Willy Seidel Die magische Laterne des Herrn Zinkeisen Meinem lieben Carl Georg von Maassen widme ich dies »unzeitgemäße« Buch Inhaltsübersicht: Zeitgemäßes Zwiegespräch Der kleine Tabakladen Erstes Bild: Das dunkle Abenteuer des Herrn Perlafinger Zweites Bild: Die »Lebende Blume« Drittes Bild: Der Apfelsinentrick Viertes Bild: Die Rückkehr der Violante Fünftes Bild: Die Krawatte Sechstes Bild: Psyche und Tod Siebentes Bild: Vom orangefarbenen Herzogtum Achtes Bild: Das älteste Ding der Welt Neuntes Bild: Masken des Frühlings Zehntes Bild: Larven oder Die Beichte eines Sonderlings Elftes Bild: Juan in der Sonne Herrn Zinkeisens eigene verwunderliche Geschichte Zeitgemäßes Zwiegespräch mit einem gewissen Dichter-Kompositeur; einstigem Königlich-Preußischen Kammergerichts-Rath zu Berlin             Der du die Bürgersitten überrennst: bist wieder da, Du schwärmendes Gespenst? Thronst immer noch, wie Väterchen zu Rom, in Deinem Ohrenstuhl, Du toller Gnom? Genügte nicht – (hier steh' ich schier verwundert) – zu Deinem Tod ein »skeptisches« Jahrhundert? Und konnten Kritiker nicht längst erdolchen Dich flüchtigsten von allen Feuermolchen? Antwort : Verehrter! – Fragen Sie nicht gar so töricht. Ich bin unsterblich wie der Wind im Röhricht. Ich bin das Pneuma; – bin die Phantasie. Und diese, Bester, mordete man nie. Auch jene Altersweisheit schwerkalibrig – in Weimar – ließ das Beste von mir übrig. In neuer Flamme – und die Zeit ist reif! – zuckt unversengt mein Salamander-Schweif. » . . . Denn herunter muß es, Herr Doktor, von der Seele, was der Mensch erlebt hat; und wenn er steinalt wird, es gibt Dinge . . . Dinge gibt es, und Zufälligkeiten, kaum zu beschreiben .« (Ausspruch Herrn Zinkeisens.) Der kleine Tabakladen Vor einigen Wochen wurde ich mitten in der Stadt von einem Platzregen überrascht. Eine Trambahnhaltestelle war nicht in der Nähe, und so entschloß ich mich, in einen Tabakladen einzutreten, einen kleinen Einkauf zu machen und zu warten, bis das Ärgste vorüber sei. Der Laden war von einer strahlenden Sauberkeit; die Ware bot sich symmetrisch und gefällig dar; und wiewohl das Geschäft nicht zu überlaufen schien, herrschte blankgeputzte Ruhe darin und denkbar beschaulicher Mangel jeglicher Überstürzung. Zu diesem Eindruck trug der Inhaber bei, der mir bei der Auswahl der Zigarren half. Sein Organ klang hanseatisch hell; seine Bemerkungen waren von freundlicher Sachlichkeit. Unter Mittelgröße, fast plump gebaut, hatte er durch seine ruhige Bestimmtheit etwas irgendwie Autoritatives, ja, in bescheidenem Sinn Respekteinflößendes. Seine blauen Augen blickten besinnlich; sie erhielten dadurch, daß das obere Lid ganz unter der Brauenfalte verschwand, bescheidene Schärfe . . . Gekleidet war er in einen schlohweißen, gestärkten Leinenmantel, unter dem zuweilen der hellgraue Stoff des Anzugs hervorsah. – Und ausgerechnet bei diesem patenten kleinen Ladeninhaber, diesem Besitzer einer vernickelten Registriermaschine, mußte es mir passieren, daß meine Barschaft restlos ausgegangen war, als es ans Zahlen ging. Sehr peinlich war mir das, das muß man mir glauben. Ich hatte ihn in Bewegung gesetzt, hatte ihn bemüht in seinem weißen Leinenmantel, hanseatisch propre Geschäftigkeit veranlaßt, und nun sollte das alles mit einem Fiasko enden! – Ich sagte »Donnerwetter«, oder Ähnliches, und durchsuchte meine Taschen. Er merkte das, wickelte das Paket aber ruhig ein, machte ein Daumenschleifchen an die Schnur und sprach: » Denn können der Herr ja das nächste Mal bezahlen.« »Scheußlich unangenehm . . . Ich lasse es hier . . .« »Nichts dergleichen«, entschied er mit seiner hellen Stimme. »Sie nehmen es ruhig mit, mein Herr. Nur, zur Formalität, Ihren geschätzten Namen; den können Sie mir ja wohl mitteilen; denn schick' ich Ihnen gelegentlich mal eine Offerte . . .« Er sagte es sehr nett; als er meinen Namen aufschrieb, wurde er jedoch nachdenklich. »Sind Sie vielleicht, mein Herr, identisch mit dem Schriftsteller dieses Namens?« Leicht geschmeichelt, daß solches in diesen kleinen Tabakladen gedrungen sei, bestätigte ich's. – Und nun wurde er ganz anders; er verfiel in jene Mischung von Hoch- und Niederdeutsch, die man »messingsch« nennt; er zählte mir einige meiner Aufsätze auf, die er gelesen habe; bei Gott, er kannte sie wirklich; fremde Namen glitten ihm glatt von der Zunge; seine Beschlagenheit verwirrte mich. Mit leichtgeröteten Zügen rezitierte er ein oder das andere Satzgebilde, das ihm hängengeblieben sei; Schilderungsdetails, die er, mich mit seinen Dachaugen durchbohrend musternd, als »gut gesehen« pries . . . »Mein Name«, fügte er scheu gewichtig schließlich ein, »ist Zinkeisen; Edmund Zinkeisen. Damit eine gegenseitige Vorstellung daraus wird. Sie werden sich, Herr Doktor, vielleicht wundern, daß ich mit einem Schimmer von Sachkenntnis über Ihre Artikel zu urteilen mir die Freiheit nehme. Ich kenne nämlich die Gegenden, die Sie so treffend schildern, gewissermaßen aus eigener Anschauung, wenn Sie erlauben. Und Sie werden begreifen, mit welcher Andacht ich mich hineinvertieft habe . . . ›Wenn du doch‹, so sagte ich oft zu mir, und auch zu meiner Frau sagte ich das, ›diesen Herrn Verfasser einmal persönlich sprechen könntest . . . dann könntest du Erinnerungen tauschen an die bedeutsamste Zeit deines Lebens; dann wäre dir leichter . . .‹ Denn herunter muß es, Herr Doktor, von der Seele, was der Mensch erlebt hat, und wenn er steinalt wird, es gibt Dinge . . . Dinge sag' ich, gibt es, und Zufälligkeiten, kaum zu beschreiben. Darf ich mir gestatten, Ihnen diese Havannazigarre anzubieten? Brennt sie? So . . . so . . .« Mit finsterem Interesse sah er zu, wie ich mich bediente. »Sie waren also auch in Indien?« »Nicht nur in Indien«, sprach er fast flüsternd. »Viel, viel weiter . . .« Es war, als raune er über einem Schatz, der eifersüchtig behütet aufblinkte. Auf einmal, schneidig wegwerfend: »Ich habe den Rahm abgeschöpft! Ich war sechs Jahre bis zum Krieg ununterbrochen unterwegs! Ich habe mein Erlebnisschäfchen im Trockenen! – Nun, Herr Doktor, habe ich eine Bitte an Sie: würden Sie mir heute die Ehre und das Vergnügen machen, zum Abendbrot mein Gast zu sein? Eine Flasche importierter Jamaikarum? Wie? Ein kleiner Grog in diesem kalten Mai? – Dann kann ich Ihnen etwas zeigen, was Sie in Erstaunen setzen wird. Das macht die Wertschätzung, verstehen Sie!«   Es war am Abend. – Auch in seinen Wohnräumen herrschte jene auffallende Sauberkeit. – Es war bieder-bürgerlich und nett. – Eine mollige, blonde Frau begrüßte mich. – Nach dem Essen blieb man noch eine Weile bei einer Tasse guten Mokkas plaudernd beisammen; – dann gab der Hausherr seiner Frau ein offenbar vorher verabredetes Zeichen. Sie brachte einen Spiritusapparat mit bereits heißem Grogwasser; Herr Zinkeisen bereitete das Getränk mit zeremonieller Sachlichkeit und so nördlich, daß das ganze Zimmer duftete und zur Koje wurde, mit dem »Pochen großer Wasser drei Handbreit hinter der Wand . . .« – Dann ging er noch nach vorn in den Laden und brachte folgendes mit: – zwei »Cheeroots« mit giftgrünen Leibbinden und eine runde Büchse »Capstan«Zigaretten. »Dies stammt noch von . . . damals«, sagte er sinnend. »Diese Zigarren – sehen Sie – diese perfekten Walzen! – rollen die indischen Mädchen auf ihrem sonnenwarmen Schenkel. Schwer und schwarz und stark . . . Man verträgt sie nur nach der Mahlzeit . . .« »Bemühen Sie sich nicht!« sagte ich behaglich und brannte mir das Kraut an, wovon sich augenblicks ein schwerer, schier benebelnder Duft erhob. »Was heißt bemühen!« winkte er ab und ließ sich auf dem lederüberzogenen Sofa nieder. Die Frau blieb noch ein paar Minuten da; dann zog sie sich wie mitwisserhaft lächelnd zurück. Die Geräusche der Stadt drangen ganz schwach durch den geschlossenen Laden zu uns herein. Er sah freundlich und ein wenig versonnen aus. – Dann sagte er, indem er im Grog rührte: »Sehen Sie den Blechkasten dort, Herr Doktor?« Ich erblickte auf einem Holzgestell eine ungefüge, schwarzlackierte Kiste, mit einer vorn hervorstehenden Blechröhre, und verhangen von einem buntseidenen Tuch. Von einem Wandkontakt aus lief ein Leitungsdraht in den hinteren Teil. Recht vorsintflutlich mutete das Ding an. »Eine Laterna magica ?« »– So ist es. – Eine biedere magische Laterne, wie sie bei unseren Vorvätern in Gebrauch war. Ein Requisit aus einer menschenwürdigeren Zeit. Ein Spielzeug, das ich auf dem Trödelmarkt fand und unverzüglich erwarb . . . Man läuft jetzt ins Kino, – gut; – es hat eben jeder die Unterhaltung, die er verdient. Ich meinerseits bin, mit Ihrer Erlaubnis, ein philosophischer Charakter und lasse mich nicht abspeisen anläßlich einer Massenfütterung. Nackte Tatsachen werden da geboten; nichts zum Träumen. – Und was ist die Würze des Lebens, mein Herr? – Die Träume.« Ich staunte. Denn Herr Zinkeisen ließ in seinem Äußeren gar nicht vermuten, daß er ein so verpöntes Steckenpferd im Geheimen ritt. Aber dies Innenleben in einem Allerweltsschädel nebst proprem Scheitel, leicht glotzenden hellen Augen und einer behutsamen Kleinbürgerlichkeit war echt deutsch, sehr rührend und ein wenig lächerlich. – Und er fügte noch etwas hinzu, das mich aufhorchen ließ; er sprach: »Mit diesem Kasten flüchte ich ins Land der Phantasie. – Dies Land, verstehn Sie, ist die einzige deutsche Kolonie, die wir behalten haben.« – Hatte er nicht dreimal recht? Gibt es da eine Mandatswirtschaft? Bleiben wir da nicht die Herren? Haben wir den anderen diese Domäne (so ausgeplündert wir auch dastehen vor aller Welt) nicht erfolgreich unterschlagen, und können sie uns dorthin etwa eine »Kontrollkommission« nachschicken? Gibt es nicht dort Herzleid und Erhabenheit und tolleres Geschütz als jedes erfundene? – Und er fuhr fort: »Wenn ich so sinniere bei meinen Bildchen, dann leist' ich Verzicht auf die ›Große Welt‹. – Tja . . . wenn ich so'n büschen geistig ausschweife, denn hab' ich sie alle in der Tasche, die Rechenkünstler und Fisematentenmacher und Wucherer vom grünen Tisch. Gut! sage ich, – folgen Sie mir, meine Herrschaften! Und sie sitzen trübe da und schneiden mit ihren Papierscheren blutende Wunden in unseren Volksbestand und schnippeln an unseren Grenzen herum . . . Folgen Sie mir! sage ich. – Aber sie können nicht, denn wir haben Raum. Wir haben die Phantasie. – Hmm. –« Als ich das hörte, setzte ich keinen stählernen Helm aufs Haupt oder nannte es Pazifistenmoral und vertrackte Drückebergerei. Ich fand es im Gegenteil ganz vernünftig. Dieser Mann hatte sein Teil weg; er erholte sich auf seine Weise. – Ich war weder ein unbedingter Anhänger jenes alternden Geheimen Rats, der eine Literaturmauer um sich baute, als es in dem, was er Vaterland hätte nennen müssen, erbärmlich drunter und drüber ging; – noch auch schwenkte ich einen Hut bei jeder Gelegenheit, die einen Mann-zu-Roß antraben ließ, gleichviel aus welcher Richtung. So schenkte ich mir alle Bedenken hinsichtlich Herrn Zinkeisens und sagte mir: Sieh da; ein deutsches Individuum! Wie es uns im Einzelfall so stärkt und im Volksfall so schwächt! – Und woher kommt das? Weil von jeher der Mensch uns wichtiger ist als die Menschheit und weil, nach unserem voreiligen Dafürhalten, ein deutscher Kellner oder Zigarrenhändler intimere Beziehungen zur »Weltseele« unterhalten kann als der Herrscher von Zeitungen, der sein dumpfes Millionenpublikum mit Gebrauchsbildung versorgt. Der (wirklich unvergleichliche) Grog ließ des Mannes Rede in meinen Ohren vielleicht lieblicher erklingen, als sie von Natur aus war; jedenfalls war jenes Bonmot vom »Land der Phantasie« fast zu gut für ihn, denn im Grunde zeigte er sich, wie auch seine eigene Geschichte dartun wird, als schlichte Seele. – Ich ermunterte ihn nun, da ich neugierig war, mir seine magische Laterne vorzuführen. Hierauf entfernte er die Möbel von der weißgestrichenen Wand uns gegenüber, drehte das Deckenlicht ab und entwickelte im Dunkeln eine rege Geschäftigkeit. Glasplatten klapperten, und nun erschienen auf der Wand lebensgroße Figuren – von bunten Abziehbildchen erzeugt, die innerhalb des Kastens von einer offenbar sehr starken Birne bestrahlt wurden. Langsam wechselten die Bilder. Es war als träten diese bunten Schemen in unsere Gemeinschaft ein; gesellten sich flüsternd uns zu . . . Herr Zinkeisen entfachte den Grog, den er nachfüllte, mit einem Streichholz, und im violetten Flackerlicht verstärkte sich der Eindruck des gespenstisch Lebendigen, schwellend Hervortretenden, plastisch Atmenden dort in der Wand . . . Ein Herr mit rundem Backenbart floh vor einer hübschen Mulattin. Ein David in silbernem Schuppenkleid fällte einen Goliath, der niederprasselte, irres Erstaunen im Blick. Die Pupille eines waschblauen Auges rollte innerhalb eines goldenen Dreiecks verschmitzt hin und her. – Dann sah man einen Jongleur, der mit Apfelsinen spielte – plötzlich platzten sie in einer lohenden Katastrophe. – Zwei Rokokodamen prügelten sich um eine Marionette; hinter ihnen dämmerte eine Eule auf, die an Schlaflosigkeit litt und den Tod in Gestalt eines Arztes heranwinkte. – Eine nackte Jungfrau, wie ein Porzellanfigürchen, flatterte buntbeschwingt als Schmetterling durch arkadisches Blau, verfolgt von einem borstigen Ungeheuer, das einer monströsen Schmeißfliege glich. – Daraufhin gab es ein seltsames Durcheinander von kaum entwirrbaren Dingen: ein Affe trat auf, ein Chinese, ein fratzenhafter Fels, zusammen mit einer flink kletternden kleinen Gestalt im Matrosenanzug, die Angst fühlte und gläsern zu schreien schien . . . Nun wurden die Bilder beklemmender. Ein aschblonder Backfisch in langem Hemd schritt schlafwandelnd durch eine Gallerie drolliger Puppen und versetzte ihnen träumerische Nasenstüber. Sie versank in einer Sintflut und reckte die dünnen Arme nach einem kleinen Spanier, der einen untergehenden Mast umklammerte, und Tausende von Köpfen, wie von Robben, tauchten ertrinkend auf und wurden dann weggeschwemmt . . . * – – – Ich weiß nicht mehr, wie lange dies interessante Panorama, dank eifriger Geschäftigkeit Herrn Zinkeisens, noch weiterrollte; jedenfalls erschrak ich heftig, als mit letztem Plattenwechsel plötzlich seine flache Stimme ertönte: »Tja, Herr Doktor, nun ist wohl das Material vorläufig aufgebraucht, nicht?« – und als er das flammende Deckenlicht wieder anknipste. – Ich war wie benommen; ich mußte noch eine Weile die Augen schließen, bis all das Bunte, Quellende hinter meinen Lidern zur Ruhe kam. Doch diese törichten Abziehbildchen, die der treffliche Jamaika-Rum so lebendig gemacht, blieben mir gleichsam mahnend im Blut sitzen; ich wußte, ich müsse ihre Schicksale entwirren und schildern, um sie loszuwerden, die vertrackten Quälgeister. Vielleicht war dies auch Herrn Zinkeisens Absicht, und er freute sich darauf, meinen Eindruck schwarz auf weiß als Lektüre zu bekommen. Ob er freilich dies Buch jemals erhalten wird, ist die Frage, denn ich habe mich in der Folgezeit leider vergeblich bemüht, seinen Zigarrenladen wieder aufzufinden, und das Adreßbuch enthielt seinen Namen nicht. – Es fällt mir furchtbar schwer, zu glauben, er sei sozusagen selbst nur eine Fiktion gewesen an einem regnerischen Mai-Nachmittag; er ist mir noch zu deutlich in Erinnerung, und ebenso ist es seine Geschichte am Schlusse dieses Buches. Da er persönlich nicht sehr gut erzählte, so habe ich (da auch der ununterbrochene herzhafte Konsum des Grogs seinem Vortrag nicht förderlich war) ein kleines Epos oder, wenn man will, einen bescheidenen Roman aus ihm gemacht. Und damit, hoffe ich, habe ich ihm meine seltsame Verpflichtung zufriedenstellend abgetragen.   Erstes Bild Das dunkle Abenteuer des Herrn Perlafinger In der Hofburg ist eine überkuppelte Einfahrt, die dem Verkehr offensteht. Dieser »Verkehr« schlängelt sich auf der anderen Seite des Residenzkomplexes unter dem Propyläum mit der ehernen Inhaber-Inschrift Francisci Josephi I. R. hindurch und hinaus. Es ist eine Katastrophe, daß das respektlose Stinktier »Verkehr« soviel Spektakel in der Hofburg macht, ohne daß eins von den Erzherrschaften zwischen aufklirrenden Fensterflügeln hinab nach Ruhe wettern dürft'. – – Durchaus lebensmüd wird man, wenn man es so bedenkt; nie früher wär das erlaubt gewesen. Dies waren die Gedanken, die Herrn Franz Josef Perlafinger bewegten. Er hauste neben der überkuppelten Einfahrt und versah Pförtner- und Kastellandienst. Beiläufig fünfundfünfzig, mußte er schau'n, wo er ein Kissen fand für seinen Lebensherbst im Dreigroschen-Elend der »Kaiserstadt«. Er saß am geschmälerten Futtertrog der zwei Adlerköpf' ohne Rumpf, die hungriger denn je pickten trotz mangelnden Verdauungsschlauchs. Aber das Münchhausensche halbe Roß hat ja auch wacker gesoffen, und so paßte denn Herr Perlafinger lediglich auf, daß dem ehrwürdigen Geflügel die Schattenkronen nicht herunterfielen. Er war ein treuer Hüter des monarchischen Begriffs . . . Er hatte es sehr schön und ruhig gehabt als Kammerdiener und Vertrauensmann des letzten Grafen von Wiltczek. Ein sehr angenehmer Posten! Der Graf war ein hoher Funktionär: Reichsmundschenk, der bei den seltenen großoffiziellen Anlässen mit zittriger Hand etwas Sekt in den goldenen Empirehumpen spritzen ließ. Zwei ebenso wackelige Lakaien balancierten diesen auf einem Tablett und pflanzten ihn dann vor die K. und K. Majestät, die kaum daran nippte, geschweige denn daraus zechte. – Des Grafen Aufgabe war es nun, bei diesen Habsburger Schwanengesängen (die immer gedämpfter klangen, bis der Krieg der Monarchie den letzten Wind nahm) – zu spähen, ob der Kaiser nicht auf dem Trockenen sitze; daß er stets frisch nachgefüllt bekomme und seine Kehle gut geölt sei für etwaige Toaste. Für dieses Amt ergab sich aber nie ein Anlaß; wenigstens in den letzten zehn Jahren nie. Deshalb sank die Würde des Mundschenks inmitten des Gewimmels der Schranzen zur stilvollen Geste herab; ja kaum zur Andeutung einer solchen. Mit der Monarchie – sogar noch vor deren letztem Aufflackern in der Person Karls – neigte sich auch das letzte Reis derer von Wiltczek verdorrt über den Rand des uralten Wappens. Im Wermut- und Baldriandunst, unter muffigem Damasthimmel, devote Floskeln als welkes Adieu in die Hand eines Erzherzogs hauchend, verschied es. Mit allen Segnungen der Kirche schwer versehen, zog der feudale Greis mit den silbernen Favoris sich hinter die Barockfassade seines Familienmausoleums zurück. Da die ausgesetzte Rente in der Inflation sofort schmolz und nicht einmal mehr eine »Trabuco« täglich garantierte, wäre für Herrn Perlafinger nichts übriggeblieben als das Altersheim. Der Himmel aber fügte es, daß ihm in Anbetracht dreißigjähriger Treue der erwähnte Fremdenführerposten zufiel; daß er genug zu essen hatte, sich drei Trabucos und eine Virginier täglich leisten konnte und sogar spazierengehen, wenn »Schluß der Vorstellung« war. – Diese Möglichkeit nützte er jedoch nur äußerst selten aus. Wir müssen nämlich wissen, daß der Mann ein unzufriedenes Gemüt besaß und der Verbitterung den Eingang in sein Herz gestattete. Wenn er nach Beendigung der Rundführung das Eingangsportal zu den vierundzwanzig »öffentlichen Gemächern« der Hofburg schlüsselrasselnd geschlossen, wartete er zuweilen (anstatt sich in seinen Verschlag zurückzuziehen, seinen Kaffee zu brauen und zu nachtmahlen) noch unter der Kuppel. Diese Kuppel mit den verblaßten Fresken dröhnte vom Lärm bellender Hupen und von der eiligen Drangsal hastender Füße. In dies Gewusel hinein lächelte von oben ein kalkiger Himmel, derselbe, der einst frisch und farbig geleuchtet hatte, da er noch über sanften Sänften und Galawagen prunkte. Nun aber war er verwittert nicht bloß durch die Zeit, sondern aus Trauer und Abscheu. Lange Risse wanderten quer über Puttenleiber, Nymphenbrüste und tabakfarbene Gliedmaßen feiernder Heroen. – »Es dauert nimmer lang,« dachte Herr Perlafinger, »dann kommt der ganze Verputz herunter samt der schönen Schilderei . . .« Gram umflorte sein Auge, wie er so dastand und mit dem Blick eines Bernhardiners die todgeweihten Nacktheiten bespähte. Er hatte nämlich Sinn für Kunst, besonders wenn sie ihm gewisse angenehm-plastische Vorstellungen erweckte.   War es noch zu früh für das Abendmahl, so harrte er aus, bis die Verkehrskuppel zufällig einmal leer war; dann sperrte er das Portal geschwind wieder auf und war nun ganz allein in der Hofburg. Er brauchte sich keinen Zwang anzutun, durfte sich soweit gehen lassen, als die tolerant gelaunte Tradition in diesen Gemächern es ihm gestattete. Hier war man sozusagen »unter sich«. Gemästet von dynastischem Prunk, hervorgesogen aus der Seide der Saalwände, geschöpft aus der Tiefe unendlich aufgeworfener weißgoldener Flügeltüren, schwoll Herrn Perlafingers innerer Protest gegen das scheußliche Draußen; gegen das heutige Wien. Hier innen war er gefeit und geborgen unter den stilvollen Gespenstern des Gestern. Denn nicht sehr alt war dies Gestern trotz der hundertfünfzigjährigen Möbel, der dreihundertjährigen Gobelins; es huschte hervor und begleitete seine einsam knarrenden Schritte auf dem Parkett. Denn er ging jetzt nicht auf dem Läufer, über den er die Fremdenhorden hinübergetrieben. Er ging auf der dämmrigen Parkettiefe als Mitbestandteil der Dinge, die sie spiegelte und in zerfließenden Farbtupfern in ihre Märchentiefe lockte. Ebenso wie der Traum jedweden Gegenstandes darin geisterte (das Weiß zierlichster Öfen, das Türkisblau mannshoher Vasen, das vergoldete Kupfer-Rokoko, das Goldfunken heruntertropfte, das Facettengewirr der Lüster, wie blühend im braunen Sumpf) – ebenso spiegelte sich auch der Bauch Herrn Perlafingers, verkehrt zwar, doch trotzdem ebenbürtig hindurchgetragen. Ja, dieser Vorkriegsbauch – es gab ihn noch, wenn zwar nicht so straff und proper mehr. Er hatte Falten, wie alles andere an seinem Besitzer. Er war ein halbwelker Ballon, gerade noch in Schwebe gehalten durch moralische Fingerstüber, aber ohne pfeilgeraden Trieb mehr, in die heroische Welt der wienerischen Halbgötter hinaufzuschießen. Er war in seiner Bekleckerung durch verirrten Schnupftabak und Gulaschspritzer, beschwert von stählerner Uhrkette, keine Staatsangelegenheit mehr. Aber sah man ihn so im Parkett, spähte man steil über seine Wölbung nach unten, so sah man lediglich die Rundung und all das Unzulängliche war barmherzig verwischt.   Es ist nach sechs Uhr im März: durch die französischen Fenster blinkt ein grellweißer Himmel. Alles ist stumm, entrückt; voll von der Weihe eines nach letzten, höchsten Machtexzessen zusammengesunkenen Regimes. Strenge Fürstinnen, kokette Thronfolger, Schlachtenlenker der Boudoirs, süße Puppengesichter unter beschleiften Chignons, grünsamtene Knaben mit der schmollenden Erblippe, zierliche Hifthörnchen schwingend wie Honigkringel . . . Dann wieder stilvoll aufgebaute Feldherrenhügel, Gepurzel verfilzter Reitergruppen in brauende Kessel von Kriegspanoramen: dies ist für Herrn Perlafinger der Hintergrund. Über einem Porphyrkamin steigt ein Spiegel an; etwas getrübt ruht der in einer Umrandung gelbsilberner Voluten. Herr Perlafinger nähert sich ihm und starrt sich an. Die Ähnlichkeit mit dem erhabenen Spender seines Taufnamens ist verblüffend. Verwittert ist dieser Kopf: gelbliche Hautfarbe, kranzartiges Fältchenspiel an langlidrigen, leicht schiefgestellten Augen, ein gelbes, gesundes Zahngeheck und dann der Backenbart , ein peinlich ausrasiertes Kinn zwischen den Flügeln hegend wie ein rosa Ei! Der Backenbart! Diese wunderbaren runden, graumelierten Polster rechts und links! Perlafinger wendet sich ab, erschüttert von der mühsam zur Vollendung gezüchteten Ähnlichkeit! Hört er nicht Anspielungen darauf Tag für Tag? Es ist schon was dran! Tolles Gefühl, dem alten Franzel Höchstselig so grad ins Gesicht hineinzublinzeln, und auch Er muß dann blinzeln, und man kann mit Ihm machen, was man möcht'! – – Breit läßt er sich in einen Prunksessel nieder, und der Kaiser verschwindet aus dem Spiegel. Perlafinger grinst traumverloren und raucht. Lichtblau zieht sich wie welliger Schleier der Qualm durch die Hofburg-Atmosphäre. Zuweilen knackt ein Sofa, ein Prunkbett, ein Stuhl. Erinnerungslächeln umspielt seinen Mund; durch strählende Finger gleitet der Backenbart. Er geht zuweilen zur chinesischen Vase an der Tür und stäubt seine Asche hinein. Es ist dämmrig geworden; noch einmal marschiert er sinnend durch die vierundzwanzig Türen, und überall in den Spiegeln begleitet ihn ein ehrwürdiger Greis: der rechtmäßige Inhaber einst dieser und vieler anderer Räume; leicht gebückt. Nur etwas zu feist. Und unwahrscheinlich bürgerlich. Und Herr Perlafinger denkt an ein Geschehnis, das reichlich lang her ist. Er denkt an Ilonka  . . . Er hatte diese Ilonka, die gräfliche Mätresse, im Auftrag seines Herrn ins Bockshorn gejagt. Er hatte ihr dargestellt, daß im Kabinett bereits erwogen werde, ob man sie entfernen solle, »deportieren«, wenn ihr der Ausdruck sympathischer sei . . . Und zwar aus Wien, irgendwohin an die Grenze. Sie solle gescheit sein und in Gottes Namen die Abfindung nehmen, die man ihr anbiete, und die Hofburg nicht weiter beunruhigen. Die Majestät habe ohnedies soviel Schererei in der eigenen hohen Familie von wegen Dispensen, die man Ihm von Gemüts wegen erpresse, von nervenfolternden Kompromissen im Interesse weitaus wichtigerer Damen, als Fräulein Perchtenleitner jemals darzustellen hoffen dürfe. So sei Er äußerst heikel auf den Punkt der Seitensprünge zu sprechen, und wo Er merke, daß man Ihn, das heißt Seine Herren Söhne, kopieren wolle, da werde Er nicht mehr lange fackeln. Er habe in der letzten Zeit ohnehin die Moral stark unterstrichen und daß Er's sauber haben wollt' um Seine heilig römische Person herum. Sie solle nur so weiter machen mit Eingaben gegen den Herrn Reichsmundschenken; dann werde das Erzhaus ihr schon die Macht zeigen. Gott sei Dank sei ihr Tratsch noch im Keim zu ersticken, wenn sie vernünftig sei; und für das Buberl werd' der Herr Reichsmundschenk schon einen Vater besorgen. Der Vater fand sich denn auch im k. und k. Infanterieregiment (Deutsch und Hochmeister Nr. 4), ein charmanter Feldwebel. Der Krieg raffte ihn aber leider am Isonzo hinweg. Zunächst natürlich war dann davon die Rede gewesen, daß etwa Herr Perlafinger selber  . . . (bitt' Sie, unmöglich! . . .) einen Laden aufmachen sollt', eine Trafik, wo er's doch so gut hatte; wo er so verantwortungslos und sorgenfrei in der Wolle saß . . . Seinen prächtigen Frack sollt' er ausziehen? Seine Eskarpins? In den Küchendunst eines kleinbürgerlichen Betriebs hinuntersteigen? – Übrigens war die Ilonka, blauäugig und drall, durchaus eine Lockspeise für ein Mannsbild. Und auch Intelligenz durchblicken ließ das Weib, sobald sie sichergestellt war. Kurz, die Episode hatte er ins reine gebracht ohne Zeitaufwand und insofern Dankbarkeit geerntet, als der Graf ihn, solang der Krieg brenzlich war, als »unabkömmlichen Sekretär« in der Etappe benötigte oder als Küchenchef im Stabstrain, wo man den Krieg nur ganz von fern pumpern hörte . . . So gab es von beiden Seiten Vertrauensbeweise. Oder geschah dies alles nur, weil man einen Doppelgänger des Allerhöchsten Kriegsherrn nicht der Schlachtbank opfern wollte?   Als Herr Perlafinger an einem dieser Tage in seinem Verschlag ins Bett ging, konnte er durchaus nicht schlafen, denn die Ilonka meldete sich immer dringlicher in seinem Gedächtnis. Weiße glatte Haut hatte sie gehabt, weißbestrumpfte Waden und allerhand doppelte Rundungen, wo sie hingehörten. In reicher Fülle und doch sozusagen knapp. Recht jung und bockig, wie sie halt sind mit neunzehn; aufgehetzt auch noch von einer gewissenlosen sozialdemokratischen Verwandtschaft, die natürlich eine dauernde Anzapferei vorhatte an Seiner Erlaucht. Herrgott! Wenn er, Perlafinger, doch zugegriffen hätte? Der Graf hätt' ihn zwar »außerg'worfen«; aber das mit dem kleinbürgerlichen Milieu hätt' er schon passend modeln können nach eigenem Geschmack. Und der Graf hätt' ihn sicher ausreichend finanziert, so daß er von einem Roßhaarpfühl übergesiedelt wär' auf ein lebendig-elastisches. Verlust an Bequemlichkeit wär' das kaum gewesen. Eigentlich fast ein Profit! Es hätt' ihn ja schließlich nichts gehindert, trotzdem ein feiner Herr zu bleiben und die Ilonka heimisch zu machen auf seinem Niveau . . . Er seufzte. Sollte er am Ende damals nicht doch eine Riesendummheit gemacht haben in seinem byzantinischen Dusel und engen Horizont? Es blendet den Blick, wenn man immer nur Hofschranzen sieht und Uniformen. Es verstopft das Ohr gegen Naturlaute, wenn man immer auf Getuschel lauschen muß wegen der Konkurrenz der anderen Leisetreter. Den schönsten Teil seines Lebens hatte er dafür weggeschmissen, und nun war er fünfundfünfzig. Er träumte von den Nymphen an den Freskodecken. Mitten unter ihnen saß die Ilonka in verschobener Fernrohrperspektive; sie hatte ein fernes mythologisches Getu', und auf ihrem drallen Schenkel ritt ein Putto. Der vom gefallenen Feldwebel adoptierte Putto. Der bohrte dem einsamen Träumer einen rundlichen Finger voll Schadenfreude mitten ins Herz . . . Er schrak auf. Beklommen und unzufrieden. Zunächst war der schwellende Protest wieder da gegen Wien. Es war nicht mehr sein Wien; das war radikal weggefegt. Nichts war übrig davon als eine absurde Anhäufung von Großstadtelend ohne Hinterland, als ein Kopf ohne Rumpf. – Ilonka und ihresgleichen hatten jetzt darin das große Wort. Und trotzdem erschien sie ihm (als Teilhaberin seiner Tradition und ins gräfliche Wohlwollen so eng einst hineinbezogen) auf einmal besonders begehrenswert, wie alles Versäumte. Wie alt sie wohl war? – Beiläufig vierzig. Und ob sie wohl einigermaßen konserviert war? – Was eine waschechte Wienerin ist, hält auf sich. Du wirst einmal schauen müssen, dachte er auf seinem einsamen Lager, wo sie steckt, was sie so treibt; unverbindlich herantrudeln wirst du müssen . . . Dann kannst du sie herausholen und sie umgestalten, bis sie reif ist fürs bessere Leben! – Wie bitte? Wieso besseres Leben? Was bietet man ihr denn? Einen Fremdenhirt mit Bauch und Backenbart, der Sprüchlein schnurrt! Der in die Ohren der Besucher hinein folgendes predigt: »Der Kaiser Koarl ergriff das Steuerruder des Staatsschiffes noch einmal mit hoffnungsvoller Hand; doch ein tragisches Schicksal wollte, daß es kenterte . . .!« – Nach solchen resultatlosen Erwägungen beschloß Herr Perlafinger, in den nächsten Tagen einmal auf die Suche zu gehen. Er war immerhin erst fünfundfünfzig Jahre.   Er machte sich bereits am folgenden Tag auf, an dem keine Besichtigung der Hofburg stattfand. Er gürtete seine Lenden, indem er sich in seine korrekteste, nach Mottenkugeln duftende Vorkriegsgala steckte, und begab sich auf die Suche nach der plötzlich wieder so lebendigen Ilonka. Naturgemäß lenkte er seine Schritte, begleitet vom Dröhnen des aus der gräflichen Erbmasse stammenden Stockes, zunächst nach der Polizei, um festzustellen, wo eine gewisse Witwe mit fünf unaussprechlichen Konsonanten im Namen hauste. Der Name wurde nachgewälzt, doch nicht entdeckt. – »Der Herr möcht' ein wenig Geduld haben und gelegentlich wiederkommen. Bei der wechselnden Rechtschreibung der tschechischen Namen (noch dazu ohne Vokal, an den man sich klammern könnt') sei es eine niederträchtige Arbeit, den verewigten Feldwebel auszugraben. Nichts für ungut.« Worauf ihm nichts übrigblieb, als zunächst einmal einen Spaziergang zu machen. Er hatte allerhand Trinkgelder gespart, die seine Brieftasche schwellten. – – – Apart war das junge Grün, wie es so zum Vorschein kam. Ein paar Büsche blühten bereits gelb. Der Frühlingssermon der alten Weiber, die ihre Veilchensträußlein schwenkten, lautete wie seit je: »Weil Sie's sind, Herr Baron, ein Schilling . . .« Und überall saßen auf Parkbänken verlorene Existenzen. Sehr ärgerten ihn die ordinären Taxidroschken; sie kläfften ihn an wie erboste Köter, und oft mußte er sich, schier mit Verlust an Haltung, auf den Gehsteig zurückretten. Scheußlich zugenommen hatte der Verkehr während seiner »Klausur«. Andächtig beäugte er die Prachtbauten. Da hatte man wenigstens etwas Handfestes von früher, den ganzen monumentalen, unzerstörbaren Ausdruck des monarchistischen Prinzips. All die Herrschaften auf ihren muskelschwellenden Marmorrössern, all das Barock, das in tobendem Herrschdrang ins Blau brandete, war Balsam für seine Seele. Und doch webte in der mildstreichelnden Frühlingssonne ein Hauch von Melancholie darüber. Kein Wunder: dies alles war nicht mehr berechtigt. Glanzvolle Kulissen waren das; auf ihnen ließ ein verschuldeter Magistrat den alten Scheinwerfer spielen. Ein Museum voll toter Pracht, in dessen weitläufigen Räumen und Gängen eine darbende Menge wuselte; ein Ameisenhaufen, in den ein eiserner Besen gefahren war und ihn in tausend triste Asphaltrinnen hineingekehrt hatte. Der Vergleich fiel ihm ein mit einer Perlmuttermuschel, einem großen Meerschneckenhaus, das zwar noch ganz wunderbar schimmert, doch der eigentliche Bewohner ist fort, so daß im Gehäuse nichts mehr weilt als ein bißchen Duft und viel sausende Erinnerung. Hielt man das Ohr dran, so starb wie ein kleines Fragezeichen ein anmutiger Walzertakt. Aber was an Herrn Perlafinger lag, so mußte einmal wieder die Zeit kommen, da ein gekrönter Nachkomme prächtig Einzug halten würde in die leere Muschel! Alsdann gibt's einen Tusch darin; der schmettert lauter als jener tränenreiche Dreivierteltakt! Ja, wenn einmal der Otto, der nette Bub' (dessen schwarzgelb umschleifte Bildchen in kleidsamem Matrosenanzug sein Ofensims zierten) herabsteigen würde aus der Ferne seines Exils, im Morgenrot besserer Zeiten, und eine Armee von Fensterputzerinnen in Bewegung setzen . . . Der würde auch die alte Dame Wien in ihrer vereinsamten Loge, die sie im Welttheater innehatte, galant wieder aufwerten, so daß sie's dann nicht mehr nötig hatte, ins internationale Parkett hinunter zu lorgnettieren, um so nervös das Mienenspiel der Kavaliere »Anschluß« und »Anleihe« zu studieren. Dann würde sie wieder jung auf ihre alten Tag', wenn der Otto käm' und sie herauszög' aus dem Schlamassel. – – – Perlafinger stampfte mit dem Stock auf, und da ihm im Augenblick nichts Besseres einfiel, ging er die Kärntnergasse hinunter und landete im »Griechenbeisl«. Hier stellte er fest, daß wenigstens das Pilsener den Sturz der Monarchie unbeschadet überdauert hatte. Auch die alten Kellner dort heimelten ihn an. Dies stellte er solange fest, bis er einen kleinen Schwips hatte. Ein solcher Zustand veredelt, und mit jedem Glas wird die Welt verständlicher. Zunächst mußte eine unabweislich aufsteigende Rührung überwältigt werden, in der sich die Trauer über den Umsturz mit seinen persönlichen Versäumnissen verquickte. So gab Herr Perlafinger, respektvoll von konservativen Gästen und verträumten Kellnern betrachtet, zunächst ein Bild ab mit der Unterschrift: »Mir bleibt nichts erspart.« Nachdem er der Vergangenheit einen Monolog gewidmet, wurde er menschlicher und zeitgemäßer. »Seine Stimmung«, ließ er wissen, »sei gehoben. Er wolle nicht immer bloß Fremdenführer spielen. Er wolle selbst einmal den ›Fremden‹ spielen. Er ersehne einen Ort, wo sich allabendliche Gemütlichkeit an Schrammelmusik stärke; er fühle heute etwas Unternehmungsgeist.« Die konservativen Gäste und verträumten Kellner hierauf berieten sich untereinander. Dann sagten sie, was die »Schrammelmusik« anlange, so gäben sie ihm einen großartigen Tip. Das rechtsstehende Element in Wien habe ein Geheimlokal, wo es sich treffe. Er würde da die Elite finden von früher, die Creme der alten Gesellschaft; warm ums Herz würd's ihm werden; so ganz im eigenen Fahrwasser würd' er schwimmen . . . Eingeklammerte Grafen streiften dort ihre Klammern ab und gäben sie in der Garderobe ab. »Tabarin« heiße das Geheimlokal. Er solle mit Scheuklappen hineingehen und sich vorher niemandem anvertrauen; kenne man sich doch jetzt nicht mehr aus, wer ein Sozialdemokrat oder gar Kommunist sei und wer noch ein anständiger Mensch. Das begreife er gut. Ganz ihrer Ansicht sei er. Hätt' man übrigens schon jemals so was Dummes gehört als »eingeklammerte« Grafen? Sein seliger Graf würde sagen: »Karl der Große hat mich geadelt; und Karl Renner will mich ent adeln? . . . Soll er's probieren . . .« Die Gäste wurden immer munterer, geradezu ausgelassen. »Also, Herr Hofrat – (sie tauften ihn Hofrat!) – dort werden Sie was erleben, dort im Tabarin. Sie werden sich zurückversetzt fühlen in die schöne alte Zeit, direkt ins Dreimäderlhaus! Eine reizende Schrammelmusik werden Sie finden! Einen Geiger, der seinen Kasten menschlich behandelt, und einen Pianisten, der streichelt die Tasten . . . Aber die Hauptsach', Herr Hofrat, warum Sie dort hingehen müssen, ist die Baker Peperl . – Unsere Baker Peperl.« »So, so«, sagte er und zwinkerte verständnisinnig. Dabei kämmte er leicht erregt seine Bartpolster. »Fesches Madel, was? – Eine Hiesige?« Die Gäste besprachen sich wieder untereinander. Sie machten schnaubenden Gebrauch von ihren Taschentüchern. Dann wandten sie sich wieder Herrn Perlafinger zu und sprachen: »Sie ist nicht gerade von Wien gebürtig. Mehr südlich. Stark brünett. Aber ein fesches Madel, ganz wie Sie sagen, Herr Hofrat. Eine Tänzerin. Wie der liebe Gott die g'schaffen hat, war der Heurige gut. Wir sagen Ihnen, die tanzt einen Drahrer, daß Ihnen ganz anders wird. Die engagiert Sie, passen S' auf; da kriegen S' eine Hitzen, und mit den Augen schmeißt s' wie mit Knallerbsen. Wissen S' . . . (in Ermangelung weiterer Vergleiche seufzte man) . . . also zum Anbeißen. Und unterhaltsam. Keine Ziererei; keine Ziererei . . . Ja, ja, die Baker Peperl.« Herrn Perlafinger lief das Wasser im Mund zusammen. »Gut. – Ich gehe!« rief er schallend und schwenkte sein Glas. Alle tranken ihm zu. »Servus, Herr von Perlafinger! Und grüßen S' die Baker Peperl von uns, vom Stammtisch im Griechenbeisl!« – – Als er die Treppe ins Freie gewann, aus der verließartig angelegten Lokalität heraus, hörte er noch, wie sie drinnen sangen und durcheinander riefen: »Nußbraune Maid« – »goldig's Mensch« – »hat Wien im Sturm erobert« . . .   Der Portier in der lichterflammenden Einfahrt zum »Tabarin« tritt beiseite, um einen Herrn hineinzulassen, der mit der Geste eines alten Kenners der Garderobe zustrebt. Er sieht dem Kaiser Franz Joseph zum Verwechseln ähnlich; nur der Bauch stört im Bild. Und die leicht untersetzte Figur. Der Portier schmunzelt und seufzt ein wenig. »Ich bin der Hofrat von Perlafinger«, sagt der Herr mit einer gewissen Strenge im Ton zur Garderobenfrau. »Falls ich gewünscht werd', so haben Sie in das Lokal hineinzurufen: ›Herr Hofrat!‹ Haben Sie verstanden?« »Jawohl, Herr Hofrat«, sagt das schlichte Weib und glotzt aus übermüdeten Augen. »Wie Sie befehlen.« Sie starrt mit der gleichen Verblüffung auf einen Fünfschillingschein, der ihre Handfläche ziert. »Küss' d' Hand, Herr Hofrat.« »Sagen Sie . . .« fährt der Hofrat fort und zupft an sich – »hat man mich richtig orientiert, daß hier ein Fräulein – Baker? Wie? – mit dem volkstümlichen Namen ›Peperl‹ (soll wohl augenscheinlich das Mundartliche sein für ›Josephine‹) . . . daß also ein derartiges Fräulein hier auftritt?« Das übermüdete Garderobeweib nimmt sich zusammen. »Jawohl!« sagt sie schier militärisch. »Herr Hofrat sind richtig. Bemühen sich bitte durch jene Tür . . .« Und da des Herrn Hofrats Blicke in falsche Richtungen irren, setzt sie hinzu: »Aber nein , gnä' Herr, net in d' Toiletten; – außer Sie möcht'n d' Händ' waschen . . .? – No alsdann gradeaus bittä . . . Obacht, Stüfchen!!« – – – Als der Herr »Hofrat« in den großen Saal trat, dessen Logen im Kreis eine sehr geräumige Tanzdiele umrahmten, war sofort ein kleiner Mensch zugegen mit einem schwarzen Bürstchen auf der Oberlippe, bläulichen Schatten auf den kalkigen Wangen und schwarzen, unruhigen Augen. Er war im Cutaway und ging mit zurückgeschobenen Schultern und einladendem Schwenken seiner vornehmen Hand – (eines ruchlosen Patschhändchens mit einem Gemmenring daran) – Herrn Perlafinger voran, ihn sozusagen vergewaltigend. Er wollte ihn an ein Einzeltischchen setzen und gedachte dies durch Überrumpelung zu erreichen. Aber der Hofrat ärgerte sich über die Selbstverständlichkeit des inferioren, »geradezu jüdisch aussehenden« Subjekts und ließ es allein voraneilen, während er in eine geräumige noch leere Loge abschwenkte. Und da ließ er sich nieder wie Kaiser Franz Josef im Theater, trommelte auf den Tisch und blickte sich huldvoll um. Der Saalaufseher versuchte darum vergebens, das erlauchte Phantom, das er noch hinter sich wähnte, zu plazieren. – Eine Rotte feister Kellner erschien mit Servietten tändelnd an der Loge. Herr Perlafinger hatte gerade mit herabgezogenen Mundwinkeln geäußert: »Woll'n S' mir die Champagnerkarten bringen bitte . . .« – da, in diesem selbstbewußten Moment, ging ein so viehisches, grobes, gemeines Geplärr und Gedudel los, daß er beinahe vom Stuhl fiel. Ratlos glotzte er nach der Kapelle, ebenso ratlos auf die Kellner, die höchst unbefangen blieben und weiterhantierten, als sei der Spektakel die gewöhnlichste Sache von der Welt. – »Ja . . . . um Jesu Barmherzigkeit,« stotterte der Gast – »erlauben Sie . . . erlauben Sie . . . was is denn das für ein grauslicher Radau, für ein abscheulicher??« Der Servierkellner stieß seinem Vorgesetzten, dem Zahlkellner, mit dem Ellbogen in die gepolsterte Hüfte. Dann beugte er sich nieder und brüllte Perlafinger ins Ohr: »Die Jaßkapell'n, Euer Gnaden. – Ausgezeichnete Musikanten. Machen eine Turneh, die Leute. – Soeben kommen sie von Budapest.« »Ja, aber erlauben Sie . . . Sie reden von Musikanten . . . Ist das denn auch noch, bei meiner ewigen Seligkeit, Musik?!« »Euer Gnaden wer'n bemerken, daß wenn Euer Gnaden das Ohr spitzen, die Weise sozusagen deutlich hervortritt und zum Vorschein kommt. – Kontrapunktlich, was man sagt.« Der Kellner war gebildet und stellte sich auf die Seite der Darbietung. »Muß ich gelten lass'n«, sagte der Hofrat resigniert. »Geschmacksache. Wann s' den Leuten gefallt . . . Sehr ein eigenartiger Geschmack allerdings. – Schenken S' ein«, schloß er abrupt mit geröteten Zügen, aus denen die Ratlosigkeit noch nicht wich. Der Ober tat mit eifriger Bewegung das Gewünschte. Der Hofrat trank; seine Augen tränten leicht. »Man muß umlernen,« flüsterte er, »scheußlich umstellen muß man sich . . . Hinausg'jagt hätt' man die Bande früher, solche ›Musikanten‹ . . .« Eine Erinnerung durchflog ihn wie ein Blitz. »Wann kommt die Schrammelmusik, bitte?!« »Da hat man Euer Gnaden falsch informiert«, rief der Ober und schwenkte übermütig seine Serviette. »Mir ham keine Schrammelmusik. Mir sind ein besseres Lokal. Aber passen S' auf, Herr Hofrat, der Herr Direktor ist ein guter Tenorist; der singt wie ein Zeiserl; lauter bekannte Weis'n.« Der Krach, den man Musik nannte, stoppte plötzlich, und im Hintergrund ward ein hoher Jodelton laut, wie ein Nachtigallenschluchzer. Es tremolierte, es warb und lockte. Ein feister Herr mit einem Knabengesicht und einer Hornbrille erschien auf der Bildfläche, öffnete einen Mund, den man mit einem Schillingstück hätte bedecken können, und sang. Die Hände in den Hosentaschen, leicht auf Lackschuhen wippend, wußte er sich kein Ende melodischer Schelmerei. Er sang das Fiakerlied; betonte, daß es nur ein Wien gebe, ließ die bekannten Bäume im Prater blühen und sehnte sich mit verhauchendem Schmelz nach Grienzing (was übrigens mit der Trambahn jederzeit für zwanzig Groschen erreichbar war). Und die Jazzkapelle war bezwungen. Sie zirpte mit; sie zupfte Akkorde. Versöhnlichkeit und schlichtes Behagen nahmen Besitz von Perlafinger. Seine Miene glättete sich; die zornrote Wolke löste sich auf; alle Amoretten der Vorkriegszeit meldeten sich. »Sehen S', das ist Musik«, sagte er glücklich und summte mit. Und nach jeder Strophe machte er ein kleines Beifallsgetöse und nippte einen Schluck. So thronte er, mit den Schaumweinperlen im Backenbart, wie ein unsterbliches Symbol des alten echten Wien gleichsam über dem ganzen Saal. Und der Saal schien das zu empfinden, denn die anderen (übrigens meistens unwienerisch aussehenden) Herrschaften in den anderen Logen hoben die Gläser und tranken ihm zu. Auch der glückgeschwellte Caruso mit der Hornbrille verzögerte den tänzelnden Schritt und legte ihm gleichsam ein Klangopfer zu Füßen. »Man muß den Leuten abbitten«, dachte Perlafinger. »Sie ham doch Lebensart . . . Ja, unser konservatives Element ist nicht umzubringen. Der liebe Gott schützt es in seiner Echtheit. Mit der Mode muß man halt gehen, die Fremden verlangen das. Aber es bleibt g'sund, das goldene, herrliche Wiener Herz.« – Er wedelte herablassend mit dem Handrücken, wie es die erlauchte Spiegelfigur gemacht. Der Sänger, gleichsam neugestärkt dadurch, kletterte zum Schluß des Liedes in glockenreine Kastratenhöhe.   Schwebendes Glücksgefühl beseelte Perlafinger. Und dies war irgendwie verknüpft mit der mythischen Persönlichkeit, von der man ihm im Griechenbeisl erzählt hatte. Mein Gott, was die Schrammelmusik anlangte, so hatten jene Herren sich eben in bester Absicht getäuscht. Man weiß ja auch nicht, was die Fremden wollen; das wechselt jeden Tag. Aber von diesem Fräulein Josephine oder »Peperl« – von diesem verheißungsvollen Geschöpf hatte er eine ganz festumrissene Vorstellung. »Brünett«, hatten jene Herren gesagt. »Südlich; temperamentvoll.« Also höchstwahrscheinlich eine Ungarin, eine Madjarin mit etwas rauher Kehle. Nicht unbedingt aufs Wurzen versessen, sondern eine, die mit sich plaudern ließ und einen soliden älteren Herrn zu schätzen wußte. No – auf ein Flascherl Sekt kam's nicht an. Ob sie wohl auch so eine weiße Haut hatte wie die Ilonka? Das war ihm nämlich bei der Ilonka aufgefallen, obwohl er gar nicht so besonders g'nau hing'schaut (weil er doch auf einer offiziellen Sendung war). Aber das war sicher: maßlos gespannt war er auf dieses Fräulein Josephine. Mit allem Vorkriegscharme würde er seinen Wunsch äußern diesen Lakaien gegenüber in ihren fleckigen Fräcken: »Führen S' mir einmal jene Dame her. Sagen S' ihr, sie hat meinen Beifall erregt.« Und dann würde das herzige Kind anschwirren, mit zitternden Knien seinen Knix machen und aus ihrem Plaudermund würden naive Bemerkungen quellen, während er sie ein wenig krabbeln würd' unterm Kinn oder sonstwo. Und dann würde er sich herablassen, ihr unter Umständen intimer näherzutreten . . . In diese Träumerei, die wieder von viehischem Saxophongeplärr gestört wurde, stieß die Ankunft einer reiferen Dame, deren Alter die rücksichtsvolle Abschätzung zwischen dreißig und vierzig vertrug. Zielbewußt war sie durch den Saal geschritten in einem kurzen Abendkleid mit vielen Silberpailletten, mit fleischfarbenen Seidenstrümpfen an fülligen Waden und Tanzschuhen, deren Hacken energisch knallten. Oben war sie nackt, unter Puder gesetzt, und trug an den grübchenvollen Armen viel klirrendes Schmuckzeug. Ein Doppelkinn hatte sie, einen fuchsroten Bubikopf und wässrige, leicht untermalte Augen. Aber ihre Stubsnase, ihr Lächeln und ihre runde Kinderstirn gaben ihr was ausgesprochen Sympathisches, wie auch ihr tiefes Organ. »Grüß Gott, Herr Hofrat,« sagte sie ohne Federlesen und hielt ihm kameradschaftlich die Hand hin, »amüsieren Sie sich bei uns? Warten S', ich leist' Ihnen ein bißchen Gesellschaft . . . Es is ja auch schad' für einen hübschen Herrn, so ganz allein . . .« »Hm. Ich erinnere mich nicht,« sagte er mit der silbenhackenden Korrektheit, mit der ein besserer Herr Zurückhaltung durchblicken läßt – »die werte Bekanntschaft . . .« ». . . gemacht zu haben. Macht nichts. – Ober, noch a Flasch'n.« Der Ober hüpfte davon. Sie herrschte hier, das war klar. Der Hofrat wurde konfus. »Aber Sie wern doch gestatten, daß ich mich vorstelle . . .« »Damit hat's keine Eile. Hier tut ein jeder, was er mag. Und die Konvention: die lassen wir schwimmen, wie?« »Wie Sie wünschen«, entschloß sich Perlafinger und hob das Glas. Die Dame bohrte die Zunge in die Backe und beobachtete ihn freundlich unter einem Schleier von Nachdenklichkeit. Dann zupfte sie an sich und prüfte den Hochglanz ihrer Fingernägel. »Sie brauchen durchaus nicht glauben, mein werter Herr,« sprach sie auf das Tischtuch hin, »daß Sie mir mein Getränk zahlen müssen. Ich hab' das Gottlob nicht nötig. – Das sind unsere Geschäftsspesen.« »Aber –«, fiel ihr Perlafinger ins Wort, »es wird mir ein Vergnügen sein . . .« Wiederum war er verwirrt. »So? Wirklich? Dann ist es was anders«, kam die Antwort wie ein Pistolenschuß. – – Langsamer: »Eigentlich setz' ich mich ja net zu einem jeden ; aber Sie haben gar so ein zutrauliches G'schau . . .« Diese Antwort war nicht geeignet, seine Verwirrung zu lindern. Er äußerte mühsam: »Ihr Vertrauen, meine Dame, ehrt mich ungemein.« »Oh! Man kümmert sich um die Gäste«, fuhr sie heiter fort. »In unserem Lokal hat sich noch keiner beklagt. – – Sagen S' einmal . . . – und sie bettete das Kinn auf den ausgestreckten Zeigefinger, an dem ein Türkis saß so groß wie ein junges Osterei – »Sie ham so was Beruhigendes, Herr – Hofrat . . . das ist doch der Titel? . . . so was lieb Unzeitgemäßes, so was Anheimelndes . . . Man möcht' schier meinen, man sitzt der guten alten Zeit Aug' in Aug' gegenüber . . . Wie ausgerechnet Sie hier hereinschnein, ist mir ein Rätsel. Es schmeichelt mir! Denn Sie sind doch wegen mir gekommen? Ich hab's zwar nicht b'sonders mit der Selbsteinschätzung . . . . obwohl (und sie lächelte verschleiert) ich mir noch jung vorkomm' . . .« Hier meldete sich der Kavalier in Perlafinger. »Zufälligerweis' hatte ich von einer gewissen Josephine Baker gehört . . . aber Gnädigste dürfen überzeugt sein, daß eine Attraktion wie Gnädigste vollständig genügen würde, mich herzulocken . . .« »Da haben Sie ja eine Ausrede, Herr Hofrat. Glatt geht mir das hinunter. Vor der Baker müßt' ich allerdings die Waffen strecken. Wie man eine neunzehnjährige Heuschrecken ist, und außerdem den alten Herren so lieb an der Platt'n krabbelt, hat man natürlich einen Mordsvorsprung . . .« »Ich kann mir denken,« sagte hier Perlafinger angeregt und vergnügt, »daß es so sehr lang unmöglich her sein kann, daß Sie selbst in jeder Beziehung das Ebenbild waren von der ›Peperl‹ . . .« »Wie bitte? « Perlafinger, im Verfolg seines Komplimentes, tat ein erschütterndes Übriges. »No, no,« fuhr er mit erhöhter Stimme fort, »wollen S' mich denn net versteh'n? Ich mein', so elastisch wenn man daherkommt, wie Sie, und eine so schöne weiße Haut wenn man besitzt, dann müßt' man doch noch jetzt eine gefährliche Rivalin sein für dieses Fräulein Baker?« Die Dame machte einen Mund wie ein Karpfen. – »Was??« schnappte sie endlich, mit zischendem Unterton. »Nu so . . .« – und Herr Perlafinger, stets noch im Schwung seiner Galanterie, modellierte mit den Fingern – »ich bin doch nicht blind  . . . So eine blendend weiße Haut wie die Ihrige ist doch jeder Konkurrenz gewachsen . . .« Die Dame raffte sich zusammen und beugte sich böse vor. »Jetzt sag' ich Ihnen was,« sprach sie scharf und sehr pointiert, »ich muß mir solche geschmacklosen Scherze aber sehr verbitten, mein Herr. Alles was recht ist, Scherz ist Scherz. Aber ich hab' auch meinen privaten Anstand, merken S' Ihnen das. Ich wer' mich in dem Lokal, wo ich Empfangsdame bin, von einem alten Hanswursten nicht beleidigen lass'n . . .« Herr Perlafinger bekam ganz runde Augen. Etwas stimmte hier nicht, das merkte er endlich. »Beleidigen?« stammelte er . . . Doch seine Augen wurden noch runder und sein Kinn fiel herab. Er spähte über die Schulter der Dame; er saß wie erstarrt. Ein leiser Tusch des Orchesters geschah. Der Direktor sprach soeben mit wohllautender Stimme: ». . . Und mache ich die Herrschaften nunmehr aufmerksam auf das unvergeßliche Auftreten der weltberühmten Diva Miß Josephine Baker!« . . . als auch schon folgendes geschah: Ein Geschöpf tauchte hinter dem Orchester auf und stellte sich nach bemerkenswert biegsamen, wiegenden Schritten, die ihrem Gang etwas von der Grazie einer Katze gaben, mitten in den Saal. – Und in gewürgten Lauten löste sich aus Herrn Perlafinger, allen vernehmbar, heiser vor fassungslosem Erstaunen, die klassische Bemerkung: »Heiliger Herrgott . . . Gibt's denn das auch?! . . . Die is ja schwarz!!! «   Der ganze Saal, der still gesessen, verfiel in ein entzücktes Gaudium. Eine Welle prustender Heiterkeit überschwemmte die Menschen. Die Dame an Herrn Perlafingers Tisch, die Situation nun endlich begreifend, beugte sich nach hinten und gab weiche Schreie, glucksende Lachkaskaden von sich. Ein Puderwölkchen löste sich aus ihrem hüpfenden Busen. »Einrahmen müßt' man Sie,« schluchzte sie dabei, »unter Glas stellen, Herr Hofrat . . . Nein, das ist gar zu köstlich . . . Einzigartig ist das . . . Nein, ich erstick' ja . . . ›schwarz‹ sagt er . . . Schön dunkelbraun, wie? Mokkafarbig! . . . Schön schokoladenbraun, wie? Das ist einmal eine Sensation! Ganz was Apartes!« Perlafinger blickte sich vollkommen hilflos um. »No ja«, murmelte er gedämpfter . . . »Also eine Negerin is das Fräulein Baker; jetzt das is aber eine Überraschung . . . Eine Negerin . . .« Er murmelte es zwar, aber das Ohr der Menge war auf ihn eingestellt. Man wieherte von neuem. Die Empfangsdame verschluckte sich, prustete und verschwand. Perlafinger, immer noch leise den Kopf wiegend, spähte umher; dann, als es stille wurde, beschloß er, sich als scherzenden Kenner zu zeigen. Er brannte sich eine »Virginier« an und benahm sich unbeteiligt. Mochte ein beliebiges Schicksal nun über ihn hinwegrasseln mit Blech und Kalbfell und Saxophongewinsel. – – – Miß Josephine Baker hatte augenscheinlich den Tumult als eine spontane Huldigung für ihre Person aufgefaßt. Man äußerte ja seinen Beifall in jedem Land, dem sie ihr Auftreten schenkte, auf verschiedene Art. Darum entblößte sie unangefochten ihr prächtiges, schlohweißes Gebiß, lächelte ihr berühmtes langsames Lächeln, das wie eine Eröffnungsfanfare zur Szenerie ihres Körpers wirkte, und begann auf einem Fleck zu tanzen, wobei sie die Arme nach unten stemmte und die Kehle hervordrückte. Mit einem weichen Urwaldschrei schmiß sie darauf ihre schlanken Schenkel auseinander, umwandelte die Peripherie des Lokals in Kniebeuge und ließ mit eingebuchtetem Kreuz das kleine Gesäß sinnverwirrend rollen. Zwischendurch wackelte sie auch damit. Sie verlieh diesem Körperteil eine eigne, anheimelnde Physiognomie. Wieder in der Mitte des Saales angelangt, drängten die Synkopen des Orchesters mit Trommelverstärkung ihre Gliedmaßen zu gesteigertem Tempo. Sie verschränkte die Kinderarme hinter dem Kopf und ließ die Knie wie Kautschukbälle aneinanderprallen. Schließlich wirbelte sie umher . . . Der schlanke, braune Leib wuchs hoch und höher, von den Zehen gelüftet, wie eine Amphora am Kreisel eines Töpfers. »Jessus«, dachte Herr Perlafinger und hatte Stielaugen. »Ganz nackt sein . . . und so hupfen . . . Ja, gibt's denn das . . .« Er war geblendet; war hypnotisiert. In der Tat hatte Miß Baker nichts auf dem Leib als ein Schlupfleibchen aus braunem Seidentrikot; dieses saß wie angegossen und trieb so vollkommene Mimikry, dank der Farbe, daß es tatsächlich gewissermaßen gar nicht vorhanden war. Die kleinen Brüste steckten ihre Näschen keck in die Luft; zweifellos bestanden sie ebenfalls aus Hartgummi; sie zitterten kaum trotz all der Arbeit. Allmählich glitten Perlafingers Gedanken aus der reinen Ablehnung in neutralere Bahnen. »So ein ausgeschamt's Weib«, dachte er. »Aber Mut hat sie, Mut . . . ›Was wollt s' denn?‹ dachte sie ganz bestimmt so bei sich – ›habt ihr vielleicht eine Ahnung von der großen Kunst, die ich euch hinwerf'? Hab' ich das vielleicht nötig, in euerm kalten Klima, daß ich mich öffentlich auszieh' bis aufs letzte Unterleiberl und euch was vorhupf' in meinem Naturzustand? Aber ich bin eine Jüngerin der Kunst ‹ . . .« Solche Gedanken vermeinte Herr Perlafinger von ihrer kleinen Stirn abzulesen und vom sieghaften Blick ihrer rollenden Antilopenaugen. Sie formulierte ihre Gedanken vielleicht nicht exakt so hochgebildet – sie hatte wohl auch kaum eine akademische Bildung genossen! – Aber immerhin hatte sie den Trieb zum Höheren, das war einmal klar. Perlafinger wußte genau, was es auf sich hatte mit dem Trieb zum Höheren. Als ob sie fühle, daß sich der nette Herr dort mit ihr beschäftigte, drehte Miß Josephine ihr Vogelköpfchen zu ihm herüber und ließ ihr Porzellangebiß wieder erblitzen. »Bravo!« schrie der Hofrat und klatschte was er konnte. Zu spaßig sah dies Köpfchen aus im Rahmen der verschränkten Arme. Die hart an den Kopf gekämmte, lackschwarze Scheitelfrisur glänzte wie ein Spiegel. Unheimliche Mengen von Vaseline mußte sie draufgeschmiert haben, die Miß Josephine; so steif war der Kitt! Und so gut hielt er die Fasson! Und dabei tanzte sie jetzt, was man den Hahnenschritt nennt: die Brust war in Ruhe, doch die langen, glatten, zärtlichen Beine mit durchgedrückten Grübchenknien übten Paradeschritt. Mit einemmal schwang sie einen großen Überwurf aus Straußenfedern von allen Farben und wickelte sich hinein. Wechselnd kamen ihre Gliedmaßen darunter hervor. Aus dem wallenden Geriesel tauchten die Arme mit rund nach oben gedrehten Fingern. Damit schnalzend, sank sie in den Hocksitz zusammen, ein bunter Haufe leichtesten Materials, und nur das impertinente Vogelköpfchen guckte oben noch heraus. Rollende, flüssige Augen, blau untermalt . . . Und die Lippen waren durch lackrote Schminke zum Amorbogen umgeschaffen! Dabei blieben es braune Sauglippen, schelmisch gespitzte . . . Jetzt war der Tanz zu Ende. Miß Baker also hatte sich endgültig aufs Parkett gesetzt, war gleichsam im Fallschirm ihres Federgewandes niedergesunken. Beifall brauste. Sie wand sich wieder heraus wie ein brauner Nachtfalter aus buntem Kokon, und ein paar beflissene Herren räumten die Pracht hinweg. Auf einmal hatte sie einen Stoß von Papierfächern in der Hand, auf die ihr Name in goldenen Buchstaben gepinselt war, und verteilte dieselben an die Leute, die ihr gefielen. Ganz recht hatte die Empfangsdame gehabt: die »Peperl« bevorzugte die alten Herren. Was nun auch immer ihr halbafrikanischer Gedankengang dabei sein mochte (vom Utilitätsprinzip der U.S.A. überfärbt) – jedenfalls hielten die paar alten Herren sehr still, als sie ihnen Killekille machte. Sie nahm es dabei durchaus nicht genau, welcher Greis den Hauch ihres braunen Leibes zu schlürfen bekam, und sie schnupperten an ihr wie an einer Havannazigarre, die ihnen zu teuer war. Teufel ja, was wurden sie lebendig! Elektrisiert, wie durch Berührung mit dem Äquator selbst! – Hätte O'Neill die Tänzerin so erblickt: er hätte sie als Dramatische Erlösung, als trostreiche Göttin seinem armen »Emperor Jones« zugesellt, als die Dämonen des WooDoo und die Phantome des Sklavenmarktes, [die] dessen Herz unter dem zerfetzten Hermelin so maßlos ängstigten. Denn nahm Miß Baker nicht jedesmal, wenn einer unserer weißen Sklavenhalter verlangend nach ihrem goldbraunen Fleisch griff und einen Klaps von ihr erntete, subtile historische Rache für Jahrhunderte martervollen Rasseleids? Hatte der kindliche »Schwarze Mann« die blutbespritzte Ebenholzmaske, die sein Wappen gewesen, mit ihrer Hilfe nicht endgültig zertrümmert? Hatte er nicht mit diesem klappernden »Step« das Sausen der Peitschen erstickt? War es nicht seine alte Wäldertrommel, mit der seine späten verpflanzten Nachfahren den Sensationshunger einer entarteten weißen Welt bis zum Taumel sättigten? Wies nicht der Finger dieser braunen Diva einen endlosen Kalvarienweg zurück, und war sie nicht die Apotheose, die die letzten Scheiterhaufen des Judge Lynch siegreich überflammte? – – Emperor Jones war in sein wahres Erbe eingetreten!   Lachend, gurrend wand sich das farbige Fräulein zwischen den Tischen hindurch, – ein mildes exotisches Tier; jeder fühlte das Bedürfnis, es zu streicheln, und Herr Perlafinger machte jetzt durchaus keine Ausnahme mehr. Vielleicht, weil er so auffällig vorhin geklatscht, nahm sie ihn besonders aufs Korn. Der Saal bemerkte es schmunzelnd. Der Hofrat sah sich hilfesuchend um, als die braune Hand in seinem prächtigen Kaiserbart kraulte. Zudem war soviel Nacktheit, in allernächster Nähe und in breitester Öffentlichkeit, beklemmend. Es gab keinen Präzedenzfall, nach dem er sich hätte richten können. Doch weil die Peperl gar so liebenswürdig lächelte mit ihrer porzellanenen Zahnpracht, und alle Welt so gut gelaunt schien, starb seine Bedenklichkeit. Nun nahm Miß Baker (keineswegs von Hemmungen geplagt!) einfach Platz an seinem Tisch. Jessus! – Sie war ein bißchen müd' und spannte sich aus. Sie setzte sich im Reitsitz auf den Stuhl. Nicht ein bisserl transpirierte sie, und ganz eigenartig duftete sie. Man hatte ihr in Paris ein paar Fläschchen verraten, einen aufpulvernden Extrakt, den sie sorgfältig und pünktlich jeden Abend über sich verspritzte. – Sie schwang also ihre hochversicherten Bronzebeine über den Stuhl; Herr Perlafinger war ihr sympathisch. Und sie tippte ihm auf den Bauch und gurrte: – »You like my dance?« Ihre Augen rollten purpurbraun in bläulichem Weiß; ihr Stubsnäschen mit lichtroten Nüstern schnupperte. Herrn Perlafinger war die Sprache fremd, deren sie sich bediente. Aber ein wahrhaft gebildeter Mensch wird nicht abgeschreckt. »Hofrat von Perlafinger . . .« stellte er sich vor. (Form ist Form.) – »Also, Fräulein Josephine . . . Respekt! – Wie Sie tanzen können! – Mein Gott! – Ganz schwindlig is mir geworden . . . Jetzt werden Sie durstig sein; wie?« »O you jolly old boy . . .« sagte sie voll verträumter Güte und ließ ihre Augen unbefangen spazierengehen. »Ob Sie Durst haben, Fräul'n Baker?« »Gosh!« meinte sie darauf. »So hot!« »Da kennt sich der Teufel aus mit so einem Wildendialekt«, dachte der Hofrat. – »Red'n wir nur weiter; es wird schon gehn.« – »Hott!« sang er und schnalzte mit den Fingern. »Hü und Hott!« Miß Josephine lächelte gütig. »Funny« , sprach sie beifällig, in ihren Taubenlauten. – Dann zog sie die Schultern hoch. Durch dies Manöver spazierten die Brüstchen um einen Zentimeter höher; voll Andacht betrachtete Perlafinger das Phänomen. – Er war atemlos bemüht, ein bekanntes Wort zu erhaschen. Er rang nach einer Ideenverbindung . . . Miß Josephine rieb ihre Schulterblätter am Logenpolster wie eine Katze am Ofen. – Plötzlich warf sie hin: »Don't you speak English?« Hurrah! Englisch! Das hatte er begriffen. – »Nein. – Leider nicht Englisch. Leider nicht, Fräulein Peperl. – Wienerisch halt. – Deutsch, sozusagen –« »Oh. – Dutch. That's a pity.« Nun schien es, als habe sie gefragt: »Bitte?«, und er wiederholte seine Information mit dem gleichen negativen Resultat. – So trat denn eine Pause ein; ungemütlich für beide Teile. »Das beste wird sein,« dachte er, »ich geb' ihr halt ein Busserl; das is auch eine Unterhaltung und eine internationale Verständigung . . .« – worauf er die Peperl ganz plötzlich um die geschmeidige Hüfte packte, und das ging so schnell, daß sein Bart die ganze kunstvolle Freskomalerei ihres Antlitzes wie ein Besen durcheinanderwischte. Sein Gesicht ward mohnblumrot, während er versuchte, einen Kuß anzubringen; – es war lediglich Vaseline, was er zu schmecken bekam, und nicht Miß Baker selbst. Sie begann zu strampeln und schrie: »Stop!!« – Aber so leicht ließ er nicht locker. Es war ziemlich schwer festzuhalten, das Fräulein; wie eine Eidechse wand sie sich. Aber er war einmal im Schuß. Jetzt hatte er das Knie erwischt, doch sie hatte Muskeln und rutschte aus jedem Griff. »Obst net stillhaltst!« schnaufte er. – »Stillhalt'n sag' ich . . . Sei doch nicht blöd . . . Ja, Herrgott, sei doch nicht so blöd . . . Lieb's G'schmacherl bist, ein lieb's . . . mach doch keine G'schicht'n . . .« » Stop!! « schrie Miß Baker und strampelte. – – – Hier griffen höhere Gewalten ein und trennten Herrn Perlafinger von der Diva. – Sie ließ einen Strom von exotischen Worten los. Mehrere Herren fanden sich ein, der Direktor, der Zahlkellner, der Servierkellner, der Aufsichtsinhaber mit dem schwarzen Bärtchen und dann noch ein italienisch aussehendes Individuum, das Englisch verstand und der Impresario der Diva war . . . Und sie alle lauschten ihr, wie sie einen Kübel voll von heimischem Dialekt überschwappen ließ und sie alle mit dem Osten von New York bekannt machte. Sie standen voll grimmer Trauer und blickten auf Herrn Perlafinger wie eine Korona von Oberlehrern. Ein Sektgast war er ja; aber so ein Schauspiel! – Der Ruf von Wien! – Wenn die Diva nun ihre Koffer packen tät'? – Gar nicht auszudenken wär' das . . . Hatte sie's etwa nötig, sich einfach hernehmen zu lass'n? – Miß Baker zupfte an sich herum; wie ein gerupfter Spatz sah sie aus. Dem Impresario, der sie begleitete, gelang es, sie zu beruhigen . . . wenigstens halbwegs. – Man starrte ihr ratlos nach, während sie ihr niedliches Gesäß resolut von hinnen trug. Und es sah so aus, als ob sie es diesmal nicht ausschließlich aus Liebe zur Kunst so deutlich schwenke . . .   Nun wenden wir uns dem wahren Opfer zu, dessen Schäferstündchen von so kurzer Dauer gewesen. Er wurde während der ganzen Verhandlung nicht einmal angesprochen, sondern der Aufseher, der sich gleich anfangs von ihm ignoriert gefühlt, warf befehlsgewohnt das Wort hin: »Der Herr möcht' zahlen.« Hierauf näherte sich ein Kellnertrio der Loge, und der älteste, feisteste, kritzelte etwas auf ein Papierchen, malte noch verschiedene Schnörkel darunter, die Ziffern ähnlich sahen, summierte bedächtig und schmiß ihm den Zettel hin. Hierauf wartete er mit eiserner Miene den Effekt auf den Geknickten ab. Perlafinger war zu konsterniert, um den Zettel würdigen zu können. »Wieviel macht's denn beiläufig«, murmelte er. »Hundert Schilling. Denn der Herr wer'n gern noch ein Trinkgeld drauflegen in Anbetracht des unliebsamen Aufsehens, was der Herr verursacht ham.« »Hundert Schilling!« kam nach einer Pause ein Stöhnen aus dem Kaiserbart. »Für zwei Flasch'n Champagner hundert Schilling?« »Erstens war's ein französischer Champagner, was der Herr g'habt ham, zweitens kommt die Unterhaltungsgebühr für die Empfangsdame, die hier am Tisch gesessen is. – Also bitte.« Er wartete mit eiserner Miene. Perlafinger durchsuchte all seine Taschen. Mehr als vierzig Schilling wurden es nicht. Der Ober raffte sie an sich und wich nicht. »Unseren Star abknutschen und net amal zahlungsfähig«, sagte er lehrerhaft. »Das hab' i gern.« »Sie kriegen Ihren Sündenlohn schon, Sie Halsabschneider«, stotterte Perlafinger, bei dem der Zorn, das Bastardkind der Beschämung, allmählich die Oberhand gewann. »Und überhaupt – diese Ausdrück'. Für wen halten Sie mich denn eigentlich?« »Für einen Gent, der die Folgen seines Tuns auf sich nimmt«, äußerte der Ober streng. »Wollen S' jetzt zahlen? Wann S' net zahlen, wer'n S' außerg'setzt, und dann ham S' noch Unannehmlichkeiten, Herr . . . Hofrat.« »Nichts bekommen Sie! – Eine solche Unverschämtheit!« »Mir sind demokratisch jetzt, Herr Hofrat. Darf ich um Ihren werten Namen bitten samt Adresse? Sonst hol' i an Wachtmann und krieg' auch noch a Belobigung.« Seinen Namen zu nennen, wünschte Perlafinger nun ganz und gar nicht, und die Situation spitzte sich zum zweiten Male bedenklich zu. Wie eine Erlösung schien es ihm deshalb, als er plötzlich die Empfangsdame nahen sah. Sie hörte die eifernden Stimmen. »Was is denn?« fragte sie munter. »Ganz rabiat ist der Herr«, sagte der Ober mit Nachdruck. »Man muß Maßregeln ergreifen.« »Ergreifen S' keine«, beschwichtigte die Dame. »Es lohnt sich net. – Was fehlt denn?« »Die Unterhaltungsgebühr.« »Ich verzicht' drauf. Zehn Schilling leg' ich selbst zu; das deckt den Sekt. So, jetzt drucken S' Ihnen.« Zögernd schritt der Ober davon und Perlafinger starrte seinen rettenden Engel mit maßlosem Erstaunen an. »Aber Gnädigste,« brachte er endlich hervor, »das is ja . . . das is ja . . . geradezu fesch ist das ja von Ihnen . . .« »Machen S' keine Sprüch'«, sagte sie mütterlich. »Ich hab' mir gleich gedacht, Sie sind weltfremd. Wenn einer aus der guten alten Zeit hochgenommen werden soll in seiner Heimatstadt, da bin ich auf dem Plan. Gibt ja genug Amerikaner, die man rupfen kann. Aber wir wollen doch zusammenhalten, was, Herr Hofrat?« Diese Dame mit den Silberpailletten, mit den schön gepuderten Schultern – – – sie kam zu ihm; löste ihn aus, sagte nette Sachen, benahm sich mütterlich . . . Wenn das nur in seinen Kopf hineinginge! So träumerisch ward ihm zumut . . . »Unangenehm is es halt, wenn der Mensch allein ist«, murmelte sie klangvoll. »Auch ich, mein Herr, stehe allein. Wenn ich meinen Sohn nicht hätt' – aber er is ja noch jung. Beiläufig zwanzig.« Sie tupfte sich mit einem Spitzentuch vorsichtig ins Auge. »Wissen S', – man kommt auf Gedanken , wenn man allein ist. – Sie zum Beispiel vergeben sich was mit einer braunen Tänzerin . . . und dann machen S' Dummheiten. – Das war schon eine Leistung!« Sie lachte plötzlich silberhell. »Ein Naturkind will er einfach abbusseln, die von ganz Europa verwöhnt wird und dreitausend Schilling bekommt pro Abend, Überstunden net einberechnet . . .« Die Komik überwältigte sie. Sie lachte Tränen. Aber die Tränen, die Herrn Perlafinger in den Bart zu schleichen begannen, waren anderer Natur. »Mein Gott«, sagte er dumpf. »Sie haben recht.« »Satteln S' um, Herr Hofrat.« »Ach was Hofrat«, sagte er plötzlich rauh. – »Ich bin gar kein Hofrat.« Jetzt sagte die Empfangsdame etwas sehr Erstaunliches. Sie zwinkerte, brannte sich eine Zigarette an und sprach: »Aber der Herr Perlafinger sind S'. Und das langt mir.« Seine Augen wurden kreisrund. »Sie kennen mich?« »Ich hab' doch schau'n müssen, was Sie so treib'n. Und da hab' ich mir oft gedacht, daß Ihnen ein wenig Auffrischung nicht schaden möcht' . . . Wissen S', den Spruch vom ›Kaiser Koarl‹, wie schön Sie den rausbringen können? – Und das ›Staatsschiff, das kenterte‹?« – Sie bog sich vor Vergnügen. »Was hab' ich da schon g'lacht hinterm Fazinettl, aber Sie ham nie was gemerkt . . .« Eine ungeheure Ahnung dämmerte, trotz seines Schwipses, in Herrn Perlafinger auf. »Dann sind Sie . . .« verlangte er in aufgeregten Tönen zu wissen: – »niemand anderes, als die Ilonka?? « »Ganz dieselbe noch«, bestätigte sie mütterlich. »Verwitwete Z– – –z . . .« (Hier sprach sie einen Namen aus, der keinen Vokal hatte, an den man sich klammern konnte.) »Freut Sie das? Es gab zwar amal eine Zeit, da ham Sie die Nas'n ganz abscheulich in d' Luft gesteckt . . . Ich war ung'schickt, weil ich doch damals zum erstenmal – sozusag'n – entblättert wor'n bin. Das hängt ei'm nach. – Und Sie war'n so ein stattlicher Mensch und genau wie die Majestät. – Ich war an dumm's Mädel und hab' den . . . (hier folgte wieder der unaussprechliche Name wie behindertes Schneuzen) – heiraten müss'n aus lauter Verzweiflung – Gott hab'n selig; er hat nichts entbehr'n müss'n. Und an Hallodri war's auch. –« Wieder tupfte sie die Augen. – »Und jetzt wer'n Sie begreifen, daß ich mich hab' müssen gekränkt fühl'n, wenn Sie mich mit der Baker vergleichen; mit dem afrikanischen Mensch. – Desweg'n bin i gleich wegg'laufen vom Tisch.« Sie trällerte und trommelte mit den Fingern.   Die Kapelle summte. Die Peperl saß in der Mitte des Saales, die Beine parallel von sich gestreckt, und sang mit einer gläsernen Stimme ein Lied vom Heimweh. So ein Negerheimweh kennt keine Gnade; unwiderstehlich wirkt es auf die Tränendrüsen. Irgendwo im Süden, so sang die Peperl, in Louisiana oder in Alabama, wartet eine Mutter auf ihren Sohn; sie wartet, wartet, wartet! Man hatte das Gefühl, daß diese Mutter so lange warten müsse, bis sie schwarz werde; ein schwacher Trost in all dem Leid war es vielleicht dabei, daß sie das letztere nicht mehr nötig hatte. Die Peperl schaute sich gar nicht im Saale um, sie war jetzt müd' und sanft und klein. Sie sang noch einen kleinen Schlummersong für ein farbiges Baby; immer leiser sang sie, und dann schlief sie mimisch ein. Wie eine geknickte Orchidee – – mitten auf dem Parkett. Perlafinger beschäftigte sich indessen schon geraume Zeit mit einem weißen Arm, der ihm willig überlassen wurde. Ilonka drehte sich um und warf den Befehl über die Schulter: »Ober! – Noch a Flaschen. – – Auf mein Konto.«   Und so war denn die ganze Angelegenheit mit dem Versäumnis Herrn Perlafingers endgültig ins Reine gebracht. –   Zweites Bild Die »Lebende Blume« Die Athletin Barbara saß vor dem Spiegel in der Artistengarderobe und rasierte sich mit einem Schabapparat ohne viel Genuß die Achselhöhlen aus. Als sie fertig war, trug sie viel Puder auf; sie hatte trotz ihres trainierten Körpers eine zarte Haut und neigte in diesem Punkt zur Empfindlichkeit. Sie beschäftigte sich gerade damit, ihre kurze Zottelfrisur unter eine dralle rotseidene Haube zu bringen, die mit der Farbe ihres Trikots harmonierte, als sie durch Vermittlung des Spiegels bemerkte, daß der kleine Niklas sich hereingeschlichen hatte. Er saß in der dunklen Ecke und betrachtete sie von dort mit seinen unheimlichen Augen. Die Athletin Barbara beschloß, seine Anwesenheit nicht zu bemerken und sich blind zu stellen. Sie zupfte mit trägen Bewegungen an sich herum; trug hier noch Puder auf, dort noch etwas Schwarz unter die hellblauen Augen. Das hob die ausgewaschene Farbe dieser Augen und gab ihnen die sinnliche Nuance, die zu ihren Muskeln so pikant wirkte. Sie saß, in ihren Stuhl gezwängt, wie eine grübelnde Löwin. Bei jeder Dehnung ihrer kolossalen Schenkel knackten die Seitenlehnen. Wenn sie nach einem Farbstift oder einem Kämmchen griff, so war es, als angele ein Löschkran nach einer Sardinenbüchse. An ihrem Mund – (einem Kindermund mit trotziger Unterlippe) – lauerte ein Lächeln; sie war mit sich zufrieden . . . Wie sie zu diesem Körper kam, war ihr selber rätselhaft, da eine ziemlich durchschnittliche Seele darin steckte, die durchschnittliche Bedürfnisse kannte; nie wäre sie von selbst auf diese Laufbahn geraten: Not, ein entschlossener Vater, die Familientradition hatten es gemeinsam zuwege gebracht, daß aus ihr und ihren drei Brüdern derart prächtige Anatomiemodelle entstanden waren. Kurz, es war nun einmal so; und diese rollenden Muskeln, dies schier eckig federnde Gesäß, diese Schultern und dieser Thorax (auf dem die Brüste nur als bescheidene Wegweiser gedeihen durften) waren ein Kapital geworden, das sich seit einigen Jahren trefflich verzinste. Sie hatte sich in ständiger, gemeinsamer Arbeit im Format gleichsam den Brüdern angenähert, die ihrerseits mit ihr umsprangen, als sei sie ein Mann, dabei aber schwer darauf bedacht blieben, das Weib in ihr tunlichst in Zaum zu halten. Dies lag im engsten Interesse der Truppe, denn wenn Barbara es sich etwa einfallen ließe, ihren schlummernden und bisher noch überlisteten Instinkten zum Opfer zu fallen, litte alles: die Attraktion wäre verdorben. So hatte man ihr mächtig zu tun gegeben, damit sie imstande sei, die Pfeile Amors von ihren überzüchteten Gliedern abprallen zu lassen, falls es nötig sei – und zur Zeit (das wußte sie) wiegte man sich darüber in Sicherheit. Barbara empfand diese Tyrannei sehr stark. Zu brechen war sie nur mit Hilfe eines Beschützers, der dem Körperformat der Brüder entsprach. Dieser hatte sich gefunden in Gestalt des Italieners Borromeo. Die Stierähnlichkeit dieses Menschen war eine derartige, daß er einen Bechstein-Grand samt musizierendem Pianisten auf seinem Leibe, in Brückenform gekrümmt, zu ertragen vermochte; daß er Gewichte mit den Zähnen lüftete, deren bloße Vorstellung zermalmte. Als er eingetreten war mit dem Begehren, sich der Truppe als Fünfter anzuschließen, waren die blonden Männer weniger durch seine mündlichen Argumente beeindruckt, als durch die überzeugende Tatsache, daß er während der Verhandlung in scheinbarer Zerstreutheit ein Fünfmarkstück zwischen den Handflächen krumm bog und dann mit lächelnden Gebiß wieder plättete, – so etwa, wie jemand in Gedanken mit Kaugummi Kapriolen macht. Es bereitete Barbara tiefes Vergnügen, mit welcher Entschlossenheit diese südliche Erscheinung ihrem blonden Fleische huldigte; mit welch feuriger Ausschließlichkeit er ihr seit kurzem zur Verfügung stand, wobei er es mit merkwürdigem Geschick vermied, offen als ihr Liebhaber hervorzutreten. So war es trotz der Achtsamkeit, die ihr folgte, gelungen, einen Mißklang zu vermeiden . . . Ja, wo sollte es auch zu einer Katastrophe kommen? Im Notfall machte sie sich selbständig mit Borromeo; sie hatten ja beide das Zeug dazu. Diese Überlegungen stellte sie gewöhnlich während der nachmittäglichen Übungen an, wo es sich öfters ergab, daß sie mit den Schultern und dem Nacken ihres Verehrers in saftig klatschenden Kontakt kam; ihr Gewicht, gekuppelt mit lässiger Hingabe, vertiefte die Innigkeit solcher Augenblicke. Sie spielten miteinander wie junge Raubtiere; zuweilen setzte es Schrammen und Beulen. Aber glichen nicht auch solche Pfändern der Liebe? – – – Sie fuhr zusammen, denn ihre abirrenden Blicke waren im Spiegel den löcherartigen Augen des kleinen Niklas begegnet, der immer noch aus der Ecke starrte. »Komm mal her«, sagte sie gutmütig in ihrer tiefen Stimme.   Es regte sich leise mit schürfendem Geräusch (wie wenn sich ein Schlangenweib nähert) und darauf fand er sich vollkommen lautlos bei ihr ein. Er trug Sandalen mit doppelt genähten weißen Filzsohlen. Er schillerte über und über, denn sein Körper war mit einem paillettenbenähten Trikot bezogen; blaumetallisch schillerte er. Es war eine sehr aparte Sache, die er sich ausgedacht, und erntete Anerkennung bei seinen Kollegen – obwohl sie, erdenschwere Tiere, für seine Branche sonst nur ein Grunzen übrig hatten und sich über das Geld ärgerten, das er für seine Nummer bekam. Er lieferte tolle Trapezarbeit von unwahrscheinlicher Waghalsigkeit. Er hatte entschieden etwas Unheimliches an sich, doch diese Note minderte er durch seine Jugend. Er war kaum älter als sechzehn. »Na, kleiner Niklas«, fuhr sie fort . . . »Was schleichst du denn schon wieder um mich herum? Soll ich dich wieder auf den Schoß nehmen, du schlüpfriger kleiner Satan? – Hallo-hup!« Und sie hielt ihm, wie einem zahmen Vogel, den gestreckten Arm hin. Der kleine Niklas lächelte sehr angeregt und sprang mit federndem Schwung in die Kuhle dieses mächtigen Armes, dessen Schulterteil reichlich so dick war wie sein Schenkel. Sie nahm ihn über die Sessellehne und pflanzte ihn zwischen ihre Knie wie ein Baby. Er kreischte beglückt mit einem exotischen Laut und legte sich zurück, wobei er sich wand und drehte. Seine Metallschuppen rieben sich knirschend an ihrem stoffüberzogenen Leib. Er ermattete; er bettete sich in sie hinein wie in ein wundervoll geschwelltes Plumeau – und die folgenden Minuten waren das halbe Leben. Denn sie beugte sich nieder und zog seinen Kopf an den schwarzen Strähnen heran. Daß sie dabei seinen spiegelnden Ebenholzscheitel zerstörte, focht sie nicht an. Sie drückte ihren schmollenden Mund auf den seinen, der becherförmig geöffnet stand; er erschauerte wie im Fieber. »Schmeckt das?« fragte sie tief. »Schmeckt das?!« Ach. welche leichte Mühe es sie kosten würde, dieses Geschöpf einfach zu erdrücken, zu zerquetschen, auszulöschen . . . Nur so zum Spaß; nicht einmal als Kraftprobe . . . Er versuchte, sich schwer zu machen, und während er so seine Behaglichkeit fand, betrachtete sie ihn grübelnd mit leicht gekrauster Nase, und ihr Gesicht bekam wie schon oft etwas Töricht-Fragendes . . . Was war dieser Knabe, der nichts wog, eigentlich für ein Mensch? Borromeo war ein Mensch. Doch dies – Ding hier hatte Temperament, verdiente viel Geld und war eigentlich nur dazu geschaffen, von einem Schoß auf den anderen überzusiedeln, wobei man noch achtgeben mußte, daß man ihm nicht wehtat. Ah, der verdammte kleine Satan; das silberne Fragezeichen . . .   Wie oft hatte sie ihn schon dumpf bestaunt! Er hatte so ein seltsam altes Lächeln, so ein zeitloses Lächeln, das nichts bedeutete: als scheine die Sonne auf Bahnschienen. Runde Mausohren hatte er, die durchsichtig schimmerten. Eine Haut von zartem Wachsgelb. Seine Augen glichen Löchern, die alles einsogen; – wenn er sie lange anblickte, war ihr, als schlucke er sie auf. Ja, so war sein Blick – trotz hündischer Ergebenheit im letzten Ende noch kritisch: er graste jeden Fleck ihres Körpers einzeln ab, parzellenweise sozusagen. Er hatte langwimprige Lider wie weiche Bürstchen, die ihre Haut streichelten, wenn sie seinem Kopf einen kleinen Ausflug auf ihrer Brust oder zwischen ihren Schulterblättern gestattete. Seine Brauen saßen hoch und erstaunt in der niedrigen Stirn: als sei ihm plötzlich das lähmende Bewußtsein gekommen, er sei gar nicht ausschließlich nur in seinen hiesigen Rollen heimisch, sondern in anderen Riten, in anderem Klima – in den Vorstenlanden vielleicht als Tanzknabe, in der Nachbarschaft eines heißen Meeres. Fern von den Signalpfeifen der Regisseure, die er oft so fürchtete, daß er das Konfekt fast erbrach, an dem er sich seine weißen Zähne frühzeitig verdorben hatte. Fern von schattenlosen, erbarmungslosen, grell präsentierenden Kulissen. Er sprach nasal, mit australischem Akzent auf ungeschickten deutschen Worten. Hatte er ein jahrelanges Schiffsjungenschicksal hinter sich? Oder war es nur die Rasse, die ihm so gummigliedrige Tierhaftigkeit, so phantastische Spaziergänge im Raum ermöglichte? . . . Hier saß die Athletin Barbara mit ihrem Erdenrest von hundertundachtzig Pfund Trainiergewicht und hatte ein Rätsel auf dem Schoß, ein unbequemes Rätsel.   Es waren dem kleinen Niklas noch keine zehn Minuten restlos glücklichen Geborgenheitsgefühls beschieden, als die Tür sich plötzlich öffnete und Borromeo erschien. Er erschien leise, dennoch klirrte alles. Er kam mit einem breiten Lächeln, den gewichsten Schnurrbart zwirbelnd und animiert von Vorfreude, denn er gedachte bei Barbara, die er allein wußte, noch vor Beginn der Vorstellung ein Schäferminütchen zu erhaschen. Als er aber sah, daß sie Niklas auf dem Schoß hatte und sich auch gar nicht beeilte, ihre Beschäftigung seinetwegen zu unterbrechen, wuchsen die Tätowierungen auf seiner sich dehnenden Brust in einem Dschungel schwarzer Strähnen, und sein blaurasierter Kiefer schob sich vor. Es lag Kraft in diesem Kiefer; dies war hinlänglich bekannt. All diese Symptome hätten Niklas veranlassen müssen, schlangenhaft schnell das Weite zu suchen; doch er hatte offenbar ein so sparsames Denkvermögen, daß er die Drohung nicht erfaßte. Der Italiener kettete eine große Anzahl heiserer Worte aneinander. Es war keine Perlenschnur, die er aufreihte. Barbara machte ein gelangweiltes Gesicht und setzte Niklas mit gleichgültigem Griff neben sich auf den Boden. »Verrenk' dir nicht deinen Kiefer, Tiberio«, sagte sie dabei. – »Du weißt, dies Bübchen ist mein Spielzeug. Du wirst doch nicht eifersüchtig sein auf mein Spielzeug?« Das Weiße in Borromeos Augen quoll hervor; seine Halsadern schwollen. Er war in einer Verfassung, in der man leicht dazu kommt, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Er pöbelte daher und behauptete, er wisse genau, was es mit dem »Spielzeug« auf sich habe. Er sei Manns genug, sich das nicht bieten zu lassen. Und um dies zu beweisen, gab er der Athletin Barbara eine Ohrfeige, die einen Ochsen betäubt hätte. Es knallte wie ein Schuß. Sie fuhr aus dem Sessel und flüchtete aufheulend in eine Ecke. Mit kaum zu beschreibender Schnelligkeit wand sich Niklas ihr nach und sprang vor ihr in die Höhe in seinem flimmernden Schuppenkleid. Sie heulte schnaubend, und aus ihren törichten, verwaschenen Augen träufelten Tränen und schwemmten das Schwarz über die Backen bis in den zitternden Mund. Der Italiener stand noch ruhig auf der Stelle, wo er die Züchtigung vorgenommen, und betrachtete, die bronzenen Fäuste in die Hüfte gestemmt. flammenden Auges die Gruppe. »Sie Unmensch!« schrie Niklas tapfer in seinen überschnappenden nasalen Lauten. »Was für ein Recht haben Sie, die Frau zu schlagen?« »Hach!« sagte der Italiener langsam. »Was für ein Recht ich habe! Corpo della Madonna! Dasselbe Recht, mit dem ich dich jetzt hinauspfeffere, daß dir die Lust vergeht, dich hier bei Damen herumzutreiben . . . .« Und er kam mit wogenden Schultern näher. Und jetzt erfuhr Niklas für seinen Heroismus von Barbara einen Dank, den er nicht erwartet hatte. Sie stieß ihn schmerzhaft in den Rücken und zischte: »So geh' doch schon, mach' doch, daß du fortkommst, du unausstehliches, aufdringliches kleines Biest! Merkst du denn nicht, daß Signor Borromeo dich nicht wünscht? Und wünsche ich dich denn?« Und nicht genug an diesem Undank: sie zwickte ihn. Ein Schmerz wie ein Feuerstrahl durchzuckte ihn. Er fiel zusammen und lag still. – Signor Borromeo indessen, der seinen Humor wiedergefunden, stand Arm in Arm mit seiner Freundin vor ihm und blickte auf ihn herab. Barbara stieß Niklas mit der Fußspitze in die Weiche. »Rasselos«, sagte Signor Borromeo sachlich. »Und degeneriert. – Ein Nigger.«   Von diesem Abend ab ließ Niklas sich nicht mehr in der Garderobe blicken. Er hätte wissen müssen, daß Barbaras Zorn auf ihn nur Theater war Borromeos wegen; daß ihr ganzes häßliches und himmelschreiendes Benehmen gegen ihn, den unschädlichen kleinen Verehrer, nur ihrer Angst vor einer zweiten Maulschelle entsprang. Aber um dies zu überblicken, war er zu exotisch. In seinem Spezialfall vielleicht zu malaiisch. Eine Frau hat kein Recht, in einem Duell zweier Männer ihrethalben Partei zu ergreifen. Doch auch der Europäer in Niklas (vermutlich ein fraglicher Mijnheer) – dieser entwurzelte Weiße fühlte den Gentleman in sich mißhandelt. Es war unvorsichtig von Barbara, eine silberne Schlange zuerst an ihrem Busen zu nähren, ihr dann ohne Grund auf den Schwanz zu treten und sich an ihrer Angst und Entrüstung zu weiden, statt sie mit der Milch ihrer Zuneigung zu laben. Niklas lief von jetzt ab (wie sie allzu gut verstanden hätte) durchaus nicht umher als scheues, verwundetes Wild. Er begann im Gegenteil, so keusch er auch vorher gewesen, Gefallen daran zu finden, sich den » Fife Smashing Beauties «, wie die Truppe sich nannte, enger anzuschließen und ihren schlichten Zoten zu lauschen. Erschien Borromeo, so verfolgte Niklas ihn prompt mit seinen löcherartigen Augen. – Zunächst wandte der Athlet sich ab oder sah über ihn hinweg. Dann aber geschah es regelmäßig, daß er schnell, wie verstohlen, die Hand mit seltsam verschränkten Fingern in die Richtung des lauernden Knaben schob und vor sich hinspie: ah! – Das war die Angst vor dem Bösen Blick! Niklas sah diese Geste, freute sich und führte die Zungenspitze am Mundrand spazieren. Seine Augen wurden noch greller, noch löcherartiger, und klebten an Borromeo. Dieser betrank sich. Wo er Niklas witterte, spie er aus. – Niklas freute sich und haßte wacker weiter. Diese Konzentration, die ja auch aus einer Überfülle von Temperament kam, schadete seiner Produktion nichts. Ganz im Gegenteil: er war noch nie so in Form gewesen, hatte noch nie mit so herzbeklemmender Selbstverständlichkeit und Lebensverachtung seinen Akt absolviert. Bevor seine Nummer kam und während der Schimmer der Bühne kalkblau in den Zuschauerraum kroch, konnte man ihn erkennen, wie er, halb stehend und die Füße auf kleine Stützpunkte des Ornaments gebettet, mit schlangenhaft gebogenem Kreuz silbern unterhalb der Proszeniumsloge hing. Er nahm dort bei ihm geneigten Mitgliedern der Direktion gewohnheitsgemäß einen anstachelnden Cocktail zu sich. Unter ihm gähnte die schwarze Tür der Kulisse, in der er dann mit weichem Sprung untertauchte wie ein huschendes Reptil. Die Lichtgeschehnisse wickelten sich weiter ab; verschiedene Farben überschwemmten die Bühne. Als letzte hielt sich ein Rot, überblendete die amphitheatralisch gestaffelte Menge, deren Geräusch wie das einer großen, schweratmenden Bestie in den Raum trat, und füllte die fernsten Winkel wie Blutgerinsel. Dann ward es wiederum halbdunkel. Der Lärm verebbte. – – – Ein heiserer, trotziger Schrei kam aus der Kulisse; ein Heroldschrei. Dann folgte Niklas. Er spazierte auf den Händen herein. Er war ein zappelnder Ball von Silber. Er schnellte sich durch zwei papierverklebte Reifen, die rechts und links von unbeweglich hingepflanzten, grotesken Clowns gehalten wurden. Sie hießen »Ned \& Nolly« und waren auf einer Europatournee. Der eine war lang und dürr, der andere feist und phlegmatisch. Nichts konnte sie verblüffen. Es gab ein krachendes Geräusch von berstendem Papier. Die Reifen entrollten unter dem Zetern ihrer Besitzer, die insgeheim auf Niklas aufzupassen hatten. Dieser stand nun auf einem zehn Meter hohen exponierten Aluminiumgestell; frei und federleicht. Er bog die Knie – und während ein langer Trommelwirbel das Orchester erschütterte, stieß er sich ab, überschlug sich zweimal in der Luft, und als man dachte, er müsse wie ein Sack auf den Boden aufklatschen, hing er an einem kaum sichtbaren Seil. Vom Anprall seiner treffsicheren, gepuderten Handteller bäumte es sich; in weiten Pendelschwingungen fuhr es auf und nieder . . . Doch der Springer wiegte sich wie ein Fabelwesen, wie ein Falter über der Schlucht des Todes: – Tyrann des Raumes , den er mühelos zu meistern schien! Den Kopf reckte er nach der Sonne, der Bogenflamme unter der verdämmernden Höhe des Bühnendachs, die dort ihre leise siedenden Fixsternhymnen sang . . . Das Publikum lag im Bann. Nur mühsamer Atem bewegte die Tiefe. Endlich – sieh! – lief er wieder die Leiter des Gestells herab wie ein leuchtendes Wiesel; löste er die schwindelnde Spannung; glitt er aus seiner entrückten Region auf das zurück, was den anderen gesicherter Boden, Erde und Welt bedeutete.   Man mußte Signor Borromeo einräumen, daß jenes Organ, daß bei ihm Hirn hieß, nicht in der Hypertrophie seiner Körperlichkeit eingeschrumpft war; vielmehr schien es, daß es seinen normalen Umfang beibehalten hatte und darüber hinaus von blendenden künstlerischen Einfällen gelegentlich durchzuckt wurde. Dies letztere geschah zwar nicht allzu häufig, und keineswegs konnte er sich schmeicheln, daß etwa bei der Umwerbung und Eroberung Barbaras sein Geist eine nennenswerte Rolle gespielt hätte. Immerhin machte die Seltenheit solchen Vorganges ihn bedeutsam, und man nahm ihn ernster und andächtiger zur Kenntnis, als sonst die Marotte eines »Stars«. Er machte nämlich der Truppe im Artistencafé einen Vorschlag, der an Poesie seinesgleichen suchte. Es sei ein neuer Trick. Die alten zögen nicht mehr; er habe (und das beschwöre er bei der Mutter Gottes und dem Blut sämtlicher Heiligen) schon dreimal in den letzten Tagen bemerkt, daß man in den Orchesterlogen Zeitungen lese. Sei das der Lohn ihres Schweißes? Es sei ja auch wie Kasernendrill oder Turnerfest, was sie jetzt machten; man könne schon fast einen Feldwebel damit zum Gähnen treiben. Hätten die Herren, mit denen zu arbeiten er die Ehre habe, denn ganz vergessen, daß sie Künstler seien?! – Man müsse etwas absolut Neues bringen. Die anderen vier Smashing Beauties sahen sehr gedankenvoll drein, mit dicken Falten unter den blonden Simpelfransen, und meinten, es habe Hand und Fuß, was er vorbringe. – Barbara hing an seinen Lippen. Er bemerkte es und lächelte geschmeichelt. Er paffte eine Wolke aus seiner Hafenzigarette über den Tisch. – Seine Idee sei, sagte er, folgende: er wolle die ganze Gruppe stemmen. Es sei eine verdammte Anstrengung, aber in einer ganz bestimmten Positur (die er ihnen erläuterte) sei es vielleicht zu machen. Der älteste der Brüder, auf Borromeos Schultern stehend, solle die Balancierstange abgeben für die zwei anderen, die rechts und links den Nacken dieses Ältesten als Stützpunkt für eine Streckschwebe benützten. Auf dessen Schultern wiederum solle Barbara einen geknickten Handstand machen mit gespreizten Beinen. Das ganze nenne er Die lebende Blume , und er verspreche sich viel davon zu Trommeltusch und bengalischer Beleuchtung. Der Trick erfordere eine Woche Training und sei ein glänzender Abgang für die Saison. Beifallsgemurmel. – »Aber welche Verwendung« – rührten sich jetzt die Brüder – »habe man dabei für Niklas? – Er sei effektvoll . . .« »Ha!« sagte Borromeo. »Er getraue sich, die lumpigen achtzig Pfund noch hinzuzunehmen. – Aber –« – und hier vermied er wieder die Augen, die ihn anglupten wie glimmende Löcher – »dieser Nigger müsse sich an ihnen emporhanteln, wenn er auf Barbaras Gesäß hinauf wolle. Dann aber könne die Gruppe die Balance nicht wahren . . . Er lehne ihn also ab.« Man dachte nach. Plötzlich unterbrach Niklas das Schweigen mit der singsangartigen, nasal hervorgestoßenen Bemerkung: »Mr. Borromeo sagt, mein Gewicht macht ihm nichts aus. Er ist sehr stark. Er sagt, man macht eine Lebende Blume. Well , zu einer Blume gehört ein – Smeterling , das aus die Blume saugt . . . herabswebt  . . .« Alles horchte auf. Die Idee zündete. »Fräulein Barbara . . . sie macht ein Handstand. Well . Sie streckt das – er kämpfte um das Wort – Gesitz in die Luft. – Ich komme vons Trapez und mache mein Handstand auf Fräulein Barbaras – Gesitz.« Ein großes Gelächter setzte ein, besonders da Niklas seinen Vorschlag mit viel modellierenden Handgesten begleitete. Unwillkürlich wanderten die Blicke nach der trikotübersponnenen Gegend an der Person der Athletin. Dieser Körperteil war an ihr in der Tat so prächtig entwickelt, daß er ein einladendes Feld für Experimente bot. Sie wand sich geziert und kreischte belustigt auf, wobei sie Niklas einen Rippenstoß versetzte. Borromeo zerrte nervös an seinem gewichsten Bart und fluchte leise und heiser. – Er fühlte sich überstimmt und zuckte mit den Schultern . . .   Schon am nächsten Nachmittag begannen die Proben. Daß ein Handstand auf noch schmalerem Fundament als auf Barbaras ausgedehnter Sitzbasis nur eine Lappalie für Niklas bedeuten konnte, war im vornherein klar. Er wurde instruiert, sich beim ersten Pfiff von einem Trapez herab beim Aufrollen des Vorhangs mit großer Vorsicht auf den ihm zugedachten Platz herabzulassen . . . mit größter Behutsamkeit! – und dann, wenn Borromeo einen zweiten Pfiff tue, solle er sich wieder aufs Trapez zurückbegeben. Zahllose Male versuchte man den Trick, ehe er gelang. Zunächst war Borromeo kaum imstande, stehenzubleiben und mußte sich von hinten stützen lassen. Die Hände hinter dem Nacken ineinander verankert wie stählerne Zinken, den Stiernacken gebeugt, so daß er mit den gebirgigen Schultern eine einzige Wellenlinie bildete, hielt er als zweiter Atlas zitternd stand. Auf ihn senkte sich ruckweise die ungeheure Last. Es ächzte aus dieser Last; Schweiß tropfte herab heiß wie Wachs. Das erste Mal schluchzte Borromeo, fluchte schauerlich und betrank sich. – Das zehnte Mal wischte er sich lediglich den Kopf mit einem gewaltigen Kattuntaschentuch, aus dessen Mitte im Farbdruck der »Duce« grollte, grinste erschöpft und griff nach einer Zigarette. Die Schmeicheleien, mit denen man ihn überschüttete, ließen seine Eitelkeit zur Ekstase schwellen und lösten ihm die Zunge. Er gab sein holdes Geheimnis preis, indem er von nun ab ohne Scheu von Barbara öffentlich Besitz ergriff als von der ihm vorbestimmten Braut. Was sollte man tun? Man verhieß, sie ihm nach der ersten offiziellen Darbietung seiner Wunderleistung anläßlich einer entsprechenden Verlobungsorgie in aller Form an die tätowierte Brust zu legen . . . Was Niklas betraf, so hatte er sich einige Male zart wie ein fallendes Herbstblatt auf der Spitze der Pyramide niedergelassen. Die nächstbeteiligte Person, Barbara, hatte ihn kaum gespürt. Er hatte einen silbernen Ring aus sich gemacht, war langsam wie ein Sekundenzeiger im Umlauf einer Minute auf die Füße zurückgesunken, hatte sich aufgerichtet und das Trapez wieder erangelt, dunkel blinzelnd und traumwandlerisch gewandt . . .   Der große Abend ist da. Der Trommeltusch rollt. Der Scheinwerfer speit zischend seinen Lichtkegel auf die Bühne. Sie sind in Weiß, die » Fife Smashing Beauties «; nur die Athletin Barbara trägt ein grellrotes Brusttrikot zu kokett gebauschter Schoßhose. Ihre weißbepuderten nackten Beine enden in roten Sandalen. Es ist eine ungeheure lebende Blume aus bebendem Fleisch, die dort entfaltet prangt. Es ist, als streiche ein flauer Wind über ihre gespreizten Blätter, die aus drei Schenkelpaaren bestehen. Fast unmerklich schwankt das Gebilde, doch es steht! – Es steht!! Rasselnder Atem dringt aus ihm hervor, gewürgter, – das ist die knirschende Selbstvergewaltigung von fünf Körpern. Die Blume wird zitronengelb, dann tintenblau, dann purpurn. In diesem Purpur wirkt Barbara fast schwarz. Dann ergrünen sie alle in einem fahlen Seegrün – und es pfeift ganz unten. Pfeift kurz und schrill. Ein flimmerndes Insekt pendelt herab; läßt sich langsam nieder auf dem höchsten Blatt der Blume . . . Was tut es dort? Es tastet, regt sich. Will es vordringen in den Kelch? Immer noch brodelt dies fahle Seegrün auf der Gruppe. Niklas sitzt auf den Fußballen, auf den Schenkeln Barbaras. Er sieht, umrahmt vom blaugeäderten Fleisch zweier gestreckter Kniekehlen, das Kinn der Athletin und ihre pralle Unterlippe. Sein Blick taucht an einer weißen Männerbrust herab mit pulsierenden Muskeln. Und ganz unten sieht er schwärzlich beflaumte, grobe Finger, verhakt wie Greifzangen auf einem angekitteten Scheitel, dessen widerlich weiße Rinne sich über einem kantigen Hinterkopf bis in den Nacken windet. Zwei Ohrmuscheln stehen von ihm ab wie rote Trichter. Die Augen des kleinen Niklas verengen sich zu schwarzen Ritzen. »Nigger« hatten sie zu ihm gesagt, als er auf dem Boden der Garderobe lag. »Degeneriert« hatten sie ihn genannt; – »zudringlich« . . . Und er erhebt sich in den Handstand. Seine Hände greifen in das elastisch emporschwellende Fleisch; fast gewichtslos schleudert er seine schlanken hellbraunen Beine empor und biegt das Kreuz ein, daß die Pailletten des flimmernden Panzers knirschen. Da pfeift es unten ein zweites Mal; halberstickt. Niklas weiß, nun soll er wieder von dannen »schweben«; zum Trapez zurück; naschhaftes Insekt soll er sein; flüchtiger Falter. Aber er tut es nicht. Er hält sich weiter im Handstand; ja, er tastet einen Zoll nach vorn, den blaugeäderten Kniekehlen Barbaras zu. Sein glühender Blick sticht hinunter, in Borromeos Hinterkopf. Nervosität, dann Angst beginnen durch dessen Stiernacken zu zittern. Vor seinen blutunterlaufenen Augen, in qualvoller Bemühung halb emporgedreht, zerfließt das Publikum zu einer einzigen bleichen, verstörten Maske. »Nun hab' ich euch in der Hand«, denkt Niklas und Wollust durchschüttelt ihn. »Nun seid ihr mir ausgeliefert . . . ihr plumpen Tiere . . .« Und statt sich vorsichtig wie ein Hauch wieder auf die Füße zu stellen, springt er und stößt sich ab; tritt mit Kraft in diese Doppelrundung hinein, in dies aufreizend und brutal geballte Fleisch; hängt wieder am Trapez und schwingt sich . . . schwingt sich mit schrillem Schrei . . . Im schaukelnden Gesichtsfeld sieht er die Gruppe auseinanderpurzeln. Und inmitten der Katastrophe, dumpfen Publikumsaufschrei im Gefolge, geschieht ein Krach; ein kurz prasselnder Ton. Es klingt, als ob man eine Kokusnuß zerspellt. Es ist die Athletin Barbara, die sich überschlagen hat und mit ihrem ganzen Gewicht aus fast drei Metern Höhe auf Borromeos Nacken landet . . . In einem rotbespritzten Brautbett, die mächtigen Glieder seltsam ineinander verankert, – so liegen die beiden da. Die Trapezschaukel knarrt in immer gewaltigerem Schwung, als wolle sie das flimmernde Wesen bis zu den Sternen schleudern. Wie ein Geierschrei dringt es herab. – Noch hinter dem Vorhang, der im Tumult herabschießt, hört man diesen hellen, triumphierenden Schrei.   Drittes Bild Der Apfelsinentrick Zu Hamburg auf dem »Meßberg« steht ein riesiger Lagerschuppen: die »Kasematten«; dort werden die ausgebooteten Südfrüchte sortiert, aufnotiert und den Bestellern zugeteilt. Bei diesem Geschäft blüht der Gelegenheitsweizen der »Hoppenmarktslöwen« – jener sonnigen, weitbehosten, in Sweater und Schiffermütze gekleideten Existenzen, ohne deren Organisiertalent wohl manche Marktfrau aus ihrer wettergebeizten Haut führe. Denn die Hoppenmarktslöwen verhelfen einer jeden dieser Matronen zu ihrem Anteil und opfern – gegen geringes Entgelt – bei jeder neuen Sendung ihre Muße. Sonst könnte man sich gar nicht ausdenken, was für Schlachten geschlagen würden unter den Besitzerinnen der Fliegenden Gemüsehallen, bis in ihren Scheuern, das heißt unter ihren roten Pilzschirmen, alles in sicherer Hut verstaut liegt. Eine dieser unbedenklichen Damen war es nun, die ihren »Assistenten« nicht nur durch großzügige Bezahlung überraschte, sondern auch durch ein unvermutetes Geschenk – vor dem er sich aber scheu zurückzog. – So fiel das Geschenk (ein temperamentvoller Knabe mit hoher Stimme) alsbald an die Spenderin zurück. Sie war nicht mehr ganz jung. und so äußerte sich ihr Mutterinstinkt mehr in mürrischer Pflichterfüllung als in übermäßigem Enthusiasmus. Zur Beaufsichtigung gab sie das Kind auch gern weiter, etwa wenn sie einen Köhm zu genehmigen oder einen anderen wichtigen Gang zu tun hatte – und so machte Sylvester schon in zartester Jugend die Runde unter den sämtlichen Pilzschirmen des Hopfenmarktes und tat Einblick in diesen Winkel der Menschheit – eine Tatsache, die ihn dem Leben gegenüber frühzeitig stählte. Später trieb er sich auch oft auf dem Bahnhof umher und entwickelte eine große Fertigkeit in kleinen Diebstählen. Die Vorsehung, die im Regenhimmel Hamburgs lauerte, schien ihn als Bagatelle hinzunehmen, bei der ein Einschreiten sich kaum verlohne – jedenfalls rutschte er der Polizei gewöhnlich durch die Finger. Selbst im Freihafen war er manchmal zugegen wie ein Mäuslein im Speicher; dort gelang es ihm jedoch selten, mehr zu erwischen als etwa ein Paket amerikanischer Zigaretten, deren Anpreisung: » You run a Mile for a ›Camel‹ « wahr wurde insofern, als Sylvester mit der Beute mindestens eine Meile zu rennen hatte. Schon des Säuglings Nüstern hatten einen ganz bestimmten Duft empfunden: an den Apfelsinen. Seine kleinen Hände hatten nach den goldenen Bällen getappt: sein Geschmack, sein ganzes Wesen war durchzogen und getränkt von dieser benebelnden Süße. Wollte die mürrische Matrone, seine Mutter, ihn ruhig bekommen, so brauchte sie ihm nicht jenes todsichere Schlummertränklein, nämlich einen Kaffeelöffel mit Wandsbeker Kümmel, einzuflößen – (brauchte sich also nicht selbst zu verkürzen); – sie hatte nur nötig, ihn in die Kasematten mitten in die rollenden Berge von Orangen zu legen. Tausende von umgestülpten Kisten spien ihren Segen in die Halle, der eilfertig aufgeschaufelt und gewägt wurde. Aus zerquetschten und zertretenen Früchten, aus gelbem und blutrotem Brei stieg der Süden auf wie ein süßes Gas. Die Früchte, glatt und rund, glitten ihm durch die Finger, und seine Spiele mit ihnen waren noch ziellos. Eines Tages – (er mochte sieben Jahre zählen) – geriet er mit einigen anderen Straßenarabern seines Alters nach Stellingen. Dort in der Dressurhalle sah er eine Gruppe von Seehunden Nasenball spielen. Das Schauspiel der schlangenhaft sich windenden Hälse mit den spitzschnauzigen Köpfen, die große bunte Guttaperchabälle mit Nasenstübern steigen ließen – »ha–u, ha–u« dazu kläffend, – die feuchten, klatschenden Schwimmfüße – dieses Schauspiel bannte ihn so, daß er sein scharfgeschnittenes kleines Gesicht zwischen die Stäbe steckte und zur Freude des Publikums mitzubellen begann. Ein großer Seelöwe kletterte jetzt in monströser Weise über eine Pyramidenleiter und balancierte einen Chaplin aus Kapokwerg, und als er wieder auf seiner Trommel saß und schleimig-hohl hustete, schrie Sylvester vor Begeisterung so laut, daß der Dompteur Christian Lohmann ihn in den Käfig einlud und ihm erlaubte, den Seehunden halbe Schellfische zuzuschleudern . . . Hier begann der Wendepunkt in seinem Leben. Er begann, es den Seehunden nachzumachen und zu jonglieren. Bald war er auf dem »Meßberg« eine gesuchte Persönlichkeit. Zuerst gelang ihm der Trick mit vier Apfelsinen, die er in allen möglichen Stellungen – liegend, im Hocksitz oder springend – aus der Luft holte. Die Anzahl der goldenen Bälle stieg, und mit der Zeit wurden es acht. Sein Honorar für eine solche Leistung war eine Gemüsemahlzeit oder etliche Groschen. Stets fand sich ein bewunderndes Publikum dafür. Sein Vater versuchte, da er eine Erwerbsquelle in dem Sohn witterte, sich ihm wieder zu nähern, doch die Mutter wahrte wütend ihre Vormundschaft, und sie war es auch, die den ständigen Bitten Sylvesters nachgab und ihn, als er zehn Jahre zählte, in den Zirkus Ortolani führte.   Mr. Tsing, ein Chinese aus Annam, vier Fuß hoch, schleuderte in Gemeinschaft seiner zahlreichen zierlichen Familie, in papageibunten Kitteln und unter hohen Vogelschreien, allabendlich Fontänen der unhandlichsten Dinge ins Bogenlicht. Sylvester war derart außer sich vor Anschlußbedürfnis an diese flachgesichtigen Wunderkinder, daß seine Mutter ihn kurz entschlossen zu der Truppe brachte, als diese hinter einem Zelttuch von Miniaturschüsseln tafelte, und es dem Vater und Leiter klarzumachen verstand, daß Sylvester in die Truppe aufgenommen zu werden wünsche. Mr. Tsing lächelte und wand sich vor höflicher Ablehnung, doch die Matrone vom Meßberg riß ihrem Söhnchen kurz entschlossen den Anzug und das Hemd vom Leibe und präsentierte ihn, wie Gott ihn geschaffen: sehnig, feingliedrig und voll verblüffender Gelenkigkeit. Die sechs Chinesenkinder mit großen schwarzen Augen saßen einen Augenblick stumm, in Verblüffung versenkt über diesen blonden Körper, der dem ihren ähnlich und doch so fremd schien. Dann zwitscherten sie sehr erregt durcheinander in kakelnden und spektakelnden Silben. Sie sahen sich ähnlich wie Eier, und auch das Geschlecht war bei ihnen verwischt, weil sie die gleichen schwarzen Seidenhosen trugen und die gleichen bestickten Käppchen, unter denen ihre Frisuren verschwanden. So war es nicht ersichtlich, ob Sylvester es dem weiblichen oder dem männlichen Element in der Truppe verdankte, daß Mr. Tsing sich erweichen ließ. Er bat ihn heran und betastete seinen Leib wie eine Violine. Besonders interessierten ihn Finger und Zehen. Dann ließ er ihn seinen Apfelsinentrick vorführen; sein Lächeln glitt aus dem der Ablehnung in das der Verwunderung hinüber – viele kleine Schnalzlaute gab er von sich. Sylvester durfte sich ankleiden, und vom nächsten Tage ab war er Schüler Mr. Tsings, und die schwarzbehosten, aalglatten kleinen Satane, in deren Mitte er geriet, machten sich zunächst ihren Spaß daraus, ihn mit kleinen Tücken und Intrigen zu verfolgen. Sie trainierten jeden Vormittag, und nach einigen Monaten war er ihnen auf den Fersen. Unzählige Male verletzte er sich an Tellern, die ihm an den Schädel flogen; an Messern, die er falsch erwischte. Doch seine große Gutmütigkeit und sein Ehrgeiz trugen den Sieg davon.. Sie ärgerten und verwöhnten ihn in einem Atem. Sie streichelten ihn und legten ihm Fallen; – sie stellten ihm kindlich das Bein und gurrten ihm wiederum Dinge ins Ohr – unartige, exotische Dinge, die er nie begriff . . . Endlich kam der Abend, da Mr. Tsing ihn offiziell in der Gruppe mit auftreten ließ. Keuchend, beherrscht, äußerst fix und schmal, in schwarzem, blumendurchwirktem Kittel und die blonden Haare unter einem Käppchen versteckt, absolvierte er sein Debut. – Am Schluß der Nummer kam Mr. Tsings Glanzstück: das Boomerang-Spiel. Er jonglierte mit zwei abgeplatteten Dolchen, zwei Holztellern und zwei geknickten Keulen. Zunächst stiegen diese Gegenstände organisch auf in engen Kreisen. Dann erweiterte sich ihre Flugbahn zur Ellipse, wie Blätter einer Blume schräg in den Raum hinein magisch sich öffnend und schließend. Die kleine nervöse Hand gab ihnen unerhört präzise Drehungen mit auf den Weg, – inneren Drang, umzuschwenken und zurückzukehren in die zauberhaft lockende Handhöhle – wie Vögel ins Nest. So stand Tsing breitbeinig da mit verzücktem Lächeln; tauchte die Hände in den Raum und vernichtete spöttisch das Naturgesetz. Immer ferner kreiste das Belebte, das von seinem Willen Geladene, um knapp am Boden – wie umgeknickt in der Bahn – zurückzutauchen: in einer zuckenden Sekunde gerettet von zwangsläufigem, atemraubendem Fiasko . . . Sylvester wurde mit Leib und Seele ein Stück dieser seltsamen Maschinerie aus vergewaltigten Körpern – tierischen und menschlichen –: des Zirkus. Der Zirkus verschlang ihn und wurde seine Welt – troff auch das Mondsilber auf das gewaltige Zelt herab oder rüttelte daran peitschender Regensturm: – im Innern dieses zigeunernden Gehäuses, dieser aneinandergekuppelten Wagen schwärmte ein toller Rhythmus, wurde Wagnis auf Wagnis gehäuft. Der plärrende Tubenschall des Orchesters vernichtete jedes Gefühl für ein Draußen, für eine Welt jenseits der grundlosen Segeltuchflächen. Nur hier innen war das Leben, wütendes, wildes, buntes Leben; – alles jenseits verblaßte. Aus irgendeinem wesenlosen Nebel kroch täglich der Ameisenhaufen, dreitausend Menschen aus Nirgendwo, – füllte schwarz, eine einzige brandende Welle von Klatsch- und Beifallsgetöse, die erhöhten Sitzreihen und wurde dann wieder, unter plärrenden Tubenstößen, ins Nichts hinausgesogen. – – Kabylen stürmten auf zottigen Gäulen herein, wanden sich abenteuerlich, geschickt wie Marder, um die Bäuche der hastenden Tiere, kletterten an Sattelgurten und Mähnenknoten umher wie an Turnböcken und warfen ihre heiseren Wüstenschreie einander zu. Hierauf erbauten sie drei schwankende, steile Pyramiden, gekrönt mit trillernden, athletischen, zottelköpfigen Knaben wie mit Apotheosen junger Kraft. Die Gebilde fielen elastisch auseinander und lösten sich in rad- und saltoschlagendes Chaos auf. Sechs Zebras liefen leicht bockend, Wildpferdzähne bleckend, mit getigerter Keulenkraft und feinem, hartem Hufschlag um die Arena. Durch einen anderen Eingang schritt in rötlich-schwammiger Gedunsenheit das Nilpferd Graziosa, erkletterte zaghaft eine geschmückte Tonne und drehte den walzenförmigen Leib mit ungeheurer Bemühung dort umher, als sei es der Nabel eines Rades. Es öffnete ein maßloses Maul; ein hohler Rülpston stieg hervor. Es gab acht Elefanten; sie trieben ihr ungeheures, träges Zeitlupenwesen mit läppisch hellem Trompetenschrei. Die ganze Welt war erfüllt von den schiefergrauen Kolossen, die sich zum Schluß auf der Brüstung der Arena niederließen und sich ihrer ungeheuren Gesäße zögernd zum naturwidrigen Zweck des Sitzens bedienten . . . Nun kam der Clou, der Pferde-Akt, und der Stallmeister Daniel Petersen zeigte sich in vollem Glanz. Sylvester, der draußen auf seine Nummer lauerte, erlebte mit schauerlich-süßem Schreck seine tägliche Liebe, die ihm, dem Jungen, schwächend in die Knie fuhr: seine gleichaltrige Freundin, seinen Kummer und sein Idol . . . Die Kunstreiterin Camilla . . .   Sylvester war schon sieben Jahre Mitglied des Zirkus Ortolani. Die Annamiten hatten längst ein anderes Engagement gefunden und waren durch eine solid arbeitende Japanertruppe ersetzt. Sylvester nahm jedoch eine Ausnahmestellung ein, die sie ihm widerwillig einräumten. Er war ein Meister in seinem Fach; ein zweiter Rastelli. Er beherrschte den Boomerang-Trick und vieles mehr. Er wurde hoch bezahlt. Und sein Beruf hätte ihn völlig befriedigt, wenn ihn nicht eines immer wieder gestört hätte: sein Haß gegen den Stallmeister Petersen. Und dieser Haß war gewachsen die Jahre hindurch und war gereift im gleichen Zeitmaß mit der Anhänglichkeit, die ihn zu Camilla trieb. Petersen war die Seele des Etablissements, der General all der Vergewaltigung von Mensch und Tier, eine gewaltige blonde Bestie, der seine Kommandos an der drei Meter langen, schußartig krachenden Peitschenschnur in alle Windrichtungen schleuderte und bedingungslose Unterwerfung forderte. Weitgehende Vollmachten der Direktion blähten seine diamantengeschmückte Hemdbrust. Sein Frack saß prall an den Hüften; sein Hemdkragen trieb sich wie ein Brett in die violetten, von geplatzten Äderchen überzogenen Wangen; der spiegelnde Zylinder gab seinem Kopf Distinktion und Verklärung; und auf seiner becherförmig gewölbten Lippe saß ein Schnurrbart von der Konsistenz einer Zahnbürste, gesträubt und hart. – Kurz, er war ein ansehnliches Exemplar eines Stallmeisters und ganz das, was man sich unter einem solchen gewohnheitsmäßig vorstellt. Der feinere Unterschied zwischen ihm und anderen Herrschern seiner Branche betraf jedoch das Seelische – insofern, als es nach allgemeinem Dafürhalten schlechterdings fehlte. Er war nicht tückisch, er war nicht gefällig – er handelte lediglich nach Zweckdienlichkeiten und füllte deshalb seinen Platz prachtvoll aus, assistiert von einem rothaarigen Pferdebesorger, Leibdiener und Sklaven, der auf den Namen Zorro hörte. Was nun Camilla betraf, so hatte er dies schmächtige Waisenkind, das ihm aus einer polizeilich aufgelösten Artistengruppe zugelaufen kam, frühzeitig adoptiert mit der mürrischen Kalkulation, dieser biegsame und hübsche Körper könne Möglichkeiten enthalten, die sich verzinsen ließen. Die Adoption verlieh ihm Besitzrechte, und er ließ es sich angelegen sein, diese mit seiner Dreimeterpeitsche auszuschlachten und aus dem erschrockenen Kind alle Gewandtheit herauszukitzeln, die herauszuholen war – auf dem Wege der Hohen Schule. Camilla war jetzt siebzehn, also so alt wie Sylvester, durchaus ein Geschöpf ihres gütigen Ziehvaters, mit einer verprügelten, sanften Seele und mit einer Hornhaut an Waden und Schenkeln. Seit sie die Hölle durchgemacht, – die er mit dem Namen »Training« belegte – hatte sich in ihr eine Stumpfheit eingenistet, die auch freundlichem Entgegenkommen trotzte. Petersen behandelte sie jetzt mit satter Ruhe und heimste ihre Gage ein. Er verwöhnte sie nur soweit, als ihre Gesundheit es erforderte – im übrigen hatte er sie ganz zu dem gemacht, was er wollte. Wenn er sie vom Pferd hob unter prasselndem Beifall und sich mit ihr verbeugte, so blieb das mechanische Lächeln ihr auf den kindlichen Zügen stehen wie geronnen; – für Sylvester war es ein Alpdruck. Er brauchte lange, bis er dieses Lächeln löste. Zunächst wurde ein tagelanges Schluchzen daraus und »eine Indisposition der Kunstreiterin Camilla«. Und als die Maske geschmolzen war, kehrte das Lächeln wieder – doch nicht seelenlos, als Grimasse » for show «, sondern verwundert und weich lebendig. Camilla begann zu lieben . Rückhaltslos und ein erstes, stärkstes Mal. Petersen nahm davon Kenntnis und verbat sich bei Sylvester allen Ernstes die Erzeugung derartiger Gemütswallungen, denn er habe viele Jahre ehrlicher Arbeit an Camilla hingehängt und gedenke vorläufig nicht, einen Flirt zu dulden. – Wonach er, im allgemeinen und in die Gegend hinein, zur Bekräftigung seine Peitsche krachen ließ. Sylvester war blaß geworden und hatte an diesem Abend kein Glück beim Jonglieren. Zweimal mißlang ihm der Boomerang-Trick. – So fing es an.   Es wurde immer schlimmer, immer eindeutiger mit dieser Liebe. Die Schicksalsähnlichkeit zog sie magnetisch zueinander, und beider Arbeit litt darunter. Der Zustand schien unhaltbar, und Sylvester ging wieder zum Stallmeister. »Sie müssen wissen, Petersen,« sagte er, – »daß es kein Flirt ist. Ich will Camilla zur Frau.« Petersen musterte ihn mit einem rohen Blick aus seinen vom Arenastaub entzündeten Lidern hervor. – »Sehen Sie mal, Sylvester,« sagte er fast gemütlich, – »ich habe das Frauenzimmer nun sechs Jahre lang trainiert und sozusagen ein Stück Resultat aus ihr gemacht. Das habe ich natürlich nur zu dem Zweck getan, um sie dem ersten besten jungen Messerschmeißer zum Präsent zu machen; wie?« »Ich verdiene. Ich bin in der Lage . . .« ». . . eine Frau zu ernähren. – Lassen wir das bürgerliche Geschwätz. Darum handelt es sich nicht. Sie verdient ja auch.« »Sie zahlt Ihnen natürlich Ihre Spesen ab, Petersen . . .« »Sehr gütig. – Aber die nehme ich mir sowieso. Bis sie einundzwanzig ist. Aber auch dann werde ich verhindern, daß sie heiratet. Sie ist vorzüglich in Form. Wenn sie Kinder bekommt, ist es aus mit der Hohen Schule.« »Von Kindern ist ja keine Rede, Petersen . . .« »Was wollen Sie! – Sie sind verliebt. Wer garantiert mir . . . und überhaupt. Also – wir lassen das Thema fallen. Vier Jahre lang, mein Lieber, lassen wir das Thema fallen.« Er spielte mit dem Peitschenknauf. »Haben Sie denn keine Spur von Herz?!« »Ich sage Ihnen –« sagte jetzt Petersen und die Borsten an seiner Oberlippe sträubten sich – »lassen Sie das Mädchen in Ruhe!!« – worauf er sich sporenklirrend entfernte. – – – Es passierte eine Woche später, daß die Peitsche des Stallmeisters beim Morgentraining sich in Regionen verirrte, an denen Camilla noch keine Hornhaut trug. Da er für ihr zimperliches Gewinsel, das daraufhin schallend einsetzte, kein Verständnis hatte, so gab er der vom Pferd Gerutschten noch einige erbauliche Schmisse, so daß die Schnur sich um ihre Brüste wickelte wie ein glühender Draht. Hierauf wurde sie still, doch Sylvester, der in der Nähe geweilt, äußerst lebendig. Er stürzte herzu und warf sich auf das Mädchen. »Sie Rohling,« keuchte er dabei, »– das werden Sie büßen. Ich werde Sie anzeigen. Ich werde veranlassen, daß Ihre Vormundschaft . . .« Petersen war nicht dumm. Sein Gesicht wurde krebsrot, dann blaß. Er blieb schweigend stehen und nagte an seiner Lippe. Dieser Sylvester machte ihm allmählich zu schaffen, und so drehte er sich auf den Hacken um und ging hinaus. Ohne ein Wort. – Und bei der Jubiläumsfestlichkeit, die der Zirkus seinem Personal an diesem Abend gab, – bei einer Grog- und Sektsitzung im ersten Vereinslokal der Stadt, holte er sich seinen rothaarigen Sklaven heran und sprach mit ihm, lange und eindringlich. Am nächsten Morgen bat er in milden Ausdrücken Sylvester um eine Unterredung. – »Er gebe zu,« sagte er, »er habe sich hinreißen lassen. Nervosität, an der er in letzter Zeit leide, habe die Oberhand gewonnen, und so habe er beim Training das Ziel verfehlt. – Er habe das Pferd gemeint. – Es tue ihm leid.« Sylvester traute seinen Ohren nicht, als er dies hörte – und noch unwahrscheinlicher klang das Folgende. »Auch sei er zu der Überzeugung gekommen, daß er schließlich kein Recht habe, der Verbindung Sylvesters mit Camilla im Wege zu stehen. – Doch umsonst sei der Tod, und eine kleine Mut- und Geschicklichkeitsprobe von seiten Sylvesters sei das schon wert.« Sylvester saß atemlos. – »Wenn es in sein Fach schlage . . .« »Jawohl; in sein engstes Fach. Er, Sylvester, habe ihm einmal erzählt, er habe das Jonglieren an Apfelsinen gelernt. – Nun habe er, Petersen, so eine Apfelsinenkiste in der Nähe; ob er sie ihm zeigen solle –?« – – – Sehr verwundert begleitete, als es dämmerte, Sylvester den Stallmeister. Sie gingen, in unauffälliges Zivil gekleidet, durch ein Gewirr von Altstadtgassen. Plötzlich zog Petersen einen Schlüssel hervor und öffnete nach vorsichtigem Umherspähen eine Kellertür. Es ging zwanzig Stufen hinunter, und eine Taschenlampe beleuchtete einen Berg von Gerümpel, das Petersen mit dem Fuß verstreute. – Endlich wurde die Apfelsinenkiste sichtbar. Sie sah alt und schmutzig aus. Petersen hob den Deckel: da lagen, hübsch und sorgfältig in Sackleinwand verpackt, nach der Schnur gereiht die gewünschten Früchte. Er enthüllte eine davon; sie hatte einen Griff aus Holz und bestand aus einem angerosteten Metallzylinder von einem Viertelmeter Länge. Oben war sie mit einem Schleifchen aus Kupferdraht geschmückt. – Petersen verfiel in ein lautloses Gelächter; seine Schultern zuckten. »Na, wie gefallen Ihnen meine Apfelsinen, Sylvester? – Mein nettes kleines Lagerobst aus der Rätezeit?« – – Sylvesters Augen glitzerten im Schein der Taschenlampe wie Sterne. »Sie sehen verdammt nach – Stielhandgranaten aus, Ihre Apfelsinen, Petersen.« Er lachte trocken. »Sind es auch«, sprach Petersen beruhigend. »Sind es auch! – – Nun passen Sie auf: fünfzehn Sekunden, nachdem man die Dinger abgezogen hat, platzen sie. – Wenn Sie es fertigbringen, während dieser Viertelminute Ihren – Apfelsinentrick damit zu machen, und Ihnen sollte das nicht schwerfallen – ob es nun Messer sind, oder Fackeln, oder – – geladene Apfelsinen – Sie, der Meisterjongleur! – dann gehört Camilla Ihnen. Dann trete ich zurück. Nun?!«   Es ist fünf Uhr in der Arena. Sylvester hat zwei der Granaten in der Rechten und eine in der Linken. Er, der Stallmeister und Zorro haben sie in diesem Augenblick abgezogen; nun begeben die beiden letzteren sich im Laufschritt hinter die Deckung einer hölzernen Logenwand in etwa achtzig Meter Entfernung. Von dort aus spähen sie durch eine Ritze. Es sind drei Apfelsinen, die Sylvester in der Hand hat. Er soll sie handhaben, er soll sie dann in jenen Berg von Gerberlohe schleudern in der unschädlichen Richtung und sich platt auf den Boden werfen. Diese liebreiche Instruktion hat den Zweck, ihn mit vollster Sicherheit zu erledigen, denn woher sollte er wissen, daß solches Spielzeug nicht in der Luft zerplatzt, sondern sich flach am Boden verstreut? – Kalter Schweiß bedeckt seine Stirn. Die tödlichen Geschosse steigen, von seinen klammen Händen mechanisch geschleudert, in die Höhe. Eins folgt dem andern . . . Acht Sekunden. Er ist sieben Jahre alt. Er steht auf dem »Meßberg« Apfelsinenduft umhüllt ihn wie süßes Gas. Man ruft ihm zu; man applaudiert . . . Er hat die drei Stiele gemeinsam in den Händen. Zehn Sekunden . . . Plötzlich dreht er sich um und tut drei, vier lange Sprünge in der Richtung der Loge. Ein helles Zetern steigt hinter der Wand hervor, knirschendes Poltern und Fluchttumult. Man hat nicht damit gerechnet, daß er noch Zeit haben werde, diese vier langen Sprünge zu machen. Sylvester hört ein kurzes, hohles Husten, wie es die Seehunde seiner Kindheit hatten . . . ist das Petersen?! Doch dieser hustet nicht; er ruft, er bettelt; seine Stimme ist breiig zerborsten. Und mit der letzten, der allerletzten Sekunde fliegt das Bündel mit mächtigem Schwung durch die Luft. Man hört es dumpf aufklatschen innerhalb der Loge. – – – Sylvester, noch im Zug dieses Schwunges, fällt nach vorn in die Knie. Zerreißt ein knirschender Krach die Luft? – Sprüht dort angefacht von Höllenatem eine Kaskade auf aus Holzsplittern und zermahlenem Fleisch? – Sein Puls rauscht. Eisern fallen die Sekunden, tak, tak, tak hört er es in beiden Ohren . . . und die Stille bleibt wie ein Sumpf bestehen. Nichts rührt sich. Jetzt muß es geschehen – jetzt . . . Die Stille brodelt weiter; ein brodelnder Sumpf.   Unendlich mühsam erhebt er sich endlich und geht auf die Loge zu. Voll Widerwillen späht er hinein. Der erste, den er sieht, ist der rothaarige Zorro, der mit irren Augen und zähneklappernd ins Leere stiert. Und in der anderen Ecke hockt Petersen. Zwischen seinen Knien, die spitz in die Höhe gezogen sind, liegen die drei Stielgranaten. Es sieht aus, als spiele er damit – wie ein Kind, das sich über seine Marmeln beugt – und sei darüber leblos geworden. Er ist tot; der Schreck hat ihn getötet. – Sylvester nimmt die Geschosse heraus. Der Rost, erkennt er jetzt, hat Löcher gefressen und Kellernässe ist ins Pulver gedrungen. Es sind Blindgänger. Er klemmt sie unter den Arm und verläßt vorsichtig spähend den Zirkus. Unbeobachtet wickelt er sie in altes Papier und macht einen kleinen Morgenspaziergang nach der Binnenalster. Dort wirft er sie ins Wasser; und nachdem er das getan, sinkt er auf eine Bank und weint wie ein kleines Kind.   Viertes Bild Die Rückkehr der Violante Willst du sie nicht aufziehen lassen? – – Der Freiherr Kaspar von Zachwyl oder schlechthin Kaps (wie wir ihn nannten) schob sein blondes Primanergesicht in den Lichtkreis der abgedämpften Rauchtischlampe. In dieser Beleuchtung fiel mir wieder auf, wie schwach entwickelt sein Kinn war. »Was? – Wen? . . .« »Nun, das Ungetüm da hinten«, und ich wies mit der Pfeife in die Ecke. – Er wurde lebendig. »Du meinst die alte Standuhr dort? – Die ich neulich vom Speicher herunterholen ließ? –« Er redete schrill und versorgte sich emsig mit einer Zigarette. Immer redete er in dieser etwas atemlosen Art – als sei er im Prinzip äußerst bereit zu jeder Gefälligkeit, müsse aber erklären, schnell noch vor Torschluß, daß er nicht zaubern könne . . . Träger ganz alter Namen haben noch den Tonfall, als hätten sie vom Söller aus Wälder zu verschenken. Diese Geste konnte er sich nun zwar durchaus nicht leisten; immerhin saßen wir im Wohngemach einer leibhaftigen Burg, die (man höre und staune!) das Zachwylsche Wappen ob der Toreinfahrt trug. Und so etwas hat heutzutage den Reiz der Seltenheit. Ich hatte seine wasserblauen Augen aufglitzern sehen während meiner Frage; nun war er wieder im Schatten des Sessels versunken. Aus diesem hervor quollen ein paar Schichten von Tabakrauch. Dann stieß er hervor: »Lieber Marbold! Verlang' das nicht. Ich mache am liebsten einen weiten Bogen um das Ding herum . . . Galizenstein ist längst auf dem laufenden. Zweimal war er schon hier und handelte. Gutes Frühbarock sei nun einmal seine Schwäche, und wenn das Ding auch zehnmal an einen Sarg gemahne, – (du siehst das silberne Tödchen im Ziffernblatt? mit der Sense, die mit einem so vertrackt tückischen Schwung als Minutenzeiger herumfahren soll?) – so sei er doch nicht abergläubisch . . . ›Gott soll schützen,‹ waren seine Worte (er schwatzt zuweilen unerträglich) – ›was haben Sie davon, Herr Baron? Es is, wie es dasteht, ane schwarze Blasphemie . . . Ob sie wohl noch anen Pendel hat? Und der Schlüssel – wo is der Schlüssel? – Na, er hat den Schlüssel nicht bekommen. Er hat sich auch nicht gefunden; das Schloß ist eingerostet. ›Sie kaufen doch die Katze nicht im Sack, Galizenstein!‹ sagte ich. – ›Ich gebe das Ding nur her, weil dies Barock sich mit meinem Biedermeier beißt.‹ – ›Machen Se keine Witze, Herr Baron‹, sagt er und senkt sein eines Lid auf Halbmast (das sah ganz abscheulich aus. Sozusagen makabre Schelmerei!) ›vielleicht kauf ich die Katz' doch im Sack; und es is kane schöne Katz' . . .‹ – Hast du schon einen solchen Unsinn gehört?« »Preisdrückerei, Kaps. – Übrigens kommt's mir vor, als seist auch du abergläubisch.« Ich war derweilen aufgestanden und zur Uhr hinübergeschlendert. Ich knipste die Deckenbeleuchtung an und betrachtete sie gründlich. Das Tödchen war herrliche italienische Arbeit. Es war schwarz oxydiert; fleckig, als leide es an einer ganz seltenen Seuche, – die ihm ja übrigens nichts schaden konnte. Es mußte nur geputzt werden. Der eine Arm als Stundenzeiger hielt ein Stundenglas, und zwar auf Punkt eins. Der andere mit der Sense reckte sich parallel zu ihm, so daß Sense und Glas sich in der Mitte schnitten. Die anderthalb Meter hohe Uhr hatte edelste Form, sparsamen Girlandenschmuck aus Silber, das Zifferblatt bestand aus Schildpatt, die Zahlen aus gelbem Elfenbein. Das ganze Material war Ebenholz. Ich klopfte an den Pendelkasten; es gab einen hohlen Ton. »Klopf' mal stärker,« sagte Kaps aus seinem Sessel heraus mit eigentümlich belegter Stimme, – »und halte dann dein Ohr dran.« »Dann hört man wahrscheinlich das Schlagwerk«, meinte ich. »Es wäre doch amüsant . . . sie aufzuziehen . . .« Ich klopfte stärker und hielt das Ohr dichter ans Holz. Und nun hörte ich etwas Eigentümliches . . . Ein hohes Sirren wie einen ganz, ganz fernen spitzen, langgezogenen Schrei . . . Womit, zum Teufel, konnte man das vergleichen? Die tremulierende »I«, das sich wie ein trompetender Moskito an meinem Trommelfell rührte? Es schien kein mechanisch hervorgerufener Ton; es schien irgendwie mit einer grausig feinen Qualität geladen; – es vibrierte schwächer, und dann plötzlich – riß es ab. Ich trat zurück. Etwas hatte da geklungen, das mir Pein verursachte wie ein Nadelstich am Herzen. Ich hielt nochmals das Ohr ans Gehäuse: nun schwoll mir lediglich ein Sausen entgegen; das Sausen des eigenen Blutes. Oder war es das Rauschen der Zeit, das sich in dieser Muschel verfangen hatte wie im Leib eines finsteren Cellos? »Irgendein altes Zinkenspielwerk steckt dadrin«, meinte ich plaudernd und schlenderte zurück. »Venetianische Arbeit. Sie riecht außerdem ungemein muffig, deine Uhr. Gründlich desinfizieren, Kaps, das wäre das Wahre. Ölen, reinigen, in Betrieb setzen . . .« »Sonst noch etwas?« fragte er salopp, noch immer mit dieser belegten Stimme. »Übrigens wirst du dich wohl schon gewundert haben, daß ich das Ding, so wie es ist, los sein will. Lache nicht . . . Aber neulich hatte ich eine Art von Erscheinung, die irgendwas mit dem Möbel zu tun hatte.« »Mit deinem normalen Quantum Portwein?« »Meinem ganz normalen Bettquantum. Zwei Gläsern. – Doch warte: eh' ich dir's erzähle, muß ich dir was zeigen.« Er stand auf und winkte mir, ihm zu folgen. Wir überquerten einen Korridor in der Dunkelheit. Dann öffnete er eine Tür und drehte Licht an in einem geräumigen Gemach, in das ich (ich war erst seit gestern geladen) noch nicht getreten war. Es ergoß sich eine taghelle Flut von Licht: vierundzwanzig Mattbirnen an einem schönen Lüster flammten auf. Keine Maus hätte sich in der Beleuchtung verstecken können. Wir standen in einer Art Ahnengalerie . . . Man verzeihe mir diesen Ausdruck! »Ahnengalerie« klingt so sehr romantisch, wie? Doch nachdem ich das »Wappen« in der Toreinfahrt erwähnt habe, muß man mir auch diese letztere Feststellung nicht verdenken . . . Es hingen in Gottes Namen wirklich einige Bilder da, die nachweislich Vorfahren von Kaps vorstellten, von guten Künstlern gemalt. Er führte mich vor ein leicht nachgedunkeltes Gemälde. »Schöne Person, was?« sagte er nicht ohne Selbstgefälligkeit. »Ahnen vermehren sich in die Vergangenheit hinein wie Kaninchen«, versetzte ich hämisch. »Wann soll sie gelebt haben?« »Dem Bild nach –« dozierte er unangefochten, »war sie Anno sechzehnhundertzwanzig ungefähr dreißig Jahre alt. Damals gab es natürlich ganze Horden von Ahnfrauen zum Endzweck meiner eigenen kürzlichen Geburt; immerhin ist sie in ziemlich direkter Linie mit mir verknüpft, denn unsere männlichen Vorfahren, soweit sie nicht Eigenbrödler blieben, waren kinderarm; und bei den Weibern schätzten wir das Temperament höher als wirtschaftliche oder Mutter-Meriten. – Ich muß dir gestehen, sie wäre mein Fall, wenn sie aus dem Rahmen stiege . . .« Ich staunte immer mehr. Die junge Ahne wurde verteufelt lebendig, wenn man sich in ihre schwarzen Augen verlor. Die kurzen Lippen standen etwas geöffnet, als sei sie kurzatmig; ein raffiniert duftig gemalter Spitzenkragen in Mühlsteinform lastete auf ihren zarten Schultern. Der sechsfach gepuffte Ärmel entließ unten wie eine Blume eine gespreizte blasse Hand, die in der Hüfte saß. Ein großer Rubinring glänzte am Mittelfinger. In der anderen Hand hielt sie tändelnd einen roten Fächer. Es war ein kecker weinroter Farbfleck. »Sieh mal genau über ihre Schulter«, sagte Kaps still. Ich spähte. Aus der purpurbraunen Dunkelheit des Hintergrundes gruppierte sich langsam aber unabweislich ein silbernes Tödchen  . . . auf einem Zifferblatt. »Die Uhr!!« Ich schrie fast. »Allerdings«. sagte Kaps sehr stolz. »Teufel auch . . . Das ist seltsam . . .« »Nun, seltsam . . .« summte er; es war für ihn anscheinend eine Selbstverständlichkeit. – Wir traten nun vor das nächste Bild; das heißt er zog mich hin. »Ein nettes Raubtier, was? Hat die Schlacht von Pavia leidlich gesund überlebt; soll aber ein heidenmäßig kurzweiliges Leben geführt haben. Ich hab' über beide Herrschaften in meinen alten Schmökern nachgelesen. Er soff sich zu Tode, dieser Kumpan hier. Vorher hat er aber noch die Dame nebenan, unsere hübsche Freundin mit dem Fächer, stranguliert. Und dann weggeschafft, wer weiß wohin. Ob er das nur zur Unterhaltung tat, oder seine Gründe hatte . . . Ich neige übrigens dazu, ihm Gründe zuzubilligen. Die alte Chronik wispert da einiges. Daß sie ein Luder gewesen sein muß, sieht man ihr ja an . . .« Ein schwergeharnischter Kondottiere blickte uns entgegen. Er trug blonde Simpelfransen, die knapp über den buschigen Brauen wie gezirkelt abgeschnitten waren. Er trug seinen Helm wie ein Spielzeug in der Hand; die andere Pranke wühlte in den Nieten seines Brustpanzers, dicht oberhalb des schwarzen Lederetuis, das in brutaler Art sein Geschlecht markierte. Seine Lippen waren zum Strich geschlossen. »Lieber Freund Marbold«, sagte Kaps nach einer Weile, »jetzt kennst du die Bilder. Sie sind ekelhaft gut gemalt und wahrscheinlich ihr Stück Geld wert. Besonders die Violante (so hieß sie) tut es einem an; du weißt, ich bin ein versponnener Bursche . . .« Er ging weiter. Während er das Licht ausdrehte und wir über den Korridor wieder dem Wohngemach zustrebten, hörte ich seine eintönige Stimme fortfahren: »– und da setzt sich dann manchmal etwas fest . . . Kurz und gut –« Wir saßen wieder, und diesmal leistete eine große Karaffe Portwein uns Gesellschaft. »– Ich bin ganz froh, daß du da bist. Denn ehem, ich wollte doch erzählen . . .« Er nahm einen Schluck und schloß die Augen. »Ich bin so verdammt allein zuweilen. Da sitze ich neulich hier, wo ich jetzt sitze, und blicke, ohne was zu denken, nach der Uhr . . . und auf einmal fällt mir ein, sie ist ja auch auf dem Bild. Und wie ich das denke, steht sie vor der Uhr, genau wie auf dem Bild . . . verdeckt den unteren Teil, steht da – buchstäblich . . . verdammt, ich lüge nicht! Blickt mich an.« Er war ganz blaß. » Sehr erklärlich, Kaps«, meinte ich fröhlich. »Dein Portwein übrigens . . . Woher beziehst du den?« »Ach, von Lavery . . . Glaubst du wirklich, der Portwein . . .?« Ich fühlte mich immer behaglicher, ohne zunächst zu bemerken, daß ihm immer unbehaglicher wurde. Erst als er sich wieder im Sessel vorbeugte mit seinem tieferblaßten Primanergesicht, das sich vor einer Prüfung ängstigte, wurde ich etwas aufmerksamer. Sollte er am Ende nicht ganz . . . Wie? »Na, Alter,« sagte ich bieder, »und machtest du ihr den Hof?« »Ging nicht«, sagte er dozierend mit gerunzelter Stirn und ganz ernst. »Ich dachte zuerst, sie lächele mit offenem Mund . . . Aber dann kam ich dahinter, daß sie – keine Luft bekam! Oder vielmehr: daß die Luft ihr ausging; sozusagen aus ihr . . . herauspfiff . . .« Er sah mich mit aufgerissenen Augen an. Die Sache wurde mir allmählich zu bunt. »Hast du nicht –« fuhr er mit zitternden Lippen fort, »den Ton gehört, als du an der Uhr lauschtest, wie? Zinkenspielwerk, meinst du? Doch du weißt selbst, das war ein feiner Schrei, ein langer, qualvoller Schrei! Siehst du! – Ich konnte ihr nicht den Hof machen . . . aus diesem Grunde!« »Und dann?« Ich wurde selbst leicht erregt. Fand er nicht für mein eigenes Empfinden ein richtiges Wort? »Und was passierte dann? Was glaubtest du zu sehen?« »Sie wurde langsam in die Uhr (wie soll ich sagen?) hinein gesogen  . . . Sie verblaßte langsam in die schwarze Uhr hinein . . . Natürlich –« und er sank ächzend in den Stuhl zurück, nachdem er gierig ein ganzes Glas hinabgeschüttet – »natürlich sind das meine Nerven. Aber du begreifst jetzt, warum ich die Uhr los sein will.« Eine Pause folgte. Ich hatte meinen Gleichmut wiedergefunden; er hatte gesprochen wie auf der Bühne; doch weil er sonst ein so nüchterner Knabe war, hatte diese Tatsache mich leicht verwirrt. Jetzt aber rumorte der wirklich ausgezeichnete Portwein mir in den Adern; Unternehmungslust rührte sich. »Du sagst also selbst, daß du halluziniertest. Lieber Kaps, wir wollen es doch bei der Wurzel packen. Es wäre wirklich schade, das kostbare Familienstück an einen Trödler zu verschleudern. Weißt du was? Wir beseitigen deinen Komplex, indem wir dir dessen schale Nichtigkeit demonstrieren . . .« Ich lachte laut. Er fuhr empor. »Was?« »Wir öffnen den Kasten und gucken hinein . . . Drehen das Spielwerk an . . .« Noch seh' ich sein Gesicht vor mir, voll äußersten Grauens . . . »Nein, nein, nein!« »Bist du ein erwachsener Mensch, oder bist du es nicht? Laß dich doch nicht auslachen!« Er schien sich leicht zu schämen. »In Gottes Namen,« flüsterte er. »Aber du mußt es machen; du allein. Weißt du, ich bin ein Idiot; aber ich rühre das Ding nicht an . . . Ich weiß ja, es ist alles Unsinn . . .« Schon hatte ich mein Taschenmesser, das ein reichhaltiges Besteck aufwies, hervorgezogen und war zur Uhr hinübergegangen. Ich drehte die Deckenbeleuchtung an; das Zimmer war hell. Zunächst versuchte ich es mit einer Nagelfeile, dann mit dem Knopfhaken. Mir war fröhlich und unbekümmert zumute. Ich pfiff vor mich hin, schabte, drehte und bohrte in dem alten rostigen Schloß. Und auf einmal sprang die Tür auf. Es war, als werde sie aufgedrückt . Ein Gegenstand rollte aus dem Ritz hervor, ein metallisch klingender kleiner Gegenstand. Es war ein Fingerring mit einem Rubin. Tiefes Röcheln kam von Kaps. Sein Glas fiel klirrend aufs Parkett. Ich weiß nicht, ob ich die Folge der sich überstürzenden Geschehnisse richtig einhalte: ob er sofort ohnmächtig wurde, als er den Ring sah, oder ob das ein paar Sekunden später geschah, als er das übrige sah . . . Jedenfalls war es ein Durcheinander. Denn nun folgte, während die Tür sich weiter auftat, ein roter Damastfächer, zerfranst und zerfressen . . . Immer hin kenntlich. – – – Und nun machte die Urahne uns ihre Verbeugung. Sie neigte sich zeremoniell. Es war, als versuche sie, einen Schritt in den hellen Raum zu tun, jedoch war sie nicht mehr gut genug zu Fuß; sie sackte langsam zusammen in einem Haufen von alter Seide, muffiger Watte und bröckelnden Spitzen. Sie brachte es jedenfalls fertig, ihren Schädel in Bewegung zu setzen; er rollte klappernd in der Richtung des Ringes und verlor unterwegs einige Zähne. Ich war zu verblüfft, um ihn aufzuhalten. Aber gottlob erlebte Kaps die schauderhafte Annäherung seiner Ahne nicht mehr bei klarem Verstand.   Fünftes Bild Die Krawatte Es klingelte schon zum drittenmal, als die alte Frau endlich den Mut fand, zur Tür zu schleichen und sich zu erkundigen, wer da sei. Es wurde eine lange Unterhaltung daraus, bis sie sich von der Identität des Neffen überzeugt. Endlich sagte sie: »Ah . . . du scheinst es wirklich zu sein . . .« Sie rasselte mit einem riesigen Schlüsselbund und schloß die drei Schlösser tastend auf. Dann zog sie die Kette von der Tür (groß wie eine zentnerschwere Ankerkette) und öffnete mit scharf spähendem Raubvogelprofil. Ihr spitzer Kiefer kaute; ihre Blicke schossen argwöhnisch ins Treppenhaus. Grotesk sah sie aus in ihrem buntbestickten, wattierten Schlafrock. Der Arzt trat ein und sagte herzlich: »Na, Tantchen? Was machst du? Ich komme gerade vorbei, von einem Patienten, der auch in dieser Gegend wohnt . . . Da wollte ich mich mal nach dir umsehen . . .« Er kam tatsächlich von einem Patienten. Dieser Patient war sein einziger, er mußte wie ein Juwel verhätschelt werden. Da der Doktor gut gekleidet war und sicher auftrat, sah man ihm die Not nicht an, die er litt. Die argwöhnische Alte durfte um keinen Preis der Welt merken, wie dringend er der Hilfe bedurfte. – Sie war schon hoch über die achtzig, schon jenseits der biblischen Erlaubnis. Es war beim Himmel endlich an der Zeit, daß . . . Er folgte ihr ins Wohnzimmer. Dort hatte sie das Sofa zum Bett umgemodelt. – »Es schläft sich zwar nicht besser hier«, nörgelte sie und schob sich wieder unter die Daunendecke, »aber man kann wenigstens plötzlichen Besuch empfangen, wenn es durchaus sein muß.« Ihre trüben Augen belauerten ihn, wie die Pupillen eines reglosen Uhus aus seiner Nische. Der Arzt – ein Dreißiger mit abgezehrtem Gesicht, in dem eine goldene Brille blitzte, setzte sich auf eines der Sammetfauteuils und sah sich um. Ziemlich lang hatte er diese Pracht nicht mehr gesehen. Die gedrechselten Sessellehnen, die verschnörkelten Aufsätze, die gewundenen Säulen; und da war ja noch, hurra, der »betende Knabe« aus galvanischer Bronze . . . Außerdem ertrank alles in Plüschquasten. Aller Orten blühten diese unzähligen Plüschquasten hervor, von den Vorhängen bis zum kleinsten Schemel hinunter. In diesem giftgrünen Meer von Plüschquasten hatte er schon immer zu ersticken vermeint. Durch diese verwitterte Mode geisterte der muffige Duft von Baldrian. Neben dem Sofa hatte die Greisin ein Tischchen mit drei Gläsern, einer kristallenen Wasserkaraffe und zwölf Fläschchen jeden Formates. Auch ein Türmchen von runden Pillenschachteln. »Nanu?« sagte er lächelnd und rieb sich das Kinn – »was sehe ich denn da? Wer will dich denn so vorzeitig ins Jenseits befördern, Tantchen?« Der Uhu knappte mit dem Schnabel. »Es könnte dir so passen, wenn das jemand wollte«, gab sie mit scharfer Schelmerei zurück. »Worum handelt sich's denn?« fragte er gleichmäßig aufgeräumt. »Und wer hat dir denn all das Zeug verschrieben?« (Toll, daß sie nicht einmal ihn zu Rate gezogen . . .) »Schlaflosigkeit –«, erwiderte sie und verlor auf einmal das kritisch Lauernde. » In–som–nia « . . . Sie sang die einzelnen Silben wie eine Liederstrophe. Schließlich ging das Wort in ein Jammern über. Ihre Augen blickten in ein Loch hinein: in Monate voll fruchtlosen, verzehrenden Grauens vor der Einsamkeit; in Monate voll bettelnder Sucht um den Balsam. »Doktor Ortmann tut eben, was er kann.« Er nahm die Medizinen in Augenschein. »Das ist ja alles labbriges Zeug, Tante. Das ist gut für kleine Kinder, nützt aber bei dir nicht mehr viel. Tja . . . Natürlich geht man zu einem Kollegen und vergißt ganz, daß man einen Neffen hat, der ebenso kompetent wäre . . .« Ihr Gesicht hatte sich in blitzschneller Umgruppierung aller Runzeln verwandelt. Sie lächelte, und es sah bei ihrem zahnarmen Mund unsagbar tückisch aus. »Nichts hab' ich vergessen. Aber bei lebendigem Leib, mein Lieber, laß ich mir noch nicht von dir das Fell über die Ohren ziehen.« Sein Kopf wurde heiß, aber er bezwang sich. Er saß im Schatten und seine Brille war vor seinen grauen Augen – sie konnte sie nicht sehen, diese Augen. »Nanu? Bin ich so teuer?« »Billig bist du bestimmt nicht.« »Schließlich muß ich mir meinen Namen bezahlen lassen. Das hat Kollege Ortmann noch nicht nötig. Also entweder – (er sagte es sehr gemütlich) – ich schröpfe dich ganz besonders kräftig – du kannst es ja gut vertragen – oder ich behandle dich umsonst.« Es kämpfte mächtig in ihren Zügen. »Umsonst!« hatte er gesagt. Ihr Lächeln verlor das Tückische; sie dachte; kalkulierte. Sie kniff den Mund zusammen und bemühte sich, seinen Ausdruck zu erhaschen. Dort saß er trostreich und Vertrauen erweckend – die Kapazität. Er verdiente offenbar gut. Er brauchte nichts von ihr. Wieder sah das Gespenst der Schlaflosigkeit sie an, die wimpernlose Maske, und durch den Raum schwang das Asthma von Monaten. Von Jahren. Und zugleich auch der herzklopfende Schreck, der sie versucht, mit den Fingernägeln an der Tapete hinaufzuklettern. Dies alles wollte er nun verscheuchen. Und er verlangte nichts dafür! In ihrer Gespanntheit setzte sie sich halb auf. »Sagst du das im Ernst?« »Was denn, Tantchen?« »Daß du mich umsonst behandeln willst.« »Freilich will ich das.« Es klang, als verschlucke er sich; er hüstelte. »Das liegt doch auf der Hand.« Sie fiel ungeheuer erleichtert auf das Kissen zurück. »Die Sachen vom Ortmann«, flüsterte sie nach einer Weile, »helfen nichts mehr.« »Das glaube ich. Weißt du was? Ich gebe dir ein Spritzchen, hin und wieder. Das schadet nichts und hält für Tage vor.« »Ernst,« sagte sie langsam, »so ein Spritzchen macht doch – – dumm?« »Dich nicht.« Er schien zum Scherzen aufgelegt. »Dumm macht es vielleicht Leute, die es von Natur aus schon sind. Dir nimmt es nur die Unruhe weg und bringt dir gesunden Schlaf.« »Gesunden Schlaf . . .« flüsterte sie. »Und sonst ist es nicht gefährlich?« Er schnalzte mit der Zunge am Gaumen. »Wenn du glaubst, daß es dir schadet, bekommst du es eben nicht. Aber dieser Kollege mit seinem Baldrian . . . Mir wird übel von dem Gestank! Daß du das aushältst!« »Also gut,« seufzte sie, »du mußt es ja wissen.« Schon die bloße Suggestion genügte . . . »Ich gehe in die Küche«, sagte er, »und mache es zurecht . . .«   Er verließ das Zimmer, nahm im Korridor sein Handköfferchen und begab sich in die Küche. Die Türen standen offen. Vom Wohnzimmer kam ihr erlöster Atem herübergeklungen, als schliefe sie schon. An dem Abwaschbecken spülte er die Morphiumspritze mit destilliertem Wasser und feilte darauf einer Ampulle den Hals ab. Er sog den Inhalt in die Spritze; sie war zu einem Viertel gefüllt. Das war die übliche, die Minimaldosis. Während er hantierte, traten Schweißtropfen auf seine Stirn. Die Schachtel mit den zurückgelassenen fünf Ampullen lag offen da. Sie waren so hübsch symmetrisch aufgebahrt, jede in ihrem Kartonkäfterchen. Die Birne an der Decke warf ihr kalkweißes Licht darauf. Er blickte sich mit krauser Nase um; die Türen standen offen! Er drehte den Wasserhahn an, und während des Plätscherns köpfte und leerte er mit mechanischen Bewegungen auch diese übrigen Ampullen. Sie waren so einladend. Sein Gesicht war grau. Einen Moment noch zögerte er; dann drehte er das Plätschern ab und verließ die Küche. Der nackte Arm, der wie Elfenbein glänzte, lag dort auf der Daunendecke. »So, Tantchen,« sagte er in sonorem Baß und beugte sich über sie, »nun bringe ich dir eine gute Portion Schlaf . . .« Sie drehte langsam das Gesicht von der Tapete weg zu ihm hinüber. Offenbar hatte sie halb geträumt, während er draußen beschäftigt war. In der Zerstreutheit des Alters glitten ihre Augen von seinem Gesicht auf seine Brust. Plötzlich sagte sie mit einem naiven, fernen Lächeln: »Na, ich sehe, du hast es immer noch nicht gelernt, Ernst, dir deine Krawatte richtig zu binden.« Er reckte sich langsam auf. Er starrte sie an. »Meine Krawatte . . . richtig . . . zu . . . binden?« stammelte er. »Wie kommst du jetzt gerade auf diesen  . . . Einfall?« »Ich sehe dich ganz aus der Nähe. Es fällt mir ein, daß deine Mutter immer an deiner Krawatte gemäkelt hat. Du warst eben ein Jung'. Einmal hast du dich darüber beklagt. Aber gelernt hast du es immer noch nicht. Komm' mal heran. Der Knoten muß fester sitzen, siehst du. So.« Ihre Hände hatten sich ausgestreckt und an ihm genestelt. Mit einem merkwürdig erstickten Laut fuhr er zurück. Die Spritze entfiel seiner Hand und rollte unter den Stuhl. »Was hast du denn?« fragte die Alte und wurde flugs wieder kritisch. »Bist du immer noch so nervös in diesem Punkt? Na, sorg' du selbst für deine Toilette, alt genug bist du ja. – – – Nun aber mach' schnell. Ich werde schon nicht viel spüren auf meinem alten Fell.« Sie streckte ihm einladend den Arm hin. Er saß wieder halb im Dunkeln auf dem Stuhl. Er atmete schwer, als er sich bückte und das Instrument vom Boden hob. Dann trug er es unter die Lampe und betrachtete es. »Entschuldige,« sagte er mühsam, »ich bin doch verdammt ungeschickt. Ich muß eine andere Hohlnadel nehmen; diese ist zerbrochen.« Er ging in die Küche zurück. – Als er zurückkam, irrten seine Augen beim Eintritt ins Zimmer ab und fanden das Bild seiner Mutter an der Wand: ein Bild mit ganz verschwommenen Zügen.   Sechstes Bild Psyche und der Tod Es war die Zeit des großen Cholerasterbens in Hamburg. Vor der Einäscherung sollte in einem wohlhabenden Hause eine Einsegnung vorgenommen werden. Der offene Sarg stand in der Glasveranda unter den Blattpflanzen. Es roch nach Erde. Die Kranzblüten gaben letzten, durchdringenden Duft von sich. Durch die Glastür zum Garten loderte ein Übermaß von blauer Glut; – über den Rotbuchen an der Alster quoll eine Wetterwolke herauf mit scharfen Rändern. Sie wuchs erschreckend still. Das Dutzend versammelter Menschen atmete hörbar. Der sechsjährige Jan Gustav, aus zartem Wachs, lag sehr still; sein farbloser Mund stand halb geöffnet. Auf der Brust umklammerte er, im Eigensinn des Todes, ein großes Bündel weißer Schwertlilien. Senator Arensen tat einen haltlosen Schritt, dann fand er seine steife Haltung wieder. Seine hochgewachsene Frau griff zu und stützte ihn; auch sie trug einen mehr strengen als leidgebeugten Ausdruck zur Schau. So hatte sie keinen Blick zu verschenken an Ulrike, die man im Hause Uli nannte – ein siebzehnjähriges, aschblondes Mädchen, dem Bruder aus dem Gesicht geschnitten, schlank und blutarm. Diese lehnte an der Glastür. Die blaugeäderten, feinen Hände preßten das Taschentuch vor den Mund und zuckten. Sie hatte die Nacht über geweint; der Schmerz malte einen haarfeinen, roten Ring um ihre Lider. Mit bebenden Knien stand sie in einem Dunst von Verzweiflung und Kölnischem Wasser, und der Pastor Lüders, der jetzt hereinwallte, schenkte ihr einen verstehenden Blick. Er blieb vor dem Sarg stehen und machte das Kreuzeszeichen. Dann begann er zu sprechen. Es war mehr darin als nur Routine; es war aufrichtige Zuversicht. Seine Stimme, leicht belegt, rührte mit ihrem singsangartigen, beruhigenden Hanseatentonfall wie Balsam an die Gemüter. Er wählte auch nicht seine gebräuchlichsten Worte, sondern wählte die selteneren, denn er war ein persönlicher Freund dieses alten, guten Patrizierhauses . . . »Dies Kind ist zu beneiden. › Integrem vitae ‹ – (warum soll ich nicht den frommen Heiden Horaz zitieren!) – also in großer Unschuld hat ihn der Genius des Todes entführt. Gott wird wohl gut wissen, warum Er die Geißel dieser Seuche schwingt; warum Er eine so große Heerschar von Kindern an Seinen Mantelsaum lädt . . . Ist nicht ein reines Menschenantlitz ein Spiegel vor Ihm? Und wo findet Er unter all den Erwachsenen, die Er zu Sich nimmt, noch ungetrübte Spiegel? – So dürfen wir nicht grollen. Gönnt nicht Gott uns Unendliches? Und sollen wir darum Ihm nichts gönnen und mit Ihm rechten und hadern? Nein, – wir beugen uns.« In der Wetterbank zuckten lautlose Blitze. Pastor Lüders drehte sich halb und schaute hinaus, mit fernem Blick. Dann fand er weitere Worte, so als seien sie ihm Silbe für Silbe signalisiert von jenem fahlen Zucken, das in regellosen Pausen dort drüben geschäftig war wie fiebernder Puls. Nicht umsonst betrieb er klassische Studien mit dem Senator in dessen Muße. So stellte sich denn für dies Haus, für diese »Pflegestätte frommen Heidentums« (wie er es bei sich scherzend zu nennen wagte), ein richtiger Vergleich ein, der sich noch dazu mit christlicher Empfindung wunderlich vertrug. »Die unerleuchteten Alten, meine Freunde,« sprach er und wandte sich wieder den Trauernden zu, wobei er seine versenkten Blicke auf Uli ruhen ließ, »haben ein treffliches Symbolum gefunden auch für unsere Art der Erlösung, des Heimgangs. Auf ihren Stelen finden wir den Falter . Ja, wahrlich: im Puppenzustand sind wir und bereiten uns vor für Ihn, armselig gefesselt; plötzlich reißt die Hülle, – und was kriecht hervor? Was spreizt seine leuchtenden, unsterblichen Schwingen? Der wundervolle Falter: Psyche! Unsere Seele! « Uli stellte sich den Falter vor, wie er sich vor dem heißen Blau tummelte, und ihr war, als fühle auch sie Schwingen sprießen und flattere empor . . . Sie starrte mit ihren trockengeweinten Augen auf das Gesicht des Knaben, das mit trotzigem Ausdruck unter den Schirmblättern lag. Jetzt zitterten die Blätter; ein erstes Lüftchen tastete sich herein. Die Wolkenwand wuchs unaufhaltsam und murrte. Keiner begriff, warum Uli plötzlich wie in kopfloser Angst das Taschentuch zur Abwehr schwenkte und hinausstürzte . . . Später fand man sie zusammengekauert zwischen den Büschen des Gartens. Mit teilnehmend-väterlichen Fragen forschte der Seelsorger, was denn ihr Grund gewesen sei für so plötzliches Entsetzen. Und hier geschah es zum erstenmal, daß seine stets handliche Tröstung versagte; daß er trotz größter rhetorischer Routine ratlos war . . . – – – Denn es ergab sich dieses: während er das holde mythologische Träumchen formte, war zwischen den Lippen Jan Gustavs kein farbenstrahlender Schmetterling aufgetaucht (wie die schwärmende Uli es erwartet) – sondern eine dicke, häßliche, metallisch glänzende Fliege . Sie hatte auf der Nasenspitze Jan Gustavs ihren Borstenleib gestrählt und war dann, schwanger von Gift und Ausgeburt trüben Dunkels, mit rasselndem Brummen auf Uli zugesurrt. – – –   Sie spürte eine große Stille, die nur vom Geräusch kleiner Wirbelwinde unterbrochen wurde. Schwaden von Lindenblütenduft zogen umher. Dann fühlte sie die Hand des Pastors Lüders auf der Schulter. »Uli . . .,« sagte er, ». . . was du gesehen hast, braucht dich nicht zu erschrecken. Auch die Fliege ist ein Geschöpf Gottes. Und . . . war es dein Bruder, der dort lag? Er war es ja gar nicht mehr! Das war eine Fälschung; eine Täuschung . . .« » Wie sagen Sie?« – »Eine Täuschung, sage ich . . . Denn er ist ja viel lebendiger, als er früher war! Er ist hier, im Garten; überall ist er, in der warmen Luft . . . Was geht es ihn an, was dort drinnen noch mit seiner törichten kleinen Form geschieht! Er will, daß auch du das Leben liebst, in jeder Form! Daß du es liebst bis zu dem Augenblick, wo dein Dasein so grenzenlos wird wie seines! Wo du dich losreißt und im Sturm fortgewirbelt wirst als geflügeltes Samenkorn!« Uli blickte auf die Thujahecke. Und da sah sie etwas Seltsames: Jan Gustav trat aus der dunkelgrünen Wand. Weiß leuchtend. Er jauchzte mit gläserner Stimme und lief, so rasch ihn seine Kinderbeine trugen, die Hecke entlang dem Flusse zu. – – – Währenddessen schritt die silberne Regenwand heran, in der Jan Gustav unterging. Und mit dem Bersten der Himmelsschleusen öffnete sich auch die Erlösung für Uli: das befreiende Weinen. Ihre Tränen mengten sich mit dem niederpeitschenden, warmen Regen; auch der Talar des Pastors Lüders begann zu triefen. Und doch blieb er sitzen. – Er war ein merkwürdiger, ein ungewöhnlicher Pastor.   Siebentes Bild Vom orangefarbenen Herzogtum I Er hat sich soeben »freigeschwommen«. Dadurch, daß er ohne Korkgürtel quer über den lehmgelben Fluß (die Hauptwasserstraße des schläfrigen kleinen Herzogtums) und wieder zurückgeschwommen ist, hat er ein großes Privileg; man wird in Zukunft nicht mehr zetern und den gütigen Himmel beschwören, wenn er ohne Aufsicht ins Wasser steigt. – Sein Vater ist zu diesem Examen erschienen und hat von der bretternen Badeplattform aus zugesehen. Als der Sohn prustend landete, haben Papa und Dunlop, der Erzieher, ein sehr wohlwollendes Benehmen gezeigt. – Nun kehrt man von der Badeanstalt zurück, und wie um die Gelegenheit noch besonders festlich zu illuminieren, brennt jenseits des Flusses eine Viertelmeile entfernt die große Zelluloidfabrik nieder. Sie bleiben stehen und blicken zurück. Der Himmel ist voll träg geballter Augustwolken. Von ihren Rändern trieft noch der satte Widerschein der Sonne, die gerade unter den Horizont geglitten ist; die zerquellenden Massen strahlen rosa von innen heraus. Doch unter ihnen regt sich etwas Fremdes, Lebendigeres, das sie überbieten will. Teerschwarze Schirme spreizen sich untereinander, und zwischen ihnen geisternd, halb entblößt bald und bald versteckt, zuckt blutig die gefräßige Flamme. Und je dunkler blutrot es blitzend rinnt, desto schwerer türmen sich die schwarzen Schirme, wachsen die riesigen Pilze empor. Papa deutet mit seinem Bambusstock in die Höhe. – »Merkwürdig!« sagt er; »man sieht kaum, wo die Wolken aufhören und wo der Qualm beginnt; so natürlich fließt das zusammen.« – Dunlop, durch die Zähne pfeifend, stimmt bei. Und dem kleinen Albert kommt es beinahe so vor, als sei das Phänomen mit dem Qualm das einzige, was an dem ganzen Brand von Wichtigkeit sei. Sie gehen weiter durch die abendliche Gegend. Das Zwielicht dauert lange im Herzogtum Plessenberg. Die Pappelallee, die in das Villenviertel führt, ist voll von Staub und Rädergeräuschen. Albert hält seine ausgequetschte Badehose in der Hand, zum Klumpen geballt, und trabt in träumerischem Zickzack bald vor, bald hinter den großen Männern. Nun wird die Dämmerung tiefer, und die Männer werden zu schwarzen, wandelnden Türmen. Papa gibt Dunlop von seinen »Brevas«, den großen dunklen Zigarren, die er ständig raucht . . . Wie Wurzeln sehen sie aus bei Tageslicht. Sie geben eine Art Feuerwerk von sich, ehe sie brennen. Dunlop bestreut Albert mit Asche, sagt gedankenlos: » Ah, pardon «, und klopft ihn auf gut Glück ab, in das Dunkel hinein. Dabei unterhält er sich fortwährend zu Papa gewendet über Dinge, die Albert nicht versteht; – doch einzelne ungewöhnliche Wörter hascht dieser auf und macht Fabeltiere aus ihnen, die ein paar Herzschläge lang vor ihm bunt auf dem finsteren Pfade leben. Zwischendurch macht seine Seele schnelle, sehnsüchtige Ausflüge hinter die Pappeln über die welligen Wüsteneien von Fabrikabfall bis zu dem Punkt, wo diese beschränkte Zwielichtwelt einen Abschluß hat und eine neue, grellorangefarbene, beginnt . . . Nie würde er hoffen können, über diese zahllosen Schlackenberge zu klettern; Dursttod würde ihn ereilen zwischen Blechbüchsen und erstaunlichen Knochen, bevor ihm beschieden sei, das Mysterium jenes orangefarbenen Herzogtums zu ergründen . . . Pflaster erklingt unter ihren Schritten. In spärlicher Kette zu beiden Seiten brennend, bestrahlen Gaslampen endlose Gartenmauern. Abgeblühte Fliedersträuche, zu schwarzen Klumpen gruppiert, hängen darüber und drängen sich nach den schwachen Zirkeln der Flammen. Es kommen noch drei Ecken; dann stehen sie vor dem schmiedeeisernen Tor der Garteneinfahrt zu Papas Haus. Papa tritt ein; das Geräusch seines Schlüssels ruft eine leise Tätigkeit in der Küche hervor; – fast unmittelbar steht das Abendessen für ihn und den Erzieher im Speisezimmer bereit. – – In Alberts eigenem Raum brennt die Lampe auf der schwarzen, geschnitzten Wickelkommode. – Traulich gelb schimmert sie von dem dunkelbraunen, marmorierten Wachstuch zurück. Vor nicht so sehr langer Zeit, mit Respekt zu vermelden, hat dies Wachstuch Alberts leuchtendes Fleisch matt abgespiegelt; es fühlt und sieht sich sehr eng verwandt an, findet er; sehr verschwistert mit Bedürfnissen einer halbblinden Frühe . . . Angenehme Gefühle gab es da oben; man wurde umhergerollt, einbalsamiert und bandagiert; und stieß man Gebrüll hervor, so sank unmittelbar eine sanfte Flüssigkeit aus schwindelnder Höhe herab, und das Gebrüll, zum Gurgeln abgetönt, ertrank in Letzung. – Solches geschah häufig und regelmäßig. – – Babette, die Kinderfrau, deren Vorhandensein hier nur den einzigen Hintergrund von Alberts Person hat, sitzt in Gesellschaft einer Kerze am Tisch, den schweren, robusten Leib gekrümmt, und befaßt sich keuchend mit ihrem nackten Fuß. Alberts knospenhafter Verstand verrät ihm noch nicht, was ein Hühnerauge ist; der Fuß, vom Kerzenlicht mit seltsamen Schlagschatten verziert, bietet keinen erfrischenden Anblick und hat etwas Unheimliches in seiner mächtigen Formlosigkeit. Als sie ihn kommen hört, versteckt Babette die Monstrosität schleunigst unter ihrem gefältelten Rock, praktiziert sich Schuh und Strumpf an und begrüßt ihn mit jener läppisch gezogenen Art von Platt, die unter der ländlichen Bevölkerung des Herzogtums Plessenberg gebräuchlich ist. Ihr knorriges, rotes Gesicht bezieht sich mit unendlichen Runzeln, und ihr offener, lippenloser Mund lächelt atemlos. – »Kommst aber heut s–pät zuhaus«, läßt sie vernehmen. »Un has die waaßen Hosen all voll mit S–taub.« – Sie kann ihm nicht böse sein. Eigentlich müßte sie ihm grollen. Er hat verraten, daß sie ihn vorgestern abend in die Altstadt zu einer Wahrsagerin mitgenommen hat, die im obersten Stock eines Fachwerkhauses nahe der Petrikirche waltet. Mit hoher Kinderstimme, ungefragt, hat er während des Mittagessens (wo er den Mund halten sollte) plötzlich einen hastigen, etwas zusammenhanglosen Bericht erstattet. Wiewohl man ihn mehrmals zum Schweigen gemahnte, wurde es doch der Tafelrunde klar, daß die Seele der Babette im tiefsten Mittelalter schmachtete, trotzdem sie später bei schluchzender Entgegennahme des Rüffels versicherte, sie sei nur bei Frau Milchsack gewesen, um sich ihr Fußgebresten wegkurieren zu lassen . . . Gab man nun auch zu, daß ein Hühnerauge zuweilen eine starke Beschwörung nötig mache, so war damit die Zeremonie mit den Kerzen, dem Goldfischglase und den Karten (noch dazu im Beisein eines unschuldigen Knaben) durchaus noch nicht zur Genüge geklärt . . . Für Babette bedeutet jenes Glas- und Kartenorakel eine unumstößliche Offenbarung. Es ist sehr belanglos für sie, daß Exzellenz es für Unsinn erklären und Herr Dr. Dunlop leise pfeift; – sie hat es immer besser gewußt . . . Heut abend sitzt sie schon, bevor der Kleine gekommen ist, äußerlich steif da und doch voll Unruhe; und wenn sie in die gelbe Lampe starrt, nehmen die Pupillen ihrer blicklosen Augen eine seltsame Farbe an, gleichsam ein glanzloses Schlehenblau . . . Als er kommt, umfaßt sie ihn mit dem aufleuchtenden Blick eines überlegenen, schweren Bedauerns. Täte man auch eindringliche Fragen, man würde nichts aus ihr herausbekommen; – sie würde höchstens mit der hölzernen Bauernhand durch die Luft fahren: »O nee, nee, nee!!« – Nichts verraten würde sie, und wenn man sie am Spieße röste . . . Es ist beinahe so, als sei sie zur Schonung ihrer Umgebung schmerzlich entschlossen; als ersticke sie gellende Kassandraschreie unter dem Fischbeinpanzer ihres Busens . . . Dora, das Stubenmädchen, in schwarze Wolle und weißes Schürzchen gekleidet, erscheint und bringt das Abendessen für Albert. Babette bindet ihm die Damastserviette vor, die ihn schier priesterlich verhüllt und hinten in der Art einer großen Schmetterlings endet. – »Wie du rauskuckst von die Zerviett'!« spricht sie und schnalzt; »wie so'n S–piegel-Ei siehst du aus.« – Er bekommt Porridge, Milch, Butter und Brot mit papierdünn geschnittenem Käse. Gestern ist es Milchreis gewesen, und er hat mit dem flachen Löffel in den Kratersee von brauner Butter geschlagen, so daß Babette, die ihr kurzatmiges Gesicht immer in der Nähe hat, sattsam bespritzt worden ist; sie hat schrill gescholten. – Als er fertig ist, spielen sie Schwarzer Peter. Während Babette die Karten abhebt und eine »düstere« Konstellation erkennt, bekommt sie wieder ihr Zweites Gesicht; doch als sich die Hand bessert und sie harmlosere Farben findet, grunzt sie erleichtert auf, und ihr Blick wird wieder weich. Sie gewinnt, und er muß sich mit dem geschwärzten Kork, der für diesen Zweck bereitliegt, die Nasenspitze betupfen lassen. Es ist heute das drittemal, daß sie gewinnt; er steht auf und sagt sehr hoch und bestimmt: »Du schwindelst!!« Ein »besseres Kinderfräulein« hätte süßlich amüsiert gelächelt; sie aber, schlichtes Weib, das sie ist, haut sich auf die Knie und lacht krähend heraus . . . Er schlägt nach ihr, in steigender Wut; sie aber setzt ihm die solide Härte eines Baumstammes entgegen; er tut sich nur die Fäuste weh. – Schließlich verdrießt's ihn, und er will ins Bett. Dies Ins-Bett-Gehn ist eine umständliche Angelegenheit. Er wird in einer Gummibadewanne gewaschen, obwohl er es nachgerade allein besorgen könnte; doch Babette läßt sich dies ihr fünfjähriges Privileg nicht wegdisputieren. Dabei pflegt sie ihm Geschichten zu erzählen; und wenn sie ihn abtrocknet und die Pointe auf sich warten läßt, nimmt sie jedes seiner Gliedmaßen einzeln vor, wobei sie sich in die Zehen und Finger vertieft. Meistens entwirft sie Zukunftsbilder und erschafft in ihrem Bauernhirn eine reichhaltige spätere Garderobe für ihren jungen Anvertrauten. Sie stellt sich die Berufe und Staatsanstellungen vor wie eine glanzvolle Treppe, deren ansteigende Stufen zu einer wachsenden Buntheit der äußeren Erscheinung berechtigen, bis die unmittelbare Nähe des Herzogs das Individuum im blendenden Glanz von Goldtressen fast verschwinden läßt. Dabei schwebt ihr dunkel so etwas wie ein Zirkusportier oder gar ihr eigener »Wirklicher Geheimer Sanitätsrat« vor, im Moment, wo dieser sich, im Dreispitz und mit einer schimmernden Sammlung von offiziellem Spielzeug behängt, zu einer höfischen Funktion begibt. Sie hat ihn einmal flüchtig im halbverdunkelten Korridor so gesehen und wird den Verdacht nicht los, daß er unter seinem mausgrauen Gehrock diese Pracht andauernd trage, ja sie gleichsam nur verschmitzt verstecke, um andere Kreaturen, die von Natur und nicht nur aus Laune mausgrau sind, überrumpelnd zu blenden. Die Puppe ist von der Alltagsfarbe eines Plessenberger Dauerregens; der Falter aber, der nach Belieben hervorschlüpfen und so prächtige Schwingen spreizen kann, heißt »Exzellenz« . . . Ja, schon bei leiser Nennung solch reservierten Gattungsnamens streckt er Tastfühler hervor, die allein schon genügen, jeden erstarren zu machen. Nur der Herr Dr. Dunlop, der besitzt die Keckheit, die nur ein hochgebildeter Mensch besitzen darf. Er gibt den Fühlern einen Puff, und sie kriechen zurück. – Vielleicht hat auch er einige Orden, im Hemd eingenäht. Albert, der Würdenträger en miniature, wird heranwachsen und in den Platz treten, den der Vater – unberufen – einmal freiläßt. Dann erbt er alles, auch den Dreispitz, der auf sein blondes Haupt passen wird, wenn Babette noch gerade am Leben ist. Da: auf einmal wieder fühlt sie sich hypnotisiert: – von der Kerze auf dem Waschtisch, in deren Licht ein Tropfen auf des Knaben weißem Rücken glitzernd herabrinnt wie eine Träne. Sie starrt in die Kerze; ihre Pupillen werden glanzlos. Es wird nichts mit dem Dreispitz. Es wird nichts mit der Treppe. Wo Goldtressen schimmern sollten, ist ein schwarzes Loch, aus dem ein Zwielicht fällt. Und in diesem Zwielicht bewegen sich hastige Leute, die in fremden Zungen durcheinanderplappern; ein scharfer Wind saust. Er fährt zwischen Vorhängen durch in geheimste Winkel: keine dicken Mauern helfen da; kein geräumiges Haus, voll von Urvätermöbeln. Keiner Lampe gelbes Licht scheucht ihn weg, kann ihn beschwören; und durch das Sausen hört sie, verklingend, die Stimme Alberts. . . . Ihre Pupillen werden wieder lebendig: – er weckt sie auf; neckt sie wegen ihrer Schläfrigkeit; protestiert dagegen, weiter gewaschen zu werden. Er habe heute genug vom Wasser; er habe sich »freigeschwommen« . . . Er will noch weiter erzählen von dem Brand; von der roten, still rieselnden Flamme . . . Sobald sie aber versteht, wovon er redet, stülpt sie ihm schier erschrocken sein langes Hemd über den Kopf. Er kriecht in das eiserne Bett, das aus der Zeit stammt, wo er halb so groß war wie heute; es hat damals ein Netz gehabt als Umzäunung, aus blauen Schnüren. Liegt er einmal drin, so darf er erst wieder heraus, wenn all das sanfte Dunkel um ihn sich »ausgebrütet« hat und den ersten Sonnenstreifen zwischen den Gardinen gebiert. Mittlerweile nimmt Babette die Lampe und setzt sich bei offener Tür ins Nebenzimmer. Dort blättert sie in Traktätchen und in der Plessenberger Landeszeitung; sie sitzt irgendwo hinter spanischen Wänden in einem schwachgoldnen Nebel, und wenn man vorm Einschlafen dies urvertraute Geräusch von Papier hört, läßt sich fast glauben, jemand anders habe sich eingefunden und lautlos den Platz von Babette eingenommen.   Vor dem Einschlafen denkt Albert noch an das zuckende rote Ding in der Masse von Qualm. Es ist lebendig; ist ein fremdes Geschöpf, das plötzlich in einer bekannten Landschaft anhebt zu hüpfen und ein erstaunliches Wesen zu betreiben; – herabgefallen von einem größeren Planeten windet es sich wie in Scham . . . Es gelingt Albert nicht, näherzukommen; das rote Wesen bleibt ihm immer fern wie eine Wolke. Und nun (während sein zweites Leben, das Leben neben der Tapete beginnt) muß er wieder über den Fluß schwimmen. Der Fluß ist sehr viel breiter geworden; Albert treibt dahin, ohne die Glieder zu regen. Ganz weit hinter ihm, wie kleine dunkle Puppen, stehen Papa und Dunlop. Allmählich fühlt sich das Wasser an wie weicher Stoff; und er streckt sich im Bett. Er ist wieder an den Ort geraten, wo er sich so unbeschreiblich geborgen fühlt. An diesem Ort gibt es eine sehr breite Treppe. Sie windet sich pompös in die Höhe, viele Stockwerke verbindend; wie viele, bleibt rätselhaft, denn immer wenn man denkt, man ist ganz oben angelangt, beginnt eine neue Flucht von flachen, teppichbelegten Stufen. Der ganze Schacht – eine ins Maßlose wuchernde Wiederholung von Alberts eigenem Treppenhaus – hängt voll gewaltiger Falten, voll enormer, lastender Vorhänge aus verschossenem, dunkelgrünem Samt . . . Sie fallen steil herab ohne Regel; sie entstehen hoch in heimlicher Nacht und enden in Nacht; starr geraffte Gruppen, vom Schlaf gefesselt, der zwischen ihnen wandelt und webt . . . Albert irrt traumselig durch die engen Gassen, die der Samt bildet; da und dort sieht er kolossale Quasten pendeln, wie sie in Papas Studierzimmer von den Portieren hängen; nur sind sie hier gewachsen und schwingen schwer über einem bodenlosen Schweigen. Zuweilen erschrickt er, als nähere er sich einer Überraschung, die ihn süß beklemme; irgendwo, denkt er, muß es hinter einer Ritze hervorfunkeln zu halbersticktem Klang von Gläsern. Er hört eine Stimme, kaum weiß er, wann es gewesen ist, daß er sie unlängst vernommen hat . . . Es ist die Stimme der anderen , die zuweilen geisterhaft den Platz von Babette einnimmt und sie verdrängt. Es ist die Stimme, die zuweilen in der Nähe seines Bettes entsteht, im schwachgoldnen Nebel der Lampe . . . Hier hat, so scheint es, die Stimme einen Freipaß und wandert umher; nistet in den schweren Falten. Stets fühlt Daniel ein Paar ihm dunkel bekannter Augen im Rücken; doch hat jener Blick nichts Erschreckendes, sondern eher etwas Einfangendes, in sanftester Umarmung Umschließendes. Es sind die Augen der kranken Mutter. Und in dem schwach erhellten, samterfüllten Treppenhaus entsteht ein Gespräch; tief drunten muß es sein. Die Stimme nennt seinen Namen murmelnd in fragender Betonung. Sie sucht ihn. Er schiebt Dutzende der wallenden Vorhänge beiseite oder kriecht darunter hinweg von einem Stockwerk in andere hinab; tastet sich die Treppe wieder hinunter . . . Zwischendurch späht er durch das Geländer in den schwarzen Schacht; da sieht er ein helles Gesicht dort unten schwimmen, unendlich klein, doch die emporgerichteten Züge fein und fast erkennbar; – das Gesicht sieht auch ihn; – ein klarer Schrei steigt herauf wie aus dunklem Wasser eine schimmernde Blase; sehnsüchtig-täppisch greift seine Hand danach, und sie zerbirst unwiederbringlich. Da steigt er langsam über das Geländer und läßt sich in den schwarzen Trichter gleiten; er fällt langsam, rollt von einem Daunenpolster auf ein anderes und hört und sieht nichts mehr. II Nun ist er dreizehn Jahre alt, hat mittelmäßige Schulzeugnisse und weiß viel von dem, worauf es ihm ankommt. Er ist überall im Wege, denn stets heften sich seine halbgesenkten, tiefblauen Augen auf Dinge, die anderen Leuten belanglos erscheinen, und hinter seiner hübschen, weißen, gewölbten Stirn vollziehen sich hellsichtige Spekulationen unaussprechlicher Art. Hat er den Schulweg hinter sich, den er in sonnetrunkenem Zickzackschritt zurücklegt, so entledigt er sich zu Hause seines Lederranzens mit einer Gewandtheit, die auf vielmonatigen Überdruß am Zwang schließen läßt – er wirft die ganze Wissenschaft mit einem Schwung in die Nähe seines Schreibpultes, womöglich zum Fenster hinein, und freut sich, wenn es recht rasselt und Lärm verursacht. Und dann, indem sein Blick sich vertieft, etwas Starres bekommt, schlendert er wie ein junges Weidefohlen in den Garten hinein. Die Schwalben, die durch den Sonnenglast schrillten, sind plötzlich zerstoben und lassen eine sekundenlange Stille zurück. In diese Stille wächst der warme, feine Lärm der Insekten gewaltig und betäubend hinein; und hat er die Oberhand gewonnen, dann ist es wie zuvor: dann vibriert alles von Leben, dann werden Millionen Atemzüge und Pulsschläge wach, bis irgendein fremder Ton, eine ferne Fabriksirene diesen Schleier von Lauten wiederum brutal zerreißt. Der kleine Albert spaziert als Mittelpunkt in dem warmen, pflanzlichen Leben umher und duldet gern, daß alles, was er wahrnimmt, sich auf ihn bezieht. Er begutachtet alles und freut sich der kleinsten Entdeckungen. Zunächst hat er die Hände in den Taschen seiner kurzen Leinenhose; dann beginnen sie ungeduldig zu zucken und möchten in die Vorgänge eingreifen, überall hinein, und sind sie einmal am Werk, dann gibt es kein noch so schmächtiges Wesen, das die erdbeschmutzten geschickten Finger nicht ergriffen hätten. Er hockt im Sand, den Kopf fast zwischen die Knie gesteckt, und baut einen Laufzirkus für einen Käfer, der sich in kopfloser Flucht abstrampelt und den er zwingt, zu seiner Belustigung einen ratlosen Kreis zu beschreiben. Zugleich bedauert er ihn, er fühlt ihm das Peinliche seiner Lage nach, er erleichtert ihm mit einem nachdenklichen Strich seines Fingers den Ausweg und gerät in Entrüstung, wenn man seine Absicht mißversteht. Er sieht grübelnd, die Wimpern tief gesenkt, wie alles sich verfolgt, überfällt und auffrißt; seine Phantasie vergrößert diese kleinste Welt zu einem schaudererregenden Blutbad, an dem er selbst als Zuschauer beteiligt ist; und so wird ihm der Zwang klar, der durch den kleinsten Vorgang geht. Zugleich aber empfindet er die Lieblichkeit eines Falters so stark, daß er ihn atemlos betrachtet, fast gerührt von der holden Unbewußtheit des ephemeren Daseins, das nur wie ein farbiger Schatten ist. Die vier violettbestäubten Augen, die plötzlich aus dem seidenen Schwarz der Schwingen hervorblinzeln, sollen ihn schrecken wie jedes andere Geschöpf; und auch der kleine Albert sieht, daß der Falter phantastisch bunt ist, und das macht ihn stutzig. Zuweilen liegt er, die Hände unter dem blonden Kopf gekreuzt, im Gebüsch, und sein Blick verliert sich in den Blättermassen. Und jetzt, wo es spät im warmen Mai ist, rieselt auch oben der Atem des Geschehens . . . . Die Blutbuche am Fluß bebt, voll entbreitet, unter dem Celloklang der Bienen, die ihr emsiges Tagewerk an winzigen Kelchblättern treiben; der Faulbaum schwenkt seine hängenden weißen Dolden wie Weihrauchgefäße; jeder Windhauch wühlt neue Duftwellen auf. Halb unter Sträuchern vergraben, hebt der Ahorn seine hellgrünen, gezackten Blätter wie Hände empor, die unter der Last der unablässig niederströmenden Lichtfülle leise und verschämt schwanken, über den samtdunklen Grund seiner Zweige. Die Espe zittert mit tausenden ovaler Blättchen für das Gedeihen ihrer rotbraunen Blütenschwänzchen; sie weiß, niemand tut ihr ein Leid an, alles vollzieht sich nach alter Weise, geheime Maßnahmen walten gütig und warm auch um sie, und dennoch zittert sie. Der kleine Albert betrachtet sich den nervösen Baum und muß verstohlen lächeln. Er ist so glücklich; »man« ist allgegenwärtig. Was »man« ist, weiß er nicht; jedenfalls macht dies alles, was er sieht und fühlt, ein Zweites aus, mit dem er ein behagliches Einverständnis hat. Man duldet ihn, man will ihm wohl, man haßt ihn nicht; er ist ein persönliches, anspruchsloses Einzelstückchen der großen Persönlichkeit, Garten genannt. Und das weiß er, wenn er es auch nicht sagen kann: das Einzige, was wahrhaft geschieht, ist das unbewußte Wachstum, das im kleinsten geschieht.   Wenn der kleine Albert im Gebüsche steckte, so glitt zuweilen die Silhouette seiner Mutter hinter dem Lichtwirrwarr der Blätter vorüber, langsam und mit der Feierlichkeit, wie sie Kranken eigentümlich ist – so langsam, daß ein leises Wort »Mutter« sie erreicht hätte, und wenn es auch nicht lauter geklungen hätte als eines Blattes Fall. Und nach einer sonnigen Pause, wenn der Zwölfuhrschlag der Petrikirche sein gespenstisches Klanggemurmel in der Luft verbreitet hatte – höhere und tiefere Wellen dröhnender Töne mit dem eifernden Lärm entfernterer Kapellenglocken verkuppelt –, wenn die kleine, sehnsüchtige Melodie, die stets bei Glockenschlägen im Ohr des kleinen Albert ihr Wesen trieb, wieder dahingesunken war wie ein mattes, selbstverlorenes Händetasten nach der Spur eines Glückes – dann ertönte ganz nah auf dem Kies der wuchtige Schritt des Vaters, der von der Klinik kam und der vor dem Mittagessen noch gewohnheitsmäßig nach seinen Terrarien und seinen Blumen sah. Er war ein großer, breiter Mann mit einem runden Kopf und gütigem Gesicht. Sein fahlblonder weicher Schnurrbart war schräg zu den Seiten der Lippen herabgestrichen. Seine blauen Augen blickten etwas müde, sich bei einer Beobachtung gewaltsam vergrößernd, mit einem stumpfen Glanz; an ihren Winkeln saßen freundliche Fältchen, doch unter ihnen deuteten sich Ringe an. Die Haut der Wangen war von einem gleichmäßigen Grau, die Lippen jedoch, die der Bart mit einem braunen Schimmer von Nikotin umgab, schienen lebensvoll rot. So ging der starke Mann vorbei ohne Stock, mit dröhnendem Schritt, in dunkelgrauem Anzug, der an den Hüften und in den Kniekehlen breite Falten warf; er ging vorbei, ohne Abstecher, neben dem Beet von Azaleen und Palmen auf das Terrarium zu. Der kleine Albert hörte das Glas der Öffnung klirren und wußte, daß die Chamäleons und die Leguane ihre Mehlwürmer bekamen. Nun schlängelte er sich selbst hervor, reichliche Grasflecken auf den Kniehosen, mit zerritzten Waden und erdfarbenen Fingern, mit sonnendumpfem Kopf und die fast weißen Wimpern zu bläulichen Ritzen geschlossen. Er sah selbst, von einer Hüftstellung der Beine in die andere fallend und mit halb offenen Lippen, wie Papa seine Tiere fütterte. Die Chamäleons setzten sich in Trab – für ihre Verhältnisse war es ein Rennen –; sie krochen auf dem Radius der Mehlwurmsphäre herbei, spinnenhaft und schneckenlangsam, die herausgestülpten Augen teleskopartig verlängert und mit bizarrem Schlenkern der kleinen Fußklammern. Die Leguane gingen, sie liefen nicht; sie wußten, daß sie Zeit hatten, und auf dem kurzen Weg warfen sie ihre zweigeteilten Zungenlappen lüstern und genießerhaft heraus. Alles war an ihnen gesträubt; ihre Zackenkämme erhoben sich wie ein Mann; sie waren die kleinen Zerrbilder ihrer riesenhaften Saurier-Ahnen, die unter Gebrüll ganze Wälder niederpflügten und deren Appetit nicht zu ermessen war – nun waren sie kleinwinzig, stumm und pfiffig geworden; doch im Grunde ihres Herzens dieselben geblieben, relativ, das war klar. Schön waren sie, bunt wie Fächer und voll Grazie; der sanfte Puls, der ihre Bäuche bewegte, blähte sie und ließ Reflexchen auf den Teppichmustern ihrer Schuppen erblitzen. So lagen sie wie kleine Kaimans übereinandergewürfelt und brachten ihre Tage hin. Papa konnte viertelstundenlang vor ihnen stehenbleiben; die Zigarre ging ihm gewöhnlich dabei aus. Manchmal nahm er den Kopf des kleinen Sohnes, der sich stets ohne ein Wort bei ihm einfand, halb in seine warme Hand, und Albert hielt das behutsam aus. Der Vater sprach sehr selten mit ihm; er schien stets schwer beschäftigt; er schnob oft durch die Nase, als ob er an Asthma leide, und redete, was er zu sagen hatte, mit einem schwierigen und mühsam anmutenden Baß. Da zu dieser Zeit eine drückende Hitze herrschte, erzeugte der leichte Karboldunst seiner Kleider, der stets an ihnen haftete, eine lähmende Atmosphäre, so eine Mittelstimmung von Trostlosigkeit und Schläfrigkeit, unter der irgend etwas schluchzte, ein aufgegebener schöner Plan oder eine zermalmte kleine Freude. Der Mann stand an dem schweren Rad der Arbeit, seine Hände griffen täglich in zuckendes Körpergewebe, suchten täglich, wie die eines gewissenhaften Ingenieurs, nach Hemmungsquellen in der zarten Maschine; faßten so tief in das Uhrwerk, daß er sie blutbedeckt hervorziehen mußte . . . das wußte der kleine Albert nicht, aber er wußte, daß Papa sehr zu tun hatte und daß es darum nötig war, daß man bei ihm stand und nicht ungeduldig wurde oder davonrannte, wenn man die warme Hand um den Kopf spürte. Dann kam das Mittagessen mit den Eltern. Man aß zwei Gänge, Suppe und Fleisch, und der Vater trank eine halbe Flasche Mosel dazu. Seine mühsame Stimme, die dennoch nie versagte, hielt ein stetes fließendes Gespräch mit der Mutter in Gang, die sich gewaltsam zusammennahm und immer munter war, um den Mann, den sie fast nur um diese Tagesstunde sah, mit kleinen Erzählungen aufzuheitern und ihm von Besuchen zu berichten. Der Vater fragte kurz und bestimmt nach Alberts Schulerfolgen; doch begnügte er sich mit wenigen Antworten, da er überzeugt schien, daß sich alle Entwicklung in dem Knaben folgerichtig und ohne frappante Sprünge vollziehe. Und Albert selbst hatte die Empfindung, daß Papa eine gleichmäßig warme Meinung von ihm hege; und demnach erfreute er sich einer possierlich selbständigen Würde, jederzeit bereit, sich ihrer um einen Kuß der Mutter in der kindlichsten Weise zu begeben. War das Essen zu Ende, so folgte die Siestastunde. Der Vater trank schwarzen Kaffee, der fertig auf dem orientalischen Tischchen neben der niedrigen Ottomane stand. Die Mutter entschwand in ihr Schlafzimmer im ersten Stock, um, wenn es ihr von jedem Essen übermäßig erregtes Herz gestattete, vorübergehenden Schlummer zu suchen. Albert selbst hielt sich ein wenig in der Veranda auf, und dann ging er leise in das Entreeräumchen, das zum Arbeitszimmer seines Vaters führte, und setzte sich auf den Teppich, um in seinem Cooper zu lesen und zwischendurch die Wunden an seinen Beinen zu betrachten. Er prüfte die kleine blutunterlaufene Stelle unterhalb des rechten Knies und bedauerte sie, da er es liebte, eine glatte, reine Haut zu haben. Ja, er trug Fürsorge für seine ganze Person; er besaß eine verstohlene animalische Eitelkeit, eine kleine lächerliche Andacht zu sich selbst. Deshalb empfand er ein Verantwortlichkeitsgefühl für sein mißhandeltes Knie und freute sich seiner weißen Beine auf dem dunklen Blumenprunk des Teppichs. Darauf warf er sich auf den Bauch und las mit gerunzelter Stirn von Fährnissen und verzweifelten Situationen, in die ein rechtlich denkender Mann geraten kann, obwohl er ein meisterhafter Schütze ist. Die Daumenballen beider Hände gegen die Wangen gepreßt, so daß seine gewellten Lippen sich zu einem seelenlosen Ausdruck spalteten, verfolgte er die Zeilenkolonnen. Ein fremdes Panorama rückte näher, schloß sich um ihn. Er selbst trat aus sich heraus und schlüpfte in das Kostüm des blondbärtigen Helden, und der Autor des Buches redete mit Engelszungen aus seiner eigenen Seele heraus, beschwor zwei verängstigte Weiber, tat Aufblicke zu Gott und riß das Lederwams vor der Brust entzwei, um sie den Pfeilen bloßzulegen. Albert stöhnte tief und behaglich. Nun kam der erste Pfeil und heftete sich, leicht mit dem Federwirbel zitternd, dicht über der Schulter in die Baumrinde ein, und etwas erschrockenes Blut kam heraus und tropfte, tropfte . . . Ach, das tat weh. Die Sensation durchzuckte den Knaben; seine Augen sahen geradeaus in das flammende Blau der Jalousienritzen, und ein leichter Druck, durch seine Lage in der Herzgrube hervorgerufen, wirkte strahlenförmig in ihm weiter und rief jene Beklemmung hervor, die aus Sehnsucht und Glück gemischt ist. Er sank mit dem Gesicht auf die kühlen Blätter und lag regungslos. Die Gestalten seiner Schullehrer, die sich zu seinem Ärger immer in sein eigenes Urteil hineindrängten, zottige, barbarische, unrein duftende Gesellen, rotteten sich am Horizont zusammen und taten im Chorgesang (-gekrächz, dachte der kleine Albert mit trägem Grimm) mißliebige Äußerungen, die sich auf die traumhaften Geschehnisse bezogen. Sie entkleideten die hübschen Vorgänge ihrer Farbigkeit; ja, sie zupften sogar an der Persönlichkeit des blonden Helden und erstickten seine wonnigen Märtyrerbetrachtungen mit ungeeigneten Fragen nach seinem bürgerlichen Beruf und seinen Kenntnissen in Dingen, die, in Anbetracht der Romantik, keineswegs am Platze waren. Doch man wurde ihrer Herr. Man grub das Beil aus und brachte sie einzeln um. Sie hätten ja ohnehin nicht viel ausgerichtet, denn – hier erinnerte sich der kleine Albert – man war ja zu Hause, und hinter den Portieren an dem breiten eichenen Schreibtisch saß Papa und schrieb Rezepte. Man konnte das leise Kratzen seiner Feder hören, er würde es den Oberlehrern schon geben, wenn sie seinem Sohn und Schutzbefohlenen, seinem Bundesgenossen und Liebling zu nahe auf den Leib rückten. Denn Papa hatte nicht allzulange auf der Ottomane gelegen; er hatte aufstehen müssen. Es war sicher ein schwieriger Fall, vielleicht ein überseeischer Patient, der sich zur Konsultation angemeldet hatte, und um drei Uhr mußte Papa wieder in der Klinik sein. Albert dachte nach. Diese Stunde war die schönste des Tages. Tief in einen Traum verstrickt schien das ganze Haus. Die Uhr im Eßzimmer tat ihre leisen, vergrabenen Schläge. Traumhaft fern klang das einlullende Geklapper des Geschirres aus der Küche. Eine Fliege summte, und ab und zu räusperte sich der Vater. Er räusperte sich schwer und keuchend, während das Papier unter seinen Händen knisterte. Der Dunst seiner starken Manila, bläulich und durchsichtig, durchtränkte alle Dinge mit einschläferndem Geruch. Dieser Geruch hatte etwas Tropisches, Schweres, Reiches. Er war unzertrennbar von dem Entreeräumchen, von den hohen Bücherschränken, den massiven, plumpen und vertraulichen Eichenmöbeln und dem mattgoldenen Buddha, dessen leere, strenge Augen aus einer unfaßbaren, fabelhaften Fremde blickten. So verrann die Zeit. Dann kam der Vater zwischen den Portieren heraus, das Kautschukhörrohr in der Westentasche, und schritt mit schwerem, wuchtigem Schritt über das Söhnchen hinweg, das ihm den Weg verlegte und sich, in zärtlichem Respekt, halb vom Teppich erhob. Albert brauchte nicht aufzustehen, doch auf dem breiten Rücken des Vaters, hinter dem sich die Tür schloß, stand unsichtbar geschrieben: in einigen Minuten mußt du oben sitzen bei Algebra und Latein.   Nun war es Juli, und die Sonne, die schon vierzehn Tage lang unbehindert waltete, erzeugte eine Treibhausluft. Der Fluß, der nach einem Wolkenbruch, wie sie sich im Mai schon einstellen, tagelang träge, lehmbraune Massen dahingeschleppt hatte, verwandelte seine Farbe in ein stumpfes Grün, in dem die silbernen Leiber wandernder Weißfische blitzten, die am Abend, wenn die Mücken tanzten, viele kleine Kaskaden in die Höhe warfen. Albert, dessen Ferienzeit begonnen hatte, liebte es, sich unter der Blutbuche zu entkleiden und auf dem kurzen Ufersand zu sitzen, versteckt von Flußampfer und Fenchel. War sein Körper von seinem Schweiß bedeckt und lockte die lautlosen braunen Stechfliegen an mit ihren dummen, bronzegrünen Augen, dann wälzte er sich ins Wasser, in den muschelgespickten Schlamm, und ließ sich auf dem Rücken treiben hinein in die kältere Strömung der Mitte. – – Er liebte es, langsam mit den Knien rudernd, dem Druck des Wassers mit den Handflächen fächelnd zu begegnen und die reglosen Wolkenbänke zu betrachten, die flimmernd schlohweiß mit bleigrauen Schatten am Horizonte lagerten und deren reglose Spiegelung der Fluß matt verzerrte. Und abends war es am schönsten, wenn die Amseln ihre verirrten Tonfolgen zu einem Netz von Flötentönen zusammenfügten aus dem Baum- und Gebüscheschatten der Ufer heraus, wo die Villen leuchteten. Das jauchzende Geschrei der drei schwarzhaarigen Mädchen von drüben, wo der Börsenmann wohnte, ärgerte den kleinen Albert. Er pflegte alsdann zu pfeifen, unablässig und leise, eine stereotype Klage um etwas, das er nicht kannte. Und in den Nächten war es einsam – irgendeine phantastische Irrfahrt nahm von seiner unruhig atmenden Brust Besitz. Fuhr er auf, dann schlug das über die Stuhllehne geworfene Hemd mit beiden Ärmeln nach ihm und erpreßte ihm einen schwachen Schrei, bis er sich besänftigte und den Vater in der Ferne hinter zwei offenen Türen schwer durch die Nase atmen hörte . . . Die Nächte waren voll feuchter Dünste, der Fluß schickte einen lähmenden Hauch herein, einen warmen pflanzlichen Verwesungsgeruch; und die Grillen feilten, als gelte es ihr Leben. Und siehe da – eines Tages kam die Mutter nicht mehr zu Tisch. Sie lag, schwächer als sonst, in den Kissen, von zuckenden Schmerzen geplagt; ähnlich denen, die sie vor dreizehn Jahren bei Alberts Geburt erleiden mußte, heftigen Krämpfen, so daß sie ratlos wimmerte und der Knabe vor Hilfsbereitschaft hinter der oft verschlossenen Tür nicht aus noch ein wußte. Pflegepersonal erschien; auch eine dicke Krankenschwester mit rotem, rundem, gutmütigem Gesicht und kleinen harten Fingern. Sie erinnerte den Knaben an die Bonne Babette, die ihn – vor längst vergangener, aber immer noch lebendiger Zeit – in einem Wägelchen über die Kieswege gestoßen und ihre einlullenden Zaubersilben dazu gesungen hatte, als er in seiner Milchbenommenheit ins Blaue entschwebte. Diese glanzumflossene Masse von steifer Leinwand, aus der zwei runde braune Augen hervorträumten, stellte sich nun wiederum in seinem Leben ein, ähnlich kostümiert, doch mit einem finsteren und gefährlichen Dienst betraut. Wenn sie auftrat – so leise sie konnte –, dann zitterten die Treppenstufen; sie ging auf den Fußspitzen, und doch brach sie sich Bahn. Der kleine Albert fühlte eine verschmitzte Überlegenheit über sie, und oft wandelte ihn der Drang an, zu lachen, wenn sie das Thermometer fallen ließ und eine mühsame Kurve beschrieb, um es aufzuheben. »Du könntest dich auch bücken«, sagte sie. »Ich bin eine ältere Frau.« Und Albert bückte sich, doch mit Absicht zu spät; und das tat er nicht dieser fetten Frau zuliebe, die vor Gesundheit rostrot war, sondern Mamas wegen, denn das Thermometer war eine Notwendigkeit, das sah er ein. Hinterher lachte er, weil es ihm Vergnügen machte, wie die dicke Schwester sich bemühen mußte. Noch öfters aber weinte er sein tränenloses Weinen, wenn er von einem Besuch bei der bleichen, zarten Mutter kam; verkroch sich ins Gebüsch, lief lang und weit vor die Stadt, zwischen die Felder und in die Heide. Dann kam er abends erhitzt zurück und nahm ein paar Löffel Suppe mit Papa zusammen ein, an dessen Anblick er wenig Freude verspürte. Denn die Kräfte des Mannes waren an dem Punkt, überspannt zu werden. Die Ringe unter seinen Augen traten plastisch hervor; ein roter Rand lief um die Lider. Seit einer Woche schon war man gerüstet, auf einen Monat an die See oder ins Gebirge zu gehen; und nun war Mama wieder kränker geworden. Alles mußte beim alten bleiben. Der Vater trank Abend für Abend schweren Bordeaux und rauchte Importen. Das konnte zu nichts Gutem führen, denn während oder nach einem solchen Genuß waren seine Augen zuweilen beinahe apoplektisch starr und blicklos, so als drücke eine Zentnerlast auf seine großen ermüdeten Hände. – Er duldete, daß der Knabe in seiner Nähe war, doch eine Antwort zu erhalten war für Albert nicht leicht. Ja, jetzt geschah es auch, daß er ihn barsch anfuhr, ihn unsanft beiseiteschob, kurz angebunden und ohne Verständnis für eine wohlgesetzte, grübelnd geprüfte und langer Hand schweigsam vorbereitete Frage, die der Knabe mit hoher Stimme an ihn zu richten wagte. Ach, was war das! Das war so ungewohnt! Albert stand am Bücherständer mit dem Rücken gegen den Brehm gelehnt und hatte seine Fragen an Papa wie immer, und Papa war nicht einmal beschäftigt, nein, er rauchte bloß und räusperte sich, und da war es doch wahrhaftig nichts Ungehöriges, wenn er ein Gespräch in Gang zu bringen sich bemühte! Und um Mama sorgten sie sich doch beide, das war ein gemeinsamer Schmerz, und wenn der Vater ächzte, so fand es einen stummen Widerhall in Alberts Seele. Dann ächzte er auch, gehorsam gleichsam, erschöpfend und mit Sorgfalt, es war aufrichtige Betrübnis darin, und doch drehte der Vater sich mühsam um und sagte: »Albert, kannst du nicht stille sein«, oder: »Du störst mich, beschäftige dich.« – – Das war unerhört. Albert hatte nie die Verpflichtung gehabt, sich abends zu »beschäftigen«. Und wenn er sich mit der Schulter an den sitzenden Vater lehnte, so dauerte es nicht lange, denn der Vater schüttelte ihn ab und meinte dabei: »Schon gut, Albert. Aber du wirfst mir mein Glas um.« – Nie, so streng er sich besann, hatte er je etwas umgeworfen, am allerletzten vollends ein Glas, aus dem Papa sich in schwerer Zeit erquickte. Deshalb wuchs eine Indignation in dem Knaben, die sich täglich neue Nahrung holte; er wurde scheu und vermied es, mit dem Vater außer zur Essenszeit zusammenzutreffen. Desto häufiger war er am Krankenbett der Mutter zu finden, las ihr vor oder führte inhaltlose Gespräche, die doch wie warme Sympathiewellen von ihm zu ihr glitten und sie überschütteten; und sie sah mit tiefer Dankbarkeit an den Fransen ihrer seidenen Decke vorbei auf seinen blonden Kopf, den er oft, behutsam und liebevoll zu ihr hinüberblickend, im Affekt eines gesteigerten Gefühls, das plötzlich in ihm aufschwoll, erhob. Auch hieraus schöpfte er sich seine kleine Sensation, die ihm die bekannte Beklemmung über dem Magen verschaffte wie bei der Lektüre von Cooper oder der kameradschaftlichen Annäherung an einen bestimmten Altersgenossen, den er verehrte.   Die Hitze wuchs mit jedem Tag. Als Albert an einem Vormittag vor dem Torausgang zur Straße stand, vollzog sich ein Wunder. Die Straße lag fast menschenleer; in der Ferne abgeschlossen durch den roten Backsteinbau der herzoglichen Klinik. Die Straße, gleichgültig gepflastert, mit ihrer langweiligen Laternenreihe und ihren bestaubten kümmerlichen Schmuckbäumen war eine ganz gewöhnliche Straße, gut genug für den Schulweg und keineswegs für einen Spaziergang geeignet. Und just diese Straße wählte das Schicksal, machte irgendwo einen lautlosen Schritt, kam, gleichsam aus der Glut geboren, um eine Häuserecke als schwarzer Punkt und war da, wuchs, wurde zu einem Mann, der sich gebückt und schlürfend auf den kleinen Albert zubewegte. Es war ein alter Italiener mit graumeliertem, kautabakbeschmiertem Vollbart. Er trug ein schmutziges Hemd, geriffelte braune, schlotternde Samthosen (furchtbar geflickt) – und einen durchlöcherten Havelock aus Loden. Seine Augen waren grell und rehbraun. Albert interessierte sich sofort für ihn; er schlenderte ihm entgegen, schlug sich einmal an die linke Wade und blickte in die Luft. Als der Alte und der hellgekleidete Knabe sich einander auf wenige Meter genähert hatten, blieben beide stehen und lächelten. Der Alte zeigte eine Reihe gelber Zähne, hierauf ließ er sich, den grellen Blick immer auf den Knaben gerichtet, auf dem Steinfundament eines eisernen Gartenzaunes nieder. Er manipulierte etwas an seinem Umhang und förderte eine Meerkatze zutage, die offenbar in den letzten Zügen lag. Mit demselben grellen Lächeln blickte der schwachsinnige Greis auf das Tier, und auf einmal entdeckte Albert, daß der alte Mann müde und krank war, daß er sich vielleicht nicht deshalb gesetzt hatte, um zu plaudern, Geld zu bekommen und das Tier hüpfen zu lassen, sondern weil er sich unwohl fühlte und wohl ins Bett mußte. In der Tat blieb der Mann stumm und stöhnte nur ein bißchen. Dabei wischte er sich mit der rissigen, geschwärzten Skeletthand nachdenklich über die Stirn. Es ging ihm schlecht; er hatte ein langes, nutzloses Wanderleben hinter sich. Und als der kleine Albert nähertrat und seine Hand nach der Meerkatze ausstreckte, sagte der Alte plötzlich etwas höchst Eilfertiges mit rauhem Akzent und sank mit entsetztem Blick einfach um. Er lag da als schmutzige braune Masse, und der Affe, dem er sich auf das Kreuz gelagert hatte, begann zu brüllen wie ein gehetztes Schwein. Albert rannte ins Haus und holte Papa. Dieser kam, untersuchte den Mann und sagte: »Hier liegt ein Hitzschlag vor.« – Das »liegt vor« war eine Redensart, wie er sie vor seinen Assistenten gebrauchen mußte; und Albert hörte sie mit offenem Mund an. Er war sehr erschrocken, beinahe fassungslos, daß man einfach umfallen könne, daß Papa so sachlich blieb, daß die Angelegenheit somit erledigt war. Er sah zum ersten Male einen Toten; doch begriff er nicht, daß dies der Tod sei. Übrigens wurde ihm die Unklarheit nicht genommen; denn er wurde bald fortgeschickt, und der Mann kam, wiewohl er schon tot war, in die Klinik. Den Affen aber – da niemand Erbansprüche erhob – durfte Albert behalten. Der Affe war so schwach, ach, so hinfällig. daß es nicht nötig erschien, ihn zu verankern; sondern er wurde recht warm ins Gras gesetzt und bekam viele Bananen zu essen. Er war zweifellos das erbärmlichste Exemplar seiner Gattung; er war von langer Selbsterniedrigung moralisch zerrüttet, und dieser Zustand spiegelte sich auch in seinem Äußeren wider. So wie er war, halb kahl, mit seinem nackten Gesicht und seinen geschlossenen Augen, die Lippen noch zu träumerischem Nachkosten tastend vorgestreckt, karikierte er in der Haltung in grotesker Weise jenen embryonalen Zustand, in dem auch der Mensch sich ungern stören läßt. Zuweilen fiel er plötzlich, – in dunkler Erinnerung an erlittene Peinlichkeiten – auf die vorderen Hände mit zwitschernden Kehllauten, dick gefalteter Stirnpartie und die engstehenden Augen rund und grell auf den kleinen Albert gerichtet. So konnte er eine Viertelminute regungslos verweilen – dann löste sich der Krampf der Angriffsstellung, und eine neue Banane machte ihn weich und dankbar. Der Vater hatte Albert eine Leine gegeben und ihm streng befohlen, den Affen anzuhängen. Doch Albert traute sich zu, den kleinen Vetter aus der Nebenlinie allein durch Liebenswürdigkeit zu fesseln, so daß es der Vetter nicht nötig hatte, immer nur »k–ch, k–ch« zu sagen und sorgenvoll und wütend auszusehen. Dies schien ihm denn auch zu gelingen, denn, die kleinen schwarznägeligen Hände über dem zerscheuerten Bauch gekreuzt, begann der Affe zu entschlafen. Mitunter regte sich seine Hand noch, irgendwohin, wo es weh tat oder juckte, blieb dort liegen, sank herab. Nun schläft er – dachte Albert zärtlich. – Von dem Italiener will ich Mama nichts erzählen, aber von meinem Affen. Das wird ihr Vergnügen machen. – Und leise auftretend, stahl er sich hinweg. Die Leine wollte er auf dem Rückweg holen. Als er ums Haus bog, hörte er ein rauhes Gebell und sah einen großen Neufundländer hinter sich in den Garten brechen. Fassungslos lief er zurück: der sanfte Schlaf der Kreatur war jäh unterbrochen worden. Jedenfalls war sie nicht mehr da, und der Neufundländer hatte das Nachsehen. Der kleine Albert war in Verzweiflung. Er suchte den halben Garten ab, umsonst. Und während er noch suchte, vollzog sich etwas Beklagenswertes.   Denn die Mutter, die friedevoll, in das Gefühl einer leisen Besserung gebettet, in ihren weißen Kissen lag, erblickte urplötzlich im Zimmer in der alltäglichsten Nachmittagsbeleuchtung eine kleine groteske Grimasse, die aus dem Wandspiegel glotzte; und dieser scheußliche Witz des Zufalls ließ sie mit einem heiseren Schrei zusammenfahren, warf sie empor, so gewaltsam, daß etwas in ihr zersprang und ihr Puls allmächtig zu rumoren und zu sausen begann, als führe sie steil in einen Schacht voll kreischender Flammen. Die kleine Grimasse, die aussah, als sei sie unvollendet aus einem Schoß gerissen worden, so in aschgrauem Schmerz verzogen, empört und rührend zugleich – war verschwunden, der Spiegel war leer; die Mahagonimöbel waren wie sonst, nur begannen sie jetzt leise, aber unaufhaltsam nach links zu rücken wie ein Karussell um einen Mittelpunkt, eine Spieluhr: den Schmerz, die bohrenden Stiche in ihrem Leibe, die wieder erwacht waren. Der hereinwuchtenden dicken Krankenschwester sagte sie noch etwas Unglaubliches über ein Gespenst, – – und dann fiel sie zurück und war bewußtlos. Dies geschah, während der kleine Albert noch im Garten suchte, und es klärte sich auch auf, warum Mama einen Anfall hatte, schlimmer als sonst, und Papa wurde aus der Klinik geholt und ordnete allerlei an. Dann ließ er den Sohn rufen. Er saß in seinem Lehnstuhl, als Albert eintrat, hatte einen großen Bambusstock über den Knien und sagte: »Schließe die Tür.« – Sehr befremdet und doch neugierig tat es Albert. Es mußte eine wichtige Unterredung sein, die Papa mit ihm führen wollte; die durfte niemand hören. Dann mußte er in Papas Nähe kommen und sah, wie der fahlblonde Schnurrbart über den bleigrauen Wangen heftig zitterte. Papa sagte noch: »Dein Ungehorsam, lieber Albert, hat schlimme Folgen gehabt, schlimmer, als du ermessen kannst!« – Und der gequälte Mann, dessen starker Körper den tausend kleinen Widrigkeiten, die von allen Seiten auf ihn eindrangen, kaum noch gewachsen war, warf sich aufrecht in den Stuhl und tat, was seine überreizten Nerven ihn hießen: Er ergriff den Knaben beim Kopf mit einem unnötig brutalen Griff, klemmte seine Beine zwischen die Knie und ließ den harten Stock sechs-, siebenmal auf den dünnen Leinenhosen tanzen, einmal auch auf dem Rücken, der sich zuckend bewegte. Dann beherrschte er sich, schob den kleinen Albert von sich und sagte: »Geh.« – Albert ging. Sein heller, weicher Blick war sehr trüb und starr; sein Kreuz schmerzte stark. Es war das erstemal, das allererstemal, daß man ihn prügelte. Nicht einmal einen Backenstreich hatte man ihm bisher gegeben. Seine ganze so kunstvoll aufrechterhaltene Selbstherrlichkeit war dahin. Und wenn er an die roten Striemen dachte, die sich brennend auf seine zarte Haut, auf seinen Leib, dem er so zugetan war, gelagert hatten, so zog ihm dies die Brust zusammen, so konnte er kaum atmen, beleidigt, fassungslos verzweifelt wie er war. Noch in der Tür drehte er sich um und sah am Kopf des Vaters vorbei mit einem schnell hervorgestoßenen Zischlaut und einem Blick, in dem sich Widerstand und Groll wie in einer Brennlinse sammelten. Dann schlich er wie ein waidwundes Wild in den Garten, verkroch sich und zerquälte sich den Kopf. Und da er sich endlich tränenlos aus dem Schatten hervortastete, zog ihn sein ganzes Herz zur Mutter. Sie sollte richten, sie hatte die Befugnis, ihr, und nicht – dem, der ihn schlug, vertraute er sich an. Sie mußte es ja wissen, warum man ihn mißhandelt hatte, sie würde ihn trösten können. Er ging gebückt hinauf. Das Haus war seltsam still. Und nachdem er leise die Tür des Krankenzimmers geöffnet hatte, sah er mit einem kalten, entsetzten Erstaunen ein leeres, zerwühltes Bett. Er rief nach der dicken Krankenschwester: – eine Stille antwortete ihm. Eine Stille, die ihm den Grund unter den Füßen weichen machte. Ein leichter Wind flüsterte ins Zimmer und bewegte die Vorhänge und das Linnen des Bettes leise hin und her – –: ein kahles Nichts erfüllte den Raum, ein Nichts, das ihm weiß entgegengrinste und das sich behauptete wie ein taubes Hirn unter Kanonenschüssen. Und gleichzeitig war ihm, als geschehe ein Unglück. Er hörte, wie über Wolken, das Klanggemurmel der Petrikirche. Und dahinter, furchtbar fern, seinen Namen rufen wie in Angst. Ganz leise zirpend kamen die Silben auf den Sekunden, die das Jetzt ihm zuspülte, angeschaukelt, die zwei Silben seines Namens, von einer bekannten Stimme gerufen, die sich in Angst brach – – und dann kamen Pausen, qualvoller als alles, was er je erlauscht, Pausen, die wie über die Grenzscheide einer nahegelagerten, verdeckten Welt, die unter dem Lichte brütete, herüberwuchsen – – – und der kleine Albert stand vor der Uhr und wußte mit einem Male, es ist Zeit, Mama ist in Not, ich muß eilen, eilen, eilen . . .   Totenblaß taumelte er die Treppe hinunter und rannte auf die Straße. Er rannte, wie er nie gerannt, es war ein gleichmäßiges Vorwärtsfallen seiner todmatten schlanken Beine . . . Hinter ihm lief ein windfüßiges Etwas, das ihn zwischen die Schultern stieß. Er lief schnurstracks auf den roten Backsteinbau der Klinik zu. Passanten sahen ihm kopfschüttelnd nach, gleichgültige Bruchstücke von Gesprächen, ein entfernter Alarm der Feuerwehr schwirrten in sein Ohr. Eine Sonate von Mozart klang hinter einem offenen Fenster; zwei, drei holde Akkorde, mit dem lieblichsten Motiv verkettet, das es auf der Welt gab, vibrierten hinter dem atemlosen Knaben her und riefen ein kurzes Aufschluchzen in ihm hervor. Endlich hatte er das Tor der Klinik erreicht und stahl sich hinein. Mit flatterndem Herzen und verwildertem Haar blieb er im Gang stehen. Irgendwo plätscherte ein Wasserhahn, plötzlich wurde er abgedreht. Auf dem grünen Linoleumläufer, der sich schnurgerade in der Mitte des Ganges vor sich hinzog, lagen gleißende Lichtquadrate in einem Nebel von Sonnenstäubchen. Hinter den weißen, von innen gepolsterten Türen regten sich zuweilen murmelnde Stimmen. Der kleine Albert ging lautlos weiter. Er musterte die Türen, alle waren sich gleich. Er irrte einige Zeit ratlos; dann sah er eine Milchglasscheibe und eine Klinke, die goldgelb war und in der sich die Sonne in einem wabernden Karfunkelglanz sammelte. Wie behext starrte Albert auf die Klinke; seine Hand erhob sich, bebte, magisch angezogen; er tastete an das warme Metall, er drückte es nieder; und die Tür ging geräuschlos zur Hälfte auf. Ein betäubender Chloroformdunst schlug ihm entgegen. In einiger Entfernung sah er drei weiße Gestalten, die sich über etwas bückten; die eine war offenbar der Vater. Mit erweiterten Augen starrte er die Gruppe an, die sich, tiefbeschäftigt, nicht um ihn zu kümmern schien. Jetzt trat der eine Mantel zur Seite; ein behaarter Arm mit einem fleischfarbenen Gummihandschuh hing an seiner Seite herab. Und zugleich sah Albert das Gesicht der Mutter, halb in einem Wattebausch vergraben, wie in friedlichem, lächelndem Schlaf; nur schien ihm eine seltsame Reglosigkeit darüber zu liegen. Das Gesicht sah er deutlich genug, obwohl die weißen Mäntel es nur für eine Sekunde freigaben; dann war es wie von den Falten verschluckt. Und plötzlich vernahm er ein kurzes Ächzen; sah eine Brille funkeln, die sich beugte, sah zwei breite Schultern zucken und gleichsam eine Stufe tiefer sinken. Die Mäntel sprachen miteinander, sie sprachen leise und hastig. Ein Gegenstand fiel in ein Becken. Und plötzlich trat wieder einer zurück, und der kleine Albert sah eine riesige Blutlache , eine schwarze Purpurmasse, in der Pinzetten flimmerten . . . er tat einen schwachen Schrei, der einen Tumult in der Gruppe verursachte, tastete sich nach rückwärts und fiel stumm und steif an die innere Polstertür. Hier blieb er liegen, das Gesicht in den gebauschten Ausschnitt seiner Bluse vergraben, und ein wildes Getöse entstand hinter seinen Schläfen, das rasend anschwoll und seine Gedanken verjagte, bis er in der völligen Finsternis einer tiefen Ohnmacht lag.   Eine lange Zeit mußte vergangen sein, als Albert in seinem eigenen Bett erwachte. Sein eigenes Zimmer trat ihm entgegen mit allen vertrauten Gegenständen, dem Ofen, der wachstuchüberzogenen Kommode, dem japanischen Bettschirm und den Lilien an der Tapete dicht neben seinem Kopf. Er machte einen Versuch, sich zu erheben, und schließlich gelang es ihm, seine Beine unter der Decke hervorzuschieben. Lange saß er so auf der Bettkante und starrte auf seine Schenkel, deren Haut, wie am ganzen Körper, in Feuchte gehüllt schien. Er stand auf und taumelte im Zimmer umher mit einem wohligen Gefühl glatten Parketts unter den Sohlen. Dann stand er vor dem hohen Schrankspiegel und streifte das Nachthemd ab, um sich anzukleiden . . . Er unterließ es. Vor Schwäche stolpernd, zog er das Hemd wieder an; und sein Gedächtnis versuchte an einem bestimmten Punkte wieder anzuknüpfen. Es gelang ihm nicht; alles schien wie in einen Nebel gehüllt. Mit Behagen empfand er, daß seine Glieder von Schweiß wie gekühlt waren; er preßte sich an das Fensterbrett und sah in den Garten. Huh, da sah es anders aus! Eine Amsel sang; alles lag im Schatten. Ein schwerer Hauch blähte sein Hemd. Die Kieswege krochen wie helle Schlangen durch die grauen Blättermassen. Ein leichter Wind bewegte die Fuchsien am Sims. Die Blutbuche am Fluß sah schwarz aus; und der Himmel war mit schwefelgelben und grauen Wolken bedeckt. Der kleine Albert fühlte ein leises, irritierendes Prickeln am Haupte unter seinem dunkelblonden Schopf. Nun kommt der Regen, dachte er, und das hat mich geweckt. Gott sei Dank, daß der Regen endlich kommt. – Er lehnte sich mit offener Brust weit aus dem Fenster. Und siehe da: plötzlich fiel aus dem Himmel, gar nicht sehr eilig, ein violettroter Schein, wie eine Zunge, die über den Bäumen aufblakte, oder ein Knäuel Feuergarn, das sich abwickelte. Und nachdem das Phänomen vorüber war, hörte Albert einen scharfen Böllerknall, der ihm beklemmenden Schreck machte, und sah, wie die große Pappel hinter den Terrarien langsam in Bewegung geriet. Sie fiel gemächlich um; sie war in der Mitte gespalten; sie tastete mit peitschenden Zweigen, mit silbern durcheinanderrieselnden Blättern eine lustige Kreislinie entlang und lag dann, quer über dem Weg, mit der halben Krone in den Gladiolen und Azaleen. – Und dann ging in der Luft noch etwas vor. Ein Rascheln erhob sich oben; und auf einmal sprang ein kühler Sturm irgendwo auf; er führte schräge Schwaden von Hagelkörnern mit sich, die tanzten, polterten, rumorten. Die Scheiben an den Terrarien waren plötzlich nicht mehr da. O weh, dachte Albert, das wird Papa wenig Freude machen. Wie schade war das! . . . Wo ist Papa? . . . Eine Minute lang dauerte das klirrende Donnergemurmel dort oben, dann kam Regen, Regen; der Fluß war von Millionen weißer Blasen gesprenkelt. Albert ging in sein Bett zurück und streckte sich der Länge nach aus. Sofort schlief er wieder ein, und der Vater war jetzt in der Stube, das wußte er. Er hatte gefühlt, daß sich eine warme Handfläche auf seine Stirne legte, und dann hatte er tief geatmet, so als ob sein Herz plötzlich voller und gesünder schlage. Als er gegen Abend erwachte, saß der Vater noch immer an seinem Bett; er hatte sich nicht um das Unwesen gekümmert, auch nicht darum, daß seine kleine Tierwelt da draußen in alle Himmelsrichtungen entschlüpft war – er war froh genug, daß sein Knabe diese Krisis überstanden hatte und daß er ihn behalten durfte. Und dann kamen die schlanken Hände auf ihn zu, er ergriff sie mit seinen großen Fingern und spielte mit ihnen, während er mit seiner mühsamen Stimme, die tief und voll klang, unablässig beruhigende hübsche Sachen redete, oft zweimal, bis das aufblühende Verständnis Alberts davon Besitz ergriff. Er sagte: »Deine Mutter ist von uns gegangen. Sie hat noch von dir gesprochen und läßt dich grüßen. Sie hat keine Schmerzen erlitten; es kam, wie es kommen mußte.« – Er sagte: »Du bist jetzt mein Einziger. Du hast mich sehr geärgert; doch es war nicht nötig, daß ich dich prügelte. Wir wollen Sand darüber streuen.« Und sagte noch dies und das, was angenehm zu hören war, und am nächsten Morgen durfte der kleine Albert trotz seiner tiefen Trauer wieder aufstehen. Er ging an der Hand des Vaters; sie aßen wieder zusammen; er bekam Wein zu trinken, und am Nachmittag sahen sie sich den Garten an. Da sah es nun freilich übel aus. Aber sie würden reisen, hatte Papa gesagt, und wollten weit, weit weg. Vorher jedoch war es nötig, daß man sich umsah und Anordnungen traf.   Als die Pappel gehoben wurde, hätten die Gärtnergehilfen sie beinahe wieder fallen lassen. Denn unter ihrem Laub saß, halb in die Erde vergraben, eine kleine, halb verkohlte, behaarte und seltsam menschenähnliche Gestalt, zusammengekrümmt, mit krauser Stirn, erhobenen Händen und weitgeöffneten blinden Augen. – –   Achtes Bild Das älteste Ding der Welt Die drei Zeichen Es war an einem deutschen Fluß – sagen wir an der Lahn – und in einem Städtchen, das man sich wie Limburg vorstellen mag. In den tiefen Buchenwaldungen der Umgebung ging der achtzehnjährige Harald von Calmus, einziger Sohn des bejahrten, aber geistig noch regen Reichsfreiherrn von Calmus-Dunkelstedt – Kammerherrn und pensionierten Offiziers – sehr gern spazieren. Wie schon öfter, war es Harald durch eine kleine Finte gelungen, seinen Hauslehrer abzuschütteln, der an einem sonnigen Samstagnachmittag bereits auf Montags-Lektionen erpicht war, denn er bereitete den Schüler auf die Maturitätsprüfung vor. Harald ging allein durch die Felder auf das Pfaffenwäldchen zu. In ungestörtem, trächtigem Frieden reifte die kommende Ernte dem Herbst entgegen. Jeder Atemzug war Frieden. Die Lerchen, wie Punkte ins weite Blau gestreut, tröpfelten friedliche Triller hernieder. Der Wind umschmeichelte das fahle Grün der strotzenden Saat wie mit trägem, von Frieden erschlafftem Fächer. Insekten schrillten und summten; ihr Getön verwob sich zu feinmaschigem Netz von Lauten, sanft auf alle Daseinsängste sinkend. Irgendwo blinkte ein Teich hervor und spiegelte winzige weiße Wolken; gab dem hellen Blau funkelnde Verklärung zurück. Die Oberfläche dieses Teiches zitterte leise wie die Haut eines großen Tieres in Wollust der Ruhe. Während Harald so schritt, machte er sich keineswegs Gedanken über die bevorstehende Prüfung, sondern er trug, ganz für sich, seine Andacht dahin zu den großen und stillen Linien, zu der strotzenden Natur; und in ihm fand jeder wispernde Ton des sich erfüllenden Wachstums dankbar liebevolles Echo. Er geriet, wie oft bei solchen Wanderungen, in eine Art entrückten Zustandes, der ihn für Stunden gefangennehmen konnte gleich sanfter Hypnose durch brennende Farben, einlullende Lieder. Das Hemd stand ihm offen auf der Brust, der weiche Kragen war zurückgeschlagen. Aus den kurzgeschnittenen Ärmeln pendelten die gebräunten Arme lässig zu seinen Seiten, und seine blauen, halb zugekniffenen Augen spähten in die Ferne, ohne doch etwas Bestimmtes zu sehen. Er war selbst zu einem Stück der Natur geworden, wie er so wunschlos einhertrottete ohne Bedürfen. Eines wußte er: daß er sich unendlich wohlfühlte; daß nichts ihm übelwollte, und daß er von Talenten und Möglichkeiten trächtig sei wie dieser von Keimen und fruchtbaren Zersetzungen erfüllte Boden. Die von jungem Blut prall durchpulsten Lippen hielt er halb geöffnet in dem warmen Dunst und schlürfte die Luft, die ihn durchdrang wie Wein. Eine Mütze trug er nicht, das bräunlich goldene Haar ward frei von jedem Wind durchwühlt. Heute hing es ihm halb in die Stirn, und er schüttelte es zuweilen mit zuckender Bewegung des Nackens hinters Ohr. Plötzlich blieb er wie angewurzelt stehen. Ein grauer Stein fiel aus der Luft herab. Hierauf erhob sich Wogen der Halme und wildes Rascheln dort, wo er eingeschlagen. Als ob ein kleiner Wirbelwind an jener Stelle entstehe, sträubten sich die Ähren. Er hörte klatschendes Geräusch, schnell mehrmals wiederholt; zwei quiekende Töne – und nach kurzer Zeit arbeitete es sich aus den Ähren hervor, um in trägem Flug ein kleines Wesen davonzuschleppen, was noch zuckte, quer eine Gasse nach dem Wald zu in das Getreide peitschend: ein mächtiger Habicht, der einen Junghasen in den Krallen trug, eng an sein mörderisches Herz gepreßt. Harald stürzte nach der Einfallstelle und sah mohnblumenrote Tröpfchen im Umkreis verspritzt. Er suchte nach einem Stein, gab es bald auf, ging mit zielbewußteren Schritten weiter. Das Pfaffenwäldchen, ein größerer Buchenbestand, nahm ihn auf. Er folgte ungefähr der Richtung, die der Habicht genommen; doch der Boden hier, uneben, gestattete kein gerades Vorwärtsdringen. Er hatte kaum hundert Schritte in den Wald hinein getan, und die Klänge der sommerlichen Felder verschollen hinter ihm. Ab und zu war es noch, als trage ein warmer Windstoß eine Welle von Insektengezirp herzu, die sich jedoch nur flüchtig im Ohre hielt und wie zarter Aufschrei verebbte. Es war tempelstill. Er sah nichts als grüne Dämmerung, wellig bewegten Boden, von stillen Lichtern gesprenkelt. Seine Tritte versanken im Moos oder stießen hart auf hervorbrechende Steine, und als er um die große Eiche bog, die auf einer kleinen Lichtung etwa in der Mitte des Wäldchens stand, geschah ein Zweites. In spindelförmigen Drehungen glitten zwei braune Körper um einen knorrigen Ast. Dazwischen blitzte es gelb von schlangenhaft gewundenem Leib: ein Edelmarder. Wie ein zuckender Bausch von brauner Watte fuhr kurz vor seiner Nase der Schwanz eines Eichhorns hinweg. Sie stoben um den Baum: Verfolgtes und Verfolger. Rindenfetzen regneten herab. Oben aus turmhoher Spitze schossen sie durch ein Stück Blau wie Flieger, und man sah, daß der schwerere Körper mit größerer Schnellkraft den kleineren überholte. Man hörte ein gleichzeitiges Aufschlagen beider am nächsten Stamm, knirschendes Geräusch, einen Ton wie einen Pfiff, und dann Stille. Harald eilte herzu. Noch sah er nichts. Zunächst kam noch ein Rindenstückchen – dann taumelten in sachten Schwingungen braune Haarflöckchen herab . . . Plötzlich fuhr er zusammen und erschrak im Tiefsten. Es war, als ob ein leiser Finger ihn an der Schulter rühre, die aus dem geöffneten Hemde geglitten war. Er starrte darauf hin: ein Tropfen Blut saß auf seiner weißen Haut und sickerte, seine Rinnen entfaltend, die Brust herab. Er wischte es aufatmend mit dem Hemde weg, etwas Angstvolles trat in seinen Blick, für den Moment Ratloses – dann, in seinem Unvermögen, des Mörders habhaft zu werden, peitschte er mit einem Zweig wütend auf den Stamm los. Langsam ging er weiter. War er in eine Gegend geraten, in die er sich so selten begab, daß sie ihm fast unbekannt dünkte? Es waren zwar immer Bäume, Moos, Steine, kleine Klüfte; aber es schien, als sei er nun in einem Bereich, der sonst gemieden wurde. Vorjähriges und vorvorjähriges Laub schwärte, von fauligem Wasser durchsetzt, in Löchern, die keinen Abfluß gestatteten. Der Boden trug das Gepräge vulkanischer Zerrissenheit, soweit ein sanftes deutsches Waldbild diese Form entwickelt. Er erkannte, daß hier ein Sumpfgebiet war, das man ungern durchschritt; zwar war es nicht gefährlich, aber es ermüdete und führte zu keiner Entdeckung. Besser, man streifte am Rande dieses Teiles entlang, bis man auf die Straße zurückkam. Aber er war nun einmal schon fünfzig Schritte hineingeraten, und er fand nicht den Entschluß, wieder umzukehren – seltsam überzeugt plötzlich, er werde noch auf etwas Bestimmtes stoßen; worauf, das wußte er nicht. Er sprang über die moorigen, von schlammigem Humus erfüllten Löcher, kam dann wieder auf trockene Stellen und merkte auf einmal an dem Ansteigen des Bodens, daß er an das »Hünengrab« gelangt sein müsse. Dies war ein Hügel, den man in der Gegend so nannte, obwohl oberflächliche Untersuchungen längst festgestellt, daß von einem Grab keine Rede war. Nur die seltsam spitzige Form des Hügels hatte den Namen entstehen lassen. Außerdem knüpfte sich, wie ihm jetzt einfiel, lächerlicher Aberglauben an diesen Hügel. Da er im Freien lag, so hatte sich wohl vor Jahrhunderten ein Wirrkopf, der hier eingeschlafen, einen Sonnenstich geholt und allerhand gefaselt, was recht gut in den Rahmen durch Foltern erpreßter Berichte gepaßt haben mochte. Eine andere Tatsache, die den Ort im Volksmund verfemte, war die, daß die hier wachsenden Pilze einen »Hexenring« bildeten – einen Ring, dem Bannkreis entsprossen, den dunkler Künste Fähige hier gezogen. Harald stand in praller Sonne dicht vor diesem »Hexenring«. Ja, da war er; Hunderte von Fliegenpilzschirmen leuchteten aus dem Grase hervor – wie Blutspritzer.. Ihn fröstelte. Wie kam ihm nur der Gedanke an Blut so ständig wieder in den Sinn?! – Zwei Morde hatte er erlebt, ja, da war's: alltägliche Morde, versteckte, lächerliche und belanglose Morde, die in den Kreislauf gehörten wie alles andere. Und doch scheute er sich, mit dem Fuß den Ring zu stören, sondern setzte mit breitem Schritt darüber hinweg in das Innere. Da er sich außer Atem fühlte, ließ er sich auf einem Stein nieder und blickte nachdenklich vor sich hin. Plötzlich regte sich etwas im Grase. In rasenden Sprüngen, wie es sonst ganz gegen die Gewohnheit solcher Amphibien ist, durchquerte ein großer, brauner Frosch vor ihm das Gras. Er war unablässig beschäftigt, seine Schenkel zu gebrauchen, und längst auf der anderen Seite entschwunden, als der züngelnde Kopf einer mächtigen, meterlangen Ringelnatter auftauchte und sich schwarzäugig und zuckend umherdrehte. Dann schoß sie davon wie ein grauer Pfeil. Jäher Impuls riß den Jungen empor: Hier endlich, hier, beim dritten Male, daß er einen Mord sah, diesen zu verhindern. Wie rasend suchte er nach einem passenden Stein. Endlich, als es gerade noch Zeit war, gelang es ihm, ein mäßig großes Stück herauszubrechen. Er stürzte der Natter nach und zermalmte sie damit in der Mitte des Leibes. Sie wandte ihm den Kopf zu mit geöffnetem Rachen, eifrig weiterzüngelnd; – dann versteinte diese Gebärde. Der Schwanz zuckte; dann verlor sich das Leben. Harald sank ins Gras nieder und sah, wie das anklagend geöffnete schwarze Mäulchen ruckweise zurückfiel. Wie war das? – Er hatte etwas verhindern wollen, und nun hatte er es selber getan! Das Verhinderte hatte Sinn gehabt; das, was er getan, war zwecklos. Was ging ihn der Frosch an! Wirre Gedanken, mit einer halben Schläfrigkeit verknüpft, kreuzten seinen Kopf. Daß er nicht weiterging, daran war wohl noch diese leichte Müdigkeit schuld . . . Als der Stein die Schlange zerquetscht hatte, war ein seltsamer Ton zu hören gewesen, wie wenn man mit einem Hammer an Metall schlägt. Er untersuchte den Fleck, und seine Finger erfaßten etwas Hartes, von Sonne stärker Durchhitztes. Kein Zweifel: hier sah ein Stückchen Metall, hellgrau, und von kleinen Zacken besetzt, aus dem Boden hervor. Er bemühte sich, es herauszureißen, doch schürfte er sich nur die Finger daran wund. Mit einem Male befing ihn so tiefe Schläfrigkeit, vermischt mit seltsam abwehrenden Gedanken an das Blut an seinen Fingern und an die blutroten Pilze ringsum. »Ich glaube, ich mache mich in den Wald zurück«, dachte er. Doch es gelang ihm nicht mehr, den Vorsatz auszuführen; er sank mit dem Kopf auf den Rasen mitten zwischen eine Gruppe von Pilzen, die mit kühler Berührung seine erhitzte Wange streichelten. Dann war er traumlos entschlafen. Er schrak empor. Es war halb finster. Die Sonne war gesunken. Er riß seine Uhr heraus, doch sie war stehengeblieben. Er erhob sich mit Beschwerlichkeit und ging auf der anderen Seite des Hügels in den Wald hinab, wo er des ungewissen Lichtes halber öfters stolperte und in schlammige Mulden einsank bis zum Knie.. Ein glühendroter Abendhimmel verblutete hinter den Stämmen am Rande, dort, wo die Straße war. Es war schwül, kein Lüftchen regte sich. Endlich hatte er sich aus dem wässerigen Bezirk herausgefunden und war auf festen Boden gelangt. Es kam ihm unbegreiflich vor, daß er von zwei Uhr nachmittags bis zum Sonnenuntergang unterwegs gewesen und einen so großen Teil dieser Zeit verschlafen haben sollte. Verhext Er stand auf der Straße. Die Abendglut war erstorben, und klarer Sternenhimmel wölbte sich über ihm. Während er vorwärts ging, spürte er, daß er keine Eile mehr habe, heimzukommen; ja es schien, als sei er durch irgendeine Behinderung gezwungen, seine Schritte mit weit größerer Gemächlichkeit zu setzen, als er es sonst zu tun pflegte, wenn er von ausgedehnten Spaziergängen abends zurückkehrte. Es war beinahe, als müsse er im selben Tempo, wie er vor Stunden in der Sonnenglut in den Wald hineinspaziert, auch den Heimweg machen; und dies fiel ihm leicht; denn jedes Bedürfnis war ausgelöscht, schnell nach Hause zu kommen. Der Gedanke an sein Zuhause widerte ihn auf einmal an. Dort drüben, wo der zackige Schattenriß des Städtchens von Lichtern bestreut in den Himmel schnitt, lauerte ein Gefängnis auf ihn. Hier draußen war es frei und kühl. Er verspürte die Weite und bedurfte zu diesem plötzlichen Glück nichts anderes als Ungebundenheit. Von oben aus dem silbernen Geflecht schienen sich magische Fäden herabzuspinnen. Fäden, die ihn emporhoben und sanft dahintrugen. Was war das für eine Abgelöstheit, für ein seltsames Entrücktsein? . . . Es war wie ein Schreiten, wie ein sachter Tanz durch Luft, genienleicht. Je näher er dem Städtchen kam, desto dumpfer hauchten die Wände ihn an. Ja, als er gar in die Schatten der alten Basteien trat, wehte ihm jene selbe wie aus erwärmten Kellern streifende Schwüle entgegen, die ihn auf seiner Flucht aus dem Wald mit Herzklopfen bedrängt. Es war Neumond, es herrschte nur dieses stille, unbeirrte, kalte, flirrende Licht der Sterne, die doch in ihrer Gesamtheit nur schwachleuchtenden Nebel zustande brachten. Dann wichen die schwachen Lichtgeschehnisse der grellen Glut einer Bogenlampe. Er ging eine leichthügelige, schlecht gepflasterte Straße hinauf, von der aus wie scharf einschneidende Schluchten sammetschwarze Nebengassen abzweigten; – bog dann selbst um die Ecke, erblickte ein rötliches Licht über einer altmodischen Haustür und verlangte Einlaß mit dem Klopfer. Obwohl es noch ziemlich früh sein mußte, waren die Gassen doch ungewohnt still. Nach der Zeit, die er vom Walde her gebraucht, konnte es höchstens neun Uhr sein, und trotzdem dauerte es eine Weile, bis er den schlürfenden Schritt der Magd innen hörte und die Tür ihm entriegelt ward. Sie starrte ihn etwas erstaunt – so dünkte ihn – an, machte aber keine Bemerkung außer der, daß seine Eltern bereits ins Bett gegangen seien und sich verwundert hätten, wo er so lange bliebe. Mitternacht sei längst vorüber. Er versuchte, dies als einen Scherz abzuwehren und ein kurzes Gelächter dagegenzusetzen mit den Worten: »Sie träumen wohl, Mechtild!« Doch dann fielen ihm die anderen Anzeichen auf, die ihre Behauptung beweiskräftig machten, und sie brauchte kaum nach der Standuhr im Vorplatz zu deuten, um ihn von der Wahrheit zu überzeugen. Er ging in sein Zimmer, schloß die Tür und entfachte die Öllampe auf seinem Schreibpult. Mechanisch zog er sich aus, ohne im geringsten müde zu sein; und doch war ihm zur Sammlung ganz erwünscht, daß er jetzt in seiner vertrauten Bude saß. Nackt ging er noch im Zimmer umher und sah sich von einem Empirewandspiegel zurückgeworfen. Dort bewegte sich sein Körper weiß wie Papier und sein Gesicht, das ihn seltsam erblaßt dünkte; – ja, nicht der geringste Kontrast in Farben bestand. Sein braunes Gesicht, seine roten Wangen schienen ihm kalkfarben, als sei er durch eine große Prüfung hindurchgegangen, die er sich nicht enträtseln konnte. Er erschrak darob flüchtig, doch machte ihm diese offenbare Augentäuschung nicht weiter zu schaffen. Nur als er jetzt in der Mitte des Zimmers stand, unschlüssig, ob er noch etwas lesen solle oder sich hinlegen, war ihm auf einmal, als trete alles, was er sah; – der vertraute Stuhl, das Ledersofa, sein Pult mit dem Spiegel darüber und das Bett, von ihm zurück in eine Entfremdung und Entfernung . . . ähnlich so, wie man Dinge erblickt, wenn man ein Opernglas verkehrt ans Auge bringt. Er schüttelte den Kopf, und müde, ja angewidert durch die aufdringliche Halluzination, ging er aufs Bett zu. Es schien ihm Minuten zu dauern, bevor er es erreichte. Endlich lag er drin und schloß die Augen; doch von Schlaf war vorerst noch keine Rede. Die Türklinke ging, er öffnete die Lider und sah seine Mutter vor sich stehen. Er beschloß, sich sofort wieder schlafend zu stellen, merkte aber durch die fast geschlossenen Wimpern hindurch, wie sie sich aufmerksam mit ihrem streng geschnittenen kleinen Gesicht über ihn beugte. Er hörte sie noch wie aus weiter Ferne im Zimmer umhergehen und die Lampe mit leisem Klirren löschen. Dann ging die Klinke ein zweites Mal, und sie war draußen. Er fühlte förmlich ihre Gedanken, mit denen sie den Gang zurückschlich; sah sie im Geiste durch Mauern hindurch den silbernen Scheitel schütteln und vernahm halb geflüsterte Sorgen, die sich über ihre schmalen Lippen drängten. Die rasselnde Stimme seines Vaters stellte noch vorübergehend einige Fragen und gebrauchte dazwischen ein heftiges Wort. »Sie halten mich offenbar für berauscht«, dachte er. »Das wird morgen Kanzelton beim Frühstück geben.« Dann versuchte er weiterzuschlafen, und ihm war dabei, als blicke er durch die Dunkelheit plötzlich in den Sternenhimmel hinein. Decke und Dach schienen gewichen, er schwebte irgendwo im Raum. Er starrte in ein Gewimmel von Welten, runden Kolossen aus Silber, bewegt nach unfaßbarem Rhythmus. Eine seltsame Gletscherstarrheit hielt sie trotzdem gebunden, und der Begriff: » Raum « überfiel ihn den Bruchteil von Sekunden lang, als sei seine Seele bloßgelegt und empfahe Lichthiebe, so ungeheuer scharf und kurz, wie nie zuvor gekannten Schmerz. Ja, es schien sich ein klirrendes Pathos von diesem Horizont von Welten her auf ihn zu wälzen, als sei er von so ungeheurem Getöse umhüllt, daß seine irdischen Ohren nicht mehr imstande seien, es wahrzunehmen, sondern nur seine Seele diesen Urlärm empfinde als gespenstische Vergewaltigung. Die plötzliche Überbrückung nie ermessener Entfernungen war fürchterlich. Er wurde in den großen Strudel kosmischen Geschehens hineingezogen und geriet fast in einen Zustand, wo das Denken ihn im Stich ließ, in eine Angst vor plötzlichem Wahnsinn, dem er sich nähere wie unentrinnbaren Katarakten. Ja, das war, als ob er für Augenblicke sein eigenes Alter nach Lichtjahren zu messen habe und von einer Kälte, die in kaum ausdrückbaren Graden herrsche, tödlich verbrannt werde. Einer der Weltkörper, der kupfern glühte und einen dunklen Ring wie einen Nebel um sich rotieren ließ , wuchs auf ihn zu wie ein Alpdruck. Sein Leib auf dem Bett bäumte sich, seine Brust tat angstvolle Atemstöße, und mit einem Schrei fuhr er empor. Was ihm geschehen, wußte er nicht; nur daß er eines unsagbar Grauenhaften gewärtig gewesen, einen bizarren Traum lang. Die Kammer war hell. Es herrschte erstes Morgenlicht. Er erhob sich schwankend aus dem Bett und trat ans Fenster. Noch lag das Städtchen tot. Auf einmal hörte er donnernden Hufschlag über das Pflaster, und zugleich das Gerassel eines wütend dahingewirbelten Wagens. Er beugte sich vor, doch konnte er nur mehr den hinteren Teil einer einzelnen Droschke wahrnehmen, die im gemächlichsten Tempo der Welt hinter einer Straßenbiegung verschwand. Er rieb sich die Stirn und hörte ein schrilles Gezirpe. Waren das die Schwalben? Er blickte nach dem Turmdach; da sah er zuckende schwarze Linien, wie von Peitschenschnüren geformt, umherfahren; und vernahm dabei das unablässige Schrillen ohne Pause. »Bin ich verrückt«, dachte er entsetzt, schlug mit der Stirn gegen die Wand und krampfte die Fäuste zusammen. Beim nochmaligen Hinspähen gewahrte er die Schwalben wie zu jeder Morgenstunde zwitschernd um den Turmknauf streichen. Doch ihre Flugbahnen hatten nichts Beschleunigtes mehr, sondern er konnte die weißen Brüstchen mit dem rostbraunen Fleck und ihre segelnden Schwingen scharf und deutlich erkennen. Auch brach jetzt mit funkelnder Plötzlichkeit eine Garbe von Sonnenlicht hervor. Es schien, als habe die Sonne in einer Viertelminute einen kleinen Ruck über den Horizont getan, den sie doch gerade erst mit sanften Rosen zu bestreuen begonnen. Mit äußerster Kraftanstrengung vergegenwärtigte er sich, daß dies alles Hirngespinste seien, goß ein Glas kalten Wassers herunter, und indem er sein übernächtiges Gesicht scharf im Spiegel betrachtete, gelang es ihm, wieder klar zu denken. Er versuchte jetzt, auf das Sofa niedergelassen, den Ursachen all dieser Seltsamkeiten auf die Spur zu kommen. Er erinnerte sich auf einmal des gestrigen Nachmittags, ja alle Einzelheiten jenes scheinbar absichtslosen Spazierganges traten ihm mit unglaublicher Schärfe wieder ins Bewußtsein. Er erinnerte sich der drei Morde, die er erlebt, des verfemten Hügels und der Pilze. »Ha,« fiel es ihm ein, »diese Pilze! Habe ich nicht mit dem Kopf mitten zwischen ihnen geschlafen? Doch hat man je davon gehört, daß Pilze eine vergiftende Atmosphäre verbreiten können, ähnlich der von giftig-süßen Blumen im geschlossenen Zimmer? Das ist doch unmöglich! Oder habe ich einen Sonnenstich erlitten, während ich schlief? Das muß es sein; aber das kann man kurieren!« Logisch war es nicht, daß er seinen Zustand mit diesen Malen in Verbindung brachte; doch eine innere Stimme zwang ihn dazu. Er ging an den Waschtisch und reinigte die Narben, so gründlich es ging. Schmerzen verspürte er keine. »Ich muß mich doch irgendwie vergiftet haben« dachte er mühsam. »Aber die Wirkung muß jetzt vorüber sein.« Er kleidete sich an und ging hinunter, wo er am Frühstückstisch mit gewöhnlicher unbefangener Stimme erklärte, er sei gestern im Walde eingeschlafen, vielleicht übermüdet durch große Hitze, und habe dann in der Dunkelheit nicht sofort den Weg auf die Straße gefunden. »Ausflüchte, Verehrter, Ausflüchte«, schnarrte der alte Freiherr und zog die zottigen, weißen Brauen hoch in die Stirn, wobei ein scharfer Zug an die Nüstern seiner Nase trat, die dem Schnabel eines Raubvogels entfernt verwandt schien. Doch die Güte seiner alten Augen machte gut, was die Nase verdarb. »Du hast getrunken, gestehe es, Sohn! Wenn du es gestehst, bin ich der letzte . . .« »Aber ich schwöre dir, Vater, es war so!« »Nun . . .«, machte der Freiherr abwehrend, lachte kurz und rasselnd und vertiefte sich in seine Zeitung. Die Mutter mischte sich ins Gespräch. Sie sei der Ansicht, daß Harald vollkommen nüchtern gewesen sei. Der arme Junge sei nur sehr erschöpft gewesen und habe wie ein Toter geschlafen. »Man muß sich nie in die Sonne legen«, meinte sie besorgt. »In welcher Gegend hast du denn dich herumgetrieben?« »Ach, dort hinten bei dem alten Hünengrab, oder wie man es nennt.« Hier, wie mit einem Zauberschlag, sank die Zeitung aus der zitternden, alten Hand des Freiherrn. Die Mutter setzte die Tasse klirrend wieder hin, und beide starrten ihn an, als habe ein Blitz vor ihnen eingeschlagen. »Das Hünengrab?« sagte der Freiherr endlich rasselnd, wie aus gedrängter Brust heraus. Er wechselte einen Blick des Einverständnisses mit der Mutter. Beide beherrschten sich im selben Moment, doch Harald hatte die erschreckten Gebärden bemerkt. »Es wird so allerhand dummer Aberglaube darüber verzapft, nicht wahr?« meinte er und begann mit gesundem Appetit zu frühstücken. »Ganz richtig,« bekräftigten beide Eltern im Chorus, »ganz richtig. Dummer Aberglaube.«   Die folgenden Tage verrannen, und an Haralds Leben änderte sich nichts. Sein Hauslehrer, ein schwadronierender alter Student, der sich in der Nähe von Adeligen am besten gefiel, nahm ihn oft zu sehr in Anspruch, als daß er viel über das Erlebnis hätte nachdenken können. Doch wenn seine Hausarbeiten fertig waren und er sich selbst überlassen war, befiel ihn zuweilen die Erinnerung, so, wie wenn man sich einer Gefahr erinnert, der man knapp entronnen. Das Tückische an dieser Erinnerung war, daß die Gefahr sich nicht mehr definieren ließ und daß ihr Nachklang darum unerlöst im Hirne schmerzte. Im allgemeinen schüttelte er mit einiger Willensanstrengung das Gedächtnis daran ab und las viel in Büchern, aus denen heraus die abgeklärte Vernunft eines philosophischen Betrachters unserer Lebensumstände ihn beruhigte. Wiewohl er noch sehr jung war, griff sein unreifer Geist derartige Gedankengänge instinktiv auf, wie wenn man nach einem Rettungsgürtel faßt, und was ihm daran unverstanden blieb, schien trotzdem faßbar: irdische Materie, an die man sich halten konnte. Zudem trieb er sich viel in Gesellschaft Gleichaltriger umher, was ihn ablenkte. Sein Benehmen schien ihm selbst durchaus natürlich und gewohnheitsmäßig, doch fühlte er zuweilen mit eigentümlicher Befremdung, daß man hie und da begann, ihm erstaunte Mienen oder ausweichende Antworten entgegenzusetzen. »Du denkst zuviel, Sohn«, knarrte der Freiherr des öfteren. »Sobald die Schonzeit vorüber ist, kommst du mit mir auf die Jagd.« Doch diese Aussicht, anstatt ihn zu beruhigen, versetzte ihn in noch größere Nachdenklichkeit. Der Gedanke an Jagd bekam plötzlich etwas Fragwürdiges, ja Anrüchiges. Das hatte er noch nie vorher empfunden. Etwa drei Wochen waren verflossen, da geschah es wieder, und zwar am hellen Tage, daß jenes Gefühl der Entrücktheit ihn wieder befiel, als seien alle Beziehungen zum Irdischen plötzlich gelockert. Es war beim Abendessen. Sein Vater rückte auf einmal hinter einen mächtig ausladenden Tisch, hinter eine Wüste von Leinwand und saß klein und entfernt am Ende des erweiterten Zimmers. Tapete, Möbel und was es sonst gab, waren dieselben; nur die Eltern verständigten sich über Entfernungen hinüber, die Gebärdensprache notwendig machten. Sie schienen sich zu verstehen, auch wenn ihr Gespräch nur einem Flüstern glich. Harald faßte sich an den Kopf. Wieder ging jene schleichende Verschiebung in seinem Hirn vor. Seine Hand tauchte in seltsame Tiefen, um zum Teller oder zum Wasserglase zu gelangen. Er gab das Essen auf und saß starr mit zähneknirschender Bemühung, sich selbst über diese Empfindung mit Gewalt hinwegzusetzen. Sein Vater, klein und in allen Umrissen äußerst deutlich von der Lampe bestrahlt, rief ihm etwas zu, was er genau verstand, ohne daß er Worte hörte. »Ist dir nicht ganz wohl, Sohn? Was schneidest du da für ein Gesicht? Schmeckt dir das Essen nicht?« Auch von der Mutter kamen ähnliche Stimmwellen herüber; aber er saß wie paralysiert und konnte nur denken, nicht reden. Er dachte also: »Ich fühle mich etwas schwindlig. Es wird gleich vorübergehen«, und er war selbst erstaunt darüber, daß die Gedanken laut aus seinem Munde traten. Er hörte sich selbst reden; aber es war, als rede ein Zweiter. Zugleich bemerkte er, daß die Eltern mit seltsamer Hast sich gebärdeten. Die Mutter nippte unablässig, wie eine Bachstelze aus einem Quell, von ihrem Glas Tee, und der Vater gebrauchte sein Besteck mit einer taschenspielerhaften Geschwindigkeit. Sein umherirrender Blick glitt nach der Uhr, die in der Ecke des Zimmers hing. Da gewahrte er mit ankriechendem Entsetzen, daß der Minutenzeiger sich vor seinen Augen über das Zifferblatt bewegte. Er stand auf – es dauerte eine Ewigkeit, bis er den Tisch umschritt – und tappte den Gang hinunter in seine Kammer. Er hörte noch hastige Geräusche hinter sich: ein mit großer Behendigkeit und dialektischer Schärfe geführtes Zwiegespräch, das bei der sonstigen gemächlichen Unterhaltung seiner Eltern äußerst auffallend war. Dann hörte er, wie sie ihm folgten, und spürte, als er wieder auf dem Boden lag, wie eine kühle, lindernde Hand, die ihn ganz zu umhüllen schien, sich auf ihn senkte. Bald darauf umfing ein feuchtes Tuch seine fiebernde Stirn, und er verfiel in einen traumlosen Schlaf, der ihn wie ein Schacht verschluckte. – – Dies war das zweitemal, daß ihm das Unerhörte nachstellte.   Als er wieder erwachte, saß der Doktor, der die Familie schon seit langen Jahren betreute, an seinem Bett. »Mein junger Freund,« bemerkte er mit fetter Stimme, als Harald die Augen aufschlug und ihn verständnislos ansah, »wir haben ein wenig Nervenfieber gehabt und sind ein paar Tage lang nicht ganz bei uns gewesen. Sagen Sie: hat Ihnen vielleicht kürzlich etwas plötzliche Furcht eingejagt? – Sprechen Sie sich aus, das ist das beste. Es liegt gar kein Grund vor, mit achtzehn Jahren Nervenfieber zu haben.« »Danke, Doktor. Ich wüßte weiter nichts, was passiert sein sollte – außer daß ich manchmal ein wenig verrückt bin.« Der Arzt hob beschwörend die fette, weiße, gepflegte Hand. »Verrückt! – Ich bitte Sie! Ein kleiner Sonnenstich; und was weiter!! Sie sind normal, wie jeder gesunde Junge! Vielleicht haben Sie sich überarbeitet . . . Ich habe schon mit dem Hauslehrer gesprochen: der hat mir recht gegeben in meiner Mutmaßung, daß er Sie ein wenig mit Lektionen überlastet habe. Sie seien ihm auch verträumt vorgekommen; konzentrationsunfähig. Nun, das wird sich alles geben! – Jetzt tun wir einmal gar nichts, wie? – Und legen uns ein paar Wochen ganz auf die faule Haut. Viel baden! Viel herumlaufen! – das ist das Wahre. Fieber haben Sie auch keins mehr, und wenn Sie mir etwas anvertrauen wollen, so bin ich stets zur Hand; das wissen Sie!« Harald nickte und sah etwas zweifelnd auf den pompösen, selbstgefälligen Mann, der gemächlich aufstand, ihm herzlich die Hand drückte und sich würdevoll entfernte. Er hatte das Gefühl, daß jener die Güte selbst sei; aber daß trotzdem etwas Unausgesprochenes zwischen ihnen bestehen bleibe, so sehr er sich auch Mühe gab, seinen Zustand auf eine Formel zu bringen. Vor allem, wie wollte er ihm diese peinigende innere Unrast erklären, dieses Gefühl von etwas Unerfülltem, was ihn wie stete Mahnung quälte. Er wußte, wußte scharf und genau: »Ich habe etwas zu tun. Ich habe etwas gutzumachen! Eine Mission zu erfüllen! Die ersten Anzeichen meiner Berufung, ja, die habe ich damals im Walde erlebt! . . . Und was es eigentlich ist, das muß sich herausstellen, und wenn ich bei dem Versuche, es zu enträtseln, mein Leben opfern müßte!« Solche Gedanken waren unendlich reifer als er selbst. Es war, als dächte sie ein Zweiter. So wie kürzlich während des Abendessens ein Zweiter aus ihm gesprochen, so erwählte sich diese Potenz, die er nicht kannte, seines Hirnes als eines Mittels, um sich zu äußern. Er fühlte sich unter der Kontrolle eines Willens, dem er nicht gewachsen war, der irgendwo in der Nähe, vielleicht in diesem Städtchen, waltete, und er beschloß, sich ihm ganz zu unterwerfen. War das nicht die einzige Möglichkeit, ihm die Maske vom Gesicht zu reißen . . . ihn ins Tageslicht zu zerren und seine eigene Persönlichkeit bewußt gegen das Fremde auszuspielen? Er stand auf, als sei er nie erkrankt; kleidete sich gemächlich an. Eine Art tiefen Friedens war über ihn gekommen, seit er den Entschluß gefaßt. Die Angst war verblichen. Nur ganz schemenhaft glänzte noch einmal die silberne Vision jener ersten Nacht vor seinem inneren Blicke auf im Purpur seiner geschlossenen Lider und hinterließ eine vage Wohltat, so als habe er sein fieberndes Herz in Gletschereis betten dürfen und es schlage wieder voll, krampffrei und ruhig. Er ging seinen kleinen Beschäftigungen nach wie sonst, und die Eltern erstaunten schier ob seiner plötzlichen Gesundung. Seine Wangen waren wieder rot und sein Auge hell. Man mußte sogar seinem Drängen nach Arbeit nachgeben, da er, wie er behauptete, nicht ohne geistige Beschäftigung diese Tage verbringen könne. Die Warnung des Arztes sei gut gemeint gewesen; aber er wisse selber am besten, was ihm fromme. So ließ man ihn gewähren, und der Hauslehrer, in rücksichtsvoller Weise, trat wieder in seine Rechte ein. Begegnung Eines Morgens erhob er sich zeitiger als sonst. Es war ein rechter Gottesmorgen im August. Die Schwalben schrillten um den Turm, und glühendes Sonnenlicht vernichtete alle Schatten. Da kam es Harald in den Sinn, vor dem Frühstück ein wenig zu wandern. Er ging die holprige Gasse hinunter; die Läden waren noch geschlossen. Es verlangte ihn nach Weite. Woher kam dieser sanfte Antrieb, der ihn so unwiderstehlich aus der Stadt hinauszog, seinen sonstigen Gewohnheiten ganz entgegen? Er wußte es nicht. Aber er überließ sich einer leisen, schier wollüstigen Bangnis von Erwartung. Er hatte das Stadttor schon passiert, als ihm plötzlich zum Bewußtsein kam, daß ihm ein Geräusch, das ihn nur ein Echo der eigenen Schritte in den Gassen gedünkt, noch immer nachfolgte. Er erkannte, daß dies die Schritte eines Zweiten waren, der in einiger Entfernung hinter ihm ging. Er war ein Stückchen ins Feld gelangt, ehe er den Mut fand, sich umzublicken. Er wußte mit Klarheit, daß ein Vorhang jetzt fallen werde, wenn er es tue. Brüsk drehte er sich um, und im selben Moment stand ein großer Mann still, der etwa in der Entfernung von hundert Meter hinter ihm hergegangen war. Der Mann, hoch aufgeschossen, schmalschultrig, trug einen hellgrauen Sommeranzug mit Strohhut. Es schien, als ob Haralds Stillstehen und das seine keine Beziehung hätten; er trat ein Stückchen ins Feld hinein, wo er sich bückte, so daß ihn die Ähren fast verschlangen – sich dann wieder aufrichtete und mit stelzenden Schritten näherkam. Harald versuchte, ihn innerlich abzutun als einen Spaziergänger gleich ihm selbst und ging weiter, ohne sich noch einmal umzudrehen. Er blieb lautlos hinter ihm; und so merkte er nicht, daß die Entfernung von dem Manne zusehends schrumpfte. Ja, der Mann trat leise auf und tat trotz ruhiger Gangart riesige Schritte, so als habe er die Absicht, Harald zu überholen. Mit einem Male wußte der Junge so genau, als ob er Augen auf dem Rücken trage: Der Mann will etwas von mir. – Was in aller Welt sollte er sonst wollen? Ist er mir nicht nachgefolgt? Wählte er nicht denselben selten begangenen Feldweg? Die Überzeugung wuchs, und gleichzeitig trat er, wiewohl er dagegen kämpfte, wiederum über die Schwelle jenes Zustandes, den er überwunden glaubte. Das Pfaffenwäldchen schien in entlegene Ferne gerückt; gleichwohl malte sich jeder Wipfel klar auf dem Westhimmel auf. Die Felder spreizten sich zu Wüsten, an deren fernstem Horizont die Pappelschnur der Überlandstraße einen Rand gegen die Luft schuf. Dort fuhr ein Wagen gemächlich die Allee herab und erzeugte eine leichte Staubschleppe hinter sich. Jetzt auf einmal tönte ein leises Rascheln, und die Allee ihrer ganzen Länge nach schien von einer einzigen Staubfahne bedeckt, als sei sie aufgewühlt von der Peitsche einer kopflosen Flucht . . . Dort gehen Pferde durch, dachte Harald. Aber die Schnelligkeit jener Pferde hatte etwas Gespenstisches. Er fühlte Hitze auf seinem Scheitel und blickte empor. Die Sonne flammte senkrecht über ihm. Wachsende Angst würgte ihn. Um Gottes willen, war es nicht gerade erst noch frühester Morgen gewesen, als er aufbrach?! Was wird nur daraus! dachte er wirr und betäubt; vor Ratlosigkeit halb entseelt, brach er in die Knie. Auf einmal sprach eine ruhige, leise Stimme neben ihm von einem etwas öligen Wohlklang: »Ist Ihnen nicht ganz wohl? Kann ich Ihnen zu Diensten sein?« Harald sprang auf und sah den Mann neben sich stehen. Im ersten Augenblicke war er so verblüfft, daß seine ganze Erschütterung wie weggeblasen war. Denn was da vor ihm stand und ihn, die wachsfarbenen schmalen, sehr langen Lippen zu einem Lächeln verzogen, unter der steifen Hutkrempe hervor anblinzelte, war ohne Zweifel ein Mongole. Haralds Empfindung glich einem Schreck, als sei er plötzlich mitten in einem biederen deutschen Walde auf ein Gürteltier oder sonst ein exotisches Wesen gestoßen, so eigenartig wirkte die Figur in diesem Landschaftsrahmen, so plötzlich und unvermittelt, wie vom Himmel gefallen, stand sie da. Der Mann nahm jetzt seinen Hut ab und entblößte dabei üppiges, steilstehendes, glanzlos schwarzes Haar. Dieser Reichtum an beschnittenem Haar überzeugte den Jungen, daß er ein Chinese sein müsse; ebenso wie ihm der gänzliche Mangel an Augenbrauen und Wimpern und die tief quittengelbe Farbe des faltenlosen, flachen Gesichts diesen Gedanken nahelegte. Er stammelte: »Ich danke sehr, es geht mir ganz gut; ich habe nur soeben einen kleinen Schwindel verspürt. Möglicherweise bin ich zu lange in der Sonne umhergelaufen.« Der Chinese fuhr fort zu lächeln und den Schimmer kalkweißer Zähne hinter den blassen Lippen spielen zu lassen. Seine Zunge bewegte sich ganz vorn, während er sprach, und die »R« fielen daher fast alle wie »L« ins Ohr. »Ich nehme einen kleinen Ferienaufenthalt«, meinte er schmeichelnd und blickte sinnend in Haralds Gesicht. »Sie haben es gut hier. – Darf ich Sie ein Stückchen begleiten?« »O bitte sehr«, sagte Harald noch etwas verwirrt. »Sind Sie vorübergehend in Deutschland?« »Ich arbeite in Marburg«, sprach der Herr. »Ich heiße Sze. Wie lange meines Bleibens hier ist, weiß ich noch nicht. Ich bin schwierigen Sachen auf der Spur. Chemie, wissen Sie, hauptsächlich Geologie. Ich schnüffele, wo ich bin, den Gesteinsarten nach; da entdeckt man allerlei!« Harald begann Interesse zu nehmen; denn man hat nicht alle Tage Gelegenheit, sich mit einem Chinesen in fließendem Deutsch zu unterhalten. Er blickte scheu auf seinen Begleiter und sah auf einmal mit einem gewissen Grauen, daß dessen Augen nie an einem festen Punkte verweilten, sondern daß die Pupillen in bläulichem Email wie zwei schwarze Mäuse zwischen den wimperlosen Lidern hin und her huschten. – Wenn er mich doch ansehen würde, dachte Harald mit einer fast quälenden Begierde danach, den Blick des Mannes festzuhalten. Als ob dieser seine Gedanken erraten habe, standen die Pupillen plötzlich still; die gewölbten, wie geschwollen anmutenden oberen Lider hoben sich um einen Bruchteil in die Höhe, und die dunkle Iris, die sich dabei etwas zu erweitern schien, stand unbeweglich. so daß es war, als blicke man in zwei Löcher hinein. Eine Lähmung schien von diesem schwarzglühenden Blick auszustrahlen, eine Knebelung des Willens, eine bis zum äußersten konzentrierte elektrisch-ausbrechende Energie. Und mit einem Male wußte Harald, daß dies der einzige Mann sein könne, dem ein Verständnis für seine rätselhaften Gemütsabenteuer zuzutrauen war. Ein unwiderstehliches Bedürfnis überkam ihn, sich dem Schutz dieser allwissenden, klugen Augen anzuvertrauen. Was man ihm sagt, das wird in ein Grab versenkt sein, dachte er und sah zu dem maskenhaften, großen Gesicht empor, das stereotyp weiterlächelte. Er allein ist vielleicht fähig, mich zu verstehen. – Woher ihm diese Gewißheit kam, wußte er nicht, nur glaubte er, daß zwischen den Seltsamkeiten der Vorgänge, so noch des allerletzten, und dem Hirn des Asiaten irgendwelche Verwandtschaft bestehe. »Haben Sie«, sagte er plötzlich aufgeregt und sich überstürzend, »vorhin den Wagen dort auf der Allee bemerkt? Mir war, als gingen die Pferde durch . . . Ich muß wohl geträumt gehabt haben, und außerdem kommt es mir so seltsam vor, daß es offenbar schon Mittag ist. Sagen Sie mir,« – und er packte den Mann mit hastigem Griff am Ärmel – » wo war ich zwischen sechs und zwölfe?? –« Es war, als ob das Lächeln aus dem Gesicht vor ihm langsam ausgetilgt würde. Die Mundwinkel senkten sich, die Lippen schlossen sich zu farblosem Strich. Dann sagte Herr Sze leise und erstaunt: »Erklären Sie sich, ich verstehe nicht.« »Und«, rief Harald aufgeregt, »wenn Sie nicht geträumt haben, dann müssen Sie doch gesehen haben . . .« »Warten Sie, warten Sie«, sagte Herr Sze. »Dies ist neu, ich muß nachdenken.« Er schritt etwas ab vom Wege, immer mit denselben stelzenden Schritten, als ob er etwas Unsichtbares dabei zu raffen habe, und hockte sich, die Beine in Kreuzform geschlagen, mitten in das wuchernde Unkraut. Er nahm den Strohhut ab, legte die Hände parallel auf seine Knie und senkte den Kopf. Nachdem er genau mit geschlossenen Augen eine Minute gesessen, erhob er sich Glied nach Glied und sprach mit schier papageienhafter Aneinanderkettung von Silben: »Sie haben Pferde gesehen, die durchgingen. Die Sonne ist Ihnen auf den Scheitel geklettert, ohne daß Sie es wußten. Sie waren nicht hier zwischen neun und zwölf. Erstaunlich, mein junger Freund! Was haben Sie sonst noch erlebt, machen Sie Ihrem Herzen Luft, erzählen Sie mir alles; nichts ist belanglos. Ich muß es wissen. Warum, das sage ich Ihnen noch, aber erzählen Sie.« Und während sie jetzt auf das Pfaffenwäldchen zu weiterschritten, öffnete ihm Harald sein Herz. Er tat es stockend, doch der Fremde trieb ihn unablässig an, weiter zu berichten. Es war unendlich schwer für Harald, die subtilen Empfindungen in Worte zu kleiden, jene Träume selbst in vagen Umrissen deutlich zu machen. Doch der Mann wiegte den Kopf nach jedem Satz und streute seltsame fremdsprachige Ausrufe dazwischen, wodurch er Haralds Interessen an der eigenen Darstellung befeuerte und ihn nicht zur Ruhe kommen ließ. – Endlich fragte Herr Sze: »Und wo ist der Ort, wo Sie eingeschlafen waren damals?« Harald deutete nach der Richtung des Waldes. »Es ist da hinten auf einem kleinen Hügel.« »Sehr gut, ein Hügel«, sprach der Asiate. »Es muß ein Hügel sein – – haben Sie nichts vergessen, haben Sie nichts ausgelassen? Jede Einzelheit ist wichtig.« Harald entsann sich, daß er dem Begleiter noch nichts von den drei Erlebnissen erzählt, und er holte es nach, wobei er nicht umhin konnte, wahrzunehmen, daß in dem toten, glatten Gesicht ein Zucken anhob, daß die tief zitronengelbe Haut von kleinen Fältchen überrieselt ward, als ob Nerven, noch nie aufgestörte, plötzlich ein ameisenhaftes Leben unter der dünnen Oberfläche vollführten. Dies machte sich doppelt seltsam, und mit einer gewissermaßen spitzbübischen Freude an der Aufregung, in die er ihn versetzen konnte, schilderte er ihm genau, was weiter vor sich gegangen: wie er die Schlange am Schluß getötet und wie der Stein gleichzeitig an ein Stück Eisen getroffen habe. »Es klang hell, wie eine zerbrochene Glocke«, fügte er bei, und daß er versucht habe, dieses Eisen herauszureißen und sich die Finger verletzt, worauf er dann zwischen dem Pilzen eingeschlafen sei – – dies alles machte auf den fremdländischen Gelehrten einen ungeheuren Eindruck. Hätte Harald gewußt, wie schwer es sei, einen Asiaten zu irgendeiner Gemütsäußerung zu veranlassen, so hätte er sich auf den Erfolg dieses seines Berichtes noch viel mehr zugute getan. Herr Sze schwieg eine Weile und dachte nach. Dann kehrte das Lächeln um seine Lippen wieder zurück, um von jetzt an nicht mehr zu weichen. Er sagte: »Ich glaube, daß Ihr Erlebnis für Sie selbst noch sehr wichtig sein wird. Mich interessiert dieser Hügel, von dem Sie erzählen, in der Tat als Geologen. Bitte, führen Sie mich hin.« Harald führte ihn durch den Wald. Als sie an die Eiche kamen, wo er den Edelmarder erblickt, stockte der Chinese einen Augenblick von selbst, hob die feingeschnittene Nase schnuppernd in die Luft und fragte: »Hier war es, nicht wahr? Das Zweite.« »Ja, hier, aber woher wissen Sie . . .« »Haben Sie nicht bemerkt, daß ich mich bückte, als Sie mich zuerst erblickten?« »Das habe ich wohl.« »Nun, ich bin auch dem Ersten ganz von selbst auf die Spur gekommen. Ich habe eine feine Witterung für – Blut.« Sie waren auf dem Hügel angelangt, und die schmalen Augen, deren Pupillen jetzt wieder unablässig hin und her huschten, ergriffen von jeder Einzelheit sofort Besitz. Der Mann bückte sich, setzte sich wieder kreuzbeinig hin dicht neben das Aas der Schlange, von dem eine Wolke von schillernden Schmeißfliegen mit brausendem Summen in die Höhe stieg, und tastete dann vorsichtig mit der großen, hellgelben Hand, die zugespitzte Nägel trug, an das hervorstehende Metall. Er blickte sinnend darauf und sprach dann wie beiläufig: »Sie haben recht! Es ist Eisen. Das Vorkommen dieses Metalls hier ist selten. Ich werde der Sache auf den Grund gehen, ob sich eine Ausbeute verlohnt. Wie Sie sehen, hat es keinen Rost angesetzt.« »Das fällt mir jetzt auch auf, nachdem Sie es sagen«, bestätigte Harald. »Es hat seinen Grund«, meinte Herr Sze. »Gehen wir jetzt.« Er untersuchte noch kurz die Ausmaße des ausgebleichten Ringes der längst vermoderten Pilze und stieg den Hügel hinunter. Unten bewegte er sich sehr schnell und hastig; mit vielen Zuckungen des Nackens nahm er Einzelheiten in sich auf. Es war so, als ob er das Maß nehme für irgend etwas, was Harald verborgen war. Er ging auch ganz um den Hügel herum, prüfte die Beschaffenheit des Bodens und erklärte sich endlich befriedigt. »So, und nun wollen wir uns mit Ihnen näher beschäftigen«, meinte er mit seinem stereotypen Lächeln. »Sie haben mir in dankenswerter Weise soviel Vertrauen geschenkt, daß ich dies auch erwidern muß. Ärzte für Ihre Halluzinationen gibt es nicht, aber ich kann Sie jetzt vorübergehend heilen, wenn Sie mir ein paar Tropfen Blut opfern. Diese Heilung ist keine vollständige, aber sie wird so lange andauern, bis Sie wieder von mir hören. Ich vermute, wir haben noch manches miteinander zu tun; denn eine Sache, deren Wichtigkeit Sie gar nicht ermessen können, bindet uns von jetzt ab aneinander.« Er zog ein seines Messerchen hervor und bat ihn: »Öffnen Sie das Hemd auf der Brust.« Harald tat es, und der Chinese machte einen leichten Schnitt in der Gegend des Herzens. In der anderen Hand hielt er plötzlich ein Platinbecherchen, wie es Chemiker zu benutzen pflegen, und preßte es an die Wunde, bis acht bis zehn große Tropfen Blutes es halb gefüllt hatten. Er stellte es auf den Boden und bestrich die Wunde mit einer Salbe, die nach fauligem Laub duftete, wodurch das Blut sofort ins Stocken kam. »Warten Sie einen Augenblick, bis ich wieder herunterkomme«, sagte er und trug das kleine Gefäß wieder auf den Hügel zurück, wo er kurze Zeit beschäftigt war. Während er oben weilte, fühlte Harald, wie sein Herz, das seine Schläge in der Aufregung des schnellen Aufstiegs, der Hitze und der Beichte stark beschleunigt geschlagen hatte, auf einmal wieder ruhig und so voll, wie er es nie zuvor erlebt, seinen Körper durchpulste. Jene traumhaften Geschehnisse, die er mühsam zu formulieren sich unterfangen, verblaßten auf einmal für ihn zu einem wirren und spukhaften Nichts, das er spöttisch bei sich abzutun wagte. Ja, alles noch kürzlich so Gegenständliche kam ihm auf einmal absurd, lächerlich und unmöglich vor, so daß er sich an den Kopf griff und sich vergebens zu enträtseln suchte, was ihn besessen habe. Aber der Chinese war eine Tatsache; denn er sah ihn jetzt wieder vom Hügel herabsteigen. Eine zweite Sicherheit war, daß er sich von einem seltsamen Zwang zu dem Manne hingezogen fühlte. Es war keine Sympathie, es war nicht einmal die, die man Neuartigem entgegenbringt und die mit einer gewissen prickelnden Wollust versetzt ist; es war ein unfaßbares Gebundensein an dieses leere Gesicht mit der glatten Stirn, hinter der doch so viel erstaunliches Verständnis für seine Ängste sich entfaltet hatte. Er mochte ihn im Grunde nicht, er war ihm unheimlich, ja seine wie Mäuse umherhuschenden Augen waren ihm ehrlich zuwider, und doch fühlte er, mußte er diesem Manne Rede und Antwort stehen, wann immer er es verlangen würde. Ein Seltsames war noch dabei. Nämlich trotz des flammenden Grüns um ihn herum und all der wachen Laute des Lebens stahl sich mit dem Gedanken an Herrn Sze wieder jener silberne Traum durch sein Hirn wie ein huschender Eindruck von etwas gewaltig Ersehntem, fast Erfüllbarem, dessen gletscherne Kühle sein heißes Herz einst umbettet und beruhigt hatte. Woher dieser Zusammenhang kam, war ihm ein Rätsel, und er dachte auch nicht weiter darüber nach, da er beschloß, sich von jetzt ab der Führung dieses Mannes zu überlassen. Er merkte freilich nicht, daß dieser Entschluß kein selbstgewollter war, sondern – um eine Phrase zu gebrauchen, die Herr Sze später öfters anwandte – von Urzeiten her vorbestimmter. Sie hatten das Wäldchen wieder durchquert, und auf der Landstraße sprach der Chinese: »Ich danke Ihnen für Ihre freundliche Führung. Sie werden von jetzt ab verschont bleiben von dem, womit Sie sich beunruhigt. Sie werden nicht darüber sprechen, daß Sie mich kennengelernt haben. Sie werden nach Hause gehen und weiter leben, wie Sie es gewohnt sind. Und dann, wenn die Zeit reif ist, werden Sie wieder von mir hören.« Hierauf trennten sie sich. Berufung Im Lokalblättchen war eine Notiz zu finden, daß ein ostasiatischer Gelehrter, der sich schon einiger Entdeckungen in der Chemie rühmen durfte, ein Herr namens Dr. Sze, den Aufenthalt in Deutschland als so fruchtbringend empfinde, daß er gewissermaßen in Dankbarkeit für die genossenen wissenschaftlichen Förderungen beschlossen habe, Heim und Werkstatt in Deutschland aufzuschlagen. Und zwar – so durfte das Lokalblättchen seinen Lesern verraten – habe er vor, unser Mitbürger zu werden. Er habe ein größeres Grundstück erworben, einen Teil des Pfaffenwäldchens, den er aus Privathänden erstanden, und die Absicht ausgesprochen, denselben zu entwässern. Dadurch werde gleichzeitig das Klima der Gegend befördert, indem nämlich der Sumpf dort verschwinde. Dr. Sze habe zugleich die amüsante Marotte, sein Haus so anzulegen, daß es einen Garten im Innenhof enthalte, der auch das sogenannte »Hünengrab« umfasse. Er beabsichtige – (habe er dem Reporter verraten) – Zwergbäumchen dort zu züchten und auch Tiere, die er für seine Experimente nötig habe; eine zugleich glückliche und praktische Lösung. Es entspann sich noch eine kurze Debatte darüber, ob nicht, wie man im Leserkreis vermutete, die Gegend dadurch um ein Naturdenkmal ärmer werde; denn ein solches sei das von Aberglauben umwitterte Hügelchen doch sicher. Jedoch der aufgeklärte Redakteur wußte solchen Einwänden witzig zu begegnen, indem er meinte: jener Herr sei vielleicht der Berufenste dazu, dem Aberglauben »im eigenen Heim« wirksam zu Leibe zu gehen. Zudem dürfe man nicht übersehen, daß der Stadtsäckel einen anständigen Steuerzahler gut brauchen könne und der fremde Gelehrte entschieden rentabler sein würde, als der betreffende Grund und Boden jemals gewesen sei. Der alte Freiherr von Calmus las diese Nachrichten aus der Zeitung beim Frühstück vor. Er riet zwar den Völkern Europas noch nicht, ihre heiligsten Güter zu wahren, war aber ungehalten und äußerte sich rauh über den »zudringlichen Gelben«, der doch weiß Gott hier nichts verloren habe und sicher nur die fragwürdige Absicht hege, deutsche Patente zu stehlen. Harald saß dabei und tat keinen Muck. Die Versuchung, von seiner Begegnung zu erzählen, war für einen Augenblick fast unwiderstehlich. Doch da glaubte er, im gelben Seidenschirm der Eßzimmerlampe zwei schwarze Augen auftauchen zu sehen, die ihn faszinierten und lähmten, ihn erwartungsschwanger stimmten wie ein ungewiß glänzender Hort aus dunkler Wassertiefe. Er sagte nichts und biß sich auf die Lippen. Mittlerweile wurde da draußen im Pfaffenwäldchen, so hörte man von Zeit zu Zeit, mächtig gearbeitet. Von der Überlandstraße her schlug man eine breite Bresche zu dem Hügel hinüber, und vier Wochen hindurch knarzten ziegelbepackte Lastwagen von dieser Straße in den Wald hinein. Von September ab bis Neujahr wurde gebaut, und auf einmal hieß es, das Gebäude sei fertiggestellt. Jedoch hatte Dr. Sze die ärgerliche Vorsicht getroffen, das Gelände mit einer hohen Bretterwand, die teilweise an die Stämme genagelt war, abzusperren. Hinter dieser entstand, wenn man den Berichten der Arbeiter zuhörte, ein sehr hohes, spitziges Eisengitter, so daß man befürchten mußte, es werde auch für die Zukunft nicht so einfach sein, die Baulichkeit in näheren Augenschein zu nehmen. Der Architekt selbst, den Dr. Sze beschäftigte, schwieg sich über alle Einzelheiten aus. Er hatte auch offenbar den Auftrag dazu erhalten. Keineswegs wurde er schlecht bezahlt, und dies erleichterte ihm das Schweigen darüber. Etwa Mitte Januar wurde die Lattenwand entfernt. Doch nun zeigte es sich, daß hinter dem Eisengitter rings um das ganze Besitztum herum an zwei Meter hohe, dichte Tannen gepflanzt waren, die den Einblick fast noch wirksamer verwehrten. Außerdem liefen unterhalb der wie geschliffen blitzenden Spitzen Drähte, die keineswegs Vertrauen erweckten und offenbar darauf berechnet waren, jedem unbefugten Eindringling mit einer entsprechenden Ladung von Strom zu begegnen. Nur durch das Haupttor konnte man den vorspringenden Eingang zu dem Hause entdecken, der mit einer Messingtür, die dicke flaschengrüne Glasplatten trug, geschlossen war. Außerdem tummelten sich, wie man aus dumpfem Bläffen erraten konnte, große Hunde im Garten umher. Näherer Augenschein belohnte Wartende mit der fast allzunahen Bekanntschaft von drei ungeheuren dänischen Doggen, die ihre eckigen Kopfe dicht ans Gitter schoben und Wolken von heißem Atem aus wehrhaften Rachen dem Beschauer ins Gesicht fauchten. Es waren keine liebenswürdigen Hunde. Ihre bernsteingelben kleinen Augen hatten auch untertags etwas tückisch Schillerndes; sie wedelten nie, diese Hunde. – Es war eigentümlich, so versicherten müßige Spaziergänger, mit welcher Nonchalance Herr Sze mit den Bestien umsprang; wie bedingungslos sie selbst kleinen, kaum wahrnehmbaren Gesten parierten, die er nebenhin vollführte; oder wie sie sich duckten, wenn er ihnen einen Schwall nie gehörter Silben entgegenschleuderte, bunter Silben, die wie Magie wirkten. Harald hörte alle diese Gerüchte mit jenem Gefühl, das Kinder in Erwartung einer kommenden Weihnachtsbescherung haben, und je näher der Zeitpunkt rückte, wo er Grund zu haben glaubte, von seinem seltsamen Freunde zu hören, desto lebhafter und aufgeweckter erschien er im Familienkreis. Die Eltern wunderten sich fast darüber, und wenn sie sich ihrer Liebe zu diesem prächtigen Jungen auch nicht immer bewußt gewesen, so empfanden sie doch jetzt diesen fröhlichen Geist im Hause mit verstärkter Zärtlichkeit. Der alte Freiherr zog ihn öfter als sonst ins Vertrauen, machte Pläne mit ihm, schwor ihm zu, es in seiner künftigen Ausbildung an nichts fehlen zu lassen – wenn Gott ihm das Leben schenke. »Vater,« rief Harald, »du wirst ur alt.« »Wenn wir zusammenbleiben, vielleicht. Denn zum Teufel, du hast etwas Ansteckendes. Ich vergesse schon schier meine Gicht, wenn du dabei bist.« Und der alte Mann, seine unmilitärische Befangenheit mit rasselndem Lachen bemäntelnd, schlug ihm mit der unsteten Hand derb auf die junge Schulter. Es war Harald noch nie ins Bewußtsein gekommen, wie wohl es tut, achtzehn Jahre zu zählen. Er bereitete sich auf das Abenteuer, das seiner harrte und das er sich keineswegs als schlimm oder schwierig vorstellte, zwischendurch mit leisem Gruseln vor. Seltsamerweise kam ihm nie der Gedanke an eine wirkliche Gefahr. Wo wäre die auch zu erblicken gewesen? Und wenn es dazu kommen sollte, daß jener etwas Fragwürdiges mit ihm im Schilde führe, so brauchte er sich bloß zu betrachten, um eine kühle Sicherheit zu finden. Er war über sein Alter hinaus kräftig. Unablässige Muskelbewegung hatte seinen Körper gestählt. Doch bald fand er den Gedanken lächerlich; denn gleichzeitig kam ihn eine knabenhafte Scheu an: der Respekt bloßer Jugend vor dem Hirn . Ein verdammt kluger Bursche muß er doch sein, sonst hätte er mich damals nicht so zum Schwatzen gebracht, sinnierte er. Für mich als – sagen wir – künftigen Diplomaten ist es vielleicht eine gute Schule, schon jetzt mit solchen Herren umgehen zu lernen und hinter ihre Verschmitztheiten zu kommen. Warten wir es ab.   Es war im März und warm. Die Äcker waren noch brüchig und braun. Der Föhn brauste im Pfaffenwäldchen und bewegte die Zweige, die von Keimen strotzten. Die Telegraphenstangen orgelten, und nächtens schwangen die Bogenlampen hin und her und erzeugten gespenstische Wettrennen von Schatten auf der Gasse, an der Harald wohnte. Er saß eines Nachts am Fenster. Ein halber Mond blickte durch hastende Wolken. Er hörte das unablässige Brausen des Windes, der sich stöhnend um die Ecke drängte und, wo er eine Freistatt fand, sich dröhnend entfaltete. Das Geräusch in den Kaminen ringsum gemahnte an fernes Stimmkonzert von Kindern, die um Hilfe schreien. Das Fenster klirrte so heftig, daß Harald die Lampe löschte und es öffnete. Eine feuchtwarme, riesige Hand griff ins Zimmer und verrückte die Gegenstände, wühlte in seinem Haar und umhüllte seine Brust. Aus der unendlichen Verschiedenheit der Laute konnte er keinen bestimmten herausheben. Nur auf einmal war es ihm, wie wenn während einer kurzen Sturmpause oder gleichsam unter dem Sturme ein Klang von der Gasse heraufwehe, der mit seinem Namen verwandt schien. Jetzt hörte er es noch einmal ganz deutlich, das Wort »Harald«. Er beugte sich mit geknicktem Leib aus dem Fenster und spähte hinab. Da sah er einen Schatten drunten stehen. Es war ein Mann, in einen Ulster gehüllt, der sich im Winde blähte und seinem Träger die verschiedensten grotesken Formen gab. Auf einmal erglühte etwas am Gesicht des Mannes, ein elektrisches Lämpchen, und beleuchtete die Züge Dr. Szes. Es war ein kurzes Aufblitzen, doch es genügte für Harald, um das große gelbe Gesicht zu erkennen. Kurz darauf hörte er eine Stimme, die ihm zurief leise, dringend und doch deutlich: »Heute nachmittag drei Uhr!« Der Sturm wälzte gleich darauf eine Brandung von Geräuschen herzu. Ein Barbierschild rasselte klirrend auf die Straße herab. Irgendwo polterte ein brüchiger Schornstein knatternd über das Blech von Regenröhren, und ehe Harald sein eigene Stimme bemerkbar machen wollte, war der Schatten auf der Straße spurlos verschwunden, wie aufgelöst in den Hexentanz der anderen, die längs der Häuserwände hin und her fuhren. Er schlief in dieser Nacht nicht mehr. Die Erwartung des Abenteuers bedrückte sein Herz und ließ es beschleunigt schlagen wie in frühen Schulzeiten, wenn er einen gewagten Streich im Sinne hatte, zu dem wohl alle Sicherungen getroffen waren, der aber unter Umständen Ertappung und Bestrafung möglich machte. Die knabenhafte Freude an Geheimniskrämerei überwog. Er überlegte sich, ob er für alle Fälle – und sei es nur der Hunde wegen – eine Waffe mitnehmen solle; schlich dann ins Arbeitszimmer des Vaters hinüber und stahl nach einigem Suchen dessen automatischen Revolver, ein kurzes, handliches Ding aus schwarzem Stahl, das sich gut in der hinteren Hosentasche unterbringen ließ. Er verwischte die Spuren des Diebstahls, so gut es ging, ging dann wieder in seine Kammer und kleidete sich an. Er durfte kein Aufsehen erregen durch zu frühes Wachsein. Es hieß Geduld üben und beim Frühstück wie auch beim Mittagessen das gewöhnliche Gesicht zeigen. Was brauchten seine Eltern auch zu wissen, daß er Beziehungen zu dem Gelben unterhielt? Mit der Zeit, wenn unsere Bekanntschaft nicht mehr so jung ist, kann ich sie ja darüber aufklären, und mein Vater wird Lebensart genug haben, nicht taktlos dazwischenzufahren. Der Föhn dauerte auch den ganzen Morgen noch an. Leichte warme Regenschauer wechselten mit blauem Himmel. Um zwei Uhr machte er sich auf den Weg, ohne sich zu verabschieden, denn er würde ja bis Abend wieder zurück sein, und wenn es später wäre, so könne er ja irgendeine Ausflucht bis dahin ersinnen. Als er in das Wäldchen eintrat, übersprühten ihn die Bäume mit unablässigen Tropfengarben, so daß ihm die Nässe bis auf die Haut drang. In ziemlich beschmutztem Zustand und von Kühle schauernd, kam er um die angegebene Zeit vor dem schmiedeeisernen Gitter der Umfriedung an. Eine Klingel war nicht zu entdecken. Die drei großen Doggen schritten langsam heran, die eckigen Köpfe starr dem Besucher zugewandt. Er versuchte, sie zu locken und ein freundliches Wort zu sprechen. Doch all dies hatte nur den Erfolg, daß sie etwas näher kamen, dann auf säulenstarren Beinen gleich Monumenten umherstanden und leise knurrten, mit jenem tief aus der Brust heraufgeholten Knurren, das viel bösartiger ist als lautes Gebell. Er suchte nach einer Klingel und fand sie nicht. Doch mit einem Male tat sich lautlos die Tür im Eingang hinten auf, und der Doktor schlüpfte heraus. »Im Interesse der Wissenschaft . . .« Er war makellos gekleidet. Ein niederer Kragen von schneeiger Korrektheit mit schwarzer Binde umschloß seinen Hals, und ein unauffälliger grauer Anzug von bestem englischen Stoff umhüllte, verschwenderisch geschnitten, die hohe Figur. An den Füßen trug er ausgeschnittene Hausschuhe aus Ziegenleder. Da der Weg mit Kies bestreut war, brauchte er keine Angst zu haben, sie zu beschmutzen, was er bei seinem katzenleichten Gang auch sonst vermieden hätte. Er trug eine goldene Brille und winkte freundschaftlich mit der Hand. Auf ein kurzes unverständliches Wort hin zogen die Bestien sich in geziemende Entfernung zurück. Der Doktor raschelte eine geraume Weile mit einer großen Menge von kleinen Schlüsseln an allerhand versteckten Innenschlössern; dann öffnete sich das schwere Tor lautlos und ließ Harald durch. Dr. Sze schloß ebenso sorgfältig wieder ab – (der Hunde wegen – wie er lächelnd sagte; denn diese hätten schon öfters versucht, auszubrechen); – und dann führte er seinen Gast in das Haus. Die Messingtür schnappte hinter ihnen zu mit einem leisen »Klick«, und Harald kam es einen Augenblick so vor, als ob etwas in seinem Leben damit entzweigeschnitten werde . . . Auch besorgte es ihn flüchtig, daß die Tür innen keine sichtbare Klinke oder Schloß trug, sondern glatt poliert war und sich schier ohne Ritzen in ihren Rahmen fügte. Dr. Sze geleitete ihn in einen kleinen Vorplatz und von dort in eine Art Laboratorium, das in jeder Beziehung modern eingerichtet schien, besonders was die elektrischen Anlagen anging, die er offenbar durch einen Motor vom Keller her speiste. Ein leises Vibrieren kam von dort, das mit dem Pulse der Maschine auf einem großen Dampfer vergleichbar war. Durch das Laboratorium hindurch geleitete er den jungen Bekannten, dann schlug er eine blauseidene, mit goldenen Drachen bestickte Portiere zurück, und man war in einem sehr einfach ausgestatteten Gemach, worin sich nur ein großer grasgrüner Teppich mit antiker Ornamentierung und wenige geschnitzte Taburetts befanden. Eine Unmenge von Kissen war am Boden verstreut. »Gedulden Sie sich gütigst einen kleinen Moment«, sagte Dr. Sze. Harald setzte sich resolut auf eines der Kissen, und es dauerte keine fünf Minuten, bis der Wirt mit einer lackierten Tragplatte erschien, auf der sich ein blauweißes, sehr schmuckloses Teeservice befand ohne Zucker und Milch; zwei henkellose Täßchen ohne Untersatz und eine Kanne. Grünlicher Tee ward ausgeschenkt. Harald verbrannte sich fast die Finger, als er die Tasse mit der Faust umschloß, und Dr. Sze lächelte und sagte: »Es ist die Art, Tee zu genießen. Außerdem verbrenne ich mich nie; denn meine Hände sind sehr kühl.« Ja, es schien ihm noch daran gelegen zu sein, sie zu wärmen; denn er hielt die Tasse volle fünf Minuten lang mit beiden Händen umschlungen, ohne eine Miene zu verziehen. Als die ersten Täßchen geleert waren und eine wohltätige Wärme in Haralds Magen entstanden war, verschwand der Doktor wieder und kehrte nach einiger Zeit zurück. Er war nicht der unauffällig-elegante Europäer mehr; er trug jetzt ein hemdartig geschnittenes Gewand aus schwarzer Seide, über der Brust farbig bestickt; und statt in filzbesohlten Schuhen staken seine lautlosen Füße in flachen Sandalen. Die Ärmel des Gewandes waren weit und hingen ihm in Ruhe bis zu den Fingernägeln herab. Sein Haar war mit einer schwarzen Tuchkappe eng an den Kopf gepreßt. Er brachte ein zweites, genau so geschnittenes Gewand mit, das er vor Harald hinlegte. »Sie sind ganz durchnäßt, wie ich bemerke«, sagte er vertraulich. »Es ist hier gut geheizt, und es ist besser, Sie ziehen sich um, damit man Ihre Sachen trocknen kann.« Während Harald dies tat, beobachtete ihn der Doktor aus halbgeschlossenen Lidern, wobei seine Nüstern leise vibrierten. Das Gewand paßte dem Jungen wie angegossen, ebenso die Sandalen, und der Doktor trug die Kleider hinaus. Kurz bevor er den Vorhang erreichte, tastete er das Ding ab, das sich in Haralds Hosentasche befand, und ein leiser Zischlaut kam aus seinem Mund. Nach seiner Rückkunft tranken sie schweigend zwei weitere Täßchen leer. Der Doktor bot Zigaretten an. Sie waren dick und äußerst aromatisch mit fremdem Beigeschmack, der Harald nicht weiter störte und ihm äußerst »echt« vorkam. Er war jetzt mit der Zeit neugierig geworden, ob das zeremonielle Betragen des Gastgebers nun sein Ende erreicht habe und bat ihn in Gedanken, er möge zur Sache kommen, da es doch offenbar ein ganz bestimmter Zweck war, zu dem er geladen schien. »Sie haben recht,« sagte Dr. Sze auf einmal, »ich komme jetzt zur Sache.« Harald fuhr erschrocken zusammen. War dies Gedankenleserei? – oder Zufall? »Was die da unfreiwillig entdeckt haben im letzten Sommer,« fuhr Dr. Sze fort, »es ist ein großer Meteorit . Sie werden mir es wohl nicht glauben, wenn ich Ihnen sage, daß ich diesem Meteoriten schon einige Zeit auf der Spur bin. Er ist doppelt so groß als der ›Eiserne Berg‹ in der Melville-Bai, der, wie Ihnen bekannt sein dürfte, achtzehnhundertachtzehn gefallen ist, also erst ganz kürzlich, wenn ich so sagen darf . . . Derlei Neulinge sind gar nicht der Rede wert, denn aus Schriften, die ich kenne, stand es schon vor dreitausend Jahren fest, daß vor schon damals undenklichen Zeiten unser Besuch hier angekommen sei; und zwar deuteten gewisse Formeln jener uralten Schriften darauf hin, daß er irgendwo im Herzen des jetzigen Europa stecken müsse. Ich bin vielleicht einer von dreien, denen es im Laufe von Jahrhunderten gegeben war, diese Schriften überhaupt zu entziffern; sicherlich aber der einzige, der die Berechnungen deuten konnte. Und daß ich nicht schlecht geraten habe, dafür zeugt ja meine Anwesenheit hier . . . Mein junger Freund! Ich habe keine politische Mission. Meine Mission ist unendlich viel wichtiger. Augenblicksgeschäfte mache ich nicht. Um vor Neugier sicher zu sein, habe ich den Ort dieses Meteoriten abgegrenzt; denn man muß ihn studieren. Es ist wichtig, daß man sich näher mit ihm befaßt. Sie werden verstehen, daß die Wissenschaft ein brennendes Interesse daran hat, und ich bin vielleicht eitel genug, mein alleiniges Patent auf diese Entdeckung nach Kräften auszunützen. Der Grund, weshalb ich Sie hierhergebeten habe, ist der, daß Sie mir helfen möchten, den Klotz auszugraben und der Betrachtung zugänglich zu machen. Ich brauche eine junge Kraft dabei, obwohl ich selber ziemlich gut arbeite. Aber zu zweit geht es besser, das verstehen Sie wohl.« Haralds Mund hatte sich vor Erstaunen geöffnet. Er starrte seinen Gastgeber aus seinen blauen, unschuldigen Augen an und rief eifrig: »Natürlich helfe ich Ihnen! Welch ein Abenteuer! Und ich werde keinem Menschen etwas davon sagen, bis Ihre Schrift erschienen ist!« »Nein, Sie werden keinem Menschen etwas sagen«, meinte Dr. Sze und lächelte. »Aber ich möchte Sie bitten, bis das Werk vollendet ist, mein Gast zu sein.« Dieser Gedanke war neu für Harald. Er verfiel in Grübeln. »Ob das aber gut möglich ist?« fragte er bescheiden. »Sie wissen, meine Eltern haben noch keine Ahnung, daß ich hier bin, und eine Verständigung müßte erfolgen. Ich bin sicher, daß sie mir die Erlaubnis nicht verweigern werden.« Dr. Sze lächelte stereotyp, indem er leise sagte: »Sie werden niemanden verständigen.« Eine Stille folgte. Das Blut wich langsam aus Haralds Gesicht. Er ward sich plötzlich mit kurzem Schreck bewußt, daß er seinen Revolver in der Tasche gelassen hatte. Er sagte: »Wenn Sie wünschen, werde ich natürlich nichts von mir hören lassen, obwohl es grausam gegen meine Angehörigen ist.« Er stand auf. »Ich habe übrigens mein Taschentuch vergessen . . .« Dr. Sze bemerkte ruhig: »Greifen Sie in Ihren Ärmel.« Harald tat es und zog ein mächtiges Tuch von Rohseide hervor. »Die Sachen trocknen draußen. Ich habe sie versorgt.« Harald setzte sich ratlos wieder hin. »Sehen Sie,« fuhr der Unerschütterliche fort, »es hat gar keinen Zweck, meine Wünsche zu mißachten. Sie könnten gesehen werden. Man wird Sie ausfragen, die Sache wird ruchbar, ob Sie es wollen oder nicht. Und im Interesse der Wissenschaft . . .« »Das Interesse der Wissenschaft«, schrie Harald auf, der jetzt die Fassung verlor, »ist mir auch nicht so viel wert (und er knallte mit den Fingern), wenn es sich um die schwerste Angst meiner Eltern handelt, die so leicht beruhigt werden könnten.« »Ihnen nicht,« war die Antwort, »aber mir.« In diesem Moment verspürte Harald die größte Lust, in dieses glatte, lächelnde Gesicht mit der Faust hineinzuschlagen. Jetzt geht es Mann gegen Mann, schoß es ihm durch den Kopf. Mit plötzlicher Wucht und mit einem Sprung warf er sich auf den Chinesen. »Sie führen etwas im Schilde«, keuchte er dabei. Er entwickelte ungeahnte Kraft. Er packte den Gelben bei den Schultern und zwang ihn nach rückwärts auf den Boden. Dr. Sze hatte die Augen geschlossen und lag schier leblos dort. Sein Lächeln hatte etwas Ekstatisches. Harald glaubte ihn von einer Ohnmacht befangen und eilte in schnellen Sätzen auf den Vorhang los; da hörte er ein Gewisper hinter sich. »Es ist fruchtlos, mein Freund. Sie können nicht hinaus, und außer mir ist niemand da, der Ihnen öffnen könnte.« Dies erhöhte seine Verzweiflung. Er raste durch das Laboratorium, um seine Kleider zu suchen. Doch wie fieberhaft er auch suchte, es war vergebens. Gebrochen, mit wankenden Knien kehrte er endlich nach dem Zimmer zurück. Dort saß der Chinese wie früher und schluckte von der vierten Tasse Tee, mit der er sich soeben versorgt. Er machte eine grandiose Handbewegung und lud seinen Gast wieder zum Sitzen ein. »Es führt, wiederhole ich Ihnen, zu nichts, wenn Sie sich aufregen. Sie können sich übrigens beruhigen. Wir sind beide nur zwei Puppen in der Hand eines Schicksals, und die Berufung, die wir beide zu erfüllen haben, ist so ungeheuer wichtig, daß meine und Ihre kleinen Interessen dagegen gänzlich verblassen. Lassen Sie sich aufheitern!« Er zauberte irgendwo eine gestielte Flasche hervor, aus der er einen gelblichen Trank schenkte. »Ein wenig Reisbranntwein; und wenn Sie wollen, fügen Sie einige Tröpfchen aus diesem Fläschchen bei. Sie brauchen nicht zu besorgen, daß ich Sie vergiften will; ich habe Sie viel zu nötig.« Er maß zehn grüne Tröpfchen in Haralds Glas, das dieser zögernd in der Hand hielt. »Trinken Sie es hinunter«, sagte Dr. Sze. Harald tat es, und schier gleichzeitig kam eine große Gleichgültigkeit über ihn. Kaum hatte der Trank halbwegs seine Wirkung getan, als diese Gleichgültigkeit sich in eine wohlige Unternehmungslust auflöste, die eng mit der geplanten Arbeit zusammenhing. »Gut,« sagte er aufatmend, »tun Sie mit mir, was Sie wollen; aber bedenken Sie, daß Sie eine große Verantwortung auf sich laden und daß wir hier in Deutschland leben, wo es Gesetze gegen Freiheitsberaubung gibt.« »Ich habe alles bedacht«, meinte der Doktor gleichgültig. »Meine Berechnung wird stimmen. Sie werden sich nicht zu beklagen haben, doch wollen wir jetzt einmal sehen, wie wir am besten beginnen.« Der eiserne Kopf Er stand auf, und beide gingen aus dem Zimmer hinaus. Ein kleiner Gang nach dem Innenhof zu ward durchschritten, und was Harald zunächst zu sehen glaubte, war ein Treibhaus. Doch bei näherer Betrachtung, als sie angelangt, erwies sich dieses Treibhaus als eine mäßig erwärmte Halle, dem Patio eines spanischen Hauses nicht unähnlich, die von ganz bedeutender Größe und Höhe war. Quadratische Glasplatten, die durch elektrische Klappvorrichtungen zu öffnen waren und durch deren grüne Decke der Himmel wie durch Wasser herabschimmerte, überdachten den Hof, der so geräumig war, daß der ganze kleine Hügel darin Platz fand. »Ein hübsches Arrangement, wie?« meinte Dr. Sze und lächelte. Er kletterte, die schwarzen, knisternden Ärmel wie Flügel schwingend, auf dem Hügel umher, einer tropischen Fledermaus ähnlich, einem Fliegenden Hund, der im Dämmerlicht beginnt, sich zu regen. Als er oben stand, konnte er das Glasdach gerade mit gestrecktem Flügel erreichen. Er stelzte wieder herab und deutete auf Hacken und Schaufeln, die in einer Ecke aufgestapelt lagen. »Wo tun wir die Erde hin?« meinte Harald. Dr. Sze führte ihn um den Hügel herum, und hier öffnete sich vor ihnen ein Loch mit schiefem Eingang, wie ein Kellerfenster, durch das man Kohlen schüttet. »Es ist Platz genug da unten für die Erde; außerdem schälen wir den Block nur heraus und brauchen nicht den ganzen Hügel abzutragen. Der Block sitzt nicht tief in der Erde, sondern die Steine haben ihn nicht eindringen lassen, so daß er gleichsam als Bekrönung auf einem eigenen Fundamente sitzt. Es wird einige Zeit dauern, bis wir dieses Monstrum, das Hunderte von Tonnen wiegt, ganz befreit haben; doch für einen so kräftigen Jungen wie Sie müßte es eine Leichtigkeit sein und eine Freude zugleich.« Diese suggestiven Worte bewirkten, daß Haralds Knabenneugier die Oberhand gewann und er mit ehrlichem Interesse den Weisungen des Doktors folgte. »Am besten, Sie befreien sich jetzt von Ihrem Gewand«, sagte der Doktor. »Ich werde dirigieren und Ihnen sagen, wo Sie die Sache anzupacken haben.« Harald warf den schwarzen Kittel ab und ergriff eine Hacke, mit der er auf den Hügel zurückkehrte. Die Treibhauswärme machte es ihm direkt zum Bedürfnis, nackt zu arbeiten. Er hieb mit aller Gewalt in die Stellen, die der gelbe Finger mit dem spitzen Nagel ihm wies, der brüchige Lehmboden kollerte in großen Brocken hernieder. Unablässig, unermüdlich schwang er die Hacke. Nicht einmal Schweiß trat auf seine blanke Haut. War das etwa den grünen Tropfen zu danken, die er zu sich genommen? Er vergaß völlig der Zeit. Der Himmel über dem grünen Glasdach dunkelte und nahm die Färbung der Tiefsee an. Gleichzeitig aber machte sich ein schon vorher phosphoreszierendes Licht bemerkbar, das an Intensität wuchs und das Glasdach wiederum erhellte, so daß wundervoll funkelnde Strahlenbrechungen darin entstanden. Das Licht nahm seinen Ursprung offenbar von versteckten elektrischen Lampen. Das Funkeln wurde so stark, daß es die ganze ungeheure Halle mit Tageshelle erfüllte. Was hatte es jetzt noch für einen Sinn, sich nach dem Stand des Zeigers umzutun? Uhren hatten hier ihren Sinn verloren, da es sich doch um Wochen handelte, die er hier zuzubringen hatte und Tag und Nacht ohne die Trennung von Hell und Dunkel verliefen. Von dem Sturm draußen drang nicht das leiseste Wispern durch Mauern oder Glasplatten. Manchmal erzitterten diese ganz unmerklich; vielleicht war ein Ast darauf gestürzt. Sonst aber behielten sie das stille, intensive Glühen bei. Unablässig klang die Hacke. Fortwährend schlug sie an Eisen mit klirrendem Ton, der an zerborstene Kirchenglocken gemahnte. Stunden mochten verflossen sein, ehe Dr. Sze, der jede neue Entblößung des Meteoriten mit aufmerksamsten Augen verfolgte, die Hand hob und ihn anzuhalten bat. »Es ist soweit«, sagte er. »Wir dürfen es nicht allzusehr beschleunigen, du mußt dich für den Anblick stärken.« Harald blickte für einen Augenblick verblüfft auf. Das »Du« klang eigentümlich in dieser Stille, überraschend für einen, der ihn gefangen hielt und ihn bis jetzt mit eisiger Korrektheit behandelte. Aber seine Verwunderung darüber dauerte nicht an. Es hatte zu natürlich geklungen, und es war ihm auch inzwischen das Bewußtsein in Fleisch und Blut übergegangen, daß er und dieser seltsame Asiate von irgendeinem Zwang zusammengeschmiedet seien, der sich nicht lockern ließ, und an dessen Fessel alle Phrasen wirkungslos zerschellten. »Komm jetzt herab«, sagte Dr. Sze. Harald folgte ihm bis hinunter. Und was er dort unten erblickte, machte ihm den Atem stocken. Er wäre fast nach hinten gesunken, wenn nicht des Doktors Hand sich eng um seinen Arm gepreßt und er nicht ein leichtes Eindringen der spitzen Nägel auf der Haut gespürt hätte, einen leichten Schmerz, der ihn bei vollem Bewußtsein erhielt. Zunächst sah er freilich nur eine Masse von zackigem Nickeleisen, von Löchern durchbohrt wie ein Schwamm und mit geborstenen Spitzen bekränzt. Dann auf einmal ward ihm klar, daß dies ein ungeheurer Kopf schien, den er ausgegraben. Es war ein Antlitz, was dort herabstarrte; es war formlos; doch alles, was zu einem Antlitz gehört, war deutlich erkennbar. Zwei Löcher, in denen schwarze Dunkelheit saß, glotzten blind hernieder; eine gebogene Nase mit scharfem Rücken, besetzt von widerlich silbrigen Protuberanzen, wuchs zwischen ihnen herab. Lehm klebte noch an ihrer Spitze, aber was unter diesen Nüstern quer durch das zerfetzte Metall wuchs, war ein Maul, ein schnappendes Maul von so unerhörter Brutalität, von solchem Ausmaß, daß jede lauernde Maske, in Alpträumen erdacht, zu nichtssagender Puppenunschuld schrumpfte. Es war ein klaffender Schlund, mit zerfressenen Zähnen besetzt, die gleich unregelmäßigen Hauern wie ein Gestrüpp von metallenen Zacken am Rand emporgezerrter Lippen kranzartig durcheinanderwucherten . . . Was das Widerlichste war: dieses Maul, dieses alles schlingende, schien zu lächeln; – ja, die Spitzen dieser gierigen Höhle schienen emporgezerrt zu satanischem, stillem, unersättlichem Grinsen. Dieser Dämonenkopf glotzte von dort oben herab, und all das funkelnde, grünliche Licht, das so lebensvoll unter dem Dache spielte, rief nur stumpfen Reflex, den von Eisen und starrer Kälte, auf ihm hervor. Der Ausdruck war so entsetzlich in seiner versteinerten Tierhaftigkeit, daß Harald trotz der feuchten Schwüle sein Blut gefrieren fühlte und an allen Gliedern zitterte. »Sieh ihn jetzt nicht an. Beuge den Kopf. Ich werde dich stärken.« Dr. Sze war wieder entschwunden und kehrte mit der selben Flüssigkeit zurück, die Harald schon einmal so wohlgetan. Er brachte sie an des Knaben erblaßte Lippen, und dieser schlürfte. Als er wieder aufblickte, sah er dort oben ein Stück Eisen hervorlugen, das nichts weiter zu sein schien, als eben das Erwartete, nämlich ein Teilstück des Meteoriten von vielleicht reichlich abenteuerlicher Form. »Um Gottes willen,« stammelte er, »was war das dort oben?« Dr. Sze lächelte und sah ihn fast erstaunt an. »Du erschrickst leicht, mein kleiner Freund«, meinte er plaudernd. »Doch ich gebe zu: es ist eigentümlich, wie seltsam der Durchgang durch die äußerste Luftschicht so ein Stück Eisen aus dem Weltenraum modellieren kann. Da gibt es manchmal fratzenhafte Gebilde . . . Stelle dir vor,« meinte er und beugte sich gemütlich herab, »du hast hier ein Stück Blei. Du schmelzest es und läßt es in kaltes Wasser rinnen. Du erhältst einen Hund oder einen Schlitten oder ein Häuschen oder ein Gesicht, alles, was dein Herz begehrt. Das ist nichts Abnormes, und der Vorgang ist hier der gleiche.« Harald blickte wieder auf. »Nein,« schrie er plötzlich, »es kann nicht sein, es lebt schon wieder, das Ding dort oben, es schnappt nach mir. Helfen Sie«, und außer sich, drängte er sich an den Chinesen. »Lassen Sie mich heraus. Ich halte es nicht aus, lassen Sie mich, ich beschwöre Sie!« »Phantastereien«, murmelte der Asiate. Er legte ihm die kühlen Hände, die welken Kastanienblättern glichen, auf die heiße Stirn und strich ihm leicht mit den Fingern über die geschlossenen Augen. Sofort verstummte das Schluchzen. Harald richtete sich auf. Dr. Sze blickte ihn mit etwas erweiterten Augen an. Mit einem Male versank alle Angst, alle Beklemmung, ja alles Gedächtnis an das Frühere wie ein böser Traum. Erstaunt blickte Harald auf: wie kam er hierher? Wo war er hier? – Nichts beunruhigte ihn mehr. Nur das wußte er, daß er ein Werk zu vollenden hatte, und dieses Werk erschien ihm nicht mehr schwierig. – Er blickte sich suchend um. »Soll ich weitergraben?« »Wenn du nicht müde bist, so tue es. Wir können uns Zeit lassen. Übrigens hast du so schnell gearbeitet, daß ich sehr zufrieden mit dir bin. Wenn du willst, kannst du dich jetzt damit beschäftigen, die Erde in den Schacht zu werfen. Ich denke, wir räumen sie regelmäßig zwischendurch hinaus, damit wir immer genug Platz haben.« Harald, ohne ein Wort zu sagen, warf die Hacke weg, ergriff eine der Schaufeln und machte sich an die Arbeit. Als er damit fertig war und sich umsah, hatte die Beschaffenheit des Lichtes in der Halle sich wieder geändert. Das Geflimmer hatte sich in ein breites, ruhiges Glänzen verwandelt. Das war Tag, war Sonnenlicht da oben. In Klarheit übertraf es das künstliche kaum, so daß man sich immer noch einbilden konnte, es sei Nacht. Doch der Übergang war so zart und unvermutet, daß die Tageszeit gänzlich an Bedeutung verlor . . . Harald versuchte wiederum nachzugrübeln, wie er hierhergekommen sei; jedoch standen nur wenige Dinge klar in seinem Gedächtnis; hoben sich beleuchtet darin ab inmitten einer Flut nun unerkennbar trüber und gänzlich verdunkelter Dinge. Er dachte an einen Spaziergang, an drei sich rätselhaft folgende Geschehnisse, die mit Blut verknüpft waren; er dachte an seine Begegnung mit dem Chinesen und an eine silberne Vision, die sich zutiefst in sein Hirn gebrannt. Er grübelte, wann und wo er all dieses erlebt. Nichts kam ihm zu Hilfe; und er gab es auf. Sein Leben schien von nun ab nur mit Erlebnissen verkettet, die auf diesen seltsamen Menschen dort Bezug hatten. Das andere, ach, das andere war so unendlich belanglos, daß das Hirn sich nicht einmal Mühe gab, es in greifbare Bilder umzuschaffen. Weitere Überrumpelungen Der Asiate winkte ihm und führte ihn in einen Raum, in dem sich ein kleines Bassin befand. »Wasche dich jetzt und ruhe dich aus.« Als Harald in dem erwärmten Wasser lag, überfiel ihn ein unendliches Wohlgefühl, jedoch blieb sein Geist stetig dabei wach. Er schlief nicht wirklich, sondern es war das Gefühl des Entrücktseins, das er schon früher gekannt: – als schwebe er auf Luft, wie auf Daunenpolstern, in vollständiger Wunschlosigkeit. Dann, allmählich, meldete sich Hunger. Er begann, seine Umgebung zu betrachten, ihre raffinierte Einfachheit, ihren unaufdringlichen Luxus reizend und anheimelnd zu finden, und trocknete sich ab. Langsam legte er wieder den schwarzseidenen, hemdartigen Kittel an, in den sein Körper auf einmal mit Widerwillen schlüpfte. Die Seide, statt zu kühlen, beengte ihn; irgendwo schienen die glitzernden Metallfäden im dunklen Blumenprunk der Stickerei seine junge, von leichtem Atem bewegte Brust einzudämmen und die zarte Haut mählich zu erhitzen gleich blutziehendem Pflaster, – überall schien sich der Stoff anzusaugen, so an den Knien; und die Regung der Schenkel schien behindert, wie durch fremdartig-lähmende Wollust, so als suchten sie Spielraum unter enger Nesselkutte. Er versuchte, das Gewand wieder abzutun, doch seiner Hände, sobald sie die Hüfte berührten, bemächtigte sich Gleichmut und Schwäche; ja, jene Wollust mündete in den unbestimmten Wunsch von Selbstaufgabe, in fatalistischem Vernichtungswillen gegen sein eigenes, in köstlicher Jugend strotzendes Fleisch. Jetzt ertönte ein leiser Gongschlag, der ihn in ein entferntes Zimmer rief. Hier stand ein vollständiges, reichliches Mahl für ihn bereit. Nur fehlte ein Stuhl, und so ward es auf der Strohmatte, die den Boden bedeckte, von hübschen, fremdartig gezierten Tellern genossen. Dr. Sze zeigte eine befremdende Appetitlosigkeit. Er bediente sich zweier elfenbeinerner Stäbchen, mit denen er einige Reiskörner aufpickte und sie kurz vor dem Herabfallen auf äußerst geschickte Weise in den Mund schleuderte. Dazu trank er wieder seinen unvermeidlichen Tee. Er war mit seiner Mahlzeit schon längst fertig, als Harald sich noch mit dem ersten Gang beschäftigte. Als die Mahlzeit beendet war, warf er ein flaumleichtes Tuch über die Teller, und man zog sich in das ursprüngliche Empfangszimmer zurück, um bei dem Genuß einiger Zigaretten zu plaudern. Während Harald gegessen und einen schier rasenden Hunger befriedigt, hatte er kaum Zeit gefunden, über sich nachzugrübeln. Doch jetzt, bei türkischem Kaffee, drängte sich wieder eine mühsam zurückgehaltene Vorstellungswelt herzu, deren er sich kaum erwehren konnte: so als ständen vertriebene Gedanken, unendlich irdisch und zwingend, wie Bettler vor einer verschlossenen Tür und pochten und schrien unablässig. Doch das Tor seines Gedächtnisses war so fest verrammelt, daß ihre Klage nur wie leise Seufzer hindurchzudringen vermochte. Ja, es seufzte in ihm, und er wußte nicht, woher diese tiefe Traurigkeit stammte; denn alles, woran seine Gedanken rührten, zog sich blitzschnell zurück gleich Schneckenfühlern, die er betastete. Etwas war verschollen, etwas Unwiderbringliches, unendlich Wichtiges. Er krauste die Stirn; seine Augen verloren schier ihren Glanz; mit einer entsetzten Bewegung faßte er auf einmal den Doktor nach dem Arm und fragte keuchend: »Mir fehlt etwas! Mir fehlt etwas! Seit wann bin ich hier? Und was war vorher?« Der Chinese wandte ihm ein erstauntes, leeres Gesicht zu. » Vorher? Sind wir nicht immer zusammengewesen, seit du denken kannst? Haben wir uns denn je getrennt? Bist du nicht mein kleiner Freund? Habe ich dich nicht großgezogen hier? Hast du je etwas anderes gekannt als mich, als dieses Haus, als die Halle da drüben?« Harald schüttelte langsam den Kopf, aber es fiel ihm keine Antwort ein. »Verzeihen Sie, » sagte er stockend. »Ja; Sie müssen recht haben . . . Ich kann mir nichts anderes vorstellen.« »Es steht dir frei, dir Beliebiges vorzustellen«, meinte Dr. Sze achselzuckend. »Du änderst darum nichts an Tatsachen. Im übrigen haben wir es ja so gut, warum sollen wir uns nach etwas anderem sehnen?« Sie rauchten schweigend weiter. Wiederum fühlte Harald plötzlich die großen Hände gleich welken Blättern auf seiner Stirn, und als diese kühle Berührung ihn verließ und er wieder aufsah, waren auch die klagenden Bettler vor dem Tor, seine Gedanken an früher gewichen und alles in seinem Hirn erloschen – alles bis auf dies eine Gefühl, daß er sich wohlfühlte und es sein Leben lang nicht besser haben wollte.   So verrann die Zeit in ewig-gleichmäßiger Arbeit. Was Haralds Mühe endlich herausgeschält hatte, und was dort in voller Größe thronte, war ein hockender, plumper Götze. Trat man nahe an ihn heran, so löste er sich in seine Bestandteile auf, denn das Auge konnte seine Ausmaße nicht zusammenfassen. Man konnte auf ihm herumklettern, auf diesem Meteoriten aus kompaktem Nickeleisen, diesem Spiel der Natur, desgleichen man noch nie zuvor erblickt. Sah man aber von unten herauf, so saß dort, auf eine solide Grundlage von Granit gebettet, ein schauervolles Monstrum. Es gehörte wenig Phantasie dazu, um den Block umzugestalten, um Arme und im Hocken gekreuzte Knie zu erschaffen. Die Arme waren formlos und in stumpfen Bogen nach innen gedreht. Es wuchsen abscheuliche Tatzen aus ihnen mit Dutzenden gekrümmter Krallen, die dicht unterhalb des Maules wie erstarrte Schaufeln hingen, so als raffe der Götze unablässig Fraß an sich, ohne doch je befriedigt zu sein. Sein Ausdruck veränderte sich im Spiel der Beleuchtung kaum. Es war dieses stetige aufreizende, klaffende Grinsen. Nur zuweilen verirrte sich ein schwacher Widerschein von Metall in die Höhlen seiner Augen und schuf gespenstisches Leben darin, als rolle er träge Pupillen. »Kein angenehmer Hausgenosse, wie?« sagte Dr. Sze, mit schwachem Versuch zu scherzen. Er hielt sich jetzt des öfteren vergraben in Gemächern, die Harald noch nie betreten.   Da überraschte der Knabe den Doktor, wie dieser fledermausartig über einer auf dem Boden ausgespannten Rolle brüchigen Pergamentes hockte, die er sich am anderen Ende des Zimmers von einer elfenbeinernen Spindel gelöst hatte, und die von verblaßten, plumpen Schriftzeichen strotzte. Es war dickes Pergament und glänzte ölig. Jedesmal, wenn der Doktor auf den Knien eine Zeile weiter hinunterglitt, knirschte es ledern. Seine langen, gelben Nägel tasteten die Zeichen ab; seine Augen waren zu ganz dünnen Ritzen geschlossen. Harald, der lautlos in die Tür trat und ihn betrachtete, erkannte, daß der Schriftenkundige sich in einer Art von Trance befand, denn er wiegte den Kopf rhythmisch, und seine Stirn war gekraust. Das war nicht der Dr. Sze mehr, der ihn damals empfangen, auch nicht der, der das Werk der Enthüllung geleitet. Dies hier war ein Greis von so uraltem Aussehen, daß es den Knaben fröstelte. Es war ein pendelnder Totenkopf, wie Wachs glänzend; die Haare wirkten wie eine glanzlose Perücke. Die Haut über den Jochbeinen unterschied sich in nichts von dem Pergament: – sie war von tausend Fältchen zerknittert, und jettschwarze Liderritzen saßen in tief eingefallenen Kuppeln. Desgleichen schien auch die Nase geschrumpft und die Nüstern noch flacher, gleichsam erweitert. Die Oberlippe hatte sich in die Höhe gezogen und die Zähne ganz entblößt, die den Knaben auf einmal mißfarben dünkten und spitz vor Abgenutztheit und Alter. Trotz des schlotternden Kiefers waren die unteren Zähne nicht sichtbar, so daß der Doktor fast einem riesigen Nagetier glich, das der Tod vergessen hat. Dr. Sze dachte . Er dachte so intensiv, daß er den Knaben immer noch nicht bemerkte. Er rutschte und murmelte, bis er das Ende des Pergaments erreichte. Dann ergriff er unten die beiden Ecken, löste sie vom Boden ab und, wie von einer Sprungfeder geschnellt, schrumpfte die Schrift zusammen; der elfenbeinernen Spindel zu. Der Chinese blieb noch eine Weile sitzen. Dann erhob er sich mühsam, ruckweise; doch ehe er den Lauscher bemerken konnte, war dieser zurückgetreten, tiefsten Entsetzens voll. Harald hielt sich eine Weile fern von ihm, bis wiederum der Gongschlag zur nächsten Mahlzeit ertönte. Es hatte eine Weile im Hause geraschelt, das hatte er gefühlt, wie wenn Dinge im Schwang seien, die er sich nicht erklären konnte. Aber als er eintrat, sah er seinen Freund wie immer am Boden hocken, mit glattem Gesicht, lächelnd und äußerlich kaum älter als wie vierzig Jahre, die er ihm gewohnheitsmäßig zugerechnet. Die Verwandlung war erstaunlich. Nichts deutete im Benehmen des Chinesen auf geistige Erschöpfung hin. Seine Zähne blitzten weiß wie sonst, seine Augen waren munter und flüssig, sein Benehmen heiter und sorglos. Er machte die gewohnte grandiose Handbewegung, die Harald an seinen Platz wies. Der Zauber des Zazel Es war in einer kühlen Maiennacht. Die Hunde im Garten trotteten lautlos auf eine große, schwarze Figur zu, die aus dem Hause trat. Auf ein leises Zischen hin wandten sie die schillernden Augen wieder ab und verloren sich im Garten. Dr. Sze stellte sich auf die Estrade und zog ein Fernrohr hervor, mit dem er scharf den wolkenlosen Himmel betrachtete. Dann tauchte er wieder in die Dunkelheit des Hauses zurück, dessen Messingtür sich leise öffnete und schloß. Er trat in den Innenhof. Grelles Tageslicht, das der unzähligen Birnen, schlug ihm entgegen. Er drehte es aus, und mit einem Male sprang die groteske Silhouette des schwarz dort oben hockenden Götzen, abgezeichnet gegen schwaches Sternenlicht, erstaunlich und befremdend hervor. Dr. Sze hantierte eine Weile an der Wand, dann ging er ins Laboratorium und kam mit einem Instrument zurück, dessen Gebrauch er so gut zu kennen schien, daß ihm bloßes Betasten genügte. Ein leiser, klirrender Ton entstand oben in der Glasdecke. Er hatte soeben eine Hebelvorrichtung in Bewegung gesetzt, die eine einzige Platte nach innen klappen ließ, so daß der nackte Sternenhimmel dort oben hereinsah. Langsam klomm er den Hügel herauf. Vor dem Meteoriten angelangt, zögerte er ein wenig. Dann betastete er ihn mit der Hand. Offenbar beruhigt von solcher Prüfung, stieg er mit unendlicher Vorsicht auf den Kopf, wobei er die Füße tastend in die Löcher setzte. Ganz oben richtete er sich im Hocksitz ein, so gut es eben bei der gefährlichen Beschaffenheit des Metalls angehen wollte, und stellte das dreieckige Instrument auf, was geraume Zeit kostete, da er der Stützpunkte nicht sicher war. Leise murmelnd verglich er jetzt beim Schein einer winzigen elektrischen Birne gewisse Tabellen, die er mitgebracht; dann fügte er in das Gestell eine schiefe Röhre ein. Hierauf erhob er sich ganz und entfaltete ein trichterförmig geordnetes, schwarzes Tuch, das er dicht unterhalb der Luke an der Röhre befestigte. Dies getan, löschte er sein Lämpchen und versenkte sich in den winzigen Hohlspiegel, den er innerhalb der Augengrube des Götzen angebracht. Ein unfaßbar zarter, rötlichsilbern blinkender Punkt schwebte darin. Er verstellte den Hohlspiegel durch ein geöltes Schräubchen, bis das Strählchen genau im Brennpunkt saß, soweit er es beurteilen konnte. Dann entfernte er den Spiegel und ließ nur die Linse zurück und den leichten Aufbau mit der Röhre. Langsam schritt er wieder über den Hügel herunter und setzte sich unten am Fuße hin, wie um zu warten. Leises Ticken ertönte. Der Apparat drehte sich in kaum meßbaren Evolutionen, um dem Saturn zu folgen und dessen gesammeltes Licht an derselben Stelle festzuhalten. Der Chinese verharrte lautlos und spähte scharf und unbeweglich hinauf. Mit einem Male ward er unruhig, atmete schneller und erhob sich aus seiner hockenden Stellung. Er tat ein paar zögernde Schritte wieder den Hügel hinan, dann ballte er die Fäuste, so daß ihm die spitzen Nägel schier in die entfleischten Handhöhlen drangen, und murmelte: »Er ist erwacht. – Also doch!« Er beugte sich nieder und krampfte seine Hände um die hervorspringenden Kanten der Steine; trotzdem fühlte er den starken Zug nach oben, als sei er ein Eisenfeilspänchen, von einem ungeheuren Magneten angezogen . Er wehrte sich mit leisem Keuchen. Er bot Willenskräfte auf, und wiewohl er es vermeiden wollte, schien es, als würden seine Lider von einer fremden Gewalt aufgerissen, so daß er unentwegt hinaufstarren mußte. Täuschte er sich? Glaubte er nicht zu bemerken, daß die schwarze Silhouette dort ihre Form leicht verändert! Erde rieselte herab. Rätselhaftes Knistern entstand und auf einmal eine Folge von Geräuschen, die dem Zersplittern von Porzellan auf einem Blechdach glichen. Das Metall dort oben schien in Bewegung geraten. Worin diese Bewegung bestand, konnte er nicht enträtseln. Dann klang es wieder wie das dumpfe Kollern von Erdmassen, wie vulkanisches Nachbeben einer terrestrischen Störung, als sei irgendwo das ruhende Gleichgewicht alter Gesteinsmassen erschüttert, und als wehre es sich, dumpf murmelnd mit metallenen Zungen. Der Drang in die Höhe; die Versuchung, dem Götzen wiederum nahe zu kommen, wuchs ungeheuerlich. Der große Mann wand sich, ja bäumte sich dagegen auf; doch ruckweise, gegen seinen Willen, schien er emporgezerrt zu werden. Er riß ein spitzes Messerchen hervor, stach es sich tief in den Arm, und indem er den Ärmel zurückriß, schleuderte er den hervorquellenden Tropfen gegen das dunkle Ungetüm. Da flauten die rätselhaften Klänge ab und erstarben wie Nachhall fernen Gewitters, meilentief. Die Spannung, die entsetzliche, ließ nach. Er torkelte den Hügel herab und tastete nach dem Hebel der Klappvorrichtung. Er riß ihn herum, die Platte schloß sich. Das elektrische Licht flammte wieder auf, und schwer atmend, gegen die Wand gelehnt, starrte er hinauf. Zunächst konnte er nichts Ungewohntes an dem Götzen entdecken; alles verharrte dort in toter Ruhe. Da entfuhr ihm ein schwacher Aufschrei: – die nach dem Maule zu gekrümmten Tatzen ragten jetzt um etwa ein Viertelmeter verschoben von diesem ab. Sie schienen breiter geöffnet, und die gekrümmten, klauenähnlichen Gebilde hatten sich gestreckt. Der Chinese betrachtete seine Arme, die Wunde blutete noch. Er stieg mit großen, stelzenden Schritten den Hügel hinauf, und ohne einen Moment zu zögern, bestrich er die Ränder des entsetzlichen Maules mit dem Rest des hervorgesickerten Lebenssaftes. »Diese Bindung ist keine dauernde«, murmelte er dabei. – »Es wird Zeit, daß etwas geschieht.« Er ging ins Haus zurück und weckte Harald mit leichter Berührung an der Schulter. »Ich brauche dich«, flüsterte der Chinese. Harald folgte ihm, und Dr. Sze führte ihn in den Innenhof. Haralds Augen blickten klar hinauf, »Bemerkst du etwas?« fragte Dr. Sze. Harald schüttelte langsam den Kopf. Ein rätselhaftes, dünnlippiges Lächeln wie das eines Bedauerns entstand an dem Mund des andern.   »Die Akkader ahnten ihn; – doch, tief versponnen in verschollene Symbole, wie tote Puppenform und Mumie einer Seidenraupe, lag vergraben in unseren Schriften. Von seinem Dasein kam Kunde den Kabbalisten; sie nannten ihn Zazel, den Dämon des Saturn; sein Ort war ihnen fremd, doch seine Herkunft ward gedeutet; so lausche: Der Saturn wird umflossen von einem Gürtel halbzertrümmerter Welten mit einer Schnelligkeit, die das Denken übersteigt. Er stieß dies Element ab aus seinem Körper. Es durchwanderte die Hülle des Rings, brach aus und hub seinen Irrgang an. Seine ovalen Bahnen wuchsen ins Maßlose. Es war ein fremdes Prinzip, vom Mutterkörper ausgespien. Es verneinte die immer rege Anziehung kosmischen Urleibes; am Ende gelang es ihm, die Spirale zu durchbrechen und in steiler Bahn durchs Weltall zu tauchen. Stelle dir vor«, so ertönte die psalmodierende Stille (und doch bildeten sich aus mattem Tonfall ungeheure Bilder): ». . . die Erde ist lieblich, pflanzenhaft. Ein Kreislauf schneidet nicht in den andern hinein, sondern allen Wesens Bestimmung rundet sich ab in heiterer Selbstvollendung. Die Farbe des Blutes ist unbekannt. Nichts und niemand will dir übel, und wo das Organische sich breitmacht, da weicht das einzelne einander aus und gibt Spielraum. Auf einmal erstrahlt ein rotes Licht in der Höhe der fernsten Luftschicht tiefer im Azur als jede erforschte Meerestiefe. Das Licht erscheint nachts, wandelt sich in bengalische Weißglut, und dann geschieht ein Getöse, das noch nie gehört ward. Zersetzungswirbel durchfurchen die Atmosphäre; Springfluten kochen über an allen Gestaden; Grauen der Verwüstung durchpflügt die Stille der Schöpfung. Das ist die Ankunft dieses Brockens von Eisen, dieses Stückes vom Saturn. Die Erde erbebt; es stößt in ihren Leib. Ein Fremdkörper, sitzt es seither darin und schwärt. Das Gift, das es erzeugt, wirkt seit Anbeginn. Es ist das älteste Ding der Welt. Ja, es ist um Jahrmillionen älter als diese Erde, und seine Eigenschaften sind darum auch nicht irdisch. Warum es diese Form anahm? Weil Zazel, der Ausgestoßene von droben, darin saß und seine Form sich abschlug in der Erstarrung des Flüssigen, so wie Blei sich gebärdet, das du siedend ins Wasser träufst; und nicht nur seine Form schlug er ab, es lebt seine Intelligenz in diesem Ding, die außerirdisch ist und grauenhafte Begriffsverwirrung erzeugt . . . Alle Kriege seit Menschengedenken bis zu dem kleinsten Mord, der unter Tieren sich ereignet, jeder noch so kleine Tropfen verspritzten Blutes nimmt seinen Ursprung von dem Ding. Blut kennzeichnet sein Gedächtnis von Anbeginn, und durch Blut ist es dir gelungen, wie man untrüglichen Wegweisern folgt, ihm auf die Spur zu kommen. Deshalb muß es vernichtet werden, und seine Vernichtung ist nicht leicht. Gibt man ihm Blut (und sei es auch wenig), so hat Zazel zu verdauen; und währenddessen erlischt sein trüber Einfluß. Ist er aber hungrig (und er ward noch nie gesättigt), so strahlt er Gift aus; so frißt er alles mit der Gier des Magneten. Sein Hunger war nicht scharf gewesen in den letzten Jahrhunderten, weil überall auf der Erde, sei es hier oder ferne, Blut floß, doch gesättigt ward er nie. Er lag ständig auf der Lauer. Das einzige, was ihn völlig bindet, ist die Erde, in der er steckt, und der Stein, der ihm im Alter nahekommt: der Granit. Empfindet er aber Verknüpfung mit seiner Urheimat, dann vergiftet er das, was ihm am nächsten ist. Zuweilen wischten Regengüsse die Erde halb von seiner Stirn, und dann traf ihn ein Strahl des Saturn. Ich wußte dieses nicht. In meiner Blindheit grub ich ihn völlig aus; öffnete eine Platte und sammelte Licht vom Saturn auf ihm. Es geschah Entsetzliches; seine Kräfte wuchsen sprunghaft. Für wenige Tage ist er jetzt beruhigt, da ich ihn von meinem Blute gab; – doch ich habe nicht mehr viel zu vergeuden. Und sobald mein Blut versickert ist, geschieht Unausdenkbares –; denn – –« Hier hob der Chinese seine Stimme ein wenig, und sie hatte einen erzenen Unterton – »denn dann muß er beschwichtigt werden, immer wieder beschwichtigt, und wir zwei können es nicht vollbringen. So steht es geschrieben: ›Wenn der Zazel wach ist, so mußt du Ihn binden durch Erde. Kannst du dies nicht, dann durch Gestein; doch willst du Ihn ganz vernichten, so mußt du Ihm sein eigenes Gewicht in lebendigem Blute reichen; und dieses Blut muß sein von einer Art.‹« Eine Pause folgte. Harald saß gelähmt von der ungeheuren Eröffnung. Schneller sprach der Chinese, und sein großes, flaches Gesicht hob sich höher. »So komm' und hilf mir, so lang er beschwichtigt ist. Wir müssen ihn wieder vergraben. Wir müssen eilen. Denke nicht nach. Nachdenken lähmt.« Er ging mit großen, stelzenden Schritten in den Innenhof zurück. »Hier, nimm eine Schaufel, steige in den Schacht und schleudere mir herauf, was du mit einem Stich heben kannst. – Ich werde dich stärken.« Das grüne Fläschchen war zur Hand, und er träufelte ein Dutzend Tropfen dem Jungen verdünnt zwischen die Lippen. Harald fühlte seinen Körper stahlhart werden und geschmeidig zugleich. Bald stand er unten und förderte die Erde herauf gleich einer Maschine. Der Chinese schleuderte sie weiter mit gespenstischer Kraft, auf den Steinsockel hinauf. So arbeiteten sie unablässig eine lange Weile, bis Dr. Sze herabrief: »Komm hervor, wir wollen zunächst versuchen, ihn zu blenden.« – Beide wankten keuchend hinauf und mühten sich, die schweren Erdklumpen nach dem eisernen Antlitz zu schleudern, nach den gähnenden Höhlen darin. Doch dieses geschah: die Klumpen zersplitterten und rieselten wieder herab. Das Eisen blieb blank, und ein Spiel des Schimmers dort droben ließ ihnen scheinen, als verzerre ein unsagbar tückisches Grinsen das klaffende Maul. Der Chinese ergriff mit den Händen einen Brocken Lehm und versuchte, zu voller Größe aufgereckt, ihn dorthin zu tragen, wo er ihn haben wollte; doch seine Hände erschlafften. »Versuche du«, murmelte er klagend, und seine Stimme hatte etwas Zersprungenes und Hohes zugleich, wie die einer Sibylle. Harald reckte sich, von ihm halb gehoben, doch eine derart unirdische Kälte schlug ihm entgegen, daß er wie bei einem Brande das Gesicht mit den Armen schützte und aufschreiend zurückfiel. »Es ist nicht möglich,« stammelte er; »ich kann es nicht.« Beide taumelten hinab und rasteten wieder am Fuße des Hügels. Nach einiger Zeit fanden sie ihren Atem wieder. Der Chinese saß unbeweglich und grübelnd, bis Harald ihn plötzlich entsetzt fragte: »Was ist nun zu tun?« Da schüttelte er das Haupt, hob wiederum das flache Gesicht mit jenem halb ekstatischen Ausdruck, den ein Übermaß von Qual verleiht, und sprach zischend: »Ich weiß es nicht.« Bleierne Hoffnungslosigkeit senkte sich über beide. Plötzlich begann der Chinese unruhig zu werden. Er stand zögernd auf und tat einen Schritt nach vorn. »Die Bindung erlischt!!« flüsterte er rasend. »Reiß' mich zurück!« Harald, selbst im Drang, nach vorn zu stürzen, gebrauchte seine ganze junge Kraft, mit der Linken die Klinke der Tür zu erreichen, während seine Rechte am Ärmel des Chinesen zog. Mit äußerster Anstrengung gelangten sie durch die Tür und schlugen sie zu. Beide schleppten sich weiter. Auf einmal ward ihnen leichter: ihre Schritte wurden ruhiger, und sie kamen am Ende des Ganges an. Das erste Opfer — — — — — — — — — — Ich sehe ein seltsames Licht vor dem Fenster kommen und gehen«, sagte Harald plötzlich. »Es ist wie das rotierende Licht eines Leuchtturms.« In der Tat, ihm schien, als streife ein Lichtkegel durchs Gemach, wie das Ende einer Peitsche erglimmend und zuckend erlöschend. »Ein wechselndes Licht? – Das ist Tag und Nacht.« »Tag und Nacht?!« »Es ist Zazels Einfluß«, sagte Sze. »Noch ist er nicht groß, noch ergreift er nur das Lebende im nächsten Umkreis. – Jene Intelligenz dort drüben brachte ihre eigenen Begriffe mit. Du bist ihr zu nahe gekommen. Du hast sie berührt, und so hat sie dich zu einem Stück ihrer selbst gemacht, dort, wo sie dich am schnellsten erreichen konnte: im Hirn. Für das älteste Ding der Welt gibt es unsere Zeit nicht. Es brachte seine eigene Zeit mit. Was sich sonst im Laufe von Tagen begibt, ja Wochen, das spindelt sich ab vor diesem Götzen wie das lose Spiel von Minuten. Es ist so von Ewigkeiten geschwängert, daß ein Menschenleben vor ihm ist wie ein Pilz, der zur Nachtzeit aufschießt, um schon im Entstehen wieder zu vermodern; wie ein . . . Fliegenschwamm . . .« – Es war, als koste Dr. Sze dieses Wort aus wie mühsam errungenes Wissen. »Sahst du nicht (es ist nicht lange her) Schwalben um einen Turm segeln so schnell, daß du nicht einmal ihre Schwingen unterscheiden konntest? Hörtest du nicht im gemächlichen Rasseln eines Wagens das entfesselte Rasen durchgehender Pferde? Sahest du nicht die fliehende Schleppe von Staub auf einer Straße, und fühltest du nicht, mein junger Freund,« – hier legte er seine Hand auf den blonden Schopf – »daß dir die Sonne im Laufe weniger Minuten vom Osten her auf den Scheitel kletterte? Dies alles dachtest nicht du; aber Er dachte durch dich, da du Ihn berührt hattest, ehe mir Kenntnis wurde von Ihm. So auch jetzt spinnt sich draußen die Zeit ab. Doch sorge nicht, du alterst nicht mehr im Sinne der Menschen; denn auch das ewige Selbst seiner Form übertrug Zazel auf dich. Verwandtes Stück wurdest du ihm und mit Erkenntnissen belastet, die dir schwer erträglich dünken. – Doch es muß , es muß ein Weg gefunden werden, um aus dieser kosmischen Sphäre wieder ins Irdische zu gelangen: Er muß vernichtet werden; denn sonst« – hier stockte er ein wenig – »sonst vernichtet er uns beide.« Harald saß tränenlos und starrte vor sich hin. Er glaubte zu begreifen, doch er fühlte sich von dieser schleppenden Stimme so eingelullt, schier verzaubert, daß er sich nur ahnungsweise eine richtige Vorstellung von dem Sinn der Worte machen konnte. »Ich lasse dich jetzt für kurze Zeit allein«, sagte der Chinese. »Ich schließe dich ein, doch sorge nicht; es ist um deiner selbst willen gut so. Dein Begehren, zu ihm zu gelangen, wird wachsen. Du wirst vielleicht Qual empfinden; aber du mußt es ertragen; denn ich muß Zeit gewinnen, um aus den Schriften den Ausweg zu ergrübeln; denn es muß einen anderen Ausweg geben.« Er sprang empor; leise raschelte die schwarze Seide und wallte von seiner mächtigen Gestalt herab. Ehe Harald sich besinnen konnte, schlug die schwere Tür ins Schloß. Er war allein. Dr. Sze wandelte mit fliegenden Schritten in das Gemach zurück. wo die Schriftrolle lag. Wiederum entbreitete er sie und versank in tiefes Grübeln unter sechs flammenden Glühbirnen, die ihn kalkweiß bestrahlten. Wieder zog der runzelige Finger nachdenklich an den Kolonnen rechteckig verschlungener Zeichen herab. Er dachte und dachte so intensiv, daß die Schultern spitz heraustraten, daß sein alterndes Gesicht sich, sichtbar schrumpfend, pendelnd hin und her bewegte; daß die Pupillen sich schier gänzlich hinter die einsinkenden Lider versteckten. Mit einem Male riß ihn ein scharfer Krach aus seiner Grübelei. Wie ein Betrunkener hob er sich stolpernd in die Höhe, reckte sich dann auf und eilte den Gang zurück. Die schwere Tür des Zimmers war erbrochen; eine unerhörte Kraft mußte Harald plötzlich beseelt haben, um sie zu sprengen. Sze stürzte in den Innenhof hinein. Dort sah er die nackte, weißleuchtende Gestalt schon auf halber Höhe des Hügels. Er eilte dem Jungen nach, als dieser sich anschickte, sich wie blind zwischen die ausgebreitet starrenden Tatzen des Ungeheuers zu werfen. Er krallte ihm die Hände in die Hüften und riß ihn mit äußerster Gewalt wieder herab. Gleichzeitig fühlte er die Kraft des Dämons erlöschen; und dies ward ihm erklärlich, als er die blutig geschundenen Handflächen des Knaben sah, die dieser wimmernd von sich streckte. So war Zazel für kurze Zeit geatzt . . . Sze brachte ihn dieses Mal in ein anderes, noch entfernteres Zimmer, in welchem Wandspiegel von der Erde bis zum Boden hingen. Die Tür war wie die des Einganges mit dickem Messing beschlagen. Er überließ den Fassungslosen sich selbst, schloß ihn ein und eilte zu seiner Schriftrolle zurück. Harald blickte sich um. Was war ihm geschehen? Mit einem Male sah er sich in einem der Spiegel stehen. Ja, als er sich umdrehte, ward sein Bild doppelt und dreifach zurückgeworfen von anderen. Ein Gedanke begann in seinem Hirn aufzukeimen und sich schmerzhaft zu entfalten. Statt dieses großen Spiegels sah er auf einmal einen kleineren vor sich, der an einer grünen Tapete hing, und darunter formten sich mühsam aus seinem Gedächtnis steigend die Umrisse eines Schreibpultes ab. Wo war das doch gewesen, daß er sich selbst ins Antlitz gestarrt hatte, das letzte Mal? Nackt und schlank stand sein Bild dort in Kristall. Seine Haare waren zerrauft und sein Antlitz weiß wie die Haut seines Körpers. Einen Herzschlag lang tauchte ein Zimmer auf mit Möbeln, die er kannte, mit einem Bett und einem Fenster, das ihm vertraut war. Er versuchte, es festzuhalten, doch es entglitt ihm mehrmals. Endlich kam ihm die aufwühlende Erinnerung an das Früher ; mit schreckhafter Deutlichkeit. »Wo bin ich hingeraten!« dachte er fassungslos. »Was macht man mit mir? Wo hält man mich gefangen?« Er drehte sich blitzschnell um, wie um Verfolger abzuwehren; doch die stumpf blinkende Messingtür war alles, was er erblickte. Kein Griff war daran wahrzunehmen, keine Klinke, kein Schloß. Nur dieses kahle Zimmer mit den Spiegeln und draußen das ewige, ermüdende Hell und Dunkel, das, sichtbar trotz des scharf bestrahlten Zimmers, hinter dem Fenster geschäftig war. Er riß es auf. Es war mit schweren Eisenbarren verdeckt. Wind atmete ihm entgegen und das Draußen zerrte an ihm mit schmerzhaft rüttelnder Sehnsucht. Die Augen von Tränen überquellend, preßte er die Stirn an das Gitter. Fliehen war sein einziger Gedanke, fliehen aus diesem verzauberten Haus, aus der Nähe dieses Gelben und des unheimlichen Kolosses dort hinten, der mit ihm spielte wie die Katze mit der Maus . . . Fieberhaft suchte er nach einem Gegenstand, der ihm helfen könne. Er erwartete keine Feile zu finden, aber vielleicht einen Hebel, ein starkes Stück Metall, um dieses Gitter auseinanderzubiegen und sich Durchlaß zu erzwingen. Er fand nichts, was ihm hätte dienlich sein können. Doch war es auf einmal, als verleihe die Sehnsucht und der sich aufbäumende Wille zum Leben ihm ungeheure Kräfte. Er ergriff mit den Händen zwei der Gitterstäbe. Seine Muskeln spannten sich wieder wie Stahl, wie unter der Wirkung des grünen Giftes, mit dem der Unhold ihn verseucht. Die Stäbe wichen, und er preßte sich hindurch. Er sprang auf einen freien Platz. Er sah auf einmal Baumwipfel, die sich schüttelten, und Dunkel und Hell wechselten langsamer, als erlahme die Feder eines magischen Spielwerks. Da hörte er ein leises Rascheln, und drei schwarze Silhouetten, die der Hunde, standen unfern auf dem Pfad. Verzweiflung gab seinen Schenkeln unerhörte Schnellkraft. Mit drei Sätzen sprang er auf das Parkgitter zu und zog sich blitzschnell daran in die Höhe. Ein Schnappen verscholl hinter ihm in die Tiefe. Plötzlich hörte er eine ganz leichte, hohe Stimme unter sich. »Vergiß nicht, wohin du gelangen wirst, wenn du dieses Gitter übersteigst.« »Wohin? –« rief Harald heiser zurück. »In meine Welt zurück, in meine eigene, menschenwürdige Welt!!« Ein bedauernd gurrendes Gelächter ward wach. »In deine Welt? Wen glaubst du dort zu finden?« »Die mir früher teuer waren!« Das kleine Gesicht seiner Mutter stahl sich zitternd vor seinem inneren Blick vorbei; eine Geste seines Vaters, ein vertrauter Tisch und andere Gesichter, die er kannte, die ihn verstanden. »Deine Eltern . . .?« sang unten die Stimme weiter – »du findest sie nicht mehr. Seit du hier bist, bist du selbst so alt geworden, wie sie waren  . . .« »Du lügst!« stammelte Harald herab. Und doch fühlte er, wie seine Hände, an die obersten Spitzen des Gitters geklammert, eiskalt wurden und erlahmten. »Warum soll ich lügen?« erwiderte Dr. Sze. »Ich gebe dich frei!« »Du gibst mich frei?« Eine Ohnmacht überkam den Knaben. Seine Glieder lösten sich, er fiel herab. Die weite, kühle Seide der Ärmel des Untenstehenden schloß sich um seine Brust. Harald, sein Bewußtsein bald wiedererlangend, spürte mit einem Gefühl größter Leere, in das er sich willenlos gleiten ließ: »Er hat mich nicht betrogen.« Der Chinese brachte ihn in das Spiegelzimmer zurück und bettete ihn sorgsam auf herzugeschleppte Kissen. Dann betrachtete er ihn, und der Ausdruck jenes Übermaßes an Qual stahl sich wieder über sein flaches Gesicht. Mit einer Gebärde der Hilflosigkeit ließ er seine Hände aus den Ärmeln emporsteigen. Dann schritt er wieder heraus, schloß die Tür und näherte sich dem Pergamente, das er stehend und nachdenklich betrachtete. Kein Sinn blitzte mehr zwischen diesen eckigen Zeichen auf. Nur das eine wußte er jetzt: »Es gibt keinen Ausweg als den einen « – und sein Fuß trat verächtlich auf eine Gruppe von Zeichen, die ihm jene besondere, betäubende Erkenntnis vermittelt. »Man kann Ihn nicht auslöschen, es sei denn, daß man Ihm sein eigenes Gewicht in Blut gebe.« »Wohlan!« schrie er auf einmal, und es klang wie das Kreischen eines ungeschlachten Geiers durch die Totenstille: »Wohlan! So soll dieser den Anfang machen! . . . denn eine Heilung gibt es nicht mehr.«   Die üble Zauberwirkung dort im Innenhofe war wieder geschäftig. Sze fühlte es in allen Gliedern. Er schlich sich den Gang hinunter und öffnete eine Ritze der Tür des Hofes. Jemand, fühlte er, stand innen hinter ihr und riß sie auf, mit elastischer und unnachgiebiger Gewalt. Wenn er sich hereinwagte, so würde dies kreisende magnetische Feld auch ihn in seinen Strudel ziehen! – aber er durfte nicht der erste sein, nicht er!! – denn er hatte zu tun, er hatte das Werk zu vollenden! Mit äußerster Kraft schloß er die Türe wieder, die ihn hineinzuzerren drohte; dann schritt er zurück nach dem Zimmer, wo der Knabe lag. Er öffnete es und blickte hinein. Dort lag die junge Gestalt wieder in Ohnmacht versenkt, dort lag diese gottgewollte Form, die zertrümmert werden mußte. Das Gesetz des Zazel wollte es so. Und dieses Scheinleben dort eines so alten Wesens in einer jungen Form, die es Lügen strafte, hatte keinen Sinn mehr. Er ließ die Tür offenstehen, warf noch einen sinnenden Blick auf den unbeweglichen Körper und wartete draußen.   Das Haus erzitterte von dumpfen Klängen, die er mit innersten Fibern spürte. »Wage ich es?« dachte er. Er holte ein letztes Mal den grünen Trank und schüttete den ganzen Rest mit einem würgenden Schluck herunter. Das feite ihn und gab ihm die Kraft, die vonnöten war. Er ließ die Tür zum Innenhof aufspringen. Die stumm lauernde Kraft von dort oben brandete gegen ihn an, doch er fühlte, daß er noch widerstehen könne. Elektrisches Prickeln überlief seine Haut. Er tastete sich wie einer, der auf einem Schiff dem Sturm entgegenarbeitet und sich an die nächsten Gegenstände hält, die ihm sicheren Griff erlauben, die Wand entlang, bis er den Hebel zu der Glasplatte dort oben fand. Er riß ihn herum und sah in dieser scharfumrahmten kleinen Schlucht von schwarzer Bläue das rötliche Licht des Saturns flimmern. Unendlich mühsam, Knie nach Knie vorstoßend, gelangte er wieder zur Tür und floh in den Gang hinaus. Dort wartete er. Beide Türen standen geöffnet, die zum Innenhof und die jenes fernen Zimmers. Es währte nicht lang, so hörte er tastende Schritte vom Korridor her sich nähern: klatschende Geräusche nackter Sohlen. Harald taumelte heran. Sze sah den weiß leuchtenden Körper zunächst aus weiter Entfernung, dann rannte der Knabe in Sätzen an ihm vorbei, die Arme starr entbreitet. Sze wagte sich in die Nähe der Tür. Das unterirdische Murren und Klingen von Metall ward lauter und dringender. Mit scharfem Böllerknall zersprangen mehrere Blöcke von Granit dort drinnen, als ob ein Riese sich in Fesseln rege oder eine tiefe Ladung Ekrasit murrend ihr enges Gefängnis dehne . . . Nun geschah ein Rasseln, wie wenn schwere Panzer oder Geschützrohre hügelan gezogen würden und funkenstiebend gegeneinander schlügen . . . Durch all diesen Lärm war noch die keuchende Stimme hörbar, die dort oben verklang, immer ferner und ferner. Da geschah ein Ton, wie wenn ein großes Stück Eisenblech über unebenes Pflaster gezerrt wird . . . Jetzt rieben sich die Zähne dort gegeneinander, jetzt geschah das Entsetzliche; das . . . Opfer! Plötzlich war es totenstill. Sze wußte, daß die Bindung, die stärkste bis jetzt, die man dem Götzen auferlegen konnte, Besitz von diesem ergriffen habe. Mit freien Schritten und einer qualverzerrten Miene schritt er durch die silbrige Dunkelheit und drehte die gesamte Schaltung an. Grelles Tageslicht überflutete den Hof, und droben begannen die grünen Lichter zu spielen. Dort hing auch der Körper des Knaben in den Eisenkrallen des Dämons, den Kopf zurückgeschleudert wie in der Inbrunst einer bedingungslosen Anheimgabe; und Blut tropfte von dem Eisen; lebendiges Blut. Es schimmerte aus den metallnen Augenhöhlen; schimmerte von den Zähnen; ganz gesättigt schien das tückische Bild, ganz überschwemmt vom Lebenssaft. Dr. Sze stand starr. Dann machte er eine seltsame Gebärde, eine Art tiefe Verneigung. Seine langen Aermel berührten mit einem Schwung den Boden, und in gekrümmter Haltung stand er eine Weile, wie in Ausübung einer dunklen, fremdartigen Zeremonie. Er schritt müde den Hügel hinauf und löste den Leichnam dort oben aus den gesättigten Pranken. Wie eine zerfetzte Blüte schien ihm das, was er zurücktrug. Er ging in den Garten. Dort bettete er ihn nieder. Die drei Hunde standen starr wie Wächter, sie rührten sich nicht. Er ging zurück und holte eine Schaufel. Dann grub er ein tiefes Grab mit ungeheurer Emsigkeit und Kraft, bettete den Körper hinein, schüttete Erde hinein und bestattete ihn unter schweren Blöcken von Granit, die er so leicht herzutrug, als sei es Kindertand. Es geschah in einer unfaßbar kurzen Zeit, denn das Werk näherte sich seinem Ende, und dies alles war ihm so geläufig, als ob er es längst gelesen und gewußt habe. Nichts befremdete ihn mehr, er wußte nur das eine: Jetzt hebt ein großes Morden an; aber es ist das letzte. Dies wird der Krieg, der jeden anderen Krieg sinnlos macht. Dies ist der letzte Krieg und dies sein erstes Opfer. Es wird gemordet werden, bis all die Tonnen von Blut, die dies entsetzliche Wesen braucht, es gesättigt haben; bis dieser Fremdkörper im Leib der Erde irdisch geworden, bis diese schwärende Wunde, die seit Äonen die Menschheit mit Zwangsideen, mit Geistverwirrung, mit Selbstzerfleischung ängstigt, für immer und endgültig geschlossen ist. Er schritt ins Haus hinein. Die Türe zu dem Innenhof stand noch offen. Er setzte alle Hebel in Tätigkeit, die die Wand bedeckten, und siehe da, das ganze Glasdach klappte auf; entfaltete sich klirrend. Der ungeheure Sternenhimmel, wie ein Schacht, in dem silberne Welten sich bewegten Kolossen ähnlich, nach unfaßbarem Rhythmus, drang über ihm herein. Und gleichzeitig, als sei es meilenfern, entstand das alte Dröhnen und Kollern: doch war jetzt ein Unterton dabei: war es dumpfer Rhythmus vom Marsch unzähliger Füße? Oder war es das Stampfen eines mächtigen Mörsers, eines alles zermalmenden, auf erbarmungslosen Granit? . . . Ausklang An einem frühen Julimorgen erschien ein großer Mann in hellgrauem Anzug von englischem Stoff auf der Gasse des Städtchens. Man hatte ihn nur in spärlichen Zwischenräumen gesehen. Er hatte von Zeit zu Zeit einige Geschäfte besorgt, einige Briefe aufgegeben und war dann wieder für lange Wochen spurlos verschwunden gewesen. Es war geraume Zeit her, daß er sich hier angesiedelt. Ältere Leute wußten noch gut zu berichten, daß es eine Sensation einmal gegeben hatte, als dieser Chinese aufgetaucht war und sich dort im Walde das Laboratorium gegründet habe. Er war eine legendenumrankte Figur, ein teurer Besitz, eine Attraktion des Städtchens. Man sah ihn immer wieder gern, so selten er sich auch zeigte. Heute schien Doktor Sze eine besonders wichtige Angelegenheit im Sinne zu haben; denn er lächelte nicht; wie es seine sonstige stereotype Gewohnheit war, grüßte auch nicht freundlich mit den schief geschnittenen Augen, sondern wandelte unentwegt weiter, bis er in das Gebäude einer bekannten großen Munitionsfabrik gelangte. Dort ließ er sich beim Direktor melden und teilte ihm mit, er habe auf seinem eigenen Grund und Boden, ja sogar innerhalb seines Hauses, eine merkwürdige Entdeckung gemacht: Einen großen Meteoriten aus reinem Nickeleisen. Er stelle ihn den Herren im Bedarfsfalle gern zur Verfügung. Er habe kein Interesse mehr daran, und das Stück sei zu groß, zu wertvoll auch, um als Museumsschaustück zu dienen. Er habe allen Grund, anzunehmen, daß in allernächster Zeit, ja in den nächsten Tagen schon, ein Krieg ausbrechen werde, der alles bisher Dagewesene in Schatten stelle. Da sei es immer gut, eine Fundgrube für ein Material, das man ja immer zu solchen Zwecken brauchen könne, in dankbarer Nähe zu wissen. Die Herren waren teils amüsiert, teils leicht befangen. Es waren ihnen bereits geheime Orders zugegangen; und sie hatten Grund, sich zu wundern, woher der stille Asiate seine Kenntnis beziehe. Doch Doktor Sze sagte mehrmals eilfertig: »Es ist eine Annahme, verstehen Sie, nur eine Annahme! –« – und so wurde er unter Dankes- und Höflichkeitsbezeigungen entlassen. Als nach einigen Tagen eine Kommission bei ihm eintraf, um den Fund festzustellen, war das Gebäude bis auf einige gleichgültige Möbelstöcke vollständig leer. Doktor Sze war nirgends zu finden. Er war wie weggeblasen. Drei große, halbverhungerte Hunde sprangen ihnen mit tückischem Knurren entgegen, und man mußte sie niederschießen, ehe man Zutritt zu dem Hause erzwang.   Neuntes Bild Masken des Frühlings »J'aime ton regard de feu, ta bravour et ton cœur mâle, bienque tu sembles un peu pâle.«     (Théo de Banvile.) Die Gräfin Ponquille besaß das Schlößchen, in dem früher der Prinz Viktor residiert hatte. Bei seinem Ableben vermachte er das Gebäude der Gräfin und setzte dadurch das Gerücht einer verstaubten Liebschaft wieder in Umlauf. Die alte Dame bekam dadurch, daß ihr überraschenderweise auf einmal ein Rahmen gewährt wurde, eine farbige Kontur, die sich nicht übersehen ließ: seit sie das Besitztum hatte, blühten ihre Wangen rosiger als vorher, und eine seltsam jungfräuliche Entschlossenheit in den Bewegungen belebte die magere Gestalt mit dem ungeheuren grauen Reifrock. Das Schlößchen schob sich wie eine Kulisse vor das Ende des schnurgeraden Parkkanals, der auf beiden Seiten von kolossal dicken und strengwinklig geschnittenen Hecken begleitet wurde. Irgendwo gab es auch ein Labyrinth, in dessen Schneckengängen Küsse geraubt und Duelle ausgefochten wurden, als jener kleine Resident noch lebte. Denn er war, wie feststeht, ein phantasievoller und wollüstiger Herr gewesen. Die Gräfin liebte ihren Park sehr. Seit der Prinz tot war, unterhielt sie keinen Verkehr mit der Stadt mehr und lebte anscheinend nur in Gesellschaft ihrer Erinnerungen dahin. Gestattete es das Wetter, so ging sie ganz allein durch die Heckenalleen, verzückt und hingenommen von dem hoch durchsonnten, streng gebändigten Grün, das ein so treues Versteck vor einer plebejisch werdenden Welt war. Unbeobachtet, wie sie sich wähnte, hatte die Gräfin es sich auch zur Gewohnheit gemacht, vor einem barocken Herrn aus Sandstein, der seinen muskelwuchernden Körper in römischer Feldherrntracht auf einem schmalen Sockel durch das Laub hob, stehenzubleiben und den Sockel mit ihrer kleinen gelben Hand zu streicheln. Denn dieser von Kraftüberschuß gekrümmte, von Moos gesprenkelte und von Amselmist gescheckte Herkules trug unter der tobenden Allongeperücke unvergeßliche Züge. Die Gräfin flüsterte: »Viktor!« – und säuberte seine Kriegerwaden bis zum Knie. (Den Rest anempfahl sie dem Gärtner.) Vielleicht kam ihr manch eine Träne ins Auge, während sie diesen zarten Kultus trieb. Man würde jedoch mit der Meinung fehlgehen, daß sie dieses Erinnerungsopfer immer in gedrückter Stimmung brachte: Im Gegenteil, oft tat sie es mit einer gewissen Schalkhaftigkeit und leistete es wie einen graziösen Tribut, ohne dabei unbedingt zu den Pausbacken, der spitzen Nase und den etwas geistlosen Sandsteinaugen des Verewigten emporzuspähen. Denn es muß verraten werden, daß die Gräfin trotz ihrer Einsamkeit noch Ablenkungen kannte; und schließlich brauchte auch die andächtige Dankbarkeit zu dem charmanten Prinzen Viktor nicht alle Grenzen zu sprengen. – Besonders um Mitte Februar wurde sie flüchtig – denn dann war der Himmel schon blau und atmete weiche Luft über die kahle Welt. – Die Gräfin Ponquille ging an solchen Tagen trotz ihrer vollgerüttelten Sechzig wie ein junges Mädchen die Heckengänge hinab. Daß sie sich um die Zeit des Karnevals jugendlicher zeigte als sonst, erregte noch nicht so starkes Staunen, da sie, wie man annahm, von verschämten Erinnerungen befallen wurde. Wohl aber gab es einen Punkt, über den sich die Domestiken schon lange den Kopf zerbrachen. Während des Zwölfuhrschlags in der Nacht zum Sonntag Estomihi ging die alte Gräfin in einiger Erregung den Gang des unbewohnten Seitentraktes hinunter und verschwand in einem bestimmten Zimmer, das sie bis Aschermittwoch von innen absperrte. Tags zuvor hatte Baptiste seinen großen Staubwedel schwingen und das bewußte Gemach reinigen müssen, wie es seit dem Tode des Prinzen seine jährliche Obliegenheit war. Dann hatte er reichlich und trefflich zubereitete Nahrung, Wein und auch ein Dutzend Flaschen Champagner in einem Korb hineingetragen, alles nach Angaben, die sich seinem Hirn längst als Pflicht eingeprägt. Was das Gemach anbetraf, so war es kahl, rund, und hatte schwachgoldgestäubte Zierleisten über den hohen schmalen Fenstern, die von cremefarbenen, etwas brüchigen Seidenvorhängen bedeckt waren. Durch diese Fenster sah man in den Park hinaus. An Möbeln fanden sich lediglich ein zerbrechliches Sofa, eine Couchette, ein Tisch und zwei überzierliche Sessel vor. Die Seitenwände waren weiß und festlich, die Decke von einem heiteren, leuchtenden Fresko in der Art Tiepolos geschmückt. Es zeigte, inmitten einer mythologischen Szenerie, eine Anzahl bräunlicher Faune, mit dem Erobern zeternder nackter Nymphen frohgemut beschäftigt. – Zwischen den Fenstern gab es Spiegel. Ein Umstand war rätselhaft, ja spukhaft: unter dem mittelsten Fenster stand eine vergoldete Holztruhe in Form eines Sarges . Dieser Gegenstand bestärkte die Domestiken ganz besonders in ihrer schreckhaften Neugier und hielt sie zugleich am nachdrücklichsten von dem Zimmer fern. Als nämlich Baptiste, während er den Jahresstaub aufrührte, den Inhalt besagter Truhe zu erforschen gedachte, drang ein ächzender Ton aus ihr hervor, wie wenn jemand herzhaft gähnt; und etwas später, als er sich noch blaß vor Schreck wieder näherzustehlen wagte, wollte er ein Rascheln gehört haben und eine unmutig murmelnde Stimme: » Mon Dieu, – und es ist doch noch gar nicht an der Zeit! « Mit der Truhe brachte man den Aufenthalt der Gräfin in Zusammenhang. Damit traf man wohl das Rechte, denn Gismonde, die Zofe, hatte einmal den Mut besessen zu lauschen, und von innen einen Dialog gehört (von einem leis perlenden melodischen Gelächter unterbrochen, wie man es der Alten nie zugetraut hätte) –, einen Dialog, der sich verstohlen zischelnd und darum leider unverständlich durch mehrere Stunden hinzog. Daß die Empfänglichkeit für Galanterie in der Greisin nicht abgestorben war, bewies diese periodische Vergnüglichkeit zur Genüge; welcher Art aber dieser Verehrer sei und auf welchem Weg sie ihm jedesmal aus der Truhe verhelfe, darüber tappte man völlig im Dunkeln. – Es geschah nun um die Zeit, als die Gräfin sich wiederum rüstete, sich zu ihrem bewußten tête-à-tête zurückzuziehen, daß ihre siebzehnjährige Nichte Désirée mit vielen Koffern und auch sonst einigem Aufwand einen Besuch bei ihr machte. Diese Dame, wie es einer Doppelwaise ziemt, hatte bisher ihre Jugend unter der wohlwollenden Kontrolle eines alten bürgerlichen Ehepärchens auf einem Landgute verlebt, und drei Jahre gleichmäßig dahinplätschernder Langeweile, verbunden mit unaufhaltsam reifender Weiblichkeit, hatten eine Spannung in ihr erzeugt, die sich in Ermangelung richtigen Echos in allerlei ländlichen Liebhabereien entlud. So frönte sie der Jagd und vergab sich sogar einiges in Gesellschaft eines gefallsüchtigen Hirtenknaben, der durchaus, was Herkunft betraf, aus ihrer Sphäre fiel. Erschrocken über dies plötzlich erwachende, kaum standesgemäße demokratische Interesse, gab das ergreiste Pärchen ihr flugs den Reisesegen, und die Diana hatte sich unverzüglich auf den Weg zu ihrer fast vergessenen Tante gemacht. Ins Ohr gesagt: sie hoffte auf eine glänzende und rauschende Zeit, auf alles, was sie nicht kannte; und vor allem hoffte sie, sie könne sich in den Besitz eines Kavaliers setzen, jenes hiebfesten, herrlichen Mannes mit funkelnder Schoßweste, der in ihren Mädchenträumen die Hauptrolle spielte. Hätte der selige Prinz Viktor aus dem Kreise seiner erlauchten Ahnen herniedergespäht, er würde zweifellos die rotwangige Frische des Kindes entzückend gefunden haben: im Gegensatz zu der Gräfin Ponquille, deren irdische Beschaulichkeit empfindlich gestört war. Denn ihr kam dieser Besuch aus verschiedenen Gründen ungelegen. Der Februar war schon da, wo sie gern ungestört blieb. Dann mißfiel ihr die junge Dame aufrichtig. Die fröhliche Jugend, die sich bei ihr einnisten wollte, machte sie etwas unsicher und neidisch. So traf Désirée auf steife Höflichkeit; doch da sie eine humorbegabte Seele war, machte sie sich nichts daraus. Sie übersah den Schreck auf dem Gesicht der Greisin, wenn sie ihren kräftigen Arm im Bedürfnis, nett zu sein, um deren wespenhafte Taille rankte. Was Wunder also, wenn die Gräfin, in die Enge getrieben, nichts sehnlicher wünschte, als sich von ihr in kürzester Zeit befreit zu sehen. In ihrem Wunsch bestärkte sie auch die plump zufahrende Art, mit der Désirée in ihrer ereignisreichen Vergangenheit umherforschte, gleichsam, als schlage sie sich auf eigene Faust durch ein Heckenlabyrinth. Jede Andeutung, die sie aus der verdrießlichen Alten herauslockte, versetzte ihr Blut in Wallung und entlockte ihr ungehobelte Schreie des Entzückens, fast noch, bevor sie den Angelpunkt solcher Angelegenheiten erfaßte. Sie bestaunte in der Tante eine Fundgrube des Wissenswerten; und diese, einer anderen Wirkung ihrer Person gewärtig, war schlecht damit zufrieden. Durch kleine mannigfache Auffrischungen, die sie mit so unendlicher Vorsicht gebrauchte – (etwa durch filigranfein geschnittene Silhouettchen auf der gelben Haut ihrer schlaffen Wangen, oder durch ihren von sehr hohen Absätzen beeinflußten Schaukelgang), erregte sie, statt des Nachahmungstriebes, nur die Lachlust des manierenlosen Mädchens. Darum sagte die Gräfin Ponquille eines Morgens – es war am Freitag vor ihrem alljährlichen dreitägigen Verschwinden –: »Mein Kind, ich glaube, es wird eine Erleichterung für Sie sein, wenn Sie die kommende Zeit in der Stadt verbringen. Unser Name wird Ihnen die Türen öffnen; was sage ich, sprengen! – und Sie werden sich amüsieren. Was suchen Sie bei einer alten Frau, die sich an den Krücken ihrer Erinnerungen ins Grab schleppt . . . Ich liebe Sie; doch Sie erweisen mir einen Gefallen, wenn Sie sich zerstreuen. Ich werde Sie später gern in die Arme schließen; doch mein Temperament ist nicht mehr lebhaft genug, um mit dem Ihren in dieser Jahreszeit in Wettstreit zu treten!« Désirée verstand. Sie war gern bereit, wegzufahren. Die Alte spitzte die Lippen und gab ihr einen Kuß; er war kalt, dieser Kuß; es war etwas Schales, Flaues in ihm; und doch war Désirée erstaunt, ihn überhaupt zu erhalten. Sie erwiderte ihn, und dabei nahm sie eine sonderbare, gleichsam morgenrötliche Färbung, ein vergnügliches und nicht geheimzuhaltendes Rosa auf den Wangenknochen der Tante wahr. Und Désirée sah noch eins: die Augen der Dame, die sonst wie verblichen schienen, hatten ein Glanzlicht, ein huschendes Leben wie ein neues Seelchen, das aus den Resten des alten hüpfte; und die Äderchen der schweren, listigen Lider schimmerten blutdurchpulst. Und Désirée, mit klaräugigem Instinkt, spürte sofort, daß die Tante Pläne hege. Darum bereute sie ihren Gehorsam, denn, wie sie sich blitzschnell überlegte, hier gab es eine Sensation, die die Tante zu verhehlen sich mühte. Doch war Désirée Weib genug, sich diese Wissenschaft nicht anmerken zu lassen, und beschloß, im stillen hinter die Sache zu kommen. Sie ließ daher ihre Koffer packen und raffte ihren ganzen Aufwand an Batist und Seide für eine Reise in die Stadt zusammen. Währenddessen zog sie Erkundigungen ein und erfuhr, wie es sich mit dem bewußten Zimmer verhielt. Dies Geheimnis genügte vollauf, um ihre Neugier bis zu einem brennenden Grade wachzurufen. So kaufte sie sich die Mithilfe des Bedientenpärchens und reiste mit einigem Lärm am Samstagnachmittag ab. Ihre Abschiedsliebkosungen waren echt: sie küßte mit Selbstverleugnung in die puderdurchstäubten Tälchen des welken Gesichts hinein, wobei ihr eines jener gummierten Silhouettchen an den roten Lippen haften blieb; sie zerriß die Tante fast an der Stelle, wo sie sich zwischen den schillernden, stufenweise gerafften Deckflächen der Taille wespenhaft verjüngte. Sie veranlaßte das gesetzte Alter zu unwürdiger Hast und hochgespannter Heuchelei; und endlich fuhr sie ab. Das polternde Gefährt entschwand durch den Toreingang, und die Gräfin Ponquille schlürfte das langersehnte Geräusch der entrollenden Räder mit vorgeneigtem Kopf. In der Nacht, als alles still war und nur der fast gefüllte Mond wachte, kam Désirée zurück und wurde durch eine kleine Pforte in der Parkmauer durch Baptiste eingelassen. Den Wagen mit ihren Effekten hatte sie dem biederen und gutbewaffneten Kutscher zur Weiterbeförderung in ein bekanntes Gasthaus der Stadt anvertraut; nur das Nötigste trug sie bei sich. Sie schlich sich nun mit Hilfe eines ungefügen eingeölten Schlüssels in den Seitentrakt hinein und versteckte sich in dem Zimmer, das an das rätselhafte Gemach anstieß und voll verbrauchter Möbel, zerschlissener Roben und bröckelnder Familienbilder war. Ihr Herz klopfte; sie wartete, die Uhr in der Hand. – Endlich war es soweit. Ein fernes, verworrenes Klingen wob die Dauer einer Viertelminute durch die Flucht der leeren Säle . . . das waren die vielen Prunkuhren, die sich im Schlosse rührten. Ein rhythmisches Rascheln ward hörbar: die Tante kam den Gang herab. Jetzt kreischte die Klinke nebenan ganz leise, und ein Riegel schob sich vor. Das Mädchen, mit stürmisch bewegter Brust, stahl sich in den Gang und sah einen fadendünnen Strahl, der durch das Schlüsselloch fiel. Knieschwach vor Erwartungsfieber beugte sie sich und preßte – (mit gebührender Rücksicht auf ihr Toupet) – das Auge an das Loch. Die Tante beschäftigte sich damit, einen Kandelaber, auf dem ein kleiner Hain schlanker Kerzen angebracht war, zu entzünden; und soeben beendete sie ihr Werk. Eine festliche Flut goldenen Lichtes erfüllte den Raum. Die Tante ging nun, nach musternden Blicken über den reizend gedeckten Tisch, zu der goldenen Truhe: mit seltsam trippelnden Schritten, wie das Kammermädchen einer Opera buffa . Vor der Truhe stehend, klopfte sie mit spitzem Knöchel an den Deckel. Nun ächzte es wieder darin – und Baptiste hatte recht, es klang wie Gähnen . Der Deckel tat sich auf, langsam und ruckweise, als werde er von einem plötzlich darin erwachenden Odem emporgeblasen und in Schwebe gehalten. Nun gähnte es noch einmal, mit einem schnappenden Abschlußlaut, und die Tante griff in die Kiste hinein und zog. Sie zog mit aller Kraft; die Nähte ihrer Ärmel krachten. Désirée sah eine verschwenderische Masse von weißem, etwas vergilbtem Seidenstoff, der in weiten Falten aus der Truhe quoll. Dazwischen wogte eine Kette aufgeplusterter strotzender Pompons von der Farbe knospender Veilchen; und wo die Hand der Gräfin hineingegriffen hatte, erschien eine in mehreren Lagen aufblätternde Krause von derselben violetten Farbe. Aus ihr wuchs ein langer Hals hervor, der scheinbar wirbellos umherglitt, beschwert von einem kalkweißen Kopf mit tiefschwarzem Käppchen. Die Gräfin ergriff diesen Kopf am Hals, wie man etwa einen jungen Hund vom Boden nimmt, und zerrte eine schlaffe Puppe von Menschengröße aus der Truhe hervor, deren kurze spitzschnäblige Schuhe mit großen Rosetten das Parkett des Zimmers berührten. Kaum war dies der Fall, als die Gestalt gleich dem antiken Antäus zu zucken begann, als eine eilige Spannkraft ihr hochschoß und sie taumelnd stehenblieb. Das Gesicht drehte sich blinzelnd dem Kerzenlicht zu. Es durchfuhr Désirée wie ein Schlag. Das war Liebe auf den ersten Blick; sie erbebte. – Der Held ihrer bisherigen Träume, der hiebfeste Herr mit der funkelnden Schoßweste, sank im Verein mit jenem Hirtenknaben (der sich in letzter, gewagtester Koketterie um sie mühte) schmerzlichen Scheideblickes ins Wesenlose. Was konnten sie beide ausrichten gegen dies kalkweiße Antlitz mit hochrotem beweglichem Mund; gegen diese Nase, die voll Wehmut, spitz, seltsam-asketisch in die Luft stach! – Die Augen! Sie waren rollende Feuerbälle, schwerlidrig und von Wimpern geziert, deren streichelndes Spiel die Lauscherin bis zum Schluchzen entzückte. Die zuckenden hohen Brauen wurden im Nasensattel durch eine blaue Falte zerschnitten. Nun intonierte er ein Lächeln. Es wanderte vom einen Mundwinkel in den anderen, denn noch schien der Auferstandene etwas erschöpft. Die Augen blieben tottraurig währenddessen, und die schmale Stirn sorgenumwittert. Es war gleichsam ein Lächeln auf Vorschuß; und erlosch wiederum. – Nun wankte er auf das zerbrechliche Sofa zu und sank darauf nieder, Falte nach Falte. Seine schmale Hand kam irgendwo zum Vorschein und pendelte, mit den Knöcheln das Parkett streifend, über die rosa gepolsterte Schneckenlehne herab. Die Gräfin versäumte nichts, um ihn völlig wachzumachen. Sie näherte ein Glas Rotwein seinem Mund. Nach mehreren glucksenden Zügen (wobei er selig und schwach hüstelte) – kam denn auch sichtlich mehr Leben in ihn. Sein Mund öffnete sich wie ein Trichter, als entschlüpfe ihm ein köstlicher Ton im höchsten Diskant; doch vernahm man noch keinen nennenswerten Laut; noch präparierte er sich. Dies schien ein Signal für die Alte. Sie eilte zur Truhe und zog eine Guitarre mit breitem Tragband hervor, das sie ihm um den langen Hals schlang. Hierauf kam seine andere Hand aus dem wabernden Ärmel zum Vorschein und akkompagnierte der ersten, die zuckend emporschnellte. Seine dünnen Finger raschelten über die Saiten, schraubten, probten und erzeugten Klänge so zart, wie wenn ein Meislein im Neste träumt. Klare Akkorde folgten, und dazu sang jetzt seine Stimme. Sie schien vom Plafond zu kommen; sie hatte etwas pastoral Schwingendes. Sie klang wie der Föhn, der ein erstes Mal in die Knospen fährt und sie wild hin und her bewegt. Dann stand der Spieler auf und raffte den Fenstervorhang zurück. Die Kerzen und der Mond, an dem eilige Wölkchen vorüberhasteten, erzeugten geisterhaftes Zwielicht. Bewegung war draußen im Park; der Kanal blänkerte; ein flackerndes, stummes Leben schien geschäftig. Durch das Fenster sah man die samtschwarzen, parallelen Schatten der Hecken. Noch einmal hob der Mond sich von den Wolken ab, als sei er größer geworden, als wachse er wie ein silberner Alb heran, von Fledermäusen quer durchschnitten; dann wurde es mit einemmal pechfinster; ein trommelndes Geräusch, ein gläserner, flüsternder Vorhang umgab das Schloß, umgab den Park und die Welt; Regen sprühte. Doch innerhalb dieser trommelnden Stille war ein goldenes Versteck, ein heimlich flammendes Zentrum. Draußen rührten sich Säfte, wucherten Augen im Holz, keimte das Grün des noch wiegenstillen Jahres so geheim, daß man sich kaum ins Ohr zu tuscheln wagte: » Pierrot ist wach! « – Vielhundertmal hatte man ihn begraben, im Duell gefällt, plump verkannt; hatte Eis und Schnee mit melancholischer Wut auf ihn getürmt; immer ward er wieder lebendig, wenn seine Stunde kam. Die Gräfin Ponquille hatte ihn gepachtet, und an der Tür stand ihre junge Nichte. Sie hatte noch nichts von Pierrot erfahren; sie bebte vor Eifersucht. – Drinnen begann man nun, sich leise zu unterhalten. Das Kerzenlicht blühte durch die Gläser, in denen roter Margaux funkelte. Jetzt beugte sich Pierrot und küßte langsam und genießerisch die Hand der Gräfin. Und während dieser Sekunden geschah etwas so Seltsames, daß Désirée kaum einen Schrei unterdrücken konnte. Denn nicht mehr ihre Tante saß dort, sondern eine geschmeichelte, gepflegte Matrone von beiläufig vierzig Jahren. Die Runzeln waren verschwunden; die Figur hatte sich gerundet zu praller Fülle, die die seidne Panzerung bei jeder Regung zu sprengen drohte. Die ganze Erbschaft einer galanten Herzensära entstieg dem Alter, das wie entstellender Nebel verrauchte. Ihre zärtlichen Repliken, den sich häufenden Werbungen Pierrots gegenüber, wurden träumerisch und treffsicher . . . bis zu einem Grade zielbewußt, daß sie sich plötzlich – schon halb entblättert – erhob und zierlich pustend die Kerzen löschte, die zu einem Drittel geschmolzen waren. Zu dieser verheißenden Tätigkeit schlug Pierrot leise Rondotakte, und Désirée konnte gerade noch erkennen, wie sein Rosettenschuh zephirgleich über das Parkett strich. Dann fraß die Dunkelheit alles beim Erlöschen der letzten Kerze, und der Rondotakt endete in einem kleinen raschelnden Mißton . . .   Müssen wir die Verfassung schildern, in der Désirée  in ihrem Versteck diese Nacht verbrachte nach dem Sonntag Estomihi? Man erspare es uns. – Nur andeutungsweise wollen wir verraten, daß Glut mit Frost wechselte, und ihr Appetit auf die von Gismonde hereingeschmuggelten Mahlzeiten sehr zu wünschen übrigließ . . . In der folgenden Nacht finden wir sie wieder auf ihrem Lauscherposten. Diesmal war die Tante – strafe sie Gott – mindestens um zehn weitere Jahr verjüngt. Auch hatte sie ihr Kostüm geändert, dem Schwund der Behäbigkeit, der siegreich sich vordrängenden Schlankheit, feinfühlig angepaßt; es war pfauenblau und von verschollener Mode. Pierrot schien seinerseits wesentlich aktiver; der Zustand des puppenhaft Schlaffen schien gänzlich überwunden. Man widmete sich diesmal dem Champagner und legte eine Bresche in die stattliche Batterie – ein Umstand, der durchaus geeignet war, in Pierrots Benehmen eine stürmischere Note zu züchten. Hätte die Tante (konnte man sie denn mit Fug noch so nennen?) das haßerfüllte Auge am Schlüsselloch gespürt – sie wäre zusammengezuckt wie bei einem Dolchstich. So aber wurde für das hübsche ausgeschloss'ne Kind wieder nichts aus dieser Nacht, als eine beklemmende und fruchtlos erregende Affaire . . . Wir müssen sie, so leid sie uns tut, wieder ungetröstet ins Bett schicken in dem Augenblick, als drinnen die Kerzen zu zwei Dritteln verbrannt sind. – Doch hatte diese neue Enttäuschung zur Folge, daß in der geplagten Désirée ein großer Entschluß zur Reife kam.   Blaß und angespannt, doch von unumstößlicher Absicht beseelt, fand sie sich in der dritten Nacht vor der Türe ein. Was sie aber nun gewahrte, setzte sie so in Erstaunen, daß es ihr fast den Atem verschlug. Denn dort auf dem Sofa saß eine Person, die auch nicht im geringsten mehr an ihr früheres mürbes Stadium gemahnte: eine Schäferin im Stile des Watteau, ein junges keckes Ding; auf dem Kopf trug sie, zu herabpendelnden gedrehten Locken, einen breitrandigen Strohhut, dessen Atlasbänder bis zur Hüfte wallten. Es war nicht wegzudisputieren, daß diese Person mit ihr selbst, mit Désirée, eine vertrackte Ähnlichkeit aufwies. Dies kam noch deutlicher zutage, als sie sich zufällig in der Richtung der Tür bewegte und ihr Gesicht in das Blickfeld geriet – es kam Désirée genau so vor, als blicke sie in einen Spiegel. Es waren nicht bloß ihre Züge: das waren ihre eigenen Schultern, ihre eigenen jungen Brüste mit den zierlichen blaßroten Knospen, die dort zitterten und vom Kerzenlicht vergoldet wurden! Ihre eigene mattweiße Haut war's, auf der jener seidige Glanz ruhte, die sich der Umarmung des Geliebten bald näherte, bald spöttisch entzog . . . Und nun war er da, der heroische Augenblick. Außer sich vor Eifersucht, Haß und Sehnsucht warf Désirée sich mit der Schulter gegen die Tür. Das Zierschloß krachte auf, und so gelangte sie in kniender Haltung ins Zimmer. Die Rivalin tat einen spitzen Schrei und wich zurück. Doch Désirée erhob sich, etwas stolpernd (sie trat auf die Säume ihres mächtigen, gebauschten Rockes) und stellte sich ihr, keuchend vor Aufregung und erhitzt gegenüber. Es fiel ihr schwer, unter diesen Umständen die Form zu wahren, doch immerhin brachte sie leidlich fließend hervor: »Verzeihn Sie, liebe Tante. Ich bin ein wenig früher, als ich plante, aus der Stadt zurückgekehrt . . . Diese Art meines Erscheinens mag befremden . . . Ich gebe es zu . . .« »Ah! – Sie geben es zu!« flüsterte die Tante. »Sehr gütig von Ihnen! – Und ich soll Sie entschuldigen! Was richten Sie an! Sie wissen es selbst nicht!« Ihre Lippen waren blutlos. »Sie spionieren! Dies ist mehr als in diskret! Dies ist Libertinage . . . ist Raub! « Und sie schien sich zu straffen. Sie hastete nach dem Fenster, an das ihr Schäferstab, ebenfalls mit Atlasbändern geziert, gelehnt stand, und ergriff ihn wie eine Waffe. Désirée folgte ihr kaum mit den Augen; es schien ihr viel wichtiger, von Pierrot Besitz zu ergreifen, sich an seine Seite zu schmiegen und den Arm um ihn zu schlingen. Sein Ausdruck war etwas verdutzt gewesen, doch er war offenbar entschlossen, mit sich geschehen zu lassen, was das Schicksal beschloß. Jetzt kam die Tante zurück. Sie schwang den Stab in der Luft, daß die Bänder knatterten und die Kerzenflammen in allen Spiegeln wankten. »Sie werden vergessen,« keuchte sie dabei, »was Sie gesehen haben! Oder, bei Gott – ich jage Sie aus dem Schloß! Und Sie sind meine Nichte nicht mehr! Auf der Stelle geben Sie den Platz frei, oder ich enterbe Sie – Sie Lorette!! Er gehört Ihnen nicht! Sie haben kein Anrecht auf ihn!« »Ein größeres als Sie. – Ihr Alter ist vorgetäuscht. Sie täuschen vor, Sie seien ein junges Mädchen wie ich. Sie erschwindeln sich die Zuneigung dieses Mannes. In Wahrheit sind Sie . . .« »Hinaus!!« schrie das Gespenst mit dem Schäferstab und schlug zu . . . Désirée war handfest. Sie fing den Schlag auf; er kam seltsam schwach herab. Bei dieser heftigen Bewegung platzte ihr Mieder und stellte, als bestes Argument, den Beweis blühender Jugend zur Schau. Dies hätte genügt, wenn die Tante nicht aggressiv geblieben wäre – so aber mußte sie sich zur Wehr setzen. Sie kämpften, und eine Wolke von Puder stieg auf. Aller Respekt war vergessen. Auf einmal tat die Gräfin einen Schrei, viel lauter und klagender als den ersten, und sank um. Entsetzt hielt Désirée inne: denn was dort lag, war wiederum die ihr vertraute alte Tante, nur viel älter, verdorrter und kümmerlicher, als sie sie je gesehn. Die Verwandlung geschah mit schauerlicher Plötzlichkeit. – Désirée hielt ihren Zustand für eine Ohnmacht, doch dann wurde die Reglosigkeit der Nebenbuhlerin ihr unbehaglich. Sie schaffte sie in den Nebenraum, der ihr als Versteck gedient, und bettete sie, so gut sie konnte. Es war ihr inzwischen jeder Zweifel darüber geschwunden, daß die Tante tot war. Der Zorn bebte noch in ihr nach, sie handelte wie unter einem Zwang. – Ohne sich weiter aufzuhalten, eilte sie zu Pierrot zurück. Dieser zeigte sich von bemerkenswertem Gleichmut, als ob ihn der Wechsel der Szenerie nicht im geringsten berühre. Mokant lächelnd hatte er als Zuschauer, ohne einzugreifen, diesem weiblichen Duell um seine Person beigewohnt. War er in der Gesellschaft der Tante schon ausgelassen gewesen, auf seine verwöhnte Art, so ergriff ihn jetzt geradezu ein Taumel, als die echte Jugend ihn an ihre warme Brust nahm. Sein Hals dehnte sich wie eine Kerze; sein zurückgeworfenes Haupt schien von rätselhaftem Gram verschönt und verklärt von der Wissenschaft um eine geheime, allumfassende Liebe, die der äußerlich schenkenden ihre glühende Folie lieh. Er krähte förmlich vor Bedeutsamkeit und prophetischem Tiefblick; er zappelte und sah mit mokantem Mund, starre Entsagungsaugen im zuckenden Puderfeld, in die Spiegel hinein; er beschwor, deklamierte und fegte mit den wabernden Ärmeln einige Gläser vom Tisch. – Zuweilen blieb er stehen und wuchs vor Verachtung einem unsichtbaren Gegner gegenüber, den er dann mit der Laute bedrohte; mit Versen durchbohrte; zu Boden lächelte; und einen Augenblick glaubte Désirée in einem der Spiegel die Umrisse eines gescheckten Trikots zu sehen, das farbig durch das kristallene Gesichtsfeld glitt: – Arlecchino!!  – Dann, nach erneuter Umarmung, sprang er ans Fenster und riß, wie in der ersten Nacht, den Vorhang zurück. Wiederum blickte der Mond groß und hell herein. Und Désirée sah, wie der weiße Mann ihm Kußhände zuwarf, verliebte Gebärden machte und mit der Laute winkte. Siehe da: der Mond geriet ins Wanken, ins Rollen; er schwamm, er wuchs. Er schob sich durch die Bäume; wie ein Silberrad spazierte er über die Äste, er wurde groß und größer und sein Glanz immer stärker. Traumhafte Wellen von Lähmung wallten von ihm herab. Eine silberne Schlafsucht überzog die Welt. Gleichzeitig entstand draußen, wie früher, ein Raunen und Rieseln; und Désirée sah einige Knospen, schwarz und schlank, vor einem silbernen Hintergrund schwanken. Letzte Schneestückchen auf dem Dunkel der Erde schimmerten wie Leichentücher, und ein hohler, großer Ton ging um, aus den Bergen stammend: der erste Wächterruf, welcher der Genienschar des sonnigen, winddurchtummelten Sprießmondes vorauslief. Darauf sanken sich beide in die Arme. Eine kurze Weile verharrten sie so, und dann spürte Désirée plötzlich eine unendliche Traurigkeit. Denn nun wußte sie: ihr ewiger, unerschütterlicher Rivale war nicht aus dem Feld zu schlagen. – Es war der Mond . Gleichzeitig trat das Nebengemach mit der verstummten Bewohnerin vor ihr inneres Auge; sie sah sie dort drinnen schrullenhaft lächeln, mit schattenhaftem, makabrem Behagen, mitten im Amüsement dahingerafft zu sein . . . Sie stürzte mehrere Gläser hinab. Da entstand ein rosiger Nebel; und ihr wurde leichter. Aus einer klingenden Stille klang verworren Musik und Luftgekreisch – so fern, als ob ihr die Ohren klängen. Und Désirée versenkte sich in Pierrots Augen. Ein Brand glomm darin, der die Seelen versengte. Sie fuhr voller Andacht fort, ihn zu küssen . . . Aus einmal zeigte er Unruhe. »Was ficht Dich an?« fragte sie zärtlich. Doch er, seinen Kopf zwischen den weiten Ärmeln begrabend, stöhnte auf. – Ein Windstoß brauste draußen vorüber. Er hob den Kopf, sah stumm im Kreise um; seine Augen drehten sich; die Brauen krochen über der Nasenwurzel zu einem schwarzen Fleck zusammen. Seine Hände verließen ihre fröstelnden Schultern. Sie strichen tastend und zitternd an ihren blühenden Armen herab . . . Ein Krampf überlief ihn; und endlich sagte er, den Mund auf ihre Hand gepreßt, mit einer seltsam entlegenen Stimme: »Nun muß ich gehen, Désirée; nun ist es Zeit, merke wohl . . . Nun schlägt die zwölfte Stunde, und der Sarg wartet auf mich . . .« Und leiser sprechend, sagte er mit starrem Blick: »Die Wunde brennt, zieh dein Florett, Arlecchino , du Würdeloser, und gib mir den Gnadenstoß! –« Dann schritt er still zum Fenster, öffnete es und sprach eintönig in die Nacht und in den Wind hinein: »Wenn dir die Pulse pochen, Mein Glaube ist's gewesen; Ich habe dich erlesen, Du bist mir zugesprochen! Wenn ich die Wimpern senke, Dann mußt du Atem holen, Und wenn ich deiner denke, Bist du dir selbst gestohlen . . .« Désirée, von einer seltsamen Angst gelähmt, verhielt sich still. Ein stärkerer Windstoß brauste herein, und die nun zum Ende des letzten Drittels herabgebrannten Kerzen wurden bläulich und gingen flackernd aus. Silbernes Zwielicht herrschte im Raum. Der Schatten Pierrots trat vom Fenster zurück. Und während er reglos stand, wurde es auf einmal ruhig wie in einer Gruft. Ein beklemmendes Nicht, ein gänzlicher Mangel an Geräuschen wuchs empor; Désirée vermeinte einen Sturz zu tun. Plötzlich erscholl ein Uhrenschlag. Dann ein zweiter, ein dritter: drei fühllose Hämmer zerspalteten die Zeit mit scharfen Metallschreien, zwölfmal , grell und lieblos; und als sie verstummten, zog ein Flor vor den Mond. . . . Pierrot tat einen wunderlich rührenden Seufzer und schritt auf die Truhe zu, deren Deckel geöffnet stand wie ein goldener Rachen, der nach ihm schnappte. Dies alles sah Désirée halb im Traume und untätig an; es war so hell, daß sie fast alle Einzelheiten sah; ein fahles Licht herrschte, wie sie es nie empfunden. Doch kaum, daß er den einen Fuß in den Sarg setzen wollte, kam ein wilder Entschluß über sie. Sie fuhr in die Höhe und hielt ihn fest. »Geh' nicht hinein!« jammerte sie. »Bleib'! – Ich liebe Dich!« Er wehrte sich und strebte heftig nach der Truhe. Sie versuchte alles, ihn zu halten. Wäre der glockenförmige Rock ihr nicht im Wege gewesen, so hätten ihre kräftigen Schenkel ihn wie eine Zange ergriffen, aus der es kein Entrinnen gab; – so aber öffnete eine seltsame, drängende Spannkraft ihm, Ruck nach Ruck, den Weg ins ersehnte Ziel . . . Schon hatte er den einen Rosettenschuh über den Rand gehoben, als er auf einmal einen gräßlichen Schrei tat und als leblose Puppe in Désirées Armen hing. Es war derselbe Zustand, in dem die Gräfin Ponquille ihn in der vorvorigen Nacht aus der Truhe gezogen. Gleichzeitig war er federleicht geworden, als sei er mit Stroh oder Werg ausgestopft; sein Hals pendelte elastisch über der Krause; – sein Rückgrat, wunderlich biegsam, knickte in der Mitte ein. Désirée bettete ihn auf das Sofa, schloß das Fenster und sah ihn an. Sie setzte sich und preßte seinen Kopf an ihre Brust; und zugleich füllten sich ihre Augen mit Tränen. Das salzige Naß tropfte und tropfte ohne Aufhören aus ihren blauen Augensternen und sprenkelte das weiße Gesicht, das so schmal und spitz, einem künstlichen Gebilde aus Wachs ähnlich, mit blinden Augen zu ihr emporstarrte. Die Schmerzfalte darin hatte sich vertieft; eine stumpfe Trauer lag über seine Züge gebreitet, eine Trauer, die auch sie ergriff und sie leblos machte. Sie saß wie ein Steinbild. Endlich raffte sie sich auf und legte ihn sorgsam in die goldene Truhe zurück. Die Laute gab sie ihm auf die Brust. Bis zum Morgengrauen noch kniete sie vor ihm und sah ihn. Endlich schloß sie den Deckel und ging in den bewohnten Mitteltrakt hinüber, wo sie die Dienerschaft, mit der nötigen Diskretion, vom plötzlichen Hingang ihrer Herrin in Kenntnis setzte . . .   Zur Erbin des Schlößchens und Parkes geworden, ließ Désirée die bewußte Truhe im Heckenlabyrinth vergraben. Eine Marmorplatte, mit einer Urne verziert, wurde darübergelegt; und die Tante war an einer anderen Stelle, die man im Testament verzeichnet fand, zur ewigen Ruhe bestattet worden: unmittelbar hinter dem Sockel mit dem Standbild des Prinzen Viktor. Es fiel nun den Domestiken mit Recht auf und gab einiges Kopfschütteln, daß die gute Désirée, anstatt die Grabstätte der Verewigten gebührend zu pflegen, weit häufiger sich zu jener Marmortafel, unter der die Truhe lag, verfügte und dortselbst ausgedehnte Andachten hielt. Bisweilen nahm sie auch ein Büchlein mit und las psalmodierend daraus vor. Einmal wollte man sie auch schluchzen gehört haben. Man hielt es für Schmerzenslaute, dem Andenken der Tante geweiht . . . Es geschah nun, daß sie wiederum in ihrem Verstecke saß, auf der Marmortafel ruhend und den Kopf an die Urne gebettet. Es war die Zeit, da die Rosen in höchstem Flor standen, um die Mitte Juni, und es war ein heißer Tag. Sie ließ den in rotes Maroquin gebundenen kleinen Band (einen Taschenkalender voll unartiger Kupferstiche, vertrackter Lebensmaximen und trostreicher Ratschläge), aus dem resigniert nachgebenden Schoß gleiten und starrte vor sich hin. Ihre umherirrenden Hände streckten sich nach beiden Seiten und betteten sich müde auf die Seide ihres Reifrockes, der, mächtig gebauscht, den Stein ganz verhüllte. – Und mit der Zeit wurde sie traurig in der Wärme und dem Rosenduft; der Gram überfiel sie, und sie schluchzte heftig. Dabei schlief sie ein; und auf einmal fuhr sie, von einer zierlichen Musik geweckt, empor und starrte in die Höhe. Zunächst sah sie nichts als ein helles Blau. Auf einmal vertiefte sich dieses Blau, erhielt Perspektive, und zwar durch eine silberne Treppe, die aus ihm hervorwuchs und deren Fuß scheinbar hinter der Hecke mündete. Nun erschien auf der Höhe dieser Treppe ein Pärchen: der Prinz Viktor und die Gräfin Ponquille. Der Prinz löste sich von der verewigten Freundin los und eilte die Stufen hinab, wobei seine Schritte eine hübsche Melodie ergaben. Seine Kleidung war heiter und leuchtend; ein rosiges Gewimmel von Puten purzelte hinter ihm drein. Kurz bevor er hinter der Hecke verschwand, nahm er das Lorgnon und spähte nach Désirée hinüber, worauf er befriedigt nickte und untertauchte. Jetzt hörte Désirée Schritte im Grün, und auf einmal stand der Prinz vor ihr. Sie kannte ihn schon von der Statue her, die man ihm errichtet; doch hatte jener Künstler ihn mit einer viel zu kraftvollen Figur ausgestattet, wie durch den Augenschein ersichtlich war: denn er war nichts weniger als muskulös, vielmehr ein sehr zierlicher, beinahe schmächtiger Herr. Er verbeugte sich und sprach mit besorgter Stimme: »Sie weinen, meine Beste?« »Ja, Ew. Liebden«, erwiderte das Mädchen. »Muß ich nicht weinen? . . . Er ist tot.« »Wer ist tot, meine Liebe?« Der Prinz blickte eifrig mit dem Lorgnon in der Runde umher. Seine Backen waren gebläht, seine Augen, kurzsichtig, traten etwas hervor. »Aber er ist doch tot, Pierrot, mein Freund! – ich sitze auf ihm, Ew. Liebden!« rief sie und begann von neuem heftig zu schluchzen. Hier aber zeigte der Prinz kein Mitgefühl, sondern er begann hell und ungezwungen zu lachen; und es war, als ob das Gelächter ein zartes, tausendfaches Echo wecke; das war wie Bachgemurmel allerorten; es war, als ob die ganze Schöpfung sich amüsiere. »Nein, das ist köstlich! – Wer , sagten Sie, ist tot?« »Pierrot!« Da rief der Prinz mit verstärktem Gelächter und schüttelte sich: »Aber ich bitte Sie, meine Liebe – – der ist ja unsterblich!! «   Zehntes Bild Larven oder die Beichte eines Sonderlings Die Klausnerei Verwunderlicherweise lebe ich noch. Dies muß in Erstaunen setzen, wenn man hört, daß ich mehrere Male durch einen Zustand hindurchgegangen bin, der nichts anderes (ich prahle nicht!) als Tod bedeutet . . . mit all' dem dazugehörigen Zähnegeklapper, mit ankriechendem Frost, mit dem Schwebegefühl und der zerrinnenden Umgebung . . . Und dann dies Außer-sich-sein! – Hören Sie mir gut zu, meine Herren; es ist ein erstaunliches Erlebnis; es wird ein fürchterliches Fragezeichen durch die Tatsache, daß ich trotzdem noch »lebe« . . . Hätte ich dies Fragezeichen siegreich am Schwanz packen können und zur Auflösung zwingen – ja, dann wäre alles gewonnen und wir wüßten, wüßten  . . . Wenn nur die Katastrophe nicht erfolgt wäre, daß ich einen Blick durch das verbotene Fenster warf!! Die »andere Ebene«! – Man kann das nur mit Flüsterworten sagen; hsch – hsch . . . Es ist zunächst ja nur ein Gedanke . . . Doch dann wird es real. Aus dem Zuschauerraum, aus unserer dummen dunklen Existenzform klettert man auf die Bühne, hinein in andersartiges Licht. Von dort blickt man zurück und hat den unerträglichen Anblick des leeren Kokons unten im Dunkel, der eignen gesprengten Hülle . . . Vielleicht ist dies falsch ausgedrückt, doch wer von uns, meine Herren, vermißt sich, ohne weiteres den passenden Ausdruck für solchen Zustand zu finden! – Kurzum: es ist eine Trennung da; und diese nennt man gemeinhin »Tod«. Welchen Abgrund von Höllenpein durchkostet der Astralleib, wenn ein magischer Zwang in seine Ebene greift; wenn er den Befehlsschrei hört, den feindlich-fremden: »Lazare, komm hervor!!« – Dann muß er, fertiger Falter, zurückkriechen in die zersetzte Hülle, ins dumpfe zerfallende Haus, das schon alle Beschlagnahmesiegel der Verwesung trägt. Hat doch dieser Schock, meine Herren, mich selbst fast zersplittert, wenn ich in meine halb erloschene Puppe zurückkehrte, zu der sich nur noch hauchfeines Spinnenweb hinüberspann . . . Ich weiß jetzt, wie man es macht. Ich werde hinausspazieren, wann es mir paßt, – dann aber auch draußen bleiben. Es tut halb so weh, dem Leib mit sardonischer Höflichkeit endgültig Adieu zu bieten, als zurückkriechen in den verhaßten Hampelmann. Das Wegbleiben ist ein Vergnügen im Vergleich zur tobenden Angst hinter den drosselnden Gitterstäben der Körperlichkeit. Darum sage ich Ihnen: ich bin bis jetzt im Leib geblieben, um Ihnen und der Menschheit einen Gefallen zu tun. Nämlich: seit unvordenklichen Zeiten ist man immer ungeheuer erpicht darauf gewesen, Positives über das »Fortleben« zu erfahren. Ich bin in der Lage, Ihnen einiges Endgültiges mitzuteilen; ich kenne das Drum und Dran . . . Nette Theorien hat man ja; wie die Pilze sind Spekulationen und religiöse Kartenhäuser seit jeher aufgeschossen auf dem ewigen Dünger dieser Neugier. Allerlei Mystagogen haben sich längst denselben Spaziergang geleistet. Sie erzählten davon in ihren Worten; doch die Zeit entwertet Worte! Selbst feste Begriffe – werden sie nicht dem Ohr der Jahrhunderte zur Mode? Immerhin – das Verständnis der Gegenwart ist besser geschult. Aufnahmebereiter, hellhöriger – nicht mehr blinder Magie ausgeliefert . . . Vielleicht bleibt also etwas hängen, etwas Nachprüfbares ; und wenn Sie ein Resultat haben, meine Herren, dann sperren Sie's in Gottes Namen in Ihren terminologischen Stall . . . Also: es ist kein Wunder, daß ich Marlies so liebte. Sie war in jeder Bewegung, jeder Miene, jedem Wort ein absolutes Ebenbild meiner verstorbenen Frau. Meine Frau starb – ob Sie sich dessen noch entsinnen? neunzehnjährig an der Geburt dieser Tochter. Sie fühlte ihren Tod im voraus, denn sie sagte mir: »Weine nicht, Mark. Du hast ja Marlies. Nach einer Weile ist sie groß und du bist nicht mehr einsam.« Ich habe meine ganze freie Zeit, die mir die Bank ließ, dem Kind gewidmet. Nur dem Kind. Nur in den ersten Jahren, solange Marlies noch unmündig war, nahm ich einen Dienstboten. Ich wußte von nichts und dachte an nichts; nur das Kind war da . . . Man hat mich für einen ungeselligen, langweiligen Patron gehalten; mit Recht. Ich habe das Kind allein auferzogen. Sie saß in einem gläsernen Haus, und ich patrouillierte knurrend davor auf und ab wie ein Tempelhund. Ein begabtes Mädchen, diese Marlies. Sie steckte voller Humor . . . Schon mit sechs Jahren tat sie Äußerungen, die verblüfften. Mit zehn konnte sie so weise Dinge von sich geben, daß man innerlich in die Knie sank. Streng und gerecht, das war sie; und in den letzten Jahren, bis zum großen Ereignis, herrschte ein so inniger Kontakt zwischen unseren Gedanken, daß jeder von uns im anderen las, wie in einem aufgeschlagenen Buch. Sie nannte mich Mark. So hatte mich auch meine Frau genannt. Das Wort Vater fiel nie. Ich habe auch geistig keinen Augenblick einen Vollbart gestrählt oder einen Bakel geschwungen. Ich war wie ein Bruder; lächerlich eifersüchtig auf fremde Einflüsse . . . Ich erwirkte die Erlaubnis zum Hausunterricht, dicke ärztliche Atteste – wiewohl dem Mädchen nichts fehlte als zwanzig Prozent Blut; ein wenig zart war sie, na ja – übrigens ergibt sich dies bei schnellem Wachstum. Der Hausunterricht schloß sie von der Schule aus. Ich hatte sie so in der Gewalt, daß sie die Berührung mit anderen Kindern nie vermißte und ein hoffärtiges und unzugängliches Frauenzimmer wurde. Ich war der einzige Mensch, den sie längerer Ansprachen würdigte; den sie mit kameradschaftlicher Duldung um sich vertrug. »Du amüsierst mich, Mark,« – war sie imstande zu sagen; – »du bist der einzige Mensch, der mich nicht langweilt.« – So ein Ausspruch klingt nach allerhand, wie? aus dem Mund eines vierzehnjährigen Backfisches, besonders wenn sie den eigenen Erzeuger meint . . . Es ist mir aber vollkommen gleichgültig, was ›man dazu sagen‹ mag. Selbst Ihre Meinung, meine Herren, spielt nicht die geringste Rolle. Übrigens war das Amüsement ganz gegenseitig; so ein schuldloser Zeitvertreib wie das Spiel mit hochtrabenden Worten wuchs üppig bei uns. Auch quälte sie mich gern. Sie wußte, daß ich ihr verfallen war. Aus einem verschmitzten Wissen heraus tat sie seltsame Dinge. Einmal erwischte ich sie, als sie sich eine kurze Pagenfrisur schnitt und neben den Spiegel das Bild meiner Frau gelehnt hatte. »Was ist das wieder für ein Unsinn?« fragte ich. »Nun,« sagte sie und handhabte die Schere mit mörderischer Zielbewußtheit – »einen ganz kleinen Unterschied muß es doch geben zwischen mir und ihr!« Dabei zeigte sie auf das Bild. Meine Frau hatte ihr Haar in faustdicken Wickelflechten um den Kopf getragen. Der Mensch ist ein ausgesprochenes Herdentier, meine Herren. Es tut nie gut, wenn er der Welt die Tür ins Gesicht schlägt. Selbstisolierung hat viel Autosuggestives; sie erzeugt falschen Hochmut. Außerdem wird man Zufällen gegenüber viel verletzlicher. Denn diese verdammten Zufälle – sie kriechen überall hinein, durch jede Ritze, und stellen uns ein Bein – es braucht nicht einmal ein organisierter Angriff von denen da draußen zu sein. Ein kaltes Lüftchen kann es sein, ein vagierender Giftkeim, ein böser Wunsch vielleicht nur wie eine Zufallsfledermaus beim Lampenschein . . . Dumm von mir, was, mich vierzehn Jahre lang abzuschließen?! Da kannte ich die Herren von der Bank, nette, freundliche Kollegen. Es ist schauerlich, was ich bei ihnen verabsäumt habe. Beruflich konnten sie mich nie tadeln. Zum Prokuristen hat man mich avancieren lassen. Ich habe meine Stelle vertreten als saubere, gutgeölte Maschine, und der Chef sagte darum auch in schwierigen Fällen: ›Reisen Sie , Stirum; Sie sind unbeteiligt . . .‹ Alles prallte von mir ab. Der Löffel fand sich nicht, über den man mich balbierte. Und die Menschen, mit denen ich über große Summen verhandelte, wie Puppen kamen sie mir vor, denen Spruchbänder aus dem Munde hingen. Durchschaubar, riechbar war mir ihr Charakter. Ich betrieb eine Art von Hellseherei. Niemand konnte mir etwas vormachen, und daher stammte auch die hübsche Glosse des Chefs von meiner ›uninteressierten Unbestechlichkeit . . .‹ Mein Gott (werden Sie sagen) – ist das auch noch ein Mensch! Kann man denn der Gesellschaft so in die Zähne hineinleben! Ja, Sie haben recht; das Gesetz des Sozialen läßt nicht mit sich spaßen. So ein ehernes Menschheitsgesetz ist wie eine Walze; – sie schleift einen mit oder sie vernichtet einen. Da kannst du dich stemmen; vielleicht gelingt dir das sogar jahrelang, denn, von der Perspektive des winzigen Individuums aus, hat diese Walze ein Schneckentempo. So bildet man sich schließlich ein, daß man sich wirklich eine Klausnerei geschaffen hat inmitten der brodelnden Zivilisation. Aber auf einmal, unvermutet, werden die eigenen Füße doch unwiderstehlich unter einem fortgerissen. Ich bin ja überzeugt, meine Herren, daß die große »soziale Bestie«, die von mir vergeblich ihren faulen Kompromiß verlangte, letzten Endes an dem verdammten Zufall, der »verschleppten Grippe«, schuld ist. Sie rächte sich: haßte ich doch ihren Biertischsumpf, ihre Kegelbegeisterung. ihre menschenunwürdigen politischen Debatten, ihre klebrige Stellenjagd und konventionelle Verlogenheit. Denn dies alles war ja nur Betäubung; man wollte die Wahrheit vernebeln. Seit meinem ersten großen Erlebnis, dem Tod meiner Frau, als mich der Feueratem jener letzten Endgültigkeit streifte, für die alles andere nur Maskerade ist – seit diesem Erlebnis des Eigentlichen haßte ich all den hirnlosen Herdenschmock. Es war die wüste Ehrlichkeit von Drüben, gegen die ich damals rannte, doch seitdem empfinde ich es als Gnade. Man braucht kein Pharisäer zu sein, um zu sprechen: »Ich danke dir, daß ich nicht bin wie diese.« Der »Röntgenblick« Meine Frau war schon drei Wochen lang krank gewesen; Sepsis; sprunghaft steigendes Fieber; das Kind war im Nebenzimmer untergebracht. Das Mädchen war auf Besorgung ausgegangen. Ich kam heim; es war ein dunkler Novemberabend. Ich suchte nach Streichhölzern, um die Lampe in der Küche anzustecken und ins Krankenzimmer hinüberzutragen. Das Kind schlief; es war still im Haus; die Türen standen offen. Leise fluchend durchstöberte ich die Küche und den Rest der Wohnung nach Streichhölzern; ich fand sie nicht. Während ich nun einhielt und nachdachte, hörte ich, wie der singende Atem sich beschleunigte; er füllte die ganze Wohnung. Auf einmal traf mich wie ein Peitschenhieb der Gedanke: »Mach' Licht, sonst ist alles verloren. Mach' Licht!! . . .« Verzweifelt suchte ich weiter. Die Finsternis wuchs immer mächtiger, immer drohender. Und bevor es mir gelang, Licht zu machen, da war es, als ob eine Schattenfaust sich um ein Uhrenpendel schlösse: der singende Atem war plötzlich nicht mehr da . Seltsamerweise schrie das Kind im selben Moment auf, als mir die zusammenstürzende Stille zum Bewußtsein kam. Es war, als habe man den Säugling plötzlich aus dem Schlaf gerissen. Er hatte gar keinen Grund aufzuschrecken; er lag satt in purpurner Stille. Aber eine jähe Erhellung mit jähem Erlöschen muß in das knospenhafte Hirn hineingefahren sein, und solange das Blitzbild nachglomm, schrie er auf. – – – Nachdem man sie begraben hatte, feierte ich im Halbschlaf wahre Feste. Fünf-, sechsmal kam sie zu mir. Ich fühlte, ich griff sie. Sie war in Anspruch genommen von anderen Dingen. Sehr bevorzugt kam sie sich vor; außerordentlich begehrenswert; sie zeigte eine Mischung von Keuschheit und Schadenfreude . . . Ich weiß, das klingt absurd, meine Herren; aber wenn jemand sich etwas darauf zugute tat, es unvorstellbar besser zu haben als unsereiner »im Fleische«, so war sie es, und sie machte auch kein Hehl daraus. Ihr Erscheinen war ein süßes Entsetzen und eine wachsende Beklemmung, die durchs Blut pulsierte wie Rauschgift. Sie lag über mir, – und was auf mich niedertropfte wie warmer Sommerregen, was ich einsog, war eine Ewigkeit von eindringlichem Geflüster. Ich nahm sie ganz in mich auf . . . Solch hochzeitlicher Halbschlaf, der mich weitoffnen Auges zurückließ, geschah gegen vier Uhr morgens, und ich sehe noch die schweren Flechten auf und niedertauchen vor dem Bleigrau der Frühe in den Fenstern. Es war ein körperlicher Schatten, denn er schluckte das Licht, wo er sich regte . . . Ich sah – verstehen Sie – gleichzeitig mit dem inneren und äußeren Blick, und das ist eine grundvertrackte, kaum definierbare Angelegenheit. Kennen Sie diesen »Röntgenblick«? – Alles wird gläsern, und die vertrautesten Möbel stehen auf einmal da wie unzureichende Kulissen vor verfemter Versenkung. Aus solcher letzten, gefährlichsten Wollust rang ich mich widerwillig hindurch an die Oberfläche der Dinge, ins normale Sein. Nur dieser Übergang war's, den ich so scheußlich empfand; ich wurde wach mit einem tauben Gefühl in den Gliedern, gehetztem Puls, schweißbedeckt und hastig atmend. Als die Besuche sich aber mehrten, gewann ich das Vermögen, meine große Unlust zu überlisten. Ich bat sie, sich ganz allmählich zu lösen, bevor sie scheide, und den Einbruch in meiner Seele gewissermaßen auszupolstern. So lullte mich fortan der Summton unserer Unterhaltung, plätschernder Akkord der Tiefe, in traumlosen Schlaf. Morgens erwachte ich dann – mit seltsamen Bildern im Kopf, mit seelischer Nachempfindung ungeheurer Selbstvergeudung . . . Sie müssen sich nicht vorstellen, daß ich eine Adeptenhöhle aus meiner Wohnung machte; so einfach war das nicht. Als es mir seltener gelang, die Jenseitige kirre zu machen, hinterließ sie mir blassere Eindrücke; doch ihre öfters wiederholte Mahnung war: »Du brauchst mich nicht mehr; ich bin dem Kind auch nicht gewachsen; von nun ab will dich das Kind . . .« Lassen Sie sich nicht irreführen durch den Ausdruck Unterhaltung. Es war ein gemeinsames Träumen; ineinandergesenkter Austausch von Bildern. Was sie zischelte, waren wohl auch keine Worte, sondern ich pflückte einen Sinn von ihrem Lippenrühren. Der Nachhall sinnloser Silben, in meiner eigenen Stimme gesprochen, schwang noch, wenn ich erwachte, in der Luft. Ich wußte aber genau, daß diese Silben auf anderem Plan voll tiefen Sinnes gewesen. Als sie nun immer scheuer wurde und ihr Kopf das bleigraue Fensterquadrat kaum mehr verdunkelte, sondern ich auch durch sie hindurchsah wie durch Nebel, linderte sich sanft die Wunde, die das Leid in meiner Brust gefressen wie ein Loch. Sie ward verschüttet. Das Loch füllte sich, schon während das wirre Schilpen frühwacher Spatzen hereinschwoll, mit einer neuen täglich wachsenden Liebe: mit Marlies . Es war, als wechsele die Mutter nur den Körper; neuer Wert und neue Hoffnung erblühten. Und das war auch der Grund, warum ich sie nicht festzuhalten suchte – als sie sich »zurückzog«. Die Nächte voll Vernichtungsgefühl und abstrakter Wollust blieben aus. »Mein lieber Stirum,« wollen Sie jetzt sagen (denn ich kenne Ihre schlichten Gedankengänge) – »binden Sie uns keinen Bären auf, der nach Spiritismus schmeckt. Bleiben Sie bei der Stange. Sagen Sie: ich habe geträumt; aber faseln Sie nicht von Geistern.« Es wäre ja auch gar nicht verwunderlich, wenn's so gewesen wäre. Ich bin jetzt noch bereit, mich als damaliges Opfer wiederholter Halluzination zu bezeichnen. Gut; ich habe lediglich plastisch geträumt; es gibt ja keine Zeugen. – Aber das eine kann ich Sie versichern: diese Träume waren immerhin nachhaltig genug, um sich neben der Wirklichkeit von vierzehn Jahren zu behaupten. Denken Sie also, was Sie wollen; aber wenn Sie mich unterbrechen, schweige ich . . . und Sie sind um einen wirklich interessanten Bericht gekommen . . . . Ich soll weiterreden? Gut also. – Ich gehe ins Extrem; vielleicht ärgere ich Sie jetzt. Denn ich war seitdem sogar überzeugt, daß jene Erlebnisse die eigentliche Wirklichkeit sind und alles übrige nur trübes Treibholz unserer fragwürdigen »Erfahrung«. Ach, du lieber Himmel! Diese Erfahrung! Dies prachtvolle Kausalgebäude! Mit was für rohem Stückwerk arbeiten wir, um uns ein Bollwerk zu bauen gegen das Nichts, um uns in dumpfer Angst davor in einem sicheren Nest zu verschanzen, nur damit unser Ich nicht hinübertastet nach seiner eigentlichen Domäne! – – Vielleicht muß das so sein, denn wie wenige Menschen sind solchen Spaziergängen gewachsen! Stellen Sie sich die Panik der Bürger vor, wenn ihnen zum Zeitvertreib nur ein paar Stunden lang das innere Gesicht geschenkt würde! Ich will nicht gerade behaupten, daß ich mit dem Bereich auf einmal grenzenlos intim wurde. Immerhin gelangen mir kleine Vorstöße; je mehr meine Neugier wuchs, desto mehr schrumpfte natürlich mein Interesse an »Alltags Lust und Leid«; desto maschinenmäßiger verlief meine leibliche Existenz. Hohe Genugtuung ist es mir noch, daß ich der »Welt« dauernd ein Schnippchen schlug. Denn der bedächtigste Spion erriet nicht, daß ich ein vollkommenes Doppelleben führte. »Zum Sonderling ist er geworden durch den plötzlichen Tod der jungen Frau«, hieß es allgemein. Diese Version hatte ich in Umlauf gesetzt. Sie hatte das Gute, daß man sie nicht widerlegen konnte, und gab mir die Möglichkeit, mein Benehmen zu »strecken« über die offizielle Trauerzeit. Als die Teilnahme dann doch aggressiv wurde, hatte ich Gott sei Dank das Kind und schob es in die Bresche. »Pflege des einzigen Kindes«, war das nächste Aushängeschild. Auch dies war fast wahr. Und so war ich dann, in mitleidigem Respekt so genannt, ein treuherzig-eigenbrödlerischer Narr, den man halb seufzend und halb sarkastisch in Ruhe ließ. Denn sie wußten nichts mit mir anzufangen. Schließlich hatten sie keine Lust mehr, mich mit Teilnahme zu belagern. Marlies und die »Ofenzwerge« Sie kennen das Haus, in dem ich wohne? – Nicht genau? – Nun: es liegt im alten Stadtviertel inmitten eines schmiedeeisern umfriedeten Gartens. Vier Zimmer habe ich da im ersten Stock einer Backsteinfestung einstigen Familienstolzes. Vor unserem gemeinsamen Schlafzimmer hinter einer Fenstertür finden Sie den Balkon . . . Das gebauchte Gitter hängt schwarz, nur von blutroten Weinblättern gesprenkelt, in der regenschweren Novemberluft. Ein Frühling kommt nicht mehr. Von dort aus blickt man auf Rondelle verwilderter Stechpalmen. Unten im Haus, wo es stets feucht ist, habe ich die absterbenden Überbleibsel der früheren Besitzer installiert: eine verrostete Greisin mit unverheirateter Tochter, deren Lebensjahre zusammengezählt hundertsechzig Jahre ergeben. Die Mutter ist nie sichtbar; die Tochter aber, ganz in morschem Lila, geistert noch im Spätherbst mit rostiger Gießkanne über die Wege und nimmt zerrupfte Astern in ihre Pflege. Kurz: es sind grabesruhige Mieter. Als Bedienung haben sie eine taube Spitalkandidatin, und so hört man nur etwas von ihnen, wenn diese in die Stadt geschickt wird. Marlies, die nie vor zehn aufstand, erzählte, man höre dann schrilles Quäken in ein taubes Ohr, es gemahne an die Laute landfremder Nagetiere. Zuweilen auch rührte sich drunten das Klimpern eines uralten Spinetts, so zimperlich und scheu, daß die Melodie an sich selber einging oder vom Regen überhaupt erstickt wurde. Als Schutz gab es einen gichtgeplagten Hausmeister mit einer großen Dogge, einem Bernhardiner, in dem scheinbar die Motten gehaust. Sie sehen aus all diesen Details, daß es nicht übermäßig munter um mein Haus bestellt ist. Vor allem ist es still – so erloschen, so philosophisch. Dieselbe alte Dame, die dort drunten noch atmet, hat vor siebzig Jahren auf meinem Balkon gesessen mit einem Cul de Paris . Das Stühlchen ist sicher ganz verschlungen worden von ihrem wolkig abgesteppten Schleppkleid und sie hat mit derselben Stimme, die heute klingt wie erdrosseltes Gezirp, mit Herren in Backenbärten geschäkert. Ich glaube, das Haus hatte es auf Marlies abgesehen. Kurz nach ihrem vierzehnten Geburtstag war's – wir hatten beide einen kleinen Exzeß in Punsch hinter uns – da kam diese »verschleppte Grippe« (wie Ihr Kollege Doktor Pinswang meinte) und sie mußte ins Bett. – »Kein Gedanke an Aufstehen.« – Ob er die Sache übertrieb und gerade das erzwungen Passive für das lebhafte Frauenzimmer schädlich wurde, sei nicht untersucht. Ihr Betätigungskreis war eingeengt und sie wurde. wenn ich in der Bank war, die Beute überflüssiger Grübeleien. Sonst hatte ihr mein Fernbleiben nie etwas ausgemacht. Sie hatte die Zimmer geheizt, aufgeräumt, gesäubert, zu Mittag eingeholt, gekocht; und nachmittags hatte sie ihre Lektionen gelernt oder geträumt, bis ich um sechs Uhr wiederkam. Ein bißchen blutarm, na ja . . . Sonst aber gesund. Für ihr Alter kräftig, gut entwickelt, groß; im Sommer immer im Garten . . . Stubenfarbe nur im Winter. Toll, wie? So plötzlich kann man sich hinlegen . . . Wir hatten einen Kater als dritten im Bunde, der bei uns aufgewachsen war. Er hieß Moloch, ein Siamese: gelblich silbergrau; Pfoten und Kopf wie in Teer gestippt; lächerlich kurzschwänzig. Ein teures Tier. Auf seinem schwarzen Antlitz besaß er ein paar intensiver, ein wenig unbehaglicher Augen. Und vor diesem Kater, ihrem sechsjährigen Spielkameraden, begann Marlies sich auf einmal zu fürchten. Gewöhnlich saß sie, wenn ich seit Beginn ihrer Krankheit mit dem Abendbrot nach Hause kam, im purpurnen Spielwinkel ihres leichten, doch zähen Fiebers, wie ein Kaninchen im Bau: in Kissen eingepackt, die Beine gekreuzt und mit geographischen Ausflügen auf ihrem Plumeau beschäftigt. Eines Abends – es war um sechs Uhr schon völlig dunkel – lag sie bei meiner Rückkunft reglos und starrte nach dem Dauerbrandofen hinüber, dessen Glut durch das halb offene Türchen drang und einen Schimmer auf den Teppich legte. Dort saß Moloch, ebenso reglos, und warf in kurzen Abständen voll gläsern starrer Raubtierverträumtheit Blicke zu Marlies hinüber. Seine Augäpfel glichen Juwelen. »Mark«^ flüsterte Marlies. – »Ich kann nicht mehr allein sein. Ich habe mich sehr gefürchtet.« »Nanu? – Vor Einbrechern?« »Nein, Mark. – Vor Moloch. – Sieh ihn dir an, wie er heuchelt. Wenn es im Ofen kracht, schauspielert er und stellt sich nervös. Doch als ich vorhin schlief, sprang er mir auf die Brust, daß ich kaum Atem bekam; und als ich die Augen aufriß, hatte ich seinen Kopf dicht am Gesicht – nicht die nette schwarze Maske dort, sondern einen . . . gierigen Kopf; die weißen Bartgrannen zitterten, als ob er lächle. Dabei drückte er seine Krallen langsam in meine Brust und hatte einen seltsamen Ton in der Kehle . . . Kein Schnurren. Als ich ihn abschütteln wollte, fauchte er. Das hat er noch nie getan. Ich hatte Mühe, ihn loszuwerden. Ich spüre noch seine Krallen.« Ich entfachte die Lampe und sie zeigte mir die Male: sechs kleine blutunterlaufene Punkte, wie von Nadelstichen, auf den kleinen Brüsten. »Nun, er wollte spielen«, beruhigte ich sie. »Aber weil du dich schon vor Moloch fürchtest, sehe ich, daß ich dich nicht mehr alleinlassen darf. Ich werde ein Mädchen engagieren.« »Gut, Mark! Es tut wohl, Hilfe zu haben, wenn Moloch wieder spielen will. Aber alt darf dieses Mädchen nicht sein. Ich will eine Spielgefährtin . . .« Nach längerem Suchen fand ich ein robustes Geschöpf von fünfundzwanzig Jahren, das gern die Arbeit übernahm und für uns kochte. Marlies fieberte dauernd. Der Zustand war ihr aber nicht unbehaglich. Ursula pflegte sich nach getaner Arbeit an ihr Bett zu setzen und mit ihr zu plaudern. Da ergriff Marlies eines Tages ihren nackten Arm und tastete ihr mit den Nägeln, die inzwischen spitz und lang geworden, bis zur Schulter hinauf. Plötzlich – so berichtete mir die Überraschte – habe sie ihre Nägel mit ungewöhnlicher Kraft ihr ins Fleisch gebohrt; Blutstropfen seien hervorgetreten, und Marlies habe geflüstert: »Tut's weh?! – Halt' aus!! – Weißt du, Ursula, daß du mir eine ganze Menge Blut schuldest?? « – worauf sie es mit züngelndem Kuß von ihrer Haut gesogen habe . . . Dann habe sie ihren schmalen Körper an den kräftigen des Mädchens gepreßt und ihr mit einem Ausdruck ins Gesicht gespäht, der noch viel überrumpelnder gewirkt habe als der unerwartete Überfall. Ihr, Ursula, sei ganz schwach in den Knien geworden, wie wenn sie einem seltsamen Einfluß unterliege; schwer atmend sei sie aufs Bett gesunken, ganz dem Zugriff, den Delirien und den saugenden Blicken der Marlies ausgeliefert . . . Als ich meine Tochter zur Rede stellte, schien sie nichts mehr davon zu wissen. Später lächelte sie abwesend und meinte: »Tat ich das? So wollte ich ihr wohl zeigen, wie Moloch es mit mir machte . . .« Ursula jedoch war, wie es in der Jagdsprache heißt, vergrämt. Als sie ihren Dienst antrat, hatte sie viel geträllert und gesungen; nun wurde sie schweigsam. »Es kommt vom Hause, Herr«, sagte sie. »Außerdem ist das Fräulein nicht zu bändigen. Wenn Sie nicht da sind, läuft sie im Hemde herum. Ich hatte schwere Mühe, sie ins Bett zu schaffen. Ich fürchte, ich schaffe es nicht mehr. Jede Gelegenheit paßt sie ab, um mir einen Streich zu spielen. Und ich trage dann die Verantwortung, wenn sie kränker wird.« »Ist das Fieber denn gestiegen?« »Es ist jetzt ständig über achtunddreißig. Schon morgens . . . Ob es nicht doch die Lunge ist?« Wieder ließ ich Ihren Kollegen Pinswang kommen, und wieder fand er nichts und blieb bei seiner verschleppten Grippe. Blut und sonstige Befunde seien vollkommen befriedigend. Sie hüstelte nicht einmal. – – Meine Herren . . . Ich hatte Höllenangst, das kann ich Ihnen sagen. Eines Tages setzte ich mich vor den Spiegel und sah mich an. Dieser Mensch hier, zwang ich mich zu denken, ist Prokurist; Vertrauensperson einer Großbankfiliale. Während seiner sieben Schalterstunden übt er seine Routine mit lautloser Genauigkeit. Seine Anweisungen sind knapp und schnell; Präzision kennzeichnet seine Bilanzen, seine Telephongespräche, seine Diktate. All dies besorgt dieser Mensch da – diese ausgewachsene, dünnlippige, glattrasierte Marionette mit dem angegrauten Scheitel . . . Er ist eine wesentliche Schraube im Unternehmen. Bei seiner Papageiennase fällt die Schwäche des Kinns doppelt auf; das muß seinen Grund haben . . . Ich wollte in noch weiteren melancholisch-selbstgefälligen Betrachtungen wühlen, da fühlte ich, wie mich das Blitzen meiner eigenen Brille blendete. Ich trage eine sehr starke Nummer. – Diese Figur im Spiegel war also Marliesens Vater – ein erstrebenswert kompetenter bürgerlicher Papa. Das war's, was die Welt zu sehen bekam; sie kannte es, sie riß sich nicht darum; sie gähnte hinter der hohlen Hand. Nie noch gab es einen so tollen Kontrast zwischen außen und innen wie bei mir. Ich hatte bisher einen Kult mit dieser erloschenen Figur getrieben, denn auf ihr war meine Existenz gegründet. Als nun Ursula kündigte, fiel mir selbst auf, wie leichten Herzens ich »dringender Familien-Angelegenheiten halber« den Urlaub vom Chef ertrotzte, wiewohl damals eine zugespitzte Krise den Geldmarkt bedrohte und ich noch nie so nötig gewesen war wie gerade jetzt. Ich fühlte, daß die Krise, die mich selbst betraf, dringender rief und in jedem Sinne unvergleichlich wichtiger war . . . Ich beschloß, mich ganz mit aller Kraft der kleinen Jungfer zu widmen. Ich mußte ihr viel vom Leibe halten . . . Ursula hatte mir noch, während sie kündigte, folgendes erzählt. Sie habe im Nebenzimmer geschlafen. Da sei sie plötzlich von einem Geräusch geweckt worden, als würden eine Anzahl Türen von weiter Ferne her und sich rapid nähernd aufgerissen und zugeschlagen. Plötzlich seien es die Türen im Hause selber gewesen, die gekracht hätten. Schlafblind sei sie aufgesprungen, um die anscheinend nachtwandelnde Marlies einzufangen – ein paar Schritte hätten sie ins Schlafzimmer gebracht – da aber sei alles friedlich und still gewesen. Mich selbst habe sie schnarchen hören. Marlies habe geschlafen wie eine »Tote«. In der Küche habe der dort eingesperrte Kater leise gesungen mit tiefer Kehlstimme. Alle Türen seien verschlossen gewesen wie immer. – – Wo aber komme es her, frage sie allen Ernstes, daß sie mit so fürchterlichem Herzklopfen aufgeschreckt sei? Daß die Rißwunden an der Schulter deutlich geschmerzt und eine davon sogar ohne ersichtlichen Grund wieder geblutet habe? – Nein, hier bleibe sie nicht; ich solle es ihr nicht verübeln. »Mein Gott! Ein Scheit im Ofen hat gekracht! Das klingt zuweilen wie ein Schuß . . .« »Ich weiß nicht, Herr. – Sie können recht haben. Aber am ersten November muß ich Sie verlassen.« Bis dahin war es noch eine Woche. Marlies weinte viel und führte seltsame Reden. Ich saß oft bis Mitternacht an ihrem Bett. Als ich ihr meinen Entschluß ankündigte, nicht von ihrer Seite weichen zu wollen, bis sie gesund sei, war sie tief beruhigt. »Du hast keine Ahnung, Mark,« fügte sie bei, »wie lebhaft sie jetzt sind, wie sie sich Mühe geben! Aber du bist ihnen gewachsen.« »Wem, mein Kind?« fragte ich. »Nun – den kleinen Grauen doch!« flüsterte sie eindringlich.« »Aha«, sagte ich. »Du meinst die Ofenzwerge! « (Das waren Geschöpfe. die wir gemeinsam ins Leben gerufen, als Marlies acht Jahre alt war; gute Gestalten, vertrauenerweckend, wenn auch etwas problematisch. Sie waren durchaus friedlich und nur auf sanfte Neckerei erpicht.) »Natürlich! Die Ofenzwerge!« sagte sie befreit und glücklich. »Aber Mark – sie sind nicht mehr ganz so nett wie früher.« »Marlies,« redete ich auf sie ein und trug sie dabei im Zimmer umher – »hier sind sie nicht und dort sind sie nicht; sie haben überhaupt wenig Platz. Sie machen vielleicht Radau und zanken sich, wenn sie sich unbelauscht vermuten. Aber für dich haben sie gar kein Interesse mehr – du bist ihnen zu groß geworden. Sieh dich mal selbst an, wie lang du geworden bist. Kannst du deine eigenen Füße noch sehen? Deshalb spielen sie auch nicht mit dir, sondern bilden sich ein, sie sind witzig, wenn sie dich erschrecken. Wenn du ihnen immer zuguckst, schweigen sie beschämt. Sie sind ja viel zu dumm, um was anzurichten; du kennst sie ja. Laß dich von den Kleinen ja nicht ins Bockshorn jagen.« »Kann man sie nicht versöhnen? Ich fühle, sie wollen was von mir. Auch wenn ich sie nicht belausche.« Ihr Fieber war hoch. Ich wiegte sie hin und her. Ihre hektischen Augen standen wie Sterne im blassen Gesicht und durchtasteten das ganze Zimmer. Die Lampe brodelte leise; das Öl sang. Die Rhythmen einer andrängenden monotonen Melodie schwangen dicht unter der hohen verräucherten Decke. Irgend etwas an ihren Worten hatte mir Vorstellungen erweckt, die ich hier lieber verschweige. Delirium, wie? Na ja . . . Waren das auch die – »Ofenzwerge« gewesen, die Ursula so roh aus dem Schlaf gezerrt? Eins war nötig: der Geist des Kindes mußte konzentriert werden auf etwas Festes, das ihm stets neue gesunde Nahrung gab. Bücher konnte und durfte sie noch nicht lesen. So mußte man etwas herschaffen, was ihre Phantasie anregte und zugleich ihren Spieltrieb. In der Woche, die mir noch blieb, durchirrte ich die Stadt und grübelte dabei über einen Ausweg nach. Das Tier Ich will nicht entscheiden, ob die Intuition, die mich zur Entdeckung des Puppenhauses führte, aus mir selbst stammte. Man hatte mich phantastisch überfordert; jedenfalls hatte ich es plötzlich gekauft. Der Händler Siegmund Trommelfell merkte meine Angst vor seiner Weigerung und nutzte sie aus. Sie kennen ihn ja – er ist der Direktor des kleinen stereoskopischen Panoptikums in der Wachsziehergasse: zehn Pfennig die rotierende Landschaftswalze mit Pyramiden und Staubstürmen, zwanzig Pfennig: Intimes für Erwachsene. Das Puppenhaus war seine Hauptattraktion, aber sie zog nicht genug für seinen Geschmack. Es gehörten besinnliche Leute dazu mit Geduld und einem albernen Gemüt; die gibt es ja heutzutage in unserer amerikanisierten Welt nicht mehr. Es waren Stoffpuppen mit Holzgliedern und Sprechmechanismen. Tiefer Humor hatte sie geschaffen. Da ihre Anatomie zerbrechlich war, so hatte Trommelfell das ganze Haus entrückt aufgestellt. Er konnte erschrocken zetern, wenn man es trotzdem zu befingern versuchte. Für die Vorstellung verlangte er eine halbe Mark. Die Puppen waren so abgestimmt, daß sie in gleichmäßigen Intervallen ihr Sprüchlein von sich gaben. Man zog sie auf; dann mußte man aber eilig die Vorderfront des Hauses zuklappen und durch die Fenster spähen. Eine Taschenbatterie, wie man sie zur Treppenbeleuchtung braucht, sorgte für Illumination. Der Preis, den er bei mir erzielte, entsprach meinem Einkommen für drei Monate; ich feilschte jedoch keinen Moment, ich nahm es sogar selbst mit – stellen Sie sich das vor! in Packpapier eingewickelt: eine blamable Sache für einen Prokuristen . . . Der Weg war lang; aber ich hatte, was ich wollte. Ich lud mein Paket vorläufig in der Küche ab und dann ging ich noch einmal aus und holte Lebensmittel, die mir für lange Zeit reichen sollten. Auch einige Flaschen alten Kognaks (– um Ihnen entgegenzukommen, meine Herren Psychiater, und Ihnen eine Diagnose zu erleichtern! – Ich sehe Sie lächeln; doch weiß Gott, zuweilen hat man Kognak nötig beim inneren Frost solcher Dinge . . .). Das Mädchen nahm Abschied am ersten November. – Ich entlohnte sie reichlichst. – Bis zum letzten Augenblick blieb sie verschlossen darüber, was sie eigentlich vertrieb. Ihr Hauptargument war: es sei ihr zu »ruhig« bei uns. Auf jeden Fall blieb es bei dem Eindruck: Flucht. – Nachdem der Rieselregen draußen sie verschlungen, sagte ich dem gichtgeplagten Hausmeister, ich wünsche während der nächsten Wochen von Besuchen nie gestört zu werden; er solle alle Nachrichten entgegennehmen und mich für verreist ausgeben. Dann gab ich ihm noch Geld für laufende Rechnungen und sperrte die Etage ab. – So – (dachte ich, und es war vielleicht ein irrer Gedankengang) – jetzt wollen wir einmal sehen, ob wir dich nicht gesund bekommen, du obstinate kleine Hexe. Ich war der felsenfesten Überzeugung, daß beim Versagen alles Empirisch-Verstandesmäßigen der bloße Wille das Wunder wirken könne. Freilich, völlig ungestört mußte man sein; ungestört  . . . Das war das Geheimnis! Ausschalten jeden Einflusses von außen! Schauerlich zielstrebige Konzentration! Adeptenkampf gegen das aalglatt Unfaßliche! Da lag sie, Marlies, dies weiße Wunder an knospender Körpergestaltung, versonnen und versenkt in die schlimme Geschäftigkeit ihres Pulses. Zuweilen schritt sie auch halb taumelnd, halb tanzend umher; – manchmal grübelte und weinte sie; – immer wieder spülte der dunkle Strom Fratzen heran: klaffende Münder ohne Geschrei; Augengruben ohne Pupillen. Ängste dich nicht, Marlies! – Ich bin bei dir! – Flugs, nicht wahr, treten jetzt lächelnde Züge hinzu; schaukeln tropische Inseln; schwirren Vögel . . . Meine Stimme schuf Erlösung, selbst wenn mir die Kehle zugeschnürt war von der Faust unausdenkbaren Leides. Ich fühlte die bleiche Blüte ihres Leibes sich lösen und erschlaffen nach den Zuckungen und huschenden Wahnsinnsbildern. Ihr Zahnfleisch wurde blaß wie ihre Lippen; ihre Haut erhielt seltsam stumpfen Glanz und strahlte Hitze aus. Es war, als glimme sie und müsse plötzlich auflodern als funkelnder Phönix. Schweißtreibende Mittel versagten. – Ohne Pause bohrte das Fieber sich durch den Schacht dieses jungen, trotzigen Leibes, der ihm noch Widerpart hielt . . . Wie lang noch? Und an diesem Abend, als das Puppenhaus in meinen Besitz übergegangen, schöpfte ich Hoffnung: sie durfte mir nicht verlorengehen. Ich hatte mein Bett herübergeschafft in die Nähe des Ofens. Sie schlief. Ich ging leise hin und her; dann holte ich mir einen seidenen, sehr bunten Hausmantel, den die »andere« mir einst geschenkt und den ich nie seitdem getragen . . . So eine Mischung von Zauberonkel und Pascha, mit großen Quasten. Die kleine Jungfrau wird erwachen; sie wird auf einem Jahrmarkt sein und doch zu Hause . . . Dann ging ich in die Küche und machte Tee. Ich vergewisserte mich, daß in meiner Hausapotheke nichts fehlte. Alles baute ich neben ihrem Bett auf und als sie nicht erwachte, brachte ich mit unendlicher Vorsicht das ausgepackte Puppenhaus herzu. Ich beschlich sie, ich belauerte sie. Zuweilen durchlief sie ein Zittern, und ihre Beine zuckten. Die feingebogene Nase, im Mienenspiel wechselnder Traumbilder, zitterte an den Nüstern; sie pustete den Atem von sich wie ein kleiner Motor . . . Unendlich rührend klang dieser gehetzte Ton. Du kannst mir nicht verlorengehen, dachte ich; ungeheure Willensanspannung steifte mich förmlich im Stuhl. Probier' es nur, mir zu entwischen! Ich bin schneller als du! – Die Stille sang und brodelte wie sonst. Kleines Geknatter, winziges Geschütz zerplatzte im Ofen. Auf einmal war mir, als rassele mein Ich um ein paar Stufen tiefer; ich sank mit dem Stuhl durch den Teppich . . . Denn während ich auf das blasse, junge Gesicht mit den seidigen Wimpern starrte, war mir, als läge dort eine bloße Form aus Gips, der Abguß einer edlen Form, vom Gesicht meiner Frau  . . . Leblos; ein Abguß nur . . . Nein, nein, nein!! Das konnte doch noch nicht der Schattenfinger sein, der den Pendel jäh anhielt! Wissen Sie noch, was ich Ihnen zu Anfang erzählte? Wie ich sagte: »Der Atem war plötzlich nicht mehr da?? « – Aber er war ja da, war da wie ein winziger Motor; die Fasern im Linnen schwankten; blase weiter, mein Engel! Gott segne den kleinen Muskel, der an deinem blassen Munde zuckt! Wie ein Ertrinkender schlürfte ich Tee. Auch Kognak tat ich hinein. Gut; ich war munter. Hatte ich die Streichhölzer? Ja, ja; in jeder Tasche eine Schachtel; nichts konnte passieren; gar nichts. Das Schlimme passierte ja damals auch nur, weil ich die Streichhölzer nicht gleich finden konnte. War genug Öl in der Lampe? – Alles in Ordnung. Plötzlich fiel mir ein, daß ich vergessen hatte, Moloch aus der Küche herauszulassen, und daß er dort über die Vorräte geraten würde. Ich schlich wieder hinüber. Bevor ich die Klinke niederdrückte, hörte ich selbst zum erstenmal seinen hohlen Gesang, die Miniaturform des Gebrülls seiner großen Verwandten. Es war wie leises Heulen des Windes im Kamin: kläglich und gierig. Dann kam ein Laut, wie wenn man mit einer Stahlbürste über ein Sieb fährt: das war sein Schnarchen der Befriedigung, seine neue Art von Schnurren. Ich öffnete leise die Tür: flugs hielt er inne und wandte mir die flüssigen Phosphorbälle seiner Augen zu. Auf seinem Gesicht stand in einer Gloriole von starren Bartgrannen das ekstatische Grinsen des Genießens. An seinem einen Raffzahn hing ein Fetzen langgezogenen Specks. Ich vertrieb ihn; noch hatte er nicht viel Unheil angerichtet. Ich schnitt ihm das angefressene Stück reinlich herunter und ließ die Tür offen mit der stummen Einladung, uns Gesellschaft zu leisten. Ich hörte ihn noch zungenschlappend trinken; dann trat er im schwarzen Viereck der offenen Schlafzimmertür in Erscheinung und wandelte seinem gewohnten Platz am Ofen zu. Unterwegs machte er mehrfach versonnen Station, ganz unmotiviert, und blickte sich um. Einmal formte er sogar einen Buckel; doch hier kann ich mich täuschen. Als er saß, blickte er zu uns hinüber. Plötzlich. ich wußte nicht warum (vielleicht gemahnten seine Augen mich daran), fiel mir die Sonettzeile ein: »... a jewel, hung in ghastly night...« Das ganze Sonett gebar sich aus meinem Gedächtnis, und ich betrachtete Marlies dabei. Ich kleidete sie in Gedanken in Hosen mit weinroten Knierosetten; ich zog ihr einen Kittel an . . . Alles aus zartgrauer Seide, in der Farbe der toten Frühe (wenn noch nicht einmal eine Ahnung des roten Lichtes besteht und die Sterne zu kalten Fremdkörpern werden). An den Hals legte ich ihr einen durchbrochenen Fallkragen; so bohrte ihr Kopf mit den kurzen Locken das schmale Kinn in den Ausschnitt, so daß ihr Gesicht ganz im Schatten verschwand. »... makes black night beauteous and her old face new...« Ich verweile bei diesem Wort: beauteous . Es war inniger als nur: beautiful . Es bedeutete: »sonderlich schön«. Dann war es wieder das kranke Mädchen, das mich brauchte. Ich tastete nach ihrem Haar: Gottlob, es war feucht. Ein schwacher Trost. Ihre Brüste leuchteten aus dem Hemd wie Silber. Morgen früh, dachte ich noch, nach dem Frühstück, schenke ich dir das Puppenhaus. Dann wird alles gut. Ich zog den Hausmantel aus, hängte ihn so, daß die darauf gestickten Vögel in dem bunten östlichen Blumenprunk ihr sichtbar sein mußten, wenn sie erwache. Dann löschte ich die Lampe und legte mich nieder. Ich wollte einschlafen; ich wollte mich auf keinen Fall von jenen Stunden ertappen lassen, in denen so unkontrollierbare Lockerungen bestanden . . . Es war totenstill. Die Phosphorlichter dort am Ofen öffneten und schlossen sich im Wechsel. Moloch zwinkerte gegen den Schlaf an. Ein dünnes, rotes Rieseln war irgendwo auf dem Teppich; es knackte zart. Von der anderen Seite aus dem Bett kam das leise schnelle Zischen den kranken Atems, wie wenn ein weicher Nachtfalter gegen ein Netz antobt: »sss . . . sss«. Ich schwamm in den Schlaf hinüber und hatte nur eine einzige Traumvorstellung: ein schnurgerader Weg war's durch eine graue Wiese, und ganz fern gab es einen schwarzen Streifen von Wald. – – – Nach Wochen und Wochen Wanderns gelangte ich zu jenem Wald, in den der Weg sich hineinbohrte. Schon geraume Zeit schritt ich zwischen Mauern verfilzter Tannen und Kiefern dahin. Kein Vogel sang, keine Quelle rauschte. Ganz am Horizont erblickte ich ein Haus. Plötzlich wußte ich mit untrüglicher Sicherheit: in diesem Haus war Marlies, und es ging ihr schlecht. Ich gelangte hin und befand mich in einem leeren Saal. Überall herrschte dies vermaledeite tote, schwefelgraue Licht. Und hinten in der Ecke. weiß schimmernd, hockte sie. Ungeheures Mitleid packte mich. Mit einem halb schluchzenden Freudenschrei rannte sie quer durch die Halle auf mich zu. Ich breitete die Arme aus. Da, als sie kurz vor mir stand, verwandelte sie sich in ein Tier . Und dies wollte mich anspringen. Wie ein Blitz streifte mich der Sinn des Wortes »Besessenheit«. Das Mitleid steigerte sich zum Grauen und würgte an mir. Ich fuhr empor. Noch sah ich den flehenden Ausdruck des Gesichtes vor mir verdämmern. Dann wurde mir klar, daß ich ins halbhelle Zimmer blickte. Die tote Frühe, die ich vermeiden wollte, nistete bleigrau in den Fenstern. Langsam wanderten meine Augen zu dem weißschimmernden Bett hinüber. Da ging etwas vor sich, was war das? Da rührte sich etwas; doch es war nicht Marlies . . . Mir wurde kalt. Nun, nun, sagte ich mir dann; das ist ja Moloch! Es ist ja der schwarze Kopf! Es ist alles in Ordnung. Er hat sich anschmiegen wollen; natürlich geht er zu Marlies und macht es sich bei ihr bequem. Warum aber schläft er nicht? Er muß eben erst zum Bett gegangen sein und dreht sich nun noch zehnmal um sich selbst, wie es die Art verwöhnter Tiere ist . . . Wiewohl ich mich so beruhigte, hielt ich's nicht aus. Ich ging hinüber und jagte ihn vom Bett. Es fiel mir auf, daß er leise fauchte. Ja, mein Bursche, da hilft nichts, Patienten müssen in Ruhe gelassen werden. – Sie lag, die Hände im Nacken gekreuzt, halb aufgedeckt und atmete stoßweise. Ich deckte sie zu; ich nahm ihr sanft die Arme herab und drehte ihren Leib nach der Tapete. Ihr Atem wurde müde und ruhig. Vor dem Fenster erwachte wirres Schilpen von Spatzen: der Tag war da. Die Ewige Teegesellschaft Ich hatte einen Augenblick abgepaßt, als die Sonne des letzten launischen Novembers eine halbe Stunde lang ins Zimmer schien: da stellte ich das Puppenhaus ohne die Fassade aufs Bett. Wenn sie erwachte, konnte sie es nicht umwerfen; es stand auf einem drehbaren kleinen Tischchen. Ich freute mich, daß die Sonne schien und Marlies darüber hinaus Gelegenheit hatte, in ein Stück tiefblauen Herbsthimmels hineinzuspähen. Die ganze Nacht wurde zur Schimäre. Ihre Geschehnisse wurden lächerliche Bagatellen. Vom Schrecken dieser Nacht blieb nichts weiter übrig als die Erinnerung an einen ausgepumpten Gummimann, der drohend das Zimmer gefüllt; nun hatte er die Luft verloren, und seine Hülle hing faltig geschrumpft, belanglos über den Stuhllehnen . . . Dieses bißchen Sonne von draußen war ihm spinnefeind. Um elf Uhr traf die kleine Jungfrau Anstalten aufzuwachen, und ich ging schnell in die Küche, um den warmgehaltenen Kaffee zu holen. Da hörte ich einen holden Schrei fassungsloser Überraschung und eilte zurück. Sie saß aufrecht und staunte in jedes Miniaturzimmerchen hinein. »Mark,« jubelte sie (ihre Wangen waren leicht gerötet, ihre Augen klar), »du bist ein wundervoller Kerl! Laß dich küssen! Wo hast du denn diese herrliche Gesellschaft aufgetrieben?« »Wo ich sie herhabe, ist einerlei. – Sie gehören dir. – Sie können sprechen.« » Sprechen!! « »Ja; aufgezogen sind sie schon. – Sie haben kleine Knöpfe am Scheitel, auf die mußt du drücken. – Setze sie hier im ersten Stock um den Teetisch; in ›bunter‹ Reihe! – So gehört es sich.« Ihre Finger waren längst geschäftig. Sie zupfte den General zurecht, so daß die Uniform hübsch spannte. An seiner kantig vorgewölbten Brust saßen zwölf Orden. Die Kniegelenke machten einige Schwierigkeit, sich rechtwinklig zu biegen; doch endlich saß er zur Zufriedenheit, die Hand am weißen Schnurrbart. Zwar sackte er dadurch, daß die Beine sich selbsttätig wieder streckten, etwas ins Sofa; – aber Marlies fand die neue Haltung leger und bekömmlich. Neben ihn kam das »ältere Fräulein«, die Gouvernante offenbar, die ihrerseits ein äußerst steifes Kreuz beibehielt. Neben ihr saßen Zwillinge, Knabe und Mädchen, im Kieler Anzug und kurzem Gazeröckchen. Dann kamen Hausherr und Hausfrau, ein schönes, korrektes, schwarzäugiges Paar (er Frack mit Backenbart, sie bezaubernd modelliertes Dekolleté zu atemraubend getürmtem Chignon). An ihrer Seite rekelte sich ein Individuum von zweifellos unbürgerlicher Herkunft mit grünlichem, verschlissenem Bratenrock und struppigen, langen Haaren, ein geistiger Arbeiter offenbar; ihm folgten ein Kommerzienrat im Cutaway mit karierten Hosen und ein Hakenkreuzler mit Käppi, in handlichem Khakigrün zu Wickelgamaschen. Last not least kamen Stubenmädchen und Diener. Der Diener war besonders schön betreßt und galloniert. Diese beiden letzteren wurden an Tür und Serviertischchen gelehnt. – Der Situation nach war der Tee nun ausgeschenkt und man erging sich in höflicher Rede und Gegenrede. Marlies drückte nun geschwind auf die Scheitelknöpfe, und die Figuren begannen innerlich zu schnurren, der Reihenfolge nach. Der General zitterte mit der behandschuhten Rechten am Schnurrbart, rollte die Augen und quakte tief: »Kolossal, kolossal!« – Das Fräulein öffnete ihren Rosenmund, ein lackrotes kleines Loch, und piepste: »Bitte sehr, bitte sehr!« – Die Zwillinge quietschten in verschiedenen Stimmlagen ohne Artikulierung wie die Jahrmarktsschweinchen und fuhrwerkten mit den Beinen auf und nieder, so daß der Tisch schwankte wie in Seenot. – Das Gastgeberpärchen verbeugte sich unablässig, gab eine innere kleine Spieldosenmelodie zum besten (hier war die Gleichzeitigkeit der Beanspruchung sehr wichtig) und klatschte sich selbst dabei hölzernen Beifall. – Der Kommerzienrat wedelte mit den Handtellern, wiegte den Kopf und äußerte blechern: »No was denn, no was denn.« – Eilig plapperte sein Gegenspieler, der Kleine mit den Wickelgamaschen: »Saujud, Saujud!« – Was die Dienerschaft endlich anlangte, so fielen sie einfach quer in den Raum hinein und zuckten wie vergiftet am Boden. Marlies bemühte sich schleunigst um ihre Stabilisierung; die Geräusche, die sie von sich gaben, standen in ihrer lauten Schärfe im Kontrast zur Demut ihres Inhalts. Sie schrien nämlich durchdringend beide: »Tee gefällig? Tee gefällig?« Als diese Meinungsäußerungen, die nacheinander wohl drei Minuten dauerten, abgelaufen waren, herrschte wieder Schweigen. Die Uhrfedern waren erlahmt. Der Unterschied war aber nun der, daß die Herrschaften ihre Haltung geändert hatten. Glotzten sie zuerst liebenswürdig mit parallelen Profilen ins Leere, so hielten sie am Schluß die Gesichter einander zugedreht, und es bildeten sich sozusagen wechselnde Zugehörigkeiten. Das ältere Fräulein war der bartzwirbelnden Bewegung des Generals zu nahe gekommen, hatte einen Nasenstüber erwischt und war auf den Knaben geflogen, der sie mit erhobenem Bein in Schwebe hielt. Die Gastgeber saßen tief über den Tisch gebeugt, als ob ihnen übel sei. Der Hitler-Mann hatte einen steifen Nacken und saß wie aus Stahl; er war der einzige, der sich gleichblieb. Dahingegen waren der Börsenmagnat und das kleine Mädchen in seltsamer Gruppe erstarrt . . . Marlies war überglücklich. Sie vertauschte die Personen; es ergaben sich entzückende, wenn auch zuweilen gewissermaßen peinliche Komplikationen. Ich muß zugeben, daß auch ich fast zum Kind darüber wurde und einen Narren an den Puppen fraß. Die zartlackierten Köpfe waren überraschend witzig und feinfühlig modelliert, mit aufgeklebten Haaren. Wir untersuchten die Leutchen nun auch genauer und machten »Leibesvisitationen« nach Uhrketten, Taschentüchern, Brieftaschen . . . Unser Staunen über die Treue der Details fand kein Ende. Bis zum letzten Hemdenknopf waren sie möglich . Doch jetzt sagte ich: »Es ist eine offizielle Einladung, Marlies. Du siehst, es stehen auch nur vier Betten im Haus; für Eltern und Kinder. Wir dürfen die Gäste also nicht voreinander in Verlegenheit stürzen.« – »Gut,« sagte Marlies, »wir wollen artig sein; sie sind es ja auch. – Bis auf den kleinen Grünen. Warum schimpft er so auf den netten Onkel? – Der hat doch so ein drolliges Gesicht, genau wie die Papageien auf unserer Tapete . . .« – »Er denkt sich nichts Positives«, beruhigte ich sie. »Er sagt das nur so hin . . .« – »Er muß dumm sein«, beharrte Marlies und setzte den Soldaten neben den General. »Hier darf er nicht plappern; hier muß er sich gut benehmen.« – »Es steht dir überhaupt frei,« schlug ich vor, »die Tischordnung zu ändern.« – Bei der nächsten Vorstellung erhob sich gemeinsames Stimmengewirr, da wir sie zusammen losplaudern ließen. Nur der Grüne, dies Enfant terrible, klappte nach, geriet mit seinem Gezeter in peinliches Schweigen und erhielt Stubenarrest in der Besenkammer. – Ich kann Ihnen versichern, meine Herren, wir amüsierten uns köstlich. Die Sonne schien herein; ich lachte Tränen; buchstäblich . . . Ich lachte, und meine Seele weinte. Wurde sie gesund? Ihre holde Freude war nur Strohfeuer; letztes Aufflackern. Wissen Sie, es fällt mir jetzt nicht schwer, davon zu reden; es ist tief historisch für mich und deshalb abgetan . . . Es waren aber Augenblicke, in denen ich das Zahnrad des Fürchterlichen, dessen Zinken von Herzblut tropften, über mich weggehen fühlte. – Als ich ihr gegen drei Uhr das Mittagessen brachte, war sie blässer und starrte über das Dach des Puppenhauses hinüber in das letzte spätherbstliche Blau. Sie wollte nichts essen; ich gab ihr Tee. Darauf schlief sie, und während ihres Schlafes prüfte ich mehrmals ihren Puls. Mit Injektionsspritzen verstand ich nicht umzugehen; so ließ ich Ihren schon mehrfach erwähnten Kollegen, Doktor Pinswang (den Mann mit der Steckenpferd-Diagnose) wieder kommen, und er spritzte ihr eine Mischung von herzstärkenden Mitteln ein. Ich raste und wütete gegen die unfaßliche Gewalt an, die sie ständig schwächte; gegen das Unsichtbare, das ihre Lebenskraft vor meinen Augen aufsog wie Löschpapier. »Marlies,« sagte ich, flüsterte ich langsam und machte große, willensbeladene Worte daraus (so voll von Willensverzückung, wie Leydener Kugeln von knisternder Kraft), »Marlies, bleib' bei mir!! – Werde gesund! Lache wieder!« – Nein, sie steckte ihr spitzes Näschen in die Luft, es war eine ernste Sachlichkeit, mit der sie zum Scheiden rüstete. Auf das übergroße Entzücken folgte ein Schwächeanfall, der sie ins andere Extrem sinken ließ. Das Blau im Fenster verlor sein Funkeln und vertiefte sich zu sattem Samt. Der Kater jaulte wie aus weiter Ferne. Er war hungrig. Ich rührte mich nicht. Als es sechs Uhr war und tiefe Dämmerung das Zimmer füllte, war mir, als müsse ich sie wecken, sonst entgleite sie mir ohne Abschiedswort. Ich knipste die Doppelbatterie unter dem Boden des Puppenhauses an und fügte die Vorderfront des Hauses ein. Aus sämtlichen Fensterchen strahlte helles Licht. Ich dachte ihr damit eine letzte Freude zu machen, auf daß ihre letzten Gedanken lächeln sollten. Das Licht fiel über das Plumeau bis zu ihrem Kinn. Ich hob ihren Kopf sachte in die Höhe und schichtete die Kissen hinter ihrem Rücken auf. Das Licht kroch ihr ins Gesicht, und ich sah auf einmal ihre starr glitzernden, weit offenen Augen. »Marlies«, stöhnte ich. »Ist das nicht hübsch?« Ihre Antwort kam stoßweise; sie lächelte. »Reizend, Mark. – Sind sie noch beim Tee?« »Ja. Liebste – Es ist die Ewige Teegesellschaft . . .« sagte ich sinnlos. »Ewig . . . Das ist schön.« »Marlies! Bleib' bei mir! Verlaß mich nicht!!« »Mark,« sagte sie auf einmal ziemlich flüssig, »denkst du wirklich, mein Lieber, ich würde dich verlassen, ja? Denkst du das wirklich?« »Wo soll ich dich wiederfinden, wenn du's tust?« Sie beugte sich leicht vor und schaute so lange in die Fensterchen hinein, daß ich sie sanft schüttelte. Da fuhr sie zusammen wie unter einem Frost. »Wir beide wollen uns hier drinnen treffen«, sagte sie mit dem letzten Schatten eines Lächelns. »Such' mich hier . . . bei der Ewigen . . . Teegesellschaft . . . da treffen wir uns, ja? . . . Ich kann dir vielleicht allerhand erklären, wenn du dort deine . . . Visite machst . . . Für mich ist's ein kleiner Übergang . . . Sei ruhig, Mark. Du wirst mich spüren. Nun mach bitte . . . das Licht . . . aus . . .« Sie legte sich zurück. Ich drehte die Batterie aus, es war fast dunkel im Zimmer. Ich setzte mich auf den Stuhl neben das Bett; ich wartete. Und plötzlich kam mir zu Bewußtsein, daß ihr schneller, leichter Atem – nicht mehr da war. Gleichzeitig traf mich ein eiskalter Luftzug, wie vom Teppich her. Ich wollte es nicht glauben und stürzte zur Lampe; ich hörte hinter mir, daß das Bett in allen Fugen krachte. »Sie lebt doch noch!« dachte ich wirr und steckte die Lampe mit zitternden Fingern an. »Sie hat sich doch eben noch heftig bewegt! Wie hätte sonst das Bett so krachen können!« Doch als ich hinüberleuchtete, lag sie da, offenen Auges und tot. Und mir war, als höre ich das Zuschmettern einer Tür – – auf einer anderen Ebene. Der Spuk beginnt Meine Herren, ersparen Sie mir, die nächsten Stunden zu schildern. Es war ein erneutes Ringen um Glauben . Aber ich beschwor mir mit aller Energie herauf, was nach dem Tode von Marliesens Mutter erfolgt war. Dieselbe Bereitschaft mußte ich in mir erzeugen wie damals. Keines ihrer letzten Worte durfte vergessen werden. Sie hatte gesagt: »Ich bleibe bei dir«, und: »Du findest mich wieder.« Der Durchbruch durch alle Zweifel: die wundervolle Leuchtrakete der Überzeugung überschwemmte die dunklen Regionen, in die ich einen Vorstoß plante, mit Licht. Sie war da, und daß jenes Etwas, das sie im Bett dort zurückließ, nur vergänglich geprägter Umriß, bröckelnde Hohlform war, die gar nichts mehr mit ihr selbst zu tun hatte, wurde mir nun durch einen unnennbar schauderhaften Zufall klar. Sie erinnern sich, daß ich Ihnen erzählte: Moloch war hungrig . . . Wie er ins Zimmer eindrang, ist mir nicht ganz klar. Kurz, ich erwischte ihn, wie er drauf und dran war, sich an der Leiche gütlich tun zu wollen . . . Muß ich das aussprechen! Ich packte ihn, kalt vor Entsetzen, und schleuderte ihn in weitem Bogen aus dem offenen Fenster. Meine Hand hatte sich wie eine Zange um seinen Hals gelegt. Er schlug leblos drunten auf; ich glaubte ihn endgültig los zu sein. Vorläufig kam er nicht wieder und ich vergaß ihn. (Doch es heißt, daß Katzen eine Mißhandlung nicht vergessen.) Als Marlies begraben war, wurde mein Urlaub vom Chef aus in entgegenkommendster Weise ausgedehnt. Ich hatte Anfälle von tödlichster Einsamkeit, und hier, sehen Sie, zeigte es sich, daß die »soziale Bestie« meine vierzehnjährige Mißachtung keineswegs übersehen hatte; sie wandte mir mit großer Gebärde ihre kühle Rückseite zu. Der als Sonderling Gebrandmarkte würde schon (dies schien es mir zu bedeuten) einen Modus finden, um mit seinen privaten Stimmungen fertig zu werden. Etwas schales Mitleid bekam ich zu kosten, ein wenig spekulierende Kondolenz – und dann glitt man wieder zurück in die Beobachterrolle. Das war das Verhalten der »Welt«, und eigentlich hatte ich keinen Grund, auch keine Berechtigung, darüber erstaunt zu sein. Im geheimen bereitete sich ja auch etwas in mir vor. Man kennt das Summen des Orchesters vor Beginn der strahlenden Oper . . . Kennt das atemlos geschäftige Treiben für eine kommende große Festlichkeit: ja, so war meine Stimmung vor diesem nahen Wiedersehen mit Marlies nach ihrer »vorübergehenden Verhinderung« auf der anderen Seite des »Übergangs«. Glauben Sie nun nicht, daß ich irgendwelche Magie getrieben hätte, an der Ihr schaler wissenschaftlicher Witz ein billiges Mütchen kühlen könnte. Nein! Alles, was ich tat, war folgendes: ich hungerte. Vielmehr aß ich nur das Allernötigste, das die vitalen Funktionen verbürgt. Ich zog abends die Rolläden vor die Fenster und die Vorhänge vor, sperrte den Tag so lang als möglich hinaus. Dies tat ich in der ganzen Wohnung und ließ alle Türen gewissermaßen einladend offenstehen; ebenso das kleine Fenster in der Besenkammer. Dann schaffte ich Marliesens Bett aus dem Zimmer hinaus, so daß nur noch mein eigenes darin stand, das ich in die Mitte rückte. Vor das Bett stellte ich einen breiten eichenen Tisch und in dessen Mitte das Puppenhaus. Ich hatte mir berechnet, daß die Batterie, da sie so gut wie neu war, Brennvermögen für eine ganze Woche besitzen mußte. So konnte ich mich auf das beleuchtete Haus konzentrieren, ohne befürchten zu müssen, daß das Licht darin erlösche. – – – Es war am vierten Abend, als ich zum erstenmal ihren Versuch spürte, sich bemerkbar zu machen. Ich atmete tief, als jenes Knistern begann: im Korridor – dann im Salon – dann im Zimmer selbst – mit dem rapiden Sinken der Temperatur vom Teppich her. Es war verdammt ungemütlich, dies so objektiv zu erleben. Doch ich sagte mir immer wieder: es ist ja Marlies; es ist ja eine freundliche Intelligenz. Sie will ja nur Vereinigung mit mir. – Vorläufig blieb es beim Knistern. Ich schlief am Schluß traumlos ein. An den kommenden Abenden geschah folgendes: Ich hatte die Lampe noch brennen. Da geschah in der Ecke, wo ihr Bett gestanden , ein Knall wie ein Pistolenschuß, gefolgt von einem Geräusch, als drehe jemand sich auf der Matratze um. Ich hörte das leise Anklingen der Matratzenspiralen und ein Rauschen von Bettüchern. Die Ecke war leer und hinlänglich bestrahlt, so daß ich jeden kleinen Papagei auf der Tapete bis zur Decke hinauf verfolgen konnte. Aha, dachte ich, die Kraft wächst. Mein Puls hatte ausgesetzt; nun schlug er wild. Zehn Minuten Stille. Dann geschah dicht vor mir klares, deutliches Klopfen im Holz des Tisches. Jetzt erschrak ich nicht mehr. Es war keine irre Manifestierung. Es war ein bewußter Versuch zur Verständigung; es heimelte mich gleichsam an. »Bist du das, Marlies?« fragte ich laut. Meine Worte hallten laut und versickerten in der leeren Wohnung. Ein lauter, kurzer Krach im Tisch geschah. – »Sie ist es!« dachte ich. Ich nannte die Buchstaben des Alphabetes, sobald das Klopfen sich wieder rührte, und hatte nach einiger Zeit die klare Botschaft, »Lampe aus.« Ich erhob mich und befolgte ihre Anweisung. Die Batterie des Puppenhauses drehte ich an und starrte hinein. Mein Blick verfing sich zunächst in einem Spiegelchen, das einen winzigen Kronleuchter im Parterre reflektierte. Es war eine Art Kristallsehen. Manchmal war mir's, als gleite eine Verdunkelung über das Gesichtsfeld. Wie unter einem Zwang drehten sich meine Pupillen langsam empor. Ich sah mitten in die Gesellschaft hinein, die im ersten Stock um den Tisch versammelt saß. Zunächst sah ich sie nur im Ausschnitt des Fensters – dann aber schien mir, als sei ich mitten unter ihnen. Wenigstens konnte ich allmählich das Zimmer rundherum von innen deutlich überblicken. Teufel ja. – Zuerst war es eine tolle Sensation – ich machte buchstäblich meine Visite . »Wie bin ich eigentlich hineingekommen?« dachte ich und faßte mir an den Kopf. »Vermutlich durch das Fenster; jawohl . . .« Zugleich wurde mir der Gedanke an das Fenster schauderhaft peinlich. Abgewandten Gesichtes zog ich die Vorhänge vor – pfirsichfarbene Seidenvorhänge. Zusehends fühlte ich mich gemütlicher und zu allerhand Scherzen aufgelegt. Ist etwas noch so fein gefertigt: unter der Lupe enthüllt es doch geheime Fehler. Und da ich nun gewissermaßen den »Röntgenblick« hatte, so boten die Herrschaften allerhand Überraschungen. Bis jetzt waren sie wie in einem umgekehrten Opernglas sichtbar gewesen. Ich nahm Platz auf einem Rokokostuhl, giftblau bezogen – eine durchaus rohe Attrappenarbeit, wie ich jetzt bemerkte –, und wartete. Die steifen Puppen warteten ebenfalls. Weiß Gott, es war eine erwartungsschwangere Atmosphäre. Der General war der einzige, der mir ins Gesicht blickte; es kam mir jetzt vor, als trage er einen erstaunten Ausdruck. Ich drehte ihn nach der Tür zu; er irritierte mich. – Endlich ging unten die Haustür. Es quietschte leise. Und dann hörte ich auf der Treppe, die seitlich an den Zimmern hinaufführte, leise Schritte, wie wenn Tropfen fallen . . . Oder war's nur mein Puls, der mir im Ohr sang? Nein. Ich täuschte mich nicht. – Es war Marlies.   Es war, als sei sie ihrer Mutter ähnlicher geworden. Das Bild ihrer Mutter verschwamm jedenfalls mit dem ihren, als habe man zwei sich sehr ähnliche Gesichter übereinanderphotographiert. Dies war mein erster und letzter Eindruck von ihr, und es erstaunte mich nicht im geringsten. Sie ging ganz geschäftsmäßig, als sei sie in Eile, auf mich los und setzte sich mir kameradschaftlich auf den Schoß. – »Nun?« fragte sie und blickte mir gespannt ins Gesicht: – »hab' ich Wort gehalten?« Sie war wie immer – nur hatte ihre Stimme einen anderen Klang und etwas wie unendliche Erfahrung leuchtete aus ihren Augen. Sie war kein Kind mehr; sie war immer alt gewesen; sie war uralt; trotz der kurzen Gastrolle »im Fleische« . . . Mein eigenes bisheriges Leben kam mir jetzt so vor wie eine verschollene Viertelstunde in unwürdigem Käfig voll verworrener Unlust, für die es keinen Begriff mehr gab . . . Deshalb erwiderte ich mit großer Selbstverständlichkeit: »Das gehört sich auch so.« »Anfangs« – fuhr sie fort und löste sich von meinen Knien – »haben sie mir ja Spaß gemacht.« – Sie blickte die Reihe der Puppengesichter entlang. – »Jetzt aber hab' ich schon den Geschmack verloren an diesem Teebesuch. Es ist eine Ewige Teegesellschaft, da hast du recht; was soll ihnen schon viel Neues einfallen. Und damit hab' ich mich zufrieden geben müssen – bisher.« Ich zerbrach mir den Kopf, warum sie »bisher« sagte; wie lang war es denn schon her? Es war doch erst vor kurzem gewesen, daß sie . . . Nun, es herrschte eben eine andere Zeitrechnung hier. – Es mußte ja auch das veränderte »Format« ringsumher in Betracht gezogen werden . . . Deshalb war ich nicht indiskret genug, um Fragen zu stellen. Marlies mußte ja wissen, wie sie sich auszudrücken hatte. »Jetzt komm' und hilf mir; wir wollen sie in Gang bringen! – Vielleicht finden wir noch eine neue Nuance!« Sie sprach geziert und altklug. – (›Kunststück‹, dachte ich, ›altklug zu sein unter diesen Umständen . . .‹) – Wir standen auf. Marlies ging auf nackten Sohlen im raschelnden fußlangen Hemd. Das Sterbekleid! Der Duft faulender Astern drang aus ihrem Körper. Sie hatte eine vertrackte Art, auf den vorderen Fußballen zu trippeln, und das Hemd gab nicht die Formen ihres jungen Leibes wieder, sondern fiel andauernd in steifen Falten herab. Zuweilen, wenn sie kniete oder stieg, knisterte es elektrisch in diesen Falten; auch drangen, berührte ich sie, Ströme in meinen Körper gleich sanften Nadelstichen. Sie aber tat, als sei das die natürlichste Sache von der Welt. – Mit dem General fingen wir an; es war keine leichte Arbeit. Der Uhrenschlüssel wurde bei ihm, wie bei allen, in der Nabelgegend angesetzt; wir drehten gemeinsam. Das frühere leichte Zirpen erschien jetzt als großes Gerassel und Geknarz. Als wir mit der ganzen Runde fertig waren, sagte Marlies: »Puh! – Ich bin froh, daß ich's geschafft habe. Man wird nicht kräftiger in meiner Situation, Mark. – Nun drück' ihnen fest auf die Scheitelknöpfe, und dann nimm mich auf den Schoß. Es verlohnt sich; du wirst lachen müssen. Erschrick nicht über den Spektakel!« Während ich die Federn auslöste, da ging es – das kann ich Ihnen sagen – zu wie in einem Tollhaus. Ein solch viehisches Geplärr stereotyper Redensarten hab' ich meiner Lebtag nicht gehört. Doppelt unheimlich war dabei dies gespenstische Auf- und Niederwogen von Gliedmaßen; dies Schnurren und Gerassel; – hier hoben sich Arme wie Mühlenflügel, dort ruderte ein Beinpaar. Zwei ganze Oberkörper wippten, und von überall her trafen mich rotierende Blicke, leer, erbost, schelmisch und tückisch aus lackierten Zügen. Jeder schien vom Ehrgeiz besessen, den anderen zu überschreien. Im vornherein war mir klar, daß die entfesselten Gewalten dieser wüsten Geselligkeit auf eine Katastrophe zusteuern mußten. Marlies schien es ja auch darauf anzulegen, daß man sich in »die Haare geriet«. Sie lachte dabei wie gequält; ich sah ihr perlweißes Gesicht auf und niedertanzen. Der Tisch schwankte; das Geschirr klirrte. Plötzlich fiel auch hinter mir – (als stehe das im Programm!) – der Diener um und röchelte, halb unter dem Tisch, sein fürchterliches: »Tee gefällig? Tee gefällig?« Mir war's, als müsse mein Kopf bersten. »Um Gotteswillen!« schrie ich. »Bring' sie zum Schweigen!« Marlies stahl sich wieder zu mir heran. »Liebling,« sprach sie dicht an meinem Ohr – darum verstand ich sie –; »Du weißt doch: es dauert drei Minuten . . .« »Aber die sind längst um!« »Daß du dich ja nicht verrechnest!« sagte sie voll Schadenfreude. »Hast du nicht selbst den Ausdruck geprägt von der ›Ewigen Teegesellschaft‹?« »Mag sein . . . Aber ich halt' es nicht mehr aus . . .« »Man kann sie nicht stoppen,« belehrte mich Marlies, »ohne sie kaputt zu machen. Aber wir können sie ins Parterre hinunterschaffen; dort fallen sie uns weniger auf die Nerven. Ich habe dir ohnedies wichtige Sachen mitzuteilen; ganz unter uns!« Sie machte verschmitzte Augen. »Da ist eine Falltür; die erspart uns die Treppe. – Schau' einmal hinunter!« – Ich hob die Falltür auf und blickte von oben in den Saal hinab, der die ganze Breite des Parterres einnahm. Er war leer; an allen Wänden waren Spiegel. In der Ecke stand ein Piano, dessen Tastatur eine einzige Oktave umspannte. – Drei Kronleuchter brannten. »Also gut! Werfen wir sie alle in den Saal hinunter!« rief ich unternehmungslustig und war schon bei dieser Arbeit. Zarte Rücksicht gab es nicht diesen mörderischen Mechanismen gegenüber. – Die Zwillinge kamen zuerst dran. Auf ihnen landete die Gouvernante; sie bildete ihrerseits wieder die Unterlage für den General. Der grüne Soldat fiel angenehm weich auf den elastischen Filzbauch des Börsenmagnaten. – »No was denn?« schrie dieser, unentwegt weiter gestikulierend. Das Gastgeberpaar und den »geistigen Arbeiter« mit der Mähne feuerte ich hinterdrein, und als Schlußeffekt die beiden Dienstboten. Es war ein Gekrabbel und Tohuwabohu, als habe man einen Sack voller Maikäfer drunten aufs Parkett entleert. – Ich klappte die Falltür zu, und der Lärm dämpfte sich. Auf einmal schien mir, als werde der Klang viel erträglicher. Verblüfft legte ich mein Ohr wieder auf den Boden. Was hörte ich denn? Was war denn das? Herrschte nicht eine ruhige, vollkommen menschliche Konversation dort unten? – Eine Täuschung war unmöglich . . . – – – ». . . Exzellenz!« sprach eine spitzige Stimme (war das die Gouvernante?): »Sie verzeih'n; aber Ihr Antrag kommt mir so unerwartet . . .« – – – »Ah bah!« erwiderte ein fettiger Baß unter klirrenden Orden, »immer schon Absicht jehabt, Attacke zu reiten! – Die charmante Jelejenheit . . .« Die Schritte entfernten sich; neue tauchten auf. – – – ». . . Sie werden sich das überlegen, junger Mann!« tönte ein gepflegtes männliches Organ – (der Gastgeber?) –: »Ihre politische Überzeugung ist solange nicht meine Sache, als sie sich in einigermaßen gesellschaftlichen Formen hält . . . Aber Herrn Kommerzienrat Trommelfell in meinem Hause zu beleidigen, das geht zu weit  . . .« Es trippelte. »Papa!« fuhren die Kinderstimmen dazwischen. »Wir dürfen doch heute ausnahmsweise bis zwölf aufbleiben?« Pause. Die Gouvernantenstimme, hingehaucht: »Ehe ich Ihnen mein Jawort erteile, Exzellenz . . .« Grollendes Räuspern, stampfende Schritte. – Vorbei. – – – ». . . Man fragt sich immer wieder vergebens,« dröhnte jetzt ein sonor ekstatisches Organ (das konnte nur der langhaarige Komponist oder Dichter sein), » wie sind wir hierhergekommen? – Ist draußen nur schwarze Nacht, oder gibt es viele Häuser wie dieses? – Und geht in ihnen Ähnliches vor? – Wird auch dort ewig nur Tee getrunken? – Ist dies alles nur (wie soll ich sagen?) leeres Theater? – Machen wir uns nur etwas vor?« – – – »Junger Mann!« tönte die Backenbartstimme des Hausherrn. – »Sie Schelm, Sie philosophieren ja wieder . . . ›Macht eine Ewigkeit aus dem Augenblick!‹ – sage ich immer. ›Dann dauert er ewig!‹ – Kürze wird Würze!« – Es erhob sich Gelächter, als ob er einen wunderbaren Witz gemacht habe. – »Und jetzt, geschätzter Meister, geben Sie uns Ihre letzte Komposition zum besten!« Daraufhin, in gespannter Stille, wurde auf dem Piano die eine vorhandene Oktave langsam hinaufgeklimpert. Brausender Applaus. Langsam kletterten die Töne wieder hinab. Die Begeisterung stieg; das allgemeine Gespräch schwoll wieder an. Mir war übel; ich erhob mich vom Boden. – »Marlies,« fragte ich entsetzt, »was soll all dies irre Geschwätz? Bin ich wirklich im Tollhaus?« Unter Larven Lieber Mark,« sagte Marlies vertraulich, »du bildest dir ja nur ein, du habest etwas gehört. Denn nun ist die Zeit vorbei; die Uhrenfedern wirken nicht mehr.« »Aber ich hörte doch Worte, Schritte,« meinte ich fassungslos. »Ja, ja, – in deinem Kopf!« erwiderte sie schlicht. »Ich will dir's beweisen.« Sie nahm mich bei der Hand und führte mich die Seitentreppe ins Parterre hinunter. Da war die Tür zum großen Saal. Aber es war mäuschenstill dahinter. – »Siehst du,« sagte Marlies und riß die Tür auf – »da liegen sie, dumm und stumm.« Ich blickte hinein: Wahrhaftig, unter den funkelnden Kronleuchtern lag die ganze Gesellschaft wirr aufgeschichtet, genau so, wie sie herabgefallen war. Großes Schweigen schwoll mir entgegen; alles erschien mir sinnlos. Ich bebte und klammerte mich an Marlies. »Marlies,« ächzte ich – »erklär mir das! – Was soll das bedeuten!« Sie küßte mich; der Kuß bedrängte mich wie Atemnot. »Das bedeutet, daß wir . . . daß jeder von uns furchtbar allein ist.« Wir gingen wieder hinauf, in den »Teesalon«. »Was du zu hören glaubtest,« fuhr sie fort (und machte es sich, das überlange Nachthemd bequem bis zu den Knien schürzend, auf dem verschnörkelten Sofa gemütlich) . . . »war nichts als schales Echo des ›Lebens‹, sein ganzer Inhalt, auf ein paar dumme Formeln gebracht . . . Auch wir haben uns wie rädertretende Eichhörnchen in unserm Gefängnis herumgedreht und nannten's ›Welt‹ . . . Mit den gleichen Phrasen haben wir uns gegenseitig gefüttert, und nannten's ›Unterhaltung‹ . . . Ach, Mark, dies alles ist ein Sinnbild; deshalb bat ich dich, mich hier zu treffen.« ». . . Spiegel im dunklen Wort . . .« stammelte ich. – Kaum wunderte ich mich über die alterslose Sprache meiner Marlies. Sie lag, die Hände im Nacken verschränkt, wie in der Sterbestunde. Unverhältnismäßig große Glühbirnen erfüllten diesen Raum (wie auch den Saal unter uns) mit kalkig-schattenlosem Licht. Sie starrte abwesend in die Vergoldung der Rokokosesselchen, der befransten Damastvorhänge, des hunderterlei aufgestellten oder wirr getürmten Puppenporzellans . . . ». . . dann aber von Angesicht zu Angesicht.« – Draußen kreiste ein ungeheurer Wirbel von Schwärze: – das absolute Nichts. Man hörte es rauschen wie einen fernen Strom. »Schau nie aus den Fenstern!« sprach Marlies. »Laß die Vorhänge gut zu; sonst wirst du hinausgesogen. Ich kann's vertragen, mein Freund; du aber hast auf deinen Körper Rücksicht zu nehmen! Den gibt es nämlich noch dort draußen. Der lauert auf dich.« Sie lächelte etwas mokant. »Der atmet und verdaut dort . . . Er braucht dich noch dringend. Vergiß nicht, daß der Uebergang dir noch bevorsteht; was du jetzt machst, ist eine kleine fliegende Visite . . .« »Aber ich möchte immer mit dir vereinigt sein! Bleiben wir doch zusammen!« »Wer, glaubst du,« sagte sie auf einmal und sah mich mit veränderten Augen an, in denen ich kaum die Pupillen entdeckte, – »ermöglichte mir meine jetzige Existenz?« »Der liebe Gott . . . Oder ein großes unveränderliches Gesetz.« »Nichts dergleichen, Mark. – Du!! « »Durch meine Liebe? Meine Sehnsucht nach dir?« »Ausschließlich nur durch deine Liebe. Sonst wäre ich nicht! Also bist du eigentlich meine Daseinsquelle . . . Mein zweifacher Erzeuger.« »Und Du existierst nur, wenn ich im Fleische bleibe?« »Ja, mein Liebster. Denn ich nehme ja alles, auch meine jetzige Form, meine Sichtbarkeit, von dir. Ich baue mich buchstäblich auf aus dir; ich sauge an dir . . . Spürst du's nicht?« Ich ward mir einer grenzenlosen abstrakt wollüstigen Schwäche bewußt. »Siehst du: die ›andere‹ –« (sie sprach das Wort Mutter nie aus) – »hast du auch zuerst mit deinem Blut genährt; da blieb sie noch eine Zeitlang lebendig nach ihrem Übergang. Dann aber hast du sie allmählich vergessen – um meinetwillen. Mich aber kannst Du nicht vergessen; es kommt ja niemand nach mir, der mich ersetzt. Und ich habe keine Lust, das Schicksal der ersten zu teilen. Sie treibt jetzt nur als schwachleuchtende Blase umher mit halbzerstörtem Profil . . . Ich will nicht untergehen wie die meisten nach kurzem Scheinleben als zerbröckelnde Larve; ich will nicht!« »Du sollst auch weiterbestehen! Nähre dich von mir . . . Nimm von mir, so viel du willst!« Ich spürte das große Mitleid meines kürzlichen Traumes, wo ich sie in jener Halle im Walde fand, verscheucht, hilflos und . . . besessen  . . . »O Mark!« sang sie und beugte sich vor (ihr Blick war wie blind). »Wie mußt du mich lieben! Merke wohl: Durch dich lebe ich und durch dich vergehe ich. Ich will dir immer nahe bleiben . . .« »Und werde ich dich stündlich um mich spüren?« »Tagsüber nicht, Mark; denn tagsüber – (hier verstummte sie; dann sang sie einen leisen Refrain): ». . . wandeln alle Toten nur auf Katzenpfoten . . .« »Aber nachts?« »Ja, nachts . . . das ist meine Stunde. Du hast mich ja schon gespürt; ich war bereits ziemlich stark. Hast Du nicht das Krachen im Holz gehört, als ich meinen Durchtritt erzwang in deine Welt? Vielleicht bin ich auch stark genug das nächste Mal, um die Lampe selber auszulöschen . . . Nacht für Nacht werde ich mich vollsaugen an deiner Liebe . . . Immer stärker werde ich werden; mästen werde ich mich . . .« Ich begriff nicht, warum mir auf einmal graute. Ihr Gesicht schimmerte, als sei es von Tränen naß. Doch ihre Lippen waren emporgezerrt über durchsichtig blasses Zahnfleisch, und ich sah, wie sich ihre Zunge spitz dazwischen regte . . .   Ich weiß nicht, wie lange jenes eigentümliche, einzigartige Gespräch noch dauerte; ich rekonstruiere es, meine Herren, hier vor Ihnen, so wie man einen äußerst lebhaften Traum mit Worten nachbildet. Die Hauptsache bleibt: der Sinn der Unterhaltung glomm in mir fort wie ein Grubenlicht. Es war hoher Vormittag, als ich seltsam zerschlagen auf meinem Bett erwachte. Ich untersuchte das Puppenhaus: alles entsprach jener Traumsituation. Hier war das Treppchen, hier der Salon, hier das Falltürchen . . . Und unten lagen die Figuren auf einem wirren Haufen. Nach Entfernung der Hausfront nahm ich sie heraus. Ich wollte die Situation für das nächste Mal probeweise ändern. Den General und die Gouvernante setzte ich in den Salon. Die Gastgeberfamilie legte ich in die vier Betten des Schlafzimmers. Den grünen Soldaten sperrte ich in die Besenkammer, und den Rest verteilte ich auf die übrigen Räume. Ich hatte dabei die läppische Hoffnung, es »interessanter« zu gestalten. Diesen Abend manifestierte sich Marlies schon verblüffend deutlicher. Zunächst geschah bei völliger Windstille ein rüttelndes Klirren an den Scheiben, das ums ganze Haus herumwandelte. Dann trat der Spuk ins Haus, ich hörte das Krachen dreier zugeschlagener Türen, so heftig, daß der Kalk hinterdreinrieselte. Ich stand auf und sah nach: alles war in Ordnung. Mit einemmal geschah ein Geräusch wie von berstender Seide ganz in meiner Nähe . . . Ein rattenfüßiges Etwas raschelte am Ofen und dann schoß jemand unter dem Tisch wieder eine Pistole ab. Ich bettete mich schnell, legte mich zurecht und beobachtete die Lampe. Nach fünf Minuten machte sie: pfütt! Sie blakte mehrmals auf; dann ging sie aus. Mein Herz plumpte wie erfroren in einem Brunnen. Gleichzeitig spürte ich erneut die angenehm saugende Schwäche, als ich so vorgebeugt saß; etwas Glattes, Eidechsenhaftes, was an mir zerrte. Wieder wuchs mir das beleuchtete Puppenzimmer aus der Schwärze entgegen; ich trat hinein und war zunächst mit dem General und der Dame zusammen im Zimmer. Dieselbe schwebende, marternd-erwartungsschwangere Stille . . . Dann klappte wieder drunten die Haustür und Schritte kamen herauf. Durch die Salontür schob sich ein Page herauf. Er trug einen grauseidenen Kittel von der Farbe der ersten Frühe, Fallkragen aus alter Spitze, weinrote Knierosetten und Schnallenschuhe. Er stemmte die Hände in die Hüften und sagte mit lauter lustiger Stimme: »Na; du hast ja diesmal eine schöne Konfusion angerichtet mit den Leuten hier.« Es war Marlies. »Komm einmal« – und sie ging zur Schlafzimmertür – »vielleicht bist du heute wieder hellhörig . . .« Ich lauschte. Drinnen hörte ich ein Gähnen, und eine weibliche Stimme sprach: – – – »Eigentlich ist es mir zu peinlich! Wir liegen hier im Bett, und dabei ist das ganze Haus voller Gäste!« Ich horchte noch aufmerksamer: überall im Hause hörte man Stimmen. – – – »Wie kommt denn das?« setzte die männliche Stimme dagegen, ziemlich ratlos. »Haben wir doch noch soeben . . . Tee getrunken? Oder wie?« Ich riß die Tür auf. Vier Puppen lagen hier reglos in den Betten in unbequemen Stellungen und glotzten aus blanken Augen an die Decke. Marlies tanzte hinter mir vor Vergnügen. Wir traten nun ganz ins Schlafzimmer und schlossen die Tür. Flugs drang es aus dem Salon: – – – »Welch seltsamer, welch schicksalsmäßiger Zufall, geliebte Klotilde, daß wir diesen Salon ganz für uns haben!« – – – »Exzellenz! Treiben Sie nicht Ihren Scherz mit einem schutzlosen Mädchen . . .« – – – »Ich scherze nicht!« dröhnte der Baß. »Nie war mir weniger scherzhaft zumut . . . Nenne mich Du . . .« »Puh!« schrie Marlies und sprengte blitzschnell die Tür auf. Ich hörte noch das U des »Du«, des langgezogenen; alles war abgehackt wie mit einem Beil. Ich wurde wieder fassungslos. »Sie schauspielern!« stöhnte ich. »Marlies; dies ist unerträglich . . .« »Ja, das Echo von früher«, lispelte sie und bohrte sich die Zunge schelmisch in die Backe. »Alter Freund; dies Echo ist zäh. Du kannst dir vorstellen, was jetzt in der Besenkammer oder in der Küche für Reden geschwungen werden. Wenn sie sich nicht prügeln, will ich Hans heißen. Alles Mögliche kann passieren, denn sie tanzen ja alle letzten Endes nach deiner Pfeife.« »Wie meinst Du das?« »Nun, sie werden ja nur in deiner Vorstellung lebendig. Sie führen nur folgerichtig aus, was sie deinem Gefühl nach tun müßten  . . . Du bist ein guter Regisseur für Gespenster! Mit der Zeit bekommt alles ein Eigenleben bei dir. Findest du nicht, daß zum Beispiel auch ich schon recht lebendig geworden bin – dank dir!« »Aber Marlies!« stotterte ich. »Wir kannst du dich mit diesen Marionetten vergleichen!« »Nur ein Gradunterschied«, lächelte sie liebenswürdig. »Du hast die Tür nach dem Drüben ja auch nicht so plötzlich aufgerissen, sondern es langsam und taktvoll gemacht. So konnte ich bestehen bleiben, obwohl mir zunächst mächtig unbehaglich war . . . Außerdem – das mußt du zugeben, bin ich an sich mehr wert als die ekelhaften Gebilde aus Holz und Lack. Ich falle nicht gleich mit einem Plumps aus dem Rahmen.« Wieder umschlang sie mich; ich versank mit dem Gesicht in ihre zarte Brust im Ausschnitt des Spitzenkragens; ein lähmender Moderduft durchdrang mein ganzes Wesen wie süßliches Gift; wüste, wehe, zarte Wonne wie Auflösung meiner selbst . . . ». . . Ja, ich spreche, ich wachse, ich bin lebendig, so lange du es aushältst.« »Und wenn ich versage?« »Dann vereinigst du dich entweder mit mir, und wir kehren zusammen ins Nichts zurück, dort draußen vor den Fenstern –: oder du bleibst im Fleisch und vergissest mich.« Ich hielt sie umschlungen; so durchwanderten wir das Haus. Wir stiegen zusammen die Stufen hinab. »Keine Hochzeit,« flüsterte Marlies, »dauert ewig . . . Mark! – Es kommt einmal die Zeit . . .« »Nie!« verschwor ich mich. »Nie!« Sie lächelte, als ob sie's besser wüßte. Wir waren unten. Stimmengewirr drang aus dem großen Saal. Die Deklamation des Dichters war am deutlichsten zu hören; sie schwebte im hohen Falsett über dem Lärm. Plötzlich verstand ich es. Es war jener Vers, jene Sonettzeile, an die ich selbst (wann doch?) gedacht: ... which like a jewel hung in ghastly night...« Und hier stand sie nun neben mir, als grauseidenes Phantom eines Pagen . . . »Kehren sich deine eigenen Gedanken gegen dich?« zischelte Marlies und sah mich grell und neugierig an. »Erträgst du's nicht? Nun, so hau' gegen die Tür!« Ich tat's, und im gleichen Moment hörte man dumpfes Klatschen, wie wenn Mehlsäcke nacheinander auf den Boden fielen. Wir sperrten hierauf alle Puppen hinaus und hatten den großen Saal ganz für uns. Ich weiß noch, daß Marlies tanzte und in all den Spiegeln lebte die silberne Blüte ihres Leibes auf. Ihre besondere, am häufigsten wiederholte Geste war ein sehnsuchtsvolles Entbreiten der Arme, wie ein Ruf, ein Hilfeschrei aus dem Nichts, das unter den flammenden Lüstern wogte – und meine Seele wand sich in einer süßen, fragwürdigen, fruchtlosen Schwermut. Seitdem, meine Herren, war ich krank. Als ich erwachte, war es wieder am späten Morgen. Ich fühlte mich so erschöpft wie nie. Sie kennen ja die Sage vom Vampir. Mein Körper revoltierte . . . Hätte ich die Kraft besessen, ihm zu widerstehen, seine schreienden Bedürfnisse niederzuringen, so säße ich heute nicht vor Ihnen, sondern wäre längst mit der kleinen Jungfrau vereint. Dann aber könnte ich Ihnen nie etwas erzählen, und Sie wären um eine Erfahrung ärmer; ein Paragraph würde vermißt in Ihrer psychologischen Kladde . . . Kurz, ich bekam es mit der Angst. Ich brauchte eine Pause. Ich brannte (ohne Beschönigung) einfach durch; sperrte die Etage ab; floh. Wo ich war, ist belanglos. Ich betäubte mich und suchte sie zu vergessen; und stellenweise gelang's mir wohl auch. Der Spuk folgte mir, heftete sich an meine Fersen. Gottlob gelang es ihm, sich nur zu äußern in halber Dunkelheit; dann erscholl er abgedämpft; es waren tastende, verstümmelte Dinge, die er trieb. Bis ich eines Tages im Schlafwagen eines Luxuszuges, der mich von Paris zurückbrachte, jenen alten Traum wieder hatte von dem schnurgeraden Wiesenweg, dem Wald und dem einsamen Haus. Ich wußte, sie war darin und litt Todesangst. Es überwältigte mich wiederum das unwiderstehliche grauenvolle Mitleid. Ich trat ein. Schluchzend flog sie mir entgegen. Sie wurde zum Alpdruck. Ihr Gesicht verzerrte sich: das Tier tobte in ihr. Sie warf den Kopf zurück; ein rauher Katzenschrei brach aus ihrem klaffenden Mund. Doch ich hielt stand. Ich hielt sie umschlossen, obwohl sie tobte und mir die Hölle heiß machte. Endlich . . . endlich löste sie sich auf; mit süßem, vergehendem Lächeln. Damals fand mich der Schaffner auf dem Boden des Abteils liegen, mit Schaum vor dem Mund. Es sei eine Nervenkrise gewesen, sagte man mir, als ich aus der Ohnmacht erwachte. Unterernährung oder Kummer . . . Man hatte Dutzende von Erklärungen zur Hand. Ich hatte plötzlich große Sehnsucht nach ihr und beschloß, sie noch einmal zu sehen, um »vorläufigen« Abschied zu nehmen. Dann wollte ich weiterleben ohne sie, so gut es sich tun ließ . . . Ja, meine Herren, es ging über menschliche Kraft. Der Blick durchs Fenster Zu Hause fand ich alles beim alten. Nur etwas Staub lag auf den Möbeln. Mir war feierlich zumut wie bei einem Begräbnis. Ich wollte ihr alles erklären. Ich wollte meinen natürlichen Tod abwarten und dann mit ihr vereinigt sein – für ewig. Das würde ich ihr sagen; sie würde Verständnis dafür haben, denn sie war ja nicht grausam. Ich hatte das lechzende Tier, das meinen Leib vernichten wollte, zurückgeschoben, einstweilen in ihr erstickt . . . Mit der gewohnten Methode bereitete ich alles vor. Ich drehte die Batterie an. Jedoch es stellten sich sonderbarerweise keine Geräusche mehr ein, als ich die Lampe ausgeblasen hatte. War sie bereits so geschwächt? Nur leises Trappeln hörte ich in der Wohnung . . . Wie »von Katzenpfoten«. Ich trat in das Puppenhaus ein und wartete. Hinter den Türen verhielt sich die Bewohnerschaft still; nur zuweilen hörte ich sinnloses Flüstern oder ein einzelnes zerbrochenes Wort, so, als dächten sie laut – ihre dummen konventionellen Gedanken; so, als seien sie alle maßlos erschreckt worden und hielten den Atem an. Ja; alles »hielt den Atem« an, das ist das Wort. Leise sang das Licht in den Birnen – oder war es die Stille draußen? Es klang wie ein langgezogenes: »S . . . s . . . s . . .« ohne Ende. Es gab keine Zeit mehr. Sämtliche Uhren waren abgelaufen. Und alles wartete mit mir . . . Marlies kam nicht. »Durch dich« (ging mir's durch den Kopf) – »durch dich lebe ich und sterbe ich; ich bin dein Geschöpf«. – War sie jetzt in Wahrheit tot und konnte nicht kommen? Ich versuchte sie mir mit aller Gewalt vorzustellen; wie sie im Leben war; dann als Page; dann in jener silbernen Tanzverzückung . . . War mein Hirn geschwächt? Immer nur Bruchstücke von ihr traten hervor. Trotz größter Anstrengung entglitt sie mir. Mein Herz pochte wild. Ich warf Netze ins Nichts und zog sie leer zurück. Eine Ewigkeit verging. Sie kam nicht . . . Verzweiflung packte mich. Die Puppen sahen mich gleichgültig und gefühllos an mit ihren dummen, lackierten Gesichtern. Ich geriet in kalte Wut. »Gesindel!!« schrie ich mordlustig, und rüstete mich zu ihrer Vernichtung. Ja, meine Herren, ich begann zu wüten. Ich zerfetzte die Wattebrust des Generals und trampelte auf seinen Orden. Ganz töricht sah er aus ohne Schnurrbart, denn nun war sein Mund nackt und zeigte eine dümmlich despotische Hufeisenform. Das ältere Fräulein mußte sodann daran glauben. Sie war, wie ich immer schon vermutete, inwendig eitel Werg, und hatte lila Seidenpapier im Schädel. Die Gastgeberfamilie war mir nicht so wichtig als die anderen Typen, die ich erbarmungslos zerfledderte und aufschlitzte; ganz besondere Genugtuung bot mir die restlose Zertrümmerung der gezähnten Räder und gezackten Membranen, die sie in den Bäuchen trugen. Ich packte das Zwillingspaar an den Beinen und zertrümmerte die Möbel mit ihnen, die albernen Nippsachen, die Spiegel . . . »Ha!« schrie ich dabei – »Ihr habt wohl gedacht, sie würde nie ein Ende haben, eure ›Ewige Teegesellschaft‹ – Der Teufel hole euch!« Dem Dichter riß ich seinen Skalp hinunter; der hat ausphilosophiert, dachte ich grimmig; wie ein gehäuteter Hase sah er aus; keine Spur von Goethekopf. Alles Attrappe. Als ich wie ein Tornado durchs Haus gebraust war, eitel Verwüstung im Kielwasser, verschnaufte ich mich zunächst; dann beschloß ich, sie alle aus dem Fenster zu werfen. Ich packte zwei Figuren, rechts und links, am Genick und wollte den Anfang machen. Da fiel mir ein, daß Marlies mich so eindrucksvoll gewarnt hatte, aus den Fenstern zu sehen. Ich zögerte. Doch dann, wie unter einem Zwang, riß ich unten im Saal die Damastvorhänge beiseite. Ich erwartete schwärzeste Dunkelheit draußen, doch das Licht aus dem Hause fiel dort draußen auf – ein großes Gesicht. Es war so groß wie eine Landschaft. Es sah gelb und wächsern aus. Es war mein eigenes Gesicht . Es hatte geschlossene Augen; der Mund klaffte auf wie ein Abgrund; ein stummer Schrei quoll daraus hervor . . . Ich war tödlich erschrocken. Und unter dem Kinn dieses großen Gesichtes, das mein eigenes war, rührte sich etwas: ein riesiger Katzenkopf, dessen Augen wie Phosphorseen in der Dunkelheit schillerten. Wolkig und grün durchschossen . . . Weiße Bartgrannen standen wie ein Wald von Spießen über einer gierigen, verrucht lächelnden Schnauze, aus der die Eckzähne sich langsam und fraßlüstern entblößten . . . Sie brauchten sich nur in meine Kehle hineinzusenken, in dies leblose Fleisch, dann war ich verloren . . . Ja; ich war verloren . . . Hilfe! Hilfe! – . . . Das Puppenhaus krachte in allen Wänden; und plötzlich zuckte das Licht in den Kohlenfäden der Birnen, zuckte flackernd, irrwischhaft und ging aus. Das ganze Haus war stockdunkel. Nur das große Gesicht draußen leuchtete wie faules Holz. Und mein eigener gewürgter, rasselnder Hilfeschrei zerspaltete die Luft, dröhnte entsetzlich über einem Chaos von wüstestem Lärm und spindelte sich in kreischende Höhe.   Was geschehen war? Eigentlich etwas sehr Begreifliches. Als ich in völligem Tiefschlaf auf dem Bett lag, war Moloch schon im Hause gewesen; er war durch das offene Fenster der Besenkammer hineingelangt; den Fenstersturz hatte er natürlich überlebt. Seinesgleichen hat ja bekanntlich neun Leben. Er hatte sich während meiner Abwesenheit wieder in die Wohnung zurückgetraut und so war ich (bei seinem rabiaten Hunger) in meiner kataleptischen Starre sozusagen eine gefundene Mahlzeit. – Ich muß mit den Armen, als er mir an den Hals geriet, wüst umhergefuchtelt haben, denn nicht nur das Puppenhaus mit den sämtlichen teuren Kleinkunstwerken, sondern auch die Lampe lag zertrümmert am Boden. Gottlob hatte sie nicht gebrannt. Aber mit Moloch söhnte ich mich wieder aus (soweit man überhaupt mit Katzen in einer Art Verkehrston kommen kann), er hatte mir ja gewissermaßen durch seine Attacke wieder ins Dasein zurückgeholfen . . . Aber meine Herren, ich glaube, ich mache nicht mehr lange Gebrauch von dieser seiner – – Aufmerksamkeit . . .   Habe ich Sie ermüdet? – Hm. – Aber nein doch, meine Herren, es mußte alles von der Seele herunter, denn es ist buchstäblich wahr. Ich bin nun wahnsinnig neugierig geworden, wie es sein wird, wenn ich für immer diesen Körper verlassen habe. Im Anfang deutete ich Ihnen schon an, daß ich drauf und dran war, das große Fragezeichen am Schwanz zu erwischen, wenn die Katastrophe nicht passiert wäre auf der anderen Ebene. Wenn ich nicht durch das Fenster geblickt hätte. Vielleicht wäre Marlies schließlich doch noch einmal gekommen, und wir beide wären dann Hand in Hand auf der Hinterseite des Puppenhauses hinausgegangen . . . Ins Nichts. Und Moloch hätte inzwischen dafür gesorgt, daß ich keinen Gebrauch mehr von diesem Hampelmann, der mein Körper ist, hätte machen können. Wir wären hinausgegangen ins wundervolle, peinlose, erlösende, schwarze Nichts.   Sie bilden sich wohl ein, ich merke nichts, daß Sie sich fortwährend Notizen machen und sich zublinzeln? Daß Sie mich hier in die psychiatrische Klinik gelockt haben, daß ich hier ein Gefangener bin? Wenn Sie denken, ich sei verrückt, so ist das Ihr Privatvergnügen. Ich habe Ihnen lediglich mein Erlebnis erzählt. Machen Sie sich einen Vers drauf. Kein Wort ist gelogen. – – – Im übrigen, meine Herren, glaube ich nicht, daß man eine »verschleppte Grippe« oder irgendwelche anderen derartigen Mätzchen nötig hat, um einen Spaziergang (und diesmal einen dauernden) außerhalb zu machen. Ich werde das tun, wann es mir paßt; Sie können mich nicht hindern. Ich lebe jetzt nur noch deshalb ein wenig weiter, weil ich nachdenken muß, nachdenken . . . Ich fühle, als ob mit uns allen doch etwas nicht ganz in Ordnung sei, ja, sozusagen radikal falsch . . .   Elftes Bild Juan in der Sonne Die kleine Sensation In einem Schub dienstuntauglicher deutscher Zivilisten wurde aus England – um die Mitte des Jahres 1915 – ein Knabe herüberbefördert, den niemand kannte. Man hatte ihn aufgegriffen und, da er deutsch verstand, kurzen Prozeß mit ihm gemacht. Der Krieg sprang nicht gerade zärtlich und gastfrei um mit landfremden Individuen. Durch die Schweiz kam er nach Köln, und hier benahm er sich, als sei er auf den Mond geraten. Oder vielleicht benahm man sich auf dem Monde so wie er, und er war aus Versehen herabgefallen mit seinen Mondsitten in eine aus den Fugen geratene sinnlose Welt. Wiewohl er ein Durchschnittsmaß von Verstand sein eigen nennen mochte, setzte er dennoch allen Fragen nach seiner Herkunft eine blanke Gedächtnislosigkeit entgegen. Es war, als habe er in einem Anfall von phänomenaler Zerstreutheit sein Leben irgendwo liegengelassen wie ein Buch und dann den Titel vergessen. Bekleidet war er mit einem dunkelblauen Sweater, wie ihn Fischer tragen, und darunter trug er einen gestreiften Schlafanzug, über dessen Hosen er noch ein zweites schlotterndes Paar von wolligen Beinkleidern gezogen hatte. Seine wundgelaufenen Füße steckten in klobigen Stiefeln. Sein Alter war beiläufig fünfzehn Jahre. Was sollte man nun mit ihm in Köln machen? – Man schob ihn an die Fürsorgezentrale Berlin ab. Er wurde ärztlich untersucht und gesund befunden. Aber das, was die Psychiater anging, das vollkommen schwarze Loch in seinem Hirn, der geistige Defekt, – das war nicht aufzuhellen. Er erschrak leicht, hatte aber bei sanfter Ansprache ein höfliches Lächeln. Sonst war sein Ausdruck grübelnd; seine dunkelbewimperten grünlichen Augen blickten starr. Die in Falten gezogene Stirnhaut zog die dichten Brauen zu finsterem Strich zusammen. – Während man ihn, etwas zu forsch vielleicht, examinierte, zischte die Luft aus seiner bedrängten Brust durch die schlohweißen Zähne und seine Augen verschleierten sich in dem – offenbar ehrlichen – Bemühen, die Wand zu durchdringen, die ihm sein Gestern verbaute. Für die Journalisten war er natürlich ein gefundener Stoff, und sie unterhielten das Publikum zwei Tage lang mit Debatten darüber, ob er ein Simulant sei oder ein echter Kollege Kaspar Hausers. Ein paar Leute kamen und besahen sich ihn, wiewohl die Kriegsnachrichten im allgemeinen breit alles Interesse überflammten. – Unter diesen Leuten, so ziemlich als letzter, meldete sich auch ein gewisser Herr Ziehlke , Seifenfabrikant seines Zeichens.   Nicht, als ob Herrn Ziehlke unwiderstehlicher philanthropischer Drang auf die Szene getrieben hätte! – Wir müssen seine Tochter, Fräulein Magda Ziehlke, dafür verantwortlich machen. Als sie eines schönen Julimorgens aus der Schule kam – denn sie war ein schulpflichtiger Backfisch – durchstöberte sie die mit Plüschquasten geschmückte Etagere, wo ihr Vater seine Zeitungen aufhob, und fand bei dieser Gelegenheit das Bild des rätselhaften Knaben. Das Tempo, in dem Fräulein Ziehlke reifte, hielt seit einem Jahr Schritt mit der »großen Zeit« und so geschah es denn, daß sich nicht nur mütterlich-mitleidige, sondern auch ganz persönliche Empfindungen in ihr regten. Abgesehen von den Schilderungen, kam dies auf Rechnung seines Bildes. Zwar saß ihm der Raster wie ein graues Gitter vor den Zügen, jedoch ließ das Übermaß an Dunkel ahnen, daß man nicht allein der Druckerschwärze den südlichen Eindruck verdankte, sondern auch seinem reichgewellten dunklen Haar. Es überschattete ein schmales Gesicht mit schwarzen Brauen und ungemein ausdrucksvollen Augen. Magda dachte an die geschorenen Köpfe gewisser Gymnasiasten, die ihr den Hof machten, und fühlte sich geneigt, sie zu verabschieden. Ob der Fremdling wohl erlauben würde, daß man ihm durch dieses Haar fuhr? Er würde seine Falkennase krausen . . . Ach ja, verbitte dir das nur, dachte sie; ich tu's doch – und sie schloß und öffnete die schmalen Fäuste. Keiner von den entrückten Onkeln im Grammophon oder im Kino, über deren Anbetung ihre Mitschülerinnen ihre zopfumwickelten Köpfe verloren, interessierte sie. Ein solcher Onkel würde ja doch nur über sie lachen und ein Komplott gegen sie schmieden mit einer sehr viel älteren schlagfertigen Dame. Der Knabe aber würde kein Komplott schmieden, da er ja selbst das Opfer eines solchen schien – eines politischen (dachte sie unklar) –; vielleicht verfolgt man ihn mit der auswärtigen Polizei, und nun spielt er hier Aschenbrödel und sehnt sich nach jemandem, der ihn erlöst. – Ob vielleicht nicht – der Kaiser  . . .? – Magda sandte sinnende Blicke durchs Zimmer. Da war er in Bronze und dort als Bild. In beiden Kunstwerken sah er ein wenig unverbindlich aus, als ob in bezug auf den geplanten Vorschlag kaum gut Kirschen mit ihm zu essen sei. Auf alle Fälle durfte man ihm, wo er doch jetzt an jedem Finger einen Widersacher hatte, nicht mit dieser Lappalie kommen. Magda seufzte. Sie war einsam. Ihr grimmiger Fleiß, den sie in der Schule entfaltete, war Verteidigung gegen die eigne Grübelsucht, nicht Selbstzweck. Magda las auch viel und machte die Bekanntschaft heldischer oder zärtlicher Figuren, die für ihr elegantes oder trotziges Dasein nach Verständnis schmachteten. Sie hätten nicht verdient, wie Zinnsoldaten in den Schubladen ihrer Seele zu enden. Aber all die Heroen sanken nun, vergeblich Bärte zwirbelnd oder Trotzgesten schleudernd, mit erstauntem Scheideblick ins Wesenlose – siegreich verdrängt durch den großen Unbekannten, der gar nicht danach fragte, ob sie Ivanhoe, Siegfried oder Jörn Uhl hießen. – – In der Schule ließ sich am nächsten Tag wenig mit ihr anfangen. Sie saß, ihren Bleistift kauend, voll unnahbar gestraffter Selbstversenkung, und ihre grauen Augen bohrten sich in das rotumränderte Vereinigte Königreich auf der großen Wandkarte, die ihr gegenüber hing. Dort am südlichen Rand krabbelte ein Pünktchen, das heraus wollte und dann über den Kanal hinweg mit einem gewaltigen Flohsprung in der Schweiz landete. Und dann zog sich eine schwarzpunktierte Linie von dort über Köln nach Berlin und fand ihr Ende in diesem großen Klex – mitten in Magdas Herzen. Ihre kleine Weiblichkeit dehnte sich ungeheuer aus und zog ganz Berlin in ihren Wirbel. – Der Lehrer sagte, aus seinem Vollbart hervor: »Glotze nicht, Magda.« – Das Komplott Ziehlkes hatten Geld. Mutters Vater war Hausbesitzer gewesen und Papa war erfolgreich in Kriegsseife. Ungeheure Posten von Seife, oft seltsamer Herkunft, entstanden in seinem Betrieb und wurden an der Ostfront verwaschen. Sie roch manchmal so, wie wenn man die Nase in einen alten Speiseschrank steckt, aber mein Gott, sie erfüllte anscheinend ihren Zweck. Im Haushalt Ziehlke wurde diese Seife nicht verwendet. Es duftete im Gegenteil hier so, als ob die Geister eines Rivierafrühlings umgingen, auch wenn die Margarineküche ihr ernüchterndes Wörtchen mitsprach. Mit diesen Düften hing Frau Ziehlke zusammen. Sie war eine unförmige Frau, die fortwährend Stärkungsmittel benötigte, womit sich denn auch ihre Vorliebe für Parfüms erklärte. Magdas Geburt hatte ihr beinahe das Leben gekostet. Von Natur zum Phlegma geneigt, griff sie den damaligen ärztlichen Rat, sich Schonung zu gönnen, sehr wörtlich auf und befolgte ihn bereits fünfzehn Jahre, so daß sie gewissermaßen darüber aus dem Leim gegangen war und allerhand Übel, die sie zu verhüten gehofft, der Reihe nach einlud. Magda hatte die Mutter nie anders gekannt als pompös dahinkränkelnd . . . Sie hatte sich jedoch angewöhnt, sich die in spitzenbesetzten Morgenröcken vegetierende, mit vagen Kartenlegereien beschäftigte Frau als Beichtstuhl vorzustellen, worin eine schläfrige Toleranz ihr ständig offenes Ohr bereithielt. Wie ein Trichter war dieses Ohr, in den man sein kleines Leid schüttete. Es kam noch nicht einmal so sehr darauf an, ob eine Predigt erfolgte oder nur ein leises Zungenschnalzen. – – Nachdem Magda ihre Schularbeiten erledigt hatte, nahm sie die Zeitungsausschnitte und schlängelte sich an die Mutter heran. Mama Ziehlke saß in dem breiten, ebenfalls mit Plüschtroddeln verzierten Siestastuhl (alles in dieser Wohnung war so reich verziert) und ließ sich von der Ampel bescheinen, die wie ein rosa Bonbon von nie geschauter Größe an der Decke hing und all die Ergebnisse künstlerischen Machtwillens, deren Stunde damals noch nicht geschlagen, mit Boudoirlicht bestrahlte. »Na, was is denn, Magdachen?« fragte sie nach einiger Zeit, als die Patience nicht aufgehen wollte. – »Was guckst du denn so?« Bewegung kam in die magere Mädchengestalt. Sie starrte die Mutter an, vor Aufregung ganz blaß, wobei sie mit zitternden Fingern die Zeitungsausschnitte vor ihr ausbreitete. »Sieh mal, man muß doch was für ihn tun.« »Für wen denn?« »Ja, für ihn doch.« Mutter Ziehlke raffte die Porträts an sich und versenkte sich in sie. – »Herrje,« sagte sie, »das ist doch . . . Von dem hab' ich doch schon gehört? –« »Ja, Mutter, das ist der Junge. Papa muß ihn holen.« Und als [ob] nun das Eis gebrochen sei, sprudelte sie hervor: »Wer kann wissen, was sie mit ihm machen? Nun ist er da angekommen und kann selber nicht sagen woher, und sie sind roh mit ihm, und Geld hat er auch keins, und du hast doch Geld, und Papa hat Geld, und da ist doch noch die Kammer neben der Küche, und wir könnten ihn doch bei uns aufnehmen und es ihm gemütlich machen, verstehst du. Man muß doch menschlich sein. Und da steht doch gar nicht darin, daß sich jemand gefunden hat für ihn. Immer noch guckt er so sehnsüchtig aus der Zeitung heraus. Vielleicht ist er ja auch Deutscher, und für den Krieg kann er ja nichts. Oder meinst du?« Mutter Ziehlke kicherte ein wenig. »Na,« sagte sie, »du hast ja Feuer gefangen. Wie ich so alt war wie du. da habe ich noch gar nichts gewußt davon, daß es hilfsbedürftige junge Leute auf der Welt gibt.« »Aber Mutter«, rief Magda und blähte die Nüstern. »Die Menschlichkeit , das ist doch das Wichtige!« Wieder kicherte Mutter Ziehlke schwach vor sich hin. »Nicht viel zu spüren«, sagte sie, »von Menschlichkeit heutzutage. Na, aber es ist auch ein Gesichtspunkt. Wir geben ja schon allerhand aus für Invalidenhilfe und Hospitäler und all sone Sachen. Gott, wo kämen wir hin, wenn wir sie alle persönlich beglücken wollten. Rein aus der Puste käme man ja da.« Hier schnaufte sie tief auf, als ob schon die bloße Vorstellung ihr Asthma verursache. – Nach einer für Magda angstschwangeren Weile: »Nee, das glaube ich ja nun auch nicht. Hübsch sieht er aus, und wo dein Vater so beschäftigt ist und immer aus dem Hause, da wäre es ja vielleicht ganz nett, noch so'n männliches Wesen in der Nähe zu haben, das sich verpflichtet fühlt.« »Mutter,« schrie Magda auf, »dann läßt es sich machen? Dann sagen wir es Papa.« Sie war ganz außer sich. »Gleich sagen wir es ihm, und dann kann er morgen gehen und ihn holen.« Mama Ziehlke saß tief in Nachdenken versunken. Ihre bleichen, schlaffen Wangen zitterten leicht. Sie nickte wie eine Pagode vor sich hin, so daß die Korallentropfen an ihren Ohren mitpendelten. »Wenn mir damals«, sagte sie endlich stockend, »nicht das Malheur passiert wäre . . .« – – – Papa Ziehlke kam an diesem Abend sehr spät nach Hause, und da ein Übermaß genossenen Weißbieres mit Schuß ihn nicht gerade empfänglich machte, am allerwenigsten für diesen ausschweifenden und tollen Plan, so gab es für Magdas Ungeduld noch keine Entscheidung. Es dauerte noch einen ganzen Tag, bis er den ungewohnten Energieausbrüchen seiner Familie Gehorsam zollte. Endlich, am übernächsten Morgen, sehr skeptisch und verdrossen, nur um des lieben Friedens willen, machte er sich auf den Weg. In dieser Stimmung gelangte er zur Fürsorgezentrale. Der Wohltäter Er mußte einige Zeit warten, und dieser Umstand tat noch ein übriges zu seiner Verfassung. Er wurde durch einen schlicht uniformierten Aufsichtsbeamten in ein büroähnliches Wartezimmer geleitet, wo er nach grunzender Verlautbarung seines Wunsches sich zunächst niederließ. An der Wand, auf einer farbenfröhlichen Reproduktion, betätigte sich der Jesusknabe als Tierbändiger; den einen Arm hatte er um den Hals eines gezähmten Tigers geschlungen, und die andere gab den Takt des Marsches an mit einem kleinen Palmenreis. In silbernem Hemd trabte er daher nach Kinderart. Ein Lämmlein hüpfte auf seiner anderen Seite; und viel Tiere folgten. Ein Elefant machte den Beschluß. Es wäre nun gut gewesen, wenn Herr Ziehlke – dem Sinn des Ortes entsprechend – auf den naheliegenden christlichen Gedanken verfallen wäre, sich unter diese gezähmten Tiere einzureihen und der kleinen Hussapeitsche aus Palmfiedern geduckten Nackens zu folgen. Demut und Bereitschaft zum Guten wären die richtige Verfassung gewesen. – Leider aber zog er noch keine solchen Schlüsse aus dem Bild, sondern saß bös und voreingenommen gegen das Gute auf dem Stuhl. Er war ein waschechter Berliner, und es war nicht so einfach, ihm mit Palmwedeln und besänftigten Tieren den Sinn für das Praktische zu lähmen – ebensowenig wie die recht augenfällig angebrachten Bibelsprüche ihn ohne weiteres überzeugten. Mit einer heftigen Bewegung zog er die goldene Schnappdeckeluhr und nahm sich vor, genau noch fünf Minuten zu warten, bevor er die Angelegenheit anderen Wohltätern überließ. – Er sprang auf und ging schnell auf der Bastmatte hin und her. Da er dabei an einen Spiegel geriet, bot ihm die Betrachtung der eigenen Person flüchtige Zerstreuung. Er konnte nicht umhin, sich selbst mit einem gewissen grimmen Wohlwollen zur Kenntnis zu nehmen. Patent, ja, das war das Wort. Und das wollte was heißen in diesen Zeitläuften. – Seidenes Hemd, guten Schneider, hellgrau Flanell und spitze Schuhe mit Glanzlederkappen. Wer lacht da? – Bauchansatz. Runde Figur. Das Gesicht rosa, vollkommen haarlos. Haare stören den Masseur. Sein Schädel glänzte hell himbeerfarben. Die Bäckchen sackten ein wenig, der Mund war leicht zur Hufeisenform gezogen durch ihr schütteres Gewicht; das Gesicht war wie aus einem soliden Gelee, das nur durch das Erdbeben einer Gemütserschütterung zum Zittern zu bringen war. Jetzt ließ der Zorn es zittern. Herr Ziehlke trug auf dem Sattel der großen Nase eine Hornbrille, seit er durch den hurtigen Anschluß an die Heeresversorgungsstelle in die Intelligenzklasse aufgerückt. Hinter dieser Brille drangen große, runde, wasserblaue Augen auf den Beschauer ein, unter wagerechten rosa Hautwülsten, von der leeren Intensität, mit der ein lauerndes Amphibium die Welt betrachtet. Und so wie ein solches ganz jähe Sätze macht nach stundenlanger Überlegung, so hatte auch Herr Ziehlke nach monatelanger Begrübelung seiner Chancen einen jähen und zielbewußten Satz gemacht in jene von selbst funktionierende Kriegsfutterkrippe hinein. – Darin saß er nun in einem Hagel von Bestellungen; er war der Situation nicht ganz gewachsen, denn sie trug zu sehr das Gepräge einer temporären Zweckgründung, die auffliegen mußte mit Kriegsende. Es hieß, ständig die Ohren steifzuhalten, und das machte ihn nervös. – In immer steigendem Zorn nahm er seine Wanderung wieder auf. Eine Minute noch! Es war doch toll, was man ihm zumutete! Und wie die Weiber ihm in den Ohren gelegen hatten! Logik haben sie nun mal nicht, und gegen eine Verschwörung, wo bei ihnen das Gemüt mitspricht, zieht man immer den kürzeren . . .   Herr Ziehlke stand durchaus nicht auf, als sich jetzt die Tür öffnete und ein Beamter das stellungs- und herkunftslose Individuum vor sich herschob. Es mußte geschoben werden, denn selbst hatte es keine Eile. Der Fabrikant beugte sich leicht im Stuhl vor, rückte an seiner Intelligenzbrille und stemmte die Handrücken auf die gespreizten Knie. Der Knabe betrachtete ihn mit halboffnem Mund. Herr Ziehlke sagte mürrisch: »Das hab' ich gern, mein Sohn. Behalt' nur ruhig die Hände in den Taschen. Is ja auch viel bequemer. Keinen Namen vor Gott und der Welt und keinen roten Marawedi im Kapital; aber reingetrudelt kommt man wie der Kronprinz.« Von dieser Anrede verstand der Knabe offenbar nichts, denn seine saloppe Haltung blieb dieselbe, und er blickte fragend nach dem Aufseher. Dieser tippte ihm auf die Hosentasche. Nun begriff der Knabe und zog seine Hände hervor: frischgewaschene, seltsam langfingrige und schmale Hände. Dann lächelte er langsam, als handle es sich darum, die Laune eines Originals zu befriedigen, und fragte: »Bitte sehr?« »Wissen Se, Herr –« sprach der Aufseher, ein braver Fünfziger mit eckigem Schnurrbart, – »Sie dürfen es ihm nicht verübeln. Er hat nun die lange Leitung. Er macht ja alles; nur mit die Verstehste, da hapert's noch so'n bißchen. Er ist hier oben in der Denkabteilung, wissen Se, nich jenüjend einjedeckt; 'n bißchen ausjeleiert, wenn ich so sagen darf. – Wer kann wissen, ob se ihn nich schon mal auf 'n Kopp jekloppt haben mit 'nem Jewehrkolben, un' nu kann er nich logisch mehr denken, so stell' ich mir das vor.« »Und ich, –« sagte Herr Ziehlke durchaus nicht besänftigt, – »ich stelle mir vor, daß er'n ganz gerissener Simulant is – Is es so, mein Jung', oder is es nich so?« Der Knabe gab ein Kichern von sich; fröhlich und harmlos. – »Sie sind komisch «, sagte er mit mutierender Stimme und betrachtete voll erfreuten Interesses Herrn Ziehlke. Dieser bekam einen lachsroten Kopf. – »Jetzt sag' nur noch –« und er steigerte sich zum Schmettern – »sag' nur noch putzige Kruke zu mir oder alter Schäker. – Dann hat's aber geschnappt.« Der Knabe wurde langsam wieder ernst. Seine Lippen wurden schmal. Er zuckte die Achseln, als wolle er andeuten, daß er die Unterhaltung als resultatlos abzubrechen wünsche. – Der Aufseher legte sich flugs wieder ins Mittel. »Aber Herr,« sagte er beschwörend, »nu muß ich Ihnen schon jenau ersuchen, sich reinzuvasetzen in sein Jemüt. Wenn Sie 'n weiter so anbrülln, wo er doch 'n landfremden Menschen is, machen Se 'n janz verrückt. Un' wohlteetje Absicht un' Anpfeifen is zwoerlei, sozusagen. – Na, mein Jung' –« fuhr er gegen seinen Schützling gewandt fort, nach Möglichkeit »hochdeutsch« – »nun erkläre mal diesem freundlichen Herrn hier – (und die forsche Note, die mußte nich tragisch nehm') – daß du ganz genau ausbaldowert worn bist von die Herrn Ärzte un' daß du heilig die Wahrheit sagst, wennde sagst, du weißt von nischt.« Hier ereignete sich das Erstaunliche, daß der Junge einen zusammenhängenden Satz von sich gab. Seine Aussprache war dadurch gefärbt, daß er die Silben falsch betonte; sonst sprach er korrekt. Er wandte sich nicht eigentlich dem zukünftigen Wohltäter zu, sondern dem bisherigen Beschützer, und sprach eintönig wie etwas Eingelerntes: »Ich bin Ihnen zu Dank verpflichtet für die mir zugedachte Aufmerksamkeit.« Als er dies hervorgebracht hatte, atmete er erleichtert auf und überließ es den beiden Männern, sich zu wundern. Eine Pause erfolgte. – – – »Sehn Se! Sehn Se!« rief der brave Aufseher. »Von schlechten Eltern is er nich; so elejant red't er Ihn'. Das schüttelt er so aus'n Handjelenk; flüssig sitzt ihn das.« Herrn Ziehlke stand der Mund offen. – Was waren das eben für Töne gewesen? Gleichsam raffiniert hatte es geklungen; so druckreif. Er massierte daher gründlich sein rosa Kinn. Und nachdem er sich durch Reibung des gelähmten Kiefers gefestigt und in die frühere Fahrtrinne zurückgefunden hatte, erwiderte er auf die zierliche Rhetorik folgendes: »Von wegen. – Und ›zu Dank verpflichtet‹ – Ich würde noch die Luft halten, mein Sohn, eh' ich sone Opern singe. – ›Aufmerksamkeit!‹ – Was denn noch? Dein Gedächtnis haste verloren; gut. – Woll'n mal sehn, ob wir dir nich wieder zurückverhelfen könn' zu deinem Gedächtnis.« – Immerhin hatte ihm die Sentenz so imponiert, daß er nicht umhin konnte, den goldenen Kern in der rauhen Schale ahnen zu lassen. Auch gesellte sich die durchbrechende Heiterkeit über die so fabelhaft gewählten Ausdrücke hinzu. Lächeln konnte er nicht; das lag nicht in seiner Art. Also grölte er. – »Verpflichtet fühlt er sich!! – Das is köstlich!! « – Er meckerte noch eine Weile, während der schlichte Mann mit den blanken Knöpfen schmunzelte und der Knabe ihn voll unschuldigen Ekels betrachtete: die kleine Falkennase gekraust und die Augen verengt . . . Es erfolgte nun, daß Herr Ziehlke sich erkundigte, wie er seinen Probeschützling nennen solle, und der Ausseher ihm erklärte, »Max« genüge. Das in Frage stehende männliche Individuum habe, da staatenlos und unbekannter Herkunft, bereits einen provisorischen Namen erhalten. – Dies sei geschehen, weil die Polizei keine Verpflichtung spüre, den Namen der Erscheinung anzupassen. Der Name passe zwar wie die Faust aufs Auge, aber man habe im Jahr des Unheils 1915 weit wichtigere Angelegenheiten zu erledigen, zum Teufel, als symbolische Namensgebung.. Das Wesentliche stehe in Maxens Legitimation, die er vorwies; neben »besondere Kennzeichen« stand »ohne«. – Nicht einmal ein Muttermal habe er, oder eine auftätowierte Dame, oder ein krummes Fingerglied. Er sei einfach »ohne«; man habe auf seinem Körper jeden Fleck mit der Lupe abgegrast. Freilich – und diesen Verdacht bekam selbst Herr Ziehlke – in Maxens Seele hinein hatten diese Lupen bisher nicht gereicht. Er nahm sich daher vor, ihm »hinter die Schliche« zu kommen, und dies begann ihn fast zu reizen. Mit Komplimenten und Danksagungen des Direktors versehen, packte er sich und Max in ein Mietauto und fuhr nach Hause. Der Junge war stumm. Er trug nur ein ständiges nervöses Lächeln um den Mund, und als man ausstieg, bot er sich zur Unterstützung an, mit einer sonderbar hastigen Höflichkeit, als ob Herr Ziehlke eine ältere, unwirsche Dame sei. Das unbekannte Getränk Man aß gemeinsam zu Mittag, und da es an Gesprächsthemen mangelte, so beschränkte sich die Unterhaltung auf Zukunftspläne des jungen Mannes. Er nahm ziemlich indifferent alle Vorschläge zur Kenntnis und war vor allem höflich . Entsetzlich höflich. Immer lauerte er der gesamten Familie Ziehlke deren kleine Bedürfnisse ab – ob es nun der Gewürzaufsatz war, oder eine herunterrutschende Serviette, oder die Klingel zu dem »Mädchen für alles«. Stets schoß seine feingliedrige Hand hin und her, und dabei vergaß er schier das Essen, was bei einem Jungen seines Alters doppelt erstaunlich war. »Na, nu iß mal, Jung'«, sagte die Mama. »Und mach' keine Fisematenten.« »Wenn Sie gestatten«, äußerte Max. Er aß, wie man bei Dressel ißt – wo es Spargelhalter gibt aus Silber und Schildpattschippen für den Kaviar. Er aß wie ein magenleidender Graf, und alles staunte. Mama Ziehlke beobachtete dies Benehmen mit wohlwollenden Blicken halb von der Seite wie ein Huhn, und der Vater bohrte sich die Zähne mit dem silbernen Stocher aus, den er an der Uhrkette trug. Eigentlich war ihm das »unter Leuten« verboten, heute aber tat er's aus einer gewissen Gegensatzstimmung heraus. Um auf die nächstbeteiligte Person, Magda, zu kommen, so hatte sie Augen wie beim Sanktus in der Messe. Es kam so weit, daß die ganze Familie ohne Murren und Protest wartete, bis Max mit seiner Nahrungsaufnahme fertig war. Endlich fragte Madame Ziehlke: »Hat's geschmeckt?« »Ausgezeichnet«, sagte Max und faltete seine Serviette zusammen. »Na – denn woll'n wir zum Mokka überjehn«, sagte Herr Ziehlke. Er zog gewöhnlich seine Jacke aus innerhalb seiner Wände; heute unterließ er's weiß Gott warum. Man nahm in der Sofaecke Platz. Als Magda die Mokkatäßchen gefüllt, wurde Max nach dem ersten Schluck nachdenklich. Man merkte, daß ihm eine Frage auf den Lippen brannte, und ermunterte ihn. Da sagte er mit kindlich heller Stimme: »Entschuldigen Sie die Frage: was für ein Getränk ist dies?« Ziehlkes sahen sich an. »Das ist Kaffee.« Max sah sehr erstaunt aus. – »Kaffee . . .« wiederholte er . . . »Nun, Magdachen, jetzt zeige Maxen sein Zimmer und besprich mit ihm, was er alles für morgen braucht. – Heute nachmittag soll Papa gehn und ihn anmelden bei der Schule.« Worauf Max, mit einer höflichen Verbeugung gegen das Ehepaar, hinter Magda, der er den Vortritt ließ, sich empfahl . . . Frau Ziehlke zog sich in ihren mächtigen Erkerstuhl zurück. Dieser stand unter der künstlichen Fächerpalme, deren Stamm mit elektrischen Birnchen geschmückt war wie mit Ostereiern. An festlichen Abenden spiegelte sich diese Pracht in den Rundungen der drei Grazien aus galvanischer Bronze. – »Er hat Manieren«, sagte sie. »Das laß ich mir nich nehmen.« Herr Ziehlke hatte bereits sein elfenbeinernes Zigarrenmundstück mit dem schwarzköpfigen Meerschaummops darauf im Aschenbecher deponiert. Nun schmiß er sich aufs Sofa, dessen Maltaspitzenschoner längst nach seinem Haarwuchsmittel duftete, und gähnte schnappend. »Manieren . . .« gab er zurück. – »Was kauft er sich schon dafür . . . Grütze muß er haben. – Grütze!! « Herrn Borinskys Steckenpferd Max entwickelte die »Grütze«, die sein Mäzen an ihm zu vermissen glaubte, in ungeahntem Maß. Er wurde der letzten Vorbereitungsklasse für die Realschule zuerteilt und er stellte sich unter den Dreizehnjährigen als Ausbund von Fähigkeiten heraus. Nicht nur konnte er fließend rechnen und schreiben (mit einer flüssigen lateinischen Hand), – auch in Physik und Chemie wußte er allerhand. Dies genügte, um ihn alsbald den Gleichaltrigen zuzugesellen, unter denen er als besonders aufnahmebereit hervortrat – denn er saugte den Lehrstoff der untersten Realklasse wie Löschpapier auf. Im Verkehr mit Ziehlkes war er wesentlich unausgiebiger. Herr Ziehlke hatte zwar mehr als einmal versucht, ihm »auf die Schliche zu kommen«, doch Max war nur noch verschlossener und höflicher geworden. Einem Simulanten hätte Herr Ziehlke die Sache sehr leicht gemacht. Er geriet auch nicht weiter in der Erforschung des Gedächtnisschwundes als die Polizei. Max bekam das Interesse seiner Mitschüler peinlich zu spüren. Man hatte ihnen zwar untersagt, Max mit Fragen zu belästigen, aber: – ihre durch den Krieg stark aufgerührte Phantasie äußerte sich heftig. Auch rief das Pathos des Freundes aller Ausnahmenaturen, Karl Mays, ihnen zu: »Dieser Fremdling ist vielleicht ein Freund Scharlis! –« In ihren Köpfen entstammte er der unsterblichen Botanisierbüchse jenes begeisterten Klischeesammlers, und das kam ihm zustatten. Denn für einen Knaben ist es weit wichtiger, mit seinesgleichen gut zu fahren als mit den »Autoritäten«. Der Krieg hatte vom Lehrkörper nur das dürre Reis oder das untüchtige Organ übriggelassen. Beide rangen um seine Seele. Die älteren Knasterbärte, in ihrem täglichen Programm gleichsam eingepökelt, gaben ihm allerlei Ratschläge mit verlegener Geduld. Er war ein pathologischer Fall. Die jüngeren ließen ihrem Detektivdrang die Zügel schießen. Unter diesen tat sich besonders der Doktor Borinsky hervor. Für diesen fünfunddreißigjährigen hageren Herrn und seine slawischen Augen, die oft in den seinen weilten, empfand Max eine Mischung von Furcht und Sympathie. Ja, die Augen Borinskys verfolgten ihn mit ihren kleinen Pupillen, und dies lähmte ihn völlig. So benahm er sich in der Stunde, die dieser Herr gab, besonders träumerisch. Es hatte sich herumgesprochen, daß Max zuweilen spanische Brocken in seine Ausdrucksweise mischte. Borinsky ging deshalb in der nächsten Geographiestunde sehr eingehend auf Südamerika ein. Max benahm sich zum erstenmal seltsam. Bei den Städte- und Gebirgsnamen bekam er einen fernen Blick, dann sprudelte er einiges Hastige hervor in weichen, schnellen Lauten, die man nicht verstand. Als er es aufschrieb, waren es die einzelnen Staaten. Er gab die Einwohnerzahlen an; er wußte genau Bescheid über die Fauna und Flora . . . Und Herrn Borinsky, der ihn zwischendurch unverwandt beobachtete, wurde es klar, daß diese Kenntnisse keine neue Information waren, sondern aus dem verschütteten Bewußtsein des Knaben stammten. »Woher weißt du das so genau, Max?« fragte er. »Warst du dort?« Da aber verstummte Max, zitterte mit den Lippen und wiegte grübelnd den Kopf . . . Diese Vorgänge waren Wasser auf Borinskys Mühle. Er hatte ein Steckenpferd. Der Name des Steckenpferdes war Hypnose. Dieser fragwürdige Gaul hält still, wie man weiß, wenn eine berufene Gelehrtenhand ihn aufzäumt und streichelt, und trabt wohl eine Weile in der dunklen Landschaft, verwegenem Abenteuer entgegen. Bei Herrn Borinsky jedoch, der sich das Hirn vollgesogen mit unverdauten okkulten Brocken, mit dilettantischer Tischrückerei und kritiklosem Traktätchenkram, streikte er. Der Reiter hieb ihm viel zu plumpe Sporen in die Weichen. Aber da es Borinsky nicht an dem Selbstvertrauen der Halbbildung mangelte, hielt er sich für berufen. Es reizte ihn ungeheuer, als erster die Wand in der Seele des Knaben niederzureißen und sich dessen wiedererlangte Identität wie einen Orden an die Brust zu heften. Es war Borinsky schon öfter gelungen, einfache Kreaturen, wie Dienstboten, einzuschläfern und mit ihnen unter finster-interessierter Teilnahme kleinbürgerlicher Zirkel allerhand dramatische Szenen und verblüffende Akrobatik vorzuführen. Wer lag ihm also jetzt näher als Max Müller? Er nahm ihn von der Schule in seine Wohnung mit, um vier Uhr nachmittags. Hier bewirtete er ihn mit einem Absud der deutschen Kräutlein Salbei und Schafgarbe, den er Tee nannte, und Max fand keine Gelegenheit zu fragen: »Verzeihen Sie, wie nennt man dieses Getränk?« – weil er gar nicht auf den Gedanken kam, es könne etwas anderes sein als eine Medizin, die man aus Höflichkeit schlucken müsse. Plötzlich fand er sich auf dem Sofa liegen. Sein Hemd auf der Brust stand offen, und Borinskys Fingerkuppen huschten sacht über seine Haut, während die slawischen Augen ganz dicht über den seinen schwebten. Es wurde ihm so lange mit weicher Stimme versichert, er sei sehr müde und behaglich schlafbedürftig, daß er's am Schlusse glaubte. Immer wieder kam die das »R« rollende Stimme auf seine Müdigkeit zurück. So lag es mit der Zeit durchaus in der Luft, daß man sich aufs Ohr legte. Die Motoren draußen wurden zu schnurrenden Katzen, aus denen ein einsamer Kopf hervorwuchs voll pfeifender Atemzüge. Auch dieser verschwamm, und die Welt (so voll sie auch war von Hiobsposten und lärmenden Unternehmungen) tat ein Nickerchen. Ein großer Vorhang war da und eine Stimme, die die Worte scharf betonte. Deutsche Worte, die das Hirn zu quälen begannen (denn die Welt dachte ja eigentlich spanisch). Erste Vision Die Stimme teilt ihm mit, er sei zwölf Jahre alt. Er sei zu Hause, es sei schön, und nun solle er genau beschreiben, wie es dort aussehe. Max zwinkert mit den Lidern. Es flammt davor. Er hält sich an etwas, und es gelingt ihm, die Augen weit zu öffnen. Da sieht er vor sich ein gebauchtes Balkongitter. Er ist noch vom Schlaf betäubt. Durch das Gitter sieht er auf einen leeren Platz hinunter, den weiße zweistöckige. flachgedeckte Häuser umrahmen. In der Mitte des Platzes steht ein Klumpen verstaubt aussehender niedriger Palmen. Alles ist von Bläue durchtränkt. Er sitzt im hellen Schatten einer träg flatternden, rotgestreiften Markise. Von den frühen Strahlen wird ein leiser Asphaltdunst befreit. Dazwischen stiehlt sich ein anderes Parfüm: es kommt von den Nelken, die in großen Vasen wachsen. Eine mächtige, schillernde Fliege klettert zwischen den Nelken umher; andere Fliegen beschreiben langsame, blitzende Kreise in der Luft. Da birst es wie ein Sturm in das Bild; alles erzittert. Der Sturm ist eigentlich ein Dröhnen von Worten; deutschen Worten, die wie aus einer Posaune dazwischenfahren: »Was siehst du?« Sein Hirn müht sich ab. Was hieß dies doch? Er versucht zu übersetzen; es ist Qual und Angst. Ist er denn in der Stube mit dem deutschen Fräulein? Seine schwere Zunge rührt sich und er murmelt auf spanisch: »Dort unten sehe ich die Plaza.« »Was noch?« »Ich sehe . . .« buchstabiert er weiter . . . »die Calle dell' Estado . . .« Er kann nicht weiter; darüber ist er tief beschämt. »Bist du zu Hause?« Er zuckt zusammen. Immer noch unter Tränen flüstert er gehorsam: »Ja, Señor. Auf dem Balkon.« »Blicke wieder hinab! Wen siehst du jetzt unten? Auf der Straße?« Er schiebt sich nah an das Gitter. »Sieh doch genau hin!« sagt die Stimme. »Ist das nicht dein Vater? « Richtig! Da kommt sein Vater. Ganz fern an der Straßenecke taucht er plötzlich auf. Ganz klein zunächst. »Papa!« ruft der Knabe mit tonloser Stimme. Die Fliegen schwirren nicht mehr; sie hängen als goldene Punkte in der Luft. Zwischen ihnen wächst der näherkommende Mann. Er trägt einen Anzug aus makellos weißem Leinen, und die Krempe seines Panamahutes ist tief ins Gesicht gezogen. Plötzlich entsteht ein großes Gedränge auf der Straße. Die Rottos treiben ihre Maultiere vorbei. Mädchen in seidenen Mantos promenieren kichernd um die Palmen. Sonntägliche Menge strömt, Kutschen fahren kreuz und quer. Ein Polizist vom schwarzen Gaul herab wirft sein Lasso nach einem zusammenbrechenden Karrenpferd und zerrt es mit Gewalt in die Höhe. Das Pferd tut einen schneidenden Schrei. Gleichzeitig knattert eine rotaufblitzende Flagge. Sie ist dasselbe wie der Schrei. »Papa!« schreit der Knabe auf dem Balkon. Flugs erstarrt das Menschengewimmel. Alles dreht die Hälse nach oben. Auch der Mann mit dem Panamahut hebt den Kopf. Es ist um ihn eine Leere entstanden im Gedränge, wie eine kleine Wüste; es ist, als schleife er das Echo eines Schluchzens nach sich. Er hebt seine großen grünen Augen und sieht hinauf. Er macht eine fremde Grimasse, als ob er etwas vertuschen wolle. Etwas Unausdenkbares, das ihn am Sprechen hindere. Und so geht er weiter; er kommt nicht zu ihm hinauf . . . Er geht eine endlose Reihe von Rohrjalousien hinunter, die sich wechselnd regen in einem totenstillen Wind. – Dann schwankt wieder alles. Die fremde, aufdringliche Posaunenstimme stellt immerfort Fragen. Nun fragt sie nach der Mutter. Weiß man denn nicht, daß er nicht zu ihr hineindarf? Daß er sie nicht stören darf? Alles wird so fremd. Er kann sich nicht äußern. Nur ein großes Rauschen bleibt zurück. Das Rauschen wird so überwältigend, daß sein Bewußtsein vergeblich dagegen ankämpft; von diesem Rauschen wird alles erbarmungslos verschlungen: all das Bunte, unfaßbar Sonnige. Er meint zu ersticken . . . Er ertappt sich noch bei dem Gedanken: Wenn er jetzt seinen wahren Namen gurgeln könne, den man so dringend von ihm wissen will, dann sei er gerettet . . . Er bringt ihn nicht heraus. Nun sagt ihm die Stimme, er habe alles vergessen. Er wisse von nichts mehr. Das ist eine große Erleichterung. Plötzlich findet er sich auf dem Stuhl mit Herrn Borinsky in dessen Stube. Soeben hat er einen Schluck Tee nehmen müssen, der ihm nicht schmeckte. Jetzt nimmt er einen zweiten . . . Merkwürdig, wie kalt dieser zweite Schluck ist! So abgestanden! Und außerdem ist es dämmrig im Zimmer, und es war doch eben noch ganz hell gewesen! Borinsky plaudert vom Krieg, von Lebensmittelkarten, von anderen aktuellen Dingen . . . Ein achtel Pfund Butter habe er zusammengehamstert; das habe er ihm, Max, fast alles überreicht; freilich: mit Ziehlkes könne er nicht konkurrieren . . . Max empfindet Zutrauen und antwortet dankbar. »Sag' einmal,« und Herr Borinsky lehnt sich gemütlich im Sessel zurück, »ist es behaglich bei dir zu Hause?« Zu Hause? Ach ja! Das sind ja Ziehlkes! »Nein«, sagt Max offen. »Wieso? Es sind doch deine Eltern? Du mußt sie lieben . . .« »Meine Eltern . . .« wiederholt Max und sitzt starr. »Nun: deine Pflegeeltern . . . Sie geben Geld für dich aus; sie geben dir Essen, Kleider, bezahlen die Schule . . .« »Ja . . . Aber ich mag sie nicht.« »Warum denn nicht?« Max wiegt den Kopf. Er kann nicht klar sagen, was er meint. Er denkt an Herrn Ziehlkes spiegelnde Glatze. Er denkt an die verschlafene Madame Ziehlke. Etwas, das ihn herunterziehen will, dringt auf ihn ein. Aber da ist ja noch Magda. Magda ist vorsichtig und fein. »Paß gut auf, Max. Es ist ein Irrtum, daß du deine Eltern nicht liebst. Denn du liebst sie ja. Du willst es dir nur nicht eingestehen.« Max versucht, sich diese neue Tatsache klarzumachen. Er stellt sich das Ziehlkesche Heim vor. In bengalischer Beleuchtung gewissermaßen. Sie lächeln alle um die Wette, und er lächelt zurück. Ja, es ist wahr! Er hat sich getäuscht! Die Frau hat ein so gutes Herz! Sie redet so drollig! Und auch Herr Ziehlke ist so komisch! – Er lacht hell auf. Max benimmt sich seltsam Als er nach Hause kam, war es beinahe halb acht Uhr. Es traf sich, daß Vater Ziehlke schlechter Laune war. Er hatte gerade einen Brief von der Heeresversorgungsstelle erhalten des Inhalts, daß der Fettgehalt seiner Seifen den Anforderungen nicht entspreche. Über diese Sache hatte er sehr viele heftige Worte verloren. Die Knochenzufuhr war schwierig; Kopra gab's keine, da saßen die Engländer drauf, und wer konnte Pflanzenfett en gros bezahlen! Katzen und Hundekadaver schienen die letzte Möglichkeit. Aber war das nicht eine unsichere Quelle? Die Mutter hatte ihren Optimismus. »Der Krieg«, sagte sie, »hat schon nicht das Blankgeputzte mehr, Ziehlke, wie vor 'nem halben Jahr. Er trägt sich ab, verstehst du, genau wie 'ne neue Uniform, und das ist mit den ganzen Herrn Generals der Fall, auf aller Welt, das kannst du glauben. Gott gebe, daß wir uns durchsiegen, da sage ich ja auch Amen zu. Dralle hat ja auch schon seine Parföngs gesperrt bekommen . . . Aber ich sage durchhalten; wenn's auch Brennspiritus wird. Lob und Dank, sage ich, daß wir keinen Hund haben, an dem du dich könntest vergreifen und ihn zu Seife machen . . .« Sie hatte so tierlieb gelacht, doch dieser makabre Humor seiner Gattin fand kein Echo in seiner Seele. Man saß schon zu Tisch. Vater Ziehlke sah mit seinen wimpernarmen Augen grell auf, als Max Platz nahm. »Immer mit der hohen Ruhe«, sagte er schneidend. »Nicht mal 'ne Entschuldigung, einfach wie 'n Tiger aufs Essen.« Max hielt mit der Gabel inne. »Ich bitte«, buchstabierte er korrekt, »um Verzeihung wegen meines Zuspätkommens. Herr Borinsky hatte mich eingeladen.« Dann nahm er seinen Pfannkuchen wieder aufs Korn. Er hielt die Sache für erledigt. Papa Ziehlke war nicht zufriedengestellt, durchaus nicht. »Borinsky«, sagte er. »Auch so'n Pollack.« »Na, na«, meinte die Mutter. »Er ist sein Lehrer, Ziehlke.« »Lehrer . . .« stellte Ziehlke anheim. Sein Mund hatte die Hufeisenform. Viel Unausgesprochenes lag in der Luft. »Lehrer oder nicht. Du hast pünktlich zu sein.« Wieder legte Max die Gabel hin. »Ich habe Sie doch schon um Verzeihung gebeten?!« sagte er erstaunt und blickte in der Runde umher. Worauf Magda aufglänzte, Frau Ziehlke Brotkugeln herstellte und Vater Ziehlke mit heftigen Bewegungen einen Kognak nahm, die Nase sehr krauste und ihn anbellte: »Schweig!!« – – – Max aß nichts mehr und saß still. Und während ein ungemütliches Schweigen über die Gruppe sank und die Uhr laut durchs Zimmer tickte, gebar sich in ihm ein Entschluß. »Gestatten Sie,« sagte er plötzlich, »daß ich mich zurückziehe?« Ziehlke stieß kurze Luft durch die Nase. »Wir gestatten«, sagte er. – Max faltete seine Serviette sorgfältig zusammen, und seine dunklen Augen verschlangen Magda, die ihm demütig und begeistert zusah, wie er sein apartes Wesen trieb. Hierauf schien es, als ob eine Stahlfeder sich in Max straffe. Er verbeugte sich nicht nur wie gewöhnlich im allgemeinen vor der Familie, sondern ging diesmal um den Tisch herum, um zum Abschied allen die Hand zu reichen. Er hielt sich aber nicht nur bei bloßer Markierung eines Handkusses bei Frau Ziehlke auf, sondern bückte sich schnell und brachte die zusammengekniffenen Lippen an die flaumigen Backen der Frau, die vor Erstaunen nicht wußte, wo sie war. Mit demselben strengen Ausdruck von Pflichterfüllung schritt er an den Hausherrn heran, gab ihm die Hand und zwang sich ein Lächeln ab. Dabei sagte er stockend: »Ich bin Ihnen und Ihrer Familie sehr verbunden für Ihre Freundlichkeit und möchte mich herzlichst bedanken.« Ziehlke sah ihn an wie ein Uhu und behielt seine Zigarre schief im Mund. Und dann ging Max still und zielbewußt auf Magda zu und gab ihr einen langen Kuß auf den Mund. Sie wurde ganz blaß; dann schlang sie ihre Arme um seinen Hals und gab ihm den Kuß sehr andächtig zurück. Als dies abgelaufen war, verschwand der Knabe mit einer höflichen Verbeugung. Vater Ziehlke paffte heftig. »Das nennt man einbuttern«, äußerte er. »So wickelt er euch Weiber ein. ›Gestatten Sie‹ . . . ›zurückziehe‹ . . . ›sehr verbunden‹ . . . Hast du schon mal so 'nen Bengel gehört?« »Kannst sagen, was du willst, Ziehlke«, sprach die Madame mit viel Autorität, und ein Lächeln zerquoll auf ihrem Gesicht, als werde ein Honigtopf darauf umgekippt. »Das sind nicht bloß leere Manieren . . . das is Herz. Jawohl: Herz hat der Jung'. – Geradezu goldig, das is er. Du natürlich: losgepoltert und grob, als ob es was könnte für deine olle Seife, das Engelchen.« Vater Ziehlke begrub das Erlebnis unter einem Grunzen. Das Bild in der Zigarrenkiste Magda, nun fünfzehnjährig, saß auf ihrem Zimmerbalkon, der in die Hinterhöfe wies, und hatte die Füße auf die Querleisten des Geländers gestemmt. Sie trug ein leichtes rotes Kleid aus Seidentrikot. Die Arme, nackt und merklich voller, hielt sie hinter dem Nacken gekreuzt. Es war ein heißer Sonntagnachmittag im September. In den Höfen spielten Kinder; ihr dünnes Geschrei drang herauf. Die mageren Büsche und vereinzelten Bäume zeigten verdorrtes Grün. Es hatte lange nicht geregnet, und das Himmelsviereck zwischen den Häusern hatte jene metallische Mischung von Trockenheit und Großstadtdunst, die dem Blau alle Leuchtkraft nimmt. Zwischen Magdas bloßen, gespreizten Knien, deren weiße Haut seidig schimmerte, lag eine offene leere Zigarrenkiste – eine Importenkiste aus dem karg gewordenen Bestand ihres Vaters. Darin hatte sie alle Utensilien ihrer Stickerei, die in ersten Anfängen steckengeblieben war. Magda war heute wieder wie öfters in der Laune, sich der Zeit, die so wetterschwanger und aufreizend drohte, produktiv »zur Verfügung zu stellen . . .« – Wenn Magda nur im entferntesten ahnen würde, wie sie das machen sollte! Max erschien. Sie streifte ihn mit einem Seitenblick, und er lehnte sich neben ihr ans Gitter. Und als sie den Ausdruck seiner dunklen Augen sah, erkannte sie in ihnen den Hunger. Dieser Ausdruck richtungslosen Hungers war nicht allzu häufig gewesen in den letzten Monaten, in denen er viel gelesen hatte und sich orientiert über sein neues Vaterland. Er blinzelte gegen die Sonne und besah sich dann langsam das triste Panorama eingekerkerter Menschheit. Plötzlich seufzte er tief; er nahm die Zigarrenkiste spielerisch aus ihrem Schoß und versenkte sich in das bunte Bild auf der Innenseite des Deckels. Ein weißgekleideter Neger mit einem Topfhut aus Bastfasern und einer roten Schärpe lehnte an einer Kistenpyramide. Im Hintergrund, auf einem Strich Wassers, schmauchte ein Dampferchen. Auf der anderen Seite der Pyramide stand pfeifenrauchend ein besinnlicher Indianer in einer türkisblauen Federnkrone. Die beiden führten, jeder für sich, ein unbelästigtes und triebhaft zufriedenes Dasein. Ihre Interessengebiete durchschnitten sich nicht, das sah man; der Tabak vereinte sie auf ihrer kolorierten Basis. Sonst wuchsen noch viel große Blätterwedel vor einer grünen Hügelkette. Durch den Tropenhimmel hindurch zog sich eine Girlande von goldenen Medaillen: der » Grand Prix « von Paris, von Brüssel. Auf der einen prangte, als Cäsarengemme, Napoleon der Dritte in wehrhaftem Lorbeerschmuck. Diese Medaillen schwebten sonnig über einem Cuba, das einem Kinderträumchen glich. Max starrte in das Bild hinein. Auf einmal war er der Dritte im Bunde . . . Ein Gefühl erfüllte ihn wie eine längst vergessene, ungeheuer vertraute Melodie. Seine Stirn krauste, – seine Lippen öffneten sich. Oh, wenn das Trübe doch wiche und das andere Drängende zur Form geränne! Die Musik begann zu pulsen . . . Doch dann war es, nach einer verzweifelten Aufwärtskurve, nur das Niedersinken und das Tasten an die verschlossene Tür. Seine Augen verschleierten sich durch eine Träne. »Max!« Er fuhr zusammen. »Was fehlt dir?« »Ich weiß nicht . . . Ich habe Heimweh.« »Heimweh!« – Ungeheuer gespannt faßte sie seinen Ärmel. »Heimweh! – Wohin denn? – Wohin?« »Wenn ich das wüßte, wär' es ja nicht so schlimm! – Dann könnte ich ja zurück . . .« »Was hat dich denn plötzlich so traurig gemacht?« fragte sie eifrig und faßte seine Hand. »Dies dumme Bild vielleicht«, sagte er wegwerfend. »Das ist Westindien. – Natürlich war es nie so . . .« Er grübelte. »Aber ich weiß, wie schön es ist. Dort irgendwo muß ich zu Hause sein.« »Gut«, sagte Magda und runzelte die Brauen. »Aber einstweilen bist du hier. Außerdem weißt du ja gar nicht, wohin du durchbrennen sollst. Möglicherweise stammst du aus Afrika oder . . . Madagaskar  . . .« Dies letztere, genießerisch ausgesprochen, war ein prächtiges Wort, mit dem sich allerhand ausdrücken ließ. – »Doch das hilft dir nichts, – denn ich halte dich.« Sie schlang den Arm um seine Hüfte. Er lächelte leer. »Wenn ich durchbrenne, nehme ich dich mit. Du bist anders als – deine Eltern.« »Wie meinst du das?« – Sie packte ihn fester. Er kaute am Stengel einer Kapuzinerkresse und betrachtete grübelnd ihre schlanken Beine. – »Du bist feiner, nicht?« Sie wippte weit mit dem Stuhl nach hinten. Er fing sie auf; ihr Gesicht war scharlachfarben. – »Wirklich?!« »Man sieht es an deinen Beinen«, sagte er pedantisch. »Du bist eine Dame .« In der Sachlichkeit dieser Bemerkung lag etwas Entwaffnendes, und sie erholte sich. Sie tat das um so schneller, als sie sowohl Papa als Mama im Vergleich mit ihrer eigenen Person kritisch betrachtet hatte, und die Herrschaften Ziehlke schnitten ungünstig ab, besonders wenn Magda gerade vor dem Spiegel oder im Bad Momente fünfzehnjährigen Eigenlebens durchkostete. – Sie zögerte darum jetzt nicht und küßte Max, was er schier erstaunt zur Kenntnis nahm –; er quittierte es mit zwei Grübchen in den farblosen Wangen, gleichsam nur dem Versuch eines Lächelns. – Dies verwirrte sie, und sie fuhr ihn an: »Warum sind meine Eltern nicht fein? – Du verdankst ihnen doch alles, du – schwarzer Duckmäuser.« Er spie den Stengel in den Hof. – »Kann ich dafür?!« »Du dummer Junge! Du wärst wohl lieber bei den Fürsorgeleuten?« »Es wäre mir gleich, wo ich bin.« Seine Augen verengten sich; er zischte. Sie erschrak, beseligt von diesem Temperament. Aber es war grob von ihm, und sie beschloß, beleidigt zu sein. »Man kann dich wirklich manchmal nicht ernst nehmen«, sagte sie mit vorgeschobener Unterlippe und schlenderte in ihr Zimmer zurück. – Immerhin: die Bemerkung über ihre Feinheit saß , und sie nahm sie zum Anlaß, sich nach einer halben Stunde wieder zu versöhnen. Diesmal besorgte er das Küssen, und zwar mit einer Selbstverständlichkeit, die man fast mit Sachkenntnis verwechseln konnte; aber den südlichen Naturen, dachte Magda (während sie nach Atem rang), wird ja die Liebe schon an der Wiege gesungen . . . So äußerte sie: »Du hast ja recht. Papa ist ein bißchen derb, wenn er sich geschäftlich aufregt; aber Muttern – die laß mal so. – Sie haben eben beide nicht das Glück gehabt, unsere Erziehung zu genießen . . .«   In der Nacht, die gewittrig war, hatte Max einen seltsamen Traum. Er war in einer ihm gut bekannten Gegend, die recht bunt war – woher freilich diese Buntheit kam, untersuchte er nicht. Was ihn sofort anheimelte, war der schon früher einmal (durch Zauberei Herrn Borinskys) vorhandene Balkon. – Von diesem Balkon, das wußte Max, ging diesmal ein äußerst reger Zigarrenexport aus. Eigentlich handelte sein Vater mit Edelhölzern, aber die große Ähnlichkeit von Baumstämmen mit Zigarren ließ es ja gleichgültig erscheinen, welche Branche es war – kurz, man exportierte Riesenzigarren und fuhr gut damit. Max billigte es und fand es interessant. Als Oberinspektoren bei dieser unhandlichen Tätigkeit traten zwei liebenswürdige Persönlichkeiten farbiger Rasse in Erscheinung. Trotz ihrer verantwortlichen Stellung lümmelten sie sich in der Nähe, und als er kam, lüftete der Indianer eine türkisblaue Federnkrone mit dem Zeigefinger, und der Neger blies seinen Topfhut hoch. Beide nahmen die Pfeifen aus den Zähnen und sangen zart: » Buenos dies, Señor Juan no Sol « – – – Hier erwachte Max. – Hinter dem offenen Fenster brummelte es . . . Murrten die Wolken, oder wurde irgendwo ein Auto in die Garage getrieben wie ein unmutiger Hund? Max starrte auf einen wandernden Lichtschein an der Zimmerdecke. »Juan in der Sonne«, dachte er sehr erschrocken, und sein Herz pochte wild. Nach einer halben Stunde schlief er wieder. Alsbald stellten die beiden Farbigen sich wieder ein, grüßten scherzhaft und fügten wie zu abgebrochener Strophe das Ende hinzu, in Deutsch: ». . . und Kleinhuhn im Monde!« Flugs war da statt der Plaza ein Hof, und ein Mädchen kam, das eine Hühnerschar vor sich hertrieb, darunter den Hahn Juan, der in die Sonne gehörte. Also war mit »Juan« der Hahn gemeint, und nicht Max. – Über diese Tatsache amüsierten die beiden Farbigen sich ganz gewaltig. Max ärgerte sich; dann tröstete ihn das Mädchen, das Magda glich. Auf einmal war sie aber seine Schwester, hatte einen rotblonden Zopf und küßte ihn schwesterlich. Merkwürdigerweise ging sie auf den Zehenspitzen und deutete nach dem Balkon. Dort, unerreichbar hoch, saß seine Mutter unter der rotweißen Markise . . . Max hörte seine Schwester flüstern: »Ich würde sie ja warnen, daß das Wasser kommt; – aber wir dürfen sie ja nicht stören!« Dann kam ein Rauschen; doch die Mutter saß so unbeteiligt wie auf einem Thron. Das Rauschen wurde stärker und zugleich seine Sehnsucht, zur Mutter zu gelangen. – Schon mußte er waten, und auch die Schwester stand bis zur Brust im Wasser. »Mama!!« schrie er und mühte sich ab, am Balkon in die Höhe zu klettern . . . »Das Wasser! – Das Wasser!!« – – – Mit diesem jammernden Schrei wachte Max wieder auf. Er lag, in einer Atmosphäre von Lavendelessenz, am uferlosen Busen Frau Ziehlkes, die ihn murmelnd zu beruhigen trachtete. Sie saß neben ihrem Bett auf dem Stuhl. In der Tür erblickte er eine Gestalt in fußlangem Nachthemd, die er zunächst noch mit seiner »Schwester« verwechselte . . .   Frau Ziehlkes Herz hatte stillgestanden, als sie einen Schatten in ihrem Schlafzimmer sah. Dann aber erkannte sie die schlanke Silhouette des Knaben. Er polterte in der Dunkelheit und murmelte in einer Sprache, die unter die vielen gehörte, die Frau Ziehlke nicht kannte. Dann war der schlafwandelnde Max sozusagen von selbst auf sie zugestürzt und hatte sie »Mama« genannt. Und wegen des »Wassers« . . . Sie hatten sicher Sintflut in der Schule, bei Religion oder Geographie, und nun träumt er bös und flüchtet zu ihr, der kleine Heimatlose . . . Sie schneuzte sich. »Magdachen,« sagte sie, »führ' Max in sein Bett. Laß deine Tür offen, damit daß du ihn wecken kannst, wenn er wieder losgeht. – Es ist ein bißchen schwül heut.« »Komm, Max«, sagte Magda und nahm den Benommenen an der Hand, »komm schön . . .« An seinem Bett angelangt, legte sie ihn hinein und strich ihm die Kissen glatt; – sehr gründlich, und unter Empfindungen, die zwar nicht unbedingt zu diesem Samariterdienst gehörten, ihm aber nichts von seiner Opferfreudigkeit nahmen. Als sie (des sehr weit geöffneten Ohrentrichters wegen) endlich zögernd Abschied nahm, war sie fürs Leben entschlossen, ihre Eroberung zu verteidigen. Leider wurden die Alpträume Maxens bei kühlerer Witterung seltener, was jedoch nicht hinderte, daß Magda bei den leisesten Anzeichen flugs zur Stelle war. – In Frau Ziehlke jedoch nahm ein Plan, den sie schon längere Zeit bebrütet, greif- und diskutierbare Form an. Sie wußte zwar, daß an Herrn Ziehlke verglichen (wenn man ihn in Kenntnis setze) ein gegen den Strich gekämmtes Stachelschwein noch ein Schoßtier darstellen würde . . . Immerhin verließ sich die Frau auf die Mithilfe des sprichwörtlichen »Zahns der Zeit« und dessen augenblicklich so wirksame und rücksichtslose Nagetätigkeit. Er beknabberte sie alle mit beschleunigter Gier, und zunächst war es überschüssiger Speck, der ihm zum Opfer fiel. Herrn Ziehlkes Westen wurden etwas runzlig und sein Nacken sah aus wie ein lebensmüder Kinderballon. Frau Ziehlke schmolz, und ihr Antlitz zeigte, in patriotischer Angleichung, ein Schützengrabennetz aus mannigfachen Ritzen, die der Puder mehr hob als verwischte. – In solcher Erkenntnis opferte sie auch den Puder. Seltsamerweise bekam das Durchhalten – an dem jenes hehre Beispiel in bronziertem Gips sich so tönend beteiligte – der ganzen Familie körperlich ausgezeichnet. Zwar waren ihre Menüs noch Völlerei, gemessen an den Tafelfreuden der farblosen Masse, aber immerhin schon »Diät« im Ziehlkeschen Sinn, ohne Doktorrechnung dazu. So breitete sich, neben der Entsagung, deren Schwestertugend, die christliche Demut, bei ihnen aus mit leiser Penetranz als neues, sehr seltenes Parfüm. Sie zermürbte die Seelen und machte sie weich, wo sie es noch nicht waren, und das traf ganz besonders auf den Hausherrn zu. Hätte ihm jetzt ein kleiner Jesusknabe mit der Hussapeitsche aus Palmfiedern gewinkt, er hätte willig den Nacken gebeugt, soweit es sein Berlinertum ihm gestattete. Dementsprechend wuchs die Energie seiner besseren Hälfte, die es sich sogar nicht nehmen ließ, als letztes pompöses Schwanzende einer namenlosen Hausfrauenschlange auf Butter anzustehen. Ebenso traf es zusammen mit der entschlossenen Jungfräulichkeit der Tochter, bei der das Weib sich sowohl streckte als rundete. – Sein Protest dauerte zwar einige Tage, doch war es leerer Lärm und verzischte als nasse Rakete. – Max wurde adoptiert und hieß von nun ab Max Ziehlke. Magda hatte einen Bruder und Frau Ziehlke einen Sohn. Was Herrn Ziehlke betraf, so bedeutete Max eine fragwürdige Investierung und war geschäftlich kaum zu verantworten. Er hatte das unbehagliche Gefühl, daß sein neugebackener Sohn wohl »Grütze« besaß; daß diese jedoch da, wo er sie am meisten brauchte, etwas durchsichtig und dünn aufgetragen war – nämlich wo zum Beispiel Seife in Frage kam . . . Licht in der Finsternis Im Jahr des Unheils 1915, im Frühling, erfuhr man, ein Torpedobootzerstörer sei zwischen Helgoland und Cuxhaven auf eine Treibmine aufgefahren. Die Hälfte der Besatzung fiel der Explosion selbst zum Opfer, die andere Hälfte wurde zum Teil noch schwimmend geborgen, und zwar durch ein zufällig vorbeikreuzendes Schulschiff. Unter diesen in letzter Minute Geretteten befand sich auch ein gewisser Leichtmatrose namens Max Ziehlke, der, kaum ins Trockene gebracht, einer tiefen Bewußtlosigkeit verfiel. Diese vollständige Apathie und Schockwirkung war so kräftig, daß er noch im Lazarett in Berlin eine Woche nachher in tiefem Schlafe lag. Man hatte seine Eltern noch nicht verständigt, da deren Besuch zunächst völlig zwecklos schien. – Wohl aber erhielt eines Tages Fräulein Magda Ziehlke, Volontärin am städtischen Krankenhaus (nach Absolvierung eines einjährigen Kurses in Verwundetenpflege), folgenden Brief der Oberschwester: »Geehrtes Fräulein Ziehlke! Der mir zugewiesene Patient Leichtmatrose Max Ziehlke, Ihr Bruder, der mit Schock und Apathie unlängst eingeliefert wurde, deliriert chronisch. Der Gegenstand seiner Delirien ist unter anderem der Wunsch nach Ihrer Pflege. Ich bin geneigt, seinem Wunsch zu willfahren, da man sich günstige Rückwirkung davon auf sein Befinden verspricht. Ich ersuche Sie daher, zu kommen und in die Tätigkeit von Schwester Griseldis auf Nummer dreizehn einzutreten. Womit ich verbleibe Ihre wohlgeneigte                         Euphemia von Stöckeritz.« Magdas Herz stand still. Sie hatte noch keine Einzelheit von Maxens Katastrophe gehört; sie wußte nur, daß er gerettet war. Sie nahm sich nicht einmal Zeit, zum Mittagessen nach Hause zu fahren, sondern stürzte in die Richtung, die der aristokratische Zeigefinger der Oberschwester wies – an das Bett von Max, in das Unglückszimmer dreizehn. – Die kleine Schwester Griseldis, die in diesem Raum neun andere Leute betreute, erklärte ihr flüsternd, man habe soeben einen neuen Anfall mit Morphium abgedrosselt, und er werde wohl kaum vor Abend erwachen. – Worauf Magda ihn kurz entschlossen in ein Einzelzimmer überführen ließ; – man werde dafür zahlen. Sie aß ein wenig; dann prüfte sie auf eigene Faust seinen Puls und seinen Status generalis . Beides war nicht unbefriedigend, und ihre anfängliche Blässe verwandelte sich allmählich in die Rosenfarbe des Eifers. Sie trank Tee und stellte dabei bei sich selbst leichte Pulsbeschleunigung fest – was unfehlbar auf die Diagnose »Verliebtheit« deutete. Es war schon dämmerig. Die dunkelgrün gedämpfte Lampe warf ihren Schein auf Maxens unschön geschorenen Kopf, auf seine schmale, edle Stirn, auf seine schwarzen Brauen, deren finstere Verschwisterung selbst der Stupor nicht löste. – Er atmete lautlos. Sie starrte ihn an und kleidete ihn in Gedanken in allerlei Kostüme; am besten erschien ihr das knappe, silberbestickte eines jugendlichen Toreros, einen namenlos-nebelhaften Stier attackierend, der aus der glatten Ölfarbenfläche der Zimmerwand hervordrohte. Überrannte ihn der Stier? Oder wurde er gefällt? – Dies bösartige Gespenst, das das Rätsel seines Lebens zwischen den quälenden Hörnern trug? Plötzlich wechselte die Art seines Atmens; es wurde schneller, ohne daß er sich sonst rührte. Schließlich zischte es rhythmisch über die trockenen, halboffenen Lippen wie das eines träumenden Jagdhundes. Ganz schnell zuletzt; unwahrscheinlich schnell. Magda legte ihre Hand auf seine Stirn, es half nichts. Trockene kleine Laute kamen aus seiner Kehle. – Es war ein Symptom des Erwachens; aber dies Erwachen war nicht in diese ruhige Lampen- und Schwesternwelt hinein, sondern in eine andere grauenvollere hinter der Schwelle. Seine Augen öffneten sich weit und immer weiter. »Max!« sagte sie; er hörte nichts.. Er hatte nur Augen und Ohren für das Geschehnis hinter der Schwelle. Nun gurgelte er, nun fuhr er mit den Händen nach der Kehle, als wolle er eine würgende Faust abwehren. Das war, erkannte Magda, die üble salzige, auslöschende Klammer des Wassers . Wieder und wieder schwankte es in seinen Träumen auf ihn zu. Zuerst kam die breiig-splitternde Explosion der Mine mit einer schmutzig-silbernen Schaumgarbe von Himmelshöhe – – dann kam Blut – – und dann kam Angst. Vielleicht entglitt ihm gerade ein Stück einer Deckplanke, und er sah einen faulig-grünen Wellenberg . . . Er sah den brodelnden Tod. Seine Arme wurden schwer wie vollgesogene Schwämme, und die Ameisen der Vernichtung wimmelten in seinen Adern und zupften an seinem Magen, an seinem Herzen, das ihnen nachzugeben drohte wie fallendes Blei . . . Er mußte unsagbar leiden. – »Max!« schrie sie laut in sein Ohr und rüttelte ihn. Er verdrehte die Augen wie ein Sterbender, so daß der Perlmutterglanz des Apfels weiß hervortrat. Dann sanken die Lider herab, um sich gleich darauf wieder zu öffnen. Er war wach. Er schlang die Arme um sie und riß sie zu sich herab. » Dolores «, jammerte er. Und dann kam eine Flut von spanischen Worten. Dieser flüsternde, heisere, hastige Erguß dauerte vielleicht eine Viertelstunde. Sie rückte am Schirm der Lampe; er schien sie plötzlich zu erkennen. Er fand deutsche Worte. – »Magda!« sagte er auf einmal langsam. »Du bist da. – Das ist gut.« Sie trocknete ihm den Schweiß ab; er setzte sich auf. »Na, mein Lieber,« meinte sie und küßte ihn, »du mußt jetzt nicht mehr daran denken. Es war wohl kein schönes Erlebnis da auf dem Zerstörer, aber deine Rolle in der Marine ist vorläufig ausgespielt. Wir behalten dich jetzt bei uns. Lange kann das ganze Unglück ja nicht mehr dauern. Es wird zuviel  . . .« Sie saß perlblaß, und ihr siebzehnjähriger Mund stand offen, als sei sie plötzlich überrumpelt von einem (scheinbar lange verstummten) Entsetzen; dem Entsetzen über vier Jahre Mordens und sinnlosen Vergeudens unwiederbringlicher Werte . . . Das aschblonde Haar trug sie, immer noch als Zopf, um den Kopf gewickelt, es war fast zu schwer und schimmerte metallen. Es hatte sich halb gelöst, und eine Strähne bebte auf der knapp umkleideten jungen Brust. Sie wischte mit dem Zeigefinger das Naß an ihrer Nase herab, doch auf diesem vorgezeichneten Weg, in die blutarme Lippe hinein, sickerte es neu und feucht herab – – das große, große Bedauern über all dies unmeßbar Törichte und Trübe. »Was hast du da alles gesagt, Max? – War es nicht Spanisch?« »Wie komisch, daß du mich Max nennst. Ich heiße doch eigentlich gar nicht Max.« Ihr Profil wurde scharf und gespannt, wie ehedem auf dem Balkon. – »Nun? – Wie heißt du?« »Juan«, sagte er müde. »Juan Garcia . . . Garcia de la Huerta.« »Hast du das geträumt?« »Nein, das ist wahr. Ich weiß jetzt alles. – Denke dir, Magda – – ich weiß alles!! « – Sie schnellte empor. »Wie!?« keuchte sie . . . »Dein ganzes früheres Leben?!« Er nickte ältlich. – »Alles«, wiederholte er still. – Sie lief, ihre verschränkten Finger schier aus den Gelenken dehnend, vor Erregung im Zimmer ziellos hin und her. – »Was soll ich tun?« stammelte sie. »Was soll ich tun . . . Juan?!« »Das ist doch klar«, sagte er fast pedantisch. »Geh' zum Telephon und laß dich mit dem Konsulat von Chile verbinden!« »So, so . . . also Chile . . . Gleich, Max, gleich . . . O Gott, o Du großer Gott . . . Ich lauf' ja schon . . . also Chile . . .« Sie stürzte hinaus. Der letzte Alarm Don Fernando Alamos, derzeit Gesandter seiner neutralen Regierung in Berlin, ehemaliger Präsident von Chile, war recht erstaunt, als eine zitternde weibliche Stimme ihn am Telephon beschwor, unverzüglich ins Lazarett zu kommen. Dort liege, so hieß es, ein junger Landsmann von ihm, der ihm äußerst wichtige und unaufschiebbare Mitteilungen zu machen habe. Alamos war ein großer, beleibter, prunkvoller Mann mit einem seidigschwarzen, mit Silber gesprenkelten Vollbart, den er pflegte wie einen kostbaren Blaufuchspelz. Er trug einen Gehrock, prall an massive Hüften geschmiegt, einen Elfenbeinstock und Lackstiefel, die etwas länger und spitzer waren als sein zierlicher iberischer Fuß. Diese Lackspitzen zeigten sich unter den weiten, breitgestreiften Hosen vom Schnitt französischen Diplomatentums – diskret schlotternden Hosen von vertrauenerweckender Stoffvergeudung. Er ging – oder besser: er »verfügte sich« – mit leicht auswärts gesetzten Füßen, den steifen Hut als Andeutung munterer Bonhommie zurückgeschoben und den keulenförmigen gelben Stock quer in der Ellbogenhöhle, – nach ausgiebigem Kopfschütteln ans gewünschte Ziel. Er brachte viel exotischen Duft in dies kriegsverarmte, verödete, hoffnungslose Lazarett – den Duft unantastbarer Devisen aus einer anderen, ganz anderen Ecke der Welt. In dem bezeichneten Krankenzimmer angelangt, zögerte er in der Tür. Er sah einen bleichen jungen Mann im Bett liegen; unverkennbar einen Landsmann. Zunächst jedoch wandte er sich der blonden Pflegerin zu und forschte: »Sie waren es, mein Fräulein, die mich rief?« – Sein Organ klang wie ein Cello. »Ja«, sagte Magda. »Bitte . . .« und sie präsentierte ihm mit einer rührend hilflosen Handbewegung ihren Patienten. – Dann stürzte sie wiederum hinaus. Sie mußte Ruhe haben; Stille. – Die Exzellenz, nach einer höchst formellen Verbeugung, schloß hinter ihr die Tür, und dann trat sie näher. »Bitte, nehmen Sie Platz«, sagte der junge Mann in ausgesucht schönem Spanisch. (Diese Sprache beherrschte die nächsten zwei Stunden in allen Schmelz-, Ruf- und Beteuerungslauten, deren sie fähig ist.) Und als der schöne Gesandte sich niedergelassen, hörte er ohne weitere Einleitung den erstickten Aufschrei: »Sind Sie das, Don Fernando?!« »Ja – bitte – ganz richtig, Señor – aber habe ich schon einmal das Vergnügen gehabt . . .?« »Don Fernando!« jubelte es. Zwei Hände tasteten ihm entgegen. » Sie sind da!! – Kennen Sie mich nicht mehr? Ich bin Juan Garcia!« »Juan –?!« stotterte der Vollbart . . . »Doch nicht Juan, der Sohn meines armen Enrique?!« »Derselbe, Don Fernando! – Derselbe!!« »Aber wie ist das möglich! Wie ist das möglich!« Ungläubig-fassungsloses Staunen auf der einen Seite und schluchzende Beteuerung auf der anderen . . . »Fassen Sie sich, Señor. – Erzählen Sie.« – Und er zog sein goldenes Zigarettenetui hervor und bot es dem Jüngling. – »Erzählen Sie . . . Vorläufig sind Sie ja längst tot, Señor, wie Ihre ganze arme Familie im Schoß der Muttergottes vom Meere . . . Wie ist das! Was sagen Sie! – Sollte die Gnadenreiche gerade Sie . . . Oh, dies ist viel! Dies ist zuviel!« – Er spreizte die beringte Hand; er sank zusammen – – denn nun kam es wie ein Strom, ein ungehemmter Strom. Und was da in Bildern vor ihm aufstieg, in herzrüttelnden, eindringlichen Bildern, – die er kannte, die er wiedererkannte als Stück eigenen Miterlebens und eigener Trauer, war das Folgende:   Ein Heim! – Was ist ein »Heim«? Der kleine Knabe kennt es nur für Monate. Meistens ist es eine Hotelzimmerflucht mit fremden Stimmen und dem Kommen und Gehen von Kellnern; – Kellnern aller Völker. Die Eltern sind beständig unterwegs; und das gehört sich so. Sechsmal macht Juan mit seiner Schwester Dolores die Reise von Chile nach London, das bedeutet: länger als ein Jahr hält er das Parkett des Promenadendecks für die Welt, und die buntesten Leute werden intim mit ihm. Auch außer den Hotels gibt es soviel, was man nebenher erlebt unter Buchen oder Palmen . . . Dann aber kommt die stille Zeit auf dem Landgut in Placilla bei Santiago. »Ich weiß noch gut, Don Alamos, daß wir Sie zum Vertrauten machten. Sie durften es nicht weitersagen: wir hatten eine kleine Wissenschaft untereinander. Der große schwarze Hahn hieß Juan, nach mir – wissen Sie noch? – und lebte in der Sonne; und die schwarze Henne, die Freundin von Dolores, war Kleinhuhn.– Sie war im Mond zu Hause. – Nachts durften sie zusammenkommen.« Die Zigarette im silbernen Schwarz glühte auf; der Gesandte schloß bestätigend die zerknitterten Lider über den gewölbten Augen. Er wußte dies nicht mehr. Doch verschlug es nichts. »Fahren Sie fort, Juan. – Erzählen Sie von Ihrem Vater, meinem Freunde.« »Mein Papa . . . ach, lachen Sie mich nicht aus, – ich weiß nicht, wo ich beginnen soll . . . Er hatte grüne Augen, wie? Er konnte mit den Rottos lachen, die ihre Esel nach der Plaza trieben, und dann, wenn er mit Ihnen sprach, war es feines Castilianisch . . . Er trug den Bart kürzer als Sie, und spitzer . . . Ich war dabei, wenn man ihn schnitt. Ich freute mich über die Angst des Friseurs. Seine Wäsche, seine Schuhe, seine Hüte . . . er bezog sie nie vom Laden, sondern ließ sie anfertigen für sich. Er war einer der schönsten Männer, Don Alamos, und nicht schwach oder eitel, sondern er trotzte drei Operationen und verschaffte sich Respekt. Einmal erschoß er einen Pfau, der vor seinem Zimmer schrie, durch die Fensterscheibe. Er hatte das schnelle Blut; – dabei war er stark wie Stahl.« »Gott weiß es, Juan. – Und wie war es? Wann sah ich euch zum erstenmal? Wie lernte ich ihn kennen, Ihren Vater Enrique?« »Sie boten ihm einen Extrazug an nach Iquique zur ›Ema Luisa‹ – zur Salpetermine; – er übernahm sie dann und machte Geld daraus. Und später holten Sie uns wieder ab mit Ihrer Privatjacht, ›der Abwechslung halber‹, sagten Sie; wir kamen bis Valparaiso; es war amüsant. Dies alles geschah, weil mein Vater die Banco de Santiago rettete . . . Die Direktoren wollten sich zu den Einlagen der Teilnehmer verhelfen, also auch zu Ihrem Geld; aber mein Vater warf sie als einzelner Aktionär alle hinaus . . . sie hatten Namen wie Balladenstrophen, aber es half ihnen nichts . . . Da waren Sie voll Freude, Don Alamos, und schlossen mit meinem Vater unverbrüchliche Freundschaft. Sie schickten auch den Priester, der ihn warnte, als die gekauften Rottos mit den Revolvern hinter den Kakteen hockten . . .« »Es ist alles wahr, Juan. – Niemand kann es wissen außer Ihnen und mir. Ich staune; ich bin erschüttert. – Sehen Sie mich nicht an. – Berichten Sie weiter. Ersparen Sie sich nichts; es sei für dieses eine Mal. – Wie stand es mit Ihrer Mutter? « Juans Gesicht weitet sich bis in frühe Kindheit. Wovor warnt sein Vater, vor jeder Operation? – »Sagt es ihr nicht, Kinder; stört sie nicht; sie leidet an Kopfweh . . .« Wo ist sie, und wann sieht man sie überhaupt? Und doch ist sie auf unerklärliche Weise mit des Vaters aktivem Leben verkettet, schiebt sich stets hinter ihn wie eine Rollkulisse in Grau, hinter der es nach Medikamenten duftet. Sie ist immer zugegen, aber man ahnt sie nur – wie den Ahnenschrein eines reisenden Japaners . . . Ein Hotel oder ein dunkles Privathaus. Wir müssen zwei leere Zimmer durchschreiten, Dolores und ich. Ganz hinten sind Kissen, und daraus spricht es mit uns: sanftes Deutsch mit spanischen Kosenamen. Die Mutter ist deutsch, blond und hat immer Migräne. Stets legt sie Patience. Sie treibt ihre Krankheit als schweigsamen Aufwand; sie sitzt schallsicher in dreifachen Kissenschichten – die Mutter . Was bedeutet das: »Mutter«? Sie ist menschlich nicht faßbar. Ihre Tyrannei schlägt keine Beulen; sie bedrückt nur aus der Ferne. Ihr Egoismus ist naiv; er hat etwas ungeheuerlich Zwingendes, wohin er auch seine sanften Finger legt . . . auf die Erziehung der Kinder, auf den Geist des Mannes, auf eine zum Stummsein gedrillte Dienerschaft . . . Man will sie lieben, aber sie wehrt ab; immer wehrt sie ab. Sie sieht ihre Kinder wie Schemen durch den Schleier ihres »Kopfwehs« tasten; sie hört ihre Rufe, doch in ihren Ohren braust das sanfte Fieber; sie kränkelt dahin; sie verträgt die Sonne nicht. Und so hört sie ihre Kinder nicht. Die Jalousien öffnen sich nicht mehr; will man sie retten, so muß man in ein deutsches Bad. Und so schifft man sich ein im Juni – auf der »Etruria«.   Auf der »Etruria‹«, flüstert Don Alamos. »Ja; das ist schauerlich. Es strengt Sie an, Juan; ersparen Sie sich die Schilderung.« »Nein, Don Alamos; ich will Ihnen erzählen . . . ich muß es erzählen, verstehen Sie, sonst gehe ich wieder von neuem unter, Nacht für Nacht . . . Es ist ohnedies nicht viel, was ich weiß. – Stellen Sie sich vor: das gewaltige Passagierschiff . . . Ich bin schon im Bett. Man musiziert, aber das hört man kaum. Es herrscht ein immerwährendes Dröhnen. Ich weiß, mein Vater ist nicht bei den Leuten; und auf einmal stehe ich auf und sehe Dolores an. Sie ist so hübsch in ihren Pyjamas; sie liegt in ihren rotgoldenen Haaren. ›Dolores,‹ sage ich, ›ich muß zu Papa.‹ – ›Wir müssen schlafen, Juan.‹ – ›Kommst du nicht mit?‹ – ›Nein,‹ sagt sie (und das war das letzte, was sie sagte) – ›ich versinke gerade so schön in den Schlaf .‹ Und so gehe ich die Korridore hinunter; langgestreckte grüne Läufer, die sich in Dunkelheit verlieren. Kein Steward zeigt sich; keine Menschenseele nimmt sich meiner an. Denn ich habe die Kabinennummer des Vaters vergessen. Ich fühle, mein Vater sitzt hinter einer dieser vielen Türen, mischt seinen Scotch und erwartet mich . . . Auf einmal ist mir, als höre ich ein leises Pochen . . . Klopft er nicht, ganz nahe mir, seine Pfeife aus? Ich rufe . . . ich rufe . . . Ich finde ihn nicht . . .« »Weinen Sie, Juan, das erleichtert . . .« »Was hilft das, Don Alamos . . . Sie wissen ja; – dann kommt der – Stoß und dann noch ein stärkerer Stoß . . . Zwei Torpedos sind das; – – dann kommt dies Schreien, dies Durcheinander, diese Hölle . . . Der Gang ist voll wahnsinniger Menschen . . . Man drängt mich zum Deck; ich falle übers Geländer, unwiderstehlich hinabgestoßen. Ich schreie nach meinen Eltern, nach Dolores . . . Ich finde einen Rettungsring, ziellos hinabgeschleudert, und packe ihn . . . Boote preschen vorbei; Menschen hängen daran wie Trauben . . . Oben, hoch über mir, glitzert noch die vierfache Lichterschnur des Schiffes – dann erlischt sie, alles ist schwarz, und ich spüre einen furchtbaren Schlag auf den Kopf. Es muß ein Ruder gewesen sein von einem der Rettungsboote. Ich hänge im Korkgürtel; mein Kopf bleibt über Wasser, und so treibe ich in die Nacht hinein. Als ich zu mir komme, liege ich zwischen den Felsblöcken eines Gestades, und mir ist so, als beschäftige sich ein Mann mit mir. Dann weiß ich wieder nichts für lange Zeit.« »Ah – ein Fischer. Ein irischer Fischer.« »Vielleicht ein Fischer. Es muß einige Meilen von der Unglücksstelle gewesen sein; er hat allein gelebt, an einer unzugänglichen Stelle der Küste. Dies sind Kombinationen, verstehen Sie, Don Alamos. Andere Leute landen und nehmen mich auf einen Kutter. Ich bin wie betäubt; vielleicht ist es ein Schmuggelboot für Munition, und sie lassen mich arbeiten und aufpassen. Sie merken, daß ich zu nichts zu gebrauchen bin und werfen mich an einer Stelle der englischen Küste an Land. Von dort aus laufe ich ziellos weiter. Der Schlag auf den Kopf schmerzt noch immer – – wer hat mir denn den Schlag auf den Kopf gegeben? – Ich weiß es nicht mehr. Niemand kann es mir sagen. – Alles ist schwarz in meinem Kopf.« »Und jetzt ist hell, Juan.« »Ja, aber sie tut weh, diese Helle.« Tausch der Namen und Happy End Juan ahnte noch nichts von dem Kampf, der nunmehr um seine Person entbrannte. Er wußte nur, daß seinetwegen endlose Telegramme und private sowie offizielle Schriftstücke über den Ozean wanderten – (zwischen der chilenischen Gesandtschaft und einer Reihe von Familien, die den Namen Garcia mit Zusätzen trugen – Zusätzen, so alt wie die Gründung ihrer ersten Pfahlbauten im Ebro). Diese Korrespondenzen verschlangen ein kleines Vermögen – doch es verlohnte sich. Juan benutzte die Zwischenzeit, um sich die Haare wieder wachsen zu lassen. Man sorgte höheren Orts auch für eine englische Garderobe, für eine Ausstattung, die irgendwie an Touristentum mahnte. Es waren Golfhosen darunter und breite Wollkappen; es war seidene Wäsche und vieles mehr von dem, was ein achtzehnjähriges Herz erfreut. Vielleicht wollte man damit auch andeuten, daß sein Besuch in Deutschland unter dem Touristenpseudonym Ziehlke sich bald dem Ende nähere. Dies alles erfüllte den Rekonvaleszenten mit melancholischem Behagen. Magda war stets um ihn und sehr besorgt, wie es sich von selbst ergibt bei einem heiklen und tragischen Fall . . . Irgendeine Ehrfurcht lag in ihren scheuen Liebkosungen. Dabei ließ ihr Appetit immer mehr nach. Es wurde alles so kompliziert . . . Was Herrn Ziehlke betraf, so hatte er nunmehr einen handgreiflichen Beweis, daß das Gute sich selbst belohnt – (insofern es so aussah, als sollten tatsächlich himmlische Zinseszinsen herabgeschüttet werden bei Adoptierung von Aschenputteln oder sonstigen streunenden Waisenkindern). Er gab sich aber nicht zufrieden mit der biblischen Zusage, daß das Gute sich »tausendfältig« belohnt, sondern setzte den taktvollen Diplomaten in starke Verlegenheit. Er zog nämlich aus seiner Investierung in Gottes Güte das praktische Fazit und half dem höchsten Wohlwollen noch dadurch kräftig nach, daß er jenes nebelhafte »Tausendfältig« entschlossen in gegenständliche Nullen verwandelte. »Das sei doch nur logisch«, sagte er und glotzte durch seine Intelligenzbrille. – »Jedes Kind könne eine solche Arithmetik augenblicks begreifen.« Es war nicht gerade, wie man sieht, die Weltanschauung eines spanischen Patriziers, die aus seinem Benehmen sprach. Wiewohl Kenner seiner nicht nur in Berlin weitverbreiteten Klasse ihm nichts verübeln können, so darf doch nicht verschwiegen werden, daß seinem Vorgehen die Anmut fehlte; daß er sich unerwartet habgierig, ja rundheraus ein bißchen ordinär zeigte. Er machte aus seinem Adoptivsohn das Objekt eines regelrechten Kuhhandels und sprach in seiner Erregung, ohne Nötigung, viel schallenden Dialekt. Ohne daß man ihn herausforderte, zeigte er die starke Hand. Er, und niemand anders, stelle den gegebenen Vormund bis zur Großjährigkeit Juans dar. Diese Vormundschaft – lenkte er ein – sei jedoch zu haben. Sie sei ihm feil. Er wolle nunmehr ebenfalls in Holz machen, wie der verewigte Garcia. Nach dem Krieg werde eine große Bautätigkeit beginnen; und bei Holz könne man ihm, Ziehlke, keine Schrauben und Geldsack-Egel ansetzen von Kommandos wegen, wie bei Seife, von der er genug habe. Er brauche eine runde Summe, und er nenne sie hiermit. – Don Alamos, recht angewidert, versprach ihm, seine »Anregung« wegen der »runden Summe« nicht zu vergessen. – Mutter Ziehlke, der offene Ohrentrichter des Hauses, erstarrte zur Salzsäule. Und Magda? – Magda weinte. –   »Ich habe« – sagte Don Alamos nach vier Wochen zu Juan, den er zu sich gebeten – »Ihretwegen, mein junger Freund, eine große Bataille gekämpft. – Stellen Sie sich vor: Sie sind totgesagt. Mit Klauen und Zähnen (wenn ich mich etwas undelikat ausdrücken darf?) klammern Ihre geschätzten Verwandten sich an Ihr Erbe. Es ist nicht leicht. Ich appelliere zunächst an das Herz; ich renne gegen Wände. Hierauf schiebe ich mir selbst den Eid zu – per Dios! – und man schmilzt. Nicht wahr? Meine Reputation, mein Charakter, meine Stellung – ich nehme alles; ich werfe es in die Wagschale, ich, der verflossene Präsident . . . Kurz; nun sind Sie, Sohn meines teuren Enrique, wieder lebendig. Man bietet einen Vergleich an. Und Sie müssen jetzt hinüber, zu Donna Carolina und Alfonso La-Rein-Claro; Sie müssen sich in die Arme schließen lassen . . .« Und er ging auf Einzelheiten ein. »Ich danke Ihnen heiß, Don Fernando.« »Es war mir interessant. Danken Sie nicht. – Hier ist Ihr Reisepaß.« – Er zögerte. – »Im übrigen . . . dieser Herr . . . Ziehlke? – ja, diese kleine ›Adoption‹ . . . Ich bringe das in Ordnung und decke es aus Ihrem Guthaben, Juan. Er beansprucht (verstehen Sie: beansprucht! ) eine Abfindung. Er ist nicht sehr bescheiden . . . Aber ich glaube, Juan, Sie werden keinen Wert darauf legen, seinen – ehem – Namen zu führen . . .« Juan stand still. Er wurde rot und blaß. Er verschluckte sich, als habe er etwas sagen wollen. – Dann aber umarmte er die gepflegte Gestalt seines Retters und fühlte dessen duftenden Vollbart sekundenlang auf der Stirn . . .   – – – »Willst du mit mir kommen, Magda?« Sie sah ihn fest an. »Ich kann nicht. Ich habe dich lieb. Und du bist mein Bruder.« »Nein; ich bin es nicht mehr. Das Schicksal hatte eine Pfändungsmarke an mich geklebt; Alamos hat sie abgerissen. Ich bin Juan Garcia.« »Also darf ich dich lieben?!« »Wenn du auch deinen Namen wechseln willst.« Sie begann heftig zu weinen. »Ich habe dir früher einmal gesagt, daß Vater, wenn er aufs Geschäftliche kommt, so geradeheraus und derb wird und Leute wie deinen Alamos gräßlich vor den Kopf stößt. – Sieh' mal, er sieht es eben alles von der praktischen Seite, selbst wenn es sich um dich handelt. Aber es tut weh.« »Magda! Er ist ja dein Vater; vielleicht hat er recht. Jedenfalls das, was er will, hat er nun. Und schließlich besser noch Herrn Ziehlke zum Vater, als gar keinen. – das solltest du dir sagen.« Sie leuchtete auf. – »Ach, Juan, – du hast ja keine Eltern mehr . . . Und ich hab' sie wenigstens noch beide . . .« Er ließ dies letztere Thema auf sich beruhen; – wie er denn überhaupt erstrebte, den gesamten Ziehlkeschen Haushalt, Magda ausgenommen, auf sich beruhen zu lassen. Dies ganze Milieu von Bronzebüsten, Meerschaummöpsen und Seifenkonjunkturen war ein Bild, das der Krieg in einer Anwandlung von trübem Humor heraufgespült hatte – und dann wieder verschlungen. – Er beschäftigte sich daher damit, der verdutzten Magda ganze fünf Minuten andächtigster Hingabe zu widmen und ihr Gelegenheit zu geben, ihre Erfahrung mit ›südlichen Naturen‹ ganz bedeutend zu erweitern. Als ihnen wieder einfiel, wo sie waren, beschloß er: »Ich würde dich gern auch Dolores nennen – wie meine Schwester. – Aber du bist mir mehr als Dolores. – Du wohnst nicht nur im Mond . . .« »Ich wohne, wo du willst, Juan. – Nur hier darf es nicht sein. Es gibt jetzt zu wenig Sonne in Deutschland.« Herrn Zinkeisens eigene verwunderliche Geschichte Der Musterkoffer Wo steigt man in Singapore ab? Natürlich im Adelphi-Hotel. Wiewohl viel englisches Publikum dort verkehrt, ist man als »Fremder« – als »Europäer« schlechthin – nicht ganz isoliert, da auch andere Leute dort anzutreffen sind, die nicht das beneidenswerte Glück haben, britisch zu sein. – Dorthin also ließ Herr Zinkeisen seinen großen Kabinenkoffer und seinen Musterkoffer schaffen; er war nicht das erstemal, verstehen Sie, in Singapore, und kannte auch genau die Trinkgelder. Fröhlich ließ er sein völlig ausreichendes Gebrauchs-Malaiisch erschallen und wählte sich an der Werft selbst seinen Rikschakuli aus. Die ersten Tage seines diesjährigen Aufenthaltes (man zählte Mai 1914) waren der Aufnahme alter Geschäftsverbindungen gewidmet. Um vier Uhr nachmittags von den Boys angemeldet, zeigte er sich in einer adretten Aufmachung, die nicht zu überbieten war, im Rahmen der hölzernen Verschläge, der tropischen »Empfangsräumchen«, im Hof des Hotels. Ebenso stämmig und seifig duftend erschien er auf den Wandelgängen des ersten und zweiten Stockes (durch deren Bögen man hindurch eine Aussicht auf den Platz der St. Andrews-Kathedrale genießt) und klopfte diskret in Kopfhöhe an den Klapptürchen. – Gewöhnlich war das Echo seines Erscheinens zunächst ein langgezogener Fluch; hierauf ächzte es noch, räusperte sich und spie Tabak, und endlich tönte eine gottergebene Stimme: » Come in... « Ging Herr Zinkeisen dann wieder, so hatte er gewöhnlich die Herzen gewonnen oder doch zum mindesten den Humor dieser vertrackten Burschen, wie er die Engländer nannte, in Schwingung versetzt. Dies zeigte sich darin, daß eine grinsende Figur im Schlafanzug ihm gewöhnlich persönlich die Klapptür öffnete und ihn hinausgeleitete. Im übrigen schonten sie seine Würde nicht, die Engländer, beileibe nein. Sein Korrektheitsnerv hatte eine ziemliche Anzahl von Malen Gelegenheit, schmerzhaft zu zucken; und auf die geistigen Hühneraugen ihm zu treten, das liebten sie geradezu. – Aber wie schon angedeutet, nahm er das als Märtyrer des Völkerverständnisses schweigend entgegen, wie Schulterklapse des Schicksals selbst. Daß er Edmund hieß, hatten sie herausgefunden. Folglich war er für sie »Parademarsch« oder » Goose-step-Eddy «. Witterten sie ihn in der Nähe – (saßen sie etwa in der Halle drunten und er erschien am Kopf der Treppe), so flüsterten sie an ihren Pfeifenmundstücken vorbei: » There ›floats‹ Goose-step-Eddy... «, über welchen Wortwitz sie sich lautlos amüsierten. – Inzwischen »schwebte« Zinkeisen herab; das heißt, er kam, indem er seinem Bürstchen selbstvergessen gezwirbelten Aufschwung zu geben versuchte, steif die Stufen herabgewandelt und durchquerte die Halle mit strammem Schwengelwerk kurzer Beine in bretthart gestärkten Leinenhosen, – leuchtend weiß, im übrigen von rosiger Appetitlichkeit. In kleiner Entfernung hinter ihm drein keuchte der Boy, der den klirrenden Musterkoffer trug. Leise so von Klirren begleitet, schönste Verklärung seines Typs, zog er blendend am Horizont vorbei. Bei den Tischen angelangt, in deren Korbsessel die Engländer sich flegelten (die in Khaki oder in Putties steckenden Beine aufeinandergeschichtet oder durch Stuhllehnen oder Tischkanten in Schwebe erhalten), so machte er eine verbindliche Kopfneigung nach ihrer Richtung, lebhaft lächelnd, und sagte scharf: » Evening, gents «, worauf sie die hölzernen Finger an die Schläfen schoben und im Chor zurücksangen: » How d'ye do, Eddy. « – Es kam vor, daß er an ihren Nachmittagsgelagen teilnahm; es kam vor, daß er so recht eigentlich einer der Ihren sein durfte; daß sie ihn traktierten und sich von ihm traktieren ließen; daß sie ihn auf die Schulter schlugen und ihn » jolly good sport « nannten. – Das waren seine Höhepunkte, wenn er sich auch zuweilen bei ihren respektlosen Späßen innerlich krümmte. Das mußte eben in Kauf genommen werden. Er hatte dann gewöhnlich, gleichsam zur Erholung nach dieser Anstrengung, noch eine zwanglose Unterhaltung mit dem irischen Buchhalter Maloney. Diesem gegenüber fühlte er sich ziemlich ungebunden. Schwebten ihm die Engländer als höhere Daseinsform vor, so erschien ihm Maloney, als in abhängiger Stellung und als Kelte, wie prickelndes Sodawasser, womit er den scharfen Brand der britischen Originalfüllung mildernd löste. – Und Maloney, gute Seele, nahm ihn blutig ernst und sparte nicht mit gutem Ratschlag sowohl Behandlung der Herrenmenschen betreffend als auch die Erholungsmöglichkeiten in dieser äußerst bunten orientalischen Stadt. – – – Die Zenitsonne, die unbarmherzig ihre zwölf Stunden hindurch den dampfenden Hafen bestrahlt, geht zu Rüste. Steil hat sie ihre Lichtwellen herabgetrieben und alles in einen Brodem von Staub und Gerüchen gehüllt. Ebenso steil aufstrebend hat ihr das Leben Widerpart geboten mit dem leuchtenden Trotzdem, das aus Grundwassern sein Mark saugt. Doch auf dem Europäer lastet die funkelnde Faust wie ein Fluch. In kühle Steinhäuser verkriecht er sich; ins Dämmerlicht abgeblendeter Kontore; nur unersättliche Erwerbsgier vergewaltigt die matten Finger an Schreibmaschinen, zwingt das Hirn zum Kalkulieren und die widerwilligen Lippen zum Sprechen. Nun ist das vorüber. Es geht gegen halb sieben Uhr. Die Sonne sinkt steil in den Westen: eine ungeheure, zerfetzte Orange, die langsam herabsackt, von einer Armee von Wölkchen belagert und verschlungen. Der Südwestmonsun hat sie regimenterweise aufgereiht, hat rhythmisch zum Sturm geblasen: nun kleben sie, unter seiner Peitsche erstarrt, als rillenartig gemusterter Fächer an einer Wand von Türkis. Und dieser Fächer glüht immer intensiver orangefarben; er schillert ins Rostbraun hinüber. und das grüne Blau weicht einem gleichmäßig bengalischen Gelb, vor dem alle Dinge sich schwärzen. Dies ist nun so: alles Volk wird munter, wenn der Sonnenfluch erlischt. Endloses Gekrabbel und Geschrei erwacht in den Höhlen der Chinesen- und Malaienstadt, unter den Arkaden der blau und rot getünchten Häuser. Die Bazarbesitzer schöpfen Mut, und ihre schmeichelnden Plauderstimmen werden laut. Glücksspiele rasseln, Singsang durchwebt den Lärm. Der Staub setzt sich; Rikschas rollen. Farbig erwacht das Laster, mit roten Zähnen lächelnd, und geht, nacktfüßig tastend, vorgeschobenen Leibes, seine Bahn . . . Und überall brutzeln fahrende Garküchen. Auch die Europäer werden munter und atmen auf. Denn diese Abendstunden sind die wahrhaft erträglichen, in denen man wieder Mensch wird; eine kühle Brise weht. Mit dem Sonnenuntergang fällt das Thermometer sprunghaft um sechs Grad . . . Noch ist es warm; aber der plötzliche Fall bewirkt ein rapides Verdunsten des Schweißes auf lechzender Haut, so daß man noch dazu nach einer Dusche ganz in wohlige Kühle gepackt ist. Ist es schwarze Nacht (und keine Nacht ist so schwarz wie die Tropennacht, von silbernen, lichtschwachen Sternen durchstochen), so sitzt man auf der Terrasse und lauscht einer Kapelle von malaiischen oder Halfcast-Musikanten, die europäische Musik, wie sie's verstehen, vom Blatt spielen . . . Am besten gelingen ihnen noch bekannte Schlager. Verirren sie sich aber in »klassische« Musik, so verschwimmen sie in nie gekannten Rhythmen. Es ist, als ersticke man vertraute Klänge unter schwülem Tuch. Oder als lasse man die Weisen bei erschöpfter Grammophonfeder langsam krepieren. Wagners forsche Sinnenfreude wird zum quiekenden Chaos, und aus dem Klangkörper wird ein Klangkadaver, der sich dumpf zersetzt. Und doch wird diese östliche Kränkelei, an der die Musik leidet, zu einer neuen Wollust – wenigstens für Herrn Zinkeisen. (Denn die Engländer nehmen, unmusikalisches Gelichter, tiefernst Notiz davon, als von gutgemeintem Begleitgeräusch zu ihren phantasielosen, silbenarmen Gesprächen.) Mit Zinkeisen steht es nämlich umgekehrt: den Tag über ist er munter und abends lässig träumerisch. Die Zenitsonne hat auf ihn den Effekt wie auf die Fische, die er draußen am Kalang oft freundlich betrachtet, wenn man sie füttert. Vor Gier in Schichten sich überstrudelnd, erzeugten sie eine wahrhaftige Brandung. – So erweckte der Sonnenpfeil in ihm zappelnde Lebendigkeit und war der Entladung seiner Energien nicht dämpfend schädlich, sondern im Gegenteil günstig. Von der schauerlichen Straffheit, die ihn mittags beseelte, wußten seine Kunden, die wie tote Fliegen umherlagen, ein Liedchen zu singen. Es war nicht ausschließlich nur der frische Geschäftswind wilhelminischer Energie, der durch die stagnierende britische Atmosphäre fuhr, sondern Zinkeisens persönliche Frische . . . eine fluchenswerte Frische, die keine Kompromisse kannte . . . Und mit der Wichtigtuerei, von der er besessen war wie ein hastendes Insekt, ärgerte er alle Welt bis zum Weinen. – Dann, wenn es kühl wurde, wenn er sich hätte gehen lassen dürfen , wenn jedermann es ihm verziehen hätte, daß er sich laut austobte. – – ja, dann machte er es gerade umgekehrt als seine Umgebung; er »baute ab«. Saß schlaff und träumte. Wurde weich und schweigsam. Innig gleichsam. So wenigstens sah es aus. In Wahrheit war es etwas anderes. Zu seinem Gefühl tagsüber restlos erfüllter Pflicht trat allabendlich ein seine ganze Person derart durchtränkendes Selbstbewußtsein, daß er mit Mühe an sich hielt, um nicht keck zu werden. Er hatte Geld in der Tasche, war ein unabhängiger Mann. Weißer war er, Europäer im weitesten Sinn, der die farbige Stadt in die Tasche steckte. Auf einmal kamen die Engländer nur noch als Auch-Europäer in Betracht. Unter diesem Gesichtspunkt blähte sich abends, was klein war, und schrumpften die Tagesgötter. Man geriet aufs gleiche Niveau und stand, sofern man weiß war, hübsch in Reih und Glied. Dann wurde das trocken gehaltene Pulver von Potsdam bündig gegen den Union-Jack gesetzt . . . Schach gegen Schach. Dann verschwanden die feineren Unterschiede; man war eine geschlossene Front und bot dem Osten Trotz. In diesen verträumten Völkerbund, der im Hirn Zinkeisens nistete, wurde aus dem Süden nur noch Mijnheer hineinbezogen . . . Dann, nach Verschweißung dieses Trios, war Schluß. Kein Wunder, daß »Eddy« sich abends auch am natürlichsten benahm. Da gab es kein geschmeicheltes Aufzucken mehr unter einem Schulterklaps. Er lebte und ließ leben.   Am Vorabend des Tages, an dem sein Schiff nach Bangkok ging, um ihn nach einigen Stationen in Vorderindien der deutschen Heimat wieder zuzutragen, speiste er noch mit einem besonderen Genuß auf der Gartenterrasse des Adelphi. Er hatte guten Grund, mit den Ergebnissen seiner Tätigkeit zufrieden zu sein. In seiner Nähe saß ein junger Beamter, dem man ansah, daß er zur Garnison gehörte. Seine blauen Augen wirkten in der satten Bronzefarbe seiner Züge, unter der falterumtaumelten Bogenflamme, schier lila. Er war sehr schlank und groß; ein Prachtexemplar. Jede seiner Bewegungen verriet, daß er seinen Körper unablässig trainierte. Vermutlich war er als Hafenbauingenieur bei den Pionieren tätig; dies war die Kompagnie, an die die radikalsten körperlichen Anforderungen ergingen. Er schien im Alter des Betrachters, beiläufig siebenundzwanzig Jahre alt. Geräuschvolle Lustigkeit herrschte an jenem Tisch; offenbar wurde ein Geburtstag gefeiert. Major Prendergast (diesen Namen entnahm Zinkeisen ohne Mühe dem Gespräch) schien jedoch nur gezwungenerweise mitzumachen. Er stützte mehrmals seine Stirn in die Hand, an der, wie ein Blutstropfen, ein Siegelring mit einem großen Karneol blinkte. Angeprostet, riß er sich zusammen und mimte den Fröhlichen; es war erstaunlich, welche Quantitäten von Alkohol er zu sich nahm ohne sichtbare Wirkung. Zinkeisen spürte eine gewisse Sympathie für diesen Mann, ohne genau bei sich zu erforschen, weshalb. Er ließ sich nur von seiner träumerischen Paschastimmung ins Grenzenlose dahinschwemmen, und so mochte ihm eine Art von Allgefühl, eine brüderliche Tendenz zum allgemein Menschlichen, unterlaufen . . . Dies Empfinden wurde leis materiell unterstrichen durch das aristokratische Äußere des jungen Majors, durch die gewissermaßen hilflose Partie seines schmalen, eckig vorgeschobenen Kiefers, gepreßten Mundes. ausladenden Hinterkopfes. – – – Ja, dieser war eindeutig genug behaftet mit Symptomen einer Herrenrasse, und zweifellos erwartete alle Welt, daß er sich entsprechend benehme. Irgendwie war es tragisch, so abgestempelt zu sein –, aber erhebend zugleich. Vor so etwas Abgerundetem mußte man den Hut ziehen. Herr Zinkeisen ließ sich durch seine Stimmung hinreißen, sein Augenmerk auf die Gruppe etwas zu deutlich zu richten – den Kopf, wie er's selten tat, schief geneigt, so daß der scharfkantige Kragenrand tief in die Halshaut schnitt und die sanfte Strenge seiner Augen durch Güte gemildert wurde. Man ertappte ihn dabei. » Hello, Eddy! « rief man. – » Here 's to you! « Alle am Tisch wandten die Köpfe und hoben die hohen zylindrischen Gläser; man rief noch weiter Nettes, schüttelte dann gurgelnd das Getränk hinunter; Sodabläschen platzten an rasierten Lippen; dunkle und graue Augen feuchteten sich . . . Herr Zinkeisen fuhr zusammen, sagte: » Same to you, gentlemen «, und trank seinerseits. Nicht ohne kleinen Mißton in der Seele erwischte er sich dabei, daß er die Hacken seiner ausgeschnittenen Lackschuhe klappend unter dem Tisch zusammenschießen ließ. Den Sperberblick auf die Gesellschaft gerichtet. tat er gewaltige Züge; dann stemmte er mit rechtwinklig geknicktem, wagrecht zur Seite gestoßenem Ellenbogen das Glas eine Sekunde in die Luft, vor seine Nase, bevor er es knallend niedersetzte. Man genoß diese unbewußte Geste außerordentlich. – » Good pull, eh! « rief man hinüber, voll gedämpfter Anerkennung. – Mr. Prendergast nahm ebenfalls Notiz, jedoch auf eine so unbeteiligte Weise, daß man sofort erriet, seine Gedanken seien durchaus nicht auf den strammen kleinen Deutschen gerichtet, sondern auf wesentlich Bedeutsameres. Wenigstens war Herr Zinkeisen für ihn aus Glas. Vielleicht aber war der Major nur sehr betrunken, bei völliger Beherrschung seiner Bewegungen. – Auf einmal, gänzlich unvermittelt, rüstete er zum Gehen. » Come on «, rief man hinter ihm drein, und noch einiges des Inhaltes, er solle seinen Gram versaufen und sich nicht närrisch aufführen; so ein Kerl wie er hätte tausend andere Möglichkeiten, und was solcher herzhaften Zurufe noch mehr waren . . . aus denen Herr Zinkeisen vielleicht nicht mit Unrecht schloß, der junge Mann leide an Liebesgram. Da er keine Lust hatte, sich ein neues Glas zu bestellen, unterschrieb er den Quittungszettel für die genossene Mahlzeit und beschloß, sich noch zu verlustieren. Kulis und Opera Stamboel Er stand in der Halle. Die Lichtflut des Hotels fiel über die Coleman Street und badete noch, an der langgestreckten Mauer der Esplanade, unter den staubigen Schirmkronen der Banjanbäume eine lange Kette feiernder Rikschas. Die wenigen Kulis, die zugegen waren, hockten zwischen ihren Handdeichseln und kauten aus Kokosschalen ihre Bohnen- und Reisgerichte, die sie sich, auf Blättern serviert, von den fahrenden Küchen hinter dem Hotel geholt. Einige rauchten in Stellungen äußerster Erschöpfung, die eckigen mageren Glieder gespreizt, und starrten unter ihrem verfilztem Zottelhaar hervor in die ihnen ewig verschlossene Lichtwelt des Hotels, wo sich weiße Gestalten nach geheimnisvollen Riten bewegten . . . Aus der Marmorhalle trittst du, aus durchaus vertrauter Welt, und plötzlich (ins selbe grelle Licht geschoben das du dir zur Beleuchtung der eigenen schweratmenden schweißfeuchten Person, zur Illuminierung deiner nichtssagenden vergänglichen Gesten entfacht hattest) liegt ein Gesicht vor dir auf einer Rikschadeichsel; ein Gesicht aus Nacht; aus braunpoliertem Holz mit schiefen, schwarzen Augen, die dich mustern . . . Rattenaugen sind's, ewig lebendige, die dich einfangen, abgrasen und verdauen wollen; in ihrem Pechglanz kann der Hoffnungsfunken, dich einmal auch verstehen zu dürfen, statt dich ewig hassen zu müssen, nie erlöschen . . . Die korbähnlichen geflochtenen Hüte haben sie abgetan, die Kulis. Auf ihren metallnen, sehnigen Körpern, die nach wenigen Jahren endgültig verbraucht sind, wie die unmäßig beanspruchter Jagdhunde, ruht die jahrtausendalte Sklaverei. – Stimmt etwas mehr zur Ehrfurcht, als ein älterer Rikschakuli? »Seht her«, sagt er mit seinem ölig glänzenden, zu zerknittertem Pergament gedörrten Gesicht, und sein Mund zeigt lächelnd pechschwarze Zähne: »Seht mich an! Beide Hände breite ich gespreizt auf den Boden; tretet auf mich!« Uralt, in dunklen Stein geritzt, sind die Sorgenfalten atavistischen Sklaventums, diese Runen aus tauber Barbarei . . . Zugtier ist er. Noch immer beugt er den Nacken unter das Joch. Seine Waden, seine Schenkel sind aus Hartholz. Es tut nicht gut, den heißen Puls zu sehen an seinen Flanken und sich dabei zu erinnern, daß dies ein Mensch ist. Warum erwählte er dies Schicksal? Ein Muß treibt ihn, älter als das Gedächtnis jeder Kultur. Doch seine Mitkantonesen, aus Sumatra, verhüllen die Augen mit dem Ärmel, um nicht sehen zu müssen, daß einer der Ihren noch Tier ist. Doch wir wollen beileibe nicht sentimental werden; unser Freund Zinkeisen war natürlich verschont von solchen Phantasien und ähnlichem Firlefanz. Er nahm diese Chinesen als das was sie bezweckten: als Menschen, die einen anderen Menschen kraft dessen weiter vorgeschrittener Gottähnlichkeit stundenlang im Dauerlauf über heißen Asphalt zerrten. Schon allein der bloße Vorsatz zu solcher Leistung hätte manchen Europäer tot zusammenbrechen lassen. Zinkeisen spürte nur ein mildes Erstaunen über die Vielseitigkeit des Geldverdienens und beschied sich mit der Erkenntnis, daß diejenigen Kulis, die Rikschas zogen, nur eine Abart seien der übrigen Kulis, die es sonst noch auf der Welt gab, wie zum Beispiel (und er schnalzte bedauernd mit der Zunge) der Grubenarbeiter, Glasbläser oder . . . Kellner . . . Soweit drang er vor; dann erstickte er in sich dieses Argument. Als er vor das Hotel trat, handelte es sich für jene Kerle darum, wer das Rennen zum weißen Herrn hinüber machte. Sie fuhren rumpelnd empor und verhedderten sich mit den Deichselstangen. Es bildete sich ein Klumpen, von dem ekstatisch eifersüchtiges Geschrei stieg. Ein älterer Mann, eine Erscheinung von ruhigem Fatalismus, profitierte von dem Zank, und Herr Zinkeisen saß bereits in dem buntbemalten, schlecht federnden Gefährt, bevor die anderen sich geeinigt hatten. Der Hüne vor ihm setzte sich in Trab, und hinter ihm verklang schluchzend der Aufschrei der Enttäuschten . . . Billig ist, so umherzurollen, und königlich zugleich. Würdenträger früherer Zeiten, in Sänften schwebend, müssen Ähnliches empfunden haben. Die sehr hohen Räder sind leicht gebaut und springen elastisch über kleine Hindernisse; zudem ist die Straße von Myriaden nackter Sohlen geplättet. Das Rikscha bog rechts ein und verfolgte die North Bridge Road. Eine Weile ging es an Kaufhäusern und europäischen Auslagen vorbei; der Kuli wurmte seinen Weg durch ein Gewimmel von offenen Hackney-Droschken und dumpf grollenden, lautlos vorbeifedernden Autos, die sich auf der Orchard Road in die Kühle der Hügel begraben wollten. Doch unseres Abenteurers Sinn stand heute nicht nach der sausenden Erfrischung der Meeresstraßen oder der in endlose Palmen- und Gummihaine gebetteten Villenstadt, sondern er sehnte sich nach einem intimeren Vergnügen; nach Geschrei, Buntheit, Betrieb. Wochen von Wasser standen ihm ohnedies bevor, und er wollte noch einmal eine kräftige Prise aus der Atmosphäre nehmen. Der Wind hauchte feuchtwarme Atemstöße durch die Geschäftswimpel, die leise klatschend krause Charaktere in spärlichen Bogenflammen aufblitzen ließen. Dann war es eine Weile dunkler; rote Glaslichter blinkten, Kokosölfunzeln und Kerzen. Vor ihm her zog das schnappende Jagdhundkeuchen des Kulis. – Da sah er vor sich, als verschwommen schwärenden Fleck aus vielen Farben, als Lichtloch voller bewegter Silhouetten, einen Platz, der von transparentem Schriftband dumpf bestrahlt wurde. » City Opera « stand darauf. Er gewahrt, unter schwarzen Palmenwedeln, ein langgestrecktes, scheunenähnliches Gebäude unter einem Blechdach. An der Kasse erlegte er den Preis für den ersten Platz: einen Straits-Dollar in Gestalt einer purpurnen kleinen Banknote, und erhielt einen Programmzettel. Der Aufseher, ein x-beinig umherwatschelnder Chinese in zu prallem, schmutzigem Leinenanzug, geleitete ihn zu einem der vordersten Holzverschläge, die man Logen nannte. Sein Name war Ayope: dies wenigstens stellte Herr Zinkeisen mit hanseatischer Gründlichkeit fest. Er betrachtete amüsiert, wie Ayope den Strom zu klassifizieren und in die richtigen Bankreihen abzulenken wußte. Zuweilen kam ein Weißer, dem zuliebe das farbige Publikum mit rätselhaftem Ausdruck eine breite Gasse öffnete. Die »Logen« füllten sich mit Europäern verschiedenster Sorte, Matrosen, Artilleriesoldaten auf Urlaub vom Fort Canning, ehrenwerten Kaufleuten oder unrasierten Opportunisten. Hinter dieser weißen Schicht kamen die chinesischen Familien; sie beherrschten das Bild; auch auf den erhöhten Seitengalerien erblickte man, wie auf Schnüren aufgereiht, ihre meerschaumhellen, glatten Gesichter. Damen waren in jedem Alter da. Die pechschwarzen Haare, von schöngewölbten Stirnen zurückgekämmt, waren von Diamanten besprengt. Feiste Matronen in spitzenbesetzten Jacken ließen bei Kopfdrehungen auf faltigen Hälsen an herabgezerrten, mächtigen Ohrlappen die silbernen, tellergroßen Pflöcke pendeln, von deren Knöpfen mächtige Brillanten in Rosenschliff blaue Blitze schossen. Dabei waren sie noch inkrustiert an Fingern und Pantoffeln. Gelb und verdrossen, mit geschwollenen Lidern, zerkauten sie Süßigkeiten aus Lackschachteln und keiften leise untereinander. Die Jungfrauen, wie ein tuschelndes, weißes Tulpenbeet im Morgentau, saßen mit ihren steilen kleinen Brüsten und ihren erstaunten, pinselfeinen Brauen leblos wie Bilder. Jünglinge lachten gurrend, Capstan-Zigaretten rauchend, und ihre beerenschwarzen Augen folgten kindlich vergnügt dem Vorgang auf der Bühne. Hinter dieser reichen Schicht des Reiches der Mitte begann dasjenige Publikum, das dem Theater den Namen gab: das Malaienvolk . . . Und ganz im schwarzen Hintergrund, nicht einmal mehr einer Bank teilhaftig, standen oder hockten die Ärmsten der Armen: die Kulis. Das Stück lief schon geraume Zeit. Doch es ist das Wesen solcher Dramen, daß sie, wie das Leben selbst, an jeder beliebigen Phase neu beginnen . . . Eine äußerst dünne, waghalsig unwahrscheinliche Handlung rinnt unter den Szenen. Herr Zinkeisen hatte sich etwas ganz Phantastisches erträumt und war darauf erpicht, auf seine Kosten zu kommen. »Wo ist der Osten?« dachte er bei sich und blickte streng und mißbilligend nach der Bühne. In Gedanken pochte er dabei auf seinen Singapore-Dollar . . . Aber er sollte dauernd enttäuscht bleiben. Was er mit seinen blauen, ehrlichen Hamburger Augen wahrnahm, war letzte europäische Schmiere. Man enthielt ihm ein großes Erlebnis vor; das war sicher. Dumpf schwebte ihm der Komplex etwa eines schwierig zu frequentierenden, sehr ungewöhnlichen Freudenhauses vor . . . Irgendwo in seiner Seele hatte ein Sechzehnjähriger schneidig-bang ein Abenteuer gesucht und wurde nun mit Zungenschnalzen abgespeist, statt mit schwülen Erfüllungen . . . Er sah, was er in einem Varieté dritten Ranges seiner Vaterstadt auch gesehen hätte, oder im Zelt einer bankerotten, wandernden Theatertruppe, die um die Gunst der tiefsten Provinz buhlt. Sonst nichts . . . denn von Hergang und Dialogen verstand er nichts, trotz des in schlechtem Englisch abgefaßten Programmzettels, der den Vorgang schwungvoll beschrieb. Es war das Motiv einer Opera Buffa; das Schicksal zweier Clowns. Baktom und Baktim, die durch ein Dschungel von Mißverständnissen stolperten, und ein Publikum von Würdenträgern, Sultanen, Damen, Räubern und Soldaten in das heikelste Durcheinander stürzten. Sie gaben diesen Herrschaften mächtig zu tun durch ihre Proteusnaturen; ja selbst ein pompöser Richter streckte vor ihnen die Waffen. Atemraubend jonglierten sie mit Tugend und Laster, so daß man am Schluß nicht mehr wußte, wer von beiden, Baktom oder Baktim, das eigentliche Karnickel sei. Bis zuletzt (doch dies erlebte Herr Zinkeisen nicht mehr bei vollem Bewußtsein; er nahm es nur mit Hilfe der letzten Bemerkung des Zettels wenig erschüttert zu Kenntnis) – ein Zauberer durch erstaunlichste Hellseherei die Verwirrung all der Märchengrößen spielend löste. Wie man sieht: eine kindliche Angelegenheit. – Und Herr Zinkeisen war deshalb gelangweilt, weil er das zeitlose Empfinden nicht kannte, dem man hier frönte. Auch fehlte seiner gewiß tüchtigen Halbbildung der Blick für das Absonderliche, das Bedeutsame. Jemand »fällt aus dem Rahmen« Dieses Europa, das man hier erlebte, war zu den Malaien gedrungen auf dem Weg über Stambul, vermittelt durch den völkerverknüpfenden Islam . . . Es war ein von den Türken neu verdautes und ihrer Auffassung anbequemtes Plüsch- und Stuck-Europa trübster Observanz. Diese Kostüme waren rührend getreue Kopien von muffigen, aussortierten Mimengarderoben; dies Milieu stank nach Schminke und dem ranzigen Öl einer Romantik, die bereits begann sich zu zersetzen; die »eiserne Regie« geworden war. Und diese ganze Puffärmel-, Sammet- und Sprechgesangpracht verstaubter Spielopern war als Ganzes, als köstlich Fremdes, als Originelles um 1890 hier gelandet, hatte hier Wurzeln geschlagen und war aufgesogen worden, weil dies liebenswerte, kindliche Volk das Märchen forderte , um nicht durch den übrigen westlichen Schundexport hoffnungslos zu verarmen . . . Und die indonesischen Fürstenhöfe adoptierten es brünstig, und dasselbe tat die Schaubühne, auch die des klugen Chinesen Ayope, und bot »Fortschrittliches« . . . So stehen diese nußbraunen Menschen da, in den Angstpanzern ihrer Kostüme, asthmatisch auf ihre Würde bedacht im heißen Lüftchen der Popularität. Daß sie in drolliger Prostitution eine längst verklungene Ausstattung mit sich herumschleppen, ist ihnen gänzlich unbewußt. Moissi, in tönendster Schwellung seines Selbst . . . Was ist seine nüstern-krause Hamletgeste gegen jenen dunklen Prinzen dort, gegen dessen starrgeknicktes Trikotbein, fingerschnalzende Verachtung? Gegen jenes Mittelding zwischen Scheffel-Trompeter und östlichem Nabob, gegen den im Falsett oder vibrierendem Baß dahinrollenden Rampentriumph des » Wajang Malayu? « Zwischen den Szenen gab es Musikpausen, und dann lauschte Herr Zinkeisen auf. Ein unbedenkliches »Orchester« spielte Schlager, die gut und gern die Geburt des Grammophons erlebt hatten. – Und dann wurde auf einmal wieder alles äußerst indisch. Zwei kleine Mädchen traten auf. Sie sangen mit hellen Diskantstimmen in grellen Quinten, die Puppen. Sie hatten große, prachtvolle Augen mit enormen Wimpern; aus Email waren diese Augen, kam es Herrn Zinkeisen vor; es waren eindeutig der Sphäre des Geschlechts gewidmete Blicke, die sie aus diesen rollenden Leuchtkugeln sprühten. Herrjeh, mußte er denken; war das toll! Sie sahen ihn direkt an; sie faßten sich an den Händen und plärrten mit Sonntagsschulstimmen, glas-schrill und begeistert, etwas ausbündig Unanständiges, Skrupelloses . . . Auf malaiisch leider; seine Grammatik versagte. Kaum acht Jahre alt waren die Dinger, und deshalb war es auch tief erheiternd, daß sie die Hüftbewegungen und Koketterien der Älteren, Reiferen, Runderen, die vor ihnen aufgetreten, so vollendet beherrschten . . . Ihre halbreifen Becken rollten, ihre silbernen Armreifen baumelten und klirrten: Zin zin . . . Zwischen den Kulissen zeigten sich winkend fette Arme und starkbemalte Gesichter, ermunternd zischend; das waren die »Misses Esah, Enam und Sadiah«. – Ein mechanisches Klavier stolperte unrein hinter dem Gesang drein. Glucksende Heiterkeit trieb durch den Raum, unter einem Aufglitzern der Steine in Parkett und Galerie. »Ejah!! – Ejah!!« riefen die jungen Kaufmannsdamen und schüttelten applaudierend die Köpfe . . . In diesem Moment löste der sprunghafte Südwestmonsum, der um diese geschützte, zeitlose Menscheninsel draußen geschäftig war, ein Gewitter aus. Zur Begleitung des mechanischen Klaviers geschahen klirrende Donnerschläge, während derer die vorsintflutlichen Kohlenfäden der Rampenbirnen leicht zuckten. – Das war man gewohnt; ebenso, daß gleich darauf das ganze Theater im Meeresgrund versank. Unaufhörliches, sausendes, ins Maßlose schwellendes Zischen geschah und wuchs in ein gleichmäßiges Gedröhn hinein. Das Kreischen der gepuderten Kinder wurde kleiner und piepsiger. Und das Schwatzen der rauchenden, plaudernden, kauenden Menge sank unter einen Schleier. Nun bemerkte Herr Zinkeisen, daß der junge Engländer, der vorhin seinen Tisch auf der Estrade im Adelphi melancholisch-unwirsch verlassen hatte, in einer der nächsten Bankreihen hinter seiner Loge saß. Vorsichtig spähend (um kein Aufsehen zu erregen) stellte er fest, daß der Major Prendergast sinnlos betrunken war. Da man zum größten Teil unter höflichen Eingeborenen war, schien niemand davon Notiz zu nehmen. Und doch war es unangenehm, störend im höchsten Grade für Herrn Zinkeisens Stimmung. Während er sich wieder umdrehte, fuhr er fort, sich mit dem Bild, das er eben wahrnehmen mußte, grollend zu beschäftigen. Mr. Prendergast war nämlich (in zwei Abständen; – doch dies mußte der Natur der Sache nach wohl immer wiederholt werden) auf seinem Sitz nach vorn gefallen; hatte, sein rührend eckiges Kinn gelockert, Sorgenfalten auf der schmalen Stirn, den Körper einfach gleiten lassen. Wie ein Rohr im Winde schwankte er, wie eine Sache aus Gelee. Es fehlte ihm nicht an hilfreichen Zugriffen. Das Peinliche daran war nur, daß dieser nicht von einem Kameraden, sondern von zwei Söhnen des Reiches der Mitte besorgt wurde; das halb Tröstliche, daß es sehr sauber gekleidete Herren waren. Der eine nahm dem Major, wenn dessen Kopf nach vorn sackte, jedesmal behutsam die Zigarette aus dem Mund und steckte sie ihm geschickt wieder zwischen die Zähne. Der andere regulierte nach Bedarf das Gleichgewicht. Alles in allem war die Tatsache nicht abzuleugnen, daß der Engländer eine äußerst undankbare und unkleidsame Rolle spielte. Der Anblick paßte in Herrn Zinkeisens Weltbild nicht hinein. Das war auch der Grund, warum er sich so ärgerte, trotzdem es ihn gar nichts anging. Hier saß ein Herrenmensch im Smoking und machte sich gemein mit betulichen Chinesen, die vielleicht nicht einmal eine Photographie ihrer eigenen Väter besaßen, geschweige denn Ahnentafeln; die vielleicht Läden im Brückenviertel unterhielten, bestenfalls Kommissionäre waren für den Verschleiß amerikanischer Automobile, oder Gummischmuggler . . . Aber es wäre noch nicht einmal nötig gewesen, daß der Major sich vor den nervösen Blicken eines farbigen Publikums mit ihnen anbiederte. Was Herrn Zinkeisen in die Seele hinein beunruhigte, war sein Zustand. Liebesgram hin und her . . . So betrank man sich einfach nicht. Der Betrachter sandte einen traurig strengen Blick nach der unverantwortlichen Gruppe. Er war nicht der einzige aus der Europäerschicht, dem sie auffiel. Die beiden hilfreichen Gelben spürten das. Offenbar empfanden sie, daß man dem Major eine Gefälligkeit erweise, wenn man ihn fortschaffe. So verließ dieser denn in enger Fühlung mit ihnen, und leidlich beherrscht (wie Zinkeisen mit Erleichterung wahrnahm) annähernd in gerader Linie den Schauplatz. Das kleine Intermezzo wurde dann auch von dem Interesse verschlungen, das neu für die Vorgänge auf der Bühne erwachte. Der Regen dröhnte unablässig weiter. Es war nicht sicher, ob Herr Zinkeisen sofort ein Gefährt finden werde, das ihn trocken heimbringe; so blieb er mit halbem Genuß sitzen und genoß etwas schief geneigten Kopfes wiederum das Getue der kleinen braunen Stars. Diese wurden jetzt von verwegenen Männern beschlichen . . . In einem Spalt des von Madras-Künstlern mit herrlichen Feenlandschaften (Odalisken, Schwänen und Minaretten) geschmückten Vorhangs wackelte langsam eine Kulisse herab. Sie war – by Jove – amerikanisch! Die scheußliche Nüchternheit einer Straße mit Drogerien, »Sodaquellen« und roten Backsteinkirchen senkte sich erbarmungslos in die Phantasiewelt hinein. Na, das begriff man doch wenigstens, wenn es auch nicht schön war, dachte Herr Zinkeisen. Bis jetzt war es eigentlich ein bißchen zu anspruchsvoll! Die ganze Zeit Märchen: das kriegt man satt. Worauf er sich befriedigt zurechtsetzte und auf einen »anheimelnden« Eindruck wartete. Trotz der flott synkopierten Musik geriet sein Verständnis auch jetzt auf eine Untiefe. Er steckte sich eine Zigarette an und dröselte ein wenig. Wenn dieser Regen aufhört, dachte er, mache ich Schluß mit heute abend. Mehr wird wohl nicht in Singapore zu erleben sein. Schade. Möglich, daß es verruchte Sachen gibt; die sind aber auch wieder zu riskant . . . Am besten, man läßt das Laster auf sich beruhen. Er dachte noch ein wenig an sein Schiff morgen, das er um zehn Uhr zu besteigen hatte; die Hotelrechnung, das Wechselgeld, drei, vier Telegramme, an Bolshagen \& Co. (Porzellan und Emailwaren en gros, Export und Import), seinen Musterkoffer und sein schön geregeltes Dasein . . . Dann ging sein Dröseln in eine Art Schlaf über, aus dem er mit einem Ruck emporfuhr. Plötzlich anschwellendes Stimmengesumm deutete den allgemeinen Aufbruch an. Seine Hand fuhr nach der Innentasche; Gott sei Dank! alles war da. Seine Uhr zeigte auf zwölf. Mit einem Bedürfnis nach frischer Luft und leicht verwirrt erhob er sich. Der Regen hatte aufgehört; es würde ihm gut tun, den Kilometer bis zum Hotel zu Fuß zurückzulegen. Zinkeisen hat einen Energieanfall Als er aus dem Eingang trat, hatte sich die Zuschauermenge bereits in Droschken oder Rikschas verflüchtigt; aus den Seitenstraßen hörte man noch leises Bimmeln der sich entfernenden Gefährte. Eine Stunde lang hatte der Regen herabgepladdert. Unter Windschnaubern und Schluchzern hatte die Tropenschwermut sich erneut; nun war sie fortgezogen, lag brütend über anderen dunklen Gebieten und vergoß einen neuen Tränensee. Schwache Helle verbreitete der Himmel; grell, wie blank geputzt, standen jetzt die Sternbilder darin. Zinkeisen gönnte seinem Auge nur einen einzigen Sprung in dies schwarze Loch, an den lanzenhaft drohenden Firsten eines eingemauerten Tempels vorbei. Dann beschäftigte er sich mit den dunklen Gruppen, die an glühendem Palmreisig vor dem Hintergrund schwach erhellter Gemächer gedämpft schwatzend hantierten. Zuweilen blitzte im Öllicht ein nackter Busen auf, gelb oder braun, und die Warzenhöfe daran blinkten wie dunkle Blumen des Bösen. Steil im Ellbogen geknickte Arme bewegten sich sarongknüpfend um eine ins Licht geschobene, von Schatten überrieselte Hüfte. Hinter bemalten Rolljalousien aus Ölpapier schwankten die Umrisse sich befehdender Körper; leises Kreischen drang hervor . . . Wie von Katzen. Diese beunruhigenden Beobachtungen formte Zinkeisen bei jedem zehnten Schritt, und er wußte, warum er nirgends stehen blieb. Einerseits verachtete er Zuschaustellung privater Angelegenheiten und hielt nicht allzuviel von Erotik, noch dazu bei der herrschenden Temperatur, und andererseits war er ein vorsichtiger Mann, der die Zusammenrottungen östlicher Menschheit in Veranden und Türen als verdächtig empfand. So viel Singsang deshalb auch an ihn gewendet wurde, und so viele vogelähnliche kleine Fragezeichen auch hinter ihm dreintropften –: er stieß seinen Malakkastock wacker in den Boden, der die Wassermengen inzwischen spurlos geschluckt, und schritt mit Scheuklappen fürbaß. »Wir sind ja nicht in Hamburg«, beruhigte er die eigene quälende Neugierde. »Tja . . . wenn dies die Reeperbahn wäre oder die Große Freiheit . . . Aber hier greift man ins Unfaßbare . . . Mit Lächeln, nicht? wird man geplündert und womöglich verseucht; ich danke . . .« Zu seiner Überlegung trat noch der Gedanke an die morgige Abfahrt und daß er ja unter Umständen in Bangkok oder sonstwo nachholen könne, was er hier versäume . . . Kurz und gut, vollauf berechtigte zivile und biedere Hemmungen hielten ihn davon ab, dem Osten in geschlechtlicher Beziehung heute nahezutreten. Vor dem » Sailors Home « an der langgestreckten rosa Mauer, die den Rasenplatz der Kathedrale nach Westen abschließt, drängten sich Mädchen jeder Schattierung. Weiße Gesichter schwarzbehoster Chinesinnen, lange schwarze Cheeroots rauchend, erhellten sich von der Tabakglut. Gurrendes Lachen rann die Reihen hinab. In Dunkelblau gewandete Malaiinnen schritten einige Sekunden lang im Gänsemarsch neben Herrn Zinkeisen her, herausfordernd die hervorgewölbten Hüften rollend, und stießen aus geblähten Hälsen ihr perlendes Lachen in die Höhe. Jasminduft schwelte im Schatten wie süßes Gas. Beim Klirren von Silberdraht rollte am Boden ein keifendes Paar: Frauen, die sich um einen breitbeinig hingepflanzten Matrosen balgten. Man sah zerrupfte Blütenblätter wirbeln und hörte unter stöhnenden Zornlauten scharfes Krachen zerrissener Seide. Jemand zupfte Herrn Zinkeisen an der Jacke. Er blickte sich schüchtern um: da sah er eins der Gesichter, die aus der Kulisse der Opera Stambul gespäht. » Much pleasure! « formten die Lippen. » Much fun « Hier versandete der englische Sprachschatz in einem verheißungsvollen Gestammel . . . . » Nothing doing «, sagte Herr Zinkeisen und machte, daß er weiter kam. Miß Fadijah, oder wie sie hieß, lachte wie ein Mann so grell und guttural hinter ihm drein. – Die Gefahrzone war durchschritten, und er näherte sich der Ecke der Coleman Street, als auf einmal Hufschlag hinter ihm hörbar wurde: Der Hufschlag jener gedrungenen Ponies, die in diesen Landesbreiten üblich sind . . . Mit drolligen Bürstenraupen auf den Hälsen, kopfnickend, traben sie kurzspurig, ohne Ermüdung zu kennen; das Geräusch ihrer kleinen Hufe läutet tagein tagaus auf dem Asphalt, von Schellenrasseln begleitet . . . Es war eine offene Droschke. Herr Zinkeisen hatte sich umgedreht und hatte so Muße, die Insassen zu betrachten. Und nun geschah es, daß er ganz unvermutet schicksalsmäßig und zwangsläufig auf den Plan gerufen wurde; daß seine Instinkte zu einer ihn selbst überrumpelnden Handlung gediehen; zu einem Entschluß, der wie ein Kristall aus einer übersättigten Lösung sprang . . . Dies war mit einem Zurücktreten des Blutes ins Herz verknüpft, so daß es seine Brust bedrängte und daß in seinem Kopf ein schwimmendes Gefühl entstand. Kurz: er hob den Stock; er hielt ihn gebieterisch hoch; und während er der Droschke in den Weg trat, rief er kurz und schmetternd: » Stop!! «   Wenn er sich nachher über seine Instinkthandlung befragte, so wußte er sich selbst keine befriedigende Antwort zu erteilen, außer der, daß er in einer hellseherischen Sekunde das ganze Schicksal, in das der Major Prendergast so unbekümmert und so von allen Göttern geblendet hineinkutschierte, vorausgeahnt habe. Der Major saß in der Droschke und war noch doppelt so betrunken wie im Theater. Ja, sein Rausch hatte jenen fragwürdigen, gefährlichen Grad, wo man wieder gerade sitzt und zusammenhängend redet, wenn zwar mit völligem Austausch des gewöhnlichen Ichs gegen eine fremde unsympathische Person, die ihre eigene Logik hat. Ein belferndes Tier ist das, das sich unseres Gesichtes und Körpers bedient; ein auf Vernichtung seines Gastgebers erpichtes Geschöpf, und dies sprach aus dem Munde des Majors: » Go to hell, Goose-Step-Eddy. – What d'ye want to stop me for?? « – Und Herr Zinkeisen (während Energie und Aufregung sein sonst so flüssiges Englisch mit deutschem Akzent färbte) trat an den Wagen heran und sagte leise und beschwörend: »Schicken Sie doch das Gesindel fort, Herr. Begreifen Sie, was Sie machen?« – – – Wenn man behauptete, daß Mr. Prendergast für das, was ihm im Augenblick als Zerstreuung vorschwebte, äußerst gut versorgt war, so ging man nicht fehl. Denn er war durchaus nicht allein in der Droschke. Zunächst waren da seine Gelegenheitsfreunde aus dem Theater. Sie saßen ihm gegenüber und betrachteten voll verschmitzter Erwartung das Benehmen dieses Engländers, der sich auf dem Gipfelpunkt ausübender Macht bewegte. Prendergasts rassiges Profil rührte sich inmitten eines Knäuels von Leibern, die zwischen ihm und den gelben Kommissionären eingekeilt saßen oder lagen. Seine krähende Stimme, singend oder fluchend, erhielt Leben wach in diesem Betrieb. Ein etwa fünfzehnjähriger Chinesenknabe mit tintenschwarzen vergnügten Augen im Gesicht (einer von den Söhnen oder Gehilfen der Fergen, die auf ihren Sampans den Hafen beleben), saß auf des Majors linkem Knie und schmiegte seinen Arm, der weiß herausschimmerte, um dessen Schulter. Er war lediglich mit einer mattblauen zerfransten Leinenhose bekleidet. Sein Gegenstück auf der anderen Seite war eine jener feisten, teuren Matrosenmütter, in grellfarbig bedruckte Seide gewandet, die an den Fensterverschlägen zwischen den beiden Flußbrücken im Chinaviertel wie schillernde Kröten auf der Lauer liegen oder ihr Schleppgewand anspruchsvoll durch das Volksgewimmel der Bazararkaden ziehen, gefolgt von einer kichernden, gepuderten Heerschar, der sie tyrannisch gebieten. Es war ein Prunkstück von einer Priesterin ihres Gewerbes, und sie hatte diese erstaunliche Gelegenheit, eine sagenhafte Propaganda um sich zu verbreiten, offenbar dankbar ergriffen. Ihr mit blauen Schlänglein tätowierter Arm, von Messing- und Silberschmuck umzäunt, umfaßte gleichfalls den Rücken des Majors, und ihr Doppelkinn schaukelte befriedigt auf uferlosem Busen. Eine kleine Verdrossenheit schürzte ihre Lippen. Vielleicht bangte ihr vor der Möglichkeit, mit einem der Hindupolizisten zu kollidieren, deren scharlachrote Turbane zuweilen überraschend an den Straßenecken aufleuchteten. Hätte ein solcher die Bequemlichkeit dieser Reklamefahrt nicht auch in Frage gestellt? Außer diesen Vieren sah man in der Droschke noch zwei kleine Köpfe . . . Die halber Kinder, die wie Nestvögel die Hälse reckten. Doch die gaben so einen leichten Ballast ab, so daß sie die Ponypferdchen kaum beschwerten. Auf das gebieterische » Stop « Herrn Zinkeisens hielt der Kutscher jäh an, und die ganze menschliche Ladung wurde aufkreischend durcheinander gerüttelt. Der Engländer saß wie ein Ladestock inmitten all des elastischen Fleisches und dirigierte. Er amüsierte sich und hatte durchaus keine Lust, sich stören zu lassen. » Go to hell, « sagte er, » you Godforsaken Dutchman! « Aber seine Begleiter hatten den Europäer kaum gesehen, als sie sich voneinander lösten und herauslächelten. Es war ein Aufleuchten mehrerer kalkweißer Zahnreihen. – »Dieser Gentleman«, erklärte endlich der eine »Kommissionär« in schleppenden Lauten . . . »ist ein wenig lustig. Wir bringen ihn ins Hotel zurück.« »Den Teufel tut ihr«, sagte Herr Zinkeisen. »Macht, daß ihr fortkommt.« » He! You! « ließ sich hier der Major vernehmen und starrte mit grellen Augen zu ihm herab. »Was, im Namen aller hergelaufenen Hausierer, geht das Sie an?« – Herr Zinkeisen überhörte das; überhörte es sachlich; er sah, daß er einen unzurechnungsfähigen Kompagnieführer vor sich hatte und zog bieder die Konsequenzen daraus. Er ging zu den Pferden und packte die Kandaren. Steil ging Prendergast in die Höhe und gab dem Kutscher einen Stoß in den Rücken. » Drive on!! « brüllte er. Doch es half nichts, daß der Kutscher, in den Wirbel zweier verschiedener Herrenlaunen geraten, die Peitsche zögernd hob; der kleine Deutsche stand wie aus Granit. Nach etwa zwanzig Meter würde das Gefährt um die Ecke geraten sein, in die Lichtflut des Adelphi-Hotels; und damit läge die furchtbare Blamage des Majors auf offenem Präsentierbrett vor aller Augen da. Dann war seine Karriere zerstört, dann war er in jeder Beziehung geliefert; dann würde für ihn nichts übrigbleiben als eine Kugel. – Und ehe der Kutscher, der noch wie gelähmt saß, Bescheid wußte, war er schon wieder am Verschlag. Der halbnackte Junge war hinweggehuscht; ebenso verschwunden war die Priesterin mit den beiden Nestvögelchen. Sie standen mittlerweile irgendwo im Schatten und warteten, starr vor Neugier, die Entwicklung der Dinge ab. So hatte Herr Zinkeisen den Sitz frei und schwang sich ins Gefährt. »Sie müssen einsehen,« sagte er korrekt zu den beiden Chinesen, »daß Ihre freundliche Hilfe sich von jetzt ab erübrigt . . .« Das sagte er nicht zusammenhängend, sondern in den Pausen, die ihm der Kampf mit dem sinnlos Betrunkenen und unablässig Fluchenden gestattete. Als er während des Ringens einen Augenblick den Arm frei bekam, zerrte er Wechselgeld aus der Tasche und stopfte es in die weichen geöffneten Hände. »Gehen Sie, meine Herren; ich bringe den Major ins Bett . . .« Und wie bemalte Ostereier lächelnd, traten die Gelben den Rückzug an. Plötzlich erlahmte der Engländer. Zinkeisen atmete auf. »Fahre vors Hotel«, wies er den Kutscher an. Und langsam bog die Droschke um die Ecke. Die Halle war noch vollbesetzt; einige Gäste standen plaudernd im Vestibül und blickten auf die Straße. Herr Zinkeisen stieg aus und durchquerte langsam und ohne auffällige Hast die Halle. »Maloney,« sagte er zu dem Buchhalter, »draußen in der Droschke liegt einer, der sich heute abend ein bißchen übernommen hat. Er hat einen Hitzschlag; auf alle Fälle muß es ein Hitzschlag sein . . . Verstehen Sie, Maloney?« Der Ire verstand.   Als der Major am nächsten Abend imstande war, seine Gedanken zu sammeln, erfuhr er den diskreten Vorgang seiner Ankunft im Hotel, und daß Herr Zinkeisen als Deus ex machina seine Hand im Spiel gehabt. Er bemühte sich eifrigst, »Eddy« zu finden, um ihm seinen Dank abzustatten. Doch er mußte erfahren, daß dieser bereits abgefahren war. So blieb ihm nichts übrig, als sich eine Notiz zu machen, und den Dank auf seine eigne Rückkunft nach Europa zu verschieben. – – – Dies alles ereignete sich zu Singapore, im Laufe des Mais 1914. – Intermezzo Wir verlieren Herrn Zinkeisen nach dieser Phase seines Daseins aus den Augen. Wir haben erfahren, daß er nach Bangkok fuhr und von da aus in die Heimat. Dann kamen acht Jahre, während deren ein Scherbenberg aufgehäuft wurde aus blechernen Schlagwörtern, vernichteten Werten und zertretenen Existenzen; ein Scherbenberg, der die Aussicht verrammelte und das Gedächtnis schwächte; ein Scherbenberg, über den Herr Zinkeisen mit zäher Geduld hinüberkletterte. Bei dieser zunächst zielbewußten und dann äußerst verdrossen geleisteten Betätigung verlor er seinen Glanz, Stück nach Stück, und landete ziemlich ramponiert auf der anderen Seite.   Zunächst erlangte er, schlecht und recht, einen Kellnerposten in einem maßgebenden Hotel einer deutschen Großstadt. Daraufhin ehelichte er ein ziemlich farbloses Mädchen aus kleinbürgerlichen Kreisen. Im Jahre 1922 war er zum Aufseher avanciert. Waren auch alle anderen Embleme der Macht gefallen, so gefiel er sich jetzt, gleichsam zur Opposition, als Besitzer eines steilen Habybärtchens und bürstenartig geschorenen Haupthaars. Sein Frack saß gut; er bewegte sich mit den früheren exakten Schritten und vergab sich allmählich immer weniger durch Hast oder allzu beflissenen Zusprung. Abends forderte er die Bilanz ein und behob auch sein Gehalt in ständig schwellenden Paketen nagelneuen Papiergeldes. Doch war es ihm schon fast gleichgültig, ob die Anzahl dieser Millionen stimmte. Dies war nichts das einzige, was ihm gleichgültig wurde. Eins sah er deutlich genug; einen phantastischen Ruin aller Verhältnisse und menschlichen Beziehungen. Wie einer, der vor einem Aquarium steht, vor dem Flossenspiel seltsamer Fische, starrte er in den Strom landfremder Menschen. Wiewohl er sich klar war, daß all diese drittklassigen In- und Ausländer ja nur ihre primitiven Wunschträume erfüllten und dank der Valuta ins Absurde trieben, schlug seine verscheuchte Seele keine Brücke zu ihnen. – Er litt schweigend. Doch seine Seele suchte. Suchte nach Menschen. denen er gern diente . . .   Die Zeiten entarteten immer mehr. – Seine Brieftasche, bis zum Platzen beansprucht, genügte nicht mehr für sein allabendlich im Büro erhobenes Gehalt. In der Tat: Der Schneider seines Fracks hatte nicht damit gerechnet, daß Reichtum die Taschen sprengen könne, sonst hätte er sie beutelförmig, als Säcke, entworfen. Herr Zinkeisen benötigte zwar noch kein Handköfferchen, aber immerhin schon eine Zigarrenschachtel, um seinen Gewinnst nach Hause zu tragen; und seine Gattin mußte um sechs Uhr aus den Federn gejagt werden, um die Kaufkraft der letzten zwölf Stunden noch auszunutzen. Manch ein Charakter wäre durch solches Geschehnis erschüttert worden. Aber so, wie man sich im Halbschlaf einem skurrilen Traum mit gelähmter Kritik überläßt, so packte Herr Zinkeisen auch noch diese Narrheit in sein Lebensbild hinein und versuchte das brüchige Gummiband der Erfahrung darum zu schlingen. Einmal, so ahnte er, würde es mit scharfem Knall reißen, und dann würde alles herauspoltern . . . Es bestand in einigen Köpfen zwar längst die vage Erwartung, daß, wenn nicht ein Wunder geschehe, dem ganzen Papierfasching, dem clownhaft hüpfenden Zahlenzauber, ein wüster Aschermittwoch drohe, der zugleich die Zwangsgesundung bedeute. Es war Herrn Zinkeisen nicht gegeben, mit Tatsachen zu rechnen, die sich aller geschichtlichen Präzedenz höhnisch entzogen. Er malte seine sechs bis neun Nullen mit sklavischer Geduld in die Bilanz und schon die Tätigkeit dieses Nullenschreibens hielt seinen wohlverdienten Schlaf bis in die Morgenstunden hintan, so daß seine flaumigen Backen etwas schrumpften und sein stählerner Blick sich verschleierte. Daß er's aushielt, war das Erbe des hanseatischen Stämmlings und eine gute Portion von Hilflosigkeit und mangelnder Phantasie. Gratulieren wir ihm dazu! Andernfalls wäre er ja auch nur ein kleiner Opportunist ohne Würze; einer von jenen Tausenden, die sich auf der »Achterbahn« der Entwertung besinnungslos hochtragen ließen, um dann plötzlich kopfüber vom Labilen höchst schmerzhaft aufs Stabile zu geraten und dauernd seekrank davon zu werden . . . – – – Dies war sein Tageslauf: – kurz vor Mittag stand er auf und um zwei Uhr war er im Hotel zur Stelle. Dann lagen elf Stunden vor ihm, während derer er mit verbissener Verantwortung das Verantwortungslose auf sein Flußbett beschränkte, so daß sich selbst das Chaos noch nach Regeln drehte . . . Kostbare Gäste Eines Tages im November 23 sah er, daß ein reservierter Tisch in der Ecke der Halle lange über die bestellte Zeit hinaus leer blieb. Er rief Anton, den drallen Liftpagen, der sich gerade rosig und frech als Postillon d'amour Zettelchen schmuggelnd zwischen den nächsten Tischen betätigte, und jagte ihn zu dem fraglichen Zimmer hinauf. Doch da kamen die Erwarteten, ohne den Lift zu benutzen, bereits die von vergoldeter Balustrade gesäumte Haupttreppe herabgeschritten. Der Eindruck dieser Leute auf Herrn Zinkeisen war ein derart ungewohnter, daß er sich in der Folge, zart bemerkt, mindestens seltsam benahm. Er bestand nämlich zum größten Erstaunen des dienstbaren Geistes, dem das Rayon des leeren Tischchens zugeteilt war, auf einer für einen Aufseher völlig ungewohnten persönlichen Bedienung. Nicht bloß, daß er das Tischchen umkreiste und die darauf befindlichen Chrysanthemen zupfend ordnete, nein, er gefiel sich sogar darin, an den Stühlen zu rücken, um den Herrschaften Schutz gegen den grelläugigen Saal zu verschaffen. Er stellte einen unsichtbaren Paravent auf und erklärte damit sein tieferes Interesse. Der Ober, ein Mensch Namens Drechsler, zog sich mit kieferschlaffem Erstaunen zurück und überließ Herrn Zinkeisen das Feld. Was war der Grund? Nun, diese Leute waren englisch, man sah es ihnen an der Nasenspitze an. Das war an sich nichts Erschütterndes. Aber sie unterschieden sich von anderen dadurch, daß sie offenbar der obersten Schicht angehörten. Sie wirkten deplaciert hier, oder, richtig gesagt, dies ganze Hotel wirkte neben ihnen so. Sie gingen quer durch den Saal, ohne jemanden zu bemerken. Von allen Richtungen mit Blicken beschossen, zuckten sie mit keiner Wimper. Es waren Geschöpfe aus einer anderen Welt; sie hatten den Krieg gewonnen und benahmen sich darnach. Sie schritten dahin in einem Dunst von Reserviertheit, der nichts Irdisches hatte. Die Dame ging voraus. Sie trug einen schweren rotblonden Haarknoten, von schlichter Diamantspange zusammengehalten. Sie war schlank und wirkte durch Haltung größer als sie war. Ihr schaumweißer Rücken sowie die Brust waren tief ausgeschnitten, so daß der Oberkörper mit den nackt pendelnden Armen frei und beweglich seine Muskeln spielen ließ. Ihre Hände waren bis auf einen großen Saphir an der Rechten ebenfalls nackt. Sie trug ein Kleid aus nachtblauem Chiffon, das den Körper bis über die Hüften hinab mit tiefgelegter Taille knapp umschloß. Von den Lenden, im Gang knisternd geschaukelt, fielen gestärkte Faltenbäusche und endeten knapp über den Schnallenschuhen. Dies wie Schlangenhaut anliegende Kleid umriß die Kontur ihres stolzen Leibes ohne Vertuschung. Wo der Rand des Kleides beim Schreiten vorwärtsgeschleudert wurde, zeigten sich mattgraue Seidenstrümpfe. Die kleine hoffärtige Nase in die Luft gestreckt, die langen Wimpern über dunkelblauen Augen zum Ritz geschlossen, wandelte sie in der Luftlinie mit traumhafter Sicherheit des Hinsteuerns auf das zu, was ihr gehörte, jenes reservierte Tischchen, an dessen Seite wie ein Erzengel Herr Zinkeisen sich in würdiger Devotion postiert. Nicht genug daran, daß sie schon als Einzelerscheinung blendete: doppelt bestechend hob sie sich noch ab von der Folie des Mannes, der ihr folgte. Es war ein zwei Meter hoher gebräunter Mann mit einem schmalen, eckig vorspringenden Kiefer und ausladendem Hinterkopf, der von brünetten Strähnen, in denen sich graue Fäden zeigten, dünn überkämmt war. Im tropengelben Gesicht bekam das Blau seiner Augen schier etwas Milchig-Helles. Er ging mit zurückgeworfenem Kopf, Hände in den Hosentaschen, schlendernd hinter ihr – seine rechte Schulter. als wolle sie das Milieu ablehnen, war dabei in die Höhe gezogen. Zwei schwarze Perlen zierten seinen Hemdeinsatz; die Welt war augenscheinlich zu herabgesetzten Preisen für ihn käuflich. Beide wirkten nicht unbescheiden, sondern gleichsam gottgewollt. Jedenfalls stachen sie ab, auf so naiv selbstverständliche Art, daß sich in ihrem Kielwasser kein Tuscheln erhob, sondern es entstand nur ein kleines Schweigen. Dies Schweigen war selbst unter der Balalaika-Musik des Orchesters spürbar. Herr Zinkeisen verbeugte sich militärisch und wies die Plätze an. Die beiden setzten sich. Der Engländer ließ ein Grunzen hören, einen Mittellaut zwischen Resignation hinsichtlich des Milieus und Erwartung, und bestellte sich alsdann mit zweieinhalb Worten das Menu. Hierauf vertieften sich beide in das Studium der Weinkarte, und Herr Zinkeisen beugte sich mit deutendem Finger diskret über die linke Schulter der Frau. Bei dieser Gelegenheit stieg ihm ein flüchtiges Parfüm entgegen, das seinen ganzen Menschen durchrieselte, – er empfand es noch nicht bewußt. Noch war er viel zu beschäftigt damit, die kostbaren Gäste nach Gebühr zu würdigen . . . Die Dame brauchte einige Zeit, um den richtigen Rotwein zu finden. Zwischendurch konnten also Herrn Zinkeisens Blicke nicht umhin, leicht abzuschweifen und sich in Gegenden zu verlieren, die nicht unbedingt auf der Tagesordnung standen. Zunächst waren diese Schulterblätter und die Mulde des Rückgrats sehr bemerkenswert. Mit Anstrengung richtete er sich auf und ließ ein Räuspern in sich verklingen, das den Zweck hatte, ihn zu festigen. Ihm war zumute, als stehe er im Museum, nur durch dünnes Glas von Kostbarkeiten getrennt; doch Kontrolle ist bedrohlich in der Nähe . . . Nun, dürfen dann nicht wenigstens Blicke rauben? Solche kletterten mit äußerster Behutsamkeit über die Schultern in die Brust der Dame und verweilten eine Viertelminute länger darin, als Herr Zinkeisen es vor seiner Position verantworten durfte. Er sah zwei apfelrunde Brüste, leider nicht völlig überblickbar, jedoch unschwer einzufügen in das, was ihm wie lähmend süßer Gesamteindruck übrigblieb. Er überhörte beinahe, daß die Dame nunmehr ihre Wahl getroffen; übersah fast, daß der Finger mit dem Saphir bereits herrisch auf eine Marke tippte. Unmerklich fuhr er zusammen und sagte: » Yes, Madame, No. 73 «, wobei er sich umwandte und wieder mit Adlerblicken nach dem kieferschlaffen Menschen Namens Drechsler spähte, der aus der Entfernung die Gruppe dumm beglotzte. Die Kreatur eilte herbei und nahm die Bestellung entgegen. Aber der lange Engländer hatte währenddessen nicht geschlafen. Herr Zinkeisen fühlte einen offenen und unverbindlichen Blick auf sich geheftet. Er verbeugte sich und trat zurück. Er blickte in den Saal. Die ganze Aussicht wurde zum Karussell, worin sich schreiende Farben wie flutende Bänder verschwisterten und nach dem Takt der entfesselten Zigeunermusik rhythmische Wellen schlugen. Dies war ein kleiner Schwindelanfall. Vielleicht kam es von der Schlaflosigkeit der letzten Nächte. Er mußte dieser Anwandlungen Herr werden; mit dem scheuen Pirschgang seiner Blicke sollte es, durfte es ja nichts zu tun haben. Der Abend rauschte weiter. Immer gelöster klang das Brausen der Völkerscharen aus den Pufferstaaten und aus Neutralien. Einige Paare hatten auf dem freien Raum vor dem Orchester, aneinandergeklebt, bereits zu tanzen begonnen. Doch über all der kreischenden Lustbarkeit und diesem haltlosen Wälzen in Devisen und teurem Alkohol schwebte wie eine wütende Donnerwolke eine schwüle Faust. Herr Zinkeisen hätte sich keinen Moment gewundert, wenn die ganze Lüsterpracht der Decke langsam herabgesackt, wenn alle Spiegel plötzlich erblindet wären. So stark empfand er das kranke Europa. – Über den beiden, die hinter seinem Rücken gemessen plaudernd tafelten, hätte das Verhängnis Halt gemacht. Auch hätte er sie mit eigenem Leibe geschützt, fühlte er doch, daß das Einzige, woran man sich noch klammern konnte, mit diesem Paar zusammenhing. Mit dem schmalen eckigen Kinn des Mannes. Mit den nackten Schultern der Frau. Es war Haltung , es war etwas von jeher dumpf Bewundertes; und die leuchtenden Schultern, straff emporgezogen, mußten gleich den ehernen jenes mythischen Riesen den Niederbruch des Bestehenden spielerisch stützen können. Gott weiß, was für Gedanken ihm sonst noch kamen. Es gab keine sichtbare Brücke von ihm zu jenen; aber das Gefühl der Kameradschaft auf irgendeiner Ebene war so groß, daß er es kaum über sich gewann, seine sonstigen Pflichten auszuüben. Den eigenen Untergebenen beneidete er jetzt darum, daß dieser die Herrschaften unablässig bedienen durfte. Er ärgerte sich in die Seele des Engländers hinein, wenn der schwarze pockennarbige Mensch an aufdringlicher Servilität des Guten zuviel tat. Wenn dessen Englisch versagte, ergriff er hastig die Gelegenheit, einzuspringen. Dies verschaffte ihm wieder einen Hauch des Parfüms, einen Blick, einen Laut der leicht geschürzten Lippen. So vertrat er den anderen, so oft es sich ohne Auffälligkeit machen ließ, und als die zwei sich erhoben, ging er ihnen voran und schuf ihnen eine Gasse. Gemessen verbeugte er sich an der Treppe. Dann, als er sie im Lift wußte, spürte er eine seltsame Schwäche in den Knien. Mit sinnlos emporgedrehten Augen starrte er noch eine Weile in den Schacht hinauf, wo die kostbare Fracht in die Höhe entschwand . . . Zum erstenmal erfaßte ihn ein unbezwingbarer Ekel und eine derbe Unlust darüber, zurückkehren zu müssen. Gesicht der Zeit Bevor er sich an diesem Abend auf den Heimweg machte, tat er etwas, was ganz gegen seine Gewohnheit war. Er ging in die Bar des Hotels und erstand sich von dem erstaunten Barkeep, der gerade seine Schränkchen schloß und seine Mixbecher ausschwenkte, eine Flasche vollwertigen schottischen Whiskys, für den er ohne Wimpernzucken nach oberflächlichster Zählung, einen Packen Papiergeld auf die Kredenz warf. Er versenkte die Flasche in seinem Ulster und machte dem Büro noch den gewohnten Besuch. Mechanisch nahm er Tagesgehalt und Bilanzheft in Empfang und ging dann zu Fuß hinaus. Eine lange Kette staute sich auf dem regenbenetzten Asphalt, der die letzte abgedämpfte Helle des Hotels verschwommen zurückwarf. Ein feiner Rieselregen hing seine Perlenschnüre vor die Bogenlampen. Der Platz, umsäumt von Spekulationsbauten, die wie Pilze aus dem Boden geschossen schienen, schimmerte noch in dumpfem Licht, als habe sich der ganze Lebenstrieb der Großstadt an dieser Stelle eingenistet. Im übrigen lagen die Straßenschluchten kellerhaft spärlich beleuchtet. Die Stadt gemahnte an den eingegrabenen Leib eines Fakirs, auf dessen Scheitel an einer winzigen Stelle die Vitalität als matter Puls fortbesteht. In würdige alte Fassaden hatte sich die Krankheit der Zeit eingefressen als billig blaßblauer und rosa Stuckbewurf, schon im Entstehen schimmelnd, über gestrigen Kinos und Tanzdielen. Aus muffigen Lokalen drang noch der zirpende Geigenlaut träger Genußsucht. Der Regen störte Herrn Zinkeisen heute nicht, ebensowenig die Entfernung, die er zu Fuß zurückzulegen gedachte. Ihm war, als werde er mächtiger an einen Entschluß hingedrängt . . . Dieser Entschluß, fast geburtsfertig ausgetragen, regte sich bereits im gewölbten Bauch der Flasche, die er im Mantel trug. Der ganze Rest seines Temperamentes, über das er noch verfügte. würde gleichzeitig herausgelockt werden und vielmehr noch unendlich viel mehr . . . Der Zaubertrank wird heute nacht halberloschene und niedergepflügte Jahre wieder lebendig machen; keimhaft regt sich darin schon das Kaleidoskop von früher, so wie man chinesische Blnmenschnittchen ins Wasser wirft, die sich unerwartet bunt entfalten. Sein Leben war ja so kahl wie dieser Asphalt, den das kalkweiße Licht ärmlicher Bogenflammen bestreute, in so weiten Abständen, daß dazwischen immer wieder ein Tasten durch beklemmendes Dunkel daraus wurde. – Wie lange er so ging, wußte er nicht. Er schritt in einer schwebenden Sicherheit dahin, sich aus dem Gefängnis loslösen zu können, nach Bedarf, nach Laune, vielleicht mit einem brutalen Ruck . . . War dies nicht alles Gefängnis und Kerkerzelle? Das Hotel nicht nur, sondern auch diese Häuserzeilen? Diese kahle und schmutzige Pracht, der das Blut entzogen war? Schlecht gekleidete Kokotten streiften ihn und blickten ihm mit ihren Gesichtern wie mit verwischten Flecken nach. Kokainheisere Stimmen lockten ihn an jeder Straßenecke. Auch junge Burschen boten sich ihm an. Er bemerkte sie erst, als aufglimmende Zigaretten an einer grauen Hauswand ihre jungen zerfallenen Züge glühwurmhaft beleuchteten; – gleich waren sie wieder mit dem Elend verschmolzen und mit dem Rieselregen der Mitternacht . . . Dies war nun Deutschland. Der Horizont im Weizengeist Nach einer Stunde erreichte er das Haus, in dessen viertem Stock er zwei Zimmer bewohnte. Er fand sich plötzlich vor der Tür, ohne genau zu wissen, wie er hinaufgelangt war, und dann in der Wohnstube, deren Tür nach dem Schlafzimmer offenstand. Er knipste die grüne Tischlampe an und enthüllte damit ein Milieu, das sich in dieser Gegend tausendfach wiederholte. Ärmlich war es nicht, beileibe nein, denn Herr Zinkeisen war nicht umsonst ein leidlich gut bezahlter Herr. Er hatte es mit dem ehrlichen Willen gekauft, ein Heim zu schaffen . . . Er setzte sich noch nicht an den Tisch, sondern grub erst alles aus seinem Mantel hervor, Geld, Heft und Flasche. Darauf zog er seinen tadellos geschnittenen Frack, seine Hosen und alle Hotelwürde aus; hängte sie mechanisch sorgsam im Wandschrank über die Kleiderhaken und bekleidete sich mit seinen verwaschenen Pyjamas. Die Lackschuhe stellte er parallel an das gewohnte Plätzchen und tat dafür ein Paar alte Filzpantoffeln an. Hierauf schnaufte er ganz gewaltig auf, ohne sich viel Mühe zu geben, das Geräusch seiner Erleichterung zu dämpfen . . . Er wußte genau, daß diese Vorbereitungen von seiner Frau so völlig überhört wurden wie Fliegensummen. Es war die Routine von Jahren. Neu war heute einzig eine Expedition in die Küche, wo er sich Selterswasser und Glas holte. Er trank sonst nie vor dem Schlafengehen. Heute aber tat er's, und verwunderte sich nicht einmal. Er schlug das Heft auf und malte mit verbissener Gründlichkeit wie immer seine sechs bis neun Nullen. Auf einmal jedoch war es, als werde sein Kopf in eine andere Richtung gelenkt. Die schreibende Hand erlahmte, und sein Blick bohrte sich in das schwarze Rechteck der Schlafzimmertür. Der Bleistift entfiel den Fingern, und eine Weile saß er wie aus Holz geschnitzt. Die beklommene Brust drängte sich schweratmend an die Tischkante. Als falle es ihm erst jetzt ein, kehrte sein Blick zur Flasche zurück und zu der Aufschrift der Etikette: » Purveyors to His Majesty. « – Die Worte entlockten ihm ein irres Lächeln. Es wird da ein Trank gebraut, irgendwo auf der Welt, den sich ein König, oho, ein veritabler König für seine Tafel bestellt! Sie gestatten, Sire, daß ich mir das für Ihren Privatgebrauch vorgesehene Getränk selber gönne, sozusagen hinter Ihrem Rücken! Er gluckste vor sich hin und strich sich mit der Hand übers Knie. Dann füllte er das Glas zu einem Drittel mit dem bernsteinfarbenen Weizengeist und tat den Sprudel hinzu. Es moussierte wie Champagner. – »Etwas habe ich noch vergessen,« formten seine Lippen lautlos, »wesentlich, sehr wesentlich; es muß doch alles harmonieren; wir machen jetzt eine kleine Totenfeier für ein begrabenes Dezennium, das einmal zu leben sich verlohnte!« – Damit holte er sich aus den Tiefen des Kleiderschrankes eine runde Blechbüchse mit handlichem Deckelöffner, schnitt sie auf und sog den Duft der Capstan-Zigaretten ein. Es roch wie Sand und Honig. Süßer Qualm steigt auf . . . Und nun sind die Straßenzüge da, von grellstem Leben überbrandet; gezackte Pisangblätter . . . Rollen von Rikschas . . . lehmgrüne Kanäle . . . ziegelrote Erde . . . Weißgekleidete Menschheit bewegt sich durch Schattenbänder, und über seinem Scheitel hängt eine senkrechte, eine ganz andere Sonne. Oh, dieser Geruch, der hinter Suez beginnt und in Australien endet! Er trank das Glas mit vier Zügen leer und setzte es dann energisch auf den Tisch zurück. Dieser Knall hörte sich an, wie eine Herausforderung an alles, was ihn umgab; in dem Blick, den er den Möbeln schenkte, lag etwas kritisch und boshaft Abschätzendes. Genau konnte er sich's nicht klarmachen, was ihn an dem gehäkelten Überzug des Sofas dort und an jenen Öldrucken eigentlich störte. War es der gänzliche Mangel an Handwerkertum, was ihn erboste? Die Dutzendware, ausgespien von dieser seelenlosen Zeit, hatte sie ihm nicht selbst den Stempel aufgedrückt? Es gab einmal ein Individuum, gab freies Menschentum . . . Wie lange ist es her? Das lag vor dem Scherbenberg. Sein Gesicht bekam etwas Verfallenes, seine Augen suchten und suchten. Nichts war da, gar nichts; und es grauste Herrn Zinkeisen auf einmal ganz bedenklich. Gegen dies plötzliche Unvermögen, Behaglichkeit zu empfinden, half nur ein zweites und ein drittes Glas. Seine Augen tränten, sein Puls klopfte beschleunigt. Da war sie wieder, die Engländerin: nackte Schultern und Arme, schlanke Schenkel, hoffärtige Brüste und herrisch geschürzte Lippen . . . Das ist nun der Feind, dachte er stier. Doch warum ist es eigentlich der Feind? Es ist das einzig Denkbare. Es ist Herrentum; und wenn man es selbst nicht leben kann, so will man es wenigstens anerkennen dürfen. Wenn man aber selbst dies nicht darf? Ich verstehe euch ja so gut! Ich verstehe euch ja aus eurem eigenen Leben heraus! Ich müßte einer der Euren sein, wenn auch nicht auf gleichem Niveau, so doch irgendwie bescheiden beglaubigt! Denn das, was man jetzt hier treibt und tut, hat nichts mehr mit Menschentum zu tun! – Mit einem kaum unterdrückten ächzenden Aufschrei fegte er das Heft zu Boden und die Geldscheine hinterdrein, so daß sie das Zimmer wie Schneegestöber füllten. Dann schloß er beide Fäuste und brütete weiter. – – – Nach fünf Minuten tödlicher Stille hörte er, wie sich ein Körper im Nebenzimmer im Bett herumwarf. Dies weckte ihn aus der Apathie. Mit lahmen Schritten ging er auf das schwarze Rechteck der Tür zu. Ein leises Gähnen war hörbar, gänzlich verschlafen, das sogleich wieder zu tiefem fauchendem Atem wurde. Er setzte sich im Dunkeln auf den Rand des eigenen Bettes, dem ihren gegenüber. Die schwache Beleuchtung aus dem Wohnzimmer ermöglichte es ihm, Umrisse zu sehen. Er erkannte ihren Kopf und den einen Arm, der halb aus dem Bett heraushing. In der Stube herrschte ein Geruch nach Leinöl und stagnierendem Küchendunst. Auf der schwarzen Fläche der Finsternis entstand wieder das Bild der strahlenden Schultern. Doch diesmal erweiterte es sich und wurde zum Leib, dessen herrischer Umriß sich in sein Hirn einätzte. Es war nicht eigentlich dieser schlanke Leib selbst, der ihn beunruhigte, sondern die Geste , mit der das Bild sich auftat: die Unnahbarkeit. Lichtjahre entfernt kreiste es, unbekümmert um sein winziges und fragwürdiges Dasein. Doch lag eine seltsame Wollust in der Vorstellung solcher Unerlangbarkeit. Er wußte, dies Gefühl würde ihn mit der Zeit auffressen. Neid war das auf eine ganze Rasse von Menschen, deren Eitelkeitsbarriere es ihm selbst noch verwehren wollte, ihnen zu dienen  . . . Nach einer langen Pause Grübelns drehte er das Nachttischlämpchen an und streckte sich aus. Das soeben geschaute Bild wollte nicht verblassen. Er brachte es kaum über sich, die Augen nach dem anderen Bett hinüberzuwenden. Als er es dennoch tat, sah er, daß sie fest schlief mit jenem törichten Ausdruck, den Schlafende oft zeigen. Dumm kam sie ihm vor, sklavisch und unterdrückt; ein an die Wand gehetztes Gewohnheitstier, das ermüdenden Käfigtrott im Schlaf vergaß. Sie träumte nicht einmal. Sie pustete nur ihre Atemzüge in die muffige Luft, und hinter der niederen Stirn unter dem zerzausten Haarbusch regte sich nicht der Schatten einer Vorstellung. Sie war weiß Gott kein Geschöpf, das einen Mann ermuntern konnte, sein Bestes herzugeben! Nein, die kleinste Scheidemünze seiner Persönlichkeit, die er ihr hingeworfen, war gerade noch gut genug für sie! – – – Lang noch ruhte sein Blick voll grimmer Lieblosigkeit auf ihrem törichten Gesicht. Er empfand es in diesem Moment als durchaus möglich, nicht bloß diesen Körper in endlose Distanz zu schieben, sondern auch alles, was mit ihrem tanzmausähnlichen Dasein zusammenhing. Ha, man mußte dort anknüpfen können, wo dies noch nicht begonnen hatte . . . So, als habe man sich kurz niedergelegt, sei nach schwerer Mahlzeit eingenickt und habe in einem kurzen Albdruck, der einem neun Jahre voll beklemmender Selbsterniedrigung vorspiegelte, konzentriert Liederliches geträumt, und nun erwache man mit einem Ruck. So wäre es gut. Seine Blicke wurden mehr als lieblos. Abscheu nahm ihnen allmählich jeden Funken von biederer Wärme. Da half nur eins: Finsternis und Vergessen. Er knipste das Lämpchen aus. Ein Loch fraß jetzt alles, vielleicht verschwand es nun und war nie gewesen . . . Nun begann es wieder: leuchtendes Grün, weißgekleidete Menschen in Schattenbändern, Großzügigkeit, Geld und Teilhaberschaft am Luxus der Erde . . . Es drehte sich langsam als Panorama und flammte . . . Eine Gestalt entpuppte sich, greifbar nah, die ihn mit weichem Spiel der Schulterblätter zwang, ihr blind zu folgen . . . Ein schaumweißer Leib, herrschsüchtig noch in der Demut der Hingabe, wölbte sich ihm entgegen und stieß ihn von sich: halb fordernd, halb sich versagend. Seine Arme griffen zu: da strafften sich diese apfelrunden Brüste und wurden fühlloser Stein . . . Zinkeisen macht sonderbare Sachen Am nächsten Tag, im Hotel, fiel sein Aussehen auf. Seine Stimme, sonst knapp und energisch, hatte einen zerborstenen Ton. Nachdem er den verwunderten Fragen der Gattin ein steinernes Gesicht entgegengesetzt, hatte er sie fassungslos unter dem zerstreuten Papiergeld zurückgelassen. Bei der Bilanz, die er gleichgültig noch am Morgen gefertigt, waren ihm Fehler untergelaufen. Vom jovialen Buchhalter darauf aufmerksam gemacht, entschuldigte er sich mit Kopfweh – wie? – einem leichten Fieberanfall vielleicht . . . »Was ist das Sch . . . geld schon wert?« murmelte er. »Ein paar Millionen hin und her! Du lieber Gott!« »Was mich betrifft,« grinste der Buchhalter, »können wir ruhig zu Billionen gedeihen. Aber, Zinkeisen, Sie verdienen eine Aufbesserung. Machen Sie's doch so wie ich!« – Hierauf zog er eine Schublade halb auf, die bis zum Rand mit Devisen gefüllt war. – »Decken Sie sich ein! Der Weizen kann noch lange blühen, und so rechnet es sich leichter!« »Wegen der paar tausend Mark, die da drin liegen, echauffiere ich mich nicht«, sagte Herr Zinkeisen streng. »Bald kommt die Zeit, wo das alles bloß wieder ein Taschengeld ist. Das ist zu jämmerlich! Soll man auch noch sparen, was?« »Das ist Ihr Standpunkt«, meinte der andere plötzlich geschäftig. Eine leichte Portweinfarbe stieg in sein Gesicht. »Ich will Sie nicht mit der Nase auf Ihr Glück stoßen. Wo selbst der kleinste Liftjunge hamstert, geht Ihr Anstand, oder wie Sie das nennen wollen, ein wenig zu weit. Diese Großbetrüger, diese Papiermühlenbesitzer verdienen es doch bloß, daß man ihnen Konkurrenz macht.« Vor Erregung schluckte er mehrmals hinunter. »Ich empfinde ja selbst, daß es eine Schweinerei ist. Aber was will man machen; wir sitzen alle in der Tinte.« Hier kam Haltung in Herrn Zinkeisen. Er sagte mit schmetterndem Akzent: »Und in der Tinte bleiben Sie, Herr Brecht. Ob ich drin bleibe, ist noch nicht gesagt.« Und er wandte sich zum Gehen. »Was wollen Sie denn machen?« rief ihm die fettige Stimme sarkastisch nach. »Haben Sie schon das Visum nach Amerika in der Tasche?? Feiner Empfang, der Ihnen da blühen wird. Wissen Sie denn noch nicht, daß wir das Geschmeiß sind in aller Welt? Und wo wollen Sie sich denn noch Haltung pumpen, außer hier?« Die Tür zum Büro stand offen. Herr Brecht hatte seine Stimme gegen Schluß etwas gesteigert. Das durch die Drehtür strömende ausländische Publikum vernahm zweifellos noch die Endsilben seiner prächtigen Bemerkungen. Manche begriffen's, manche nicht. Im übrigen war es ja auch belanglos. Aber in Herrn Zinkeisen entstand das Gefühl, als ob etwas in ihm um eine Etage tiefer sackte. Schöner kann man sich nicht prostituieren, dachte er, während er in steifer Haltung langsam durch das Vestibül schritt. ›So weit sind wir nun, hurra!‹ Eine Art Verschmitztheit packte ihn plötzlich. Er krempelte sich innerlich die Hemdärmel auf. ›Na, denn man zu! Wozu denn auch die dumme Verstellung! Was soll man noch mit einer Würde protzen, die längst hinuntergeschwemmt ist, wie schlechter Stuck von gestern!‹ In sein Hirn, wie Kautschuk, schnellte immer wieder dieselbe zähe Vorstellung zurück: ›Da hat dieser Mensch ein paar hundert Pfund, und benutzt sie noch nicht einmal, um durchzubrennen . . .‹ Das Bild seines Heims verfolgte ihn wie ein Kobold. Er kniff die Augen zusammen, wie um es nicht sehen zu müssen, und genehmigte sich wieder ganz gegen seine sonstige Gewohnheit in der Bar ein scharfes Getränk . . . Das machte das Kopfweh, verstehen Sie? – Ein leichter Fieberanfall vielleicht . . . An dem heutigen Abend kostete es ihn noch größere Mühe, so zu tun, als sei sein Interesse an den englischen Herrschaften rein funktionell. Der pockennarbige Ober wurde mit leichter Handbewegung wieder aus dem Bannkreis des Tischchens entfernt. Er versorgte ja ohnedies noch vier andere Tische . . . Herr Zinkeisen hatte das Feld für sich. Dies wäre (in Anbetracht der erwähnten gottgewollten Ausnahmestellung dieser Gäste) nicht aufgefallen, wenn Herr Zinkeisen für Kenner seines sonstigen Gehabens des Guten nicht ein wenig zu viel getan hätte. Aus der Weinbestellung wurde eine geflüsterte Konferenz. Die Wahl des Menus verstieg sich in höhere Politik. Sein Englisch, in letzter Stunde frisch memoriert, hinlänglich abgeschliffen, erstrahlte in bescheidenem Glanz. Selbst kleine Kürzungen brachte er an, die er irgendwann einmal als schick empfunden. Er gebrauchte von dem Sekt den Ausdruck » topping «, oder » ripping «, oder was solcher sportlichen Wendungen mehr waren. Die Dame lachte amüsiert. Es war ein kindliches, glockenreines Lachen, das ihre Schultern beben machte. Sie betrachtete sich Herrn Zinkeisen, wie man eine Sehenswürdigkeit zu Notiz nimmt. Dies war ein Mann, der den Jargon eines englischen Dieners im Munde führte und dessen Format dennoch so was Erdrückendes hatte. Alte, tuschelnde, vertrocknete Diplomaten war sie gewöhnt, die sich stuhlrückend und einschmeichelnd sanft, im übrigen stumm wie Fische um sie bewegten . . . Sei es in ihrem Heim, wo sie schwarze Velourfräcke mit leise knirschenden Kniehosen trugen, oder sei es in helvetischen oder französischen Hotels, wo sie sozusagen nur symbolisch vorhanden waren als Bestandteil des Milieus. Doch daß sich ein stämmiger Niedersachse mit treuherzigem Feldherrnblick diesen gesäuselten Ton leistete, fiel ihr als drollig auf und stimmte sie leicht albern. Ein ebenso starker Anreiz zum Humor war ihr in diesem Zusammenhang der korrekte Ernst ihres Gemahls. Sie wurde blendender Laune, sie schmunzelte Herrn Zinkeisen sogar diskret ein wenig zu. Das Moiréband auf einer Schulter glitt ein paar Zentimeter herab; das kam von verschlucktem Beifall, und sie tat gar nichts, um das kleine Derangement an ihrer Toilette richtigzustellen. Die Bedienung hatte vorläufig, abgeschlossen durch drei angedeutete Bücklinge und ganz leichtem Klappen der Lackschuhe aneinander ihr Ende erreicht, und Herr Zinkeisen zog sich mit der fröhlichen Verheißung zurück, daß er persönlich in der Küche noch nach dem Rechten sehen werde. Sein Gesicht war etwas gerötet, als habe er eine Gewissensfrage in Ordnung gebracht. Der Engländer schickte einen grauen Blick hinter ihm her und bemerkte dann mit leblosen Lippen und stärker vorgeschobenem Oberkiefer etwas von »Zudringlichkeit«. Diese Bemerkung wurde von der jungen Dame durch silberhelles Lachen entgiftet. Er sei humorlos; sie finde den Mann ganz originell. Auch sei man hier schließlich auf dem Kontinent, und sie sei froh, von einem Untergebenen endlich einmal ernst genommen zu werden. Ihren Butler zu Hause wage sie nicht derart scharf zu beschäftigen; flugs müsse sie dann Angst haben vor seiner gekränkten Onkelmiene. Er solle nicht immer den langweiligen Tory mit sich herumschleppen. Trotz Indien sei die Welt doch noch bunter, Gott sei Dank, als sie sich in seinem schmalen Schädel male. Diese Predigt amüsierte den Engländer nun gewaltig, und er bog sich mit abgehacktem, kurzem Lachen in den Stuhl zurück. Es war sein Klubgelächter, und sie liebte es an ihm. Was sie denke! Er verstehe doch, Teufel ja, eine Masse Spaß. Man müsse sich anpassen; sie habe recht! – Worauf sie sagte, daß es sehr tolerant von ihm wäre, ihren Standpunkt zu teilen. Hierauf steckten sie die Köpfe zusammen und prusteten sich wie zwei große Kinder ins Gesicht. Mit Mühe beherrscht, blinzelten sie sich die Augen nach einem Schluck Champagner wieder blank. Diese Heiterkeit ging nicht nur auf Kosten Herrn Zinkeisens, dessen rotgesichtige Geschäftigkeit wieder im Saale spürbar wurde, sondern auch auf Kosten dieser ganzen hemmungslos schlemmenden Menschheit ohne Rasse. Ihr Gelächter war spurlos in der Musik untergegangen. Nun erschien Herr Zinkeisen und sagte mit einem Senkblick auf die Dame: »Es ist alles in bester Ordnung! Alles schon unterwegs!« – Dann postierte er sich etwa zwei Meter entfernt wieder in scheinbar unbeteiligter Aufseherhaltung neben den Tisch. Er versäumte nicht, kurze Ausflüge zu anderen minderwertigeren Herrschaften zu machen; doch nie entfernte er sich so weit, daß er nicht durch ein leichtes Wort wieder zurückgelotst werden konnte. Bei dem englischen Paar, das bester Laune schien, wurde der Wunsch nach einer zweiten Flasche Sekt lebendig. Das Zugehörigkeitsgefühl zu seinem Lieblingstisch wurde in Herrn Zinkeisen immer stärker. Auch blieben die drei Cocktails, die sich Herr Zinkeisen genehmigt, nicht ohne Wirkung: sie waren wie Benzin auf glimmendem Zunder. Er riskierte eine leichte Verbeugung, eine kleine Schelmerei: »Wir wollen es«, sprach er flüssig, »heute einmal auf eine Nacht ankommen lassen, was?« – Worauf die Dame mit einer Stimme, die von verschlucktem Lachen bebte, ihm recht gab und der Herr ihn einen verschmitzten alten Sünder nannte. Beschwingten Schrittes eilte er dem Kellner entgegen, den er ausgesandt, entraffte ihm die Flasche eigenhändig, entkorkte sie mit neckischen Gebärden und schenkte ein. Bei dieser Gelegenheit, ein boshafter Gott mochte wissen wie, benahm er sich ungeschickt. Vielleicht kam ihm blitzartig zum Bewußtsein, daß es mit der »Zugehörigkeit« doch eine eigene Bewandtnis habe . . . Jedenfalls zitterte seine Hand und der Sekt spritzte abseits, ja, einige Tropfen verirrten sich in den Busen der Dame. – Ein drohender Unterkiefer schob sich plötzlich wieder vor, und die Eingefrorenheit war da, das erkältende Moment. Die Dame sagte lediglich: »Eine Dusche . . .« – während von der anderen Seite her scheinbar von Turmeshöhe eine rostige Stimme laut wurde: »Nehmen Sie sich doch zusammen!« Der schwarzhaarige Kellner sprang sofort ein, der nicht umsonst von Neugier geplagt auf der Lauer gelegen hatte, und nahm Herrn Zinkeisen den Rest der beschämenden Beschäftigung ab. Diesem fuhr das Wort des Engländers wie eine kalte Nadel durchs Hirn. Schmerzhafte Verschiebungen geschahen in seinem Innern. Er raffte alle noch vorhandene Würde zusammen, trat erblassend vom Schauplatz und tat die halbe Stunde, da die Herrschaften noch speisten, nichts mehr dergleichen oder vielmehr nur das Nötigste. Das Ausland gibt Audienz So kam es auch, daß Herr Zinkeisen fast erschrak, als der kleine Hallenpage nach dem Aufbruch der Engländer erschien und ihn ins Rauchzimmer hinüberbat. – Dort sitze ein Herr, der ihn zu sprechen wünsche. Gemessen nahm der Aufseher den Auftrag in Empfang und wanderte durch das Hotel, langsam hier und da kurzes Kopfnicken spendend . . . Wollte er sich das Rückgrat stärken durch einen zeremoniellen Abzug? Im Rauchzimmer saß der Engländer allein in einem geräumigen Ledersessel, und es traf sich so, daß zufällig niemand zugegen war. Mit leicht militärischem Schritt näherte sich Herr Zinkeisen; wozu wurde er benötigt? Hing es etwa mit der kleinen Ungeschicklichkeit von vorhin zusammen? – Aber dies war doch ganz offensichtlich eine Lappalie, die von Herrenmenschen nicht aufgebauscht zu werden verdiente! »Sie wünschen?« fragte er. – Der Engländer antwortete nicht sofort. Er starrte nur zu ihm herüber. Es war aber keine Indignation in diesem Blick, sondern eher große Nachdenklichkeit, so als sei die sich nähernde Person aus Glas und als betrachte er durch sie hindurch aufmerksam einen Gegenstand hinter ihr an der Stuckdecke oder sonstwo . . . Plötzlich fuhr er sich mit der tropengelben Hand, an der ein großer, aus Karneol geschnittener Siegelring saß, über die schmale Stirn . . . Und endlich fragte er: »Ihr Name ist Zinkeisen?« »Zu dienen, mein Herr.« »Scheußliches Wetter im Vaterland, was?« Herr Zinkeisen war verwirrt. Er erwiderte bieder und zurückhaltend: »In jeder Beziehung, mein Herr. – Sie beobachten scharf.« – (Die Unterredung vollzog sich in flüssigem Gebrauchs-Englisch.) – Die hagere Figur steifte sich, so daß sie die Lehne nicht mehr berührte, und zog die in die Gegend vorgestreckten Füße mehr nach der Kante des Sessels hin. Der Rauch einer süßlichen Zigarette stieg kaum gewellt aus den Mundwinkeln des Engländers empor; während er redete, geriet der Qualmfaden nur in sanftes Schwanken, so äußerst lippenfaul kamen seine Worte: »Sie haben heute einen kleinen genehmigt, was? – Kann man verstehen; muß ja auch scheußlich sein, den Betrieb zu sehen bei dieser verrückten Valuta . . .« » Yes, Sir. – Es ist kein schönes Leben.« »Großer Gott, wenn ich in Ihrer Haut steckte, ich läge wahrscheinlich den ganzen Tag glorreich betrunken unter dem Tisch, verstehen Sie? – Und ich würde keinen Finger rühren, um diesen Gaunern zu helfen.« »Ich muß existieren, mein Herr.« »Wenn man aber fühlt, daß man nicht am Platze ist . . . Kommt mir vor, als durchschauten Sie den Betrieb . . . Muß doch eine Sorte von Hölle sein für einen anständigen Kerl . . .« »Sehr richtig, mein Herr. Die Neuigkeit Ihrer Auffassung hat etwas Frappierendes.« – Herr Zinkeisen leistete sich diesen kleinen Sarkasmus. Es war ihm alles gleichgültig geworden. Er fühlte fast schon das Bedürfnis, alles in sich aufzureißen und sämtliche Schubladen hervorzuziehen, die gehäuft voll lagen von Nieten des Lebens. »Ja, mein Herr,« sagte er fast drohend und trat einen Schritt näher, »wir sind sehr ins Hintertreffen geraten. Wir haben diesen Krieg verloren, aber wir haben es nicht nur als Volk auszubaden. Jeder einzelne muß blutig bezahlen. Es gibt sogar Landsleute, die dabei fett werden und prosperieren. Es gibt aber auch Menschen, denen die ganze Würde wankt. Ich bin ein einfacher Mensch. Ich habe mich mißbrauchen lassen in gutem Glauben. Hinschmeißen hätte man es sollen, rechtzeitig hinschmeißen. Aber was wollen Sie, wenn die Panzerfaust im Nacken sitzt?« – Sein Gesicht wurde fleckig, seine Lippen zitterten, seine Haltung war gelöst. – »Und ich kenne doch die Welt. – Ich bin herumgekommen. – Unsere Presse hat uns belogen, wir sind auch wohl einmal mit Hurra durch dick und dünn gegangen wie Ihre Tommies. Ein paar Wochen, nun ja, bis man Bescheid wußte, ein paar Monate, bis man Routine daraus machte und gar nicht mehr nachdachte . . . ›Das ist nun so eine Auseinandersetzung in großem Stil‹, bildete man sich ein, ›und darunter geht das Verständnis weiter‹, – verstehen Sie – ›von Mensch zu Mensch.‹ – Daran hat sich ja gar nichts geändert, mein Herr, an solchem Verständnis; nur die Politik und die Presse haben so jämmerlich gehaust.« – Er wurde immer erregter, er wanderte mit kurzen, exakten Schritten auf dem Teppich hin und her; zuweilen dämpfte er seine Stimme, wenn Menschen die Halle durchquerten; er tat die Maske an und nahm sie wieder ab . . . Der Engländer starrte ins Leere an die Stuckdecke. Herr Zinkeisen brachte noch manches hervor. Der angedämmte Strom, die Bitternis von Jahren wollte sich nicht ohne weiteres lösen. Bruchstückweise kam es, wie sein Hirn es ihm zuspülte. Doch hatte das Bekenntnis das Gepräge der Echtheit. »Wo will man hinfassen«, rief er gestikulierend. »Wohin man greift, ist nichts zu erwischen. Alle gewohnten Werte sind schlüpfrig geworden. Man will ja nicht viel, man will ja eigentlich bloß leben dürfen nach bescheidenem Vermögen; aber wo kann man es? Überall hindern einen die Bestien im eigenen Land, und im Ausland wird man nicht mehr als Mensch genommen, sondern mit den Theaterrequisiten der Machtbesoffenheit von früher in die Ecke geworfen . . .« »Es gibt auch bei uns solche Leute«, sagte der Engländer mit seiner rostigen Stimme. »Es gibt sie überall.« »Sie sind sehr gütig, mein Herr! – Aber inzwischen macht die Zeit noch keine Anstalten, diese Profitgeier auszumerzen. Es ist alles ein großer Humbug, und jede Vernunft ist aus der Welt. Sie selbst werden freilich nicht davon berührt. Dies Affentheater amüsiert Sie; Sie schweben darüber. Entschuldigen Sie, wenn ich so von der Leber weg spreche. Aber glauben Sie mir, auch in mir rührt sich ein Bedürfnis nach Sauberkeit. Verwechseln Sie mich nicht mit den anderen Menschen, die im Trüben fischen.« Der Engländer fuhr sich wieder mit der Hand über die Stirn und lehnte sich lässig im Stuhl zurück. »Nun, wir wollen nicht persönlich werden«, murmelte er. »Es gibt auch für mich Probleme. Sie sprechen übrigens ein erstaunliches Englisch. Sie sind viel herumgekommen?« – Der Tonfall klang so, als wolle er alles vorher Gesprochene beiseite schieben, als sei es ihm plötzlich lästig geworden, Vertraulichkeiten Herrn Zinkeisens entgegenzunehmen. Der Aufseher stand still, dann ging er müde zu einem Stuhl an der anderen Seite des Rauchtischchens und setzte sich schwer und massiv darauf. »Allerdings bin ich herumgekommen. Ich war vor dem Kriege ein selbständiger Mann. Ich war Vertreter einer Hamburger Firma und darf wohl sagen, daß es wenige britische Kolonien gibt, die ich nicht kennen »Waren Sie auch in – – Singapore?« »Auch dort.« »Wann war das?« Herr Zinkeisen dachte etwas nach und meinte dann zögernd: »Etwa im Mai 14.« »Und wo wohnten Sie damals?« Herr Zinkeisen ermunterte sich. »Lassen Sie sehen . . .« »War es das Adelphi?« »Das kann wohl stimmen. – Ja, in der Tat: es war das Adelphi. Ein irischer Manager war dort. Maloney.« Der Engländer schwieg eine Weile. Er hob den Kopf. Seine Augen waren halb zugekniffen, er musterte Herrn Zinkeisen wiederum auf eine seltsam gründliche Art, die nichts mit Kritik zu tun hatte. – »Das ist seltsam«, sagte er endlich. »Das ist verdammt seltsam.« »Wie bitte? – Was ist seltsam?« Der Engländer schwieg, steckte sich eine neue Zigarette an und lehnte sich wieder zurück. Er ließ sich zu keiner weiteren Erklärung herbei. – Herr Zinkeisen war beunruhigt. Er blickte ihn mit seinen ehrlichen blauen Augen forschend an, kam jedoch zu keinem Ergebnis. Offenbar war das letzte Wort eine allgemeine Bemerkung gewesen, um die ganzen Zeitläufte zu kennzeichnen mit Inbegriff seines eigenen Schicksals. Da der Engländer beharrlich weiter schwieg, stand er auf. Etwas Unerfülltes fraß an seiner Seele. Man hatte ihn in ein vertrauliches Gespräch zur Hälfte hineingelockt, hatte ihn ausgepumpt; damit war nun die Sache erledigt. Mit kühler Handbewegung wurde ihm angedeutet, daß das Gespräch nun zu Ende sei. »Sie können mir«, sagte der Engländer noch mit großer Mundfaulheit, »den Kellner mit einem neuen Syphon herüberschicken. Ich bleibe heute noch ein wenig sitzen.« Herr Zinkeisen nahm mit gewohnter Gebärde die Bestellung entgegen. Sein Gesicht war fleckig. »Sehr wohl, mein Herr. Benötigen Sie mich noch?« » No «, sagte der Engländer. – » That will do. « Herr Brecht hat Grund, sich zu wundern »Das genügt«, hatte der eingebildete Bursche gesagt. Der saß nun im Rauchzimmer, das er gepachtet, in einem Stuhl, den er gepachtet, und blies seinen Rauch gegen die Stuckdecke. Ein Herrenbenehmen, kann man wohl sagen, eine verdammt selbständige Art . . . Herrn Zinkeisens Gemütserleichterung hatte nicht den gewünschten Erfolg. Seine Brust unter dem tadellos gestärkten Hemdeinsatz atmete beklommen. Eine Faust preßte sein Herz langsam zusammen wie bittersüße Qual. Diese Pulsbeschleunigung dauerte an; er spürte sie in den Fingerspitzen. Die Unlustgefühle ob des ergebnislosen Interviews wuchsen sprunghaft. Er hielt sich noch ein Stündchen im Saal auf, stellte die »Fassade« und »wirkte«. – Dann aber, fühlte er, könne er den inneren Zusammenbruch nicht länger vertuschen und empfahl sich vom Schauplatz in unantastbarer Haltung. Er ging zum Büro und fand den jovialen Herrn Brecht damit beschäftigt, Geldkursberechnungen aufzustellen. Breit, wie ein gesättigtes Amphibium, beide Ellenbogen aufgestützt und den Bauch mit der seidenen Weste gegen die Kante des Tisches gepreßt, lag dieser Herr über den Papieren, und in seinen slawischen, leicht tränenden Schlitzaugen war ein glückverlorenes Lächeln entstanden. Ohne aufzusehen, winkte er mit dem Bleistift. – »Kleinen Moment«, murmelte er. – »Ich bin gleich fertig.« Der Aufseher ließ sich schwer auf einen Stuhl fallen, so schwer, abschließend und gelockert, daß der Buchhalter flüchtig aufblickte. »Müde, was?« grunzte er. – »Kleinen Moment bitte.« Schnaufend saß Herr Zinkeisen da und blickte stier auf jene fette rötliche Hand, die eine zierliche Kritzelschrift am Rand des Papiers entstehen ließ. Ein großer Brillant warf im Schein der Tischlampe scharfe Lichthiebe in das Dunkel. Wie hypnotisiert folgten seine Augen den spärlichen Bewegungen, und ohne daß er's verhindern konnte, hatte sich aus dem Tröpflein Galle lawinenartig eine anschwellende Wut entwickelt, die ihm den ganzen Menschen zu sprengen drohte. Diese Wut richtete sich nur teilweise auf Herrn Brecht. Dieser war ja eigentlich nur ein Statist, wenn auch ein in den Vordergrund geschobener. Erfüllte die ganze Umgebung den Aufseher schon mit Abwehr und Schmutzempfindung, so gab es ein Loch, in das alle diese Leiden hineingesogen wurden. Das war das runde, satte und gleichgültige » No « des Mannes im Klubsessel draußen im Rauchzimmer; jenes Mannes, der auf dem kranken Leib Europas mit der Reitgerte hockte und Rauchringe dazu blies. Man ist ja nicht von seinem Schlag, das gibt man ja zu . . . dachte Herr Zinkeisen dumpf. – Aber ein bißchen sehr plötzlich wird man auf die eingeseifte Rutschbahn gesetzt und landet weiß Gott wo. Verdient habe ich das nicht. Das ist mehr als Eitelkeit; mehr als Selbstgefälligkeit; das ist verdammte Provokation. Als ob er nicht gleich mir über den Scherbenberg hätte hinüberklettern müssen! Er hat es leichter gehabt mit endlosen Konserven und Güterzügen voll guten Tabaks hinter sich. Ich habe ihn den ganzen Krieg über ehrlich beschossen, und er hat mir sein ehrliches Dynamit zurückgeworfen; allerhand explodiert ist zwischen uns. Nun aber ist das Match ganz und gar vorbei. Was berechtigt diesen Burschen, mir ungebeten die Würmer aus der Nase zu ziehen? »Kleinen Moment, bitte«, grunzte Herr Brecht und zog Schlußstriche unter seine Zahlenkolonnen. ›Ich bin ein Mensch,‹ ging Herrn Zinkeisens trübe Überlegung weiter, ›der was auf sich hält. Keiner, und mag er herkommen wo er will, hat die Berechtigung, mir krumm an den Wagen zu fahren. Tue ich nicht meine Pflicht? Man ist doch solid, man hat doch zu dem ganzen Unfug nichts beigetragen! Im Gegenteil, geglättet hat man, wo man konnte, Sprachen gelernt, mitgemacht . . . Gibt wohl wenige wie mich, und nun auf einmal kommt einer von denen da‹ – Herr Zinkeisen machte eine Daumendrehung nach dem Westen – ›und will mir erzählen, wer er ist . . . Reibt mir unter die Nase, was ich in seinen Augen bin, als sei es eine Schnupfprise, und verabschiedet mich wie einen kleinen Laufjungen . . . Das hätte mir damals passieren sollen! Das hätte mir nur passieren sollen!‹ Er war aus seiner Lethargie erwacht; er sprach die letzten Worte laut in das kleine Büro hinein. Herr Brecht, der sie als Anrede mißverstand, zuckte zusammen und verrechnete sich um einige Dezimalstellen. »Wie, bitte?« fragte er halb abwesend. Herr Zinkeisen war genau so erschrocken. – »Nichts«, stotterte er. »Man plaudert ein wenig mit sich selbst, während andere verdienen . . .« »Ja!« schrie der Buchhalter jetzt fröhlich und klappte sein Hauptbuch zu. »Dann ist man ja auch in ehrlicher Gesellschaft. Die einzige Ansprache, bei der man auf seine Kosten kommt! – Aber, Zinkeisen, Sie machen mir einen versonnenen Eindruck. Was ist denn mit Ihnen los, alter Knabe, seit vorgestern? Erzählt man mir nicht, daß Sie anfangen mit dem Alkohol zu äugeln? Klopfen Sie dem Liftjungen einmal kräftig auf den Arsch, er verdient es, das Rotzmaul . . . Und nun, wie steht's sonst? Wollen Sie auch ein kleines Geschäftchen machen? Ich kann mir ja denken, wie schwer es ein ehrlicher Mensch haben muß . . .« Eine merkwürdige Wandlung ging in Herrn Zinkeisen vor. Unter anderen Umständen wären ihm die weindunstenden Worte, die zwischen den Goldplomben dieses satten Mundes hervorquollen, als Herausforderung erschienen. Heute jedoch nahm er alles auf die leichte Achsel. Er fand sich erschreckend leicht in den Ton hinein. »Ganz treffend, was Sie da äußern«, sagte er mit seiner schneidenden Hamburger Stimme. »Sie haben es erfaßt. Das ist mir gestern schon klar geworden. Ich habe mir allerlei überlegt in der jüngsten Zeit. Schwerwiegendes, meine werte Person betreffend. Sie haben recht, daß Sie Devisen hamstern. Ich bin ein Esel, daß ich's nicht selbst getan habe.« »Das ist doch wohl zuviel gesagt«, beruhigte Herr Brecht. Er reichte eine große Zigarre hinüber, und in seinen schiefen Augen glomm Erwartung. »Nein, nein, keine Beschönigung. Es wird einem nichts geschenkt. Aber es wird Sie weiter nicht erstaunen, wenn ich den Kram nunmehr über die Schulter werfe.« »Wie bitte? – Über die Schulter werfe . . .?« »Ich baue ab, damit Sie mich richtig verstehen. Ich kündige. Nicht heute und nicht Ihnen; aber es muß sein, daß ich's Ihnen sage; morgen komme ich hier herein und kündige, und damit Gott befohlen.« Herr Brecht war so verblüfft, daß ihm die Zigarre langsam aus den Lippen glitt und mit dem glühenden Ende voran auf dem Tisch landete, Asche verspritzend. Er säuberte seine Umgebung mit Gepuste und Gewische. Dabei dachte er angestrengt nach. Ein toller Fall war dies, eine psychologische Angelegenheit. Wenn ein Seelöwe plötzlich, Flossen voran, durch die aufkrachende Tür ins Büro gefallen wäre, er wäre kaum verblüffter gewesen. Aber er war ein Mann der praktischen Vernunft und brauchte nicht lange, um sich zu fassen. »Das kommt mir überraschend«, sagte er endlich. »Sie wissen, man wird Sie sehr entbehren, und wie gedenken Sie . . .« »Ich gedenke vorläufig einfach abzubauen, durchzubrennen, wegzureisen . . . Über die Grenze . . .« »Aha! Also doch Amerika!« »Nein. – Vermutlich Indien. Zunächst einmal als Obersteward. Muß mich eindecken, und dann bliebe ich unten. Verhungern wird man nicht.« »Hm – hm«, meinte Herr Brecht nach einer Pause. »Die Idee ist gut. Haben Sie Beziehungen? Glauben Sie . . .?« »Es wird schon gehen«, sagte Herr Zinkeisen streng. »Man weiß doch, wer man ist und an wen man sich wendet.« »Schön, daß Sie das alles schon wissen. Ich wollte, mir ginge es ähnlich. Na, und Ihre Frau Gemahlin?« »Das ist noch ein anderer Punkt«, sagte Herr Zinkeisen und schluckte mehrmals hinunter. »Ich bin geneigt, meine Frau einige Zeit sich selbst zu überlassen. Hier ist eine Gelegenheit für Sie, zu einer einwandfreien Buchhalterin zu kommen. Das wird Sie entlasten, Herr Brecht. Meine Frau beherrscht die Routine, sie stenographiert, sie tippt wie ein Sturmwind, sie erledigt Ihre Korrespondenz und Sie haben dann mehr Zeit für sich selbst?« Herr Brecht glotzte ihn an. Dies war die zweite Überraschung, und was für eine! »Und Ihre Frau würde hier . . .« »Ganz richtig«, sagte Herr Zinkeisen. – »Hier im Büro würde sie sein. Sie wären ihr Vorgesetzter. Die Festsetzung des Gehaltes wäre« – und er trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte – »Ihnen überlassen.« »Sie wissen,« sprach der Machthaber, »ich war immer Ihr Freund, Zinkeisen.« »Ich weiß ein Vertrauen zu schätzen. Wir reden nicht weiter darüber«, äußerte der andere im selben schwebenden Schulmeisterton. »Wir reden kein Wörtchen darüber. Sie werden sie gut behandeln, und ich verdufte auf einige Zeit. – Ich brauche Seeluft und Leute von Welt.« »Originell . . .«, bemerkte nun, völlig erholt, Herr Brecht und schlug sich auf den von gestreifter Hose prall umsponnenen Schenkel. »Ich bin ganz erstaunt, Zinkeisen, daß Sie so praktisch denken! Natürlich machen Sie das! Was sollten Sie auch sonst machen! Das Naheliegendste!« Er drückte auf eine Klingel, die unter der Tischplatte eingelassen war. Dem hereintretenden Kellner gab er den Auftrag, eine Flasche Sekt mit zwei Gläsern zu bringen.. Munter geschwellt, erhob er sich von dem drehbaren Sessel und schritt an der Wand hinter dem Tisch hin und her. In leichtem Plauderton warf er des weiteren hin: »Dachte ja immer schon, Sie müßten einmal Vernunft annehmen. Gerade Ihnen, so dachte ich, müßte der ganze Betrieb einmal aus dem Hals herauswachsen. Grundvernünftige Kalkulation das Ihrerseits Zinkeisen. Sehen Sie, und dann kommen Sie einmal zurück, wenn wir stabilisiert sind, und dann sind Sie vielleicht derjenige, der uns alle in die Tasche steckt . . .« Herrn Zinkeisen entging diese gute Laune nicht. – Aber es war ihm fabelhaft gleichgültig. »Sie haben mir«, sagte er, »gestern so dringend nahegelegt, Devisen zu kaufen. Gestern hatte ich das Gefühl, es sei noch nicht nötig, da ja am selben Tag herausfliegt, was der Tag bringt. Doch heute sieht das Thema anders aus, und wir werden uns verständigen. Ich habe natürlich Spesen, bis ich eine neue Position finde, und dann ist es angemessen, mich wertsicher einzudecken.« Der Kellner erschien mit der Flasche Sekt. Herr Brecht schenkte die Gläser voll. Dann erhob er das seine anstoßenderweise und sagte schallend: »Na, prost. – Wieviel brauchen Sie denn?« »Sie kennen mich. – Ich glaube, daß man mir Kredit einräumen kann.« »Selbstverständlich. – Sie sind die Seele der Korrektheit . . . Die einzige noch nicht geborstne Säule, die von verschwundner Pracht zeugt . . .« »Sagen wir – fünfzig Dollar.« Herr Brecht verschluckte sich ein wenig, hustete und schloß die Augen. Er sah aus wie ein meditierender tibetanischer Mönch. »Eine unerhörte Summe«, flüsterte er. »Bin ich Ihnen nicht gut für fünfzig Dollar?« fragte Herr Zinkeisen eindringlich mit aufgerissenen blauen Augen. »Eine tolle Summe.« »Können Sie denn die Schublade überhaupt noch aufkriegen, so voll gepfropft haben Sie sie bereits . . .?« »Danke!« sagte Herr Brecht jetzt geschäftsmäßig und blickte nach der Schublade wie nach einem verdächtigen Gegenstand – »danke, mit einiger Mühe, ja.« Zögernd faßte er nach den Schlüsseln in der Hosentasche, und während er wie selbstvergessen noch damit klimperte, blickte er plötzlich auf. »Wann übrigens – wird Ihre Frau den Posten antreten?« »Übermorgen.« »Ganz recht. – – Natürlich steht Ihnen das Geld zur Verfügung. – Wollen Sie bitte eine kleine Quittung unterschreiben und mir auch die Namen von Leuten angeben, – – sollten Sie unerreichbar oder unabkömmlich sein . . .« »Gewiß.« – Herr Zinkeisen schrieb eine vorbildliche Quittung, die der Buchhalter leger in seine Tasche versenkte. Hierauf zählte er ein Bündel von fettigen grünen Scheinen ab und überreichte sie ihm. »Mein heutiges Gehalt von zweieinhalb Dollar gleich zehn Millionen wird gleich abgezogen. – So sind es nur noch siebenundvierzig Dollar und fünfzig Cent«, sagte Herr Zinkeisen langsam und korrekt. »Im Notfall setzen Sie sich vielleicht mit meiner Frau auseinander, wie meine übrigen Werte zu verflüssigen wären . . .« »Nanu, Werte?« »Sagen wir einige erstklassige Möbel, ein Wohnrecht, manches andere . . .« »So, erstklassige Möbel?« »Schöne Bilder«, fügte Herr Zinkeisen schnell ein. »Reizend gehäkelte Decken . . . Die Möbel sind gut gefedert . . . Das Bett, zum Beispiel, Herr Brecht! – ist beste Messingware . . .« »Hmm. – Das ist ja schön. Aber Sie sind mir gut für drei Jahre mindestens.« »Bestimmtestens«, versetzte Herr Zinkeisen. »Auf alle Fälle werden Sie entschädigt.« Er stand auf, trank sein Glas mit einem Schluck leer, gab Herrn Brecht einen biederen Händedruck, verbeugte sich kurz in der Tür und ging ab. Der Buchhalter saß bewegungslos da und blickte mit zusammengezogenen Lidern auf den breiten Rücken, der sich entfernte. Die Zigarre, von seiner Zunge gewälzt, rollte langsam von einem Mundwinkel zum andern. Noch einmal der Musterkoffer Herr Zinkeisen ging diesmal nicht zu Fuß nach Hause, sondern erkletterte das Dach eines Omnibusses. Er verabscheute, seiner Dollars wegen, die schlecht beleuchtete Straße. In seine Wohnung hinaufgelangt, spürte er zunächst das Bedürfnis, scharf nachzudenken. Er kannte sich selbst kaum wieder. Er gab sich aber auch durchaus keine Mühe, die eigene Bekanntschaft zu erneuern. Im schwarzen Rahmen der Schlafzimmertür schwebte ein blasser Fleck, und dieser, das wußte er ohne hinzusehen, war das Gesicht seiner Frau. Er tat so, als sei er allein. Er rumorte umher, pfiff vor sich hin, hängte seinen Frack umständlich in den Wandschrank und entnahm diesem seinen hellgrauen Tagesanzug, den er über eine Stuhllehne breitete. Dann kramte er irgendwoher einen großen Handkoffer hervor, legte ihn in die Mitte des Zimmers und öffnete ihn. Während er den Koffer anrührte, sah er die Hotelmarken, die er wie Heiligtümer geschont hatte. Bunte Hotelmarken aus aller Welt, rund oder eckig. »Luxor« stand darauf, »Khartum«, »Colombo«, »Singapore« . . . Alles hübsch nebeneinander, chronologisch sozusagen und maßlos verführerisch. Er kannte diesen Koffer wie einen alten Freund. Sorgen und Hoffnungen hatte er in ihn hineingestopft, alles erdenkbare Gemütsgepäck, und das war gut verschlossen gewesen in der treuen Gruft aus Kalbleder. Irgendwelche Gerüche spukten darin. Die kamen nicht nur von der Gerberlohe; das war der Äquator. Die Zeit träufelte siedendes Öl in sein Herz. »Warum gehst du nicht schlafen?« kam auf einmal eine träge Stimme aus der Schwärze hervor, und mit der Stimme trat ein Geschöpf in den Lichtkreis der grünen Lampe; mit aufgelösten Haaren und in fußlangem Hemd. Er hörte das leise Knarren der Dielen unter nackten Sohlen. – Spreizbeinig stand er da und sagte etwas heiser, und ohne sie anzusehen: »Ich packe.« Sie trat schnell herzu und faßte ihn am Ärmel. »Du packst . . .?« stammelte sie. »Mach keine Witze!« Das schweißfeuchte Haar hing ihr wirr ins Gesicht. Ihre Augen waren weit aufgerissen. Er tat ihre Hand vom Ärmel und sagte: »Ich war nie weniger zu Witzen aufgelegt, Mathilde.« Wie ein menschlicher Automat ging er in die Küche, trug die halbgeleerte Flasche, doch diesmal mit zwei Gläsern, herzu und machte es sich in dem schönsten, mit Quasten garnierten Fauteuil bequem. Sie beobachtete sein Gehaben mit offenem Mund wie ein Naturereignis. Dann, als er saß, schob sie ihren nackten Arm um seine Schulter. – – Auch diesmal befreite er sich, fast unwirsch. Sie stand mit zitternden Knien. »Herr du meiner Seele, was ist denn eigentlich mit dir los, Edmund? Du schmeißt das Geld im Zimmer herum . . . du trinkst; . . . was ist passiert?« »Passiert ist noch nichts. Aber es wird was passieren«, murmelte er und begann wie ein Automat allerhand Gegenstände herbeizuschleppen. Um dem riesigen Fragezeichen endlich gerecht zu werden, das er verursacht hatte, fuhr er abgerissen fort: »Ich gehe eine Weile ins Ausland . . . ich habe dies Leben sterbenssatt . . .« »Ins Ausland??« Sie ging im Zimmer umher, gedankenlos geschäftig, als ob es am hellichten Tage sei. Sie zupfte an Tischdecke und Stuhlkissen, sie »räumte auf«, wie sie es viele einsame Stunden hindurch ununterbrochen tat, während derer sie »raffte«, richtig stellte und gerade rückte, was nie schief gestanden war . . . Das machte das öde, unerfüllte Alleinsein. Er kannte das. Es war grotesk. Sie wollte es nicht wahr haben, was sie gehört; es war gar nichts gesprochen worden. Sie wollte es ihm gemütlicher machen. Haßte er nicht alle Unordnung? Und doch, nicht wegzuzaubern, mitten in diese Ordnungszelle hineingeschleudert lag das Symbol des Zigeunertums, der große offene Kalblederkoffer, klaffend wie ein schnappendes Maul mit Messingzähnen . . . Sie strählte sich mit den Fingern die Haare von der Stirn und schielte verkniffen nach den Hotelmarken. Wie Aushängeschilder der Unterwelt leuchteten sie bunt zu ihr hinauf. Sie fiel in die Knie, quer über den Koffer, und ihre Hände öffneten sich mit kratzender Bewegung, als wolle sie diese marktschreierisch orangefarbenen und karminroten Papierchen, diese fremden, gefährlichen, unverständlichen Amulette herunterreißen, die der liebe Gott nicht bloß auf den Koffer, sondern auch auf Herrn Zinkeisens inneren Menschen als Pfandzettel geklebt . . . Doch die »Reiche der Welt und ihre Herrlichkeiten« – die hätte sie nie und nimmer wegkratzen können. »Jetzt nimm dich zusammen«, sagte er schmetternd. – Sie wischte sich mit dem nackten Oberarm mehrmals über Mund und Nase; Tränen und Speichel glitzerten auf der Haut. Sie stand auf, stolperte einmal über den Hemdzipfel, auf den sie trat, und wankte nach dem Sofa. Fortwährend stieg ihr trockenes Schluchzen in die Kehle. »Du fährst einfach weg?! Und mich läßt du hier in der Luft hängen?!« »Ich denke, ich habe mich deutlich ausgedrückt. – Übrigens mache ich wahrscheinlich nur Saisonkontrakte . . .« »Ja, und was wird mit mir?« »Stenographieren sollst du. Briefe schreiben im Hotelbüro. Kündigen können sie dir nicht. Brecht wird schon entsprechend mit dir abschließen.« Er nahm einen Schluck, schlug die Beine übereinander und räusperte sich scharf. – In seiner Seele fuhr es fort, sanft zu rumoren. Unerhörte Aussichten schlängelten sich durch seine Phantasie wie fernlockende Höhenzüge, und auf diesem Traumpanorama machte sich das graue Schicksal dieser Kreatur völlig unbedeutend. Sie kannte ja nichts als ihren eigenen Horizont. Im Grunde genommen wurde sie jetzt von einem Tümpel zum anderen verfrachtet. Sache von Angewöhnung . . . Ganz großer Herr, trommelte er mit den Fingern auf der Tischkante. Ja, er trällerte sogar ein wenig. »Was willst du eigentlich«, fuhr er flüssig fort. »Zehn Dollar lasse ich dir hier, ein Vermögen . . . Anständig behandelt wirst du dort . . . Schließlich hast du doch auch deine Verwandten, was? Du mußt doch einsehen, daß du einem unternehmungslustigen Mann – – nicht in die Speichen fallen darfst.« – Dieser letzte Satz war sehr schön und schüchterte sie gänzlich ein. »Aber ich will dir ja gar nicht in die Speichen fallen!« rief sie eifrig, als ob sie sich dabei ertappt fühle. »Nimm mich doch mit!« »Absolut ausgeschlossen, Mathilde. Das siehst du doch ein.« Er legte sein strenges Gesicht plötzlich in die gewohnten biederen Falten. Sie wühlte mit den Blicken in seinen Zügen . . . Sie suchte . . .; dann sah sie hinter die Maske und schrie auf. Sie warf sich aufs Sofa zurück auf den Bauch und verschränkte mit aufgestemmten Ellenbogen die Hände im Nacken, der sich wie ein Uhrwerk bewegte. »Du lügst ja!« wimmerte sie, dumpf in das Kissen hinein. »Du hast ja gar nicht vor, zurückzukommen!« Seine Biederkeit verflog. – »Rede keinen Unsinn«, sagte er ehern. »Edmund, ich kenne dich. Diesmal lügst du mich an! Du willst mich los sein! Womit habe ich das verdient! Es ist dir hier nicht großartig genug! Das Hotel ist dir in den Kopf gestiegen! Du verachtest mich! Wenn du deinen Frack anziehst, bist du schon verändert . . . Aber heute wird mir's klar: Es ist nicht bloß der Frack . . .« »Ru–uhe!!!« dröhnte das metallne Organ. »Nein, ich schweige nicht!« Sie stieß mit beiden Beinen nach hinten. »Ich schweige nicht! Jetzt, wo du mich über Bord wirfst, habe ich auch ein Recht, den Mund aufzutun! So geschliffen ist man, so artig, so sauber! Ich puste dir was! Du bist noch immer der alte Zigeuner! Charakterlos bist du!« Sie schleuderte bei jedem Wort das Gesicht zurück, in seine Richtung; sie dehnte die Schultern, daß das Hemd zu bersten drohte. Sie war so unheimlich lebendig, wie Herr Zinkeisen sie nie gesehen; doch sah er ihrem Toben mit steinernem Gesicht zu. »Mir scheint, du brauchst einen Kübel Wasser über den Kopf«, konstatierte er endlich monoton. Er trank wieder einen kräftigen Schluck. Er leckte sich die Lippen und rührte sich nicht. Er legte die Hände auf die Knie, und seine Augen wurden zu blauen Steinen. Sie erschlaffte plötzlich. – Ein vollkommen fremder Mensch, der zuvor Herrn Zinkeisen beklemmend ähnlich sah, aber nichts mit ihm zu tun hatte, saß mit breiten Schultern dort im Stuhl . . . Saß dort wie eine treuherzige Kopie seiner selbst aus Wachs; und diese machte gewohnte Gebärden und glotzte mit runden, schlehenblauen Steinaugen zu ihr hinüber . . . Sie glitt plötzlich in die Ecke des Sofas und spannte die Arme um die heraufgezogenen Knie. Grübelnd betrachtete sie ihn. In das Zimmer sank eine Stille wie in einen Keller. Auf dem Teppich gähnte das klaffende Maul des Koffers. Die Uhr vom Schlafzimmer tickte herüber, sonst füllten die schweren Atemzüge der Frau alles aus. Unendliche Fremdheit hatte hier hineingegriffen. Alle vertrauten Gegenstände blinkten tot und feindlich. Sie begriff es kaum. Sie hatte ein Bedürfnis nach Wärme, doch sie konnte sich nicht an Holz anschmiegen oder an Tapeten. Die Augen nicht von der Gestalt im Stuhl gelöst, glitt sie vom Sofa und verschwand im Schlafzimmer. Was mochte sie vorhaben? Die Schwärze drüben wurde matt aufgehellt durch ihr Nachttischlämpchen; er hörte, daß sie es vor den Spiegel trug. Dort war sie eine Weile beschäftigt; dann ging das Licht wieder aus. – Währenddessen wuchs sein trunkenes Träumen ins Grenzenlose. – Doch auf einmal, kopfüber auf der Erde landend, erkannte er die Bedeutung der Geräusche und empfand Verdacht und Widerstand. Denn sie trat wieder in den Lichtkreis. Als einzige Bekleidung trug sie einen japanischen Kimono, auf dem noch die schäbigen Reste ehemaliger farbiger Stickerei schimmerten . . . Der Obi fehlte; der trieb sich wohl als Putzlumpen irgendwo herum. – Er hatte ihr den Kimono zur Hochzeit geschenkt, und Wochen für Wochen hatte sie ihn allabendlich darin begrüßt. Heute trug sie ihn der Länge nach offen; zerschlissen sah er aus; wie ein Stieglitz in der Mauser; die Watte des Futters war geplatzt und hing strähnig aus den Schmetterlingsärmeln. Und als sie sich nun mit halb schüchternem, halb herausforderndem Lächeln am Platze drehte und die Ärmel hob mit verbissenem Willenskrampf, mit letztem täppischem Aufgebot halbzerstörter Gefallsucht –, wuchs statt der ehemaligen Berauschung nur die Entfernung des Widerstandes; nur der Ekel am Kontrast . . . Schnellen Schrittes, mit kleinem, fragendem Aufschrei, lief sie plötzlich auf ihn zu und versuchte, sich an ihn zu schmiegen . . . Sie fühlte sich zurückgedrängt. Und diese Abwehrgeste war so unnachgiebig, daß sie in denselben Schritten nach rückwärts tappte und zu Boden glitt. Durch einen Schleier sah sie, daß der Automat im Stuhl langsam sich erhob und auf sie zukam . . . Dann wurde es schwarz um sie. – Herr Zinkeisen brachte sie zu Bett. – »Gott sei Dank,« dachte er dabei, »das wäre nun überstanden.« Er brennt durch Mit einem leichten Schreck fuhr er empor. Bleigraues Licht war in der Wohnung. Hastig drehte er sich nach der Uhr. Es war neun. Er hatte vorgehabt, um sechs Uhr aufzustehen. Aber vielleicht konnte noch verhindert werden, daß sie mit zur Bahn kam. Er betrachtete sie vorsichtig, noch war sie in bleiernem Schlaf. Sie war ihm gleichgültig. Nichtssagend war sie und gewöhnlich; und dazu dies bleigraue Licht. Schier lautlos schob er sich aus dem Bett und ging ins Wohnzimmer hinüber, die Tür schließend. Ab und zu gespannt auflauschend, stapelte er Wäsche und Anzüge in dem Koffer an. Den Frack, das Symbol seiner Würde, ließ er im Wandschrank hängen. Er wußte, wie man sich in den Tropen kleiden mußte. Allerhand warf er noch in den Koffer, was ihm zufällig zwischen die Finger geriet, mit konfusen, hastigen Bewegungen. Dann machte er eine Pause. Der Paß, jawohl, das Visum mußte in Hamburg besorgt werden. Das braucht nicht hier zu geschehen. Er zählte zehn Dollar ab und legte sie auf den Tisch. Mit schnellen Griffen zog er sich an – (was wenig Zeit kostete, da er anläßlich der gestrigen ungewohnten Gemütsorgie noch halbbekleidet ins Bett geraten war) – versäumte nicht, die kleine Bürste auf der Oberlippe und die Frisur schnell mit ein paar Tropfen Orangewasser zu behandeln, ergriff dann den Koffer und schlich sich ins Treppenhaus. Eine Beklemmung saß ihm ums Herz, wie er sie stets empfunden, wenn er sich bei Sonnenaufgang auf die Reise begab und große Pläne aus grauer Frühe keimten . . . Es war ein halbes Gefühl der Unsicherheit, ein Tappen . . . so ist es immer, wenn man sich von Altgewohntem losreißt, und sei es auch nur für Monate. Mit so unendlich vielen Widerhaken ist die Seele an Gewohntem verankert. Schier versonnen gelangte er auf die Straße, warf sich in ein zufällig vorbeikommendes Auto und fuhr zum Hotel. Wenn nichts dazwischen kam, so würde ihr bleierner Schlaf dort droben noch eine gute Stunde währen. Er sah sie vor sich, gelöst, hilfsbedürftig und zerzaust, aber er schob das Bild zu den anderen nach hinten, ganz von sich weg. Im Hotel angelangt, ließ er den Handkoffer im Auto und ging zwischen Scheuerfrauen hindurch, die den ungewohnten Zeitpunkt seines Erscheinens tuschelnd hinter ihm besprachen, zum Zimmer des Hoteldirektors, der, wie er wußte, relativ früh auf dem Posten war. Der Direktor war ein Mann mit einem gepflegten Vollbart, der soeben sein Frühstücksei verzehrte. Verblüfft blickte er auf. »Nanu, Herr Zinkeisen, was ist denn passiert?« »Es ist nichts passiert, Herr Direktor, aber ich sehe mich veranlaßt, zu kündigen.« Der Direktor stand auf und blickte ihn mit braunen Augen prüfend an. »Darf ich fragen?« »Ach, Herr Direktor, es hängt eigentlich mit keiner greifbaren Ursache zusammen. Ich fühle, daß ich mir ein wenig Bewegung machen muß. Ich bin sehr zufrieden mit dieser Stellung hier; aber ich brauche eine andere Betätigung.« Der Direktor strich sich den Vollbart und ging sinnend auf und ab. »Bedaure ich sehr, Herr Zinkeisen. Sie waren einer der wirklich soliden Angestellten hier, auf die man sich noch verlassen konnte. Es kommt mir ein bißchen plötzlich.« »Ja, Herr Direktor, aber diese Zeit verlangt Plötzlichkeit. Ein paar Zeilen, wenn Sie so gut wären.« »Haben Sie denn schon etwas in Aussicht?« »Vielleicht. Jedenfalls wird mir eine Bestätigung von Ihnen dazu verhelfen.« Kopfschüttelnd ging der Direktor an sein Stehpult und fertigte ihm die Abschiedsworte aus, die Herr Zinkeisen sorgfältig in seiner Brieftasche versenkte. Sie fühlten beiderseits, daß weitere Erklärungen überflüssig seien. Als er die Treppe wieder hinabstieg, bemerkte er den schwarzhaarigen Kellner, dem er den Dienst an dem bewußten Tischchen abgenommen hatte. Dies rief eine Gedankenverbindung in ihm hervor. »Drechsler,« sagte er, »ich gehe jetzt, ich verabschiede mich, und überbringen Sie den anderen Kollegen meine Grüße. Sagen Sie ihnen, ich hätte ein wichtiges Geschäft zu machen, das keinen Aufschub duldet. – Übrigens«, setzte er mit einem leichten maliziösen Lächeln hinzu, »werde ich Sie von jetzt ab nicht mehr hindern, Trinkgelder einzunehmen. Sie wissen schon, an dem Ecktischchen dort drüben.« »Herr Zinkeisen meinen die Engländer. Die wollen heute abend nach Wien weiterfahren.« »Soso«, sagte Herr Zinkeisen. Er blieb eine Weile unschlüssig stehen und wiederholte dann schier mechanisch: »Nach Wien, sagten Sie.« »Nun, derlei Herrschaften bindet ja nichts«, sagte Herr Drechsler scherzhaft. »Man ist einmal hier, einmal dort.« »Sehr richtig bemerkt.« Herr Zinkeisen sah im flackernden Blick des Kellners einen haltlos umhergehetzten Neid. »Sie haben es gut, Herr Zinkeisen, auch Sie bindet nichts. Sie gedenken außer Landes zu gehen.« »Das kann wohl stimmen, Drechsler. Ich nehme meine Beschäftigung von früher wieder auf.« »Ah, Indien«, murmelte der Kellner mit schlaffen Lippen. Die Serviette rutschte ihm unter dem Arm hervor und fiel zu Boden. Er merkte es nicht einmal. »Sie gehen nach Indien.« Und während sich der Aufseher und nunmehrige Weltreisende von ihm fortbewegte, stand er noch ein paar Sekunden da und ließ etwas ganz Großes, Krauses in seinem Hirn entstehen. In einer oder zwei Stunden würde das ganze Hotel, dessen war Zinkeisen sicher, vom Liftboy bis zum letzten Küchenmädchen hinunter, sich an dem mystischen Worte »Indien« berauschen. Ein letzter Gang war noch zu Herrn Brecht. Dieser war auch schon auf dem Posten, denn man mußte es ja. Man mußte die entschlüpfenden Werte von gestern noch am Schwanz erwischen, ehe sie schrumpften. Herr Brecht war verkatert, so schien es, oder war dies seine gewöhnliche Morgenstimmung? Seine slawischen Augen hatten sich hinter etwas verschwollenen Lider verkrochen. »Na«, sagte er, sich erhebend und schnell wieder zurückfallen lassend, »ich wünsche Ihnen alles Gute, Zinkeisen. Was abgemacht ist, bleibt abgemacht. Sie wissen schon. Und der Schreibtischstuhl dort«, er deutete mit dem Bleistift nach der Ecke, »ist schon für Frauchen vorgewärmt.« Der Humor dieser Bemerkung fand kein Echo. »Ich habe meiner Frau Mitteilung gemacht«, sagte Herr Zinkeisen sachlich, »daß sie hier einen Vertrauensposten übernehmen soll.« »Vertrauensposten? Ganz richtig!« pflichtete Herr Brecht bei, und ein leises Lächeln umspielte seine prallen Lippen. »Gutbezahlter Vertrauensposten. Übrigens, wann geht Ihr Zug? Wenn Sie eilen, erwischen Sie noch den zehn Uhr fünfzehn Hamburger.« »Ja, ja, ja,« sagte Herr Zinkeisen, »dann ist es wahrhaft äußerst eilig. Leben Sie wohl.« Er eilte nach einem nochmaligen Druck der weißen Reptilhand des Buchhalters durch die Halle hinaus zum wartenden Auto. Es war vier Minuten vor der Abgangszeit, als er am Bahnhof anlangte. Während er in der kleinen Kette von Menschen, die vor dem Schalter stand, fiebernd wartete, überkam ihn auf einmal die Angst vor der Möglichkeit, seiner Frau noch einmal zu begegnen. »Lächerlich,« sagte er dabei, »das ist ja gerade, als ob ich auf der Flucht wäre!« – Aber er spähte trotzdem ständig nach dem Eingang hin und war sehr erleichtert, als er das Billett in Händen hielt und im Laufschritt zum Zuge eilte. Kaum hatte er einen Blick auf den Perron geworfen, da sah er sie. Ja, das mußte sie sein. Sie wandte ihm den Rücken zu. Es waren vierzig bis fünfzig Schritte Entfernung. Spähend die Hände in die Hüften gestemmt, in zugeknöpftem Regenmantel, der wohl ihre hastige Toilette verstecken sollte, ein gelöstes Schuhband am rechten Fuß, so ging sie anscheinend, zu allem entschlossen, die Wagenreihe hinunter. Er erhaschte ihr Profil, und nun war es ihm zur Gewißheit. Hier hatte er das Billett, im nächsten Moment würde das Signal zur Abfahrt ertönen. Hastig ergriff er den Koffer und trat den Rückzug an. Sein Gesicht war fleckig, seine Zähne setzten sich hart aufeinander. Er mußte einen anderen Zug benutzen. Er war der Begegnung auf einmal nicht mehr gewachsen. Er fühlte, daß er sich hinreißen lassen werde, daß er brutal sein müsse, und alles, was an Respekt vor Ordnung und Öffentlichkeit in ihm saß, wehrte sich dagegen. Sollte er, ein Herr von Welt, sich von einer zeternden, schlampigen, gewöhnlichen kleinen Person eine Szene machen lassen? Der Wartesaal dritter Klasse war es, wo sie ihn wohl am allerwenigsten vermuten würde. Er ging in die hinterste Ecke und setzte sich mit dem Rücken gegen die Drehtür. Sie würde wohl kaum den Bahnhof durchstöbern, wenn der Zug abgefahren wäre, sondern ihn noch im Hotel vermuten. Jetzt hieß es, ruhig Blut zu behalten und auf gute Art wegzukommen. Er zog die Uhr. Der Zug mußte fort sein. Nach weiteren zwanzig Minuten konnte er wohl riskieren, sich nach einer anderen Möglichkeit umzutun, ohne ihr in die Arme zu laufen. Er ließ sich ein Kursbuch bringen. Das Billett verfiel ja nicht, und wenn er auf einer Strecke einen Personenzug benutzte, so bekam er vielleicht noch etwas herausbezahlt. Er stellte fest, daß in zwei Stunden ein passender anderer Zug gehen werde, und verließ den Bahnhof am hinteren Portal. Hier befand sich eine kleine Parkanlage, etwa einen Morgen groß, von Fabrikbauten umgeben. Er betrat sie und landete bei einer Bank, auf die er sich niederließ. Ein ganz feiner Nebel herrschte, Dampfsirenen tönten, Hochbahnzüge rasselten in einiger Entfernung vorüber. Alles erschien ihm klebrig und feucht. Die Fabriken begannen, die letzten Nachzügler ihrer Arbeitskräfte aufzusaugen. Es waren Stundenarbeiter, die kamen und gingen, wie man sie gerade brauchte. Sie fühlten sich, das sah man ihnen an, ausgenutzt mit der ständigen Möglichkeit, beim nächsten Termin auf der Straße zu liegen. Ihre Gesichter waren verhungert. Sie trugen einen zynischen Zug um den Mund, und bei keinem wohl fehlte die Schnapsflasche in der Rocktasche. Auch Frauen und Mädchen in ähnlicher Verfassung kamen vorüber. Sie schenkten dem gutgekleideten bürgerlichen Herrn dort auf der Bank schiefe, hämische Blicke. Einige machten obszöne Bemerkungen oder streckten ihm die Zunge heraus. In ihren Augen war auch er ein Vampir, so treuherzig und wohlwollend er sie auch betrachtete. Aber, was unter anderen Umständen Herrn Zinkeisens hemmungsloses Mitleid erregt hätte, war ihm heute nur lästig. Unsauberkeit war das, Unordnung, und wert, zermahlen zu werden. Dieses gehässige Schimpfen und Plärren aus dem Proletarierhaufen heraus schlug wie eine schmutzige Welle herüber, vor der man ein wenig zurückwich. Sie konnten ihm nichts anhaben, sie wollten ihn zu sich herunterzerren, und sie würden es wohl auch fertigbringen; denn etwas wackelte bereits an seinem inneren Halt. Aber noch hatte er das Billett in der Tasche, noch konnte er sich diesem entziehen und sich neu installieren mit Goldknöpfen auf einer weißen Stewardjacke, durch ein funkelndes Meer hindurchgondelnd, an dessen äußerstem Rande dieser Schlackenhaufen versinken sollte; und es packte ihn wieder diese Beklemmung um die Brust, so daß er tief aufatmen mußte. Es fröstelte ihn ein wenig . . . Während er, wie vom Schwindel erfaßt, die Augen schloß, trat ihm das Gesicht des Engländers wieder vor das innere Auge. Das war wo anders gewesen, ganz wo anders; und da blickten ihn die Augen grellblau aus dem tabakfarbenen Gesicht unter dem Helm eines Tropenhutes hervor wiederum an. Immer mehr gruppierte sich hinzu, bis Herr Zinkeisen auf einmal wie mit einer plötzlichen Erleuchtung eine Szene wiedererlebte. Ja, er erlebte sie wieder. Er war wie in einer Trance. Er saß hier in einem kalten, grauen, von blechernem Hämmern, Bahngerassel und Pfiffen durchsetzten deutschen Vormittag, vor sich den trostlosen Ziegelbau des Bahnhofs und weiter entfernt den Wald geschwärzter Fabrikschornsteine. Zwischen kümmerlichen, halbverdorrten Büschen saß er inmitten einer hungernden, schmutzigen Menschheit, die an ihm vorbeiflutete, und seine Seele war auf einer völlig anderen Ebene und sah mit anderen Augen ganz entschwundene, beklemmend fremdartige Dinge und feierte Wiedersehen mit ihnen . . . In dieser Verfassung fuhr er, nach einer Stunde, ab. Die »Reiche der Welt und ihre Herrlichkeiten« Ein deutscher Frachtdampfer führte, außer seiner Ladung und zwanzig Passagieren, noch einen schlecht bezahlten Speisesteward mit sich; namens Edmund Zinkeisen. Und dieser erbat sich unwirsch gewährten Urlaub vom Kapitän, um ein paar Stunden an Land zu gehen. Man lag vor der Westwharf in Singapore; es war Mai 1923. Der englische Hafenbeamte hieb den Kontrollstempel in seinen Paß; er durfte also an Land bleiben »während des Aufenthaltes des Dampfers«. Das war das größte Entgegenkommen, zu dem sich das Britische Reich gerade noch verstieg; dieses war noch grimmig und an allen Weltenden von den Nervositäten der Nachkriegszeit durchzittert. – Vom Kapitän aus hatte Zinkeisen um Punkt acht Uhr abends wieder an Bord zu sein. Er hatte sich für diesen Ausflug umgezogen. Statt der verschwitzten Leinenjacke mit Messingknöpfen und Hosen aus blauem Tuch, seiner Schiffsuniform, trug er heute einen tadellos gebügelten Tropenanzug, in Port Said fertig erstanden und bislang streng geschont. Zu steifem, etwas zu hohem Kragen eine jauchzend grüne Binde; an den Füßen frischgeweißte Segeltuchschuhe; auf dem Kopf einen zerbeulten Korkhelm. – So angetan, gedachte er, wenn es sich irgendwie machen lasse, diese oder jene Geschäftsverbindung von 1914 tastend wieder aufzunehmen; er hatte in seinem Notizbuch die Adressen ansässiger Kunden zur Hand; er wollte forsch ins Zeug gehen und die paar Stunden ausschlachten; glückte ihm ein einziger Auftrag, so konnte er vielleicht bei Bolshagen, wo man ihn in der Revolution jämmerlich abgebaut, wieder unterschlüpfen und seinen Interims-Schiffskellner an den Nagel hängen . . . Wenn auch noch ein Rest der alten Stämmigkeit in seinen Bewegungen ersichtlich war, so konnte doch nicht geheim bleiben, daß Zinkeisen an Format verloren hatte. Gut und gern dreißig Pfund. Sein Gesicht war jetzt glatt rasiert; seine Stimme leiser. Mit einer ausgiebigen Summe in U.-S.-Dollars in der Tasche (entnommen der sorgfältig geschonten Devisenanleihe bei Herrn Brecht) bestieg er einen der Sampans vom Fallreep aus und stieß ab, der Wharf zu. Zunächst saß er, von dem Sonnefunkeln geblendet, das über dem bleichgrünen Wellengekräusel der »Brani-Shaols« wie ein Schleier lag. Er kniff die Augen zu; altbekannte Gerüche kamen heran im feuchten Wind. Das Hirn eingewiegt ins lässige Dämmerlicht des Lidblutes, atmete er tief, als sauge er dies Indien mit einem Zug in alle Poren zurück. Als sei es gestern gewesen, anstatt vor neun Jahren. – Dieselben Raubvögel, deren Flugspiralen sich überschnitten, tropften ihre hohen Geierschreie herab. Zerfetzte Blüten schaukelten im schillernden Abfall der Dampfer, und zuweilen schob sich der fahle Schatten eines Haies quer durch die Kiellinie des breiten, flachen Bootes. Zinkeisen blinzelte . . . Sein matter Blick traf die Lagerschuppen an den Werften, langsam wurden ihre Konturen plastisch, und grellweiße Regierungsbauten entstanden auf einem Hintergrund welligblauer, glutgebadeter Hügel . . . Alles war wie damals und rückte auf ihn zu mit weitgeschwungener, einraffender Geste. Indem sein Auge einen Ruhepunkt suchte, blieb es auf dem Rücken des Rudernden haften, der vor ihm saß. Es war ein kräftiger Chinesenjunge. – Am Steuer hinter ihm hockte ein schwarzbraun gebrannter alter Malaie mit einem breitkrempigen, dunkelgrün lackierten Palmbasthut, in dessen Schatten sein Gesicht sich witternd und kauend regte wie das eines alten Bauernweibes. Über die Schulter des Knaben hinweg erhaschte Zinkeisen den Blick des Alten; unverzüglich grinste dieser im Schatten des Topfhutes und sprach aus der Tiefe eines hohlgesungenen Brustkorbs, zwischen betelroten Zähnen hervor, einige offenbar speichelleckerische Worte. Affenschnelle Verzerrungen zerknitterten dabei sein Gesicht. Der junge Ruderer drehte den Kopf und betrachtete ebenfalls höflich lächelnd den Fahrgast; er wiederholte die Worte des Alten mit heller Zwitscherstimme. Hätte Zinkeisen jetzt die alte biedere Maske, die frühere eiserne Miene aufgesetzt: flugs wäre das Gespräch eingeschlafen, und es wäre nichts mehr erfolgt. Er war aber diesmal so benommen und von Wiedersehensbeklemmung mit dem asiatischen Orient ergriffen, daß er zurücklächelte. Das war Wasser auf die Mühle der beiden. Es ist zuviel gesagt, wenn man von Unterhaltung spricht . . . Es war ein sprunghaftes und stammelndes Sichverständigen in den paar malaiischen Ausdrücken, die er aus dem Gedächtnis grub, in ein paar Pidginbrocken, wie man sie die Malabarküste hinab gebraucht. Doch es genügte vollauf, um eine großzügige Heiterkeit im Boot wachzurufen. Der Herr scherzte; also hatte er Geld . . . Denn wer Geld hat, darf scherzen und kann sich alles kaufen . . . Während einer Pause, die durch das Vorbeistürmen eines graulackierten britischen Wasserwindhundes, eines Motorbootes der Zollbehörde, nötig wurde, schlief die Unterhaltung wieder ein, weil man aufpassen mußte, und Zinkeisens Blick verschleierte sich wieder und blieb in satter Gedankenlosigkeit auf dem Rücken des Knaben haften. Versonnen sah er unter der seidigen, elfenbeinweißen Haut die in mäßiges Fettpolster gebetteten Muskeln spielen . . . Dieser Rücken, elastisch bald gebogen, bald gestreckt mit den weich sich entfaltenden und zusammenrückenden Schulterblättern, befriedigte ihn dumpf. Unter dem zerfransten, schmutzigen Leinenhut quoll des Knaben schieferschwarzes, steifsträhniges Haar hervor; oberhalb des Gürtels, der die sackähnliche Hose hielt, feuchtete sich die Haut der Hüfte sanft von Schweiß . . . Das Motorboot war vorüber, und der Junge wandte wieder den Kopf. Nächtliche Pupillen schwammen im öligen Bernstein seiner Iris, in schiefen Augenkerben, seidig befransten, die wie hineingeschnitten saßen in die beingelbe Haut der vollen Wangen. Schlohweiße Zähne entblößten sich bis zum rosa Kieferfleisch. Mitten in Herrn Zinkeisens treuherzigen Hamburger Blick hinein lächelte das junge China. Das war irgendwie eine ungemütlich, schwer zu definierende und keineswegs alltägliche Sache . . . Der Hafen trieb den süßlichen Duft des Dampferabfalls in seine Nase, und irgendwoher schwamm die Atembeklemmung gärender Stapelkopra, vermischt mit Teer. Zinkeisen war es, als müsse er sich gleiten lassen. Er schwatzte darauflos; doch war ihm, als wolle man das Mark aus seinen Knochen saugen . . . Der nackte Leib vor ihm beschwor andere Bilder herauf, denen er sich nie hatte nähern dürfen, seiner Reputation halber, und an denen er damals mit unmutigem Stechschritt streng vorbeimarschiert . . . Er riß sich zusammen. Er setzte sich steif und bereitete sich auf die Landung vor. Man legte an der Wharf an. Beide waren gleichzeitig eifrigst dabei, ihm aus dem Boot zu helfen. Der Junge stützte den Fahrgast beim Hinüberschreiten unter der Schulter. Dabei ließ er ihm ein kleines Stück Kartonpapier in die Außentasche der Jacke gleiten und lächelte ganz gewaltig, wie auf Vorschuß . . . Zinkeisen hatte den glatten Arm wohl bemerkt, der sich so flink an ihm zu schaffen machte, doch tat er so, als sei er blind . . . Mit kühlem Paschablick entlohnte er den alten Fergen. Diesem half es nichts, daß er im Hinblick auf den Jungen etwas Krauses und eilig Eindringliches zu stammeln sich mühte. » Good boy «, hörte Zinkeisen heraus. » Good guide... « – Zinkeisen ließ beide stehen und trat auf die Straße. Die grellen Ansprüche des Lebens fegten die verschwommene Träumerei dieser Fahrt aus seinem Kopf. Er holte sein Notizbuch hervor und gab dem Rikschakuli die erste der sechs Adressen, die er heute zu bearbeiten gedachte . . . Dann schwang er sich ins Gefährt und dirigierte, mit dem Rohrstock an die Schultern des Trabenden tippend, sein menschliches Zugtier. Das Echo von früher Zinkeisen hatte kein Glück mit seinen Geschäftsbesuchen. Teils waren die Parteien, auf die er es absah, seit dem Krieg nicht mehr am Platze; teils wurde er mit einer so eisigen, auf schnellste Abfertigung erpichten Miene empfangen, daß er es mit seiner Würde nicht vereinigen konnte, ein Plädoyer des im Schwefelgeruch schlimmer Tücke stehenden Vaterlandes und insbesondere des eigenen wohlmeinenden bedrückten Selbstes zu führen. Schon nach drei vergeblichen Besuchen merkte er endgültig, daß der Wind zu scharf wehe, um den Musterkoffer am Horizonte auferstehen zu lassen – ganz zu schweigen vom blauen Band irgendwelchen Völkerbundes, das es bieder zu schlingen gelte. – Ganz im Gegenteil erfuhr er Herbes, Nachteilig-Unhöfliches, geradezu unmotiviert Aggressives. Wir wollen seine Märtyrerfahrt nicht in ihren einzelnen Etappen aufhellen; genüge es, allgemein anzumerken, daß die Geistesverfassung der »Straits Times« es Herrn Zinkeisen noch nicht gestattete, sich als Menschen zu empfinden. Er sprach auch später sehr ungern von der Art und Weise, wie man ihm das deutlich machte. Mittlerweile, gänzlich erschöpft und eingeschüchtert, suchte er als letzten Schauplatz seiner damaligen Tätigkeit das Adelphi wieder auf, in der Hoffnung, Maloney daselbst noch anzutreffen und Erinnerungen mit dem sanguinischen Iren zu tauschen. Auch hier sollte er enttäuscht werden. In apoplektischer Bonhommie, im Wasserfett ungezählter » High-balls « blühend, war der Gute zwar noch zur Stelle, jedoch entsann er sich Herrn Zinkeisens, wie er mehrfach mit ebenso forscher wie falscher Bestimmtheit diesem ins Gesicht hinein versicherte, durchaus nicht. Es helfe nichts, daß er, Maloney, sich den Kopf zerbreche. Sein Gedächtnis habe gelitten; er sei nicht mehr der Alte . . . Worauf er sich ostentativ und fröhlich anderen Gästen zudrehte, bei deren Anblick sein Gedächtnis sich auffallend schnell erholte. – Zinkeisen blieb noch eine Weile unschlüssig stehen, kaum konnte er's glauben. Seine Würde war schon so wachsweich geworden, daß sie einen Sprung mehr oder weniger bereits hinnahm ohne aufzuzucken. – So kehrte er sich schließlich seufzend ab. »Ich erinnere mich durchaus nicht!« rief ihm Maloney nach. »Viel Vergnügen für den Abend, Herr!« – was bei Zinkeisen ein heftiges, eindeutiges Echo auslöste. Er sprach die Antwort nicht laut aus. In ihm saß dumpfe Verwunderung, daß ein Mensch innerhalb von neun Jahren zum Reptil werden könne. War er vielleicht nicht ganz passend gekleidet fürs Hotel? Er sah an sich herab . . . Ja, richtig; sein nachmittags so blühender Anzug war bereits verschmutzt und von verdunsteter Feuchte zerknittert. Er prüfte sein Kinn: Gott sei Dank, die Rasur wenigstens hatte Stich gehalten. Diese verfluchten Leinenanzüge . . . Vor sich hinmurmelnd durchschritt er den Hof des Hotels. Ihm war dabei, als werde er aus all den Empfangsräumchen der Zimmer mit grauen Blicken beschossen. Sie wollten ihm nicht einmal übel, diese Blicke; sie löschten ihn einfach aus. Eine Assel war er, die schnell über den Hof schoß – sie sind lediglich zu faul, die Engländer, um die Füße von den Tischkanten zu nehmen und das Insekt mit einem Fußtritt breitzuziehen. – – – Auf der Terrasse fand er ein Tischchen. bestellte sich ein Menu und lauschte zunächst den Klängen des Mischlingsorchesters. Es war wie früher, nur spielten sie diesmal nicht Wagner, sondern Sullivan. Der Boy brachte ihm eine Flasche Haig \& Haig auf einem versilberten Tablett und einen großen Siphon. Zinkeisen war sehr deprimiert, und in seiner Seele sah es schwarz aus wie am nächtlichen Himmel. Lichtblicke schienen nicht zahlreicher drein als die schwachblinzelnden Sternchen. Er stocherte ein wenig in der stark gewürzten Platte umher, jedoch nur, um sich den Durst zu schärfen, der sich allmählich regte. Nach der schweißtreibenden Hetzjagd des Nachmittags war das kein Wunder; einige Weinerlichkeit saß ihm unter der Kehle innerhalb der Brust und verlangte dringend nach Überschwemmung – wie eine glimmende . . . Häkelspitze . . . Man hatte barbarisch in der guten Stube gehaust, die Zinkeisen in sich herumgetragen; nasenrümpfend hatte man sich darin bewegt und alles kurz und klein geschlagen, ohne Respekt vor Gerafftem und Gescheuertem . . . Der Steward saß, zaghaft an seiner schwarzen Zigarre saugend, still im Winkel, den die von Bougainvillia dicht besponnene Häuserwand mit dem Terrassengeländer bildete, und stierte mit aufgerissenen Augen, die zu zwinkern vergaßen, geradeaus . . . Ihm gegenüber stand ein unbesetzter, reservierter Tisch, vom aufzischenden, weißblauen Licht der Bogenflamme übersprüht. Auf einmal schien der Tisch umringt von Leuten in weißen oder rohseidenen Smokings. Zinkeisen wunderte sich kaum; nur ein seltsamer Frieden zog in sein Herz. Die Leute wirkten ein wenig schemenhaft, doch das störte ihn nicht. Sie lärmten und pokulierten; wie aus weiter Ferne klang's; merkwürdig deutlich . . . Sie stießen an mit hohen, zylindrischen Gläsern, und auf einmal wandten sie wie ein Mann die Gesichter zu ihm hinüber, breit grinsend, und riefen: » Hello, Eddy! – Here 's to you! « Der Ruf klang, gesondert vom Orchester, wie von einsamer, entrückter Ebene herab; und jetzt drehte auch noch ein junger Melancholiker, der bei ihnen saß, den Kopf und schickte einen unbeteiligten Blick hinüber. Und Zinkeisen hatte gleichfalls sein Glas erhoben und rief ins Blinde und Leere hinein, mit kurzer, schneidiger Stimme: » Same to you, gentlemen! « – worauf er das Glas kommentmäßig stramm auf den Tisch zurücksetzte. Sein Mund blieb offen stehen; plötzlich erkannte er im Gesicht des Majors Prendergast dieselben Züge wieder, denen er vor nicht allzu langer Zeit im Rauchzimmer des deutschen Hotels seinen ganzen Abscheu vor dem Leben gebeichtet . . . Ha! Das war derselbe Mann gewesen, derselbe!! . . . Ein wenig älter hatte er ausgesehen; nun, die Kriegsjahre bewirkten das . . . Der saß nun da . . . wie war das doch? . . . Der saß nun wieder dort drüben . . . Wo? Wo? – die Bogenflamme zischte; der Tisch war leer. Teufel auch, wie deutlich man derartiges wiedererleben kann, im Gedächtnis! Und langsam, wie wenn eine Geisterhand Stück nach Stück zu einem Mosaik füge, tauchte das Bild des Abends vor neun Jahren, der hier an dieser Stelle begonnen, im Rauschen der Orchestergeigen wieder auf . . . Jäh packte ihn eine Eishand ans Herz: Er war kein freier Mann mehr. Der Urlaub vom Kapitän!! Er riß seine Uhr heraus; es ging auf halb neun. Der Urlaub war überschritten. Fast gleichzeitig mit dieser Feststellung kam aber eine große Gleichgültigkeit, über die er sich, mit scheuem und immer keckerem Erstaunen, kaum mehr verwunderte. Angeschnauzt, dachte er, werde ich auf alle Fälle, ob ich nun jetzt zurückkomme oder morgen früh . . . Mit dem Löschen ist man ja doch nicht vor morgen nachmittag fertig, und ich habe meinen » Permit to land « in der Tasche . . . Warum soll ich mir nicht ein gründliches Wiedersehen gönnen mit dieser Stadt? Diese Gedanken kamen ihm nicht wörtlich; es war nur ein instinktiver Trotz, der ihn die Uhr wieder in die Tasche versenken ließ . . . Er zahlte und ging. Seltsam schloß sich der Kreis, wiederholten sich die Phasen des damaligen Abends. Bei allem, was auf ihn zukam, spürte er Bekanntes – als habe man ihn wie ein mechanisch dahinschnurrendes Spielzeug auf eine vorgezogene Bahn gesetzt. Er ging durch die Hotelhalle und stand im Eingang. Herrgott, diesen Kuli, der dort wie ein ruhendes Kamel ungelenk auf seine Füße kam, kannte er doch! Das zerknitterte, alterslose Gesicht! Die ruhelosen Rattenaugen! Mit großer Selbstverständlichkeit trat der dunkle Herr aus Bronze wieder auf den Plan. Zinkeisen sagte nichts; äußerte keinen Wunsch. Er lehnte sich im bemalten Kasten zurück und ließ sich dahintragen. Und siehe: die fatalistische Traumfahrt blieb ihrem Ziel treu; er war der Würdenträger in der Sänfte . . . Ein großes, träges Glück umspülte ihn mit den feuchten Atemstößen des Monsun, der dieselben von chinesischen Schriftzeichen bedeckten Wimpel wie einen Flaggenwald bewegte. Da war das von bunten Lichtern schwärende Loch, und darüber tauchten grell sich ins Hirn ätzend die transparenten Buchstaben auf: » City Opera... « Es kam so, wie es kommen mußte. Zinkeisen geriet nicht in die vorderste Loge, sondern in eine der Bankreihen. Er war sehr betrunken. Ein rosa Zettel wurde ihm in die Hand gedrückt, und darauf entzifferte er taumelnde Buchstaben, lallend die Lippen rührend: » ... will present... The Most Comical Play... Baktom \& Baktim... « Auch dies berührte ihn seltsam bekannt. Sehr nett, dachte er. Man hat das Programm nicht geändert seit damals . . . Seit neun Jahren; das ist doch wenigstens konsequent; ist etwas, worauf man sich verlassen kann . . . Ja, auf den Osten kann man bauen! Er ist herrlich zeitlos! Immer bleibt es dasselbe! So ein kleiner Weltkrieg: – Was kümmert der diese Leute? – Es ist noch zu berichten, daß zwei Chinesen, gut gekleidete Herren sich seiner annahmen und ihn von beiden Seiten stützten. Seine Bemühungen, diese freundliche Hilfe dankend abzulehnen, schliefen zusehends ein. Sein Kopf war hinreichend klar, um eine kleine Unterhaltung zu führen. Die gelben Herren (eigentlich, wenn man's genau nahm, einwandfreie gentlemen! ) wußten seine Pointen zu schätzen und lächelten mächtig. Es ist doch schön, es mit gebildeter Gesellschaft zu tun zu haben. Wozu soll man auch so prüde sein! Gelb ist eben gelb, in Gottes Namen! Sind es deshalb keine Menschen? Ein Gefühl der Dankbarkeit beschlich ihn. Bei der Suche nach Zigaretten, die er ihnen anbieten könne, erwischte seine Hand ein Stückchen Kartonpapier, dessen Herkunft ihm im Augenblick nicht klar war. Er versuchte, es zu entziffern: die Chinesen halfen ihm dabei. » Individual Service, « stand darauf, » 111, Chin-Chew-Street. « Wenig mehr; noch ein kleingedruckter Name. – – »Sollen wir Sie dahin begleiten?« fragte der eine der Hilfreichen; und der andere, wie ein Papagei: »Es ist eine gute Adresse . . . Sehr gutes Haus . . . veely good house... nice boys... nice girls... « »Wird gemacht«, sagte Zinkeisen und verließ den Schauplatz mit seinen Freunden. – Wie er dann dahin geriet, war ihm nicht ganz klar. Nur einzelne Bilder blieben ihm hängen: mit einer seltsam farbigen, fremdartig-beklemmenden Wollust getränkt . . . Wie aus dem geschnitzten schwarzen Rahmen einer Tür hervor ein nackter Chinesenknabe ihm entgegentrat mit mattweiß schimmerndem Körper; – wie dieser ihn im rotgoldnen Licht von Lampions durch leis brodelndes Geräusch von Gesprächen steuerte, durch einen Haufen hockender oder liegender brauner Leiber, deren Tücher wie ein Beet von Feuerlilien prunkten; durch eine Decke von Hanfnebel, der in Schichten über Kämmen aus Schildpatt oder in blinder Brunst emporgedrehten Gesichtern schwankte . . . Es ging eine Treppe hinauf, steil wie eine Hühnerleiter, immer an der Seite des glatten, schmiegsamen Körpers, der ihn zäh und zielbewußt mit sich zog. Bedauernd schnalzte der nackte Knabe mit der Zunge über die Mühe, die es unseren Helden kostete, Schritt zu halten, – oder er lachte leise, wenn er dessen willenlose Bereitwilligkeit merkte . . . Man landete auf Bastmatten. Von irgendwoher, in einen abgedämpften Lichtkreis, schoben sich zwei kindliche Tänzerinnen. Hundert jagende Pulsschläge lang hielten sie, ohne zu schwanken, scharfabgezirkelte Posen fest, um dann ruckweise wieder wie erstarrt im Übermaß einer grotesken Unersättlichkeit zu neuen Bildern zu wechseln. – Hinter ihnen entstand langsam dunkler Blumenprunk und Blitzen von Messing und Silber: eine fette Frau schob ihre Fülle aus dem Schatten, bis ihr schwacher Umriß zuletzt wie ein verdrossener Dämon aus einem Shivatempel den Hintergrund wuchtig füllte. Erst als sie sich regte, ward sie Mensch, ward zu einer netten, humoristischen Matrone, die es mütterlich mit Herrn Zinkeisen meinte und sich auf ihre Krötenart ungeheuer geschmeichelt benahm um dessentwillen, daß er ihr Etablissement mit seinem unschätzbaren Besuch beehre . . . Sie war in grellfarbig bedruckte Seide gewandet, und er hatte das Gefühl, als sei er ihr schon irgendwann einmal begegnet. Und aus seinem Gedächtnis drängte sich ein Bild hervor: Eine offene Hackney-Droschke, in der ein junger Engländer denselben Pascha gespielt, den er selbst jetzt spielte. Der war umringt gewesen von sehr ähnlichen Figuren, und wurde gleichfalls betreut von einer feisten, sehr teuren und alterslosen Matrosen-Mutter . . . Tragische Heimkehr Gefühl eines Dampfbads, Atemnot und endloses Hufgetrappel. Und stechende Sonne. Zinkeisen riß die Augen auf und hatte den Nachhall der Schiffssirene im Ohr. – Er saß mit dem Rücken gegen eine Mauer gelehnt und blinzelte. Viel Farbiges und Grelles bewegte sich um ihn herum. Das Schattenband der Mauer war geschrumpft, so daß die Hitze von seinen Knien auf die Brust gelangt war. Wie er hierher gelangt, und wo er überhaupt war, blieb eine erbarmungsvolle Minute lang wesenlos für ihn. Als sein Hirn zu funktionieren begann, erkannte er zunächst, daß er maßlos schmutzig und abgerissen aussah. Und dann begriff er, daß es Mittag sei, daß er an der Wharf sitze, daß es die Schiffssirene seines eigenen Dampfers sei, die geheult hatte. Mit zitternden Knien stand er aufrecht und versuchte, seine Uhr herauszureißen. Vergebens; er fand sie nicht. Ohne sich länger aufzuhalten, stürzte er durch die Holzhalle, die auf der Anlegeplattform errichtet war, mit besinnungslosen Hechtsprüngen an die Bootsstufen. Hier saß der Alte, in dessen Boot er gestern hier gelandet, geruhig kauend in seinem Sampan. – » Ship! – Ship! « stieß Zinkeisen hervor und bezeichnete den Dampfer; worauf der Alte selbst – da der Junge fehlte – eifrig und zäh nach der Ruderbank kroch und anhob, mächtig auszuholen. Sein zerknittertes Gesicht war demütig-freundlich; er erkannte den Tuan von gestern. Wenn er über dessen Zustand verblüfft war, so versteckte er's so geschickt im Schatten der Hutkrempe, daß man ihm keinerlei Emotion anmerkte . . . Die knorrigen Arme rührten sich wie eine Maschine; wie aus siedendem Teekessel fuhr die Luft aus den morschen Lungen. – Allmählich erkannte auch Zinkeisen den Alten. »Nur feste geschuftet, alter Gauner«, dachte er und betrachtete ihn böse. – Dann, mit ins Riesenhafte steigendem, kaltem Entsetzen, befingerte er, ohne ganz den Mut zu haben, sie herauszuziehen, seine Brieftasche. Sie schien vorhanden zu sein; auch die Papiere; aber . . . das traute Knistern der Dollarscheine fehlte gänzlich. Er hatte nur noch einen kleinen Rest auf dem Schiff. Und dieser grinsende Tagedieb hier, dieser alte Kuppler, steckte mit der ganzen Gesellschaft, die ihn ausgeplündert, unter einer Decke, und er konnte ihm nicht einmal an den Kragen!! Er kam noch gerade zurecht, als man im Begriff stand, die Treppe hochzukurbeln, und als die letzte Kiste, von kreischender Dampfwinde gehißt, in den Bauch des Schiffes hinabpendelte. Die Kohlenschlepper, in ihrem geleerten Kahn, ließen ihr Schnattern in einen Abschieds-Singsang übergehen; knapp zwischen Schiffsrand und Kahn landete der Sampan, zum letzten brausenden Schrei der Sirene, und der Alte, keuchend wie ein Tier, heischte seinen Lohn. – »Den kannst du dir bei deinem jungen Galgenstrick holen, der meine Dollars hat!« schrie Zinkeisen ihn höhnisch an und schwang sich auf die Treppe. Zäh und geifernd wie eine Spinne kroch der Alte ihm nach. Da stieß der Steward ihn mit dem Fuß zurück und landete mit zwei Sätzen im Zwischendeck. Was tat nun der Alte jetzt dort drunten? – Ja, das ekstatische Stockzahnlächeln – das war ihm vergangen. Herabkollernd verzerrte er das Gesicht zu einem seltsamen Ausdruck, als ob er flöten wolle; – die Augen verdrehten sich, bis sie wie Perlmutter heraufschimmerten. – Und jeder, der seine Finger nach hinten unter die Jacke tasten sah, hätte Zinkeisen wohl in aller Freundschaft geraten, in Zukunft in Singapore lieber nicht mehr an Land zu gehen . . . – – – Das Gerücht von dem Zustand, in dem er seinen Landurlaub beendet, drang alsobald (um dies kurz abzuhandeln) zu Ohren des früheren Kapitäns zur See, jetzigen Frachtdampfer-Bosses; dieser sah »rot« und kündigte ihm prompt ab Heimatshafen. – Zinkeisen versuchte keine Beschönigung; er hatte das Schiff blamiert. Er erledigte seinen Dienst schlampig, rasierte sich seltener und verwahrloste . . . Ja, so weit war es nun mit ihm gekommen. Die glatte Mauer, die das ersehnte Ausland ihm entgegengestellt, hatte ihm eine Stirnbeule eingetragen . . . wie eine Hirnerschütterung war's, eine leichte Verblödung. Zuweilen träumte er von seiner Frau; es waren angenehme Träume. – Ein offener Kimono spielte eine Rolle darin und ein Gefühl von Versorgtsein und saturiertem Paschatum. Ganz intime, längst entwöhnte Genugtuungen schwemmte das Unterbewußtsein mit herauf, so daß die Person viel von ihrer Farblosigkeit verlor und, von Regenbogenrändern umrissen, eine emsige Tätigkeit in seinem Gemüt hervorrief. So bewölkt die Aspekte für ihn also waren, so saß doch im Hintergrund die angenehme Erwartung des Wiedersehns und der Möglichkeit, ihr klarzumachen, daß er sie im Grunde sehr schätze. Seine Rauheit beim Abschied: nun wohl, das war die Entgleisung gewesen von jäher Unternehmungslust und demnach emporschwellender Männlichkeit. Man fühlt sich eben von den Weibern gelangweilt, von ihren Zaghaftigkeiten und zimperlichem Getue . . . sie müssen einen Dämpfer kriegen; – aber (und Zinkeisen, beim Servieren, legte einen Finger an die Nase) ebenso auch einmal einen anerkennenden Klaps, wenn sie bei der Stange bleiben und sich strapazieren. – – Solchen auszuteilen und die Beziehungen einzurenken, war er jetzt nach der Heimat unterwegs. Mit den Herrlichkeiten der Welt war es nichts mehr; und nun begann man den Spatz in der Hand zu schätzen. Abgesehen von solchen Erwägungen leichter Reue und stetig wachsenden Heimwehs, spürte Zinkeisen, wie begreiflich, eine gewaltige Melancholie. Seine schöne Selbstsicherheit von früher, seine runde Eitelkeit hatte eine kranke Stelle, die langsam an ihr fraß . . . So, als zeige sich im Gerüst seiner Seele ein Rost, der die Vernietung lockere. Dem Parademarsch seiner Gedanken hatte die rauhe Welt ein »Rührt euch« zugebrüllt; nun waren sie aus der Ordnung geraten und stießen sich schmerzhaft. Mathilde, die kleine intensive, wenn auch farblose Person, mußte wieder Befehle erlassen, damit wenigstens eine »Schlange« daraus wurde, eine Queue, – damit die Begriffe anstehen konnten dort, wo es eine neue stramme Montur für sie gab. Er beschloß, ihr nichts zu schreiben; von der Kündigung durfte sie nichts erfahren; Blamage vor ihr fürchtete er jetzt wie Feuer. Er würde einfach auftauchen, wieder da sein – schlechte Auslandskonjunktur . . . Mündlich ging es alles viel besser; auch waren seine Hände vom Servieren und Spülen so zittrig und steif geworden, daß ihn die gewohnte Kalligraphie, so oft er's probierte, im Stich ließ. Kaffeestündchen zu dritt Ich liebe«, sagte Herr Brecht. »den Kaffee stark gesüßt. – Geben Sie mir noch etwas Zucker, Frau Zinkeisen.« »Hier! Gern!« sagte Mathilde sehr eifrig und schob ihm die Zuckerdose herüber. »Ich würde es vorziehen,« beharrte Herr Brecht, »den Zucker von Ihnen persönlich in den Kaffee geworfen zu bekommen.« – – Man sieht, er war in neckischer Stimmung und veranlaßte durch seine Beharrlichkeit die kleine Frau, sich auf das Sofa neben ihn zu setzen, um seinen Wunsch zu erfüllen. Herr Brecht, das wußte sie, liebte es, wenn man ihm auf dem Buchstaben gehorchte. – Nicht bloß an der Schreibmaschine. – Während dieses Intermezzos geschah die Katastrophe (doch hier ist es unerläßlich, daß ich einen Scheinwerfer auf die Situation richte). Herr Brecht hatte sich mit seiner neuen Sekretärin außerordentlich gut eingearbeitet. So war es ihm auch denn zur Gewohnheit geworden, die kleine Frau nach Büroschluß noch etwas zu begleiten. Einerseits schützte er sie auf dem Heimweg, und andererseits tat es ihm gut, noch etwas frische Luft zu schöpfen. So verband er mit seinem angeborenen Sinn fürs Praktische das Angenehme, nämlich die Erfüllung einer Kavalierspflicht mit dem Nützlichen; schlug sozusagen zwei Fliegen auf einen Schlag. Daß er sich zuweilen davon überzeugte, daß die kleine Frau auch gut in ihre Wohnung hinaufgelangte, war eine freiwillige Erweiterung dieser Kavalierspflicht; daß während solcher Inspektion auch der Genuß eines Täßchens Kaffee seine Gründlichkeit belohnte – wer will es ihm verübeln? Nach außen hin sah es zwar so aus, als hätte er für seine Erholung andere Tageszeiten wählen können als ausgerechnet ein Uhr nachts . . . Jedoch: was wissen wir? Schreiben wir in kleinlicher Weise einem vielbeschäftigten Mann etwa die Stunden vor, wann er sich erholen soll? – – – Es kann des Verständnisses wegen nicht verschwiegen werden, daß der Arm Frau Mathildes mit dem seinen in Kontakt geriet, und daß er in eigenmächtiger, geradezu herrschsüchtiger Weise diesen Arm als Schal für seinen Hals verwendete, obwohl es heute im August 23 keineswegs zugig in der Wohnung war. Doch vielleicht war Herr Brecht in bezug auf Hexenschüsse besonders empfindlich. Mit einer Bewegung, die leider sehr nach mechanischer Gewohnheit aussah, ergriff er einfach diesen Arm und zog ihn sich versonnen um die Schultern seines prachtvoll geschnittenen und prallsitzenden Cutaways. Dies muß alles gesagt werden, damit man begreift, warum das Folgende passierte. Drehte sich nicht plötzlich der Schlüssel in der Gangtür? – Ein paar schwere Schritte erdröhnten im Flur, und dann zeigte sich jemand im Türrahmen; ein Mensch, der einen Handkoffer trug und deshalb sofort vermuten ließ, er sei Herr Zinkeisen, – dazu kam noch, daß er als der einzige, Dritte im Besitz der Schlüssel war. – Der Mensch zeigte in der Tat frappierende Ähnlichkeit mit dem Hausherrn; was Mathilde jedoch zu dem großen Schrei veranlaßte, war sein geschmolzenes Format und sein heruntergekommenes Äußere. Hand aufs Herz, dies allein und nichts anderes war der Grund ihres erstaunten Aufschreis und der plötzlichen Bewegung, mit der sie vom Sofa fuhr. »Himmel! Edmund!« schrie sie. »Bist du das? Mein Gott, wie siehst du aus!« Herr Brecht war keineswegs erschrocken. Er nahm die Tasse, die er zum Mund geführt, bedächtig wieder ab, wobei er sich die Lippen leckte. – »Na, zurückgekommen, Zinkeisen?« sagte er. »Sehen in der Tat etwas schlanker aus.« Herr Zinkeisen trug mit zwei schweren Schritten den Koffer ins Zimmer und deponierte ihn auf dem Teppich. Dann stellte er sich reglos daneben und machte noch keine Anstalten, näherzutreten. Er dreht seine Augen langsam zwischen den beiden hin und her und sprach dann: »Ich hätte nicht erwartet, Herr Brecht, Sie in meiner Wohnung anzutreffen.« Wenn Herr Brecht überhaupt seine Fassung verloren hatte, so ließ er es jedenfalls nirgendwie durchblicken. Er tat einen Paffer aus seiner Brasilzigarre und äußerte: »Und nun treffen Sie mich an. – Sehen Sie mal.« Er kniff die schiefen Augen leicht zusammen und schob die pralle Unterlippe vor. – Herr Zinkeisen taumelte ein wenig, als habe man ihm einen Schlag vor die Brust versetzt; dann stabilisierte er sich, ohne noch vom Fleck zu weichen. »So setz dich doch endlich!« rief Frau Mathilde. »Du bist ja ganz schwach! – Ich mache schnell noch etwas Kaffee!« »Kapitale Idee«, sagte Zinkeisen jetzt und kam heran. Er ließ sich auf den freistehenden Fauteuil nieder. Schulmeisternd setzte er hinzu: »Doch laß das lapprige Zeug. – Ist etwas Schnaps da?« »Ja . . . Herr Brecht war so gütig, mir ein wenig Vorrat zu stiften. O Gott, wenn ich das von meinem Gehalt berappen sollte . . .« plauderte sie und holte eine würfelförmige kleine Flasche mit bunten Gläschen heran. »So, von Ihnen stammt das?« »Jawohl – ich war so gütig«, sagte Herr Brecht und paffte stark und zufrieden. »Ich hoffe, die Qualität konveniert Ihnen. – Ihr Wohl!« Er bediente sich selbst und hob schnalzend und liebenswürdig das Glas. – Zinkeisen tat ihm Bescheid; er tat ihm sogar noch öfter Bescheid. Dieses Gesicht von leichter Portweinfarbe schien ihn zu faszinieren. Es sah fast aus, als ob der Hausherr sogar zu einer kleinen Unterhaltung nicht übel aufgelegt sei. »Apropos, Herr Brecht,« meinte er und strich sich die Kinnstoppeln, »Sie ließen da vorhin, als ich Sie . . . als ich ein wenig unerwartet . . .« »Stets erwartet! Jederzeit mit Vergnügen erwartet!« ». . . Bitte unterbrechen Sie mich nicht: – ich sagte unerwartet – mich einstellte, – Sie ließen also etwas fallen von heruntergekommenem Aussehen . . .« » Ich? – – Ich dachte ja gar nicht daran. – Mir fiel auf, Sie seien etwas schlanker geworden. – Die Hitze sicher. – Auch ich würde abnehmen vermutlich bei Hitze. – Lediglich Ihr Gewicht, das war's, Zinkeisen, woran ich dachte. – Müssen Ihren Schneider umlernen lassen.« »So, so. – Nun, Sie haben jedenfalls Ihr Format behalten. Wenn nicht noch erweitert.« »Das ist möglich. – Ich habe ja auch meine Devisen.« Zinkeisen blickte ihn mit leicht blutgeränderten Augen an. »Immer noch munter beim Hamstern?« »Auch das. – Und eine von meinen Devisen heißt: ›Bleib im Lande und nähre dich redlich.‹ – Feine Devise, was? Hält prächtig ihren Kurs.« – Er lachte schallend und schlug sich auf die wie stets von gestreifter Hose zum Platzen eng umsponnenen Schenkel. Die Goldkette auf seinem Bauch klirrte leise. Seine Heiterkeit klang ein wenig einsam, denn sie wurde nicht geteilt. In Zinkeisen krümmte sich ein Mensch, der herabgeglitten am Fuß einer glatten Mauer lag mit einer Stirnbeule und leichter Verblödung. – Mit gewaltiger Anstrengung hob er sich innerlich empor, beschmutzt, wie er sich vorkam, und mit unaussprechlichen exotischen Makeln behaftet. So kam die Geste, die er vorhatte, zu schwach heraus, wie bei einem Bühnenberserker, der eine Keule aus Pappe schwingt; mit ächzender Anstrengung wirbelt er sie durch die Luft, doch beim Aufprall gibt es nur ein hohles Tönchen . . . Er starrt diesen selbstzufriedenen Mann an, der mit seinen Goldplomben und seinem widerstandsfähigen Körper da vor ihm saß, in feines schwarzes Tuch gekleidet, ein Bild prosperierenden Schiebertums, wie es runder kaum vorstellbar war; ein egoistischer Baisse-Kondottiere, dessen Wohlsein stets wie ein Korken nach oben schoß, der Oberfläche des europäischen Sumpfes zu . . . Und er wagte nichts. Wagte nicht, ihm seine Meinung zu sagen. Krümmte sich, steilte sich auf und – erlahmte. »Sehen Sie, Zinkeisen,« fuhr dies »Orakel im Cut« nun fort, »es wäre vielleicht nun doch gescheiter gewesen, Sie hätten Ihren Posten hier behalten. Nicht ob das mich viel anginge. Aber man sieht doch, wie ein Mensch sich verrennt, und spürt ein menschliches Rühren. – Ihre kleine Frau und ich haben uns gut miteinander eingearbeitet. – Was, kleine Frau?« Er zwinkerte nach Mathilde hinüber, die blaß dasaß und an ihrer Unterlippe nagte. – »Prächtig ausgekommen sind wir miteinander, das kann ich wohl sagen . . . Sie hat das bessere Teil erwählt. Sie ist auf ihrem Posten geblieben. – – – Aber es ist spät, meine Herrschaften . . .« Und er zog eine gewaltige goldene Remontoiruhr heraus und ließ sie zirpen . . . »Und ich will Ihre Wiedersehensfeier nicht stören!« – Lächelnd sich erhebend, bot er zwei biedere Drücke seiner großen warmen Pranken, dann ließ er sich – oh, er war nicht heikel und gab auch nicht vor, noch jung genug zu sein – von seiner Sekretärin in den leichten rehfarbenem Sommerüberzieher helfen. »Ich muß Herrn Brecht«, sagte Mathilde nach einer etwas ratlosen Pause, »unten aus der Haustür lassen, Edmund. – Einen Augenblick!« »Laß das, Mathilde«, sprach Zinkeisen dozierend und wie aus einer Erstarrung erwachend. »Bemüh' dich nicht. Schließlich ist das jetzt meine Sache.« »Galant!« rief Brecht lustig. »Galant! So lob' ich mir's! Gibt so wenig Männer, die ihre Frauen kavaliermäßig behandeln . . . Tjüs, Frau Zinkeisen . . .« »Adieu, Herr Brecht«, sagte Mathilde schwankend. »Und soll ich morgen zur gewohnten Zeit ins Büro kommen?« »Selbstverständlich. – Es gibt immer mehr Nullen zu schreiben! Immer mehr!« hörte man die schallende Stimme vom Gang, und Zinkeisen folgte dem Buchhalter schleppenden Schrittes und mit den Schlüsseln rasselnd. Es wird dramatisch Sie saß noch ganz erschöpft und hastig atmend eine Weile im Stuhl. Nun war dieser Koffer wieder da: er lag etwa an derselben Stelle wie vor Monaten, und die Hotelmarken leuchteten giftig daran. Wie sie diesen Koffer haßte! Einige Kreidestriche und Zettelchen von Zollbehörden waren jetzt noch hinzugekommen, abgewetzt und kohlebeschmiert sah er aus, aber er war zurückgekommen wie etwas, das sich aufdrängte; das ihnen beiden eine dauernde Last zu schleppen gab . . . Sie stand auf und gab dem Koffer einen kräftigen Fußtritt. Dann lief sie durch den Gang vor die Etagentür und spähte über das Treppengeländer. Aus der Tiefe des schwarzen, muffig riechenden Schachtes drang verworrener Lärm von Stimmen. Die Stimmen zerschlugen ihr Echo zu einem hohlzerklirrenden Gedröhn. Auf einmal gab es einen einzelnen Ruf; kurze Stille; und dann den Krach der zuschlagenden Haustür. Ihr Herz pochte rasend. Bleiern tönten mächtige Gongschläge durchs Treppenhaus . . . Nein, es war ihr eigenes Blut, das gongte . . . Vom Kopf bis in die Fußzehen . . . Wie wenn ein Paradeschritt durch sausende Stille halle . . . Plötzlich ward's deutlicher und verdichtete sich zu einem wirklichen Geräusch; zu Schritten, die eilends die Treppe hinaufknarrten. Edmund kam zurück. Sie floh ins Zimmer und setzte sich wieder. Er kam herein. Sein Haar war zerzaust und seine eine Gesichtshälfte krebsrot. Eine Stelle am Jochbein blutete. Offenbar war seine Wange mit der rechten Pranke Herrn Brechts und dem daran befindlichen anderthalbkarätigen Brillantring in Berührung gekommen. Sie schrie auf. »Ihr habt euch geprügelt, Edmund? Mein Gott!« Er sah sie stumpf an, als höre er nichts. Dann war er in zwei Sprüngen beim Koffer und schloß ihn emsig auf. Seine wühlenden Hände schleuderten den ganzen Inhalt heraus. Sie sah ihm mit aufgerissenen Augen zu, bis sie ein Ding in seiner Hand bemerkte . . . Ein Ding aus bläulichem Stahl, handlich, nicht allzu groß . . . Sie warf sich auf ihn; er stieß sie zurück. »Laß mich«, keuchte er. »Ich muß den Kerl . . . Laß mich hinaus . . .« Sie umklammerte ihn wieder; so taumelten sie umschlungen der Tür zu. Es gelang ihr, den Fuß rechtzeitig an die Tür zu bringen; diese fiel zu. Sie faßte ihm mit der Hand ins Gesicht, in die Augen; um sie abzuwehren, konnte er die seine nicht freibekommen und die Klinke fassen . . . Sie wußte nicht, woher ihr die plötzliche Gewandtheit kam. Auf einmal befand sich die Waffe in ihrer Hand. Aufkreischend riß sie sich von ihm los und schlüpfte ins Schlafzimmer. Er, noch halb geblendet, taumelte ihr nach, doch konnte er nicht mehr hindern, daß sie den Revolver aus dem Fenster schleuderte. Das Ding landete drunten hinter Mauern im Nachbarhof, das wußte sie; es würde ihn einige Mühe kosten, es wiederzubekommen, und selbst wenn er darauf drang, war es eine Frage längerer Zeit; indessen war alles gerettet. – »Ha!« brüllte er. »Das sollst du büßen, du Aas! Ich kenne deine Gründe schon, warum ich ihm nicht an den Leib soll . . . Ich kenne sie . . .« »Gar nichts kennst du«, sagte sie mit zerbrochener Stimme aus dem Dunkel des Schlafzimmers hervor. »Dankbar kannst du mir sein. Das kannst du.« Sein Keuchen wurde ruhiger. »Auch noch dankbar?« »Jawohl. – Setze dich aufs Sofa. – Eher komme ich nicht. – Du bist wohl vollkommen verrückt? – Schmachtest wohl nach dem Zuchthaus, wie?« »So.– Ich sitze. – Komm nur raus; ich tue dir nichts.« – Vorsichtig erschien sie und ließ sich wieder auf der anderen Seite des Tisches nieder. Als sie ihn ansah, mit seiner Schramme unter dem Auge, übermannte sie auf einmal ein großer Jammer. Sie legte den Kopf auf die Arme und schluchzte. »Ach Edmund . . . Edmund . . . Was für ein Wiedersehen! – – Und ich . . . sollte . . . dir nicht in die . . . Speichen fallen . . .« Diese schluchzende Fassungslosigkeit machte ihn im Handumdrehen wieder zum Herrn der Situation. Ihr plötzlicher Energieanfall hatte ihn so verblüfft, daß selbst das ehrliche Bedürfnis, Herrn Brecht aus dem Wege zu räumen, vor dieser Verblüffung zurücktrat, wenn auch die Absicht unvermindert fortbestand . . . Er räusperte sich stark und schmetternd. – Sie dachte an die strenge, wohlgenährte Figur, die vor Monaten ebendort gesessen, mit Augen wie aus blauem Stein . . . an die frühere Folie für dies Geschmetter – und schluchzte von neuem auf. – Schwierig war er und hoffnungslos verdreht. Nachdem er sich ausgeräuspert, hub er an: ». . . Jawohl, sage ich, Sie Humbug, Sie patenter . . . Sie haben ein Verhältnis mit meiner Frau – laß mich aus reden, bitte!! – und kaum drehe ich den Rücken, so siedelt man sich hier an . . . Kaffeestündchen in der Nacht . . . ›Ich war immer Ihr Freund, Zinkeisen . . .‹ – – ›Sie sind mir gut für drei Jahre‹ . . . Macht sich! – Macht sich! – Und du?! – Herrgott, nicht einmal ein paar Monate halten sie's aus, die Weiber . . . Und so billig! – So billig!« »Bitte sehr . . .« kam es schnaufend zwischen ihren Armen hervor – »dieses Kleid hab' ich mir . . . von meinen Ersparnissen . . .« »Aha; das Kleid. – Stoß mich noch mit der Nase drauf. – Und die Armbanduhr? – – Und der Ring? – – Das soll mir der Schieber noch büßen. Und mit dir mache ich kurzen Prozeß.« – – – Ach, wie ihn danach dürstete, sich für die tausend Demütigungen, die er erlitten, schadlos zu halten!! – Er hob die Stimme: »Ich werde dich schon kleinkriegen! – Du denkst wohl, du stellst mich vor eine Tatsache und bist mich dann los?! – – Da bist du auf dem Holzweg! Du und dein Mäzen!! – Schuften sollst du jetzt! – Für mich! – Mir gehörst du! – Niemandem als mir!! – – Und über die Schwelle von dieser Räuberhöhle setzest du den Fuß nicht mehr! Der kann sich die Finger nach dir ablecken, und den Kram schickst du ihm zurück! . . . ›Nullenschreiben!‹« – – Er lachte ausgiebig und häßlich. Hier setzte sich Frau Zinkeisen zurecht. Sie schnupfte noch ein wenig auf und tupfte sich mit dem Taschentuch die Augen. Dann hob sich ihr Busen in einem tiefen Atemzug; man merkte: jetzt hatte sie sich zu äußern. – Es ist unerläßlich, daß man ihre Rede bringt; es war eine lange und frische Rede; eine Rede, wie sie selten von Frauen ihrer Station gehalten wird, und sie war darauf berechnet, durch Mark und Bein zu wirken. – Sie bemühte sich demnach auch um ein möglichst einwandfreies Deutsch. »Edmund,« sagte sie, – sie begann sehr ruhig und sachlich – »jetzt wirst du mir erlauben, auch meine Ansicht von dem ganzen Quatsch, ich meine die Situation, von mir zu geben. Ich liefere sie dir, mein Sohn; mach' dir deinen Vers darauf; ich kann nicht anders; Gott sei es gejammert. – Denn du bist kein richtiger Mann; eine Kellnerseele bist du und bleibst du. Jawohl. Mein Gott, da ist mir schon fast dieser Herr Brecht lieber als du, mit Verlaub; denn Herr Brecht, der ist wenigstens ein Mannsbild, der weiß, was er will, und deine Ehrpusseligkeit in Ehren, mit dir kann man keine weiten Sprünge machen, aber mit Herrn Brecht kann man das, der ist familiär,« – sie verbesserte sich – »der ist gerieben, meine ich, und kennt die Welt . . .« »Aha!« »Er kennt sie besser wie du. Mokier dich nicht. Natürlich ist er ein Geschäftsmann, aber du liebes Bißchen, man wird ja gezwungen dazu durch diesen Inflationsunsinn, und ich glaube, daß ein jeder eben sieht, wie er sich gesund erhält, und er ist nicht der einzige, alle machen das so, alle, und wer's anders macht und ehrlich bleibt und sparen will, der ist einfach kein Mann, sondern ein großes Kamel. – Am Ende muß der ganze Schwindel doch zusammenkrachen, und da erweisen die, die feste Werte sammeln, die fremdes Geld sammeln, dem Vaterland einen Dienst . . . Ja, dem Vaterland, mein Herr Weltreisender . . . Ich mag eine dumme Person sein, aber Herr Brecht brauchte mir das nicht auseinanderzutifteln; die Erleuchtung, die bildete ich mir von alleine; da hast du's. Übelnehmen tut's dir ja niemand, wenn du ehrlich bleiben wolltest; aber deswegen brauchst du nicht durchzubrennen und so zu tun, als seiest du der Heilige, der aus Sodom und Gomorra flüchtet und uns alle zu verachten . . . Und nun« – (sie redete immer flüssiger und Herrn Zinkeisens Einwendungen gingen spurlos im Strom ihrer schrill erhobenen Suada unter) – »kommt der Hauptpunkt: deine Ausländerei . . . Meinst du, man hätte mir nicht erzählt, wie du im Hotel hier vor dem Engländer auf dem Bauch gekrochen bist? Dich zum Narren gemacht hast vor einem eingebildeten Frauenzimmer, nur weil sie nach besserer Seife gerochen hat wie ich? Mann, zum Schauspiel hast du dich gemacht, und ausländisch geflötet hast du und herumgesprungen bist du wie ein kleiner Piccolo – – ha, gelt! Anstatt ihnen ihr Geld abzuknöpfen, den Schmarotzern, wie sich's gehört hätte . . . Fein und vornehm tut man und läßt seine Frau im Stich und nimmt seinen ollen Zigeunerkoffer und nichts wie weg, nichts wie hinterher über die Grenze . . .« »Mathilde!« Sie nahm ein Gläschen und kippte es resolut mit einem Schluck hinunter. Sie war gut im Zug und fuhr mit immer höherer Stimme und immer flüssiger fort: ». . .auf und davon: ›nehmt mich mit!‹ Köstlich ist die Fremde, und gut ist sie dir bekommen. das sieht man; herrlich haben sie dich behandelt, deine Engländer, ausgezogen und gerupft haben sie dich . . . Mann! Du hast ja gar keinen Stolz im Leib! Und nun kommt man auf einmal wieder zurück und riskiert eine gewaltige Lippe und schmeißt mir Untreue ins Gesicht und jagt Freunde davon, die es nur gut mit einem meinen, und fuchtelt mit dem Schießeisen und will mir auch noch zu Leibe . . . Jetzt soll ich nichts tun als Ja und Amen sagen zu meinem Herrn und Gebieter und womöglich noch im siebenten Himmel schweben . . .« Hier ging Frau Zinkeisen der Atem aus. Sie hatte gerade noch Luft genug, um anzufügen: »Siehst du's jetzt ein?! – Siehst du's ein?« Dann klappte sie wieder zusammen und steckte den Kopf zwischen die Arme. Eine lange Stille folgte. Dumpf fing sie wieder an: »Daß du gänzlich auf dem Trockenen sitzt, das sieht man dir an . . . Gott sei Dank war Herr Brecht so anständig und hat mir per Tag einen Dollar bezahlt. Einen ganzen Dollar . . . Jeden Tag acht Stunden Maschine . . . Keine Kleinigkeit . . . Und jetzt hast du mir meine Stellung vermasselt . . . Denn ich kann mich doch nicht zerreißen zwischen euch!« Sie heulte auf. »Mathilde!« »Rühr' mich nicht an! Wasch' dich zuerst! Rasier dich! Wie siehst du überhaupt aus!« Sie zog sich ins Schlafzimmer zurück.   Wie ein Mensch, über den ein großes Unwetter verheerend und läuternd hinweggegangen, saß er noch eine geraume Weile wie gelähmt auf dem Sofa. – Seine Augen starrten in ein absolutes Nichts hinein. Sie hatte recht: wovon sollte man jetzt leben? Daß er Herrn Brecht seine Existenz würde danken müssen, schien ihm völlig grotesk und unfaßbar . . . Da, diesen Hausrat mußte man verkaufen. Versteigern. Diese Öldrucke, die ihn auf einmal anmuteten wie Offenbarungen intimer Innenkunst. Diese Häkelspitzen an den Möbelschonern. Diese trauten polierten, nett gedrechselten Sitz und Ruheorte. Alles verschlang ein Abgrund, und dann ging die Hetzjagd von neuem los . . . War es dann nicht vielleicht besser, wenn . . . dort im Nachbarhof lag ja noch der handliche, wirksame, kleine Gebrauchsgegenstand für einen speziellen und extremen Fall . . . Vielleicht tat er, Zinkeisen, letzten Endes nicht bloß sich, sondern auch ihr einen Gefallen; er würde gleich morgen in der Frühe durchs Nebenhaus gehen und suchen . . . Einstweilen noch wach sein und nachdenken . . . Denken, bis ihn der Schlaf erwischte . . . Er fiel ins Bett wie ein Toter. –   Und nun kam ein Alpdruck . . . Er stand in der Halle des Adelphi-Hotels mit einer seltsamen Beklemmung. Von allen Tischen sah man zu ihm hinüber. »Was haben die Leute doch nur?« dachte er höchst beunruhigt. Plötzlich bemerkte er, daß er, wenn auch mit Jacke und Hemd bekleidet, nacktbeinig mitten in der Halle stand; und schwüler Schweiß brach ihm aus. Es wurde immer heller in der Halle: neue Bogenflammen entzündeten sich: die grauen kalten Augen hunderter ihm zugewandter Köpfe glitzerten. Und je gleißender das Licht wurde, desto mehr schien von seiner Kleidung zu verschwinden, als schmelze es in der Hitze der Leuchtkörper von ihm ab wie Zunder. Plötzlich stand Maloney neben ihm und sagte: »Unglaublich, Herr. Sie blamieren sich und das Hotel. Ich muß sehr bitten! Im übrigen kenne ich Sie nicht . . . Ich erinnere mich durchaus nicht an Sie! Not at all!! Absolut nicht!« Zinkeisen war emsigst damit beschäftigt, die ständig herabrutschenden Kleiderstücke, die sich zwischen seinen Fingern auflösen wollen, hochzuzerren. Doch es half nichts; es wurde immer grauenhafter und seine Blöße immer eklatanter . . . Er stolperte vorwärts; die Halle wurde immer breiter; ein endloses Spießrutenlaufen zwischen empörten Tischen wurde daraus, bis er zuletzt, endlich, endlich, den Ausgang fand . . . Den Ausgang in eine schwarze Nacht, in der es bunt blinkte und in der es schwül war. Hier war er wenigstens in seiner Nacktheit geborgen. Da aber ergriffen ihn unsichtbare Mächte und zwängten ihn irgendwo hinein . . . Ach, er begriff: Er fühlte zwei Stangen rechts und links, das waren Handdeichseln; er war ja ein Rikschakuli und hatte unverschämterweise viel zu lange in einer Lichtwelt gelebt, in die er nicht gehörte . . . ganz recht, dachte er voller Schwermut, hatten jene, als sie ihn entfernten. Und da war er auch schon in Trab begriffen und lief und lief. Die samtene Schwüle umfing ihn und preßte seine Brust zusammen. Er schnaufte schwer. Gleichwohl trabte er unablässig, als ob seine Beine Pleuelstangen einer Maschine seien. Er drehte sich um: wen schleppte er eigentlich? Bleischwer hockte es dort hinten im Kasten und schnalzte mit der Zunge, wie man einem störrischen Pony schnalzt. Am Himmel war ein Streifen von bengalischem Gelb. Er bemühte sich verzweifelt, zu erforschen, wer ihn so unnachsichtlich vorwärts treibe. Seine Lenden schmerzten, seine Lungen schmerzten, sein Asthma wuchs . . . Und die Last wurde schwerer und schwerer. Auf einmal konnte er nicht mehr laufen und brach zusammen. Mühsam tastend kroch er neben das Rikscha und fühlte mit den Händen hinein. Im selben Augenblick brach das Gefährt mit unaufhörlichem Krachen zusammen, gleichsam mit einem Geknatter, und zwischen den Trümmern saß (als schwarze Silhouette vor dem bengalischen Gelb) eine hockende Figur aus kaltem Metall, aus deren Kiefern unaufhörlich wie in unstillbarem Krampf Geldscheine, ausländische Geldscheine, grüne, weiße, purpurne quollen . . . Immer phantastischer und giftig bunter wurden diese Scheine . . . ›Devisen‹, dachte der Kuli Zinkeisen schaudernd. Auf einmal war es Herr Brecht, den er geschleppt; Herr Brecht mit einem Tropenhelm. Die Geldscheine waren bunte Hotelmarken mit nie gehörten Namen, und Herr Brecht kletterte höchst unwirsch aus den Trümmern hervor und sprach: »Na! Sie sind mir ein unpraktischer Mensch!! Nicht einmal zum Kuli kann man Sie gebrauchen!!« – – Stöhnend erwachte er. – In der Ferne gewitterte es. – Der Gang nach Canossa Es war sieben Uhr. Er war in seinen Betrachtungen nicht weitergediehen als am Abend vorher. Es blieb ihm wohl nur noch dieser eine Kurs offen, den er mit Hilfe jener in den Hinterhof geschleuderten Waffe einschlagen konnte: Selbstauslöschung. Er schob sich leise wie ein Dieb aus dem Bett und ging mit übergeworfenem Mantel, in Pantoffeln hinunter, bis er in den Hinterhof gelangte. Hier suchte und stöberte er eifrigst zwischen den staubigen Büschen. Auf einmal ertönte eine bekannte Stimme: »Was suchst du denn da, Edmund?« Er blickte auf. Sie stand auf dem Küchenbalkon im tiefsten Negligé und bog sich übers Geländer. Sein Gesicht wurde krebsrot; er ließ ab und kam wortlos wieder herauf. – Sie empfing ihn verhältnismäßig frisch und scharf; sie trug wiederum wie damals (diesmal aber aus Aufregung) den Kimono offen und bot sozusagen durch ihren hübschen, glatten Leib eine Gegensuggestion zu Herrn Zinkeisens trüben Gelüsten. »Hör' mal, mein Lieber: ich sagte dir schon gestern – laß das Schießeisen in Ruh. – Was hast du denn jetzt noch damit vor?!« Sie starrte ihn an. Dann sagte sie sachlich: »Da täuschest du dich. Das wäre schon die größte Drückebergerei deines Lebens; fast noch schlimmer, als wenn du Herrn Brecht über den Haufen schießen würdest.« »Ja – aber, in Gottes Namen, was bleibt mir denn jetzt noch übrig?« »Du gehst jetzt zu Herrn Brecht und entschuldigst dich wegen deines unmöglichen Benehmens. Du bittest ihn, dir deinen alten Posten im Hotel wiederzuverschaffen. Du bist klein und häßlich und gelobst Besserung.« »Ausgeschlossen!! – Du mutest mir zu, mich so zu erniedrigen . . . vor diesem Schieber . . . diesem Konjunkturschwein . . .« »Du bist eifersüchtig, mein Sohn, und hast kaum Grund dazu. Aber wenn du das nicht machst – gut. – Ich für meine Person bin gedeckt. Ich kann meinen Posten schließlich behalten. Für mich ist gesorgt.« Sie wiegte sich in den Hüften. »Aber wenn du gehst und wieder Empfangschef spielst, dann hab' ich es ja nicht mehr nötig . . .« Sie blickte ihn lauernd an. Er kämpfte ein schweres Dilemma durch. »Es wäre deinetwegen «, murmelte er. »Nur deinetwegen . . .« »Du hast es in der Hand,« sagte sie trällernd, »ob du mich behalten willst . . . und ob alles ins reine kommt . . .« So trat Herr Zinkeisen den schwersten Gang seines Lebens an. Er hätte, entgegen Mathildes optimistischer Auffassung, diesen Canossagang überhaupt unterlassen, hätte er die Gemütsverfassung gekannt, in der Herr Brecht sich befand. Die Unterredung, reichlich kurz, spielte sich zwar äußerlich in Formen ab, die man zur Not noch zivil nennen konnte – und das auch erst, nachdem Herr Brecht sich vergewissert hatte, daß man kein erneutes Attentat auf ihn plane. Über diesen Punkt hatte er sich immerhin schnell beruhigt, da ihm die äußerst geknickte Miene des Besuchers eine gewisse Sicherheitsgarantie bot. Herr Zinkeisen seinerseits hatte das Gefühl, er sei in einen Raubtierkäfig geraten. »Na?!« fragte Herr Brecht sehr schneidend und spielte mit einem Füllfederhalter. »Was beliebt?« »Herr Brecht!« sagte Zinkeisen und ließ eine Pause entstehen, während der er sich festigte und seinem Blick die frühere bescheidene Schärfe zu geben versuchte. – »Herr Brecht! Ich möchte Ihnen zu bedenken geben, daß unsere gestrige etwas – ehem – lebhafte Unterhaltung auf ein Mißverständnis meinerseits zurückzuführen ist.« – Die Qual, die ihm dies Eingeständnis bereitete, suchte er durch wasserklares Hochdeutsch zu mildern –, jedoch Herr Brecht war wenig beeindruckt. – Er sah ihn an wie ein Reptil und erwiderte: »So. –« Dies war alles, was er erwiderte. – Herr Zinkeisen schluckte. Er fuhr mit großer Überwindung fort: »Ich möchte Sie also hiermit um Entschuldigung gebeten haben.« »So.« »Und so hoffe . . . und erwarte ich . . . daß nunmehr unser früheres . . . Einvernehmen wieder hergestellt ist.« »Was zum Beispiel, Zinkeisen, stellen Sie sich vor unter ›früherem Einvernehmen‹?« »Nun . . . meine Stellung hier und Ihre Stellung der Direktion gegenüber . . . eine Zusammenarbeit . . . auf früherer Grundlage . . .« »Schöne Dinge das alles, die Sie der Direktion mir nichts dir nichts vor die Füße geworfen haben. Und da Sie gerade von unserem Verhältnis zueinander sprechen . . .« (er griff in die Schublade und holte ein Papierchen hervor) ». . . wenn wir schon damit anfangen wollen, so machen Sie den Anfang, indem Sie mir die bewußten fünfzig Dollar . . .« »Werde ich abarbeiten.« »›Abarbeiten!!‹« – Herr Brecht leistete sich ein hysterisches kleines Meckern. »In deutscher Abtrittwährung; was?! – Reden Sie keine Opern. – Nein, Zinkeisen, Hier ist für Sie kein Platz. Fangen Sie frisch von vorne an, Mann.« »Herr Brecht!« »Schluß!!« schrie Herr Brecht und sah sehr häßlich drein. »Ihre Frau – die kann in Gottes Namen hier weitertippen. Aber wir zwei – wir sagen adjüs und gottbefohlen. – Übrigens liegt da noch ein Brief für Sie rum; den hat dieser Engländer damals dagelassen für Sie an dem Tage, wo Sie durchbrannten.« »Ein Brief?!« – Zinkeisen ergriff das kleine pralle Kuvert, das in der Tat seinen Namen trug. Es trug auf der Rückseite noch dazu ein eingepreßtes Wappen, und die Handschrift war rund und zierlich mit blauer Tinte daraufgesetzt. Es war ein seltsames; ein unheimliches Briefchen. Vielleicht hatte jener Engländer auf seine Beichte im Rauchsalon hin etwas wie Mitgefühl mit ihm empfunden und wollte ihm das Rückgrat stärken durch irgendeine Einführung, eine Empfehlung . . . Vielleicht hatte er, Zinkeisen, den Engländer mißverstanden und dessen saloppe Art für billigen Sarkasmus gehalten . . . Der Teufel soll sich auskennen mit solchen kurz angebundenen Herrenmenschen. Entschlossen riß er das Kuvert auf. Ein zusammengefaltetes Stück Büttenpapier ließ sich hervorziehen, und auf diesem stand ein Sätzchen. Es hieß: » Remember May '14? – Thanks. – Stick it out. « »Das bedeutet durchhalten«, dachte Zinkeisen. – »Billiger Ratschlag . . .« – Er entfaltete das Papier.   Fünf weiße, knisternde Zettel fielen heraus und flatterten im Zimmer umher. Zettel mit zierlicher Kursivschrift, mit Wasserzeichen, auf denen die Bank von England sich verschwor, sie werde jederzeit dem Überbringer hundert Pfund Sterling – (in Gold) – ausbezahlen . . . Herr Brecht bekam Stielaugen, und die Zigarre rutschte ihm langsam aus den erschlafften Lippen, während er zusah, wie Herr Zinkeisen sich bückte und diesen Reichtum in die Tasche stopfte. – Und dann richtete sich Herr Zinkeisen auf und fragte militärisch: »Es waren fünfzig Dollar, wie? – Darf ich bitten, zu wechseln? – – Können nicht? – Na, dann auf später. Wird Ihnen meine Frau bringen, wenn sie sich heute von Ihnen verabschiedet – – Im übrigen, Herr Brecht, können Sie mir . . .« – – – Und er fügte so etwas hinzu, was dem Sinne nach darauf hinauslief, sein, Zinkeisens Lebensweg werde sich wohl künftig kaum mehr kreuzen mit dem Lebensweg Herrn Brechts. – – Worauf er diesen in einem Zustand zurückließ, der mit einem Schlaganfall starke Ähnlichkeit zeigte.   Ende