthsvollen Händen Vor deinen Thron dies unbefleckte Schwert, Um freudig dann, mein Vater, dieses Leben, Das deine Huld geehrt, in deine Hand zu geben.   68. O du, so reich an Schonung und Verzeihn, Der nur der Schwäche zürnt, doch mild den Schwachen richtet! Nicht steh' auch ich vor dir von allem Tadel rein, Und was ich Gutes that, hast du durch mich verrichtet. O laß, Allgütiger, was ich gefehlt, vernichtet, Was ich im Wahn geirrt, das laß vergessen seyn! O laß auch Die dein ew'ges Heil erwerben, Die nichts für dich gekonnt, als glauben, hoffen, sterben!   69. So betet sie, dann steigt sie still und kühn Zum Herd empor und thut des Himmels Willen. Ein lindes Zittern scheint durch ihre Brust zu ziehn, Ein lieblich kühler Hauch die Adern ihr zu füllen. Doch schöner nur beginnt ihr keusches Bild zu blühn, Man sieht ein zartres Roth die helle Wang' umhüllen; Der Tod, der leise schon im Herzen ihr erwacht, Hat, ihr verklärtes Bild zu trüben, keine Macht.   70. Und als sie jetzt mit seligem Gemüthe, Demüthig mild und dennoch kühn und klar, In ihrer Hand die heil'ge Purpurblüthe, So hoch und leuchtend steht am goldenen Altar, Da wähnt das Volk, ein lichter Engel biete Ihm Segen jetzt und Heil und Frieden dar, Und Jeder kniet und preist den Herrn mit frommem Schweigen, Daß er auch ihn erkor, dies Wunder ihm zu zeigen.   71. Ja, dankt dem Herrn! so spricht mit süßem Ton Die Heil'ge jetzt, schön ist sein Werk gelungen: Gegründet steht auch hier sein milder Thron, Auch hieher ist sein sel'ges Licht gedrungen; Ein treues Band umschlingt, ein Wille leitet schon Die Völker, die verwandt aus einem Stamm entsprungen; Nicht fällt der Bruder mehr durch seines Bruders Schwert, Und Allen hat ein Gott, ein Himmel sich verklärt.   72. So ruft sie aus. Dann steigt sie sanft hernieder; Schnell öffnet rings das Volk ihr eine Bahn; Sie wallt hindurch, nicht scheinen ihre Glieder Dem niedern Staub der Erde mehr zu nahn. So gleitet sanft mit silbernem Gefieder Durch leichtgetheilte Fluth der träumerische Schwan; Ihn, der die Welle jetzt mit süßen Todesklagen Durchflötet, scheint von selbst der leise Strom zu tragen.   73. Jetzt sieht man sie mit ihrer Schaar vereint Den steilen Pfad zum hohen Schloß ersteigen. Im Frieden ruht die Stadt, rings müssen Freund und Feind, Von Gottes Kraft besiegt, vor ihrem Bild sich neigen. Und als sie vor dem Thor der stolzen Burg erscheint, Beginnt auch dort der Lärm der Kämpfenden zu schweigen, Hoch bleibt der Arm gezückt, der kaum den Speer gesandt, Das Schwert erstarrt im Flug, am Bogen ruht die Hand.   74. Und als die Heiden jetzt von ihrer hohen Zinne Die Jungfrau sehn, die hell von goldnem Licht Sich prangend naht mit ihrem Kampfgewinne, Bei dessen Raub auch Odin's Scepter bricht, Da werden sie die Macht des ew'gen Gottes inne, Und reuig neigen sie das stolze Herz der Pflicht, Schon lassen sie von ihrer Veste Höhen Vor Gormo's Sohn die Friedensfahne wehen.   75. Dann öffnet sich der Burg gewölbtes Thor, Und waffenlos, mit flehender Geberde, Tritt mit den Edelsten der alte Rolf hervor Und beugt vor seinem Herrn sein zitternd Knie zur Erde. Dicht drängt das Volk ihm nach und hebt die Hand' empor Und fleht mit lautem Ruf, daß Fried' und Huld ihm werde. Doch mild erhebt der edle Königssohn Den ritterlichen Greis und spricht mit gnäd'gem Ton:   76. Nicht kanntet ihr, den ihr vom Thron vertrieben, Nicht kanntet ihr, den ihr zum Herrn erhobt; Erkennt mich jetzt, lernt Dessen Milde lieben, Deß starken Arm ihr früher schon erprobt, Und bleibt so treu mir stets, wie ihr es Dem geblieben, Um dessen kühnen Schutz sein Gegner selbst euch lobt. So spricht er sanft und läßt mit gnäd'gem Winken, Zum Zeichen seiner Huld, die Lanze niedersinken.   77. Schon ist Cäcilie indeß in's Schloß geeilt, Wo, jüngst in harter Schlacht gefangen, Der treue Sänger noch im tiefen Kerker weilt. Er, der im bittern Schmerz so fest ihr angehangen, Soll durch sie selber jetzt den süßen Trost empfangen, Wie gnädig Leid und Lust der milde Gott vertheilt. Ach sie, um die sein Herz so manche Noth bestanden, Sie löst mit eigner Hand jetzt ihres Freundes Banden.   78. Er ruhte still bei schwachem Lampenschein, Der mühsam nur der Dämmrung widerstreitet; Wie stumm die Nacht auch schlief, doch war er nicht allein, Er dacht' auch jetzt an sie, die ewig ihn begleitet. Da trat Cäcilie in ihrem Glanz herein, Und durch die Hallen ward ein Rosenlicht verbreitet; Süßlächelnd stand sie jetzt vor ihrem Freunde da, Der still und friedlich ihr in's helle Auge sah.   79. So oft er sonst mit träumendem Gemüthe Ein zartes Lied ersann, die Liebste zu erhöhn, Sah stets sein freud'ger Geist in dieser sel'gen Blüthe, In diesem goldnen Licht ihr mildes Bild erstehn. Die helle Glorie, die jetzt ihr Haupt umglühte, Die hatt' er immer schon um ihre Stirn gesehn; Des Himmels naher Glanz, wovor die Meng' erbebte, Erschreckte Den nicht mehr, der stets im Himmel lebte.   80. So schläft das zarte Kind, das an des Lebens Saum Die Engel schon im leisen Schlummer grüßen, Im Arm der Mutter ein, um bald nach kurzem Traum In jener schönern Welt die Augen aufzuschließen; Und als es dort erwacht, bemerkt's die Strahlen kaum, Die um sein lächelnd Haupt, um seine Glieder fließen; Gar friedlich schaut es auf und winkt mit kleiner Hand Zum Spiel die Engel her, die es schon längst gekannt.   81. Doch als sie jetzt von süßer Schaam befangen Zu ihm sich neigt und seine Banden trennt, Als lieblich jetzt um seine bleichen Wangen Ihr leiser Athem weht, und hold ihr Mund ihn nennt, Und als er jetzt das Bild, das sonst so schnell vergangen, So freundlich weilen sieht, als er sie selbst erkennt, Da neigt er still sein Haupt und ruht in sel'gen Thränen, Indeß aus ihrem Mund ihm diese Wort' ertönen:   82. Du treues Herz, o du mein trauter Freund, Der mir so hold in jeder Noth geblieben, Wohl hast du viel um mich gelitten und geweint, Und ich, ich mußte selbst dich meiden und betrüben! Doch jetzt, da leuchtend schon mir jene Welt erscheint, Die nur in Liebe lebt, jetzt darf auch ich dich lieben. Wer nur dem Herrn vertraut in Demuth und Geduld, Dem zahlt das Leben einst auch hier noch seine Schuld.   83. So spricht sie sanft, indeß von ihren Wangen Die letzte Thräne rollt, die noch der Erde gilt. Da fühlt er jeden Wunsch und jegliches Verlangen Und jede Hoffnung selbst errungen und erfüllt. Ihm bleibt die Liebe nur, die, aus sich selbst empfangen, Nur nach sich selbst verlangt, nur durch sich selbst sich stillt. Mag lang' uns auch des Zufalls Spott verhöhnen, Oft kann ein Augenblick ein ganz Geschick versöhnen. Zwanzigster Gesang. 1.                       Als so der Herr sein heil'ges Werk vollbracht, Und rings in Schutt die Götzentempel sanken, Versammelt sich die freud'ge Heeresmacht, Für ihren Sieg dem großen Gott zu danken. Schon reinigt Jeder sich vom blut'gen Staub der Schlacht Und kränzt den lichten Helm mit Laub und grünen Ranken. So will das Heer vor Gott auf jenen heil'gen Höhn Mit friedlichem Gewand und reinen Händen stehn.   2. Zu Boden muß sich jede Lanze neigen, In seiner Scheide ruht vom Kampfe jedes Schwert, Der Krieger Rechte prangt mit grünen Eichenzweigen, Zum Schmuck nur hält der Schild die Linke jetzt bewehrt; Das frommgesenkte Haupt, die gläub'gen Blicke zeigen, Daß nicht der Mensch, daß Gott das Reich der Nacht zerstört. Drum muß des Reiches Aar auch tief zur Erde sehen, Das heil'ge Kreuz nur darf in hohen Lüften wehen.   3. Und als zum ernsten Zug gereiht Die dichten Schaaren jetzt sich aus den Pforten drängen, Und fern sich ihrem Blick der heil'ge Hügel beut, Da schallt das weite Thal von frommen Dankgesängen. Die Hörner, die so wild im rauhen Kampf gedräut, Ertönen lieblich jetzt mit ihren weichsten Klängen. Hell sieht man jetzt das Heer, geschmückt mit buntem Grün, Gleich einem Hochzeitszug aus Lethra's Mauern ziehn.   4. Und wie ein Strom mit sonnenklaren Wogen Sein weites Bett mit heil'gem Rauschen füllt, Indessen, leicht von linder Luft umflogen, Ob seiner Fluth ein glänzend Segel schwillt: So kam mit Siegesklang das Heer hinabgezogen, Weit leuchtete das Feld von Panzer, Helm und Schild, Und herrlich sahe man von leisem Wehn getragen, Hoch aus dem dichten Volk die Kreuzesfahne ragen.   5. Doch wie der Mond mit stillem Glanz Die luft'ge Bahn beginnt an blauen Himmelshallen, Indeß mit mildem Licht geschmückt zum nächt'gen Tanz Dem holden Führer nach viel tausend Sterne wallen, Und wie mit blühndem Haupt die Ros' im bunten Kranz Die Blumen überschaut, die reizendste von allen: So geht, von eigner Lust, von heil'gem Lichte klar, Cäcilie voran als Führerin der Schaar.   6. Ihr wehnder Schleier scheint sie leis' emporzuwiegen, Wie Wölkchen durch die Luft mit hellen Sternen ziehn; Die Locken, die im Spiel der linden Lüfte fliegen, Umschlingt ein duft'ger Kranz von dunklem Eichengrün, Durch dessen Blätter sich die leichten Strahlen schmiegen Und bald sich spielend nahn und zitternd bald entfliehn. Wohl scheint der Himmel schon, in dessen Licht sie schwinden, Mit luftig goldnem Band das zarte Bild zu binden.   7. Doch auf dem Pfad der Wandelnden entspringt Des Lenzes bunter Schmuck in wechselnden Gestalten: Süß duften Wies' und Hain, und tausend Blumen schlingt Die Erd' um ihren Fuß, die Fliehnde noch zu halten. Weil Welt und Himmel jetzt sie zu besitzen ringt, Will Jedes ihrem Blick sein Schönstes auch entfalten. Nie hat man leuchtender die blauen Wolkenhöhn Und nie die bunte Flur in holderm Schmuck gesehn.   8. So ward mir einst in deinen holden Blicken, Cäcilie, zum ew'gen Lenz die Welt. Mit tausend Blumen schien die Wiese sich zu schmücken, Von tausend Strahlen war der Himmel mir erhellt; Die Bilder, die das Herz und die das Aug' entzücken, Sie waren all' im Glanz des lichten Sterns gesellt Und ließen dann, getrennt zu wandelbaren Träumen, Im vielfach bunten Reiz den Frühling um mich keimen   9. Die Rose, die, von stiller Kraft belebt, In ihrer Hand noch höher aufgesprossen, Hat von dem süßen Hauch, der um die Blätter schwebt, Ein purpurnes Gewölk um ihr Gebild ergossen. So geht sie leuchtend jetzt, vom Rosenschein umflossen, Wie durch das Morgenroth der lichte Tag sich hebt. Je näher sie dem heil'gen Hügel schreitet, Um desto heller wird der Glanz um sie verbreitet.   10. Der ernste Tod, der, sonst in Bleich gehüllt, Die Rosen pflückt, die auf den Wangen blühen, Schmückt jetzt noch lieblicher das wunderholde Bild, Dem Gott auf Erden schon die Seligkeit verliehen. Man sieht, wie freier stets die Seele sich enthüllt, Wie immer mehr verweht des Staubes Schatten fliehen; Fast scheint der dünne Flor, der ihren Leib umwallt, Zu dicht, zu drückend schon der luftigen Gestalt.   11. An ihrer Rechten geht im festlichen Talare, Der reichgefaltet ihm bis auf die Füße fällt, Mit ernstem Blick und silberweißem Haare Der priesterliche Greis, den Gott dem Heer gesellt. Auf seinem Haupte prangt die glänzende Tiare, Indeß den Hirtenstab die schwache Rechte hält. Er gleicht dem Heiligen, dem nach Besiegtem Leben Ein sel'ger Engel naht, zum Himmel ihn zu heben.   12. Dann folgt an Biarko's Hand, die blühnde Myrt' im Haar, Die holde Schwester ihr, mit sanftgetrübten Wangen. Noch heute soll das edle Paar Des Himmels Segensspruch zum ew'gen Bund empfangen; Doch naht sie zagend nur dem bräutlichen Altar, Nur an der Schwester läßt den feuchten Blick sie hangen. Wenn Gott auch selbst zum Sieg die Theure führt, Sie fühlt bei Jener Glück nur das, was sie verliert.   13. Doch friedlich geht mit freud'gem Angesichte Der Sänger neben ihr durch's duft'ge Blüthenfeld. Schön hat der Wiederschein von jenem goldnen Lichte, Das seine Liebe schmückt, auch seine Wang' erhellt. Was je sein Herz geträumt im seligsten Gedichte, Das hat sich lebend jetzt vor seinen Blick gestellt. Und schwindet auch mit ihr die letzte seiner Freuden, Von ihr selbst will er gern, ist sie nur glücklich, scheiden.   14. Als nun das Heer die sanften Höhn Des heil'gen Hügels schon in langen Reihn beschreitet, Da läßt ein reis'ger Zug sich in der Ferne sehn, Der durch das Thal heran in raschem Trabe reitet. Hell leuchten Helm und Schild, und hohe Federn wehn, Weit ist durch's bunte Feld der blanke Glanz verbreitet. Wohl scheint ein edler Gast, hochzeitlich angethan, Zum festlichen Geleit der Schwestern sich zu nahn.   15. Denn herrlich sprengt im goldnen Waffenkleide Ein stolzer Held voran der lust'gen Schaar: Auf seinem Harnisch prangt manch köstliches Geschmeide, In seinem Schilde glänzt ein königlicher Aar, Viel Diener folgen ihm, gehüllt in Sammt und Seide. Auf buntgeziertem Roß, mit schöngelocktem Haar; Dann nahn sich dichtgereiht viel edle Herrn und Ritter Im leuchtenden Gewand, mit offnem Helmesgitter.   16. Doch als zum Hügel jetzt der helle Zug sich dreht, Und näher schon die raschen Rufe schallen, Erkennt das freud'ge Heer des Kaisers Majestät, Die prangend naht, umringt von Fürsten und Vasallen. Wie rasch die Saat sich neigt, von Schnitter abgemäht, So war vor Otto's Schwert des Reiches Feind gefallen, Und muthig hat er jetzt in's ferne Dänenland Zum jüngstverlaßnen Heer den Zug zurückgewandt.   17. Die Kunde fliegt, von Mund zu Mund gesendet, Durch's ganze Volk, ein freud'ges Jauchzen schallt. Doch er hält seinen Blick auf Jene nur gewendet, Die vor der edlen Schaar so himmlisch leuchtend wallt. Wer sie gesandt, und was ihr Muth vollendet, Verkündet jetzt der laute Ruf ihm bald; Und ließ' auch fern sich nicht die offne Veste schauen, Wer nur die Heil'ge sieht, der muß dem Wunder trauen.   18. Da steigt er rasch von seinem edlen Thier Und übergiebt's dem dienenden Geleite; Er nimmt vom grauen Haupt des Helmes goldne Zier Und birgt das blanke Schwert, geprüft in manchem Streite; Er eilt empor und freundlich naht er ihr Und wandelt still an ihrer linken Seite; Von neuem stimmt das Heer die frommen Lieder an Und schreitet feierlich den heil'gen Berg hinan.   19. Dem Kaiser folgt die Schaar der fürstlichen Genossen, Von gleicher Andacht ist ein jedes Herz entglüht; Schon hat ein heller Kreis Cäcilien umschlossen, Die mit gesenktem Blick demüthig weiter zieht. So rieselt still, durch bunte Aun ergossen, Ein lichter Quell, vom stolzen Hain umblüht; Wie dicht auch seinen Lauf die duft'gen Zweig' umgittern, Doch sieht man stets hindurch sein leichtes Silber zittern.   20. O zartes Blüthenreis, kaum aus der Knosp' erwacht, Wie bist du doch so schnell, so prangend aufgestiegen! Vor dir erniedrigt sich die irdisch stolze Macht, Wovor die Welt sich schmiegt, will jetzt vor dir sich schmiegen. Nah geht das Heil'ge dir in feierlicher Pracht, Der graue Heldenruhm, erkämpft in tausend Siegen; Du wandelst still dahin und glaubst auf deiner Bahn Durch Jene dich geehrt, die dir in Demuth nahn.   21. Als nun im Sonnenglanz das milde Kreuzeszeichen Den Wandelnden sich näher schon erhöht, Und als sie jetzt des Hügels Haupt erreichen, Wo feierlich der Herd des Himmels steht, Um welchen hochgewölbt ein Dom von alten Eichen Mit schaurig kühlem Hauch und leisem Flüstern weht, Da sitzt im leuchtenden Gewande Ein jugendlicher Held am grünen Herdesrande.   22. Von leichtem Schimmer war sein Angesicht verklärt, Sein lichter Helm bekränzt mit duft'gen Palmenblüthen, Und eine Lilie war sein silberhelles Schwert, Aus deren reinem Kelch drei goldne Strahlen glühten. So saß er friedlich dort am grünumrankten Herd Und schien, dem Engel gleich, das heil'ge Kreuz zu hüten. Mit Mühe nur erkennt die freud'ge Christenschaar In ihm des Helden Bild, der sonst ihr Führer war.   23. Ihm hatte Gott, gerührt von seinem Flehen, Als seinen Bruder schon der lange Schlummer band, Den müden Geist erquickt mit Paradieseswehen Und noch dem nahen Tod gewehrt mit gnäd'ger Hand. Noch soll sein Auge jetzt die keusche Heldin sehen, Die Hölle, Welt und Tod im Glauben überwand; Noch soll auch hier des Himmels milder Segen In seine Hand die Hand der Liebsten legen.   24. Und wie der Schmetterling, sobald der enge Raum, Worin er schlummernd lag, im Frühling sich entriegelt, Sich nach Gespielen sehnt und lang' im irren Traum Um alle Blumen schwebt, worin sein Bild sich spiegelt, Bis er, betrogen stets, an einer Lilie Saum Den holden Bruder sieht, duftähnlich, leichtgeflügelt: So war vor Adalbert nach manchem Truggebild Erst jetzt der tiefe Sinn der Liebe ganz enthüllt.   25. Die keusche Stirn, das helle Roth der Wangen, Der Augen heil'ge Gluth, das zarte Angesicht, Der Locken weicher Glanz, des Leibes schlankes Prangen, Der Mund, der strafend selbst so süße Worte spricht, Woran die Blicke sonst, woran das Herz gehangen, Das Alles trennte jetzt sein trunknes Auge nicht; In einem Lichte schien, zu Träumen und Gefühlen Entkörpert, jeder Reiz um ihr Gebild zu spielen.   26. Die Schöne, die so reich ihr heil'ges Haupt geschmückt, Wohl glich sie jetzt dem kurzen Blüthenleben, Aus dessen duft'gem Kelch, bis ihn der Sturm gepflückt, Die süße Liebe trank mit holdgetäuschtem Schweben. Doch keine Fessel hält den freien Gast umstrickt, Nicht ward das ird'sche Haus zur Heimath ihm gegeben; Wenn auch der holde Thron, worauf er ruhte, sinkt, Ihm bleibt das Flügelpaar, das ihn dem Staub' entschwingt.   27. Was zagt das Herz in Leid und bittern Thränen, Wenn ihm den seligen Lohn die zarte Minn' entzieht? Was welkt es früh dahin in hoffnungslosem Sehnen, Wenn in der Knospe schon sein süßes Glück verblüht? Kann nicht die Liebe stets ihr eignes Leid versöhnen, Und flieht die Liebe denn, wenn die Geliebte flieht? Wer nie geliebt, nur den mag sie betrüben; Wer liebt, hat Liebesglück, auch ungeliebt, im Lieben.   28. Schon trennt Cäcilie sich von des Volkes Schwarm, Man sieht sie süßverschämt den heil'gen Herd ersteigen. Jetzt darf sie friedlich ruhn in ihres Liebsten Arm, Darf treu ihr holdes Haupt an seinen Busen neigen. Erfüllt ist jeder Wunsch, vergessen jeder Harm, Süßweinend stehn sie jetzt und schaun sich an und schweigen; Der erste sel'ge Kuß, den ihre Lipp' ihm giebt, Enthüllt ihm zagend jetzt, wie heiß sie ihn geliebt.   29. So ruhn sie lang. Dann windet sie sich leise Aus seinem Arm und hebt sich ernst und frei, Sie blickt umher, und aus dem Ritterkreise, Der schweigend harrt in ehrfurchtsvoller Scheu, Tritt jetzt mit seiner Braut und mit dem heil'gen Greise Auf ihren leisen Ruf der Dänenfürst herbei. Sie kniet vor Christi Bild und hebt die Purpurblüthe Zum Kreuz empor und spricht mit gläubigem Gemüthe:   30. Du, der so freundlich dort auf uns herniederschaut, Du, der aus Liebe starb, uns Alle zu beglücken, Der dieses Kleinod jetzt, das einst dein Blut bethaut, Der treuen Magd verliehn, ihr Hochzeitfest zu schmücken! Hier kniet vor deinem Thron, o Herr, die freud'ge Braut, Noch darf sie rein und frei in's Angesicht dir blicken. So nimm sie freundlich denn mit ihm, den sie erkor, Zu deinem sel'gen Reich, du Gott der Lieb', empor!   31. Sie ruft's; dann tritt sie fromm dem Erzbischof entgegen, Sie neigt sich ihm und spricht mit holdem Ton: Ehrwürd'ger Greis, so spend' uns denn den Segen, So sey dein bindend Wort jetzt unsrer Liebe Lohn! Wohl mag jetzt Hand in Hand einmüth'ge Treue legen, Da Trug und wilder Haß vor Gottes Licht entflohn. So grüße freudig denn des Heiles erste Stunde Für uns und für dies Volk ein Schwur aus treuem Munde.   32. Sie sprach's und faßte sanft des Helden theure Hand Und harrte, daß der Greis sein heil'ges Amt verrichte. So Holdes sah man nie im schönsten Traumgesichte, Als jenes sel'ge Paar, das dort so bräutlich stand, Mit morgenheller Stirn, verklärt von Gottes Lichte, In duftig grünem Kranz und leuchtendem Gewand, Sie in der zarten Hand die schöne Rosenblüthe, Und er die Lilie, die goldne Strahlen sprühte.   33. Und wunderbar beginnt aus duft'gem Rasengrün Das holde Brautgemach der Liebe zu umschließen, Ein zartgeflochtner Kranz von Hecken aufzusprießen, An welchen Rosen hier, dort Lilien entblühn. Noch einmal, scheint es, will die Welt sie freundlich grüßen, Eh sie aus ihrem Kreis zum schönen Himmel fliehn. Gar lieblich stehn sie jetzt in jenen blühnden Hecken, Die halb ihr leuchtend Bild entschleiern, halb verstecken.   34. Schon hat auch Biarko sich zu Adelheid gesellt; Da treten aus dem Heer, des heil'gen Schwuren Zeugen, Der Kaiser selbst und mancher Fürst und Held Und nahn sich still mit ritterlichem Neigen. Schon hat der edle Kreis sich um den Herd gestellt, Die dichte Menge harrt in ehrerbiet'gem Schweigen; Da hebt Ansgarius, der fromme Gottesmann, Mit lautem Wort den ernsten Segen an.   35. So bind' ich euch, kraft meines Amtes Weihe, Ein Leib zu seyn, ein Herz bis an den Tod, Im Leben eins und eins in Lieb' und Treue, Im Glück gesellt, gesellt in jeder Noth. Wie euer Heil gediehn, so wachs' und so gedeihe Auch unter euerm Volk des Himmels mild Gebot. Der Gott, der herrlich sich und groß an euch erwiesen, Er segnet euch durch mich. Sein Name sey gepriesen.   36. So sprach der Greis, und Amen rief die Schaar, Indeß die Braut verschämt an Biarko's Busen glühte. Da stieg Cäcilie zum heiligen Altar Und hielt in ihrer Hand die sel'ge Wunderblüthe. Hier bring' ich dir, o Gott, die reine Gabe dar, So rief sie aus, dein bin ich, jetzt gebiete! Dann legte sie mit ehrerbiet'ger Hand Auf Gottes Herd das kühnerkämpfte Pfand.   37. Und als nun hell in wunderbarer Röthe Die Rose droben stand, und Jedem nah' und fern Auf leiser Luft ihr Hauch entgegenwehte, Und weit ihr Glanz erschien, gleich einem lichten Stern, Da sank der Kaiser hin zum frommen Dankgebete, Rings folgte alles Volk des Reichs verehrtem Herrn, Und weit erschallt' es jetzt im ganzen Christenheere: Herr Gott, dich loben wir, dir ist allein die Ehre!   38. Als so mit freudig frommem Dank Lautsingend auf die Knie das dichte Heer gefallen, Und rings Posaunenton und Heerespaukenklang Und Cymbeln durch die Luft hell wirbeln und erschallen, Da neigt sich sanftgewiegt auf Klängen und Gesang Ein goldenes Gewölk von blauen Himmelshallen, Und eine Lilie, woran drei Kelche blühn, Senkt vor Cäcilien sich leuchtend in das Grün.   39. Und näher schwebt mit wallendem Gefieder Die Wolke schon, wie still der Abend thaut, Schon läßt sie sanft sich auf den Hügel nieder Und hüllt den Helden ein und seine zarte Braut; Und drinnen tönt es süß, wie leise Engelslieder, Wie heller Harfenklang und weicher Flötenlaut; Rasch wogt und schlingt sich um die heil'ge Stelle Mit tausendfachem Licht des Duftes goldne Welle.   40. Die schöne Wolke schien ein buntes Zauberreich Voll lieblich leuchtender Gestalten zu verhüllen: Oft wölbte sich der Glanz den Rebenlauben gleich, Mit Frucht und Blüthen schien die Ranke sich zu füllen, Manch holdes Vöglein saß auf blitzendem Gesträuch, Und mancher goldne Quell begann hervorzuquillen, Auch ließen hier und dort im duft'gen Zauberwehn Mit leichtem Flügelpaar sich zarte Engel sehn.   41. Was Beide jetzt erblickten und empfanden, Als, angestrahlt von Gottes Angesicht, Die reinen Seelen sich aus ihrer Hülle wanden, Wie aus dem dunklen Raum die helle Blüthe bricht, Und wie sie dann in leisen Schlummer schwanden, Verblendet noch von ihrem eignen Licht – Dies holde Frühlingsfest der fessellosen Seelen Kann die Verklärte nur entschleiern und erzählen.   42. Nur als an Reinald's Harfenspiel, Das auch in ihrer Hand so lieblich oft erklungen, Wie luftig angehaucht von ahnendem Gefühl, Der Saiten zarteste mit leisem Hall zersprungen, Da wußte jedes Herz, jetzt sey das hohe Ziel, Des Sieges schönster Preis, der Tod in Gott, errungen. Und wallend hob der bunte Zauberflor Mit seinem sel'gen Raub sich vom Altar empor.   43. So schwebt denn auf in euer sel'ges Land, So schwebt denn auf in süßem Traum, ihr Reinen! Und dort erwacht hold staunend, Hand in Hand, Im goldnen Licht, in ewig blühnden Hainen! Wir, die das Leben noch in enge Kreise bannt, Sehn trauernd euch entfliehn, wir sehn euch nach und weinen; Nicht weinen wir um euch, die ew'ge Klarheit schmückt, Um uns nur weinen wir, weil noch die Nacht uns drückt.   44. Treu ruhten Arm in Arm geschlossen, Die grünen Kränze noch im weichgelockten Haar, Die holden Bilder jetzt, die sonst ihr Geist durchstossen, Im tiefen Todesschlaf am heiligen Altar. Ein stilles Lächeln war um ihren Mund ergossen, Glatt war die keusche Stirn, die Wange bleich und klar, Die Augen, sonst so hell von nimmer müdem Leben, Sie schliefen ruhig jetzt, von ew'ger Nacht umgeben.   45. Und als der Dänenfürst und seine holde Braut Sanftweinend noch an jener Stätte stehen, Als Reinald knieend noch zum blauen Himmel schaut, Wo er zum letzten Mal ihr theures Bild gesehen, Als alles Volk verstummt, und kaum mit leisem Laut, Vom Staunen noch gehemmt, die Athemzüge wehen, Da naht dem bleichen Paar sich Heinrichs großer Sohn Und spricht mit ernstem Blick und feierlichem Ton:   46. Groß ist der Herr, und groß ist seine Stärke, Und seine Huld hat nie ein Ziel gewußt. Wo ist das Herz, das nicht sein Walten merke In Sturm und Ruh', in Traurigkeit und Lust? Doch wahrlich ist das größte seiner Werke Der gläub'ge Muth, die Lieb' in treuer Brust. Was Helden nie mit Kraft und Schwert erzwungen, Hat Glaub' und Lieb' oft unbewehrt errungen.   47. So spricht der Held. Dann wird im Rasengrün Dem heil'gen Herde nah' ein stilles Grab bereitet. Man sieht die Fürsten selbst dies fromme Werk vollziehn, Weil selbst die Stolzesten itzt Gott zur Demuth leitet. Und was für Blumen nur im späten Herbste blühn, Die alle werden weich im Innern ausgebreitet. Schon ist das Werk vollbracht: nicht scheint es eine Gruft, Ein Frühlingsbette scheint's, voll Blüthen, Grün und Duft.   48. Und als sie jetzt die Schlummernden versenken, Da wird der blühnde Schmuck von mancher Thräne feucht; Und was ein Jeder hat an theuren Angedenken, Die einst der Freund, die Braut dem Scheidenden gereicht, Das will er jetzt der Gruft zum frommen Zeugniß schenken, Daß vor der himmlischen die ird'sche Liebe weicht; Hold sieht man jetzt mit Bändern und mit Spangen, Mit Gold und Edelstein das grüne Lager prangen.   49. Doch als das Grab sich füllt, wetteifert jede Hand, Den grünen Hügel aufzuführen. Dann wird der Rosenstrauch, der nah' am Kreuze stand, Vom Kaiser drauf gepflanzt, das heil'ge Grab zu zieren. Jetzt ist der Todesfluch von seinem Kelch gebannt, Wer reines Herzens ist, darf ihn getrost berühren; Nur wer ein feil Gemüth im falschen Busen trägt, Dem wird sein Strahl ein Blitz, womit der Herr ihn schlägt.   50. Jetzt, da sich tiefer schon der Sonne Strahlen neigen, Zieht Biarko in die Stadt mit seiner Braut zurück. Doch tönt von hoher Burg kein hochzeitlicher Reigen, Kein Skalde singt bei'm Mahl der Liebe süßes Glück, Der Abend zieht vorbei in feierlichem Schweigen, Zum hellen Sternenlicht schaut mancher feuchte Blick; Doch durch die Thränen selbst, die von den Wangen fließen, Scheint sich das stille Glück der Liebe zu versüßen.   51. Nur Reinald blieb am stillen Grab allein Und harrte betend dort dem neuen Tag entgegen. Was seine Seele liebt, schließt dieser Hügel ein; Nur eine Liebe will sein treuer Busen hegen. Drum baut er nah der Gruft im dunkeln Eichenhain Ein friedlich Hüttchen sich, wie fromme Siedler pflegen, Und breitet dicht um's schattig stille Haus Der Winde blühnden Schmuck und grünen Efeu aus.   52. Dann eilt' er auch ein Gärtchen abzustecken; Und als der Lenz von neuem aufgeblüht, Bekränzt' er es mit viel verflochtnen Hecken Und schmückte rings mit Lauben sein Gebiet; Und alle Blumen, die des Frühlings Strahlen wecken, Erzog er fleißig dort mit liebendem Gemüth; Auch müht' er sich den nahen Quell zu lenken, Um stets mit frischer Fluth die holde Saat zu tränken.   53. Und wenn aus frühem Duft der holde Tag sich wand, Dann eilt' er freudig schon zur theuren Grabesstelle, Umflocht mit manchem Kranz des Hügels grünen Rand Und tränkte sorglich stets die Ros' aus klarer Quelle. Holdzitternd schallte dann die Harf' in seinem Hand, Daß weit der Ton erklang in früher Morgenhelle, Und säuselnd trug der Lüfte lindes Wehn Dies fromme Lied leis' über Thal und Höhn:   54.       Lieblich wiegt des Duften Wallen Aus der Rose sich hervor: Also steigt zu deinen Hallen, Holdes Bild, mein Lied empor. Lieblich, wenn der Tag geschieden, Ist mit Thau die Ros' erfüllt: So berührt mit leisem Frieden Mich dein Gruß, du holdes Bild.   55.           So sang er oft und ließ die Harfe klingen Bei'm Morgenstrahl, bei'm stillen Abendroth. Ihn schien die Zeit holdweilend zu verjüngen, Ein blühnder Frühlingstag bracht' ihm den späten Tod. Und bis der letzte Schlaf die leichten Engelschwingen Zum Flug in's schönre Land dem reinen Geiste bot, Sah man sein Auge nie von Schmerz und Thränen trübe. – Das ist Cäcilie, das Lied der treuen Liebe. An Cäcilie. Den 18ten December 1815. 1.                   Es ist vollbracht das Werk, das ich ersonnen, Der langen Sehnsucht schmerzlicher Gewinn. An deinem Sarge ward es einst begonnen, Auf deinen Hügel leg' ich's trauernd hin. Es spiegeln alle Thränen, alle Wonnen Des tiefbewegten Herzens sich darin. O nimm es an! es war im bittern Leide Mein einz'ger Trost und meine letzte Freude.   2. Dem Schiffer gleich, der an den bunten Höhen Des schönen Ufers staunend niederfuhr Und manche Stadt, manch prangend Schloß gesehen Und manchen Hain und manche holde Flur, Bis jetzt die Wind' auf's hohe Meer ihn wehen, Wo jedes Bild verschwebt und jede Spur: So seh' auch ich in nebelgraue Weiten Die Täuschung fliehn und Freud' und Trost entgleiten.   3. Denn wie du warst im Leben und im Leiden, In Lieb' und Lust, im Schmerz und im Gefühl, Das sucht' ich treu in Wort und Bild zu kleiden Und anzureihn an holder Töne Spiel. So ließ ich nie dich aus der Seele scheiden Und nahte mich an deiner Hand dem Ziel. Doch mit dem Kranz, den du mir jetzt gewunden, Ist flüchtig auch der sel'ge Wahn entschwunden.   4. Drei Jahre sind mir schnell im Traum entflogen, Und wenn, empört vom mächt'gen Schicksalsflug, Die wilde Zeit auf unbeständ'gen Wogen Mich selber auch durch Krieg und Frieden trug, Ich merkt' es kaum, wie schwarz die Wolken zogen, Wie laut der Sturm an meinen Nachen schlug; Auf dir allein verweilten ohne Wanken In jeder Noth die liebenden Gedanken.   5. Und wie die Zeit auch wechselnd fortgeschritten, Du warst der Stern, die Sonne meiner Zeit, Dir war die Wehr, womit mein Arm gestritten, Dir jeder Traum der süßen Ruh geweiht. Und wenn mein Herz auch viel und tief gelitten, Für dich allein bekämpft' ich kühn das Leid, Daß nicht verletzt vom herbstlichkalten Hauche Die Ros' erbleich' an deinem Hügelstrauche.   6. Denn weil ich längst, nicht heimisch mehr hienieden, Seit deinen Geist ein schönres Land umfängt, Das heitre Spiel lebend'ger Lust gemieden Und nur auf dich den ernsten Blick gesenkt, Ist mancher Freund von meinem Pfad geschieden Und hat mein Herz durch kalten Sinn gekränkt. Ich habe still für dich dies Weh getragen Und ihn geliebt, wie einst in schönern Tagen.   7. Wie ein Gefäß, das Myrrhen einst verschlossen, Auch später noch die süßen Düfte hegt; Wie ein Gewölk, vom Abendroth umflossen, Sanftleuchtend noch sich durch die Dämmrung regt; Und wie ein Strom, in's salz'ge Meer ergossen, Noch weit hinaus die süßen Wellen trägt: So kann gekränkt, verstoßen und verlassen, Wer dich geliebt, nicht zürnen und nicht hassen.   8. Du sitzest still auf deinem goldnen Throne, Vernimmst nicht mehr der Erde Lust und Pein, Kannst mit lebend'gem Dank und ird'schem Lohne Das treue Herz des Sängers nicht erfreun. Doch schmückt durch dich ihn seine Lorbeerkrone, Was ihn verherrlicht, Alles ist es dein. Weil du es gabst und weil es dich gesungen, Hat sich sein Lied dem niedern Staub' entschwungen.   9. Und soll auch jetzt dies jugendliche Leben Mir ohne Lieb' und ohne Lust entfliehn; Wohl mancher Traum muß unerfüllt entschweben, Wohl manche Blum' im Keimen schon verblühn; Dir hab' ich mich mit Freuden hingegeben, Und nimmer welkt, was du mir einst verliehn. Nur einmal kann der Lenz dem Herzen prangen; Doch bleibt sein Duft, wenn auch sein Glanz vergangen.   10. So mag denn weit dies fromme Lied erschallen, Wo deutscher Ernst und deutsche Treue gilt! Und wie sich hell in klarer Bäche Wallen Mit nahem Licht der ferne Stern enthüllt, So leuchte jetzt, wie in des Himmels Hallen, Auf Erden auch, Cäcilie, dein Bild! Doch du nimm hold das Letzte, was ich biete! Es war auch mir des Lebens letzte Blüthe.