Helene Böhlau Die leichtsinnige Eheliebste Ein Liebeswirrwarr Roman     Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart Berlin und Leipzig 1925     Erstes Kapitel Schloß Lumpzig bei Leipzig. Ein buckliger Mohr bringt wichtigen Personen dieser Geschichte das Abendlicht. Etwas Köstliches kündet sich durch seinen Duft an. Was heißt »Brings'n«? Freiherrliche Gnaden sollten reisen. Ein jeder Turm ist gut. Der alte Baron macht den Titel dieses Buches. Geht was über Habermast? Freiherr August von Einsiedel lutscht Bonbons. Das alte Schloß Lumpzig wird vom ersten Frühlingssturm und Regen und Schnee gepeitscht. An den grauen verwitterten Mauern rüttelt es, die bleigefaßten Fensterscheiben, die so viel Kälte eingelassen und so viel Wärme hinausgelassen haben, klappern und rasseln. In den Kaminen heult es, in den weiten Gängen klagt der Wind; aber die Kaminfeuer brennen in den Wohnzimmern und rauchen. Holzscheite krachen, knistern und sprühen. Es ist Leben in und um Schloß Lumpzig und der Abend ist hereingebrochen. Von Wand zu Wand in den weiten Gängen hängen an eisernen Ketten trüb leuchtende Laternen. Seit Jahrhunderten hängen sie schon so und brennen ihr Öllämpchen. Durch die hallenden Gänge trippelt ein Buckel in 6 scharlachrotem Habit und spitzen Schuhen, einer weißen Schürze, die über seine Pracht gebunden ist. Sein dunkles altes Mohrengesicht ist vom Schein der Wachskerzen, die er in einem silbernen Armleuchter trägt, beleuchtet; fremde dunkle Augen blicken – und er spricht vor sich hin: »Ein Swein haben sie wieder – armes Achmet – ein Adèle – wo so gutt is – wo Achmet so gern sindigen tut. – Worum is ein Adèle so gutt? – und Allach hat verbottn? – Worum is alles so? – Worum is Allach so bees? – Worum läßt freiherrliche Gnadden so oft ein Adèle slachten?« Da stand der alte Gesell vor einer Tür auf den Fußspitzen, weil der Türgriff zu hoch saß, öffnete, und eine rauhe, barsche Stimme rief ihm entgegen: »In drei Deiwels Namen, wie lang bleibst du wohl mit dem Lichte?« Da stand der alte Freiherr von Einsiedel vor dem Kamin und wärmte sich und langweilte sich. Achmet stellte den Leuchter nieder. »Ist's noch nicht Zeit zum Essen?« »Is erst sibben,« antwortete der Buckel und kreuzte die Hände auf der Brust. »Wo ist die Baronin?« »In Kichen. – Die Adèle –« »Sag, die Frauensleide soll'n sich rappen un daß das Kopffleisch un Wellfleisch nich zu lange kocht. – Un ich will Brot in der Wurschtsuppe. – Verschtanden?« 7 »Serr verschtanden. – Gutt is Brott in Wurschtsuppe,« entfuhr es dem Scharlachroten, und er verbesserte sich: – »soll ick sagen.« »Ja, un mit'n Wellfleisch nich vergessen.« »Nee nich, – Freiherrliche Gnadden – sag schon.« So kam Achmet durch dämmerige Gänge und über Treppen und Stufen hinab in das Reich der Küche. Und ehe das Geräusch der Küche zu ihm drang, war er in wohlduftende fette Gerüche ganz eingehüllt. Da nickte er befriedigt: »Luft is nich verbotten, – Luft is gutt.« Als er in die Türe der Küche trat, blieb er stehen und schaute. Über offenen Feuern hingen Kessel auf einem mächtigen Herd, über dem sich das hölzerne, schwere Kamindach von der Decke herabsenkte und wie eine riesige schwarze Höhle allen Dunst und Rauch und allen Funkenregen, den die Feuer unter den Kesseln emporschlugen, auffing. Mägde wirtschafteten, spülten und verrichteten allerhand. Inmitten vor dem Herd aber stand eine gewaltige, hübsche Frau in geblümter Kontusche und mit einem Schaumlöffel in der Hand. Ihr braunes, starkes Haar war halb bedeckt von einer Flügelhaube. Neben ihr standen zwei große blonde Mädchen und waren beschäftigt auf einem riesigen Hackklotz Würste zu stopfen. Die rosigen Arme entblößt, die breiten, bauschigen Gewänder von schneeweißen Schürzen bedeckt. Ein Metzger hackte und 8 schabte. Es brodelte, dampfte, der Wind fuhr durch den Schornstein in die Feuerstellen. Funken stiebten, Wurstketten wurden vorsichtig in die Kessel gelassen. Alles lebte, strömte Wärme und Gerüche aus. Stallmägde kamen mit Eimern und Butten, gefüllt mit schäumender Milch. Die rötlich gestrichene, gewölbte Küche stand wie in Flammenschein. Eine unaufhaltsame Kraft wirkte und schaffte hier. Es prasselte, dampfte, glühte, kochte, zischte, schalt, dröhnte, klappte, schabte. Der Buckel im scharlachroten Habit und der weißen Schürze stand und schaute wie in ein Nebel- und Flammenmeer. Die großen bauschigen Frauen, die in Wurstdampf und Schweinedrama so geschäftig zwischen den Mägden und allerhand Knechtsvolk hantierten und lachten, schwanden dem fremden Buckel dahin wie ein Traum. Immer weiter und weiter glitten sie für ihn fort. Der sündige, fette, nahrhafte Dampf, den die Fleischteile des Schweines Adèle ausströmten wie ein köstliches Erbe, nach dem die Sinne aller Lebendigen in Schloß Lumpzig verlangten, schwand mit den Frauen und es hoben sich andere Bilder, andere Düfte, nur für die heißen Mohrensinne des Scharlachroten. Eine zarte Frau tauchte ihm wie aus Nebeln auf, wie Venus aus dem Schaume des Meeres, lieblich und ohne Fehl, lebendig wie ein Vogel. Des Scharlachroten 9 Phantasie schuf sie mit Entzücken – seine erste Herrin, seine Heilige. Er sah sie zwischen zarten Gegenständen, die zu ihr gehörten, so feine, feine, seidene Sesselchen, weiche Teppiche, so zarte Düfte und anbetungswürdige Gewänder – und welche Stimme klang ihm aus Grabesnacht und Vergessenheit. Da hatte des Buckels armes afrikanisches Herz einst geschlagen vor Anbetung. – Des armen Ungetüms Herz. – Und die kleinen, feinen Junker damals, das ganze Weben im Haus – und der Lieblichen Diener war er gewesen. – Zu ihrer Aussteuer hatte er gehört. – Er war notwendig gewesen, seine Häßlichkeit stand zu ihrer Schönheit. Man hatte ihn für sie gesucht und er war hier mit eingezogen. Alles hatte er miterlebt, ihr ganzes Leben und Sein, hatte sie bedient, vor ihr gekniet und den Spiegel gehalten, wenn sie frisiert wurde. Er hatte den Duft ihres blonden Haares eingeatmet, hatte die silberne Schale getragen, wenn sie ihn rief, um sich am Tag in warmem, gewürztem Wasser die Fingerchen zu waschen. Er kannte ihr Lächeln, er kannte ihre Tränen. Sie war keine Frau für freiherrliche Gnadden gewesen – viel zu schön – viel zu gutt – viel zu schade. – Deshalb hatte Allach sie ihm fortgenommen und ihm die neue gegeben mit den Töchtern – die große Frau. 10 – Da tauchte die neue Herrin wieder aus dem Dampfnebel auf und schalt. Sie hielt eine geplatzte Blutwurst ärgerlich auf dem Schaumlöffel. Der Scharlachne trat jetzt ehrerbietig auf die Freifrau in der geblümten Kontusche zu, kreuzte die Arme über der Brust und sagte: »Freiherrliche Gnadden mechten Brott in der Wurschtsuppe und Kopffleisch soll nicht serr gekocht sein.« »Der junge Herr will sein Licht – mach flink – brings'n!!« »Brings'n –« sagte der alte Achmet auf dem Weg leise vor sich hin. – »Was ist das?– Brings'n? – Brings'n?« Immer sagten sie etwas, was er nicht verstand. Licht, das verstand er, aber brings'n nicht. Und er brachte seinem jungen Herrn das Licht, dem Sohn der zarten Frau, der Königin seines alten, heißen Herzens, dem lieben Junker, den er auf seinen langen, dürren Buckelarmen getragen, dem er von seinem Heimatland so oft erzählt. So stand er wieder vor einem hohen Türgriff auf den Zehen, trat ehrerbietig ein und fand seinen Junker in tiefer Dämmerung auf dem Ruhebett liegend und vor ihm saß seiner freiherrlichen Gnaden Schreiber und Faktotum Emanuel Karger. Der saß vorsichtig und sehr zusammengefaßt auf dem breitschweifigen Lehnstuhl, der, wie im Bewußtsein ein 11 ganz feudales Möbel vorzustellen, den eckigen Schreiber mit einem gewissen Humor trug, wie ihn auch Lehnstühle haben. Junker August lag in seinem Rock aus braunem Berkan mit den goldgestickten Kanten behaglich ausgestreckt. Auf sein scharfgeschnittenes Gesicht und die gepuderten Locken, die wie Flügel abstanden, fiel das rote Kerzenlicht. Die Augen blickten scharf und kalt. Er sprach eifrig, beachtete das Licht und den Scharlachnen nicht, der sich lautlos entfernte. Der Junker sprach in einem gereizten Ton, der sich aber nicht gegen den aufmerksam Lauschenden richtete. Die Augen schauten geradeaus auf Dinge oder Personen, die ihm gegenwärtig sein mochten. »Sagt mir, Ihr bravster der Menschen, was Ihr dagegen haben könnt? Ob Ihr nicht zugeben müßt, daß all unser Verbessern und Ummodeln auf dieser Welt nichts weiter ist als Unbehaglichkeit. Die Natur, die nicht an den Nerven leidet, findet alles gut und schön, kann Tausende von Menschen schinden, spießen, braten sehn und hat nichts dagegen. Sie ist froh, daß sie nicht in dem Fall ist und freut sich ihres Gefühls. Das ist bei ihr, die alle Gefühle macht, doch nicht Dumpfheit? Es zeigt nur, daß wir die Dinge anders sehen als sie. 12 Ich hab' jetzt auch alle Identifizierung mit dem Menschengeschlecht aufgehoben; könnte die ganze Nation hier kreuzigen sehen, dazwischen spazieren gehen und mich freuen wie die Natur.« »Freiherrliche Gnaden sollten reisen,« sagte der Schreiber Emanuel Karger und faltete die Hände über den eng aneinanderstehenden Knien. Er schien bestrebt, möglichst wenig Raum in der Welt einzunehmen. »Esel!« Der Junker sprang auf und legte die Hand auf Emanuels Schulter: »Reisen. – Freilich! – Natürlich fort!« »Es gibt verschiedene Arten zu reisen – und alle sollten den einen Zweck haben, freiherrliche Gnaden und andere Leute aus den abgenützten Gedankengängen ihres alltäglichen Wesens zu befreien. – Wenn ich vorschlüge, freiherrliche Gnaden sollten nach Erfurt reisen.« »Eine gewaltige Reise!« »Darauf kommt's nicht an,« lächelte der junge Schreiber fein. »Ich reiste nach Erfurt und stieg dort auf des Domes höchste Spitze. Für mich war schon die Reise nach Erfurt ein groß Ding – und als ich gar Stufe für Stufe durch getürmte Steinmassen kam, die von Menschenhand gewaltig zusammengetragen waren zu einem Gebirg, da erschauerte meine Seele. Die Jahrhunderte drangen auf mich ein und das ganze ungeheure Werk, das in die Ewigkeit ragte. 13 Wie ich höher und höher stieg, da kam der Stein ins Blühen; – da blühte der Stein in herrlichen Blumen und Formen, und wie durch steinerne Blütenkelche stieg ich empor und stand zuletzt in einer großen Blume, die sich über den ungeheuren Felsmassen, Gewölben und Säulenwäldern über die Erde in den ewigen Raum hob. – Da schlug mein Herz in der Unendlichkeit – und alles, was ich kannte, taute von mir ab. – Ich schaute die Wunder des Raums, zu denen sie sich mit Steinmassen hinaufgerungen hatten, als wollten sie das Angesicht Gottes erstürmen.« »Emanuel,« rief der Freiherr, »was für ein Mensch bist du!« Und er faßte eine der kühlen Hände, die gefaltet auf den schmalen Knien lagen. Da schaute der Schreiber zum Junker empor, erhob sich und lächelte. »Freiherrliche Gnaden sollten schon reisen, doch nicht allzu weit. – Jeder Turm, auch unserer im Dorf, ist gar wunderlich gut zu besteigen – und befreit, gibt Ausblicke und Einblicke, läßt die Dinge von einem andern Standpunkt aus sehen. Ein jeder Turm ist gut, freiherrliche Gnaden – und dazu sind die Türme da.« »Freiherrliche Gnaden! So laßt das doch! – Wie oft mußt ich dir's schon sagen, nenn mich doch einfach – und Du! wie ich einzig zu dir stehe.« »Möchte sich nicht recht schicken, lieber Junker, und möcht freiherrlicher Gnaden, dem Herrn Vater, nicht recht genehm sein.« 14 »Bah! deswegen nimmt er dich nicht auf die Hörner, feudaler Urstier, der er ist.«   Inzwischen huschte der rote Buckel wieder mit einem Armleuchter und brennenden Kerzen die Gänge entlang. Aus einer Türe klang eine heftige, scharfe Stimme. »Jesses Allach!« brummte der Buckel, »die Alte!« Er klopfte, da öffnete man ihm die Türe. Ein windiges Wesen wurde beleuchtet und eine alte, große, hagere Person. Das Wesen huschte ängstlich um die Alte herum; ein brokatner Stoff rauschte. Die Alte raffte ihn und warf damit nach der windigen Person, die vor Angst nur Kehle zu sein schien. Diese Kehle zitterte und bebte und blähte sich auf. Alles Licht fiel auf sie. »Dumme Gans! – dumme, – den Rock verschnitten, – den scheenen Rock!« Eine heftige, temperamentvolle Schelle fuhr der Jungfer auf die Wange, die zum Glück nicht genug Fläche für diesen Anprall hatte; aber eine Flut gäksender Laute, wie nur die gesegneten Länder, das Herzogtum Weimar, das Herzogtum Altenburg, die Fürstentümer Reuß und das ganze blühende Sachsenland sie hervorbringen können, strömte, gurgelte, gluckste, quäkte, quetschte, fletschte, gäkste über die Jungfer dahin. »Masch Allach!« murmelte Achmet furchtsam, machte sich klein und huschte zur Tür hinaus, nachdem er dem Greuel Licht gegeben. . . . * 15 Im alten Speisesaal saßen sie beim Souper. Im Kamin brannten die Scheiter. Der Sturm schnob gegen die hohen Fenster. Der große runde Tisch, von drei Kerzen beleuchtet, war wie eine runde, helldämmernde Insel im dunkeln weiten Raum, eine kleine, enge Welt, um die der Scharlachne wie ihr Trabant umging und die mächtige Zinnschüssel mit Wellfleisch, Kopffleisch, Blut- und Leberwürsten servierte. Die bauschigen Röcke der Frauen blähten sich auf in schimmernden Farben. Die Herren saßen wie dunkle, schmale Hemmungen zwischen der wogenden Rockflut. Selbst der alte Freiherr von Einsiedel in seiner blühenden Fülle, dem roten Gesicht, der mächtigen Schulterbreite, dem weißen Haar, das längst keines Puders mehr bedurfte und in seiner vollen Greisenpracht leuchtete, war halb versunken im Gewoge. Der Junker und das Faktotum Emanuel Karger, der auch das Lehramt bei den beiden Baronessen versah, was Musik, Literatur und so weiter betraf, sahen äußerst bescheiden aus; aber des Junkers scharfes Gesicht und seine blauen, ach, oft so scharfen Augen leuchteten hell, und die weißen Flügellocken an den Schläfen gaben ihm etwas, als hätte er kleine Schwingen, die er ausbreiten könnte, um davonzufliegen, wenigstens sein Haupt, falls es sich vom Rumpfe trennen wollte. Das Faktotum aber saß zwischen den Baronessen, den Stieftöchtern des alten Freiherrn, die er die rosa Elefanten zu nennen beliebte. Die rosige Fülle der beiden 16 Mädchen engte seine bescheidene Person, wenn möglich, noch mehr ein. »Es lebe Adèle!« rief der Freiherr, hob sein Glas, und alle stießen feierlich mit ihm an. Die Lippen glänzten von Adèles Fett und Wohlgeschmack, die Gesichter sahen gütig und freundlich aus; auch das alte, hagere der alten Baronesse, der Schwester des Freiherrn. Adèles Fett hatte die Organe, die die gäksende Schimpfsturmflut über die Jungfer losgelassen, geölt und gesänftigt, so daß sie mit ihrem Neffen ein literarisches Gespräch anzuknüpfen nicht übel Lust hatte. »Hat 'r Friedrich Hildebrand nix Nääheres iwer die vielen Lidderadoren in Weimar geschriem?« »Meine Liebe,« rief der alte Freiherr, »ich weeß, worauf de naus willst, awer laß die Lidderadoren in Ruh! Wennse noch ordentliche Bicher schreiben täten, so mit Vollgehalt, wie hier unsere Adèle hat. – Iberhaupt, – wenn einer da was lesen sollte, mißte schon draufstehn: Der Pfaff in der Dunggrube – Die Sau im Erbbegräbnis – Die nackte Wahrheit – Verdacht auf Blutschande – Die leichtsinnige Eheliebste oder – Wunderliche Abenteuer eines Freiherrn. – Es lebe Adèle! Hier gibt's nix andres als der süßen Adèle Fett und Würschte! Treib keine Gotteslästerung und zier dich nicht, als wenn du so tätst – als obste. Hoch Adèle! – Und nu, ihr rosa Elefanten, geht was iwer Habermast? – He? Was hab 'ch gesagt!« 17 Die rosa Elefanten kicherten. Freifrau Barbara von Einsiedel aber sprach: »Ohne Brennessel bis in diefstn Herbst un Kartoffelfitterung hätts du doch's Nachsehn gehabt. – Die nächste Adèle kriegte nur Habermast – da wirschte sehn!« »Dummes Zeig!« meinte der Freiherr und wendete sich an seinen Sohn. Er lehnte sich zurück, faltete die Hände wie ermüdet vom kräftigen Mahl. Die Speckscheiben, die Würste, die Wurstsuppe mit Brotschnitten, alles war dahingeschwunden. Der Buckel war mit den leeren Schüsseln lautlos vom dunkeln Raum aufgesogen worden. Noch schäumte das Bier in den Gläsern. Ruhe war eingetreten. Nichts schlürfte und schmatzte, nichts atmete mehr eifrig zwischen Schlucken und Kauen. »Na,« sagte der alte Freiherr zu seinem Sohn, »du hast 'n Brief heite von Exzellenz von Raden erhalten, mein Liewer, – was hat 'r denn geschriem?« »Damit ist's nichts, was er geschrieben hat. Ich gehe nicht nach Frankreich.« »So – so.« »Ich hab' die Manier nicht, in Frankreich Fortune zu machen, mir ist die Unterhaltung von Bekanntschaften mit glatten Menschen von Influenz viel zu beschwerlich und lästig, und wenn man das nicht kann, wird man vergessen. Ich bin auch viel zu unpolitisch, daß aus mir was werden könnte – und wenn ich die vielen Rücksichten bedenke, 18 die ein Mensch gegen den ganzen Almanak Royal beobachten muß, die Vorsicht in Äußerungen seiner Meinung – und meine Reizbarkeit, so meine ich – sei's damit nichts.« »So – so,« sagte der Freiherr. – »Was dann?« »Weiß nicht.« Der Junker machte sein festverschlossenstes Gesicht. Der alte Freiherr erhob sich geärgert. Somit erhoben sich alle. »Un Friedrich Hildebrand in Weimar? Was tut denn der? – Der lernt die Kunst und Wissenschaft der Devotion, ohne weiter viel zu mucksen.« »Seine Sache, Vater. Ich lerne die Kunst und Wissenschaft der Devotion nicht.« »Dann werd Landbriefträger! – Meinetwegen sonst irgendein Rapautz, – Professor!« »Haben Sie etwa in Ihrer Jugend Lust empfunden, die Kunst und Wissenschaft der Devotion an irgendeinem Hofe zu studieren?« Der Junker lächelte scharf. Der Alte schaute: »Das waren andere Zeiten und andere Menschen. – Die Einsiedel zu jenen Zeiten – Riesenkerle, – die paßten nicht dazu, zu Hofe zu gehen. – Selbst souverän. – Heute sind's Bürschchen, zierliche Männerchen, die man unterbringen muß. – Hast du je einen Bauern prügeln lassen oder geprügelt? – He?« »Nein.« 19 »Gut, – gut. – Was sage ich – geprügelt!« Der Alte lachte laut. »Hast du je einem Bauern . . .? In Gottes Namen – jetzt kann man nicht reden – die Weibsen. – Hast du je . . .? Herr Gott noch mal! Weißt du etwa, was ein souveräner Freiherr ist? – He?« »Ich denke es zu wissen,« antwortete der Junker. »Nix weißt du. Die alten Einsiedel hätte ich auch nicht die Kunst und Wissenschaft der Devotion lernen lassen. – Die alten von Einsiedel,« der Freiherr nickte vor sich hin, »nun, für die gab's keine Schranken, – kaum ein Gesetz, kaum eine Moral, wie sie fürs Pack besteht – und das war gut, – das war das Richtige. In den Krieg zogen sie, – Hofluft aber war nichts für sie.« »Und Sie wundern sich, Vater, daß ich . . .?« Der Alte lachte. »Die Bürschchen, die sich heitzutage von Einsiedel schreiben, sind mir zu zierlich und zu zimperlich, trotzdem ich sie selbst gemacht habe.« Er lachte auf. »Man muß für sie sorgen.« Mit diesen Worten entfernte er sich aus dem Lichtkreis und schritt in die Dunkelheit hinein, mißmutig seinem Zimmer zu. Sein Schritt war schwer, satt und fest. Der Buckel rückte einen leichten Spieltisch am Kamin zurecht, stellte den Armleuchter darauf, nahm vom Kamingesims die Kartenpresse mit den Karten, das gestickte Spielmarkenkästchen. Die Stühle rückten, alles war wortlos und feierlich. Die Freifrau und die alte 20 Baronesse ließen sich nieder. Die alte Baronesse mischte die Karten mit einer Miene, als wüßte sie nichts von dieser Beschäftigung ihrer Hände. Sie hatte dabei das Betragen einer wohlgeölten Maschine und sagte: »Da geht er dahin wie ein Lewe und siehet, wen er verschlinge.« Das Faktotum war ein für allemal zum Kartenspiel befohlen, und da Freiherrliche Gnaden geruht hatten, sich davonzumachen, mußte ein rosa Elefant her. Der andere nahm eine Perlenstickerei zur Hand und setzte sich in den Lichtkreis des Armleuchters. Der erste Frühlingssturm peitschte Schloß Lumpzig, die Fenster klapperten, der Regen fiel sausend. Die Spieler aber hörten und sahen nicht, versanken in die ewige Gewohnheit ihres Spiels, lautlos wie in einem Sumpf. Nur hin und wieder klangen unverständliche gäksende Laute, Naturlaute der Heimat. Die alte Baronin machte nicht viel Umstände: »Baß Er aaf!« ermunterte sie das Faktotum hin und wieder, wenn der im Diensteifer zu ermatten schien. »Kann Er denn gar nich aafbassen.« Auch der rosa Elefant wurde zierlich gerüttelt. Die Freifrau aber spielte wuchtig, warf die Karten, daß sie schnalzten. Ihre Gesten waren groß und nobel. »Das bin ich,« sagte alles, was sie tat. Und was sie tat, 21 war tüchtig und ausgezeichnet, da gab's nichts. So war auch keine Äußerung ihr gegenüber vonnöten.   Nun aber saß der Buckel in der Küche im Schweinedunst – und sündigte nach Herzenslust, und es war ihm so wohl und weh dabei ums Herz wie jedem braven Sünder, dem Allach wohl will. Der junge Freiherr war auch auf sein Zimmer gegangen, mürrisch und aufs äußerste gelangweilt. Der Abend schien ihm endlos, die Nacht die schwärzeste Erden- und Weltnacht, ein Morgen unwahrscheinlich. So warf er sich auf sein Ruhebett, dehnte sich, reckte sich, nahm ein Buch zur Hand, griff in eine zierliche Dose, der er eine Süßigkeit entnahm, schob diese wohlgefällig in seinen scharfgeschnittenen Mund, sog behaglich, wie ein Kind an der Mutter Brust, dehnte sich wieder und dachte: So ist's nun, laß alles seinen Gang gehen – und nehme mich keines Dings an – und lebe aller Isolierung ungeachtet in großer Behaglichkeit. – 22   Zweites Kapitel Die rosa Elefanten beim Tanzen. Die Freifrau von Einsiedel hat große Wäsche. Die Kunst und Wissenschaft der Devotion. Der Freiherr glaubte, der Schreiber Emanuel Karger würde ihm an die Brust sinken und rufen. »Du! – Ja du!« Einsiedel treibt's in die Nacht hinaus. Die rosa Elefanten hatten Tanzunterricht. Im Speisesaal arbeitete Tanzmeister Aulhorn im Schweiße seines Angesichts und geigte und kommandierte. »Heu links! – Stroh rechts,« sagte er. »Heu! – Stroh! – Eins – zwei – drei – eins, zwei, drei –. Stroh heißt rechts, sage ich, Heu links, – gnädigstes Fräulein Friederikchen. – Aufpassen! – Aufpassen! – – So wird's nie im Leben ein Menuett! Oder soll ich Stroh an den Fuß binden. Mit Links, Rechts fang ich schon gar nicht an: Heu, Stroh! – Stroh! Stroh! Heu! Hochgeborne Fräuleins, nicht so schwitzen. – Nicht so steigen! – Schweben – Schweben! – sag' ich.« Der alte Tanzmeister legte die Geige nieder, faßte die süßlila Tuchrockschöße zierlich, hob sie an beiden Seiten 23 in die Höhe – und schwebte. Die Lackschuhe mit ihren breiten Schnallen hüpften, der Zopf schwenkte und ein todernstes Lächeln verschönte die Züge. Er schwebte im wahren Sinne des Wortes, denn er glaubte zu schweben. Fräulein Friederikchen und Fräulein Katharinchen kicherten und krochen fast ineinander, – so kicherten sie. Niemand hatte darauf geachtet, auch die Baronesse nicht, die als Ehrendame am Kamin ihr Schläfchen machte, daß der alte Freiherr von Einsiedel eingetreten war. »Gänse!« donnerte der: »Was gibt's da zu lachen! – Er tut seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit. Mach Er,« wendete der alte Einsiedel sich an den Tanzmeister, der sein Schweben unterbrochen hatte und vollkommen Devotion geworden war, »mach Er, daß diese gracile werden, dann wird sein Douceur erklecklich ausfallen. – Meine Stieftöchter sind, wie Er weiß, Schnauze von Pfettrach, – haben demgemäß Hefe im Blut, das werden Sie wissen: die Familie war stets beleibt. – Es wird böse aufgehen; – aber im Zwischenreich hat das Frauenzimmer gracile zu sein, ist's auch meist.« »Hochfreiherrliche Gnaden, werde mich bestreben mit allen Kräften und nach der Möglichkeit.« Tanzmeister Aulhorn war Meister in der äußeren und inneren Wissenschaft und Kunst der Devotion und wendete sie gradweise und mit absoluter Sicherheit an. Er war wie Öl. Seine geistige Berührung immer angenehm 24 und wohltätig, kein Aulhorn, sondern ein Füllhorn von Ehrerbietung, angenehmen Redensarten. Man konnte nichts gegen ihn haben. Auch der Freiherr fand keine Ecke, an der er sich zu reiben vermochte, wie ein alter Eber solches zu tun liebt. »Hochfreiherrliche Gnaden,« begann der Tanzmeister wie verzückt, »wenn ich an die Junker Friedrich Hildebrand und August denke, so möchte ich, ohne den hochgeborenen Fräuleins nahetreten zu wollen, untertänigst bemerken, daß selbige Junker außerordentlich gracile waren, ein Neigen, ein Gleiten, – ein Hochgenuß – und in wie jungen Jahren hatte ich die Junkerchen schon unter den Händen. Wenn ich von Weimar kam und auf den Altenburger Schlössern meine Tournee machte, da standen die Junker Friedrich Hildebrand und August mir wie Götterjünglinge vor der Seele.« »Er ist mit den Jahren reichlich überschwenglich geworden,« sagte der Freiherr. »Laß Er das hier. Das mag in Weimar am Platz sein. Wie mir Friedrich Hildebrand schreibt, geruht man sich dort der Kanaille, der gebildeten Kanaille, über jede Gebühr hinaus zuzuneigen. – Sie werden es bereuen. Hat Er meinen Sohn kürzlich gesehen?« »Zu dienen, hochfreiherrliche Gnaden. Freiherrliche Gnaden, Herr Friedrich Hildebrand, sahen wie's Leben aus und sind ein Kavalier wie noch einmal ein Kavalier. 25 Da gibt's nichts. Wie der seine Menuette tanzt, das sollten sie ihm einmal nachmachen, die Bürgerlichen, da fehlt's weit – und immer, wie mir gesagt wird, im ersten Menuett vor den Augen ihrer herzoglichen Gnaden. Mit Junker Friedrich Hildebrand lege ich hohe Ehre ein.« »So mach Er nur, daß es auch hier geschieht. Das Frauenzimmer hat Er appetitlich zuzurichten, deshalb lebt Er.« Der Freiherr lachte laut auf, und der Tanzmeister machte eine tiefe Reverenz, ergriff seine Geige und ermunterte die hochgeborenen Fräuleins, fortzufahren. »Paß auf,« sagte der Freiherr zu seiner Schwester, »daß die Mädchen ihre Sache ordentlich machen, damit es ihnen nicht ergeht, wie dir es erging, meine Liebe.« »Heu links – Stroh rechts, eins, zwei, drei. Kompliment. Heu – Stroh, Stroh – Heu. Heu links, Stroh rechts. So – so – vortrefflich!«   Heute, zu Ehren der Tanzstunde, die Fräulein Friederikchen und Fräulein Katharinchen von Schnauz von Pfettrach gracile machen sollte, stand das ganze alte Schloß Lumpzig unter Wäschedampf. Auch die beiden Fräulein hatten kurz vor dem Tanzunterricht in der gewaltigen Waschküche mit an den Zubern gestanden und mitgewaschen, waren dann nur in ihre Kamisols geschlüpft und in die größten Reifröcke gekrochen und waren somit von einer schweren Arbeit in die andere gefahren. 26 Frau Barbara von Einsiedel gehörte zu den Hausfrauen nach altem Schrot und Korn, liebte große, dampfende Hauswirtschaften. Schlachten, Waschen, Backen, das war's, wonach ihr Herz verlangte. Die große Frau brauchte Hausrevolutionen, Hauskriegszüge und Belagerungen. Erst dann war's ihr wohl, wenn ganz Ungeheures sich begeben hatte. Schmutzige Wäsche mußte sich zu einem Gebirge ansammeln, dann gab's ein Fest, dessen war sie sicher. Lange vordem standen die Zuber voll Regen- oder Bachwasser in der alten Burgwaschküche, in der schon Generationen gebrüht, geseiht, gerieben, gescholten, gewürgt hatten, und die Kessel kochten und die Holzasche gab Lauge. Und als das übelduftende Leinengebirge dann anrückte, gab's für zwanzig kräftige Arme Götterwonne. Schaum und heiße Wasserströme, die sich ergossen – Wolken von Dämpfen, Schwirren von Gelächter und wilder Eifer, der von der Freifrau mächtig angefacht wurde durch schäumendes Hausbier, gewaltige Brote, Käse und Wurst, daß die Arbeitswut nur so aufdampfte. Es war der Kriegszug der Weiber gegen den Schmutz. Raserei und Kampfeswonne, Grauen vor der Übermacht des Feindes, Selbstsucht und Opfermut, Kleinmut und Größe, alles war vorhanden. Immer und überall dasselbe. Und wenn nach unsäglichem Kampf, nach unsäglicher Arbeit und Not Begeisterung, Pflichttreue und Freude, 27 man denke an das Trocknen der blütenweißen Wäsche, der flatternden Hemden in windbewegter Sonnenluft auf grünem Wiesenplan, die Wäschestücke endlich unschuldsvoll und weiß in weiten Körben lagen, da schwoll das Herz solch einer Frau, wie Barbara von Einsiedel eine war, vor Stolz. Daß diesem hochgemuten Hausfrauenherzen die unerbittliche Tanzstunde der Töchter mitten in den Arbeitswirbel hinein ungelegen kam, ist zu verstehen. – Ach, es kam ihr manches ungelegen. Freiherr Schnauz von Pfettrach war ein bei weitem umgänglicherer Gemahl gewesen; – auch er hatte Hefe im Blut gehabt wie seine Töchter und war im Alter aufgegangen gleich einer Dampfnudel. Der alte Freiherr von Einsiedel aber war schieres Fleisch und fest, als trüge er eine Rüstung. Und dieser schiere Mann war unbezwinglich und souverän, was Frauen betraf, was Trunk betraf, das war seine und niemandes anderen Sache. Auch die Tanzstunde ging ganz nur ihn etwas an. Er hatte den Aulhorn kommen lassen. Es war sein Aulhorn und Füllhorn und seine Tanzstunde.   Aber in diese Tanzstunde gerieten auch noch der Junker August von Einsiedel und der gute Emanuel Karger. Als der junge Einsiedel seine Stiefschwestern unter dem Kommando Heu – Stroh so bemitleidenswert herumhopsen sah, rührte das sein Herz, und er nahm die Schwester 28 Friederikchen in die Arme. »Emanuel, nimm du die andere, und in Gottes Namen – schwenken wir sie einmal. Aulhorn, spiel Er uns eine Mazurka, so recht aus dem Handgelenk, wie Er's so schön kann.« Das tat Aulhorn entzückt und aufs angenehmste berührt, denn er liebte die Junker von Einsiedel, und siehe da, trotzdem der Bruder feinknochiger, zierlicher als die Schwester war, brachte er Friederikchen, kraft seiner elastischen Energie, einigen Rhythmus bei; auch der etwas klapprige und bescheidene Emanuel entfaltete eine Sicherheit im Tanz, die man ihm nie und nimmer zugetraut hätte. Er hielt Katharinchen, das hochgeborene Fräulein, ganz zünftig im Rechte des heiligen Rhythmus in den Armen. »Ja, ja,« sagte August Einsiedel, als er seine Schwester und Dame wieder an ihren Platz am Kamin geführt hatte, »da fehlt's noch weit. Du steckst unverhältnismäßig tief in einer bockigen Natur, und es wird schwer halten, dich herauszuholen. – Es müßte denn durch eine Liebe sein, davor aber bewahre dich Gott im Himmel; das ist, habe ich mir sagen lassen, eine außerordentlich unbequeme, schmerzliche Sache, an der schon viele Leute zugrunde gingen und starben.« »Ne, an einer Liewe ging ich nich zugrunde, Aagust.« »Ne,« sagte der bösartig, »da is auch noch kein Sachse oder Altenburger zugrunde gegangen, – die wird allemal fortgegäkst; – aber, sieh mal, wie Emanuel Karger, 29 euer geliebter Lehrer, flott mit Katharinchen tanzt, – ganz und gar nicht unebenbürtig, – ganz verteufelt.« August von Einsiedel machte sein scharfes Maul und sah unverschämt aus. »Der Trieb des Männchens ist immer souverän, auch beim befangensten Tierchen.« »Was schwätzt de denn da fir Zeigs,« sagte Friederikchen. »Ich gääkste!« Er war nervös und frech, winkte Emanuel Karger zu und sagte: »Kommen Sie, lassen wir die Tanzbären.« Und sie gingen miteinander, machten einen Gang durch die Felder einen Wiesenpfad entlang, der sich an einem Bächlein dahinschlängelte. »Ich bin ekelhaft, – wie eine Kreuzspinne giftig. Wie ich denn auf dieser Welt keinen Zusammenhang begreife, als den mit Stricken und den nur halbwegs; denn ich begreife nicht, weshalb die Teile des Stricks beisammen bleiben. Und das beständige Närrischfinden und Nichtbegreifen ist mir lieber als die Erkenntnis a priori . Darin, meine ich, liegt auch die vom asiatischen Weisen so gerühmte Kontemplation. So eine Art von Entzückung, von Nichteinwirkung der ganzen Welt, bloßes Erstaunen und Lachen. Wenn sie nur nicht so gäksen wollten! Alles, was böse und frech in mir ist, gäksen sie heraus. Das ist nicht gut. 30 Es gibt immer eine Wunde, die wieder heilen muß. – Das nimmt Kräfte.« »Sie sollten nicht hier bleiben, lieber Junker.« »Sprechen Sie nur weiter, lieber Herr Karger, ich weiß schon, was Sie sagen wollen, mein Herr: Ihro freiherrliche Gnaden müssen ins Joch, – müssen sich einspannen lassen. – Ja, wenn ich mir noch wie die meisten Menschen auf meine Wirksamkeit Wunderstreiche einbilden könnte. Übrigens, mein Lieber, mit mir geht's absolut nicht: Ich bin und bleibe der Junker freiherrliche Gnaden für dich. Mit meiner Schwester aber da scheint sich's vortrefflich zu machen, ihre angenehme rosige Masse preßtest du recht vertraulich im Tanz ans kärgliche Brüschtlein.« »Junker August, was fällt Ihnen ein!« Emanuel Karger war heftig errötet. »Ist nicht so schlimm gemeint. – Ich sag nur so. Mich läßt du ruhig und sachlich in meiner Isolierung, ein bißchen fader Rhythmus, und alles ist über den Haufen geworfen, Herr Prinzgemahl.« »Ich verbitte mir Hohn.« »Schau, in mir sitzt keiner, höchstens so ein paar Spritzerchen dummen Witzes auf den Lippen, – hat gar nichts zu sagen, mein Lieber. Bei mir hat überhaupt fast nichts was zu sagen. – Schlimm. Ich bin jetzt wundgerieben und deshalb unausstehlich.« 31 »Und es ginge Ihnen so gut, wenn Sie nur wollten, Begabung an allen Ecken und Enden. Und Sie können reisen, Sie können studieren, sind Ihr eigener Herr!« »Das alles heißt, du willst mich wohl wieder ins Bergamt spedieren; aber nein. Ich bin so frei, als irgendein Mensch unter der Sonne, allzu frei, mich zieht nichts an sich. – Ich verhungere schließlich vor lauter Freiheit. Niemand nimmt von mir Notiz. Unterhalb des Erdbodens ist's wie oberhalb. 's ist alles närrisch, läuft gegeneinander, reibt sich aneinander, drückt und ängstigt sich vor Druck. Mir wird's alle Tage klarer, daß die Natur noch viel komplizierter im Zerstören ist als im Erhalten. Ich lebe hier doch recht isoliert, 's ist niemand, der mich begreifen kann, hab' keine Freunde, keine Existenz, will's nun noch zu guter Letzt mit der Chemie versuchen; aber ich merk's im voraus, es ist im Feuer so wenig Ausfüllung für mich als in jedem anderen Element. Einen einzigen Menschen hab' ich hier,« da wendete sich August von Einsiedel an seinen subalternen Freund, faßte dessen Hand warm, »so lieb und treu ist er als einer, aber in einfacheren Verhältnissen, in beständigem Fleiß und kleinlicher Tätigkeit aufgewachsen, sind ihm so mancherlei Verhältnisse nie zum Gefühl geworden.« Emanuel Karger schaute betroffen auf, denn sein Herr und Freund hatte mit der ganzen sehnsüchtigen Innigkeit 32 eines vereinsamten Herzens gesprochen, so rückhaltlos, wie nur eine edle Seele, die ganz Wahrheit ist, gar keinen Grund sieht, sich zu verstecken, sprechen kann, eine Seele ohne Eitelkeit, ohne heftige Triebe, eine Seele, die die Welt überwand, ohne es zu wissen, und nun in jungen Jahren, die von Weltüberwindung noch nichts wissen sollten, nicht weiß, was sie mit dieser überwundenen Welt beginnen soll. Er hielt seines Freundes Hand, um dessen Nähe und handgreifliche Liebe und Wärme er vielleicht nur launenhaft kämpfte, fest, als wollte er sich daran halten. Er glaubte, daß ihm Emanuel an die Brust sinken würde und rufen: »Du, ja du, du Freund! – Endlich sind wir auch äußerlich vereint – endlich hab' ich den Turm, von dem ich gestern sprach, geistig erstiegen und sehe alles unter mir, alle Vorurteile, alle Schranken um mich her und über mir den freien ewigen Raum.« Statt dessen aber sah er in ein zuckendes Gesicht, auf niedergeschlagene Augen, auf ein zaghaftes Männchen, das daheim eine arme Mutter zu ernähren hatte, dem Angst war, durch eine Unbedachtsamkeit die gute Stelle bei seiner freiherrlichen Gnaden zu verlieren, den armen, kleinen, guten, eingeschnürten Spießer. Da erbarmte sich des Freiherrn vereinsamtes Herz und er sagte: »Laß gut sein, mein Lieber – wir brauchen das gar nicht. Es ist so wohl noch schöner.« 33 Zugleich mit diesem Erbarmen kam die Grazie und der Übermut einer freien Seele über ihn, und er sagte: »Aber das hochgeborene Fräulein Katharinchen hat er doch sehr männlich an sein mageres, vorsichtiges Brüschtlein im Tanze gedrückt. Die Natur kommt eben auch dem Hilflosen zu Hilfe.« »Das hochgeborene Fräulein war im Tanze nicht gar leicht zu bewegen,« antwortete Emanuel befangen. »Bravo! Ritterlicher Jüngling! – Nur keinen Schritt vom Wege.« * Die Nacht vor Ostern, als unser Herr einst im Grabe lag wie jeder arme Mensch, ausgestoßen von den Lebendigen, in Einsamkeit verborgen, den Tod auskostend. Diese geheimnisvolle, wiederkehrende Nacht, in der die Tiere reden dürfen, in der die Sterne tanzen, die Schneeglöckchen läuten, das Erz in den Bergen leuchtet, in der die Gräber sich auftun in Sehnsucht nach dem Jüngsten Tag, an dem das Leben sich neu ergießen wird, die Nacht, in der die Bauernmädchen und Weiber, o Wunder, schweigend zum Born gehen, um das Osterwasser zu schöpfen, das ewige Schönheit verleiht, diese Nacht liebte der Freiherr von Einsiedel vor allen Nächten von je, und wenn's gar noch stürmte und Wolken jagten und die kahlen Bäume, in denen der Saft wie starker Wein kreiste und schäumte, um 34 bald in Knospen und Blüten auszubrechen, rauschten und sausten, in der die liebenden Katzen hexenmäßig schrien und die Käuzchen närrisch vor Liebe waren, da trieb es ihn hinaus, da lustwandelte er, das war seine Nacht, die Nacht seines eigenen Wesens. Auch er lag dann wie im Grabe, wie vereinsamt – ausgestoßen von den Lebendigen, so erschien es ihm; auch sein Grab öffnete sich in dieser Nacht in Sehnsucht – ganz feine Glöckchen läuteten in ihm, die er sonst nicht hörte. – Das Erz, die ungehobenen Schätze in seiner Natur, begannen zu glimmen und sich zu regen, und die stummen Tiere seines Wesens redeten zu ihm. – Es war seine heilige, geheimnisvolle Nacht; heute mehr wie je. So wandelte er durch den Park, den Wiesenpfad am Bächlein hin, das glucksend im Mondlicht dahinglitt, und der Mond leuchtete mit seinem Halbgesicht im abnehmenden Zustand und schaute so fremd, wenn die jagenden Wolken ihn freiließen. So schlenderte Einsiedel durch das schlafende Dorf, das, weit verstreut unter Bäumen lang sich hinziehend, in einer Erdfalte windgeschützt sich barg. Durch ein niederes, erleuchtetes Fensterchen blickte der nächtliche Lustwandler, da sah er Wunderliches: Auf dem Tisch im Zimmer brannte die Kerze im hölzernen Lichthalter und im niederen, großen Raume standen die Bewohner des Hauses regungslos. Der Bauer wie aus Holz 35 geschnitzt so steif. Sein Schatten fiel deutlich auf die weiße Wand dem Fenster gegenüber, der Altvater neben ihm, die Bäuerin, die Söhne, die Töchter, der Knecht, die Magd, alle gleich steif, gleich feierlich in einer Reihe und alle mit dem Gesicht der Wand zugekehrt, und ihre Schatten standen ihnen gegenüber, als wären ihre Seelen aus ihnen herausgetreten, die sie nun ängstlich und ehrerbietig betrachteten. Eigen schauerlich war dieser Zufallsblick in das nächtliche, unerwartete Treiben fremder Menschen, und er blieb mit wunderlichem Grauen stehen, da fiel ihm ein, daß es ein alter Brauch sei, die Nacht vor Ostern das Schicksal zu befragen, wer vom Hause in diesem Jahre sterben müsse, dem schwand der Kopf im Schattenbild dahin. Und so standen sie starr und gefaßt und doch voll inneren Entsetzens regungslos, in tiefem Schweigen, und Einsiedel schaute gespannt mit ihnen. Da klang ein fester, starker Schritt auf der einsamen Dorfstraße, ein Schritt, den er gar wohl kannte, ein ungehemmter Schritt, den nichts im Leben geändert hatte, der Schritt eines Jägers, der mit der Beute zufrieden war, eines Herrenjägers, der auf eigener Flur gejagt hatte. Einsiedel verbarg sich hinter dem Holzstoß am niederen Fenster und ließ seinen Vater an sich vorüber, so nah, daß er dessen Geruch spürte und daß er ihn im hellen Mondlicht deutlich sah, das Gewehr über der Schulter, ein 36 Liebesliedchen summend, mächtig, wohlhäbig, guter Laune, so ging der schiere Mann, so kam er von irgendeinem Abenteuer, einem gutgeglückten und reichlich begossenen Handel etwa, einem munteren Zusammentreffen mit guten Bekannten, einem Liebeshandel. Zärtlich pfiff er, zärtlich brummte er vor sich hin. Er war zärtlich, der alte Knabe, so mochte es wohl kein Pferdehandel gewesen sein, der ihn solchergestalt bewegte – und so ging er wohlgemut seinem Heime zu, in dem ihm alles und alle dienten. »Nachttier!« flüsterte der Sohn ihm nach, – nicht giftig, nicht erregt, aber kalt und kurz. Es war nicht das erstemal, daß Vater und Sohn einander so nächtlich trafen, der Alte ahnungslos, heiter, ungehemmt, der Junge einst mit stockenden Pulsen. Das erstemal entsann er sich, da hatte er im Zwielicht eines Winterabends den Vater einem Diebe gleich aus einem Hause schleichen sehen, und als der Junge staunend den stolzen Vater mit großen Augen angeblickt, da hatte er von ihm eine souveräne Schelle bekommen, daß ihm Hören und Sehen vergangen. Das Nebelbild des schleichenden Mannes aber war trotz der väterlichen Schelle in der Seele des Jungen nicht ausgelöscht worden, es hatte sich zu einem Eisgebilde kristallisiert und hatte Kälte erzeugt, Nachsinnen, Grübeln und Mißtrauen. 37 Und das alles war in der Seele des Kindes gewachsen, hatte sich darin eingenistet. Die stramme zweite Frau, die das sanfte, verfeinerte Leben der ersten im Hause bald verwischt hatte, war für den sensibeln Jungen wie in eine Dunstwolke von Nahrung gehüllt. In der Küche, beim Einmachen, beim Schlachten, in der Milchwirtschaft, überall war die fleißige Frau zu sehen, überall, wo es dampfte, appetitlich roch, wo Speise zubereitet wurde. Wenn sie sprach, sprach sie von Speise, wenn sie mit der Hand dem Jungen übers Haar gestrichen, hatte die Hand nach Speise, nach Gebäck, gewürzig, gar nicht unangenehm gerochen. So hatte er angenommen, daß sie durch und durch so speiseduftend sei. Es verbanden sich sonderbare Ideen mit ihr; aber daß es Liebe und Zugehörigkeit war, davon zu wissen, schien er zu allen Zeiten weit entfernt gewesen zu sein. Die zweite Brut, die im Hause aufwuchs, die mit in die Ehe gebracht war, konnte auch das Herz des verschlossenen Jungen nicht erwärmen, und der eine Bruder, Friedrich Hildebrand, war ein zu feines Bürschchen, das sich in alles besser zu schicken wußte, der geborene, abgeschliffene Hofmann, der alles nahm wie es war und die Wissenschaft und Kunst der Devotion mit auf die Welt gebracht hatte. Der die eigene, immer verschwiegene Freiheit so behandelte, als wäre sie gar nicht vorhanden. 38 So wandelte August Einsiedel heute niedergeschlagenen und sehnsüchtigen Herzens nach den einfachsten Bedingungen des Lebens in der Osternacht seines Weges, als ein zerflatternder Mann, der nicht wußte, wohin er sein Haupt legen sollte, den eigentlich nichts an diese Welt band und weniger noch spürte er Verlangen nach einer künftigen. Da hob sich in seiner Seele wie von ungefähr das Bild einer Frau, seiner Mutter jüngsten Schwester, und er hörte im Geiste seine Mutter sagen: »Wenn meine kleine Schwester kommt, die ich die Burg nenne, weil sie so brav und lieb ist, wird alles gut.« Und die Burg kam, aber es wurde im Sinne dieser Welt nicht gut, die liebe Mutter starb – aber sie starb in Frieden und mit einem Lächeln auf den Lippen und in den Armen eines guten, schönen, ganz jungen Wesens. Er entsann sich, daß die Burg ihm einst während des Krankenlagers seiner Mutter im Park begegnet war, weiß gekleidet, mit einem grauen, zarten, bauschigen Busentuch, und daß sie ihn gebeten hatte: »Geh, lieber Bub, bind mir meinen Schuh,« und hatte das Kleid ein wenig gehoben und ihm ihr Füßchen hingesetzt, an dem die Schuhschleife aufgegangen war. Und er hatte mit großer Mühe und viel Zeitverbrauch ein kleines Ungetüm von Schleife zusammengebracht. Da hatte die Burg sich zu ihm gebeugt und ihn an sich gezogen 39 und zärtlich geküßt und ihre Tränen waren ihm auf die Wangen getropft wie ein warmer Frühlingsregen. – »Du, mein Bub,« hatte sie geschluchzt, »wie du zu uns gehörst, – wie du ganz der unsere bist. Gelt, wir verlassen einander nicht?« »Und weshalb heißt du denn die Burg?« hatte er gefragt, weil ihm nichts anderes einfiel. »Ich heiß doch Amarelle, Burg nennt mich nur deine Mutter, weil ich so viel fester bin als sie und weil deine Mutter sagt, ich hielte, was ich verspreche – und so wollen wir einander oft wiedersehen.« Aber sie hatte es nicht halten können, was sie dem Jungen versprochen, das Leben war zwischen sie und ihn getreten. Ihre Heirat mit einem Grafen Sternberg führte sie ins Ausland – und sobald es anging nach der Mutter Tod, war die neue Frau auf Schloß Lumpzig eingezogen und hatte ihr Regiment begonnen und er hatte selten von der Burg gehört. Hin und wieder war ein Brieflein an ihn gekommen, das ihn warm und lebendig berührt hatte. Er wußte, daß sie früh verwitwet, kinderlos, jetzt auf einem kleinen Gütchen bei Eisenach lebte. Aber nun wollte er sich auch aufmachen – ja – er wollte reisen, mit der Welt anbinden und sehen, was sich daraus ergeben würde. Und so ritt er bald darauf auf seinem Schecken und im hechtgrauen Reisehabit und ließ 40 Schloß Lumpzig hinter sich, in dem zwei ihm nachfühlten. Der Buckel im scharlachnen Rock hatte ihm das Felleisen gepackt und den Koffer, der mit Fahrgelegenheit befördert werden sollte. Dem Buckel war es gewesen, als verbände sich längst Vergangenes mit Kommendem, als ritte sein lieber Junker der schönen Zeit wieder zu, die der Alte in seinem dummen Mohrenherzen mit allen Herrlichkeiten auszuschmücken beliebte, und war wohl weiter nichts gewesen als ein vornehm verwöhntes Lärvchen, eine süße Stimme, zarte Düfte und vielleicht ein weiches, leidendes, freundliches Herz. * Emanuel Karger brachte seinen freiherrlichen Freund ein gut Stück Wegs und ging neben dem Schecken müde und schon verlassen einher. – »August, lieber, geliebtester August! Freund aller Freunde,« klang es in ihm, denn wahrlich, er wanderte neben dem Liebsten, das er auf Erden besaß, und seine Seele war angefüllt mit Zärtlichkeiten, Stolz, Liebesbeteuerungen, Freundschaftsschwüren und Leid. Nichts aber, o Himmel, von all dem kam über die Lippen des Braven, in sich selbst Eingeschnürten. Sie sagten sich Lebewohl, ohne daß Emanuel imstande gewesen wäre, die Schranken seines Spießertums zu durchbrechen. August von Einsiedel aber spürte den Kampf in der unfreien Seele des subalternen Freundes, hielt sein Pferd 41 an, stieg ab, nahm den armen Befangenen in seine Arme, preßte ihn warm an seine Brust und gab ihm einen innigen Freundschaftskuß. Dann schieden sie. Emanuel schaute mit heißen Tränen nach: »Da zieht er hin, der liebe Teuerste, und wer reist – Gott weiß, wann und ob – und wie er zurückkehrt. – Gott behüte ihn.« 42   Drittes Kapitel In der steinernen Blume. Das zentifolienfarbene Haus. Seine Tante Amarelle. Zwei Nebenpersonen, denen doch einiger Platz gegeben ist. »I – bin der Bock. I – bin auch der Hannegockel.« Tante Amarelles Anmut ganz zu fassen nahm ihn sehr in Anspruch. Ja, und in Erfurt da machte der Junker halt, da sollte sein Gaul wieder zu Kräften kommen und auch er wollte sich verschnaufen und war im kleinen Gasthaus, in dem Emanuel Karger gewohnt, abgestiegen, ja, er ließ sich das Zimmer geben, in dem dieser genächtigt hatte. Ihm war's, als brauchte er das, als täte es ihm gut, in der Atmosphäre eines anderen zu sein. Er kam sich so beängstigend unbeschwert vor, als könnte ein Luftzug ihn über die Welt hinaustreiben. Es hatte sich wunderlicherweise nichts an ihn gehängt, was ihm Schwergewicht gegeben hätte, nichts als der kleine Spießer. Aber er war doch ein feiner, feiner kleiner Spießer, gar nicht zu sagen wie fein, wie eine zierlich geschriebene Zahl so korrekt und säuberlich. Dem Eingeweihten, der weiß, was sie birgt, ist sie eine 43 Kostbarkeit, bedeutet vielleicht dreiundneunzig frische Rosen oder dreiundneunzig Perlen oder grad so viel herrliche Lieder; was alles kann sie bergen! – So der liebe Spießer Emanuel Karger. Der junge Freiherr ging auch weiter seiner Spur nach und bestieg die höchste Spitze des Turmes. Und wie er sich so nach den Empfindungen Emanuels, von den Steinlasten, die von ungezählten Menschenkräften, hohen geistigen und starken leiblichen aufgetürmt waren, gleichsam emportragen ließ, in den Raum und in einer steinernen Blume in diesem ewigen Raum über der Erde schwebte, da zog in sein Herz Niegefühltes ein; dankende Zugehörigkeit zu diesen Tausenden, die ihn emporgehoben. Er fühlte sich mit ihnen verbunden. Er dankte ihnen und dem Freund, der ihm alles so ausgedeutet, und fühlte sich nicht einsam, sondern wunderlich nah unbekannten Kräften, in einer großen Harmonie. Seine Seele war ausgefüllt und froh. »Man muß nach Erfurt reisen – man muß auf einen Turm steigen – ja gewiß, Türme sind dazu da!« – Und ich lachte darüber. So hatte die Reise bis Erfurt ihm gut getan, er war aus seiner Vereinsamung gerissen, hatte mit eines anderen Empfindungen gefühlt und sich von unbekannten Menschenkräften in den Raum tragen lassen auf eine geheimnisvolle, vordem nicht geahnte Weise. 44 Auf dem Herzen trug er ein Briefchen von der Burg des Inhalts, daß sie sich ihres Versprechens gar wohl entsinne; er solle nur kommen, sie habe Jahr für Jahr auf ihn gewartet. * Und so war er durch ein von alten Buchen bestandenes Tal geritten, in dem ein Bach sich schlängelte, dann durch Wiesen, auf denen einzelne schön entfaltete Bäume, Fichten und Buchen, sich mächtig ausbreiteten. Der muntere Bach geleitete ihn – und da lag das Gütchen Atjenbach vor ihm, ein rosa Haus, im Stil der Zeit gebaut, zart rosa, wie eine Zentifolie, die Fensterläden gemütsgrün, die weiß gestrichne Haustür mit weitem Bogen und zwei pausbackige, nackte Engeljungen aus Stuck hielten eine weiße Rosengirlande liebenswürdig über den Eingang. Mannshohe Mauern grenzten an beiden Seiten des Hauses den großen Garten ein und ein offenes Gittertor in dieser Mauer lockte zum Einreiten. Er aber hielt erst seinen Schecken an und hatte eine große Freude über das zentifolienfarbene Haus. Die schön und weit geschnittenen Fenster mit ihren vielen kleinen Scheibchen, alles deutete auf behagliche Räume, und die rosige Farbe im Lichte des durchsichtigen Buchenlaubes, das grünedelsteinmäßig in der Maiensonne glänzte und die ganze Luft ergrünen ließ, tat seinem sehnsuchtsvollen Herzen wohl wie eine Liebkosung. 45 Und dann stieg er ab und führte seinen Schecken am Zaum und trat durch das Gittertor unter die herrlichsten Buchen. Bei ihm daheim gab es Fichten und Kiefern und allerhand Laubbäume, aber die Buche, die Königin des Mai, war selten, und hier trat er in ihr Reich. Das schwebende, seidenzarte Laub, ohne jede Härte, ganz zu Licht aufgelöst, die silbernen mächtigen Stämme und Äste, um die das grüne Lichtgewoge floß! – Ja, das war Mai! – Noch nie, kam es ihm vor, hatte er den Mai erlebt – und welcher Duft! – der Inbegriff aller Frische. Das zentifolienfarbene Haus leuchtete durch Zauberbäume. Und wie er so des Wegs mit seinem Schecken ging, kam ihm ein alter Diener in etwas steifen Sprüngen entgegen, der den Kopf immer wieder dem Hause zuwendete, indem er rief: »Er ist da! – er ist da! gnädigste Gräfin, er ist da!« Gleich darauf sah August Einsiedel in ein gutes altes Dienergesicht, das vor Freude strahlte. »Also darf ich den Sohn unserer geliebten Gräfin Annette begrüßen, die alten Augen dürfen ihn noch sehen!« Einsiedel reichte ihm bewegt die Hand und fühlte sich empfangen, als kehrte er nach langem Fernsein heim. Der Diener nahm ihm den Zaum aus der Hand und führte den Schecken. Aus dem Haus, aus grad solcher Tür wie an der Front, trat eine Frau im weißen bauschigen Kleid mit grauem 46 Busentuch, die Locken leicht gepudert – eine helle Gestalt – und eilte auf den Gast zu und dieser auf sie. Und er fühlte sich umschlungen und warm und herzlich geküßt, gerade wie dazumal, als er ihr als Junge die Schuhschleife gebunden hatte. »Das bist du also!« rief die anmutige Frau, »das ist aus Annettes liebem Jungen geworden! Nun sei willkommen!« »Nicht allzuviel ist aus der lieben Mutter Jungen geworden, Burg.« »Ach geh – ich seh's ja doch, du gehörst zu uns! Du bist wie wir. Wie dein Gesicht mich anspricht! – und du gleichst der Unvergeßlichen – wenn auch Scharfes in deine Züge gemischt ist, wie es sich gehört im Gesichte eines Mannes. Und »Burg« sagst du, wie lang ich das nicht hörte! Wie weißt du denn das noch, du lieber Bub?« So plauderte sie, und sie führte ihn ins Haus und führte ihn in sein Zimmer, damit er sich erfrische. »Und dann kommst du zum Tee, ich erwarte dich.« * Und wie sie dann miteinander beim Tee saßen, waren sie beide wie daheim. Er fühlte nichts Fremdes, und seine Tante Amarelle, in der großen Freude, den Sohn der geliebten Schwester bei sich zu sehen, gab ihm beide Hände. »Ein Freudestrom geht mir durchs Herz,« sagte sie warm 47 und voll schöner Unmittelbarkeit, »die Freude macht mich jung und froh, als wäre nichts über mich dahingegangen.« Er sah sie an, und ihn entzückte ihre Anmut und daß sie so jung aussah und daß er solch eine liebliche Heimat fand. Die hellen Buchen schauten durch die vielen kleinen blanken Scheiben der weiten Fenster, und eins stand offen, und es duftete im Zimmer nach Maiblumen. Sie erzählten einander, was sich so gerade in Worte fassen ließ. Sie sprach von ihrem Mann, von dessen Leben und Tod und würdigte ihn als einen vornehmen, edlen Menschen; sprach von den Jahren in Rom, als er Gesandter dort war, von ihrer Sehnsucht nach Deutschland. Und wie ihr Gatte bei einem Aufenthalt in der Heimat dies herrliche Gütchen gekauft, in dem sie nun gar gern hause und mit niemandem tauschen möge. – Wie sie so von dem Leben in dem einsamen Heim sprach, da fühlte er, daß sie eine stille, gelassene Frau war, und daß nur der Freudestrom, der ihr durchs Herz ging, sie so gesprächig und lebhaft gemacht hatte. »Ich bin auch nicht allein hier, du wirst meine Gefährtinnen bald sehn. Ich liebe junge Menschen, denen man noch etwas sein kann,« sagte sie. »Und daß du nicht gäkst und jedes ä doppelt sprichst!« »Was tu ich nicht?« »Gäksen, weißt du, bei uns gäksen sie alle – du weißt ja! – Nein, du weißt ja nicht! – Damals war's nicht so. 48 – Meine Mutter hatte deine Stimme. Seit ich dich höre, kommt ihre Stimme mir wieder, die sich ganz verloren hatte in dem kräftigen, allzukräftigen Stimmenkonzert daheim, was meine zarten Ohren respektwidrig als Gäksen empfinden.« »Na, einfach altenburgisch oder weimarsch!« Die Burg lachte: »Daher stammt ja deine Mutter oder stammt sie aus Altenburg?« »Ihr Vater aus Weimar, die Mutter aus Altenburg.« »Na, große Geschichte, was verlangst du denn da?« »Nerven sind immer ungerecht, Tante Amarelle; aber es ist mir doch erlaubt, mich zu freuen, daß hier meine Ohren einmal ordentlich ausheilen dürfen. – Nach einer süßen Stimme hätte ich meilenweit laufen können!« – »Weshalb hast du denn nicht mitgegäkst? Das wäre viel liebenswürdiger gewesen und hätte dich bald kuriert!« »Man wird obstinat und entwickelt sich aus Wut gegensätzlich.« »Ach geh, so boshaft solltest du nicht gewesen sein, dann hättest du weit weniger gelitten. Wer sagt dir denn, daß ein doppeltes ä nicht schön ist? Wer sagt dir denn überhaupt, was schön ist? Ein guter Mensch verliert aus Güte die Unterscheidung der Gegensätze und ist auf dem rechten Weg – aus Güte – nicht aus Schlamperei.« »O Burg, was sprichst du da so einfach, wie man einen Apfel ißt. Und der größte Literator würde dich kaum 49 verstehn. – Du denkst! Welche Seltenheit! – Und bist doch kein kleiner Spießer, sondern eine anmutige Frau, die es weiß Gott nicht nötig hat.« »Weshalb kein kleiner Spießer?« »Ja, man spricht aus Erfahrung; – mein kleiner Spießer ist der einzig denkende Mensch, der mir bisher vorkam; – aber bei dem ist nun wieder die ganze Körperlichkeit geschwunden, kaum daß seine Arme ärmlichste Schreibinstrumente sind und die Beine ihn notdürftig fortbewegen.« »Jetzt komm, ich will dir meinen Garten zeigen und den Wirtschaftshof und das ganze liebe Stückchen Welt, das mir zufiel.« Und so gingen sie unter den Maienbuchen hin; Tante Amarelle im weißen bauschigen Kleid und dem grauen Florbusentuch zog wie eine duftige Wolke neben ihm her. Das leichtgepuderte Haar, das auch wolkig ihr zartes Gesicht umfloß, bewegte sich im leichten Maienwind. * Ein heller zweistimmiger Gesang junger Stimmen tauchte ferne auf, eine getragene, weiche Melodie, einem alten Kirchenliede gleich, in dem es aber wie ein Springquell aufsprang voll Freude. »Meine Kinder,« die Burg blickte lächelnd auf ihren Gast. »Du wirst ein wunderliches junges Wesen sehen – aus einer anderen Welt.« 50 »Hast du hier Engel oder Nixen, Tante Amarelle?« »Einen Engel – wohl – und dazu noch einen Kobold oder wie ich das Geschöpf nenne: einen Stall ganz voller Zicklein. Den Engel habe ich in meine Obhut genommen. Engel laufen hier Gefahr, nicht für voll angesehen zu werden – und sind's leider auch nicht. Mein Engel ist das Kind einer gräflichen Familie, eine Verwandte meines Mannes. Sie hielten das gute Geschöpf für ein Familienunglück, weil es ganz nur aus Liebe gebildet ist. Gerade als wäre in einem Hühnerhof eine Nachtigall mit ausgekrochen. Nun gehört es mir – und das andere schickte mir die Vorsehung ins Haus. Du wirst sehen.« Und der Freiherr von Einsiedel sah zwei ganz junge Mädchen unter einer Buche auf einem freien Wiesenplatz im Grase sitzen. Sie sangen und das eine Mädchen spielte auf einer Laute, die ihr an einem grünen Band um die Schultern hing. Jetzt hörten sie wohl Schritte, brachen ihren Gesang ab, erhoben sich und kamen Amarelle und deren Gast entgegen. Zwei kindliche, junge Gestalten, die eine aufgeschossen im schwarzen, langen Kleid, ein weißes Häubchen umschloß das bräunliche, volle Gesicht, aus dem zwei dunkle Augen seltsam blickten, das Haar war unter dem straffen Mützchen ganz verborgen. Das Gesicht, so eng und weiß umrahmt, erschien wunderlich rein und fremdartig. 51 Das andere Mädchen im kurzen kindlichen Rock – die festen Beinchen in strammen Strümpfen, das Pfirsichgesicht von blonden, zierlich gebogenen Härchen umsonnt, die zu kurz waren, um sich in den zwei schmalen Zöpfen, die um den Kopf lagen, einfangen zu lassen, die kleine Stämmige trug die Laute am grünen Band. Amarelle rief ihnen entgegen: »Da ist mein lieber Gast!« Das dunkle Mädchen gab dem Freiherrn die Hand auf eine langsame, eckige, fast furchtsame Art – die Kleine machte ihren Knicks und hielt sich ein wenig zurück. Das dunkle Mädchen aber, wie in Verlegenheit, schlang ihren Arm um Amarelles Schulter und verbarg das Gesicht, das von der Glätte und dem Duft einer schönen Frucht war, in den Falten des Flortuches. Und die Burg stand geduldig, wartete, bis das Kind sich genug verborgen hatte, und dann flüsterte sie ihm etwas ins Ohr, worauf das Kind auf den Freiherrn blickte, wie es schien, weniger befangen. Es war eine liebliche Begegnung. »Nun geht,« sagte Tante Amarelle, »laßt euch Tee geben, und dann soll Alma lesen und ein bißchen schreiben.« Da stand das seltsame Mädchenkind im schwarzen Kleid bittend vor der anmutigen Frau, hob die schmalen, überzarten Hände wie Kinder bitten, sah aus wie eine Heilige in großer Not. Amarelle: »Es muß sein.« 52 Alma: »Es muß wohl nicht sein.« Amarelle: »Christus im Tempel las, als er zwei Jahre jünger war als du, den Hohepriestern und Schriftgelehrten, was die Propheten vom Messias verkündeten. Auch er hatte das Lesen gelernt, und da er ein Mensch geworden, wird es ihm Mühe genug gemacht haben – und du willst dich nicht ein wenig anstrengen. Schäm' dich, Faulpelz.« Alma: »Doch.« Sie legte die Hände über der Brust zusammen und neigte sich ein wenig – nicht vor Amarellen, vor etwas, das ihre tiefen, dunklen Augen zu schauen schienen; aber ein Schatten lag über dem vollwangigen Gesicht und in den Augen standen Tränen. Die kleine Stämmige mit dem Pfirsichgesicht: »Wir gehen nach dem Lesen mit der Ziege und singen: Unter Rosen. – Mit der Leserei und Schreiberei, das haben wir rasch gemacht. – Komm du nur!« »Du mußt nicht brummen, wenn's was Schwieriges zu tun gibt –« Amarelle gab dem dunklen Mädchen einen leichten, scherzhaften Klaps auf die Schulter, und beide Mädchen gingen miteinander. Die Stämmige umschlang die Aufgeschossene wie zum Trost und Schutz und doch mit einem festen Druck des kindlichen sonngebräunten Armes. »Was für seltsame Kinder hast du da, Tante Amarelle?« 53 »Seltsam? – Das ist wohl so. – Aber es sind für mich ganz die rechten Kinder – und ich trage keine Schuld an ihnen – gottlob!« Das sonnige Lächeln Amarelles war schön. Mit innerlicher Freude sah es August von Einsiedel, ja, er meinte nie in seinem Leben solch ein Lächeln gesehen zu haben. Er ging neben der Frau und sann über ihr Lächeln nach. »Weshalb war dein Kind im Mützchen so sonderbar und versteckte sich und was hast du ihm ins Ohr gesagt?« »Sie hatte Angst vor dir und glaubte, du würdest böse auf sie sein.« »Wieso?« »Ich sagte dir schon, man hat sie drangsaliert – und nun fürchtet sie, auch du würdest unzufrieden mit ihr sein.« Der Freiherr schaute teilnehmend auf seine Begleiterin. »Sie ist anders begabt,« fuhr Amarelle fort, »wie die Leute gewöhnlich sind, so viel Teile Verstand, so viel Teile Gemüt, gerade so, daß sie mit ihren Kräften recht sparsam durchs Leben kommen können. Sie war vielleicht für einen andern Stern bestimmt, auf dem es anders zugeht, wie bei uns – und ich sag dir, für einen glücklicheren Stern. Die will nichts lernen, weil sie im Grunde alles schon weiß – und dann weiß und fühlt sie Dinge, vor denen wir kalt und arm stehen – und wieder Dinge, die uns wichtig scheinen, sieht und weiß sie nicht – und kann sie auch nicht begreifen.« 54 »Aber daß du die Geduld hast?« Amarelle: »Wäre sie katholisch, würde man sie in ein Kloster tun, und ich bin sicher, sie würde eine Heilige dort werden. – Das Mützchen, das schlichte dunkle Kleid hat in ihrer Familie Anstoß und Streit genug erregt; – aber sie will es so. Sie liebt Christus nicht wie ich und vielleicht du oder dieser und jener. Wir gehen in die Kirche und hören andächtig von ihm reden und sind halb gläubig, halb ungläubig, gerührt und befremdet. Aber mein Kind ist reine Seelenglut und Liebe. – Sie nennt ihn den Sternenmenschen, und wenn sie betet, geht sie den »Sternenweg«, und auch die Sonne ist ihr Christus. – Sie findet wohl keine höheren Begriffe für ihre Liebe und Anbetung. Glaub mir, solch ein Geschöpf im Hause zu haben, braucht keine Geduld. Ihre Mängel sind so rührender Art, wirklich die Mängel eines Engels, und man möchte sie nur vor Spott verbergen. So quäle ich sie auch mit Rechnen, Schreiben und Lesen, weil es doch sein muß.« »Ein bißchen Lesen,« sagte der Freiherr, »ist schließlich noch keine Pönitenz und vielleicht auf jedem Stern anwendbar. – Ich hab' übrigens große Sympathien für deinen Faulpelz. Meine Faulheit ist mir lieber als alle Moralen und kosmopolitischen Pläne seit Enochs Weissagung. In der Aktivität ist euch wirklich kein Genuß. Die 55 Gottheit tut ja gar nichts, und ich meine auch, die Ursache ist, weil ihr wohl ist; wenn sie unbehaglich wäre, so solltet ihr einmal das Modifizieren sehen, man wäre seines Lebens nicht eine Minute mehr sicher. Also schließlich, wenn das schöne, gottverliebte Kind auch nicht lesen kann, laß dich's nicht betrüben. Ihr wißt ja gar nicht, ihr feinen, feinen Frauen in Wolkenkleidern und Flortüchlein mit Rosenfingern, wie schön ihr's habt vor allen andern Menschen, die mit Geist und Körper scharwerken müssen und wollen. – Wollen! – Diese Esel und Gänse! Wie haben aber nun gerade deines Mannes Verwandte ein Wesen hervorgebracht, sich selbst zum Verwundern? Soviel ich weiß, sind die selbst nicht gerade Mirakula?« »Sie sind auch sehr zufrieden, ihr Mirakel, wie du sagst, bei mir zu wissen.« »Bin auch zufrieden, mich bei dir zu wissen.« August von Einsiedel nahm die Hand Tante Amarelles und drückte einen Kuß darauf. »Man ist zufrieden, wenn man von dir aufgenommen ist. Nicht um einen Spatzen schwer passe ich besser in die Welt als dein Schützling. Lesen kann ich allerdings; aber das ist auch das einzigste. Verlange sonst nichts von mir. Langweilen werd' ich mich nie. Wie soll ich, sowenig sich die Gottheit langweilt, nach deren Bild ich gemacht wurde. Die sich nicht langweilen, sind göttlichen Ursprungs; was willst du schließlich mehr von deinem Neffen? 56 Ich hab' es in Freiberg zur Genüge erfahren, wenn das Ebenbild der Gottheit ins Amt mußte. Weil mir das nicht gefiel, weil ich alle Tage mit mehrerem Ärger und üblem Humor aus dem löblichen Septemvirat des Oberbergamts zurückkam, ging mir die Idee auf, nach Afrika unter die Wilden und Affen zu gehen – da wird's anders sein, vielleicht noch schlimmer; aber man muß sich etwas in der Welt umtun, um zu erfahren, wo man am ungestörtesten faul sein darf.« »Bei uns natürlich,« sagte Tante Amarelle freundlich, »in der gesegneten Aristokratie unseres Landes, fällt es sicher gar nicht auf, viel weniger wie bei den Affen. Betrachte meine und deine Hände.« Sie hielt ihr zartes, rosenfingriges Händchen hin und nahm seine Hand, die auch schmal, feinknochig und äußerst gepflegt war. »Faulpelzhände – und wenn wir unsre Hirne herausnehmen und hinhalten könnten, Faulpelzhirne; – auch sehr zart, sehr empfindlich und mit großen Rosinen. – Du kannst da, wo Gott dich hinstellte, am allerbesten leben, brauchst nicht zu den Affen.« * Ja, und es lebte sich gut bei Tante Amarelle, wie im Traumlande und doch wach und frisch und lebendig. Die Mahlzeiten waren kleinen, feinen Festen gleich. Das zarte Meißner Geschirr mit Blumen und Früchten, 57 die zierlichen Kristallgläser, der Wein in geschliffenen Flaschen, die Speisen vollkommen zubereitet, zierlich angerichtet. Sie hielten ihre Mahlzeiten ohne die beiden Mädchen –, der alte Diener, der August von Einsiedel zuerst begrüßt hatte, servierte mit Andacht und Hingebung. Und beim Dessert und dem duftenden Mokka waren es Tante Amarelles zarte Hände, die den Freiherrn bedienten und wie rosige Schmetterlinge über dem Silber, den Blumen, dem Kristall hin und wieder schwebten und der Duft des Mokka gab Geheimnis, wie Weihrauch der heiligen Messe. Der Freiherr dachte an die kompakten Mahlzeiten seines Vaterhauses, an die Kopffleischstücke des ewigen Schweines Adele und an das Wellfleisch auf mächtiger Zinnschüssel, die Achmet mit seinen langen Buckelarmen kaum heben konnte und mit der er wie ein scharlachner Mond den runden Tisch, die Erde, umkreiste. Das Leben war hier bei der Burg wie aus zarterem Stoff gewoben, und alle drei weiblichen Wesen taten jede das ihre, um den Freiherrn in einem niegefühlten Zustand von angenehmer Spannung zu erhalten. Es geschah im zentifolienfarbenen Hause immer etwas, was ihn ausruhend und seelenheilend beschäftigte. Tante Amarelles Anmut ganz zu fassen, nahm ihn sehr in Anspruch. Sie fesselte ihn mit jeder Bewegung. 58 Woher war alles so leicht, so schwebend an ihr, so ohne Erdenschwere, oder schien es ihm nur so, da er an die Ausmaße seiner Stiefmutter und deren Töchter gewöhnt war. Was sie sprach, war ihm durchaus sympathisch und heimisch. Er erkannte in ihr das Blut, das auch in ihm kreiste; aber hier ohne Sturm, ohne Schwere, strömte es ganz ohne Fehl, es moussierte in Perlen wie Champagnerwein. Welch eine Rasse! dachte er mit Stolz – und fühlte sich selbst. Dann sah er Tante Amarelle mit ihren Mädchenkindern. Sie spielte mit ihnen Federball und lachte nicht weniger froh dabei wie die beiden; er sah sie mit Alma sich abmühen, ihr Lesen beizubringen. Er hörte sie mit den Mädchen beim Abendessen, das sie alle miteinander einnahmen, plaudern – und sagte zu sich: Welch ein süßes Herz! Und er begriff, daß seine Mutter in den Armen der Burg mit einem Lächeln gestorben war. * Heut saßen sie beieinander, Tante Amarelle und er, und im Nebenzimmer raschelte es. Leichte Tritte, die Tür war geschlossen, es schien, als würde ein Schlüssel gedreht. Da klang eine muntere Singstimme: »I–i–ch bin am Schra–ank, i–ich ne–he–me vom Zü–ü–ückerchen, ich na–a–asche nicht – bring's 59 A–a–lma. Habt's keine Angst! – Nix geschieht! – Ich lü–ü–üg auch nit!« Der Freiherr: »Das war der Zickleinstall, was ist denn das?« Tante Amarelle: »Ja, das war Fränzchen, die nascht und lügt bisweilen, und sie weiß, ich bin in Sorge, wenn ich sie am Schrank höre, wo allerlei gute Dinge verborgen sind. Zuschließen will ich nicht. So ist das kleine Tier selbst auf den Gedanken gekommen, mich über ihre Taten zu beruhigen. Ich bin gern mit so einem überquellend naiven Geschöpf zusammen. Gibt's etwas Wonnigeres, als seine Nächsten über die eigene Sündhaftigkeit und den Sieg über dieselbe singend zu beruhigen?« August von Einsiedel nahm bewegt die kleine Hand der Burg und zog sie an seine Lippen: »Gibt es etwas Wonnigeres als so eine süße Frau?« Sie lachte: »Gibt's etwas Wonnigeres als so einen Esel von Neffen, der sich über seine Tante entzückt! Das sollte man ausrufen lassen, mein Lieber.« Der Freiherr: »Freilich – das sollte man ausrufen lassen! –« »Der Stall ganz voller Zicklein,« fuhr sie fort, »ist trotz seiner Lügerei und Naschhaftigkeit ein Halt dieser Welt, mein Lieber, das glaubst du gar nicht, wie ich mich auf sie verlassen kann –; sie ist Almas 60 weltlicher Lehrmeister, ihr Schutz, ihre Stütze in allen Lagen.« »Wie bist du eigentlich zu ihr gekommen? Wer ist sie?« »Sie ist die Tochter braver Bürgersleute, die mir schon lange bekannt sind, Süddeutsche, die sie mir halb als Dienerin, halb als gutes Kind gaben, damit sie allerlei bei mir lernen soll.« Während Tante und Neffe plauderten, waren die beiden Mädchen miteinander in den Gutshof gegangen. – In einem kleinen Verschlag im großen Kuhstall hatten sie ihr Hauptspielwerk, eine weiße zierliche Ziege, der die kleine Stämmige die Hörner golden gemalt hatte, und von Alma war ihr eine blaue Glasperlenkette um den Hals gehängt worden. So war die Ziege zum Märchentier umgeschaffen, und die beiden Kinder waren stolz auf sie. Sie mußte bei ihren Spaziergängen mittrippeln, und besonders war ihr Fränzchen zugetan, die mancherlei Spielerei mit ihr trieb; wenn Alma in ihre Träume versank und ihre Gesichte hatte, wie die Kleine es nannte, dann hielt sie sich an die Ziege, plauderte mit ihr, jagte sich mit ihr und trieb allerhand Kurzweil. Sie hatte die Weisung, Alma nicht zu verlassen, und war auch soweit folgsam; aber wußte sich alles so behaglich und heiter wie möglich zu gestalten. * 61 So trafen Tante Amarelle und der Freiherr die beiden, die Kleine Bockssprünge ausführend. – Die zierliche Ziege wollte augenscheinlich ihr mit den Hörnern zu Leibe, die Kleine sprang bockig, drollig und geschickt auch mit gesenktem Kopf ihr entgegen, was die Ziege stutzig machte, so daß sie im Sprunge innehielt und scheute. Die Kleine aber war wie des Teufels und bedrängte das Tier, daß es ganz außer sich geriet. Der Freiherr hielt Amarelle zurück, und so standen sie beide verborgen von einem Strauch und schauten dem wilden Spiel des Kindes zu. »I bin der Bock!« schrie das kleine Faunenmädchen, »i bin der Bock, daß d's weißt, Krippel! I bin der Bock! – I bin auch der Hannegockel!« Das rief und sprang sie mit unbändiger Kraft. Das ganze stramme blutjunge Geschöpf war im vollen Taumel der Lust, hörte und sah nicht. »Schau,« sagte Amarelle lächelnd, »da siehst du meinen Kobold in vollem Betrieb. Jeder Gedanke, jedes Gefühl ist bei ihr ein Zicklein.« »Gott sei dir gnädig, wenn all diese Zicklein Hörner kriegen. – Du bist eine leichtsinnige Frau!« Des wilden Faunenkindes Gefährtin aber hatte dem tollen Treiben ihrer Freundin den Rücken gekehrt, und kniete vor einem Rosenbusch, der in der Wiese stand und von aufbrechenden Blüten bedeckt war. Sie kauerte 62 vielmehr ganz in sich verkrochen, das Gesicht, vom weißen Häubchen umschlossen, in den Händen verborgen. Tante Amarelle winkte dem Freiherrn zu, zurückzubleiben und ging vorsichtig auf das Mädchen zu. Das hatte sich aus dürren Ästen ein kleines Kreuz vor dem Busch aufgerichtet, mit Grashalmen gebunden und hielt ihre Andacht. Amarelle kannte die Versunkenheit ihres Schützlings, blieb in ihrer Nähe stehen und wartete. Da klang leise eine mühselige, verschleierte Stimme, die mit den Worten wie im Kampfe lag. Sie wollte etwas ausdrücken, was ihr zu schwer fiel, und so hatte die Stimme etwas Stockendes, Ungeschicktes; aber von einer tiefen Zärtlichkeit bewegt: »Geschlagen bist du – in – dein Angesicht! – Du Allerheiligstes! – Sie – haben dich ganz vergessen. Sie – haben dich nicht gekannt. – Kommet her zu mir – alle – die ihr mühselig und beladen seid – ich will euch erquicken! – Wer durfte das auf Erden sagen? – Nur du! – Nur du! – Sie haben dich nie gekannt – nur ein einziges armes Kind hat dich lieb – und weiß, wer du bist!« Amarelle hörte ein kindliches Schluchzen. Der zarte Körper im schwarzen Nonnengewändchen zuckte in übermächtigem Gefühl. Amarelle kniete neben ihr nieder, neigte sich über sie, nahm sie behutsam in die Arme, streichelte ihr das tränenüberströmte kindliche Gesicht. 63 »Süße Mutter, auch du weißt's nicht. – Ich sehe dich, nie darüber weinen. – Du tanzst auch nicht aus Freude, daß wir kommen dürfen. Ich armes Kind allein kann doch nicht helfen.« Ein tiefer, ringender, aufschluchzender Seufzer. Ihre Stimme erschauerte –: »Einmal sah ich etwas, als ich noch nicht bei dir war: – In einem Metzgerladen sah ich ihn hängen – in einer schauerlichen Ecke, – blutige Tiere – Ochsen und Kälber – und fürchterlicher Fleischgeruch und Blut und rohes Fleisch, wohin man sah, und Menschen, die verkauften und kauften. – Und Christus hing am Kreuze über all dem. – So wenig das arme rohe Fleisch rings umher ihn anrief –, so wenig riefen die lebendigen Menschen ihn an – und er mußte in all dem hängen und konnte nichts erlösen – mit seiner großen Not und Einsamkeit. Süße Mutter, die ganze Welt ist so wie der schreckliche Laden.« Das zarte Mädchen schlang die Arme um Amarelle. Der kindliche Körper bebte. Der Freiherr und die kleine Bockstänzerin waren näher getreten. Teilnehmend sah August von Einsiedel auf Tante Amarelle und das leidende Kind, das, von tiefem Weh ergriffen, ihr matt in den Armen lag. Sonderbar, daß diese beiden sich zusammenfanden, dachte er. Unergründlich ist das Sichfinden der Menschen. 64 Ob alles eine große Sinfonie oder ein großes Chaos ist, möcht' ich wohl wissen? Diesen Abend blieben Amarelle, die Kinder und auch der Gast eng beieinander. Das Kind lag müde in den Kissen auf Amarelles Ruhebett. »Seid nicht so gut zu mir – legt mich nicht so weich hin,« sagte es leise. »Ich möchte auf harten Steinen liegen.« Das kleine Faunenmädchen aber holte still seine Laute. »Darf ich?« frug sie Amarellen. »Sie wird dann wieder ruhig und froh.« Und sie setzte sich auf den Rand des Ruhebettes, auf dem Alma lag, stimmte das Instrument, und die weichen Lautenglockentöne zogen durch das kerzenbeleuchtete Zimmer, in dem alles Farbe und Weichheit und sanftestes Behagen voller Schönheit war, ein kleiner heller Fleck mitten in einer Welt, deren ewiges Grauen und geheimnisvoll ewige Liebe im Spiegel der Seele eines kranken Kindes aufgetaucht war. Und die Lautentöne gestalteten sich zu der Melodie, die der Freiherr schon einmal aus der Ferne gehört hatte, einer getragenen, weichen Weise, einem alten Kirchenliede gleich, in dem es aber wie ein Springquell aufsprang voll Freude. Und das Faunenkind sang das alte Lied von Wein und Rosen und den liebeseligen Nonnen: 65 Laßt uns singen und fröhlich sein                                       in den Rosen Mit Jesus und den Freunden sein; Wer weiß, wie lang wir hier noch sein                                       in den Rosen. Jesus Wein ist aufgetan                                       in den Rosen: Da sollen wir allesamt hingan, So mögen wir Herzensfreud empfahn                                       in den Rosen. Er soll uns schenken den Cypernwein                                       in den Rosen. Wir müssen alle trunken sein Wohl von der süßen Minne sein                                       in den Rosen. Setzt das Gläschen an den Mund                                       in den Rosen, Und trinkt es aus bis auf den Grund, Da findt' ihr den heiligen Geist zur Stund                                       in den Rosen. Laßt das Gläschen ume gan                                       in den Rosen! So mögt ihr fröhlich heimwärts gan Und alle Zeit in Freuden stan                                       in den Rosen. 66 Und zuletzt fiel das arme allwissende Nönnchen mit ein, in zweiter Stimme, leise, abgebrochen, wie ein Vogel sein Abendlied singt. * Der Freiherr ritt auf seinem Schecken durch die schöne vollaubige Gegend in einer guten, friedlichen Stimmung. Der Sommer war heraufgezogen, die Buchen standen in ihrem dunklen Blätterschmuck mächtiger noch als im Mai; aber ihre Jugend war dahin, sie blickten ernst ins Sommerland. In August von Einsiedel aber schien endlich seine ganze Jugend aufgegangen, wie ein Mohnfeld, das in Blüte steht und über das der Wind streicht. So etwas Ähnliches fühlte er als seinen Zustand. Mehr und mehr wurde er zu seiner eigenen Befriedigung das Ebenbild seines Gottes nach seinem Sinne und seiner Phantasie, der die Welt aus sich hinausgesetzt hatte, von der er wohl in seiner Göttlichkeit mächtig bedrängt worden war wie von einem bösen Splitter. Alles, was den Freiherrn trieb und ängstigte, nämlich sein eigenes Eingreifen in das Rad der Begebenheiten, das eine anerzogene, ihm nicht eigentümliche Moral von ihm wollte, war in Frieden und Behagen völlig eingeschlafen. Jawohl, Bergamt in dem Spießernest Freiberg oder Fortune machen in Frankreich, den ganzen 67 Almanak Royal über sich und auf seinem Buckel! Wir werden uns schon durchsetzen! – oder gar in Weimar. – Oho! Wie sagte seine freiherrliche Gnaden, die Kunst und Wissenschaft der Devotion erlernen. Das könnte mir passen! – O Eitelkeit! – O Ehrgeiz, du Vogelleim! So ritt er unter den hohen Buchen hin ganz Gegenwart. Und wie es bei ihm zur angenehmen Gewohnheit geworden – er dachte an Tante Amarelle. »Daß sie immer weniger Tante wird! aber gerade das: Tante Amarelle! – ihm klang's wie Musik! – Göttin Amarelle! – Tante Amarelle! – Jawohl.« So summte er vor sich hin – »Tante Amarelle!« Vergnügt war er, was er eigentlich noch nie gewesen, vergnügt, ganz einfach vergnügt – und seine Gedanken spielten – und streichelten was sie berührten. So kann man freilich leben! Er ließ den Schecken traben. Es war ein richtiger Schecke, ein schweres Pferd mit einer krummen Nase, und der Freiherr saß schlank und biegsam auf dem breiten Rücken. * Lauter angenehme Dinge, die sich in Atjenbach zutrugen: ein Spaziergang mit Tante Amarelle, eine Plauderstunde, eine Mahlzeit in aller Grazie, eine Teestunde, – und, wie die Zwischenspiele in Calderon, kleine 68 Abenteuer mit dem Pfirsichgesicht Fränzchen, der Ziege mit den goldenen Hörnern – und dem zarten Schatten aus einer fremden Welt, der zutraulich und wesensfremd sich freundlich anschloß an die, die doch nicht seinesgleichen waren und nur in Amarelles zarter mütterlicher Liebe eine Heimat fand. In sternenhellen späten Abend- und Nachtstunden liebte Tante Amarelle es, wie die vornehmen Frauen ihrer Zeit die Sternbilder am ausgestirnten Himmel aufzusuchen. Sie hatte ihre Sternkarte im Kalender und im Damenalmanach, nach denen sie eifrig studierte, und auch die Kinder nahmen teil an dieser schönen Frauenmode. Und wenn sie so miteinander, auch der Gast war nicht ausgeschlossen, auf der halbrunden weißen Bank auf dem kleinen Hügel saßen, im ewigen Raum, in dem die leuchtenden Welten ihre Wege zogen, und sie kindlich nach befreundeten Sternen suchten und mit ihnen spielten wie mit Spielmarken und doch erschüttert waren von dem ungeheuren Schauspiel, das sich ihnen darbot, – da war dieses Häuflein Menschen so zueinandergehörig, voll Einverständnis, ohne Wunsch und Zeit. Sie waren wie zusammengeweht auf einem Fleckchen Weltall, wie es sich denn auch wirklich so verhielt. Alma wußte einen Sternenwirbel, in dem Stern auf Stern aufleuchtete, je länger man hinschaute, den 69 nannte sie das Sternenhaus des Heilands. Sie fand es immer. August von Einsiedel wurde mit zum Kinde und als Fränzchen einmal bei solch einer Sternenschau ausrief: »Mir is recht! – I stirb auch gleich! So in die Sterne hineinspringen, des muß ein Sprung sein! Hui!« da wurde es auch dem Freiherrn so leicht und selig zumute, als spränge er mit. Dann führte er Amarelle wie eine Göttin den Hügel hinab, erschauernd vor der Süße ihres Wesens, und die kleine Stämmige wurde zum Faunchen, weil sie vor Lebensüberschwang sprang und tollte, und das arme Nönnchenkind zur Heiligen, die nach des Heilands Sternenhaus Sehnsucht trug. * Einst wandelte er mit Amarelle durch einen köstlichen Wald, den man die Hochwaldgrotte nannte, und beide gingen sie bewegt von der großen feierlichen Schönheit unter den himmelanstrebenden Buchen. Da sagte Amarelle leise: »Ruhig himmelan steigen deine Säulen Wölbend grüngoldene Kronen Lichten, duftenden Laubes! Schauernd betret ich deinen leuchtenden Schatten Hoher, heiliger Wald. 70 Und reiner Atem Gottes Berührt mir heilend das geängstete Herz.« »Ist das dein?« – und er faßte ihre Hand. »Ganz mein.« Sie lächelte – »Schön. – So sollte Poesie immer sein – wie ein Atem, der vergeht, – wie Waldesrauschen – wie ein Feuer auf dem Felde. So ist's ein schönes Wunder. Berührt mir heilend das geängstete Herz« – wiederholte er sinnend. »Auch unter deinem zarten Tuch ein geängstetes Herz? – Muß das sein? Gibt's auch bei einem Wesen wie du bist keine Harmonie, in die Angst nicht eindringen könnte?« »Dann gäb's auch keine Ruhe!« sagte sie, »und keine Erlösung –. Wie schön ist's, Verzeihung zu finden nach einem Schuldgefühl, wie schön Ruhe nach Unruhe. – In den Gegensätzen liegt unsere Harmonie und die Musik des Lebens. – Die Einheit ist uns ferne.« »Recht hast du, du Kluge, Holde; aber sich zwischen den Gegensätzen heruminkommodieren, dazu gehören Spießertugenden, die erprobt sind von Vätern her, und nicht allzuleichte Empfindlichkeiten und feinere Eitelkeiten; aber eben daher, weil der Urstoff unseres Gewebs von dem anderer Menschen verschieden ist, ist mir's auch klar, daß mir's auf dem gewöhnlichen Weg nicht wohl werden kann.« »Glaubst du? – ich glaub es nicht. Ich finde dich sehr bescheiden. Du sagst mir immer, wie wohl es dir hier ist 71 – und was hast du eigentlich hier? Andere würden sich langweilen. Setz deinen kleinen Spießer statt deiner, ich glaube bestimmt, es würde ihm nicht behagen.« »Kann sein; – aber das ist's ja eben! Hier ist fürs erste die Einheit, die mir einstweilen genügt. Wo sind hier Gegensätze? Sie inkommodieren kaum – du bist hier die liebe Gottheit, die sich alles weginkommodiert hat, was ihr fremd ist –. Vielleicht so unbewußt ist alles geschehen, wie die Gottheit in unserem Sinne unbewußt sein mag. Mir ist einfach übermenschlich wohl zumute, hab' Ruh' und Freude über allerlei Dinge um mich her. Mag nichts ändern, nichts modifizieren, und das ist bei mir immer das Nonplusultra. Wenn ich den Zustand erhalten könnte, so wäre mir alles einerlei. – Willkürlich kann ich dies Wohlgefühl nicht hervorbringen, auch wenn ich Boerhavens Aphorismen täglich lesen würde, – aber durch dich! – bei dir!« August von Einsiedel hatte Tante Amarelles Hand gefaßt und küßte sie, wie wohl so voller Liebe und Glück selten ein Neffe die Hand seiner Tante geküßt haben mag. Die schöne Frau entzog sie ihm nicht; – aber wie sie auf ihn blickte, lag ein staunender, ratloser Ausdruck über ihrem Gesicht. Ein Scherz wollte nicht über ihre Lippen kommen, eine Abwehr ebensowenig. 72 Er blickte auf sie – lächelte – sah ihr Befremden: »Verzeih, liebe Gottheit – Anbetungen mögen oft störend sein im allerschönsten Frieden – denn – was mögen die da draußen treiben? Tollheiten, Narrheiten – und rufen mich dazu an!« »So ist's,« sagte Tante Amarelle. »Heut morgen aber hast du einen Brief bekommen, mein Lieber, und mir nichts davon erzählt?« »Daß du so allerliebst naiv bist, Burg! – Mein Bruder schreibt mir von einem Tiefurter Journal, wird dich das sehr interessieren? – und einer gelehrten Gesellschaft, wo er den Sekretär macht. Was man nicht für Wunderdinge aus dem Ilmgrund hört! Ich fürchte, es wird dem Geschmack gewidmet, was sie da tun. Sie schreiben natürlich über berühmte Preisfragen: über die Übermacht der Malerei oder der Musik. Wüßte außer dem Nonsens der Frage nichts zu sagen. Fragen ohne Sinn aufzugeben ist längst das Wahrzeichen aller echten gelehrten Gesellschaften gewesen. Wenn's aber entschieden sein müßte, so wäre ich auf seiten der Musik, weil ich gar nichts davon weiß. Wenn die Kritiker gefunden haben, was sie suchen, werde ich das weltberühmte Urteil wohl hören und wer der glückliche Sterbliche war. – Und außerdem hat mein Bruder die Gnade, mich einzuladen. Ich soll mir Niegesehenes und -gehörtes anschauen. – Du weißt, sie haben auch einen Spießer bei 73 Hof, der sie, wie es scheint, denken lehrt – wie der meine mich zu Zeiten. Es scheinen die Spießer heutzutage Wachsknoten zu bekommen. Es knackt überall. Oder war es immer so – ich weiß es nicht.« Tante Amarelle: »Den Spießer kenne ich, den sie da haben. Ich las ein gar herrliches Buch von ihm. – Glücklicher, daß du ihn sehen wirst!« Der Freiherr: »Wer sagt dir denn das? Fällt mir nicht ein!« »Doch – du kannst nicht anders – und ich kann nicht anders – ich schick dich hin! Ist dir's hier wohl bei uns unschuldigen Leutchen – wie wird dir's dort zumute sein in seiner Nähe!« »Ich bin kein Trabant –« »Trabant – auch ich bin keiner, mein lieber Freund, und doch sag' ich: Geh hin! – Geh hin!« »Du willst mich los sein, Burg. – Ich bin dir unbequem – hast einen Ärger über mich – du weißt nicht, was du mit mir machen sollst! – Du spürst . . .« Sie legte ihm zart die Hand auf den Mund. »Ich spüre,« nahm sie ihm das Wort von den Lippen, »daß wir einander sehr nahestehen – was ich schon wußte, als du als Bub mir mein Schuhband knüpftest. – Wir sind von einer Art. Wir tun einander wohl. Die Zeit schwindet uns unter den Händen. – Vertrau mir ganz ruhig – keinen Gedanken, der gegen dich wäre, der nicht mit dir ginge fändest du in mir.« 74 »Aber,« fuhr er auf, »du willst sagen, daß du meine Tante bist und ich dein Neffe!« »Das brauchte ich doch kaum mehr zu sagen – aber laß mich ausreden.« »Nein!« rief er – »nie! Ich liebe dich mit aller Glut – spürst du's denn? – Und wenn ich kein wundervolles Werk geschrieben habe – oder wenn ich nie eines schreibe – oder das große Opus wird nicht fertig – Himmel! – denn ich tue nichts daran – und wenn ich nun so lebe, wie ich lebe – so in den Tag hinein – so eine Art von Nichteinwirkung der ganzen Welt als höchstes Ziel in mir fühle – so bin ich meiner Freiheit froh; und du sollst's auch sein! Laß uns frei und selig sein – wir tragen keine Ketten – wir brauchen keine Ehrgeize. Wir brauchen nicht zu dienen! Wir sind etwas auseinander geboren – Gott aber erhielt dich jung und schön – zarter, süßer wie ich je Jugend sah! Jugend so ganz Seele! – so ganz aufgelöst in Güte! – wo gibt's die? – so ganz in einem, was Köstliches auf Erden zu finden ist! Gibt's da noch etwas einzuwenden?« rief er beglückt. »Nein,« antwortete sie lächelnd. »Das scheint alles so.« Sie wandelten miteinander ganz still Hand in Hand. Von ihr ging Ruhe aus, die ihn wunderlich ergriff – und in ihm zu einem seligen Heimatgefühl wurde. 75 Als sie von ihrem Gang in die Wälder heimkamen, war der Abend schon dämmernd angebrochen, eine feine Mondsichel stand am grünlichblauen Himmel. Das zentifolienfarbene Haus schimmerte rosig im grünlichen Licht. Die vielen kleinen Scheiben der weiten Fenster glänzten kristallhell und kündeten das gepflegte Behagen im Innern des anmutigen Hauses. Die Kinder sangen in ihrem Zimmer bei offenem Fenster zur Laute zweistimmig ihr altes Lied, in dem es aufsprang wie ein Quell der Liebe und Freude. Amarelle blieb stehen und sie lauschten. »Wie tief meine kleine Alma in alles, was ihre hohe Liebe betrifft, sich versenkt und hineindenkt – und alles andere beiseite tun muß. Heute meinte sie: »Christus sprach zu Petrus: Ehe der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnet haben – und so war's gut – und so war's recht – denn es war menschlich. – Zu Menschen kam die große Liebe, nicht zu den Engeln.« 76   Viertes Kapitel Die Stiefmutter mit den rosa Elefanten stört. Tante Amarelle ist nicht so klug, wie man glaubt; es fehlt das Interesse an den Rohprodukten. »Seine Dande heiraten, seine Erbdande, is Blasphemie. daß d's weißt.« Abreise. Ein reitender Bote aus Eisenach brachte die Nachricht, daß Frau von Einsiedel mit Töchtern der Gräfin Sternberg ihre Aufwartung machen wollte, da sie auf einer kleinen Vetternreise unterwegs sei und die Verwandten in Weimar und Eisenach besucht habe. »Himmel!« rief der Freiherr – »da sind sie! Da haben wir sie!« »Nun, so gäksen wir eben,« und die Burg schrieb ein zierliches Briefchen. August von Einsiedel schaute ihr zu, wie angenehm und flüssig ihre Schriftzüge über das Papier glitten, wie ein Sommerwindchen. »Ist dir das gar nicht unangenehm, daß sie kommen?« »Nein – gar nicht. Bald werden sie wieder fort sein – und außerdem, ich kenne sie ja nicht, und so zart wie du bin ich gottlob nicht, so eine altenburgsche Gäkserei hör' ich gern – und auch, was gegäkst wird.« 77 Und sie kamen in der alten freiherrlichen Reisekutsche, die aufgeschlagen mit ihren Insassen einen recht stattlichen Eindruck machte. Die Freifrau in damastener Kontusche und im Flügelhäubchen; die Töchter französisch à la mode gepudert in neuen französischen Toiletten, enggeschnürt und bauschig, was den armen Mädchen gar bänglich sein mochte, denn daheim gingen sie meist ländlich und zur Arbeit bequem. Als ihnen ihre Wirtin freundlich entgegenkam, die sich wohl modisch, aber doch nach eigenem Sinne kleidete, nicht beengt und nicht durch Kleidung in ihrem Wohlbefinden beeinträchtigt, da schien es den beiden jungen Baronessen, als wüchsen sie in die Höhe und in die Breite. Die Mutter in ihrer felsenfesten Kontusche trat in ihrer Ruhe und Sicherheit auf und konnte sich wohl sehen lassen. Die beiden begrüßten sich lebhaft. Die drei Einsiedels wohnten in Eisenach bei einem Vetter der Mutter, und diese wollten doch endlich einmal bei der Gelegenheit die »Frau Dande« ihrer Stiefsöhne kennen lernen – und wie sie breit und stattlich die Frau Dande mit ihren Lippen gleichsam formte und buk und diese nun vor ihr stehen sollte als würdige Person oder hinfällige Erblasserin, jedenfalls nicht in der Fasson, wie die Natur es gut befunden hatte, Amarellen, Gräfin Sternberg, zu bilden, war sie betroffen. Es schien ihr, als wäre es nicht ganz in der Ordnung, so auszusehen. 78 Und wie sie alle in das lichte Haus traten und auch August von Einsiedel ihnen entgegenkam, Mutter und Schwestern begrüßte, mochte ihr der stachliche Sohn August merklich geglättet erscheinen. »Gute, bekömmliche Luft habt ihr hier,« bemerkte die Freifrau kurz. Sie war an das Aussehen der Frau »Dande« noch nicht so ganz gewöhnt und erwartete wohl noch, die ihr sympathischere Wirklichkeit durch irgendeine Tür eintreten zu sehen. Aber Amarelle behauptete sich lieblich und freundlich im weißen Kleid, im grauen Flortuch, das Lockenhaar leicht gepudert und eine Rose im Gürtel. »Ja, ja,« meinte die Freifrau lachend: »Arbeit schändet nur. Dein Wahlspruch, mon cher .« Sie blickte mit Humor auf ihren Stiefsohn. »Schau, schau, was man da erfährt,« Amarelle sah lächelnd auf den Freiherrn, »dieses Wunder von Fleiß führt solche Redensarten.« »Ja, is er denn hier ganz aasgedaascht,« fuhr die Freifrau verblüfft auf und war in ihrem geliebten Idiom mitten drin. »Nun laß nur ein Ä kommen,« meinte August – Tante Amarellen unauffällig zugewendet. Die rosa Elefanten guckten sich um, es gefiel ihnen, und die hübsche Tante erregte bei ihnen keine Bedenken. Sie hatten sie sich nicht so hübsch und jung gedacht. Und wie 79 einfach sie gekleidet war, kein Seidenmuster, keine Seide überhaupt, so eine zarte Art Nesselstoff zum Waschen – und so eine wohlhabende Frau; aber es gefiel ihnen. In Schloß Lumpzig war alles standfest überkommener Hausrat, nur einige zierliche Sachen gab es, die von der Mutter der Stiefbrüder herrührten und die sich etwas ängstlich in Ecken und Winkeln aufhielten, August hatte die meisten in seinem Zimmer. Hier alles so fein, so zart und so gemütlich, hell und luftig. Daheim konnte man sich auf jeden Stuhl schmeißen, wenn man vom Waschen oder von so etwas kam, hier tät's krachen. So dachten sie und waren ängstlich besorgt, ihre Bewegungen zu zähmen. Aber sei es, wie es sei, auch der Freifrau gefiel es nicht übel. Die Möbel waren auch ihr zu allerliebst und die zarten Porzellanpuppen, die vielen Spiegel –, aber mochte es sein, für eine Frau, die den ganzen Tag nicht aus ihrem Behagen herauskam, die konnte sich damit wohl abfinden, schlank und zierlich, wie sie war. Aber von Fleiß und Tüchtigkeit war hier wenig zu spüren. Sehr begreiflich, daß August sich hier wohlbefand. Bei Tisch war nichts auszusetzen. Die Freifrau mußte sich innerlich als befriedigt erklären, wenn sie auch fand, daß von einer echten Landedelfrau hier wenig 80 sich entwickelt hatte, womit man sympathisieren konnte. Es fehlte das Interesse an den Rohprodukten ganz entschieden. Ein Truthahn krönte das Mahl, was die Freifrau durchaus gelten ließ. Als sie sich aber nach den näheren Umständen dieses majestätischen Viehs erkundigte, was es in seinem segensreichen Dasein geruht hatte, zu sich zu nehmen, erhielt sie durchaus dilettantische Auskunft. Gräfin Amarelle wußte nicht einmal, daß die letzten vier Wochen dieses hochachtbaren Vogels für ihn sehr angenehm verstrichen waren, da ihm hin und wieder ein Gläschen Madeira gereicht werden mußte, um Wohlgeschmack und Freßlaune zu steigern. »Schrecklich,« sagte Tante Amarelle. »Schrääklich! nee here mal, was sich geheert, geheert sich. – Sonst blieb er ja wie ä Grasgänsichen. Mit deiner Haushälterin muß ich mich nachher ins Benähmen setzen – die verschteht dirsch aas'n FF. – Selten, daß mir einer so gelungen is – der Wahrheit die Ehre. – Nee gucke, sag ich.« Tante Amarelle freute sich, daß der Truthahn so gelobt wurde, und bezog es trotz alledem auf sich, wurde immer fröhlicher und freundlicher und ihre Händchen flogen wie Schmetterlinge über der kleinen dampfenden Kaffeemaschine, über den Täßchen, den Blumen und dem köstlichen Konfekt, das sie nicht müde wurde 81 den beiden jungen Baronessen hinzureichen, die lachend und beglückt sich bedienten. Bei ihnen daheim gab es nur Selbstgebackenes – etwas vom Lebküchner oder Zuckerbäcker kam nie ins Haus. – Nur August hatte hin und wieder Konfekt. August von Einsiedel aber zeigte sich liebenswürdig und aufgeräumt, wie die Freifrau ihn gar nicht kannte. Wo war der scharfe Zug um seinen Mund hin, das Spitze aus den Augen. Er machte ihr den Eindruck eines beglückten Hausherrn. Etwas zu frih, dachte die brave Frau.– Wenn auch die meisten in der mitterlichen Familie der Stiefsöhne das vierzigste und fünfundvierzigste Lebensjahr nich erreichten, so sah die Dande mit ihren siebenunddreißig Jahren noch nich nach frühem Grab aus; – und er mit seinen achtunzwanzig brauchte sich durchaus nicht hier so breit zu machen, wie er's tat. Da haben auch die Brider noch mitzureden. Das Vermögen kommt allen Neffen zu –. Nee – nee – mei Liewer! Eine Stille ging durchs Zimmer, als die brave Frau so dachte, denn niemand hatte Grund zu reden. Die Freifrau sah sehr beschäftigt aus und schien irgendwie am Werke zu sein. Ein Insichversunkener beruhigt die Gesellschaft. Am Nachmittag spazierte man durch das Besitztum. Es kamen noch der Vetter der Freifrau und dessen Frau aus 82 Eisenach, zwei ältere behagliche Personen, die einen angenehm verbindenden, munteren Ton in die kleine Gesellschaft brachten. Frau von Einsiedel rauschte in ihrer steifseidenen Kontusche langsam neben ihrem Stiefsohn einher. Der Verwalter führte alle durch Ställe und Scheuern, und die Landedelfrau war nicht unbefriedigt von dem Stand der Dinge, wenn man auch die feste Hand der Gutsfrau gar schmerzlich, wo sie von Rechts wegen durchaus hingehöre, vermisse. »Siehste, Aagust,« da blieb sie mit großer tatvoller Geste stehen, »hier geheert das Waschhaus hin und nich der Milchkeller. Wenn de Dande mal die Aagen schließt, dann wird das so gemacht, wie ich sage; denn gottlob auf eich kommt das alles mal, wie's da geht un steht. Un ich denke, du wirscht's ibernehm'n un die Brider aaszahln.« Sie sprach mit großer Würde und Bestimmtheit und der ehrbar verhaltenen Befriedigung, mit der ordentliche Leute, wenn der Erblasser auf der Bahre liegt, von dessen Freuden, Behaglichkeiten und Errungenschaften reden, die von diesem ab und ihnen nun zugefallen sind. August von Einsiedel bekam die spitzigsten Augen und um seinen Mund den schärfsten Zug. Wie ein Nachtwandler, den man grob weckte, schaute er auf die Stiefmutter, die in ganzer Pracht vor ihm, dem schmalen Junker, stand. 83 »Frau Mutter belieben zu scherzen.« »Mit ernsten Dingen scherzt man nich.« »Doch, – es scheint so; – was geht uns Amarelles Besitz an. – Schämen Sie sich, Frau Mutter – als Gast im Hause möcht ich schamrot werden!« Die Freifrau lachte. »So feinfühlig – und sich so breit machen im Hause der Erbdande; wie reimt sich denn das? Gucke? – Du verfiegst ja scheint's iber alles un aach iber de Dande.« »Amarelle wird heiraten. – Amarelle ist jünger, lebendiger als wir alle!« »Wohl dich, – Herr Anbeter! – Herr Erbschl . . .« »Baronin von Einsiedel!«– Der Junker fand keinen Ausdruck. Aber die Freifrau in ihrem Trab blieb unaufhaltsam. »Seine Dande heiraten, seine Erbdande – is Blasphemie – daß d's weißt! –« Auf ein Fremdwort, mehr oder weniger passend, kam es ihr nicht an. Der junge Freiherr machte vor seiner Stiefmutter eine tiefe Reverenz und entfernte sich. Sie schaute ihm mit offenem Munde nach. – So 'n, Alberbach, dachte sie. – Aber schtille Wasser sin dief – nee aber – gucke. – Wenn eins iber die einfachsten Dinge redt, begehrt er aaf. Der wird noch ganz närrisch, – aber warte – nee, so ne Unverschämtheit! * 84 Am Abend, als die Gäste sich entfernt hatten, wandelte ein Paar vor dem zentifolienfarbenen Hause auf und nieder, wie schon unzählige Paare gewandelt sind, froh, allein zu sein, einander vertrauen zu dürfen auf der fremden, kalten Welt. Liebessucher – Gottsucher – Freudesucher. »Glaub mir, mein lieber, guter Freund, wenn du über alles auf Erden so ruhig sein könntest, wie du meinetwegen sein kannst, so wollt ich mich deinetwegen sehr freuen. Laß sie reden. – Spürst du denn nicht, daß ich ganz friedvoll bin in meiner Welt. Du sprichst vom Lachen – und ich lache! Ich bin viel ruhiger und freier, als du glaubst. Über mich sei ganz unbesorgt.« Er küßte sie auf den frischen Mund, der so froh und tapfer sprach. Es war eben die Burg! »Und nun, mein allerliebster Mensch, gehst du mir eine Weile nach Weimar und schaust dir alles an – du hast noch wenig Welt gesehn. Denk, was sah ich alles: Italien, Frankreich, – was alles und wen alles.« »Doch hat's dir nichts genommen und wenig gegeben, mich dünkt, du bist die Burg geblieben.« »Ja, und doch möcht ich's nicht missen. Wenn du gehst, kommst du wieder. Deine Heimat wartet auf dich. – Ich singe mit meinen Mädchen fromm inzwischen: Laßt uns singen und fröhlich sein                                       in den Rosen 85 Mit Jesus und den Freunden sein; Wer weiß, wie lang wir hier noch sein                                       in den Rosen. Setzt das Gläschen an den Mund                                       in den Rosen, Und trinkt es aus bis auf den Grund, Da find't ihr den heiligen Geist zur Stund                                       in den Rosen. »Und du schickst mich fort! – Ist's möglich? Die du weißt, was wir einander sind – und weißt, wie die Welt ist, – du kennst sie, – du mußt ihre Kälte gespürt haben, – sonst hättest du nicht auf den dummen Jungen gewartet, der dir deinen Schuh band und Blut von deinem Blut ist und einerlei mit dir ist! Wir lieben uns mit der Heimatliebe, mit der seit Menschengedenken unsere Art sich geliebt hat. Mann und Weib, eine endlose Kette von Menschen, die uns angenehm sind, seelisch und leiblich nah, – aus denen wir erwuchsen. Burg – liebe Burg – ist's möglich!« Und es war möglich, sie trennten sich für kurze Zeit. Der gute Scheckengaul trug ihn durch das freundliche Tor, das seine Arme nach ihm ausgebreitet hatte, als er kam – und eine liebende, geliebte Frau geleitete ihn und den Scheckengaul mit der krummen Nase bis vor das Haus – und sie nahmen einen wehen Abschied 86 voneinander. In beider Herzen war Abschied wie für die Ewigkeit. »Ein paar Tage – ein paar kurze Wochen,« sagte Amarelle mit bebender Stimme – »ein paar kurze Tage –.« Doch konnten sie's beide nicht glauben. Abschied in blühender, rauschender Liebe – ist Stillstand – Sterben – ein Riß geht durchs Herz – ein Abgrund tut sich auf. 87   Fünftes Kapitel Der Falbe wundert sich. Der Freiherr hält unter dem Galgen. Auch der Freiherr wundert sich, und zwar über Weimar. Der Gaul trug einen wunderlichen Herrn. Es war wohl derselbe biegsame, schlanke Junker von damals, als sie von Schloß Lumpzig ausgeritten waren, der lebendig, beweglich und sicher dem Schecken auf dem breiten Rücken gesessen hatte. Der Gaul trug seinen Reiter gern, da man doch einmal nicht ganz ledig durchs Leben gehen konnte. Es war ein Druck, der sich ertragen ließ. Man mußte dankbar sein, daß der Kerl nicht knochiger und schwerer war, denn man begegnete besonders in den Städten oft bedrohlichen Erscheinungen an Umfang und Gewicht, die gottlob meist zu Fuß gingen. Da aber Seelen im Gewicht sich nicht verändern, ob sie nun borstig, menschenfeindlich, religionsfeindlich, aufrührerisch, unzufrieden sind, so daß sie die Menschenwelt gekreuzigt sehen möchten, oder sonst eingewiegt, hoffnungsvoll, zärtlich, verliebt, verträumt, wohlgesinnt. Daher merkte der Gaul nicht, daß der Hauptbestandteil seiner Last sich sehr zu seinem eigenen Wohlbefinden verändert hatte, wenn auch das Gewicht wohl 88 dasselbe geblieben war. – Doch vernahm er mit Staunen, daß die gabelförmige Gestalt auf seinem Rücken wehmütig selige Töne ausstieß, spitzte die Ohren, schlug einen kleinen Trab an, denn mit den Tönen durchströmte auch ihn das Wohlbefinden seines Reiters und auch er bekam Vorstellungen von den angenehmen Seiten dieser wilden Erde. Eine Krippe, gefüllt mit goldenem Hafer, stand vor seinem Scheckengeist – warmer, behaglicher Stall, sanftes Striegeln und Bürsten – und wäre er nicht ein vorzüglicher und durchaus tugendhafter Wallach gewesen, würde sicher die angenehmste Sehnsucht nach einer göttlichen Stute in ihm aufgestiegen sein, so begnügte er sich mit guten, soliden Walachendelikatessen, die aber auch sein Herz und seinen Trab beflügelten. So zog übereinandergetürmt ein fröhliches, belebtes, sehnsüchtiges Doppelwesen durch die Fluren, bei gutem Wetter. Wie recht hatte mein lieber Spießer, dachte August von Einsiedel, mich auf Reisen zu schicken, die Gäkserei und Verkrochenheit auf Schloß Lumpzig war toll. Doch fühlte er schmerzlich, daß Amarelle ihn nicht nach Weimar hätte schicken sollen. – So sehr sie auch das Leben zu kennen glaubt, scheint sie nicht zu wissen, daß man glückselige Tage nicht willkürlich unterbrechen darf; wie selten sie sind, weiß sie also demnach nicht, die Kluge – Holde, meine süßeste Frau. 89 Und jetzt kam er nach Weimar. Vom Galgenberg aus sah er es liegen. Zu jener Zeit stand der Galgen noch, bedrohlich den Sünder schreckend. Der Freiherr, sonderbar, wie er sich nun einmal fühlte und von Natur aus wohl auch war, lenkte von der Landstraße ab, ritt auf den Weg der armen Sünder mit einem ganz eigenen Wohlgefühl und Mitgefühl, denn wo ihm Sünde und Strafe begegneten, stand er flugs auf seiten der Sünder, regte sich ihm im Herzen ein Freiheitsdrang, der mit ihm geboren zu sein schien, ein Auflehnungstrieb, eine Art zanksüchtiger Verwirrung, wie sie seinerzeit üblich war bei scharfen, erregbaren Temperamenten, die dem Verstande mit Vorliebe durchgingen. So stand der Gaul mit seiner gabelförmigen Belastung unter dem Galgen und senkte den Kopf, müde geritten, von vorgestellten Stallgerüchen und kommendem Hafergeschnurps geistig aufrecht erhalten. August von Einsiedel sah Weimar vor sich liegen, und zwar, wie er mit Ironie empfand, vom Galgen aus. – »Hol's der Teufel – dieses elende Weimar, wie es da liegt mit seinen verwitterten Mauern und Türmen, seinen strohgedeckten Giebeln und Schindeldächern, graues, armseliges Nest, als hätte es der Teufel aus dem Sack verloren in dieser hügeligen Einöde und wäre nicht umgekehrt, es wieder aufzulesen. O du mein zentifolienfarbenes Haus!« 90 Und nun ritt er über vorsintflutliches Pflaster an sumpfigen Weihern vorüber, vorüber an elenden Häusern mit dem ländlichen Mist vor der Tür, die Hühnervölker auf der Straße, Hundegebell, winklige Gassen – – »Und hier lernte Friedrich Hildebrand die Kunst und Wissenschaft der Devotion.« Vorüber kam er an der weitläufigen wilden Schloßruine, die nach dem Brand nicht wieder aufgebaut war, Verfall, Armseligkeit, Kleinbürgerlichkeit, wohin man sah. Das Gasthaus zum Elefanten nicht übel, da stieg er ab, der Blick auf den Markt erträglich, hatte etwas Behagliches. Der Scheck wurde durch die gewölbte Torfahrt geführt, daß es dröhnte, seinem wohlverdienten Stalle zu. August von Einsiedel fragte nach seinem Koffer, den der Bote, der regelmäßig von Eisenach nach Weimar fuhr, schon abgegeben haben mußte. So war es auch. Alles in Ordnung, und so zog er sich mißgestimmt in sein Zimmer zurück, um etwas zu ruhen und später wohlgekleidet seinen Bruder aufzusuchen. Er packte Staatskleid, Degen und alles, was dazugehört, sorgfältig aus und spürte mit wunderlichem Erschauern die Nähe Amarellens, die ihm sein Hab und Gut so liebreich und fürsorglich geordnet hatte. Zärtlich waren seine Siebensachen in den Lederkoffer hineingeheimnist, mit Reseda bestreut, duftendes, zartes Papier umhüllte die goldgestickten Borten, und das Spitzengekräusel lag blütenhaft in einer kleinen 91 Abteilung; dazwischen ein Brieflein, das Amarellens geschickte Hände gar kunstreich zu einer geometrischen Figur geflochten hatten. Das zentifolienfarbene Haus, die Grünedelsteinfarbe der jungen Maibuchen, alle Heimatsüße, die er dort erlebt, stieg wie ein feiner farbenleuchtender Nebel aus dem alten langen Lederkoffer auf, ein betäubender Nebel, mit dem Sehnsucht und Abschiedsweh ins Herz verstärkt einzogen. August von Einsiedel entfaltete das zierliche Briefgebilde, und die Koseschrift, die wie ein Sommerwindchen dahinglitt, sagte ihm: »Lebe wohl und freue dich! Das Leben wartet dein. Fasse es. Ich bin da – und bin nicht da. – Gott wollte uns nach seinem Bilde schaffen. – Liebe ist wohl sein Bild, so scheint es uns trotz allen Leides, das wir erfahren. Er bedrängt uns nicht mit seiner Liebe, mit seinem Bilde. Schauen wir es, sind wir beglückt – schauen und spüren wir's nicht, sind wir vom Leben hingenommen. Doch wie die Sonne auch hinter Wolken scheint, Gottes Bild und Liebe ist immer da und nicht gekränkt und nicht entstellt – wir finden's wieder! – Und Gott schuf uns nach seinem Bilde. Leb wohl und freue dich! Deine Amarelle und immer die Burg.«         92 Da stand er mit seinem Briefchen. Ob er's begriff – und wie er's begriff? Sein Leben war bis zum Eintritt in das Gittertor des zentifolienfarbenen Hauses nicht dazu angetan gewesen, daß er diesen zarten und kunstvoll gefalteten Zettel ganz hätte entfalten können. Sein Leben und Wesen war bis dahin auf Widerstand gestellt. Das Borstige seiner Natur war gediehen, obwohl er so ein feinknochiger Junker war, das Paradoxe hatte ihn angezogen, das Revoltierende, das Radikale; – bisher nicht das, was die Welt in ihrer inneren Gotthaftigkeit erkannte. So war es ihm auch jetzt, als berühre eine kühle Hand sein ganz entflammtes Herz. Es fröstelte ihn leicht. Er legte das Brieflein zurück auf das Spitzengekräusel – und warf sich ermüdet auf das Bett, um zu ruhen, erhob sich aber wieder, holte Amarellens Brief, küßte ihn heiß und barg ihn an seinem Herzen als das beste und höchste Gut, was er auf Erden besaß. 93   Sechstes Kapitel Der Freiherr kommt in den türkisblauen Saal und hört dort eine leichtfertige Geschichte. Der junge Herzog unterm Tisch. Ein sterbender Bauer weiß mehr von des Herzogs jungem Dichter und von Einsiedel als diese selbst. Einsiedels Herz erwachte ihm, als er ein Büchlein liest. Im Wittumspalais sollte vorgelesen werden. Der junge und der alte Hof war versammelt. Friedrich Hildebrand von Einsiedel, der Kammerherr, hatte durch gnädige Einladung ihrer Durchlaucht der Herzogin Anna Amalie seinen Bruder einführen dürfen, und so sah am zweiten Tag unser Freiherr in das Zentrum des Lebens dieses so wunderlichen Nestes, durch das er mit seinem Schecken über halsbrecherisches Pflaster staunend geritten war, an Hütten, Sümpfen, Misthaufen, Brandstätten, kleinen Bürgerhäusern und wenig Wohnlichkeit vorüber, von ruppigen Kötern verfolgt, von Gänserichen angezischt. Wieder mit Staunen befand er sich nun in einem türkisblauen, weiten Gemach, das von so lieblicher Farbe war, daß man in ihrem Leuchten wie in aufgelöstem Türkissteinlichte sich empfand. Die zierlichen Möbel, die 94 Seidenbezüge der Stühle, die Bilder, die zarten Dinge, die da lagen und standen, alles seelenvoll, ganz durchdrungen von dem Wesen einer Persönlichkeit. So schien es ihm, er wäre von dem zentifolienfarbenen Haus in das türkisfarbene geraten. Tante Amarelle war wie ein süßes Vorspiel für eine volltönende Musik, die ihn jetzt umklang. In dieser emaillenen gepflegten Welt des Geschmackes einer königlichen Frau bewegten sich Menschen, die August von Einsiedels Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen. Die Fürstin, bei der er zu Gaste war, die Herrin dieses anmutvollen Palais, war nicht so lieblich wie Amarelle, aber auch ganz von geistigem Leben bewegt, die starken schönen Augen in dem prächtigen Gesicht, Herrscherinnenaugen, die aber gütig und lebendig blickten voll Lachen und Geist, und die unsäglich fein gebildeten Hände der edlen alten Rasse. Diese Frau war es, nach deren Sinn diese einzig köstliche Mischung türkisblauer Farbe den Wänden gegeben worden war, in deren Licht sich alle wohlzufühlen schienen. Ihr Wesen umhüllte so in der Farbengebung des Raumes alle, die hier versammelt waren. Sie standen wie unter einem Einfluß, waren darin festgehalten und sahen schön und vorteilhaft aus. – Die regierenden Fürstenkinder in ihrer großen Jugend, der Herzog mit dem knappen Gesichtsschnitt, der Energie in der jungen 95 eckigen Gestalt, mit dem hellen, starken Blick, die schlanke Säule Luise, die wie aus einem Gekräusel und Gebausch duftender Kleider sich hob, streng und zart, ganz in sich abgeschlossen, der ganze Troß der Kammerherren und Damen, der Oberhofmeisterinnen beider Hofhaltungen, zumeist gute Gesichter, gute Rasse und jung, jung. Die zierliche Baronin von Stein mit ihren dunklen Sternenaugen, ihrer reizenden Art sich zu kleiden, ihrem federnden Schritt und ihrem leichten Sichbewegen – eine Tante Amarelle! – Wie sie ihn anzog, unseren Freiherrn; – und alle jung – alle jung. Die Herzoginmutter, Ende der Dreißig, die kleine bucklige Gesellschafterin, Fräulein von Göchhausen, trug ihr Buckelchen gleichmütig durch all die geraden, schlanken Leute. Eine kleine bewegliche Gräfin Werthern fiel unserem Freiherrn hier auf. Friedrich Hildebrand sagte, sie sei ein ganz famoses Weibchen, leider etwas zu enthusiastisch und schöngeistig, was ja aber schließlich hier eigentlich kein Fehler sei. Der Freiherr sah, wie sie bald mit diesem, bald mit jenem angelegentlich plauderte und im Übereifer des Gesprächs einen ernsten Kammerherrn von Seckendorf an einem Knopf seines gestickten Galakleides festzuhalten suchte, was diesem nicht ganz einwandfrei zu sein schien; doch duldete er es als tadelloser Kavalier durchaus gelassen, trotzdem seine elastische Gestalt allerhand nicht 96 zum Ausdruck kommende Versuche zu machen schien, den Eifer der hübschen Dame zu sänftigen. Ein Blick auf seinen Knopf, als dieser endlich frei geworden, sprach von einiger Besorgnis. August von Einsiedel betrachtete sich alle genau und dachte an den scharlachnen Buckel auf Schloß Lumpzig, dessen lange Buckelarme ihn als Kind oft zärtlich getragen hatten. Wie sonst auch oft, kam es ihm jetzt in den Sinn, daß ihm der Buckel von jeher gesagt hatte, wenn er ihm von dem Land seiner Heimat erzählt hatte: »Freiherrliche Gnadden sollten sich aufmachen, wenn groß sein, un in armes Achmed sein Land gehen. Gutt is da! Serr gutt! Freiherrliche Gnadden müssen Grüße bestellen von armes Achmed, was ganz verloren gegangen is.« Voll Glut hatte der Alte ihm erzählt von schwarzen samtenen, fröhlichen Männern und samtigem Weibervolk, das lachen konnte, wie Menschen hier nie lachen, mit Zähnen wie Lichter, mit Augen wie Sonnen, daß sie einen damit verbrennen können, und von ihrem Treiben in der großen Sonne unter heißem Himmel und raschelnden Palmen, köstliche Früchte schmausend, und von gewaltigen Tieren hatte er erzählt – von der Gewalt des Tieres hier auf Erden. Eine tolle Welt, dachte der Freiherr, und wozu dies Durcheinander, diese Phantasie in der Erscheinung? – Welche Kraft liegt in dir, riesenhafte Natur. – Was 97 denkst du dir aus, unerschöpflich, wie du bist. – Hier dieses feine, feine Volk – und das unter heißem Himmel. Des Drängens und Treibens dieser Welt fast müde, möcht' ich meinen Wanderstab schon weiter setzen und so lange herumziehen, bis ich einen Ort fände, wo mir Menschen und Klima gefallen, und das wäre nicht in unseren leidigen kultivierten Staaten, sondern wo noch unbefangene, planlose, nicht herrschen noch gehorchen wollende Menschheit ist – ohne Gottangewöhnung, ohne Dienstbarkeit. Er war nun einmal der Freiherr von Einsiedel, der seinen eigenen Gedanken, so kraus sie waren, gerne nachhing. Die Lakaien reichten auf silbernen Platten den einzelnen Gruppen der Gesellschaft Tee, feines Gebäck und Konfekt, und schmale Hände und Händlein griffen danach und führten die zarten Tassen und Bissen den wohlerzogenen Lippen zu, von denen sich niemand außer dem Freiherrn hier vorstellen konnte, daß diese Lippen im eigentlichen Sinne da waren, um alles, was lebt auf Erden, zu verschlingen. Der Freiherr aber hatte trotz aller Eindrücke von Rasse und guter Tradition festgestellt, daß er hier im türkisfarbenen Gemach ganz ursprüngliche Gäkslaute echt Weimarscher Art vernommen hatte, auch Doppel-ääs, die mehr sächsischer Natur waren, da war kein Zweifel; dessen war er sicher, auf nichts reagierten seine Ohren so untrüglich. 98 Ja, er konnte auch darauf schwören, daß eine feudale Stimme deutlich etwa so geklungen hatte: »Da gennen Durchlaacht vollgommen iwer mich verfiechen.« Um des Freiherrn Mund spielte ein sonderbares Lächeln. Die Lakaien erschienen ihm in der vollkommenen Aufgelöstheit ihrer menschlichen Wesenheit gegenüber der außerordentlichen Ausgebildetheit und Differenziertheit derer, die sie bedienten, wie Wesen, denen alles Leben entflohen war, die nur noch wunderlicherweise das Bewußtsein der Dienstbarkeit hatten. Widerlich waren sie ihm. Doch noch widerlicher wären sie ihm gewesen, hätten sie sich in dieser Verfassung neben die Herren und Damen gesetzt als Gleichberechtigte, und noch widerlicher, wenn sie es frech und unflätig getan hätten. Wie kam er darauf? Sicher war es, daß niemand hier so fühlte, wie er. Er war isoliert. O Amarelle, dachte er, weshalb hast du mich gehen lassen! – Bei dir war's gut. Deine Art war mir recht, du liebe Gottheit, die alle bösen Splitter der Welt aus sich heraus eskamodiert hatte, wo nichts inkommodierte, wo mir's übermenschlich wohl war. Bei dir hörte alle Unruhe des Schauens auf, alle Vielheit. Mit dir möcht' ich das böse ewige Rechenexempel der Welt, das so viel Unheil geschaffen, umwandeln: Das »Aus zweien werden Drei« zu dem »Aus Zweien werde Eins« – und so feierte der Freiherr im Geiste das Fest der Einswerdung und 99 versank in die beglückende Auflösung der Zwei in Eins – der seligen Fortschmelzung des armen Menschengeschlechts, das durch Hochzeiten dahinsinken würde. Eine schöne Art, die Menschheit aus der Welt zu schaffen. Der Spießer, dachte der Freiherr und erinnerte sich an das Gespräch zwischen Amarelle und ihm, wo ist er denn? In des Freiherrn lebhaftem Geist waren diese Ideen, Beobachtungen, Einfälle und Absonderlichkeiten so schnell vor sich gegangen, daß er sich, nachdem er seine Reverenzen gemacht, noch nicht einmal ordentlich umgesehen hatte; sonst wäre ihm gewiß der einzige etwas ältliche Mann aufgefallen, der mit seinen scharf ausgeprägten, freundlich sinnenden Zügen mit liebenswürdigem Ausdruck die Gesellschaft überblickte. »Das ist so einer! – aber nicht Amarellens, mit dessen Büchern sie mich ehrgeizig machen wollte. Da, aber – das ist er sicherlich.« Er sah auf einen hageren jungen Mann mit schönen dunkeln Augen, der saß gleichgültig, wie in sich selbst verkrochen, nicht besonders ausgezeichnet durch Schönheit, aber doch ein Mensch, der sich sehen lassen konnte, auch in der Kleidung durchaus anständig und angemessen. Wie der sich nun aber zu ihrer Durchlaucht der Herzoginmutter neigte, ohne die Kunst und Wissenschaft der Devotion erlernt zu haben – alle Achtung! Ein Erzengel könnte das etwa so machen, wenn man ihn in Gala zur 100 Cour befehlen würde. Mein Gott – was sind das alles jetzt für Fratzen – diese hübschen jungen Leute hier! – Wer denn bist du, Herr Spießer? – Wer hat dich denn so hergestellt? – Woher hast du diese reine Stirne? – Die samtenen, wilden Weiber, erzählte Achmet, haben Augen wie Sonnen. – – Nun, und deine Augen? Und vordem, ehe du sprachst, sahst du ausgelöscht wie alle anderen aus. – Also gibt's so etwas? – Bist du ein Wilder? – Zahmes Geflügel auch am besten Hühnerhof hat so etwas nicht, da muß man schon zu den Auerhähnen gehen, mein Lieber. Himmel, bist du einer! Auerhahn – oder Erzengel! – was gleich ist. Daß man doch nie vom Übersinnlichen loskommt! Solche wie du haben den Erzengelbegriff in die Menschheit gebracht – und nun holen sie ihn sich zum Gleichnis wieder da herunter, wohin sie ihn hinaufprojiziert haben. Einerlei. – Solche Kerle hat es wahrscheinlich also öfter gegeben? – Denn wir haben alles aus der Natur, jeden Begriff und jede Ahnung. – Respekt vor der Menschheit! – Sie ist sich selbst übersinnlich geworden durch ihre eigenen Wunder und Geschehnisse. – Man sollte es nicht glauben. Das Pack im großen und ganzen ist wahrlich nicht Gott und Erzengel gebärend – und doch – mit dem Menschenvolk kenne sich einer aus. So dachte und spielte der Freiherr. 101 Der Abend verlief im türkisenen Licht gar anmutig. Der ältere Mann mit den freundlichen, ausgeprägten Zügen las aus seinen Dichtungen eine zierlich frivole Liebesgeschichte vor, etwas gespreizt, aber graziös, lebendig und geistig bewegt. Der Freiherr aber spürte in der Pause und nach der Lesung beim Teetrinken und Plaudern, als ginge durch die glänzende Gesellschaft eine verborgene Unruhe. Auf das liebenswürdigste wendete sich die Herzoginmutter an den Dichter, nachdem er geendet, und sprach mit ihm mit einem ganz eigenen Zauber und einem schönen Drang nach Wahrheit über das Gehörte. Sie sprach wie jemand, der eine Sache durchaus ernst nimmt, sprach wie über eine Staatsangelegenheit, sachlich, mit allerlei Einwendungen und feinen Zustimmungen über die leichtfertige Geschichte. Der Dichter seinerseits entgegnete mit Grazie, doch auch mit viel Ernst und Würde. August von Einsiedel in seiner Welt- und Literaturfremdheit war verwundert, daß eine im Grunde so unwichtige und etwas anrüchige Geschichte, über die man im Leben diskret hinweggegangen wäre, so zu einer allgemeinen und feierlichen Angelegenheit gemacht wurde. Aber es war nun einmal so, und so nahm er es hin als ein Fremdling und Uneingeweihter. Jetzt stand der außerordentliche Spießer in seiner Nähe und die zarte Säule Luise sprach zu ihm, wie eine schlanke 102 weiße Säule aus dem edelsten Stoff wohl sprechen würde mit einer kleinen aristokratischen Kristallstimme: »Lassen Sie doch andere Dinge lesen, lieber Goethe; – weshalb dieses?« Der Freiherr trat ehrerbietig etwas zurück; aber er hörte dennoch weiter, denn die Stimme war trotz ihrer Zartheit durchdringend wie die meisten hocharistokratischen Frauenstimmen. »Halten Sie mich nicht für prüde, mir tut's in der Seele weh, wie so manches andere auch. – Oh, sagen Sie mir etwas Schönes und Gutes.« Die helle Kristallstimme, die aus einem erregten Herzen drang, wurde leise und zarter wie verlöschend. Da neigte sich der, über den August von Einsiedel sich seine Gedanken gemacht hatte, mit einem Ausdruck großer Güte und Ergebenheit dem zarten Wesen zu und sprach mit einer weichen Stimme, als wollte er ein armes Kind beruhigen und einschläfern: »Der du von dem Himmel bist, Alles Leid und Schmerzen stillest, Den, der doppelt elend ist, Doppelt mit Erquickung füllest! Ach, ich bin des Treibens müde! Was soll all der Schmerz und Lust? Süßer Friede, Komm, ach komm in meine Brust!« 103 Dann war Stille. Eine kleine Hand hob sich ein wenig wie schlaftrunken aus dem hellen Spitzengekräusel und Gebausch und suchte nach dem Händedruck des Mannes neben ihr. Ein stummer Dank. Dem Freiherrn war wie damals zumute, als Amarelle in der Hochwaldgrotte die feierlich schönen Worte vor sich hingesprochen hatte, und wie damals dachte er wieder: Wie Waldesrauschen, wie ein Feuer auf dem Felde ist Poesie – ein schönes Wunder. Während der schlanken Herzogin, noch bewegt von dem Trost aus einer anderen Welt, ein zartes Lächeln um die Lippen sich bildete, trat ihr Gemahl knabenhaft hastig zu seinem Freund, dem Spießer: »Nun, wann werden wir endlich frei sein, Klinger und Lenz und Gott weiß wer warten – und wir halten uns hier unnütz auf! Ich ersticke!« »Geduld, Durchlaucht. Geduld – alles kommt und geht.« So brannten die Herzen des jungen regierenden Paares wie an einem Fels im Vertrauen und Überschwang des Lebens. August von Einsiedel konnte die Augen nicht von dem schönen, fremdartigen und ihn so anziehenden Menschen wenden. Er sah ihn in freimütigem Verkehr mit den Anwesenden, nicht nach eingelebter Höflingsart, aber 104 durchaus gelassen. Seine gehaltenen Bewegungen zeugten von starkem inneren Leben. Es war nur ein kleiner Teil seines Wesens, der nach außen drang. Eine Freude durchrann aber August von Einsiedel, als er Amarellens Dichter neben der Baronin Stein sah. Da leuchtete das ganze Wesen so unverhohlen, so unmöglich zu verbergen, da trat er wie aus sich selbst heraus, ein Seliger, ganz von Frohmut Erfüllter, und stellte alles in Schatten, was um ihn her war. Und wahrhaftig, der ganze Hof beugte sich vor der großen Freude, die er den Mut hatte, leuchten zu lassen. Sie sahen es wohl kaum, verstanden es kaum, es war ihnen ein Rätsel, wie einer so ganz ohne Diebslaterne gehen konnte und seine Fackel freimütig offen trug. * So war der Abend für den Freiherrn dahingegangen mit Schauen – und nun befand er sich mit seinem Bruder in Gesellschaft vom Herzog und dessen Freund und noch einigen anderen in den dunkeln Weimarischen Gassen. Zwei Lakaien gingen mit Laternen vor ihnen her. Es hatte geregnet, das Pflaster war glatt und glitschig, die Luft stark und frisch wie Wald- und Gebirgsluft. Sie hatte etwas Reines, Gutes. Man hörte Goethes und des Herzogs Lachen. Der junge Herzog lachte jung, jubelnd und stark wie ein Knabe, 105 der vor Lebenslust und Frohmut sich nicht lassen kann. Im Fackelschein konnte man sehen, daß er seinen Freund im Gehen fest umschlungen hielt. Und es war im Stadthaus am Markte nahe dem »Elefanten«, wo des Freiherrn Gaul im Stalle stand, da kehrte die lachende Gesellschaft ein und wurde in einer großen Stube von einigen jungen Männern jubelnd empfangen. »Herrgott noch einmal!« rief der junge Herzog. »Jetzt spring' ich aber in die ganze Herrlichkeit mitten hinein! Wo bleiben die Bratwürschte, in drei Deifels Namen! –« Wie durch einen Zauber herbeigerufen, in Wirklichkeit durch vortreffliche Regie, stand der Wirt vor ihm, beladen mit einer gewaltigen Schüssel mit langen Weizenbroten, die voneinander geschnitten jedes eine lange, knusprige Rostbratwurst in sich barg, die an beiden Enden des schmalen Brotes noch ein gut Stück hervorsah und gewürzig duftete. Der Herzog griff danach und war im Nu mit seiner Wurst unter dem mächtigen runden Tisch verschwunden. »Mir nach!« rief er, »wer Freiheit, Gleichheit und Gott weiß was liebt! Lang genug aßen wir vom Tisch! Heute nun einmal so!« Auf höchsten Befehl waren alle, jeder mit seiner Wurst, unter dem Tisch um ihren Herrn versammelt. Der Wirt reichte Krüge mit Wein mit beschwerlichen Verbeugungen 106 hinab. Auch die Gäste unter dem Tisch genossen einer beschwerlichen Freiheit im engen Raum, genossen sie geduldig; der Herzog nahm sich nun einmal seine Freiheit, wie und wo er sie fand, und badete und watete darin nach Herzenslust. Und jetzt stimmte er auf dem Bauche liegend, mit dem Kopf unter dem Tisch, die Beine in die Stube gestreckt, ein Lied an, worin Graf Stollberg den Untergang aller Könige und Fürsten besang, ganz erstaunlicherweise das Tyrannenlied des zwanzigsten Jahrhunderts, und alle fielen ein, außer dem Freiherrn, dem diese neue Mode des Weimarischen Hofes noch nicht bekannt war. Sie sangen, und es dröhnte gewaltig unter dem runden Deckel hervor, der über sie gestülpt war. Der Tyrannenrosse Blut Der Tyrannenknechte Blut! Der Tyrannen Blut! Der Tyrannen Blut! Der Tyrannen Blut! Färbt deine blauen Wellen Deine Felsen wälzende Wellen! »Gibt's etwas Erbärmlicheres als Hofluft!« rief der Herzog. »Herrgott, weshalb nicht schlicht und einfach wie Natur – weshalb Künstelei – Verstellung! Weshalb muß man erst unter den Tisch kriechen, um wieder Mensch zu werden?« Damit kroch er aus seiner unbequemen Lage 107 hervor, reckte und dehnte sich und mit ihm lachend, alle anderen, und der Herzog griff nach einer neuen Wurst und biß hinein. Ein derber, schlanker Mann in abgetragener Wertheruniform trat auf ihn zu, schlug ihm auf die Schulter: »Bruderherz«, und bot ihm seinen Krug zum Trunk. Des Herzogs Freund aber wehrte ihm mit einer gelassenen und sicheren Bewegung. »Nicht so, Klinger – nicht so.« Ein eisiger Ton. – Der junge Herzog bemerkte es wohl kaum in seinem Freiheitstaumel, aber alle Anwesenden spürten einen Schauer. Die geheiligte Person des Fürsten stand vor ihnen, an die niemand Hand legen durfte, und neben ihm der Erzengel mit dem feurigen Schwert, und ein taktloser, roher Bursche, der das tolle Spiel des jungen Herrschers mißbraucht hatte. Eine frostige Stimmung, als wäre ein kalter Luftzug in die große Stube gedrungen, legte sich über alle. Stühle wurden gerückt, und man setzte sich, ein jeder vor seinen Weinkrug. »Nun ja,« sagte Klinger trotzig, aber sehr gedämpft zu einem kleinen Männchen mit einem Wellenprofil, die Stirn eine rundliche Welle, das Näschen eine kleine, die Lippen Wellchen und das Kinn wieder eins, und die Wellchen verliefen sich in ein Hälschen, weich und bubenhaft und über der Stirn ein wenig blonder Schaum. 108 »Nu ja, so gefährlich ist's doch nicht; wenn's im zwanzigsten Jahrhundert erst losgehen soll, können heute im achtzehnten die Tyrannen doch wahrlich singen, was sie wollen, können unter den Tisch kriechen, wenn es ihnen beliebt – sehe nicht die geringste Gefahr!« »Das Symbol,« sagte das Männchen, »das Symbol! Er meinte, du hättest mit einem Symbol nicht so umspringen sollen.« »Ach was, Symbol! Dreck! Für was Symbol? – Bin auch Symbol – du auch.« »Na ja.« Das war so ein kleiner Gesprächswind, der sich heimlich erhob und unbeachtet verlöschte. Da hob Friedrich Hildebrand von Einsiedel sein Glas, stieß mit seinem Bruder an und sagte unvermittelt: »Zum Wohl der Tante Amarelle! Tante? Oder? Wie belieben Herr Bruder?« »Was meinst du?« »Ich meine gar nichts.« August von Einsiedel erblich und gedachte der Stiefmutter, die einen geschwätzigen Brief geschrieben haben mochte. »Unsinn,« sagte er kalt. Der andere schwieg, denn um seines Bruders Mund erschien der scharfe Zug, den alle in der Familie fürchteten. 109 Der große Anlauf zur Freudigkeit, die Erwartung des jungen Herzogs nach einem gehörigen Austoben heute nacht mit den Genossen, die zum Teil seine Gäste waren, mit all dem schien es nichts werden zu wollen. Getrunken und gegessen wurde zwar ganz erklecklich, aber der übermütige Geist wollte nicht aufkommen, obwohl der kleine Dichter Lenz mit dem Wellenprofil sich's nicht verdrießen ließ, allerlei Kapriolen zu machen, und der Dichter Klinger, gerade weil er eine Rüge empfangen, gewaltig bramarbasierte. Da – was war das? – Ein hohles Geläut, ruckweise Glockenschläge, die aufreizend und doch wilder Lust gleich klangen, wie das Volk es liebt, über Unheil zu reden, sensationslüstern und gierig. Draußen auf dem Markt tutete der Nachtwächter, auch mächtig froh, lärmen zu dürfen. »Feurio! Feurio!« heulten Brüllstimmen auf der Straße. Ein Volksfest vom Himmel gefallen! Alle hohen Festlichkeiten des Volkes: Leichenbegängnisse, Unheil aller Art, Revolutionen, Hinrichtungen, Mord, Raub, Feuersnot hoben das Haupt. Spektakel, Aufregung, wildes Gefrag, eifrige Antworten in den stockdunklen Straßen. Grobe Nerven wachten auf. Grobe Burschen wurden munter. Ein Lakai erschien und referierte untertänigst seiner Durchlaucht, daß es in Mellingen brenne. 110 Auch dem durch edle Generationen ältester Rasse durchgesiebten jungen Herzog fuhr das urweltliche Schreckensgetös wie ein Freuden- und Feuerstrom durch die Glieder. Er sprang auf; der Urweltsmensch, der nie verschwindet, dem Gefahr und Not Leben bedeuten, regte sich auch in ihm. Tatenlust, brach liegende Kräfte, alles schäumte auf; auch der Freund war aufgesprungen, und es wurde beschlossen, aufzubrechen. Man erwartete die Pferde und zwei berittene Husaren. Der Herzog forderte August von Einsiedel auf, mit an die Brandstätte zu reiten. Währenddem hörte man das Rasseln der Feuerspritze auf dem holprigen Pflaster. Es tutete und läutete immerfort und vom Stadtkirchenturm blies der Türmer Feuerlärm. * So ritten der Herzog, der Freund und August von Einsiedel, begleitet von zwei Husaren, dem Dorfe zu, in dem ein mächtiges Feuer wütete. Sie überholten hie und da dunkle, nächtliche Gestalten, die Abenteuerlust hinaus in die Nacht getrieben hatte, dem Feuer entgegen. So ritten sie an dem Gartenhaus vorüber, das Karl Augusts Freund gehörte, das Stückchen Erde und die einsame Hütte, die im Ilmtal ihn festhielt, fester vielleicht als Freundschaft, Liebe, Lebensglanz und Ehre. Ein Licht leuchtete durch ein niederes Fensterlein aus der Dunkelheit und warf einen lichten Schein in die Nacht. 111 »Da wacht Philipp und wartet noch auf mich.« Der dies sagte, hielt sein Pferd an und mit ihm alle anderen. – »He, hallo! Geh schlafen! – Ich komme heut nicht!« Das Fenster klang, eine Gestalt verdunkelte den kleinen, hellen Lichtquell. – »Ja, geh nur schlafen!« Und im Trab ritten sie weiter in die Dunkelheit hinein, die von der Fackel, die ein Husar ihnen voraustrug, zuckend und rauchend durchglüht wurde. Vor ihnen lag bald ein Stück brennender, schwelender Nacht. Es war, als brenne die Nacht selbst. Zuerst nur eine wogende Röte, der sie zustrebten, dann, je näher sie kamen, hoben sich aus der Glutwolke Flammen, die bis in dunkles Gewoge hineinschlugen, dann tauchten glühende Linien auf, abgedeckte Giebel und Sparren, ein feines, zartes Werk, von dem das Feuer Stroh und Moos hinweggeleckt hatte. – Glühende Bäume ragten um ein Flammenmeer. Der Wind trieb rotes Laub von ihnen fort, als wäre es im Herbst. In den Straßen des Dorfes war heller Aufruhr. Sieben Häuser brannten. Brüllendes Vieh, geretteter Hausrat, Weiber mit riesigen Bettbündeln, Kindergeschrei. Wasserschlepper, Spritzen, Wasserfluten und eine wehende Glut, die, wenn ein Windstoß kam, den Atem raubte. Der junge Herzog und seine Begleiter ließen die Pferde in Obhut der Husaren und mischten sich unter die bei den Spritzen Beschäftigten. Der Herzog sah mit praktischem, 112 klarem Blick, wo eingegriffen werden mußte, gab seine Orders fest und ruhig, ließ sich den Bürgermeister des schwergeschädigten Ortes kommen, ging mit ihm von Spritze zu Spritze, schalt und lobte, gab Befehle und betrug sich voll Einsicht und Ruhe – mit gutem, angeborenem Feldherrn- und Herrschergeschick; der ausgelassene, mutwillige Fürstensohn von vorhin war nicht wiederzuerkennen in seiner jungen Männlichkeit. Die schwer arbeitenden Leute gehorchten. Seine Stimme hatte etwas Zwingendes und Durchdringendes. In die Löscharbeiten kam Klarheit und Sicherheit. Er war der Herr, die Arbeit wurde erfolgreicher, ja es war, als gehorchte ihm auch das wilde Element, die anfachenden Windstöße legten sich mehr und mehr. Die Blicke der mutlosen, verzweifelten Menschen, die um ihren armen Besitz jammerten, drangen nach der Richtung, wo aus Rauch und Dunkelheit die Stimme des jungen Herrschers klang, in der sie einen Schutz und Halt in ihrer Not zu hören glaubten. * Die beiden anderen Nachtreiter hatten sich mitten in das Lösch- und Rettungswerk gestürzt. Jeder gab, was er konnte. Der junge Herzog diente mit dem Erbe seiner tapferen Ahnen, das ihm lebendig und bereit im Blute lag, und die beiden anderen schafften, was sie konnten, auch sie gaben, was sie an Mut und Kraft zu geben hatten. 113 Der junge Dichter und August von Einsiedel standen miteinander auf einer Leiter und reichten den Feuerlöscheimer, trieften vor Nässe und dampften in der Glut. Ein dumpfes Gemurmel aber erhob sich aus der Dunkelheit und drang bis hinauf zu denen, die ihren Löscheimer von Hand zu Hand bis hinauf ans Dach hoben, um ihn von da in die Flammen zu schütten. Ein schauerliches Gerücht pflanzte sich fort unter den keuchenden Männern – einer sollte den Feuertod in den Flammen erleiden – ein alter Mensch, dem durch Menschenhilfe nicht mehr zu helfen war – den sie in ihrer Angst und Not vergessen hatten – und nun vergessen wollten, der an der Bodenluke eines hohen, brennenden Hauses, nachdem er lange um Hilfe gerufen, stumm stand, seinen Tod erwartend. Da waren zwei, die machten sich auf, und was das Bauernvolk nicht zuwege gebracht, was verschwiegen in der Nacht von allen dumpf gewußt wie ein Verhängnis vor sich ging, dem sollte entgegengeschafft werden. Burschen wurden kommandiert, Leitern wurden zusammengebunden und verschnürt, Äxte herbeigeschafft, und Karl Augusts Freund mit Einsiedel schleppten mit den Burschen die langen Leitern zu jenem Haus, das innen brannte, dessen Dach in Flammen stand. Im obersten Speicher, der noch unberührt, aber von Flammen umwallt war, sah man einen Menschen am offenen Speicherfenster stehen in Glut und Rauch – 114 stumm und bewegungslos. Stumm geschah auch die Arbeit, die den Unglückseligen in letzter Stunde noch retten sollte. Im Hause brachen Balken und stürzten in die Tiefe. Wie ein Wunder ragte der Giebel mit seinem Fenster und dem Raum, der hinter dem Fenster sich befand, in die Luft. Und wie ein Wunder geschah es, daß zwei junge Männer, jeder mit einer Axt, auf schwankenden Leitern, die von Bauern gestützt und gehalten wurden, aufwärts klommen, das schmale Fenster, das vom Fensterkreuz verengt wurde, erweiterten, die Flügel herausrissen und mit vereinten Kräften einen Körper aus dem Todesrachen zogen. An den Größten, Stärksten von den beiden klammerten sich ein paar alte Hände, und auf dem Rücken trug der eine Last die notdürftig verlängerte, zusammengebundene Leiter hinab. – Einsiedel auf der Nachbarleiter stützte diese Last und Hände griffen von unten her, soweit es möglich war, das schwanke Gerüst noch zu belasten. So brachten zwei Mutige durch Glut und Rauch, mit Gefahr ihres eigenen Lebens, einen alten armen Menschen hinab auf sicheren Boden, hoben ihn auf und trugen ihn miteinander fern vom Untergang nach einem unversehrten Baumgarten, der in der ersten Morgendämmerung still und kühl lag. Nur hin und wieder trug der Wind heiße Schwaden durch das frische Laub. 115 Der Alte lag nun im hohen Gras vor den beiden, ein Mann mit schöner Stirn, tiefliegenden Augen und einem verfallenen, gutgeformten Gesicht. Ein Zugezogener, hatten die Burschen gesagt, einer, der zu niemandem gehörte, der einmal ins Dorf gekommen sei, kein Mensch wußte recht woher – und geblieben war, der Schränke und Truhen für die Bauern in der ganzen Umgegend malte und sich so sein Brot verdiente. So ganz richtig war's nicht bei ihm im Oberstübchen, hatten die Burschen gesagt. Jetzt schlug der Alte die Augen auf und sah in grüne Baumwipfel statt in den glühenden Tod, die im Morgendämmerlicht weich und voll in die graue Luft ragten. Ein tiefer Atemzug hob die Brust. Des Herzogs Freund kniete sich neben ihn, faßte seine Hand und sprach freundlich, um ihm zu helfen, sich wieder zurechtzufinden. Da schaute der Alte ihn forschend an. »Ich weiß es,« sagte er ernst und langsam, »du bist's, der mich vom Kreuze nahm.« – Noch langsamer und in sich hineinhörend und sinnend: »– Ich kenne dich. – Deine Augen waren's, die mich anblickten, als Gott mich verließ.« Der Alte hatte sich aufgerichtet und saß nun und stützte sich auf seine Arme. Einsiedel kniete neben ihm und hielt ihn, denn er schwankte, als wollte er vornüber fallen. 116 »Ich kenne dich wohl,« wiederholte der Alte noch einmal feierlich. Seine Augen blickten starr und wie durchleuchtet, wie die Augen Sterbender blicken können. »Ich kenne dich wohl,« sagte er ernst. »Du bist das ewige Geheimnis, der Unergründliche. – Keiner wird kommen, der dir gleicht – du wirst allein bleiben.« – Eine lange, schwere Pause. Der Tod zeichnete das Gesicht mit seinem untrüglichen Zeichen. Schwer redend: »Du bist wie der Mann in einem Schiffbruch, der ein Brett ergreift, das nur einen einzigen zu tragen imstande ist. – Du bist der Bleibende. – Alle andern versinken. Du bist das große Geheimnis, dir selbst und anderen. – Du bist der Wiederkehrende.« – Und feierlich: »Wo ist der, der mit dir war? – Auch dich kenne ich. – Du bist der Anfang der langen Kette – einer schweren Kette von Leid – Verwirrnis, die kommen wird – Gott sei mit dir. Mag sein, daß du erlöst wirst.« Der Alte sank schwer in Einsiedels stützende Arme. Sein Auge starrte gebrochen – der Unterkiefer sank herab. Einsiedel hielt erschüttert einen Toten im Arm. Die jungen Männer knieten vor der Leiche. Der Morgen zog heller herauf, bleich und kalt. Geheimnisvolle, schwere Worte umrauschten sie noch. Das letzte Licht eines fremden Lebens hatte sie wie ein Strahl aus einer anderen Welt berührt. 117 Keiner sprach ein Wort. Der, der von dem Sterbenden der Geheimnisvolle genannt worden war, neigte sich über den Toten und drückte ihm die Augen sanft zu. Leise sagte er: »Was ist der Mensch, daß du seiner gedenkest und des Menschen Kind, daß du dich seiner annimmst.« * Dann erhoben sich beide, die so seltsam vereint und geschieden durch des Alten Worte waren, und gingen Hand in Hand stumm durch den weiten Baumgarten. Sie schritten durch das taufrische Gras, wie träumend, – der eine rein und dumpf erfüllt vom eigenen unausdenkbaren Geheimnis, das ihn wie Verheißung still bewegte – der andere in wunderlicher Erregung. Was bedeuteten jene Worte? – Wer war das, der da neben ihm ging? Ein Verkündeter, von dem die Sterbenden sprachen? – Und er? – Wer war er selbst? – Er durchforschte mit großem Blick sein eigenes Wesen und sah einen Menschen, der weder sein Diesseits heiß liebte, noch nach einem Jenseits Verlangen trug, der aber dennoch im Diesseits Fuß fassen wollte, denn er klagte im tiefsten Herzen über Isolierung. Wir sind nun einmal in unserem Jahrhundert darauf gestellt, daß wir in anderer Menschen Meinung existieren – und ich will keine Ausnahme von der Regel sein, denn die Existenz in uns selbst ist ein höchst fragliches, ungewisses Ding. 118 Wie er so über sich nachdachte, traf er sich als einen, der das Los der Menschheit als etwas sehr Übles empfand, und eine Notwendigkeit war es ihm, daß diese verruchte Erde und Menschheit zu äußeren, besseren Zuständen kam. Sie konnte in ein Paradies verwandelt werden, wenn alle Kräfte sich aufs Leben richteten und endlich einmal alles, was Religion hieß, überwunden sein würde, diese große Lähmung der Menschheit. Ja, das mochte sein Glaube sein. Oder – war es das nicht? Glaubte er fest an eine Neuschaffung der Menschheit – oder glaubte er es im Grunde nicht? Was aber war dann sein Zentrum? Augenblicklich die Liebe zu Amarellen. Möge sie anhalten; noch weiß ich ja nicht, welche Dauer solch ein glücklicher Zustand im günstigsten Falle haben kann. Es ist aber angenehm, mit einem Zentrum zu leben, hat etwas Geordnetes. Man weiß, wohin man gehört in diesem Chaos. So gingen sie in heiliger Morgenfrühe als Totenwacht für den Unbekannten, der still und gelassen, wie Tote liegen, auf der grünen Erde ruhte. Jeder wandelte tief versunken in die Begebenheit der letzten Stunde. Ein Busch Rosen blühte im Baumgarten, ganz von hohem Kraut und Gras überwuchert. Halbverwildert trug er doch ein paar der köstlichen Blumen, die des Lebens Höhe bildlich deuten. Wie solch ein Strauch blüht, auch verwildert oder in voller Kraft, zur Stunde der Liebe, zur 119 Stunde des Todes, und des jungen Herzogs teurer Freund brach eine eben aufgeblühte Rose, die voll Tau in den ersten Strahlen der Morgensonne wie ein Kleinod funkelte, und er legte sie auf die Brust des Toten und sagte: »Wenn wir so in dunkler Wärme im Leben stehn, wie schön und groß ist das.« Einsiedel, in dem die Worte des Sterbenden nicht zur Ruhe kamen, den das geheimnisvoll Angedeutete bedrängte, hörte, was jener wie zu sich und dem Toten sprach, und er fühlte, daß dieser Mensch alles, was er tat, in königlicher Weise tat und von tiefer Güte belebt. »Wir müssen für ihn sorgen, daß sie ihn nicht zum zweitenmal vergessen.« Und so geschah alles liebevoll und bedacht. Der gute Mensch ruhte nicht eher, bis der Tote würdig geborgen war. Einer alten Frau gab er einiges Geld, daß sie bei ihm wachen sollte bis zur Beerdigung und auch die besprach er eingehend mit dem Bürgermeister. Ruhig, tätig und zuverlässig erschien dem Freiherrn die Art, wie er dies alles betrieb. Der Herzog war inzwischen mit dem einen Husaren zurückgeritten und der andere überbrachte diese Botschaft, führte die Pferde vor, und so ritten auch die Zurückgebliebenen im strahlenden Frühmorgen der Stadt wieder zu. 120 Vor dem Gartenhäuschen im stillen, weiten Ilmtal, das mit grauem Dach und blinkenden Fenstern in lieblicher Schlichtheit mitten in einer Wucht von Grün und Frische lag, wurde gehalten. Der junge Hausherr lud den Freiherrn zu einem Morgenimbiß und zu ein paar Stunden Ruhe nach der durchwachten Nacht ein, schrieb ein Zettelchen an den Herzog und übergab auch die Pferde dem Husaren. Dann schritten sie über Stufen durch eine weiße Pforte in ein Asyl des Friedens, unschuldigster Genügsamkeit und sanfter Naturschönheit. »Meine Gedanken, Pläne und Zeiteinteilung sind mir nun zum Teil mitverbrannt – so wollen wir es uns wohl sein lassen. Ich danke Gott, daß ich in Feuer und Wasser den Kopf oben habe und erwarte sittsam starke Prüfungen.« Das sprach der Hausherr so offen, rein und voller Unschuld und ganz zeitlos, wie der Freiherr noch keinen Menschen hatte reden hören. Der Diener Philipp kam ihnen froh entgegen, und er wurde beauftragt, Eierkuchen zu backen und Kaffee zu kochen. »Den sollte man nicht trinken, aber nach solch einer Nacht ist er gut. Und jetzt legen wir uns und schlafen etwas – hier Sie,« er wies auf ein Ruhebett in einem kleinen, einfachen Stübchen – »und ich lege mich auf die Altane.« Der Freiherr streckte sich gehorsam aus. Er konnte den lieben schönen Menschen von seinem Ruheplatz aus sehen 121 und sah, wie der sofort ganz unvermittelt in einen tiefen Schlaf fiel, als trüge er in seinem Herzen weder Sorge noch Zweifel und fühlte sich ganz sicher und wohlgeborgen. Und der Freiherr mußte ihn hin und wieder anschauen und dabei denken, daß ein Sterbender in grauer Morgenstunde von diesem Menschen als von einem unergründlichen Geheimnis gesprochen hatte. August von Einsiedel konnte aber nicht zur Ruhe kommen. Seine nervöse Konstitution, das erregbare Blut seiner Art wurde von großer Müdigkeit nicht überwältigt, sondern überwältigte diese. Er fand keinen Schlaf, schaute sich im Stübchen um, sah da wenig Komfort, allergrößte Einfachheit, ein eisernes Windöfchen, das sonderbar gespreizt dastand, schmale, weiße Gardinen über den niederen Fenstern, einen tannenen Schreibtisch, auf dem wohlgeordnet einige Bücher und allerlei Schreibgerät und Papier lagen. Eine Silhouette hing an der Wand, ein lieblich schönes Profil, das der Freiherr gar wohl erkannte. Auf dem Schreibtisch lag unter anderem ein Büchlein, das ihn anzog. Da er den Schlaf nicht zu sich zwingen konnte, erhob er sich leise, nahm das kleine Buch und blätterte darin. – Werthers Leiden – von Wolfgang Goethe. Von ihm! – Und mit einer Spannung, mit der er noch nie das Werk eines Literatoren, gegen die er ein tiefes Mißtrauen in sich fühlte, zur Hand genommen hatte, las er – und las. 122 »Das ist ja, als ob er von sich selbst redete, als wenn er ganz unschuldsvoll, wahrhaftig und rein wäre; als dürfte jedes Auge wie in die Natur in seine Seele blicken.« Wäre Amarelle dem Freiherrn nicht begegnet, würde er diesen Eindruck wohl kaum empfunden haben. Amarelle war auch unversteckt und durchsichtig, war wohl auch Tiefe. Sehnsucht ergriff ihn. Wie konnte er ohne sie sein! Wie hatte er es übers Herz bringen können von ihr zu gehen! Unfaßbar! Sein eigenes Herz erwachte ihm, als er im Büchlein las. – Es war, als wenn ein Lebensstrom sich in ihn ergösse vom Büchlein aus. – Ein Bewußtsein, daß diese Erde liebend umspannte, ihn in unbekannte Fernen trug, die er nie empfunden hatte – über diese Welt hinaus in ewige Räume, die er im eigenen Herzen fand. – Welches Wunder – welches Geheimnis! Sein schroffes, ablehnendes Wesen wurde wie durch Liebe weich, aller Hoffnung, allen Glaubens voll. Und er blickte auf und sah den tief Schlafenden. Da erklang ein Glöckchen, und wie ein Kind so leicht tauchte sein Gastfreund aus dem Schlafe auf, war wach und frisch: »Philipp ist fertig, das wird gut tun! Kommen Sie!« Und beide saßen nun unter hohen Bäumen und blickten auf grüne, weite Wiesen. Von den schattigen Ufern der Ilm kam lebendiger Luftstrom. Wundervoll schmeckte es nach der anstrengenden Nacht, nach allen Eindrücken und Begebnissen. 123 Der Mann mit dem Buch, aus dem Leben in die Welt hinausströmte, aß mit viel jungem Genuß – er beging essend ein fröhliches Fest. Sie sprachen mancherlei über die Armut des Hoftreibens und der Sozietät überhaupt. Vom Herzog sprach er warm und liebend. »Außer ihm ist niemand im Werden. Er ist es, der lieb und rein ist, die andern sind fertig. Er kommt mir näher und näher und wir halten unsere Fackel aufrecht. Nur Werdendes lebt. – Was ist Sozietät für mich! Tritt man aus seinem Haus, geht man auf lauter Kot!« Sie sprachen über die jungen Männer von gestern abend. Der Freiherr erkundigte sich nach ihnen. Wie kann der Herzog solche Leute um sich ertragen? »Der fischt und sucht – und wird sich bescheiden mit dem, was er hat; aber noch hofft er auf Wunder. Der kleine Lenz ist unter uns wie ein krankes Kind, Klinger wie ein Splitter im Fleisch, er schwärt und wird herausschwären. Er kann nicht mit mir wandeln, er drückt mich.« Keiner von beiden wollte und konnte das frühmorgendliche Erlebnis berühren – jeder trug es verschwiegen im Bewußtsein. Als aber nach langen Zeitläuften der junge Freund des Herzogs alt und tief wissend geworden war, seine eigene Unergründlichkeit ahnend – schrieb er die Worte jenes Sterbenden tief erschüttert an einen Freund: Ich werde allein bleiben. Ich komme mir oft vor wie ein Mann in 124 einem Schiffbruch, der ein Brett ergreift, das nur einen einzigen zu tragen imstande ist. Dieser eine nur rettet sich. Heute aber, im klaren Morgenlicht, unter rauschenden Bäumen, nach einer stark tätigen Nacht, war die Verkündung des Sterbenden wie ein Traum – und er sich selbst seines ungeschauten Geheimnisses dumpf und rein bewußt, in wahrer Demut Unerforschliches nicht zu berühren – und wäre er selbst das Unerforschliche. Der Freiherr fragte: »Ist es etwas so Großes, zu sagen, was uns beglückt, was uns bedrängt, was wir schauen und was in uns sich regt und lebt? Antworten Sie mir oder antworten Sie mir nicht. Ich las, während Sie schliefen, in ihrem Buch, das ich auf dem Schreibtisch liegen sah. – Dem, was man Literatoren – Geschmackssachen und Kunst nennt, bin ich sehr fern. Ja, mir scheinen diese Dinge, gegen die Wissenschaft gehalten, eines Mannes nicht ganz würdig. – Aber Sie müssen mir verzeihen, daß ich das sage.« Und er bekam zur Antwort: »Es ist etwas Großes, vielleicht das einzig Große. Ungezählte sterben stumm dahin, und wenigen ist's vergönnt zu sagen, was sie leiden, was sie schauten – erkannten, was Gott ihnen offenbarte. Ohne sie wäre alles stumm. Solch einer ist zum Strom des Lebens geworden, an dem Ungezählte schöpfen und trinken.« 125   Siebentes Kapitel Viele kleine Mühlen klappern an einem mächtigen Strom. Eine Verhöhnung. Petrus, der heiligste Philister. Der »Ein–wort–mann«. Frau von Werthern macht gefährliche Welle. »Ich warne Sie, Einsiedel, sagen Sie jetzt nicht ›Ofen‹.« In Weimar geriet der Freiherr in ein gar wunderlich ungeahntes Leben, und er gedachte seines kleinen, schmalen Freundes Emanuel Karger, der ihn auf Reisen geschickt, der ihn gewissermaßen aus sich selbst hinausgejagt hatte, ehe er sich ganz verpuppte und verkapselte, denn Freiberg, wo er im Bergamt gesteckt, und Schloß Lumpzig waren Brutnester seiner Verkrochenheit, Sonderbarkeit und Vereinsamung gewesen. Und daß der gute Mensch ihn zuallererst auf einen Turm geschickt hatte! – Welche Weisheit steckte im kleinen, feinen Spießer Emanuel. So hatte er ihn gewissermaßen aus sich selbst hinausgehoben und hatte ihn gelehrt, in der steinernen Blume, die Menschenhand und heißes Menschenverlangen in den ewigen Raum gezwungen hatte, zu stehen, über der Erde zu schweben, sich von ihr und sich selbst symbolisch loszulösen. Dann waren die Wunder geschehen. Aus der 126 steinernen Blume im ewigen Raum war er in das zentifolienfarbene Haus gefallen, war zum erstenmal im Leben von Glück, Liebe und schöner Wärme überschüttet. Das Herz, das still und kümmerlich ihm im Busen gelegen, hatte zu blühen und zu leben begonnen – und nun war er wie auf einer wundersamen Pilgerreise –, schien da angekommen, wo das Leben Wellen schlug, heitere, klingende Wellen, fern aller Einförmigkeit und Verkrochenheit. Wie im uralten Märchen ist er ausgezogen und in ein Reich gekommen, in dem ein Königsohn das Leben mit beiden Armen fest umfaßt hielt; ganz wach, ganz lebendig, von keiner Rücksicht seines Standes bewegt, und sich seiner Macht freute, nach Menschen griff, die ihm wert zu sein schienen Freund zu heißen, der seine Jugend mit dem erwählten Freund seines Herzens genoß, eine wirkliche Jugend, allen alten Ratgebern zum Trotz, die ihren jungen Herzog ältlich, voller Würde, ihnen gleichend haben wollte, eine brausende Jugend, genährt von Geist und lebendigen Kräften. Eine tapfere Jugend, die kühn tat, was sie wollte, und damit Großes tat. Des Herzogs Freund hatte Gefallen an dem jüngern Bruder Einsiedel gefunden, den der Sterbende ihm nah und zugleich fern gerückt hatte. Sie machten manchen nächtlichen Gang im Ilmtal miteinander. 127 Er ritt mit dem Herzog und dem jungen Goethe nach Dornburg und in Weimars Umgegend. – Auf solch einem Ritt fand Einsiedel den Mut, seinen Gedanken über Menschenbeglückung freien Lauf zu lassen. Der Herzog hörte mit offenem Herzen, das jeder freimütigen Lebensäußerung eines klugen Menschen sich nicht verschloß. Er, der Jüngling, der das Tyrannenlied vom zwanzigsten Jahrhundert des Grafen Stollberg bei Wein und Lachen begeistert mitsang, hörte gelassen und oft zustimmend auf Einsiedels Erdenparadies, in dem die Wissenschaft zu unerhörter Macht gedieh, der Menschengeist alle Erdennot überwand. Er sprach von Möglichkeiten in der Entwicklung der Chemie, der Medizin, überhaupt der Naturwissenschaften, sprach von einer Umwälzung aller menschlichen Verhältnisse – von einem Verschwinden der Krankheit, der Armut, einer Befriedigung aller, einem Verschwinden der Religion, der er die größte Schuld an der Verweichlichung, Erdenfremdheit, Unentwickeltheit der Menschheit gab. »Eine Menschheit ohne diese Krücke, wie wird sie wandeln, wie wird sie schreiten. Eine neue, erdensichere Menschheit! Was wird sie leisten!« rief er einmal leidenschaftlich, jung und stark. Auch seine Jugend war ganz erwacht. »Und der Gegensätze Kräfte, die bisher die größte Arbeit an uns taten?« fragte des Herzogs Freund. 128 »Die mag der Reiche, der Gebundene, der Starke, Frohe beklagen – der Arme und Elende sicherlich nicht!« rief lebhaft Einsiedel. »Und den Segen der Armut – der Gelassenheit, des Alters – des Leides?« »Ich gebe diesen Segen daran, wie Tausende und Abertausende es tun würden, denn auch das Alter wird einst dahingehn, es wird kein Schreckgespenst des Alters mehr geben. Schön, stark und erdenfroh werden die Menschen sich bis zur höchsten Grenze des Lebens erhalten!« »Unser Leben währet siebenzig Jahre und wenn es hoch kommt, sind es achtzig Jahre, und wenn es köstlich gewesen, ist es Mühe und Arbeit gewesen.« »Diese erdrückenden Sprüche schwinden mit dem, was die Menschen Religion nennen – und Neues entsteht! Kraftvoll wie die Siegeslieder derer, die jung auf dem Feld der Ehre fallen – so werden die Alten künftig sterben. Ohne geistige Krücke werden sie zu dem schönen Ziel des gelassenen Vergehens kommen.« Der junge Herzog fand diesen Ausblick schön und groß und stark. – Ganz nur Natur! Ganz der Natur hingegeben und dem Wissen von dieser unerschöpflichen Kraft. »Doch ohne Geheimnis – ohne das liebe verborgene Ding, das wir so gerne spüren – wie die ureigenste Heimat.« – Und so gedachte der frohe, ernste Freund des Herzogs jener dämmernden Schicksalstunden im 129 Baumgarten und der Worte des Sterbenden, die wie Geisterodem aus der Ewigkeit verweht waren: »Du bist der Anfang einer langen, langen Kette von Leid und Verwirrnis.« * Einsiedel, der wenig von Jugendlust in seinem Leben erfahren hatte, kam jetzt vor Festlichkeiten kaum zu sich, Tanz, Ausfahrten, Geselligkeiten aller Art, Komödienspiel, Musik; und immer in einem frohen Kreis junger lebendiger Menschen. Sein Bruder Friedrich Hildebrand gehörte zum alten Hof, der sich der Neugestaltung des weimarischen Hofes durch den jungen Herzog weit mehr zuneigte als der junge Hof, der mehr auf seiten der Herzogin stand, der die Leichtigkeit, mit der ihr Gemahl mit Etikette und althergebrachten Traditionen umsprang, Kummer und Befremdung verursachte; ihr zartes, ganz in sich verschlossenes Wesen, das sich im Schutze einer wohlorganisierten Hofhaltung gebildet hatte, kam sich wie preisgegeben, wie in einen Wirbelwind geraten vor. Der weimarische Hof hatte, wie es ihr schien, die Würde verloren, die für eine Hofhaltung unersetzlich war. So sehr sie mit der Mutter ihres jungen Gemahls darin übereinstimmte, Schönes zu lieben, geistige Menschen um sich zu versammeln, so wenig konnte sie mit ihr übereinstimmen, daß dies ihrer Meinung nach so auffällig geschähe, wie es hier 130 geschah. Sie hatte deshalb viel zu leiden und wurde beunruhigt durch das untertänige Vertrauen, das ihr jene von Ärger und Sorge geplagten alten Würdenträger entgegenbrachten. Sie war einem Herzog als Gattin gefolgt und nicht einem jungen Burschen, der wie ein Fohlen nach allen Seiten ausschlug vor unbändiger Kraft und Genie. Der Fremde, der Nicht-Aristokrat, war wie ein Strom, an dem manche sich niedergelassen hatten, Mühlen und Stampfen aller Art. Jeder kleine Betrieb hatte seinen Wassergraben sich abgestochen und der Strom füllte alle. Die Wasserräder rauschten, die Steine drehten sich und mahlten ihr Korn. Der ganze kleine Hof, der alte wie der junge, der ohne seinen Strom in gediegenster Langweile, wie es sich gehörte, dahingelebt hätte, klapperte und rauschte, die Kammerherrn genierten sich nicht, zu dichten, zu komponieren, wer das nicht konnte, versuchte als Tänzer sich zu produzieren; auch die Weiblein dichteten, schöngeisterten unternehmend mit. Jeder war Schauspieler, jeder tat, was er konnte, ja, sie hörten höchst ernste Kunstwerke geduldig mit an, und ihrer Natur nach wäre ihnen doch Minderwertiges viel lieber gewesen und ihnen näher; aber der Strom, an dem sie sich nun einmal angebaut hatten, füllte die schmalen Wassergräben ihrer Mühlen an, da war nichts mehr dagegen zu tun. 131 Und es ging sehr gut. In jedem ruht irgendein Kräftlein, das zu nähren und zu wecken ist, wenn es auch nicht gerade höfische Etikette fordert, daß es geweckt wird. Alle befanden sich im Grunde sehr wohl dabei. Sie begannen sich nicht nur als Aristokraten und Fürstlichkeiten zu fühlen, sondern gaben Gastrollen in einer anderen Art Leben, das sie wohl bisher als dem ihren nicht recht ebenbürtig angesehen hatten, das aber allerliebst war, und man konnte es sich gefallen lassen ohne sich zu »ridiculisieren«. Eins der allerlebendigsten Weiblein der Hofgesellschaft war die junge Frau des zweiten Stallmeisters, Amalie von Werthern, die damals dem ernsten Kammerherrn von Seckendorf im Eifer der Unterhaltung fast den Knopf seiner Galauniform abgedreht hätte. Der Herr Stallmeister war ein ältlicher Mann, der über außerordentliche Wortkargheit verfügte, die er aber stilisiert hatte, so daß sie fast als ein Kunstwerk gelten konnte. Wahrscheinlich war auch sein Gefühlsleben ganz ähnlich stilisiert. Sich zum Gegensatz jedenfalls, hatte er das lebendigste Figürchen zur Gattin genommen oder aus irgendeinem anderen Grunde. Weshalb sich dies Paar zusammengefunden hatte, war niemandem recht ersichtlich. Aber die kleine Frau hatte Glück gehabt, daß ihr Schicksal sie gerade nach Weimar verschlagen hatte, denn wo sonst auf der Welt hätte sie ihrem Enthusiasmus, ihrem 132 Hang zum Schöngeistigen, zu interessanten Männern mehr befriedigen können wie hier? An irgendeinem Hofe sicher nicht und auf Graf Wertherns Gut als Landedelfrau sitzen! Weimar war das einzig Richtige und in Weimar war der Stallmeister von Werthern der einzig beste Ehemann. Als Stallmeister war er mit ganzer Vorliebe beschäftigt, als zweite Beschäftigung hatte er den eigenen Weinkeller, und fast immer wurde er zur herzoglichen Tafel befohlen; so lebte die hübsche, gewandte, liebenswürdige Amalie ein Leben ganz nach ihrem Wunsche. Sie hatte für ihr Mühlchen den großen Strom gehörig angezapft, ihr kleiner Wassergraben floß und sprudelte über, ihr Rad drehte sich, sprühte und spritzte, und wenn sie gerade kein Korn zum Mahlen hatte, tat sie allerhand Zeugs in ihre Mühle. Das Mühlchen klapperte wie kein anderes. Nach dem Mehl der Hofgesellschaft fragte selbstverständlich niemand, sie hatten alle im Überfluß Mehl – und richtiges Mehl mahlten sie überhaupt nicht, es war nur so ein Spielmehl – so vornehmes Mehl. Der Strom, an dem sie wohnten und spielten, floß aber gewaltig. Mit allen stand sich Amalie von Werthern gut. Sie war als Schauspielerin gesucht, sie las gut, sie sang gut, sie sprach verschiedene Sprachen. Sie hatte auch mit Frau von Stein, als der Dichter der »Leiden des jungen 133 Werther« die erste Zeit in Weimar lebte, eine Art Spottgedicht gemacht, das also begann: Sind da eine Menge Gesichter herum Scheinen alle recht adlige Gänse dumm. Wir haben dich längst bei uns erwart't, Du einziges Geschöpf in deiner Art. Überall, wo es sich regte, war auch die hübsche Frau von Werthern mitten darin. »Sie macht Welle,« sagte dann der Stallmeister. »Sie macht Welle,« meinte er auch, wenn sie sich bald von diesem, bald von jenem den Hof machen ließ. Er war ein beruhigter Ehemann. Und wenn sie, geschmückt und im Gefühl, eine köstliche, beliebte und reizende Frau zu sein, zu einer Aufführung nach Ettersburg fuhr, wo sie etwa eine Rolle zu tragieren hatte, und sich so ganz als allerliebste kleine Person fühlte und huldvoll und von ihrem Werte selbst bewegt sich von ihrem Herrn und Gemahl verabschiedete, der vielleicht gemütlich bei seinem Glase Wein saß, allein oder mit einem, der ihm Gesellschaft leistete. Sie war dann schon im Gefühlsstrudel des triumphierenden Weibchens, gebauscht, alamodisch umflort, gepudert und beklebt, nahm aus dem Reichtum ihrer liebenswürdigen Phrasen eine jener schmollenden, liebreizenden Albernheiten und zwitscherte: »Du Beser, Beser läßt mich 134 allein gehn und hast auch nicht ein warmes Wertchen für mich.« »Ofen – Ofen,« bekam sie dann beruhigend etwas geheimnisvoll als Antwort. Des faltigen Stallmeisters schmallippiger, geschwungener Mund lächelte, kühl blickten die klaren Augen. Amüsiert schaute er auf die Eheliebste, die köstlich ausstaffiert und schon in vollem Betrieb vor ihm tänzelte. So eine ein wenig albern gescheite Frau wurde zu jener Zeit wie auch heute nicht ungern gesehen. Ihr kleiner Salon war immer belebt. Sie war das verwöhnte Kind bei Hofe, etwas Enfant terrible , was ja verwöhnte Kinder leicht werden. Immer hatte sie allerlei Schöngeistiges im Treiben. Jetzt nahm sie sich des jüngeren Bruders des Kammerherrn von Einsiedel an. Sie nannte ihn das interessante Untier, und in ihrer Gegenwart war er mit allerhand Paradoxen besonders freigebig, die sie außerordentlich bewunderte und die sie belustigten. »Eine Nixe,« sagte er, »ein niedlicher Waldschratt.« Und er schrieb Amarellen über sie, über alles, was er erlebte. Amarelle antwortete ihm, daß sie sich freue, ließ sich von des Herzogs Freund berichten, fragte, ob der gut zu ihrem Lieben sei, ob sie miteinander plauderten. Der Freiherr beschrieb ihn ihr und sagte: »Du und er, ihr beide seid wirkliche Menschen, wie sie sein sollen, 135 wenn sie nicht alle so total verschnitzelt wären. Von Dir glaube ich jede Schönheit der Seele und jede Güte des Herzens, von ihm staunt mich nichts, keine Tollheit, keine Reinheit, kein großes Werk, welcher Art es sei; aber am schönsten ist die königliche Unschuld dieses Menschen. Wäre er zu einer anderen Zeit geboren, hätte er vielleicht ein Wesen wie Christus werden können, in unserer Zeit ist er weit ausgebreitet, umfassend, viel durchdringend; aber immer königlich unschuldig wie Christus. Bin ich bei Dir oder ihm, werde ich gläubig, kommt mir der Gedanke, daß ein Gott ist, so natürlich, notwendig und heimatlich vor – bin ich allein, fühle ich mich gleich ganz verwaist und gottlos. Meine Sehnsucht nach Dir ist die Sehnsucht nach allem, was die Menschen in ihrer schweren Lage und Not suchen. Verlaß mich nicht! Ich habe mich mit jener Schleife, die ich Dir einst band, in Dich hinein verknotet, verbunden und verstrickt. Deine Silhouette, der Trost in meiner Einsamkeit, soll am festlichsten Ort meiner Stube, das heißt meinem gewöhnlichen Sitz gegenüber, ihren Platz finden, wenn ich sie nicht in meiner Brieftasche auf dem Herzen trage. – Man will vor sich sehen, was man liebt, ganz in Anschauung und Erinnerung und Hoffnung versunken. Es ist hier ein lebendiges Leben! – Aber denke ich Dich von mir fort, so wäre mir beim Schlafengehen 136 der Gedanke, nicht wieder zu erwachen, der größte, unhoffbare Wunsch. Freiwillig blieb ich dann nicht, so tief wird mich mein Genius nicht fallen lassen. – Sieh', Liebste, ohne Dich gibt's nur so eine isolierte Existenz, daraus denn, wenn's lange währt, eine fatale Verschlossenheit wird, die zwar zum praktischen Leben sehr nützlich ist, aber einen zu aller Wärme zeitlebens unfähig macht. Und was ist Moralität, Empfindungswärme und Eindringen in jedermanns Vorstellungsart. Ehe ich Dich kannte, ehe mich mein kleiner Spießer in die steinerne Blume schickte, die Menschenkraft hinauf in den ewigen Raum gewürgt hat, in der ich mich als Menschenwesen erkannte, verbunden mit der Kraft der Menschheit, die Unmögliches will und tut, die sich mit Steinmassen hinauf in den Raum zu Gott ringt – aus Sehnsucht. Vordem da war mein stärkster Trieb, fort von den Menschen. Du kennst unseren Achmet, den seltsamen Buckel, Du weißt, wie gut der zu mir war in meiner einsamen Kindheit, wie er in mich sein ganzes Verlangen nach Sonnenheimat, nach seinen Sonnenmenschen geschüttet hat. So schien mir die letzte Rettung – fort aus unseren kultivierten Ländern, zu denen ich nicht gehöre, so wollte ich meinen Weg über Ägypten nehmen, von da nach Äthiopien; so toll es scheinen mochte, sah ich keine größeren 137 Schwierigkeiten, die nicht zu überwinden wären in Ländern, wo die Natur alle Güter so reichlich gibt. Und nun bin ich daheim zum erstenmal im Leben, bin seßhaft ohne Sehnsucht – Sehnsucht einzig und allein nach Dir. – Außer Dir niemand, der mit meinen Empfindungen und Spekulationen sympathisiert. Schon die Wetterfragen werden durch mich undeutlich, weil keiner mit mir ähnliche Nerven hat. Was ist alle Festlichkeit hier, alles Neue, was alles gegen unsere lieben Feste gehalten – die weiße Birkenbank – der ausgestirnte Himmel darüber – das Faunchen – die kleine Heilige – und Du! Du! – und wir spielten miteinander mit den Sternen, suchten sie – verloren sie, schenkten sie einander – tauschten sie aus – und waren glückselig. – Verlaß mich nicht – verlaß mich nicht! Meinen Bruder Friedrich Hildebrand hab' ich hier eigentlich erst kennen gelernt. Kühl, ein kluges Männchen, Höfling, hat wirklich die Kunst und Wissenschaft der Devotion mit auf die Welt gebracht, dichtet, musiziert, tanzt auch. Hier dichten sie alle ganz ungeniert – und rechnen sich somit zum Wundermann, als läge kein Abgrund zwischen ihm und ihnen. – Mein Bruder hat etwas, was mir nicht gefällt – er kann einen so hinterhältig 138 ansehen, habe von je das Gefühl, daß er sehr auf seinen Vorteil bedacht ist – er ist auch der Liebling der Freifrau von Einsiedel. – Oft lag es mir auf der Zunge, ihm alles zu sagen, was zwischen Dir und mir so selig besteht – aber da sah ich ihn an und schwieg. Ich glaube, im Grund ist's ihm auch nicht angenehm, daß ich so mitten im Getriebe hier stecke. Er hat so sein eigenes Gedreh mit allem. – Einsiedel heißen wir – und sind's jeder auf seine Weise.« So schrieb er an Amarellen mitten in den Eindrücken, die ihn hier stark bewegten. Der wunderliche Bruder Einsiedel war für die menschenhungerige Hofgesellschaft in Weimar ein ganz guter Bissen. Man hatte sich gewöhnt, auch manche außerhalb der Adelskaste als Menschen anzusehen. Das hatte die Sinne für das Menschliche überhaupt geweckt. So eine ungestörte, eingesessene Hofgesellschaft eines ganz wohlorganisierten Hofes ist das Abgeschlossenste auf Erden. Samtene und seidene Wesen bewegen sich in ausgebildetem Zeremoniell um ihr Zentrum und tun ihre Pflicht. Kein Erdgeruch dringt ein, kein wirklicher Erdenwind. In parfümierter, künstlicher Atmosphäre wird geatmet. Auch die Gedanken parfümiert und ganz der Wissenschaft und Kunst der Devotion untergeordnet, die Gefühle im festesten Gewahrsam gehalten, zustimmendes 139 Lächeln zu schönster Entfaltung gebracht. Eine äußere Welt des Einverständnisses statt der Welt der Gegensätze und des Widerstreits. Alles Lebendige, Streitbare in die seideverhüllten Herzen verbannt, da mag es toben, wühlen und schmerzen. Von je haben die höchste und die niederste Kaste die Gegensätze des Lebens vernichten wollen, die ewigen Gegensätze, die das Leben selbst sind. Die Hofetiketten und Zeremonien haben nur den einen Sinn, ein Erdenparadies zu schaffen, nur das Schöne, nur das Einverständnis, eine Welt ohne Gegensätze. Alle Revolutionen der niedersten Klasse wollen ganz dasselbe, dasselbe Paradies ohne Gegensätze, wie es auch die Hofgesellschaft will, ohne Widerstreit mit ihren Wünschen, und die Wünsche sind: Eine Welt ohne Gegensätze – also keine Welt – also Vernichtung der Welt. – Doch ahnen sie das nicht. Und deshalb ist Vernichtung das Ergebnis der Paradiesesschaffung hier auf Erden in allen Revolutionen, solange die Erde sich drehen wird. So ein junger Urweltskerl, wie der weimarische Herzog es war, der spürte diese Weltvernichtung, in seinem wohlorganisiertem Hof erstickte der wie der Mann in der Flasche in der Atmosphäre, die kaum eine war. 140 Und so hatte er die Flasche zersprengt und war hinaus in die Welt mit ihrem lebendigen Odem gefahren, um sich zu retten, und hatte alle mit sich gerissen. In der Flasche war ein gehöriger Luftzug entstanden, der vielen nicht recht war. Und außerhalb der Flasche die große Atmosphäre! So waren gar manche trunken geworden in ungeahnter Freiheit, und die wirklichen Höflinge hatten etwas auszustehen. Den jungen Lebendigen aber mochte es im Grunde wohl wie ihrem Herrn zumute sein. * So saßen sie an einem Abend im Salon der hübschen Frau von Werthern, eine ganze Gesellschaft, um ihren Herrn versammelt. Der Stallmeister war dienstlich verhindert. Das »Nixenweibchen«, wie August von Einsiedel die hübsche Frau nannte, gehörte zu denen, die einen gehörigen Schluck Weltluft zu sich genommen hatten, als die große Flasche sprang. Es war behaglich, und sie fühlten sich alle erdensicher und wohl. Der Weinkeller des guten Stallmeisters hat das Seine dazu, und so gab der Mann mit der stilisierten Wortkargheit seine beiden lebendigsten Besitztümer in seiner Abwesenheit zum Besten, den guten Wein und das Weibchen. 141 Friedrich Hildebrand Einsiedel hatte viel für die hübsche, unternehmende Frau von Werthern übrig und suchte ihre Nähe, wo er konnte, sie aber fühlte sich, wie es schien, jetzt mehr zu seinem Bruder August hingezogen, und dieser unterhielt sie und hin und wieder die ganze Gesellschaft mit allerhand wunderlichen Paradoxen, denen der Wein besonders zuträglich zu sein schien. Des Herzogs Freund verbrachte seinen Abend in seinem Gartenhaus. »Ich will mich an der Nachtdämmerung letzen,« hatte er dem Herzog geschrieben. So zog der große Stern seinen stillen, nächtlichen Weg und die Mühlen klapperten. Eine unendlich wohlige Stimmung im Raum. Man war so ganz wieder einmal unter sich. Die Damen schwätzten nach Herzenslust, die Herren tranken. August Einsiedel hatte mancherlei gesagt, was dem Herzog gefallen hatte, und jetzt sprach man über die Entwicklung der Menschheit. Karl August ging der Fortschritt zu langsam. »Unerträglich, wie alles sich stemmt, zu bleiben wie es ist.« »Wenn's möglich wäre, einen Maßstab für die Menschen zu machen,« meinte Einsiedel, »und sie nach diesem, anstatt der jetzt leidigen Methode nach Geburt, Vermögen und Ämtern, jeden in sein Verhältnis zu ordnen, so wäre viel Übel gehoben. Durch Physiognomik und 142 durch diätische Verordnung müßte es möglich sein, jeden an den Platz zu stellen, der ihm zukäme. Diätische Verordnungen, nach den Ständen der Menschen eingerichtet, sollten Großes erreichen. Die alten Ägypter haben das gewußt und ernstlich angewendet, die für ihre Könige und Priester die Diät, im weitesten Verhältnis genommen, genau bestimmt hatten, wie auch von einem äthiopischen Volke erzählt wird, das seine Könige nach der Physiognomik wählte. Aber die Weisheit der Alten ging verloren, die Weisheit, die aus dem heiligen Zusammenhang mit der Natur im Menschen lebt. – Wir werden's nicht erleben, daß die Tiere ihre Instinkte verlieren und geradeso im Dunkel tappen wie wir; die es aber erleben, werden begreifen, was auch wir einst verloren, die heiligen Weisheiten und Instinkte der Alten.« »So interessant es mir ist, was Sie da sagen, liebster Einsiedel,« meinte der Herzog, »aber eine Rostbratwurst wäre sicherlich nichts für Könige und Priester – und ich fürchte, daß man ihnen Grießbrei verordnen würde als die Quelle wahrer Vorzüglichkeit. – Stimmen Sie mir nicht bei?« wendete er sich an Frau von Werthern. »Gar nicht, Durchlaucht, Grießbrei wäre ausgezeichnet für sie. Ich sehe Durchlaucht schon dabei sitzen – und Kamillentee dazu! Da würde alles bald gut 143 geregelt sein zur Zufriedenheit aller. Es kommt doch nicht darauf an, daß es den Königen und Priestern schmeckt, sondern daß alles wie am Schnürchen geht.« Der Herzog lachte: »Da haben wir's! Amalie hat sich Einsiedels Tiefsinnigkeiten ergeben! – Möge daraus kein Unheil entstehen! Tiefe Wasser sind still – und stille Wasser sind tief – ich erinnere nur. Unser verehrter Stallmeister!« damit hob der Herzog sein Glas. Frau von Werthern hatte mit noch einigen Damen der Gesellschaft eine Aufführung vor, in der Engel von allen Stilarten vorgestellt werden sollten: die schlanken, musizierenden Fiesole-Himmelsboten, Dürersche Engel mit ihren weiten Gewändern und dem großen Ernst ihres Wesens, was man so in Weimar an Engeln habhaft werden konnte, war zusammengesucht worden, und im Wittumspalais sollten sie in lebenden Bildern zur Erscheinung kommen. Die Damen waren eifrig dabei, zu proben, zu schneidern, zu kleben, und bei Amalie von Werthern war die Werkstatt errichtet. Da lag in ihrer Wirtschaftsstube die ganze Engelgarderobe, die himmlischen Gewänder, die Flügel, die goldpapiernen Instrumente, die wolkigen Hintergründe, an denen Seckendorf, Einsiedel und Frau von Stein ihre Kunst geoffenbart hatten. Die Werthern aber war die eifrige Seele vom Ganzen. 144 Die Damen plauderten, da tat sich die Tür auf, der Kammerherr Einsiedel trat mit einem ganzen Arm voll Heiligenscheinen ins Zimmer, die er sich aus dem Depot himmlischer Garderobe geholt hatte. Ein Schrei der Entrüstung! Der Kammerherr aber ließ sich in seinem Vorhaben nicht stören, setzte jedem und jeder einen seiner geraubten Heiligenscheine sorgsam auf, und so saßen sie nun in aller Herrlichkeit und Heiligkeit und schauten einander an. Manchen stand der Heiligenschein ganz allerliebst zum gepuderten Haar, dem eleganten, silbergestickten Frack, auch den gebauschten Damen in ihren Pfingstrosenröcken, den zierlichen Taillen und zart umhüllten Busen, die Gesichter von Lockenwolken umspielt, sahen vorzüglich in ihrer Heiligkeit aus, am reizendsten Frau von Werthern, die ihren Schein schon oftmals in der Stille aufprobiert und ihn besonders kleidsam zu biegen verstand. Es währte nicht lange, so tanzte man ein gediegenes, heiliges Menuett, von dem Tanzmeister Aulhorn hingerissen hätte sein können. Jeder und jede wußte, worauf es ankam, Heiligkeit und Verliebtheit ins rechte Licht zu setzen. – Einstimmig schienen sie diese beiden Eigenschaften für nahe verwandt zu halten. Gravitätisch schritten und schwebten sie, äugelten aber gar liebreich verlangend und zart 145 verheißend unter ihren Scheinen hervor. Die rosigen Händlein wurden respektvoll, doch zärtlich geküßt. »So tun Sie doch mit, mein steifer Kavalier,« lachte Amalie Werthern ihrem Partner zu, der möglichst gelangweilt seine Pas machte, als ginge ihn das alles nichts an. »Machen Sie Welle!« rief der junge Herzog à la Stallmeister ihm zu, »Welle muß sein!« »Eine Matinee!« rief Hildebrand von Einsiedel, als das Menuett beendet war, so nannten sie damals in der Gesellschaft kleine Spottverse und Reime, die einer auf den anderen dichtete, die sehr en vogue waren, und tanzend und schrittelnd im Heiligenschein, mit großer Fertigkeit und Anmut sang Friedrich Hildebrand von Einsiedel: »War mal ein Herr von Tunichtgut, Ein ganz famoser Herr, Gescheit und scharf, von edlem Blut, Dem schien sein Amt zu schwer. Im Städtchen war er Bergesrat, Der Titel zierte ihn, Doch statt zu schaffen früh und spat, Dem Grübeln gab er sich hin. Und grübelte eine Welt zurecht Wie 'ne Torte zu teilen zum Heil; Ein jeder bekam nun ganz gerecht 146 Sein schönes, süßes Teil. Braucht wenig zu schaffen und zu tun, Sein Stückchen lag ihm bereit, Konnt' faulenzen, lieben, essen und ruhn, Sein Rock wurde nie ihm zu weit. Zart blieben die Finger ohn' Arbeitsnot, Ein Liebchen war auch immer da, Zergrübelt hatt' er den lieben Gott, So war auch kein Aufpasser nah. Das war alles schön und recht und fein; Wo aber blieb nun das Geld? Für solch eine Erde aus Torte und Wein, Wer zahlte denn diese Welt? Ja, zahlen, mein Lieber, dran dachtest du nicht Eine Tante war aber schon da, Eine kostbare Tante mit Geld und Gut, Da schlug nun sein Herz ein Falera. Und der Tante behagte das junge Blut; Ei wie – ei wo – kann schon sein! Der Weltenverbess'rer kriegt frohen Mut, Schuf die Welt nun für sich ganz allein.« Die letzte Zeile war ein Triller und der Kammerherr schlug eine Pirouette. »Bravo!« erscholl es von allen Seiten. Etwas besorgte Blicke aber fielen von manchen auf August von Einsiedel. 147 Der saß gleichgültig, als ginge ihn die Unverschämtheit seines Bruders ganz und gar nichts an, und sprach jetzt angelegentlich mit Amalie von Werthern, die, beglückt, daß er von ihr so energisch Notiz nahm, sich der Unterhaltung mit Leib und Seele hingab. Serenissimus war zugegen, so wußte Friedrich Hildebrand, daß er von seinem Bruder augenblicklich nichts zu befürchten hatte. Sein Genius und Pegasus waren unbezähmbar, wenn er mit reichlich Wein gefüttert wurde – und weshalb hatte August so verrückte Ansichten – Gott weiß, was mit Tante Amarelle los sein mochte. Hübsch und elegant sollte sie ja sein, sagten auch die rosa Elefanten. Nun, es war einmal geschehen, und wer von allen hier konnte sich rühmen, daß er noch nicht in einer Matinee gefeiert worden war. »Lieber Einsiedel,« wendete sich der Herzog an ihn: »Gratuliere zur weimarischen Taufe. Von nun an gehören Sie zu uns! Wer seine Matinee bekommen hat, ist echt weimarsch geworden. Jetzt sind Sie der Unsere! – Und die Tante! – Die gute alte Dame wird es uns nicht verübeln. Alte Damen sind Damen, aber keine Frauen. Sie wird auch keinen Anspruch darauf machen, und wenn sie Geist hat, was anzunehmen ist, wird sie mit uns lachen.« In August von Einsiedel ging etwas ganz Wunderliches vor sich, Amarelle verschwand, er konnte sich ihrer mit einem Male nicht mehr entsinnen. 148 Es war ihm, als hätte der Herzog ihr Bild mit seinen Worten wie mit einem Tuche fortgewischt. Und er hatte nur ein Lächeln, einen dummen Witz als Antwort. Hatte der Wein ihn gelähmt? Der süße Begriff Amarelle war in diesem Augenblick wie aus seiner Seele verschwunden. – Seine Liebe! – Seine Seligkeiten! – Verhext! – durch ein Wort eines jungen Menschen, der es ahnungslos ausgesprochen. Der Wortzauber hatte ihn getroffen . . . schwer getroffen. Und er hörte eine Stimme: Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnet haben. Hatte das Amarelle nicht einmal lächelnd gesagt? * Und wie er dann einsam durch die stockfinsteren Gassen ging, war er wie ein verwunschner Mann, hilflos, verwirrt, einer Macht, die wie ein Gebirge sich vor ihm auftürmte, untertan und nicht klar und nicht faßbar untertan, daß er dagegen hätte kämpfen können, gelähmt, krank, schwach wie die Philister dieser Erde, die ein Wort umwerfen kann. Hatte Petrus, der heiligste Philister, nicht die Liebe seines göttlichen Herrn vor allen Ungezählten, die vor ihm und nach ihm kamen, genossen – und das Wort einer einfältigen Magd ließ ihn des Höchsten und 149 Geliebtesten vergessen! Einsiedel mit dem scharf geschnittenen Mund, den Flügellocken an den Schläfen, den Paradoxen und Gedankensprüngen hatte wie Petrus die Gewalt des Wortes gespürt. Petrus fürchtete Hohn und Lebensgefahr, als er seinen Herrn verriet – und was fürchtete er? – Ein Lächeln – ein Aha – ein irgend etwas für sich, mehr noch für sie, die geliebte Frau. – Jeder hat das Recht. – Was für ein Recht? – Er gab sich selbst keine Antwort mehr auf seine Fragen, blieb in dumpfer Wortverzauberung, ganz zurückgefallen in alter Lebensferne, Kühle, Traurigkeit und Verkrochenheit. In diesem bedrückten, fast bewußtlosen Zustand tat ihm die Allerweltsfreundlichkeit und enthusiastische Liebenswürdigkeit der Gattin des Stallmeisters von Werthern wohl. Er hörte ihrem Plaudern zu wie dem Plätschern eines Brünnleins – und ihr unbeschäftigtes Herz spürte gar bald die Fügsamkeit und Zerrissenheit des ihr nicht uninteressanten Mannes. Gerade solch eine Übung war ihrem weiblichen Behilflichkeitstrieb sehr zuträglich. Augenblicklich befanden sich alle in Weimar wohl, jeder hatte seine Liebe oder kleine Liaison, irgendeine Geschichte oder ein Geschichtchen. Sie selbst mochte augenblicklich frei und ledig sein, der Stallmeister und 150 Ehemann ging seinen Trott im allertiefsten Frieden. Der Wein und die Pflicht hatten längst alle übrigen Lebensäußerungen bei ihm verdrängt – und auch sonst war augenblicklich Ruhe. Das bewegliche Herz der jungen Frau hatte kleinere und größere Liebesaffären überwunden, hatte sie vergessen, und die hübsche Amalie war dabei, sich für eine angehende Heilige zu halten. Wie gut schien es nun, daß sich auch ein armer Sünder zur Heiligen fand. Und so lernte er wirklich in ihr ein feinfühliges Wesen kennen, das ahnungsvoll sich ihm anzupassen suchte, das mit ihm fühlte, ohne zu wissen was. Seine Schwesterseele hatte schon mancher in Amalie von Werthern wohlig gefunden. Ihr Enthusiasmus, dem zu gleichen, dem sie sich gerade zuneigte, war unerschöpflich. So hatten sich allerlei Erinnerungsreste einstiger Umwandlungen in ihr zusammengefunden und sich zu einem wohlschmeckenden Ragout vereinigt. Redensarten und Ansichten untadelhafter Kammerherren, Ausdrücke der Herzoginmutter, der jungen Herzogin, der kleinen von Göchhausen, Ansichten des ganz vortrefflichen Prinzenerziehers von Knebel, auch Wieland war schelmisch vertreten, auch der Herzog und dazwischen die ungezügelten Aufbrausungen der Genies, die wie Pfefferkörner würzten. 151 Erstaunlich unmittelbar Empfundenes war wunderlicherweise auch zu schmecken. Und wer das erfaßte, mußte auf den zierlichen Mund mit Verwunderung blicken. Das Verschiedenartigste schien so gut miteinander verrührt und war mit einer pikanten, alles auf das glücklichste vereinigenden Sauce à la femme aimable et spirituelle angerichtet. Weimar war ohne diese Zusammenfassung aller Kräfte kaum zu denken. Und wer so glücklich war, dies auserwählte Ragout zu sich nehmen zu dürfen, hatte ein vorzügliches Ragout seiner Zeit genossen. So war es nicht zu verwundern, daß der Freiherr, den der Geist der Verwirrung in Herzensöden getrieben hatte, müde gewandert von Gedanken und Gefühlstreibereien, es sich ein wenig schmecken ließ. Ausgeritten war er aus dem Tor mit den liebend ausgebreiteten Flügeln als künftiger seliger Ehemann einer Frau, deren Liebe ihn wie ein überschwenglicher Duft ganz erfüllte. Nie war zwischen Amarelle und ihm von Ehe die Rede gewesen. Und doch war nur diese eine Möglichkeit für ihn da, diese eine Sicherheit, dies Einzige, ihr in Frieden anzugehören. Nichts durfte zwischen ihn und sie sich drängen – keine Unsicherheit – kein Hauch von Fremde. Und nun, welche Zerstörung – die ganze Menschenwelt eingedrungen mit aller Kälte – und ihrem Witz. 152 Er, der Freie, der Ungebundene und Junge, als Berechnender in den Augen der Welt, der eine reiche, ältere Frau nahm, um besser zu leben, der verfressen und so weiter seine Weltanschauung daran gab. »Ei wie – ei wo – kann schon sein!« Die dummen Verse waren ihm ins Blut gedrungen, ein ekelhaftes Gift, das ihn innerlich quälte. Welche Feigheit spürte er in sich. – War es Feigheit? War man feige, wenn man sein Bestes der Welt nicht preisgeben wollte? Das zentifolienfarbene Haus mit allem Licht und Maienherrlichkeiten, dem zarten Von-der-Welt-Wissen seiner Herrin versank als die einzige Heimat auf Erden. Er blieb zurück ärmer wie je zuvor. Und wie schon oft trat ihm der Gedanke nahe, Europa zu verlassen, der Sonne zuzuwandern, etwa über Ägypten, was ihn von jeher angezogen hatte, das Land, in dem uralte Steinbilder in die Ewigkeit schauen, in dem die Geheimnisse jener Menschen ruhen, die Weisheit und Allwissenheit der Natur in sich trugen. Sein Ausritt von Schloß Lumpzig erschien ihm immer bedeutungsvoller. Das feine Spießerchen hatte ihn auf Reisen geschickt, die nicht zu ermessen waren. Er wollte jetzt, leidgetrieben, das zu erreichen suchen, was ihm vielleicht den Sinn seines eigenen Wesens erschlöße, das nach kurzem seligem 153 Sich-seiner-selbst-bewußt-Werden, in dem er sich als guter, höchst einfacher Mensch gefühlt hatte, sich wieder verkroch. Was war des Herzogs Freund für ein seltsamer Mensch! Welche Macht lag in ihm! Wenn er sich vergegenwärtigte, was er mit diesem Menschen erlebt hatte und was sie miteinander gesprochen, so erschienen die Eindrücke, die er von ihm hatte, einfacher Art. Reiner wie irgendein anderer Mensch war er ihm vorgekommen, unschuldiger und eines schönen, unbestrittenen Glückes voll, auch sein Ernst von hoher Reinheit. Doch sprach man von ihm in Ausdrücken als von einem Genialen. Der sterbende Alte hatte von ihm geweissagt, als wenn seinesgleichen nicht wieder auf Erden erscheinen würde. Ja, war denn auf dieser Erde ein in Glück und Leid ganz reiner und ganz lebendiger Mensch solch ein Wunder? Er hatte sich die irdischen Wunder nicht so natureingewoben vorgestellt – und eine Sehnsucht sondergleichen befiel ihn. Sein Schecke stand im Gasthof zum Elefanten. Er hätte ihn nur satteln lassen müssen und wäre seligen Herzens seinem so ganz auch Natur eingewobenen Glücke entgegengeritten. Dem Schecken würde seines Herrn Frohmütigkeit – wie einst mit in das Blut geronnen sein und sie wären glücklich und aufeinandergetürmt dahingezogen. Verranntheit, 154 Tücke der Nerven, Bann uralten Wortzaubers, Wortschöpfer- und Wortzerstörungskraft hielt ihn, lagen in ihm selbst, ließen ihm das Herz in fremdem Rhythmus schlagen, der ihn bedrückte, ihn sich selbst unbekannt machte und betäubte. Und so blieb er ohne Sinn und Verstand, wie es uns ergeht, wenn wir in die magischen Kräfte dieser Erde und dieses Lebens geraten sind. * Seine kleine Trostheimat im Hause des Stallmeisters von Werthern tat der Verranntheit wohl, er fand sich dort als ganz vernünftiges Mannsbild wieder, was er sprach wurde ausgezeichnet, bewunderungswürdig gefunden, das kleine Frauenwesen huschte um ihn her. Sie liebte es, im Zimmer auf und ab zu gehen, im Eifer ihres freudigen Enthusiasmus in die Hände zu schlagen und silberhell gespannt wie eine straffe Saite zu rufen: »Schau – köstlich! – Oh, daß es so was gibt! – Wie gut – wie schön.« Zu jeder Tageszeit gab es Tee mit zierlichem Gebäck, den ein wunderliches, altes Frauenzimmer auftrug, die von Frau von Werthern »meine Amme« genannt wurde und mit der sie ganz ungemein zärtlich war wie ein kleines Mädchen. Und die Amme saß zuweilen mit im Zimmer und spann. 155 Die hübsche Frau ließ sich in ihrem Benehmen von dieser Person sowenig stören wie von einem Möbelstück. Dem Freiherrn aber war die schnurrende, spinnende Alte unbehaglich. Es gefiel ihm nicht, daß eine untergeordnete Person jedes Wort mit anhörte, und wie erstaunte er, als mitten im eifrigen Gespräch, als er meinte, der Enthusiasmus seiner Zuhörerin könnte kaum höher steigen, die junge Frau aufstand, sich niederhockte, ihren Kopf der Alten auf die Knie legte und sich in deren faltige, schwarze Schürze wühlte und wie ein kleines Kind anäugelte: »Is bin so traurig. – Geh, sag Saudeffchen zu mir!« »Ach, allergnädigstes Frauchen, mei allerliebstes Saudeffchen, wer wärd 'n draurig sein! – nee gucke –!« Der Freiherr hatte dem hübschen Frauchen von dem alten Ägypten erzählt, über das er so wohl unterrichtet war und das mehr wie je jetzt seine Phantasie beschäftigte; denn in ihm wurde der Plan immer fester, wirklich zu reisen. Über Ägypten hinaus ins Unermeßliche . . . So saß er erstaunt und blickte auf das graziöse Weibchen, das ihm entwischt war mitten in voller Begeisterung und tiefstem Verständnis. »Macht nix,« sagte die Zierliche jetzt, nahm vom Teebrett ein Zuckerkringelchen und hielt es dem Freiherrn hin – und nahm selbst eins. Und nun konnte es weiter gehen. 156 Sie saß so gläubig, so ganz ihm sich zuneigend da, knabberte ihren kleinen Kuchen und ihre Augen hingen an seinen Lippen. »Unerträglich,« sagte sie, »wie alles sich stemmt, zu bleiben, wie es ist. – Ob das immer so war?« Der Freiherr blickte auf ihren feinen Mund. – Ja, wer hatte das denn neulich gesagt – was war denn das? – Der Herzog? – Freilich! und über August von Einsiedels Lippen spielte ein amüsiertes Lächeln. Er sah des Herzogs festes, junges Maul vor sich, aus dem dieser Ausdruck seiner Ungeduld so natürlich und frisch gesprungen kam, und über die feuchten Lippen Amaliens hüpfte er wie ein Fröschchen. »Oho!« rief der Freiherr – »nach berühmten Vorbildern!« »Wieso?« Sie lachte und war errötet: »Herr Wortklauber! Wieso??« »Serenissimus geruhten sich so auszudrücken.« »Wir leben hier wie die ersten Christen, Verehrtester. Aller Besitz ist Gemeingut. Und mir ist es ekelhaft, daß immer dasselbe bleibt, nichts sich ändert, drum fiel mir's so ein.« Der Freiherr war versöhnt und beruhigt, denn nicht ohne Geist hatte sie sich jetzt hinausgeredet, und es war unhöflich von ihm gewesen, sie auf dieser kleinen Spitzbüberei ertappt zu haben. 157 So kam er wieder ins Geleise und hatte die dankbarste Zuhörerin, die er sich wünschen konnte. Als er sich verabschiedete, nahm sie seine beiden Hände und sah ihn schelmisch an: »Wenn Sie reisen, nehmen Sie mich einfach mit, Herr von Einsiedel.« Und sie sprach wieder wie ein Kind: »Ich bin so traurig.« Ihm schien es, als blinkten Tränen in ihren Augen. Er küßte die zarte Hand und lachte: »Das wäre sehr scharmant – aber doch schwierig.« »Gar nicht schwierig! – Fiedlern,« rief sie der Amme zu, »sag du, er soll mich mitnehmen, ich hab's gründlich satt!« – Dazu lachte sie hell auf; wie der niedlichste Waldschratt und Kindskopf, dachte der Freiherr, schüttelte ihr die Hand und empfahl sich. * Der Stallmeister begegnete dem Freiherrn eines Tages, als der grüblerisch und versonnen unter einem großen blauseidenen Regenschirm durch die nassen Straßen ging. Von den Dächern goß es in Strömen, durch die offenen Straßenrinnen rauschten die Wasser, der kalte Thüringerwaldwind strich an den Häusern hin. Es hatte sich seit Tagen eingeregnet und tat dies, wie es nur in Weimar möglich ist. Die Strohdächer sogen die Wasser wie Schwämme ein. Das Städtchen sah arm und bedauernswert aus. 158 Der ältliche Stallmeister von Werthern sprang von Stein zu Stein und hielt auch ein mächtiges Regendach über sich. So kamen beide aufeinander zu. Der Stallmeister machte die seltsame Bemerkung: »Es regnet, Einsiedel.« »Ja, gewiß,« antwortete dieser. »Gehen Sie mit dahin, wo es nicht regnet?« »Mit dem größten Vergnügen.« »Ja – oder nein hätte genügt, Einsiedel; die Leute bedienen sich dieser einfachen Form selten, außer am Altar, wo in allen Fällen »nein« am Platze wäre, zum mindesten ein längerer, heftiger Widerspruch und -stand. – Kommen Sie.« Der Stallmeister sprang wortlos weiter vor seinem Begleiter her von Stein zu Stein und über manche ausgedehnte Pfütze. Die Regendächer schaukelten wie Schiffe auf ihren Wogen, und so kamen sie hüpfend und spritzend bis zum Marstall. »Aha,« sagte Herr von Einsiedel, dem es angenehm war, daß er sich hier nicht ausführlicher auszudrücken brauchte. »Jawohl,« antwortete Herr von Werthern einverständlich. Mit tiefster Reverenz wurden beide von dem diensthabenden ersten Pferdewärter empfangen. Ein unverständliches Grunzen schien zwischen Herrn von Werthern 159 und seinen Untergebenen die Form zu sein, die ihnen zur Verständigung genügte. – Frage, Antwort wurde auf die kürzeste Weise so erledigt. Ein Räuspern mochte hier bedeutungsvoll sein und durfte nicht überhört werden. Noch befand man sich im Vorraum, Haferkisten, Pferdegeschirr – allerhand notwendige Geräte, alles in fast geheiligter Ordnung und Weihe. Nun aber traten sie ein. Warmer, wohliger Dunst schlug ihnen nach dem traurigen Hüpfen durch die regengepeitschten Gassen entgegen, ein großer gewölbter Raum und Sonne an Sonne! – Goldener Schimmer, wohin man sah – gelbes Wogen. Wie der Freiherr nach dem Ritt durch Weimars ärmliche Gassen ganz berückt war von Anna Amaliens Türkissalon, in dem diese beseligendste aller Farben wie ein wohliges Wasser einer anderen Welt, das sich atmen ließ, alle umfing – so war hier ein goldenes Bewegen. Recht hatte der Stallmeister, »hier regnete es nicht«, die herrlichen Leiber von zwanzig goldfarbenen Isabellen standen wie lauter Königswesen und strahlten Licht und Wärme aus und ihren starken, lebendigen Duft. Ihre mächtigen Mähnen schimmerten wie das Blondhaar schöner Frauen und die goldenen Schweife schwangen in unaussprechlicher Schönheit, bis auf den Boden hinabgegossen. Der Freiherr verstummte vor solcher Herrlichkeit. Die Isabellen standen auf goldenem Stroh, und wenn sie 160 die edlen Häupter den Eintretenden zuwandten, kam zwischen die goldene Flut ihres ganzen Wesens ein rosiger Schimmer. – Die kostbaren Glieder tänzelten. »Ich bin gefeit,« sagte Herr von Werthern. »Alles andere Nichts!« Diese kapitalen Sätze, langsam gesprochen, stellten den Mann in den Augen des Freiherrn auf einen ganz ausgezeichneten Platz im Weltall. Ein Hüter der Sterne etwa mochte so reden. Der Freiherr konnte nicht an sich halten, machte eine Reverenz vor dem Manne. »Araber,« sagte dieser. Dem Freiherrn aber war's, als ob er damit meinte: Beeile dich – fort! Hinein in die Sonne, zu Menschen und Tieren, die längst dich schon lockten – und der Entschluß, seine Ausreise zu wagen, stand in dieser Stunde fest in ihm, als hätte ein Gott gesprochen. Für den Stallmeister von Werthern hatte Einsiedel von diesem Augenblick an Zuneigung und Achtung. Was dieser Mann mit einem kurzen Satz oder noch besser mit einem Worte aussprach, das war gesprochen und durchaus nicht zu übersehen. Er war gefeit . . . das war er – an den rührte nichts mehr – der war durch. Und der Stallmeister spürte das Verständnis und lud den Freiherrn öfter ein, mit ihm eine Flasche Wein zu trinken, und da erfuhr dieser wiederum, daß es sehr 161 ernstlich etwas bedeutete, wenn Herr von Werthern sagte: »Da regnet's nicht« oder »Es regnet« oder einfach: »Gut.« Sein Wein war so gut wie seine Isabellen. So saßen sie öfter beisammen in dem hübschen Wohnzimmer der Wertherns, die beiden Weingenießer, auch die junge Frau trank ihr Gläschen und die Amme drehte ihr Rad, und ließ es schnurren. Manchmal verließ der Stallmeister auch die Frau, den Freund und die Amme und ging schlafen. »Macht Welle« – sagte er dann. Und die Nixe machte Welle – und der Freiherr versank in seine Pläne, besprach alles mit der hübschen, aufmerksamen Frau, die hörte ihm sehnsüchtig zu, wenn es ihr so einfiel, lief sie mitten im lebhaftesten Sprechen und Hören zu der spinnenden Amme, anäugelte und schmunzelte mit ihr. – »Alles is traurig – traurig – traurig,« sagte sie dann. Der Freiherr hörte mit Staunen, wie sie sich Saudeffchen nennen ließ – und die Amme sagte: »Er is nu mal ä Drämel un weeß d'r nich, was fir ä Engelchen er hat. Bis schtille –. Gucke – kemmt Zeit, kemmt Rat. – Bis nur schtille.« Des Freiherrn Herz gehörte Amarellen, so liebreizend Frau von Werthern auch sein mochte. Sie hatte aber an ihm einen wahren, guten Freund gewonnen, und das spürte sie und noch mehr. * 162 So schrieb er an Amarellen, daß er noch weiter reisen würde, daß sein Herz voll Sehnsucht sei – daß er im zentifolienfarbenen Haus als ein Geist aus- und einginge, daß Weimar ihn nicht mehr lange halten würde, trotz alledem, was hier zu finden sei. »Ich bin kein Literator und passe hier nicht her. So manches ist mir hier wie Fiebertraum – bei uns war's wacher – heimischer, einzig, einzig! und nie wieder so auf Erden zu finden! Sag, daß Du mein bist. – Auch wenn wunderliche Zeiten kämen.« * Ein Erlebnis beschleunigte seinen Abschied von Weimar. Zwei Wachskerzen brannten im Werthernschen Wohnzimmer. Der Stallmeister war aus dem Marstall zurückgekehrt, wo er der Geburt eines Fohlens beigewohnt hatte, die unter schwierigen Umständen vor sich gegangen war und einer der edlen Stuten das Leben gekostet hatte. Der Stallmeister ließ Wein bringen und war dann stumm, die Hand um das Glas gelegt, versunken dagesessen, als Einsiedel gemeldet wurde, der Frau von Werthern zu einem Hofkonzert abholen wollte, so war es verabredet. Er wurde von Herrn von Werthern stumm begrüßt, der wie ein Blinder seinen Arm in den Raum reckte, ob sich etwas daran fangen würde. 163 Einsiedel ergriff die Hand, wußte aber nicht recht, was damit beginnen, da der gestreckte Arm nicht wieder eingezogen wurde. »Nun?« fragte Einsiedel lächelnd und ein schwermütiger Blick richtete sich langsam auf ihn, der von einem Leid des wunderlichen Mannes berichtete. Einsiedel schaute um sich – Amalie fehlte. »Ist Frau von Werthern krank?« »Wieso?« kam es wie ein Felsblock von Wort aus dem großen, schmalen Mund. »Wo aber fehlt's denn, Verehrtester?« »Im Stall,« wieder ein schwerbeladenes Wort, wie andere Sterbliche ihre Worte nicht zu beladen pflegen. In diesem Augenblick trat Frau von Werthern ein – strahlend, liebreizend, gebauscht und eingeschnürt, lockenumwogt, puderumduftet wie eine stäubende Blüte. Einsiedel stand zwischen dem Paar und schaute von einem zum andern. »Ihr Herr Gemahl ist in Sorge, wie ich sehe?« »In Sorge, wieso?« zwitscherte es gedankenlos und heiter. – »Was ist los?« Amalie von Werthern schlüpfte in einen neuen, wie es schien sehr engen Handschuh und bekam keine Antwort. Der Mann rührte sich nicht. Da ihr Herr und Gemahl stumm blieb, wurde Einsiedel befangen und wußte nicht recht, was tun, denn Antwort geben statt des Ehemannes, war eine mißliche Sache; 164 schließlich aber, da es in Amaliens Augen zu blitzen und zu funkeln begann, antwortete er unsicher und ganz in Herrn von Wertherns Einwortsystem verfallend, auch wie dieser: »Im Stall.« »Im Stall!« Amalie von Werthern lachte auf. »Große Geschichte! Wahrscheinlich ist's mit dem Fohlen schief gegangen, das kommt natürlich vor. – Herr du mein Gott!« sie stampfte mit dem Fuß auf, »ist das ein Mann!« Der Einwortmensch blickte wie aus tiefem Schlaf geweckt auf. »Leidtragend –« Er nickte kaum merklich. »Leidtragend, sagt er!« schrie sie fast auf. »Schäm' dich! Im Stall ist ihm ein Vieh krepiert und er sitzt gottverlassen da! –« »Eine Hoheit starb.« »Er ist verrückt mit seinen Isabellen!« »Verrückt?« sagte der Mann; »weil ich sie schöner finde als die Menschen – weil ich an ihnen hänge? – Herzenssache. Wenn ich offen sein soll: Ich kann die Menschen nicht leiden, sie gefallen mir gar nicht. Meine Isabellen gehen nackt wie die Götter. Sie sind nicht behangen und versteckt und beklebt. – Geh hier einer nackt! – Pfui Teifel. Die Schönsten sind garschtig – und voller Unrecht und Trug.« »Das sagt er mir! mir! mir!« Die Frau schluchzte. Tiefster Baß: – »Allen ausnahmslos!« 165 »Wenn ich stürbe, kein Wort würde er verlieren!« weinte sie auf und barg sich an Einsiedels Brust. »Was hülf es dir und mir? Das Wort verlieren und verstreuen.« Er achtete nicht auf die augenblickliche Situation seiner Frau, schien sie nicht zu bemerken. Der Freiherr aber machte sich sanft von ihr los, führte sie zum Sofa und drückte sie zart darauf nieder. »Ich Unglückselige!« schluchzte sie auf. »Sagen Sie jetzt nicht ›Ofen‹, Einsiedel, ich rate Ihnen, Weiber sind Weiber.« Da schrie sie auf: »Ofen, meint er! – Ofen! Ofen, sagte er, wenn er mich küßte, wenn ich ihn um einziges warmes Wort bat!« »Sie sollten etwas Humor haben, Frau Stallmeisterin, vielleicht hätte ›Ofen‹ Ihnen dann geklungen, Gott weiß, wie der Gesang aller himmlischen Heerscharen.« Sie hörte nicht, was er sagte. »Ich vertraue Ihnen, Einsiedel, bis in den Tod – verlassen Sie mich nicht – führen Sie mich! Ich hab's hart.« Neues Schluchzen. »Wenn sie weniger Gans und mehr Engel wäre, hätte sie's leichter gehabt,« meinte der Ehemann. »Aber so man bei ihr nicht zum weimerschen Gärluder wird, gibt's keinen Frieden. Hab' du mal einen Mann, der dich nicht Welle machen läßt und dich mit tausend Wutworten übergießt. Würdiger, würdest du sagen, war doch der Schweiger.« 166 So kam es, daß Einsiedel Weimar früher verließ, als er gemeint hatte, denn es war ihm nicht heimlich zumute. Der Stallmeister war ihm zu duldsam. Nicht ganz das Gleichgewicht haltende Ehepaare ängstigten ihn. So sehr er die hübsche Freundin beklagte, konnte er ihr doch nicht helfen. Und so hielt er sich noch einige Zeit bis zu seiner Abreise in Berka, einem kleinen Marktflecken bei Weimar, auf, sich alles für seine Ausreise zu überlegen. Amalie von Werthern aber war auf das Gut ihres Oheims gereist, wie sie sich gegen ihre Freunde ausdrückte, um ihren Gatten in seiner Trauer um Stute und Fohlen nicht zu stören. 167   Achtes Kapitel Doktor Lamm hält die schöne Amalie für eine Hebamme. Einem Burschen läuft ein Huhn über den Weg. Zwei alte Geschütze nehmen das Feuer wieder auf. Wir treffen die hübsche Amalie mit ihrer Amme auf dem Gut ihres Oheims, Hans von Münchhausen, der sich Rausch von Traubenberg nannte. Seine Mutter war eine geborene Rausch von Traubenberg, so sollte der fröhliche Name in ihm fortleben zu seiner ureigensten Freude in großer Öde unter Tannen und Fichten, eine muntere Gloriole, die ihn sonnte. Das Gut liegt auf einer Hochebene des Thüringerwaldes. Ein Ende Augustabend. Rauh weht es schon über die endlosen Tannenwälder und über das schindelgedeckte Gutshaus, das in seinem silbergrauen Bretterrock gerüstet gegen Wetter und Sturm steht, grau und geduckt die Wirtschaftsgebäude um dasselbe her. Der Gutshof, als wäre er aus dem Boden gewachsen wie ein Nest Pilze. Die Felssteine, die hie und da verstreut liegen, die Tannenwälder, die rings sich erheben, wie ein Wall 168 getürmt und dräuend in ihrer Dunkelheit. Alles weit – der bunten Menschenwelt entrückt. Die Grasfläche auf dieser Höhe samten, ein kurzer, fester Graswuchs, der sich gleichmäßig ausbreitet. Wohlgestimmte Kuhglocken läuten in der Einsamkeit durch die klare Luft, in der die Töne kristallhell aus weiter Ferne klingen. Schmale Pfade führen durch die weite Grasfläche. Nichts stört die große Schlichtheit und Einheit hier oben. Fern vom Gutshof das Dörfchen, wenige Hütten auch grau dem Boden angeduckt und ein Kirchlein mit seinem grausilbergetönten Bretterturm, der sich ein wenig höher hebt, wie einer, dem der Mut nicht ganz ausgegangen ist, mitten zwischen einem Häuflein Verkrochener und Geduckter, die von den ungeheuren Schneelasten des langen Winters sich auch im kühlen Sommer hier oben nicht recht aufrichten können. Alles hat sich hier der Schneelast angepaßt, die es immer wieder von neuem geduldig erwartet – auch die Tannen, die im Winter zu weißen Säulen werden und ihre grünen Äste dem mächtigen Stamm anschmiegen, stehen nur für kurze Zeit frank und frei im Winde rauschend; und die Tannenjugend die Kinder mit den grünen Röckchen und den zarten grünen Fingerchen können sich kaum aus ihrem gebückten Hocken unter der schweren weißen Winterdecke erholen, bis sie wieder unterkriechen müssen. 169 Der Hof des Herrn von Münchhausen, des trinkfreudigen Rausch von Traubenberg, der bis in die höchste Stille und Einsamkeit des Thüringerwaldes hinaufgestiegen war, sie haben ihn die »Schmücke« genannt – ist ein Wald- und Weidlandgut derer von Münchhausen, die einst reich an Besitzungen waren und auf der weltverlorenen Höhe nur einen Pächter hatten. Mit den Jahren und den Generationen war ihnen allerhand abgebröckelt, so daß der jetzige Herr sich in die Unwirtlichkeit hatte begeben müssen; doch mochte dies für ihn ganz recht gewesen sein. Das, was das Schicksal ihm als einzigen Hupf und Sprung aufbehalten, war wie für ihn geschaffen. – Er selbst ein grauer, borstiger Kerl, solange man ihn da oben nun schon kannte, und das mochte eine stattliche Reihe von Jahren her sein, verwittert und verwettert wie alles hier, ganz entfremdet der bunten Welt, ein Jäger und Trinker, Holzhändler und Viehzüchter, der da in seinem Reiche lebte, trank und pirschte, dem die ganze Welt auf den Buckel kriechen konnte, wie er sich ausdrückte. Um Geschäftsfreunde aufzusuchen und seinen Weinkeller neu zu versorgen, reiste er hin und wieder nach Erfurt; er lagerte auch Jenenser Wein in einem Madeirafaß und behauptete, für gewisse Zustände und Stimmungen sei der ganz das Rechte. Sonst aber lobte er sich einen rechtschaffenen Wein, und den trank er mit dem ehrengeachteten alten 170 Kameraden, Doktor Lamm, der im Dorfe seine einsame Junggesellenbehausung hatte und auf seinem Schimmel im roten Rockelor, schwarzen Kniehosen, fest bestrumpft und beschuht und Winters im uralten Schafspelz in den Bergen auf und nieder ritt und allerhand Heil und Unheil verrichtete. Ihm hatte sich seine Wissenschaft in der Länge der Zeit gar wunderlich abgelagert und kristallisiert, den Flüssen aller Art, hitzigen und kalten, war er durchaus feindlich gesinnt und spürte sie überall auf. Seiner Meinung nach lauerten sie beständig auf Mann und Weib, auf Greis und Kind. Einfach ist die Natur und leicht zu erfassen, ganz im Gegensatz zu den Weitläufigkeiten, die in Jena, wo er seine Kunst erlernt hatte, zu seiner Zeit im Schwange waren und womit die Burschen gewaltig bedrängt wurden, um später zumeist wie Doktor Lamm in Schlichtheit und Einfalt zurückzusinken. In diesen hochgelegenen Zufluchtsort und zu diesen Menschen hatte der eheliche Überdruß den hübschen bunten Sommervogel getrieben. Sie war in allererster Jugend einmal oben auf der Schmücke gewesen bei Onkel Münchhausen, ihrem nächsten Verwandten, dem sie sich hatte in Erinnerung bringen sollen, da sie voraussichtlich seine Erbin sein würde. So schien ihr die Schmücke inmitten des bunten Lebens als etwas geblieben zu sein, wohin man sich verkriechen konnte, so wie ihr Onkel, der Rausch von 171 Traubenberg, sich hier hatte verkriechen müssen, und hatte nur den fröhlichen Namen seiner Mutter mit hinaufgenommen aus der vielgestalteten, fröhlichen Welt, die ihn sein Geld und Gut gekostet hatte. Die Schweigsamkeit ihres Stallmeisters war zur Verzweiflung in dem Weibchen geworden. Der lebhafte Einsiedel mochte keine gute Folie für den Ehemann abgegeben haben. Öfter schon, wenn eine neue Neigung in dem veränderungsbedürftigen Herzen dieses Frauenwesens aufgetaucht war, hatte es bedenklich um die Hausruhe des stilisierten Mannes gestanden – aber diesmal in aller Stille war es zum Ausbruch gekommen. In anderen Fällen hatte neue Liebe und Neigung die Unstete gut unterhalten, aber jetzt war sie zwischen zwei geraten, die sie außer sich selbst gebracht hatten. Auch Einsiedel, an dessen Liebe sie nicht zweifelte, denn weshalb sonst hatte er aller Nasen lang bei ihr gehockt, hatte sie durch seine Rätselhaftigkeit in Verwirrung gesetzt. Was hatte ihn zurückgehalten, sich ihr zu offenbaren, da die vollkommene Gleichgültigkeit des Ehemannes auf der Hand lag? – Von ihm kam ihr Hilfe, von ihm allein, das sagte ihr das leichtsinnige, so bedrückte Herz. So war sie eines Abends im Kütschchen, das sie sich in Gotha gemietet hatte, mit Frau Fiedlern und vielen Schachteln auf halsbrecherischen Wegen unangemeldet in die große Verträumtheit hier oben angekommen. 172 Vor dem verschlafenen, grauen Gutshaus stand das elende Gefährt, die beiden gedankenlosen Weiber mit ihren vielen Kleinigkeiten und dem großen Koffer und ein alter Kerl, der sie heraufgefahren. Aus den Ställen klang hie und da der Anschlag einer Kuhglocke, die kein Thüringerwaldherz ungerührt vernimmt. In der hübschen Amalie stieg das Weh der Heimatlosigkeit auf. Aus dem warmen Stall klang es so wohlgeborgen, so etwa: Da bin ich zu Haus, ich hübsche Kuh und läute und bimmle mich in Schlaf – Eia – Eia – Eia – Popeia. Und sie selbst war ohne Stall – ohne Wärme – ohne liebliches Geläut – und gerade sie – gerade sie! – verlaufen – davongelaufen – hinausgetrieben. Einsiedel hatte gesagt: Sie sollten Humor haben, vielleicht hätte dann »Ofen« Ihnen geklungen wie der Gesang aller himmlischen Heerscharen! – Himmel, Humor, dachte die Frau, Humor ist Unsinn! – Erstens habe ich keinen und zweitens gehört Humor einfach nicht zur Liebe, ja verträgt sich mit Liebe sehr schlecht, denn so etwas macht Liebe komisch. Bin froh, daß ich keinen habe! Aber dicke Tränen hatte sie im Auge. »Na, kommt denn keins?« fragte Frau Fiedlern in den Abend hinein. »Ach, mei gutes Kind, wenn de nur nich eene rechte Dummheit gemacht hast. Hibsch war's doch in Weimer un so ne hibsche, ibbge Frau is noch allemal Herre 173 gebliem. – Wer seinen Platz verläßt, verliert'n – und mit Herrn Stallmeister is nich zu schpassen, der is un bleibt ä alter Junggeselle, dem liegt der Ehmann nich. Wenn der sein Weinchen hat, aufs Weibchen schaut der nich extrig, die muß sehn, wo se bleibt, nachlaufen tut der emal nich! Ich hab's gleich gesagt, awer –« »Awer! Sei du nur still! Ein Alte ist keine Junge!« »War ich denn immer ne Alte?« fragte die Amme verschmitzt. »Vielleicht nicht. – Jetzt bist du eine, und jetzt ist allemal die Hauptsache.« Der Fuhrmann klatschte gewaltig mit der Peitsche und schrie: »Ho, ho! Frauensleit sin do!« Da tat sich nach einem Weilchen die graue Türe auf, die einen kleinen steinernen Vorbau hatte, von dem aus von beiden Seiten steinerne Stufen herabführten. Auf diesem Vorbau standen jetzt zwei Gestalten, eine im roten Rockelor, kurz, dick, weich, mit rotem Gesicht und grauem Zopf. Die andere lang, gelenk, wettergrau und borstig mit abenteuerlichem Profil, in dem viel Sonderbarkeit lag, und hinaufgezwirbeltem fahlem Schnurrbart. Beide verdutzt wie zwei Krähen, die im alten Gemäuer aufgejagt wurden. – Beide Ehrenmänner nicht ganz sicher auf den Beinen. Der Fuhrmann, der einen tiefen Blick für ihre Erscheinung und den Zustand ihrer Unsicherheit hatte, 174 knallte wieder verschmitzt mit der Peitsche und rief noch einmal: »Ho, ho! Frauenzimmer sein do!« »Frauenzimmer!« antwortete eine trockene Stimme, die dem angehörte, der sich den Namen Rausch von Traubenberg zugelegt hatte. Und eine andere weiche, dicke Stimme wiederholte sehr verdutzt: »Frauenzimmer? – Das geht mich an. – Die Hebamme aus Winterfeld schickt wen. No –« lachte er, »isse mit ihrer Kunst zu Ende, muß der Alte her? Das Rindvieh – was hat se denn verpatzt?« Keine Antwort. »Onkel Münchhausen!« eine befangene, kleinlaute Stimme. Der Doktor war aber noch mit der Hebamme beschäftigt, schrie weiter und hielt sich am Geländer vorsichtig fest: »So ne Gans – himmelschreiende! Den Alten hinauszupreschen bei Nacht un Nebel für nix und wieder nix! – Wie sagt die Heilige Schrift? Und mutig waren die Weiber der Judäer, und bedurften einer Wehmutter nicht. Ihr aber wollt auch noch, daß der ehrengeachtete Doktor Lamm nächtlicherweile, wenn's dunkel ist, sich aufmacht, um euch beizuspringen in der Not, die Gott selbst euch auferlegte, als der Engel sprach: Und mit Schmerzen sollst du deine Kinder gebären. – Laßt mich in Frieden!« 175 So predigte der im roten Rockelor in der Dämmerung, die der Wein in sein Hirn gegossen, und ließ sich nicht stören. Auch der andere, der graue Borstige, wurde begreiflicherweise nicht sogleich Herr der Situation, sondern neigte sich mehr der Auffassung seines Freundes zu, hörte auf diesen und nicht auf die Stimme seines Blutes, die wieder begann. »Aber Onkel Münchhausen – ich bin's, die Amalie von Werthern.« »Mir unbekannt.« Er hatte sich noch nicht zurechtgefunden. »Onkel Rausch von Traubenberg – hör doch! Ich war doch einmal bei dir, hab' hier schon gewohnt.« »Das könnte jeder sagen – Gott verdimm mich, im Hause eines ehrengeachteten Junggesellen hat kein wanderndes Frauenzimmer zu wohnen –. Schamlose! – und rühmst dich dessen!« Er schien angesteckt von der Ausdrucksweise seines Partners und wurde seinem Zustand gemäß auch hochtrabend. So plauderten sie auf das angenehmste in ihrer gegenseitigen Verwirrung, die sie zu nichts Reellem kommen ließ, bis der Fuhrmann wiederum mit der Peitsche knallte, um sich und seinen Fahrgästen Nachdruck zu geben, und rief: »Herrgottsakrament nochemal – die Frauenzimmer sin die Anverwandten von Eier 176 Gnaden. Was die wollen, weeß ich nich; aber was ich bin, ich un mei Gaul, mir wolln Unterkunft un morgen in der Frih zurick nach Gotha machen.« Das verstand man. »So – so,« sagte der Borstige, »das läßt sich hören – das ist schlicht und recht!« »Ihr aber – was wollt ihr?« Das war nun bei weitem schwieriger auseinanderzusetzen. Da legte sich aber Frau Fiedlern ins Mittel: »Was meine Dame is, die is näämlich mit ihrem Gemahl, dem Herrn Stallmeister von Werthern, nich zum Besten gefahren un da ham sich die Herrschaften getrennt, was mer so sagt von Disch un Bett. Un da Sie ihr einziger Verwandter sin, is se mit mir raufgemacht un bittet um gitiges Obdach in sehr bedrängter Lage.« »Unsinn!« rief der Borstige erbost, genau so erbost, wie der Doktor sich gegen die Hebamme verbarrikadiert hatte, von der er glaubte, daß sie ihn zu einer Amtspflicht holen ließ. Diese beiden Kämpen verteidigten ihr graues Haus und sich selbst gegen weiblichen Überfall auf das tapferste und ritterlichste und ließen sich nicht beirren. Rausch von Traubenberg wetterte und rief erbost: »Bedrängte Lage! Was hat er denn getan, der Werthern, daß seine Gans davonläuft? –« Er hielt seine etwas 177 unsichere Hand vor die Augen, spreizte die Finger und begann mit der Hand zu zählen, den kleinen Finger zuerst: »Ehebruch? von seiner Seite?« »Nein, bewahre!« rief Frau Fiedlern. »Nun in Gottes Namen, von ihrer Seite?« den Goldfinger hatte er jetzt fest. »Bewahre.« »Also aus Eselei?« der dritte zitternde Finger. »Sozusagen, gnädiger Herr, wenn es Ihnen so beliebt? Der gnädige Herr Stallmeister geruhten ein etwas unzärtlicher Gatte zu sein un is iberhaupt ein sonderbarer Herre.« »Und da leift sie davon, so ohne weiteres?« Hier fiel der Doktor ein: »Mache es einer den Weibern recht! Nicht zärtlich – wie Exempel statuiert, zu zärtlich –: schicken sie nach dem ehrengeachteten Doktor Lamm, um zu stören, wie wir soeben erlebten.« Er hatte sich im Satz und in dem, was er sagen wollte, verwickelt und fand sich nicht mehr zurecht. Das gab einen Stillstand, eine Pause, in der Münchhausen Rausch von Traubenberg, seiner nicht ganz mächtig zur Amme sagte: »Du bist also Amalie von Werthern, meine Nichte?« Da nahm sich die junge Frau den Mut, schritt die paar Stufen hinauf zu ihrem Oheim: »Ich bin's,« sagte sie weich und faßte seine Hand mit ihren beiden Händchen. 178 Sei es, daß er seit lange keine zarte Hand berührt, es schüttelte ihn wunderlich. »Du auch?« fragte er. Da lachte sie: »Ich bin's allein – die andere ist Frau Fiedlern. Darf ich ein wenig bei dir bleiben?« Sei es, daß ihm Erinnerungen einer fernen Welt, die ihm längst versank, in seinem vom Wein betäubten Hirn wieder auftauchten, er tat einen fast hörbaren Ruck und wurde zu einem grotesken Kavalier, der sich nicht sogleich wieder so einrenken konnte, wie er vor etwa zwanzig Jahren vielleicht gewesen. Der Doktor schaute dieser Verwandlung mit runden, erstaunt aufgerissenen Augen zu, und Rausch von Traubenberg führte seine Nichte galant und zärtlich in sein graues Haus ein in den Raum, in dem die beiden unverdrossenen Zecher durch den Peitschenknall des Fuhrmanns aufgescheucht worden waren. Die beiden Frauen erblickten in der späten Abenddämmerung, wie es sich zwei waschechte alte Junggesellen behaglich zu machen wußten auf ihre Art und mit Hilfe einer Wirtschafterin, die nun auch zur Stelle war und mit Staunen die Ankömmlinge musterte; auch der Oberknecht kam aus der schwarzverräucherten Küche auf Holzpantoffeln geschlürft. Im großen Wohnzimmer, in dem die beiden Wahlbrüder zumeist hausten, war der Tabaksqualm noch so 179 dicht, als säßen noch einmal zwei solche und pafften, während die beiden anderen hinausgegangen waren. Einen kräftigen Tabak mußten diese ausgepichten Brüder rauchen. Er beizte die Augen der reisenden Frauen und reizte zum Husten, verhüllte aber einigermaßen die große ländliche Unordnung des Zimmers. Auf dem Riesentisch, der in der Mitte des breiten Raumes stand, lagen Haufen von allerhand, Stricken, Säcken, Peitschen, Stöcken, Papiere, Kästen mit Nägeln, Kalender und Gott weiß was; der große Steinweinkrug, ansehnliche Gläser und die Karten. Sie waren mitten im Spiel unterbrochen worden. Die beiden Schlote hatten ihre Stube gewaltig verräuchert und ein großer, altmodischer Ofen war ihnen dabei behilflich gewesen. Die Wirtschafterin schob mit strammen, roten Armen das Durcheinander auf dem Tisch, so weit es möglich war, zusammen, um freien Raum zu gewinnen, und der Knecht brachte aus der Küche einen vierten Stuhl. Und so saßen sie nun um den Tisch des Hauses, die Ablagerungsstelle aller Erdenklichkeiten – und schauten einander an, alle vier wie im Traum befangen. Das stattlichste Abendessen wurde aufgetragen und auf einem sauberen Tischtuch serviert, das sich wie ein Schneefall über den freien Teil des Tisches und das zusammengeschobene Gebirg breitete. 180 Ein Rehziemer duftete und war gar köstlich zubereitet; die Herren schienen sich liebevoll und reichlich zu versorgen, so daß zwei hereingeschneite Frauenzimmer in dieser Einöde nicht den geringsten Aufstand, die Bewirtung betreffend, verursachten. Bedenklicher sah es mit der Wohn- und Schlafgelegenheit aus, doch auch dies kam zu einer ganz erträglichen Lösung. Zwei rohe, buntbemalte Betten im einstigen Pächterhause in einer niederen Stube, die wohl manchen Geschäftsfreund und Zechgenossen in später Nacht hatten aufnehmen müssen, wurden für die vom Himmel Gefallenen hergerichtet. Inzwischen aber suchte man sich auf irgendeine Weise, in der verräucherten Stube näherzukommen. Die Amme hatte sich mit der Wirtschafterin zusammengetan, um für ihre Dame zu sorgen. Die Dame aber spielte die Liebenswürdige nach alten bewährten Rezepten, die immer gut waren. Der Onkel Rausch von Traubenberg ließ mit Anstrengung den längst zur Ruhe gegangenen schwerenöterischen Kavalier die Oberhand gewinnen und der Doktor schmolz einfach hin. Die Temperamente der beiden Ritter mochten nicht übel angeheizt sein, denn der steinerne Weinkrug faßte ein gehöriges Quantum, und so zahlten sie der freiwilligen Strohwitwe ihr sehr freundliches Benehmen ganz ordentlich heim mit 181 Liebenswürdigkeiten aller Art, die wie aus schweren Geschützen aus ihnen herausrumpelten. Die hübsche Amalie, die sich auf alle weiblichen Künste vortrefflich verstand, die in Weimar in steter Übung gewesen, der kein männlicher Geist im Grunde je imponiert hatte, die ihn immer geschickt beiseite zu schieben verstanden hatte, um auf ihre eigenen Interessen zu kommen, wußte auch hier mit der ländlichen Rapauzigkeit und der Eingeschlafenheit der beiden Satten fertig zu werden und das zu wecken, was ihr diente. Als die Amme ihre Dame holte, um ihr beim Schlafengehen behilflich zu sein, erstaunte sie, einen außerordentlich lebhaften Betrieb zwischen den Dreien vorzufinden. * Als sich die beiden sehr Überraschten wieder allein befanden, war es ihnen zumute, als wäre ihnen Hören und Sehen vergangen. Solch ein unvorhergesehener Überfall auf zwei verrostete, schon längst zur Ruhe gesetzte Geschütze war außer allem Spaß. Sie hockten sich fast atemlos gegenüber, griffen von neuem zu ihren Karten und Gläsern, stießen stumm miteinander an und schienen tun zu wollen, als wäre nichts vorgefallen. »Weiber – Weiber – Weiberchen!« brummte der Doktor gefühlvoll und dickweich nach einer Weile. 182 »Hör auf!« Rausch von Traubenberg schnarrte. »Laß sie reden – laß sie tun – dieses verflogene Huhn! Hol sie alle der Teufel! Unschuldig schaut die Natur aus, wenn einer so vor sich hin geht! So ein Bursch, – es geht ihm wohl – ja – weshalb soll's ihm nicht wohl gehen! – Er hat – na – sagen wir, er hat zu leben – hat gerade Glieder – Appetit – Gesundheit – ist sein eigener Herr – frei – weißt du – frei!« – Rausch von Traubenberg machte mit gespreizten Fingern unsichere Bewegungen in der Luft, um die Freiheit des Burschen anzudeuten. »– Es geht ihm wohl, – er hat gerade Glieder, Appetit –« »Ja, ja,« sagte der Doktor und unterbrach die weitere Wiederholung unbewußt. »Er hat Appetit – es geht ihm wohl – was will er mehr? – Es geht ihm gut –« Der Doktor hörte gespannt zu und machte runde Augen. »Da kommt so ein Huhn gegackert, dreht sich – ist liebenswürdig – sagt allerlei – tut allerlei – macht Äugelchen – und der Bursch, dem es wohl geht, zeugt – seinen Feind! – den schlimmsten Feind, der sich erdenken läßt.« »I – wo?« meinte der Doktor, doch nicht sogleich. »I – wo? – Freilich – keine Ruh gibt er, bis er seinen Feind hat – dann zieht er ihn auf mit der größten Müh – 183 und stopft ihn voll, und je mehr der Bursch sich selbst liebt – je mehr liebt er seinen Feind. – Eine Tücke sondergleichen. Stopft je einer seinen Feind voll?« »Ne,« meinte der Doktor, »daß ich nicht wüßte!« »Na also! – Der Bursch aber stopft seinen Feind voll – nicht nur das – er schützt ihn mit Lebensgefahr – er hungert für ihn – häuft für ihn auf – ist rein des Kuckucks – und der Feind wächst – gedeiht – nimmt, was er kriegen kann – ohne Dank so ganz einfach. – Was der Bursch erwirbt, gehört dem Feind, den er sich mit Vergnügen gezeugt. – Der Feind wächst – er aber welkt – der Feind frißt ihm unter der Nase alles fort, was sein ist – der Bursch lacht dazu und freut sich. – Er, der keinem von einem anderen Gezeugten einen Bissen gönnen würde –! Seinen eigenen Feind aber stopft er voll – stopft er voll – stopft er voll! – muß das tun. Er stirbt. Der Feind lebt, nimmt alles. – Und da sagt unser Herr und Meister: Liebet eure Feinde! Als ob wir es nicht tun in der großen Verwirrung unserer Sinne –. O Natur – komme einer hinter deine Schliche! – Sie macht uns zu tollen Heiligen, ohne daß wir es mitten in der wilden Welt ahnen. – Teufel auch, – mir sind die Weiber fatal. – Mit dem Äugelchenverdrehn fängt's an – die große Verdrehung und der große Raub an uns und unserer Ruhe.« »Ach! – so schlimm ist das nicht« – lachte der Doktor und schwappelte mit der Hand. »Ne, ne! Ein scharmantes 184 Weibchen! – so nen Feind ließ ich mir schon gefallen, mein Lieber.« »Rindvieh!« Sie standen sich sehr gut, obwohl sie sich nicht verstanden. Und der Herr des Hauses konnte sich solch eine Bezeichnung ruhig erlauben. Der Doktor wanderte umnebelt, wie stets am Abend, spät durch die Dunkelheit auf schmalem Wiesenpfad dem Dörfchen zu – und schmunzelte nach dem Licht hin, das aus der Pächterswohnung leuchtete. Und dieses Licht brannte als Lichtquelle, die in die Nacht hinausfloß, vor dem Bett der kleinen, preziösen weimarischen Dame, die so vielgestaltet war, daß die Redensarten, Gedankenblitze, Torheiten und Weisheiten der ganzen weimarischen Gesellschaft in ihrem Hirnchen hängen geblieben waren, die kleine Dame hatte sich in allerlei Herzen verkrochen, um dem Besitzer solch eines Herzens angenehm zu sein, nur hatte sie versäumt, in das Herz des stilisierten Mannes zu kriechen, der von Rechts wegen ihr Eheliebster hätte sein sollen und der auch nicht übler war als andere. Jetzt schien sie ihm aber davongelaufen zu sein und lag im Bett und weinte und guckte ins Licht und spielte mit den Tropfen, die von der Kerze herabrannen. Und die Amme, die vor dem Bett mit einem Strickstrumpf saß, brummelte: »Mei liebes Kind – mei Saudeffchen – noch kannste ja immer zurück. – Was 185 wirste denn nur machen? In Weimer war's doch so hibsch?« Gar wunderlich scheint es, daß die elegante, hübsche Frau sich von der Alten »Saudeffchen« nennen ließ und selbst vor Herrn von Einsiedel. – Vielleicht deutete diese sonderbare Duldung, da Amalie von Werthern keinen Humor besaß, auf etwas hin, was ihr außer dem Humor mangelte. Humor kann man nicht von jedermann verlangen; – aber es gibt noch andere Dinge, die man verlangen kann. Es mochte eine große Selbstverzogenheit sein, die sich aussprach, eine Selbstliebe, die auch das Unschöne an sich mochte, – ein sonderbarer Zärtlichkeitstrieb. Es konnte auch eine zu lange getragene Kindlichkeit sein, die an dem alten Ammenworte hing, das in trüber Liebesduselei ausgebrütet worden war – und die nach Zärtlichkeit Hungernde heute noch wärmte. 186   Neuntes Kapitel Ein Gewitter macht das Saudeffchen zum erstenmal sehr nachdenklich. Eine Predigt gibt ihr den Rest und ein arg verzwickter Traum; so kommt eine hübsche Frau auf die wunderlichsten Auswege. Zwei wandern in Wasserfluten, gezogen von einem Lichtstrahl. Das ganz Unglaubliche wird tatsächlich ausgeführt. Dunkle, geballte Gewitterwolken zogen von allen Seiten über die ernsten Tannenwälle und lagen schwer und drohend über der Hochebene, dem Dörfchen und der Schmücke. Fern rollte der Donner. Die Frau Stallmeisterin wandelte auf dem schmalen Wiesenpfad, der dem Dörfchen zuführte, unter dem schweren Himmel, und sie spürte das Schicksal über sich. Es war ihr, als hätte es Gestalt gewonnen, und sie ging geduckt und langsam, trotz der Gefahr des Losbrechens von Sturm und Wassergüssen. Wie war das Leben so leicht, so plaudernd verflossen. Wie war sie dazu gekommen, hier unter den schweren Wolken, die wie ein Gottesgericht über ihr brauten, zu gehen? Wie im Traum erschien ihr alles bisher Geschehene, ohne Erwachen; – ein Traum, in dem unendlich viel 187 geschwätzt worden war, in dem viele Gesichter auftauchten und Kleider und reizende Hüte, von denen man neues Leben erwartete – und dann ihr eigenes hübsches Spiegelbild. Dieses Spiegelbild hatte freilich allerhand Leichtsinniges getan, ganz unschuldsvoll. Bänglich wurde es ihr, es gefiel ihr doch nicht, daß es manchmal so schamlos gewesen, schamlos und leichtsinnig – und unwahr; eigentlich voller Lüge. Waren ihr nicht im Grund alle mehr oder weniger gleichgültig – nur das Spiegelbild nicht? So ein Herz wird so leicht nicht warm, kalt liegt es in der Brust. Nur Verliebtsein macht warm. Da stand August von Einsiedel vor ihr als der einzige, der sich aus dem Menschentreiben hervorhob. Das gewaltige dunkle Wolkenmeer, so unmittelbar drohend über ihr, und die ferne grauenhafte Donnerstimme fühlte sie auf das arme, schlimme Spiegelbildchen eindringen. Hier oben waren die Gewitter doch sehr stark. In Weimar ist ihr das Angsterregende nie so aufgefallen. Im Gegenteil, da erschien es ihr oft recht gemütlich, wenn sie mit netten Leuten im hübschen Zimmer saß und draußen ein Wetter kam – dann schwätzte es sich doppelt gut. Einsamkeit mochte etwas Furchtbares sein. Sehr begreiflich, daß Onkel Rausch von Traubenberg hier oben trank – und wie war der Doktor verliebt in sie – 188 ganz aufgelöst, der schwappelige Mann. Einsamkeit machte gewiß sehr empfindlich. Ein Donnerschlag – eine Stimme groß und gewaltig wie ein Berg. Sie schaute sich erschrocken um. Weiter war sie von der Schmücke entfernt wie vom Dorf. So ging sie eilig dem grauen Häuserhaufen zu und dem grauen, bretternen Finger, der hinauf in die schwarze Wolkennacht deutete. Jetzt machte der Sturm sich auf – da begann sie zu laufen. – Die mächtige Stimme grollte nahe und grauenhaft – und sie eilte an niederen silbergrauen Hütten mit grauen Schindeldächern vorüber und der kleinen Kirche zu, deren Tür weit offen stand. Und wie sie atemlos durch den Kirchhof mit den grauen Holzkreuzen schritt und durch die offene Kirchtüre eintrat, sah sie sich dunklen Gestalten gegenüber; in dem schlichten Raum am Altar standen Leidtragende um einen Sarg, und die Stimme des Pfarrers klang wie ohne Laut, wenn der Donner rollte. Die Blitze warfen ihren starken, furchterregenden Himmelsstrahl über das schmale Gehäuse und die eingehüllten Menschenwesen. Sie ließ sich zaghaft auf einer der Bänke nieder – leise, wie ein bunter Schatten, und es war, als hätte sich im schlichten Kirchlein ein zierlicher Vogel niedergelassen, ein Wesen das nicht hergehörte und aus einer bunten Welt zugeflogen war. 189 Und sie vernahm jetzt, was der Pfarrer sprach; und er sprach mit ruhiger, gleichmäßiger Stimme: »Und der Teufel sprach: Wo willst du hin, du halb blinde Seele? Da sprach die Seele: Ich bin edel und heilig, ich will die Kreaturen der Welt beschauen, die der Schöpfer gemacht hat. Der Teufel antwortete: Wie willst du sie beschauen, so du sie doch nicht magst erkennen, aus was Essenz und Eigenschaft sie sind. Du siehst sie nur als ein gemaltes Bild. Die Seele: Wie möchte ich sie wohl in Essenz und Wesen erkennen? Der Teufel sprach: So du von dem issest, davon die Kreaturen gut und böse gemacht sind, so werden deine Augen aufgetan und du wirst sein wie Gott selber und erkennen, was der Schöpfer sei. Die Seele sprach: Ich bin edel und heilig und könnte davon sterben. Als der Teufel solches sah, daß die Seele Gott anhinge, trat er zur Seele und verwirrte die guten Sinne, welche zu Gott drangen, daß sie nicht sollten zu Gott kommen, zog sie zurücke in irdische Dinge. Die Seele ächzte nach Gott; aber die ausgehenden Sinne, welche sollten in Gott eindringen, wurden zerstreuet und vermochten die Kraft Gottes nicht zu erreichen. Dessen erschrak die arme Seele noch viel mehr, daß sie ihre 190 Begierde nicht mochte in Gott bringen und fing an heftiger zu beten; aber der Teufel griff mit seiner Begierde in das merkurialische entzündete Feuerrad des Lebens und erweckte die bösen Eigenschaften, daß die falschen Neiglichkeiten aufstiegen und in dasselbe eingingen, darinnen sie sich belustigten. Davon ward das Leben dunkel, rauh und grimmig und verloschen die Himmelskräfte und Farben. Also ward der Höllen Fundament, welches Fundament heißet der Zorn Gottes, in dieser Seelen ganz offenbar, und sie verlor dadurch Gott, Paradies und Himmelreich und ward ein Wurm gleich der feurischen Schlangen und fing an auf tierische Art zu regieren und zu leben auf Erden. Als sie nun also lief in solchem Wandel, da begegnete ihr auf eine Zeit unser lieber Herr Jesus Christus mit Gottes Liebe und Zorn, und sprach, als mit einer gewaltigen Kraft, mit seinem Leiden und Sterben auf die Seele ein und zerschellte des Teufels Werke in ihr. Als nun dieses geschah, daß in ihr der Funke göttlichen Lichtes wieder offenbar ward, sah sie sich an samt ihren Werken und Willen und ward gewahr, daß sie in der Höllen in Gottes Zorn stand, und erkannte, daß sie eine Larva und Monstrum vor Gott und Himmelreich war. Dafür erschrak sie sehr, daß in ihr die größte Angst aufwachte. Als dieses geschah, so sprach der Herr Christus mit seiner Gnadenstimme in sie: Tu' Buße, so kommst du zu Gottes Gnade.« 191 Die Seele trat in ihrer Larven Bildnis zu Gott und bat um Gnade. Als sie nun in solcher Traurigkeit stund und nirgend Rat und Ruhe fand, gedachte sie, wo sie doch möchte eine Stätte finden, da sie könnte rechte Buße wirken und von den Hinderungen der Welt möchte frei sein. Die betrübte Seele sprach: Mir hat der Schöpfer sein Antlitz verborgen, daß ich nicht mag zu seiner Ruhe kommen. Was soll ich tun, daß ich wieder grüne und mein erstes gehabtes Leben bekomme, darin ich in Ruhe stand, ehe ich ein Bilde ward? Eine erleuchtete Seele sprach: Du sollst nichts tun, sondern deinen Willen eigener Annehmlichkeit verlassen, so werden deine bösen Eigenschaften alle schwach, so versinkst du mit deinem Willen wieder in das Eine, daraus du im Anfang hergekommen bist. Und so du das tust, so sendet dir Gott seine höchste Liebe entgegen; auch wirst du wieder das Bild Gottes bekommen und dieses Schlangenbildnis loswerden; alsdann kommst du zu unserer engelischen Schar.« So redete der Pfarrer unter dem Rollen des Donners, unter der Blitze Feuerstrom und dem Stürzen der Wasser und schloß seine Grabrede und war ein feines Männlein mit starkem Blick, dessen Augen über alles, was ihn umgab, hinwegglitten – über den Sarg mit seinem armen Bildnis, das in die Erde gesenkt werden sollte, über die 192 stillen Leidensgestalten, die den Sarg umstanden, über den bunten Vogel, der zugeflogen war, über den Doktor im roten Rockelor, der dem verblichenen Bild im Schrein zum Sterben verholfen und nach altem Brauch beim Begräbnis nicht fehlen durfte. Nun hoben vier Männer den Sarg und trugen ihn am bunten Vogel vorüber hinaus in die klare Luft und große Stille. Das Wetter hatte sich gelegt. Die Tannenwälder strömten starken Duft; die Luft rein wie Kristall. Schön und köstlich war es da oben zu atmen. Der schmale Sarg wurde in die dunkle Erde gesenkt, um ewig verborgen zu bleiben, fern allem Leben und aller Lust – und der Pfarrer segnete die Seele und segnete den verlassenen Leib – und sie schritten einer hinter dem anderen, hagere Gestalten der Lebensnot und Kargheit, und warfen eine Handvoll Erde als letzten Gruß in die dunkle Grube, die sich aufgetan hatte. Der Pfarrer stand gütig und wissend vor dem offenen Grab. Die hübsche Stallmeisterin war mit herangetreten und schaute seltsam beklommen auf den Mann, der so geheimnisvoll in Blitz, Donner und Wassergüssen von der armen Menschenseele und ihren Ängsten geredet hatte. Die eigene Seele hatte der bunte Weltvogel noch nie deutlich gespürt. War sie allein, so schien es ihr oft, als wäre alles leer und sie selbst auch nicht da – sah sie Schönes und konnte mit niemandem darüber plaudern, so schloß sie die 193 Augen, weil sie sich selbst nicht spürte, und was sie sah, schien ihr ins Leere zu gehen. – Und heut war es ihr so angst geworden in der großen Öde um die die dunklen, hohen Tannenwände wie schauerliche Wächter standen, das schwere Wolkenmeer, das über ihr braute und kochte, die Donnerstimme, die auf das Spiegelbildchen eindrang. Wenn sie an sich dachte, sah sie ihr Spiegelbild. – Die geheimnisvolle Stimme des Pfarrers, der seltsame Dinge sprach, wie sie nie noch hatte sprechen hören, der Sarg mit dem unbekannten toten Leib – in welch eine Welt war sie geraten? Wie heimisch trotz aller Langweile mit dem Ehemann war ihr bisher das Leben und die ganze Welt erschienen. Gerade, feste Straßen, alles ordentlich und zweifelsohne. Daß die Erde eine Kugel im Raum schwebend sei, konnte man sich einfach nicht vorstellen, und wer weiß, ob es wirklich so sein mochte. Der liebe Gott war Sonntags ordentlich in der Kirche zu finden; eine Predigt das beruhigendste, was man sich vorstellen konnte, ja man hatte Mühe, nicht dabei einzuschlafen. Die Ehe sollte, sagte man, ein Sakrament sein, aber wo man hinhörte, wurde sie nicht allzu ernst genommen – über Liebesgeschichten lächelte man doch nur. Ihr Mann war überhaupt gar kein Mann – und sie eine Heilige. Alles war ganz in Ordnung – und eine Seele hatte sie noch nie gespürt. 194 Und hier oben? – Hatte der Donner sie nicht geradezu angebrüllt? War hier nicht alles wie auf sie losgelassen – die fürchterlichen schwarzen Riesenwolken wie Wölfe und Untiere und in solch grauenhaften Massen – und alles auf sie eindringend – und der Pfarrer – die unheimliche Rede – der Sarg – die stillen, hageren armseligen Leute – da war der ehrengeachtete Doktor Lamm eine Augenweide, als begegnete man im dunkeln unheimlichen Gespensterhaus einem guten, freundlichen Menschen. – Und da stellte er sich auch schon ein sehr erfreut und überaus höflich, so gut dies eben gehen wollte bei seinen rapauzigen Lebensgewohnheiten – und sie gingen miteinander und ließen das offene Grab, den seltsamen Pfarrer und die stille Gemeinde der Leidtragenden hinter sich. Unterwegs fragte die hübsche Frau ihren Begleiter nach dem Pfarrer. »Ach, Euer Gnaden – unheimlich? Der ist, was man so einen Bauernpfarrer nennt, so wie Doktor Lamm, meine Wenigkeit, ein Bauerndoktor ist, der sich, meiner Seel, vor keiner Sympathiekur fürchtet und der den Teufel so notwendig braucht wie der Pfarrer. Ein Leichenbegängnis ohne Teufel, wem möchte das gefallen? Wo der Teufel nicht mit drein redet, da ist kein Saft und Kraft, beim Pfarrer nicht und nicht beim Doktor. – Und je älter solch ein Rezept ist, desto größer das Zutrauen. – Euer 195 Gnaden glauben nicht, wir hier heroben müssen Hexenmeister sein, die Salben schwarz, die Predigt aus altem Schweinslederband, und er hat solche Bände uralt und verräuchert, da greift er einfach zu, dann zieht's – Pflaster und Predigt. Ein Mensch aus unseren Tagen kann gar nicht sein, wie die hier oben es wollen. Der Pfarrer versteht's – ist selbst so einer von Anno dazumal – in Schweinsleder gebunden. Machen Sie sich nur keine Sorgen. – Für gebildete, feine Menschen sind dem seine Predigten nicht, die sind für Holzknechte. – Meine scharmante Dame, den müssen Sie nicht ernst nehmen.« So schwätzte der Doktor, und der leichtlebigen Frau wurde es wieder besser ums Herz. Ein Spatz vergißt der Dinge, während sie geschehen, und so ein bunter Menschenvogel macht es ähnlich. Des Doktors Stimme, seine Schwappligkeit, der weiche Schritt, der Schatten, den er warf, der rote Doktorrock, der Bambusstock mit dem silbernen Knopf – dem Denkknopf –, den er während der Diagnose am Krankenbett an die Nase zu legen pflegte, damit Ehrfurcht vor seiner Weisheit das Haupt erheben könnte; all das war so handgreiflich wie nur möglich. Die düsteren Wolken schoben ab und ein graublauer Abendhimmel wurde frei und freier. In ihrem Herzen aber hockte Gespensterfurcht – eine grenzenlose Einsamkeit – Sehnsucht nach einem 196 Menschen, an dessen Brust sie sich bergen konnte – und dieser eine Mensch war August von Einsiedel. All das Unheimliche, Drohende, was sie heute erlebt hatte, sollte ihr dieser eine verscheuchen. Wo konnte sie hin – wenn nicht zu ihm! Er mußte sie schützen und führen – denn wahrlich, hier oben, in dieser schauerlichen Öde, konnte sie nicht bleiben. – Hier lief sie wie schon gestorben umher, vergessen und verlassen von allen. Solch ein bitterliches Mitleid mit sich selbst überkam sie, daß sie zu weinen begann wie ein verlaufenes Kind. Dem ehrengeachteten Doktor Lamm wurde es gar weichlich zumute. Sein Trinkerherz war leicht zu rühren und gar durch Tränen eines scharmanten Weibchens. Er fühlte sich selbst dahinfließen in dicker Verliebtheit und umfloß das Frauenwesen, das leise weinend neben ihm ging. Er faßte nach ihrem Händchen, führte es an seine Lippen und versicherte ihr weich und schmelzend, daß er ihr allergehorsamster Diener sei. – Und das tat er so oft und eindringlich in allerlei Wendungen, daß er sich selbst über seinen Wortschatz verwunderte. * Die von Donner und Blitz, den dunklen Heerscharen des Himmels und von Tod, Grabrede, Teufel, Seele, Leidtragenden und Pfarrer und der keimhaften Ahnung einer 197 eigenen Seele schwerbedrängte freiwillige Strohwitwe hatte eine gar üble Nacht, was nicht zu verwundern war, und wenn Schlaf nach langem Wachen über sie kam, ängstigten sie Träume. Sie sah sich selbst im Sarg und hörte den Pfarrer reden. Er sagte, daß sie ein Monstrum und ein Bilde vor Gott sei, und sie sah, wie die Leidtragenden dazu ernsthaft mit den Köpfen nickten – aber mitten unter den Leidtragenden stand Einsiedel und fragte: Wo ist die Larva? Da erhob sie sich aus dem Sarg, ging zu ihm und steckte ihm einen Zuckerkringel in den Mund – und er sagte Saudeffchen zu ihr. Das klang so sonderbar reizend, daß sie lachen mußte, und Einsiedel bot ihr seinen Arm und führte sie durch die Esplanade in Weimar, da sah sie, daß sie im Hemd war. Alle Welt begegnete ihr, sie schämte sich auch nicht, wie das im Traume üblich ist. Als sie erwachte, war sie mit Sarg und Tod, Einsiedel, Grab, Pfarrer und Larva ganz wunderlich verbunden. Und als sie auf dieses Traumgemenge lang hingeschaut hatte, wurde all dies zu einem wachen nächtlichen Phantasiespiel und -gespinst, über das sie selbst in große Verwunderung geriet. Erschüttert und erregt war sie. Sie fühlte zum erstenmal im Leben, daß ihr Schicksal von Gewalten getragen wurde. Ein Gedanke fuhr wie ein Blitz in sie. Sie schnellte in die Höh' und stand mit wallendem Haar in ihrem 198 Bette. – Sie wußte mit einemmal, was sie wollte und was sie retten würde! Begraben sollten die beiden alten Kerle sie! – Nicht sie – Gott bewahre! – Aber eine Larva – so hatte der Pfarrer doch gesagt – eine Larva! – Welch ein Wort! Das war hängen geblieben, alles andere, was der Geheimnisvolle gesprochen, mochte in der Hitze des Verlangens verdampft sein. Sie selbst aber würde die Auferstandene sein – ohne zu sterben! Ja, die verlaufene Amalie von Werthern mußte begraben werden. Das war die Lösung, das konnte das Ganze einrenken. Das war das Rechte. Ein neues Leben sollte aus diesem Untergang aufgehen – und sie, die Auferstandene, würde zu dem Einzigen, von dem Hilfe kommen konnte fliehen, der mußte sie mit hinaus in die weite Welt nehmen. Ganz wie im Traum sollte es geschehen. – Sie würde Einsiedel aus dem Grab heraus einen Zuckerkringel in den Mund stecken. Gott hatte ihr diesen Traum geschickt – und die beiden alten verliebten Kerle dazu. – Da mußte sie leise lachen – und klatschte in die Hände – und hockte sich im Bett zurecht, um alles recht ordentlich mit dem leichtsinnigen Spatzenhirn zu betrachten. Und so besah sie sich die beiden Alten und die ganze Komödie. 199 Vertroddelt genug waren sie ja, gottlob – diese Schwerenöter! Wozu war er denn Doktor, Vertrauensmann, Hofmarschall für Apotheker, Totengräber, Leichenfrau, Sargschreiner, dem ganzen Hofstaat des Todes – und wozu war sie unwiderstehlich, wenn sie es sein wollte? – Und wozu war der Doktor solch ein Abgrund und Sumpf – und so in Weltferne und Verliebtheit verstrickt – wenn nicht zu ihrem Heile? Für seine schwapplige Willenlosigkeit wollte sie schon Sorge tragen. Und Rausch von Traubenberg? – Dessen Umnebelung und abgrundtiefe Verkrochenheit war zu jedem weltfernen Streich zu gebrauchen. – Der hatte sie irgendwie zu Einsiedel zu schaffen, ob er wollte oder nicht, dieser alte tolle Bursche, dem es hier in seiner Einsamkeit nur an Gelegenheit fehlte, die schönsten Verrücktheiten zu begehen. Umsonst hatte der sein abenteuerliches Profil nicht, ein Profil, das jeder Regelmäßigkeit spottete, umsonst war der als alter Knabe nicht so gelenk und sehnig geblieben. Das hatte die Sehnsucht gemacht, der hatte sich hier verzehrt, Närrisches zu tun. Wie jung er noch war trotz seiner Jahre, unverbraucht, ein Ritter Don Quichott. Nur ein wenig Aufmunterung – und er war losgelassen und tat mit Freuden etwas 200 außerordentlich Unüberlegtes – und gewiß im edelsten Sinn – so ein Narr! Er würde sie von hier wieder unerkannt herunterschaffen in Einsiedels Nähe. Eine weit geringere Kraft, wie das Spiegelbildchen sich dünkte eine zu sein, würde genügen, ihn zu veranlassen, sich gegen die ganze Welt, die er nicht mehr kannte, aufzurichten – und er gehörte dem Spiegelbildchen und dessen Reizen doch schon – was noch etwa fehlte, tat die Eifersucht der beiden alten Knaben. Was für ein superkluges Viehchen sie doch war! – Ja, das sollte ihr eine nachmachen – alles so beim Schopf zu packen! – Die allerunmöglichsten Dinge – und so legte sie sich wieder in die Kissen wie ein Held und mutschelte sich ein. Sie hatte Ordnung gemacht und begann wieder sich ansässiger im Leben zu fühlen. Das Dasein einer lebenslustigen, leichtsinnigen, in der Ehe verunglückten Frau ist reich an mancherlei Verschwiegenheiten, Torheiten, Schwindeleien und allerlei dunklen Wegen, daß sie einem Schmuggler gleicht, der seine Ware über halsbrecherische Wege und Steige trägt und sich in mancherlei Finsternissen und Gefahren zurechtfindet. * In der breiten, niederen Stube der Schmücke an einer Ecke des großen, beladenen Tisches saßen die beiden feuchten Brüder, der Doktor und Herr von Münchhausen 201 und mit ihnen die hübsche Stallmeisterin. Ein vorzügliches Abendessen hatte ihnen allen behagt. Jetzt stand der große steinerne Weinkrug auf dem weißen Tischtuch, das wieder über das Gebirge geworfen war, Gläser und ein Teller mit zartem Backwerk, was der Herr des Hauses zu Ehren der Nichte von seiner Haushälterin hatte backen lassen. Draußen stürmte es und war Nacht. Der Spätsommer trat spätherbstlich auf. Alles rauchte und brannte, der Ehrengeachtete und der borstige Münchhausen und der Ofen – und Holz, Wein, Tabak und Wohlbehagen wurden kräftig nachgeschürt und die beiden alten Gesellen brannten lichterloh und alle Funken umsprühten das kühle Weibchen, das in seiner Lindheit und Zartheit mächtig wie ein Götterwesen im Großvaterstuhl sich dehnte und streckte und Opferdampf einsog, einen kräftigen Opferdampf, der keinen Zweifel ließ, über die Anbetung, die da dampfte. – Mitten in seiner Entlaufenheit, Heimatlosigkeit und dem tollen Streich, den es seiner kleinen Welt spielen wollte, war es gar puffelfidel. Es spürte die Flammen, knabberte das frische, knusprige Backwerk – schnurrte, denn es mochte wohl ein Katzengebilde sein, das Götzlein – und schmunzelte. – Zierliches Weiberlachen fuhr aus dem fröhlichen Gebilde auf. Es schwang sein Gläschen, nippte, erzählte drollig und boshaft aus seiner Welt, vom Stallmeister von Werthern, daß die beiden alten Geschütze sich vor Lachen bogen – keiner 202 seiner guten Freunde, den es nicht verriet. Die beiden Weltfremden hatten die größte Genugtuung, daß sie gar nichts in ihrer Einöde versäumten, daß drunten in Weimar eine Gesellschaft von Narren, Tölpeln, Dummköpfen und langweiligen Frauenzimmern sich, so gut es gehen wollte, die Zeit vertrieb. Die beiden hatten auch von des Herzogs Freund Unbestimmtes raunen hören, und auch hier befriedigte das Weibchen, das sich ganz dem Stil ihrer entzückten Zuhörer anpaßte, die beiden vollkommen. Sie schilderte ihn als einen kompletten Tollhäusler, der es noch eine Weile so treiben werde. Sie erzählte von den Leiden des jungen Werther, von denen sie in Weimar fast kniend gesprochen, und pries die Braven glücklich, daß sie das dumme Zeug nie in Händen gehabt hatten. »Es macht die Leute kurios, solch übertriebenes Liebesgetue – das sollten sie einer armen, vertriebenen Frau glauben, die allen Grund hätte, sich den Tod zu wünschen.« Dabei sah das Götzenbild zum Anbeißen aus – streichelte Onkel Rausch von Traubenberg, der ihr am nächsten saß, lind mit der zarten, verwöhnten Hand über den borstigen Schopf, daß sich ihm vor Ungewohnheit und weil er ganz betroffen war, der Schnurrbart sträubte – der Teufel, dachte er, denn seine Borstigkeit war keineswegs geschmolzen, trotz aller Annehmlichkeit. 203 »Onkelchen,« sagte das Gebilde zärtlich schmachtend, »du einziger, der es gut mit mir meint,« – und wieder fuhr ihm das Händchen über die Borsten – daß er weiß Gott vor Hilflosigkeit ein Erröten verspürte – Schmach, dachte er, – so etwas! Der ehrengeachtete Doktor Lamm aber verfolgte das Händchen mit runden Augen. Er war vollständig am Zerfließen – ein Wunder, daß er sich in seiner trunkenen Weichheit aufrecht erhielt, denn seine Knochen schmolzen dahin. Als das Weibchen an diesem Abend »Gute Nacht« sagte, wußte sie, daß sie die Gesellen an zwei Fäden geknüpft hatte, die sie in der Hand hielt, und die fester waren, als es den beiden lieb sein mochte. Die blieben wieder stumm und verdutzt zurück. Diesmal blieben sie wirklich stumm, keiner hielt einen Sermon. Sie tranken aber noch erklecklich bis in große Späte und kartelten. Und wunderlicherweise gingen heute zwei den Wiesenpfad entlang und schauten nach dem Lichtschein, der aus dem Pächterhause fiel. Aus den Ställen der Schmücke klang das verschlafene Geläut der Kuhglocken hin und wieder: Eia – Eia – Popeia – so läut ich – so läut ich – eia popeia – ich hübsche Kuh. Käuzchen riefen, seufzten, lispelten, redeten und glucksten, wie nur Käuzchen in tiefer Öde seufzen und 204 glucksen und reden können, und der starke Bach, neben dem der Pfad sich schlängelte, murmelte über Kiesel und feine, zarte Mose. Es war tiefe Nacht und in zwei umnebelten Häuptern nächtlich erwünschte Verwirrung eines vortrefflichen Trunkes und sehr dumpfe Bewegtheit aller Sinne. Nach kurzem Wandern schaute Herr Rausch von Traubenberg in den sternenklaren Himmel, den der Sturm reingefegt hatte und der funkelnd und strahlend seine unermeßliche Weltenzahl bewegte, und er sagte: »Es regnet,« indem er seine Hand ausstreckte. Doktor Lamm blieb still und stapfte weiter, – blieb stehen – blickte auch zu den Sternen und meinte: »Es dreescht, mei Liewer.« – Schwer hob er sein Bein, um weiter zu wandern – und setzte es schwer nieder, da sprühte Regen über die Brüder. – »Es dreescht, mei Liewer, es regnet fürchterlich, ich glaub', wir ersaufen.« Das war der ehrengeachtete Doktor, der das sagte, und sie schauten wieder miteinander in die Sterne – bestätigten, daß es regnete, und zogen weiter, der Doktor immer mühseliger und stolpernder, bis er, nachdem auch sein Begleiter gehörig durchnäßt war, bemerkte, daß er im rauschenden Bache watete und gewaltig um sich gespritzt hatte. Das erstaunte keinen von beiden, denn weit Erstaunlicheres trug sich zu! Der Lichtstrahl aus dem Pächterhause zog die beiden verwetterten alten Burschen fest wie der festeste Strick zurück. 205 Beide naß und kalt, kehrten, als sie dem Dorfe nahe waren, miteinander wieder um, weil der Doktor den Lichtfaden aus dem Pächterhaus seinem Kumpan nicht allein vergönnte. Der Doktor hielt wieder in der Schmücke Einkehr und legte seinen nassen Leib auf der Ofenbank zur Ruhe, weil es zu spät und zu frühe war, um nochmals aufzubrechen. * Noch ein paar solcher Abende und das entlaufene Frauengebild hatte zwei Vasallen, die jeder nach seiner Art borstig und flaumweich verliebt waren in Weltfernheit und Verwitterung, die sich um sie gelegt hatte wie die graue Wetterfarbe über den Holzfinger, den das Kirchlein droben auf dem Gebirg in die Wolken streckte. * So kam es gar wunderlich, daß die Zechbrüder einen Krankheitsfall oben in der Schmücke hatten, den der ehrengeachtete Doktor Lamm für einen bösartigen erblichen, das heißt ansteckenden Fluß verschrie, vor dem sich ein jeder zu hüten habe. Das junge zugereiste Frauenzimmer lag ihnen krank und besinnungslos im Pächterhause und wurde von der Alten verpflegt und vom Doktor betreut, der selbst aus der Apotheke im nächsten Ort die allerbedenklichsten Arzneien holte, die er denen verschrieb, die 206 dem Ende nahe waren; – es war ein böser Fluß, der die Geschwüre nicht nach außen trieb. – Der Doktor selbst machte drei große weiße Kreuze und einen Totenkopf wie auf einer Giftflasche an das Hoftor der Schmücke und an die Türe des Pächterhauses, um die Leute fernzuhalten. Auch den Pfarrer ließ er nicht ein, da die Seele nicht mehr vernehmungsfähig sei. * In einer dunklen Nacht, in der Regen strömte, lag im niederen Pächterzimmer beim Schein zweier Kerzen, das Gesicht verblichen, in ein geblümtes Seidenfähnchen gehüllt, mit einem Schleiertuch überdeckt, ein schweres Gebetbuch unter dem Kinn, ein stilles, weißes Bild. – Die Amme saß dürr und eng in die Dunkelheit verkrochen, die Hände gefaltet. »Jetzt,« sagte die Alte, »jetzt kommen se.« Auf der steilen Treppe begann es zu poltern und zu schlürfen. Halblaute Stimmen – die Stufen krachten – vorsichtige schwere Männerschritte; – die Tür öffnete sich langsam, und von zweien getragen, schwankte ein schwarzer, schmaler Sarg in den Raum. Der Knecht war es, der zuerst mit der Last eintrat, am anderen Ende trug Herr Rausch von Traubenberg. Der Doktor leuchtete mit der Laterne, die Lichter flackerten vom Luftzug. 207 »Kau auf deinen Wacholder und setz nieder in Gott's Namen – und mach dich davon,« brummte der Doktor, zum Knecht gewendet. Der schielte bänglich nach dem Verhüllten auf dem Bett und hätte gern in aller Eile mehr von der feinen Leiche erspäht. »Mach dich davon!« brüllte der Doktor, »oder willst auch du mit dergleichen Bekanntschaft machen? Leicht fällt der Tod den Menschen an, wenn sich der Fluß ins Geblüt ergießt. Wär's nicht nach innen geschlagen, würde es jetzt anders um sie stehen. Auch wir empfehlen uns bis auf weiteres und helfen Ihr dann. Kau auch Sie Wacholderbeeren,« damit reichte der Doktor der Amme eine blaue Düte hin. »Obwohl ein Weibsbild in Euren Jahren gegen so üble Einflüsse durch ihr trockenes Fell fürtrefflich geschützt ist.« »Speis' und Trank aber steht für Sie drüben in der Wohnstube, das hol Sie sich. Totenwacht ist kein leichtes Amt für ein altes, abergläubisches Weibsstück.« »Mit Verlaub, Herr Doktor – wer tut'n die Leiche mit mir einbetten? Sie Herr Doktor? – Ach du mei – du mei Gott!« Die Alte stöhnte. »Und was werd'n aus mir wern? – So hinausgeschmissen durch'n Todesfall, das is iwel!« Die Tränen liefen ihr über die Backen. »Wer kümmert sich denn um mich. Du mei Gott!« »Für Sie ist gesorgt – das weiß Sie ja. – Die letzten Worte der Gnädigsten – von was handelten die? He?« 208 »No ja – ich sag ja nur; – wenn's nur auch wahr werd.« Somit verließen die Sargträger das Zimmer. Tiefe Stille. Die Tote lag regungslos. Auch Frau Fiedlern ging und schloß die Tür ab, um Speise und Trank für die Totenwacht zu holen. So blieb die leichtsinnige Frau mit ihrem Sarg, ihren Totenlichtern und ihrem künstlich verblichenen Gesicht und Händen als lebende Leiche allein. Die Augen hielt sie fest geschlossen, denn sie fürchtete sich vor dem Sarg, der mitten in der Stube stand. Sie hatte ihn blinzelnd gesehen. Ein fürchterliches, verschlossenes Geheimnis, das vorher noch nie in seiner grauenhaften Undurchdringlichkeit aufgetaucht war. Hier stand es. – Sie selbst hatte es aus seiner tiefen Finsternis heraufgeholt. Wie war es möglich, daß sie so etwas gewollt, daß sie die trunkenen, weltfernen Männer dazu überredet hatte? Es schien, als wäre sie zum erstenmal im Leben aufgewacht, so wie es Sterbenden ergeht. – Ein langer Lebensschlaf und Traum, die Ewigkeit versinkt, die hinter uns liegt, so lang das Rätsel Tod uns fern ist, die Erdenewigkeit, die aus unserer Dumpfheit aufsteigt, uns umgibt wie eine Mutter, die dem Kinde sorglich alle Schrecken, Zweifel und Anblicke verbirgt. So war dem Frauengebilde seine gute, sichere Ewigkeit zerrissen. Sein eigener schmaler Sarg war mitten 209 durch sie hindurchgefahren und hatte eine Kluft gerissen, durch welche Niegewußtes blickte – der Tod. – Nicht das Wort, das so oft gehörte, bedeutungslose, das Wesen – die Essenz und Eigenschaft, die durch das Wort verlöscht wird. Und sie hörte im Geiste den seltsamen Pfarrer reden: Wie willst du sie beschauen, die Kreaturen der Welt, so du sie doch nicht magst erkennen, aus was Essenz sie sind. Du siehst sie nur als ein gemaltes Bilde. Sie aber wurde von einsamer Grauenhaftigkeit angestarrt. Und es schien ihr, als wäre sie selbst die arme Larva, das Monstrum vor Gott, wovon der Pfarrer geredet, und als würde der dunkle, rätselhafte Sarg sie verschlingen und verbergen, aber Christus in seinem geduldigen Leiden und Sterben begegnete ihr nicht. Es blieb alles tot, nur die Furcht des dumpfen Tiers regierte; doch tat sich der Deckel des Sarges auf und der Tod erhob sich fürchterlich vor ihren Sinnen und trat höflich an ihr Bette und faßte ihre Hand und sagte wie ein böser Richter kalt und grausam: »Tanz mit mir.« Und sie sah sich mit ihm tanzen – und er tanzte schauerlich zierlich und hielt sie wie ein Kavalier fein an der Hand mit seinen großen Knochenfingern. – Seine leeren Augenhöhlen aber blickten in eine Welt voll Grauen. Da hörte sie Schritte die Treppe herauf und Klirren und hörte, wie der Schlüssel in das Türschloß gesteckt wurde, 210 und sah, wie die Amme mit einem Tablett voll Speisen in das Zimmer trat. Sie spürte, daß sie nicht rufen konnte, daß eisiger Schweiß sie bedeckte, daß sie erstarrt war vor Entsetzen. Die Amme setzte ihre Last ab, trat an das Bett und sah ihre Herrin mit verzerrtem, ganz fremdem Gesicht liegen, so an der Grenze, wo der Mensch ins Wesenlose sinkt. »Herr du mein Gott!« schrie die Alte, »straf sie nicht in ihrer Torheit! Komm zu dir, mein Saudeffchen – komm, trink ä Schlückchen. Mach keine Geschichten. – Ne Zuckerlecke ist's für niemanden, was du da tust – und mir eingebrockt hast. – Nä – so ä Unsinn! Und das sag ich dir bloß: Ei Mannsbild is wie 's andere – s'is Wurscht. Alles leift aufs selbe naus – und der Stallmeister war so iwel nich. Heit Nacht fährste mit dem närrschen Kerl, dem Rausch, in die Nacht hinaus und wer weiß, wo du anlangst – un wer weiß, wie du 'n triffst, den Einsiedel – un ob der ganze Krempel sich lohnt.« Sie hielt die schlotternde Gestalt im Arm. »No ja – da haste dich vorn Sarg gefärcht, mei Kind. Das is aach ä dummes Mewel, so'n Sarg. Da is mer ne Wiege scho liewer, so'n alter Schumbelkasten, wo mer aach nich weiß, was mer egentlich dervon denken soll. Ach, in Weimer war's doch hibsch!« 211   Zehntes Kapitel Der Freiherr erkennt, daß der Stallmeister wirklich ein Gefeiter ist. Ein Gespenst ruft mit unstillbarem Flehen: »Herr von Einsiedel! August von Einsiedel.« Einsiedel führt diesen Geist in den tiefsten Schatten des Baumgartens. Der Stallmeister von Werthern saß im stillen Wohnzimmer in Abenddämmerung. Die zwei Lichter brannten schon – und er hielt die Hand um das halbgefüllte Weinglas und saß in Ruhe, führte das Glas nicht zum Munde, schaute mit großen, hellen überaus klaren Augen. Es war keine gewöhnliche Stille; sie war voll Feier und Inhalt. Das Zimmer auch in Ruhe, nichts was den Raum sonst lebendig erfüllt hatte, lag oder stand umher, keine Blume im Glas, kein buntes Band, kein Döschen und Körblein, kein rasch abgelegtes farbiges Tuch, kein aufgeschlagenes Buch, kein lustiger Hut, keine leichte Handarbeit, die sorglos sich beschäftigende Hände niederlegten, um sie zu behagender Stunde wieder aufzunehmen. Das Zimmer war aufgeräumt wie eine Kirche. Und der Stallmeister mit seinem Glas saß wie ein stiller Andächtiger darin. 212 Freiherr von Einsiedel wurde gemeldet – und wie einmal schon reckte der Stallmeister den langen Arm in den Raum, ob das, was da käme, sich wie an einer ausgelegten Angel fangen würde. Und siehe da, es zog an ganz gewichtig. Einsiedel drückte die ausgestreckte Hand wortlos, voll Teilnahme und Bestürzung. Der Stallmeister spürte die Gemütsverfassung des Fisches am Zuck und Druck und sie war ihm durchaus sympathisch. »Sturmesausklang« – murmelte der Einwortmann, der sich kurz fassende. »Sturmesausklang,« wiederholte er aber noch einmal. Hierauf war wenig zu sagen, denn alles, was der Stallmeister fühlte und was seine Meinung war, lag damit klar und offen vor dem Freiherrn ausgebreitet, so daß ihm nichts übrig blieb, als die Hand nochmals herzlich zu drücken, einen Stuhl zu nehmen und sich dem stilisierten Mann gegenüber zu setzen. Mit eigentümlichem Befremden bemerkte Einsiedel, in welcher Ordnung der Mann sich befand; nicht nur die bewegliche Frau ohne Komma, wie der Stallmeister die Eheliebste zu benennen liebte, war dahingeschwunden, sondern auch der ganze Hofstaat niedlicher, anheimelnder Dinge. So ganz fortgewischt waren diese Dinge, und der Stallmeister war feierlich, als trüge er eine neue Würde. Fast wie ein alter Bauer saß er da, mit dem man über die elementaren Dinge des Lebens nur schwer sprechen kann. 213 »Fassungslos bin ich!« begann Einsiedel endlich, weil ihm gegenüber dieser monumentalen Ruhe nichts anderes einfiel; »wie denn um Gottes willen ist dies alles gekommen?« Befremdet schaute der Mann mit großen, klaren Augen auf seinen Kondolenzbesuch, wohl den ersten, den er empfing. Einsiedel war sofort nach erster Nachricht von Frau von Wertherns Tod aus Berka zum Stallmeister geeilt. Nach einer Weile: »Fassungslos? – Auf was soll man gefaßt sein? – wenn nicht auf den Tod?« »Sicherlich – aber – immerhin – so eine junge Frau – so plötzlich.« »Zuviel Welle gemacht,« war die ruhige Antwort. Ein zweites Glas hatte der Diener gebracht und der Stallmeister goß dem Freiherrn bedächtig und ernsthaft ein. Ein auserwählter Duft stieg aus dem Glase auf; geheimnisvoller Sommer, Herbst und Blumenduft vergangener Zeiten. »Ältester Jahrgang aus dem Keller des Urgroßvaters. – Hoher Feiertagswein.« Er hob sein Glas und stieß mit Einsiedel an auf würdevolle und schöne Weise. »Erinnerungswein verschiedener Generationen.« Der Wein floß schwer wie Öl über die Zunge und der Geschmack war wie der Duft, als tränke man die schwere Süße aller Sommer, die er überdauert hatte. Einsiedel fühlte sich diesem Manne und diesem Wein gegenüber klein. Er wagte nicht so recht etwas zu sagen, 214 so wenig er sich mit einer alten ägyptischen Königsstatue unterhalten haben würde. Er trank bedächtig und schaute ruhig, wie auch sein Gegenüber dies tat. Und es war das Rechte. Der Wein verbreitete seinen Duft im ganzen Raum und jeder Schluck drang in die beiden Männer ein wie eine große geistige Kraft. Der Freiherr konnte gegen die Totenfeier des Stallmeisters nichts einwenden – und doch fragte er leise: »Und sie ist der Erde schon übergeben?« »Die Saat ist bestellt,« war die Antwort. Dann wieder langes, tiefes Schweigen und langsam bedächtiges Schlürfen der kostbaren Tropfen. Ein neuer Anhieb zu einem Gesprächsfragment: »Ehe du ›Ofen‹ sagst zu einem Weibe, sei dir bewußt: Ofen – Wärme – Sonne, damit sei vorsichtig in allen Fällen. – Aber daß du damals nicht ›Ofen‹ sagtest, – dafür wird Gott der Herr dir gnädig sein.« Und der Stallmeister reichte dem jungen Freunde kräftig die Hand und entließ ihn so. * An diesem Abend, als der Freiherr auf seinem scheckigen Gaul nach Berka zurückritt, dachte er: Auf was für eine Reise hat Emanuel Karger mich geschickt, auf einen Turm, 215 in die feinste Spitze, in die Blume, die Blüte des Turmes, die Blüte aus Stein, die schwebend, von ungeheuren Lasten, Mauern, Gewölben und Säulen getragen, hinausragte über alles was Erde heißt. So wollten sie sich Gott nähern. Mit dem schwersten, dem Stein, rangen sie sich bis vor Gottes Angesicht und schwebten über aller Kreatur. Welch Ungeheures taten sie. Und daß sein Spießer solches wußte! Einsiedel dachte voll Liebe an ihn, den er nie zu einem freien Freundeswort vermocht hatte – und er wollte ihm schreiben von allen Wundern, die ihm begegnet waren. Heute hatte er auch in solch eine Turmblüte und Blume geschaut, die einsam, unberührt von Sturm und Wetter, im Raume ragte. Ein sonderbares, geheimnisvolles Gebild, von dem Einsiedel nicht wußte, wie es mochte zustande gekommen sein. Was hatte sich ihm alles aufgetan in dieser kurzen Zeit der Reise. Des Herzogs Freund, das fühlte er, war kein Turm, der über Gewölben sich emporrang, die Tausende von Menschenkräften gefügt hatten. Dieser Mensch war wie ein Baum gewachsen und wuchs herrlich in die Höhe, ohne von Massen gehoben zu sein, aus eigenen wundervollen Mächten, von Sonnenlicht emporgezogen, von Sturm und Nachtregen gekräftigt. Und Amarelle! – Amarelle! – Welch schönes Wunder! 216 Da erwachte ihm mit einem Male sein ganzes Sein. Der schnöde Wortzauber riß mitten durch – und er sank im Geiste an das liebste Herz. Frei und ganz kam er zu ihr, von nichts zurückgehalten – von nichts beschwert. Seine Liebe war in der Stille und Bedrücktheit gewachsen, war schöner geworden, beseligender. Sie kam über ihn wie Sonne nach dunklen Regentagen. Alles fiel von ihm ab, alles Menschenwerk, und seine und ihre Liebe hob sich empor. Und er schaute sie in ihrer ganzen Güte und Schönheit der Seele und des Leibes – und sah Karl Augusts junges Maul, aus dem leichtsinnig und witzig das Wort geschlüpft war, das ihn gelähmt hatte. Die Zauber verschwinden, sind nicht ewig, laufen ab, wenn ihre Stunde kommt. Und diese Stunde war gekommen, wie jede Stunde einmal kommt. Ein böser Zauber kann sich lösen, wenn der Unfreigewordene in das Reich großer Lösungen eintritt – einem Befreiten nahekommt, um den die Entzauberung wogt und von ihm ausströmt. Wir leben von Einflüssen, die wir nicht kennen, wir gleiten durch Strömungen, deren Kräfte wir nicht ahnen. So ritt er dahin, ein freier, liebender Mann – und packte im Geiste schon, um morgen des Tags bei ihr zu 217 sein, einzureiten in das Tor mit den ausgebreiteten liebenden Flügeln. Und den Scheckengaul durchrann es wie Feuerskraft, das Glück, die Liebe und die wiedergewonnene Freiheit seines Herrn. Er spitzte die Ohren und verfiel in einen freudigen Trab. So zog wieder übereinandergetürmt ein frohes Doppelwesen die mondbeschienene Straße. * Als Einsiedel vor dem kleinen Bürgerhaus in Berka hielt, der Schecke gar mutwillig stampfte, der Hausherr gefällig in Zipfelhaube und Schlafrock aus dem Fenster schaute, das Tor aufschloß und den Schecken versorgte, da schlüpfte ein fröhlicher Mann in sein ebenerdiges Zimmerchen, das den Ausblick in den großen, monddurchschienenen Baumgarten des Hauses hatte. Und selig befreit, ganz liebend, ganz beglückt und ohne Zweifel an dem alles verstehenden Mitgefühl der Burg, wandelte der Mann auf und nieder, versunken in sein Glück und voll Verwunderung über die eigene Abtrünnigkeit, die unzeitgemäße Verkrochenheit seines Wesens – und er war so ganz im zentifolienfarbenen Haus, seiner einzigen Heimat auf Erden. Draußen auf der Treppe brannte ein winziges Ölfunzelchen in einer Mauernische, an dem 218 entzündete er sich die Kerze, und nun war es zutraulich im Raum. Amarellens Silhouette hing über seinem Bett, er nahm sie von der Wand, barg sie an seinem Herzen und wandelte weiter auf und nieder im Reiche seiner Liebe. – Da war es ihm, als hörte er seinen Namen rufen – undeutlich. – Es mochte Einbildung sein – Täuschung, erregt und bewegt wie er war. Aber wieder rief es – eine zaghafte Stimme: »Herr von Einsiedel – August von Einsiedel!« Da stand er still. – Was war das? – Wer rief da? – Welche Stimme! – Und wieder: – »Herr von Einsiedel! – August von Einsiedel!« Ein nie gekanntes Grausen. – Sollten Tote wiederkehren können? – Unfähig, sich zu bewegen, stand er, kalt übergossen, in keinem Gliede Kraft, gelähmt von nie gekanntem Schrecken. Und wieder rief es ängstlich – so äußerst sonderbar: »Herr von Einsiedel – August von Einsiedel!« Er war in seiner Angst empört. – Er, der freie Mensch, der die Welt von allem Aberglauben erlöst hätte, wenn er gekonnt, er von Geisterfurcht zu Gallerte geworden! Jetzt – ganz nah vor dem Fenster! Es lispelte in die Stube hinein: »Herr von Einsiedel! – August von 219 Einsiedel!« so jämmerlich, so gottserbärmlich, wie nur eine arme Seele lispeln kann. Langsam richteten sich des Freiherrn Augen auf das Fenster; – da sah er im Mondenlicht und von dem Licht der Kerze trüb angestrahlt ein bleiches Wesen stehen, das die Züge der Amalie von Werthern trug und wunderlich vermummt war in einer Bürgerinnenhaube und in etwas Faltigem, einem Mantel gleich. Ein scheuer Blick hatte ihm das gezeigt. Seine Gedanken wirr, wie schwer erkrankt, ganz aus der Bahn geworfen. – Hatte man sie so ins Grab gelegt? Kein Wort konnte über seine Lippen. Ja, ihm kam es gar nicht, daß hier ein Wort vonnöten sein könnte. Er starrte, ohne auf das Ding zu blicken. Und wieder: »Herr von Einsiedel!« rüttelnd klang das – und so bänglich verzweifelt – so dringlich – so gräulich eindringlich. – Und jetzt: – Ein Lachen! Ein Anlauf zu einem Lachen – ganz hölzern – so voller Unnatur, so nicht am Platze. So ließ er sich das Gespenst abmühen, ohne auf irgendeine Weise sich mit demselben in Verbindung zu setzen, bis der arme Geist in höchst menschliche Laute ausbrach und in eine Tränenflut: »Ich bin's ja – ich selbst – bin gar nicht tot – ach, Herr von Einsiedel!« 220 Aber ein Entsetzen vertrieb das andere, ohne daß der Arme aus seiner Erstarrung sich lösen konnte. »Um Gottes willen, – nicht tot?« »Still! – Still,« flüsterte es bang, »Sie wecken ja die Leute!« Was war da in sein Leben eingebrochen? Etwas Unerhörtes! – und er konnte sich nicht entschließen, durch irgendein Lebenszeichen, eine Frage, eine Ermutigung dem Ding da draußen den Weg zu bahnen, sich ihm zu nähern. Mit aller Kraft hielt er es durch Schweigen zurück. Ja, hätte er eine Pistole zu Händen gehabt, er hätte sie wie im Wahnsinn nach dem Grauenhaften draußen im Mondschein abgeschossen. Es war etwas Unmögliches, was sich ihm da nähern wollte – das ahnte er – das wußte er im Innersten – und er sträubte sich wie ein Tier. Da hatte er die verloren geglaubten menschlichen Instinkte, die er in Afrika neu erforschen und suchen wollte – da waren sie. Das Ding draußen aber mochte auch an den Grenzen seiner menschlichen Möglichkeiten angekommen sein. Namenlos, rechtlos, aus dem Leben verstoßen – ausgelöscht, ein Nichts, stand es nackter, als es aus seiner Mutter Schoß gekommen, von allen Lebenden verleugnet. Was es getan, spürte es nun voll Furcht und zitterte am ganzen Leibe. Das ungeheure Gewitter, die schwarze 221 Wolkennacht, die furchtbare Donnerstimme, die es oben in der Einöde so bedrängt hatte, bedrängte es wieder, lag wieder über ihm – im Geiste. So verharrte die arme Larve vor dem Fenster im Mondenschein, und der Mut sank ihr wieder, zu rufen: Herr von Einsiedel! – August von Einsiedel! Nachdem aber alle Instinkte des Naturmenschen ihr Haupt und ihr Wissen in der Seele des Freiherrn erhoben hatten, tauchte ein feiner Gesell zwischen ihnen auf, an dem Generationen geschliffen, gehämmert und ziseliert hatten, und der hob sich feinknochig, gelenk, in steifen Flügellocken, anständig und mit Geschmack gekleidet, verbeugte sich gehalten gegen das Ding draußen und sagte: »Frau Stallmeisterin, mit was darf ich Ihnen dienen?« Und diese gesellschaftlich ruhige Form des erstarrten Mannes übte auf das armselige Bilde im Mondenschein draußen solch eine Wirkung, daß es in sich zusammensank, nur die Hände hielten sich noch am Vorsprung des Fensters. Da war der Erschrockene neben ihr, stützte sie, hob sie – und sie lag in seinen Armen, wie sie es sich geträumt hatte – doch so ganz anders. Sie wußte, was es heißt, einem Liebenden in den Armen liegen im klingenden, rauschenden Strome des Lebens. Da mit einemmal, wie durch einen Blitzstrahl ihr trübes, dumpfes Hirn erleuchtet worden war, sah sie, daß sie alles 222 von sich geworfen hatte, mehr, wie ein wirklich Toter es tun konnte. Der hat sein Grab, seinen ehrlichen Tod, liegt im Sarg, ein Stücklein Erde ist sein, er kann da still und ehrbar verwesen – und Gott weiß, was er außerdem hat. Geheimnis ist um ihn und mit ihm, göttliche Versprechungen, alle Kirchen sind für ihn da – alle Pfarrer sprechen von seiner und aller Toten Seligkeit und die Menschen reden gut und mit Anstand von ihm. Sie aber hatte alles verworfen – war ein Nichts geworden – ganz augenscheinlich eine Larva und ein Monstrum vor Gott und den Menschen. Kein Plätzchen Erde war ihr – ihr gehörte nicht, wo sie stehen konnte. Und weshalb hatte sie das nicht vordem gewußt? Hätte sie den Unglücklichen gefragt, der sie voll Grausen im Arme hielt, der hätte ihr gesagt: Weil wir, vordem wir es am eigenen Leibe erproben, nichts wissen. Sie aber fragte nichts. – Und er stand mit dem stummen, weinenden Frauenbild im Arm hilflos bedrängt. Wohin mit ihr? Und als sie zu stammeln begann, wirr, unzusammenhängend, von dem, was sie getan – da führte er sie in den tiefsten Schatten des Baumgartens und verbarg sich mit ihr. * 223 Die Ilm rauschte nächtlich unter schwerschattigen Bäumen, die sich über sie neigten. Da blieb der Freiherr mit dem ungeheuerlichen Wesen stehen, das ihm jetzt stumm und lastend am Arme hing. Auch er fand kein Wort, keinen Gedanken. Sie aber weinte vor sich hin auf eine hilflose Weise, wie ein verlaufenes Kind weint, und sie schnüffelte unter Tränen mit der Nase. Sie schien als Tote kein Schnupftuch mitbekommen zu haben, da Tränen und Schnupfen im Grabe kein Recht mehr haben. Es fehlte ihr das Taschentuch, wie ihr jedes Erdenfleckchen, jedes Erdenrecht fehlte. Und daß es aus der kleinen, so kultivierten Nase rann, zeigte ihre Weltverlassenheit auf eine rührende, armselige Weise, die den Freiherrn veranlaßte, ihr sein zartes Spitzentuch zu reichen, wie er es mit einigem Widerstreben auch einem verlaufenen Kinde gereicht haben würde. Diese einfache Handlung eines werktätigen Samariters hatte etwas Gutes. Niedagewesenes, Gespensterhaftes oder Unmögliches muß menschlicher werden, wenn einer sein Schnupftuch solchen Nebenwesen gibt und dieses sich die Nase damit regelrecht geschneuzt hat. Erstarrung muß so nachlassen – Gespensterfurcht muß so weichen. Sie hielt das Schnupftuch nun zaghaft in der Hand. 224 Er dachte als ersten ganz faßbaren Gedanken: Wenigstens hat sie sich die Nase geputzt. Etwas ist geschehen. Das urweltliche Schnüffeln war ihm unerträglich erschienen, Ausdruck alles Unerhörten, aus der Art Geschlagenen. Die Ilm rauschte, der Mond schien. Die taufeuchten Bäume lispelten mit ihren tausend zarten Blätterzungen – und der Freiherr hielt das einzige Geschöpf auf Erden am Arm, das von Leben und Grab, Himmel und Erde, von aller Menschheit ausgestoßen war, das rechtloseste, namenloseste Wesen der Welt. – Und an ihn hatte es sich festgehangen, und dieses Garnichts, diese Kehrichtflocke war an ihm hängen geblieben wie an einem dürren Zweig, in nächtlicher Stunde, hier im tiefsten Schatten. »Frau Stallmeisterin, in Gottes Namen, wollen wir nicht zurückkehren zu dem Gefeiten – zu dem Nichtzuerschütternden – zu dem besten Menschen? Der bringt's zurecht. – Wie wär's, wenn wir zu Ihrem Mann gingen? – Glauben Sie mir, der versteht alles. – Frau Stallmeisterin.« Diese durchaus nicht gespensterhafte Anrede wiederholte der Freiherr nochmals, weil es ihm wohltat, Frau Stallmeisterin zu sagen, weil es erdenhaft klang. Aber da schien neben ihm etwas erstarrt, beleidigt, außer sich geraten, aus dem einzigsten Zufluchtsort gescheucht, so daß es aufschrie in höchster Not, ganz seltsam, ganz fremd, gar nicht wie eine Frau Stallmeisterin, von der 225 man vernünftige Laute hätte erwarten sollen. Nein, das war das urweltlich Gewordene, das überall Ausgestoßene, was so schrie und sich so an ihn klammerte, das sich ganz verloren hatte – das Saudeffchen. »Bleiben Sie bei mir! Verlassen Sie mich nicht, August von Einsiedel; – auch wenn Sie mich nicht lieben, verstoßen Sie mich nicht! – Ich weiß nicht aus und ein! Führen Sie mich, lassen Sie mich in Ihrer Nähe. Wo soll ich hin!« Ihm war's, als würfe sie ihm eine Schlinge um den Hals, ihren ungezügelten Willen und eine große, ungezogene Selbstsucht. Ein Menschenwesen hing ihm fest am Arm, wie an seinem einzigen Halt, den es gepackt hielt, ein Menschenwesen, von dem alles abgefallen war, was sonst einen Menschen in unseren Augen als Menschen kennzeichnet, alle Bürgerlichkeit oder Nichtbürgerlichkeit, alles Gemeinsame, Freundliche, Gefällige, was von Ureltern her sich eingefunden hat. Eine nackte, losgelöste Naturkraft, angefüllt mit Angst und Verwirrung, da war nichts zu spüren als ein Anklammern. Nie war ihm ein Ding so schwer und fest erschienen als der feine Arm der Stallmeisterin, der sich an den seinen hielt. »Nehmen Sie mich mit, Herr von Einsiedel – nehmen Sie mich mit, um Gottes willen – verlassen Sie mich nicht! In Kairo hab' ich Menschen, die sich meiner annehmen würden. Bringen Sie mich hin. Sie wollen ja doch fort.« 226 Das war ein Wort! Er begann sich daran zu halten, so nichtssagend und nebelhaft es klang. Nie hatte sie ihm von Menschen, die sie in Kairo kannte, gesprochen, so oft er sie auch von seinen Reiseplänen unterhalten hatte. »Und wohin jetzt, Frau Stallmeisterin?« »Ach ja!« – eine ganz andere Stimme. – »Da hat hier in der Nähe die Fiedlern für mich eine Unterkunft bei Verwandten von ihr, da darf ich ein wenig bleiben, die ahnen nicht, wer ich bin.« Mitten in dem Gespensterwirrwarr dieses sonderbaren Wesens eine große Bestimmtheit und Vorsorge, die den Freiherrn innerlichst aufbrachte. Er fühlte diese Wohlbedachtheit gegen sich selbst gerichtet, gegen die Freiheit seiner Person. Ihm war's, als legten sich ihm Spinnweben um Gesicht und Hände, als finge er sich in irgend etwas, was nicht zu fassen war. Es schien ihm, als spränge das Herumtreiberische, das Ausgestoßene vom gesitteten Leben, das Aus-dem-Grab-Gestiegene von ihr auf ihn über. Er gab sich einen Ruck: Sei auf der Hut, mein Lieber! – und führte das Wesen durch einsame nächtliche Sträßchen und Wege nach dem Unterschlupf, den die ihm so fatale Alte bereitet hatte. * 227 In erster Morgendämmerung saß ein müder Mann im ebenerdigen Stübchen, dessen Fenster hinaus in den Baumgarten blickten. Zartes graues Frühlicht verfing sich in den dichten Zweigen, die schwer an reifender Fruchtlast trugen. Von der Ilm her stieg feuchter Dunst und Nebel auf. Die Nachtstille lag noch über der schlafenden, dämmernden Erde. Im Stall schlug des Freiherrn gescheckter Gaul an das Holzwerk, daß es dumpf ins Stübchen klang. Er träumte vielleicht, daß er im frohen Trabe in früher Morgenstunde seinen Herrn lustig und frei über Wiesenpfade und Waldstraßen trüge und als ströme ihm seines Reiters Frohmut wie Feuerkraft durch die Adern. Schwer erhob sich der Müde, Übernächtige, wankte dem Tische zu, ließ sich auf den Sessel davor, wie seiner selbst nicht mächtig, fallen, rückte einen Bogen Briefpapier schwerfällig zurecht und begann zu schreiben: »Heute, Amarelle, ist der Tag, an dem ein Froher sein Bündel schnüren wollte. Aus allem Getrieb heraus – zu Dir! Aus der Torheit des eigenen Wesens heraus – zu Dir und nur zu Dir! Und er wird kommen! – Wird an Deiner lieben Hand sich wieder führen – wird alles vergessen – seine eigene Verstiegenheit, seine Wichtigtuerei der Welt gegenüber, seine Torheit zu glauben, dieses sich drehende Gestirn sei 228 irgendwie in unsere Hand gegeben, als könnten wir sein Wesen modifizieren nach unserem menschlichen Sinn. Wir denken die Gedanken der Erde, leben, wie sie es will. Ganz still wird er in das Heiligtum seines Herzens kommen. Vordem aber hat er etwas zu erfüllen. Wie ein Fels ist's auf seinen Weg gefallen. Frag nicht. – Gedenke mein – sei meiner sicher. Wenn ihr drei miteinander auf der Birkenbank sitzt am Hügel und in den Sternenhimmel schaut – sei mir nah!« 229   Elftes Kapitel Der Freiherr reist mit einer Toten. Er gerät in eine Nußschale. Der Freiherr bekommt ein Schnitzelmesser. Die geheimnisvolle Stunde. Der Brief. In einem südtiroler Städtchen war in silberfarbener Abendstunde eine schwerfällige Reisekutsche, wie solche zwischen den gewaltigen Frachtwagen, Reitern und Fuhrwerken aller Art auf der Brennerstraße verkehrten, durch die enge, schmale Gasse eingerumpelt, durch die seit Jahrhunderten der mächtige Verkehr zwischen Italien und Deutschland strömte. Sie hatte vor einem der vielen Gasthäuser gehalten, die Tag und Nacht bereit waren, Reisende, Fuhrleute, Wagen, Vieh- und Warentransporte aufzunehmen, zu versorgen und zu bewirten. Das Gasthaus lag auf dem einzigen Platz des Städtchens, zu dem sich die lange Straße, die sich zwischen Fluß und mächtiger Bergwand dahinzog, erweitert hatte, damit Raum geschaffen war für all das Fuhrwerk, für alles Bewegen der beiden entgegengesetzten Ströme, die sich hier stauten. So war auch der Reisewagen durch Rufe, Flüche, Hemmungen aufgehalten, bis er endlich vor dem 230 Herbergstore stand und von einer echten und rechten Wirtin und dem Hausknecht in Empfang genommen wurde. Aus der alten Leder und Wagenschmier duftenden Kutsche stieg ein junger Herr von gutem Ansehen im grauen Reisehabit und grauer Mütze, unter der gepudert der Haarbeutel hervorsah, und an den Schläfen ein wenig steife Flügellocken. Er reichte der Dame, die ihm folgte, einer zierlichen jungen Person, die Hand beim Aussteigen. Die Wirtin stand und musterte die Ankömmlinge mit der wägenden Miene der kundigen Geschäftsfrau. Der junge Mann wandte sich mit leichtem Gruß an die Wohlhäbige: »Ich bitte, meiner Begleiterin ein ruhiges Zimmer anzuweisen, da sie ermüdet ist von der Reise. Sie werden entschuldigen, ich muß mich sogleich nach etwaigen Briefen umtun, die mich hier erwarten sollen.« Die Dame stand erschöpft und bleich neben ihrem Begleiter, nickte nur leicht. Die Wirtin aber fiel dem jungen Herrn ins Wort: »Briefe, Euer Gnaden? Wir sind das Postwirtshaus. – Soviel ich weiß, ist aber kaum ein Brief gekommen, der für Euer Hochwohlgeboren möchte gemeint sein.« Der junge Mann lächelte über die sichere Welt- und Menschenkenntnis der Frau, die sich inzwischen mit allerlei kleinem Reisegepäck beladen hatte, das sie dem 231 Hausknecht abgenommen, der sich an den Koffern, die rückwärts am Wagen festgeschnürt waren, zu schaffen machte. Die seidenweiche Luft umspielte die Wangen und mutete die Ankömmlinge lieblich an in der gemilderten Abendkühle. Sie atmeten auf nach dem langen Eingeschlossensein in der dumpfen Kutsche. Über die Dächer der Häuser schauten im letzten Abendlicht Weinberge und über dem rauschenden großen Brunnen auf dem Platz vor dem Hause und den gewaltigen grauweiß, nebelhaft schimmernden gewölbten Planen der Frachtwagen und allem, was da lebte und webte, lag es für den, der hier offenen Herzens aus dem Norden ankam, wie neues Leben, das der Sonne mehr zugetan war und die Sonne dem Leben. Ja, eine sehnsüchtige Seele spürte hier in der milden, zarten Abendluft etwas wie Heimatsodem. Die Wirtin führte ihre Gäste eine wie in Fels gehauene enge Steinstiege in die Höhe und wies beiden zwei große, weite Zimmer an. Durch die Fenster des einen schaute man in grüne Dämmerung, und Flussesrauschen war hörbar. »Für die Gnädigste,« sagte die Wirtin, »und der gnädige Herr muß vorerst mit einem vorlieb nehmen, das auf den Marktplatz blickt, bis ein anderes sich findet.« 232 So eine Wirtin vom echten Schlag weiß, was sie zu tun hat, ist fast allwissend in bezug auf ihre Gäste; auch ehe sie mit dem gewaltigen Fremdenbuch herantritt, um sich Gewißheit zu verschaffen, und auch solche Gewißheit ist durchsichtig für ihren alles erfassenden Blick. Wie aber Mann und Weiblein zueinander stehen, da ist sie treffsicher, da begegnet ihr kein Irrtum. Daß diese beiden nicht zueinander gehörten, das stand fest, obwohl sie wie füreinander geschaffen anzusehen waren. Der junge Mann suchte, trotzdem die Wirtin ihm Maß genommen und gefunden hatte, daß keiner der angelangten Briefe auf ihn passe, dennoch den erwarteten zu erlangen –; aber vergebens. Und so war er denn auf diese Herberge angewiesen, zu warten, bis er mit seinem Brief zusammentreffen würde. Und so geschah es, daß das junge Paar hier hausen mußte, um zu erfahren, was das Schicksal mit ihnen vorhatte. * So finden wir unseren alten Freund im Sonnenländchen auf dem Scheidepunkt zwischen Nord und Süd, wartend auf die große Sonne, der er entgegenreiste, die ihn ausglühen sollte von allen Schlacken seines nördlichen Wesens. 233 Eine gar wunderliche Reise hatte er mit seiner Begleiterin, der Frau Stallmeisterin, hinter sich, die von Rechts wegen still in ihrem Grabe hätte liegen sollen unter der ungeheuren Schar der Toten, dem unendlichen, ewigen Meer, das rastlos am kleinen Eiland der Lebenden frißt und zerrt und raubt. Sonderbar spürte er auf der langen, beschwerlichen Fahrt in den abenteuerlichsten Fuhrwerken und Fortbewegungsmöglichkeiten, daß er mit einer Toten reiste. Er, der ihre Totenfeier mit dem Stallmeister begangen hatte, war nun ungewollt zu ihrem Entführer geworden und spürte voll Pein und Widerstreben, daß er mit des wunderlichen, doch verehrten Mannes Eheliebsten in die weite Welt fuhr, ausgeschieden mit ihr von allen Lebenden. Das Gespensterhafte, das sie seit jener Nacht für ihn bekommen hatte, das von ihr nicht wich, übertrug sich auch auf ihn wie eine Krankheit. So waren sie miteinander rechtlos und ausgestoßen endlos dahingefahren. Er im Herzen das Bild Amarellens, ein warmes, lebendiges, liebevolles Bild. Selbst wie ein Toter erschien er sich, der solch einen Schatz hilflos und eingesargt im Herzen trug. Und dieses Bild bewegte sich ohne ihn in großer Ferne auf der schönen Erde, die einst auch sein war, und er träumte von einem großen Glück, das er besessen. Und wie er oft ganz in Erinnerung versank und alles andere aus seinem Leben 234 wich, auch die Gegenwart, war es ihm in seiner Eingesargtheit, als habe er Schönstes erlebt, Schöneres als jeder andere, und er fühlte sich eng mit seinem Glück verbunden. Burg – Burg, dachte er – und wollte einfach gut sein, nicht unfreundlich, wollte sein besonderes Schicksal mit Anstand tragen, als ein Edelmann, nicht als Raupauz. So wandte er sich oft an seine Gefährtin und fragte: »Frau Stallmeisterin, wie steht das Befinden? Nicht wahr, so lang dachten Sie sich die Reise nicht? Geographie auf der Karte ist bequemer?« Er half ihr dann behaglicher zu sitzen, sorgte, daß die Reisevorräte sich freundlich gestalteten, kaufte, wo es möglich war, Obst und Konfekt bei einem Lebküchner, war höflich und hilfsbereit. Die Arme konnte sich keinen tadelloseren Reisegefährten wünschen. Sie reiste wie eine hohe Dame mit ihrem Reisemarschall – aber welch ein Wunder: Wenn sie die Augen schloß und ein wenig eindämmerte, war es ihr, als säße der Herr Stallmeister von Werthern neben ihr, geradeso kühl strömte es zu ihr – oder vielmehr, es strömte nicht. Ein leerer Raum dehnte sich zwischen dem Freiherrn und ihr in der engen Kutsche – und eine Stille. Ein höfliches, freundliches Wort fiel hin und wieder spärlich wie beim stilisierten Mann, und ein durchaus korrektes Betragen fröstelte sie an. 235 Die Fiedlern hatte gesagt: »Geh, mei Kind – laß das, – Ei Mannsbild is merschtenteels wie's andre. Du wirscht sehn! – Mach d'r keine solche Mieh.« Wäre die Fiedlern jetzt mit in der Kutsche gesessen, hätte die arme kleine Stallmeisterin sich sicher in die weite schwarze Schürze der Alten gemuschelt: »Es is so traurig – so traurig. – Geh, sag Saudeffchen zu mir!« Doch wußte die brave Stallmeisterin gar wohl, daß es auch andersgeartete Männer gab als ihren Eheliebsten und den Reisekameraden – aber sie hatte nun einmal mit diesen beiden kein Glück. Ganz sonderbar war es, als der Freiherr so tagelang neben der hübschen Frau saß, schlafend und wachend, und durch das liebe Deutschland rumpelte, kam über ihn eine traumhafte Veränderung. Neben Amarelle war es der Stallmeister, der am lebendigsten ihn bewegte, wohl sehr natürlicher Weise. Wie sollte er dem ihm so sympathischen Manne je wieder vor die Augen treten, wie gab es eine Möglichkeit, diesen zu überzeugen, daß er in Wahrheit nie »Ofen« gesagt. So war er unversehens in Denkungsart und Ausdrucksweise des Stallmeisters geraten, mit der er eine gewisse Seelengemeinschaft schon oft empfunden. Die Totenfeier, die er mit ihm gehalten, war gut gewesen wie sein Erinnerungswein und würdig schlicht. 236 Wer aber und was war die Stallmeisterin eigentlich? Ein Gespenstlein? – Ein Saudeffchen? – Eine kleine Weltdame? Ein Ding, aus tausenderlei zusammengeweht – und man konnte es auseinanderblasen wie Schaum? Aber Tränen hatte sie doch? – Ja es gibt unendlich verschiedene Tränen. Abwarten, was übrig bleibt! Auf einer langen Reise taut alles ab, was angeweht ist und man lernt sich kennen. – Das war wieder der Stallmeister, der aus ihm dachte. Ja der führte ihn gewissermaßen. Sagte ihm: Halt, Ruh! – In deiner Lage sind Worte überflüssig. Denken auch – denn du kannst nichts machen. So waren sie miteinander in das Sonnenstädtchen gekommen. Hier warteten sie auf ihre Reise ins Blaue. Ein Brief kam von Amarellen als Antwort auf den seinigen, den er in jener Morgendämmerung nach der verhängnisvollen Nacht geschrieben: »Mein Lieber, geh' Deinen schweren Weg, von dem ich nicht weiß, wohin er Dich führt – den Du gehen mußt. Meine Gedanken sind bei Dir und so ganz bei Dir, nur Dir zur Stärkung und Freude, ganz frei, wie es gar nicht anders sein kann und darf. Alma umschlingt mich oft, legt ihre runde Wange an die meine. ›Du hast doch mich,‹ sagt sie dann, ›und ich trage alles zum Allerreinsten – und der läßt dem 237 Freund nichts geschehen. Er führt ihn an der Hand, wie er mich führt, und ich gehe immer in großer Freude.« Einen schöneren Segenswunsch kann ich Dir nicht schicken, wie mein armes, überseliges Kind mir ihn wie tiefstes Geheimnis zuflüstert – und so ist es und soll es werden. Alle seligen Geheimnisse sollen um Dich sein.« * Ein anderer Brief kam später und hielt sie fürs erste hier im guten Ländchen. Im Lande der großen Sonne war in den Städten Pest ausgebrochen und man konnte nicht reisen. So blieb dem wunderlich vereinten Paare nichts übrig, als auszuharren. Die Stallmeisterin fühlte sich in ihrem weiten, kühlen Zimmer, von dem aus sie hinaus in ein sonniges Tal blickte, durch das ein lebendiger, rauschender Bergstrom floß, gar nicht übel. Im Wirtshaus immer Verkehr und Unterhaltung, die Wirtin eine muntere Frau, die den Erzählungen der hübschen Dame wohl oder übel Glauben schenkte, die sich auf der Reise zu ihrem Gemahl nach Kairo befand und von einem Verwandten desselben begleitet wurde. Na – na! dachte die Wirtin, muß a rechtschaffener Esel sein, der Herr Gemahl. Aber was ging es sie an, die hübsche Dame zahlte ihre bescheidene Zeche, benahm sich fein und liebenswürdig 238 in der großen Gaststube, in der mittags und abends eine ansehnliche Tafel gedeckt war, und Reisende kamen und gingen und hielten wohl auch ein paar Tage Rast. Der junge Mann streifte in der Gegend umher und war in ein winziges Stübchen gezogen bei einem alten Holzschnitzer. Zu Mittag speiste er mit seiner Dame hin und wieder an der Wirtstafel und beobachtete, wie seine Tote an Lebensmut und Daseinsberechtigung augenscheinlich gewonnen hatte und am Bewußtsein ihres außergewöhnlichen Zustandes ganz merklich einzubüßen schien, ja, es kam ihm vor, als wäre sie dabei, ihn ganz zu vergessen. Sonderbar, wie alles Weimarische, Höfische von ihr abtaute und eine Person zutage trat, die sich vortrefflich der bunten, reisenden Wandergesellschaft anpaßte, vielfach Gelegenheit zum Plaudern fand, die liebenswürdige Strohwitwe spielte, von ihrem Gatten in Kairo so wahrheitsgemäß sprach, daß man an dem Gatten nicht zweifeln konnte. Sie war eine so gute, allerliebste Frau, die sich selbst vor der Pest nicht fürchten würde – aber die Schiffahrt, die feigen Reeder! Die waren's, die sie hier festhielten. »Feigheit,« sagte sie, »ist mir so ekelhaft.« Wenn der Freiherr solch einen von Wirklichkeit und Selbstverständlichkeit beladenen Satz hörte, schaute er nachdenklich und lächelnd, und ihm war, als würde sein 239 Mund schmal und weit wie der des Stallmeisters und hielt wie eine Haselnuß zwischen den Lippen: »Welle.« Und sie schob die Unterlippe vor, fühlte sich blamiert, durchschaut und stumm beobachtet, grad wie bei ihrem Stallmeister selig. Herrgott noch einmal, dachte sie dann, bin ich denn verhext oder sind die beiden es? Das hätt' ich mir wahrhaftig alles schenken können, wär' ich bei dem Einen geblieben. Wenn sie miteinander etwa am Flusse spazierten, schien hingegen die Frau Stallmeisterin von Werthern wieder da zu sein, schlug in die Hände, wenn er irgend etwas bemerkte oder einen seiner sonderbaren Aussprüche tat, und rief: »Reizend! – Schön! – daß es so etwas gibt!« Sie war dann überhaupt allerliebst zu ihm, wieder die geistig sehr bewegte weimarische Dame, die über alles mitsprechen konnte – und auch über alles sprach. – Ja, dann war es manchmal, als wären sie noch in Weimar; aus ihr redete wieder der Herzog, der ganze Hof; auch Genieausdrücke kamen zutage – und auch wohl einmal ein so reines Wort voll Kraft und Unmittelbarkeit, als wär's ein Wort, das einst, als die Welt noch jung war, ein froher, reiner Gott, der auch das Leid kannte, gesprochen hatte. So ein Saudeffchen! – dachte dann der Freiherr – welch ein Salat! – Das ist von ihm – das hat sie von 240 ihm! – Und vor ihm stand des Herzogs Freund, und er ging im Geiste mit ihm, wie damals im Baumgarten vor dem brennenden Dorf, im hohen, tauigen Gras – und der Sterbende hatte Rätselhaftes verkündet. Die höchst seltsame Stunde, die im Drange der Begebenheiten aller Art in seiner Seele wie verglommen war, stand auf einsamen Wegen jetzt oftmals wieder vor ihm, als hätte er sie eben erst erlebt. Sie hatte in seiner großen Herzenseinsamkeit etwas Bedeutendes für ihn bekommen, und er sah den außerordentlichen Menschen »sittsam«, wie des Herzogs Freund sich einst ausgedrückt, als er von sich sprach, seines Weges ziehen, wie einen starken, stillen Strom. Er trat im Geiste wieder mit ihm in das Haus unter den Bäumen im Ilmtal – und sah ihn schlafen, als versänke er sanft und leicht in die Ruhe der Gottheit. Dann wieder empfand er die Kraft des wundersamen Buches, die allein aus Wahrheit und einer seligen Bewußtheit des eigenen Wesens floß. Und er gedachte, wie unruhig er selbst schliefe, des schweren Zum-Schlafe-Kommens und der bösen Verkündigung des Sterbenden, die ihn selbst betraf. Ja, er spürte das Rastlose in sich, das Unbehauste. Wo hatte er Wurzel geschlagen? – Nicht in der Welt, nicht in sich selbst – und war geneigt, zum Weltverbesserer zu werden, wie viele so Beschaffene. 241 Des Herzogs Freund mochte vom Weltverbesserer weit entfernt sein. Er selbst fand in sich nichts, was ihm gefallen konnte, was ihm sein Dasein heimisch machte. Jede Wissenschaft, mit der er sich beschäftigt hatte, war ihm zum Ekel geworden. Und nun hatte das Schicksal ihn in ein Zwischenreich gesteckt unter den sonderbarsten Umständen. Und er beschloß, auf die Intentionen dieses Schicksals anständig einzugehen. – So schrieb er in diesem Sinne an Amarelle, voll Geduld und Heimweh. * Wenn er durch seines alten Hauswirts kleine Werkstatt ging, blieb er oft stehen und sah dem Bildschnitzer zu, wie der so sicher und sauber ein Figürchen aus dem Holzblock herausholte. Die feinen Wesen, die der Alte schnitzelte, glichen einander, eine Mutter Gottes mit dem Kindlein auf dem Arm, in einfache Falten gehüllt; aber sie trug das Kindlein wie eine große Kostbarkeit – und trug es wie in das Leid der Welt hinein, traurig und schweren Herzens, wie eine jede Mutter ihr Kindlein tragen müßte, wenn sie schauen könnte, wohin sie es trägt – ans Kreuz und ins Grab. Der Freiherr hielt diese schwermütigen Figürchen, von denen eines dem anderen glich, oft in der Hand 242 und spürte die Feinheit des Werkes, sann nach, weshalb wohl der alte Schnitzelmeister nicht müde wurde, immer dasselbe zu schnitzen und mit gleicher Mühe und Hingebung. So fragte er einmal und bekam zur Antwort: »Sell woll, mei Liaber. Hascht g'hört, daß der Himmelsvater müd wird, dasselbe fort und fort zu schnitzeln? He? Was dem recht ischt, derf wohl mir auch recht sein? So alt die Krippen (der Leib) ischt, mit mei Himmelsmuata kemm i guat aus. Wenn der Langes (der Frühling) kommt und i schnitz ihr 's G'sichtl, schaut sie ganz spitzbübisch drein – weil 's Kindl dann lacht. – Un wann i Wehtag hab – schaut sie aufs Kreuz – dann ischt's ihr sakkrisch zu Mut, weil 's Kindl hin werden muß. So schaut sie und schaut, wie's ihr ums Herz ischt und mir, mei Liaber. Die kennt si aus und i kenn mi aus.« * Eines Herbstabends saß der Freiherr und schnitzelte neben dem Alten in der kleinen Werkstatt, von der aus man durch ein weites Fenster in eine dämmerige Hauskapelle blickte, die zu einem alten Gebäude gehört. Zwei andere Fenster blickten in einen kleinen ummauerten Garten, in dem herbstliche Blumen blühten und Trauben dunkel aus hellem Weinlaub schauten. 243 Das kleine Häusel, in dem der Bildschnitzer wohnte, hockte wie ein Schwalbennest am großen uralten Haus, und das kleine wie das große, mitsamt der Kapelle, dem Gärtlein und dem ungefügen Mauerwerk, das die stille Ecke wie mit einem Wall umgab, war am Bergabhang wunderlich eingebaut, mit steinernen, winkligen Stiegen schwer erreichbar. Der Freiherr war des alten Schnitzers Schüler geworden und schnitzte ein Weinblatt und schnitzte eine Traube, und der Alte sagte: »Nu rat ich dir wohl, schnitz sie nicht, wie sie ischt, mei Liaber. Schnitz die deine, wie ich die meine Himmelsmuata schnitz. Was dein ischt, ischt dein – und niemand kennt's wie du – und niemand sieht das Himmelslicht darin, – nur du. Schnitz, wie die Himmelsmuata ihr Kindl liebt, kein Mensch sah im Kindl das Gottesbild – nur sie allein.« So saß der Freiherr und schnitzelte, und der Alte stand hin und wieder auf, beugte sich über seinen Schüler und nickte. Einmal aber sagte er: »Du bischt nit ungeschickt, Liaber.« Wochenlang hatte er nichts gesagt – das war das erste Lob. Den Freiherrn durchrann ein Freudestrom, es war, als würde eine Schleuse seines Wesens geöffnet und strömte so wohlig, so lebendig wie in ein verdurstetes Land – und in der Hand hielt er ein von ihm selbst durchwärmtes, glattes, lebendiges Ding, das eine Traube 244 war mit Blatt und Ranke, aber gar wohl in das Blüten-, Frucht- und Blumenwerk des Doms gepaßt hätte, über dessen Gewölbe und Säulenwälder er auf seinen Pfaden durch steinernes Laubwerk hinauf in die steinerne Blume, die im Raum schwebt, einst gestiegen war. Unverdrossen blieb der Freiherr in seines Meisters Zucht und fühlte sich gar wohl dabei. In seinem ungewissen Lebenszustand, ganz aus der Welt gefallen, saß er mit seiner heimatlosen Toten, die von Rechts wegen im Grabe hätte liegen müssen, und von einer geliebten Frau ins Ungewisse getrennt, unheimisch auf Erden – und doch – zum ersten Male heimisch, zum ersten Male liebend das Stücklein Heimat, das er selbst war, weil er irgendein Erscheinungsding mit großer Liebe nachgeschnitzelt und wiedergegeben hatte, als sein Eigenstes auf Erden. So stieg er in den Bergen und Wäldern umher und freute sich, weil der Alte mit ihm zufrieden war, und es war ihm, als könne kein Unheil an ihn heran. * Die wundersame Werkstatt des Bildschnitzers mit ihrem Blick in den engumschlossenen Garten und der dämmerigen Schau durchs weite Fenster in den Hauskapellenraum, der tief unter dem Fenster lag, kam ihm wie ein Behältnis vor, in dem er geborgen steckte, eine 245 Kammer zwischen Himmel und Erde, wie eine Nuß, die ihn umschlossen hielt, vor aller Welt verborgen. Der Alte, er selbst, die Schnitzelei, die so innig seinem Herzen vertraut wurde, so ganz unverständig ihm nahe ging, alles erschien ihm wundersam, und wenn er in die lautlose Kapelle blickte, die nie eine Menschenseele betrat, in der die Zeit stillzustehen schien, fühlte er sich wie in einem Traum. War er bei seiner Arbeit, wurde die Welt ihm so eng und angepaßt, als existiere nichts als er, sein gutes, scharfes Messer und der pulsierende Holzblock in seiner Hand, aus dem das eingeschlossene Leben herauswollte. So saß er auch eines Morgens schon in aller Frühe, der Meister war ausgegangen, die helle Sonne schien im Gärtchen. – Da hörte er aus der Kapelle feierliche Klänge, und als er durch das breite Fenster hinab in die geheimnisvolle Dämmerung sah, war da am Altar ein Priester im Ornat, der die heilige Messe zelebrierte, ein Chorknabe, der den Weihkessel schwenkte, und eine alte Frau, die einsam im Chorgestühl saß und dem feierlichen Gottesdienst andächtig lauschte. Es mochte ein Totenamt sein, das die Alte für einen Abgeschiedenen feiern ließ. Erschütternd klangen geheimnisvolle Worte aus der Tiefe herauf in die Werkstatt und Weihrauchduft stieg empor. 246 »Christe eleison – Christe eleison – Christe eleison. Kyrie eleison – Kyrie eleison – Kyrie eleison« klang es gewaltig. Und der Freiherr trat zögernd näher an das Fenster, nachdem er ganz befangen sich dem Eindruck hingegeben, und er sah, wie der Priester den Kelch abdeckte und der Ministrant mit der Klingel ein Zeichen gab und in der Mitte des Altars die Reverenz machte und mit der rechten Hand dem Priester das Weinkännchen reichte, danach das Wasserkännchen. Dann sah er, wie der rot und weiße Ministrant das Lavabotüchlein richtete und über den silbernen Teller, als der Priester seine Finger darbot, ihm langsam etwas Wasser goß. Dann faltete er das Tüchlein zusammen und kniete auf die unterste Stufe in der Mitte des Altars. Und der Priester betete: » Orate fratres. « Die alte Frau neigte sich tief in ihrer Einsamkeit vor dem Allerheiligsten. Wesen, die nur sie kannte, lebten in ihrem Herzen auf, die ihr teuer waren, die ihre Jugend kannten, deren Seelen sie Gott anempfahl. Und der Priester breitete die Hände über den Kelch und dann über Hostie und Kelch und machte das Kreuz und der Ministrant klingelte einmal, steht auf, geht mit der Klingel in der Hand in die Mitte des Altars, kniet auf der obersten Stufe hinter dem Priester und faßt das Meßgewand. 247 Der Priester beugt das Knie, der Ministrant klingelt einmal und die heilige Hostie wird emporgehoben. Der Ministrant klingelt dreimal. Ebenso bei der Aufhebung des Kelches. Dann küßt der Priester den Altar. Herzergreifende Geheimnisse und Symbole drängen vor. Mit dem Weihrauch, dem uralten Opferrauch, steigt uralte Gottessehnsucht empor, legt sich ans Herz in Schauern einer höheren Welt. Was geschah in der Kammer zwischen Himmel und Erde, in der Nuß, die sich um den Freiherrn geschlossen hatte? Wie war er in diese Nuß gekommen? Auf welch eine Reise hatte Emanuel Karger, der Spießer, ihn geschickt? – Und da klopfte es an die Türe, die in den Garten führte – und ganz benommen vom Weihrauch und dem Hinsinken einer unerkannten Welt, die in Symbolen, Lauten, Düften sich andrängen will, wankte er der Türe zu – öffnete – Sonnenschein drang ein und Blumenduft aus dem Gärtchen, und ein kleiner Bub hielt einen Brief ihm entgegengestreckt. »Von der Wirtin,« sagte das Bübchen. Dann lief es eilig davon, und Einsiedel stand mit seinem Brief allein mitten in den Bewegungen, die aus tiefer Dämmerung zu ihm aufgestiegen waren. Er öffnete die Siegel mit bebenden Fingern: sein Bruder hatte geschrieben. 248   Zwölftes Kapitel Der Scheckengaul kommt ihm entgegen. Emanuel, der liebe Spießer. Der Abend vor der Hochzeit. Ein Wagen fährt elegant vor. Die Buchen sind nicht mehr maiengrün, sondern stehen purpurbraun im Sonnenfeuer. Alma, das wunderliche Kind küßt ihn in Freudentränen. In Weimar war alles ruchbar geworden, Begräbnis und Auferstehung, Entführung und Abreise. Es hatte gewaltig im Städtchen gebraust. Die beiden Hofhaltungen waren fast außer Rand und Band geraten. Der Stallmeister, dessen Haus von teilnehmenden und neugierigen Freunden gestürmt wurde, war vorerst verschwunden. Niemand wußte wohin, doch mochte er auf seinem Gute sein. Vielleicht hatte er gefürchtet, daß seine Wortkargheit jetzt gefährdet sein könnte. Man war empört. Und doch auch wieder war es etwas vollkommen Neues, und dafür hatte man im allgemeinen viel übrig. Der junge Herzog fand, daß unter allen Umständen die Sache möglichst unauffällig behandelt werden müßte. Ein Eilbote wurde auf das Werthernsche Gut gesandt mit einem Schreiben des Herzogs, der seinem 249 Stallmeister sofortige Einleitung der Scheidungsklage anempfahl und Anna Amaliens Kammerherr von Einsiedel hatte seinen Bruder von allem zu benachrichtigen und ihm die Eheschließung äußerst gebietend ans Herz zu legen. Alles sollte still und auffällig vor sich gehen. Die unerhörte Flucht der leichtsinnigen Eheliebsten würde ignoriert werden, auch zum Wohle der beiden alten trinkfesten und verliebten Geschütze oben auf der öden Schmücke. Unangetastet sollte das Grab der unternehmenden Dame bleiben, wenn alles ruhig und eilig sich vollzöge. Das war ungefähr der Inhalt des Briefes gewesen, den das Bübchen in die weltferne Kammer hineingereicht hatte. * Begraben hatte die Schöne ihr ganzes bürgerliches Sein und Wesen, ihr Menschentum unter Menschen, ihr Anrecht auf Erden und war als heimatloses Gespenst zurückgeblieben, ohne den Schein irgendeines Rechts mehr in Händen zu halten. Und dies alles aus ehelichem Unwillen und außerehelichem Willen, und nun, wo es sich erfüllen sollte, was sie ersehnt hatte und sie wieder Mensch unter Menschen sein durfte, erlöst aus der Gespensterschaft, sah die Gegend so anders aus als damals 250 vom Berge der Sehnsucht. Was voll Zauber und Lichtgefunkel ihr entgegengestrahlt hatte, erwies sich als alltäglich; lange, öde Ehewege schienen sich wieder vor ihr auszubreiten. Ein sonderbarer und unverliebter zukünftiger Gatte mit einem bedenklichen Hang zur Schweigsamkeit, zum Vorsichhinstarren, Vorsichhinleben, schien ihr fast sicher zu sein. – Ja, der Stallmeister hatte Schule gemacht. Bekam Einsiedel nicht schon als Verlobter denselben schmalen, festgeschlossenen Mund, die Wortkargheit ihres Verflossenen? Die feine, etwas gleichgültige Höflichkeit –, nur schien ihr sein zusammengeschmolzener Wortschatz weniger bedeutungsvoll, nicht so monumental. Als Kavalier war er noch tadellos, aber war Werthern das nicht auch? – Und welche Schrulle, diese plötzliche Schnitzelsucht? Bekam man ihn je zu sehn? Und wenn er kam – der eine hatte doch, trotz aller guten Lebensgewohnheiten, Stallgeruch und steckte in seinem Amt bis über die Ohren, der andere roch säuerlich nach Holz – und beide schwiegen. Sie war auserlesen, trotz aller Mühe keinen erfreulichen Ehemann zu bekommen. Früher war es ein Vergnügen gewesen, mit Einsiedel zu plaudern. – Und die Ärmste wußte noch von Amarellen nichts, wußte nichts von aller Seelennot ihres Zukünftigen, von allem Hin und Her und Durcheinander seines Herzens. 251 In einem Dorfe im Thüringerwalde sollte die Trauung sein. So waren sie ihrem Ziele zugereist und endlich angekommen. Einsiedel hatte Amarellen in der ersten Zeit seines schweren Entschlusses nicht schreiben können. – Da war von ihr ein Brief gekommen, ein heiteres Brieflein in ihrer Sommerwindchenschrift. »Lieber, brauchst keine mühseligen Worte zu suchen, alles weiß ich, alles ahne ich. Wie es auch komme, Deine angestammte Heimat kennst Du. – Du weißt's! Wir grüßen Dich von ganzem Herzen, Alma und ich. Sei Du leichten Herzens! Alma, das liebe Kind, hält mich, während ich schreibe, umschlungen und mir ist's, als wäre einer aus den Scharen der guten Geister um mich. Das gute, arme Kind ist, wie ein Mensch nach dem Tode vielleicht sein mag, ohne irdische schwere Werkzeuge – ganz Liebesflamme. Dir immer die Burg.«     Dies Brieflein trug der Freiherr bei sich, und ihm war, als hätte Amarelle verschlossene Türen geöffnet. * Als er an einem stillen Herbstabend, die Mondsichel stand am grünschimmernden abgeblaßten Himmel, durch 252 die Dorfstraße ging – er kam vom Pfarrer – sah er einen Reitersmann auf sich zugeritten kommen. Und o Wunder, war das nicht sein eigener Scheckengaul, den er heimgeschickt hatte, als er seine Reise mit der Stallmeisterin antrat? – Wahrhaftig der Gaul! – Und nicht nur der Gaul! – Sein eigener lieber Spießer! – den Augen nicht zu trauen – saß darauf, sparrig und dünn, wie aus Holz saß er oben, die Schreiberbeinlein standen trocken von den vollen Seiten des Schecken ab. »Emanuel!« rief der Freiherr. Da spitzte der Gaul die Ohren und Emanuel Karger verlor fast das Gleichgewicht, denn der Gaul warf den Kopf. August von Einsiedel aber holte sich das Männlein vom hohen Sitz, war ihm behilflich und fing ihn in den Armen auf. Und Emanuel, in der Angst vor dem Fall, schlug die Arme um den Hals seines feudalen Freundes mit bänglicher Kraft; als er aber auf der sicheren Erde wieder Fuß gefaßt, errötete er im Dämmerlicht. Der Freiherr aber küßte ihn voll Freude – und er küßte wieder, etwas ungeschickt und sonderbar, er stieß mehr, als daß er küßte. »Und wie kommst du daher, Emanuel?« »Geschickt von Ihro Gnaden, der Gräfin Sternberg.« »Amarelle!« August von Einsiedels Stimme bebte. »Sag's noch einmal! – Amarelle!« »Ja sie, ganz recht – sie schickt mich – ich soll bei Euer Gnaden sein zum Trauungstage – da es doch so 253 ganz still vor sich gehen soll. Sie schrieb mir: Ein Freundesherz soll bei . . .« er zögerte. »Dir sein! – Sag's!« rief Einsiedel warm. »Ja – ein Freundesherz soll bei dir sein! – Du Freund!« Und eine Wärme kam zu Tage, die in den wenigen Worten gar nicht unterzubringen war und dem guten Menschen die Tränen in die Augen trieb. Auch der Gaul wollte sein Teil und beschnupperte mit weichen Lippen seinen Herrn. So war August von Einsiedel nach langer Stille wieder in einen Lebensstrudel geraten. Der warme Hauch und Dunst des Gauls tat ihm wohl und das gewaltsame Freiwerden des Freundes. So gingen sie miteinander, der Freiherr hielt Emanuel Karger fest umschlungen und führte den schnuppernden Schecken, übergab ihn im kleinen Wirtshaus dem Knecht und zog den Freund mit sich. Auf einer Bank am Waldesrand ließen sie sich miteinander nieder, ohne Nennenswertes gesprochen zu haben. – Die Mondsichel leuchtete jetzt mit schönem Glanz, und Bäume und Sträucher gaben zarte Schatten, die, unendlich fein, vom Lichte sich kaum schieden. »Auf welche Reise, Emanuel, hast du mich geschickt? Entsinnst du dich, weißt du noch – wie du mich nach Erfurt schicktest?« 254 »Ja, freilich – freilich, wie sollt ich das nicht wissen? Ob ich's weiß!« Einsiedels Herz aber quoll über in der nun ungehemmten Wärme seines guten Freundes und er sprach ihm in wunderlich abgerissenem Durcheinander von den Erlebnissen, seit sie sich zum letztenmal gesehen, und er hatte einen Zuhörer, der sich selbst vollkommen vergaß. Wer je so einen Zuhörer hatte, der ist dem großen Geheimnis der Erlösung nahe gewesen: einer trägt das Leid und die Seligkeiten des anderen. Er nimmt sie ihm ab – er läßt ihn aufatmen. Er nimmt die Schwere der Erde und trägt sie selbst. Sie ist zu tragen. Siehe, ich trag sie. – Trag sie, wie ich sie trage, und sie wird dir leicht sein. – Folge mir nach – trag sie aus Liebe. Emanuel staunte und war ganz Mitempfinden. »Du Glückseliger du!« sagte er: »Begnadet ist der – der solch einer wunderbaren, unglücklichen Liebe gewürdigt wird. Glaub mir.« »Das ist ein echter Karger, du Lieber.« »Karg! Nennst du das karg! Bewahre! – Überströmend – ewig – zeitlos –, wie nie eine glückliche Liebe sein kann!« Das meinte der gute Mensch so innig, so aus tiefster Erfahrung heraus, daß Einsiedel lächeln mußte. »Wer hielt im Tanze Friederikchen so zärtlich ans Brüschtlein gepreßt?« Einsiedel frug wie um den Freund 255 abzulenken, ihn aus dem großen Mitempfinden ein Weniges zu befreien. »Nicht scherzen, August. Hier scherze nicht!« Bebend sprach er's. Der Freiherr aber dachte: da hat er sich wirklich in einen rosa Elefanten verliebt – und sah eine vollkommene Unmöglichkeit, den Freund beglückt zu sehen. Nein, das würde der feudale, alte Urstier nie gestatten, auch wenn's keine Einsiedel war – auch keine Schnauz von Pfettrach. Mitleid bewegte den Freund und er versuchte zu trösten. »Nein – nein!« wehrte Emanuel ab, »Liebesleid ist eine kostbare Gabe wie jedes Leid – aber mehr! Ein jeder Turm ist gut – weißt du noch? – Über Säulenwälder voll Dunkelheit – und über schwertragende Gewölbe steigst du hinauf in die steinerne Blume, die im Raume schwebt vor Gottes Angesicht. – Da lächelst du wieder, du stellst dir ganz gewiß vor, daß ich so ohne weiteres vor Gottes Angesicht trete. – Freilich, das tu ich! So unverschämt bin ich. Oft vor seligem Entzücken steh' ich so vor ihm, daß ich ein menschliches Wesen so lieben kann. Nur der, der liebt, kennt die Schönheit eines Menschen – eines Wei–bes – Weibes.« Das wollte nicht so recht heraus aus dem überströmenden und doch so zurückhaltenden »Brüschtlein«; 256 da stolperte er. Das war ein Wort – dazu mußte er einen Anlauf nehmen. Was ist das für ein Wort, so beladen, so sonderbar, als wäre Schlimmes, Unaussprechliches – Grauenhaftes – Köstliches darüber getürmt, so daß es wie ein Erntewagen daherschwankt und Sommerglut, Wonne, Liebe und Schauer und Hochgewitter ausströmt. Man mußte liebend lächeln, wenn man den guten, seltenen Menschen durchschaute. So erging es dem Freiherrn, und er dachte an die Tanzbären, die sie miteinander unter Aufsicht des preziösen Meister Aulhorn herumgeschwenkt hatten. Und er stellte sich Emanuels Hingerissenheit vor und stellte sich Friederikchen vor und sagte sich: Wir sind einfach Weltschöpfer – und wissen's nur nicht. Jeder schafft sich sein Entzücken und sein Grauen ganz auf eigene Hand und kehrt sich nicht daran, was etwa vorhanden ist. Wohl denen, die sich modifizieren. Emanuel aber freute sich seines Liebesleids. Die Harmonie des guten Spießers sänftigte auch den Freund. Sie gingen Arm in Arm miteinander dem kleinen Wirtshaus zu und fanden am gedeckten, hausfraulich hergerichteten Tisch die Zukünftige, und Emanuel Karger sah, daß es eine hübsche, recht anmutige Frau war. Er hatte sich doch etwas Ausgefallenes vorgestellt, wie es die Art naiver 257 und weltfremder Menschen ist, die den Teufel auch als Teufel und den Engel als Engel sehen wollen. – Oh, dachte er, an die wird sich der Teuerste schon gewöhnen mit der Zeit. Und Emanuel Karger wurde ganz aufgeräumt und auch das Paar, das die Öden der Ehewege auf der Reise schon im voraus, ohne über Liebeswege gekommen zu sein, ausgekostet hatte, wurde von des wunderlichen Spießers Freundlichkeit, Wärme und Gelassenheit den Dingen dieser Welt gegenüber angesteckt. Der Freiherr bestellte Wein, und es kam eine Stimmung zustande, die es nicht unmöglich erscheinen ließ, daß am morgenden Tage Hochzeit gefeiert werden sollte. Der Freiherr aber trank ein Glas, ohne mit dem Freunde anzustoßen, trank es in liebendem Erinnern an Amarelle und hielt die Hand auf Amarellens treues Briefchen gepreßt, das er auf dem Herzen trug. Er dankte ihr ganz bewegt, daß sie ihm den Freund geschickt hatte. Dann erhob er sich, holte aus seinem Zimmer einen Kasten, den er vor sich auf den Tisch stellte, und entnahm diesem sein Schnitzmesser, die stilisierte Traube den Knauf und einen geschnitzten Kopf, der noch nicht vollendet war. Erstaunt schaute Emanuel Karger auf das, was vor ihm lag. »Das rätst du nicht, mein Lieber, mein ist's nämlich – ich hab's gemacht.« 258 »Du!« rief der Gute. »Du! – O Gott! – Nun wirst du erst ein Baum, wirst Wurzeln schlagen, wirst dich auf deinem engen Erdreich nähren, wirst Gottes Sonne spüren. Alles wird heimisch um dich werden! Oh, hab' ich's doch gewünscht, als ich spürte, du löst dich auf ohne Mittelpunkt. Und gut – und vornehm machst du's! Das läßt sich sehen!« Er hielt den geschnitzten Kopf mit beiden Händen vor sich. »Gesegnet sei deine Reise – und wie kam denn nun alles?« Nun erzählte der Freiherr von der Nuß, in der er eingeschlossen, von dem Alten, von der Weihe, die aus der Tiefe in die Werkstatt aufgestiegen war. Die Stallmeisterin hörte ihren Zukünftigen von Wundern und Zeichen reden, die sie nicht kannte – und spürte, wie fern sie ihm war – und daß alle äußere Nähe nichts bedeutete – und da wurde sie traurig wie nie noch in ihrem Leben, so ganz von innen heraus, als erwachte ihr eine Seele. Einsiedel aber nahm den nicht vollendeten Kopf, der schöne starke Züge trug, zur Hand und zeigte ihn dem Hochzeitsgast. »Sieh,« sagte er, »das soll des Herzogs Freund werden, mit dem ich wunderliche Dinge erlebte. Denk dir einen Menschen, der in sich selbst wie in eine Welt blickt. Du mußt sein Buch lesen – das ich den großen Strom nennen möchte. Es ist seine eigene Seele, die wie ein Strom dahinfließt und er schaut ruhig und rein, voll großer Lebenskräfte. 259 Das ist in mir gereift, als ich seine Züge zu schnitzen versuchte, vordem war es dumpf und unbewußt.« Ein Wagen fuhr vor. Er fuhr eine schwungvolle Kurve. – Man schaute auf. Das Gleiten der Räder auf dem Platz vor dem Haus war frei sich ausgestaltend. Die Hufe der Pferde erklangen leicht und federnd. Draußen vor der Tür hörte man die Stimmen der Wirtsleute – und eine Stimme, die in ihrer Besonderheit die Stallmeisterin und Einsiedel betroffen aufschauen ließ. Die Tür tat sich auf – und der Stallmeister trat ein. – Stand im Zimmer, hager, vornehm, in außerordentlicher Gelassenheit, die Alltäglichkeit bei ihm war. Kein Wort sprach er – er stand nur und schaute. Reckte seinen Arm aus in die dämmrige, große Wirtsstube hinein, wie einen Wegweiser dem Platz zugerichtet, auf dem Einsiedel saß. So stand er – und so blieb er. Und der ausgereckte Arm war fordernd, eindringlich wie die Geste eines Stummen. Einsiedel aber erhob sich, schritt leicht, aber wie gezogen von der Ausdrucksstärke dieses Arms auf den Stallmeister zu, faßte die große, hagere Hand, die sich in den Raum hineingereckt hatte, und sagte langsam, wie eine Antwort auf eine Frage und als wälzte sich eine gewaltige Last von ihm ab: »Ich habe – bei Gott – nicht ›Ofen‹ gesagt.« 260 Der Stallmeister aber schüttelte die Hand des Freiherrn so stark und drückte sie so kräftig, wie man sie einem Menschen drückt, mit dem man ganz eins ist. – Zweifelsohne und hocherfreut, daß dem so ist. »Ich ahnte es.« Das war ein Felsblock von einem Satzgebild. Darauf ließ er die Hand Einsiedels los, näherte sich dem von zwei Kerzen beleuchteten Tisch, verbeugte sich vor seiner einstigen Frau und sagte: »Ich stelle mich dir ganz zur Verfügung. Mein Heim ist wieder das deine, sofern du nicht abgeneigt bist.« Und siehe da, die Stallmeisterin streckte die Hände wie nach einem rettenden Felsen aus, der aus Wasserfluten, in die sie geraten, sich hob. Einsiedel aber hing am Halse seines Freundes, stützte sich, hielt ihn wortlos umklammert. Stumm reichte er dann allen die Hand, nahm seinen Hut und Mantel, schritt langsam zur Türe, winkte Emanuel Karger ein Lebewohl – und ging hinaus in die Nacht. – Und ging – und ging und wußte den Weg und kannte das Ziel. Den Weg war er sehnsuchtsvoll seit Tagen schon im Geiste gegangen. Er sah die Dunkelheit zur Dämmerung werden – und Dämmerung zum Morgenlicht, zur Tageskraft. Menschen waren im Geiste um ihn und geleiteten ihn, denen er sein Glücksgefühl heut dankte, der liebe Spießer, 261 der durchgeglühte Stallmeister, der Freund des Herzogs, der alte Schnitzelmeister – und Amarelle – so zog er dahin wie trunken unter Buchen, die nicht maigrün in Seidenblättern weich rauschten, sondern purpurbraun im Sonnenfeuer standen. Da lag endlich das zentifolienfarbene Haus, seine Heimat, vor ihm. Die vielscheibigen Fenster schauten klar und hell. Er stand und schaute. Das Tor mit den liebenden Flügeln war geöffnet wie bei seinem ersten Eintritt. Nun ging er wie träumend. Seine Liebe, sein Glück wuchsen über ihn hinaus und trugen ihn wie Flügel. Eine zarte dunkle Gestalt kam aus dem Tore auf ihn zugelaufen, und ehe er sich's versah, hing sie an seinem Halse und küßte ihn, und Tränen fühlte er und spürte die volle Wange des guten seltsamen Kindes. »Ach, daß Sie kommen! – Wie haben wir gewartet! Er ist da! Er ist da!« rief das kindliche Geschöpf jubelnd und zog ihn mit sich. Amarelle stand unter den purpurleuchtenden Buchen im weißen Kleid, im leichten grauen Busentuch, dieselbe, wie er sie verlassen hatte, und streckte ihm die Hände entgegen.