Afraja. Roman von Theodor Mügge.     Frankfurt a. M. Verlag von Meidinger Sohn \& C ie. 1854.   Erster Theil. Hoch im Norden Europa's geht eine Sage, daß Gott, als er die Erde geschaffen und fertig war mit seinem Werke, plötzlich in seinem Nachsinnen gestört wurde durch den Fall eines ungeheuren Körpers, der in die Fluthen des Weltmeers stürzte. Der Schöpfer blickte auf und gewahrte den Teufel, welcher ein ungeheures Felsenstück herbeigebracht und in die Tiefe geschleudert hatte, daß die Axe der neuen Schöpfung zitternd unter der Last schwankte und zu brechen drohte, und noch davon schwankt bis auf diese Stunde, ja, bis in alle Ewigkeit. Vor gänzlichem Verderben bewahrte der Herr sein Werk durch seine Macht und Stärke. Er hielt es mit seiner gewaltigen Hand, mit der andern drohte er dem bösen Feind, daß dieser heulend davon floh; aber überall ragte der furchtbare Felsblock aus den Wassern. Hoch und finster stieg er aus der Fluth bis in die Wolken; schwarz und verbrannt sah er aus; zackig, wild und zerrissen sanken seine nackten Wände in unergründliche Tiefen und füllten das Meer mit zahllosen Klippen und Spitzen auf viele Meilen. Gott der Herr warf einen Blick der Trauer und des Erbarmens auf diese Wüste, dann nahm er, was noch übrig geblieben an fruchtbarer Erde und streute es aus über die schwarzen Felsen. Aber ach! das Wenige reichte dazu nicht hin. Kaum ward in den Spalten und Gründen der Boden bedeckt, und nur an einigen Stellen ließen die Gottesfinger so viel zurück, daß Fruchtbäume wachsen und Saaten reifen konnten. Je weiter nach Norden, um so geringer ward die Gabe, bis endlich nichts mehr übrig war; da mußte des Teufels Werk bleiben, wie es gewesen, belastet von dem Fluche ewiger 2 Unfruchtbarkeit. Aber Gott streckte seine allmächtige Hand aus, und segnete den verlassenen Boden. Soll keine Blume hier blühen, kein Vogel singen, kein Halm gedeihen, sprach seine schaffende Stimme, so soll der böse Geist doch keinen Theil haben an dir. Ich will mich dein erbarmen und Menschen hier wohnen lassen, die mit Liebe und Treue an diesen Felsen hängen und glücklich darauf werden sollen. – Da befahl der Herr den Fischen, daß sie das Meer in ungeheuren Schwärmen belebten, und oben in die Felsen und Eisfelder setzte er ein wundersames Geschöpf, halb Kuh, halb Hirsch, das mit Milch und Butter, mit Fleisch und Fell und Sehnen die Menschen nähren und kleiden mußte. So, spricht die Sage, sei Norwegen entstanden. Darum wäre das Meer an jenen wilden Küsten so belebt von den schnellen, unermeßlichen Schaaren schuppiger Geschöpfe, so sei mitten in den Eiswüsten das Rennthier auch geschaffen, ohne dessen Hülfe Niemand dort wohnen könnte. – Aber welche Welt des Schreckens und des Schweigens liegt hier verborgen! Unter welchen Schauren der Schöpfung zittert das Herz des einsamen Wanderers, wenn er durch diese öden Fjorde und Sunde irrt, wo das Meer in tausend Labyrinthen, zwischen düstere schneegekrönte Felsen in ungangbare Klüfte und Höhlen sich verliert. Welch banges Staunen begleitet ihn, wenn sein Schiff durch diese Unermeßlichkeit von Klippen, gigantischen Blöcken und schwarzen granitnen Mauern gleitet, die einen mehr als dreihundert Meilen langen, furchtbaren Gürtel um die steinernen Brüste Norwegens schlingen. Doch, wenn ein Gott einst gesagt hat: »Ich will jene schrecklichen Einöden von Menschen bewohnen lassen«, so hat er diese doch nur spärlich ausstreuen können über das vergessene Land. Auf Felsen und Sümpfen müssen sie umherziehen, ewig wandernd mit dem wandernden Rennthiere, das sie nährt; nur in Buchten und Spalten am Meeresufer können sie einsam und getrennt wohnen und den Fischen nachstellen, unter tausend Aengsten und Mühen. Das Land aber kann noch immer keines Mannes feste Wohnung sein. Tief liegt es unter Sumpf und Eis, in Nebel und Nacht gehüllt, ohne Baum und Feld, ohne die Hütte des Ackermannes, ohne das Brüllen seiner Heerden, ohne den milden Segen, der durch den Fleiß der Menschen und ihre gemeinsame Gesittung entspringt. 3 So ist es anzuschauen, wenn das Schiff den Hafen von Trondhjem verläßt und nördlich steuernd durch die Sunde und Fjorde dringt. Hinter ihm steigt die Küste hoch auf; die fruchtbaren Plätze verschwinden darin, immer wildere, nacktere Felsen dehnen sich zu todten Wüsten aus, bis endlich die unersteiglichen Gletscher von Helgeland aller Bewohnbarkeit ein Ziel setzen. In die Buchten und Klippen zieht sich dann das Menschenleben zurück. Dort wohnt der Kaufmann und der Fischer von normannischem Geschlecht, und neben ihnen haben Quänen und Lappen sich angesiedelt. Auf den schneeigen Alpen treibt der Waldfinne seine Milchkühe mit zackigen Geweihen, und wenn er den Wolf und den Bär jagt, donnert der Knall seiner Büchse aus den düstern Meeresbuchten wieder. Und immer wilder und einsamer wird es mit jedem neuen Morgen. Auf viele Meilen kein Haus, kein Feuerplatz, kein Segel, das uns entgegeneilt, kein Boot mit Angeln und Netzen. Seehunde wälzen sich spielend vor dem Schiffe her, der Walfisch spritzt seine hohen Fontainen in die Lüfte; Mövenschwärme stürzen schreiend auf ziehende Häringsschaaren; Taucher und Alken springen von den Klippen, über die schaumigen Wogen flattert der Eidervogel, und hoch oben in den reinen scharfen Lüften umkreist ein Adlerpaar sein Felsennest. Endlich, um tausend Felsenecken biegend, mitten in den Irrgärten der Meeresbecken erblickst du das Haus eines Kaufmannes am Abhange eines von Birken umbuschten Vorgebirges. Da liegen seine Packhäuser, seine Schiffe, seine Boote; da steigt der Rauch von zehn zerstreuten Fischerhütten über die niedrigen narbigen Felsen und zwischen ihnen blitzt das matte Grün eines Wiesenstrichs, durch den ein brausender Bach eilt. – Wenige Minuten und Alles ist verschwunden. Von Neuem hat die Einöde dich aufgenommen, von Neuem umschlingen dich dieselben Sunde, dieselben tiefschweigenden Wasserspiegel und von den hohen Fjellen rasen Windstöße nieder und fallen dich an mit der Wuth wilder Thiere. – Hier beginnt unsere Geschichte. 4 1. Es sind jetzt mehr als hundert Jahre vorübergegangen, als an einem trüben Märzmorgen ein großes Schiff durch diese wunderbaren Felsengewinde steuerte. Das Schiff war eine Nordlandsyacht der stärksten Art, wie sie noch heut vom äußersten Kap herunter aller Orten nach Bergen fahren, zweimal jeden Sommer den Kaufleuten dort ihre Fische und ihren Thran bringen, und vollgepackt den ungeheuren Bauch voll Lebens- und Leibesnahrung und Bedarf, zu den meerumrauschten Klippen zurückkehren. Aus der Mitte des Schiffes ragte der stumpfe Mast auf; vorn lief der Schnabel zu merkwürdiger Höhe, hinten stand ein hohes Kajütenhaus, wo an starken Pfosten und Eisenringen die Ecke des gewaltigen, vierkantigen Segels befestigt war, unter dessen Druck die Yacht rauschend durch die Wogen schnitt. Als der Tag höher heraufstieg, lichteten sich die kalten Nebel und endlich lief ein matter, schnell sterbender Sonnenglanz über die hohen Fjelder und die Gletscher, welche diese krönten. Aus den Meeresfluthen stiegen wunderbare narbige Felslager auf, seltsam anzuschauen, nackt und zackig, an denen die Fluth sich brach und weiß aufschäumte. Windstöße stürzten von den Felsen nieder, oder kamen plötzlich aus dem Innern der Fjorde, wo Nacht und Nebel noch rangen. Sie hoben die Spitzen der Wellen ab und zerstäubten diese in Regenschauern, während die Yacht schwerfällig tief zur Seite geneigt, unter den Schlägen zitterte, die sie unaufhörlich empfing. Am Steuer dieses plumpen Fahrzeuges stand ein junger Mann, der mit seinen hellen blauen Augen die Riffe und Klippen beobachtete, durch welche das Schiff in zahllosen Wendungen sich fortbewegte. Seine nervigen Hände lagen fest auf dem Ruder, sein starker Körper war leicht daran gelehnt und mit der Miene der Unbesorgtheit und froher Erwartung leitete er das große Fahrzeug mit solcher Kraft und Geschicklichkeit, daß es schien, dies gehorche ihm auf Wink und Wort, weil es seine Meisterschaft demüthig anerkenne. Von Zeit zu Zeit forschte der junge Steuermann in die Ferne hinaus und sein starkknochiges, kühngeschnittenes Gesicht, das in frischen Farben prangte, wurde freudig angeregt. Alle seine Muskeln schienen sich zu spannen. Er strich das 5 langflatternde Haar unter den schwarzen Glanzhut zurück, lachte wohlgefällig die Klippen und Riffe wie alte gute Bekannte an und begann dann ein Lied zu singen. Als er eben den fünften oder sechsten Vers vollendet hatte, öffnete sich die Kajütenthür, aus der ein anderer Bewohner der Yacht hervortrat. Wenige Jahre älter, als der am Steuer, war er doch ein ganz von ihm verschiedenes Wesen. Statt der dunkeln Fischerjacke und des Südwesters trug er einen langen, vielbeknöpften Rock. Sein Haar war nach hinten gekämmt und mit einem Bande gebunden; schlank und groß von Wuchs, sah er aus, wie ein Mann, der Weltleben, Sitte und Formen kennt und zu der bevorrechteten Kaste gehört, die, was die Erde trägt und hegt, als wohlerworbenes Eigenthum für sich in Anspruch nimmt. So war es auch in der That. Es war der junge Herr von Marstrand, der Sprößling eines edlen Hauses, dessen Besitzthum so ziemlich verthan war, nachdem Großvater und Vater arge Wirthschaft getrieben und unmäßigen Aufwand am Hofe Christians des Sechsten in Kopenhagen geführt hatten. Sein Vater, der Kammerherr, starb in Schulden und hier fuhr nun sein Sohn, der Kammerjunker und Gardelieutenant, nach manchem schlimmen Tage durch das wilde Polarmeer auf der Yacht eines Kaufmannes, der tief in den Klippen an den Grenzen Finnmarkens wohnte, und dessen Erbe, Björnarne Helgestad, dort am Steuer stand. Das Schiff war von Trondhjem ausgefahren in der frühen Jahreszeit, um Salz und Lebensbedarf auf die Lofoden zu bringen, wo der große Fischfang im vollen Gange war, und hatte den jungen Baron als Passagier mitgenommen, der in seiner Tasche einen Schenkungsbrief des Königs trug, welcher auf einen weiten Landstrich lautete, tief in die unermeßliche Wüste reichend, die den Norden Europa's ausmacht, wo Niemand Herr ist und Niemand Knecht. Es war kein allzufreundlicher Blick, mit dem Johann von Marstrand die öden Felsen und das schäumige Meer betrachtete, als er heraustrat. Die nassen Nebel flogen so wild über ihn hin und schlugen in Tropfen an Gesicht und Kleider nieder, daß er schauderte und den letzten Knopf seines Kleides fest zuknöpfte; dann nickte er seinem Reisegefährten am Steuer zu, der ihm den Morgengruß entgegenrief und einige Worte lachend hinzufügte, die der Wind verschlang, ehe sie das Ohr erreichten. 6 Nun, sagte der Steuermann mit einem stolzen fragenden Blick, als der Junker näher herankam, was sagst du jetzt zu dem Lande? Ist es nicht prächtig hier? Sieh dort, da liegt das Vorgebirge Kunnen, gerade darüber hin läuft der Polarkreis; sieh mehr links, dort siehst du tief in den Grimmfjord und kannst die ungeheuren Jökuln erblicken, die in Eispyramiden weit hinab fast bis in's Meer laufen. Wenn Morgensonnenschein darauf funkelt, sind sie ganz wie geschmolzenes Silber anzuschauen. Dort geht's in den Salten hinein; von Saltström hast du gewiß gehört? Und hier jenseits der niedern Felsen wirst du bald den Westfjord entdecken. Den Westfjord! Hörst du, Mann, den großen Fjord mit seinen Fischen. Hurrah! Was sagst du? Hast du je so Schönes gesehen?! Närrischer Björnarne! rief Johann spöttisch lachend, thust du doch, als wären wir im Begriff, in's Paradies einzufahren. Als wären diese traurigen schneebedeckten Felsen von Mandelbäumen umblüht; dies eisige stürmische Meer von Zephiren umfächelt und die elendigen thranigen Fischschaaren darin ambraduftend und aus Gold gemacht. Er wandte das Gesicht dem Süden zu und fuhr mit einem leisen Seufzer fort: Kein Baum, kein Strauch, keine Blume, kein grünendes Blatt, kein Vogel und kein Halm, der im Winde wogt. Nichts als Schrecken, nichts als Nacht, Nebel, Sturm, Fels und wüthende See. – Wenn es dir so wenig hier gefällt, erwiderte Björnarne verdrießlich, so hättest du bleiben sollen, wo du warst. Der Junker sah zu dem Steuermann auf und in seinem Blick lag die Antwort, die er leise vor sich hinmurmelte: Wenn ich nicht müßte, flüsterte er zwischen den Zähnen, wenn ich nicht fest entschlossen wäre, mein Glück in diesen Einöden zu suchen, verflucht sollte das Brett sein, das mich hierher getragen hat! Sein melancholisches Schweigen und die Art, wie er die Hände über seine Stirn deckte, rührten den trotzigen Björnarne. Du mußt dir keine zu trüben Gedanken machen, sagte er, es ist bei alledem hier so schlimm nicht, wie du meinst. Wenn der Sommer kommt, reift die Gerste auch in Tromsöe; Blumen blühen in den Gärten, Johannisbeeren und Brombeeren wachsen herrlich in allen Spalten und Gehängen und auf den Fjeldern steht die Moltebeere viele Meilen weit wie Purpur und Scharlach. Du mußt das Land nur kennen und lieben lernen, 7 wo du wohnen willst. Ich möchte es mit keinem in der Welt vertauschen, denn es gibt kein schöneres, kein besseres auf Erden. Beleidigt von dem Lächeln des Dänen, fuhr er stolzer fort: Was prahlt Ihr denn mit Euren Bäumen und Ebenen? Habt Ihr solche Felsen, solche Fjorde, solch Meer mit unzählbaren Geschöpfen? Könnt Ihr Bären jagen und Rennthiere? Habt Ihr einen Fischfang wie diesen, wo Zug auf Zug, Millionen Thiere aus den Fluthen gezogen werden; wo zwanzig tausend Menschen Monate lang ein lustiges Leben auf den Wellen führen? Nein, guter Björnarne, das haben wir freilich Alles nicht, erwiderte Johann von Marstrand mit dem Ausdruck der Geringschätzung. Du wirst es sehen, rief der Normann freudig. Die Nebel fallen und wenn du hören könntest, würdest du schon jetzt in dem Rauschen der Wellen den fremden Ton verstehen, der über den Westfjord dringt. Dort liegt Ostvaagöen vor uns; hier steht das alte Weib von Salten und drüben der Greis mit dem weißen Kopf. Jetzt siehst du seinen Hut! Da steigen die Spitzen von Hindöen auf, dort glänzen die Gletscher von Tjellöen zwischen den Zinken und Zacken und nun kommt die Sonne, gib acht, merk' auf! Und während er sprach, brach das leuchtende Gestirn siegreich durch die dichten Wolkenschichten und glänzte wie mit einem Zauberschlage über zahllose, unermeßliche Felsen, Buchten, Klippen und Inseln. Der Westfjord that sich auf vor den erstaunten Blicken des dänischen Junkers und zeigte Land und Meer in ihrer ganzen wunderbaren Pracht und Herrlichkeit. Auf der einen Seite lag die Küste Norwegens mit schneegekrönten Scheiteln. Salten daran hingelagert mit seinen Felsennadeln, die unersteiglichglatt in den Himmel steigen, mit seinen Gletschern, seinen Schluchten und Abgründen, halb in Nacht gehüllt. Auf der anderen Seite, durch den Westfjord sechs Meilen breit getrennt, zog eine Kette von düstern Eilanden weit in den Ocean hinaus, ein Gürtel von Weltrippen, entblößt und nackt, ein granitner Wall, an dem die fürchterlichen Wogen des Weltmeers seit Jahrtausenden zerschmettern. Unzählige senkrechte Spitzen ragten aus dem Inselgewirre auf, alle schwarz, verwettert, zerrissen bis in die innersten Eingeweide. Ihre kühnen Häupter waren in langflatternde Wolkenschleier gehüllt, und aus den glänzenden Lagern des Schnees sahen die blauen Wunderaugen der Jökuln auf die schäumenden Fluthen des Fjord, der mit 8 tausend weißen Zähnen in die Buge der Yacht biß, sie schüttelte und tief in den Abgrund zog. Siehst du nun, wie schön es ist?! rief Björnarne jauchzend. Das sind die Lofoden! Auf zwanzig Meilen kannst du über Land und Meer blicken und was du siehst, ist herrlich und allmächtig. Sieh den Greis von Vaagöen, wie er in Gold strahlt. Sieh, wie die Alte von Salten ihm aus ihrem schwarzrothen Mantel zunickt. Einst waren es zwei Riesen, Kinder der Nacht, ein Liebespaar, das hier in Fels verzaubert nun ewig stehen muß. Sieh, wie die Brandung in Silbersäulen an allen Klippen aufspringt und nun sieh ihn an, diesen ungeheuren Kreis von Felsen, die noch Niemand gemessen hat, auf denen keines Menschen Fuß haften kann, wo der Adler nur hinaufsteigt, der Seerabe, der Falk und die Möve. Sieh diese Wellen, wie sie hinaufspringen möchten, wie sie in den Hexenkesseln sich bäumen und ihren Schaum hoch emporschleudern. Wölfe sind es im Lammkleide, höre, wie sie hungrig heulen. Sieh die rothkämmigen Skarfe dort auf den Klippen; sieh die Meergänse in die grünen Seestreifen schießen und die schreienden Möven- und Geierschaaren, die ihnen folgen. Dort ziehen Häringsschwärme, sie wittern ihre Beute. Und oben ist der Himmel blau und ruhig, die Luft ist so frisch und scharf und weckt alle Kräfte. Ist es nicht schön hier, ist es nicht das Erhabenste, was ein Menschenauge sehen kann? Ja, es ist schön, unendlich, unerschöpflich schön! sagte Johann Marstrand, hingerissen von der wunderbaren Größe und Wildheit dieser Natur. Aber das Schönste von Allem kennst du noch nicht, fiel Björnarne ein. Siehst du dort die vielen schwarzen Punkte auf den Wellen? Das sind die Boote der Fischer. Drei tausend Boote, zwanzig tausend wackerer Männer und in der Bucht von Vaagöen erkennst du schon die Wimpel und Masten der Yachten, die das Salz bringen für den Salzfisch, und andere, die den Kaufleuten gehören. Sie sind gefüllt mit Lebensbedürfnissen aller Art. Wir werden meinen Vater dort finden, er hat für zwanzig Boote zu sorgen. Sicher wird er dir gefallen und dir gerne dienen wie er kann. Ich habe, wie du weißt, einen Brief an ihn von dem Kommandanten General Münte in Trondhjem, sagte der Reisende. 9 Du würdest auch ohne den geschriebenen Zettel willkommen sein, versetzte Björnarne lachend. Am Lyngenfjord, wo unser Haus steht, fragt man wenig nach deinem General. Du kommst mit mir, denn du gefällst mir, Johann Marstrand. Du bist ein fixer Bursch, weißt ein Wort zu sprechen und wo es gilt, ist dein Arm auch bereit zur Hülfe; das liebt man bei uns und darum will ich dein Freund sein. Er nahm die Hand vom Steuer, streckte sie freundlich aus und quetschte die Finger des jungen Edelmannes fest in der seinen zusammen; aber auch dieser erwiederte den Gruß mit gleicher Stärke. Verlassen in einer fremden Welt, that ihm die rauhe Herzlichkeit seines neuen Freundes viel wohler, als die höflichen Worte der Theilnahme, welche er so oft gehört hatte. Er wußte, daß Björnarne keine Lüge sagen konnte, daß er ihn wirklich liebgewonnen, und er war gewiß, in allen Nöthen auf ihn zählen zu können. Für seine Zukunft war dies von großem Werthe. Während nun beide vertrauliche Worte wechselten, durchschnitt das Schiff den Fjord und näherte sich rasch Ostvaagöen und den Fischplätzen. Die kleinen schwarzen Punkte, welche auf den Wellen schwammen, wurden nach und nach größer, vermehrten sich in immer wachsender Menge und zeigten sich endlich deutlich, als große sechsrudrige Boote, in welchen eine emsige Thätigkeit herrschte. Die Gestalten der Fischer in mancherlei Bewegung, wie sie Netze und Angeln hoben; die Sonnenblitze, welche ihre in Meerwasser und Fett getränkten Lederkappen und Wämser überzitterten; die hin und herfahrenden Jollen, endlich das tausendstimmige Geschrei, das über die brausenden Wogen drang, Alles vereinte sich zu einem vielbelebten Bilde, dessen thatkräftiges Leben auch Marstrand's Empfindungen immer höher anregten. Er fühlte ein Verlangen, sich in dies buntfarbige Gewühl zu stürzen; eine innere Wärme ließ ihn vergessen, daß, trotz des Sonnenscheins, eiskalte Luftströme über die Tinden von Salten stürzend, das Meer fegten, und daß hier in der Polarzone binnen wenigen Minuten der wildeste Wintersturm hereinbrechen und mit seinen Schrecken Land und See einhüllen konnte. Für jetzt sah er allein das frohe Fischergewühl, das diese Schrecken verspottete. Er sah die flatternden bunten Fahnen, die bewimpelten Häuser und Hütten auf Klippen und am Strande errichtet, und es war ihm, als würde ein Frühlingsfest hier gefeiert, als 10 trompetete und geigte es von den Felsenzinken des Greises von Vaagöen dazu. Darum jauchzte er und schrie vor Lust, wie ein echter Nordlandsfischer, als er die Netze heben sah, wo in jeder Masche ein ringelnder Kabeljau steckte. Er schwenkte seine Kappe, wie es alle thaten, als die Yacht zwischen den Fischern hinfuhr und umringt von hundert Booten, die ihr freudiges Willkommen zuriefen, um die Klippen bog und dem Hafenplatz in der Bucht zusteuerte, wo eine Anzahl größere und kleinere Yachten, Briggs und Schooner, Anker geworfen hatten. Es dauerte einige Zeit, ehe der passende Platz in der Reihe gefunden und eingenommen wurde, endlich aber rollten die Taue durch die Klüsen und die schöne Ilda von Oerenäes straffte sich an den langen Seilen und schüttelte langsam die Tropfen ab, welche an ihren Bugen und Bollwerken hingen. Björnarne hatte alle Hände voll zu thun, es währte daher lange, ehe er sich um seinen Passagier bekümmern konnte, der vom Hinterdeck das Treiben des Fischfangs beobachtete, der in allen seinen Einzelheiten ihm dicht vor Augen lag. Am Ausgange der Bucht rund um ein nacktes Felseneiland, Skraaven genannt, ging es am lebhaftesten zu. Fünf bis sechshundert Boote, mit drei bis viertausend Fischern besetzt, waren hier mit dem Fang des Kabeljaus beschäftigt. Unaufhörlich warfen sie die Stellnetze aus und zogen andere herauf, unter lautem Gesang und Freudenruf, denn alle waren überschwer an Fischen, und mußten behutsam gehoben, und die Gefangenen ausgemascht werden, damit die Fäden nicht rissen. An vielen anderen Orten wurde ungeheure Taue, an welchen mehr als tausend Angeln saßen, in's Wasser geringt, denn damals war der Fang mit der Angel noch mehr üblich, als es jetzt der Fall ist. Dann eilten die Fischer mit ihren gefüllten Booten in die Bucht, aus welcher viele rothe Steinklippen aufragten, die besetzt mit Stangengerüsten und Tischen zum Ausweiden der Thiere, auch niedere enge Hütten trugen, in denen die müden Männer Schutz vor dem Wetter und nothdürftige Ruhe fanden. Aus den Booten wurden die Fische auf die Klippen gebracht, dort von bluttriefenden Händen gepackt und auf die Tische geschleudert. Scharfe Messer rissen ihren Leib auf, ein Griff der Finger nahm ihnen die Eingeweide, ein zweiter Schnitt und der Kopf flog in eine Tonne, die thranige Leber in eine andere. Die übrige Theile flossen einem eklen Haufen 11 von Blut und Gedärm zu, der sich am Rande der Klippe aufhäufte, und in der nächsten Minute hing, was einen Augenblick früher ein lebendes Geschöpf war, zerspalten und schwankend auf der Trockenstange. Mit ungeheurer Geschwindigkeit verrichteten die Männer ihr mörderisches Geschäft. Die Lust des Tödtens glänzte aus ihren Augen. Sie hielten die blutigen Messer zwischen den Zähnen, während ihre Hände in dem Bauch der sterbenden Thiere wühlten, und bissen entzückt in die fetttriefenden Lebern, wenn diese ihnen besonders weiß und lecker erschienen. Mit nackten Armen und weit offener, rauher Brust, ganz von spritzendem Blute bedeckt, sahen sie wie Kannibalen aus, welche ein schreckliches Siegesfest feiern. Gierig suchten sie nach den größten und stärksten Opfern, übten an ihnen ihr Henkeramt mit doppelter Lust und spotteten der Leiden und heftigen Schläge der stummen unglücklichen Verdammten. Marstrand fühlte bald einen Widerwillen vor diesem eintönigen Hinschlachten. Er wandte sein Auge davon ab und sagte vor sich hin: Es ist ein entsetzliches, feiges Morden, ich mag es nicht länger ansehen. Darum also ziehen zwanzig tausend Menschen auf diese nackten Klippen, darum jauchzen und jubeln sie wie besessen und trotzen den Stürmen des Polarmeeres? Welch rohes fürchterliches Volk, welch Abstreifen aller menschlichen Empfindungen! Doch nein, fuhr er fort, die Meisten würden zu Haus bleiben, wenn bittere Noth sie nicht herbeidrängte. Und drängt mich nicht auch die Noth bis in dies Land voll Eis und Felsen? sprach er leiser. Aber Fische mag ich nicht fangen, verdammt sei dies schmutzige, blutige Geschäft! Ein Pestgestank weht von den Fischbänken her, und diese Haufen von Eingeweiden, diese Thrantonnen und Lebern, diese blutigen Köpfe, diese wildschreienden Vogelschwärme, welche ihren Theil an der Beute fordern, diese schmutzigen, nassen, fettigen, klebrigen Menschenhaufen dazu: Eines ist ekelhafter, entsetzlicher als das Andere. – Björnarne schlug ihn auf die Schulter und rief mit seiner kräftigen Stimme: Du mußt hier nicht so viel nachsinnen, Freund Johann, du mußt frisch umherschauen und lustig sein, denn hier ist Jeder lustig. Das ganze Jahr über freut sich Alt und Jung auf den Fischfang in Lofoden, und kein Mann in ganz Nordland vermiethet sich ohne die Bedingung, daß er den Zug nach den Inseln mitmacht. Wie gefällt er dir? – Aus der Ferne besser wie in der Nähe, erwiderte Marstrand lächelnd. 12 Du bist kein Normann, sagte Björnarne, sonst würdest du so nicht sprechen, aber warte, bald wirst du anders urtheilen. Ich bin so froh, als gehörten mir alle Fische im Westfjord. Meine Schwester Ilda ist mit meinem Vater gekommen. Siehst du dort das Boot? Darin sitzen sie. Er zog Marstrand mit sich fort, und eben lief das Boot an Bord, wo eine Strickleiter ausgeworfen war, an der die Wellen es hoch emporschaukelten. Ein starker Mann im blauen Fischerrock, einen Lederkragen über die Schulter geworfen, hob ein Mädchen vor sich auf die Bank, deren dunkelblondes Haar in breiten Flechten unter einem glanzgestreiften Fischerhut hervorsah. Greif nach der Leiter, Ilda, rief der Alte. Im nächsten Augenblick stand das Mädchen auf der Staffel und bedächtig emporklimmend streckte sie ihrem Bruder, oben angelangt, beide Hände entgegen. Wunderst dich nicht mich zu sehen, Björnarne? rief sie ihm freundlich zu. Gottes Friede mit dir, Ilda! antwortete er zärtlich. Hast eine glückliche Reise gehabt? Eine gute, glückliche Reise, Björnarne; mag deine Reise auch so gewesen sein. Alles gut, Ilda. Und der Fang ist in vollem Gange? Wunderbar gut, Björnarne. Alle Gerüste hängen voll. Gestern war ein Tag, wie er selten vorkommt; alte Leute sagen es. Fette große Fische, daß die Netze rissen. Es ist eine Lust, Björnarne, ich kann nicht satt werden am Sehen und Hören. Vaters Yachten sind gefüllt, alle Tonnen voll Leberthran, der Fisch ist unermeßlich fett. Wird ein gutes Jahr werden, Björnarne, gute Fahrt nach Bergen, volle Yachten. Hier sah sie sich um und ihr lachendes Gesicht wurde plötzlich ernsthafter, als ihr Blick auf dem fremden Mann haftete. Es war ein großes starkes Mädchen, von dem festen Knochenbau des echt normannischen Geschlechts. Sie sah ihrem Bruder ähnlich. Es waren dieselben wohlgestalteten Züge, dieselbe breite Stirn und hellblitzende Augen darunter, aber Alles war so fest geprägt und so voll gebildet, daß der Mangel weicher weiblicher Form ein verwöhntes Auge leicht beleidigen konnte. So war es mit Johann Marstrand. Er konnte ein Lächeln des Spottes kaum unterdrücken, als er sie ansah und sich erinnerte, mit welcher Ruhmredigkeit Björnarne ihm diese Schwester gepriesen hatte, deren Reize zu Ehren sogar die Yacht den 13 Namen der schönen Ilda von Oerenäes annehmen mußte. Eine Schönheit unter dem neun und sechzigsten Grade nördlicher Breite bei Walfischen, Kabeljauen und Rennthieren geboren, kann allerdings ein wenig von unserm Geschmack abweichen, sagte er sich leise, doch diese hier, in ihren rindsledernen Schuhen, ihren grünen rothbesetzten Friesröcken, ihrer Pelzjacke und Lederschürze, die weißen wollenen Handschuhe über die groben Finger gezogen, sieht doch gar zu bärenhaft polarmäßig aus. – Während er dies mit sich selbst abmachte, hatte Björnarne seiner Schwester etwas zugeflüstert und dann sagte er laut: Ich habe einen Freund mitgebracht, Ilda, der bei uns wohnen will. Johann Marstrand heißt er, hier steht er. Gib ihm die Hand, Schwester. Das Mädchen ließ ihre hellen Augen mißtrauisch prüfend über den Fremden gleiten, doch folgte sie dem Gebot ihres Bruders, reichte ihre Hand hin und sagte mit ihrer starkklingenden Stimme: Sei willkommen im Lande, Herr. Gottes Friede soll mit dir sein. Vielen Dank, Jungfrau Ilda, erwiederte Marstrand höflich, dein Wunsch ist der schönste, den es geben kann. Sie wendete sich zu ihrem Vater, dem Björnarne aufs Deck half und ihm die Hände herzlich schüttelte. Bist wieder da, Junge? rief der Kaufmann aus den Fjorden. Bist willkommen! Kommst zu rechter Zeit, wenn Alles gut am Bord ist. Alles gut und recht, Vater, versetzte der Sohn. Fehlt nichts; nicht ein Nagel, nicht eine Hand voll Salz. Der Alte nickte beifällig und stieß einen eigenthümlichen Kehlton aus, eine Art Grunzen, das häufig in Norwegen als Zeichen der Zufriedenheit gehört wird, und wie ein langgedehntes: Nuh! klingt. Nuh, wiederholte er dann nochmals, bist ein fixer Bursch, Björnarne; hast eine gute Hand, in der eine Sache gedeiht. Ist's nicht so? Denke ja, Vater, rief Björnarne lachend, und denke, komme gerade zur richtigen Zeit mit meinem Salz und Speck. Der Kaufmann wendete sich halb zu Marstrand hin und betrachtete ihn mit einem messenden schlauen Blick. Die Lederfarbe seines langen harten Gesichts schien sich brauner zu färben und die tiefen Falten an der Stirnwurzel über der mächtig breiten Nase zogen sich dichter zusammen. Wollen sehen, Björnarne, sagte er, aber hast da 14 einen Passagier mitgebracht. Ist Einer, der sich das Ding in der Nähe ansehen will. Ist's nicht so? Glaube ja, Vater. Nuh! grunzte der Alte wieder, und um seinen Mund zuckte ein Lachen, das sich schnell verlor. Er ging auf Marstrand zu und streckte seine rauhe Faust aus. Seid willkommen, Herr, auf Lofoden, sagte er, bringt feines Wetter mit. Hätten es früher brauchen können; ist aber auch so gut. Kommt gerade recht, um das Ende eines wunderbar glücklichen Fanges zu sehen. Mein bestes Glück mag es sein, Sie hier zu finden, erwiederte Marstrand, da ich Ihres Rathes und Ihrer Hülfe bedürftig bin. Ich komme in eine mir gänzlich fremde Welt, mein Glück darin zu suchen. Kann's mir denken, fiel der Kaufmann ein, habe die Vögel oft schon so pfeifen gehört. Singen alle dasselbe Lied, wenn sie aus Dänemark herüber fliegen und schicken uns jährlich mehr als Einen, der da meint, es wachse Gold auf den lappischen Fjellen, brauche nur zuzufassen, um es einzustecken. Ist aber nichts damit, werdet es inne werden. Weiche Hände und schmale Füße passen so wenig hierher, wie die lispelnde Sprache von Kopenhagen. Ist's nicht so? Er schielte den Fremden an, und nickte spöttisch dabei. Ich habe einen Brief von Trondhjem mitgebracht, erwiederte Marstrand, der Ihnen Näheres über mich sagen wird. Nuh, rief der Alte, gönne Jedem sein Glück. Ist ein offenes Wort von Niels Helgestad gesprochen, Herr. Weiß, wie es steht, wenn die Glückmacher in's Land kommen. Freiwillig kommt Keiner, ist die letzte Hülfe; habe aber Manchen untergehen sehen, weil er's nicht ertragen konnte. Der Blick, den er bei seinen letzten Worten auf den jungen Dänen warf, war mit einem Anflug von Warnung und Mitleid gemischt, den Marstrand wohl verstand. Dann nahm Niels Helgestad das Schreiben, brach es auf und lehnte sich lesend an das Bollwerk, indem er von Zeit zu Zeit bald nach seinem Gast am Bord, bald nach den Fischplätzen hinübersah und die voll ankommenden Boote zu zählen schien. Endlich knüllte er das Papier zusammen und steckte es in die tiefe Tasche seines Rockes. Weiß jetzt Alles was Ihr wollt, sagte er, hab's gewußt auch ohne die Buchstaben, und was ein Mann 15 thun kann, seinem Mitmenschen zu helfen, soll redlich geschehen. Was denkt Ihr jetzt anzufangen, Herr Marstrand? Ich denke, versetzte dieser, dem Amtmann in Tromsöe meinen Schenkungsbrief vorzulegen und das Land aufzusuchen, das die Gnade des Königs mir bewilligt hat. Hat gut bewilligen, der Herr in Kopenhagen, fiel der Alte ein. Aber was denkt Ihr weiter zu thun, wenn der Amtmann gesagt hat: Da drüben liegen die Fjellen, geht hin und sucht's Euch! Dann, sagte Marstrand verlegen, dann – es wird sich der fruchtbarste Boden wohl herausfinden lassen. Fruchtbarer Boden! schrie der Kaufmann lachend. Der heilige Olaf erleuchte Euch, Herr! Wer hat Euch eingebildet, Ihr werdet hier Fruchtbarkeit finden? Geht nach Haus, wenn Ihr Korn bauen wollt. Damit ist's nichts, fuhr er ruhiger fort, als er Marstrand's Beschämung sah, Ihr kennt die Wüste nicht, die dort hinter den Felsen liegt. Dennoch aber kann eines klugen Mannes Auge den Punkt wohl merken, wo Euer Gnadenbrief Waizen mit goldnen Aehren aus dem Stein treibt. Musternd betrachtete er den Gast einen Augenblick und fragte dann: Bringt Ihr Geld mit in's Land? Ich bin nicht ganz ohne Mittel, erwiederte dieser. Viel wird's nicht sein, sagte Helgestad, denn hättet Ihr Geld, so säßet Ihr ruhig zu Haus und spieltet, tanztet, verpraßtet es in Festen und Lustbarkeiten. Weiß wie es große Herren machen, die keine Arbeit kennen, den arbeitenden Mann aber verachten und verspotten. Herr Helgestad, rief Marstrand erröthend, ich bin nicht hier, um Das von Ihnen zu hören. Nuh, sagte der Kaufmann ruhig, sehe, daß ich den Nagel auf den Kopf getroffen habe, würde Euch sonst nicht beißen das Wort. Aber gerade heraus: Wie viel Geld habt Ihr? Tausend Species und etwas drüber, erwiederte der junge Edelmann unwillig zögernd. Ist für den Anfang genug, fuhr Helgestad überlegend fort, wenn's nämlich damit seine Richtigkeit hat. Er betrachtete Marstrand mit einem so mißtrauisch schlauen Lächeln, daß dieser unmuthig sagte: Ich hoffe nicht, daß Sie glauben können, ich lüge und maße mir einen Geldbesitz an, den ich nicht habe. 16 Will's glauben, versetzte Helgestad, würde aber auch die Lüge zu nichts helfen. Haben der Beispiele manche von jungen Herren, die da kamen, um reich zu werden. Sprachen den Leuten vor von ihren Gütern zu Haus und vornehmen Verwandten; schworen auf Ehre und Gewissen und machten Schulden darauf. Waren Männer, die jedem den Degen durch den Leib stoßen wollten, der irgend an ihrem Wort zweifelte, liefen aber zuletzt doch davon, wie Schelme und Schurken, und war Alles Lug und Trug, was sie dachten und sagten. Wollen Sie jetzt meinen Rath hören, Herr Marstrand? Sehr gerne, erwiederte dieser. Wer hier wohnen und Geld erwerben will, sprach der Kaufmann bedächtig, indem er sich auf den Rand des Bollwerks zurechtsetzte, der muß Handel treiben, sonst wird's nichts mit ihm. Handel, Herr, das ist die Sache. Von Ihrem Gnadenbrief wollen wir später herausbringen, wie er am besten dazu paßt; jetzt aber kommt es darauf an, den ersten guten Wurf zu thun, und dazu ist die richtige Stunde eben da. Wer wollte hier leben, wenn das Meer nicht wäre mit seinen Fischen? Die Fische, Herr Marstrand, die thun es. Lofoden, das ist der Schatz für uns Alle und der ist unerschöpflich. In jedem Jahre zur Märzzeit schwimmen die dummen Thiere, die Kabeljaue, in ungeheuren Schwärmen in den Westfjord hinein, um zu laichen, und wie viele auch immer gefangen und aufgezehrt werden, sie kommen doch von neuem und werden niemals weniger. Wir kommen aber auch. Vom Nordkap bis Trondhjem hinab kommt, wer kommen kann, zwanzig tausend Menschen und mehr, nur des Fisches wegen. Wissen Sie, wie viel wir in diesem Jahr binnen vier Wochen gefangen haben? Mehr als fünfzehn Millionen. Alle Gerüste hängen voll bis zum Brechen; alle Yachten liegen voll Salzfisch und voll Lebern. Der Thran wird billig werden, Herr Marstrand, der Fisch ist für einen halben Species die Vaage zu haben: das sind acht und vierzig gute Pfund. Ein wahres Glück aber ist es, fuhr er dann mit seinem spöttischen Grinsen fort, daß es katholische Christen in der Welt gibt: in Portugal, Italien, Spanien, Deutschland und wie die Ländern weiter heißen. Wir essen das gedörrte und getrocknete Zeug, das wie Holz schmeckt und wie versteinertes Holz aussieht, fast niemals; doch im Süden bei dem katholischen Volke ist es die 17 Fastenspeise für Arme und Reiche, und je billiger sie ist, je mehr wird sie gekauft. Ich verstehe von solchem Handel gar nichts, sagte Marstrand, und kann mich schwerlich darauf einlassen, mit Fischen zu speculiren. Wer wird mir diese auch verkaufen, wenn der Gewinn so bedeutend ist? fügte er hinzu, als er sah, daß das Gesicht des Kaufmanns sich verfinsterte. Das Glück muß man zu fassen verstehen, das thut's, erwiderte Helgestad. Könnt eben jetzt den Fisch billig kaufen. Jeder läßt etwas von dem reichen Fange ab, wenn er baar Geld sieht. Kennt das Land nicht, Herr, wißt nicht, was Sitte und Gebrauch ist. Ist alles Tauschhandel hier, Geld ist selten. Der Fischer, der Normann und Quäner, wie der Lappe, Alle borgen vom Kaufmann, der das ganze Jahr über gibt, was sie brauchen; liefern ihm dafür, was in ihre Netze läuft. Der Kaufmann borgt aber auch von den Handelsherren in Bergen, schickt diesen die Yachten voll Stockfisch, Salzfisch und Thran. Alle die Menschen hier, die Sie fischen sehen, stehen im Dienste der Kaufleute und Eigenthümer an der Küste und haben ihre Conto's im Creditbuche. Jeder Fisch wird bezahlt und abgerechnet, so wie er auf der Stange hängt; kommt er dann nach Bergen, ist er dreimal so viel werth, oder auch sechsmal so viel, wie es kommt – verstanden, Herr? In Jahren, wie dies aber, wo Ueberfluß ist, verkauft man auch gern auf dem Platz frisch weg; überläßt andern Leuten einen Antheil an der Speculation. Kann sein, daß sie mächtig gut ausschlägt. Marstrand stand zögernd und bedenklich. Nuh, sagte der Alte, Jeder muß thun, wie's ihm um's Herz ist. Handel ist ungewiß, wer nichts davon hofft, muß es lassen. Da der Fang so reichlich ausgefallen ist, erwiderte Marstrand, wird, wie ich meine, kein großer Gewinn zu erwerben sein in diesem Jahre. Alle Aufträge können leicht befriedigt werden, die Magazine werden überfüllt und die Preise müssen sinken. Helgestad ließ zum ersten Male sein Auge wohlgefällig auf dem jungen Abenteurer ruhen. Habt einen Blick für den Handel, Herr, erwiederte er dann, findet sich selten bei Eures Gleichen; kennt aber die Sache nicht, die ganz anders kommen kann, wie Ihr denkt. Haben heute den heiligen Gertrudentag, ist nicht gut, wenn die Sonne da 18 scheint. Kommt wildes Wetter danach; ist ein richtiger, erprobter Satz. Nun seht, die Fische dort auf den Klippen an den Gerüsten bleiben so bis zum Monat Juni hängen, während wir Alle nach Haus fahren, Thran pressen und den nach Bergen liefern. Ist das die erste Fahrt in jedem Jahr. Im Junimonat aber kommen die Yachten wieder, wollen den Fang dann einladen, wird jedoch Mancher es bereuen, daß er seine Stangen nicht höher baute. Ist ein sorglos leichtsinniges Volk, das Fischervolk, denkt nicht an das, was kommen kann, scheut Arbeit und Mühe. Bis im April und Mai hinein fallen Schneewehen, begraben oft Gerüste und Fische. Wenn dann die Männer anfahren und zugreifen wollen, finden sie faulendes Fleisch und Würmer. Müssen in See werfen, was Geld bringen sollte; kommen in Noth und Kummer und aus dem gesegneten Fang wird ein schlechter. Kann so werden, Herr Marstrand, ist manchmal so gewesen. Ein listiges Lachen spielte um seinen Mund und in Marstrand's Herz kam plötzlich eine Art Verlangen und Vertrauen zu der Fischspeculation. Er sah nach den beiden Kindern des Rathgebers hin, die Alles mit angehört, aber kein Wort dazu gesagt hatten. Das große Mädchen stand dicht bei ihm und heftete ihre stolzen Augen musternd, doch gleichgültig auf seine Gestalt; Björnarne aber nickte ihm leicht zu und machte eine erstaunte Geberde über seines Vaters offene Rede. Gut, sagte der junge Mann, ich will. Ich verstehe nichts von dem Handel, aber ich baue auf Ihre Theilnahme, die den Kauf für mich betreiben wird, wie ich denke. Will's thun, Herr, versetzte Helgestad und faßte schüttelnd seine Hand. Ist also abgemacht zwischen uns und Mannes Wort, ein Wort, wie es in Norwegen Sitte ist. Wurde mir heute eine hübsche Zahl von Vaage angeboten, schlug es ab, habe genug mit dem, was Gott mir bescheert hat; will jetzt danach sehen und denke einen guten Handel zu machen. Ohi Boot! rief er über das Bollwerk der Yacht hinaus. Halt dich fertig, Ole, leg' an, mein Junge. Ihr Herr, bleibt am Bord mit den Kindern, bis ich wieder komme. Trag' auf, Björnarne, was du hast; decke den Tisch, Ilda. Ein frisches Gericht Fische schicke ich her oder bringe es mit. 19 Mit diesen Worten stieg er an der Leiter hinunter und sicher war er in der besten Laune, denn er grinzte von unten ein Paar Male herauf und schrie seiner Tochter zu, genau nachzusehen, was Björnarne aus Trondhjem an hübschen Dingen für sie mitgebracht habe. 2. Björnarne war seelenvergnügt über den Verlauf der Angelegenheit seines Freundes, den er zehnmal versicherte, es hätte nie besser kommen können und seines Vaters Rath sei ein guter Rath. Du hast ihm gefallen, sagte er dann. Er ist ein Mann, der seinen Weg zu gehen weiß und sich wenig um anderer Leute Wege kümmert, es sei denn, er hielte etwas von ihnen. Nun hat er deine Sache auf seine Schultern genommen, die eine Last tragen können. Er wird es schon machen, daß er nicht damit fällt. Sei also außer Sorgen, Johann Marstrand, komm, laß uns essen und lachen, meine Schwester Ilda liebt auch ein freundliches Gesicht. Das ist ein Mädchen, rief er, die steht fest auf ihren Beinen und hält den Kopf stolz im Nacken. Du sollst mit ihr tanzen heut', drüben in Ostvaagöen, denn heute Abend ist Ball im Gaardhause. Da wirst du erfahren, wie flink sie sich dreht. Als sie hinunter kamen, war Ilda über den Kasten an der Wandseite und holte heraus, was dazu diente, den Tisch zu bestellen. Es ging ihr rasch von der Hand und doch schienen alle ihre Bewegungen abgemessen und langsam. Eine kalte Ernsthaftigkeit lag auf ihrem Gesicht, das nur dann und wann von ihres Bruders munterem Geplauder sich belebte, doch bald von Neuem seine natürliche Ruhe und Würde erhielt. Sicher schritt sie in dem schwankenden Schiffe auf und nieder, ohne je das Gleichgewicht zu verlieren. Sie kam und ging, um in dem Küchenverschlage das Mahl zu bereiten, brachte Geräth herein und schuf Ordnung in dem beschränkten Raume. Marstrand's Fragen und höfliche Reden beantwortete sie eintönig, meist ohne ihn anzusehen, was einen geheimen Unwillen in ihm rege machte, und spottend wiederholte er sich Björnarnens Worte: Die steht fest auf 20 ihren Beinen; was aber das flinke Drehen anbelangt, so hege ich einige bescheidene Zweifel. Endlich war der Tisch bereit, auf welchem eines der Nationalgerichte, eine Grützsuppe mit Backpflaumen und Häringen, aufgetragen wurde. Björnarne's Gesicht verklärte sich. Prächtig so, Schwester Ilda, rief er, das hast du uns herrlich gekocht. Ich habe es lange entbehren müssen, liebes Mädchen, das schönste Essen, was ein Mensch erfinden kann; es geht nichts darüber. Laß uns zulangen, Johann Marstrand, du wirst auch hungrig sein. Das war der junge Edelmann allerdings, aber seine Züge strafften sich nicht vor Begier nach dem kostbaren Schmause. Er fühlte ein innerliches Grausen davor, dennoch ergriff er den Löffel und tauchte ihn in die Schüssel, als plötzlich Ilda ihre Hand auf seinen Arm legte und mit einem ihrer strengen Blicke sagte: Erst laßt uns das Gebet sprechen, wie es schicklich ist. Hab's wirklich vergessen, Ilda, rief Björnarne lachend, war zu lange von Haus. Auf den Schiffen, wo Wind und Welle schaukelt und die Zeit knapp ist, geht's oft nicht an. Hast aber Recht, Schwester Ilda, laß uns beten. Er faltete die Hände und warf einen listigen Blick auf seinen Gefährten, der seinem Beispiele folgte und das Lächeln erwiderte. Ilda jedoch sprach das Tischgebet und ihr Gesicht drückte eine strafende Mißbilligung aus, die von den beiden Spöttern nicht unbemerkt blieb. Du mußt wissen, sagte Björnarne, als die Teller gefüllt waren, daß Ilda eine sittliche Jungfrau ist, die alle Theile der Bibel kennt und von keiner Kirchfahrt zurück bleibt, mag das Wetter noch so bös sein. Und das ist kein Spaß, fuhr er fort, in Winterzeit über den Fjord zwei Meilen zur Kirche fahren im offenen Boot, wenn es stürmt und Eis treibt. Steht die Kirche tief in der inneren Bucht, so verteufelt weit, der Finnen wegen, die auf den Bergen wohnen. Mancher Mann riegelt da seine Thür zu, schürt das Feuer auf dem Herdstein und läßt den Pastor predigen, was er Lust hat. Kommen dafür die Lappen zuweilen von den Fjellen herunter, hören es an und verstehen kein Wort. Gehen so dumm nach Haus, wie sie hergekommen sind. Du bist ein ungerechter Mann, Björnarne, sprach Ilda mißbilligend. – Nuh, rief der Bruder lachend, weiß, was du sagen willst. 21 Ich will dir klar machen, Johann, was Ilda meint. Die hat ihr Christenthum tief im Herzen, das treibt sie, es andern Menschen auch mittheilen zu wollen. Nun haben wir einen Pastor im Lande, Klaus Hornemann heißt er, der hat es sich in den Kopf gesetzt, das heidnische Finnenvolk, die Rennthierhirten und Fjeldlappen, welche auf- und abziehen in der unermeßlichen Wildniß, zu bekehren und zu taufen. Meine Schwester da hilft ihm getreulich bei der harten Arbeit und hat den Vater so lange gebeten, bis er es erlaubte, daß die Tochter eines alten, verwetterten Kerls, der unter seinem Volke etwas gilt und sogar als ein Hexenmeister bekannt ist, in unser Haus kommen durfte. Der alte Afraja hat es ungern genug gethan; schnitt Gesichter, wie ein Wolf in der Schlinge, denn sie haben meist eine so große Abneigung gegen uns, wie das Wasser vor dem Feuer, und es kostete einen guten Theil Tabak, auch Branntwein und harte Drohungen dazu, ehe er die Dirne herabziehen ließ. Jetzt haben wir sie im Hause und Ilda hat sie zahm gemacht, hat sie stricken und lesen gelehrt und ihr allerlei Künste beigebracht. Du wirst sie sehen, Johann Marstrand, es ist eine anstellige Dirne, die eine Sache begreift, und das können sie meist Alle, denn Gott im Himmel hat sie nicht ohne Verstand in die Welt gesetzt. Weil aber diese aus der Art schlägt, und weder faul, noch schmutzig, noch diebisch und verderbt ist, sondern gut und freundlich, daß man sie gern ansieht, meint Ilda, ich höhne mit Unrecht das Volk, das kein Normann anrührt, sondern den Fuß nimmt und es von sich stößt. Wer eines Christen Namen trägt, sagte Ilda, und ihre Augen glänzten hell, indem sie sprach, der soll die Liebe walten lassen, daß er den Menschen, wo er ihn auch finde, als seinen Bruder achte und ihm die Hand reiche. Die Lappen sind keine Menschen, rief Björnarne. Es sind Thiere, schlimmer als Schweine oder Rochen. Schäme dich, Bruder, schäme dich! fiel das große Mädchen ein; was du sprichst, ist ohne Nachdenken gesprochen und das thun meist Alle, die es machen, wie du. – Dennoch aber, fuhr sie fort, und ein leises Lächeln zuckte auf ihren Lippen, meinst du es nicht so böse. Bist du doch mit Gula in die Fjellen hinauf gegangen, hast 22 in der Gamme ihres Vaters gesessen, sein Fleisch gegessen, seine Milch getrunken und hast freundlich mit ihnen geredet. Eine Wolke von Verlegenheit lief über Björnarne's Gesicht. Er zog die Hand darüber hin und rief endlich lachend: Was du nicht Alles weißt und ausplauderst, Schwester Ilda. Als ob man nicht einmal in einer Gamme sitzen und Rennthierfleisch und Milch mit einem Lappen essen könnte, der Heerden von Tausenden zu eigen hat, und obenein eine Art Fürst und Altvater, ein Weiser und Schwarzkünstler unter seinem Volke ist. – Doch während wir hier sitzen, vergeht die Zeit und unserm Gaste scheint aller Hunger vergangen zu sein, er läßt die Suppe kalt werden. Der junge Edelmann hatte den Löffel niedergelegt, denn die süße Suppe und der Salzfisch dazu wollte seinem Geschmack in keiner Weise zusagen. Björnarne lachte laut auf, als er den Ausdruck des Abscheu's bemerkte, der in Marstrand's Gesicht lag. Ihr wißt nicht, was gut schmeckt, Ihr Dänen, sagte er. Das ist ein schönes altnordisches Gericht, wonach Jeder von uns meilenweit geht, wenn er weiß, wo es zu haben ist. Ich beneide ihn nicht und wünsche ihm den vollsten Napf, erwiderte der Junker. Als Däne aber mußt du mich entschuldigen, wenn ich aufhöre. Wer sein Vaterland verläßt und zu einem fremden Volke kommt, um bei ihm zu wohnen, muß Sitte und Gebrauch, Speise und Getränk annehmen, wie er es findet, erwiderte Ilda. Du thust nicht recht, Herr, wenn du unter uns ein Anderer sein willst, als wir selbst. Es lag etwas Strafendes in ihrem Blick, doch ein so muthwilliges, einladendes Lächeln begleitete den Verweis, daß Marstrand, er wußte selbst nicht warum, den Löffel wieder aufnahm und mit erneuerter Herzhaftigkeit sich über das Gericht hermachte, bis endlich sein Teller leer war. Das laute Gelächter der Geschwister, als er sich von dieser Arbeit aufrichtete, wie ein Held, der eine kühne That gethan, erweckte auch seine Lustigkeit. Er stimmte fröhlich mit ein, antwortete auf das spottende Lob und fand, daß die Tochter des Kaufmannes aus den Fjorden ihm viel größeres Vertrauen schenkte, als vorher. 23 Du hast gezeigt, sagte Ilda, daß dir der gute Wille nicht fehlt, es uns gleich zu thun, darum nimm nun auch von Fisch und Fleisch, wie wir es bieten können, damit wir dich mit unserm Tisch aussöhnen. Das Mahl wurde jetzt in viel besserer Stimmung beendet, als es angefangen hatte. Björnarne brachte Gläser aus der Kiste und eine Flasche alten Madeira. Es wurde angestoßen auf das Willkommen im Lande, auf gutes Glück und Gedeihen, auf stete Freundschaft und endlich auch darauf, daß Johann Marstrand sein Haus in der Nähe des Lyngenfjord bauen und als guter Nachbar sein Leben lang, gesegnet und in Frieden, darin wohnen möge. Gib Acht, rief Björnarne, es wird dir gefallen, ehe du es denkst, und hast du einmal diese Felsen und wilden Wasser lieb gewonnen, so kann nichts mehr dich davon losreißen. Ich habe es oft gehört und selbst gesehen, daß Männer zu uns kamen, die im ersten Jahre nahe daran waren, ihrem Leben ein Ende zu machen, weil es ihnen gar zu schrecklich dünkte, hier bleiben zu sollen. Bald aber wurden sie wieder froh, und endlich fanden sie es so schön, daß nichts sie bestimmen konnte, in ihr Vaterland zurückzukehren, obwohl sie Geld und Gut genug dazu besaßen. Marstrand blickte vor sich hin. Er konnte es nicht glauben, daß, wer Geld erworben, nicht eilig aus diesen Wüsten entfliehen sollte. Das ist seltsam, murmelte er, sehr seltsam! Es ist einfach zu erklären und ganz natürlich, erwiderte Ilda. Die Männer, welche kamen, waren fremd und verlassen. Einsamkeit und Entbehrungen bedrückten ihr Gemüth. Nach und nach erwarben sie Freunde, ihr Wohlstand mehrte sich, sie arbeiteten und fanden Frieden und Ruhe in ihrer Familie. In der Welt, aus welcher du kommst, Johann Marstrand, leben die Menschen in mancher Zerstreuung und vielerlei Geselligkeit; bei uns hast du nichts, als dein Haus. Darin mußt du all dein Glück finden, das dir auf Erden gegeben ist. Was sie sagte, war wahr, das fühlte der junge Mann. Nichts, als den engen Kreis des Hauses, ein verborgenes stilles Leben in einer Wildniß, wo Wochen und Monate vergehen, ehe ein fremder Fuß die Schwelle berührt, das war es, was er im besten Falle erreichen konnte, 24 und Ilda sprach es aus mit der Gewißheit und der Kälte eines Propheten, doch in einem Tone, als sei es das Höchste und Schönste, was ein Mensch erreichen könne. Meine Schwester hat wirklich Recht, sagte Björnarne, so ist es bei uns. Wer hieher kommt, muß die Einsamkeit ertragen lernen und alle Sehnsucht aus seinem Herzen reißen. Eine Frau hast du nicht zu Haus gelassen, Johann Marstrand, aber vielleicht eine Braut? Nein, erwiderte der Junker lächelnd. Oder ein Mädchen, das du lieb hast, wie deine Augen? fragte der unermüdliche Normann weiter. Auch das nicht, Björnarne. Die Mädchen bei uns – er schüttelte lächelnd den Kopf – es würde so leicht keine einem Manne folgen, der sie in diese Einöden voll Eis und Fische führen wollte. Als er aufsah, begegnete er Ilda's Augen. Sie waren auf ihn mit dem Ausdruck der Verwunderung gerichtet, aber sie glänzten sanft und freundlich, als wollten sie ihm Trost zusprechen, und mit ihrer tiefen festen Stimme sagte sie: Ich denke, du irrst, Herr. Jungfrauen haben überall Gottes Stimme im Herzen, die ihnen sagt: Folge dem, den du lieb hast, wohin es auch sei auf Erden, wie es in der heiligen Schrift geschrieben steht. Dann, erwiderte er, hat mich wenigstens keine noch so lieb gehabt, daß sie also sagte; überhaupt aber – es mag auch an mir gelegen haben. Mit dem Königsbrief in der Tasche bin ich hergekommen, um das Glück zu suchen. Mag es mir nun erscheinen wie es will, als Walfisch, als Rennthier, als Bauer, der sein armes kleines Feld bestellt, oder als Kaufmann, im tiefsten Dunkel der Fjorde, ich will es fassen und festhalten, und vielleicht gelingt es mir, wie Jungfrau Ilda sagt, mein Haus und meinen Frieden dort zu finden. Als er schwieg, rief Björnarne: Du bist ein tüchtiger Mann, dir wird es von der Hand gehen. Ich denke, dein Haus wird gebaut sein, so bald du willst. Denkst du nicht, Ilda? Wer seines Hauses Frieden gründen will, sagte das große Mädchen, muß die Ruhe dazu in sich tragen; wer aber leichtsinnig ist in Sinnen und Trachten, ist auch wankelmüthig und heut' scheint ihm recht, was er morgen unrecht nennt. Dein Freund, Björnarne, muß 25 erst einig mit sich selbst werden und uns kennen lernen, ehe wir weiter darüber urtheilen. Damit stand sie auf und rief: Da kommt der Vater zurück, ich höre ihn rufen. Sein Boot liegt schon an der Leiter. Und so war es wirklich, denn nach einigen Augenblicken schallten die schweren Tritte des Kaufmannes auf dem Deck und mit einiger Hast arbeitete er sich zwischen den Päcken und Fässern die Kajütentreppe hinunter. Nuh, rief er, als er eintrat, habt leeren Tisch gemacht, während ich fort war; aber trag' wieder auf, Ilda, nehme mit den Resten vorlieb und bring' eine neue Flasche, Björnarne, bin hungrig und durstig vom Geschäft und vom Sprechen. Ist nichts ohne Mühe in der Welt, Herr Marstrand. Er nahm seine Kappe ab, zog einen Sessel an den Tisch und strich sein gelbgraues, langfallendes Haar mit beiden Händen aus dem faltigen Gesicht. – Einige Minuten saß er still, als wolle er erst genau bedenken, was er rede; dann richtete er den Kopf auf und sagte zu Marstrand: Ist also abgemacht der Handel. Zweitausend Vaage guten Fisch haben sie ausgesucht für Euch und trocken gehängt, macht tausend Species baar zu zahlen auf heutigen Tag in der sechsten Abendstunde, dort drüben in Ostvaagöen. Gut, sagte Marstrand, das Geld soll bereit sein. Stoßt an! rief Helgestad freundlich, wird Euch nicht gereuen der Handel. Könnt das Fünf- und Sechsfache damit verdienen, wenn Ihr Glück habt; und wie das erste Geschäft eines Kaufmanns ausfällt, so geht es auch meist mit den folgenden. Glück gibt Muth und Muth Glück! Ein Verzagter kommt zu nichts, ein Mann aber muß sich selbst vertrauen und hier im Lande ist vor allen Dingen nöthig, die Augen vorn oder hinten zu haben, wie's am besten paßt. Der listige Blick, mit dem er sein Glas aufhob und anstieß, gab seiner Lehre die entsprechende Bedeutung, dann begann er ein langes Verhör mit seinem Schützling, aus dem er durch tausend Kreuzfragen mit merkwürdiger Schlauheit Alles was er wissen wollte herauslockte. Er ließ sich den Schenkungsbrief zeigen, las Silbe für Silbe und schien ihn förmlich zu studiren, während er vom Handel erzählte, von Dänemark sprach und von den Verbindungen mit den deutschen Provinzen, die damals von Flensburg aus einen sehr lebhaften Antheil am Verkehr mit 26 Nordland und den Finnmarken besaßen. Alle seine Anmerkungen waren scharf und bestimmt, und zeigten ebensowohl von Kenntniß des Gegenstandes, wie von eigenem Nachdenken über die Verhältnisse der beiden vereinigten Königreiche. Die schlechte Finanzwirthschaft und die auflösende Unordnung der Verwaltung in Kopenhagen, die Verschwendungen des Hofes und die trägen, anmaßenden Beamtenschaaren wurden ebenso wahr, wie schonungslos von dem Kaufmann aus den Fjorden jenseits des Polarkreises kritisirt, der selbst seinen Gast, mit dem er ein Glas nach dem andern lehrte, keineswegs schonte und Vergnügen daran zu finden schien, ihm zu erklären, was er gewesen und was er nun sein müsse. Habt feine Hände mitgebracht, rief er endlich lachend, indem er seine eigenen groben Fäuste ausstreckte, werdet aber die weißen Finger bald verlieren, wenn ihr vorwärts kommen wollt. Nuh, wird sich Alles machen. Seid ein Mann, der wissen muß, daß hier kein Königsschloß steht mit Marmorsäulen und Musikanten darin. Sind die alten Fjellen da unsere Schlösser und Burgen, stehen, so lange die Welt steht. Haben Hallen und Säulen genug, hat sie kein Kaiser und Sultan so groß, und der Sturm macht Musik darin, mehr als gut thut. Ich weiß, sagte Marstrand, daß manche Arbeit mich erwartet, und ich will arbeiten, Herr Helgestad, verlassen Sie sich darauf. Recht, erwiderte der Alte, arbeiten müssen wir Alle. Ein Glück für die Menschheit, wenn's so viele nicht vergessen hätten. Habe gelesen in einem Buche, war ein gutes Buch, ein schnurriges Buch; stand darin, daß kein Mensch geboren werde mit einem Sattel auf dem Rücken und andere mit Sporen an den Füßen, um aufzusteigen und zu reiten; sind aber die meisten dennoch die Lastthiere und fühlen ihr Lebelang Peitsche und Zügel. Nun seht, Herr, werden hier auch geritten und reichen die Zügel und Zäume dreihundert Meilen weit über's Meer, bis in den blauen Oeresund, wo Kopenhagen gebaut ist, hat aber doch nicht die Art so, wie in Eurem Lande, wo feine Sitte gilt, wie man's nennt. Ist hier Alles mehr eins und dasselbe. Hat jeder sein gleiches Recht; gehören die Fische im Meere und die wilden Rennthiere, Bären und Luchse auf dem Gebirge Jedem, der sie fangen will, und sein Leben daran setzen mag. Aber, fiel Marstrand bedeutungsvoll ein, es ist dennoch ein großer 27 Unterschied zwischen dem Kaufmann Helgestad und dem Fischer oder dem Lappen an der Küste. Nuh! rief der Alte mit einem grämlichen Blick auf den Junker, sprecht wild in den Tag hinein, ohne Nachdenken. Ist's nicht so? Lappen sind Thiere, ohne Haus, ohne Heimath; sind, wie die Wüste, sonder Frucht, ohne Nutzen für die Welt; gehören nicht zu ihr, sind unfähig für Handel und Wandel. Können aber dennoch fischen und jagen, eben so gut, wie Quäner und Normann, der freilich meist so faul und betrunken ist, wie sie, und arm bleibt, weil er nicht reich werden will. Müßten Alle verhungern hier, fuhr er fort, wenn der Kaufmann nicht wäre, der das ganze Jahr über borgt und die Fische dafür nimmt, die sie fangen. Armseliges, trauriges Dasein! murmelte Marstrand vor sich hin. Lustiges Dasein, rief Helgestad, ist lustig bei allem Elend und möchte sicher keiner tauschen mit Euren Bauern und unfreiem Volk. Haben das ganze Jahr nichts zu thun als auf den Wellen zu schwimmen. Vertrauen dem Glück und sind freie Leute, die sich aus Voigt und geschwornem Schreiber, sammt dem andern Pack nicht allzuviel machen. Er that einen langen Zug aus dem Glase und sagte dann: Müssen freilich auch ihre Steuern zahlen, darauf versteht sich die Regierung in Kopenhagen, wie keine in der Welt; weiß dem Geringsten sein Kopfgeld abzupressen. Nehmen Hütte und Haus, Kuh und Boot; schicken uns Leute her, die das gelernt haben. Der Fischer aber findet doch immer wieder Arbeit und Credit, Mehl und Branntwein und wenn er nur Branntwein hat, ist er glücklich, ist der frohste Mann in der Welt. Werdet das kennen lernen, Herr Marstrand, ehe ein Jahr umgeht. Und was rathet Ihr mir, Herr Helgestad, in diesem Jahre weiter zu beginnen? fragte der Junker. Will's Euch sagen, wie ich's calculirt habe, erwiderte der Kaufmann vertraulich. Habe mein Haus in Lyngenfjord, das wißt Ihr. Ist eine feine Stelle, Zulauf von allen Seiten. Drei Märkte im Jahr dicht dabei, wo Quäner kommen und Fjeldlappen von den Bergen, auch sonst Verkehr genug mit dem Fischervolk rund umher. Ist aber ein Gewirr von Sunden dort, schießen ein Dutzend wie Strahlen zusammen gegen die Lappmarken hin und liegt manch gesegnetes Plätzchen allda noch wüst und leer. Weiß einen vor allen darunter, wo 28 ein tüchtiger Mann sein Haus aufrichten kann und reichlich Fortkommen finden wird. Und dort soll ich mich ansiedeln? fragte Marstrand. Denke ja, sagte der Alte. Tritt Seyfisch und Syld bis an Eure Thür. Gibt auch verständige Leute nahebei, die man brauchen kann. Könnt nach Tromsöe in einem halben Tage mit Wind und Fluth; ist ein geschütztes, glückliches Paradies. Felsen und Inseln voll Möven, Skarve und Alken, auch Eidervögel und Brütplätze an den Klippen. Gibt einen Federhandel, der Geld bringt. Dabei in den Schluchten Holz genug, mehr als genug – große mächtige Bäume. Er neigte sich zu dem Gaste hin und flüsterte mit einem schlauen Stirnfalten: Denke Ihr versteht's; ist's nicht so? – Holz genug, Herr. Marstrand sah ihn starr an; er begriff den Vorzug nicht recht, aber Helgestad zwinkte die Augen zusammen und fuhr listig fort: Müßt in Tromsöe die Sache rasch abmachen. Voigt Paulsen ist ein Mann, der zu fassen ist, wenn Ihr wollt. Müßt Euren Brief ihm dicht unter seine Nase halten, daß er lesen kann, was darin steht. Wollen das in's Werk setzen, je eher je lieber. Ich soll mir also das Land geben lassen, wo Ihr meint? Denke ja, rief Helgestad ungeduldig. Sollt im Lyngenfjord inzwischen bei mir wohnen, bis Alles klar ist und Ihr eingerichtet seid. Bauen ein Haus und ein Packhaus daneben; kaufen Boote und Fischerzeug sammt einer Yacht für die Bergenfahrten. Müßt Euch selbst holen, was in den Kramladen paßt. – Eine plötzliche dunkle Röthe überzog Marstrand's Gesicht. Einen Kramladen soll ich halten? schrie er halb lachend, halb entsetzt vor dem Gedanken. Einen Kramladen für Lappen und Quäner?! Einen Kramladen, ja, erwiderte Helgestad kaltblütig, oder denkt Ihr etwa als Kammerjunker hier zu leben? Hättet zu Haus bleiben sollen im seidenen Röckchen und rothen Höschen, wenn's Euch besser paßt. Es ist unmöglich! rief der junge Edelmann, die Hände zusammenschlagend. Ich kann's nicht denken. Bleibt mir mit dem Kramladen vom Halse. Müßt ihn dennoch haben, haben ihn Alle; ist nothwendig, wenn Ihr vorwärts wollt, sprach der Alte unerschütterlich. Sind Manche hier, die Euch fünfzig oder hundert tausend Species auf den Tisch 29 zählen können, halten aber dennoch den Kramladen offen. Könnt später mit der Stelle machen, was Ihr wollt; ist theures Gut, das hoch bezahlt wird. Kennt die Sache nicht, werdet es kennen lernen. Aber, wenn ich auch wollte, sagte Marstrand, bauen, kaufen und einrichten kostet Geld, und ich habe keins. Habt einen Freund im Lyngenfjord, fiel der Kaufmann mit Nachdruck ein, soll Euch nichts fehlen, was Ihr braucht. Habe Geld genug und Waaren genug, Euch einzurichten, wie es Noth ist. Nun, in Gottes Namen denn! rief Marstrand mit verzweiflungsvoller Entschlossenheit, ich will thun, was Ihr rathet, weil ich denke, Ihr müßt es am Besten verstehen. Meinetwegen also ein Kramladen, ein Blockhaus, eine Yacht voll Fische und ein Creditbuch. Kein Mensch kann wissen, wozu er Befähigung besitzt und was das Schicksal aus ihm machen kann. Denke, habt Recht, sagte Helgestad, ist ein guter Lehrmeister, das Schicksal, macht klug und verständig, gibt helle Augen und stärkt den Verstand. Seid Ihr ein tüchtiger Mann, wie ich glaube, werdet Ihr das Ding so gut zu wenden wissen, daß Ihr bei keinem Fall aufs Gesicht zu liegen kommt; seid Ihr's nicht, ist es Eure Schuld, wenn Andere die Aepfel essen, die für Euch gebraten waren. Er stand auf und zog eine ungeheuer dicke Uhr aus der Tasche, die an langer Silberkette unter der Weste hervorsah. Ist Zeit, daß wir uns aufmachen, sagte er, kommen gerade noch zurecht in den Gaard von Ostvaagöen das Geschäft abzuthun, ehe der Ball beginnt. Holt Euer Geld hervor, Herr Marstrand, und eilt, oder Björnarne und Ilda sind eher da als wir. Würden um Alles in der Welt keinen Fandango oder Hopser versäumen. Marstrand öffnete seinen Koffer und nahm den Beutel mit dänischen Goldmünzen gefüllt heraus, welcher seine irdische Habe enthielt. Er öffnete die Schnur und überzählte die Stücke, bei deren Klang Helgestad vergnügte und gierige Blicke zu ihm hinsandte, während er in Gedanken mitzählte und die Louisd'ore in Silberspecies berechnete. Nun fort, sagte er, und haltet den Beutel nicht in der Hand fest, sondern verwahrt ihn in Eurer tiefsten Tasche, ehe wir in's Boot steigen. Unglück ist wohlfeil und das Meer gibt nichts zurück, was es hat. Liegt Manches da unten begraben bis zum jüngsten Tage. 30 Der vorsichtige Kaufmann trieb die Besorgniß für seinen jungen Freund fast zu weit, denn er gab ihm auf dem Deck noch eine Ermahnung, nicht zu hastig in's Boot hinabzuspringen, weil er leicht in's Wasser stürzen könne und als er neben ihm in der Jolle saß, erzählte er schreckliche Geschichten von Fischern und Matrosen, die von Schiffen gefallen, unter den Kiel der Fahrzeuge geriethen, oder plötzlich von Grundhaien gefaßt, diesen zur Beute wurden; denn die großen Haie des atlantischen Meeres finden oft ihren Weg bis in die innersten Gewinde der Fjorde und Buchten. Marstrand lachte dazu, aber es that ihm wohl, daß ein so tüchtiger vielgeachteter Mann so lebendigen Antheil an ihm nahm. Er fühlte sich nicht mehr allein in dieser fremden Welt, er hatte Menschen gefunden, die um ihn sorgten. Dieser alte Kaufmann, mit seinem rauhen harten Wesen, hegte eine seltene Zärtlichkeit für ihn und drüben am Tafarell der Yacht lehnten dessen beide Kinder, an deren freundlicher Zuneigung er eben so wenig zweifeln konnte. Während das Boot, von zwei stämmigen Fischern gerudert, dem Lande zueilte und zwischen Klippen und Felsenbänken in der Bucht an manchen Fischplätzen vorüberschoß, nannte Helgestad die Namen der Kaufleute, welchen der Fang gehörte und erzählte von ihren Wohnsitzen, ihrem Vermögen, ihren Familien, Schicksalen und Lebensverhältnissen, daß man wohl sah, er war in Allem bewandert, was auf hundert Stunden auf- und abwärts seit manchem Jahr geschehen war. Er kannte aber nicht allein die Herren, sondern auch die fischenden Leute, von denen er Viele bei Namen rief, ihre Grüße erwiderte, oder muntere Fragen an sie richtete, welche Lust und Lachen erregten. Und Helgestad grinste mit und sagte dann zu dem jungen Edelmann: Nuh, ist die größte Lust hier, ist es nicht so? Denke, werdet dies Jahr lange im Kopf haben und manche harte Stunde darüber vergessen. Ist eine schöne Sache um die Erinnerung an schöne Tage, Herr Marstrand; tröstet den Menschen in der Noth, gibt ihm Hoffnung und sind Alle gleich in der Welt darin. Denkt der Eine dies, der Andere das. Denkt Ihr an Eure Feste in Kopenhagen, an schöne geputzte Damen und Prinzen, der Fischer da an den größten Kabeljau und das gefüllteste Netz; ich an den Nutzen vom Thran in Bergen. Ist Alles einerlei, ist vergnügte Erinnerung! 31 Marstrand lachte laut auf, zur Genugthuung Helgestad's, der seine philosophischen Betrachtungen damit schloß, daß er mit doppelter Stärke rief: Ist eine schöne Sache das, muß aber Jedermann sorgen, daß seine Erinnerungen ihm behagen. Ist's nicht so, Ole Gormson? Denke ja. – Halt ab von den Steinen, Ole. Das Boot flog an den Klippenrand und als Marstrand umblickte, standen drei Normänner dort in ihren langen dunkeln Röcken und breiten Kappen, die das Fahrzeug festhielten und über's Geröll zogen. Eine alte hölzerne Treppe mit zerbrochenen Stufen führte auf die Felsen, wo der Gaard von Ostvaagöen stand. Es war ein Balkenhaus, roth angestrichen mit kleinen Fenstern, einem Dach von Erde und festen Baumstämmen, auf denen zur Sicherheit gegen Stürme, große Steine lagen. Aus dem schmutzigen Vorderraume wand sich ein finsterer schmaler Weg zwischen Fässern, Netzen, Angeln und Fischspeeren in eine Halle, die fast den ganzen innern Raum des Hauses einnahm und als Wohn- und Gaststube dem Besitzer des Gaard von Ostvaagöen zu gleicher Zeit diente. An der Seite stand ein brauner Schrank mit Flaschen, Krügen und Gläsern besetzt; Tische und Bänke waren an der Wand gegenüber aufgestellt, und einige Männer saßen dort mit aufgestämmten Fäusten, markige schwere Gestalten in Lederwämmsern, über die ihre langen Haare fielen. Die bedächtige Klugheit ihres Wesens verleugnete sich nicht, als Helgestad und sein Begleiter eintraten. Ein paar forschende Blicke auf den Fremden, der in ungewohnter Tracht in ihrer Mitte erschien, reichten hin sich zu verständigen; dann schienen sie sich kaum weiter um den Handel zu bekümmern, der dicht bei ihnen besprochen und abgeschlossen wurde, obgleich sie sicher kein Wort verloren und mit leise zuckenden Lippen und Augenzwinken den Vorgang überdachten. Habt hier drei von den besten Männern, sagte Helgestad, nachdem er Marstrand mit den Verkäufern bekannt gemacht hatte. Ist ihr Wort, wie Odin's eisernes Pferd, schlägt die Welt in Stücke, wenn's so sein muß. Also zur Sache. Kauft von Olaf Gödvad achthundert Vaage Fische, von Henrik Nielsen sechshundert, von Gullick Stefenson sechshundert, sind im Ganzen zweitausend, nach meiner Wahl ausgesucht und mir für Euch überwiesen. Schlagt ein, Herr Marstrand, seht her, halten Euch die Hände hin, und jetzt nehmt Euren Beutel, 32 Herr, und zahlt hier auf den Tisch, hat mancher blanke Species schon auf ihm gelegen. Mary, altes Weib am Feuer, schrie er dann mit lustiger Heftigkeit der Frau zu, die am Herdstein in einem Kessel rührte, bring Punsch, heißen Punsch! müssen trinken auf den gedeihlichen Handel. Wird eine kalte Nacht; liegen die Sturmstreifen weiß am Himmel und an Saltens Nadeln. Oder wollt Ihr lieber einen Madeira-Toddy? Bring Madeira-Toddy, Mary, ist besser für Euch zugeschnitten, Herr Marstrand. Habt ein feines Gesicht mitgebracht, schade darum, wenn es roth und braun wird. Unter dem Lachen der Gäste tischte Marstrand sein Geld auf, das vorsichtig nachgezählt und mit scharfen Blicken geprüft wurde, ehe die groben Hände der Fischhändler es zusammenscharrten und in ihre tiefen Taschen verschwinden ließen. Als Marstrand den leeren Beutel einsteckte, kam eine Bangigkeit über ihn, die ihn fast bereuen ließ, was er gethan. Wie, wenn diese unbekannten Männer im Verein ihn um das Wenige betrogen, was er besaß? – Er hatte recht gut bemerkt, wie sie heimlich sich ansahen und mit schlauen Blicken sich verständigten, wie spöttisch die Augen der Zuschauer ihn zu messen schienen. Der alte Helgestad selbst sah so ziemlich aus, wie Einer, der ein weites Gewissen besitzt, und die Art, wie er mit gierigem Schmunzeln den klingenden Goldstücken nachsah, hatte viel von der Freude eines Gauners, dem ein hübscher Streich geglückt ist. Dem dänischen Junker blieb jedoch nicht Zeit, sich diesen trüben Empfindungen hinzugeben, die übrigens auch nichts helfen konnten, denn sein Geld war fort, und er allein im Kreise von Männern, welche gewiß nicht mit sich scherzen ließen. Jetzt kam der Punsch und der Toddy. Kurze, holländische Pfeifen und Tabak wurden auf den Tisch gelegt; man trank ihm zu und schüttelte ihm die Hände, that Fragen an ihn, wie sie die Neugier eingab, und als das Eis des ersten Bekanntwerdens gebrochen war, sammelten sich die Kaufleute und Fischer um den Ankömmling, der aus der dänischen Hauptstadt vieles zu erzählen wußte, was aufmerksam gehört wurde. Die Zeit verging somit rasch genug für Marstrand, der auch seinerseits manches erfuhr, was neu und belehrend für ihn sein mußte. Die Handelsverhältnisse dieses weiten Küstenlandes waren im Wachsen, der Fischverkehr war nie so lebhaft gewesen, daher richtete die dänische 33 Regierung auch ihre vermehrte Aufmerksamkeit auf die Finnmarken und suchte durch Verkäufe von Privilegien, Handelsstellen und nutzbaren Boden ihre Finanzquellen zu vermehren. Nach und nach fand sich eine größere Anzahl Gäste ein, Alle voll Lust über den glücklichen Fang und geneigt ihrer Freude Raum zu geben. Der Wirth von Ostvaagöen und seine Kaufleute hatten genug zu thun, um die Gläser mit Punsch und Toddy wieder zu füllen, welche unablässig geleert wurden; Lärmen und Lachen, Geschrei und Tabaksqualm füllten das große Zimmer und mischten sich mit dem Fisch und Fettgeruch, welchen die Männer vom Wirbel bis zur Zehe aushauchten. Der Abend dunkelte tief und auf den Tischen brannten wohl ein Dutzend rohgezogener Lichter, die auf leere Flaschen gesteckt wurden, allein ihr schwacher Schimmer reichte nicht hin, die Finsterniß zu überwältigen. Die Masse der Händler, Schiffscapitaine, Bootsführer und Gaardsbesitzer drehte sich in der Mitte des Raumes wild durch einander. Von den Inseln und der Küste her waren mehrere Voigte, Sorenskriver und andere Beamte gekommen, ihre Freunde zu sehen oder Geschäfte zu machen. Alle tranken die starken Getränke wie Wasser, Alle lärmten und jubelten, und zwischen den Rauchwolken öffneten sich dann und wann Spalten, durch welche man an den Wänden gereiht, die ernsten starkknochigen Gesichter der Kaufleute aus den Fjorden erblickte, welche langsam ihre Gläser leerten und im Geheimen die Vortheile bedachten, welche sie wohl jetzt noch von dem Einen oder Andern der Anwesenden ziehen könnten. Nach einiger Zeit entstand eine Stockung in diesem Getümmel. Ein sechs Fuß hoher Nordländer sprang in's Zimmer und indem er die zunächst Stehenden rechts und links zurückstieß, schrie er mit markiger Stimme: Platz für die Musik! Hier kommt die Musik! Fort Ihr da in dem grünen Rock, laßt die Musikanten an ihre Stelle. Der junge Herr aus dem Nordland schien zu den Angesehensten zu gehören, denn er trug ein neues blaues Wamms und ein breites buntes Halstuch, aber er faßte Marstrand so unsanft an, daß dieser sich losriß und den Angreifer derb von sich abschüttelte. Der Nordländer kehrte sich jedoch nicht im Geringsten daran, er blickte gleichgültig in das zornige Gesicht des dänischen Junkers. Kannst du nicht hören und nicht sehen, Mann? schrie er ihm zu. Scher' dich fort da, es 34 soll an's Tanzen gehen, oder sind deine Beine am Boden festgewachsen, wie Birkenwurzeln? Weder meine Beine noch meine Arme, sagte Marstrand. Der Nordländer schien sich zu besinnen, ob er recht verstanden habe, dann ballte er langsam seine mächtigen Hände zusammen und sagte mit einem übermüthigen Blick auf seinen Gegner: Willst einen Holmgang mit mir machen, so komm; aber erst pack dich fort da, wenn du Verstand genug dazu in deinem Kopf hast. In diesem Augenblick trat Björnarne mit Ilda und einem anderen jungen Manne herein. Holla, Olaf, mein Junge, rief Björnarne; Friede sei mit dir, Olaf! Ist ein Jahr bald, daß wir uns nicht sahen. Und hier ist meine Schwester Ilda, die dir den ersten Tanz versprochen hat, den zweiten will Paul Petersen haben, so muß ich selbst mit dem dritten vorlieb nehmen. Prächtig, Björnarne, sagte der Nordländer, seine Hand schüttelnd, bist wieder hier, freue mich dich zu sehen, aber – er blickte nach Marstrand hin, der inzwischen zurückgetreten war – habe hier einen Streit abzuthun. Meinst den Mann, der hier stand? fragte Björnarne. Laß gut sein, Olaf. Ist ein Däne; ist ein fremder Mann, der nicht weiß was Brauch ist. Gut, laß den dänischen Affen laufen, rief der Nordländer. Da ist die Musik; gib mir deine Hand, Jungfrau Ilda; Niemand soll sagen, der Ball im Gaard von Ostvaagöen sei von einem andern eröffnet worden, als von Jungfrau Ilda Helgestad und Olaf Veigand. Und mit einem Arm umfaßte er Ilda's Leib, mit dem andern wirbelte er den Ballen der Fischer und Seeleute auseinander und brachte richtig einen freien Raum zu Stande, in welchem sich nun drei oder vier tanzende Paare nach den Klängen der Musik drehten, deren schrillernde Töne von dem Jauchzen der halbberauschten, begeisterten Zuschauer begleitet wurden. Zwei Violinen, eine Trompete und eine Art Pickelflöte bildeten eine Tanzmusik der seltsamsten Art. Die beiden Männer, welche die Saiteninstrumente auf ihren Knieen bearbeiteten, waren ohne Zweifel Künstler aus dem Hardangergebirge, wo die Bauern diese Violinen 35 selbst verfertigen und mit den Fingern und ganz kleinen Bogen zu spielen wissen. Der Trompeter, welcher in langen Stößen zwischen das Geklimper schmetterte, schien ein abgedankter Soldat aus einer Küstenstadt zu sein, der Flötenbläser endlich war offenbar ein Sohn des ausgestoßenen Volks der Wüste, ein Lappe, dessen schief liegende Augen und breit hervortretende Backenknochen das mongolenartige Aeußere seiner Race nicht verläugneten. Die gellenden Töne seiner Pfeife hielten den Takt aufrecht und führten die Melodien der Tänze durch, und um ihn sammelte sich ganz besonders ein Haufe von Zuhörern, die hocherfreut über seine enorme Kunstfertigkeit ihm ihre Zufriedenheit durch kräftige Lobpreisungen und noch kräftigere Gläser voll heißer Getränke zu erkennen gaben. Das war der Ball im Gaard von Ostvaagöen, der bis tief in die Nacht währte und allgemeines Entzücken verbreitete. Die Töchter und Frauen der Kaufleute und Voigte, sammt den Mädchen und Weibern aus der Umgegend waren unermüdliche Tänzerinnen. Sie drehten sich im Zweitritt und in den Reihentänzen nach alter Sitte mit ungeheurer Geschwindigkeit, während die jungen Bursche lebensgefährliche Luftsprünge bis an die Decke des Wirthshauses machten und mit fürchterlicher Gewalt auf die Dielen stampften. Nach und nach ergriff die Lust Alt und Jung. Da war Keiner, der nicht einen Dreher versuchte. Selbst die alten Handelsherren sprangen von ihren Sitzen und suchten sich eine Tänzerin zu verschaffen, sollte es auch die bejahrte Wirthin sein. Es war ein wildes Toben, Marstrand schien der Einzige, der Widerwillen davor empfand. Er lehnte lange in einer Ecke und sah dem Treiben zu, denn Niemand kümmerte sich um ihn. Björnarne tanzte wie besessen und Jungfrau Ilda war von vielen Verehrern begehrt, denn ohne Aufhören wirbelte sie auf dem Platze. Plötzlich aber faßte der alte Helgestad über den Tisch den Arm des Junkers und zog ihn aus dem Winkel hervor. Nuh, sagte er, steht hier wie ein Bild von Stein. Gefällt Euch das Treiben nicht? Kann's mir denken, und will Euch Einen zeigen, dem es auch nicht behagt. Steht dort der Neffe von Voigt Peter Paulsen in Tromsöe, sein Schreiber und Gehülfe; ist ein Mann von Eurem Schnitt, aber Einer, der nicht allen Leuten gefällt. Muß Euch das sagen, Herr, ehe wir gehen, fuhr er fort. Ist eine Art Roche, muß sich Jeder hüten, 36 ihn mit bloßer Hand anzufassen. Könnt ihn aber brauchen, wenn Ihr Euren Brief in Tromsöe vorlegt. Sollt darum seine Bekanntschaft machen, werdet am besten wissen, wie Ihr Euer Fangnetz gebrauchen müßt. Er war bei diesen Worten, indem er Marstrand's Hand festhielt, quer durch das Gemach geschritten, wo in der Nähe der Thür auf einer Bankecke neben einigen andern Personen derselbe junge Mann saß, welcher mit Ilda und Björnarne gekommen war. Er schien im eifrigen Gespräch mit seinem Nachbar zu sein und Helgestad mußte ihn schütteln, ehe er sich umdrehte und sein gelblich bleiches, von Blatternarben arg heimgesuchtes Gesicht auf den Kaufmann richtete. Ein Wald von dunkelrothem Haar stieg von seiner Stirn auf und seine runden, stark hervortretenden Augen blitzten unter langen röthlichen Wimpern hervor. Mit zunehmender Freundlichkeit stand er jedoch auf und reichte Marstrand die Hand, als Helgestad auf diesen deutend sagte: Höre, Paul Petersen, hier ist ein Freund, der dich kennen lernen will. Ist ein Mann aus dem Süden, aus Kopenhagen, wo es dir so gut gefallen hat. Denke also, werdet zusammen passen und gute Freundschaft halten. Ist's nicht so? Herr Marstrand, sagte der junge Mann höflich, ich habe von Ihrer Ankunft gehört und würde Sie schon aufgesucht haben, wenn Freunde mich nicht festgehalten hätten. Sein Sie willkommen im Lande, dessen größte Herrlichkeit, der Fischfang auf den Lofoden, Ihnen hier sogleich entgegentritt. Ich darf nicht fragen, wie er Ihnen gefällt, fuhr er lachend fort. Man muß starke Nerven zu solchen Genüssen mitbringen; wenn es aber wahr ist, daß Sie bei uns bleiben wollen, werden Sie jene bald erhalten und vielleicht nach einigen Jahren mit demselben Vergnügen sich hier umdrehen, wie alle diese guten Leute, die das ganze Jahr über davon zu erzählen wissen und sich auf's nächste Mal schon jetzt freuen. Er warf einen spähenden Blick auf den Kreis der Tänzer und lud den Junker ein, auf der Bank Platz zu nehmen, wo ein Paar Voigte und Sorenskriver saßen, deren nähere Bekanntschaft zu einem langen Gespräch über Kopenhagen und über das Leben und Treiben in der Hauptstadt führte, von der Paul Petersen Manches zu erzählen wußte. Er hatte sich einige Jahre dort aufgehalten, die Rechte 37 studirt, war darauf Praktikant in Christiania gewesen und hatte endlich zur Unterstützung seines Onkels sich nach Tromsöe begeben, wo er, wie es schien, gut gestellt war. Seine lebhaften Erzählungen und seine Freundlichkeit blieben nicht ohne Eindruck auf Marstrand. Hier war endlich ein Mensch, der gebildet sprach, der sich in der Welt umgesehen hatte und dessen überlegener Geist sich in Allem, was er that und sagte, bemerklich machte. – Während Marstrand mit sämmtlichen Voigten und geschworenen Schreibern Punsch und Toddy trinken mußte, empfand er ein wachsendes Gefühl der Zuneigung für den Neffen des Voigts von Tromsöe und endlich konnte er sich nicht enthalten, ihm dafür die Hand zu schütteln und sein Vergnügen auszudrücken, eine so werthvolle Bekanntschaft unverhofft gemacht zu haben. Es kann Ihnen nicht lieber sein wie mir, Herr Marstrand, versetzte Petersen. Erst wenn Sie länger hier sind, werden Sie empfinden, was es heißt, einen Mann kennen lernen, mit dem man von Welt und Menschen reden kann. Und wie haben Sie es ausgehalten, fragte der Junker, sich Jahre lang nur von Stockfisch, Thran, Häringen und Eidergänsen zu unterhalten? Paul Petersen warf einen lächelnden Blick auf seine Nachbarn, welche die sonderbare Frage nicht gehört hatten. Dann sagte er: Ich denke, wir machen uns aus diesem heißen, nach Fett, Tabak und Branntwein riechenden Ballsaal, um einige Minuten draußen frische Luft zu schöpfen. Der Mond steht hell über dem Westfjord und beleuchtet Salten, die Insel und die ganze Küste. Das ist ein herrlicher, wunderbarer Anblick. Ich will Sie auf eine Holmspitze führen, Herr Marstrand, und denke, der kleine Gang wird uns Beiden wohl thun. Als sie draußen standen, war es so, wie der Schreiber gesagt hatte. Nicht zehn Schritte vor der Thür des Hauses spielte das Meer mit seinen stillen Wassern und warf diese leise klingend an die mondbeglänzten Klippen. – Die Fischplätze, wo am Tage so viel Leben geherrscht, lagen jetzt wie todt in der glänzenden Flut. Keine mordgierige Hand stellte den Geschöpfen nach, die unter dieser silbernen Decke auf- und abzogen. Friede war in der Natur, Friede am Himmel und auf Erden, Friede selbst in diesem großen nassen Reich der 38 Tiefe. Eine erhabene heilige Stille herrschte überall und nur in dem kleinen Hause dort lärmten die barbarischen Töne der Trompete und Flöte und das Geschrei und Stampfen der unermüdlichen Menschen. An der Schwelle hielt Paul Petersen seinen neuen Freund fest und zog ihn zu einem der erleuchteten Fenster. – Sie haben mich gefragt, sagte er, was mich bewegt, bei diesen Leuten da zu leben? Ich will es Ihnen sagen. Mich fesselt dasselbe Gelüst an diesen öden Felsenboden, welches Jeden ergreift, der ihn betritt. Sehen Sie den Mann dort in der Ecke? Es ist der Sorenskriver von Steilöe, eine Klippe am Ende der Lofodengruppe, wo er seit zehn Jahren wohnt. Es ist eine Wildniß, öder und schauerlicher ist keine, und der Mann lebte sonst in Christiania und gehört zu einer angesehenen Familie. Aber seine Stelle bringt ihm wohl fünftausend Species jährlich ein, darum bleibt er und scharrt einen Geldhaufen zusammen. Sehen Sie seine Nachbarn, die Voigte von Salten und Hindöen, sie haben doppelt so viel Einkommen, wie die besten Voigtstellen in ganz Norwegen und nun merken Sie sich das, Herr Marstrand: Wer hierher kommt, will Geld gewinnen, will reich werden und Gott weiß es! dieser Trieb muß aus den Fjellen und Gletschern dringen, oder er liegt in Luft und Licht der Finnmarken. Selbst der elende Lappe, der seine Rennthiere in der Wüste treibt, ist davon erfüllt. Er sammelt die Silberspecies, um sie zu vergraben. So thut Jeder, was er kann. Auch Sie, Herr Marstrand, auch Sie werden diesen wunderbaren Trieb empfinden und sind schon davon ergriffen. Bis jetzt verspüre ich noch wenig davon, sagte Marstrand lachend. Oho! rief der Schreiber, ich bestreite es. Sie haben heut erst den Fuß auf Lofoden gesetzt und schon Ihre ganze Baarschaft an ein gewagtes Handelsgeschäft hingeworfen. Sie, ein Mann aus ritterlichem Geschlecht, das gewiß stets mit Verachtung auf den Fischhändler blickte, sind von der Handels- und Speculationswuth angesteckt worden, die in allen diesen Händlern und Kaufleuten wohnt. Darum noch einmal, Herr Marstrand, hier ist Keiner, der nicht reich werden will, der dies nicht auf jede Weise versuchte, und ich sage es Ihnen vorher, Sie werden von derselben Gier getrieben, an diesen Klippen festkleben, wenn Ihnen gelingt, was Sie begonnen haben. Und wie soll es gelingen, Herr Petersen? erwiderte Marstrand. 39 Ich bin hierher gekommen mit der Absicht, mich anzusiedeln, und denke, der Rath des Mannes, der mich zu meiner ersten Speculation aufforderte, war ein guter Rath. Kann sein, versetzte der Schreiber, Niemand kann es wissen. Bei solchen Dingen entscheidet allein das Glück oder der Zufall. Seien Sie aber versichert, fuhr er lächelnd fort, Niels Helgestad thut nichts, wo er seinen Nutzen nicht deutlich vor sich sieht. Welchen Nutzen konnte er davon erwarten? Paul Petersen schwieg, denn beide gingen auf einem schmalen abschüssigen Steig zwischen hohen Klippen hin, die im nächtlichen Dunkel lagen. Plötzlich stand der Schreiber still und sagte: Wenn nun zum Beispiel Niels Helgestad auf seiner Yacht eine Ladung Salz aus Trondhjem erhalten hätte, die er hier theuer an Leute verkaufen könnte, welche zwar Fische, aber kein Geld besitzen, und wenn er nun diesen Männern einen Käufer für zweitausend Vaage Fisch zum guten Preis verschaffte, hierauf aber von ihnen das Geld für sein Salz einstrich, so könnte es doch sein, Herr Marstrand, daß er seinen Nutzen sehr gut erkannte. Hat Ihr Beispiel Wahrheit im Hintergrunde? fragte Marstrand. Ich will es nicht behaupten, Gott bewahr's! antwortete der Schreiber. Aber unter den vielen Schlauköpfen, die wir hier besitzen, ist Niels Helgestad der schlaueste. Er hört, wie seine Freunde sagen, das Gras wachsen, und Niemand hat noch da geerntet, wo er säete. – Sie sind mit Björnarne von Trondhjem gekommen. Das ist ein guter ehrlicher Junge, doch gänzlich abhängig von dem Willen des Alten; das Mädchen dagegen, Jungfrau Ilda, hat viel mehr von ihres Vaters Verstand. Die weiß ihre Vortheile zu berechnen und ist doch dabei so fromm und sittsam, daß sie als Musterbild für alle Mädchen im Lande gilt. Ein Gefühl des Unwillens gegen den Schreiber regte sich in Marstrand. Es scheint, sagte er, als theilten Sie diese Ansicht nicht. Ich? fragte sein Begleiter lachend. Kann sein, daß ich anders denke, wie Viele, und die Dinge in meiner Weise betrachte; aber es ist ein gescheidtes und verständiges Mädchen, kalt, klug und stolz. – Es kann sich Keiner von ihr einer Gunst rühmen, wie Viele sich auch 40 darum beworben haben. Freilich ist Jungfrau Ilda auch ein kostbares Ziel, denn Niels Helgestad wird auf weit mehr als Hundert Tausend Species geschätzt. Stand, Rang und Titel verlacht man hier, Herr Marstrand, man liebt dafür die blanken Thaler, die Yachten und Handelsstellen. Ich habe gehört, Sie wollen mit Helgestad in den Lyngenfjord fahren? Er hat mich dazu eingeladen, erwiderte der Junker. Haben Sie schon einen Plan für Ihre Zukunft gemacht? fragte sein Freund. Marstrand dachte an Helgestad's Warnung. Bis jetzt weiß ich nichts Bestimmtes darüber, antwortete er. So kommen Sie nach Tromsöe, sagte Petersen. Was ich thun kann, um Ihnen nützlich zu sein, soll mir Freude machen. Ich gelte etwas bei meinem Onkel, der vielleicht den richtigen Weg weiß, für Sie zu sorgen. Eine Handelsstelle kaufen, fuhr er fort, wäre das Beste, aber die Stellen sind theuer und neue können nicht vergeben werden, ohne den bestimmtesten Befehl der Regierung. Der Kramhandel in den Fjorden, der Fisch- und Federhandel bringen Geld, wenn die Speculationen glücken, doch muß man Geschick dazu besitzen und oft vergehen mehrere Jahre, ehe es zu etwas Rechtem kommt. Lassen Sie sich in Tromsöe nieder, die Regierung will einen Handelsplatz daraus machen. Legen Sie eine Thranbrennerei an, oder treiben Sie Commissionsgeschäfte, vielleicht gelingt es Ihnen mit der Zeit, Geld zu erwerben, dann können Sie aus diesem Lande der Stockfische und Häringe entfliehen und nach dem schönen Kopenhagen zurückkehren, was ich Ihnen so bald als möglich wünsche. Marstrand schwieg, denn eben jetzt traten sie zwischen den Klippen hervor und standen nun am Rande der Bucht, dicht am Westfjord. Vor ihnen schaukelten sich die Handelsschiffe schwarz und gewaltig in den leise rollenden Wogen. Der Mond stand über den spitzen Felsennadeln von Salten und beleuchtete die Kette dieser wilden Gebirge sammt ihren blinkenden Eisrücken und Schneefeldern. Dies ungeheure Panorama von Land zu Meer, eingewiegt von Nacht und Schatten, und doch aufgethan vor den Blicken der Lebendigen im geisterhaft zitternden Glanze, lag unbeweglich und undurchdringlich vor ihnen. Die Stille des Todes hatte sich darüber gelagert und nur 41 von Zeit zu Zeit sprang eine Welle an einer tiefen Klippe im Meere auf und verspritzte in Schaum und Gischt, oder von den jähen Wänden des Gebirges brach ein Stein polternd herab und mit dumpfem Stöhnen fuhr ein Windstoß durch die Spitzen des Greises von Vaagöen und wimmerte leise in dem Takelwerk der Yachten und Briggs. Nach einem langen Schweigen sagte Paul Petersen: Es soll in der ganzen Welt nichts Wilderhabeneres geben, als diesen Westfjord und die Lofoden, diesen schrecklichen Kreis von Klippen, Gletschern, schwarzen Felsen und Meer. Aber ich habe es oft gesehen, Herr Marstrand, und auch Sie werden den Anblick vielleicht öfter genießen, als Ihnen lieb ist. Lassen Sie uns umkehren. Der dänische Junker beachtete diese Mahnung nicht. Er setzte sich auf einen Felsblock und schlug die Arme über seiner Brust zusammen. Wollen Sie hier bleiben? fragte der Schreiber. Ja, lassen Sie mich allein. Gut, sagte Petersen, aber gleiten Sie nicht aus und vergessen Sie über das Philosophiren nicht die Wirklichkeit. Dicht an diesem Felsen ist das Meer vier hundert Fuß tief. Und nun noch einen Rath, Herr Marstrand. Hüten Sie sich vor allen Grübeleien. Hier zu Lande muß Jeder die Augen aufmachen, von poetischen Träumen weiß man nichts. Der zackige Felsen dort ist ein Stein, die Gletscher da oben kaltes Eis und das Meer Salzwasser, in welchem der nützliche Kabeljau schwimmt. Er betrachtete den Junker, dessen Gesicht der Mond beschien und fuhr lächelnd fort: Kommen Sie bald nach, nehmen Sie ein heißes Glas Toddy und tanzen Sie einen nordischen Fandango mit Jungfrau Ilda; der Beifall wird nicht ausbleiben. Bei Gott! ich glaube, daß er Recht hat, rief Marstrand, als er allein war. Hier steht Jeder auf seinen eigenen Beinen und nur ein Thor kann glauben, ein Anderer würde ihm die seinen leihen. Es ist kein Zweifel, daß der alte Helgestad mein Geld kaperte, um sein Salz loszuwerden und nicht das geringste Gewissensdrücken wird er fühlen, wenn ich bis auf den letzten Heller ausgeschält werde. Vorwärts also und die Augen aufgethan. Ich will es ihnen so schwer machen, wie ich kann, und dieser Narr von Schreiber, der mich für einen Nebenbuhler hält, welcher im Stande wäre, den verwegenen Gedanken zu hegen, Jungfrau Ilda's eisernes Herz zu erweichen – Er brach ab, 42 lachte vor sich hin und starrte in die flatternden Wolken, welche sich von Saltens Felsen ablösten und in weißen Dunstgebilden dem Süden zuschwammen. Ich wollte, rief er dann laut, ich könnte euch begleiten, und doch ist mir so, als müßte ich bleiben. Als hätte der schlaue Bursche auch darin Recht; ich könnte schon nicht mehr fort von diesem verzauberten Boden, wo man lebt und liebt mit der gierigen Lust nach Geld und Gut, um es zwischen öden Klippen aufzuhäufen! Jetzt hörte er ein Rauschen hinter sich und als er aufblickte, stand Jungfrau Ilda dicht bei ihm. Ich habe dich aufgesucht, Johann Marstrand, sagte sie, weil Paul Petersen mir erzählte, du säßest hier an der Klippe, sprächst mit dem Mond und riefst die alten Nornen an, mit ihren Zaubergesängen den Kummer von deinem Herzen zu scheuchen. Paul Petersen ist ein Narr, erwiederte Marstrand, und eine dunkle Gluth trat in sein Gesicht. Er ist kein Narr, fuhr Ilda fort, er weiß genau was er thut; aber du mußt ihm nicht Gelegenheit geben, über dich zu spotten. Immerhin, erwiderte Marstrand, mag er spotten, spotte ich doch selbst über mich. Sie trat ihm näher und sah ihm ernsthaft in die Augen. Der Mond erhellte ihre klaren, festen Züge, und leise schüttelte sie den Kopf, als sie im strafenden Tone erwiderte: Das darfst du nicht. Wer über sich selbst spottet, muß sehr leichtsinnig, oder sehr unglücklich sein. Du bist Beides nicht. Und wenn ich es wäre, Jungfrau Ilda? Die Männer aus dem Süden sollen flüchtigen Sinnes sein, erwiderte sie lächelnd, doch du hast etwas in deinen Augen, was dagegen spricht. Unglücklich bist du nicht, denn du bist ein Mann, der die schwere Bürde des Lebens zu tragen weiß. Du willst eine neue Heimath gewinnen, dazu gehört Muth und Männerstärke. Morgen fahren wir in den Lyngenfjord, du wirst sehen, es ist schön bei uns. Wir wollen Alle sorgen, daß es dir gefällt. Auch du willst sorgen? fragte Marstrand, ihr die Hand reichend. Ob ich will? erwiederte sie zutraulich, gewiß will ich es. Sie standen sich gegenüber. Dankbar blickte er in ihr Gesicht, das der Mond hell beleuchtete. Du mußt mich jetzt begleiten, sagte 43 Ilda. Sei froh mit uns. Ich fordre dich zum Tanz auf, du wirst es mir nicht abschlagen. Gewiß nicht! So komm, sagte sie, man hat dich schon vermißt. Er ging mit ihr, und der Ball in Ostvaagöen hatte bald einen Tänzer mehr. 3. Am zweiten Morgen nach diesem Feste hob die schöne Ilda von Oerenäes ihre Anker und steuerte durch den Sund von Hindöen dem Norden zu. Den ganzen Tag über hatte Niels Helgestad seine Geschäfte abgethan und war damit zu spät fertig geworden, um noch die Fluth brauchen zu können. Er hatte sein Salz verhandelt, seine Yacht mit großen Tonnen voll Leberthran und Fischköpfen vollgestopft, dann hatte er seine Fischgerüste besichtigt, hatte Marstrand's Vorräthe ihrem Eigenthümer überwiesen, dem er dabei manchen guten Rath ertheilte und seine Erfahrung uneigennützig zum Besten gab, bis endlich am Abend Alles zur Einschiffung bereit war, und in der ersten Frühe des jungen Tages die Yacht ihr ungeheures Segel aufspannen konnte. Björnarne blieb mit den Booten und Fischgeräthen zurück, die er auf der zweiten Yacht seines Vaters nach Haus führen sollte. Als Marstrand das Deck betrat, lagen die Lofoden schon in weiter Ferne hinter einer Wand düsterer Nebel, aus dem die Spitze der Felsenmütze des Greises von Ostvaagöen hervorragte. Alles kam ihm fast wie ein Traum vor. Er konnte sich nur mit Mühe einbilden, daß dort hinter den Klippen seine Stockfische auf den Gerüsten schwankten; als aber ein wildes Schneegewirbel losbrach und Meer und Land in Schrecken einhüllte, fühlte er alle Besorgnisse eines Eigenthümers und die Angst um den Besitz trieb ihn nachdenkend das Deck auf und ab. Nuh, rief der alte Helgestad wohlgefällig, als er endlich auch heraufstieg und Marstrand betrachtete, der einen Rock von Leder mit grünem Fries gefüttert und eine gewaltige Mütze von Rennthierfell, nach Sitte der Handelsherrn, auf Ilda's Antrieb in Ostvaagöen gekauft hatte, seht jetzt aus wie ein anständiger Mann, Herr; ist wohlgethan, was Ihr thut. Habt die Tracht abgelegt, die nicht hierher paßt, mögt sie im Kasten aufheben, zur Erinnerung für Eure Kinder. 44 Schnee und Sturm werden arge Wirthschaft treiben auf den Lofoden, Herr Helgestad, sagte Marstrand dagegen. Faßt Euch die Sorge schon? versetzte der alte Kaufmann lachend. Ist ein wacker Zeichen, werdet Euer Gut im Auge behalten; ist jedoch keine Noth darum. Kommen bis zum Juni hin Schneestürme und wilde Wetter, hängen jedoch Eure Fische so sicher, wie in Abrahams Schoos. Und fürchtet Ihr nicht, daß fremde Hände sie fortnehmen oder vertauschen? Wer soll sie nehmen? rief Helgestad ungeduldig. Weiß Jeder hier was sein ist; haben in Nordland keine Furcht vor Dieben und Räubern, wäre die größte Schande und Schmach, die ein Mann sich anthun könnte. So beruhigt konnte Marstrand um so friedlicher den Tag und noch drei andere verleben, wo er am Bord der Yacht durch die Sunde und Fjorde schwamm, bis endlich das schwere Schiff mit Strömung und Wind durch die Straße von Tromsöe schoß, wo bald die Kirche, umringt von einer kleinen Zahl roth angestrichener Block- und Holzhäuser, welche einen Anhang von Erdhütten hatten, vor den Blicken der Reisenden erschien. Wollen unserer Hauptstadt nicht vorüberfahren, ohne Voigt Peter Paulsen Euren Brief unter die Nase zu halten, sagte Helgestad, denn unter uns gesagt, meine, es wird das Beste sein, wenn wir die Registrirung gleich auf der Stelle abmachen können, ehe Paul Petersen wieder in seines Onkels Haus ist. Er kniff die Augen schlau zusammen, und fuhr dann fort: Ist ein feiner Besuch, Herr, und Voigt Paulsen ein Mann, der ein sauber Kleid zu achten weiß. Zieht also Euren besten Rock an und steckt das Ding an die Seite, das Ihr da unten zu stehen habt. Könnt später einen hübschen Fischspeer daraus machen lassen. Halt zu Land, Niels! rief er mit seiner gewaltigen Stimme dem Mann am Steuer zu, und macht schnell, Herr, dürfen keine Zeit verlieren. Als Marstrand das goldbetreßte Kleid eines königlichen Gardelieutenants angelegt und den Degen an der Seite, den Federhut in der Hand, wieder in die große Kajüte trat, saß Jungfrau Ilda auf der Bank am Herde das Essen behütend und zu gleicher Zeit an dem Pelzmantel Ihres Vaters nähend. Ihre vier Wollröcke bildeten einen 45 weiten Kreis um sie. Den Kopf tief niedergebeugt auf die Arbeit, hielten ihre großen Finger die Nadel, mit der sie emsig wirthschaftete. Plötzlich hob sie das Gesicht auf und ein Blick des Erstaunens lief über Marstrand's Gestalt; aber es war ein kalter, widerwilliger Blick, der den dänischen Herrn verletzte. Er hatte Ilda in diesen Tagen oft gesehen und viel mit ihr gesprochen, ohne ihr doch im Geringsten näher zu treten, als beim Beginn ihrer Bekanntschaft. Der Ernst ihres Wesens, dessen Zurückgezogenheit unveränderlich blieb, bildete die Grenze des Vertrauens zwischen Beide. Einsilbige Antworten erfolgten auf alle seine Fragen, seine Erzählungen hörte sie ruhig an, ohne viel zu erwiedern, und nur zuweilen, wenn Marstrand sich seinen Gedanken überließ, glaubte er zu bemerken, daß Ilda ihn theilnehmender betrachtete. Bei Gott! sagte er vor sich hin, wenn er stundenlang auf dem Verdeck umherlief, es ist unheimlich in der Nähe dieser eisigen Jungfrau. Wenn Schweigen die Zierde der Frauen ist, wie die alten Griechen es schon behaupteten, so könnte diese als Ideal gelten. Sie rührt kein Auge, bewegt keinen Zug ihres Gesichts, und doch ist sie verständig. Wenn sie spricht, liegt etwas darin, was mich erregt, allein im nächsten Augenblick wird meine Abneigung um so größer. Als er jetzt in seinem rothen blitzenden Kleide vor ihr stand, hatte eine geheime Stimme der Eitelkeit ihm zugeflüstert, es müsse seine stattliche Gestalt und Tracht Eindruck auf sie machen. Er wußte nicht recht, weßhalb er ihr gefallen wollte, und fühlte nun einen inneren Aerger, als er sie so gleichgültig sitzen, ihn anstarren und nach einem Augenblick von Neuem mit ihrer Arbeit beschäftigt sah. Marstrand ging stumm an ihr vorüber der Thür zu. Als er sie öffnete, blickte das Mädchen auf. Lebe wohl, Jungfrau Ilda, sagte er. Du gehst nach Tromsöe? fragte sie. Ich will dem Voigt meinen Schenkungsbrief vorzeigen. Es kann sein, daß ich bei ihm bleiben muß. So lebe wohl, Herr. Gottes Friede begleite dich. Marstrand sprang die Treppe hinauf, empört über diesen Abschied und mit allem guten Willen in Tromsöe zu bleiben. Oben stand Helgestad, ihn erwartend, in seinen Lederkragen eingewickelt, und 46 machte ein grinsendes Gesicht, als er den Junker beschielte. Nuh, rief er, St. Olaf behüte uns! Seht aus, wie ein abgekochter Hummer, möchte den Anblick um vieles Geld nicht immer haben; weiß nicht, wie es der König aushalten kann. Werdet aber auch froh sein, wenn Ihr die närrische Tressenjacke wieder vom Leibe habt, fuhr er dann fort, wollen daher so schnell wie möglich mit Voigt Jansen abrechnen. Müßt jedoch einen Kragen umnehmen, laufen uns sonst die Jungen nach, denken, hat Niels Helgestad einen wilden Menschen in der Wüste gefangen und will ihn sehen lassen. Ist's nicht so? Er lachte herzlich über seinen Witz und stieg in das Boot hinunter, während die Yacht langsam ihre Segel reffte und dicht unter Land ihren Anker fallen ließ. Marstrand folgte ihm und mit schnellen Ruderschlägen flog das Boot einer Ufertreppe zu, an der ein Haufe Arbeiter, Fischer und Zollbeamte sich gesammelt hatten. Helgestad war wohl bekannt in diesem damals letzten Handelsemporium Europas. Seine Yacht war die erste, welche von den Fischplätzen zurückkehrte, und mit Freudengeschrei wurde er empfangen. Man drängte sich um ihn, fragte, ließ sich erzählen, und drückte das Vergnügen über die guten Nachrichten durch ein dreifaches Hurrah aus, in welches Lappen, Quäner und Normänner einstimmten. Dann begleitete der ganze Schwarm den Kaufmann, der seinen Gefährten am Arm nahm, und ihn durch die Schlucht der Packhäuser und Hütten fortführte, bis wo ein Halbkreis von Häusern bessern Ansehens stand, von denen eines das Haus des Voigts war. Damals besaß Tromsöe nicht, wie jetzt, Stadtrechte, aber es war doch der erste Ladeplatz und Stapelplatz der Finnmarken, obwohl kaum 600 Menschen dort wohnten. Die Finnmarken hatten auch keinen Amtmann, sondern der Voigt von Tromsöe war die erste Magistratsperson, welche von den Lofoden bis zum Nordkap das ganze Küstenland auf hundert Meilen beaufsichtigte, die Lappenhorden in Tribut hielt, den Quänern oder Finnländern, welche vom bottnischen Meerbusen hinüberwanderten und sich ansäßig machten, die Erlaubniß dazu ertheilte, und ihnen Wohnplätze anwies, zugleich aber auch die Handelsleute in den Fjorden überwachte und überall Polizei und höchste Gerechtigkeit handhabte. Der Voigt von Tromsöe war daher der Gouverneur des Königs, Statthalter und Oberrichter, eine wichtige einflußreiche Person, 47 deren Dienste nicht sowohl durch ein bedeutendes Gehalt, wie durch bedeutende Nebeneinkünfte aller Art belohnt wurden, und dessen Gunst häufig nur durch große Geschenke zu erlangen war. Jetzt laßt mich machen, murmelte Helgestad mit einem schlauen Blick, indem er Marstrand die Stufen hinaufschob, welche zu dem hölzernen Palaste des Voigts führten. Trifft sich alles gut so, wird wenig Umstände machen. Denke ja; ist's nicht so? Bei diesen Worten öffnete er die Thür und trat durch den Vorflur in das Wohnzimmer, indem er es seinem Begleiter überließ, ihm zu folgen. Marstrand blieb an der Thürschwelle stehen und überblickte das große wüst aussehende Gemach, dessen hölzerne Wände mit dunkelrother Oelfarbe bestrichen waren. Eine Anzahl mächtiger Stühle von nordischem, festen Birkenholz standen um einen Tisch voll Gläser und Flaschen und hinter diesen saßen zwei Männer, von denen der eine im dunklen Gewande, das faltige ehrwürdige Gesicht von glänzend weißem Haar umflossen, ein Geistlicher zu sein schien. Der Andere, welcher einen Pelzrock von Wolfsfell trug, war ohne Zweifel der hohe Beamte, welcher die Finnmarken regierte. Seine trotzigen grauen Augen, blickten unter einer niedern Stirn hervor, und aus der kupfrigen Röthe auf Nase und Wangen hätte man schließen können, daß das dampfende Punschglas, welches vor ihm stand, im Laufe der Jahre jene Färbungen bewirkt hatte. Als Helgestad die Thüre öffnete, blickte der Voigt auf. Seid Ihr's, Niels Helgestad? rief er mit lauter harter Stimme. Seid willkommen, Niels! Kommt von Lofoden. Ist ein glückliches Jahr, das Euch blankes Geld bringen wird. Will's Gott, ja, erwiederte der Kaufmann, die Hand des Voigts schüttelnd. Habt meinen Neffen gesehen, Niels? fuhr dieser fort. Freilich, Voigt, und hat meine Ilda mit ihm getanzt bis an den lichten Morgen. Ist ein schneller Bursch, erlebt Freude an ihm, Voigt, fuhr er fort. Wüßte nicht, wen ich lieber hätte. Setzt Euch nieder, Freund Niels, rief der Voigt. Nehmt ein Glas Punsch und versucht meinen holländischen Knaster. Denke, habt mit dem Pfarrer da schon Versuche genug angestellt 48 erwiederte Helgestad. Ist das ganze Haus voll Rauch, kann den ehrwürdigen Herrn kaum erkennen. Nein, nein! sagte der Voigt lachend. Klaus Hornemann will von dem duftigen Gewächs nichts wissen. Er ist überhaupt ganz anders, wie unsere Pfarrer sonst sind, die ein gefülltes Glas nicht stehen lassen. Kennt ihn ja, Niels. Aber wen habt Ihr da mitgebracht? fragte er abbrechend, indem er Marstrand bemerkte. – Ist ein dänischer Herr, Voigt, erwiederte der Kaufmann, der im Lande Geschäfte hat. Brachte ihn von den Lofoden mit, hat dort mit Eurem Neffen Freundschaft geschlossen und will nun des Onkels Haus nicht vorbeigehen. Seien Sie willkommen im Hause, sagte der Voigt, der, als er in seinem Besuch einen Offizier erkannte und aus dem weitern Verlauf des Gesprächs erfuhr, daß ein Kammerjunker des Königs und Mitglied eines altadeligen Geschlechts darin steckte, sich sichtlich geschmeichelt fühlte. Mit nordischer Gastfreundschaft nöthigte er zu Speise und Trank, doch seine Freundlichkeit nahm merklich ab, als Helgestad sagte: Denke, werdet den Herrn oft sehen, Voigt, und ein heißes Glas mit ihm trinken. Will im Lande bleiben, und hat einen Königsbrief dazu mitgebracht. Nuh! wünscht ihm Glück bei der Sache; ist's nicht so? Der Voigt maß den jungen Herrn mit einem mißtrauischen Blick. Bei Gott! rief er dann, hätte nicht geglaubt, daß es da hinaus wollte. Ist ein schweres Unternehmen für weiße Hände. Haben Sie einen Plan, Herr Marstrand, wie Sie das Ding beginnen wallen? Der Junker sah seinen Beschützer an, der eine, leise verneinende Bewegung machte. Ich habe keinen Plan, Herr Voigt, erwiederte er, und bin ganz unbekannt mit den Verhältnissen. Ein gieriger forschender Blick des hohen Beamten flog über ihn hin. Wo haben Sie den Schenkungsbrief? fragte er. Hier ist die Urkunde, erwiederte Marstrand, indem er sie hervorzog. »Soll sich nach seinem Willen das Land aussuchen, wo es ihm behagt,« murmelte der Voigt lesend, »auch Handelsstellen darauf anlegen, Mühlen errichten, und Fischerei und Handel treiben dürfen« – Was die Herren in Kopenhagen nicht Alles verschenken und vergeben, 49 schrie er dann auflachend – Ist aber sehr allgemein gehalten, dieser Schenkungsbrief. Er blickte Marstrand von Neuem forschend an. Hat mein Neffe Paul ihn auch gelesen? Freilich hat er, erwiderte Helgestad an Marstrand's Stelle, hat ihn zweimal gelesen. Und was hat er gesagt? fuhr der Voigt fort. Er hat mich ersucht, ihn in Tromsöe zu besuchen und Ihren Rath zu hören, versetzte Marstrand ungeduldig. Herzlich gern, Herr Marstrand, sagte der Voigt, wir wollen es reiflich überlegen, ich will dazu nach besten Kräften helfen. Es gibt jedoch der Schenkungsbriefe viele, auch haben wir Gesetze und Vorschriften, die beobachtet werden müssen. Heut zu Tage will Jeder sein Recht behaupten, sogar die Lappen machen Ansprüche darauf. Denkt Euch, Helgestad, fuhr er fort, kommt eben deßwegen Pastor Hornemann nach Tromsöe. Führt Klage, daß das Volk mißhandelt werde von Kaufleuten und Gerichtsboten; daß man ihm seine alten Weideplätze nehme, es obendrein beraube, ungerechte Steuern erhebe, es pfände, plündere, verspotte, quäle und seine Rechte mit Füßen trete. Ich habe schweren Aerger genug mit anderen Leuten, um mich mit solchem Unkraut einzulassen, das widerspenstig und tückisch alle Obrigkeit, Sitte und Ordnung verachtet. Sie thun den armen geplagten Menschen Unrecht, erwiderte der Geistliche mit sanfter Stimme. Gott hat sie geschaffen, wie er uns schuf und wenn wir höher stehen in Bildung und Sitte, ist es doppelte Pflicht, ihnen zu helfen. Unsere heilige Religion befiehlt mir, um Menschenliebe und Gerechtigkeit für sie zu bitten. Thut für Christen, was Ihr wollt, Herr, schrie der Voigt, bekehrt auch meinetwegen diese Rennthiertreiber, daß sie nicht mehr in den Gebirgen zu Jubinal und Pekel beten, aber macht Euch nicht zum Abgesandten des alten Schurken Afraja, der ein so verschmitzter Hallunke ist, wie je einer auf Rennthiersohlen ging. Es gibt keine größere Plage für die Finnmarken, als diese verderbte, von allen Lastern befleckte Race. Diese letzten Worte richtete Herr Paulsen an Marstrand, der unmuthig über seine harten Aeußerungen gegen den Geistlichen, den er hochzuschätzen begann, im ernsten Tone erwiderte: Es sind Unterthanen des Königs, Herr Voigt, sicher aber liegt es in den Absichten 50 Seiner Majestät, daß selbst dem Geringsten kein Unrecht geschehe, sei er Christ oder Heide, heiße er Däne, Normann oder Lappe. Der Voigt sah dem Sprecher erstaunt und finster in's Gesicht und seine Augen erhielten einen rachsüchtigen, spöttischen Ausdruck. Habe ein Wort mit Euch zu reden, Voigt, rief Niels Helgestad dazwischen und mit der einen Hand ergriff er den Arm des gestrengen Herrn, mit der andern nahm er den Schenkungsbrief vom Tisch und führte Paulsen in die fernste Ecke an ein Fenster, wo er ein flüsterndes Gespräch mit ihm begann. Wenige vereinzelte Worte drangen zu Marstrand herüber, der jedoch nicht zweifeln konnte, daß Helgestad bemüht war, den Voigt zur Anerkennung der Schenkungsakte, zu ihrer Registrirung und zur Ausstellung der Erlaubniß zu bewegen, daß er sich das Land, was er zu haben wünsche, auswählen möge. Welche Gründe er dafür geltend machte, blieb ihm verborgen, aber daß sein Beschützer keinerlei Ueberredungen sparte und dennoch schwer durchzudringen vermochte, ergab sich aus dem langen Widerstande des Beamten, der durchaus nicht geneigt schien, darauf einzugehen. Endlich aber mußte Helgestad dennoch durchdringen. Er streckte seine mächtige Hand aus, in welche der Voigt einschlug und sagte halblaut: Denke, Ihr kennt mich, Voigt, nehm's auf mich, bürge dafür. Gut, Niels, sagte der Voigt, will's dem Herrn zu Gefallen thun, wenn es auch Pflicht wäre, vorsichtig zu sein. Müßte vor allen Dingen meinen Neffen Paul abwarten, der die Sache versteht. Kommt herein in meine Schreibstube, wollen es auf der Stelle abmachen. Beide entfernten sich, und als sie fort waren, drückte der Geistliche Marstrand's Hand. Haben Sie Dank für Ihr mildes Wort, sagte er; es thut meinem Herzen wohl, einen Mann kennen zu lernen, der für den Unterdrückten seine Stimme erhebt. Möchte es mehr sein, als was ein Wort thun kann, erwiderte der Junker, denn ich fürchte, daß Niemand hier den Willen hat, Ihren edlen Eifer zu unterstützen. Sie haben Recht, mein junger Freund, sprach der Geistliche seufzend. Leider gibt es nur wenige Menschen in diesem Lande, die nicht Fluch und Verachtung für den unglücklichen Volksstamm hätten, der verlassen und verwildert unter uns wohnt; aber es gibt doch noch 51 einige gute Seelen, denen der Himmel Liebe und Erbarmen in's Herz gelegt hat. – Sie werden unter uns leben; versprechen Sie mir, immer ein Beschützer und Vermittler zwischen den Verfolgten und ihren Verfolgern zu sein. Ich verspreche es gern, sagte Marstrand, denn ich hasse das Unrecht. Und ich, fiel der Pfarrer lächelnd ein, mühe mich seit vierzig Jahren, um auf diesem harten Felsenboden das Gefühl des Rechts und der Christenliebe aufzuwecken. Da der Voigt von Tromsöe selbst so wenig Sinn für Gerechtigkeit hat, kann diese nicht auf den Schutz seiner Untergebenen hoffen, erwiderte der junge Mann. Still, still! flüsterte Klaus Hornemann begütigend, wir wollen nicht mit den Schwächen der Menschen rechten. Nichts ist schwerer, als der Kampf gegen die Vorurtheile der Zeit, und gibt es denn nicht der Ausgestoßenen Viele auf Erden? Leiden nicht Millionen Wesen bitteres Unrecht? Ach! verblutete nicht der Gerechteste und Reinste aller Sterblichen sein Leben am Kreuz? Die Zeit wird kommen, wo die Menschen besser werden, wo es ihnen Ernst wird um Wahrheit und Licht. Wir müssen streben, sie dahin zu leiten, das ist unsere Aufgabe. Hier wurde das Gespräch unterbrochen, denn der Voigt und Helgestad traten wieder herein, und so höflich er konnte, trat Herr Paulsen auf Marstrand zu, dem er die Schenkungsakte und ein besiegeltes Papier einhändigte. Ich habe die Richtigkeit Ihres Begehrens anerkannt, Herr Marstrand, sagte er, und den Brief Seiner Majestät in die Register eingetragen. Es ist Ihnen die Erlaubniß ertheilt, drüben im Lande, wo Sie wollen, das Land auszuwählen nach Ihrem Belieben; so bald es geschehen ist, soll die Besitzakte Ihnen zugestellt werden. – Somit viel Glück, Herr Baron, ich glaube es Ihnen wünschen zu können. Brauchen Sie guten Rath, so kommen Sie nach Tromsöe. Sie sind jedoch in den besten Händen. Niels Helgestad wird's thun, ohne mich, Sie konnten sicherlich keinen klügeren Mann finden. Sein Blick glitt von Marstrand auf den alten Kaufmann, der schweigend seinen Hut nahm und zugleich das volle Glas ergriff. 52 Stoßt an, Voigt! rief er. Ein Schiff im Sturm weiß nicht, ob es den Hafen findet, soll aber Jeder die Augen offen halten vor Klippen und Bänken, und nun laßt uns trinken darauf, daß alle unsere Wünsche sich erfüllen mögen. Recht, Niels, schrie Paulsen herzlich lachend, alle unsere Wünsche sollen sich erfüllen! Wollt also nicht bei mir bleiben? Nein, Voigt, kann nicht sein. So fahrt mit Gott, Niels, alles Heil mit Euch. Grüßt Jungfrau Ilda; ich will wetten, Paul hält es nicht lange bei mir in Tromsöe aus. Verdreht allen jungen Burschen die Köpfe, das hübsche Kind. Sie haben es besonders glücklich getroffen, Herr Marstrand, in solcher Gesellschaft zu fahren; aber nehmen Sie das Herz in Acht, Herr, ist ein gefährlich Ding damit. – Noch ein Glas, Niels, auf das Wohl der Jungfrau Ilda. Zehntausend Tonnen Teufel! noch ein Glas; Paul vergibt es uns nicht, wenn wir Ilda nicht leben lassen. Es mußte geschehen, was der Voigt begehrte, der sich erst nach einer neuen Reihe Weigerungen entschließen konnte, seine Gäste zu entlassen, denen er bis an die Ufertreppe Geleit gab und in die sinkende Nacht hinaus ihnen noch Grüße an Ilda nachrief. Helgestad musterte inzwischen die Packhäuser und Gebäude und schien seinen Gedanken nachzuhängen, bis er endlich sagte: Steht Euch nun nichts mehr im Wege, Herr Marstrand, könnt Eure Sache machen, wie Ihr wollt, ist aber Euer Verdienst nicht, daß Ihr in der Tasche habt, was Ihr haben mußtet, um Eurem Brief die Gültigkeit zu sichern. Ich weiß, wie vielen Dank ich Ihnen schuldig bin, erwiderte der Junker. Nuh! rief der Kaufmann, war keine Hexerei, aber konnten es leichter haben, wenn Ihr klüger gewesen wäret. Wer heißt Euch ein Advokat für die Lappen sein? Denke jedoch, seid angesteckt worden von dem frommen Klaus Hornemann, der die Narrheit von Jugend auf gehabt hat, in den Gammen bei dem Gesindel zu liegen, um ehrliche, ordentliche Menschen aus ihnen zu machen. Werdet sie kennen lernen und wird Euch die Lust dazu vergehen, Tagedieben und Gaunern das Wort zu reden. Das Boot lief an Bord der Yacht an, und jetzt, als er auf 53 der Leiter stand, überkam den Junker ein Gedanke an Ilda. Er erwartete den alten Helgestad nicht, sondern sprang ihm voraus zum Kajütenhause, wo er die Stufen leise hinabstieg und durch die angelehnte Thür blickte. Die Jungfrau saß noch bei ihrer Arbeit, doch die Nadel ruhte in ihrer Hand. Ihre Finger hatte sie verschränkt, schweigend blickte sie in tiefem Nachsinnen vor sich nieder, und dieser melancholische Ernst gab ihrem Gesicht einen edlen, verschönenden Ausdruck. Bei dem Geräusch an der Thür blickte sie auf und sah ihn stehen. Ein Schein der Freude flog plötzlich durch ihre Züge und wie er ihr die Hand reichte, meinte er, er fühle ein leises Zittern. Da bin ich, Jungfrau Ilda, rief er ihr zu, herzlich froh, dich wieder zu sehen. Sie sah ihn lächelnd an, als wolle sie die Wahrheit erforschen. Ich bin so froh, wie du, erwiderte sie dann. Und wie ich denke, werde ich dich sobald nicht wieder verlassen, fuhr er fort. Meine Schenkungsakte ist eingetragen, dein Vater hat es auf der Stelle bewirkt. So kann ich denn mein Land suchen, wo ich will, und mein Haus bauen, wo es mir gefällt. In deiner Nähe, wenn du mich nicht forttreibst. Du weißt, wir sehen dich alle gern, erwiderte sie. Und wie seltsam ich mir vorkomme in diesem rothen goldnen Kleide, fuhr er fort. Dein Vater hat Recht, mir wird heiß und bange darin. Der Pelzrock und der Lederkragen, das ist die Tracht, die sich für mich schickt und mit Ungeduld sehe ich der Zeit entgegen, wo ich aus diesem unnützen Schwert mir selbst eine Harpune schmieden kann. Die Blicke des großen Mädchens wurden freundlicher, während er redete. Ein sanfter Glanz belebte ihre dunkelblauen Augen und mit sichtlicher Theilnahme erwiderte sie: Das höre ich gern von dir, Johann Marstrand. Du wirst dich an dein neues Vaterland bald gewöhnen. Wie es scheint, Jungfrau Ilda, sagte er, gefalle ich dir auch besser in der Lederjacke, wie im rothen Goldkleide. Die kalte Ruhe ihres Wesens trat sogleich wieder an die Stelle der Freundlichkeit, und indem sie die Nadel ergriff, sagte sie: Da 54 kommt mein Vater, er wird sich wundern, dich noch in dem blitzenden Rocke zu finden, der dir selbst so lästig ist, wie du sagst. Marstrand stand auf und entfernte sich verdrießlich über Ilda und über sich selbst, als er aber in seinem nordländischen Wamms gekleidet wieder hereintrat, wurde er mit Wohlgefallen von Helgestad empfangen. Ilda hatte inzwischen den Tisch bestellt und während die Yacht von einem frischen Winde getrieben durch die mondhelle Nacht schwamm, saßen die Reisenden spät beisammen, denn Helgestad verstand es, durch Mittheilungen der verschiedensten Art die Aufmerksamkeit des Junkers wach zu halten. Vielleicht aber war es nicht ganz zufällig, daß er dabei auch von seinen häuslichen Verhältnissen sprach und ziemlich genau bestätigte, was Paul Petersen von ihm erzählt hatte. – Ist ein eigen Ding mit der Menschen Verstand und Tüchtigkeit, sagte er, gibt nicht Viele, die genau calculiren, was sie thun, laufen darum in's Verderben, ehe sie es denken. Nuh! ist jedes Mannes eigene Sache, wäre mir aber das größte Herzeleid auf Erden, leichtsinnig flittrig Werk an meinen Kindern zu erleben. Ilda hob den Kopf auf und sah ihren Vater fragend an. Nuh, fuhr der Alte fort, weiß wohl, wird nicht geschehen. Habe auf Sitte und Gehorsam gehalten von früh an; werde niemals dulden, was dawider läuft, habe meine Grundsätze offen erklärt. Kam im letzten Jahre ein Mann zu mir, war ein wackerer Mann, kann's nicht leugnen, weiß seine Speculationen zu machen und hat einen guten Grund gelegt. Seht mich an, Niels Helgestad, sprach er, sagt's heraus, bin ich ein Mann für Eure Tochter? Denkt Ihr? fragte ich. Ich denk's, meinte er. Ich nicht, sagte ich. Warum nicht? fragte er darauf. Will's Euch sagen, erwiderte ich ihm und führt' ihn an's Fenster, zeigt' ihm schweigend meine Yachten im Fjord, meine Packhäuser dazu, schlug mein Buch auf und zeigt' ihm, was drinnen stand, schloß meine Schränke auf und ließ ihn hineinsehen. Nun wißt Ihr's, sagte ich, denke, habt's verstanden. Hab's verstanden, erwiderte er, aber was sagt Jungfrau Ilda? Lachte das Mädchen dazu und sprach: Hat mein Vater recht calculirt, denke, Ihr kennt mich; wißt, was sich für mich schickt. Ist's nicht so, Ilda? Ist genau so, Vater, erwiderte Ilda, denke, werde es immer wissen. 55 Als der Mond herunter ging, ankerte die Yacht in einem Sunde, denn unmöglich ist es, auch für den kundigsten Mann, in diesen Felsenlabyrinthen bei finsterer Nacht einen Fuß breit zu steuern. Marstrand lag eine Zeit lang schlaflos in seinem Bett und bedachte, was er gehört hatte. Nun wahrlich, dachte er endlich, wenn das eine Notiz für mich sein sollte, so ist sie nicht auf dürren Boden gefallen. Ich will diese calculirende Schönheit fortan vor allen Bedenklichkeiten sicher stellen. Thorheit wäre es, wenn ich durch meine Schuld mir die einzigen Freunde rauben wollte, die ich besitze. Am Morgen erwachte er spät; es war heller Tag und über seinem Kopf schien es geschäftig herzugehen. Er sprang auf, schlüpfte rasch in die Kleider und trat in die Kajüte, aber diese war leer. So eilte er denn auf das Deck und kam eben zurecht, um das Fahrzeug in eine breite Bucht einlaufen zu sehen, an deren Ende zwischen niederen Felsen eine Yacht und mehrere Boote ankerten, vor denen ein großes Packhaus sichtbar ward, das auf seinem Pfahlwerk über dem Wasserspiegel schwebte. Ilda stand im Vorderschiff und nickte ihm freundlich zu, als er ihr näher trat. Du hast zu lange geschlafen, sagte sie, sonst hättest du den Lyngenfjord betrachten können. Ganz fern erblickst du noch die Kirche von Lyngen und hier kömmt der Snibotsjok mit seinen schäumenden Wassern von den lappischen Alpen herunter. Und dort hinter der Felsenspitze, fiel Marstrand ein, liegt ohne Zweifel das Haus deines Vaters. Du hast es gerathen, erwiderte sie; es ist der Gaard von Oerenäes. – Gefällt es dir? Der Junker betrachtete die zackigen Felsenwände, welche schwarz und zerklüftet aus Eis und Schnee hervorstarrten. Oben lag der Schnee, hoch und schwer in blendenden Linien und Feldern zu nackten Gipfeln aufsteigend. Er gab keine Antwort. Du wirst es schön finden, wenn der Sommer kommt, sagte Ilda. Wenn überall die Birken grün werden, Gras und Blumen unsern kleinen Bach umringen und die Schneehühner braun von den Bergen kommen. In dem Augenblick wendete sich die Yacht um die Felsen des 56 Vorgebirgs und zeigte dicht in der Nähe das Haus des Kaufmanns. Es lag hinter den Packhäusern auf einem Abhange zwischen Felsen mit Birken besetzt, die hinter ihm sich im Halbkreis zusammenschlossen. Roth angestrichen, mit weißen Fenstern, ein Dutzend kleinere Balken und Erdhütten zur Seite und vor sich die großen Vorrathsgebäude, hatte es ein stattliches Ansehen. Von seinem Dache aus Birkenrinde wehte eine große Fahne zur Bewillkommnung des Hausherrn, und als die Yacht sich dem Pfahlwerk näherte, erhob sich ein Freudengeschrei von den Schiffen und Booten. Alle Bewohner des Gaards und alle Angehörigen warfen sich in die Fahrzeuge und ruderten den ersehnten Heimkehrenden entgegen. In den nächsten Minuten kletterten ein Dutzend Weiber und Kinder an den Bordseiten in die Höhe, und Marstrand glaubte, nie so seltsame Menschengestalten erblickt zu haben, als diese, die dämonisch sich über das Schiff ergossen. Es waren die Familien der Fischer, welche mit dem Handelsherrn nach den Lofoden gezogen waren und die nun ihre rückkehrenden Väter und Männer voller Jubel empfingen. Die langen gelben und zottigen Haare der Meisten fielen in starkknochige Gesichter; Jacken und Röcke von Fellen schlossen ihre Körper ein. Die Gaardmänner in ihren Lederkragen und Pelzmützen und die Schiffsleute zwischen ihnen in breiten Seemannskappen und braunen Wämsern vollendeten den bunten Knäuel, der sich nicht eher entwirrte, bis die Yacht am Pfahlwerk lag und nun Alle freudig an's Land eilten, um in Ruhe von ihren Abenteuern zu erzählen. Helgestad hatte genug zu thun, um die nöthigen Befehle zu ertheilen und die Berichte seines Schaffners anzuhören, der die wichtigste Person unter dem Schwarm war. Jungfrau Ilda wurde inzwischen von Anderen begrüßt und beschäftigt, schweigend folgte Marstrand ihnen nach. Fragende neugierige Blicke hefteten sich wohl auf den fremden Mann, aber Niemand kümmerte sich weiter um ihn, und die tiefen Kehllaute dieser halb wilden Bevölkerung, welche ihm fast unverständlich blieben, vollendeten den Eindruck der Verlassenheit, den er empfand. In der Nähe des Hauses erst richtete er seine umherschweifenden Augen auf einen Gegenstand, der seine Theilnahme erregte. Ilda's laute Stimme ließ sich aus dem Haufen vernehmen und plötzlich sah Marstrand, wie ein Mädchen, das hastig über den abschüssigen Grund 57 herbeilief, beide Arme um Ilda's Nacken schlang und sie mit Küssen und Liebesbezeugungen bedeckte. Gottes Friede in's Haus, liebe Gula! sagte die Tochter des Kaufmanns, als der erste Sturm vorüber war. Wie ist es dir ergangen? Gut, Ilda, gut, meine geliebte schöne Schwester, erwiderte sie mit erneuter Zärtlichkeit, und Ihr Alle seid wohl auf, du und Björnarne? Alle wohl, Gula. Björnarne kommt mit den Yachten. Es war ein großer Fang, Gula, wir haben viele Freude gehabt. Kein Faß ist leer geblieben; auch komme ich nicht allein zurück, fuhr sie fort, als sie Marstrand neben sich erblickte. Wir bringen einen Gast mit, einen dänischen Herrn, der eine Zeit lang bei uns wohnen wird. Gula hob den Kopf auf und sah den Fremdling forschend und verwundert an. Ihre schwarzen großen Augen drückten ein Uebermaß von Erstaunen aus, bis sie verlegen und unsicher sich abwandten und ein flüchtiges Roth über ihr Gesicht zog. Auch Marstrand war betroffen; er hatte sich das Lappenmädchen, von dem er so Manches gehört, ganz anders gedacht. In den Mittheilungen der Normänner lag ein solcher Abscheu gegen Alles, was Lappe hieß, daß es fast unmöglich war, sich ein Glied dieses unglücklichen Stammes anders zu denken, als ein von der Natur verwahrlostes, affenartiges Geschöpf, dessen Häßlichkeit Ekel erregt; aber Gula strafte diese Vorurtheile Lügen. Sie war klein, doch ungemein zierlich und im richtigen Ebenmaß gebaut. Ihre dunkeln Röcke schlossen dicht um die Hüften, wo mit einem breiten Gurt sich ein Mieder anlegte, das faltig hoch bis an den Hals reichte. Darüber trug sie eine Jacke von seinem Seeotterfell, deren Besatz aus der weißen Federhaut nordischer Strandvögel gemacht war. Eine Kette von Schaumünzen hing um ihren Hals und ihre glänzend schwarzen Zöpfe mit dunkelrothem Band umflochten hingen weit auf den Rücken nieder. – So war es das gefällige Bild einer hübschen jungen Dirne, die man gern betrachtet, und dieser schmale feine Kopf mit lebhaften Augen war trotz der gelblichen Hautfarbe so wohlgeformt und in allen Theilen so passend zusammengesetzt, daß Jeder wohl sie lieblich und reizend finden mußte. Ei, rief Ilda lächelnd, indem sie mit ihrer Freundin dem Hause zuging, du hast auch heute deinen ganzen Sonntagsstaat angelegt. 58 Dir zu Ehren, Ilda, erwiderte die Kleine, und weil ich glaubte, Ihr kämt zusammen heut'; Björnarne, der Vater, kurz Alle, Alle! Der Vater ist hier, rief Helgestad, der es gehört hatte. Grüß' dich Gott, Gula, mein Mädchen, hast dich herausgeputzt, wie eine Seeschwalbe. Schade, daß Paul Petersen es nicht sehen kann, würde seinen Spaß daran haben. Nuh! fuhr er dann fort, indem er Marstrand die Hand schüttelte, seid willkommen im Gaard von Oerenäes, Herr, und jetzt tretet ein und seht zu, was Gula uns auf den Tisch gestellt hat. Müßt hungrig und durstig sein, weht ein frischer Wind von den Hörfjeldsklippen. Ist's nicht so? Er schob seinen Gast vor sich her in's Haus und in das große niedrige Gemach, wo der gedeckte Tisch bereit stand. Gula sprang in die Küche und brachte eine dampfende Schüssel herein, in welcher ein mächtig Stück Fleisch in stark gewürzter Brühe schwamm. Dazu wurde Lachs und Dorsch aufgestellt; auch deutsche Kartoffeln, wie sie die Yachten aus Bergen mitbrachten. Haferbrod in dünnen harten Scheiben lag in einem großen Korb und an der Ecke des Tisches stand die gefüllte Flasche Genever, den die Brennereien in Flensburg für die Kaufleute in den Finnmarken lieferten. Helgestad sprach allen diesen guten Dingen so wacker zu und fand so willige Helfer, daß während des Mahls wenig gesprochen wurde. Erst als der Hausherr, dankend für die Gnade des Herrn, der ihn wohlbehalten in den Lyngenfjord zurückgeführt und gesättigt hatte, sein Glas erhob, wurde die Unterhaltung lebendiger und wandte sich bald auch ganz natürlich auf Marstrand's Zukunft. Sollt nun lernen, sprach Helgestad, wie es im Hause eines nordischen Kaufmanns hergeht, denke, seid bei mir in guter Schule. Bis Björnarne zurückkommt, wird's gut sein, wenn Ihr mir helfen wollt in allerlei Geschäften, beim Thranpressen und im Waarenhause, wie auch im Verkauf und Handel mit den Fischern und andern Nachbarn. Lernt dabei etwas calculiren, wird Euch gut thun. Ist's nicht so? Ich sehe ein, daß ich lernen muß, erwiderte Marstrand, gebt mir Arbeit so viel Ihr wollt. Nuh, sagte Helgestad, seid ein tüchtiger Mann, wird besser geh'n, wie Ihr glaubt. – Wenn Björnarne zurück ist, wollen wir weiter 59 reden. Müssen jetzt nach der Yacht sehen, die Fässer herausschaffen, die Lebern unter die Pressen bringen. Ist eine schlimme Arbeit, muß aber gethan werden, thut sich nichts in der Welt von selbst. Marstrand zeigte sich sofort bereit und bald war er mit Helgestad auf der Yacht und im Packhause in voller Arbeit. Einige Dutzend Männer, Weiber und Kinder wanden die Fässer aus dem Bauch des Schiffes, beförderten ihren Inhalt unter die Thranpressen und stapelten, was nicht sogleich gebraucht werden konnte, in den Vorrathskammern auf. Marstrand ließ es nicht an Eifer fehlen und hatte allen guten Willen nöthig, um bei der häßlichen Arbeit nicht den Muth zu verlieren. Aber es war, wie Helgestad gesagt hatte: es ging besser, wie er dachte. Er lernte die Vortheile und Handgriffe kennen und der alte Kaufmann ließ es nicht an Belehrung fehlen, wie der klare weiße Leberthran zuerst abgegossen, dann die erste Pressung von der zweiten genau gesondert werden müsse und welche höheren Preise beim Verkauf man haben könne, wenn Alles aufmerksam und ordentlich geschehe. Die Arbeit nach langer Unthätigkeit war ein Genuß für den jungen rüstigen Mann; dazu war der Tag ein stärkender und anregender. Der Himmel hing blau über dem düstern Fjord, welcher zwischen hohen wilden Klippen sich geheimnißvoll verlor. Frische Luftströme kamen von den schneeigen Fjellen, die Fische im Meere sprangen und große graue Möven schwärmten schreiend um die Schiffe. So lange es Tag blieb, dauerte die Arbeit munter fort und endete erst, als aus dem Gaardhause Lichtschein durch die tiefe Dämmerung leuchtete. – Die Yacht war merklich geleert und Helgestad schüttelte dem fleißigen Gehülfen froh gelaunt die Hand. Nuh, rief er, ist genug für heut. Sitzt sich gut jetzt am warmen Ofen, das Glas in der Hand. Ist's nicht so? Sie gingen in's Haus und traten in die Vorhalle, welche die Räume zu beiden Seiten theilten. Die eine Hälfte enthielt den Kramladen des Kaufmannes, der mit Vorräthen der verschiedensten Art gefüllt war. Helgestad führte den Junker hinein, ließ ihn umherschauen und zeigte ihm die Angeln und Fischgeräthe, sammt Kleidern und Geschirr, wie sie Fischer und Jäger brauchen. Die großen Kisten und Schränke waren mit Mehl und Hülsenfrüchten gefüllt, Eisengeräthe, Tassen, Töpfe, die verschiederartigsten Dinge lagen und standen auf 60 den Gerüsten; Hanfschnüre, Tisch und Leinenzeug, Zwirn, Band und Weiberputz war hier neben Pelzwerk, Messer, Scheeren, Beilen und Gewehren aufgehäuft, kurz es gab nichts, was in diesem Lande gebraucht wurde, was nicht hier zu haben gewesen wäre. Ist ein Kramladen wie er sein soll, sprach der Kaufmann wohlgefällig, könnt ein Beispiel daran nehmen. Wollen sorgen, daß es auch in Eurem Hause so aussieht. Marstrand lächelte zweifelhaft. Er konnte noch immer nicht recht begreifen, daß er Lappen und Fischern aufwarten sollte, aber er verschluckte seine Bedenklichkeiten, und Helgestad führte ihn weiter durch die Seitenkammern, zeigte ihm die Herrlichkeiten, welche sie enthielten, sogar den großen braungebeizten Nußbaumschrank, den er erst vor zwei Jahren aus Bergen mitgebracht, und ließ ihn einen Blick in die Fächer thun, wo ein beträchtlicher Geldvorrath ruhte. Endlich, nachdem sie durch das Balkengebäude die Runde gemacht, bei welcher Helgestad voranleuchtete und Marstrand vor Kisten, Kasten und Säcken warnte, kehrten sie in den Wohnraum zurück. Dort war es am behaglichsten. Die Balken waren mit Verschalungen überkleidet, welche einen weiß und blauen Anstrich hatten; die Dielen von nordischem Fichtenholz glänzten überaus weiß und rein. Eine Art Teppich von Rennthierfellen lag in der Nähe des Feuerplatzes, wo Tische und Stühle standen. Rund an den Wänden liefen Leisten hin, auf denen in langen Reihen glänzendes Geschirr von englischem Zinn aufgepflanzt war, das wie Silber blitzte, und unter dieser Borte standen Reime und Bibelsprüche, von kunstfertiger Hand geschrieben. Ein paar buntgemalte Schränke und große Kasten mit Messingbeschlag, in denen die Weiber ihre Mitgift in die Ehe bringen, ein holländischer Spiegel in Goldrahm und eine alte englische Pendeluhr bildeten das Geräth, zu dem auch der ungeheuere Ofen von Backsteinen gehörte, welcher die halbe Seitenwand einnahm. Helgestad streckte sich in dem Großvaterstuhl behaglich aus, und nöthigte Marstrand, den Platz ihm gegenüber einzunehmen. – Schiebt uns den Tisch hierher, Mädchen, rief er Ilda und Gula zu, sind hier müde Männer, welche Speise, Trank und Wärme begehren. Nach wenigen Minuten stand der Tisch am Ofen, Speisen wurden aufgesetzt, Gula brachte den Theekessel und bereitete Gläser voll 61 heißen Toddy. Sie verstand ihr Geschäft vollkommen; dabei hatte die geschmeidige freundliche Weise, mit welcher sie das Amt des Mundschenks verwaltete, etwas so Einnehmendes, daß Marstrand mit Theilnahme zusah, wie schnell und dienstfertig sie hin- und herlief, wie geschickt sie die Arbeit verrichtete, und wie aufmerksam sie dabei zu Werke ging. Ihre dunkeln Augen blitzten schalkhaft, wenn Helgestad Zug um Zug sein leeres Glas hinreichte, und während Ilda Wolle von der Spindel drehte, flüsterte sie ihr Bemerkungen zu, die gewiß sehr belustigend waren, denn die ernsthafte Jungfrau verzog den Mund zum Lächeln und wollte nichts weiter hören. Nuh! rief der Kaufmann, als Hunger und Durst endlich befriedigt schienen, sehe, Ihr macht eine Pause, Herr Marstrand, können also die Zeit auf andere Art ausfüllen. – Er winkte Gula, die genau verstand, was das heißen sollte, denn sie flog nach einem Schranke und kam im nächsten Augenblick mit einem Kästchen von Porzellan und zwei holländischen Thonpfeifen zurück. Glaubt Voigt Paulsen allein das ächte Kraut zu besitzen, sagte Helgestad, werdet jedoch finden, daß er im Irrthum lebt. Ist ächter Virginia, Herr Marstrand, stopft und trinkt Euer Glas aus. Steht das arme Kind, die Gula, seit einer Viertelstunde auf der Lauer, und thut ihr den Gefallen nicht. – Marstrand reichte sein Glas dem geschmeidigen Mädchen hin. Du bist allzu aufmerksam, liebe Gula, sagte er; kein König wird von seinem besten Pagen so zierlich und trefflich bedient. Ist ein Lob, das Gula zukommt, fiel Helgestad ein. Muß es bestätigen, ist eine wackere Dirne; hat mein Haus verwaltet mit Einsicht und Verstand, während wir auf den Lofoden waren. – Hier brach er ab, denn was er zu sagen im Begriff stand, dünkte ihm trotz seiner rauhen Unempfindlichkeit nicht recht und langsamer fuhr er fort: Wollte es wäre in meiner Macht, ihr zu beweisen, daß ich sie lieb habe; denke aber, sie weiß es. Ist's nicht so? Ja, Herr, erwiderte Gula leise und ihr lächelndes Gesicht erhielt einen schönen Ausdruck. Ich weiß, daß du mich lieb hast und Alle mich lieben; weiß auch, wie vielen Dank ich dir schulde. Nuh, sprach Helgestad, große Dampfwolken aufblasend, bist eine Seltenheit, die man in ganz Lappland nicht wieder findet. Sind die 62 Lappen die undankbarsten Geschöpfe, die der Herr in die Welt gesetzt hat. Mir scheint es, erwiderte Marstrand, als bemühe man sich auch eben nicht besonders, ihnen Dienste zu erweisen, die Dankbarkeit erwecken könnten. – Oho, rief der Kaufmann, habt es Euch in den Kopf gesetzt, das Volk zu loben. Ich lobe es nicht, sagte Marstrand, aber warum sollte ich es schelten und verdammen? Ist Gula eine Tochter dieses verlassenen Volks, und ist sie so gut und verständig, warum sollte es nicht Viele geben, die so wie sie wären, wenn wackere Leute sich ihrer erbarmten? Gott hat allen seinen Wesen, die den Menschennamen tragen, die Keime seines Geistes mitgegeben, es kommt nur darauf an, daß sie gepflegt und genährt werden, und wer sich besser weiß und klüger, der hat vor Allen auch die Pflicht, sich seiner Mitmenschen anzunehmen. In Gula's Auge funkelte ein Strahl unaussprechbaren Dankes. Ilda sah von der Spindel auf und blickte aufmerksam den Junker an, Helgestad aber trank sein Glas aus und rief mit seinem gewöhnlichen Grinsen: Nuh! spricht wie ein Prediger oder wie ein Mann, der die Sache aus dem Gemüth betrachtet, werdet aber bald anderen Sinnes werden, wenn Ihr sie kennen lernt und daran wird es nicht fehlen. Laßt's gut sein, fuhr er dann fort, wollen uns die Zeit nicht verderben. Haben hier Wein und Weiber, fehlt uns noch der Gesang, müssen ihn auch haben. – Hole deine Zither, Gula, müssen dem Herren zeigen, daß es in Kopenhagen nicht allein feine Stimmen gibt. Gula lief in die Nebenkammer und kam gleich darauf mit einer Zither der einfachsten Art zurück. Ueber den krummen Hals des Instruments waren fünf Saiten gespannt, deren Dräthe man in unvollkommener Weise hinter den Schalllöchern befestigt hatte. Mit einem Holzstäbchen wurde sie geschlagen und die hervorgelockten Töne klangen in ihrem leisen Verhauchen nicht unangenehm. Sing' uns den Preis des Nordens, sagte Helgestad, als Gula ihrer Freundin die Zither in den Schooß legte. Ilda legte gehorsam die Spindel nieder, und begann dann eines jener tieftönenden in langen klagenden Rythmen sich bewegenden Volkslieder, in denen die Schönheit, Größe und wilde Majestät Norwegens gepriesen wird. Das Meer, die Felsen, die Wälder und Wasserfälle 63 und das freie Leben der Hirten, Jäger und Fischer füllten die Strophen, deren jede mit einem feurigen Lobe auf das herrliche, edle nordische Land endete. Helgestad schlug mit dem Glase den Takt dazu, bis er endlich die letzten Strophen mitsang und am Schluß ein Lebehoch für Norwegen ausbrachte, dem Jeder Bescheid thun mußte. Das ist ein Lied, rief er, hat kein Volk auf Erden ein gleiches, weil kein Volk solch Land besitzt. Nuh! singt Ilda es auch wie ein ächtes normannisches Mädchen, hat ein Herz in der Brust dafür. Ist's nicht so? Marstrand drückte seine Beistimmung aus, die Helgestad mit väterlichem Stolz aufnahm. – Seid ein Kenner, sprach er, aber könntet durch ganz Finnmarken fahren und würdet es nicht so singen hören. Hat Gula nicht auch von solcher Lehrerin singen gelernt? fragte Marstrand. – Sollt hören, was ein Mädchen kann, erwiderte der Alte, die aus einem Volke stammt, das nicht drei Töne in der Kehle hat. Werdet es kennen lernen, wenn die Geiker vor den Gammen im Kreise sitzen und einen Höllenspektakel machen, daß ein Christenmensch davon toll werden könnte. Laß uns eines von deinen Liedern hören, Gula; einen ächten Lappengesang, wie er in der Kilpisjaure gehört wird, wenn sie Abends ihre Rennthiere heim treiben. Gula ließ das Stäbchen über die Saiten schwirren, und ihre leise Stimme sprach dazu schnell sich folgende unbekannte Worte. Nach und nach belebten sich ihre Züge, ihre dunkeln Augen irrten suchend umher, ihre Brust hob sich rascher, die scharfen klagenden Töne wurden bang und zitternd, bis sie plötzlich aufhörte, das Stäbchen fallen ließ und den Kopf tief niedersenkend vor sich hinblickte. Was fehlt ihr? fragte der Gast theilnehmend. Es ist nichts, sagte Helgestad gleichgültig sein Glas leerend. Sie hat Euch Etwas vorgesungen von der braunen Heerde, wie sie unter jungen Birken an der Quelle lagert, wo wilde Hühner schreien, der Wind rauscht durch die Zweige, die Kälber springen herbei und lecken die Hände, Altmutter aber sitzt am Feuer und rührt den Brei. – Er lachte spottend auf. Ist eine eigene Art von Poesie, Herr Marstrand, dreht sich Alles um die Wüste da oben, um Rennthiere und Gammen, wenn aber ein Lappe davon hört, und wäre er tausend Meilen weit, 64 und lebte er in eines Königs Schloß, kommt dennoch die Sehnsucht nach dem glücklichen Leben auf den Alpen über ihn. Hätte aber doch gedacht, fügte er kopfschüttelnd hinzu, daß das Mädchen da verständiger wäre. Wo ist ein Mensch, sprach Marstrand erregt, der nicht an seinem Vaterlande mit geheimnißvollen Banden hinge! Nennt Ihr das ein Vaterland? schrie Helgestad. Werdet es bald sehen, das süße Ländchen und wird Grauen über Euch bringen. Doch genug für heut. Müßt müde sein vom Tagewerk, will Euch in Eure Kammer bringen. Er führte den Gast in das obere Stockwerk, wo in einem kleinen sauberen Gemach ein mächtiges Bett von der Wandseite winkte. Schlaft in Frieden, sagte der Kaufmann, denke, Ihr werdet es weich genug finden. Sehe, die Dirnen haben Euch die Federn von einem paar tausend Eiderenten untergepackt, wie es ein Fürst sich kaum beschaffen könnte. Marstrand fiel tief in die elastischen Daunen, welche sich ihm wohlthuend anschmiegten, und bald ergriff ihn ein fester Schlaf, der erst von ihm wich, als heller Sonnenschein durch das kleine Fenster drang, und die braunen Balkenwände der Kammer beleuchtete. 4. Wie dieser erste Tag im Gaard von Oerenäes vergangen war, so folgten manche andere mit demselben Wechsel von Arbeit und Ruhe. Vom Morgen bis zur Dämmerung währte die Geschäftigkeit in den Waarenhäusern und Yachten, Abends aber saß die Familie beisammen um den großen Ofen unter Erzählungen und Mittheilungen der verschiedensten Art, aus denen Marstrand vielerlei erfuhr, was ihm fremd war. Der Gaard oder Hof des alten Helgestad war von einem Dutzend Erdhütten umringt, in welchen theils die Dienstleute des Hauses wohnten, theils die Familien normannischer Fischer, oder auch Quäner, d. h. vom Finnland eingewanderte Leute, welche von dem Kaufmann 65 abhängig waren, und seine nächsten Vasallen bildeten. Sie sowohl, wie alle Anwohner an diesem tiefen Arm des Lyngenfjord, lieferten an Helgestad ab, was sie fingen und erhielten dafür von ihm, was sie an Kleidern, Mehl, Branntwein, Angeln und allem Bedarf nöthig hatten. Jeder besaß sein Conto in dem dicken Schuldbuche, bis zum Fischfange auf den Lofoden, nach dessen Ende die jährliche Abrechnung stattfand. Jetzt war diese Zeit gekommen, und Marstrand, der für seinen Stand ungewöhnlich gut zu schreiben und zu rechnen verstand, fertigte unter Helgestad's Anweisung die Noten für die Fischer an, und lernte dabei genau kennen, wie es bei diesem Handel herging. Was Jeder das Jahr über aus dem Kramladen entnommen, stand auf der einen Seite, auf der andern aber besagte die Gegenrechnung, was er dafür geliefert. Für alle Waaren gab es hohe Preise und reichlichen Gewinn, für die abgenommenen Fische wurde der Preis durch die von Kaufleuten und Fischern auf den Lofoden ernannten Commissarien niedrig genug festgestellt, so daß die Meisten kaum aus ihren Schulden kamen, Viele im Rückstande blieben und Wenige ein Sümmchen zu fordern hatten, das ihnen jedoch nicht ausgezahlt, sondern gutgeschrieben wurde. Sehe wohl, sagte Helgestad, daß Ihr Euch über diese Art von Abrechnung wundert, würde jedoch aller Handel und Wandel aufhören in den Finnmarken, wenn es nicht so wäre. Darf das Fischervolk sein Lebtag niemals Geld in die Hände bekommen, weil's sonst keine Hand mehr rühren thäte. Gebe Euch die Lehre, Herr Marstrand: habt immer ein wachsames Auge darauf, daß, wer einmal in Eurem Schuldbuche steht, nie wieder daraus fortkommt, es sei denn, daß Ihr ihn nicht mehr haben mögt, weil er alt und schwach wird, und kein Fang auf den Wellen ihm mehr gelingen will. Aber ich sehe doch Einige in Eurem Buche, erwiderte Marstrand, die frei von Schulden sind und Etwas zu gut haben. Nuh, rief der Kaufmann mit seinem schlauen Lächeln, wird nicht eine Woche dauern, so sind sie wieder in meinen Händen. Kommen jetzt von den Lofoden zurück, sind wild und leichtsinnig von dem lustigen Leben. Ist aber ohnehin Regel und Gebrauch unter uns, daß kein Kaufmann einem Fischer borgt, wenn er mit einem andern Kaufmanne im Verkehr stand. Keiner nimmt ihn auf, wenn sein bisheriger 66 Versorger es nicht erlaubt, endlich aber, – seht umher an den Sunden und Fjorden, alle die kleinen Fischerstellen, die Hütten und die paar Ellen Land und Weide dazu, sind sämmtlich in unsern Händen. Entweder haben wir sie gekauft und die Leute verpflichtet, die darin wohnen, oder wir haben Geld darauf geliehen und können sie alle Tage hinauswerfen, wenn sie nicht wollen wie wir. Können ihre Kuh verkaufen und ihr Boot nehmen, können sie elend und arm machen, daß nichts übrig bleibt, als das Meer und ein rascher Sprung, um die Rechnung zu schließen. – Er lachte zufrieden auf, fuhr mit dem Finger über seine mächtige Nase und grunzte vergnügt dazu. Und dies geschieht wahrscheinlich nicht selten, antwortete der Junker. Nuh, grinzte Helgestad, so lange ein Mann arbeiten kann, ist es auch möglich, daß er seine Schulden bezahlt, und so lange dies möglich ist, wird kein Kaufmann so leicht einem guten Kunden den Hals zuschnüren. Sieht aber Jeder, wie es Recht ist, nach seinem Eigenthum, faßt zu, wo er Gefahr erblickt, borgt nicht weiter und ruft den Sorenskriver zu Hülfe, wenn er denkt, daß es richtige Zeit sei. In dieser Weise, sagte Marstrand, dessen Rechtsgefühl sich empörte, müssen freilich die Fischer und arbeitenden Leute vollständig ausgesogen werden, ohne je aus ihrem Elende zu kommen. – Helgestad blickte grämlich zu ihm auf. Sprecht den Narren nach, rief er, die da sagen, die Handelsleute in den Finnmarken seien die Geißel des Landes! Habt auf den Lofoden schon darüber einen Faden gesponnen, jetzt aber seid Ihr selbst ein Kaufmann, werden die Augen Euch aufgehen, daß es so sein muß und nicht anders. Müssen die Fischer und Küstenleute, Normann, Quäner und Lappe unsere Diener sein, müssen alle in Abhängigkeit und Armuth gehalten werden, weil wir sonst nicht bestehen könnten. Ist ein Faktum, Herr! Wer die Kunst nicht versteht, so zu rechnen, daß dem faulen leichtsinnigen Volke nichts übrig bleibt und ohne Schonung mit ihm verfahren kann, wenn nichts mehr zu bekommen ist, thut am Besten den Handel zu lassen. Marstrand sah ein, daß er schweigen müsse, und was konnte er auch einwenden? Helgestad war nicht besser und nicht schlechter, als alle diese Händler. Jeder hatte dasselbe Ziel, jeder preßte und 67 übervortheilte seine Gaardleute, Nachbarn und wen irgend sein Schuldbuch erreichen konnte, nach Möglichkeit; aber diese Fischer, Jäger und Hirten bildeten auch eine wüste, faule und rohe Masse, die nur durch Hunger und Noth von der Wiege bis zum Grabe zur Arbeit gezwungen wurde. Unter fortgesetzter Thätigkeit kam der Sonntag heran und Marstrand war froh, diesen Tag der Ruhe ohne Rechenbuch und Stockfischbündel verleben zu können. Am Abend vorher, als er vom Fjord herauf kam, fand er Gula an der Thür stehend, die ihn freundlich grüßte. Du bist spät fleißig, sagte sie, morgen wirst du dafür einen frohen Sonntag halten. Gibt es einen Tanz? fragte er scherzend. Einen Tanz? behüte Gott, Herr! war die Antwort, Tanz ist selten im Oerenäesgaard. Du sollst zur Kirche fahren. Marstrand wandte sich zu dem Meeresarm um, über dessen Nebelhülle in der Ferne die hohe Spitze des Kirchleins von Lyngen sichtbar wurde. – Der Fjord treibt schwere Eisschollen, sagte er, dabei stürmt es. Ich bleibe lieber im warmen Hause. Du bist kein frommer Mann, erwiderte Gula, schelmisch lachend. Jungfrau Ilda wird es dir noch besser sagen. Es wird ein Dankfest im Gotteshause gehalten, wobei Niemand fehlen darf. Du begleitest uns also auch? Ich? Nein, war ihre lustige Antwort. Ich bin keines Mannes Kind, der Yachten und Handelsstellen besitzt. Ich bleibe daheim, doch wenn du für mich beten willst, will ich mich für dich wärmen. Du bist eine kleine Heldin, wie ich merke, die Kirche Kirche sein läßt, scherzte Marstrand, lieber am Herde hockt und die Töpfe benascht. Wenn du zur Mittagszeit zurück bist, sagte sie, und der Tag gut wird, will ich dich an ein schönes Plätzchen führen, wo du weit über Meer und Land schauen kannst, bis an den Kilpisgipfel, wenn es hell ist. Ich halte dich beim Wort, rief er ihr nach, denn Gula sprang in's Haus, weil Helgestad drinnen die Thür öffnete und seinen Kopf herausstreckte. 68 Jungfrau Ilda saß am Tisch und nähte an ihres Vaters seidener Weste, der Kaufmann aber hielt den neuen breitrandigen Hut in der Hand, den Björnarne ihm aus Trondhjem mitgebracht hatte. Denke eben an Euch, rief er dem Junker zu, und an unsere Kirchfahrt. Wird in Lyngen Pastor Sture eine prachtvolle Dankrede halten für den reichen Fang auf Lofoden. Müßt uns dahin begleiten, Herr Marstrand. Seht dort alle gute Leute beisammen von nah' und fern. Ist nöthig, daß Ihr Bekanntschaften macht, so viel Ihr könnt. Die Einladung war nicht auszuschlagen und den ganzen Abend über blieb das Kirchfest der Inhalt des Gesprächs. Am nächsten Morgen aber, als es noch dunkel war, schallte das hölzerne Gebäude von den Tritten und Stimmen der reiselustigen Gaardleute, und kaum war Marstrand mit seinem Anzuge fertig, als er zum Frühstück gerufen und zur Eile gemahnt wurde. Er hatte sich stattlich ausgeschmückt. Ein grüner Rock mit goldner Tresse, wie er in Kopenhagen damals von Herrn in der Gesellschaft getragen wurde, schloß sich eng an seinen schlanken Wuchs und hinderte ihn nicht, den kurzen Pelz von Blaufuchsfellen überzuwerfen, den er von Helgestad gekauft hatte. Sein dunkelblondes Haar, von einem Bande lose zusammengehalten, fiel in reichen Ringen auf seine Schultern, und seine Erscheinung war bis auf die hohen Stiefeln hinab so angenehm, daß Helgestad ihn beifällig betrachtete. Nuh! rief er, versteht es, Eure Sache vorzutragen. Werden die Mädchen aus dem Koofjord und von Alöen mehr auf Euch blicken, als nach dem frommen Henrick Sture, mag er schreien, daß die Balken zittern. Denke, habe Recht, Ilda. – Ist's nicht so? Jungfrau Ilda in ihrem schwarzen, hohen Faltenrock von Wolle, der feinen Federjacke und der Pelzkappe, die sie über drei Viertheile ihres Kopfes gezogen hatte, wendete sich zu dem Junker um und nickte ihm ernsthaft lächelnd zu. Denke ja, Vater, antwortete sie dann, und denke, Herr Marstrand wird nicht böse darüber sein, wenn die hübschen Dirnen den Priester vergessen, um nach ihm zu schauen. Helgestad lachte mit vollen Backen und Marstrand stimmte ein, aber in Ilda's Worten lag ein Vorwurf, den er heraus fühlte, wie mild er auch angedeutet war. – Er half der strengen Jungfrau die Ufertreppe hinab in das wartende achtruderige Boot und beantwortete 69 etwas einsilbig ihre Fragen, ob er gut sitze und seine Füße dicht in die Pelzdecke eingeschlagen seien. Der Morgen war dunkel und feucht; der Nordwestwind stieß vom Meere herein in den Fjord und brachte eiskalte Nebel und große Eisschollen mit, die rasselnd über einander und an die Felswände schlugen, wo sie barsten und brachen. Helgestad stand am Steuer, acht Männer führten die Ruder. Eine Anzahl Gaardleute mit ihren Frauen kauerten auf den niedern Bänken, vor dem Helmstock aber, wo der Raum am breitesten war, lagen die Kissen und Decken für Jungfrau Ilda und den dänischen Herrn. Nachdem das große Boot lange Zeit gegen den Wind gerudert und jeden Felsenvorsprung zum Schutz benutzt hatte, leitete es Helgestad mit Geschicklichkeit mitten durch die hohen Wellen des Fjords. Die Dämmerung verschwand inzwischen, rothe Wolken traten aus den Nebeln, bis diese selbst endlich von dem dampfenden Meeresarm fortgeweht wurden und ein weithin eilender Blitz des Himmelslichts auf die wogenden Wasser fiel. – Mit diesem Siege des Tages über die Nacht ward es lebendig im Boote und rings umher. Man konnte die Ufer erkennen, die Hütten, aus welchen da und dort Rauch aufringelte, und die Kirche von Lyngen auf ihrer Felsenhöhe. Die Leute erzählten, lachten und schauten vergnügt in die verschlungenen Seitengassen des Fjord, aus denen nun auch andere größere und kleinere Boote hervorruderten, die dem gleichen Ziele zueilten. Alle waren mit Menschen gefüllt. Die hochrothen Tücher der Weiber flatterten lustig im Morgenwinde; junge Bursche sprangen auf die Bänke, um Hüte und Kappen zu schwenken. Grüße wurden gewechselt, Neckereien herüber und hinübergerufen und nebenher ein Wettfahren gehalten, denn jedes Boot wollte das erste am Landungsplatze sein. Nach zwei Stunden hartem Rudern war man dicht unter Lyngens Kirche angelangt und Helgestad hatte Zeit genug, seinem Gaste alle die wackern Familien zu nennen, welche hier versammelt waren. Die ganze Aristokratie der Kaufleute und Gaardherren, welche in diesem Bündel von Sunden und Fjorden wohnte, zu denen der große Lyngenfjord gleichsam den Knoten bildet, waren gekommen und standen meist schon mit Söhnen und Töchtern auf dem Kirchplatze im Sonnenschein. Die Willkommen, Grüße, Fragen und Händedrücken wollten kein Ende 70 nehmen, doch bald war Marstrand, wie es nicht anders sein konnte, der Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit. – Einige hatten ihn schon auf den Lofoden gesehen und bis in die tiefsten Schlupfwinkel dieser wild gezackten Küsten hatte sich die Nachricht verbreitet, daß Helgestad einen fremden Herrn mitgebracht habe, der sich im Lande ansäßig machen wolle. Durchdringende Blicke musterten ihn daher vom Wirbel bis zur Zehe; Abneigung und Mißtrauen traten auf manches Gesicht, den Meisten jedoch schien der stattliche Mann wohl zu gefallen. Mehrere der jungen Herren hatten große Lust, über den Dänen zu spotten, und unterzogen seine Stiefel und seinen Rock einer scharfen Kritik, aber Niels Helgestad führte ihn bei den reichsten und ansehnlichsten Leuten mit solchen Lobeserhebungen ein, daß die Spötter es für klüger hielten, sich still zurückzuziehen und zu schweigen. Nuh, sagte der Besitzer von Oerenäes so laut, daß es Jeder hören konnte, ist Herr Marstrand zwar ein vornehmer Herr bis jetzt gewesen, von der Art, wie wir sie kennen, muß aber gestehen, daß ich nie einen Mann gesehen habe, der so viel Geschick und guten Willen mitgebracht hätte, um Alles selbst anzufassen, zu lernen und einzurichten, wie dieser da. Ein solches Zeugniß war hinreichend, um das Urtheil über Marstrand zu bestimmen. Die besten Männer schüttelten ihm die Hand, luden ihn zum Besuch ein und forschten aus, was er wohl beginnen möchte. Die jungen Mädchen fanden ihn wünschenswerth und vertieften sich in Betrachtung seiner Person und seiner Tracht, die Mütter endlich speculirten, wie alle Mütter thun, mögen sie in Lappland oder Deutschland wohnen. Heimliches Geflüster lief umher, welche Absicht wohl Helgestad mit dem Dänen und seinem Königsbrief habe? Unter den Weibern und Mädchen: Wie Jungfrau Ilda gesonnen sei und ob wohl gar diese stolze Erbin, der Keiner gut genug scheine, als allenfalls der Neffe des Voigts von Tromsöe, dem schönen Junker aus Dänemark ihre vielbegehrte Hand reichen wolle? – Es verging eine volle Stunde, ehe der Geistliche erschien, und während dieser Zeit wurden in der Vorhalle der kleinen wetterschwarzen Holzkirche, ja selbst drinnen auf den Bänken, viele höchst weltliche Dinge verhandelt. Käufe und Verkäufe von Fischen, Vieh, Thran und Lebensmitteln wurden abgeschlossen, Verabredungen der allerverschiedensten Art 71 genommen, gestritten, gelacht, gezankt und getrunken, kurz es war ein Stelldichein des Volkes auf viele Meilen, das diese Gelegenheit benutzte, neben dem Himmel auch allen seinen irdischen Bedürfnissen zu dienen. Endlich kam der Pfarrer von Lyngen, ein großer breitschulteriger Mann im Lederrock, mit grünem Fries gefüttert, einen Wolfspelz darüber gezogen. Nachdem er einige Dutzend Handschläge gewechselt, Damen wie Herren genügend komplimentirt hatte, zog er den Chorrock an und bestieg die Kanzel, um eine endlos ermüdende Predigt zu halten. Er hatte das Thema vom Fischzuge des Gläubigen gewählt, der, des Herrn Wort vertrauend, seine Netze auswarf, und wendete es auf den reichen diesjährigen Fang an, unter Lobpreisen und Anrufen des gnadenvollen Gottes für die vielen fetten und großen Fische, welche auf sein Gebot in den Westfjord schwimmen mußten, um allda in die Hände so vieler wackerer norwegischer Männer zu fallen. Ermüdet und gelangweilt von diesem Einerlei richtete Marstrand bald seine Aufmerksamkeit von dem Redner auf die Gemeinde, die ihm weit größeren Antheil erweckte. Die Kaufleute mit ihren Familien nahmen den Vorderraum ein, und die ernsthaften, breiten und schlauen Gesichter der Normänner ließen vielerlei Betrachtungen zu. Im Allgemeinen konnte er der Behauptung nicht Unrecht geben, daß durch langen Aufenthalt in diesem unwirthlichen Norden unter Eis und Nebeln und brandenden Wogen auch die Schönheit und Kraft des normannischen Stammes Schaden leide. Die wetterharten, lederfarbenen Gesichter der Meisten bezeugten den fortgesetzten Kampf mit einer Natur, die keine zarte Organisation duldet und selbst die festeste und stärkste oft genug zu Grunde richtet. Zu den dicken Pelzen und Lederröcken paßten Menschen mit Köpfen und Gliedern, rauh und schwer genug, um dauernden Widerstand zu leisten. Hier wohnte Niemand zum Vergnügen, Keiner hätte hier leben können und leben mögen, wenn die Fische nicht im Meere wären. Der Fischgeruch, welcher jedes Haus und jede Hütte füllte, füllte auch diese Felsenkirche. Es kam Marstrand vor, als schwebe dieser Duft wie Weihrauch über allen Häuptern, und dieser Priester selbst, dessen rothes Gesicht im Toddyfeuer strahlte und dessen Augen vor Entzücken glänzten, als er von den fetten Fischen sprach, schien ein ächter Diener des großen 72 Fetisch zu sein, von dem alles Heil dieses Landes kam und dem alle Verehrung geweiht war. Einzelne lebhafte junge Männer mit kühnen stolzen Zügen zeichneten sich unter jener Masse calculirender Fisch- und Thranspeculanten eben so vortheilhaft aus, wie einzelne junge Damen, die in ihren Federjacken und Goldnadeln ihrer Reize sich bewußt waren. – Hinter ihnen an den Wänden der Kirche saßen die Fischer mit ihren Weibern, starr wie Bildsäulen, unter lang herabfallenden Haaren stier vor sich hin blickend. Riesenhafte Quäner von den Inseln und aus den neuen Ansiedelungen, häßliche stumpfnasige Gesellen mit kleinen funkelnden Augen kauerten in den Winkeln, Weiber mit bunten Röcken und farbigen Tüchern; und Kinder, ebenso häßlich, rothblond und affenartig saßen an ihren Seiten. Aus dem Dunkel der großen ledernen Kaputzen begegneten sich Blicke voll Neid und wüster Rohheit. Unter allen den Frauen im Schiff der Kirche aber, die modisch in Hauben, Mützen und Bändern prangten, welche ihre Väter und Männer in Bergen für sie gekauft hatten, konnten sich wenige mit Ilda Helgestad vergleichen. In ihrem schwarzen feinen Wollenkleide, ein Sammetband durch ihr reiches Haar geschlungen, das von einem silbernen Pfeile gehalten wurde, saß sie neben Marstrand, der sich eingestehen mußte, daß sie das schönste Mädchen in dieser Versammlung sei. Hier erst, wo viele Frauen beisammen waren, entdeckte und würdigte Marstrand ihre Vorzüge; und war es, daß sein Auge sich gewöhnt, oder daß dies nun erst ihm geöffnet wurde, niemals war ihre hohe Gestalt, die breite gewölbte Stirne, die regelmäßige Bildung ihres Gesichts und diese großen milden Augen ihm so preiswürdig vorgekommen. Er verlor den Maßstab, den er sonst von Schönheit gehabt, und erhielt dafür in der Welt, in der er lebte, einen andern. Im Lande der Blinden ist der Einäugige König, sagte er endlich heimlich spottend zu sich selbst. Nimmermehr werde ich mich doch überreden wollen, daß Jungfrau Ilda, wie sie da vor mir sitzt, groß und prächtig, starkgliedrig und ohne mit den Augen zu zucken, ein so reizendes Wesen ist, um Blut und Nerven in Bewegung zu bringen. Seine Gedanken flogen von Ilda's kaltem strengen Gesicht in den von Oerenäes, und er lächelte noch stärker, denn vor seinen 73 Blicken sprang Gula leichtfüßig, ihre weißen Zähne zeigend und ihm zunickend, über den Grasplatz. Ja, wenn sie nur Etwas von diesem Kinde hätte, murmelte er, wenn die Salzsäule lebendig werden könnte, würde Leben auch Leben wecken. Inzwischen predigte der geistliche Herr wacker fort, endlich aber, als Marstrand das Ende glücklich nahen sah, hatte seine Rede noch einen besondern Anhang, denn plötzlich ging er beim letzten Amen auf seine eigenen Angelegenheiten über, und hielt in eindringlichster Weise der Gemeine vor, daß es ihre Pflicht und Schuldigkeit sei, nach solchem gesegneten Fischfang auch reichlich an ihn zu denken. Heut ist der Tag des Opfers! schrie er auf die Kanzel schlagend, ich ermahne Euch also, nicht filzig und knauserig zu sein, wie es Verschiedene unter Euch schon seit längerer Zeit waren. Ich will keine Namen nennen, die es trifft, werden mich verstehen und dafür sorgen, daß ich mein Glas Toddy auf ihr Wohl trinken kann. Bedenkt das, liebe Freunde und Nachbarn; bedenkt, daß ich große Mühe und Sorge Euretwegen habe, und daß ich ein Normann aus gutem Blute und aus guter Familie bin, nicht etwa ein Lappe, der von Fischköpfen und gefrorenem Käse leben kann. Faßt in die Taschen und holt heraus, was Ihr für mich bestimmt habt, legt zu, wenn es zu wenig ist, und macht es besser wie das letzte Mal, wo es eine wahre Schande für Lyngenfjord's Kirchspiel war, wie leicht ich nach Hause ging. Und nun empfangt den Segen, denn ich hoffe, daß Ihr Euch anständig gegen Euren Freund Henrick Sture benehmen werdet. Marstrand hatte Mühe ein lautes Gelächter zu unterdrücken, aber in der Gemeinde ließ sich ein beifälliges Grunzen hören und Niemand schien Anstoß an den Ermahnungen des Pfarrers zu nehmen. Die Geldbeutel wurden gezogen und mit großen Speciesthalern geklappert. Einer sah auf die Finger des Andern und maß seine Gaben darnach ab. Marstrand bemerkte, daß ein Wetteifer im Geben entstand, und seine Lustigkeit ließ sich nicht länger zurückhalten als er sah, daß auch Ilda ihre Tasche hervorholte und eine reiche Spende in den Opferstock legte, neben welchem der Geistliche mit dankbarem Grinsen stand. Auch du hast dein Gemüth von dem Segen des frommen Henrick erweichen, lassen, sagte er spottend, als sie beide hinausgingen. 74 Glaubst du, daß ich Unrecht that? fragte sie mit dem strafenden Lächeln, das sie so oft für ihn hatte. Gestehe, daß du ein leichtfertiger Mann bist. Leichtfertig? Warum? Hast du die Predigt gehört? Hast du nicht lieber in alle Stühle und alle Winkel der Kirche geblickt, statt deinen Sinn zu sammeln und zu bedenken, daß Gottes Hülfe dir nöthig ist auf deinen Wegen? Du spottest über Henrick Sture und kümmerst dich nicht um unser Urtheil. Du solltest wissen, daß es in Norwegen Sitte und Gesetz ist, dreimal im Jahre dem Priester zu opfern, der daraus den größten Theil seiner Einkünfte zieht. Du wirst noch mancherlei dänisches leichtes Wesen ablegen müssen, lieber Herr, wenn du willst, daß ich Unrecht haben soll. Marstrand suchte sich zu entschuldigen, und Ilda ging versöhnlich mit ihm umher, und hörte wohlgefällig zu, als er in höflicher Weise Gespräche anknüpfte, Fragen beantwortete und mancherlei Beifall erwarb. Es dauerte lange, ehe an die Rückfahrt gedacht wurde, denn nach nordischer Sitte standen neben der Kirche eine Anzahl Kirchenhäuschen, d. h. Hütten von starken Bohlen erbaut, die den verschiedenen ansehnlichen Familien gehörten, welche an schlimmen Tagen dort Zuflucht fanden, und zuweilen wohl gar eine Nacht darin zubringen mußten, wenn etwa ein plötzlicher Orkan, ein Schneewehen oder anderes gefährliches Unwetter die Kirchfahrer überraschte. Heut aber war der Tag so mild und sonnig geworden, daß alle Familien auf dem Kirchplatze beisammen saßen, wo junge Grasspitzen aus dem gesäuberten Boden sproßten und unter Gelächter und Scherzen das mitgebrachte Frühstück verzehrt wurde. Die jungen Leute sprachen von der schönen Zeit, wo es leicht war sich Besuche zu machen, wo das Frühlingsfest hier gefeiert ward, und um Mitternacht im Sonnenschein getanzt wurde. Die Alten saßen beisammen und calculirten, wie die Bergenfahrten in diesem Jahre ausfallen möchten, bis endlich doch das letzte Glas geleert war, und die Boote mit den Kirchfahrern sich nach allen Richtungen zerstreuten. Der Wind blies voll in das große Segel, das Helgestad aufziehen ließ, Ruder waren nicht nöthig, der schlanke Kutter schoß Schaum über seine Buge werfend, den Fjord hinab. 75 War eine schöne Predigt und ein wackerer Tag, sagte Helgestad, als Alles im Gange war, und wird Henrick Sture prächtig bekommen. Nimmt seine Taschen voll Silber mit nach Haus, wie es ihm lange nicht geschehen ist. Nuh, Glück für ihn, daß die Herzen ohne Sorgen vor Sturm und Schneewehen sind, gibt da Mancher mehr, als er morgen gut finden möchte. – Er blickte zum Himmel hinauf, der mit langen lichten Streifen bedeckt war und machte ein pfiffiges Gesicht, das errathen ließ, er sei klüger gewesen, als viele seiner Nachbarn, von denen er seinem Gaste nun allerlei Mittheilungen machte, bis endlich das große Boot wohlbehalten an das Packhaus von Oerenäes stieß. Marstrand half Ilda die schlüpfrigen Felsenstufen hinauf, und beide sahen sich vergebens nach Gula um. Sie hat Besuch bekommen, sagte der Schaffner, der lachend herbeikam, und mag vor Schreck wohl das Gehen verlernt haben. Welchen Besuch, fragte Ilda. Da sitzt er an der Thür, antwortete der Mann. Sieh hin, Jungfrau, du wirst ihn erkennen. Afraja! rief Helgestad, der hinter ihnen war. Was will der alte Schelm? Könnte ihn riechen, wenn ich ihn nicht sähe. Ist seltsam in dieser frühen Jahreszeit, Vater, sagte Ilda. Was kann es sein? Niels zog die Stirnfalten zusammen und ging mit großen Schritten weiter. Weiß es nicht, murmelte er, will aber gehängt sein, wenn das Ungeziefer Gutes bringt. Sie näherten sich dem Hause, und Marstrand betrachtete neugierig den Mann, dessen Namen er schon so oft gehört hatte. Zusammengekrümmt und den Kopf tief gebeugt, saß der greise Hirte auf der Bank neben der Thür. Ein brauner Kittel von grobem Wollenzeug hüllte seinen anscheinend hinfälligen Körper ein, darüber trug er einen offenen Pelz von Rennthierfellen und eine Kappe von gleichem Stoff, die er abgenommen und auf seine Kniee gelegt hatte. Seine beiden mageren, sehnenvollen Hände umfaßten einen langen Stock, dessen scharfe Eisenspitze am Boden glänzte. Zu seinen Füßen aber lagen zwei kleine gelbzottige Hunde, deren wachsame Blicke sich bald auf ihren 76 bewegungslosen Gebieter, bald auf die nahenden Fremden richteten, die sie mit leisem Knurren empfingen. Erst als Helgestad dicht bei ihm war, hob der alte Lappe den Kopf in die Höhe und eine demüthige Freundlichkeit lief durch sein verwettertes Gesicht, das mit tiefen Falten und Runzeln bedeckt war. Halb ergrautes Haar fiel in Büscheln auf seine niedrige Stirn, seine Nase war mongolenartig platt, seine Zähne ungewöhnlich lang, scharf und weiß wie die Zähne eines Wolfs. Unter der grauen Mähne, die der Wind über sein Gesicht warf, blitzten die kleinen Augen, wie Sonnen, die in blutiger Abendröthe untergehen, aber ihre scharfen Strahlen hatten etwas ungemein Schlaues und Lauerndes. Der alte Stammführer beugte sich tief vor dem Kaufmann und stand von seinem Sitze auf. Sei im Frieden, wo du sein magst, sagte er in dem schlechten Dänisch der Küstensprache, deine frohen Tage sollen wie Schneeflocken sein. Nehm's an, antwortete Helgestad, kann jeder Christenmensch deinen Gruß brauchen und hast ihn sicher weit hergetragen. Dein Gürtel ist zusammengeschrumpft in der Nässe und deine Komager sind hart mitgenommen. Er deutete auf die Halbstiefel von Rennthierfell, welche Afraja nach finnischer Sitte fest um seine dünnen Beine geschnürt hatte. Habe dich seit der Herbstzeit nicht gesehen, fuhr er dann fort, glaubte dich weit in den Jauern. Du sagst es, Vater, sprach der Lappe beifällig nickend. Meine Thiere haben an der Tana geweidet und jenseits bis zum großen Meer. Und was, bei Sanct Olaf's Bart! hat dich durch den Winterschnee an den Lyngenfjord getrieben? rief der Kaufmann erstaunt. Muß eine fürchterliche Reise gewesen sein! Wo hast du deine Schlitten, deine Pulks? Afraja sah nach dem Gebirge hinauf und mit einem gewissen Stolze, nicht ohne Würde, strich er die Haarbüschel aus seinem Gesicht. Du weißt, sagte er, daß ich viele Thiere besitze. Mein Schwestersohn, Mortuno, rastet mit einer Heerde an den Quellen des Setzjok, den ihr Altenfluß nennt. Ich kam zu ihm, um nach meinem Eigenthum zu sehen und seine Sommerweide zu bestimmen. Von dort war es nicht so weit bis zu dir, Vater; doch wie darfst du dich wundern, daß ich komme, da Wolf und Bär selbst ausgehen, um ihre Jungen 77 zu suchen? Mein Kind wohnt in deinem Hause. Ich bin alt und schwach, mein Herz sehnt sich nach ihr. Dein Herz? lachte Helgestad. Hast also auch ein Herz, alter Schelm? Mein Herz, erwiederte Afraja mit einem funkelnd strengen Blicke, verlangt nach meinem Kinde, das mein größter Schatz ist. Nuh! sagte der Kaufmann seine Kappe ziehend, so schaue deinen Schatz an, ist nichts daran zu Schaden gekommen. Bleib bis morgen, wenn du willst. Afraja schüttelte den Kopf. Meine Zeit ist kurz, sagte er. Ehe es Nacht wird muß ich weit sein. Gula soll mich begleiten, ich fordere sie von dir zurück, Herr. Einen Augenblick sah Helgestad den Finnen starr und überrascht an, dann hatte er seinen Entschluß gefaßt. – Kommst also dessentwegen, antwortete er seine Stirn düster faltend, habe wohl gedacht, daß es nichts Gutes sein würde. Kann aber nimmermehr geschehen; bist ein Mann von schlechtem Gedächtniß, Afraja. Hast mir das Mädchen für immer gegeben, kostet fünf Pfund Tabak und drei Pinten Branntwein. Du bist ein Christ, sagte der alte Mann, nachdem er einige Minuten stumm auf seinen Stock gestützt gestanden hatte, dein Gott sieht und hört Alles. Er weiß, daß ich mein Kind nicht verkaufte; ich ließ es dir, weil du es so wolltest. Du gabst mir ein Geschenk, ich nahm es, weil du es gabst. Nimm es zurück, sprich aus, was du forderst. Meine Gamme ist öde, fuhr er bittend fort, mein Auge wird dunkel. Ich frage dich, Vater Niels, was würdest du thun, wenn dein Kind dir genommen würde? Habe keine Zeit, deinen Unsinn zu hören, schrie Helgestad seine Pelzmütze um den Kopf ziehend. Calculir's ihm vor, Ilda. Habe das Mädchen aus dem Elend gezogen, Herr Marstrand, habe eine Christin aus ihr gemacht, könnte es vor Gott und Menschen nimmer verantworten, wenn es von Neuem in die Wildniß hinein sollte, unter Rennthiere, Hunde und heidnisch gräulich Volk. Ist ein Faktum, will es auf keinen Fall dulden. Will aber deine Lappentasche da mit Tabak füllen, und deine Branntweinflasche bis oben an; wird darauf deine Sehnsucht zur Ruhe kommen. Denke ja. Ist's nicht so? 78 Afraja hob mit zorniger Verachtung die Augen zu ihm auf, und sagte mit erzwungener Ruhe: Du weißt, Niels Helgestad, daß ich kaufen kann, was ich brauche. Ich habe dir Gula gelassen, so lange es mir gefiel, ich verlange mein Kind von dir. Man rühmt dich als einen gerechten Mann. Du wirst nicht nehmen wollen was mein ist. Nimm was ich dir biete, antwortete der Kaufmann, und sei kein Narr. Wo wäre ein Lappe, der für Tabak und Branntwein nicht Frau und Kinder zum Dienst an die Küste verkaufte? Gula bleibt hier! Das ist mein letztes Wort. Jetzt schicke dich oder mach' daß du fortkommst. Hast du ein Recht mich von deiner Thür zu weisen? fragte der alte Mann. Klage beim Voigt in Tromsöe, rief Helgestad verächtlich. Packe dich fort, oder ich will dir den Weg weisen. Er ging in's Haus, und ließ Afraja stehen, der still vor sich nieder sah und Ilda's vermittelnde Worte nicht zu hören schien. Du weißt, sagte sie, daß ich dein Kind wie meine Schwester liebe. Was willst du mit ihr auf den öden Alpen? Sie würde krank werden und sterben, ihr Leben kann dort oben nicht mehr gedeihen. Kannst du die Birke auf die Fjellen des Kilpis verpflanzen? Sieh, da ist Gula. Laß sie bei mir bleiben, wo sie froh und glücklich ist. Gula war herbeigekommen, ihre Beschützerin hielt sie in ihren Armen. Afraja richtete seine Augen auf sie und streckte seine Hand nach ihr aus. Was sagst du, Mädchen, sprach er langsam. Möchtest du vom Herde dieser Fremden nicht aufstehen, um deinem Vater zu folgen? Möchtest du nicht bei ihm sein, wenn er krank ist und deinen Namen ruft? Mit einer heftigen Bewegung preßte Gula ihren Kopf an Ilda's Brust und krampfte ihre Hände so fest zusammen, als fürchtete sie, von ihr gewaltsam getrennt zu werden. Du siehst, alter Mann, sagte Marstrand von Mitleid bei diesem sonderbaren Auftritt ergriffen, deine Tochter zieht es vor, hier zu wohnen. Ein Blick voll Haß und Kummer war die Antwort. – Jubinal sitzt auf seinem Wolkenthron, antwortete Afraja dann langsam und nachdrücklich, indem er die Augen zum Himmel erhob, er sieht und 79 straft die Ungerechten. – Ohne Gruß und Abschied wandte er sich um und stieg an den Felsen, die hinter der Bucht und Helgestad's Haus einen Halbkreis bildeten, mit größerer Leichtigkeit empor, als sein hinfälliger Körper dies vermuthen ließ. Seine Hunde folgten ihm nach und nach einigen Minuten war er verschwunden. Ist er fort, der alte Schelm? fragte Helgestad, den Kopf zum Fenster hinaussteckend. Kommt herein, Herr Marstrand, der Tisch wartet auf uns; dürfen eines Lappen und seiner Flüche wegen die Gottesgabe nicht kalt werden lassen. Nach einigen Zwischenreden wurde das Tischgebet gesprochen, und während der Kaufmann Gula lobte, ihre Kochkunst pries und ihrer Gelehrigkeit wie seiner Erziehung gemeinschaftliche Komplimente machte, verging geraume Zeit, wo er fast allein das Wort führte. Endlich drückte Marstrand seine Verwunderung aus, daß der Greis allein gekommen und ohne alle Waffen gewesen sei. Nuh, sagte Helgestad, sein Schneestock ist eine Waffe, mit der ein Mann, wenn er es versteht, sich wohl vertheidigen kann; seid aber sicher, daß er seine Büchse, seinen Schlitten, seine Zugthiere und vielleicht ein Halbdutzend seiner spitzbübischen Gesellen in irgend einer Schlucht dort oben versteckt hat. Wenn aber die Lappen so sichere kühne Schützen sind, fuhr der dänische Junker fort, und ein plötzlicher Gedanke überkam ihn dabei, müssen dann nicht die Bewohner einsamer Gaard's Furcht vor ihrer Rachsucht haben? Wer? schrie Helgestad lachend. Wir hier in unsern Häusern? Nuh, kennt das elende Volk nicht, aber ich sage Euch, ein Lappe ist noch weit feiger und vorsichtiger, wie er boshaft und tückisch ist. In seinen Alpen ist er Gebieter, und wer zu ihm hinauf geht, mag sich vorsehen. Ist mehr als Einer dort auf immer verschwunden. Hier unten aber ist unser Reich und sind wir so sicher darin, wie der König in seinem Schlosse. Nachdem der Gaardsherr von Oerenäes sich mit Fleisch und Fischen vollgestopft und soviel alten Portwein darauf gesetzt hatte, wie er vertragen konnte; suchte er sein Lager auf, um einen gesegneten Schlaf zu halten. Marstrand blieb bei den beiden jungen Mädchen im Zimmer sitzen, die heimlich flüsternd sich eine Zeitlang 80 unterhielten, den rothen Sonnenschein betrachteten, der die Stirnen der hohen Felsen am Fjord einfaßte und das seine Wetter belobten; als der dänische Junker aber gar nicht darauf hören wollte und Gula hinausgegangen war, unterbrach Ilda seine Betrachtungen. Ich glaubte, sagte sie, daß meine Freundin versprochen hat, dich, wenn der Tag schön bliebe, auf einen Spaziergang zu begleiten. Ist es dein Wille noch, so geh', Gula erwartet dich; es wäre nicht recht, wenn du sie allein ließest. Willst du nicht mit uns gehen? fragte Marstrand. Nein, war ihre Antwort. Ich habe allerlei zu schaffen. Gula wird dich zu einer Stelle führen, die sie meinen Garten genannt hat. Es ist schön dort, ein andermal werde ich mit dir sein. Heute hast du keine Zeit zu verlieren, wenn du zur Abendandacht im Hause sein willst. Sie nickte ihm zu, als er ging. Gula stand auf dem hohen Gestein am Fjord und ließ ihr weißes Schürzchen wehen, als er aus dem Hause trat. – Wie anders, sagte er gedankendüster vor sich hin, wie freundlich und zutraulich ist dies arme Mädchen gegen jene einsilbige Jungfrau. Mit jeder neuen Stunde fühle ich, daß ich je eher je lieber den Gaard verlassen muß, aber wohin soll ich ohne den Beistand dieser Menschen, die meine einzigen Freunde sind, und mich doch mit Mißtrauen erfüllen? Folge mir nach, Herr, rief Gula von ihrem Felsen herab, als er daran emporklomm. Der Weg ist steil und mühsam, aber du wirst belohnt werden. – Als Marstrand oben anlangte, war sie ein gutes Stück voraus. Das felsige Ufer des Fjord hob sich jäh zu einer beträchtlichen Höhe, und bildete einen rauhen schmalen Pfad, der zur anderen Seite in eine Schlucht niedersank, in welcher ein Bach dem Meeresarm zurauschte, der nahe bei Helgestad's Hof mündete. Jetzt hatte der schmelzende Schnee ihn hoch angeschwellt; schäumend sprang er über Klippen und Risse und bildete ein paar prächtige Wasserfälle, deren Donner und Wasserstaub die Luft erfüllte. Es ist ein Omnisjok, wie wir ihn nennen, sagte Gula, die bei dem schönsten Falle stehen geblieben war und sich über Marstrand's Verwunderung freute. Siehst du das glänzende beschneite Felsenhaupt 81 dort oben? Das ist der Kilpisgipfel, von ihm kommt er herunter. Wir werden ihn besser sehen, wenn du weiter folgen willst; doch nimm dich in Acht, Herr, in deinem Lande weiß man nichts von solchen Wegen. Leichtfüßig sprang sie voran, und trotz aller Mühe vermochte Marstrand nicht ihr zu folgen. Es war ein mühsames Klettern, das Gula nicht zu fühlen schien, während der Däne endlich athemlos still stand. Sie kam zurück und bot ihm die Hand. Sieh dort, sagte sie tröstend, an den schwarzen Steinen führen Stufen hinauf. Björnarne hat sie fest zusammen gelegt; stütze dich auf mich, in wenigen Minuten werden wir oben sein. Und so geschah es. Ueber Felsenblöcke, die eine natürliche Treppe bildeten, führte Gula ihren Freund auf einen kleinen Gebirgsabsatz, der plötzlich, als sie, wie durch ein mächtiges Thor, durch einen Spalt der Klippe getreten waren, eine überraschende Aussicht bot. An tausend Fuß senkrecht unter ihnen lag der Fjord, dessen Schlußstein diese nackte Wand bildete, und weit über Lyngen's Kirche hinaus, bis zu fernen Sunden und Außeninseln schweifte der Blick in das seltsame Gewirr düsterer, nackter und schneeglänzender Felsen und Wasserspiegel. Zu ihren Füßen erblickten sie den Gaard von Oerenäes, seine Packhäuser und Erdhütten sammt Helgestad's große Yachten, wie lilliputanische Kunstwerke; über ihren Häuptern dagegen thürmte sich eine andere hohe Felswand auf, deren gewaltige Blöcke überhängend und phantastisch zerrissen, jeden Augenblick nieder zu stürzen drohten. Sie fallen nicht, sagte Gula lachend, als sie Marstrand's Blicken folgte. Die hängen dort seit diese Welt geschaffen wurde, und bilden die tiefe Höhlungen in der wir oft schon Schutz vor wildem Wetter fanden. Aber sieh dort hinaus, Herr, fuhr sie fort, indem sie linkswärts deutete, dort kannst du über die Halbinsel schauen, welche den Lyngenfjord vom Ulvsfjord trennt. Sieh wie hell seine Felsen uns entgegen leuchten, und dort wo die hohen spitzen Gipfel stehen, dort kommt die Balself aus ihrem tiefen Thale voll hoher schöner Bäume und bringt ihr weißes klares Wasser von der prächtigen Tanajaure herab. Du sprichst ganz entzückt, liebe Gula, fiel Marstrand lächelnd ein. 82 Ich spreche vom Lande meiner Väter, erwiderte sie. Setze dich auf diese Bank, die Björnarne gemacht hat, und sieh nach jener Seite, du kannst die Berge von Tromsöe erkennen, wenn die Luft recht klar ist, sammt Hvalöen und das große ewige Meer. Ist es nicht schön, Herr? Aber vor allen schön der Ulvsfjord und der Balsfjord neben ihm. Ich will dir erzählen warum es dort so grün ist, wenn alles Land rund umher noch unter Eis vergraben liegt. Marstrand setzte sich und gab ihr Recht. Die Sonne stand über den hohen Zinken im Westen und beleuchtete sinkend die beiden einsamen Menschen. Erzähle mir, liebes Mädchen, warum dieser Fjord so gesegnet ist, sagte Marstrand ihre Hand nehmend, und welche gute Gottheit ihm sein grünes Kleid gegeben hat. Du hast von meinem Volke gewiß viel Böses gehört, begann Gula nach einem kleinen Schweigen. Es ist ein armes, verlassenes und unwissendes Volk, einstmals aber war es groß und mächtig und ihm gehörte alles Land, bis weit in den Süden. Damals soll es schöner hier gewesen sein als jetzt. Blumen blühten hoch an den Bergen, große Bäume füllten die Thäler und viele Menschen wohnten am Meere überall. Von Zeit zu Zeit, so spricht eine alte Sage, stieg Jubinal von seinem Wolkensitze herab und wanderte durch das Land, um selbst zu sehen, ob seine Kinder glücklich seien. So kam er auch einst an den Ulvsfjord und fand einen alten Mann mit seiner Tochter, denen Alles dort gehörte. Gula, wie ich, soll das Mädchen geheißen haben, und wunderbar schön soll es gewesen sein. Die Ufer des Meeresarms waren mit Gras und Blumen bedeckt, Waldblumen spiegelten sich in seinem Wasser, das ganze Thal war ein Garten mit sprudelnden Quellen, und mitten darin stand die Gamme unseres Altvaters Afraja, so schön und herrlich, wie es keine mehr gibt. So war der Herrscher am Ulvsfjord aus deiner Familie? fragte Marstrand. Ja, Herr, antwortete sie unbefangen. Jubinal, der Gott, dem Himmel und Erde gehörte, soll lange bei ihm gewohnt und endlich seinen Himmel ganz vergessen haben. Denn er heirathete Gula, aber Niemand wußte, daß er ein Gott sei. Durch seine Macht weckte er die Liebe im Herzen des Mädchens; dem reichen Vater zeigte er Silber und große Heerden, die vom Kilpis herunterkamen, als dichter Nebel 83 ihn bedeckte. Du mußt nicht lachen, rief sie, indem sie selbst lachte. Als ich klein war, habe ich die Geschichte oft erzählen hören und fest daran geglaubt; ja, mein Vater und Alle, die um ihn sind, glauben noch daran, obwohl mein Vater klüger ist wie Viele, die über ihn spotten. Aber du glaubst es jetzt nicht mehr? fragte Marstrand. Bin ich nicht eine Christin, Herr? erwiderte sie schalkhaft, ihre schwarzen Augen aufhebend. Was würde Ilda sagen, wollte ich an Jubinal, an Ayka oder Pekel glauben! Doch höre weiter, fuhr sie fort. Als einige Jahre friedlich vergangen waren, und Gula einen Sohn in ihren Armen trug, kam die Stunde der Leiden, von der sie Nichts geahnt hatte. Pekel, der böse Gott, der die Menschen haßt, sie zur Sünde treibt, und ewig darüber brütet, wie er die Welt vernichten möge, hatte meinem Volke und diesem Lande Verderben geschworen. Er haßte Jubinal noch mehr, weil dieser Gula liebte, ein armes irdisches Weib. Mit den Riesen, den Kindern der Nacht, die tief im Meere wohnten, hatte er ein Bündniß geschlossen, und als Jubinal davon erfuhr, war es zu spät es zu ändern. Die Riesen bereiteten in ihren Höhlen ein Feuer, daß die Felsen barsten und schmolzen und verzehrende Flammen bis über deren Gipfel schlugen. Pekel, der böse Gott aber verwandelte sich in einen Sturmwind, der das Meer vor sich hertrieb, daß es Norwegen so zertrümmerte und zerriß, wie man es jetzt noch sieht. Es wäre ganz verschlungen worden, wenn Jubinal es nicht geschützt hätte, so viel er vermochte. Als er die Wasser und die Flammen kommen sah, wuchs seine Gestalt auf bis in die Wolken. Afraja und Gula warfen sich zitternd vor ihm nieder, aber wie Federn vom Eidervogel hob er sie auf, sammt ihren Heerden und Knechten, und setzte sie auf den Gipfel des Kilpis nieder. Ich bin Jubinal, sagte er, fürchtet euch nicht, ich will euch erretten. Bleibt auf diesem heiligen Berge, bis ich die bösen Geister bekämpft habe. Mit dem Blitz in der Rechten stürzte er die Riesen in ihre Höhlen hinab, mit der Linken schleuderte er das Meer zurück. Donner und Dampf umhüllten das Land meiner Väter neun Wochen lang, als aber der Gipfel des Kilpis aus dem Rauch stieg, als die Sonne wieder schien, sahen Afraja und Gula die schreckliche Verwüstung. Alles Land war fortgerissen, alle fruchtbare Erde 84 verschwunden; schwarze nackte Felsen ragten überall auf, und seit jener Zeit war es kalt und düster hier. Stürme und Nebel hatten Gewalt bekommen, Eis und Schnee lagerten auf den Bergen. Jubinal erschien den Verlassenen nicht wieder, allein seine Stimme sprach zu ihnen: Ziehet hinab, sagte er, in euer Land an den Balsfjord und Ulvsfjord, sie sollen grün und lieblich sein, wie sie waren und eurem Stamme gehören für ewige Zeiten. Wohnet dort, ich will euch segnen, und so lange das Land euch gehört, soll Afraja's Volk nicht verderben. So ist es geschehen. Der böse Pekel schickte ein Volk aus Süden, das die Finnen vertrieb und tödtete, daß sie mit ihren Thieren in die Eisberge fliehen mußten. Arm und verachtet verblieb ihnen Nichts als die Freiheit ihrer Alpen, wo sie noch heut die Herren sind. Aber das Land am Balsfjord ist bis auf diesen Tag Afraja's Weideland, jährlich ziehen seine Heerden die Balself hinab und lagern sich bis zum Herbst unter den duftigen Birken und an silbernen Quellen. Jubinal's Segen ist also noch immer mit deinem Stamm, liebe Gula, sagte Marstrand, und du selbst bist eine Erbin des wankelmüthigen Gottes? Wir Alle sind Gottes Kinder, erwiderte sie lächelnd. Auch Helgestad und Ilda erklären es so. Aber wunderbar genug, fuhr Marstrand nachsinnend fort, daß die schlauen Männer aus dem Süden sich die Weiden und Quellen am Balsfjord nicht längst angeeignet haben? Jubinal hat ihre Augen mit Blindheit geschlagen, antwortete Gula lachend. Es sollen wenige Fische dort sein, weil das Wasser zu süß ist, oder es ist zu warm, weil die Riesen unten im Grunde noch immer an ihren feurigen Essen arbeiten. Vor langer Zeit versuchte es einmal der Vater des Voigts von Tromsöe, ein Haus dort zu bauen, allein es war kaum fertig, als in der Nacht die Erde sich zu schütteln anfing, daß alle Balken stürzten und den grausamen Voigt todtschlugen. Ein Erdbeben also, antwortete Marstrand. Und seit dieser Zeit ist der Balsfjord verlassen geblieben? Es ist Afraja's Land. Alle wissen es, erwiderte Gula, und Alle fürchten ihn als einen großen Zauberer. Frage den Voigt in Tromsöe, er schwört noch heute, daß sein Vater durch meines Vaters schwarze Künste umgekommen sei; frage alle Fischer und selbst die 85 Gaardherren und die Priester, sie werden dir schreckliche Geschichten erzählen. Aber auch unter seinem eigenen Volke gilt Afraja, wie ich gehört habe, für einen Mann, der mit Geistern und Teufeln Umgang hat, fiel der Junker spottend ein. Hast du Etwas dergleichen gesehen? Gula schlug in ihre Hände und schüttelte belustigt den Kopf. Ehe sie jedoch antworten konnte, ließ sich ein leiser scharfer Ton hören, wie der Ruf eines Schneehuhns, das über ihren Köpfen hinflog. Das Mädchen sprang von der Bank auf und sah scheu nach allen Seiten umher. Erschrickst du vor einer Ripe? fragte Marstrand lachend. Siehe, dort sitzt ein ganzer Haufe auf dem Felsen. Laß uns gehen, antwortete sie. Das Schneehuhn schreit, wenn die Nacht kommt; der Weg ist glatt und Ilda könnte bangen um dich. Hastig sprang sie die Stufen hinab. Die Vögel flatterten auf und flogen schreiend über den Fjord; dann verbarg sich die Sonne rasch hinter einer Wand düsterer Wolken, die der Wind, der in Stößen zu erwachen begann, rasch über den Himmel ausdehnte. Ein matter, falber, verschwindender und wiederkehrender Schimmer lief über die Spitzen der hohen Fjelder, als Beide den Gaard erreichten, aus dessen großer Stuga ihnen helles Licht entgegenglänzte. 5. Jungfrau Ilda saß an dem Tische vor einer aufgeschlagenen Bibel, aus welcher sie mit lauter Stimme las. An der Wandseite, auf der Bank stierten im Halbschatten ein Dutzend Männer und Frauen, die Gaardleute, andächtig zuhörend, was die fromme Jungfrau ihnen verkündigte und erklärte. In ihren Pelzen und Sonntagskleidern gab es nichts Schöneres in der Welt für sie, als zu hören, was ihre junge Herrin aus der heiligen Schrift so mild und wohlklingend vorzutragen wußte. Auch Helgestad, der sich behaglich auf dem mächtigen Lederstuhl am Ofen ausstreckte und seine holländische Pfeife rauchte, fand es angenehm, die klaren vollen Laute in seine Ohren klingen zu lassen 86 und dabei allerlei zu calculiren. Als die beiden zu spät Kommenden eintraten, nickte der Kaufmann zufrieden gestellt und deutete mit der Pfeifenspitze auf einen ledernen Stuhl für seinen Gast. Jungfrau Ilda aber ließ sich nicht stören. Sie blickte nicht auf, sondern las ruhig weiter in der Weisheit des Propheten Jesus Sirach, der so viele schöne Lehren der Klugheit und der Moral hinterlassen hat; bis sie endlich, als dies beendigt war, noch ein Kapitel aus den Briefen des Apostel Paulus an die Römer hinzufügte. Erhitzt und müde wie er war, hörte Marstrand ohne viele Theilnahme zu. Er hätte am liebsten diesen langen, erbaulichen Vortrag ganz entbehrt, aber nach und nach wich der Spott aus seinem Herzen, denn was er hörte, blieb nicht ohne Eindruck auf das empfängliche Gemüth des jungen Mannes. Der harmonische Klang und die mahnenden Lehren des Propheten vereinigten sich, um ihn aufmerksam zu machen. Die kleine Gemeinde und ihre schöne Priesterin wurden zu einem poetischen Bilde. Draußen heulte der Sturm immer wilder auf und klammerte sich schüttelnd an das Balkenhaus, das mit ächzenden Tönen Ilda's Worte zuweilen unterbrach. Nordlichtblitze zuckten durch den düstern Himmel, und ihr phosphorisches Leuchten zitterte dann auf den starren Gesichtern der Gaardleute, bis endlich über den hohen Schneegipfeln im Süden des Fjord sich ein Kranz glühender Wolken sammelte, der mit seinem wunderbaren Feuer die schäumigen Wogen beleuchtete. Von all dem unberührt, las Ilda die Ermahnungen des heiligen Paulus zu brüderlicher Liebe und Treue, und mit wachsender Theilnahme hörte Marstrand zu. »Freuet euch mit den Fröhlichen und weinet mit den Weinenden,« las die Jungfrau, »seid froh in Hoffnung, geduldig im Trübsal, nehmet euch der Armen an und stillet die Noth der Leidenden. Segnet, die euch verfolgen, segnet und fluchet nicht. Ermahnet Jemand, so warte er des Ermahners, gibt Jemand, so gebe er einfältiglich, regiert Jemand, so sei es mit Sorgfalt, übt ein Mensch Barmherzigkeit, so thue er es mit Lust. Hasset das Arge, hänget dem Guten an, doch denkt nicht böse von eurem Nächsten, sondern bauet auf seine Liebe. Die brüderliche Liebe soll herzlich sein unter euch, es komme der Eine dem Andern in Treue und Ehrerbietung zuvor. So seid denn nicht träge im Forschen nach Wahrheit 87 und in Allem, was ihr thun sollt. Seid wach im Geiste und schickt euch in die Zeit.« Hier schlug Ilda das Buch zu, und schloß die sonntägliche Erbauungsstunde. Marstrand blieb nachdenkend sitzen, während die Leute sich entfernten, nachdem sie Helgestad's ermahnende Befehle gehört hatten, ihre Hütten wohl zu verwahren und nach Feuer und Licht zu sehen; denn eine wilde Nacht sei im Kommen. Marstrand wiederholte leise Ilda's letzte Worte, sein Blut klopfte lebhafter durch die Adern. Es war ihm, als habe sie die Stimme besonders erhoben und ihre Augen auf ihn gerichtet. Er fühlte, daß die Ermahnungen auf ihn paßten. Höre es gerne, was in dem schwarzen Buche da steht, sagte Helgestad, während der Tisch bestellt wurde und die Familie allein war; ist sonderbar, daß Menschen schon vor Jahrtausenden solche Dinge dachten, weiß es aber Ilda auch besser vorzutragen, wie alle Priester in den Finnmarken. Alle Köpfe nickten beistimmend, und der Alte schlug auf den Tisch, als er sein leeres Glas hinsetzte, und fuhr mit seinem schlauen Lachen fort: Ist ein ganzer Mann gewesen, der heilige Paulus, und kann noch heute Jeder von ihm lernen. War ein Mann, wie ich ihn gerne habe, Herr Marstrand. Kurz, bestimmt, klar, weiß was er will; sieht jede Sache mit offenen Augen an, und wo er von Liebe, Glaube, Vertrauen und dergleichen edlen Dingen redet, kommt doch immer eine verständige Warnung hinterher, wie zum Beispiel: Seid fleißig und rühret die Sinne und die Hände Merkt auf, daß euch kein Schade geschehe; oder, schickt euch in die Zeit, wenn ihr durch die Welt wollt. Hätte in Finnmarken wohnen können, der heilige Apostel, rief er lachend, und soll das nicht etwa unreiner Spott sein – wäre aber Vielen zuträglich, wenn sie ihn täglich läsen, um sich vor Schaden zu behüten. Am besten wäre es, wenn die Menschen nach Paulus Worte handelten und darnach thäten, wenn er befiehlt, daß Alle in brüderlicher Liebe leben und dieser Liebe vertrauen sollen, sagte der Junker. Ich bestreite es! schrie Helgestad. War der Apostel ein viel zu erfahrener praktischer Mann, um solche Dinge anzurathen. Wollte nichts damit sagen, als etwa: Wäre gut, wenn es so wäre, könnte 88 dann die Erde wirklich ein Paradies sein, wo alle Geschöpfe Gottes in Frieden, Liebe und Treue neben einander wohnten, da es aber nichts damit ist, als Schein und Blendwerk, von Narren ausgeheckt, so bleibt der Spruch einzig wahr und gut: sorge Jeder für sich auf Erden, so viel er kann, bis Gott für uns Alle sorgt. Das hat der Apostel Paulus auch wohl gewußt, denn war damals gerade so wie jetzt, und wird so bleiben von Zeit zu Ewigkeit. Seht die Lehre genau an, die der heilige Mann gibt. Kommt endlich doch Alles darauf hinaus: Sperret Augen und Ohren auf, seht zu, daß ihr festhaltet was ihr habt, und was Ihr besitzet, das mehrt durch eure Klugheit. Ist die einzige richtige Lebensmoral, Herr Marstrand, und kann sich Niemand beklagen, wenn er verliert, was sein war. Wußte der Thor seine Gaben nicht besser zu benutzen. Marstrand lachte Anfangs über diese irdische und himmlische Lebensphilosophie, dann aber fiel ihm ein, daß ein wahrhaft spitzbübischer Grundsatz darin steckte. Aus den edlen sozialen Grundlehren des Christenthums fand Helgestad nichts heraus, als eine Bestätigung und Stärkung seiner gaunerischen Pfiffigkeit, Augen und Ohren aufzusperren, und statt zu den Betrogenen zu den Betrügern zu gehören. Es ist wahr, sagte er endlich, der heilige Paulus gebietet uns auch, klug und vorsichtig zu sein, und uns in die Zeit, oder in Menschen und Verhältnisse zu schicken, aber er will auch, daß wir nach Wahrheit streben, daß Recht und Gerechtigkeit sich befestige, damit Gottes Stimme, die Stimme der Tugend und des redlichen Gewissens so stark in uns werde, daß wir vor jedem Unrecht als Sünde zurückbeben. Nuh, spottete Helgestad, habt wie ich merke noch immer mancherlei von den Launen großer Herren, die Ehre und Gewissen über Alles setzen, dabei aber ohne Umstände ihren Bauern Lasten und Abgaben aufpacken, ihnen den letzten Pfennig abpressen, nach Aemtern, Titeln und Stellen jagen, und dafür nichts thun, aber sich gut bezahlen lassen. Habe mancherlei gesehen und gehört von diesen Männern von Ehre und Gewissen, die goldene Tressen tragen und ihren Mitmenschen die Beutel fegen, auf daß sie in Schlössern wohnen und in Wohlleben schwelgen können. 89 Wahrlich, Herr Helgestad, erwiderte Marstrand lächelnd, indem er seinen groben Rock betrachtete, ich werde durch diese Vorwürfe nicht berührt. Was mich betrifft, so habe ich nur die Laune eines ehrlichen Mannes, der Niemanden täuschen und überlisten mag, um etwa damit sein Gut zu mehren. – Dasselbe aber denke ich von Ihnen, trotz aller ihrer Klugheitslehren. Sie haben nach den Worten des Apostels mit brüderlicher Liebe an mir gehandelt, in meiner Verlassenheit mir die Hand gereicht; sollte ich darum nicht mit vollem Vertrauen mich dessen freuen, und, wie der heilige Paulus sagt, auf die Liebe ohne Arglist weiter bauen? Helgestad blies den Dampf seiner Pfeife in dichten Wolken um sich, und hob dann sein Glas auf. Dank Euch für Euere gute Meinung, erwiderte er, und trinke dieses Glas auf Euer Wohl. Sprecht wie ein Mann, dem es warm um's Herz ist, und seid jung genug um lebendige Worte für Eure Empfindungen bei der Hand zu haben. Denke aber doch, daß ich im Recht bin und bleibe dabei. Hat jeder Mensch einen Kopf und zwei Beine und ist ein Wesen, das für sich fühlt und arbeitet, für sich eine Welt bildet. Jeder Kopf calculirt was ihm gut thut, macht seine Pläne, lebt und strebt für sich. Muß also ein richtiger Mann sorgen, daß sein Kopf und seine Gedanken oben bleiben und kann Niemand sagen, daß ihm Unrecht geschehe, wenn er von Andern, die besser calculiren, untergeduckt wird. Ist alles Leben ein Spiel, Herr Marstrand, spielt Jeder darin mit und drängt sich nach den Gewinnen. Wünsche Euch Glück zu dem großen Treffer, ist aber Eure Sache dazu zu kommen. Hab's Euch schon auf den Lofoden gesagt, müßt die Augen offen halten, daß Ihr nicht den Einsatz verliert. Nuh, fuhr er fort, als sein Gast keine Antwort gab, ist genug davon geredet. Denke ja. Ist's nicht so, Ilda? Ja, Vater, antwortete das große Mädchen. Hast deine Gedanken nicht verhehlt. Denke hast gesprochen wie es recht ist. Sie stand auf und rief nach den Mägden, die alle Läden der Fenster schließen und alle Thüren verwahren sollten, denn draußen begann jetzt ein Schnee und Regensturm der ärgsten Art. Helgestad schickte Leute in seine Waarenhäuser und sah selbst nach seinen Yachten, die an doppelte Ketten gelegt wurden. 90 Ist eine wilde Nacht, sprach er besorgt, als er triefend wiederkam. Bläst aus Südwest, als wollte es die alten Fjellen von Lyngen in's Meer stürzen, werden morgen fünf Fuß im Schnee liegen. Löscht alles Licht aus, und steckt den Kopf tief unter die Decken, damit Ihr nichts von dem Höllenspektakel hört. Denke Björnarne ist in Tromsöe mit den Yachten oder liegt in einer sicheren Bucht vor Anker. Ist ein fixer Junge, Herr Marstrand, habe keine Sorge um ihn, werde einen ruhigen Schlaf halten. Marstrand lag in seiner Kammer dagegen noch lange wachend und angekleidet auf seinem Bett. Draußen heulte der Sturm mit so rasender Wuth, daß es zuweilen war, als würden Kanonen gelöst, unter deren Donner das Haus bebte und wankte. Die kleinen Fenster klangen, als wollten sie zerspringen, wenn die Schneeschauer darüber hingetrieben wurden, alle Balken ächzten und knarrten, und durch die tiefe Dunkelheit blitzte dann und wann wieder ein falbes Leuchten, das geheimnißvoll aus dem Zenith des Himmels zuckte und erlosch. Endlich überwältigte das Brausen und Stöhnen sein Nachsinnen, er schlief ein und mehrere Stunden vergingen, ehe er steif und schwer von Kälte aufwachte. So rasch es anging, suchte er seine Kleider abzuwerfen, um Wärme und neuen Schlaf unter den Daunen zu suchen, als er plötzlich einen dumpfen Schrei zu hören glaubte, der seine Müdigkeit verscheuchte. Horchend stand er einen Augenblick. Der Sturm tobte noch immer, aber das Schneetreiben hatte aufgehört. Die Wolkenmasse war nicht mehr so dicht, ein Stern funkelte zu ihm herein. Jetzt wiederholte sich der Schrei, ein Paar dumpfe Schläge fielen; ein Murmeln, wie von Menschenstimmen, quoll unter seinen Füßen auf. Mit einigen raschen Schritten war der Junker an der Thür, deren Holzriegel jedoch allen seinen Bemühungen nicht nachgeben wollte, und während er heftig daran rüttelte, hörte er noch einmal halbersticktes Gewimmer durch die Dielen dringen. Entschlossene Männer finden in Gefahren rasche Entschlüsse. Marstrand sprang von der Thür, die er nicht zu öffnen vermochte, zum Fenster und riß es auf. Hoher Schnee bedeckte leuchtend den Boden; der Sturm brauste ihm entgegen, er konnte nichts hören, aber er erkannte ein paar Gestalten, die dicht am Hause sich 91 bewegten. Ohne sich einen Augenblick zu bedenken, zwängte er seinen Körper durch den engen Fensterrahmen und glitt hinunter. Er fiel hart nieder und sprang unter Schmerzen auf, eben als die beiden Männer, auf deren Köpfe er beinahe gestürzt wäre, die Flucht ergriffen. Der Eine verschwand in der Dunkelheit, der Andere lief in's Haus, dessen Thür weit offen stand. Wer bist du? Halt! schrie Marstrand ihm nachlaufend, aber statt des Einen, den er am Pelzzipfel gefaßt, sah er sich von vier Männern plötzlich angegriffen, die aus der dunklen Vorflur ihm entgegen sprangen. Ein kräftiger Faustschlag wurde mit solcher Gewalt gegen ihn geführt, daß er von der Schwelle zurücktaumelte; die schnarrenden Kehllaute und die Formen seiner Gegner ließen ihm keinen Zweifel, daß er es mit Finnen zu thun hatte. Einige Minuten lang war Marstrand in keiner geringen Gefahr. Die Angreifer benutzten ihren Vortheil, um aus dem Hause zu entkommen und schlugen mit langen Stöcken auf den Junker los. Aber es waren feige und schwache Feinde, denn kaum hatten sie ein Dutzend Schritte gemacht und kaum hatte der kräftige Däne dem Einen seine Waffe entrissen und unter fortgesetztem Hülferuf ein paar Hiebe ausgetheilt, die schadlos auf ihre dicken Pelze fielen, als sie sämmtlich davon sprangen und den ersten ihrer Genossen in Marstrand's Händen ließen. Nach kurzem Ringen schleuderte dieser seinen Gefangenen in den Schnee und schleppte ihn bis an das Haus zurück, in Angst und Bestürzung über das Schicksal der Bewohner desselben. Sein Rufen verhallte unter dem Heulen des Windes, welcher mit erneuter Kraft um den Gaard tobte. Der Mann zu seinen Füßen gab keine Antwort auf alle Drohungen. Das Haus war so still und dunkel, als athme kein lebendiges Wesen mehr darin. Habt Ihr sie ermordet, Ihr Elenden! schrie der Sieger mit wachsendem Grimm. Rede, oder ich erwürge dich. Was ist aus ihnen geworden? Sei barmherzig, Herr, sei barmherzig! rief eine athemlose Stimme hinter ihm und zwei zitternde Arme schlangen sich um seinen Arm, zwei kalte Hände suchten seine Hände zu öffnen. Gula! schrie Marstrand auf und indem er den Liegenden losließ, setzte er hinzu: Es ist dein Vater! 92 Schone sein graues Haar, flüsterte sie, laß ihn nicht in die Macht seiner Feinde fallen. Niemandem ist ein Leid geschehen. Er kam, um mich gewaltsam fortzuführen, ich schrie – sie warfen mir Pelze über den Kopf und schleppten mich hinaus. Ich will bleiben; Afraja, mein Vater hört es. Laß ihn frei, Herr! Er wird nicht wiederkehren. Bei dem heiligen Namen Jubinal's! fuhr sie bittend fort, er wird es nicht. Ich schwöre es dir. Schwöre, Afraja, schwöre und entfliehe. Afraja hatte sich aufgerichtet, wie ein schwarzer Schatten, stumm und still stand er vor Marstrand, plötzlich aber sprang er zur Seite und schnell verbarg ihn die Nacht. Er ist fort, rief Gula. Habe Dank, Herr. Gottes reichen Dank. Sie schlichen herein – sperrten die Kammer, überfielen uns. Und wo ist Ilda? Was that Helgestad? fiel Marstrand ein. Das Mädchen gab keine Antwort. Sie eilte in's Haus, er folgte ihr langsam nach; jetzt erst fühlte er seine Füße heftig schmerzen. Als er in das Wohngemach trat, hatte Gula ein Licht ergriffen, das auf dem Tisch brannte und lief damit in Helgestad's Bettkammer. Da lag der Kaufmann auf seinem Lager, wie ein Ballen zusammengeschnürt, mit harten Lederriemen aus Rennthierhaut doppelt und dreifach gebunden. Ueber den Kopf war ihm seine Nachtmütze bis an's Kinn herunter gezogen; mit festverknoteten Bändern die Kinnbacken zusammengepreßt, der ganze Mann in einen Zustand versetzt, daß er kein Glied rühren und mit Mühe nur so viel Luft schöpfen konnte, um nicht zu ersticken. Gula riß ihm die Mütze ab und löste im Verein mit Marstrand seine Banden. Helgestad's dunkelroth angeschwollenes Gesicht nahm allmälig seine natürliche Farbe wieder an. Er saß erschöpft auf seinem Lager, holte tief Athem und gab keine Antwort, bis er plötzlich mit einem Fluche aufsprang, das Licht ergriff, an seinen großen Schrank und an Kisten und Kasten hinkte, und als er Alles unversehrt fand, beruhigter in den Lederstuhl fiel. Ist ein sonderbarer Vorfall, sagte er, nachdem er eine Zeitlang nachgedacht hatte. Hätte es niemals für möglich gehalten. Aber wo ist Ilda? Wo sind die Mägde? 93 Sie schlafen, sagte Gula demüthig. Ich habe an ihren Thüren gehorcht, die Riemen von den Riegeln genommen. Niemand hat ihnen ein Leid gethan. Will's glauben, erwiderte der Kaufmann. Schlafen am anderen Ende des Hauses und tobt das Wetter, daß ich selbst keinen Schritt der Schelme hörte, bis ich Arme und Beine nicht rühren konnte. War Alles finster um mich her, konnte nichts sehen und nichts hören, fühlte nur ihre spitzbübischen Finger an meiner Kehle und merkte auf der Stelle, mit wem ich es zu thun hatte. Ist ein Meisterstreich von dem alten Höllenkerl, fuhr er mit einem gewissen Wohlgefallen fort, hat mehr Witz unter seinem Hirndeckel wie mancher Normann. Will es ihm aber doch eintränken, murmelte er dann, die blutig unterlaufenen Ringe an seinen Händen betrachtend – soll erfahren was es heißt, Niels Helgestad wie ein altes Segel zusammenzuschnüren. Hätte es nimmermehr geglaubt, Herr Marstrand, daß ein Lappe es wagen würde, hätte es nicht geglaubt und wenn es der heilige Olaf selbst gesagt hätte. Er schien von diesem Erstaunen sich lange nicht erholen zu können, stierte vor sich hin und schüttelte den Kopf; nachdem er jedoch Alles erfahren hatte, was Gula und Marstrand erzählen konnten, drückte er seinen Dank aus. Sage es alle Tage, sprach er zu seinem Gaste, habt Herz und Kopf auf dem rechten Flecke; habt einen Sprung zur richtigen Zeit gemacht. Säße Gula sonst jetzt in dem kleinen Schlitten und jagte durch Sturm und Schnee den Kilpishöhlen zu, ich aber hätte hier bis an den Morgen liegen können, hätte Lärm und Gelächter gegeben durch ganz Finnmarken. – Ist ein wunderlich Abenteuer, Herr Marstrand; darf Niemand etwas davon erfahren. Mag's aber sein. Werde ein paar Tage blaue Flecken davon haben, sonst nichts. Mit dieser Beruhigung fand er sich getröstet und war bereit, den Rest der Nacht nicht unnützerweise mit Schelten und Aergern über etwas zu verbringen, woran sich nichts ändern ließ. Nehmt das Licht, sagte er, und wenn Ihr Euch keinen Schlaftrunk mitnehmen wollt, schließt alle Thüren zu und sucht Euer Bett. Können morgen am Tage weiter betrachten, was wir thun müssen; hoffe, schlafen jetzt gesegnet und sicher. 94 Marstrand schlief jedoch nicht. Als der Morgen kam, lag er im Fieber. Seine Füße waren verstaucht und geschwollen, heftige Schmerzen peinigten ihn. Helgestad kam zu ihm herauf und untersuchte seinen Zustand. Muß Jedermann in den Finnmarken sein eigener Doctor sein, sagte er, haben im ganzen Lande keinen studirten Herrn. Kuriren uns selbst und befinden uns wohl dabei. Salz, Essig und Thon werden Eure Füße heilen, Enzianthee und Zitronensaft das Fieber fortschaffen und nach drei Tagen wird Euch besser zu Muthe sein, als hätte der Leibmedicus des Königs Euch in Händen gehabt. So geschah es, wie Helgestad gesagt. Die Füße des Kranken wurden eingewickelt und fest umbunden, den bitteren Thee mußte er in Masse verschlucken. Gula reichte ihm einen kühlenden Trank und blieb seine unermüdliche Pflegerin. Ab und zu kam auch der Gaardherr, legte einen neuen Verband an und erzählte ihm dabei, daß kein Mensch gemerkt habe, was in der Nacht vorgegangen. Ein Schneestock und ein Lappenmesser sei Alles, was die Spitzbuben zurückgelassen, dagegen fehle nicht ein Nagel an seinem Eigenthum. Nuh, sagte er dann, denke, Ihr werdet schweigen, Herr Marstrand. Wäre mir ein Ekel, bekennen zu müssen, daß Lappenfinger mir an Leib und Gesicht gekommen wären. Lacht schon Ilda mich aus, was würden Andere thun. Marstrand gelobte Verschwiegenheit, doch während dieser Tage, wo draußen das stürmische Schneewetter forttobte, würde er seine ungewisse Lage schwer empfunden haben, wäre Gula nicht seine Freundin und Wärterin gewesen. Den größten Theil ihrer Zeit brachte sie bei ihm zu, erzählte und erheiterte ihn, las ihm aus Büchern vor, die Ilda gehörten, und als das Fieber am zweiten Tage wich, sang sie ihm Lieder und spielte auf der Zither, welche sie mit vieler Gewandtheit zu gebrauchen wußte. Sie war wißbegierig und empfänglich; ihre Fragen über tausend Dinge, von denen sie gehört hatte, waren unerschöpflich. Stunden lang konnte Marstrand ihrem Geplauder zuhören, das ihn erquickte. – Wenn Gula kam, brachte sie regelmäßig Grüße und Verhaltungsregeln von Ilda mit, diese selbst aber erschien nicht in dem Krankenzimmer, denn es schickt sich nicht für sie, sagte Gula entschuldigend, als er eine Bemerkung machte. 95 Ilda weiß immer, was sich schickt, erwiderte Marstrand lächelnd, doch du weißt es auch, kleine Gula. Du kommst zu deinem kranken Freunde und legst deine kühle Hand auf seinen fieberheißen Kopf. Habe Dank, liebes Mädchen! In aller Noth wollen wir uns treulich beistehen. Willst du? Er reichte ihr die Hand. Ein Strom von Freude brach aus Gula's dunkeln Augen, als sie diese nahm. Ich will, o ich will, rief sie lebhaft, aber Gott wende alle Noth von dir! Ein Freudengeschrei erhob sich am Fjord und unterbrach ihr Gespräch. Gula lief an's Fenster, schaute hinaus und schrie dann zurück: Sie kommen, die Yachten kommen von den Lofoden. – Sie kommen alle, die Fischer, Björnarne, Alle! – Sie stürzte nach der Thür, allein plötzlich blieb sie stehen und mit einem Blick, der Verzeihung forderte, setzte sie sich nieder und ergriff ihre Spindel. Du mußt deinen Freund Björnarne willkommen heißen, sagte Marstrand. Bringe ihm auch meinen Gruß; du darfst nicht fehlen. So trieb er sie nach manchem Sträuben fort und als sie endlich ging, versuchte er selbst zum erstenmale seine Kräfte und fand, daß er seine Füße erträglich gebrauchen konnte. Er setzte sich an's Fenster und sah der Landung zu. Die beiden Yachten kamen mit vollen Segeln den Fjord herauf. Boote, mit Menschen gefüllt, fuhren ihnen entgegen. Tücher, Hüte und Flaggen wurden geschwenkt; was der Gaard und die Umgegend an Menschen besaß, lief herbei und machte seiner Freude Luft mit Geschrei und Sprüngen. Endlich lag die vorderste Yacht am Bollwerk und Marstrand sah, wie Björnarne mit einem Satze oben stand, wie sein Vater ihm die Hände schüttelte, wie er Ilda um den Hals fiel und wie er Gula dann mit beiden Armen in die Luft hob und sich mit ihr rundum drehte. In demselben Augenblick wurde er gewahr, daß zwei andere Männer von Helgestad empfangen wurden, und er erkannte in ihnen sogleich den Neffen des Voigtes von Tromsöe, den Schreiber Paul Petersen, und jenen eisenfesten Nordländer, Olaf Veigand, der ihn beim Ball in Ostvaagöen so unsanft behandelt hatte. Der Schreiber unterhielt sich mit Ilda in vertrauter und, wie es schien, lustiger Weise. Alle vergnügten sich an seinem Scherzen. 96 Laut sprechend und lachend näherten sie sich endlich dem Hause, wo Marstrand vom Fenster zurückwich, da er merkte, es sei von ihm die Rede. Wie viel Glück hat er, daß er krank geworden, hörte er den Schreiber sagen. Ich beneide ihn, daß er in deiner Pflege sein durfte. Dann thätest du besser, dich an Gula zu wenden, antwortete die Jungfrau, sie trägt für ihn die meiste Sorge. Eine prächtige Pflegerin, die kleine gelbe Prinzessin, rief Paul laut lachend; und welche würdige Gesellschaft für den Kammerjunker Seiner Majestät! Die Anderen kamen herbei, Marstrand hörte nichts mehr. Voll Zorn über den unverschämten Schreiber setzte er sich auf sein Bett. Bald aber polterten Schritte die Treppe herauf und in der nächsten Minute sprang Björnarne lustig herein, dem Paul und Olaf folgten. Grüß' dich Gott, Johann Marstrand! rief Björnarne in seiner herzlichen Weise. Es kann mir nichts so leid sein, als dich krank zu finden; hoffe aber, ist keine Gefahr dabei. Gar keine Gefahr, erwiderte der Kranke. Nichts als ein falscher Sprung, Björnarne, morgen schon werde ich aufstehen können. Sagte ich es nicht, fiel Paul Petersen ein, indem er ihm die Hand bot, daß Sie in diesem holperigen Lande vor allen falschen Schritten und Sprüngen sich zu hüten haben? Ich hoffe, Herr Marstrand, daß die Erneuerung unserer Bekanntschaft mir Gelegenheit gibt, Ihnen noch andere nützliche Rathschläge zu ertheilen. Die drei jungen Männer setzten sich nun an Marstrand's Bett und unterhielten ihn eine Zeit lang von den Begebnissen ihrer Reise, die nichts Besonderes darbot. Sie hatten Björnarne begleitet, um einige Zeit im Gaard von Oerenäes zu leben, und mochten Beide ihre besonderen Absichten dabei haben. Olaf Veigand war ein wohlhabender Grundbesitzer aus Bodöen und gehörte zu einer angesehenen Familie. Der Schreiber von Tromsöe aber hatte, wie er erzählte, mit seinem Oheim es abgemacht, so lange in Helgestad's Haus zu bleiben, bis er nicht länger darin gelitten würde. Sie, Herr Marstrand, fügte er dann hinzu, werden im Gegentheil sagen, ich will fort, sobald ich irgend kann; allein ich denke, wir 97 werden noch manche vergnügte Woche zusammen leben, ehe Sie Ihr neues Reich aufsuchen. Sobald der Schnee schmilzt, muß es geschehen, antwortete der Junker. Das kann Ende Mai kaum der Fall sein, rief Paul; aber haben Sie Ihre Domaine schon ausgesucht? Noch nicht, war die einsilbige Antwort. Nun, wo es auch sein möge, es wird ein warmes Plätzchen werden, das allerlei Streit kostet, lachte Paul, denn wo es noch eine Weide gibt und wo ein Quell rinnt, behaupten die Lappen, es sei ihr uralt Eigenthum und schreien über Unrecht und Gewalt. Indeß, fuhr er fort, wir haben ja hier im Hause die Tochter des mächtigen Herrn Afraja, durch dessen Gunst viel geschehen kann. Du bist ein Narr, Paul Petersen, sagte Olaf, der bis jetzt geschwiegen hatte. Meiner Treu, erwiderte Paul, ich weiß nicht, wo die Narrheit anfängt oder die Weisheit aufhört. Wenn ich das beste Stück Land ohne Mühe haben und schnell reich werden wollte, würde ich Afraja zu meinem Schwiegervater machen. Ein allgemeines Gelächter folgte. Es ist mein Ernst, rief der Schreiber. Der alte Hexenmeister hat wenigstens sechstausend Rennthiere, dazu bewahrt er Schätze in verborgenen Höhlen, mehr als ein König von Norwegen jemals besessen hat. Alles, was seine Urväter und Väter sammelten, hat er mit Hülfe seiner Zauberkünste entdeckt, dazu gethan, was er selbst zusammenscharrte, und, wenn man den Leuten traut, die es erzählen, kennt er die reichen Silberschachte, die hoch oben in der Wüste sein sollen, von denen alte Sagen melden. Zuweilen verschwindet er wochenlang. Die Lappen glauben dann, er arbeite mit seinen Geistern in unterirdischen Bergwerken und Niemand wagt es ihm zu folgen. Zwei- oder dreimal sind Neugierige, die den Versuch machten, ihn zu belauschen, nicht wiedergekommen. Eitel Lügen und Märchen, sagte Björnarne. Meinetwegen, antwortete Paul, glaubt, was Ihr wollt, allein Niemand wird läugnen können, daß Prinzessin Gula eine so prächtige Partie ist, daß sie mancher Baron sich wünschen möchte. 98 Schäme dich, Paul, schäme dich! antwortete Olaf. Wer möchte ein Lappenmädchen heirathen? Du nicht, ehrlicher Olaf, und wir Alle nicht, lachte der Schreiber; aber die aufgeklärten Leute in der großen Welt würde es wenig kümmern, ob der alte Afraja Komager an den Beinen trägt und mit seinem Leitthiere durch die Sümpfe der Jauren watet, wenn er nur sein Silber und sein Gold gibt, um mit der kleinen stumpfnasigen Gula in Karossen zu fahren, Feste zu veranstalten und in einem Palaste zu wohnen. Da ist Herr Marstrand, fragt ihn, ob nicht Grafen und Freiherren zufassen würden, wenn Gula mit einer Yacht voll Geldsäcken nach Kopenhagen käme. Es geschieht wohl zuweilen, daß Männer aus vornehmen Familien des Geldes wegen reiche Bürgerstöchter heirathen, sagte Marstrand lächelnd, aber löblich wird solch Thun nicht genannt. Nun also! rief Paul Petersen im hohen Grade belustigt, indem er Marstrand boshaft betrachtete. Da hört Ihr es, was reiche mächtige Herren, Kammerherren und Kammerjunker zu thun im Stande sind. Welcher Unterschied ist doch zwischen Aufklärung und Rohheit, zwischen feiner Sitte und stupider Gemeinheit! Hier würde Gula mit all ihrem Reichthum und ihrem netten Gesichtchen kaum bei dem ordinärsten Fischerknechte ankommen, in Kopenhagen würden die nobelsten Männer zu ihren Füßen liegen, und ich gebe mein Wort darauf, sie würden sie lieber nehmen, als eine reiche Kaufmanns- oder Brauerstochter, denn Gula ist vom ältesten Adel, der bis in die Zeiten Odin's oder noch weiter hinaufreicht, weil Jubinal und die Liebesgöttin Ayka noch früher dagewesen sind. Ein Mädchen mit solchem Stammbaum, von den Göttern abstammend, könnte einen Fürsten bekommen. Könige würden sie für ebenbürtig erklären, denn in Europa ist es nicht einmal Mode von den Göttern seinen Ursprung abzuleiten. Selbst die Stolzesten begnügen sich mit irgend einem Bauer oder Jäger, der, wenn es hoch kommt, bei Noah im Kasten gesessen hat. Ist's nicht so, Björnarne? rief er, seinen Freund auf die Schulter schlagend. Was gibt's? sagte dieser zusammenschreckend. Nun, bei allen Stockfischen in Westfjord! lachte der Schreiber, ich glaube, er hat kein Wort gehört. Wo warst du denn mit deinen 99 fünf Sinnen, mein Junge? Tanzten sie etwa auf der Hochzeit der Prinzessin Gula mit einem dänischen Baron? Eine dunkle Röthe bedeckte Björnarne's Gesicht. Er stand auf und sagte heftig und verlegen: Halte deine böse Zunge im Zaum, Paul. Ich will es nicht leiden, weder daß du mich, noch irgend einen Anderen verspottest. Halte Frieden in meines Vaters Hause. Der Schreiber lachte was er konnte. Närrischer Björnarne, erwiderte er, was zankst du mit mir? Ich rede nichts wie Liebes und Gutes selbst von denen, die verachtet werden, dafür feindet Ihr mich an. Aber Ihr versteht keinen Scherz, so laßt uns andere Dinge verhandeln. – Mit Leichtigkeit wandte er das Gespräch auf die anwohnenden Familien, welche er kannte und besuchen wollte, sprach von den Landstellen und ihren Eigenthümern und verband mit genauer Kenntniß der Gegenstände, über welche er urtheilte, so viel gute Laune und gute Späße, daß die Einigkeit bald wieder hergestellt war. Erst nach Stunden, als es dunkel wurde und der gastliche Tisch des Gaardherrn sie erwartete, verließen die drei jungen Männer das Bett des Kranken und wünschten ihm ein fröhliches Wiedersehen auf morgen. Am folgenden Tage gelang es Marstrand wirklich in dem Familienkreise zu erscheinen. So gut es ging, stieg er die Treppe hinunter und wurde in der Stuga mit Freuden empfangen. Der Wirth saß mit seinen Gästen beim Frühstück; alle waren in der heitersten Stimmung, Helgestad machte ihm Platz an seiner Seite. Jungfrau Ilda sagte ihm freundliche Worte, noch herzlicher that dies ein ehrwürdig blickender, greiser Mann, der in seinem schwarzen Kleide den Ehrensitz am Ofen eingenommen hatte. Nuh, sagte Helgestad, denke, habt den Pastor Klaus Hornemann nicht vergessen, Herr Marstrand. Ist von Tromsöe gekommen und will bei uns bleiben, bis er hinaufkann zu seinen Pflegkindern, die ihn mit Sehnsucht erwarten, wie junge Birkenreiser. Sie müssen wissen, Herr Marstrand, sprach der Prediger lächelnd, daß ich wohl seit zwanzig Jahren die Finnmarken zur Sommerzeit bereise und jetzt von der Regierung den Auftrag erhalten habe, mit einigen anderen Gehülfen die Bekehrung des unglücklichen, verlassenen Volkes zu vollenden, das diese unwirthlichen Hochlande bewohnt. Die Finnen sind also noch nicht alle bekehrt? fragte Marstrand. 100 Dem Namen nach könnte man es vielleicht behaupten, antwortete der Geistliche. Man hat ihnen verboten zu ihren alten Göttern zu beten, die meisten mögen auch folgsam sein, aber wer trägt Sorge um sie? Wer pflegt ihr Christenthum? Wo ist die Liebe, die ihnen hülfreich zur Seite stände? In Kautokaino und Karasjok hat man Kirchen erbaut und Geistliche eingesetzt, welche die Lappen während des Winters dort versammeln und ihnen Lehre und Unterricht zuwenden sollen. Was hilft das aber? Der Geistliche versteht seine Zuhörer so wenig, wie diese ihn. Mühsam muß, was er sagt, übersetzt werden, so gut es geht. Wie können Priester lehren, die in fremden Zungen reden? Wie kann der Same des Heils gedeihen in solcher Weise? Nuh, brummte Helgestad, werdet doch keinem Christen zumuthen wollen, Finnisch zu lernen. Ist ihre Sache, sich das richtige Norwegisch anzugewöhnen. Ein sanftes Lächeln schwebte um den Mund des alten Priesters. Da hören Sie es, sagte er, Niemand will sich herablassen, diesen Ausgestoßenen einen Finger zu reichen, und doch möchten sie Alle nehmen, was jene geben können. Was kann aber geschehen und wahrhafte Hülfe bringen? fragte Marstrand. Wenig für jetzt, ich gebe es zu, antwortete Hornemann, aber doch Etwas. Die Regierung hat mich beauftragt, ihr Berichte darüber zu erstatten, ob im Innern des Landes noch einige Kirchen erbaut werden müßten; ich werde es widerrathen. Die Lappen ziehen mit ihren Heerden auf und ab, auch im Winter wechseln sie ihre Lagerplätze und nur in der allerschlimmsten Zeit rasten sie einige Monate da, wo sie ihre Thiere am geschütztesten glauben. Daher können Kirchen nichts nützen, sie stehen neun oder zehn Monate im Jahr verödet, und welche schreckliche Wirkung Einsamkeit und Verlassenheit auf die dort hingesandten Priester ausüben, davon haben wir leider die traurigsten Beispiele. Drei Priester sind in Kautokaino stumpfsinnig und wahnsinnig geworden. Das ganze Gesindel ist nicht werth, daß ein wackerer Mann so schmählich verderbe, sagte Olaf. Ich werde der Regierung rathen, statt Kirchen zu bauen, fromme Diener unseres Gottes auszusenden, die sein heiliges Wort reisend 101 und pilgernd verkündigen, fuhr der Geistliche fort. Solchen Männern, die mit frohem Glaubensmuthe kommen und von ihrem heiligen Berufe erfüllt, keine Mühen und Beschwerden scheuen, kann Manches gelingen. Sie können von Familie zu Familie wandern und mit ihnen ziehend von Lager zu Lager, können sie hülfreich den Leidenden beistehen und die Schwachen beschirmen, bis endlich der Kern gelegt ist, aus dem ein fruchtbringender Baum erwachsen kann. Paul Petersen hatte bis jetzt geschwiegen, aber er lachte dann und wann spöttisch vor sich hin und sagte nun: Sie sind ein verehrter und frommer Mann, aber können Sie wirklich glauben, daß aus diesen Rennthierhirten und Jägern des Gebirgs jemals etwas Rechtes gemacht werden könnte? Da wohnt und lebt und zieht jede Familie für sich, heute ist sie hier, morgen dort. Mit ihren Zelten wandern sie ihren Rennthieren nach; kein Trieb ist in ihnen nach einer festen Wohnstätte, nach einem Hause, nach gesitteter Weise und geordnetem Leben. Ueber ihre Freiheit, wie sie es nennen, geht ihnen Nichts, und nur die sich gar nicht mehr helfen können, kommen an die Küste und werden Fischer, oder sie bitten um eine Kolonistenstelle und die Regierung gibt sie ihnen. Dort sitzen sie dann und beneiden bis zum bittersten Hasse ihre Brüder, die Waldlappen; laufen aber gern wieder hinauf, wenn sich irgend eine Möglichkeit zeigt, auf den Alpen zu leben. Rennthiere und Lappen sind, wie die alten Centauern, zusammengewachsen; Thier und Mensch haben sich zu einem Wesen vereinigt, das untrennbar vereint leben und sterben muß. Ihr werdet sie weder besser machen, noch Etwas daran ändern können, sie werden gemeinsam untergehen. Im vorigen Jahrhundert soll das Volk noch über hunderttausend Köpfe gezählt haben, jetzt ist kaum mehr die Hälfte vorhanden; im nächsten Jahrhundert wird es der vierte Theil sein und endlich wird der letzte Lappe sterben. Und wer, Herr Petersen, ist Schuld an diesem Untergange eines Volksstammes? fragte der Geistliche mild. O! ich weiß, antwortete der Schreiber, Ihr gebt uns die Schuld. Wir haben ihnen ihre Weiden genommen, haben ihnen den Branntwein und die Pocken gebracht, haben sie ausgesaugt und mißhandelt, aber das Alles ist eitle Träumerei. Statt der untergehenden rohen Hirten haben Normänner und Quäner sich vermehrt und mit jedem 102 Jahre kommen neue hinzu, die fleißige Hände mitbringen, handeln und Geld erwerben. Tromsöe wird bald eine artige Stadt sein, und in hundert Jahren können an allen Fjorden und Sunden Häuser stehen und Kirchen erbaut werden. Mag ein Hirtenstamm, der sich nicht ausbilden kann, immerhin untergehen; es muß das auch Gottes Wille sein, Herr Hornemann, sonst würde es nicht geschehen. Ihr müßt es als ein Gottesgesetz anerkennen, denn es wiederholt sich überall. Die Civilisation erobert und macht sich Platz, wohin sie kommt; untergeordnete Wesen tritt sie zu Boden, weil diese nichts Besseres verdienen, als ausgelöscht zu werden, weil ihre Organisation nicht mehr zu ihrer längeren Erhaltung paßt. Und damit, antwortete der Missionär, läßt sich alle Grausamkeit rechtfertigen, die in der Welt begangen wurde. So haben die Spanier in Amerika gewüthet, mit solchem Rechte schleppt man Menschen in Sklaverei und behandelt sie als Waare und Lastthiere. Die Lappen sind niemals so behandelt worden, fiel der Schreiber ein. Nein, sagte der Geistliche, man könnte es nicht einmal mit ihnen also machen, wie es in manchen gesitteten Ländern Europa's mit Bauern und der großen Masse des Volks gemacht wird – sie sind weder Leibeigene noch hörige Leute, denn glücklicher Weise besitzen sie keine Hütte und kein fruchtbares Feld. Ihnen gehört allein die unermeßliche Felsenwüste, wohin so leicht kein Landvoigt und kein Steuerempfänger folgen mag. Aber man überläßt sie ihrem Elende, verachtet sie mit einer Härte, die schlimmer ist wie der schlimmste Haß, und dennoch ist dies Volk gelehrig, verständig, zum Nachdenken geneigt, mit vielen geistigen Anlagen und mancherlei Geschicklichkeiten ausgerüstet. Es gibt Männer dort, die, wenn sie in anderen Verhältnissen geboren wären, den Ruhm großer Klugheit und Weisheit haben würden. Sie meinen Afraja, Herr Hornemann, rief Petersen lachend, und ich gebe Ihnen zu, daß der alte Bursche listiger und verschlagener ist, als alle Anderen, obwohl es keinem an Tücke und Schlauheit fehlt, sobald es gilt einen Normann zu betrügen; allein Sie sollten diesen zähen Heiden am Allerwenigsten loben, da es bekannt ist, wie wenig er an Christi Wort glaubt, und erst nach 103 schwerer Strafahndung dahin gebracht werden konnte, keine Opferfeste mehr in den Saitas Jubinal's und der übrigen gräulichen Götzen zu veranstalten. Der Prediger neigte mit einem schmerzlichen Lächeln sein greises Haupt und sagte, den Schreiber anblickend: Wenn wir alle bessere Christen wären, würde Afraja längst einer sein. Petersen's Gesicht war voll Hohn. Da fällt mir eine Geschichte ein, die ich vor einiger Zeit von ihm gehört habe, sagte er, mit den Händen durch sein rothes Haar fahrend, was er immer that, wenn er einen Streich ausüben wollte. Afraja sollte einmal bekehrt werden. Ein frommer Mann, ich weiß nicht wie er hieß, gab sich die größte Mühe sein verstocktes Gemüth zu erweichen. Er erläuterte ihm einen langen Tag über die Lehren des Christenthums und erzählte ihm die Wunder des Herrn, um ihn in Erstaunen und Ehrfurcht zu versetzen. Aber Afraja blieb so ungläubig, wie er war. Er lachte dazu und sagte endlich ganz gelassen: Denkst du, Priester, daß ich solche närrische Geschichten für wahrscheinlich halten soll? Sie stehen in deinen Büchern, aber Papier ist geduldig, wer hat von diesen Wundern jemals etwas gesehen? Was alte Sagen den Lebendigen berichten, ist meist nicht so viel werth, wie ein Rennthierschuh; ist dein Gott aber ein so mächtiger wie du sagst, und bist du sein Werkzeug, so zeige mir, was ihr beide könnt – verwandle diesen Stein in Brot. – Dabei stieß er mit seinem Fuße an einen großen Stein und schnitt ein boshaftes Gesicht wie ein Affe, denn er sah die Verlegenheit des frommen Mannes, der in eine üble Klemme gekommen war. Da war jedoch kein Besinnen. Der Priester warf sich auf sein Angesicht und auf den Stein, den er mit seinem weiten Rocke bedeckte. Er betete lange voll heiligen Eifers und schrie endlich erfüllt vom Muthe des wahren Glaubens, indem er aufsprang: Im Namen Gottes! Stein, ich befehle dir, werde Brot! Und siehe da! Der alte Hexenmeister wurde starr vor Schreck und Staunen, denn der Stein war fort und ein großes Brot lag an seiner Stelle. Bist du jetzt überzeugt, verstockter Zweifler? fragte der Gottesmann. Erkennst du nun, was es heißt ein Christ sein? Statt der Antwort bückte sich Afraja, nahm das Brot auf brach es durch und richtig, es war nicht blos ein Brot, es steckte 104 auch ein gebackener Fisch darin, wie dies die Leute an der Küste thun, wenn sie auf Reisen gehen wollen. Wahrlich, Priester, rief der Heide, dein Gott ist ein großmüthiger Herr, er gibt mehr, als man von ihm bittet. Nimm was er dir bescheret hat und geh! Dein Weg ist lang, du würdest Hunger leiden, wollte ich mir dein Wunder zu Nutze machen, doch vorher sieh, was meine Götter vermögen. Bei diesen Worten nahm er einen andern Stein auf, und wie er ihn mit einer Hand in seinen Pelz steckte, zog er mit der anderen einen großen Rennthierkäse daraus hervor. Mein Stein ist Käse geworden, sagte er, ganz so, wie dein Stein Brot geworden ist. Nimm ihn und danke Jubinal. Er wird dir ohne Zweifel vortrefflich schmecken, denn er ist von der besten Sorte. Ein schallendes Gelächter belohnte den Schreiber, der vergnüglich den alten Geistlichen anblinzelte. Doch Klaus Hornemann verlor seine sanfte Duldsamkeit nicht; er schüttelte leise den Kopf und sagte betrübt: Eine Antwort auf Ihre Geschichte werden Sie nicht von mir erwarten, Herr Petersen; aber wenn ein Christ und ein Richter wie Sie, das Hohe und Heilige so arg verspotten kann, was soll der heidnische Finne thun, der doch so verächtlich in Ihren Augen ist? Ehrwürdiger Mann, erwiderte der Schreiber, Ihr schwarzer Rock gibt Ihnen das Recht, grob sein zu dürfen. Ich frage nicht viel danach, wenn man mich tadelt, in diesem Falle jedoch kann ich meinen Spott, wie Sie es nennen, rechtfertigen. Es ist schwer, ernsthaft zu bleiben, wenn man sieht, wie seit einiger Zeit die Lappen gehätschelt und gestreichelt werden. Man stellt sie der Regierung als verfolgte unglückliche Wesen dar, denen man die herrlichsten Eigenschaften andichtet. Vor allen Dingen sollen sie Christen werden, dann will man weiter gehen, will ihre Talente ausbilden und in kurzer Zeit werden wir aus diesem erwählten Volke nicht allein Kaufleute und Grundherren, sondern auch Richter und Voigte, Lendsmänner und Schulmeister hervorgehen sehen, bis zuletzt der ganze normannische Stamm von ihnen aus dem Lande gejagt wird. Was sagen Sie dazu? Ist es nicht so? Wäre doch einige Wahrheit in Ihrer Rede, antwortete Hornemann lächelnd, mein Herz würde sich daran laben. 105 Und ist es nicht wahr, schrie Petersen boshaft nickend, daß Sie an den Gouverneur von Trondhjem und nach Kopenhagen schreckliche Berichte über die Trübsal und Gräuel gesandt haben, welche wir über dies edle Volk bringen? Haben Sie nicht besonders dabei auch des Voigts von Tromsöe und seines Neffen, des geschwornen Schreibers, gedacht, die Beide erbitterte Feinde und Widersacher Ihrer unglücklichen Pflegekinder sind? Mein Amt, versetzte der alte Mann würdig aufblickend, gebietet mir, zu helfen und zu bessern, wie ich vermag, die Uebel aufzudecken, wo ich sie finde; anschuldigen jedoch ist meine Sache nicht. Ich bin kein Richter und kein Rächer. – Seine Ruhe und der strafende Ernst seiner letzten Vertheidigung machten selbst auf Petersen Eindruck. Die hohe, kräftige Gestalt des Greises, sein langes, graues Haar, das in fast weißen Locken auf seine Schultern fiel, seine leuchtenden, freundlichen Augen und die schöne stolze Stirn gaben ihm ein Ehrfurcht gebietendes Ansehen. Paul mochte nichts mehr fragen, er stand auf und sprach von etwas Anderem. Bald darauf ging er mit Helgestad hinaus, der ihm ein Paar Rechtshändel mittheilen wollte; Björnarne hatte auf den Yachten zu thun, die ausgeladen wurden, sein Freund Olaf versuchte es, Ilda Gesellschaft zu leisten, nur Marstrand blieb bei dem alten Priester sitzen, der lehrreich über viele Dinge mit ihm sprach, seine Geschichte hörte, seine Entschlüsse belobte und ihm manche nützliche Rathschläge ertheilte. Die Anwesenheit des Missionärs im Hause des Kaufmanns bildete aber schon an diesem Tage eine eigenthümliche Trennung zwischen zwei verschiedenen Parteien der Gesellschaft aus, welche hier beisammen lebte. Helgestad und der Schreiber hatten ersichtlich wenig Wohlgefallen an dem alten Geistlichen, denn so bescheiden und friedfertig dieser auch war, wußte er doch sein Ansehen zu behaupten und seine Aussprüche zu vertheidigen; Ilda dagegen war ihrem alten Lehrer und Freund mit so vieler Herzlichkeit zugethan, als ihr ernster Sinn es zuließ, und mit ihr vereinigte sich Gula, die eine zärtliche Verehrung und Sorgfalt für Klaus Hornemann hegte. Der ehrwürdige Priester mit seiner Menschenliebe und Milde, seinem Gottvertrauen und der Kraft, die aus diesem stammte, war aber sicherlich eine herzgewinnende 106 tröstende Erscheinung auch für Marstrand. Wie weit stand er mit seinen Anschauungen über Helgestad und allen diesen nur auf Geldgewinn gierigen Eigenthümern der Fischplätze und Fjorde, und welchen erhebenden Gegensatz bildete sein entsagungsvolles Leben zu den groben Ausschweifungen dieser Männer, die meist nur in Trunk und Völlerei Ersatz für ihre Beschwerden fanden?! Der reiche Gaardherr würde seinen Mißmuth über den längeren Aufenthalt des alten Narren, wie er ihn nannte, vielleicht deutlicher gezeigt haben, wenn nicht viel Volk diesem fast abgöttisch angehangen und die Regierung ihn so mächtig unterstützt hätte. In welcher Hütte oder in welchem stattlichen Hof der Priester auch einkehren mochte, es wäre Schimpf und Schande gewesen, ihm nicht mit Freuden den besten Platz am Ofen eingeräumt zu haben. Daß er zu den Kindern des verachteten Stammes in die Gebirge hinaufstieg, sie in ihren tiefsten Schlupfwinkeln aufsuchte, um auch ihnen Liebe, Trost und Hülfe zu bringen, vermehrte bei den Meisten die Heiligkeit seines Namens und wer etwa darüber spotten und lachen mochte, that es selten ohne eine Entschuldigung, daß Klaus Hornemann's gutes Herz ihn zu weit führe, so daß er keinen Unterschied mache zwischen Mensch und Mensch. Aber Klaus Hornemann war sowohl für die Fischer an den Küsten, wie für die Kolonisten und für Alle, die in Noth geriethen, ein treuer Freund und Helfer. Er schlichtete die Streite, half den Verschuldeten auf, bewog die Schuldner zur Milde, schloß Vergleiche, unterstützte die Armen, gab willig, was er besaß, und setzte so manche Verbesserung in den Verhältnissen der verschiedenen Klassen der Bevölkerung durch, daß kein Mann im Lande ein solches Ansehen besaß wie dieser arme Greis, dem Nichts gehörte, als sein Pilgerstab und seine Reisetasche. Zwar besaß er eine einträgliche Pfarre gerade an der Grenze zwischen Nordland und Finnmarken, allein den größten Theil des Jahres benutzte er zu seinen Wanderungen, da die Regierung, die damals noch keinen Bischof in Tromsöe hielt, ihn zugleich als ihren Agenten und General-Vicar der Finnmarken bestellt hatte, der die geistlichen Visitationen abhielt, Berichte erstattete und Vorschläge machte. So war auch seine amtliche Stellung wichtig genug, um die Beamten im Lande, die Voigte, die Sorenskriver, Landrichter und Untervoigte von manchem Uebermuth abzuhalten und seine Freundschaft zu suchen, um so mehr, 107 als man wußte, daß Hornemann ein genauer Freund des Gouverneurs in Trondhjem, des alten General Münte, war, der das ganze mehr als hundert Meilen lange Küstenland regierte und in Kopenhagen in hohem Ansehen stand. Der ärmliche Greis war somit keine ganz unbedeutende Person in diesem äußersten Thule. Er war eben sowohl ein Gegenstand der liebevollsten Anhänglichkeit und Verehrung wie geheimer Abneigung, die in letzter Zeit bei manchen Beamten und reichen Kaufleuten merklich gestiegen war, seit man wußte, daß Hornemann's Berichte sich in ihren Darstellungen der Sachlage entschieden tadelnd ausgesprochen. Der Schreiber hatte diese Abneigung deutlich genug erklärt und seine eigene Gesinnung nicht zurückgehalten. In den nächsten Tagen, als das Wetter milder wurde, besuchte der Geistliche die verschiedenen Niederlassungen an beiden Ufern des Lyngenfjord und mehreremale begleitete ihn Marstrand auf diesen Ausflügen, die sich endlich weithin erstreckten und im Boote unternommen werden mußten. Der junge Ansiedler war froh, in dieser Weise der Gesellschaft des Schreibers zu entkommen, der ihn mit seiner Theilnahme belästigte und dessen zunehmende Herrschaft im Gaard von Oerenäes ihm unangenehm war. – Der Grund, um mit Hornemann zu wandern, war nicht schwer zu finden, da einige Familien, die ihre Handelsstellen am äußeren Fjord, auf der Insel Alöen und bis an Maursund und auf Kargöe besaßen, ihn öfter schon zum Besuch eingeladen hatten. Der alte Helgestad konnte nichts dagegen einwenden, Björnarne, welcher in der Mitte beider Parteien stand, fand es gerechtfertigt, Land und Leute kennen zu lernen, seine Schwester sagte wie immer, nichts dazu und die Einzige, deren betrübte Augen ihm folgten, war Gula. Wirst du auch wieder kommen? fragte sie, als er von ihr Abschied nahm. Gewiß, sagte er, meine ganze Abwesenheit wird höchstens zwei Wochen dauern, dann ist der Mai nahe und in den Gründen wird es grün. Es wird einsam hier sein, wenn du fort bist, erwiderte sie leise. Einsam, liebe Gula, rief er lachend. Es wird fröhlicher hergehen, sollte ich meinen. Björnarne hat seine Arbeiten fast vollendet, 108 Paul Petersen alle Rechenbücher nachgesehen und die Schuldner zur Ordnung angehalten, der gutmüthige, lustige Olaf will fischen, jagen und spazieren gehen und die Nachbaren haben Besuche versprochen. Der Voigt von Kaafjord will mit seinen Töchtern kommen, Pfarrer und Gaardherren mit Frauen und Kinder werden einsprechen; ihr werdet tanzen und singen, und die Abende werden nun lang, die schönen, von dir so oft ersehnten hellen Nächte schimmern schon durch die Fenster. Was habe ich damit zu thun? erwiderte sie mit ihrer eigenthümlichen Heftigkeit. – Der gute Greis, der mich liebt, geht fort und nimmt dich mit. Es wird einsam sein für mich. Ich werde deine Stimme nicht mehr hören, er wird des Abends nicht mehr mich unterrichten; ich werde allein in meiner Ecke sitzen und weinen, wenn der Schreiber über mich spottet. Er wird dich nicht verspotten, sagte Marstrand tröstend. Björnarne, dein Freund, ist bei dir und Ilda. Björnarne, flüsterte sie, er ist gut, dennoch aber – sie schüttelte den Kopf und sah vor sich nieder. Wir werden alle traurig sein, fuhr sie fort, auch Ilda, sie hat dich lieb. Ihre schwarzen Augen schlugen zu ihm auf, er lächelte und sagte ruhig: Ilda hat Andere lieber als mich, und wenn ich wieder komme, meine kleine Gula, wird es ihr nicht größere Freude machen, als wenn ich fortbleibe. Du aber wirst an mich denken und mich wie einen Freund empfangen. Ich will immer an dich denken, rief sie lebhaft, und will nicht traurig sein, weil ich weiß, daß du wiederkehrst. Wo du auch sein magst, wirst du die hohen Klippen des Kilpis sehen können, und wenn du sie erblickst, willst du dann dich auch an Gula erinnern? Er gelobte es, und sie war zufrieden gestellt. Hornemann kam herein, sprach lange und freundlich mit ihr und legte endlich mit milden Blicken seine Hände auf ihre Stirn. Sehen Sie, Herr Marstrand, sprach er, auch dies Kind ist ein Trost für mich. Ihr Anblick ruft mir zu, daß ich nicht ganz umsonst gelebt habe, und daß es nicht eitel Lüge ist, wenn ich zu Gottes Ehre Zeugniß ablege, wie er keines seiner Geschöpfe verstoßen und vergessen hat. Aus eines großen Bildners Hand ist dies Mädchen hervorgegangen mit Schönheit und Verstand geschmückt, weil eine gütige Seele sich ihrer annahm. Und 109 warum könnten nicht Viele oder Alle ihr ähnlich sein, wenn sie ähnliche Liebe und Sorge fänden? Darum verweile ich gern in diesem Hause, wo ich den Erfolg meiner Bestrebungen vor mir sehe. Freilich gehört dazu eine so edle verständige Jungfrau wie Ilda ist, die als wahrhafte Christin im Geiste unseres Gottes zu handeln weiß; auch gehört dazu ein so begabtes Kind wie Gula, die mit schnellem Fassungsvermögen ausgerüstet, lernt und begreift, was Anderen schwer oder unmöglich wird; aber ach! wenn es viele gute Lehrer gäbe, würden die Schüler auch besser sein, und was den Stamm betrifft, zu welchem Gula gehört, so sind darin gar manche aufgeweckte Köpfe, die wenigstens eben so weit kommen würden wie wir, wenn wir uns ihrer nur recht annehmen wollten. Am nächsten Morgen schwamm das Boot den Fjord hinauf und brachte die beiden Männer zur nächsten Handelsstelle, wo sie mit Freuden empfangen und mit nordischer Gastfreundschaft bewirthet wurden. Neben dem Handelsgeiste, der Gier nach Gewinn und Besitz und eingefleischten Vorurtheilen, fand Marstrand überall auch die Tugenden des norwegischen Volkes wieder. Einfache stille Sitten, ein arbeitsames Leben, einen gastlichen Herd und eine offene Hand für den Freund und Bedrängten. Wenn Hornemann durch die Hütten wanderte, um Rath zu geben, Klage zu hören und Hülfe zu leisten, wurde Marstrand, der bei den Gaardbesitzern zurückblieb, häufig über seine Verhältnisse zu Helgestad ausgeforscht, und mehr als Einer schien Lust zu haben, den Dänen in seine Hände zu bekommen, wenn nicht die Scheu vor Helgestad entgegengewirkt hätte. – Habt Euch an ihn gewandt, war der Schluß aller dieser Unterredungen, und ist ein Mann, der eine Sache zu Ende zu führen weiß. Wird Euch rathen, was gut ist, denn ist Einer im Lande, der Schwieriges auszuführen versteht, so ist es Niels Helgestad. Bei solchen Gelegenheiten hörte Marstrand auch mehrmals die Vermögensverhältnisse seines Beschützers beurtheilen und übertriebene Meinungen darüber äußern. Damals war der Handel nach Bergen noch fast ganz ein Tauschhandel und die Kaufleute in Bergen machten es mit den Fisch- und Thranlieferanten aus den Finnmarken meist nicht viel besser, wie diese mit ihren abhängigen Untergebenen. Sie nahmen ihnen ihre Produkte ab, aber blanke Silberspecies gab es nicht dafür, sondern Waaren aller Art, 110 mit denen die Yachten vollgepackt wurden. Jeder Fischhändler und Handelsstellenbesitzer hatte sein Conto und seinen Credit bei einem der großen Häuser in Bergen, die alle fest zusammen hielten und dadurch die Stockfischlieferanten in die Unmöglichkeit versetzten, sich von dem Uebergewicht der Kaufleute zu befreien. Die Preise wurden gemeinsam festgesetzt, keiner der reichen Herren auf der deutschen Brücke gab einen Pfennig mehr als der Andere, und wo ein Widerspenstiger sich zu sehr aufthat, ereilte ihn Bann und Acht. Kein Kaufmann nahm ihm seine Waare ab, bis er flehentlich bittend und durch Schaden klug gemacht, Besserung und Gehorsam gelobte. – Dieser Tyrannei der Berger Handelsherren hatte Helgestad sich zu entziehen gewußt. Er hatte den Bann ausgehalten und zu Einrichtungen Anstalt getroffen, die Schrecken in Bergen verursachten. Mit Kaufleuten in Flensburg hatte er Verbindungen angeknüpft und sie aufgefordert, Branntwein, Getreide, Mehl und vielerlei Waaren in die Finnmarken zu führen. Der Handel mit der unternehmenden Hafenstadt in Schleswig war bald aufgeblüht und gewinnbringend geworden. Helgestad wurde ihr Agent und belud die Flensburger Schiffe mit seinem Salzfisch und Stockfisch, der nun direkt in die südlichen Länder nach Spanien und Italien wanderte. Schiffe dieser Nationen wurden dadurch zuerst bis auf die Fischplätze der Lofoden gelockt und die Berger Kaufleute geriethen in nicht geringe Furcht, daß ihnen der größte Theil des wichtigen Handels entrissen werden könnte. Hätten die nordischen Kaufleute Helgestad's Unternehmungsgeist und Thätigkeit besessen, so wären die Herren in Bergen wirklich in eine üble Lage gerathen, allein die meisten waren zu träge, zu sehr an die alte Gewohnheit und Bequemlichkeit gewöhnt, oder nicht wohlhabend genug, um die Sache durchzusetzen. Es hätte wenigstens dahin kommen können, wohin man jetzt, ein Jahrhundert später, gekommen ist; man hätte die Berger Despoten zwingen können, baar in Silber zu bezahlen und Niemandem ihre Waaren aufzudrängen, denn dahin kam Helgestad. Um ihn still zu machen, wurde ihm endlich durch Uebereinkunft bewilligt, daß er verkaufen und kaufen könne bei wem er wolle, und er wählte sich seinen Mann aus, in dessen Handlung er selbst ein Stück Geld warf, sein Geschäftstheilnehmer wurde, so billig wie möglich seine Waaren durch ihn bezog und alljährlich 111 bedeutende Geldvorräthe an den Lyngenfjord zurückbrachte. Mit seinen Speciesthalern konnte er dort bei allen Käufen und Geschäften großen Gewinn machen, und so war er der Mann geworden, dem man nachrühmte, daß er nicht mehr wisse, wie reich er sei und was er mit seinem Geld anfangen solle. – Viele Capitale hatte er ausgeliehen, große und kleine Leute waren in seinen Händen, Land und Stellen besaß er bis an den Quänarnerfjord und so auf den Inseln. Auf dem Felseneiland Loppen, das damals schon wegen seiner zahllosen Vögelschwärme berühmt war, die den besten Federhandel möglich machten, hatte er einen Hof angelegt, und jenen Handel zumeist in seine Gewalt bekommen; seine Schluppen fingen zur Sommerzeit Haifische und Robben an den äußersten Klippen von Hvalöen und bis nach Spitzbergen hatte er einst seinen Sohn Björnarne ausgesandt, um Wallrosse zu schlagen. Alles dies und manches Andere erfuhr Marstrand umwickelt mit einem Gemisch von Bewunderung, Hochachtung und Furcht vor dem alten Helgestad, der als der reichste, schlaueste und kühnste Speculant im Lande galt und dessen Ansehen eben sowohl begründet war, wie man sein Uebergewicht an Verstand und seine weitgreifende Geldgier scheute. – Björnarne ward dagegen als ein junger fröhlicher und gutmüthiger Mann gepriesen, der seinem Vater ganz unterthänig und von ihm abhängig, eifrig in aller Arbeit sei, die ihm aufgetragen wurde. Eine weit zweifelhaftere Stellung in der Meinung der Nachbarn nahm jedoch dessen Schwester ein. Sie wurde viel gelobt, als eine Jungfrau, die noch ein halbes Kind damals, als ihre Mutter starb, ihres Vaters Hauswesen mit Ernst und Kraft vorgestanden hatte. Auch war sie viel besser unterrichtet, als andere Mädchen weit und breit. Sie konnte schreiben und Handelsbücher führen, besser als Björnarne und der alte Helgestad zusammengenommen, las alle Schriften, dänisch oder schwedisch, spielte die Zither und sang dazu, war mild und gütig gegen Arme und solche, die durch ihres Vaters Härte litten, dennoch aber hörte Marstrand aus allem Lob ihrer Tugenden und Vorzüge recht gut heraus, daß man noch viel mehr Tadel für sie vorräthig hatte. Als er gegen seinen Begleiter einst diese Bemerkung machte, sagte der Geistliche lächelnd: Sie dürfen sich nicht wundern, solche Urtheile über ein Mädchen, wie Ilda, zu vernehmen. Es ist hier so, wie in 112 der ganzen Welt: die Menschen urtheilen nach sich selbst, was sie nicht verstehen, verwerfen sie. Helgestad ist ein Mann von großer Lebensklugheit, die er oft bewiesen hat und welche seine Freunde sowohl, wie seine Feinde fürchten. Björnarne ist wacker und treugesinnt, eben so offen und herzlich, wie sein Vater verschlagen und berechnend, was aber Ilda betrifft, so steht diese mit ihrer sicheren Verständigkeit und der Kraft und Güte ihrer Seele so hoch über den Meisten, daß sie ihnen Gegenstand der Scheu und abgünstiger Urtheile sein muß. Sie rühmen nicht allein den Verstand, sondern auch die Gefühle dieser kalten Jungfrau, antwortete Marstrand lächelnd, aber wie ist es möglich, daß Ilda – nun, fuhr er stockend fort, man kann es ohne Scheu sagen – wie ist es möglich, daß sie an dem Schreiber von Tromsöe Gefallen finden kann? Findet sie denn Gefallen an ihm? fragte Hornemann. Sie nimmt seine niedrigen Huldigungen an, sagte Marstrand. Er ist beständig in ihrer Nähe, sie hat das beste Ohr für seine Späße, das beste Auge für seine Wünsche. Meinen Sie nicht, daß ein Unbefangener leicht sehen kann, wenn ein Mann begünstigt wird? Sind Sie denn ein Unbefangener, lieber Freund? fiel der Geistliche mit einem klaren Blicke seiner großen Augen ein. Marstrand konnte eine gewisse Verwirrung nicht unterdrücken. Ich glaube es, erwiderte er, doch, ist es nicht wahr, daß Ilda dieses Mannes Frau werden will? Sie gebrauchen das rechte Wort nicht. Sagen Sie, dessen Frau sie werden soll. Der dänische Junker blickte lebhaft auf und murmelte dann, daß er nicht denken könne, ein Mädchen von solcher Willensstärke und solchem Einfluß auf ihren Vater, könne zu einer Heirath gezwungen werden, die ihr nicht behage. Sie sind im Irrthum, war Hornemann's Antwort. Helgestad ist seit einigen Jahren schon mit dem Voigt von Tromsöe darüber einig, der ihm damals einen wichtigen Dienst leistete. Durch Paulsen's Vermittelung erhielt Helgestad damals ein Privilegium auf den Besitz der Insel Loppen und deren einträglichen Federhandel, während zugleich damit ein kostspieliger Prozeß niedergeschlagen wurde. Der Voigt ist überdies eine zu wichtige Person, um nicht noch manche andere Dienste 113 von ihm zu hoffen, und was seinen Neffen betrifft, der jedenfalls auch sein Nachfolger sein wird, so ist dieser der einzige Mensch, welcher sich neben Helgestad stellen kann und ihn wohl noch in Manchem überragt. Ich glaube, daß Sie Recht haben, murmelte Marstrand verächtlich. Wo zwei solche Männer zusammentreffen, muß es feindlich geschehen, wenn sie es nicht vorziehen sollten, gemeinschaftliche Sache zu machen, fuhr der Missionär fort. Beide kennen ihre Vortheile und beide verbergen vielleicht ihre wahren Gesinnungen, doch Helgestad wird niemals nein sagen, sobald der Schreiber um seine Tochter anhält. Ilda aber kann sich nicht weigern, denn die Verbindung ist ehrenvoll; kein Mädchen in den Finnmarken würde sich besinnen. Die Kinder in diesem Lande, Herr Marstrand, sind zudem daran gewöhnt, dem Willen ihrer Eltern unbedingt zu gehorchen. Es wäre Abscheu erregend, wollte Eines sich widersetzen und sich etwa auf Abneigung berufen. Davon weiß man hier nichts. Sitte ist heiliger als alle Gesetze. Ich selbst würde mein ganzes Ansehen verlieren, wenn es mir einfallen könnte, ein solches Kind zu schützen oder zu vertheidigen. – Ueberlegen Sie dies Alles, so werden Sie Ilda anders beurtheilen. Ich weiß nicht, ob sie mit ihrem Loose zufrieden ist, aber ich weiß, daß sie verständigen Sinnes thun wird, was ihr nach reifer Prüfung das Richtige scheint. Sie wird den Mann, der ihr bestimmt wurde, zu gewinnen suchen, wird glauben, daß seine Fehler durch ihre Liebe wenigstens gemildert werden können und da sie weiß, daß sie einst seine Gefährtin sein soll, ist es ihre Aufgabe, das Glück ihrer Zukunft zu sichern, so viel sie es vermag. – So, sagte er, seine Worte schließend, denke ich mir Ilda's Handeln, dem ich meine volle Zustimmung ertheile. Die beiden Wochen waren auf den Streifzügen am Fjord vergangen, als der Geistliche zu dem Entschlusse kam, seine Wanderungen weiter auszudehnen, wie er sich vorgesetzt hatte. Das Wetter war so außerordentlich mild und warm geworden, daß er mit weniger Mühe seine Besuche bis in das Gewimmel der Sunde und Fjorde ausdehnen konnte, die hier in seltsamster Weise wie Strahlen zusammen schießen. Marstrand mochte ihm nicht dahin folgen. So lieb er den Greis 114 gewonnen hatte und so gern er in seiner Gesellschaft war, wurde ihm doch die Einförmigkeit dieses langen Ausfluges lästig. Die beiden Männer stiegen daher gemeinsam an den Felswänden empor, welche den schmalen Maursund einschließen, und nach einigen Stunden befanden sie sich auf der Höhe eines Gebirgszuges, welcher zwischen den beiden großen Fjorden den lappischen Alpen zuläuft. – Die nassen Wände des Kilpis glänzten in durchsichtiger Ferne und zum erstenmale erinnerte sich Marstrand seines Versprechens an Gula zu denken. Hornemann deutete zu beiden Seiten des Fjeldes hinab. Dort, sagte er, sehen Sie den Wasserspiegel des Lyngenfjords, hier geht es hinunter an den Quänanger, wohin ich meine Schritte lenken muß, um mein Amt zu erfüllen. – Rüstig, wie Sie sind, werden Sie, ehe der Abend sinkt, im Gaard von Alöen sein und morgen schon können Sie an Helgestad's Herde sitzen. Ich denke, fuhr er mild lächelnd fort, Sie empfinden einige Sehnsucht danach. Habe ich Recht? Ich will es nicht leugnen, erwiderte Marstrand, aber wo ist meine Heimath? Was wird aus mir? Ich bin voll Unruhe und voll Mißtrauen über den Ausgang meines Unternehmens. Aller Ausgang ruht in Gott, sagte der Greis, ihm die Hand reichend, aller Frieden ist sein Werk. Ich sehe Sie wieder, mein junger Freund, wenn ich in einem Monat spätestens zurückkehre. Was ich mit Rath und That thun kann, wird Ihnen niemals fehlen und was den Rath betrifft, so nehmen Sie gleich einen zum Abschiede. Lernen Sie in Oerenäes so viel Sie können, nehmen Sie Helgestad's Beistand an, aber vergessen Sie nie, daß es ein calculirender Kaufmann ist, mit dem Sie es zu thun haben. Je eher Sie selbstständig sind, um so besser, je mehr Sie ihm zeigen, daß Sie, um mit seinen Worten zu reden, das Ding verstehen, um so geneigter wird er zur Aufrichtigkeit sein. Mit Freuden, Herr Marstrand, sehe ich Sie in diesem Lande, dem es an edeldenkenden und gebildeten Männern nur zu sehr fehlt. Unter dem Eis scheinen auch die Herzen zu erstarren, aber nein! – nein! rief er, seine Augen erhebend, es wird besser werden, wir gehen nicht zurück, wir kommen vorwärts! Die Sitten werden milder, die Menschen gerechter, und dazu – so sagt mir eine innere Stimme – hat der Herr auch Sie hierher gesandt, um Gutes und Großes an uns zu thun. 115 Was könnte ich thun, sagte Marstrand, verlassen und arm, wie ich bin. Ein Mann wie Sie kann Vieles thun, erwiderte der Priester, und mit seinen leuchtenden Augen sah er ihm ermuthigend in's Gesicht. Sie sind jung, verständig, hochgesinnt, das wird Ihnen Ansehen verschaffen. Ihr Name, Ihre Abkunft, Ihr Glück werden dazu helfen. Schauen Sie umher, weit über diese Inseln, über Berge und Küsten und über diese tobende See. Ach! fuhr er mit einem sanften Lächeln fort, ich bin der Verführer nicht, der Sie auf eine hohe Klippe stellt und spricht: Hänge mir an und dies Alles soll dein sein. Keine Länder und keine Macht habe ich zu vergeben, aber dennoch fordere ich dich auf, junger Mann, der du in dies wilde, einsame Land gekommen bist, wo es soviel des Unrechts und des Elends gibt – ich fordere dich auf, wie ein rechter und wahrer Mensch dich der Verlassenen anzunehmen, kein Unrecht zu dulden, wo du es hindern kannst, und wo du es vermagst für den Fortschritt des Guten dich zu erheben! – Ich verlange keine Antwort. Was hilft auch ein Ja oder ein Nein, wo die Kraft fehlt und die That. Streben Sie nach Wahrheit, mein edler junger Freund, und Gott wird mit Ihnen sein auf allen Ihren Wegen. Bei diesen Worten drückte er Marstrand's Hand noch einmal und ging dann am Rande des tief sumpfigen Fjeldes hin, bis er von Stein zu Stein springend an einer Senkung vorsichtig niederstieg. 6. Marstrand erreichte erst am dritten Tage den Gaard, wo er als vielvermißter Gast freudig aufgenommen wurde. Helgestad selbst kam ihm mit den lebhaftesten Aeußerungen seiner Gewogenheit gleich am Pfahlwerke des Packhauses entgegen. – Nuh, sagte er, nach dem ersten Bewillkommnen, habe inzwischen für Euch gewirkt. Habe mit Zimmerleuten und Arbeitern vom Fjord und aus Tromsöe gesprochen, die uns helfen sollen Euer Haus aufzurichten. Trockene Balken und Bretter sind gekauft für den inneren Ausputz, dazu ist ein Dutzend Männer gemiethet, um inzwischen Bäume zu fällen und zuzurichten, damit der Bau im Hochsommer beginnen kann. 116 Marstrand ließ sich Alles erzählen, bis er zuletzt lachend fragte, wo denn eigentlich sein Haus aufgerichtet werden solle? Bauen es auf am Balsfjord, erwiderte Helgestad, am schönen Balsfjord, der mit dem Ulvsfjord zusammenstößt, und nehmen das Land dort in Besitz, kraft Eures Königsbriefes. Bleibt das Wetter gut, wollen wir hinüber, sobald Ihr ausgeruht habt. Sollt das Plätzchen sehen, Herr Marstrand, wird Euch behagen. Nuh! sage nichts mehr. – Er wandte sich um und deutete auf seine größte und neueste Yacht, die am Packhause lag und tief beladen schien. Seht hin, fuhr er dann fort, ist die schöne Ilda, die Ihr schon kennt, hat aber diesmal kein Salz unter ihren Rippen, sondern Faß an Faß klaren Leberthran. – Er erzählte wohlgefällig wie viel Tonnen er mehr als im vorigen Jahre gepreßt habe, und wie er dennoch hoffe, der Erste auf dem Platze zu sein und guten Preis zu machen. – Die Yacht sollte in einer Woche spätestens nach Bergen gehen, unterwegs bei den Lofoden anfahren, um nach den Fischgeräthen zu schauen, um, was in Unordnung sein könnte, zu verbessern. Aus einigen schlauen Winken mochte Marstrand entnehmen, daß es dort nicht an allerlei Unfällen gefehlt habe, endlich aber schloß Helgestad mit der Aufforderung an seinen Schützling, ihn auf dieser Reise zu begleiten, für seine Fische selbst Sorge zu tragen und in Bergen den wichtigen Handel kennen zu lernen. Habt dann Eure Lehrzeit durchgemacht, sagte er, als sie dem Hause zugingen, und mögt weiter für Euch sorgen, wie es Euch beliebt. Ist das Haus leer? fragte der Däne, als er Niemand am Fenster und an der Thüre sah. Helgestad grinste ihn an. Habt, wie es scheint, kein Ohr jetzt für das Wichtigste, wollt andere lustige Dinge hören und sollt sie haben. Sind Alle dort hinauf nach Ilda's Bank. Calculire, habe ein gutes Auge und feines Ohr. Wird Euch nicht verborgen sein, daß Olaf und Paul ihre Absichten haben. Denke wohl, erwiderte Marstrand lächelnd. Sind beide wacker und ist schwer zu sagen, wer besser wäre, fuhr Helgestad bedächtig fort. – Olaf besitzt auf Bodöen reiches Gut, Paul Petersen wird, wenn's Gott will, bald Voigt sein und der Voigt in Tromsöe kann Amtmann werden, wenn die Finnmarken ihre eigene 117 Verwaltung erhalten. Paul ist ein feiner, gelehrter Mann, hat mächtigen Verstand und fixe Sinne, ist nicht Einer im Lande, der ihm gleich kommt. Olaf hat's weniger in den Kopf wie in Arme und Beine bekommen, ist ein Arbeiter wie drei es ihm kaum gleich thun, dabei gerecht und treu. Bin in vielen Zweifeln, Herr Marstrand, brummte er kopfschüttelnd, hab's hin und her bedacht manche Stunde; ist wie der Faden an einer Kabel, die in Kreis gelegt wird, ist kein Ende zu finden. Aber das Ende muß doch gefunden werden, antwortete Marstrand. Weil Ilda nur einen Mann brauchen kann, lachte Niels. Calculire, ist ein richtiger Schluß, möchte aber Ihren Rath hören in dieser Sache, Herr Marstrand. Der junge Mann war durch Helgestad's Mittheilung und Aufforderung überrascht. Es kam ihm vor, als solle er aus besonderen Gründen mit solcher Zumuthung beehrt werden. Helgestad that nichts ohne Absicht. Ein Verdacht stieg in dem Junker auf, daß es darauf abgesehen sei, auszuforschen, ob er nicht selbst Lust habe, sich als ein dritter Bewerber zu melden. Nach augenblicklichem Besinnen schien es ihm daher das Beste, auf Helgestad's Denkweise einzugehen. Wenn ich in dieser Angelegenheit wirklich Rath ertheilen soll, sagte er, so würde es mir scheinen, man müsse zwei so würdigen Bewerbern Zeit lassen, sich gegenseitig zu messen, bis einer sich vielleicht freiwillig zurückzieht, weil der andere entschiedene Vortheile gewonnen hat. Beide sind nützlich und vielfach zu gebrauchen, beide beobachten sich und wetteifern, um ihr Bestes zu thun; warum also so nützliche Freunde beleidigen und den einen wohl gar zum Feinde machen? Ein kluger Mann wird nichts übereilen, wo er weiß, daß abwarten nichts verderben kann. Bis nach der Bergenfahrt mag Jungfrau Ilda prüfen, wer die beste Stelle in ihrem Herzen verdient. Nuh, rief Helgestad, der während Marstrand sprach, ihn immer zufriedener angeblickt hatte, seid ein Mann, der den klaren Blick besitzt, um wie König Salomo zu richten. Setzt Euch her, Herr, mischt Euch ein Glas zum Willkommen und stoßt an auf gutes Glück! Ist und bleibt das Beste, was ein Mensch haben kann auf Erden und dazu 118 gehört eine Frau wie sie sein soll, die das Haus im Stand hält und Etwas hineinbringt. Er that nun mancherlei Hin- und Herfragen nach den Familien, welche Marstrand gesehen und besucht hatte, tadelte und lobte, rühmte den Wohlstand bei einigen, die gute Erziehung bei andern. – Und ist keine Jungfrau darunter, die es Euch anthun könnte? fragte er endlich lachend. Der Gast ging darauf ein und eine Zeitlang wurde ein lustiges Gespräch geführt. Meine Lage ist so eigenthümlich, sagte der junge Mann endlich, daß ich mich wohl hüten werde eine Frau zu nehmen, ehe ich es mit Fug und Recht thun kann. Ich habe wohl bemerkt, daß man mich mit Mißtrauen beobachtet. Die angesehenen Familien werden abwarten wollen, wie es mit mir wird, sie werden sich nicht mit mir einlassen; die, welche es thäten, möchten mit mir speculiren. Für's Erste also will ich allein bleiben, will zeigen, was an mir ist, dann wird die Zeit kommen, wo ich vor Eine hintreten kann, die mir gefällt und deren Vater nicht nein sagt, wenn ich anklopfe. Mögen auch Jahre darüber vergehen, ich bin jung und habe Muth. Was Einer kann, kann ich auch; Ihrem Rath, Herr Helgestad, will ich treulich folgen und Ihrer Hülfe mich werth machen, so viel ich immer vermag. Calculire, sagte Helgestad, ihm zunickend, daß Ihr Recht habt. Läßt sich für jetzt kein vorsichtiger Mann mit Euch ein, aber wohnt erst am Balsfjord in dem neuen Hause, habt Zulauf da, setzt Euch fest, macht ein paar Schläge, die gut ablaufen, und Ihr könnt sie Euch aussuchen, die Ihr haben wollt. Die Hauptsache bleibt, antwortete Marstrand, daß ich von Ihrem Beistande fortgeholfen werde, denn ich weiß, daß ich ohne Sie nichts anfangen kann. Nuh! rief Helgestad, hat noch Niemand von mir gehört, daß ich Einen verlassen hätte, der Wort und Handschlag darauf nahm. Soll Euch an nichts fehlen am Balsfjord, sollt auftreten, daß ein Fortgang dabei ist. Doch da kommt Ilda mit den Anderen, sprach er weiter, indem er aufstand. Wird große Freude sein, Euch wieder zu haben. Dies war denn auch schon nach wenigen Minuten der Fall, und dieser Abend wurde so fröhlich begangen, als es im Gaard von 119 Oerenäes möglich war. Marstrand mußte erzählen, der Schreiber warf seine lustigen Einfälle dazwischen und Ilda schien durch die Rückkehr ihres Gastfreundes heiterer und gesprächiger zu sein. Vergebens aber suchte dieser sich seiner Freundin Gula zu nähern. Sie wich ihm aus und wandte schüchtern die Augen von ihm ab. Er konnte nicht ohne Mühe wenige Worte mit ihr sprechen und während des ganzen Abends war sie so geschäftig und emsig bedacht, in der Nähe ihrer Beschützerin zu bleiben, daß es unmöglich war, auch nur einen verständigenden Blick zu erlangen. Am nächsten Tage bewegte sich die Arbeit des Hauses in gewohnter Weise. Marstrand half Björnarne und Olaf in den Packhäusern und beim Beladen der Yacht. Paul Petersen war um Helgestad beschäftigt und Marstrand machte die Bemerkung, daß der Einfluß des Schreibers sich während seiner Abwesenheit bedeutend vermehrt hatte. – Er gab den Ausschlag in allerlei Anordnungen und Helgestad fügte sich seinem Willen nachgiebiger, als von ihm zu erwarten war. Die kleine Reise an den Balsfjord sollte jetzt ausgeführt werden, denn das Wetter war gut und der Ansiedler drängte dazu, weil er je eher je lieber seine Niederlassung mit eigenen Augen sehen und für seine Zukunft arbeiten wollte. Am nächsten Morgen sollte der Zug beginnen, so waren denn mancherlei Vorbereitungen dazu nöthig. Von Lyngenfjord mußte ein beschwerliches hohes Fjeld überschritten werden, das den Ulvsfjord davon trennt. Man mußte zwei Pferde mit Geräthen und Lebensmitteln beladen, um auf einige Tage Vorrath zu haben. Marstrand half daher am Nachmittage Ilda allerlei Waaren und Dinge einpacken, die auch für die Holzfäller mitgenommen wurden. Es ging lange Zeit schweigsam zwischen den beiden Beschäftigten her, denn es war Etwas zwischen ihnen, das ihre Lippen schloß. Wenn Marstrand die Jungfrau ansah, fiel ihm plötzlich der Schreiber ein und was Hornemann ihm erzählt hatte. Eine Wolke geheimen Unmuths fiel, er wußte selbst nicht warum, auf sein Herz und schnürte ihm die Kehle zusammen. Auch Ilda sprach nur, was nöthig war, um ihre gemeinsame Arbeit zu fördern. 120 Wer geht dort oben? fragte er endlich, zum Fenster hinausschauend, als der rothe Abendhimmel seinen Widerschein hereinwarf und er ein paar Gestalten auf dem Felsen am Fjord erblickte. Es ist Gula und mein Bruder, erwiderte Ilda. Ist Gula krank? fuhr er fort. – Ilda sagte nein und Beide schwiegen wieder, bis die Körbe gefüllt waren, dann nahm sie die Frage nochmals auf. Gula ist nicht krank, begann sie, allein ich kann mir denken, was dich antreibt, sie dafür zu halten. Sie hat früher mit größerem Vertrauen sich dir genähert, jetzt findest du ihr Benehmen geändert. Sie weicht dir aus, das befremdet dich. So ist es, erwiderte Marstrand, doch was kann sie dazu bewegen? Mein Rath und ihr eigenes verständiges Einsehen, war die Antwort. Du mußt wissen, fügte sie hinzu, während sie ruhig eine neue Arbeit begann, daß ihr Eifer für dich Gespött über sie gebracht hat. In ihres Herzens Einfalt und bei deiner Güte für ein armes verlassenes Wesen hatte sie nicht daran gedacht, wie falsch die Menschen allzugern urtheilen. Als du uns verlassen hattest, kam tiefe Traurigkeit in ihr Gemüth. Sie, die sonst so gern lacht und leichtfüßig auf und ab springt, konnte weinen über jedes Wort und jeden Scherz. Nach einigen Tagen sprach ich mit ihr und wie ich denke, habe ich gut daran gethan. Ich zeigte ihr, daß ihr Verhalten thöricht sei, und glaube damit auch dir einen Dienst erwiesen zu haben. Erkläre dir jetzt, warum sie dich vermeidet, und störe sie nicht darin. Gibst du mir Recht? Ich muß es wohl thun, antwortete Marstrand, der bewegt zugehört hatte. Denke darüber nach, sagte Ilda mit derselben Ruhe, und du wirst finden, daß, wenn du Gula's Freund bist, du streng gegen sie sein mußt. – Marstrand schwieg. Wie hart ist es doch, sprach er endlich halblaut und leise seufzend; das einzige Wesen, das dankbar und voll Vertrauen in diesem Lande mir entgegen kommt, soll ich von mir stoßen. Sie schlug die Augen zu ihm auf, ohne ein Wort zu erwidern, aber es war ein beredter strafender Blick. Du wirst morgen an den 121 Balsfjord gehen, begann sie endlich, wenn du zurückkehrst, erwartet dich die Yacht segelfertig. Sechs Wochen wirst du zur Bergenfahrt brauchen, dann ist dein Haus in voller Arbeit und du verläßt uns auf lange Zeit. Ich hoffe, daß während du fern bist, Klaus Hornemann in Oerenäes einspricht. Gula ist sein Liebling, er wird jede Sorge für sie tragen. Mit diesen Worten verließ sie ihn. Nach einiger Zeit ging Marstrand auf den Vorplatz hinaus und lehnte sich über die Brüstung des Pfahlwerks am Packhause, indem er die schwarzen Wasser und die schwarze Yacht betrachtete. Er war allein, die Arbeiter hatten aufgehört und ungestört überließ er sich seinem Nachsinnen. – Was Ilda ihm mitgetheilt, war ein ziemlich offenes Geständniß, daß dies arme Kind, diese Tochter der Wildniß, ihm ihr Herz geschenkt hatte. Darum also war ihr Gesicht so blaß, darum ihre dunkeln Augen so unstät und hohl. Darum mied sie ihn und wandte ihre Blicke, darum, auf Ilda's Gebot, hatte sie diesen ganzen Tag über das Zimmer kaum betreten. Grollend dachte er daran, was Ilda ihr streng vorgehalten haben mußte, um ihr dies Benehmen einzuschärfen. Sein Blut erhitzte sich, er fühlte einen Zorn gegen die kaltherzige Weisheit dieser Richterin, die sich unberufen einmischte, um ihm gute Lehren zu geben, eitles Mitleid für das arme Kind, das unter ihren harten Fingern scheu und fremd geworben war, und dennoch lauerte ein Gedanke in ihm, der Ilda Recht gab und ihn versöhnte. Wenn Gula ihn liebte, was sollte er mit solcher Liebe beginnen? Wie sollte er sie von sich stoßen, oder wie eine Leidenschaft nähren, deren Unheil an seiner Seele vorüber lief? Sonderbare Träumereien kamen über ihn. Er dachte an das, was Paul von dem alten Afraja und seinen Schätzen erzählt hatte, aber er lachte spöttisch auf und schrack dann zusammen, als er plötzlich nicht weit von sich Helgestad's Stimme hörte, der mit dem Schreiber an der offenen Bodenluke des Packhauses erschien. Marstrand stand unter dieser, die Dämmerung war tief und er rührte sich nicht, während sie über die Tagesgeschäfte, über die Reise und über Arbeiten sprachen, welche in Helgestad's Abwesenheit geschehen sollten. Wo ist denn unser Junker? fragte Paul endlich. Sitzt er noch immer an Ilda's Seite fest und lernt Packpapier glatt legen? 122 Helgestad lachte. Bist blind in deiner Eifersucht, Paul, erwiderte er, habe gemeint, ihr würdet gute Freunde werden, sehe aber, ist nichts damit. Nicht? sagte der Schreiber belustigt, warum denn nicht? Er hat mir von Anfang an gefallen; allein als ich ihn zum erstenmale sah, schrie eine Stimme mir in's Ohr: Nimm dich vor dem in Acht, er wird dir zu schaffen machen. Bist ein Narr, Paul, antwortete Helgestad, der sich an seines Lieblings Aerger zu ergötzen schien. Johann Marstrand ist ein Mann, der allen Mädchen gefällt, fein von Gestalt und dabei sein Gesicht noch nicht vom wilden Wetter zersprungen und rauh geworden. Hast aber nichts von ihm zu besorgen. Hab' ihm auf den Zahn gefühlt und Alles in Ordnung gefunden. Ich wollte, erwiderte der Schreiber in mürrischem Tone, Ihr hättet damals nicht in Tromsöe Euer Spiel auf eigene Rechnung spielen wollen. Hättet Ihr meinen Onkel nicht dazu beredet, den Königsbrief in die Register einzutragen, so könnten wir ein ander Lied mit ihm singen. Seid aber auf Eurer Hut, Helgestad, daß der Vogel Euch das Netz nicht zerreißt, wenn Ihr es zuziehen wollt. Es ist ein hartnäckiger Bursche, der seinen Weg zu gehen weiß und dem Hülfe kommen kann, ehe Ihr es denkt. Nuh, antwortete Helgestad, weiß wirklich nicht, Paul, was du calculirst. Biete dem Dänen meine Hand, stelle ihn hin, wo er stehen soll und verlange nichts von ihm, als was Recht ist. Der Schreiber schlug ein höhnisches Gelächter auf und indem er Helgestad auf die Schulter schlug, rief er in seiner übermüthigen Weise: Ich will nur Eines sagen, Niels, das merkt Euch. Niemand muß zu klug sein wollen, sonst geht es ihm wie König Olaf Trygweson, der Bogen bricht ihm in der Hand und sein Pfeil fällt in's Wasser. Führt ihn morgen an den Balsfjord, laßt ihn seinen Gaard aufbauen, nehmt Besitz von dem ganzen Waldstrich dahinter, wir wollen ihm in Tromsöe rasch den Titel ausfertigen; aber, wenn Ihr Euch dennoch täuscht, dann kommt zu mir und wir wollen weiter reden. Sie traten beide von der Luke fort und Marstrand hörte nichts mehr. Als er zurückging, fand er den ehrlichen Olaf an der Thür 123 des Gaard, der mit seiner Büchse und seinem Jagdsack beschäftigt war. Petersen trieb seine Scherze mit ihm und putzte dabei ebenfalls an einem Gewehr, dem er viele vorzügliche Eigenschaften beilegte und das wenigstens seinem Aeußeren nach eine stattliche Waffe zu sein schien. Sie war, wie der Schreiber erklärte, von deutscher Arbeit von einem berühmten Meister gefertigt, um hohen Preis in Kopenhagen von ihm gekauft und bei mancher Jagd erprobt, wo sie Wunder gethan haben sollte. Marstrand hörte nun erst, daß beide junge Männer sich entschlossen hatten, die Reise an den Balsfjord mitzumachen, wovon bisher nicht die Rede gewesen war, und heimlich lachte er über Helgestad's Pfiffigkeit, der entweder beide oder keinen im Hause bei Jungfrau Ilda lassen wollte. Am frühen Morgen begann der Zug, unter den Glückwünschen der Zurückbleibenden. Noch lange schallte Björnarne's kräftige Stimme dem Boote nach, lange noch flatterte Ilda's weißes Tuch, bis das Fahrzeug um die Felsenecke bog und nach der Kirche von Lyngen seinen Weg nahm. Dort fanden die Reisenden die beiden Pferde, welche Helgestad schon am Abend vorher hinüber geschickt hatte, und nun ordnete sich die kleine Caravane zum Marsch über das hohe Fjeld. Die Pferde wurden bepackt und zwei Führer ihnen beigegeben; Helgestad in seiner Lederjacke, den langen spitzen Stab in der Hand ging vorauf, die jungen Männer mit Büchsen und Jagdsäcken machten den Beschluß. Der Morgen war frisch, aber der Himmel blau und rein. Die Wände des Kilpis glänzten im Frühsonnenlicht, und von den Seiten der Gebirgswände braus'ten zahlreiche Bäche nieder, unter deren Donner und Wasserstaub nach und nach das Fjeld erklommen wurde. Die Halbinsel, welche die beiden Fjorde trennt, ist nicht so hoch, um den Schnee am längsten zu behalten. Meist war er geschmolzen und bildete in der Mitte einen weiten See, aus dem die Bäche sich tränkten, während an den Rändern schon Moose und Gräser aufschossen, und da und dort einen feinen weichen Teppich bildeten. Ueber diesen hin und abwechselnd durch Sumpf, Wasser und Geröll, durch Spalten und jähe Zerklüftungen arbeiteten sich die einsamen Wanderer auf und ab, bis sie endlich an den hohen Bord des Ulvsfjord gelangten, der tief unter ihnen seinen schönen Wasserspiegel ausdehnte. 124 Es war ein langer und beschwerlicher Weg, dennoch aber wurde er frohen Sinnes zurückgelegt. Die jungen Männer trieben mancherlei Scherz. Paul Petersen war immer heiterer Laune und wenn er nicht Geschichten erzählte, die mit irgend einer Spötterei oder einer lustigen Thorheit endeten, oder wenn er seinen Witz nicht an Olaf erprobte, zog er eine Pickelflöte aus der Tasche und machte Musik, die den müden Beinen neue Beweglichkeit verschaffte. Je schmaler der Fjord wurde, um so wilder wurden seine Ufer, die sich jäh und zackig erhoben und eine furchtbare Zerstörung in übereinander gerollten Felsenblöcken zeigten. Zuweilen sah es aus, als hätten ungeheuere Arme sie zusammen getragen, dann öffnete sich plötzlich zwischen diesem nackten Chaos ein kleiner freundlicher Grund mit einzelnen mächtigen Bäumen und Birkengebüsch, dicht daneben aber hingen die dunkeln Steinmassen um so drohender und zerklüfteter nieder. – An einem dieser lieblichen Gesenke, das größer war als alle, hielt die Gesellschaft eine kurze Rast, dann wurde der Weg fortgesetzt, denn Helgestad trieb zur Eile, wenn der Balsfjord vor Anbruch der Nacht erreicht werden sollte. Denn vor den Wanderern lag noch ein steiler Gebirgskamm, der überschritten werden mußte und dessen Spitzen gewaltige Schneelager trugen. Nur gutes Muthes, Herr Marstrand, sagte Paul lachend, jenseit dieser weißen Mauern liegt das Paradies. Wenn wir oben sind, denke ich, wird Ihnen zu Sinne sein, wie den Kindern Israels, als sie das gelobte Land erblickten. Ich wünsche, erwiderte der Junker, daß Ihr Paradies wenigstens etwas wohnlicher aussieht wie dieser düstere unheimliche Fjord. Bah, lachte der Schreiber, es kommt Alles darauf an, mit welchen Augen man eine Sache betrachtet. Fragen Sie die Lappen, sie werden Ihnen sagen, daß es nichts Herrlicheres gibt als dieses Plätzchen. Es gibt eine Sage – vielleicht hat Ihnen die kleine Hexe Gula schon davon erzählt – nach welcher dies Land einst ein reizender Garten war, in welchem Jubinal, ganz ähnlich wie Zeus in Arkadien, seine Schäferstunden verlebte. Die bösen Geister, Kinder der Nacht und anderes Gesindel, machten es wie die Giganten der griechischen Fabel. Sie wollten Jubinal's Reich vernichten, der sie zwar auf's Haupt schlug, aber nicht hindern konnte, daß sein Eden 125 zerstört ward. Feuer brach aus der Erde und die Riesen schleppten diese Felsenstücke herbei, unter welchen sie die ganze Herrlichkeit begruben. Bei alle dem aber versprach der Gott seinen Lieblingen, das heißt den Lappen, daß dieser Fjord und die wüste Halbinsel ihnen dennoch werth und nützlich bleiben sollte, und ein Gott muß Wort halten. Die Lappen ziehen zur Sommerzeit auf diesen wilden Bergen gern umher; es soll ihren Rennthieren hier nie an Futter fehlen und ihnen besonders gut bekommen. Zu gleicher Zeit ist das Wasser des Fjords so wunderbar beschaffen, daß es die gehörnten Milchkühe am liebsten trinken, kurz es ist ein heiliger Boden, der von den abergläubischen Dieben in hohen Ehren gehalten wird. Man störte sie also nicht in ihrem Besitz? fragte Marstrand. Sie sehen ja, daß hier kein ehrlicher Mensch wohnen kann, erwiderte Paul lachend, und überdies ist der Fjord entweder zu kalt oder zu warm, oder er riecht noch nach Jubinal's umgekommenem Volke, was es also auch sein mag, die Fische sind so klug, nicht hinein zu gehen, wenigstens sagt man es allgemein, und dies ist Grund genug, daß auch die Fischer fortbleiben, denn wie der Lappe dem Rennthiere, so zieht der Normann den Fischen nach. Mein Großvater allein hat den Versuch gemacht, im Balsfjord an der Strömmenbucht ein Haus zu bauen, allem es ist ihm übel bekommen, er hat es mit seinem Leben bezahlt. Er ist getödtet worden? fragte Marstrand. Erschlagen vom grimmen Jubinal und seinen Geistern, oder von Schuften, die unbekannt geblieben sind. Felsenstücke rollten auf sein Haus und begruben es. Seit dieser Zeit ist der Fjord für die Meisten ein Gegenstand des Grauens und da zugleich Wenige Lust haben neue Handelsstellen zu suchen, so hat sich Niemand sonderlich darum bemüht. Ich hoffe, Sie fürchten sich nicht, Herr Marstrand? Wenigstens nicht vor Jubinal und Gespenstern, antwortete der Junker. Recht, lachte Paul, man muß mit solchen Wesen umzugehen wissen. Afraja und seine liebenswürdigen Gesellen werden Ihnen schon den nöthigen Zeitvertreib verschaffen. Unter diesen Gesprächen stiegen sie den Felsensattel hinauf, der jäh und schneegefüllt manche Anstrengung kostete, oben aber strömte 126 den Ermatteten bald eine mildere Luft entgegen, die aus dem Balsfjord heraufwehte, dessen klarer Wasserspiegel zwischen grünenden Ufern sichtbar ward. Nach einiger Zeit, als sie auf der Höhe hinzogen, erblickte die Gesellschaft dann das kleine düstere Thal, in welchem einst der verschüttete Gaard des alten Voigt's gestanden hatte. Ungeheuere Blöcke lagen darin umher gestreut und eine Stelle, welche mit Schutt und Trümmern hoch bedeckt war, wurde als der Platz bezeichnet, wo Petersen's Großvater so unglücklich geendet hatte. Melancholische Tannen neigten sich schwarz mit tiefhängendem Gezweig darüber hin; hohes Gestrüpp wucherte aus den Spalten auf, öde, wild und lautlos lag der verlassene Platz von geborstenen Felswänden eingefaßt, vor sich den gekräuselten Meeresarm und jenseits nackte finstere Berge. Ein Schauder kam über Marstrand, den seine Gefährten zu theilen schienen, denn sie schwiegen sämmtlich, da sie vorüber gingen, als seien sie bange die Todten zu stören, oder böse Geister aufzuwecken. Bei alledem, sagte der Schreiber endlich, ist es sonderbar, daß noch immer geglaubt wird, Afraja sei der Urheber dieser Gräuel. Seine Künste sollen die Felsen in jener Schreckensnacht heruntergestürzt haben und seit dieser Zeit, obwohl er damals noch ein sehr junger Mann war, gilt er als ein Hexenmeister, der eben so sehr verabscheut wie gefürchtet wird. Glauben Sie an seine Hexerei? fragte Marstrand. Narrenspossen! erwiderte Paul. Wenn das alte Ungeheuer hexen könnte, würden wir sämmtlich bald genug bei meinem Großvater liegen, der die Thorheit beging, sich unter losen Felsenmassen anzubauen, die in einer Sturmnacht, oder bei einem Erdstoß ihm über den Kopf rollten. Aber, was ist das? fuhr er fort. Ist es nicht ein Mensch, der dort unter den Tannen auf dem höchsten Steine sitzt? Marius auf den Trümmern von Carthago, oder Afraja auf dem Siegesdenkmal seiner Rache! Mein Großvater hat ihn in Tromsöe peitschen lassen und gejagt, wo er sich blicken ließ, jetzt lacht er ihn aus und macht es sich bequem. Alle sahen hin und Allen kam es vor, als sitze eine menschliche Gestalt auf den Trümmern in dem Halbdunkel der alten Bäume. Olaf's scharfe Augen wollten sogar Mütze und Haar erkennen, aber 127 Helgestad hinderte jede nähere Untersuchung. Er trieb zur Eile an, um vor Einbruch der Nacht die aufgeschlagene Hütte zu erreichen, welche weit am Ende des Fjords stehen sollte und machte auf die Schwierigkeiten aufmerksam, in Dunkelheit den Weg zurückzulegen. Sind aber ohnehin eitle Possen, sagte er. Wie soll ein Mensch jetzt hierher kommen, und am wenigsten ein Lappe, die mit ihren Heerden noch tief in den hohen Jauren stecken. Sehe so klar wie Einer unter Euch, und sehe nichts als Bartmoos, Steine und falbe Tannenzweige. Haben kaum eine Stunde noch Tag und müssen sie brauchen, um an der Strömmenbucht hinaufzusteigen, bis wir die Balself und ihren Wall vor uns sehen. – So geschah es denn, und eben fiel der letzte rothe Schein auf die hohen Felsenstirnen, als sie den schäumenden Strom erblickten und zu ihren Füßen sich ein Panorama ausbreitete, das romantisch genug war, um durch seine Gegensätze selbst diese Männer zu entzücken. In der Tiefe lag der Balsfjord mit breiter offener Fluth und sanften Ufern, die mit Gras schön bestickt, sich zu Matten und Gehängen ausdehnten. Glänzende und schäumende Bäche stürzten milchweiß aus vielen Schluchten hervor und von Felswänden nieder; hohe Bäume begleiteten den südlichen Saum des Meeresarms, an dessen Ende die Balself brausend aus ihrem Thale sich ergoß und hier irrte das Auge bald über viele kleine Gründe und Einsenkungen, bald über ein ausgedehntes Waldrevier, aus welchem da und dort der Strom und seine Fälle sichtbar wurden, bis endlich hoch hinaus im Osten und Norden sich die unermeßlichen Linien der lappischen Alpen mit ihren Schneelagern ausdehnten und mit den Wolken des Himmels vermischten. Nuh, rief Helgestad, als die mancherlei Ausrufungen vorüber waren, sollt hier wohnen, Herr Marstrand, und denke, ist ein glückliches Plätzchen für einen Mann, der es versteht. – Hat sich Mancher angebaut da und dort, ist aber niemals was Rechtes geworden. Was das Beste ist, ließen sie liegen, hatten auch keine Eigenthumsrechte, blieben lauter kleine Stellen und fand sich bis auf den heutigen Tag keiner, der die Augen aufthat und den Beutel aufthun konnte. Was Handelsstellen anbelangt, sagte Olaf, so ist an vielen Orten wohl besseres Geschäft zu machen. Da habt Ihr in der Nähe den großen Malangerfjord, wo ganz andere Plätze zu finden sind. 128 Helgestad antwortete mit einem verdrießlichen Grunzen, und während die Gesellschaft sich der Hütte näherte, die roh aus Trümmergestein und Balken für die Holzfäller aufgerichtet war, setzte Olaf seine Einwände fort, zu denen endlich auch der gehörte, daß die Ufer des Balsfjord uraltes Weideland der Lappen seien, die gegen eine Besitzergreifung sich heftig beschweren würden. Was das betrifft, erwiderte der Schreiber, so ist die Sorge nicht groß. Herr Marstrand's Königsbrief ist unbeschränkt, er kann sich Land aussuchen so viel er will, Handelsstellen anlegen, wo es ihm beliebt, natürlich ohne in das Eigenthum anderer guten Leute zu greifen. Den Lappen auch wird dabei nichts verkürzt, denn was ihre Heerden bedürfen, finden diese überall. Wald und fruchtbarer Boden ist den Umhertreibern eben so wenig nothwendig, wie Fischplätze und Brütplätze. Wenn Herr Marstrand mir morgen sagt, hier will ich mein Haus bauen, das Thal der Balself soll mein sein, sammt den anliegenden Gründen, so weit deren Wasser der Elf zuläuft, so steht ihm nichts entgegen. In zwei Wochen soll er die Bestätigung aus der Voigtei von Tromsöe haben. Aber Klaus Hornemann und der Gouverneur von Trondhjem? erwiderte Olaf hartnäckig, was werden die dazu sagen? – Es ist ein weiter Weg bis Trondhjem, lachte Paul. Fünf Monate höchstens im Jahre können Befehle zu uns kommen, aus Kopenhagen nur einmal. In diesem Falle jedoch möchten der Gouverneur wie der klagesüchtige Priester nichts thun können, denn ein Königsbrief, der anerkannt und registrirt ist, kann niemals angetastet werden. Als die Hütte an der tiefen Bucht des Fjord erreicht war, entdeckten die Nahenden eine Anzahl großer Baumstämme, welche zum Theil von ihren Aesten befreit, zum Theil an den Seiten behauen an den Stellen lagen, wo die Axt sie gefällt hatte. Ein Dutzend rüstiger Männer kam nach und nach herbei und bewillkommnete den unerwarteten Besuch mit großer Freude. Ein Boot, das am Ufer lag, wurde sogleich mit Netz und Angeln ausgeschickt, um zu fischen, und während Anstalten getroffen wurden, die Gäste und Pferde unterzubringen, die Körbe auszupacken und ein Abendessen zu bereiten, hörte Marstrand die Erzählungen der Arbeiter, welche seit Wochen hier beschäftigt waren. 129 Alle waren zufrieden mit ihren Erfolgen. Der Fjord hatte reichlich Fische geliefert, Niemand hatte sie gestört und weder Lappe noch Normann war von ihnen gesehen worden. Ein einzigesmal war ein Bär während einer Nacht an ihrer Hütte gewesen, der sich aber in die Wälder der Balself zurückgezogen hatte, als Lärm entstanden war; und von diesen Wäldern, ihren mächtigen Bäumen und verwachsenen Gründen, erfolgten Schilderungen, zu denen Helgestad zufrieden lachte. Nuh, sagte er, denke, sehen morgen selbst, was Gottes Allmacht hier geschaffen hat; calculire, kommen zu einem guten Schluß. Jetzt tragt auf, was Ihr habt, laßt uns essen und den Körper ausruhen, denn ein müder Leib hat keinen Raum für einen wachen Geist. Nach einem langen und gesegneten Mahle und manchem herzhaften Trunk folgte ein Schlaf, welcher den Anstrengungen des Tages gemäß war. – Marstrand mochte der Einzige unter Allen sein, der noch wachte, als ein heftiges Schnauben der Pferde ihn völlig ermunterte, die in einer Seitenabtheilung der Hütte untergebracht waren. Er richtete sich auf seinem Lager empor und stützte den Kopf auf den Arm. Der Mond war am Himmel aufgegangen und warf durch Ritzen und Spalten im Dach und in der Thür sein helles Licht herein. Ein Strahl dieses seinen bläulichen Lichtes beleuchtete die Bretterwand von halber Mannshöhe, hinter welcher die Thiere standen. War es nun Täuschung oder Wirklichkeit, der erschrockene Lauscher glaubte ein Gesicht zu erkennen, das über die Schälung fortsah und die Schläfer bewegungslos und stier betrachtete. Langes Haar fiel über seine Stirn, Runzeln und Falten machten dies schreckliche Nachtgespenst medusenartig, und einige Minuten lang schien es einen erstarrenden Zauber auch auf Marstrand auszuüben, der unfähig war, sich zu regen. Es kam ihm vor, als hefteten sich ein Paar glühende Augen auf ihn, die wie die Augen eines Raubthieres funkelten, ehe er jedoch den Schrecken abschütteln konnte, hatte der fortgesetzte Lärm der Pferde ein paar andere Männer geweckt, welche sogleich aufsprangen und die Ueberzeugung aussprachen, daß ein Wolf oder Bär in der Nähe sein müsse. Mehrere griffen zu ihren Waffen und untersuchten die Umgebung, Andere beruhigten die Pferde; nach einiger Zeit, als man nichts entdeckt hatte, kehrte die Ruhe zurück 130 und endlich schlief auch Marstrand ein, der sich hütete zu sagen, was er gesehen haben wollte, da man ihm schwerlich geglaubt haben würde. Am Morgen war die nächtliche Störung Gegenstand der Frühstücksunterhaltung. Es war ausgemacht, daß in den Wäldern an der Balself mancherlei starke Räuber ihre Schlupfwinkel hatten, und obwohl Bären nicht wie Hasen umherlaufen, und mancher in einem Lande, wo sie eben nicht selten sind, leben und sterben kann, ohne je einen gesehen zu haben, so hörte der Junker doch jetzt viele schreckliche Geschichten von Jagden und Abenteuern, die zuweilen einen verzweifelten Ausgang genommen hatten. Der graubraune Bär, welcher in diesem hohen Norden lebt, gehört zu der stärksten und gefährlichsten Art. Paul Petersen erzählte, wie ein solches Ungeheuer mit Leichtigkeit über alle Meeresarme schwimmt und darum zuweilen unerwartet selbst auf den äußersten Inseln erscheint, wo er Kühe und Pferde tödtet und oft unglaubliche Stärke und Kühnheit beweist. Die Fischer und Ansiedler, Kolonisten und Quäner besaßen aber damals so wenig, wie jetzt, Feuergewehre im Hause. Ganz unähnlich den jagdlustigen norwegischen Bauern im Süden, die sich selbst ihre Büchsen schmieden, wie ihre Väter sich einst ihre Schwerter geschmiedet haben, verstanden sie nur ihre Netze zu flicken. Die Gaardbesitzer allein hielten Gewehre und unter ihnen fanden sich einzelne junge Männer, die, wie Björnarne oder Olaf, gut damit umzugehen wußten, und gelegentlich wohl auch einen Jagdzug auf wilde Rennthiere oder Raubthiere unternahmen. Im Allgemeinen aber blieb auch der Gaardherr bei seinen Rechenbüchern in dem Kramladen und bei seinen Yachten und Geschäften, griff höchstens zur Waffe, um eine Möve oder Schnepfe zu schießen und ließ seine Büchse nur warnend knallen, wenn er benachrichtigt wurde, daß ein Bär sich in der Nähe seines Hauses gezeigt habe. Marstrand dachte darüber nach, welcher große Unterschied doch zwischen diesen stolzen Handelsleuten sammt ihrem Anhange und den verachteten Lappen sei, von denen jeder sein Feuergewehr besaß, und deren Schützenkunst er so oft schon rühmen hörte. Worin lag denn das Uebergewicht dieser Fischhändler über jenen herabgewürdigten Hirtenstamm, der unverzagt mit den wildesten Thieren und der 131 wildesten Natur kämpfte? Unter den zwanzig Männern von reinem Blute, die hier beisammen waren, konnte er wenige herausfinden, welche nicht auf der untersten Stufe menschlicher Bildung und Gesittung standen. Was waren denn auch diese Holzfäller, Fischer und Arbeiter anders als dürftige Knechte, die ein kümmerliches Leben hinschleppten, im Dienste derer, die sie ernährten und auspreßten und was waren diese rohen Aristokraten selbst wieder, im Vergleich zu den Bürgern und Kaufleuten der großen Städte und der Hauptstadt? Was endlich aber wäre auch deren Pracht und Uebermuth gegen den glänzenden Adel und den Hof des Königs? Alles war Knechtschaft, doch der Eine plackte hochmüthig den Andern, stellte den Fuß auf dessen Nacken und wurde wieder geplackt und verachtet. Ein Ekel kam über Marstrand. Er blickte zu der blauen Eiswüste der Alpen auf und es kam ihm in den Sinn, als sei deren wilde Freiheit die einzige auf Erden. – Während der frühe thauige Morgen anbrach, die Sonne mit rothem Lichte die hohen Schneefelder einfaßte und dann immer weiter hinab aus Wald und Thal die Nebel jagte, gingen die Genossen am Ufer des Fjord hin. Die Luft war scharf und erquickend, die Natur reich an großartiger Herrlichkeit, die Wasserfälle rauschten und donnerten von den Felsenstufen. Aus einem tiefblauen klaren See stürzte die Balself in den Fjord, wo große Fische aufsprangen. Jugend und Freiheitslust füllten Marstrand's Seele. Er fühlte sich wohl und leicht. Sein Gewehr in der Hand, vor sich den Wald, keinen Herrn über sich, keiner Zeit Rechnung tragend, von keines Menschen Willen abhängig, tauchte ein Glück in ihm auf, das er zum erstenmal empfand. War denn das Leben jener freien Hirten so elend? Verdiente es den Ekel und die Verachtung der Leute, die in ihren dumpfen Häusern saßen, oder sich abquälten, den Fischen nachzustellen? Ein Lappe, der mit seiner Heerde von Alp zu Alp zieht, der an der Quelle lagert, wo seine Thiere rasten, der mit seiner Büchse im Arm einsam wacht, wenn die Sterne am Himmel stehen, der die mitternächtliche Sonne und das Schneehuhn belauscht und der die unermeßliche Wüste rastlos durchpilgert, war das nicht ein ganz anderes poetisches Bild als Helgestad, wenn er calculirend vor seinen Thranpressen stand, oder im 132 Lederstuhle das Toddyglas an seine Lippen setzte? – Der junge Abenteurer empfand etwas von der Sehnsucht dieser freigebornen Männer, die um keinen Preis hinuntersteigen mochten zu ihren Drängern und Bedrückern, und wie der sonnige Bergwald erreicht war mit seinem bunten Moosteppich und seiner lautlosen Einsamkeit, war er fest entschlossen, hier zu leben, und entzückt von dem Gedanken, daß dies Alles ihm gehören sollte. Der Wald, welcher das Thal der Balself bedeckte, war ein nordischer Urwald, den selten eines Menschen Fuß berührt, nie eine Axt angetastet hatte. Hier gab es keine riesenhaften Mangoli- oder Akajoubäume, wie in den Wäldern der heißen Zone, keine Schlingpflanzen von wunderbarer Kraft und Schönheit, keine Blumen mit ungeheuren Kelchen und kein frisches seltsames Geblätter. Die Bergfichte allein hielt die beiden Thalwände und das breite Gesenke zwischen ihnen besetzt, durch welches in einer ausgewaschenen Kluft der wilde Alpenstrom mit rasender Eile stürzte. Bald sah ihn das Auge als eine Kaskade erscheinen, die über ungeheure Felsenstücke fiel, bald von Gischt und Flocken umhüllt in einen Abgrund gezwängt, aus dem eine Staubwolke hochaufwirbelte; bald wieder leuchtete er mit dem schönen Blau seines Gletscherwassers halb besänftigt aus einem breiten Gerinne, und hier verschwand er unter Felsenlagern, um weiterhin in einem milchweißen Kleide von Schaum aus schwarzen geheimnißvollen Bogen und Höhlen hervorzuspringen. Marstrand hatte noch nie die Wunder eines nordischen Alpenstroms in solcher Pracht und Herrlichkeit erblickt wie hier, seine Sinne wurden davon gefesselt, seine Seele von diesem edlen Schauspiele ergriffen; er konnte sich von der Fülle dieser malerischen Bilder kaum losreißen, um seinen Gefährten zu folgen, die ganz andere Dinge beobachteten. Das Waldrevier begleitete den Strom auf Meilenlänge und schlang seinen dunklen Gürtel um dessen schnellfluthende Glieder. Jahrtausende mochten vergangen sein, seit hier Bäume wuchsen, aus deren Moder nach und nach eine Erddecke erzeugt wurde, die von Regengüssen und schmelzendem Schnee fortgespült, nie so hoch sich ablagern konnte, um den Felsboden gleichmäßig zu bedecken. An einzelnen Stellen, in Senkungen und Höhlungen war dies vollkommen geschehen und hier strebten gigantische Tannen auf, die ihre schwarzen 133 Häupter kühn und breit den Wolken und Stürmen entgegen trugen. Schwächere Gefährten lehnten sich an sie und wurden von den Mächtigen gehalten. Dichte Reihen der prachtvollsten Stämme bildeten Linien und Wälle des allerschönsten Holzes, wie es nirgend besser gefunden werden konnte. An andern Orten war die Noth des Wachsens und der Erhaltung größer. Ueber moosige Steine und Blöcke klammerte sich ein Netz von Wurzeln, von welchem schlanke Bäume mühsam getragen wurden; in alle Fugen und Spalten steckten sie ihre zähen Finger, auf den Spitzen und Kanten zackiger Trümmer standen sie mit seiltänzerischer Kühnheit und in der Mitte des kochenden Stromes, auf seinen jähesten Klippen, hatten sie sich festgenistet. – Das ganze Grauen und das innerste Wesen dieser Schöpfung, ihre ewig gebährende Kraft und ihre ewige Vernichtung, zeigten sich in allen Abstufungen. Uebereinander gestürzt, zerbrochen, geborsten und verwittert lagen zahllose Stämme, wie der Tod sie ereilt hatte. Manche hatten ihm lange getrotzt, bis ihre Stunde kam, andern war er früh erschienen. Hier ruhten sie in dichter Gemeinschaft, dort hatte ein Riese, aus der Höhe niederfallend, zerschmettert, was seinen Sturz aufhalten wollte. Mit königlichen Leibern bedeckten sie die Felsen, an denen ihre Kronen zersplittert waren, wankend und seufzend standen andere mit zerrissenen losgetrennten Wurzeln und erwarteten den Stoß, der ihrem Dasein ein Ende machen sollte. Von vielen, die einst mächtig und gewaltig, war nichts übrig geblieben, als eine faulige zerstörte Masse; über sie hingestreckt lagerten ihre Kinder und Enkel, an denen der Wurm der Vernichtung noch frischer nagen konnte. Hier fehlten die Aeste, dort die Rinde, da war der Splint noch frisch, dort alle Hülle abgefallen, bis auf's tiefste Mark, während neben ihnen, ihr Elend verhüllend, grüne saftige Gefährten ruhten, die gestern noch frische Zweige in die Lüfte schickten, auf denen ein irrender Vogel Schlaf und Frieden suchte, der schreiend aufflatterte und floh, als Geister der Nacht heulend durch die Schlucht stürmten und den lebenslustigen Gesellen zu den Todten warfen. Es war keine leichte Arbeit für die neugierigen Wanderer, fortgesetzt über diese Haufen schlüpfriger Baumstämme und über die unwegsamen Steintrümmer zu klettern, aber Helgestad war nicht so bald zu ermüden und eingesponnen in seine Betrachtungen, welche 134 Vortheile dieser Wald dem Besitzer bringen müßte. Während Petersen und Marstrand in die Tiefe des Thals vordrangen und die Balself verfolgten, ging er mit Olaf der Höhe zu, um einen freieren Punkt zu gewinnen, von dem aus sich das ganze Gebiet übersehen ließ. Der nordländische Eigenthümer war kein Speculant und seinem mäßigen Erwerbstriebe wollte die Benutzung dieser Holzschätze durchaus nicht recht einleuchten. Er bedachte die Schwierigkeiten sowohl, wie die bedeutenden Kosten, welche es machen müßte, um hier Bäume zu fällen und bis an den Fjord zu bringen, und entwickelte seine Gedanken darüber, daß es immer billiger bleiben werde, Holz aus dem Süden kommen zu lassen, wo es im Ueberfluß wachse. Helgestad hörte still zu und schlug dann und wann mit seinem großen Stocke an die mächtigsten Bäume. Kannst es nicht begreifen, sagte er endlich. Gehörst zu denen, die sehen müssen, ehe sie glauben, und hat auch sein Gutes, ruhig in Empfang zu nehmen was da ist, und sich nicht auf Grübeln und Trachten einzulassen. Magst es aber als gewiß annehmen, Olaf, daß du in Jahr und Tag finden wirst, es sei das leichteste Ding von der Welt, den ganzen Wald zu Brettern und Bauholz zerschneiden zu lassen, und nichts sei bequemer, als am Balsfjord Yachten zu beladen, die es bis nach Nordland und selbst nach Holland führen. Olaf sah den Sprecher verwundert an und erwiderte kopfschüttelnd: Es ist möglich, daß es Mittel gibt, aber viel Geld und große Mühen sind dazu nöthig. Gehörte das Land Euch, so würde ich glauben, Ihr könntet es wagen, daran noch reicher oder ärmer zu werden; dieser dänische Herr aber wird so leicht nicht an so große und schwierige Speculationen denken, und schwerlich wird er Einen finden, der Narr genug wäre, ihm dazu große Summen vorzustrecken. Keinen Narren außer mir, sagte Helgestad ihm pfiffig zunickend. Wie? rief der Nordländer, das wolltet Ihr wirklich thun! Verlockend mag es aussehen, aber ich warne Euch. Ihr habt mehr als Viele erworben und seid in Jahren, wo man ausruhen soll. Nuh, antwortete Helgestad grinsend, habe wirklich geglaubt, würdest mit beiden Händen zugreifen, wenn dir ein Antheil am Geschäft geboten würde. Wird Geld kosten, wie du sagst, aber werden die Vortheile auch groß sein. Sieh hier, gibt zwanzig Stellen, die 135 gut sind für Schneidemühlen, und schwimmt das geschnittene Holz über alle Fälle der Balself fort, bis an den Fjord, wo es aufgefischt wird. Müssen jetzt alles Bauholz von Trondhjem, und selbst von Bergen holen. Werden es künftig besser und jedenfalls billiger haben. Denke, begreifst es, Olaf. Ist nicht so? Aber es war nicht so. Olaf erklärte mit vieler Bestimmtheit, daß er mit dieser Speculation nichts zu thun haben wolle; mochte nun Helgestad auch behaupten, daß solche Bäume in ganz Finnmarken nicht weiter zu finden seien, daß die besten Schiffe daraus gebaut werden könnten, obenein aber die kleinen Thäler an den Seiten des Fjord so geschützt lägen und voll fruchtbaren Bodens seien, daß Kolonisten überall sich darinnen anbauen könnten, er schüttelte beharrlich den Kopf und widerrieth das ganze Unternehmen. Plötzlich aber wurde ihr Gespräch von einem wilden Schrei aus der Schlucht unterbrochen. Im nächsten Augenblick folgte ein Schuß, dessen Donner alle Echos weckte, dann ein Gebrüll, das Entsetzen erregen konnte und gleich darauf ein neuer Büchsenknall. Rauch stieg zwischen den Bäumen auf, ein Mann floh in größter Hast über die Steine und Trümmer und schrie im Laufen laut um Hülfe. Alles das geschah fast zugleich, doch Olaf sowohl wie Helgestad wußten es Beide zu deuten. Der Nordländer rannte mit dem Gewehr in der Hand dem Flüchtling entgegen, welcher kein anderer war, als der Schreiber, und als er ihn erreicht hatte, hielt er ihn halb mit Gewalt fest, denn Paul Petersen schien vor Schreck Athem und Besinnung verloren zu haben. Sein Gesicht drückte Entsetzen aus, er hatte seinen Hut auf der Flucht verloren, sein Haar flog ihm um den Kopf und seine Augen blickten verwildert umher. Steh' still! rief Olaf. Was war's? Wo ist Marstrand? Der Bär! schrie der Schreiber – er hat ihn zerrissen. Und du, feiger Mann, du läufst davon! antwortete Olaf, ihn zurückstoßend. Schande über dich! Mit diesen Worten sprang er den Thalrand hinunter, um dem verlassenen Freund zu helfen oder ihn zu rächen. Mehrmals rief er mit aller Kraft Marstrand's Namen und hörte endlich zu seiner Freude eine Stimme antworten. – Wo der Strom einen weiten Bogen machte, lag ein fast ebener Grund, 136 der von drei Seiten durch einen zerklüfteten überhangenden Fels wie von Mauern umschlossen war. Dichtes Birkengestrüpp, wilde Ranken und junge Tannen umwucherten die Höhlungen, der freiere Raum davor war mit jung aufschießendem Gras bewachsen und in der Mitte desselben fand Olaf Marstrand auf sein Gewehr gestützt stehen. Mit einem Blick sah er, was hier vorgefallen war. – Zu Marstrand's Füßen lag ein gewaltiger Bär in seinen letzten Zuckungen. Blut floß über seine schwarze Zunge und strömte aus der Todeswunde. Der wackere Olaf jubelte laut auf und schüttelte Marstrand's Schulter mit rücksichtsloser Heftigkeit. Meiner Treu! schrie er, der feige Schreiber mochte immerhin davon laufen, du hattest ihn nicht nöthig; hast genau die rechte Stelle gefunden, wo das Luftloch für das zähe Leben eines Bären gemacht werden muß. Der aber, weiß es Gott! gehört zu den größten und stärksten, die ich je gesehen habe. – Er maß die Körperlänge des Thieres mit neuer Bewunderung, unter Lobsprüchen und Geschrei nach Helgestad, der auch endlich herbeikam und Paul Petersen führte, welcher eine entschuldigende Beschreibung des Vorganges jetzt mit vieler Fassung gab. Er war mit Marstrand bis auf diesen Plan gekommen und näherte sich ohne Ahnung dem Felsen, als er plötzlich dicht hinter sich ein tiefes Brummen hörte und umblickend den Bären gewahrte, der seinen gewaltigen Kopf aus dem Gestrüpp streckte, gleich darauf aber auf den Hinterbeinen stand, wie solch' Thier jedesmal thut, wenn es seinen Angriff beginnt. Ich schrie laut auf, sagte Paul, griff nach meinem Gewehr und schoß. Daß ich nicht gefehlt habe, beweist die Wunde an Kopf und Hals. Aber er war nicht todt. Er stieß ein furchtbares Gebrüll aus, während ich lief, um Hülfe zu suchen und es Marstrand überließ, ihn vollends zu tödten. Das hat er wirklich gethan, fiel Olaf spöttisch ein, obwohl du ein Held ohne Gleichen bist. Helgestad hinderte Streit und Vorwürfe, indem er dem Schreiber Recht gab, zugleich aber Marstrand allen Ruhm zusprach. Leib und Leben an ein nichtsnutziges Geschöpf zu setzen, sagte er, das in jetziger Jahreszeit nicht einmal einen guten Braten liefert, da es mager und zähe ist, wird kein vernünftiger Mann gut heißen. 137 Nuh, hat der Herr Alles zum Guten gewendet, wenn es Einem aber zukam, sich an das Ungethüm zu machen, so mußte es Johann Marstrand sein, dessen Kühe dafür künftig hier um so sicherer weiden können. – Mit dieser Wendung war die Sache beigelegt und es blieb nur übrig, in die Hütte an den Fjord zurückzukehren und den erlegten Feind dort hinschleppen zu lassen, was wenigstens mit seiner Haut und seinen besten Stücken geschah, denn kaum hatten die Holzfäller die Mähr vernommen, als sie alle eifrig sich an's Werk machten, um die gute Beute vor Füchsen oder Wölfen in Sicherheit zu bringen. Nach wenigen Stunden schon kochte das Bärenfleisch im größten Kessel und Marstrand war gezwungen, die Geschichte ein halbes Dutzendmal zu wiederholen und eben so oft seinen Sieg mit Händeschütteln und Gesundheittrinken zu bekräftigen. Das Freudenmahl währte den ganzen Abend über, einen wirklichen Vortheil aber gewährte es Marstrand, daß Paul Petersen merklich stiller und bescheidener geworden war. Theils in Folge der überstandenen Angst, theils aus Furcht vor Olaf's Spott, fand er es am Gerathensten, so viel als möglich zu schweigen und sich eben so wenig einzumischen, als Helgestad mit Marstrand vor der Hütte auf und ab ging und ihm nochmals alle Vorzüge dieser Niederlassung schilderte. Wißt nun auch, sagte er zuletzt, nachdem ihm der junge Ansiedler in den meisten Behauptungen beigepflichtet hatte, daß wir durch Paul Petersen das Ding in Ordnung bringen können, ehe ein Mensch davon wissen kann. Glauben die Narren nicht alle mehr, daß der Balsfjord keine Fische nährt, weil Jubinal ihn seinem Volke gegeben hat. Seht die grünen Streife dort im Wasser, da steht Häring; Schwärme von jungen Seyfischen spielen an den Steinen und Lachse springen auf an allen Stellen. Gehört aber auch zum Fjord die flache Insel Strömmen an der Meeresstraße dicht vor Tromsöe und diese wichtige Insel muß Euch mit verschrieben werden. Ist das nackte Eiland denn so wichtig? fragte Marstrand. Nuh, rief der Alte, den Kopf schüttelnd, ist das beste Stück vom Ganzen. Seid ein Mann, der klar zu sehen versteht, müßt bemerken, daß kein Schiff nach Tromsöe kann, das nicht dicht vorüberfährt. Ist der beste Platz zu einer Niederlage. Habt damit auch den Fischfang in der Strömung und im ganzen Sunde. Ist 138 eine Stelle, wo die Steine Silber werden, wenn man es versteht; könnt von dort mächtigen Holzhandel treiben nach allen Seiten hin, bis nach Nordland hinauf und weiter. Im Ernst, Herr Helgestad, erwiderte Marstrand, ich habe dennoch verschiedene schwere Bedenken, die Olaf mir verstärkt hat. Weil sein dicker Kopf nicht denken kann, sagte der Kaufmann. Ihr meint das Geld – seid darum ruhig. Habe eine gute Anzahl Species für Euch liegen, wenn es nicht reicht, wird mehr da sein. Fangt an, wenn Ihr wollt; könnt zehn tausend haben, sobald wir von Bergen wieder kommen. Gegen welche Sicherheit? fragte der junge Mann. Gegen einfachen Schuldschein, will nichts weiter, antwortete Helgestad. Vertraue auf Euren Kopf. Sollt Credit finden gegen acht vom Hundert, Jahr aus, Jahr ein, bis der Strom zurück in Eure Tasche fließt. So lockend das ist, erwiderte Marstrand zögernd, ist es doch nicht das Geld allein, was mich drückt. Hat die Regierung nicht versprochen, den Lappen ihre Weiden zu erhalten und sehen diese nicht gerade diese Fjorde und Halbinseln als ihr uraltes Eigenthum an? Der Generalgouverneur Münte hat sich feierlich verbürgt, daß dem verfolgten Volke kein Leid mehr zugefügt werden soll; der Voigt von Tromsöe ist mit genauer Noth schon früher einmal der Rechenschaft entgangen und Klaus Hornemann – Helgestad ließ ihn nicht weiter reden. Will Euch ein Wort sagen, sprach er, sein hartes Gesicht aufhebend, indem er zwischen den Felsentrümmern still stand. Dränge Euch nicht mit der Antwort, kann warten bis morgen, dann aber, ehe wir gehen, müßt Ihr Euch entscheiden. Wollt Ihr Euer Haus nicht am Balsfjord bauen, wißt Ihr Besseres, so thut nach Eurem Willen. Nehmen die Arbeiter dann mit und was geschehen ist, mag geschehen bleiben; überrede Euch zu nichts. Wollt Ihr aber ein Mann sein, der hierher paßt, und begreift, was er thun muß, so legt Eure Hand fest auf das, was Ihr haben wollt. Weichlich denken und schwächlich überlegen dürft Ihr nicht. Was schiert Euch das unnütze Gesindel auf den Alpen, das hin und her wandert und dem kein Fleck der Erde gehören kann? Was kümmert Euch der alte General, der in Trondhjem 139 und Briefe schreibt, die Stücke Papier sind? Was endlich habt Ihr mit dem Priester zu thun, der alte Weiber zu Thränen bringen mag, aber keinen Mann von dem, was er will? – Seht hin, Herr Marstrand, das Alles könnt Ihr haben und keine Macht kann es Euch nehmen. Im Nothfalle schreibt nach Kopenhagen, oder geht selbst, mit Geld ist dort Alles zu machen. Lacht zu dem Geschrei über Gewalt und Unrecht, wenn es erhoben wird, denn Ihr könnt es. Ist der Besitzbrief in Eurer Hand, so laßt sie Arme und Stimme erheben und wenn es Engelsstimmen wären, es soll nichts helfen. Bedenkt das Alles, dann sagt mir ja oder nein; weiter ist nichts nöthig. Marstrand blieb zwischen den Steinen zurück, die moosig und mit Gestrüpp bedeckt chaotisch wild das Ufer des Fjord bedeckten. Der Abend kam und brachte Nebel mit, die, schwer geballt, langsam über den Meeresarm sich fortwälzten, das letzte Tageslicht auslöschten und an den Blöcken aufkletterten. Das Wasser schlug dumpf grollend über die klippigen Wände hin, und seinem Nachdenken überlassen sah der Junker lange still darauf nieder. Mit der einen Hand bot Helgestad ihm alle Mittel, um Reichthum zu gewinnen, mit der anderen wies er ihn von seiner Thür, wenn er sein Geld nicht wollte. Die Vortheile, welche er ihm gezeigt, waren keine Täuschung; er begriff vollkommen, was dieser Besitz werth war und dennoch sagte eine Stimme in ihm, daß alle rechtlichen Menschen ihn darum verdammen würden; eine andere Stimme jagte sein Mißtrauen auf und trieb ihn endlich zu den halblaut ausgestoßenen Worten: Er betrügt mich! Es kann nicht anders sein – das ist seine Absicht. Plötzlich hörte er zusammenfahrend eine Antwort! Sei sicher, Jüngling, daß du Wahrheit sprichst, sagte Jemand fest und deutlich, hinter ihm, und wenige Schritte entfernt auf einem Stein sitzend erblickte er eine menschliche Gestalt, von Nebel und Dunkelheit ungewiß eingehüllt. Einige Minuten lang betrachteten sich die beiden Männer schweigend. Marstrand zweifelte nicht, wem der greise Körper gehörte, der bewegungslos auf einen Stab gestützt selbst ein Steinbild zu sein schien. Der Nachtwind trieb sein langes Haar und langsam wiederholte er mit voller ernster Stimme diese Worte: Sei sicher, daß du 140 Wahrheit sprichst, denn Niemand kann sich rühmen, von Niels Helgestad nicht betrogen zu sein. Afraja, erwiderte Marstrand, ich danke dir heut mein Leben. Du warst es, der den Bär tödtete, deine Kugel durchbohrte ihn, als ich ihn verwundet hatte. Ich kam hierher mit der Absicht, dies Land für mich zu nehmen, niemals soll es geschehen. Ich will nicht in deine Rechte greifen, ich will dich schützen, so viel ich es vermag. Der Greis nickte leise und hob die Hand auf, als wollte er den Dank abwehren. So viel du vermagst, sagte er dann, aber du vermagst nichts. Dein Herz ist mild, ich habe es erfahren. Du verachtest nicht die Söhne Jubinal's. Ich wußte, daß Helgestad dich an den Balsfjord führen wollte und erwartete dich. Ich war bei dir, als der Bär dich bedrohte und schützte dein Leben, ich werde bei dir sein und dich schützen gegen deine Feinde. Wohne hier in Frieden, weil es gut ist. Wenn du gingest, würde bald genug ein Schlechterer kommen, denn die Gewinngier dieser harten Männer ist aufgeweckt. Der Voigt von Tromsöe, sein schlechter Neffe und Niels Helgestad ersannen schon einen anderen Plan, wenn du ihnen entgehen wolltest. Afraja sprach ruhig und drückte sich zur Verwunderung Marstrands in der dänisch-norwegischen Sprache vollkommen gut aus. Welchen Plan, wie du es nennst, haben sie mit mir ersonnen? fragte er. Dein Königsbrief, versetzte der alte Mann, ist ein zu kostbares Gut, um Helgestad und seine Genossen nicht lüstern darnach zu machen. Seit vielen Jahren weiß er, daß der Balsfjord reich ist an Holz, an fruchtbaren kleinen Thälern und an Fischen. Er hat dich in sein Haus genommen, dir wohlgethan und wird dir ferner helfen, bis der Tag gekommen ist, wo er dich hinausjagen darf, nackt und bloß, und was du dein nennst, dir nehmen kann. Du hassest ihn, Afraja! rief Marstrand. Ich hasse ihn, antwortete der Lappe, doch ich sehe durch seine Augen in seinen bösen Geist. Er wird dir sein Geld geben, du wirst damit den Wald fällen und Handel treiben, doch du bist unerfahren, du wirst verlieren und in Noth gerathen. Das ist die Zeit, die er erwartet. Dann wirst du seine Hand fest geschlossen finden; er wird 141 dir deine Schuldbriefe zeigen und wird dich vertreiben mit Hülfe des Voigts, der die Beute mit ihm theilt. Wäre es wirklich so? rief der junge Mann lebhaft – wäre das sein Weg – seine arglistige Hülfe zu meinem Verderben ersonnen! Es ist möglich, Afraja, vielleicht dachte ich selbst schon Aehnliches, aber Helgestad ist geachtet, der Erste im Lande. Glaubst du, fragte der Lappe, daß, wenn du ein Bettler bist, er weniger geachtet sein wird? Sein Ruhm wird größer werden, sie werden ihn noch höher preisen, sein Ansehen wird wachsen mit seinem Gute, dich wird Niemand beklagen. Sie werden über dich lachen, denn nach ihrem Rechte ist dir Recht geschehen. Ha! murmelte Marstrand, indem er die Faust ballte und den Arm heftig aufhob, sie sollen nicht lachen. Er dachte an Ilda und es war, als ob der alte Hexenmeister seine Gedanken wüßte. – Wähne nicht, fuhr er fort, daß Helgestad's Kinder dich beschützen könnten. Sie würden dir sagen: Du hattest Augen und Ohren, du hörtest manches Wort und sahest manches Zeichen, warum warst du kein Mann, der fest auf seinen Füßen stand? – Björnarne ist ein einfältiger Tropf, der seinem Vater blind gehorcht. Das Mädchen ist von besserer Art, aber hochmüthig ist ihr Sinn, und ihres Vaters Wille wird sie zum Weibe des Schreibers machen, der endlich einstreicht, was Helgestad dir nimmt. Er soll mir nichts nehmen. Bei Gott – er soll nicht! sagte Marstrand. Ich will keine Hülfe von ihm. Nimm sie an, flüsterte der Lappe. Und sein Geld – ich mag es nicht! Laß ihn geben, soviel er gibt, Jüngling. Wie kannst du mir solchen Rath ertheilen? fragte Marstrand unmuthig, da du selbst mir zeigst, wohin er führt. Afraja schwieg einen Augenblick. Seine Gestalt war in Mitte der dunklen Steine kaum mehr sichtbar und sein heiseres Lachen drang geisterhaft zu dem dänischen Herrn, der wild um sich blickte, als Helgestad's Stimme in der Ferne seinen Namen rief. Nimm das Geld des gierigen Mannes, flüsterte der Lappe, und gebrauche es unbesorgt. Was kann er dir geben, was Afraja nicht zehnmal geben könnte? Geh zu ihm und sprich: Ich will hier 142 wohnen, will thun was du sagst. Ich sehe deine zornige Mienen durch die Nacht, du sollst nicht zornig sein, Jüngling. Afraja ist dein Freund. Willst du Silberthaler, du sollst sie haben. Die Stunde wird kommen, wo ich dich führen werde – deine Augen sollen sehen, was nie ein Mann deines Stammes sah. Betrüge den Betrüger und sei muthig. Meine Götter werden dir helfen, mächtiger sind sie als dein ungerechter Gott. Lästere nicht, alter Mann, lästere nicht! rief Marstrand. Wo bist du? Antworte mir! Er tappte umher, der Lappe war verschwunden. Wann werde ich dich wieder sehen? rief er lauter. – Er erhielt keine Antwort. Ein Windstoß fuhr von dem hohen Fjellen nieder, schüttelte das Gestrüpp und ließ die Wogen des Fjords aufrauschen. Zu gleicher Zeit polterten Helgestad's eisenbeschlagene Sohlen über das Gestein. – Holla! schrie er, wo bleibt Ihr, Herr? Steht da zwischen Nebel und Dunkelheit und ruft die alten Nornen und Trollen an, Euch zu sagen, was gut sei. Ist's nicht so? Marstrand trat ihm entgegen, beide gingen der Hütte zu, deren Feuerschein ihnen leuchtete. Freilich ist's so, antwortete er auf Helgestad's Spott eingehend. Ich habe mit den Geistern der Nacht gesprochen und ihren Rath gehört. Nuh, sagte der Kaufmann, und was haben sie Euch gerathen? Daß ich am Balsfjord wohnen soll und daß sie mir helfen wollen, mein Haus ganz mit Silber anzufüllen. Wacker gerathen, rief Niels, hoffe sie machen es wahr; bis dahin aber, wo die guten Kobolde und Zwerge Euch Geld schleppen, nehmt es von mir, und nun, Herr, schlagt ein in meine Hand. Ist die Sache abgemacht. Johann Marstrand vom Balselfgaard wird bald ein Mann sein, der Klang im Lande hat. Am nächsten Tage wurde der Weg an den Lyngenfjord ohne Fährlichkeit zurückgelegt und spät am Abend traf die Gesellschaft wohlbehalten wieder in Oerenäes ein, wo Ilda und Björnarne ihre Freunde froh empfingen. Die Erzählung der großen und kleinen Abenteuer füllten die Stunden aus, Marstrand erhielt neues Lob über seine tapfere Fällung des Bären, und Olaf verfehlte nicht 143 manche derbe Spötterei über die Flucht des Schreibers loszulassen, welche dieser jedoch wenig mehr achtete. – Ich denke, mein guter Olaf, sagte er, daß es keine besondere Heldenthat ist, einen Bär todt zu schießen, wenn man ein gutes geladenes Gewehr in der Hand hat und wenn die Bestie zehn Schritte von mir steht. Dagegen aber wäre es eine unverzeihliche Thorheit sich zerreißen zu lassen, wenn man seine Sache schlecht gemacht hat und keine Waffe mehr besitzt. Lache auf meine Kosten diesmal so viel du willst, wir gleichen ein andermal die Rechnung aus, nichts aber wird mich hindern zu glauben, daß das, was ich that, das Klügste blieb. Und Niemand wird zweifeln, sagte Marstrand, daß unser Freund Paul immer das Klügste thun wird. Damit bin ich zufrieden, rief der Schreiber, seine grauen Augen auf den Sprecher richtend. Wer immer das Klügste zu thun weiß, wird Bären und Wölfen nicht allein entgehen, sondern auch den Zähnen der Menschen entkommen, die zuweilen noch viel schlimmer sind. Helgestad mischte sich ein, wie er immer that, und leitete das Gespräch auf Marstrand's Sache. Er verkündigte dessen Entschluß am Balsfjord sich niederzulassen, die kleinen Thäler mit Anbauern und Dienstleuten zu besetzen und seinen Königsbrief zu der Besitznahme des ausgedehnten Landstriches zu gebrauchen, indem er den Schreiber aufforderte, für die schnelle Erledigung der Rechtsförmlichlichkeiten, wozu dieser sich angeboten, nun wirklich Sorge zu tragen. Paul Petersen gab die bündigsten Zusicherungen. Ich nehme Alles auf mich, sagte er Marstrand's Hand schüttelnd, und denke Ihnen bald zu beweisen, wie werth Ihre Angelegenheit mir ist. Reisen Sie unbesorgt, Herr Marstrand, noch ehe Sie aus Bergen zurückkehren, soll der Rechtstitel berichtigt sein und Niemand ihn anfechten können. Ich will selbst nach Tromsöe, sobald Jungfrau Ilda mir Urlaub gibt. Mein Oheim wird so zu Diensten sein, wie ich es bin. 144 7. Die Yacht war bereit zur Bergenfahrt, alle Vorräthe eingeschifft, Alles wohl verpackt und geordnet. Helgestad hatte lange Unterredungen mit seinem Sohne, dem er Anweisungen ertheilte, was während seine Abwesenheit geschehen sollte, endlich aber kam es in Marstrand's Beisein zu einem Gespräch zwischen Vater und Sohn, das die Familienverhältnisse erörterte. Helgestad sprach von Ilda's bevorstehender Verheirathung als von einer fest bestimmten Sache. Er scherzte über die beiden Bewerber und gab Björnarne den guten Rath sich in nichts zu mischen, sondern Ilda selbst zu überlassen, wem sie ihre Gunst zuwenden wolle; aber seine Winke waren deutlich genug, um für Olaf wenig Hoffnung übrig zu lassen. Glaube genau zu wissen, wie's kommen wird, sagte er mit seinem pfiffigen Grinsen. Ist Paul Petersen der Mann nicht, der vor Olaf davon läuft, wie vor dem Bären. Calculire, Herr Marstrand, ist mit Kindern eine wunderliche Sache. Hat man sie mühsam erzogen, kommt Einer der sie uns nimmt und dem sie nachfolgen über Land und Meer. Ist mir aber immer lieber, ich weiß Ilda in Tromsöe, als weit im Nordland, wo sie Heimweh bekommen würde nach den schwarzen Felsen am Lyngenfjord. Er wandte sich zu Björnarne um, legte die Hand unter dessen Kinn und blickte wohlgefällig auf den kräftigen Jüngling. Und, fuhr er fort, bleibst mir im Hause, ist aber nicht Ordnung da, wo Männer allein wohnen, müssen daran denken, den Schaden gut zumachen. Was meinst du, Vater? antwortete der Sohn, während das Blut ihm in's Gesicht trat. Helgestad lachte. Weißt es besser wie ich, rief er, und denke beinahe, hast große Lust, es deiner Schwester bald nachzumachen. Sage aufrichtig, Björnarne, hast noch kein Mädchen gesehen, die du in Oerenäesgaard mit ihren Hochzeitskasten haben möchtest? Keine von allen, Vater, erwiderte Björnarne. Ei du Narr! schalt der Alte, ihn beim Ohr festhaltend. Eine muß es sein, und daß du es weißt, will meine Schwiegertochter mir 145 aussuchen, wie ich sie gerne habe. Wirst zufrieden sein, Björnarne. Weiß ein Mädchen, jung, fein und frisch, glatt wie ein Hirsch und wohlgemacht in allen Dingen. Denke, merkst, welche ich meine. Ist's nicht so? Will dir ein ander Lied davon singen, wenn ich aus Bergen wieder komme. Björnarne wandte sich rasch ab und lief davon, als wolle er nichts weiter hören. Helgestad lachte behaglich hinter ihm her. Was Andere zu viel haben, hat der zu wenig, sprach er dann. Springt mancher junge Bursche ohne Sinn und Nachdenken einer Dirne an den Hals, sollte aber lieber in's Wasser springen, um's heiße Blut abzukühlen. Björnarne ist von denen, die mit Eva im Paradies leben könnten, ohne je nach dem Apfelbaum zu verlangen. Habe nie von ihm gehört, Herr Marstrand, daß er ein Mädchen lieber gehabt hätte, als seine Schwester, und habe nie gesehen, daß seine Augen Einer mehr sagten als allen Andern. – Ist darum so recht ein Sohn, wie er sein muß. Könnte sie alle haben; calculire, gibt keine Thür im Lande, wo er nicht anklopfen dürfte. Ist zu gescheut, der Junge, ist Niels Helgestad's Sohn und weiß es. Läßt die Mädchen seufzen und trachten, bis er die Rechte heimbringt und alle Gesichter vor Neid und Neugier blau werden, wie Hummern. Marstrand war froh, daß Helgestad abgerufen wurde, denn der Hochmuth in den Worten und Mienen des alten Kaufmanns verletzte ihn. Er wird sich eine Schwiegertochter suchen, sagte er, indem er den Fjord entlang ging, wie er einen Schwiegersohn gefunden hat. Den größten Hochzeitskasten wird sie ihm in's Haus schleppen und ihre Brüder und Vettern werden schwere Leute sein, die fest auf ihren Beinen stehen. – Er lachte verächtlich vor sich hin und setzte seinen Weg fort, bald an Ilda denkend, die den ganzen Tag über von dem rothköpfigen Schreiber begleitet wurde und für ihn kaum ein Wort fand, bald über Afraja grübelnd, der so seltsam zu ihm gesprochen, und dessen räthselhafte Worte so großen bleibenden Eindruck auf ihn gemacht hatten. Wenn er überlegte, was er aus so vieler Menschen Mund über das tückische, treulose Wesen aller Lappen gehört, überkam ihn die Furcht, diesem alten Hexenmeister zu trauen; dachte er aber daran, wie Afraja ihm wunderbar in großer Noth nahe gewesen, so wuchs sein Glaube an die Zuneigung des 146 greisen Hirten; verglich er ihn endlich mit Helgestad, so fühlte er sein Mißtrauen gegen diesen in solchem Maße angeregt, daß ihm Alles nur zu möglich schien, was Afraja ihm erklärt hatte. So viel war gewiß, daß dieser keine eigennützigen Absichten haben konnte. Ein Gefühl der Dankbarkeit mochte ihn leiten, denn Marstrand hatte ihm Gutes gethan, als er hülflos in seinen Händen war und was die Dankbarkeit nicht vermochte, that vielleicht der rachsüchtige Haß gegen Helgestad, den Schreiber und den Voigt. – Darum befestigte sich die Ueberzeugung in ihm, daß Afraja ihm sicher helfen würde, sollte Helgestad ihn verderben wollen und wenn er auch nicht an die Schätze glaubte, mit welchen der alte Lappe geprahlt hatte, so zweifelte er doch nicht, daß in der unermeßlichen Felsenwüste genug Silber verborgen sei, um Helgestad's böse Gelüste zu Schanden zu machen. Ein Mann, welcher so große Heerden besaß und so wenig Geld ausgab, mußte jährlich bedeutende Summen sparen, und wenn es wahr war, daß er aufgefunden hatte, was seine Väter und Vorväter nach lappischer Sitte ihr ganzes Leben über im Geheimen vergruben, mußte er allerdings über Reichthümer gebieten können. Er fand Afraja's Rath, den Betrüger zu betrügen, ihn zu benutzen bis er sich entlarvte, seine Hülfe und sein Geld anzunehmen, bis er beides nicht mehr geben wollte, endlich vollkommen richtig, klug und den Umständen angemessen. Denn wo war ein Beweis dafür, daß es der alte schlaue Kaufmann wirklich nicht ehrlich meine? Mit welchem vernünftigen Grunde sollte er eine so großmüthige Theilnahme und Hülfe zurückweisen, die kein anderer Mensch ihm leisten wollte und leisten konnte, und wie mochte er es wagen, einen Mann durch Mißtrauen zu beleidigen, der ihm fortgesetzt bisher nur Gutes erzeigt hatte?! So sah er sich in der glücklichen Lage, ruhig den Verlauf der Dinge abwarten zu können und sein lebhafter Geist trieb ihn an, mit voller Energie das Gebotene zu benutzen. Helgestad hatte nicht Unrecht, daß in diesem jungen Mann Gottes Gnade weit mehr Geschick zu einem klarsehenden Kaufmanne, wie zu einem guten Kammerjunker gelegt habe, denn als er jetzt die steilen Felsen hinaufstieg, die den Lyngenfjord abschließen, fühlte er eine Sehnsucht nach dem frischen Grün und dem prächtigen Walde der Balself und träumte 147 sich tief in alle die Herrlichkeiten hinein, welche dort durch seinen Fleiß, sein schöpferisches Talent und durch Helgestad's Speciesthaler entstehen sollten. Er sah die Schneidemühlen schon in Arbeit, hörte die Holzfäller schon arbeiten, blickte in die kleinen Thäler nieder, wo seine zahlreichen Kolonisten und Lehnsleute wohnten und phantasirte sich seine Waarenhäuser vor, seine Niederlagen, seine Yachten und Boote, die den Fjord hinab und hinaufgingen und seinen stattlichen Gaard, der unter hängenden Birken lag, mit dem Gärtchen voll Reseda, Nelken, Levkojen und reifenden Fruchtfeldern im Schutze der gesegneten Bucht, als stehe das Alles schon fix und fertig da. Sein Herz schlug lebhaft bei dem Gedanken, trotz seiner Feinde List und Stärke, den Schlimmsten Achtung abzunöthigen und sich nicht unterdrücken zu lassen. Habe ich nicht Glück! rief er aus, Götter und Menschen sind mit mir! Helgestad wirft mir seine Silbersäcke in den Schooß und Afraja verheißt mir den Beistand Jubinal's, in dessen Paradies ich wohnen soll. Wenn der Eine mich verläßt, wird der Andere mir sein Manna bringen und Gula? – Er stand still, sah nach der Klippe empor, die Ilda's Bank trug, in deren Nähe er sich jetzt befand, und glaubte hinter den hängenden Zweigen der schwarzen Tannen eine Gestalt zu erkennen, die dort auf der Steinbank saß. Seit jenem Tage, wo Gula ihn hierher geführt, hatte er seine Spaziergänge nicht wieder so weit ausgedehnt. Damals lag die Schlucht voll Eis und die Kuppen und Seiten der Berge waren dicht in ihr winterliches Kleid gehüllt, jetzt trugen nur die hohen Fjellen, aus deren Mitte der kantige Kegel des Kilpis ragte, noch ihre langen blendenden Schleppen. Die Sonne schien warm und freundlich auf die tiefen Buchten und Vorsprünge, junges Gras und schlanke Halmen sproßten in den Gründen und Felsenspalten und als Marstrand über die Stufen schritt, und das kleine Plateau erreichte, fand er es mit sammetweichen Rasen bedeckt. Sein nächster Blick fiel auf die Bank. Er hatte sich nicht getäuscht, Gula saß dort und einige Minuten blieb er zweifelhaft, ob er sie anreden oder sich entfernen sollte. Sie schien ihn nicht gesehen zu haben, als er hinter dem Felsengrat an der Schlucht hinaufstieg und ihn auch jetzt nicht zu bemerken. Den Kopf niedergebeugt, hielt sie die Hände gefaltet in 148 ihrem Schooß. Ihre schönen dunklen Flechten glänzten von dem einsamen Sonnenstrahl, der durch den Schattenkreis der Tannen auf sie niederfiel. Mitten in dem lichten Grün des freundlichen Plätzchens, mitten in dieser abgeschlossenen Stille, auf dem Felsensöller, der hoch über den blanken Fjord hing, in welchem des Himmels Bläue und die dunstigen Frühlingswolken wiederspiegelten, machte ihr Anblick einen wehmüthigen Eindruck auf den dänischen Herrn. Alles Mitleid und alle Theilnahme, die er für dies verlassene Mädchen je gefühlt, regten sich in seinem Herzen. Er trat ihr einen Schritt näher und seine Hand ausstreckend nannte er leise ihren Namen, bei dessen Klang sie, wie elektrisch berührt, aufsprang und ihn verwirrt anschaute, eine Bewegung machte, als wollte sie entfliehen, und dann wie ermattet und unfähig, ihren Entschluß auszuführen, ihre Arme sinken ließ. Im nächsten Augenblick aber verwandelte sich der ängstliche Ausdruck ihres Gesichts in Freude. Ein Lächeln des Glücks schwebte um ihre Lippen. Marstrand glaubte etwas von dem sonnenhellen Glanze zu empfinden, der aus ihren Blicken über ihn hinlief, als er zu ihr sprach. Endlich, liebe Gula, sagte er, finde ich dich und endlich sehe ich dich freundlich vor mir, wie sonst. Bei dieser Mahnung schlug sie die Augen nieder, eine Röthe der Verwirrung färbte ihre Stirn. – Du bist es, Herr! du bist es! flüsterte sie. Und wer sollte es denn sein, Gula? fragte er. Hast du einen Andern erwartet? Sie gab keine Antwort. Marstrand zog sie neben sich auf den Sitz nieder, indem er ihre Hand festhielt und zu sprechen fortfuhr. Unerwartet treffe ich dich, sagte er, aber ich nehme den günstigen Zufall für ein gutes Zeichen auf meiner langen Reise. Ich habe deinen Vater gesehen, Gula. Sie nickte, als wüßte sie es. Und habe mit ihm gesprochen, fügte er hinzu. Er hat mir gesagt, daß er mein Freund sein will. Er wird es sein, sagte sie aufblickend und mit großer Zuversicht. Ich glaube es, erwiderte er; Afraja hat es mir schon jetzt bewiesen. Er ist damit zufrieden, daß ich mein Haus am Balsfjord aufbaue. 149 Alles, was Afraja sein nennt, wird er gern mit dir theilen, war ihre Antwort. Denke nichts Böses von ihm, er weiß, wie gut du bist. Und woher weiß er denn von meiner großen Güte? lachte der junge Ansiedler. Hast du es ihm vertraut? War er hier? Hast du ihm gesagt, daß wir einen Freundschaftsbund geschlossen haben, den du nicht hälst? Ihre Augen nahmen den hellen Glanz wieder an. Halb furchtsam, halb traurig und freudig zugleich schüttelte sie dann den Kopf und flüsterte lächelnd: Sie sagen, daß ich es nicht darf. Ach! arme kleine Gula, rief Marstrand in seiner frühern vertrauten Weise, sie haben dir deine Unbefangenheit genommen und einen Stein zwischen uns geworfen, den wir fortschleudern wollen, weil er uns drückt und wehe thut. Setze dich dicht zu mir her, rücke nicht fort, lege deine Hand, wie sonst, in meine Hand, plaudere und frage und ich will dir erzählen, wie oft ich an dich dachte, wenn ich den Kilpis im Morgenschein sah und im Abenddunkel. Sind wir denn nicht noch immer Leidensgenossen, liebes Mädchen? – Wie oft habe ich dir das gesagt. Beide unter dem fremden Volke, das seine Begriffe von Sitte, Recht und Unrecht uns aufdrängen will. Was kümmert es mich, was sie sagen. Ich habe dich lieb, kleine Gula, Allen zum Trotz! Du hast mich lieb! sagte sie, ihre dunkeln Augen auf ihn richtend. Und du mich auch, fuhr er fort. Sind wir nicht beide verständig, um uns das zu sagen und haben wir nicht gelobt uns in Treue beizustehen für alle Zeit? So fuhr er fort zu sprechen und zu scherzen und von der Zukunft zu erzählen, wenn er in dem neuen Hause wohnen würde, wo er allein Herr sei. Er malte es aus, wie Gula kommen werde ihn zu besuchen, wie sie helfen würde, wo es fehlte und in glücklicher Vergessenheit irrten ihre Augen über sein Gesicht, haschten sie die Worte von seinen Lippen und wanden sich Bilder und Träume daraus, die sie mit Entzücken verfolgte. Marstrand hatte seinen Arm um sie gelegt, seine Gedanken flogen weit hinaus. So, meine liebe Gula, rief er endlich, wollen wir uns die Arbeit versüßen. In meinem Hause soll es fröhlich hergehen, ich will 150 nicht sein wie diese Krämer. Dein Vater soll mir willkommen sein, wenn er kommt, er ist ein Mann, dessen Verstand mir Achtung einflößt, und wenn du dann – in dem Augenblick fiel ihm etwas ein, woran er noch nicht gedacht hatte und er ließ den Satz unvollendet, sah nach dem Gaard hinunter und fügte endlich hinzu: Wenn Ilda ihres Vaters Haus verläßt – wir haben noch nicht davon gesprochen, – würdest du deine Freundin wohl nach Tromsöe begleiten? Niemals! erwiderte sie rasch. Paul Petersen ist dein Freund nicht, fuhr Marstrand lächelnd fort, mein Freund ist er eben so wenig. Willst du bei Helgestad bleiben, sein Haus verwalten? Ich werde nicht bleiben, war ihre Antwort. So wolltest du zum Zelt deines Vaters zurückkehren? Nein! nein! rief sie lebhaft. Lieber weit fort, wo mich Niemand kennt. Aber wohin? sagte Marstrand nachdenkend. Doch sorge nicht, Gula, noch ist die Zeit nicht da und ehe sie kommt, werden deine Freunde thätig sein. Klaus Hornemann wird zurückkehren, ich werde mit ihm sprechen. Sprich nicht mit ihm, fiel sie ein, ich weiß, was er dir rathen wird. An meines Vaters Herdstein sei mein Platz, so sagte er zu mir. Er fand es unbillig, daß Helgestad mich festhielt, als Afraja mich zurückforderte, und erst vor wenigen Tagen hat er aus dem Quänarnerfjord einen langen Brief an mich geschrieben, in welchem er es meine Pflicht nennt, meines Vaters Willen zu gehorchen. Ich glaube, Afraja hat ihn dazu vermocht. Wer hat dir den Brief gebracht? fragte Marstrand. Sie zögerte einen Augenblick mit der Antwort. Ein Mann meines Stammes, sagte sie dann, mein Vetter Mortuno. Weiß Ilda darum? Niemand weiß es und darf es wissen. Und du, Gula – was ist dein Entschluß? Sie schwieg und senkte den Kopf. – Wenn ich dich betrachte, fuhr er fort und sein Arm zog sie fester an sich, ist es mir, als dürfte es nicht geschehen. Als wärest du eine der schönen Moosblumen, die niemals mehr dort oben gedeihen, wenn man sie in's 151 Thal gebracht und gepflegt hat, und als hätte Afraja kein Recht mehr, dich zurückzufordern, was auch der fromme Klaus dagegen sagen mag. Er sagt, antwortete sie ohne ihre Augen aufzuheben, daß ich ein losgerissener Zweig sei, der keinen Boden hier finden könne, um Wurzel zu schlagen. Wenn Ilda geht, die mich beschützte und erzog, habe ich Niemand mehr, der mich liebt. Selbst die Mägde und Dienstleute in Helgestad's Hause würden sich gegen die lappische Landstreicherin auflehnen. Wie Paul Petersen mich verspottet und Olaf mich verachtet, so thun sie Alle. Dort oben aber auf den Alpen, wo mein Vater wohnt und geehrt ist, werde ich es auch sein; dort bei den ausgestoßenen Kindern meines Volks, kann ich durch Gottes Gnade viel Gutes thun. Ich kann sie lehren, was ich gelernt habe, kann Gottesfurcht und Erbarmen in ihre Herzen bringen, kann sie trösten und aufrichten in der Nacht ihres Lebens und Heil und Glück um mich verbreiten. So sagt der Priester, das ist seine Sprache, erwiderte Marstrand. Er will dich für seine Pläne als Lehrerin deines Volkes benutzen und sucht dich zu überreden, daß alle, die hier wohnen, die grausamen Vorurtheile der Meisten theilen. Aber liebt er selbst dich nicht, und ich, Björnarne und mancher Andere? Du, rief sie und ihre dunklen Augen hefteten sich mit unsäglicher Innigkeit von Neuem fest auf ihn, ja du bist gütig und gerecht, du kennst den Haß und Spott nicht, der in ihren Seelen lauert. – Ach, du weißt nicht, wie ich in langen Nächten einsam geweint habe, als Ilda mir befahl, dich zu vermeiden. Sage mir, ob es wahr ist, daß eine Kluft zwischen uns liegt, tiefer und breiter, wie dieser unergründliche Fjord? Sage mir, ob es wahr ist, daß dein Fuß mich von dir stoßen wird? Sage mir, ob ich fliehen muß vor deiner Stimme, die mich ruft, weil einst diese Stimme wie ein giftiger Pfeil mein Herz zerschneiden wird? Sie hielt mit beiden Händen sich an ihm fest, sie zitterte und durchforschte angsterfüllt seine Züge. Wer, liebe Gula, hat dir das gesagt? fragte Marstrand bewegt und beunruhigt. Niemals soll eine Kluft uns trennen, nie wird 152 meine Stimme ein Pfeil sein, nie mit meinem Willen werde ich dir jemals wehe thun. Ich weiß es, ich weiß es! flüsterte sie vor sich hinsinnend. Ich habe nachgedacht über Ilda's Worte, ich habe gelernt demüthig sein. – Ja, sie hat Recht! Ich gehöre zu denen, die niemals vergessen müssen, daß sie verlassen und verstoßen sind: aber Herr, wenn deine Magd auf deiner Schwelle sitzt, willst du sie von dir jagen? Er legte seine Hand auf ihre Stirn und sagte mild und vorwurfsvoll: Solchen Glauben hast du zu mir? Sei ruhig, armes Kind, Niemand soll dich kränken und beleidigen, und wenn Alle dich verlassen, ich bleibe dein Freund, dein Bruder, dein Beschützer. Er hielt sie in seinen Armen und sah in ihr lächelndes, neu belebtes Gesicht. Unter seinen Händen schlug ihr Herz, seine Finger strichen leise über die seidenweichen reichen Flechten, und seine Lippen neigten sich zu ihren Lippen nieder. Plötzlich fuhr sie mit einem Schrei auf und stand auf ihren Füßen, Marstrand folgte ihren Augen; oben auf der Spitze der Klippe erblickte er Björnarne, der unverwandt herübersah und dann hinter den Steinen verschwand. Er kommt die Stufen herauf, sagte Gula hastig. Lebe wohl, Herr, wo du sein magst, sei Gott mit dir! Und ehe er es hindern konnte, lief sie auf dem äußersten, abschüssigsten Grat des Felsen hin, kletterte und sprang von Stein zu Stein und gelangte so auf einen der Absätze der Klippenwand, der auf jähem Pfad zum Ufer des Fjord führte. Angstvoll sah ihr Marstrand nach und blieb stehen, als er Björnarne's Schritte hörte, der in der nächsten Minute bei ihm war. Wo ist sie? fragte dieser finster umherschauend. Dort, erwiderte Marstrand, indem er auf die fliehende Gestalt deutete. Und du, fuhr Björnarne fort, schnelle drohende Blicke auf ihn richtend – was thatest du mit ihr? Du fragst in einer Weise, daß ich mich weigern muß, dir Antwort zu geben, sagte der Junker stolz. Antworte! schrie Björnarne, die Fäuste ballend, und seine Augen wurden weit und glühend. Ich sah sie in deinem Arm. Wie 153 war es möglich? Was sagtest du ihr? Was logst du ihr? Schande über dich, daß du das gethan! Du bist von Sinnen! antwortete Marstrand, was berechtigt dich meine Ehre anzutasten? Ist es mit deiner Ehre verträglich, fragte Björnarne, einem Mädchen nachzustellen, das unter meines Vaters Schutz steht – unter meinem Schutz, Johann Marstrand? – Und wärst du eines Königs Sohn, du solltest keinen Finger nach ihr ausstrecken, oder glaubst du, weil ein Lappe ihr Vater ist, darfst du es wagen? Wisse, daß ich nicht ruhen, nicht rasten will, bis ich Rache genommen an dem, der Gula verderben möchte. Ich würde mich mit dir dazu verbinden, sagte Marstrand, so ruhig er vermochte. Björnarne blickte ihn forschend an. Was willst du denn? rief er nach einem Schweigen. Willst du mich glauben machen, du könntest dich so weit vergessen, Gula zu deinem Weibe zu nehmen? Du kannst es nicht, denn du mußt ein Weib haben, das in diesem fremden Lande deine Wohlfahrt sichern hilft, und du willst es nicht, denn du bist ein zu verständiger Mann, der überlegt, daß kein Mensch, so weit Finnmarken reicht, ihm dann noch seine Hand bieten würde. Ich kann es so wenig wie du, und will es wahrscheinlich auch nicht mehr wie du es willst, war die Antwort. Björnarne schwieg. Er ließ seine Augen langsam zu Boden sinken und sagte dann mit leiser unterdrückter Stimme: Liebst du Gula mit aller Macht, die in eines Menschen Seele ist, Johann Marstrand? Ich liebe sie wie eine Freundin, wie eine Schwester, erwiderte der Junker. Glaube mir doch, Björnarne, daß meine Zuneigung zu diesem armen Mädchen die reinsten und besten Beweggründe hat. Björnarne schüttelte den Kopf. Dann verstehst du das nicht, was ich dir sagen wollte, murmelte er. Aber wenn du sie nicht liebst mit einer Kraft, die nichts achtet, was auch Menschen thun mögen, warum ziehst du sie an deine Brust, warum legst du deine Arme um ihren Leib, warum küßt du ihre Lippen, und sie trinkt deine Blicke – das ist nicht recht gethan! Und warum, Johann, sage mir das, warum duldet sie es von dir, und ich – ich darf sie nicht berühren! 154 In diesem Augenblicke wurde Marstrand zur Gewißheit, was er bisher nur geahnt hatte. Er faßte den Arm seines Freundes und sagte bewegt: Du liebst sie, Björnarne! Reiß diese Liebe aus mit allen Wurzeln! Sage, ich soll den Kilpis auf meine Schultern nehmen und ihn in's Meer stürzen; sage, ich soll die Tanne hier mit ihren Wurzeln ausreißen, die in Felsenadern sich festgeklammert hat, antwortete Björnarne heftig. Sprich nicht zu mir, ich weiß Alles, was du sagen kannst. Mein Vater würde mich eher von einem Hai verzehrt sehen, ehe er Gula meinen Ring ansteckte; die mir die Nächsten sind, würden mich anspeien, meine liebsten Freunde mich von sich stoßen, wie Einen, den die Pest ergriffen hat, und der ärmste Knecht würde seine Thür vor mir zuschlagen. – Du siehst, ich weiß Alles und dennoch – er legte die Hände über seine Stirn und murmelte, was er weiter sprach, unverständlich in sich hinein. Sie schwiegen Beide. Endlich sagte Marstrand: Weiß Gula von deiner Zuneigung für sie? Frage sie, Mädchen wissen viel, erwiderte er – doch nein, sie soll es nicht wissen. Jahre lang habe ich mit ihr in dem Hause dort gelebt, habe sie aufwachsen sehen; Niemand war ihr näher als ich. Ich ging und ich kam ohne Sorgen, jetzt erst, wo es anders ist mit ihr, bin ich selbst anders geworden. Sie war wie ein Kind froh und vertrauensvoll, jetzt zittert sie vor meiner Stimme – nicht vor deiner Stimme, Johann, nicht vor deinen Armen, nicht vor Ilda, aber vor mir, der ich hinauf rennen könnte in die Wüste, wohin sie wollte. Bewahr' dich Gott vor solchen Gedanken! rief Marstrand erschrocken aus. Ich sehe es klar, Gula ahnet, was in dir vorgeht, und verständig, wie sie ist, sucht sie dich zu heilen. – Er zog Björnarne auf die Bank nieder und sprach lange mit ihm, indem er alle Beredsamkeit anwandte, um ihn zu überzeugen, daß er eine so thörichte Leidenschaft um jeden Preis von sich wenden müsse. Nach und nach schienen seine Gründe auch Eingang zu finden; Björnarne hörte still nachdenkend zu, bis er endlich den Kopf aufhob und mit neuer Heftigkeit sich widersetzte. 155 Alles, was du sagst, ist wahr, sprach er, aber ist sie nicht gut und schön, und hat sie den Menschen, die sie verachten, je Anderes als Gutes gethan? Sie gehört zu einem schlechten Volke, aber mein Vater, so hart er ist, hat sie dennoch lieb. Und glaubst du nicht, Johann, daß es ein Mittel gibt, ihn zu erweichen, oder wenn er hart bleibt, gibt es nicht ein anderes Mittel, das zum Glück führt? Ich sehe nur das eine Mittel, erwiderte Marstrand, Gula ihrem Vater zurückzugeben, der das nächste Recht auf sie hat. Zurückgeben? Ihm?! schrie Björnarne empört. Soll sie umkommen im Elend? Sie zittert vor der Gamme und vor dem schändlichen, alten Hexenmeister. Wie, sagte Marstrand, du bist voll Abscheu gegen Afraja und denkst doch daran, mit seiner Tochter einen Liebesbund zu knüpfen? Was hat seine Tochter mit ihm zu schaffen? antwortete Björnarne rauh. Sie ist ein Wesen von anderer Art wie alle diese schmutzigen ekelhaften Thiere. Aber Afraja selbst ist eitel. Er ist alt und reich; er kann Silber aus seinen Höhlen graben, so viel, daß zwölf Rennthiere es kaum tragen mögen. Muß ich hier bleiben am Lyngenfjord? Gibt es keinen andern Platz im Lande? Kann ich nicht fort gehen in den Süden nach Dänemark oder Schweden? Nach Island hinüberschiffen oder nach den Schettlandsinseln, wenn es sein muß, und dort wohnen? – Er blickte lauernd Marstrand an, als wollte er sehen, was dieser dazu sage. Ich fürchte, lieber Björnarne, erwiderte sein Freund, daß dein Plan schon darum nicht gelingt, weil Gula nicht darin willigen würde. Nicht? rief er mißtrauisch und heftig – woher weißt du das? Sie wird wollen und soll wollen. Ich kann sie zwingen! Zwingen, Björnarne? Ein Weib zwingen? Gewalt brauchen? sagte Marstrand, schäme dich vor solchen Gedanken. Könnte ich Alles, was du sagst, für Wahrheit halten, ich würde nicht anstehen, deinen Vater zur Hülfe zu rufen. Aber das ist dein Plan nicht und kann dein Werk nicht sein. – Er blickte ihn durchdringend an und fragte dann leise: Weiß Paul um den Zustand deiner Liebe? Björnarne sah vor sich hin und schüttelte den Kopf. Paul weiß nichts, erwiderte er, er sagte mir nur, daß du Gula mit geheimen 156 Blicken verfolgtest und wohl im Stande seiest, an ihres Vaters Silber zu denken. Und er hat dadurch dein Blut in Bewegung gebracht und sein Gift in dein Ohr geträufelt, war Marstrand's Antwort. Raffe dich auf, Björnarne, wirf alles Blendwerk von dir und vor allen Dingen, traue dem nicht, der in dieser üblen Sache dir mit üblem Beistand dienen will. Du willst mir nicht dienen? sagte Björnarne, vor sich hin blickend. Nein, erwiderte Marstrand. Wenn ich dem folgen wollte, was ich für dein Bestes halte, würde ich heut' noch deinem Vater Alles entdecken. Mich verrathen! rief Björnarne, dessen Gesicht sich dunkel färbte. Dann müßte ich meines Vaters Haus noch heut' verlassen, für immer! Du schämst dich also, sagte Marstrand, du fürchtest die Entdeckung. Ich bitte dich, Björnarne, laß ab von einem Irrsinn, der dich verderben muß. Er sprach von Neuem zu ihm von seines Vaters Kummer und Zorn, der keine Mäßigung kennen würde, und diesmal hörte Björnarne ruhig zu, ohne ihn zu unterbrechen. Nach und nach schien er zu überlegen und dem Freunde Recht zu geben. Ich sehe, sagte er ruhiger, daß du mein Bekenntniß vielleicht zu ernsthaft nimmst, und mir ist, als erschrecke ich selbst davor, nachdem du mir die Folgen so eindringlich entwickelt hast. Ein Faktum, wie mein Vater sagt, ist nur, daß Gula's Benehmen mich beunruhigt und kränkt und daß ich in Stunden, wie diese, wo mein Blut heiß geworden ist, es um so schwerer empfinde, daß es dies Mädchen mir angethan hat. Warum soll ich nicht sagen, daß ich sie lieb habe und für sie das Aeußerste thun könnte? Indeß habe ich es noch nicht gethan, auch sehe ich die Thorheit wohl ein, die mich fortreißen könnte, wenn Gula ihre Hand dazu böte. So höre ich dich gern reden, erwiderte Marstrand halb gläubig. Wenn Gula nicht mehr in deiner Nähe ist und deines Vaters Worte zutreffen, wenn er für dich eine wackere, schöne und feine Jungfrau auswählt, wird sich Alles zum Besten wenden. 157 Bah! sagte Björnarne finster lächelnd, indem er sich das Haar aus der Stirn strich und seinem Gesicht den Ton gutmüthiger Offenheit gab; ich weiß, worauf mein Vater zielt und will es abwarten. Nur um Eines bitte ich dich, Johann. Was du gesehen und gehört hast, war das Ergebniß eines heftigen Schmerzes, der mich ergriffen hatte, ich weiß selbst nicht, wie es kam, die Stunde ist vorüber, sie soll nicht wiederkehren. Gula hat Recht, wenn sie mich flieht, ich muß sie loben. Ich werde Zeit haben, noch mehr darüber nachzudenken, doch versprich mir, Niemandem etwas mitzutheilen. – Marstrand versprach es und Björnarne stand auf. Du gehst morgen nach Bergen, sagte er, und wirst in sechs Wochen frühestens zurück sein können. Wenn du wiederkehrst, wirst du finden, daß sich Vieles geändert hat, und wenn du dann noch der Meinung bist, daß Gula uns verlassen muß, will ich selbst meinen Vater dazu bestimmen. Jetzt laß uns zurückkehren, wir wollen versöhnt scheiden. Marstrand hielt es für das Beste, auf diesen Vertrag einzugehen, und beide junge Männer stiegen den Felsenpfad hinab. Björnarne sprach von der Yacht, von der Reise, von den Freunden in Bergen und daß der Wind in dieser Jahreszeit gewöhnlich ein anhaltender Südost sei, der die günstigste und schnellste Fahrt verbürge, bis er plötzlich am letzten Vorsprunge still stand und auf den Gaard niedersah, in dessen Nähe sie sich befanden. Marstrand errieth sogleich die Ursache. Auf dem kleinen Vorplatz standen drei starkgebaute, hirschartige Thiere, mit breiten gabelförmigen Geweihen, die er ohne Weiteres für Rennthiere erkannte, obwohl er noch keine gesehen hatte. Sie fraßen von dem kurzen Grase, auf ihren breiten Rücken lagen Packsättel; die Schellen an den schlanken Hälsen klangen lustig herauf. Auf der Bank an der Thür aber saß Paul Petersen und vor ihm stand ein Mann in einem braunen Ueberwurf, einen breiten Gurt um den Leib und einer hohen, spitzen Mütze auf dem Kopfe, von der eine Anzahl langer, weißer und schwarzer Federn im Winde schwankten. Es war ein Lappe, das war gewiß, und auf Marstrand's Frage sagte Björnarne: Ich kenne ihn, er heißt Mortuno und ist der Schwestersohn und Liebling Afraja's. Was will der Bursche hier mit seinen Thieren? Es ist ein häßliches aufgeblasenes Geschöpf, das sich große Dinge einbildet. Komm schnell 158 hinunter, wir müssen sehen, was es gibt. Umsonst ist er sicher nicht gekommen, der Alte hat ihn hergeschickt, um nach Gula zu sehen. Er eilte voran und als Marstrand den Platz erreichte, schallte ihm das laute Gelächter des Schreibers entgegen. – Das ist etwas für Sie, schrie ihm Petersen zu; hier haben Sie einen neuen Beweis für die ausgezeichneten Eigenschaften unserer lieben Brüder, die sich mit der Pflege des Rennthiers beschäftigen. Ich stelle Ihnen den jungen Herrn Mortuno vor, Neffe des weisen Oberhauptes eines Reiches, dessen Grenze noch Niemand gefunden hat. Er vereinigt den Künstler, Dichter, Sänger und Zitherspieler in seiner werthen Person, ist ein Jäger wie Nimrod, ein liebenswürdiger Adonis, der alle Herzen bezaubert, ein junger Edelmann aus den Bergen, der durch Glanz und Anmuth jeden Nebenbuhler besiegt. Der Lappe hatte sich nach Marstrand umgesehen und lachte zu den Lobsprüchen, die ihm ertheilt wurden. Sein Gesicht war ein ächt nationales, mongolisch breit und flach mit starken Backenknochen, einer niedrigen Stirn und hoch gestülpter kleiner Nase, aber er hatte lebhafte Augen, deren durchdringender Blick feurig und forschend war. Sein ganzes Ansehen zeugte von Kraft, Gesundheit und Gelenkigkeit, und die Sorgfalt, welche er auf seinen Ausputz gewendet, rechtfertigte die Spöttereien des arglistigen Schreibers. Der Gürtel von grünem Leder mit Silberschnallen und bunter Stickerei, dies Prachtstück lappischer Modesucht, hielt seinen kräftigen Wuchs zusammen. An diesem Gürtel hing eine Tasche, von den Federn verschiedener seltener Vögel gefertigt und fächerartig kunstvoll nach Färbungen und Schattirungen zusammengesetzt; endlich waren seine Schuhe oder Komager von feinster Art mit rothen und grünen Fäden in artigen Arabesken durchzogen, die sich an seiner Mütze in derselben Weise wiederholten. Glänzend schwarzes, überaus reiches Haar quoll in gedrehten Locken an beiden Seiten des Kopfes darunter hervor. Die Mütze saß kühn auf seinem Kopf und der Strauß von Adlerfedern und den langen Schwungfedern großer Seeraben, machte seinen Anblick romantischer. Marstrand konnte sich einer Vergleichung dieses stattlichen Burschen mit den Gestalten der Umstehenden nicht verwehren, die sehr zu Mortuno's Vortheil ausfiel. – Der riesenhafte Olaf in seiner Knopfjacke und gewaltigen Fischerstiefeln so wenig, wie Björnarne 159 oder Paul Petersen im friesgefütterten Rock waren im Stande, sich mit ihm zu messen, und schon in den nächsten Minuten zeigte es sich auch, daß dieser verspottete Sohn der Wildniß vor den geistigen Fähigkeiten seiner Widersacher sich nicht zu fürchten brauchte. Ohne Verlegenheit gab er seine Antworten in norwegischer Sprache und vergalt Scherz mit Scherz in einer Weise, die Marstrand's Beifall erhielt. Meine es mit deinem Lobe wie du willst, sagte er zu Petersen, ich werde es annehmen, wie es gegeben wurde. Du nennst mich einen Dichter und Sänger, und sagst die Wahrheit. Besuche mich in meiner Gamme, und ich will ein Lied zu deinem Empfange machen, das dich befriedigen soll. Windiger Skalde, erwiderte der Schreiber, ich lade dich nach Tromsöe ein, wo du, wie ich hoffe, eines Tages mir deine poetischen Ergüsse weit besser in einem festen Hause, als in dem luftigen Zelte widmen kannst. In Euern Häusern und Städten, antwortete Mortuno, habt Ihr es verlernt, Skalden zu sein. Ihr fangt Fische und preßt deren fette Lebern aus, dabei vergeht Euch die Dichtkunst. Lebtet Ihr wie wir auf den Bergen, jagtet Ihr den gelben Wolf, folgtet Euren Thieren durch die Birkenwälder und lagertet mit ihnen an kühlen Quellen, so würdet Ihr vielleicht weniger Geld, aber mehr lustige Gesichter und frohe Lieder haben. Wenn du so viel Freude und Genuß in deinen Sümpfen hast, fiel Björnarne ein, warum bist du bis zu uns heruntergestiegen? Weil ich Sehnsucht nach dir hatte, sagte der junge Lappe lächelnd, und weil ich weiß, daß der alte Vater Helgestad es gern sieht, wenn ich komme, fügte er hinzu, als er merkte, daß bei dem Gelächter der Anderen Björnarne's Stirne finster wurde. Es war nicht zu bestimmen, ob sich der kecke Halbwilde wirklich herausnahm, die stolzen Normänner zu verspotten, aber Olaf legte seine markige Hand auf Mortuno's Schulter, schüttelte ihn ein paar Mal hin und her und drehte ihn dann zur großen Belustigung der Zuschauer im Kreise herum. Laß mich sehen, wie du aussiehst, schrie er ihm zu. Du bist ein Possenreißer, wie ich merke. Wir hatten einen Lappen in Bodöen, der Nachtwächter war und in die possierlichste Wuth gerathen konnte, wenn 160 er gehörig bearbeitet wurde. Jetzt ist er todt; ich könnte dich in sein Amt einsetzen und dir damit einen anständigen Rock und eine Mütze von Otterfell verschaffen. – Er drückte zugleich die spitze Federmütze auf Mortuno's Kopf so unbarmherzig zusammen, daß sie diesem bis über Augen und Nase hinabfuhr, und erst nach einiger Mühe konnte sich der Angegriffene davon befreien. – Die rohe Gewalt dieses Spaßes regte Marstrand auf, ehe er jedoch ein Wort der Mißbilligung sagen konnte, das schwerlich wohl aufgenommen worden wäre, sah er den Lappen in das Gelächter mit einstimmen, das auf seine Kosten sich erhob. – Danke dir, Herr, rief er mit einigen komischen Verbeugungen, danke dir für deine Güte. Ich will für dich wachen spät und früh, und meine Augen sollen nicht müde werden, dir alle Dienste zu leisten, die der Zwerg Bugo dem Riesen Julpus geleistet hat. Was ist das für eine Geschichte, du Narr? fragte Olaf. Eine lange Geschichte, Herr, rief Mortuno, eine lustige Geschichte, ich erzähle sie dir ein ander Mal. Sieh hier, da kommen meine Freunde und bringen die Fäßchen mit Essig und Branntwein, sammt andern guten Dingen. Zwei Lappen brachten aus dem Kramladen des Kaufmanns wirklich jetzt allerlei Vorräthe in Fäßchen und Körben, die unter Mortuno's Aufsicht und Beistand auf die Packsättel seiner Rennthiere geschnallt wurden. Zugleich trat Helgestad aus dem Hause mit Ilda, der Afraja's Tochter folgte. Der Kaufmann sprach in freundlicher Weise zu seinem Kunden aus den Bergen, erlaubte ihm, seine Hand zu schütteln, machte ein paar Bemerkungen über Mortuno's gutes Aussehen und ließ sich von ihm Neuigkeiten erzählen. Der junge Lappe berichtete, daß er mit einer Heerde von mehr als tausend Rennthieren aus dem Innern des Landes sich der Küste genähert habe, weil bei der ungewöhnlichen zeitigen Wärme des Jahres seine Thiere unruhig wurden. Marstrand erfuhr dabei, daß das Rennthier auf seinen Herrn einen tyrannischen Einfluß übt; denn sobald der Frühling kommt, verlangt das wanderlustige Geschöpf, um vor Hitze und Stechfliegen geschützter zu sein, nach der kühlen Seeküste und läuft davon, wenn sein Wille nicht befolgt wird. Dieselbe Sehnsucht aber treibt es beim Nahen des 161 Winters vom Meere in die eisigen Alpen zurück, wohin es entflieht, sollte sein Gebieter zu lange verweilen. Mortuno erzählte, daß der Schnee größtentheils geschmolzen sei, daß der Winter mild gewesen, daß die Birken junge Reiser trieben und daß seine Heerde fett und froh über frisches Gras springe. Und dieweil deine Rennthiere sich lustig die neue Haut anziehen, sagte Helgestad, hast du selbst die neuen Komager an deine Beine gesteckt und den Festtagsgürtel umgeschnallt. Recht, mein alter Vater! rief Mortuno, der sich wohlgefällig beschaute. Warum soll der Mensch nicht froh sein und sich schmücken, wenn die Natur sich schmückt und seine Thiere ihm anzeigen, daß ein gutes Jahr ihn erwartet? Bist ein Bursche, der einen Gran Verstand mehr in seinem platten Schädel hat, wie Viele, habe es immer gesagt, erwiderte Helgestad. Müßt wissen, Herr Marstrand, Mortuno kommt jeden Sommer mit seinen Thieren hier herunter und läßt sich dann und wann bei uns sehen. Ist ein flinker Schelm, der feine Gaben besitzt und den Dirnen in den Gammen zu schaffen macht, wenn er auf Besuch ausgeht und seine Mütze auf's rechte Ohr setzt. Der Lappe schien von diesem Lob sehr geschmeichelt zu sein. Seine Augen drückten lebhaftes Vergnügen aus, er riß den Mund lachend auf und gab wiederholt Anlaß, seine Eitelkeit noch mehr zu verspotten. Und was zum Henker! rief Helgestad endlich, willst du mit der hübschen Federtasche thun? Will sie dir abkaufen, Mortuno. Ist eine wackere Arbeit daran, kann auf den Lyngenmarkt gebracht, seine vier Species werth sein. Ich will sie nicht verkaufen, sagte der junge Lappe, während er die prächtige Tasche von seinem Gürtel losmachte. Willst nicht, du Dummkopf? antwortete der Kaufmann. Gebe dir fünf, gebe sechs harte blanke Thaler. Ist ein Prachtwerk, Herr Marstrand, können die Lappen es allein so machen. Willst nicht? fuhr er fort; hast ein Schätzchen, du Sohn von einem Wolf, die es um den braunen Hals hängen soll? Oder ha! merke es, du Dieb! hast es für Gula mitgebracht, aus alter Liebe und Zärtlichkeit. 162 Mortuno verneinte alle diese Fragen mit Gelächter und der kindischen, dünkelvollen Lustigkeit, die seinen Stamm den Norwegern so verächtlich macht. – Wenn ich ein Mädchen haben will, rief er prahlerisch, brauche ich keine Federtasche. Fünf, zehn, zwanzig kommen, wenn sie meine Stimme hören. Gula aber hat kein Recht darauf. Mag sie ein Fischnetz an ihre Schürze hängen, wenn sie eine Tasche braucht. Willst nichts mehr von ihr wissen, weil sie von dir nichts wissen will? schrie Helgestad, beifällig grinsend. Hast Recht, mein Junge, such' Eine, die es dir besser lohnt. Bist ein verständiges Geschöpf. Schau her. Sechs neue Species, suche dir die blanksten aus. Die Gier nach dem Besitz der Tasche war in Helgestad erwacht, und später lernte Marstrand erst kennen, daß diese zierlichen Federarbeiten, welche bis auf die Märkte von Tronthjem und Bergen gelangten und von dort oft selbst nach London und Paris wanderten, sehr theuer bezahlt wurden. In Nordland und Finnmarken waren Federtaschen und Kragen der höchste Putz für die vornehmsten und reichsten Frauen; der alte geizige Speculant wurde daher auf's angenehmste überrascht, als Mortuno mit mehr Galanterie als ihm zuzutrauen war, die kostbare Spielerei Ilda überreichte. Gefällt sie der Jungfrau? fragte er, die Tasche hin und herdrehend, daß das Licht darüber hinlief. Sie ist sehr schön, sagte Ilda. Es ist eine Brauttasche, wie so leicht Keine sich solche verschaffen kann, fuhr Mortuno stolz fort. – Nimm sie, Jungfrau, und trag sie, der arme Mortuno bittet dich darum. Ilda würde sich vielleicht geweigert haben, aber Helgestad machte allen Bedenklichkeiten ein Ende. Er bemächtigte sich des Geschenkes und drückte seinen Dank dadurch aus, daß er den Lappen herzhaft schüttelte und ihm seine Flasche zu füllen gelobte, was Mortuno großmüthig ablehnte. Auch gut, lachte der Kaufmann, machen es ein andermal zwischen uns ab, oder schreiben es auf's Kerbholz für die schlechten Streiche deines Herrn und Meisters. Wo ist der alte Höllenbrand Afraja? Hast ihn bei deiner Heerde, oder spionirt er anderswo herum? 163 Ich weiß nichts von ihm, war Mortuno's Antwort. Als ich ihn zum letzten Mal sah, war ich tief in den Jauren in der Tana, wo er mit dem guten Vater Hornemann in seinem Zelte saß. Hat der ihn aufgefunden? rief Helgestad. Nuh, wird ein wackerer Bericht werden, den der Priester diesmal nach Kopenhagen schickt. Werdet auch darin paradiren, Herr Marstrand, denke aber können's ertragen. Er lachte spottend auf, und da Mortuno mit seinen Rennthieren fertig war, gab er ihm eine letzte Ladung lustiger Abschiedsbemerkungen mit auf den Weg, die den Lappen lächerlich machten, von diesem aber ebenso dankbar angenommen wurden, wie Olaf's handgreifliche Grobheiten. Die Uebrigen drängten sich um den armen Burschen, denn jeder hatte noch eine Witzelei anzubringen. Der Eine überbot den Andern an boshaftem Spaß, und den versammelten Gaardleuten, Fischern, Weibern und Kindern, war der gequälte Mortuno ein Gegenstand der angenehmsten Unterhaltung. Wie flink er sich auch drehte und seine gute Laune den Ausfällen entgegensetzte, so mußte doch Ilda sich endlich seiner annehmen und ihn vor roheren Angriffen dadurch schützen, daß sie ihren Vater aufforderte, sich in's Mittel zu legen. Laßt ihn fort, laßt ihn ziehen! rief Helgestad. Mortuno, mein Junge, bist ein Juwel, begreifst den Spaß und lachst mit. Komm wieder, wollen dir mehr davon geben und bring' eine neue Federtasche, sollst dieselbe Bezahlung dafür haben. Danke, Vater, erwiderte Mortuno, unter dem schallenden Gelächter, ich hoffe dir noch manche Freude zu machen – aber meine Mütze ist zerrissen. Laß sie mit lappischem Zwirn, mit Rennthiersehnen, von deiner lieblichen Braut zurecht sticken, rief Petersen. Und meine Federn sind zerknickt, fuhr Mortuno fort. Da oben fliegt ein Adler, hole dir neue, schrie Olaf. Mortuno faßte sein Gewehr und seine Blicke zuckten nach oben. Die Rennthiere und ihre Führer hatten sich auf den Weg gemacht und stiegen jenseits des Grundes an den Felsen hinauf. – Lauf, was du kannst, ihnen nach, du Narr, schrie der Nordländer, und verknalle dein Pulver nicht. 164 Statt der Antwort legte Mortuno seine Büchse an, im nächsten Augenblick donnerte der Schuß und aus der Höhe stürzte der Vogel köpflings fast zu den Füßen des Schützen herunter. Es war ein großer Fischadler, die Kugel ihm mitten durch den Körper gegangen. Das Gefühl der Bewunderung über solche Kunst und Sicherheit brachte ein allgemeines Schweigen hervor. Hätte ich es nicht gesehen, sagte Olaf, ich würde es nicht glauben, obgleich ich weiß, daß die Tagediebe schießen können. Nachtwächter sollst du nicht werden! rief Petersen, aber zu meinem Leibjäger will ich dich machen. Mortuno hatte dem Adler ein paar der größten Federn ausgerissen und an seiner Mütze befestigt. Gut, Sorenskriver, grinste er, ich will dein Jäger werden, will mit dir jagen. Bis ich dir Besseres geben kann, nimm dies! Und den Vogel gegen die Füße des Schreibers schleudernd, floh er über den Platz hin mit einem gellenden Schrei, seinen Gefährten nach. Mehrere der Gaardleute liefen hinterher, doch wenn Helgestad's Gebot sie auch nicht zurückgerufen hätte, würden sie ihn schwerlich eingeholt haben, denn der Lappe sprang gemsenartig über die Steine fort und kletterte an der Schlucht hinauf, wo er nach wenigen Minuten seine Mütze schwenkte und sein Hohngelächter hören ließ. Laßt den Affen laufen, sagte Helgestad. Ist bei allem Spaß darüber immer ein übel Ding, zu sehen, wie ein Geschöpf Gottes mit Menschengestalt begabt, so weit unten steht, daß es uns Spott und Verachtung erregen kann. Dennoch ist das ein Bursche, dem man zeitig die Nägel beschneiden muß, meinte Petersen. Das boshafte Thier wird sicher bald einmal unter meine Finger kommen, wo ich ihn meine blutigen Strümpfe waschen lassen will. Der todte Adler hatte Petersen's Beine übel zugerichtet und auf seine Kosten wurde darüber gewitzelt, bis endlich Helgestad die ganze Gesellschaft zum Abschiedsmahle in's Haus rief, denn mit dem ersten Tagesgrauen trat die Ebbe ein und mit ihr sollte die Yacht den Fjord hinunterschwimmen. Die Schaffner und Gehülfen im Gaard nahmen heute Theil an dem Mahle und auf glückliche Reise und gute Geschäfte wurde von 165 allen Seiten angestoßen. Die Fröhlichkeit führte endlich zu Gesang, dem ein Tanz folgte. Alt und Jung war auf den Beinen und Ilda mußte mit Petersen unter allgemeinem Jubel einen Hallingtanz machen, zu welchen ein paar Pfeifen der Gaardmänner gellend aufspielten. Marstrand war jetzt wohl der Einzige, der die allgemeine Lustigkeit nicht im gleichen Maße theilte. Er hatte einen für ihn in mancher Beziehung bedeutungsvollen Tag erlebt und machte vergebene Versuche, Gula noch einmal zu sprechen. Björnarne's Augen waren immer auf ihn gerichtet, Petersen hängte sich ihm an, oder Ilda trat ihm in den Weg. Es war, als hätten sich Alle verabredet ihn zu bewachen, um ihn endlich an Helgestad abzuliefern, der ihn mit Plänen und Speculationen, guten Lehren und pfiffigen Rathschlägen festhielt, bis zum letzten Glase. 8. Als die Sonne aufging, spannte die schöne Ilda ihr gewaltiges Segel und schwamm vom frischen Winde begünstigt an der alten Kirche von Lyngen vorüber dem Meere zu. Wir übergehen den Abschied, der mit manchem Händedruck und guten Wünschen begleitet wurde. Helgestad stand selbst am Steuer, sechs ruhige Seeleute führten seine Befehle aus, und Marstrand, der unbeschäftigt von der Mitte des Decks den Zurückbleibenden seine Lebewohls zurufen konnte, blieb dort, bis die Yacht eine Wendung machte und der Gaard mit Allen die er hegte, hinter den Felsen verschwand. Jetzt hatte er Zeit, über Erlebtes und Kommendes so lange nachzudenken wie ihm beliebte. Helgestad regierte den ganzen Tag über das schwerbeladene, große Schiff, das vor einem steifen Südost schaumwerfend hinflog und durch zahllose Felsenengen und weite Wasserbecken mit Vorsicht gelenkt werden mußte. – Die Reise ging so rasch vorwärts, daß am Abend Tromsöe vor ihnen lag. Der Kaufmann vermied jedoch auch hier jeden Aufenthalt. Mit Wind und Fluth ging er sogleich durch den Sund und zeigte im letzten 166 Dämmerschein seinem Passagier das Eiland Strömmen, das zu dessen Besitzungen gehören sollte. Am zweiten Tage darauf lag die Yacht unter den röthlichen Kuppen von Ostvaagöen dicht an den Fischplätzen, welche Marstrand vor drei Monaten im vollen Gewühl eines überreichen Fanges sah. Jetzt war hier Alles öde und leer von Menschen, aber die Felsen widerhallten von dem Geschrei der Meergänse und Alken, der großen Möven und zahlloser Taucher, die in unermeßlichen Schwärmen Klippen und Wogen bedeckten. Die Boote wurden ausgesetzt und die Fischgerüste untersucht. Helgestad's hartes Gesicht füllte sich, je weiter man damit kam, je mehr mit einem eigenthümlichen spöttischen Grinsen. Mit der Genugthuung eines Propheten, der seine Vorhersagungen glücklich erfüllt sieht, deutete er auf zahlreiche Stangen, von denen viele umgestürzt waren, andere leer standen oder von den Fischreihen, mit denen sie bedeckt gewesen, nur vereinzelte Uebereste zeigten. Hab's Euch wohl gesagt, rief er triumphirend, ist das Fischervolk ein nachlässiges und saumseliges. Je mehr der Herr seinen Segen ihm in den Schooß wirft, um so weniger versteht es diesen zu benutzen. Seht da, was Schneewehen, Stürme und Würmer angerichtet haben! Mehr als die Hälfte des ganzen Fanges ist verdorben. Wird der Fisch in Bergen deßhalb um das Doppelte steigen. Und jetzt, seht dorthin, fuhr er fort, als das Boot den Felslagern zusteuerte, auf welchen er seine eigene reiche Beute und Marstrand's erkaufte Waaren geborgen hatte. Fehlt kein Schwanz und sitzt kein Kopf, wo er nicht sitzen soll. Ist Alles trocken, Alles fest. Habt Glück, Herr! Soll mich nicht wundern – hier spitzte Helgestad seinen Mund zum Lächeln, das von einem seiner lauernden Blicke begleitet wurde – wenn Euch Alles wohl gelingt. Es liegt nicht in unserer Absicht, die Fahrt der Yacht durch die wunderbaren Irrgewinde dieser Felsenküste zu begleiten. Wir begnügen uns damit, daß nach zwölf Tagen die schöne Ilda einen Weg von mehr als zwei hundert Meilen zurückgelegt hatte und das Glück dieser schnellen Fahrt ihr so treu blieb, daß sie den Bergenfjord beim schönsten Wetter hinaufsegelte und die Stadt Bergen, wo es sonst fast immer regnete, im herrlichsten Sonnenschein vor sich liegen sah. Helgestad's Yacht war jedoch keinesweges die erste nordländische, 167 welche in diesem Jahre den Weg hierher fand; dicht an der deutschen Brücke ankerten schon eine Anzahl, allein sie war das erste Fahrzeug aus den Finnmarken, und kaum hatte sie den Hafen erreicht, als langhallender Jubel sie empfing. Bergen war damals, wie auch noch jetzt, die vornehmste und reichste Hafenstadt in Norwegen. – Zwischen sieben hohen Bergspitzen breitete es sich im Halbkreise um das geräumige Wasserbecken aus, mit welchem der Fjord hier schließt und den Hafen bildet, welcher schon im Mittelalter und zur Zeit der Hansa einen weitberühmten Namen hatte. Die deutschen Kaufleute, welche Bergen gründeten, hatten die Stadt beinahe zu einer deutschen gemacht. Oftmals hatten hier große deutsche Kriegsflotten geankert und die Macht ihrer Landsleute unterstützt. Der Handel mit Hamburg und Lübeck zog Kauffahrer zu Tausenden, Jahr aus Jahr ein, hierher, wo Holzhandel und Fischhandel reichen Gewinn für die eingeführten Produkte boten. Wie Deutschland noch jetzt zum größten Theil Norwegen mit allen möglichen Waaren versorgt, so war der norwegische Handel damals in noch höherem Grade in deutschen Händen, und obwohl die Zeit längst aufgehört hatte, wo Bergen eine Eroberung genannt wurde, obwohl es kein deutsches Kriegsschiff mehr gab, die Macht der stolzen Hansa längst gebrochen und begraben lag und die Norweger in Bergen selbst die stolzen deutschen Handelsherrn mit dem Schwert in der Hand unterworfen und zu friedlichen Mitbürgern gemacht hatten, so war dennoch der größte Theil der Kaufleute deutsch und die reichsten und ersten Handelshäuser, die mächtigsten Speicher und Waarenlager, gehörten deutschen Besitzern. Die lange Häuserreihe an der Westseite des Hafens, vor welcher die Ausladeplätze sich hinzogen, wurde die deutsche Brücke genannt, und hier ankerte die Nordlandsflotte alljährlich zu verschiedenen Malen mit ihren Stockfischen und Salzfischen, ihrem Leberthran, ihren Pelzen und Federn, hier luden auch die zahllosen Häringsyachten ihre Beute aus, wenn, noch in halber Winterzeit, der reiche Fang bei Skudesnäes im Gange war, und hier, in den engen tiefgewölbten Comptoiren, wurden gewinnbringende große Geschäfte nach allen fernen und nahen Ländern Europa's seit Jahrhunderten abgeschlossen. Die ganze Südseite des Hafens zeigte sich dagegen 168 eingefaßt von ungeheueren Speichern, welche über den Meeresarm hinausgebaut, so eingerichtet waren, daß aus ihren zahlreichen Stockwerken die unter ihnen ankernden Schiffe sofort beladen werden konnten. Hatten die Yachten an der deutschen Brücke ihre Vorräthe an's Land geschafft, so steuerten sie dafür unter die Speicher des Kaufmanns, der die Ladung genommen, um mit den verschiedenartigsten Waaren gefüllt zu werden, die sie nach Nordland und Finnmarken zurückschifften. – In der Mitte des weiten Hafenbeckens endlich lagen die Schiffe aller Nationen, Franzosen und Italiener, Spanier und Portugiesen, sammt den zahlreichen deutschen Fahrzeugen, welche auf die Ankunft der Nordlandsflotte warteten und deren Mannschaft den großen Bergenfahrer jetzt mit weithallenden Hurrahs begrüßten. Marstrand betrachtete vom Verdeck aus voll freudiger Empfindungen das Thal, die Stadt, den Mastenwald und die Menschen. – Der Mai hatte hier schon den vollen Frühling gebracht. Da lagen Gärten und grüne blumige Auen, da lagen Landhäuser unter laubigen Bäumen, da zogen schöne Anpflanzungen und Fruchtfelder sich von Bergabsatz zu Absatz, bis an die nackten Glimmermassen der Felsgipfel empor, auf deren Vorsprüngen die Forts Bergenhaus und Friedrichsborg ihre weißglänzenden Mauern ausstreckten. Ein paar Kanonenschüsse fielen von der Hafenbatterie, bunte Flaggen wehten von den Häusern der Kaufleute und von den Schonern, Briggs, Galeassen, Barkschiffen und Fregatten, an deren Linie die Yacht vorüberging, um ihren Platz an der Brücke einzunehmen. Ueberall war Thätigkeit, Matrosengesang an Winden und Krahnen, Geschrei und Grüße aus den Booten, Willkommenruf von alten Bekannten, Erkundigungen und Fragen, Gelächter und Glückwünsche. Marstrand fand sich plötzlich aus Klippen und Meereswogen wieder in die civilisirte Welt versetzt und er streckte ihr seine Hände entgegen, wie einem alten theuren Freund, der uns unerwartet in einer Wüste begegnet. Noch ehe jedoch die schöne Ilda ihre Taue an einem der mächtigen Hafenblöcke befestigte, war ihr Deck mit einer Anzahl alter und junger Männer gefüllt, die sich an Bord rudern ließen oder von einer Yacht in die andere sprangen, bis sie glücklich ihr Ziel erreichten. Es waren Makler und Kaufleute, die Neues hören wollten, 169 Helgestad mit Fragen bestürmten, ihn über den Ausfall der Fischerndte auf den Lofoden ausforschten und seine Antworten, die so vieldeutig und ungewiß waren, wie seiner Zeit die des delphischen Orakels, mit Scherz und Ernst, Gelächter und Verwünschungen beantwortete. Der dänische Ansiedler von Balsfjord hatte inzwischen von fern gestanden und dem Getümmel zugeschaut, bis seine Aufmerksamkeit sich auf einen Mann richtete, der erst am Bord erschien, als die meisten sich wieder entfernt hatten. Hastig stieg er über die ausgespannten Seile, bis er Helgestad erreicht hatte, dem er schon von fern seine Arme entgegenstreckte und ihn in vertrauter Weise anredete. Es war ein kleiner, wohlbeleibter Mann mit rothem Gesicht, dicken Hängebacken, wulstigen Lippen und runden Augen. Ein brauner Frack, nach damaliger Zeit kurzgeschnitten, mit breiten Schößen, schwarze Sammethosen, welche bis an's Knie gingen, einer ungeheuren Schooßweste, die seinen runden Bauch zudeckte und einer weißen Binde, auf der sein fettes Doppelkinn ruhte, ließen einen reichen und angesehenen Herrn vermuthen. Eine Perrücke mit stattlich bebändertem Zopf, Puder auf den Seitenwulsten und Puder auf dem pomadeduftigen Rockkragen, ein kleiner dreieckiger Hut mit einer schmalen Goldtresse und blanke Stiefeln, in welchen die kurzen Beine steckten, machten den wohlanständigen und achtbaren Kaufmann des vorigen Jahrhunderts vollständig. Oho! Niels Helgestad. Oho, mein Mann! bist wohlauf hergeschwommen? rief er dem Schiffer zu. Blitz und Schlag! siehst jung und glatt aus. Eine gute Ladung, Niels. Habe die Yacht von der Seite angesehen, geht zehn Zoll über den weißen Strich in's Wasser, macht netto Hundertfünfzig Centner mehr, wie vorjährig. Bin in Schweiß gerathen, Niels, bin in mächtigen Schweiß gerathen, fuhr er pustend fort. Saß mitten unter Capitainen, Nordländern und Mäklern, als ich deine Segel sah. Mußte abgemacht werden, Niels, bin also spät gekommen. Und die die Letzten waren, sollen die Ersten sein, erwiderte Helgestad lachend und unter Händeschütteln. Friede in dein Haus, Uve Fandrem. Bringe dir eine reiche Ladung, und was nach dieser kommt, wird nicht schlechter sein. 170 Ein langes Gespräch zwischen den beiden Geschäftsfreunden drehte sich um Familiennachrichten, allerlei Neuigkeiten und um Handel und Verkehr. Die Ladung Leberthran kam aber noch zur rechten Zeit, um besser verwerthet zu werden, als es etwa später der Fall sein konnte. Der Berger Handelsherr wollte sogleich die Waare nach Hamburg schicken, ehe die Preise weiter fielen. Stockfisch, gerissener Fisch und Salzfisch ließ dagegen außerordentlichen Gewinn erwarten, denn schon war die Nachricht verbreitet, daß ein großer Theil des Fanges verdorben und unbrauchbar geworden sei. Schaffe was du hast, so schnell zur Stelle, wie es angeht, Freund Niels, sagte Herr Fandrem. Vier Jahre hinter einander ist der Fisch billig gewesen. Das hat den Verbrauch gesteigert. Aus dem Mittelmeer sind schon jetzt viele Schiffe gekommen, und noch weit mehrere werden erwartet. Es wird ein Reißen um die Waare sein, wie es lange Zeit nicht gewesen; ich hoffe, daß wir Preise machen, die über alle Erwartung gehen. Hehe! hast nichts dagegen, Niels, hoffe, hast nichts einzuwenden? Wahrscheinlich erhielt der Kaufmann hier einen Wink von Helgestad, denn er schwieg plötzlich, blickte über die Achsel und sah mit keinem allzufreundlichen Blicke Marstrand an, der nicht weit von ihm stand. Was hast du für einen Maulaffen in's Land gebracht, Niels? fragte er zwischen den Zähnen. Ist ein Freund, Uve Fandrem, antwortete Niels laut. Seht her, Herr Marstrand, da ist der Mann, der Euch helfen wird. Er erzählte in seiner Weise kurz und bündig Marstrand's Schicksale und Vorhaben, sprach von der neuen Handelsstelle am Balsfjord, rühmte den jungen Ansiedler aus vollen Backen und calculirte ein Dutzend mal, daß Johann Marstrand bald genug ein Mann sein werde, vor dem sich in Bergen hundert Thüren aufthun würden, wenn er hineingehen wollte. Nach dieser Erzählung, welche Fandrem mit Kopfnicken anhörte, indem er seine runden vorquellenden Augen mehr auf Helgestad's Gesicht, als auf den Empfohlenen richtete, streckte er seine dickgepolsterte Hand aus und faßte an den Zipfel seines Dreimasters. 171 Ehe andere Hände kommen, Herr Marstrand, sagte er, biete ich Ihnen meine an. Habe mit jungen Geschäften und Anfängern sonst niemals zu thun, wo aber Niels Helgestad sein Wort spricht, sage ich gern Amen und wo ich dienen und helfen kann, soll's geschehen mit allem Eifer. Marstrand fühlte, daß in dieser Versicherung eine Bürgschaft lag, der er vertrauen durfte, und Helgestad bestätigte es, indem er seinem Schützling versicherte, daß Fandrem's Handschlag mehr werth sei, als wenn Prinzen oder Könige ihm Beistand schwören. Ein Gasthaus gab es in Bergen nicht und gibt es selbst jetzt kaum dort, obwohl die Stadt damals schon an Dreißigtausend Einwohner zählte. Jeder Fremde, der hierher kam, mußte auf die Gastfreundschaft einer Familie rechnen; Fremde aber, die keine Geschäfte hatten, kamen überhaupt nicht nach Bergen, von Vergnügungsreisenden in Norwegen wußte man noch nichts. – Die nordländischen Handelsleute wohnten bei den Maklern und Kaufleuten, mit denen sie in Verkehr und Freundschaft standen, die Schiffscapitaine blieben auf ihren Schiffen. So geschah es denn ohne Einwendung, als etwas, das sich von selbst versteht, daß Uve Fandrem seine Gäste in sein Haus auf der deutschen Brücke führte, wo er im oberen Stockwerke ihnen die Gastzimmer öffnen ließ. Das Haus des Kaufmanns war eines jener alten Häuser, die noch jetzt vereinzelt dort zu finden sind. Auf den massiven Unterbau waren die obern Etagen von starken Balken gesetzt. Erker und Vorsprünge in halbrunder Form vermehrten die Zierlichkeit und gaben ihm ein stattliches Ansehen. Tiefe und breite Durchgänge lagen in den untern Räumen zu beiden Seiten der Comptoirstube, welche die Mitte einnahm. Im erstem Stockwerke befand sich die Wohnung des Kaufmanns, im zweiten die Gastzimmer, alle mit wenigen einfachen Geräthen versehen, die mit der herrlichsten Aussicht auf Hafen, Schiffe und Verkehr und auf die großen Speicher jenseits des Wasserbeckens. Doch dies an wohnlichen Räumen ziemlich beschränkte Gebäude war nur während des Winters der Aufenthalt seines Eigenthümers; beim Eintritt der guten Jahreszeit zog Jeder, der es irgend thun konnte, in sein Landhaus, und Bergen war umringt mit solchen Sommervillas, die mehr oder minder stattlich an den Bergabsätzen lagen, aus kleinen oder 172 großen Gärten hinabblickend auf Fjord und Stadt, auf waldige Gebirge und liebliche sammetgrüne Thäler. Während Fandrem sich zurückzog und seine Gäste sich einrichteten, theilte Helgestad seinem Begleiter mit, was er für nöthig hielt. Habe mit Euch noch nicht über Uve gesprochen, sagte er, wollte es erst thun an Ort und Stelle. – Ist einer der Ersten hier in Bergen, ist Gildevorsteher und Rathsherr, dabei ein Mann, der das Meiste sich selbst verdankt, schnell von Blick, rasch in seinem Wesen, klug und fest in Allem, was er will. Vor Dreißig Jahren besaß er nichts. Fing einen kleinen Handel an, der nicht fortkommen wollte, bis ich ihn kennen lernte. That sich mit mir zusammen; war damals noch nicht da gewesen, daß ein Nordländer den Blutsaugern aus den Fingern ging. Gab einen Höllenspektakel; wollten mich ausstoßen und aufhängen, half aber Alles nichts. Gab ihnen so viel zu bedenken, daß sie mich endlich gern wieder hereinließen, und seit dieser Zeit haben wir treulich zusammengehalten und gute Zeit erlebt. Sie sind also Theilnehmer an Fandrem's Geschäft? fragte Marstrand. Bin's gewesen, erwiderte Helgestad, die Augen zukneifend; calculire aber, ist jede Compagnie doch Lumperei, nimmer was Rechtes und Ganzes, obenein wenn der Eine am Lyngenfjord wohnt, der Andere am Floyfjeld. Kann dicke Handelsbücher nicht durchlesen, die langen Rechnungen nicht studiren, ist aber meine Sache nicht, einen Anderen die Zahlen machen zu lassen und endlich zu nehmen, was er mir geben will. Marstrand lächelte. Es kam ihm der Gedanke, daß Herr Uve Fandrem das Zahlenmachen wohl noch besser verstanden habe, wie Helgestad in seinem Schuldbuche für Fischer, Quäner und Lappen, und wahrscheinlich merkte der schlaue Handelsmann, was in seinem Gefährten vorging. – Will Niemanden anklagen, fuhr er fort, am wenigsten den redlichen Fandrem; calculire aber, daß es jedes Mannes Sache ist, sich auf keinen Stuhl zu setzen, der ein Loch hat. Habe darum mich so geeinigt seit langer Zeit, daß Uve meine Waaren kauft, ich von ihm nehme was mir gefällt, was er sonst thut, mich aber nichts angeht. 173 Hieran anknüpfend sagte Marstrand weiter, daß der Gildevorsteher wichtige Geschäfte nach Lübeck, Hamburg, Holland und bis in's Mittelmeer mache, daß er außer dem Fischhandel noch großen Holzhandel treibe und ganze Wälder schon gekauft habe, die in den Niederlanden zu Rost und Pfahlwerken verbraucht wurden, endlich, daß er für all seinen Reichthum nur zwei Erben besitze, einen Sohn, der seit Jahren in einem großen Hamburger Hause arbeite, und eine Tochter, die mit dem Vater lebe. – Damit erfuhr Marstrand denn auch zugleich, daß Helgestad seinem ehemaligen Compagnon eine Frau verschafft habe, die als den Finnmarken gebürtig, seine eigene Verwandte gewesen sei. Ihr Vermögen hatte nicht wenig zu Fandrem's wachsendem Reichthum beigetragen und Verwandtschaftsbande die Freundschaft bei den beiden Männer verstärkt. Nach einiger Zeit fand sich Fandrem wieder ein, der seine Gäste nun in das Wohnzimmer führte, wo der Tisch gedeckt war und nach üblicher Sitte der Wirth das Willkommen ausbrachte. Mehr als einmal wurden die Gläser gefüllt und geleert und dabei die nächsten Geschäfte verabredet. Helgestad forderte für Marstrand Credit, wozu der Berger Handelsherr sofort bereit war. Obwohl nun die Schiffe der Nordländer bei ihrer ersten Fahrt gewöhnlich nur Lebensmittel und Geräthe zum Fischfang mit nach Haus nehmen, bei der zweiten Fahrt aber den langen Bestellzettel für alle möglichen Bedürfnisse des Kramladens nach Bergen bringen, so war Helgestad doch Willens von dieser alten Sitte abzuweichen und seine Yacht zum guten Theil für die rasche Einrichtung der Niederlassung am Balsfjord herzugeben. Er versprach das Verzeichniß zu entwerfen, Fandrem dagegen gab sein Wort, das Beste auszuwählen und die billigsten Preise zu machen. Das ganze Geschäft war mit einem Händeschütteln in einigen Minuten abgethan, und kaum längere Zeit gehörte dazu um die Ladung der schönen Ilda an Fandrem zu verkaufen. Der Gildevorsteher ließ einen Makler kommen, denn durch diese Mittelspersonen wurden damals, wie noch jetzt alle Geschäfte in Bergen abgeschlossen. Der Makler zählte ein halbes Dutzend Verkäufe auf, die am heutigen Tage zu Stande gebracht waren, Fandrem bewilligte den höchsten Preis darunter, und mit einem andern Handschlage war auch diese Angelegenheit beseitigt. 174 Und nun, Ihr Herren, sprach der Handelsherr, als sie endlich aufgestanden, noch ein Glas auf unsere dauernde Freundschaft. – Hoffe Sie alle Jahre zwei Mal in Bergen zu sehen, Herr Marstrand, und wie es üblich ist, nächstens mit der jungen Frau. He, schrie er lustig, wie steht es damit? Es gibt in Nordland und Finnmarken der schmucken Mädchen gar manche, weiß selbst davon ein Lied zu singen. Aber die schönste Jungfrau vom Lyngenfjord und weit und breit ist doch meine Muhme Ilda. Hab' ich Recht, Herr Marstrand? Laßt uns anstoßen auf ihr Wohl! Helgestad hielt es für dienlich, diese Späße und ihre Nebenbeziehungen mit einem Male durch die Erklärung abzuschneiden, daß Ilda nächstens ihre Verlobung mit dem Neffen seines alten Freundes Paulsen in Tromsöe feiern werde, daß aber für Marstrand sich die beste Parthie im Lande machen könne, sobald er erst am Balsfjord warm sitze. – Es gab ein langes Gespräch zwischen den Verwandten mit reichlichen Glückwünschen, Fragen und Erkundigungen gewürzt, das endlich damit endigte, daß Herr Fandrem seine viergehäusige dicke goldene Uhr aus der Tasche zog, sie Helgestad unter die Nase hielt und dabei schwor, es sei keine Zeit mehr zu verlieren, wenn die Kräutersuppe und das Nierenstück in seinem Garten am Signalbecken nicht kalt werden und verbrennen sollten. Vorwärts, Ihr Herren, schrie er, meine Hannah wird sich die hübschen Augen aussehen. Habe es ihr hinauf sagen lassen, daß ich Gäste mitbringe, Vetter Niels. Denke, Ihr werdet sie kaum wieder erkennen. Ein feines Kind, Herr Marstrand, wohl erzogen; alles in der Welt kommt auf Erziehung an. Habe sie jetzt ein Jahr in Hamburg gehabt und vorher in Kopenhagen. Hättest besser gethan, den Baum da zu lassen, wo er gewachsen ist, brummte Helgestad, ihn anschielend. Fandrem schwieg einen Augenblick, als wäre er nicht ganz abgeneigt, die Wahrheit anzuerkennen, dann sagte er lachend: Mag wohl sein, daß Mädchen am besten bei Mutter und Vater aufbewahrt bleiben; wirst sie aber sehen, Niels. Ist eine stolze Jungfrau geworden, fein und verständig und von strenger Sittsamkeit. Hat mancherlei auch gelernt in der Fremde, fuhr er gesprächig fort, was selten hier zu finden ist. Arbeitet mit Goldfäden und bunter Seide, 175 mit Schmelz und Flitter die künstlichsten Dinge, kannst davon in meinem Hause sehen, Niels, Vögel und Blumen auf Kissen und Behänge voll Pracht und Zierlichkeit. Sie waren inzwischen am Hafen hinab gegangen, als ihnen ein Offizier entgegen kam, der den angesehenen Kaufmann grüßte, dann stehen blieb, Marstrand anblickte und mit allen Zeichen freudiger Verwunderung seinen Namen nannte. Heinrich Dahlen! rief Marstrand. Ist es möglich! sagte der Offizier, du in Bergen und in welchem Aufzuge? Der übermüthigste Cavalier vom Hofe in nordländischer Friesjacke und in Gesellschaft des pfiffigsten, engherzigsten alten Wucherers von der deutschen Brücke, setzte er leise hinzu. Herr Fandrem war inzwischen mit Helgestad weiter gegangen, aber offenbar hatte der Anblick des dänischen Kriegsmannes seine gute Laune gestört. Er warf ihm einen verdrießlichen Blick zu und zog seine Stirn in dichte Falten, als er bemerkte, welche Freudigkeit dies unverhoffte Begegnen bei Marstrand hervorrief. Die beiden jungen Männer folgten Arm in Arm und tauschten ihre Schicksale aus. Heinrich Dahlen kommandirte eine Compagnie dänischer Infanterie, welche in Bergen in Garnison lag. Er hatte mit Marstrand gemeinsam bei der Garde in Kopenhagen gedient, war aber plötzlich nach Norwegen versetzt worden, wohin man damals alle diejenigen verbannte, du man los zu sein wünschte. Der junge Offizier hatte sich über die Ungerechtigkeiten eines Vorgesetzten beschwert, dessen Einfluß seine Entfernung bewirkte. Er wurde tief in das innere Land geschickt, doch General Münte rief ihn bald nach Tronthjem, nahm ihn unter seine Adjutanten auf und beschäftigte ihn mit Arbeiten. Es dauerte nicht lange, so erwarb er sich das Wohlwollen des streng gerechten Mannes, der endlich, um gut zu machen, was Uebles geschehen war, ihm im letzten Herbst die Compagnie in Bergen gab mit dem Versprechen ihn, sobald es sich thun lasse, wieder in seine Nähe zu rufen. Und das wünsche ich denn je eher je lieber, sagte der Capitain, als er seine Geschichte beendigt hatte, und hoffe alle Tage darauf. Es ist nicht auszuhalten in diesem Hauptquartier der Häringe und Stockfische, wo Niemand für etwas Anderes Sinn hat, als für die runde und gesalzene Waare, und doch Alles so ledern, hölzern 176 und ungesalzen ist, daß ich längst vor Langeweile und Verzweiflung umgekommen wäre, wenn nicht – Wenn nicht die süße Stimme eines Engels dich am Leben erhalten hätte, fiel Marstrand lachend ein. Du bist zum Rathsherrn geboren, rief der junge Capitain, aber jetzt sage mir endlich, wie du in diese Wüste gerathen bist? Marstrand erzählte, Dahlen hörte ungläubig und spottend zu. Du bei Lappen, Rennthieren, Schönheiten des Polarkreises und nichtswürdigen Fischkrämern angesiedelt! rief er endlich mit homerischer Lustigkeit. Du ein sogenannter Kaufmann am Balsfjord, der nach Bergen kommt, um seinen Kramladen zu versorgen?! – Bist du toll, Marstrand, oder willst du es werden? Mancher hat sich schon einen sogenannten Königsbrief verschafft, der ihn zu Gelde zu machen wußte und hat seine Finanzen damit verbessert. Dein Muth ist neu und außerordentlich, aber deine Freunde werden sich davor die Nasen zuhalten. Marstrand's Gesicht hatte sich bei dem Gelächter des Capitains geröthet, doch bald war er vollkommen ruhig geworden. Ich danke dir für alle deine Vorschläge, sagte er, aber ich kann keinen davon gebrauchen. Spotte so viel du willst, spotte wer Lust hat, ich werde der Kaufmann von Balsfjord bleiben. Mein Loos ist unwiderruflich bestimmt. Ich habe es gewählt und werde es ertragen, leichter diesen groben blauen Rock tragen, wie einst die gestickte Uniform. Ich werde ein freier Mann sein, werde ein arbeitsames hartes Leben führen, aber ich werde auch meine Freude und Ruhe haben. Du weißt nicht, welcher Zauber an jenen nackten Einöden klebt, ich fühle ihn in meinen Adern. Auf mein Wort, Dahlen! ich möchte eben so wenig hier in Bergen wohnen, wie jemals in die schimmernden Säle der Christiansburg zurückkehren. Der Capitain sah ihn erstaunt an. Ich weiß nur eine Lösung des Räthsels, sagte er; du bist verliebt! Eine besonders liebliche Seejungfrau streckt ihre Hand nach dir aus und verwirrt deinen Kopf. Keine streckte ihre Hand nach mir aus, die ich möchte, erwiderte Marstrand. So thut es der Satan! schrie Dahlen; denn die Liebe allein oder des Teufels Blendwerk können einen Mann von deinem Stand und Namen dahin bringen, sich zu solchem Elende zu verdammen. 177 Mein guter Freund, antwortete Marstrand lächelnd, frage die Männer dort, was sie Elend nennen, und sie werden auf dich zeigen und dein Gewerbe, dein Leben, deine Abhängigkeit wird ihnen unerträglich scheinen. Elend ist nur das, was, wir selbst dafür erkennen. Elend kann man sein mitten unter Schätzen, umringt von allen Genüssen und Freuden, welche die Erde uns zu bieten vermag. Ich bin nicht elend, denn ich habe eine Zukunft vor mir voll Arbeit und voller Entwürfe. Ich sage mir selbst, daß ich mancherlei Noth ertragen muß, aber ich kann auch schaffen, erwerben, Gutes thun und selbst mein Ehrgeiz hat einen Sporn, denn ich kann in jenem Lande der Ersten einer werden, was ich sonst nirgend vermöchte. – Lache nicht, Heinrich Dahlen. Ich werde Fische fangen und meine Yacht nach Bergen steuern, aber ich hoffe, daß meine Mitbürger einst, wohin ich komme, mich mit Achtung aufnehmen, alle rechtschaffene Leute mir ihre Hand reichen, alle Thüren mir geöffnet sind und das ist Alles, was ich brauche, um nicht elend zu sein. – Der Capitain schwieg ein Weilchen, dann rief er plötzlich: Du hast Recht, es muß ein Jeder wissen, was sein Glück und sein Elend ist und muß seinen Weg gehen und sich nicht irre machen lassen. Aber da stehen deine ehrenwerthen Freunde und Gönner schon auf der Höhe des Signalberges und winken ungeduldig. Der Henker hole die ungetrockneten Häringsseelen, die nichts kennen, als ihre Geldsäcke. Geh' hin, Marstrand, labe dich an ihrer Weisheit, doch bleibe auf gutem Wege, denn der alte Fandrem hat in seinem Paradiese dort oben auch die Schlange der Verlockung an seiner Seite, die dich leicht bestricken könnte. Ich fürchte keine Eva, sagte Marstrand. Nicht? lachte der junge Offizier, dann um so besser. – Morgen suche ich dich auf; laß unsere alte Freundschaft nicht zu Schanden werden. Als Marstrand die Höhe erreichte, fand er den Gildemeister allein, denn Helgestad war vorausgegangen. Seine Entschuldigungen wurden mit einem mürrischen Kopfschütteln beantwortet und Fandrem sagte mißtrauisch: Ich will Ihnen einen guten Rath geben, Herr Marstrand. Von Soldaten und dergleichen unnützem Volk halten wir in Bergen nichts. Alle Achtung vor einem Manne, der, wie Sie, den Tressenrock in den Winkel geworfen hat und ein thätiger 178 Bürger geworden ist. Die aufgeputzten Junker mag Niemand in seinem Hause sehen und ich am allerwenigsten. Ist kein gutes Zeichen für einen achtbaren Mann, fuhr er mit einem Seitenblicke fort, Arm in Arm mit solchem Herrn umherzuspazieren. Ein Kaufmann hat seinen Ruf zu bewahren, wie eine Jungfrau. Laßt sie mit solchem luftigen Patron nur einen freundlichen Gruß wechseln, so ist die schlechte Nachrede da; läßt einen Kaufmann in solcher Gesellschaft sich zeigen, so hat sein Ruf, das heißt sein Credit, einen Riß bekommen. Und nun, schrie er, seinen Stock aufstoßend, mögen alle Capitaine zu Lande und zur See verdammt sein, die mich hindern wollen, meine Suppe warm zu essen! Da liegt mein Haus, Herr Marstrand, und Hannah, Gott segne sie! hat den Tisch unter den alten Nußbaum stellen lassen, wo wir im schönsten Schatten sitzen werden. 9. Von dem Signalbecken, dem Vorsprunge eines der sieben Felsenmassen, die Bergen umringen, senkte sich der Weg in einen lieblichen Grund, der Fandrem's Besitzung bildete. Das artige Gebäude mit Erkern und Säulen von Holz stand an der Bergwand, welche dahinter aufstieg. Ein Rasenplatz mit Blumenbeeten und duftigen Büschen eingefaßt, zog sich vor ihm hin, alte Bäume breiteten ihr Geäst darüber aus und vor ihm in der Tiefe lagen Fjord, Hafen und Stadt, ein wunderherrliches Panorama. Helgestad saß schon an dem Tische unter dem mächtigen Nußbaum und vor ihm stand Hannah, die sich umwandte und ihrem Vater entgegen ging, mit dem sie über sein langes Ausbleiben zu schelten begann. Sie war, wie Marstrand dünkte, keine große Schönheit, aber sie war schlank gewachsen und besaß die zarte Hautfarbe und die regelmäßigen Gesichtszüge, welche die Damen von Bergen von jeher in den Ruf besonderer Reize gebracht haben. Ihre großen braunen Augen sahen aus, als würde deren Feuer gewaltsam unterdrückt und um ihren Mund schwebte ein hochmüthiger Zug, der dem Beschauer 179 am wenigsten gefiel. Um so anmuthiger war die Tracht des jungen Mädchens. Sie trug ein weißes mit blauen Sternchen besäetes Kleid von niederländischem Zitz, das von der Schnürbrust eng zusammen gehalten wurde. Ein Schooßjäckchen von demselben Stoff mit weiten Aermeln und Frisuren flog darüber hin; auf dem leicht gepuderten und gepufften Haar saß ein Mützchen von Kantenstrichen mit einem Deckel von Silberstoff und um ihren Hals lag ein fein gekniffter Kragen, unter welchem eine schwere Goldkette bis auf die Brust niederfiel. Der Gildevorsteher beschaute mit väterlichem Wohlgefallen sein stattlich aufgeputztes Kind, das ohne Zweifel die erste Modendame in Bergen darstellte; geduldig ließ er sich ausschelten, während er ihr Kinn streichelte und ihren Nacken klopfte. – Sachte, Mädchen, sachte! rief er dann, bin hungrig und müde genug. Soll Einer gestraft werden, so muß es Johann Marstrand hier sein, der mich oben am Signal stehen und braten ließ, während er mit dem Anführer der Lungerer und Nichtsthuer schwatzte, die wir in Bergen ernähren müssen. Ein kalter, betrachtender Blick der jungen Dame musterte den Fremdling und ein hochmüthiges Lächeln folgte nach, das Marstrand's widerwillige Empfindungen vermehrte. Was meinst du dazu, Mädchen? fragte Fandrem, der eine Antwort haben wollte. Ich meine, Vater, erwiderte sie, daß wir Besseres thun können, als damit unsere Zeit verderben. Hast Recht, mein Goldkind! hast Recht! lachte der Gildevorsteher. Da sitzt Helgestad wie ein halbtodter Mann. Laß die Suppe bringen und wecke ihn auf mit deinem Willkommen. Die Suppe wurde gebracht und ein ungeheures Stück Rindfleisch im vollen Dampf daneben aufgestellt. Grüne Erbsen, die in Büchsen aus Holland kamen, ein Nierenstück in seinem Saft gebraten, Aale in Gallert aus Hamburg und ein gefüllter Puthahn, den ein französischer Capitain, welcher am Tage vorher aus Dieppe eingelaufen war, für Fandrem mitgebracht hatte, bildeten die Hauptstücke des Mahles, dessen Köstlichkeit Niemand weniger würdigte, als Helgestad. – Er schien Gefallen daran zu finden, ein rücksichtsloser 180 Beurtheiler zu sein, und während er tüchtig von allen guten Dingen zulangte, spottete er über Fandrem's leckere Unmäßigkeit und schwor, daß eine einzige Schüssel frischer Sey oder Redfisch und eine Rennthierkeule, wie sie Ilda bereite, weit über alle diese fremdländischen Herrlichkeiten gingen. Ilda's bevorstehende Verheirathung mit dem geschwornen Schreiber war die naheliegende Neuigkeit, welche der Gildevorsteher seiner Tochter mittheilte, aber was auch darüber, wie über manche andere Familienereignisse, gesagt und erzählt werden mochte, Jungfrau Hannah gehörte zu den schweigsamen Naturen. Ein paar vereinzelte Worte, ein Kopfnicken oder ein Lächeln war meist Alles, was sie erwiderte; nur einige wenige Male verstand sie sich zu längeren Antworten, die eben so hochmüthig wie anmaßend klangen, alle übrige Zeit saß sie unbeweglich, mit ihrem Anzuge beschäftigt, oder mit der schweren goldnen Kette spielend. Nun, Muhme, sagte Helgestad endlich, in seiner Art grinsend, bist eine feine Dame geworden unter den Deutschen in Hamburg. Hast feine Sitten angenommen und weißt, wie es die vornehmen Leute machen. Es geht nichts über die richtige Erziehung! schrie Fandrem Marstrand zu, indem er sein Glas aufhob. Ist ein wackeres Wort, sprach Helgestad, calculire aber, hast aus der Fremde allerlei mitgebracht, was auf dem norwegischen Boden nicht paßt. Was meint der Vetter Niels? fragte sie. Meine deine bunte Haut, lachte der rauhe Mann. Das französische Schnürleib da, die glitzernde Kappe und das Mehl auf deinem Kopf. Hannah sah stolz und beleidigt auf. – Am Lyngenfjord weiß man freilich nichts von dem, was die Welt verlangt, erwiderte sie. Mag sein, Mädchen, war seine Antwort, wäre aber so unrecht nicht, wüßtest du, was am Lyngenfjord verlangt wird. Denke an deine Mutter, fuhr er fort, als er sah, daß ihr Gesicht sich roth färbte. War eine ächte Nordländerin, hatte Kopf und Füße auf dem rechten Fleck und trug bis an ihr selig Ende ihre Faltenschürze wie in jungen Jahren. – Er streckte seine grobe Tatze über den Tisch 181 fort nach der erzürnten Jungfrau aus. Bah! rief er, wirst dem alten Niels Helgestad wohl ein Wort zu gut halten; weißt ja, was deiner Mutter Wunsch und Wille war und habe heut' schon mit deinem Vater darum geredet. Schlag ein, Hannah, sollst die Reise mit uns machen und sehen, wie der Gaard von Oerenäes beschaffen ist. Ilda wird voller Liebe sein, wenn du kommst; machst uns Alle froh, Mädchen, und Björnarne bringt dich bei der zweiten Fahrt zurück; kannst dich ihm sicher anvertrauen. Dies Anerbieten kam so plötzlich und wurde mit solcher Bestimmtheit gemacht, daß Hannah nicht zu widersprechen wagte. Sie that, was Helgestad ihr geboten, legte mit erzwungenem Lächeln ihre Hand in die seine und sagte phlegmatisch: Wenn es meinem Vater so gefällt und er es recht findet, daß ich von ihm gehe, so mögt Ihr mich mitnehmen. Es ist eine alte Verabredung, Hannah, rief ihr Vater, verlegen über die Erklärung. Weißt es. – Sie nickte. Ist freilich seit Jahren die Rede nicht mehr davon gewesen, fuhr er fort, aber Niels hat heute sein Wort gesprochen. Hoffe, war ein Wort, das dir gefallen hat? fragte Helgestad. Alte Freundschaft und alte Treue, antwortete der Gildemeister, habe lange auf dies Wort gewartet. Sie hoben Beide ihre Gläser auf. Ausgetrunken, Herr Marstrand! rief Helgestad, seid Zeuge hier uns mögt für Björnarne sprechen. Blick' hierher, Mädchen, fuhr er fort, sollst hören, wie ein Freund redet, der Björnarne kennt und weiß, wie es um sein Herz steht. Aber Hannah lief in's Haus und ein donnerndes Gelächter begleitete ihre Flucht. Wirst uns nicht mehr davon laufen, wenn wir dich am Bord haben, sagte Helgestad, und wird sich Alles geben, wenn Björnarne ihr den Ring an den Finger steckt. Marstrand hatte wohl vermuthet, daß Helgestad auf die Tochter seines Freundes speculire, aber er war doch überrascht, daß eine offene Erklärung und Verständigung so schnell eingetreten sei. Während er mit Dahlen sprach, mußte Niels sein Wort angebracht und bereitwillige Annahme gefunden haben. Jetzt erfuhr er jedoch auch, daß 182 nach alter Sitte ein Familienversprechen zwischen Fandrem und Helgestad bestand. Zu jener Zeit war Hannah kaum geboren, aber ihre Mutter wünschte, als ächte Nordländerin, daß ihr Kind einst wieder in der sehnsüchtig geliebten Heimath wohnen möchte, die sie selbst aufgeben mußte. Fandrem, der Helgestad Alles verdankte, ging gern auf dies Versprechen ein, und wenn auch jetzt sich Manches geändert hatte und die Familienverbindung mit dem reichen Vetter ihm nicht mehr so wünschenswerth scheinen mochte, so war die Heirath doch immer eine angesehene und der Pakt selbst viel zu heilig, um gebrochen zu werden. Nachdem Vieles darüber gesprochen war, stieg die Fröhlichkeit durch den spanischen Wein, den der Gildemeister auftragen ließ. Ein Tabakskästchen von chinesischem Porzellan wurde auf den Tisch gesetzt, lange holländische Pfeifen mit bunten, von Silberfäden umsponnenen Posenspitzen brachte Hannah herbei und auf ihres Vaters Geheiß mußte sie ihr Glas auf Björnarne's Wohl leeren und mit dem Wachsstock den Herren die Pfeifen anzünden, was sie unter Helgestad's aufmunternden Scherzen auch glücklich vollbrachte. Ist Sitte so in Nordland und den Finnmarken, wenn eine schöne Jungfrau die Gäste ehren will, rief Helgestad, indem er sie umfaßte. Hast drei Tage lang fast noch Zeit, alle deine schönen Kleider, Ketten und Ringe den jungen Herren in Bergen zu zeigen, dann kann Paul Petersen sie bewundern, der ein Kenner ist und Johann Marstrand, der die Hofdamen in Kopenhagen gesehen hat. Ich brauche Niemanden, um meinen Putz zu bewundern, sagte Hannah, die sich von ihm losmachte. Bewunderst ihn allein genug und willst lieber selbst bewundert sein, grinste Helgestad. Bist eine schlaue Hexe, Mädchen, aber Björnarne hat Augen. Hat er Augen, erwiderte sie, mag er sie aufmachen. Calculire, wirst ihm dazu helfen, rief er ihr nach. Will thun, was ich kann, antwortete sie. Wehr dich, Hannah, wehr dich, sagte Fandrem vergnügt. – Es geht nichts über die richtige Erziehung, ihr Herren, und was du auch sagen magst, Niels, es ist ein Vortheil, daß sie in Hamburg gewesen ist, wo sie mancherlei gelernt hat. 183 Helgestad kniff die Lippen zusammen, aber sein Vetter ließ sich nicht stören. Er ließ ihre Stickereien aus dem Hause holen, zählte auf, wie sie ohne Anstoß Deutsch spräche, und sogar das Spinett spielen könne. Helgestad hörte Alles ruhig an und bekräftigte die lange Lobrede der Vortrefflichkeiten und Tugenden mit einigen kräftigen Gurgeltönen und seinem schlausten Grinsen. – Ist eine feine Jungfrau, sprach er dann, zu gut für Bergen, aber ein Vater kann seine Tochter, und wäre sie sein größter Schatz, nicht für sich behalten. Habe das auch bedacht und muß Ilda also von mir thun und Hannah dafür eintauschen. Wirst nichts verlieren, rief Fandrem. Denke zu gewinnen, sagte Helgestad, und eben darum, damit Keiner zurück kann in der Sache, zahle ich die Dreißigtausend blanke Speciesthaler, wenn Björnarne nicht um deinen Segen bittet, fordere sie aber auch von dir, wenn du ihm Hannah weigerst oder sie ihn nicht mag. Marstrand war Zeuge des sonderbaren Handels, der im Scherz begonnen, ein ernsthaftes Ende nahm. Der Gildemeister lachte anfangs dazu, als sein Verwandter aber auseinandersetzte, daß er besorge, der Vater könne sich nicht von seinem Kinde trennen, schlug er ein und nahm das hohe Reugeld an. Es war Abend geworden. Die Sonne beleuchtete die Felsenkuppen mit rothem Feuerglanz und in der Tiefe lagen bläuliche Nebel, welche dämmervoll und weich Stadt und Hafen einhüllten. Verworrenes Rufen und Geschrei stieg von dort empor und verhallte in der reinen stillen Luft. Ein schöneres Bild war kaum zu denken, als dies große lebensvolle Thal, über welchem ein wolkenloser tiefblauer Himmel schwebte. Ein blasses Mondstück hing am Rande des höchsten Fjeldes, und weit in der Ferne blitzten die Arme des Meeres, zeigten große Schiffe und flatternde Segel. Marstrand war bis an die Spitze des Gartens gegangen, welche steil an dem Felsen niederfiel, und eben an dieser Stelle fand er Fandrem's Tochter wieder. Sie lehnte sich über die Brüstung, warf einen Stein hinab, dem sie nachblickte, und richtete sich unmuthig auf, als sie Marstrand's Schritte in der Nähe hörte. 184 Er sagte einige Worte zum Lobe Bergens, die sie gleichgültig anhörte, seine nordländische Jacke betrachtete und ihre Goldkette um die Hand wand. – Nachdem sie eine Zeitlang seine Fragen mit Ja oder Nein beantwortet hatte, ließ sie ihn stehen und lehnte sich wieder über die Brüstung, bis sie sich umwandte und ohne Gruß und Abschied dem Hause zuging. Es geht nichts über eine richtige Erziehung und wenn man sich in der Welt umgesehen hat, rief Marstrand ihr nach. – Gott behüte den armen Björnarne vor dieser feinen Jungfrau, die aus Zitz und Gold besteht, also ganz ungenießbar ist. Mit diesem Spott kehrte er zu den beiden alten Herren zurück, welche streitend und zechend am Tische saßen, und längst hing der Himmel als sterngestickter Teppich über ihnen, ehe es Fandrem endlich gefiel, seinen Gästen den Schlaf zu empfehlen, um morgen mit frischen Kräften neu anfangen zu können. Und wo ist Hannah? fragte Helgestad, der sich mühsam auf den Beinen zu halten schien. Wohin eine sittsame Jungfrau gehört, wenn die Nacht kommt, antwortete Fandrem. Liegt unter ihren Decken und seufzt über den gottlosen Schwiegervater, der des süßen Giftes nicht satt werden kann. Und träumt vom Lyngenfjord und von dem schönen Tage, wo Björnarne sie an sein Herz drücken wird, schrie Helgestad. Schweig still, du alter Sünder, lachte der dicke Gildevorsteher, daß sie nicht aufwacht und es hört. Würde es dir nimmermehr vergeben, von ihr zu denken, daß ein Mann sie an sich drücken könnte. Und lassen es sich doch Alle gefallen, grinste Helgestad; calculire, die thut es auch. Calculire, hast dein Gehirn zu stark erhitzt, Niels, erwiderte Fandrem, in das Gelächter einstimmend, ist aber Zeit dich in's Bett zu schaffen. – Gebt ihm den Arm, Herr Marstrand, und führt ihn hinein. – Es geht nichts über die richtige Erziehung und über die Mäßigkeit! Helgestad hob das Licht auf, das vor ihm auf dem Tisch stand, und beleuchtete das rothwangige, glänzende Haupt seines Verwandten. 185 Bist ein Muster von Mäßigkeit, sagte er. Halt' die Mäßigkeit fest, Johann Marstrand, oder sie bricht zusammen. Fandrem hatte das andere Licht genommen und beleuchtete die gelben faltigen Züge des gewaltigen Nordländers. So standen sie sich gegenüber, Gesichter schneidend und sich anstierend unter schallendem Gelächter und allerlei herausfordernden Worten, bis Fandrem in die Hände seines Dieners und seiner Haushälterin fiel, die ihn in's Bett brachten, Helgestad aber unter Marstrand's Beihülfe in die Kammer geleitet wurde, welche für ihre Nachtruhe bestimmt war. Allem Anschein nach war Helgestad in einem schwer trunkenen Zustande, und sein Begleiter hatte Mühe ihm Beistand zu leisten, kaum aber war er mit ihm allein, als zu seiner Verwunderung alle Zeichen des Rausches verschwanden. Bin so nüchtern, wie Ihr es sein könnt, Herr Marstrand, sagte er, sich aus den helfenden Händen aufrichtend, habe es aber vorgezogen auf diese Weise Fandrem in sein Bett zu bringen, und seinen guten Ruf zu bewahren. Wäre große Schmach für ihn, wenn sein Kopf mit ihm umginge und seine Gäste nichts von der Bewirthung merkten. Hasse und verachte die Trunkenheit, ist aber ein Erbstück dieses Volkes, das manches Menschenalter noch damit zu thun haben wird. Bergen ist eine nüchterne Stadt und Fandrem ein Mann, der selten mehr trinkt, als er vertragen kann; müßt nach Tronthjem gehen, wenn Ihr sehen wollt, was durstige Kehlen leisten können. Was er sagte war allerdings nur zu wahr, es paßte jedoch eben so wohl auf Norwegen, wie auf alle andere Länder. In den besten Gesellschaften der damaligen Zeit war Trinken das hauptsächlichste Vergnügen und der Rausch keinesweges eine Schande, aber in Norwegen wurden die Gastmähler mit Virtuosität betrieben und Tronthjem war, bis auf die neueste Zeit, ganz besonders berüchtigt oder berühmt. Nur zu häufig verwandelten sich jedoch die Hochzeitsfeste und Kindtaufen in Blut- und Leichenscenen, und Helgestad erzählte, während er sich zum Schlaf anschickte, wie bei solchen Gelegenheiten die Frauen mit dem Brauthemd für ihren jungen Mann zugleich dessen Sterbehemd nähten, und kein Gesetz bis jetzt mächtig genug gewesen sei, die Messerkämpfe zu verhüten, welche so Vielen schon das Leben gekostet hätten. 186 Ist im gleichen Maße schlecht und dumm für Männer, sich wie unvernünftige Thiere zu morden, sagte er endlich, um am nächsten Tage wie Weiber über ihre Thaten zu weinen. Immer besser, antwortete Marstrand, als schlechte Thaten niemals bereuen. Falsch, Herr, erwiderte Helgestad. Was ein Mann thut, soll er voraus bedenken, doch was er ausgeführt hat, soll ihm niemals Schmerzen machen. Habe meinen Kopf und meine Hände, die nichts können, was der Kopf nicht will. – Er richtete sich auf den Ellenbogen im Bette auf und sah Marstrand an. – Wollt in Eure Kammer gehen, sagte er, wartet noch einen Augenblick. Sagt mir, wie Euch Fandrem's Tochter gefallen hat? Ich habe keine Gelegenheit gehabt, mir ein Urtheil zu bilden. Seid ein Däne, sprach Helgestad, das heißt, ein Mann, der sich zu schmiegen und zu ducken weiß, wo er es für klug hält. Lese in Eurem Gesicht das richtige Urtheil. Ist ein stolzes, verzogenes Mädchen, eitel und verdorben in ihrem Gemüth. Dann, Herr Helgestad, kann ich nicht begreifen, warum Sie diese Puppe in Ihr Haus führen wollen, wohin sie nicht paßt. Warum paßt sie nicht? Fragen Sie sich selbst, ob dies eine Frau für den einfachen, gutherzigen Björnarne ist. Wenn Sie vom Lyngenfjord sprachen, antwortete sie mit verächtlichen Blicken, und bei den Erzählungen von dem Leben in Oerenäesgaard füllte sich ihr Gesicht mit Hohn und Gelächter. Helgestad nickte beistimmend dazu. Habt einen guten Blick, sagte er, ist richtig so. Aber Fandrem's Tochter ist ein Vogel mit goldenen Federn, wäre der ein Narr, der ihn aus seiner Hand gäbe. Ist ein altes Versprechen zwischen uns, Herr Marstrand, habt es gehört; liegt jedoch Leine und Haken noch auf anderem Grunde. – Er grinste pfiffig vor sich hin und fuhr mit gedämpfter Stimme fort: Fandrem ist ein schwacher Vater, so klug er auf der deutschen Brücke in seiner Schreibstube sitzt, wenn's Nordländer oder Spanier sind, mit denen er zu thun hat. Eine Eule nistet auf seinem Dache und hat ihn wach geschrieen. Habe einen Ton davon gehört, Herr. Frage nichts darnach, sehe nur, daß ich zur richtigen Stunde 187 gekommen bin mit meinem Wort, und sprach es darum frisch aus, als ich mit ihm allein auf den Signalbecken ging. Fürchtet Schimpf an Ruf und Name, ist ihm also willkommen, Hannah an den Lyngenfjord zu bringen. Wollen sie da zu Arbeit und Ordnung gewöhnen; bin ohne Sorge, wird fromm und gehorsam werden. – Ein grimmiges, leises Lachen zuckte um seinen Mund, Haß und Spott blitzten aus seinen Augen. Und wenn Einsamkeit, Gram und Heimweh doch mehr thun, als Ihre Erziehung? sagte Marstrand mitleidig. Bah! antwortete Helgestad, laßt sie blaß und mager werden; ist finnmarkisches Blut in ihren Adern, das wird sein Recht geltend machen. Wenn's aber nicht sein sollte, wenn Fandrem schwach genug ist und ihr eitel verdorben Sinnen gewähren will, so mag es so sein, aber dann soll er mir Reise und Mühe bezahlen. Habt gehört, daß ihr halbes Vermögen, als Reugeld, Björnarnen zufallen soll. Jetzt verstand Marstrand Helgestad's ganzen Plan und dessen Pfiffigkeit, die ihn empörte. – Wenn aber die Nadel sich umkehrt, rief er aus, und Euch selbst den Finger blutig sticht, wenn Björnarne sie nicht mag, die weder Herz noch Sinn für ihn hat, was dann, Herr Helgestad? Der Kaufmann fiel in die Kissen zurück, zog die Nachtmütze über die Ohren und brummte, sich auf die andere Seite werfend: Ist Unsinn, Herr, um den kein vernünftiger Mensch seinen Schlaf versäumen soll. Nehmt das Licht und geht in Eure Kammer. Björnarne will die Jungfrau nicht, die sein Vater ihm zuführt? Uve Fandrem's Tochter aus Bergen – will sie nicht?! Eher schwimmt kein Fisch mehr in den großen Westfjord. Will sie nicht? – Ist lustig anzuhören. Sage Euch, Niels Helgestad will und damit ist's genug. Am nächsten Morgen hatte der Handelsherr seinen Rausch ausgeschlafen, aber auch die Genugthuung, daß Helgestad erklärte, in keiner besseren Verfassung gewesen zu sein, was ihm seit Jahren nicht passirte, und was er nicht eher wieder zu erleben hoffe, als an Hannah's und Björnarne's Hochzeitstage. Der Gildemeister machte dazu kein ganz so heiteres Gesicht wie gestern und seine Blicke flogen von der Kaffeetasse zu dem 188 verhängten Fenster seiner Tochter hinauf; aber er brachte nach einigem Besinnen und Ueberlegen die Angelegenheit in Ordnung. Hannah soll dich begleiten, sagte er, so schwer es mir auch werden mag, sie von mir zu lassen. Es ist gut, daß sie geht und selbst sieht, wo sie wohnen und leben soll. Mag Björnarne ihr Herz gewinnen, damit sie freudig ja sagt, und beide dann kommen und meinen Segen holen. Ihr Erbe soll ihr werden; an ihrem Hochzeitstage zahle ich eine Mitgift, wie es sich für Uve Fandrem paßt. Zahlst die Dreißigtausend so oder so, antwortete Helgestad, die Hand ausstreckend. Mag also sein, sprach Fandrem. Es ist freilich eine große Summe, fügte er hinzu, ich will dich aber zufrieden stellen und Hannah glücklich wissen. Wird jedoch von Eurer Seite ein Hinderniß bereitet, so bist du mir verpflichtet. Kennst Niels Helgestad, war die Antwort. Der Vertrag war somit nochmals durch Wort und Handschlag beglaubigt und während des Frühstücks wurden nun die Geschäfte besprochen. Die Yacht sollte heut völlig ausgeleert sein und dann sogleich ihre neue Ladung einnehmen. – Mit dem vierten Tage sollte Helgestad die Reise beginnen und bis dahin war viel zu beschaffen. Alle für Marstrand bestimmen Vorräthe mußten ausgesucht und verpackt werden; der erfahrene Kaufmann entwarf alsbald den Bestellzettel und es fand sich im ersten Ueberschlage, daß die dafür zu zahlende Summe wohl Achttausend Thaler betragen würde. Dagegen bewilligte Marstrand abschläglich seine Fische, die noch auf den Gerüsten am Westfjord hingen, und es wurde abgemacht, daß sie bei der nächsten Fahrt an Fandrem geliefert werden sollten. Der Kaufmann bot ihm an, den Handel sogleich zu beschließen und einen bestimmten Preis für die Vaage von acht und vierzig Pfund festzusetzen, wofür er drei Speciesthaler zahlen und endlich sogar noch einen Viertelthaler zulegen wollte, allein, wie verlockend er sein Anerbieten auch machte und mancherlei Künste dabei anwandte, und wie ihn Helgestad unterstützte, der für diesen Satz ihm alle seine Vorräthe antrug, Marstrand wollte sich nicht dazu entschließen. Mit dir, sagte Fandrem zu seinem Vetter, kann ich solchen Handel nicht eingehen, aus einfachen offenen Gründen. Der Fisch kann 189 weit billiger werden, denn so schlimm steht es nicht, wie man es macht. Deine großen Vorräthe brächten mir alsdann großen Schaden; überdies aber muß ich dir Baar zahlen, während ich mit diesem jungen Mann, der mein Wohlwollen gewonnen hat, in Rechnung stehe. Endlich auch ist er ein Anfänger, dem ich gerne Vortheile zuwende, du dagegen hast gefüllte Kasten und wirst sie noch mehr füllen. Helgestad legte den Finger an seine Nase und calculirte, daß der ehrliche Fandrem Weisheit wie Honig über seine Lippen fließen lasse. Ist möglich, sagte er, daß der Fisch höher noch steigt, ist aber auch möglich, daß er viel billiger wird. An der ganzen Nordlandküste bis nach Tronthjem hin ist viel gefangen und Salzfisch in Menge gemacht worden. Wer es aushalten kann, mag es thun, wer aber nöthig hat, sicher zu gehen, muß die Schnepfe in der Hand der Gans vorziehen, die auf der Klippe sitzt. Ist ein schönes Geschäft zum Anfang, Herr Marstrand, wenn man sein Geld dreifach nach kurzer Zeit in die Tasche knöpfen und Anderen es überlassen kann, wie sie es wiederbekommen. Sitzt erst fest am Balsfjord, so könnt Ihr künftig wagen was Ihr wollt, jetzt ist das Sicherste das Beste für Euch. Nehmt meinen Dank, antwortete Marstrand, der nicht zweifelhaft über das war, was er thun sollte. Ich bin jung und unerfahren und habe große Freude an Rath und Wohlwollen solcher Männer. So schlagt ein, rief Fandrem; mag mein Gebot nicht weiter bedenken. Bei allem Dank, antwortete Marstrand mit Bescheidenheit, will ich doch nicht, daß Ihnen ein Schaden erwachse und lieber mit weniger vorlieb nehmen, als einem Manne Leid zufügen, den ich so hoch verehre. Deswegen will ich warten, bis mein Fisch auf der deutschen Brücke liegt und will den Preis nehmen, der dann, wie es Sitte ist, zwischen Kaufleuten und Nordländern, von der Commission festgesetzt wird. Kommt ein Schaden, soll es mein Schaden sein, bleibt ein Vortheil, will ich ihn genießen. Fandrem sah Helgestad an, der mit einem Ausdruck von größtem Wohlgefallen Marstrand zunickte und dabei sagte: Jeder Mann muß wissen, was er thut und niemals bedauern, was daraus erfolgt. Ihr wißt, ist mein Wahlspruch, Herr Marstrand. 190 Abgethan also, sprach der Gildevorsteher. Jeder nach seiner Weise. Will nichts bedeuten, wenn ein Mann seine Vortheile sucht, wo er sie finden kann. Zahle Ihnen den Preis der Commission. Nach einer Stunde waren sie auf dem Wege zur Stadt. – Die Thurmglocken schlugen sieben Mal, der Morgen war wundervoll. Vögel sangen in den Bäumen, warm und sonnenvoll kam der Tag, aber Hannah's Vorhänge thaten sich nicht auf und der kleine dicke Handelsherr zog drei Mal seine ungeheure Uhr heraus, hielt sie an's Ohr, betrachtete Fenster und Haus, kehrte um, blieb stehen, und ging endlich ärgerlich den beiden Andern nach, die schon am Signalthurm standen und ihn erwarteten. Am Hafen war längst die Arbeit in voller Thätigkeit. Der Gildevorsteher gab den Aufsehern, die ihn vor seinem Hause erwarteten, Befehle, dann führte er Helgestad in seine Comptoirstube, wo Rechnungen und Handelscontos bereit lagen, und wo auch Marstrand Contracte unterzeichnen und die Verpflichtung eingehen sollte, nur mit Uve Fandrem in Bergen Handel und Verkehr zu treiben. Das Comptoir des reichen Kaufmanns war klein und düster. Ein einziger alter Buchhalter saß auf einem eben so alten Schreibbocke, denn trotz ihrer bedeutenden Geschäfte hatten die Handelsherren in der Stadt nicht viel zu schreiben. Sie bedurften weit mehr Arbeiter und Aufseher in ihren Magazinen, als Gehülfen in der Schreibstube. In einem Winkel standen große Handlungsbücher hinter einem Gitterspind, das vor einem halben Jahrhundert vielleicht einmal weiß angestrichen wurde, und die engen Fenster ließen eben nur soviel Licht in das Gewölbe, um ein paar nägelbeschlagene Juchtenstühle mit hohen Lehnen und einen schwerfälligen Zahltisch zu erkennen. Der übrige Raum war mit Kisten und Kasten, Seehundsfellen und Federballen vollgestopft und an der Wandseite stand ein künstlicher Bau hochaufgethürmter kleiner Fässer, die Marstrand bei seinen Bemühungen, sich durch dies Labyrinth zu schlängeln, beinahe über seinen Kopf zusammengestürzt hätte. Fandrem rief ihm eine Warnung zu. Ist ein feines Haus, sagte er, mit Tausend Ecken und Winkeln, die ein weiser Mann besser benutzen kann, als große Räume. Alles hat da seine Stelle und sind lauter Leckerbissen, Herr Marstrand, für gute Freunde. 191 Anchovis von diesem Jahr, Syld von der rechten Sorte, Honig aus Hedemarken und Butter aus Flensburg. Sein Gelächter wurde durch die Mittheilung erklärt, daß diese Leckerbissen für die Mannschaften der nordländischen Schiffe bestimmt seien, deren Ladung Herr Fandrem kaufte, und welche nach altem Gebrauch mit Lebensmitteln beschenkt werden mußten. Das Beste und Frischeste wurde natürlich für diese unverdorbenen Magen nicht ausgesucht, daher kam es denn, daß der Duft von Fett und Fleisch eine Mischung bildete, welche für den Uneingeweihten eben kein Rosenöl war. Alles riecht gut, was Geld bringt, sagte der Gildevorsteher, und wenn man von Bergen spottend im Lande sagt, es sei viel weiter zu riechen als zu sehen, so können wir nur wünschen, daß dies Wort niemals zu Schanden werde; denn je weiter man uns riecht, um so mehr Yachten liegen in unserm Hafen, und um so höher thürmen sich an der deutschen Brücke die Haufen Stockfische, Häringe und Thranfässer auf, deren Geruch uns so süß und wohlgefällig ist, wie den alten Gottheiten der Geruch ihrer Brandopfer, Widder, Schafe und Stiere, die ihren göttlichen Nasen so besonders angenehm waren und doch eben auch nicht wie Ambra und Myrrhen gerochen haben können. Nach diesem Witze zog Fandrem Marstrand an das Schreibpult, wo er ihn die Contracte durchlesen und unterzeichnen ließ. Hierauf nahm Helgestad die Feder und stellte eine besondere Bürgschaft aus, durch welche er sich für den Betrag der Schuldsumme verpflichtete, welche Marstrand an Waaren im ersten Jahr von Fandrem entnehmen würde. Wie? fragte der junge Mann erstaunt, ist der Credit, den sie mir anboten, so gemeint, das ein Anderer für mich als Bürge eintreten soll? Ist Sitte so in Bergen, antwortete Helgestad, und thue es gern. Würde ohne Bürgschaft sich wohl so leicht Niemand finden, der Euer Haus mit seinen Waaren füllte. Ich sollte denken, erwiderte Marstrand gereizt, daß mein Besitzthum, wenn nicht mein Wort und meine Ehre, Bürgschaft genug für Jeden wäre. 192 Nuh, sagte der Kaufmann unerschütterlich, sprecht einmal wieder wie ein dänischer Junker, nicht wie ein nachdenkender Mann, der die Dinge betrachtet, wie sie sind. Wer soll wissen, was Euer Gaard am Balsfjord werth ist, vorausgesetzt, daß wir ihn aufgebaut haben? Wer soll wissen, ob die Balself einen Balken oder ein Brett liefern kann? Dazu gehören mancherlei Künste sammt großen Mitteln. Denkt an Olaf, Herr Marstrand, welcher Jeden für einen Narren erklärt, der einen Schilling dafür aus seiner Tasche holt. Endlich aber calculirt, ob ein Mensch in Bergen Euch kennt, denn ich allein. Marstrand war in hohem Grade mißvergnügt über die Entdeckung, daß auch durch dies neue Verhältniß seine Abhängigkeit von Helgestad vermehrt werde. Er hatte im Gegentheil gemeint, damit den Anfang zu machen, seinen eigenen Weg einzuschlagen, und allerlei Plane auf Fandrem's Wohlwollen und Credit gebaut, jetzt war es wieder nur Helgestad's Bürgschaft, die es möglich machte, die harte Hand des Berger Handelsherrn zu öffnen. – Helgestad's Antwort zeigte ihm deutlich genug, wie sein Wohl in dessen Händen liege, und er glaubte in den gierigen Augen des alten Mannes Hohn über seine hülflose Lage zu lesen. Der wüste Balsfjord war nichts ohne Helgestad's Geld. Er kam sich vor wie eine Fliege zwischen den groben Fingern dieses listigen Speculanten, der sie nach Gefallen so lange flattern ließ, bis es ihm Zeit scheine, ein Ende damit zu machen. Dies Mißtrauen bemächtigte sich seiner in so hohem Grade, daß er alle Vorsicht vergaß. – Ich mag Ihre Bürgschaft in diesem Falle nicht annehmen, sagte er gereizt. Die Zahl meiner Verpflichtungen ist ohnehin so groß, daß ich sie nicht vermehren will. Und warum nicht, Johann Marstrand? fragte Helgestad. Weil es mir Pflicht scheint, auf meinen eigenen Füßen zu stehen, war die Antwort. Glaub's wohl, sagte der Kaufmann ruhig, und ist richtig gedacht, wer aber soll in meine Stelle treten? Wen kennt Ihr hier? Diese Frage setzte Marstrand in Verlegenheit. Ich kenne Niemanden hier als Capitain Dahlen, aber er sowohl wie, wenn es Noth thut, andere Leute von Ansehen, die ich nennen kann, würden ihr Wort für mich verpfänden. 193 Fandrem hatte an seinem Pulte sitzend bis jetzt ohne alle Einmischung zugehört, nun aber sprang er von dem Reitbock in die Höhe und schlug mit seiner fetten Hand auf das große Rechenbuch, daß der Staub nach allen Seiten flog. – Wer soll Bürgschaft leisten? schrie er. Der junge Windbeutel aus Bergenhaus? Stolz genug zieht das Hähnchen die Beine, wenn er jeden Tag sauber abgebürstet durch die Straßen läuft und nach allen Dirnen gafft. Macht keinen Scherz, Herr Marstrand. Ich halte Euch für einen ehrbaren jungen Mann, doch nicht einen Heller, nicht einen Deut würde ich Eurem Freund, dem tapfern Capitain, borgen. Und warum nicht, sehr würdiger Herr Fandrem? fragte eine helle Stimme aus dem Hintergründe, und zwischen dem Gebirge der Fäßchen und Kisten zeigte sich Henrik Dahlen's schlanke Gestalt. Einen Augenblick war der Handelsherr sichtlich bestürzt über die unverhoffte Anwesenheit des Offiziers, aber er war der Mann nicht, der den Muth so leicht verlor. Er stellte sich hinter seinen Zahltisch, während Dahlen siegreich vorwärts drang und an die andere Seite dieser Scheidegrenze anlangte. – Ich weiß nicht, Herr, begann er, was Sie bewegen kann, mein Haus und meine Schreibstube aufzusuchen, da es aber geschehen ist, mag's drum sein. Ich kann meine Worte jederzeit wiederholen. Ich habe Sie zur Genüge verstanden, Herr Fandrem, erwiderte der junge Mann stolz lächelnd, und kann mir selbst meine Frage beantworten, denn allerdings liegt es nahe, weshalb ein so achtbarer Handelsherr einem jungen Offizier kein Geld leihen mag. Calculire, sagte Helgestad sein eisernes Gesicht über den Tisch streckend, sind mitten in einer Verhandlung, Fandrem, wo es gut wäre, wenn wir nicht gestört würden. Ist richtig, antwortete der Gildevorsteher. Calculire, erwiderte Dahlen, indem er die Gewohnheit des Kaufmanns vom Lyngenfjord nachahmte und mit dem Finger über die Nase fuhr, daß ich diesen angenehmen Aufenthalt räumen soll? Ja, Herr Offizier, ja, wenn's gefällig ist, rief Fandrem ärgerlich. Ich denke nicht, daß Ihr Besuch mir gilt? Nein, Herr Fandrem, versetzte der Capitain mit einer höflichen Verbeugung, ich wünschte nur diesen verirrten und verlornen Mann 194 aufzusuchen, welcher sich Johann Marstrand nennt und dessen Anwesenheit meinen besondern Antheil erregt. Glaube, Herr Marstrand hat Besseres zu thun, als sich in Geschäften aufhalten zu lassen, sagte Helgestad. Glaube, Herr Marstrand hat keinen Vormund nöthig, wenn er an Ort und Stelle ist, war die Antwort, und mit einem übermüthigen Blick auf das finstere Gesicht des Nordländers, legte Dahlen seine Hand auf den Arm seines Freundes und fuhr zu diesem gewandt fort: Wenn du beschäftigt bist, so höre ein paar Worte. General Münte ruft mich nach Tronthjem zurück. Morgen schon muß ich Bergen verlassen, und da ich heute dich schwerlich noch einmal aufsuchen kann, so lebe wohl, Marstrand, wenn du es nicht vorziehst, mich zu begleiten. Du weißt, daß ich dies weder kann noch will, war die bestimmte Antwort. Dann sei Gott mit dir! sagte der Capitain. Er beschütze dich vor allen Gaunern und Heuchlern, behüte dich vor Schaden und Schande und führe alle Fische des Meeres in deine Netze. Herr Fandrem, ich bin bereit, Ihr Haus zu verlassen und ohne Ihren Wunsch es nie wieder zu betreten. Es ist mir so, antwortete der Gildevorsteher, als würde ich einen so vermessenen Wunsch so bald nicht hegen. Wer weiß, rief der übermüthige junge Offizier, indem er an seinen Degen schlug. Mir ist im Gegentheil zu Sinne, als würden Sie mich einmal an dieser Ihrer rechten Hand hier einführen und mich bitten, Ihres Hauses Ehren zu vermehren. Er streckte seine Rechte nach dem Kaufmanne aus, der voller Abscheu zurückwich und mit einer spottenden Verbeugung erwiderte: Es ist traurig für Bergen, daß es einen so tapferen Kriegsmann verlieren soll, der besser noch, wie Thor, die Riesen und ihren König besiegt haben würde. Aber mein Haus ist schwerer zu erobern, als Jöleua und meine Wünsche sind von der Art, daß eher die sieben Fjellen von Bergen über mich und alles, was mein ist, hinstürzen möchten, ehe ich den Tag erleben wollte, wo diese meine rechte Hand Sie hier mit meinem Willen willkommen hieße. 195 Dennoch wird es geschehen, Herr Fandrem, dennoch muß es geschehen, rief Henrik Dahlen, doch wir wollen nicht darum streiten. Ich muß fort, allein Bergen wird auf keinen Fall einstürzen. Fandrem wischte sich den Schweiß von der Stirn, er zitterte vor Aerger und seine Fäuste ballten sich zusammen, aber er gab keine Antwort. Seit wann ist es Sitte im Lande, fragte Helgestad, daß ein Mann in seinem eigenen Hause sich von Einem verhöhnen läßt, den er nicht darin dulden will? Guter Freund, sagte der Capitain, der eben gehen wollte, wartet ab, bis man Euch frägt, und mischt Euch nicht in Dinge, die mich angehen. Nuh, grinste Helgestad, will gern aus Eurem Weg gehen, junger Herr, hütet Euch nur in mein Fahrwasser zu kommen. Da ich kein Kabeljau, kein Häring und kein Dorsch bin, rief der junge Offizier, auch kein unglücklicher Lappe und ebensowenig ein Königsbrief mir das Vergnügen einer näheren Bekanntschaft mit Euch verschafft, so hoffe ich für alle Zeit davor bewahrt zu bleiben. – Frieden in Ihr Haus, Herr Fandrem, bewahren Sie mir ein gutes Andenken und du, Marstrand, halte deine Augen wach, bis wir uns wiedersehen. Er drückte seines Freundes Hand und dieser fühlte einen kleinen Zettel zwischen seinen Fingern. Zugleich trat Dahlen seinen Rückzug an, warf unbarmherzig mit Fußstößen zur Seite, was ihn hinderte und verschwand mit einem Fluche auf den schändlichen Geruch und mit einem Gelächter über die rollenden und fallenden Fäßchen und Kistchen, die von dem künstlichen Aufbau an der Wand herunterstürzten. Da seht hin, sprach Helgestad verächtlich, das sind die Menschen, die sich besser dünken als wir, durch Namen, Stand und Ehre, wie sie es nennen. Nuh, laßt ihn laufen; wünsche niemals mehr mit ihm Auge in Auge zu stehen, könnte anders enden wie heut. – Dort liegt das Papier, Herr Marstrand, und hier bin ich. Soll meine Bürgschaft gelten, oder meinen Sie ohne mich in Zukunft fertig zu werden? 196 Der Ton war so bestimmt und so drohend ernst, daß kein Zweifel war, Helgestad hatte seinen Entschluß gefaßt. Er wußte aber viel zu gut, daß sein Schützling bedächtig war und nicht anders könnte, als den Widerstand fallen lassen. – Nach einigen Reden und Gegenreden kam es dahin, daß Niels die Bürgschaft unterzeichnete und mit Fandrem im Verein, Marstrand nochmals bewies, daß dies eben so üblich wie recht sei, doch eben nur der Form wegen geschehe, da Niemand zweifle, der neue Kaufmann am Balsfjord werde in Jahresfrist seine Zahlungen decken und dann offenen und unverbürgten Credit haben. Der ganze Tag verging jetzt damit, daß in den großen Magazinen des Berger Handelsherrn die Waaren besichtigt und ausgesucht wurden, welche die schöne Ilda einladen sollte. Helgestad selbst kaufte eine Menge Mehlballen und viele Leinen und Angeln, dabei prüfte und probte er, was für Marstrand bestimmt war, und gab, als ein erfahrener Mann, diesem nützlichen Unterricht in Waarenkenntniß der allerverschiedensten Art. Das Wiegen, Packen, Zusammenschnüren und Aufschreiben, nahm viele Stunden fort und ließ dem jungen Ansiedler, für dessen Rechnung dies Alles geschah, nicht viele Zeit, um an das Letzterlebte zu denken. Seines Freundes auffallendes Benehmen in Fandrem's Hause und dessen harte und höhnende Worte hatten ihm wenig behagt, aber er mußte glauben, daß darin irgend eine geheime Absicht versteckt lag. Der kleine Zettel, den Dahlen zwischen seine Finger geschoben hatte, enthielt ein paar Zeilen, welche seine Neugier noch mehr anregten. »Ich muß dich heut noch sehen,« stand darin, »denn du sollst allerlei erfahren, was dich und mich betrifft. Wenn die beiden alten Burschen ihre volle Ladung haben, was nicht fehlen kann, so steige aus deinem Kammerfenster, du wirst mich im Garten finden.« In Fandrem's Landhause und bei Nacht wollte Dahlen ihn also aufsuchen, und was hatte er ihm zu entdecken? Marstrand grübelte hin und her, ohne eine seiner Vermuthungen festzuhalten. Der Lärm der Geschäfte, das Geschrei der Arbeiter, das Getümmel im Hafen, die geräuschvolle Thätigkeit so vieler Menschen und die fortgesetzte Nähe Helgestad's, welche die Vermuthung erregen konnte, daß er absichtlich seinen Schützling nicht verlasse, um ihn in Aufsicht zu 197 behalten, Alles vereint machte, daß bis zum Schluß des Tagewerkes, Marstrand eifrig seinen Obliegenheiten nachkam. Seine Unverdrossenheit und sein geschicktes Handanlegen wurden dafür von Helgestad viel gerühmt, als endlich Fandrem kam, um seine Gäste abzurufen und mitzunehmen. Sie gingen denselben Weg zu dem artigen Landhause, fanden den Tisch gedeckt und Hannah sie erwartend, geputzt in einem noch schöneren Kleide, aber eben so schweigsam und eben so unbeweglich wie gestern. Fandrem versuchte einige freundliche Worte, doch diese hatten so wenig Wirkung wie Helgestad's Scherze. Das Fräulein nahm nicht den geringsten Antheil, und was sie gezwungen antwortete, war so kurz abstoßend und abwehrend, daß ihr Vater kaum seinen Zorn bemeisterte. Endlich war der Handel wieder Gegenstand der Gespräche; die Flasche ging umher, der Gildevorsteher hatte seine gute Laune wieder bekommen und sagte seinem jungen Freunde allerlei schmeichelhafte Dinge. Ein Mann wie Sie, rief er endlich, wird vorwärts kommen. Arbeit macht das Leben süß; aufgepaßt auf alle Vortheile, heißt es in dieser Welt. Ich werde mein Bestes thun, antwortete Johann, arbeiten will ich fleißig und mein Anfang ist gut, auch glaube ich, daß ich Sinn für den Handel habe und mir zu helfen weiß, wo andere Leute ohne Erfahrung nicht wissen würden, wo sie angreifen sollten. Recht so, rief der Gildemeister. Selbstvertrauen muß ein Mann haben, wenn er Geschäfte machen will. Selbstvertrauen muß jeder Mensch haben, wenn er in schwierigen Lagen nicht untergehen soll, antwortete Marstrand. Aber Vorsicht darf nicht fehlen, fiel der Gildemeister ein. Die goldene Regel jedes Kaufmannes ist, nichts zu unternehmen, wozu seine Kräfte nicht ausreichen. Speculation ist die Seele des Handels, doch wer in's Blaue ohne Mittel speculirt, geräth in Schwindel. – Langsam gehen aber sicher gehen, das ist die Sache. Geh langsam an, kommst oben an, heißt das alte richtige Sprüchwort, das Jeder sich merken muß. Nicht Jeder, Herr Fandrem, denn bei Allem, was ein Mensch unternehmen mag, gibt das Glück den Ausschlag. Speculirt so vorsichtig, wie Ihr wollt, alles wird zu Schaden werden, wenn das 198 Glück Euch verläßt; unternehmt das Gewagteste und es wird gelingen, wenn die große Göttin Glück Euch den Finger reicht. He! und Sie sind solch ein Sonntagskind der Glücksgöttin, wie ich meine? rief Fandrem lachend. Ich habe wenigstens den Muth es sein zu wollen, antwortete der junge Abenteurer. Früh hab ich des Glückes Mißgunst erfahren, warum soll ich nicht glauben, daß es jetzt mir treuer sein wird? Leicht will ich es keinem Widersacher machen, mich auszustechen. Ich will mein Glück festhalten bei jedem Zipfel, und wer das Unglück nicht fürchtet, hat immer die meiste Aussicht auf Erfolg. Wünsche Ihnen alles Gute, rief der Handelsherr, sein Glas erhebend, und daß kein Tag kommen möge, wo Ihr Glücksschiff auf eine blinde Klippe läuft. In dem dicken rothen Gesicht war eine Theilnahme zu bemerken, die sich vermehrte als Marstrand antwortete: In der ganzen Welt, wo Menschen nach einem Ziele ringen, stellt sich Glück gegen Glück. Jeder hat seinen Antheil daran, es frägt sich nur wer das Meiste bekommen hat. Die sich am Stolzesten und Sichersten dünken, ihre Plane am Geheimsten und Künstlichsten machen, werden oft am Leichtesten von Gegnern besiegt, die sie kaum beachten. – Recht muß man thun, Herr Fandrem, das Gewissen muß immer in Ordnung sein und der Kopf nicht allein, sondern auch das Herz an der rechten Stelle sitzen, so kann man es mit jedem Feinde aufnehmen. Es steht in der Bibel geschrieben: Seid klug, wie die Schlangen, doch ohne Falsch, wie die Tauben, und das ist ein richtiger Spruch, der hilft aus vielen Nöthen. Diese letzte Antwort machte einen verschiedenen Eindruck auf die Tischgenossen. Fandrem brummte vor sich hin und trank sein Glas aus, seiner Tochter Gesicht wurde auf einen Augenblick so belebt, wie es noch nie gewesen war, Helgestad aber begegnete den Augen des kühnen Sprechers und Beide suchten zu verstehen, was in ihnen vorging. Nuh, rief der Nordländer dann in seiner bedächtigen, kurzen Art, calculire, daß Jeder thue, was er kann und das Ende den Meister lobt. Recht hat, wer oben schwimmt und was er anfängt auch ausführt. Denke, hat Jeder mit sich selbst abzumachen, was 199 er Gewissen heißt, sagt das Eine dies, das Andere jenes, ist aber Herr Marstrand ein Mann, der seine stolzen Worte wohl noch in mancherlei Sturm und Wetter erproben mag. Dann wird es sich zeigen, ob ich Ihr Lob verdiene. Ob das Glück aushält, sagte Niels, ihn angrinsend. Ich denke, Herr Fandrem, es soll sich bald zeigen, daß ich Helgestad's Lehren wohl verstanden habe, rief Marstrand lebhaft. Ich zweifle nicht daran und achte Sie dafür, antwortete der Gildevorsteher, sein Glas ausstreckend. Wäre der Capitain ein Mann Ihres Schlages, bei Gott! – er schlug mit dem Heft des Messers, das er in der Hand hielt, auf den Tisch – er sollte an meinem Tische sitzen und meinem Hause willkommen sein. Henrik Dahlen ist, soweit ich ihn kenne, ein ehrenhafter und wackerer Mann, sagte Marstrand, der für seinen Freund sprach. Ein dänischer Windbeutel, ein Hans Narr in rothen Hosen, ein Unglück für das Land, das solche Faullenzer ernähren muß, schrie Fandrem heftig. Wollte Gott, fuhr er mit einem Seufzer fort, Norwegen wäre, was es ehemals war, ein freies und selbstständiges Reich, und Bergen wieder eine Stadt, die sich selbst ihre Gesetze machte. Damals stand es besser mit uns als jetzt, wo die Dänen Blutsauger aller Art, Zöllner, Richter, Priester und verdammte Soldaten, uns über den Hals schicken. Die schönen Jungfrauen in Bergen werden milder darüber denken, rief Marstrand belustigt. Was sagt Jungfrau Hannah dazu? Bah! rief ihr Vater ärgerlich, haltet Euch ehrbar, Herr, und fragt keine sittlich erzogene Jungfrau nach solchen Dingen. Bergen ist, dem Himmel sei Dank, kein solches Sodom wie Tronthjem, wo die dänischen Offiziere in die Häuser der besten Familien kommen und Bälle sammt andern sündigen Lustbarkeiten die Jugend verderben. Wird dann in Bergen nicht getanzt? fragte Marstrand. Wir leben in einer ehrbaren Stadt, antwortete Hannah, wo man nichts von dergleichen Possen weiß. Hier hören wir glücklicherweise nur von Stockfischen und Häringen und statt der Musik die Töne der Winden an den Packhäusern, und den Gesang unserer theuren Freunde, der Nordländer, deren Gesellschaft uns so wohl thut. 200 Unser schuldloses Vergnügen besteht darin, zur Sommerzeit hier oben in freier Luft und im Winter auf der deutschen Brücke am warmen Ofen zu sitzen. Zweihundert Tage im Jahre regnet es regelmäßig in Bergen, wenn es nicht zur Abwechslung schneit, so nehmen wir denn jeden Sonnenstrahl wahr und freuen uns über Gottes gute Gaben, zu denen man freilich am wenigsten die dänischen Soldaten rechnen darf. Obwohl das Fräulein mit der ernsthaftesten Miene sprach, war Marstrand doch überzeugt, daß sie sich wirklich zu einer Spötterei herabließ, die er ihr nicht zutraute; ihr Vater schien jedoch von der Schilderung sehr erbaut zu sein. – Hast Recht, Mädchen, rief er, leben still und gottesfürchtig unser bescheidenes Leben, ohne Spektakel und Aufsehen zu machen. Nicht einmal die Familien kommen zusammen, fuhr er mit freudiger Genugthuung fort, ist eine Seltenheit, wenn sie sich besuchen, um eine Schüssel frischen Sey oder Syld zu verzehren. Echt bergisch Blut, sagte Hannah, läßt die Linke nicht wissen was die Rechte thut. Prächtig, Mädchen, prächtig! fiel Fandrem ein. So ist unser Wesen, sind uns selbst genug in unserer eigenen Gesellschaft. Es geht doch nichts über die richtige Erziehung, Herr, schrie er mit einem Liebesblick auf seine Tochter. Füllt Euer Glas und helft Euch zum besten Rippenstück. Wir trinken mit unsern Gästen gern so lange sie wollen, aber wir laden eher den Satan ein, als einen dänischen Rothrock. Nuh, sprach Helgestad, sehe in Bergen denselben Widerwillen gegen die Rothröcke, den wir im Norden gegen Finnen und Lappen haben, die in unsere Häuser dringen und sich uns angenehm machen wollen. Es ist schlimmer, Niels, es ist schlimmer! sagte Fandrem, dem der Wein in den Kopf stieg. Ein Lappe ist ein garstiges Thier, aber er ist doch ein nützliches Wesen, das arbeiten kann, sogar im Stande ist, Handel und Geschäfte zu treiben, Geld zu sammeln, seine Zeit Gott wohlgefällig zu verwenden, und das seinem Mitmenschen nichts kostet, vielmehr diesem Gelegenheit zu Gewinn und Vortheil gibt. Was aber hat ein Soldat jemals der menschlichen Gesellschaft 201 Nutzen gebracht? Sind die Drohnen im Bienenkorbe, Niels, und müßten wie diese behandelt werden. Freilich hängen die Weiber ihre Herzen gern an bunte Troddeln, Quasten und anderen Firlefranz, aber wenn ich meinen Schwiegersohn wählen sollte zwischen einem Lappen und einem Rothrock, verdammt will ich sein, wenn ich dem Lappen nicht den Vorzug gäbe! Gelächter und neuer Streit folgte diesen hitzigen Aeußerungen und ganz so wie am vorigen Abend wurden die Gläser so lange gefüllt und geleert, bis Fandrem sich in's Bett bringen ließ und Helgestad in seine Kammer wankte. Heute schien er sein vollgemessenes Maß empfangen zu haben. Ohne sich um seinen Gefährten zu kümmern, der unter allerlei Mühen ihm endlich auf sein Lager half, sank er in die Kissen und befand sich im nächsten Augenblick schon in tiefem Schlaf oder in Bewußtlosigkeit. Nach einiger Zeit löschte Marstrand das Licht aus und öffnete das Fenster. Im Hause war Alles still, hinter sich hörte er die langen festen Athemzüge des Schlafenden, unter den Bäumen war es dunkel, aber der Himmel hing voll unzähliger Gestirne, die ein dämmerndes Licht verbreiteten. Nach langem Bedenken, Horchen und Umherschauen stieg Marstrand in den Garten und ging mit leisen Schritten vorsichtig bis an den breiten äußern Gang. Eine Gestalt lehnte dort an derselben Stelle, wo Hannah den Stein an der steilen Felswand hinabwarf und kam ihm entgegen, als er unter den Bäumen hervortrat. Beim ersten Wort überzeugte sich Marstrand, daß es sein Freund sei. Der Capitain war in einen Mantel gehüllt, sein Degen klirrte. Marstrand bemerkte, daß er ihn entblößt in der Hand hielt. Wie? fragte er, du bist mit blankem Stahl bewaffnet? Eine nöthige Vorsicht, antwortete Dahlen, das Schwert in die Scheide steckend. Man würde hier zu Lande wenige Umstände mit mir machen, wenn man mich zur Nachtzeit hier allein fände. Ein rascher Stoß würfe mich über diese Mauerbrüstung und wenn ich morgen zwischen den Felsen, achtzig oder hundert Fuß tiefer gefunden würde, legte man mich ohne vieles Bedauern in mein Grab. Und wem traust du solche Schandthat zu? fragte Marstrand. Aufrichtig, diese wie jede andere Schandthat, wenn sie etwas 202 einbringt, dem dickköpfigen, spitzbübischen Schuft, der dich hierher gebracht hat. Und was brächte es ihm ein, wenn er dich aus der Welt schaffte? Ich will es dir sagen. Dich läßt er vorläufig am Leben, weil es ihm Vortheil verspricht, mich möchte er an irgend einem fußlangen Angelhaken den Haien vorwerfen, weil meine Taschen leer sind, sein Säckel aber sie mir füllen soll. Ich verstehe dich nicht, Henrik, sagte Marstrand. Warte noch einen Augenblick, so wird es dir klar werden. Ich halte den alten grimmigen Burschen für einen Galgenstrick der ärgsten Sorte, für eine richtigen Abkömmling jener Kinder der Nacht, die nichts sannen und nichts dachten, als Verderben der Menschen. Er hat dich hierher geschleppt, erstens, um dir mit Fandrem's Hülfe deine Fische um einen möglichst billigen Preis abzuschwatzen, um dann gemeinsam den Gewinn zu theilen. Das hast du den beiden Ehrenmännern vereitelt, dann aber hat er dich in Fandrem's Rechenbuch geliefert und dafür Bürgschaft geleistet, das heißt soviel wie Fandrem hat es ihm geborgt und er kann dafür alle Tage zu dir sagen, scheer dich aus deinem Kram, der nicht dir, sondern mir gehört. Unsinn! murmelte Marstrand. Sollte das wirklich seine Absicht sein? Der Satan hole den alten Höllenbrand, rief Dahlen lauter, dennoch aber wollte ich, er würfe dich morgen hinaus, damit deine Tollheit ein Ende nähme, als ein freier Mann unter Gaunern und Polarbären zu leben. Und wer hat dir dies Alles berichtet? Ich könnte dir sagen, mein Daumen, oder ein Kobold, oder die schöne Göttin Ena, die auf Sonnenstrahlen fliegt und alles Geheime aufdeckt, oder ich hätte es geträumt, – aber hier fängt meine eigene Geschichte an. Was ich weiß, Johann, weiß ich von einem Wesen, das lebhaften Antheil an dir nimmt und mit seinen eigenen Ohren gestern es hörte, wie dein großmüthiger Beschützer schwor, er wolle bald mit dir fertig sein, obwohl Niemand deine Gaben verachten könnte. Aber ein Junker aus Kopenhagen sei ein Aufpasser mehr in den Finnmarken, der in seines Herzens Grund ein vornehmer 203 Herr mit allerlei Träumereien im Kopfe von Ehre, Recht und Gerechtigkeit, und stecktest schon jetzt deine Nase in Dinge, die dich nichts angingen. Gibt es einen Kerl, der Paulsen oder Petersen heißt? Es gibt so einen, antwortete Marstrand. Das ist sein Helfershelfer, mit ihm will er dich hetzen. Suche ihnen zu entgehen, Johann, laß dich von diesem Gesindel nicht wie einen Seehund behandeln, dem bei lebendigem Leibe das Fell abgezogen wird. Wende dich an den Gouverneur, im Nothfall nach Kopenhagen; bin ich erst in Tronthjem, will ich dir getreulich beistehen. Und wer ist das Wesen, dem mein Schicksal so vielen Antheil einflößt? Das ist eine Frage, die grade auf den Kern losgeht, erwiderte Dahlen, doch ich will sie dir einfach beantworten. Hannah heißt die Quelle, aus welcher ich schöpfe. Fandrem's Tochter! Ich habe es geahnt. Damit weißt du Alles, fuhr der Capitain fort. Seit drei Monaten kenne ich sie, seit drei Wochen, wo sie hier oben wohnt, schleiche ich allnächtlich unter diesen Bäumen umher. Allem Vermuthen nach nicht allein. Ich habe niemals die Einsamkeit geliebt, sagte Dahlen lachend, und glücklicherweise hat Fandrem die gute bergensche Sitte, früh schlafen zu gehen, und nach wackerem Essen auch den Nachttrunk nicht zu vergessen. Er ahnt nichts von deiner Liebesnoth? Er weiß Alles, aber er will nichts wissen. Ich habe vergebens Versuche gemacht, mich ihm zu nähern. In Bergen ist es unerhört, daß ein Soldat, ein Däne, ein Edelmann, der nichts hat als seinen Rock und sein Wappen, in das Haus eines dieser Könige der deutschen Brücke aufgenommen würde. Vergebens hat Hannah Worte zu meinen Gunsten fallen lassen; es hat zu nichts genützt, als um so eifriger mir jede Gelegenheit abzuschneiden, sie zu sehen. Und nun? Nun kommt dies finnländische Meerschwein, um Hannah in seine Höhlen zu schleppen, als Leckerbissen für einen Tölpel, der 204 langzöpfige Fischerdirnen in bunten Friesröcken und Lederjacken für die ersten Schönheiten der Welt erklärt. Du bist ungerecht, antwortete Marstrand, Björnarne ist anders, wie du denkst. Was ungerecht? – was kümmert es mich! Ich weiß allein, daß ein Juwel wie dieser nicht an die Hand und in das Balkenhaus eines halbwilden Krämers gehört. Er soll sie nicht haben und sollte ich Leib und Leben daran setzen. Sie waren inzwischen an der Mauer langsam auf und nieder gegangen und hatten ihr Gespräch mit gedämpfter Stimme geführt. Nur die letzten Worte stieß Dahlen laut und mit Heftigkeit hervor. Marstrand legte die Hand auf seinen Arm und blickte forschend in das Gebüsch. – Still, flüsterte er, hörtest du nichts? Nichts, antwortete der Andere. Sei unbesorgt, es hört uns Niemand, von dem wir zu fürchten hätten. Hannah muß mein sein, ich lasse sie nicht. Weißt du auch, fragte Marstrand, daß dem Entführer nach den Landesgesetzen Todesstrafe droht? Man hängt nur die man hat, antwortete der Capitain. Entführen will ich meinen Schatz auch nicht, ich will sie ihrem Entführer entreißen. Es würde ein Höllenlärm in Bergen entstehen, wenn der hochmüthige Gildevorsteher eines Morgens sein Nest leer fände, und wenn sie mich wiederfingen, würden sie ihr altes Gesetzbuch aus Christian des Vierten Zeiten aufschlagen und Gott weiß was sie an mir vollbrächten, ehe mir Hülfe würde. Solches Vergnügen will ich diesen schmutzigen Burschen nicht bereiten. Fein säuberlich will ich verfahren, Sitte und Ruf sollen nicht von mir befleckt werden. Ein Regierungslugger wird mich nach Tronthjem bringen; morgen früh nimmt er mich an Bord und schwimmt den Fjord hinab. Sollte es nicht möglich sein, daß mitten in der Nacht mein kleines flinkes Schiff dicht vor oder hinter dem unförmigen Kasten erscheint, den man eine Yacht nennt, und wenn ein Boot sich still an dessen Seite legt, sollte nicht unbemerkt eine Gefangene befreit werden können, besonders wenn ein Freund dabei ein wenig mithilft? Ist das dein Plan? 205 Bei Gott! rief Dahlen, ich weiß keinen anderen, er ist nicht schwer auszuführen. Habe ich Hannah am Bord und bin ich mit ihr in Tronthjem, so bin ich sicher. General Münte wird uns schützen und geschehene Dinge sind nicht zu ändern. Fandrem wird sich in das Unveränderliche finden und dieser alte Höllenbrand, Helgestad, mag vor der Hand glauben, sein Opfer sei über Bord gesprungen, um sich seinen mörderischen Händen zu entziehen. Ich rechne auf dich, Marstrand, du kannst zum Gelingen beitragen. Du rechnest falsch, ich kann nichts dabei thun. Wie? fragte der Capitain, ich hätte mich getäuscht? Sage dir selbst, ob ich dein Helfer bei solcher That sein kann? Um eine Dame zu befreien, die lieber den Tod wünschen würde, als ein elendes hoffnungsloses Leben, um deinen Freund glücklich zu sehen, um einen habsüchtigen Gauner zu täuschen, der für seinen Erben Hannah's Geld haben will, das er mit derselben Gleichgültigkeit einstreicht, als verhandelte er eine Ladung Stockfische – um alles das könntest du uns deinen Beistand versagen? Ist denn dies eitle stolze Mädchen im Stande dich zu beglücken? antwortete Marstrand. Ist es nicht eine Puppe, der es bald leid werden wird, dein Schicksal, wie es kommen mag, zu theilen? Halt, rief Hendrik, jetzt frevelst du! und plötzlich wandte er sich gegen das dunkle Gebüsch und fuhr lachend fort: Tritt hervor, süße Hannah, beweise ihm, daß er dich schmäht ohne dich zu kennen. – Da ist sie, sie hat Alles gehört, aber sie vergibt dir im Voraus deine Sünden, und wie wäre es möglich, daß du nicht bereuen solltest! Bestürzt sah der Junker, wie nahe ihm das Fräulein gewesen war, als er sein Urtheil über sie fällte, aber seine Verwirrung vermehrte sich, als sie in fröhlichster Weise darüber scherzte. – Ich habe nichts zu vergeben, sagte sie, denn wie hätte Herr Marstrand ein anderes Urtheil fällen können, da ich dies durch mein Betragen reichlich verdiente. Es schien mir jedoch das einzige Mittel, mich vor dem Lyngenfjord zu bewahren, wenn ich meinem fürchterlichen Schwiegervater zu beweisen suchte, daß ich nicht dafür paßte. Ich bin früh mutterlos geworden, Herr Marstrand, bin in Kopenhagen in einem Erziehungshause gewesen, habe dann in Hamburg gelebt 206 und soll nun nach einem Familienabkommen, das ich verabscheue, mein Leben in einer Einöde beschließen. Ich will nicht! rief sie, sich an ihren Geliebten lehnend, ich mag mich nicht verhandeln lassen. Seit meiner Kindheit denke ich mit Grauen an diesen Helgestad, der mir schon damals oft mit der Ehre drohte, welche er mir jetzt anthun will. Mein Vater ist gutherzig, er liebt mich, er wird mir verzeihen, allein nichts in der Welt würde ihn bestimmen können, einen dänischen Offizier zu seinem Schwiegersohn zu machen, so lange er es ändern kann. Alle meine Bitten sind vergebens gewesen. Die Gerüchte, welche in Bergen über mich und Henrik umlaufen, haben seinen Stolz empört, ich habe harte Auftritte erlebt. Jetzt hat er den Antrag Helgestad's mit Freuden ergriffen, um mich bis an's Ende der Welt zu schaffen, und lieber mag ich untergehen, wenn er sich dafür von dem errettet, was er Schmach und Schande nennt. – Sie schwieg einen Augenblick und sagte dann im sanfteren Tone: Seit dieser Zeit habe ich meinen Frohsinn verloren, doch meine Hoffnungen nicht aufgegeben. Vereinsamt, wie ich bin, habe ich geduldig erfüllt, was ich soll, ein freudiges Gesicht konnte ich dem Vater nicht mehr zeigen, der unväterlich mich von sich stieß und dessen Zorn ausbrach, sobald er Henrik's Namen hörte. Dennoch haben wir uns oft und heimlich gesehen. Gott verzeihe mir die Sünde! wenn es eine ist, aber hat der Himmel Eltern solche Gewalt verliehen? Sind Kinder so ganz ihre Geschöpfe, um Leib und Seele wie Sklaven hinzuwerfen? Die Gesetze sagen es, die heiligen Gebote drohen den Ungehorsamen mit Fluch und ewigem Verderben, die Sitte fordert demüthige Unterwerfung und verachtet die Uebertreter – ich glaube es nicht, ich kann es nicht glauben, daß meine Liebe ein Verbrechen ist. – Wie könnte sie das sein? Wo ist der Makel, der ihn trifft? Wo ist die Schande, die seine Nähe bringt? Wer weiß Böses von ihm zu sagen? Und das ist unsere Geschichte, Herr Marstrand; unzählige Male ist sie vorgekommen und hat mit Kummer und Unglück geendet. – Was sagten Sie heut an meines Vaters Tische? Sie sagten, der großen Glücksgöttin müsse man vertrauen, sein Glück vertheidigen gegen Arglist und Falschheit. Mein Herz habe ich verloren, aber mein Kopf ist erfüllt von dem Gedanken da zu sein, wo mein Herz ist, und den nimmer zu lassen, der es mir genommen hat. 207 Nun Freund, sagte Dahlen, kannst du noch zögern, uns beizustehen? Nein, erwiderte Marstrand, ich will helfen, wo ich es vermag; aber gibt es keinen anderen Weg, als den gefährlichen und zweifelhaften, den du gehen willst? Es gibt keinen anderen, der weniger gefährlich wäre. Meine Maßregeln sind gut getroffen. Vor allen Strafen ihrer verdammten Gesetze bin ich geschützt. Verfolgung ist nicht möglich, und den Spaß habe ich umsonst, den alten Taugenichts Helgestad geprellt zu haben, wo er es am wenigsten erwartete. Sie gingen auf und ab und besprachen, was geschehen sollte. In drei Tagen konnte die Yacht auslaufen, am Ausgang des Fjord sollte der Lugger sie erwarten. Zeichen wurden verabredet zur Verständigung, die Begünstigung der Flucht übernahm Marstrand, aber er forderte dafür, daß Hannah nochmals vorher alle Mittel versuche, um ihres Vaters Sinn zu ändern. Es wird vergebens sein, antwortete sie, allein ich will nichts sparen, um mich selbst zu überzeugen, daß mir keine andere Wahl bleibt. Ein falber Dämmerschein hing an den Spitzen der höchsten Berge, als Marstrand die Liebenden verlassen wollte. Nimm sie mit dir, sagte Dahlen, ich bleibe sonst bis der Himmel verrätherisch Bergen erzählt, was hier geschah. Sei ihr Schutz, Marstrand, und wo es auch sein mag, ich will dafür dein treuer Genosse sein. Er legte beide Hände um Hannah's Kopf, suchte ihre Züge zu erkennen und zog sie dann an sein Herz. Es schlägt für dich bis auf den letzten Schlag, sagte er. Glaubst du fest daran? In Ewigkeit, mein Henrik, flüsterte sie. Dann lebe wohl und sei bereit. Vertraue meiner Liebe und dem Glück! Mit raschen Schritten eilte er an der Mauer hin und auf dem jähen Pfade, der am Bergabsatz niederführte, war er schnell verschwunden. Lebe wohl! rief Hannah ihm nach, und sie horchte bis er unten in seine Hände schlug. – Er ist fort, sagte sie dann, er ist schnell und klug, ich habe keine Furcht. Gestern lag er dort unter den 208 Büschen und erwartete den Stein, an welchen ich mein Briefchen gebunden hatte. Sie kamen dazu, und ich wußte nicht, wie ich mich der unbequemen Gesellschaft entledigen sollte, bis ich es für das Beste hielt, ohne Antwort fortzugehen. Werde ich künftig willkommener sein? Meines Freundes Freund ist auch mein Freund, erwiderte sie, wenn gleich das eitle Püppchen vor der Hand bleibt wie sie war. – Wir spielen Komödie, Herr Marstrand, und dürfen keine schlechte Schauspieler sein, wenn der Schluß die Zuhörer befriedigen soll. Morgen Abend, wenn wir hier uns wiederfinden, können wir uns geben, wie wir sind. Sie trennten sich und nach einiger Zeit näherte sich Marstrand dem Fenster, aus welchem er gestiegen war. Helgestad schnarchte ihm laut entgegen; vorsichtig schlich er an dessen Lager vorüber und erreichte seine Kammer. 10. In den nächsten Tagen wurde die schöne Ilda beladen, wie es sich gehörte, alle Vorräthe in den ungeheuren Bauch gepackt, und endlich am Mast eine Anzahl Eisenbarren aufgeschichtet, die Helgestad gekauft hatte. Der Gildevorsteher war besonders froh gestimmt. Er theilte Marstrand heimlich mit, daß der dänische Windbeutel wirklich die Stadt verlassen habe, und wünschte ihm mit einem derben Fluche glückliche Reise. Am folgenden Abend gaben die Kaufleute den anwesenden Gaardherren und Capitainen einen Schmaus in dem alten Thurmsale, wo einst Christian der Zweite, dieser grausame Feind des Adels, der ihn dafür den Tyrannen nannte und im Kerker vermodern ließ, zuerst die schöne Dyveke gesehen und mit ihr getanzt hatte. Diesmal wurde aber nicht getanzt. Die Damen von Bergen hielten sich von diesem Feste fern, dafür wurde aber ungeheuer viel gegessen und bis in die Nacht hinein gezecht. Fandrem bediente seine Gäste mit solchem Eifer, daß er vor Mitternacht schon von Marstrand sich nach Haus begleiten ließ, der froh dem 209 wüsten Gelage zu entkommen, für seine Enthaltsamkeit Spott und Gelächter erndtete. Helgestad kam erst, als der Morgen tagte, aber eine so unverwüstliche Lebenskraft lag in seinen festen Sehnen und Adern, daß er nach einer Stunde Schlaf schon wieder an seinen Geschäften war und nicht eher aufhörte, bis seine Yacht fix und fertig auf der Mitte des Hafens lag, alle Kabel gerollt, alle Segel in Ordnung, das ganze Fahrzeug bereit, zu jeder Stunde mit der Ebbe den Fjord hinab zu laufen. Den Tag über hatten mancherlei Leute am Bord gearbeitet, Boote hatten Lebensmittel und Geräthe gebracht und endlich führte der alte Speculant Marstrand in die Kajüte und zeigte ihm deren neue Einrichtungen. Er hatte ein besonderes Kabinet darin erbauen lassen mit allen Bequemlichkeiten ausgestattet, die damals zu haben waren. Ein Bett mit Vorhängen war in der Wand angebracht; ein Spiegel und ein Tisch, ein Teppich und ein artiger Schrank sammt mehreren weichen Lehnsesseln bildeten einen ungewöhnlichen Schmuck der schönen Ilda. Das rohe Holz war überall mit farbigem Baumwollengewebe behängt, selbst mancherlei Blumen und Zierrath hatte Helgestad nicht vergessen. Nuh, sagte er, vergnügt mit dem Finger über seine Nase fahrend, soll Niemand sagen, daß es einem Nordländer an Geschmack fehlt. Will der stolzen Jungfrau zeigen, daß wir Leute sind, mit denen sich leben läßt, und wenn es ihrem Herzen wohlthut, soll Björnarne an seinem Hochzeitstage zeisiggrüne Hosen anziehen und einen rothen Rock mit Litzen, wie ein Junker am Hofe. Er lachte auf, als er aber sah, daß sein Zögling nicht einstimmte, nahm er einen ernsteren Ton an und ersuchte Marstrand, heut' am letzten Tage seine Gedanken für sich zu behalten und ein frohes Gesicht zu machen. – Weiß es wohl, sprach er, daß Fandrem's Tochter Euch nicht gefällt und müßt' lügen, wenn ich besonderes Behagen an ihr hätte; habe jedoch die Sache nochmals nach allen Seiten überlegt und weiß gewiß, daß, was ich thue, recht gethan ist. Ich will es wünschen, erwiderte Marstrand, aber – Bleibt mir mit allem Aber fort, rief Helgestad, ihn unterbrechend, kenne die Weiber besser. Ihr seid ein feiner Herr mit 210 weißen Händen gewesen und habt in kurzer Zeit Lust an dem wunderbaren Leben in Klippen und Fjorden gewonnen, sie ist mit ihrem Blut daran gekettet. Macht Euch an sie, erzählt ihr davon und seht zu, ob sie es nicht gern hört. Ihr habt die ganze Reise über Zeit, Euch angenehm zu machen, wie es junge Herren gern thun. Möchte ungern, daß die Leute sagen, gezwungen hätte sie mein Haus betreten. Nun kommt, um zum letztenmale Fandrem's Brod zu essen und seinen Wein zu trinken. Dazu war alle Aussicht vorhanden, denn als sie das Landhaus erreichten, hatte der Gildevorsteher den Tisch schon mit reichen Vorräthen besetzt und er selbst saß davor, doch keineswegs als ein überglücklicher Wirth mit lachendem Gesichts er schien vielmehr in tiefen Gedanken zu sein und aufzuschrecken, als er Helgestad's Stimme hörte. An der anderen Seite saß seine Tochter und zwischen Beiden lag ein Brief, den Hannah aufnahm und damit in's Haus ging. Nuh, rief Helgestad, als er vor seinem Verwandten stand, Alles fertig zum Auslaufen, Uve, denke in der ersten Frühe meinen Anker aufzuheben. Warum geht Hannah davon? Sie wird wiederkommen, sagte Fandrem. Wir haben Briefe von meinem Sohn, in drei Monaten spätestens wird er bei uns sein. Calculire, antwortete der Nordländer, willst ihn künftig hier behalten? Denke, bin alt genug dazu, um Hülfe zu verlangen, murmelte der Handelsherr. Er hat Sehnsucht nach seiner Schwester, schreibt ihr so zärtlich, wie ein Liebhaber, und macht mir allerhand Vorstellungen, sie gut zu halten und abzuwarten, bis er im Hause sei. Marstrand hatte sich entfernt, die beiden Alten waren allein. Helgestad nahm seinen Glanzhut ab, wischte den Schweiß von seiner faltigen Stirn und kreuzte die Beine, während seine scharfen Blicke den Gildevorsteher musterten. Nuh, sprach er dann mit dem Kopf nickend, denke, habe Alles begriffen und kann ein offenes Wort mit dir reden. Glaubst, Uve, daß ich nicht wüßte, was die Leute in Bergen sich in die Ohren flüstern? Habe davon gehört und weiß mehr noch, ist aber meine Sache nicht, mich um Dinge zu kümmern, die besser verschwiegen bleiben. 211 Was sagen die Leute in Bergen? Was wissen sie? rief der gereizte Mann. Mag es nicht wiederholen, antwortete Helgestad ruhig, mag meine Hände nicht in Theer tauchen, wenn ich es lassen, kann. Ist aber ein Factum, Uve. Hannah muß fort, wenn Rede und Gelächter aufhören sollen. Der kleine dicke Kaufmann stieß einen schweren Seufzer aus, ohne eine andere Antwort zu geben. Merke nun aus deinen Worten, sprach Helgestad, daß Hannah sich an ihren Bruder gewandt hat und sehe deinem Gesicht an, der junge Herr hat ihr Recht gegeben. Ist eine üble Sache mit Kindern, Uve, die unter fremdem Volke vergessen lernen, was sich schickt. Wächst ein anderes Geschlecht jetzt herauf in der Welt, ist nicht mehr so wie zur Zeit, wo wir jung waren. Will das Ei klüger sein wie die Henne, kommt aber darauf an, ob ein Vater zu denen gehört, die ihr Haus in Ordnung halten und ihre Kinder Zucht und Sitte lehren. Hast Recht, hast Recht! murmelte Fandrem. Sollst wissen, fuhr Helgestad fort, indem er sich zu ihm beugte, daß Ilda wohl auch einen andern Mann lieben möchte, als den ich ihr bestimmt habe. Fandrem wandte sich suchend nach Marstrand um, der in Begleitung Hannah's durch den Garten ging und blickte dann seinen Verwandten an, der ihm leise zunickte und seine grellen Augen listig zusammenkniff. Habe meine Gedanken darüber gehabt, fuhr Helgestad fort, ist aber nie ein Wort über ihre Lippen gekommen und wird nie eines aus ihrem Herzen dringen. Was ich will, weiß sie, ist ein gesegneter Verstand in dem Kinde. Was bestimmt ist, findet sie bereit, habe nun die Brautringe hier in meiner Tasche, Uve, wenn ich an den Lyngenfjord heim bin, soll's keine vier Tage dauern, bis Ilda ihn an Paul Petersen's Finger steckt. Muß so sein, wo des Vaters Segen kommen soll, sagte der Gildevorsteher salbungsvoll. Hast Alles in deinen Händen, sprach Helgestad und magst thun, wie es dir Recht dünkt. Alte Freundschaft und Blutsbande, altes Versprechen sammt neuem Handschlag und Gelöbniß stehen rechts, deiner Kinder Willen links, mußt wählen zwischen beiden. 212 Denke, du kennst mich, antwortete Fandrem; habe mein Wort noch nie gebrochen. Dann thu' wie ein Mann, sagte Helgestad. Hör' nicht mehr auf Winseln und Stöhnen wie ein Weib. Rufe sie her, will ihr sagen, was geschehen soll. Fandrem schlug in die Hände und Hannah verließ ihren Begleiter, der ihr langsam folgte. Tritt hierher, Mädchen! begann Niels, seine grobe Hand nach ihr ausstreckend, ist eine ernsthafte Sache zwischen uns. – Er eröffnete ihr mit dürren Worten, daß er um zehn Uhr an Bord gehen, und daß sie ihn begleiten müsse. Alles sei zu ihrem Empfang bereit und ehe der Tag dämmere, würde die Yacht den Signalthurm hinter sich lassen. Einen Augenblick schien Hannah's Gesicht bleicher zu werden. Sie blickte ihren Vater an, der ihr zuwinkte und gewaltsam freundlich lachte. – Ist nothwendig und unerläßlich, Hannah, sagte er. Mußt deinem Bräutigam entgegen und kommst blühend zurück, wie eine Rose. – Haha! wie eine Rose; Niels. Fordere sie von dir zurück, wie eine Rose. Behüt dich Gott, Hannah, behüt dich Gott! Ist abgemacht, fest abgemacht. Es hilft also nichts, Vater? fragte sie. Es hilft nichts, Hannah, Alles zu deinem Glücke, Kind, Alles zu deinem wahren Glücke. Und meines Bruders Bitten, meine Bitten, Vater, fuhr sie fort, ihre Hände aufhebend. Es hilft nichts, Hannah! schrie Fandrem an seine Perrücke fassend. Hoffe, du wirst deines Vaters Willen ehren, wirst wissen, was sich für dich schickt. Ja, Vater, das weiß ich, antwortete sie ruhig. Ich weiß, daß es vergebens sein würde, mich zu sträuben, und bin zu jeder Stunde bereit. Ist eine Folge der guten Erziehung, grinste Helgestad. Hast deinen richtigen Verstand von Gott bekommen, pack also deine Schätze zusammen, Hannah, und fürchte dich nicht. – Will dich behüten, Mädchen, wie mein eignes Leben; bringe sie dir zurück, Uve, wie eine Rose, frisch und roth; soll kein Wurm ihr nahen, will ihn 213 zertreten. Wollen eine Reise machen, Hannah, an die du all dein Lebtag denken sollst. Feines Wetter und feiner Wind, ein feines Schiff und ein fein Kämmerchen darin; dazu auch ein feiner Herr, der geschworen hat, zu deinen Diensten zu sein, wie einer edlen Dame Kammerjunker. So schlage ein, Hannah, und laß uns die letzten Stunden froh genießen. Froh genießen! schrie der Gildemeister. Froh und glücklich für alle Zeit! Das hoffe ich, Vater, ja das hoffe ich, Vetter Helgestad, antwortete Hannah. Hoffe, unser Wiedersehen soll froher sein als der Abschied. Da Fandrem sah, daß seine Tochter weniger Umstände machte, als er erwartete, ging sein Herz in Freude auf. Er zog sie in seine Arme, küßte sie, und sagte ihr allerlei Versprechungen und Tröstungen in's Ohr. – Es kommt mir hart genug an, sprach er dann wieder laut, dich von mir zu lassen, aber es muß so geschehen, und nun setze dich hier an meine Seite, Hannah, Alles soll vergeben und vergessen sein. Kommst mit Björnarne zurück und feiern deine Hochzeit hier. Gott soll mir die ewige Seligkeit versagen, wenn es nicht eine Hochzeit wird, wie sie niemals in Bergen gesehen wurde! Sollen Kinder und Kindeskinder davon erzählen, wie Uve Fandrem's Tochter unter Krone ging und wie er seine Gäste bewirthete, den Armen gab und Hospital und Kirche bedachte. Was er zu thun gelobte und was geschehen sollte, gab Stoff zu vielen andern Ausrufungen und Betheuerungen. Inzwischen wurde ein langes Mahl gehalten, der Wein nicht gespart und unter Scherz und Lachen die letzten Abreden genommen. – Jungfrau Hannah hatte ihre Koffer im Voraus fast fertig gepackt, was Helgestad mit vieler Befriedigung bemerkte, und ihr noch ein Hochzeitskleid versprach, so schön und so theuer es irgendwo in der Welt aufzufinden sei. – Endlich kamen ein paar Nordländer von der Besatzung der Yacht, die Helgestad herauf bestellt hatte, und trugen die Reisekasten in's Schiff, zuletzt aber, als es ganz dunkel war, setzte der Kaufmann vom Lyngenfjord seinen Glanzhut auf den Kopf, und tippte Hannah auf die Schulter. 214 Nuh, sagte er, nimmt Alles in dieser Welt ein Ende und das ist das Beste daran. Komm denn, Mädchen, nimm dein Mäntelchen und gib dem Alten da die Hand. Sag' kein Wort weiter, gib ihm einen Kuß und deine gute Nacht, wie du immer thust. Bist in wenigen Monden wieder hier; thust dann, als kämst du von einer Lustfahrt in's Haus zurück. Ist auch eine Lustfahrt, ist eine Brautfahrt, laßt es eine lustige Fahrt sein, schrie Fandrem. Alle Jahre muß ich dich haben. Kommst mit der ersten Reise zu deinem alten Vater, und bleibst bei ihm, bis Björnarne dich im Hochsommer wieder abholt. Das Alles schreiben wir in die Heirathspakten, Hannah, und jetzt geh, mein Kind, ich muß mich trösten wie ich kann. Wenn ich dich wiedersehe, wird er, der dich liebt, hier bei dir stehen, und will Euch Beide in meine Arme nehmen und so lange festhalten, wie ich kann. Und deinen Segen für mich und ihn, flüsterte die Tochter, ihren Kopf an seine Brust legend. Nimm ihn, Kind, nimm ihn auf allen deinen Wegen, antwortete Fandrem, seine Hände auf ihre Brust legend. Helgestad unterbrach diesen Abschied, indem er Hannah zurückzog und Fandrem's Finger zwischen den seinen quetschte. Gute Nacht, Uve, sagte er. Leg' dich auf's Ohr, hast für heute genug, mußt morgen deinen Wein allein trinken. Grüß mir alle am Lyngenfjord, schrie der Kaufmann, in seinen Sitz zurückfallend, und eile dich mit den Fischen, Niels. Je schneller sie hier sind, je besser, erste Preise, beste Preise. Laß gut sortiren beim Abnehmen. Vierzig Zoll Rundfisch – hoffe sind gespalten. Glückliche Fahrt, Herr Marstrand. Bringt den Balsfjord zu Ehren, und seht zu, daß Euch kein Schaden geschieht. Leuchte ihnen, Lars, bis an den Thurm. Sind oben schon? Um so besser. Er streckte sich im Stuhl aus, deckte die Hände auf seinen runden Bauch und lachte still vor sich hin; dann füllte er sein großes Glas ein-, zwei- und dreimal und trank es aus, Schluck für Schluck, das Glas gegen das Licht gekehrt, schmunzelnd und pustend und die goldige Farbe des Weins mit seinen klaren pfiffigen Augen beschauend, die immer runder und schwimmender wurden. – Es muß so sein, murmelte er, das Mädchen mußte fort, konnte das unbehagliche Gesicht nicht länger 215 ertragen. Muß abgemacht sein, ehe Christi kommt, muß sich Alles schicken wie es soll. Helgestad ist der Mann dazu, Alles in Ordnung zu bringen. Wird's in Ordnung bringen, wird's thun, hat größere Dinge vor. Ist der reichste Mann in den Finnmarken und wird reicher werden. Marstrand – der dänische Narr – ist schade um ihn – haha! Wollte ich hätte den Königsbrief, ist aber an den Richtigen gekommen, und Hannah wird ihr Theil daran haben. Alles gut, Alles wie Gott will! – Hier legte der würdige Gildevorsteher seinen dicken Kopf auf die gepolstertete Lehne und schlief so fest ein, daß seine Haushälterin und sein alter Diener Lars ihn nach einiger Zeit nicht ohne Mühe wecken und in's Bett bringen konnten. Und noch färbte der Morgen kaum die höchste Spitze des Floyfjelds, als die Ankerwinden der schönen Ilda sich drehten und bald darauf die Yacht mit der ersten Kühlte unter dem Signalthurm fortschwamm. Alles war noch still im Hafen; Halbdunkel lag auf der schweigenden Stadt, der Fjord stieß leichte Nebel aus, die an den Felsengestaden hinzogen und die Fischerhütten umrauchten. Die lieblichen kleinen Thäler verbargen sich noch im Schatten der Nacht und wie das große Fahrzeug mancherlei Bogen und Schlangenlinien beschrieb, bald durch enge Wasserpässe lief, bald große Seebecken durchschnitt, weckte es das schlafende Meer auf, dessen flüsternde Wellen an die Klippen und Planken pochten und zu fragen schienen, wohin es wolle und warum es seine Ruhe störe? – Helgestad in seiner großen geölten Kappe und dem dichten Schifferwams stand am Steuer und lenkte die Yacht durch diese Labyrinthe. Dann und wann that er einen Blick über niedere Klippen fort, wo die Kirche von Hammer schon ihre Spitze zeigte und der Alvesund sich vor ihnen aufthat. Ein leichter Wind trieb das Schiff durch diese Felsenmassen ziemlich rasch vorwärts. Hinter ihm blitzte die Sonne auf die hohen Eiskuppeln am Hardangerfjord und schickte ihre Strahlen auf Wälder und kühne Felsmassen, welche ihre Füße nackt im Meer badeten und um ihre Köpfe leichte flatternde Wolkenschleier trugen. Der Tag stieg herauf und Helgestad horchte befriedigt in die Katte hinab, wo sich noch nichts regte. – Nuh, murmelte er, ist ein gutes Zeichen ein gesunder Schlaf. Wünschte, sie schliefen Beide, bis die alte Kirche von Lyngen sie mit ihrer Glocke aufweckte. 216 Dieser Wunsch ging nun freilich nicht in Erfüllung, aber es war doch heller Tag geworden und vom Bergenfjord nichts mehr zu entdecken, als endlich Marstrand sich blicken ließ und Hannah ihm bald darauf nachfolgte. Bist willkommen, Mädchen, rief Helgestad, ihr die Hand bietend, kannst die See vertragen, wie ich merke. Und hast dich danach angethan, fügte er wohlgefällig hinzu, als er ihr dunkles Wollenkleid und den Hut von Glanztaffet ansah, den sie aufgesetzt hatte. Ich denke, Vetter Niels, erwiderte sie, du sollst mit mir zufrieden sein. Und blickst nicht rückwärts, Hannah? Frägst nicht, wo Bergen liegt? Ich blicke Vorwärts, antwortete sie, und ihre Augen hoben sich muthig auf. Was hinter uns liegt, muß vergessen sein. Ist ein Faktum! rief er, hab's richtig calculirt. Nur erst hinaus mit dir in Wasser und Luft, so wird dein Blut aufwachen, dein nordländisches Blut, Mädchen, das sich nach Freiheit sehnt. Nach Freiheit, Vetter Niels, das ist das rechte Wort. Es ist mir, als fühlte ich sie schon in den Adern und als wäre mir wohler und leichter. Bist also gern hier, Hannah? Gern, ja, war ihre Antwort, und denke es bald noch lieber zu sein. – Es ist schön hier. Welche seltsame Natur! Welche zahllose Klippen! Und wie gewaltig diese Felsmassen, wie grün diese Schluchten und Thäler! Wirst noch Schöneres sehen, weit Schöneres, Mädchen, sagte er zufrieden nickend. Je weiter gegen Norden, je allmächtiger diese Schöpfung. Wirst nicht von ihr lassen können, Hannah, wird sich an dich drängen, wie die unsichtbare Kette der Trolle Osla, die jeden, der sie berührt, umschlang, ohne daß er es merkte, und ihn hinabzog in ihre Grotte. Sollst die tiefe Höhle sehen am Lyngenfjord, wo die Hexe gewohnt hat, oder noch wohnt, fuhr er lachend fort. Björnarne soll dich zu dem reißenden Strudel fahren, wo die Wasser in den Schlund wirbeln, Niemand weiß wohin, und kein Boot ist je wiedergekehrt, das da hinunterschoß. 217 Hannah's Lippen zuckten, sie mußte sich fortwenden und versteckte ihre Bewegung unter Fragen nach fernen und nahen Gaardstellen, Kirchen und hohen Felsen, die einen Riesenwall vor dem Schiffe zu bilden schienen. Helgestad stellte einen Mann an's Steuer, ließ Tisch, Stühle und Frühstück auf's Deck bringen und erzählte und erklärte dann in aller Ruhe, was sie wissen wollte. Ein halbes Jahrhundert hatte er dies Meer befahren, nichts darin war ihm unbekannt. Jedes Haus zeigte er ihr, jede Familie, die dort wohnte, wußte er zu nennen. Alle diese zahllosen Fjorde, Sunde und verschlungenen Meeresspalten waren ihm alte Freunde und es gab kein Felsenhaupt, das er nicht bei Namen kannte. Er lachte dazu, als Hannah meinte, die Yacht würde sich in diesen Labyrinthen verirren, irgendwo stecken bleiben, weder vor- noch rückwärts können. – Sieht zuweilen wohl so aus, Kind, sprach er, ist aber damit wie mit dem Menschenleben. Liegen auch oft Klippen und düstere Wände um uns her, vor denen das Herz bangt und verzagend ruft: Da ist kein Ausweg. Wer aber muthig bleibt und die Hände rührt, die Augen wach und den Kopf oben hält, findet immer wieder eine Straße und kommt zuletzt auf breites Wasser. Ist's nicht so? Es ist so, sagte Hannah. Niemand soll verzweifeln. Nuh, sprach Helgestad, sind hier vor der Indre Sulen, wilde Felsen ohne Zahl, und geht dort hinein in den großen Sognefjord, der viele Meilen tief, bis nach Justedals Eisbräen, das Land zerspaltet. Haben zahlreiche Könige da immer gewohnt, Norwegens Geschichte ist hier gemacht worden. Hat König Nor sein Reich dort gegründet nach der großen Schlacht gegen die Aasen, König Harald Harfager die blutigen Wickinger besiegt und den großen Jarl von Mar, und wohnen noch jetzt viele gute Leute an diesem gesegneten Wasser. Außen ist es eng und voller Klippen, drinnen aber herrlich und voll Fruchtbarkeit. Soll Niemand also den rauhen Anfang fürchten, Hannah, ist, was sich hinter ihm birgt, oft um so lieblicher anzuschauen. Mit mehr Kenntniß als ihm zuzutrauen war, sprach Helgestad von der Geschichte seines Vaterlandes und erzählte seinen Zuhörern 218 manche Mähr aus jener alten Zeit, wo das Innere dieser großen Fjorde sammt den Inseln und Eilanden von jenem wilden und streitbaren Geschlecht bewohnt waren, das, von Seeraub lebend, den fürchterlichen Namen der Normänner weit durch Europa verbreitete. – Mehrere Stunden vergingen so, während welchen die Yacht durch die Inselkette der Indre Sulen schwamm und zum Erstaunen wie zum Schrecken des jungen Mädchens zuweilen auf jähe Felsenmassen losrannte, die es fast mit seinem Bugspriet berührte, ehe eine plötzliche Wendung des Steuers das mächtige Schiff in eine unbemerkte schmale Gasse lenkte, durch welche die Gewalt der Strömung und der Segeldruck es in ein neues Meeresbecken und in neue Irrgänge zerklüfteter Klippen lenkte. Endlich aber dehnte sich der Wasserspiegel auf Meilen aus. Die hohe Küste trat zurück, waldige Berge bildeten tiefe Buchten und westlich lag eine Kette von Inseln und Inselgruppen, zwischen denen die Wogen des atlantischen. Meeres mit größerer Macht herein rollten. Hier war es, wo plötzlich ein anderes Fahrzeug sichtbar wurde, das, nahe an der Küste hinsteuernd, hinter flachen nackten Felsen zuerst zwei schlanke Masten zeigte, bis es unter höheren Ufern verschwand und nach geraumer Zeit wieder zum Vorschein kam. Hannah's Augen entdeckten es zuerst. Da ist eine Yacht, sagte sie, mit dem Finger darauf deutend. Helgestad warf einen Blick hinüber und lachte dazu. Nuh, rief er, kommst mir vor, wie der Nordländer in Kopenhagen, der, als er Goldfische in des Königs Teiche schwimmen sah, zu seinem Begleiter sagte: Peter, sieh die Häringe hier an, sind wie bei uns, nur etwas kleiner; aber bei St. Olaf's Bart! sie haben die armen Thiere roth angestrichen. – Wie der ehrliche Bursche jeden Fisch, den er nicht kannte, für einen Häring hielt, hälst du jedes Seeboot für eine Yacht. Wirst aber den Unterschied kennen lernen, Mädchen, hast gute Augen. Denke, es ist so? Und wie nennst du das Schiff? fragte Hannah. Helgestad sah noch einmal hin, dann spie er grämlich aus und zog seine Kappe um den Kopf. Ist eines von denen, sagte er, die wie Haie auf und ab streichen und wo sie sich blicken lassen, danken ehrliche Leute Gott, wenn sie ohne Schaden davon kommen. 219 Wie, ist es ein Seeräuber? rief Hannah. Nuh, rief der Kaufmann, möchte es glauben, daß der Bursche Raub im Sinne hat, wenn es angeht. Schau hin, da schießt es aus der Bucht hervor. Ist lang, spitz und schmal wie ein Schelm und flattert ihm oben am Kopf sein Warnungszeichen, daß Jeder sich vor ihm hüten soll. Es ist ein Küstenwächter, der hier umherkreuzt, sagte Marstrand, welcher die Regierungsflagge erkannt hatte. Ein Spürhund, antwortete Helgestad, wie sie viele jetzt ausschicken, armen Leuten das Leben sauer zu machen. In seinen Aerger stimmten damals Viele ein, denn die Regierung hielt die Einfuhr unter bedeutendem Zoll und ließ mehr als je streng darüber wachen, daß von Deutschland und England herüber nicht Pascherhandel getrieben, Waaren aller Art, namentlich Branntwein, eingeschmuggelt wurden, was an diesen tausendfach zerrissenen Küsten schwer zu vermeiden war. Die Küstenwächter hatten das Recht, jedes Fahrzeug anzuhalten, wenn sie wollten, dessen Ladung zu untersuchen und mit den Ausweisen zu vergleichen. Die dänischen Lugger und Sloops waren darum auf's Tiefste verhaßt, und eine Reihe von Vermuthungen begleiteten auch jetzt den raschen Segler, der von seiner großen Raa am Hauptmast den Dambrog flattern ließ und scharf an den Wind liegend auf die Yacht hielt. Wie ein Raubvogel, der seine Beute umkreist und betrachtet, lief er in weiten Bogen um das schwere Schiff. Auf dem Deck des Luggers standen ein paar Offiziere, welche mit ihren Gläsern die Yacht musterten und eine Zeit lang schien es, als ob sie sich damit begnügen würden; plötzlich aber wandte der Küstenwächter um und zu Helgestad's schwerem Mißmuth war er bald dicht an seinen Fersen und rief den Nordländer an. Wollt' es Euch sagen, wenn ich Euch hätte, wo ich wollte, murmelte Helgestad, indem er antwortete, aber sein Aerger steigerte sich, als ein Boot des Luggers vom Stern herabgelassen wurde, in welches ein halbes Dutzend Matrosen und zwei Männer in der Uniform der Steuerbeamten sprangen, die sogleich auf die Yacht losruderten, deren Segel fallen mußte. – Der Küstenwächter legte sich inzwischen auf Kabellänge an den Nordländer; sein Deck war gut besetzt und der 220 lange Vierundzwanzigpfünder auf Drehzapfen, den er vorn führte, flößte die gehörige Beachtung seiner Befehle ein. In der nächsten Minute war die Hälfte der Seeleute mit ihren Anführern an der Knotenleiter der Yacht aufgestiegen, die wie ein Riese gegen den kleinen flachen Lugger aus dem Wasser aufragte. Wie ein gebundener Riese gehorchte auch Helgestad, als der erste Offizier des Küstenwächters ihn aufforderte, seine Papiere zu zeigen. Mit mürrischen Blicken stieg er in die Kajüte hinab, gefolgt von dem Beamten, der scharf umhersah und jeden Winkel musterte. Sein Begleiter blieb auf dem Deck und während die Mannschaft mit den fremden Matrosen sprach, beliebte es ihm, sich dem Fräulein und Marstrand zu nähern. – Ein Fall oder eine Wunde mußte ihm eine Beschädigung im Gesicht zugezogen haben, denn ein schwarzes Pflaster deckte ein Auge zu und ein buschiger rothbrauner Bart lief breit über seine Backen hin. Wir wissen, sagte er im rauhen Tone, daß dies Schiff voll gefährlicher Contrebande steckt. Sie würden wohlthun, nichts zu verheimlichen. Sieht der Herr mich etwa dafür an? fragte die junge Dame. Ach, Hannah, erwiderte er mit flüsternder Stimme, wie gern würde ich diese Contrebande gleich an mein Herz drücken und mitnehmen. Nun wahrlich, fuhr er leise lachend fort, meine Maske muß gelungen sein, daß selbst die Liebe sie nicht sogleich durchschaute. Henrik, antwortete sie, zitternd vor Freude und Furcht, welche Ueberraschung und welcher Uebermuth! Ich erwartete dich nicht hier, nicht heute, am wenigsten in der Gestalt eines Zollbeamten. Alles, was helfen kann, muß dienen, sagte der Capitain. Ich mußte dich sehen, Hannah, mußte dir sagen, daß ich bereit und dir nahe bin. Der eigentliche Küstenwächter kreuzt an der Mündung des Sognefjord, Lieutenant Hansen, mein Freund, dem es Vergnügen macht uns zu helfen, hatte die alten Kleider der Zollwächter noch an seinem Bord, und als wir dein schwimmendes Gefängniß erblickten, kam er auf den Einfall einen Besuch bei dir abzustatten. Es ist gelungen, theure Hannah, er wird den alten Taugenichts bei den Papieren so lange aufhalten, wie es angeht. Sei bereit, mein Leben. Schlafe diese Nacht süß und fest, aber morgen wache und hoffe. 221 Marstrand, mein Freund und Bruder, steh ihr bei, fuhr er fort, indem er sich zu diesem wandte. Der Wind ist gut und wird stärker werden. Die Yacht wird morgen Abend an der Mündung des Eidfjord sein, dort erwarte ich sie. Sie wird während der Nachtstunden ankern, denn dieser schwerfällige Kasten wird in der Finsterniß nicht durch das Klippengewirr von Staatenland schleichen, oder in's freie Meer hinaus wollen. Dann sei bereit, meine Hannah, ich komme. Alles ist eingerichtet zur raschen Flucht nach Christianssund. Du sollst mich finden, Henrik, sagte sie, seine Hand festhaltend; aber ohne Antwort ließ er sie los, denn eben wurde Helgestad's Kopf über dem Kajütenbau sichtbar. Ich hoffe, Herr Helgestad, rief der Beamte, der hinter ihm war, Sie halten es dem strengen Dienst zu gut, daß Sie belästigt wurden. Ich will nicht weiter untersuchen. Segel auf, Boot fertig. Glückliche Reise, Herr! Ohne Aufenthalt sprangen die beiden Beamten in die wartende Jolle, und mit einigen Dutzend Ruderschlägen waren sie am Bord des Luggers, der sogleich seine Geitaue fallen ließ und vor der Yacht hinschoß. Die höflichen Beamten grüßten hinüber, Hannah dankte sittsam, und Helgestad, der seine Kappe ziehen mußte, murmelte laut genug, daß sie verdammt sein möchten, sammt allen diesen naseweisen nichtsnutzigen Aufpassern, die aus lieber Langeweile und Uebermuth ehrlichen Leuten den Weg verlegten. Das kleine Abenteuer war so schnell vorübergegangen und so lustig verlaufen, daß es bald vergessen war, als der Lugger, hart an den Wind gelegt, zurückeilte und in der nächsten halben Stunde verschwand. Die Yacht setzte den ganzen Tag über ihre Fahrt fort, Helgestad mischte sich seinen Grogh und war guter Laune, daß Wind und Wetter die Fahrt so leicht und angenehm machten. Verschiedentlich durchschnitt die schöne Ilda offene Meeresstellen, wo sie von größern Wogen gefaßt und geschaukelt wurde, aber bald verlor sie sich wieder zwischen den endlosen schmalen Sunden, bis zuletzt die Dunkelheit kam und Helgestad es für das Beste hielt, seinen Anker in einer stillen kleinen Bucht fallen zu lassen. Hannah konnte sich nicht über Mangel an Aufmerksamkeit und Freundschaft beklagen. So viel als möglich war der Schiffsherr 222 sorgsam mit ihr beschäftigt und Marstrand immer bereit zu Gespräch und Unterhaltung. – Was der Gegenstand derselben war, ist leicht zu errathen. Wo es nur geschehen konnte, verhandelte das Fräulein ihren Plan, Helgestad zu täuschen, und wie es am Besten zu ermöglichen sei, bei Nachtzeit auf das Deck der Yacht zu kommen. Das Kabinet, in welchem Hannah schlief, bildete den innersten Raum der Kajüte. Sie mußte durch diese gehen, um nach der Thür zur Treppe zu gelangen. Eine Lampe brannte dort an der Decke und rechts und links schliefen Helgestad und Marstrand. Die meiste Hoffnung, die Gefahr zu überwinden war, wenn sie mit List oder Beharrlichkeit auf dem Deck zu verweilen suchte, bis Helgestad von Ermüdung bewogen, sein Lager suchte und den Verbündeten freies Spiel ließ. Um dies ausführen zu können, legte Hannah schon heute Hand an's Werk. Nach dem Abendessen, als der alte Schiffer seinen Schlaftrunk genommen hatte und schweigsam sich reckte, band sie den Hut von Neuem auf und forderte Marstrand's Begleitung zu einer Promenade auf dem Deck. Bist närrisch, Mädchen, sagte Helgestad grämlich lachend. Ist dunkle Nacht draußen. Liegen hier zwischen jähen Klippen und fallen die Nebel schwer wie Blei auf die Brust. Ich liebe die Nacht, antwortete sie. Es ist trostvoll und schön mitten im Meere von eines Sternes Licht überzittert zu werden, ihm zu vertrauen, wenn die bösen Geister in Nebeln niederfahren, wenn Funken aus den Wolken sprühen und die hohlen Töne des Windes wie Geisterstimmen aus Klüften und Felsspalten sprechen. Nuh! rief Helgestad boshaft grinsend, hört sich der Unsinn gut genug an. Nennen es poetisch und ist gemacht von Leuten, die Zeit dazu haben, sich die Dinge, wie sie sind, so einzubilden, wie sie sein könnten. Wirst aber bald davon geheilt werden, Hannah, wirst die rauhe Wirklichkeit schon fühlen und das sichre Haus und Bett suchen, wenn draußen der Stern nichts bleibt als ein zuckend Gefunkel ohne Heil und Frieden. – Geht mit ihr, Herr Marstrand, und zeigt, daß Ihr auch noch etwas von der Schwärmerei in Euch habt, von welcher Paul Petersen ein Kapitel zu erzählen weiß; aber seht zu, daß Ihr sie richtig wieder abliefert, wenn ihr die Unterröcke zu feucht werden. 223 Mit dieser derben Spötterei ließ er Beide laufen und lag in festem Schlaf, als Hannah nach einigen Stunden an seinem Lager vorüberschlich und Marstrand leise gute Nacht sagte. Der nächste Tag verging wie der erste. Das Wetter blieb schön, aber der Wind wehte dann und wann breite Wolkenmassen herauf und blies dabei mit doppelter Kraft in die Segel. Die Meeresbecken zeigten sich heute auch mannichfaltig belebt. Seehunde und Tümmler umschwärmten das Schiff, aus den Brütplätzen der Seevögel flatterten Schwärme schreiender Raben und Alken auf, ein Finnfisch sprützte seine hohen Fontainen in die Luft und verkündigte Häringsschaaren, mit deren Fang sich zahlreiche Fischerboote beschäftigten. – Hummer und rothäugige Ure kaufte Helgestad von einem solchen Boote für den Mittagstisch und durch seinen Spott und seine Künste nöthigte er Hannah selbst sich in der Küche zu versuchen, was sie zu Haus nie gethan, sondern der erfahrenen Wirthschafterin ihres Vaters überlassen hatte. Wirst es lernen, Kind, sagte er; ist der Mensch darum auf der Welt, Alles zu lernen, und gebe denen Recht, die da meinen, Noth sei die beste Lehrerin. Wirst an Ilda sehen, wie man ein Haus regiert und hast etwas in deinem Gesicht, was mir sagt, kannst Vieles, wenn du willst. Liegt in deinen Augen ein stolzer Ausdruck nirgend zurückzustehen und Keinem zu weichen. Die Spötterei des alten Speculanten trug insofern ihre Früchte, daß Hannah, um ihr zu entgehen, wirklich Hand an's Werk legte und sich geschickt genug als Anfängerin benahm. Theils mochte sie Helgestad freundlich erhalten wollen, theils war es ein Zeitvertreib, oder sie beschwichtigte damit die Unruhe ihres Herzens, die sie immer wieder antrieb, in jeder Bucht und jedem Felsenspalt umherzusuchen und mit Helgestad's Glas am Auge alle fernen Inseln und Sunde zu durchforschen, ohne jemals die hohen spitzen Segel des Luggers zu entdecken. Je näher der Abend kam, um so höher stieg ihre Bangigkeit. Wo war das rettende Boot geblieben und was sollte aus ihr werden, wenn es nicht erschien? Marstrand beruhigte sie, so gut er konnte. – Mir ist es nicht zweifelhaft, sagte er, daß der Lugger in der Nacht uns vorbeigegangen ist und an dem bestimmten Platze in irgend einem Versteck uns auflauert. 224 Und wenn er ausbleibt? Wenn ich vergebens hoffte? Wenn ihm Unheil begegnet ist? murmelte sie angstvoll. So wird er morgen kommen oder uns Botschaft schicken. Er muß kommen, wenn ich nicht verzweifeln soll, war ihre Antwort. Ich würde es nicht ertragen, keinen Tag mehr mich verstellen können mit dieser Angst im Herzen. Hat Helgestad falsch gesehen, fragte Marstrand, wenn er Ihnen große Willenskraft zuschreibt? Sie schwieg und sagte dann ruhiger: Er kennt mich nicht, aber er hat Recht, von mir etwas zu erwarten. Ich habe allen Muth nöthig, um nicht vor seinen Blicken zu erstarren, die mich zuweilen eiskalt überlaufen. Die Dämmerung war tiefer geworden, rothe Abendwolken lösten sich von einem dunkeln Wolkenrand los und zogen über den Himmel hin. Die Yacht flog rascher vor dem Winde und vor ihr öffnete sich ein breiter Meeresarm mit kleinen Felseninseln und Felsenbrocken übersäet, hinter denen eine langestreckte Küste in duftiger Ferne auftauchte. Zur Linken aber rollte die unermeßliche See in breiten Wogen, auf deren schäumigen Gipfeln das Abendlicht funkelte. Helgestad stand am Steuer, Wind und Wellen musternd. – Nuh, sagte er, indem er Hannah angrinste, die sich neben ihn gestellt hatte, wirst bald einen Tanz erleben, bei dem es lustig hergeht. Sieh hin, dort die lange dunkle Leiste, an der die Brandung auffliegt, das ist Staatenland. Müssen ab davon und in's hohe Meer hinaus, wo der Südwest der schönen Ilda Eins aufspielen wird. Die Fahrt an Norwegens Küste geht fast immer zwischen den unzähligen Inseln und Felsengruppen hin, welche aus den Revolutionen der Natur übrig geblieben sind und jene wunderbaren Straßen und Sunde bilden; zuweilen aber hören diese auf; die Wogen des atlantischen Oceans und des nördlichen Eismeeres rollen dann ungebrochen gegen die mächtigen Felsenmassen des Festlandes, und oft müssen die schwerfälligen Yachten viele Tage in irgend einem Schlupfwinkel warten, ehe sie den gefährlichen Weg über das stürmische Meer wagen. Auch Helgestad wollte es nicht unternehmen, bei Nacht Staatenland zu umschiffen, obwohl der Wind halb und nicht zu heftig war. 225 – Sollst ruhig schlafen, Kind, sagte er, will alle Sorge für dich tragen; hoffe, wirst morgen ruhiger in deinem Bett bleiben, wenn draußen das Sprützwasser über die Buge schlägt. Siehst dort die spitzen Felsen vor uns? Ist das Eiland Silden. Hat kein Mensch dort eine sichere Wohnung, ist aber dennoch Gottes Wohlthat und von seiner Hand gebaut, denn in der Bucht können zwanzig Yachten auf einmal, wie in Abrahams Schooß geborgen liegen. Nach einer halben Stunde trat die schöne Ilda unter den Schutz der hohen Wände von Silden, alle Bewegung hörte auf, und leise vom Windzuge an die sichere Stelle geführt, wurde das Schiff an einem der großen Eisenringe befestigt, die in den Fels eingelassen waren; ein Beweis, daß dieser Platz häufig als Nothhelfer benutzt wurde. Noch aber war die Mannschaft der Yacht damit beschäftigt, als, fast unkenntlich in der Dunkelheit, dicht vor der Bucht ein Boot sichtbar wurde, das seine Segel zusammengezogen hatte und von zwei Männern gerudert ward. Ein Dritter stand in der Spitze und schrie die Yacht an: Gottes Friede mit Euch, rief er. Wo kommt Ihr her? Helgestad lehnte über das Tafarell und blickte scharf nach dem Boote. Von Bergen, war seine Antwort. Seid spät auf dem Wasser. Sind's gewöhnt, schrie der Mann zurück. Sind Fischer von Sellöen. Hast Fische, Mann? Bring' sie her, forderte der Nordländer. Wollen unsern Fang erst machen, versetzte der Bootsführer. Liegen unsere Netze fertig und um eilf Uhr kommt die Flut. Helm und Stern! lachte Helgestad, müßt gute Augen haben. Rath' Euch, fahrt nach Haus, wird eine wilde Nacht werden. Nacht oder nicht, war die Antwort, finden im Dunkeln was wir suchen. Ein Gelächter begleitete diese Worte, das am Bord der Yacht wiederholt wurde, während das Boot in dem Kanal verschwand, der aus der Bucht zwischen den Felsen hinlaufend sich in eckigen Windungen gegen das Meer öffnete. Sind tapfere Bursche, sagte Helgestad. Ist ein schweres Werk, um ohne Zagen daran zu gehen; werden von Glück zu sagen haben, wenn der Morgen sie frisch und fröhlich findet. 226 Hannah drückte sich leise zitternd an Marstrand, und als Helgestad sich entfernt hatte, flüsterte sie in heftiger Aufregung: Er war es, es war seine Stimme! Jetzt, Herr Marstrand, jetzt gilt es allen Muth zu bewahren. Was haben wir an der Zeit? Es ist in der zehnten Stunde, erwiderte er. Um eilf wird Henrik hier sein, fuhr sie fort. Noch eine lange Stunde, eine bange lange Stunde! Mein Herz will mir zerspringen, aber es soll gehorchen; hört mich an: Wenn wir am Tische sitzen, trinkt mit ihm, haltet ihn fest, verwickelt ihn in Erzählungen, sprecht von Euren Planen, unterhaltet ihn, wie Ihr könnt, und wenn ich hinausgehe, bleibt sitzen. Wendet alle Kunst an, daß er nichts hört, nichts sieht als Euch. Ihr sollt thun, was ich Euch sage, fuhr sie fort, als Marstrand Einwendungen machte. Ihr bleibt in seiner Gewalt und dürft keinen Antheil an meiner Flucht nehmen. Ich würde meinen Antheil nicht verläugnen, wenn er ihn wissen will, sagte Johann. Er wird keinen Verdacht schöpfen können, wenn Ihr nicht bei mir seid, antwortete sie. Beschäftigt ihn, das soll der einzige Antheil sein, den ich verlange. Und nun, werther Herr, laßt uns hinab gehen. Denkt von mir das Beste. Und wenn ich Euch jemals wiedersehe, laßt mich Eure dankbare Freundin sein. In der Kajüte stand der Tisch mit Speisen besetzt und auf dem Ofen brodelte der Theekessel, mit dem sich der alte Schiffer angelegentlich beschäftigte. Er war zärtlicher und aufmerksamer als je gegen Hannah, legte die Hand auf ihre Stirne und fühlte ihre Hände. Nuh, rief er aus, glüht dein Kopf wie Feuer, Mädchen, und deine Finger sind eisig anzufassen. Mußt dich vor Schaden bewahren, Kind, um mit rothem Gesicht an den Lyngenfjord zu kommen; aber habe hier ein Mittel gegen Frost und Fieber. Er deutete auf den Napf, in welchem er den nordischen Nektar, den Punsch, bereitete, während Hannah sich herbei machte, die Teller ordnete, das Fleisch zerschnitt, Brod aus dem Wandschrank holte und eine so emsige Geschäftigkeit entwickelte, daß Helgestad sein lustigstes Gebrumme hören ließ. 227 Geht dir flink von der Hand, rief er vergnügt zuschauend. Wirst sie Alle ausstechen. Macht das Blut, Hannah. Geht nichts über das reine nordische Blut, thut mehr wie alle Erziehung. Ich hoffe, mir heute deine volle Zufriedenheit zu erwerben, Vetter Niels, erwiderte sie ihm zulächelnd. Hast sie erworben, Mädchen, hast ein richtiges Gefühl, rief er. Will dich dafür pflegen, wie eine gute Tochter. Nimm dein Glas und stoß an, sollst immer so glücklich sein, wie heut. Mögen alle unsere Wünsche in Erfüllung gehen! Morgen wie heut, und bis an's Ende! erwiderte sie, herzhaft anstoßend und ihr Glas leerend. Nach Gottes Willen, Amen! sagte Helgestad. Sehe in deine Augen mit Freude, Hannah, blitzen wie die Sterne am Himmel. Kommt der Wunsch tief aus deinem Herzen? Denke, ja. Ist's nicht so? Ja, Vetter, recht aus meiner Seele wünsche ich, daß mein Glück auch dein Glück sein möge. Calculire, muß so sein, rief er, den Finger über seine Nase legend und schlau blinzelnd. Siehst aus wie deine Mutter, Hannah, schmuck und kräftig und voll Treue. Fehlt nichts, wie der grüne nordländische Rock und die Faltenschürze. Ich will beides tragen, sobald ich in Nordland bin, erwiderte sie. Halt' dich beim Wort, Mädchen! schrie er auf. Wirst eine Zierde sein in Tromsöe und auf den Märkten. Unter solchen frohen Gesprächen und Scherzen saßen sie an dem Tische und Helgestad stellte den dampfenden Napf vor sich hin, schenkte tapfer ein und spottete über Marstrand's ernstes Gesicht, das nach seiner Behauptung aussah, wie ein Eislager vom Kilpis. Nuh, spottete er, weiß nicht, was Euch plagt, muß aber schwer zu ertragen sein. Kommt zurück an den Balsfjord wie ein Mann, der an seine Taschen schlagen mag wo er will, es klingt gut. Habt Eure Fische klug festgehalten, habt den richtigen Blick gehabt, bringt eine Yacht voll Waaren heim, und steht Euer Haus wohl schon fix und fertig da, braucht nur hinein zu treten und Euch niederzusetzen. Aber merke wohl, fuhr er fort, indem er sich zu Hannah wandte, ist 228 ein banges Gefühl in ihm wegen des Alleinseins, das vor Gott und Menschen nicht wohlgefällig ist. Müssen für ihn sorgen, Hannah; wollen uns alle zusammen thun, daß wir Eine finden, die ihm die Falten von der Stirne streicht, und wenn's nicht glücken will, ihm das Herz weich zu machen, muß Afraja kommen und ihm einen Hexenbrei beibringen. Marstrand wurde durch diese Spötterei aus seiner Schweigsamkeit aufgeweckt. Er war seit den zwei Tagen in Zwiespalt mit sich selbst. So lebhaften Antheil er auch an seines Freundes Glück nahm, und so herzlich er wünschte, daß dessen gewagtes Spiel gewinnen möge, so fühlte er doch eine tiefe Abneigung vor dem Gedanken, dabei ein Helfer und Verbündeter zu sein. Er verachtete die Beweggründe, welche Helgestad leiteten, er kannte seinen Plan, sich diese Schwiegertochter zu verschaffen, und empfand das äußerste Mitleid, sowohl für Hannah wie für Björnarne; allein sein Rechtsgefühl sagte ihm dennoch, daß er nichts gegen diesen Mann thun dürfe, dem er so viel verschulde. Bei allem Mißtrauen gegen Helgestad schien ihm dies ein Akt der schlimmsten Undankbarkeit, und was er sich auch als Entschuldigung anführte, immer kam die Stimme wieder, daß er Böses mit Bösem hindern und vergelten wolle. – Er würde seinem Charakter nach Hannah jeden Beistand geleistet haben, wenn sie in offener Weise Helgestad Widerstand geleistet hätte, ebensowohl wie er den Sohn gegen den Vater unterstützt haben würde, wenn Björnarne ihn dazu auffordern wollte; doch durch heuchlerische List den alten Speculanten zu betrügen, dünkte ihn, mit diesem sich auf gleiche Stufe stellen. Und dennoch sagte er sich selbst, daß es das einzige Mittel sei, um Helgestad's Willen zu brechen, daß es für die Liebenden nur dies eine Mittel gebe, um zur Vereinigung zu gelangen. Mochten die Folgen sein, welche sie wollten, er war gewiß, daß er in Henriks Lage wohl eben so handeln könnte, nicht weniger gewiß aber schien es ihm, daß kein Entkommen mehr für Hannah sein würde, wenn Helgestad sie erst am Lyngenfjord habe. Er fühlte das Elend, das ihrer wartete, fühlte sich auch gebunden durch seine Versprechungen, dennoch aber war er herzlich froh, daß seine Verbündete seinen thätigen Beistand ablehnte, wenn sie ihm auch eine andere nicht minder einflußreiche Rolle übertrug. 229 So war er mit sich selbst übereingekommen, Hannah gewähren zu lassen, und dachte eben darüber nach, wie er am Besten in der entscheidenden Zeit Helgestad beschäftigen könnte, als dieser ihm mit seinen Spöttereien den Weg zeigte. Afraja, sagte er aufblickend, ist allerdings der Mann, dessen Beistand mir erwünscht wäre. Und da wir von ihm sprechen, Herr Helgestad, beantworten Sie mir eine Frage: Was denken Sie mit Gula zu thun, wenn Ihr Haus leer wird? Nuh, erwiderte Helgestad ihm schlau zunickend, denke, sie bleibt wo sie ist, wenn sie es nicht vorzieht, nach dem Balsfjord auszuwandern. Marstrand lachte. Ich habe neulich einen Traum gehabt, sagte er, der, wenn Afraja wirklich ein Zauberer ist, mir gewiß von ihm geschickt wurde. Will's nicht abschwören, antwortete der Alte. Ist mit Träumen eine sonderbare Sache; kommen oft als geheime Zeichen in des Menschen Seele und werden von einer Macht gesandt, welche Niemand kennt. Erzählt den Traum, Herr Marstrand. Ich träumte, sagte dieser, daß ich am Balsfjord wohnte, wohl eingerichtet war und viele Arbeit hatte, aber auch voller Sorgen saß. Es hatte sich gefunden, daß die kleinen Thäler umher alle fruchtbar waren. Mancherlei Kolonisten konnten darin angesiedelt werden. Doch, was hauptsächlich meine Aufgabe blieb, den Wald an der Balself nutzbar zu machen, das wollte mir nimmer gelingen. Es ergab sich, daß die Bäume aus der Wildniß nicht fortgeschafft werden konnten. Der Strom mit seinen vielen tiefen Fällen ließ sie nicht schwimmen, nirgend wollte eine Sägemühle passen, und nach einer Reihe fruchtloser Versuche, die viel Geld kosteten, sah ich alle Mühen scheitern. Kann's denken, kann's denken! rief Helgestad spöttisch auflachend, indem er sein Glas leerte. Ich befand mich in einer üblen Lage, fuhr Marstrand fort, und sonderbarer Weise kam es mir vor, als streckten sich von allen Seiten Hände nach mir aus und als hörte ich Stimmen, die mich hart schalten und einen Thoren nannten. Alle hatten mich verlassen, da sah ich, wie in einer dunklen Nacht, in der ich kein Licht erkennen konnte, 230 es plötzlich hell um mich wurde und ich erkannte Afraja, der an meinem Bette stand und dessen kleine rothe Augen wie Feuer funkelten. Kenne sie, sagte der Kaufmann, kenne die Diebsaugen des grauen Luchses. Er grinste mich an und tanzte um mich her mit wunderlichen Sprüngen. Bist ein weiser Mann von dem großen weisen Volke, das sich klüger dünkt wie wir, schrie er mit seiner heiseren Stimme, will dir aber zeigen, Väterchen, will dir zeigen, wie du es machen mußt, um deine Bäume zu schleifen und deine Sägemühle zu bauen. Und er führte mich zu einer Stelle, schwang seinen langen Stab und plötzlich stand eine Mühle mit doppeltem Rade über dem Wasser. Dann winkte er in den jähen Felsengrund hinab und ich sah einen seltsamen Bau von Balken auf festen Stützen stehend, der von einem Quell schlüpfrig naß gehalten wurde und auf dieser Rinne schossen die Bäume blitzschnell von der Felsenwand hinunter, daß man sie ohne große Mühe auf das Sägewerk bringen konnte. Helgestad hing mit seinen Augen am Munde des Erzählers. Ist ein mächtig sonderlicher Traum, murmelte er, aber ist wüst und schwer, ich kann das Hexenwesen nicht begreifen. Ich will es Ihnen klar machen, sagte Markstrand, denn mir schweben alle Einrichtungen, die ich sah, so deutlich vor, daß ich sie aufzeichnen kann. Bin begierig, rief Helgestad, den Tischkasten aufziehend und Schreibzeug sammt Papier suchend. Laßt sehen, was der Hexenmeister aufbaute. Mit ihm zugleich stand Hannah auf. Leise nickte sie Marstrand zu, und wie Helgestad den Kopf vom Suchen aufrichtete, war sie hinaus. Malt es hierher, sagte der Kaufmann und Marstrand nahm die Feder und zeichnete das Felsenthal, die Balself und den Strom in der Schlucht; dann von der schroffen Felswand hinunter einen künstlichen Bau, der nichts andres war als eine Holzrutsche, wie sie jetzt vielfach in Bergländern angewendet werden, um Baumstämme von hohen Gipfeln herunter zu schaffen. – Seht hier, sprach er erklärend, hier werden die Bäume gefällt, von ihren Aesten befreit und dann auf diese glatte schiefe Ebene geschafft, in welche Wasser geleitet ist, damit 231 das Holzwerk sich nicht erhitzt. In kalter Zeit mag es frieren, auf dem Eise werden die Bäume noch besser rutschen und wohlbehalten an diesem Punkte ankommen, wo die Sägemühle erbaut werden muß. Es ist offenbar die beste Stelle, denn sie liegt vor den Fällen der Elf, die von hier aus bis an den Fjord nur wenige Schwierigkeit bietet. Helgestad hatte sich weit über den Tisch gelegt und betrachtete die Zeichnung mit gieriger Aufmerksamkeit. Ist richtig, sprach er darauf hinstarrend, calculire, muß gelingen. War ein weiser Traum, Herr Marstrand, mag er gekommen sein, woher er will. – Er richtete sich auf und sah seinen Genossen lauernd an. Seid ein kluger Mann! rief er aus, muß Euch loben; seid ein treuer wahrer Freund, der mir nichts verschweigt. Denke, ja. Ist's nicht so? Gewiß, gewiß! erwiderte Marstrand ein wenig verwirrt. Was fiel da auf dem Deck? rief der alte Schiffer sich aufrichtend. Ich habe nichts gehört, sagte Marstrand. Helgestad war an der Thür. Bleibt! rief er und seine Augen nahmen einen wilden Ausdruck an. Habt Euch erhitzt, könntet Euch erkälten. Laßt mich reden, Herr Helgestad, hört mich, schrie Johann nach seinem Arm fassend; aber ehe er ihn erreichen konnte, hatte Niels die Thür zugeschlagen und den Schlüssel im Schloß umgedreht. Rasch sprang er die steilen Stufen hinauf. Der Himmel war mit schweren Wolken bedeckt, der Wind wimmerte durch Top und Takel der Yacht, die an den langen Tauen schwankte, und draußen, an den Felswänden von Silden, flog die Brandung brüllend auf. In der Dunkelheit schlich Helgestad bis in die Mitte des Schiffes, bis an den Mast, wo er stehen blieb, denn auf Armeslänge vor ihm sah er eine Gestalt, an welche eine andere sich dicht anschmiegte. So laß uns eilen, Hannah, sagte eine männliche Stimme. Das Boot liegt dicht an der Seite; eine Leiter ist angeknüpft. Alles ist bereit. Auch ich bin bereit, mein Henrik, antwortete sie. O! Gottes ewigen Dank, daß ich dich habe. Hierher, flüsterte Dahlen, gib mir deine Hand. Wo ist der alte Schuft? Hat ihn Marstrand fest gemacht? Wohl bekomm' es ihm! 232 Halt ein, schrie er plötzlich auf und klammerte sich fest, denn in demselben Augenblick fühlte er sich von hinten umfaßt und in die Luft gehoben. Hannah war von seiner Seite gerissen, kräftige Arme hielten ihn, trotz seines heftigen Ringens. Seine Finger glitten von der Brüstung der Yacht ab und mit einem Schrei, der schnell erstickte, sank er in das finstere wogende Grab, das über ihm zusammenschlug. Mit einem Sprunge war Helgestad bei den Eisenbarren am Maste. Dort faßte er ein mächtiges Stück mit beiden Händen und warf es mit voller Gewalt dicht am Bord seines Schiffes hinunter. Ein Krachen und Brechen folgte dem Wurfe nach; ein Hülferuf drang von unten herauf und durch den Himmel zuckte ein rothes Feuer, dessen blendender Schein an den Felsenwänden hinfuhr und das schwarze Wasser einen Augenblick hell machte. Die Stücke eines Bootes trieben darauf umher; ein paar Ruderstangen schaukelten auf einer hohen Woge, die eben schäumig und zersplittert in den Kanal geworfen wurde. Ein wüthender Windstoß folgte ihr nach und ein Arm ragte aus der Tiefe, eine Hand streckte sich krampfhaft aus und versank. – Helgestad blickte hinab, sein Gesicht war voll Hohn, voll gesättigter Rache und voll Triumph. Wohlbekomme es dir selbst, du Narr! sagte er grimmig und ein langes Gelächter folgte. Dann wandte er sich um. Hannah lag ohne Lebenszeichen in den Armen des Bootsmannes, der sie hielt. Hoho! Ole, murmelte der Schiffer, hälst sie zu fest, mein Junge, hast ihr den Athem ausgedrückt. Glaub's selbst, Herr, antwortete der langhaarige Mann. Sie rührt kein Glied. Helgestad nahm den schlaffen Körper wie ein Kind in seine Arme. Rufe die Männer, sagte er, lös die Taue los, reeft die Segel doppelt, ich komme sogleich. Er trug Hannah die Treppe hinab, stieß die Thür auf und schob sich hinein. Marstrand saß an dem Tisch, den Kopf in die Hand gestützt. Als er Helgestad sah und der Lichtschein auf das blasse Gesicht des Mädchens fiel, sprang er auf und blieb stehen ohne ein Wort zu sagen. Angst und Entsetzen schnürten ihm die Kehle zu. Niels legte seine Bürde auf die Bank an der Wandseite. Nehmt Wasser, rührt die Hände, Herr, helft ihr, oder legt sie auf ihr Bett. 233 Was ist geschehen, was thaten Sie!? fragte Johann heftig. Laßt es Euch erzählen, zum Lohn für Eure Mühe, antwortete der rauhe Mann, mit der Hand sein schweißnasses Haar zurückstreichend. Dankt Gott für seinen gnädigen Beistand, Herr. Die Yacht ist unter Segel, ich muß an meinen Posten. Kann ein Zoll zu viel rechts oder links uns zu denen legen, die da unten ein tiefes nasses Lager haben. Er stülpte die ölgetränkte Kappe auf, ging hinaus und warf die Thür in Schloß und Riegel. – Marstrand beugte sich über die Ohnmächtige, er wußte nicht, was er beginnen sollte. Gepolter und Geschrei war auf dem Deck, Laternen brannten, schwere Füße eilten hin und her. Plötzlich schlug Hannah die Augen auf und blickte dem Helfer starr in's Gesicht. Redet, Jungfrau, sagt mir, war Henrik bei Euch und wo ist er? fragte der Junker angstvoll. Sie sah ihn mit irren Blicken an, dann aber, als sie den Namen hörte, schnellte ihr Körper krampfhaft auf. Ein Schrei rang sich aus ihrer tiefsten Brust, ihre Hände klammerten sich wie zum Gebet zusammen, sie wollte aufspringen und sank zurück. Ein Pfeifen und Schreien mischte sich mit diesem Schrei. Die Yacht stürzte wie von einem Berge in einen Abgrund; ihre Balken zitterten, die Planken ächzten und knarrten, schwere Stöße donnerten gegen ihre Wände und durch die Deckfugen tröpfelte Wasser nieder. Das Schiff war aus dem schützenden Kanal in's offene Meer gelaufen. 234 Zweiter Theil. 11. Die Trondhjemküste entlang, bei dem Gebirge der sieben Schwestern vorüber, welche am Eingang Nordlands Wache halten, und alle die wilden, abenteuerlich geformten Hexenklippen und Felsengruppen hinter sich lassend, denen die nordische Phantasie Gestalt und Namen verliehen hat, lief Helgestad's Yacht während der nächsten zwei Wochen. Es war, als hätte der alte Schiffer sich von einem Seidmann oder Zauberer guten Wind und das feinste Wetter gekauft, denn von jener Nacht ab, wo die schöne Ilda im schweren Sturm Staatenland umsegelte, war der Himmel blau geblieben und der frische günstige Luftstrom aus Süden hatte das Schiff schnell seiner Heimath nahe gebracht. Der Juni war gekommen und je mehr nordwärts die Yacht lief, um so mehr wurden die Nächte zur Dämmerung. In der Nähe der Lofoden ging die Sonne kaum mehr unter den Horizont. Sie beschrieb einen Kreis am Himmel und ihre Strahlen beleuchteten zu allen Zeiten die hohen Gletscher im Grimfjord und die Tindenspitzen von Salten, bis endlich, als Tromsöe vor den Reisenden lag, ein rother Schein an den Segeln und Mastspitzen haftete, eben als die Kirchenglocken Mitternacht schlug. Und noch ein Tag verging und eine Nacht kam, ehe die schöne Ilda in den Lyngenfjord steuerte. Die hohen Berge standen in einer langen leuchtenden Reihe und aus dem tiefen Grunde dieser 235 Felsengasse hob der Kilpis sein ungeheures Haupt und zeigte allein noch ein glänzendes Eis- und Schneelager, das gleich einem funkelnden Demantbande um seinen schwarzen Nacken hing. Die Sonne lagerte sich heut zum ersten Male auf den Wellen im Westen. Sie sank nicht hinein, sondern stand wie eine große gluthstrahlende Kugel darauf und schickte von dort ihr röthlich mattes Licht aus, als sei es müde und möchte ausruhen und könnte doch nicht, wie ein Mensch, der gern seine Augen schließen und schlafen möchte, aber ein inneres Fieber läßt es nicht dazu kommen. Die mitternächtliche Sonne beleuchtete den Lyngenfjord, der nun vier volle Wochen lang ununterbrochen sie sehen sollte. Wenn aber auch das Licht nicht erlosch, so war doch Etwas in der Natur, das die fehlende Nacht merken ließ. Ein geheimnißvolles Schweigen lag auf den weiten Wassern. Der Wind starb; die Vögelschwärme saßen still auf den Klippen und Steinen im Meere und hielten ihre Köpfe unter den Flügeln versteckt. Kein Geschrei war in der Luft, das Leben verkündigte; keiner der großen Räuber der Tiefe hob seine Rückenflossen aus der träumerischen bewegungslosen See. Das Schiff allein mit seinen schlaffen Segeln, die dann und wann von einem Hauche flatterten, wurde wie von Geisterhänden an der Insel Alöen vorübergeführt, und da lag nun die kleine Kirche von Lyngen auf dem mächtigen Gestein über dem Fjord. Von dem Felsenthurme flatterte eine große Fahne, unten aber in der Bucht sah man viele Boote mit bunten Wimpeln und Kränzen an den Masten, oder es waren grüne Birkenzweige daran gebunden. Die Kirche auf der Höhe glänzte im Sonnenlicht und von dem Deck der Yacht blickte die Mannschaft stumm und freudevoll darauf hin. Die Männer hatten ihre Jacken abgeworfen; es war so frühlingswarm, als steuere ihr Schiff in den Golf von Neapel. Sie schüttelten sich die Hände und riefen sich Glückwünsche zu, denn so rasch und wohlgerathen war selten eine Bergenfahrt verlaufen und Gottes Wille hatte es gefügt, daß sie eben an dem Tage heimkehren sollten, der das Fest der Frühlingsfeier in diesem hohen Norden ist; am Tage wo zuerst die Sonne nicht untergeht, wo sich alle Wesen freuen, wo alle Arbeit ruht und wo gesungen, geschmaust und getanzt wird, so lange es menschliche Kräfte und Gebeine aushalten können. 236 Aber kein Fest ohne den Herrn, keine Freude ohne die christliche Weihe, keine Gemeinsamkeit in diesen weiten Einöden ohne den Sammelplatz der Kirche. Darum lagen die vielen bewimpelten, blatt- und blumengeschmückten Boote hier, welche aus allen Ecken und Winkeln des großen Fjord die Gaardherrn mit ihren Familien und ihren Gaardleuten herbeigebracht hatten; darum winkte der Kirchplatz mit seinen jungknospenden Bäumen und lichten Gräsern, darum flatterte die große Fahne von der Spitze des uralten Gotteshauses, das zuerst in dieser Wildniß aufgerichtet wurde vom großen König Olaf dem Heiligen, vor mehr denn fünfhundert Jahren, und darum standen die Kirchenhäuschen der Familien heut alle weit geöffnet und stattlich ausgeputzt für frohe Gäste. In der Kirche saß die ganze Bevölkerung des Fjord und der Inseln beisammen, um in der heiligen Nacht zu singen und zu beten, Gott zu preisen und um ein gutes, gesegnetes Jahr zu bitten, dann aber bei Spiel und Scherz frohe Stunden zu verleben, Geschäfte abzuthun, Streit zu vergleichen, alte Freundschaft zu befestigen und neue zu schließen bei gefüllten Schüsseln und Gläsern, bis alle Lust vollständig gebüßt war. Als die Yacht, von der Fluthströmung fortgehoben, die Kirche erreicht hatte, war kein Mensch am Lande zu sehen, doch ohne Helgestad's Wort abzuwarten, wickelte die Mannschaft den großen Anker los und hielt sich bereit, um die Kabel schießen zu lassen. Der alte Schiffer stand am Steuer und schien seinen Gedanken nachzuhängen. Ernsthaft blickte er nach der Kirche hin, suchte unter den Booten umher nach der Flagge von Oerenäesgaard, und als er sie herausgefunden hatte, lief ein zufriedenes Grinsen über sein lederhartes Gesicht. Sind zur Stelle und kommen zur richtigen Zeit, sagte er, um das Julfest mit zu halten. Anker los denn! Müssen Freude zu Freude bringen. Der Anker fiel und in der nächsten Minute lag die Yacht hinter den Booten. Mit derselben Geschwindigkeit wurde die Jolle niedergelassen, die bequemste Leiter an die Wand des Bollwerks gehakt und nun eilten die Männer um ihre besten Kleider anzuthun. Während sie sich putzten, stieg Helgestad in die Kajüte hinunter. Vor der Thür blieb er einen Augenblick stehen, horchte und trat dann 237 mit freundlichem Gesicht herein. Hannah Fandrem stellte eben den Kaffeetopf aus dem kleinen Ofen auf den Tisch. Marstrand stand davor und ordnete die Tassen. Beide waren vollständig angekleidet, was Niels zu gefallen schien. Nuh, sagte er, sehe, habt Eure Sache in, Ordnung. Bist in den Kleidern, Mädchen, schaust schmuck und festlich aus. Liegen dicht unter Lyngen's Kirche im hellen Sonnenschein, merkt aber kein Mensch etwas davon, als hätten wir Niffelheimr's Tarnkappe auf die Mastspitze gesetzt. Sitzen Alle in der Kirche; calculire, heizt Henrik Sture ihnen mit einer Danksagung ein, die ihnen Augen und Ohren verstopft, aber die Herzen öffnet. Er setzte sich nieder, nahm eine Tasse und schenkte sie voll, während er weiter sprach. – Ist eine alte Sitte aus Heidenzeit, Herr Marstrand, Julfest zu feiern. Hat viel Blut und Zeit gekostet, ehe es in Norwegen aufhörte und die Christenpriester es durchsetzen konnten, daß Julfest auf Weihnachten verlegt wurde. Ward mehr als ein König von den Bauern gezwungen, Julfeier zu begehen, zu Ehren Odin's und Thor's und mußte Haken der Gute Stutenfleisch dabei essen, wie sehr er sich auch sträubte. Kannten sich Christen und Heiden viele Menschenalter lang daran, daß am Sonnenwendetag diese schmückten und opferten. Das Julfest war also in alter Zeit die Frühlingsfeier? sagte Marstrand. War das größte Fest der Menschen und das schönste Fest, um den Allvater zu bitten, seinen Kindern gnädig zu sein, antwortete Niels, und haben es hier erhalten, blos umgewandelt nach christlichem Sinn, wie es überall am Besten erhalten blieben wäre. Nun aber laßt uns nicht länger sitzen. Müssen an's Land und wollen sie überraschen in ihren Betstühlen. Wirst sie sehen, Hannah, denke, fehlt Keiner. Liegt mein größtes Boot an den Steinen, und trägt seine stolze Fahne, die Gula letztes Jahr gestickt hat. Er warf seine Jacke ab, zog den blauen, grün gefütterten Rock an, und als Hannah in die Nebenkammer ging, redete er mit Marstrand. Nuh, sagte er, ist allerlei Mißmuth in Euren Kopf gekommen, sind verdrießlich und schwermüthig geworden, soll jedoch kein Spahn zwischen uns liegen, der nicht fortgestoßen würde. Biet' Euch 238 meine Hand, Herr, laßt Alles zwischen uns sein, wie es war. Achte Euch als ein Mann, der seinen Willen klar zu machen weiß, müßt dagegen achten, was ich als richtig calculire; stellt sich Rechnung gegen Rechnung, nehmt aber Wort und Schlag darauf, bleibe Niels Helgestad, der es Euch zusagte, Euer Helfer zu sein, so viel er immer kann. Marstrand nahm die dargebotene Hand an. Ich sage Ihnen Dank, Herr Helgestad, erwiderte er, und bin gern bereit den Frieden zu bewahren. Habt Einsehen von Gott bekommen, sprach Niels, wird Euch Vertrauen zu mir geben. Denke, müßt Euch freuen, an diesem Tag hier zu sein. Findet alle sittsamen Jungfrauen da oben beisammen. Schickt der Herr Euch gleich seine Wachteln entgegen, könnt die fetteste fangen, wenn Ihr wollt. Marstrand lachte, indem er den Kopf schüttelte, aber Helgestad fuhr vertraulich fort: Sucht umher und bindet der, die Euch zumeist gefällt, ein Band um den Flügel. Ist uralte Sitte, daß am Julfest Bekanntschaften gemacht werden, denen die Hochzeit folgt. Hoffe am Balsfjord steht Euer Haus fertig; wollen in ein paar Tagen Euch und Eure Waaren hinüber bringen und weiter sehen, was zu thun ist. Doch nun vorwärts! Da kommt Hannah, ehrbar und stolz, in Schleiertuch und Faltenschürze, und rufen von oben uns an die Jolle, haben keine Zeit, länger zu warten. Er stülpte seinen Hut auf, schlang ein buntes Seidentuch um den Hals und führte Hannah und Marstrand in das wartende Boot. Mit wenigen Stößen flog dies an die Steinblöcke der Ufertreppe, von wo er zurückkehrte, um die sämmtliche Schiffsmannschaft an's Land zu befördern. Hannah stieg rasch über die Felsenstufen der gewaltigen Genusläger, welche übereinander geworfen auf die Spitze der Klippe führten. Marstrand blieb neben ihr, aber Helgestad war weit zurück, als die Beiden schon oben standen. Nuh, murmelte er hinaufsehend, indem er sie betrachtete, ist wahrlich keine Taube, die ihr Futter aus Jedermanns Hand nimmt. Schaut auf mich herunter, wie ein Bild von Stein, oder wie eine Norne, von der die alten Sagas reden, die den Menschen ihr Schicksal sangen. 239 Denke aber, soll mir kein Finger davon weh thun. Habe sie jetzt, wo ich sie haben will; bist mein, sollst mir nicht mehr entkommen! Er nickte zu ihr hin und bedachte, daß sie Björnarnen wohl gefallen werde, denn groß und stark und stattlich sah sie aus. Ihre vollen festen Züge hatten sich geröthet von der Anstrengung und ihr Gewand von schwarzer Seide glänzte im Sonnenschein. Dazu trug sie eine nordländische weiße Faltenschürze und ein weißes Schleiertuch, das in ihren Haaren festgesteckt war. Helgestad war im Zweifel, wer schöner sei, sein eigenes Kind Ilda oder diese Schwiegertochter, die sein geheimes Wohlgefallen und seinen Hochmuth erregte. Während er heraufstieg, kam die Sonnenkugel höher und beleuchtete mit vollem Glanz die schwarze, stille Gestalt. Hannah hielt die Hände gefaltet und blickte über Fjord und Meer hinaus. – Wie süß und friedensvoll ist diese Ruhe, sagte sie vor sich bin, die mein erstarrtes Herz so weich macht, daß ich Thränen vergießen könnte. Folgen Sie dieser sanften Stimme, erwiderte Marstrand. Wohin ein Mensch auch gehen mag, welche Leiden Gott ihm schickt, er sendet auch den Versöhnungsengel, der ihm befiehlt: Lege deine Rache in meine Hände und gehorche meinem Gebot. Gewiß, ich will gehorchen, sagte sie im entschlossenen Tone. Da kommt der Mann, der Entsetzlichste aller Menschen, dessen Anblick ich nicht ertragen könnte, wenn die Stimme, von der Sie reden, mir nicht geboten hätte: Folge ihm! Ich bin ihm gefolgt, bin seiner Winke gewärtig, bin seine Magd. Er will mich haben, er soll mich haben! Das soll er nicht, Hannah! rief ihr Begleiter. Sie sollen zu Ihrem Vater zurückkehren, Helgestad selbst wird nachdrücklichen Vorstellungen, wie ich sie im Sinne habe, nicht widerstehen können. Weder ein Vater noch eine Heimath erwarten mich, war ihre Antwort. Wo könnte ich leben? Wo ist meine Zukunft? Mein Trachten? Mein Gott?! Er, an den ich jetzt allein glauben soll, er nahm mir Alles, was mein war, dafür gab er mir das Recht ihm anzuhängen. Der schwarze Wurm, der mir in's Herz gestochen hat, ringelt sich zu meinen Füßen. Ich habe einen Bund mit ihm geschlossen, den soll Keiner je zerreißen. Ich habe es beschworen mit tausend Eiden, daß ich dafür leben will, sonst lebte ich nicht mehr. Ich will nicht von ihm lassen, will so viel Glück und Segen über ihn 240 und sein Haus bringen, so viele Freude und so viel Heil, wie ich unter seines Gottes Beistand erdenken kann. – Ihre Augen funkelten mit dem Ausdruck des tödtlichsten Hasses, während ihre Lippen lächelten und sanfter Sonnenglanz ihr Gesicht verklärte. In diesem Augenblick erscholl aus dem Innern der kleinen Felsenkirche ein frommer, leiser Gesang. Die Töne des alten Kirchenliedes: »O Herr, nimmt von uns jede Schuld, und laß nach deinem Bilde, in Milde uns tragen Alles mit Geduld,« drangen durch die finsteren Mauern und kleinen Fenstern. Der uralte Bau und das frische Frühlingsgrün schimmerten in goldiger Pracht. Die heilige Stille der Natur schien von Gottes Athem erfüllt. Groß und herrlich lag sie da in ihrer Unermeßlichkeit. Die gigantischen Massen von einem rosigen Feuer überglüht, die langen Linien der hohen Alpen duftig angehaucht und ihre Köpfe stolz in den Himmel reichend, der in durchsichtiger Bläue darüber ruhte. Alle Nähe und Ferne war warm wie von liebenden Händen umschlungen, die Unendlichkeit des Meeres, der Inseln, der zahllosen Tinden und Kuppen gleich einem offenen Buche zu schauen, das von Gottes Liebe und Größe in Jubelgesängen spricht. Helgestad langte jetzt auch oben an, entblößte sein Haupt und faltete seine Hände zum Gebet. Das gelbe graugemischte Haar fiel ihm auf die Schultern, auch in seine harten Zügen drang das Himmelslicht und schien diese zu erweichen. Der gewaltige Mann mit aller seiner List und Kühnheit beugte seine Seele vor einer unsichtbaren Macht, die den vermessensten Sterblichen zuweilen erreicht, und mit halblauten Worten sagte er: Da bin ich wieder, mein Gott, der du mich aus vieler Gefahr errettet und hierher geführt hast. Will's dir danken, Herr, so viel ich vermag, und will's getreulich halten, als Mensch und Christ auf deinen Wegen zu wandeln, um vor dich hinzutreten ohne Furcht, als den gerechten Richter. Er schielte nach Hannah hin, die unbeweglich ihn betrachtete und sagte hierauf lauter zu Marstrand: Habe mein Lebtag nichts Schöneres gesehen, als diesen gesegneten Morgen. Ist ein edles Fest, wo der alte Adam abfallen soll und alle Herzen sich zum Guten öffnen. Laßt uns in die Vorhalle treten und Gott unsern Preis bringen. Ist ein langes Lied, das sie singen, können sie derweil betrachten, ohne daß sie uns inne werden. Denke, mein guter Freund Sture hat keinen 241 Athem mehr für heut und wird die nächste Woche in Heiserkeit zubringen, wenn das reiche Opfer nicht Wunder an ihm thut. Mit diesen unheiligen Spöttereien war der alte Geist zu Helgestad zurückgekehrt. Er öffnete die niedere Kirchthür und trat in den dunklen Raum hinter den Vorbau. Von hier aus konnte er Gemeinde und Priester sehen, und seine Blicke flogen rasch über die dichtgedrängte Schaar, hafteten auf der Stelle, wo seine Kirchenbank stand und zogen sich finster zusammen, als er bemerkte, daß statt des dicken rothen Pastors vom Lyngenfjord der silberhaarige Greis Klaus Hornemann das Altargebet verrichtete Dann blickte er über die Versammlung, welche aus vielen wohlbekannten Gesichtern bestand, in denen sich häufig die Ungeduld malte, diese Kirchenfeier zu Ende zu bringen, um in's Freie hinaus zu eilen; Andere schienen ergriffen und bewegt zu sein und Helgestad sah lange still auf seine Kinder, ehe er seiner Begleiterin Beide nannte und zeigte. Sie saßen beisammen. An Ilda's Seite tauchte der rothe Kopf des Schreibers auf, hinter ihnen ragte Olaf empor, und neben Björnarne hatte ein Mann Platz genommen, dessen Anblick Helgestad ein lautes Grunzen auspreßte. Es war kein Anderer als der Voigt von Tromsöe in eigener Person. Das dicke Gesicht mit den kleinen bösartigen Augen, die feurige Nase und die breiten hangenden Unterlippen konnten Keinem als ihm gehören. Helgestad schien nicht recht zu wissen, ob er sich über die Anwesenheit dieses würdigen ersten Magistrates der Finnmarken freuen oder ärgern sollte. Er hatte absichtlich seine Yacht auch auf dem Rückwege bei Tromsöe vorüberlaufen lassen, ohne anzulegen, um dem Voigte auszuweichen, jetzt saß dieser vor ihm und um ein Kleines war er sicher nicht gekommen. In Helgestad's Mienen war zu lesen, daß er calculire, was das Beste sei, und es dauerte ziemlich lange, ehe sein stilles Dreinschauen mit einem vergnüglichen Nuh enden wollte. Hannah betrachtete während dessen die Geschwister und ihre Augen hefteten sich auf Björnarne, den sie sich anders gedacht haben mußte, wie er wirklich war. Als sie ihn früher gesehen, war er ein fröhlicher Jüngling mit frischen Farben und hell schimmernden Augen voll Lebenslust und Einfalt gewesen, jetzt kam er ihr vor, wie ein ernsthafter Mann, der zu denken und zu sorgen hatte. Vor sich hingebeugt saß er niederblickend auf 242 eine Stelle, die Lippen zusammengeklemmt und über Etwas sinnend, was ihn ganz zu beschäftigen schien. – Ilda sang mit ihrem Bräutigam aus demselben Buche, aber Paul Petersen's schlaue Augen waren in fortgesetzter Bewegung und sein Anblick machte den ersten widerlichen Eindruck auf Fandrem's Tochter. Ilda's klare hochgewölbte Stirn, ihr ruhiges Gesicht, das sanfte Lächeln darin, und ihre religiöse Erhebung erregten Hannah's Theilnahme. Sie sah in der Versammlung umher, da war kein junges Mädchen, das sich mit ihr vergleichen konnte. Marstrand hatte ihr zuweilen von Ilda erzählt. Er hatte nicht gesagt, daß sie schön sei, aber er hatte ihren Verstand, ihren milden Sinn und ihres Herzens Güte gelobt, jetzt fand Hannah Fandrem, daß Helgestad wirklich einmal die Wahrheit gesagt habe, wenn er seine Tochter die Blume der Fjorde nannte. Und diese Blume sollte an den häßlichen Schreiber mit dem gemeinen Gesicht verzettelt werden? Ein Blitz zuckte durch Hannah's Herz, verzehrte den Haß darin und ließ es in Mitleid aufflammen. Eine Ahndung sagte ihr, daß Ilda ihr nahe stehen müsse, daß deren Geschick ähnlich dem ihrigen sei; daß sie unmöglich den lieben könne, der ihr aufgedrungen werde, und sie empfand ein sehnsüchtiges Verlangen nach einer Freundin; einer Vertrauten, die eigener Noth voll auch die fremde fühlen und trostbedürftig, Trost und Rath geben möchte. Mitten in dieser Betrachtung wurde das Lied beendet, Klaus Hornemann theilte den Segen aus, und eben erhoben sich die Häupter, als ein Freudengeschrei erscholl, denn die ersten, welche ihre Platze verließen, entdeckten den alten Helgestad, zogen ihn vorwärts in's helle Licht und schrieen seinen Namen, der in der nächsten Minute überall wiederholt wurde. Nuh, rief der Kaufmann, bin da, Freunde, und Nachbarn! Habe Gott meinen Dank hier außen dargebracht und habe gute Nachrichten für Euch aus Bergen. Steigt der Fisch mächtig und wird steigen von Woche zu Woche. Wird auf vier Species kommen die Vaage und darüber; jetzt aber laßt mich meine Kinder sehen, habe sie lange entbehren müssen. An Ilda's Arm und seinen Sohn an der Hand stand er endlich draußen im hellen Sonnenschein. Alle wollten seinen Handschlag und sein Wort. Die Marstrand kannten, drängten sich an diesen mit ihren 243 Fragen und Glückwünschen. Jubelgeschrei und Hurrahs schallten auch auf die Yacht nieder, deren Mannschaft den Felsen heraufkletterte und lange dauerte es, ehe Helgestad vor seinem Kirchenhäuschen den Schwarm der Neugierigen los wurde und mit seinen Freunden und Kindern einen kleinen Kreis bildete, dem er Hannah gehörig vorstellen und ihr Erscheinen am Lyngenfjord erklären konnte. Er sagte freilich nicht sogleich, was seine eigentliche Absicht sei, allein es war Keiner, der sie nicht errathen hätte. Hannah wollte das Land ihrer Mutter sehen, es hatte große Mühe gekostet, Fandrem zu bewegen, sie auf ein paar Monate zu missen, Björnarne sollte sie zurückbringen. Daraus setzte sich Jeder zusammen was ihm gutdünkte. Der reiche Kaufmann in Bergen war bekannt genug, eben so bekannt, in welchen Verhältnissen Helgestad zu ihm stand; Andeutungen über das, was einmal geschehen könne, waren früher schon in den Familien abgehandelt worden, wenn davon die Rede war, wen der junge Erbe von Oerenäesgaard einmal heimführen werde. Niemand zweifelte also daran, daß der schlaue alte Niels sich die Schwiegertochter mitgebracht habe, damit sie sein Haus, seinen Reichthum und ihren bestimmten Ehegemahl kennen lerne. Es konnte nicht fehlen, daß bei diesen Betrachtungen allerlei Neid und Mißgunst aufkeimte, allein wer wird sich dergleichen anmerken lassen! Hannah wurde freundlich empfangen und Ilda ging Arm in Arm mit ihr in den Kreis ihrer Freundinnen, um sie von den Männern zu entfernen, denen Helgestad Rede stehen mußte und wo es an Scherzen und Gelächter nicht mangelte. Während dies geschah, war Marstrand von Olaf in Beschlag genommen worden, der ihm viel von seiner Niederlassung zu erzählen hatte, und mit der ehrlichen Herzlichkeit seines Wesens seine Freude ausdrückte, ihn wohl und ganz wieder am Lyngenfjord zu sehen. Wie sehr stach dieser Empfang von dem ab, der ihm von Björnarne sowohl wie von Ilda zu Theil geworden war. Die Jungfrau hatte ihm die Hand gereicht und mit einigen ruhigen Worten willkommen geheißen, Björnarne aber dies kaum gethan, vielmehr die Augen von ihm abgewandt und Etwas rasch vor sich hingemurmelt, was wie ein Gruß klang. Die Kälte dieser Aufnahme verletzte den jungen Mann. Rund umher war Freude und Scherz, Gruppen junger und alter Leute lagerten sich in dem frischen Grün, aus den Hütten wurden Vorräthe aller 244 Art herbeigebracht, geschäftige Frauen und Mädchen kamen mit Tassen und Kannen, Feuer flammten zwischen Steinen auf, die zu Küchen umgeschaffen wurden. Spiele wurden verabredet, Tanz sollte die Lust vergrößern, frische Zweige wehten von den Hüten und Mützen, Lieder wurden angestimmt, die Kehlen wie die Füße probirt, und manche Männer, welche Marstrand wenig kannten, Familien, die er kaum einmal gesehen hatte, liefen mit gütigen Blicken und warmen Worten auf ihn zu, fragten und lobten, hatten Theilnahme für ihn, und luden ihn ein, mit ihnen den frohen Tag heiter zu begehen. Er mußte sich zusammennehmen, um seine Mißstimmung zu verbergen, und Scherz mit Scherz zu beantworten, bis er wiederum mit Olaf allein stand, der ihm freundlich auf die Schulter klopfte und als er in sein Gesicht sah, sagte: Die Reise ist dir nicht sonderlich bekommen, Freund Johann, du bist zwar braun und fest geworden, aber du hast Falten auf der Stirn und siehst aus als läge ein tüchtig Stück Sorge auf deinem Nacken. Soll ich nicht sorgen, Olaf? antwortete Marstrand. Sieht, was vor mir liegt, so freundlich aus, daß ich ohne Nachdenken darauf blicken könnte? Du hast ein schweres Werk zu thun, erwiderte der ehrliche Freund, aber du bist ein rascher Mann. Dein Haus steht fertig, Helgestad's Yacht kann mit deinen Waaren an deiner Schwelle ankern. Es ist wahr, ich möchte nicht wünschen an deiner Stelle zu sein, doch wenn du die Possen aufgibst, aus dem Wald an der Balselfschlucht Geld zu machen, kann es dir doch wohl glücken – besser glücken, wie es mir glückt, setzte er kopfschüttelnd hinzu. Marstrand schwieg zu diesem Bekenntniß, bis er dem wackern Burschen die Hand drückte und bedauernd hinzufügte: So hast du deine Hoffnungen aufgegeben, mein armer Olaf? Ich will fort, sagte dieser leise. Du hättest mich schwerlich mehr angetroffen, wenn ich Helgestad nicht versprochen hätte, Björnarne getreulich beizustehen; dir nicht versprochen hätte, für dein Wohl zu schaffen, und – wenn ich kein Narr wäre! rief er heftiger, indem er sich an den Kopf schlug und dazu lachte. Wäre alle Narrheit wie die deine, guter Olaf, Niemand würde sich darüber beklagen. 245 Und wenn Alle mich segneten, war seine Antwort, was hülfe es mir, wenn es Eine nicht thäte? Es hat sich Manches verändert, seit du fort bist, Freund Johann. Sieh Jungfrau Ilda an; doch du bemerkst nicht, was mein Auge sieht und weißt nicht, was mir ihre Stimme sagt, wie sehr sie auch Alles zu verbergen weiß, was sie will. Was sagt sie dir? fragte Marstrand, der mit ihm weiter ging. Daß es dunkel in ihr ist – hier murmelte der Nordländer, indem er die Hand auf seine Brust legte, und daß die Frühlingssonne, die jetzt am Himmel steht ohne unterzugehen, in ihrem Herzen tief gesunken ist. Sie war immer schweigsam, fuhr er fort, als sein Begleiter keine Antwort gab, aber wie ein Stern nicht spricht, doch leuchtet, so sprach sonst ihr Gesicht, so leuchteten ihre Augen; wenn sie die Lippen öffnete, klang es herrlich; ich hätte es immer hören mögen. Jetzt ist der Glanz aus ihren Augen verschwunden; ich höre ihre Stimme – und es thut mir weh; ich sehe sie an und wie ein Winternebel liegt es auf ihr. Vielleicht ist sie krank, sagte Marstrand. Du verstehst es nichts weil Du es nicht fühlst, rief Olaf ungeduldig. Es scheint Niemand zu sehen, als ich allein. Sie ist wie sonst, Alles was sie thut ist so verständig und gut wie immer; sie spricht wie früher und dennoch weiß ich, daß es anders mit ihr ist. Und was denkst du davon? Sieh dort hin, erwiderte Olaf, da sitzt der Voigt von Tromsöe, legt den Arm auf Helgestad's Schulter und flüstert in sein Ohr. Wende dich zu den Birken und betrachte den Schreiber, wie er mit Ilda geht, ihre Hand in die seine preßt und dabei der Jungfrau zu gefallen sucht, die mit Euch aus Bergen gekommen ist. Da ist kein Weib, der er nicht gefallen möchte; kein Mann, den er nicht betrügen wollte. Der häßliche, gierige Schelm hat tausend Laster, weder Treue noch Recht ist in ihm und doch soll er den Ring an Ilda's Finger stecken und ehe der Winter kommt, soll sie ihm nach Tromsöe folgen. Sieh, wie die Alten sich die Hände schütteln, sie haben den Kontrakt beredet und sind fertig. Du glaubst, sagte Marstrand, daß das Ilda's Gram ist? 246 Was wäre es sonst? Meinst du, Ilda kenne den falschen Schreiber nicht? Wüßte nicht, daß er aus Lügen und Ränken gemacht wäre? Nie würde ihr Finger ihn berühren, wenn's nicht so sein müßte! Das sagt ihr Blick, wenn sie mich ansieht, das sagt ihre Stimme, wenn sie meinen Namen ausspricht, das lese ich in jeder Miene. Wenn sie meine Hand drückt, fühle ich es und wenn ich vor ihr stehe mit meinem Kummer, strömt ihr Leid über mich aus. Marstrand sah seinen Freund nachdenkend an, der leiser fortfuhr: Du siehst nun wohl, warum ich nicht gehe, obwohl sie selbst mir gestern noch sagte, ich müsse fort von hier, nach Bodöen auf mein Gut zu meiner alten Mutter, die sich um mich grämt. Und Björnarne? fragte Marstrand zögernd, hast du mit ihm nicht über Ilda, wie mit mir gesprochen? Nein, sagte Olaf, Björnarne kann nichts helfen und nichts bessern; er ist wie Ilda seines Vaters Kind und hat obenein jetzt allerlei Grillen, denen er nachhängt. Wir bringen ihm die Frau mit, der er angehören soll, fiel Marstrand ein. Ich weiß es, war Olafs Antwort; es wird gut für ihn sein, wird ihn munter machen. Seit einer Woche ist er wieder hier, nachdem er drei Tage lang durch die Jauren bis zum Kilpis hinauf gelaufen ist, ich mit ihm und andre Männer mehr. Auf den fragenden Blick seines Genossen erzählte Olaf gleichgültig: Das ist auch eine Neuigkeit, Freund Johann, die du erfahren mußt. Das Lappenmädchen, die kleine Gula, ist davongelaufen, oder in eine Kluft gestürzt oder sonst wie umgekommen. Gula! schrie Marstrand auf. Ihr habt sie nicht aufgefunden? Keine Spur von ihr. Björnarne meinte sie sei geraubt, Paul Petersen sagte, sie sei verliebt und Ilda meinte, ich habe sie niemals weinen sehen. Darum machte ich mich mit auf, um das Lappenmädchen zu suchen, und lief durch die Sümpfe, bis wir den Hexenmeister, ihren Vater fanden, der in den Kilpisjauren mit seiner Heerde steckte. Sie war nicht bei ihm? Wenn dieser alte Gauner sich nicht besser verstellen kann, wie ein Christ es begreift, so wußte er nichts von ihr. Er schwor mit 247 tausend Schwüren bei Jubinal und bei Pekel, daß sein Auge sie nicht gesehen habe und gab uns gräuliche Verwünschungen auf den Weg. Armes Mädchen! Arme Gula! sagte der Junker betrübt. O, daß ich nicht hier war, ich hätte ihr Schicksal zum Guten geleitet. Olaf schüttelte den Kopf. Du hättest nicht mehr thun können, wie Björnarne gethan hat, und kannst nicht betrübter sein wie er. Die Dirne war seit längerer Zeit schwermüthig, oder wie man es nennen will und wenn es nicht ein schlechter Spaß wäre – er sah seinen Begleiter lächelnd an –, so könnte man wirklich sagen, wie Paul Petersen sagt: Die Liebe hat die kleine Hexe toll gemacht. Ihr Gespräch wurde durch Helgestad unterbrochen, der Marstrand laut rief und winkte, und als dieser näher kam, ihm zuschrie: Seh' es Euch an, daß Ihr die Neuigkeit schon wißt. Nuh, mag sie laufen und Rennthiere melken, oder bei dem alten Schuft Teufelstränke brauen, oder meinetwegen auch im Sumpfe liegen bis zum jüngsten Tage! Will mich nicht darüber ärgern am gesegneten Morgen; setzt Euch zu uns, Herr Marstrand, und reicht dem Voigt Eure Hand, der sie nach Euch ausstreckt. Calculire, müßt ihm danken und Paul Petersen ein helles Gesicht machen, haben Beide Eure guten Worte verdient, denn ist Alles, was Ihr wünschen könnt, in Richtigkeit. Der Voigt hatte sich inzwischen erhoben und kam dem jungen Ansiedler ein paar Schritte entgegen. Sein blauer Rock mit hochstehendem Kragen und Litzen verkündigte den hohen Würdenträger; der kleine dreieckige Hut, den eine breite Goldtresse einfaßte, saß majestätisch auf dem dicken, feurigen Kopfe, Schnallenhosen von schwarzem Sammt und lange blanke Stiefeln vollendeten sammt dem spanischen Rohr mit großem Goldknopf, die würdige Erscheinung. – In seiner Jugend war der Voigt Offizier in der Landarmee gewesen und noch trug er ein Danebrogsband und Kreuz im Knopfloch; seinen Körper hielt er militärisch gerade und seine grauen Augen blickten energisch aus dem trotzigen Gesicht. Seien Sie willkommen, Herr Baron, ich habe mich lange auf diese Stunde gefreut, sagte er, seinen Hut lüftend. Habe Sie in Tromsöe vergeblich erwartet und mich endlich selbst aufmachen müssen, Ihnen meinen Respekt zu beweisen. 248 Marstrand entschuldigte sich und sprach seinen Dank aus. Der Voigt hielt seine Hand fest und nöthigte ihn neben sich zu sitzen, dann reichte er ihm ein gefülltes Glas, stieß auf sein Wohl an und freute sich überall Rechtes und Gutes von ihm zu hören; endlich aber zog er ein großes Taschenbuch von Leder aus seinem Rock und händigte Marstrand ein Papier ein, rechtsgemäß ausgefertigt mit Unterschrift und Siegel, durch welches ihm das Thal der Balsfjordelf, die Nebenthäler zu beiden Seiten, sammt den Ufern in bedeutender Ausdehnung als freies Eigenthum für ewige Zeiten übergeben wurden, mit Einschluß des Eilandes Strömmen an der Meeresküste vor Tromsöe. Alles war bündig, genau und bestimmt abgefaßt, es war unmöglich, daß Marstrand nicht dafür seinen freudigen und lebhaften Dank ausdrücken konnte. Es ist also Alles zu Ihrer vollen Zufriedenheit eingerichtet? fragte der Voigt. Diese Akte enthält mehr, als ich erwarten durfte, erwiderte Marstrand. Der Besitz ist fast größer, als ich ihn wünschte. Weise benutzt ist Nichts zu groß, antwortete der Beamte. Der König hat hier noch viel zu vergeben, was in die rechten Hände gebracht, Seiner Majestät und dem Lande Nutzen schaffen wird. Und dafür bin ich hier, fuhr er fort, das ist meine Pflicht, die Würdigen auszusuchen, aber auch zu sorgen, daß Bettler und Landstreicher nicht ihr Wesen treiben können. So habe ich denn nicht gefragt, Herr Baron, ob das Stück zu groß sei, habe gegeben, was gefordert wurde. Sie haben alle meine Bitten reichlich erfüllt, Herr Voigt, sagte Marstrand, erfüllen Sie nun auch diese, mich einfach bei meinem Namen zu nennen. Den Baron habe ich in Kopenhagen gelassen, als ich den gestickten Rock auszog, hier in meinem neuen Vaterlande bin ich Johann Marstrand, der Kaufmann von Balselfgaard, will es bleiben, und so Gott mir beisteht, meiner Mitbürger Wohlwollen verdienen. Nuh, rief Helgestad, ist ein wackeres Wort, wohl ausgesprochen und mag gedeihen unter Euren Händen! Auch der Voigt nickte und grinste Beifall; es wurde angestoßen darauf, Glas auf Glas folgte, von guten Lehren, Sprüchen und Wünschen begleitet. Sie saßen im Schatten der sanftwehenden Birken. 249 Die Sonne stieg höher hinauf und vor ihnen breitete sich auf dem grünen Platze ein lebensvolles Bild aus. Die jungen Männer und Mädchen sammelten sich auf einer ebenen dazu erwählten Stelle zum Tanze; an anderen Orten bildeten sich Gesellschaften, die mit schweren, runden Steinen nach dem Ziele warfen; weiterhin knallten die Büchsen nach einer Scheibe, auf der ein Bär gemalt war und Preise waren ausgesetzt. Andere Gruppen saßen und lagen unter bunten Fahnen und Flaggen, Lachen und Lust war überall. Kraftproben wurden angestellt, es wurde gerungen und gesprungen und Beifallklatschen und Jubel begleitete die Sieger, Spöttereien die Ueberwundenen. Während die fröhliche Menge sich bunt durcheinander drehte, sonderten sich auch einzelne Paare ab und suchten einsamere Stellen, um dort beisammen zu gehen und Bekenntnisse anzuhören, denn, wie Helgestad schon erwähnte, kam es bei diesem Feste zu manchen zarten Erklärungen und Abschlüssen. Der Voigt hob nach einiger Zeit seinen Stock auf und deutete nach der Kirchenseite, wo er seinen Neffen mit Ilda, Hannah und Björnarne mitten in dem Kreise sah, der den alten Priester umringte. Da geht es lustig her, rief er, ich will wetten, Paul bestellt das Aufgebot für die ganze Gesellschaft. Sie sollen wissen, Herr Marstrand, fuhr er dann lachend fort, daß es eine feine, alte Sitte ist, die Brautpaare auszurufen an diesem Jultage und vom Priester den Segen darüber sprechen zu lassen. Habe soeben auch mit Helgestad darum geredet. Mein Neffe Paul und Jungfrau Ilda können ihren Herzenssturm nicht länger besänftigen. Ist ein stattliches Paar, ein besseres weiß ich nicht. Sagen Sie selbst, ist es nicht so? Ich kann nur Glück wünschen, so viel ich vermag, antwortete Marstrand. Paul ist Ihr Freund, fuhr der Voigt fort, einen, der es treuer meint, haben Sie hier nicht, Herr. Ich muß es sagen, daß er durch sein großes Lob und seine Künste alle meine Bedenken besiegt hat, Ihnen ohne weiteren Aufschub den Besitzbrief auszustellen. Demgemäß, sagte er, seine borstigen Augenbrauen in die Höhe ziehend, daß die runden Augen stechend hervortraten, hat er doch selbst die Schrift gemacht, hat Punkt für Punkt genau studirt, und steht Alles so fest, daß Nichts daran verrückt werden kann. 250 Marstrand drückte seinen Dank aus, der Voigt sah den alten Helgestad listig an und schlug dem Junker darauf mit seiner groben Hand auf die Schulter. – Dank hin, Dank her! rief er, stoßen Sie an, daß er vom Herzen kommt. Dank, wenn es bei Worten bleibt, ist wohlfeil, ich wüßte aber gleich ein gutes Ding, das geschehen könnte, wenn Sie etwas für Helgestad's Haus thun wollten. Was meinen Sie? fragte der Ansiedler. Was ich meine, sprach der Voigt. Ich meine, daß es eine schöne Sache wäre, wenn wir heut' gleich auch den Björnarne segnen ließen. Ist Alles hier zur Stelle, Bräutigam, Braut und Priester; würde im Umsehen fest gemacht, was sonst wohl Wochen und Monate sich hinziehen könnte. Marstrand erschrack. Und was kann ich dabei thun? fragte er. Mit Fandrem's Tochter ein vernünftiges Wort sprechen, sagte der Voigt. Ihr den Kopf zurecht setzen, wenn es nöthig ist, ihr den richtigen Weg zeigen, der ihren Vater glücklich macht und Helgestad, Björnarnen und uns Allen die Herzen erheitert. Sie können es allein, Herr. Ich habe vernommen, welches Zutrauen Jungfrau Hannah zu Ihnen besitzt, ist's also mit dem Danke wirklich richtig gemeint, so gehen Sie hin zu ihr, sie steht dort allein, ist leicht zu haben. Der junge Mann warf einen finsteren, fragenden, fast drohenden Blick auf Helgestad, der ein Bein über das andere geschlagen, seine holländische Pfeife rauchte und gleichmüthig zuhörte. Calculire, sprach er, als der Voigt aufhörte, ist ein guter Rath und würde Eure Freundschaft daran erkennen, Herr Marstrand. Sprecht mit Hannah; ist Einer, der es versteht, so seid Ihr es. Habe gesehen, daß sie Björnarne bei der Hand nahm, als Ilda ihn zu ihr führte, und war in ihren Augen und ihrem Wesen Etwas, was nicht aussah wie Mißfallen. Hoho! rief der Voigt lachend, es gibt kein Mädchen in der Welt, die einen schmucken Burschen, wie Björnarne, nicht mit Wohlgefallen ansähe. Können Sie es wünschen, fragte Marstrand, daß heute schon, wo Beide sich kaum gesehen haben, ein festes Versprechen gefordert würde? Nuh, sagte Helgestad mürrisch, wißt so gut wie ich, daß es kommen muß, mag es heut' sein oder morgen. Liebe kein langes 251 Besinnen, bringt keinen Segen bei Mädchen wie diese da. Ist heut' ein Freudentag, wo Jedem der Himmel voll Geigen hängt, seht hier lauter zärtliche Gesichter. Ein halbes Dutzend junge Paare, die sich verfesten wollen. Ist ihr Alles neu und hat Freude an Land und Menschen, an Himmel und Sonnenschein; ist Rührung in ihrem Gesicht, seh' es ihr an, daß ihr Herz weich und warm ist, denn ist ihrer Mutter Land hier, die manches Mal am schönen Lyngenfjord in der Julnacht getanzt und gelacht hat. – Calculire darum, wird nicht nein sagen, wenn Ihr es richtig zu wenden wißt. Ist eine Speculation, Herr Marstrand, die, wie alle Speculationen, ihre Stunde hat, die benutzt werden muß. Will halten, was Ihr wollt, Ihr kommt zu uns zurück und sagt: Schreibt ihren Namen auf des Pastors Zettel, sie wird's nicht übel nehmen. Marstrand sah ein, daß er der Zumuthung nicht entgehen könne. Er stand auf und erklärte, daß er es versuchen wolle, obwohl er an keinen günstigen Erfolg glaube. Als er fort war, verzog sich das dicke rothe Gesicht des Voigts zu einem spöttischen Grinsen. Glaube es selbst, flüsterte er seinem Nachbar zu, denn der Bursche hat keine Lust, Euch zu dienen. Werft ihn aus dem Hause, sobald Ihr könnt. Helgestad machte keine andere Bewegung, als daß er sich ein neues Glas einschenkte. Meine dennoch, sprach er dann, daß er sein Bestes thun wird. Ist ein kalter, klarer Kopf, weiß, was hinten und was vorn ist, weiß, daß mein Finger ihn zerdrücken kann, und wenn er es nicht weiß, daß das Mädchen sich schicken muß, so weiß sie es. Sie kann nicht zurück zu dem alten Fandrem, mag auch nicht. Liegt abgethan, was vergangen ist, liegt unten tief in der See von Staatenland, was sie ihr Herz nannte, und ist ihr jetzt Alles einerlei, ob Dieser oder Jener, ob Björnarne oder Olaf, calculire, wird keine Umstände machen. Ist eine hübsche Sache, ein Weib ohne Herz, lachte der Voigt, Weiber haben immer zu viel davon. Hast sie auf alle Zelt kurirt, Niels, in der Nacht bei Silden. Bist doch gewiß, daß der dänische Räuber und seine Genossen nicht davon gekommen sind? Bin's gewiß, murmelte Helgestad. Sind nackte Klippen viele hundert Fuß hoch, kann keines Menschen Fuß daran haften. Höre 252 noch den Krach, wie das Boot brach, höre den Schrei, Paulsen, ist sonderbar, manchmal noch in meinen Ohren, wenn ich daran denke. Fürchtest dich davor, Mann? fragte der Voigt spottend. Helgestad blickte finster auf. Kein Gesetz kann dir einen Finger krümmen, fuhr Paulsen fort. Hast in Nacht und Nebel Räuber auf deiner Yacht gefunden und hast sie von deinem Deck geworfen. Ist aber freilich besser, wenn nicht davon gesprochen wird. Weiß es Keiner, als du und Helge, mein Steuermann, der schweigt still. So laß es geschehen sein, sagte der Voigt. Muß aber ein froher Morgen dich angeweht haben nach jener Nacht, als du zum ersten Male wieder vor dem Mädchen standest. Habe sie drei Tage lang nicht gesehen, antwortete Helgestad. Lag in ihrer Kammer wie eine Todte, kam Niemand zu ihr, als er, der ihr Helfer gewesen war. Und dann? fragte Paulsen behaglich. Dann kam sie und ich gab ihr die Hand. Es war keine Rede von jener Nacht zwischen uns und soll nie davon gesprochen werden. Hast es nicht versucht? Will's nicht versuchen, erwiderte Helgestad. Sah, daß der Jammer an ihrer Leber zehrte; that Alles, was ich konnte, um ihr zu zeigen, daß ich's gut machen wollte. Der Voigt schnitt ein höhnisches Gesicht. Bist ein vortrefflicher Vater, Niels, rief er. Hast ein mildes, versöhnliches Gemüth. Ich könnte es so leicht nicht verwinden, wenn meinem Sohn die Braut davon laufen wollte. Aber ich begreife es, alter Pfiffikus, es handelt sich nicht um die Dirne, es handelt sich um die Verbindung, um Fandrem, um die reiche Erbschaft. Würde es aber dem dänischen Schelm nimmer vergeben, daß er dazu mithelfen wollte. Wird seine Stunde kommen, murmelte Helgestad. Denke wohl! Und wird eine gute Stunde sein. Mach' nicht zu lange damit, halte dich nicht auf, hast ihn jetzt schon in der Hand. Auch Paul meint, je eher je lieber solle der Faden reißen, ehe er sich anheften kann. Helgestad erwiderte nichts, denn eben sah er Marstrand kommen, der Hannah Fandrem an der Hand führte. Er stieß einen langen 253 knurrenden Gurgelton aus und deutete mit der Spitze seiner Pfeife auf die Nahenden. Ich will Euch selbst Antwort bringen, sagte Hannah, als sie vor ihm stand. Herr Marstrand hat mir Euren Wunsch eröffnet, Vetter, und es bedurfte keiner langen Ueberredung. Wenn es Euch Freude gewährt, mich heut' schon als Eures Sohnes Braut zu erklären, wenn ich dadurch zu Eurem Glück beitragen kann und wenn Björnarne mich bitten will, wie es sich geziemt, so will ich mich fügen, da ich weiß, daß ich es muß. Willst es thun, Herzensmädchen! rief Helgestad, willst in Oerenäesgaard einziehen als meine Tochter? – Ruft Björnarne her, auf seinen Knieen soll er deine Hände küssen. Ruft ihn her und den alten Klaus dazu. Ruft Alle her, die da sind, Ilda und Paul. Soll eine Hochzeit werden am Lyngenfjord, von der in jeder Hütte in Finnmarken nach fünfzig Jahren noch erzählt wird. Helgestad hatte sich in eine Aufregung versetzt, die so selten bei ihm war, daß der Voigt ihn verwundert beobachtete, weil er nicht wußte, was wahr und was falsch daran sei. – Viele, die in der Nähe waren, traten inzwischen näher und das Aufsehen war nicht gering, als sie die Ursache der lauten Freude ihres reichen Nachbars erfuhren. Glückwünsche kamen von allen Seiten und jetzt führten ein paar junge Leute auch Björnarne herbei, der mit der Schützengesellschaft nach der Scheibe schoß und noch die Büchse in der Hand hielt, als seine lustigen Freunde ihn fortschleppten, ohne ihm zu entdecken, worum es sich handle. Komm her, Björnarne, schrie sein Vater ihm entgegen, wirf die Flinte fort, gibt ein ander Wild hier, das auf dich wartet. Sollst es mitten in's Herz schießen ohne Pulver und Blei. Calculire, verstehst die Kunst. Sieh hier, da steht Hannah, hat nichts dagegen, wenn du mit ihr zu Klaus Hornemann gehst. Nuh, du Narr, bist zu Stein geworden vor Jubel? Faß sie an, ist von Fleisch und Bein, fall' nieder, sie wird dich aufheben. Helgestad hatte nicht Unrecht, wenn er seinen Sohn mit einem Stein verglich; die Ueberraschung schien Björnarne gelähmt zu haben. Einige Minuten lang war er bleich, dann wurde sein ganzer Kopf dunkelroth, er ließ die Büchse aus der Hand sinken und seine Augen 254 flogen scheu umher; doch die väterliche Gewalt siegte schnell über seine widerstreitenden Gefühle, und bei den letzten Worten Helgestad's machte er wirklich eine Bewegung, als wollte er sein Knie beugen. Lieber Björnarne, sagte Hannah, ihn festhaltend, es ist unserer Eltern Wille, daß wir einander angehören sollen, und wir kennen uns nicht erst seit heut. Seit Jahren, seit unserer Kinderzeit haben wir uns gesehen und, wie ich denke, hast du mich lieb gewonnen. Ist ein Faktum! schrie Helgestad dazwischen. Ist es nicht so, Björnarne? Hast seit Jahren in deinen Gedanken Hannah im Gaard von Oerenäes gesehen. Denke ja! Sind deine Wünsche jetzt alle erfüllt. Schau auf in ihre Augen und falle ihr um den Hals. Kannst es thun, du Wetterjunge, streif' die Blödigkeit ab und hier kommt Klaus Hornemann, sagt ihm selbst, was Ihr von ihm verlangt. Marstrand war kein Zeuge des letzten Theils dieser Scene gewesen, um welche sich ein dichter Kreis gebildet hatte, der ein Jubelgeschrei erhob, als Björnarne der Weisung folgend, Hannah küßte und einige Worte stammelte. Ilda und die nächsten Verwandten mischten sich mit ihren Glückwünschen und Umarmungen ein, und während dies geschah, entfernte sich der Junker, um dem alten Priester entgegen zu gehen. Finde ich Sie endlich wieder, lieber Freund, sagte dieser nach der ersten Begrüßung. Herzliches Willkommen nach Ihrer Reise, wir werden uns Manches zu erzählen haben. Und was flüstert man sich zu? fuhr er lächelnd fort. Johann Marstrand hat eine schöne, junge Dame aus Bergen mitgebracht? Nicht für mich, ehrwürdiger Herr, fiel Marstrand ein. Es ist Fandrem's Tochter, die für Björnarne bestimmt ist. Verhüten Sie es, geben Sie wenigstens nicht zu, daß heut' und hier das Verlöbniß ausgesprochen wird. Und warum nicht? fragte der Priester ihn anblickend. Soll das Mädchen gezwungen werden? Nicht das, erwiderte der junge Mann. Sie ist bereit dazu, aber Björnarne – er sah verstummend vor sich hin. Hornemann schüttelte den Kopf. Der Pastor am Lyngenfjord, Henrik Sture, ist krank, sagte er, ich verwalte sein Amt und dies befiehlt mir, den Segen über die Paare auszusprechen, welche sich mir 255 vorstellen. Björnarne thut recht, wenn er dieser edlen Jungfrau seine Hand reicht und seines Vaters Willen erfüllt. Sie aber, der Sie der Freund dieses armen Jünglings sind, sollten nicht hindern wollen, was zu seinem Glücke gereicht. Ist das ein Glück, erwiderte Marstrand eindringlich, wenn man bleich und verstört ja sagt? Sie wissen nicht, was ich weiß, wissen nicht, was geschehen ist, auf welche Weise dies glückliche Paar zusammenkommt, was Helgestad dazu gethan hat. Ich glaube nicht, daß dies das Aergste ist, was er in seinem Leben that, sagte Hornemann. Ihr Herz mag dabei leiden, mein junger Freund, aber erinnern Sie sich, was ich Ihnen einst schon über die Sitten dieses Landes sagte. Die Kinder folgen hier den Geboten ihrer Eltern, das ist ein strenges, unverbrüchliches Gesetz. Haben Sie, fuhr er leiser fort, auf Ihrer Reise in der Nähe dieser Jungfrau, die eines anderen Mannes Braut war, dies nicht bedacht? Seien Sie überzeugt, sprach Marstrand erröthend, daß ich für Hannah keine verbotene Wünsche hege, daß überhaupt von mir nicht dabei die Rede ist. Und wenn dies nicht ist, antwortete der Priester, was treibt Sie an, Einspruch zu erheben? Meine Theilnahme für Beide und meine Furcht vor Unheil. Sonderbar, sagte Hornemann. Können Sie mir mittheilen, worauf sich diese Furcht begründet? Nein, nicht jetzt, nicht hier, sagte Marstrand, ich habe Hannah gelobt, darüber zu schweigen, aber hindern Sie das übereilte Gelöbniß. Hierher mit dem Pfarrer, hierher! ließ sich Helgestad's Stimme hören. Denke, ist Keiner, der größere Sehnsucht nach ihm hat, wie wir. Und an einer Hand Hannah führend, an der anderen Ilda, die von Björnarne und Paul Petersen begleitet wurden, trat er aus dem Kreise, der mit dem Voigt an der Spitze, ihnen unter Beifall und Freudenruf nachfolgte. Nichts kann ich ändern und nicht hindern, sagte Hornemann, aber wünschen kann ich, Herr Marstrand, daß Gott auch Ihnen so viel Frieden und Ergebung verleihe, wie ich in den Gesichtern dieser jungen Paare entdecke. Amen! murmelte Marstrand in sich hinein, indem er sich fortwandte. 256 Musik voraus und spielt das beste Stück, was Ihr habt, schrie Helgestad. Dann dreimal rund um die Kirche den Zug, wie es alte gute Sitte ist, und nun, Klaus Hornemann, nehmt sie hin und schließt den Bund ab, daß er nie auseinander springt. Ist es so, meine theuren Kinder? fragte der Greis. Wollt Ihr in Leid und Freude einander angehören und treulich halten, was Eure Herzen in dieser Stunde geloben? Er blickte Hannah an, die lächelnd neben Björnarne stand. – Ja, sagte sie mit einer lieblichen Neigung des Kopfes und an der anderen Seite sagte Ilda ihr Ja, ohne einen Zug ihres strengen Gesichts zu verändern. So kommt denn, sprach Hornemann, und die Brautpaare ordneten sich, ihre Verwandten und Freunde umringten sie, die Musik erscholl, Fahnen flatterten und Kränze von frischen Frühlingsblumen wurden auf die Locken der jungen Mädchen gedrückt. In der ersten Stunde des Morgens, als die Sonne hellstrahlend am Himmel stand, verkündete Klaus Hornemann den Segen des Himmels über die Verlobten. 12. Am nächsten Tage war der Gaard von Oerenäes voll Gäste und voll Arbeit. Der Voigt war da und wollte ein paar Tage bleiben, um mit Helgestad nach Tromsöe heimzukehren; denn der alte Kaufmann hatte sich entschlossen, nochmals sogleich nach den Lofoden zu fahren und seine Fische selbst nach Bergen zu bringen. Alles war so rasch und gut gegangen, daß er Fandrem in Person den Erfolg mittheilen mußte, zugleich wollte er die Mitgift festmachen und wenn er zurückkehrte, sollte die Hochzeit sein. Im Geheimen stand es fest bei ihm, Hannah durfte nicht eher wieder den Lyngenfjord verlassen, denn als Björnarne's Frau und mit ihm. Das Mädchen schickte sich zu seinem Wohlgefallen. Kaum war sie in dem neuen Neste warm geworden, als sie wie ein Vogel that, dem es längst gehörte. Sie half Ilda bei allen häuslichen Arbeiten, war in Küche und Vorrathsräumen zu finden, stand in dem 257 Kramladen, half wiegen und messen und schaute in die Rechenbücher, als hätte sie Jahr und Tag damit hantirt. Von ihren schönen Kleidern, ihrem Putz und feinen Fingern merkte man nichts, und dabei war sie freundlich und beweglich, nicht wie Gula, die sonst singend und lachend hier umhersprang, aber was sie that, geschah froh, mit verständigem Sinn, und Jeder im Hause sah sie gern an und sagte Gutes. Paul Petersen allein schien nicht besonders von dieser Schwägerin erbaut zu sein, denn er fand sie ganz anders, als er sie sich gedacht hatte. Hatte er ein übermüthiges, verzogenes Mädchen vermuthet, die sich nicht schicken mochte, oder eine Dirne, die das Herz voll Heimweh und die Augen voll Thränen hat, oder eine dünkelvolle und hochmüthige, die Helgestad's Aerger und Härte herausforderte, so sah er jetzt zu seinem Erstaunen, daß der rauhe Mann im Gegentheil voller Zärtlichkeit und Aufmerksamkeit gegen diese Schwiegertochter war, die sein Lob aus allen Kräften zu verdienen suchte. – In Paul Petersen's Kopf regten sich darüber häßliche Gedanken. Wenn er fort war, mit Ilda in Tromsöe wohnte, Hannah hier allein schaltete und waltete und Helgestad wie den ganzen Gaard regierte, was konnte dann nicht Alles geschehen?! Die gierigen Augen des Schreibers sahen schon, wie diese schnellen Finger bei Seite schafften, was sie fassen konnten, wie ihre freundlichen Blicke und ihr Lächeln von dem Schwiegervater beobachtet und aufgefangen wurden, als wolle er selbst die gefährliche, schlaue Hexe heirathen, nicht aber Björnarne, der wie ein Träumender umherging und gewaltsam ermuntert werden mußte, wenn er Rede stehen sollte. Paul empfand darum einen tiefen Widerwillen gegen Hannah, einen Widerwillen, der offenbar gegenseitig war, denn selten ist es, daß zwei Menschen, wenn Schicksal oder Zufall ihr Begegnen bewirken, der Eine sich angezogen fühlt, während der Andere zurückgestoßen wird. Die geheimnißvolle Macht, welche wir Sympathie nennen, ist ein Spiel unbekannter Kräfte, die gleichmäßig Seele zur Seele ziehen, oder wie magnetische Pole von sich abtreiben. Paul Petersen versuchte es zuerst mit Heuchelei und Unterthänigkeit, aber er mußte in Hannah's Blicken bemerken, wie wenig er sich ihr damit empfahl; dann versuchte er es mit Spötterei, allein Fandrem's Tochter hatte so viel Witz und Bosheit, daß er übel dabei fortkam. Er wurde geneckt, zurechtgewiesen, gefoppt, ausgelacht, und, 258 als er Lust zeigte, Frieden zu schließen, ging Hannah nicht darauf ein, sondern setzte unter allerlei Muthwillen den Krieg fort, der Helgestad und Olaf besonders belustigte, weil beide dem Schreiber eine ordentliche Bezahlung wünschten. Während dessen hatte die Yacht ihre Waaren, die nach Oerenäes gehörten, ausgeladen, dagegen viele andere Geräthe und Stoffe unter ihr Deck gepackt, welche Marstrand von Helgestad kaufte, um seine Thätigkeit sogleich mit allem Nachdruck beginnen zu können. Der Ansiedler sehnte sich so schnell wie möglich fort. Sein Haus stand fertig am Balsfjord, was ohne ihn geschehen konnte, war geschehen, nun mußte er selbst Hand an's Werk legen. Helgestad rechnete mit ihm zwei ganze Tage lang; alle Vorräthe wurden ihm übergeben, alle Listen durchgesehen, und endlich fand sich, daß seine Gesammtschuld zehntausend Speciesthaler, mit Einschluß der verbürgten Schuld an Fandrem, betrug. Dagegen sollte Helgestad die Fische von den Lofoden verkaufen und den Ertrag abschreiben lassen; es ließ sich jedoch voraussehen, daß dies kaum die Hälfte jener Summe decken würde. Nuh, sagte Helgestad, ist immerhin ein wackerer Anfang, den nicht Jeder macht; bleibt aber die Hauptsache für Euch der Wald an der Balself. Den faßt an, mit aller Kraft, hat Euch Gott dazu den rechten Kopf gegeben. Er schlug den Deckel eines mächtigen Eisenkastens auf und deutete auf sechs Beutel von Leder, die oben zugeschnürt waren. – Hier, fuhr er fort, sind die sechstausend Species, die Euch vor der Hand zu Diensten stehen. Sind richtig gezählt, nehme die Verantwortung auf mich. Seid mir somit sechzehn Tausend schuldig, sage es aber nochmals: Laßt es fünfzig Tausend oder sechzig sein, kommt zu mir, wenn es nöthig ist, soll Euch nicht fehlen. Als Marstrand seinen Dank ausdrücken wollte, legte der Alte den Finger auf seinen Arm und schüttelte mit einem schlauen Blinzeln den Kopf. Seht zu, Herr, sagte er, daß es nach des heiligen Paulus Wort geht: Haltet die Augen offen und sorgt für Euch, daß Niemand klüger ist als ihr, und nun setzt Euch und schreibt den Schuldschein nieder. »Sechzehntausend Species schuldig an Niels 259 Helgestad in Oerenäes am Lyngenfjord gegen acht vom Hundert Zins richtig empfangen.« Marstrand schrieb ohne ein Wort zu sagen und Helgestad steckte eben so schweigend das Papier, nachdem er es durchgelesen, in eine alte braune Ledertasche zu anderen Schuldverschreibungen und Dokumenten. Dann gingen die beiden Männer in die Pack- und Waarenhäuser, wo die letzte Hand an die Ausrüstung der Yachten gelegt wurde, und so verging der Tag, welcher der letzte sein sollte, den der Besitzer des Balsfjord hier verlebte. Als er am Abend nach dem Hause zurückkehrte, traf er Ilda auf dem Vorplatze. Ich habe dich erwartet, sagte sie, um mit dir noch einmal zu sprechen und dir Glück zu wünschen. Sie gingen über den grünen Platz, dessen Rand von Birkengebüschen besetzt war, die der Abendsonnenglanz sanft geröthet hatte. Zwei Mädchen waren von Ilda für den neuen Gaard gemiethet worden, um den Haushalt zu führen und einige Kühe und ander Gethier zu versorgen; ebenso waren aus den Familien am Lyngenfjord mehrere junge Männer Willens, Marstrand's Vasallen zu werden, wenn er ihnen Hütte und Brod geben wollte. Ilda ertheilte guten Rath für die ersten Einrichtungen, bis endlich das Gespräch stockte und Beide unter den frischen, duftigen Gebüschen stillstehend, über den Fjord hinausblickten. Morgen, sagte Ilda lächelnd, wirst du diese Sonne am Balsfjord leuchten sehen. Möge sie niemals dir untergehen, Johann Marstrand, und wenn im nächsten Jahre die schöne Zeit wiederkehrt, wo das große Gottesgestirn sein Antlitz uns nicht entzieht, mögen dann, wenn nicht alle, doch viele deiner Wünsche erfüllt sein. Und was soll ich dir wünschen, Jungfrau Ilda? antwortete Marstrand. – Seine Augen schlugen sich zu ihr auf, er ergriff ihre Hand und seine Blicke hefteten sich ausdrucksvoll und innig auf ihr Gesicht, aber er wagte nicht, was sie sagten, mit Worten zu begleiten. Wünsche, daß es mir in Tromsöe wohlgehe. Wenn du die Stadt besuchst, fügte sie lauter hinzu, so vergiß uns nicht. Wie könnte ich dich vergessen! Möge Tromsöe nie ein glücklicheres Haus gesehen haben, als das deine. 260 Sie schwiegen von Neuem, bis nach einem Weilchen Ilda sich umwandte und zu dem fernen Kilpis hinaufblickte, dessen schwarzes Riesenhaupt ganz in rothbrennendes Licht getaucht war. – Das wilde Gebirge dort erinnert mich daran, sagte sie, daß ich mit dir von Gula sprechen muß. Du weißt, daß sie plötzlich uns verlassen hat, Björnarne und unsere Freunde sie vergebens suchten? Marstrand nickte ihr schweigend zu und Ilda fuhr mit einer großen, schärferen Betonung fort: Sie hat uns verlassen, weil ihres Herzens Ruhe vom Bösen, was in jedem Menschen wohnt, überwältigt war. Gott hat es so gewollt, sein Wille ist allmächtig! Blicke mich nicht so stolz an, Johann Marstrand. Nicht ich, sagte er mit Heftigkeit, glaube mir, nicht ich habe Gula diese Ruhe genommen und sie fortgetrieben. Nein, war ihre ruhige Antwort, nicht du, ich weiß es. Des Himmels Gnade über das arme Kind! Wenn du am Balsfjord wohnst, wirst du Gelegenheit haben, viele Lappen zu sehen. Auch Afraja's Heerden weiden auf der Halbinsel, andere besitzt er, die bis an das weiße Meer ziehen. Frage nach Gula, vielleicht gelingt es dir von ihr zu hören. Weißt du denn, ob sie noch lebt? fragte er. Ihre Verwandten läugnen sie gesehen zu haben. Sie lebt, sagte die Jungfrau, und aus ihrer Tasche zog sie einen gefalteten Zettel. Dies Papier, sagte sie, fand ich gestern auf dem Tische in der Bohnenlaube, als ich am Morgen wie gewöhnlich in mein Gärtchen ging. Sie reichte es Marstrand hin. »Sorge nicht um mich, geliebte Ilda,« stand darin geschrieben, »aber verzeihe mir all' deinen Kummer. Ich mußte fort, Niemand hat mir Gewalt gethan, ich mußte! Wie schön ist es hier! Alle Blumen blühen roth und blau, alle Wesen lieben mich. Die jungen Thiere kommen und lecken meine Hände, Birkenzweige neigen sich um mein Haupt. Ich zittre nicht mehr, meine Schwester, ich freue mich, und Gott ist gütig, seine Macht ist groß, seine goldene Sonne scheint auf mich, wenn ich an dem fallenden Bach sitze und an dich denke. Denke auch an mich, geliebte Ilda, bete für mich, ich bin glücklich, ich bin frei bei denen, die zu mir gehören!« 261 Sie schwärmt, sagte Marstrand, indem er den Arm sinken ließ. Ihre Seele ist bei uns, antwortete Ilda. Einsam sitzt sie in der unermeßlichen Wüste, wo Niemand sie versteht. Mit Blumen und Birkenzweigen ist ihre Brust geschmückt, weißt du, was das heißen soll? Sie soll einen Mann wählen. Mortuno! – Ich habe mit dem Pfarrer gesprochen, fuhr die Jungfrau fort, sprich auch du mit ihm. Klaus Hornemann zieht in wenigen Tagen bis an den Altenfluß. Er will Afraja aufsuchen, gib ihm Nachricht, hilf ihm, wie du es vermagst, denn ich fürchte unser ehrwürdiger Freund wird vergebens suchen. Afraja wird seine Tochter auch vor ihm verbergen, er wird heucheln und lügen und sie ihm nicht ausliefern. Ist das die Absicht des Pfarrers? fragte Marstrand. Wir haben es überlegt, sagte sie. Du weißt in Trondenäes ist eine Schule, dorthin will Hornemann sie bringen. Siehst du nicht, daß Thränen dies Blatt naß gemacht haben, bemerkst du nicht, daß Afraja neben ihr stand, als sie dies schrieb und ihr die Worte vorsagte? Marstrand war bewegt über diese Muthmaßungen, dennoch aber empfand er Freude darüber, daß Gula bei ihrem Vater war. – Wenn Afraja seine Tochter durchaus behalten will, sagte er, und wenn diese zu ihm ihre Zuflucht nahm, welche Aussicht habe ich, sie aufzufinden und in ihr Schicksal einzugreifen? Wenn du am Balsfjord wohnst, erwiderte Ilda, wird der alte schlaue Mann dich bald aufsuchen. Er hat besonderes Vertrauen zu dir, du hast es zu erwerben gewußt. Johann erröthete. Welche Kenntniß hatte Ilda von seinen verschiedenen Begegnungen mit Afraja? Ein kluger Mann, fuhr sie fort, weiß den Baum wie den Halm zu benutzen, ich tadle dich nicht, wenn du dies thust. Du wirst wissen, was du darfst und wirst nicht weiter gehen, als dein Gewissen und deine Einsicht es dir gestatten. In diesen Worten mischten sich Warnung und Anschuldigung die seine Verlegenheit vermehrten. Er konnte nicht mit Ilda von ihrem Vater und seinem Mißtrauen sprechen, konnte ihr nicht sagen, was er von Afraja's Freundschaft hoffte, eben so wenig aber mochte 262 er ungerechten Verdacht ertragen. Mit größerem Stolze sagte er daher: Ich danke dir für deine gute Meinung. Ich werde nichts thun, was gegen mein Gewissen ist, und wünsche von Herzen, daß ich Afraja's Dienste niemals nöthig habe. Was Björnarne betrifft – Sie fiel ihm in die Rede und deutete nach dem Hause hin. Dort steht er, sagte sie, bei seiner Verlobten. Ehe drei Monate vergehen, wird er Herr in Oerenäes sein, und dir allen Beistand leisten, den du von ihm erwarten kannst. Marstrand blickte unmuthig hinüber. Dein Vater, murmelte er halblaut, ist ein harter Mann; am Härtesten ist er gegen seine eignen Kinder. Es steht dir nicht zu, ihn zu tadeln, antwortete sie, am wenigsten in meiner Gegenwart. Du weißt immer, was sich schickt, rief er mit höhnender Bitterkeit. Du bist eine edle, vortreffliche Tochter, und wirst den Segen, der Häuser aufbaut, mit dir nehmen. – Laß uns hinab gehen. Jungfrau Ilda, ich danke dir. Du hast keinen Kummer, keinen Gram, kein wundes Herz. Was auch geschehen möge, Gottes Wille hat es so gefügt, und was dein Vater thun mag, gegen dich, gegen Björnarne, gegen mich, oder gegen wen es auch sei, es ist wohlgethan. So sollst du nicht gehen, Johann Marstrand! rief sie ihm nach. Du sollst wissen, daß ich dir verzeihe, und daß ich besser von dir denke, als deine bösen Worte es verdienen. Der Ton ihrer Stimme war so weich und bittend, daß Marstrand schnell versöhnt sich zu ihr umwandte; aber vergebens suchte er in ihren Augen den Widerhall ihrer Worte. Still und kalt blickte sie ihn an und sagte dann gelassen: Laß uns als gute Freunde scheiden und niemals den Glauben verlieren, daß wir das Rechte thun nach unserem Erkennen. Am Abend, oder in den späten Stunden, welche Abend und Nacht bedeuteten, ob auch die Sonne hell und warm in die Fenster schien, ging es im Gaard fröhlich her. – Zur Feier der Abreise seines Gastes hatte Helgestad mehrere Nachbarn geladen, und als ein Ungeladener kam Klaus Hornemann aus der Wohnung seines Amtsbruders von der Lyngenkirche, da Sture's Krankheit sich gebessert hatte. Auch die Gaardleute rund umher sammelten sich auf dem 263 Vorplatze, wo sie bewirthet wurden und Marstrand unzählige Male leben und gedeihen ließen. In der großen Stuga wurde getanzt und in dem Gärtchen an der Seite des Hauses erholten sich die ermüdeten Tänzer und suchten im Schatten der hochgeringelten, blühenden Bohnen Schutz vor den mitternächtlichen Sonnenstrahlen. Marstrand hatte getanzt, getrunken und gespielt. Er war so aufgeregt, so wild, so voll Laune und Uebermuth. Niemand hatte ihn je so gesehen. Seine Augen blitzten vor Lust und Neckerei, seine Hand war immer willig ein neues Glas anzunehmen, oder ein Mädchen im Kreise zu drehen und seine Zunge immer bereit zu Antworten, die er nach allen Seiten austheilte. Mit den Männern saß er im Kreise und stritt über die Einrichtungen, die er am Balsfjord auszuführen dachte, daß viele bedenklich den Kopf schüttelten und ein schlimmes Ende von solchem unüberlegten Wirthschaften voraussahen. Den jungen Leuten versprach er Einladungen, Feste, Tänze und Jagden, und den Mädchen sagte er Artigkeiten und schien bald die Eine, bald die Andere mit seiner Gunst zu bedenken. Seine Fröhlichkeit hatte den Erfolg, daß sie ansteckend wirkte. Paul Petersen wollte sich den Ruhm, der beste Gesellschafter zu sein, nicht nehmen lassen, vielen jungen Männern erhitzten starke Getränke die Köpfe, Gelächter und Gesänge, Mummereien und ausgelassene Scherze trieben sich gegenseitig auf die Spitze, selbst der immer ernsthafte Olaf wurde davon fortgerissen und der alte Gaard von Oerenäes zitterte unter dem Jauchzen und Jubeln seiner übermüthigen Gäste. Endlich traf Marstrand unter dem Geblätter der Laube mit Hannah zusammen, die sich hierher geflüchtet hatte. – Nun, Herr Marstrand, sagte sie, als er vor ihr stand, ich hätte nicht geglaubt, daß Sie uns den Abschied so leicht und fröhlich machen würden. Warum sollte er nicht fröhlich sein, erwiderte er, da ich glückliche Menschen zurücklasse, und warum sollte ich nicht freudig gehen, da mir so viele Freuden winken? Und was ist unter dieser fröhlichen Hülle verborgen? sagte sie, ihn anblickend. Der Kummer, der in seiner Verzweiflung über sich selbst zu spotten sucht! 264 Dann wenigstens, erwiderte Marstrand, wird die Verstellung nicht lange mehr dauern, denn in einer Stunde beginnt der Morgenwind und mein Schiff bringt mich in's Meer hinaus. In die Einöde des Balsfjord, wo es nicht viel zu lachen und zu scherzen geben wird. Um so besser, Hannah, wenn ich nichts mehr davon sehe; wenn ich müde von Arbeit und Wachen schlafen kann, und alles Denken aufgebe, was nicht zu meinem Einsiedlerleben paßt. Ich hoffe, erwiderte sie, daß wenn Sie Alles vergessen, doch ich und andere Leute davon ausgeschlossen sind, und obwohl der Weg über die wilden Fjelder sehr mühevoll sein soll, hoffe ich dennoch, daß wir Sie nächstens wieder hier sehen. Marstrand schüttelte den Kopf. Nein, sagte er mit gedämpfter Stimme, ich werde lange Zeit nicht wiederkehren. Ich habe fünfzig Arbeiter in Ordnung zu halten und bin ganz allein, denn Olaf hat mir seine Hülfe versagt. Er will nicht dabei sein, wenn ich mein Geld auf schlechte Weise verthue und verliere. Das aber ist es nicht, was mich abhält, fuhr er fort. Auch ich will nicht dabei sein, um zu sehen, wie in Oerenäesgaard Glück und Freude walten. Ich will nicht sehen, wie Helgestad calculirt, wie der Voigt sein gemeines Gesicht, in welchem sich alle Laster spiegeln, täglich vergnügter und röther trinkt, will auch nicht sehen, wie sein Neffe lauernd umherschleicht und seinen Raub sich sichert, endlich aber, Jungfrau Hannah, will ich nicht sehen, wie die Einzige, die besser ist als dieser ganze Haufe, sich ihm beigesellt und ihr irdisches Heil hingeworfen hat, ohne daß ich im Stande wäre, ihr Unglück zu hindern. Und Ilda? fragte sie, indem sie sich an sein Ohr neigte. Marstrand fuhr zurück, Unwillen röthete seine Stirn. In dieser letzten Stunde, sagte er, hören Sie mich, Hannah Fandrem, nachdem Sie Tage lang vermieden haben, mich zu hören. Welche entsetzliche Absicht ist es, die Sie trieb, Björnarne ihre Hand zu reichen, auf Helgestad's Plan bereitwillig einzugehen und unablässig sich zu mühen, um sein Wohlwollen zu erwerben? Er, nachdem er Ihnen das schwerste Leid zugefügt, sucht Ihre Vergebung und Sie ergreifen seine blutige Hand, und drängen sich zu der Ehre, seine geliebte Tochter zu werden. Sie heucheln Zärtlichkeit gegen ihn, heucheln Liebe für 265 Björnarne, aber in Ihrer Seele brennt ein tödtlicher Haß, eine Rache, die sich selbst zum Opfer bringt, um sich an einem Unschuldigen zu rächen. Was hält mich ab, hinzutreten vor Helgestad und ihm zu sagen, was ich weiß. Nichts als das Bewußtsein, daß man Ihnen kein Wort glauben würde, erwiderte Hannah lächelnd. Sie haben gesehen, was der ehrwürdige Priester Ihnen antwortete und haben den Verdacht unlauterer Absichten genugsam auf sich geladen. Wahr, sagte er, aber haben Sie kein Mitleid mit Björnarne? Sehen Sie nicht, daß in seines Herzens Angst Ihre Liebkosungen ihn mit Abscheu erfüllen? Bin ich denn so abscheulich? antwortete sie laut lachend. Welche Einbildung, Herr Marstrand, und wie artig, mir das zu sagen! Wenn es wahr wäre, ich könnte mich darüber betrüben, allein ich würde meine Liebkosungen verdoppeln, um ihn davon zu heilen. Unglückliches Mädchen! murmelte Marstrand, versuchen Sie Gott nicht. Björnarne muß, welches seine Gefühle auch sein mögen, seines Vaters Willen befolgen. Sie werden an seiner Seite leben, am Lyngenfjord, in diesem Hause, auf dieser Bank, bis Sie sterben. Er wird sich mit seinem Schicksal aussöhnen, Sie nicht, Hannah. Ihre Rache wird mit allen Qualen dann auf Sie selbst zurückfallen. Ihr Gesicht wurde bleich und ihre Hände preßten sich krampfhaft zusammen, aber es war nur ein Augenblick. In der nächsten Minute war sie heiter, ihre Lippen lachten wie zuvor. – Ich habe mein Schicksal gewählt, sagte sie, Gott helfe mir, ich kann nicht anders. Bedenken Sie selbst, mein Freund, was mir übrig blieb. Für mich gab es kein Rückwärts, ich konnte nur vorwärts blicken. Ich ließ meine Verlobung geschehen, ich konnte es nicht hindern. Bin ich schuld daran, wenn Helgestad's Sohn mich nicht liebt? Soll ich, ein schwaches, an diese Felsenküste geworfenes verlassenes Weib mich widersetzen? – Ich kann nichts thun, als durch Unterwürfigkeit meine Zukunft mild machen, mich bemühen, mir Gunst und Liebe zu erwerben. Das ist mein redliches Bestreben, wie können Sie es tadeln wollen? Ich suche Denjenigen zu gefallen, mit denen ich leben muß, und zeige dem Manne, der mir verlobt ist, daß ich freundlich und gefällig bin. Ich wünsche ihn zu überzeugen, daß ich eine treue 266 gefällige Gefährtin sein, ihn achten und ehren und sein Haus mit Fleiß und Geschick in Ordnung halten werde. Das sind meine Vorsätze, und ich schwöre Ihnen bei Allem was heilig ist, nie wird es anders sein; immer werde ich in Treue meine Pflichten erfüllen, nie mein Betragen ändern. Marstrand schwieg und blickte vor sich nieder. Alles was Hannah sagte, war nicht anzufechten, und dennoch wußte er, daß es Lüge war. Eine Pause trat ein, die Blumen in dem Gärtchen wachten aus ihrem Schlaf auf, ein Luftzug fächelte über sie hin und erinnerte daran, daß der Morgen kam. Aus dem Gaard tönte die Musik und jauchzende Stimmen. Björnarne, sagte Hannah, hat sein Herz mit einem Kummer beschwert, der Schuld an seinen matten, rothen Augen ist. Es ist lächerlich, und schamvoll zugleich, davon zu sprechen. Er kann das entlaufene Lappenmädchen nicht vergessen. Gula liegt ihm im Sinne. Das wissen Sie? rief Johann. Wer hat es Ihnen gesagt? Still, fiel sie lachend ein, das ist Thorheit. – Ein Freund hat es mir erzählt, ein sehr aufrichtiger Freund, der mir wohl will und mir mehr vertraut, wie Sie. Mit einem Worte, mein lieber Schwager Paul Petersen. Der elende Heuchler! murmelte Marstrand. Der gute Paul, fuhr Hannah fort, ohne darauf zu achten, er gibt sich die größte Mühe, den Gram des armen Björnarne zu verscheuchen. Am ganzen Fjord und überall, wohin sein Einfluß reicht und wo er Freunde hat, läßt er die kundigsten Männer aufbieten, um auszuforschen, wo die Dirne steckt. Es wird ihm endlich gelingen, ihren Aufenthalt zu erfahren, und ich glaube beinahe, er weiß schon etwas davon. Wo dieser Mensch sich einmischt, hat er Böses vor, sagte Marstrand. Hüten Sie sich vor ihm. Warum sucht er Gula auf? Was will er thun, wenn er sie gefunden hat? Was kümmert es mich! war ihre Antwort. Mag er sie hierher bringen, ich will sie aufnehmen, oder meinen Sie, daß ich eifersüchtig sein müßte? Ich glaube, der Schelm von Schreiber hat selbst gern in die schwarzen Augen der hübschen Dirne gesehen, wenigstens spricht er davon mit sonderbarem Eifer und Ilda mag sich in Acht nehmen, daß er sie nicht nach Tromsöe in sein Haus führt. 267 Gula, erwiderte der junge Mann, verdient Besseres als diesen Spott. Und was verdient Ilda? fragte sie. Ihre Achtung, Hannah Fandrem. Mehr als das, ich bewundere sie. Sie ist so ruhig, entschlossen und verständig, wie der beste Fischhändler aus Nordland, so unterwürfig unter Gottes Willen wie ein Missionär, so demüthig wie ein Lappe und doch hat diese fromme, stille Jungfrau ein heißes, zärtliches Herz und ist stolzer als manche Reichsrathstochter. Marstrand's Gesicht glühte, er wandte sich ab und stand auf. Hannah ergriff seine Hand. – Da kommt der Wind und zerreißt die glatte Decke des Fjord, rief sie. So wird der Morgen auch über uns kommen und wird die schwüle Luft verjagen. Man sucht uns. Leben Sie wohl, theurer Freund. Jeder spiele seine Rolle wie er kann; mögen die Betrüger betrogen werden. Klaus Hornemann streckte den Kopf um die Ecke des Hauses; er hielt Björnarne an der Hand. – Da sitzt sie ja, die schöne Braut, rief er, die der betrübte Bräutigam vergebens sucht. Der letzte Tanz wird aufgespielt. Nicht der letzte, lieber Björnarne, sagte Hannah auf ihren Verlobten zueilend, der mißtrauisch und ungewiß schien. Wir werden noch viele Tänze tanzen, ehe der letzte kommt, aber immer sollst du mich bereit finden, mein Bestes zu thun. Sie zog ihn fort, Marstrand begleitete den alten, lächelnden Priester, der vertraulich seinen Arm nahm. – Nun, sagte dieser, zweifeln Sie noch, daß dies Paar ein glückliches sein werde? Solche rasche, thätige Frau muß Björnarne haben. Sie wird Segen in dies Haus bringen, Helgestad zu guten Werken und zur Buße leiten. Marstrand hatte nichts darauf zu erwidern, denn aus dem Hause strömte die ganze Schaar seiner jungen Freunde, die sich seiner bemächtigten und ihn im Triumph in die Stuga zurückbrachten, wo er seine Abschiedsrede halten und von allen Abschiedsfreuden, Händeschütteln, Glückwünschen, Trinksprüchen und Späßen sein vollgemessen Theil erhalten sollte. Eine Stunde später stand er auf dem Hinterdeck der Yacht, die mit weitbauschigem Segel den Fjord hinabschwamm. Unzählige 268 Hurrahs folgten dem Fahrzeuge nach, das vor dem frischen Winde sich rasch entfernte. Ein sonderbares Gefühl ergriff ihn, als er endlich allein in der Kajüte des Schiffes saß, das ihn seinem ungewissen Schicksale entgegen trug. Vor wenigen Augenblicken noch umringt von Menschen, die mehr oder minder ihm Theilnahme zuwandten, fühlte er, daß er jetzt gänzlich vereinsamt sei, ganz auf sich angewiesen, ohne den Beistand irgend eines Wesens, das sich ihm gleich oder nahe stellen konnte. Er warf eine Reihe ernster Blicke auf die Haufen der Kisten und Geräthe, welche den Raum füllten, und legte seinen heißen Kopf in seine Hände, bis er die Augen muthig wieder aufschlug, um sein Gelübde zu wiederholen, unablässig thätig zu sein und alle Schwierigkeiten zu überwinden. Das Glück hatte ihn begünstigt, er hatte Freunde und Unterstützung gefunden; sein Königsbrief hatte ihm einen ungeheuren Landbesitz verschafft, dies ganze Schiff mit Allem was es enthielt, war sein und rüstige Männer standen bei ihm, bereit zu seinen Diensten. Leicht mußte es sein, manche andere herbeizuschaffen, die er brauchen konnte, denn neben ihm in der Ecke sah er den Eisenkasten voll Speciesthaler, und was ist für Silber und Gold nicht zu haben! Mit Ungeduld beobachtete er den ganzen Tag über den Lauf der Yacht, die an der Küste hinauffuhr und am nächsten Morgen vor Tromsöe Anker warf. Der Voigt hatte ihm einige Arbeiter, Zimmerleute und Holzfäller genannt, welche gegen guten Lohn und Versprechungen geneigt sein würden, ihn zu begleiten, und wirklich fand er mehr guten Willen dazu, als er erwartete. Das Gerücht von der neuen Niederlassung am Balsfjord und von dem dänischen Herrn, welcher dort Mühlen bauen und den Balselfwald zu Balken und Brettern zerschneiden lassen wollte, war vor ihm nach Tromsöe gelangt und obwohl die Meisten darüber spotteten, so waren sie doch nicht abgeneigt, den Zug mitzumachen, um auch ihren Theil an dem weggeworfenen Gelde in Empfang zu nehmen. – Der Balsfjord war öde und ziemlich unbekannt, verrufen als ein fischarmer Meeresspalt, an dem nur Lappen und Rennthiere hausten. Aber auch in diesen armen, trägen, von Noth und Klima entnervten Männern war immer noch ein Theil der Triebe und Leidenschaften ihrer Vorfahren, jenen raubsüchtigen, gierigen und abenteuerlichen Normannen zurückgeblieben, 269 und als die Yacht ihren Weg fortsetzte, hatte sich die Zahl der Arbeiter am Bord um das Doppelte vermehrt. Am dritten Tage lief das Schiff in die gewundene immer enger werdende Seebucht ein, aber der Anblick war kein schreckender. Liebliche Gründe streckten sich, je weiter man gelangte, um so breiter und grüner aus. Die nackten, schwarzen Felsen wichen zurück und gaben Raum für kleine Thäler, aus denen Bäche hervorpolterten, welche da und dort schäumende Kaskaden bildeten. Ueber die Vorhügel fort erkannte der Blick manche mit dichtem Grün und leuchtenden Birkenblüthen bewachsene Absätze der Berge, und endlich sah man den neugebauten Gaard liegen, der auf erhöhtem Boden stattlich und groß aussah. Mit einem dreifachen Hurrah wurde das Haus begrüßt und aus den verschiedenen Erdhütten und kleinen Gebäuden stürzten Männer und Weiber den Ankommenden entgegen. Ein Pfahlwerk war schon zwischen den Ufersteinen begonnen, wo das Packhaus stehen sollte, und wenigstens war es so weit gediehen, daß die Yacht sich dicht davor festlegen konnte. Marstrand war der Erste, der mit einem mächtigen Sprunge das Land erreichte, und da stand er nun, wie Helgestad sagte, auf seinen eigenen Füßen, seinen Hut auf dem Kopfe, ein Mann, der beweisen soll, daß er für sich selbst zu sorgen versteht. Die Ausschiffung ging vor sich und die ersten Tage des neuen, wilden Ansiedlerlebens vergingen Marstrand in Verwirrung und Unruhe. Die Räume des Hauses wurden mit den Kisten und Kasten, Ballen und Geräthen gefüllt. Es gehörte eine beständige Aufmerksamkeit und Aufsicht dazu, um eine erste Sonderung und Ordnung zu ermöglichen, aber Helgestad hatte für einige bewährte und verständige Leute gesorgt, die im Stande waren, Marstrand zu unterstützen, und dieser selbst zeigte einen solchen Ueberblick und solche Ruhe in seinen Anordnungen, daß bald die Thätigkeit geregelt ward und alles Nöthige in Uebereinstimmung ausgeführt wurde. Nach einer Woche war das Hauswesen nothdürftig eingerichtet, die Arbeiter untergebracht, das Schiff entladen, Boote für den Fischfang eingerichtet, Stellen ausgesucht, um für die verschiedenen Familien Hütten zu bauen und überall kam die Arbeit in Gang, überall war Hoffnung und Lust in den Gesichtern. Die Yacht hatte bedeutende 270 Vorräthe an Mehl und Lebensmitteln aller Art mitgebracht und Marstrand theilte reichlich davon aus, ohne an Wiedererstattung zu denken. Für die erste Zeit gab es hier kein Schuldenconto. Die Fischer mußten für sich selbst sorgen, die Holzschläger erst sich Wohnungen schaffen, der Gaard und sein Kramladen erst eingerichtet sein, das ganze sonderbare Uhrwerk dieses Lebens erst aufgezogen werden. Mit der größten Anstrengung aller Arbeitskräfte ließ Marstrand sein Vorrathshaus bauen und was an Bäumen und Holzwerk noch nicht vorhanden war, im Walde fällen, aber er lernte dabei kennen, mit welchen Schwierigkeiten er zu kämpfen hatte, um einen nur einigermaßen brauchbaren Zugang zu dem Felsenthal der Balself zu gewinnen. Ueber steile Spalten mußten Brücken gebaut, ein Weg mußte angelegt, geebnet und erhöht werden und oftmals erforderte es eine bedeutende Erfindungsgabe, um ein Hinderniß zu beseitigen, das erst nach manchen mißlungenen Versuchen verschwand. Dieser Weg zum Bergwalde wurde nach und nach die Hauptaufgabe des unternehmenden Besitzers, der vom Malangerfjord Arbeiter kommen ließ, Jeden miethete, der herbeizuschaffen war und namentlich nach tüchtigen Zimmerleuten und solchen, die von der Anlage einer Schneidemühle einige Begriffe haben konnten, umhersuchte. Aber wie wenige Menschen dieser Art waren hier anzutreffen! Mit Mühe und nach vielen Versprechungen wurden ein paar Nordländer dazu bewogen, die sich in Lenvig aufhielten und sich rühmten, Mühlen in Trondhjem und im ganzen Norderamt erbaut zu haben. Als sie jedoch das Balselfthal sahen, den wilden, tiefen Strom, die jähen Wände, die abschüssigen Gründe, erklärten sie es für unmöglich, auch nur eine Stelle aufzufinden, wo eine Mühle gebaut werden könnte. Marstrand's baares Geld allein war im Stande sie dazu zu bewegen, nach seinem Willen und seiner Anweisung Hand an's Werk zu legen und den Versuch wenigstens zu wagen. Je mehr die Schwierigkeiten wuchsen, um so mehr steigerte sich die Energie des jungen Ansiedlers, obwohl steigende Sorgen nach und nach ihre schwarzen Flügel über seinem Kopfe zusammenschlugen. Von der frühsten Morgenstunde bis in die Nacht hinein war er geschäftig. Bald bei den Arbeitern, die das Packhaus vollendeten, bald bei den Mühlenbauern, bald bei denen, die am Wege schafften, 271 oder in den Seitenthälern am Fjord, wo seine Holzhauer auch thätig waren. Kam er in's Haus zurück, so erwartete ihn neue Arbeit und neue Noth. Viele Menschen forderten von ihm Nahrung, Geld und Belehrung. Er mußte Streite schlichten, mußte Mißvergnügte beruhigen, mußte seine wirthschaftlichen Verhältnisse ordnen und sollte zugleich ein Kaufmann sein, der seinen Nutzen wahrnahm und seine Rechenbücher zur Hand hatte. Die Berge der Halbinseln am Ulvsfjord bevölkerten sich mit ziehenden Lappenfamilien und das Geklingel der Rennthierglocken tönte von den Alpen, der Knall der Büchsen hallte über den Meeresarm und Abends kamen Männer in braunen Hemden, spitze Ledermützen auf den Köpfen und Komager an den Beinen, die neugierig den Arbeiten zusahen, und Vögel, Rennthierhörner und Felle zum Tausch gegen Pulver, Blei und Messer, oder gegen Zwirne und Nadeln brachten. So standen die Sachen, als zu Marstrand's größter Freude eines Tages Olaf Veigand in sein Haus trat. Wie ein Wesen höherer Art empfing er den ehrlichen, einfachen Olaf, der seinen herzlichen Empfang eben so herzlich erwiderte. Die Neuigkeiten, welche er mitbrachte, waren nicht von besonderer Art. Helgestad war noch nicht zurück, der Schreiber führte dagegen ein unbeschränktes Regiment, das zu allerlei Auftritten Anlaß gegeben hatte. Ilda, die sonst durch ihre Ruhe und verständige Tüchtigkeit einzuwirken wußte, hatte nur unterthänige Sanftmuth gegen ihren herrschsüchtigen Verlobten, der sie übermüthig und anmaßend behandelte, Björnarne aber war ganz von ihm abhängig, und durch Teufelsmittel, wie Olaf sagte, ein Bursch geworden, den Niemand wiederkenne. Um Nichts kümmere er sich, öfter schon sei er mehrere Tage lang in die hohen Fjelder gelaufen und wie ein Wilder, abgehungert und zerrissen, wieder heimgekehrt. Es müsse ihm etwas angethan sein, ein Trank gegeben oder ein Hexenspruch über ihn gesprochen sein, denn seine Augen sähen zuweilen aus, wie die eines Wahnsinnigen und seine Glieder bebten wie im Fieber, wenn man ihn fragen oder ausforschen wollte. Die Einzige, die dem Schreiber die Spitze bietet, berichtete Olaf weiter, ist Hannah, und eine Freude ist's, zu sehen, wie sie ihm sein Theil gibt, obgleich es nichts hilft. Nicht geringer auch ist 272 ihre Liebe zu Björnarne, den sie zu schmeicheln und zu streicheln weiß, allein er verdient es nicht, denn je mehr sie es thut, je ungeberdiger wird er. In meinem Aerger, und weil ich es nicht länger ertragen konnte, bin ich fortgelaufen, tief hinein in die Jauren, und beinahe um mein Leben gekommen. Er nahm seinen Hut ab und zeigte Marstrand die großen Löcher einer Kugel, die ihren Weg durch den Filz genommen hatte. Sieh her, sagte er, das Blei ging dicht über meinem Schädel fort. Mag die Hand verdorren, die den Schuß that! Aber verdammt will ich sein, wenn es nicht eine war, die ich kenne. Wer könnte dich ermorden wollen? Bist du je da hinauf gewesen, fragte Olaf, wo der ungeheure Felsenkegel steht, den sie den Kilpis nennen? Marstrand verneinte es. Das ist ein seltsames Stück, fuhr Olaf fort. Ein waldiges, zerrissenes Fjeld führt hinauf. Bald findest du tiefe Schluchten voll Wald, tobende Wasser darin, bald nackte Spalten, schwarz, zertrümmert und wie verbrannt, bald wieder ebene Flächen voll ungeheurer Steine und Blicke, die manchmal ganz seltsam in Kreisen liegen, als hätten Menschenhände sie dort aufgestellt. – Eine Heerde wilder Rennthiere sprang über diese Klippen fort, ein halbes Dutzend Wölfe war ihnen auf den Fersen, ich hinter beiden und in meiner Jagdlust vertieft, ihnen den Wind abzugewinnen, dem eine Rennthiernase immer entgegen läuft. Es war aber Alles vergebens. Der ganze Schwarm stürzte in eine Schlucht hinab, und weit aus der Ferne hörte ich das Rasseln ihrer Geweihe und das heisere Heulen ihrer Verfolger. Als ich jenseits des Spalts aufkletterte, stand der Kilpis vor mir, ein kantiger Felsenstock, wohl eine Stunde lang, und mehr als tausend Fuß hoch. Mitten in einem Meer von Trümmern ragte er auf; das Wasser sammelte sich darunter in einem schwarzen See, Sumpf lag rings umher, überdeckt von endlosen Feldern rother Molfebeeren und gelber Enzianblüthen. Kein lebendiges Wesen war zu entdecken, kein Laut bewegte die Luft, nur zuweilen polterte ein Stein von dem schwarzen steilen Riesenkopf herunter und fiel in das aufspritzende Wasser. Wie ich den sonderbaren Felsen betrachtete, erinnerte ich mich, daß die Lappen ihn anbeten, als den heiligen Sitz ihres Götzen 273 Jubinal, und ich spürte umher, ob ich keines der schmutzigen, lauernden Thiere entdecken könnte, denn meine Tasche war leer und meine Zunge klebte am Gaumen fest, doch Alles vergebens. Ich kletterte auf einen Höcker am Rande und schaute mich um, nichts als tiefe Klüfte, schwarze Kretlingranken für die Bären, verwachsenes Birkengestrüpp und die kahlen, öden Fjelder der Alpen. Ich riß Enzianstengel ab und steckte sie in den Mund, wie es die Lappen thun um den Durst zu stillen, doch plötzlich zu meiner Freude, sah ich über einem Grat des Berges, der mir gegenüber lag, einen dünnen Rauch aufsteigen. Es war harte Arbeit genug, um durch Sumpf, Wald und Wasser bis dahin zu gelangen. Mehr als einmal verlor ich die Richtung, ein wahrer Irrgarten von Steinen, Schutt und wildem Buschwerk lag davor, endlich aber stand ich oben und blickte in ein grünes Thal hinunter, das wie mit einem Messer eingeschnitten in den Leib des Kilpis lief. Menschen sah ich nicht, allein es war so schön hier, als müßte dies Thal bewohnt sein. Ein heller Bach strömte zwischen bewachsenen Ufern, hohe Bäume wuchsen am Rande der Felsenmauer, und ein leiser klingender Ton verkündigte Rennthiere, die Leitglocken trugen. Ich habe oft gehört, daß es in diesen Einöden solche kleine liebliche Flecke geben soll, die wie das Paradies aussehen, ebenso wie Bücher erzählen, daß es mitten in dem Sandmeere der heißen Länder solche gibt. Wie verzaubert blickte ich hinunter, eben aber als ich umherschaue, wo ich am besten einsteigen kann, höre ich einen Knall, ob von oben oder unten, ich weiß nicht woher er kam, aber mein Hut fiel mir vom Kopfe und mein Haar richtete sich auf. Mit einem Satz war ich von dem Grat und duckte mich hinter einen Stein. Mein Büchsenlauf zielte nach allen Seiten, nichts regte sich. Ich sah keinen Rauch aufsteigen, wahrscheinlich hatte der Schelm aus der Schlucht herauf geschossen, wo ich ihn nicht bemerkte. – Es ist keine Schande, Johann Marstrand, daß ich zu laufen anfing, und hinter mir her schallte ein höllisches Gelächter, als wäre es Jubinal selbst, der vom Kilpis herunter schrie. – Im Sumpf bis an's Knie watete ich durch die Moorbüsche und war von Herzen froh, als ich wieder an dem schwarzen See stand und meine Richtung hatte. Am Abend war ich an den Balselfquellen, die von der Tanajaure strömen und wer 274 kam mir dort entgegen? Kein Anderer als Mortuno, der schiefäugige Schuft, die Federmütze auf sein linkes Ohr gesetzt, und so boshaft grinsend, wie ein blauer Fuchs, wenn er den Fischern das Fischgerüst erstiegen hat. An den Quellen lagerte seine Heerde, vier Zelte standen dort in dem Gehege und eine ganze Bande Männer und Weiber hockte um den Feuerstein, die eine häßlicher als die andere. Und von Gula keine Spur dort? fragte Marstrand. Nichts konnte ich erfahren. Der lächerliche Bursche nöthigte mich, in seine Gamme zu treten und auszuruhen, aber wenn er auch nicht so höflich gewesen wäre, ja wenn alle diese fratzigen Wechselbälge sich gegen mich erhoben hätten, ich wäre doch nicht von der Stelle gegangen, denn ich war erschöpft und hungrig, daß ich Rennthierkäse verschlungen haben würde. Brachtest du denn nicht das Gespräch auf Gula, lieber Olaf? Ich that's wohl, denn Ilda macht immer noch Aufhebens von ihr, auch Björnarne kann die gelbe, schwarzäugige Hexe nicht vergessen. Ich fragte nach ihr, aber Mortuno zeigte mir seine Affenzähne von einem Ohr bis zum andern, wieherte mit dem übrigen Gesindel, sprach und schrie in seiner nichtswürdigen Sprache, die kein ehrlicher Mensch versteht und dann krümmte er sich zusammen, zuckte die Achseln, sah aus, als wollte er in Traurigkeit heulen und schüttelte den Kopf, als müßte er dem Taugenichts von den Schultern fallen. Er log, sagte Marstrand, Gula lebt. Er log ganz gewiß, denn gleich darauf grinste er mich an, betrachtete sich wie ein Skarf auf der Klippe, der seine Federn putzt und theilte mir mit, daß, sobald Gula gefunden sein würde, er sie Afraja abkaufen würde. Abkaufen? Ist er toll? Haha! schrie Olaf lachend. Du kennst das nicht. Abkaufen heißt auf gut lappisch, heirathen. Der Vater des Mädchens bekommt eine Anzahl Rennthiere oder irgend eine andere Gabe, dafür bringt er seine Tochter in irgend einen heiligen Steinkreis, eine Saita, wie sie es nennen, wo er sie dem Manne überliefert, der sie in seine Gamme führt. Das ist der ganze Hochzeitsgebrauch unter diesem elenden Gesindel. Die Regierung und der fromme Klaus mögen thun, 275 was sie wollen, es kommt selten Einer, der sich christlich trauen lassen will. Afraja wird nimmermehr seine Tochter diesem Mortuno geben, sagte der Junker mit vieler Wärme. Gula wird ihn nicht nehmen, sie wird sich nicht diesem garstigen Tölpel verkaufen lassen. Bah! erwiderte Olaf, was will sie mehr? Mortuno ist ein feiner Herr bei seines Gleichen, und seine eitlen Narrheiten abgerechnet, ist er ein pfiffiger Hallunke, dem ich die schlimmsten Dinge zutraue. Gehängt will ich sein, wenn seine Kugel nicht durch meinen Hut gegangen ist. Ich las die Freude darüber in seinem Spitzbubengesicht, fuhr Olaf fort. Du erinnerst dich, daß Mortuno einmal in Oerenäesgaard war, wo wir unsere Scherze mit ihm trieben. Demüthig, wie diese Schelme sind, wenn sie sich in unserer Gewalt befinden, bedankte er sich für Alles und lachte zumeist darüber. Als ich jetzt in seiner Gamme saß, erinnerte er mich daran, daß ich ihn zum Nachtwächter auf Bodöen machen wollte, Paul Petersen aber ihn zu seinem Leibschützen ernannt hätte. – Nun seht, rief er in seinem norwegischen Kauderwälsch unter allerlei Fratzen und Gelächter, habe das nicht vergessen, guter Vater; Mortuno vergißt nichts, kommt ihr zu ihm in das Land der Kinder Jubinal's, wird er wachen, wie der Zwerg Bugo über den Riesen Julpus gewacht hat. Die Blicke, mit denen der Schelm mich musterte, machten, daß ich die Hand unwillkürlich an mein Messer legte, aber er klatschte in die Hände, lustig wie ein Narr, legte sich auf den Rücken vor Freude und gurgelte etwas durch seine Kehle, was die andern in dasselbe Entzücken versetzte. Sie sahen mich mit ihren runden, rothen, tückischen Augen an wie leibhaftige Teufel. Ein Schauder lief mir den Rücken herauf, ich mußte alle Kraft aufbieten, um keine Furcht zu zeigen. Endlich legte Mortuno die Hand auf meinen Arm, streichelte und schmeichelte zu meinem Ekel mir an Hals und Kopf herum, was ich dem Hund gedenken werde, doch ich litt es geduldig, lachte mit ihm und sagte kein Wort, als er mir den Hut vom Kopfe riß und die Löcher daran wie verliebt betrachtete. – Hehe! mein Väterchen, schrie er, sind das ein paar häßliche Löcher; nimm dich in Acht vor 276 dem Nächstenmale. Will dir erzählen, wie es Bugo der Zwerg mit dem Riesen, seinem Herrn, gemacht hat. Er nahm meine Pfeife aus meiner Tasche, den Tabak aus meinem Beutel und rauchte nach Herzenslust, der unverschämte Schlingel. Bugo, sagte er dann, war ein Finne, ein feiner, kluger Mann, der hier wohnte. Julpus hieß der Riese, der am Meere lebte und ein solches Ungeheuer war, daß er mit einem Schritt über den Lyngenfjord schreiten konnte. Bugo war ein Bogenschütz, dem Ayka, der Donnergott, seine Kunst gelehrt hatte, die so groß war, daß kein Wolf, kein Vogel und kein Fisch im Wasser ihm entgehen konnte. – Du sollst mein Haus bewachen und es gut haben, sagte der Riese zu ihm, und Bugo war es zufrieden. Was Julpus befahl, that er. Er wachte für ihn, jagte für ihn und wenn Julpus schlief, stand er neben ihm und schoß ihm mit seinen Pfeilen die Fliegen vom Gesicht, ohne je seine Haut zu ritzen. Das that er ein Jahr lang, dann forderte er seinen Lohn, aber Julpus lachte ihn aus. Du Dummkopf, schrie er und tippte ihn mit einem Finger an, daß Bugo sogleich auf seine Knie stürzte, sprich noch ein Wort, und ich zerdrücke dich wie eine Krekelbeere. Bugo bat demüthig um Verzeihung, als aber Julpus schlief, nahm er seinen Bogen, und schoß einen mächtigen Pfeil dicht über des Riesen Kopf durch dessen Haar, das viele Fuß dick war. Der Pfeil ging tief in die Felsenwand und nagelte Julpus fest, der erschrocken auffuhr und flehentlich bat, daß Bugo ihn befreien möchte. Willst du dies Land verlassen und niemals wieder kommen? fragte der Zwerg. Julpus versprach Alles, da zog Bugo den Pfeil heraus, kaum aber war das geschehen, so sprang der fürchterliche Riese auf, quetschte Bugo zwischen seinen Fingern zusammen, daß ihm das Blut aus Mund und Ohren lief und schrie: Du Narr, spasse noch einmal so mit mir und ich will dich sieben Meilen weit über alle Inseln und Berge fort in's Meer schleudern. Willst du nicht halten, was du mir geschworen hast? fragte der Zwerg. Nichts will ich halten, schrie Julpus, aber das Genick will ich dir brechen, wenn du nicht mein Knecht sein willst. Da nahm Bugo seinen Bogen und seine Pfeile und lief auf den Kilpis, und als er den Riesen kommen sah, der ihn suchen und 277 fangen wollte, sagte er lachend: Ich habe dich gewarnt, Väterchen, aus meinem Lande zu bleiben. Ich schoß durch deinen Hut von Haaren, jetzt werde ich meinen Bogen tiefer halten und wie er sprach, flog sein Pfeil dem Julpus mitten durch den Kopf. Er stürzte in den schwarzen See und kam nie wieder zum Vorschein. Da liegt er noch und brüllt zuweilen bei Nacht herauf, daß Alle fliehen, die ihn hören. So, erzählte Olaf weiter, sprach dieser langhaarige Schuft und sah dabei mit solchem abscheulichen Lachen mich und meinen Hut an, daß ich wohl wußte, was er meinte. Den ganzen Abend über trieb er Spott mit mir und wie es kam, daß ich am Morgen nicht mit abgeschnittener Gurgel aufwachte, weiß ich noch heute nicht. Ich lag jedoch fest eingeschlafen zwischen Hunden und Menschen in der Gamme, und als ich, von einem Schütteln geweckt, aufsprang, stand das grinsende Geschöpf vor mir mit einem Topfe warmer Rennthiermilch, Brodkuchen eingebrockt, was Beides ganz vortrefflich schmeckte. Dann wies er mir den nächsten Weg durch Busch und Felsen, zeigte mir, wie ich dem Stromlauf folgen müßte, und that es mit solcher Würde, wie ein Affe, der rothe Hosen angezogen hat. Lebe wohl, Olaf Veigand, schrie er mir endlich nach, und denke immer an den Riesen Julpus und an den Zwerg Bugo. Ich hätte ihm gern ein Andenken zurückgelassen, schloß Olaf seine Geschichte, aber wußte ich, wer von den Strauchdieben etwa hinter den Steinen hockte? Wenn aber jemals das schwarze Thier in meine Hände geräth, wenn ich ihn je wieder treffe, soll er mir Alles richtig bezahlen. Marstrand hörte lächelnd zu; er sah wohl ein, daß Mortuno ein arges Vergeltungsrecht geübt und den stolzen Nordländer empfindlich gedemüthigt hatte. Er suchte ihn zu begütigen und führte ihn dann in dem Gaard umher zu den verschiedenen Arbeitern und bis in den Wald hinaus zu den Baumfällern und Mühlenbauern. Je mehr Olaf jedoch sah und hörte, um so weniger zeigte er sich befriedigt und endlich konnte er seinen Tadel und seine Besorgnisse nicht zurückhalten. Es ist in Nordland zwar Sitte, sagte er, daß Niemand eines Mannes Werke herabsetzt, sondern Jeder in seiner Weise schaffen 278 mag, wie es ihm zusagt, aber weil ich dein Freund bin, Johann Marstrand, kann ich nicht schweigen, weil ich sehe, daß dein Weg in den Abgrund geht. Du läßt dich auf Dinge ein, die du vielleicht beginnen könntest, wenn du alles Andere wohl geordnet hättest, so wie du stehst aber, muß es dein Verderben sein. Deine Niederlassung ist groß und allem Anscheine nach würdest du bald Vermögen erwerben, wenn du es machtest, wie es andere Männer thun. Du hast Fische im Fjord und hinaus bis zur Strömmenbucht gehört dir das Meer, allein du hast keine Fischer. Wo sind deine Fischgerüste, die jetzt voll hängen müßten? Wo ist dein Waarenhaus? Wo sind deine Pressen? Wie steht es mit deinen Einrichtungen im Hause und im ganzen Gaard? Alles ist vernachlässigt, unfertig, keine Sorge getroffen, um auf den Winter gerüstet zu sein. Nirgend sehe ich die Spuren eines Anbaues; du verschwendest deine Vorräthe, ernährst eine große Zahl Menschen, die, träge und nachlässig wie sie sind, so wenig wie möglich und obenein ganz Unnützes thun. Die schönen kleinen Thäler, wo fleißige Kolonisten wohnen könnten, liegen so wild wie sie waren; elende Hütten sind hier aufgerichtet, statt feste Balkenhäuser für deine Gaardleute. Alle deine Kräfte, dein Geld und deine Nahrungsmittel wirfst du hin, um einen Weg zu diesem Walde zu schaffen, dessen Bäume dich todt schlagen werden. Erst das Nächste, Freund Johann, dann was dir weiter liegt. Du bauest dein Glück auf Säcken voll Wind, sie werden platzen und wenn du deine Augen dann öffnest, wirst du in leeren Raum fassen. Marstrand vertheidigte sich, aber Olaf ließ sich nicht bedeuten. Ich kann den Mann nicht loben, sagte er, der in die Sonne sieht und dabei mit den Füßen über jeden Stein stolpert und fällt. Laß uns deine Vorräthe untersuchen und den Ueberschlag machen, was du gebraucht hast und noch brauchen wirst. Die Untersuchung wurde angestellt und es fand sich, daß der junge Gaardherr sechs Mal so viel verbraucht hatte, als bei Olaf's Einrichtungen möglich gewesen wäre, und wenn er so fort wirthschaftete, mußte er, ehe der Herbst kam, fertig sein. Auch sein baarer Geldvorrath war zusammengeschmolzen, sein Schuldbuch bewies, daß er schlecht gerechnet hatte. Er war getäuscht und seine Gutmüthigkeit 279 vielfach benutzt worden, dabei hatte er Vorschüsse gemacht und war verschwenderisch gewesen. In Summa, sagte Olaf, du hast Alles übel begonnen und scheinst mir schon jetzt ein verlorener Mann, wenn du nicht auf der Stelle deinen Fehler gut machst. Jage drei Viertel dieser Tagediebe fort, laß die Bäume liegen, wo sie sind, wirf deine Mühlen und Sägen in den Fjord, mögen Bergwasser und Schuttstürze deinen Weg verschlingen, aber thue deine Augen weit auf und beginne das Nützliche. – Du mußt an den Lyngenfjord reisen und um Hülfe bitten, um neue Vorräthe aller Art und dann klüger sein. Ich will an deiner Stelle bleiben, will Ordnung schaffen und den Bau deines Packhauses vollenden, schaffe dir nur das nutzlose Volk zunächst vom Halse, das dich auszehrt und obenein über die Dummheit des dänischen Hans Narren lacht. Marstrand fühlte das Wahre in diesen rauhen Vorwürfen und doch konnte er sich nicht entschließen, darauf einzugehen. Sein Stolz ließ es nicht zu; er schämte sich, vor aller Welt einzugestehen, daß er wirklich wie ein Narr gehandelt habe. Weit umher bis gegen die Finnmarken begann man von dem neuen Unternehmen zu sprechen. Von Tromsöe, von den Inseln, vom Malanger und selbst vom Nordland kamen Leute, die mit Verwunderung seine Arbeiten beschauten und ihr Erstaunen ausdrückten. – Mochten Manche auch ihre besondern Gedanken dabei haben, so war doch gewiß, daß sie nicht ohne Ueberzeugung blieben, diese Wälder könnten, wenn es gelänge, sie zu Balken zu machen, außerordentliche Vortheile gewähren. Und Marstrand zweifelte nicht daran. Er war zufrieden mit dem, was er gethan, und wußte, daß er alle Schwierigkeiten besiegen werde. Jetzt aufhören, hieße Alles aufgeben, hieße ihn dem Gelächter und Spott überliefern, und als er allein die Elf hinauf ging und daran dachte, daß all sein Streben umsonst gewesen sein sollte, schien es ihm unmöglich, sich zu fügen. Langsam war er nachsinnend und überlegend bis zu dem einsamen Grunde gekommen, wo der Bär einst getödtet wurde, als er aufblickte und auf einem der Felsenblöcke Afraja sitzen sah. Der alte Mann trug sein Sommerkleid, eine kurze Blouse von braunem Baumwollengewebe. Ein Rennthier von außerordentlicher 280 Größe mit ungeheuren Geweihen stand neben ihm, auf dessen Rücken eine Art Sattel mit hohen Kissen geschnallt war. Die beiden gelben Hunde des Greises lagen auch diesmal zu seinen Füßen und er selbst, seinen langen Stab in der Hand, beugte sich zusammengekauert darauf nieder. Als die Hunde knurrend aufstanden, hob Afraja den Kopf empor und ohne ein Zeichen von Ueberraschung erwartete er den Nahenden, in dessen Gesicht eine plötzliche Freude aufstieg, denn hier war der Mann, der ihm helfen konnte, wenn er wollte. Ich freue mich, dich unverhofft zu finden, rief er aus, als er ihm nahe war. Setze dich zu mir, erwiderte der Lappe, ich habe dich erwartet. Wie wußtest du, daß ich kommen würde? fragte Marstrand, ungläubig lächelnd. Ich wußte es, sprach Afraja mit Nachdruck. Ich weiß Vieles. So sage mir zuerst, fuhr der junge Mann fort, wie es Gula geht? Es geht ihr wohl, war die Antwort. Wo hast du sie? Ist sie in der Nähe? Der alte Häuptling ließ eine Minute vergehen, ehe er seinen Bescheid ertheilte. Die Hände um seinen Stock geklammert, schien er sich zu bedenken. Mein Kind, sagte er, sitzt in seiner Gamme am Ufer des Baches, wo die guten Götter Blumen wachsen lassen. Sie lacht und freut sich, daß sie frei umherspringen kann mit den leichten Füßen des Rennthieres unter jungen Birken, und nicht mehr in dem engen Hause des Geizhalses wohnt. Helgestad hat ihr Gutes gethan, sagte Johann und er erinnerte sich, was er Ilda versprochen hatte. Ich glaube dir nicht, Afraja, fuhr er fort, du bist ein harter Vater. Du hälst sie gewaltsam in irgend einer Einöde versteckt und zwingst sie, bei dir zu bleiben. Ist sie nicht freiwillig gekommen? antwortete der alte Mann. Hat sie das Haus am Lyngenfjord nicht selbst verlassen, um wieder bei mir zu wohnen? Aber sie sehnt sich, dorthin zurückzukehren. Glaube mir, sagte der Lappe, daß ihre Augen hell sind und ihre Lippen lachen. 281 Was willst du mit ihr? Was soll ihr Schicksal sein? rief der junge Mann lebhaft. Soll sie mit dir umherwandern bis an's Eismeer, Jahr aus Jahr ein? Sie muß verderben bei solchem Leben, und du bist alt, Afraja. Was soll aus ihr werden, wenn du von ihr scheiden mußt? Sie wird den Mann nehmen, an dessen Heerd ihr Platz ist. Wen? Mortuno etwa? Afraja bückte sich tief nieder und antwortete nicht. Ist das ein Mann für dein Kind, das sittlich und geschickt, zu Besserem bestimmt ist? fuhr Marstrand fort. Du wirst die Blume, die Gott dir gab, welken und sterben sehen, ehe der Winter kommt, und vergebens dann bereuen. Du weiser Vater, sagte Afraja aufblickend, bedenkst du, was du sprichst? Gula ist eine Tochter des verstoßenen Volkes, wo soll sie wohnen, um glücklich zu leben? Bei Euch etwa? Soll sie als Magd verachtet und verspottet sein? Soll sie eines schmutzigen Quäners Haus hüten? – Wer hat uns in diese Wüste gejagt? Wer hat uns das Land unserer Väter geraubt? Wer zwingt uns, mit dem Rennthier umherzuwandern? Marstrand schwieg darauf. Er konnte dem alten Mann nicht Unrecht geben. – Du klagst gerecht, sagte er endlich, aber nicht Alle verdienen deine Vorwürfe. Du, erwiderte der Lappe, bist milder wie diese harten, gierigen Männer. Du bist ein verständiger, freundlich gesinnter Jüngling, aber würdest du Gula in dein Haus führen? Würdest du sie an deinen Heerd setzen und deine Schüssel mit ihr theilen? Er schlug ein lautes Gelächter auf, nickte heftig mit seiner hohen spitzen Mütze und krümmte sich an seinem Stabe zusammen, als er die Wirkung seiner Frage sah. – Siehst du wohl, Väterchen, siehst du wohl, schrie er dann. Bist du gerechter, bist du besser? Aber du kannst es nicht sein, denn sie würden dich behandeln, wie sie uns behandeln. Sie würden dich fortstoßen wie einen Hund, sie würden Schimpf und Schande über dich bringen, dich jagen wie den grauen Wolf und nichts würde dir übrig bleiben, als in die Wüste zu fliehen, wo die Verachteten wohnen. 282 Afraja sprach mit klarer, voller Stimme und ohne die gewöhnlichen Wortverdrehungen und Zeichen der Lappen. Verständig und mit der Würde, die Marstrand schon öfter an ihm bemerkt, beschrieb er ihm das Unglück seines Stammes, und er bemerkte den Eindruck recht gut, den er damit auf seinen Zuhörer machte, der mit Theilnahme und Rührung seine Schilderungen vernahm. Um dessentwegen, sagte Afraja endlich, kannst du niemals wünschen, daß mein Kind wieder zu Euch hinabsteigen soll. Laß sie, ich bitte dich, bei denen, die sie lieben und als Afraja's Tochter ehren, und sage den Thoren, die sie suchen wollen mit ihren blinden Augen, daß sie auf ihrer Schwelle sitzen mögen, im Schatten ihrer Häuser, fern von uns und unseren Gammen, die sie uns gelassen haben. Ich höre dich mit Erstaunen, sagte Marstrand. Wären alle Männer deines Stammes so verständig wie du, so würde auch der Sinn derer sich ändern, die Euch bis jetzt verfolgt haben. Nichts würde sich ändern, Jüngling, antwortete Afraja. Wen hassen sie zumeist? Mich, weil sie mich klug nennen. Wenn die Männer meines Stammes mir glichen, würde ihr Haß jeden verzehren wollen. Sie hassen dich, weil sie dich fürchten, sprach der Junker, dein Volk aber verachten sie und verlachen es. Macht, daß sie nicht mehr lachen, so wird es besser werden. Haß kann man versöhnen oder mit starkem Haß vergelten, wer verachtet und verlacht wird, ist kein Feind, der Besorgniß erregt. Afraja hörte still zu. Er saß nachdenkend auf dem Stein, seine kleinen, röthlichen Augen rollten hin und her und richteten sich lauernd auf den Rathgeber. Laß uns von deinen Angelegenheiten sprechen, begann er darauf, als Marstrand schwieg; ich bin darum gekommen. Oft schon, wenn du schlaflos auf deinem Bette lagst, flüsterten deine Lippen meinen Namen. Du riefst mich. Du weißt mehr als ich selbst, sagte Marstrand. Du riefst mich, weil du mich brauchst, fuhr der Alte fort. Du gibst viel Geld aus, ernährst viele Leute. Deine Säcke und Kasten werden leer, deine Silberthaler gehen in anderer Männer Taschen. 283 Da hast du Recht, antwortete der Gaardherr. Ich fürchte selbst, daß ich einhalten muß und mein Werk nicht vollenden kann. Afraja lachte heißer auf. Thu' es nicht, Väterchen, sagte er, dein Werk ist gut. Helgestad wird kommen und dich loben. Wird er mich auch ferner mit Geld und Waaren unterstützen, trotz deiner Warnungen? Er wird kommen, der gute Vater, und wird seine Nase reiben. Deine Sägemühle wird ihm gefallen und dein Fleiß wird ihm gut dünken. Wenn aber Helgestad sich zurückzieht, Afraja, kann ich dann auf dich rechnen? Der Zauberer antwortete mit einem falschen Grinsen und Nicken. Laß uns sehen, Väterchen, murmelte er, laß ihn kommen und sprechen, du wirst ihn hören. Geh' dann, wenn es dir gutdünkt, an den Fjord hinab, bis dahin, wo einst Jubinal seine Hand ausstreckte und den bösen Voigt in seinem Hause zermalmte. Dahin gehe, wenn die Sterne scheinen und rufe mich. Wo ich auch sein mag, Jüngling, ich werde deine Stimme hören. Sprich meinen Namen leise, wie wenn Syda, der Gott des Windes, über die Spitzen des jungen Grases tanzt, Afraja wird bei dir stehen. Dem Junker kam es fast vor, als sollte er einen Pakt mit dem Bösen schließen, und doch war ihm der alte, ungeheuerliche Mann, von dem er Hülfe forderte und der mit allerhand Gaukelei auch bei ihm seinen Hexenmeisterruf bewahren wollte, weit eher belustigend als fürchterlich. Ich darf dir also vertrauen, Afraja? fragte er so ernsthaft er konnte. Du mußt es thun, Väterchen – wirst es thun! antwortete der alte Mann. Und was verlangst du von mir für deine Dienste? Nichts! Nichts, Väterchen! sagte der Lappe so scheinheilig wie ein ächter Teufel. Ich habe Geld für dich, habe so viel du begehrst. Doch jetzt laß mich gehen. Mein Weg ist weit. Mein Land ist ohne Ende. Niemand kennt es, sie nennen es eine Wüste. Komm' selbst und sieh', ob es nicht Früchte trägt, bessere als am Lyngenfjord wachsen. Ich will dir zeigen, was Keiner je gesehen hat, nun aber 284 lebe wohl und merke, was ich dir sagte. – Am Grabstein sitz' ich, meine Augen sind offen. Ein Seidmann bin ich, der Vieles weiß und kann! Mit diesen Worten, die er halb singend sprach, war er auf sein Thier gestiegen und hatte den Halfter ergriffen, der lose um den Hals des klugen Geschöpfes hing. Mit einem leisen Schlage brachte er es in Gang, die beiden gelben Hunde folgten ihrem Herrn und rasch kletterte das gehörnte Pferd mit seinem greisen Reiter an der steilen Wand auf, von welcher die Balself niederstürzte. Marstrand blickte ihnen nach, bis sie auf der Höhe verschwanden. Dann kehrte er nachdenkend um, aber er fühlte sich wesentlich beruhigt. Afraja hatte Geld für ihn, im Fall Helgestad Böses im Schilde führte, was aber konnte dieser ihm vorwerfen, warum sollte er ihn hülflos lassen, da er doch mit größter Anstrengung Alles gethan hatte, was er sollte? Als er den Gaard erreichte, war er entschlossen, sofort an den Lyngenfjord zu reisen, da Olaf überzeugt war, Helgestad müsse jetzt zurück sein. Er bat Olaf, sein Versprechen zu erfüllen, und auf einige Zeit die Oberaufsicht zu führen, das Vorrathshaus fertig zu bauen, dabei keine Arbeit im Walde zu hindern, bis er selbst aus Oerenäes zurückgekehrt sei. Olaf war bereit dazu. Ich werde dir ein tüchtiges Vorrathshaus einrichten, sagte er, aber du wirst keine Vorräthe haben. Sieh zu, wie du es machst; hindern will ich nichts. Jeder Mann muß wissen, was ihm gut ist. Der sorgenvolle Gaardherr wies die Zimmerleute an, was sie angreifen und vollenden sollten, dann nahm er am nächsten Morgen das beste unter den acht Pferden, die er angeschafft hatte, um die Arbeiten zu fördern und machte sich auf den Weg. Das junge kräftige Thier trug ihn bald über den Gebirgssattel, der den Balsfjord vom Ulvsfjord trennt und als der Mittag herankam, war er auf dem Fjelde, das an den Lyngenfjord führt. Jetzt sah es hier oben anders aus wie damals, wo er zuerst, durch Sumpf und Eis watend, die Beschwerden dieser bahnlosen Wildniß kennen lernte. Halme, Moose und grüne Plätzchen gab es nun hier genug; Birkengestrüpp und Brombeerranken wucherten an geschützten Orten und die überall zu findende, wohlthätige Moltebeere warf 285 erneut scharlachrothen Schimmer über die ganze weite Hochebene, auf welcher der Sumpf so ziemlich ausgetrocknet war. Von den höchsten Stellen blickte er auf die beiden Meeresarme in Buchten und Schluchten nieder, wo der Omnisjok und andere Gebirgswasser tobend ihre Bahn gebrochen hatten. Durch manches Geklüft und manches steile Ufer hinab und hinauf mußte ihn das Pferd tragen, über unabsehbare Moosteppiche, durch Einöden, in denen sich kaum ein paar dürftige Flechten um gebröckelte Gesteine klammerten; dann und wann aber stiegen in der Ferne Rauchsäulen auf. Es war ihm wie Glockengeklingel, das der Wind herüberführte und in mehreren der tiefen Einschnitte, welche mit Gestrüpp bewachsen, sich zum Seeufer niedersenken, glaubte er einen Wald zackiger Geweihe zu erkennen. Sicher wanderten dort Lappen mit ihren Heerden und führten in seiner Nähe ihr nomadisirendes Hirten- und Sommerleben, ohne daß er ihre Gammen sehen konnte. Und war es denn ein Unglück in dieser schrankenlosen Freiheit zu leben, ein Sohn dieser unermeßlichen Wüste zu sein? Die Luft war so frisch und rein, die Sonne so funkelnd warm, Quellen rauschten an Felsen hin, die dicht mit blauen und rothen Alpenblumen und duftigen Kräutern bestickt waren. Die Plagen der Menschen, die sich gesittet und gebildet nennen, reichten nicht hier hinauf, wo man Nichts bedarf um zu leben, als Milch und Fleisch des Rennthiers, eine Büchse zum Jagen, ein Netz zum Fischen, sechs Stangen und ein grobes Linnentuch, um sein Haus zu bauen. – Träumerisch ließ der Reisende sein Pferd, wie es wollte, weitergehen und dachte an Gula, die in irgend einem tief versteckten Thale wohnte, wo Anemonen und Königskerzen blühen, wo ein schäumiger Bach durch die Enzianbüschel rauscht und wo sie an einem prächtigen Wasserfalle sitzen und an ihn sich erinnern mochte. Bei dieser Vorstellung sah er unruhig umher, es kam ihm vor, als höre er seinen Namen rufen. Aber es war nichts als Einbildung. Ein Schneehuhn, das der Sommer braun gefärbt hatte, flog mit seinem klagenden Schrei durch das Birkengestrüpp und weit in der Ferne stand auf einer Felsenspitze, die aus nacktem Geröll inselartig aufragte, eine regungslose Gestalt auf einen langen Stab gestützt. 286 Ob es ein Stein oder ein Mensch war, ließ sich nicht unterscheiden. Vielleicht war es Afraja selbst, aber der einsame Wanderer hatte keine Lust, eine nähere Untersuchung anzustellen. Wenn er in seinen romantischen Träumereien dieses Hirtenleben gepriesen hatte, so belehrte ihn die Wirklichkeit, daß es doch gar mancherlei Unannehmlichkeiten habe, die ein Kulturmensch schwer ertragen könne. Schwärme und Wolken von kaum sichtbaren Schnaken und Gnitzen, sammt Stechfliegen der verschiedensten Art, darunter die große Rennthierfliege, deren Stich die empfindlichsten Schmerzen verursacht, sammelten sich um sein Pferd, und hier konnte er die Wahrheit der Erzählungen erproben, die er öfter schon über diese Plage gehört hatte. Menschen und Thiere haben zur Sommerzeit auf diesen Hochfeldern fast unerträgliche Pein von den unzähligen Mücken und Fliegen zu erdulden. Ihretwegen füllt der Lappe seine Gamme mit dichtem Rauch, um diese Quälgeister abzuhalten, ihretwegen auch treibt das Rennthier seinen Herrn zur Seeküste und an die kühlen Fjordarme hinab, wo die kleinen, gefräßigen Feinde von den Windströmungen fortgeweht werden. Der Reisende war endlich froh, als er die gelben Ränder des Fjeldes erreicht hatte und der Lyngenfjord zu ihm hinaufblitzte. Da lag das blaue Meeresbecken wie ein schmaler Spalt tief unter ihm und in der Felsenbucht erkannte er Helgestad's rothes Haus, das aus dem Grün der Birken hervorsah. Ein Gefühl heimathlicher Sehnsucht drang in die Brust des jungen Mannes. Der Balsfjord mit seinen lieblichen, kleinen Thälern, dem Walde und dem rauschenden Strome war ohne Zweifel romantischer und fruchtbarer zu gleicher Zeit; dennoch aber dünkte ihm Alles hier viel schöner und freundlicher. Er trieb sein Thier in die steil abfallende Schlucht und nach einer halben Stunde war er unten und konnte seinen Hut mit einem lauten Hurrah seinen Freundinnen entgegen schwenken, als sein Thier aus den klippigen Wänden sich hervorarbeitete. Denn an dem Tische, der mitten auf dem Grasplatze vor dem Gaard stand, saßen Ilda und Hannah, und kaum hatten sie ihn erblickt, als Beide nach ihrer Weise ihn bewillkommneten. Hannah eilte ihm entgegen und rief ihm frohe Worte zu, Ilda legte das Linnentuch fort, an welchem sie nähte und that keinen 287 Schritt, doch als der lang entbehrte Gast vor ihr stand und ihr die Hand reichte, überwältigte sie die Freude. Der Ernst wich von ihren Lippen und ihre Augen hießen ihn mit solcher Innigkeit willkommen, daß er entzückt hineinschaute. Wie viel gab es nun zu sprechen und zu fragen! Er hätte es gar nicht besser treffen können. Paul Petersen und Björnarne waren seit einer Woche schon nach der Insel Loppen gereist, um Vogeljagd zu machen. Die beiden jungen Mädchen hüteten somit allein das Haus, und Hannah ließ Helgestad's Lehnstuhl herbeibringen; der holländische Tabak und die stattlichen Posenpfeife waren bald zur Hand. Ilda bereitete in ihrer sorgfältigen Weise den Kaffee und nun, zwischen seinen beiden Beschützerinnen sitzend, mußte er ihnen sein ganzes Leben und Treiben am Balsfjord schildern und nahm dafür unter mancher scherzhaften Abschweifung umständliche Nachrichten über Alles in Empfang, was seit seiner Abwesenheit im Gaard von Oerenäes vorgefallen war. Das war nun freilich im Grunde nicht gar viel und dennoch hörte er es mit Freuden an. Ilda hatte in ihrem Gärtchen den Versuch gemacht, Kartoffeln zu pflanzen, die mächtig in's Kraut schossen, hinter den Fenstern standen ein paar Töpfe mit grünen Erbsen, welche wirklich schon blühten, auch glaubte Hannah, daß Olaf nicht umsonst unter den Felsen im Süden Hafer gesäet habe, der in dünnen Halmen eben aufgegangen war. Sonst hatte sich nichts verändert. Eine neue Magd war gemiethet, ein alter Mann war gestorben, der Pfarrer Henrik Sturen hatte am letzten Sonntag wieder gepredigt. Und wo ist mein alter Freund Klaus? fragte Marstrand. Ganz in der Nähe, sagte Hannah. Wir haben Nachricht, daß er vor einigen Tagen noch in Tromsöe verweilte. Jetzt reist er auf den Inseln umher, dann wird er zu uns kommen, – bald kommen, fügte sie mit einem Blick auf Ilda hinzu. Marstrand zog Erkundigungen über Helgestad ein und hörte, daß erst vorgestern ein Nachbar aus Bergen zurückgekehrt sei, der ihn wohlauf getroffen hatte. Der Fischmarkt war über alle Maßen gut gewesen; kaum jemals konnten sich alte Leute solcher Preise erinnern, und mit jeder Stunde mochte Niels zu erwarten sein, denn seine beiden Yachten lagen in Ladung, als der Nachbar den Hafen verließ. 288 Das klang Alles gut und tröstlich für den jungen Gaardherrn. Er saß lächelnd und calculirend in Helgestad's Stuhl, als wäre dessen Geist aus dem farbigen Lederpolster in ihn gefahren. Er überrechnete seinen Gewinn und im Stillen stärkten sich seine Hoffnungen auf sein Glück. Wie er hier den kahlen, armen Felsengrund betrachtete, dem kaum ein dürftig Stückchen Haferfeld abzugewinnen war, erkannte er erst, um wie viel besser der Boden am Balsfjord sei. Dazu war das Meer so fischreich, wie es Niemand geahnt hatte. Olaf selbst war darüber erstaunt – und endlich der Wald, die mächtigen Baume, welche auf Meilenlänge wuchsen, während hier nur in den Schluchten und Gehängen dürftiges Birkenholz aufwucherte. Marstrand wurde immer froher gestimmt; je mehr er überlegte und Vergleiche anstellte, um so bestimmter wußte er, daß er einen schönen Besitz in Händen hatte, und wenn jetzt Helgestad den reichen Fischgewinn nach Haus brachte, war Geld im Ueberfluß vorhanden. Er hatte bisher nur obenhin nach Björnarne und Petersen und deren Reise gefragt, mit dem Glück zufrieden, daß der fatale Schreiber sich fortgemacht hatte; jetzt hörte er mehr davon. – Das Felseneiland Loppen gehörte Helgestad; es war der Brüteplatz unzähliger Vögelschwärme. In dieser Zeit, wo es so wenig im Hause zu thun gab, hatte Björnarne eine Schlupp bemannt, um die Federvorräthe abzuholen, welche auf der letzten diesjährigen Herbstreise nach Bergen mit auf den Markt genommen werden sollten. Petersen hatte ihn begleitet, um einen großen Fang zu veranstalten, oder, wie Marstrand heimlich dachte, sich Loppen in nächster Nähe anzusehen, und dessen Werth kennen zu lernen. Die Entfernung des widerwärtigen Bräutigams war ihm so lieb, daß er seine Gefühle nicht ganz unterdrücken konnte. – So bin ich denn zur guten Stunde gekommen! rief er aus, da ich das Haus nur von schutzlosen Frauen bewohnt finde, denen ich Beistand leisten kann, wenn es Noth thut. Hoffentlich wird unser Frieden nicht gestört werden, erwiderte Hannah, aber wir lassen es uns gern gefallen, wenn unsere Einsamkeit durch die Gegenwart und Theilnahme eines so ritterlichen Herrn belebter und angenehmer wird. 289 Gern trete ich in mein altes Amt ein, fuhr Marstrand lachend fort, und bleibe, bis Herr Helgestad am Packhause ankert. Ich helfe, wo es zu helfen gibt, vergesse, daß ich aus Oerenäesgaard verbannt bin und denke mir die Zeit zurück, wo meine gütige Beschützerin Ilda mich in die Lehre nahm und ihre Huld mir zuwandte. Hätte sie denn je damit aufgehört? fragte Hannah schalkhaft. Herr Marstrand hat, wie ich meine, ein so gutes Andenken hier hinterlassen, daß am ganzen Lyngenfjord von ihm mit Lust und Liebe gesprochen wird. Die alten Fischer erzählen sich von ihm fast eben so viel, wie die jungen Damen. Und was sagt Jungfrau Ilda? fiel Marstrand ein. Sie sagt, antwortete diese, daß Hannah eine arge Schwätzerin ist, doch darin Recht hat, daß fast kein Tag verging, wo nicht von dir gesprochen wurde. Wir Alle haben dich vermißt, lieber Johann, und nun du wieder bei uns bist, wollen wir dich so lange behalten, wie es angeht. Am Besten, wir schlagen ihn in Fesseln, daß er immer bleiben muß! rief Hannah, indem sie Ilda's Faden nahm, ihn fest band und die Enden in die Hände ihrer Freundin drückte. Uebermüthiges Mädchen, sagte Ilda, wir müssen auf andere Mittel sinnen, um diesen jungen Herrn bei guter Laune zu erhalten. Singe ihm ein Heimathslied, während ich das Haus bestelle. 13. Welche schöne Tage verlebte Marstrand nun in dem stillen Gaard allein mit den beiden Freundinnen. Als er am nächsten Morgen erwachte, fiel Sonnenschein in seine Kammer, dieselbe, welche er früher bewohnt hatte. Wie sauber, hell und freundlich war Alles, wie lautlos war es im Hause; wie lag der grüne Vorplatz mit seiner Einfassung von Birkengebüschen schimmernd vor ihm und nirgend störender Lärm, nirgend Helgestad's rauhe Stimme, kein Hämmern und Klopfen in den Packhäusern, kein Geschrei am Fjord, überall das röthliche Sonnenlicht und Himmelsbläue, so rein und mild, als wäre durch ein 290 Wunder dies nordische, kalte Land weit in den Süden getragen worden. Lange stand er an dem kleinen Fenster und nie war ihm diese einsame Niederlassung so schön vorgekommen. Plötzlich sah er Ilda aus dem Hause treten und eben stieg das große goldene Tagesgestirn über die narbigen Felsen am Kaafjord und warf seine Strahlen auf das Gärtchen, auf die Blumen darin und auf die Jungfrau, welche ihre Hände gefaltet, die Augen auf das erhabene Rundgemälde richtete. Der lichte Schimmer umspielte ihre langen, braunen Flechten, die schlanke Gestalt in dem dunklen Kleide stand in andächtiger Ruhe, bis der Ernst in ihrem Gesichte einem Lächeln Raum gab, mit dem sie Blumen pflückte und diese zu einem Strauße ordnete. Nach wenigen Minuten war sie wieder im Hause verschwunden, dann hörte Marstrand leise Schritte auf der Treppe und im Nebenzimmer, und als er die Thür öffnete, fand er auf dem Tische ein Glas, aus welchem die farbigen Blüthen ihm entgegen dufteten. Mit Blicken voll Rührung betrachtete er sie. Da waren Nelken und Reseda, rothe dunkle Levkojen und in der Mitte ein Busch hell schimmernder Vergißmeinnicht. Er beugte sich zu ihnen nieder; plötzlich drückte er seine Lippen darauf und sah dann scheu umher, ob es auch Niemand bemerkt habe. – Ein stilles Entzücken erfüllte sein Herz; mehrmals war er im Begriff, eine der Blumen an seinen Rock zu stecken, aber er legte sie wieder fort, und als er endlich die Treppe hinabstieg und Ilda ihn scheltend über sein langes Schlafen empfing, sagte er leise: Ich stand bei deinen Pfleglingen, die zu mir sprachen, und was sie mir sagten, war so lieb, daß ich Alles darüber vergaß. Vergessen darfst du nichts, antwortete sie, aber laß uns heiter sein. Die Tage gehen und kommen, und wenn sie Freude für uns haben, sollen wir Trost daraus schöpfen gegen das Leid, das ihnen nachfolgt. Und fünf Mal kam die Sonne und verlor sich in kurze Nacht, welche jetzt wieder eingezogen war, denn der August war da; aber die Tage blieben mild wie schöne Sommertage und wenn das Dunkel mit weichen Schatten am Fjord heraufstieg und die Spitzen der höchsten Felsen allein noch ihre Rosenkränze trugen, trat der Mond über das finstere Horn des Kilpis und wunderbar klar und glänzend streute 291 er sein feines geheimnißvolles Licht über den schwarzen Wasserspalt, und seine dreifache Schattenstille über alle Klüfte und Tiefen. Kein Mensch kam während dieser Zeit in den Gaard. Die Männer waren alle entweder mit Helgestad nach Bergen, oder mit Björnarne nach Loppen gefahren. Was von alten Fischern in der Nähe übrig blieb, trieb Seyfang in den Strudeln von Alöen. Im Hause aber gab es nur ein paar Mägde und da auf den Gütern in diesem hohen Norden von Ackerbau so wenig die Rede ist, wie von Viehzucht, Helgestad's drei Kühe und zwei Pferde in den Bergschluchten umher unter Aufsicht eines Knaben weideten, der sie aus- und eintrieb, mochte das Wetter sein wie es wollte, so war von wirthschaftlicher Arbeit auch nicht viel die Rede. Die Vorrathshäuser standen dicht verwahrt, der Kramladen machte kein Geschäft. Die Hirten auf ihren Alpen hatten was sie bedurften eingekauft, erst auf den Herbstmärkten versorgte sich das Volk mit allen Vorräthen für den Winter, so blieb denn in dieser Zeit der Ruhe für fleißige Frauen und Jungfrauen nichts zu thun, als Leinenzeug, Betten und Geräthe in Ordnung zu bringen, die Schränke auszustatten mit dem Nöthigen, oder mit Männern und Brüdern Reisen zu machen und Vergnügungen zu genießen, so viel es deren geben mochte. Während der Vormittage unterstützte Johann bald hier bald dort seine Freundinnen, die ihn neckend zu kleinen Diensten aufforderten, oder er saß in der breitblätterigen Laube von Schminkbohnen und las in einem der Bücher, die kürzlich Klaus Hornemann aus Tromsöe geschickt hatte. Damals waren Holberg und Tullin die gefeierten Lieblingsschriftsteller der Dänen. Holberg, durch seine Geburt in Bergen ein Norweger, wurde schon um dessentwegen im Lande mit Begeisterung verehrt, und nun sandte der gute Priester zum ersten Male an den Lyngenfjord eine Anzahl Bände voll Lustspiele, Gedichte und den satyrischen Roman: Nicolaus Klimm's unterirdische Reise, den Holberg lateinisch geschrieben hatte, von welchem jedoch sogleich eine Uebersetzung gemacht worden war. Mit Entzücken fiel Marstrand über diese Schätze her, denn wie lange hatte er das Vergnügen entbehrt, Bücher zu lesen, und die Zeitung von Kopenhagen zu durchblättern, welche zwei Mal wöchentlich in einem ganz kleinen halben Bogen erschien, von denen 292 Hornemann mehrere beigelegt hatte. Den geistvollen Professor Holberg kannte er persönlich und mit wie vieler Beredsamkeit erzählte er seinen aufmerksamen Zuhörerinnen Züge aus dem Leben dieses originellen, witzigen Gelehrten. Waren die häuslichen Arbeiten abgethan, so las er eines der drolligen, scharf charakteristischen Lustspiele vor, das von Gelächter und Fröhlichkeit bis zum Schluß begleitet wurde. Kam dann der Abend, so machte er mit den beiden jungen Mädchen Spaziergänge über die Felsen am Fjord, oder er ergriff die Ruder und trieb das kleine Boot über das spiegelglatte Meer, bis zu einem schönen Wasserfall, oder zu irgend einem Vorgebirge, auf dem ein einsamer Raum stand, wo man weit bis zu fernen Inseln und auf die Schneeberge von Senjenöen blicken konnte. Dann kam die Dunkelheit wohl früher als die Heimkehr und wenn der Mond heraufzog, im leisen Windzug die Fluth, wie von Geisterhand gefaßt, in silbernen Kaskaden an dem Gestein aufsprang und das kleine Fahrzeug vor sich her trieb, legte er die Schalten fort und saß traulich sprechend und scherzend bei Ilda und Hannah. Die Zither klang dann süß und leise über die schweigenden Wasser und Lieder flogen darüber hin, bei deren Schall die armen Fischer und ihre Frauen aus dem Schlafe erwachten und wohl meinten, die Meerweiber und Trollen stiegen aus ihren Krystallpalästen und Grotten und schaukelten singend auf den Wellen. Während dieser schönen Tage konnte es nicht fehlen, daß Marstrand bald mit Ilda, bald mit Hannah Stunden lang auch allein war, aber er mochte so wenig dann von seinen eigenen Angelegenheiten sprechen, wie an andern Verhältnissen rütteln, die von Zeit zu Zeit plötzlich, allen Dunst zerstreuend, ernsthaft genug vor ihn hin traten. Endlich jedoch, als er einst mit Hannah in der Laube saß, fragte er mit halblauter Stimme, ob die Herzen der beiden Verlobten sich nun mehr genähert hätten? Sie fragen mich nach meinem Herzen? antwortete Hannah, nachdem sie geschwiegen und die Nadel eingefädelt hatte. Was ich je davon besaß, liegt im Meere und kein Fischer holt es je herauf, mag seine Angel auch tausend Haken haben. Haben Sie nichts seither aus dem Süden gehört? fuhr Marstrand fort, indem er einen andern Gegenstand berührte. 293 Weniges, erwiderte sie. Vor zwei Wochen kam eine Schlupp nach Tromsöe und brachte einen Brief meines Vaters mit einem anderen von meinem Bruder, der jetzt wieder in Bergen ist. Mein Vater gab mir seinen Segen zu allen meinen kindlich guten Entschlüssen, mein Bruder schrieb mir, daß er bedauere nicht zur Stelle gewesen zu sein, als man mich, wie er meint, mit Zwang fortgeschleppt habe. Auch daß er mich nicht begreife, stand darin, wie ich Björnarne heirathen könne, und wenn mir irgend Gewalt drohe und ich ihm antworten wolle, würde Nichts ihm zu schwer, Nichts zu theuer sein, um mir zu helfen! Der gute Christian hat mich immer zärtlich lieb gehabt, aber er begreift gar Vieles nicht. Und was haben Sie ihm geantwortet? Was sollte ich ihm antworten? Ich habe einen Zettel nach Tromsöe geschickt, der mit der Schlupp zurückgeht. In dem Zettel steht: »Sei ohne Sorge, mein Christian, ich bin Björnarne's Verlobte aus freiem Willen, in großer Treue und sehne mich nach dem Tage, wo Helgestad's Sohn mein Gatte sein wird. Dann kommen wir zu Euch nach Bergen, wo du selbst sehen magst, wie es mit mir steht.« O Hannah! murmelte Marstrand. Was soll dies warnende Wort, mein Freund Johann? erwiderte sie. Mein Leben ist an das Leben Björnarne's gefesselt, und was geschrieben steht, muß erfüllt werden. Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen. Mir nahm er und gab er. Und was sagen die heiligen Bücher? »Ehret den Willen eurer Väter, damit es euch wohlgehe und ihr lange lebet auf Erden!« Was sagen die Sitten und Gesetze der Menschen? Sie fordern Unterwerfung und wissen nichts von Herzensgefühlen. Nun wohlan denn, wir sind da, um uns zu beugen. Helgestad – sie hielt inne und holte tief Athem – ich habe ihn gesehen, als ich in jener fürchterlichen Nacht am Boden lag und ein Schrei zu meinen Ohren drang, den ich noch jetzt mitten im Wachen, am hellen Tage höre. Sein Gesicht war über mir, seine Augen voll Feuer; sein Athem heiß, wie die Hölle auf meiner kalten Stirn, weckte mich und ich hörte ihn lachen, hörte ihn deutlich sagen: Jetzt bist du mein, und wenn Gott oder Satan käme, sie sollten dich 294 doch nicht haben. Aus Oerenäesgaard kömmst du nicht fort, denn als Björnarne's Frau. Ist ein Faktum! Sehen Sie, Johann Marstrand, sagte sie, ihre Züge neu belebend, diese Worte stärkten mich damals wunderbar und stärken mich noch. Helgestad's gierige Augen, sein grimmiges Lachen, der eiserne, gottspottende Wille dieses gewaltigen Mannes, machten den tiefsten Eindruck auf mich. Wenn Gott es dulden kann, sagte eine Stimme in mir, so mußt du es dulden. Richte dich auf und gehorche ihm. Das habe ich treu gethan bis auf diese Stunde. Und Björnarne? Ein triumphirendes Lächeln spielte um ihre Lippen. Der arme Björnarne, sagte sie, ich glaube, alle meine Freundlichkeit hat bis jetzt wenig bei ihm gefruchtet, denn je mehr ich mich ihm zu nähern suche, um so weiter zieht er sich zurück. Jetzt hängt er sich ganz an seinen Freund Paul Petersen, der ihn auch zu der Reise nach Loppen bewogen hat und in allen Dingen sein geheimer Rath ist. Dann seien Sie auf Ihrer Hut, Hannah; seien Sie sicher, daß Unglück kommt. Was könnte mich denn treffen? erwiderte sie. Ich bin die demüthige, arbeitsame Magd und warte ab, was Gottes Wille ist. Laß den kommen, der sich zum Herrn meines Schicksals gemacht hat. Ich bin kein Opfer, Johann Marstrand, ich bin ruhig wie eine Priesterin. Opfer leiden Qualen, ich leide nicht, ich bin wie Sie sehen, fröhlich und gutes Muthes. Ich preise Gottes Weisheit und Gnade, blicke um mich und erkenne den Weg des Herrn. Die da Opfer sind in diesem einsamen Hause, und die ich dulden sehe, gehören nicht zu mir. Ilda – sie sah ihn mit den großen Augen durchdringend an –, sie hat das edelste, treuste Herz. Ein starkes Herz, das nie zu heiß wird und ergeben tragen wird, was Gott schickt, murmelte Marstrand. Auch das stärkste Herz kann brechen, sagte Hannah. Ilda ist unglücklich. Unglücklich! Sehen Sie es nicht? Steht das Geheimniß nicht, trotz aller Macht es zu verbergen, deutlich auf ihrer Stirn? Welches Geheimniß? fragte er verwirrt. 295 Daß sie liebt, wo sie hassen und daß sie haßt, wo sie lieben soll! Marstrand blieb stumm sitzen, als Hannah ihn verließ. Spät am Abend fuhr er mit Ilda in dem kleinen Boote allein über den Fjord, zu einem wunderbaren Schlund, in welchem die Wasser einen Wirbel bildeten, der sich in einer tiefen Felsenhöhle verlor. Der Mond beleuchtete das stille Meer, sein feines, klares Licht funkelte um den düsteren Spalt, wo allein die Wellen brandeten und tanzten. Ein dumpfes Stöhnen drang aus der Höhle hervor, bald schwoll es an und war wie Donner zu hören, bald ward es wieder zu einem leisen Rauschen, in welches sich sanfte, klagende Töne mischten. Draußen war Alles lautlos still, nur das blaue, geheimnißvolle Licht der Nacht floß an den ewigen, riesengroßen Wächtern dieser Schöpfung, an den Felsen nieder, welche seit langen Jahrtausenden hier standen und allein wußten, was in ihren finsteren Eingeweiden geschah. Eine Zeit lang schwamm das kleine Fahrzeug vor dem Spalt umher, leise in den kleinen Wellen schaukelnd. Marstrand hatte die Ruder fortgelegt und saß neben Ilda. Beide hörten auf die wunderbaren Stimmen, welche zu ihnen drangen. Ich erinnere mich, sagte Johann endlich, daß eine Sage über diese Höhle erzählt wird, die ich schon gehört habe. Ist es nicht eine unglückliche Meerfrau, die dort unten seufzt und weint? Eine arme, schöne Fee, die ein Riese in Ketten hält, welche niemals reißen, antwortete Ilda. Jetzt weiß ich es. Der Riese hatte die schöne Fee geraubt und sie mit Gewalt gezwungen sein Weib zu sein. Es war ein wilder, tückischer Gesell, aber er war mächtig und groß, ein König in dem tiefen Riesenreiche dort unten. Zuweilen erlaubte er ihr, aus der Höhle herauszugehen, die den Eingang zu seinem Krystall- und Goldpalast bildet, und dann saß sie im Mondschein auf dem Felsengipfel, wand Kränze von Halmen und kleinen Blumen, sang süße Lieder und freute sich der Himmels- und der Erdenluft, bis der finstre Gatte sein Horn hören ließ, und sie traurig wieder hinunterfahren mußte. Da traf es sich, daß ein junger Fischer sie fand und jede Nacht, wenn die schöne Königin auf den Felsen stieg, saß er an ihrer Seite. Dann sah er in ihre sanften, klaren Augen, streichelte ihr goldiges 296 Haar, lächelte ihr zu und betrachtete ihre kleinen, weißen Hände. Er sprach kein Wort mit ihr, von dem was sein Herz erfüllte, aber sie wußte es wohl, und wenn das dumpfe Horn klang und sie traurig aufstand, wußte auch er, daß sie ihn liebte. Während Marstrand so sprach, hatte er Ilda's Hand ergriffen, die er festhielt, und sich zu ihr neigte. Da geschah es, fuhr Ilda leise fort, daß, als sie einstmals beisammen saßen, sie den Klang des Horns nicht hörten. Weil, fiel Marstrand ein, die schöne Wasserfee ihren Kopf an die Brust des Jünglings gelegt hatte, der sie mit beiden Armen umschlang. Und als zum drittenmale vergebens der Ton erscholl, daß die Berge bebten, streckte sich ein Arm aus der Höhle, und ein ungeheurer Kopf folgte ihm nach. Der Riese richtete sich auf, er reichte bis weit über alle Felsen und mit einem Finger zermalmte er den armen Fischer, mit einem Griff zog er die Ungetreue in den schwarzen Schlund. So war es, sagte Marstrand, aber es geschah nur, weil die Fee sich nicht entschließen konnte, frei und glücklich zu sein. Ich liebe dich, hatte der Jüngling ihr zugeflüstert, komm, begleite mich. Siehst du dort den grauen Streif im Osten? Bald wird er roth sein, bald ist die Sonne da; die Kinder der Nacht haben dann keine Gewalt mehr über dich. Vertraue mir, meine Arme sind stark, ich trage dich; laß uns leben und glücklich sein! Sie aber dachte an ihren Eid, den sie dem Bösen geschworen, sie zögerte bis die schwarze Hand sie faßte, und nun liegt sie dort unten in weißglühenden Ketten, klagt und weint, und der höllische Riese lacht und brüllt dazu. Mit sanfter Gewalt löste Ilda Johann's Hand von ihrem Gürtel, denn er hielt sie in seinen Armen. – Sie hat Recht gethan, sagte sie, und ihre Strafe war nicht unverdient. Nimm deine Ruder, wenn du nicht willst, daß wir in den Wirbel gerathen und darin zerschmettert werden. In den Tod mit dir, Ilda! murmelte er hastig. Sollte das dein Ende sein, Johann? erwiderte sie. Hast du nichts mehr zu wünschen und zu hoffen und glaubst du nicht, daß Gott noch Vieles von dir zu fordern hat? Du willst leben! rief er laut und bitter. 297 Ja, antwortete sie, ich will leben, weil es meine Pflicht ist; weil ich Leben empfangen habe, um Gutes zu thun und keine Sünde begehen mag. Er sah in ihre Augen, in welche das Mondlicht fiel. Bittend groß und tröstend schaute sie ihn an. Plötzlich hörten sie über ihren Köpfen ein Gelächter und eine Stimme begann zu reden, die Marstrand bis in's Mark ging. – Bei Gott und beim heiligen Olaf! schrie ein Mann, der auf der Höhe des Felsens stand, es ist Ilda, die vor der Hexenhöhle umherschwimmt. Hierher, Björnarne, komm' herauf! Es ist deine Schwester, die Nornensprüche für unser Glück betet. Und wer ist das? Herr Marstrand, so wahr ich lebe! Glück in's Haus, Herr, oder vielmehr Glück in Ihre Hand! Führen Sie Ihr Schifflein aus den Wirbeln und Klippen, und bewahren Sie mir meinen theuren Schatz, bis ich ihre frischen Lippen küssen kann. Du bist es, Paul, rief Ilda hinauf. Wo kömmst du her? Wo ist die Schlupp? Ist sie noch nicht hier, antwortete der Schreiber, so wird sie kommen. Wir sind in Maursund an's Land gestiegen, weil ein Schiff ohne Wind wie ein Weib ohne Herz ist, kalt und langweilig. Bitte, Herr, legen Sie dort in dem Einschnitt an, und nehmen Sie mich mit. Björnarne läuft davon, er will nicht hören, ich aber bin müde; wir haben einen üblen Weg zum Halsbrechen gemacht. Mit innerem Bedauern, daß es nicht dazu gekommen sei, lenkte Marstrand das kleine Fahrzeug an die bezeichnete Stelle, und nur ein so gelenkiger, leichtfüßiger Mann wie Paul, mochte wohlbehalten in der glatten Felsenrinne herunterrutschen und mit einem festen Sprung das Boot erreichen. Er warf Gewehr und Ledertasche von sich und nahm den Platz neben Ilda ein, den Marstrand verlassen hatte, weil er die Ruder gebrauchte. Ohne Umstände schlang er die Arme um seine Verlobte, küßte sie unter allerlei scherzhaften Fragen und zärtlichen Schwüren und schüttelte nebenher Marstrand die Hand, indem er Erkundigungen über dessen unverhofften Besuch einzog. Fünf Tage sind Sie schon hier! rief er dann. Wenn ich es geahnet hätte, würde ich weniger besorgt und geängstigt gewesen sein. So plagte mich immer der Gedanke an den Lyngenfjord und an 298 Oerenäesgaard, wo meine geliebte Ilda einsam trauerte. Wie oft habe ich Abends auf den hohen Klippen von Loppen gestanden und in die Weite geschaut. Es war mir dann, als könnte ich dich sitzen sehen, die Augen voll Andacht und das Herz voll Sehnsucht nach deinem getreuen Paul, statt dessen aber, glaube ich nun, daß der lang ersehnte Gast dir die Zeit nicht lang werden ließ. Wir haben vergnügte Stunden verlebt, sagte Ilda. Ei, das will ich meinen, lachte Paul, ich weiß, daß Herr Marstrand Damen zu unterhalten versteht und keine unbezaubert bleibt. Sogar die kleine Gula gerieth in Gefahr, zur Salzsäule zu werden. Haben Sie nichts von ihr gehört, werther Freund? Ist sie nicht plötzlich einmal am Balsfjord zum Vorschein gekommen? Ich weiß nichts von ihr, sagte Marstrand so gleichgültig wie möglich, um seinen Aerger zu verbergen. – Er hatte bis jetzt kein Wort über Gula erwähnt, Ilda hatte ihn nicht gefragt, sie hatte Ursache, es nicht zu thun. Jetzt mischte sie sich ein und forschte nach dem Verlauf der Reise und nach dem Aufenthalt auf Loppen, während der Junker kräftig ruderte. Bist du je dort gewesen? fragte Paul. Niemals. Bei Gott, ein gesegnetes Plätzchen! Steile hohe Klippen rings umher, an welchen eine grauenvolle See brandet. Eine einzige Stelle zum Landen und im Innern die Felsen zerklüftet und zerspalten, wie von zahllosen Donnerkeilen. Ich wollte einen Menschen in diesen Höhlen und Löchern zehn Jahre lang verstecken und Niemand sollte ihn finden. Süße Ilda, wie froh bin ich, wieder bei dir zu sein, dich an mein schmachtendes Herz zu drücken und über diesen spiegelblanken, phantastisch vom Mond beleuchteten Fjord zu fahren. Herr Marstrand, Sie kommen mir vor, wie Saturn, der Amor und Venus durch das Lebensmeer fährt; nur etwas langsamer möchte ich bitten, damit wir das Vergnügen nicht zu schnell genießen. Ich habe mir den Amor etwas anders vorgestellt, erwiderte Marstrand trocken. Paul lachte auf. Was sagst du dazu, meine Venus? rief er. Du liebst mich und wenn man liebt, wird selbst ein Lappe zum Amor. 299 Ich sage, antwortete Ilda, daß wir das Boot umwerfen, wenn du dich nicht ruhig verhälst. Das wäre romantisch, poetisch, dramatisch! schrie der Uebermüthige. Was meinen Sie zu einer solchen Abkühlung, Herr Marstrand? Gibt es Bären in Loppen? fragte dieser. Der Henker hole alle Bären! Es gibt keine dort, sonst wäre der tapfere Paul zu Haus geblieben, rief Hannah, die auf der Ufertreppe am Packhause stand und das Boot erwartete, das jetzt nahe war. Empfangen wie immer, erwiderte der Schreiber auflachend, von meiner großmüthigen Freundin mit einem etwas abgenutzten Witze. Der immer noch gut genug ist, antwortete diese, indem sie sich umwandte und mit dem lauten Ruf: Björnarne! dem Manne entgegeneilte, welcher so eben in den Hofplatz trat. Bald saßen sie zusammen in der Stuga, wo Petersen eine unterhaltende Beschreibung der Reise und der Vögeljagden auf Loppen lieferte. Die Schlupp, welche erwartet wurde, war mit Federsäcken gefüllt, denn in diesem Jahre war der Fang ungemein gut ausgefallen. Die großen dreizehigen Möven, die Alken, die mancherlei Entengeschlechter, die Eis- und Sammetvögel, die nordischen Pelikane, sammt den unzähligen Tauchern, Seetauben, Rotten und Lummen hatten reiche Beute geliefert. Paul erzählte in lebendiger Weise den gefährlichen Fang der Vögel auf den höchsten, steilsten Klippen, wo die Jungen in den Nestern gerupft, die Nester selbst ihres weichen Federfutters beraubt und die Alten mit Stangen zu Tausenden in der Luft todtgeschlagen werden. Denn, sagte Paul, diese albernen Geschöpfe sind so dumm, in dichten Wolken laut schreiend ihre Nester zu umkreisen, statt ihre Häupter weislich in Sicherheit zu bringen. Es ist ein feiges, unrühmliches Morden, rief Hannah aus; ich weiß nicht, wie Männer daran Gefallen finden können. Jagt den Wolf, fangt den Luchs, ereilt das schnelle Rennthier und meßt Euch mit dem Bären – aber der Bär, Paul Petersen, der Bär ist ein entsetzliches Geschöpf, dem man nicht nahe kommen darf, ohne die schnellsten Beine zu haben. Paul ließ sich auslachen und lachte mit, aber in seinen falschen Augen funkelte der Hohn über die Spötterei. – Künftig, sagte er, 300 wollen wir dich nach Joppen schicken, weise Jungfrau, du wirst den versammelten Vögeln eine Rede halten, damit sie sich selbst rupfen und braten. Jeder behalte, was sich für ihn schickt, erwiderte sie. Ein Weib wird sich am wenigsten dazu hergeben, angstvolle Mütter in's Unglück zu bringen. O zartsinnige Tochter des Häringskönigs von der deutschen Brücke! rief Paul lachend, wie bewundere ich dein edles Herz! Zur Stärkung deiner Nerven mußt du wirklich nach Loppen reisen und bei Anga, dem Weibe des wackeren Egede Wingeborg, Unterricht nehmen, die eine Virtuosität im Kopfumdrehen und Hautabziehen besitzt, wie keine sich rühmen kann. Wer ist Anga und wer ist Wingeborg? fragte Hannah. Wingeborg wird sich dir morgen vorzustellen die Ehre haben, wenn die Schlupp kommt. Er ist der alleinige Herrscher auf Loppen, zum Regenten und Vicekönig von Helgestad dort eingesetzt, ein Mann, dem ich ohne Zweifel mein Leben danke, denn ohne ihn wäre ich an den Felsen zerschmettert. Dann soll Wingeborg gesegnet sein, sagte Hannah. Wir wären vor Gram gestorben. Paul verneigte sich spöttisch. Du warst in Gefahr? fragte Ilda. Ein wenig, erwiderte er, aber Gott war mir gnädig und Egede nahe, Beide erhielten mich dir. – Du weißt, fuhr er fort, daß die Lummen in Felsenlöchern nisten, an senkrechten Wänden, oft tausend Fuß tief an der Klippe hinab und tausend Fuß vom Meeresspiegel hinauf. Da sitzen sie in tiefen Spalten zu Dutzenden und Schocken bei einander und hat man die erste am Hals, so hat man sie alle. Die eine beißt die andere in den Schwanz, und die ganze Kette läßt sich so herausziehen, bis auf den letzten Mann stirbt die Kameradschaft. Solch ein Fang ist entzückend, man kann dabei naturhistorische Studien machen und nebenbei die Natur selbst aus der Vogelperspective bewundern. – Ein Seil von zwölfhundert Fuß Länge ist oben auf der Klippe über ein Rundholz gelegt, auf einer Art Knebel sitzt der Jäger, unter ihm schwebt ein Korb, um die Vögel 301 hineinzuwerfen, und sechs oder acht Männer lassen ihn so weit herunter, bis er vor den Brütlöchern hängt. Kann er mit seinem Arm die Thiere nicht erreichen, so sitzt im Korbe ein kleiner Hund, den schickt er in den Spalt, um den ersten Vogel zu packen und vorzuzerren, bis des Jägers Hand ihn fassen kann. Ist es so weit, so ist Alles geschehen, der Jäger zieht den Hund, des Hundes Zähne sitzen in dem Lummenhals, das Uebrige findet sich. Nun aber, fuhr er fort, ist allerdings die Sache nicht ohne Gefahr. Die Männer oben werden nicht so leicht loslassen, obwohl es auch schon vorgekommen ist; der Jäger wird sich an seinem Querholz fest zu halten suchen, wenn auch manchmal Einer das Gleichgewicht verliert und den Hals bricht; das Uebelste aber bleibt es, wenn das Tau sich zu drehen anfängt und der Jäger, wie ein Kreisel, umher wirbelt, bis er im Schwindel sinnlos hinabstürzt oder den Kopf an irgend einer Felsenkante zersplittert. – Und das wäre mein Loos gewesen! rief Paul, hätte Egede mich nicht gehalten. – Ich hing an einer Klippe, an siebenhundert Fuß Seil; unter mir hatten zehn Mastbäume Raum, als ein Windstoß kam und ich zu drehen anfing. Anfangs lachte ich, dann fluchte ich, endlich schrie ich einen Todesschrei, denn um mich her wurde es schwarz, als plötzlich ein Mann an dem Seile herunterfuhr und mit seinen Beinen rechts und links auf dem Querholz stand, mir den Hakenstock aus der Hand riß, die Spitze in einen Felsenspalt stieß und mit einem Sprunge auf dem Absatz der Klippe stand, nicht breiter wie eine Hand. – Im nächsten Augenblick hatte er das Seil dicht herangezogen und hielt es fest, dann wandte er es behutsam hin und her und ließ sein rauhes Gelächter hören. Eine Minute darauf stand ich neben ihm, ich weiß selbst nicht, wie es kam. Wir gingen auf dem Grat fort, bis dieser etwas breiter wurde. Da waren Löcher und Risse, Alken und Lummen in ganzen Schaaren, es war eine wunderbare Jagd. Ueber uns die zersplitterte Wand, unter uns die glänzende See; schreiende Vögelschwärme um unsere Köpfe, mit Flügeln und Schnäbeln auf uns los wie Teufel und wir Beide mit Blut bespritzt, fangend und schlagend, bis Alles still war. – Dann band Egede mich fest, gab das Zeichen und ich fuhr ohne ein Hinderniß hinauf. Ihn holten wir dann nach und er brachte noch einen Korb voll Leichen mit, so 302 viel, daß Anga nicht wußte, was sie mit allen Braten machen und wie sie die gute Speise bewahren und einsalzen sollte. Anga ist also, wie ich merke, die Hausfrau des Herrn Wingeborg, deines ehrenwerthen Freundes? fiel Hannah ein. Es ist die reizendste dickköpfigste Schönheit aus ächtem Quänerstamm, die je ohne Hemd und Strümpfe in einer Blouse von Hammelfellen in den Finnmarken umhergelaufen ist, lachte Paul. Sie müssen wissen, Herr Marstrand, daß es auf den Außeninseln oft wie im Paradiese hergeht, und nach Loppen kommt, Jahr aus Jahr ein, kein Mensch, der Anstoß daran nähme. – Mein Freund Wingeborg, seine Anga und fünf Buben, einer zottiger wie der andere, wohnen dort in ungestörter Freiheit. Anga brauchte selbst die Hammelfelle nicht, sie könnte eingehüllt in ihren wilden Haaren gehen, wie einst die schöne Gräfin Genovefa, und Wingeborg hat keinen Grund, eifersüchtig zu werden. Das ist ein prächtiger Kerl. Wären wir Griechen, so würden wir ihn in Marmor meißeln, und wenn er morgen kommt, mag sich jedes zarte Herz in Acht nehmen. An diesen Gesprächen, welche noch lange fortgesetzt wurden, nahm Björnarne wenigen Antheil, nur zuweilen mischte er sich ein, wenn er dazu aufgefordert wurde, aber Alles, was er sagte, war kurz und klang so, als koste es ihm Anstrengung. Marstrand sah er kaum an und für die freundlichen Aufmerksamkeiten Hannah's zeigte er sich gleichgültig und that zuweilen, als höre er ihre Fragen nicht, wenn er sich in seinen Stuhl zurücklehnte und lieber die Augen zumachte. – Es hatte sich also nichts geändert oder, wie Marstrand meinte, es war sogar noch schlimmer geworden. Mit geheimer Betrübniß sah er seinen jungen Freund an, der sonst so fröhlich lachen und in so glücklicher Sorglosigkeit seine Tage verleben konnte. Seine Züge waren spitzer geworden, seine Augen lagen tief und ihr Blick hatte etwas Unstätes und Ruheloses, er konnte sie nicht lange auf einen Gegenstand festhalten. Diese Bemerkungen, welche Marstrand schon am Abend gemacht hatte, konnte er am nächsten Morgen fortsetzen. Keine theilnehmende Frage kam über seine Lippen, er wich dem Gaardherrn am Balsfjord aus und verschwand in den Packhäusern, wo er umherkramte, indem 303 er es Paul Petersen überließ, auszuforschen, was den unbequemen Besuch denn eigentlich an den Lyngenfjord gebracht habe? Marstrand war zurückhaltend, allein der Schreiber war zu klug, um nicht bald aus den Antworten, die er hervorlockte, sich ein Bild von der Lage der Dinge zu machen. Er wußte zudem viel mehr wie Marstrand selbst und sah mit heimlichem Vergnügen, wie weit Helgestad's Plane vorgerückt waren; – weiter, wie er es gehofft hatte; Es war keine Ordnung und Eintheilung in der neuen Niederlassung, die Vorräthe waren verschleudert, das Geld verthan, Marstrand war gekommen, um Hülfe zu begehren, und der Dummkopf, Olaf, hatte ihn hergeschickt, während er selbst seine herkulischen Schultern anstrengte, um einiges Geschick in die Verwirrung zu bringen. Mit vieler Theilnahme hörte Paul zu, ertheilte guten Rath, stellte Zweifel auf, und weil er ganz richtig schloß, daß Marstrand gerade das Entgegengesetzte von dem glauben würde, was er ihm empfahl, unterstützte er lebhaft die Ansichten, welche Olaf ausgesprochen hatte. Ich kann es mir denken, sagte er, daß der ehrliche Junge mit Entsetzen Ihre Arbeiten und Ihre Ausgaben betrachtet hat und wahr ist es, Herr Marstrand, daß wenige Leute im Lande sind, die das ganze Unternehmen nicht für abenteuerlich halten. Eine Meinung, der Sie jetzt beizupflichten scheinen, fiel Johann geringschätzig ein. Sie haben Recht, erwiderte Paul. – Ich dachte früher vielleicht anders, jetzt sehe ich praktischer und schärfer. Ich danke Ihnen für alle Belehrung. Ei! werther Herr, versetzte der Schreiber spottend, ich gebe es gern und meine, Rath und Erfahrung kann ein jeder brauchen, selbst wenn er außerordentlich viel davon gesammelt hat. Der Unmuth des jungen Ansiedlers würde ihn zu einer noch heftigeren Antwort verleitet haben, wäre nicht eben jetzt die erwartete Schlupp auf dem Fjord sichtbar geworden. – Das Haus und die umliegenden Hütten geriethen in Bewegung; Weiber und Kinder schrieen den Ankömmlingen entgegen, denn auf dem Verdeck standen die sechs Männer, welche die Besatzung bildeten, und als das Tau geworfen wurde, entstand eine der üblichen Bewillkommnungsscenen. Jeder hatte für seine Familie etwas mitgebracht, Federsträuße und 304 Vögelbälge, auch ganze Fässer gesalzenes Vogelfleisch, das nicht besonders einladend roch und wahrscheinlich noch schlechter schmeckte. Auch Marstrand näherte sich dem Ausschiffungsplatze. Seine Freundinnen wurden von Paul und Björnarne begleitet, er empfand verdüstert, wie sehr sich Alles mit einem Male geändert hatte und gern wäre er jetzt an den Balsfjord zurückgekehrt. Gleichgültig sah er der Landung zu und erst nach einer Weile bemerkte er, daß ein großer aber kurzbeiniger Mann, der zu seinem kräftigen Untertheile sehr schmale Schultern, ungeheure lange Arme und einen dünnen Leib bekommen hatte, bei dem Schreiber stand, der dies seltsame Geschöpf zu Ilda führte. Der große Kerl trug einen schwarzen Glanzhut auf dem Kopf, unter welchem sein wirres, schmutzig gelbes Haar herunter fiel, und dieser Kopf war viel dicker und vierkantiger, als es zu dem schmalen Körper nöthig gewesen wäre. Sein rothes von Pockennarben zerrissenes Gesicht hatte eine Stumpfnase, einen Mund mit wulstigen Lippen und zwei Reihen langer weißer Zähne, welche er wie ein Affe zeigte. Häßlich war er genug, aber am häßlichsten waren seine Augen, die völlig verkehrt standen und mit großer Geschmeidigkeit von einer Ecke in die andere fuhren, so daß Niemand wissen konnte, wohin er eigentlich sah. Hier, Ilda, ist Wingeborg; mein Freund Egede, theuerste Hannah, rief Paul lachend. Ein ausgezeichneter Mann durch die verschiedenartigsten Eigenschaften seines Kopfes und Herzens, wie seiner Arme und Beine! – Seht diese Beine an, dürr, behend, unermüdlich, wie die Läufe einer Bergziege, die auf dem schärfsten Grat lustig umherspringt, als sei er so breit wie der Lyngenfjord; betrachtet diese Arme, die in einen Brunnen reichen könnten und so anziehend sind, daß sie die Alkenketten aus den tiefsten Löchern holen. Und nun schaut diesen unvergleichlichen Kopf an, den ein Diplomat auf seinen Schultern tragen sollte, um vollkommen unergründlich zu sein. Damit harmonirt der wunderbar bewegliche Schwanenhals und was sein Herz betrifft, so können wir zwar nichts davon sehen, allein der einzige Umstand, daß er die tiefste Abneigung gegen das unwürdige Geschlecht der Lappen hegt, mit keinem Fischlappen oder Bölappen Gemeinschaft hält, niemals erlaubt, daß einer der elenden Rennthierhirten nach Loppen übersetzt, um seine Heerden dort zu weiden, oder 305 gar eine Hütte zu erbauen, um ein Kolonist zu werden, beweist, daß er hohe Gefühle und viele Empfindungen in sich trägt. Während dieser Spötterei des Schreibers hatte Wingeborg seine Augen von einer Ecke in die andere rollen lassen und seine weißen Zähne gefletscht. Dann und wann griff er mit seinen rauh behaarten Fingern, die wie die Finger einer Seespinne biegsam und gelenkig waren, in sein blaubuntes Halstuch und endlich drehte er den Glanzhut ein paar Mal um seinen Kopf und lachte behaglich. Höre, Sorenskriver Petersen, sagte er, von Allem was du sagst, verstehe ich wenig, aber ich danke dir dafür. Ich bitte dich, Freund Wingeborg, fiel Paul ein, mache keine Umstände, es ist herzlich gern geschehen. Gut, so thue was du willst! sagte der Quäner, aber was du von mir und den Lappen sagst, das sollen die beiden Jungfrauen gern glauben. Ich habe mit den gierigen Dieben mein Lebtag viel zu schaffen gehabt und rieche auf Meilen weit, wenn einer in der Nähe ist. Und was du nicht riechst, theurer Beherrscher der Luftbewohner, erwiderte Paul, das wittern deine getreuen Leoparden. Wo hast du sie? Hier, sagte Wingeborg, indem er auf den Sack deutete, der zu seinen Füßen lag und den er ausschüttete, wodurch zwei kleine gelb und dunkel gefleckte Hunde zum Vorschein kamen, die so wunderlich aussahen, wie ihr Herr. – Sie hatten wieselartig spitze Köpfe, lange äußerst schlanke Leiber, kurze, breite Füße, abgestutzte Ohren, merkwürdig lange Schwänze und waren von großer Behendigkeit in allen Bewegungen. Seht da! rief Paul, sind das nicht köstliche Geschöpfe? Es ist die echte Race der Vogelfänger, die Gott der Herr in seiner Weisheit einzig dazu geschaffen hat, die Brütlöcher auszuspüren und denen er eine Nase gab, wie sich kein Zollinspektor rühmen kann. Gieb diesen kleinen Schlauköpfen irgend einen Lappen, einen Schuh oder Strumpf von einem menschlichen Wesen, mag es auch lange her sein, daß es ihn einst trug, wenn von dem Eigenthümer eine Spur zu finden ist, werden sie ihn bald haben. 306 Die beiden kleinen Hunde wurden Gegenstand neugieriger Fragen und Liebkosungen und sie vergalten diese durch Freudensprünge und Schmeicheleien; plötzlich aber wurden sie vergessen, denn auf der Höhe des Fjeldes zeigte sich ein Wanderer, der im Sonnenschein auf einer steilen Klippe stille stand, seinen Hut schwenkte und ein lautes Hoho! hören ließ. – An seinem weißen langen Haar, dem schwarzen Pilgerrock, dem breitgekrämpten Hut und dem Stab erkannten Alle sogleich den guten Klaus Hornemann. Ilda eilte mit Hannah ihm entgegen, der Sorenskriver aber lachte laut auf und legte sich auf Björnarne's Schulter. Wahrhaftig! rief er, wir sind gesegnete Leute. Kaum zu Haus, erscheint auch die Frömmigkeit und – die Langeweile, fügte er leise hinzu, als Marstrand weiter ging, als ob wir noch nicht genug davon hätten. Ich sage dir, Björnarne, wir müssen eilen, daß wir diese Bursche los werden, oder Etwas erfinden, um uns vor ihnen zu sichern. Vielleicht, murmelte Björnarne vor sich hinblickend, erfahren wir Manches von dem Priester. Glaubst du, daß er die Wahrheit sagen wird? Hüte dich vor ihm, sei munter, zeige ihm ein frohes Gesicht, oder er wird sich an dich nesteln mit allerlei Moral und Sittensprüchen. Ich sage dir, der alte Bursche mit seiner salbungsvollen Weisheit wird uns zu schaffen machen. Gestehst du ihm ein Wort, so bist du verloren. Sei klug, Björnarne, denn ich möchte wetten, du wirst ihn schnell genug auf dem Halse haben. Sie gingen über den Grund fort und trafen auf den Geistlichen, als dieser eben die Felsenstufen herunter kam, von den Mädchen geführt und von Marstrand bewillkommnet. Da bin ich wieder, meine lieben theueren Freunde! rief der Greis, und Gott der Herr meint es gut mit mir, daß ich gleich beim Eintritt in diesen gastlichen Gaard Alle froh beisammen finde. Wir sind in Oerenäes wohl aufgehoben, erwiderte Hannah, haben Freude und Liebe, Scherze in Fülle und obenein den witzigen Paul, aber Sie, ehrwürdiger Mann, schonen sich nicht, laufen und klettern bei dieser schwülen Sommerhitze in den Wüsten umher, ohne an Ihr weißes Haar zu denken. 307 Nein, wirklich, antwortete Klaus mit liebenswürdigem Lächeln, daran denke ich nicht, gutes Kind, und weil ich nicht daran denke, muß es wohl keine besondere Anstrengung für mich sein. – Ich komme, fuhr er fort, diesmal mit einigen Umwegen von Tromsöe. Ich bin auch am Balsfjord gewesen, Herr Marstrand, und habe dort Olaf als einen redlichen Hüter Ihres Hauses vorgefunden, endlich bin ich über die Halbinseln und Fjelder gepilgert, bis hinauf zur Kilpisjaure und komme von dort, um, wenn mein Töchterchen Ilda es mir gestattet, mich einige Tage hier unten am kühlen Fjord auszuruhen. Wer hieße Euch nicht willkommen, lieber Herr, antwortete Ilda. Ruht aus und bleibt zu unserer Freude so lange es angeht. Die beiden jungen Männer waren nun auch herangekommen, freundliche Worte wurden gewechselt. Der alte Priester, sein Ränzchen von Leder am Riemen um die Schultern gehängt, ging mit ihnen dem Hause zu, wo auf der Vorbank Egede Wingeborg Platz genommen hatte; kaum aber hatte Hornemann diese Stelle erreicht, als die beiden kleinen Hunde des Vogeljägers mit lautem Gebell auf ihn zusprangen, ihm die Zähne zeigten und widerspenstig knurrend endlich dem Pfiff ihres Herrn Folge leisteten, der sie zurückrief. Ei, Wingeborg, sagte der Greis lächelnd, das ist ein übler Empfang. Mag sein, erwiderte der dickköpfige Quäner, aber eines Thieres Natur stammt auch von Gott. Der Empfang gilt nicht Euch, Herr, sondern Eurer Gesellschaft. Seid Ihr nicht vor kurzer Zeit noch mit Lappen zusammengewesen? Ist's nicht so? Ja, war Hornemann's Antwort. Mortuno begleitete mich und trug mein Ränzchen bis dort oben, wo er mich verließ. Seht Ihr wohl! rief Wingeborg triumphirend. Meine Hunde wittern, daß ein Lappe bei Euch war. Es ist eine Götterstimme, die aus den Thieren spricht. Guter Freund, fiel Hornemann ein, laß die Götterstimme aus dir selbst sprechen, die da sagt: Liebet alle Menschen, denn sie sind Gottes Ebenbild. – Doch, was thust du hier am Lyngenfjord? Wingeborg erzählte, daß er seine jährliche Federsammlung abliefern und Helgestad's Rückkehr erwarten wolle, um Rechnung mit 308 ihm zu halten und Ankäufe zu machen. Nach einigen andern Fragen blieb Egede draußen sitzen, im Hause aber sammelte sich die ganze Bewohnerschaft um den guten Priester, der für jeden freundliche Worte hatte. Klaus Hornemann's Anwesenheit war aber auch für Marstrand tröstend. Unverhofft führte ihm sein guter Stern den Mann zu, bei dem er Rath und mancherlei Beistand suchen konnte und dessen Nähe selbst Paul Petersen bescheidener oder zurückhaltender machte. – Es war gewiß, daß der Schreiber vor diesem alten Mann mehr Scheu empfand, als vor irgend Jemand, er wagte es nicht, die mancherlei lehrreichen Gespräche mit denen der Abend ausgefüllt wurde, zu unterbrechen, wagte auch nicht, über die Moral des Priesters und Heidenbekehrers zu spotten und seine gutherzigen Aussprüche lächerlich zu machen. Der alte Priester hatte nichts als seinen freudigen Gottesglauben, seine klaren Augen, seine sanfte Stimme und sein weißes Haar. Paul Petersen erachtete ihn als einen Narren und elenden Phantasten, der nur von Dummköpfen verehrt werde, aber der Nimbus dieser Verehrung lag so geheimnißvoll um den Greis, daß Paul, mochte er thun, was er wolle, sich der Ansteckung nicht entziehen konnte. Er saß stumm in der Ecke und grübelte über seine Pläne. Sobald er konnte, entfernte er sich und Björnarne folgte ihm nach, endlich aber blieb Klaus mit Marstrand allein, der ihm sein Herz ausschüttete, und ihm bis tief in die Nacht seine Angelegenheiten mittheilte. Freund Johann, sagte endlich der Priester, ich bin kein praktisch befähigter Mann für solche Dinge, mein Rath kann daher ein nur zweifelhaftes Gewicht für Sie haben. Hätten Sie früher sich an mich gewandt, so würde ich allerdings dagegen gewesen sein, daß Sie, jung und unerfahren, sich auf so große, weitaussehende und kostspielige Unternehmungen einlassen wollten. Helgestad hat Sie dazu ermuntert, seine Pflicht ist es somit, Sie kräftig zu unterstützen, und wie ich ihn kenne, wird er es thun, da Sie überzeugt sind, daß Ihre begonnenen Arbeiten eben so nöthig wie nothwendig waren, um zum Ziele zu führen. Ich bin auf's Bestimmteste überzeugt, antwortete Marstrand, daß ich mehr ausgeführt habe, als Helgestad erwarten konnte und zweifle 309 nicht im Geringsten daran, daß im nächsten Sommer schon ein Erfolg möglich ist, der alle Spötter zum Schweigen bringt. Dann arbeiten Sie rüstig fort, und kehren Sie sich nicht an die tadelnden und verdammenden Stimmen. Ich muß Sie immer wieder mit mir vergleichen, fuhr er sanft lächelnd fort. Sie stehen freilich vor mir da in blühender Jugendkraft und in Ihren Augen wie in Ihrem ganzen Wesen ist eine Energie, die mein altes Herz erwärmt. Aber wir sind uns dennoch ähnlich. Wie mich Unwissenheit und Böswilligkeit schmähen und verläumden, so fallen die Zungen der Menschen, die nur für das Gewöhnliche und Hergebrachte Sinn und Verstand haben, über Sie her. Mit allen Vorurtheilen, die ihre engen Seelen hegen, höhnen sie, was sie nicht verstehen. Seien Sie darüber ruhig, mein junger Freund. Selbst wenn ein Theil der Vorwürfe wahr ist, die Ihnen gemacht werden, selbst wenn Sie über Ihre großen Entwürfe Manches vergessen, was nahe liegt, ist dennoch nichts verloren. Sind wir denn nicht Menschen, die fehlen und irren müssen? Ist Licht möglich ohne Schatten? Tüchtige Geister irren zumeist und bedürfen der Prüfungen, dann thun sie in einem Tage mehr, wie andere in einem langen Leben. Gehen Sie Ihren Weg, er wird ein guter sein, ich weiß es gewiß. Meine Fehler, erwiderte Marstrand, hat Olaf Ihnen gezeigt. Ich habe für mein Haus bisher zu wenig gesorgt, meine Ausgaben sind zu groß gewesen, es ist Vieles in Verwirrung und Unordnung, weil ich mich nicht darum kümmern konnte. Das soll von jetzt an geschehen. Es ist zu viel für Sie, sagte der alte Priester, indem er sich zu ihm beugte und die Hand auf seine Schulter legte. Ihr Haus sicher aufzurichten, gibt es nur ein Mittel – eine wackere, tüchtige Frau, die Frieden und Ordnung mit sich bringt. Marstrand machte ein abwehrendes Zeichen, indem er die Augen durch das stille Zimmer laufen ließ, als fürchte er, daß es Jemand höre. Ich könnte Ihnen eine Mittheilung machen, fuhr Klaus fort, doch muß ich glauben, Ihnen damit wehe zu thun, indem ich Erinnerungen aufwecke, die nicht angenehm für Sie sind. Erinnerungen, die nicht angenehm sind? wiederholte Marstrand mit einem Seufzer an seine Stirn fassend; deren habe ich mancherlei. 310 Es handelt sich um ein armes, getäuschtes Mädchen, sagte der Priester nach einem augenblicklichen Schweigen – nicht durch Sie absichtlich getäuscht – nein, so ist es nicht gemeint, sondern durch ihr eigenes Herz irre geführt. Ach! es ist eine unglückliche Geschichte, eine Geschichte des Jammers, traurig und trostlos, denn es ist keine Hülfe dafür. Kinder tragen die Sünden ihrer Väter, ein Fluch erbt fort von Geschlecht zu Geschlecht und die von Haß und Verachtung Getroffenen müssen leiden vom Unrecht, mag ihre Seele auch rein sein von aller Schuld. Von wem reden Sie? fragte Marstrand, dessen Gesicht sich ahnungsvoll röthete. Von Einer, erwiderte der Greis mit sanfter Stimme, deren Herz mit Ihrem Bilde gefüllt ist, weil Sie zuerst dort den göttlichen Funken weckten, und ihr als ein Erlöser erschienen. Ich rede von Gula, fuhr er fort, als Marstrand schwieg. Ich habe sie gesehen. Gesehen! Und sie ist unglücklich? Glauben Sie, daß Gula glücklich sein kann? Ihre Stimme klingt vorwurfsvoll, sagte Marstrand und ich verdiene es; aber Gott weiß es, meine Schuld ist nicht so groß. Mitleid mit ihrem Geschick, Dankbarkeit für ihre Theilnahme, ein menschliches Empfinden für das verlassene Kind, Wohlwollen für sie, haben mich verleitet, ihr Gefühle zu erregen, die ich erkannte, als es zu spät war. Ich weiß Alles, antwortete der Priester, und ich beschuldige Sie nicht, aber Gula lebt und sie hofft. Wie kann sie hoffen? murmelte Johann düster vor sich hin. Weil sie liebt, sagte der alte Mann. Die Liebe ist eine Blume, die nicht stirbt, auch wenn ihr Licht und Luft entzogen werden. Sie senkt wohl ihr Haupt und ihre Blätter neigen sich, aber in ihr waltet ein göttliches, ewiges Keimen. Sehnsüchtig träumt sie von vergangenem Glück und mit unwandelbarer Treue glaubt sie an eine Zukunft. Wenn Sie das arme Kind sehen sollten in ihrem Leid, nur von einem Gedanken aufgerichtet, in ihrer einsamen Trauer, abgehärmt und doch strahlend vor Freude, wenn sie von Ihnen spricht, Sie würden tiefen Schmerz empfinden. 311 Wo ist sie? Wo verbirgt sie Afraja? fragte Marstrand. Was kann es helfen, wenn ich Ihnen den Ort nenne? Ist sie in dem Thale, das Olaf entdeckt hat? Lassen Sie mich davon schweigen, erwiderte der Priester. So hart es ist, so darf doch nichts geschehen, was neue Hoffnung erregen könnte. Nein, die Blume dieser Liebe muß ausgerissen werden, und Sie selbst müssen dies thun. Afraja will, daß seine Tochter Mortuno heirathen soll; ich habe mich überzeugt, daß dies ein gerechter und vernünftiger Wunsch ist. Gula wird ihren Widerstand aufgeben, sobald ihr thörichter Glaube an Sie nicht mehr besteht. Sie selbst aber bedürfen zu Ihrem eigenen Heile einer Lebensgefährtin. Armer, junger Freund! Ich weiß, was Sie früher im Herzen nährten; doch ist denn unter den Jungfrauen, welche Sie kennen lernten, nicht Eine, die Ihnen Ersatz bieten mag? Wählen Sie und ich selbst will Ihre Wahl unterstützen. Alles, was ich vermag mit Rath und That, soll zu Ihren Diensten sein. Eine treue Hausfrau wird Ihr Haus zieren und erhalten, zugleich aber wird Gula gerettet werden. Sie wird nicht länger in unfruchtbarem Gram, in unerfüllbarer Sehnsucht sich verzehren. Sie wird sterben, sagte Marstrand, sein Gesicht bedeckend. Nein, nein! antwortete der Greis, sie wird leben, wenn der einzige Mensch unter dem fremden, stolzen Volke sich auf ewig von ihr scheidet, der sie an seine Brust gedrückt und meine Gula genannt hat. Und damit soll ich ihr ein freudloses, schreckliches Dasein erkaufen? Mein Vater, könnten Sie in meine Seele sehen! Der Priester senkte das weiße Haupt, seine Hände falteten sich. Gottes Wille hat es so gefügt, flüsterte er, Leiden und Schmerzen schickt er seinen Kindern. Gelobt sei der Herr! Nicht Gott! sagte Marstrand im schönen Zorn, nicht er, der die Liebe ist, nein, diese elenden Menschen mit ihrer Habgier, ihrem Haß, ihren Qualen, mit des Teufels Verdammniß in ihren Leibern, sie tragen die Schuld. Und wo sind die Reinen und Gerechten? fragte der Greis seinen Finger aufhebend. 312 O, ich fühl's! Ich fühl's! murmelte der junge Mann seine Augen niederwendend, doch was hält mich ab gerecht zu werden? Klaus Hornemann schwieg, aber seine Blicke ruhten voll Güte auf seinem Freund. Erst nach einem langen Bedenken sagte er im warnenden Tone: Versuchen Sie Gott nicht zum zweiten Male! Wer den Vorurtheilen seiner Zeit trotzen will, muß mit siebenfachem Erz gerüstet sein. Wo aber ist der Panzer, der nicht vor diesem Feuer von Spott, Haß, Verachtung und Schande schmelzen würde? Liebe allein kann da widerstehen. Ich liebe nur Eine, erwiderte Marstrand ernst, neben ihr hat keine Zweite Raum. Diese Eine ist für mich verloren! Der Priester sah ihn betrübt an. – Ich hoffe, sagte er endlich leise, daß Sie diese Leidenschaft mit männlichem Sinn überwinden, um so mehr, da die Jungfrau ihrem Verlobten zu gefallen strebt, und wir Alle es innig wünschen müssen, daß Björnarne's Herz sich zu ihr wendet. Björnarne? antwortete Marstrand sich aufrichtend. Sie sind im Irrthum, damals wie jetzt. Nie habe ich an Hannah Fandrem anders denn als Freund gedacht. Es ist eine Andere, mein Vater, Eine, die mich liebt – ja, die mich heiß und innig liebt, ich weiß es, und deren Besitz mich mehr beglücken würde, als wollte eines Königs Tochter mir ihre Hand reichen. Doch das ist unmöglich! Zwischen uns steht ihr Vater und ein elender, gemeiner Mensch, ein Schelm, dem ich das Schlechteste zutraue. Ihm hat sie sich zuschwören müssen, ihm wird sie angehören. Steht es so, mein armer, junger Freund! murmelte der alte Priester. Ich habe es mir vorgestellt und doch nicht daran geglaubt. Ilda – Still! sagte Marstrand aufstehend, rütteln wir nicht weiter daran. Ich kann den Namen nicht hören, ohne tiefen Schmerz zu empfinden. Schöne Tage haben wir verlebt, Tage des Vergessens und der Hoffnung, bis wir plötzlich aus unseren Träumen aufgeweckt wurden. Seid wach und gerüstet, wenn der Versucher naht, sagte Klaus ihm die Hände drückend. Wach und gerüstet, ja, erwiderte der junge Mann. Sie kennen das strenge Pflichtgefühl des unvergleichlichen Mädchens, aber glauben 313 Sie mir, sie verachtet den jämmerlichen Buben, den man ihr aufzwingt, mehr noch, wie ich es thue. Björnarne ist in seiner Hand. Wissen Sie, was diesen fröhlichen, guten Jungen so heruntergebracht hat? Klaus Hornemann machte ein beistimmendes Zeichen. Ich weiß Alles, sagte er. Gula entfloh, um sich vor seiner Leidenschaft zu retten. Und diese Leidenschaft wird noch jetzt genährt und aufgestachelt von Petersen, fuhr Marstrand fort. Ich kenne seine Plane nicht, aber sie müssen auf Björnarne's Verderben gerichtet sein. Wollen Sie ein gutes Werk thun, so öffnen Sie ihm die Augen. Ich bin gekommen, um auch mit ihm zu sprechen, sagte der Priester. Dann zögern Sie nicht, antwortete Marstrand, indem er ihm die Hand reichte. Ich will bedenken, was Sie mir mittheilten. 14. Am nächsten Morgen befand sich Paul allein in der Rechenstube seines Schwiegervaters, die mit dem Kramladen zusammenhing. Er saß vor dem alten Schreibpulte, hatte die Rechenbücher vor sich und während er behaglich rauchte, sah er aufmerksam die Seiten und die Zahlen an, welche darauf standen. Was solch ein zerklüfteter, zerbröckelter Felsen nicht einbringt, murmelte er vor sich hin. Wer ihn nicht kennt, möchte ihn schwerlich geschenkt nehmen, aber da steht es geschrieben: Loppen, an Federn auf den Markt gebracht: 2340 Speciesthaler – Loppen im nächsten Jahre: 3785 Speciesthaler – Loppen im dritten Jahre 4512 Speciesthaler. Und so fort und so weiter, flüsterte er lachend, denn in diesem Jahre wird der Handel sich noch besser stellen. Loppen muß mein werden! Ueberhaupt aber – er warf seine Blicke über den großen Waarenraum und dann über den Vorplatz auf die Packhäuser und auf die Schiffe, ich wüßte nicht, sagte er, warum nicht Alles mein werden sollte, was der alte Narr sein Leben über für mich zusammengescharrt hat? – In diesem Augenblick sah er Marstrand draußen erscheinen, 314 der Ilda und Hannah begleitete und sich mit ihnen in das Gärtchen setzte, wo er aus einem Buche ihnen vorlas. Paul Petersen's Gesicht nahm den Ausdruck des giftigsten Hohns an. Er lachte, indem er die Hand mit der Feder leise schüttelte. Wart, du edler Junker! rief er seine Stimme dämpfend, du sollst aus deinen verliebten Träumen erwachen. Lies ihr ein lustiges Gedicht vor, wo der Esel von Bräutigam geprellt wird, ich will dir ein ander Lied singen, das du niemals vergessen sollst. – Und diese tugendvolle Heilige, fuhr er fort, nachdem er eine Zeitlang hinter dem Fenster versteckt die Gesellschaft in dem Gärtchen beobachtet hatte, wie sie die Augen auf ihn richtet, während er liest, wie sie ihr Ohr ihm zuneigt, wie ihr Gesicht vor Vergnügen strahlt, und wie schmachtend und sehnsuchtsvoll sie lächeln kann. Der braune, stattliche Junker und der rothhaarige Schreiber von Tromsöe, das ist freilich ein Unterschied. Aber du sollst diesen Unterschied kennen lernen, strenge Jungfrau, Musterbild der Weiber, sanft und geduldig, sittlich und wahrhaftig, wie du bist. Ich will dich zu meinen Füßen liegen und um Barmherzigkeit bitten sehen; ich will dir den christlichen, frommen Sinn lohnen, will dir die Verachtung lohnen, denn er hat Recht, der dänische Schelm, sie verachtet mich! Ist es nicht lustig, sie verachtet mich noch mehr als er selbst, und doch soll ich Leib und Seele haben. Während er dies vor sich hin sprach, trat Björnarne herein. Paul drehte sich um und nickte ihm zu. – Mach' die Augen hell auf und sieh nicht so finster aus, mein Junge, sagte er, ich habe dir allerlei gute Dinge mitzutheilen. Wäre ich wie du, hätte ich da draußen ein schönes Mädchen sitzen, die bis über die Ohren in mich verliebt wäre, ich würde so vergnügt sein, wie ein Zobelkätzchen. Björnarne zog die Stirne zusammen und warf einen wilden Blick durch das Fenster. Wenn ich das Gesicht nicht mehr sähe, murmelte er. Geduld, mein Sohn, Geduld! sprach Paul. Wir werden diese Gesichter los werden, wenn du klug bist und mir folgst. Nimm allen Verstand, den der Herr dir gegeben hat, zusammen und begreife, was ich dir sagen werde. Was diesen hochnäsigen, steifbeinigen Junker betrifft, so denke ich, daß er zum letzten Male in Oerenäes sich breit gemacht hat. Sobald dein Vater zurückkommt, werde ich mit ihm ein Wort reden und bin 315 überzeugt, er wird calculiren, daß ich ein gescheuter Bursch bin. Was aber die ehrsame Jungfrau aus Bergen angeht, so kannst du sie dir am Besten vom Halse schaffen, wenn du zärtlich bist wie ein junger Affe. Es schnürt mir den Hals zu, Paul, wenn ich ihr ein freundliches Wort sagen soll. Und wenn du sie ansehen sollst, verdrehst du deine eigenen hübschen Augen, rief Paul lachend, als hättest du Rhabarber eingenommen. Aber ich sage dir, mein Junge, es geht nicht anders. Du bist so ein kreuzbraver ehrlicher Michel, von dem der Allerdümmste glaubt, er könne ihn bis auf den Grund durchschauen; laß die pfiffigen Leute einmal sehen daß du auch pfiffig sein kannst. Höre Björnarne, fuhr er ernsthafter fort; wenn du ein Tölpel sein willst, so sei es meinetwegen, wenn du aber meinen Beistand ferner verlangst, so handle wie ein Mann, der seinen Plan zu verfolgen weiß. Was soll ich denn thun? fragte Björnarne den Kopf senkend. Du sollst es machen wie der Fuchs, lachte Paul Petersen, als er mit den Hühnern zusammen Messe hörte. Er las mit ihnen aus einem Buche und schlug so andächtig sein Kreuz, daß sie den frommen Pilger voller Vertrauen in ihre Nester führten und ihn baten mit ihnen zu Mittag zu speisen, was er so gut that, daß nichts von ihnen übrig blieb, als die Federn. Sieh um dich, Björnarne, denke an deinen Vater. Weiß ein Mensch was der im Sinne hat, wenn er Einem die Hand schüttelt und so ehrlich aussieht, als könne er kein Wasser trüben? Oder sieh mich an, wenn es dir besser gefällt. Glaube mir, mein guter Junge, die Menschen wollen betrogen sein, das ist ein Gottesgesetz. Der Eine betrügt den Anderen, und wer nicht betrogen sein will, muß zu den Betrügern gehören. Was du willst, ist kühn und gewagt. Du mußt schlau und verschlagen sein, mußt mit jedem Wind segeln. Bringst du das nicht zu Stande, so laß Alles liegen und fallen und ergieb dich in den Willen des Schicksals und deines Vaters. Sei ein guter Sohn, laß dich von Hannah Fandrem küssen und dir die Nachtmütze über die Ohren ziehen. Ich weiß nicht was du willst, murmelte der junge Mann. Ich kann nicht lügen und nicht heucheln. Das ist leicht gesagt, erwiderte Paul. Weißt du, weßhalb der alte Klaus gekommen ist? Weißt du, was er will? – Er kommt 316 gerade von Gula her und hat seine ganze Ledertasche voll Grüße und Seufzer, nur keine für dich. Björnarne's Gesicht war dunkelroth geworden. Seine heißen Augen glänzten den Schreiber an. Nicht einen zärtlichen Seufzer für dich! wiederholte Paul, ein Gelächter aufschlagend, aber zehntausend für den treulosen Junker dort. Björnarne ballte wüthend die Faust. Woher weißt du das? fragte er. Ich habe gestern Abend etwas von ihrem Gespräch gehört, als sie sich allein glaubten. Heut wird Klaus dich in's Gebet nehmen und dir die Würmer aus der Nase ziehen. Die kleine schwarzäugige Hexe hat ihm erzählt, daß sie deiner tollen Leidenschaft wegen geflohen sei. Jetzt sitzt sie, wo Afraja sie eingesperrt hat, windet Kränze und weint nach dem lieben Johann, der sie von Mortuno, dem garstigen Thiere, befreien soll. Wo ist sie? Wo hält er sie gefangen? rief Björnarne heftig aufgeregt. Ich weiß es nicht, aber ich werde es erfahren, verlaß dich darauf, war Paul's Antwort. Der Priester soll es mir bekennen, fiel Björnarne ein. Du bist ein Narr, sagte Paul. Sprich kein Wort darüber, laß dir nichts merken, wenn nicht Alles für immer vorbei sein soll. Du mußt dein Gesicht bezwingen, mußt lachen können, wenn er von ihr spricht, mußt ihm sagen, es sei eine Thorheit, ein augenblickliches Vergessen gewesen, und daß die alberne Lappendirne sich nicht einbilden solle, du dächtest mit einem Gedanken noch an sie. O! Das kann ich nimmermehr! rief Björnarne, seine Hände an die Stirne drückend. Nicht? sagte Paul, das thut mir leid, denn ich will dir sagen, was die Folge sein wird. Die Folge wird sein, daß Klaus Hornemann es für seine Pflicht hält, deinem Vater Alles mitzutheilen, was er weiß, und was dann kommen muß, mein guter Junge, kannst du dir leicht selbst erzählen. Dein Vater wird dich behandeln wie einen Verrückten. Er wird dich allenfalls eher erdrosseln, ehe er dir verzeiht, und frage dich selbst, ob du widerstehen kannst, wenn seine gewaltige Hand auf dir liegt. 317 Björnarne biß grimmig die Zähne zusammen, bei alledem aber hatte der boshafte Schreiber vollkommen Recht, schon der Name des Vaters übte eine schreckende Wirkung auf den Sohn aus. Willst du jetzt meinen Rath hören? fragte Paul, nachdem er ihn ein Weilchen mit kaum unterdrücktem Spott betrachtet hatte. Sprich denn, murmelte Björnarne. Und willst auch befolgen, was ich dir dringend empfehle, fuhr Paul fort; denn nur wenn du dies thust, kannst du auf Erfolg hoffen. Ich will es thun, so viel ich kann. Ein Mensch kann Alles was er will! rief der Schreiber; und glaube mir, hast du erst den Anfang gemacht, so werden die Fortschritte auch nicht ausbleiben. – Was heißt lügen, sich verstellen oder heucheln, wovor Dummköpfe so großen, edlen Abscheu hegen? Es heißt nichts anderes, als lebensklug und vorsichtig sein, die Umstände benutzen und danach handeln. Und glaubst du etwa, daß die Tugendhaften dies nicht thun? Der alte weißhaarige Priester weiß genau, wo Gula verborgen ist, eben so gut weiß es unser Mann von Ehre und Gewissen, der Junker. Frage sie wo das Mädchen steckt, sie werden mit den ehrlichsten Gesichtern von der Welt versichern, daß sie nichts davon wissen. Der dänische Landläufer hat mehr als einmal ohne Zweifel den alten Teufelskerl Afraja gesprochen, mir hat er in's Gesicht hinein gelogen, daß er ihn nie gesehen habe, ich merkte es aber dennoch auf der Stelle. Sieh, Björnarne, das ist die Sache. Mag ein Mensch thun, was er will, aber ertappen muß er sich nicht lassen. Beginne was dir gefällt, aber mache es nicht so, daß du ausgelacht wirst, oder daß man mit Fingern auf dich zeigt, ober daß man dich aufhängt. Verfolge deinen Zweck, sei es was es sei; gebrauche alle Mittel, lüge, verläumde, heuchle, wenn es nothwendig ist, aber sei ein Mann, von dem man nicht sagt: Wie ein Schuljunge hat er sich bei seinen Streichen benommen. Björnarne hatte mit größerer Aufmerksamkeit zugehört. Er schämte sich vor den spöttischen Ermahnungen des Schreibers. Glaube doch nicht, sagte er, daß ich mich so leicht fangen lasse. So beweise es, erwiderte Paul. Ein roher Mensch gibt sich wie er ist, ein gebildeter braucht seinen Verstand. Du darfst dein 318 Benehmen gegen Hannah nicht länger fortsetzen, du mußt höflich und gefällig sein, sie ist ja hübsch genug dazu. Täuschen mußt du sie Alle, sonst gieb sie auf. Sage zu Allem ja, lache und entschuldige dich, sei munter und denke du lägst in Gula's Armen, wenn du Hannah küssest. Der Priester hat vor, dich zum liebenswürdigen Bräutigam zu machen; das ist ein sehr löbliches Unternehmen. Er will dich auch mit deinem Freund Johann versöhnen, laß es dir gefallen und schlage ein. Den hasse ich zumeist, murmelte Björnarne grollend. Glaubst du denn, ich liebe ihn? lachte Paul; aber was heißt hassen, wenn der Haß ohne Rache bleibt! Der Tag wird kommen, wo wir uns rächen können, wo er wie ein Hund gestoßen, davonlaufen soll, Hohn und Schande an seinen Sohlen, wo er sich zeigt. Und endlich, Paul Petersen, endlich? Sei ohne Sorge. Spiele deine Rolle gut, mache die Verräther ganz sicher, so will ich dir helfen. In wenigen Tagen weiß ich, wo Gula steckt. Wir befreien sie von dem spitzbübischen Mortuno; du sollst dein Schätzchen haben, das Uebrige wird sich finden. Sieh da, rief er, zum Fenster hinaus sehend, da schleicht der ehrwürdige Klaus über den Platz und schnüffelt an dem Waarenhause umher. Er sucht dich, Björnarne. Alle Wetter! wäre ich doch an deiner Stelle. Ich spüre eine erhabene Lust in mir, dem alten Burschen ein prächtiges Stückchen aufzuspielen. Geh, mein Junge, und wenn du wirklich der Sohn deines Vaters bist, wenn ein Fünkchen von seinem Geist in deinem dicken Kopfe sitzt, wirst du eine köstliche Stunde erleben. Er stieß seinen Zögling mit lustigem Gelächter und einigen Abschiedsanweisungen zur Thüre hinaus und rieb sich zufrieden die Hände, als er ihn bald darauf, Beil und Säge in der Hand, dem Packhause zuwandern sah. Er ist doch nicht ganz so dumm wie gewöhnlich, wenn er den richtigen Stoß erhält, flüsterte er ihm nachschauend. Ich möchte wetten, daß er den alten gottseligen Klaus zu Thränen rührt, wozu freilich nicht viel gehört. Björnarne warf inzwischen sein Geräth bei Fässern und Kasten nieder, öffnete die Wasserthür des großen Packhauses und sah über den Fjord hinaus. Es war ein thauiger, sonnenheller Morgen, die 319 Luft so rein und frisch, der Himmel so glänzend und Alles so still und klar bis in die fernsten Weiten. – Da lagen die unermeßlichen Alpen über einander gethürmt, in warmen, lichten Dunst gewickelt. Die nahen Berge rauchten und strahlten und unten plätscherten kleine Wellen kühl an das Pfahlwerk. Schwermüthig ernsthaft blickte der arme Knabe in das tiefe Wasser und mit leiser, trauriger Stimme sagte er in sich hinein: Ich wollte, daß ich dort tief auf dem Grunde läge, mein Gesicht im langen Seetang, der auf meine heiße Stirne schlüge, daß ich nichts mehr empfände und nichts mehr sähe und hörte. Gott weiß es, wie es gekommen ist, aber ich habe weder Rast noch Ruh' und werde sie auch niemals wieder finden. Ich kann's nicht ausdenken. Plötzlich drehte er sich um, hob das Beil auf und fing ein Lied zu pfeifen an, denn draußen stand Klaus Hornemann und sah herein. Nach einem Weilchen, als Björnarne hämmerte und klopfte, trat er näher und redete ihn an. – Ei, sagte der Greis lächelnd, bist früh bei deiner Arbeit, lieber Björnarne, und wie es scheint ist deine Laune auch danach. Warum sollte ich nicht froh sein, rief der junge Mann, so lustig er es konnte. Ich bin ja jung, stark und gesund. Der Missionär nahm seine Hand, führte ihn hinaus auf die Gallerie und setzte sich mit ihm auf die Bank. – Was das wohl thut, sagte er, an einem Platz zu sitzen, wo man viel und oft gesessen hat und dann zurück zu denken an alte Tage und alte Freuden. Sieh, mein liebes Kind, auf derselben Bank, an derselben Stelle habe ich mit deiner Mutter gesessen und manche Stunde verplaudert, manch herzliches gutes Wort gehört. Du hast deine Mutter kaum gekannt, wenigstens warst du zu jung dazu, um ihr Wesen zu verstehen und zu begreifen. Das war eine Frau voll großer reiner Herzensgüte, voll Mitleid für fremdes Leid, treuherzig, wacker und verständig in allen Dingen und voll heißer Liebe für ihre Kinder. Jetzt denke ich daran, wie ich einst mit ihr hier saß, und du lagst, ein kleiner frischer Bube, in ihrem Schooß. Dein Vater war weit in die See hinaus und über der Kilpisjaure hingen düstre, schwere Wolken. – Es war eine schwüle Stille und wir sprachen von der Vergänglichkeit alles irdischen Glücks und was Gottes unerforschlicher 320 Wille über den Menschen verhängen könne; da faßte Frau Ingeborg plötzlich meine Hand und ihre großen, klaren Augen sahen mich an, ihr Finger deutete auf dich. Wenn ich nicht mehr sein werde, sagte sie, so seht nach dem Knaben. Duldet es nicht, wenn er auf bösen Wegen wandelt, redet zu ihm, sein Gemüth ist gut, er wird Euch verstehen. Versprecht es mir, wie ein rechter Diener Gottes und wie mein Freund, daß Ihr das Kind behüten wollt, so viel Ihr könnt. Da sagte ich: Verlaßt Euch darauf, Frau, so lange ich lebe, soll es geschehen. Björnarne hörte unruhig zu, das Andenken an seine Mutter machte ihn weich, aber er dachte auch an Paul's Rath, und als Klaus aufgehört hatte zu sprechen, erwiderte er lächelnd: Meine Mutter soll, wie ich denke, niemals Böses von mir erfahren. Der Priester schlug die Augen zu ihm auf und sah ihn so fest an, daß er den Blick nicht aushalten konnte. – Was habt Ihr denn mit mir? fragte er trotzig, um seine Verlegenheit zu verbergen. Ich sehe dich an, Björnarne, antwortete Klaus, und finde dich blaß und verändert seit ich zuletzt hier war, und weil ich meine, ich weiß, was dich bedrückt und weil ich deiner Mutter mein Wort gab, mit dir zu reden, wenn etwas an dir nicht recht sei; weil ich für dich fürchte, mein gutes Kind, darum habe ich dich aufgesucht. Fürchtet nichts – nein, fürchtet nichts für mich! rief Björnarne. Die Sommerhitze bekommt mir nicht gut, in Loppen habe ich ein Fieber gehabt, schlechtes Wasser getrunken und mich hart angestrengt. Das Alles hat mich heruntergebracht. Das ist nicht Alles, fiel der Greis mit seiner liebenswürdigen Sanftmuth ein, du sagst nicht ganz die Wahrheit. Ich weiß mehr wie du denkst, Björnarne, denn noch sind nicht drei Tage vergangen, seit mir Gula erzählte, was sie aus deiner Nähe getrieben hat. Was hat die Närrin erzählt? rief Björnarne. Daß ich ihr Vorwürfe machte, als ich sie in Johann Marstrand's Armen traf, und daß ich davon erhitzt, ebenfalls mein Heil bei ihr versuchte? – Ich habe Unrecht gethan, ich war selbst närrisch geworden, allein ich bin jung und habe heißes Blut. Was will sie jetzt noch? Weßhalb klagt sie mich an? Sie ist fortgelaufen aus diesem Hause, sie gehört nicht mehr zu uns. Ich bin hier, habe eine Braut, werde bald eine 321 Frau haben. Glaubt die Dirne, daß ich noch an sie denke? Was kann ein Lappenmädchen mir sein? Was, zum Henker! könnte ich mit ihr wollen? Der gute Priester hörte erstaunt zu, wie der junge Verläumder diese kurzen Sätze rauh und beleidigt hervorstieß. Er hatte etwas ganz Anderes erwartet, hatte sich darauf gefaßt gemacht, alle Ueberredungskunst anwenden zu müssen, um seinen Schützling zur Vernunft zu bringen und fand nun plötzlich, daß dieser jeden Verdacht von sich abwies. Alles ist wahr, was du sprichst, lieber Björnarne, sagte er erfreut, und Alles ist gut, wenn du dein Unrecht eingesehen hast. Es ist vorbei damit, murmelte Björnarne. Ach, sie vergibt dir gern, erwiderte Klaus, und wenn dein Herz sich zu dem guten, freundlichen Kinde wandte, so ist nichts verzeihlicher. Ihr seid beisammen aufgewachsen, du hast sie unter deinen Augen schön und fein aufblühen sehen, und wäre Gula eines reichen, edlen Mannes Tochter, er könnte stolz darauf sein. Leicht und zierlich ist ihre Gestalt und ihre Augen sind so klar und rein, wie ihre Seele. Der alte Priester lächelte, indem er dies sagte. – Ich liebe sie ja auch, sagte er, wie könnte ich also deine Liebe verdammen und wie ich von ihr rede und sie mir erscheint, begreife ich, daß Mortuno zum Dichter wird, und Abends ihr seine Lieder singt, die ganz poetisch klingen. Björnarne hatte still zugehört, in seinen Zügen und seinen feurigen tiefen Blicken malte sich ein hoher Grad von Leidenschaft, den Klaus nicht bemerkte oder nicht verstand; als aber Mortuno's Name genannt wurde, wandte sich Helgestad's Sohn ab, denn alles Blut stieg in seinen Kopf und wüthend ballte er die Fäuste zusammen. Liebe sie, wie ein Bruder, fuhr der Greis fort, indem er des jungen Mannes Hand ergriff, sie verdient es, deine Schwester zu sein. Schütze sie, wenn ihr Unglück droht, und höre ihre Bitte an. Ich bitte meinen lieben, theuern Freund, so sagte sie mir, der armen Gula nicht zu zürnen. Um sein Glück bete ich zu Gott, und wenn er glücklich ist in Treue und Liebe mit der Frau, die ihm gegeben wurde, dann wird er mir die Hand reichen, wenn ich an seine Thür klopfe und wird mich aufnehmen, wenn ich verfolgt bin. 322 Das will ich! rief Björnarne und seine Augen strahlten. Ja, so wahr ich ein Mann bin, das will ich. – Aber, ist sie glücklich, mein Vater? Liebt sie den dänischen Junker noch? Marstrand, erwiderte der Priester ausweichend, kann eben so wenig wie du selbst diese Liebe erwidern. Er hat sie in seine Arme geschlossen, hat ihr Liebesworte gesagt, hat ihre Lippen geküßt und jetzt verräth er sie! – Ich – er schüttelte mit feindlicher Heftigkeit den Kopf. Du, mein Sohn, fiel der Missionär ein, würdest nichts Anderes thun können, wie dieser edle, verständige Mann, dessen Freundschaft du werther halten mußt, wie viele andere. Er liebt sie nicht, aber sie hängt noch an ihm und dafür will er, daß sie den elenden Burschen Mortuno heirathen soll, murmelte Björnarne in sich hinein. Er verläßt sie, ich will sie nicht verlassen. – Wo, fragte er laut, hält denn Afraja das arme Ding verborgen? Ich kann mir denken, daß es ihr übel genug ergeht. Sie ist traurig in ihrem Herzen, sagte Klaus, aber übel geht es ihr nicht und das Thal, in welchem sie lebt, gehört zu den schönsten, die es dort oben gibt. Dort oben! rief Björnarne mit einem raschen Blick zu den hohen Bergen. Sie will nicht, daß ich es wissen soll? Was könnte es helfen, erwiderte der Greis. Ihr müßt beide erfüllen, was Gott über Euch bestimmt hat. Du, lieber Björnarne, wirst hier einst friedlich und glücklich wohnen, sie wird mit Mortuno und ihren Heerden ein wanderndes Leben führen, aber auch glücklich sein, weil das ewige Wesen jedem seiner Geschöpfe Frieden und Glück gibt in seiner Weise. Du weißt ja, fuhr er fort, daß der Stamm der Lappen nirgend froher ist, als in seiner Felsenheimath, und selbst Gula hat die Sehnsucht nach der schwermüthigen einsamen Unermeßlichkeit dieser wilden Freiheit nicht ganz verloren. Sie wird sich wieder daran gewöhnen, ohne die edleren Keime in ihrem Herzen zu verlieren und wird dazu beitragen, diese Saaten auszusäen in andere Herzen. Laß sie ihren Schmerz überwinden, du aber, mein junger Freund, wende deine volle Liebe dem edlen Mädchen zu, das dich liebt und zeige ihm, daß du seine Zärtlichkeit und Treue verdienst. 323 Björnärne sah überlegend in die Weite. Sein Blut rann glühend durch alle Adern, er hätte hohnvoll auflachen und die Hand des alten Vermittlers von sich schleudern mögen, aber Paul hatte Recht. Auf dem Wege zum Guten wie zum Bösen ist der erste Schritt der schwerste. Ist die erste Lüge, die erste Heuchelei vollbracht, so folgen die anderen, wie die Glieder einer Kette, und entweder mußte er jetzt diesen Priester betrügen, den er schon halb betrogen hatte, oder er mußte ihn zum Ankläger und Richter machen, ohne auf Vergebung hoffen zu dürfen. Klaus Hornemann sprach eindringlich weiter über Hannah's vortreffliche Eigenschaften und über sein rauhes und unpassendes Benehmen und während dieser Zeit hatte Björnarne Zeit, die Furchen von seiner Stirn zu bringen und seine Antwort zu bedenken. Es ist wahr, sagte er aufblickend, ich bin nicht so freundlich gewesen, wie ich wohl sein sollte, allein glauben Sie nicht, mein Vater, daß ich Hannah Fandrem's Vorzüge nicht erkannt hatte. Ich bin auch daran gewöhnt, meines Vaters Befehlen zu folgen, dennoch empörte es mich, mich ohne Weiteres verkaufen zu lassen. An der Lyngenkirche, wo ich Hannah seit Jahren zum ersten Male wieder sah, wurde ich gezwungen, mich ihr zuzuschwören. Meine Freunde lachten mich aus, ich wurde wie ein Bube behandelt. Mein Vater schrie mir zu, auf meinen Knieen um Hannah's Huld zu bitten, und sie, die sich hätte sträuben und, wie es die Sitte fordert, Zeit verlangen sollen, sie sagte lachend ja und sah mich so voll Hohn und Bosheit an, daß ich es niemals vergessen konnte. Das ist's also, was dich so närrisch und kalt macht! rief Klaus erfreut. Aber, mein Sohn, wenn dein Vater auch zu rasch nach seinem Willen handelte, wie kannst du auf Hannah zürnen, die doch nur ihrem guten Herzen folgte? Wäre es denn ein Glück für dich gewesen? wenn sie verdrießlich und spröde deines Vaters Wünsche vereitelt hätte und du auf deinen Knieen liegen geblieben wärst? Welch Gelächter würde dann entstanden sein, welche Neckereien wären über dich gekommen. Nein, du närrisches Kind, Hannah hat das Beste gethan, was geschehen konnte, und statt schmollend umherzugehen, hättest du sie doppelt lieben müssen. 324 Ich glaube beinahe, daß Sie Recht haben, murmelte Björnarne lächelnd. Komm, du Wildfang! rief der Priester, sei freundlich und sie wird dir vergeben. Ich will kein Wort sagen, du mußt selbst dein Unrecht gut machen, was aber Johann Marstrand betrifft, so hat er mich ersucht, dir seine Bekümmerniß mitzutheilen, daß deine Freundschaft zu ihm sich in Abneigung verwandelt habe. Du weichst ihm aus und stößt seine Hand zurück. Weil ich glaube, sagte der junge Mann, daß er meinem Vater den Rath gegeben hat, mich mit Hannah so übereilt zusammen zu thun. Nein, nein! lachte der Greis, auch darin hast du Unrecht. Im Vertrauen kann ich dir sagen, daß Marstrand von dieser Heirath nichts wissen wollte, und daß er mich dringend bat, sie zu hindern, wenn ich es könnte. That er das? frug Björnarne verwundert. Aus welchem Grunde? Weil er sich allerlei Schreckliches einbildete, dein Unglück und Hannah's Elend. Laß uns gehen, mein Sohn, zeige ihnen Allen ein frohes Gesicht. Ich weiß Niemand, der so heiter sein könnte, wie du. Die Wirkung dieser Unterredung war, wie sie Paul Petersen nur wünschen konnte, denn ein anderer Geist schien über den jungen Helgestad gekommen zu sein. Er begleitete den Geistlichen, setzte sich an Hannah's Seite und hörte Marstrand zu, der noch immer Ludwig Holberg's Schriften vorlas. Er dachte jedoch an ganz andere Dinge, denn seine Gedanken schweiften weit über den Kranz kühner Klippen hinaus, die den Lyngenfjord umlagerten. Weit über die moosigen Decken der unermeßlichen Fjelder suchte er das verborgene Thal, wo Gula einsam verborgen war, wo Birken sanft rauschend über den Bach hingen, wo sie mit der sanften Stimme, die er kannte, Lieder der Sehnsucht und der Treue sang, und er ihre zarte Gestalt mit geöffneten Armen, mit blitzenden Augen ihm entgegen eilen sah, als er plötzlich vor ihr stand, um sie von Mortuno zu befreien. Ein glückliches, frohes Lächeln lief durch sein Gesicht, und eben hob er den Blick auf und sah, daß Hannah ihn betrachtete. Es überlief ihn kalt, seine Muskeln wollten erstarren, doch über Hannah's Schulter sah Klaus und nickte ihm winkend zu. Die ganze Wahrheit und der 325 ganze Trug fuhr wie scharfer Stahl durch seinen Kopf und mit fast übermenschlicher Willenskraft ergriff er Hannah's Hand, die sie ihm bot, drückte diese leise und sah sie freundlich an. Das war eine seltsame unerwartete Ueberraschung. Eine jähe Röthe sammelte sich auf Hannah Fandrem's Stirne, ihre Augen öffneten sich weit, als wollten sie die Wahrheit erforschen, ein unwillkürliches Zittern bewegte ihre Finger; allein Björnarne hielt diese fest und legte seinen Arm über ihren Stuhl auf ihre Schulter. Es gewährte ihm geheime Lust, denn es kam ihm vor, als habe die Jungfrau Angst vor ihm bekommen, und diese Entdeckung machte ihn beherzt. Im nächsten Augenblick war Hannah's Erschrecken jedoch vorüber. Sie warf einen langen, prüfenden und fragenden Blick auf ihn, und wandte sich dann zu dem guten Klaus um, der, die reinste Freude in seinem ehrwürdigen Gesicht, das junge Paar mit der Zärtlichkeit eines Vaters betrachtete. Der ganze Tag war nun ein Freudentag, den Jeder in seiner Weise feiern half. Selbst Paul Petersen ließ es sich angelegen sein, liebenswürdig zu erscheinen und keinerlei Bosheit zu begehen. Nachdem er lange sich mit Helgestad's Büchern beschäftigt und Auszüge daraus gemacht hatte, fand er sich bei der Gesellschaft ein und erkannte mit einem Blicke, wie folgsam Björnarne gewesen sei. Er nahm ein nachdenkendes und bescheidenes Wesen an, setzte sich zu Ilda und sprach mit Marstrand über den neuen, unerwarteten Aufschwung der norwegischen Literatur, mit so vieler Kenntniß und Verständigkeit, daß Alle gern zuhörten. Wir haben eine zu lange Ruhe im Reiche der Poesie gehabt, sagte er, und empfinden daher jetzt den Sturm um so besser, den Ludwig Holberg und seine Freunde anblasen. Kein Volk hat so viel Mittel zu einer wahren Volkspoesie, die naturwüchsig aus ihm hervorgehen kann. Unendlich sind unsere Schätze an alten Sagen und Liedern, es kommt nur darauf an, daß sie ausgebeutet werden, wie es die fortgeschrittene Entwickelung der Sprache und die verfeinerte, geistige Bildung verlangen. Bloße Naturdichter schaffen es nicht mehr; die ursprüngliche Kraft muß sich mit Geschmack und kunstvoller Gestaltung verbinden. Das aber tadle ich an Holberg, daß dessen Witz 326 in seinen Satyren oft zu derb und zu roh ist; allein seine Bücher bilden einen Schatz, der lange vorhalten wird, vielleicht für ein ganzes Jahrhundert. Er hat den Anfang zu einer neuen Literatur gegeben, nun werden Andere kommen, die darauf wurzeln können, die an Geist den Meister wahrscheinlich nicht erreichen, aber in Form und Gewandtheit ihm überlegen sind, um unsere rauhe Sprache so biegsam und schön zu machen, daß Keiner mehr Lateinisch schreibt, der verstanden werden will. Dann werden auch die Bücher sich mehr verbreiten und das Volk wird sie verstehen und sich daran bessern. Ich sehe die Zeit kommen, fiel Hannah lachend ein, wo in Tromsöe eine Druckerei entsteht, und die Zeitung dieser weltberühmten Stadt in allen Fjorden gelesen wird. Und warum sollte das nicht geschehen können? fragte Klaus. Paul hat Recht. Wenn die Bildung fortschreitet, Schulen entstehen, in denen das Volk unterrichtet wird, wenn Jeder erst lesen kann, was gedruckt wird, so werden auch die Druckereien und die Tagesblätter und Bücher viele Leser finden. Dann werden die Menschen der Aufklärung entgegenreifen, die Vorurtheile werden von ihnen abfallen. Und sie werden neuen Vorurtheilen, neuen Plagen und Beschwerden überliefert werden, unterbrach ihn der Schreiber. Gewiß, die Menschheit hat einen langen Weg zu machen, rief der Greis freundlich aus, aber die steigende Kultur macht wenigstens die Vorurtheile nicht mehr so blutig und grausam. Jede Zeit wird darin erfinderisch sein, sagte Marstrand. Menschen werden Menschen quälen, Eigennutz und Habgier werden ihre Opfer schlachten und in jedem Zeitalter werden die Guten und Gerechten nach dem Erlöser seufzen, der den Duldenden und Geschlagenen versprochen ist. Petersen warf ihm einen höhnenden Blick zu, aber der alte Geistliche erwiderte sanft: Endlich wird auch er kommen und die Palme des Friedens bringen. Ist es denn nicht ein Trost, daß wir in Erkenntniß vorwärts schreiten? Ich habe vor einigen Tagen erst gelesen, daß in Preußen, dem deutschen Lande, ein junger Fürst auf den Thron gekommen ist, der sogleich Gewissensfreiheit verkündigt und die Tortur der Verbrecher abgeschafft hat. 327 Ich habe von diesem jungen Schwärmer auch gehört, sagte der Schreiber. Er wird eine schöne Verwirrung in seinem Lande anrichten. Wie? sagte der Priester, wünschen Sie nicht, daß dies edle Beispiel überall in der ganzen Welt nachgeahmt werde, wo Menschen und Christen sind? Nein, erwiderte Paul, dagegen sträubt sich mein richterliches Gewissen. Wir haben kein anderes Mittel, um verstockte Bösewichte zum Geständniß zu bringen. Geständnisse durch Qualen erpreßt, verwandeln die Gerechtigkeit in grausame Gewalt und Unrecht, fiel Marstrand ein. Wie viele Unschuldige sind als Hexen und Zauberer gemartert und gemordet worden. Besteht denn auch bei uns noch die Tortur? fragte Ilda. Ich habe nie davon gehört. Sie besteht, sagte Paul, aber seit langer Zeit ist sie nicht angewendet worden. Glücklicher Weise sind schwere Verbrechen selten hier im Lande und wird in vielen Jahren einmal eines begangen, so sind die verrosteten Daumschrauben und Marterkeile nicht nöthig, um die Wahrheit an den Tag zu bringen. Und niemals werden sie jetzt noch nöthig werden! rief der gute Klaus. Ich habe gehört, daß in Kopenhagen daran gearbeitet wird, die Hexenprozesse gänzlich zu verbieten und die Tortur abzuschaffen. Der milde, gütige Monarch will nichts davon hören und wenn nicht einige Mitglieder seines Rathes ihm widerstrebten, würde es schon geschehen sein. Was meine schwache Stimme vermag, soll redlich geschehen, um den Abscheu zu verstärken, der gegen die alte, grausame Prozedur bei allen strebenden Menschen aufgeweckt ist. Wenn es geschieht, sagte Paul, werde ich mich über den Sieg der Humanität freuen, als Richter jedoch würde ich fragen, was denn in verzweifelten Fällen geschehen soll? Mögen lieber zehn Sünder der irdischen Strafe entgehen, erwiderte Klaus, ehe ein Unschuldiger sie erduldet. Paul lachte auf. Man muß den Eifer nicht zu weit treiben, sprach er, und nicht zu viel von der neuen Aufklärung erwarten. Ihr wollt die Tortur abschaffen, dafür werdet ihr andere Tortur 328 einführen. Schwere Ketten, hartes und einsames Gefängniß, Hunger, Peitschenhiebe, allerlei sinnreiche Erfindungen, die in ihrer Art auch keine geringe Tortur sind. Die könnt ihr nicht abschaffen, man wird sie sogar ausdehnen und allgemeiner machen, bis man in der Aufklärung endlich dahin gekommen sein wird, dem Herrn Verbrecher, der gehängt oder verbrannt werden soll, die Hälfte der Kosten in die Hand zu drücken, mit der Weisung sich abthun zu lassen, wo er Lust hat. Mit diesem Scherze machte der Schreiber sich los und eben kam ihm ein Umstand zu Statten, der die allgemeine Aufmerksamkeit auf einen anderen Gegenstand zog. Oben im Gebirge fiel in der Ferne ein Schuß, dessen Echo von allen Felsen widerhallte, und während Alle noch nach den klippigen Wänden hinsahen, erschien auf der Spitze ein Mann, der in vollem Laufe wie in wilder Flucht, von Stein zu Stein sprang und in athemloser Hast heruntereilte, bis er den Rand des Grundes erreicht hatte, wo der Gaard stand. Noch ehe er dahin gelangte, wurde er erkannt. Es war Wingeborg, der Quäner, der unter dem linken Arm einen seiner kleinen Hunde trug und in der rechten Hand seinen Glanzhut hielt. Sein langes Haar flog ihm um das erhitzte, schweißbedeckte Gesicht und in diesem lagerte sich ein Gemisch der allerverschiedensten Empfindungen und Leidenschaften, Angst, Schrecken, Haß und eine unaussprechliche Wuth, die sich, als er die Entgegenkommenden erreicht hatte, in einzelnen Worten, Racheschwüren und heulenden, unverständlichen Tönen entlud, wie sie ein wildes Thier hören läßt. Er warf seinen Hut und den Hund zu Boden, streckte seine unermeßlichen Arme aus, ballte die Fäuste zum Himmel, stampfte mit den kurzen Beinen und verdrehte seine Augen in so fürchterlicher Weise, daß Hannah entsetzt zurückwich und sich hinter Ilda versteckte. Der Schaum trat ihm vor den Mund, seine weißen, langen Zähne lagen wie ein Wolfsgebiß hinter den zurückgezogenen Lippen, und Marstrand fürchtete, daß ein plötzlicher Wahnsinn den grimmigen, halbwilden Burschen ergriffen habe. Was ist dir geschehen? riefen Paul und Björnarne zugleich. Da! da! schrie er, die Hand zu dem Fjeld aufhebend. O Herr! was ist geschehen? Todt liegt er, todt! – Er stieß einen fürchterlichen 329 Fluch aus, schlug sich vor die Stirn, daß es krachte und griff mit beiden Händen in seine Haare. Wer ist todt? Wer liegt todt? – Er war mit einem Jungen, der zum Hause gehörte, fortgegangen, Björnarne dachte an diesen. Ist Feddersen verunglückt? fragte er. Möchte er unter den Steinen verfaulen! schrie der Vogelfänger. Nein, nein! Verdammt sei seine Mutter! Keine Schlange ist so falsch? Es ist Gewürm, Herr, es kriecht umher, aber wenn ich es fasse, seine Gurgel fasse, ich will sie zertreten, mit meinen Nägeln zerreißen! – Er stammelte noch eine ganze Reihe halbsinnloser, unverständlicher Sätze, bis Paul ihn beim Arm ergriff und ihn heftig schüttelte. – Jetzt sprich endlich wie ein vernünftiger Mensch, sagte er im strengen Tone. Ich denke, daß ich weiß, was dir geschehen ist. Da ist dein einer Hund, du bist mit beiden fortgegangen – der andere ist todt. Wingeborg nickte ihm zu. Und der Schuß, den wir hörten, war auf deinen Hund gerichtet? Dicht vor mir, keine zwanzig Schritte vor mir. O Herr, nie wird ein solcher Hund mehr geboren! Wer hat ihn erschossen? fragte Björnarne. Ein Dieb, ein Räuber, ein rothhaariger Schuft, der von Rennthierblut lebt! schrie der Quäner in einem neuen Wuthanfalle. Mit meinen Händen will ich ihn umbringen! Also ein Lappe, sagte der Schreiber, ich dachte es wohl. Hast du ihn gesehen? Keinen Schatten, keinen Mützensaum! Ich ging zwischen den Steinen fort, es liegen große Steine da und Rinnen laufen kreuz und quer, in denen Wasser fließt. Meine Hunde waren vorauf, sie rochen nichts. Riechen sonst jeden Lappen auf hundert Schritt, muß der helle Teufel dabei gewesen sein! Plötzlich seh ich den Hund auf ein solches Gerinn losspringen, ein lautes Gebell erheben und in demselben Augenblick kommt Blitz und Knall seitwärts hinter einem Block hervor, der wohl an achtzig Schritt davon lag. Bin ein Mann, der die Lappenschliche kennt und wußte jetzt woran ich war. Im Gerinn vor mir steckte Einer, hinter dem großen Stein ein Anderer und Gott weiß wie viele noch da waren. Gilf lag todt, er rührte 330 kein Glied. Ich stieß einen Schrei aus, haha! – einen Schrei, den sie kennen, die verdammten Schurken, nahm den Yern da auf, lief was ich konnte und hinter mir hörte ich ein Gelächter – sie lachten, die gelben Wölfe, die Schweine, aber sie sollen heulen, heulen wie Weiber, ich will sie zerstampfen! Die Frechheit dieser Tagdiebe wird jeden Tag ärger, sagte Paul. Aus nichtswürdiger Bosheit haben sie Wingeborg's Hund erschossen. Wer kann es gewesen sein? Mortuno hat gestern den Herrn Hornemann hierher begleitet, sicher treibt das Scheusal sich noch dort oben umher, und frech genug ist er dazu, uns zum Hohn solche Streiche auszuführen. Auch geschickt genug, sagte Hannah, denn wie ich höre, hat er einen Adler aus der Luft geschossen. Bei dieser Erinnerung schleuderte ihr der Schreiber einen rachsüchtigen Blick zu. – Wenn wir den Schelm fassen könnten, sagte er, er sollte in Tromsöe an den Pfahl gebunden und gepeitscht werden, bis ihm das Fleisch von den Knochen fiele. Eines elenden Hunds wegen, rief Hannah, schnitt ich ihm bloß die Nase ab und ließe ihn laufen, wenn ich ihn nämlich gefangen hätte. Wer weiß denn auch, ob es Mortuno war? fiel Marstrand ein, und ob die Erzählung, welche wir hörten, sich genau so verhält. Oder ob der Hund Gilf auch wirklich todt ist, sagte Ilda. Was auch geschehen mag, erwiderte Paul ärgerlich, es wird dem Gesindel hier nie an Advokaten fehlen! Laß uns hinaufgehen, Björnarne, vielleicht gelingt es uns den Burschen zu fangen oder wenigstens Zeichen zu entdecken, daß wir ihn zur Rechenschaft ziehen können. Von drei Fischern und dem Quäner begleitet, machten sie sich auf den Weg. Die Mädchen gingen in's Haus, Klaus und Marstrand folgten langsam nach. Ich denke dieser Spaziergang wird vergebens sein, sagte dieser; denn wenn Mortuno wirklich den Hund erschossen hat, wird er nicht länger warten. Glauben Sie, daß er den Schuß abfeuerte? Ich glaube es, antwortete Klaus. Aber warum dieser Uebermuth, diese Lust zum Bösen? fragte der junge Mann. Haben diese verfolgten Kinder des Unglücks noch 331 nicht genug Haß und starke Feindschaft auf sich geladen? Müssen sie immer neuen Anlaß zu neuer Rachelust geben? Bewundern Sie vielmehr den milden Sinn dieser rohen Hirten, erwiderte der Greis. Mild nennen Sie das? Ja, mild, fuhr Klaus Hornemann fort. Niemand hat so wie dieser Wingeborg die Lappen gequält, gemartert, Gewaltthaten an ihnen begangen, sogar seine Hände in ihr Blut getaucht. Vor mehr als zwanzig Jahren kam dieser Mann hierher und siedelte sich am Lyngenfjord an. Damals weideten die Lappen ihre Thiere hier überall noch, allein die Gaardbesitzer vertrieben sie aus ihrer Nähe, schossen in ihre Heerden, schlugen unbarmherzig Frauen und Männer, die Diebe sein sollten, und stahlen deren Kinder, um sie zu Knechten und Mägden zu machen. Sie steckten den Alten eine Flasche Branntwein in die Hand, machten sie sinnlos betrunken, schworen dann, daß sie das Gewürm gekauft hätten, um Christen daraus zu erziehen und der grausame Voigt von Tromsöe ließ jeden Lappen bis aufs Blut peitschen, der klagen wollte. Vom Lyngenfjord hat damals Wingeborg das unglückliche Volk vertrieben, für welches es kein Recht und keinen Richter gab. Er war Helgestad's Dienstmann und Pächter. Schon damals ein Vogelfänger von seltenem Geschick, hielt er Hunde, die nicht allein die Brütlöcher der Alken und Lummen spürten, sondern auch Lappen, gegen welche sie einen eigenthümlichen Widerwillen zeigten. Wären diese Hunde groß und stark wie spanische Bluthunde, Wingeborg und Helgestad und leider viele Andere mit ihnen, würden sie auch zu indischen Hetzjagden benutzt haben, doch sie thaten dieselben Dienste. Sie fanden die Lappengamme in dem verborgensten Spalt, jede Spur eines Lappenfußes witterten sie, und hinter ihnen war Wingeborg mit seinen Gefährten, die niederschlugen, was sie fanden. Mehr als ein Unglücklicher ist auf diese Weise umgekommen und erst als die Gräuel, welche hier geschahen, nach Kopenhagen gelangten und die strengsten Befehle erfolgten, die Lappen fernerhin nicht anzutasten, hörte nach und nach die offene Gewalt auf. Von Untersuchung war freilich keine Rede. Helgestad schickte den Quäner nach Loppen, wo er seit zehn Jahren haust und seinem Herrn außerordentliche 332 Vortheile erwirbt. Am Lyngenfjord aber haben die Lappen keine Weiden mehr; sie kommen nur noch zu dem großen Herbstmarkte, der um die alte Kirche von Lyngen abgehalten wird, und kaufen von Helgestad, weil dies der mächtigste Kaufmann ist und seine Waaren die besten und billigsten sind. Doch unvergessen leben die Grausamkeiten fort, und wenn es zuweilen geschieht, daß Wingeborg mit einem Lappen zusammentrifft, wird dieser sich davon machen, so schnell er kann. Nun denken Sie, fuhr der Priester fort, daß dieser Mann jetzt plötzlich hierher kommt und zwei seiner Hunde mit sich bringt, von denen die Lappen fest glauben, daß der Teufel selbst sie ihrem grimmigen Feinde gegeben hat. Denken Sie sich, daß dieser Mann mit seinen höllischen Kameraden die Fjelder durchsucht, gerade wie damals, als er jeden Lappen halb oder ganz todtschlug, den er erreichen konnte, und fragen Sie sich, ob es nicht von mildem Sinne zeugt, daß Mortuno's Kugel nur den Hund, nicht den gottlosen Herrn niederstreckte. So kurz die Zeit ist, seit dieser hier verweilt, bin ich doch überzeugt, daß die Lappen weit in's Land hinein es wissen; denn merkwürdig genug ist es, wie rasch sie Neuigkeiten erfahren, die sie angehen. Wie ist das möglich? fragte Marstrand erstaunt. Es ist nur erklärbar dadurch, daß Afraja eine gewisse Gemeinsamkeit unter sie gebracht hat und dieser merkwürdige Mann einen Einfluß bei seinen Landsleuten erlangte, der an Unterwürfigkeit grenzt. Weiß er ihnen so viel Liebe und Ergebenheit beizubringen? Nein, sagte der Priester, aber um so mehr Furcht und Scheu. Wenn viele abergläubige Normänner den schlauen reichen Hirten für einen Zauberer halten, so ist unter seinem eigenen Volke keiner, der ihm nicht übernatürliches Wesen und Umgang mit Geistern zugesteht. Ich habe nun auf meiner letzten Reise bemerkt, daß Afraja diesen Wahn und sein Ansehen zu vermehren versteht. Er macht Besuche bei allen Familien und da er obenein der Reichste ist, so vermehrt dies die allgemeine Achtung. Also auch diese Söhne der fessellosen Wildniß haben Ehrfurcht vor dem Gelde! rief Marstrand lächelnd. Alles vereint sich, erwiderte Klaus, Besitz, Geld und Klugheit. Afraja hat eine Anzahl junger Männer bei seinen Heerden, die man seine Hofleute und Leibgarden nennen könnte. Da seine acht oder 333 zehntausend Thiere auf verschiedenen entfernten Weideplätzen zerstreut sind, so schickt er häufig Boten aus, die Nachrichten bringen und holen. Seine Schwesterkinder und Vettern hängen von ihm ab, manche andere Familienhäupter hat er durch Unterstützungen sich verpflichtet und schwerlich dürfte es viele dieser Nomaden geben, die nicht in eine gewisse Abhängigkeit von ihm gerathen wären. Marstrand hörte längere Zeit zu, was der Priester erzählte, der alle diese Verhältnisse so genau kannte. Er dachte daran, wie Afraja, wenn er dessen Hülfe annehmen müßte, ihm selbst eine Abhängigkeit aufnöthigte und die Worte des listigen Lappen fielen ihm ein, daß er seine Bedingungen zur Zeit hören solle. – Das sieht beinahe aus, wie ein System, um sich zum Oberhaupt zu machen, sagte er endlich, den Gedanken aussprechend, der sich ihm aufdrängte. So meine ich es auch, versetzte Klaus. Von einer weltlichen Macht kann freilich nicht die Rede sein, aber eine geistige Oberherrlichkeit hat Afraja wirklich schon davon getragen, und diese ist ihm wohl zu gönnen, denn was er will, ist gut und gerecht. Er hat Ihnen also seine Pläne mitgetheilt? Wir haben öfter darüber gesprochen. Er arbeitet dem Untergange seines Volkes entgegen, damit nicht geschehe, was Paul Petersen einst sagte, damit es nicht aussterbe. Er will Mittel finden eine gemeinsamere Verbindung und Einheit zwischen den getrennten Stämmen und Familien zu schaffen, um allen eine gemeinsame Sprache zu geben, während jetzt wohl ein Dutzend so abweichende Dialekte gesprochen werden, daß der eine dem anderen schwer verständlich ist. Er ermuntert die jungen Leute, Dänisch zu lernen und treibt sie an zu allen nützlichen Dingen, zu gleicher Zeit aber hält er sie von üblen Gewohnheiten und Lastern ab, namentlich vom Fluche seines Volkes, vom Branntwein, diesem entsetzlichen Gifte, mit welchem die europäischen Entdecker und Eroberer so viele Völker entnervt, unterjocht und ermordet haben. Aber er hat es trotz aller Mühe noch nicht weit gebracht! rief Marstrand aus, der an den elenden Zustand der Lappen dachte. Oh! mein Sohn, erwiderte der Greis, wie schwer richtet sich ein einziger gesunkener Mensch auf, um wie viel schwerer ist es, ein Volk zu bessern und zu erheben. Afraja hat doch Manchen schon bekehrt; 334 es ist eine merkwürdige Kraft in ihm, eine geistige Kraft, vor der man Achtung haben muß. Wunder vermag er nicht zu thun, aber dennoch kann dieser Mann ein Wunderthäter sein. Und was ihm nicht gegeben wurde, das können die vollbringen, die nach ihm kommen. Gula ist mild und verständig und Mortuno – nein, lächeln Sie nicht so verächtlich – Mortuno hat etwas von dem Geiste seines Oheims und dabei ein junges, muthiges Herz. Sie hatten inzwischen den Gaard erreicht, wo die beiden Mädchen sie erwarteten und nach einer Stunde kamen auch die Männer zurück, die nichts gefunden hatten, nicht einmal die Leiche des Hundes, dessen tragisches Ende nur einige blutbespritzte Steine bezeichneten. Wir wollen ihm zu seiner Zeit ein Denkmal setzen, woran die Schufte sich lange erinnern sollen, sagte Paul. Ich gebe dir mein Wort Wingeborg, du sollst Genugthuung haben. Erlaubt sich das Gesindel dicht an unseren Thüren solche Frechheit, so thut es auch mehr. Mein Oheim sowohl wie ich selbst, wir werden streng nachforschen, und Lappen sind viel zu schwatzhaft um schweigen zu können. Nun aber laßt uns weggehen und fröhlich sein. Winken uns nicht schöne Augen und volle Gläser? Was können wir Besseres thun, als in Liebe und Wein schwelgen und die beklagen, denen beides fehlt. Demgemäß bemühte sich Paul zu erfüllen, was er gelobt hatte, aber er war, was den Wein betraf, viel zu mäßig, um beim Glase große Dinge zu leisten. Um so mehr widmete er sich seiner Verlobten und es verursachte ihm das größte Vergnügen, Ilda mit zärtlichen Gesprächen und einsamen Spaziergängen zu unterhalten. Was er gehört hatte, bestätigte ihm das nur, was er wußte. – Sie haßt mich, sie verachtet mich, murmelte er vor sich hin, um so besser für mich, so werde ich mir einst keinen Zwang auflegen dürfen. Aber ich muß sie dafür belohnen, ich muß ihr zeigen, daß ich ein feuriger Liebhaber bin, und ich muß diesen dänischen Laffen von ihr abhalten, weil ich ihm damit einen Schlag auf den Kopf gebe, dem elenden Narren! Morgen, liebe Ilda, sagte er, wird dein Vater hier sein. Die Fischer haben eine große Yacht vor Reenöen gesehen, und wie werde ich mich freuen, ihm endlich wieder die Hand zu drücken, denn diese Hand ist es ja, die nun bald unsere Hände vereinigen soll. Gesegnet sei der Tag, wo mein Vater wiederkehrt, erwiderte Ilda. 335 Das Einzige was mich betrübt, fuhr Paul fort, ist, daß wir dann unseren Freund vom Balsfjord verlieren werden, der überhaupt voll Unruhe und geheimer Sorge zu sein scheint, und es auch wohl nöthig hat. Ilda's Augen bewegten sich lebhafter. Warum sollte er sorgen? fragte sie. Ei nun, lachte der Schreiber, dafür gibt es mancherlei Gründe. Erstens hat er ein gewagtes Unternehmen begonnen, zweitens hat er schlecht und unbesonnen gewirthschaftet und drittens ist er verliebt. Was sagst du dazu? Eine leichte Röthe flog über Ilda's Stirn, aber sie hob den Kopf stolz auf, sah den boshaften Mann streng und scharf an und erwiderte dann mit strafender Stimme: Ich habe nichts dazu zu sagen, Paul Petersen, und eben so wenig davon zu hören. Nicht? rief er höhnend, aber der edle Junker ist dein Freund und an seines Freundes Leiden und Freuden nimmt man Antheil. Du könntest doch wenigstens fragen, wer die zärtliche Geliebte dieses seinen Herren ist? Ich werde nicht danach fragen, da er selbst mir nichts davon gesagt hat. Hat er es nicht gethan? fragte der Schreiber, der sich an ihrer gewaltsamen Ruhe weidete, hat er nicht von seiner Liebe gesprochen? Ah! Es ist ein Geheimniß, Ilda, er verschließt es mit größter Sorgfalt, aber hast du denn nichts gemerkt und bist du nicht neugierig darauf? Soll ich es dir in's Ohr sagen, wem dieser galante Herr sein ritterliches Herz und Leben und Blut geschenkt hat? Er lachte boshaft, als sie sich abwandte, um ihr Gesicht zu verbergen. – So höre doch, rief er, du wirst es nicht glauben wollen, wirst es bestreiten und doch kennst du das süße Schätzchen am Besten, kennst sie wie dich selbst, die hinter dem Rücken ihres Vaters und ihres Verlobten auf das Liebesgeflüster des verführerischen Dänen hört. Ilda stand still und mit stolzer Verachtung blickte sie Paul an. Jetzt sprich, sagte sie, ich werde dir antworten. Burr! rief Paul, was machst du für Augen?! So hast du doch vielleicht schon gehört, daß Gula, Prinzessin Gula, die Auserkorne ist. 336 Ilda athmete auf, aber sie bewegte keinen Zug. Das, erwiderte sie, das ist eine Lüge von deiner Fabrik. Lüge! schrie er. Nun, wenn es eine Lüge wäre, was machte dich denn so bestürzt? An wen dachtest du denn, als ich dir sagte, daß ein Mädchen sich so weit herabwürdigen könnte, um heimlich aller Ehre baar, sich an diesen hochmüthigen Bettler zu hängen? Nicht bestürzt, aber beleidigt im Namen der Beleidigten, empfand ich die Verläumdung, als sei sie mir selbst geschehen. Dir geschehen! lachte er auf. Wer möchte das wagen oder nur denken? O! wenn ich eifersüchtig sein wollte, könnte ich mir einbilden, der schmachtende Junker, der zuweilen ganz starr in deinem Anschauen versunken scheint, hätte die Frechheit in meinem Walde zu jagen. Sei ruhig, süße Ilda, ich kenne dich ja. Du liebst mich und ich bete dich an. Du weißt wer du bist und wer ich bin. Du, Helgestad's Tochter, die erste Jungfrau im Lande, ich der Mann, der eines Tages, bald, Ilda, bald! – Amtmann in den Finnmarken sein wird. Du bist zu stolz, zu verständig, zu sittsam, um an diesen Landstreicher zu denken, der bald sein Ziel erreicht haben wird. Du sprichst mit solchem Haß und in solchen Worten von einem Mann, den ich achte, daß ich es nicht länger hören will, sagte sie. Warum denn so empfindsam? fragte er dagegen. In meinen Worten ist mehr Wahrheit, wie du denkst, was aber meine Lüge anbelangt, so kannst du die Probe machen. Ich habe zufällig ein geheimes Gespräch mit angehört, das dieser tugendhafte Herr Johann mit dem würdigen Hornemann, seinem Beichtvater führte. Gula sitzt in einer Höhle im Gebirg und weint sich die Augen aus. Afraja will den schönen Mortuno zu seinem Schwiegersohn erheben. Marstrand bekannte, daß er Gula aufs Innigste liebe, daß sie, als sie noch hier war, in seinen Armen gelegen und unter seinen Küssen halb toll vor Leidenschaft geworden sei. Seinetwegen sei sie entflohen, doch er schwor sich durch nichts abhalten zu lassen, sie in sein Haus zu führen, öffentlich vor aller Welt ihr seine Hand zu reichen. So weit ist er, das will er! Scham, Spott und Schande ist ihm gleichgültig. Für ein Lappenmädchen, die kein Fischer an seinen Herd setzen möchte, schlägt der verliebte Narr alle Achtung in die Schanze. 337 Du bist ja ganz blaß geworden, fügte er hinzu, indem er Ilda mit Hohn anblickte. Zweifelst du noch daran, so frage den Priester, er wird dir nicht verhehlen, was wahr, was falsch ist. Paul war überzeugt, daß Ilda nicht fragen würde. Sie konnte ihre Bewegung nicht ganz verbergen, ein geheimer tiefer Schmerz erfüllte ihre Seele. Sie wagte auch nichts weiter zu sagen oder Einwendungen zu machen, als Paul fortfuhr, seine Sarkasmen auf den verliebten dänischen Abenteurer zu schleudern; nur auf seinen Spott über den Bettler, dem nächstens nichts übrig bleiben werde, als den Palast seines edlen Schwiegervaters zu beziehen und ein idyllisches Dasein mit der kleinen Gula zu führen, antwortete sie mit strafendem Ernst. Du könntest dich täuschen, sagte sie, denn dieser Mann, den du einen Schwärmer und Narren nennst, und den du so bitter verhöhnst, wäre wohl im Stande, dennoch zuletzt zu lachen. Es geht Nichts über treue Freundschaft, die auf felsenfestem Glauben wurzelt, erwiderte Paul. Du traust ihm viel Klugheit zu. Weniger Klugheit, wie du es meinst, als Wahrheit, Unerschrockenheit und überlegenden Verstand. Das sind gewiß sehr schöne Eigenschaften, und ich wünsche ihm allen möglichen Erfolg, zweifle jedoch daran, daß Verstand seine Sache ist, sonst, meine geliebte Ilda, würde er anders verfahren haben. Was sollte er thun? Er ist ganz in den Händen deines Vaters. Wenn der ihm kein Geld gegeben hätte, den Wunderbau im Walde an der Balself zu beginnen, so wäre Nichts daraus geworden. Hört jetzt das Geben auf, so wird überhaupt wenig daraus werden. Und ich darf nicht fragen, sagte Ilda, welchen Rath du meinem Vater ertheilen wirst. Darnach darfst du gewiß fragen, lachte Paul, indem er seinen Arm um sie schlang und sie küßte; denn was könnte Geheimniß zwischen uns sein, allein dein Vater wird ohne meinen Rath genau wissen, was er zu thun hat. Als dieser Däne mit seinem Königsbrief zuerst auf den Lofoden erschien, begann Helgestad sogleich die Jagd. Er nahm ihm sein Geld ab und gab ihm Fische dafür. Die Speculation konnte eben so gut fehlschlagen wie gut ausfallen. Dann führte er 338 ihn in dies Haus, um ihn ganz sicher zu wissen, denn er hatte es dahin gebracht, daß mein Oheim ohne Weiteres den Gnadenbrief registrirte, was sonst, wenn der Voigt von Tromsöe will, Jahre lang hinausgeschleppt werden kann. Ich, meine süße Ilda, hätte es dem Junker wenigstens etwas sauer gemacht. Aber Helgestad flüsterte meinem Oheim in's Ohr: Denke, kennst mich, weiß, was ich will. Wird es der Paul nicht übel nehmen, wenn er Ilda heimführt und den Brief da in ihrer Hochzeitstasche findet. Weiß ein mächtig Stück gut Land und Wald, was einem Manne wohl behagen mag. Ich hoffe, meine Hochzeitstasche soll rein davon bleiben, fiel die Jungfrau ein. Mag er denn in meine Tasche fallen, die groß genug ist, rief Paul belustigt. Genug, mein Oheim registrirte den Königsbrief und für einen klugen Mann ist das eine werthvolle Sache. Sechstausend Species, die der verständige Herr verschwendete, sind ein Bettel dagegen, und obendrein werden sie nicht ganz verloren sein. Kehrt jetzt dein Vater zurück, so mag er sich entscheiden, ob er dem Junker noch einen Sack hinwerfen will, oder ob er ihn selbst hineinsteckt. Zum Zuschnüren ist er jedenfalls fertig, denn was will der arme Schacher anfangen? Sein Geld ist fort, seine Waaren und Vorräthe, die der alte Fandrem geborgt und Helgestad verbürgt hat, sind ebenfalls verschleudert und verloren. Keine Ordnung herrscht in dem Hause, keine Fürsorge ist getroffen; in der ganzen, wilden Wirthschaft waltet keine einrichtende, sorgende Hand. Olaf wird seine Fäuste anstrengen, um Geschick hinein zu bringen, allein was er heute gut macht, wird der geistreiche Junker morgen wieder verwirren und dein Vater mit seinen scharfen Blicken wird wohl anstehen, noch mehr Geld für Das hinzuwerfen, was ihm jetzt schon gehört. So rasch, meinst du, sei der Gaard zu haben? Bah, rief der Schreiber, in zwei Wochen will ich es besorgt haben. Dein tief verständiger Freund hat sich ja nicht einmal das Geld auf eine gewisse Zeit gesichert. Wenn Helgestad es heute zurückfordert und er es nicht schaffen kann, wird er hinausgeworfen, der Verkauf rasch angesetzt und wem fällt es zu als Helgestad. Nun, mein Herzchen, wie gefällt dir das? 339 Es gefällt mir so wohl, daß ich Gott von ganzem Herzen bitte, er möge mir einen Weg zeigen, es verhindern zu können. Ah! schrie Paul laut lachend, indem er sich nach dem Hause umsah, an dessen Thür Marstrand neben dem Geistlichen saß. Du wärst im Stande zu ihm hinzulaufen und ihm in deiner tugendhaften Aufregung zu erzählen, was ihm bevorsteht. Allein abgerechnet, daß dein Vater dir dies wenig danken würde und ich überhaupt nicht weiß, was er beschließen wird, könnte es auch Nichts helfen. Der edle Junker wird es nicht glauben und wenn er es glaubte, ließe sich doch Nichts daran ändern. Die Summen, welche er zahlen soll, lassen sich nirgend aufbringen. Wo wäre ein Mann, der sie ihm vorstreckte? Ueberall im Lande ist der Ruf seiner Narrheit verbreitet, überall ist man überzeugt, daß es ein schlechtes Ende mit ihm nehmen muß. Es nimmt mit Denen ein schlechtes Ende, die Böses thun, erwiderte sie. Schäme dich über dein Thun und Rathen gegen einen schuldlosen Mann, der deines Beistandes bedurfte. Den hat er zurückgewiesen, sagte Paul, und mich dafür verspottet. Mag er seine Weisheit genießen. Ich hasse ihn nicht, ich lache über ihn. Du hassest ihn, weil du ihn beneidest. Beneide ich ihn? Du kehrst die Sache um. Er beneidet mich. Du beneidest ihn, weil du fühlst, daß ein besserer Mensch vor dir steht als du bist, antwortete sie. Was du spaßhaft bist! flüsterte er mit einem zärtlichen Grinsen. Meine reizende Ilda wird doch Niemand besser finden, wie ich bin? O! wahrlich Viele, erwiderte sie. Gott weiß es! Dann muß ich mich ändern, sagte er demüthig seufzend. Wenn du meine Frau sein wirst, holde Jungfrau, wirst du mich erst ganz kennen lernen, Ich werde mich bemühen, dir die Grillen aus dem Köpfchen zu treiben, ich werde dir zeigen, was es heißt, mir zu gehören. O! wir werden so glücklich sein, daß du biegsam wirst wie das Weidenhälmchen dort, und ich werde tugendhaft werden unter deiner Leitung, so tugendhaft, daß du mich im tiefsten Herzen noch mehr anbetest, wie diesen tugendhaften Ritter dort auf der Bank, der uns sein schwermüthiges Angesicht segnend zuwendet. – Seine Augen 340 starrten boshaft Ilda an und während er mit freundlicher Geschmeidigkeit zu sprechen schien, war jedes Wort voll Hohn und Galle. Paul Petersen, sagte Ilda, ich beuge mich vor meines Vaters Willen und habe dort oben an der Lyngenkirche vor allen Freunden und allem Volke gelobt, dir zu folgen. Das wird geschehen und in Treue werde ich dir anhängen, wie es mir geziemt. Höre auf mit deinem Spott und laß uns schweigen. Ich kenne dich und weiß, was ich zu erwarten habe, aber du wirst mich nicht erschrecken. Meine Pflichten werde ich erfüllen in Allem was sich schickt, meinen Weg werde ich gehen ohne Wanken und Der wird mir beistehen, der die Gerechten und Ungerechten in seiner Hand hält. Lache nicht und sinne nicht, wie du mich und Andere kränken willst. Es ist mir, als könnte ich bis tief in dich schauen und müßte dich warnen; denn was du aufbaust, wird zusammenstürzen. Hüte dich, daß das Gestein dich nicht todtschlägt, wie es deinen Großvater todtgeschlagen hat. So kühn der Schreiber war, wagte er es doch nicht, die Verspottung weiter zu treiben. Ilda's scharfe, strenge Blicke hatten Etwas, was sich in ihn einbohrte. Sie stand vor ihm weiß, kalt und klar wie ein Bild von Eis. Er nahm daher eine traurige und bestürzte Miene an und sagte bittend: Ich hätte nicht geglaubt, theure Ilda, daß du mich so niedrig stellen würdest, allein ich hoffe, du sollst erkennen, wie Unrecht du mir thust. Du hast mich durch Widerspruch gereizt, durch deine Vertheidigung eines Mannes erbittert, dessen Benehmen mich aufbringt und dessen Thorheiten mich erzürnen müssen. Was ich von ihm sagte, ist jedoch Wahrheit. Warte noch kurze Zeit und du wirst erkennen, daß ich kein Verläumder bin. Jetzt gieb mir deine Hand und laß uns einig sein. Wo ich gefehlt habe, bitte ich gern ab. Laß uns so vertraut und fröhlich plaudern, wie dort Hannah und Björnarne. Ich freue mich auf's Innigste, daß es mir gelungen ist, deinen Bruder zu überzeugen, daß er endlich sein Betragen gegen seine Verlobte ändern muß. Lautes Gelächter erscholl wirklich von der anderen Seite des Platzes, wo Björnarne neben Hannah saß und ihr die Wolle hielt, welche sie auf einen großen Knaul wickelte. Herkules am Spinnrocken! sagte Hannah lachend. Wirst du auch ein so guter Ehemann werden, wie du plötzlich ein bekehrter Bräutigam geworden bist? 341 Ich denke, erwiderte Björnarne, du sollst niemals über mich zu klagen haben. Aber ich werde eine verwöhnte Frau sein, fiel sie ein, und werde dir tüchtig zu schaffen machen. Nein, fürchte dich nicht, fuhr sie fort, als er erzwungen weiter lachte, mit uns wird es etwas anders aussehen, wie mit denen dort drüben. Ilda ist ernsten Sinnes, ich bin heiter gestimmt, und meine Aufgabe soll es sein, dir immer Freude zu machen. Heut erst hast du mir dein Herz gezeigt und mir gestanden, daß du mir Unrecht gethan hast, nun werden schöne Tage für uns kommen. Schöne Tage! wiederholte Björnarne mechanisch. Wenn dein Vater kömmt, soll er sehen, wie du bekehrt bist. Ich zweifle nicht, daß er meines Vaters Erlaubniß mitbringt, unsere Hochzeit hier zu feiern. Helgestad wird dazu treiben; ich denke, es werden wenige Wochen vergehen, bis wir Mann und Frau sind. Nur wenige Wochen! Wenige Wochen! rief Björnarne. Und bis dahin werden wir viel zu schaffen haben, fuhr sie fort. Vom Morgen bis zum Abend wollen wir unsere Einrichtungen bedenken. Wir wollen von der Zukunft träumen, von Liebe und Glück und Wiedersehen, wollen auf Ilda's Bank sitzen dort oben, wo die hohen Klippen gewachsen sind, wo du früher so gern gesessen hast, wenn Ilda und Gula dich begleiteten. Auf den Lippen des jungen Mannes hing sein Lächeln wie erstarrt und seine Augen, die er auf Hannah's Gesicht richtete, sahen aus, als blickten sie in unendliche Fernen. Und wenn unsere Blicke weit über das weite Meer schweifen, über Senjenöens spitze Tinden hinaus, sagte sie die Hand erhebend, dann wird Frieden über uns kommen und mit dem Frieden Sehnsucht und mit der Sehnsucht heißes Lieben. Hast du schon einmal geliebt, Björnarne? Ich liebe jetzt! erwiderte er und in seinen Augen glühte ein so verzehrendes Feuer, daß Hannah plötzlich bleich wurde. Du liebst, begann sie wieder. Doch wird deine Liebe niemals erkalten? Nein, sagte er. Wenn auf mein Herz alle diese Felsen gewalzt würden, sie könnten meine Liebe nicht zermalmen. Wenn ich tief unten 342 im Meeresgrund läge, bei den eiskalten Trollen, ich würde ihre Demantringe schmelzen und wieder auftauchen. Was da unten liegt, murmelte sie, kehrt niemals wieder. Keine Liebe erweicht den Tod, kein Wille bringt das Herz zurück, das wir verloren haben. Was wir verloren haben, fuhr Björnarne fort, werden wir wiederfinden. Wenn Liebe Liebe ist, muß sie Todte wecken können. Was sagst du da, Mädchen? Kannst du zweifeln, wenn du liebst? – Wenn ich dich betrachte, wie schön du bist, fuhr er fort, indem seine Blicke über sie hinirrten, würde ich nicht Alles wagen, um dich zu besitzen? Was wäre mir denn zu schwer? Was könnten Riesen oder Teufel in meinen Weg schleudern? Was könnten mir Flüche schaden oder Rache und alle Plagen? – Ich liebe dich, liebe dich! Und wenn aus Luft und Erde Stimmen schrieen: Du bist verloren in alle Ewigkeit, ich würde lachen in deinen Armen! Hannah Fandrem betrachtete den erregten Mann mit einem Gemisch von Mitleid und Furcht. Es kam ihr vor, als sei er plötzlich wahnsinnig geworden, so stier und wild sah er aus. Sein Gesicht war dunkel geröthet, und niemals hatte sie an ihm die Beredsamkeit bemerkt, von welcher er jetzt ergriffen war. Björnarne, so lange sie ihn kannte, war ein unbefangener, fröhlicher Gesell gewesen, der eben nicht viel dachte und nicht tief empfand. Dann hatte sie ihn mürrisch und einsilbig gesehen, er war blaß geworden, hatte aus hohlen Ringen sie finster angeblickt und ihre Freundlichkeit zurückgestoßen, jetzt schien er von einer Gluth erfüllt, als habe er einen Liebestrank aus einer Hexenküche bekommen. Sie hatte oft von solchen Zaubereien gehört, aber sie am wenigsten hatte daran geglaubt. Björnarne sprach wie in einer fremden Sprache, in Bildern und Gedanken, die seinen einfachen Vorstellungen sonst sehr fern gelegen hatten. Sie hörte mit Erstaunen seine Vergleiche und seine Liebesschwüre und stieß endlich halb gewaltsam seine Hände fort, als er sie an sich drückte und küßte. Ich glaube, du bist krank! rief sie aus, indem sie zurückwich. Er strich sein Haar von der Stirn und sah sie an, als erwache er. Krank? fragte er sich besinnend. Warum nennst du mich krank? Liebst du mich nicht? 343 Zweifelst du daran? fragte sie. Björnarne schüttelte den Kopf. Es ist Alles gut! rief er. Du siehst ja, wie es um mich steht, und da kommt mein Vater eben zur rechten Zeit, um das Glück mit uns zu genießen. – Holla! ich sehe die Wimpelspitzen der schönen Ilda flattern! Er bringt uns ein Hochzeitsband mit, das uns fest zusammenhalten wird! 15. Helgestad's Rückkehr aus Bergen brachte den Gaard in Bewegung. Die Freude war groß, als der alte Speculant an's Land sprang und von Kindern und Freunden empfangen wurde. Rüstiger und kräftiger hatte er niemals ausgesehen. In seinem Gesicht war seine Zufriedenheit ausgedrückt, denn er brachte seine reich beladene Yacht heim, hinter ihm lagen glücklich abgemachte, gewinnreiche Geschäfte und vor ihm eine Zukunft, die Alles erfüllte, was er calculirt hatte. Er umarmte Einen nach dem Andern, sogar Hornemann war nicht davon ausgeschlossen. – Ist Gottes Wink, daß Ihr hier seid, Klaus, schrie er lustig auf, sollt mir nicht eher aus dem Hause, bis Euer Werk an Denen vollbracht ist, die einen Priester nöthiger haben wie das tägliche Brod. Alles abgemacht, Hannah. Bringe deinen Taufschein mit mir, Mädchen, und ein dickes Attest von Niels Fandrem, daß die Hochzeit am Lyngenfjord vor sich gehen soll. Hatte ihn auch beinahe herum, mit mir zu fahren, aber dein Bruder Christi reist im Lande umher auf große Holzkäufe. Läßt sich von Tag zu Tag erwarten, konnte der alte Niels deswegen nicht aus seiner Klause auf der deutschen Brücke kriechen. Nun, müssen sehen, wie wir fertig werden ohne ihn. Sage ja. Ist's nicht so? Habt darum die Freude doppelt zu erwarten; denn ist mein Wort ein Wort. Sollst nach Bergen fahren, wenn Alles hier vorüber ist; Björnarne mit dir, und soll eine Nachfeier da gehalten werden, wie Niels geschworen hat, daß Bergen ein Jahr davon redet. 344 Er schlug seinem Sohn auf die Schulter und grinste ihn an. – Gefällt dir die Sache, Björnarne? He, du Fant! siehst gerade aus, der Nase nach, wie ein Dorsch, der in den Westfjord schwimmt und sein Weibchen wittert. Bist blaß geworden und mager, mein Junge; hast Ringe um die Augen, sind Sehnsuchtsringe, du Taugenichts. Ist dir die Zeit lang geworden. Haha! Denke, ja! Ist's nicht so? Björnarne lachte und faßte Hannah's Hand. Es steht gut mit uns, Vater, sagte er, denke, die längste Zeit soll vorüber sein. Nuh! rief Helgestad, Zeiten gehen und Zeiten kommen, ist der am Weisesten, dem keine Zeit was anhaben kann. Sieh deine Schwester an, Björnarne, ist ein Musterbild für Alle. Nirgend zu viel und nirgend zu wenig, weder heute blaß noch morgen roth, weder traurig noch übermüthig, aber immer sorgsam und immer verständig. Während wir schwatzen und müßig stehen, hat sie Augen und Hände überall. Läßt Paul Petersen für sich sorgen und schafft uns Allen Speise und Trank. Er setzte sich behaglich in den großen Lederstuhl, mischte sein Glas und ließ sich erzählen und erzählte, sprach mit Allen und hatte für Alle ein lustiges Wort, nur mit Marstrand mochte er kein genaueres Gespräch anknüpfen. Er begnügte sich mit allgemeinen Fragen, hörte kopfnickend, daß Olaf am Balsfjord sei und nahm die Versicherung des dänischen Herrn wohlgefällig auf, daß mit aller Kraft und allem Fleiß an dem Gedeihen seines Werkes gearbeitet werde. Bis tief am Abend blieb die Familie froh beisammen, aber am andern Morgen hielt es Marstrand für Zeit, die erste Gelegenheit zu benutzen, um Helgestad mit seinen Forderungen bekannt zu machen. Der Kaufmann war schon früh aufgewesen und hatte seine gewohnte Thätigkeit begonnen. In seiner kleinen Stube am Kramladen war er seit dem Morgengrauen beschäftigt, alle Bücher durchzustöbern, um sich von seinen Geschäften zu überzeugen; dann hatte er seine Waarenbestände durchmustert, hierauf seinen Meyer aus Loppen rufen lassen und ein langes Gespräch mit ihm gehalten, und als Marstrand aufwachte, sah er ihn schon bei der Yacht mit zwanzig Leuten beschäftigt, um an den Rockentauen der großen Raa die Ballen und Kisten aus dem Raum zu hissen. 345 Es waren so viele Geschäfte und Arbeiten mit Helgestad gekommen, daß der stille Gaard ein ganz anderes Kleid angezogen hatte. Da war nicht mehr die Rede davon, in dem Gärtchen zu sitzen, um behaglich zu lesen und zu plaudern. Alles was Hände hatte, fand auch Thätigkeit dafür; Helgestad konnte Niemand müßig sehen und seine Gegenwart schien ganz von selbst Jedermann zu treiben, frisch an's Werk zu gehen und nicht zu rasten. Ein Blick seiner langen, scharfen Augen, oder ein Grinsen seines lederharten Gesichtes reichten hin, alle lässige Gedanken auszutreiben. So geschah es denn, daß der Mittag kam und der Abend heranrückte, ohne daß Marstrand im Stande gewesen wäre, sein Anliegen vorzubringen. Helgestad war auch bei weitem nicht mehr so heiter gestimmt, wie bei seiner Ankunft, und zuweilen kam es seinem Gaste vor, als ruhten seine Blicke mit einem durchbohrenden Ausdrucke auf ihm. Ein ängstliches Gefühl ergriff dann den jungen Mann, das er vergebens ganz zu bewältigen suchte, denn sein Gewissen flüsterte ihm allerlei Vorwürfe zu, die er nicht ganz von sich abweisen konnte. Er erinnerte sich auch immer wieder, daß Helgestad ihn ganz in Händen habe und als er endlich am Abend zögernd und doch getrieben von der Nothwendigkeit den Entschluß faßte, den Kaufmann in seiner Rechenstube zu überfallen, wurde er noch bestürzter, als er Paul Petersen bei ihm fand. Er öffnete die angelehnte Thür ein wenig und blieb stehen, indem er nicht wußte, wofür er sich entscheiden sollte. Auf dem alten Schreibtisch lehnte Helgestad zwischen allerlei Papieren und Geräthschaften und vor ihm stand Paul, der eben ein helles Gelächter ausschlug. – Ihr wollt es nicht glauben, sagte er, aber es ist so; ich sage Euch, dieser Narr muß fortgeschafft werden. Macht es so, wie ich Euch rieth, und Alles wird glatt und gut in kurzer Zeit abgemacht sein. Nuh, brummte Helgestad, wollen's bedenken, und indem er seinen Kopf seitwärts wandte, entdeckte er den Junker zwischen der Thür. – Kommt herein, Herr, kommt herein! rief er, stört uns nicht; bin bereit, meinen Faden mit Euch zu spinnen. Schlage die Bücher zusammen, Paul, und suche dein Schätzchen. Wird dich Ilda lange schon erwarten. Ist eine eigene Sache um verliebte Leute, Herr Marstrand, sehen Alles doppelt. Ist eine sonderbare Welt, die Welt der 346 Verliebten, wird der Pfiffigste zuweilen dumm darin, und fürchtet sich der Klügste vor seinem eignen Schatten. Geschieht es nicht oft so, antwortete Johann lächelnd, daß ohne verliebt zu sein, die Klügsten sich verrechnen? Helgestad schlug mit der Faust auf das Handelsbuch, daß der Staub herausflog. Ist falsch, was Ihr sagt! rief er aus. Wer ordentlich rechnet, kann sich nicht verrechnen. Wer es thut, hat kein Recht darauf, klug zu heißen. Ist mit der Liebe allein ein seltsam Ding. Sie verwirrt das festeste Gehirn, schüttet flüssiges Feuer hinein, das den ganzen Kasten ausbrennt. Paul war während dieser Zeit hinausgegangen und Helgestad sah ihm mit einem spitzbübischen Augenzwinken nach, indem er seinen Finger über die Nase zog. Wißt Ihr, was Eifersucht heißt, Herr Marstrand? fragte er sich zu ihm beugend. Nein, sagte der junge Mann, ich kenne diese Leidenschaft nicht, die meines Erachtens nichts ist, als ein selbstsüchtiger Neid. Nuh! rief Helgestad, ist wiederum ein richtiges Wort aus Eurem Munde. So ein eifersüchtiger Bursch wittert überall einen Neider und sagt ihm Schlimmes nach. Wann wollt Ihr an den Balsfjord zurück? Ich denke morgen, wenn ich kann. Helgestad unterbrach ihn. Seid Zeuge gewesen, was richtiges Rechnen heißt, fuhr er fort. Hat mehr wie Einer gesagt, ist kein Paar, wie es sein soll, Hannah Fandrem und Björnarne und seht da, wie sie nun einig beisammen stehen; wie er dem Mädchen nachläuft und ihr die Spindel trägt! Gesteht mir zu, Herr Marstrand, habt es selbst nicht geglaubt, habt den Kopf darüber geschüttelt. Ich möchte es noch thun, murmelte dieser vor sich hin. Nuh! rief Helgestad, kenne die Weiber besser wie Ihr. War da in Bergen ein junger Herr, weiß nichts von ihm und will nichts wissen, wäre aber ein helles Unglück gewesen, wenn Fandrem mir das Mädchen nicht mitgegeben hätte. Schande kommt über ein Haus, wie eine Wolke am Mittag, aber sie geht vorüber, wenn man den rechten Wind ruft. Ist Alles vorübergegangen, Kummer und Traurigkeit; springt Hannah lachend am Lyngenfjord umher und in Bergen weiß Niemand davon, wo der Gelbschnabel hingekommen ist, der sich auf 347 Fandrem's Dach setzte. – Er lachte, indem er Marstrand mit Blicken voll Hohn ansah, als wolle er bis in seine Seele schauen. Herr Helgestad, sagte der junge Mann düster, indem er sein Auge zu dem falschen Gesicht aufhob, rufen Sie die Rache der Todten nicht aus ihrem Grabe, daß sie die Gewissen der Lebendigen wach schreit. Ist es Euer Gewissen, Herr, das sich rührt? fragte der Kaufmann, oder was meint Ihr damit? – Bin der Mann, der zu seinen Thaten steht. Seht mich an mit Blicken wie Messer, ist aber kein Fleisch hier, worin sie schneiden könnten. Hoho, Herr Marstrand, bin darauf gefaßt von Euch zu hören, was mir nicht gefällt, obwohl ich meinen sollte, hättet Ursach' mit mir zufrieden zu sein. Es kam Marstrand vor, als suchte sein bisheriger Gönner einen Streit anzufangen, auf den er aus vielerlei Gründen nicht eingehen mochte. Er bezwang seinen Unmuth und sein finsteres Gesicht und sagte mit überlegener Ruhe: Es fällt mir nicht ein, mit Ihnen zu rechten. Sie haben mir des Guten so viel erzeigt, daß ich es niemals mit Bösem vergelten könnte, selbst wenn ich es vermöchte. Wenn Hannah Fandrem fröhlich auf den Hochzeitstag wartet, so ist das ihre Sache. Ei ja, brummte Helgestad, Ihr habt nichts dazu gethan. Nein, erwiderte der Junker stolz, und niemals würde ich etwas dazu thun, denn ein gutes Werk wird nicht ausgeführt mit einer blutigen Hand. Helgestad streckte seinen gelben harten Finger aus und grinste ihn an, ohne ein Wort zu sagen. Seht Euch vor, Herr, fuhr Johann mit gedämpfter Stimme fort. Glaubt Ihr, ein Mädchen wie dieses könnte so leichten Sinnes sein? Ihr prahlt mit Euerm Glück, es kann an einem Tage zerbrochen werden. Ihr pocht auf Eure kluge Rechenkunst, sie kann zu Schanden kommen, wenn Ihr es am Wenigsten denkt. Ich sehe einen Schatten neben Euch, einen schwarzen Schatten, und wird Euer Herz nicht kalt von der Hand, die darauf liegt, könnt Ihr immer ruhig schlafen, wenn die Nacht schwarz ist und der Wind heult? Helgestad hatte einen halbscheuen Blick zur Seite geworfen, dann aber stand er von seinem Platz auf und nickte mit seiner gewohnten 348 pfiffigen Sicherheit. – Laßt es gut sein, sprach er, kümmere sich Jeder um das, was ihn angeht. Ich habe ein langes Leben gelebt, Herr Marstrand, und denke, noch ein gutes Stück darin auszuhalten. Niemand kann sagen, daß Niels Helgestad jemals gethan hätte, was ihn gereut. Wünsche Euch das von meiner Seite, Herr, und will's glauben. Seid hierher gekommen in mein Haus, als ein blinder Mann, wünsche, daß Eure Augen den richtigen Weg finden. Sorgt nicht um mich, sorgt für Euch selbst. Ist meine Sache nicht, zu warnen und leichtsinnig in den Wind zu schlagen, muß Jedermann zusehen, wie sein Dach dicht wird. – Denkt wie Ihr wollt von mir, wird mein Fuß darum nicht wanken, der Hut nicht von meinem Kopf fallen, aber seht Euch vor und hütet Euch vor übler Nachrede. – Ilda, fuhr er mit scharfem Nachdruck fort, ist eine Jungfrau, die anders von Gott geschaffen ist und in anderer Zucht und Ehre wandelt, wie eine halb heidnisch verkrüppelte Dirne. In wenigen Tagen wird sie nach Tromsöe ziehen in ihres Mannes Haus und hier in Oerenäesgaard wird Hannah bei Björnarne wohnen. Wird eine frohe doppelte Hochzeit sein, Herr Marstrand, hoffe, sollt tanzen darauf und nun setzt Euch und sagt mir, was Ihr wollt und womit ich Euch helfen und dienen kann. Marstrand folgte dieser Einladung. Helgestad's Andeutungen hatte er wohl verstanden, er konnte sich denken, was Paul von ihm berichtet hatte und jetzt mochte er weder läugnen noch die Wahrheit sagen. Er erzählte ausführlich, wie es am Balsfjord stand, rühmte seinen Fleiß und den Erfolg, konnte aber nicht verschweigen, daß sein Geld auf die Neige gehe und daß seine Vorräthe einer mächtigen Verstärkung bedurften. Helgestad hörte ohne Einwand oder Vorwurf zu. Es schien ihm sogar Freude zu machen, als er fand, daß die Sägemühle im Bau sei, der schwierige Weg beinahe fertig stehe und zu einer gewaltigen Holzrutsche alle Vorbereitungen getroffen würden, mittelst welcher die größten Stämme von der Höhe der schroffen Felsränder bis an den Strom geleitet werden sollten. Nuh, rief er endlich, kann's mir denken, wie sie die Mäuler aufsperren und in die Fäuste schlagen. Habe allerlei davon vernommen, will aber das Wunder selbst sehen und an den Balsfjord 349 kommen, sobald ich in den nächsten Tagen mit meinen Arbeiten hier fertig bin. – Calculire ist keine leichte Sache; habe Euch aber immer für einen Kopf gehalten, der auch ein schweres Ding in Ordnung zu bringen weiß. – Mit einem genugthuenden Grinsen reichte er ihm die Hand, die er schüttelte und fuhr dann bedächtig fort: Müssen es überlegen und wollen es thun, wenn wir am Balsfjord sind. Kommt jetzt und laßt uns einen frohen Abend halten, damit Ihr morgen gestärkt über das hohe Fjeld kommt, wo die Lappen schon ihre fetten Thiere sondern, Felle und Hörner sammeln und Komager und Decken machen, um auf dem Markte an der Lyngenkirche mit gefüllten Säcken herunter zu kommen. – Werdet doch auch den Markt beziehen? fragte er dann. Ich glaube nicht, sagte Marstrand. Glaubt es nicht? rief Helgestad. Ist der Lyngenherbstmarkt der größte von Allen. Bringt blankes Geld ein und im Tausch viele Häute, Federn, Hörner sammt Rennthierfleisch für den Winter, Bärenschinken und andere Leckerbissen. Ist kein Kaufmann weit und breit, der davon fort bleiben möchte. Aber Ihr wißt meine Geschäfte, erwiderte der junge Gaardherr verlegen, und überdies sind meine Waaren, da ich ganz allein bin wenig noch geordnet. Nuh, sagte Helgestad kopfschüttelnd, muß seltsam damit aussehen, ist Ordnung mehr werth, wie Brod. Dürft den Markt nicht versäumen, kann in vier Wochen noch Manches geschehen. Fragt den Priester, fuhr er zum Fenster hinausblickend fort, er wird Euch dasselbe sagen, oder den dickhaarigen Quäner dort, der mit ihm kommt, er wird um keinen Preis eher nach Loppen wollen, ehe er nicht auf dem Lyngenmarkt seinen letzten Pfennig verthan hat. – Kommen dahin die Männer und Weiber bis von den Außeninseln und lassen Alles da, was sie das ganze Jahr gespart haben. So fuhr er fort mit Marstrand zu plaudern, und wenn dieser auf seine Niederlassung und was er eigentlich bezweckte, zurückkommen wollte, lenkte er das Gespräch immer wieder auf andere Dinge, indem er kurzweg wiederholte, daß er selbst kommen, selbst sehen und helfen werde. Das Beste was der junge Ansiedler erfuhr, war eine genaue Schilderung des diesmaligen Fischmarktes in Bergen und die 350 Gewißheit, daß er sehr wohl gethan habe nicht sofort zu verkaufen. Der Preis war bis über vier Species hinaufgegangen und Fandrem hatte in seinen Büchern eine hübsche Summe auf Marstrand's Conto abgeschrieben. Ist ein glückliches Jahr! rief Helgestad, habt es erprobt und möchte eine Handvoll Silberthaler daran setzen, daß es glücklich endet. Sperrte Niels Fandrem seine runden Augen weit auf, als ich ihm den höchsten Preis für Euch abzwang. – Will meine Freundschaft nicht etwa damit rühmen, Herr Marstrand, fuhr er fort als er den abweisenden Zug im Gesichte seines Gastes beobachtet hatte, sage es Euch offen, ist auch mein Vortheil, daß Eure Rechnung, für die ich Bürgschaft geleistet habe, herunter kommt, so weit es angeht. Kennt Handel und Wandel; gilt keine Freundschaft dabei, muß jeder nehmen was er bekommen kann, wär's auch vom Bruder oder Vater. – Er lachte vergnügt und rieb sich seine Nase mit vieler Heftigkeit, als Zeichen, daß er durch Das, was er sagte und dachte, sehr erfreut war. Dann bedauerte er, daß er den dicken Burschen nicht an den Lyngenfjord hätte lootsen können, endlich aber grinzte er kopfschüttelnd, indem er mit allerlei Seitenblicken auf Marstrand, diesem einige launige Bemerkungen über seinen Verwandten in Bergen mittheilte. Nuh, habt ihn kennen lernen! rief er aus, hat einen klaren Blick, der Gildemeister, für viele Dinge. Hält auch ein großes Stück auf Euch, meint, wäret ein Mann, wie er gedeihen müßte in den Finnmarken, unter Sturm und Wetter, und was den Handel betrifft, ist er hart und fest wie ein Haifischzahn. Ist aber bei alledem Niels ein Vater, der wie Bartmoos sich biegt, wenn die Wellen darüber hingehen. Hab's zu seinem Glück mit der Hannah so weit gebracht, daß er kein Sühnegeld zu geben braucht, fuhr er dann mit erneuter Lustigkeit fort, wäre ihm an's Leben gegangen, die große Summe, aber hört zu, was sein Sohn, Christi, ihm für Freude macht. Hat sich verliebt in Hamburg und bringt ihm eine Schwiegertochter in's Haus, ohne Kisten und Kasten und ohne einen Beutel voll Pfandbriefe und Papiere. Hat nichts wie ihr Herz voll Liebe und Güte und ihre Tugenden, wie der Christi schreibt und wie ich es selbst gelesen habe. Ist schmal und hungrig wie ein Lämmling im Frühjahr. Ist eine arme 351 Dirne ohne Eltern, die in eines Kaufherrn Hause lebt, der Kinder genug hat und nicht einmal zu den Ersten gehört. Was meint Ihr, was Niels zu der Geschichte sagt? Ich muß glauben, antwortete Marstrand, daß nach dem, was ich höre, er seines einzigen Sohnes Liebe billigt. Mit einem Gesicht wie eine Katze, die Essig eingenommen hat, schrie Helgestad: Ist zu klar in seinem Kopfe um nicht Einsicht zu haben. Hat um dreißig Pfund abgenommen in wenigen Wochen, besitzt aber nicht den Muth nein zu sagen, weil er sich fürchtet, der alte Narr! Er wird seinen Sohn kennen und Unglück besorgen. Nuh! sprach Helgestad, ist Christi freilich ein anderer Mann wie sein Vater. Ist nordländisches Blut von seiner Mutter in ihm, ein stolzer Wille, eine breite Stirn und dazu allerlei sündhafter Leichtsinn. Achtet nicht alte Sitte und altes Gesetz. Hält sich für berechtigt für sich selbst zu denken und sein Weib zu wählen. Schreibt in dem Briefe mit dürren Worten, daß er lieber nicht in seines Vaters Haus wiederkehren will und auf Alles Verzicht leiste, wenn Fandrem kein freundlich Gesicht zu seinem Unsinn macht. Und Sie haben nichts dagegen ausgerichtet? Nichts, sagte der Kaufmann. Laßt ihn das Püppchen haben, meine Thür soll sich nicht vor ihr aufthun. Wäre er mein Sohn, möchte er laufen bis an's Ende der Welt, nur nicht in meine Arme. Kennt meine Grundsätze, Herr, danke Gott für meine Kinder! Ist Ilda mein Augapfel, könnte aber eher sehen, daß sie in Elend unterginge, ehe ein Mann in ihre Kammer träte, der mir nicht behagte. Nuh! sind eitle Worte, fallen eher dort die alten Lyngenberge in den Fjord, ehe es einem falschen Schelm gelänge, sie in sein Garn zu locken. Bin meiner Sache gewiß, Herr Marstrand, kenne auch meine Kinder. Sagte ich zu Ilda: Der schieläugige Quäner da soll als sein Weib dich nach Loppen mitnehmen, sie würde sich neigen und sprechen: Ja, danke Vater! Und wenn ich Björnarne hinaufschickte in Afraja's Gamme, um Gula als seine Braut herunterzuholen, er würde antworten: Du willst es, Vater, deine Wille soll geschehen! Seine Blicke beobachteten Marstrand, der ohne Empfindung zu bleiben schien und mit einem leisen Lächeln endlich antwortete: Ich 352 zweifle nicht, Herr Helgestad, daß Björnarne sich auch darin fügen würde, obwohl es die Frage wäre, ob Afraja und Gula damit übereinstimmten. Wollen nicht streiten um des Kaisers Bart! fiel Helgestad ein, mag Jeder behalten was er hat. Werde auch Ilda nicht an den Wechselbalg da nach Loppen bringen, obwohl das häßliche Geschöpf, das treu und anhänglich ist wie ein Hund, mir immer noch als Schwiegersohn lieber wäre, wie ein Mensch, der wie ein Schneeflocken über die Erde fliegt, bis er in irgend einem Winkel zertreten wird. – Der da, fuhr er lustig fort, ist der beste Vogelfänger weit und breit und ist ein Schatz für Einen, der ihn zu benutzen versteht. Bringt Loppen mir eine wackre Zahl Species mehr ein, als früher, wo es Keiner zu schätzen wußte. War ein wilder Felsen mitten in wüthender See, kamen Afraja und seine spitzbübischen Gesellen dahin, Jahr aus Jahr ein, nannten es auch ihr altes Eigenthum von Jubinal's Zeiten her. – Hoho! Ist Wingeborg fertig mit ihnen geworden. Hat sie aus dem Neste geworfen, wie junge Alken und abgerupft, daß keine Feder ihnen blieb. Seht, Herr Marstrand, das ist die Sache. Hat Mancher ein gutes Nest, weiß aber nicht wie er es mit Dunen futtert, damit er warm und fest sitzt, bis endlich Einer kommt, der es besser zu nutzen versteht. Ist dem elenden Volke so gegangen, das sich viel damit weiß, Alles Land habe ihm einst gehört. Wär's tüchtig und strebsam, würde es noch sein Eigenthum sein und bleiben in alle Ewigkeit. Damit und mit seinem vertraulichen Zunicken und Augenzwicken, in welchem ein solches Gemisch von Offenheit, rauher Wahrheit, Schelmerei und spitzbübischer Beobachtung lag, daß Marstrand niemals sicher war, was er davon zumeist glauben sollte, warf er seine Bücher in den Kasten und forderte den Gast auf, mit ihm ein frisches Glas zu mischen. Am nächsten Tage trat der junge Gaardherr beschwerten Herzens seine Rückreise an den Balsfjord an. Kein einziger Augenblick hatte sich ihm geboten, um Ilda auch nur ein vertrautes Wort des Abschiedes zu sagen, und wenn dieser sich geboten hätte, welchen Wunsch, welche Bitte konnte er ihr noch zurücklassen? – Es war ein trüber, dunkler Morgen, als sein klimmendes Pferd das hohe Fjeld erreichte. Alle die einzelnen, narbig runden Felsenkegel, welche 353 auf dieser trümmervollen Ebene, wie Buckeln aus einem spaltigen Schilde stiegen, waren mit grauen, schweren Nebelkappen umhüllt. In der Ferne wälzten sich gewaltige Massen über die Berggruppen hin und alle die heidnischen Götter und Hexen schienen darin umherzuwühlen und Nebel, Wolken, Luft, Regen und Sonnenschein durch einander zu mischen. – Es stand eine Wetteränderung bevor. Die Sonnenkugel konnte nicht mehr durch die Dünste dringen, die kalt und naß den einsamen Reiter anfielen. Ein erfahrener Mann würde nicht ohne Besorgniß alle diese Zeichen bemerkt und, so viel er vermochte, geeilt haben, Marstrand aber kümmerte sich wenig um das Wetter, nur dann und wann sah er nach Merkzeichen und Richtung umher. Auf sein heißes Gesicht fielen sänftigend die eisigen Schauer nieder und sein banges Herz beruhigte sich darunter. – Niemals, sagte er zu sich selbst, will ich antasten, was mir verwehrt ist; niemals will ich mehr den Frieden dieses Mädchens stören, die mich mit Recht verwirft, weil die Stimme der Pflicht stärker in ihr ist, als die Stimme ihres Herzens. – Und weiß ich denn, ob sie mich liebt? fuhr er fort; hat ihre Lippe jemals ein Wort gesprochen? Hat sie mich nicht zurückgestoßen und heut' noch, heut', als sie mir Lebewohl sagte, ist ihr Gesicht nicht wie dieser harte, empfindungslose Stein geblieben? – Und dennoch, rief er plötzlich so laut, daß das Pferd davor erschrak, dennoch liebt sie mich! Ich weiß es, ein Blick in ihre tiefe Augen und diese welken Blumen sagen es mir. Er zog den Strauß hervor, den Ilda ihm geschenkt hatte, und betrachtete ihn, plötzlich aber verbarg er ihn wieder, denn es kam ihm vor, als höre er hinter sich in der Ferne einen Schrei. Als er sein Roß anhielt, glaubte er im Nebel an einer Felsenreihe eine Gestalt zu erkennen, die ihm winkte, und zu seiner Verwunderung erkannte er bald den greisen Priester, der rüstig schreitend näher kam. Klaus Hornemann in seinem schwarzen Ueberwurf, dem grauen, breitgekrämpten Hut, den Riemenschuhen und mit dem langen Pilgerstocke war das Bild eines Predigers in der Wüste. Auf seiner Schulter trug er einen Lederranzen und freudig lächelte der muthige Greis, als Marstrand ihn tadelte, bei so drohendem Wetter Oerenäesgaard verlassen zu haben. 354 Mein lieber Freund, sagte er, wir müssen Alle fort, wenn der Herr uns ruft und sind Sie denn nicht selbst ausgezogen, um Ihre Pflicht zu erfüllen? – Ihre Gegenwart hatte mich bewogen, bis heute in der ersten Frühe dort unten auszuhalten, wo ich jetzt nicht gern lange verweile, nun aber denke ich einige Tage bei denen zuzubringen, die mich mit Jubel empfangen und welchen ich Trost zu bringen vermag. Marstrand war abgestiegen und bot dem alten Pilger sein Pferd an, allein Hornemann schlug es aus. – Setzen Sie sich auf, sagte er, weit werden wir nicht zusammen ziehen. Ich muß mich bald zur Rechten wenden, wenn ich zu den vier Familien gelangen will, die am Ulvsfjord ihre Thiere weiden, Sie dagegen müssen zur Linken hinauf, um mitten über den hohen Sattel des Fjelds zu gehen, damit Sie Ihr Haus bei guter Zeit erreichen. – Er drückte das Wasser aus seinen langen weißen Haaren und fuhr dann in seiner milden Weise fort: Seit vierzig Jahren wandle ich nun hier umher und die Kraft hat mich nie verlassen. Der Herr hat mich erhalten unter vielen Stürmen. Mit diesem Stabe in der Hand bin ich weiter gekommen, als ein Roß mich tragen könnte, darum will ich ihm auch jetzt vertrauen, und nun zögern Sie nicht, denn wir dürfen Beide nicht länger säumen. So sprechend, ging er voran und zeigte Marstrand, daß seine Rüstigkeit nicht abgenommen hatte; ja, er kam oft rascher vorwärts, als sein berittener Gefährte und konnte seine Schritte mäßigen, wenn das Pferd vorsichtig und langsam über die Steinmassen treten mußte. Beim Gehen erzählte er Mancherlei, und einige Zeit verweilte er mit Vorliebe bei seinen armen Pflegekindern, die jetzt in der Herbstnähe damit beschäftigt waren, sich für die Märkte und für den Winter vorzubereiten. Was er Marstrand davon mittheilte, ward nicht ohne Theilnahme von diesem gehört. Der alte Mann entrollte vor ihm mit Lebendigkeit ein Bild des Hirtenlebens in dieser Wüste, dann fügte er hinzu: Das Alles werden Sie selbst noch oft mit eigenen Augen sehen. Wenn der alte Klaus nichts mehr zum Schutze der Verlassenen thun kann, werden Sie seine Stelle annehmen und Eine wenigstens wird Sie dafür segnen und im Geiste bei Ihnen sein. 355 Diese Eine, antwortete Marstrand, erregt von dieser Erinnerung, bedarf mehr des Schutzes vor ihren Verderbern, wie alle Anderen. Nein, sagte der alte Mann, mit ihr ist der Herr, ihre Seele ist rein, ihre Feinde werden nichts vermögen. Ich habe heute noch, ehe ich ging, sie gesehen. Ihr ganzes Denken und Wesen lag vor mir wie ein klarer Bach, der bis zum tiefsten Grunde durchsichtig ist. Ilda wird niemals unglücklich sein, denn ihr Herz ist stark und ihr Muth ist ein Felsen; was ihr Schmerzen macht, ist der Kummer, daß ein Mann, der ihr theuer ist, nicht so standhaft sein könnte, wie sie selbst. Sie dachte an mich und sprach von mir? fragte Johann. Glauben Sie, daß es anders sein könnte? antwortete der Greis. Sie werden in Ilda's Gedanken leben, so lange sie auf dieser Erde athmet. Sagte sie das? Bekannten es ihre Lippen? Mit einem wehmüthigen Lächeln nickte ihm Klaus Hornemann die Antwort zu. – Warum soll ich Ihnen den edlen, liebevollen Antheil verhehlen, den Ilda an Ihnen und Ihrem Lebensgeschick nimmt? sagte er dann. Ja, es ist gut, wenn Sie erfahren, daß Sie eine Freundin besitzen, die mit ihres Herzens heiligsten und reinsten Empfindungen immerdar Ihnen anhängen wird, wenn auch die Gewalt der Verhältnisse ihr nichts weiter gestattet, als dies treue Ausharren. Sie kennen Helgestad, Sie haben von ihm selbst gehört, wie er eher seine Kinder unter seinen Sohlen zertreten würde, ehe er ihnen erlaubte, von seinem Willen zu weichen. Er fürchtet Paul Petersen weit mehr, wie er ihn liebt, aber er ist in dessen Gewalt und kann nicht los, zudem braucht er den Voigt und seinen schlauen Neffen, endlich aber hat er sie versprochen vor allem Volk und Unehre käme über ihn, wollte er selbst thun, was er niemals will. – Mein lieber Sohn, ich sage und wiederhole Ihnen dies Alles, um Ihnen Ilda's Kraft zu geben, die Kraft zum Ueberwinden. Sie hat in dem Buche Ihres Kummers gelesen, wenn Sie Ihre Augen zu ihr aufhoben, und ihr armes Herz wollte brechen, daß kein Lächeln, kein freundliches Zeichen Sie trösten durfte. Niemals wird es anders werden; um ihres Friedens willen darf die harte Schale nicht brechen, und als ein gerechter Mann werden Sie handeln, wie Sie müssen. 356 Haben Sie Dank für allen Ihren Trost und Ihre Ermahnungen, erwiderte Marstrand. Doch sagen Sie ihr, daß ich annehme, was sie mir bietet. Wer weiß denn, fügte er hinzu, wie lange ich überhaupt noch in ihrer Nähe sein werde? Ob es mir gelingen wird, in den Drangsalen mich zu behaupten, die meiner warten. Wo ich aber sein mag und wenn ich je sie wiedersehe, niemals soll ein Blick sie betrüben, kein Wort ihr verrathen, was vielleicht mein Herz nicht zu wünschen lassen kann. Der Priester blieb stehen, seine sanfte und ehrwürdige Miene strahlte von theilnehmender Güte. – Gottes Wille wird sich erfüllen, sagte er, seine strenge Hand heilt auch die Wunden, die sie schlägt. Wunderthätig ist die Zeit, mein armer Freund, Alles, Alles wird wieder hell, wenn wir stark bleiben im Vertrauen und unsere ungestümen Leidenschaften bändigen. Selbst diese Wüste hier, über welche der Wind die kalten Nebelgeister jagt, ist sie nicht ein Bild, das unsere Hoffnungen aufrichten kann? Gestern noch prangte sie mit hellem Licht und Sonnenschein, mit farbigen Blumen und bunten Moosen. Heute liegen diese geknickt am Boden und bald verschwinden sie unter Eis und Nacht. Aber wo die Wurzeln gut sind, kann das Mißgeschick ihnen nichts anhaben und wenn Tag und Sonnenstrahl wiederkehren, finden sie junge, kräftige Triebe, die kein Stein zerschmettert hat. Amen, mein Vater, Amen! rief Marstrand; jedes Menschenleben hat sein Leid, ich werde das meine tragen. So hören Sie noch eine Warnung, die von guter Hand kommt – nicht von Ilda, fuhr er lächelnd fort, sie ist zu sehr ein gehorsames Kind, um gegen ihren Vater zu warnen. Paul Petersen ist Ihr Feind und wendet seinen ganzen Einfluß an, um Helgestad zu bewegen, Sie zu verderben. Es wird dagegen gearbeitet, doch müssen Sie selbst thun, was an Ihnen ist, um Helgestad nicht noch mehr zu erzürnen. In dieser Welt, mein Sohn, müssen auch die Guten nach den Worten des Apostels klug sein, wie die Schlangen, wenn sie die List der Bösen zu Schanden bringen wollen. Ich bin auf Alles gefaßt, sagte Johann. Helgestad soll mich finden, wie es recht ist. Doch wenn er meint, mir seine Schlingen 357 über den Kopf zu werfen, soll er erfahren, daß ich darauf mich vorbereitet habe. So lassen Sie uns scheiden! erwiderte Klaus. Ich finde den Kämpfer wach und gerüstet und meine Seele freut sich an dieser jungen unverzagten Kraft. Mit Gottes Hülfe denn vorwärts, Herr Marstrand! O, hätte er doch gewollt, daß ich an seinem Altare, am Michaelisfeste, diese Hand in Ilda's gesegnete Hand legen könnte, wie ich es mit einem falschen und treulosen Mann thun soll, aber gelobt sei sein Name! Und nun, da wir uns trennen, reich an Liebe und an Entsagung, so nehmen Sie dies noch als ein letztes Angedenken. Bei diesen Worten zog er aus seinem Ueberwurf ein Papier in Briefform, legte es in Marstrand's Hand und begann seinen Weg, indem er mit fast jugendlicher Schnelle seitwärts forteilte. Einige Augenblicke starrte Marstrand auf das Papier, das ohne Aufschrift war, dann öffnete er es und erkannte Ilda's Schriftzüge. Er blickte auf und sah sich nach dem Priester um, den die dunkeln Wellen des Nebels schon verschlungen hatten. Allein in dieser Einöde, zwischen den düsteren, wankenden Mauern eines unermeßlichen Gefängnisses begann er zu lesen, indem er seinen Mantel schützend über die Schrift hielt, welche der Sturm ihm entreißen, der feine Regen verderben wollte. »Johann Marstrand,« las er, »laß mich dir einige Worte sagen, die du verwahren sollst, wenn du willst, denn es sind Abschiedsworte, obwohl ich hoffe, dich bald und oft wiederzusehen. Du bist ein fremder Mann mit fremden Sitten, aber du verstehest mich dennoch, denn zwischen uns hat Gott einen Bund errichtet, der überall auf Erden sichtbar wird, wo sich Menschen treffen, die in ihrem Herzen sehnsüchtig sind, sich die Hände zu reichen und in ihr Angesicht zu sehen, oder wenn sie getrennt sind, der Eine an den Anderen denken muß. Dies Bündniß haben wir Beide empfunden. Du hast ihm Sprache geben wollen, ich wies es von mir, weil ich es nicht hören durfte. Ich habe deinen bitteren Schmerz wohl erkannt, deine Augen, die mich vorwurfsvoll anschauten, deinen Zorn, der mich verwerfen wollte, und ich neigte demüthig meinen Sinn, aber ändern konnte ich es nicht. Hätte ich mein Ohr zu dir gewandt, meine Hand nach dir ausgestreckt, eine Stimme des Fluches und der Schande würde dich 358 und mich verfolgt haben. Darum sage ich mich los von dir. Wisse, daß ich aus meinem Herzen Alles gerissen habe, was nicht darin sein durfte, und daß es Frevel und Unglück wäre, wolltest du nicht das Gleiche thun. Von ganzer Seele bitte ich dich darum, weil ich dein Glück und deinen Frieden wünsche. Glaube nicht von mir, daß ich denken möchte, du solltest mich vergessen, aber glaube auch nicht, daß ich jemals aufhören werde, deine Freundin zu sein. Meine Hochzeit wird am Michaelstage gefeiert, komm' und sei der liebste Gast dabei. An meinem Ehrentage will ich dich sehen und du, sei gut gegen meinen Gatten, dem ich anhänge und den ich ehren will. Sei vorsichtig und klug gegen meinen Vater, du bedarfst es wahrlich; von mir aber sei gewiß, daß ich froh meiner Zukunft in Paul Petersen's Haus entgegensehe und nun sei Gottes reicher Segen immerdar mit dir.« Marstrand hielt diesen Brief lange in seiner Hand und starrte auf die festen Buchstaben, während sein Pferd mit ihm weiter ging. Kein Zittern ihrer Hand hatte verrathen, was sie empfand, kein Wort war schief gesetzt, kein Satz in Unordnung. Der ganze Abschied so ruhig und so kalt, als sei es ein gleichgültiges Werk. Kein warmer Schlag des Herzens ist darin, murmelte er, das nasse Papier zusammenschlagend und plötzlich ergriff ihn eine solche Bitterkeit, daß er es an den Enden faßte, zerriß und wieder zerriß und die zahllosen Stückchen in den Sturm warf, der sie weit flatternd zerstreute. Nein, ich habe Recht gethan! rief er dann, die Stimme des Vorwurfs übertäubend. Wie der Wind diese Fetzen fortführt und der Wüstenregen sie vernichtet, so will ich diese Narrheit endlich von mir abthun. Sie sagt sich los von mir, hat mich aus ihrem Herzen gestoßen, als ob ich jemals darin gewesen wäre! Sie sieht freudig ihrer Zukunft entgegen? Sie heuchelt, sie will mich heilen, indem sie mich betrügt. – Er lachte laut auf und warf den Mantel fester um seinen Körper. Dann blickte er in die Nebel, welche jetzt so dicht und schwer um ihn wirbelten, daß auf zwanzig Schritte das Fjeld nicht zu erkennen war. Nur zu! schrie er in den nassen Braus, ich will auf deiner Hochzeit tanzen, Paul Petersen soll seine Freude an mir haben. Es war, als habe ein anderes Gelächter sein Lachen beantwortet, oder war es ein Echo, das hier sein Wesen trieb? Marstrand fragte 359 nicht darnach, er ritt lange Zeit fort, indem er es dem Pferde überließ, sich den Weg zu suchen, den er nicht mehr auffinden konnte, aber er schreckte doch empor, als der Regen sich mit Schneeflocken mischte und vor ihm eine tiefe Senkung lag, an der sein Thier schnaubend stillstand. Daß er dort nicht hinunter durfte, war ihm gewiß, aber wohin sollte er? Er prüfte den Wind und glaubte in der Richtung zu sein, nach allen Seiten schickte er seine Augen aus, aber Nichts war zu entdecken. Der Nebel schien dünner zu werden und doch hielt er ihn eng eingefangen; Wolken und Wirbel von seinem Schnee trieben über ihn hin, drangen erstarrend bis auf seine Haut, stäubten in Millionen feiner blitzender Nadeln vom Boden auf, sanken zurück und wurden von einem hohlen Winde fortgerissen, der immer eisiger und gewaltiger tobte. Er hatte von dem Fana-Rauk gehört, von den Schneestürmen, die alles Leben tödten, und ein unheimliches Gefühl überkam ihn. In den wenigen Minuten, wo er am Rande der Schlucht hielt, war er mit Schnee bedeckt, der sich fest an seine nassen Kleider schmiegte und dort fror; sein Pferd war weiß geworden und so weit er um sich blicken konnte, war Alles dicht von der fallenden, weichen, seinen Masse eingehüllt, die so seltsam plötzlich auf ihn herunter rieselte. Da war kein Stehenbleiben und kein Bedenken, da galt es einen Schutz zu finden und auszudauern, ohne den Muth zu verlieren. Hülfe war hier nirgend zu erwarten, kein Schreien und keine Umkehr konnte sie herbeiführen. Marstrand wußte, daß er Nichts von Anderen zu hoffen hatte, daß des Mannes Kraft und Geduld hier allein die Schrecken der Elemente bekämpfen konnte, und rasch entschlossen sprang er vom Pferde, faßte dessen Zügel und bemühte sich eine Stelle zu entdecken, wo er in die tiefe Höhlung der Schlucht sein Thier hinableiten mochte, als plötzlich mitten in den Schneewirbeln vor ihm eine Gestalt auftauchte, die ihn einen Augenblick erschreckte, dann aber mit Freude erfüllte. Anfangs schien es ein erstarrtes Wesen zu sein, das auf einem aus dem Schnee hervorragenden Steine stand. Eine spitze Mütze war über seinen Kopf gezogen, seinen Leib umflatterte ein braunes Hemd von Fell, in seinem Arm lag ein langer Hirtenstock und über seine Schulter ragte ein Gewehr. Es war ein Lappe, der sich nicht rührte, bis Marstrand ihn erreicht hatte und Mortuno erkannte. 360 Holla, Freund! rief er ihm zu, hast du Lust eine Schneepuppe zu werden? Steh' mir bei in meiner Noth und wenn du ein Mittel weißt, aus dem Sturm an ein geschütztes Plätzchen zu kommen, so sprich und laß mich hören. Möchtest du dort hinunter, Väterchen? fragte Mortuno mit seiner Stange nach der Schlucht deutend. Es scheint mir das Beste zu sein, wenn du nichts Besseres kennst? So thu's, wenn's glückt ist's gut! schrie der Lappe. Bist jung und es glückt dir Vieles! – Er lachte nach Lappenart. Höre, Mortuno, sagte der Verirrte, vor einer Stunde oder zwei hat mich ein Mann verlassen, Klaus Hornemann, der Priester, der mich versicherte, du seist ein verständiger, gutgearteter Mensch. Ich danke dem Zufall, daß ich dich finde, es wäre aber gewiß ein Unrecht, wolltest du mir deine Dienste versagen, die ich belohnen will so gut ich kann. Der Lappe schien anfangs seine Possenreißernatur nicht ablegen zu wollen, er grinste und schnitt Gesichter, bald aber wurde er ernsthafter und endlich sprang er von dem Stein und nahm die Zügel des Pferdes. Was wollt Ihr dort unten thun, Herr? fragte er. Ihr würdet schwerlich gesund ankommen, und wenn es geschähe, nützte es Euch nichts; denn es ist ein jähes, enges Gesenke, das in Klippen und Klüften endet, durch welche eine wilde Elf dem Ulvsfjord zustürzt. Kein Mensch kann darin fortkommen, selbst ich möchte es nicht versuchen, setzte er mit Stolz hinzu, und wenn das Schneestürmen anhält, könnte das Loch halb zugeweht werden. Folgt mir nach, ich will Euch ein anderes Plätzchen verschaffen, wo es uns besser behagen soll. Er überließ es seinem Begleiter darüber nachzudenken, wie es geschehen konnte, daß er jetzt plötzlich ganz vernünftig und im leidlichen Norwegisch sich ausdrückte, und zog das erschöpfte Pferd so gut es ging über die verborgenen Steine und Trümmer, bis nach einer Viertelstunde, die mühsam genug war, aus dem nebelnden Schneewetter ein Fels aufstieg, der wie ein Horn sich überbog und mit einem tiefen Spalt gleichsam sein Eingeweide öffnete. Dies mußte ein Platz sein, wo die Lappen auf ihren Wanderungen wohl öfter mit ihren Heerden rasteten oder Schutz suchten. 361 Große Steine lagen dicht an der Felswand im Halbkreis und zwischen ihnen bewiesen Asche und Ruß, daß manches Feuer hier gebrannt hatte. Mortuno warf seinen Rock von Rennthierfell ab, wälzte ein Steinstück zur Seite und zog aus einer Vertiefung trockenes Moos, Birkenzweige, Blätter und Gras hervor. Im nächsten Augenblick loderte seine Zunderbüchse und ein behagliches Gefühl kam über Marstrand, als er sich auf den Rand der Feuerstelle setzen und die belebende Wärme an seinem Körper fühlen konnte. Ueber dem Sattel seines Pferdes, dem es hier auch besser zu gefallen schien als draußen, hing ein Bündel, das in Oerenäes mit Brod und Fleisch und einer Flasche guten holländischen Genever gefüllt war, und was konnte der Reisende Besseres thun, als diese Schätze auszubreiten und sie mit Mortuno zu theilen, der sich nicht lange nöthigen ließ, sondern tapfer zulangte. Dann zog Johann seinen Reisebecher hervor, wie sie in Bergen aus dem festen Maser der nordischen Birken gefertigt werden, allein zu seinem Erstaunen war dieser Lappe kaum zu bewegen, ein Getränk zu kosten, das mit der größten Leidenschaft von allen seinen Brüdern begehrt und genossen wird. Mortuno nippte daran wie ein Mädchen, und kein Auffordern konnte ihn ungenügsamer machen. Ihr könnt es, Herr, sagte er, als Marstrand einen langen Zug that, ich darf es nicht. Mein Volk hat nicht den kalten Kopf und das langsame Blut, die Euch gegeben sind, wenigstens glaube ich, daß es daran liegt. Denn woher sollte es kommen, daß wenn ein Normann trinkt, es mehr als ein Maaß voll sein kann, ehe seine Eingeweide brennen. Mag aber auch sein Kopf hin und her wackeln, und mögen seine Beine links und rechts laufen, er weiß doch noch immer, was er thun und lassen soll. Bei den Samojeden, fuhr er fort, ist der Kopf heiß und ihr Blut rollt schnell. Wenn sie trinken, fallen sie nieder und wälzen sich wie Schweine. Ein Normann braucht das Feuerwasser, um warm zu werden, wenn es kalt ist, ein Samojede braucht nichts als sein Rennthier und seine Decke. Mag der Hauch an seinem Munde Eis werden, er fühlt es nicht, und wenn er sich verirrt im Fana-Rauk, kriecht er nicht in eine Schlucht, wo er umkommen muß. Er lachte über seinen Spott und Marstrand stimmte ihm bei. Du hast ganz recht, Freund Mortuno, erwiderte er, aber jetzt sage mir, was wir beginnen sollen, wenn das Wetter so bleibt? 362 Der Lappe zuckte die Achseln und sah ihn mit den kleinen, runden Augen listig an. Weiß es nicht, mein guter Herr, sprach er bedächtig. Schneestürme dauern oft eine Woche und fällt der weiße Sand hoch genug, so gräbt man ein Loch und schläft bis es aufhört. Was? fragte Marstrand entsetzt, das könnte geschehen? Das ist oft geschehen, erwiderte Mortuno. Ich habe selbst einmal neun Tage lang in meiner Schneehöhle gelegen, und meinen halben Pelz vor Hunger verzehrt. Wohin wollt Ihr? fuhr er fort, als Marstrand aufstand und zu seinem Pferde ging. Wenn es so steht, sagte dieser, ist es besser, wir brechen jetzt auf und machen, daß wir fortkommen. Ich nicht, lachte der Lappe. Ich bin kein Narr, Väterchen, will meinen Hals und meine Beine ganz behalten. Sieh hinaus, du siehst nicht ein Dutzend Schritte weit; lange währt es nicht, so liegst du, kollerst in eine Grube, fällst in einen Spalt und dein steifbeiniges Pferd kann nicht weiter. Ja, wenn das ein Rennthier wäre, kämst du leicht davon. Wenn du ein Samojede wärest, trügst du deinen Kopf in die Luft und könntest sehen. Haha! du bist ein stolzer Herr, ein Normann, ein Meister, und möchtest jetzt ein Samojede sein? Ist es nicht so? Sprich, Väterchen, sprich zu mir, möchtest du nicht gern ein Samojede sein? – Er streckte sich auf den erwärmten Steinen aus und lachte was er konnte, während Marstrand ärgerlich und überlegend in das Wetter hinaussah, das wilder schien als je. Warum kommt Ihr zu uns herauf? fuhr Mortuno fort. Was wollt Ihr in unsrem Lande, wo Ihr wie Kinder seid, die nicht wissen, was sie thun sollen. Setz' dich her zu mir, Väterchen, setze dich und sei geduldig. Du kannst Nichts thun, denn was willst du thun? Wenn ich Olaf wäre oder Helgestad, sagte Marstrand, so würde ich dir deinen Uebermuth gedenken und würde dich zwingen, mich zu führen. Wenn du Helgestad wärst, erwiderte der Lappe sorglos lustig, so hätte ich dich in der Elf ersaufen lassen und wenn du Olaf wärst, der zwei Löcher in seinem Hut hat, so hätte ich dir ein drittes dazu gemacht, mitten in dein schlechtes Herz. Hüte dich, Mortuno, antwortete der Gaardherr, du hast eine üble Rechnung zu bezahlen. Wenn Olaf dich trifft, wäre es besser, du lägst 363 in der Elf, wenn der Sorenskriver dich greift, läßt er dich in Tromsöe bis aufs Blut am Pfahle peitschen und fällst du in Helgestad's Hände, so kömmst du schwerlich besser fort. Wingeborg's Hund hast du getödtet, der Quäner hat dir den Tod geschworen. Hat er, der giftige Wolf, hat er Mortuno schon beim Ohr? schrie dieser in die Hände klatschend. Hierher laß ihn kommen, laß sie Alle kommen, Väterchen, wir haben Schlingen genug, um sie an den Hörnern zu fangen. In dem Augenblick, wo er dies sagte, schlug dicht draußen am Felsen ein Hund an, und die sonderbare, lange und schmale Gestalt des Mannes, von dem die Rede war, zeigte sich am Eingange. Es war Egede Wingeborg, der Quäner. Sein schmaler Körper steckte in einem Lederkragen, sein Glanzhut, von Schnee bedeckt, zeigte darunter das rothe, breite Gesicht mit den verkehrt stehenden Augen. Wie ein Schatten flog er bei Marstrand vorbei und mit einem Griff seiner langen Arme hatte er Mortuno an der Gurgel, ehe dieser auf die Beine kommen konnte. Der ganze Vorgang war so schnell, so überraschend und so lautlos, daß Marstrand erst zur Besinnung kam, als Wingeborg ein langes Messer aus seinem Gürtel riß, das in der nächsten Minute wahrscheinlich in der Kehle des Lappen gesessen hätte, die so fest zugeschnürt war, daß dieser keinen Ton hören ließ. Marstrand faßte zur rechten Zeit Egede's Arm, und ihn mit aller Kraft zurückstoßend, riß er ihn von seinem Opfer los. Eben so schnell benutzte Mortuno die Hülfe. Er rollte von den Steinen, sprang auf, und seine kurze Büchse in der Hand, stieß er einen Schrei der Wuth, der Rache und des Entsetzens aus. So standen sich die beiden Feinde gegenüber; Marstrand zwischen ihnen; der kleine, langgestreckte Hund laut heulend und bellend vor seinem Herrn. – Warum hindert Ihr mich? schrie Egede. Was faßt Ihr mich an und stoßt meinen Hund? Ein schöner Dank für einen Mann, der sich erbot, Euch in dem Wetter aufzusuchen, da die Jungfrauen in Oerenäes in Sorge um Euch waren! Einen Mord sollst du nicht begehen, so lange ich es hindern kann, antwortete Marstrand. Hast du Klage gegen den Lappen, so erhebe sie. Er ist ein Mensch wie du, die Gesetze sind für Alle da. 364 Ein Mensch! rief der Quäner. Es ist ein Lappe, ein Thier, kein Mensch! Hervor aus deinem Winkel, du Dieb, ich will dich kerben wie einen Fisch, ich will dich salzen wie einen Häring! Es war natürlich, daß Mortuno dieser liebevollen Aufforderung keine Folge leistete. Er duckte sich noch tiefer hinter den Steinen und legte seinen Finger an den Drücker seines Gewehrs, ohne eine Silbe zu erwidern. Er wäre ein Narr, wenn er dir gehorchte, lachte Marstrand. Gut, so soll er mit mir gehen, wir wollen Alle gehen, sagte Wingeborg. Ich will ihn vor den Sorenskriver stellen, wie Ihr es recht findet. Nehmt dem feigen Hund die Flinte ab, dann wollen wir ihm die Hände binden. Ich fürchte, mein Freund Wingeborg, antwortete Johann, er wird sich auch dies nicht gefallen lassen, und was mich betrifft, so habe ich keine Lust nach dem Lyngenfjord umzukehren. Ha! schrie Egede grimmig, Ihr habt keine Lust, mir zu helfen, wo es gilt einen Schelm zu fangen, den meine Herren haben wollen, der so viel Schimpf an uns Allen gethan hat? Mir hat er Gutes gethan, antwortete Marstrand. Ohne ihn irrte ich noch im Sturm umher und hätte wohl Schaden genommen. Ich habe mein Brod mit ihm gebrochen, habe meinen Trunk mit ihm getheilt und so gebt Euch zufrieden, Egede Wingeborg. Wir sitzen hier beisammen in einem Freihafen; macht's aus mit ihm, wie es Euch gefällt, wenn Ihr den Burschen wieder findet, heut' aber laßt Frieden sein. Kommt, Egede, fuhr er fort, setzt Euch auf diese Seite des Gastfeuers. Du, Mortuno, lege deine Waffe ab und nimm deinen Platz auf dem andern Rand. Zwischen Euch sei die Flamme und hier steht die Flasche. Trink' ein volles Glas, Beherrscher von Loppen, und vergiß deinen Schmerz in dem Trost, den ich dir bringe. Er hielt dem Quäner seinen Becher hin, aber dieser trat mit Abscheu zurück. Verflucht sei meine Hand, wenn ich ihn anrühre! schrie er. Hat nicht ein Lappe daraus getrunken? Ist es nicht eine Schande, daß Ihr mir das bieten dürft? Habe ich nicht selbst daraus getrunken, du Narr? Habt Ihr? fuhr Egede mit Verachtung fort. – Pfui Teufel! schrie er ausspuckend, ich würde es Niemanden sagen. – Wollt Ihr ein 365 Normann sein, ein Mann von gutem Blut, und trinkt mit einem garstigen Lümmel, einem Rennthiertreiber, schlechter, boshafter, dümmer wie ein Schwein. – Hoho! rief er, seinen Hut schwenkend und triumphirend, Gott sei Dank! Ihr seid ein Däne! Will's melden in dem Gaard, wo ich Euch getroffen habe. Möchte lieber zehn Fuß tief im Schnee liegen, als eine Stunde in solcher Gesellschaft sein. Du Dieb! Du Mörder! Hüte dich vor dem Egede! Er findet dich doch wieder und so wahr ich mehr als einen Lappen gekerbt und gezapft habe, so wahr will ich dich zeichnen und kerben, du Hund, daß Alle, die dich sehen, davor geiken und heulen sollen! Mit dieser fürchterlichen Drohung ging er fort und keine Stimme rief ihn zurück. – Marstrand war empört und ärgerlich, wenn er daran dachte, was dieser elende Kerl von ihm berichten werde; Mortuno stand eine Weile noch immer mit seiner gespannten Büchse, als fürchte er, Egede könnte wieder kommen, endlich aber legte er sie nieder und näherte sich Marstrand, der auf dem Steine saß und in's Weite schaute. Der Lappe warf sich auf seine Kniee nieder und plötzlich ergriff er die Hand seines Beschützers und zog diese an seine Lippen. Was soll das sein? rief der Junker rauh. Laß mich, Herr, laß mich! sagte Mortuno, dessen dunkle Augen von einer Dankbarkeit strahlten, die selbst die Züge seines Gesichts weich und freundlich machte. Du bist gut und treu, du bist viel besser wie ich. Was Mortuno je für dich thun kann, wird er thun. Wenn du nur Eines thun könntest, mein armer Mortuno, sagte Marstrand wohlwollend, wenn du uns gutes Wetter schaffen könntest, daß wir nicht einschneien. Sei ohne Sorge, Herr, antwortete Mortuno indem er aufsprang, es wird nicht lange schneien, und wenn du willst, können wir sogleich fort, ich will dich sicher führen. Schneewolken ziehen auf den Fjeldern hin, in die Thäler dringen sie nicht. In einigen Tagen ist Alles wieder Wasser, oft schmilzt es schon in wenigen Stunden. Du sollst sehen, daß am grünen Balsfjord Niemand etwas davon weiß. So hast du mich eigentlich ohne Noth hierher gebracht? Mortuno war verlegen. Ich habe dich hierher gebracht, sagte er demüthig, weil ich die Männer von den Fjorden nicht leiden mag. Sie verspotten und verachten uns, was sollen wir thun? Wir verspotten sie auch, wenn wir es können. Strafe mich, wenn du willst. Du wolltest also deinen Spaß mit mir treiben, erwiderte Marstrand, und verfuhrst immer noch glimpflicher, wie du mit Olaf verfahren bist. Hüte dich, Mortuno, du hast eben gesehen, was dir bevorsteht. Der Lappe rollte listig die kleinen Augen. – Mögen sie zu mir heraufkommen, rief er, ich werde sie nicht aufsuchen. Der Quäner ist ein böser Kerl und sein Hund ein Teufel, aber einen habe ich zu seinem Vater in die heiße Hölle geschickt und wenn er wieder suchen geht, – er schlug an den Schaft seines kurzen Gewehrs und ließ ein Gelächter hören, indem er einen Sprung in die Luft machte. – Rasch lief er dann zu dem Pferde, legte den Sattel fest, packte den Vorrath wieder auf, warf seine Büchse und Tasche um und hatte in wenigen Minuten Alles zur Reise bereit. Als er seine häßliche Mütze abgelegt hatte, und sein glänzend dunkles Haar zusammenschlug und festband, sah sein jugendliches Gesicht gar nicht übel aus. Ein Schimmer von Frohsinn und Uebermuth lag darin, er schien sich über das was er gethan, zu freuen und lebenslustig, unverzagt an seine mächtigen Feinde zu denken. Sonderbar! sprach Marstrand halblaut vor sich hin, als er das gelenkige, aufgeweckte Wesen betrachtete. Mancher hat gute Anlagen und Verstand, dennoch aber sind sie selbst einem solchen Scheusal wie dieser Quäner zu schlecht. Mortuno hatte es gehört. Das macht, Väterchen, sagte er, indem er an das Gebiß des Pferdes eine lange Lederschleife knüpfte, weil wir bis jetzt Alles ertrugen, was diese stolzen Männer uns anthun mochten. Es war kein Unrecht und keine Gewalt so groß, die nicht geduldige Nacken fanden. Wie können sie uns achten, wenn sie sehen, daß wir elende Weiber sind? Achten wir den Hund, den wir mit Füßen stoßen und der dafür auf dem Bauch kriecht und unsere Hände leckt? – Er warf den Kopf in die Höhe und seine Augen funkelten. – Männer achten Männer! rief er, und sind gerecht, wenn sie wissen, daß Unrecht vergolten wird. Steht es so mit eurer Erkenntniß, sagte Marstrand nachdenkend, so fürchte ich, die Reisen über die Fjelder werden bald unsicher werden. 367 Reise du so viel du willst, antwortete der Lappe, überall wirst du willkommen sein. Afraja beschützt dich. Und dieser hohe Schutz bewirkte wohl auch, mein lieber Mortuno, daß du mich nicht in das gefürchtete Loch schicktest, sondern einen weniger halsbrechenden Spaß mit mir triebst? Mortuno lachte ausgelassen. Du hast das rechte Auge, Herr, rief er, hätte der Schreiber oder Helgestad dort gestanden, ich würde sie hineingestoßen haben. Ich hasse sie Alle, denn sie verdienen es. Er zog jetzt das Pferd an der langen Leine aus dem Schutzorte und obwohl es noch immer stark schneite und stürmte, begann der Marsch in einer etwas andern Richtung, als Marstrand sie eingeschlagen hatte. Mortuno behauptete, daß es bald aufhören würde, und diese Prophezeihung traf ein. Eine halbe Stunde später wurde der Himmel heller, der Wind schlug südlich um und wehte milder, der Lappe führte den Reisenden sorgsam und vorsichtig, prüfte mit seinem langen Stocke, wo es unsicher schien und war unermüdlich zur Hülfe und zur Unterstützung des Pferdes bereit, während er neben her und vorauf lief, erzählte, fragte und lachte. Sein Begleiter ergötzte sich oft an seinen Bemerkungen, die zuweilen scharfsinnig und drollig waren, und wo es galt, Helgestad und die Kaufleute zu schildern, den Nagel auf den Kopf trafen. Ueber sein eigenes Leben und die Verhältnisse seines Stammes aber war er dagegen schweigsam und über Gula sagte er kein Wort. Als ihn Marstrand endlich nach ihr fragte, behauptete er, nichts von ihr zu wissen, und lief eine Zeit lang voraus, um allen ferneren Fragen zu entgehen. Als er dann zurückkehrte, hatte er sich auf eine Antwort besonnen. Die Birke senkt ihr Haupt, sagte er, es ist keine Zeit, an ein Mädchen zu denken. Wenn die Blätter wieder grün werden, streckt Ayra, die Liebesgöttin, ihre rothen Hände aus. Dann wird meine Gamme schön aussehen, junges Gras und Blumen sind dann darin ausgestreut und Gula wird an dem Heerdstein sitzen und mir die Schale mit frischer Milch reichen. Wolken heben sich von den Bergen und die Sonne glänzt daran. So glänzt Gula's Stirn, wenn ich kommen werde. 368 Er fing ein Liedchen zu pfeifen an, sang dazwischen, blickte mit sonderbarem Lachen zu Marstrand auf und schrie, das sei ein Hochzeitslied, das er selbst gemacht habe; dann deutete er plötzlich durch den Nebel, der flatternd über die Haide zog. Seht Ihr den Balsfjord! rief er, da liegt er; das ist Euer Land, Herr, da könnt Ihr sitzen und Fische fangen. Laßt uns hier oben unsere Thiere in Ruhe weiden. Marstrand sah hinunter in die Tiefe, welche sich vor ihm öffnete und wirklich, er erblickte den grünen Fjord. Nicht gar fern erkannte er auch sein Haus, das eben von einem Sonnenblitz beleuchtet wurde, der durch das Gewölk brach. Ich danke dir, guter Mortuno, sagte er, und in Allem hast du Recht. Wir müssen dort unten bleiben mit unsern Ansprüchen und Plagen, Euch gehört dies Felsenreich mit Allem was es hegt. Begleite mich und ruhe aus bei mir. Der Lappe schüttelte den Kopf. Danke, Herr! rief er, du hast es gesprochen; wir bleiben in unserm Lande. Fürchte dich nicht vor Olaf, fuhr Marstrand fort. Ich will ihn mit dir aussöhnen. Du kannst nicht machen, daß er mir die Hand reicht, wie du es thust, sagte Mortuno, und ich möchte sie nicht. – Wenn du absteigst und dein Pferd laufen läßt, kannst du hier hinunter klimmen, das Thier wird seinen Weg suchen. Lebe wohl, Mortuno wird dich nicht vergessen. – Mit diesen Worten sprang er in die Nebelschicht zurück und kehrte sich an keinen Nachruf. 16. Marstrand hatte in den nächsten Tagen vollauf zu thun, um sich in seiner einsamen und doch so geräuschvollen Thätigkeit wieder einzuleben. Er fand daß Olaf wacker und praktisch gearbeitet hatte. Das Packhaus stand fertig da, das Wohnhaus war aufgeräumt und der innere Ausbau vollendet, allerlei wirthschaftliche Gegenstände hatte der Freund angeschafft und was an Waaren und Vorräthen vorhanden 369 war gut geordnet. Mit dem übrigen Kram, wie es Olaf nannte, hatte er sich nicht eingelassen, weil jeder Narr seine Kappe selbst tragen oder zerreißen soll. Marstrand lachte dazu, allein als er nach den Arbeiten sah, fand er, daß seine Abwesenheit diese nicht eben gefördert hatte. Die Sägemühle war noch immer nicht fertig und seine Anordnungen waren schlecht befolgt worden. Seine Verbesserungsvorschläge stießen auf Widerspruch, die Handwerker glaubten fest, es gehe nur so, wie sie es herkömmlich gelernt hatten; aber eben das Herkömmliche wollte in dem besondern Falle nicht passen. Mit großer Mühe und noch größerer Geduld suchte der Gaardsherr seinen Willen durchzusetzen, und nur indem er selbst Hand anlegte und vom Morgen bis zum Abend thätig dabei war, gelang es ihm zuletzt, sein Werk in den rechten Gang zu bringen. Mit mechanischem Geschick hatte er Mittel erfunden, seine Mühle weit zweckmäßiger einzurichten, wie es hier Sitte war und zufällig hatte er einige Kenntnisse der Holzbehandlung aus den großen Schiffswerften und Holzlagern seines Vaterlandes mitgebracht. – Die nordischen Arbeiter hatten über den Dänen gespottet, der alle Weisheit in seiner Tasche haben wollte, jetzt sahen sie mit halbgläubiger Verwunderung, daß wirklich sich der Block der Säge entgegenschieben konnte, daß Alles sich mit einigen Drehbolzen und Zapfen weit leichter regieren lasse und mit einem gut gestellten Zahnrade mehr gehoben und gewendet werde, wie zwölf Männer vermöchten. Das war ein Erfolg, der Marstrand mit den freudigsten Hoffnungen erfüllte. Alle Proben fielen glücklich aus; er hatte den Kopf voller Entwürfe und wünschte Helgestad wäre gleich zur Stelle, um sein Werk anzusehen. Jetzt fehlte nichts Bedeutendes mehr, denn was noch fehlte, schien überwunden, es war leicht, die Spötter und Verächter zu demüthigen. – Wie er vor seiner Arbeit stand, sah er, was diese schon in den nächsten Jahren werden konnte, und als er durch die kleinen Thäler ging, welche ihm gehörten, dachte er stolz daran, was sich dort schaffen ließ, wenn er sie mit fleißigen Kolonisten besetzte. Damals gerade wanderten viele Finnländer von Osten her in das menschenleere Land und brachten ihre Liebe zum Ackerbau und ihre rastlose Thätigkeit mit. In Nordland war der Versuch gemacht worden, Kolonien in öden Gegenden zu gründen, welche bald sich 370 dankbar lohnend erwiesen und Olaf wollte solche Kolonisten herbeischaffen, die nach seiner Meinung hier die besten Plätzchen in ganz Finnmarken fänden. Mit solchen Hoffnungen kehrte der junge Ansiedler nachdem eine Woche vergangen war, von seinem Spaziergange zurück und höher schlug sein Herz als er vor seiner Thür schon in der Ferne eine kleine Caravane erkannte, die so eben dort anlangte. Er erblickte Helgestad, Paul Petersen, welcher Olaf die Hand schüttelte, und den ungeschlachten Egede, der bei den Pferden stand und seinen Hut zur Bewillkommnung mit einem weithallenden Hurrah schwenkte. Marstrand eilte, daß er zu seinen Gästen kam. Mit herzlichen Grüßen hieß er sie willkommen und in seiner Freude nahm er Keinen aus, selbst den Schreiber nicht, der sich hastig umwandte, um sein Gesicht ernsthaft zu erhalten. Schön ist es, Herr Helgestad, und ich dank' Euch herzlich dafür, daß Ihr es so bald wahr macht, und mich am Balsfjord aufsucht, rief Marstrand. Setzt Euch, ich will sehen, was ich im Hause habe. Mittag ist lange vorüber, aber was die Speisekammer hat, soll herausgeholt wurden. Nuh! rief Helgestad ihm nach, wird wenig genug sein. Ist Olaf dabei mager geworden. Denke ja, ist's nicht so? Mit seiner Witzelei verband er einen Schlag auf die Schulter des Nordländers, der in Wahrheit magerer und faltiger aussah wie in früherer Zeit am Lyngenfjord, und keine Lust zu haben schien in das Gelächter einzustimmen. Bewahr' uns! rief der Kaufmann, siehst so sauer aus, wie eine unreife Gurke in Ilda's Topf. Bring' dir Grüße von ihr wie von Allen, und laß dich nicht länger hier, wo's schmale Brocken gibt. Hat Ilda eine tiefe Sehnsucht nach ihrem Ole; wird nicht ruhen und rasten mit frischem Syld und süßen Hafersuppen, bis er wieder voll und dick in seinem Rock steht. Wenn sie das kann, sagte Olaf, so mag sie an Paul die Probe machen. Helgestad zog den Finger über seine Nase und sah mit listigen Blicken nach dem Schreiber hin, der freilich dünn genug war. – Nuh! schrie er dann, könnte der in allem Fett gebraten werden, das von den Lofoden kommt, würde dennoch Nichts an seinen Rippen und 371 Backen sitzen bleiben. Ist eine andere Sache mit dir, Ole. Bist aus dichterem Stoff gemacht; hast junges, festes Fleisch wie ein Hirsch und war dein Gesicht immer ein wohlgefälliges, das die Mädchen zum Seufzen brachte. Helgestad wußte, daß er die beiden Männer ärgerte und er ergötzte sich heimlich eben so sehr an Paul's verstellter Lustigkeit, wie an Olaf's finsterem Brummen. Er grinste und betrachtete sie, bis er dem Nordländer zunickend fortfuhr: Hast gehört, Ole, daß am Michaelstage Hochzeit in Oerenäesgaard sein wird? Habe es gehört, war die Antwort. Kann Ilda die Zeit kaum erwarten, sagte Helgestad. Glaube es nicht, sagte Olaf, indem er sich umdrehte und fortgehen wollte. Helgestad hielt ihn fest, ohne von seinem Sitze aufzustehen. – Nuh! rief er, wärst mir recht gewesen, wenn Ilda gesprochen hatte, mag keinen Andern wie Den, Vater. Hat aber nichts davon hören lassen. Denke nun, weißt was sich schickt, Ole. Ich weiß, was sich für mich schickt, erwiderte Olaf Veigand. Es schickt sich das Nachhausegehen und ehe Michaelstag kommt, werde ich in Bodöen Schnepfen schießen. Ist richtig! fiel der Kaufmann ein; sind die Schnepfen da die besten in der ganzen Welt, fett und groß wie Enten. Habe mit deinem Vater mehr wie eine verzehrt, Ole, war mein Freund, so lange er lebte, und deine Mutter verstand sie zu braten. Kommt, wenn Ihr wollt, murmelte der junge Mann, meine Thür wird offen sein. So meine für dich, antwortete Helgestad. Oerenäesgaard wird bleiben was es ist, wird jeden Freund willig aufnehmen. Ist Björnarne dein Genosse von jung auf, wirst ihn nicht verlassen wollen, Ole. Werde es nimmer thun, erwiderte der Nordländer, aber mit dem da – er deutete, indem er rasch den Arm hob und den Finger ausstreckte, auf den Schreiber – mit dem falschen Mann will ich Nichts zu thun haben. Paul, der schweigsam zugehört hatte, zuckte lächelnd die Schultern. Du bist ein alter Berserker, sagte er, der Nichts sieht und Nichts hört, von Jedem sich benutzen läßt, der es versteht, und für ihn wie 372 ein getreuer Knecht in's Feuer läufst, ohne zu achten, ob du dich verbrennst. Schweig! rief Olaf finster blickend. Du lügst! Ich denke, fuhr Paul fort, du wirst zu Verstand kommen, vielleicht ehe du es glaubst. Willst also nicht mit uns? fragte der Kaufmann. Nein! Nuh, so bleib'. Hast in Bodöen kein großes Gut, das dich ruft. Will dich einsetzen auf dem neuen Gaard, sollst ihn hüten und verwalten und sollst zufrieden mit mir sein. Olaf sah ihn groß an. Was soll's? fragte er rauh. Wirst es hören, antwortete Helgestad. Laßt mich vorher ein Wort mit ihm reden, fiel Paul ein. Ich will ihm die Augen öffnen, daß er sehen lernt. Marstrand trat wieder in die Stuga, und ihm folgte eine Magd, die herbeischaffte, was zu haben war. Die Reste einer Hammelskeule wurden auf den Tisch gesetzt, ein Stück schwarzes Brod daneben aufgepflanzt, und Marstrand entschuldigte sich, daß er nicht mehr zu bieten habe. Er verhieß einen guten Kaffee. Ist kurios! rief Helgestad lachend, habt Wild hier genug, Vögel mancher Art, auch Hasen und ander Gethier, dazu das Meer voll Fische, die bis an Eure Schwelle schwimmen, sieht aber doch elend in Eurer Küche aus. Seid ein Hans Ohnesorge wie ich sehe, will hoffen, habt das Sorgen auf andere Dinge gekehrt. Wahrhaftig! antwortete Johann, ich fragte in dieser Zeit nicht viel darnach, wie mein Tisch bestellt war und Olaf hat mich nicht daran erinnert. Wir haben Beide gearbeitet vom Morgen bis zum Abend, ohne an Jagen und Fischen zu denken, inzwischen wollen wir sorgen, morgen einen guten Tag zu haben. Wünsche es Euch! rief Helgestad, und indem er die Schüssel heranzog, nöthigte er Paul Petersen zu theilen und zuzulangen. In wenigen Minuten war das Fleisch verschwunden; die beiden Männer machten sich über das Brod. Habt keine Butter im Hause – nicht? fragte der Kaufmann. Marstrand mußte es zugeben. Und kein Stück Käse? fügte Paul hinzu. 373 Es war Nichts davon vorhanden. Ei! rief der Schreiber lachend, warum haben Sie Ihren guten Freund Mortuno nicht um einen Lappenkäse gebeten, oder seine Jagdtasche geplündert, als Sie mit ihm unter dem Felsen saßen? Hat Herr Marstrand dir Nichts mitgebracht, Olaf? Was soll er mitbringen? Nun, vielleicht einen neuen Hut statt deines zerschossenen. Mortuno ist ein höflicher Mann. Ich will es ihm lehren! sagte Olaf drohend. Schade darum, fuhr der Schreiber fort, daß er einen so großmüthigen Freund traf. Wingeborg kann es noch nicht vergessen. Nuh! rief Helgestad dazwischen, muß sagen, Herr Marstrand, hat Euer Benehmen uns Allen wenig behagt. Hättet Olafs wegen den Schelm nicht beschützen sollen. Mußtet ihn fangen und binden helfen, damit er zu seinem Lohn käme. Weißt du denn Nichts davon? fragte Paul den Nordländer. Dieser schüttelte den Kopf. Müßt einsehen, fuhr der Kaufmann fort, daß es hohe Zeit ist ein Beispiel zu geben, wird das Gesindel alle Tag frecher und unbändiger. Auch von anderen Orten kommt Klage über die Lappen. Haben am Maursund einen Mann bitter geschlagen, der ihnen verhaßt war, haben einem Fischer am Quänarnerfjord sein Haus angesteckt und sind Diebstähle begangen worden, wie sonst niemals. Lachen die Schufte auf uns herab, wenn sie auf ihren Felsen stehen, knallen mit ihren Gewehren uns um die Ohren und heulen uns Spottlieder nach. Ist alles das eine Suppe, die der Höllenkerl Afraja eingebrockt. Das alte, giftige Thier reizt die Dummköpfe auf und Mortuno ist sein bester Gehülfe. Könnte kommen, daß in einer Nacht Feuer auch in Oerenäesgaard geworfen würde und könnte kommen, Herr Marstrand, daß Lappenkugeln nicht mehr bloß durch die Hüte gingen. Ist ein tückisches, heidnisches Volk ohne Erbarmen; hassen jeden Christenmenschen und die zumeist, welche ihnen Gutes thun. Muß ein Beispiel ergehen, wenn sie wieder demüthig werden sollen. Mortuno hat Wingeborg's Hund erschossen, hat mit seiner verdammten Hand Olaf in Lebensgefahr gebracht, mußtet ihn fangen und ausliefern, statt ihm davon zu helfen. 374 Hast du ihm davon geholfen? fragte Olaf zornig. Ich that es, sagte Marstrand. Schüttle deinen Arm nicht gegen mich, höre mich an, du hättest es auch gethan. Er erzählte was sich zugetragen und rief endlich am Schluß lebhaft aus, als er merkte, daß alle seine Beweggründe keinen bedeutenden Eindruck auf die Zuhörer machten: Sollte ich einen Menschen vor meinen Augen von einem Elenden morden lassen? Oder sollte ich den, der sich meiner annahm, als ich verirrt und in Gefahr war, fangen und binden helfen, um ihn seinen Feinden zu überliefern? – Niemals will ich dazu meine Hand aufheben! – Ihr klagt, daß die Lappen aufsätzig werden, behandelt sie menschlich und sie werden sich fügen. Der Voigt in Tromsöe will ein Beispiel geben, es würde nur eine neue Unmenschlichkeit sein. Ich kann nichts ändern, leider kann ich es nicht, aber helfen will ich nimmermehr dabei. Wer wird auch gegen seine Freunde wüthen wollen! lachte der Schreiber. Ja, Herr Petersen, fuhr Marstrand mit vermehrter Wärme fort, höhnen Sie immerhin, so viel Sie mögen, ich kann es ertragen. Ich habe unter diesen tief verachteten und verfolgten Lappen bessere Männer kennen gelernt als – Als wir sind! fiel Paul ein, auf seine Brust schlagend. Marstrand machte eine wegwerfende, verachtende Bewegung. Verdammt, wer eines Lappen Freund sein kann! schrie Olaf mit einem fürchterlichen Faustschlag auf den Tisch. Helgestad stand auf und gebot Ruhe. – Junges Blut rollt immer zu rasch, weiß nie was es soll, sagte er. Laß es gut sein, ist Herrn Marstrand's Sache zu thun, was er für's Beste hält. Denken die Leute im Süden anders wie im Norden, und kommen Nord und Süd zusammen, gibt's eine Mischung, die selten aushält. Wollen gehen, Herr Marstrand, und anschauen, was Ihr geschaffen habt. Habt Euch um Haus und Wirthschaft wenig gekümmert, muß also draußen Euer Thun und Treiben um so größer gewesen sein. Marstrand folgte ihm und er nahm alle Selbstbeherrschung zusammen, um seine Unruhe und seine bösen Gedanken zu überwinden. – Ich muß klug und vorsichtig sein, flüsterte er sich zu, muß daran denken, daß dieser Mann mein Schicksal in der Hand hat und will 375 die Warnungen nicht vergessen, die ich empfangen habe. Gutes hat er schwerlich im Sinn, sonst hätte er den Schreiber nicht mitgebracht. Doch ich denke ihn zu versöhnen. Er muß mich loben, wenn er sieht, was ich an der Balself geschaffen habe, und was ich ihm anbieten werde, wird seiner Gewinngier wohl gefallen. So sah er denn lächelnd zu, als Helgestad in den großen Schoppen blickte, wo es noch ziemlich wüst aussah und als er brummend den Kopf schüttelte, weil der Kramladen nur ein hochaufgestapeltes Gewirr von allerhand Waaren zeigte. Habt meine ersten Lehren vergessen, Herr, sagte er, als sie weiter gingen. Ist das wahre Fundament jeder Wirthschaft in den Finnmarken die Handelsstelle. Wenn diese nicht in Ordnung und Thätigkeit ist, kann nimmermehr ein Gedeihen kommen. Habt Nichts gethan, was den praktischen Mann zeigt. Habt kein Rechenbuch, keine Fischerstellen, keine Trockengerüste, habt keinen Verkehr eingerichtet, sorgt für keinen Viehstand, keinen Anbau, keine Kolonisten, und ist doch Alles dazu gemacht, um in Abraham's Schooß zu sitzen. Es wird Alles kommen, nur Geduld, Herr Helgestad, antwortete der Gaardsherr. Was Ihr mir vorzählt, soll meine nächste Sorge sein. Schon habe ich Vorbereitungen dazu getroffen und, mein Wort darauf! Ihr sollt im nächsten Jahre auch damit zufrieden sein. Denkt aber, daß ich allein bin und nicht tausend Hände habe. Das Schwerste stellte ich voran und es ist mir gelungen. Seht, was ich gearbeitet habe. Betrachtet den mühevollen Weg im harten Stein geschaffen, seht hier diese Brücken und Schälungen, seht den Damm, den ich bauen ließ und nun betrachtet mein Sägewerk und welche Anstrengungen ich machte, um die Holzrutsche im nächsten Frühjahr schon zu Stande zu bringen. – Er führte Helgestad weiter und mit beredten Worten erklärte er ihm sein mühevolles Beginnen und was er für Vortheile davon erwarte. Die Blicke des alten Speculanten erhellten sich nach und nach, ein listiges Lächeln zeigte seine steigende Genugthuung an und mehr als ein langgedehntes Nuh! brummte aus der Tiefe seiner Kehle hervor. Die neuen Einrichtungen der Sägemühle erhielten seinen besonderen Beifall. Er ließ sich die Verbesserungen und Erfindungen erklären, sah mit Wohlgefallen den Proben des leichten Zerschneidens 376 der Blöcke zu und äußerte dann, daß es ein gutes Werk sei, besser, wie er es je gesehen habe. So hoffe ich, sagte Marstrand, daß Ihr Vertrauen zu mir nicht wanken wird und daß Ihre eigenen Hoffnungen sich daran erfüllen. Will's Gott! denke ja, antwortete Helgestad. Habe immer gesagt, seid ein Kopf, Herr, der etwas schaffen kann. Und ich werde schaffen, fiel Marstrand ein. Ich bin unerfahren in dem Kramladen, unerfahren in manchen andern Dingen, die zu einer Handelsstelle gehören, allein ich werde lernen und Ihnen eben so dankbar für alle gute Lehren und für allen gerechten Tadel sein, wie ich es für Ihre Hülfe bin. – Diese Hülfe, fuhr er fort, kann ich nicht entbehren. Ich bitte Sie um neue Unterstützung. Wollen Sie hören, was ich Ihnen dagegen biete? Nuh! erwiderte Helgestad, habe zwei Ohren, fangt an. Sie waren bis an den Rand des Waldspaltes gegangen, wo die Balself mit einem kühnen Sprunge aus dem Felsenbecken, welches ihre milchige Wasser sammelte, in den Fjord stürzte. Hier stand Helgestad still und überblickte das sonnige heitere Ufer des Meeresarmes, das mit Bäumen besetzt und von grünen Wiesenstreifen eingefaßt, sich bis an die rothen Porphyrfelsen ausdehnte, welche eine steile Wand hinter Marstrand's friedlichem Gaard bildeten. Die kleinen Thäler öffneten sich zur Seite und ließen ihre blitzenden Bäche und Wasserfälle glänzen, die Räder der Mühle vom Strome gepeitscht, sprühten Tropfen und Gischt auf, aus dem Walde klang das Geschrei der Arbeiter und Baumfäller, sammt den weithallenden Schlägen der Axt. Ueberall war Thätigkeit und Regsamkeit, und das ganze abendliche Bild so schön, daß selbst Helgestad es mit Vergnügen betrachtete. Seine Phantasie, die eben nicht für die Pracht und die Reize der Natur besonders empfänglich war, erging sich bei diesem Anblick auf ganz anderen Wegen. Er calculirte und seine Augen erhielten, während Marstrand zu ihm sprach, einen durchdringenden Glanz. Er nickte und grinste, als gefiele ihm Alles absonderlich und dann und wann sah er seitwärts hinab, wo Paul Petersen, Olaf am Arm, zwischen den Bäumen den felsigen Hügel heraufstieg und im eifrigen Gespräch sich näherte. Was ich Ihnen biete, Herr Helgestad, sagte Marstrand, besteht darin, daß ich, dankbar für ihre großmüthige Hülfe, mit Ihnen redlich 377 jeden Gewinn theilen will, der aus diesem Unternehmen fließt. Sie haben mich hierher gewiesen, haben den Schatz erkannt, welcher hier ruht, haben durch Ihren Einfluß ihn in meine Hände gebracht. Ohne Ihren kräftigen Beistand wäre es mir nicht möglich gewesen ihn auszubeuten, und da mir Ihre fernere Hülfe Noth thut, ist es um so billiger, daß ich auch die Hälfte des Vortheils Ihnen zuweise. Die Hälfte?! rief Helgestad der sich auf seinen Stock zurücklehnte. Ist meine Sache nicht, Herr Marstrand, um die Hälfte zu gehen. Bin auch nicht großmüthig. Halte nichts von einem Dinge, das wie ein Faß voll Löcher aussieht. So geben Sie ihm einen Namen, welchen Sie wollen, fuhr Johann lächelnd fort. Sagen Sie sich, daß Sie Ihren Plan darauf anlegten um reelle Vortheile zu erwarten, und daß sie daher wußten, es würde mit mir so kommen, wie es gekommen ist. Hab's auf ein Haar gewußt! fiel Helgestad ein. Nun also, erwiderte Marstrand, so wußten Sie auch, daß ich dankbar gern mit Ihnen theilen würde. Mag sein, antwortete Helgestad, aber ist ein altes Wort: wer Lust zu theilen hat, hat auch Lust zu betrügen. Will darum weder theilen noch betrogen sein, Herr Marstrand, will haben was mein ist und sag's darum mit einem Worte, bin hergekommen um nach meinem Rechte zu sehen. Was meinen Sie, Herr Helgestad? fragte der junge Gaardherr verwundert. Was nennen Sie Ihr Recht? Der Kaufmann grinste ihn an, nahm seinen Hut ab und strich das strehnige, fahlgelbe Haar zurück. – Nuh! sagte er, müssen uns richtig in's Gesicht schauen, ist die Zeit da, wo jeder Augen und Zähne gebrauchen soll. Habe Eure Wirthschaft kennen gelernt, Herr Marstrand, calculire, kann so nicht weiter gehen. Ist mit Erfahrung eine andere Sache, wie mit Willen und Lust zur Arbeit. Habt Eure Vorräthe verschleudert, habt mein Geld fortgeworfen, meinen Rath unter Eure Hausschwelle gelegt. Sind achttausend Species zu zahlen in Bergen, achttausend in Oerenäes, wollt jetzt wieder borgen, wird aber Alles denselben Weg wandern. Seh ich den Gaard an, wie er da ist und denke, er soll zum Verkauf kommen in Tromsöe, mit Allem was dazu gehört, mit Wald und Mühle und dem kostbaren Damm, wozu Ihr 378 mein Geld verbraucht habt, will ich den Mann sehen, mag er kommen woher will, der zwölftausend Species auf den Tisch legt. – Calculire also, darf es nicht zum Verkauf kommen lassen, wenn Ihr's nicht selbst dahin treibt. Ich – Herr Helgestad – ich?! rief Marstrand verwirrt, der ein paar rasche Blicke auf den Schreiber und Olaf warf, die so eben anlangten, und dann den alten Speculanten in einer Art anstarrte, als begreife er ihn nicht. Ihr, Herr, fuhr dieser kopfnickend fort; denn wenn Ihr meinen Vorschlag nicht annehmt, kommt's zum Verkauf und Meistgebot. Mögt dann zusehen was übrig bleibt und kommt auf mich an, welchen Gang ich mit Euch zu machen denke, wenn Euere Schulden nicht gedeckt werden. Kann Euch festnehmen lassen und zur Arbeit zwingen, kann mich halten an Alles was Ihr habt und an Euren Körper, denke aber, wollen's in Güte schlichten. Bin kein Mann voll Härte und Gewalt, will's Euch leicht und angenehm machen, so viel's in meiner Macht ist. Wenn ich recht verstehe, sagte Marstrand, der ganz blaß geworden war, so wollen Sie mir allen ferneren Beistand entziehen? Nuh! antwortete der Alte mit seinem grinsenden Lachen, müßte mein Schädel platt sein, wie ein Lappenkopf, wenn ich einen Pfennig geben wollte. Dann muß ich zusehen, wo ich einen andern Mann finde, der mehr Vertrauen zu mir hat. Macht es so, sagte Helgestad, aber schafft mein Geld – will's zurück haben. Auch das soll geschehen, fuhr Marstrand fort. Stellen Sie mir eine Frist, ich will mich bemühen sie einzuhalten. Frist? Habt Euch keine Frist festgemacht, steht nichts davon in Eurem Schuldschein vermerkt, Herr. Ist aber nach unserem Gesetz so gestellt, daß, wo es nicht anders bestimmt wurde, jede Schuld binnen heut und morgen gedeckt und zurückgezahlt sein soll. Wie? schrie Johann heftig auf, das kann Ihr Wille nicht sein! Das hieße mit berechneter Hinterlist mich um mein Eigenthum bringen und mich verderben wollen. 379 Bedenken Sie Ihre Worte, Herr Marstrand, sagte Petersen sich einmischend. Was Sie sagen sind schwere Beleidigungen gegen Niels, der, wenn er Ihre Bestrafung verlangt, Sie zu harter Buße bringen kann. Nuh! rief Helgestad, verlange nichts als mein Geld und kann dies mit vollem guten Recht thun. Steht hier der Landrichter von Tromsöe, fragt ihn, wenn Ihr mir nicht glaubt. Kündige Euch heut in Gegenwart dieser beiden Zeugen die Schuldsumme von sechzehntausend Silberspecies, wie es Fug und Brauch ist, und trage darauf an, wenn morgen die Schuld nicht gezahlt wird, das Gut in Beschlag zu nehmen und Euch zu entziehen. Von Gerichts und Gesetzes wegen, ist dieser Antrag ohne Zögern auszuführen, fügte Paul Petersen hinzu. Kraft meines Amtes als geschworener Schreiber, kann ich auf der Stelle einschreiten und binnen einer Woche den Verkauf bewirken, wenn nicht Bürgschaft geleistet wird, oder der Schuldner sich als gänzlich mittellos erweist, woran hier nicht gezweifelt werden kann. Marstrand hörte schweigend zu. Sein Gesicht war endlich glühend roth geworden, Verachtung und Zorn füllten sein Herz. Er suchte den Ausbruch seiner Gefühle zu verhindern und sich ruhig zu verhalten. Ihr Herren, sagte er, es wird mir schwer zu glauben, daß das Alles wahr ist, was ich höre; denn es kommt mir vor, als sei ich von Anfang an in ein Netz gefallen, das für mich gemacht wurde, und als hätte Jeder daran geholfen. Auf deine ehrliche Freundschaft, Olaf, fuhr er fort, würde ich bis an's Ende der Welt gebaut haben, aber auch du siehst mich mit Augen an, als freutest du dich über meine Noth. Bist du in Noth, antwortete der Nordländer, so hast du sie verdient. Womit verdient? Du bist ein Däne und bist falsch! Geh hin, woher du gekommen bist, du Narr. Lauf was du laufen kannst, oder zieh deinem Schätzchen nach in die Lappengamme. Bist du so gewissenlos mich jetzt noch zu verhöhnen? sagte der verlassene Mann. O! Ihr macht mein Wort schnell genug wahr, daß unter den Verfolgten und Ausgestoßenen bessere Menschen sind, als Ihr seid. Was wollen Sie noch von mir? fuhr er hastig fort, indem er sich zu Helgestad wandte. Sie wollen mein Gut, wollen mich 380 zum Bettler machen! Der Gedanke hat mir oft genug vorgeschwebt, aber ich habe ihn verworfen, weil er mir zu gemein und nichtswürdig schien. Sie haben Ihren Plan dazu an dem Tag gemacht, wo sie zuerst meinen Königsbrief sahen und haben die richtigen Helfer gefunden. Wohlan denn, nehmt den Raub hin, wenn Ihr könnt, Unrecht und Schande können niemals Segen bringen. Nuh! sagte Helgestad völlig unempfindlich gegen diese Vorwürfe, seid, wie immer, viel zu hitzig. Habe Euch Lehren gegeben, wie einem Sohn, habe Euch nicht verschwiegen, wie ein kluger Mann handeln und sich bewahren muß. Habe Euch auf des heiligen Apostel Paulus Regeln angewiesen und Euch mehr wie einmal gezeigt, wie Schaden über Euch kommen kann. Habt alle meine Warnungen nicht geachtet, habt also kein Recht mir Vorwürfe über Eure Nachlässigkeit und Euren Unverstand zu machen. Denke ja. Ist's nicht so? Bin ein Mann, der nichts zu fürchten hat, weder von einem Richter, noch von der Meinung aller guten Leute im Lande. Geht hin, und tragt ihnen Eure Sache vor. Werden Euch auslachen und von ihrer Thür jagen, sage es Euch vorher. Werden sich nur ärgern, daß der alte Niels Helgestad den Schlag gemacht hat und daß sie es nicht waren. Zeige Euch die Dinge wie sie sind und biete Euch noch jetzt die Hand zu Eurem Vortheil, fuhr er fort, als er Marstrand sprachlos und mit gesenktem Kopfe stehen sah. Will den Gaard und was dazu gehört von Euch kaufen. Zahle zwanzigtausend Species baar, rechne die sechszehntausend ab, übernehme dabei Alles wie es steht und liegt, und was an Schulden gezahlt werden muß, ist meine Sache. Könnt die viertausend bekommen zu jeder Stunde und damit anfangen was Ihr wollt. Könnt heimkehren nach Kopenhagen, ist ein hübsches Stück Geld, was Ihr mit zurückbringt, habt wenige Monate dafür gearbeitet. Zahle Euch zudem heraus was Ihr in Bergen verdient habt, an dem Fischhandel. Mögt in der Königsburg Euer lustiges Leben wieder anfangen; wird wie ein Traum sein, was Ihr erlebt habt und könnt es benutzen zu schönen Geschichten beim Glase mit Euren vergoldeten Genossen. Mögt schimpfen und lachen über den alten Gauner am Lyngenfjord, oder davon lernen und klüger werden. Niemals will ich nach Kopenhagen zurückkehren, murmelte Marstrand. 381 Nuh, sagte Helgestad, seid ein Mann, weiß es, der Willen und Gedanken hat. Steht hier Paul Petersen, der unseren Pakt in Richtigkeit bringen kann, ehe eine Stunde vergeht, und soll von Euch abhängen, ob wir in Frieden und Freundschaft weiter beisammen leben wollen. Habt das Werk im Balselfwalde begonnen, mögt es fortführen. Habt Verstand dazu und Erfindung. Wird manches tausend Species noch kosten, bin aber der Mann, der seinen Kasten aufschiebt, soll lange dauern, ehe Einer auf den Grund sieht. Kann's thun, Ihr könnt es nicht. War kein Werk für Eure Kräfte, müßt es einsehen. Denke ja, ist's nicht so? Ich sehe zu spät ein, antwortete Marstrand, wie Ihr Schritt für Schritt mich dahin geführt habt, es einzusehen. Helgestad lachte. Ist eine Geschichte, rief er, von der Ihr für Euer ganzes Leben lernen und klug werden könnt. Mögt es mir danken nach Jahren; sollt aber hier bleiben und das Gut verwalten, will nicht knausern an Gewinn und Lohn. Die Unverschämtheit, mit welcher Helgestad sich noch rühmte, ihm Gutes erzeigt zu haben und sein Anerbieten, als Verwalter bei ihm zu bleiben, trieben Marstrand das Blut in's Gehirn. In dem Augenblick jedoch, wo er auf's Aeußerste gereizt, heftige Schmähungen hervorstoßen wollte, fiel ihm ein, daß dies gänzlich unfruchtbar sein würde. Der alte Speculant stand vor ihm mit ausgestreckter Hand, aber mit einem Gesichte von Erz; nichts auf der Welt hätte einen Zug darin verändern können. Ich vermag es nicht, Ihnen auf der Stelle eine Antwort zu ertheilen, sagte Marstrand mühsam. Ueberrascht wie ich bin, bedarf ich der Ueberlegung. Nuh! antworte Helgestad, habt ein Recht dazu und habt Zeit bis morgen. Gut' Ding will Weile haben. Können Beide uns bedenken, will an meinen Vorschlag nicht gebunden sein. Wenn ich an Ihrer Stelle wäre, sagte der Schreiber, faßte ich mit beiden Händen zu. Wenn Sie an meiner Stelle wären, Herr Petersen, erwiderte der junge Mann stolz, würden Sie auch ganz Recht daran thun. Ich aber werde Herr in meinem Eigenthume bleiben – wenigstens bis morgen, und bis dahin bitte ich Sie meine Gäste zu sein, so gut ich's 382 geben kann. Zwischen heut und morgen liegt eine Nacht und oft schon war vom Becher bis zum Munde ein weiter Weg. Er kehrte sich nicht an das Gelächter des Schreibers und an Helgestad's Grunzen. Nuh! rief der Alte, müssen Geduld haben, macht's wie Ihr wollt, Herr. Eine Nacht hat Mancherlei schon gethan; glaubt aber nicht, daß ich morgen nicht Niels Helgestad wäre. Sitze, wie ich bin, morgen wie heut an Eurem Tisch. Gewiß, Herr, sagte Marstrand, das hoffe ich. Der Balselfgaard ist ein sicherer Ort, kein Schiff, wo man über Nacht rücklings über Bord fallen kann. Ein Blick voll Haß und eine Stirn voll lautloser Drohungen war Helgestad's Antwort. Er folgte mit seinen beiden Begleitern dem Gaardsherrn, der voranging und zuweilen hinter sich Paul's krähende Stimme und lautes Gelächter hörte. Im Hause befahl er einem Diener, ein Boot zu nehmen und Fische zu fangen, dann hielt er eine Berathung mit den Mägden in Küche und Speisekammer, es stellte sich jedoch heraus, daß wirklich fast Nichts von eßbaren Dingen vorhanden war und da der Abend schon hereindämmerte, war auch nichts mehr aufzutreiben, was diesen Gästen genügt hätte. Es blieb nichts übrig, als wiederholte Entschuldigungen, die mit Scherzen und Spöttereien erwidert wurden. Ein Fischgericht wurde endlich gebracht, aber es waren kleine Dorsche und Brutfische der gewöhnlichsten Art, die das Gelächter vermehrten. Helgestad gab den Uebrigen den Trost, daß es künftig anders in diesem gesegneten Gaard aussehen solle und nachdem er den Rest seiner mitgebrachten Vorräthe verzehrt, leidlich satt geworden war und seine Pfeife angezündet hatte, begann er eine lange Schilderung der Veränderungen und Verbesserungen, die er alsbald hier vorzunehmen gedachte. Vor allen Dingen sollte eine seiner Yachten in den Balsfjord steuern, vollgepackt mit Lebensmitteln und Vorräthen, damit der Hunger und die kahlen Wände ausgetrieben würden; dann wollte er den Quäner Wingeborg eine Zeit lang hier lassen, um Brütplätze für die Vögel anzulegen, Gaardleute sollten angenommen, ihnen Erdhütten erbaut und der Fischfang in Gang gebracht werden, und überall hatte er dafür die richtigen Plätze schon ausgesucht, hörte, was Olaf dazu meinte, berechnete die Kosten, 383 lud den langen Nordländer zum Jagen im Balselfthale ein, und sprach überhaupt ganz so von diesem Gute, als sei es schon sein unbestrittenes Eigenthum. Marstrand hörte mit finsterem Schweigen zu. Er erwiderte auch Nichts auf die höhnenden Bemerkungen, welche der Schreiber in seine Fragen und Antworten mischte, seine Gedanken waren mit ganz andern Dingen beschäftigt, seine Seele erfüllt von dem heftigen Verlangen, diesem alten Betrüger und seinem Verbündeten zu entgehen. In dem halbdunklen Zimmer, bei dem Scheine des einen dünnen, düster brennenden Lichtes schärften sich seine Augen, die er öfter ingrimmig auf Helgestad's Gesicht richtete. Der heuchelnde alte Sünder schien ihm das schlechteste und unwürdigste aller menschlichen Wesen. Um Geld war ihm Alles feil, seine gierige Habsucht scheute kein Mittel; Ehre und Gewissen kannte er nicht. Seine langen knochigen Finger, die sich auf dem Tisch ausstreckten und zusammenzogen, wie die Krallen einer wilden Katze, drückten Sohn und Tochter die Gurgel zu, wenn sie seinem Willen sich widersetzen wollten und sein erbarmungsloses Gesicht würde keinen Zug verändert haben, wenn Verzweiflung, Schaam und Schande Marstrand in einen jähen Tod gejagt, wenn dieser sein Gewehr ergriffen hätte, um sich vor seinen Augen eine Kugel durch den Kopf zu schießen. Der betrogene, junge Mann wußte das Alles und eben deßwegen kam es ihm nicht ein, auf irgend eine Sinnesänderung bei diesem Dränger zu rechnen. Helgestad hatte auch darin Recht, daß alle diese klugen, speculirenden Fischhändler ihn auslachen und verhöhnen würden, wenn er ihnen sein Leid klagen wollte. Er kannte nicht Einen, von dem er Besseres vermuthen durfte und eben deswegen setzte er sich nach und nach kühler zusammen, daß Helgestad eigentlich so handle, wie es Gebrauch hier sei, daß er ganz nach den Grundsätzen verfahre, die er oft genug laut ausgesprochen, und daß der größte Fehler sein eigner bleibe, weil er in verblendeter Ehrlichkeit selbst dann nicht daran glauben wollte, als er von allen Seiten Zeichen und Warnungen erhielt. Bei alledem jedoch wuchs jetzt sein Verlangen, das Mittel zu finden, sich nicht in die Tasche stecken zu lassen, die Helgestad lachend aufknöpfte. Ihm war zu Sinne, als könne er sich dem Teufel verschreiben, wenn dieser ihn loskaufen wollte und alle Fäden seiner 384 Gedanken liefen auf einen Punkt hinaus, den einzigen Mann zu schaffen, von dem er Hülfe hoffen konnte: Afraja! Die unheimliche Gestalt des alten Hexenmeisters schwebte vor seiner Seele und vor seinen Augen. Wenn er Helgestad anblickte, sah er den Kopf des Lappen über dem Tisch schweben; bei Paul Petersens Gelächter hockte der unförmige Greis im Winkel und richtete sich wackelnd auf, über Olaf s breite Schultern streckte er die kleine, verschrumpfte Faust aus. Marstrand konnte es kaum erwarten, bis seine Gäste die Kammer aufsuchten, wo er ihr dürftiges Lager dadurch bereitet hatte, daß er sein eigenes Bett ihnen zutheilte. Nuh! sagte Helgestad, ist ein altes Wort: Wie man sich bettet, so schläft man. Habt uns hart gebettet, Herr, soll aber unser Schlaf dessentwegen doch ein guter und gesunder sein. Wünscht Euch eine Nacht, wie der heilige Olaf sie hatte. Schlief ein, umringt von Feinden, als er aufwachte, waren sie alle überwunden. Ich habe den Glauben, erwiderte Marstrand, daß solche Prophezeihungen zuweilen wahr werden, wenn es Gottes Wille ist. Nuh! rief der Alte grinsend, seid fromm im Gemüth und habt einen Freund an Klaus, dem auch schon mancherlei Wunder passirten. Möchte Euch aber rathen, lieber nicht zu träumen, sondern Niels Helgestad's Hand fest zu halten. Fragt morgen an, was ich thue, antwortete der gequälte Mann, indem er sich zurückzog. Diese Nacht will ich Herr in meinem Hause sein. Ein Gelächter verfolgte ihn. – Laßt ihn doch noch eine Nacht von den Geldsäcken träumen, die der Balselfwald liefern soll, hörte er den Schreiber sagen. Morgen werfen wir ihn hinaus, dann mag er sein Haus suchen, wo er Lust hat. Marstrand warf sich in den Stuhl, wo Helgestad gesessen hatte und wartete eine Stunde lang, ohne sich zu rühren, aber diese Stunde dünkte ihm eine Ewigkeit. Er murmelte unzählige Male die Worte vor sich hin, welche Afraja ihm vorgesprochen: »Geh' zu dem Hügel, unter welchem der böse Voigt liegt, den Jubinal zermalmt hat; tritt auf den Stein, und sprich meinen Namen leise, leise, wie wenn Syda, der Gott des Windes, über die Spitzen des jungen Grases tanzt. Wo Afraja auch sein mag, er wird dich hören!« Damals hatte er 385 heimlich über diese Wichtigthuerei des alten Lappen gespottet, der ihm einbilden wollte, Zauberkünste zu verstehen, jetzt wünschte er mit der ganzen Innigkeit seiner beängstigten Seele, Afraja möge seinen Ruf vernehmen, ein Gott ihn herbeiführen, der den Bedrängten zuweilen in höchster Noth schirmt. Sein Glaube war jedoch trotz seiner stolzen zu Helgestad gesprochenen Worte schwach und von tausend Zweifeln untergraben. Wie konnte Afraja wissen, daß Helgestad am Balsfjord sei? Und wenn er wirklich erscheinen sollte, wie wollte dieser alte Mann so bedeutende Geldmittel sogleich herbeischaffen? – Vielleicht besaß er sie, vielleicht war es selbst sein Wille, sie aus Haß gegen Helgestad und aus Wohlwollen gegen den Mann, der ihm Gutes gethan, herzugeben; allein Afraja's Silber war sicher weit in der großen Wüste vergraben und ehe es aus Sumpf und Fels gewühlt werden konnte, war Alles abgethan. Wenn Voigt und Schreiber sich erst eingemischt hatten, wenn er morgen wirklich aus seinem Besitz vertrieben wurde, so war es überhaupt mit Afraja's Hülfe vorbei. Und welche Gefahr war damit verbunden? Niemand durfte wissen, daß ein freier Mann, ein Christ, ein Mann von reinem guten Blut bei einem Lappen geborgt habe. Marstrand selbst, wie groß seine Noth auch war, fühlte wohl, daß jetzt, wo der Haß gegen den unglücklichen Stamm sich überall mehr als jemals regte, er unmöglich offen die Hülfe des Zauberers eingestehen konnte, ohne wie ein Verpesteter behandelt zu werden. Alle diese Vorstellungen erfüllten ihn, als er endlich leise den Gaard verließ und an den Fjord hinabging, um den letzten Helfer aufzusuchen. Es war tiefe Nacht, schwere Wolken hingen bleifarbig über dem Wasserspalt, der unbeweglich und finster in seinem Felsenbette lag. Kein Fisch sprang auf, kein Stern war zu sehen, kein Ton zu hören und es erforderte keine geringe Vorsicht, um an dem weglosen Rande des Fjords zwischen Steinen und Geröll ohne Leuchte fortzukommen. Marstrand's Augen waren jedoch vortrefflich und an Dunkelheit eben so gut gewöhnt, wie sein biegsamer Körper an Anstrengungen. Nach einer Stunde stand er an der Bucht, in deren Tiefe sich der trümmervolle Grund öffnete, in welchem Paul Petersen's Großvater sein Ende gefunden hatte, und nachdem er den Felsenwall überstiegen, der den Eingang des kleinen Thales verschloß, befand er sich an dem Hügel von gewaltigen Steinen, die das Grabmal 386 des grimmigen Voigts bildeten. Die hohen Tannen, welche darauf gewachsen waren, hingen mit ihren schwarzen Aesten und Nadeln bis zur Erde nieder und wölbten mit Gestrüpp und Ranken ein wildes ödes Dach über dieser Todtenkammer. Ihr knorriges Gewirr machte die Dunkelheit undurchdringlich und als Marstrand mit klopfendem Herzen in diesen unheimlichen Kreis trat, empfing ihn ein hohles Rauschen und Seufzen, das durch die Wipfel zog und klappernde, trockene Ranken ihm entgegentrieb. Mit beherzten Schritten wand er sich durch diese abmahnenden Hindernisse und wie oft er auch von dem langen feuchten Moose abglitt, das die Steine überwucherte, wie beschwerlich es war, selbst am Tage hier von Block zu Block zu steigen, erreichte er doch endlich die Spitze dieser Schuttmasse, auf deren Höhe ein mächtiges Felsenstück verwitterte. Hier athmete er allein mitten in der wildesten Einsamkeit, abgetrennt von allem Leben, unter sich die zerschmetterten Ueberreste eines Todten, der bis zum jüngsten Tage dort liegen sollte, während sein irrender Geist die Fischer schreckte. Eine tiefe Muthlosigkeit kam über den jungen Abenteurer. Nicht die Todten sind es, die ich fürchte, murmelte er vor sich hin, die Lebendigen treiben mich bis zur Narrheit. Wer soll in dieser Nacht mich hier erwarten? Aber auch ein Weiser, der über einem Abgrund schwebt, greift nach dem Amulet und betet einen Hexenspruch. Was ist Klugheit und Verstand der Verständigen, wenn sie keine Hülfe schaffen! Weder Gottes Engel noch des Teufels Geselle werden mir erscheinen. – Laß sehen, du alter Zauberer, was du kannst. Afraja, ich rufe dich! sagte er mit leisem verächtlichen Tone, und er wiederholte den Namen noch zweimal. Da bin ich! antwortete eine Stimme an der andern Seite des Felsenstücks, und ein Geräusch begleitete diese Worte. Geröll und Steinbröckel kollerten an der Hügelwand nieder. Es war als stiege eine Gestalt vom Boden auf aus einer Fuge dieser festen Granitblöcke, die sich ihr geöffnet hatten. So beherzt Marstrand war, so wenig konnte er doch dem überwältigenden, unheimlichen Eindruck dieser Erscheinung widerstehen. Ein Grausen kam ihn an, das sein Haar aufsträubte, seine Zunge lähmte und seine Augen weit und stier öffnete. Er dachte an den Geist des 387 Voigtes. Es war ihm, als liefen Blitzstreifen an den Bäumen nieder, als regte es sich hinter ihm und aus der Tiefe kam ein seltsames Schnauben. Du hast mich gerufen, begann die Stimme wieder. Fürchtest du dich? Nein, antwortete Marstrand. Bist du Afraja? Ich bin es, sagte der Lappe. Setze dich her zu mir, gib mir deine Hand. Kalte, schmale Finger klammerten sich um Marstrand's Rechte. Er hörte das heisere Lachen, das er kannte, dicht an seinem Ohr, und durch das tiefe Dunkel glaubte er die kleinen blitzenden Augen des Zauberers funkeln zu sehen. Erzähle mir, was dich zu mir treibt, sprach Afraja. Ich war weit, als ich dich rufen hörte. Ich kam, weil Jubinal es will. Wenn du solche Macht hast, Afraja, erwiderte der junge Mann, so wirst du auch wissen, warum ich hier bin. Du sagst es, Jüngling, war Afraja's Antwort, die er nach einem langen Schweigen gab. Ich sehe in dieser Finsterniß in dein Herz; ich weiß deine Gedanken, mir ist nichts verborgen. In deiner Gamme schläft ein Wolf, der seine Zähne in dein Fleisch grub und dich hinausgestoßen hat in diese Nacht. Morgen wenn der Tag graut, will er dich zerreißen. Ich komme, damit es ihm nicht gelingen soll, erwiderte Marstrand. Ich suche Hülfe bei dir, Afraja. Wenn es wahr ist, daß du mich schützen willst, so beweise es jetzt. Schaff' mir Geld, daß ich Helgestad befriedigen kann. Bei meiner Ehre! Bei Allem, was mir heilig! Ich will dir redlich wiedergeben, was dein ist. Afraja ließ abermals einige Zeit vergehen, ehe er antwortete. Wie viel bedarfst du? fragte er dann. Eine große Summe! rief der Junker, aber ich weiß, daß du sie geben kannst, wenn du willst. Sechzehntausend Species hat Helgestad von mir zu fordern, doch kann ich ihm eine Gegenrechnung machen wegen meiner Fische, die er in Bergen verkauft hat. Sechzehntausend! murmelte der alte Mann. Es ist viel Geld. Sechzehntausend! Wenn ich sie dir gebe, was willst du geloben? 388 Du verlangst hohe Zinsen, wie ich denke. Acht vom Hundert ist der übliche Preis; doch fordre was du willst. So wahr mir Gott helfe, ich will es schaffen! Ich mag keine Zinsen, Väterchen! rief Afraja heiser lachend. Ich bin kein Händler vom Lyngenfjord, kein Wucherer und kein Voigt. Wenn du keinen Zins willst, fragte Marstrand, was willst du denn? Eine Verschreibung des Gaards? Deine Verschreibung hülfe mir Nichts und deinen Gaard mag ich nicht. Niemand darf wissen von meinem Silber und deinem Wort, aber verpfänden sollst du es mir. Willst du? Was soll mein Wort dir verbürgen? Wenig, Jüngling, wenig! Gelobe mir, daß du kommen willst, wenn ich dich rufe. Wohin? fragte Marstrand. Du wirst es erfahren. Und dann – was forderst du mehr? Nichts weiter, sagte Afraja, indem er sich eine Minute lang zu bedenken schien. Reiche mir deine Hand. Schwöre mir, daß du kommen willst, wenn ich nach dir sende. Ich schwöre es dir! In Jubinal's Namen! murmelte der Lappe. Rufe ihn an. Der christliche Junker zögerte den heidnischen Gott anzurufen, doch er überwand seine Bedenken. – Gut, sagte er, wenn du glaubst dadurch besser gesichert zu sein – in Jubinal's Namen denn! Er wird dir helfen, Jüngling. Er ist mächtig, du wirst es erfahren. Nun aber sprich! rief Marstrand dringend, wie soll ich zu dem Gelde kommen? Du weißt, daß ich es zahlen muß, so wie es Tag wird. Hast du es hier? Nein, war die Antwort. Nicht? Wo denn? Rede, Afraja, wo ist es? Der Lappe blieb unbeweglich sitzen. Die Sterne, welche aus den Wolken traten, ließen die Umrisse seiner zusammengekrümmten Gestalt erkennen und Marstrand streckte seine Hand nach ihm aus und sagte beängstigt: Du kannst mich nicht täuschen wollen, so komm' denn und zeige mir den Ort, wo ich es finde. 389 Höre mich an, Jüngling, murmelte der Zauberer, höre und vertraue. Kehre zurück in dein Haus, sieh weder rechts noch links, schlafe ruhig bis zum Morgen, Jubinal wird dir beistehen. Wenn Helgestad sein Geld begehrt, gehe mit ihm an deinen Schreibtisch, doch nicht eher öffne diesen, nicht eher – merke wohl darauf – bis der unersättliche Mann bei dir steht. Sprich dann zu ihm: Du sollst haben, was du begehrst! Greife hinein in Jubinal's Namen und du wirst finden, was du brauchst. Jetzt gehe und denke an dein Wort. Wie? rief Johann bestürzt und zornig, das soll ich glauben? Das ist deine Hülfe?! – Treibe kein Spiel mit mir, alter Mann, keine Gaukelei mit Zauberkünsten! Wo ist das Geld? Du hast es vergraben in diesem Hügel, oder wo es auch sein mag – du sollst nicht fort, bis du Wahrheit bekennst! Er griff von Neuem nach dem Platz, wo Afraja saß, aber er faßte auf den harten Stein. – Wo bist du? schrie er in Verzweiflung auf. Antworte, Betrüger! Lügner! Du verhöhnst mich! – O! daß ich Narr genug war, dir zu glauben. Vertraue! flüsterte eine hohle Stimme, die hinter ihm aus der Tiefe des Grabes zu kommen schien. Ein Windstoß fuhr zugleich durch das Dunkel der Tannen, ein lichter Schein, wie ein Blitzzucken, fuhr über den öden Hügel und oben auf der Spitze der Trümmer glaubte Marstrand eine Gestalt zu erkennen, hoch, lang und gewaltig, in einen großen Mantel gehüllt, den Kopf mit einem dänischen Hute bedeckt. Entsetzen kam über ihn, mehr als ein Mensch ertragen kann. Die Nacht, die Einsamkeit, die Hölle mit ihren Kobolden und Dämonen faßte ihn im Haar und Hirn. Er sprang durch Trümmer und Geröll hinab; schallendes Gelächter folgte ihm nach. 17. Das war eine peinvolle, traurige Nacht für den verlassenen Mann. Als der Morgen dämmerte, saß er schlaf- und ruhelos in dem Stuhl am Tische und starrte auf das Schreibpult im Winkel. Unbemerkt 390 war er zurückgekehrt, aber zehnmal in jeder Stunde war er aufgesprungen, hatte den Schlüssel gefaßt, seine Hand an den Schreibtisch gelegt und diesen doch nicht geöffnet. Er glaubte nicht an Afraja's Zauberkünste, dennoch wagte er nicht sie zu verachten. Der Aberglaube regte sich in ihm, von dem selbst unerschrockene Menschen und Helden in Gefahren befallen werden. Alles Heil und Unheil hing davon ab, ob der Schreibtisch wirklich das Geld enthielt und um diese Frage kämpften alle seine Zweifel und Vorstellungen. Bald schien es ihm Trug und Thorheit zu sein, irgend eine Hoffnung zu hegen, bald wieder tauchte dennoch eine Möglichkeit auf und er überlegte, warum Afraja ihn so schamvoll verderben sollte. Was hält mich denn ab, murmelte er vor sich hin, den Kasten zu öffnen und mich zu überzeugen, daß ich betrogen bin? Warum soll ich das Hohngelächter des elenden Schreibers abwarten? Liegt das schwere harte Silber wirklich dort, so wird es nicht verschwinden, ist der Raum so leer, wie ich glaube, so wird bis morgen früh gewiß Nichts hineinkommen. Aber wie die Verständigkeit sich auch ihr Recht zu schaffen suchte, geheime Furcht und geheime Hoffnung waren doch stärker. Der alte Zauberer hatte mit großer Menschenkenntniß seine Bedingungen und Gebote gestellt und endlich kam der Morgen, ohne daß Marstrand gewagt hätte sie zu übertreten. Ermattet von so vieler Sorge und Noth war er eingeschlafen, als Helgestad die Kammerthür öffnete und hereintrat. Durch das Fenster fiel der Abglanz des rothen Frühgewölks auf das Gesicht des jungen Mannes und machte es friedlich und schön. Sein langes, lichtbraunes Haar sank auf die harte, hohe Lehne, er athmete ruhig und in seinen Zügen war ein zufriedenes Lächeln. Er träumt, sagte Niels, und ich möchte ihn nicht aufwecken. Sieht anders aus wie damals, wo ich ihn zuerst sah. War Alles rund an ihm, weich und voll. Ist mager und spitz geworden in kurzer Zeit, und hat doch Alles Nichts geholfen. Er beugte sich über ihn und fuhr zurück, als die Stirn des Schlafenden sich zusammenzog und seine Mienen einen düsteren Ausdruck annahmen. – Merkt, daß ich bei ihm stehe, flüsterte er mit 391 seinem harten Grinsen und wird bald noch schlimmer werden, muß aber sein, kann nicht ablassen. Ist ein Werk, lang vorbereitet und durchgeführt. Ist nicht meine Sache, einen Fisch zu fangen und in's Meer zu werfen. – Er wandte sich zur Thür um, an welcher Paul eben erschien und deutete mit dem Finger auf Marstrand. Weckt ihn auf, sagte der Schreiber, es ist Zeit. Hat sicher eine schwere Nacht gehabt, flüsterte Helgestad. Dafür erwartet uns ein schwerer Tag, rief Paul Petersen laut. Da kommt das Boot mit den Gerichtsdienern aus Tromsöe; ich sehe Lovmann Gullik am Steuer. Wir haben keine Zeit zu verlieren, wenn wir bis Mittag fertig sein wollen. Will's noch einmal in Güte versuchen, sagte Helgestad, indem er Marstrand's Arm anfaßte. Dieser schlug die Augen auf und sah verwirrt umher. Kommt aus einer andern Welt, Herr, sprach Niels, sind aber noch hier im Balselfgaard. Schaut auf, ist nicht anders. Ist der Morgen da, wo die Lebendigen sorgen müssen, bis sie todt sind. Habt nun Zeit zum Ueberlegen gehabt, fuhr er fort, als er keine Antwort erhielt. Denken Viele, Zeit kann helfen, aber Zeit kommt und geht, ändert Nichts, wenn wir selbst Nichts thun. Seid ein Mann, Herr Marstrand, der vernünftig denken kann und eine Sache begreift. Liegt klar hier vor Euch, was geschehen muß. Weiber heulen und ringen die Hände, Männer klagen nicht, meiden nutzlose Worte, wo Worte Nichts ändern können. Biete Euch heute noch, was ich gestern bot. Sollt bleiben, wenn Ihr wollt und mir beistehen, sollt es nicht bereuen; wenn's Eurem Herzen aber zuwider ist, so geht, sollt es nicht mit leerer Hand thun. Da ist das Boot mit den Gerichtsdienern; fahrt nach Tromsöe, will Euch selbst Gelegenheit verschaffen, bald weiter fort nach Trondhjem oder Bergen zu kommen. Habt ein gutes Geschäft gemacht, habt Erfahrungen gesammelt und denke scheiden als Freunde. Denke ja. Ist's nicht so? Er streckte seine Hand aus, doch Marstrand schlug nicht ein. Er blickte finster vor sich hin und seine Lippen preßten sich verächtlich zusammen. Wollt Ihr oder wollt Ihr nicht? fragte Helgestad. 392 Der Junker hat keine Lust, rief Petersen. Da ist Lovmann Gullik mit den beiden Amtsboten. Ich denke, Niels, die Zeit zum Unterhandeln ist vorbei; laß dem Gesetz seinen Lauf. Der Gerichtsvoigt trat herein; ein kleiner, breitschultriger Mann im langen Amtsrock, den Hut mit der Tresse auf dem Kopfe, das Wappenschild auf der Brust. Hinter ihm standen seine beiden Begleiter. Seht hin, Herr Marstrand, sagte Niels. Sind die Männer da von Gerichtswegen, um ihre Pflicht zu thun. Legen Beschlag auf Alles, was Ihr habt und können Euch selbst in Haft nehmen, wenn Euer Gut nicht reicht. Biete Euch zum letztenmale die Hand zum Vergleich. Greift zu, habt keinen Ausweg. Meint Ihr? antwortete Marstrand aufstehend. Ich will nicht mit Ihnen rechten, Herr Helgestad, weder klagen noch Vorwürfe erheben, denn ich weiß, daß ich eher damit den Balselfwald fortbewegen könnte. Ich habe keinen anderen Ausweg sagen Sie? Wir wollen sehen. Haben Sie meinen Schuldschein und den Bürgschaftsschein von Bergen bei der Hand? Legen Sie beide vor. Helgestad sah ihn an, wie Einer von dem man glaubt, er habe plötzlich den Verstand verloren. Nuh! sprach er dann, wollt meine Beglaubigung sehen, ist beides hier. Tritt her, Lovmann Gullik. Ist hier der Schein über sechstausend Species baar empfangen. Hier der andere über zweitausend für Waaren und Geräthe. Steht der Name darunter, werdet ihn nicht abläugnen. Gewiß nicht, erwiderte der Junker. Ich erkenne die Schuld, an, ebenso die Bürgschaft in Bergen für mich geleistet, da ich aber mit Fandrem in Gegenrechnung stehe, die gute Hälfte der Schuldsumme durch meine Fische abgetragen ist, so kann ich unmöglich an Niels Helgestad die volle Summe zahlen. Eine Bürgschaft muß gedeckt werden, wenn es gefordert wird, fiel Petersen ein. Mit Nichten, Herr, sagte der Lovmann. Die Bürgschaft muß nur dann gedeckt werden, wenn der Bürge kein Mittel sieht, zu seinem Schaden zu kommen. Kann Herr Marstrand nicht zahlen und wird sein Hof mit Beschlag belegt, so fällt die Bürgschaft zu der gesammten Schuld, sitzt er aber auf seinem Gute, so muß sich erst zeigen, ob er dem 393 eigentlichen Schuldner nicht gerecht zu werden vermag und was dieser in Anspruch nimmt. Nuh! rief Helgestad lachend, ist ein Streit um des Kaisers Bart. Will abstehen von Deckung der Bürgschaft, Hofherr in Balselfgaard, habe nur Gutes mit Euch im Sinn gehabt und sollt nicht sagen, daß ich ein harter Mann bin. Biete Euch hier vor dem Gericht nochmals zwanzigtausend Species. Decke Eure Schuld in Bergen und nehme dafür den Fischantheil. Macht Alles in Allem zwölftausend Species, zahle Euch somit achttausend baar heraus. Greift zu, sagte Gullik, der es freundlich meinte, es ist das Beste. Wort ist Wort. Wort ist Wort! Habt es Alle gehört, rief Helgestad. Nimm deine Feder, Paul Petersen, schreib es nieder. Halt' noch einen Augenblick! fiel Marstrand ein. Und wenn ich Ihnen die Summe zahle, die ich schuldig bin. Was haben Sie weiter zu fordern? Nuh, grinste Helgestad, nehme lieber Geld, wie ich es gebe. Habe nichts dagegen, wenn Ihr zahlen könnt. So sollt Ihr haben, was Ihr begehrt! sagte Marstrand, und mit dem Schlüssel in der Hand ging er auf das Pult los. Sein Herz schlug heftig und seine Glieder zitterten. Hilf mir, Allvater Jubinal! murmelte er in sich hinein und plötzlich verwandelte sich seine Angst in Freude. Wie ein Träumender, der einen ungeheuren Schatz findet, starrte er in den tiefen Kasten auf eine Reihe ziemlich großer Säcke, die dort dicht neben einander standen. Sie waren von Rennthierleder gefertigt, schienen ganz neu zu sein und waren oben mit einer Sehne zugebunden. Auf jedem Sack stand die Zahl tausend deutlich geschrieben. Ob es Wahrheit, Wirklichkeit war, ob Trug und Blendwerk, wußte er im ersten Augenblick kaum. Alle Zweifel und alle Hoffnungen, Glück und Furcht rangen in ihm. Er packte den nächsten Sack und krampfte seine Hand daran fest, als könnte er verschwinden; dann zog er ihn heraus und warf ihn auf den Tisch, daß das Silber klang. Wie er den Ton hörte, bebten seine Nerven und als er Helgestad und den Schreiber ansah, füllte sich sein Herz mit 394 unbeschreiblicher Wonne, denn diese beiden schlauen Männer standen sprachlos mit stieren Augen vor ihm und staunten das Wunder an. Nehmen Sie Ihr Geld, Herr Helgestad, sagte Marstrand, so gefaßt er es vermochte, hier ist es. Acht Beutel, jeden zu tausend Species, wohlgezählt. Lovmann Gullik, sein Sie Zeuge dafür, daß ich diese Schuldscheine einlöse und frei von jeder Verpflichtung bin. Ein Messer her! murmelte Niels, an der Schnur zerrend. Marstrand schnitt den Knoten durch, der Beutel that sich auf, die hellen Silberthaler lagen da, so blank geputzt, als kämen sie aus der Münze. Helgestad griff mit der Hand hinein und ließ sie wieder fallen. Ist richtig, sagte er, ist Silber, muß es glauben. In Beutel von seinem Rennthierfell, fügte Petersen, die Säcke betrachtend, hinzu. Die beste Lappenarbeit, die man sehen kann. Prinzessin Gula kann nicht zierlicher nähen. Habt's woher Ihr's habt, sagte der Kaufmann, ist meine Sache nicht, danach zu fragen. Zählt, auf und nehmt die Scheine hin. Die Arbeit wurde gethan und Alles richtig befunden. Helgestad strich tausend nach tausend ein, Niemand sagte ein Wort mehr. Es war, als mache sich Jeder seine Gedanken und diese Gedanken kamen sich in der Gewißheit entgegen, die Petersen boshaft angedeutet hatte. Die mürrischen, kalten Gesichter der Umstehenden richteten sich dann und wann mit verdoppeltem Mißtrauen auf den jungen Gaardherrn, und als dieser mit Zählen fertig war, die Schuldscheine in Stücke riß und sich dem gutherzigen Gerichtsvoigt näherte, nahm dieser seine dargebotene Hand nicht an, that vielmehr, als sähe er sie nicht. Ich will Ihnen meinen Dank für Ihren Beistand ausdrücken, sagte Marstrand, und zu aller Zeit Ihr Zeugniß anrufen, daß ich die Schuld getilgt habe. Es ist meine Pflicht, Herr Marstrand, antwortete der Beamte, nach dem Recht zu sehen. Die Sache ist abgethan; Niels Helgestad hat erklärt, keine Forderung weiter an Sie zu haben, so kann ich nach Tromsöe zurückkehren. Doch nicht eher, bis Sie an meinem Tisch saßen, fiel Marstrand ein. Mein Haushalt ist freilich dürftig bestellt, künftig werde ich besser dafür sorgen müssen. 395 Die Männer waren hungrig und müde, die Aussicht auf ein Frühstück war daher nicht zu verachten. Der Lovmann schwieg und Marstrand ging hinaus, um zu sehen, was sich auftreiben ließ. War gestern schon Nichts im Hause gewesen; so durfte er heute noch viel weniger etwas Eßbares erwarten und doch wäre es Schande gewesen, hätte er keine Einladung zum Bleiben gemacht. Er besaß jetzt viel Geld in seinem Kasten. Er hatte sechszehn Säcke gezählt, aber mit Freuden würde er einen davon für eine gefüllte Vorrathskammer gegeben haben. Sorgenvoll schob er den Riegel zurück, um die leeren Bretter zu betrachten; aber wenn er Afraja je ohne Rückhalt dankbar war, so mußte er es jetzt sein. Da lag eine große fette Rennthierkeule, sorgfältig gebraten und in kühles Geblätter gepackt; da lagen mehrere der kleinen wohlschmeckenden Hasen, die im Winter weißen Pelz bekommen, da lagen Birkhühner, ein ganzer Bund und drei große Brode auf der anderen Seite. Der Zauberer hatte seine wohlthätige Fürsorge bis hieher erstreckt, und eilig rief Marstrand die Mägde herbei, überlieferte ihnen die Keule und die Hasen, um sie rasch in den Ofen zu schieben und zu wärmen, Kaffee zu bereiten, Milch herbeizuschaffen und den Tisch zu decken. Und während er alle diese Vorbereitungen traf, Geräthe suchte und geflissentlich so lange wie möglich sich von seinen Gästen entfernt hielt, deren Gesellschaft er nicht zu suchen hatte, ordneten diese ihre geheimen Untersuchungen über den seltsamen Vorgang und suchten ihn zu erklären. Die beiden Begleiter des Lovmanns pflegten sich vor dem Hause im Sonnenschein, die anderen Drei aber blieben um den Tisch in der Stuga sitzen und hatten Mancherlei zu sprechen. Die Kosten der Gerichtsexpedition von Tromsöe waren nicht unbedeutend; Helgestad hatte sie zu bezahlen. Mag darum sein, sagte er, weigere mich nicht, hätte es aber nimmermehr geglaubt. Ihr seid zu schnell gewesen, antwortete Gullik mit einem leisen Lächeln. Der Kaufmann warf ihm einen mürrischen Seitenblick zu. Vorschnell ist nie mein Fehler gewesen, murmelte er. Habe mein Recht 396 im Auge gehabt alle Zeit, sah hier kein Heil bei dem Treiben, wollte behalten, was mein ist, weiter nichts. Und habt es behalten, sagte der Lovmann. Aber aus welcher Quelle ist der Segen geflossen? fragte Paul Petersen. Gestern war nichts hier, keine hundert Thaler im ganzen Hause, ich weiß es gewiß, und jetzt stehen in dem Kasten dort eine hübsche Zahl gefüllter Säcke. Wo hat er sie her? Wer ist der Narr, der sie ihm borgte? Wer mischt sich in Niels Helgestad's Angelegenheiten? Ein Normann, ein Nachbar that es nicht. Ein Mann mit praktischem Sinn würde sich hüten, einem dänischen Abenteurer so viel Geld in die Hand zu stecken, um es bei seinen unsinnigen Entwürfen zu vergeuden. In der Nähe ist auch Niemand, dem man es zutrauen könnte. Ich weiß nur Einen, der es kann und der es aus Hohn und Feindschaft thäte; der Böses ausheckt, wo es zu haben ist, der aber wahrlich nichts umsonst gibt, es sei denn, daß er gute Dienste davon erwartet. Gullik nickte dazu, fragte aber doch vor sich hin, wen er damit meine? Ei! sagte der Schreiber, Ihr wißt es so gut wie ich. Wer kann es anders sein, als Afraja. Dieser dänische Junker und der Priester Hornemann sind lange schon in heimlichem Bündniß mit dem alten Hexenmeister, der verbrannt werden müßte, zum abschreckenden Beispiel. Es ist allerlei Schmach und Verrath dabei, glaubt es sicher. Der Priester macht seit Jahren Berichte an die Regierung zu Gunsten der Lappen. Jeden kleinen Vorfall schlägt er an die große Glocke; Scheltbriefe und Drohbriefe gegen Voigte, Sorenskriver und Lovmänner kommen von Kopenhagen und Trondhjem, erst vor wenigen Tagen ist wieder ein Schreiben vom General Münte angelangt voll allerlei wüstem Lärm über Härte, Unrecht und Gewalt und mit Vermerk, daß der alte Haudegen selbst kommen oder einen Kommissarius schicken werde, der Ordnung stiften solle. Der Lovmann sah gleichgültig dabei aus. Der Herr mag reden, was er will, sagte er, aber der Priester ist ein Lärmmacher, und wenn es wahr wäre, daß dieser Däne heimlich Bündniß mit den Lappen hätte, uns zu verhetzen, müßte man ihn fortschaffen. 397 Nuh! sprach Helgestad, hat uns Zeichen genug gegeben, wie er denkt. Wird ein Däne nimmer ein Normann; phantasirt ärger noch wie der Priester über Rechte und Gebote. Ich kann's noch immer nicht recht glauben, sagte Gullik kopfschüttelnd. Ein Lappe läßt sich die Hand abschneiden, ehe er einen Species aus der Tasche holt, auch wird ein Mann von gutem Blut sich nicht damit einlassen, von ihm zu nehmen, möchte es auch zum Aergsten mit ihm kommen. Geld ist Geld, antwortete der Kaufmann; riecht dem Silber nicht an, woher es stammt. Hat aber Paul Petersen Recht, muß ein Verrath dahinter stecken, wenn der Höllenbrand die alten Töpfe aufscharrt und leer macht. Ist unser Aller Sache, dahinter zu kommen, uns vor Verderben zu bewahren. Nun traten die Mägde herein mit Kaffee, Geschirr und Gedecken, und gleich darauf folgten Brod und Braten; endlich Marstrand selbst, der Gläser und Flaschen brachte. Faßt zu, Ihr Herren, sagte er, ergötzt von dem allgemeinen Staunen. Viel ist es nicht, was ich bieten kann, Ihr seid Besseres gewöhnt. Nehmt vorlieb und gebt mir Frieden. Helgestad war ein zu guter Kenner des saftigen Bratens, um nicht starke Gelüste danach zu empfinden. Er nahm sein Messer, schnitt ein paar ungeheure Stücke ab und sagte: Ist eine Seltenheit, Herr Marstrand, solch zart und lieblich Fleisch. Habt über Nacht besondere Mittel gefunden, Eure Kisten und Kammern zu füllen. Um solche Gäste thut man, was man kann, lachte der Gaardherr. Denke, grinste Niels, wird nicht sein damit, wie mit den Honigkuchen der Offenbarung. Schmeckten süß und lecker, kam aber das Bauchgrimmen hinterdrein. Ich hoffe, es wird uns Allen auf s Beste bekommen, und hier habe ich eine Flasche alten Portwein, der jedwede Besorgniß herunterspülen wird. Greif an! schrie Helgestad, ist Speise und Trank, wo man es finden mag, überall Gottesgabe. Nehme mein Glas, Herr Marstrand, trinke auf Ihr Wohl in allen guten Dingen. Die Unterhaltung nahm nun eine allgemeine Wendung und die reichliche Bewirthung schien eine günstige Stimmung auf die Gäste zu 398 bewirken. Helgestad versicherte, daß es ihm Freude machen werde, wenn es dem unternehmenden Ansiedler gelingen sollte sein Werk auszuführen und daß, wenn er selbst Lust und Meinung dafür verloren habe, damit noch nicht gesagt sei, daß er an keinen Erfolg glaube. Er versuchte eine Entschuldigung seines Verfahrens damit, daß Jedermann nach seinem Eigenthume sehen und wo er dies für gefährdet halte, zugreifen müsse um es zu retten. Wißt aber, fügte er dann hinzu, daß ich vom ersten Tage an, wo Ihr dieses Land betratet, Euch gerne zu Diensten war und hoffe es zu erleben, daß Ihr gerechtes Urtheil fällen werdet. Mit unfruchtbarem Streit war dem Gaardherrn nicht gedient, er antwortete daher in versöhnlicher Weise, und wie ein Wort das andere gab, kam zuletzt eine Art Friedensschluß heraus, bei dem sich jeder die Artikel beliebig auslegte. Ich glaube, Herr Helgestad, sagte Johann, daß ich niemals vergessen werde, was ich an aufrichtiger Dankbarkeit Ihnen schuldig bin. Sie haben einige Ursache gehabt, mit mir unzufrieden zu sein, denn der Gaard ist vernachlässigt. Es hat mir an Kräften und Augen gefehlt, um Alles zu können. Nun aber denke ich mit Gottes Hülfe bald mit meinem Holzgeschäft in Ordnung zu sein und dann soll, ehe der Winter kommt, Haus und Hof in guten Stand gesetzt werden. Meine Besitzung ist groß und hat viele Hülfsquellen und meine Mittel reichen aus, diese ergiebig zu machen. Habt einen vermögenden Theilnehmer gefunden, fiel Helgestad ein. Denke ja. Ist's nicht so? Möglich, daß Sie Recht haben, lachte Marstrand. Nuh, rief der Kaufmann, indem er sich zu dem Schreiber wandte, ist vielleicht ein Geschäft für Euch zu machen, Paul Petersen, mit einem wackeren Kontrakt. Verschwiegen kann es nicht bleiben, mit wem Herr Marstrand in Verbindung getreten ist, sagte Paul, und Aufsehen genug wird es geben, wenn man im Lande hört, was hier vorgegangen ist. Es wäre daher gewiß Ihr eigener Vortheil, wenn Sie uns eine Mittheilung darüber machen wollten, oder ist es ein Geheimniß, Herr Marstrand, das nicht aufgedeckt werden darf? Die Nothwendigkeit sehe ich nicht ein, antwortete dieser, aber eben so wenig einen Grund um mittheilend gegen Sie zu sein. Der 399 Mann, der sich in großer Noth meiner annahm und mich vor der Schmach rettete, aus meinem Haus geworfen zu werden, wünscht wenigstens für jetzt, unbekannt zu bleiben. Es ist doch ein guter Christ? fragte der Schreiber spottend. Ein besserer wie viele, die den Namen tragen, der ihnen ihren Handlungen nach am wenigsten zukommt, sagte Marstrand, indem er aufstand, denn er fühlte daß sein Blut heiß in seinen Kopf stieg und draußen vor der Thür erhob sich ein Lärm, nach dem er ausschauen wollte. Alle folgten ihm nach, denn die Stimme Egede's, des Quäners, ließ sich hören und jetzt sahen sie den ungeschlachten Burschen, der mit seinem kurzbeinigen Hunde am Hause umhersuchte und den Gerichtsdienern und Arbeitern unter heftigen Flüchen und Verwünschungen etwas erzählte. Das Erste, was Marstrand vernahm war Mortuno's Name. Seht hier, schrie Egede, hier hat er gestanden. Seht meinen Hund an, wie er der Spur nachläuft, Schritt für Schritt, und dabei die Zähne zeigt. Mortuno war hier, so wahr ich meines Vaters Sohn bin! Da ist sein ganzer Komager in dem weichen Boden zu sehen. Das ist ein Lappenfuß, und ich kenne den Schuft an seinen dicken Knöcheln. Suche ihn! Fang' ihn! schrieen ein paar lachende Stimmen. Wenn ich ihn hätte, den Mörder! antwortete Egede die Fäuste ballend, er sollte nie mehr um eines Mannes Haus schleichen. Aber dort ist er hinauf, dort an der Wand wo mein Hund steht und bellt, der Teufel selbst wird ihn jetzt nicht mehr fangen. Nuh! sagte Helgestad, was soll dein Lärm, Egede? Sind Lappen hier gewesen? Ja, Herr, rief der Quäner. Drei Rennthiere standen dort an den Büschen, fraßen die Blätter ab und rund umher ist das Gras niedergetreten. Wie lange kann es her sein? fragte Paul. Keine acht Stunden, antwortete Egede, denn das Gras hat sich nicht erholt und die Spuren sind frisch. Waren die Thiere leer oder bepackt? fuhr der Schreiber fort. Bepackt und schwer, schrie Egede, sie könnten die Füße sonst nicht so tief eindrücken; aber Herr, der sie führte und der hier über den 400 weichen Grund fünf, sechs Male an's Haus und zurück gelaufen ist, war kein anderer, wie der verdammte Schelm Mortuno. Pfui, Egede, pfui! lachte Paul, du wirst dem Herr Marstrand doch nicht zutrauen, daß er nächtlichen Besuch von Lappen annimmt? Möchten sie ihm bringen was sie wollten und wären es fette Rennthierschinken, oder gar Säcke voll Silber. Marstrand warf einen zornigen Blick auf den Schreiber. Ich verachte Ihren Spott, sagte er, aber wahren Sie Ihre Zunge in meinem Hause! Warum verläugnen Sie ihre Freunde und Helfer? schrie Paul. Das steht einem ehrenwerthen, ritterlichen Herrn schlecht an. Was ist da noch zu verbergen? Mortuno hat Ihnen seinen Besuch gemacht, drei Rennthiere haben den silbernen Schatz getragen; Niels Helgestad ist bezahlt, was Sie dagegen versprachen, ist Ihre Sache. Guten Morgen, Lovmann Gullik, Glück auf die Fahrt! Grüßt meinen Oheim, ich werde selbst nach Tromsöe kommen. Führt die Pferde herbei, wir wollen fort. Wo Lappen geheime Bündnisse machen, will ich keinen Fuß mehr über die Schwelle setzen, wo ein Kerl wie dieser Mortuno Schutz und Freundschaft findet, kann kein Normann mehr am Tische sitzen. – Da kommt Olaf! fuhr er fort, als er den Nordländer am Ufer des Fjord sich nähern sah. He, Olaf, Schade, daß du nicht hier warst! Mortuno war hier, vielleicht wollte er deinen neuen Hut sehen. Komm, mein Junge, komm, du hast viel versäumt. Ich will dir unterwegs eine lustige Geschichte erzählen, wie man seine Schulden bezahlt und höchst christlich und tugendhaft dabei bleibt. Ist schwer zu glauben, sagte Helgestad, und thut mir leid, Herr Marstrand, davon zu gehen mit üblen Gedanken. Mortuno ist dem Gesetz verfallen, hat auf Olaf einen Mordplan gemacht, ist ein arger Bösewichte, den jeder gerechte Mann festhalten muß wo er ihn findet. Sieht aber wahrlich so aus, als habt Ihr heimlich noch in dieser Nacht mit ihm und Afraja verkehrt, den Jeder verflucht. Ich denke, daß ich auf solche Beschuldigungen keine Antwort zu geben habe, sagte der junge Mann. Ist eine Sache von der Ihr Euch reinigen müßt, und ist ernsthafter wie Ihr meint, antwortete Niels. Brüten die Lappen Böses in ihren Bergen und wird ein Gerichtstag bald gehalten werden, um 401 alle Beweise zu sammeln. Kein Normann, und sei er der geringste, wird aber einem Mann trauen, der mit seinen schlimmsten Feinden Umgang hat; keiner wird ihm glauben, keiner selbst sein Brod essen wollen. Kann sein, Herr Marstrand, daß auch Gesetze und Richter mitzusprechen haben; darum gebt Euer Wort, daß Ihr den alten heidnischen Zauberkerl so wenig gesehen habt, wie den spitzbübischen Mortuno. Vor Gesetz und Richter würde ich sprechen, wie ich müßte, sagte Marstrand, Zwang jedoch lasse ich nicht zu. Es gilt Manches für recht und ehrlich in der Welt, Herr Helgestad, was Schurkerei und Gaunerei ist, und wenn ich die Richter betrachte, die bestellt sind über Wohl und Weh zu wachen und Gerechtigkeit zu üben, so kommt mir ein Grauen davor an. So geht denn mit denen, von welchen Ihr Besseres hofft, sprach Helgestad, und ohne ein weiteres Wort ließ er die Pferde kommen, packte in ihre Körbe sein Geld und was sein war und verließ dann mit Paul und seinen Dienern den Gaard. Auch der Lovmann hatte sich in seinem Boot davon gemacht, Olaf war der letzte, der aus dem Hause ging, nachdem er Gewehr und Jagdgeräth genommen. Und auch du, Olaf, willst wie ein Fremder von mir gehen? fragte Marstrand, als jener trotzig und finster bei ihm vorüberschritt. Olaf blieb stehen und setzte seine Büchse nieder. Wisse, sprach er, daß ich heut, als Alle schliefen, hinaus ging, um Rath mit mir zu halten. Ich mochte nicht Zeuge sein, wie du behandelt wurdest. Wärst du ein Mann, der schuldlos leiden sollte, ich wäre aufgestanden für dich und hätte es nicht geduldet; hätte selbst Geld und Gut für dich hingeworfen, wie wenig ich auch deine Narrheiten theile. Doch du bist unerfahren, man hat deine Leichtgläubigkeit gemißbraucht. Aber du bist falsch und hast mich betrogen. Wie hätte ich das? rief Johann aus. Daß ich Mortuno laufen ließ, dir nichts von ihm sagte, geschah um dich nicht zu kränken. Ich rede Nicht von dem Schelm, sagte Olaf. Sieh mich an, sich in meine Augen. Mußt du sie nicht niederschlagen? Es gibt nichts, was mich dazu zwingen könnte. Du bist ein Däne, weißt dich zu verstellen, antwortete Olaf. Kein Mensch auf Erden wußte wie es in mir aussah, dir sagte ich es. Ich 402 klagte dir mein Leid um Ilda und du – du selbst gingst an den Lyngenfjord, um unehrlich Spiel zu treiben. Hast alle Lockungen dort aufgeboten, hast um Liebe gefleht, bis sie dich von sich stieß, weil's so sein mußte und ich – ich arbeitete für dich, sorgte für dich, während du sie bethörtest. Leugnest du noch? Wagst du noch nein zu sagen? Ich leugne nicht, sagte Marstrand, denn ich liebte sie und liebe sie noch, Olaf, obwohl ich aufgehört habe zu hoffen. Betrogen aber habe ich dich nicht. Ich weiß nicht wie ich dich versöhnen soll, doch kannst du zürnen, daß ich ein Weib liebe, die du liebst, und die keinem von uns gehört? Kannst du mich hassen, daß ich Worte fand, wo mein Herz sprach und wo Blicke mir sagten, daß ich verstanden wurde? Du lügst! schrie Olaf heftig, nie hat Jungfrau Ilda ihre Augen zu dir erhoben. Eitel, wie du bist, hast du von eitler Lust geträumt und mich verrathen. Er hob den Arm mit einem wilden mörderischen Blick auf. – Tritt nie wieder in meinen Weg, es möchte dich gereuen, sprich auch nie von mir, wie von einem Freund, – meine Hand soll gegen dich sein, wo ich dich finde! Mit diesen Worten eilte er fort, Helgestad erwartete ihn auf der Höhe des Fjordrückens. Da hielt er auf seinem grauen Rosse und blickte in die grünen Thalschluchten hinab. Seine Miene war voll Hohn und wie er Elf und Wald musterte brach er in ein grimmiges Lachen aus: Soll mein Mühen nicht umsonst gewesen sein, murmelte er, muß den Balsfjord haben, was will der Narr damit! Will ein ander Lied mit ihm singen, und soll ein Sang sein, der besser für ihn paßt. 18. Am Abend erreichte der Zug den Lyngenfjord. Helgestad hatte sich mit seinem Schwiegersohn und Olaf verständigt, von den Vorfällen zu schweigen, die nicht für Weiberohren paßten und dabei ein Wort fallen lassen, daß der dänische Junker ein viel zu süßes Herrchen sei, um nicht ein mitleidig Gedächtniß hinterlassen zu haben. Wißt wohl, wie Mädchen sind, sagte er, lieben ein glattes Gesicht und lispelnde Sprache; wer höflich mit ihnen umgehen kann, hat sie gewonnen. Und dergleichen Dinge versteht ein Däne besser wie 403 wir, müssen zurückstehen, Olaf sowohl wie selbst Paul, so fein und wohlgebildet er ist. Die Spötterei entging dem Schreiber nicht, aber er lachte dazu. Das Ende lobt den Meister, sagte er, und der praktische Erfolg den Mann. Was der dänische Junker hier geseufzt und gelispelt hat, soll mich wenig kümmern. In wenigen Wochen ist Hochzeit, mein Haus in Tromsöe ist bestellt, aber aus dem Lande soll er, und wenn er in meine Finger geräth, wie ich hoffe, wird er sich über meine Höflichkeit nicht zu beschweren haben. Hast einen Plan fertig? fragte Niels, als sie beisammen ritten und Olaf voraus war. Mehr als einen, antwortete Paul, und – setzte er mit einem schlauen Blicke hinzu – ist ganz derselbe, den Ihr habt. So, sagte Helgestad schmunzelnd, kennst also meine Gedanken? Genau, sprach sein Begleiter. Haltet die Bürgschaft fest, sie wird uns nützlich sein. Ich denke, es soll nicht lange dauern, so haben wir den Junker, den wir beide so zärtlich lieben, an einen schönen Ort gebracht, wo ihm kein Zauberer helfen kann. Willst ihm also hart an den Leib? Nicht doch, lachte der Schreiber, ich will seinen Leib und seine unsterbliche Seele vor allem Schaden behüten; obenein soll er seinen Freunden nahe bleiben, die ich nicht von ihm trennen will. Nuh, murmelte Helgestad, sehe wohl, sind auf einem Wege, ist aber doch noch nicht klar in mir, wie das richtige Ende kommt. Das Ende muß kommen, wie wir es machen, sagte Paul. Ich habe mit meinem Oheim im Voraus allerlei Abrede genommen. Man muß die Vögel fangen, wenn sie flügge sind und dazu ist es Zeit. Laßt die Lappen jetzt treiben, was sie Lust haben, stört sie nicht, droht nicht weiter, seid freundlich, so viel Ihr könnt. In drei Wochen kommen die großen Märkte, herunter müssen sie dann von ihren Felsen und Wüsten, um Wintervorräthe einzukaufen, bei dieser Gelegenheit können wir uns die Böcke aussuchen, die wir haben wollen. Fängst den Afraja so leicht nicht, erwiderte Niels. Nein, sagte der Schreiber, den alten Schlaukopf müssen wir uns holen. Soldaten haben wir nicht, aber an tüchtigen Armen und Beinen fehlt es uns deswegen doch niemals. Ich habe ganz in der 404 Stille schon mit einer Anzahl entschlossener Männer gesprochen, die zu aller Hülfe bereit sind, und kann auf mehrere noch rechnen. Helgestad grinste beistimmend. Sieh gut zu, was du thust, sagte er. Gewiß, sprach Paul. Ich habe meine Spione unter den Lappen selbst. Kenne einen Burschen, der mir genau Nachricht geben wird, wo das Lager des Wolfs ist und denke, ihm nächstens einen ehrbaren Besuch abzustatten. Eine Jagdpartie! rief er lachend, mit Olaf und Björnarne an den Kilpis hinauf, dort steckt er. Wir wollen ihn in seiner Gamme aufspüren und ich denke dabei Alles so einzuleiten, daß er uns nicht entgehen soll. Niels nickte beifällig. Und dann der Junker, murmelte er, nimmst sie Beide an einem Strick auf den Markt. Das Feuer, das den Zauberer brennt, lachte Paul, soll auch ihm wenigstens Haut und Haar versengen. Bei diesen Worten wurde Helgestad ernsthaft. Treib's nicht zu weit, sagte er. Ein Lappe ist ein Ding, das man zu Tode peitschen oder mit einem Stein an dem Hals in den Fjord stürzen kann, wird sein Schrei nicht weit gehört werden; der Junker aber hat eine Stimme, die weit über das Wasser geht, und Art läßt nicht von Art. Mag er mit Hohnlachen von seines Gleichen aus dem Lande gestoßen sein, werden ihm seine Genossen doch beispringen, wenn ihm Uebles von uns geschieht. Sei ohne Sorge, Vater Niels, sagte der Schreiber. Wo sind die, die ihm helfen könnten? Wer hat dem Narren geholfen, der zwischen Sildens Felsen in dein Schiff stieg? Wer fragte noch nach ihm, obwohl er auch ein Junker war? Schweig still! fiel Helgestad mürrisch ein, habe Gut und Leben damals vor einem Räuber bewahrt. Es ist die Frage, ob man es glauben würde, wenn ein Kläger gegen dich aufträte. Ich möchte nicht an deiner Stelle sein, wenn sie dich vor dem Halsgericht in Kopenhagen hätten. Du bist jedoch vierhundert Meilen davon und wenn hier eine Anklage erhoben würde, könnte sie nur von diesem Marstrand oder von Hannah ausgehen. Das Mädchen hast du sicher, den Burschen aber müssen wir schon dessentwegen unschädlich machen. Was willst du mit ihm machen? fragte Helgestad. 405 Mit ihm? Was man mit einem Hochverräther macht. Nuh! rief der Kaufmann erstaunt aufblickend. Das ist der Weg, fuhr der Schreiber leiser fort, der den Balsfjord sicher in deine Hände bringt und uns von aller Sorge befreit. Als Hochverräther muß der naseweise Junker verurtheilt werden, dann schicken wir ihn in Ketten nach Trondhjem sammt allen Akten und was dazu gehört; oder auch nicht, murmelte er. Du trittst mit deiner Bürgschaft auf. Es wird Keiner kommen, der dem Schwiegervater Paul Petersen's Land und Recht streitig macht. Sprich nichts dagegen. Die Sache ist wohl überlegt, auch will ich meinen Hals verwetten, hast so ziemlich Dasselbe calculirt. Hast den rechten Blick, Paul, erwiderte Helgestad bei dem Gelächter seines Genossen, geht durch Herz und Nieren und bleibt ihm nichts verborgen. Habe daran gedacht und muß sagen, stimmen zusammen. Greif den verdammten Hexenmeister und preß' ihm ein Geständniß aus, was wir brauchen können. Ich glaube wahrhaftig, sagte Paul, mein Oheim hat sich die alten Daumschrauben schon darauf angesehen, hat sie geputzt und eingeschmiert. Braucht sie richtig, fuhr Niels fort, und Afraja wird seinen Mund aufthun, wird gesprächig werden über die Silberschätze in der Wüste. Hast heute ein Pröbchen gesehen von dem Reichthum des alten Schelms. Paul Petersen's Augen funkelten vor Spott. Es ist merkwürdig, sagte er, wie wir in Gedanken und Absichten zusammenstimmen. Helgestad reichte ihm die Hand, der Schreiber schlug ein. Sie sagten nichts mehr, aber sie sahen sich Beide wohlgefällig an und doch war in ihren tiefsten Herzen weder Liebe noch Treue. Im Gaard wurden sie freudig empfangen und Hannah brachte einen Brief, der von Tromsöe eben angelangt war. Er kam von ihrem Vater, und nach allerlei Neckereien und Weigerungen ließ sie ihn lesen. Der Gildemeister hatte mit wahrhaftem Wohlgefallen vernommen, daß ihr nicht allein die Luft am Lyngenfjord ausnehmend bekomme, sondern daß sie auch ihrem herzallerliebsten Björnarne mit besonderer Hinneigung zugethan sei. – Ich habe das immer erwartet, Mädchen, stand darin, und sehe es jetzt aus deinem eigenen 406 Bekenntniß, sagte es mir aber auch Helgestad und alle Nachrichten, die ich sammle, daß deine zärtliche Freudigkeit für den prächtigen Schatz über alle Maßen groß ist. Ich käme zur Hochzeit, Hannah, wenn es mit meinen Beinen besser ginge, kann aber kaum mehr den Signalbacken herauf und herunter und werde nothgedrungen ein Karriol anschaffen müssen, was allerlei Kosten macht. Nun freue ich mich aber wie ein König darauf, dich hier zu sehen, und wenn es zu spät wird in der Herbstzeit zur Rückkehr, dich und den wackern, schmucken Eidam den Winter über bei mir zu behalten. Herze ihn und drücke ihn für mich mit; kann Christi, dein Bruder, zur Hochzeit kommen, so kommt er, aber bei der Nachfeier in Bergen bleibt es und sollen keine Kosten gespart werden, Kind; soll Helgestad auch nichts sparen und scheuen, deinen Tag zu verherrlichen. Hast Geld genug, Hannah, bist Uve Fandrem's Tochter und liegt in meinem Kasten so viel für dich bereit, daß Keiner in Bergen ist, der Björnarne nicht beneiden soll. Ich will seine Yacht vollpacken mit dem Besten was ich habe, Kisten und Kasten und prächtigem Geräth; du bist aber dennoch selbst das Schönste und Erste von allem Gut und denke, hält Björnarne dich auch das Liebste auf Erden. Bei diesem letzten väterlichen Wunsche blickte Helgestad auf, denn eben trat sein Sohn herein, der die Worte gut gehört hatte. Hannah ging ihm entgegen und zog ihn näher. Ich kann bestätigen, was mein Vater schreibt, sagte sie. Björnarne hat mich so lieb, wie ich ihn habe. Recht, Mädchen! rief Helgestad, ist Weibes Sache, den Mann zu schirmen und sein Herz warm zu halten. Wirst neben ihm stehen, daß er gern sich an dich lehnt. Drei Wochen noch sind kaum bis zum großen Markt, eine Woche darauf soll Hochzeit sein. Dann fahrt in Gottes Namen nach Bergen hinab und bleibt, wenn es sein soll, den Winter über im Hause auf der deutschen Brücke. Wird dem Burschen da gut bekommen, wenn er bei den feinen Leuten lebt, und sich ausmustert, wie eine Seeschwalbe, die südwärts fliegt; wird aber Sehnsucht haben, ehe der Sommer kommt und heimwärts ziehen, wenn er Nachts den Schrei von Lofoden hört. Unter solchen Gesprächen verging die Zeit. Björnarne war still wie immer und suchte bald den Annäherungen seiner Braut zu 407 entkommen, indem er mit Paul hinausging, ihm die mancherlei Arbeiten und Vorbereitungen zu zeigen, welche für den Lappenmarkt begonnen waren. Helgestad erzählte von Marstrand im Allgemeinen, daß er ihn wohl gefunden und forderte Olaf zum Zeugen auf, daß der Junker mächtige Wirthschaft treibe und eine wunderbare Thätigkeit entwickelt habe, die ihre Früchte tragen müsse. Der Nordländer konnte dazu wenigstens nicht nein sagen, aber er hatte es in der Verstellungskunst nicht weit gebracht. Seine Antworten waren rauh und kurz und sein ganzes Benehmen bezeugte, daß es übel in ihm aussah. Die Verständigung zwischen Paul und Björnarne erfolgte, sobald sich Beide in dem Waarenhause allein befanden. Björnarne faßte leidenschaftlich seines Freundes Arm und sagte mit bittenden, verzweiflungsvollen Blicken: Ich halt' es nicht länger aus; geschehe was da wolle, ich kann es nicht ertragen. Schaffe mir Hülfe, Paul, du bist der Einzige, der helfen kann. Seit den zwei Tagen, wo ihr fort wäret, habe ich erst ganz empfinden lernen, wie elend ich bin. Vom Morgen bis zur Nacht war sie in meiner Nähe, und wie zum Hohn, als ob sie meine Angst kennte, hörte sie nicht auf zu spotten, zu necken und von unserer Zukunft zu erzählen. Du hättest ihre Zärtlichkeit belohnen sollen, antwortete der Schreiber. Warum befolgst du meinen Rath nicht? Weil er mir unmöglich ist! rief Björnarne. Es ist Etwas in ihr, ich weiß es nicht; doch mein Herz zieht sich zusammen, wie meine Haut, wenn sie ihre Hand auf mich legt. Und doch ist es eine feine, zarte Hand, du Thor, lachte Paul. Man kann weit und breit nichts Lieblicheres sehen. Glaube mir, sagte Björnarne, sie weiß was ich denke, denn sie ist zu klug, um nicht zu sehen, was vorgeht. Aber je düsterer mein Gesicht wird, um so freundlicher ist sie, um so sanfter wird ihre Stimme und ihr Mund fließt von Scherzen und Gelächter über. Sie will dich zwingen, so glücklich zu sein, wie sie es ist. Nein, murmelte Björnarne, sie haßt mich, aber sie lügt. Sie kann mich nicht lieben. Wie kann ein Weib lieben, die da weiß, daß sie verachtet wird? Und diese da wurde hierher geschleppt; mein Vater hat sie gezwungen, ihr Vater dazu. Sie kann nicht fort und hat sich 408 in ihr Schicksal ergeben, aber wie ein Wolf sich ergibt, wenn der eiserne Ring um seinen Nacken liegt. Ich habe ihre Augen gesehen, wie sie mich betrachteten und es war mir, als wäre sie eine Hexe, die mein Blut aussaugen wollte. Gestern hielt sie mich bei der Hand fest, als ich es nicht mehr ertragen konnte bei ihr zu sein. Du bist ungeduldig, sagte sie, ich bin es auch. Gib dich zufrieden, mein lieber Freund, was können wir Beide dafür, wenn die Anderen es uns nicht zu Dank machen? Kinder müssen gehorsam sein, aber es steht auch geschrieben, sie müssen ihrer Eltern Sünden tragen. Tragen müssen wir's, du bist Helgestad's Sohn, ich Fandrem's Tochter. Sei so ingrimmig wie du willst, mußt mich auf deine Schulter nehmen, es sei denn, du hättest mehr Muth wie ich glaube. Nun, das war deutlich gesprochen, lachte Paul. Das heißt, tritt hin und sage offen, ich will dich nicht. Björnarne schwieg und ließ den Kopf sinken. Ich kann nicht, murmelte er, kann meinem Vater nicht entgegen treten. Du bist ein zu guter Sohn, antwortete Paul, darum thust du hinter seinem Rücken, was seine Augen beleidigen könnte. Nun, ich will dir helfen, so viel ich kann und damit frische Farbe in dein Jammergesicht steigt, so wisse, daß ich alle Vorbereitungen getroffen habe, um Prinzessin Gula in deine Arme zu liefern. Die Augen des jungen Helgestad belebten sich bei dieser Zusicherung, sein Vertrauter aber legte die Hand auf seinen Arm und sagte warnend: Kein Wort, keine Silbe, wenn nicht Alles schief gehen soll. Ueberlaß die ganze Sache meiner Sorge, ich nehme Alles auf mich. Wo das Mädchen steckt, weiß ich jetzt, Olaf weiß es und Egede soll uns suchen helfen. Ich habe mit deinem Vater von einer Jagdpartie nach dem Kilpis gesprochen, um Afraja zu suchen. Die wilden Rennthiere sind jetzt fett, die Bären auch, Afraja ist noch fetter, das heißt an Schätzen, denn Fleisch hat der alte Schuft nicht ein Loth. Gedulde dich noch zwei Wochen, etwa dann brechen wir auf, was wir fangen, ist unsere Sache. Auf dem Wege sage ich dir Alles. Sprich mit Niemanden, aber halte dich bereit. Was dein Vater sagt, damit sei einverstanden und vertraue deinem treuen Paul. Als er allein war, dachte Paul eine Minute lang nach und sagte dann: So muß es gethan werden. Wenn ich dem Tölpel nicht 409 helfe, so geschieht Nichts. Bei aller Noth und aller Abneigung wagt er doch nicht, sich Helgestad's Willen zu widersetzen. In den Fjord springt er auch nicht, fortlaufen wird er nicht, das Ende vom Lied würde somit sein, daß er das hochmüthige Püppchen nähme und das soll er nicht. Er soll das elende Gewürm haben, bis zuletzt – hier hielt er inne und flüsterte in sich hinein: bis zuletzt Alles in meine Hände fällt. Der Gaard war nun voller Regsamkeit des nahen Marktes wegen. Die Waarenvorräthe wurden untersucht und allerlei kleine Reisen in die Nachbarschaft unternommen, um mit anderen Kaufleuten Verabredungen wegen der Preise zu nehmen, Tauschgeschäfte zu schließen und Vortheile vielleicht schon im Voraus zu sichern. Helgestad hatte ungeheure Massen Mehl und Lebensmittel in Bergen gekauft, welche er jetzt theilweise mit beträchtlichem Gewinn für Hanf und Eisenwaaren losschlug, die er brauchen konnte; so kam er denn vergnügt von den kleineren Handelsstellen zurück, die ihm tributpflichtig waren, weil er sie für den Markt unterstützte und die Procente dafür festsetzte. Nach und nach wurden die Waaren ausgewählt, welche nach Lyngen hinübergeschafft werden sollten, Boote beladen und das Kirchenhaus des Kaufmanns mit den verschiedensten Dingen gefüllt, die am Sorgfältigsten behandelt und vor Nässe geschützt werden mußten. Dann kam eine Yacht an die Reihe, welche alle gröberen Gegenstände enthielt. So vergingen die Wochen voller Arbeit. Inzwischen reiste der Schreiber nach Tromsöe und kehrte von dort zurück. Olaf hatte ihn begleitet und Helgestad wie alle seine Hausgenossen glaubten, daß er sich entfernt habe, um nicht wieder zu kommen; allein Paul Petersen wußte eben so gut Mittel ihn mit sich zu nehmen, wie ihn wieder zu bringen. Olaf war weiches Wachs in seiner Hand geworden, das er knetete und formte wie es ihm beliebte. Er mischte sein eifersüchtiges Mißfallen mit den dringenden Bitten, die den Nordländer bald bestimmten mit ihm zu reisen; in Tromsöe aber stellte er ihm mit vieler Herzlichkeit vor, wie traurig Ilda sein würde, wenn er jetzt den Lyngenfjord verlasse, und daß es nicht schicklich sei, vor der Hochzeit heimzukehren. Ich weiß, guter Olaf, sagte er dann, welche Wünsche du gehegt hast und bei Gottes Thron! wenn ich es nicht selbst wäre, ich gönnte 410 sie dir am Liebsten. Ich weiß auch was ich weiß, fügte er dann mit einem langen Blick hinzu, aber ich kann es nicht ändern. Du kennst Helgestad, weißt was geschehen ist. Möglich, daß Ilda anders wählen würde, ich mag es nicht läugnen; die Verhältnisse haben es aber so bestimmt und kein Freund soll uns darum verloren gehen. So kehrte Olaf zurück und es war ihm lieb, denn seine Sehnsucht zog ihn nach keinem andern Ort in der Welt. Bei der Rückreise aber wandte Paul jede mögliche Art von Schmeichelei an, um alles Mißtrauen aus dem ehrlichen Gemüth vollends herauszubringen. In einem Punkte stimmten sie Beide überein, in dem Hasse gegen Marstrand, und hierauf gestützt baute der Schreiber seinen Plan, Olaf's Hülfe für sein nahes Unternehmen zu erhalten. Nachdem er ihn gehörig bearbeitet hatte, sagte er ihm, was er sich ausgesonnen. – Ich will dir mittheilen, begann er, wie ich den übermüthigen Junker in seinen eigenen Schlingen fangen und züchtigen will. Du weißt, wie es die Lappen jetzt machen, kein Mensch ist mehr seines Lebens sicher, wenn er sein Haus verläßt; du selbst hast ihre Frechheit kennen gelernt. Der Hund Mortuno soll's nicht umsonst gethan haben! rief Olaf, der immer gereizt wurde, wenn man ihn an seine Abenteuer erinnerte. Ich denke, du sollst ihn haben, fuhr Paul fort, aber mehr als das, du sollst dich auch an seinem Helfershelfer Marstrand rächen, ohne den der elende Bursche nimmermehr dich beleidigt hätte. Marstrand steckt mit Afraja unter einer Decke und alle Schandthaten, die das alte Scheusal ausheckt, werden von ihm unterstützt. Ich habe ihn sagen hören, daß er sich nicht wundere, wenn die Lappen von Verzweiflung getrieben, sich selbst Recht zu verschaffen suchten. Diese Zustände müßten ein Ende nehmen, Schutz müsse den Unterdrückten werden. Will er sich etwa an ihre Spitze stellen? fragte Olaf. Bah! antwortete der Schreiber, so unsinnig dumm ist er nicht. Aber erinnere dich, was ich sagte, als ich ihn zuerst sah. Prinzessin Gula will er nehmen, nach Kopenhagen mit ihr gehen, dort Himmel und Erde in Bewegung setzen und ich weiß, was man allda mit Geld machen kann. Ich sage dir, laß Afraja sein Schiff mit Silber 411 bepacken und du sollst sehen, wie die Raubvögel angezogen kommen, um über uns herzufallen. Olaf sah ihn ungläubig an. Paul Petersen aber sagte im ernsten Tone: Afraja besitzt ungeheure Schätze, er besitzt sie wirklich. Theils hat er Reichthümer an gemünztem Geld, was seine Vorväter und er gesammelt haben, theils aber, und das will weit mehr bedeuten, gibt es Silberminen da oben in der Wüste, die Niemand kennt, als er allein. Was ich dir sage, weiß ich von Männern, denen man Glauben schenken muß; Afraja's eigene Leute erzählen davon die seltsamsten Geschichten. Olaf war Normann genug, um eine plötzliche Gier nach dem Silber zu empfinden, die sich in seinem Gesicht ausdrückte. Du siehst, mein Junge, rief Paul, ihm auf die Schulter klopfend, daß wir den alten Burschen haben müssen, wenn wir ihm seine Geheimnisse abfragen wollen. Dazu ist das beste Mittel, Gula einzufangen; dann kommt er und liefert sich selbst an's Messer. Zugleich zerstören wir alle Pläne des edlen Junkers und werden auch mit ihm fertig. Darum hinauf in die Kilpisjauren, dort sitzt sie. Du mußt uns führen, sollst uns das Thal zeigen, wo dich Mortuno fand und sollst einen Hauptspaß erleben! Das Uebereinkommen zwischen den beiden jungen Männern wurde bald zum Abschluß gebracht. Olaf sagte seinen Beistand zu. Tapfer und abenteuerlustig war es ihm recht, den alten Hexenmeister zu jagen, oder Gula zu entführen und in Helgestad's Gewalt zurück zu liefern, Paul dagegen gab ihm zu verstehen, daß Afraja's Schätze redlich getheilt werden sollten und legte ihm zuletzt das tiefste Schweigen auf, um vor allem Verrath sicher zu sein. So kamen sie an den Lyngenfjord zurück mitten in die Geschäftigkeit des Gaards und Helgestad war wohl damit zufrieden, denn Olaf s starke Arme konnten bei der Arbeit gebraucht werden und Paul's Kopf und Rechenkunst waren für guten Rath in der Schreibstube von vielem Nutzen. Nun, sagte er, als er mit Niels allein war und ihm einen Bericht über seine Reise gemacht hatte, es steht, wie Ihr seht, Alles gut in Tromsöe, Schwiegerpapa. Mein Onkel hat mir sein halbes Haus 412 abgetreten und lange kann es nicht dauern, so wird er mir das ganze überlassen. Meinst also bald sein Nachfolger zu werden? fragte Helgestad. Der Schreiber lächelte. – Er fühlt es häufig selbst, daß er alt wird. Wohne ich erst mit meiner jungen Frau bei ihm, so kann ich alle Geschäfte wieder auf meine Schultern nehmen, wie ich es sonst schon gethan habe. In Trondhjem aber sowohl, wie in Kopenhagen weiß man, daß ich die Verwaltung leite, und wenn ich recht berichtet bin, wird die neue Organisation, zu der ich nach Aufforderung der Regierung einen Plan eingesandt habe, mich nicht unberücksichtigt lassen. Nuh, sagte Helgestad, willst Amtmann werden, ist mir angenehm, das zu denken. Kann es der Hand, die arbeitet, nicht verdenken, wenn sie den Lohn fordert, der ihr zukommt. Wirst für deinen Onkel Sorge tragen. So viel ich immer vermag, antwortete Paul. Im Uebrigen wißt Ihr ja, daß mein Oheim genug besitzt, um täglich so viel Toddy Punsch und Genever zu trinken, wie irgend hineingeht. Helgestad nickte, lange lachten die beiden Männer und ihre schlauen Augen begegneten sich. Und nun, fuhr Petersen fort, können wir morgen oder übermorgen auch unsere Jagdpartie nach dem Kilpis beginnen. Ich habe Alles wohl vorbereitet; für Afraja ist gesorgt, er wird uns in's Garn laufen, um das Wie? bekümmert Euch vor der Hand nicht. Bin zufrieden, wenn du dich seiner annimmst, grinste Helgestad. Werde schweigen und warten. Der Schreiber strich durch sein rothes Haar und fuhr dann lächelnd fort: Noch ein anderes Geschäft ist zwischen uns abzumachen. Die Sitte bringt es einmal so mit sich, daß, wenn ein Mann heirathet, er auch nach der Mitgift fragen muß. Daß Niels Helgestad dafür gesorgt hat, ist nicht zu bezweifeln, doch festgestellt ist bis jetzt Nichts. Ist recht, antwortete Niels, würde es eben so machen, aber sieh hier. Er zog einen Kasten auf und zeigte ihm dessen silbernen Inhalt. Sind zehntausend Speciesthaler darin, sagte er, nimmst sie mit nach Tromsöe in dein Haus, gebe aber, so lange ich lebe, zweitausend 413 jährlich in deine Wirthschaft und wenn es Gottes Wille ist mich abzurufen, wird Ilda reichlichen Theil an meinem Erbe finden. Ich hoffe, sagte Paul, Ihr habt darüber feste Bestimmungen getroffen, da des Menschen Ende ungewiß ist? Hab's getroffen und kannst einen Blick darauf thun, erwiderte Helgestad, indem er ein anderes Fach öffnete und eine Schrift herausnahm. Paul sah hinein. Sein Schwiegervater deutete auf mehre Stellen und sagte dann: Denke wirst zufrieden sein? Ich bin zufrieden, war die Antwort, nur in einem Punkte möchte ich etwas einwenden. Ihr habt allerlei Grundbesitz an Ilda vererbt, Loppen nicht. Laßt die Insel auf uns übergehen. Helgestad schüttelte grämlich den Kopf. Ist schwer erworbenes Gut, sagte er, soll bei meines Namens Erben bleiben. Aber wenn ich Euch bitte, Schwiegervater, lachte Paul. Loppen ist eine rauhe Klippe. Vermindern sich die Vögel, ist sie gar nichts werth. Nehmt Anderes zurück, gebt mir den Felsen und bedenkt dabei, er wäre nimmer an Euch gekommen, wenn wir nicht geholfen hätten. Helgestad wurde unmuthig. Kommst mir vor, sagte er, wie ein Wal, der vor einem Häringsschwarm liegt. Je mehr ihm in den offenen Rachen laufen, um so weiter sperrt er ihn auf und scheint doch nimmer satt zu werden. Hast deiner Hülfe bei dem Streit um Loppen überhaupt zu danken, daß Ilda dein ist. Und damit meint Ihr, sei ich hinlänglich belohnt, rief Paul belustigt. Ich denke, die Ehre, mich zum Schwiegersohn zu haben, ist wenigstens für Euch eben so groß. Laßt uns aufrichtig sein und ohne alle Erhitzung sprechen. Ihr habt Unglück mit Euren Kindern, Niels, denn Ihr verheirathet sie zwar nach Euren klugen Berechnungen, aber gegen die Stimme in ihren Herzen. Bah! fuhr er fort, als er Helgestad's finsteres Gesicht sah, ich tadle Euch nicht, Ihr calculirt wie ein erfahrener Mann, dessentwegen bleibt nicht minder wahr, was ich sagte. Ich weiß, daß ich durch mancherlei Eigenschaften nicht im Stande bin Ilda's besonderes Wohlgefallen zu erregen. Das ist ein Schicksal, das mancher Mann mit mir bei seiner Frau theilt. Gut, ich muß es tragen und sehe im Voraus, meine Ehe wird keine besonders zärtliche sein. 414 Meinst, Ilda bringt Noth über dich? fragte der Schwiegervater gereizt. Kannst es lassen, da es noch Zeit ist. Ihr seid im Irrthum, Helgestad, antwortete Paul lächelnd, die Zeit ist vorbei, Niemand kann zurück, weder Ihr noch ich. Ihr braucht mich, ich brauche Euch, Ilda und diese Heirath sind das Mittel uns zu verbinden. Ich frage den Henker danach, ob dieser dänische Junker sich in Ilda's Herz eingenistet hat, weiß ich doch sie wird als meine Frau gehorsam ihre Pflichten erfüllen, aber daß Ihr sie glücklich macht, fügte er mit einem Blick voll Hohn hinzu, das bildet Euch nicht ein, mein lieber Papa. Helgestad antwortete nicht, er beugte sich vor der Ueberlegenheit des Schreibers. Denke doch nicht, alter Papa, fuhr dieser lachend fort, daß du mit Björnarne einen besseren Faden spinnst, im Gegentheil, er kann dir den Hals zuschnüren. Björnarne fühlt den tiefsten Widerwillen gegen die Braut, die du ihm aufgedrungen hast und ist nicht so klug wie ich, seinen Verstand allein zu Rathe zu ziehen. Sieh dich vor, Vater Niels, dein Sohn ist von anderem Stoffe, wie du und ich, er hat wenig Gehirn aber viel Blut, und damit dir nicht etwa der Trost bleibt, du könntest doch einen glücklichen Menschen machen, so gib dich auch nicht dem Wahne hin, Hannah Fandrem könnte dir dankbar sein. Sie haßt und verachtet Björnarnen ebenso wie er sie, aber sie ist schlauer wie ihr Alle, sie weiß zu heucheln und sich darüber zu freuen. Bist ein Teufel, Paul! murmelte Helgestad. Kannst du beweisen was du sagst? Beweisen? Denkt nach, so beweist sich die Sache von selbst. Er tippte auf Helgestad's Brust und sagte spottend: Du bist so klug, calculirst bis auf den Grund und hast doch da innen noch immer etwas was dir Blendwerk vormacht. Ich will dir sagen, wie das zugeht. Du hast dem Mädchen mit deiner blutigen Faust die Liebe aus dem Herzen gerissen, hast ihr genommen, was ihres Lebens Seligkeit war und möchtest nun gar zu gerne ihr dafür eine andere geben, die nach deinem Geschmack ist, so dein Gewissen möglichst heilen und wahre Liebe erwerben wo du Haß säetest. Frage dich aufrichtig, ob das möglich ist! Sie haßt dich und verabscheut dich, es kann nicht 415 anders sein. Täusche dich also nicht selbst, ich warne dich nochmals. Er hielt einen Augenblick inne, – streckte seine Hand aus, und sagte leise: Wollt Ihr mir Loppen geben, so will ich thun was ich kann, um Euch beizustehen, alles Unglück abzuwenden. Nichts will ich geben! rief Helgestad die Hand zurückstoßend. Behalte deine Weisheit für Andere, denke kennen uns Beide, wollte aber – er hob den Arm wie zu einem Schwure auf und sein Auge stierte den Schreiber wild an. Halt! sagte dieser, begeht keine Thorheit, wir kommen doch nicht von einander los. Ueberlegt und laßt uns friedlich beisammenstehen, mögen wir auch sonst uns fürchten oder wenn Ihr wollt hassen. Kluge Leute wissen Freunde zu sein und sich zu hüten. Behaltet Loppen, ich sage nichts mehr. Morgen brechen wir zu unserer Jagd auf; wir werden sehen, was wir fangen können. Und nun zieht Eure Stirne glatt und laßt mich wissen, was ich vielleicht in Euren Rechenbüchern noch helfen und rathen kann. Während dies auf der einen Seite des Hauses vorging, hatte auf der anderen Seite Ilda mit Olaf ein einsames Gespräch gehalten. – Die Jungfrau saß und nähte am Hochzeitslinnen, als ihr Verehrer hereintrat, ihr die Hand bot und sich zu ihr setzte. Du wunderst dich, sagte er nach den ersten Anfängen eines Gespräches, als dies stockte, daß ich mit Paul Petersen zurückgekommen bin? Ich wundere mich nicht darüber, erwiderte sie, aber ich freue mich, denn ich meinte beinahe, du könntest uns ohne Abschied verlassen. Olaf schwieg. Wenn ich dich verlassen könnte, murmelte er endlich vor sich hin, müßte es längst geschehen sein. Hast du von der Geschichte gehört, die einmal in alter Zeit passirt ist, als Hakon Jarl Herrscher in Trondhjem war? Er hatte eine Geliebte, Thora wurde sie genannt, die verstieß er um eines andern Weibes Gunst. Thora aber ließ nicht von ihm. Demüthig saß sie an seiner Schwelle, der wilde Jarl jagte sie fort, doch immer kam sie wieder. Ich will nichts als dein Angesicht sehen, sagte sie, Gottes Segen über dich, wenn ich das darf. Und als Alle den schrecklichen Mann verließen, da war es Thora, die ihn verbarg; als hundert Schwerter ihr den Tod drohten, 416 wenn sie nicht bekenne wo er sei, und Olaf Trygveson ihr Gold versprach, so viel sie tragen möge, blieb sie standhaft und wählte den Tod. Mein treuer lieber Olaf, sagte Ilda seine Hand drückend. O! laß nicht ab mein Freund zu sein. In allen Nöthen, antwortete er. Ich bin ein Mann, weiß was ich muß. Ich gönne auch Paul Petersen sein Glück, hoffe er wird sich würdig zeigen. Wo aber dir ein Leid droht, komme es woher es wolle, da laß mich bei dir stehen, lege was dich plagt auf mich. Ilda versprach es ihm und nach einiger Zeit lenkte sie das Gespräch auf Marstrand. Ich habe gehört, sagte sie, daß du von ihm in Unfrieden geschieden bist, das bekümmert mich, Olaf. Was hat er dir gethan, daß du so voller Zorn sein Haus verlassen konntest? Der Nordländer wußte Anfangs keine passende Antwort. Er richtete die Augen auf die Dielen, plötzlich aber hob er sie wieder auf und sagte heftig: Mich hat er verrathen, der falsche Däne! Verrathen und verspottet, dir aber hat er noch viel mehr gethan. Laß ihn seine Zunge wahren, mein Messer könnte sie ihm ausschneiden. Und was, Olaf, was hat seine Zunge mir so Schreckliches gethan? Er hat dich verläumdet, antwortete er, hat mit giftiger eitler Thorheit von dir gesprochen. That er das? flüsterte sie, indem ihre Arbeit ihr in den Schooß fiel und ihre Hände sich falteten. Was sagte er von mir? Daß du ihn liebtest – ihn, keinen Anderen, ihn allein! sprach Olaf zornvoll, und daß er dich liebt ohne Aufhören, bis in alle Ewigkeit! Er sah sie an und hielt inne. Ein sonderbares Lächeln war in ihren Zügen. Ihr Gesicht war bleich, aber wie verklärt sah es aus und aus den weit geöffneten Augen rollten große Thränen. Eine Minute lang starrte Olaf dies seltsame Beginnen an. Dann kam ihm Etwas in den Sinn, was sein Blut in Aufruhr brachte und sein Herz zusammenzog. Er sprang auf, seine Lippen zitterten. Er wollte eine Frage thun, aber sie kam nicht heraus. Plötzlich stieß er den Stuhl von sich, daß dieser umstürzte und rasch war er aus der Thür. Am nächsten Morgen verließ die Jagdpartie den Gaard. Paul Petersen, Olaf und Björnarne wohl bewaffnet, der Quäner Egede 417 mit seinem Hunde, auch zwei Packpferde, die allerlei Vorräthe für mehrere Tage trugen. 19. Marstrand hatte inzwischen auf seiner vereinsamten Niederlassung mit mancherlei schweren Sorgen zu kämpfen. Er besaß jetzt Geld genug, allein es fehlte ihm an Vorräthen und diese waren selbst durch silberne Mittel nicht leicht herbeizuschaffen. Er selbst konnte den Gaard nicht verlassen, ohne die größten Verwirrungen zu fürchten. Was sich thun ließ, um in Tromsöe und an anderen Orten das Mangelnde zu beschaffen, unternahm er mit größter Anstrengung, doch mit jedem Tage mehr wurde er inne, daß Mißtrauen und Mißachtung sich unter seine Arbeiter und Hausleute ausbreite. Bisher hatte er als Freund und Vertrauter des großen Handelsherrn vom Lyngenfjord gegolten, der im ganzen Lande der Erste war, jetzt hatte dieser sich mit offenem Hohn und Haß von ihm getrennt und bald liefen allerlei Gerüchte umher, daß der gräuliche alte Hexenmeister Afraja das Geld zum Bau liefre, der dänische Junker sich ihm dafür zugeschworen habe und von Christum wie von allem Recht und aller Ehre abgefallen sei. Die Folge war, daß der größte Theil, der schon den dänischen Herrn nicht mochte, jetzt diesen als Afraja's abhängigen erkauften Genossen verspottete und verschmähte. Alles Ansehen war verloren. Wo Marstrand tadelte, erhielt er kecke Antworten, wo er antreiben wollte, fand er Widerstand und Grobheit und nach zwei Wochen war es damit so weit gekommen, daß die Meisten trotzig ihr Geld forderten und unter harten Drohungen davon gingen, weil sie nichts mehr mit einem Mann zu thun haben wollten, der mit Lappen Umgang und Gemeinschaft hielt. Es blieben kaum Einige, denen der junge Gaardherr in seiner Noth Vertrauen schenken konnte; nur der Abhub, der nicht wußte wohin er sollte, hielt des Geldes wegen aus, ohne irgend zu nützen. Uebler noch war es, daß die Ansiedler und Kaufleute in den benachbarten Fjorden und Handelsstellen ihm ebenfalls den Rücken kehrten. Er sah bei jedem Versuche, daß er überall Widerwillen statt Hülfe fand. Die sonst freundlich waren, schlossen jetzt ihre Thür vor ihm und nun erst wurde er inne, was Helgestad's wiederholte Warnung zu 418 bedeuten habe, sich davor zu hüten, daß er nicht zu den Aussätzigen gerechnet werde. In civilisirten Ländern, in großen Städten, findet der Makelvollste doch immer Freunde und Genossen, hier aber wandten die sogenannten ehrlichen Leute sich nicht allein verächtlich von ihm ab, es waren damit auch andere Nachtheile verbunden. Niemand kaufte von ihm oder wollte ihm verkaufen. Kein Arbeiter mochte trotz guter Bezahlung sein Mann sein, Hohn und Schande wurden auf ihn geworfen und die, denen er Gutes erzeigt hatte, waren zumeist bedacht ihn zu kränken, Schaden zu stiften und zu lästern. Es war gewiß, daß er seine Arbeiten nicht fortsetzen konnte, und was sollte aus ihm werden, wie sollte er Einsamkeit, Entbehrungen und Ungemach ertragen? Kein Freund würde an seine Thür klopfen, kein menschliches Wesen ihm Theilnahme bezeigen, das öde Haus würde seine einzige Zufluchtsstätte sein. Es war zweifelhaft, ob selbst die wenigen Hausleute bei ihm aushielten und wenn dies der Fall war, wie sollte er diese und sich ernähren? Blickte er dann weiter hinaus auf den Februar hin, wo halb Finnmarken zum Fischfang auf die Lofoden zog, welchen Trost konnte er daraus schöpfen? Es schien ihm unmöglich, daß er daran Theil nehmen könne, denn was gehörte zu einer Ausrüstung mit Booten und Yachten voll Geräthe der verschiedensten Art und hauptsächlich voll Lebensmittel zum Unterhalt der Mannschaften? Hätte er Kolonisten in seine Thäler und Uferstellen gesetzt, hätte er für seinen Gaard gesorgt und den Wald liegen und stehen lassen, bis zu Zeiten, wo er ohne Gefährde sich in Speculationen einlassen durfte, so wäre es anders mit ihm gekommen. Helgestad würde nicht gewagt haben, ihn in so gutem, sichern Besitz anzugreifen; hätte er es jedoch gethan, so wäre Hülfe leicht gewesen. Mehr wie einer der reichen Kaufleute hätte ihm dann Geld vorgestreckt; nun aber war er im ganzen Lande verlacht und als ein dänischer Narr verhöhnt, der eben so kopflos wie sinnlos gewirthschaftet hatte. Er bedachte das Alles, sah und erkannte Alles, aber es war zu spät! Es gehörte der äußerste Muth und eine zähe Energie dazu, um in solcher Lage nicht zu verzweifeln. Der einzige Freund, von welchem Johann wahrhaftes Mitgefühl und allen möglichen Beistand erwarten konnte, war Klaus Hornemann. Wo aber befand sich der alte 419 Gottesmann? In welcher Wildniß, vielleicht am äußersten Kap oder an der Tana mochte er sein! Und wenn er wirklich an den Lyngenfjord kam, wenn er die Doppelehe in Helgestad's Haus einsegnete, konnte er läugnen und lügen, daß er von Afraja Geld genommen, konnte der Priester ihn mit dem allgemeinen Hasse aussöhnen, konnte er ihm Achtung und Ansehen, die Mittel verschaffen, um seinen mächtigen Feinden zu widerstehen? Diesen nicht zu weichen, sich nicht berauben und aus dem Lande jagen zu lassen, war noch immer Marstrand's fester Entschluß. Die Ueberzeugung, daß kein Makel seine Ehre belaste und sein Gewissen frei von Vorwurf sei, hielt ihn aufrecht. Er sann hin und her, irgend ein Hülfsmittel zu entdecken, aber in seiner Verlassenheit fand er auch nicht eines, das erfolgreich schien. Afraja's Geld nützte ihm nichts und doch war dieser alte Mann immer wieder der Schlußpunkt seiner Betrachtungen, doch führten alle seine Grübeleien auf ihn zurück und wenn er schlaflos lag und der Wind die Fenster rüttelte, sprang er freudig auf, weil er den Zauberer vermuthete, der sich nicht blicken ließ. Eines Tages jedoch, als er das Balselfthal hinauf ging und bis jenseits der Wasserfälle gegangen war, hörte er plötzlich hinter sich ein leises Rufen und durch das Felsgetrümmer, in welchem die Bäume wurzelten, sah er Mortuno springen, gewandt wie ein Hirsch, mit Büchse, Alpenstock und Jagdhemd, seine Mütze mit den Adlerfedern keck auf das schwarze Haar gedrückt. Mortuno war voller Freude, als er sich näherte, und schon von weitem rief er: Alles Glück sei mit dir, Herr, doch Glück auch für mich zu deinen Diensten. Ich habe dich lange nicht gesehen, Mortuno, sagte Marstrand. Du siehst mich jetzt, antwortete der Lappe, weil Einer mich schickt, der es so will. Afraja! Du sagst es, fuhr Mortuno fort. Er hat dir Wichtiges zu vertrauen. Darum bittet er dich, zu ihm zu kommen und ihn zu hören. Willst du mir folgen? Marstrand versprach es sogleich. Mortuno setzte sich auf einen Stein und sagte: So will ich dich hier erwarten. Sage deinen Hausleuten, daß du ein paar Tage fortbleiben willst und noch Eines. Du wirst an deiner Thür zwei Männer finden, die Essig und Pulver von 420 dir kaufen wollen. Gib ihnen, was du hast, es sind Afraja's Diener: In den Tragkörben ihrer Thiere bringen sie dir Fleisch zum Geschenk, deine stolzen Gaardleute werden nicht böse darüber sein, einen Rennthierbraten zu verzehren. Er streckte sich lachend aus, und Marstrand fand wirklich vor seiner Thür zwei Lappen, die sein Pulver begehrten, ein ganzes Fäßchen von fünfundzwanzig Pfund kauften, allerlei andere Einkäufe an Nadeln, Scheeren, Essig, Leinwand und Beilen machten, und endlich, nachdem sie Fleisch und Käse in den Kauf gegeben, Alles einpackten und abzogen. Nach zwei Stunden, als die Sonne zu sinken begann, war der Junker bereit zu seiner Reise. Er empfahl sein Hauswesen der Magd, der er vertrauen durfte, gab vor, an den Malangerfjord hinüber zu wollen, um zu sehen, ob dort Mehl zu haben sei und fand an der Elf den wartenden Mortuno, der sogleich aufsprang, als er ihn kommen sah, und ohne ihn abzuwarten, an der Felsenwand aufstieg. Oben erst, wo das Fjeld begann, stand er still und nun führte er den dänischen Herrn mehrere Stunden lang östlich durch die stille Wüste. Es war wundersam anzuschauen, wie das rothe Sonnenlicht und blaue goldig durchzogene Nebel sich um die ungeheure Kuppe des Kilpis legten und dessen wetterschwarze Schluchten und Wände schön machten. Der Wind wehte scharf über das weite durchbrochene Land, das bald mit Moos reich bewachsen, bald mit nickenden Blumen und Halmen bestickt, bald wieder ein unermeßlicher Sumpf war, in welchem Marstrand vorsichtig von einem Grasbüschel zum andern sprang, um sich trocken zu erhalten. Mortuno hatte darin weit größere Gewandtheit und machte diese geltend. Er strauchelte niemals und während sein Begleiter sich bald erhitzte und in Geröll und Schutt müde wurde, lief er mit gemsenartiger Sicherheit an den steilen Rändern der Bäche nieder, die hier überall sich enge, tiefe Thäler ausgewühlt hatten, und kletterte mit demselben leichtfüßigen Geschick wieder daran auf. Der Kilpis rückte dabei den Wanderern näher, allein er war noch immer entfernt genug, als die Nacht einzubrechen begann. Die unermeßlichen Linien der lappischen Alpen lagerten sich übereinander aufsteigend, bis an die fernen Grenzen des Horizontes und hüllten sich in Duft und Schatten. Da und dort stieg eine riesige 421 Felsenmasse auf, keine Spitzenerhebung, sondern wie die Natur dieses Landes ist, ein mächtiger Gebirgsstock, gewaltig und düster, mit glatten Wänden, oben aber wiederum ein weit gestrecktes Fjeld tragend, oder einen gigantischen Kegelgipfel. Zur anderen Seite aber lag der rothfunkelnde Schild des Meeres, eine strahlende Feuermasse, in welche die Sonnenkugel stürzte, ein seltsames von keinem Auge zu fassendes Gewirre von Inseln, glanzvollen Wasserstreifen, Gletschern und fernen Eisfeldern, die unentwirrbar in einander gewickelt schienen. Marstrand betrachtete einige Minuten lang das edle Schauspiel, dann fragte er Mortuno über das Ziel ihrer Wanderung. Er hatte ein Recht dazu, denn wenn diese Wüste schon beim Tageslichte nur mit Vorsicht zu durchkreuzen war, so nahmen die Schwierigkeiten in der Finsterniß noch weit mehr zu. Gegen den Kilpis hin lag eine jener furchtbaren Sumpf- und Steinwildnisse von tiefrandigen Abstürzen durchschnitten und von seeartigen Wasserbecken unterbrochen, wie diese sich häufig am Fuße hoher Bergmassen finden und die Sammelplätze der Quellen und schmelzenden Schneelager sind. Hier nächtlich zu wandern, wo jeder Fehltritt das Leben kosten konnte, war erschreckend genug für einen Neuling, aber Mortuno hatte guten Trost bei der Hand. Das ist freilich kein Land für deine Füße und für deine Augen, Herr, sagte er lachend, doch gedulde dich noch kurze Zeit, so wird es uns an Hülfe nicht fehlen. – Damit schritt er vorwärts und Marstrand folgte ihm, so gut er konnte in das dämmernde Dunkel, das nach und nach alle Fernen und Nähen einhüllte. Eine Stunde mochte dann vorüber sein, als sie in ein tiefes Gesenk hinabstiegen. Hier wuchs Birkengestrüpp und knorriges Buschwerk, das schwer zu durchdringen war, bald aber hörte Johann Hunde bellen und dann das eigenthümliche Grunzen, das, wie er wußte, Rennthiere hören lassen, wenn sie beisammen sind. Hier also mußte ein Lager sein, hier mußte eine Heerde weiden, mußten Menschen und Zelte gefunden werden, doch erkennen ließ sich nichts. Als sie an dem Wasser standen, das in der Schlucht floß, bat Mortuno seinen Begleiter zu warten, allein kaum waren einige Minuten vergangen, als er schon wiederkehrte und ein gehörntes Thier am Riemen mitbrachte. Hier bringe ich dir ein Reitpferd, sagte er, das beste und stärkste, das weit umher zu haben ist. Steige auf, es wird dich sicher tragen. 422 Unser Abenteurer ließ sich nicht nöthigen. Es lag ein weiches Kissen auf dem Rücken des sonderbaren Renners; ein Glöckchen hing um dessen Hals, das seine leisen Töne durch die Abendstille klingen ließ und Mortuno gab ihm einen sanften Schlag, indem er ihm zugleich ein paar unbekannte, rauhklingende Gurgel- und Kehllaute zurief. Das Thier bahnte sich seinen Weg durch die Büsche nach der Höhe, der junge Finne sprang voran und Marstrand glaubte, daß dies dasselbe mächtige Ren sei, auf welchem er einst Afraja im Balselfwalde gesehen hatte. So war denn Alles zu seinem Empfange vorbereitet worden und heimlich belustigte es ihn, daß der alte Zauberer ihm sein eigenes Leibroß entgegen geschickt hatte. Mortuno war darüber sehr schweigsam. Johann konnte überhaupt wenig von ihm erfahren, kaum gab er zu, daß wirklich in der Schlucht eine Heerde Afraja's ihr Lager habe. Du wirst schon sehen, wo du bist, sagte, er, wenn es Tag wird. Afraja wird dann bei dir sein und dir viele Rennthiere zeigen. Du führst mich also zu seiner Gamme? fragte Marstrand. Afraja wohnt überall, antwortete Mortuno. Wohin er kommt, hat er, was er braucht und will. Diener, Zelte und Reitpferde, lachte sein Begleiter. Aber sind Eure Rennthiere so stark, so wundert es mich, daß Ihr nicht alle auf den Fjeldern umherjagt. Du bist im Irrthum, sagte der Lappe. Selten findet sich ein Thier, das nicht nach kurzer Zeit mit seinem Reiter sich am Boden wälzte. Dies hier ist eine Seltenheit. Es stammt vom weißen Meere, wo eine Insel liegt, Kola genannt, von dort kommen die größten und stärksten. – Du darfst überhaupt nicht glauben, fügte er hinzu, daß die Rennthiere, so sanft und geduldig sie scheinen, sich alle Unbill gefallen lassen, die Einer ihnen anthun mag. Sie ertragen es lange wenn man sie zwingt Lasten zu schleppen, Schlitten zu ziehen, oder wenn Geräthe und Zeltstangen auf ihre Rücken gebunden werden, sobald es ihnen jedoch zu viel wird, gerathen sie in Zorn, gehen mit Hörnern und Füßen auf ihren Herrn los, verfolgen ihn und werfen ihn zu Boden. – Er lachte, auf und schrie dann lebhaft: Das Rennthier ist klüger wie wir, es schafft sich sein Recht, und Gott mag 423 wissen, wo wir unsere Augen hatten, sonst hätten wir längst viel von ihm lernen können. Ist es weit noch bis zu dem Orte, wo dein Oheim uns erwartet? fragte Marstrand, der Mortuno nichts Anderes antworten mochte. Du bist ihm näher wie dem Balsfjord. Und Gula wird bei ihm sein? Mortuno schwieg. Nach einem Weilchen aber erhob er seine Stimme und begann ein Lied zu singen, das gar nicht übel klang. Es schien ein Lied zu sein, das ursprünglich in seiner Muttersprache gedichtet war, aber er übersetzte es, indem er es sang, in's Norwegische, gewiß in der Absicht, daß Marstrand es verstehen sollte. »O Sonne,« begann es, »wenn du am Himmel ständest mit deinem goldenen Lichte, würde ich den Urevand sehen können, den blauen, wellenschlagenden See, aber ich sehe die Sterne, sie scheinen in sein klares Wasser und Eine weiß ich, die schaut zu ihnen hinunter und fragt wo ich bin.« »Wenn ich von dem hohen Gipfel der Fichte in das verborgene Thal sehen könnte, wollte ich hinaufsteigen, um zu lauschen, unter welchen Blumen mein Liebchen schläft. Ich wollte alle Sträuche, die dort wachsen, ausreißen, wollte alle Zweige, diese grünen Zweige, abhauen, wenn sie mich hinderten.« »Es mangeln mir Flügel, es mangeln mir Füße, Flügel des schnellen Vogels, Füße des schlanken Rens, die mich zu ihr bringen könnten, und ach! sieht sie mich nicht, hört sie mich nicht? Ich weiß es nicht. Aber mein Auge sieht sie, ob die Nacht auch dunkel sei, mein Ohr hört ihren Athem.« »Ich habe auf dich gewartet so viele, viele Tage, so viele gute Tage; ich habe gewartet deine allerschönsten Augen zu sehen, und drin liebliches, sanftes Lächeln; aber ach! wie ist so bleich dein Gesicht, wie so matt dein Fuß, der doch so leicht und zierlich war, wie der Fuß des jungen Luchses.« »O, sage mir, Holde, was dir fehlt. Fliehe nicht vor mir, denn wohin du auch flöhest, ich würde eilen dich zu haschen. Was kann stärker binden als ein Seil gewundener Sehnen, was hält fester als Ketten von Eisen? Stärker, stärker, Mädchen, bindet die Liebe mir Kopf und Glieder, hindert mich zu denken, macht mich schwach.« 424 »Des Kindes Wille, des Windes Wille, der Jugend Gedanken sind eitle Gedanken. Wollte ich mit ihnen rechten, sie würden mich von dem richtigen Wege verlocken. Doch du allein sollst entscheiden. Thue was du willst, schließ' deine Augen zu, höre mich nicht! Wie mein Herz auch zittern mag, es soll gehorchen.« »Frieden sollst du haben, Geliebte, Trost und Frieden! Deine Wange soll wieder roth werden, dein Fuß fröhlich und leicht über die nickenden Blumen eilen, dein Herz soll klopfen wie in schönen Tagen. Noch einen Rath weiß ich, den will ich annehmen, mit ihm hoffe ich den rechten Weg zu finden.« Hier schwieg Mortuno, nachdem seine Stimme zum leisen Flüstern gesunken war. Du hast dies Lied gemacht? fragte Marstrand. Ja, Herr. Noch nicht lange hast du es gemacht? Gestern war es. Sie zogen weiter durch die Nacht. Der Himmel hing darüber mit zahllosen Sternen. Das Rennthier plätscherte durch Wasser, das ein weites Becken zu füllen schien, in welchem der Schimmer der Gestirne widerspiegelte. Und dies ist der Urevand? fragte Marstrand wieder. So nennen ihn die Männer deines Volkes, antwortete Mortuno, es ist Jubinal's heiliger See. – Plötzlich flimmerte ein rother Schein in der Ferne und das Thier stieg mit seinem Reiter aus dem Wasser auf festen Boden, der immer höher und steiler sich erhob. Hunde bellten laut, aber Marstrand fragte nicht mehr, denn er wußte, daß er jetzt in Afraja's Nähe war. Nach einiger Zeit kamen mehrere Männer mit großen, brennenden Holzspänen ihnen entgegen und wechselten ein paar Worte mit Mortuno, der den Leitzaum des Rennthiers ergriff und es zwischen gewaltigen Felsblöcken zu einem spitzen Zelte führte. Als Marstrand abstieg, leisteten sie ihm Beistand. Mortuno führte ihn höflich in die braune Gamme. Der Boden derselben war mit Birkenblättern dicht bestreut; ein Feuerplatz befand sich in der Mitte, über welchem an einer langen Kette eine eiserne Doppellampe schwebte. An der einen Seite befand sich ein Sitz von Birkenreisern, 425 an der anderen ein weiches Lager von Moos mit Linnentüchern bedeckt, daneben lag eine Anzahl warmer Decken und Pelze. Verweile hier, sagte Mortuno, Afraja ladet dich zur Ruhe ein. Und wo ist er? fragte der Junker. Wer mag es wissen? Wenn es Zeit ist, wird er bei dir sein. Bist du müde, so schlafe unbesorgt, hast du Hunger oder Durst, so findest du hier, was wir geben können. Er deutete dabei auf den Herdstein, wo Brod und Speisen sammt Flaschen und Krügen standen, und verließ dann das Zelt, indem er seine Bitten wiederholte, Marstrand möge geduldig seinen Oheim erwarten und dessen Gastfreundschaft sich gefallen lassen. Was blieb in dieser Lage auch weiter übrig? Es war tief in der Nacht und der lange, mühsame Weg hatte den Reisenden nicht wenig angestrengt. Er setzte sich auf den großen Stein und kostete von der fetten, frischen Milch und dem Fleisch, dann gab er sich seinen Betrachtungen hin und horchte von Zeit zu Zeit auf, wenn ihm war als höre er draußen Geräusch und Schritte. Aber es war Nichts als das hohle Rauschen des Windes und als er das Zelt öffnete und hinaustrat, fand er nur Dunkelheit und tiefes Schweigen. Kein Gegenstand war zu erkennen, er wußte auch nicht, wo er sich befand. Kein Wächter war zu bemerken, kein Laut verrieth die Nähe eines Lebendigen. Marstrand sagte sich lächelnd, daß er fester hier gefangen sei, wie ein Mensch, den man in der civilisirten Welt hinter Mauern und Riegel einsperrt. Glückt es dem seine Fesseln zu brechen, so weiß er wohin er flieht, hier aber hinderte anscheinend Nichts ein Entweichen und doch war kein Schritt ohne Gefahr. Listig hatte Afraja es veranstaltet, daß sein Gast bei Nacht zu ihm geführt wurde, und wo war er nun, wo war Gula? Warum ließ er ihn allein und was wollte er von ihm? Eine lange Reihe von Fragen knüpfte sich an diese ersten, endlich aber, als ersichtlich Geduld hier durchaus geübt werden mußte, warf er sich auf das Mooslager, drückte seinen Kopf in die weichen Felle und schlief ein. Einigemale erwachte er wieder, sah scheu umher, suchte den alten Schirmherrn, horchte und fiel zurück, endlich aber wurde sein Schlaf fester und als er aufsprang, war die Lampe am Verglimmen und der Tag graute herein. 426 Seine Neugier war groß als er die Zeltdecke aufhob, um die unbekannte Welt zu betrachten, doch verwundert sah er, daß er auch jetzt sich ganz allein befand. Nirgend war ein Rennthier, nirgend eine Gamme, Nichts als kahle, gebrochene, furchtbar öde Wildniß. Er wandte sich und hob den Kopf in die Höhe. Hinter ihm lag der kantige, ungeheure Felsen des Kilpis, sein riesiges, schwarzes Haupt von der ersten Morgenröthe angehaucht. Als er forschender um sich blickte, bemerkte er, daß der Ort, wo er sich befand, ein Gebirgsabsatz am Fuße des mächtigen Stockes sei, von welchem er durch eine tiefe Kluft getrennt wurde. Nach drei Seiten hin fiel das kleine Fjeld mit fast senkrechten Wänden in einen ziemlich großen See, der zwischen Trümmern und Felsenzungen sich ausbreitete, mit der vierten hing es mit einem hohen Gebirgssattel zusammen, an welchem das gehörnte Pferd in der Nacht mit seinem Reiter aufgeklettert sein mußte, nachdem es einen Theil des Sees durchwatet hatte. Wo war es aber nun? Wo war Mortuno? Wo war die braune Heerde? Und wo vor Allem war Afraja und sein Kind? Marstrand sprang auf einen der hohen Blöcke und mit Erstaunen sah er, daß der Kreis derselben, in welchem das Zelt stand, sehr regelmäßig aussah. Alle diese Felsenstücke schienen kantig behauen und mit sonderbaren Linien und Rinnen versehen, die nicht willkürlich oder zufällig sein konnten. Er hatte öfter schon von den Zauber- und Opferkreisen der Lappen im Gebirge gehört und zweifelte nicht, daß dies eine Saita sei, die irgend einer der vielen Gottheiten gehöre. Zu gleicher Zeit aber fiel es ihm auf, daß Afraja hier ein Zelt erbaute und ihn darin geherbergt habe. Gewiß war der gewaltige, flache Stein, auf dem er sein Mahl gehalten, kein Herdstein, sondern ein Opferstein, und dort, wo er schlief und wo er stand, war den heidnischen Göttern, vielleicht noch kurz zuvor, gräulicher Zauberdienst geleistet worden. Alle diese Muthmaßungen führten jedoch zu Nichts. Der Tag war heller geworden, die fernen Nebelwälle theilten sich und Marstrand blickte über ein weites Stück Land, ohne irgend eine neue Entdeckung machen zu können. Als er jedoch an der Schlucht hinging, die zwischen dem Vorsprung und der hohen Wand des Kilpis lag, kam es ihm vor, als wären dort die Steine stufenartig übereinander 427 gelegt, so daß ein Hinabsteigen an einer Stelle möglich wurde. Er säumte nicht einen Versuch zu machen, der über Erwartung gut gelang, und als er auf den Grund gelangte, sah er, daß dieser sich weithin in eine Kluft fortsetzte, die wie ein tiefes, höhlenartiges Thor den Kilpis und die anlehnende Gebirgsmasse durchbrach. Von oben konnte man unmöglich etwas davon entdecken, hier jedoch wölbte sich die Schlucht zu einem Gange und füllte sich in der Tiefe mit wunderbarem Glanz, der, wie Marstrand bald inne wurde, nichts anderes war, wie heller Sonnenschein, der ihm entgegenschimmerte. Er war überzeugt, daß ein natürlicher Verbindungsweg mitten durch den mächtigen Felsensattel führte, welcher steil an dem Kilpis auflief und längst schon glaubte er, daß dies die Wand sein müsse, vor der Olaf bei seiner Entdeckungsreise stillstand, als er eben in ein großes Thal schaute. Voller Verlangen schritt er vorwärts. Eine Ahndung sagte ihm, dort müsse Gula wohnen, hier werde er auch Afraja finden, und dennoch, als er nun aus dem Gang heraustrat, stand er überrascht und zögernd still, denn was er erblickte, übertraf alle seine Erwartungen. Er sah ein Thal vor sich liegen, grüner und lieblicher, wie er jemals eines in diesem Lande gesehen. Eine mildere, glücklichere Natur schien darin zu walten, eine wärmere Sonne ihr Licht darüber auszugießen. Nirgend trat der Felsboden hervor, überall war fruchtbare Erde, überall wurzelten schöne, große Bäume, die Birke und die nordische Fichte zwar, doch nicht so schwarz und traurig, wie diese an den düsteren Fjorden stehen, sondern kraftvoll, buschig und grün, wie sie südlicher wachsen. Mitten durch das Thal strömte ein Bach, dessen Rand mit Gebüsch besetzt war, das sich über ihn hinneigte. Dichtes Gras wuchs in Fülle, Moosblumen in mancherlei Farben sproßten dazwischen auf und wohin Marstrand blickte, überall schien es ihm schön zu sein, überall glaubte er einen Garten zu erblicken, der von sorgsamer Hand gepflegt wurde. Plötzlich hörte er, eben wie Olaf damals, ferne Glöckchen klingen, aber wie schlug sein Herz, als er aus dem dichten Geblätter, hinter welches er sich zurückgezogen, ein Mädchen kommen sah, das sich dem Bache näherte und kein anderes war, als Gula selbst. Marstrand's ganze Theilnahme erwachte, eine zitternde Freude lief durch sein Herz. Die kleine zierliche Gestalt war in ein langes 428 lichtbraunes Gewand gehüllt; ihr Gesicht war sichtlich abgezehrt und krank, ihr langes schwarzes Haar fiel auf die Schultern nieder und neben ihr ging ein weißes gezähmtes Rennthier, dessen rothes Halsband ihre Hand berührte. Sie sah vor sich nieder und ging der Sonne entgegen, die eben ihre ersten Strahlen über die Felsen sandte; plötzlich stand das Thier vor dem Gebüsch still und wie sie langsam den Kopf aufhob, sah sie den fremden Mann vor sich stehen. Gula! rief Marstrand seine Arme ausstreckend, und ihre Augen leuchteten auf, ihr Schrecken verwandelte sich in jähes Entzücken; ihre Lippen öffneten sich sprachlos, zitternd eilte sie ihm entgegen und klammerte sich an ihn so fest als glaubte sie nicht, daß er wirklich da sei. Ihre großen Augen blickten ihn unaussprechlich flehend an, Thränen rollten daraus hervor. Sie hatte keine Worte, ein schmerzhaftes Zucken flog durch ihr Gesicht und durch den ganzen Körper, dann kehrte die süße Gewißheit zurück. Der Augenblick mit aller seiner Seligkeit faßte das arme verlassene Kind, und während Johann zu ihr redete, hing ihr Kopf weit über im Nacken, ihr Blick an seinen Mund festgebannt, als wollte sie nie und nimmer von ihm lassen. Liebe theure Gula, sagte Marstrand ergriffen von diesem Empfang, wie lange habe ich mich danach gesehnt, dich wieder zu finden. Sage mir wie es dir geht? Sage mir, ob du krank bist? Aber wenn du lachst, dein Auge ist hell, du lebst in Frieden! Frieden mit dir und mir! antwortete sie. Ich sehe dich und ich fühle nichts. Aber was ist das? fuhr sie fort, indem sie ihn betrachtete. Du bist bleich geworden, dein Gesicht drückt Kummer aus. O! mein Vater hat es mir gesagt, sie verfolgen dich, weil du besser bist, wie sie. Sie haben dich verrathen, Helgestad hat dich betrogen, Alle, Alle sind gegen dich! So weißt du also was mir geschehen ist? fragte er, und wie dein Vater mir Beistand geleistet hat? That er das? rief sie lebhaft, Gottes großen Dank dafür! Nein, Herr, ich weiß es nicht, erst gestern sprach er von dir. O, nun erkenne ich, warum er es that. Er wollte mich auf deine Ankunft vorbereiten, er erzählte von dir, lobte dich und da bist du nun, ehe ich es dachte. Nach seinem Willen, antwortete Johann, nachdenkend und lächelnd. 429 Und nach deinem Willen, sprich nach deinem Willen! fiel sie ein. Sagtest du nicht, daß du Sehnsucht hattest? Frägst du nicht, wie ich viele viele Tage betete, wie ich jeden Tag zu dem Kilpis hinauf sah, wenn der feurige Hauch an ihm hing und wie es mein Trost war, wenn ich dachte: Jetzt wohl blickt er hier herauf und erinnert sich an die arme kleine Gula. Nenne mich wieder so, rufe mich, daß ich es höre. O! – o! Du weißt nicht, wie deine Stimme mir so wohl thut; du weißt nicht, was ich in Einsamkeit gelitten habe, flüsterte sie zagend. – Sie hing in seinen Armen, ihr Lächeln, ihr Blick war Liebe, neues Hoffen und jene göttliche Gläubigkeit, die alle Zweifel von sich wirft. Er küßte ihre Lippen, er nannte ihren Namen, nannte sie seine kleine liebe Gula; was hätte er ihr sagen können? Was wäre der Muth gewesen, diese tiefe hingebende Liebe von sich zu stoßen! Du sollst nicht leiden, sagte er. Haben wir nicht einen Bund gemacht, daß wir treu uns beistehen wollen? Sie nickte ihm mit leuchtenden Augen zu. Ich bin dir treu, rief sie. Sage mir, was ich thun muß, ob ich leben oder sterben soll, aber verlaß mich nicht, verstoße mich nicht! Sie deckte eine Hand auf ihre Stirne, als erinnere sie sich an etwas, dann fuhr sie fort: Mein Vater will dir wohl, er ist mächtig reich, reicher als Helgestad. Fordere von ihm, was du willst, er wird es dir gewähren. Wo ist dein Vater? Hier! antwortete eine Stimme vor der Höhlung der Felsenwand und da stand Afraja, die Hände um seinen großen Stock gelegt, die spitze Lappenmütze auf seinem häßlichen dicken Kopf und blickte ihn mit den verschmitzten Augen boshaft an. Sei gegrüßt, Jüngling, in meinem Lande, sagte er, und habe Dank, daß du gekommen bist. Er reichte seinem Gaste die Hand und lachte in seiner Weise. – Du hast den Weg gefunden, der schwer zu finden ist, fuhr er dann fort, aber ich dachte wohl, daß er dir nicht verborgen bliebe. Nun bist du hier in Jubinal's Paradies, möge es dir gefallen. Hat Jubinal einst hier gewohnt? fragte Marstrand. Er wohnt noch hier, antwortete Afraja ernsthaft. Er läßt die Blumen wachsen und streckt seine Hand über Alles aus, was in diesem Thale lebt. Wenn der Kilpis in Eis und Schnee begraben 430 liegt, alle Quellen erstarrt sind, fließt der Bach, wie er jetzt fließt, und meine Heerde findet Nahrung, so viel sie bedarf. Marstrand hätte dagegen mancherlei Zweifel einwenden können, denn er wußte gewiß, daß dies versteckte Thal sich eben sowohl mit Schnee füllen mußte, wie alle anderen, aber ein liebliches, geschütztes Plätzchen war es gewiß und gern gestand er seine Ueberraschung, die der alte Stammführer beifällig zu hören schien. Du sprichst gerecht und gut, antwortete er dann, es gibt jedoch manches Andere, was dir noch besser gefallen wird. – Seine Augen blitzten auf Gula und indem er mit der Hand über ihr Haar strich, murmelte er ihr einige Worte zu und fuhr dann laut fort: Wir wollen gehen, ich will dir meine Thiere zeigen, während dessen soll das Mädchen sorgen, daß sie dich aufnehmen kann, wie es schicklich ist. Gula eilte, dem Winke folgend, mit einem heißen Blick auf ihren Freund davon. Das zahme weiße Thier lief ihr nach, Afraja dagegen führte den Gast durch die Windungen des Thales, überstieg dann mit ihm einen hohen Wall von Schutt und Gestein, an dessen Seite sich das rauschende Wasser seinen Weg in eine tiefe bewachsene Schlucht brach, und jetzt sah Marstrand sich auf der moosigen Hochebene, den Saitasteinen gegenüber, in welchen er die Nacht zugebracht hatte. Das Zelt war dort verschwunden, es war nur für ihn aufgeschlagen worden, aber zu seinen Füßen am Rande der Waldschlucht erhoben sich fünf andere Zelte und vor diesen zog sich ein Gehege von Birkenstämmen und Geflechten hin, innerhalb deren es von gehörnten Milchkühen wimmelte. Zum ersten Male war er mitten in der Alpenwirthschaft eines Lappenlagers, dessen ganze fröhliche Geschäftigkeit sich vor ihm aufthat. Die große Heerde innerhalb des Geheges war mehr als tausend Köpfe stark und heute wurde die Herbstmusterung gehalten. Wohl ein Dutzend Männer und Weiber schienen mit Melken beschäftigt, mehrere andere führten die sich sträubenden Thiere herbei. Denn nur ein Theil derselben kam willig von selbst, um die strotzenden Euter leeren zu lassen, andere suchten sich davon zu machen, aber kein Indianer Südamerika's mochte sicherer seinen Lasso schleudern, wie diese Hirten ihre vierzig bis fünfzig Fuß langen Schlingen, die jedesmal, ohne je zu fehlen, über das Gehörn des scheuen Geschöpfes fuhren, 431 das sie treffen sollten. Dann wurde es widerstandslos an die Geflechte gezogen, dort gemolken und frei gelassen, oder Mortuno, der mit zwei erfahrenen Gehülfen umherging, bestimmte es wegen seines Alters, Fleischgewichts und Fettes zum Verkauf auf den nächsten Markt und schnitt ihm ein Zeichen in's Haar. Die jungen Thiere standen in einem dichten Haufen, die Kälber umsprangen ihre Mütter, stießen sich und jagten sich, schrieen vor Lust und wurden durch den warnenden Ruf der Alten gelockt, die ungeduldig den Augenblick erwarteten, wo sie aus den Hürden in's Freie gelassen würden. Die Glocken der Leitthiere schlugen melodisch an und die Männer und Weiber sangen bei ihrer Arbeit. Gelächter und Frohsinn schienen überall zu walten. Da liefen die Hirten mit großen Gefäßen voll Milch nach der Vorrathsgamme, die das größte Zelt bildete, dort wieder in ein doppelt an einander gebautes, welches das Familien- und Wohnhaus zu sein schien und aus dessen zurückgeschlagener Decke heller Feuerschein unter einer Rauchsäule hervorzuckte. Alle diese Zelte oder Gammen waren sehr einfach gebaut, denn sie bestanden aus nichts, als aus sieben oder neun ziemlich hohen Stangen, welche in einer zusammengebundenen Spitze sich vereinten, unten aber einen Kreis bildeten. Eine Decke von grober brauner Leinwand hing über den ganzen Bau, der durch einige Stricke aus gedrehtem Leder und Pflöcke verstärkt war, um Sturmstößen besser zu widerstehen. Bei einigen Gammen war die Zeltdecke geölt, alle waren in gutem Stande und nahe der größten hingen an mehreren Pfählen Geräthe und Decken, Holznäpfe und Kleidungsstücke. Marstrand sah mit neugierigem Gefallen dies Hirtenleben und Treiben. Der Tag war heiter, der Himmel so schön blau, wie in der besten Zeit, und die Sonne wärmend, gelbstrahlend, trotz der Morgenfrühe und der Windbewegung. Afraja überließ ihn seinem Nachdenken, denn er wurde bald von Mortuno und den andern Männern abgerufen, um bei der Auswahl der Thiere zu entscheiden. So vergeht ein Menschendasein, sagte Johann, nachdem er lange auf einem Stein gesessen und zugeschaut hatte, dort in Palästen, da in Hütten, bei den Einen auf seidenen Kissen, hier auf rauhem Fels und Schnee, und was dem Verwöhnten fürchterliches Elend scheint, ist dem Natursohne Genuß und Glück. Aber ich kann jetzt begreifen, 432 fuhr er fort, als Afraja zurückkam, warum die armen Bö- und Fischlappen an der Küste Euch so sehr beneiden. Es ist eine Herrlichkeit um solch freies Hirtenleben gegen das dumpfige Wohnen in einer Erdhütte. Die dort unten, erwiderte Afraja stolz, sind Bettler, die sich von Almosen nähren. Ich habe hundert Thiere aus dieser Heerde gewählt, die ich am Markttage verkaufen will, sammt Federn, Häuten und Geweihen. Meine anderen Heerden werden mir nicht weniger einbringen, meine Taschen werden voll blanker Thaler sein und dabei fehlt es uns nicht an guter Speise aller Art, Jahr aus Jahr ein. Wir wandern in unserem weiten Lande auf und ab, leben, wo es uns gut dünkt, leiden keine Noth, kennen keine Entbehrung. Wie vielfach ist die Plage der Männer, die sich weiser und besser dünken? Wie groß sind ihre Bedürfnisse? Und je weiter du blickst, um so mehr wirst du finden, daß ich Wahrheit spreche. Die Menschen sind gerecht gewesen, so lange sie wenig bedurften, je weiter sie in schlauen Künsten kamen, um so gieriger und gewissenloser wurden sie. Wir leben noch wie unsere Väter vor langen Jahren. Wir wollen Nichts von fremdem Gut, aber dein Volk hat uns bedrückt, hat uns genommen, was uns gehört und gibt uns keinen Frieden. Wenn das wahr wäre, was du sagst, antwortete Marstrand, würde es auf der ganzen Erde nur Hirten und Jäger geben. Wir würden wie die Thiere des Waldes sein. Doch der Mensch hat von Gott den Sinn erhalten, weiter zu streben, zu lernen und zu schaffen und seinen Verstand zu gebrauchen. Muß er ihn gebrauchen, um Unrecht zu thun? fragte Afraja. Nein, erwiderte der Junker, Aufklärung soll uns bessern, soll uns milder und gerechter machen. Dann sieh, sagte der alte Mann, was aus denen geworden ist, die da meinen, ihr Gott sei der Gott der Wahrheit. Doch komm, fuhr er fort, meine Heerde geht auf ihre Morgenweide. Du wirst durstig sein, brich mit uns dein Brod und danke dem Allvater, dem jedes Geschöpf gehört. Während er sprach, hatte sich die dicht gedrängte Thierschaar in Bewegung gesetzt. Ein Dutzend der kleinen, zottigen Hunde, die bisher wachsam den ganzen Trupp umstanden und jedes Ren 433 zurückgewiesen hatten, das sich entfernen wollte, begann ein lautes Gekläff. Die Leitthiere setzten sich an die Spitze ihrer zahlreichen Familien und nun ging es hinaus in die thauige, moosige Haide, erst zu dem See hinab, um zu trinken, dann in die waldige Schlucht, wo reiches Futter war. Es war ein fröhlicher Zug in's freie Leben. Die Thiere muthig springend, die Hunde mit frischem Gebell, die Hirten mit langen Stäben und gellendem Geschrei nach allen Seiten; die Zurückbleibenden aber sammelten sich in dem großen Zelte, wo ein Kessel von oben herab an der Kette über dem Feuer auf dem Herdsteine hing, und eine alte Frau, häßlich wie eine Hexe, die fette, frische Rennthiermilch zum Frühstück kochte. Weiber, Kinder und Männer hockten da im Kreise, empfingen ihr Theil, aßen die Mehlkuchen dazu, welche heiß von dem heißen Steine kamen und sahen mit scheuen, lauernden Blicken den fremden Herrn an, der ihren ausgezeichneten Appetit beobachtete. Afraja nahm eine der Holzschalen, die alte Frau füllte sie mit dem Tranke, dann reichte er sie seinem Gaste. Du mußt nehmen, sagte er, was wir geben können, hier ist Niemand, der Besseres oder Schlechteres hätte. Die Holzschale sah nicht eben einladend aus, aber die süße Milch schmeckte vortrefflich. Eine belebende Wärme kam über ihn; er fühlte sich erfrischt und erquickt, Afraja nickte beifällig, als er dies bekannte. Ich hoffe, sagte er, du wirst noch besser mit unseren Speisen zufrieden sein, denn selbst Männer wie Helgestad verschmähen diese nicht. Dieser Name erinnerte den Gaardherrn an den eigentlichen Grund seines Kommens. – Du hast mich zu dir gerufen, sagte er, und ich erfüllte mein Versprechen um so lieber, weil ich deines Rathes bedürftig bin. Du weißt gewiß, wie es mit mir steht, daß mein Haus verlassen ist, meine Arbeit stockt und daß ich in Wahrheit kein Mittel kenne, um mich aus der bedenklichen Lage zu reißen, in welche ich durch Helgestad's Falschheit gerathen bin. Ich weiß, antwortete Afraja, und dann sah er nachdenkend in die Ferne, als überlege er seine nächste Antwort, bis er plötzlich auf einen Gegenstand deutete, der an der Kette von felsigen Hügeln sichtbar wurde, die jenseits des See's hinzogen. Weidenbüsche wucherten 434 dort und war es Täuschung oder Wirklichkeit, Marstrand glaubte Olaf zu erkennen und neben ihm stand der Schreiber, hinter den Beiden Björnarne. Helgestad's Sohn! rief er überrascht. Der Lappe nickte, er schien weder erschrocken noch besorgt zu sein. Seine Augen waren scharf, und wie er sich vorbeugte, schien es, als hielte er sein Ohr ihnen entgegen und als könnte er hören, worüber sie sich besprachen. Nach wenigen Minuten stiegen die drei Männer die Hügel hinab und näherten sich rasch den Zelten. Sie dürfen mich nicht finden, sagte Marstrand. Was wollen sie? Afraja hob mit seinem Stabe das Linnen des dicht anstoßenden Zelttheiles auf. Verbirg dich dort, sprach er, so wirst du hören, was sie zu uns führt. Auf seinen gellenden Pfiff kam Mortuno mit einigen Männern aus der Vorrathsgamme und kaum hatte er die drei Normänner erblickt, als seine Augen funkelten und sein Gesicht einen wilden und rachsüchtigen Ausdruck annahm. Johann konnte nicht verstehen, was der Inhalt des Gespräches war, das Onkel und Neffe führten, allein er verstand aus Geberden und Winken, daß Afraja Ruhe und Vorsicht gebot und endlich mit Nachdruck etwas zu befehlen schien, als Mortuno nach dem Gewehr griff, das am Pfosten neben dem Eingange hing. Gehorsam hing er die Waffe wieder an ihren Ort und hörte mit den anderen Männern schweigend an, was das Stammhaupt gebot. Gleich darauf entfernten sich Alle und Afraja setzte sich neben den Herdstein auf die Birkenreiser, bis Hundegebell und nahe rauhe und lachende Stimmen die Ankunft seiner Gäste verkündeten. Ruf deine Bestien an dich! schrie der Schreiber, als er Afraja bemerkte. Dulde nicht, daß sie deine besten Freunde und Gönner anfallen. Da sitzt der weise Hohepriester auf dem Streubündel, fuhr er lustig fort, und bemerkt unsere unbedeutende Gegenwart kaum. Afraja that einen anderen gellenden Pfiff und sogleich ließen die Hunde ab. Nun, wahrhaftig, sagte Paul, indem er bis an das Zelt vordrang, da haben wir ihn wirklich und unsere Sehnsucht ist gestillt. Friede mit dir, glorreicher Afraja; der Himmel schütze dein theures Haupt! Du blickst uns mit stoischer Unbeweglichkeit an und doch bist du jedenfalls neugierig, wie du zu der Ehre 435 kommst, uns in dieser gesegneten Gamme zu sehen. Das will ich dir in wenigen Worten mittheilen. – Gestern früh haben wir den Lyngenfjord verlassen, um eine Herbstjagd zu machen, da es fette Vögel jetzt in Fülle gibt, Rypen und Schnepfen, auch mannigfaches Wild. Unsere Jagd ist glücklich gewesen, ein voll beladenes Pferd läuft mit der Beute am Omnisjok hinab; wir aber streiften weiter durch die Pitsasjauren, haben dort geschlafen und kamen so bis an den Kilpis. Als wir deine Zelte erblickten, weiser Altvater, war es unerläßlich, dir einen Besuch zu machen, um uns deiner Freundschaft zu empfehlen. Seid willkommen, sagte Afraja, ich sehe den Sonnenschein gern in meiner Gamme. Setzt Euch zu mir, Alles, was ich habe, gehört Euch. Ihr habt es gehört! schrie Paul lachend. Alles, was er hat, gehört uns. Wir nehmen dich beim Wort, hier stehen die Zeugen. So bekenne denn, du alter Geizhals, wo du deine Schätze verbirgst? Suche sie, antwortete der Lappe, in die Lustigkeit einstimmend, und nimm, Väterchen, was du findest. Also auch dazu giebst du deine Erlaubniß, rief der Schreiber, nun wer weiß, was geschehen kann. – Er hob die Zeltwand auf, sah in die Nebenabtheilung, erblickte nichts darin, als Decken und Geräthe und fragte dann: Wo hast du deine Leute? Sind deine Gammen ausgestorben? Wo ist der liebenswürdige Mortuno, der doch sonst flink bei der Hand ist, wo er einen normannischen Hut sieht. Meine Thiere weiden im Thale, antwortete Afraja, und meine jungen Leute sind bei ihnen. Laßt mich sehen, was ich meinen Gästen vorsetzen kann. Er ging bis vor die Zeltthür und klatschte in die Hände, was einige Weiber und Kinder herbeirief. Wenn der alte Schuft wirklich allein wäre, sagte Olaf leise, so könnten wir ein ernsthaftes Wort mit ihm reden. Mache keinen schlechten Spaß, mein guter Junge, antwortete Paul, der seine Augen rastlos umher spüren ließ, ich dächte, du wüßtest genau, was eine Lappenkugel zu bedeuten hat. Nein, Friede und Freundschaft mit dem Hexenmeister, der auf keinen Fall mißtrauisch werden soll. Laßt uns seine Milch trinken und stört mich nicht in meinen Einfällen. – Sei munter, Björnarne! denke an dein 436 süßes Liebchen Hannah, das dich morgen sehnsüchtig empfangen wird und du, Olaf, fange keinen Streit an, denn dort sehe ich ganz, wie ich es dachte, Mortuno's gelbes Gesicht aus der Vorrathsgamme schielen. Afraja wird gewiß so galant sein, ihn nicht in deine Nähe zu bringen, also Ruhe und kaltes Blut, um den guten Humor nicht zu verderben. Die drei jungen Männer hatten sich um den Herdstein gesetzt, ihre Jagdtaschen und Büchsen neben sich niedergelegt und Paul hatte eine gut gefüllte Flasche hervorgezogen, die er dem wiederkehrenden Afraja entgegenschwenkte. – Nimm diesen Göttertrank, rief er, den Jubinal nicht verschmähen würde, du bist ein Kenner, ich weihe ihn dir. Aechter Rak, Afraja, aus dem Feuerlande im Süden. Weigere dich nicht, würdiger Häuptling. Da bringen deine Sklaven Milch, Rennthierfleisch und Mehlkuchen, wir können dich vor der Hand mit nichts Weiterem belohnen, allein unsere Schuld soll abgetragen werden, sobald wir uns wiedersehen. Du kömmst doch auf den Lyngenmarkt in eigener Person? Ich komme, Väterchen, komme! antwortete der Lappe, vergnügt grinsend. Bringe Rennthiere, mehr als hundert. Er zählte seine anderen Waaren auf und ein Gespräch über die Märkte kam in Gang, während drei Lappenweiber und mehrere Kinder Speisen brachten und diese vor die Gäste stellten. Marstrand lag versteckt unter den Decken und konnte jeden Laut hören, der nebenan gesprochen wurde, aber was er erwartete, geschah nicht. Mit keinem Worte wurde seiner gedacht, keinerlei Anspielung oder Nachforschung über die plötzliche Geldhülfe kam vor. Die Jäger waren hungrig und durstig, ließen es sich schmecken, lobten das saftige Fleisch und lachten über Petersen's Scherze, der die zarten Finger hoch leben ließ, die es bereitet und gebracht hatten. Du mußt auf den Lyngenmarkt kommen, sagte der Schreiber mit vollem Munde, und wirst dir dadurch sogar den Dank des Voigts von Tromsöe erwerben. Allerlei Streitigkeiten sind vorgefallen, Raufereien, kleine Diebstähle, Ueberfälle und andere Ungebühr. Die Wahrheit zu sagen, Afraja, so bin ich auch deswegen zu dir gekommen. Du hast Einfluß bei deinen Landsleuten. Halte sie in Ordnung, damit sie keinen Uebermuth begehen. Du bist ein 437 nachdenkender, verständiger Mann, kannst somit zumeist die Folgen ermessen. Du wirst mir keine Schuld geben, Väterchen, antwortete Afraja. Niemand gibt dir Schuld, fuhr Paul fort, aber dein eigener Neffe macht schlimme Streiche. Wo ist er? Hast du ihn hier? Nicht hier, lachte der alte Mann nach Lappenweise. Thue ihm nichts, er ist jung, wird sich bessern. Wenn er eine Frau bekommen hat, sagte Paul, oder hat er sie schon? Hat er Jungfrau Gula heimgeführt oder nicht? Afraja schüttelte sich vor Lachen und that einen tüchtigen Zug aus der Rumflasche. – Es ist ein weiter Weg bis zum Enare, rief er, Mortuno hat Zeit, den Topf zu zerschlagen, wenn der Winterschnee gefallen ist. Das heißt also in der Sprache gesitteter Menschen, Gula hast du am Enaresee versteckt und Hochzeit soll sein, sobald du dein Winterlager bezogen hast? Du bist ein weiser Mann, Väterchen, ein weiser Mann! lachte der Lappe. Warum hast du Gula aus meines Vaters Haus gestohlen?! fragte Björnarne ungeduldig. Was zum Henker! fiel der Schreiber ein, darin gebe ich ihm Recht, jeder Vater hat über sein Kind zu gebieten. Was sollte sie denn auch in Oerenäesgaard? Ilda kann sie nicht mitnehmen, ich möchte sie in Tromsöe nicht haben; deine junge Frau kann sie eben so wenig brauchen. Es bliebe also Niemand übrig, als Olaf, der sie als Haushälterin nach Bodöen mitnehmen könnte. Wirst sie ihm geben, Afraja? Laß ihn am Enare ihre Gamme suchen. Lieber Bären und Wölfe, als solche Brut! antwortete Olaf. Nimm es nicht übel, Afraja, sagte Paul, es ist mit diesem unempfindlichen Mann wie mit einer Nuß, seine Schale ist hart, aber sein Kern ist süß. Er liebt dich mehr, wie du denkst, und würde dich auf seinem Rücken an den Lyngenfjord tragen, wenn du es erlauben wolltest. Vorläufig aber hat er eine andere Bitte an dich. In wenigen Tagen wird er eine weite Reise antreten, dazu bedarf er feines Wetter und guten Wind. Du bist ein Zauberer, alle Welt sagt es und in alten Büchern steht schon von den Saidmännern oder 438 Hexenmeistern, die König Olaf verbrennen ließ, daß sie Wind und Wetter besprechen, Sturm und Sonnenschein machen können. So sage uns denn, weiser Afraja, ob du wirklich zu den »Vielkönnigen« gehörst, wie sie die alten Sagas nennen. Rücke heraus mit der Wahrheit, sitze nicht so nachdenklich da. Willst du meinem guten Freund Olaf hier seinen Wind zaubern und ihm rasche Fahrt verschaffen? Afraja schüttelte mit einem schlauen Lachen den Kopf. Warum willst du nicht, alter Gauner? fragte Olaf, seinen Büchsenkolben aufstoßend. Schreib deinen Hokuspokus, ich will dir einen Thaler dafür geben. Du nennst es so, antwortete der Lappe, was willst du also damit? Kümmere dich nicht darum, fiel Paul ein; glaubt er nicht an deine Wunder, so thue ich es, und bitte dich, bekehre ihn. Fischer haben mir erzählt, daß du ihnen gute Mittel verkauft hast und immer ist ihr Fang reich und glücklich gewesen. Ist es nicht so? Sage selbst, ob es wahr ist? Afraja lachte vor sich hin, dann nahm er, ohne etwas zu erwidern, aus der Tasche, die an seinem Gürtel hing, ein eckig geschnittenes Stückchen Messing, das fast wie ein menschlicher rohgeformter Kopf aussah. Er faßte es an ein Ende, das andere mußte Olaf festhalten und während er etwas vor sich hinmurmelte, umwand er es mit einer dünnen Sehne, die er gleichfalls aus der Tasche holte. Als dies geschehen war, band er drei Knoten darauf und bei jedem hatte er einen Spruch, dann überreichte er es dem Nordländer, der zu der ganzen Ceremonie ein höchst ungläubiges Gesicht machte. Was soll ich mit dem Bettel thun? fragte Olaf. Trage es bei dir, sagte Afraja, Wind und Wellen werden dir zu Diensten sein. Unsinn! schrie der handfeste Mann. Denkst du alter Narr, daß ich deinen Betrug glauben soll? Genug mit dem Spaß, laßt uns gehen. Er war im Begriff, das Amulet in die qualmende Herdasche zu schleudern, als der Schreiber seinen Arm festhielt und nachdrücklich sagte: So sollst du Afraja's Bereitwilligkeit, uns durch seine 439 Zauberkunst zu dienen, nicht lohnen. Du sollst es dankbar annehmen und kannst versuchen, was es dir nützt. Er steckte es in Olaf's Rock und setzte seinen Hut auf. Gib Afraja deinen Thaler, fuhr er fort, und dann fort mit uns, wenn wir noch zur Nachtzeit den Lyngenfjord erreichen wollen. Auf Wiedersehen auf dem Markt, Afraja. Du sollst zufrieden sein. So gingen sie aus der Gamme, nachdem Händeschütteln und die lustigen Späße des Schreibers Frieden und Freundschaft besiegelt hatten. Afraja begleitete sie. Als Marstrand aus seinem Versteck hervortrat, sah er sie alle an der waldigen Schlucht stehen, wo die Rennthiere weideten. Sie schauten in die Tiefe und Petersen's Augen verfolgten den Lauf des Wassers und die hohe Felsenmauer, welche gegen den Kilpis aufstieg. Endlich schien Afraja ihnen Rathschläge über ihren Weg zu ertheilen, dann gingen sie quer über das Fjeld und verschwanden zwischen den Steinmassen jenseits des Wassers. Marstrand war beunruhigt über dies sonderbare Zusammentreffen. War es wirklich bloßer Zufall, der seine ehemaligen Freunde hierher führte, oder welche geheime Absicht hatte sie dazu angetrieben? – Sie sind fort, rief er Afraja entgegen, weißt du gewiß, daß sie mich nicht hier vermuthen und hast du keine Sorge über sie? Sie wissen nichts von dir, erwiderte der alte Mann, und leise lachend setzte er hinzu: Mich wollen sie auf ihren Markt haben und Afraja wird kommen – kommen wird er, und mit dem weisen Voigt seine Rechnung machen. Hüte dich! sagte Marstrand, dem eine Ahndung überkam, als er in Afraja's unheimliches Gesicht blickte. Hohn und Ingrimm hatten sich in den tiefen Falten und Runzeln getheilt, seine röthlichen Augen sahen nach der Stelle hin, wo die Normänner verschwunden waren. Laß mich wissen, sprach er, was dein Wille ist. Ich bin dir verpflichtet und will mein Wort lösen, aber ich will nicht länger in Ungewißheit darüber bleiben, was du von mir begehrst. Afraja stand auf. Du bist ungeduldig, sagte er, laß uns zu Gula gehen, sie wird dich erwarten. Erst sprich, wenn ich gehen soll. Nicht hier, antwortete der Alte; komm', folge mir. Er schritt voraus und dicht an der steilen Wand, an den Absturz hin, den der 440 See bespülte, führte er ihn über den Grat hinab nach dem Felsenvorsprung, auf welchem der Kreis mächtiger Blöcke lag, in welchem Marstrand die Nacht verlebt hatte. Als er den ersten erreichte, neigte er sich demüthig und schlug seine Arme über seine Brust, etwas vor sich hinmurmelnd, was ohne Zweifel ein Gebet oder eine Anrufung war. Dann kniete er an dem flachen, tafelförmigen Opfersteine in der Mitte nieder, und laut sprechend hob er den Kopf zu dem schwarzen Kilpisgipfel empor, der im Sonnenlichte jetzt fast aussah wie ein ungeheures Haupt mit langflatternden Haaren und weit offenem Munde, aus dem das rothe Sonnenlicht zurückstrahlte. Setze dich hierher zu mir, Jüngling, sagte Afraja. Du bist an einem Orte, der weder Lüge noch Verstellung duldet. Dies ist die heilige Saita Jubinal's, wo der Vater aller Dinge seit vielen vergangenen Zeiten verehrt worden ist. Jubinal's Hände haben die Steine dahin gesetzt, wo sie stehen, sein Auge sieht in die Herzen derer, die kommen und ihn anrufen, sein Ohr weiß, was sie denken, ihm ist nichts verborgen. Der Greis schien, indem er sprach, kräftiger geworden, seine Stimme klang ernst und feierlich und was er sagte, war einfach und eindringlich, ganz entfernt von der gewöhnlichen Redeweise der Lappen. Ich rede zuerst von dir, fuhr er dann fort, um dir zu beweisen, daß ich aufrichtig bin. Du bist hierher gekommen in ein Land des Streites und der Noth, um dich zu denen zu gesellen, die nichts kennen, als ihre Gier nach Geld und Gewinn. Sie pressen jeden aus, der zu ihnen gehört, wie viel mehr uns, die wir, ehe sie kamen, dies Land besaßen. – Du bist erfahren in Büchern und Schriften, so wirst du auch gehört haben, daß einst dies unermeßliche Land unserer Väter Eigenthum war. Noch werden im fernen Süden an den Ufern des Ostmeeres ihre Gebeine in Felsengräbern gefunden, wir aber ziehen auf diesen baumlosen Fjeldern umher, doch selbst diese Einöden gönnen uns die harten Männer nicht. Glaube nicht, daß dies immer so war, fuhr er nach einem schwermüthigen Schweigen fort; glaube nicht, daß das Rennthier unsere einzige Pflege und einzige Nahrung ausmachte. Viele Sagen haben sich erhalten, daß wir einst in schönen, hellen Thälern lebten, wo Fruchtbäume standen und reiches Korn wuchs. Gewalt hat uns daraus vertrieben; wir 441 wurden gejagt und verfolgt, bis uns nichts übrig blieb, als die öde Wüste und das Geschöpf, das allein darin zu leben vermag. Aber höre ihre Bücher, was sie erzählen, höre, wie ihre Weisen zu den Finnen gingen, um zu lernen, was diese wußten; laß dir erzählen, wie die Königin Gunnhild bei zwei finnischen Brüdern ihre Zauberkunst lernte, und wie sie diese, ihre Pfleger, verrieth, um König Erich's Weib zu werden. Damals noch waren die Finnen nicht verachtet, ihre Marken gingen über Nordland hinaus bis nach Helgeland. Das Alles war so, sagte er, sein Haupt aufhebend, aber was helfen Klagen! Jedes Geschlecht hat schlimmere Zeiten gesehen und wenn es so fortdauert, muß es ein Ende mit uns nehmen. Unsere besten Weiden sind verloren, weder Recht noch Gewissen ist in unsern Verfolgern, unser Anblick reicht hin, uns zu verspotten, unser Name reicht hin, uns zu verachten. Wo ist Gerechtigkeit zu finden bei Denen, die uns weniger werth halten, wie das schlechteste Thier und die uns abschlachten würden, wo sie uns greifen könnten, wenn sie auf den Märkten nicht doppelten Vortheil von uns hätten, im Kaufen und Verkaufen. Du Jüngling, sprach er mit einem dankbaren Blick, bist mit mildem Herzen geboren worden. Deine Seele wurde von Jubinal's Hand berührt, die in das Feuer der Gerechtigkeit getaucht ist. Du nahmst dich der Verstoßenen an und was ist dir dafür geschehen? Der, welcher dich in dein Haus lud, that es, um dich zu verderben. Die Männer, welche das Land regieren sollen, verbanden sich mit ihm, dich hinaus zu jagen zu Denen, die gejagte Thiere sind, und als ich dir meine Hand reichte, spieen sie dich an, als Einen, dessen Nähe schlimmer ist, als Tod. Wahr! Alles wahr, was du sagst! fiel Marstrand ein, aber wo ist Hülfe? Sprich, was ich thun kann, um diesen Ränken und Gelüsten ein Ende zu machen? Afraja schwieg eine Zeit lang, dann antwortete er: Du wirst mit Allem, was du thun magst, ihrer Rache nicht entgehen. Du wirst Keinen finden, der dir seine Hand reicht, jede Thür wird sich vor dir schließen, Niemand, der mit dir handeln, Niemand der dein Brod essen 442 mag. Für deine Dienste wirst du nur elend Volk finden, das dich betrügt; Fische kannst du nicht fangen, wo du dich zeigst, wirst du ausgestoßen sein und was du unternimmst, wird beschädigt und zerstört werden. Du kannst recht haben, antwortete Johann bitter erregt, böser Wille und Unvernunft fallen über mich her, nur zu viele Proben habe ich schon vorzuzeigen; doch mit Ruhe und Besonnenheit läßt sich Manches thun, um ihre Bosheit zu Schanden zu machen. Thue, was du willst, sagte der alte Mann, sie werden schneller sein wie du. Voigt und Sorenskriver sind die mächtigsten Männer in den Finnmarken; sie sind deine Feinde, so wird nirgend Ruhe für dich sein. Sie werden Dinge aussinnen, die dich verderben, werden auf ihre Gesetzbücher schlagen und dich ausplündern, greifen und arm machen. – Er lachte heiser vor sich hin und sagte dann: Du weißt, ja, was Richter und Gesetze bei deinem Volke vermögen. Wen man elend machen will, den überliefert man der Gerechtigkeit; wem man nehmen will was er hat, dem schickt man den Sorenskriver in's Haus. Sei sicher, Paul Petersen hat den Strick schon gedreht, der dich vor seinen Stuhl bringt, und Helgestad hält den Knoten zusammen. Und gibt es kein Mittel, um dieser schändlichen Sippschaft zu entgehen? Ein Mittel, antwortete der Lappe, ihn starr ansehend, ja, ein Mittel gibt es. Dies eine Mittel hilft uns beiden, es gibt kein anderes. Höre zu! Wie viele Kaufleute wohnen in den Sunden und Fjorden? Nicht fünfhundert. – Wer liebt sie? Niemand! – Sind es tapfere, starke Männer, die Wolf und Bär jagen können? Sie sind träge, trinken, zählen Geld, rechnen und sitzen in ihren Häusern am Herde. – Was sind wir dagegen? Ein Volk, das mehr als zehntausend Männer hat, Männer, deren Büchsen niemals fehlen, die nie müde werden, mag die Last groß sein und die in Sturm und Nebel niemals verzagen. Wie? rief Johann erstaunt und erschreckt, willst du Aufruhr anstiften! Gegen König und Obrigkeit Krieg beginnen? Nicht gegen König und Obrigkeit, sagte Afraja, aber gegen unsere Feinde, die in deines Königs Namen jede Gewalt verüben. 443 Er weiß Nichts davon. Wüßte er es, oder wüßte es der Gouverneur in Trondhjem, es würde Vieles nicht geschehen. Hoffe, daß Klaus Hornemann's Bemühungen bald wirksame Hülfe bringen. Weiß er es nicht, sagte Afraja, um so schlimmer für ihn. Wie kann er auch so viele hundert Meilen von hier König sein wollen? Nein, Herr, ich hoffe Nichts. Nichts von deinem König, Nichts von seinen Dienern und Nichts von dem alten Priester, der da meint, Christen müßten wir werden, so sei der Himmel für uns offen, in welchen Alle, die uns quälen, eingehen wollen. Ich mag nicht da sein, wo sie sind, und wenn dein Gott ein mächtiger wäre, wie könnte er es dulden, solche Kinder zu haben? Marstrand hatte Zeit gefunden sich zu bedenken. Ich nehme an, daß deine Erbitterung aus dir spricht, antwortete er, daß aber deine Klugheit wohl überlegt, was die Folgen sein würden. Die Kaufleute und Ansiedler, die Quäner und Fischer werden sich nicht so leicht überwältigen lassen. Dein Volk lebt zerstreut über den ganzen Norden, bis an das Eismeer hin. Du hast keine Gewalt darüber. Selbst die paar hundert Familien an diesen Fjorden sind jede für sich, oft in Feindschaft sogar, und nirgend ein Band, das sie vereinigen könnte. Glückte es dir aber auch, an einigen Orten Häuser zu verbrennen und siegreich zu sein, ja, glückte dir, was nimmer glücken kann, die Niederlassungen überall zu zerstören, so würden bald genug Schiffe voll Soldaten und Kriegsvolk kommen, die fürchterliche Rache nähmen. Afraja lachte vor sich hin. – Laß sie kommen, antwortete er dann, weit ist es bis an den Enare Traesk, weit bis an den Bumanafjord. Aus jedem Stein kann eine Lappenkugel kommen und deine Soldaten sind nicht Männer, die viele Tage durch Sümpfe waten und durch die Jauren steigen können, ohne gute Speise und guten Trank zu haben. Der Junker mußte dies zugeben, aber je mehr er einsah, daß Afraja wirklich im Ernst sprach, um so mehr lehnten sich seine Gefühle dagegen auf. – Wenn ich wüßte, sagte er endlich, daß du zu solchen blutigen und verderblichen Thaten greifen könntest, so würde ich thun, was meine Pflicht wäre, um es dir unmöglich zu machen. Afraja antwortete mit einem Blicke, dessen Bedeutung Marstrand auch ohne seine Worte verstanden hätte. Du würdest, sprach er 444 langsam, den Lyngenfjord nicht wieder finden, wenn du den verrathen wolltest, der dir Gutes gethan. Aber du kannst es nicht, auch wenn du möchtest. Willst du mich zwingen? Gefangen halten!? Du hast in Jubinal's heiliger Saita dein Haupt gelegt, erwiderte der Greis, du hast von seinem Opfersteine dein Brod genommen. Ich habe den Allvater nicht vergebens gefragt, ob du sein Werkzeug sein sollst, alle Zeichen haben geantwortet, daß er dich aufgenommen hat in seinen Bund. Was geht mich dein gräulich heidnisch Zauberwesen an! antwortete der junge Mann heimlich schaudernd. So wenig ich deinem Gotte dienen will, so wenig will ich Etwas mit deinen unsinnigen Entwürfen zu schaffen haben. Du bist bestimmt dazu, sagte Afraja unerschütterlich, und wirst das Gebot erfüllen. Glaube nicht, daß ich vernunftlos leichtsinnig mich in Gefahr begebe. Mortuno ist ein furchtloser Mann. Die junge Mannschaft aus allen Gammen ist bereit ihm zu folgen. Wir haben Waffen und Pulver, sammt Allem was dazu gehört. Und beim ersten Schuß werden sie davonlaufen, rief Johann, der an seinen eigenen, nächtlichen Kampf dachte. Du, sprach Afraja, du wirst bei ihnen sein und ihren Muth anfachen. Wer? Ich!? schrie Marstrand, eher möge meine Hand verdorren! Aber höre auf mit deinem Scherz, fuhr er ruhiger fort, indem er sich wieder auf den Felsblock setzte. Willst du mich versuchen, so mußt du einsehen, daß ich niemals dir beistimmen kann, obwohl ich zu deiner Hülfe in allen guten Dingen bereit bin. Du bist kriegskundig, sprach Afraja, ohne darauf zu achten, und Viele fürchten dich. Wenn meine Brüder dich bei sich sehen, werden sie standhaft sein, aber du bist auch mächtig in deinem Lande und kannst dort deine Stimme hören lassen. Man sagt, daß in Kopenhagen Der Alles vermag, der silberne Arme hat; nun wohl, Jüngling, Jubinal wird dir diese Arme geben. Du sollst ihrer Gier Schätze zuwerfen, so viel sie haben wollen. Laß sie fordern und den Preis bestimmen, um den sie uns unserer Väter Land verkaufen wollen. 445 Wenn du so viel Geld besitzest, sagte der Junker erstaunt, so läßt sich allerdings durch Unterhandlungen Vieles bewirken. Jedenfalls eine bessere und gerechtere Verwaltung, Gnadenbriefe, Privilegien und eine strenge Aufsicht über Kaufleute und Voigte. Afraja schüttelte hohnvoll seinen Kopf. Fort sollen sie Alle, wir wollen sie nicht länger dulden. Gäbst du ihnen unser Silber in Säcken, so würden sie morgen kommen, um mehr zu holen. Hast du nicht selbst gerathen, daß wir ihnen Furcht einflößen müßten, wenn sie uns achten sollten? Sie sollen Furcht lernen, denn du hast wahr gesprochen, Jüngling. Jubinal's Kinder werden zu ihnen hinunter steigen, Jubinal soll seine Opfer haben! Die grimmigen Blicke, welche er auf den Stein warf, der manches blutige Opfer gesehen haben mochte, erschütterten den dänischen Mann. Ein schrecklicher Gedanke flog durch seinen Kopf, daß er vielleicht selber dem schwarzen Götzen geschlachtet werden könnte, wenn er sich weigere, Afraja's Willen zu erfüllen, allein sein Stolz und seine Ehre sträubten sich vor einer heuchlerischen Unterwerfung. Er begann darum mit vieler Ruhe, Afraja nochmals von jeder Gewaltsamkeit abzumahnen und stellte eine kaltblütige Untersuchung über die Möglichkeit des Gelingens eines Aufruhrversuchs an, die damit endete, daß er bewies, jener könne nicht glücken. Dagegen aber schilderte er mit eindringlicher Wahrheit die Folgen, welche sich daran knüpften. Alle gehässige Verläumdungen, alle Anschuldigungen gegen den unglücklichen Volksstamm würden dann erst vollen Glauben finden. Niemand würde mehr seine Stimme erheben können, um ihn zu vertheidigen; alle Schrecken einer fanatischen Verfolgung würden nun erst einbrechen und eine Vernichtung unter den größten Gräueln das Ende sein. Du willst dein Silber bieten, um dein Vaterland frei zu kaufen, sagte er zuletzt, und doch gestehst du selbst ein, daß damit nur neue, gierige Gelüste aufgeweckt würden. Wenn es wahr wäre, daß, wie Paul Petersen behauptet, im Schooße dieser Gebirge reiche Silberadern verborgen liegen, die du allein kennst, so hüte dich, das Mährchen glaubhafter zu machen. Um Peru's Silber haben die Spanier ganze Völker geschlachtet, und geldgierig ist der Voigt von Tromsöe nicht allein, er würde Genossen genug finden, auch in Kopenhagen. Ganze 446 Banden würden kommen, um diese Schätze zu entdecken, und was hülfe es dir, die Fischhändler zu vertreiben, um weit schlimmeren Nachfolgern Platz zu machen. Afraja hatte aufmerksam zugehört und verschiedentlich schien er die Gründe seines Gastes anzuerkennen. – Habe Geduld, so schloß dieser seine Rede, wie auch ich Geduld habe. Meine Lage ist wahrlich unglücklich genug und du hast mir keinen Trost geben können, hast mir im Gegentheil gezeigt, daß ich ein verlorener Mann bin. Dennoch verzweifle ich nicht. Ich will auszudauern suchen, und Gott, der die Hülfe der Schwachen ist, wird mich den Weg erkennen lassen, den ich gehen muß. Ich werde Hülfe finden, werde mich selbst nach Trondhjem und Kopenhagen wenden, und sei dann überzeugt, Afraja, daß ich auch für dich meine Stimme erheben werde, so weit sie irgend reicht. Der alte Stammführer verharrte einige Minuten lang im Schweigen, dann begann er, als habe er von Marstrand's Betheuerungen Nichts gehört, da fortzufahren, wo er aufgehört hatte. Wenn wir diese vertrieben haben, sagte er, dann ist es Zeit dafür zu sorgen, daß keine Anderen kommen. Deine Worte sind in meinem Gedächtniß und du hast Recht, wir können dies Land nur besitzen, wenn wir selbst Handel treiben und in festen Wohnsitzen wohnen. Aber, sage mir, warum wir es nicht könnten? Wir verstehen mit den Netzen eben so wohl umzugehen wie mit der Hirtenleine und dem Gewehr des Jägers. Wir haben unseren Verstand von dem Allvater erhalten und wissen ihn zu gebrauchen. Unsere Hände sind geschickt zu vielen Dingen. Wer näht so feine Schuhe, wer macht so bunte Gürtel, wer fertigt so schöne Taschen und Kragen? Warum sollten wir keine Schiffe und Häuser bauen? Warum sollten wir nicht zum Fischfang auf die Lofoden und bis nach Bergen fahren können? Warum sollten wir nicht gedeihen und gern gesehen werden? Marstrand blickte ihn voll Verwunderung an. Was Afraja sagte klang gerecht und gut, aber dennoch war es ein Traum, ein Mährchen, unmöglich zur Wahrheit zu machen, unmöglich auszuführen. Wie sollten diese halbwilden Rennthierhirten, diese Jäger des Gebirges, dieser tief verachtete, herabgewürdigte, seit uralten Zeiten verkümmerte 447 Menschenstamm sich zu der Civilisation erheben, die nöthig war, um ein handeltreibendes, fischendes, ackerbauendes Volk daraus zu machen? Ein Gefühl des tiefsten Mitleides ergriff den jungen Mann, denn Afraja's Fragen hatten etwas Rührendes. Sein Gesicht hatte sich veredelt, aus seinen Augen leuchteten die Gedanken, die seinen Kopf erfüllten. O Afraja! rief er aus, wollte doch Gott, ich könnte glauben, daß das Alles wirklich geschehen könnte, daß es dein Volk vermöchte, sich aus der Niedrigkeit aufzurichten. Ja, wären sie Alle wie du und wie Mortuno, doch sieh hin wie die Meisten sind – laß ab davon, alter Mann, es ist zu spät! Zu spät! murmelte der Greis, indem er sein Haupt sinken ließ; dann aber sah er hinauf zu der schwarzen Kilpisklippe und deren sonnenrothen Mund und sagte entschlossen: Jubinal hilft dir und mir, du darfst nicht verzagen. Du hast Gula's Herz gewonnen, ihre Lippen sind blaß geworden, ihre Augen dunkel von Thränen. Du hast den Weg zu ihr gefunden, weil Gott es so wollte. Nimm sie als dein Weib mit Allem was ich habe und gib mir deine Hand zum Pfande, daß du treu sein willst. – Er streckte seine Hand aus, doch Johann blieb regungslos sitzen. Höre mich an, sagte er, und zürne nicht. Gula ist mir lieb, ich könnte Vieles für sie wagen, aber mein Weib kann sie nicht sein – niemals! Afraja sah ihn stier an, seine röthlichen Augen erhielten einen wilden Glanz. – Was that sie dir? fragte er. Nichts! Ich ehre sie, halte sie werth wie eine Schwester, und nun frage nicht mehr – ein anderes Weib hat meine Liebe und wird sie haben, bis ich todt bin. Du stößt sie von dir, die dein Mund geküßt hat? murmelte der alte Mann, die Hände faltend. Du verstehst mich nicht, antwortete Johann. Ich will selbst mit ihr reden; sie wird mir Recht geben. Halt! rief Afraja, indem er ihn am Arm ergriff. Bist du ein Wolf, der seine Zähne in ihr Fleisch schlägt, ohne ihren Jammer zu hören? Sprich nicht zu ihr, sie würde davon sterben! 448 Er setzte sich wieder auf den Stein und verfiel in tiefes Nachsinnen, aber seine Augen rollten unruhig umher und seine Lippen flüsterten leise Worte. Marstrand unterbrach ihn nicht; er wünschte sich weit fort von dieser unheimlichen Stelle. Wie konnte er Gula von diesem Vater nehmen, welcher sie ihm als Belohnung für einen Verrath anbot, der ihn für immer entehren und in diese Wüsten zu Lappen und Rennthieren stoßen mußte? Wäre eine Alles vergessende Liebe in ihm gewesen, so hätte diese ihn in Afraja's Hände geliefert. Björnarne hatte Recht, nur die glühendste Leidenschaft konnte einen Normann in die Lappengamme bringen. Marstrand hatte Nichts als Wohlwollen, Mitleid und was man Freundschaft nennt. Trostlos ließ er den Kopf sinken. Afraja begann zu ihm sanftmüthig zu sprechen. – Du weißt es, sagte er, ich habe nur dies eine Kind und ich bin alt. Wie lange wird es dauern, bis Jubinal seinen Boten sendet? Auf des alten Priesters Verlangen, und weil ich glaubte, es sei gut, daß sie Mancherlei lerne, hatte ich Gula Helgestad überlassen. – Es war nicht wohlgethan. Du weißt, Herr, was geschah. Gula floh, aber ihr Herz war bei dir, und ich sah sie bleich werden, sah Hangir, den dunklen Todesboten, über ihrem Haupte die weiße Blume zerpflücken und auf ihre Lippen streuen, da warf ich mich nieder vor dem Allvater und schlug meine Stirn an seinen heiligen Stein. Er sprach zu mir; mein Opferrauch stieg hoch und gerade ohne zu schwanken, seine Befehle erfüllten meinen Kopf. Ich hatte Mortuno zu meinem Erben bestimmt, ich wußte, daß er den Thau von den Halmen küßte, die Gula's Fuß gebeugt. Ich sagte ihm Jubinal's Gebot, zeigte ihm den Weg, den er gehen sollte, und ohne Klage ging er. Ich sandte ihn zu dir, um den Mann zu holen, nach welchem Gula's Augen suchten. Unterbrich mich nicht, fuhr er fort, höre mich an. Jubinal lügt nicht, sein Wille ist mächtiger als Menschenwille. Ich könnte Vieles sagen, um dich zu verlocken oder dich zu rühren, könnte dir zeigen, daß ich Gewalt habe, aber Frieden und Liebe sollen immer mit dir sein. Sprich freundlich mit Gula, morgen werde ich dich wieder fragen. Jubinal ist allmächtig, er wird dein Herz wenden. Schweige, Jüngling, und laß uns gehen, Gula wird bange und voll Sehnsucht sein. 449 Das war ein Ausweg, eine Frist bis morgen, die von Marstrand begierig ergriffen wurde. Was sich ändern konnte, wußte er zwar nicht, aber er behielt Zeit zum Ueberlegen, Zeit um sich vorzubereiten. Ich will nachdenken, sagte er, will mich prüfen, wenn aber deines Gottes Allmacht Nichts über mich vermag, dann laß dein Wort wahr werden, Afraja, laß Frieden und Liebe immer mit uns sein. Mit einem arglistigen Lächeln nickte ihm der Lappe Gewährung zu. – Ayka, die Liebesgöttin, wird sich an dein Haupt stellen, sagte er, und wenn du erwachst wird sie vor dir schweben. So sprechend, ging er voran, die Felsenstufen hinab. 20. Wie lieblich war jetzt das versteckte Thal, das von der Mittagssonne warm und duftig gemacht wurde! Mit einem Freudenschrei flog Gula ihrem Freunde entgegen, als dieser unter dem Felsengewölbe hervortrat. All sein Unmuth und sein Bangen verblaßte vor ihrem glücklichen, beseelten Gesicht. Gula hatte sich geschmückt, wie sie es lange nicht gethan. Ihr norwegisches Pelzjäckchen, den Faltenrock und die weiße Schürze hatte sie in Helgestad's Gaard zurückgelassen; Afraja hätte seine Tochter auch niemals darin sehen mögen; jetzt kam sie ihm in der romantischen Tracht entgegen, welche die jungen Mädchen auf den Alpen zuweilen noch jetzt tragen, wenn sie zu den eleganten Modedamen des Gebirgs gehören und reiche Erbinnen sind, die den Staat bezahlen können. Sie hatte ihr üppig dunkles Haar mit rothen Bändern durchflochten und auf ihrer Stirn lag rund um den Kopf ein goldener Reif, der es festhielt. Ihr kurzer Rock von blauem, leichten Wollenzeug war mit rothen Fäden zierlich gestickt und um den Leib eine rothe, langfallende Schärpe gewickelt. Weiße Höschen gingen bis auf die Halbstiefel von feinem, weichem Rennthierleder und diese waren mit buntfarbigen Streifen besetzt. Am Gürtel hing ein Federtäschchen der 450 allerfeinsten Art und um den Hals trug die Schöne ein Band von großen Goldperlen auf dem die Sonnenstrahlen blitzten. Aber strahlender, entzückender war Nichts, als Gula's Gesicht voll Liebe und Zärtlichkeit. Ihre Augen strömten ihres Herzens Seligkeit aus; sie funkelten vor Entzücken, als sie sah, wie Johann's Blicke mit dem Ausdruck steigenden Wohlgefallens über sie hinglitten. O! sie wollte dem Geliebten gefallen; sie forderte sein Lächeln, seine Bewunderung, sein Lob, und zitternd preßte sie seine Hände zusammen und hing an seinen Lippen mit der inbrünstigen Gläubigkeit einer Heiligen, die ihres Gottes Gebot erwartet. Wo warst du? rief sie. Wie lange habe ich dich erwartet, mich geschmückt und mich gefragt, ob ich bin wie ich damals war, als ich dich zuerst sah. Ach! damals war ich besser anzusehen. Ist es nicht so? Sage es mir, ob du mich lieber hattest? Nein, Gula, antwortete Marstrand, nie habe ich dich lieber gesehen, wie jetzt, nie dich schöner gefunden. O, wie du gut bist! rief sie mit dem unnachahmlichen Ausdruck der Liebe, die sie ganz erfüllte; wie du Trost und Stärke in mein banges Herz bringst. Nun komm', ich will dir meine Wohnung zeigen und den Wasserfall, du wirst gern dort sitzen. Als Klaus Hornemann bei uns war, hat er auch lange dort hinaufgeschaut und dann gerufen, es sei das Schönste, was ein Menschenauge sehen könne. Aber du wirst müde sein? Dein Auge ist dunkel und dein Mund lacht nicht. Habe ich dir wehe gethan? oder schmerzt dich Etwas? Hat mein Vater dich gekränkt? Niemand hat mich gekränkt, du am wenigsten, antwortete er. Sie war zufrieden und führte ihn weiter. Afraja war zurückgeblieben; er ließ sie gehen und folgte langsam nach. Das Thal zog sich in Bogenform dem Gebirgsabfall des Kilpis zu und stieg langsam zu einer großen Höhe auf. Ueberall behielt es sein gartenartiges Ansehen. Ueppiges, dichtes Gras bedeckte den Boden, und da es sich nach Süden öffnete, war es voll Sonnenlicht, das überall Wärme verbreitete. Kräftige Bergfichten wechselten mit Birkenstämmen und hinter einem schönen Rasenplatze lag unter schützenden Felsen ein kleines, festes Haus, ähnlich den Balkenhäusern der normannischen Handelsleute, aber ungleich zierlicher anzuschauen. Seine 451 Außenseite war mit Birkenrinde bekleidet, die blattförmig und schuppig übereinander fiel. Marstrand erblickte eine Thür, über welcher eine Reihe gewaltiger Rennthiergehörne prangte, ein paar Fenster erhöhten sein Erstaunen und Gula sagte lächelnd: Das Alles hat Mortuno mühsam für mich gezimmert und gerichtet. Er hat die Fenster theuer gekauft und hergeschafft, so fand ich es, als ich kam. Aber hier sieh, was schöner ist, fuhr sie fort. Setze dich auf diese Bank zu mir, wie damals in Ilda's Garten; hier ist Niemand, der uns stört. Sie hatte ihn bei dem Hause vorüber durch das Birkenwäldchen geführt, wo der Bach schäumend vorüberstürzte und schon ehe er das Wunder erblickte, das er sehen sollte, hörte er den dumpfen Donner eines großer Wasserfalls, der jetzt in seiner ganzen Herrlichkeit vor ihn trat. Einige hundert Fuß höher als das Thal, fiel der Strom von einer Wand des Kilpis, einer geschmolzenen Silbermasse gleich herab, und stürzte in einen schwarzen Felsenkessel, aus dem der Wasserstaub aufwirbelte. Im Sonnenglanz sprühten Millionen glänzende Funken auf, die in Regenbogenfarben Brücken und Bogen der prächtigsten Art bildeten. Es war zauberhaft zu sehen wie die funkelnden Wolken an der Wand hinflogen, wie ohne Rast und ohne Ende der glänzende Schaum an den Felsen niedersank, wie immer neue Donner durch die Luft dröhnten, immer neue, wechselnde, bunte Farbenbilder durch das Thal flogen und zerrannen. Und rund umher hatte der feuchte Staub eine üppige Pflanzenwelt hervorgerufen. Alpenblumen sproßten dort, wie Marstrand sie nie gesehen hatte. Er blickte in einen Garten voll blauer und herrlich brennend rother Beete und seine Seele füllte sich mit Staunen und Freude, seine Augen hingen entzückt an dem erhabenen Schauspiel, das er nie in solcher Schönheit gesehen hatte. Auf der Bank, der schwarzen Grotte gegenüber, in welcher die zerstäubten Wasser sich sammelten, um dann kaskadenartig ihren letzten Sprung zu machen, saß er und hörte Gula reden und erzählen. Hier hatten die Götter ihres Volkes gewohnt, hierher hatte Jubinal's mächtige Hand seine Geliebte gerettet, als die Riesen und der böse Pekel ihren Kampf begannen und dort oben in geheimen, tief verborgenen Gärten lebte der Allvater noch mit seligen Geistern, die im seinen Mondlicht nächtlich niederstiegen und durch das Thal schwebten. 452 Träumerisch lächelnd hörte er zu, sah zu den versteinten Gebilden hinauf, denen Gula Gestalt und Deutung gab und blickte in ihr belebtes Gesicht, das so voll von Frieden und voll Glück war. Es kam ihm vor, als könnte er immer so sitzen und sie anschauen, als könnte er Allem entsagen, was außerhalb dieser Welt lag, als müßte Jubinal's Götterarm und Wille diese Felsen plötzlich überall unersteiglich glatt verschließen, daß er dies Thal niemals wieder verlassen könnte. Er athmete auf und blickte umher, ob es nicht schon geschehen sei und legte seinen Arm um das geschmeidige Kind, das sich an ihn schmiegte. Ein sanftes Wehen ging über sie hin. Die Bäume wiegten sich leise, es flüsterten Stimmen darin und vom Wasserfall erhob sich eine funkelnde Wolke und schwebte bis zu ihnen her. Gula deutete auf den Regenbogen, der über ihnen stand. Gott spricht zu uns, sagte sie, das ist sein Zeichen. Und was sagt er dir? Daß ich dich nie und nimmer verlassen soll. Soll ich bei dir wohnen? fuhr er lächelnd fort, unter den Birken sitzen, deine Hände halten und vor aller Welt verborgen dich mit Blumen schmücken? Die Blumen verwelken, antwortete Gula, der Bach erstarrt, das Thal füllt sich mit Schnee und Afraja zieht fort an die Seen der Tana. Ich gehe, wohin du willst. Ach! arme kleine Gula! rief er aus, weiß ich doch selbst nicht, wo meines Bleibens sein wird. Du hast gehört, wie es mit mir steht. Sie neigte sich zu ihm, legte ihre beiden Hände auf seine Brust und sah ihn mit den glänzenden Augen muthig an. Mußt du denn am Balsfjord wohnen? fragte sie. Mußt du in diesem rauhen Lande unter so harten Männern leben? Die Mahnung kam ihm unerwartet. Wohin sollte ich gehen? sagte er überrascht. In dein Vaterland, erwiderte sie. Ist es wahr, was ich einst von Paul Petersen hörte, daß Niemand mich dort verachten und verspotten wird, wenn ich Reichthum mitbringe? Geld! rief Marstrand, gibt überall Ansehen und Glanz. 453 So ist Alles gut, sagte sie zuversichtlich. Afraja wird dir geben, so viel du willst. Wir steigen in ein Schiff und fahren nach Süden. Du hast mir so viel von Kopenhagen erzählt, nun werde ich es sehen. Sie klatschte in ihre kleinen Hände und ihre Augen verklärten sich bei den Gedanken, die ihren Kopf füllten. – Alles will ich lernen, rief sie, du sollst sehen, daß ich kann, was ich will. Sage nur, was ich thun soll, befiehl nur, wie es recht ist. Gott segne dich! O Gott segne dich, du lieber, guter Johann! Wie hätte er einen schwarzen Tropfen in diesen Strom hoffender Liebe schütten können? Das Glück, das er erwecken konnte, warf seinen Schimmer auf ihn zurück und halb vor sich hin, indem er sie mit einem langen zärtlichen Blicke betrachtete, sagte er: Vertraue auf mich. Was ein Mensch thun kann, will ich thun, um deine treue Freundschaft zu vergelten. Du wirst mich nimmer verlassen und verstoßen, rief sie im Tone des unerschütterlichsten Vertrauens. Heute, als ich dich wiedersah, fiel der Gedanke mich an wie ein wildes Thier und eine entsetzliche Angst mischte sich in meine Freude. Jetzt weiß ich gewiß, daß er kindisch und thöricht ist. Ich könnte es auch nicht ertragen, fügte sie leise lächelnd hinzu. Aber was wird dein Vater sagen, wenn du ihn verlassen willst? Wird er darin willigen? Er wird, er muß! antwortete sie, lebhaft aufspringend. Dort steht er und erwartet uns. Sprich mit ihm auf der Stelle, er wird dich gern hören. Marstrand sah bald, daß sie von ihres Vaters Planen nichts wußte, aber er beruhigte sie leicht mit der Versicherung, daß er am nächsten Tage über alle Dinge mit ihm reden werde, da Afraja selbst ihn ersucht habe, erst morgen über seine Angelegenheiten zu sprechen. Er will dich froh sehen, sagte Gula, und ich kann nichts denken, als dich allein. Was du thust, ist gut, das ist Alles, was ich weiß. Hand in Hand unter frohem Geplauder führte sie ihn zu der Hütte, vor welcher der greise Mann im Sonnenschein saß und mit den beiden Hunden, die vor ihm standen und mit gespitzten Ohren zu ihm aufsahen, Zwiegespräche zu halten schien. 454 Es sind kluge Thiere, Herr Marstrand, sagte er, sie fragen mich eben, warum kein Feuer auf dem Herdstein zu sehen ist, da doch die Sonne schon lange Schatten wirft, und ich antworte ihnen, es ist nicht gut sein da, wo es Menschen gibt, die von Worten satt werden. – In seiner Art lachend, streichelte er dabei seiner Tochter weiches Haar und in seinem kantigen Gesicht leuchtete etwas, was wie zärtliches väterliches Wohlgefallen aussah. Blumen leben vom Thau, fuhr er dann fort, Fische von Wasser und Mädchen von Liebe, aber bei alledem bleibt es wahr, daß jedes Wesen auch Speise haben will, die den Magen in Ordnung hält, ohne den nichts in der Welt bestehen kann. Gula lief in das Haus und Marstrand setzte sich zu Afraja, der ihm Vieles von seinen Wanderungen erzählte, die sich auf mehr als hundert Meilen nördlich und in's Innere des Landes erstreckten. Er schilderte die Familieneinrichtungen, das häusliche Leben und die Arbeiten und sprach mit einem gewissen Stolze davon, daß in diesem Lande ohne Gesetz, ohne Beamten und Häscher, doch fast nie ein Verbrechen begangen werde. Sie schelten uns Diebe, Räuber und Betrüger, sagte er, und doch weiß ich niemals, daß ein Diebstahl oder Raub begangen wurde, es sei denn von den Küstenleuten. Da gibt es armes, schlechtes Volk, gedrückt und geplagt, Knechte, die mit Noth armselig ihr Leben fristen. Hier findest du nur freie Männer, die keinen Herrn über sich haben, als den Allerhalter, und Niemanden unter sich, denn Alle sind gleich. Wir leben in einer Gamme, essen aus einem Kessel, kleiden uns mit demselben Kleide; wir sind Brüder, die Alles theilen und nie von ihrer Freiheit lassen mögen. Er konnte so sprechen. Hatte doch selbst Helgestad diese unzähmbare Freiheitsliebe anerkannt und daß kein Lappe um alles Wohlleben und alle Gaben eines Königs seine Alpen, seine Heerde und seine Gamme vertauschen möchte. Und dieser alte Mann wollte davon ablassen, wollte die Feinde seines Volks vertreiben, um deren Plätze am Rechenbuche und im Kramladen einzunehmen. Wie sonderbar war es, das zu denken, wie unmöglich es zu glauben. Afraja selbst, der ein langes Hirtenleben gelebt, konnte sich unmöglich in einen Fischhändler und Seefahrer umwandeln, und wer konnte es 455 sonst? Wie viele Jahrhunderte brauchte ein kräftiges, begünstigtes Volk, um aus Jägern und Hirten zu Ackerbauern zu werden, wie konnte dieser entwürdigte Stamm einen Platz unter den Völkerfamilien einnehmen? Sinnend blickte er mit Achtung auf den Greis, der in seiner Verlassenheit das denken und beginnen konnte. Da saß er in seinem braunen groben Kittel, den Riemenschuhen und den verbogenen Knöcheln, ärmlicher und nackter wie der ärmste Bettler am Schloßthore der Christiansburg und doch war er auch ein König, und wenn das Schicksal ihn auf einen mächtigen Thron gestellt hätte, würde er, wie Klaus Hornemann behauptete, ein großer und weiser Fürst gewesen sein. Welch ein Unterschied zwischen diesem greisem Häuptling in Rennthierfellen und dem sammtenen, bestickten und bebänderten Monarchen in Kopenhagen! Wo waren hier die Garden, die Trabanten, die üppigen Schlösser und Gärten, die Damen in schleppenden Brokaten, die Pagen und Kriegsleute in Scharlach und Gold! Nichts als Männer in Holzschuhen, Weiber zottig und wild wie die gelben Hunde; Nichts als Fels und Getrümmer, der zackige Wald der gehörnten Heerden, und Prinzessin Gula in ihren blauen, flatternden Röcken durch das Thal fliegend, die weiße Hirschkuh ihre einzige Begleiterin. Was aber würde König Christian gegeben haben, wenn er einen einzigen Wasserfall, wie jenen dort, einen einzigen Felsen, wie der majestätische Kilpis, in seinen Park verpflanzen könnte? Das zu vollbringen stand in keines Menschen Macht, doch Gula konnte verpflanzt werden. Gula konnte ihre reichen Haare in Locken kräuseln, ihren zierlichen Wuchs in Atlas und Purpur hüllen, ihre kleinen Füße in Schuhe mit rothen Hacken stecken. War denn überhaupt der Unterschied zwischen einem wilden und einem zahmen König, zwischen einer Prinzessin hinter Spiegelwänden und dieser hinter dem Herdstein, so unermeßlich groß? Legt ihr Juwelen an, durchflechtet ihr schimmerndes, schwarzes Haar mit weißen Perlenschnüren, und laßt uns sehen, wer seine Rolle besser spielt. Bekleidet diesen Greis mit Hermelin, setzt auf seine breite Stirn eine Krone, wie werden die Junker und alles Volk ihn anstaunen. Und er hat Geld, viel Geld, trotz seiner Lumpen, was läßt sich nicht mit Geld machen? Wer fragt noch nach mir? Wo ist die Hand, die mich sucht? Was hält mich noch? – Ha, Ilda! 456 Während Johann dies Alles in sich hineinmurmelte und mit offenen Augen wunderbare Dinge träumte von Schlössern und von Festen und eitler Pracht und Herrlichkeit, fuhr Afraja fort die Zustände des Landes und wie es vor alter Zeit damit hergegangen, zu schildern, ohne daß sein einziger Zuhörer viel davon merkte. Bis zum Ende des sechzehnten Jahrhunderts hatte sich die dänische Regierung fast gar nicht um die Finnmarken gekümmert. Erst als die Fischplätze größere Wichtigkeit erhielten, als der Stockfischhandel zunahm und die Ansiedler sich beträchtlich vermehrten, kam eine geregeltere Verwaltung mit Voigten, Schreibern, Beamten aller Art, Priestern und steigenden Abgaben. Die Lappen blieben diesen hingeworfen; doch alles Bemühen ging dahin, die herrenlosen Vagabunden in die Presse zu nehmen, und dazu kamen die Bekehrungen zum Christenthum und die damit verbundene Verfolgungssucht. Schon der ritterliche König Christian der Vierte, der eine romantische Reise bis an's Nordkap machte, erließ im Jahre 1599 einen scharfen Befehl, daß alle Lappen ihre heidnischen Götter abschwören und Christen werden sollten, Zauberer aber solle man einfangen und lebendig verbrennen. Und das hat man gethan? fragte Marstrand. Sicherlich ja, antwortete Afraja. Viele sind verbrannt worden, ein Jahrhundert lang und darüber, und viele Priester kamen und schütteten Wasser auf die Köpfe der Heiden. Aber das Wasser trocknete und die Priester starben. Bis auf diese Stunde hat die Lehre deines Gottes wenig bei uns ausrichten können, denn was wollen Priester thun, die unsere Sprache nicht verstehen; was wollen Bücher, die wir nicht lesen können? Noch stehen die heiligen Saitas überall im Gebirge und kein Lappe, wäre er auch ein Christ und getauft, wird an Jubinal's Opferstein vorübergehen, ohne seine Stirn darauf zu legen. Du willst kein Christ werden? Der greise Mann krümmte sich an seinem Stab zusammen. Sind die sich Christen nennen, denn so gut und gerecht, fragte er, daß sie mich verlocken könnten? Mein Gott ist stark und gerecht, erwiderte der Junker christlich unwillig; die an ihn glauben, beschirmt er gnädig und hilft aus 457 Rohheit und Gewalt. Schon jetzt verbrennt man keine Menschen mehr wegen Zauberei, und glaubt nicht länger an solchen Wahn. Mildere Sitten bringen mildere Gesetze, und edle, tugendhafte Priester, wie Klaus Hornemann, werden nicht vergebens deinem Volke predigen. Afraja schwieg eine Zeit lang, dann antwortete er sanftmüthig: Laß uns nicht streiten. Halte fest an deinem Glauben und hindere Niemanden. Du siehst, Gula ist eine Christin, Mortuno betet mit dem alten Klaus, wenn er zu uns kommt, niemals habe ich mich widersetzt. Aber wisse, Jüngling, besser sind deine Christen nicht, wie die Kinder Jubinal's, grausamer und härter sind sie. Sie morden und brennen noch, wenn sie es können und üben Gewalt und Qual, so viel es eben ihre mildere Sitte zuläßt, wie du es nennst. Er lachte vor sich hin und fuhr dann fort: Du lernst an dir selbst kennen, was sie Gesetz und Recht heißen; hüte dich davor, du kannst noch Manches erleben. Jetzt sprang Gula wieder aus der Thür. Erhitzt und freudig rief sie, daß ihr Tisch bereit sei und eben kam Mortuno am Bache entlang und näherte sich seinem Oheim, mit dem er einige Worte wechselte. Der arme Bursche sah heute noch ernster und bedächtiger aus. Von seinem raschen, lustigen Wesen war so wenig übrig geblieben, wie von dem eitlen Putz, den er sonst an sich verschwendete. Demüthig und schweigsam stand er da und sah mit einem langen Blicke der geschwätzig fröhlichen Gula nach, die Marstrand fortführte und die ihn gar nicht zu bemerken schien. Der Raum in welchen der Gast trat, war Küche und Wohnzimmer zugleich. Auf dem Herdsteine brannte helles Feuer und aus dem Kessel darüber stieg ein gewürziger Duft auf. Der Fußboden war mit frischen Blättern bestreut, ein niedriger Tisch stand in der Mitte, hölzerne Teller und Löffel lagen darauf und an beiden Seiten Mooskissen. Obwohl sonst nichts weiter in dem bescheidenen Gemache zu sehen war, als ein paar Bretter mit nothwendigem Hausrath und einige Kisten, die in den Ecken standen, so gewährte es doch einen freundlichen Anblick; denn es war sauber und geschmückt, weil Gula Tannenzweige an die Fenster gesteckt und an diese lange Ketten von blauen und weißen Schlüssel- und Glockenblumen befestigt hatte. 458 Das also war ihr Palast, ihre einzige Besitzung. Was nützte diesen Menschen Geld, die es in der Erde verscharrten, denen diese Hütte schon ein unbequemer Luxus schien und deren Leckerbissen die schwarzgraue Speise war, welche jetzt von Gula aus der Tiefe des Kessels auf die Teller geschöpft und von ihren Verwandten mit Begier erwartet wurde. Das weiße Rennthier und die zottigen Hunde lagerten sich um die einladende Hebe, die für ihren Freund das Beste aussuchte. Ihm war in diesem patriarchalischen Kreise zu Muthe, als säße er in der Arche Noa mitten in der Sündfluth, doch es kam keine Taube mit dem Oelzweig, er sah kein Land wohin er sich retten konnte. Ein Schauder kam ihn vor diesem Mahle an, vielleicht noch mehr wie vor Björnarne's Lieblingsgericht, allein es ging ihm, wie es Jedem geht, dem die kräftige Hirtenkost vorgesetzt wird. Nachdem er die ersten Bissen überwunden hatte, fand er, daß das wunderliche Gericht gar nicht so übel sei. Es bestand aus dem Blut des Thieres, das ihm zu Ehren geschlachtet worden war, aus Herz und Leber und den saftigsten Fleischstücken, die mit fetter Milch, Mehl und gewürzigen Kräutern gekocht waren. Bald ging es ganz behaglich an dem Tische her. Gula war unermüdlich in ihrer emsigen Sorgsamkeit für den lieben Gast und voller Genugthuung, daß es ihm schmeckte. Von Afraja hörte dieser, daß überhaupt die Waldlappen von nichts weiter lebten, als von dem Fleisch und der Milch, dem Blut und den Eingeweiden ihrer Thiere, und wenn er damit das jammervolle Leben der armen Fischer verglich, schienen ihm diese Söhne der Wildniß lukullische Mahlzeiten zu halten. Er dachte auch dabei an die Bauern und armen Leute in Dänemark und in andern Ländern, die von Civilisation und Kultur kaum etwas weiteres hatten, als das Glück von Fürsten, adeligen Herrn und Beamten so ausgepreßt zu werden, daß kaum das armseligste Leben übrig blieb. Damals war noch überall das Landvolk in Leibeigenschaft und Hörigkeit, jeder Mensch mußte wie eine Sache, seinen Herrn haben und der unerträgliche Kastengeist und Kastenzwang zog seine eisernen Schranken zwischen jeden Stand und jedes Geschlecht. Waren denn also diese freien Hirten nicht vielfach beneidenswerth, die auf ihrem unermeßlichen Jagd- und Weidegebiet nichts von den Plagen civilisirter Völker wußten? Marstrand sprach dies lebhaft aus 459 und die Schilderungen, welche er von den Bauern und den armen Leuten in den Städten, von den Vorzügen des Adels und der fürstlichen Allgewalt und Allmacht entwarf, schienen Afraja wohl zu behagen. Er hörte lange zu und sagte dann mit einem eigenthümlichen Glanz seiner lauernden Augen: So fällt die Ratte über die Blindmaus her, der Marder über die Ratte, der Wolf über den Marder und der Bär über alle. Es ist im Wasser, in der Luft und wohin man sehen mag, überall dieselbe Gewalt, aber Trost ist es, daß ein Räuber von dem anderen gefressen wird und endlich schickt Jubinal seinen schwarzen Boten, vor dem die allerwildesten und stärksten zittern. Bringe uns einen Trunk, Mädchen. Laß' uns trinken, daß die Ungerechten sich so lange selbst verschlingen, bis keiner von allen übrig bleibt. Gula brachte hölzerne Becher und zu Marstrand's Verwunderung eine Flasche so guten, alten Madeira, wie er niemals nur schlechten hier vermuthet hatte. Afraja hatte sie mit einigen anderen auf dem letzten Markt gekauft, und bald strömte das duftige Feuer durch alle Adern und regte Hirn und Nerven auf. Die Sonne sank inzwischen und das tiefe Thal füllte sich mit Schatten. Sie saßen beisammen und die Stunden vergingen, die Sterne stiegen am Himmel auf. Der Wasserfall donnerte und blitzte weißleuchtend durch die Nacht; Marstrand ging durch den fliegenden Staub, der sein heißes Gesicht kühlte. Seine Augen suchten Gula's Augen, die glühend an ihm hingen, wenn er von seines Vaters altem Schlosse auf Seeland sprach, und von Tagen, die da kommen sollten; von den Jagden in Buchenwäldern, die von lieblichen Hügelwänden sich im blauen Oeresund wiederspiegelten, von Rossen mit falben Mähnen, auf welchen Damen reiten, von prächtigen Sälen voll Krystallleuchter und von schmetternder Musik, durch Mohren mit silbernen Halsbändern um den Armen und Perlen in den Ohren ausgeführt. Gula sah das Alles. Sie sah die Thürme und die Brücken, die glänzenden, schönen Männer und die Damen mit langen Schleppen. Sie sah die gläsernen Paläste und hörte Pauken und Trompeten, die zum Feste riefen; dann sah sie sich am Arme des geliebten Mannes und wie sie die Stirne aufhob und der Nachtwind ihr welke Blätter darauf warf, meinte sie schwere Goldketten und Diademe zu fühlen. 460 All' ihr Denken und Sinnen war damit beschäftigt. Unermeßlich glücklich saß sie bei dem geliebten Mann und bemerkte den armen Mortuno nicht, der sie aus dem Winkel betrachtete und jedes Lachen, jede ihrer Bewegungen stumm verfolgte. Endlich holte sie auf Johann's Wunsch ihre Zither und sang ihm Lieder vor, die so süß und lieblich klangen, und welche sie mit so ausdrucksvollen Blicken und Geberden begleitete, daß Marstrand, obwohl er die Worte nicht verstand, doch den Inhalt deutlich errieth. Es sind Liebeslieder, sagte er. Es sind die Klagen und Bitten eines Mädchens, die ihren Geliebten erwartet, antwortete sie. Marstrand sah zu Mortuno hinüber. Er hatte seinen Kopf vorgebeugt, als höre er Etwas, das ihn entzückte. Seine Hände waren gefaltet, sein Gesicht wurde von dem Herdfeuer erhellt, es schien sich zu vergrößern und zu verschönern, ein Lächeln wie Johann es nie an ihm bemerkt hatte, schwebte auf seinen Lippen. Afraja dagegen hatte sich nach seiner Gewohnheit zusammengekrümmt, er rauchte aus seiner kleinen schwarzen Lappenpfeife und stierte in die Flammen, die seine eckigen grimmigen Züge roth und scharf machten. Nach einigen Augenblicken sagte Marstrand: Nun, Mortuno, wie steht es mit dir? Willst du nicht noch einmal das Lied singen, das ich gestern hörte, oder hast du ein neues gedichtet? Mit demselben sanften, lächelnden Gesicht nickte ihm der arme Bursche zu; dann stand er auf, nahm die dreisaitige Zither aus Gula's Hand und begann einen Gesang, von welchem Johann noch lange nachher sich einer Strophe erinnerte. »Nimm die Blume des Kilpis«, sang er, »ach! ich sehe wohl sie blüht für dich. Wenn die jungen Birken wieder grün werden, wird meine Hand sie nicht pflücken, wenn die Lämmer schreien und ihre Mütter umspringen, werde ich sie nicht mehr hören. Nimm die Blume des Kilpis und verwahre sie an deinem Herzen. Keinem würde ich sie geben, dir gebe ich sie. Was ist Menschenwille, was ist Gottes Wille! Seine Stimme spricht zu mir. Fliege, weiße Taube, fliege über See und Wolken, meine Augen werden dich begleiten, meine Seele wird bei dir sein!« 461 Bei seinen letzten Worten ließ Afraja sein heiseres Lachen hören und richtete sich auf. Er steckte die Pfeife in seinen Gürtel, schenkte die hölzernen Becher noch einmal voll und reichte seinem Gaste den einen hin. Nun ist's genug für heut, sagte er, ich bringe dir den Schlaftrunk. Morgen laß uns sehen, ob die weiße Taube auf deiner Schulter sitzt. Aber es mußte wirklich ein starker Trunk gewesen sein, den der Junker bekommen hatte. Er fühlte seinen Kopf schwer wie Blei werden, fühlte kaum, daß Gula's Arme ihn noch einmal fest hielten; ihre zärtlichen Wünsche kamen wie aus weiter Ferne. Er lachte als er strauchelte und Mortuno ihn unterstützte, dann ging er mit den beiden Männern und sie führten ihn, wie er meinte, durch die Schlucht, die Stufen hinauf in das Zelt, das wieder in der Saita aufgeschlagen war. Er glaubte die Lampe brennen zu sehen, oder war es ein flammender Holzspan, der vor seine Augen gehalten wurde. Dann kam es ihm vor, als werde er aufgehoben und getragen, als sitze er auf dem ungeheuren Rennthier, auf welchem Jubinal allnächtlich die Erde umreitet; plötzlich fiel er schwindelnd in einen unermeßlichen Abgrund. Er wollte sich halten und empfand nichts mehr. 21. Als es mitten in der Nacht war, standen in den Steinen der Saita mehrere Männer, die sich leise unterredeten. Wir werden ohne Zweifel den Hals brechen, sagte der eine, der Paul Petersen war, und ich wollte, Egede bräche ihn zuerst, so kämen wir vielleicht mit einem Arm- oder Beinbruch davon. Wo ist er geblieben? fragte Olaf. Er ist dort am Felsen hinuntergeklettert, antwortete Paul, weil sein Hund, oder sein Teufel ihn dazu antrieb und ihm den Weg zeigte. Da kommt er. Bist du es, Egede? Ja, ja, Herr, flüsterte der Quäner. Eine wichtige Entdeckung. Stufen führen hinunter, unten ist eine weite Höhle durch die der 462 Wind pfeift. Der Hund zog mich an der Leine fort, ich folgte ihm, endlich hörte ich Bäume und Wasser rauschen. Da stand er still und knurrte; ich kehrte um. Es muß das Thal sein, das du gesehen hast, Olaf, sprach der Schreiber. Hinter der steilen Wand muß es liegen, sagst du, und gerade da, wo man allein hinüber kann, hat Afraja sich mit seinen klaffenden Hunden und dem ganzen Gesindel festgesetzt. Ich will meinen Kopf wetten, daß die Prinzessin da unten steckt. Björnarne, der auf dem Opfersteine saß, stand auf und sagte: Geh' voran, die Zeit eilt. Mein guter Junge, lachte Paul, indem er ihn festhielt, du kommst früh genug dazu, entweder deinen Kopf selbst zu zerschlagen oder ihn dir zerschlagen zu lassen. Steh' also ein paar Minuten still und laß uns überlegen. Es ist möglich, daß dies ein geheimer Eingang in die waldige Schlucht ist, von der wir vermuthen, daß der alte Schlaukopf dort sein geraubtes Töchterchen verwahrt, es ist also möglich, daß wir sie finden, aber es scheint mir nicht glaublich, daß sie, ohne von Drachen und Hexen und anderen schrecklichen Geschöpfen umringt zu sein, allda in Frieden schläft, und wäre es auch nur, daß vielleicht der liebliche Mortuno mit einigen andern jungen galanten Herren an ihrer Schwelle lagerte, so könnten wir gewiß darauf rechnen, durch ein paar unangenehme Löcher unsere Hüte oder Röcke verderben zu sehen. Weshalb sind wir hierher gekommen, wenn wir uns fürchten wollen? antwortete Björnarne. Ich will es auf jeden Fall versuchen. Nach kurzem Kriegsrath ward der Beschluß gefaßt, eine nähere Untersuchung anzustellen und als sie glücklich die tiefe Schlucht erreicht hatten, fanden sie bestätigt, daß dort ein Gang durch die Felsen führe. Bald hörten sie, was ihr Führer gehört hatte; sie standen an dem Ausgange und unter ihnen fuhr der Wind durch Baumwipfel, Wasser rauschten, der dumpfe Lärm der Kaskaden tönte zu ihnen her. Nach einer neuen Berathung blieb Olaf in einer tiefen Ecke des Gewölbes stehen; seine Hand lag am Gewehr, Ohren und Augen hielt er nach allen Seiten offen. Die Andern kletterten über den Schuttsturz hinunter, bis sie auf die Sohle des Thales und an den polternden Bach gelangten, wo Egede's Spürhund nicht recht zu 463 wissen schien, was zu beginnen sei, denn sowohl nach links wie nach rechts hin schien er Verborgenes zu wittern. Der Himmel war mit weißlichen Dunststreifen bedeckt, durch welche an verschiedenen Stellen die Sterne sichtbar wurden und mitten durch diese leichte Umhüllung des Firmaments huschte dann und wann ein falber, krauser Schein, der wie eine Locke zusammengeringt im nächsten Augenblick feuriger zusammenzuckte und auseinander flatternd mit Gedankenschnelligkeit verschwand. In dem matten Blitzen ließen sich zuweilen die waldbewachsenen Wände des Thales erkennen, sammt dem Felsenwalle, welcher dies zu verschließen schien, und Petersen flüsterte lächelnd: So ist dies Teufelsfeuer doch wenigstens dazu gut, uns zu zeigen, wo wir sind. Es muß ein liebliches Plätzchen sein; dort hinauf dürfen wir nicht, da müssen ihre Gammen stehen. Sie schlichen vorsichtig zur Linken an dem Bache fort und als ein helleres Leuchten über das Thal zuckte, sagte Paul: Was ist das? Es war mir, als sähe ich eine Hütte, ein Haus mit Fenstern. Bei Gott! da steht es noch einmal. – Der röthliche Schimmer fiel auf die leuchtende Birkenrinde, sie sahen es alle deutlich, dann verschwand es. Es war, als habe eine dämonische Macht ihnen den Weg zum Bösen zeigen wollen, denn das Nordlichtzucken hörte auf. Vorsichtig folgten die drei Männer den Windungen des Wassers. Egede hielt seinen Hund fest, der ein leises Knurren hören ließ, so schlichen sie über den Grasplatz und standen vor der Hütte still, in welcher sich nichts regte. Wer mag darin sein? murmelte Paul. Nichts! Fühlt her, wie sein Haar hoch steht, sagte der Quäner, der die Hand auf Hals und Rücken seines Hundes legte. Lappen schlafen darin – Afraja! Mortuno! Ich will sie wecken. An der linken Seite hing ihm in der Lederscheide sein Messer, das er leise lachend herauszog und horchte. Narr! sagte der Schreiber, Afraja schläft in keinem Hause von Holz; ist jemand hier, so ist es Gula. Für diese zarte Schönheit haben sie den Palast gebaut. Zu gleicher Zeit hielt er Björnarne fest, der seine Hand nach der Thür erhob. Steh' still, wenn du nicht Alles verlieren willst, fuhr 464 er flüsternd fort. – Hier ist die kleine Laterne, hier die Zunderbüchse; mach Feuer, Egede, du verstehst es am besten. Der Quäner vollzog den Befehl mit größter Gewandtheit. In einem Augenblick brannte der Schwefelfaden und mit der Klappe wurde der Lichtschein der Laterne so gut zugedeckt, daß nur ein schmaler Streif auf die Thür fiel, die weder Schloß noch Riegel hatte. Ohne Widerstand drehte sie sich geräuschlos in den Schlingen von Birkenruthen und mit der aufgehobenen Leuchte in der Hand trat Paul herein, dicht gefolgt von seinen Gefährten. Er ließ den Schimmer umherfliegen und seine Augen flogen ihm nach. Da war der Herdstein, da stand ein Tisch mit Geräthen, da Kasten, aber plötzlich streckte er schweigend den Finger aus und deutete auf eine Ecke, wo aus Kissen und Fellen eine Lagerstätte bereitet war, auf welcher ein menschliches Wesen sanft und fest schlief. Der Lichtblitz lief über dunkles, lang aufgelöstes Haar, der Kopf ruhte auf einem Arm, so daß das Gesicht nicht gesehen werden konnte, der andere Arm streckte sich über den weichen Luchspelz aus und schimmerte fein und wohlgeformt. Wer es war, ließ sich nicht verkennen und wenn ein Zweifel noch gewesen wäre, so wurde er augenblicklich beseitigt, denn Gula, vielleicht durch das Licht beunruhigt, oder von einem ahnenden Gefühl gefaßt, drehte sich um und schlief weiter. Bei ihrer Bewegung hatte Paul die Laterne gänzlich geschlossen. Nach einigen Minuten öffnete er sie wieder, hielt sie so, daß der Schein nicht auf Gula fiel und blieb stehen, als er sah, daß Björnarne sich dem Lager nahte, daran niederkniete, sich auf seine Hände stützte und die Schlafende betrachtete. Ein unermeßlicher Hohn erfüllte sein Gesicht. Björnarne war bleich und abgemagert, aber in diesem Augenblick war er roth vor Aufregung und seine Augen glänzten vor Freude und Hoffnungen. Da lag sie vor ihm, leise athmend und wie sein Hauch sie berührte, lächelten ihre Lippen und die schwarzen, kühn gebogenen Brauen zogen sich aufwärts, als erblickte sie einen Gegenstand, der ihr Entzücken erregte. Ein Zittern lief durch Björnarne's Herz. O! wie schön war sie! Ihre kleinen weißen Zähne glänzten ihn an, muthwillig zogen krause Fältchen sich aus ihrer Stirn zusammen, er sah sie wie in den frohsten, schönsten Tagen seines Lebens, wenn er Abends 465 heimkehrte und sie aus der dunklen Ecke ihm entgegen sprang, um ihn zu erschrecken. Bebend von seinen Erinnerungen und hingerissen von seinen Empfindungen faßte er die Hand, die vor ihm lag, zugleich sagte Paul mit gedämpfter aber doch lauter Stimme, in welcher sein verhaltenes Gelächter hörbar war: Küsse sie wach, du verliebter Narr, denn wir haben keine Zeit zu verlieren! Er begleitete seine Worte mit einer raschen Wendung der Laterne, deren volles Licht er jetzt auf die arme Verrathene fallen ließ. Die Wirkung erfolgte augenblicklich. Wie von einem elektrischen Funken getroffen, zuckte Gula zusammen und saß im nächsten Augenblicke aufrecht. Ihr Haar flog zurück, ihr Auge fiel auf Björnarne und damit zugleich schallte die Hütte von einem gellenden entsetzlichen Schrei. Stopf' ihr den Mund! rief Petersen und Egede schleuderte ihr eine der Decken über den Kopf, warf sie nieder und griff mit seiner mörderischen Faust ihr nach der Kehle. Ehe jedoch Björnarne ihn davon zurückhalten konnte, erhielt Jener von der andern Seite einen so gewaltigen Stoß, daß er köpflings zu Boden stürzte und über ihm richtete sich ein weißer Kobold auf, der unter seltsamem pfeifenden Grunzen mit außerordentlicher Schnelligkeit auf ihm herumschlug und trat. – Es war Gula's Rennthier, das aus seinem Winkel aufgesprungen, seiner unglücklichen Herrin Beistand leistete und einige Minuten lang geschah dies in wirksamster Art ganz in der Weise, wie Rennthiere in ihrer Wuth es machen, die mit dem Kopf den Angegriffenen niederrennen und mit den Füßen auf ihn loshämmern. Egede war so erschrocken, daß er lautlos still lag; sobald er aber seinen Gegner erkannte, war auch sein Messer dem getreuen Geschöpf durch die Rippen gefahren, das sogleich von ihm abließ, sich umwandte, an Gula's Lager wankte und ohne einen Laut zu thun, auf seine Vorderfüße zusammensank. Höre mich an, Gula! sagte Björnarne. Du sollst mich hören, ich bitte dich. Sei ohne Furcht, ich bin es ja, Björnarne, dein Freund. Liebe und Frieden über dich, Niemand will dir ein Leid thun! Blut! Blut! schrie das arme Mädchen, die den fürchterlichen Quäner und das sterbende Thier ansah. 466 Wechselbalg! murmelte Egede grimmig, sei still oder ich schneide dir den Hals ab. O! habt Erbarmen, Erbarmen! rief Gula auf ihren Knieen, dann stieß sie einen neuen durchdringenden kläglichen Schrei aus, der damit endete, daß sie mit derselben Heftigkeit: Johann! Johann! Johann! schrie und einen Versuch machte, sich von Björnarne zu befreien. Mach' ein Ende, sagte Petersen hervortretend, wenn es mit uns kein Ende nehmen soll. Dies Geschrei muß ein Lappenohr auf eine Meile hören. Willst du still halten, Schätzchen, oder soll Egede seine sanften Finger an deine Kehle bringen? Zieh die Jacke an, rasch! Das Tuch hier um den Mund, die Hände auf den Rücken. Vorwärts! Und wenn du einen Laut von dir gibst – Egede! greif an ihren Arm und halt dein Messer bereit. Aber Gula schien die Stimme und jede Macht zum Widerstande verloren zu haben. Sobald sie die Gegenwart des Schreibers bemerkte, war ihr Blut zu Eis geronnen. Ein Schauder ging durch ihr Herz und eine entsetzliche Angst trieb ihr den Schweiß auf die Stirn. Sie warf einen unaussprechlich flehenden Blick auf Björnarne, allein ihr Hülfsschrei: Johann! hatte diesen so mit Wuth und Haß erfüllt, daß er regungslos mit geballten Fäusten und wilden Mienen zusah, wie Paul und Egede ihre Arbeit verrichteten. In der allerkürzesten Zeit war das Mädchen in den Kleidern, gebunden und ihr Mund verstopft. Nichts regte sich draußen. Petersen horchte hinaus, kehrte noch einmal um, und leuchtete durch die Hütte. Das sterbende Rennthier machte einen letzten Versuch, sich aufzurichten, um seiner Herrin zu folgen, es war vergebens. Der Strahl der Laterne fiel in seine sanften stillen Augen, und Paul flüsterte spottend: Nehme sich doch jeder ein Beispiel an diesem verständigen Geschöpf, wie man sich in Unvermeidliches finden und mit Anstand selbst sterben kann. Ein Rennthier mit der Wunde im Herzen klagt niemals unnützer Weise, so mache denn auch du keinen Versuch dazu, später weine oder schreie so viel du willst, mein Wort darauf, du sollst volle Freiheit dazu haben. Während er dies sagte, untersuchte er die Kasten und was er fand, setzte ihn in Erstaunen. Es lagen Waffen in dem einen. Mehr als zwei Dutzend kurze Büchsen, alle im guten Stande und neu. In 467 dem andern fand er zwei Fäßchen gefüllt mit Pulver und eine Anzahl Bleibarren. Die Pulverfässer trugen Marstrand's Namen und Paul starrte sie einen Augenblick an; schnell rief er Egede, der sie nehmen und in den Bach werfen mußte, und als dies Alles schnell geschehen war, schloß er die Blendlaterne. Er ging voran, dann brachte der Quäner die Gefangene, Björnarne folgte hinterher. Olaf stand unter dem finstern Bogen und wurde von dem glücklichen Erfolg benachrichtigt. Er selbst hatte Nichts gehört und Nichts gesehen und betrachtete ziemlich gleichgültig Gula's bleiches, entsetztes Gesicht, als der Schreiber dies beleuchtete. Was sollen wir nun mit ihr beginnen? fragte er. Das wirst du bald hören, mein guter Junge, antwortete Paul. Vor der Hand ist nichts nöthiger, als so schnell wie möglich zu unsern Pferden zu kommen. Du hast sie doch sicher versteckt, Egede, und kannst sie wieder finden? Sicher, Herr, sagte der Quäner. Ihre Füße sind gefesselt und so leicht wird weder Wolf noch Bär sie besuchen. Dann fort mit uns! Zwei Stunden haben wir vollauf zu thun. Wenn der Morgen anbricht, muß das Püppchen im Sattel sein, es hat zarte Füße. Trage sie die Stufen hinauf. Egede hatte keine Lust zu diesem Dienst. Sie kann gehen, sagte er rauh. Die Brut aus solchem Neste kommt mit gebundenen Flügeln fort. Er stieß sie vor sich hin, aber Björnarne gab ihm sein Gewehr, hob selbst das Mädchen auf und trug sie schweigend die Felsentreppe hinauf, bis in die Saita Jubinal's. Von hier ab ging es an der schroffen Wand hinunter, dann mußte der See eine Strecke lang durchwatet werden und endlich durch Sümpfe und Büsche, dehnte sich die wilde Hochebene aus, von zahllosen Quellen und Bächen durchzogen und von Jauren und zerklüfteten Felsmassen unterbrochen. Nach der Rast weniger Minuten nahm Björnarne nochmals die Last auf seine Schultern. Ihr leichtes Sträuben war bald überwunden. Es war, als wollte Gula das Band zerreißen, das ihre Arme fesselte, und wie sie sich an dem Opferstein niederwarf, kamen 468 die dumpfen Worte unter dem dicken Tuche hervor: Jubinal! Allvater! Hilf, o hilf mir! Haha! lachte Paul; da der Herr Johann nicht helfen kann und der Herr Jesus auch keine Lust dazu zeigt, so soll es nun der Herr Jubinal thun. Pfui, du kleine Heidin, schäme dich und werde verständig. Suche dich nicht an dem verdammten Opferstein festzuklammern. Reiß' sie los, Björnarne, und kehre dich an kein Gewimmer. Verwünsche uns so viel du willst, du Hexe, ich sage dir, Björnarne will Nichts als Liebes und Gutes und deinen rächenden Jubinal lachen wir aus. Von der Höhe des Kilpis ließ sich ein Krachen hören, ein dumpfer Donner folgte nach; dann fuhr ein Windstoß heulend um die Zinken und Zacken des Gebirgs und unten brauste der See. Ruf' den Teufel und die Gespenster nicht wach, sagte Olaf. Thor, so lang du bist! spottete Paul. Es war Nichts als ein Stein, der von oben herunter in's Wasser stürzte, oder meinst du, Jubinal sei aufgewacht von diesem Jammer, habe sein Kopfkissen zurecht gerückt und sich die Nachtmütze über die Ohren gezogen? Eine Feder ist aus dem Kissen gestäubt, die hat den Spektakel gemacht. Jetzt hierher, Björnarne, halt' dich fest an mich. Niemand ist würdiger wie du, diese Prinzessin Tausendschön durch Fels, Wald und Wasser vor der Sünde zu erretten. Sorge dafür, ihr ein besseres Christenthum beizubringen. Wehe über den frommen Klaus! Was wird er sagen, wenn er einst hört, daß sein Schäfchen, das so gläubig blöckte, in seiner Noth zum goldenen Kalbe betete. So spottete er weiter, obwohl seine Gefährten Nichts dazu sagten. Die steile Wand war ohne Unfall zurückgelegt, bald ging es durch See und Sumpf und endlich durch das zerrissene Land so rasch und schweigsam wie möglich. Björnarne ließ seine Geliebte nicht los; er trug sie stundenlang mit der zähen Kraft eines Mannes, der große Beschwerden zu bestehen gewohnt ist und dem eine fieberhafte Erregtheit den Willen stählt. Endlich schien durch die graue Färbung des Himmels ein Licht zu dringen, vor dem die Dunkelheit der Nacht unmerklich zerfloß. Einzelne Spitzen und Felsgruppen ragten erkennbar aus der unwirthlichen Oede hervor; dann tauchte zur Seite eine lang hinlaufende, nackte und zackige Masse auf und als Petersen sich 469 umwandte, sah er den ungeheuren, roth funkelnden Kopf des Kilpis aus Wolken und Nebeln treten. Dort liegt die Pitsasjaure, rief er aus, und hier herum in dem Grunde müssen unsere Pferde stecken. Jetzt setze dein Schätzchen endlich ab und ruhe aus von der süßen Anstrengung, Egede wird ihr einen vierbeinigen Träger schaffen. Aber Egede folgte dem Gebote nicht. Er stand still und horchte, denn sein Hund, der bisher folgsam an seinen Fersen gewesen war, streckte die Nase in die Luft, murrte und zeigte seine Zähne. Was ist das? sagte Paul. Ist das Teufelsgesindel uns auf den Fersen? Fort mit Euch hinter die Steine! Die Pferde her, du Maulaffe! Suche sie auf, so schnell du kannst. Sieh da, wahrhaftig, – nein, ich täusche mich nicht – Mortuno, so wahr ich lebe! Komm' heran, mein lieber Mortuno. Bei Gott! Er ist allein, ich sehe keinen Anderen. Er hat sich nicht Zeit gelassen und läuft wie ein junger Luchs. Wir müssen ihn lebendig haben, wenn es sein kann. Sollte er aber ungezogen werden, dann, Olaf, denke an das Loch in deiner Mütze. Paul Petersen stand auf einem freien Raum, hinter welchem ungeheure Steinblöcke zerstreut umher lagen. Ein Arm des Snibotjoks, der von der Jaure herunterkam, wand sich durch dies Labyrinth rauschend und polternd in einem tiefen Bette. An dem Rande dieses Wüstenflusses war eine menschliche Gestalt sichtbar geworden, die sogleich in der Tiefe verschwand, bald darauf aber auf der entgegengesetzten Höhe zum Vorschein kam und wirklich kein Anderer war, als Afraja's Neffe. Er lief gerade auf den Schreiber los und dieser machte sich bereit, ihn in Empfang zu nehmen, doch dreißig Schritte von ihm stand der Lappe plötzlich still und suchte Athem zu schöpfen. Wie? schrie Paul, bist du es, mein süßer Freund, der uns in frühster Frühe aufsucht? Wo hast du deine Mütze gelassen und wie sehen deine Komager aus? Wo hast du deine Brüder? Wo hast du sie? rief Mortuno. Komm' her, ich will sie dir zeigen, sagte Paul. Setze dich zu uns, unser Feuer soll dich wärmen. Wo hast du Gula gelassen? fuhr der Lappe fort, indem er seine Büchse aufhob. 470 Ist dir dein Schätzchen davongelaufen, du armer Junge? antwortete der Schreiber. Suche sie dir, ich will dir helfen. Falscher Mann, du hast sie gestohlen! schrie der Lappe. Gib sie heraus! Wo ist sie? Hier! Mortuno, hier! Was du für ein närrischer Junge bist und wie schrecklich du deine Augen verdrehst. Gula hat uns selbst eingeladen, sie hat uns Nachricht von ihrem Aufenthalt gegeben, wie hätten wir sie sonst auffinden können? Ihr innigster Wunsch ist wieder bei uns, bei ihrem Wohlthäter Helgestad und bei ihrem Freund Björnarne zu leben. Wie kannst du darüber so böse sein? Du lügst! schrie Mortuno. Ein Geschrei hat mich aufgeweckt; ich habe das Thier gefunden, Gula's treues Thier, das du gemordet hast. Wohin dein Fuß tritt ist Blut, wohin dein Auge sieht, verdorrt Gras und Blume. Ich habe es immer gesagt, lachte Paul, indem er langsam sein Gewehr aufhob und den Hahn spannte, daß du ein Poet bist, und du hast mir einen Gesang versprochen. Den will ich jetzt haben, mein guter Junge, oder ich will dich anders singen lehren. Rühr' dich nicht, ich bitte dich darum, denn so wie du den Arm aufhebst, so wie du eine Bewegung machst, gibt es ein Unglück. Heda, Egede, Olaf! geht zu ihm und reicht ihm Eure brüderlichen Hände. Indem er dies sagte, hörte Mortuno einen gellenden Schrei. Er stand der Büchsenmündung des listigen Schreibers gegenüber, der auf ihn angelegt hatte, und zweifelte nicht, daß die geringste Bewegung ihn niederstrecken würde. Bei dem Schrei jedoch rollten seine Augen nach dem Steine hin. Er sah Gula nicht, aber es war ihre Stimme, und mit Blitzesschnelle duckte er sich zusammen, machte einen Sprung dem Versteck entgegen und drückte seine unbehülfliche Waffe in demselben Augenblicke auf Paul ab, wo die Gefangene zwischen den Steinen hervor ihm entgegen lief. Paul schoß mit einem Fluche nach dem Lappen, der jedoch ohne Zweifel unverletzt geblieben wäre, hätte nicht fast zugleich noch ein Schuß geknallt, welcher besser traf. – Mortuno stürzte lautlos nieder und Gula warf sich über ihn hin, ohne einen weiteren Versuch zur Flucht zu machen, die nicht gelingen konnte, denn Björnarne war dicht hinter ihr und Olaf sprang mit seinem rauchenden Gewehr an ihr vorüber. Aber Alle blieben stehen, 471 und selbst Paul, so boshaft und unrührbar er war, sagte kein freches Wort, als er das arme Kind an der Seite des unglücklichen Jünglings knien sah. Sie hatte ihm das Haar zurückgestrichen; ein paar kleine blutige Rinnen liefen über seine Stirn. So blickte sie in seine starren, gebrochenen Augen, ihre zitternden Hände auf seinem Kopf, und plötzlich schien ihr eine Hoffnung zu kommen. Der Körper regte sich, die Füße zuckten, als wollte er sich aufrichten; es war, als gewönnen seine Blicke noch einmal Leben und Verständniß. O! wache auf, rief sie ihm zu; hörst du mich, Mortuno, hörst du mich? Hat mein Ruf, den du über Seen und Wolken hören wolltest, keine Macht an deinem Ohr? Der Sterbende that seine Augen noch einmal auf und indem er sie tief und starr ansah, lag er als Leiche vor ihr. Helft ihm, helft ihm! schrie Gula kläglich. Ihrem Schrei folgte ein Wimmern, als sie den Kopf an sich preßte und ihn aufzurichten suchte. Warum habt Ihr sie schreien und laufen lassen, sagte Paul zornig. Wäre das nicht gewesen, so hätten wir ihn lebendig bekommen. Sie hatte Björnarne flehentlich gebeten, ihre Arme loszuschnüren, antwortete Olaf, und wurde wie toll, als sie den Burschen hörte. Sie wird ihn niemals mehr hören, murmelte der Schreiber. Einen guten Zoll tiefer hast du ihm seinen Meisterschuß durch deinen Hut zurückgegeben, das reicht hin für alle Zeit. Aber, wahrhaftig, fuhr er fort, indem er an seine Seite faßte, ich glaube, der Schelm hatte nicht allein dir den Hut, sondern mir Rock und Hemd verdorben. Er merkte jetzt erst, daß Mortuno eine Kugel in seinem Lauf gehabt und als er in seine linke Seite faßte, brachte er die Finger blutig zurück. Olaf sah hin und sagte dann: Die Haut ist fortgerissen; ein ziemlich langes Stück Fleisch und Fell sind verloren gegangen. Wie kann man so niedrig rachsüchtig sein, spottete Paul, einem Menschen, der so wenig Fleisch übrig hat, noch dies Wenige verkürzen zu wollen. Jetzt aber müssen wir dieser Scene ein Ende machen. Da kommt Egede mit den Pferden, gib Acht auf sein liebenswürdiges Lächeln, wenn er den Burschen, den er so lange haben wollte, ohne 472 ihn je bekommen zu können, jetzt als einen stillen Mann vor sich sieht, der ihm nie wieder entspringen wird. Hier trennt sich unser Weg, fuhr er fort. Ich muß geradeaus an den Lyngenfjord, wo morgen der Markt eröffnet wird, du wirst mit Egede und dieser betrübten Puppe linkswärts auf die hohe Jaure losziehen, die so eben im Morgenschein sich sehen läßt. Es ist die Reisajaure, hinter ihr liegt der Quänarnerfjord. Egede ist dort gut bekannt, er hat eine Art Vetter oder Freund an der Lachself wohnen, dessen Boot Euch zu Diensten steht. Und dann? fragte Olaf. Dann in Gottes Namen den Fjord hinunter und nach Loppen, wo wir vor der Hand das Schätzchen bergen wollen. Du willst sie nicht mitnehmen? Nicht Helgestad geben? Nein, sagte Paul, ich habe es anders überlegt und habe meine Gründe dafür. Erst muß der Markt vorüber sein. Brächten wir Gula dahin, es würde Lärm und Geschrei entstehen; morgen früh gäbe es keinen Stein in den Finnmarken, der nicht davon erzählte. Sie muß verschwinden, bis wir den alten Schelm in unserer Macht haben und je geheimer wir es halten, um so eher wird es geschehen. Und Björnarne? Ich nähme ihn am liebsten mit mir, antwortete der Schreiber, aber er wird nicht gehen wollen. Du mußt mit, Olaf, denn Egede würde dem armen Dinge den Hals umdrehen, ehe sie den Quänanger sähe. Björnarne aber muß wiederum dich bewachen, setzte er hinzu, damit die feurigen Augen der kleinen Hexe keinen Schaden anrichten. Höre, erwiderte Olaf mit einem finsteren Blicke, ich bin kein Mann für deine Witzeleien. Ich habe den Burschen niedergeschossen, weil ich nicht anders konnte, weil er auf dich losbrannte und weil er es verdient hat, aber lachen kann ich weder darüber, noch über den Jammer und die Noth der Dirne. Alles Böse in dieser Sache fällt auf dich. Kannst du nicht lachen, so weine meinetwegen, sagte Paul, im Uebrigen nehme ich alle Folgen auf mich. Wo hast du das Götzenbild, das der alte Schuft dir verkaufte? In meiner Tasche. 473 Gut, verwahre es wohl. Jubinal wird trefflich für uns sorgen. Mond gibt es vollauf, der Himmel sieht danach aus. Zu meiner Hochzeit bist du jedenfalls wieder in Oerenäesgaard. Ilda würde den besten Tänzer vermissen, obenein da der galante Junker fehlt. Der Nordländer fühlte etwas von dem Spott, der durch seine dicke Haut drang und seine bösen Leidenschaften reizte, aber er schwieg, denn eben schlug Egede ein wahrhaft höllisches Gelächter auf und verdrehte die Augen dazu, daß nur das Weiße zu sehen war. Er stand jetzt vor dem Todten, gegen den er die Fäuste ballte, in die Luft sprang, in wahnsinniger Lustigkeit auflachte und eine Reihe der schändlichsten Hohn- und Schimpfworte ausstieß, die Mortuno nicht mehr hörte. Wohl aber hörte sie Gula, welche noch immer auf ihren Knieen leise betete und weinte, plötzlich aber aufstand und vor den Leichnam trat. Schamloser Mann, sagte sie, wagst du es ihn anzusehen? So lange er lebte, hattest du Furcht vor ihm, solange er lebte, verachtete und verlachte er dich. Geh' und laß diesen Todten, dem du einst Rede stehen mußt vor Gottes Richterstuhl! Die Würde und Gewalt ihrer Worte waren so überraschend, daß der Quäner davor erschrak, und obwohl er die Fäuste ausstreckte und seine Zähne fletschte, doch zurückwich, denn der Gedanke an Gottes Richterstuhl hatte wenigstens eine augenblickliche Wirkung hervorgebracht. Bravo, kleine Moralistin! rief Paul, der alte Klaus hätte es nicht besser machen können. Zieh dich zurück; Egede, du hast genug bekommen und du, Björnarne, setze die Prinzessin auf das beste Pferd und macht Euch davon, oder willst du mich begleiten und Olaf die Sorge überlassen? Ich selbst, kein Anderer, erwiderte Björnarne, sage meinem Vater was du willst. Paul nickte ihm zu. Vorwärts also! rief er mit seinem falschen Lachen. Nimm sie hin und sei glücklich. Wohin? fragte Gula zurückweichend und als sie keine Antwort erhielt, fuhr sie fort: Wer gab Euch das Recht mich gewaltsam fortzuschleppen? Was habe ich gethan? Wo ist ein Gesetz oder Gebot? Als Räuber habt Ihr mich im Schlaf überfallen, Räubern gleich habt Ihr Blut vergossen. Antworte du, der du ein Richter sein sollst. 474 Schande über dich! Schande über Euch alle, daß ihr ein wehrloses Weib binden, schlagen und mißhandeln könnt. Allerliebst, lachte der Schreiber, der alte Klaus hat Recht, sie hat etwas von ihres Vaters Geist. Wir wollen deine Fragen ein ander Mal beantworten; jetzt gib dich zufrieden und geh' mit Björnarne. Wenn Ihr in Eurer Gewalt beharrt, sagte Gula, so führt mich zu Helgestad und Ilda. Dahin will ich, an keinen andern Ort. Habe ich einen Fehler begangen, als ich sein Haus verließ, so will ich ihm sagen, was mich dazu trieb. Ich bin jedoch frei geboren, Niemand hat ein Recht auf mich. Ihr Alle seid des Königs Unterthanen, auch für mich gelten die Gesetze. Strenge Befehle gegen deine Willkür, Schreiber, sind erst neulich angekommen. Glaube nicht, daß ich schweige. Ich werde Freunde finden, die mir beistehen. Der Junker vom Balsfjord! schrie Paul. O! daß er hier wäre! antwortete das arme Kind, indem es seine brennenden Augen nach allen Seiten ausschickte, du würdest zittern, wenn du seinen Schritt hörtest. Aber nein, fuhr sie fort, nein! Du würdest mit deinen grausamen Helfern ihn zu Mortuno legen, und dann lachen, wie du jetzt lachst. Bewahre ihn, Gott im Himmel! Bewahre ihn! Die verliebte Hexe thut so, als könnte der tapfere Johann plötzlich aus Luft und Stein springen, sagte Paul. Zaubere ihn her, du verruchter Balg, wir wollen ihn würdig empfangen. Aber ich rieche keinen Schwefel und sehe Nichts. Wenn Niemand dich sieht, antwortete Gula, Einer sieht dich. Wenn Niemand dich hört, Einer hält sein Ohr offen. Wenn Niemand dich findet, du schrecklicher Mann, Einer wird dich finden, ehe du es denkst. Jubinal, oder dein feuriger Teufel, der garstige Pekel, oder du selbst, du kleine Schlange. Allmächtiger Vater aller Dinge! sprach das Mädchen auf ihre Kniee sinkend und ihre Hände faltend und emporhebend, gib es nicht zu, daß er dich verspottet. Schütze mich, hilf mir, strafe ihn! Zeige ihm, daß du dich nicht verspotten läßt! Zum Henker! rief Petersen, was steht ihr hier wie alte Weiber und hört dem Salbader zu! Verfluche mich so viel du willst, ich 475 habe dir die Erlaubniß längst gegeben. Doch jetzt legt Hand an, es ist hell geworden. Greif zu, Egede, wenn Björnarne es nicht kann. Aufs Pferd mit ihr und stopf ihr den Mund! Björnarne stieß die griffige Faust des Quäners zurück und nahm Gula's Hand. Er sah sanft und niedergeschlagen aus, seine Augen waren scheu und unsicher. Komm, liebe Gula, komm mit mir, sagte er leise. Ich verlasse dich nicht, Niemand soll dich anrühren, du hast Nichts zu fürchten. O, Björnarne! antwortete sie, ist es denn möglich, daß du bei diesen Männern bist? Erbarme dich meiner Noth, bringe mich zu meinem Vater, laß mich meinen Vater sehen. Lieber Björnarne, o! lieber, lieber Björnarne! Sie sah flehend zu ihm auf, er stand bleich und stumm, aber an seiner Stelle rief Paul: Geh mit ihm, er bringt dich in's Paradies und setzt sich mit dir unter den Apfelbaum. Ich kann dich nicht zu deinem Vater bringen, Gula, sagte Björnarne. Ich habe es geschworen. Geschworen, Björnarne? Geschworen, Böses zu thun! Gutes, murmelte er, ich kann nicht anders. Du sollst Alles hören; laß Trost in dein Herz kommen und glaube mir. Und wenn er dich nicht tröstet, so schicken wir dir den Junker Johann, rief Paul. O! er, schrie sie auf. Wenn er es wüßte, er stände bei mir. Wie schlecht seid ihr Alle, niedrig und schlecht. Johann! Johann! Zur Hülfe! zur Hülfe! Sie wird wahnsinnig! schrie Petersen. Bist du ein Mann, Björnarne? Björnarne's Gesicht glühte jetzt, Wuth funkelte in seinen Augen. Wie eine Feder hob er den leichten Körper auf, als wollte er ihn an einem der kantigen Steine zerschmettern. Aber in der nächsten Minute hatte er Gula auf den Sattel gesetzt und den Zaum ergreifend, lief er mit dem Pferde rasch durch das trümmervolle Fjeld der Reisajaure zu. Egede sprang mit seinem Hunde voran und suchte den besten Pfad, Olaf folgte, und als sie ein Stück entfernt waren, bestieg Paul das andere Thier und klopfte befriedigt dessen Nacken. Los 476 wären wir sie, sagte er, und nun trage mich zu meinem Liebchen, alter Nik, damit ich heute Abend ein süßes Willkommen feiere. Er warf einen Blick auf den Todten, vor dem das Pferd zurückprallte. Bist ein Narr, Nik, ein todter Lappe beißt nicht; er ist gerade so viel werth, wie ein todter Normann. Lieben und erreichen, was wir wollen, das ist es. Und nun habe ich sie, Helgestad's Geld, Afraja, den elenden Dänen – ich habe sie Alle in meinen Fingern. Bei Jubinal und Pekel! Keine Macht soll diese Finger öffnen! Er horchte auf, denn es war ihm, als hätte er fernes Geschrei gehört; dann trieb er sein Thier an, und da dies jung und gelenkig war, arbeitete es sich rasch durch Geröll und Gestrüpp, bis der Reiter über die moosbedeckten Fjelder am Snibotjok im vollen Lauf hinjagen konnte. 22. Als Marstrand aus seiner Bewußtlosigkeit erwachte, geschah dies, weil ihm eine Flüssigkeit auf die Lippen getröpfelt wurde, deren scharfer Geruch und Geschmack seine Lebensgeister aufregten. Er öffnete die Augen und überzeugte sich nach und nach, daß er in einem weiten, hohen Raume sei, dessen Umfang sich in's Unbegrenzte verlor. Ein seltsam zackiges, düsteres Gewölbe hing über ihm, durch Nacht und Schatten blitzte zuweilen ein rothes Licht, doch Nichts unterbrach das lautlose Schweigen. Nach einigem Besinnen und Betrachten erinnerte sich der junge Mann, was zuletzt mit ihm geschehen sei; aber dies war nicht das Zelt in den Saitasteinen, nicht Gula's Hütte, nicht das Thal, der Wald, der Bach. – Er saß in der Ecke eines Felsenpfeilers am Boden, in einem Spalt flammten ein paar Fichtenzweige und vor ihm hockte eine Gestalt, in welcher er ohne Mühe Afraja erkannte. Die wüste Schwere in seinem Kopfe verließ ihn und je mehr er seine Gedanken sammelte, um so mehr war er überzeugt, daß er sich in einer mächtigen Höhle befinde. Zugleich fiel ihm ein, was er verschiedentlich von dem Vorhandensein solcher Höhlen gehört hatte und 477 mit neugierigem Erstaunen ließ er seine Blicke umherschweifen, die unbefriedigt zu dem schweigsamen Gefährten zurückkehrten. Bist du es, Afraja? fragte er, indem er sich aufrichtete. Ich bin es, war die Antwort. Und was ist das? Wo sind wir? In einer Höhle? Du sagst es, antwortete der greise Mann. Was soll ich hier? Wie bin ich hergekommen? Jubinal's Boten trugen dich, er wollte es so. Stehe auf und folge mir. Sprich nicht, frage nicht, aber laß deine Augen sehen und dein Ohr hören. Er nahm die brennenden Spähne aus dem Spalt, zog einige andere hervor, die im Vorrath waren, und schritt voran. Der leiseste Ton schallte verzehnfacht von dem Gewölbe wider, der Fackelschein fiel in Klüfte und Gänge. In der Nähe funkelten die tiefhängenden Wände, als wären sie mit zahllosen Diamanten oder Sternen besetzt. Krystalle schossen aus gelblichen Steinmassen hervor und bildeten Tafeln, Spitzen, haarförmige Netze der seltsamsten Art, und jetzt spaltete sich die Felsenwand und Afraja leuchtete in einen abwärts führenden Gang, während sein Begleiter einen Ausruf der Bewunderung nicht unterdrücken konnte. Es war ihm, als hätte er in den glänzenden Laden des größten Juweliers auf Erden geschaut. Von dem strahlenden Gefunkel wurden seine Augen geblendet; das war Metall, schweres vollwichtiges Metall – das war Silber, das reine krystallinische Silber! Er hatte von Mährchen gehört, von Grotten, wo Alles Silber war, wo Blumen und Bäume von Silber wuchsen, wo silbernes Moos aus dem Boden sproßte, hier sah er das Wunder staunend vor sich. Von der Decke hingen Blätter und Ranken nieder, große strahlende Blumen und Gewinde. Aus den zackigen Wänden ragten sie und umgitterten gediegene Stufen, die darunter wie in Netzen und Grotten lagen. – Ungeheure Reichthümer waren hier ohne alle Mühe zu sammeln. Dieser unförmige Greis besaß mehr, als je in eines Königs Schatzkammer gelegen. In seinen Lumpen, seinen Lappen ging er zwischen diesem glänzenden Erz, für welches die Welt zu haben ist, und was wollte er dafür kaufen? Eine entsetzliche Wüste ohne Haus und Baum, die Freiheit, in dieser Wüste wild umherzuirren. 478 Afraja neigte seine Fackel nieder und beleuchtete schweigend eine Reihe großer Töpfe und alter Kasten, die unter der Wölbung standen. Sie waren mit großen Geldstücken gefüllt, grün und blind von Feuchtigkeit und Schmutz. Er trat mit dem Fuß auf den größten Haufen und rührte darin umher. Das mußte der Schatz sein, den seine Vorfahren seit Jahrhunderten aufsparten; aus diesen alten Töpfen mußte er die Speciesthaler an den Balsfjord geschafft haben, ohne daß sein Vorrath sonderlich abgenommen hatte. Ohne ein Wort zu sprechen, sah er Marstrand an, und sein triumphirendes Lachen bewies, daß er mit dem Eindruck zufrieden war. Es ist kein Traum! sagte Johann, an seine Stirn fassend. Ich sehe es wirklich! Das sind meine Hände, das ist mein Kopf. Kannst du zaubern, Afraja? Ist es Blendwerk oder Wahrheit?! Ueberzeuge dich, antwortete der Greis, indem er nochmals an den Kasten stieß. Nimm, was du willst, betrachte es im Sonnenschein. Er riß eines der Geflechte los und legte es in Marstrand's Hand. Was du siehst, fuhr er fort, ist nicht das Beste, was ich weiß. Im Enare Traesk gibt es andere Höhlen, größer als diese, ganz von Silberadern durchzogen, und Alles sollst du haben, Alles soll dein sein. Du hast gesehen, was noch nie ein Mensch sah. Ich habe dich hierher geführt, damit du erkennen kannst, daß ich Mittel besitze, mein Werk zu vollenden. Hilf mir, du bist kühn, ich liebe dich. Dankbarer will ich dir sein, wie dein eigener Stamm. Was ich sehe, ist wunderbar! rief der Junker. Ich stehe erstaunt und kann es nicht fassen; doch läge alles Silber der Erde hier beisammen, und sollte mein sein, so würde ich es dennoch glühend finden und fortwerfen, ehe ich thäte, was du wolltest. Du willst nicht? fragte der Lappe, nachdem er seine rothen Augen lauernd starr auf ihn geheftet hatte. Ich kann nicht, antwortete Johann. Ich begehe kein Verbrechen. Hier straft dich Niemand, flüsterte Afraja. Aber mein Gewissen! Ich bin ein Mensch, ein Christ! Ich habe dir geschworen, zu allem Guten dir zu helfen. Ich will nach Trondhjem, nach Kopenhagen eilen, will dem Könige mich zu Füßen werfen, will ihm deine Geschichte erzählen und was die Gewalt der Wahrheit und des Rechts nicht thut, das wird dein Silber vermögen. Laß ab, 479 Afraja. Du wirst dich und alle verderben, die mit dir sind. Du bist klug, du mußt mit Klugheit handeln. Der alte Mann lächelte arglistig und ungläubig. Er schien es nicht begreifen zu können, daß Marstrand auch jetzt nicht wollte, nachdem er ihm das kostbare Gut gezeigt hatte, um welches die Menschen Alles thun. Er betrachtete ihn genau und scharf und hob die Fackel hoch, indem er ihm nochmals seine verführerischen Worte zuflüsterte. Ich gebe dir Alles, sagte er. Was ich besitze, was ich weiß, soll dein sein. Wo ist Hülfe für dich? Du mußt verderben. Du wirst mächtig vor ihnen stehen, wirst Rache nehmen an deinen Feinden, sie hassen dich, sie verrathen dich, Jüngling. Willst du dich zertreten lassen, bist du ein Mann?! Du räthst mir Klugheit, sei selbst klug. Du willst nicht? Und Gula, – denkst du an Gula? Nein, nein! rief Johann, daß es schallte und dröhnte, auch um Gula's Willen sollst du mich nicht haben! Afraja schüttelte zornig den Kopf. In dem rothen Schein seiner Fackel sah er wie einer der tückischen zauberkundigen Zwerge aus, die einst in solchen Höhlen und Klüften des Nordens wohnten. Vielleicht waren es auch Zaubersprüche, die er vor sich hinmurmelte, während er unverwandt die rollenden, blitzenden Augen auf den Widerspenstigen richtete, der ein unheimliches Grausen davor empfand. Laß uns gehen, sagte Marstrand, ich will Alles thun, was ich kann. Du willst mich verrathen? schrie Afraja. Niemals, ich bin kein Verräther. Habe ich dir nicht Gutes gethan und bist du kein Normann? Ich hoffe dir zu beweisen, daß ich dankbar bin. Du sollst nicht fort! schrie der Lappe. Marstrand stand still. Das wilde, drohende Gesicht des Häuptlings ließ ihn Böses ahnen. – Was willst du thun? fragte er, indem er nach seinem Arm griff. Aber mit jugendlicher Gelenkigkeit sprang Afraja zurück und indem er die Fackel über sich schwang und ein entsetzliches Gelächter ausstieß, floh er aus dem Gange in das weite Gewölbe, und plötzlich war überall dort Nacht und tiefes Schweigen. Nach wenigen strauchelnden Schritten hatte Marstrand die Verfolgung eingestellt. Er tappte bis an die Wand der Höhle und legte 480 seine Hand auf einen der vorspringenden Krystalle. Der Gedanke ergriff ihn, daß er hier elend mitten unter Schätzen umkommen könne, aber er schwieg und unterdrückte die aufkeimende Verzweiflung, da es ihm nicht denkbar schien, daß Afraja seine Gewalt bis zur äußersten Grausamkeit treiben würde. Nirgend war ein Lichtschimmer zu entdecken, nirgend ein Spalt, durch den ein Hoffnungsstern herein schien, nirgend ein Luftzug, der die Nähe eines Ausgangs verrathen hätte. Er hatte keine Ahndung, wo er sich befand, ob nah ob fern vom Kilpis. Ob in den Eingeweiden dieses heiligen Berges, ob in der Tiefe eines Fjelds. Sein Nachdenken brachte nichts heraus, er hörte auch kein Geräusch, während das leiseste sich hier bemerklich gemacht hätte. Mit steigendem Entsetzen dachte er daran, daß Afraja sich wirklich entfernt haben könnte. Ich weiß nicht, ob du mich hörst, sagte er endlich, so gefaßt er es vermochte, aber ich hoffe es von deiner Redlichkeit. Ich bin als dein Gast zu dir gekommen und selbst diejenigen, welche deinen Stamm hassen und verachten, loben seine Gastfreundschaft und Treue. Welche Schmach wäre es für dich, wenn du mich hierher gelockt hättest, um mich zu verderben! Du willst mich erschrecken, doch du wirst nichts dadurch erreichen; lieber will ich tausend Mal umkommen, ehe ich mein Seelenheil verliere. Ich kann nicht und darf nicht. Wisse aber, daß diese That dich verfolgen wird, und was wird Gula sagen, wenn du vor ihr stehst? Was willst du antworten, wenn sie dich nach mir frägt? Er schwieg und es verging eine geraume Zeit, ohne, daß ein Laut zu hören war. Der Verlassene wagte es nicht, die Stelle wo er stand aufzugeben. Er wußte nicht, ob er beim nächsten Schritte nicht schon in eine Tiefe stürzen, oder, wenn er einen Ausweg suche, sich unrettbar in diesen unterirdischen Hallen verlieren könne, die ihm unermeßlich groß schienen. Je mehr er überlegte, um so weniger konnte er sich darauf besinnen, wie er hierher gelangt sei; nur so viel war ihm gewiß, daß Afraja ihm irgend ein schwer betäubendes Getränk gereicht haben mußte, und daß er dann seine Bewußtlosigkeit benutzt hatte, um ihn an diesen verborgenen Ort zu bringen. Vielleicht war er dicht bei dem Thale, vielleicht ganz in Gula's Nähe, hinter der Wand ihrer Hütte und sie konnte seinen Ruf vernehmen. 481 Von dieser Vorstellung ergriffen, rief er plötzlich mit großer Gewalt ihren Namen, der von den Echos wiederholt wurde. Zu mir, meine Gula, zu mir! – Oh! du hörst mich nicht. Du die Einzige, die mich nie verlassen und betrügen würde. Komm! sagte Afraja, indem er ihn am Arm ergriff. Er mußte dicht neben ihm gestanden haben. Dies einzige Wort goß einen neuen Lebensstrom durch Johann's Adern. In diesem Augenblick erst empfand er das Grausige seiner Verlassenheit und mit einem fieberhaften Griff packte er den treulosen Lappen. Du rufst nach Gula, sagte der Alte, ich will dich zu ihr führen. Mag sie dein Herz erweichen, du starrsinniger Mann, dessen Kopf härter ist, wie die Eisenberge im Enare Traesk. Es wäre überflüssig gewesen, etwas darauf zu erwidern. Marstrand überließ sich der Leitung seines Führers, der trotz der dichten Finsterniß rasch und sicher vorwärts schritt und keine Anstalt machte, sich Licht zu verschaffen. Er hatte ohne Zweifel seine Gründe dafür und der mißtrauische Gefangene errieth diese. Afraja wollte ihm jede Kenntniß über sein Gefängniß und dessen Aus- und Eingänge unmöglich machen. Er folgte geduldig und unterdrückte Fragen und Vorwürfe, denn was hätten diese ihm geholfen, da ein Messerstich oder ein Stoß hingereicht haben würde, ihn für immer los zu werden. Lange Zeit wurde der Weg von Beiden schweigsam fortgesetzt, und danach zu urtheilen, mußten diese Gewölbe eine große Ausdehnung haben. Bald schienen es weite Hallen zu sein, bald enge Gänge. Ein paar Mal streiften Kopf und Schultern des Dänen an die niedrige Decke und dann wieder hörte er aus dem Schall, daß eine viele Klafter hohe Wölbung über ihm sei. Zuweilen tappte er aufwärts, um an anderen Stellen hinunter zu steigen, endlich aber glaubte er zu bemerken, daß der schlaue Lappe ihn denselben Weg öfter machen lasse, um ihn noch mehr zu verwirren, und erst als er annehmen mochte, es sei dafür genug geschehen, leitete er ihn durch einen schmalen jäh abwärts führenden Spalt, aus welchem Marstrand plötzlich ein scharfer Zugwind entgegen wehte. Gleich darauf erblickte er über sich einen Stern. Er athmete auf, Himmel und Luft hatten ihn wieder. Die Dunkelheit der Nacht war jedoch noch immer groß. 482 Zu beiden Seiten stiegen glatte Felswände auf, und bald wurde die Sohle der Schlucht, die sich fortgesetzt senkte, das Bett eines kleinen Wassers, dessen Rauschen man hören konnte, ohne es zu sehen. Endlich blieb nichts übrig, als in dies Gerinn hinabzusteigen und darin fortzuwaten, bis Afraja in einen anderen Spalt einbog und durch hohe Steine, Buschwerk, tiefe kleine Thäler und verwachsene Schluchten endlich eines der moosigen und sumpfigen Fjelder erreichte. Hier drang das erste Morgengrau durch die Finsterniß, aber vergebens suchte Johann zu errathen, wo er sei. Das Fjeld senkte sich wieder in das steile Thalbett einer Elf, und als eine neue Höhe gewonnen war, ließen aufsteigende dichte Nebel nichts erkennen. Es wurde Tag, doch diese Nebelwand ließ das Licht nicht ein. Grau und naß zog sie mit den Wanderern weiter, als habe Jubinal sie ausgesandt, um die Augen des Unfolgsamen mit Blindheit zu schlagen. Marstrand wußte nicht woher er gekommen war und wohin er gehe, und schon öffnete er den Mund, um eine Frage zu thun, als eines jener Wunder geschah, die man im Norden nicht selten schauen kann. Die Nebel trennten sich und verschwanden mit ähnlicher Schnelle, wie der Vorhang einer Schaubühne aufgezogen wird. Der Wind faßte die bleifarbigen Dünste, löste sie auf oder warf sie in die tiefen Einschnitte des zerrissenen Landes und plötzlich that sich dies auf und zeigte die hohen Alpen, und das rothglänzende Haupt des Kilpis; Felsenstirnen von langen röthlichen Schleiern eingehüllt und eine unermeßliche Menge großer und kleiner düstrer Jauren, Steinmassen und buschige von Sümpfen umringte öde Berggewinde. Bei allem Schrecken dieser unermeßlichen Wüste sah sie dennoch in ihrem purpurnen Morgenkleide erhaben und schön aus. Am Himmel zog feuriges und blutig düsteres Gewölk, das seinen Widerschein in allen Färbungen auf Gräser und Blüthen, wie auf die Riesenköpfe des Gebirgs drückte. Wie Kriegs- und Feuersgluthen schien es an den Wänden des alten Göttersitzes aufzulodern, aber unheimlich mischten sich Schatten hinein, als werde ein schwarzes ungeheures Tuch aus dem Himmel herabfallend langsam über die Erde ausgespannt. Von welcher Seite er hergekommen war und welches die Jaure sein könne, in deren Höhlen es ihm so seltsamlich ergangen, konnte Johann aber auch jetzt nicht herausfinden. Afraja hatte ihn so kreuz 483 und quer geführt und Nacht und Nebel hatten so gut mitgewirkt, daß er sich gestehen mußte, die Schatzkammer könne eben so gut wirklich der Kilpis sein, wie dieser jetzt mehrere Stunden entfernt ihnen gerade gegenüber lag. Der alte Häuptling führte ihn diesem Ziele nun zu, und noch immer schritt er schweifend voran, bis er plötzlich stillstand und auf seinen langen Stab gestützt in die Ferne horchte. Wohin soll ich dir folgen, Afraja? fragte Marstrand. Zu der, die dich erwarten wird. Hörtest du Nichts? Nein, sagte Johann. Es war ein Schrei, murmelte Afraja. Noch einmal! Hörst du noch Nichts? Es war mir, als fiele ein Schuß, allein der Wind steht uns entgegen. Es kann Täuschung sein. Eine der großen braunen Möven mit weißer Brust, die von den Fjorden bis an die Seen hinaufziehen, flog schreiend gegen den Wind her, umkreiste ihre Köpfe und schwang sich höher und höher, bis sie mit ihrem klagenden wilden Rufe wieder dieselbe Richtung nahm, aus welcher sie gekommen war. Der Lappe sah ihr eine Zeit lang nach. Wer schickt dich? sagte er dann. Bist du ein Bote Ayra's, des finsteren Gottes, der die Schlinge des Unglücks in seiner Hand hält, oder war es eine Seele, die mir ihren Scheidegruß bringt? Marstrand wunderte sich nicht über diese Frage. Er hatte von dem Aberglauben der Lappen gehört, nach welchem die Seele eines einsam Sterbenden in den Leib eines Thieres fährt, um seinen Verwandten seinen Tod anzuzeigen, ehe Jubinal's Himmel sich ihr öffnet; allein er folgte unwillig, als er sah, daß Afraja, statt auf den Kilpis weiter loszuschreiten, dem Fluge des Vogels folgte und ohne sich an seinen Ruf zu kehren oder seine Vorstellungen zu beachten, einen sehr beschwerlichen Weg durch ein hoch aufsteigendes Fjeld voll Geröll und Blöcken nahm. Alle Lappen sind rüstige und ausdauernde Fußgänger, und selbst mit schweren Lasten klimmen sie leicht die steilsten Höhen hinauf. Oefter schon sah Johann, daß diese anscheinend schwächlichen Männer es darin den stärksten Küstenleuten zuvorthaten, und auch diesmal fand er, daß der alte Mann rüstiger und gelenkiger war, wie er selbst. Er fühlte sich ermüdet, abgemattet, von den nächtlichen Abenteuern und der mehrstündigen Wanderung erschöpft, hungrig und 484 durstig, während Afraja's Kraft sich verdoppelt zu haben schien, so rasch eilten seine Füße über die scharfen Steine. Wohl eine Stunde verging. Es war völlig Tag geworden, Afraja hatte einen großen Vorsprung gewonnen und verschwand auf der Höhe des Fjelds, während sein verdrossener Begleiter sich die besten Stellen zur Nachfolge suchte. Als er endlich oben stand, war Niemand zu sehen. Gewaltige Trümmer und Rollsteine, die vor Jahrtausenden von einem zerstörenden Naturereigniß oder von Pekel's Riesen hier umhergestreut wurden, bedeckten diese weite Hochebene. Düstre, verwetterte Massen aus Sumpf aufstarrend oder seltsam über einander geworfen, hier eingesunken in zermalmten Schutt, dort auf die Spitze gestellt oder über einander gelehnt hemmten seinen Weg. Bleiches Grün, Flechten und Moose, klammerten sich um ihre Füße und Rücken, doch wohin irgend ein belebender Lichtstrahl drang, hatte er den Halm aufgeweckt und Wurzeln in den dürren Stein geschlagen. Als Johann eine Zeit lang vergebens nach seinem Begleiter umhergesehen und gerufen hatte, glaubte er dessen Spur in dem weichen Boden zu erkennen, der die Gasse zwischen den nächsten Steinlagern füllte. Er ging darin fort, kletterte über ausgewaschene Blöcke und stand plötzlich vor einem kleinen Grund, in dessen Mitte Afraja saß und eine menschliche Gestalt betrachtete, die ausgestreckt vor ihm lag. Das war der Platz, wo kurze Zeit vorher Mortuno geendet hatte; Johann stand auf derselben Spitze, wo vor weniger als einer Stunde Paul Petersen stand. Als er in das blutige Gesicht des Todten sah, stieß er einen Schrei des Entsetzens aus. Wer konnte ihn erschlagen haben? Wer hatte diese That vollbracht? Wie kam Mortuno hierher?! – Sein zersplitterter Schädel, das Blut, das eine Lache bildete, und der rund umher zertretene Boden bewiesen, daß Kampf und Tod auf dieser Stelle erfolgt sein mußten. Eine Ahndung kam über ihn, aber er mochte sie nicht aussprechen. Afraja's Gesicht war ernst und würdig, sein Schmerz mußte groß sein; doch er wußte ihn zu tragen. Während er den Leichnam betrachtete, schien er in Nachdenken versunken, bis er zuletzt nach der Sitte seines Volkes eine Todtenklage zum Lobe des Geschiedenen begann. 485 Da liegst du, sagte er, und gestern noch sah ich dich so froh und leicht über die Haide gehen, wie der junge Hirsch, wenn die Morgensonne ihn weckt. Wer hatte Füße wie du, wer hatte Augen wie du, wer hatte dein Herz voll Muth und Treue? O! Mortuno, warum bist du von uns gegangen, warum hat Jubinal dich nicht behütet?! – Wehe über meinen alten Kopf! Wehe über deine Wunden! Weinen wird über dich, wer Thränen hat; deine Thiere selbst werden Thränen vergießen, nur deine Mörder werden sich freuen. Fliege, Seele, fliege in die Arme Jubinal's, er wird dich in den ewig blühenden Garten führen, wo seine Töchter dich umringen, aber sorge nicht – sorge nicht – die dich schlugen, werden geschlagen sein; ihren Leib sollen Schlangen verzehren, ihre Seelen sollen Eis werden! An wen denkst du? Wer soll es sein? rief Marstrand. Afraja erhob sich und deutete auf die Spuren verschiedener Füße. Sieh' hier, sagte er, das waren Männer, die feste Sohlen an ihren Stiefeln trugen, und hier erblickst du Hufe von Pferden. Es waren zwei Pferde und drei, vier Männer. – Er blickte aufmerksam hin, verstummte, stand auf und bückte sich. Dann ging er auf das Felslager, betrachtete es und sah die Blutstropfen an, welche den Stein benetzten. Mortuno schoß, murmelte er, aber sein Kopf war schwer. Noch einmal kehrte er zu der Leiche zurück, und nach ihrer Lage schien es ihm gewiß zu werden, daß die tödtliche Kugel von einer anderen Seite kam. Nun lief er nach dem Felsstück, hinter welchem Olaf gezielt, hatte, und plötzlich nahm er etwas auf, das im Winkel lag. Es war ein kleines blaues, mit rothen Fäden gesticktes Tuch; auf der Stelle erkannte er, wem es gehört hatte. Der Stab fiel ihm aus den Fingern, er hielt den Fetzen mit beiden Händen vor sich ausgestreckt, gedankenlos, stier und als könne er nicht glauben, was seine Augen sahen. Da bellten Hunde an der Elf, und aus der Tiefe ihrer Schlucht sprangen Männer in braunen Kitteln. Die Hunde heulten laut, wie sie an dem alten Häuptling aufsprangen, als wollten sie ihm Unheil verkündigen; die Männer sahen wild und entsetzt aus. Guter Vater! schrie der vorderste, was ist geschehen – o! was ist geschehen!? Deine Gamme ist leer, deine Tochter haben Räuber 486 genommen. Alles liegt zerschlagen, das weiße Thier, das Gula's Freude war, hat ein Messer gestochen. O! wehe, wehe! was sollen wir thun? Da brach Afraja's Muth zusammen. Seine Fäuste ballten sich und streckten sich in ohnmächtiger Wuth zum Himmel. Hohn, Grimm und Verzweiflung malten sich in seinem Gesicht. Seine Augen wurden groß und flammend, seine Lippen zitterten, er konnte keine Worte finden. – Verflucht ihr Alle! kreischte er endlich. Verflucht in deinem Himmel! Verflucht auf deinem Wolkenthron! Verräthst du dein Geschlecht, falscher Jubinal, so helft mir, die ihr im Erdfeuer wohnt! – Er stieß einen wirren Schrei aus, fiel mit dem Gesicht zu Boden und faßte mit seinen Händen in Stein und Staub. Was halfen da Trostworte und Klagen. Endlich hob ihn Johann auf, der alte Mann schien in einem fast fühllosen Zustande zu sein. Er antwortete auf keine Anrede; seine Diener trugen ihn dem Kilpis zu. Andere verfolgten mit ihren Hunden die Spuren der Räuber. Marstrand schloß sich voll Zorn und Abscheu ihnen an. 23. An der Lyngenkirche wurde zwei Tage darauf der große Herbstmarkt gehalten und damals gab es keinen bedeutenderen im ganzen Lande. Von allen den vielen Sunden und Fjorden, von den Inseln und Außeninseln bis nach Soröen hinauf kamen manche der kleinen Anbauer, Quäner, angesiedelte Bölappen, Kolonisten und Fischer, um ihre Wintereinkäufe theils bei den Kaufleuten, noch mehr aber bei den Feldlappen selbst zu machen, die mit ganzen Heerden fetter Rennthiere, mit Pelzwerk, Häuten, Mützen von Otternfell, Komager, Taschen, Gürteln und starken Riemen und Lederleinen von ihren Bergen herunterstiegen. Auch sie wollten Handel und Wandel treiben, ihre Vorräthe versilbern oder vertauschen und mit Pulver und Blei, Leinenstücken und Wollendecken, Nadel und Zwirn, Stahl und Eisengeräthen aller Art, vorzüglich aber auch mit Mehl und Branntwein, ihre Winterlager versorgen. Der Herbstmarkt war für alle diese 487 Menschen der entscheidende Wendepunkt ihrer vernehmlichsten Leiden und Freuden. All ihr Sinnen und Trachten ging darauf hin, zu sammeln und zu sparen, um auf dem Lyngenmarkt kaufen und verkaufen zu können, und jedenfalls waren die Lappen die Hauptsache dabei, denn diese Märkte hießen die Lappenmärkte, und damals, wo das unglückliche Volk immer noch achtzigtausend Köpfe zählte, war der Verkehr weit größer, wie er jetzt ist, wo kaum der sechste Theil mehr davon zu versorgen bleibt. Die lappischen Heerdenbesitzer kamen mit Weibern und Familien und die Märkte waren nicht allein dem Handel geweiht, es waren auch Freuden- und Festtage, an denen nach Herzenslust geschmaust und gezecht wurde. Zugleich waren es Gerichts- und Steuertage, wo alte Streite geschlichtet, Bußen auferlegt, Urtheile gefällt und die Kopfsteuer erhoben wurde. Der Voigt von Tromsöe hatte seinen Thron mitten auf dem Markt aufgeschlagen und kam mit seinen Lensmännern und Amtsboten; der geschworene Schreiber, sein Neffe, sprach Recht im Namen des Königs und hatte das große Gesetzbuch neben sich, sammt Akten, Papieren und anderem schrecklichen Rechtswerkzeug, das Erstaunen und Ehrfurcht erregte. Für diese beiden Herren und ihren Anhang waren die Lappenmärkte aber nicht weniger vortheilhaft, wie für die Kaufleute, denn Streite und Prozesse gab es vollauf; in der ganzen Welt mochte schwerlich mehr Lust dazu sein, wie unter diesen Bölappen, Kolonisten und Quänern. Dazu hatten die Wald- und Feldlappen sicherlich immer viele Klagen über verkürzte Weide und Gewalt, die Gaardleute viele Beschwerde über Bosheit und Schaden, Alles aber brachte Geld in die Tasche des Richters, denn jeder Spruch mußte mit blanken Thalern bezahlt werden. Der Markt hatte diesmal ein eigenthümliches Ansehen. Lappen waren genug gekommen, doch verhältnißmäßig wenige Frauen und Kinder; und lange in dem Maße nicht wie sonst, hatten sie fette Rennthiere und andere Waaren mitgebracht. Mit ihren langen, eisenspitzen Stäben, zuweilen auch die kurze Büchse keck auf der Schulter, sah man sie auf- und abziehen, in Haufen beisammen stehen und hocken, und neugierig umherschauen, als erwarteten sie etwas Besonderes. Die nordischen Kaufleute hatten Zelte vor ihren Kirchenhäusern aufgeschlagen und den ganzen Reichthum ihrer Waaren verlockend zur 488 Schau gestellt, allein es wurde wenig gehandelt. Von Tromsöe her und aus den Fjorden waren die bedeutendsten Kaufleute da, mitten darinnen Helgestad. Das Meer lag voll Yachten und großer Boote und die Unzufriedenheit wurde, je länger es dauerte, je allgemeiner. Niemand wußte recht, was die wahre Ursache dieses schlechten Marktes sei. Die Einen schoben es auf das Wetter, denn in der Nacht hatte ein fürchterlicher Sturm getobt, der Helgestad's Zelt umgeworfen und in Stücke gerissen hatte. Schwere Wolken trieben noch jetzt über den Himmel und schickten dann und wann einen dichten Regenschauer herunter. Dazu heulte der Wind um Thurm und Platz und hinderte die Herrlichkeit des Marktes. Sonst wanderten die Frauen und Töchter der Handelsherren, der Voigte, Priester und Sorenskriver hier in ihrem besten Putz umher, es war ein Stelldichein für die gesammte Aristokratie des Nordens, und alle Damen erwarteten und empfingen niedliche Geschenke, die, je besser der Markt ausfiel, um so prächtiger und theurer wurden. Des Wetters wegen war aber heut nur ein spärlicher Theil gekommen, und die da waren, saßen in den Häuschen beisammen und ärgerten sich über Kälte und Wind. Die Frauen und Mädchen der Lappen konnten freilich solche Dinge besser ertragen; daß sie nicht da waren, nicht kauften, tranken und ihre Männer anreizten, mußte einen andern Grund haben. Viele meinten, es sei Furcht in die Gammen gekommen, daß die Neckereien und Räubereien auf dem Markt vergolten werden sollten durch ein strenges Gericht; dessentwegen sei ein Theil ganz fortgeblieben und suche sich lieber auf andere Weise zu versorgen. Was wahr oder falsch sei, wußte Niemand; dagegen war keine geringe Zahl junger rüstiger Männer aus gutem Blut und guter Familie auf dem Platze, darunter manche, die sonst nicht zu kommen pflegten; Freunde und Bekannte des Schreibers von Tromsöe und der Familie Helgestad, die sich jedoch wenig in den Marktbuden sehen ließen, sondern lieber ihre Zeit den jungen Damen widmeten. In Helgestad's Häuschen war eine zahlreiche Gesellschaft beisammen und trotz alles Ungemachs ging es dort lustig genug her. Die Töchter der Nachbarn und des Pastors Henrik Sture hatten sich um Ilda und Hannah versammelt; der geistliche Herr selbst saß in 489 einer Ecke beim vollen Glase und erwartete geduldig seine Stunde, das heißt die Stunde, wo ihm der Zehntenantheil von der Marktsteuer ausgezahlt werden würde, die er im Stillen überschlug. Ein halbes Dutzend Söhne und Vettern von Gaardherren und Grundbesitzern unterhielt die Mädchen nach Kräften, und von Zeit zu Zeit kam Einer und der Andere lachend oder schimpfend herein, erzählte Marktscenen oder beschwerte sich über die Unverschämtheit der Lappen, die für ihre Thiere doppelt so viel forderten, als im vorigen Jahre, und vor den Buden der Kaufleute ständen, als wollten sie diese verschlingen, dabei aber kaum nach den Preisen fragten. Branntwein war sonst das wirksamste Mittel gewesen, ihnen die nöthige Kauflust beizubringen. Jeder Handel begann damit, daß dem Lappen ein volles Glas eingeschenkt wurde; wollte er den Preis nicht annehmbar finden, so gab es ein zweites Glas, und gewöhnlich machte ihn das dritte vollkommen geschmeidig. Es gab allerdings immer einige Schlauköpfe, die nicht eher sich berauschten, bis sie mit Kauf und Verkauf vollständig fertig, in ihren Gürteln die Species eingesperrt hatten, welche sie mitnehmen wollten, und da Diebstahl ein bei ihrem Stamme ganz unbekanntes Laster war, sich ganz sicher fühlten, daß während der sinnlosesten Trunkenheit ihnen nichts entwendet würde. Diesmal jedoch wurde überall das volle Glas verschmäht, die kleinen Kolonisten, welche mit gefüllten Flaschen anrückten, wurden zurückgewiesen und ausgelacht. Es kam zu Schimpfreden, zu allerhand Händeln und zu erbitterter Stimmung gegen diese neue Nichtswürdigkeit des lappischen Gesindels, sich nicht betrinken und nicht betrügen lassen zu wollen. Es ist eine Schande! rief einer der Kaufleute, der eben hereintrat, ein solcher Tag ist noch nicht dagewesen. Ist das ein Markt, wo man kein Schreien, kein Lachen, keine Lustigkeit und keine Betrunkenen hört und sieht, wenn es Mittag werden will? Im vorigen Jahre lagen sie an der Kirche dort in ganzen Reihen. Die Geiker saßen im Kreise, brüllten bis sie umfielen und fortgeschleppt wurden, und mancher von den armen Inselleuten und Kolonisten kaufte ein fettes Thier für einen Species, einen Pelz für die Hälfte, eine Mütze für acht Schillinge und ein paar prächtige Komager für einen frischen Schluck. Heut stehen die Schufte und grinsen uns an, verschlingen unsere Waaren mit ihren Augen, als wollten sie damit fortfliegen, 490 mögen aber selbst nichts hergeben, denn für baares Geld und hohen Preis. Ich kann es den Männern nicht verdenken, die in ihrer Wuth über ein Paar der höhnenden Schelme hergefallen sind und sie ordentlich abgedroschen haben. Jetzt trat auch Helgestad herein, aber der grimmige große Mann hatte mehr Hohn in seinem Gesicht als Aerger. Ist richtig calculirt, sagte er, wird uns aber nichts helfen. Sind verstockte Geschöpfe, die auch durch Prügel nicht besser werden. Müssen Geduld haben mit ihnen, werden zum Einsehen kommen, ehe es Abend wird. Geht jetzt hinaus, ihr Mädchen, fuhr er fort, indem er sich zu der Gesellschaft wandte. Helft den Markt lebendig machen und begleitet Ilda, die Paul Petersen erwartet. Will ihr ein Hochzeitsgeschenk kaufen, das beste, was er finden kann. Helft suchen, wo das schönste Mäntelchen von Federn zu haben ist. Trefft vielleicht den lustigen Mortuno, hat der Schelm sonst immer gute Sachen. – Er legte auf Hannah's Schulter eine seiner mächtigen Hände und grinste sie an. Bist wirr im Sinn, rief er, weil dein Schatz ausbleibt? Sollst dich trösten, Mädchen, denke, er bleibt nicht lange. Ist jedoch billig und recht, wenn du Ersatz begehrst, nehme also das Geschenk auf mich. Wähle was du willst, kaufe was dein Herz begehrt, komm dann und hole Geld und laß es nicht wenig sein. Bist Niels Helgestad's Schwiegerkind, muß Ilda selbst dir weichen. Das Erstaunen war nicht gering, als der genaue Handelsmann, trotz des schlechten Marktes, zu möglichst vielem Geldausgeben aufforderte. Aber er war ja der reichste im Lande und Fandrem's Tochter brachte ihm gefüllte Kasten in sein gefülltes Haus. – Die jungen Mädchen beneideten ihre Freundinnen um das Glück, das Theuerste und Beste ohne Beschränkung wählen zu können, und weil das Wetter besser geworden war liefen sie hinaus, um nach dem Prächtigsten zu suchen. Helgestad blieb an der Thür stehen und blickte von dort in seine Waarenzelte, wo seine Schaffner vergebens Käufer anriefen. Ein paar Male ging er auf und ab, stampfte heftig auf und bekämpfte seine Ungeduld, bis Paul Petersen hereintrat, der lustig lachte und nach Ilda fragte. Ist eben gegangen, dich aufzusuchen, sagte Helgestad. Wart einen Augenblick, Paul. Bin doch in Sorgen um die Dinge, die 491 kommen sollen; wollte, Björnarne wäre hier, wollte, hätten den Höllenkerl erst beim Leibe. Bin in Zweifel, ob er in dein Netz läuft. Seid doch ohne Sorge, erwiderte der Schreiber. Weßhalb warten die Lappen und stecken die Köpfe zusammen? Sie warten auf ihn und denken, daß der Tanz dann losgehen soll. Alles was ich erfahren habe, stimmt darin überein, daß sie von allen Seiten gekommen sind, um ihre Klagen vor den Voigt zu bringen. Afraja und Mortuno sammt ihren Helfershelfern haben seit Wochen in allen Gammen gearbeitet, um das furchtsame Gesindel auf die Beine zu bringen. Was es gefruchtet hat, seht Ihr. Die Weiber und Greise haben sie zu Hause gelassen, ein paar tausend rüstige Bursche treiben sich hier umher; viele darunter möchten uns mit Vergnügen den Hals umdrehen und den Markt plündern. Daß sie nichts kaufen, hat, so wahr ich lebe, den einzigen Grund, weil sie des Glaubens sind, in einigen Stunden Alles umsonst haben zu können. – Helgestad grinste voll Hohn und Verachtung auf den Kirchplatz hinaus, aber Paul fuhr lächelnd fort: Glaubt mir, damit wäre nicht zu spaßen, wenn Mortuno mit seiner Bande kommen könnte und überhaupt nur ein paar muthvolle den Tod verachtende Männer darunter wären. Wirst mir niemals einreden wollen, sagte der Kaufmann, daß Lappen uns auf offenem Markt angreifen könnten. Sie würden Euch noch ganz andere Dinge beweisen, wenn wir es dazu kommen ließen. Doch die Umstände haben sich geändert. Mortuno schießt weder den Voigt von seinem Stuhl noch den Sorenskriver, oder Niels Helgestad vom größten Waarenballen. Ein Anderer wagt das nicht. Habt das Mädchen also an den Maursund geschafft? Sie ist sicher aufgehoben. Waren wilde Nächte, murmelte der Alte. Wird kein Unglück geschehen sein. Wo soll Unglück herkommen? Was wir wollten, ist uns geglückt und alle Vorsichtsmaßregeln sind getroffen, um nichts zu fürchten. Ueberlaßt mir Alles. So wie wir den Vogel haben, soll er in einen guten Käfig. Er soll nicht einen Laut von sich geben, ich bürge dafür. Da liegt die Schaluppe fertig, die ihn nach Tromsöe bringt; wie ich winke, soll er am Bord sein. Und schon dauert es den Tölpeln zu 492 lange, ehe ihr berühmter Meister erscheint, fuhr er lachend fort. Schon fangen sie an zu schachern und zu trinken. Kommt er in der nächsten Stunde nicht, so haben sie ihn vergessen. Geht, Schwiegervater, und seht nach Handel und Geschäfte. Haben wir den alten Burschen, so wollen wir Silber aus seinen schlechten Streichen pressen und dann habe ich Lust Euch einige andere Vorschläge zu machen. Nuh, sagte Helgestad, wirst aufrichtig sein? Aufrichtig, wie ein Däne! rief Paul, aber da ist Ilda. Ich will zu ihr hin, seht, wie ihre Augen umher suchen, und wen kann sie anders suchen, als mich. Helgestad sah ihm nach und murmelte vor sich hin: Kann denken, nach wem sie ausschaut. Wird ihn aber nimmer finden. Denke, der dänische Narr ist davon gelaufen, blieb ihm wahrlich wenig anderes mehr übrig. Mit diesem Troste begab er sich auf den Markt zurück, der wirklich an Lebendigkeit zugenommen hatte. Die Lappen schienen nicht zu wissen, wie sie sich das Ausbleiben Mortuno's und Afraja's erklären sollten? Aus ihrem heimlichen Sprechen wurde bald das gewöhnliche laute Geschnatter, und da der allergrößte Theil nichts weiter wußte, als daß Afraja kommen und ihre Rechte vor dem Voigt vertheidigen wollte, verloren sie den Glauben, daß es geschehen werde. Sie wußten recht gut, wie Afraja gehaßt war und daß, wenn er sein Vorhaben aufgab und fortblieb, er sich wahrscheinlich damit vor Strafe und Mißhandlungen schützte. Daß es darauf abgesehen sei, diese hervorzurufen, um plötzlich mit Büchsenkugeln zu antworten, wußten nur wenige und auch diese hatten allein Vermuthungen. Mortuno hatte zu seinen Freunden Worte gesprochen, die wohl darauf deuteten, doch einen Plan hatte er ihnen nicht mitgetheilt, eine Verschwörung nie zu Stande gebracht. Er hatte sie ermahnt, ihre Waffen mitzubringen, ihre Pulverhörner zu füllen und ihren Gürtel mit Kugeln zu pflastern; seine Reden athmeten glühenden Haß gegen die Unterdrücker, und lebendig wußte er zu schildern, wie anders es sein würde, wenn kein Normann mehr im Lande geduldet würde, Alles denen wieder gehörte, deren uraltes Eigenthum es sei. – Was er sagte, hatte die Begierden aufgeweckt, aber Vaterlandsliebe war das nicht. Doch hätte er sein nie fehlendes Gewehr zuerst abgedrückt, so 493 würde Mancher ihm gefolgt sein; etwas ohne ihn wagen mochte Niemand. Wenn er mit seinem weisen Oheim nun nicht erschien, was sollte dann aus Markt und Handel werden? Da waren Rennthierschinken, Felle und Hörner in Menge, da standen die lebendigen Schlachtthiere in ganzen Reihen. Mancher trug auf seinem Rücken an Birkenruthen gespießt, Wild und Vögel verschiedener Art, und auf der Erde lagen bunt gesteppte Röcke, Haufen von Halbstiefeln aus Rennthierhaut mit Sehnen genäht, Bären- und Wolfspelze, Fuchs- und Otternfelle, Gehörne und Säcke voll Federn aus der Brust der großen glänzend weißen Möven, der Enten und anderer reich und warm gefiederten Vögel. – Das Alles konnte doch nicht unverkauft bleiben und worauf sollte man länger warten? Manchen faßte geheime Furcht, Andere sehnten sich nach dem Branntwein der Kaufleute, wieder Andere dachten daran, daß sie Mehl, Leinwand, Eisentöpfe und Beile nöthig hätten, und endlich kam es den Meisten vor, daß diese schönen Dinge und die Silberspecies der Norweger besser seien, als Streit mit ihnen anzufangen, der mit Beulen, Strafen, Peitschenhieben und blutigen Löchern enden könne. Es entwickelte sich daher an vielen Orten nach und nach der Verkehr, unter Geschrei und Gelächter bei vollen Gläsern und Flaschen, nur ein kleiner Trupp junger Männer hielt sich noch lauernd beisammen und diese trugen fast alle Gewehre und scharfe Messer an der Seite. Als die Mädchen auf den Platz traten, war der Handel schon im Gange. Riesenhafte Quäner feilschten unter wilden Flüchen mit boshaft grinsenden Lappen, die von ihren Preisen nicht ablassen wollten. Ihre Weiber hockten zusammen, rauchten die Pfeifen der Männer und mischten sich mit gellendem Geschrei in die Gebote. – Da wurden Rennthiere betastet, ihr Gewicht untersucht und bezweifelt, die Forderung mit Hohngelächter beantwortet, oder der Verkäufer mit der Branntweinflasche zur Einsicht gebracht. An anderen Orten drehten sich Lärm und Geschrei um Pelzdecken und Komager, Fuchsmützen und Bärenfelle. Feuer waren angezündet, um welche Finnen und Bölappen, Fischer und Kolonisten lagerten und sich wärmten, aßen, tranken, schimpften und jubelten, rauhe Stimmen brüllten dazwischen. Manche, die sich besser dünkten oder es waren, 494 verzehrten an grob aufgerichteten Tischen Hammelfleisch, das in Zwiebelbrühe schwamm. Lappen kochten in ihren blechernen Geschirren Fische, die sie halb roh verschlangen, wieder andere rösteten blutiges Fleisch und Vögel und auch aus den Buden und Zelten der Kaufleute scholl der Handelslärm; um Helgestad's Vorräthe drängte sich ein dichter Schwarm abenteuerlicher Gestalten. Merkwürdig aber war es doch, daß, während die normannischen Fischer sowohl wie die Finnen, Bölappen und andere Kolonisten auch nicht einen Mann oder ein Weib aufzuweisen hatten, welche aus den verwetterten Gestalten und rauhen, harten Gesichtern vortheilhaft hervorgetreten wären, die Lappen, diese verachteten Nomaden, einige ganz artige und wohlgefällige Jünglinge und junge Mädchen auf den Markt geschickt hatten. Die kleinen Dirnen wurden zwar von den stolzen Töchtern der Kaufleute mit verächtlichen und spöttischen Blicken betrachtet und von den Männern aus besserem Blut kaum angesehen, allein sie waren hübscher und zierlicher als viele, die ihnen nachhöhnten. In ihren blauen Jacken und weiten Röcken, mit rothen Litzen besetzt und bestickt, in ihren weißen Häubchen und Faltenschürzen, ihren netten Federtaschen und geschnürten Halbstiefeln, trippelten sie durch das Gedränge; zwischen den breitschulterigen, mächtigen Gestalten der Normänner und deren hochgewachsenen Frauen zeigten sie ihre freundlich geformten Gesichter mit lebhaften Augen und frischen Farben. Diese niedlichen Mädchen in der gefälligen Nationaltracht waren Erbtöchter wohlhabender Familien, oder Frauen im ersten jugendlichen Alter. Vielleicht besaßen sie zwei- oder dreitausend Rennthiere und hatten ein Dutzend vergrabener Töpfe voll Speciesthaler zu erwarten. Es waren junge Aristokratinnen, die wohl wußten, wie sie begehrt wurden und was sie werth waren, und spröden Sinnes sich fortwandten, wenn ein armer, schmutziger Landmann sich vertraulich zeigen wollte. Aber auch unter den Jünglingen, die in ihren neuen, braunen Jagdhemden umherstreiften, breite Gürtel mit Silberschnallen und Beschlägen um den Leib trugen, ihre Mützen mit Adler- und Skarvenfedern besteckt hatten und ihre schwarzen Locken fliegen ließen, gab es mehrere, welche stattlich und wohlgefällig aussahen. Etwas Wildes und Sonderbares hatten sie zwar Alle und ihre blitzenden kleinen 495 Augen flogen scheu umher, doch manche Gestalt war schlank und fest, und der wacklige Gang, wie die abgemagerten gebogenen Beine, die den Lappen meist eigen sind, waren ihnen nicht anzusehen. Manche dieser jungen Herren brachten verschiedene Gegenstände zum Verkauf, doch waren es nur Kunstsachen. Sie boten kleinere und größere Taschen feil, allerliebste Körbchen, Kragen und Ueberwürfe, verfertigt von den feinsten Federn verschiedenartiger Vögel und oft von so glänzender Farbenpracht und in so vielen harmonischen Schattirungen, daß sie ein Künstler nicht schöner wählen und zusammenstellen konnte. Mitten in der Beschäftigung, unter allen diesen vorhandenen Herrlichkeiten zu wählen, traf Petersen mit Ilda und ihren Freundinnen zusammen. Er hatte sich durch das dichteste Gewühl der Lappen gedrängt, auch mitten durch den lauernden Haufen der Büchsenschützen, die zu dem verhaßten Sorenskriver aufstarrten, der weit über ihre Köpfe fort sah und sie rechts und links zur Seite stieß. Keine Hand rührte sich, kein murrender Ton ließ sich hören. Paul Petersen sah hohnvoll darauf hin, als wüßte er ihre Gedanken, aber er kannte auch ihre Feigheit. Wo sein Blick traf, ging er bis in ihre Herzen und brachte Furcht und Zittern hervor. Er war heut in seiner Amtstracht, dem blauen Rock mit goldgesticktem Kragen. Sein Haar war mit einem Bande gebunden und mit Puder bestreut; auf seinen wulstigen Locken saß der Hut mit breiter Tresse und an der Seite trug er, als Schwert der Gerechtigkeit, einen langen Stoßdegen. Für die Lappen war dies Kleid und dieser Aufputz Gegenstand des feierlichsten Staunens und Schreckens; der Schreiber war damit von einer hohen unbekannten Macht gesegnet worden, von der sie scheue und ehrfurchtsvolle Vorstellungen hatten. Die jungen Mädchen handelten eben um ein schönes Mäntelchen von Federn, das ein junger Lappe feil bot, als Paul dazu kam. Der Lappe forderte einen ziemlich hohen Preis, welcher allgemeinen Widerspruch erregt hatte. Paul betrachtete den Kragen von allen Seiten, legte ihn um Ilda's Schultern, und sagte dann: Wie, du Narr! einen solchen Anblick hast du dein ganzes Leben über noch nicht gehabt. Das schönste Mädchen in den Finnmarken legt deine schlechte Arbeit an und nun erst wird etwas daraus. Gibt es nichts Besseres als 496 das? Ist kein reicheres, größeres Geschenk auf dem Markt? – Der Kragen gefällt mir nicht. Ist keine geschicktere Hand in Euern Gammen, die eine prächtigere Arbeit liefern kann? Es hatte sich ein dichter Kreis um die Gruppe gebildet, der dem Handel zuschaute. Im Augenblick rief aus der hintersten Reihe eine laute Stimme den Namen: Mortuno! Der Ruf kam so plötzlich und ward hinter Petersen's Rücken so grell hervorgestoßen, daß dieser sich bestürzt umsah und jetzt ließ er den Kragen fallen und blickte nach der nahen Kirche hin, denn von dort her kam ein Geschrei und ein seltsamer Zug; ein Haufen Menschen – Lappen, die etwas trugen, das auf einer Art Bahre lag. Paul sah weniger darauf, wie auf die Männer, welche an der Spitze gingen und ein boshafter Triumph, ein Schrecken zugleich, füllte seine Augen; wilde Freude blitzte darin auf, denn der eine derselben war Afraja, der andere Marstrand. Er stieß zurück, wer ihm entgegen stand und eilte zu dem Gerichtsplatz in der Mitte des Marktes. Da stand das bedeckte Amtszelt des Voigts mit seinen Schranken und der Urtheilsstätte und hier sammelten sich rasch die Freunde und Vertraute des Sorenskrivers. Die Ankunft des gefährlichen Lappen ging von Mund zu Mund; Petersen war bereit, ihn zu empfangen. Mit seinem Oheim, dem Voigt, hatte er kaum Abrede genommen, als der sonderbare Zug erschien. Schweigen hatte sich eingestellt, die Käufer stoben auseinander, die nordischen Kaufleute und ihre Gehülfen verließen ihre Waarenlager, die Lappen standen mit offenen Mäulern und starrten ihren Propheten an. Alle folgten und drängten sich um die Halle und alle Blicke richteten sich auf den alten, hinfälligen Mann, der von dem Gaardherrn vom Balsfjord unterstützt wurde. Ein Normann, einer von der herrschenden Kaste, der einem Lappen die Hand gibt und an seiner Seite geht, war überhaupt ein Anblick, der bei dem einen Theil Stirnrunzeln, bei dem andern Erstaunen und Freude hervorbrachte. – Hinter den beiden Männern gingen ein Dutzend andere von Afraja's Stamm und Geschlecht. Vier trugen die umhüllten Stangen einer Bahre, die übrigen folgten mit gesenkten Köpfen und den Beschluß machte eine Anzahl Hunde, die mit eingekniffenen Schwänzen hinterher schlichen. 497 Als Afraja an den Stufen, stand, nahm er seine Mütze ab und faltete seine knochigen Hände. Er beugte sich tief nieder und hob seinen grauen Kopf zu dem Sitze auf, wo der Voigt saß. Seine rothen trüben Augen erhielten aber einen plötzlichen Glanz, als er den Schreiber erblickte und indem er seinen magern Arm ausstreckte, schrie er plötzlich: Wo hast du sie, wo hast du mein Kind? Gib sie heraus, wohin hast du sie gebracht? Ist sie hier, so laß sie mich sehen! Sei barmherzig, sei barmherzig mit mir! Was soll das sein? schrie der Voigt, der sein hartes Gesicht grimmig faltete. – Klagst du? Gut, wir haben auch zu klagen. Kommst du zum Gericht? Das Gericht erwartet dich. Ich klage, Herr, ja ich klage, sagte der alte Mann demüthig, doch ohne eingeschüchtert zu sein. Mein Kind ist mir geraubt, Räuber haben meine Gamme geplündert, haben fortgeschleppt, was sie fanden, und nicht genug damit, Mortuno – Paul Petersen sprang von seinem Sitz auf und schrie mit aller Kraft seiner Stimme: Halt! ein Schelm und Verräther wie du verdient weder Glauben, noch daß man ihn anhöre. Ehe du anklagst, vernimm, wie du angeklagt wirst. Seit langer Zeit bist du es, der die Lappen gegen den Frieden dieses Landes aufhetzt. Reisende sind beraubt und mißhandelt worden, Wohnungen wurden angezündet, Vieh ist gestohlen und fortgetrieben. Damit nicht genug, bist du es, der die frommen Bestrebungen hindert, den christlichen Glauben zu verbreiten. Mit Zwang und Drohungen bestimmst du deine Landsleute, den Götzendienst fortzusetzen. Du selbst bist ein Heide, bei dem keine Mühe der Bekehrung fruchtete. Du bringst dem Jubinal Opfer, betest in den Steinkreisen, verfluchst und verspottest die christliche Lehre und stehst mit dem Teufel in Verbindung als ein Hexenmeister und Zauberer. – Ich klage dich aller dieser schändlichen Verbrechen an und will sie dir beweisen. Ich, der Richter von Tromsöe, lege Hand an dich und verhafte dich im Namen des Gerichts und der Gesetze! Nehmt ihn fest und führt ihn fort! Dieser Befehl wurde einer Schaar von Amtsboten und jungen Männern gegeben, welche sich zu beiden Seiten um den Lappen aufgestellt und ihn von seinen Begleitern abgedrängt hatten; aber schon bei den letzten Worten hatte Marstrand den alten Mann vor sich 498 hingeschoben und kaum war Petersen fertig, als die starke und gebietende Stimme des dänischen Junkers antwortete. Ich protestire gegen solche Gewaltthat, rief er, die damit umgeht, den Gemißhandelten zu unterdrücken! Wenn dieser Mann keinen Glauben verdient, so will ich Zeugniß für ihn ablegen. Spart Euer Zeugniß für Euch selbst auf, sagte der Schreiber. Ihr werdet es bald genug nöthig haben. Greift zu, Amtsgehülfen! Erst seht hierher! erwiderte Marstrand. Hier liegt das Opfer und dort sitzt sein Mörder! – Er that einen raschen Schritt bis an die Bahre, riß die Hülle ab und alle Hände sanken nieder. Die Leiche Mortuno's mit der Todeswunde an der Stirne lag vor ihnen. Voigt von Tromsöe, sagte Johann inmitten der lautlosen Stille, ich fordere im Namen des höchsten Richters auf Erden, im Namen des Königs, Gerechtigkeit von Ihnen. Sie sind die erste Magistratsperson in diesem Lande, Sie müssen jeden Verbrecher verfolgen und wenn es Ihr eigener Neffe wäre. Der Voigt saß starr auf seinem Sitze. Seine geballte Faust zuckte hin und her, wüthender Zorn war in seinem rothen aufgedunsenen Gesicht; er hätte den Ankläger niederschmettern mögen. Das ist eine falsche, verabscheuungswürdige Beschuldigung, sagte Paul, der seine volle Ruhe wieder erlangt hatte. Ich hätte nicht nöthig, darauf zu antworten, aber ich will es thun, damit meine Mitbürger und Freunde nicht Uebles von mir denken. Sie klagen mich an, Johann Marstrand, bringen Sie Ihre Beweise vor, damit Jeder diese höre. Vor zwei Tagen, begann der Kläger, erschienen früh am Morgen in der Nähe der Kilpisjaure drei Männer, die sich den Zelten Afraja's näherten und endlich bei ihm eintraten. Es war der Sorenskriver Paul Petersen, Olaf Veigand von Bodöen und Björnarne Helgestad. Sie gaben vor, auf einer Jagdpartie gewesen zu sein, wurden freundlich empfangen, bewirthet und verließen nach einer Stunde die Gamme wieder. In der Nacht aber kehrten sie zurück, ohne Zweifel von einem Vierten begleitet, denn man hat die Spuren von vier verschiedenen Fußpaaren gefunden, und ein zerbrochenes Messer trägt den Namen Egede im Heft. 499 Diese vier Männer, begleitet von einem Hunde, drangen in das kleine versteckte Thal, das am Fuße des Kilpis liegt. Dort schlief in einer Hütte die Tochter Afraja's, welche Gula heißt, und Vielen bekannt ist. Sie überfielen das Mädchen, banden es, wie zerrissene Bänder dies beweisen, verwüsteten die Hütte, zerstörten Eigenthum und schleppten die Gefangene fort. Nach einigen Stunden wurden sie verfolgt und eingeholt. Mortuno, der Neffe dieses Greises, scheint zuerst entdeckt zu haben, was geschah. Er wollte die Geraubte befreien, aber eine Kugel streckte ihn nieder, und hat Paul Petersen diese wirklich nicht selbst abgeschossen, so hat es einer seiner Genossen gethan. Hier aber ist ein halb verbranntes Papier, der Pfropf eines Gewehres, aus dem der Schuß gefallen ist, und dies Papier ist das Stück eines Briefes, den Petersen geschrieben hat. Es ist seine Handschrift, mag er es läugnen, wenn er kann. Ich läugne es gar nicht, sagte Paul verächtlich, als ihm das Stück hingereicht wurde, aber ich läugne bei meiner Ehre, bei meinem Gewissen, und bei Gottes Allmacht! daß dieser Lappe von meiner Hand gefallen ist. Ehe ich mich vertheidige, will ich zuförderst einige Fragen an diesen Ankläger richten. – Sie wissen so genau den Hergang zu erzählen. Waren Sie in der Nähe oder waren Sie zugegen, als man den Todten fand? Marstrand schwieg. Es ist nicht möglich, daß Afraja an den Balsfjord geschickt hat, um Sie aufzusuchen. Die Zeit war zu kurz dazu, auch weiß man, daß Sie seit mehreren Tagen schon Ihren Gaard verlassen haben, angeblich, um an den Malangerfjord zu reisen. Dort sind Sie nicht gewesen. Sie waren somit an dem Kilpis bei diesen Lappen, mit denen Sie seit langer Zeit genauen Umgang haben, wie dies nie sonst ein Normann thut. Ich habe Ihnen über meinen Umgang keine Rechenschaft abzulegen, sagte Johann, unter dem mißfälligen Gemurmel der Umstehenden. Für den Augenblick nein, in der Folge aber gewiß, rief Paul; jetzt genügt es, zu wissen, daß Sie in den Gammen dieses alten Missethäters steckten. – Ich bekenne freimüthig, daß Sie die Wahrheit sagten, daß ich mit meinen Freunden, Björnarne und Olaf, an 500 dem Kilpis war, und ich will vor allen Ohren hinzufügen, was uns dazu antrieb. Dieser Erschossene war ein Schelm, ein Bösewicht der schlimmsten Art, und kaum glaube ich, daß sein Ende irgendwo anders Bedauern erweckt als bei seinen Genossen und Gehülfen. Er war der nahe Verwandte Afraja's, eingeweiht in dessen Ränke, seine rechte Hand zu allen bösen Streichen, sein Vertrauter bei allen Plänen gegen den Frieden und die Sicherheit dieses Landes. Ich, der ich des Königs und des Gesetzes Diener bin, mußte auf Mittel denken, diesen Schelmen beizukommen. Ich verband mich dazu mit meinen Freunden, Björnarne und Olaf, und rufe als Zeugen der Wahrheit den besten Mann in den Finnmarken, Niels Helgestad, an, der von Allem unterrichtet war, was ich that, und seinen eigenen Sohn mir mitgab. Wir kamen an den Kilpis und trafen dort Afraja. In seiner Gamme überzeugte ich mich nochmals von seinem nichtswürdigen Leben und Treiben. Ich versuchte ihn durch Schmeichelworte und er verkaufte uns gegen Bezahlung ein Götzenbild, das uns glückliche Heimkehr und guten Wind auf dem Meere sichern sollte. Hier schlug Afraja seine Augen zu ihm auf und eine ganze Hölle von Hohn und Rachsucht leuchtete daraus. Du schändlicher alter Heide und Hexenmeister schrie Petersen, kannst du es läugnen? Schlagt ihn nieder, den verfluchten Schelm! brüllte ein Haufen halbtrunkener Quäner und Kolonisten. Wir entfernten uns und lagen versteckt in einer Schlucht, bis der Abend kam, fuhr der Schreiber fort. Pflicht und Gewissen sagten mir, daß ich zu des Landes Bestem Alles anwenden müsse, um dies gefährliche Gewürm unschädlich zu machen; eben so gewiß war es jedoch, daß Afraja niemals aus seiner Wüste herunterkommen würde, wenn wir nicht ein Mittel fänden, ihn hierher zu locken. – Ich hatte erfahren, daß er in einem Thale des Kilpis seine Tochter verbärge, dieselbe Gula, welche Helgestad einst von ihm kaufte und zur Christin erzog, bis er sie ihm stahl und wieder zum Götzendienste zwang. Du lügst! sagte der alte Mann, und du weißt es. 501 Wir fanden das Thal, fanden das Mädchen und nahmen sie mit uns. Nichts Uebles ist ihr geschehen; unsere Absicht war allein, diesen schlauen Missethäter herunterzubringen, um ihn greifen und strafen zu können. Das ist uns geglückt. Was aber diesen Todten anbelangt, so weiß ich nicht, wie er sein Ende gefunden hat. Verdient hat er es tausendmal. Er war der boshafte Feind jedes Christen und norwegischen Mannes. Vor wenigen Wochen erst schoß er Olaf Veigand durch den Hut, daß jener kaum mit dem Leben davon kam. Ich würde ihn an Leib und Leben strafen, wenn Gottes Wille ihn nicht fortgenommen hätte. Hat ihn Olaf erschossen, so hat er ohne Zweifel sich vor ihm schützen müssen. Ich trennte mich von meinen Freunden, die das Mädchen an den Quänarnerfjord brachten, um sie dann, wenn dieser Lappe, ihr Vater, in unserer Gewalt sei, an Niels Helgestad, ihren rechtmäßigen Herrn, zurückzuliefern. Sie hat keinen Herrn! sprach Afraja, der seinen mageren Arm schwörend aufhob. Bei dem großen Gotte aller Christen, ich habe mein Kind niemals verkauft! Nuh! antwortete Helgestad, indem er vortrat, bin auch hier, Afraja, und kann sagen, bist ein Lügner und ein Schelm. Habe dein Kind gekauft, kostet Tabak und Branntwein, mehr wie es werth ist. Hast sie gestohlen, ist Alles richtig, was Paul Petersen sagt. Kennt mich Alle, wird mein Wort Glauben haben. Es ist falsch! sagte Afraja, wie Alles falsch an dir ist. Gula hat dir niemals gehört. Sie ist von dir gegangen, weil dein Sohn sie mit Liebe verfolgte. Er hat sie aus meiner Gamme gerissen, um Unehre auszuüben. Diese Worte machten einen betäubenden Eindruck sowohl auf Helgestad, wie auf den ganzen Kreis. Es war die schmachvollste Beschuldigung, die erhoben werden konnte. Der reiche, hochmüthige Mann, er, der Erste unter Allen, sollte sich und seinen einzigen Sohn so öffentlich beschimpft sehen? Ein elendes Lappenmädchen sollte vor Björnarne's Leidenschaft entflohen sein? Er sollte sie verfolgt und geraubt haben und mit ihr sich nun an dem Quänarnerfjord verbergen, während seine Verlobte, Uve Fandrem's Tochter, ihn vergebens erwartete? – Helgestad stand wie ein Mann von Stein. – Seine Fäuste hatten sich geballt, sein Kopf war dunkelroth vor Zorn und 502 Scham, er wußte sich mühsam zu mäßigen. Unsal! sagte er endlich, ich wollte dich unter meinen Füßen zertreten, wär's nicht eine Schande, Hand an den zu legen, der dem Büttel gehört. Schafft den alten Schurken fort! schrie jetzt der Voigt, er soll für alle seine Schandthaten büßen. Aber Afraja flüchtete sich dicht an Marstrand und umklammerte den Junker. – Hört ihn an! schrie er, fragt ihn, er weiß Alles. Fragt den Priester, fragt Klaus Hornemann, er wird die Wahrheit sagen. Will's hören, sagte Niels, indem er vor Beide trat. Ruhig, ihr Leute, laßt ihn reden! Sprecht, Herr Marstrand; Ihr seid ein feiner Herr, der auf Ehre hält. Was zwischen uns auch sein mag, Ihr habt unter meinem Dache gelebt; handelt sich hier um Namen und Ansehen. Straft den Schelm Lügen und stoßt ihn von Euch! Mahne Euch an Gewissen und Pflicht vor Gottes Thron, macht diesen elenden Höllenkerl zu Schanden. Wenn es so weit gekommen ist, antwortete Johann, wenn die volle Wahrheit gesagt werden muß, dann, Herr Helgestad, kann ich nicht anders, als Afraja's Worte bestätigen. Ja, es ist wahr, Björnarne hat Gula aus Ihrem Hause getrieben. Er hat sie mit seiner Liebe verfolgt; die ihn verderben wollten, haben seine Leidenschaft genährt und ich fürchte, es war ein angelegter Plan, das Mädchen zu rauben, um den Sohn vom Vater zu reißen, ihn und Alle gleich elend zu machen. Ihr seid verhext, seid verschworen mit ihm! schrie Helgestad. Habt sein Geld genommen, hat Euch heidnisches Teufelsgeld gebracht! Nicht ich, du – du wolltest ihn betrügen! sagte der Lappe. Ich ließ es nicht zu. Er spricht wahr, der Jüngling. Dein Sohn, dein einziger Sohn, er lag zu den Füßen meiner Tochter, wollte mit ihr fliehen in die Gamme, wohin sie wollte, und sie stieß ihn von sich, sie mochte ihn nicht! Helgestad wankte, er hielt sich an den Nächststehenden fest, doch der Schlag, der ihn getroffen hatte, war noch nicht der ärgste. In diesem Augenblick durchbrach ein Mann den Kreis, vor dem der ganze Haufe zurückwich. Sein langes Haar hing ihm um den Kopf, Anstrengung und Erschöpfung waren deutlich genug an ihm ausgeprägt, seine wilden Mienen drückten Angst und Entsetzen aus. 503 Egede! rief der Schreiber. Da kommt ein neuer Zeuge. Wo ist Björnarne? Wo ist die Dirne? Der Quäner schlug die Hände zusammen und stand dann bewegungslos in dem Kreise, der ihn umdrängte. Rede! schrie Helgestad. Wo ist mein Sohn? Bist vom Quänanger gekommen zur richtigen Stunde. Sollt jetzt die Wahrheit hören, Freunde und Nachbarn, muß Lug und Trug davor verschwinden. Denke, sind hinter dir, Egede, haben dich vorausgeschickt, Björnarne und Olaf. Der wilde Gesell faßte nach seinem Haar und krallte es zusammen. Seine Augen verdrehten sich in den Höhlen und aus der Tiefe seiner Kehle kam ein Stöhnen hervor, als versage ihm die Zunge den Dienst, oder als wage er nicht die Worte auszusprechen, die sich ihm auf die Lippen drängten. Der Voigt sprang von seinem Sitz und streckte seinen Arm aus. Bist du von Sinnen gekommen? schrie er. Reden sollst du. Heiliger Gott! was ist geschehen? – Halt Niels Helgestad! halt! Laß ihn los; steht ihm bei! Helgestad hatte sich seinem Diener genähert und ihn mit solcher Gewalt an der Schulter gepackt, daß Egede auf sein Knie fiel. Zu ihm niedergebeugt stierte Niels ihn an, als wollte er bis in sein tiefstes Herz sehen, und was er sah, schien Grauen über ihn zu bringen. Der eiserne, unerschütterliche Mann zitterte; sein hartes Gesicht war roth vom Blut, das sich in seinem Kopfe zusammendrängte; seine Augen preßten sich hervor in der Angst, die ihn ergriffen hatte. Und neben ihm stand Ilda, bleich, doch ihren Jammer bezwingend. Sie hielt ihres Vaters Arm, an dem sich jede Sehne zusammenkrampfte; von der anderen Seite umschlang Hannah seinen Leib, während ihre Blicke wie Blitze über den Quäner fort auf Helgestad flogen und in ihrem Gesichte sich ein seltsames Gemisch von Leidenschaften, Hohn, Schrecken, Mitleid, Furcht und banger Erwartung malten. Wie viele verschiedenartige Menschen auch diese Gruppe umgaben, so herrschte doch das tiefste Schweigen. Keiner wagte einen Laut oder eine Bewegung. In athemloser Spannung richteten sich alle Blicke auf den Mann, der so viele Jahre als der erste, der größte und glücklichste im ganzen Lande gegolten hatte. Niemand hatte ihn 504 je zagen sehen; was er immer begonnen, es hatte gut geendet, was er wollte, das war geschehen. Seine Klugheit war zum Sprüchwort geworden, wer gegen ihn aufgestanden, war erlegen, und jetzt schien er auf dem Gipfel angelangt, jetzt, wo Sohn und Tochter sich zur viel beneideten Hochzeit rüsteten. Aber Afraja hatte den ersten Stein gegen sein stolzes Haupt geschleudert, daß es wankte, und da lag ein Bote, ein schrecklicher mit Unheil beladener Bote, der noch Fürchterlicheres zu verkünden hatte. Was es war, wußte noch Niemand, allein was konnte das sein, um das ein Mensch wie Egede Wingeborg sein Haar zerraufte und seine Brust zerschlug?! – Das Entsetzen, welches Helgestad ergriffen hatte, lagerte sich auf allen diesen rohen Herzen; nur Einer, nur Paul Petersen, fühlte ein innerliches Behagen, und während er mit betrübten düsteren Mienen seinen Schwiegervater zu entfernen suchte, sah er in unerwarteter Weise seine Plane erfüllt, seine gierigsten Erwartungen übertroffen, Gott selbst als seinen Bundesgenossen; denn er wußte genau, welche Nachricht das knieende Geschöpf dort brachte. – Die ganze Beute, der ganze Raub fiel plötzlich ohne weitere Mühe ihm zu, und diese Gewißheit war so entzückend, daß er mit Leichtigkeit weinen und unübertrefflich heucheln konnte. Seine Augen waren naß und seine Stimme bebte, als er Helgestad um beide Schultern faßte. Ich bitte Euch, lieber Vater, rief er wehmuthsvoll, geht mit Euren Töchtern und laßt uns allein. Führe den Vater fort, Ilda. Bei Gottes Allmacht! nimm ihn in deine Arme und schütze ihn an deiner Brust. Aber Helgestad richtete sich auf und stemmte sich fest. Es war, als wenn ein alter Löwe aus seinem Schlaf erwacht, sein Lager von Hunden und Jägern umstellt sieht und der kühne Trotz seiner Jugend über ihn kommt. Er warf seinen Kopf auf, seine Augen rollten umher. Bin ein Mann, begann er, der ertragen kann, was ertragen werden muß. Denke ja, kennt mich Jeder. Sage an, Egede, was es ist, weiß es beinahe, was kommen muß, ist aber Ungewißheit schlimmer als Alles. – Wo ist mein Sohn? Egede ließ den Kopf bis auf die Brust niedersinken, und indem er die Hände vor sich faltete, sagte er mit eintöniger tiefer Stimme: Todt, Herr! 505 Kein Laut wurde gehört. Helgestad stand die Fäuste geballt, ein grimmiges Lächeln um seine Lippen, seine Augen weit offen, ohne zu zucken. – War ein starkes Leben, murmelte er vor sich hin. Und Olaf, wo ist Olaf? Alle hin, Alle todt! heulte Egede, seine gefalteten Hände aufhebend. Herr! Herr! Alle todt! Der alte Mann bewegte langsam den Kopf, dann sah er aufwärts in die Sturmwolken, und ein langes schmerzvolles Oh! rang sich aus seiner Brust. – Seine Blicke irrten über die Gesichter, die um ihn waren, viele Augen weinten, und in die wildesten Gemüther kam Rührung, als er mit seltsam gebrochener Stimme sagte: Es war ein guter Knabe, mein Sohn Björnarne, hat keinen Kummer über mich gebracht als diesen. Du hast eine Tochter, Niels, hast noch einen Sohn, sprach der Voigt. Helgestad legte seine Hand auf Ilda, die zu ihm aufsah, und es war ein Trost, der aus ihrem starken und ergebenen Herzen in ihn drang. Fast zugleich aber sah er Hannah an, und plötzlich mußte ihm alles das einfallen, was sich durch Björnarne's jähes Ende mit der Zukunft dieses Mädchens verknüpfte. Sie war frei. Er hatte keinen anderen Sohn, der Fandrem's Geld an den Lyngenfjord führte. Alles war umsonst gewesen, alle seine List, alle seine Gewalt, und es kam ihm vor, als leuchteten ihre Augen ihn dämonisch an, als lese er in ihrer Brust eine große flammende Schrift voll Schande, als hörte er vor seinen Ohren das schreckliche Gelächter wieder, das er damals gehört, als er ihren Buhlen in die wilde See stieß. Er holte tief Athem, es stieg ihm glühend heiß vom Herzen auf in's Hirn. Er schüttelte Hannah's Hand von sich ab, als habe er eine Schlange gefaßt und wandte sich zu Egede, der aufgestanden war. – Erzähle, sagte er gewaltsam ruhig. Wie ist der Tod an Männer gekommen, die ihm besser trotzen konnten, als viele? Du weißt es, Herr, antwortete der Quäner, auf den sich jetzt alle Augen wandten, daß wir die Hexenbrut vom Kilpis geholt hatten und nach Loppen bringen wollten. Weiß es, fiel Niels ein. Wer hat sie frei gemacht? Wer Björnarne erschlagen? Lappen waren es. Diebe! Mörder! Der alte Höllenhund da hat sie ausgeschickt. 506 Er deutete auf Afraja und Egede sah sich um, erblickte den Lappen und verzerrte sein Gesicht in Wuth und Lust. – Habt ihr ihn, habt ihn! schrie er, schickt ihn dahin, wo sie liegt, blaß und kalt, bei den Nixen und Trollen, unten, tief unten, wo die Haifische hungrig warten. O, Herr! hätte dein Sohn meinen Arm nicht gehalten. Hätte er auf ihr Geschrei nicht gehört, ich hätte sie still gemacht. – Er fletschte seine langen Zähne und streckte den Arm gegen Afraja aus. – Alle seine Hexen- und Zaubermittel würden sie nicht wieder gefunden haben, brauchten deswegen nicht in Nebel und Sturm nach Loppen zu fahren. Die wüthige See also hat's gethan, murmelte Helgestad, keines Menschen Hand. Keines Menschen Hand, antwortete Egede, konnte keine uns auch beistehen. Am Quänanger nahmen wir ein Boot. Ich sah die Nebelkappen um die Jökulnfjellen und die langen Schaumstreifen, die sich von Arenöen hereinwarfen, warnte und bat, war Alles vergebens. Das Mädchen fiel auf ihre Kniee, weinte, schrie und drohte, wollte zu dir, Herr, zu Jungfrau Ilda; flehte zu Himmel und Menschen, das Hexenbalg. Auch Olaf sprach; half aber Alles nichts, Björnarne wollte nach Loppen. Da ging es fort den Fjord hinab. Es war der böse Feind in deinen Sohn gefahren, Herr, blendete ihm Herz und Augen, er sah nicht, wollte nicht sehen, nicht hören. Im Kaagsund faßte uns das Wetter. Wirbelwind nahm unser Boot von den Wellen ab, drehte es um wie einen Halm, hob uns auf und stürzte uns nieder. Schlug Olaf mit dem Kopf an die Klippenwand, hin war er, kam nicht wieder herauf. Ich lag auf dem halb durchgebrochenen Boot und hielt es in Todesangst umklammert; sah deinen Sohn, Herr, wie er auftauchte mitten im Gischt und wie er die Dirne in seinen Armen hielt, wollte ihn retten, faßte in sein langes Haar. – Laßt sie los, schrie ich, laßt die Hexe los! Er mochte nicht, mochte sie nicht von sich lassen. Sie klammerte sich um seinen Hals, er drückte sie an sich und wollte sie hoch heben. Dreimal rief ich ihm zu, da kam ein wüthender Stoß und eine hohe Welle, ich konnt' nicht länger halten. – Werft die Brut zum Teufel! schrie ich. Will leben und sterben mit dir, Gula! sprach er, und das waren seine letzten Worte. 507 Bis hieher hatte Helgestad anscheinend ruhig zugehört, aber nach und nach röthete sich sein ganzer Kopf und mit furchtbarer Gewalt schrie er plötzlich dem Quäner zu: Du lügst, du elender Kerl! Björnarne, mein Sohn! – Verflucht sei deine Zunge! – Gula! – du lügst, Verräther! nie hat er mit ihr leben wollen. Er faßte an seinen Kopf, es wurde dunkel um ihn, Funken sprangen darin auf. Alle Schande brach unaufhaltsam auf ihn ein, denn wer hätte jetzt noch zweifeln wollen, daß Björnarne das Lappenmädchen geliebt, daß Afraja wahr gesprochen habe? Alles lag klar vor dem ganzen Volke; der Aermste und Geringste mochte ein Hohngelächter erheben, das war mehr, als der stolze Mann ertragen konnte. Du Schelm! du Räuber! schrie Egede, seinen Arm gegen den greisen Hirten schüttelnd, hast dem Herrn Olaf ein Zaubermittel verkauft, sollte feines Wetter bringen; hast aber deine Höllengeister damit beschworen, daß sie über uns kommen mußten. Helgestad blickte Afraja an, der ja auch sein Kind verloren hatte. Ein Gemurmel der Wuth lief durch die aufgeregte Menschenmasse, welche den Lappen umgab; er aber stand aufgerichtet da, ohne Furcht, ohne Gram. Ein wildes Entzücken, ein Lachen war in seinem haßerfüllten Gesicht, boshafter Triumph in seinen rothen Feueraugen. Verfluchter Hexenmeister! schrie Helgestad, du hast ihn betrogen, hast ihn in's Meer gelockt! – Er hob seine gewaltige Hand auf, wie am Medusenhaupt zog sich seine Stirn in grimmige Falten zusammen, so sprang er auf seinen Feind. Aber er strauchelte, ehe er ihn erreichte, taumelte zur Seite und fiel in die Arme Derer, die von allen Seiten herbeisprangen, ihn zu unterstützen. Wildes Geschrei und verworrene Stimmen erhoben sich jetzt. Helgestad's großer Körper brach leblos zusammen, er wurde fortgetragen, um ihm Hülfe zu schaffen, um Afraja aber und um seinen Genossen sammelte sich eine rachedürstige, lärmende und zu jeder That sich erhitzende Schaar, die nur durch die strengen Worte des Voigts, des Schreibers und einiger anderer besonnener Männer von einer augenblicklichen blutigen Vergeltung abgehalten wurde. Und jetzt, sagte Paul, als die erste Verwirrung vorüber war, jetzt, Herr Marstrand, wende ich mich zu Ihnen. Ich verhafte Sie als einen Mitschuldigen dieses Verbrechers. 508 Mich verhaften Sie? antwortete Johann. Aus welchen Gründen? Aus welchen Ursachen? Als Hochverräther! rief der Schreiber. Ihr Prozeß wird es beweisen. Sie haben diesem Lappen bedeutende Quantitäten Pulver und Blei verkauft; Sie haben um seine verrätherischen Anschläge gewußt, gemeinsame Sache mit ihm gemacht. Ich hoffe, sagte Marstrand, indem er ruhig umherblickte, daß Niemand diesen Unsinn glaubt. Aber seine Augen trafen auf finstere Gesichter; drohende Worte erreichten sein Ohr. – Recht, Sorenskriver Petersen! schrieen viele Stimmen durcheinander. – Räumt das ganze Nest aus. – Er hat es mit dem Lappen gehalten. – Er hat ihnen immer das Wort geredet! – Fort mit dem Landläufer! Fort mit dem Dänen! Schlagt ihn nieder, den Hund, den Verräther! Wollen Sie gehorchen? fragte Paul. Hier bin ich, ein einzelner Mann, der keine Macht hat, sagte Johann. Thun Sie, was Sie mögen, aber ich mache Sie verantwortlich für Alles, was hier geschieht. Die ganze Sippschaft der jungen Leute, die der Schreiber aufgeboten hatte, war mit Büchsen und Messern bewaffnet auf dem Platze. Es mochten vierzig oder fünfzig sein, die jetzt theils Afraja niederrissen und banden, theils den Junker bei Brust und Armen faßten und gewaltsam fortführten; größtentheils aber warfen sie sich in den Haufen der Lappen und ergriffen die, welche bewaffnet waren. Afraja's Hausgesinde wurde zunächst zu Boden geschlagen. Die großen starken Männer fanden geringen Widerstand bei dem schwächlichen Geschlecht, das in wilder Flucht auseinander stäubte und mit Geschrei und Gelächter, mit einzelnen Schüssen und mit Stöcken und Stangen verfolgt wurde. – Die Quäner, Bölappen und Fischer fielen über die zurückgelassenen Vorräthe her, schleppten sie fort und vertheilten sie und mit schallendem Halloh ging die Jagd über die Felsen hinter dem Kirchplatze fort, bis zu dem hohen Fjelde hinauf, das sich dahinter ausdehnt. Paul Petersen that inzwischen so viel, daß er die Gefangenen vor Angriffen schützte und sie sämmtlich in die Vorhalle der Kirche bringen ließ, wohin auch Marstrand geführt worden war. Nach und 509 nach kamen noch einige dazu, die auf der Flucht ergriffen waren, und zum Theil hatte man sie arg geschlagen. Zitternd standen und lagen die armen Geschöpfe in den Winkeln und in Todesangst drängten sie sich zusammen, wenn draußen der Lärm wilder wurde und tobende Stimmen forderten, daß man diese Diebe und Mörder sämmtlich ohne lange Weitläuftigkeiten in den Fjord stürzen müsse. Der einzige Lappe auf dem Platze war ein Todter, der mit offenen Augen und freier Stirn allem Ungemach zuschaute, ohne zu bangen. Mortuno lag noch auf der verlassenen zertrümmerten Bahre, ein Gegenstand des Hohns und der Verspottung. Die ihn einst gefürchtet, stießen ihn jetzt mit Füßen, schrieen ihm freche Schimpfworte zu und lachten, wenn er getreten wurde. Was sollte man mit ihm beginnen? Niemand war da, der sich seiner sterblichen Reste erbarmt hätte und hier auf dem Friedhofe im Schatten einer christlichen Kirche wollte ihm auch Keiner eine Ruhestätte gönnen. Es dauerte daher nicht lange, so hatten ein paar grimmige Quäner ihm Stricke um Beine und Hals geschlungen, tüchtige Steine daran befestigt und eben als Voigt und Sorenskriver sammt mehreren der angesehensten Männer von einer Berathung zurückkehrten, kollerte der Körper des unglücklichen Mortuno von einem steilen Klippenrand in's Meer. Das ist wahrlich das Beste, das geschehen konnte, sagte Paul für sich. Die Grundhaie werden da unten bald mit ihm fertig sein, und wir sind ihn für immer los. Laut tadelte er jedoch die übereilte Handlung, befahl, daß Jeder sich ruhig halten und Niemand das Eigenthum der entflohenen Lappen berühren solle, ein Befehl, der freilich zu spät kam, denn was zu haben war, hatte schon allerlei Herren gefunden. Dann ließ der Voigt die Kirchenthür öffnen und trat mit seinen Begleitern herein. Einige dreißig Gefangene waren dort verwahrt, von denen die meisten auf ihren Knieen lagen und um Gnade heulten, als sie die strengen, finstern Gesichter sahen. Afraja saß an der Mauer. Seine Füße waren ihm gebunden, die Hände auf dem Rücken zusammengeschnürt. Der Voigt blickte ihn an und schüttelte den Arm gegen ihn. Du alter Bösewicht sollst diesmal der Gerechtigkeit nicht entgehen, sagte er. Seit vielen Jahren hast du dein Hexen- und 510 Zauberwesen getrieben, endlich haben wir dich. Alles Unheil auf deinen Kopf! Du sollst keinen Schaden mehr anrichten, nicht mehr schmähen und spotten und an Aufruhr und Verbrechen denken. – Was euch aber betrifft, fuhr er fort, so will ich euch schonen, wenn ihr die Wahrheit bekennt. Die Wahrheit will ich aus euren spitzbübischen Köpfen herausbringen, deß seid gewiß. Denkt darüber nach, bis ihr in Tromsöe seid. Dahin müßt ihr, sollt dort Zeugniß ablegen. Vorwärts mit euch! und wer einen Laut thut, wer einen Versuch zum Entwischen macht, der soll es büßen. Nehmt das alte Thier auf und schleppt es fort. Vom Entwischen war keine Rede. Die Hände waren ihnen allen gebunden; einigen wurden diese jetzt gelöst, um Afraja auf den Kutter des Voigt zu tragen, der eben seine Segel fertig machte. Der greise Mann sprach kein Wort, kein Zug in seinem Gesicht drückte Unruhe oder Schmerzen aus, obwohl er unmenschlich behandelt und mit grausamer Gewalt zusammengeschnürt war. Voigt Paulsen ging nun in die Kirche, wo Marstrand in einem Stuhle saß. Man hatte ihn von den Lappen abgesondert und an der Thür stand ein Bewaffneter, der verhindern sollte, daß er mit Afraja spräche. – Schwermüthig nachsinnend hatte er Zeit gehabt, sein Schicksal zu bedenken, doch was ihn selbst betraf, hielt er für weit geringer, als was er um sich her geschehen sah. Der jähe Tod Björnarne's, Olaf's und der armen Gula hatte ihn auf's Aeußerste erschüttert. Er dachte an Hannah und Ilda, an Helgestad's Leid und Schande und an den unglücklichen Greis, der in die Hände erbarmungsloser Feinde gefallen war. Was sollte aus ihm werden? Was hatten sie mit ihm vor?! – Auf mehr als hundert Meilen gab es keine Macht, die ihrer Grausamkeit Einhalt thun konnte. Er fürchtete nicht das Aergste, aber doch Arges und Schreckliches genug, und was konnte er dagegen ausrichten? Sein einziger Freund, der einzige Schützer des unglücklichen Afraja, war Klaus Hornemann. Wo war dieser jetzt? Warum war er nicht hier? – War er krank, war er todt? Wer wußte es! Doch daß er kommen würde, wenn er lebte, war gewiß und dieser Gedanke blieb die einzige Hoffnung, die ihren tröstenden Strahl in sein wirres, verdüstertes Denken schickte. 511 Als der Voigt mit seinen Begleitern hereintrat, wandte er sich vor dem rothen, lasterhaften Gesicht unwillig fort. Stehen Sie auf, Herr, sagte Paulsen mit voller Amtsstrenge. Mit welchem Rechte bin ich mißhandelt und gefangen worden? fragte er dagegen. Das werden Sie in Tromsöe erfahren, sagte der Voigt, wo Ihr Prozeß betrieben werden soll. Ich verlange mein Verbrechen zu wissen. Sie haben es gehört, Sie sind des Hochverraths angeklagt. Wenn das ist, rief der Gefangene, wenn man wirklich so toll ist, mich so schwer zu beschuldigen, so kann Niemand hier mein Richter sein. Ich bin ein Edelmann des Reichs und gehöre vor das Reichsgericht. Ich bin Offizier und schon als solcher muß der Spruch dem Gouverneur von Norwegen verbleiben. Sie irren in Allem, antwortete der Voigt. Sie leben und sind ansäßig in den Finnmarken, die ihren eigenen höchsten Gerichtshof über Leben und Tod haben. Davon ist Niemand ausgenommen, auch kein Edelmann. Das Gericht in Tromsöe ergänzt sich in besonders schweren Fällen durch sechs Beisitzer aus den achtbarsten Männern im Lande und gegen seinen Spruch ist keine Berufung zulässig. Die Bestürzung in Marstrand's Gesicht rief ein triumphirendes Grinsen des Voigts hervor. – Ich habe Befehl gegeben, Sie nach Tromsöe zu bringen, fuhr er fort. Sie waren Edelmann und Offizier, auch ich habe den Degen getragen. Ich will Sie nach Ihrem ehemaligen Stande behandeln, wenn Sie mir Ihr Wort geben wollen, sich geduldig zu fügen und keinen Fluchtversuch zu machen. Und wenn ich das nicht thue? Dann muß ich alle Mittel ergreifen, Ihr Entkommen zu hindern. Alle Ihre Mitschuldigen liegen gebunden im Schiffsraum. Bei Gott! schrie der Junker auf, indem er die Faust ballte, aber er ließ seinen Arm schnell sinken und sagte gelassen: Ich werde mich geduldig in Alles fügen, was Sie bestimmen, glauben Sie aber nicht, daß, was Sie thun, ohne Richter und Rächer bleibt. Schweigen Sie! sagte der Voigt, das sind unnütze Worte. Ihnen wird nichts geschehen, was Sie nicht verdienen. Wir haben einen Gerichtshof und haben Gesetze. Was diese nach Gewissen und 512 Buchstaben über Sie verhängen, müssen Sie tragen. Niemand, und wäre es der König selbst, kann darüber mit uns rechten. In seiner Erklärung lag eine fürchterliche Wahrheit, deren Bedeutung Marstrand vollkommen erkannte. Nicht durch einen Willkürstreich, sondern durch ein legales Rechtsverfahren sollte er vernichtet werden, und sobald es gelang, nur einige Beweisgründe gegen ihn zu sammeln, war er verloren. Folgen Sie mir, sagte der Voigt. – Er ging voran, zu beiden Seiten des Gefangenen stellten sich Bewaffnete; Paul Petersen sah ihn vorübergehen und bestrebte sich ein ernstes betrübtes Gesicht zu machen, das Marstrand mit einem Blick der Verachtung lohnte. Wie geht es mit Helgestad? fragte er den Voigt. Er liegt von Sinnen, antwortete Paulsen, Sie haben schweres Unheil über ihn gebracht. Nicht ich! – O, nicht ich! Andere haben dies gethan, die es verantworten müssen. Der Voigt erwiderte nichts darauf, denn auf dem Platz wurde der Zug von Geschrei, Flüchen und Verwünschungen empfangen. Die Garden des Schreibers drängten sich mit den finstersten feindlichsten Gesichtern um den Gefangenen, ihn vor denen zu schützen, die den falschen Dänen aus ihren Reihen reißen und Rache an ihm nehmen wollten. Die wilde Masse halbtrunkener, roher Menschen, denen Afraja und seine Leidensgenossen entgangen waren, hatte sich zu einem Grad von Wuth erhitzt, daß Marstrand den Augenblick kommen sah, wo ein Messer oder ein wohlgezielter Stein ihn erreichen und niederstrecken würde. Er zitterte nicht vor einem solchen Ende, ruhig blickte er in den tobenden Haufen, aber eine Entmuthigung kam doch über ihn. Da war mehr als Einer, dem er Gutes gethan hatte; er sah sich mit Schimpf und Schande überschüttet, und keine Stimme erhob sich für ihn, keine Hand regte sich. Ja es kam ihm vor, als hätten manche der Gaardherrn und Kaufleute nicht übel Lust, ihn den wüthenden Quänern und Inselleuten hinzuwerfen. Plötzlich aber stand Paul Petersen vor ihm, denn der Voigt kam mit seiner heiseren Stimme nicht mehr durch, und offenbar wurde sein Ansehen mißachtet. Petersen legte seine Hand auf die Schulter des Gefangenen, seine Rechte hob er hoch auf und schrie mit voller 513 Gewalt: Gehorcht und laßt ab, oder es soll Euch gereuen! Dieser Mann ist dem Gesetz verfallen, das Gesetz wird über ihn richten. Seiner Strafe soll er nicht entgehen. Auf offenem Gerichtstag in Tromsöe soll er von seinen Richtern sein Urtheil empfangen. Ihr aber packt Euch fort, wenn Ihr nicht festgenommen und hart bestraft sein wollt. Diese Worte wirkten mehr, als Alles was der Voigt gethan hatte. Sie fürchteten den Schreiber, denn sie kannten ihn. Die Fäuste mit den Messern fielen nieder, es bildete sich ein offener Raum und Paul sagte mit dem Ausdruck der Theilnahme: Das Leben habe ich Ihnen diesmal gerettet, möge Gott mir helfen, Herr Marstrand, daß ich als Richter Sie freisprechen kann. Er winkte seinen Gefährten, die den Junker rasch die Stufen hinunter und in die Jolle des Regierungskutters brachten. Dieser hob dann sogleich seine Segel und lief rasch durch die Wellen. Eine Stunde später wurde Helgestad denselben Weg hinab in sein großes Boot getragen, auf weiche Kissen gelegt und nach Oerenäes gebracht. Er war wieder bei Besinnung, aber er konnte nicht sprechen. Hannah hielt seinen zitternden Kopf, in dem die Augen nach allen Richtungen flogen und umher zu suchen schienen. Das ist ein trauriger Markt, seufzte Paul, indem er Ilda's Hand drückte. Sorge für deinen Vater! Sobald ich hier fort kann, komme ich nach. Gottes Wille wird geschehen! antwortete sie, gefaßt wie sie immer war. 24. Eine Woche war vergangen und in Tromsöe Alles zum Abhalten des Gerichtes eingeleitet. Die Prozedur wurde eilig betrieben, große Vorbereitungen und Weitläuftigkeiten waren nicht nöthig. Die Missethäter, auf welche es abgesehen war, befanden sich im festen Gewahrsam, Zeugen genug waren vorhanden, die sechs Gerichtsbeisitzer ließen sich schnell finden, und die Stimmung der Bevölkerung war so 514 vortrefflich, wie man sie wünschen konnte. Der Gerichtstag, nach alter Sitte der Freitag, wurde mit Ungeduld erwartet. Erbitterung und Rachelust hatten eher zu- wie abgenommen, und die Kunde von den Ereignissen auf dem Lyngenmarkt verbreitete sich durch das ganze Land, mit Zusätzen, die wohl gemacht waren, um die normannische Bevölkerung auf's Aeußerste zu reizen. Die Lappen sollten in großen Schaaren bewaffnet erschienen sein, um alle Kaufleute zu ermorden. Was Afraja's Gehirn mit sich umhergetragen, wozu er geheime, langjährige Vorbereitungen gemacht hatte, wurde als schon halb ausgeführt erzählt. Die Verhöre der Gefangenen hatten Alles klar und gewiß gemacht, was man wollte. Zitternd vor Angst und Schrecken gestanden sie, was der Schreiber wünschte. Afraja hatte Zusammenkünfte abgehalten, hatte Haß und Verachtung gegen die fremden Eindringlinge ausgestreut, hatte die Lappen zu Widersetzlichkeiten verleitet, und endlich war die große Verschwörung dahin gelangt, daß sie auf dem Lyngenmarkt ausbrechen sollte. Zu allen diesen Planen war Mortuno ein thätiger Gehülfe gewesen und nur sein jäher Tod hatte den Erfolg verhindert. Paul Petersen, der mit eigener größter Gefahr die Verschwörung aufdeckte und den gefährlichen Lappen fing, erschien überall im Lichte eines kühnen entschlossenen Mannes, der seinen Mitbürgern die größten Dienste geleistet hatte. Seiner Klugheit allein verdankte man die Rettung aus schweren Gefahren, seiner unerschrockenen Vaterlandsliebe die Verhaftung des dänischen Junkers, der mit den Verräthern gemeinschaftliche Sache gemacht hatte. Was den letzten Punkt betraf, so gab es allerdings auch einzelne Ungläubige. Daß ein Edelmann, ein Offizier der Garde, sich gegen König und Krone erheben, mit einem elenden Volke sich auf ein Unternehmen einlassen sollte, das jeder Verständige Unsinn und Wahnsinn nennen mußte, schien doch Manchem unmöglich zu sein. Aber dieser Junker hatte, so lange er im Lande war, für die Lappen gesprochen. Er war jedenfalls ihr Freund und Beschützer. Er hatte eine Liebschaft mit einem Lappenmädchen angefangen und war, was die Verhöre als gewiß herausstellten, bei Afraja in der Kilpisjaure gewesen, als der kühne Sorenskriver dort erschien. 515 Ueber seine Verhältnisse zu Helgestad und von seinem Treiben am Balsfjord wurde das Abschreckendste erzählt. Der schändlichste Undank und die größte Tollheit wurden ihm vorgeworfen. Mit Verrath hatte er die Freundschaft belohnt, die ihm entgegenkam, Helgestad's Tochter suchte er in seine Netze zu ziehen, die Heirath Björnarne's zu stören und diesen endlich mit der Dirne, die ihm selbst heimlich anhing, in eine schmähliche Buhlschaft zu verstricken. So suchte man den Schandfleck zu bemänteln, der von Helgestad's Haus nicht fortzuwischen war; daß der verunglückte, einzige Sohn des reichen Gaardherrn eine verdammliche Leidenschaft für Gula gehegt hatte, war nicht ganz abzuleugnen. Helgestad's Unglück gab dabei ein neues Feld von Anklagen, die hauptsächlich wieder auf Marstrand fielen, und wie viele Neider und geheime Widersacher der schlaue Kaufmann auch hatte, als er stolz auf seinen Füßen stand, jetzt kam allein der Schmerz und Jammer des Vaters in Betracht, der krank und tiefgebeugt darniederlag. Gegen den Schluß der folgenden Woche waren in Tromsöe die Akten fertig, die Beisitzer einberufen, der nächste Tag der Tag des Gerichts. Paul Petersen saß am Abend noch in seiner Schreibstube im Amtshause und ordnete Hefte und Schriften. Dann und wann hielt er ein, horchte auf den Wind und fiel mit einem leisen Stöhnen in den Armsessel zurück; aber er unterdrückte dies sogleich und fuhr fort zu arbeiten, selbst als draußen Lärm entstand, als Menschen kamen, deren Stimmen er erkannte, und als Schritte dicht an seiner Thür vorübergingen, denen er mit einem düsteren, spöttischen Lächeln nachhorchte. Endlich wurde die Thür geöffnet, und als er umblickte, stand sein Oheim vor ihm. Der Voigt hatte noch die Reisemütze auf dem Kopfe und seinen Mantel auf den Schultern. Friede und Glück mit dir, Paul, sagte er. Sie sind alle hier. Komme vom Lyngenfjord mit Helgestad, Ilda und Hannah. Aber, wie siehst du aus! fuhr er besorgt fort, und kopfschüttelnd fügte er dann hinzu: Siehst übel aus, Paul, hast glühend heiße Hände und ein seltsam verzerrtes Gesicht. Was ist es? Nichts, antwortete Petersen lachend. Ich habe viel gearbeitet, dazu die größte Plage mit den Schuften. Wie geht es Helgestad? 516 Leidlich gut, meinte der Voigt. Er spricht mit Ruhe über Björnarne's Tod. Sie haben den Körper im Kaagsund aufgefunden, aber so fest umklammert mit der Dirne, daß die Narren sie nicht trennen mochten. Haben sie Beide in ein Grab gelegt. Also auf ewig vereint, sagte Paul spottend. Wie steht's mit Ilda? Alles wohl. Das ist keine, die weint und klagt. Nun, rief der Schreiber, warum soll sie weinen? Björnarne wäre er nicht ertrunken, würde ihr Gram genug gemacht haben, denn von der schwarzäugigen Hexe hätte er nie gelassen. Jetzt ist er hin und sie hat das Erbe allein. Und wenn die nächste Woche kommt? nickte der Voigt. Ja wohl, sagte Paul. Der Pastor hat die Hochzeit schon angekündigt. Wie sich Alles gut fügt, Onkel! Onkel und Neffe sahen sich leise lachend an. – Bewahre dich nur, daß du munter bleibst, flüsterte der Voigt. Denke auch, Helgestad wird's nicht ewig mehr treiben. Wie er war, wird er nimmer mehr. Er sitzt und sinnt, grübelt und spricht wenig. Das Sprechen wird ihm auch sauer, ist ein Schlag gewesen, von dem er sich nicht erholt. Es kann nicht lange dauern, so muß er dir Alles lassen. Paul hörte gleichgültig zu. – Wie benimmt sich Afraja? fragte sein Onkel. Es ist kein Wort aus ihm herauszubringen, sagte Paul. Aber was habt Ihr am Balsfjord gefunden? Nichts. Keinerlei Schrift oder was uns dienen könnte. Nur die Urkunde über den Besitz und ein paar Säcke mit Geld. Die können doch als ein Beweis gelten, murmelte der Schreiber. Der stolze Junker verweigert jede Antwort; wir wollen ihm zeigen, daß wir die nicht brauchen. Gebt die Urkunde her, Oheim. So – er legte seine Hand darauf, betrachtete sie und seine Augen glänzten voll Hohn und Lust. Bei Gott! Der Narr soll sie niemals wiederbekommen. Denke, nein! sagte der Voigt leise, aber was willst du mit ihm machen? Paul sah vor sich hin, bis er nach einiger Zeit antwortete: Am Besten wäre es gewesen, ich hätte mich an der Lyngenkirche nicht 517 eingemischt, als die Quäner und Fischer ihre Messer aus den Scheiden zogen. Indeß, wer weiß was sich noch mit ihm machen läßt. Und der Zauberer? flüsterte der Voigt. Still! sagte der Schreiber, ich höre sprechen. Geht hinüber zu unsern Gästen, Oheim, ich komme nach. Als der Voigt fort war, stand er auf, nahm das Licht und stellte sich vor den Spiegel. Sein Gesicht war hohl und obwohl mehr geröthet als sonst, sah es verzerrt und krank aus. – Meine Schönheit vermehrt sich nicht, rief er sich selbst verspottend, aber um so besser werde ich ihr gefallen. Er warf seinen Rock ab und entblößte seine Seite, wo er die Wunde erhalten hatte. Diese war nicht geheilt, sondern geschwollen, dunkel entzündet und bot einen widerlichen Anblick dar. Verdammt! murmelte er, ich muß Etwas thun. Ich leide Schmerzen und mag mich doch Niemanden vertrauen. – Er strich eine Salbe darauf, wickelte eine Binde um und kleidete sich mit möglichster Sorgfalt an. Als er in das Gastzimmer trat, saß Helgestad in dem großen Stuhl am Feuer, die beiden Mädchen am Tische und der Voigt zwischen Beiden. Helgestad hielt ein Glas in seinen Fingern, aber er war nicht wie sonst lustig dabei, um es unter allerhand Calculationen zu leeren. Vorgebeugt starrte er auf das dampfende Getränk, hob langsam dann den Kopf in die Höhe, als er des Schreibers Stimme hörte, und streckte seine sehnige, magere Hand aus. Sein ganzer Körper und sein Kopf schienen in's Schwinden gekommen zu sein. Die mächtigen Knochen traten überall hervor und die gelbe harte Haut legte sich wie Pergament daran fest. Herzlich willkommen, sagte Paul, und dir, meine geliebte Ilda, meinen besonderen Gruß. Ilda sprach ein paar Worte, dann wurde über die Herreise verhandelt, über Helgestad's Krankheit und Gesundheit, aber es klang Alles eintönig und abgebrochen, sie betrachteten sich gegenseitig und dachten über die Veränderung nach. Auch Ilda sah anders aus. Das große starke Mädchen war freilich nicht abgefallen, aber der tiefe Ernst ihres Wesens hatte sich vermehrt. Sonst lachte sie wohl einmal, und dann wurde ihr Gesicht 518 wunderbar hell und schön, nun aber hatten sich ihre Lippen dicht geschlossen, ihre Hautfarbe war durchsichtig geworden und der Blick ihrer Augen war so starr, daß Paul ihn nicht aushalten konnte. Er bemühte sich, froh zu sein und strengte alle Kraft an, um seine alte gewandte Geselligkeit zu zeigen, doch es wollte ihm auf die Dauer nicht glücken. Er sah recht gut, wie Alle ihn betrachteten und Helgestad schüttelte den Kopf und sagte mit seiner schweren Zunge: War anders, Paul, wie Björnarne noch lebte. Schaff ihn wieder, wird dir auch wohl thun. Wollte Gott! ich könnte es, antwortete der Schreiber, allein ich kann nichts, als die strafen, die an dem Unheil Schuld sind. Ich hätte Euch gern in Eurer Ruhe gelassen, doch kann es nöthig sein, daß Ihr selbst vor dem Gericht Aussage macht. Stärkt Euch daher dazu bis morgen und nehmt Eure Gedanken zusammen. Will's thun! murmelte Helgestad, wäre aber doch besser, Björnarne wäre hier. Spricht er immer so? fragte Paul, der sich zu Hannah wandte, mit welcher er überhaupt zumeist redete. Zuweilen scheint sein Gedächtniß zu leiden, sagte diese, aber oft ist Alles klar und fest und er sieht weiter, als es früher der Fall war. Paul dachte nach und blickte sie forschend an. Du wirst, nach dem was hier geschehen, wohl sobald wie möglich nach Bergen zurückkehren wollen? fragte er. Vor der Hand werde ich bleiben, bis mein Vater darüber entscheidet, war ihre Antwort. Meine süße Ilda kann keine schönere Brautjungfer bekommen. Wie? sagte sie, mitten in der Trauer denkst du daran, Hochzeit zu halten? Ich muß es thun. Ilda bedarf einer Stütze, der alte Mann dort verlangt Ersatz für seinen Sohn. Frage Ilda selbst, sie ist zu verständig, um nicht einzusehen, daß ich in diesem Unglück als ihr Gatte neben ihr stehen muß. Lustig! Lustig! rief der Voigt. Was hilft es, über Dinge zu seufzen, die nicht zu ändern sind. Trinke dein Glas aus, Helgestad, ich gebe dir einen andern guten Sohn und bekomme dafür ein feines Töchterchen. Sieh nach dem Tische, Paul, bist Herr hier im Hause. 519 Kopf in die Höhe, Niels, bist dein Leben lang ein stolzer Mann gewesen, sei es auch jetzt. Er schlug Helgestad auf die Schulter, daß dieser aufschreckte. – Wird Alles noch gut werden, Freund, fuhr er fort, wir werden im Glücke unserer Kinder leben und das Leid vergessen. Wenn der Gerichtstag vorbei ist, fahren wir Alle an den Lyngenfjord und feiern ganz in der Stille Paul's und Ilda's Verbindung. Ist richtig, sagte Helgestad, erst muß der Gerichtstag vorbei sein. Habt den Afraja doch fest, daß er nicht loskann? Sei ohne Sorge, der sitzt hier unten im festen Keller. Er ist zwar ein Hexenmeister, aber heraus kommt er doch nicht eher, bis die Knechte ihn holen. Und wo ist Johann Marstrand? fragte Hannah. Fein säuberlich unter dem Dach, antwortete der Voigt. Ein Junker muß immer oben sein. Wir haben dort auch ein paar feste Kämmerchen für Standespersonen. Oben und unten Graus und wir in der Mitte im Braus, lachte Hannah. Was wird man mit den beiden Sündern machen? Der Lappe wird ein gut Theil Holzkohlen kosten, sagte der Voigt. Lovmann Erichsen hat schon daran gedacht und den Theer besorgt. Hat der Junker Unglück, kann er leicht mit hinaufsteigen. Bei diesen fürchterlichen Worten richtete sich Ilda starr von ihrem Stuhle auf. Sie war noch bleicher geworden, aber Paul öffnete eben die Seitenthür und sagte freundlich: Komm, meine Herzens-Ilda. Sitze zum ersten Male an deinem Tisch in deinem Hause und laß uns froh sein, so viel wir es vermögen. Wie sollte aber Frohsinn an diesem Mahle Theil nehmen? Helgestad war munterer geworden, der Genuß starker Getränke brachte sein Blut in Bewegung und riß ihn aus seiner Schweigsamkeit. Es war natürlich, daß der bevorstehende Tag den meisten Stoff zu den Gesprächen bot und manche besondere Umstände kamen zur Sprache. Es war Nachricht an den Lyngenfjord gekommen, daß Klaus Hornemann am Alten krank darnieder läge, und der Voigt meinte spottend, daß dies von Gottes Hand so gefügt sei, weil sonst der Priester nicht ermangelt haben würde, sich einzumischen. 520 Ich beklage es dennoch, antwortete Paul, und wünschte, er wäre zugegen, damit er selbst sich überzeugen könnte, daß Alles, was geschieht, nach Gesetz und Recht verläuft. Er hat auch einen Brief an mich geschrieben, worin er Aufschub und Bericht an den Gouverneur vorschlägt. Leider bin ich nicht im Stande, darauf einzugehen, wie gern ich es auch möchte. Und warum bist du es nicht im Stande? fragte Ilda. Frage meinen Oheim, sagte er. Das ganze Land fordert Gerechtigkeit, Jeder weiß, worum es sich handelt. Die Finnmarken haben ihren Gerichtshof, eine Appellation an den Gouverneur würde überall verdammt und verneint werden. Die Aufregung ist so groß, daß man uns als Verräther an des Landes Rechten und Sache betrachten würde. Aber wie kann ein rechtes Urtheil da gefällt werden, rief Hannah, wo, wie du sagst, die Aufregung so groß und die Erbitterung so allgemein ist? Paul zuckte die Achseln. Ich würde es aufrichtig bedauern, sagte er, wenn ich glauben könnte, daß ein ungerechtes Urtheil zum Vorschein käme. Afraja's Verbrechen sind jedoch so überwiesen klar, daß kein Gericht in der Welt sie bezweifeln könnte. Verrath, Aufruhr, Mordanfälle und dabei Hexerei und heidnische Gräuel! rief der Voigt. Helgestad riß seine Augen auf und grinste, wie in früheren Zeiten. Nuh! sagte er, kommt besonders darauf an, daß der Höllenkerl bekennt, wo seine Schätze sind. Kommt darauf an, aus ihm herauszupressen, was wir wissen wollen. Denke, du weißt Paul, was wir ausmachten. Calculire, wird mein Trost sein für alles Weh, das die Schelme mir angethan. Dem Schreiber war diese Eröffnung unlieb. Er winkte Helgestad zu schweigen und sagte zugleich: Wenn er wirklich Schätze besitzt, so wird er bekennen müssen, damit sein Eigenthum Ersatz für den Schaden leistet. Von seinem Genossen ist ohnehin nichts zu bekommen. Helgestad sah ihn lange und hämisch an. Bist ein kluger Bursche, sprach er, wirst festhalten, was du hast. Hast Loppen haben wollen, nimmst den Balsfjord jetzt dazu. Aber halt richtige Rechnung, Paul, richtige Rechnung. Hast den Dänen dahin gebracht, wo er ist, gibt Leute genug, die da meinen, geschieht ihm Unrecht. Pfeifen Vögel 521 umher, singen besondere Lieder. Hat einer mir ein Lied vorgesungen – nuh! murmelte er, den Kopf schüttelnd, hast mein Wort, kann nimmermehr geschehen. Ich denke, wir kennen uns, sagte Petersen. Keines Vogels Lied kann Mißtrauen zwischen uns bringen. Sage mir Eines, fragte Niels, indem er seine Augen groß aufmachte. Hat Björnarne niemals mit dir von ihr – von dem Mädchen – von dem verfluchten Balg gesprochen? Von Gula – niemals. Auf mein Wort! Der Priester will's behaupten. Sind Stimmen da, die meinen – Sein wilder Blick flog über den Schreiber hin, dann lachte er auf und schlug auf den Tisch. Ist höllische Lüge! Haben mich gebrandmarkt vor allem Volk! Hat's der falsche Däne ausgeschrieen. Denke, du hast ihn, Paul Petersen, wirst ihn nicht lassen – hast ihn! Die rachsüchtige Glut in seinem Gesicht machte einer Erschlaffung Platz. Mitten in seiner Rede schien er den Faden seiner Gedanken zu verlieren und indem er sich in seinen Stuhl zurücklegte, murmelte er vor sich hin: Wollte aber doch, Björnarne wäre hier, möchte hören, was er dazu sagte. Paul eilte, diese Scene zu beenden. Er sprach sanft und beruhigend, hoffte, daß ein guter ruhiger Schlaf helfen und stärken werde, und überließ Helgestad endlich der Sorge seines Onkels und der beiden Jungfrauen. Als er allein dann in seinem Zimmer war, ging er auf und ab, warf sich in seinen Lehnsessel, und sprang wieder auf. Endlich stand er still und horchte, die schweren Schritte Helgestad's polterten über seinem Kopfe. Er sah hinauf und lachte. – Alter Narr, flüsterte er, du hast Recht. Was ich habe, halte ich fest und Rechnung will ich mit dir machen, richtige Rechnung. Mein ist jetzt Alles, was du erspart, erwuchert und ergaunert hast. Loppen, der Balsfjord und dein Wunder von Weisheit und Schönheit, deine Ilda. – Was haben sie dem Alten zugeflüstert? Was hat der verdammte Priester geschrieben? Ehe er sich rühren kann, muß Alles vorbei sein. Und es wird vorbei sein, sagte er, indem er ein Licht nahm und in die Kanzlei ging. 522 Er öffnete einen großen düstern Schrank, der schwarz vor Alter war, und leuchtete hinein. Allerlei schreckliche Instrumente lagen auf den Brettern. Schrauben und eiserne Keile, rostige Ketten und verstäubte Schnüre. Endlich nahm er eines davon heraus, ein breites Eisenband, das durch ein Gewinde eng zusammengepreßt werden konnte. Was der menschliche Geist erfinderisch ist, murmelte er, wenn es darauf ankommt, im Dienste Gottes und der Wahrheit sich anzustrengen. Er hörte ein Geräusch, und als er umblickte, erschrack er. Ilda stand wenige Schritte vor ihm. Was hast du da? fragte sie, ehe er reden konnte. Ein probates Mittel gegen Falschheit und Verrath. Das wäre, was du brauchst, antwortete sie. Morgen kann es geschehen, sagte er. Sie faltete die Hände wie in großer Angst und sah ihn starr an. Ich will mit dir sprechen, begann sie leise, es muß so sein. So komm, sagte er den Schrank schließend. Wie gern, mein süßes Herz, plaudere ich mit dir. Bleib, sprach sie, hier zur Stelle sollst du mich hören. Ich habe eine Bitte an dich. Welche Bitte wäre es, die ich dir nicht gern erfüllte! Ilda holte tief Athem, ihr Kopf schien einen Augenblick unter der Last niederzusinken, dann richtete sie ihn hoch empor, und mehr wie je sah sie geisterhaft in dem schwarzen Trauerkleide aus. Rette ihn, sagte sie, mühsam die Worte vorzwängend, rette Johann Marstrand von der Schmach, die ihm droht, und ich will dich segnen! Wie kann ich ihn retten, theure Ilda? Du weißt, daß er unschuldig ist, fuhr sie fort. O! bei Gottes ewiger Gnade, thue dies falsche Lächeln ab, du weißt, daß auch Afraja die Schuld nicht hat, die du ihm beilegst. Ich lege ihm keine Schuld bei, sagte Paul. Ich will freudig sein, wenn seine Richter ihn lossprechen. Du lügst, du heuchelst! rief Ilda, und die zitternde Bewegung ihrer Hände verrieth ihre Verzweiflung. Es gibt ein Auge, das in jedes Herz sieht, es gibt ein Ohr, das jeden Gedanken hört. Sieh mich an, Paul, sieh mich an und richte über dich. 523 Das, antwortete er, will ich dir überlassen, und wie ich fürchte, ist dein Urtheil grausam hart. Nein, sagte sie, indem sie seine Hand faßte, ich will bei dir stehen, was auch kommen mag. Dienen will ich dir, wie deine Magd, keine Klage sollst du hören. Nimm Alles, nimm, was ich habe, nimm mich selbst, wann du willst, ich bin dein Eigenthum. Aber rette den unschuldigen Mann, rette ihn! Auf meinen Knieen will ich dir Gehorsam schwören! Wie sie vor ihm kniete, füllten sich seine Augen mit Wuth und Hohn. Du kniest vor mir, sprach er langsam, als wolle er seine Lust und ihre Qualen verlängern, warum kniest du? Keine Macht hätte dich beugen können. Sprich die Wahrheit, ich will sie hören. Warum kannst du kniend um diesen elenden Dänen bitten? Sie beugte den Kopf tief nieder, dann hob sie ihn ruhig zu ihrem Verlobten auf. Weil ich ihn liebe! antwortete sie mit leiser fester Stimme. Du liebst ihn – liebst ihn noch? Noch und immer! sagte sie. Er biß die Zähne zusammen und faßte nach seiner Seite. – O! du edle Seele, rief er dann, wie du aufrichtig sein kannst! Du liebst ihn, liebst ihn immer! Und wenn du an meiner Seite liegst, wirst du denken, seine Arme umfassen deinen Leib. Nein! sprach sie, indem sie aufstand, mein Elend wird immer bei mir sein. Wie leid thut es mir, daß ich es vermehren muß, fiel er ein, wie bedauerlich wäre es, wenn dein zärtlich geliebter Freund morgen mit dem Zauberer, seinem Spießgesellen, in Flammen zum Himmel führe. Ilda hob ihre Arme flehend auf, aber hinter ihr an der Thüre sagte eine andere Stimme: Das wird er nicht; leicht aber könnte es sein, daß der Teufel dir selbst näher ist, wie du denkst. Allerliebst, schrie Paul. Dachte ich es doch, daß die Komödie noch einen Akt hätte. Nur näher, Hannah Fandrem, du darfst nirgend fehlen, wo ich Spott und Schande zu tragen habe. Ich hoffe dabei zu sein, wo dir all dein Heucheln nichts mehr hilft, sagte Hannah, indem sie neben Ilda trat. Zu ihrem Schutze bin ich 524 hier und will in meiner Weise ein Wort mit dir reden, da ich besser verstehe, dein Herz zu rühren. Dies grausame, bethörte Volk will sein Opfer haben. Schlachtet den alten Mann, wenn ihr es wagt, die Rache wird nicht auf sich warten lassen. Viele Lappen werden nach Schweden hinüberziehen oder an das Eismeer, um sich von Eurer Grausamkeit zu befreien; der Handel wird sich verringern, die Märkte werden abnehmen, aber auch die Regierung wird Euch das Henkerhandwerk legen. Thue darin, was du für klug hälst, doch unklug bist du, wenn du in deinem Hasse nicht sehen willst, was geschieht, wenn du Marstrand zu opfern denkst. – Zu eines Edelmannes Tod wird die Regierung nimmer schweigen. Du wirst Rechenschaft geben müssen, das Schwert wird über deinem eigenen Haupte hängen. Da wollen wir es hängen lassen, sagte er, bis du einmal eine Stecknadel brauchst und es abschneidest. Unterbrich mich nicht, fuhr sie fort, und spotte nicht. Wäre Helgestad nicht mein Vetter, Ilda nicht meine Freundin, heute noch wollte ich meine Hand gegen dich aufheben, aber es wird kommen ohne mich. Wahre dich, du falscher Mann, ich denke, deine Tage sind gezählt. Zeugen werden gegen dich aufstehen, die dir beweisen, daß du all dies Unheil verschuldet hast. Krümme dich, wie du willst, du sollst es büßen. Du, der an Nichts glaubt, du, der Gott jeden Tag verspottet, du willst einen armen Greis verdammen, weil er kein Christ ist und Zauberkünste treibt? Verständest du dergleichen, dann wehe allen guten Menschen auf Erden! Aber Klaus Hornemann wird kommen und gegen dich aufstehen, und wenn es Niemand thut, so will ich es thun. Mache Johann Marstrand frei, oder morgen sollst du mich hören. In den Gerichtskreis will ich treten und laut ausrufen: Dieser da hat Björnarne gemordet, dieser da hat meinen Bräutigam verlockt und verführt, seine Leidenschaft zu Gula, dem Lappenmädchen bis zur Tollheit angeblasen, damit er verflucht, enterbt und verstoßen würde. Daß du es weißt, du gieriger Mann, dreißigtausend Thaler sollst du mir dann zahlen, die Helgestad als Reugeld gelobt hat, wenn Björnarne mich verschmähte, und verschmäht hat er mich mit Hülfe deiner Liste und Ränke. Gib den Herrn Marstrand los und gib ihm den Balsfjord zurück, den du ihm 525 stehlen willst, so kann es sein, daß du davon kommst, bis Gott dich findet. Mühe dich um den Schuldlosen, diene ihm, vielleicht schweigt er um Ilda's willen und was zu ihr gehört; um den Graus, der aufgeweckt würde, und überläßt die Rache dem allmächtigen Herrn. – Und jetzt ist's genug mit dir, jetzt laß uns gehen, Ilda. Laß ihn zeigen, ob er Klugheit genug besitzt, sich aus seinen eigenen Schlingen zu retten. Petersen hatte mit Verachtung zugehört. Die Arme gekreuzt und Spott auf seinen Lippen, saß er da und ließ sie sprechen und gehen. Erst nach einiger Zeit stand er auf, kehrte in sein Zimmer zurück und strich dort behaglich durch sein langfallendes Haar. Ihr seid nicht die, von denen ich zu fürchten habe, sprach er. Tretet auf, wenn Ihr wollt, tausend Stimmen werden Euch zum Schweigen bringen. Aber geschehen muß, was geschehen soll, und wer weiß, ob ich die heißen Wünsche dieser verliebten Närrin nicht erfülle, weil ich will. Er nahm ein Licht, nahm Schlüssel aus einem Wandspind und trat auf den Flur hinaus. In einer Seitenkammer saß ein Gerichtsdiener, die Arme auf den Tisch gestützt, den Kopf in die Hände. Als der strenge Landrichter eintrat, sprang er auf. Oeffne die Thür, sagte Petersen, und der Mann schob die schweren Riegel zurück und ließ seinen Vorgesetzten in einen Gang treten, zu welchem ein halbes Dutzend Stufen hinabführten. Das Amtshaus war ein Balkengebäude, wie alle hier; aber es ruhte auf mächtigen Felsenbruchstücken, die ein festes Gewölbe bildeten. Der Sorenskriver ging den Gang hinab, links und rechts waren Verschläge von dicken Bohlen. Einer derselben war mit einem großen Schlosse verwahrt; als er dies losgemacht hatte, trat er hinein. Da saß ein gespenstisches Wesen in dem engen niedrigen Raume, in welchem Paul sich nicht aufrichten konnte. Er hielt das Licht hoch und ließ dessen Schein auf den unförmlichen Klumpen in der Ecke fallen, der sich nicht regte. Ein großer Stein lag dort, eine Kette war in der Wand befestigt und hing an einem Eisenring, der den Hals des unglücklichen Gefangenen umschloß, dessen Kopf und Gesicht unter langen abgemagerten Händen und wilden strehnigen Haaren verborgen war. 526 Der Sorenskriver setzte sich auf einen anderen Stein an der Thüre, stellte die Leuchte vor sich an den Boden und sagte dann in mildem Tone: Das ist ein schlechter Aufenthalt, Afraja, für einen Mann, der in der frischen Luft der Gamme alt geworden ist. Morgen ist Gerichtstag, und Gott erbarme sich deiner! Du hast bis jetzt jede Antwort verweigert, hast hartnäckig alle Ermahnungen verachtet, ich komme zum letzten Male zu dir, um zu fragen, ob du bereust und demüthig bist? Sieh', fuhr er fort, als er keine Antwort erhielt, es könnte doch sein, daß ich Mittel wüßte, dir Gutes zu thun. Lebendig verbrennen ist ein fürchterlicher Tod, und jetzt ist der Herbst da, wo deine Thiere auf die Alpen wollen, wo der Wind kalt über die Haide streicht und sieben Sterne über dem Kilpis funkeln. Ein langes dumpfes Stöhnen kam aus der düsteren Ecke, Petersen lächelte. Besser ist es zu leben, sprach er, als zu Asche zu verkohlen, besser um Gnade zu bitten, denn wie ein Thier stumpfsinnig sein Schicksal zu erwarten. Du bist ein Mann, der nachzudenken weiß. Du wirst nicht thöricht träumen, daß jemals dein Fuß frei über die Fjelder geht, daß deine Augen die braune Heerde wieder sehen. – Er hielt inne und sagte dann leiser flüsternd: Ich kann dich dahin bringen. Ich allein bin im Stande, dir die Freiheit wieder zu schaffen, und ich will es thun, wenn du klug bist. Du willst es thun? fragte Afraja, der zuerst den Kopf aufhob und das Haar von seinem gelben, verfallenem Gesicht strich. Armer alter Bursche, sagte Petersen, du bist blaß geworden, doch die feuchte Luft hat deinen Augen wohl gethan, sie sehen so groß und klar aus, wie niemals. – Ja, ich will es thun, ich wiederhole es. Du sollst frei werden, sollst deine Gamme und deine Thiere wieder haben, sollst beliebig im frischen Schnee statt in Flammen dein Haupt betten; nur klug mußt du sein und deine Ohren aufmachen. Daß ich das, was ich thun will, nicht umsonst thue, fuhr er fort, indem er damit Afraja's starren Blick beantwortete, versteht sich von selbst. Mein Wort darauf, du sollst nicht brennen, wenn du reumüthig morgen auf deinen Knieen liegst, deine Zaubereien für Aberglauben und Lügen erklärst, deinen Jubinal sammt dem ganzen übrigen Götterpack verfluchst, um die heilige Taufe bittest und wegen 527 aller deiner begangenen Frevel um Erbarmen flehst. Du wirst eingesperrt werden und eine Tracht Hiebe bekommen, aber dein Rücken wird heil werden, und diese Thür werde ich dir selbst öffnen. Und du? fragte der alte Mann. Ich – ich komme zuletzt. Ich fordere nur Eines von dir. Du bist alt, hast keine Kinder. Mortuno, der wackere Bursche, ist todt, Gula liegt begraben – ich will dein Erbe sein, deine Dankbarkeit soll mich dazu machen. Das ist Alles, was ich von dir verlange, und gewiß sehr wenig. Du hast Geld, wo soll es bleiben? Oeffne dein Herz, Afraja, und vertraue mir. Bei Gott! du sollst es nicht bereuen. Sei aufrichtig, alter Schelm. Ich weiß, daß du Geheimnisse bewahrst, weiß, daß du verborgene Minen und Plätze, Silberadern, Höhlen kennst, wo das gediegene Erz funkelt. Lüge nicht, ich habe Beweise! Ist es so? Ja, Herr, sagte Afraja, wer es dir sagte, hat recht gesagt. Es gibt Silber dort so viel, wie alle Rennthiere der Finnmarken nicht fortschaffen würden. Da hängen lange Trauben klingend, glänzend von den Decken, da springt es eckig aus allen Wänden, schiebt blitzende Stücke aus allen Fugen, steigt aus der Tiefe auf und senkt sich von oben. Jubinal sitzt in seinem Hause nicht besser, und im Meeresgrund, wo, wie ihr sagt, die Wassertrollen in ihren Grotten liegen aus glitzrigem Stein und goldenen Netzen, haben sie nimmer doch, was ich habe. Der Schreiber hörte lauernd zu. Seine Augen öffneten sich gierig, er streckte den Kopf vor, seine Hände zitterten, glühend heißes Verlangen erfüllte ihn. – Und mehr als eine solche Höhle weißt du? fragte er, scheu umblickend, ob auch Niemand lausche. Viele! Viele! sagte Afraja. So weit und groß, daß kein Fuß sie ausmißt; so gefüllt mit Silberblumen und Bäumen, daß es ein Garten ist, wie ihn kein Auge jemals sah. Gut, murmelte Petersen hastig, du sollst mich dahin führen, nichts darfst du mir verschweigen. Schwöre bei deinem Jubinal, daß du mich führen willst, und ich will dir beistehen. Willst du wirklich? flüsterte der Gefangene. Verlaß dich darauf. Du sollst keinen besseren Freund haben. Du, mein Freund? 528 Ich sage dir, daß ich dich schützen will bis an dein Ende. Sieh' hier, da ist eine Flasche Nektar für dich. Morgen sollst du aus diesem Loch, es soll dir wohl gehen. Täglich sollst du Speise und Trank bekommen, wie es dir gefällt, und keine zwei Wochen sollen vergehen, so bist du auf deinen Bergen. Afraja hatte sich aufgerichtet, die Kette klirrte an seinem Halseisen, sein greiser, magerer Körper schwankte, aber seinen Kopf hielt er stolz in die Höhe und aus seinen Augen strömte ein wildes Entzücken. Nimm und freue dich, sagte Petersen, aber erst schwöre bei Jubinal, denn solchen Schwur hälst du. Sorenskriver, sprach der alte Mann, indem er seinen Arm ausstreckte, ich weiß Silber – Silberberge, Niemand weiß sie, aber könnte ich leben bis Jubinal's Reich kömmt, müßte ich brennen, bis Pekel die Welt vernichtet, du solltest Nichts davon erfahren. Besinne dich, du Narr! antwortete Paul, finster lachend, besinne dich, Feuer thut weh. Wohl thut es, wohl thut es mir! schrie Afraja, denn ich sehe, wie du dich krümmst. Wolf, der du bist, dein blutiger Rachen macht mir keine Furcht. Feuer ist in deinen Augen, brennend Feuer in deinen Adern. Heulen wirst du wie ein wildes Thier, ich lache dazu, ich lache! – Er lachte wie ein Besessener. Der Schreiber stand eine Minute lang, er suchte mühsam seinen Zorn zu bezwingen. Dann sagte er: Warte bis morgen, dann sieh' zu, ob du noch lachst, elendes Geschöpf. Willst du vernünftig sein? Sei verflucht! schrie Afraja, und solch ein langer schrecklicher Fluch hallte in dem Kerker wider, daß Paul in seiner ausbrechenden Wuth den Fuß nahm und den Lappen stieß, daß er niederstürzte. Bis morgen! rief er, die Faust schüttelnd und mit unterdrückter Stimme, bis morgen, sonst ist es vorbei mit dir, und die Thür zuschlagend und schließend ging er fort; Afraja's gellendes Hohngelächter folgte ihm nach. Oben im Hause stand Paul Petersen still. Sein Kopf war voll Fieberglut, sein Gehirn wollte sich ausdehnen und drückte gegen die Knochenwände. Es drehte sich mit ihm um, aber in seinem Herzen wühlte eine Angst, eine Gier, eine grimmige Wuth, zu wissen 529 und zu haben, was er nicht wußte und nicht hatte, die noch weit stärker war, als das Gefühl, daß er krank sei. Er stieg die Treppe hinauf, dann noch eine und horchte an einer wohlverwahrten Kammer. Leise schob er die Riegel zurück, öffnete das Schloß und trat hinein. Es war auch ein Gefängniß, aber ein besseres als das, welches er eben verlassen hatte. Ein kleines vergittertes Fenster ließ Licht und Luft ein und auf dem Bett in der Ecke lag Marstrand ruhig athmend. Da schläft er! murmelte Paul. Er kann schlafen, fest schlafen! Er trat an das Lager, der Lichtschein fiel in Johann's Gesicht; ein Lächeln war darin und plötzlich sagte er vernehmlich laut: Du bist es, Ilda, du kommst zu mir. Wacht auf! Wacht auf! rief Petersen, indem er den Schläfer beim Arm schüttelte. Ich habe mit Euch zu reden. Marstrand ermunterte sich. Warum stören Sie mich mitten in der Nacht? fragte er unmuthig. Wenn Jemand Einen, dessen Haus einstürzt, herausziehen will, ehe die Balken fallen, fragt er nicht nach Zeit und Stunde, antwortete der Schreiber. Ihre Hand, Herr Petersen, würde doch dabei jedenfalls die letzte sein, sagte Johann. Ich denke, antwortete Paul, wir haben Beide keine Zeit, uns deßwegen zu streiten. Beantworten Sie mir eine Frage, von der Vieles für Sie abhängt. Afraja hat, um Sie für seine nichtswürdigen Pläne zu gewinnen, Ihnen entdeckt, wo die Silberschätze sind, die er kennt. Marstrand antwortete nicht. Herr Marstrand, begann Petersen von Neuem, Mancherlei kann sich ändern, wenn Sie wollen. Ich beklage Ihr Schicksal, ich möchte gern etwas thun. Es gibt Jemand, fuhr er leiser fort, dem ich gelobt habe, Sie zu schützen. Ich bedarf Ihres Schutzes nicht! rief der Gefangene, indem er heftig aufstand. Petersen achtete nicht darauf. – Wir könnten uns verständigen, sagte er freundlich, selbst der Balsfjord könnte Ihnen wieder gehören. Der ist mein und soll es bleiben. 530 Wenn Sie es nicht vorziehen, einen besseren Aufenthalt zu wählen. Gott weiß es, wohin mich mein Mitgefühl bringen könnte. Es ist nicht angenehm, vor ein offenes Gericht zu treten, umringt von einem fanatischen Volke; besser vielleicht, sich entfernen, und in einem stillen Hause abwarten, bis der Sturm sich gelegt hat. Ich würde nicht gehen, auch wenn alle Thüren offen ständen, sagte Johann. Gut, so bleiben Sie. Ich hoffe, daß bei einer geschickten Vertheidigung Ihre ehrenvolle Freisprechung nicht ausbleibt. Ich hoffe, daß Lüge und Bosheit zu Schanden werden. Nehmen Sie meinen Rath und meine Hülfe an und was ich immer vermag, soll geschehen. Hätten wir uns doch eher besser kennen gelernt, so würde es anders mit uns stehen. Fort mit allem Schein, sagte der Junker, ich denke, wir kennen uns genau genug. Gerade heraus, Herr Petersen. Was wollen Sie? Meine Frage wiederholen, erwiderte Paul. Wo ist die Silberhöhle, wohin Afraja Sie geführt hat? Ich weiß von keiner Silberhöhle. Sie wissen nichts? fragte Paul, indem er in seine Tasche faßte. Sehen Sie hier, dies Silberstück ist in Ihrem Rocke gefunden worden. Es ist aus den Steinen losgerissen, in denen es festsaß, und sieht auf ein Haar so aus, wie die Silberblumen, die zuweilen in reichen Schachten wachsen. Ist ihr Gedächtniß jetzt stärker geworden? Der Gefangene sann einen Augenblick nach, dann sagte er: Nein, ich weiß nichts! Was ich weiß, könnte Ihnen nichts helfen, und wenn ich wüßte, was Sie wünschen, würde ich doch nimmermehr in Ihre Zumuthungen willigen. Nicht? – Nein, niemals! Bedenken Sie, was Sie thun. Betrug und nichts als Betrug, sagte Johann verächtlich. Ränke und gewissenloses Thun ohne Ende. Sie werden nichts von mir erfahren. Wollen Sie meine Hand nicht annehmen? Soll Ilda vergebens auf ihren Knieen mich um Ihre Rettung angefleht haben? Elender! schrie Marstrand; auf ihren Knieen vor dir? Du lügst! 531 Ich könnte dir das Gehirn einschlagen, wenn ich nicht wüßte, daß du der größte Schurke auf Erden wärest. Er stieß ihn von sich und eilig zog sich der Schreiber zurück. Nun ist es aus! murmelte er, als er die Treppe hinunter ging. Er soll sterben und wenn der König selbst sein Vetter wäre! 25. Der Gerichtstag brach an und es war ein heller, heiterer Tag. Tromsöe liegt auf einer Insel, die durch einen Meeresarm vom Festlande getrennt wird. Es liegt dicht an einem flachen Ufer, hinter welchem eine kahle Höhe aufsteigt, die damals noch weit öder war, wie jetzt, wo man einigen Anbau versucht hat. Drei- bis vierhundert Menschen wohnten in dieser Hauptniederlassung der Finnmarken, meist Fischer, einige Handwerker und die Dienstleute und Gehülfen der Handelsleute; heute aber hatte sich diese Bevölkerung um das Zehnfache vermehrt, denn von allen Orten aus der Nähe und Ferne waren sie gekommen. Schon am vergangenen Tage kam Zulauf aus dem Lande; während der Nacht steuerte manches Boot in den Trommensund und als die Sonne kam, war das Wasser belebt von kleinen und großen Fahrzeugen. Von den Inseln und Fjorden zogen sie her, Untervoigte und Gerichtsschreiber, Priester und Handelsherren mit Frauen und Kindern, wie zu einem Feste; noch mehr aber das halbwilde Volk aus den drei oder vier Volksstämmen, die hier ihre Heimath gefunden hatten. Sie lagerten sich auf den Plätzen, in den Hütten und Schoppen und am Ufer, kochten und schmausten, tranken und stritten, fluchten und verdammten den heidnischen, verstockten Höllenteufel, erzählten sich, daß er im tiefen Loche läge, ohne ein Wort zu sprechen, und liefen in einen Hof, wo sie mit Freuden die Haufen Holzscheite betrachteten, die dort aufgestapelt waren. Lärm, Gelächter, Begrüßungen neu Ankommender und rohe Späße nahmen zu, je später es wurde; nach und nach aber drängte sich die Masse immer mehr dem Amtshause zu und bildete endlich einen weiten Kreis um den Platz, in dessen 532 Mitte ein etwas erhöhtes Gerüst stand. Da war ein Tisch mit schwarzem Tuche bedeckt und Stühle daran gestellt. Mehrere lange Bänke standen hinter den Plätzen der Richter, vor dem Tische aber zwei rohe Holzsessel, und an der Ecke ein anderer Tisch, über welchem eine rothe Hülle lag. In dem Amtshause und in den umliegenden Häusern hatte sich die Aristokratie untergebracht. Alle Fenster waren mit Mädchen und Frauen besetzt, in so schönem Putz, wie sie diesen besaßen. Um den Gerichtsplatz dagegen drängte sich Kopf an Kopf, in Glanzhüten und Kappen von Pelz und Fell. Die Männer mit ihren harten verwetterten Gesichtern, die Weiber in langen Zöpfen und bunten Tüchern, Kinder auf ihren Schultern und Säuglinge an den Brüsten; versäumen wollte Keiner etwas. Plötzlich läutete eine Glocke und da kamen sie aus dem Amte. Der Voigt voran in dem gestickten Rock mit Untervoigten, Gerichtsmännern und Amtsboten; dann sein Gehülfe für das Rechtswesen, der Schreiber, dem Akten und Papiere nachgetragen wurden; endlich paarweise die sechs Beisitzer, bekannte Handelsleute, in ihren dunkeln, langen Röcken. Der Voigt nahm in der Mitte Platz, der Schreiber zu seiner Rechten, die Beisitzer zu beiden Seiten. Auf die Bänke setzten sich die übrigen Beamten und Lovmänner, Lensmänner und Begünstigte. Tiefes Schweigen war überall und alle Blicke auf den Voigt gerichtet, der aufstand, mit einem weißen Stabe auf den Tisch schlug und mit lauter Stimme sagte: Der Ting ist eröffnet! Gott, der Allmächtige, stehe uns bei, daß wir ein rechtes Gericht halten! Bringt die Gefangenen auf die Tingstätte. Nach einigen Minuten wurden sie herausgeführt und ein dumpfes Gemurmel, das wie die Meeresbrandung anschwoll und wieder aufhörte, begleitete den Zug. Die Frauen beugten sich aus den Fenstern, die Männer drängten sich über deren Köpfe fort, der ganze Kreis der Tausende wogte hin und her, stieß und ballte sich, um die Hauptpersonen dieses Dramas zu sehen. Wer von den Beiden die meiste Anziehungskraft für diese Zuschauer besaß, war schwer zu entscheiden. Der alte, mißgeformte, gebeugte Afraja konnte sich schwer auf seinen Füßen halten. Die Kette hatten sie ihm abgenommen und ihm eine 533 reinliche braune Lappenblouse gegeben. Sein grauer Kopf war entblößt, sein langes Haar über die Schultern geworfen und sein Gesicht hatte wirklich, trotz seiner Leiden und seiner Abmagerung, gewonnen; er sah ernst und würdig aus. Seine Augen blickten klar auf die große Menschenmasse und ohne eine Bewegung von Schrecken oder Furcht sah er in die wilden, feindlichen, höhnenden Gesichter. Als er auf das niedrige Gerüst stieg, gab ihm sein Unglücksgenosse die Hand, denn kein Anderer that es; doch diese mitleidige Handlung schien den Unwillen zu vermehren. Schämt Euch! schrie ein Weib, das vor ihm stand. – Seht, wie er ihn an sich drückt, riefen Mehrere. – Fein sieht er aus, sagte ein mächtiger Fischer, man sollt's nicht glauben, ist aber ein Däne. Ist Alles falsch in ihm! Marstrand trug seinen blauen schlichten Rock, wie ein Gaardbesitzer, aber es gibt Gestalten, die, mögen sie in den Lumpen eines Bettlers erscheinen, doch auch darin mit unzerstörbarer Anmuth sich bewegen. Sein großer, schlanker Körper ragte hoch auf; sein schönes braunes Haar war mit einem Bande gebunden. Als er oben stand, schien er geneigt, sofort sprechen zu wollen, allein er setzte sich nieder, blickte um sich und erwartete den Zug der armen gefangenen Lappen, die unter Angst und Zagen herbeigebracht und seitwärts aufgestellt wurden. Jetzt stand der geschworne Schreiber auf und begann seinen Vortrag. Nach einer allgemeinen Einleitung, in welcher er erwähnte, daß seit langer Zeit keine Anklage auf Tod und Leben erhoben wurde, nun aber, zu des Landes Frieden und zu dessen Besten, das Hochgericht der Finnmarken versammelt werden mußte, wie Gesetz und Recht es vorgeschrieben, schilderte er die bösen Thaten, welche seit Jahr und Tag von den Lappen verübt worden seien, dann sprach er von Afraja, als von der bittersten Plage aller ehrlichen, friedfertigen Leute, von seinen Ränken und hinterlistigen Tücken, und nachdem er eine lange Schilderung der vielfachen Versuche gegeben hatte, ihn zum Christenthum zu bekehren, klagte er ihn des hartnäckigen Heidenthums, der Zauberei und verbrecherischer Plane an, Mord und Brand über die Finnmarken zu bringen. 534 Für Alles dies, fuhr er dann fort, sind Zeugen vorhanden, welche eidlich die Wahrheit erhärtet haben und die Ihr hören sollt, würdige Männer auf der Tingstätte; was jedoch den zweiten Angeklagten betrifft, Johann Marstrand, Freiherr aus dänischem Adel und ehemals Offizier und Kammerjunker Seiner Majestät des Königs Christian des Sechsten, so liegt der dringendste Verdacht vor, daß er um alle die bösen Thaten Afraja's gewußt und sich mit ihm zu deren Vollführung verbunden hat. Als der Schreiber seinen Namen nannte, stand Marstrand auf und kaum war der Satz vollendet, als er mit fester, lauter Stimme sagte: Jedes Wort, das über mich gesprochen wurde, ist eine Lüge, und der dies ausgedacht hat, ist ein verfluchter Verläumder! Schweigen Sie! sagte Paul Petersen, bis es Zeit ist zum Reden. Diese Zeit ist da, antwortete Johann. Ich will sprechen, ich will vor diesem Ting erklären, daß ich ein unschuldig verläumdeter Mann bin, dem Bosheit nach Gut und Leben greift. Ich will sprechen und die Anklage auf den zurückschleudern von dem sie ausgeht. Sie, Paul Petersen, Sie haben die Fäden zu diesem ganzen Lügengewebe gesponnen und halten es in der Hand. Ich klage Sie an, als den schlimmsten und ersten Verbrecher in diesem Lande! Die Ueberraschung bewirkte, daß die Stille nicht unterbrochen wurde. Der weite Kreis sah starr und stumm auf die beiden Männer. Der dänische Junker, groß, stattlich, mit seinem ausdrucksvollen Gesichte und seiner kühnen Entschlossenheit, machte einen ganz anderen Eindruck wie der Schreiber, der einige Minuten lang verwirrt und unentschlossen zu sein schien. Bald aber hatte er seine ganze Selbstbeherrschung wiedergewonnen. Seine dunklen blutig unterlaufenen Augen mäßigten ihre Wildheit, Haß und Hohn zogen sich aus den Fibern seines Gesichts zurück, und wie er seinen Arm ausstreckte, schwieg das furchtbare Geschrei, das sich in dem Volkskreise erhoben hatte. Sie können mich nicht schmähen, Herr Marstrand, sagte er, denn Sie sind ein dem Gesetz verfallener Mann. Ich habe Ihnen auf dem Lyngenmarkt das Leben gerettet und würde es auch jetzt thun, wenn Zorn über Ihr unwürdiges Benehmen ausbrechen wollte. – 535 Ruhe im Ting, ihr Männer! und Sie, Herr, verschlimmern Sie Ihre Sache nicht, Sie werden genug daran zu tragen haben. Ein allgemeines beifälliges Grunzen antwortete ihm. Marstrand sah überall düstere, wutherfüllte Gesichter, die ihm Unheil verkündigten. Ich spreche zum letzten Male, rief er aus, um gegen Alles, was hier geschieht, zu protestiren! Ich war nicht allein ein dänischer Edelmann, ein Offizier und Kammerjunker des Königs, ich bin dies Alles noch jetzt. Wessen ich auch beschuldigt werde, kein Gesetz darf mich richten, kein Gerichtshof ein Urtheil fällen, als der, an dessen Spitze der König selbst steht. Thut was Ihr wollt gegen mich, aber seid sicher, es wird nicht ungerächt bleiben. Seiner Majestät Gnade befehle ich mich, dem hohen Reichsrath und dem Gouverneur von Norwegen! Diese Ausrufungen blieben nicht ohne Eindruck. Der Volkshaufe antwortete zwar mit einem Gebrüll, aus dem sich Stimmen hören ließen, die Reichsrath und Gouverneur zu allen Teufeln wünschten, aber es gab doch auch bedenkliche Gesichter, die bei dem Namen und der angedrohten Rache des Königs die Augen niederschlugen, und sich daran erinnerten, daß die Privilegien der Finnmarken eine Sache seien, die längst schon gehässig genug beurtheilt wurde. Die Beamten zu vermehren, natürlich auch die Abgaben zu vermehren, die büreaukratische Gewalt und Organisation auszudehnen und dem Willen der Krone und des Gouverneurs größeren Nachdruck zu geben, war oft schon angeregt, doch nie ganz durchgeführt worden. Jetzt konnte der Haken gekrümmt werden, den man brauchte, um in's faule Fleisch zu fassen. Der Sorenskriver wurde jedoch von solchen Gedanken nicht gerührt. – Auf alle diese Einwendungen ist nichts zu geben, sagte er. Hier ist unser Gesetz, hier sind unsere Rechte! – Sie wollen nicht antworten? Nein. Und du, Afraja – auch du bleibst dabei, keine Antwort zu geben? Laß mich hören, was ich antworten soll, sagte der Lappe. Läugnest du, deinen heidnischen Göttern anzuhängen? Nein, antwortete der Greis laut und vernehmlich. Alle meine Väter haben zu Jubinal gebetet, so auch ich. 536 So bist du ein Verächter der christlichen Lehre. Du verspottest den Heiland, verachtest die Kirche, betest und opferst in den Saitas. Ich bete und opfere in den heiligen Steinkreisen, die dem Allvater gehören. Und dazu hast du auch deine Landsleute verlockt! Ich habe Niemand verlockt, Niemand bedroht, sagte der alte Mann. Jubinal's weiße Taube setzt sich auf die Schulter derer, die den Schlag ihrer Flügel hören. Jubinal ist kein Gott, der mit Gewalt und Strafen sich Kinder verschafft. Sein klares Auge sah dabei die Priester an, die mit dem dicken Henrick Sture auf der Bank saßen, und ein leises Lächeln lief durch sein Gesicht, als er ihr fanatisches Drohen hörte. Dein gräuliches Heidenthum läugnest du also nicht? begann der Schreiber wieder, aber du läugnest, daß du ein Zauberer und Hexenmeister bist. Nein, sagte Afraja. Wie? du gibst es zu? Ich bin ein Seidmann. Ich weiß Zaubersprüche. Die Götter hören mich! sprach Afraja langsam und vernehmlich. Erstaunen fesselte den ganzen Kreis. Unter der lautlosesten Stille fragte Paul Petersen: Du gestehst also, daß du Hexerei und Zauberei getrieben hast? Viele deines Stammes kamen zu mir, antwortete der Lappe. Christen kamen zu dem Heiden, um sich den Beistand seiner Götter zu kaufen. Bald wollten sie Gedeihen für ihr Vieh, bald für's Gras, bald sollte ihr Hafer reifen, bald forderten sie Glück für ihre Netze oder guten Wind für ihre Segel. Dein Gott konnte ihnen das Alles nicht geben. Willst du lästern, du Bösewicht! schrie Henrick Sture. Die Volksmasse schwieg. Es waren viele darunter, die selbst von Afraja allerlei Heil gekauft hatten. Kennst du dies Bild? fragte der Schreiber, indem er von dem Tische das kleine rohgeformte Metallbild nahm, das der unglückliche Olaf einst empfangen hatte. Ich kenne es. Was ist es? 537 Ich gab es deinem Genossen, sagte Afraja, als du mir sagtest, er müsse guten Wind haben. Du kannst also guten Wind machen? Ich kann es. Aber du logst. Wildes Wetter kam, Olaf ertrank; mit ihm Helgestad's einziger Sohn, Björnarne und dein eigen Kind. Afraja's schwerer Kopf gerieth in eine zitternde Bewegung, aber als er ihn aufrichtete, leuchteten seine Augen und mit größerer Kraft erwiderte er: Ich wußte, was kommen würde. Ich sah am Himmel Zeichen, die Niemand sieht und hörte Pekel's brüllende Stimme. So hast du dies Hexenzeichen verkauft, um die Männer zu verderben? Dich wollte ich verderben, der du ärger bist, als Wolf und Bär, schrie Afraja auf. So hast du wissentlichen Mord begangen, fuhr Petersen unerschüttert fort. Hasse mich, so viel du willst, aber sage mir, warum du unschuldige Menschen tödten wolltest? Wer ist unschuldig unter Euch? fragte Afraja. Seid Ihr nicht alle Räuber, die uns genommen haben, was uns gehörte? Haßt Ihr uns nicht? Quält Ihr uns nicht? Verachtet Ihr uns nicht, als wären wir Schlangen und giftiges Gewürm? Ist Gewalt und Unrecht nicht Alles was Ihr thut, und selbst du, blutgieriger, falscher Mann, bist du nicht als ein Räuber in meine Gamme gebrochen und hat dein Onkel dort, dein Großvater und dein ganzes Geschlecht je Besseres gethan? Und deßwegen war es deine Absicht, uns alle aus dem Lande zu jagen? Deßwegen wolltest du auf dem Lyngenmarkt den Anfang machen, wenn dein Neffe Mortuno dir nicht gefehlt hätte? Afraja ließ den Kopf auf die Brust sinken, seine Hände falteten sich. Jubinal's Arme haben meine Kinder aufgenommen, sagte er, sie leben mit ihm in seinem ewig blühenden Garten, ich werde bald bei ihnen sein, und fürchte dich nicht. Du aber wirst in Qual und Schande umkommen. Wehe! über deinen Stamm, möchte er enden wie du! Du gestehst ein, daß du mit Mord und Brand über das norwegische Volk in den Finnmarken herfallen wolltest? fragte der Schreiber. 538 Wie der Wolf gejagt wird, wenn er in unsere Heerden fällt, so wollte ich Euch jagen, antwortete der Greis. Und jetzt bekenne, da du so kühn bist, rief Petersen, ihn starr anblickend, bekenne laut: Welchen Umgang hattest du mit Johann Marstrand vom Balsfjord? Afraja wandte sich zu diesem und indem er seine Hände aufhob sagte er: Segen über dich, Segen und Frieden! Weil du gut und gerecht warst, war ich dein Freund und Diener. Hast du ihm nicht Geld gegeben, um seine Schulden zu bezahlen? Ich that es, weil du und Helgestad, Ihr Beide, ihn verderben wolltet. Und was gab er dir dafür? Ich verlangte nichts, ich war dankbar. Lüge nicht, Verräther! schrie der Schreiber mit rollenden wilden Augen. Er machte mit dir ein Bündniß, du versprachst ihm deine Tochter, mit der er längst Buhlschaft hielt. Er wußte um deine Verbrechen und verkaufte dir Fässer voll Pulver, die ich selbst in deiner Hütte fand und dort vernichtete. Heraus mit der Wahrheit, sie ist sonnenklar. Gestehe, oder ich will dich zum Bekennen bringen! Du willst mich zum Bekennen bringen? fragte der alte Mann. Ich verschweige Nichts, du siehst es. Was kannst du mir thun? Ein Gerichtsdiener nahm auf einen Wink des Schreibers die Decke von dem Nebentische fort, und, wie hart und roh das Volk auch war, das den Kreis bildete, faßte doch Schaudern und Grausen die Meisten an. Da lagen alle die alten Schrauben und Eisendrähte, die spitzen Keile und Knebel, welche der Schrank in der Kanzlei verwahrt hatte. Nach gültigem Gesetz ist es zulässig und nöthig, begann Petersen, daß wir zur peinlichen Frage schreiten, wenn ein verstockter Bösewicht die Wahrheit nicht eingestehen will! – Ich warne dich, Afraja, und fordere dich noch einmal auf, bekenne, daß Johann Marstrand vom Balsfjord wußte, was du thatest, daß er mit dir im Einverständniß war und dir zur Ausführung deines hochverrätherischen Verbrechens Pulver und Blei lieferte. Auf meine Ehre! Auf mein Gewissen! Vor Gottes ewigem Angesicht, ich habe nichts gewußt! rief Marstrand. Wer kann von mir so Unerhörtes, so Nichtswürdiges glauben?! 539 Greift ihn, Gerichtsboten! schrie der Schreiber. – Auf mit ihm! Nehmt die Schrauben. Halt! schrie eine Stimme außerhalb des Kreises. Haltet ein, im Namen Gottes! Paul Petersen ballte seine Hände zusammen, seine Augen glühten und sein Gesicht drückte Schmerzen aus, die ihn auf s Aeußerste zu martern schienen. Er erkannte die Stimme, erkannte den Mann, vor dem die Menge Platz machte, den er am wenigsten hier erwartet hatte, und bei dessen Anblick unbeschreibliche Wuth und doch nicht minder große Furcht ihn überkamen. Klaus Hornemann! sagte er zu dem Voigt. Was will der Schwärmer, der bei denen dort sitzen müßte! Mischt er sich ungebührlich ein, so soll er es büßen. Der Voigt neigte sich zu ihm, sie sprachen Beide heimlich und mit den Beisitzern, Priestern und Beamten, während der alte Missionär bis an die Stufen vordrang. In seinem schwarzen Kleide, über welches seine langen, weißen Locken fielen, sein ehrwürdiges Gesicht emporgehoben und seine großen blauen Augen voll edler Begeisterung, Mitleid und Trauer, fing er an zu sprechen. Voigt von Tromsöe! sagte er, ich fordere Sie auf, dies Gericht zu vertagen. Ich habe krank niedergelegen, sonst wäre ich eher gekommen. Als ich von diesem Tage hörte, habe ich mich aufgemacht und dem allmächtigen Gott sei Dank! ich bin nicht zu spät gekommen. Warum sollte ich den Ting vertagen? fragte der Voigt hart und gereizt. Weil in dieser unglücklichen Sache Vieles zu erforschen bleibt. Hier gibt es Eines nur noch zu erforschen, fiel der Schreiber ein, ob Johann Marstrand um die Verbrechen dieses Lappen gewußt hat. Afraja selbst hat bekannt, daß er ein Heide, ein Verächter der Kirche und ein Zauberer ist. Eben so hat er bekannt, daß er mit der Absicht, Unheil über ihn zu bringen, an Olaf Veigand ein Götzenbild verkaufte; endlich, daß er den Plan gemacht hatte, alle Normänner und deren Anhang zu morden und aus dem Lande zu vertreiben. Hat er das gethan? Ja, ja, schrieen zahlreiche Stimmen und die Beisitzer nickten. 540 Mein Herr und Gott! rief der alte Priester, geh' nicht mit ihm in's Gericht. Ja, er ist ein Heide, aber öffnet man mit dem Schwerte die Augen eines Blinden? Thörichter, vermessener Mann, wie kannst du dich selbst einen Zauberer nennen? Wärst du ein solcher, besäßest du höhere Kräfte, hättest du Umgang mit Geistern und Göttern, du würdest hier nicht verlassen sitzen, du würdest frei sein und dich befreien können. Der Teufel betrügt seine eigenen Kinder! schrie Henrick Sture. Ihr Richter und Herren, sagte Hornemann, hört nicht auf solche Anklage. Wehe denen, die in Finsterniß wandeln, sie werden keinen Theil haben am Lichte! Aber unser Gott ist ein Gott der Liebe, er erbarmt sich der Irrenden und Fehlenden. Ueberlaßt es ihm, zu bessern und zu strafen, überlaßt seiner Gnade die Sünder und Verächter. Sie sollen gerichtet werden! rief ein anderer geistlicher Herr. Gerichtet ja, sagte Klaus, doch von ihm, dem hohen und gerechten Richter, der sich des Schwachen erbarmt. Das Gesetz ist da, um die Verbrecher zu strafen, sprach der Voigt. Wir sitzen hier, wie es uns geziemt und können nicht dulden, daß man unser Ansehen verhöhnt. Herr Voigt, antwortete der Priester, ich ehre und achte die Obrigkeit, die in des Königs Namen tagt, aber ich komme von einem höhern Herrn, der mir ohne Furcht zu reden befiehlt. Es gibt kein Gesetz, das jetzt noch auf Götzendienst und Zauberei angewandt werden könnte. Mit Nichten! fiel Petersen ein. Wir haben das Gesetzbuch König Christian's des Vierten, wir haben dessen Befehle und Erlasse wegen Heidenwesen und Hexenunfug. Alles ist in voller Kraft bis auf diesen Tag. Und diese grausamen Befehle und Strafen, welche aus einer Zeit stammen, die sie verstehen konnte, wollen Sie jetzt noch anwenden? – Sie können und dürfen das nicht. Hier stehen würdige, ehrenhafte Männer genug, rief der Schreiber, hier stehen Priester, Diener Gottes, wie Sie selbst; hier stehen Richter und Herren aus allen Landestheilen; hier endlich sind Gaardbesitzer und Volk versammelt. Ich frage, ob wir diesen Lappen, der 541 seine Verbrechen eingesteht, nicht nach gültigem Gesetz richten können und dürfen? Recht, Sorenskriver, recht! schrieen viele Stimmen. Ein Theil sprang von den Sitzen und hob seinen Arm auf, Andere geriethen in Wuth; Henrick Sture drang auf den greisen Priester ein und mehrere wollten diesen anfassen und von dem Gerüst ziehen. Im Namen Gottes! Im Namen unseres Heilandes! rief der Greis, Ihr sollt mich nicht hindern. Hört mich Alle! Hört mich! Ihr kennt mich und wißt von meinem Wandel. Wir wissen von deinem Wandel bei den Lappen, die du immer schütztest! schrie Sture. Begeht kein Unrecht, vergießt kein Blut! fuhr Klaus fort. Wenn jemand richten soll, so muß es des Königs Stellvertreter in Norwegen sein. – Haltet ein mit diesem Gericht, meldet ihm, was geschehen, und überlaßt es ihm, zu urtheilen. Meint Ihr, rief Petersen boshaft, es könnte damit glücken? Seit Jahren macht Ihr Berichte, um die Lappen zu preisen, ihre Tugenden zu erheben, unsere Grausamkeit zu verdammen. Wir aber thun nichts Unrechtes; wir, die Obrigkeit dieses Landes, halten Recht und Gesetz in Ehren. Der Schreiber hatte einen Ton angeschlagen, der in's Herz traf. Die Rechte des Landes vertheidigen gegen den Gouverneur, die Freiheiten und Privilegien aufrecht erhalten, sich nicht ducken und zwingen lassen von Befehlen und Geboten aus Trondhjem und Kopenhagen, das war es, was Jeder verstand. Ein wüthendes Geschrei erhob sich. Hört mich! Hört mich! flehte Klaus Hornemann vergebens. Baalspriester, der seinen Gott verläßt! brüllte Henrick Sture. Friedensbruch! Gerichtsbruch! schrieen die Herren von den Bänken. Führt ihn fort, Gerichtsboten! befahl der Voigt. Der Greis stand demüthig, er weinte. In seines Herzens Angst hob er die Hände auf. Gott, mein Gott! rief er, beschütze du die Schuldlosen! Es entstand eine Stille, er konnte noch einmal seine Stimme erheben. – Wenn ich den unseligen Mann nicht retten kann, sagte er, so will ich für Johann Marstrand Zeugniß ablegen. Häuft nicht 542 Frevel auf Frevel! Ueber ihn kann nur der Gouverneur richten. Ladet Gottes und der Menschen Rache nicht auf Euch. Ich will Beweise liefern, daß er unschuldig ist. Fort mit ihm! Bringt ihn in Gewahrsam! schrie Paul Petersen, sein Zeugniß ist vom Uebel. Die Gerichtsboten umringten ihn. – Ich selbst – ich selbst, schrie er, aus dem Ting gestoßen, will vor des Königs Thron um diese Gräuel klagen! Mitten in dem Gewühl und Geschrei geschah die Berathung. Der Schreiber lag eine Zeitlang erschöpft in seinem Sessel. Er war dunkelroth von Anstrengung und Pein, dann sprang er auf und redete heftig, aber die Beisitzer schienen seine Meinung nicht zu theilen. Noch einmal fiel er hin, suchte auszuruhen und nachzudenken, dann stand er nochmals auf, hörte und sprach und sammelte die Stimmen. Als die Ruhe hergestellt war, wurde der Tisch, auf welchem die fürchterlichen Werkzeuge lagen, bedeckt, und nun wandte er sich zu Afraja. Der alte Mann hatte so still gesessen, als ginge ihn der Lärm Nichts an, und als er sein Urtheil hörte, waren seine Mienen freundlich, seine Augen klar und fest auf den Verkündiger gerichtet. Er lächelte vor sich hin, nie hatte er so friedlich ausgesehen. »Weil du geständig bist, ein Götzendiener und Zauberer zu sein, sagte Paul Petersen, und weil du Mord und Raub verübt und, ebenfalls nach deinem Geständniß, den schändlichen Plan gemacht hast, alle Normänner aus diesem Lande zu vertreiben, mit Gewalt, Brand und Mord, so soll man dich hinausführen auf die Richtstätte bei Tromsöe und soll dein sündiger Leib dort zu Asche verbrannt, die Asche in den Wind gestreut werden. Solches soll noch heut geschehen, so lange die Sonne am Himmel steht. Was aber Sie betrifft, Johann Marstrand vom Balsfjord, so sollen Sie Zeuge der Vollziehung dieses Urtheils sein, dann aber auf immer aus diesem Lande verbannt und zur weiteren Strafe in Ketten nach Trondhjem geführt werden, wo der Gouverneur von Norwegen mit Ihnen verfahren wird, wie es Recht ist. – So spricht das hohe Gericht zu Tromsöe, im Namen des Königs, nach des Landes Rechten und Gesetzen, nach wohlbegründeter Erwägung und strenger Pflicht vor Gott und Menschen!« 543 26. Es wollte Abend werden. Die Sonne schien roth auf die hohen Felsenköpfe, welche jenseit des Tromsöesundes aufsteigen. Nebelblau dämmerten unten die Schluchten und in der Stadt war es unheimlich still; die Häuser wie ausgestorben, nicht ein Mensch zu sehen, kein kauernder, rauchender Quäner an den Ufertreppen, kein Fischer auf dem Wasser, kein Weib an einer Thür. Nichts als leere Boote und Fahrzeuge, die auf krausen Wellen schaukelten, nichts als öde geschlossene Fenster um den ganzen stillen Platz. Plötzlich schallte von dem Hügel her ein langer wilder Schrei von Tausenden, der sich über Land und Meer fortwälzte, von den dunklen Bergen zurückprallte, widerhallte, schwächer wurde und erstarb. Eine Dampfsäule stieg auf, wie von einem ungeheuren Schornstein ausgestoßen. Schwer und finster wirbelte sie empor; unter ihr zuckte Feuer darin, Flammen wurden in die Luft gerissen, als helle Fackeln, die hoch aufloderten und erstickten, an hundert Stellen zugleich wieder hervorbrachen und in dem schwarzen Rauch verschwanden. Die Erde war von diesem bedeckt, der weite Menschenkreis eingehüllt, als wollte er sie und ihre Thaten verbergen und oben schien das Sonnenlicht, oben war es noch Tag. Große weiße Vögel zogen durch die Himmelsbläue, – sie nahmen Afraja's Seele und führten sie zu Jubinal's Gärten. Im Amtshause gab es nur drei Menschen, die, als sie den Schrei hörten, auf ihre Kniee sanken, weinten und beteten. Der alte Priester Klaus Hornemann war es, dem unter harter Drohung vom Voigte geboten war, sich nicht eher zu entfernen, bis er es ihm erlaube und neben ihm zu beiden Seiten knieeten Ilda und Hannah. Vater und Allerbarmer! betete der Greis, nimm, was ewig und unsterblich an ihm, gnädig in deine Hände. O! mein Herr und Gott, steh' deinem Geschöpfe bei in seiner Noth. Kühle die Flammen, rufe ihn zu dir, lindre seine Schmerzen, wie du des Gekreuzigten Schmerzen lindertest und sein Haupt neigtest, daß er entschlief. Die elenden Mörder! schrie Hannah aufspringend. Warum bin ich kein Mann! Warum habe ich keine Macht! Warum kann es Gott wollen, daß so Unerhörtes, so Grausames geschehen darf! 544 Wer vermag es, Gottes Wege zu erforschen! sagte Klaus seufzend. Gott, wenn du Gott bist! rief Hannah Fandrem inbrünstig und mit heißem Zorn; wenn du gerecht bist, ein Wesen, das Augen hat für Bosheit und Schmach, so sende deinen Racheengel aus. Bitten Sie nicht um Rache, liebe Tochter, antwortete der Missionär sanftmüthig, bitten Sie um Demuth, Glauben und Licht. – Ach, was wäre es denn, fuhr er fort, wenn der Mensch in seiner rohen Unvollkommenheit nicht durch schreckliche Beispiele gebessert und erzogen werden sollte! Vielleicht mußte es so geschehen, diese Gräuelthaten waren erforderlich, um sie für immer zu schließen. Die Nachricht davon wird Entsetzen verbreiten. Schauder und Abscheu werden in alle Herzen dringen und nun endlich werden die schrecklichen Gesetze aufgehoben und verdammt werden. – O! meine armen Kinder! Ist denn die menschliche Natur nicht wie ein wildes Feld voll Dornen? Zeigt uns die Geschichte der Menschheit nicht, daß jeder Schritt zum Besseren mit Blut und Leiden bezahlt werden muß? Was die ewige Weisheit des Schöpfers bezweckt, wir dürfen nicht fragen und nicht zürnen. Er hat es so angeordnet, er wird es ausführen. Niemand lebt und stirbt umsonst, der Herr bestimmt sein Geschick und wie es war, so war es nöthig. Das mag ein Trost im Glauben sein, antwortete Hannah, aber zusehen will ich darum nicht, wo Unrecht geschieht. Johann Marstrand lebt, sie wollen ihn in Ketten nach Trondhjem schleppen, Gott weiß, ob er je dahin kommt. Ich will ihn begleiten, will nicht von seiner Seite gehen – obwohl dies eine Andere thun müßte, setzte sie mit leiser Stimme und mit einem Blick auf Ilda hinzu. Das ist auch ein Werk, das ich zu vollführen habe, sagte Klaus. Ja, mein Kind, lassen Sie uns vereint für den armen Freund sorgen, vereint streben, ihm sein Schicksal zu erleichtern. Ich bin gewiß, in Trondhjem werden seine Leiden enden; der Gouverneur wird ein gerechter Richter sein. Und du, Ilda, du willst noch immer nichts als Unterwerfung, nichts als Gehorsam? fragte Hannah. Ich gehorche Gottes Willen, war die leise Antwort. O! über Gottes Willen! rief Hannah. Gehorche der Stimme in deinem Herzen, sie sagt dir, was Noth thut. 545 Hat seine Macht sich nicht an dir gezeigt? fuhr Ilda fort. Hat seine allmächtige Hand nicht plötzlich in deine finsteren Wege gegriffen und deinen Pfad aufgehellt? Meinen Pfad aufgehellt? Nein, Ilda! Er hat an deinem Vater nur vergolten, hat mich von dem frei gemacht, dem ich Qual war und in seiner Qual mein Verzweifeln vergaß, aber gegeben hat er mir nichts – nichts was mein war. Und Helgestad, fuhr sie fort, als Ilda schwieg, ist er nicht mit hinausgezogen, um den Tod des Opfers mit Lust anzuschauen, dessen Reichthum er mit dem Mörder theilen möchte? Hat er nicht hier vor deinen Ohren mit diesem schrecklichen Bräutigam verabredet, wie sie Beide den Balsfjord besitzen wollen und wie Marstrand's Gut endlich dein werden soll? Hast du nicht gesehen, wie Helgestad's Gier in dem halberstorbenen Kopfe wieder auflebte und geweckt wurde? Hat er Björnarne nicht schon in dieser Gier halb vergessen, und willst du mit diesem Vater, mit diesem wahnsinnigen, verbrecherischen Mann leben, dich seinem Willen unterwerfen und dann noch denken, daß es Gottes Willen ist? Bei meinem Vater ist mein Platz, sagte Ilda. – O! mein edler, geliebter Freund, stärken Sie mich, daß ich die Last trage, die mir auferlegt ist. In diesem Augenblick donnerte ein Kanonenschuß durch die Luft und sein gewaltiger Schall wurde von dem Geschrei der Menschenmasse beantwortet, die von dem Hügel zurückkehrend durch die Gassen zwischen den Häusern der Hafenseite zuströmte. Zwei Fahrzeuge kamen mit vollen Segeln südwärts den Sund herauf. Es war eine Kanonenbrigg, die von einem Sloop begleitet wurde. Beide trugen die Regierungsflagge. Der gekreuzte Danebrog flatterte im Abendlicht und die Verdecke wimmelten von bewaffneter Mannschaft, von Soldaten und Seeleuten. Die Menschen standen und sahen verwundert die Schiffe an, sie wußten nicht, was ihr unverhofftes Erscheinen zu bedeuten hatte. Einzelne Stimmen hießen sie willkommen; ein wüster Volkshaufe begann zu schreien und schwenkte die Hüte; Andere meinten, es sei Schade, daß die schmucken Soldaten nicht beim Ting gewesen seien 546 und den Hexenmeister braten gesehen hätten; Bedenklichere flüsterten sich zu, es sei gut, daß Alles vorüber wäre. Inzwischen nahten der Voigt mit seinem Gefolge, die Geistlichen und angesehenen Familien. Breitschultrige Männer kamen mit Frauen und Kinder in langen Reihen und im dichten Gedränge. Theils waren sie noch erfüllt von dem schrecklichen Schauspiele und dessen Einzelnheiten, theils neugierig, was der Schuß zu bedeuten habe. Der Pastor vom Lyngenfjord erzählte allen, die es hören wollten, von der gottschänderischen Unbußfertigkeit des alten Heiden, der seinen Beistand schnöde von sich gewiesen und alle seine Ermahnungen mit Hohngelächter beantwortet habe. Dies fürchterliche Gelächter, schrie er, habt ihr alle noch mitten aus den Flammen gehört; die bei mir standen, sahen aber auch, wie der Teufel den Hexenmeister in seinen Armen hielt und mit ihm in den ewigen Schwefelpfuhl hinabfuhr. In einem Augenblick war er verschwunden; Qualm und Glut waren unnatürlich, sie kamen mitten aus der Hölle herauf. Es gab Gläubige genug, die mit Schaudern zuhörten und Henrick Sture's Wahrnehmungen bekräftigten; weit hinter dieser Gesellschaft aber folgte der Sorenskriver Petersen, der sich von Helgestad führen ließ und sich mühsam fortbewegte. Aber alle seine Krankheit und seine Leiden bezwang er, und wer ihn mit dem rothen fieberhaften Gesicht sah und lachen hörte, ahnte nichts von seiner Pein. Nun, sagte er, sind wir in Richtigkeit. Ich komme, Schwiegervater, am Donnerstag soll die Hochzeit sein. Keine Stunde will ich länger warten. Und bringst die Sache am Balsfjord zu Ende, antwortete Niels. Will jetzt den Gaard haben, will den Balsfjord haben. Gut, du unersättlicher Mann, rief Petersen, sollst ihn haben. Ich gebe dir Hand und Wort, in zwei Wochen soll er dein sein. Helgestad schlug ein grimmiges Gelächter auf, blieb stehen und sah sich um. Eben wurde Marstrand vorübergeführt. Gerichtsboten umringten ihn, eine Kette fesselte seine Hände, aber sein Gang war fest, sein Gesicht sah furchtlos und ruhig aus. Als er den beiden Männer gegenüber war, richtete er seine Augen mit solcher Verachtung und solcher Gewalt auf sie, daß Helgestad zu lachen aufhörte und der Schreiber die Zähne zusammenbiß. 547 Ist so ein protzig Hähnchen, wie er immer war, sagte Niels, und mit seiner alten pfiffigen Bedächtigkeit fügte er hinzu: Denke, wirst ein Mittel wissen, Paul, daß er aus Trondhjem nicht zurückkehrt. Wäre dein Schade und mein Schade. Denke ja, ist's nicht so? Hasse ihn! Will den Balsfjord haben, will sicher sein. Du sollst sicher sein und kannst ruhig schlafen, antwortete Paul. Du haßt ihn, aber ich liebe ihn so sehr, daß ich ihn so leicht nicht von mir lassen will. Wenn ich Hochzeit halte, soll er davon hören, wenn ich mit meiner süßen Ilda hier wohne, will ich ihn im Hause haben, als Zeuge meines Glücks. Freilich hinter Schloß und Riegel, aber doch als Zeuge. Für jetzt ist es zu spät im Jahre, der Voigt kann ihn vor Frühjahr nicht südwärts schicken, und bis zum Frühjahr kann ihm viel Liebes und Gutes geschehen. Niels Augen füllten sich mit Wohlgefallen. Er begriff vollkommen, was Paul calculirt hatte und mit seinem besten Grinsen und Grunzen aus früheren Tagen sagte er: Nuh, bist ein Mann, Paul, wie es keinen zweiten im Lande gibt. Thue, was du willst, wirst oben schwimmen, ich aber will den Balsfjord haben, muß ihn haben und dann, dann – er faßte an seine Stirn, als ob er plötzlich die Fäden seiner Gedanken verlöre und murmelte vor sich hin: Wollte aber doch, Björnarne wäre hier, wollte er käme bald! In diesem Augenblick fiel noch ein Kanonenschuß, und Petersen rief lustig: Welcher Narr von Küstenwächter verschießt sein Pulver da? Laß ihn warten bis Donnerstag, wollen ihn zur Hochzeit laden. Sie hatten die Häuser erreicht, als der Voigt zurückkehrte und ein bedenkliches Gesicht mitbrachte. Komm geschwind, sagte er, wir haben sonderbare Gäste. Zwei Schiffe ankern dicht bei, Regierungsschiffe, Kriegsschaluppen! Sie haben Boote ausgesetzt, es wimmelt von rothen Röcken. Die kommen auch zu meiner Hochzeit, lachte Paul. Was zum Henker, Oheim, Ihr seid selbst Soldat gewesen und fürchtet Euch vor den Soldaten? Gutes bringen sie nicht, murmelte der hohe Beamte. So laßt es Böses sein und laßt es uns vergelten. Habe wir nicht Arme genug? Stehn die Finnmarken nicht bei uns und ist 548 nicht Volk genug zur Stelle? Kommt, Oheim, kommt und haltet den Kopf steif im Nacken, ich will diesen Rothröcken Sitte lehren. Ein Trommelwirbel schallte ihnen entgegen, und als sie den Hafen erreichten, stand eine Compagnie Soldaten eben gelandet an den Ufertreppen. Mehrere Offiziere ordneten die Aufstellung, ein weiter Menschenkreis umgab sie. Die Neugier war groß und allgemein. Sogar die Gerichtsdiener waren mit ihrem Gefangenen stehen geblieben, sahen von fern zu und horchten auf, als Voigt, Schreiber, Priester und die ersten im Lande sich den Befehlshabern näherten. Der Voigt zog seinen Tressenhut, verbeugte sich mit einer breiten Schwenkung des Dreimasters und hielt eine höfliche Anrede. Meine Herren Offiziere Sr. Majestät unseres allergnädigsten Königs, sagte er, ich heiße Sie in Tromsöe willkommen. Da ich jedoch keine Nachricht von Ihrem unverhofften Besuch erhalten habe, so frage ich, woher die Herren kommen und was Ihre Absicht ist? Der alte grämliche Capitain schien nicht sonderlich geneigt, Rede zu stehen. Er sah den Voigt über die Achsel an und sagte nachlässig: Das Einzige, was ich weiß, ist, daß wir von Trondhjem hergefahren sind, alles Andere ist Sache des Kommandeurs. Und wo ist dieser Herr Kommandeur? Dort kommt er, antwortete ein anderer Offizier. Von der Brigg stieß ein bewimpeltes Boot ab, in dessen Mitte ein junger schlanker Kriegsmann stand, der einen Federhut mit breiten Borten trug. Ein anderer Herr im bürgerlichen Kleide war bei ihm. Niemand kannte diese Fremden, als der Voigt jedoch mit seinen Begleitern bis an die Ufertreppe gelangt war, schlugen die Soldaten an ihre Gewehre und die Trommelschläger wirbelten auf den Fellen umher. Der Offizier war rasch oben, er sah den grüßenden Beamten scharf und finster an. Sie sind der Voigt von Tromsöe? fragte er. Ja, mein Herr. Und Sie der Schreiber, sein Neffe? Der bin ich, antwortete Paul. Wer aber sind Sie? Der Offizier lächelte stolz. Der Adjutant des Gouverneurs von Norwegen und Kommissarius der Regierung, die mich sandte, um Ihr Treiben in diesem Lande zu untersuchen. 549 Dahlen! schrie eine Stimme aus dem Volkshaufen. Ein Getümmel entstand, eine Kette klirrte. Marstrand hatte die Amtsdiener zurückgestoßen und sich befreit. Was ist das? rief der Kommissarius. Ein Offizier, ein Kammerjunker des Königs, ein Edelmann in Ketten?! Wer hat es gewagt, dir diese Schmach anzuthun? Ich! erwiderte Paul, und ich befehle Ihnen, Gesetz und Urtheil zu achten! Dieser Mann, Johann Marstrand vom Balsfjord, ist verurtheilt, in Ketten nach Trondhjem gebracht zu werden, weil er ein Hochverräther ist. Hochverräther! sagte Dahlen. Dahin also, mein armer Freund, haben sie es mit dir gebracht! Du weißt, daß ich ein solches Verbrechen niemals begehen kann, antwortete Marstrand. Die Ketten ab! fiel der Kommissarius ein. Leider bin ich zu spät gekommen, den Greis zu retten, den ihr geschlachtet habt; aber zittert vor der Untersuchung, vor dem Zorn des Königs und vor der Strafe. – Voigt von Tromsöe und Ihr, Herr Schreiber, ich verhafte Euch im Namen Seiner Majestät! Ihr mich – Ihr verhaftet mich! schrie Paul Petersen. Seine Augen glühten, sein ganzer Körper zitterte. – Mitbürger, Freunde! schrie er, wollt Ihr Eure Rechte von Soldaten beschimpfen und zerreißen lassen? Auf einen Wink Dahlen's sprangen ein Dutzend Grenadiere um Voigt und Schreiber. Die übrige Truppe fällte rechts und links die Bajonette; die Menschen stoben auseinander und nun geschah an dieser normannischen Bevölkerung dasselbe, was sie auf dem Lyngenmarkt an den Lappen verübte. Von Furcht ergriffen, floh sie vor der Gewalt. Die angedrohte Rache des Königs donnerte in ihren Ohren, keine Stimme wagte zu widersprechen. Die am lautesten getobt hatten, zogen sich zuerst zurück, wünschten weit davon zu sein und warfen alle Schuld auf den verruchten Paul Petersen, seinen Ohm und deren Anhang. Jetzt aber wurde auch die Thür des Amtshauses frei und Hannah an der Hand des Mannes, der mit Dahlen gekommen war, trat daraus hervor, Ilda folgte ihr mit dem alten Klaus. 550 Mit einem Schrei und mit offenen Armen flog Hannah ihrem Geliebten entgegen. Sie sah ihn an, wie man ein Traumgesicht ansieht, wie ein glänzendes Meteor, das durch den geöffneten Himmel fliegt und verschwindet. Ihre entzückten Augen hingen an ihm fest, es schien, als wagte sie nicht, ihn zu berühren. Ich bin es, sagte er, sie an sich ziehend, bin Fleisch und Bein, kein Schatten, keine Täuschung, theure Hannah. Und hier mein Bruder Christi! schrie sie auf. Er und du, und Alles ist wahr! Lüge ist es! Lüge und Verdammniß! stöhnte Paul Petersen. Hierher zu mir. Gebt mich frei – laßt mich – ich will! Er suchte seine Wächter abzuschütteln, die ihn festhielten. Da stand Ilda neben dem Priester und Marstrand knieete vor ihr, öffentlich vor allem Volk. Das lang verschlossene Herz sprengte seine Fesseln, ein Strom heißer Liebe fluthete daraus hervor. Die kalte, spröde, sittsame Jungfrau hielt seinen Kopf mit beiden Händen, ihre Thränen fielen auf seine Stirn, ihre Lippen neigten sich zu ihm. Meine Ilda! rief er jauchzend, ich bin frei, ich bin bei dir! Gottes Segen über dich! sagte sie. Gottes reicher Segen, du heißgeliebter Mann. Ich will dich nimmer lassen! Paul Petersen stieß einen thierartigen Schrei aus und stürzte sinnlos nieder. 27. Nach einem Monate war die Untersuchung in Tromsöe beendet, bei deren Schluß Voigt Paulsen in ein Regierungsschiff gepackt und nach Trondhjem geführt wurde, wo er eine Zeitlang auf der Klippe von Munkholm gefangen saß und eines Morgens erhängt gefunden wurde. Sein Neffe war eher, als er, von dieser Welt abgerufen worden. Am zweiten Tage nach Ankunft der Untersuchungskommission starb er in Raserei. Die Wunde, welche Mortuno's Kugel ihm beigebracht hatte, beschleunigte seinen Tod durch Fieber und Brand, und seine letzten Stunden waren die schrecklichsten, die ein Mensch ertragen muß. 551 Als er todt war, suchte Jeder das ganze Gewicht seiner Mitschuld auf ihn zu wälzen, selbst der Voigt that dies, wenn auch ohne Erfolg. Niels Helgestad war jetzt vollends stumpfsinnig geworden. Er wurde an den Lyngenfjord zurückgebracht, da ihn eine schreckliche Angst folterte, wenn er Dahlen erblickte, obgleich dieser selbst ihn zu beruhigen suchte, ihm gelobte, daß Alles vergeben und vergessen sei und ihm immer von Neuem erzählte, wie er in jener gefahrvollen Nacht entkommen war. Er hatte sich an einem Stück des zertrümmerten Bootes über Wasser gehalten, bis es ihm gelang, an der steilen Wand des Fjord emporzuklimmen. Am Morgen kam Hülfe, lange aber lag er krank, und als er endlich nach Trondhjem kam und seinem Beschützer, dem Gouverneur, sich anvertraute, schlug dieser ihm jeden Beistand für fernere Thorheiten ab. Plötzlich aber erschien Hannah's Bruder, Christi, in der nördlichen Hauptstadt und suchte ihn auf. Von ihm erfuhr er Hannah's Lage, zugleich auch, daß Fandrem, unter seines Sohnes Einfluß, ein ganz anderer, bereuender Mann geworden sei. Selbst das Reugeld wollte er zahlen, wenn er sein Kind zurück bekommen könne, und nun wollte es das Glück, daß zu derselben Zeit neue dringende Klagebriefe und Bitten von Klaus Hornemann bei dem Gouverneur eintrafen, welche inständig flehten, endlich einen Kommissarius in die Finnmarken zu schicken und welche über Voigt und Schreiber in Tromsöe die schlimmsten Beschwerden führten. In einem langen Privatbriefe an seinen Freund, den Gouverneur, hatte Klaus auch die Verhältnisse Marstrand's und Hannah's erörtert, Helgestad geschildert, und die Befürchtung ausgesprochen, daß der edelmüthige und leichtgläubige Kammerjunker ein Opfer der geheimen Intriguen zwischen Voigt und Schreiber und dem habgierigen Kaufmann werden würde, der nach dem Besitz am Balsfjord trachtete. In diesem Briefe war aber auch Afraja's Geschichte enthalten und Björnarne's Leidenschaft für Gula erzählt, so daß der alte General, als er Alles gelesen, seinen Adjutanten kommen ließ, ihm die Schriften gab und dann sagte: Vorwärts, mein junger Freund, holen Sie sich die Braut, reißen Sie Ihren Freund aus den Klauen der Spitzbuben und sehen Sie zu, was sonst Gutes für ihn geschehen kann. Vor allen Dingen aber 552 klopft mir den schuftigen Schreiber zusammen, bringt die Fischhändler zur Raison und schafft den unglücklichen Rennthierhirten eine menschliche Behandlung. In zwei Tagen soll die Expedition fertig sein. So war Dahlen's heißer Wunsch plötzlich erfüllt und er kam zur rechten Zeit, um wenigstens seinen Freund zu befreien. Die beiden rechtsgelehrten Beamten, welche ihn begleiteten, traten einstweilen an die Spitze der Verwaltung und erließen strenge Befehle, sandten Berichte nach Trondhjem, von wo ihre Vorschläge weiter nach Kopenhagen gingen. Schon im nächsten Jahre kam von dort die Aufhebung aller alten Gesetze wegen Götzendienst und Hexerei, sammt Abschaffung der Folter und jeder Marter, um die Wahrheit zu erpressen. Am 29. März 1743 aber folgte ein königlicher Brief, der bei strengen Strafen gebot, den Lappen niemals ihren irrigen Glauben und ihr Gewerbe vorzuwerfen, auch niemals ihnen zum Vorwurf zu machen, daß sie Lappen seien, weil sie den übrigen Unterthanen Seiner Majestät vollständig gleichgeachtet werden sollten. Doch was helfen königliche Befehle, wenn die Verachtung in den Herzen der Menschen ist! Niemand kann Achtung erzwingen; glücklich wenn er mächtig genug ist, Schonung und Duldung zu handhaben. – Die Finnmarken erhielten eine andere Organisation; ihre Privilegien wurden geändert und gestrichen, neue Eintheilungen gemacht, neue Richter und neue Voigte eingesetzt, Gewalt und Abgaben vermehrt und die störrig Widerstrebenden gestraft. – Viele Lappen aber zogen mit ihren Heerden tief in's Land nach Schweden hinüber und von Afraja's großem Eigenthum, von seinen Thieren und seinen Gammen wurde nichts weiter vernommen. Lange aber, bevor dies geschah, fuhr an einem schönen Herbsttage, als die Sonne an dem schwarzen Kilpisgipfel glänzte, ein Boot über den Lyngenfjord und in der alten Kirche legte Klaus Hornemann segnend Ilda's Hand in die Hand Johann Marstrand's und gab Hannah an Henrick Dahlen. – Ihr Bruder Christi stand dabei, sammt einigen Offizieren und Freunden und Niels Helgestad saß in seinem Stuhle, wie ein Kind, grinsend und nickend. So saß er noch Jahre lang auf der Bank vor dem Gaard, sah über den Fjord hinaus und murmelte dann und wann vor sich hin: »Wollte, Björnarne wäre hier, wäre doch gut, wenn er käme!« 553 Marstrand's Geschlecht war ein zahlreiches und auf Strömmen baute er ein großes Haus. Sein Name war weit bekannt und viel gelobt. Ehre, Ansehen und Glück hatte er in Fülle. – Nur die Schätze, die Helgestad ihm an der Balself vorgespiegelt, wollten nicht kommen. Aus dem schwierigen Holzgewinn ließ sich kein großer Nutzen ziehen, und als er dies unter vielen Kosten endlich erkannte, gab er es auf, und baute die kleinen Thäler des Fjord dafür um so besser und nutzvoller an. Afraja's Schätze hat nie ein Mensch gefunden. Viele Sagen sind geblieben von den Wundern der Silberhöhlen im Enare Traesk, und oft schon sind kühne Männer ausgezogen, sie zu suchen, doch immer vergebens. Wenn der alte fromme Priester von seinen Wanderungen aus den Gammen zurückkehrte, ruhte er im Lyngenfjorde aus und las die Briefe, welche Hannah Dahlen aus Trondhjem geschrieben hatte. Ihr Vater war versöhnt; er hatte das übermüthige Wort ihres Gatten wahr gemacht, denn an seiner Hand hatte er ihn in sein Haus geführt und selbst zur Taufe seines ersten Enkels war er gekommen. Jetzt liegen sie Alle längst tief unten in ewiger Ruhe: Haß und Liebe hat das Grab verschlungen. Wenn du aber durch die labyrinthischen Sunde und Wasserpässe fährst, eine Yacht dir entgegen kommt, deren gewaltiges Segel von einem schwarzen Saume umrandet ist, und du frägst, was dies Trauerzeichen zu bedeuten habe, dann taucht die alte Mähr wieder auf. Vor mehr als hundert Jahren, erzählt dir dann der Steuermann, lebte hier ein alter frommer Priester. Der hat des Guten und Gerechten so viel gethan und alles Volk, groß und klein, war so voll Liebe zu ihm, daß sie ihn nimmer vergessen konnten. Als er starb umsäumten sie, voll Trauer und Weh, ihre Segel mit dem schwarzen Streif und den tragen nun ihre Schiffe, fort und fort, und nach hundert und hundert Jahren erzählen die Enkel noch von dem greisen, guten Klaus und von des ganzen Volkes Jammer, das seiner Liebe und Treue ein so seltnes Denkmal setzte.