Ellen Key Drei Frauenschicksale   S. Fischer, Verlag, Berlin 1908   Übertragung von Marie Franzos   Alle Rechte vorbehalten Sonja Kovalevska 3. Januar 1850 – 29. Januar 1891 Erstes Kapitel Wie man auch persönlich den Tod betrachten mag – mit lebensmüder Sehnsucht, mit stillen Friedensgedanken oder mit erkämpfter Resignation – eine Art von Tod erfüllt uns doch alle durch seine, scheinbar ganz zwecklose Zerstörung, mit schmerzlicher Bestürzung. Das ist der Tod, der gleich dem Orkan im Hochsommer seinen Weg durch zertrümmerte Stämme, herabgeschüttelte Früchte, verheerte Ernten bezeichnet. Von dieser schmerzlichen Bestürzung erfüllt, stand der engste Freundeskreis wie die europäische Kulturwelt an Sonja Kovalevskas Grab. Diese Todesbotschaft rief auch bei jenen Ausdrücke der tiefsten Teilnahme hervor, zu denen nur ihr Ruhm, nicht der Eindruck ihrer Persönlichkeit gedrungen war. Sie gehörte den Auserwählten der Wissenschaft an: sie hatte auf literarischem Gebiet reiche Zukunftsverheißungen gegeben; sie besaß mittelbar große Bedeutung für die Frauenfrage; sie nahm mit ganzer Seele an den Freiheitsbestrebungen ihres Vaterlandes teil – und aus all diesen verschiedenen Gebieten hörte man zahlreiche Versicherungen, wie tief man den Verlust empfand. Die Sonja Kovalevska in Stockholm nahe standen, wußten, daß sie ein Wildvogel war, der da keinen festen Fuß faßte, ein Gast, der die Fremdheit oft schwer empfand und gerne die Schwingen zum Flug in andere Gefilde ausbreitete. Wir waren daher darauf gefaßt, sie früher oder später entbehren zu müssen, aber um so weniger darauf vorbereitet, sie ganz zu verlieren. So schlicht und anspruchslos nahm sie ihren Platz ein, daß man es nicht merkte, wie groß der Raum war, den sie für ihre Freunde und Schüler ausfüllte – bis er leer ward; daß man erst durch die Dämmerung, die das Erlöschen dieser starken Lebensflamme hinterließ, erkannte, wie klar sie ein paar Jahre lang den grauen schwedischen Wintertag erhellt hatte. Sonja (Sophie) Vasilievna wurde am 27. (15.) Dezember 1851 auf dem Familiengut ihres Vaters, des Generals Corvin-Krukovskis, Palibino, geboren. Viele Nationalitäten waren in der Familie verschmolzen, und Sonja pflegte ihre geistige Zusammensetzung so zu erklären: »Die Wißbegierde von meinem ungarischen Stammvater, König Mathias Corvinus; die Mathematik, den Sinn für Musik und Lyrik von meinem deutschen Urgroßvater, dem Astronomen Schubert; meine individualistische Freiheitsliebe von Polen; von einer Stammmutter aus dem Zigeunervolk die Wanderlust und die Schwierigkeit, mich konventionellen Formen anzupassen – das übrige von Rußland!« Dieses »übrige«, das spezifisch Russische, zeigte sich in einer Menge von Eigentümlichkeiten und Gemütsschattierungen, vor allem in dem Zug, durch den die Literatur des russischen Volkes einige Jahrzehnte hindurch Europas Staunen erregt hat, nämlich den geistigen Reichtum. Die russische Intelligenz scheint noch dieselbe gewaltige Kraft der Hervorbringung zu haben wie die russische Erde, eine unerschöpfliche Fähigkeit der Aneignung, des Schaffens und Gebens, eine Kraftfülle, wie sie Westeuropa nicht mehr besitzt. Aber dieser intensiven Lebensenergie und diesem Produktionsvermögen stehen in seltsamem Gegensatz ein morgenländisch-resignierter Fatalismus, eine bodenlose Tiefe der Schwermut gegenüber – das russische Volk hat »l'esprit gai et le coeur triste« wie keine andere Nation der Welt. Bei Sonja Kovalevska waren diese Grundzüge der Nationalität durch die Schaffenskraft des Genies und die Leidensfähigkeit des Weibes verstärkt. Sie hat uns selbst in den »Schwestern Rajewski« das fesselndste Bild der Entwicklung ihrer eigenen Natur gegeben; des unablässigen Hungers ihres Herzens nach Zärtlichkeit, ihrer Seele nach Nahrung. Wir sehen, wie bei den Familiendiskussionen über die neuen Ideen der Zeit die strahlenden graugrünen Augen der kleinen »Tanja« sich weit öffnen; wir sehen sie im geheimen die in- und ausländischen Zeitschriften verschlingen; wir folgen ihr in die grüne Herrlichkeit der Wälder und die Luftschlösser der Dichterträume. Wir bleiben mit ihr stehen, wenn sie stundenlang wie verhext die an Stelle von Tapeten aufgeklebten Blätter mit Differential- und Integralrechnungen anstarrt – ihr erster Einblick in die Wissenschaft, die dann die ihre wurde. Und wir wissen – auch durch ihre eigenen Schilderungen in »Eine Nihilistin« – daß sie tiefe Eindrücke aus der Zeit der Aufhebung der Leibeigenschaft und des letzten polnischen Aufstandes empfing. Diese und ähnliche Erlebnisse verhindern es, daß in der Seele der jungen Barina auch nur der leiseste Fleck von den Küssen zurückbleibt, die Leibeigene auf den Saum ihres Kleides gedrückt. Im Gegenteil: daß die Persönlichkeit allein den Menschenwert bestimmt, wurde für sie wie für Turgenjew, Krapotkin, für alle besten Söhne und Töchter Rußlands sehr früh zur Lebenswahrheit. In dieser wie auch in anderer Hinsicht empfing Sonja einen großen Teil ihrer Erziehung durch die um einige Jahre ältere Schwester Anjuta, die von den Gedanken des jungen Rußlands lebhaft beeinflußt war, und durch ihre beginnende schriftstellerische Tätigkeit in ein freundschaftliches Verhältnis zu Dostojewski trat. Die jüngere Schwester nahm mit ganzer Seele an den Plänen und Ideen der älteren teil, aber in der hochvornehmen Familie erregten natürlich die »modernen« Ansichten der jungen Töchter – wie die Schilderung in »Die Schwestern Rajewski« zeigt – Zorn und Schmerz. Charakteristisch für Sonja ist jedoch, daß, als einige russische Freunde sie kurz vor ihrem Tode darauf aufmerksam machten, daß sie in dieser Schilderung dem Andenken ihres Vaters – dieses altkonservativen Generals, der sich doch in vielen Fällen von seinen Kindern erziehen ließ – nicht voll gerecht geworden sei, sie sogleich ein neues Kapitel ihrer »Erinnerungen« begann, um den Vater gegen das Ende seines Lebens als immer milder und verständnisvoller gegenüber den Bestrebungen und der Denkweise seiner begabten Töchter darzustellen. Ein leider gar nicht begonnenes Kapitel der »Erinnerungen« hatte Sonja »Wie ich Mathematikerin wurde« benennen wollen. Über diese wichtige Epoche ihres Lebens werden wir sohin wohl nie viel mehr erfahren als die oft angeführten Fakten: daß das zwölfjährige Mädchen zusammen mit einem gleichalterigen Knaben Mathematik zu lernen anfing, und sich mit solcher Leidenschaft auf den Gegenstand stürzte, daß der Vater diesem »unweiblichen« Studium ein Ende machte; daß sie es im geheimen fortsetzte, daß sie dabei selbst – so wie Pascal – die Trigonometrie erfand, und daß ein Freund der Familie, der ihre erstaunliche Begabung entdeckte, ihr erwirkte, daß sie zu den Zeiten, wo die Familie in Petersburg wohnte, Unterricht in Mathematik bekam. Doch alle Bitten, das Studium weiterzutreiben, wurden abgeschlagen; junge Mädchen, die ferne vom elterlichen Haus ihren Studien oblagen, wurden in der russischen Aristokratie als dem Nihilismus anheimgefallen betrachtet. Zu dieser Zeit machte die fünfzehnjährige Sonja die Bekanntschaft eines jungen Studenten, Kovalevska, der sich erbot, sie zu entführen, um ihr die Freiheit zu verschaffen. Doch der Hausarzt der Familie, der von den Plänen der jungen Menschen erfahren hatte, sagte ihnen, daß dies für Sonjas herzleidenden Vater den Tod bedeuten könnte. Da beschlossen die jungen Leute, eine jener Formehen einzugehen, die in Rußland in anderen Kreisen gebräuchlich, doch in den höheren Zirkeln unbekannt waren. Die beiden jungen Menschen, die bis auf weiteres die Ehe »als eine Institution betrachteten, deren Aufgabe es war, jungen Mädchen Studienfreiheit zu verschaffen«, reisten sogleich jeder nach einer anderen Richtung ab: er, um sich den Naturwissenschaften, sie, um sich der Mathematik zu widmen. Dieser eigentümliche Vorfall wurde zum Vorwurf eines Romans genommen, in dem der Mann mit dem Samovar beschäftigt dargestellt wird, während die Frau in die Bücher versunken dasitzt! Im Jahre 1869 wurde die junge Frau Studentin an der Universität Heidelberg, und nachdem sie dort ein paar Jahre ernst gearbeitet hatte, begab sie sich nach Berlin, dessen Universität den Frauen allerdings verschlossen ist, wo jedoch die begabte Russin in so hohem Grade das Interesse Weierstraß' erregte, daß er ihr vier Jahre lang Privatunterricht gab. Und er wurde für sie nicht nur ein tiefinteressierter Lehrer, sondern auch ein brüderlicher Freund, der ihr, als sie mehrere Jahre später als Witwe allein in der Welt stand, anbot, den Platz einer Schwester in seinem Heim einzunehmen – ein Anerbieten, das sie nicht annahm, das aber bei ihr ein noch innigeres Dankbarkeitsgefühl hervorrief, als sie schon ohnehin empfand. Und hauptsächlich um diesen Freund zu besuchen, reiste sie vor ihrer letzten Krankheit über Berlin. Nach vierjährigem Studium bei Weierstraß sandte Sonja Kovalevska auf seinen Rat drei Abhandlungen nach Göttingen; und diese erregten solches Aufsehen, daß die Verfasserin ohne weitere Prüfung von der Universität zum Doktor ernannt wurde. Als Gradualabhandlung gab sie dann 1874 »Zur Theorie der partiellen Differentialgleichungen« heraus. Unter ihren übrigen mathematischen Schriften sind noch besonders hervorzuheben der Aufsatz »Über die Reduktion einer bestimmten Klasse Abelscher Integrale dritten Ranges auf elliptische Integrale« (1884), und »Über die Fortpflanzung des Lichts in einem kristallinischen Medium«, wo sie die vollständige Lösung einer Aufgabe gibt, mit der sich mehrere große Mathematiker beschäftigt haben. Im Anschluß an die Laplacesche Hypothese hat sie auch versucht, die Form der Ringe des Saturns zu bestimmen. Aber die Erwartungen, die Weierstraß für seine Schülerin hatte, waren noch nicht befriedigt, und dies spornte sie zu unglaublichen Anstrengungen an. Erst als sie die ebenerwähnte Abhandlung über die Fortpflanzung des Lichtes vollendet hatte, erlangte sie endlich die von Weierstraß ersehnte Anerkennung: daß er sich in ihren Fähigkeiten nicht getäuscht habe. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich in Sonja Kovalevskas Privatleben große Veränderungen vollzogen. Das Liebesglück ihrer Schwester ließ Sonja bei der Hochzeit dieser Schwester dem warm gewordenen Gefühl ihres eigenen Gatten gegenüber ein Mitgefühl zeigen, das dahin führte, daß das Verhältnis des Ehepaares Kovalevsky, bis dahin nur das von ein paar Studienkameraden, schließlich von anderer Art wurde. Im Herbst 1879 kam ihr erstes und einziges Kind zur Welt. An Stelle des Wanderlebens sollte nun ein gemeinsames Heim in Moskau treten, wo Vladimir Kovalevska, selbst ein hervorragender Mann der Wissenschaft, zum Professor der Paläontologie ernannt worden war – wenn er sich nicht in Verzweiflung darüber, daß er seine Gattin bewogen hatte, ihr ganzes großes väterliches Erbe in eine Unternehmung zu stecken, die es rasch verschlang, 1883 selbst den Tod gegeben hätte. Die junge Witwe stand so mittellos da und mußte für sich und ihre Tochter einen Lebensunterhalt schaffen. Sie suchte zuerst in Rußland Arbeit, wo man der Mathematikerin von europäischem Ruf den Platz einer Rechenlehrerin in einer Mädchenschule – bis zur fünften Klasse anbot, denn auf einem höheren Stadium hielt man eine Lehrerin nicht mehr für kompetent, den Unterricht zu leiten! Sie versuchte eine Anstellung an der Universität Helsingfors zu erlangen, wo die Sympathien für die Sache sehr groß waren, aber das Projekt scheiterte doch an nationalen Bedenklichkeiten. Zu diesem Zeitpunkt war Professor Mittag-Leffler noch an der Universität Helsingfors und erfuhr dort durch einige russische Damen, daß ihre begabte Landsmännin eine Anstellung an der Universität wünsche. Durch seine Vermittlung kam Sonja Kovalevska schon im Herbst 1883 nach Stockholm. Ihr kleines Mädchen hatte sie bis auf weiteres bei der Taufpatin des Kindes, Fräulein Julia Lermontoff (aus derselben Familie wie der Dichter) zurückgelassen. Im Frühlingssemester 1884 las Sonja Kovalevska als Privatdozentin an der Hochschule in Stockholm über die Theorie partieller Differentialäquationen, und zwar mit solchem Erfolg, daß sie noch im selben Jahre als Professor der höheren Analyse an der Universität angestellt wurde. Es gereicht Stockholm zur Ehre, daß die Mittel zu dieser Professur – dank Professor Mittag-Lefflers Bemühungen – durch private Schenkungen aufgebracht wurden, und daß keinerlei Vorurteile die junge Hochschule unserer Hauptstadt abschreckten, eine Frau anzustellen, die so die erste war, die seit den Zeiten der Renaissance eine akademische Professur bekleidet hat. Es fehlte nicht an Zweifeln an der Kompetenz des weiblichen Professors, Zweifel, die doch gänzlich verstummten, als die französische Akademie der Wissenschaften im Jahre 1888 Sonja Kovalevska den Bordinschen Preis für ihre Arbeit über das angegebene Thema »die Theorie über die Bewegung eines festen Körpers in irgend einem wesentlichen Punkt zu vervollständigen« zuerkannte. Noch ehe der Namenszettel geöffnet war, hatte die Akademie in anbetracht der außerordentlichen Verdienste der Abhandlung beschlossen, den Preis von dreitausend auf fünftausend Franken zu erhöhen. Man kann die Bedeutung dieses Preises daran ermessen, daß er, ungefähr 50 Jahre früher gestiftet, nur zehnmal hatte verteilt werden können, und zwar nur zweimal in seinem vollen Betrage von 3000 Franken. Denn von dem Preisbewerber wurden nicht nur tiefe Kenntnisse verlangt, sondern auch Selbständigkeit und Originalität in der Art, das Problem zu lösen. Nach dieser Kraftanstrengung sah es aus, als ob Sonja Kovalevkas mathematische Produktionskraft einer Ruhezeit bedürfte. Aber Ruhe bedeutete für sie nur Wechsel der Tätigkeit. Die jugendliche, durch Dichtungsversuche und Novellenentwürfe ausgesprochene Neigung zu literarischer Tätigkeit war durch die vertraute Freundschaft mit Anne-Charlotte Leffler wieder erwacht. Das erste Resultat war das Drama »Der Kampf ums Glück«, bei dem die Idee im wesentlichen von Sonja Kovalevska herrührte, während die Ausführung das Werk ihrer schwedischen Freundin war. Selbst begann sie zugleich mit dem Niederschreiben ihrer Kindheitserinnerungen, die unter dem Titel »Aus dem russischen Leben« (Die Schwestern Rajewski) zu Weihnachten 1889 erschienen. Diese Arbeit errang in ihrem Heimatsland denselben außerordentlichen Erfolg wie in Skandinavien. Die russische Kritik stellte sie ohne Zögern neben Turgenjews und Tolstoijs Jugenderinnerungen und pries die einfache Anmut und den Adel des Stils, die klare Anschaulichkeit der dargestellten Bilder, den Reichtum an echter Poesie. Durch diese ihre eigene Schilderung sieht man das halbwilde, leidenschaftliche, unverstandene Kindergenie auf dem russischen Edelhof aufwachsen, und vor dem Blick des Psychologen liegt schon sein zukünftiges Schicksal in der Natur eingeschlossen, die uns hier entgegentritt. Ihre nächste Arbeit hatte in Rußland einen so außerordentlichen Erfolg, daß das Heft der Zeitschrift, in dem der Artikel veröffentlicht wurde, in einer Neuauflage herausgegeben werden mußte. Es war eine Studie über die nordischen Volkshochschulen (Bauernuniversitäten, wie sie das Wort im Russischen übersetzen mußte), die die Verfasserin teils in Norwegen, teils bei einem zu diesem Zwecke gemachten Besuch in der schwedischen Volkshochschule Tärna studiert hatte. Sie schrieb diesen Aufsatz in Gedanken an das Aufklärungsbedürfnis des russischen Bauernstandes und hoffte, daß ihre Worte nach dieser Richtung Früchte für ihr Land tragen könnten. Denn ihr Land, das reiche, das gewaltige, das unglückliche Rußland, seine Entwicklung, sein Schicksal, kam ihr niemals aus dem Sinn. Mit vollster Wahrheit konnte Maxim Kovalevska an ihrem Grabe sagen, daß sie dem jungen Rußland angehörte, dem Rußland der Schmerzen und der Freiheit. Ihre Siege wurden ihr erst so recht teuer, wenn sie alle Lorbeeren ihrer großen Mutter in den Schoß schütten konnte. Zwei Huldigungen erwähnte sie einmal mit Tränen in den Augen: die Berufung zum korrespondierenden Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Petersburg, und Jonas Lies in einer Tischrede ausgesprochene warme Sympathie für das kleine russische Mädchen »Tanja Rajewski«. Sonst sprach sie nicht oder doch nur ganz flüchtig von ihren Auszeichnungen; sie trug sie ebenso sorglos wie eine Königin ihre Juwelen und legte sie sobald als möglich ab, um ihr einfaches Alltagskleid wieder anzulegen. Auf ihre Ausnahmestellung auf dem weiblichen Arbeitsgebiet legte sie sehr wenig Gewicht. Nachdem sie einmal die Vorurteile besiegt hatte, die ihre Familie und ihre Umwelt gegen die wissenschaftliche Begabung der Frau empfand, hatte sie keine Kampfeslust mehr übrig. Es war für sie selbstverständlich, daß der Kraftentwicklung der Frau keine äußere Grenze gezogen werden darf, und darum existierte für sie wie für Anne-Charlotte Leffler und deren nächsten Freundeskreis die »Frauenfrage« nicht mehr als isolierte Erscheinung. Sie sahen sie nur als einen wichtigen Teil der großen Menschheitsfrage, der sozialen, von deren Lösung sie im tieferen Sinne des Wortes »das größtmögliche Glück für die größtmögliche Anzahl« erhoffte, folglich auch für die Frauen. Bevor sie jedoch selbst die wissenschaftliche Begabung der Frau im vollsten Maße dargetan hatte, kämpfte sie tapfer für die »Frauensache«. So z. B. hörte sie bei einem der Sonntagsempfänge George Eliots einen ihr unbekannten älteren Herrn die Behauptung aufstellen, daß wissenschaftliche schöpferische Kraft der Frau nicht gegeben sei. Sogleich wurde sie Feuer und Flamme und verteidigte, durch George Eliots Beifallslächeln ermutigt, ihr Geschlecht so glänzend, daß alle sie als Siegerin in dem Gedankenturnier anerkannten. Als ihr Gegner sich nach einem Weilchen entfernte, fragte die Hausfrau, ob Frau Kovalevska wüßte, wen sie besiegt habe, und nannte zum unbeschreiblichen Staunen ihres Gastes den Namen – Herbert Spencer. Im Interesse der Wahrheit muß hinzugefügt werden, daß Professor Sonja Kovalevska immer mehr Spencers Ansicht zuneigte, nämlich, daß Originalität und schöpferische Kraft auf wissenschaftlichem Gebiete den Frauen im allgemeinen nicht gegeben ist. Als besonders bedeutungsvoll und segensreich für ihre eigene Entwicklung pflegte sie den Umstand zu bezeichnen, daß sie sich schon früh auf ihr Spezialstudium konzentrieren konnte und nicht wie die modernen studierenden Frauen zuerst Zeit und geistige Kraft an ein abstumpfendes Prüfungsbüffeln vergeuden mußte. Und weit davon entfernt, daß diese frühe Konzentration sie einseitig gemacht hätte, war diese im Gegenteil eine mitwirkende Ursache der Intensität, mit der sie sich dann alles andere Wissen aneignete. Sie hatte das unablässige Bedürfnis, ihre Grenzen zu erweitern, indem sie in neue geistige Gebiete eindrang, und sie stürzte sich auf diese neuen Wissensgegenstände ebenso gierig, wie das Feuer auf Späne. Als Russin fielen ihr Sprachen ungewöhnlich leicht. Nach einigen Monaten verstand sie das Schwedische so, daß sie mit Vergnügen belletristische Arbeiten las, und in letzter Zeit hatte sie in einigen Wochen italienische Bücher lesen gelernt. Mit regem Interesse verfolgte sie jede bemerkenswertere Erscheinung auf dem Gebiete der Wissenschaft und der sozialen Frage. So studierte sie einen Winter lang mit größtem Eifer wissenschaftliche Arbeiten über den Hypnotismus und dgl. Aber sie begnügte sich nur mit Eindrücken aus erster Hand, und nachdem sie in Paris solche erhalten hatte, sah sie sich veranlaßt, ihre warnende Stimme gegen die allzugroße und unwissenschaftliche Leichtgläubigkeit auf diesem Gebiete zu erheben. Wie in dieser Richtung war es auch in allen anderen. Ihre wissenschaftliche Anlage zeigte sich stets darin, daß genaue Untersuchung für sie unentbehrlich war, und daß sie niemals vor den Konsequenzen der Wahrheit zurückscheute. Die leitenden wissenschaftlichen Ideen des Jahrhunderts waren ihr in Fleisch und Blut übergegangen. Darwinistin, Evolutionistin, Agnostikerin, wie sie war, stellte sie doch über jede Theorie die Freiheit der Forschung. Ein zum Dogma erstarrter Satz reizte sie zu Angriffen, bei denen sie zuweilen in glänzender Weise wilde Paradoxa verteidigte – bis sie plötzlich mit dem liebenswürdigsten Lächeln ihre Rede abbrach und zugestand, daß alles eine ihrer »Phantasien« gewesen war. In Berlin, London, Paris und nicht zum wenigsten in Petersburg hatte sie sich in einem Kreis bewegt, in dem volle geistige Freiheit herrschte; wo keinerlei Vorurteile die allseitige Behandlung jedes wissenschaftlichen, sozialen, ethischen oder ästhetischen Problems einengten, und dazu in einem Kreise, wo man sein Privatleben unbehelligt von der Einmischung aller anderen leben konnte. Kein Wunder daher, daß sie die geistige Atmosphäre in Stockholm oft als sauerstoffarm empfand. Sie kam mit der Erwartung, daß die Vorurteilslosigkeit, die ihre Anstellung an der Hochschule ermöglicht hatte, auch andere Gebiete durchdrungen haben müßte. Aber bald fand sie, daß dies nur eine Blüte auf einem sonst ziemlich kahlen Zweig gewesen war. Trotz ihrer Schmiegsamkeit, die sie befähigte, sich in die einfachsten Alltagsverhältnisse des Lebens hineinzufinden, und trotz ihrer Bereitwilligkeit, sich allen Rücksichten anzupassen, die von ihr als Russin, Frau und Hochschullehrerin in dreifachem Maße verlangt wurden, empfand sie doch alle diese Rücksichten als Gitter, gegen das sie immer ungeduldiger mit den Flügeln schlug, die sie einst in freieren Räumen geregt hatte. Sie, die für geistige Werte die russische Art zu zählen – nach soundsovielen Seelen – beibehalten hatte, fühlte sich immer ärmer, je mehr die Verhältnisse die Individualitäten zusammenschnürten oder veränderte Lebensbedingungen die Anzahl der ihr sympathischen Freunde hier oben verringerten. Immer mehr zog sie sich von dem starr gefrorenen Gesellschaftsleben Stockholms zurück, in dem sie anfangs wie ein auftauender Frühlingswind gewirkt hatte. Aber dies geschah nicht – wie viele annahmen – in dem Gefühl ihrer eigenen Überlegenheit, sondern in dem Gefühl der Einsamkeit. Im Verkehr mit einigen wenigen Freunden, wie auch bei dem einen oder anderen Theater- oder Musikabend, ruhte sie von ihrer intensiven Arbeit aus. Von allen ästhetischen Genüssen stellte sie gute Musik am höchsten, und dann kam das Theater. Ihr Urteil über die Darstellung eines Schauspiels war die feinste und treffendste Kritik, und auch auf diesem Gebiet hatte sie früher einmal ihre Feder betätigt, unter anderem als Musik- und Theaterkritikerin der »Nowoje Wremja« im ersten Jahre dieser Zeitung, die zum größten Teile eben durch Sonjas väterliches Erbe begründet worden war. Aber wenn Sonja Kovalevska einmal am Gesellschaftsleben teilnahm, dann bedurfte es nur eines einzigen sympathischen Entgegenkommens, damit sie sogleich entflammt wurde. Und wie wurde dann nicht auch die Luft rings um sie entflammt! Die Gedanken wollten ans Licht, rascher als die Worte sie tragen konnten, und doch stürzten die Worte auch in der fremden Sprache mit erstaunlicher Leichtigkeit hervor. Sie erhielten einen besonderen Nachdruck durch die intensive, eifrige, aber fast nie laute Stimme, und durch die ausdrucksvollen Geberden der überaus kleinen, dünnen Hände, an denen die Adern schwollen, und der Pulsschlag bei jeder lebhafteren Bewegung sichtbar wurde. Wo man die kleine zarte Gestalt mit den raschen in größerer Gesellschaft infolge ihrer Kurzsichtigkeit befangenen und immer etwas eckigen Bewegungen sah, mit den strahlenden Augen, zwischen die die Gedankenarbeit eine Furche, tief wie eine Narbe gegraben hatte, da wußte man, daß irgend ein Gespräch von Interesse geführt wurde. Ohne daß sie versuchte, zu dozieren oder zu dominieren, wurde sie immer unbewußt der Mittelpunkt, um den sich interessierte Zuhörer scharten. Durch ihre gänzlich ungekünstelte Anspruchslosigkeit und Herzlichkeit machte sie auch die einfachsten Menschen mitteilsam; und sie verstand die Kunst zu lauschen, obgleich sie sie selten betätigen konnte, denn man hörte am liebsten sie selbst sprechen, vor allem erzählen! Mit dem sicheren Blick des dichterischen Temperaments für das Interessante und Charakteristische einer Person, einer Situation, einer Zeit, verband sie die seltene Macht, das Gesehene durch dieselbe malende Darstellung lebendig zu machen, die uns an dem schriftstellerischen Stil ihrer Landsleute und ihrem eigenen entzückt. Bei den Slawen lebt noch spontan und unreflektiert die epische Kraft fort, so wie auch bei ihnen noch jene innige Einheit zwischen Gedanken und Gefühl herrscht, die dem Kulturleben des Abendlandes im allgemeinen abhanden gekommen ist. Sonja Kovalevska fühlte ihre Gedanken – oder dachte ihre Gefühle – was ihr einen besonderen und unbeschreiblichen Zauber verlieh. Wenn man in ihr Arbeitszimmer kam, mußte gewöhnlich erst Platz gemacht werden, so vollgepfropft war dort alles mit Büchern und Blättern, die mit mathematischen Formeln oder kleinen russischen Buchstaben bedeckt waren, oder zuweilen mit dem Tintenstift gemachten Zeichnungen, die auch nach dieser Richtung eine wirkliche, wenn auch unentwickelte Anlage zeigten. Man ließ sich schließlich durch die Herzlichkeit des Empfanges überzeugen, daß man nicht störte, und dann konnte man sich dem Genuß hingeben, für eine Stunde eine Fahrt in das nächste Jahrhundert oder hinaus nach Europa in die Lebenszentren der Kultur zu unternehmen. Hier – zwischen diesen vier Wänden – entfaltete Sonja die ganze Weite ihrer Gedanken, ihre Fähigkeit, alles zu prüfen und das Beste von allem zu nehmen. Hier fand man ein echtes freies Denken. Auch in jenen Fragen, über die sie selbst bestimmte Ansichten hatte, zog sie weder nach rechts noch nach links irgendwelche Grenzen, innerhalb oder außerhalb derer sich andere halten sollten. Von der Wahrheitsleidenschaft des Gelehrten und der Einheitsleidenschaft der Dichternatur erfüllt, konnte sie sich nie ganz einer Partei anschließen, aber verstand dafür alle. Sie sah die fromme Andacht des russischen Bauern mit ebensolcher Bewegung wie die Äußerungen des opferwilligen Radikalismus, unter dessen Repräsentanten sich ihre nächsten Freunde befanden. Unfaßbar war ihr nur die Engherzigkeit. Auf dem Gebiet des Geistes litt sie nicht an Kurzsichtigkeit, jener dort so häufigen Kurzsichtigkeit, die Wesentlichkeiten für Unwesentlichkeiten hält oder umgekehrt. Und von jenem Kleinsinn, für den die Ansicht mehr gilt als die Persönlichkeit und Vorurteile mehr als Ansichten, war sie gänzlich frei. Auf diesem Blick für die Wesentlichkeit beruhte auch zum großen Teil ihr psychologischer Scharfsinn. Sie sah die Schwächen, aber brachte sie mit den Vorzügen in Zusammenhang und faßte das Ganze als eine gesetzmäßige Erscheinung auf, die sie nachsichtig beurteilte, weil sie sie ganz verstand. Es fiel ihr ebensowenig ein, von gewissen Naturen gewisse Eigenschaften zu verlangen, als sie auf den Gedanken gekommen wäre, daß ein Dreieck sich vierseitig ausnehmen könnte. Dennoch war ihre persönliche Sympathie für gewisse psychologische »Figuren« ebenso ausgesprochen wie ihre Antipathie gegen andere. Wenn man das Bild fortführen will, kann man hinzufügen, daß die Wellenlinie und der Blitz diejenigen waren, die sie vorzog. Die obenerwähnte klarblickende Duldsamkeit machte Sonja zu einer sehr hervorragenden Lehrerin, die sich nach der Individualität des Schülers richtete und gerade dadurch seine besten Möglichkeiten hervorlocken konnte. Sie interessierte sich auch lebhaft für die einzelnen Persönlichkeiten unter ihren Schülern, und ein junges Mädchen, ihre Schülerin, schrieb nach ihrem Tode die bezeichnenden Worte: daß sie sich von Frau Kovalevska so durchschaut fühlte, als wäre sie aus Glas, und dabei doch vollkommen geborgen vor diesem milden verstehenden Blick. Von gelehrter Koketterie war bei ihr keine Spur zu finden. Und die ihre Befriedigung darüber aussprachen, bei ihr nicht der sprichwörtlich gewordenen »Trockenheit« des Mathematikers zu begegnen, empfingen die lebhafte Versicherung, daß die echte Mathematik die wenigst trockene unter allen Wissenschaften sei, daß sie der schaffenden Phantasie und spekulativen Kraft das ganze Weltsystem erschließe, und daß die trockene Seite des Gegenstandes nur jene Zweige seien, auf denen man den Weltenbaum auf und ab klettere! Bezeichnend ist eine Replik Weierstraß', der einmal einige Herren die »mathematische Berühmtheit Frau Kovalevska« besprechen und die Möglichkeit dieser Erscheinung so erklären hörte, daß sie die mathematische Fähigkeit auf Kosten aller anderen geistigen Fähigkeiten entwickelt habe. Weierstraß blieb lange ein stummer Zuhörer, aber schließlich rief er aus: »Meine Herren, Sie sind nicht einmal imstande, zu ahnen wie es in einem solchen Frauenkopfe aussieht!« Glückliche Umstände hatten auch zu jenem Eindruck unmittelbarer Frische, Erfahrung aus erster Hand beigetragen, den Sonja Kovalevska im Verkehr mitteilte. Sie kannte durch Reisen halb Europa; sie war mit mehreren der größten Schriftsteller ihrer Zeit in Berührung gekommen, hatte in Darwins Haus gewohnt, mit George Eliot verkehrt, George Eliot, die für sie die mit allen anderen Frauen unvergleichliche literarische Größe war. Und diese vertraute Bekanntschaft mit den lebenden Persönlichkeiten verband sich bei Sonja mit noch größerer Kenntnis der verschiedenen Literaturen. Sie kannte fast alles von Bedeutung in der älteren und neueren Literatur ihres eigenen Landes, Deutschlands, Englands und Frankreichs; und in der neueren skandinavischen Literatur war sie bald bewanderter als die meisten Schwedinnen. Aber, wird jemand fragen, wie konnte sie dies alles leisten? Indem sie sich überanstrengte. Es gab Zeiten, wo sie nicht mehr als vier bis fünf Stunden täglich schlief; und sie verwendete nie genügende Sorgfalt auf ihre Gesundheit. Daß sie trotz ihrer schwächlichen Konstitution doch im Ganzen gesund blieb, kam wohl von ihren im übrigen hygienischen Lebensgewohnheiten. Sie liebte Bäder und körperliche Bewegung, war äußerst einfach und mäßig im Essen und Trinken, verabscheute alle stimulierenden Mittel; selbst die bevorzugte Gesellschaft der Russin, die Zigarette, benützte sie nur gelegentlich. Sogar Tee trank sie weniger unmäßig als die meisten Russinnen. All dies hatte zur Folge, daß sie selbst bei der äußersten Überanstrengung ihre Nerven einigermaßen beherrschen konnte. Vor dem »nervös« werden hatte sie übrigens dieselbe Abneigung wie davor, sich im geringsten männlich auszunehmen. Ihr nach einer Krankheit kurz geschnittenes Haar, mit dem man sie auf älteren Porträts sieht, ließ sie wieder wachsen und war stolz, als sie es mühsam gelernt hatte, den dunklen Zopf zu einem schönen Knoten aufzustecken. Sie war nie auf etwas anderes stolz, als wenn es ihr gelungen war, eine Handarbeit auszuführen oder eine Toilette anzuordnen, denn sie wußte, daß sie in der Richtung des spezifisch »Weiblichen« am wenigsten begabt war. Auf praktischem Gebiete war sie sorglos wie ein Kind oder ein Künstler, konnte aber doch ein lebhaftes Interesse für die kleinen Dinge des Alltagslebens zeigen, wenn diese ihre Freunde betrafen. Sie war überaus dankbar für jede geringste Hilfeleistung oder Freundlichkeit, bereit, jedem guten Rat zu folgen und eifrig bestrebt, alle kleinen Forderungen des Lebens zu erfüllen, soweit sie dies vermochte – aber von Herzen froh, wenn sie davon befreit wurde. Namentlich traf dies auf das Briefschreiben zu, wogegen sie eine bei lebhaft sprechenden Naturen häufig vorkommende Abneigung empfand. Die Schwierigkeit, den kleinen wie den großen Forderungen des Lebens gerecht zu werden, wuchs beständig. Und diese Schwierigkeit war gerade zum Zeitpunkt ihres Todes größer denn je. Sie hatte den Drang erwachen gefühlt, wieder eine große mathematische Arbeit zu beginnen und kämpfte zwischen dem Wunsche, sie sogleich in Angriff zu nehmen und der Lust, einige ihrer vielen literarischen Entwürfe auszuarbeiten. Unter dem vielen, was sie in Arbeit hatte, war auch eine Novelle mit Tschernischewsky – dem Verfasser von »Was tun?« – als Helden. Auch ihre »Erinnerungen« beabsichtigte sie fortzusetzen, und eine besonders interessante Episode wäre vermutlich die von ihren und ihrer Schwester Eindrücken während der Pariser Kommune 1871 geworden. Sie hatte auch beabsichtigt, eine Jugendnovelle, »Der Privatdozent«, die Dostojewskys lebhaften Beifall gefunden hatte, umzuarbeiten und hatte den Plan zu zwei Romanen entworfen, »Vae victis« und einen anderen, der an der Riviera spielen sollte. Sie hatte eine Sammlung Skizzen aus Frankreich herausgeben wollen, teils von der Weltausstellung 1889, teils andere, von denen zwei (»Amor auf dem Markte« und »Der Hund«) sie selbst besonders interessierten. Und schließlich hat sie einen Entwurf hinterlassen, der an Reichtum der Phantasie und psychologischer Genialität vielleicht alle ihre anderen Arbeitspläne übertrifft: »Wenn es keinen Tod mehr geben wird.« Das Drama »Bis zum Tode und nach dem Tode« ist nur eine von ihr und Anne-Charlotte Leffler bewerkstelligte Umarbeitung eines Dramenentwurfes von Sonjas einige Jahre vor ihr verstorbenen Schwester, Madame Jaclard. Zwischen den Schwestern verblieb das Verhältnis immer das innigste, und Sonjas Bemühung, Madame Jaclards Arbeit auf die Bühne zu bringen, war nur einer der vielen Beweise dieser Zuneigung. Bedeutungsvoller war eine andere Handlung: daß Sonja Kovalevska bei der Nachricht, daß ihr Schwager, der Kommunard Jaclard 1871 gefangen genommen sei, mit ihrem Mann in das von den Versailler Truppen belagerte Paris eilte. Es gelang dem Ehepaare, sich in die Stadt zu schleichen, während die Kugeln rings um sie pfiffen. Sonja suchte die Schwester auf und spendete ihr den Trost und die Hilfe, deren sie so sehr bedurfte. Dann floh Sonja aus Paris zu ihrem Vater nach Rußland und wußte ihn zu bewegen, nach Frankreich zukommen und dort seinen Einfluß zugunsten des Schwiegersohnes geltend zu machen. Die Vermittlung des russischen Generals zeigte sich wirksam, und es wurde Jaclard ermöglicht, aus dem Gefängnis zu entfliehen.   Im Hochsommer von Sonjas Leben, einer Zeit der großen Gefühle und des übersprudelnden Produktionsreichtums, brach plötzlich der Tod herein. Und gerade weil Leben, ein so intensives Leben Sonjas Merkmal war, erscheint der Tod in diesem Falle unfaßbarer als sonst. Selbst war sie seit vielen Jahren und aus vielen Gründen mit dem Todesgedanken vertraut. Unter anderem, weil sie wußte, daß ihr Herz schwach war. Aber wenn es einen Zeitpunkt in ihrem Leben gab, wo sie selbst den Tod nicht gewählt hätte, so war es dieser, wo sie sich reicher an Arbeitsenergie und harmonischer fühlte als seit langer Zeit. Sie hatte ihre Weihnachtsferien in Beaulieu an der Riviera verbracht, wo sie in einer kleinen russischen Kolonie etwas von dem Milieu des Heimatlandes genoß, dessen sie für ihre schriftstellerische Produktion so sehr bedurfte und wo sie diese auch von geistreichen und sympathischen Landsleuten ermutigt fand, namentlich von dem Manne, dem sie die Liebe ihres spät erwachten Herzens geschenkt hatte. Nach einigen in Berlin verbrachten Tagen reiste sie über die dänischen Inseln nach Kopenhagen und zog sich auf dieser nächtlichen Fahrt in Wind und Regen eine Erkältung zu, von der sie sich sehr angegriffen fühlte, als sie Mittwoch, den 4. Februar nach Stockholm kam. Aber ihr Vorsatz, sich nicht »Zeit zu nehmen«, krank zu sein, hielt sie aufrecht, so daß sie am Freitag ihre Vorlesungen beginnen konnte – und auch an einer Abendgesellschaft bei Freunden teilnahm, wo sie sich jedoch so elend fühlte, daß sie bald nach Hause fuhr. Erst Sonnabend mittag legte sie sich zu Bett, und obgleich die Krankheit – eine Lungenentzündung – ernst schien, ahnte doch niemand, wie ernst sie war oder daß man während der beiden folgenden Tage eigentlich nur einem Todeskampf beiwohnte. Die Ärzte meinten, daß die Krankheit durch eine heftige Infektion entstanden sei. Auf der Reise nach Berlin waren alle Eisenbahnen voll tuberkulöser Personen, die – durch die damals neu entdeckte Lymphe Kochs veranlaßt – dorthin reisten. Wäre das Herz stark gewesen, so hätte sich das Ende vielleicht hinausschieben lassen – aber eine Rettung scheint nach dem, was die Obduktion zeigte, ausgeschlossen gewesen zu sein. Sonja hatte eine Ahnung, daß sie diese Krankheit vielleicht nicht überleben würde, und beobachtete mit einer gewissen Unruhe die schlechten, mit einer gewissen Befriedigung die guten Symptome – beides in sehr stiller Weise. Anspruchslos und dankbar für Freundlichkeit, wie sie im Leben gewesen, war sie bis in den Tod; alles an ihr war nur der Ausdruck einer unbeschreiblichen, geduldigen Sanftmut und Besorgnis für die Umgebung. Ich war in den ersten Tagen und Nächten bei ihr. Aber die Ärzte rieten, auch eine Krankenpflegerin zu nehmen, weil die Krankheit sich langwierig zu gestalten schien. Und so war ich nach Hause gegangen, um ein paar Stunden auszuruhen. Denn die Nähe des Todes ahnten weder die Ärzte noch wir, die wir sie umgaben, noch Sonja selbst. Er trat plötzlich in der Nacht zum 10. Februar ein, durch eine Herzlähmung infolge des angegriffenen Zustandes der Lungen. In den letzten Stunden war sie ohne Bewußtsein, und der Tod war nur ein stilles Einschlummern in »das große Unbekannte«, das ihre Gedanken so oft beschäftigt hatte. Unter den rauschenden Fichten auf dem schwedischen Friedhof fand Rußlands große Tochter ihre letzte Ruhe – die Ruhe, die ihr immer herrlicher erschienen war als selbst die herrlichsten Gaben des Lebens. Aber der Denkstein auf dem Grabe ist von Rußlands Studentinnen und Frauen der Wissenschaft errichtet. Die sie betrauerten, suchten sich vor Augen zu halten, daß gerade so wie der Tod kam – rasch und auf der Mittagshöhe des Lebens und der Kraft – sie immer gewünscht hatte, daß er sie erreichen möge. Sie suchten sich auch zu vergegenwärtigen, daß mit ihrem erhöhten Lebensreichtum auch die Keime neuer Konflikte hervorgetreten waren. Ein solcher war aus den verschiedenen Forderungen der Wissenschaft und der Literatur entstanden, aus der Schwierigkeit für beide auszureichen und zugleich noch für die heranwachsende Tochter. Nach dem Tode ihrer Mutter fand die kleine Sonja ein vortreffliches Heim bei Professor Gyldén, dessen in jeder Hinsicht seltene Gattin – eine Enkelin von Goethes Freund v. Knebel – eine der intimsten Freundinnen Sonja Kovalevskas in Stockholm gewesen war. Als die Schule in Stockholm beendet war, kehrte die kleine Sonja wieder in das Land ihrer Mutter zurück, um dort Medizin zu studieren. Inzwischen hat sie auch weiter ihr Heim bei ihrer Patin, Fräulein Lermontoff, gehabt. Ein anderer Konflikt lag in ihrer Anstellung im Ausland, während ihre schriftstellerische Tätigkeit den Aufenthalt in der Heimat verlangte. Und schließlich war noch der große Konflikt, auf den ich noch zurückkomme. Aber wir, die wir trauernd an ihrem Grabe standen, konnten nicht umhin, uns zu fragen, ob sich das Dasein für diese »Seele aus Feuer und Seele aus Gedanken« nicht bildbarer, weicher hätte zeigen können als für jene geringeren Naturen, die von seiner Härte zerschmettert werden. Zweites Kapitel Für Europa wurde das Bild Sonja Kovalevkas durch Anne-Charlotte Lefflers Biographie ihrer Freundin gezeichnet. Sonja Kovalevska, was ich mit ihr erlebte, und was sie mir von sich erzählte , von Anne-Charlotte Leffler, Herzogin von Cajanello. Diese Biographie ist auch ein Teil von Anne-Charlotte Lefflers eigener; sie enthält unmittelbar mehrere wertvolle Beiträge zu ihrer Geschichte, aber vor allem beleuchtet sie Anne-Charlotte Lefflers Naturell ebensosehr durch das, was sie von dem Sonja Kovalevskas erfassen konnte, wie durch das, was sie von ihm unerklärt lassen mußte. Anne-Charlotte Lefflers mit unparteiischer Ehrlichkeit und sympathischer Hingebung ausgeführtes Bildnis Sonja Kovalevskas ist in der Absicht gezeichnet worden, Sonja so menschlich und lebendig als möglich zu zeigen. Aber nicht einmal Anne-Charlotte Lefflers Psychologie reichte hin, um Sonjas wunderbares Wesen zu durchdringen, ein Wesen, zugleich schwer, melodisch und funkelnd wie die Quecksilberfontänen, die den Palast der Mauren schmückten! Sonja Kovalevska war aus den heterogensten Gegensätzen zusammengesetzt: einer außerordentlichen Kultur und einer großen wilden Naturkraft; sie war bis in die Unendlichkeit zersplittert, nuanciert, impressionabel und bis zum äußersten energisch, einheitlich, intensiv; sie besaß eine moderne analysierende, berechnende Intelligenz und eine morgenländisch-fruchtbare Phantasie; sie war eine exakte Mathematikerin und eine idealistische Träumerin. Wenn man diese Gegensätze aufgezählt hat, hat man noch hundert unerwähnt gelassen und glaubt noch nichts über diese Persönlichkeit gesagt zu haben, deren außerordentlicher, Sympathie erweckender Reiz zum großen Teil eben in der Vereinigung von sonst unvereinbaren Gegensätzen lag, eine Persönlichkeit, deren Reichtum man nicht erschöpfen, deren Wesen man nicht ergründen konnte, ein Geschöpf mit der dreifach problematischen Natur des Genies, des Weibes und der slavischen Rasse. Anne-Charlotte Leffler glaubte auch nicht, dieses Problem vollständig gelöst zu haben, aber sie packte diese Aufgabe so an wie ihre dichterischen Probleme: sie wollte den Menschen erklären. Idealisierung hielt sie mit vollem Recht nicht für den Weg zur Erklärung. Sie ging mit jener Sympathie zu Werke, die die Gestalten, welche sie schildert, von innen sieht, die mit ihnen versteht und fühlt. Je einfacher, je mehr aus einem Guß man eine Gestalt zu halten sucht, desto leichter wird sie verstanden, meinte Anne-Charlotte Leffler; je mannigfaltiger man das Bild zu geben trachtet, desto mehr verwirrt sich der Eindruck, desto unsicherer wird der Leser, dessen Gedanken hin und her gezerrt werden, etwa so wie wenn man eine Fußspur im Sande sucht. Mit dem Bewußtsein, gerade diese Unsicherheit im Leser hervorrufen zu müssen, zeichnete Anne-Charlotte Leffler Sonja Kovalevska. Diese Biographie ist im Anfang, wo Sonjas eigene Schilderungen der Stoff sind, und am Schlusse, wo Anne-Charlotte Lefflers eigener Schmerz die Darstellung erhebt, wirklich etwas von dem geworden, was Ibsen meinte, als er Anne-Charlotte Leffler den eigentümlichen Rat gab: ihr Bild von Sonja nicht biographisch, sondern rein dichterisch zu gestalten! Aber in der Mittelpartie hat Anne-Charlotte Leffler keine genügend sichere Auswahl zwischen dem wirklich und dem nur scheinbar Charakteristischen getroffen, zwischen Wesentlichem und Zufälligem. Dies wirkt weitaus verwirrender als die Mannigfaltigkeit von Sonjas Natur, in anderer Weise behandelt, hätte wirken müssen. Anne-Charlotte Leffler hat selbst – durch ihre Einleitung – jeden Anspruch an eine vollständig objektive Biographie entkräftet. Sie wollte nur, wie sie in einem Briefe schreibt, eine teure Herzenspflicht erfüllen: all das Interessante zu sammeln, was sie von Sonjas Persönlichkeit wußte, »um es für jene Zukunft zu bewahren, die Sonja Kovalevsky ganz gewiß einen Platz in der Geschichte ihrer Zeit anweisen wird.« Bei der Erfüllung dieser Pflicht war Anne-Charlotte Leffler von der Gewißheit durchdrungen, daß es nicht möglich sei, »ein sympathischeres Bild von Sonja zu geben«, als das, welches sie gab. Auch schrieb sie mir, als sie die Schilderung beendet hatte: »Ich weiß, daß ich die ganze Zeit bei der Verfassung dieser Biographie ein so lebendiges Pietätsgefühl zu meiner Richtschnur gehabt habe, daß ich bei jedem Wort, das ich sagte, gleichsam bestrebt war, Sonja ihren innersten Gedanken abzulauschen und sie so darzustellen, wie sie dargestellt werden wollte; daß ich mich von ihr und nur von ihr leiten ließ. Noch ist ihr Geist über mir, und darum konnte ich es tun. In ein paar Jahren könnte ich es vielleicht nicht mehr, könnte kein Wort hinzufügen, ohne den Geist des Ganzen zu stören.« Anne-Charlotte Leffler übte, als sie so über Sonja schrieb, dieselbe große männliche Offenherzigkeit, die sie geübt hätte, wenn sie von sich selbst gesprochen haben würde. Aber sie hat dadurch Sonja nicht in jeder Beziehung so dargestellt, wie diese »dargestellt sein wollte«. Anne-Charlotte Leffler bedachte nämlich nicht, daß ein zusammengesetzter Stimmungsmensch nicht mit ganz denselben Mitteln verständlich gemacht werden kann wie ein einheitlicher Charakter. Denn wenn eine Menge psychologisch eigentümlicher kleiner Züge dem mit der Persönlichkeit unbekannten Leser, unvermittelt von dem Charme des Lächelns, des Blickes, der Stimme und des für Sonja eigentümlichen Humors entgegentreten, aus dem Zusammenhang mit der Umgebung, mit den Ereignissen, mit der Zeit gerissen – dann erhalten sie eben viel härtere Linien als in der Wirklichkeit und scheinen auch viel größere Dimensionen zu besitzen. Wenn man die Gemütsschattierungen, die Einfälle, die Selbstwidersprüche eines Stimmungsmenschen im Druck festhält, kristallisiert man sie nämlich unwillkürlich, gibt dem feste Konturen, was in Wirklichkeit die leichten, anmutsvollen, fließenden Formen der Wolken besaß. Darum teilte ich Anne-Charlotte Lefflers Ansicht über den Umfang und namentlich über den Zeitpunkt der Herausgabe von Sonjas Biographie nicht ganz. Für die mit der Persönlichkeit oberflächlich oder gar nicht bekannten Zeitgenossen ist ein plastisches Zuwegegehen dasjenige, das das Bild am besten wiedergibt, und die Statue das einzige Kunstwerk, das eine große und darum auch eine wahre Wirkung einer großen Persönlichkeit hervorrufen kann. Für die Zukunft hingegen, die – um ein Paradoxon anzuwenden – dadurch, daß sie sich noch weiter entfernt, wieder näher kommt, gibt die pittoreske Methode, die Anne-Charlotte Leffler gewählt hat, das wertvollste Bild. Das im Alltagsleben studierte, in ein intimes Milieu versetzte, bis in alle Einzelheiten genau ausgeführte Porträt wird das für eine folgende Generation interessanteste sein, wie auch das für eine sympathische und intelligente Auffassung schon in der Gegenwart teuerste. Anne-Charlotte Leffler hatte das doppelte Interesse der Freundin und der Schriftstellerin für alles – das Kleinste wie das Größte – was für Sonja charakteristisch war. Sie liebte alles, und darum verstand sie vieles; und auch, wo sie nicht verstand, verurteilte sie nicht. Darum konnte sie nicht fassen, daß nicht auch alle anderen verstanden und sich des Aburteilens enthielten. Anne-Charlotte Leffler verstand vieles. Aber in einigen wesentlichen Punkten verstand sie wenig oder nichts, und in diesen Punkten hat das Bild nicht die richtigen Valeurs bekommen. Zum Teil beruht dies auch auf der Fortlassung der ganzen wissenschaftlichen Seite von Sonjas Persönlichkeit. Aber die Liebe zur Wissenschaft war ganz ausgesprochen das, was Sonjas Persönlichkeit ihre Höhe und Festigkeit, sozusagen ihr geistiges Rückgrat gab. Und wenn Sonjas Verhältnis zur Wissenschaft – durch Anne-Charlotte Lefflers Entschluß, ihre Darstellung auf eine ganz und gar subjektive Schilderung zu beschränken – stark untergeordnet wurde, mußte folglich ihre ganze Persönlichkeit in der Biographie weniger kräftig und einheitlich wirken, als sie es in Wirklichkeit tat. Sonjas wissenschaftlich geschulte, durchsichtig klare, folgerichtige Art des Denkens, die ihre Dichtung, ihre Lebensanschauung, ihre Gefühle so stark bestimmte, ist darum nicht zu ihrem Recht gekommen, und so auch nicht die eine große Seite ihrer Genialität. Anne-Charlotte Leffler wollte mit vollem Recht das Weib in der Mathematikerin zeigen, aber sie hat nicht die Mathematikerin im Weibe gezeigt, es sei denn in bezug auf die Erotik, wo sie wieder der Wissenschaft einen Einfluß zuschreibt, den sie in diesem Fall nicht besaß. Eine andere Seite von Sonjas Temperament, der ihr eigentümliche Humor, ist von Anne-Charlotte Leffler auch nicht richtig gezeichnet worden. Oftmals nahm Anne-Charlotte Sonjas Scherz ganz oder halb ernst, wie z. B., wenn diese ihre »Triumphe« als Sportdame schilderte, oder ihre »Verliebtheit« in diese oder jene Person, oder ihren »Abscheu« in dieser oder jener Richtung. Das Gewicht, das die Biographie all diesen Worten – sowohl in Sonjas mündlichen wie in ihren schriftlichen Mitteilungen – beigelegt hat, trübt das Bild. Selbst ein alltäglicher Mensch könnte – wenn seine Einfälle und Inkonsequenzen dieselben Proportionen erhielten wie seine Handlungen – bizarr wirken. Um wieviel mehr ist das nicht erst bei einer Ausnahmenatur der Fall! Als ein Beispiel unter vielen mag hier Sonjas Schilderung ihrer Gefühle auf den Fahrten von und nach Stockholm angeführt sein: der Weg von Stockholm scheine ihr der kürzeste, aber der zurück nach Stockholm der längste in Europa. Man empfängt aus diesen Worten den Eindruck einer Bitterkeit gegen Schweden, die doch in Wirklichkeit nicht vorhanden war. Mehr als einmal sprach Sonja im Gegenteil warme Dankbarkeit gegen das Land aus, das ihr ein Heim und eine Arbeit gegeben hatte; und so äußerte sie sich nicht nur zu Schweden, sondern auch zu Ausländern. Ihr Tadel Stockholms war der sehr berechtigte, daß man sich da in einer Kleinstadt befinde, wo sich jeder in die Angelegenheiten des anderen mischte und man nie zwischen Sache und Person unterscheiden konnte. Sie fand – und zwar mit gutem Grunde – daß der geistige Horizont in Schweden eng sei, und das Verständnis, die Toleranz neuen Ideen oder ungewöhnlichen Handlungen gegenüber geradezu mittelalterlich. Aber zugleich ließ Sonja den guten Seiten der Schweden volle Gerechtigkeit widerfahren. Sie bewunderte das – in allem, was nicht neue Ideen betrifft – Generöse im Charakter der Schweden, namentlich glaubte sie niemals soviel Opferwilligkeit für gemeinnützige Zwecke gesehen zu haben wie bei den Stockholmern. Auch Anne-Charlotte Lefflers Urteil über Sonjas nur »scheinbare« Anspruchslosigkeit bedarf der Richtigstellung. Ihre Anspruchslosigkeit war wie Anne-Charlotte Lefflers eigene echt, aber darum nicht töricht: daß Sonja ihre Überlegenheit kannte und einsah, war selbstverständlich, und dies hat mit Anspruchslosigkeit gar nichts zu tun. Die Anspruchslosigkeit des Genies besteht teils darin, die Art und die Tragweite seiner Überlegenheit nicht zu überschätzen, teils darin, andere nicht auf Grund dieser Überlegenheit hochmütig zu übersehen und schließlich sich durch die eigene Überlegenheit nicht für berechtigt zu halten, unverhältnismäßige Ansprüche an andere zu stellen. Nichts von alledem war bei Sonja der Fall. Sie unterschätzte ihre Begabung eher als sie sie überschätzte; sie interessierte sich für die einfachsten Menschen und war auch gegen den unbedeutendsten rücksichtsvoll; sie war ebenso rührend dankbar für die kleinste Gefälligkeit oder Freundlichkeit, als sie zartfühlend darin war, eine solche von jemand anderem als von wirklichen Freunden anzunehmen. Und während Anne-Charlotte Leffler recht damit hat, daß Sonja keine bürgerlichen Tugenden erstrebte, hat sie unrecht, wenn sie glaubte, daß Sonja sie gering schätzte. Sie bedauerte im Gegenteil, daß sie die Pflichten des Alltags nicht so erfüllen konnte, wie sie es gewünscht hätte. Namentlich in dem Verhältnis, das die Biographie fast ganz übergeht, dem Verhältnis zur Tochter, hatte Sonja viel mehr von der Liebe einer Mutter, als man aus der Schilderung glauben sollte. Obgleich ihre Zeit nicht hinreichte, um sich der Entwicklung der Tochter so zu widmen, wie sie es gewünscht hätte, gab sie ihr in den Stunden, in denen sie sich mit ihr beschäftigte, mehr an Zärtlichkeit, Verständnis und Entwicklung als viele der »hingebungsvollsten« Mütter, die nie an etwas anderes denken als an ihre Kinder, ohne ihnen doch geistig einen einzigen Schritt vorwärts zu helfen. Ein wesentlicher Grund, weshalb Sonja durch Anne-Charlotte Lefflers Biographie so widerspruchsvoll wirkt, ist, daß man in ihr nicht nur einer eigentümlichen Persönlichkeit begegnet, sondern einer eigentümlichen Nationalität, oder richtiger einer Mischung von Nationalitäten: sie ist Deutsche, Zigeunerin, Polin, aber vor allem Russin! Das Temperament der Russin – folglich auch das Sonjas – ist eine Isotherme, die bald hoch über, bald tief unter die Parallelkreise geht, die dem nordischen Frauenideal und Frauenrechtlerinnenideal gezogen sind. Vieles, was wundernimmt, ist aus dem russischen Gesichtspunkt erklärlich, allerdings für Germanen kaum verständlich. In Rußland hingegen ist die Biographie als ein geniales psychologisches Bild des russischen Temperamentes geschätzt worden, obgleich dieses Temperament in der Biographie nicht besonders charakterisiert wird. Namentlich einen slavischen Zug hat Anne-Charlotte Leffler nur unvollkommen verstanden, wenn sie sagt, daß Sonja ein beständiges Bedürfnis nach Abwechslung und Stimulanz hatte. Dies war – im gewöhnlichen Sinne des Wortes – nicht der Fall. Sie konnte sich halbe Jahre lang bei wahnsinniger Arbeit isolieren. Aber die Arbeit war dann für sie das, was in einer anderen Periode das Weltleben oder die Freunde schaff oder die Liebe war: der Anreiz, durch den sie sich leben fühlte. Der Slave hat mehr als der Germane das Bedürfnis, sein eigenes Dasein energisch, leidenschaftlich zu empfinden, gerade, weil er weiß, daß der geistige Tod auf ihn lauert – jene Tendenz zum Nirvana, zu tatenloser Melancholie, zu willenlosem Stillstand, die ihren vollendetsten dichterischen Ausdruck im Oblomow-Typus gefunden hat. Diesem anheimzufallen ist für den Slaven – ein halber Morgenländer wie er ist – eine stete Möglichkeit. Der Slave wird maßlos – mag er sich nun auf die Wissenschaft oder die Religion, den Genuß oder die Askese, den Nihilismus oder das Weltleben, die Liebe oder die Selbstverleugnung werfen, um das Dasein intensiv zu empfinden, was unzweifelhaft die tiefste Forderung seines Wesens ist. Ist eine russische Frau dazu ein Genie wie Sonja, dann wird die Selbstverbrennung ihr unentrinnbares Schicksal. Die ganze ursprünglich-russische Seite von Sonjas Wesen war von dem Anne-Charlotte Lefflers so verschieden als nur möglich. Diese war ebenso maßvoll, ebenso anpassungsfähig an die Verhältnisse, als Sonja in Lebensfragen intensiv war. Anne-Charlotte Leffler hatte in ihren Entschließungen die Langsamkeit des Germanen, Sonja die heftige Impulsivität des Slaven; Anne-Charlotte Leffler hatte die ihrer Rasse angeborene Bedächtigkeit und Ausdauer, Sonja des Russen plötzliche, unmotivierte Übergänge von einem Seelenzustande zu einem anderen, von äußerster Fröhlichkeit zu tiefster Melancholie, von fieberhaftester Arbeit zur gemächlichsten Ruhe, von Wärme zur Kälte. Anne-Charlotte Leffler war eine freudige Opportunistin, die aus den Verhältnissen das Beste machte; Sonja eine ungestüme Idealistin – wie ihre Rasse es ist – eine Idealistin, die unaufhörlich ihre Stirn an die Wirklichkeit stieß. Anne-Charlotte Lefflers eigenes Temperament war eines, das ohne Schwierigkeit einsah: »Die Sterne, die begehrt man nicht.« Sonja wollte nichts anderes haben als die Sterne. Ihr Ehrgeiz war nicht der trockene, heiße, gallische Ehrgeiz, auch nicht der verschlossene, schwere, nordische: er war dem Märchendurst – dem Durst des Morgenländers – nach dem Wunderbaren verwandt. Wenn sie ihr Ziel erreicht hatte, hatte es keinen Wert mehr für sie; sie strebte dann einem neuen nach – weniger von Ehrgeiz getrieben als von ihrer glühenden Phantasie. Neue Gedanken, Arbeitspläne, Einfälle wurden beständig in ihrer Feuerseele geboren und strömten ohne merkbaren Zusammenhang in ihrer Rede aus. Das Grenzenlose im slavischen Temperament war das vor allem für Sonja Charakteristische. Bestimmte Begrenzungen können darum nur den Eindruck ihrer Persönlichkeit verringern. Leider nahm Anne-Charlotte Leffler gerade eine solche Begrenzung vor, als sie Sonja hauptsächlich aus weiblichem, allgemein-menschlichem Gesichtspunkt schildern wollte. Denn auch als Weib, auch in ihrer erotischen Geschichte war Sonja zugleich das Genie und die Russin – und hält man beides nicht fest, bleibt sie als Weib unerklärlich. Sonja Kovalevska war ebenso wie Anne-Charlotte Leffler, wie so viele andere begabte moderne Frauen nicht von »womanhood to selfhood« gegangen, sondern umgekehrt. Ihre menschlich-persönlichen Entwicklungsforderungen, ihre intellektuellen Bedürfnisse waren zuerst erwacht und befriedigt worden, ehe sie noch zu fühlen anfingen, daß diese doch nicht das Zentrale ihrer Persönlichkeit waren; daß es ihnen nicht genügte, die Arbeitskameradinnen der Männer zu sein oder als ihnen geistig ebenbürtig anerkannt. Aber als diese neue Überzeugung bei Anne-Charlotte Leffler erwachte, war es, weil die Liebe sie suchte, Sonja hingegen suchte die Liebe. Das ist die Grundverschiedenheit in ihrem Schicksal, die auch daran schuld ist, daß Anne-Charlotte Leffler Sonja in diesem heiklen Punkt nicht voll verstehen konnte. Dabei interessierte Sonjas erotischer Konflikt Anne-Charlotte Leffler, für die das Leben gleichzeitig durch die Liebe einen neuen Inhalt bekommen hatte, mehr als alles andere. Sie hat darum die Unruhe, die Wetterwendischkeit, die Schwermut und den Schmerz in Sonjas späteren Lebensjahren so sehr betont, daß sie die ruhige Arbeitsfreude und den freundschaftlichen Austausch der vorangegangenen Jahre verdunkeln – wo Anne-Charlotte bei ihren geistigen Gastmählern das Brot und Sonja der Wein war. Dazu kommt, daß die beiden Freundinnen sich in den letzten Jahren sehr wenig trafen, daß Sonja lange Zeiten hindurch auch nicht an Anne-Charlotte schrieb – was diese bei ihrer Rücksicht für die Gefühle anderer nicht fassen konnte – und daß Sonja, im ganzen sehr verschlossen über ihre erotische Geschichte, es Anne-Charlotte gegenüber noch ganz besonders war. Denn einerseits hatte Sonja eine Scheu, ihren Schatten in den Sonnenschein anderer fallen zu lassen, andrerseits glaubte sie, daß »wer satt ist, den Hungrigen nicht verstehen kann«, wie ein russisches Sprichwort sagt. Je bewegter und inhaltsreicher das Leben der beiden Freundinnen sich gestaltete, desto weniger verstanden sie so einander. Die Verschiedenheit zwischen der weichen Natur der einen, der stolzen der anderen trat unaufhörlich zutage. Anne-Charlotte Leffler konnte nicht einsehen, warum Sonja kein Kompromiß schließen, nichts von ihren Forderungen preisgeben wollte. Sie schob dies auf Sonjas anspruchsvolles Temperament, aber mit Unrecht. Sonja forderte allerdings grenzenlos, aber sie konnte auch grenzenlos geben, und nicht ihr Ehrgeiz oder ihre Unfähigkeit, ganz im Gefühl aufzugehen, zerstörte in diesem bestimmten Falle ihre Glücksmöglichkeiten. Aber weil Anne-Charlotte Leffler selbst so ganz von ihrer eigenen glücklichen erotischen Erfahrung, ihrem Gefühl von der Macht der weiblichen Hingebung erfüllt war, mußte sie Sonja in doppelter Beziehung mißverstehen: sie faßte sie zugleich leidenschaftlicher und weniger hingebungsvoll auf, als sie wirklich war. In allem, auch in der Erotik, hat sich Sonja durch Anne-Charlotte Lefflers Schilderung mit viel schärferer Eigentümlichkeit profiliert, als dies der Fall gewesen wäre, wenn man sie gegen den Hintergrund ihres Nationalcharakters gezeichnet hätte. Sonja hatte manche der Züge, die Turgenjew seinen besten Frauentypen gibt: kühle Sinne und ein feuriges Herz, großzügigen Edelmut und opferwillige Stärke, im Verein mit unerhörten idealen Forderungen: ein Gewebe von goldenen und purpurroten Fäden, in dem bei Sonja das schwarze Gespinst der Schwermut und das bunte der Phantasie den Einschlag bildete. Ohne das russische Seelenleben in Betracht zu ziehen, ist auch Sonjas erste Ehe ganz unfaßbar. Und diese hatte so viele verwickelte psychologische Momente, daß man den Knoten nicht durch Anne-Charlotte Lefflers kurzgefaßtes Urteil löst, daß diese Ehe kein Glück gebracht habe, weil Sonja »besitzen wollte, sich nicht besitzen lassen«. In gleicher Weise irrt sich Anne-Charlotte Leffler in der Überbetonung des Erotischen in den letzten Jahren von Sonjas Leben. Die Erotik war allerdings in den letzten Jahren der Mittelpunkt ihres Daseins, aber die Wissenschaft, die Dichtung, die Mutterschaft hatten darum nicht ihr Interesse verloren, obgleich all dies bis auf weiteres untergeordnet wurde. Aber am allerunrichtigsten ist das Motiv, das sie für Sonjas erotischen Konflikt angibt. Denn dieser bewegte sich durchaus nicht – wie Anne-Charlotte Leffler es schildert – zwischen dem Ehrgeiz und der Liebe. Ebensowenig zwischen der verschiedenen Art des Mannes und des Weibes zu lieben, oder zwischen der verschiedenen Art dieses Weibes und dieses Mannes Liebe zu geben oder zu fordern. Die Art des Konfliktes wird am besten durch die einzige Mitteilung charakterisiert, die jetzt Geltung hat, die des Mannes, um den der Konflikt sich drehte. Seine Anschauung der Frage gebe ich im folgenden – mit seiner Zustimmung – wieder. Für ihn war Sonja nicht das in sich selbst konzentrierte Genie. Sie hatte im Gegenteil das Schicksal vieler nichtgenialer Frauen, ein Schicksal, dessen Ursachen in jedem besonderen Fall verschieden und in den geheimnisvollen Tiefen der Natur verborgen sein mögen, aber das von außen gesehen einfach alltäglich ist. Der betreffende Mann, ein berühmter Gelehrter und Politiker – der, ohne mit Sonjas Mann verwandt zu sein, denselben Namen trug wie er – hatte von Sympathie und Freundschaft, aber nicht von Liebe bewogen, zu wiederholten Malen Sonja gebeten, seine Gattin zu werden. Er hatte weder sie noch sich selbst über die Art seines Gefühls getäuscht, war auch nicht durch ihre Ablehnung verletzt gewesen, da er einsah, daß eine entwickelte weibliche Persönlichkeit, eine so große und reiche wie die Sonja Kovalevskas sich nicht damit begnügt, bruchstückweise zu erhalten, wenn sie ganz gibt. Auch verkannte er das Gefühl, das er nicht teilte, durchaus nicht, sondern sprach von Sonjas Hingebung als von der größten, die ihm in seinem Leben zuteilgeworden war. Ebensowenig mißdeutete er die Art der Leiden, die seine Offenherzigkeit ihr verursachte. Im Gegenteil wuchs seine tiefe Bewunderung, Achtung und Sympathie immer mehr, je mehr er die Bedeutung des Grundes erkannte, mit dem Sonja ihre Ablehnung motivierte. Überzeugt, in einer gegenseitigen Liebe Glück geben und finden zu können, hätte sie den Forderungen einer solchen alles geopfert, auch ihre Professur in Stockholm, wenn es verlangt worden wäre. Aber er verlangte dies niemals, sondern meinte im Gegenteil, daß sie diese Stellung beibehalten könnte. Sonja erkannte die Schwierigkeit dieses Falles und wollte ihres Kindes und ihre eigene Zukunft nicht in einer Ehe aufs Spiel setzen, für die sie vielleicht ihre Anstellung im Stich lassen mußte, ohne die Gewißheit, nicht eines Tages bitter zu bereuen, daß sie diese Möglichkeit der Unabhängigkeit für sich und die Tochter verloren hatte, die der Mutter so warm am Herzen lag, daß die Gefühle und die Erziehung dieser Tochter stets in der Motivierung von Sonjas Ablehnungen wiederkehrten. Aber da Sonja nach jedem neuen Zusammentreffen die Trennung immer schwerer fand, begann sie sich schließlich – die obenerwähnten Skrupeln beiseiteschiebend – in den Gedanken einer möglichen Veränderung ihres Lebens hineinzuversetzen. Und zwar stellte sie sich vor, daß sie eine Ehe eingehen, und ihr Leben zwischen ihrer halbjährigen Arbeit in Stockholm und halbjährigen Ferien mit ihrem Mann im Ausland teilen würde. Der Tod trat dazwischen und hinderte sie, ein Kompromiß zwischen den absoluten Forderungen des Idealismus und den Lebensverhältnissen zu schließen, ein Kompromiß, das bei ihrer Natur sicherlich verhängnisvoll geworden wäre. Der Tod gab ihr auch, was das Leben ihr nicht geben konnte: den ersten Platz in der Erinnerung und dem Dasein des Überlebenden. Drittes Kapitel Das Obengesagte zeigt, wie der Konflikt eigentlich beschaffen war. Als Sonja Kovalevska alles erreicht hatte, wovon sie bisher geträumt – und wovon gewöhnliche Frauen nicht einmal träumen können – da trat die große Krise in ihrem Leben ein, in der sie sich unter dem Einfluß eines großen Gefühls imstande wähnte, alles, was sie nur besaß für das hinzuwerfen, was gewöhnliche Frauen so leicht erreichen können, aber was das Schicksal einer Sonja Kovalevska versagte. Eine Deutung dieser Krise in ihrem Leben zu versuchen oder über sie nachzugrübeln sind die Frauen niemals müde geworden. So sieht eine Frau in ihr ein Opfer der Zeit, in dem Sinne, daß sie das Frauengenie mit dem männlichen Gehirn, aber dem tief weiblichen Naturgrund war, folglich ein neuer Frauentypus, der während seiner Entwicklung die weibliche Macht, zu gefallen, verloren hatte und darum trotz der Sehnsucht seines Frauenherzens nach Liebe diese nie erringen konnte. Eine andere Frau meint, daß Sonja allzu anspruchsvoll und eifersüchtig fordernd war, um Liebe gewinnen zu können. Und eine dritte glaubt, daß Sonja, um die Forderungen des Ehrgeizes zu befriedigen, die des Herzens zum Schweigen brachte, daß sie ihren Ruhm mit ihrem Glück erkaufte. Man sehe Laura Marholm: »Das Buch der Frauen«; Arvide Barine, »La rançon de la gloire«; Anne-Charlotte Leffler: »Sonja Kovalevska« und Hedwig Dohm: »Die Feministen«. Das Ganze war, wie ich schon gezeigt habe, viel einfacher, aber darum nicht leichter verständlich. Die vielen Frauen, welche glauben, daß, wenn es ihnen nur einmal gelänge, das Rätsel in Sonja Kovalevskas Leben zu verstehen, sie damit auch ähnliche Rätsel in ihrem eigenen Leben verstehen würden, sind im Irrtum. Denn jeder neue Mensch ist eine neue Welt, wenn auch eine noch so kleine, und jede Welt gehorcht ihren eigenen Gesetzen. Und Sonja Kovalevska war eine große Welt, mit geheimnisvollen Tiefen, in die niemand, nicht einmal sie selbst, eindrang, und mit schwindelnden Höhen, die nur wenige ersteigen konnten.   Ich war mehrere Jahre hindurch wenigstens einige Male in der Woche mit Sonja Kovalevska zusammen. Aber die wirkliche Sonja Kovalevska habe ich doch nur einmal gesehen. Das war an einem Abend in der Stockholmer Oper, als Beethovens Neunte Symphonie aufgeführt wurde. Sonja Kovalevska war – ganz ausnahmsweise – in der Wahl ihrer Toilette glücklich gewesen, sie trug ein schwarzes Kleid aus Seide und Spitzen, das, ohne die kleine dünne Gestalt zu drücken, ihr einen einheitlichen Stil gab. Neben ihr saß ihr russischer Landsmann, ein genialer, sonnig lächelnder Riese mit strahlenden Augen. Rings um sie strömte die alle Himmel aufschließende Musik, die Glückseligkeit in Tönen – – Ein lichter Friede, eine edle Ruhe, eine sanfte Innigkeit verklärte Sonja Kovalevskas sonst so nervöses Antlitz, verfeinerte die unregelmäßigen Züge, hauchte über die unreine Haut eine gleichmäßige warme Blässe. Sie war verklärt, beinahe schön. Denn sie liebte. Und die Musik wiegte sie in selige Träume. Ihr beredtes Antlitz sagte all dies. Ich sah dann diesen Ausdruck in ihrem Gesicht nie mehr wieder – erst im Tode. Die Musik verstummte, und sie wandte sich ihrem Nachbar mit einem Blick zu – – –. Wenn ein Weib mit einem Blicke einem Manne sagt: »Du bist mein Gott, mein Herr, mein Leben ...« dann ist sie entweder die stolzeste Königin des Lebens oder seine elendeste Bettlerin.   Sonja Kovalevska hatte die Jugend schon hinter sich, als ihr Herz aus seinem ruhigen Schlummer erwachte und gestillt sein wollte; als ihre halb erstickte Frauennatur angstvoll nach voller Entwicklung und Befriedigung rief, darnach, einmal mit allen Pulsen zu leben, einmal die sprengende Fülle, die Erweiterung des ganzen Wesens, das Himmel und Erde umarmende Unendlichkeitsgefühl zu empfinden, das Glück ist. Für den geistigen Pöbel sind die erotischen Forderungen einer nicht mehr jungen Frau das vor allem anderen Komische. Für den geistigen Adelsmenschen sind sie das vor allem anderen Tragische. Es gibt einige wenige Werke in der Weltliteratur, in denen diese Tragik Ausdruck gefunden hat. Und einige Blätter gibt es, in denen Sonja Kovalevskas scheues bebendes Gefühl so offenbart ist, wie große Dichter divinatorisch das Leben von ihnen selbst unbekannten Menschen offenbaren. Diese Blätter kommen in Brownings »In a balcony« vor. Der Dichter läßt da eine regierende Königin sprechen, eine Königin, der immer nur gehuldigt wurde, die niemals geliebt worden ist; die ihr immer lauter; schluchzendes Herz damit beschwichtigt hat, daß es jetzt zu spät sei: die Liebe sei für Jungfrauen, und sie ist nicht mehr jung; sie ist überdies Königin und darf nicht an Liebe denken ... Aber dann glaubt sie sich plötzlich geliebt, und das Lächeln der Liebe hat ihre Welt umgestaltet! Sie sagt sich, daß sie freilich schon viele Jahre für das Glück verloren hat – aber viele sind ja noch übrig? ... Sie weiß, daß ihr Haar zu ergrauen begonnen hat, daß ihre Wange bleich ist – aber kann die Liebe nicht eine neue Jugend schenken? ... Es ist wahr, sie ist nicht schön – aber Frauen können ja die Seele eines Mannes lieben ... Sollte ein Mann nicht die Seele einer Frau lieben können? Und sie hofft: sie jubelt, jetzt endlich Weib, ein gewöhnliches Weib zu sein. Denn für das Weib gibt es kein anderes Leben als die Liebe. Alles, was ihr dem Leben zu gleichen scheint, sind nur Schatten, von ihrer Liebe geworfen. Mit Worten, die Flammen sind, schildert die Dichtung diese Sehnsucht, die tief in der Seele jeder echten Frau lebt, die Sehnsucht, ehe sie stirbt, die Stimme der großen Liebe gehört zu haben, wenn sie auch sterben muß, um sie zu hören ... Sonja hörte wie die arme Königin die Liebe in ihrem Herzen flüstern. Aber für beide war es nur im Traum, und beide erwachten zu der Gewißheit: nur als Zuschauer vor dem Fest des Lebens zu stehen. Sonja konnte nicht resignieren. Sie mußte, sie wollte ihren Platz drinnen am Tisch des Lebens haben. Und sie blieb anstatt dessen die Bettlerin, es wurde ihr – ein Almosen geboten. Warum fällt es einem so schwer, dieses alltägliche Frauenlos zu fassen? Ist es, weil es eine Sonja Kovalevska traf? Aber man wird ja nicht deshalb geliebt, weil man Königin über ein Reich der Erde oder des Geistes ist; nicht, weil man königlich mit Geld und Gut oder mit Genie und Herz verschwendet. Warum man geliebt oder nicht geliebt wird, das beruht auf mystischen Gesetzen, die noch niemand entdeckt hat. Nur eines ist gewiß, je entwickelter eine Frau ist, desto schwerer findet sie den Mann, den sie mit ihrem ganzen Wesen lieben kann, den Mann, der für jede feinste Fiber ihres Wesens das Glück bedeutet. Und es gibt vielleicht eine Möglichkeit unter Millionen, daß dann auch gerade dieser Mann sie in der gleichen Weise liebt. Und gehört sie dazu wie Sonja Kovalevska zu den Frauen, an deren Wiege die Grazien nicht ihre Gaben niederlegten, dann wird das Schicksal einer solchen Frau tragisch. Manche meinten, sie hätte sich mit dem Almosen begnügen sollen. Aber eine ganze und stolze Frau kann viel für den Mann tun, den sie liebt. Nur eines kann und soll sie nicht: seine Frau werden, wenn er ihr offen sagt, daß er für sie nicht die Gefühle der Liebe hat. Und da sie nicht den Hunger der Sinne, sondern den Durst der Seele stillen wollte, war nichts natürlicher, als daß Sonja die Bewerbung, die keine Liebe beseelte, ablehnte. Dieselbe Schriftstellerin meint, Sonja Kovalevskas eifersüchtige Ansprüche hätten es verhindert, daß die Liebe eines Mannes erwachte. Im Zusammenhang damit steht der von einigen Seiten gehörte Kommentar zu Ibsen, daß dieser Sonja Kovalevska in Rita Almers (Klein Eyolf) geschildert haben sollte. Dieser Kommentar ist ebenso unhaltbar wie die meisten Ibsenkommentare. Die Eifersucht ist der einzige Gleichheitspunkt zwischen diesen beiden sonst unendlich verschiedenen Frauentypen. Und sie ist bei beiden ein gleich natürliches Resultat der Verhältnisse. Denn jede Frau, die die erotische Genialität hat, die folglich selbst mit ihrem ganzen Wesen lieben kann, fühlt – mit einem in diesem Falle ganz unfehlbaren Instinkt – ob sie in gleicher Weise geliebt wird. Wird sie das nicht, dann können alle und alles der Gegenstand ihrer Eifersucht werden, weil alles und alle von dem Geliebten nicht zugleich mit ihr, sondern anstatt ihrer geliebt werden, weil alles und alle den Raum in der Seele des Geliebten ausfüllen können, aus dem sie sich selbst verbannt fühlt. Eine solche Frau weiß, daß sie von den Gnaden aller anderen Frauen lebt, denn diejenige von ihnen, die den Mann erobern will, hat auch immer die Möglichkeit des Erfolgs. Nur wenn eine liebende Frau bis in die tiefsten Tiefen ihres Wesens von dem Bewußtsein der Gegenseitigkeit der Liebe durchsonnt ist, kann und muß dieses Bewußtsein alle Eifersucht ausschließen, so wie das Mittagslicht die Schatten ausschließt. Die Einheitsleidenschaft, der Unendlichkeitssinn, mit einem Wort: der morgenländische Wesensgrund bestimmte Sonja Kovalevskas Schicksal. Ihr Geist hatte in den kühnsten Ahnungen der Wissenschaft, im Weltenraum und im Sonnensystem, im Denken und im religiösen Gefühl, in der Dichtung, in der Arbeit, und im Weltleben, in der Vaterlandsliebe und in der Freundschaft unaufhörlich das Grenzenlose gesucht, es aber niemals gefunden. Am allerwenigsten fand sie es im Ruhm, den sie in den Jugendjahren so glühend ersehnte, aber jetzt als eiskalten Begleiter auf allen ihren Wegen fand. Für sie wie für eine andere geistvolle Frau wurde der Ruhm schließlich nur »un peu de bruit autour de son coeur«; für sie wie für die einfachste Frau wurde schließlich das Leben des Herzens DAS Leben. Denn nachdem sie so ohne Rast und Ruh durch alle anderen Räume gepilgert war, kam sie schließlich an die Grenzen von Eros' Reich. Doch da erst begegnete ihrer Unendlichkeitssehnsucht eine hohe Mauer, über die selbst ihre starken Flügel sie nicht tragen konnten, eine Mauer, die sie mit den von Angst und Sehnsucht geweiteten Augen der gejagten Hindin anstarrt; an die sie mit zarten, schwachen Kinderhändchen pocht, an der sie ihre Denkerstirn blutig stößt. Doch die Mauer weicht nicht – das Schicksal gibt nicht nach ... Und da stand sie noch, als der große Allerbarmer ihre Unendlichkeitssehnsucht zur Ruhe wiegte.   Auf Sonja Kovalevskas Arbeitstisch stand in den letzten Jahren immer ein kleines Sträußchen Edelweiß, das sie in einem Sommer in der Schweiz bekommen hatte, als sie den Mann, den sie liebte, aus einer schweren Krankheit dem Leben rettete und mit dem ganzen Reichtum, der ganzen Liebenswürdigkeit ihres Genies seine lange Krankheitszeit erhellte. Das kleine blasse, trockene Sträußchen war für Sonja selbst die Erinnerung an einen reichen Augenblick, einen Hoffnungsstrahl. Mir erschien es immer wie ein qualvolles Symbol der Armut und Farblosigkeit von Sonjas erotischer Lebensgeschichte. Und jedesmal, wenn ich das verstaubte, kleine Sträußchen sah, erklangen in mir J. P. Jacobsens Worte: »Es hätten Rosen sein sollen.« Viertes Kapitel Im Vorangegangenen habe ich oft das Slavische in Sonja Kovalevskas Temperament betont. Will man eine Bestätigung suchen, so muß man ihre zwei nachgelassenen Bücher, »Die Schwestern Rajewski« und »Eine Nihilistin« aufschlagen, und sie im Zusammenhang mit den Frauentypen sehen, die die drei größten Dichter ihres Landes geschildert haben. Turgenjew bewahrte das ganze Leben hindurch die Empfänglichkeit des Dichters und des Jünglings, für jede Offenbarung echter Weiblichkeit, die für ihn das Wunderbare war, das nicht gefaßt, nur angebetet werden konnte. Es gibt fast keine Art weiblicher Eigentümlichkeit oder weiblichen Einflusses, von dem Anspruchlosesten bis zu dem Beherrschendsten, den Turgenjew nicht mit einigen Zügen in seiner Dichtung unsterblich gemacht hätte; aber diese wechselvolle Mannigfaltigkeit von Frauengestalten wird in seiner Darstellung durch ein Einheitsband zusammengehalten. Die Frau, mag sie nun gut oder böse sein, ist für ihn mehr ein Teil der Natur, mit ihrer geheimnisvollen und grenzenlosen Macht ausgerüstet, während der Mann mehr als ein Teil der Gesellschaft, ein gelungenes oder mißlungenes Produkt der Kultur vor ihm steht. Turgenjews Stil, wenn er eine schöne Frau schildert, und wenn er eine Landschaft beschreibt, zeigt dieselbe unmittelbare Empfänglichkeit und dasselbe sich stets erneuende Glück durch diese beiden in seiner Empfindung gleichartigen Offenbarungen. Nie tritt in einer seiner Erzählungen eine Frau auf, ohne daß die Stimmung sich in gewissem Maße ändert, so wie die Luft in einem Zimmer, wenn man das Fenster geöffnet hat und die süßen oder berauschenden oder würzigen Düfte aus Wiesen und Feldern in den Raum eindringen. Selbst die Frauen, die Turgenjew mit jener verhängnisvollen dämonischen Zauberkraft schildert, die sie zum Verhängnis der Männer macht, haben in diesem Naturverwandten ihren eigentlichen Reiz. Turgenjew weiß, daß das, was sie verderbenbringend macht, darin besteht, daß ihr Wesen in den Männern die Illusion unverdorbener Natur, ungezähmter Kraft, mutiger Lebenslust hervorruft. Ob nun eine solche Frau mit der sorglosen Grausamkeit eines jungen Raubtieres das Spiel spielt, das für andere den Tod bedeutet, wie in »Frühlingsfluten«, oder ob sie jenem Weltleben, das sie zu verachten glaubt, aber von dem sie doch nicht die Kraft hat, sich loszureißen, durch die Leidenschaft einen Inhalt zu geben sucht wie in »Rauch«; oder ob sie selbst ganz kühl und unberührt durch ruhigen, liebenswürdigen Reiz, maßvolles, wohlberechnetes Interesse alle Männer beherrscht, aber sich selbst, ihre Ruhe und ihre Freiheit viel zu sehr liebt, um sich irgend jemandem hinzugeben wie in »Väter und Söhne« – nie läßt Turgenjew diese Frauen durch das Schwache, Häßliche oder Niedrige einen Einfluß üben, sondern durch das Starke oder Schöne oder Ruhevolle ihrer Erscheinung, das der Gesundheit, den Natureindrücken Verwandte. Diese Art verführerischer Frauen kommen in Turgenjews Dichtungen oft vor. Aber er hat nicht eine einzige Dichtung zur Verherrlichung einer solchen, im tiefsten Innern unweiblichen Frau geschrieben. Die Frau, die er liebt, die gleich den Sternen seine Andacht erweckt, gleich dem Frühling seine Begeisterung, die für ihn die Inkarnation aller Gesundheit, aller Stärke, aller Holdseligkeit, alles Glückes des Daseins ist, sie ist der absolute Gegensatz der eben geschilderten Frauentypen, deren charakteristischer Zug darin besteht, daß sie sich selbst genug sind und dadurch eine gefährliche Ruhe besitzen; die einen scheinbaren Reichtum zu geben haben, aber dabei nur für sich selbst da sind, ohne Fähigkeit der wirklichen Hingebung an etwas, was es auch sein mag; stets von der Sehnsucht gequält, zu leben, aber stets vor den Wirklichkeiten des Lebens zurückscheuend, weil diese immer in irgend einer Form ein Opfer des Selbsts verlangen. Der andere Typus hingegen, dem man bei Turgenjew so oft begegnet, daß man sich unwillkürlich fragt, ob Rußland wirklich ein so glückliches Land ist, viele solcher Frauen zu besitzen oder ob Turgenjew nur einer begegnet ist und dann jeder echt weiblichen Gestalt ihre Züge lieh – hat etwas von der Frau des Mittelalters an sich; zuweilen etwas von der heiligen Elisabeth, zuweilen von Heloise, zuweilen etwas von beiden vereint. Sie sind nicht immer geistreich oder talentvoll, nicht einmal immer schön, diese Frauen, und doch hat der Dichter es verstanden, sie so zu schildern, daß ihre Gestalten sich klar und unauslöschlich von dem Goldgrund der hingebungsvollen Sympathie des Dichters abheben. Diese untereinander verschiedenen Frauen – man erinnere sich z. B. an Marianne in »Die neue Generation«, an Helene in der Dichtung des gleichen Namens, an Vera im »Faust«, Elisabeth in »Ein adeliges Nest«, Tatjana in »Rauch«, Gemma in »Frühlingsfluten« – haben alle ein gemeinsames Merkmal, das sich durch Tatjanas kurze Zusammenfassung der Grundsätze, in denen sie erzogen worden, ausdrücken läßt: »Wahrheit und Freiheit«. Es gibt keinen Trug bei diesen Wesen, sie sind durchsichtig ehrlich, einheitlich, voll Feuer, und voll Unschuld; im besten Sinne des Wortes einfältig, ohne einen Blick zurückzuwerfen, wenn sie ihre Hand auf den Pflug gelegt; sie können zermalmt aber nicht zersplittert werden, getötet, aber nie im Innersten ihres Wesens vernichtet. Diese Frauen zeigen die vollkommene Hingebung ihres Wesens, ihre Befreitheit von aller Weltlichkeit – der Koketterie wie der Prüderie – oft darin, daß sie es sind, die ihre Liebe zuerst gestehen, die sich in jener stolzen und keuschen Weise geben, wie nur das Weib sich gibt, das weiß, daß es fürs Leben ist. Diese Art Frauentypus bewunderte auch Sonja Kovalevska vor allem, und von ihm hat sie in »Eine Nihilistin« ein Bild gegeben, das dem Leben entnommen ist und an die Seite von Turgenjews schönsten Frauengestalten gestellt werden kann. Und Vera Vorontzoff findet auch später dasselbe Schicksal wie mehrere Heldinnen Turgenjews: von dem Manne enttäuscht zu werden, dem sie ihr Leben gegeben. »Denn in Rußland«, sagt Turgenjew, »gibt es keine Männer, die solcher Frauen wert sind.« Diese Frauen bewahren ihrer innersten Persönlichkeit eine solche Treue, daß sie mit der Notwendigkeit eines Naturgesetzes wirken, daß man sich ebensowenig denken kann, daß sie einen Verrat an ihrem Pathos begehen könnten – mag dieses nun die Liebe oder die Pflicht oder die Revolution oder eine andere große Idee sein – als man sich denken kann, daß sie leben könnten, ohne zu atmen. Ich habe bei anderen Westeuropäern denselben Eindruck gefunden, wie den, den ich selbst empfangen: daß eine wirklich bedeutende Russin überhaupt der bedeutendste Frauentypus ist, den unsere Zeit besitzt. Ich rechne dann »unsere Zeit« schon von der Aufklärungsepoche an, die mit der Freundin Katharinas II., der Fürstin Dashkoff, eine Frau von jener Art hervorgebracht hat, an die ich denke und deren Memoiren ein unschätzbarer Beitrag zum Studium des Seelenlebens der russischen Frau sind. Ins Deutsche übersetzt von Malvida von Meysenbug. Man findet bei ihr schon jene wunderbare Mischung von starker, sprudelnder, naiver Naturkraft und einer verfeinerten Kultur mit tiefgehenden Interessen; grenzenlos opferwilliger Hingebung und fest abgegrenzter, selbständiger Persönlichkeit; schrankenloser Weite in allen Gesichtspunkten und gesammelter Willensstärke für ihre Ziele. Ich könnte noch andere russische Frauen anführen, die mit ihrer Zärtlichkeit und ihrer Tüchtigkeit als Hausfrauen und Familienmütter leidenschaftliches soziales Interesse verbinden, und mit einer sehr starken sinnlichen Zauberkraft eine Seelenvollheit von großer Tiefe, eine Geistigkeit mit gewaltigen Flügelschlägen. Sonja Kovalevska hatte – wie ich schon dargelegt habe – ein großes Stück dieser Natur. Aber dennoch gleicht keine von Turgenjews Frauen, sondern eine von Tolstois ihr am meisten, namentlich so wie sie sich selbst in den Schwestern Rajewski schildert. Tolstoi sieht die Frau als der realistische Beobachter, nicht als der idealisierende Dichter. Seine Frauen sind oft weniger individuell, immer weniger vollkommen als die Turgenjews. Die persönlichste und interessanteste ist eben Natascha (in »Krieg und Frieden«), und in ihr ist etwas vom Geniekind, das an die junge Sonja erinnert. Aber in ihrer mannigfaltig zusammengesetzten Natur tritt noch mehr etwas Dostojewskys Frauen Wesensverwandtes hervor. Dostojewsky war der von Sonja selbst am meisten bewunderte der drei großen Dichter, und das Größte in ihrer Natur vibrierte mit diesem Dichter der Gekränkten und Gedemütigten, der Verunglückten, der durch Armut und Ungerechtigkeit Leidenden und durch das Leiden in Versuchung Geführten. Die durch Jahrhunderte geübte Fähigkeit der russischen Natur, sich zu demütigen, zu leiden, zu resignieren, aber zugleich auch die damit zusammenhängende Gefahr zu verkommen, versklavt zu werden, Stolz und Vorsätze und Pflichten preiszugeben, hat sowohl bei Turgenjew wie bei Tolstoi viele ergreifende Ausdrucksformen gefunden, aber keine so tiefergreifenden wie bei Dostojewsky. Für ihn ist die Frau überhaupt die Leidende, die unter den Gesellschaftsverhältnissen, namentlich der Armut Leidende, die aber doch im Leiden die Fähigkeit bewahrt hat, zu trösten, das Dasein zu versüßen, sich hinzugeben. Und wenn Dostojewsky eine Frau grausam werden läßt, wie z. B. die junge Näherin in »Arme Leute« oder Natalia in »Beleidigte und Erniedrigte« – dann weiß sie es nicht; sie hat selbst so viel gelitten, daß sie gefühllos geworden ist; aber man merkt, daß der Verfasser sie nicht verkennt; sie hätte für den Mann, der sie liebt, das Glück werden können, wenn die Verhältnisse nicht gegen sie beide gewesen wären. Die Frauen in Dostojewskys Büchern sind nicht, wie so oft bei Turgenjew, Trägerinnen der Gesundheit, der Ruhe und Schönheit des Lebens. Sie sind die Unglücksgenossinnen des Mannes und zeigen Spuren der harten Hand des Lebens. Aber auch Dostojewsky glaubt an die innerste Unzerstörbarkeit des Weibes, an ihr engeres Bündnis mit den Kräften der Wiederaufrichtung, und er zeigt, daß kein Dasein ganz unerträglich ist, wenn eine selbstlose, hingebende Frau es teilt. Nicht nur weil Sonja in Dostojewsky den tiefsten Psychologen bewunderte, sondern auch weil sie – während ihres wechselnden Lebens und in ihrem eigenen Schicksal – oft Gelegenheit hatte, die Richtigkeit der Psychologie des Leidens, des Verbrechens und der Wiederaufrichtung, in der Dostojewsky einzig ist, zu erkennen, stellte Sonja ihn am höchsten. Durch einen anderen russischen Frauentypus – keinen erdichteten, sondern einen wirklichen – kann Sonja Kovalevska zum Teil beleuchtet werden: durch Maria Bashkirtseff. Diese starb im Herbst 1884, und ihr Tagebuch erschien gerade in Sonjas erstem Jahr in Stockholm. Ich erinnere mich noch, wie Sonja betonte, daß Maria Bashkirtseffs Originalität überschätzt werde, weil Westeuropa nicht begreife, wie sehr diese Originalität mit ihrer Rasse zusammenhänge. Das ist zweifellos richtig. Aber ebenso gewiß ist es, daß sowohl die eine wie die andere der beiden Russinnen, die gleichzeitig Europas Interesse so stark beschäftigten, nicht nur die Eigenart der russischen Frau, sondern die des weiblichen Genies hatten. Dies zeigt sich in der Leidenschaft, womit Beider Seele sich auf einen Brennstoff nach dem anderen stürzte, ihn verzehrte und einen neuen suchte; in dem Mut, sich beständig neue Ziele zu setzen, und in der Kraft, sie unbeugsam zu verfolgen; in der Unersättlichkeit ihres Lebenshungers, in der Grenzenlosigkeit ihrer Sehnsucht! Laura Marholm, die mit ihrer genialen Einseitigkeit sowohl in Anne-Charlotte Leffler wie in Maria Bashkirtseff, in Sonja Kovalevska wie in Ernst Ahlgren nur das Geschlechtswesen sah Die drei ersten werden im »Buch der Frauen« behandelt, die letztgenannte in einem Essay in einer Zeitschrift, der meines Wissens nicht in Buchform erschienen ist. , hat dadurch keine von ihnen ganz verstanden. Wie bedeutungsvoll Laura Marholms Reaktion gegen den einseitigen Intellektualismus der Frauenrechtlerinnen auch war, ihre eigene erotische Einseitigkeit wurde ebenso irreführend. Denn allerdings erlangte die Erotik im letzten Teile von Sonja Kovalevskas, Anne-Charlotte Lefflers, Ernst Ahlgrens Leben entscheidende Bedeutung – und hätte sie vermutlich auch im Leben Maria Bashkirtseffs erlangt. Aber bei keiner von ihnen hätte die Liebe je den Schaffensdrang, die Wahrheitsleidenschaft, den Wissensdurst, die Verstandesschärfe – oder mit anderen Worten gerade jene Eigenschaften, die man männlich zu nennen pflegt – verdrängen können! Anne-Charlotte Lefflers Glück war es, daß sie von einem Manne ganz als Weib geliebt wurde, der zugleich auch diese ihre intellektuellen Wesenszüge liebte. Sonjas Unglück war, daß sie einen Mann liebte, der an ihr nur diese intellektuellen Vorzüge schätzte; Ernst Ahlgrens Tragik war, daß sie einen Mann liebte, der weder das Weib liebte, noch ihre intellektuellen Vorzüge schätzte. So wenig Laura Marholm Maria Bashkirtseffs Tragödie richtig damit charakterisiert hat, daß sie die typische Tragödie des jungen Mädchens gewesen sei, ebensowenig hat sie die Sonja Kovalevskas richtig damit charakterisiert, daß sie wie das Weibchen klagend durch die Wälder irrte, nach dem Gatten rufend. Sonja konnte diesen, wenn sie nur selbst wollte, finden – wenn dies ihre Forderung gewesen wäre! Ich habe gezeigt, daß dies nicht der Fall war. Und – wie ich hier Anne-Charlotte Lefflers Irrtum berichtige, daß Sonjas erotischer Konflikt der Konflikt zwischen dem Genie und der Liebe gewesen sei – will ich auch Laura Marholms Darstellung berichtigen. Und nicht nur die Sonja Kovalevskas, sondern die Anne-Charlotte Lefflers und Ernst Ahlgrens. Persönlich kannte Laura Marholm nur die letztere, und zwar während Ernst Ahlgrens letzten erregten Jahren; ich habe allen dreien persönlich nahgestanden, die meisten hier mitgeteilten Briefe waren an mich gerichtet, und ich halte mich für zuverlässiger als Laura Marholm, die geniale Dichtungen über das Thema Sonja Kovalevska, Anne-Charlotte Leffler usw. geschrieben hat. Mit ihrem ganz außerordentlichen psychologischen Klarblick äußerte Sonja mitten während ihres erotischen Konfliktes, sie wisse wohl, daß die Intensität ihres Gefühles im Verhältnis zu der Schwierigkeit des Sieges stehe, den sie erringen wolle, und daß sie sich, wenn dieser einmal gewonnen war, vielleicht enttäuscht fühlen würde: auf keinen Fall hätte sie sich je auf die Länge durch die Liebe allein glücklich gefühlt. Sie mußte die Wissenschaft, die Schriftstellerei, die Gesellschaftsinteressen haben – mit einem Worte alles. Sie konnte freilich sagen – und im Augenblick auch meinen – daß sie gerne all ihr Genie für die Schönheit oder das Glück dieser oder jener Freundin hingäbe. Aber das bedeutet nicht, daß sie in Wirklichkeit ihr Genie hingegeben hätte: das bedeutet nur, daß sie – alles haben wollte! In dieser Beziehung ist sie eine echte Slavin und eine echte Schwester Marie Bashkirtseffs. Keine Worte können auch Sonja Kovalevsky besser charakterisieren als die, mit denen Marie Bashkirtseff dem Tiefsten ihres Wesens den höchsten Ausdruck gab: »Es will mir scheinen, als ob niemand alles ebensosehr lieben würde wie ich: Kunst, Musik, Malerei, Bücher, Verkehr, Kleider, Luxus, Lärm, Ruhe, Lachen, Schmerz, Melancholie, Scherz, Liebe, Kälte, Sonne; alle Jahreszeiten, alle Atmosphären, Rußlands stumme Ebenen und die Berge um Neapel; den Winterschnee, den Herbstregen, den Frühling und seine Tollheiten, die ruhigen Tage des Sommers und die schönen Nächte mit den leuchtenden Sternen ... alles bete ich an und bewundere ich. Alles sind für mich interessante oder sublime Offenbarungen; ich wollte alles sehen, alles besitzen, alles umarmen, mit allem verschmelzen, und in zwei oder in dreißig Jahren sterben, wenn es notwendig ist; mit Jubel sterben, um dieses letzte Unbekannte zu erproben, dieses Ende von allem und diesen Anbeginn des Göttlichen.« Anne-Charlotte Leffler, Duchessa di Cajanello 1. Oktober 1849 – 21. Oktober 1892 Erstes Kapitel Wenn ich siebzig Jahre alt bin, werde ich meine Biographie schreiben«, schrieb Anne-Charlotte Leffler mir einmal. »Und daß ich nie einen interessanteren, psychologisch merkwürdigeren, komplizierteren Roman als diesen erfinden werde, steht fest. Es geht mir wie Georges Sand – sie hat nie einen interessanteren Roman geschrieben als die Geschichte ihres Lebens – und dabei hat sie noch das Interessanteste verborgen und fortgelogen, aber das werde ich nicht tun.« Diese aufrichtige Selbstbiographie ist leider nie geschrieben worden. Aber in demselben Geist der Ehrlichkeit, in dem Anne-Charlotte Leffler selbst ihre Beichte ablegen wollte, ist die folgende Lebensschilderung verfaßt. Eine Charakteristik der Dichterin, ihrer Stellung zu ihrer Zeit und ihrer Bedeutung für die schwedische Literatur zu geben, ist hier nicht beabsichtigt. Sondern nur mit einigen Zügen das Bild einer Frau zu zeichnen, die in vollstem Maße das Los der genialen Offenherzigkeit teilen mußte: mißverstanden oder in die entgegengesetzte Kategorie eingeschachtelt zu werden, in die sie hineingehört hätte – wenn nicht überhaupt alle Kategorien untauglich wären, wo es sich darum handelt, eine ungewöhnliche Persönlichkeit zu charakterisieren oder ein Ausnahmeschicksal darzustellen.   Als Anne-Charlotte Leffler ihre »Bilder aus dem Leben« zu schreiben begann, ließ sich niemand, sie selbst am wenigsten, träumen, daß ihre letzten Lebensjahre ein eigentümlicherer Roman werden würden, als irgend eine ihrer Dichtungen. Ihre Schicksale waren bis dahin die denkbar gleichmäßigsten gewesen, und ihr Temperament ein solches, von dem man keine Überraschungen erwartete. Anne-Charlotte Lefflers Mutter war das einzige Kind des Probstes Mittag, eines liebenswürdigen, vielseitig gebildeten Mannes, der schon als Magister in Upsala mit Doktor S. P. Leffler, einem der Herausgeber der »Bibliothek der deutschen Klassiker«, nahe befreundet war. Diese Tochter Mittags heiratete Lefflers Neffen, den späteren Rektor Leffler, und die einzige Tochter dieses Ehepaares war Anne-Charlotte, in der die literarischen Anlagen der väterlichen wie der mütterlichen Familie die reichste Entwicklung erlangen sollten. Anne-Charlotte Leffler wurde im Oktober 1849 in Stockholm geboren. Das kleine Mädchen zeigte vom zartesten Alter an ein gesundes, wahrhaftes und sanftmütiges Temperament und sonnte sich daher auch von frühester Kindheit an in der zärtlichsten Zuneigung ihrer Eltern, ihrer drei Brüder wie auch der Großeltern. Verklärt vom Schimmer des Kindheitsparadieses lebten stets die Sommerbesuche im Pfarrhof des Großvaters in ihrer Erinnerung. Hier, am Strande des Vettersees, in einer der schönsten Gegenden Schwedens, tummelte sie sich in Freiheit umher; dahin sehnte sie sich den ganzen Winter in ihrem Stockholmer Heime; da wurde der Grund zu jener tiefen Liebe zur Natur gelegt, die sie zu einem immer leidenschaftlicheren Freiluftmenschen machte, dem Fußwanderungen, Segeltouren, Meerbäder und überhaupt das Leben in der Natur ein unabweisliches Bedürfnis waren. In einem interessanten selbstbiographischen Entwurf (1890 geschrieben) sagt Anne-Charlotte Leffler: »Meine Kindheit und meine erste Jugend war ungewöhnlich glücklich und harmonisch, ich kann sagen, daß ich bis zu meinem zwanzigsten Jahr absolut nichts erlebte, was man einen Kampf, einen Konflikt nennen könnte. Mein Elternhaus war nicht reich, aber es fehlte uns dort an nichts.« Sie schildert sich und die Brüder als scheu und verschlossen unter Fremden, aber froh und voll Einfälle, wenn sie miteinander waren. Gewöhnliche Mädchenspiele, Puppen, Kochenspielen usw. verabscheute sie. Aber sie schrieb schon mit sechs Jahren Märchen und spielte mit den Brüdern Theater, in der Weise, daß sie während des Agierens das Drama – gewöhnlich einen historischen Stoff – dichteten. Auch fürs Tanzen hatte sie keine Vorliebe. Sie erzählt von ihrer ungeheuren Schüchternheit bei Kindergesellschaften, die noch dadurch gesteigert wurde, daß ihre Mutter, die es mißbilligte, daß Kinder wie Modepuppen gekleidet wurden, sie nicht nach der Mode gehen ließ. Und sie fühlte sich daher in der Zeit der Krinoline in ihrem glatten, engen Kleidchen furchtbar minderwertig. »Meine Anspruchslosigkeit und Schüchternheit«, fährt sie fort, »war so groß, daß ich es nicht einmal wagte, meine eleganter gekleideten Schulkameradinnen durch meine größeren Kenntnisse zu verdunkeln. Wenn die anderen eine Frage nicht beantworten konnten, tat ich so, als könnte ich es auch nicht, und nur durch einen Zufall entdeckte meine Lehrerin, daß ich in dem ganz bewandert war, worin ich ein ganzes Semester lang Unwissenheit geheuchelt hatte, eben infolge jenes eigentümlichen Schamgefühls, das mich hinderte, mich je selbst hervorzuheben. Aus demselben Grunde war ich auch immer sehr ängstlich, jemandem meine Dichtungen zu zeigen, und wenn ich irgend einmal meinen Vertrautesten etwas vorlas, geschah es mit bebender Stimme und mit Tränen in den Augen. Ich schämte mich jedes Wortes, das ich niedergeschrieben hatte, falls nicht irgend ein kleines Beifallszeichen der Zuhörer ein wenig Wind in meine Segel brachte; in diesem Falle taute ich sofort auf und fuhr mit kühnerer Stimme fort. Ein wenig Aufmunterung war für eine solche Natur Lebensbedingung. Bis zu meinem zwölften Jahr war ich unglücklicherweise in eine kleine vornehme Privatschule gegangen, wo die Mädchen Modepuppen und kleine Weltdamen waren, und wo ich mich gänzlich unverstanden und einsam fühlte. Aber mit dreizehn Jahren kam ich in eine große Schule, und hier machte ich mir gleich eine andere Stellung. Hier war der Mitschülerinnenkreis groß genug, so daß ich mir Freundinnen nach meinem Sinn wählen konnte; hier waren Kinder aus so vielen bürgerlichen Familien, daß Toilettefragen keine Rolle mehr spielten, sondern anstatt dessen der Wetteifer in Kenntnissen die Hauptsache war.« Anne-Charlotte machte mit Ehren die Kurse durch, die vor mehr als dreißig Jahren das minimale Maß der Mädchenschulbildung bildeten. Bei den Lehrern erweckte sie besonders durch ihre schwedischen Aufsätze Aufmerksamkeit, und als sie einmal einen Aufsatz in Novellenform geschrieben hatte, wurde dieser der ganzen Klasse vorgelesen. Ihre Freude über diese Auszeichnung wurde doch durch den vorher vom Lehrer ausgesprochenen Verdacht getrübt, daß ihre Brüder ihr geholfen hätten: er traute ihr selbst diese Darstellungsgabe nicht zu. Zusammen mit ihren liebsten Schulkameradinnen redigierte sie eine Zeitung »Utile Dulci«, spielte von ihnen selbst verfaßte melodramatische Stücke usw. Eine ihrer intimsten Freundinnen aus der Schulzeit hat Anne-Charlotte Leffler als sehr pflichttreu, aber dennoch heiter geschildert, herzensfroh über den Erfolg ihrer Kameradinnen, und ohne allen Hochmut, wenn sie selbst solchen hatte; immer gleichmäßig, offen, ehrlich, einfach, treu und gutgelaunt. Und diese Züge, die den Charakter des Schulmädchens bildeten, verblieben dem Weibe. Anne-Charlotte Lefflers frisches, von allen weiblichen Launen und Empfindlichkeiten freies Wesen, ihr auf die Wesentlichkeiten des Lebens gerichteter Blick wurde in der Zeit des Heranwachsens dadurch gestärkt, daß sie, wie sie einmal sagte, fast »Colducation« genoß – so treulich nahm sie an den Spielen und Studieninteressen ihrer Brüder und deren Kameraden teil. Sie hat selbst – in dem erwähnten biographischen Entwurf – betont, daß sie sich in allen Perioden ihrer schriftstellerischen Tätigkeit, auch in der frühesten, an die Wirklichkeit hielt, so wie sie sie fühlte und erfaßte, und sie macht zugleich die richtige Bemerkung, daß sie, lange bevor sie eigentlich etwas Erzählenswertes zu sagen hatte, die Form beherrschte. Sie schrieb nämlich schon in den Schuljahren mit großer Leichtigkeit und ohne jeden Schwulst und Unnatur. Mit fünfzehn, sechzehn Jahren kam die religiöse Krise, die, wie sie sagt, »jedes Mädchen, das mit ein bißchen Phantasie begabt ist, durchgemacht hat«. Während des Konfirmationsunterrichtes war sie stark ergriffen. »Die Religionsschwärmerei erfüllte«, sagt sie – »mein ganzes Seelenleben. Ich konnte mir nichts Schöneres denken, als mein Leben für die Sache des Christentums zu opfern.« Alle ihre Zukunftsträume gingen nun darauf hinaus, als Missionärsfrau nach Afrika zu reisen, und ihr männliches Ideal war natürlich der gerade Gegensatz zu ihrem eigenen Temperament, glich Ibsens Brand und forderte von seiner Gattin den Verzicht auf alle Freuden des Lebens. Sie vermied in dieser Zeit weltliche Vergnügungen, ging fleißig in die Kirche und schmückte ihr Zimmer mit Bibelsprüchen. Die Unruhe um ihr Seelenheil erfüllte sie so stark, daß sie oftmals unter Tränenströmen ihrer Mutter ihre Sehnsucht anvertraute, ein Kind Gottes zu werden, wovon sie sich weit entfernt fühlte. Aber düsterer Fanatismus erlangte nie Macht über ihr Gemüt. Die Familie verbrachte den Sommer 1866 auf einem Landgut in den Schären, und sie nahm da gerne an den Spielen und Streichen der übrigen Jugend teil, war aber ganz gleichgültig gegen die Aufmerksamkeit der jungen Herren. Sie träumte nur von ihrem Brand, und von ihm dichtete sie in ihrem ersten großen ungedruckten Roman, der jene sonnenklaren Begriffe und felsenfesten Grundsätze über Religion, Tugend, Leidenschaft und verschiedene andere, ebenso schwer zu lösende Fragen aufweist, durch die selbstsichere junge Menschen von fünfzehn bis siebzehn Jahren sich so wesentlich von der übrigen fragenden und kämpfenden Menschheit unterscheiden! Aber der Roman hat auch ungewöhnlichere Seiten: er zeigt Züge von erstaunlich feiner Psychologie, und man findet neben manchen Längen viele charakteristische Züge aus dem ländlichen, häuslichen Leben und vor allem eine gewisse breite, gerechte, objektive Auffassung auch jener Persönlichkeiten, die der Verfasserin unsympathisch sind, eine Gerechtigkeit, die bei Dichterinnen im Konfirmationsalter äußerst selten ist, aber für diese Schriftstellerin so charakteristisch werden sollte. Die beiden älteren Brüder übten nach A. Ch. Lefflers eigenem Ausspruch den bestimmendsten Einfluß auf ihre literarische Entwickelung, wie auch auf ihre Lebensanschauung aus, in der das christliche Element allmählich verdrängt wurde und ziemlich bald verschwand. Durch ihre Kritik und ihre Anforderungen trugen die Brüder dazu bei, die Schwester vor dem Dilettantismus zu bewahren, in dem die weibliche Schriftstellerei so oft stecken bleibt. Sie zeigten ihr, wie wenig sie in der Schule gelernt hatte, und drangen eifrig auf weitere selbständige Studien; sie rieten ihr ab, ihre Versuche herausgeben, bevor diese reifer waren; selbst nahm sie auch von allem Anfang an ihre Schriftstellerei viel ernster als junge Damen unter zwanzig es tun pflegen. Die Eltern sowohl wie die Brüder ermunterten ihre literarische Begabung durch die lebhafteste Sympathie, und als ein sehr ungewöhnlicher Beweis dafür, wie die Familie ihre dichterischen Anlagen förderte, mag erwähnt werden, daß der Vater ihre erste anonyme Novellensammlung auf eigene Kosten drucken ließ. Die Fortsetzung ließ einige Jahre auf sich warten. Denn ungefähr zur selben Zeit, in der die lebenslängliche Krankheit ihres Vaters begann, bat ein guter achtungswerter Mann, der Sohn alter Freunde ihrer Mutter, die damals zwanzigjährige Anne-Charlotte, seine Frau zu werden. Ihre Mutter so wie sie selbst hatten das Gefühl, daß ihr Schicksal in gute Hände kam und ein glücklicheres Los ihrer harrte als in dem jetzt so verdüsterten Heim. Und so wurde sie – ohne ein anderes Gefühl als das dankbarer Zuneigung – Braut. Die Verlobungszeit war doch nicht ohne Unruhe. Besonders war es ihr ein Bedürfnis sich das Versprechen – das sie auch erhielt – zu bedingen, sich ihrer Schriftstellerei widmen zu dürfen, die sie immer mehr als ihren Beruf empfand. Doch ihr Gefühl, daß der Bräutigam ihre Neigung zur Dichtkunst nur ungerne sah, beeinflußte sie so stark, daß sie während der zweijährigen Verlobungszeit »fast jede Äußerung der Kritzelsucht zurückdrängte«, woraus er die Hoffnung auf deren vollkommene Heilung schöpfte. Unter A. Ch. Lefflers ungedruckten Skizzen aus jener Zeit findet man eine, die sehr eigentümlich ist, wenn man bedenkt, daß sie aus der Feder eines einundzwanzigjährigen Mädchens stammt. Sie schildert die Eindrücke, die ein Junggeselle von den verschiedenen, ehelichen Schicksalen einiger verheirateter Freunde erhält und schließt in folgender Weise: – – – »Lege bei deiner Wahl kein Gewicht darauf, daß deine Frau heftiger, leidenschaftlicher Gefühle fähig sei. Die ruhige Liebe, die mit den Jahren wächst, wenn sie von Achtung und Vertrauen unterstützt wird, mag dir jetzt wenig begehrenswert erscheinen, wenn du einen jugendlichen Sinn hast. Aber das Leben hat nichts Vollkommenes zu bieten, und du mußt daher das Beste nehmen, was zugänglich ist. Mag sein, daß es dir nicht behagt, dich zuweilen von deiner Frau trennen zu müssen, damit die Liebe nicht erkalte; aber das Leben ist so, mein Freund, und auf jeden Fall findest du wohl wie ich, daß es besser ist, im Anfang sachte und behutsam zu fahren, als dem Wagen gleich einen so starken Schwung zu geben, daß er beim ersten Hügel umwirft.« Wahrscheinlich trat A. Ch. Leffler mit ungefähr solchen Gedanken – in der Hoffnung, selbst zu beglücken – in ihr neues Heim, als sie im November 1872 die Frau des Assessors Gustaf Edgren wurde. Zweites Kapitel Im eigenen Heim begegnete ihr dieselbe Zuneigung wie im Elternhause, wo sie die einzige, zärtlich geliebte und freudebringende Tochter und Schwester gewesen war. In den neuen Verhältnissen wie in den alten blieb die Dichtung ihr tiefstes Interesse, aber es wurde ihr als junger Frau ebenso schwer wie in ihrer Mädchenzeit, sich ungestörte Ruhe zu verschaffen, um sich ihr ernst zu widmen. Aus dem Briefwechsel mit dem damals im Ausland weilenden ältesten Bruder erhält man ein lebhaftes Bild dieser Schwierigkeiten. In einem Briefe (1874), in dem sie zuerst schildert, wie sie jeden Vormittag ihrer Mutter ein Weilchen widmen will, und wie sie jeden Nachmittag zusammen mit ihrem Manne verbringt und wie wenig Zeit dann für ihre Arbeit übrigbleibt, erwidert sie als Selbstverteidigung auf die Beschuldigung des Bruders, daß sie ihre eigene Entwicklung vernachlässige: »Eine andere Sache, die auch viel Zeit nimmt, ist die schauderhafte Unsitte, die die Stockholmerinnen haben, Vormittagsvisiten zu machen. Wenn ich jemals eine bekannte Schriftstellerin werden und als solche das Recht haben sollte, mich von dem allgemeinen Brauch loszusagen, dann würde ich nie eine Vormittagsvisite machen, noch eine solche annehmen, sondern ich würde mir anstatt dessen an einem bestimmten Nachmittag der Woche einen Empfangstag einrichten. Das würde mir viel ungestörte Arbeitszeit verschaffen, auf die ich jetzt nie rechnen kann. Ich trauere fast über jeden Tag, der vergeht, weil ich meine Zeit so schlecht anwende. Wenn ich bedenke, daß ich nun seit fast zwei Jahren nichts geschrieben habe, so verliere ich den Mut und glaube, daß nie etwas aus mir werden wird. Ach, daß das Menschenleben so kurz ist, besonders ein Künstlerleben, denn man kann doch nur höchstens zwanzig Jahre lang produzieren.« Der Bruder hatte sie, als er ihr seinen Rat in bezug auf selbständige Studien gab, auch ermahnt, Naturwissenschaftliches zu lesen. Sie antwortete darauf: »– – – die Menschen direkt ohne Bücher zu studieren, ist und wird immer mehr für mich das interessanteste Studium, und wenn ich lese, will ich am liebsten von Menschen lesen. Für abstraktere Studien habe ich keine Neigung ... Der Hauptgrund, warum ich im ganzen so wenig studiert habe, war und ist, daß meine Zeit so unglückselig zersplittert ist. Du kannst einwenden, daß das von mir selbst abhängt, und daß ich mir, als ich noch ein Mädchen war, meine Zeit ebenso gut hätte einteilen können, als es ein Jüngling immer tut. Aber hier ist es die wunderbare Macht der Tradition, die Hindernisse in den Weg legt. Ein Jüngling denkt sich gar nicht die Möglichkeit, daß er herumgehen und nichts tun könnte, weil er von Kindheit an lernt, daß er sich einer bestimmten Lebensaufgabe widmen und seine Jugend dazu verwenden muß, sich auf diese Aufgabe vorzubereiten. Ein Mädchen hört hingegen nie, daß sie eine andere Aufgabe hat als sich gut zu kleiden und liebenswürdig zu sein (ja, möglicherweise zu sticken und ein bißchen zu spielen und aus der Speisekammer Vorräte herauszugeben), um einen Mann zu bekommen. Wenn sie das auch nicht zu Hause direkt zu hören bekommt, und es auch nicht bewußt zu ihrer Lebensaufgabe macht, so liegt es doch sozusagen in der Luft, und die ganze Art, wie ihr Leben vom sechzehnten Jahre an eingerichtet wird, trägt dazu bei, ihr jede Lust an eigentlicher Arbeit zu benehmen. Ihr Leben wird eine Art Zwischenzustand, eine Art Wartezustand ohne Ziel, ohne irgendwelche bestimmte, gebieterische Pflichten. Und wie kann man verlangen, das ein sechzehnjähriges Kind, ohne andere Kenntnisse als die primitivsten, genug Selbständigkeit, genug Urteil und Charakter besitzen soll, um das Schiefe ihrer Stellung einzusehen und sich eine andere Existenz zu schaffen? Nein, sie treibt mit dem Strome, sie macht Toilette, geht aus und promeniert, liest Romane, stickt Tapisserie, mit anderen Worten, sie zersplittert ihre Zeit, sie leistet nichts, ohne darum je mit den Händen im Schosse dazusitzen, sie kommt zu nichts, ohne je etwas zu tun zu haben. Und diese leichtfertige, unverantwortliche Vergeudung einer kostbaren Zeit läßt dann fürs ganze Leben einen Fleck auf dem Charakter der Frau zurück. Sie hat nie gelernt, daß ein Mensch nicht das Recht hat, zu leben, ohne für ein bestimmtes Ziel zu arbeiten, daß etwas Erniedrigendes im Müßiggang liegt, etwas, dessen sich jeder halbwegs achtungswerte Mann klar bewußt ist. Und dieser Fleck auf ihrem Charakter darf doch nicht so sehr ihr selbst als dem Zeitgeist zugeschrieben werden. Aber Gott sei Dank, eine Besserung in dieser Hinsicht ist schon eingetreten, seit ich die Schule beendet habe, und ich hoffe, daß wir uns in diesem Falle in einer guten Richtung vorwärts bewegen. Wenn ich eine Tochter zu erziehen hätte, würde ich vor allem Gewicht darauf legen, ihr einzuprägen, daß sie eine bestimmte, individuelle Aufgabe im Leben hat, und daß ihre ganze Jugend dazu verwendet werden muß, sich auf diese Aufgabe vorzubereiten. Ich würde nicht gestatten, daß ihre Lehrzeit vor dem zwanzigsten Jahre abschlösse, und ich würde zusehen, daß sie während dieser ganzen Zeit auch gründlich arbeitete. Aber ich fürchte, daß ich in dieser Sache zu wortreich geworden bin. Ich werde so aufgeregt, wenn ich daran denke, wie meine eigene Jugendzeit und die meiner Altersgenossinnen verflossen ist, daß ich über diesen Gegenstand gar nicht genug sprechen kann. Ich war kürzlich in einer Versammlung, wo Herren und Damen über Frauenbildung diskutierten. Ich brannte vor Verlangen, das Wort zu ergreifen, um eine Menge Gedanken und Ansichten vorzubringen, von denen die anderen keinen Begriff zu haben schienen, aber ich war zu schüchtern, um so öffentlich aufzutreten, und ich ging darum nie mehr hin, weil ich es ebenso unmöglich fand zu schweigen wie zu sprechen. Wenn die Frage einmal schriftlich diskutiert wird, will ich es doch nicht unterlassen, das Wort zu ergreifen.«   Man sieht in dem eben Angeführten den Kampf eines von Natur weichen Temperaments, sich unter Verhältnissen, deren Druck für einen intensiveren und stärkeren Charakter gering oder gleich null gewesen wäre, zur Persönlichkeit durchzuringen. Tatsächlich waren ihre Schwierigkeiten sehr klein, aber alle Kraftproben müssen ja relativ bemessen werden, und für sie war es eine Kraftprobe, sich trotz der eben geschilderten Umstände Zeit für ihr eigentliches Interesse zu verschaffen. In den oben erwähnten selbstbiographischen Aufzeichnungen erzählt sie, daß einige Monate nach ihrer Verheiratung die Lust zur Schriftstellerei so unbezwinglich hervorbrach, daß sie in vierzehn Tagen »Die Schauspielerin« schrieb. Es ist sehr eigentümlich, daß A. Ch. Leffler ihre erste, mehr beachtete Arbeit fürs Theater verfasste. Sie war dem Theater aus religiösen Gründen lange ausgewichen. »Erst als Braut«, sagt sie, »war ich einige wenige Male ins Theater gekommen; ich hatte Hamlet gesehen und war tief ergriffen gewesen, ein paar moderne Lustspiele und hatte mich durch den leichtsinnigen und oberflächlichen Ton derselben in meinem ganzen rigorosen, noch halb pietistischen Sittlichskeitsgefühl tief empört gefühlt, und dies war meine ganze Theatererfahrung. Es war also unleugbar ein mehr als kühnes Unterfangen, ein Stück, das in vierzehn Tagen geschrieben und nur von einem jüngeren, befreundeten Mädchen gelesen war, dem dramatischen Theater einzuschicken.« Sie schildert das entzückte Staunen, mit dem sie die Nachricht von der Annahme des Stückes empfing, den Reiz und die Pikanterie, die darin lag, selbst in Gesellschaft auf die Frage zu antworten, wie das Stück ihr gefalle, und ob sie nicht wisse, wer es geschrieben habe, usw. Sie fährt fort: »Das Gefühl, mitten im Parkett zu sitzen, zu hören, wie das Publikum den Verfasser ruft und wie ein Schauspieler vortritt und mitteilt, daß die Theaterdirektion selbst nicht wisse, wer der Verfasser ist – und dabei ruhig in dem Bewußtsein zu sein, daß kein einziger neugieriger Blick sich auf einen selbst richtet, daß man bloß ein Zuschauer unter den anderen ist – das ist eine Freude, die man später nie mehr kostet; auch bekommt man nie mehr die vollkommen unverfälschten Urteile über seine Arbeit zu hören, nachdem man einmal genötigt gewesen ist, seine Person als Repräsentantin seiner Dichtung hinauszustellen.« Über dieses erste, heimliche, berauschende Dichterglück schrieb sie auf einer Nordlandsreise ein Gedicht in Prosa. Sie nannte es »Phantasie am Sollefteåfall«. Es erzählt in Märchenform von einer jungen Fichte, die rascher wächst als alle ihre Schwestern, um bald abgehauen zu werden und dem Falle zuzueilen, der ihr ganzes Herz gefangen genommen. Für diesen beseligenden, ersehnten Augenblick, in dem der Fall sie in seine große feurige Umarmung schließen wird, opfert sie alles. Das Märchen schließt so: »Ein langes Leben des Leidens und des langsamen Dahinsiechens erwartete die arme Fichte auf der anderen Seite des Wasserfalls; sie sollte nie mehr den grünen Wald sehen, nie mehr den Gesang der Vögel hören, nie, nie das Rauschen des Falles vernehmen und seine schäumenden Wellen erblicken. Aber was weiter! Sie hatte ja die Stunde ihrer Seligkeit gehabt, und die füllte ihr ganzes übriges Leben aus. Laßt uns die junge Fichte nicht beklagen! Der ist nicht unglücklich, der eine wahrhaft glückliche Erinnerung besitzt!« Was beim Niederschreiben dieses lyrischen Ausbruchs in erster Linie den Sinn der jungen Verfasserin bewegte, ist leicht zu ahnen. Sie war selbst durch die Liebe zum dichterischen Beruf in einen Wirbel hineingerissen worden, der ihr das einfache Glück gewöhnlicher Frauen rauben und viel Leiden im Gefolge haben würde, aber der ihr auch schon viel Freude geschenkt – und sie wollte ihr Ausnahmeschicksal nicht mit Alltagsidyllen vertauschen. Aber tiefer als dieses unmittelbare Gefühl lag ganz gewiß eine träumende Sehnsucht nach der größeren Leidenschaft, die, wenn sie einmal in das Schicksal einer Frau eingegriffen hat, sie nie den Frieden wiedergewinnen läßt, den sie besessen, bevor sie sich von der geheimnisvollen, rauschenden Tiefe locken ließ – diese Leidenschaft, die sie die »Schauspielerin« so leicht für ihren Beruf opfern ließ, weil die Dichterin selbst noch nichts von einer anderen Leidenschaft wußte als der für einen Beruf. Sie schrieb jetzt – in kurzen Zwischenräumen – drei neue Dramen. Und in zwei derselben, im »Vikar« und in der »Elfe«, entsteht der Konflikt durch das Streben einer begabten Persönlichkeit, sich aus Verhältnissen, die ihre Entwicklung hemmen, loszureißen. In der »Schauspielerin« siegt der Künstlerberuf über die Liebe; der Vikar ordnet die Forderungen der Liebe denen der Wissenschaft unter; die Elfe ist auch im Begriff, sich aus dem Druck der äußeren Verhältnisse wie aus dem inneren Zwange loszuringen, der durch ihre Zuneigung zu dem Manne fühlbar wird, dessen verständnislose Liebe ihre persönliche Entwicklung hemmt. Aber hier hört man schon die große unbekannte Tiefe aus der Ferne brausen: die Möglichkeit, daß die Liebe, die die Elfe bis dahin nicht gekannt, eine tragische Lösung veranlassen könnte, hat der Dichterin vorgeschwebt – ja, der ursprüngliche Plan war sogar, die Lösung so zu gestalten, daß die Elfe dem Zuge der Liebe folgte, und dies einen definitiven Bruch herbeiführte. Eine solche Lösung widerstritt doch der damaligen, persönlichen Entwicklung der Verfasserin zu sehr. Das Stück schließt anstatt dessen mit Resignation auf Seiten der Elfe. Die Annahme, daß A. Ch. Lefflers Entwicklung stark von »Ein Puppenheim« beeinflußt wurde, ist ein oft gehörter Irrtum. Alle ihre schon erwähnten Dramen waren vor »Ein Puppenheim« geschrieben, und Ibsen wurde für sie wie für viele andere nordische Frauen nicht die Weckung, wohl aber die Stütze bei ihrem Streben nach persönlicher Entwickelung. Weit davon entfernt, daß »Ein Puppenheim« irgendeine plötzliche Revolution in A. Ch. Lefflers Auffassung der Männer oder der Ehe herbeiführte, sprach sie im Gegenteil mit Verwunderung, ja beinahe mit Mißbilligung über Noras Handlungsweise. »Hätte sie sich nicht vielleicht besser selbst finden können, wenn sie geblieben wäre, als wenn sie ihrer Wege ging?« Diese Frage warf A. Ch. Leffler in der Gesellschaft auf, in der ich sie zum ersten Male sah. Sie war schon damals in ihrem Kreise als Schriftstellerin bekannt, und man lauschte darum eifrig ihrem Urteil über die damals unaufhörlich diskutierte Nora. Viele wunderten sich an diesem Abend über das Zögernde ihres Urteils über Noras Handlungsweise. Aber daß ihre Äußerungen zu dieser Zeit sozusagen tastend erschienen, hing enge mit ihrem inneren Leben zusammen. Zu Beginn der achtziger Jahre machte sie nämlich in mehr als einer Hinsicht eine Epoche des Suchens durch. Aus dieser Zeit sind mehrere interessante Briefe vorhanden, die sowohl ihre innere Entwicklung beleuchten, wie auch ihre Ansichten über die Dichtung und ihre eigene Aufgabe innerhalb derselben. Sie erklärt z. B. zu diesem Zeitpunkt, daß sie »nicht berufen sei, Romane zu schreiben«, und fährt fort: »Ich habe eine so stark ausgeprägte tendenziöse Richtung, daß ich einer Arbeit, in der es nicht gilt, irgendeine besondere Idee herauszuarbeiten, die von größerer Bedeutung für unsere Zeit und unser Land ist, kein richtiges Interesse entgegenzubringen vermag. Es ist die Aufgabe des Dramas mehr als irgendeiner anderen Kunstform, modern zu sein, d. h. die brennenden Fragen der Gegenwart zu behandeln.« Einige Jahre später durchlebt sie eine Periode der Mutlosigkeit. Dem ersten großen Erfolg – der »Schauspielerin« – waren keine weitern gefolgt, und sie schreibt (1877): »Einmal Erfolg zu haben und dann nie mehr, das ist doch traurig. Ich habe viele Pläne zu großen Arbeiten, aber komme aus Zeitmangel nie dazu, sie auszuführen. Daß meine Zeit so zersplittert ist, bleibt mein steter Kummer und wird auch meine Entwicklung hindern. Ich kann zu keiner einzigen Stunde des Tages darauf rechnen, vollkommen ungestört zu sein. Den ganzen Vormittag laufen alle möglichen Leute aus und ein, und all die kleinen Angelegenheiten, denen man sich nicht entziehen kann, wenn man ein Haus zu führen hat, peinigen mich ganz unglaublich, gerade weil sie so unverhältnismäßig mehr Zeit in Anspruch nehmen, als das Resultat wert ist. Ich würde viel lieber gewisse Stunden des Tages an einer noch so uninteressanten Arbeit arbeiten, wenn ich dann die übrigen Stunden ungestört sein könnte, anstatt in dieser Weise meine ganze Zeit zu zersplittern, ohne daß ich eigentlich das Gefühl habe, damit etwas Nützliches zu leisten. Ich fange an zu glauben, daß es ein großer Mißgriff der Natur ist, daß ich ein Weib geworden bin, denn die Art von Tätigkeit, die eigentlich dem Weibe zukommt, paßt gar nicht für meine Veranlagung. O, wenn ich anstatt dessen wie ein Mann mein ganzes Leben einer intellektuellen Arbeit widmen könnte, studieren, mich entwickeln, arbeiten und auf diese Weise alle meine Seelenkräfte stärken und stets vorwärts schreiten, anstatt alle meine Seelenkräfte an kleine häusliche Obliegenheiten zu vergeuden, die ich überdies schlecht mache, und an soziale und konventionelle Verpflichtungen wie ein inhaltsloses und seelenmordendes Gesellschaftsleben, mit dem ich weder mir selbst noch anderen nütze! Ich führe kurz gesagt ein unnützes, untätiges Leben, und es wird mir ganz himmelangst, wenn ich daran denke; denn ich bin doch von der Natur genügend gut ausgerüstet worden, um wirken und irgendwelche Spuren hinterlassen zu können. Ich weiß, du wirst mir antworten, daß alles nur meine eigene Schuld ist und daß mich eigentlich nichts hindert, zu studieren und mich zu entwickeln, wenn ich es wirklich will. Aber es ist wahrhaftig nicht so leicht, ohne die geringste Anleitung zu arbeiten, ohne die Gelegenheit, sich je einmal mit Menschen, die ähnliche Interessen haben, auszusprechen ...« 1878 schreibt sie: »Es ist nicht leicht, immer ›die Fahne der Idee hochzuhalten‹, wie der alte Student bei Ibsen so richtig bemerkt. Diese materielle, kleinsinnige Welt, von der man doch auf jeden Fall von allen Seiten umgeben ist, will einen beständig auf ihr Niveau hinabziehen, und es gibt Stunden, wo es wenigstens einer stärkeren Seele bedürfte als der meinen, um sich nicht versucht zu fühlen, zu glauben, daß all die Ideale, die in uns leben, lauter von einer krankhaften Phantasie erzeugte Gaukelbilder sind, die dem klaren Tageslicht der Wirklichkeit, will sagen, der Prosa, des Kleinsinns, des Eigennutzes, der Mißgunst, der Nichtswürdigkeit weichen müssen.« In demselben Brief spricht sie von dem »nüchternen Realismus«, zu dem sie sich teils durchgekämpft, teils natürlich entwickelt hat, und den sie doch nicht als das für sie ganz Natürliche empfindet. Sie spricht die Sehnsucht aus, »zu schwärmen und ein paar kurze Sommermonate ein wenig verrückt zu sein; denn ich bin den ganzen langen Winter so unendlich nüchtern, daß meine Phantasie den Hungertod stirbt, und meine Ideale mir den Rücken kehren.« Und dieses Bedürfnis wollte sie durch einen zeitweiligen Aufenthalt an einer norwegischen Volkshochschule befriedigen, wo sie glaubte, auf »seelenerquickenden Verkehr mit begabten Menschen, die ganz für ein ideelles Interesse leben«, rechnen zu können. Sie antwortet auf den Einwand, daß sie auf diese Art ihre Anonymität als Schriftstellerin verraten würde, daß sie sich aus ihrer Anonymität gar nichts mache; sie mache sich nur etwas daraus, Sympathie zu finden. Und in bezug auf andere konventionelle Bedenklichkeiten ruft sie aus: »Ist man verpflichtet, sich auch den engherzigsten konventionellen Gesetzen zu unterwerfen, wenn man doch durch die Tätigkeit seines ganzen Lebens einen Protest gegen die Gesetze bildet, die gewöhnlich das ganze Leben einer Frau binden und begrenzen? Für das Vaterland sterben ist sublim, aber in einem Duell für den falschen Begriff Ehre zu fallen, ist lächerlich. Oder mit anderen Worten, ein ideales Interesse einer persönlichen Pflicht zu opfern, kann schön sein, aber es einem konventionellen Gesetz zum Opfer zu bringen, ist jämmerlich.« Sie fährt fort, von ihrem Bedürfnis nach Gedankenaustausch mit sympathischen Menschen zu sprechen, denn anderen gegenüber ist sie äußerst zurückhaltend über das, was der »Kern und die Triebkraft« ihres Lebens ist, ihre schriftstellerische Tätigkeit. »Es ist möglich«, sagt sie, »daß ich nie eine Künstlerin werde, aber dann werde ich auch nie eine normale Frau, kann also unter keinen Umständen nach den gewöhnlichen Gesetzen der Weiblichkeit beurteilt werden oder mich ihnen unterwerfen. Ich bin eine Rebellin gegen mein Geschlecht und unzweifelhaft eigentlich zum Manne geschaffen, mit den Interessen und den Anlagen eines Mannes, und nichts von der Fähigkeit einer Frau, sich selbst für andere zu vergessen. Ich bin im Gegenteil ganz und gar von mir selbst und meinen eigenen Wünschen, Interessen und Bedürfnissen ausgefüllt. Wäre ich ein Mann geworden oder wäre ich zwanzig Jahre später auf die Welt gekommen, so hätte ich mich dem Studium gewidmet, was mir als das beneidenswerteste Glück erscheint. Es gibt nicht eine von den gewöhnlichen Beschäftigungen der Frau, die mir nicht von Natur aus widerwärtig wäre, und es um so mehr wird, je weiter ich mich entwickele. Ein Glück für mich ist, daß ich diese tief unweibliche Seele unter einer vollkommen weiblichen Maske verberge; wäre mein Auftreten ebenso emanzipiert wie mein innerer Mensch, ich wäre verloren. Aber so stellt man mir allgemein das Zeugnis aus, ungewöhnlich weiblich und schüchtern zu sein, und man erklärt, nie eine so wenig emanzipierte Schriftstellerin gesehen zu haben.« Im Anschluß an das Urteil der Kritik, daß es der »Elfe« an Handlung fehle, sagt sie, daß sie gerne wissen möchte, was man in einem modernen realistischen Drama unter Handlung verstehe, und fährt fort: »Ich für mein Teil glaube, daß die alten konventionellen Forderungen, die man an die Technik des Dramas stellte, für unsere Zeit nicht mehr passen. Das Drama darf nicht wie früher ein kunstvoll zusammengesetztes Gebäude sein, in dem der Verfasser eine Menge Ereignisse zusammenführt und sie so sehr als möglich verwickelt, um sie dann in den Schlußszenen zu lösen. Es muß dem Leben enger folgen, um die Wahrheitsforderungen unserer Zeit befriedigen zu können; der Verfasser mit seinen vielen Marionettenfäden darf nicht mehr sichtbar werden, sondern das Ganze muß sich einfach und natürlich entwickeln, ohne Knalleffekte, ohne entscheidende, große, äußere Handlungen. Soweit ich es verstehe, soll von den alten Forderungen an das Drama nur eine einzige bestehen bleiben, nämlich die, daß es eine Charakterentwickelung enthalten muß. Die Hauptperson vor allem, aber auch all die anderen handelnden Personen müssen in gewissem Betracht aus jeder Szene als andere hervorgehen, als da sie eintraten ... Es ist ja möglich, daß ich unrecht habe, aber dann verstehe ich nicht, was dramatische Handlung heißen will, und möchte sehr gerne darüber belehrt werden. Bezieht sich das Wort auf irgendeine rein körperliche Handlung, muß man reisen oder kommen, Gift nehmen, Briefe schreiben, an Türen lauschen, falsche Unterschriften unterzeichnen, zu geheimen Zusammenkünften gehen, intrigieren, damit es Handlung genannt werden kann? Ist dies der Fall, dann kann ich nie ein Drama schreiben. Denn mein einziger Wunsch und meine einzige Lust ist, das Leben und die Menschen so zu schildern, wie ich sie mit eigenen Augen gesehen, oder wie ich sie auf Grund dessen, was ich gesehen, geahnt habe, ohne alle gekünstelten Intrigen, ohne alle konstruierte Handlung. Und gelange ich zu der Überzeugung, daß das Drama nicht die Kunstform ist, die das gestattet, so werde ich ihm ohne Zögern den Rücken kehren und zur Novelle übergehen, wo man sich nicht von konventionellen Formenregeln knebeln zu lassen braucht, sondern das Leben so getreu verfolgen kann, als man will.« Drittes Kapitel Anne-Charlotte Lefflers Briefwechsel bestätigt ihre eigene Äußerung, daß es in ihrer Entwickelungsgeschichte keine großen Krisen gegeben habe. Sie sagte einmal, ihre religiöse Lebensanschauung sei das Produkt einer sehr langsamen Umgestaltung; langsam waren auch die Veränderungen, die ihre Gefühle in anderer Richtung durchmachten. In den eben angeführten Briefen sind doch dessen ungeachtet mehrere Züge von großem Interesse, weil sie sowohl die Entwicklung charakterisieren, die A. Ch. Leffler mit den intellektuell begabten Frauen ihrer Generation gemeinsam hatte, wie die ihr selbst eigentümliche. Die meisten Frauen reiferen Alters, die sich in unserer Zeit einer geistigen Arbeit widmen, haben eine Periode durchgemacht, in der sie in Verzweiflung über alle die Hindernisse, die das Familienleben wie auch konventionelle Ansichten über die Aufgabe der Frau vor ihnen auftürmten, gerade so wie A. Ch. Leffler darüber klagten, daß es ein großer Irrtum der Natur sei, daß sie Frauen geworden, da sie eigentlich zu Männern geschaffen waren. Die meisten haben wie sie, während ihre Individualität für Freiheit und Entwickelung kämpfte, diesen Kampf als Beweis dafür gehalten, daß sie nichts von der Fähigkeit des Weibes hatten, sich hinzugeben und sich selbst zu vergessen. Von Anne-Charlotte Leffler klingt diese Selbstanschuldigung rührend naiv, wenn sie zugleich ihrer Mutter nie das Vergnügen eines täglichen Besuches versagt, ihrem Manne nicht die Freude eines ungestörten Beisammenseins an den Nachmittagen, wenn die Interessen ihrer Freundinnen bei ihr immer ein williges Ohr finden und die Angelegenheiten ihrer Bekannten einen stets bereiten Diensteifer. Die »weibliche Maske«, die, wie sie glaubt, eine männliche Seele verbirgt, ist nach ihrem eigenen wirklichen Antlitz modelliert, und einige Jahre später lächelte sie selbst über diesen durch die konventionelle Auffassung der Weiblichkeit hervorgerufenen Glauben an ihre eigene Unweiblichkeit. Sie hatte – wie die meisten reichen Menschen – lange keine Ahnung von den wirklichen Reichtümern ihrer Natur und deren geheimnisvollen Tiefen. Aber recht bald wurde sie sich doch klar, daß es wichtigere Bestimmungen für die Weiblichkeit gebe, als zu nähen, Obst einzukochen und in Gesellschaft zu gehen; daß die intellektuelle Begabung dem Wesen der Weiblichkeit ebensogut wie dem der Männlichkeit Ausdruck geben kann, und daß es eine ebenso berechtigte Selbstsucht bei der Frau wie beim Manne ist, sich ungestörte Ruhe für ihre geistige Entwickelung und ihre geistige Arbeit zu verschaffen. Ihre oben angeführten Briefe zeigen auch, daß A. Ch. Lefflers Geschichte nicht nur wie die der meisten begabten modernen Frauen war, sondern daß sie auch typisch für die der meisten Frauen der oberen Stände genannt werden kann. Zuerst die Träume des »Familienmädchens« von der Ehe als Lebensziel und ihre Gefühle der Leere, während sie darauf wartet; dann die nicht ungewöhnliche Entdeckung der verheirateten Frau, daß sie doch nicht die Wirklichkeit des Lebens gefunden, und ihre Kränkung darüber, daß sie nicht einmal durch geordnete ernste Arbeit an dieser Wirklichkeit teilnehmen kann. Allmählich führte doch A. Ch. Leffler ihre Emanzipation von den sogenannten Pflichten der Geselligkeit durch. Als Hausfrau war und blieb sie pflichttreu und umsichtig, aber als ihre Schriftstellerei einen bedeutenden Einnahmeposten im Budget ausmachte, hielt sie sich nicht mehr für verpflichtet, allzuhäufig zu gehorchen, wenn ihre resolute Dienerin sie vom Schreibtisch in die Küche rief. Immer besser lernte sie es auch, ihre Zeit so einzuteilen, daß weder das Heim noch ihre Arbeit zu kurz kam, und sie fand dadurch auch Ruhe, Sprachen, Geschichte und besonders Literatur gründlicher zu treiben. Als sie eine bekannte Schriftstellerin wurde, verwirklichte sie auch ihren Traum, sich den täglichen Visiten zu entziehen, indem sie sich eine bestimmte Empfangszeit einrichtete. Sie erlangte allmählich – doch ohne Egoismus oder Pedanterie – jene Fähigkeit der Arbeitskonzentration, die einer künstlerischen Begabung ihren ethischen Ernst verleiht; und als jemand von der Reife ihrer Arbeiten im Vergleich mit anderen zeitgenössischen sprach, äußerte sie: »Bedenken Sie doch meine günstigen Arbeitsbedingungen! Keine ökonomische Notwendigkeit zwingt mich, Schleuderarbeit zu produzieren, wie junge Schriftsteller es so oft müssen; und« – fügte sie mit einem tief wehmütigen Tonfall hinzu – »keine kleinen Füßchen springen in meinem Arbeitszimmer aus und ein, wie in dem so vieler anderer Schriftstellerinnen, und stören die Ruhe dort. Würde ich nicht mein Bestes leisten, wäre ich ja geradezu unmoralisch!« Daß sie die Mutterschaft entbehren mußte, gab ihrem Wunsche, wenigstens dichterisch einen Einsatz für das Leben der Menschheit zu leisten, eine ergreifende Intensität. Bei der Verheiratung eines der Brüder schreibt sie in einem Briefe, in dem man jenes Entbehren zwischen jeder Zeile liest: »Wer Kinder hinterläßt, stirbt nie, seine Gaben, seine Anlagen, seine Charakterentwickelung kehren in kommenden Geschlechtern wieder. Das gilt nun freilich von jeder reichen geistigen Arbeit, ja, man kann sagen, daß jeder Mensch, der nach Maßgabe seiner Kräfte gearbeitet hat, dadurch einen Einsatz für die Menschheit geleistet hat, der ihn selbst überleben wird, aber das gilt doch in einer ganz besonders innigen und persönlichen Weise in bezug auf die Vererbung.« Ihre immer stärkeren, künstlerischen Entwickelungsforderungen brachten auch eine immer stärkere Sehnsucht nach neuen Eindrücken, neuen Verhältnissen mit sich. Sie schreibt im Hinblick auf die mathematischen Arbeiten ihres ältesten Bruders, Professor Mittag-Lefflers: »Meine Probleme sind die Menschen, und ich habe alle gelöst, die ich getroffen habe. Unter solchen Verhältnissen muß natürlich die Quelle der Inspiration bald versiegen. Ich sollte ja nicht klagen, denn ich bin so glücklich, als es bei jener Einschränkung der Freiheit möglich ist, die daraus resultiert, daß man eine Frau ist. Das einzige, worüber ich klage, ist, daß ich nicht lieber als einer der »Herren der Schöpfung« auf die Welt gekommen bin.«   Während A. Ch. Lefflers erste literarische Tätigkeit eigentlich dem Theater gewidmet war, schrieb sie doch auch Novellen und Essays über dramatische oder literarische Fragen. Man begann zu ahnen, daß Frau Edgren Schriftstellerin war, aber für das große Publikum war es doch eine Überraschung, als sie im Jahre 1882 mit ihrer Novellensammlung »Aus dem Leben« unter ihrem eigenen Namen hervortrat. Als dies geschah, erhielt die schwedische Literatur eine neue und große Schriftstellerin. Sie hatte das Publikum nicht dadurch ermüdet, daß sie es ihre unsicheren Schritte auf der Schriftstellerlaufbahn verfolgen ließ: sie trat ihm nun als eine beherrschte, künstlerisch sichere Dichterpersönlichkeit entgegen, die wußte, was sie wollte, und konnte, was sie wollte. Ihr Erfolg war außerordentlich und unumstritten. In der ersten Sammlung »Aus dem Leben« waren inhaltsreiche Motive, so wie der Geschmack der älteren Zeit sie liebte, – ein Geschmack, der glücklicherweise wieder anfängt, – aber gleichzeitig war da eine wirklichkeitsgetreue, maßvolle Darstellung, ein Realismus, so wie ihn die neue Zeit ersehnte. Hier begegnete man einer modern denkenden und fühlenden Persönlichkeit, aber einer, die weder Kampfsucht noch Parteisinn zeigte, sondern im Gegenteil eine verständnisvolle, menschliche Auffassung des Lebens in ihren mit Kraft sowohl wie mit Gefühl gezeichneten Bildern aus demselben an den Tag legte. Man staunte über diese feine Beobachtung, diese durchsichtige Wahrheitsliebe in der Schilderung des Beobachteten, diesen selten einfachen, prunklosen, festen und klaren Stil. Die Verfasserin schrieb (1881), bevor das Buch erschien, über ihre neue Arbeit: »Sie hat auf jeden Fall das Verdienst, ursprünglich zu sein, d. h. kein Aufguß von alten Romanen, sondern auf eigne, ganz selbständige Beobachtungen aus dem Leben selbst gegründet. Und schon dies (mit irgendwelchem Talent in der Schreibweise selbst verbunden) ist hinreichend, um sogar recht großes Aufsehen in einem Lande zu erwecken, wo Strindbergs »Rotes Zimmer« bis jetzt das einzige Lebenszeichen einer neuen Zeit in der Literatur war.« Sie hat selbst den richtigen Gesichtspunkt für ihren großen Erfolg angedeutet; sie gab etwas Neues, das ihr eigen war; man begegnete Ursprünglichkeit, nicht Widerhall. Aber gleichzeitig hatte A. Ch. Leffler das Glück, daß die Zeit gewünscht hatte, das zu erhalten, was sie zu geben hatte: sie kam weder zu früh noch zu spät, sondern gerade im richtigen Augenblick für einen großen Erfolg. Dieser war auch ganz ungewöhnlich: die bei unseren Literaturverhältnissen äußerst seltene Notwendigkeit von zwei neuen Auflagen in kurzer Zeit bildete den unverkennbarsten Beweis dafür. Durch den Erfolg der ersten Sammlung mutig geworden, entschloß sie sich, auch eine Novelle – »Aurora Bunge« – herauszugeben, in der sie mit genialer Intuition das vom Kultus ihrer eigenen Schönheit ausgefüllte Leben einer Ballkönigin geschildert hat. Der ursprünglichen Anlage nach eine reiche, gesunde Weibnatur, wird ihre Persönlichkeit durch das Weltleben zerstört, aber ihr natürlicher Mensch beginnt in einer Sommerszeit auf dem Lande zu erwachen. Da begegnet dieses von animalischer Gesundheit strotzende Wesen, selbst von dem Frühlingsleben der Natur berauscht, einem Manne aus dem Volke, einem Leuchtturmwächter, der für sie die Naturkraft inkamiert, und sie folgt blind diesem Zuge. Ihre von Selbstanbetung erfüllte Seele lernt doch nicht die Liebe kennen, so auch nicht die Keuschheit, und sie zeigt die ganze Korruption der Weltlichkeit, als sie später durch eine Konvenienzpartie die Folgen der Handlung verdeckt, die – im Vergleich damit – Gesundheit und Wahrheit war. In einer anderen Skizze, »Eine Hochzeit«, hatte die Schriftstellerin anfangs eine tiefere Auffassung des Gegenstandes – der Freiheit der Liebe – aber sie scheute davor zurück, ihren kühnen Gedanken in dieser Richtung zu verfolgen. Obgleich sie so, wie sie bemerkte, dem Konventionalismus zuliebe gegen ihr künstlerisches Gewissen gesündigt hatte, entstand doch auf jeden Fall große Unruhe, als der zweite Teil von »Aus dem Leben« (1883) herauskam. Man erhob den Vorwurf der Tendenz vor der leidenschaftslos objektiven Schilderung »Im Krieg mit der Gesellschaft«, den des Skandals vor der genialsten »Aurora Bunge«. In der erstgenannten Novelle brach sie ja nicht den Stab über eine Frau, die von Mann und Kindern fortging! Denn daß diese Frau unglücklich wurde, war nicht genug: ein objektives Lebensbild konnte man nicht begreifen. Und die »unsittliche Absicht« bei Aurora Bunge war ja nur zu greifbar! Die Verfasserin litt unter dieser falschen Auffassung, aber sie ließ sich nicht einschüchtern. Im Gegenteil schrieb sie (im Juni 1883): »Schwer kann es wohl zu tragen sein – besonders für ein »schwaches Weib« – zu wissen, daß man von einer großen Menge respektabler Leute als ein Apostel der Irrlehren und der Unsittlichkeit angesehen wird – aber hat man nur ein paar Freunde, die einen gegen den schlimmsten, den einzigen wirklich vernichtenden aller Angriffe, den inneren Zweifel, stützen – so geht es schon.« Viertes Kapitel Das Jahr 1883 bildet in vieler Beziehung einen Wendepunkt in Anne-Charlotte Lefflers Entwicklungsgeschichte und bringt ihr in verschiedener Hinsicht erhöhte Klarheit über sich selbst, vor allem darüber, was sie eigentlich denkt und will. Mit der zweiten Sammlung »Aus dem Leben« hatte sie sich von den Vertretern der Frauensache besorgte Fragen und Warnungen zugezogen, und sie erhält einmal ums andere Anlaß, sich selbst ihren eigenen ethischen und literarischen Standpunkt zu präzisieren, dadurch, daß sie genötigt ist, ihn anderen klarzumachen. Warum sagte sie nicht gerade heraus – wunderten sich die Bekümmerten – was sie mit »Eine Hochzeit«, mit »Aurora Bunge«, mit »Im Krieg mit der Gesellschaft« meinte? Sie antwortet, daß sie verstehen will, nicht urteilen; daß sie immer, noch lange bevor sie über die Kunst reflektierte, selbst den nachhaltigsten Eindruck von jenen Dichtungen empfangen hatte, in denen die Konflikte ungelöst blieben: »Was bedeuten all diese Kümmernisse, Schwierigkeiten und Sorgen, dachte ich, wenn ihnen so leicht abgeholfen ist?« Und sie weist darauf hin, daß sie schon in ihrer ersten Novellensammlung sowie in ihren ersten Dramen dieselbe Abneigung gegen eine positive Entscheidung oder einen harmonischen Schluß gezeigt hatte. Sie schließt mit der Versicherung, daß sie dabei ihrer Individualität gefolgt ist, nicht irgendeiner Theorie. »Ich glaube nicht an Theorien«, fährt sie in demselben Briefe fort, »ich glaube, daß jeder Schriftsteller sich nach seiner eigenen Individualität entwickeln soll, und die meine ist nun einmal die, an die eigene Denkfähigkeit des Lesers zu appellieren, indem ich sorgfältig vermeide, ihm einen Fingerzeig zu geben, wie er denken soll. Die Harmonie einer Erzählung wird, glaube ich, nicht dadurch errungen, daß der Verfasser seinen Personen behilflich ist, die Konflikte zu lösen, sondern dadurch, daß die Charaktere eine folgerichtige Entwicklung erhalten.« Dieses »ästhetische Glaubensbekenntnis«, wie sie es nennt, blieb bis zuletzt das ihre, und sie hatte nicht selten neuerlich Anlaß, es in verschiedenen Formen zu wiederholen. Daß ihr ungeachtet dieser ausgesprochenen Objektivität ihrer Anlage so oft vorgeworfen wird, daß sie urteilt oder Partei für ihre Persönlichkeiten nimmt, kurz, daß sie tendenziös ist, beruht zum großen Teile auf einer Begrenzung ihrer künstlerischen Fähigkeiten. Sowohl als Dramatikerin wie als Novellistin schilderte sie Charaktere mehr durch Beschreibungen und eigene Urteile, als durch das unmittelbare Auftreten, Sprechen und Wesen der Personen. Sie erzählte große charakteristische Züge sowie eine Menge kleiner, malender Details, aber sie wußte sie nicht immer zu einem Gesamtbild des Charakters zu verschmelzen, der mit Notwendigkeit so war und nicht anders sein konnte. Die Schilderung erscheint deshalb oft in den Dienst einer bestimmten Absicht gepreßt. Die Details waren hingegen so unmittelbar kopiert, daß sie die Anklage hervorriefen, daß sie den oder den »abgezeichnet« – während oft nichts anderes als gerade irgendein äußerlicher, zufälliger Zug der betreffenden Persönlichkeit abgelauscht war. Von dieser Zeit ab wurde Frau Edgren von der Gruppe der Frauenrechtlerinnen mit der Etikette »verdächtig« versehen. Als sie nachher »Wahre Frauen« schrieb, wurde sie allerdings sogleich von männlicher Seite zur »Frauenrechtlerin« gestempelt, und – weil sie eine der äußerst wenigen Frauen war, die ohne alle Frage unter den bedeutenden Schriftstellerinnen genannt wurden – war man in der frauenrechtlerischen Phalanx froh, sie zu ihren Reihen zählen zu können, aber doch geschah es nur unter sehr wesentlichen Vorbehalten. Von ihrer eigenen Seite waren die Reservationen, zu den Verfechterinnen der Frauensache gerechnet zu werden, noch größer. Sie kannte schon damals, aber billigte nicht das Programm einer wahren »Frauenrechtlerin«, das Programm, das sie folgendermaßen ironisierte: »Eine Schriftstellerin, die diese Etikette bekommen hat, muß die Frau immer als in sittlicher Beziehung hoch über dem Manne stehend schildern, und sich stets zum Paladin ihrer Würde, Tugend und Selbständigkeit aufwerfen. Gebricht es einer Frau an einer dieser Eigenschaften, muß sie stets mit Entrüstung geschildert werden, oder man muß auch beweisen, daß ihre Schwäche in diesem Fall von der ungerechten Behandlung des Mannes oder der verkehrten Gesellschaftsordnung herrührt.« Sie war jedoch entschlossen, weiter das zu schildern, was sie selbst vom Leben, nicht, was sie vom frauenrechtlerischen Programm sah: nur so fühlte sie, daß sie »sie selbst« blieb – das, wofür sie so hartnäckig gekämpft. Die Selbständigkeitsleidenschaft stimmte sie nicht nur feindlich gegen die Weltlichkeit, Oberflächlichkeit und Unselbständigkeit der Frauen, sondern auch gegen alle Programmoberflächlichkeit. Für sie bestand die Frauenfrage nie in erster Linie darin, daß Frauen das oder jenes werden können, sondern darin, daß sie unter allen Verhältnissen sie selbst sein dürfen. Dafür ließ sie alle ihre Heldinnen kämpfen, das beschäftigte bis zuletzt – in dem Roman »Enger Horizont« – ihre Phantasie und ihre Feder.   Um die Zeit, als Anne-Charlotte Leffler mit der zweiten Sammlung »Aus dem Leben« hervortrat, hatte sie doch selbst noch einen engen Horizont um sich. In Dänemark und Norwegen, wo der geistige Gesichtskreis damals so viel weiter und die literarische Bildung so viel moderner war als in Schweden, fand sie durch ihre beiden ersten Sammlungen »Aus dem Leben« viele Bewunderer. In Schweden hingegen vertrat nur ein kleiner modern denkender literarischer Kreis die Ansicht, daß die schriftstellerische Bedeutung der Verfasserin durch die zweite Sammlung »Aus dem Leben«, die die tonangebende Kritik heftig angegriffen hatte, gewachsen war. Der kleine Kreis sollte Recht behalten. Frau Edgrens literarischer Ruhm wurde bald nicht nur skandinavisch, sondern europäisch. Aber die Erfolge wogen nicht den Schmerz über das Unbehagen auf, das einige ihrer Nächsten durch all die rücksichtslosen Angriffe und indiskreten Kommentare empfanden, denen sie in der Heimat ausgesetzt war. Ihre durch Rücksichten gegen Mann und Mutter veranlaßten Konzessionen riefen in ihr stets ein tiefes Gefühl der Selbstverachtung hervor. Selbst hatte sie sehr wenig Empfindlichkeit gegen öffentliche Kritik, und sie suchte eifrig alle private, die ihr aus freundlichem Interesse zuteil wurde, und war stets dankbar dafür. Und – wenn ihre eigene Überzeugung dem Kritisierenden Recht gab – unterzog sie sich mit Freuden der Mühe einer Umarbeitung. Doch wollte sie nie jene Kritik anerkennen, deren Maßstab der Konventionalismus, nicht die Kunst war. Sie wußte sich gewöhnlich im Recht, wenn sie etwas wagen wollte, und das starke Gefühl ihrer eigenen Gemütsreinheit gab ihr gesteigerten Mut, Stoffe zu behandeln, die man damals – und noch heute – zur sogenannten »Schmutzliteratur« warf, auch wenn sie in ernstester Absicht behandelt wurden. Dadurch wurde der Gesichtspunkt für das Zentrale ihrer schriftstellerischen Persönlichkeit gefälscht. Dies war ganz naiv und rein jene Leidenschaft, ohne die niemand ein Dichter wird: die Wahrheitsliebe in der Schilderung der Offenbarungen des Lebens und ihres eigenen Herzens. Aber diese Liebe zur Wahrheit kam nun stets in Kollision mit ihrem für die Empfindungen der anderen sehr feinfühligen Sinn; und ihr Haß gegen den Konventionalismus hing mit der Erfahrung zusammen, daß ihrer weichen Natur die Gefahr angeboren war, aus allzu großer Rücksicht seinen Forderungen zu weichen. Aber in dem Maße, in dem sie fühlte, wie die Energie ihrer Leidenschaft für die Wahrheit durch ihre Privatverhältnisse gehemmt wurde, steigerte sich ihr Einsamkeitsgefühl, ihre Sehnsucht nach Sympathie. Und diese Gefühle waren es, die zu der schließlichen Umgestaltung ihres Lebens mitwirkten, als sie endlich der vollen geistigen Gemeinschaft begegnete, die sie damals so tief vermißte. Niemand, nicht einmal ihre Mutter, blickte um diese Zeit in ihr Inneres. Eine unveränderliche, zarte Freundlichkeit gegen ihren Mann, dem sie zu ihrem Schmerze durch ihre Schriftstellerei nur Qual bereitete; eine innige Dankbarkeit für die Liebe, die sie von ihm empfing, eine ruhige Würde, die alle Neugier zurückwies, – all das machte den Eindruck einer ungestörten Harmonie in ihrem Privatleben. Wie leer in jeder Beziehung ihre Ehe war, das wußte nicht einmal ihre Mutter – bis Anne-Charlotte Leffler im Begriff stand, diese Ehe aufzulösen.   Auch nachdem diese Epoche abgeschlossen war, suchte sie nie eine Beschönigung für den Bruch zu finden, indem sie das Verflossene umgestaltete oder herabsetzte. Im Gegenteil: die Gerechtigkeit, die sie dichterisch übte, übte sie auch im Leben; sie besaß dadurch die in solchen Fällen seltene Großzügigkeit, die Erinnerung an das Gute festzuhalten, das sie – trotz vieler tief berechtigter und unbefriedigter Forderungen – besessen, und sie suchte die Verantwortung für ihre Handlungen nicht von den eigenen Schultern auf die eines anderen zu wälzen.   Die einförmigen Verhältnisse, in denen Anne-Charlotte Leffler lebte, übten wohl oft einen hemmenden Druck auf ihre Produktion aus, aber bereicherten andererseits ihre Schriftstellerei um viele der wirklichkeitstreuen Züge, die in ihrer Dichtung die bewundernswertesten sind. Ihrer fröhlichen Gutmütigkeit gelang es lange, dem Milieu, das sie nicht umgestalten konnte, einen versöhnenden Schimmer zu leihen. Hätte Anne-Charlotte nicht in einer von Fragen aufgewühlten Zeit gelebt, hätte sie weniger von dem Drange des Idealisten empfunden, das Dasein umzugestalten, dessen mannigfache Mißrichtungen und Probleme ihrer Zeit so sehr zum Bewußtsein kamen, würde sie vielleicht ihre satirische Ader zu wirklichem Humor vertieft haben. Aber sie gehörte einer Generation an, die handeln wollte – auch in der Dichtung – und die sich darum nicht damit begnügte, bloß zu schauen. Wenn sie das irgendeinmal tat, war sie als Künstlerin besonders glücklich. Da schuf sie einmal aus einem Lächeln und einer Träne die Perle, die »Gustel bekommt das Pastorat« heißt. Da breitete sie um »Tante Malvinas« kleine Alltagsseele das verklärende Licht eines großen Schmerzes, so daß diese arme, verspottete »pauvre honteuse« als eine eigentlich tragische Persönlichkeit hervortrat. Sonja Kovalevska sagte von der erstgenannten, humoristischen Novelle, daß sie sie tiefer ergriffen habe, als ein Trauerspiel, denn sie enthalte die ganze Tragik des Lebens: daß wir alle von Illusionen leben, an Illusionen sterben, und daß nur ganz wenige so glücklich sind wie Gustels Mutter, mit ihren Illusionen sterben zu dürfen. »All das Tiefsinnige hab' ich ja gar nicht gemeint«, wendete Anne-Charlotte ein. »Ich wollte nur das Schicksal dieser Menschen schildern.« »Aber es ist unser aller Schicksal«, rief Sonja aus. »Ein Dichter gibt ja intuitiv so viel mehr, als woran er selbst gedacht hat. Und dann kommt die dumme Kritik und zeigt die philosophische oder moralische oder soziale »Tendenz« des Schriftstellers auf, wo doch die ganze Sache nur die ist, daß der Dichter durch seine Schilderung andere dahin gebracht hat, zu philosophieren oder zu moralisieren!« Anne-Charlotte Lefflers fester – durch keinen Mißerfolg zu erschütternder Glaube – ging dahin, daß sie vor allem eine dramatische Dichterin war. Nach einer anderen Richtung hingegen erkannte sie ihre Begrenzung, nämlich in bezug auf das Lyrische. Erst in ihren letzten Lebensjahren machte sie in einem scherzhaften Sängerkampf mit Sonja Kovalevska einige Verse. Den Sinn für lyrische Poesie entwickelte sie wohl allmählich, aber wirklich ergriff sie gewöhnlich nur das Lyrisch-Epische. Wenn reine Lyrik sie fesselte, dann war es durch malerische, nicht durch musikalische Schönheiten. Wie so viele andere unserer nordischen Schriftsteller, betrieb sie zeitweilig als Dilettantin mit Eifer die Malerei und antwortete – auf die Frage, ob dies nicht eine Zersplitterung ihrer Kräfte sei – es habe im Gegenteil jene Fähigkeit entwickelt, die der Schilderer in Worten geradesogut wie der Schilderer in Farben ausbilden muß: nämlich zu sehen. Diese Fähigkeit ist gerade die entscheidende für ihre dichterische Begabung. Durch sie hat ihre Produktion das echt nationale Gepräge, das sie in Europa bekannt gemacht hat. Denn nicht durch den Reichtum der Ideen oder die Kühnheit der Phantasie haben ihre Bilder »Aus dem Leben« Bewunderung erregt, sondern durch ihre Treue in der Spiegelung des schwedischen Heim- und Gesellschaftslebens ihrer Zeit. Diese Treue wird ihnen ihren bestehenden Wert in unserer Literatur geben. Fünftes Kapitel Trotz der oben angedeuteten zurückhaltenden Einflüsse stürzte sich Anne-Charlotte Leffler mit immer wachsendem Mute, immer weiterem Gesichtskreis, einem immer größeren Einsatz ihrer Persönlichkeit auf die Aufgabe, die sich die Literatur in den achtziger Jahren stellte: die Wirklichkeitsschilderung. Und gleichzeitig fing sie an, sich den Repräsentanten der modernen Literaturrichtung zu nähern. Eine wesentliche Ursache dafür, daß Anne-Charlotte Leffler den Schutz der Anonymität ablegte, war ihre Sehnsucht, einen reicheren Verkehr zu finden, indem sie sich ihren literarischen Gesinnungsgenossen näherte. Nun, wo die Schriftstellerin in weiten Kreisen bekannt war, fand Frau Edgren, daß sie auch andere literarische Persönlichkeiten in ihrem Heim sehen konnte. Das Edgrensche Haus wurde ein Sammelplatz für viele literarische Persönlichkeiten Stockholms, und diese trafen dort auch mit hervorragenden Schriftstellern aus den Nachbarländern zusammen, die die Stadt besuchten. Es herrschte eine Atmosphäre des Behagens und der Ruhe in dem Kreise, in dem Anne-Charlotte die Wirtin war. Bei ihr gab es keinen Schimmer von Pose, von Eifer, sich geltend zu machen; hingegen besaß sie eine große Fähigkeit des Hervorlockens, derselben Art, wie Sonja Kovalevska sie an George Eliot beschrieben hat. Anne-Charlotte gelang es oft, andere interessant zu machen, weil sie das Gespräch auf die Themen brachte, in denen jeder etwas Echtes zu geben hatte. Sie strengte die Menschen nie an, um sie genialisch oder witzig zu machen; man blieb in ihrer Nähe vor allem natürlich, weil sie es selbst in so hohem Grade war. Sie betrug sich mit einer ruhigen Anspruchslosigkeit; der Ausdruck, ein wenig verdrießlich, wenn sie schwieg, wurde fröhlich und hell, wenn sie lächelte oder sprach. Wer sie genau kannte, sah oft an einer tieferen Färbung des frischen Teints, hörte an einer Vibration der klaren, weichen Stimme – die durch ein leichtes Lispeln ihr charakteristisches Gepräge erhielt – daß sie trotz ihrer großen Weltgewandtheit noch schüchtern war. Sie zögerte oft, ein Urteil zu fällen, es fehlte ihr jedes Bedürfnis nach positiv formulierten Ansichten, und sie scheute jede Art von Koteriewesen. Die einzige Verschwörung, die je in ihrem Salon stattfand, war ein Übereinkommen zwischen einigen Schriftstellern, sich – der neuen Orthographie anzuschließen! Wenn man Anne-Charlotte Leffler als eine Walküre in den streitbaren Reihen des sogenannten »Jungen Schweden« schildert, verrät man dadurch eine vollständige Unkenntnis ihrer wie des »Jungen Schweden«. Durch ihre Lebensanschauung, ihre Sympathien, ihre schriftstellerische Individualität stand sie Seite an Seite mit den Repräsentanten der jungen Literatur. Aber sowenig diese je eine Partei bildeten, sondern nur durch eine gewisse Gemeinsamkeit der Ideen und Sympathien zusammengehalten wurden – eine Gemeinsamkeit, die große Verschiedenheiten der Ansichten so wie der Temperamente durchaus nicht ausschloß – sowenig würde Anne-Charlotte Leffler, selbst wenn eine solche Partei existiert hätte, dieser ihre Freiheit zum Opfer gebracht haben. Zu ihrer Freiheit rechnete sie auch die Bewahrung der Achtung für die Ansichten ihrer konservativen Freunde. Es sind Andeutungen laut geworden, daß sie um ihres Erfolges willen Bundesgenossen in beiden Lagern gesucht hätte. Eine derartige Berechnung war Anne-Charlotte Lefflers Natur völlig fremd. Sie suchte keine neuen Verbindungen unter den Konservativen, aber sie behielt ihre alten Freunde, auch wenn sie ihren neuen nicht genehm waren. Sie hatte ein so weites menschliches Verständnis, einen so großen Freisinn des Charakters – nicht nur der Ansichten – daß Parteigesichtspunkte nie für ihre Sympathie entscheidend werden konnten, die sich hingegen immer zu wirklichen Persönlichkeiten hingezogen fühlte, welche Färbung deren Ansichten auch haben mochten. Wer Anne-Charlotte Lefflers Kreis als einen von Parteifanatismus oder Literatursnobtum durchdrungenen auffaßte, hat nie die Zusammenkünfte in dem gastfreundlichen, behaglichen Heim, in dem sie den Ton angab, mitgemacht. Man merkte da wohl, wie in allen Kreisen, daß das frühere Talent zu konversieren, mit Leben, Leichtigkeit und Witz, sowie mit Maß, Inhaltsreichtum und Anmut Gedanken auszutauschen, nicht zu den schönen Künsten gehört, die die Gegenwart kultiviert. Aber die literarischen Abende in diesem Heim hatten doch einen Inhalt, den man nunmehr in allen Salons Stockholms vergeblich suchen dürfte. Da glühte bei den Anhängern der neuen Ideen ein fröhliches Gefühl der Kameradschaft in einem großen, jugendlich gläubigen Streben, mehr Wahrheit und Glück in die Welt zu bringen; da gab es lebhafte Gespräche über literarische, dramatische und künstlerische Fragen; hie und da wurde eine Novelle oder ein Gedicht vorgelesen. Ringsumher auf den Tischen lag eine reiche Menge neuer, besonders nordischer Literatur, die Anlaß zu Gedankenaustausch gab. Man fühlte sich dank der Liebenswürdigkeit der Hausleute rasch in den mit einem Gemisch von bürgerlicher Solidität und künstlerischer Regellosigkeit geordneten Räumen heimisch, und die Hausfrau verstand es, den Zusammenkünften das Gepräge ihres eigenen Wesens zu geben, in dem die ruhige Sicherheit der Weltdame sich ungesucht mit einer mädchenhaften Fröhlichkeit und künstlerischen Ungezwungenheit vereinigte. Sie ließ es nie zu, daß jemand sich außerhalb des Kreises fühlte, dessen Mittelpunkt ohne jede Bemühung ihrerseits gewöhnlich sie selbst war, nicht weil sie am meisten sprach, sondern weil sie am besten zuhörte, mit dem impulsiven, lebendigen Interesse, das unverkennbar ist, dem sympathisch ermunternden Eifer, mit dem sie, selbst in den Jahren, wo ihr persönliches Leben am aufgewühltesten war, stets den Gefühlen oder Bestrebungen anderer entgegenkam. Besonders liebenswürdig war die Freundlichkeit, die sie ihren literarischen Kollegen entgegenbrachte. Sie war es z. B., die sich den Schriftstellerinnen Alfhild Agrell und Viktoria Benedictson näherte, und wenn die Dramen der ersteren, die Novellen der letzteren zuweilen auf ihre Kosten gepriesen wurden, sprach sie mit Herzlichkeit von ihrem Erfolg. »In der Literatur,« äußerte sie einmal, »gilt glücklicherweise das Gesetz der Konkurrenz nicht. Je mehr Gutes jeder dort produziert, desto mehr Platz bereitet man für ein anderes und Besseres.« Ebenso frei wie sie von Neid und von Intrigen war, war sie auch von Herrschsucht und Mißtrauen. In ihrer ehrlichen Aufrichtigkeit konnte sie zuweilen durch ein Zuviel, nie durch ein Zuwenig sündigen. Wenn man sie näher kennen lernte, fand man sie vor allem gut: bonne comme du bon pain, wie jemand von George Sand gesagt hat. Niemand hörte sie auf Kosten anderer witzig sein, und selten fand man sie strenger im Urteil, als daß diese oder jene Person oder Erscheinung ihr »unsympathisch«, »konventionell« oder »banal« vorkam – und selbst dies fand sie selten. Sie sah ein, daß die Naturgabe, die Dummheit heißt, zum Behagen des Lebens nicht ganz entbehrlich ist, und behandelte sie darum überall, wo sie nicht selbst rücksichtslos auftrat, mit Rücksicht. Anne-Charlotte Lefflers äußere Persönlichkeit war eine solche, die sie in jedem Kreise bemerkt machte, aber sie war nicht das, was man einen glänzenden Gesellschaftsmenschen zu nennen pflegt, wie z. B. Sonja Kovalevska. Wenn man die beiden Freundinnen in einem Salon sah, hatte Sonja meist einen Kreis von Zuhörern um sich, während Anne-Charlotte in dem Kreise, der sich um sie bildete, selbst Zuhörerin war. In ihrer Konversation bewunderte man nicht so sehr die witzigen Einfälle oder die Originalität des Gedankens als den sachlichen Inhaltsreichtum. Wenn sie eine Lebensgeschichte erzählte, erhielt man immer das wirklich Charakteristische in klarer und bestimmter Form; sie löste den Marmorblock sozusagen los und führte ihn in seinem natürlichen Zustand vor. Wenn Sonja sich desselben Materials bemächtigte, stürzte sie sich, ein Michel Angelo des Gesprächs, mit heftiger Energie darauf, und bald sah man die Konturen einer Gestalt, wo man früher bloß einen Stoff gesehen. Es war immer so, wie Anne-Charlotte Leffler erzählte. Es hätte so sein können , wie Sonja das Erzählte auffaßte – und es wäre dann interessanter gewesen! In Ermangelung von Stoff modellierte Sonja Nußschalen. So hatte sie z. B. einmal gelesen, daß, wenn der Mensch im Verhältnis zu seinem Volumen dieselbe Fähigkeit zu springen hätte, wie ein Floh, er in einem Sprunge den Mond erreichen könnte. Und nun entwickelte sie ihre ganze Beredsamkeit, um mit astronomischen, mathematischen, physikalischen und mechanischen Beweisen darzulegen, daß die zukünftige Aufgabe der Kultur und der Erziehung, der sie sich wenigstens widmen wollte, darin bestehe, die Springfähigkeit der Menschen so zu entwickeln, daß sie, wenn die Erde unbewohnbar zu werden anfing, sich und die Erinnerung an die Erdenkultur durch einen Sprung auf einen anderen Planeten retten könnten! Und diesen Scherz trieb sie mit so gutgespieltem Ernst, daß der komische Eindruck überwältigend war. Im Laufe des Gespräches geschah es häufig, daß Anne-Charlotte Leffler einen eigenen oder einen fremden Gedanken hinwarf, und daß Sonja ihn dann auslegte. So zitierte die erstere einmal die Äußerung einer Dänin: »es bedarf der Genialität, um zu lieben«, ein Ausspruch, der von einigen anwesenden jungen Schriftstellern hartnäckig dahin mißverstanden wurde, daß nur Genies lieben können. Nachdem Sonja vergebens versucht hatte, den Gedanken klar zu machen, rief sie, als die Herren gegangen waren, aus: »Nein, es ist unglaublich, wie naiv selbst begabte Männer sind, wenn es sich um die Liebe handelt! Hier gehen nun diese netten jungen Herren und schreiben Bücher über die Sache und wissen nicht, daß einige Menschen Genie für die Erotik haben, so wie andere für Musik oder Mechanik, und daß für diese erotisch Genialen die Liebe die Lebensfrage wird, für andere Menschen bloß Episode. Und gewöhnlich geht es so – nach Darwins Theorien ist es ja natürlich – daß die erotische Genialität sich in die erotische Stupidität verliebt, das ist ja gerade eines der allerkompliziertesten Probleme des Lebens – und diese Jungen haben es nicht einmal gesehen ! Aber wenn es ein Gebiet gibt, auf dem selbst eine ganz dumme Frau klüger ist als ein gescheiter Mann, so ist es in allen Fragen, die die Liebe berühren. Als ich sechs Jahre alt war und meine erste Liebe zu einem Studenten hatte, eine große, stumme Liebe, die ich nur den beiden Steinlöwen im Garten meines Großvaters anvertraute – da war ich schon pfiffiger in der Sache als diese jungen Herren!« Anne-Charlotte Leffler hörte lächelnd den Strom von Beredsamkeit an, der noch lange rauschte, bis er sich schließlich mit einer bei ihren Scherzen sehr häufigen Wendung gegen »die gemeine Anne-Charlotte« kehrte, die den Männern den Handschuh hingeworfen hatte, aber Sonja den Streit ausfechten ließ! Tatsächlich verhielt es sich so, daß Anne-Charlotte es ebensowenig wie irgendein anderer übers Herz brachte, Sonja zu unterbrechen, wenn diese in Zug kam; sie war dann so tief, so sprudelnd humoristisch, so lyrisch hinreißend, so klar schildernd, daß man nur lauschte. Anne-Charlotte mit ihrer naiven Gutgläubigkeit, die einer ihrer größten Reize war, nahm Sonjas Scherz oft halb für Ernst – was natürlich Anlaß zu neuer Heiterkeit gab. Den allergrößten Genuß gewährte es Sonja, mit ihrer psychologisch-genialen Intuition aus einem Nichts, einer Geste, einem Tonfall eine Persönlichkeit, ein Schicksal zu konstruieren. Keine ihrer geistreichen Eigentümlichkeiten vermochte Anne-Charlottes Bewunderung in höherem Grade zu erregen. Die Anekdote beleuchtet besser als die Behauptung, und darum soll hier ein Beispiel angeführt werden. Eine für die Entwicklung ihres Landes jetzt sehr tätige Polin war einmal die Reisegefährtin Sonja Kovalevskas, die ein Gespräch mit ihr anknüpfte, und die Polin nach ihren Plänen fragte. Nachdem diese sie ihr mitgeteilt hatte, sagte Sonja: »Sie werden Ihnen gelingen. In jedem Leben treten Augenblicke ein, wo die ganze Zukunft davon abhängt, daß man im rechten Moment das Rechte wählt; wird dieser Moment versäumt, ist unser ganzes Leben verfehlt. Sie sind eine von jenen, die recht wählen können.« »Aber woher wissen Sie überhaupt etwas von mir?« wendete die Polin ein. »Ich sah Sie an der Station von Ihrer Mutter Abschied nehmen«, antwortete Sonja. »Sie lächelten ihr zu, zeigten sich ruhig und heiter, um sie zu trösten, aber als der Zug sich in Bewegung gesetzt hatte, weinten Sie. Ich sah sogleich, daß Sie sowohl Mut wie Herz haben; solche Menschen können im rechten Augenblick recht wählen.« Sonja Kovalevska freute sich an der Diskussion um ihrer selbst willen; sie baute oft selbst die Windmühlen auf, die sie schließlich angriff. Anne-Charlotte Leffler wiederum interessierte sich mehr für den Gegenstand als für die Diskussion und nahm diese mit jener Ruhe, die Sonja, welche vor allem Ruhe bewunderte, imponierte. Sonja behauptete manchmal, daß die Menschen, mit denen sie gar nicht besonders gerne sprach, aber die »kühl und still wie Marmor oder sanft wie Samt« wirkten, sie harmonisch machten, wenn sie nur im selben Raum war wie sie. Bei Anne-Charlotte Leffler fand sie nicht nur die Harmonie des Temperaments, sondern auch all die Weite des Geistes, die sie brauchte, um sich verstanden zu fühlen. Das psychologische Interesse und die Klarheit des Denkens war das gemeinsame Gebiet in ihren Intelligenzen, während im übrigen ihre Begabung in den meisten Punkten verschieden war. Sonja dachte oft in Bildern und hatte jene Art von Natursinn, der in der Natur das liebt, was mit dem eigenen Seelenzustand zusammenklingt oder ihn symbolisiert; und dadurch, daß sie nur die Gesamtheit der Natur sah, nicht die Einzelheiten – denn sie war sehr kurzsichtig – wurde die Stimmung für sie das Wesentlichste des Natureindrucks. Anne-Charlotte liebte die Natur hingegen in all ihren Gestalten, aber mehr mit dem Natursinn des Freiluftmenschen als dem des Dichters. Sie drückte ihre Gedanken fast nie in Bildern aus, selten konzentrierte sie sie in Sentenzen, aber sie war ebenso bezaubert von Sonjas genialem Reichtum nach diesen beiden Richtungen, wie diese von Anne-Charlottes ungefärbter und klarer Weise, ihre Ideen mitzuteilen. Anne-Charlotte besaß nicht Sonjas feinen psychologischen Sinn, in dem wie in einer Stimmgabel jeder Ton und Halbton der Stimmungen anderer vibrierte. Aber vor allem waren ihre Phantasie und ihre Gedankengebiete verschieden. Das Menschenleben in seiner anschaulichen Wirklichkeit, seinen konkreten Konflikten, war das, was Anne-Charlotte interessierte; das Lebensrätsel packte sie nicht so, daß es ihr keine Ruhe ließ – nur eine kurze Zeit in ihrer Jugend war sie von religiösen Fragen ausgefüllt – sie versank selten in die unaussprechliche Gefühlswelt, die für den Stimmungsmenschen das wirklichste Dasein ist. Sie wurde nicht leicht hingerissen, und in ihrem Naturell war keine Musik: sie hörte sogar selten lange der Musik zu, die andere machten, die bildende Kunst hingegen interessierte sie. Sonja, die durch ihre erwähnte Kurzsichtigkeit nur selten einen Einheitseindruck von bildender Kunst empfangen konnte, fühlte sich doch immer von dem wirklich genialen eines Vorwurfs ergriffen, während sie gestand, die Ausführung nicht zu verstehen. So konnten sie eigentlich nur die Poesie und die Musik in jener tiefen Art ergreifen, die die Kunst ebenso wie das Leid oder das Glück zu einem Erlebnis macht, durch das man wachsen oder welken kann, vor Qual erblassen oder vor Freude weinen. Und vor allem jene Poesie und Musik, die sich gleich der ihres eigenen Geistes in rauschender Brandung am Mysterium des Lebens brach oder sich vor der »Insel der Seligen« oder der »Toteninsel« zur Ruhe legte. Der mit Böcklins besten Werken Vertraute kann sich eine gewisse Vorstellung von Sonja Kovalevskas Phantasie – und Ideenwelt machen. Für sie wie für ihn war das Lebensrätsel das Zentrum. Auch Sonja war von jenem Grauen erstarrt worden, das er in dem starren, halberloschenen Blick der Medusa konzentriert; auch sie hatte in dem intensiven, melancholischen Lebensgefühl gebebt, das er in seinen Frühlingslandschaften ausgedrückt hat, wo stille Bäche sich durch hohes Gras schlängeln, in dem pausbäckige Kinder die Blumen des Frühlings pflücken und wo zwischen den schlanken Stämmen halbbelaubter Pappeln nackte jugendliche Glieder hervorschimmern. Auch sie hat sich vor der orkanartigen Plötzlichkeit der Leidenschaft oder des Schmerzes zusammengekrümmt, in jenem Schrecken, dem er in den von Stürmen gejagten Wolken und gebogenen Bäumen Form gegeben; auch sie ist vor dem Unaussprechlichen stille gestanden, wie er es durch »Das Schweigen im Walde« oder die Ruhe des »Heiligen Hains« veranschaulicht; auch sie hat aus dem Chaos des Naturlebens den Ton aus der Muschel des Tritons und der Syrinx des Satyrs gehört. Dieser, aus Sinnes- und Geistesleben, aus Naturmacht und Kultur verwobene Stoff der symbolischen Kunst und Dichtung, war Anne-Charlotte Lefflers Produktion wie ihrem Temperament ziemlich fremd. Da hörte man bloß – zum Schrecken der Tanten – hie und da einen Ton aus Pans Flöte. Ihre Anlage war die der Realistin, und nur die Gegenwart, die sie beobachten konnte, fesselte ernstlich ihren Blick. Sonjas Traum von der Zukunft war hingegen ihre eigentliche Gegenwart. Die Verschiedenheit zwischen den beiden Freundinnen erstreckte sich bis in jene kleinen Züge, denen Sonja eine so charakteristische Bedeutung geben konnte. Wenn Sonja z. B. grüßte, streckte sie die Hand mit einer hastigen, überrumpelten Bewegung aus, und die zarten, nervösen Finger rissen sich rasch wie ein flatternder Vogelflügel aus der Hand des anderen – man hatte in diesem Händedruck den ganzen Impuls- und Stimmungsmenschen. Es lag hingegen eine ruhige Anmut in Anne-Charlotte Lefflers Art, ihre schönen Arme mit den feinen Handgelenken, den gutgeformten, länglichschmalen, weißen Händen zu bewegen; wenn sie grüßte, streckte sie die Hand mit einer gewissen Reserve aus, aber einmal gegeben, lag sie weich und fest in der des anderen. In solchen kleinen wie in großen Dingen machte sie den Eindruck einer ganzen, ausgeglichenen, harmonischen Persönlichkeit; auch ihre äußere Erscheinung wurde immer charakteristischer. Ihr selbständiges, hurtiges Wesen machte sie manchen Männern unsympathisch; mehr als einer hingegen, der tiefer blickte, fand sich so angezogen, daß er das Gefühl hatte, sie für sein Glück zu spät gesehen zu haben; und die meisten Männer und Frauen bewunderten in ihr die mutige, klardenkende und ernste Dichterin. Die wenigen Freundinnen hinwiederum, die ihr näher traten, auf Spaziergängen im Walde oder Plauderstündchen in ihrem schönen Arbeitszimmer – wo ein großer Schreibtisch und volle Bücherregale von dessen ernstem Zweck sprachen, während ein Diwan, einige Kunstgegenstände, Blattpflanzen und andere dekorative Gegenstände dem Ganzen ein trauliches Gepräge gaben – diese wußten, daß sie nicht in erster Linie eine Intelligenz war, sondern eine echt weibliche Natur, deren Probleme noch lange nicht gelöst waren. Auf einer Wanderung im Walde an einem reiffrostschimmernden Wintertage brach Anne-Charlotte Leffler in einen Lobgesang auf die Schönheit des Winters aus, den sie mehr als den Sommer liebte. Wie sie dastand, Kraft und Elastizität in jeder Linie der hochaufgerichteten Gestalt, das dunkelblonde, schon leicht schneegesprenkelte, krause Haar unter der Pelzmütze hervorquellend, den Kopf mit kühnem Schwunge zurückgebogen, die vollen, frischen, roten Lippen geöffnet, um voll die Luft einzuatmen, die klarblauen Augen von Naturfreude strahlend, da rief ich, an das eben unterbrochene Gespräch anknüpfend: »Du bist selbst – und deine Dichtung auch – gerade solch ein klarer, etwas kalter Wintertag. Aber vielleicht kommt eine Zeit, wo Eros, den du, wie du eben sagtest, fürchtest, den Schnee schmelzen wird.« »Vielleicht«, war die Antwort. »Sein Schicksal kann niemand voraus sehen. Nur soviel weiß ich, daß ich die Liebe nur deshalb fürchte, weil ich ahne, daß, wenn sie in mein Leben einbricht, sie eine alles beherrschende, vielleicht alles zerstörende Macht sein wird.« Sechstes Kapitel Auf mehreren Reisen und Sommeraufenthalten in verschiedenen Teilen des Landes hatte Anne-Charlotte Leffler Schwedens Natur gründlich kennen gelernt, und sie liebte sie tief. Durch die Verhältnisse in den achtziger Jahren wurden jedoch bei ihr wie bei vielen anderen ihrer literarischen Zeitgenossen manche Seiten ihres ursprünglich sehr warmen Patriotismus etwas gedämpft. Noch 1875 war ihre Vaterlandsliebe so lebendig, daß sie schrieb, jeder Mensch, »der etwas wirklich Gutes für die Menschheit leisten wolle, müsse in erster Linie für sein eigenes Land wirken, das dann die errungenen Resultate in die ganze Welt verbreitet.« Erst durch die Berührung mit den Nachbarländern Finnland, Dänemark, Norwegen – erweiterte Anne-Charlotte Leffler ihren Horizont. Allmählich kam sie mit den meisten hervorragenden Persönlichkeiten in diesen Ländern in Verbindung. Anne-Charlotte Leffler hatte auch kürzere Reisen nach Deutschland und der Schweiz unternommen, aber die erste eigentliche Studienreise fand recht spät statt, als sie von einer unwiderstehlichen Sehnsucht nach Leben in größeren Formen, mit mehr Möglichkeiten zu vielseitiger Entwicklung gepackt wurde, einer Sehnsucht, die von der Qual genährt war, in Rede, Schrift und Handlungen auf die kleinen Verhältnisse des Heimatlandes mit ihren banalen Gesichtspunkten, die sie aus ganzer Seele geringschätzte, Rücksicht nehmen zu müssen. Das europäische Kulturleben, von dem Sonja Kovalevska gleichsam ein Brennpunkt war, lockte – durch den Umgang mit ihr – Anne-Charlotte Leffler immer mehr und mehr. Und mit einer Freundin, Julia Kjellberg – die auf dieser Reise ihren jetzigen Gatten, den bayrischen Sozialdemokraten Georg v. Vollmar, kennen lernte – trat Frau Edgren zu Neujahr 1884 eine längere Reise nach Dänemark, Deutschland, England und schließlich Paris an. Durch Anne-Charlotte Lefflers literarischen Ruhm und durch Empfehlungsbriefe, besonders von Sonja, fanden die beiden begabten Schwedinnen reichliche Gelegenheit, in den verschiedensten Kreisen die geistigen Hauptströmungen und führenden Persönlichkeiten der Gegenwart zu studieren. Beide hatten schon früher angefangen, sich für den Sozialismus zu interessieren; und in Deutschland sowohl wie in England kamen sie nun nicht nur mit Vertretern des Sozialismus, Anarchismus und anderer Richtungen, sondern auch aller möglichen religiösen und wissenschaftlichen Bewegungen in Berührung. Anne-Charlotte Leffler gewöhnte sich daran, mit Leuten zu verkehren, die ihrer Ansichten wegen im Gefängnis gesessen hatten, »und ihre Eindrücke in der buntesten Mischung zu empfangen«. Eine Stunde hörte sie z. B. Karl Marx' seelenvolle Tochter Eleanor Aveling die Ideen ihres Vaters auslegen, in der anderen Bradlaugh oder Mrs. Besant dieselben bekämpfen; sie besuchte theosophische, positivistische, atheistische, ästhetische Soireen; sie wurde mit Personen mit spiritistischen, revolutionären, hochkirchlichen, freikirchlichen Ansichten zusammengebracht. Ihre ästhetischen Interessen wurden durch die sozialen und religiösen Fragen in den Hintergrund gedrängt; sie fühlte, wie sie bei den Diskussionen rings um sie immer skeptischer wurde, immer überzeugter, daß sowohl in sozialen wie in religiösen Fragen die absolute Wahrheit nirgends zu finden sei. Schon lange war sie sich darüber klar geworden, daß kein Denkender ein blinder Anhänger irgendeiner kirchlichen oder anderen Gemeinschaft sein kann. Der englische Agnostizismus und Evolutionismus wurde die Welterklärung, die ihrer eigenen am nächsten kam, und die Spencersche Ethik, die altruistisch-individualistische, die Morallehre, die ihr als die lebensfähigste erschien.   Auf der Reise selbst schilderte sie ihre Beobachtungen aus dem »modernen London«, und nach ihrer Rückkehr fuhr sie fort, ihre Eindrücke an verschiedenen Stellen mitzuteilen. In dem 1885 gegründeten Frauenverein Idun Neu-Idun (es gibt einen Männerverein, der nur den Namen Idun führt) entspricht in gewissem Maße dem Lyceumklub in Berlin. hielt sie den ersten Vortrag, eine Schilderung der englischen Reformkleidungsbewegung, und bewirkte dadurch, daß eine solche Bewegung im selben Jahre bei uns in Gang kam. Von dieser Zeit an begann Anne-Charlotte Leffler selbst die Reformideen an ihrer schon früher eleganten und farbenreichen, aber nun auch originellen Toilette zur Anwendung zu bringen, – eine Kleinigkeit, die jedoch für ihren nach allen Richtungen erwachenden Individualismus, mit dem sie ihren immer ausgesprocheneren Sozialismus so gut vereinte, Bedeutung hat. In ihren Aufsätzen begann sie ihren Gedanken über das soziale Problem, das sie immer mehr beschäftigte, Ausdruck zu geben. Zuerst warf sie in mehreren Essays die Frage auf, ob das Gesetz unerschütterlich ist, das jetzt zu gebieten scheint, daß der Arbeiter hungern muß, während die Lebensmittel in den Magazinen verderben; daß er barfuß gehen muß, während Mengen von Schuhzeug unverkauft sind; daß er in einer elenden Baracke hausen oder obdachlos umherwandern muß, während große Wohnungen unvermietet dastehen und schmucke Heime durch seine Arbeit geschaffen werden? Und endlich findet ihr Interesse für die soziale Frage in dem Drama »Wie man Gutes tut«, dichterischen Ausdruck. Ihre Eindrücke aus den Wohnungen der Armen, in denen sie heimisch war, und aus den Wohltätigkeitsbazaren Stockholms, in denen sie weniger heimisch war, waren der Wirklichkeitsstoff, über den sie verfügte. Im übrigen waren Gestalten und Konflikte mit Rücksicht auf den Zweck geschaffen: einen Protest gegen die Mißverhältnisse der Gesellschaft auszusprechen. Dieses Drama wurde dadurch die erste ausgeprägte Tendenzdichtung, die die Verfasserin geschrieben, wenn man nämlich dem Worte Tendenzdichtung seine richtige Bedeutung gibt, die einer Dichtung, bei der die Absicht des Verfassers, eine gewisse Idee auszusprechen, nicht seine Phantasie oder seine Wirklichkeitsbeobachtung das Entscheidende für die Entstehung der Dichtung war. Das Stück hatte die gewöhnlichen Schwächen des Tendenzdramas, obgleich es eine neue Stärke der Dichterin zeigt: ihr neu erwachtes Bewußtsein für die sozialen Probleme der Zeit.   Die als dogmatisch und selbstsicher angesehene Frau Edgren war tatsächlich so verschieden von dieser Auffassung als nur möglich. Sie war äußerst impressionabel, hatte in einer Menge Fragen gar keine Prinzipien, nur impulsive Neigungen; war sehr empfänglich für die Ansichten anderer, versuchte sie nur selten durch Beweise zu widerlegen und schloß gewöhnlich, wenn sie die Meinungen zweier Diskutierender angehört hatte, damit, beiden Recht zu geben, außer wenn einer von ihnen die Sache des Konventionalismus vertreten hatte, denn darüber war sie sich immer im klaren. Sie sagte einmal mißmutig von sich selbst: »Ich habe förmlich Angst mit Menschen zu sprechen, die von dem Gegensatze dessen, was ich zu denken glaube, tief überzeugt sind, denn ich bin ein Wachs, dem jede starke Überzeugung ihr Gepräge aufdrücken kann. Zu meinem Glück gibt es so wenige starke Überzeugungen.« Bei Anne-Charlotte wäre es schwer, einige jener Mängel zu entdecken, die man Charakterfehler nennt. Aber man merkt leicht verschiedene »leere Räume«. Das größte derartige Vakuum war der vollständige Mangel an Widerstandskraft gegen jene, die ihr nahe standen. Dieser Mangel beruhte auf ihrem warmen Gefühl, während sie hingegen, wie gesagt, großen Mut hatte, wenn es galt, öffentliche Angriffe zu ertragen – denn keine Eitelkeit machte sie in dieser Beziehung feig. Aber ihre ebenerwähnte Schwäche gegenüber der Einwirkung anderer war hingegen so groß, daß sie zuweilen ihre wichtigen Entschlüsse von den Ansichten anderer bestimmen, ja ihr eigenes Rechtsgefühl umstimmen ließ. Dies steigerte sich in ihren letzten Lebensjahren durch ihren unbedingten Glauben an das Prinzip der Relativität in allen, auch in ethischen Fragen. Sie war tief davon durchdrungen, daß es nichts absolut Rechtes oder Unrechtes gebe, sondern daß alles von dem Individuum selbst nach dem besonderen Einzelfall entschieden werden müsse, und daß – bevor man das Gegenteil wußte – die Annahme, daß die Wahl nach gewissenhafter Prüfung stattgefunden hatte, »nicht nur die einzig barmherzige, sondern auch die einzig vernünftige Art war, die Handlungen der Menschen zu nehmen.« So konnte ihre mangelnde Selbständigkeit kein Korrektiv in der Achtung für das allgemeine Rechtsgefühl finden, von dem sie in demselben Briefe schrieb: »Ich habe dieser Großmacht zu oft getrotzt, um noch ein Fünkchen Respekt für sie übrig zu haben. Ich weiß zu gut, daß es gewöhnlich bloß ein Urteil der Borniertheit über das ist, was sie nicht versteht.« Ein anderes Vakuum war das Fehlen jener leichtbewegten, rasch sympathischen Sensibilität, die einem Dichter die Innigkeit der Anschauung für die Gestalten, die er schildert, gibt, sowie im Leben für die Menschen, mit denen er verkehrt. Anne-Charlotte Leffler war bei ihren Beobachtungen des Lebens von einem echten, aber ruhigen Interesse erfüllt, und das spiegelt sich in ihren Schilderungen wieder. Jedoch sie vermochte oft nicht, ihre Gestalten mit jenem vibrierenden Licht des Mitgefühls zu umhauchen, das in der Dichtung ebenso stimmungsvoll wirkt, wie die blauen Töne in einer Landschaft. In ihren Handlungen zeigen sich nicht selten die fein sympathischen Gefühlsmenschen als die tiefsten Egoisten, weil ihre ausgeprägteste Sympathie doch gewöhnlich ihnen selbst gilt und ihre eigentliche Zärtlichkeit die für ihre eigenen Gefühle ist. Sie genießen ihre Stimmungen und legen all ihre Glut hinein, während der weniger rasch Empfindende gewöhnlich mehr Wärme als Triebkraft für sein Handeln und als Feuer für seine Gefühle übrig hat. Und je mehr Anne-Charlottes eigenes Schicksal sie absorbierte, desto weniger vermochte sie vollendete Kunst zu geben. Einem dichterischen Naturell, das episch, nicht lyrisch ist, gelingt es nämlich selten, sich in erregter Stimmung oder in einem Zustand, wo die Eindrücke einander jagen, reich und fest auszudrücken; es braucht Ruhe, sowohl um die Eindrücke zu verarbeiten, wie um sie wiederzugeben. Aber Anne-Charlotte Lefflers empfänglicher Sinn wurde nunmehr sowohl von äußeren wie von inneren Erfahrungen beunruhigt. Das glückliche Gleichgewicht zwischen Inhalt und Form, zwischen wirklichkeitstreuer Beobachtung und Nachdenken über das Beobachtete, zwischen Realismus der Schilderung und Schwung des Gefühls, das die Mehrzahl ihrer früheren Arbeiten auszeichnete, begann in gewissem Maße erschüttert zu werden. Siebentes Kapitel Was im äußeren wie im inneren Sinn Unruhe in ihr Leben brachte, war, daß sie sich der Liebe genähert hatte, nicht der großen lebensentscheidenden, doch dem Vorhof der Liebe, einer stark erotisch betonten Seelenverwandtschaft oder Freundschaft, der doch keiner der Beteiligten gestatten wollte, mehr zu werden. In den nun folgenden Jahren hielt Anne-Charlotte Leffler sich viel in Norwegen und Dänemark auf, und in Stockholm wurde der eifrige, anregende Verkehr mit Sonja Kovalevska fortgesetzt. Die vielen, in dieser Zeit empfangenen neuen Lebenseindrücke spiegeln sich reich, aber unruhig in »Eine Sommergeschichte«. Anne-Charlotte Leffler fühlte, daß bei ihrem Temperamente die durchlebte, nicht die noch fortdauernde Entwicklung der Produktion erhöhte Kraft gab. Sie schreibt so (Juni 1886): »Es war die Ansicht der Romantik: je reicher das persönliche Leben, je stärker die Konflikte, desto besser die Produktion. Aber die moderne Schule, vor allem Zola, vertritt die entgegengesetzte Ansicht, und ich glaube mit größerem Recht. Je weniger persönliche Konflikte, sagen sie, desto mehr aufgesparte Kraft, die man in das Kunstwerk legen kann. Ich fühle, daß das wahr ist. Vor den Kämpfen und Gefühlen des persönlichen Lebens verblaßt die Kunst und wird von untergeordneter Bedeutung; nur wenn das eigene Leben nicht auf unsere Phantasie Beschlag legt, kann diese frei schaffen. Nur wenn man seine Gefühle nicht an die Wirklichkeit vergeudet, kann man Leidenschaft und Glut in die Dichtung legen.« Schon in »Weiblichkeit und Erotik I.« hatte Anne-Charlotte Leffler mit außerordentlicher Feinheit die neue psychologische Erscheinung der Gegenwart geschildert, die Stellung der modernen, entwickelten, weiblichen Individualität zur Erotik. Da hatte sie die Heldin ihr Glück von sich weisen lassen, als dieses ihr von dem Manne, den sie liebte, geboten ward, weil sie fühlte, daß er gerade von dem Modern-Individuellen, dem persönlich Entwickelten in ihrem Wesen nicht angezogen, ja geradezu abgestoßen wurde, während der naive, unentwickelte Mädchentypus, das alte Frauenideal, ihn sogleich bezauberte. Anne-Charlotte Leffler griff nie tiefer ins Leben, das Leben, das rings um uns gelebt wird, als mit der erwähnten Novelle und mit »Eine Sommergeschichte«, wo sie eine nicht nur liebende, sondern auch geliebte entwickelte weibliche Persönlichkeit eine Ehe schließen läßt. So bekommt diese die für menschliche Kräfte fast überwältigende Aufgabe zu lösen: ganz die Gattin und mitfühlende Lebenshelferin zu sein, ganz die Mutter ihrer Kinder, ganz Hausfrau und ganz eine Individualität mit eigenen Entwicklungs- und Arbeitsforderungen. Hier läßt die Verfasserin zum ersten Male die erotische Forderung zu einer ebenso starken Macht im Leben eines Weibes werden wie die persönliche Entwicklungsforderung, und darum wird auch das Leben dieser Heldin ein zersplittertes, denn sie kann beiden Forderungen nicht gerecht werden. Die Verfasserin stellt hiermit den Konflikt dar, der sich täglich im Leben zahlloser, entwickelter Frauen abspielt. In einer Besprechung der »Sommergeschichte« sagte ich, daß »die Zukunft vielleicht die Belletristik der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts als die Literatur von der Frau und über die Frau bezeichnen wird«, was bedeutet, daß die wichtigste neue »Hauptströmung« in der Literatur das Hervortreten des weiblichen Elementes ist, die Bekenntnisse der Frauen über sich selbst, die neue Auffassung der Männer von der modernen Frauennatur und ihre Konflikte mit derselben, mit einem Worte, all der reiche Stoff, der durch das Schreiben von und über die Frauen eine der charakteristischsten literarischen Eigentümlichkeiten des Jahrhunderts geworden ist. Und ich wiederhole hier, was ich schon oft betont habe: daß keine von all den Fragen, die die dichterische Intuition oder Psychologie in Beziehung auf die Frau beschäftigt haben oder noch beschäftigen werden, jene Bedeutung hat wie der von Anne-Charlotte dargestellte Konflikt zwischen den Forderungen der modernen weiblichen Persönlichkeit und jenen der Ehe. Es gibt nur wenig Gebiete des Menschenlebens, die nicht von diesem Konflikt berührt werden, und seine Lösung ist eines der ernstesten Probleme, an denen die Gegenwart zu arbeiten hat. Aber als Anne-Charlotte darauf hinwies, erfuhr sie dasselbe Schicksal wie andere weitblickende Dichter: von dem in diesem Punkt noch nicht erwachten Zeitbewußtsein verkannt zu werden. Und sie wurde nicht nur von den Männern mißverstanden, sondern auch von den Vertreterinnen der Frauensache. Anne-Charlotte war, wie die vorhergehende Darstellung gezeigt hat, durch eigene Erfahrung zum Kernpunkt der Frauenfrage gelangt, der tief berechtigten Befreiungsforderung der weiblichen Persönlichkeit, die unter anderem auch das Recht in sich schließt, selbstbewußt und selbstbestimmend ihre Kräfte für die Entwicklungsarbeit einzusetzen, sei es mittelbar in der Familie, sei es unmittelbar im öffentlichen Leben. Sie wollte, daß weder Gesetz noch Sitte das volle Wahlrecht des Weibes auf jedes Studien- und Arbeitsfeld beschränke; sie wollte, daß die Ehefrau ganz mündig sei, in der Macht über ihre Person, ihr Eigentum und ihre Kinder dem Mann in Rechten wie in Verantwortlichkeit gleichgestellt, und sie respektierte jedes vernünftige Streben im Dienste dieser Befreiung. Aber sie wollte vor allem das Recht der Frau, ihr eigenes Schicksal, namentlich das erotische, individuell zu gestalten. Und dieser ihr Wille war der Grund, weshalb sie – ebenso wie Ernst Ahlgren, Sonja Kovalevska und andere ihrer Altersgenossinnen – immer mehr ihre Sympathie für die Bestrebungen der Frauenrechtlerinnen verlor, weil diese ihnen von einer Befreiung zu einer neuen Fessel für die weibliche Persönlichkeit auszuarten schienen. Denn im Verlaufe des Kampfes geschieht es, daß die Stärke hart wird und die Freiheitsfreunde ihrerseits zu Unterdrückern werden. Dies war bei den Verfechterinnen der Emanzipation im Norden eingetroffen. Sie hatten nicht eingesehen, daß die Befreiung des Weibes aus dem Zwange des Gesetzes und der Sitte ein Mittel und nicht ein Ziel ist; sie hatten vergessen, daß das Ziel wirkliche Freiheit für die verschiedenen weiblichen Persönlichkeiten ist, ihre verschiedenen Wege zu gehen, jede der besonderen Bestimmung ihrer Individualität zu folgen und so durch ihre verschiedenartigen Kräfte der Entwicklungsarbeit erhöhten Reichtum zuzuführen. Und von dieser Art der Befreiung hatte Anne-Charlotte geträumt und gedichtet. Man verlangte aber nun umgekehrt, daß, wie sie sich ausdrückte, alle Frauenrechtlerinnen »in Scharen wie eine Schafherde auftreten« sollten; nach dem frauenrechtlerischen Programm denken, sprechen und handeln, nicht nach ihrem eigenen Gewissen und Denken, und daß keine in irgend einer Hinsicht sich über die anderen erheben oder von ihnen abstechen sollte. Schon bei den von ihr 1875 besprochenen Schulversammlungen stimmte die Empfindung eines drohenden neuen Konventionalismus in der Frauenbildung – die Examenkonvention – Anne-Charlotte oppositionell; das Gefühl, daß die Frauen – in ihrem berechtigten Kampf gegen die von den Männern gegebenen Gesetze und die von den Männern aufrechterhaltenen Vorurteile – nun ihrerseits ungerecht geworden waren, ließ sie (in »Wahre Frauen«) den Mangel an Charakter und echter Gemütsreinheit der Frau als mitwirkende Ursache der Selbstsucht oder des Leichtsinns der Männer betonen. Aber vor allem widerstrebte es Anne-Charlottes eigener schon früher oppositioneller, nun immer ausgeprägterer Individualität, sich von den Geboten lenken zu lassen, die die Frauenrechtlerinnen aufgestellt hatten. Das erste dieser Gebote war, daß die Handlungen oder Arbeiten der Frau nicht nach ihrem menschlichen oder künstlerischen Gehalt beurteilt werden dürfen, sondern nach dem Nutzen oder Schaden, den sie der Frauensache bringen. Das zweite befahl, daß die Frau in der Literatur nie anders dargestellt werde, als ein von aller erotischen Sinnlichkeit unberührtes Wesen, und daß diese ganze Seite der Liebe am besten als das Unreine und Niedrige auszurotten wäre – ein gegen das Leben sowie die Kunst und Dichtung gleich feindliches Tantendogma, das Anne-Charlotte mit gutem Grunde als verderblicher für gesunde Sittlichkeit und volles eheliches Glück haßte als männliche Tyrannei oder Leichtsinn. Das dritte Gebot untersagte jeder Frau, die sich den Ruf der Gemütsreinheit erhalten wollte, das Genie irgend eines Schriftstellers zu bewundern, der eine indifferente oder polemische Stellung zu den frauenrechtlerischen Bestrebungen oder dem erwähnten Tantendogma einnahm. Das vierte Gebot befahl jeder Frau, jede psychologische oder naturwissenschaftliche Untersuchung, die nicht mit der Behauptung schließt, daß Mann und Weib an geistiger Begabung und physischer Ausdauer einander völlig gleich sind, als einen Frevel an der heiligen Frauensache zu betrachten. Das fünfte Gebot verlangte von der echten Frauenrechtlerin, zu glauben, daß die Wohlfahrt der Menschheit ausschließlich davon abhänge, daß Frauen alle möglichen männlichen Examina ablegen und alle möglichen männlichen Arbeiten zugewiesen bekommen, auch wenn die Frauen dadurch gar nicht die für sie beste Arbeit erhalten, auch wenn die Arbeit dadurch nicht in die dafür geeignetsten Hände kommt – was doch die Bedingung für die Arbeitsfreude des einzelnen wie für den Nutzen, den die Gesellschaft von der Arbeit hat, ist. In all diesen »du sollst« und »du sollst nicht« der Frauenrechtlerinnen sah Anne-Charlotte – und ich mit ihr – die Gefahr, daß die Frauenemanzipation eine tote Dogmatik, nicht eine lebendige Wahrheit werden könnte. Sie fühlte, daß die Frauenfrage etwas unendlich Tieferes und Zusammengesetzteres ist als die Frauenrechtlerinnen begriffen hatten. Sie hatte selbst zu oft die Bedeutung und den Wert männlicher Kameradschaft erfahren, um je die Wahrheit zu unterschätzen, daß es gerade die Verschiedenheiten zwischen Mann und Weib sind, die dem Leben Reichtum geben; daß jede Art von Kampfstellung zwischen den Geschlechtern ein die gesunde Entwicklung verzögerndes Unglück ist, während das Ziel in der gegenseitigen Befreiung und Harmonisierung von Mann und Frau besteht, in erster Linie durch die Ehe. Sie hatte selbst zuviel Erfahrung über die Frauen, um nicht zu wissen, daß die wichtigste geistige Seite der Emanzipation die Befreiung der Frauen – auch der Emanzipationsfrauen – aus ihren eigenen Vorurteilen, Kleinlichkeiten und Einseitigkeiten ist. Sie war der Ansicht, daß die Frauensache sich von nun ab in die große soziale Frage eingliedern müsse. Und vor allem erkannte sie, daß die Ehefrage für die moderne entwickelte weibliche Persönlichkeit der wichtigste Teil der Frauenfrage ist. Hatte Anne-Charlotte schon früher den Verdacht gehegt, daß die Frauenfrage nicht mehr in tieferem Sinne eine Befreiungsfrage war, so fühlte sie sich von dieser Zeit an in ihrer Überzeugung bestärkt, und war fester entschlossen denn je, ruhig ihren eigenen Weg zu gehen. Sie fand, daß die sogenannten befreiten Frauen nichts von der Freiheit begriffen, die sie für die weibliche Eigenart verkündigte: sich neue eheliche Formen zu schaffen. Aber sie war überzeugt, daß die Zeit ihr recht geben würde – was ja auch schon heute der Fall ist, wo ein Paar nach dem anderen sein Zusammenleben so einrichtet, wie es ihm selbst am besten zusagt. Anne-Charlotte Leffler schrieb 1886 über »Eine Sommergeschichte«: »Ich habe versucht, so genau, als es in der Möglichkeit meiner Begrenzung lag, den geschilderten Konflikt zu durchleben, und ich bin zu dem ganz positiven Resultat gelangt, daß eine bessere Lösung als die gegebene nicht möglich war. Die Lösung war, daß Ulla – die Malerin – ihr Leben zwischen einer Zeit im Heime und einer der Kunst gewidmeten Zeit teilte, und daß Falk – der Mann – dies dadurch ermöglichte, daß er einen neuen Lebensberuf ergriff. Über alles andere in dem Buche kann ich schwanken, nicht aber über die Richtigkeit der Lösung. Ich weiß, daß ich mich dem vulgären Mißverständnis aussetze, ich wolle predigen, es sei nun die Reihe an dem Manne, sein Lebenswerk für das der Frau zu opfern, was mir natürlich nie eingefallen ist. Aber ich meine, daß, wenn einer verzichten muß, es der sein soll (oder, ich will nicht »soll« sagen, um nicht unklar zu werden, »muß«, meine ich), der unabhängig vom Geschlecht die weniger ausgeprägte intellektuelle Individualität hat. Ulla konnte nichts anderes tun als malen – sie war einseitig, aber stark in dieser ihrer Einseitigkeit. Falk hingegen war von der Natur nicht bestimmt ein einziger Weg angewiesen; er konnte seinen Lebensberuf wählen und auf verschiedene Gebiete einschwenken. Und weil nun die Situation so war, daß einer von beiden etwas von seinem Eigenen opfern mußte, war es an ihm, es zu tun. Überdies: er tat es nicht allein, sie opferte auch viel. Sieh, wie sie sich ganz entwickelt und verändert hat, seit sie mit ihm vereint ist. Daß sie in Zukunft zeitweilig getrennt leben müssen, wenn sie auf Reisen ist, halte ich nicht für ein Unglück. Warum sollte von dem ehelichen Zusammenleben nicht dasselbe gelten, was für jedes andere Zusammenleben zwischen Menschen gilt, nämlich, daß sie sich besser und freier entwickeln, wenn sie nicht unaufhörlich aneinander kleben? Eine Familie, in der die Kinder immer daheim bleiben, oder Geschwister, die zusammen altern! Wie stereotyp werden sie nicht! Warum sollte es Ehegatten nicht ebenso ergehen! Und das ist auch gewiß der Fall. Nein, ich empfehle eine kleine Nordpolreise hie und da! Das erhält die Liebe frisch und die Persönlichkeit frei!«   Die früher hervorgehobene Schmiegsamkeit in Anne-Charlottes Temperament war Sonja Kovalevska gegenüber besonders auffallend. Wenn Anne-Charlotte in ihrer Biographie Sonjas diese als die tyrannisch Fordernde schildert, neben der ein anderer seine Selbständigkeit nicht beibehalten konnte, so ist diese Klage nicht objektiv wahr. Sonja hatte eine so ungewöhnliche Gabe des psychologischen Verständnisses, einen so weiten Gesichtskreis, daß sie es weder versuchte, jemandem direkt ihre Meinung aufzudrängen, noch es indirekt tat, indem sie Geringschätzung für die Auffassung des anderen bekundete. Aber ihre Genialität und Intensität mußte einen starken Einfluß auf alle ausüben, um wieviel mehr auf die empfängliche Anne-Charlotte, deren Klage über den Druck, den Sonja ausübte, die gewöhnliche Anklage der Weichheit gegen die Macht einer stärkeren Persönlichkeit über ihre eigene Schwäche ist. Anne-Charlotte Leffler konnte z. B. der Versuchung nicht widerstehen, ihre Pläne mit Sonja durchzudiskutieren, bis sie die Lust verlor, sie auszuführen oder in ihrer Auffassung der Psychologie der Charaktere irregemacht wurde, oder sich von ihren zu Sonjas Ideen und Arbeitsplänen hingezogen fühlte. In bezug auf Sonjas Forderungen in der Freundschaft galt dasselbe. Wenn Anne-Charlotte z. B. mit den Worten von Sonja Abschied nahm: »Wir können uns morgen nicht treffen, ich muß arbeiten!« dann brach Sonja freilich in einen Strom scherzhafter Vorwürfe aus: »Treuloses Weib, elendes Wesen! Wie lang ist denn das Leben? Kann man es sich gestatten, einen Augenblick der Freude zu versäumen? Das ist zu wahnsinnig, das gebe ich nicht zu« usw. Aber hätte Anne-Charlotte, während Sonja Atem holte, die Gelegenheit wahrgenommen, ihren Wunsch zu wiederholen, würde Sonja sich beruhigt haben. Nun hingegen lagen die Verhältnisse gerade dem entgegengesetzt, was die Menschen annahmen, wenn sie die kleine zarte, im Wesen zurückgezogene, nervöse Sonja, und die hochgewachsene, ruhige, sichere Anne-Charlotte sahen: die erstere beherrschte die letztere ganz. Aber Anne-Charlotte empfand lange den Reichtum des Zusammenlebens als so groß, daß sie erst nach der in Sonjas Biographie so lebhaft geschilderten Zusammenarbeit an dem Doppeldrama »Der Kampf ums Glück« sich des Druckes voll bewußt wurde. Diese Arbeit hinderte leider Anne-Charlotte, ihren eigenen, von reichen persönlichen Beobachtungen, von großem Lebensinhalt erfüllten Roman »Rings um die Ehe« zu vollenden. Er war im Plane kühner als irgend ein Werk, das Anne-Charlotte je zur Ausführung brachte. Die Heldin darin war nämlich eine Frau, die, als die Verhältnisse ihre Ehe mit dem Manne, den sie liebte, unmöglich machten – doch nicht auf die Mutterschaft verzichten wollte. Ihr Gefühl für die Berechtigung dieser aus einer gegenseitigen Liebe und einem klaren, reifen Entschluß hervorgegangenen Mutterschaft war so stark, daß sie ihr Kind offen anerkannte und es selbst – doch nicht in Schweden – durch ihre Arbeit erhielt. Der »Kampf ums Glück« war ein unmögliches Experiment: eine ästhetisch unhaltbare Aufgabe zu lösen und zwei verschiedene Dichtertemperamente zu verschmelzen. Und als sich Anne-Charlotte Leffler zu Neujahr 1888 nach einigem Zögern entschloß, nach Rom zu fahren, geschah es zum Teil, weil sie das Bedürfnis fühlte, sich selbst von Sonja zurückzunehmen, um sich ihrer Arbeit zu widmen. Daß sie gerade nach Italien fuhr, kam daher, daß ihr Adoptivbruder den Wunsch ausgesprochen hatte, daß sie sein Lieblingsland besuchen sollte, nach dem sie sich immer gesehnt – schon 1881 hatte sie, in der Hoffnung, einmal nach Italien zu kommen, italienisch gelernt – aber das sie noch nie gesehen. Als dieser junge Mann 1886 starb, hatte er Anne-Charlotte Leffler eine Summe für eine italienische Reise hinterlassen. Ahnte er wohl, daß diese für sie auch in anderem Sinne, als er gemeint, bedeutungsvoll werden sollte? Achtes Kapitel Nachdem sie den Winter in Rom verbracht hatte, begleitete Anne-Charlotte im Frühling ihren Bruder, Professor Mittag-Leffler, nach Afrika. Auf dem Heimweg trafen sie in Neapel einen der mathematischen Bekannten ihres Bruders, Pasquale del Pezzo, Marquis von Campodisola. Ein gemeinschaftlicher Freund, den sie auf dem Rückweg von Tunis nach Palermo getroffen, hatte Professor del Pezzo in einer Weise geschildert, die Anne-Charlottes lebhaftes psychologisches Interesse erregt hatte, weil seine Entwicklungsgeschichte das Gepräge desselben Pathos trug wie ihre eigene: des Kampfes um die Befreiung der Persönlichkeit aus der Macht der Verhältnisse. Er gehörte einer äußerst konservativen, legitimistischen Familie an, die sich in der Opposition gegen all die Veränderungen befand, die Italien seit den fünfziger Jahren durchgemacht hatte. Aber er, der älteste Sohn, – dessen Geburtsjahr mit dem des neuen Italien zusammenfiel – hatte sich von den Vorurteilen freigemacht und sich den Bestrebungen des jungen Italien angeschlossen. Gegen alle Familientraditionen hatte er eine staatliche Anstellung – als Professor der Mathematik an der Hochschule von Neapel – gesucht, und er war ebenso stolz auf diesen selbsterrungenen Titel, als er sich seinen ererbten gegenüber gleichgültig zeigte. Während ihre Geschwister dann weiter nach dem Norden fuhren, blieb Anne-Charlotte Leffler in Capri. Im Juni schrieb sie mir von dort: »– – – Das Leben ist seltsam reich an Einfällen und neuen Erfahrungen, mein Leben wenigstens. – Capri ist ein berückender Ort. Das wunderliche Hotel Pagano – wo alle Künstler der Welt Wände und Türen dekoriert haben – mit tiefen Loggien auf das Meer hinaus und einem kleinen von berauschendem Blumenduft erfüllten Garten, der von wein- und rosenbehangenen Mauern eingefriedet ist, vor denen des Abends die Mandolinenspieler, ihre glühenden Liebeslieder singend, vorüberziehen – dieser Winkel birgt einige Blätter aus meiner Lebensgeschichte. Das Leben, das wirkliche Leben, ist etwas anderes als Traum und Sehnsucht. Wir sind zu romantisch, zu sentimental, zu kontemplativ dort oben im Norden. Vom Süditaliener muß man leben lernen, er kann es. Ich schreibe Tollheiten, findest du vielleicht. Aber früh genug komme ich wieder zu dem grauen Himmel des Nordens mit seinen schweren Träumen. Auf Capri ist das Leben voll Lebensfreude.« Die Absicht, zu dem Leben unter dem grauen nordischen Himmel zurückzukehren, wurde nicht verwirklicht. In dem Lande, das zu besuchen ihr sterbender Freund sie mit einer Art von prophetischer Ahnung gebeten, weil »wer Italien nicht gesehen, nur ein halber Mensch ist«, war sie dem Erlebnis begegnet, das erst ihr inneres, dann ihr äußeres Leben völlig umgestalten sollte. Das fortgesetzte Zusammensein mit Pasquale del Pezzo entwickelte sich zu der gegenseitigen, alles umfassenden lebensentscheidenden Liebe, die Anne-Charlotte Leffler nach schweren inneren Kämpfen dazu brachte, (1889) ihre erste Ehe zu lösen. Und erst jetzt erfuhren ihre Nächsten, daß die Ehe, die nun gelöst wurde, eigentlich nie eine gewesen war; daß ihr Mann – bei all seiner anbetenden Zärtlichkeit – sie nie zur wirklichen Gattin oder zur Mutter hätte machen können. Dieses Halbleben mit einem Halb-Manne zu zerbrechen, fiel Anne-Charlotte Leffler doch sehr schwer, weil es nicht geschehen konnte, ohne dem Manne Schmerz anzufügen, was für ihre Natur das Allerschwerste war. Über ihr Recht – das ja in solchen Fällen sogar die katholische Kirche zugibt – war sie nie im Zweifel. Ihr Zögern war nur durch ihr Mitgefühl verursacht. Einige Monate später wurde Pasquale del Pezzo durch den Tod seines Vaters Herzog von Cajanello; und nun, als Oberhaupt der Familie, türmten sich neue Schwierigkeiten zu den schon vorhandenen vor der Schließung einer Ehe mit einer geschiedenen protestantischen Schriftstellerin auf. Wie ganz er auch selbst ein Sohn des jungen Italien war – niemand sagt sich doch leichten Herzens von den tatsächlichen Verhältnissen seines Vaterlandes oder von den Traditionen eines hocharistokratischen Geschlechtes los, das vom neunten Jahrhundert an mit die Geschichte Neapels gemacht hat. Briefe aus dieser Zeit beleuchten Anne-Charlotte Lefflers inneres Leben, und da ich weiß, daß ich dadurch keine für sie peinliche Unzartheit begehe, soll sie in dem folgenden selbst die kurze Mär ihres Glücks erzählen, in der man die Bekräftigung ihrer eigenen Worte findet, daß das Leben des Herzens nicht nur in der weiblichen, sondern in der menschlichen Natur das Wesentliche ist, und daß auf diesem zentralen Gebiete des menschlichen Lebens der in geistiger Beziehung Höchststehende sich mit dem Wenigstbegabten begegnen kann. Sie schrieb im Winter 1889: – – – »Was ich in diesem halben Jahre erlebt habe! Alle Gemütsbewegungen von den süßesten, beseligendsten bis zu den aufreibendsten – –. Ich glaube, ich kenne niemanden, der so glücklich gewesen ist wie ich in dieser Zeit. Ich kenne niemanden, der so vollkommene Liebe genossen. Und auch niemanden, der zu gleicher Zeit in so strittigen Konflikten gelebt hat. – Ich habe die Liebe gefürchtet – und ich hatte recht. Denn als ich in Florenz im Begriffe stand, heimzureisen und mich von dem zu trennen, der mein alles geworden ist, da fühlte ich, daß dies für mich Untergang war, hoffnungsloser Untergang. – – Aber nun hat sich alles in Harmonie gelöst. Und ich finde mich mit dem großen Problem, ganz, voll und ausschließlich zu lieben und doch mein eigenes, individuelles inneres Leben zu bewahren gut ab. Aber nie haben sich auch zwei Menschen so vollkommen verstanden, wie wir beide doch so verschiedenen Naturen. Sprache, Erziehung, Rasse, Charaktere – all das trennt uns ... Auch das Alter, denn Anne-Charlotte war zehn Jahre älter als Pasquale del Pezzo. Und doch trennt uns nichts – – – Man irrt sich glücklicherweise oft, wenn man glaubt, das ganze Leben auf eine Karte gesetzt zu haben. Das Leben ist reicher an neuen Ideen und Möglichkeiten, als man manchmal glaubt. Und ich bin so froh erstaunt über die unglaubliche Spannkraft meiner eigenen Natur, darüber, daß ich es vermocht habe, so ganz und reich neu aufzuleben. – – Ich habe viele Arbeitspläne im Kopf. Von Neapel bin ich ganz entzückt und schätze mich unbeschreiblich glücklich, hier in stetem Sonnenschein leben zu können, mit der herrlichsten Aussicht über Meer und Land, sowie ich nur die Nase vor die Türe stecke – während man mir von daheim von lauter Dunkelheit schreibt. Eine in bezug auf Himmel und Natur begünstigtere Stadt als Neapel gibt es in ganz Europa nicht. Und ich, die ich die Natur so unbeschreiblich liebe, ich genieße es jeden Tag, stets mitten in der Natur und doch in einer großen Stadt zu leben. Italien hat in dem Grade mein Herz gewonnen, daß ich nicht glaube, daß ich noch jemals im Norden glücklich leben könnte.« Im Sommer 1889 machte Anne-Charlotte Leffler mit Mutter und Geschwistern einen längeren Besuch in der alten teuren Kinderheimat am Vettersee. Sie gab im Herbst eine neue Novellensammlung »Aus dem Leben« heraus und reiste dann mit Sonja Kovalevska nach Paris. Den Aufenthalt dort hat sie selbst in einem Buche über Sonja geschildert, von der Anne-Charlotte sich trennte, als sie nach Rom weiterfuhr. Es war eine für sie selbst sehr aufgeregte Zeit, und damals begannen die beiden Freundinnen stumm nebeneinander einherzugehen – stumm über ihre innersten Gefühle. Anne-Charlotte zeigte in dieser Zeit dem geliebten Manne gegenüber eine seltene Tiefe echt weiblicher Hingebung, selbstloser Opferwilligkeit, vertrauensvoller und verstehender Großmut in jenem schweren Jahr des Wartens, das verfloß, bevor sie ihre neue Ehe einging. Sie faßte ihr Gemütsstimmung in folgenden Zeilen zusammen: »– – – Ich lebe einsam hier in Rom, aber trotz der äußeren Einsamkeit habe ich all den Reichtum vollkommenen Glücks in mir; es ist mir, als hätte ich eine so große Gabe Gottes empfangen, wie kein Mensch, den ich kenne, sie erhalten hat – besonders nicht in meinem Alter.« Am 7. Mai 1890 wurden Anne-Charlotte Leffler und der Herzog von Cajanello auf dem Capitolium in Rom bürgerlich und nachher nach besonderem päpstlichem Consens kirchlich katholisch getraut – die schwer erreichbare Bedingung für die Einwilligung seiner Mutter. Bald darauf gingen sie zusammen nach Schweden. Dort lernte der Neapolitaner die hellen Nächte des Nordens lieben, des Winters Schnee und Eis, das er zum ersten Male sah, den Christbaum im schwedischen Heim, aber vor allem die zärtlich geliebte Mutter und Geschwister der Gattin. Bei alledem fühlte Anne-Charlotte ihr Glück wachsen durch diese sympathische Liebe, die all das ihre zu seinem machte, all das seine zu ihrem, diese Liebe, die – nach seinen eigenen Worten – des Südländers wie des nordischen Weibes »Seele und Herz, heimlichste Gedanken und verborgenste Phantasien gefesselt, und die nicht früher sterben konnte, als bis eines von ihnen zu leben aufhörte.« Im Frühling desselben Jahres war der zweite Teil von »Weiblichkeit und Erotik« erschienen. Die Dichterin wollte darin schildern, wie das Stolze und Herbe in der Persönlichkeit einer entwickelten modernen Frau von der Liebe, dem großen allgemeinmenschlichen Gesetz des Lebens besiegt werden kann, und wie ihre volle Hingebung es vermag, die oberflächliche Verliebtheit eines Mannes in echte Liebe zu verwandeln: also ein Lobgesang an Eros' Macht, ein leidenschaftlicher Lobgesang, in dem doch vielleicht zuviel vom Taumel der Liebe war, als daß er voll verstanden werden konnte. Obgleich die Schilderung, was das Äußere betrifft, den Erlebnissen der Verfasserin nicht entspricht, ist sie doch im inneren Sinne eine Zeichnung von persönlichen Gefühlen, allerdings eine einseitige Zeichnung. Der Zauber des bis dahin ungekannten Glücks einer jugendlich feurigen Verliebtheit fand darin Worte, leider aber nicht die ebenso tiefe Erfahrung der großen Liebe, die beiden Gatten das Ideal und die Harmonie in einem der innigsten ehelichen Verhältnisse offenbart hatte. Während des erwähnten, ein halbes Jahr dauernden Besuches in Schweden schrieb Anne-Charlotte Leffler in drei Tagen »Familienglück«, eine ihrer besten dramatischen Arbeiten, aufgebaut auf ihrem warmen Gefühl für das Recht der Jugend, das Leben auf eigene Verantwortung zu leben. Aber sonst fühlte sie sich weniger als je zuvor geneigt zu dichten: sie wollte sich ganz dem Glücke hingeben, für ihr eigen Teil voll zu leben. Denn Anne-Charlotte Leffler hatte die seltene Gabe, das Leben zu leben . Sie besaß, was einer unserer Dichter das schöne Geheimnis der Jugend genannt, das zu vergessen, was man »von Vergangenheit und Zukunft weiß«. Elastisch und ungebrochen wie eine Zwanzigjährige trat Anne-Charlotte mit vierzig Jahren in ihr neues Leben, und sie brachte in dasselbe die in hohem Grade weibliche Natur mit, aus der spontan und energisch die Kräfte der Fröhlichkeit, der Hingebung, der Gesundheit und der Unmittelbarkeit strömen. Diese Kräfte waren es, die sie stets verjüngten und verschönten. Vergleicht man ihr rundes, unentwickeltes, kindlich unaufgewachtes Gesicht auf dem Porträt aus ihrem zwanzigsten Jahr mit Bildern der Vierzigjährigen, wo das seelenvolle Antlitz von den feurigen Augen beleuchtet wird, die unter dem ergrauten, aber vollen Haare strahlen, – so sieht man ein, daß nicht die Natur, sondern das Leben der Künstler gewesen ist, der diese Züge verfeinert und veredelt hat. In einem Gespräch zwischen dem Bildhauer Walter Runeberg und Sonja Kovalevska bemerkte der erstere, daß er ältere Männer mit entwickeltem Seelenleben interessanter zu modellieren fand als junge Männer, während es ihn hingegen nicht interessierte, ältere Frauen zu modellieren. Sonja Kovalevska nahm das Thema auf und gab in ihrer lebhaften Weise Runeberg darin recht, daß der entwickelte ältere Mann ein besserer Vorwurf für den Künstler ist als die gealterte Frau; aber, sagte sie, dies kommt daher, weil das Leben so selten die Persönlichkeit in der Frau entwickelt, sondern sie im Gegenteil abplattet oder zermalmt. » Wenn die Persönlichkeit einer Frau sich einmal entwickelt, wird sie mit dem Alter ebenso interessant für den Künstler wie der ältere Mann«, meinte Sonja. »Sehen Sie nur Anne-Charlotte an! Wer würde nicht lieber jetzt ihre Büste machen als vor zwanzig Jahren?« Vor allem ist es Glück, was uns das Antlitz Anne-Charlottes zeigt, die damals – anläßlich der Einrichtung ihres neuen Heims die von junger Liebe vibrierenden Worte schreiben konnte: »Ich möchte, daß alles in meinem Gefühl für Pasquale neu und frisch wäre; es erscheint mir als ein Unrecht gegen ihn, daß ich schon früher irgend eines der Interessen gehabt habe, die jetzt mit unserem Leben zusammenhängen.« Anne-Charlotte war gerade einer jener Menschen, die die erotische Genialität haben, über die sich in Sonjas Salon ein so lebhaftes Gespräch entsponnen hatte. Und beinahe mit Sonjas Worten schrieb Anne-Charlottes vom Schmerz vernichteter Gatte nach ihrem Tode: »Sie hatte das Genie der Liebe, – denn die Liebe ist eine Genialität gerade so wie die Kunst, wie die Wissenschaft. Nicht alle Menschen können lieben. Aber sie konnte es zur Vollkommenheit.« Im Februar 1891 hatte das Ehepaar sein Heim in Neapel in Ordnung. Sie hatten ihr Nest an der Via Tasso gebaut, der Gasse der Dichter und der Liebenden, die zwischen Gärten und grünenden Höhen hinanklettert, von denen man die herrlichste Aussicht über das Meer hat. Das Haus wurde auf einem ganz anderen Fuße eingerichtet, als dem, den die Traditionen eines Herzogs von Cajanello verlangten: denn beide Gatten hatten dasselbe Grauen vor dem Konventionellen und denselben Vorsatz, sich dessen Einfluß zu entziehen. Aber das Haus war auch im Innern schön ausgestattet. In einem Zimmer waren sowohl Möbel wie Draperien ganz und gar schwedisch, und diesen Raum ersah Anne-Charlotte zu ihrem Arbeitszimmer.   Im Sommer 1891 besuchte Anne-Charlotte Leffler mit ihrem Gatten abermals Schweden und Norwegen; in dieser Zeit vollendete sie den ersten Entwurf ihres Märchenspiels, »Die Wege der Wahrheit«, eine Arbeit, die ihr durch das lebhafte Interesse, das ihr Mann dafür zeigte, besonders lieb war. Er, der sie ihre neuen Arbeiten immer zuerst für ihn mündlich ins Italienische übersetzen ließ, hatte nun so gut schwedisch gelernt, daß er vollständig verstand, was sie schrieb. In den vorhergehenden Jahren hatte er sie sowohl in die klassische Literatur – durch Übersetzungen der griechischen und römischen Dichter – wie in die ältere und neuere italienische Literatur, Ariosto, Dante, Petrarca u. a. eingeführt, und sie war nun mit seiner Sprache und der Literatur seines Vaterlandes ganz vertraut. Welche Wirkung diese neuen Einflüsse auf ihre Dichtung ausgeübt hatten, läßt sich schwer sagen. In den »Wegen der Wahrheit« – wo kühne moderne Gedanken in das Gewand des Märchens gekleidet sind – machen sich die Eindrücke der südländischen Phantasie des Mannes bemerkbar. Sie schrieb 1892 aus Neapel: »– – – Ohne selbst einen Schritt zu tun, um jemanden aufzusuchen – im Winter haben wir absolut zurückgezogen gelebt, ohne Besuche zu machen oder Einladungen irgendwohin anzunehmen – sehe ich mich so allmählich von einem sympathischen, literarischen Kreis umgeben, der es sich in den Kopf gesetzt hat, mich zur italienischen Schriftstellerin zu machen. Die Motive, an die ich denke, sind doch bis auf weiteres alle schwedisch. – – – Dank der einfachen Formen des italienischen Gesellschaftslebens bringt der erwähnte Kreis die Abende hier sehr oft zu, ohne je eingeladen zu werden. Im vorigen Winter hatten wir einen bestimmten Abend; dieses Jahr empfangen wir an allen Abenden von 9-11. Eine Tasse Tee ist alles, was geboten wird, d. h. was ich biete, denn in vielen Familien wird gar nichts gegeben, und die meisten wollen nichts haben, nicht einmal eine Tasse Tee. Oft geben sich zwei, drei, auch fünf, sechs hier Rendezvous, oft kommen sie einzeln.« So einfach schildert sie selbst ihre Stellung in der literarischen und wissenschaftlichen Welt Neapels. Aber durch die Aussprüche ihrer neuen Freunde, sowie der Presse nach ihrem Tode, sieht man, daß das Heim des Ehepaares, tatsächlich angefangen hatte, der Mittelpunkt des literarischen Lebens in Neapel zu werden. Eine italienisch-englische Schriftstellerin, Signora Zampini-Salazar, sagt, daß das Heim der Duchessa Cajanello ohne Zweifel der bedeutendste literarische Salon Italiens geworden wäre, denn die Hausfrau besaß alle Voraussetzungen, sowohl um einen solchen Kreis zu sammeln, wie um ihn festzuhalten. Signora Zampini schilderte 1892 in einer italienischen Zeitung den Zauber des halb nordischen, halb italienischen Heims, sonnig durch das strahlende Glück der Gatten, durch die Herzlichkeit der einfachen, anspruchslosen und doch so stattlichen Hausfrau, mit der elastischen hohen Gestalt und dem nordischen Typus – sie wirkte, nachdem ihr krauses Haar ergraut war, ganz blond. Durch ihre ehrliche Freundlichkeit, ihr seelenvoll-fröhliches Wesen besaß die Herzogin von Cajanello für ihre neuen Freunde eine noch stärkere Anziehung als früher für die alten, nachdem ein neuer Reiz, die Weichheit und Wärme des Glücks, hinzugekommen war. Literarisch bekannt in Italien wurde sie unter anderem durch eine Übersetzung des Dramas »Wie man Gutes tut«. Sie hatte das Schauspiel vorher gründlich umgearbeitet und es auf drei Akte konzentriert. Das Buch, das von der italienischen Kritik mit großem Beifall begrüßt wurde, leitete eine sehr genaue und gute Studie über die neuere schwedische Literatur von Benedetto Croce ein, der jetzt eine leitende Stellung als einer der ersten Literaturhistoriker Italiens einnimmt. Daß Anne-Charlotte Leffler überhaupt einer der europäisch bekanntesten schwedischen Schriftstellernamen war – darüber hörte man von ihr selbst nie etwas. Erst nach ihrem Tode erfuhr ich z. B., wie oft sie in der ausländischen Presse geschildert und besprochen worden ist, welche große Zahl ihrer Arbeiten ins Norwegische, Dänische, Finnische, Deutsche, Russische, Englische, Holländische, Kroatische und nun schließlich Italienische übersetzt wurde. Von dem, was sie tun wollte, nicht von dem, was sie getan, vor allem nicht von dem, was andere darüber gesagt, interessierte es sie zu sprechen. Und jetzt, in ihren neuen Verhältnissen, mit der vollen sympathischen Zustimmung ihres Mannes, sprach sie die Absicht aus, zu schreiben, ohne sich je von all den Rücksichten hemmen zu lassen, die früher ihr Leben herabgedrückt und die Kraft ihrer Dichtung beeinträchtigt hatten. In welchem Grade der Herzog von Cajanello auch in und mit der Schriftstellerin lebte, beweist unter anderem der Eifer, mit dem er nach dem Tode seiner Gattin ihre Arbeiten ins Italienische übersetzte. Neuntes Kapitel Einige Tage vor ihrem Tode sagte mir Sonja Kovalevska: »Du weißt, daß es in der Familie Cajanello sechzehn Generationen hindurch immer einen Pasquale oder einen Gaetano gegeben hat, und nun wünscht sich Anne-Charlotte natürlich einen kleinen Gaetano. Sie wird ihn auch bekommen. Sie bekommt alles, was sie will. Wenn sie die Lust anwandeln sollte, eine Sommerfrische auf dem Mars zu haben, so wird die Wissenschaft bis dahin ein Luftschiff erfinden Zwischen Rom und Neapel passiert man die Station Cajanello, die ihren Namen nach dem dort gelegenen Gut der Familie führt. Aber da dieses nicht genügend bebaut war. hatte die Familie ihren Palast in einem kleinen nahegelegenen Städtchen, wo eine uralte Pinie »Pinie des Duca« genannt wird. Sie war nahe daran, zu verkümmern; aber in demselben Jahre, in dem A. Ch. Leffler der Familie einen neuen kräftigen Schößling schenkte, bekam auch die alte Pinie einen solchen. «. Sonja war wie immer prophetisch gewesen: im Frühling 1892 erwartete Anne-Charlotte Leffler das Glück, das sie in ihrer ersten Ehe so schmerzlich entbehrt hatte, Sie schrieb in dieser Zeit: »Manchmal kommt eine große Angst über mich, weil ich finde, daß wir zu vollkommen und intensiv glücklich sind, als daß dies so fortdauern und sich noch weiter steigern könnte, und dann glaube ich, daß ich sterben werde oder das Kind nicht ganz gut ausgerüstet zur Welt kommen wird. Sonst bin ich froh, daß es in der herrlichsten Zeit des Jahres kommen soll. Wie wunderschön der Monat Mai hier ist, das kann sich niemand denken, der es nicht gesehen hat. Alles Blüte, alles Obstreichtum, die süsse, duftgeschwängerte Meeresluft – die ganze Via Tasso duftet nun von Rosen, Orangen- und Zitronenblüten; wir essen täglich Erdbeeren, Kirschen, Orangen, alles hier an den Hausecken gewachsen, und nun kommen so allmählich Mandeln, Pfirsiche, Aprikosen, Feigen u. a. Die ganze Via Tasso ist nur eine Reihe von Obstgärten, die alle auf Terrassen über das Meer hängen. – Ich bin wohl und hoffnungsvoll und gehe wie ein echtes, rechtes Weib umher und freue mich darauf, die kleine Wiege himmelblau herausgeputzt zu sehen – alles ist hellblau, auf einen Gaetano berechnet; hier so wie in Schweden bekommen die Buben himmelblau.« Sie legte nun oft die Feder weg, um die Nadel zur Hand zu nehmen, denn sie wollte nicht auf die ihr liebe Arbeit an der Layette des erwarteten Kleinen verzichten. Das ersehnte Kind kam unter unerhört schweren Qualen, die sie noch in der Erinnerung lange als eine sinnlose Grausamkeit der Natur quälten. Aber als sie das nächste Mal schrieb, war in ihren Briefen vor allem nur von dem Reichtum die Rede, der in ihr Leben gekommen und sie gelehrt, »vom siebenten Juni an eine neue Zeitrechnung zu beginnen«. Ihre Briefe waren nun von der entzücktesten Mutterfreude über ihren kräftigen, schönen kleinen Jungen erfüllt, von all den Zukunftsträumen, die Mütter an der Wiege des ersten Sohnes träumen, von der tiefsten Dankbarkeit für all dies Glück. Sie schrieb so: »Es ist etwas Eigentümliches um das Gefühl, das man instinktiv hat, seine Klage sowie seine Freude an jemanden zu richten, den man als für das Ganze verantwortlich empfindet. Sicher ist, daß nun, wo ich mich so unendlich glücklich fühle, das Bedürfnis der Danksagung in mir sehr stark ist.« Nach einer Schilderung des Äußeren ihres kleinen Sohnes fährt sie fort: »Die Augen sind schon so aufmerksam und ausdrucksvoll, ja, er hat nie das Schwebende im Blick gehabt wie andere Neugeborene, sondern er sah sich vom ersten Augenblick an sehr aufmerksam in dieser neuen Welt um. Und er liebt schon Neapels berühmten Himmel! Ich werde manchmal so wunderlich ergriffen, ja zu Tränen gerührt, wenn ich mit ihm auf dem Schoße auf dem Balkon sitze und sehe, wie er seinen Blick mit einem Ausdruck absorbierter Entzückung zum Himmel wendet, ganz bezaubert daliegt und ihn lange, lange anstarrt. Wenn er im Zimmer weint und unruhig ist, brauche ich ihn nur auf den Balkon hinauszutragen und seinen Blick emporzurichten, dann wird er sogleich still. All seine übrigen Zeichen des Verständnisses sind ja eigentlich in diesem Alter nicht anders als z. B. bei einem klugen Hündchen, aber dies ist etwas so ausgesprochen Seelisches, daß es mir einen seltsamen Eindruck macht. Ich hatte übrigens nie geglaubt, daß ein Wickelkind so interessant sein könnte. Ich sagte – so wie alle alten Junggesellen – ein Kind sei erst dann ein Mensch, wenn es anfange zu gehen und zu sprechen. Aber das ist durchaus nicht wahr. Übrigens fängt er schon bald an zu sprechen. Aber wenn er so daliegt und für sich selbst murmelt, kann ich so deutlich in den Lauten, die er hervorbringt, die ersten Elemente der Sprache unterscheiden, kann ganz genau den Unterschied zwischen Zufriedenheit, Ungeduld oder irgend einem bestimmten Wunsche hören. – – – Da es sowohl für mich wie für Pasquale das erste Mal ist, daß wir die Entwickelung eines so kleinen Kindes beobachten und verfolgen, erscheint uns alles, jeder kleine Schritt vorwärts, sehr merkwürdig, und wir hegen wohl im tiefsten Innern den heimlichen Gedanken, daß kein anderes Kind je so merkwürdig gewesen ist wie er. – – – Wie viele Träume träumen wir über dem blonden Kopf unseres Knaben! Er wird Mathematiker, Dichter oder Künstler werden, das ist ausgemacht! Ich fürchte, daß wir zu große Ansprüche an seine Intelligenz stellen und ganz unzufrieden sein werden, wenn er nicht ein Genie ist.« Ihre Zeit war nun ganz von all den lieben Sorgen für das Kind ausgefüllt. Für die kluge Umsicht und den praktischen Verstand, der sie in allen Lagen zu der auch für die Forderungen des Alltagslebens voll tauglichen und dessen Situationen ganz beherrschenden Frau gemacht hatte, fand sie nun reichliche Verwendung bei der Pflege ihres Kindes, der Beaufsichtigung der Dienerschaft und ihres Haushalts, eine Aufgabe, die für die Gewohnheiten einer nordischen Frau unter italienischen Verhältnissen viele Schwierigkeiten barg, welche sie doch durch ihren sonnigen Gleichmut besiegte. Und sie schien sich zu vervielfachen, um überall zuzureichen. Sie schrieb im Sommer: »Manchmal fällt es mir schwer, mein eigenes altes Ich mit der italienischen Gattin, Hausfrau und Mutter zu identifizieren, die sich doch schon so heimisch in ihrer neuen Welt bewegt, daß ihr meistens zumute ist, als wäre sie dort geboren. Es erscheint mir eigentlich ganz unfaßbar, daß ich eine so lange unter so ganz anderen Verhältnissen durchlebte Daseinsperiode hinter mir habe, und das Verflossene fängt an, mehr und mehr unwirklich zu werden.« Diese letzte Äußerung ist jedoch nicht in dem Sinne zu verstehen, als wäre etwas von der Liebe für ihre alte Heimat aus ihrem Herzen geschwunden. Sie hungerte nach Nachrichten von Mutter, Geschwistern und Freunden; sie war selbst eine sehr fleißige Briefschreiberin, und ihre Briefe mit der unregelmäßigen schwer leserlichen Schrift waren die besten, die man sich denken kann, nie »verfaßt«, immer spontan, natürlich, gesprochen. Und auch in dieser von ihrem persönlichen Glück so übervollen Zeit hatte sie Sinn für alles, was sich in dem geistigen oder literarischen Leben im Heimatlande regte, und äußerte ihre lebhafte Freude über alles Gute, was hervortrat. Nach einigen »unbeschreiblich herrlichen« Wochen auf dem geliebten Capri kehrte das Ehepaar nach Neapel zurück, und nachdem die Hausmutter das Heim für den Winter geordnet, hoffte sie zum Arbeiten zu kommen. Sie schrieb jedoch: »Mein Sohn und mein Mann lassen mir doch nicht viel Zeit für mich selbst. Gaetano ist nun schon ein großer Junge, der nicht wie ein Baby behandelt und in eine Wiege gelegt werden will, sondern der den ganzen Tag vom Morgen bis zum Abend in Bewegung sein möchte, herumgetragen werden, alles sehen und hören, was um ihn vorgeht, und an allen Gesprächen mit seiner noch wortlosen, aber ausdrucksvollen Sprache teilnehmen.– – – Mein kleiner Junge entwickelt sich riesig, und obgleich Alfhild Agrell gewiß recht hat, wenn sie sagt, daß alle jungen Herren in diesem Alter »ganz ungewöhnlich entwickelt« sind, so bin ich doch naiv genug, zu behaupten, daß dieser ganz unglaublich frühreif in jeder Beziehung ist, wenigstens als schwedisches Kind betrachtet, die italienischen sind im allgemeinen aufgeweckter. Du kannst dir nicht denken, was für ein schelmisches Lachen der Kleine hat, er lacht, so daß es im Halse Gluck sagt, und windet sich förmlich vor Heiterkeit. Und wie er plaudert! Lange Geschichten erzählt er mit der moduliertesten Stimme und ist äußerst entzückt, wenn man ihm etwas erzählt, oder ihm Verse deklamiert, ebenso wie er über Besuche sehr erfreut ist, und sie sehr artig mit dem liebenswürdigsten Lächeln empfängt. Er freut sich ungeheuer über sein kaltes Bad; in Capri haben wir ihn mit ins Meer genommen.« Dieser »kleine Junge« ist jetzt im Jünglingsalter und scheint bis auf weiteres die Versprechungen zu erfüllen, die er gab. Sein Vater nahm ihm bald eine schwedische Erzieherin, jetzt seine zweite Mutter; Sprache und Land seiner Mutter sind ihm dadurch ebenso vertraut wie die seines Vaters. Gaetanos Mutter fühlte sich nun zum ersten Male in voller innerer und äußerer Harmonie, fühlte, wie ihre eigenen tieferen Lebenserfahrungen auch ihre Auffassung des Menschenlebens vertieft hatten. Sie sehnte sich darum lebhaft, den großen Roman fortzusetzen, den sie schon im Winter 1890 in Rom begonnen und über dessen ersten Entwurf sie damals schrieb: »– – Ich arbeite an meinem Roman, und obgleich ich freilich nicht sagen kann, daß ich schon so recht hineingekommen bin, so hoffe ich doch, daß er sich so allmählich zu etwas von all dem vielen entwickeln wird, das ich von Anfang an darin gesehen. Ich befinde mich doch gerade jetzt im ärgsten Moment der Desillusion. Solange man den Plan nur im Kopfe hat, sieht alles so reich und schön aus; wenn man dann anfängt, den ersten Entwurf niederzuschreiben, wird er so wunderlich platt und banal, man – oder ich, denn allen geht es wohl nicht so, – habe gleichsam das Gefühl, daß ich nicht imstande bin, mir die Zügel schiessen zu lassen und Intensität in die einzelnen Szenen zu bringen, bis ich es nicht das zweitemal schreibe. Das erstemal ist alles nur Andeutung, und darum unendlich farblos. Und während der ganzen ersten Niederschrift, mit Ausnahme weniger glücklicher Tage, wo eine Szene fertig geboren wird, gehe ich mit umdüstertem Gemüt herum und glaube, daß ich alles Talent verloren habe und eine Idiotin geworden bin. Das ist eine schlimme Geschichte und wird diesmal wohl den ganzen Frühling dauern, denn der Plan ist ziemlich breit angelegt und noch lange nicht fertig.« Über dieses selbe Buch schrieb sie im Oktober 1892 an die Ihren: »Ich schreibe nun mit glücklichem Schwung an »Enger Horizont«. Ich glaube, es kann die bedeutende Arbeit einer reifen und welterfahrenen Schriftstellerin werden, die nicht mehr für irgend eine Tendenz kämpft sondern ganz einfach das Leben so breit, so unparteiisch und so allgemein menschlich als möglich schildern will. Alle Seiten von Verhältnissen zwischen Menschen – d. h. der am meisten allgemeinmenschlichen Verhältnisse – spielen hier mit. Verhältnisse – mehrere verschiedene – zwischen Eltern und Kindern, zwischen Ehepaaren, jungen und alten, zwischen Liebenden, zwischen Geschwistern, zwischen Schwiegertöchtern, Schwiegersöhnen, Schwägern, zwischen Freunden und Freundinnen, zwischen Enkeln und Vater- und Muttereltern, all das mit Sympathie und Mitgefühl beleuchtet, ohne Spur von Bitterkeit, mit einem gutmütigen Wohlwollen für alle Gestalten – ja, kurz gesagt, ein auf breiter Basis ruhendes großes menschliches Buch soll es werden, über das man weinen und lachen kann. Es wächst mit Riesenschritten in mir, und das Material ist unermeßlich reich.« Signora Zampina schildert ihre letzte Arbeitszeit so: »In den letzten Tagen hatte sie wieder angefangen zu arbeiten, in ihrem schönen, sonnigen Schreibzimmer mit der Aussicht über das ferne, brausende Neapel und über den azurblau glänzenden Golf. Nie hatte sie mit solcher Leichtigkeit geschrieben, nie einen solchen Reichtum an Ideen gefühlt. In wenigen Tagen hatte sie sechs Kapitel beendigt. Sie war zufrieden, und die Gedanken strömten frisch und spontan hervor. Am Montag fühlte sie, während sie schrieb, einen schmerzhaften Fieberschauer ihren Körper durcheilen. Sie hatte blitzschnell eine furchtbare Vision: das war der Tod, der an ihr Herz gepocht hatte.« Anne-Charlotte hatte mit fieberhaftem Eifer gearbeitet; sie nahm sich nicht einmal die Zeit, zu essen. Und als ihr Mann um drei Uhr kam und ihr die Feder aus der Hand nahm, indem er sie bat, sich zu schonen, da sie über ein zunehmendes Unwohlsein geklagt, sagte sie, indem sie sich wie stets seinem Wunsche fügte: »Aber ich habe ja so viel zu schreiben, wie soll ich zu allem Zeit finden?« Sie wurde auf das sorgsamste von ihrem Manne, Signora Zampini und drei geschickten Ärzten gepflegt – doch alles vergebens. Das Übel erwies sich als eine heftige Blinddarmentzündung. In den Qualen der rasche Fortschritte machenden Krankheit hatte sie nicht einen Gedanken an sich selbst. »Sondern sie machte sich Sorgen wegen ihres Mannes, der einige Nächte nicht geschlafen; darüber, daß sie sich nicht genug mit dem Kind beschäftigen konnte; daß die Kammerfrau sich ermüdete, und daß die Pflegerin nicht genug schlief«. Mit ihrer schwachen Stimme bat sie Signora Zampini, deren Worte ich hier angeführt, nach all dem zu sehen und selbst nicht mehr zu wachen, sondern sich niederzulegen: für die Kranke war es genug, sie in der Nähe zu wissen. »Sie sprach«, erzählt Signora Zampini weiter, »von ihrer alten Mutter und ihrem ältesten Bruder, nach denen sie sich sehnte und die so traurig darüber sein würden, nicht zur Zeit zu kommen, um sie noch am Leben zu finden. Sie war resigniert, zu sterben, das Leben zu verlassen, das so reich und schön war, aber sie litt unter dem Schmerz, den ihr Tod anderen verursachen würde.« Sie war selbst darauf bedacht, daß die Daheimweilenden die Nachricht ihrer Krankheit in der für sie am wenigsten beunruhigenden Weise erhielten. Vor ihrem Manne verhehlte sie ihre Ahnungen von einem unglücklichen Ausgang der Krankheit; und ein klares Bewußtsein von der Nähe des Todes scheint sie selbst nicht gehabt zu haben, im Gegenteil, noch ein paar Stunden vor dem Ende war die Lebenshoffnung bei ihr sowie bei ihrer Umgebung nicht ganz erloschen. Am 21. Oktober, am fünften Tage nach dem Ausbruch der Krankheit – als der Mann, von Schmerz überwältigt, für einen Augenblick das Zimmer verlassen hatte – begann der leichte Todeskampf. Als er gleich darauf mit wiedergewonnener Selbstbeherrschung eintrat, konnte sie nicht mehr sprechen, aber ihr schöner, trauriger Blick begegnete mit Zärtlichkeit und Sehnsucht dem seinen. Ihren Kopf an die Hand des Mannes schmiegend, hauchte sie ihren letzten Seufzer in demselben Augenblicke aus, in dem er sie ein letztes Mal küßte. Erst einige Monate vorher hatte sie ihr leider so bald bewahrheitetes Vorgefühl von der Unberechenbarkeit des Schicksals ausgesprochen, jenes Vorgefühl, das, solange Menschenherzen sich freuten, stets der Schatten des übergroßen Glücks gewesen ist. Sie blieb nur so lange am Leben, bis sie ihr durch ungetrübte Mutterfreude vervollkommnetes Liebesglück hinausgejubelt hatte, dann ward sie fortgerissen, rasch und grausam, fortgerissen von ihren Teuren und ihrem Lebenswerk.   Es ist mir eine große Freude gewesen, daß Anne-Charlotte Lefflers italienische Freunde oft sogar dieselben Worte wie ich gebraucht haben, um sie zu charakterisieren, ohne daß der eine etwas von den Aussprüchen des anderen wußte. So schrieb Benedetto Croce: »Wir haben eine edle Frauengestalt verschwinden sehen, ein glänzendes Denker- und Künstlergenie, das mitten in einer starken literarischen Tätigkeit stand, die ihrem reichen inneren Leben entsprach. Sie hätte uns noch viele große, schöne und tiefe Dinge sagen können, wie sie uns schon viele gesagt hat. Ihr Leben war in Wahrheit das Leben der Auserwählten ... Sie besaß einen Verstand, der ebensogroß war wie ihr Herz, und sie hatte die Welt und alle ihre Teile mit der Ruhe des Philosophen betrachtet, um sich zum Schlusse immer wieder dem Erhabenen mit jenem Enthusiasmus zuzuwenden, der einer Seele innewohnt, die liebt.« Der Herzog Andria Carafa erzählte, daß die Huldigung, die Anne-Charlotte Leffler am allermeisten erfreute, die war, daß – in einer norwegischen Kleinstadt – ein Mädchen, das zufällig Anne-Charlotte Lefflers Namen unter denen der ankommenden Reisenden gesehen, sie aufsuchte und sie bat, ihr die Hand küssen zu dürfen, weil ihr ihre Bücher so viel Gutes getan hatten. Anne-Charlotte Leffler konnte sich später dieser einfachen Huldigung nie ohne Rührung erinnern – »denn was sie vor allem war, das war gut, in echter Weise und im tiefsten Grunde ihres Wesens gut«. Der Herzog fährt fort, zu schildern, wie er persönlich einen lebhaften Eindruck dieser Güte empfing, als er vergeblich versucht hatte, ihr Schauspiel »Come si fa il bene« in Mailand anzubringen, und sie sich für ihre Person aus der Ablehnung gar nichts machte, sondern bloß bemüht war, ihn über die Demütigung, die er persönlich über das Mißlingen empfand, mit dem freundlichsten Lächeln und den Worten zu trösten: »Das bedeutet gar nichts. Es wird ein andermal sein.« »Es gab«, sagt er, »kein kleines Geschehnis oder Unglück, das sie nicht mit liebevollem Verständnis studiert hätte. In ihrer Nähe fühlte man sich immer als ein besserer Mensch.« Und so Signora Zampini: »Sie nahm an den Freuden und Erfolgen ihrer Freunde ebenso wie an ihren Sorgen mit jener unvergleichlichen herzlichen Aufrichtigkeit teil, die sie uns so teuer machte. Ihre neapolitanischen Freunde hingen mit lebhafter Zuneigung an ihr und sprachen oft mit Enthusiasmus von ihr, wie auch der Schmerz, sie verloren zu haben, bei ihnen lebhaft und tief ist. Ihre weibliche Persönlichkeit ließ ihren literarischen Ruf ganz vergessen. In ihrer aus edlen Eigenschaften und reichen Gefühlen geschaffenen Natur war ein alles dominierender Grundton: sie war aufrichtig in ihren Gefühlen, die sie mit großer Offenheit und dabei ungemein maßvoll im Ausdruck mitteilte; nicht nur in ihren Gesprächen sondern auch in ihren Büchern zeigte sie dieselbe glückliche Harmonie, Klarheit und freimütige Wahrheitsliebe; tief und echt war sie in ihrem Gefühl als Gattin und Mutter. Niemand hörte sie etwas Böses über etwas oder jemanden sagen. Sie hatte durch ihren Einblick in die Leiden, das Elend und die Verbrechen der Menschheit ein großes Verständnis erreicht, das sie allen verzeihen, gegen alle mild und mitfühlend sein ließ. Sie meinte, daß der Verbrecherische durch seine eigene Schlechtigkeit so viel leide, daß er nicht noch durch die Empörung der anderen gestraft werden solle. Es ist sehr traurig, böse zu sein, sagte sie oft, und sie hatte nicht den Schatten eines Rachegefühls. Wir werden immer der einfachen Güte dieses großen Herzens gedenken.«   Anne-Charlotte Leffler suchte in Sonja Kovalevskas Persönlichkeit den Grund zu ihrem Mangel an Glück. Leichter gefunden ist der Grund zu ihrem eigenen Überfluß an Glück. Während des größeren Teils ihres Lebens beruhte er nicht auf Ausnahmeverhältnissen, sondern auf ihrem eigenen glücklichen Temperament. Anne-Charlotte Leffler war eine der seltenen Naturen, die Gleichgewicht und Harmonie als Naturgabe besitzen, nicht als Resultat von Kämpfen und Resignation. Sie konnte ihre eigene Persönlichkeit behaupten, ohne das Gefühl für die der anderen zu verlieren: sie konnte auch jenen gegenüber Gerechtigkeit üben und Verständnis zeigen, die ihr feindlich gegenüberstanden oder sie verkannten. Ihr Temperament hatte eine sonnige Mittagsklarheit, die sie hinderte, je die Wirklichkeit zu komplizieren oder zu übertreiben; sie sah ihr eigenes Recht wie das der anderen in vollkommen richtigen Proportionen. Diese ihre einfache Auffassung der Lebensverhältnisse ließ sie – als Dichterin sowohl wie als Mensch – zuweilen psychologische Knoten durchhauen, die andere vielleicht in mühevollerer Weise gelöst hatten. Aber sie verlangte nicht, daß alle ihre Art, Lebensprobleme zu lösen, die zusammengesetzten Naturen überaus verwickelt erschienen, billigen sollten; sie wünschte nur, daß man ihr gegenüber den Edelmut übe, von dem sie selbst durchdrungen war: den Glauben, daß die Handlungen ihrer Freunde, – auch die, welche sie nicht verstand – in Übereinstimmung mit deren eigener Auffassung vom Rechten standen. Sie war sanft, weich, maßvoll in allen Verhältnissen zu anderen Menschen und in all ihren Forderungen an sie. Sie hatte die Gabe, immer und allenthalben das Leben so zu sehen, wie es war, weder das zu verringern, was es gibt, noch das zu begehren, was es nicht schenkt. Diese große gesunde generöse Anschauung des Lebens vergilt das Leben zuweilen damit, daß es dem so Sehenden das Glück schenkt. Was diejenigen, die A. Ch. Leffler nahe gestanden, vor allem von ihr in Erinnerung behalten werden, ist das, was sie bei ihr am meisten geliebt haben. Das war etwas Größeres als die große Schriftstellerin. Es war eine Seele ohne Trug, eine Einfachheit ohne Prahlerei, ein Mut ohne Trotz, ein Charakter in großen offenen ehrlichen Zügen. Was man vor allem betrauert, das ist ein so gutes und freundschaftstreues Herz, ein so echtes und spontanes Mitgefühl, eine so liebenswürdige Ausgeglichenheit, Empfänglichkeit und Unmittelbarkeit des Naturells, daß für jeden, der A. Ch. Leffler kennen lernte, der Eindruck der Schriftstellerin bald durch den Eindruck der großangelegten, gesunden und wahren weiblichen Persönlichkeit in den Schatten gestellt wurde. Es gibt keinen Trost für einen Tod wie diesen auf dem spät erreichten und darum so intensiv gefühlten Höhepunkt des Glücks; mit durch reichere Lebenserfahrungen gewonnenen reicheren Möglichkeiten, bedeutende Werke zu schaffen – denn gerade in dem ruhigen Sonnenlicht des Spätsommers pflegen ja die Früchte zu reifen. Trost kann er nicht genannt werden, der aus der Tiefe des Lebensschmerzes geborene Gedanke, daß der Tod auf dem Höhepunkt des Glücks und der Kraft die Gabe guter Götter ist. Ist es so, dann war sie ein Schoßkind des Glücks bis zuletzt, sie, der es beschieden war, in die ewige Ruhe hinüberzugleiten, solange in innerem wie in äußerem Sinn ihr Lebenslos in Campagna Felice lag. Victoria Benedictson (Ernst Ahlgren) 6. März 1850 – 21. Juni 1888 Erstes Kapitel Unter den Märchenschätzen der Völker befindet sich eine tiefsinnige Dichtung, die in einer je nach dem Volkscharakter wechselnden Tracht die zu allen Zeiten und in allen Ländern gemachte Erfahrung von der Unberechenbarkeit des Lebens im Guten wie im Bösen einkleidet. Es ist das Märchen von den guten und den bösen Schicksalsmächten, die sich an der Wiege eines Kindes begegnen, wo die eine ihre herrlichsten Gaben niederlegt, während die andere an jede derselben einen Fluch knüpft. Victoria Benedictson war in seltenem Grade ein Gegenstand dieses unheilvollen Wettbewerbs der Schicksalsmächte. Sie wurde geboren mit den tiefen Forderungen einer Dichterseele an Entwicklung, Wechselwirkung mit verwandten Naturen, Sympathie, reiche wechselnde Eindrücke, Bewegung – mit einem Worte: Leben in großen Formen. Und sie war genötigt, beinahe ihr ganzes Leben im »Winkel des Kleinsinns« zu verbringen, eingepreßt in die engen Alltagsverhältnisse einer schwedischen Provinzstadt. Sie war von Freiheitsliebe durchglüht, und sie stieß all ihr lebelang mit der Stirne gegen Vorurteile und Zwang; sie liebte die Wahrheit und wurde von Kindheit an in Verstellung hineingedrängt. Sie war eine spontane Natur, die die Erziehung nötigte zu verstummen und zu erstarren; sie war ein einheitlich angelegtes Wesen, und beinahe jedes ihrer Lebensverhältnisse ward ein zersplittertes. Ihr Ideal von Glück war die Liebe in der Ehe – und die Ehe wurde für sie eines, die Liebe ein anderes; die körperliche Mutterschaft eines, die Mütterlichkeit des Herzens ein anderes. Sie war ein bewegliches Freiluftgeschöpf, ein aktiver Tatenmensch, und sie wurde jahrelang an das Krankenbett, fürs Leben an ein paar Krücken gefesselt. Sie hatte einen ungestümen Arbeitsdrang, und die Arbeitskraft ließ sie im Stiche; sie wollte vollendete Schöpfungen bilden, aber sie erreichte nie ihr eigenes Maß, und ihre liebsten Dichtergedanken wurden Fragmente. Sie hatte den Hang des Künstlertemperaments zu unmittelbarem, generösem Lebensgenuß, sie liebte es, Behagen und Freude um sich zu verbreiten, und sie wurde von kleinlichen Nahrungssorgen gequält, von der Furcht, ihren Lebensunterhalt nicht sichern zu können. Sie war dazu angetan, die Verhältnisse zu beherrschen, und sie wurden ihr übermächtig. Sie liebte das Leben mit einer tiefen, gesunden Liebe und beschloß es in unheilbarer Lebensmüdigkeit. Sie bebte vor der Qual des Todes zurück und gab sich selbst einen qualvollen Tod. Die Ursache zu diesem Ende liegt teilweise in dem Konflikt zwischen all diesen unversöhnlichen Gegensätzen. Ein Arzt hatte einmal Stärke genug, den Verlauf seines selbstgewollten Todes Stunde für Stunde, im Interesse der Wissenschaft aufzuzeichnen. Victoria Benedictson versuchte etwas Ähnliches zu tun. Aber die Kraft verließ sie, und von der begonnenen Schilderung finden sich bloß einige Zeilen vor. Dort äußert ein Mann, daß sein ganzes vorhergehendes Leben ihm nur eine Vorbereitung zu dem Ende durch eigene Hand schien, das nun kommen sollte. Dieses selbe tiefe Gefühl des Schicksalsbestimmten ist allen Mitteilungen Victoria Benedictsons über ihren Seelenzustand in den letzten Jahren aufgeprägt. Es ist eine fixe Idee, die lange ihre schwarze Kette um den güldenen Faden der Künstlerfreude und den roten der Lebensliebe schlingt, bis sie beide ganz verdunkelt. Aber dieser Seelenzustand beruhte nicht allein auf einer tiefen, im Temperament schlummernden Schwermut. Er beruhte auch auf dem Lebensverlauf selbst. Victoria Benedictson fürchtete, daß nach ihrem Tode ihr Leben der mythenbildenden Phantasie anheimfallen würde, die gern um tragische Schicksale tätig ist. Sie hegte den allgemein menschlichen Wunsch, von der Gegenwart – oder der Zukunft – nicht mißverstanden zu werden. Aber Victoria Benedictson hatte dabei das Gefühl der produktiven Persönlichkeit, daß ihr Leben der Mitwelt gehörte. Ihre Lebenserfahrungen wollte sie – so weit ihre Kräfte reichten – am liebsten in die Form der Dichtung umsetzen. Aber als die Kräfte zu der heftigen Seelenanstrengung, die jene höchste Form des Selbstbekenntnisses erfordert, nicht hinreichten, hegte sie den brennenden Wunsch, daß die Erfahrungen ihres Lebens der Mitwelt zugute kommen möchten; und sie teilte sie darum sowohl schriftlich wie mündlich ihren Freunden mit. In diesen Mitteilungen liegt etwas von der unbestechlichen Ehrlichkeit einer Sterbenden; und sie sind aus der vehementen Lebensliebe der zum Tode Verurteilten entstanden. Diese Liebe war es, die es ihr ebenso wie jenem sterbenden Arzt zu einem Bedürfnis machte, der Nachwelt ihre Erfahrungen als Erbe zu hinterlassen Das Tagebuch, worin sie den tragischen Konflikt ihrer letzten Lebensjahre geschildert hat, vermachte sie Axel Lundegård mit dem Auftrag, es – in der Form, die ihm gut dünkte – zu veröffentlichen. Erst vierzehn Jahre nach ihrem Tode konnte Lundegård sich entschließen, diesen Auftrag auszuführen. Er tat es durch das Buch »Elsa Finne«, in dem er selbst den Rahmen um das Dokument – d. h. die Tagebuchaufzeichnungen gedichtet hat. – Diese gehören an und für sich zu den ergreifendsten und psychologisch bedeutungsvollsten Selbstbekenntnissen, die die Frauenliteratur besitzt. Aber in welchem Grade die Beichte objektiv wahr ist, kann nur einer entscheiden: der Mann, der der Mittelpunkt des Tagebuchs ist, und dieser Mann stellt ihren objektiven Wahrheitswert mit Entschiedenheit in Abrede. Aus diesem – und noch anderen – Gründen will ich den durch »Elsa Finne« erhaltenen neuen biographischen Stoff nicht benutzen. Dieser enthält nämlich keine Tatsachen, die den Wahrheitswert dieses meines gleich nach ihrem Tode gezeichneten Bildes beeinträchtigen können. Allerdings sehe ich ihr Schicksal jetzt noch tragischer und ihre Natur noch problematischer, als sie sich in dieser Zeichnung darstellen. Aber wenn mein Bild auch unvollständig sein mag, so gibt es sie doch so wie sie – in ihren besten Momenten und ihren besten Möglichkeiten nach – war. Und ich folge J. P. Jacobsens Regel: wenn man einen Menschen beurteilen will, muß man ihn so vor sich sehen, wie er in dem Augenblicken war, in denen man ihn am meisten liebte.   Victoria Benedictson bemerkte einmal in der ihr eigentümlichen, wortkargen, langsamen und leisen Art, die einem solche ihrer Worte für immer ins Gedächtnis eingrub: »Der Lebensüberdruß ist schon seit meiner Geburt und durch sie geheimnisvoll mit meiner Natur verwoben. Ich kam unmotiviert auf die Welt; darum kann das Leben mich nicht recht packen. Der Faden, der mich ans Dasein knüpft, ist gebrechlicher als der, der andere bindet.« Und dann erzählte sie von ihrer Geburt. Ihre Eltern hatten durch ungefähr zwanzig Jahre jedes in einem anderen Teil des Hauses gelebt und sich nur im Speisezimmer getroffen. Aber als man die Verlobung ihrer ältesten Schwester feierte, wurde Friede geschlossen. »Ein sehr kurzer Friede, denn als ich bald darauf zur Welt kam, hatte sich der Unfrieden schon wieder eingestellt.« Im März 1850 hielt die Kleine ihren Einzug. Und sogleich zankten sich die Eltern über den Namen des Kindes, später über seine Erziehung. Der Vater, Thure Bruzelius, aus einer bekannten Pastorenfamilie, hatte seinem Wunsch, den militärischen Beruf zu erwählen, nicht folgen dürfen und war anstattdessen ein Landwirt wider Willen geworden. Er hatte etwas von jener Anlage, die dann verstärkt bei der Tochter wiederkam, ein cholerisches und melancholisches Temperament, mit einer unbefriedigten Sehnsucht in der Tiefe. Die Mutter war ein streng religiöser, willensstarker Prinzipienmensch, von dem die Tochter die Energie des Wesens und eine seltene Kraft der Selbstbeherrschung geerbt hat, zum Teil auch den dichterischen Sinn: die Mutter schrieb nämlich religiöse Poesie. Schon in frühester Jugend bekam das Kind Einblick in den Unfrieden des Heims. Der Vater, der sich für die fehlende eheliche Einigkeit anderswo getröstet hatte, kam zuweilen, von dem Wunsch nach einer Versöhnung angetrieben, zu seiner Frau, die ihn, ohne daß sich eine Miene in ihrem Gesichte regte, zu ihren Füßen weinen ließ. Das Kind vergaß diese Auftritte nie, auch nicht das brennende Gefühl der Scham, mit dem sie die Bestechungen – in der Form von Fünfundzwanzigörestücken oder Ähnlichem – entgegennahm, durch die die Mutter die Tochter von der Seite des Vaters und der Frau zu locken suchte, die die Nebenbuhlerin der Mutter war. In der Seele des Kindes wurden all diese unklaren, widerstreitenden Eindrücke von lebensbestimmendem Einfluß. Sie riefen einerseits Mißtrauen, andererseits die ungestüm auf die Spitze getriebene Selbstbetrachtung hervor, wie man sie fast nur bei jenen Menschen findet, die eine einsame und gedrückte Kindheit hinter sich haben. Zwischen diesen Eltern, die diametrale Gegensätze waren, sollte das Kind sich teilen; sechs Stunden des Tages war sie das Eigentum ihrer Mutter; und da diese eine für jene Zeit ungewöhnlich gute Erziehung erhalten hatte, unterrichtete sie die Tochter selbst. Aber, erzählt diese: »In meiner freien Zeit stahl ich mich immer fort, um mit meinem Vater zusammenzusein. Er hatte zwei Eigenschaften, die mich unwiderstehlich lockten: Sinn für Freiluftleben und die Gabe zu erzählen. Er lehrte mich reiten, ringen, Pistolenschießen und andere männliche Übungen; er behandelte mich im ganzen genommen wie einen Jungen.« – Bei seinen melancholischen Erzählungen weinte das Mädchen unaufhaltsam, aber sobald sie befürchtete, daß die Mutter sie und den Vater sehen könnte, glitt sie von seinen Knieen, und wenn die Mutter sie fragte, warum sie geweint hatte, antwortete sie: »Wegen nichts.« »Doch meistens,« fuhr sie fort, »lag über dem, was er erzählte, ein unwiderstehlicher, hinreißender Humor; und das humoristische Element zog mich immer mehr an als das tragische. Meine Mutter war immer tragisch, streng tragisch, ohne Tränen. Als Kind hörte ich sie manchmal sagen, daß sie in ihrer Jugend geweint hatte. Ich glaubte ihr nicht; es erschien mir ebenso unmöglich wie die Wunder in der biblischen Geschichte, die ich auch nicht glaubte. Die Feindlichkeit meiner Eltern machte meine Stellung zu beiden schief: ich wollte mit beiden gut stehen – und ich war genötigt, sie beide zu belügen. Diese Kindheitserfahrung hat, als ich einmal erwachsen war, meine Wahrheitsliebe beinahe brutal gemacht. Im ganzen haben die eigentümlichen Verhältnisse, unter denen ich aufwuchs, tiefe Spuren in meinem Leben hinterlassen – – –« »– – Als ich ein Kind war, wurde ich gezwungen, wie ein alter Mensch zu sein, darum ist etwas von der Kindernatur tief drinnen in mir stecken geblieben. Ich kann in meinem Benehmen konventionell sein, aber in meinen Gefühlen und meinem Gedankengang nie.« Auch durch andere Schilderungen in novellistischer Form hat sie einen Einblick in die Leidenschaften und Leiden dieser verschlossenen Kinderseele gegeben. Dazu gehörten die unaufhörlichen Hindernisse, die sich gegen ihre Wünsche erhoben, indem man sie immer wieder daran erinnerte, daß sie ein Mädchen war. Der Unterschied in der Auffassung der Rechte und Möglichkeiten eines Mädchens und eines Knaben quälte das Kind schon, als es noch umhersprang und »Vaters Junge« zu sein vorgab; der Gegensatz zwischen dem Rechte- und Pflichtenkreis des Mannes und dem der Frau wurde dann für ihr späteres Leben verhängnisvoll. Ihre letzte Beichte, »Aus dem Dunkel«, ist der gesammelte Ausdruck all des Leidens, das sie nur erfahren, weil sie ein Weib war, d. h. »ein Paria, der sich nie aus seiner Kaste erheben kann.« Der Ort, wo Victoria Benedictson ihre Kindheit verlebte, ein altes Haus in der flachen Trelleborger Gegend, war auch nicht so, daß die Natureindrücke befreiend wirken konnten. Der Schönheitssinn fand keine Nahrung an jenen Naturreizen, die zu Träumen locken und lyrische Stimmungen wecken. Der Natursinn wird bei Bewohnern der Ebene häufiger pittoresk als poetisch. Sie bekommen eine klare und bestimmte Beobachtungsgabe, einen entwickelten Sinn für Beleuchtungen, für Form und Farbe, gerade durch die Einförmigkeit dessen, was dem Auge begegnet. Und diese Art Natursinn wurde der Victoria Benedictsons. In ihren Landschaftsschilderungen ist nichts vom Lyriker, doch so manches vom Maler. Die Naturschilderung ist jedoch nicht die stärkste Seite ihrer Dichtung. Ihre reichsten Eindrücke entstanden nicht in der Kontemplation, sondern in der Bewegung. Der Sport war für sie das beste Mittel, in lebendige Berührung mit der Natur zu kommen. Aber ihre Eigenschaft als Frau schloß sie in gewissem Maße immer von einem ungezwungenen Freiluftleben ab, und später wurde die Krankheit das große Hindernis, das sich ihrem Naturgenuß entgegenstellte, der durch die Krankheit von einer weicheren, mehr kontemplativen Art wurde. Aber nach und nach raubte ihr das Leiden die Empfänglichkeit für den ruhespendenden Einfluß der Natur. Es ist eine der traurigen Folgen des Leidens, daß es uns nicht nur von den Menschen isoliert, sondern auch die Verbindung mit der Natur abschneidet, indem es uns taub und blind macht. Sie war sich dieser Veränderung bewußt und empfand sie als einen Teil der großen Leere, über die sie klagte. Der Sinn für das Leben der Menschen und Tiere war doch stets bei ihr stärker als jeder andere. Sie konnte sich von der herrlichsten Landschaft abwenden, um irgendeine ganz alltägliche Erscheinung menschlicher Art eifrig zu verfolgen. Und dieser Grundzug tritt schon in der Kindheit zutage. Die fröhlichsten Stunden, deren sie sich außer dem Freiluftleben mit dem Vater erinnerte, waren die, wo sie sich gegen das ausdrückliche Verbot hinab in die Leutestube, dem Raum, wo die Arbeitsleute des Landguts aßen und schliefen, schlich. Durch diese gestohlenen Freuden entwickelte sich frühzeitig bei ihr jenes Verständnis des Volkslebens, das Victoria Benedictsons Volkslebensbildern jene geniale unmittelbare Auffassung des Volkscharakters verleiht. Sie brauchte die Roheit nicht fortzuidealisieren, um echtes Mitgefühl mit dem echt Menschlichen des Volkes hervorzurufen, denn ihr sympathischer Blick hatte das Wesentliche entdeckt, das andere über dem Unwesentlichen übersehen. – Sie war selbst überzeugt, daß ohne diese Kindheit und Jugend auf dem Lande, wo die wenigen Eindrücke um so viel tiefer werden, und ohne diese Streifzüge in die Gesindestube ihrer Dichtung einer der charakteristischsten Züge gefehlt haben würde. Und nicht nur ihrer Dichtung, sondern ihrem ganzen Temperament, nämlich seine echte, volkstümliche Richtung. Sie konnte das Herzensvertrauen der kleinen Leute gewinnen, sie betrachtete deren Verhältnisse nicht von oben herab; sie fühlte sich im Gegenteil dem Tagelöhner mehr als ihrer eigenen Gesellschaftsklasse geistig verwandt. Ihr, besonders der Frauen, müßiges Dasein war für sie eine akute Qual. Arbeit und Entbehrung, bis man sich durch die Arbeit Mittel zum Genuß verschafft hatte, das war ihre Lebensweisheit. Sie fürchtete die Genußsucht im Zusammenhang mit ökonomischer Unselbständigkeit. »Das wird das Unglück der jungen Generation«, sagte sie oft. »Auf diesem Wege werden sie in Versuchung geführt, ihren Ansichten untreu zu werden. Und darum werde ich diese Schwäche bis in ihre Schlupfwinkel verfolgen – falls ich am Leben bleibe.« Sie schreibt 1887 in einem Briefe: »Ich fühle, daß ich »Volk« bin, auch wenn ich nicht darnach aussehe; ich bin roh von Natur, aus Neigung, aus Opposition gegen die ganze väterlicherseits und mütterlicherseits ererbte Beamtenhoffart, darum – wenn ich mit Menschen zusammenkomme, die nur Schönheit und Harmonie lieben – bäumt sich etwas in mir auf. Im Herzen und in der Seele bin ich Demokratin. * Wenn ich ohne Modifikationen meinen eigenen Neigungen folgen sollte, würde ich sehr spartanisch sein; meine Zimmer würden wie klösterliche Studierkammern aussehen. Aber jetzt ist es nicht so. Ich habe Geschicklichkeit im Arrangieren, und ich suche alles so zierlich, so weich und so einschmeichelnd ich kann zu machen. Warum? Ich habe Farbensinn und all das. Ich verabscheue den Luxus, und doch könnte ich mich damit umgeben, wenn ich die Mittel hätte. Das ist eine kleine Inkonsequenz, über die ich selbst lache. – Ich hasse es, die Seide an meinem eigenen Körper rauschen zu hören – und ich trage sie doch. Ich habe ein solches Bedürfnis, es denen, die ich lieb habe, behaglich zu machen.« Sie wäre wohl keine Künstlernatur gewesen und kein Weib, wenn ihr diese Inkonsequenz gefehlt hätte. Es war die Natürlichkeit, die Gesundheit und Einfachheit, es war vor allem die Herrlichkeit des Arbeitslebens, die sie bei den Landleuten ergriff. Denn sie liebte die Arbeit nicht nur, weil sie des Lebens Brot gab , nein als das Brot des Lebens selbst liebte sie sie. Die Arbeit war für sie der große ernste Erzieher zu echter Lebensfreude. Sie hat die Arbeit überall verherrlicht, doch nirgends so wie in »Frau Marianne«, einem Buch, das sie weniger zum Preis der Liebe als der Arbeits liebe gedichtet hat. Die Unterströmung dieses Buches ist nur von den wenigsten genügend beachtet worden. Zusammenarbeit in Liebe – das war Victoria Benedictsons Auffassung vom Glück in der Ehe. Und sie war in dieser Hinsicht der Mehrzahl weit voraus, denn sie forderte eine Umgestaltung der bestehenden Verhältnisse. Sie hoffte, daß vieles von der alten Romantik im Verhältnis zwischen den Geschlechtern einer wirklichen Gemeinsamkeit der Bestrebungen Platz machen würde. Die Arbeit sollte dieser Umgestalter der Ehe werden, in der sie »ein gesundes, starkes, inneres Glück finden wollte, das auch das Häßliche, das Prosaische verträgt und dennoch blüht und gedeiht, sobald nur die Sonne scheint.« Victoria Benedictsons Glaube an die Macht der Arbeit grenzte beinahe an Aberglauben. »Du wirst sicherlich glücklich, denn du Hebst die Arbeit«; »du kannst nicht ganz unglücklich sein, denn du vermagst zu arbeiten« – solche Worte äußerte sie oft. Und wenn ihr selbst die Arbeitskraft erhalten geblieben wäre, dann hätte sie wohl auch Lebenslust genug bewahrt, um leben zu können.   Dieser hier angedeutete Grundzug von Victoria Benedictsons Temperament sprach sich in ungewöhnlich bestimmter Weise bei ihr aus, als sie noch kaum den Kinderschuhen entwachsen war. Sie wollte eine eigene Arbeit, ein Lebensziel haben. In Schweden zu Ende der sechziger Jahre war das ein sehr ungewöhnlicher Wunsch bei einem jungen Mädchen aus wohlhabendem Hause. Außer der ihr innewohnenden künstlerischen Anlage und dem energischen Arbeitsdrang trugen noch andere Verhältnisse dazu bei, ihren Sinn so früh nach außen zu richten. Sie träumte nicht wie andere Mädchen vom Glück der Liebe und des Heims. Die Freude und Ruhe eines Heims hatte sie nie gekannt, war ihr doch selbst die Elternliebe durch Zersplitterung und Zwietracht zerstört worden. Sie glaubte nicht, daß ihr Liebe beschieden sein würde. Sie war in dem Glauben erzogen, daß sie abstoßend häßlich sei; ihre lange, magere Gestalt in den geschmacklosen Kleidern – in der Kindheit halb Knaben-, halb Mädchenkleider – war ihr eine stete Pein, die ihre außerordentliche Scheu und Verschlossenheit noch erhöhte, Eigenschaften, die sie ihr lebelang nicht verließen. Sie schrieb noch 1885: »Ich leide unter einem wirklichen Unglück: ich kann nicht sprechen. Sie können nicht glauben, wie ein solcher Naturfehler einen Menschen zu isolieren vermag. Aber wäre es ein Naturfehler, so wäre es vielleicht erträglich, denn dann würde er wahrscheinlich mit meinem Charakter übereinstimmen. Nun ist es jedoch so, daß diese qualvolle Scheu nur ein Pfropfreis ist, das sich während einer besonders unglücklichen Kindheit in meinem Wesen stark gewachsen hat. Und dieses Pfropfreis widerstreitet meinem offenen, unerschrockenen Charakter.« »Aber« – schließt sie – »wer weiß, ob mich nicht dieses Gebrechen meiner Zunge zur Schriftstellerin gemacht hat?« Diese nie besiegte Scheu war in den ersten Jugendjahren so außerordentlich, daß das Gesellschaftsleben für sie zur Tortur wurde, und obgleich sie sich leidenschaftlich danach sehnen konnte, frei und froh zu sein, wie andere junge Mädchen, kam es ihr nicht in den Sinn, daß sie sich je durch etwas anderes glücklich und frei fühlen könnte, als durch das, was ihre Gedanken Tag und Nacht beschäftigte: die Kunst. Ihre jungen, naiven Träume hat sie selbst in »Geld« geschildert, wo Selmas getäuschte Hoffnungen nach ihren eigenen Erfahrungen gezeichnet sind. Denn als Victoria Bruzelius ihren Eltern die Bitte vortrug, ihre zeichnerischen Anlagen an der Malerakademie oder wenigstens an der Kunstgewerbeschule in Stockholm ausbilden zu dürfen, da stieß sie wieder auf das Hindernis, das sie seit ihrer Kindheit so wohl kannte, das Hindernis, das sich zwischen sie und so manche unschuldige Freude gestellt: sie war ein Mädchen. Und noch dazu ein Mädchen aus guter Familie, in günstiger Vermögenslage. In solchen Familien pflegen die Töchter keine Künstlerinnen zu werden. Sie pflegen ihren Eltern das Haus angenehm zu machen, bis sie selbst ein neues Heim gründen. Das war das Passende, folglich auch das Rechte für ein Mädchen, darum auch das Natürliche und Beglückende für sie. Aber dieses junge Mädchen war nicht damit zufrieden, »aus guter Familie« zu sein. Sie antwortete ihren Eltern, als sie ihr die Mittel zu ihrer Ausbildung verweigerten, daß sie sich das Geld für ihr Studium selbst verdienen wolle. Denn sie hoffte noch, daß der Widerstand wesentlich auf der Geldfrage und auf dem Zweifel an dem Ernst ihres Willens beruhte. Sie verschaffte sich in einer bekannten Familie eine Stelle als Lehrerin und begann mit frischem Mute für ihre künstlerische Zukunft zu arbeiten. In diesen drei Jahren – von siebzehn bis zwanzig – begann ihre Jugend. Sie machte jetzt verschiedene Erfahrungen, die die Meinung, die sie von sich selbst hatte, modifizierten. So z. B. erzählte sie, wie ihr Selbstüberdruß die erste Linderung erfuhr, als sie einmal bei einem Besuch in Malmö ein paar vorbeigehende Jünglinge flüstern hörte: »Was für ein schönes Mädchen!« Sie fühlte sich ganz schwindelig, so, als hätte die Gasse geschaukelt und die Häuser um sie getanzt. War vielleicht ihr ganzes peinvolles Gefühl, aller weiblichen Reize bar zu sein, die Folge eines der vielen Mißgriffe in ihrer Erziehung? War sie wirklich nicht anders als andere Frauen? Würde auch sie Liebe erwecken, Glück spenden können? Von dieser Stunde an war sie gleichsam in eine wärmere Zone versetzt. Sie begann etwas weniger scheu zu werden; sie wagte in ihrer verschämten Art ihren jugendlichen Sinn für Freude und Freundlichkeit zu zeigen. In dieser Zeit durchlebte sie eine erotische Erfahrung, die in Mißverstehen schloß, ohne daß eines der beiden über das Gefühl des anderen – vielleicht nicht einmal über das eigene – zu Klarheit kam. Er fuhr nach Amerika; sie glaubte – wie alle jungen Mädchen bei ihrem ersten Schritt in die Vorhöfe zu Eros' Heiligtum – die Geschichte ihrer Liebe für immer abgeschlossen zu haben. Und um so fester konzentrierte sich nun ihr Sinn auf die künstlerische Laufbahn. Aber als sie wieder zu den Eltern kam, ihnen zeigte, daß sie sich wirklich selbst die Mittel für das erste Jahr eines Aufenthalts in Stockholm verdient hatte, und die Hoffnung aussprach, daß dies sie von dem Ernst ihres Entschlusses überzeugen würde, begegnete sie ganz derselben Antwort wie das erstemal. Sollte sie also nie ein Ziel für den Arbeitsdrang, für die Tatkraft erhalten, die in ihr lebte? Ja, sie mußte sich um jeden Preis einen Lebenszweck schaffen, sie mußte die Freiheit erringen. Und beides glaubte sie zu gewinnen, als ein beharrlicher Freier ihr wieder seine Liebe und sein Heim anbot. Er war 28 Jahre älter als sie, ein Witwer mit fünf Kindern, und galt allgemein für einen ehrenhaften und tüchtigen Mann. Sein Alter und seine Erfahrung hatten sicherlich der jungen, in voller Entwicklung begriffenen Lehrerin imponiert, die sich mit wirklichem Vertrauen an ihn anschloß. Und gegen die Einwendungen der Familie – die sich gegen den Altersunterschied richteten – gab sie ihm endlich ihr Jawort. In einem Falle hatte man sie gehindert, über ihre Zukunft und ihre Entwicklung zu bestimmen; nun wollte sie selbst entscheiden. Was während der kurzen Verlobungszeit die Gedanken der Braut vor allem beschäftigte, war, daß sie jetzt von all dem Druck befreit sein sollte, den ihr eigenes Heim geübt, daß sie eine reiche Tätigkeit, ein warmes Heim haben würde; und sie war voll der innigsten Vorsätze, gut zu sein und sich nützlich zu machen. Daß die Ehe eine andere Art von Zwang mit sich bringen würde, daran dachte sie nicht, um so weniger, als sie gar keine Vorstellung von der Ehe hatte. Sie war in der gewöhnlichen, für Unschuld gehaltenen Unwissenheit über die großen natürlichen Bedingungen des Lebens erzogen worden. Und da sie über das, was nicht verfehlen konnte, ein Gegenstand ihres Nachdenkens zu werden, keine ehrliche Aufklärung erhalten konnte, hatte sie sich eine phantastische Erklärung zurechtgemacht, die der Wirklichkeit wenig entsprach. Im Herbst 1871 vermählte sich Victoria Bruzelius mit dem damaligen Bankdirektor und Postmeister Benedictson in Hörby. Ihr Seelenzustand nach der Erfahrung einer Ehe ohne volle persönliche Hingebung wird durch die Tatsache gekennzeichnet, daß ihr erster Selbstmordversuch in die ersten Jahre ihrer Ehe fiel, und auch durch ihre Äußerung, daß sie, als sie das eine der beiden Kinder begrub, die sie in ihrer Ehe geboren, keinen Schmerz fühlte – nur Erleichterung. Victoria Benedictson konnte nie ein Thema, das an das Gebiet dieser persönlichen Erfahrungen grenzte, berühren, ohne daß ihre Stimme von so tiefer Leidenschaft erfüllt wurde, daß sie beinahe erlosch; der Blick verdunkelte sich, und die Linien der Lippen wurden eisenhart. Ihr ganzes Wesen schien in solchen Momenten Haß zu sein: Haß gegen die konventionelle Prüderie, die ein Lebensschicksal wie das ihre möglich gemacht hatte, und dieser Haß fand seinen stärksten Ausdruck in »Geld«. Die Empörung, die da endlich aus Selmas erstarrtem Wesen hervorbricht, war der gesammelte Ausdruck des tiefsten Leidens der Verfasserin, war eine so starke Lebenswirklichkeit, wie sie nur je in einer Dichtung pulsiert hat. Für eine monogamische Natur – und so nannte sich Victoria Benedictson – ist es jedoch unmöglich, einen Teil ihrer Persönlichkeit gegeben zu haben, ohne zu versuchen, das Zusammenleben in Harmonie mit der Ahnung dessen zu bringen, was eine Ehe sein soll. Eine solche Bemühung ist oft bei so mancher verkehrten Verlobung, die mit der Ehe schließt, so mancher Ehe, die nicht mit der Scheidung endet, der Grund der Treue. Meistens ist es die Frau, die sich am längsten an die Möglichkeit klammert, ein Verhältnis umzugestalten, in das sie sich begeben, ohne darin eine ganze Liebe schenken oder empfangen zu können. Und auch Victoria Benedictson suchte ein reicheres Zusammenleben zustande zu bringen. Um wenigstens eine Art von gemeinsamem Interesse zu schaffen, nahm sie ihre Zuflucht zu ihrem Universalmittel, der Arbeit. Sie wurde die Helferin des Mannes in seiner Banktätigkeit, und sie gewann dadurch eine vielseitigere Menschenkenntnis und einen Einblick in praktische Verhältnisse, der später ihrer Dichtung zugute kam. Doch sonst blieb alles beim alten. Unvereinbare Gegensätze können nicht durch guten Willen verschmolzen werden. Wäre ein einziger Berührungspunkt des Verständnisses und der Sympathie vorhanden gewesen, so würden die energischen Bemühungen der Gattin das Verhältnis vielleicht doch nach und nach umgewandelt haben. So jedoch vergrößerte sich der Abstand von Jahr zu Jahr. Victoria Benedictson füllte die Leere durch Arbeit, Studien, Zerstreuungen aus – alles war besser, als Zeit zu haben, dazusitzen und über das immer aufreizendere Bewußtsein der Erniedrigung, das stets wachsende Gefühl der Empörung nachzugrübeln. Doch die besten Helfer waren die Stiefkinder. Sie war ihnen Freundin, Kameradin, Erzieherin, sie suchte das Heim für sie und ihre Freunde froh und freundlich zu machen; sie war selbst noch so jung, daß sie auch für ihre eigene Person mit Lust und Liebe an den einfachen Vergnügungen, die sie ihnen veranstalten half, teilnehmen konnte. Sie malte und zeichnete noch immer, obgleich es ihr klar zu werden anfing, daß ihre eigentliche Anlage sie nicht auf diese Richtung hinwies. Sie glaubte später doch, wie A. Ch. Leffler, daß ihre Malerei nutzbringend für ihre Dichtung gewesen, weil sie ihre Beobachtungsgabe ausbildete. Das große Landstädtchen Hörby mit mehreren Herrenhöfen in der Nähe brachte ziemlich viel gesellschaftlichen Verkehr mit sich. Wo die stattliche Frau Benedictson sich zeigte, erregte sie Respekt und Bewunderung. Sie war nicht nur in äußerlichem Sinn einen Kopf höher als die anderen, auch im inneren Sinne zwang sie die Menschen zu ihr aufzusehen, eine Situation, die bei feineren Naturen Zuneigung hervorruft, aber bei gröberen Widerwillen. Wer jedoch Victoria Benedictson bei einem oberflächlichen gesellschaftlichen Zusammentreffen als steif, stolz, kalt verurteilt hatte, wurde von der Herzensgüte ihres Wesens durchwärmt, wenn er durch irgendeinen Schmerz oder eine Freude, die sie teilen konnte, mit ihr in Berührung gebracht wurde. Klatschinteressen hingegen teilte sie niemals, und sie pflegte sich bei Gesellschaften aus dem von diesen Interessen belebten Kreis der Frauen zur Jugend hinauszuretten. Dort ließ sie sich am Klavier nieder und spielte unverdrossen Tanzmusik, zur dankbaren Freude der jungen Leute. Fröhlich saß sie dann selbst unter der Jugendschar, die sie umdrängte und um die Wette bestrebt war, ihr ihre Bewunderung und Zuneigung zu zeigen. Ihre Macht über die Jugend war grenzenlos. Ihre Stiefkinder beteten sie an und waren stolz auf sie. Sie war ein gerade durch ihre geheimnisvolle Verschlossenheit bezauberndes Wesen, das mit einem Worte lenken, mit einem Blicke Einhalt gebieten und durch eines ihrer seltenen Lobesworte oder ihre noch selteneren Liebkosungen Glückseligkeit erregen konnte. Ihr Mißfallen war vernichtend; ihre Güte rührte immer in innigerer Weise als die anderer. Nicht nur Kinder und Jugend empfanden die unwiderstehliche Anziehungskraft dieses stillen, tiefen Wesens. Die junge Gattin des gealterten Mannes war oft der Gegenstand der Huldigung anderer Männer, einer Huldigung, die wenigstens einmal auf der Grenze zu einem ernsteren Gefühl stand. Diese Freundschaft brachte einen Reichtum von Sympathie, von entwickelndem Gedankenaustausch, von Wärme in ihr Leben. Als erotische Verwicklungen drohten und sie ihren Mann um Schutz bat, ließ er sie ebenso einsam wie immer. Und diese Erfahrung erweiterte gleich einem Erdbeben die Kluft zwischen Mann und Frau. Zweites Kapitel Noch etwas anderes hatte angefangen, das Zusammenleben stark aufzuwühlen. Der dichterische Schaffensdrang war in Victoria Benedictson erwacht. Und der stieß jetzt, nur verstärkt, auf das Hindernis der Kindheit und Jugend. War sie nicht Gattin und Mutter? Durfte eine Frau um eines unweiblichen Ehrgeizes willen ihre nächsten Pflichten vernachlässigen, fragte ihr Mann. Die Schreiberei war im allgemeinen für eine Frau unpassend, und sie war der Frau, die den Beruf einer Gattin hatte, unwürdig. Sie sollte nicht nach den Auszeichnungen eines Blaustrumpfs trachten. Sie würde vielleicht außerdem eine verunglückte Schriftstellerin werden, die nur ihren Mann lächerlich und das Haus unbehaglich machte, ohne doch einen einzigen literarischen Erfolg zu erringen. Und so kämpfte sie zum zweitenmale ihren Freiheitskampf, einen härteren Kampf als den ersten, aber einen schließlich siegreichen. Die künstlerische Persönlichkeit hatte jetzt ihr richtiges Ausdrucksmittel gefunden, und damit auch neue Kräfte zur Selbstbehauptung.   In demselben niedrigen, damals strohgedeckten einstöckigen Hause, in dem die Familie Benedictson wohnte, befand sich außer dem Postamt des Mannes auch ein kleiner, von den weiblichen Mitgliedern der Familie verwalteter Buchladen; vor allem war die Hausfrau eine eifrige Leiterin, denn was Victoria Benedictson selbst im Laufe des Jahres an solchen Büchern beziehen durfte, für die es in dem Landstädtchen nur eine einzige Käuferin – sie selbst – gab, hing davon ab, wie groß die Prozente von den verkauften Kalendern, Katechismen und anderer in der Provinz gangbaren literarischen Ware waren. In diesem ländlichen Diminutivum einer Buchhandlung stand an dem einen Fenster ein Tisch, und hier war der Lieblingsplatz der jungen Frau Postmeisterin. Hier fühlte sie sich als Herrscherin über all die Bücherschätze, hier wurde jedes neuangelangte Buchpaket begierig geöffnet – es konnte schon damals passieren, daß eines oder das andere wertvolle Buch mitgekommen war. Zum letzten, doch nicht zum geringsten: hier konnte sie sich in ungestörter Ruhe den sprachlichen und literarischen Vorstudien widmen, die dann ihr – der Autodidaktin – Auftreten in der Literatur ermöglichten. Alle ersten belletristischen Arbeiten Victoria Benedictsons sind dort drinnen im Buchladen entstanden. Dort sind die meisten der Erzählungen von »Aus Schoonen« und der größte Teil von »Geld« geschrieben; da sind die ersten heftigen Kämpfe zwischen Gedanken und sprachlichem Ausdruck ausgefochten; da sind unter gespannter geistiger Anstrengung eine unglaubliche Menge jener Erstlingsversuche geboren worden, die das Maß ihrer Selbstkritik nicht erreichten und darum nie veröffentlicht wurden, oder die in der Unsicherheit der literarischen Gärungszeit aufs Geratewohl in die Welt geschleudert worden waren, um von einem unbekannten, strengen Richter verworfen zu werden. Hartnäckiger Mißerfolg begegnete der beginnenden schriftstellerischen Tätigkeit Victoria Benedictsons. Er hat sicherlich in ihrer Entwicklung tiefe Spuren hinterlassen. Die Künstlersehnsucht, die sich in den Jahren, wo sie vom Kinde zum Weibe heranwuchs, noch halb schlaftrunken gereckt hatte und damals durch den Machtspruch des Vaters erstickt wurde, kam jetzt wieder, nur stärker, intensiver und bewußter. Auch jetzt stieß sie auf Widerstand von außen, aber ebensowenig wie früher war ihr Mut durch Widerstand zu brechen. Es war eine Zeit der fehlgeschlagenen Hoffnungen, aber auch eine Zeit der energischen Willenserziehung und der harten Arbeit, und in diesen Jahren der Mißerfolge reifte Victoria Benedictsons dichterische Anlage durch Arbeit, Seelenkampf und Leiden. In diesem Lebensabschnitt trat auch die Krankheit ein, die für Victoria Benedictsons Zukunft von so durchgreifender Bedeutung werden sollte. Eine Knieverletzung, wie sie glaubte, durch einen Stoß verursacht, entwickelte sich im Frühjahr 1881 zu einem gefährlichen Leiden, das sie zwei Jahre ans Krankenbett fesselte. Sie ertrug in diesen Jahren mehr physische Qualen, als die meisten anderen in ihrem ganzen Leben durchmachen. Einmal ums andere mußte sie sich den schmerzhaftesten Operationen unterziehen; der Arzt riet Narkose an, aber sie wollte – infolge einer gewissen Idiosynkrasie gegen künstliche Betäubungsmittel – nie einwilligen; und während das Messer seine Arbeit verrichtete, lag sie still mit zusammengebissenen Zähnen, ohne eine Klage. Einmal ums andere brachte sie das Fieber an den Rand des Grabes, doch sie bewahrte vor dem großen Mysterium dieselbe Ruhe, die dann, in der langen Genesungszeit, ihrem Gemüt jenen Grundton der Ergebung und des Gleichmuts verlieh. Die Nähe des Todes ließ sie das Leben wärmer lieben als zuvor. Axel Lundegård hat ihre Stimmung in der Skizze »Glück« geschildert. Da liegt eine todkranke Frau in ihrem Bette und sieht durch das Fenster hinaus in den alten halb verwilderten Garten dort draußen; und in diesen müden Augen spiegelt sich die Natur mit einem Glanz wie nie zuvor. Jeden Sonnenstrahl, jedes Farbenspiel, jede wohlbekannte Kontur in diesem Garten, der viele Jahre hindurch der Horizont ihres Lebens gewesen, schlürft sie jetzt mit einer so tiefen Empfindung für die Lieblichkeit der Natur ein, wie sie sie nie zuvor erfahren. In dieser Empfindung ist nur ein kleiner Schimmer der Wehmut der Vergänglichkeit; die einzige leise Disharmonie in ihrem Seligkeitsgefühl ist der Gedanke daran, daß die Schönheit dieser Natur mit ihr selbst sterben soll, denn kein anderer wird sie so tief, so befreiend fühlen können, wie sie, die Sterbende. Aber in ihren vom Leiden gefurchten Zügen liegt doch ein Schimmer von stillem Glück. Sie hat die Rechnung mit dem Dasein abgeschlossen; die Krankheit hat ihr das gegeben, wonach sie dürstete, die Freiheit, und nun kommt der Tod zur rechten Zeit als Abschluß eines verfehlten Lebens. Sie träumte, sie auch, einmal von einem Lebenswerk, von etwas, wofür sie leben, oder doch wenigstens wofür sie sterben konnte, aber sie fand weder das eine noch das andere, und sie konnte es nie finden; sie war ja eine Frau.   Jedoch nicht den Tod sollte Victoria Benedictson die Krankheit bringen. Sie entwickelte zwischen ihr und ihrer jüngsten Stieftochter, die ihre Krankenpflegerin war, ein persönliches Zärtlichkeitsverhältnis, ein Verhältnis, das dann die Leere im Leben der Stiefmutter teilweise ausfüllte. Die Krankheit war es vor allem auch, die ihre dichterische Veranlagung reifen ließ; die Krankheit gab ihrer Dichtung den tiefen Unterton des Leidens. Nun erwachte die Schaffenskraft wie nie zuvor, mit einem Reichtum von neuen Stoffen, ausdrucksvollen Szenen, Bildern, die ungesucht Form und Farbe annahmen. Dies war der Frühlingsanbruch des Seelenlebens; von dieser Zeit an war sie eine Dichterin. Sie arbeitete während der Krankheit gerade so, wie sie später bewußt weiterarbeitete: in sich veranschaulichte sie sich ihre Persönlichkeiten, sprach mit ihnen, versetzte sie in alle möglichen Situationen – um sie bis auf den Grund kennen zu lernen –, malte sich Episode für Episode aus, knüpfte Replik an Replik, konzentrierte die Schilderung, so daß sie das Charakteristischste herausbekam – bevor sie noch die Feder eintauchte, um den Stoff auszuarbeiten. So war z. B. »Geld« in allem wesentlichen während ihrer Krankheit fertiggeworden, obgleich es erst später niedergeschrieben wurde. Erst nachdem die Krankheit ihr die Ruhe verschafft hatte, ihre eigentümliche, äußerst langsame Arbeitsmethode zu finden und zu entwickeln – deren sichtbare Resultate zuweilen nur fünf bis sechs Zeilen am Tage sein konnten –; nachdem diese Krankheit der Dichterbegabung selbst eine von persönlichen Konflikten ungestörte Zeit zum Reifen gegeben, erst dann wurde Victoria Benedictson Ernst Ahlgren, die schriftstellerische Persönlichkeit mit der stark ausgeprägten Eigenart. Dieser Name wurde späterhin ihr selbst und ihren Freunden die liebste Benennung; und nur für fremde Menschen war sie Frau Victoria Benedictson. Dieser Name bezeichnete für sie die Spießbürgerlichkeit und Kleinlichkeit; Ernst Ahlgren hingegen war die Freiheit, der weite geistige Horizont, der Dichterberuf. Im Jahre 1883 kehrte sie als Rekonvalescentin nach Hause zurück, doch mit einer in vieler Beziehung gebrochenen Gesundheit und an jene Krücken gefesselt, die sie nur in den letzten Jahren für kürzere Zeiten entbehren konnte. Sie hatte jetzt ihre ganze Kraft zu einer Entscheidung über ihre persönliche Stellung in der Familie gesammelt. Sie verlangte das Recht, unter dem Dach des Mannes zu leben, ohne seine Gattin zu sein, eine selbständige Tätigkeit, aber mit der Verpflichtung, ihre persönlichen Ausgaben selbst zu bestreiten. Eine öffentliche Scheidung wünschte, der Kinder wegen, keines von ihnen, und das Ehepaar blieb daher bei diesem privaten Übereinkommen.   Im Mai 1881 hatte Hörby einen neuen Pfarrer bekommen, der wie so mancher andere in diesen Zeiten den Geist der Verneinung in seinem eigenen Fleisch und Blut verkörpert sah. Zu Ernst Ahlgrens Krankenbett drang das Gerücht von dem ältesten Sohn des Pfarrers Lundegård, einem jungen Studenten, der rücksichtslos gegen alle Provinzstädtchenetikette war, aufrührisch gegen alle überkommenen Ansichten. Er seinerseits hörte von der kranken Postmeistersfrau sprechen, von deren literarischen Interessen damals wohl noch niemand sprach, wohl aber von ihrer Malerei. Eine persönliche Bekanntschaft wurde eigentlich erst im Frühling 1884 angebahnt, als Axel Lundegård – der nach einem Bruch mit seinem Vater versuchte, sich in Stockholm auf eigene Hand durch literarische Arbeit durchzuschlagen – von Ernst Ahlgren einen Brief erhielt, der mit dem Worte: Kamerad! anfing und in dem sie ihr Interesse für sein Streben aussprach, mit dem sie sympathisieren konnte, nachdem sie selbst »acht Jahre unter fünf verschiedenen Pseudonymen in fünf verschiedenen Zeitungen« gegen literarische Widerwärtigkeiten angekämpft hatte. Sie fährt fort: »Ich weiß, daß unsere Ansichten in vielen Fällen dieselben sind, und daß wir beide, wenigstens teilweise für dieselbe Sache kämpfen werden, denn Sie sind ja ›einer der Unsrigen‹ – des verketzerten ›Jungschwedens‹. Aber wenn dies auch nicht der Fall wäre, so würde mich das nicht hindern, Ihnen diesen kameradschaftlichen Handschlag anzubieten, denn Zunftgeist ist mir das Aller verhaßteste. Ehrlichkeit , das ist die Hauptsache! Eine ruhige, besonnene Ehrlichkeit und ein unermüdliches Streben nach Wahrheit, das müssen wir vor Augen haben. Es ist gar schwer, seinem eigenen Selbst nicht untreu zu werden, aber darauf muß alle Selbsterziehung hinzielen.« Dieser erste Brief zeigt schon die Art des Freundschaftsverhältnisses, das – nachdem Axel Lundegård Waffenstillstand mit seinem Vater geschlossen hatte und wieder Hörby besuchte – im Sommer 1884 begann und die kleine Buchhandlung zum Schauplatz hatte. Jetzt kam Ernst Ahlgren zum ersten Male in lebendige Berührung mit den Gedanken der neuen Zeit, äußerst radikal in jeder Hinsicht, so wie sie sich in der Seele eines Jünglings gestalten. Nun fand sie einen Ausdruck für die Opposition gegen allen Konventionalismus, alle Heuchelei im Zusammenleben der Menschen, die sie selbst empfunden, aber gegen die so loszustürmen sie sich nie hatte träumen lassen; jetzt wurde sie von gewissen weiblichen Vorurteilen befreit, durch die rückhaltlosen Aussprüche eines jungen Mannes darüber, wie das Leben sich dort draußen unter den Männern ausnahm. Zugleich fand sie diese männliche Individualität sympathisch genug, um ihm ihre weiblichen Anschauungen ohne Scheu entwickeln zu können. Jeder fand in dem anderen eine verwandte Natur, die in vieler Hinsicht dasselbe liebte, dasselbe haßte und vor allem dasselbe hoffte: eine Zukunft als Dichter. Wie wesentlich für ihre Entwicklung ihr diese Freundschaft erschien, geht aus dem folgenden hervor: »Ein einsamer Mann oder eine einsame Frau entwickelt sich immer einseitig. Es ist nun einmal so, daß die zwei in irgendeinem Verhältnis zueinander stehen müssen, ich meine, einem Verhältnis der Seelen, wenn die Entwicklung so reich werden soll, als die Möglichkeiten des Individuums es gestatten. Das ist meine bestimmte Überzeugung, ja mehr als das, meine ganze Lebenserfahrung. Darum ist es auch mein geheimes Steckenpferd. Ein Mann, der nie gefühlt hat, daß er einem weiblichen Wesen wirklich nahe steht: einer Mutter, Schwester, Gattin, Tochter, Freundin, Geliebten, was es nun sein mag, ich meine, ihr in dieser Weise nahe gestanden hat, daß sie wirkliches, ruhiges, wahres Vertrauen zueinander hatten, ein solcher Mann wird sich nie so harmonisch entwickeln, als er es sonst gekonnt hätte; es gibt feine Schattierungen in seinem Seelenleben, die nie hervorkommen. Und so ist es auch mit uns Frauen, ja vielleicht in noch höherem Grad; denn unsere Erziehung ist von Anfang an darauf angelegt, uns einseitig und beschränkt zu machen. Ich kenne alte Fräuleins, ja ich kenne sogar Frauen mittleren Alters, die immer nur Freundinnen hatten, die ebenso einseitig waren wie sie selbst. Was sind das doch für wunderliche Geschöpfe! Verschrumpft und hartherzig in ihrem Urteil, mit einer eigentümlichen Trockenheit der Seele behaftet. Sie kommen mir immer wie halbe Menschen vor. Es ist nichts Ganzes und Vollständiges in ihnen. Solche Menschen kann ich ihrer guten Eigenschaften wegen schätzen, aber ich kann ihnen nicht gut sein, und nie in alle Ewigkeit kann ich mich ihnen gegenüber anders als fremd fühlen.« Daß sie beide um diese Zeit einen solchen Freund brauchten, mit dem sie Arbeitspläne, Ideen, Bücher, Lebenserfahrungen auf ganz kameradschaftlichem Fuß besprechen konnten, hatte zur Folge, daß der Briefwechsel einige Jahre hindurch auf beiden Seiten gleich eifrig fortgesetzt wurde. Dieser Briefwechsel birgt nicht nur rückhaltlose Mitteilungen über die Entwicklung und die Lebenserfahrungen dieser beiden: er ist ein Teil dieser Entwicklungsgeschichte. Ernst Ahlgren zählte allerdings zehn Jahre mehr als ihr Freund und fühlte sich überdies durch Krankheit und Leiden älter als sie war. Aber sie gestand, daß sie dessen ungeachtet manches von dem jüngeren Freunde zu lernen hatte, so wie dieser in anderer Hinsicht von ihr lernen konnte. Schon ihr zweiter Brief, der die Antwort auf ein sehr mutloses Schreiben von Axel Lundegård ist, zeigt, in welcher Richtung ihr Einfluß sich geltend machte. Sie schreibt da unter anderem: »Das Schicksal ganz und gar zu bezwingen, steht nicht in menschlicher Gewalt, aber gerade ein Stückchen Terrain gewinnen zu können, betrachte ich als einen Sieg, wenn auch neue Kämpfe harren, ja sogar eine Niederlage. Kann man leugnen, daß Austerlitz ein Sieg war, obgleich Waterloo nachfolgte?« Und sie fährt fort, als Antwort auf die Erinnerung des Freundes an das Ibsensche Wort, daß der Einsame der Stärkste ist, daß auch sie diesen Gedanken verstehe, daß sie wohl das Bedürfnis nach Zusammenwirken fühle, aber nicht in der Art, daß die literarische Linke »eine kompakte Partei bilden solle und das Individuum verpflichtet wäre, das Programm der ganzen Partei zu akzeptieren. Umgekehrt: wir sollen gerade das Recht und die Pflicht des Individuums, es selbst zu sein, verfechten. Dies ist wenigstens für mich das Alpha und Omega.« In ihrem ersten Briefe hatte sie den jungen Schriftsteller ermahnt, sich eine feste ökonomische Stellung zu verschaffen, »denn bei schwedischen Schriftstellerhonoraren muß man oft seine Überzeugung preisgeben, wenn man nicht verhungern will.« Er antwortete: »Um sich Brot zu verschaffen, ist es in den meisten Fällen nötig, zu heucheln oder seine eigene Überzeugung zu ersticken. Ich würde das tun, wenn ich das Leben eines solchen Opfers wert hielte, aber das finde ich nicht.« Und mit Bezug auf diese bitteren Worte schreibt sie: »Ich weiß nicht, was ich darum gäbe, Dir darin widersprechen zu können. Aber ich kann nicht – ich kann nicht. Es ist so, daß man sich selbst zerreißen könnte, wenn man nur daran denkt, wie auch der Wahrheitsliebendste manchmal dazu getrieben wird zu heucheln. Aber sollen wir darum alles aufgeben? Nein, tausendmal nein! Ich will es wenigstens nicht, nicht so lange ich noch ein bißchen Kraft übrig habe. Und Du – Du Junger, Freier, Starker – Du solltest zu Kreuze kriechen, wie ein artiges, gezüchtigtes Kind, Dich hinlegen und von allem wegsterben, weil das Leben es nicht wert ist? Aber wenn Du das tust, dann kenne ich Dich nicht, dann verstehe ich Dich auch nicht, und dann weißt Du nicht, was Ibsen mit der »Arbeitsfreude« meint. Ich gehöre gewiß nicht zu jenen, die meinen, man müsse lieber das elendeste Leben weiterschleppen, als ihm ein rasches Ende machen; aber das bei der geringsten Widerwärtigkeit zu tun, ist jämmerlich. Du müßtest fragen, was mich ans Leben fesselt. Ich glaube, es ist die Indignation; wenigstens ist es weder Furcht vor dem Tode, noch Liebe zu meinem eigenen Dasein. – – – – – – – – – – – – – Hast Du nie den schwarzen Trotz gefühlt, der die Hände ballt und sagt: ich kann alles, ich kann mich sogar zur Erde hinab beugen, nur um der Freude willen, mich aufrichten zu können, wenn man es am wenigsten erwartet? Fühlst Du nicht, wie gerade unsere Erbitterung uns zwingt, in den Gang der Ereignisse einzugreifen, wenn die Gelegenheit zur Hand liegt? Siehst Du nicht, daß wir uns das elende Geld erkämpfen müssen, weil es uns Macht gibt und weil Macht Freiheit schenken kann? Und empfindest Du niemals den Einfluß der Naturmächte, die die Griechen Dämonen benannten? Ich meine, diese geheimnisvollen Verwandtschaftsverhältnisse, die zwischen unserem eigenen Wesen und der Arbeit bestehen, die wir auszuführen haben, und die uns ihr mit der Kraft der Naturnotwendigkeit entgegentreiben. An sich ist diese Kraft weder gut noch böse, aber unsere besten Handlungen und unsere schlimmsten fließen aus dieser selben Quelle. Siehst Du nicht ein, daß man zuzeiten um seiner Überzeugung willen die Zähne zusammenbeißen kann, gerade weil man sie einmal so hinausrufen will, daß sie gehört werden muß? Kannst Du es verwinden, daß jemand von Dir sagte, Du taugtest zu nichts, und ihm dennoch nicht zeigen, daß er damals ein Lügner war? Wenn in einem nicht der Stoff zu Gutem sowie zu Bösem liegt, dann taugt man wahrlich nicht für diese Welt; es bedarf einer gewissen Bosheit, um den Kampf mit dem Leben recht aufzunehmen. Und dann – schließlich – hast Du nie eine so schreiende Ungerechtigkeit gesehen, daß Du weder Rast noch Ruhe fandest, bis sie geahndet war?« Dieser Brief ist ein charakteristischer Ausdruck für Ernst Ahlgrens Seelenleben in der Zeit, in der ihre schriftstellerische Laufbahn beginnt, und gleichzeitig auch für die ethische und literarische Wechselwirkung, die zwischen den beiden Freunden vor sich ging. Sie hat selbst gesagt, daß sie niemals Männer in jener lebenswirklichen Art hätte schildern können, die ihre Arbeiten von denen der meisten Schriftstellerinnen so wesentlich unterscheidet, wenn ihr das Leben nicht außer der vielseitigen Kenntnis verschiedener Männercharaktere die Möglichkeit der Zusammenarbeit mit einer männlichen Intelligenz auf der Grundlage vollkommener Gleichheit gegeben hätte. Dieser Kamerad hatte ihr gegenüber weder männliche Arroganz noch männliche Galanterie gezeigt, und dies flößte ihr von Anfang an jenes große Gefühl der Sicherheit ein, das sie wagen ließ, sie selbst zu sein. Er war ebenso streng ehrlich in seiner einsichtsvollen Kritik wie freigebig mit seiner Aufmunterung, und sie fühlte, daß ihr beides not tat, aber vor allem Aufmunterung, um ihr von den vielen Mißerfolgen geschwächtes Selbstvertrauen zu stärken. Ruhig und frei fuhren sie fort, die Fragen der Zeit, die Bedingungen der Arbeit, die Aufgaben der Ausdrucksmittel der Dichtung zu erörtern. Und sowohl die Art dieser Zusammenarbeit wie des persönlichen Verhältnisses zwischen Ernst Ahlgren und Axel Lundegård – ein Verhältnis, das so ungewöhnlich war, daß es Mißdeutungen nicht entgehen konnte – ist durch das von Lebenswirklichkeit strotzende Werk »Die Mutter« ausgedrückt. Diese starke Wechselwirkung hätte möglicherweise bei anderen Naturen für die Freiheit beider hemmend werden oder das geistige Wachstum eines der beiden verkrüppeln können. Aber in diesem Falle kam der glückliche Umstand dazu, daß eines jeden Natur gerade das verlangte, was die des andern zu geben hatte, und daß beider Entwicklung so parallel lief, daß keiner um des andern willen den Schritt beschleunigen oder hemmen mußte; ja, sogar wenn jeder für sich ein Stück Weges zurückgelegt hatte, trafen sich beide doch später auf demselben Punkt. Und diese seltene Gleichheit und Gemeinsamkeit der Entwicklung, diese nie versagende Erfahrung eines schließlichen vollen Verstehens – trotz des einen oder anderen Konflikts oder Meinungsunterschiedes, wie er bei ausgeprägten Individualitäten nicht zu vermeiden ist – nährte das Gefühl geistiger Verwandtschaft, das beide immer fester aneinander knüpfte. Diese Freundschaft fand ihr schönes Denkmal in »Die Mutter« und eine Fortdauer auch nach dem Tode in Ernst Ahlgrens literarischem Testament an Axel Lundegård. Diese Hinterlassenschaft des Kostbarsten, das ein Mensch dem andern geben kann – seine Gedanken zu deuten, seine Arbeiten auszuführen, sein Lebenswerk zu vollenden – wurde in dem großen Vertrauen zu des Empfängers Willen und Fähigkeit, die Aufgabe würdig zu lösen, gegeben. Oftmals, besonders gegen das Ende zu, sprach Ernst Ahlgren ihre Freude darüber aus, daß dieses Lebensverhältnis wenigstens das geworden, was es sein sollte, das gegeben, was es geben konnte. Es hatte keinen tragischen Konflikt, keinen unlösbaren Widerspruch geborgen, sondern von Anfang bis zu Ende die Färbung bewahrt, die sie in ihrem ersten Brief durch das Anredewort Kamerad angab – die Anrede, die auch ihren letzten Brief an den Freund einleitet, der in vollem Verständnis ihre Arbeitsfreude auf dem Erntefeld geteilt, auf dem sie ihn nun allein zurückließ. Keiner hatte für den andern je der erste und einzige sein wollen. Vielleicht war es gerade dadurch möglich, daß sie einander so viel wurden?   Die Zeit von 1883-1886 war Ernst Ahlgrens glücklichste Arbeitszeit. Im Frühling 1884 kam »Aus Schoonen« heraus und spannte die Erwartungen in bezug auf das nächste Buch der Verfasserin sehr hoch. Und dieses war »Geld« (1885) – von vielen noch als Ernst Ahlgrens bestes Werk betrachtet – das mit einem Schlage ihre Popularität begründete. Der Erfolg war um so echter, als er im wesentlichen von der Kritik unbeeinflußt war; das Publikum nahm sich – sowie später bei »Frau Marianne« – die Freiheit, enthusiastisch zu sein, bevor noch ein angesehener Kritiker die Erlaubnis dazu gegeben. Und leider ist das Lesepublikum nicht oft so wagemutig. Drittes Kapitel Es war ein Gesellschaftsabend in Neu-Idun im Herbst 1885. Ein lebhaftes Gespräch war in vollem Gang, als sich unter all den wohlbekannten Gesichtern eine hohe, schwarzgekleidete Gestalt zeigte, eine Gestalt, um die das Gemurmel mit einem Male gedämpft wurde. Wer war diese Fremde? Ein edler Kopf, klein, feingeformt wie der einer antiken Statue – wie schön saß er auf der schlanken, gutgewachsenen Gestalt. Das dunkle Haar war zu einem einfachen, griechischen Knoten aufgenommen. Die starken, wie mit Kohle gezeichneten Brauen, die offene, intelligente Stirn, die kräftig geformte Nase, der Mund mit den lieblichen und zugleich energischen Linien – all dies verriet Mut und Lebenskraft. Aber eine tiefe Furche war zwischen die einander naheliegenden Augenbrauen gegraben; sie mußten sich oft in Schmerz zusammengezogen haben; feine Falten, so wie sie nur jahrelanges Leiden zeichnet, zeigten sich um den Mund; und Melancholie lag auf dem Grunde dieser beobachtenden, stahlblauen Augen. So müßte die tragische Muse dargestellt werden oder Elektra – ein Lächeln lockte gerade da einen so schönen Ausdruck auf die strengen Züge, daß man gleich hinzufügte: »oder Antigone.« »Frau Victoria Benedictson, das heißt, Ernst Ahlgren!« Sah sie so aus, die Postmeistersfrau aus dem schoonischen Kleinstädtchen, sie, die sich hinter dem männlichen Pseudonym verbergen sollte? Dann mußte ihre eigene Leidensgeschichte noch ergreifender sein als irgendeine der Leidensgeschichten, die sie geschildert. Etwas von dieser ihrer eigenen Geschichte erfuhr man gleich, als sie die neben ihr lehnenden Krücken ergriff und sich zu einem Sofa begab. Und doch geschah das mit so elastischer Anmut, daß man kaum bemerken konnte, daß der Weg mit Hilfe der damals unentbehrlichen Stützen zurückgelegt wurde. Freiheit und Kraft war in so hohem Grade der Gesamteindruck, den Ernst Ahlgren mitteilte, daß die Krücken nie zu ihr zu gehören schienen, sondern jedesmal gleichsam nur zufällig gebraucht wurden. Ein andrer disharmonischer Zufall schien es auch, daß dieses Wesen aus der Antike in breitem schoonischen Dialekt sprach. Doch nachdem man es gelernt, den gebrochenen Klang der Stimme zu deuten, nachdem man vernommen, wie das Herzklopfen bei der geringsten Bewegung diese Stimme erzittern ließ, da wurde der schoonische Dialekt gleichsam zur Linderung: er gab dieser empfindsamen Scheu wenigstens eine Maske der Alltagsruhe und Zuversicht. Das einfache und stilvolle Kleid, das sie trug, war ein Trauerkleid. Etwas anderes zu tragen, war ihr in den letzten Jahren eine wahre Selbstüberwindung, so stark war damals ihr Bedürfnis, auch durch das Äußere ihr Inneres auszudrücken. Wer sich in einer Gesellschaft Ernst Ahlgren in der Hoffnung auf ein Gespräch näherte, wurde enttäuscht. Niemand schwieg bei größeren Zusammenkünften unerschütterlicher als sie; und auch bei kleineren mischte sich ihre Stimme nur selten in ein lebhaftes Gespräch. Nur unter vier Augen war sie imstande, sich reich mitzuteilen. Aber wie verstand sie es dafür zu lauschen! Mit welch klugem Blick folgte sie der Wechselrede; mit welch blitzschnell verstehendem Lächeln begegnete sie einem echten Gefühl, einem eigenartigen Gedanken; wie dankbar und wie leicht war es, das halblaute, aber kindlich perlende Lachen hervorzulocken, das so rührend war, weil es all die unterdrückten Freudequellen verriet, die auf dem Grunde ihres Gemüts verborgen lagen. Ernst Ahlgren besaß eine seltene Gabe, einen Kreis um sich zu versammeln. Als sie sich in Stockholm ein kleines Heim für längeren Aufenthalt eingerichtet hatte, war es nur selten leer in ihren zwei kleinen Zimmern, wo die Einfachheit ein solches Gepräge ruhiger Vornehmheit und warmer Gemütlichkeit durch die Hausfrau selbst erhielt, die oft auf einer Chaiselongue halb ausgestreckt lag – die für ihr krankes Knie linderndste Stellung – während irgendeine kleine Gruppe oft sehr verschiedener Personen um sie plauderte. Sie machte keinen Versuch, Salon zu halten oder zu geistigen Turnieren anzuspornen, um selbst als Preisrichterin aufzutreten. Sie belebte den Kreis nur, weil sie selbst so ganz mit darin war; weil sie ein so echtes Interesse für die Persönlichkeit eines jeden hatte, daß sie Mitteilungen hervorlockte, durch die das Beste in jedem Charakter ungezwungen zum Ausdruck kam. Sie besaß eine so geschmeidige Sympathie, eine solche Freiheit von liberalen oder konservativen Vorurteilen und Dogmen, daß weitgetrennte Ansichten bei ihr wohlwollende Aufnahme fanden. Aber wer sich dadurch verleiten ließ, an volle Gesinnungsverwandtschaft zwischen sich und ihr zu glauben, trug selbst die Schuld. Denn Ernst Ahlgren kämpfte fanatisch dafür, nie zu irgendeiner Partei gezählt zu werden; Freiheit war ihr Lebensbedingung, und sie suchte ihren Freunden stets klar zu machen, in welchem Grade sie ein Mensch des augenblicklichen Eindrucks war, wie ganz sie in dem Gegenwärtigen aufging, welches Vermögen sie hatte, das Wesentliche jedes Gedankengangs aufzunehmen, der ihr den Eindruck einer echten Überzeugung machte. Daß es den Menschen so schwer fiel, dies von ihr zu glauben, beruhte hauptsächlich auf ihrem äußeren Wesen, das die feurige, impulsive Künstlernatur unter ruhiger, kühler Selbstbeherrschung verbarg, sie so gut verbarg, daß man nicht leicht ahnte, daß unter dieser äußeren Erscheinung – die so augenscheinlich einer ungewöhnlich gesammelten, in sich einigen Persönlichkeit, einem unbestechlichen und unerschütterlich überzeugten Prinzipienmenschen anzugehören schien – eine unermeßliche Tiefe unmittelbarer Leidenschaft mit stündlich wechselnden, aber immer intensiven Stimmungen wogte. Sie charakterisiert sich selbst mit großer Klarheit in folgendem Brief: »Ich sage jetzt und ein für allemal, daß ich zu ausschließlich Künstlerin bin, um »Fragen« theoretisch nehmen zu können. Für mich wird alles relativ, ich betrachte jede Theorie von verschiedenen Seiten, aber immer in einem bestimmten Verhältnis zu dem oder dem Individuum oder einer so und so beschaffenen Situation. Wollte ich als Moralphilosophin auftreten, dann wäre das ein furchtbarer Mangel an mir, aber meine Aufgabe ist es nicht, meiner Zeit zu predigen, sondern sie abzubilden. Ich habe die leidenschaftlichste Liebe zu Fleisch und Blut. Was soll ich mit Dogmen! Meine Sympathie für alles, was menschlich ist, verleitet mich so leicht, mit den Augen des Menschen zu sehen, mit dem ich spreche, ich gerate in seinen Gedankengang, natürlich am allermeisten, wenn es ein Mensch ist, den ich lieb habe. Das ist nicht Falschheit gegen die Abwesenden. Es ist auch nicht so recht Unselbständigkeit, denn ich kann ja manchmal einsam einer Übermacht gegenüberstehen, das habe ich ja bis in die letzten Jahre getan; aber da handelt es sich nicht um allgemeine Sätze, da handelt es sich um Taten, es handelt sich um das lebendige Leben. Ich will auch nicht nach gewissen Menschenformen gegossen sein; ich bin so ganz davon ausgefüllt, die lebenden Menschen, jeden für sich, als Individuum zu studieren, ich schreibe nicht für eine Tendenz, ich kann meine ethischen Prinzipien nicht als System aufstellen, ich will es nicht, es kommt mir nicht zu; will man ein solches System aus meinen Äußerungen, so wie sie flüchtig gesprächsweise auftauchen können (und ich spreche nie so leicht wie brieflich), destillieren, so wird das System keinen Pfifferling wert sein. Ich habe ja Meinungen und Grundsätze, aber die sind gewissermaßen für den Privatgebrauch. Ich handle danach und nach meiner Natur, aber ich fühle durchaus nicht das lebhafte Verlangen, sie anderen einzuimpfen. Alles andere wird von meinem Durst verschlungen, die Persönlichkeit, mit der ich spreche, fassen zu können. Ich will etwas herausholen und nicht geben. Meine Natur ist so beschaffen. Ich brauche Stoff, Stoff, Stoff! Ich brauche Mannigfaltigkeit, Schattierungen, Leben. Sowie es gilt, für oder gegen eine abstrakte Idee zu kämpfen, bin ich vollkommen wertlos. Als Parteimensch bin ich untauglich. Ich finde, daß beinahe jeder Mensch, von seinem Gesichtspunkt betrachtet, recht hat, und so werde ich mitgerissen, und sehe die Sache solange ich in dem Gedankengang dieses Menschen bin, aus diesem Gesichtspunkt an. Das ist nicht Wankelmut. Wenn es sich darum handelt, für meine eigene Rechnung einen Entschluß zu fassen, so sehe ich auch mit meinen eigenen Augen.« Besonders bedeutungsvoll ist ihre Parteilosigkeit in der Frage des Verhältnisses zwischen den Geschlechtern – einer Frage, die in ihren letzten Lebensjahren einen so hervorragenden Platz in der öffentlichen Diskussion einnahm und in der man glaubte, daß Ernst Ahlgren einen äußerst radikalen Standpunkt hätte. Sie schreibt über diesen Gegenstand: »Es interessiert mich ungeheuer, beide Teile zu hören, aber glauben, daß es ein absolut Rechtes gibt, das in allen Lagen und auf alle Individuen angewendet werden kann, wenn es sich um die Geschlechtsfrage handelt ... nein, das kann ich nicht. Wenn man mich totschlagen wollte, könnte ich nicht sagen, zu welchem »Lager« ich gehöre. Ich lebe wie eine Asketin, und ich verabscheue Unsittlichkeit. Jawohl. Aber ich glaube nicht, daß jeder Mann, der zu einem käuflichen Weibe gegangen ist, ein liederlicher Gesell sein muß, und ich weiß, daß so mancher, der nur mit seiner Frau lebt, einer sein kann. In solchen Dingen kann ich anders sehen als die meisten Frauen. – – Die sind beinahe immer so einseitig, dogmatisch, konventionell.« – – Ihre relative Auffassung aller Fragen machte sie jeder theoretischen Aussprache, sei es in der Form der Zustimmung oder des Protestes, äußerst abgeneigt Sie motiviert ihre Abneigung folgendermaßen: »Über meine Handlungen bin ich Herr, kälter Herr als die meisten Menschen, aber mein Sinn wechselt wie Wind und Wellen, ich kann nicht wie ein Wegweiser immer gleich dastehen, den anderen die Richtung zeigend. Ich habe zuviel von der gesetzlosen Natur meines Vaters in den Adern. Das macht mich vielleicht zur Schriftstellerin. (Ich meine, Darstellerin des Lebens, nicht Predigerin.) Den meisten Menschen fehlt die Fähigkeit, etwas zu erleben, ich meine, mit solcher Intensität zu erleben, daß das Erlebte die Lebenskraft hat, sich zu selbständigen Bildern weiterzuentwickeln. Ich habe diese Intensität. Und dann bin ich nicht feig; ich habe keine Angst vor dem Ungewöhnlichen, es lockt mich. Ich meine, bei andern. Selbst tue ich, was ich kann, um wie eine aus dem Dutzend zu werden.«   Während dieses selben Stockholmer Aufenthalts, wo sie so gierig wie eine lange dürstende Erde das Wasser aufsaugt, neue Eindrücke zu trinken schien, und zwar mit einer so frischen Teilnahme an den Interessen anderer, daß man ihre persönliche Geschichte für immer abgeschlossen und sie selbst für die Zukunft ganz ihrer Dichtung hingegeben glaubte – damals kämpfte sie schon bewußt gegen die Versuchung zum Selbstmord an. Sie war in der Krankheit der Freiheit durch den Tod so nahe gewesen, daß die Freiheitssehnsucht noch immer um die Todesgedanken kreiste. Eben der Eifer, mit dem sie in Stockholm Verbindungen mit Menschen anknüpfte, Bekanntschaften suchte, sich Eindrücken hingab, war – wie stets bei ihr – der Versuch, sich aus vielen feinen Fäden hier im Leben ein Nest zu bauen. Sie wollte kein »windgejagter Sturmvogel« bleiben, sie wollte das Gefühl der Leere überwinden, das sie als tödlich empfand. Wenn Ernst Ahlgren am Leben geblieben wäre, so würde sie wahrscheinlich dauernd zur Stadtbewohnerin geworden sein; und welche Eindrücke dann ihre Dichtung vorzugsweise wiedergegeben hätte, läßt sich jetzt unmöglich entscheiden. Immer mehr und mehr fürs Theater zu schreiben – das sie leidenschaftlich liebte – war eine der Aufgaben, für die sie sich ausbilden wollte. Aber daß sie sich in ihrem damaligen Entwicklungsstadium wesentlich als Schildererin der Provinz fühlte, steht fest. Sie betrachtete diese als ihr eigentliches Gebiet, weil sie in den Jahren, wo sich die Eindrücke am schärfsten fixieren, den Jahren der Kindheit und der Jugend, von dort ihre stärksten Eindrücke menschlichen Lebens empfangen hatte. In dieser Beziehung sowie in manchem anderen – z. B. der strengen Arbeitsmoral, dem tiefen Verständnis alles Menschlichen, dem herzlichen Humor und dem optimistischen Glauben ans Leben – glich sie George Eliot, mit deren früherer Entwicklungsgeschichte die Ernst Ahlgrens auch verschiedene Ähnlichkeiten aufweist. Aber George Eliot wurde zur rechten Zeit all das zuteil, was Ernst Ahlgren ihr ganzes Leben lang entbehren mußte. Wer weiß, wie nahe Ernst Ahlgren sonst jener Schriftstellerin gekommen wäre, deren Arbeiten sie erst in den letzten Jahren ihres Lebens kennen lernte, aber die dann die einzige Dichterin war, welche ihr leidenschaftliche Bewunderung und Verehrung einflößte. Was die Weltliteratur im übrigen betrifft, so hatte sie das Gefühl, von Shakespeare und Dickens, Flaubert und George Sand, Turgenjew und Tolstoj am meisten gelernt zu haben. Unter den Gründen, die sie einige Monate vor ihrem Tode dafür anführte, daß sie es versuchen wollte, zu leben, war der, Goethe zu lesen, der auf ihrem Regal stand, aber den sie sich noch nicht hatte aneignen können. Sie litt tief unter ihrer unvollständigen literarischen Bildung, darunter, daß ihr sowohl die Mittel fehlten, sich Bücher anzuschaffen, als die Zeit, die, welche sie besaß, gründlich zu studieren. Denn auch in der Aneignung der Produktion anderer arbeitete sie langsam. In bezug auf ihre eigene Produktion erkannte Ernst Ahlgren, daß ihre Stärke in der Schilderung dessen liege, worin sie sich gründlich eingelebt, hingegen nicht darin, eine flüchtigere Stimmung festzuhalten, einen oberflächlicheren Eindruck wiederzugeben. Und was die Arbeitsmethode selbst anlangt, so verwarf sie ganz und gar die Manier, das Erlebte ohne Auswahl zu schildern. Sie komponierte ihre Arbeiten ungemein genau. Und sie schilderte ihre besondere Art, den Gegenstand anzupacken, als sie sagte, sie liebe es, eine Aussicht zu eröffnen, dann das Laub einen Teil davon verdecken zu lassen, dann wieder eine Aussicht zu schaffen – nur ungerne führe sie den Leser über einen offenen Weg, wo alles gleich deutlich zu sehen ist. Auch in der Ausarbeitung war sie die sorgsam prüfende und suchende Künstlerin. Sie kämpfte mit den Worten, bis sie den treffendsten Ausdruck fand; sie fügte hinzu und nahm weg, bis sie die lebenswirklichste Darstellung erreicht hatte. So wie der Maler seine Mappe mit Skizzen füllt, von denen die wenigsten nachher Bilder werden, so hatte Ernst Ahlgren ihr »großes Buch«, in dem sie Gespräche, Naturbilder, Charakteranalysen unmittelbar nach dem Leben aufzeichnete, alles als Vorstudien zu ihren Arbeiten, denen sie ohne dieses gewissenhafte Festhalten der Eindrücke keinen so echten Wirklichkeitsgehalt hätte geben können, während sie gleichzeitig dadurch, daß sie den Stoff mit genialer Unterscheidungsgabe umbildete, das Gepräge der Zufälligkeit entfernte und ihren Dichtungen den Stempel des Künstlertums aufdrückte. Folgender Ausspruch von ihr selbst gibt das allerbeste Bild ihrer Arbeitsweise: »Meistenteils bekomme ich die ganze Geschichte eines Charakters, ich bekomme sie blitzartig, wie als Geschenk. Aber dann entfaltet sie sich nach und nach, ich weiß kaum wie, und bildet von selbst Szenen und Situationen, die gleichsam Ruhepunkte – Fakten – werden, wenn ich zu schreiben anfange. Diese erste Arbeit im Kopfe, ohne alle äußeren Mittel, das ist etwas so Gesundes und Stärkendes, das lenkt die Gedanken von den eigenen kleinen Sorgen ab, das erweitert den Blick fürs Leben. Aber wenn dann die Feder aufs Papier gebracht wird, dann brauche ich meine ganze Willenskraft, denn ich bekomme nicht immer die Worte geschenkt, ich muß sie aus meiner eigenen Seele hervorpressen. Das ist Arbeit und Selbsttortur, aber diese Arbeit liebe ich doch. Wie kann ich unter meinem Wortvorrat suchen und tasten und wägen, wenn es gilt, den richtigen Ausdruck für das Eigentümliche im Wesen eines Menschen zu finden! Meine Erinnerung des Erlebten ist eine Stimmgabel, aber wie schwer ist es nicht, unter all den Worten gerade das herauszubekommen, das den richtigen Ton gibt! Ich muß das Ohr anlegen und horchen und wieder horchen. Aber wenn es dann stimmt – welcher Genuß! Das kann nur ein Autor begreifen. Für gewöhnliche Leute ist ein Synonym so gut wie das andere; mir ist es nie so, unter allen Worten kann es nicht mehr als eines geben, das das richtige ist, und manchmal ist selbst dieses einzige nicht vorhanden. Ich bin verzweifelt, wenn eine fremde Sprache einen vollgültigen Ausdruck für das hat, was ich sagen will, während er meiner eigenen Sprache fehlt, »s'acharner à« – ist ein Ausdruck, den ich, was eine gewisse Art von Sinnlichkeit betrifft, mit Gold aufwiegen möchte, weil er mit »chair« – Fleisch und Blut – verwandt ist; durch eine unbewußte Ideenassoziation gibt er ein wildes und kräftiges Etwas, das ich im Schwedischen nicht herausbringen kann. Und ich ärgere mich krank, daß ich für den kleinen Mund meiner jetzigen Heldin Frau Marianne. keinen solchen Ausdruck wie »boudeuse« finden kann; alle unsere entsprechenden Worte sind so schwerfällig; ich habe im Lexikon nachgeschlagen und nichts gefunden. Darum sollte es erlaubt sein, gewisse gute Provinzialismen aufzunehmen, um mehr Schattierungen zu bekommen.«   Diese überaus gewissenhafte Arbeitsmoral war Ernst Ahlgrens einziger Beitrag zur – Lösung der Frauenfrage. Ihre eigenen Lebenserfahrungen hatten sie zu einer warmen Anhängerin jeder Bestrebung gemacht, die auf ökonomische und rechtliche Gleichstellung der Frau mit dem Manne abzielt. Aber sie war der Ansicht, daß man durch eine solche Befreiung noch sehr wenig gewonnen hätte, wenn ihr nicht eine innere Befreiung der Frauen folgte, in erster Linie von Vorurteilen, aber auch von unberechtigten Ansprüchen. Und zu diesen unberechtigten Ansprüchen rechnete sie die Meinung, daß nur die Verhältnisse, nicht auch die Naturanlagen, den Unterschied zwischen der geistigen Produktivität des Mannes und der Frau so groß gemacht haben. Sie glaubte, daß die Frau auf dem Gebiet der geistigen Arbeit sich nur ausnahmsweise mit dem Manne auf gleicher Höhe halten könne. Alle Verherrlichung der Frauenarbeit als solcher war ihr widerwärtig; erst wenn die Arbeit der Frau unparteiisch beurteilt würde, wie die der Männer, erst wenn die Frauen dieselben Ansprüche an sich selbst stellten, wie sie die Männer in bezug auf gewissenhafte, produktive Arbeit aneinander stellen, erst dann, fand sie, könne von Gleichheit die Rede sein. Als Schriftstellerin mit Rücksicht darauf beurteilt zu werden, daß sie eine Frau war, empörte Ernst Ahlgren wie eine Beleidigung, selbst wenn das Urteil lobend war. Und weiblicher Pfuscherei gegenüber war sie selbst ein unbarmherziger Richter. Diese Arbeitsmoral Ernst Ahlgrens ging bei ihr bis in die Fingerspitzen; sie drückte sich sogar in ihren Manuskripten aus, die in jedem kleinsten Detail Schönheitssinn und Gewissenhaftigkeit verrieten, und in denen die perlrunde, feste Handschrift so gleichmäßig und klar dahinfloß. Auch in dieser Hinsicht sprach sich Ernst Ahlgrens innere Entwicklung in der äußeren aus. Ihre frühere Handschrift war deutlich, aber fast kindlich und gar nicht ungewöhnlich; je mehr sie im Schreiben Herr über Inhalt und Form wurde, desto charakteristischer wurde auch die Handschrift, sie wurde breit und kräftig mit einer ganz besonderen Individualität in den geraden Buchstaben, die so leicht leserlich waren wie Druck. Einen noch tieferen Abscheu, als ihr Pfuscherei und leere Ansprüche einflößten, empfand Ernst Ahlgren gegen Konventionalismus und Halbheit, vor allem bei Frauen, aber im übrigen, wo immer sie sie antraf. Jeder anderen Lebenserscheinung bot sie mitfühlend die Hand; diese allein ließen sie zu den Waffen greifen. Ganz oder halb – in der Arbeit und in der Liebe – das war für sie die Frage, wenn es sich um den Charakter eines Menschen handelte. Das entschied über ihre Sympathie, während die Ansichten so verschieden als nur möglich sein konnten, ohne daß dies ihre Freundschaft beeinträchtigte, vorausgesetzt, daß man nicht bevormundend und dogmatisch ihrer eigenen individuellen Freiheit Fesseln anlegen wollte. Hatte sie zwanzig Jahre hindurch vergeblich daran gearbeitet, so wie andere zu werden, so wollte sie jetzt, sagte sie, ihr übriges Leben wagen, sie selbst zu sein. Bei der Anknüpfung jedes persönlichen Verhältnisses war sie in der Regel langsam. »Scheu und Warmblütigkeit lagen miteinander im Kampfe.« Die Furcht vor der Kühle anderer, auch vor einem Umschlag in ihrer eigenen Gesinnung veranlaßte sie, eine aufkeimende Zuneigung zurückzudrängen und es der Zeit zu überlassen, das Verhältnis zu festigen, ehe sie sich frei gab. »Man kennt nicht einmal seine eigene Natur, bis sie sich in Handlungen umgesetzt hat,« ist eins ihrer vielen tiefsinnigen Worte. Aber wenn sie endlich jemandes Freundin wurde, war sie wie selten jemand offen und dankbar für Freundlichkeit. Äußerst charakteristisch für ihre Natur ist, was sie einmal von einer beginnenden Zuneigung sagt: »Jemanden lieb haben heißt aufs neue zum Kinde werden, und jung sein, das heißt fühlen, daß man arbeiten kann.« Die Arbeit – das war für sie das erste und letzte in ihrem ganzen Leben außer einigen persönlichen Verhältnissen. Man steht da vor einem neuen Gegensatz in Ernst Ahlgrens Persönlichkeit. Während sie intellektuell so modern angelegt war, so geschmeidig, sich vielen abweichenden Temperaments- und Meinungsschattierungen so gut anpassen konnte, war sie in ihrem eigenen, innersten Gemüt eine sehr exklusive Natur, ganz ohne die Möglichkeit, ihre gewaltsam starken Gefühle zu teilen oder zu dämpfen, eine Natur ohne Ersatzmöglichkeiten. Ein kleiner Zug beleuchtet diese ihre Fähigkeit, sich einem einzigen Verhältnis leidenschaftlich hinzugeben. Sie hat in »Die alte Sèvresporzellangruppe« ihren eigenen Schmerz geschildert, als dieses kleine Kunstwerk aus dem Heim fortverkauft wurde. »So lange diese Gruppe da war, sah ich das, was im Hause unbehaglich und unschön war, kaum; die Gruppe gab allem ein festliches Gepräge; ich suchte, so gut ich konnte, alles zu einem würdigen Hintergrund für dies eine Kunstwerk zu ordnen. Als das weg war, ließ ich alles sein; es lohnte ja nicht mehr die Mühe.« Es waren jedoch nicht viele, die bis auf den Grund von Ernst Ahlgrens Natur sahen und dort diesen Wesenszug entdeckten. Sie machte umgekehrt im allgemeinen den Eindruck, von vielen nehmen und sich nach vielen Seiten teilen zu können. Von außen gesehen, war dies auch der Fall; im Innersten bedeuteten sehr wenige Menschen etwas Wesentliches für sie. Sie konnte anderer Freuden teilen und ihre Schmerzen fühlen, so tief, daß auch dies ihre Widerstandskraft gegen ein Dasein aufbrauchte, das viele Möglichkeiten zum Mitleiden, doch wenige zur Mitfreude gibt. Aber ihr innerstes Wesen war von jener Art, wie es in »Die Mutter« geschildert wird. Selbst schrieb sie: »Solche Menschen wie ich sollten bei der Geburt totgeschlagen werden, sie passen nicht unter die anderen. Sie sind nur Menschenhälften. Wo andere Haut und Knochen haben, da haben sie nur ein ganz dünnes Häutchen, und ihr Herz hängt sich an eins , ein einziges Verhältnis, werden sie daraus losgerissen, so verbluten sie daran.« Der Kreis, an den Ernst Ahlgren sich in Stockholm am innigsten anschloß, war jene Gruppe von Schriftstellern, die man »Das junge Schweden« nannte; sowohl ihre Lebensanschauung wie ihre persönlichen Sympathien führten sie dorthin. Und namentlich mit Gustaf af Geijerstam, »dessen helle und offene Natur,« wie sie fand, ihre eigene »düstere und verschlossene« in so wohltätiger Weise ergänzte, stand sie seit 1885 in einem vertrauten Freundschaftsverhältnis. Aber obgleich sie Jungschweden am nächsten stand, wollte sie doch ebensowenig in einer Schar mit ihren Gesinnungsgenossen im Kampf gegen die alte Lebensanschauung auftreten, als sie von den Alten gegen die Jugendgruppe ausgespielt werden wollte, der sie am nächsten stand. Diese Einsamkeitsleiden der Selbständigkeit hatten keinen geringen Anteil an ihrer wachsenden Unlust, das Leben zu leben.   Nachdem Ernst Ahlgren im Spätwinter 1886 von Stockholm nach Hörby zurückgekehrt war, begann sie an »Frau Marianne« zu arbeiten und genoß einen der relativ glücklichen Zeitabschnitte, wo sie über eifriger Arbeit und auf langen, einsamen Wanderungen auf ihrer lieben Heide oder in einer schattigen Allee des hochgelegenen Kirchhofs, von dem man eine weite Aussicht über die schöne Gegend mit dem Ringsee hatte, kleinliche Unbehaglichkeiten, die fehlende Sympathie ihrer Umgebung, die Enge der Kleinstadtverhältnisse vergessen konnte. Aber sie sehnte sich stets nach größeren Weiten. »Ich fühle,« schreibt sie, »ein unbändiges Verlangen. Ich wollte auf einer Höhe hausen, mit weitem Blick und Sonne über der Ebene. Ich wollte das Meer wie eine scharfe Messerschneide unten am Horizont sehen, das ist es, woran ich von Kindheit an gewöhnt war. Und wir Menschen der Ebene brauchen eine grenzenlose Fläche, um uns frei zu fühlen, es darf nichts geben, was den Blick hemmt. Da ist es, als würde zugleich der Gedanke abgeschnitten. Und ich will, daß der meine weit, weit fliege – so weit er kann.« Eine Gabe, die sie zu dieser Zeit von einem weiblichen Mäcen empfing, ermöglichte es ihr, sich ein paar kleine Zimmer in einem Seitengebäude einzurichten. Bei jener frischen Genußfähigkeit, jenem Vermögen zu kindlicher Freude, das in ihrer düsteren Natur lag, so wie Sonnenglitzern über Meerestiefen, konnte ein solches Ereignis eine reiche Freudenquelle sein. Ein wirkliches Schreibzimmer zu besitzen – ein Zimmer mit Bücherborden, Ruhesofa, Teppich und Hängelampe, aber vor allem mit einem richtigen Schreibtisch – war ein so heißer Wunsch von ihr gewesen, daß seine Erfüllung ihr traumhaft herrlich dünkte. In einem Briefe, den sie aus Hörby schreibt, nachdem sie aus Stockholm zurückgekommen ist, konzentriert sich gleichsam alles, was ihr in den häuslichen Verhältnissen wohltut und was sie quält. Sie spricht von der Zuneigung der Kinder, des Mannes und der Dienerin, von deren Bemühungen, ihren Wünschen zuvorzukommen; vom Garten mit seinen Tannen im Hintergrunde, »durch die der Himmel wie durch eine dunkle, durchbrochene Spitze sichtbar wird und wo sonst alles wogendes Grün ist«; sie spricht von ihrem Entzücken an der Stille, die sie als ihr wahres Element liebte; von ihrer ungestörten Arbeitsruhe und der Freude, allen Widerstand gegen ihre literarische Tätigkeit besiegt zu haben. Aber sie spricht auch von ihrer Unruhe, nicht von ihrer Arbeit leben und nicht arbeiten zu können; von dem großen Einsamkeitsgefühl, das dadurch hervorgerufen wurde, daß niemand in ihrer Umgebung dasselbe liebte wie sie, und was sie liebten, dafür hatte sie ihnen die Augen geöffnet. Das gab ein Gefühl der Armut und des Stillstands. Und dann die Alltäglichkeit der Typen ihrer Umgebung, und das Bedürfnis nach »etwas von außen, etwas Neuem, Neuem, Neuem,« darnach, Leben durch alle Poren einzusaugen. Aber vor allem quälte sie ein Widerwille gegen den Ort selbst, der daher kam, daß sie dort »zu einer Zeit, wo sie jung und froh sein sollte, soviel gelitten hatte.« Dieses Anziehende und Abstoßende in den häuslichen Verhältnissen macht Ernst Ahlgren in den letzten Jahren so veränderlich. Bald hört man warme Ausdrücke des heimischen Behagens, bald heftige Unwillensausbrüche gegen Hörby, das sie »erstickt«; bald sehnt sie sich hin, bald kann sie nicht rasch genug von dort wegkommen. Diese wechselnden Stimmungen stehen ganz gewiß im Zusammenhang mit dem immer mehr zunehmenden Seelenleiden, das die geänderten Verhältnisse in erheblichem Grade gesteigert zu haben scheinen. Es war, als hätte sie nicht Seelen- oder Körperkräfte genug gehabt, um die neuen, reichen Eindrücke zu ertragen, nach denen sie sich stets gesehnt; sie brachten sie aus dem Gleichgewicht, sie überanstrengten und lockten sie zu gleicher Zeit. Die Überanstrengung trieb sie nach Hörby zurück, wo sie stets für eine Zeitlang die Ruhe wohltuend empfand. Aber dann wurde sie wieder fortgetrieben durch die Schwere der sie umgebenden Luft, durch die Pein der Nadelstiche, die sie mit jedem Male, wo sie nach längerer Abwesenheit zu kurzem Besuch wiederkehrte, immer reizbarer empfand. Sie hatte ihre Natur solange unterdrückt, daß deren Forderungen, auf ihre eigene Art zu leben, nun heftig, wenn man will, egoistisch hervorbrachen. Denn sie hatte in dem alten Heim noch unabgeschlossene Mutterpflichten, die sie einsah. Aber sie sah zugleich ein, daß es nun galt, ihr eigenes, geistiges Dasein, ihren Dichterberuf zu retten – und diese beiden Mutterpflichten vermochte sie nicht zu erfüllen. Außerdem gehörte sie nicht zu den Menschen, bei denen die natürlichen Bande Einfluß auf das Gefühl oder das Pflichtgefühl haben. Nicht die Liebe hatte sie zur Mutter gemacht. Und darum empfand sie für das Kind, das sie ohne die eigene freie Wahl ihres Wesens geboren, keine mütterlichen Gefühle. Familienbande hatten für sie, nach ihren eigenen Worten, stets jeder Bedeutung entbehrt. Daß für ihr Gefühl der dichterische Beruf die heiligste Mutterschaft war, dürfte aus folgendem Ausspruch hervorgehen: »Alles, was mich nicht in meiner Arbeit hindert, was es mir nicht versagt, unter den Gestalten zu leben, die meine eigene Welt bevölkern, ist für mich leicht zu tragen. Wenn ich mich zerrissen fühle, wie ein gejagtes, gehetztes Tier, dann ist es für mich Ruhe und Frieden, in meine Arbeit zu versinken oder stundenlang auf dem Friedhof herumzugehen und Szene um Szene von dem, was kommen soll – wenn ich am Leben bleibe – sich vor meinen Augen entrollen zu sehen, diesen wohlbekannten Stimmen zu lauschen. Dadurch werde ich wieder ruhig und stark. Kein Unglück wäre größer, als wenn jemand mir das nehmen könnte. Glaube nun nicht, daß ich überspannt oder eigensüchtig bin. Ich bin es sehr wenig, und ich habe auch nicht so sehr viel Ehrgeiz. Meine Schreibsucht ist nicht groß, ich arbeite langsam, beinahe mit Anstrengung. Aber es regen sich Menschen in meinem Innern, Menschen, die ich gesehen, oder Menschen, die sich, ich weiß nicht wie, geformt haben; ich höre sie, ich sehe sie, für mich sind sie lebend wie aus Fleisch und Blut. Der bloße Gedanke, sie sterben zu lassen, will mich selbst ersticken, es ist, als legte ich Hand an etwas wirklich Lebendes, an alles, was mir teuer und lebenswarm gewesen, es wäre für mich dasselbe wie für Hedwig, die Wildente zu töten. Verstehe mich nun recht: ich glaube nicht, ein Genie zu sein; ich kümmere mich ganz einfach nicht darum, was ich bin, wenn ich nur meiner eigenen Natur folgen darf, und die besteht darin, alles umzuschmelzen und neu zu formen, was meine Sinne auffassen. Ob ich in meinem Beruf hervorragend oder unbedeutend sein werde, das weiß ich nicht. Aber daß dieser Beruf der meine ist, das weiß ich. Und meines eigenen, redlichen, festen Willens bin ich sicher. Im übrigen möge kommen, was da wolle. Ich bin ein kleiner Radzahn an seinem bestimmten Platz. Der Radzahn fragt nicht warum, sondern gräbt sich ein, solange er selbst zusammenhält.« Wäre ihre einzige Leidenschaft wirklich die Arbeit gewesen, dann hätte sich ihr Leben von jener Zeit an immer mehr vereinfachen können. Aber sie hatte daneben die leidenschaftlichste Sehnsucht nach persönlichem Glück, den jugendlichsten Glauben an den Reichtum des Lebens, zugleich mit dem Gefühl, daß sie zu altern anfing, ohne etwas von all dem besessen zu haben, wofür sie mehr als die meisten geschaffen war und wonach sie sich darum sehnte. So wurde ihr Leben im Gegenteil immer komplizierter und das Gefühl der Leere immer tiefer. Viertes Kapitel Vom Herbst 1886 wohnte Ernst Ahlgren eigentlich in Kopenhagen. Eine Unterbrechung bildeten nur die kurzen Besuche in Hörby, sowie ein zweimaliger Aufenthalt in Paris, ein paar Monate im Frühling 1887 und ein paar Wochen im Frühling 1888. Aber gleichzeitig brachte eine erotische Lebenserfahrung Konflikte mit sich, die für ihre stolze und ganze Natur besonders aufreibend waren. Denn der geniale Mann, der der Gegenstand derselben war, sah in ihr nur eine der vielen Frauen, die die Luft rings um ihn durch ihre Liebe erwärmt hatten. Und während sie ihm so ihre ganze Seele gab, war sie nur etwas Nebensächliches in seinem Dasein, ein vorübergehendes, kein wesentliches Erlebnis. In diesen Jahren begann auch ihr brennender Durst nach ästhetischer Entwicklung, verfeinertem künstlerischen und intellektuellen Verkehr, Abwechselung und Lebensreichtum befriedigt zu werden. Dazu kam, daß neben ihrer erhöhten Verfeinerung, ihren gesteigerten Lebensansprüchen wie eine Drohung ihr ökonomisch unsicheres Dasein stand, seit sie nicht länger in Hörby bleiben wollte. Wäre Ernst Ahlgren gesund gewesen, würde sie besser gestellt gewesen sein, als die meisten unserer jüngeren Autoren; denn sie bekam relativ hohe Honorare und alles, was sie schrieb, wurde überall mit Eifer angenommen. Aber ihre körperliche Schwäche, die angestrengte Arbeit unmöglich machte, ihre langsame Art zu arbeiten, ihr unabweisliches Bedürfnis nach zeitweiliger, vollkommener Ruhe machte sie abhängiger vom ökonomischen Druck als andere. Der ist daher auch das stets wiederkehrende Gespenst, das sie in den letzten Jahren verfolgt. Sie wollte, sie konnte nicht ums Brot schreiben; sie mußte auf ihre eigene ruhige Art arbeiten, um etwas Tüchtiges zu produzieren. Daß das für die meisten Schriftsteller unseres Landes typische Schicksal, die Armut, bei ihr mit einer außergewöhnlich intensiven Leidensfähigkeit und mit unheilbarer Kränklichkeit zusammenfiel, ist mehr als hinreichende Ursache zu ihrem tragischen Geschick. Von all den vielen Äußerungen aus dem letzten Halbjahr von Ernst Ahlgrens Leben dürfte die folgende am klarsten den Anteil beweisen, den die ökonomische Frage an diesem Schicksal hatte. »Wer doch die Mittel hätte, nur dann zu schreiben, wann man es könnte, und es in der Zwischenzeit bleiben zu lassen! Aber diese furchtbare Angst, den Zwang zum Schreiben zu fühlen, die Notwendigkeit, Geld zu schaffen – sie zu fühlen, wenn man nicht schreiben kann , wenn man sich ausruhen müßte! Aber es lohnt nicht, darüber zu sprechen. Das Finanzielle wird mich knicken, wie es alle schwedischen Schriftsteller bricht. Ich kann nicht zur Überproduktion greifen, ich bin dazu zu stolz und zu wahr. Also werde ich mich nicht erhalten können. – – – Es ist wunderlich, so einsam zu sein, so ohne Wurzeln; treiben oder sinken, wie man es eben kann. Aber ich will das lieber, als unfrei sein. Es gibt kaum irgendeine Zeit in meinem Leben, die ich gegen diese eintauschen möchte. Ich habe es jetzt besser als ich je gehofft. Ich bin frei, ein wirklich freier Mensch, und das ist besser als alles andere. Besser als reich sein und sich ausruhen können. Ich möchte die Zeit nicht wieder haben, wo ich die Hände voll Geld hatte, ich möchte sie nicht wieder haben, nicht für eine ganze Million. * Ich bin so müde, das es in meinen Ohren läutet wie zwei große Kirchenglocken. Aber ich werde mich aufraffen. Ich will noch nicht schachmatt werden. Ich habe es manchmal schlechter gehabt als jetzt und bin ebenso müde gewesen. Die armen Reichen! Die wissen nicht, wie herrlich die Ruhe schmecken würde – ganz sorglose Ruhe. Denn sie sind nie gejagt worden, wie wir anderen geldgehetzten Sklaven. – – – – – – – – – – – Die anderen armen Schriftsteller, die männlichen, die so wie ich keine Männer haben, von denen sie leben können, haben es wohl ebenso schwer wie ich. Und niemand kann sich wundern, wenn sie schwache Arbeiten hervorbringen. Es bedarf übermenschlicher Kräfte, um etwas Tüchtiges zu leisten.« Keine Umnachtung der Lebensanschauung wirkte bei Ernst Ahlgrens Lebensüberdruß mit. Im Gegenteil, ihre tiefe Liebe zum Leben spricht noch aus ihren letzten Worten; das Leben war mild, war reich und voll Glücksmöglichkeiten, obgleich es sie zermalmt hatte, die »zu weich war, um zu leben«; die Menschen waren nicht böse, das Dasein nicht verzweifelt; und mit stummer Innigkeit, rührend wie die Dankbarkeit eines kranken Tiers, nahm sie jedes bißchen Zärtlichkeit entgegen. Nichts, was ihr inneres Dunkel erhellen konnte, wies sie ab; sie wollte sich von dem einzigen kranken Punkt ihrer Seele befreien; sie wollte »nicht sterben müssen,« und es findet sich in allen ihren Mitteilungen nicht ein Wort, das die geringste Koketterie mit ihrer eigenen Schwermut zeigt. Diese war im Gegenteil so wesentlich im Widerstreit mit ihrer Persönlichkeit, daß sie sie selbst richtig beurteilt und behandelt, wenn sie sie eine fixe Idee nennt, durch das Leiden hervorgerufen, und schließlich ganz unabhängig vom Willen. Nichts – also auch nicht ihre eigenen Aussprüche – können eine solche Seelenkrankheit erklären . Man kann versuchen, ihre Äußerungen zu verfolgen, aber die innerste Ursache, aus der sie herstammen, vermag man nicht zu entdecken; die geheimnisvollen Tiefen der Menschennatur gehören dem Gebiete des »Unfaßbaren« an. Die immer mehr zunehmende Selbstanalyse, das fieberhafte Bedürfnis nach Abwechselung; der Mangel an Übereinstimmung zwischen ihren Worten und Handlungen; das ganz rückhaltlose Aufgehen in der Pein des Augenblicks, mochte diese nun ihre Arbeit, die Geldfrage oder irgendein menschliches Verhältnis berühren, und andere ähnliche Züge deuten auf jene Abnahme der Macht des Willens und der Reflexion zugleich mit dem Zunehmen der Gewalt der zufälligen Impulse und der nervösen Empfindlichkeit, die mit gewissen Erscheinungen der seelischen Erkrankung zusammenhängen. Solche Symptome sollen in ihrer Familie vorgekommen sein; ob sie selbst in gewissem Grade davon heimgesucht wurde, oder ob ihr seelisches Leiden ausschließlich durch den Druck der Verhältnisse hervorgerufen war, ist schwer zu entscheiden. Jeder ihrer einzelnen Aussprüche aus der letzten Zeit ist vollkommen zusammenhängend; der Mangel an Zusammenhang macht sich nur in der Intensität fühlbar, mit der sie sich voneinander wesentlich verschiedenen Stimmungen oder Motiven zu Handlungen hingibt. Sie streut Briefe aus, Briefe voll Widersprüche, je nach ihrer Stimmung und je nach der Person, an die sie schreibt. Denn sie schlägt unbewußt – vielleicht auch bewußt – den Ton an, der mit dem Seelenzustand des Empfängers zusammenklingt. Man steht vor Widersprüchen, die man in dem Maße zu verstehen sucht, in dem man die tiefe und komplizierte Persönlichkeit selbst geliebt hat. Vor ihren letzten Handlungen muß man ihrer eigenen Worte eingedenk sein: »Ein Motiv ist nie – nie eines ; es ist nur ein Faden; ein kleiner Fiberfaden ist nie stark genug, die kleinste, winzigste Handlung in Gang zu setzen. Nein, ein Motiv ist immer aus vielen kleinen Fäden zusammengesetzt, so wie es ein starkes Seil ist, und wenn man zusieht, gehen diese gedrehten kleinen Fäden nach verschiedenen Richtungen; gerade das macht es, daß das Seil zusammenhält. Der Menschensinn ist eine wunderliche Maschinerie, deren Räder von vielen solchen Seilen getrieben werden.« Nach ihrem Tode hörte man die Äußerung: Ernst Ahlgrens Mangel an Religiosität hätte es ihr unmöglich gemacht, die Lasten des Lebens zu tragen. Wenn man unter Religiosität die Fähigkeit versteht, sich etwas Höherem als man selbst ist, hinzugeben, dann besaß Ernst Ahlgren die Arbeit als ihren Kultus, und das Leben selbst in all seiner Mannigfaltigkeit war der Gott dieser Religion. Wenn man aber unter Religion die Hingabe an eine bestimmte Religionsform versteht, dann war bei Ernst Ahlgren nichts derartiges vorhanden. In keiner Epoche ihres Lebens ist sie in diesem Sinne religiös gewesen; sie hatte sich den kirchlichen Formen ohne Qual unterworfen, aber an die christliche Lebensanschauung weder im tieferen Sinne geglaubt, noch daran gezweifelt. Sie nahm selbst in ihren späteren Lebensjahren die Möglichkeit des Daseins Gottes an, und ihre ganze innere Stellung in dieser Hinsicht beleuchten diese Worte in ihrem letzten Brief: »Ich glaube nicht, daß ich an Gott glaube, aber ich werde doch wohl, wenn es zu Ende geht, zu ihm beten,« nämlich um dann, »die Nähe eines lebenden Wesens zu fühlen.« » Lebendes Wesen « – dies ist hier das bedeutungsvolle Wort. Für sie war die Frage nach einem Gott nicht die Frage nach Hilfe, Trost, Gnade oder Versöhnung, sondern die Frage, ob ein größeres, intensiveres Leben als das unsere durch dieses Dasein pulsierte oder jenseits desselben war. Entwicklung und Lebenserfahrungen hatten sie mehr und mehr nicht nur von der christlichen Welterklärung, sondern auch von den ethischen Idealen des Christentums entfernt. Nicht als hätte sie die Schönheit der Selbstverleugnung übersehen, der Hingabe an die Wohlfahrt anderer, der Geduld und Treue im Kleinen, des unweltlichen und demütigen Gemüts, das nicht nach Eigenem trachtet. Ihre Dichtung hat im Gegenteil oft gerade solche Züge verherrlicht. Aber ihre eigene, innerste Natur stand nicht in Harmonie mit den ethischen Forderungen des Christentums, sondern war in einem bei modernen Menschen ungewöhnlich hohen Grade dem Heidentum verwandt, dem Lebens- und Schönheitskult der Hellenen sowohl wie der Kraftanbetung der Nordländer. Die folgende Äußerung gibt einen sehr richtigen Eindruck, wie sie in dieser Beziehung veranlagt war: »Ich bin zu sehr Heidin, um die Selbstverleugnung anbeten zu können. Alles Verkrüppelte und Unnatürliche erweckt zwar mein Mitleid, aber es ist mir unsympathisch – es ist unschön – es ist nicht das große Herrliche, das natürlich Gesunde, das meine Religion ist. Ich kann über jemanden, der allem entsagt und dennoch gut ist, gerührt sein – aber dieser Mensch ist nicht von meiner Rasse und nicht von meinem Glauben. Ich spreche natürlich hier nicht von dem relativen Verzicht, der von der Gewalt des Willens über die Triebe kommt; ich meine die sich alles abschlagende Entsagung, die die Selbstquälerei als eine Art Verdienst auffaßt, gleichviel, ob sie einem anderen Menschen nützt oder nicht. Die feige Selbstaufgabe, die niemals wagt, nach etwas zu greifen und zu sagen: ›Das ist mein‹. Kleine Seelen mit patentierter, allgemeingültiger Seminaristenmoral, ich kann sie ganz gut leiden, so wie man Ameisen und Ähnliches leiden mag, das interessant anzusehen ist und seinen kleinen Zielen nachstrebt, aber mich ihnen verwandt fühlen, das kann ich nie!« Doch wie gesagt, ungeteilt Heidin war sie nicht, ebensowenig wie ungeteilt Christin. Ihre Lebensanschauung war vielleicht eher die des zwanzigsten Jahrhunderts, von dem ich hoffe, daß die Probleme der Versöhnung des Rechts des Altruismus und des Egoismus, der Vereinung der Ideale der Antike und des Christentums ihrer Lösung näher gekommen sein werden. Ich sage vielleicht . Denn die neuen Gedanken und Gefühle des Jahrhunderts, die die Brücke zwischen diesen Gebieten bilden – das Solidaritätsgefühl mit dem mitlebenden Geschlecht, das Verantwortlichkeitsgefühl gegenüber dem kommenden Geschlecht usw. – hatten für sie beinahe ebensowenig allgemeingültige Bedeutung wie andere Wahrheiten, die zu dem Gebiet der religiösen oder philosophischen gehören. Sowohl die tieferen Probleme wie die oberflächlicheren Streitfragen bedeuteten auf diesem Felde wenig für sie; sie leugnete ebensowenig als sie glaubte. Für sie war das Leben nicht das Leben der Gedanken, das Leben war nur »Bewegung, Gefühle, Handlungen,« wie sie kurz vor ihrem Tode schrieb. Und solche Menschen gibt es, Menschen nicht ohne Bedürfnis nach Religion, wohl aber ohne das Bedürfnis nach einer positiven Welterklärung, Menschen, für welche die mit dieser Materie zusammenhängenden Fragen nie eine entscheidende Bedeutung erlangen. Aber sie sind so selten, daß sie von allen Meinungsgruppen mehr oder weniger mißverstanden werden. Zu Ernst Ahlgrens, wenn man so will, heidnischer Lebensauffassung gehörte ihre unerschütterliche Gewißheit, daß man, wenn des Lebens Qual nicht mehr zu ertragen ist, das Recht hat, dieser Qual durch einen Freitod ein Ende zu machen. Die Grenze der Möglichkeit des Ertragens fiel für sie mit der Möglichkeit zusammen, sein besonderes Lebenswerk zu vollbringen. Solange die Kräfte der Seele und des Körpers zur Arbeit hinreichten, wollte sie zu leben versuchen; dann beabsichtigte sie zu sterben. Sie sprach jahrelang von diesem Tode wie von einer beschlossenen Tatsache in ihrem Leben; sprach davon, so wie Seneca oder irgendein anderer der Stoiker zu sprechen pflegte. Niemandem, der sie in dieser Hinsicht nicht voll verstand, niemandem, der etwas anderes als seine Zuneigung in die Wagschale der Entscheidung legen wollte, gestattete sie, ihr nahe zu kommen. Dieser stets bewußte, um der Arbeit willen bekämpfte Todesgedanke ist der dunkle Hintergrund, von dem sich ihre intensive Fähigkeit zu sonnenheller Lebensfreude so klar abhebt. Sie wollte vom Leben alles nehmen, was sie konnte, sie wollte nicht sterben, bevor sie gelebt hatte. Dieser Gegensatz von Lebenskraft und Todesmut – sowie von Lebensüberdruß und Todesfurcht – ist nur ein scheinbarer Widerspruch. Die Krankheiten der Seele wie die des Körpers brechen die Starken am leichtesten. Wenn das Seelenleiden sich einer lebenskräftigen Natur bemächtigt, wendet sich die Stärke – die unausrottbar ist – auf die Vernichtung. Und für Ernst Ahlgren gab es in der rein animalischen Lebenslust keine Hilfe, denn die hatte die Kränklichkeit zerstört. Sie sagte oft, niemand könne auch nur die Summe täglicher Qual ermessen, die ein Freiluftmensch wie sie dadurch empfand, daß die Krankheit sie der vollen Bewegungsfreiheit beraubt hatte; oder die unerhörte Kraftsumme, die es erforderte, den Mut unter dem Druck der Krankheit aufrecht zu erhalten. Schließlich waren die Kräfte aufgebraucht, und das wenige, was an Lebensenergie übrig war, verschärfte nur die Energie des Leidens. Wer kann übrigens in irgendeiner Hinsicht das Leiden eines andern ermessen? Jeder Mensch leidet auf seine Weise, aber Künstler leiden mit den Leidensmöglichkeiten vieler Menschen zusammengenommen, und ein Stich, der einen gewöhnlichen Menschen kaum verletzt, kann bei ihrem Temperament eine unheilbare Wunde fürs Leben werden. Während ihres Aufenthaltes in Kopenhagen kam Ernst Ahlgren dort sowie in Stockholm in Berührung mit der Literaturgruppe, die die moderne Lebensanschauung repräsentierte. Sie empfing so viele starke Anregungen sowohl für ihre künstlerische wie ihre menschliche Entwicklung, ein reiches Maß von Bildungsstoffen zu verarbeiten, aber auch von Widersprüchen zu lösen. Besonders bedeutungsvoll für ihre Dichtung wurden die strengen Urteile, die von dänischer Seite ihre schriftstellerische Tätigkeit trafen. Sie erhöhten ihr durch die früheren Mißerfolge hervorgerufenes Mißtrauen gegen sich selbst, ohne doch ihre Selbständigkeit erschüttern zu können: »Ich muß so schreiben, wie ich schreibe, und wenn man mich auch zu Tode höhnt. Ich habe dabei keinen freien Willen. Es ist, als nähme mich die Arbeit und sagte: Gehorche! – – – Wenn ich mich auch zu einer Kopie umformen wollte, so würde es mir doch nicht möglich sein, es auszuführen. Ich glaube überdies, daß die Frische gerade darin liegt, daß jeder er selbst ist und eine bestimmt ausgeprägte Individualität hat.« Und auch in bezug auf die ethische Richtung, die ihre frühere Dichtung hatte, hat sich kein neuer Gesichtspunkt geltend gemacht. Einige Monate vor ihrem Tode äußerte sie z. B. in der Frage, in der ihre Ansicht am umstrittensten war: » Meine Natur, meine Auffassung, meine Erfahrung, alles weist auf die Einehe als Ideal hin .« Wenn also ihre starke, schriftstellerische Persönlichkeit sowohl in bezug auf den Inhalt wie auf die Darstellungsweise ihre Selbständigkeit zu behaupten wußte, hatte sie hingegen einen anderen, wirklich kranken Punkt, das Mißtrauen gegen sich selbst, entstanden in den vielen Jahren, wo sie dem dichterischen Trieb »wie der ärgsten Schmach« entgegengearbeitet hatte, und wo die Mißerfolge zu beweisen schienen, daß dieser Beruf nicht der ihre war. Die immer stärker hervortretende Frage für sie wurde nun die, ob sie es je zur vollwertigen Künstlerschaft bringen würde? Sie, die in der Kunst alle Pfuscherei haßte, – war ihre eigene Arbeit vielleicht nichts anderes? Je mehr Anerkennung ihr wurde, desto höher setzte sie ihr eigenes Ziel, desto mehr schärfte sie ihre unerbittliche Selbstkritik. Vom Sommer 1887 an begann sie zu fürchten, nie das Große in der Kunst zu erreichen, und mit dieser Furcht kehrt sie wieder zum Todesgedanken zurück. Daß dieser schließlich – aus dem einen oder andern äußern Anlaß – Macht über sie erlangen würde, wußten all ihre besten Freunde. Der entscheidende Grund war der, daß das Leben ihrer großen erotischen Forderung nur eine niedrige kleine Erfüllung zu geben hatte; daß sie sich ganz gegeben, aber das empfangen hatte, was für sie nichts war. Aber in diesem wie in andern ähnlichen Fällen war der im Augenblick entscheidendste Grund nicht die wirkliche Ursache: diese lag in der Gemütsart, die ich oben anzudeuten versucht habe, in der angeborenen Disharmonie zwischen Lebenswillen und Lebenskraft. Sie stand schon in diesem Sommer vor dem Selbstmord, mit einem so gereiften Entschluß, aber dabei mit so hartnäckiger Lebensliebe, daß ein gelegentlicher Lichtstrahl sie diesmal an der Gefahr vorbeiführen konnte. Das Gedicht, das sie in der Nacht zu dem Tage schrieb, an dem sie zu sterben beschlossen hatte, »Verbrecherblut«, ist der Tiefe eines bebenden Herzens entsprungen. Ein Sommeraufenthalt in Gustaf af Geijerstams Heim und ein Herbst in Stockholm verscheuchte für eine Zeitlang den hartnäckigen Kreislauf der Gedanken um die Todesruhe als das einzig Ersehnenswerte. Im Herbst dichtet sie aus ihrem Innersten das Stück »Lebensüberdruß«. Da vibriert in jeder Zeile ihr eigenes, gequältes Leben, von dem sie schreibt: »Die Hand des Todes ist stark, auch wenn sie nicht schlägt; mein ganzes Inneres ist wie eine einzige blutende, zitternde Masse, nur von der leichten Berührung dieser Hand, die uns alle treffen soll.– – – Hie und da kommt noch wie eine lange Schlagwelle ein Selbstmordgedanke. Der geringste Zufall könnte meinen schwachen Entschluß zu leben wieder umstürzen.« Drei Briefe – der erste aus dem Sommer 1887 an ihre jüngste Stieftochter – scheinen mir nach so vielen Seiten hin charakteristisch, daß ich sie hier fast vollständig mitteile. »Kind – wie nahe sind wir nicht einander in letzter Zeit gekommen! Du hast dich entwickelt, Du bist ein Mensch, und Du verstehst das, was menschlich ist. Wie ich Dich lieb habe! Warum? Weil Du nicht verlangst, daß ich leben soll. Ich will so lange unter euch herumgehen, als Arbeit für mich da ist. Ich will euch lieben und mich des Beisammenseins freuen. Aber wenn ich so recht müde bin – zufrieden wie nach einem langen Tag wechselnder Beschäftigung – dann will ich schlafen, süß schlafen, ohne diese furchtbare Angst vor Qualen. Einmal wird das Menschengeschlecht in der Entwicklung so weit kommen, daß dies als das Natürliche und Vernunftgemäße betrachtet werden wird. Man bereitet den Tieren den schmerzlosesten Tod, den man sich ausdenken kann, aber dem Menschen – – – Nicht Ruhm, nicht der größte Erfolg, nicht Reichtum noch aller Menschen Achtung, nichts von all dem, wonach Menschen streben und trachten, könnte mir so viel wert sein, als ein stilles, schmerzloses Einschlummern ohne Furcht. Glaube nicht, daß ich jetzt melancholisch bin. Ich bin jetzt froher und zufriedener als ich – Arme – in Deinem Alter war. Und nicht einmal damals war ich unglücklich. Ich habe keine Wurzeln im Leben. Ich bin nur eine Zuschauerin, auch wenn ich mit der größten Intensität liebe und lebe. Darin liegt das Geheimnis. So wird der, der vom Leben alles zu fürchten, aber nichts zu hoffen hat. Schlechter als jetzt kann es mir jeden Tag gehen, aber nie, nie besser . Arbeite und freue Dich des Lebens, mein Kind! Das Leben ist nicht arm. Glaube das nie! Es ist so mannigfach, so wechselnd; jede Arbeit birgt eine heimliche Quelle des Reichtums und der Befriedigung für den, der sie lieben gelernt hat. Ich bin Jahr für Jahr umhergegangen und habe eine große Leere in mir getragen. Eine Leere ist nie zu etwas nütze. Und nichts macht einen so müde wie das Bewußtsein, daß das, was man herumträgt, ganz unnütz ist und es in alle Ewigkeit bleiben wird. Darum wird man von dem Verlangen gepackt, dieses große, leere Ding von sich abgleiten zu lassen, und selbst am Wegesrand niederzusinken und einzuschlummern. Wenn Du Sorgen und Leiden hast – und das wirst du manchmal haben – dann denke nur, wie froh Du doch sein kannst, daß Du nicht umhergehen und solch eine unsichtbare, verzauberte Bürde mit Dir schleppen mußt, solch eine große Leere. Ob ich diese verzauberte Bürde ein bißchen länger oder kürzer trage, tut nichts zur Sache, wenn ich nur weiß, daß ich sie schließlich abwerfen kann. Und ich habe noch eine Menge zu schreiben. Ich muß mir Luft machen, ehe ich gehe. Frischen Mut!« Die beiden anderen Briefe sind vom Dezember 1887: »Eines weiß ich – ich werde das Leben immer lieben. Ich meine, alles was lebt, das Ganze. Auch in jener Nacht, wo ich dastand und das Gefühl hatte, als könnte ich nicht leben, auch da liebte ich all das, was nach mir bleiben wird; alles, was nach mir leiden und sich freuen wird. Ich glaube, ich werde ohne Bitterkeit sterben können. Wie sagst Du: ›Das Leben trifft immer den verwundbaren Punkt in unserem Herzen, an dem wir am leichtesten verbluten.‹ Ja, aber hat es nicht das Recht dazu? Es findet ja auch den Punkt, wo alle Freude liegt und wächst. Ich bin so arm gewesen, ich meine, so einsam arm, und dennoch werde ich von allem mit einem großen, warmen Dank scheiden, wenn ich weiß, daß ich schmerzlos sterben darf . Dieses Bewußtsein ist für mich das Größte und Reichste. Wer mir Morphium gab, der hat mir die größte Wohltat erwiesen, die ein Mensch dem anderen erweisen kann. Es ist, als gradete sich mein ganzes Wesen nach einer langen Tortur aus und arbeitete sich langsam zu Gesundheit und Kräften hindurch. Wenn das Leben für mich zu hart ist oder ich zu weich für das Leben – es ist ja gleich, welches von beiden – so küsse ich seine Hand und gehe. Aber ich bin froh, gelebt zu haben, wenn ich ohne Furcht sterbe.– – – – – – – – Ich bin ruhig, glücklich, harmonisch und von den Gedanken an meine Arbeit ausgefüllt. Ich bin jetzt ausgeruht, so herrlich ausgeruht. Aber ich kann mich nicht mit der Arbeit eilen, denn sie würde darunter leiden, und ich würde überanstrengt und seelisch krank werden. Jeder, der mich kennt, weiß, daß ich nicht träge bin. Es liegt nicht in meiner Natur, nervös und gehetzt zu sein; Ruhe und Gleichgewicht des Gemüts, das ist das Normale für mich, darum ist diese stetige, langsame Arbeitsweise die einzige, die für mich taugt. Kann und will man in meinem Vaterland zur Sicherung der nächsten Jahre etwas für mich tun, so nehme ich es ohne ein Gefühl der Unfreiheit oder Demütigung an, denn mein Streben, dies durch künstlerische Reife, unerschrockene Wahrheitsliebe und feste Ehrlichkeit zu verdienen, ist so ohne jeden Vorbehalt, daß ich mich gleichsam als ein Eigentum der Literatur ansehe. Alles, was ich leide, lebe und erfahre, ist meines Landes Eigentum, sowie der Honig, den eine kleine Biene in ihrem Körper destilliert hat, dem ganzen Bienenkorb gehört. Ich bin so einfach glücklich. Ich möchte sagen, so kindlich glücklich oder so andächtig. Es hat nicht lange gedauert und es wird vielleicht kurz dauern. Das Leben kann mit mir machen, was es will. Ich bin wie eine Traube in einer großen Hand – des Lebens warmer, starker Hand – und diese Hand hält mich einen Augenblick hinauf zur Sonne. Die Traube weiß nicht, daß die Hand sich schließen, pressen und zermalmen kann, und der dann den Wein trinkt, denkt auch nicht daran.« Zu Beginn des Jahres 1888 wurde die Todessehnsucht soviel stärker als die Lebenslust, daß Ernst Ahlgren einen Selbstmordversuch machte, der mißlang. Wie stark der Lebensüberdruß nun geworden, zeigte sich in dem Schmerze, mit dem sie von diesem Mißlingen sprach, das ein weniger tiefes Grauen vor der schweren Aufgabe des Lebens geheilt hätte. Von dieser Stunde an waren die Körper- und Seelenkräfte dahin. In der nächstfolgenden Zeit schreibt sie: »– – – es wird gewiß sehr lange dauern, bis ich imstande bin, fürs Brot zu arbeiten. Ich möchte so gerne leben. Ich bin nicht unglücklich, aber ich bin gebrochen. Der Körper ist der Überanstrengung und den inneren Konflikten unterlegen. Man muß bedenken, wie sehr mich meine langjährige Krankheit geschwächt hat. Wenn ich in Worten beschreiben könnte, wie Axel Lundegård gegen mich war und noch ist! Er weiß alles, alles von mir, wir sind ja so alte Freunde, wir haben wie Kameraden gelebt, bevor noch irgend ein Mensch Ernst Ahlgren kannte, bevor »Aus Schoonen« herauskam, und jetzt erst fühle ich, wie tiefe Wurzeln die Zuneigung hat.– – –Könntest Du hören, wie er sagt, daß ich meine Freiheit haben soll, wenn das Leben zu schwer ist, aber wie er durch die zarteste Güte die Fäden wieder zu knüpfen sucht, die zwischen mir und dem Dasein gerissen sind!– – – Ja, ja; ich will leben, wenn ich kann, ich meine, wenn eine Möglichkeit vorhanden ist, daß ich je noch arbeiten kann. Aber es wird wohl lange Zeit vergehen, bevor ich wieder Kräfte und Lebensmut habe. Ich wünschte, ich könnte meinem treuen Kameraden die tausend Wohltaten vergelten, die er mir in dieser kurzen Zeit erwiesen hat.– – – – * Ich kann nicht die Hälfte von all der Zuneigung verdient haben, die an mich verschwendet wird, und doch fühle ich mich so wunderlich arm. Wie ungenügsam man ist. Ich bin für so viele die Nächstnächste! Die Nächste? Niemals! Das ist wohl, weil ich nichts anderes haben soll , als meine Arbeit. Könnte ich nur so sehr der Form wie dem Sinne nach Künstlerin sein, dann würde ich gerne soviel leiden, als ich schon gelitten, wenn mir nur das Leiden die Fähigkeit gäbe, alles Menschliche zu verstehen und wiederzugeben. Ich liebe die Kunst mehr als mich selbst, mehr als das Leben, mehr als alle, die mir nahe gestanden. Wenn ich könnte! Ich wollte zufrieden sterben, wenn ich nur wüßte, daß ich so wahr, so wahr und so recht aus Fleisch und Blut geschrieben habe, daß es lange nach mir selbst fortleben wird.« Über einen im Gange begriffenen, erfolgreichen Versuch, ihr ein privates Stipendium zu verschaffen – auf das auch der vorhergehende Brief anspielt – schrieb sie: »Nur wer nach allen Seiten frei ist, kann eine gute Arbeit machen. Freiheit ist eines Künstlers Lebensluft. Mein Freiheitsverlangen ist unbändiger denn je. Keine Partei! Keinen Knebel in den Mund! In mir liegt das Gesetz des Ebenmaßes, und das ist das einzige, dem meine Feder sich beugen will. Ich bin auf dem Wege der Besserung. Ökonomische Verzweiflung darüber, nicht »vielschreiben« zu können lag dem Ganzen zugrunde.« Mit der Angst des zum Tode Verurteilten suchte sie sich an das Leben anzuklammern, jede ausgestreckte Hand zu ergreifen, die sie zurückhalten wollte. »Ich gehe herum wie ein Hund, der weiß, daß er sterben soll, aber gerade deshalb den Menschen Liebkosungen abbettelt«, sagte sie kurz vor dem Ende. Alles wurde ihr in dieser Zeit zu so intensiver Qual, daß man kaum zu fassen vermag, wie sie sich über unwesentliche Dinge so ungeheuer aufregen konnte, wüßte man nicht, daß es ein Leiden gibt, das sich wie das Feuer auf die Späne ebenso wie auf den Wald stürzt, das überall Nahrung sucht. Der letzte große Versuch zur Selbstverteidigung gegen den Tod war die Reise nach Paris in Gesellschaft einer Freundin. Bevor sie fuhr, schrieb sie: »Ich lebe wie ein Eremit, und bei meinem nach Freundlichkeit lechzenden Sinn kann mich das fast gemütskrank machen. Darum reise ich jetzt nach Paris, wo ich Freunde habe, unter anderen Jonas Lie und Frau – prächtige, prächtige, herzensgute Menschen, die freundlich sein können ; das können Schoonen fast nie. Ich bin im Begriff, geistig zu verhungern, wenn ich nur diese reservierten, schoonischen Gesichter, so ähnlich meinem eigenen, gesehen habe. – – – Es bedarf bloß eines herzlichen Wortes, und all meine Steifheit ist verschwunden, und ich selbst bin ein anderer Mensch. – – – – Ach, wer doch den ganzen Sommer ohne einen Gedanken an Arbeit leben könnte!« In Paris begegnete sie der Freundlichkeit, die sie zu finden gehofft hatte, aber alles, worin sie in dieser Zeit Hilfe suchte, erwies sich als ohnmächtig gegen die Seelenqualen. Sie schreibt auch aus Paris, unmittelbar bevor sie zurückkehrte: »Mein bösartiges Herzklopfen mit den gleichzeitig auftretenden Erstickungsanfällen hat sich in bedenklichem Grade verschlimmert. Ich bin nicht imstande zu arbeiten. Ich versuche und versuche; es geht nicht ... Meine Arbeitsfähigkeit ist total gebrochen. Wenn wir uns wieder treffen, so frage mich nie nach meiner Arbeit oder ›wie es heute mit dem Schreiben gegangen ist‹ oder sonst etwas, was das betrifft. Ich klexe auf Papier, weil es gewissermaßen ein kleiner Trost ist, nur Buchstaben schreiben zu können. Aber meine seelische Spannkraft ist dahin. Ich bin nur ein Arbeitspferd, das sich das Rückgrat gebrochen hat. Mich zu fragen, ob ich mich nicht aufrichten kann, heißt mir nur in aller Wohlmeinung unsägliches Leiden zufügen. Laß das alte Pferd noch ein bißchen im Sonnenschein herumwanken, wenn es kann; daß es zu nichts mehr taugt, quält das arme Geschöpf selbst am meisten! Befreie mich von der Pflicht zu ›hoffen‹ und von der Pflicht, froh auszusehen. Ich traure um das, was mir am teuersten war: meine Arbeit. Sprich nicht mehr davon. Erwähne es nie. Alle Fragen peinigen mich. Ich kämpfe gegen eine Seelenkrankheit, und je einsamer ich mit ihr sein kann, desto besser.– – – – – – – – – – – Ich sollte hierbleiben; als ich abreiste, gedachte ich vielleicht nie zurückzukehren. Hier aus dem Dasein gelöscht zu werden, hieße so leicht vergessen sein. Das wäre am besten für die Meinen. Aber ich hoffe noch auf eine Genesung. Und mein Geld ist noch nicht zu Ende. Niemand kann glauben, wie stark ich am Leben hänge, oder richtiger an der Hoffnung, wieder mit dem Leben verknüpft zu werden. Ich habe hier einen ganzen Haufen geschrieben. Ich will zeigen, daß ich nicht aus Faulheit nichts produziere . Es ist so wunderlich, das zu lesen. Worte, Worte, Worte! Das Leben fehlt. Ich kann massenhaft schreiben – es taugt nicht, gedruckt zu werden. Es ist nicht wirr, aber es zeigt einen geistigen Starrkrampf. Es ist wie die Arbeit eines Blinden: ordentlich, aber ohne Farbe. Es ist wie Holz – ausgeschnittenes, unbemaltes Holz. – – – Wenn ich sage, daß ich seelisch krank bin, so bedeutet das nicht, daß ich verwirrt bin oder auch nur ›nervös‹. Es ist eine Künstlerkrankheit, und ich glaube, man sollte sie Arbeitsangst nennen.« Sie hielt sich in den letzten Wochen in Kopenhagen auf, unter verzweifelten Arbeitsversuchen und Versuchen zum Widerstand, bis zu allerletzt. Aber der Todesgedanke schlich sich immer näher, lockend, erschreckend. In ihrem Abschiedsbrief sagt sie, sie sei »von übermenschlichen Seelenqualen hinab in die schwarze Tiefe gezwungen worden«, Seelenqualen, die nun endlich ihre Furcht vor der Qual des Todes und ihren Willen zum Leben besiegt hatten. Ihre Selbstbeherrschung war doch noch stark genug, um nicht zu verraten, daß der Beschluß unwiderruflich gefaßt war, nicht einmal Axel Lundegard gegenüber, der sie am letzten Abend besuchte. Einsam wie sie gelebt, starb Ernst Ahlgren durch eigene Hand in der Nacht zum 22. Juli 1888.   Einige Tage früher hatte Ernst Ahlgren einige Worte »an die Überlebenden« geschrieben. Diese letzten Worte schließen so: »Ich bin nicht in der Gemütsstimmung, meine Gefühle für all die, die mir Wohlwollen und Güte bewiesen haben, in Worten auszudrücken. Ich bitte alle, die mir nahe gestanden, nicht zu glauben, daß dies aus Herzlosigkeit geschieht. Es tut mir weh, daß ich Kummer verursachen muß. Aber tut den Lebenden all das Gute, das ihr mir gönntet, all das Gute, das ich selbst hätte vollbringen wollen, wenn es mir möglich gewesen wäre, zu leben.« Sie ruht in Kopenhagen auf dem Westfriedhof nahe dem Meer. Der Denkstein trägt nur den Namen Ernst Ahlgren und zwei italienische Worte, die eine eigene Aufzeichnung von ihr zur Grabschrift bestimmt hat: Implora pace. Diese Bitte war schließlich die einzige, die Ernst Ahlgren an das Leben richtete. Aber auf diese Bitte gibt das Leben keine andere Antwort als den Tod. For in the veindrawn, ashencoloured palm Death's hollow hand holds water of sweet draught To dip and slake dried mouths at, as a deer, Specked red from thorns, laps deep and loses pain. Nachschrift Mit diesen Schilderungen übergebe ich meinem deutschen Leserkreis einige meiner frühesten literarischen Arbeiten. Denn die beiden Aufsätze über Ernst Ahlgren und Anne-Charlotte Leffler sind nur eine Verkürzung meiner beiden Bücher desselben Namens, Bücher, die ich kurz nach dem Tode der beiden herausgegeben. Die Schilderung Sonja Kovalevskas ist hingegen aus einigen kleineren Aufsätzen entstanden, von denen der erste – der hier auch das erste Kapitel bildet – gleich nach ihrem Tode geschrieben wurde. Ich habe diese drei Frauenschicksale zusammengestellt, weil der Entwicklungskampf und die entscheidende Lebensgeschichte jeder dieser Frauen typisch für das Jahrhundert ist, das Zeuge des Freiheitskampfes der weiblichen Persönlichkeit auf intellektuellem und erotischem Gebiet gewesen. Von einander sehr verschiedene Naturen, haben sie das gemeinsam, daß, nachdem sie die Freiheit für ihre Schaffenskraft erreichten, die sie erstrebt hatten, für alle drei in vorgerückterem Alter das große erotische Erlebnis kam. Und für alle drei wurde es zur Gewißheit, daß das Zentrale im Leben des Weibes die Liebe ist. Sie sind in dieser Hinsicht maßgebend, da Sonja Kovalevska weltberühmt war, während A. Ch. Leffler und Ernst Ahlgren in den achtziger Jahren als die hervorragendsten Frauennamen in der Literatur Schwedens und auch weit über die Grenzen ihres Landes hinaus geschätzt waren. Sie hatten daher alle drei das Glück des Schaffens und des Erfolgs gekostet, ehe die Erlebnisse kamen, die sie lehrten, daß das Leben Tiefen und Höhen hat, die sie bisher nicht geahnt.   Ich habe diese jetzt schon alten Aufsätze nicht umgearbeitet, weil ich einsah, daß sie, was sie so literarisch gewinnen konnten, in bezug auf die Unmittelbarkeit der Eindrücke verloren hätten. Für den, den dieses Büchlein lockt, meine drei verstorbenen Freundinnen näher kennen zu lernen, sei hier ein Verzeichnis ihrer deutsch erschienenen Arbeiten angefügt.   Anne-Charlotte Leffler: [Edgren Leffler] 3 Erzählungen. A. d. Schwed. v. L. Wolf. Leipzig 1902, Ph. Reclam jr. Sonja Kovalevska. Was ich gemeinsam mit ihr erlebte und was sie mir über sich selbst erzählte. A. d. Schwed. v. M. Mann. Stuttgart 1902, Deutsche Verlags-Anstalt. Weiblichkeit und Erotik. Roman. Übers. v. Mann. Ebd. 1902. Aus dem Leben. (Weinende Venus – Tante Malvine – Gustav bekommt die Pfarre – Im Armenhaus.) Übers. v. J. und K. Mautner. Berlin 1902, H. Hillger Verlag. Wie man Gutes tut. Schauspiel. Übers. v. S. Lewald. Dresden 1898, H. Minden. S. Kovalevska. 2. Tl. Was ich mit ihr usw. Dt. v. Wolf. Halle 1896, O. Hendel. Dasselbe. Übers. v. Lenk. Leipzig 1894, Ph. Reclam jr. Eine Sommergeschichte. Roman. Stuttgart 1895, Deutsche Verlags-Anstalt.   Sonja Kovalevska: Vera Vorontzoff. Nach e. wahren Begebenheit a. d. russ. Leben. Übers. v. F. Hoffmann. Halle 1902, O. Hendel. Kindheitserinnerungen. 1. Tl. Dtsch. v. M. Kurella. Geb. 75 Pf. Ebd. 1896. (Den 2. Teil hierzu bildet die bei Leffler aufgeführte Schrift.) Die Nihilistin. Roman. Übers. v. L. Flachs-Fokschaneanu. 1890, Gnadenfeld \& Co., Berlin. Zur Theorie der partiellen Differentialgleichungen. 1874, Vandenhoeck \& Ruprecht, Göttingen. Jugenderinnerungen. Deutsch von Luise Flachs-Fokschaneanu. 1897, S. Fischer, Verlag, Berlin.   Ernst Ahlgren: Frau Marianne. Übers. v. M. Mann. Berlin 1897, H. Hillger Verlag. Geld. Roman. Übers. v. M. Mann. Berlin 1890, P. List, Leipzig. (Vergriffen.) Frau Marianne. Übers. v. T. Lorck. 2 Teile. Stuttgart 1890, Union.     Bilder und Lebensdaten stammen nicht aus dem Buch. Re