Korfiz Holm Thomas Kerkhoven Roman   Ullstein \& Co Berlin-Wien Erstes Buch Selbviert übernachteten sie in der Kabine, wo sich zwischen den Kojen und alle dem Handgepäck, das am Boden lag, nur einer zurzeit notdürftig bewegen konnte. Da dauerte das Aufstehen morgens lange; und Thomas Kerkhoven, als der jüngste mit seinen einundzwanzig Jahren, mußte bis zuletzt warten. Ihm war das schließlich lieb: denn die Ungeniertheit, die der alte Konsul Wesselbeck bei seiner Toilette an den Tag legte, däuchte ihn im höchsten Maße verwunderlich. Wie er so – »kühlpfeifend« dachte Thomas – die Zahnbürste aus einem schmutzigen Stück Zeitung wickelte und sie in die aufgesammelte Asche seiner Morgenzigarre tunkte, – darin lag ein beneidenswertes Bewußtsein von der Richtigkeit des eignen Tuns. Thomas Kerkhoven drehte sich mit einem Seufzer zur Wand. Wer von Natur schüchtern ist, hat immer eine melancholische Bewunderung für Leute, die sich bis zu den Naturlauten ihrer Morgentoilette breitspurig geben, wie sie sind. – Thomas lebte seit zwei Tagen in einem sonderbar zwiespältigen Traumzustande. Ihm war, als sei er von einem Vorhang umgeben, durch den Licht und Schall von draußen nur gedämpft hereindrängen; aber zugleich sah er tausend Einzelheiten des gewöhnlichen Lebens ringsum, die er sonst nie beachtet hatte, gleichgültige Dinge, die ihn jetzt vielleicht noch fremder däuchten, und die er dennoch in einer dumpfen Verwunderung musterte, weil er sie heute zum erstenmal entdeckte, – musterte, ohne sich von ihnen losreißen zu können. War es Angst, an das andre zu denken? Er sollte an das Sterbebett seines Vaters treten. Ein Telegramm hatte ihn aus Berlin heimberufen. Am Ende fände er schon einen Toten?! Wünschte er sich das vielleicht? – Nein, er fieberte doch vor Angst, daß er ihn nicht mehr lebend antreffen könnte; er mußte noch mit ihm sprechen, mußte diesem streng schweigenden Munde sein Geheimnis entreißen, bevor es für immer zu spät wäre, – dieses Geheimnis, das irgendwie mit seiner Mutter zusammenhing, die Thomas nie gesehen hatte, von der auch nur zu sprechen im Hause seines Vaters wie in der ganzen Verwandtschaft von je verpönt war. Und doch, – wenn er in sich hineinschaute: ob da im dunkelsten Winkel nicht die Hoffnung kauerte, es möchte schon alles vorbei sein, wenn er käme?! Und dann noch das: eigentlich stand ihm der Gedanke an seinen Vater hinter andern Gedanken zurück. Was sich immer wieder vordrängte, so sehr er sich bemühte, es zu bannen, waren die Folgen dieses Todes: daß er jetzt frei würde und sein eigner Herr. – Annemarien heiraten und Maler werden! – Er brachte so wenig Schmerz um seinen Vater auf. Er dachte über sein Ende hinaus. War das nicht unnatürlich und häßlich? So lag er und sann und zergliederte sich selber und seine Gefühle, während seine Kabinengenossen sich einer nach dem andern anzogen und an Deck hinaufgingen. Er war allein; aber noch immer lag er und starrte zu der blankweiß gestrichenen Decke, an der Wellenreflexe wie zerfaserte Silberspinnen hin und her liefen. Er sah ihnen müßig zu, und alle Zweifel nahm das Bewußtsein weg, daß er jetzt keine Eile hatte, daß er im Augenblick nichts ändern konnte, – was auch geschähe. Auf einmal wurde der Rhythmus langsamer, in dem das Schiff heute schon den dritten Tag unter dem Gang der Schraubenwelle zitterte. Thomas fühlte es wohl, aber es kam ihm nicht zum Bewußtsein; auch nicht, als die Maschine ganz verstummt war und das Wasser auf einmal sonderbar laut an die Schiffswand gluckste, wie die Stimme einer Quelle bei Nacht. Aber dann klangen schwere Schritte über ihm, es wurde etwas über das Deck geschleift, das polterte an der Wand hinunter und fiel klatschend ins Wasser. Eine Strickleiter! Thomas sah durch das runde Fensterchen über seinem Bette hinaus. Das erste, was ihm ins Auge fiel, war ein kleiner Kutter, dessen Segel gerade geborgen wurde. Nun griff die Bemannung zu den Riemen und ruderte auf das Schiff zu. Der Kutter tanzte auf den Wellen, von denen der große, schwer beladene Dampfer kaum etwas merkte; nun lag er längsseit, und ein alter Seemann mit weißem Barte, auf dem Kopf einen schwarzen, steifen Hut mit silbernem Abzeichen, kletterte die Treppe hinauf: der Lotse. Thomas schaute noch immer hinaus, als die Maschine schon wieder dröhnte und der Kutter schnell zurückgeblieben war. Hinter dem Meere, das heute eine ganz andre Farbe hatte als die Tage vorher – statt des tiefen Graugrüns ein warmes, schmutziges Gelb – hob sich, soweit der Blick reichte, ein weiß besonnter Dünenstreifen, gekrönt von dunstig blauem Föhrenwald. Und dort vorn – er mußte den Hals recken – sah er den weißen Leuchtturm über den Festungswällen von Dünamünde. Sonderbar, wie ihm das Herz schlug! Über ein halbes Jahr war er fort gewesen, zum erstenmal im Leben; viel Sehnsucht hatte er in dieser Zeit gehabt, aber nur nach Annemarien, – das hatte er wenigstens geglaubt. Wie konnte man sich auch in dem Mittelpunkt einer neuen Kultur, in Berlin, nach der Heimat und in ihre kleinen Verhältnisse zurückwünschen? Aber als ihn jetzt der Anblick eines Stückchens Heimaterde so mächtig ergriff, daß er sich zusammennehmen mußte, um die Tränen nicht aufkommen zu lassen, da merkte er, daß auch eine Sehnsucht nach dem Lande selbst die ganze Zeit geduckt und heimlich in ihm gelegen hatte. Er streckte sich noch einmal aus und ließ dies Gefühl, das seinem jungen Verstande rätselhaft war, auf sich wirken ... Aber beim Anziehen kam eine fahrige Hast über ihn. Was ihn in den nächsten Stunden erwartete, war auf einmal wieder da und drängte und arbeitete in ihm. Jetzt konnte seine Angst es nicht mehr hinter Betrachtungen zurückdämmen. Man war in der Flußmündung. Die Dampfwinde rasselte hart, die Ankerkette quietschte. Dann wurde es still, der Strom drehte das Schiff noch ein wenig, dann lag es regungslos vor Anker. Ein paar Ruderboote brachten eine Schar von Gendarmen, Beamten und Zollsoldaten in weißen Uniformkitteln. Es dauerte wohl eine Stunde, bis die Pässe abgestempelt, die Ladungspapiere geprüft und die Luken plombiert waren. Währenddessen wanderte Thomas unablässig auf und ab: die Erwartung hatte ihn mit aller Gewalt gepackt. – Werd' ich ihn lebend treffen? fragte er sich immer wieder. – Eine Möwe strich auf grauen Hakenflügeln vorbei. Die Walze ihres Leibes blitzte silbern in der Sonne. Plötzlich ließ sie einen unendlich traurigen Schrei hören und stieß aufs Wasser hinunter. Thomas mußte an den Homer denken: weissagender Vogelflug! Die Möwe war von links gekommen. Er fand es kindisch und wollte darüber lachen, vermochte es aber nicht. Von diesem Augenblick stand es in ihm fest, daß sein Vater tot wäre. Jedoch seine Unruhe wich nicht; unwillkürlich setzte er einen Fuß vor, der andere folgte zögernd, und dann war er wieder auf seiner hastigen Wanderung. Die Beamten verließen das Schiff, es wurde Anker gelichtet und ging stromaufwärts. Thomas rannte Leute an, er mußte sich durchdrängen und über herumliegendes Handgepäck steigen; er tat es mechanisch und sah alles nur wie von weitem. Endlich legte das Schiff an. Während der Zollrevision glaubte Thomas manchmal fast, er würde verrückt: er mußte an sich halten, damit er den Beamten keine Szene machte. Dann saß er zuletzt doch in einer Droschke. Er versprach dem Kutscher einen Rubel, wenn er schnell führe. Und der schlug auf sein ruppiges Pferdchen los, daß es den kurzen Weg im Galopp zurücklegte. Jetzt bogen sie in die enge Geschäftsstraße ein. Thomas konnte schon das lange Schild über dem Erdgeschosse sehen. Wie Flammen leuchteten die Goldbuchstaben in der Sonne: Theodor Amadeus Kerkhoven Wwe. Sohn Ex- und Import. Thomas zuckte zusammen: Kein Mensch im Kontor, und die eiserne Tür geschlossen! – Ach so, Mittagpause, dachte er dann. – Der Wagen hielt noch nicht, als er schon aufs Trottoir sprang: ein Zettel klebte an der Tür. In langgeschwänzter Kaufmannschrift stand da: Wegen Todesfall geschlossen. Langsam stieg er die Treppe hinauf und stand lange vor der Tür, ehe er sich entschloß, an dem Porzellangriff der Glocke zu ziehen. Ein tonloser, fremder Klopflaut antwortete. Der Klöppel war wohl noch umwickelt. * »Nein, ich danke dir wirklich sehr, Onkel Albert, aber es ist ganz unnötig,« sagte Thomas Kerkhoven, »ich wache allein, ich brauche niemand.« »Ich hätte es sehr gern getan, lieber Thomas. Du bist der einzige Sohn meines Bruders und – ja, häm! – Soll ich dir denn aber nicht vielleicht Harry schicken?« »Danke sehr; aber wozu? Es ist wirklich nicht nötig.« »Ich kann ja auch verstehen, daß du allein sein möchtest mit deinen Gedanken. Also, dann leb' wohl, und Gott gebe dir gute, fruchtbare Gedanken! Es ist eine ernste Stunde für dich, der Ernst des Lebens tritt wohl zum erstenmal an dich heran. Gott gebe dir ernste Gedanken – ja, häm ...« Hofrat Kerkhoven ließ die langen, grauen Bartkoteletten, die zu beiden Seiten des sauber ausrasierten Kinnes herunterhingen, mit einer gewohnheitmäßigen Bewegung durch seine Hände laufen, weiße, zu oft gewaschene Arzthände, schmal, aber etwas schwammig, mit langen Fingern, an denen ein paar alte Ringe prahlten. »Aber sonst, wie gesagt ...« Thomas dankte noch einmal, höflich, aber schon ein wenig ungeduldig und durch den lehrhaften Ton gereizt. Dem Hofrat war das im Grunde recht, weil er diesen Neffen eigentlich nicht leiden und in kein richtiges Verhältnis zu ihm kommen konnte; und dann war so eine Nachtwache in seinen Jahren und bei der großen Praxis, die seine Tage – und auch manche Nacht – in Anspruch nahm, etwas sehr Anstrengendes. Er hätte das aber um keinen Preis zugegeben und wiederholte sein Angebot noch einmal. Thomas war froh, als er endlich die Tür hinter ihm verschlossen und die Sicherheitskette eingehängt hatte. Aber als er auf den Stuhl stieg, um die Gasflamme auszudrehen, die das Vorzimmer und den Gang erleuchtete, hielt er, die Hand am Hahn, plötzlich inne. Es packte ihn, daß es hier gleich dunkel sein würde; und dann die lange Nacht, allein mit dem Toten ...! »Lächerlich!« sagte er halblaut vor sich hin und drehte mit einem energischen Ruck das Gas aus. Schwarz legte sich die Dunkelheit um ihn. Er stand auf dem Stuhl und starrte und horchte in sie hinein, atemlos. Er mußte ein Streichholz anzünden, bevor er sich getraute, hinunterzusteigen und auf den Zehenspitzen durch den Korridor zur Saaltür zu schleichen. Er öffnete sie zögernd. Schwer schlug ihm der Geruch des Wachses und der bittern südlichen Pflanzen entgegen, vermischt mit einem süßlichen Verwesungshauche, der noch kaum zu spüren war; aber er würde stärker werden, noch im Laufe dieser Nacht, sagte sich Thomas. Die Flammen rauchten unruhig im Zugwinde. Thomas schloß die Tür und trat an den Sarg und vertiefte sich in das Gesicht seines toten Vaters. Es wurde ihm wohl nicht bewußt, aber er wollte sich an diesen Anblick gewöhnen, ihn fest ins Auge fassen, ihn sich so zu eigen machen, daß ihm nicht mehr graute vor dem einsamen Zusammensein die ganze Nacht hindurch. Sonderbar: wenn man es von der einen Seite ansah, war dies Gesicht grämlich und sorgenvoll wie früher im Leben. Auf der andern Seite hatte die Leiche ein fremdes Gesicht. Der Mundwinkel hatte sich abwärts verzerrt, am Auge klaffte ein schmaler Spalt, aus dem der Augapfel beinah hämisch hervorblinzelte. Etwas wie befriedigter Hohn sah Thomasen daraus an. Vielleicht kann einem ein toter Vater mehr sagen als ein lebendiger, dachte Thomas. Und er stand regungslos und starrte. Leise klirrten die offenen Fenster an ihren Haken. Die Lichter flackerten und ließen die Schatten auf dem kalten Gesichte tiefer werden und wechseln, so daß es manchmal einen beinah diabolischen Ausdruck annahm. Ein stärkerer Luftzug faßte die weißen Haare, daß sie sich über der Stirne sträubten. Thomas hörte sein Herz hoch oben in der Brust klopfen. Auf dem Korridor draußen knarrten die Dielenbretter. Er fuhr zusammen. – Unsinn! Das war ja nichts Ungewöhnliches. – Aber dann kamen Schritte den Gang herauf, tastende, schlurfende Schritte. Er drehte sich um und heftete seine aufgerissenen Augen auf die Tür. Und plötzlich drehte sich die Klinke, wie unter einer unsichtbaren Hand. Thomas stieß einen Schrei aus. »Hab' ich Ihnen erschrocken, Jungherr?« fragte der alte Diener, der eintrat, in der Hand eine Küchenlampe, auf deren Messingreflektor das Licht in gelben Kreisabschnitten schwamm. »Ach, Sie sind's, Janne!« sagte Thomas, noch immer atemlos, unwillkürlich mit einem heisern Lachversuch. »Was wollen Sie denn?« »Ich, Jungherr? – Nichts nich. – Ob Jungherr nichts nötig hat?« »Nein, Janne, dank schön.« Der Alte kam zögernd herein und drückte die Tür hinter sich zu. Dann stand er und sah zweifelnd zu Thomasen hinüber. Dem war die Anwesenheit eines lebenden Menschen wie eine Befreiung, aber er fragte: »Wollen Sie sonst noch was, Janne?« »Nein, Jungherr, nichts. – Bloß so selbstig! – – Und denn, Jungherr, wollt ich fragen: darf ich nich mit Jungherr wachen?« »Nein, Janne, gehn Sie schlafen!« »Ach, Jungherr, altes Mensch brauch nich so viel zu schlafen. Is besser, wenn Jungherr nich so alleinig is bei die Leiche.« Thomas hätte den Alten gern da behalten, wollte aber nicht zeigen, daß er Angst hatte. »Lassen Sie mir, Jungherr,« bat Janne, »ich werd ganz still in ein Eckchen sitzen und kein Wort nich sagen!« »Nu, meinetwegen,« sagte Thomas, »setzen Sie sich also dahin!« Er wies in die fernste, dunkelste Ecke des Zimmers. Dann trat er ans Fenster und atmete erleichtert und tief. Schwermütig hell lag draußen die nordische Juninacht. Thomas beugte sich hinaus und sah nach dem Hause seines Onkels hinüber, das einen rechten Winkel mit seines Vaters Haus bildete. In Annemariens Schlafzimmer brannte Licht. Er schaute angespannt auf die helle Fläche des Rouleaus, über der tiefblau das Fensterkreuz lag. Jetzt erschien, kommend und gehend, sich bückend und wieder aufstehend, ein unförmiger Schatten, der bald das ganze Fenster erfüllte, bald wieder, dunkler und kleiner, die unklaren Umrisse einer menschlichen Gestalt auf den weißen Stoff zeichnete. Das mußte Annemarie sein. So sah er sie zum erstenmal wieder, als schwimmenden Schatten, – heute, wo alles, was mit ihr zusammenhing, feste Umrisse für ihn gewonnen hatte, wo seine Träume Gestalt und Rundung bekamen ... Sein Herz jubelte auf. Thomas trank den Rhythmus ihrer nackten Arme mit Augen, in denen er das Blut klopfen fühlte; aber dann stach ihn auf einmal die Scham vor seinem toten Vater. Er warf noch einen langen, zärtlichen Blick hinüber und trat vom Fenster zurück. Janne, der sich's bequemer gemacht hatte, fuhr wieder in die steife Haltung. »Ach, lassen Sie nur!« stammelte Thomas und fragte nach einem Schweigen: »Sie, Janne, nicht wahr ...? Sagen Sie mal, Sie waren ganz allein dabei, als mein Vater starb?« »Ja, ja, Jungherr, ganz alleinig. Herr Hofrat war grade zu Mittag jegangen. Und die Rote-Kreuz-Schwester hat der gnädje Herr ja nich hereinjelassen. Herr Hofrat hat nichts nich machen können. Keine Frauenzimmer kann er nich brauchen, hat er jesagt. Nu, Jungherr weiß ja ... Und so bis zuletzt auch.« »Und wie war es denn? Was hat er denn zuletzt gesagt?« »Seine Füße frieren, hat er jesagt, und ich soll die Laden aufmachen, hat er jesagt, weil so dunkel is. Aber war ganz schön hell in Schlafzimmer, und Sonnchen hat auf Fußende vons Bett jescheint. Und denn hat nichts mehr jesagt, und denn hör ich, er knirscht so. Nu, denk ich, will ich mal Herr Hofrat rufen, und jeh raus und schick die Rote-Kreuz-Schwester, sie soll Herr Hofrat holen. Und wie ich wieder hereinkomme, liegt er ganz still. Und ich denk, er is vielleicht einjeschlafen, und ich jeh wieder raus und bleib bei die Türe stehn. Und wie der Herr Hofrat gekommen is und ihm besehn hat, sagt er, – er is schon tot. – Ja, ja, ja,« fuhr Janne fort und schnäuzte sich gerührt, – »achzehn Jahr bin ich bei ihm jewesen, und jetzt mit einmal is tot.« Der Alte schluchzte in zitternden Stößen, und Thomas hatte noch keine Träne um seinen Vater geweint; das kam ihm jetzt zum erstenmal zum Bewußtsein, und er fühlte ein dumpfes Staunen, denn er hatte die Empfindung, als säßen ihm Tränen in Mengen angesammelt in der Kehle, und nur irgendeine Hemmung, die er sich nicht zu erklären vermochte, ließe sie nicht herauf. »Ja, und hat Ihnen mein Vater nichts für mich gesagt, bevor er ...?« fragte Thomas. »Nein, Jungherr, vielleicht hat jeglaubt, Sie kommen noch. Er hat Ihnen jewartet und jewartet.« »Und gar nichts hat er mir sagen lassen?« fragte Thomas noch einmal. »Ach, Jungherr, bin ich dumm!« fuhr der Alte plötzlich auf, »vorjestern hab ich ihm was jeben müssen aus Schreibtisch, und denn hat er noch was jeschrieben für Ihnen, und ich hab zusiegeln müssen ...« »Und was ...? Wo ist es?« »In Schreibtisch ...« Thomas eilte hin. »In die mittelste Schublade is,« sagte Janne. Thomas schloß auf. Da lag ein versiegelter Brief. Er griff hastig darnach. In fahrigen, zitternden Bleistiftzügen trug er die Aufschrift: »An meinen Sohn Thomas.« Das also war zuletzt aus der schönen, deutlichen Kaufmannschrift seines Vaters geworden! Thomas holte sich Jannes Küchenlampe und setzte sich an den Sofatisch. Noch lange aber lag der Brief unerbrochen auf der geblümten Ripsdecke. Was mochte darin stehen? Was würde er erfahren? – Endlich riß er das Kuvert auf und entfaltete die Bogen. Nach dem Datum war der Brief nahezu vier Monate alt. Er las: Riga , den 6. Februar 1887. Mein lieber Sohn! Da gerade freie Zeit habe und nicht weiß, ob später nach Eröffnung der Navigation in der heißesten Geschäftssaison so gut dazu kommen werde, benutze ich die Gelegenheit, Dir schon heute zu schreiben, was ich mir vorgenommen, Dir zum 14. Juni, wo Du mündig wirst , mitzuteilen. Es liegt mir am Herzen, Dir das Untenstehende zu sagen und hoffe ich, es wird seinen Eindruck auf Dich nicht verfehlen. Es dürfte Dir ja bekannt sein, daß Dich am liebsten als Kaufmann gesehen hätte; das Geschäft ist von Deinem Urgroßvater Theodor Amadeus Kerkhoven an immer auf den ältesten Sohn übergegangen, und wäre es schön gewesen, wenn Du es auch so gemacht hättest, wie ich und Dein seliger Großvater. Aber was nicht ist, das ist nun leider einmal nicht, und wirst Du mir zugeben müssen, daß ich Dir entgegengekommen bin, indem ich meine Zustimmung dazu gab, daß Du Jura studieren darfst. Nun hast Du immer zu mir gesagt, daß Du Maler werden willst und hast Dir große Versprechungen von einem Berufe als Künstler gemacht. Wie Du weißt, habe ich mich dem bisher energisch entgegengesetzt, weil meine Ansicht eine andere ist und ich solche zu vertreten nicht nur berechtigt, sondern auch verpflichtet war. Wenn Du diesen Brief erhältst, bist Du aber mündig , und verschließe ich mich durchaus nicht der Ansicht, daß man einen erwachsenen Menschen nicht zu etwas zwingen kann , das er nicht will. Möchte Dir heute nur einiges sagen, was sich auf einen Punkt bezieht, von welchem zwischen uns noch niemals die Rede gewesen. Lies es aufmerksam durch, und überlege es Dir reiflich. Wenn Du nachher zu mir kommst und mir sagst, daß Du trotz alledem noch Künstler werden willst, dann will ich mit schwerem Herzen zustimmen und Dir weiter ein Hindernis nicht in den Weg legen. Der Punkt, von welchem ich gesprochen habe, bezieht sich nämlich auf Deine Mutter, und fällt es mir durchaus nicht leicht , Dir darüber zu schreiben. Als Beweis dafür möge Dir dienen, daß ich mit meinem eigenen Bruder , Deinem Onkel Albert, auseinander gekommen bin, weil seine Frau, Deine Tante Karoline, immer von diesen Angelegenheiten schwatzen mußte. Sie ist ja nicht sehr begabt und taktvoll. Doch um endlich zur Sache zu kommen, will Dir kurz und einfach sagen, daß Deine Mutter Künstlerin gewesen ist, und ich durch dieselbe sehr viel durchzumachen gehabt habe, während ich nicht glaube, daß mich ihr gegenüber ein Vorwurf treffen kann. Habe im Gegenteil ihren kostspieligen Gewohnheiten mehr geopfert, als mein Geschäft eigentlich vertragen konnte und nachher noch lange daran laborieren müssen. Deine Mutter war Schauspielerin am hiesigen Stadttheater, und kann ich wohl sagen, daß ich sie zuerst in geordnete und gehörige Verhältnisse eingeführt habe . Aber sie hat mir schlecht dafür gedankt, bevor ich etwas davon ahnte. Und was sie sich in Riga die Mäuler über mich zerrissen haben, kannst Du Dir am Ende denken. Das hab' ich aber alles erst später erfahren, als sie mit einem Barytonisten, einem ganz ungebildeten Menschen, auf und davongegangen war, ohne an Mann und Kind zu denken . Wenn es Dir wehe tut, daß ich Dir obiges von Deiner Mutter zu sagen genötigt bin, so kannst Du davon überzeugt sein, daß es mir noch weher getan hat, und wird es mir noch heute nicht so leicht, Dir darüber zu schreiben, als Du vielleicht glauben könntest. Will Dir auch gleich sagen, daß Du nach Deiner Mutter Nachforschungen nicht anzustellen brauchst. Sie hat noch vielerlei Abenteuer durchgemacht, von welchen ich Dir weiter nichts sagen will, und schließlich ist sie mit einem Manne zusammen, welcher auch keinen guten Ruf hatte, nach Amerika gegangen, woselbst sie lange verschollen war, und dann in einem Hospital in New Orleans am Typhus gestorben ist, vor jetzt sieben Jahren. Wenn Du auf Deinen alten Vater hören willst, so meine ich, daß Du Dir das Schicksal Deiner Mutter, welche Künstlerin war, zum warnenden Beispiel dienen lassen sollst. Dies ist der Grund, weswegen ich verlangt habe, daß Du studieren sollst, wenn Du keine Lust und vielleicht auch wirklich keine Anlagen zum Kaufmann hast. Aber wie bereits oben erwähnt, zwingen will ich Dich zu nichts, weil dieses keinen Zweck hat. Du bist jetzt erwachsen und mußt selbst wissen, was Du tust. Ich kann Dir nur raten, und bitte ich Dich dringend, meine Ratschläge reiflich zu überlegen und nicht in den Wind zu schlagen.   Den 10. Februar 1887. Möchte Dir noch einiges sagen, wozu neulich nicht mehr gekommen. 1. Gehört es sich wohl, daß Dir einen Einblick in meine und Deine künftigen Vermögensverhältnisse gebe. Dieselben sind nicht so glänzend, wie Du nach einigen Bemerkungen, welche Du ein paarmal gemacht hast, zu glauben scheinst. Jedenfalls werde Dir nie einen höheren Wechsel geben, als wie bisher SR. 200.–. per Monat, was mir mehr als genug erscheint, und warne ich Dich dringend, daß Du Schulden machst , oder später, wenn mir was Menschliches passiert sein sollte, Dein Kapital angreifst . Geld ist leichter ausgegeben, wie verdient. Für alle Fälle sage ich Dir heute schon, was Du nach meinem Tode wahrscheinlich zu erwarten hast. Mein Barvermögen , das auf der Stadtdiskontobank in Staatspapieren deponiert ist, beläuft sich heute auf ungefähr SR. 100 000.–. Alles andere steckt im Geschäft ; der Wert desselben dürfte sich alles in allem auf das Doppelte der obigen Summe beziffern. Da Du das Geschäft doch nie übernehmen wirst, habe ich für den Fall meines Todes einen Vertrag mit Deinem Vetter Harry Kerkhoven abgeschlossen, nach welchem derselbe dieses dann zu genau stipulierten Bedingungen übernimmt, welche letzteren Dich zurzeit noch nichts angehen. Nur das eine kann ich Dir schon heute sagen: Du wirst nicht in der Lage sein, gleich Dein ganzes Kapital aus dem Geschäfte zu ziehen. Harry ist nur zu einer Anzahlung von SR. 30 000 verpflichtet, während derselbe den Rest Dir zu verzinsen und in 10 gleichen Jahresraten an Dich auszukehren hat. Desgleichen ist der Prozentsatz vom Reingewinn des Geschäftes, welchen Du nach Maßgabe des jeweils noch in demselben steckenden Dir gehörigen Kapitals zu beanspruchen haben wirst, genau festgelegt. Habe dies für die beste Lösung obenstehender Frage gehalten, da zwar Dir das gute Geschäft lieber gegönnt hätte, als Harry, welch letzteren ich nicht als ein großes Licht ansehen kann, welcher aber durchaus zuverlässig und solid ist, wie ich aus seiner langjährigen Tätigkeit in meinem Geschäft, die letzten drei Jahre als Prokurist, zu ersehen in der Lage bin, und mir somit die nötigen Garantien für die Sicherheit Deines künftigen Vermögens zu geben scheint. Aus dem Vorstehenden wirst Du ersehen, daß Du jedenfalls nicht viel mehr als SR. 300 000 einst zu erwarten hast, und kannst Du Dich nicht einmal darauf fest verlassen, weil bei der Art meines Geschäftes große plötzliche Verluste durch starke Kursstürze usw. usw. leicht eintreten können. Also sei vernünftig, mein lieber Sohn und lerne was , so daß Du im Notfall Dich auch ohne meine Hilfe, resp. ohne ererbtes Kapital durchzubringen in der Lage bist. 2. Das Wichtigste im Leben ist: verplempere Dich nicht mit Frauenzimmern, und vor allen Dingen verheirate Dich nicht zu früh. Davon kommt das meiste Unglück in der Welt. Also um zum Schluß noch einmal alles kurz zu rekapitulieren: Werde lieber nicht Künstler und sei vernünftig in bezug auf das Geld und die Frauen. Dies rät Dir Dein alter Vater Ernst Amadeus Kerkhoven. Thomas ließ den Brief mit einem Seufzer auf den Tisch fallen und blickte ernst vor sich hin. Janne war in seinem Stuhl zurückgesunken und schnarchte mit offnem Munde. Eine große Enttäuschung war der Eindruck dieses Briefes. Seine Mutter! Was hatte er sich über sie alles zusammenphantasiert! Eine Verbrecherin aus Leidenschaft müßte sie gewesen sein, hatte er gedacht, eine finstre Tragödienfigur! Und nun war sie nichts als eine kleine Schauspielerin, die ihrem Mann Hörner aufgesetzt hatte. Wie er so saß und seiner Illusion nachsah, kamen ihm die Tränen, über deren Ausbleiben er sich gewundert hatte. Er däuchte sich unendlich arm und bedauernswürdig: betrogen und beraubt. Er weinte. – Aus Mitleid mit sich selbst? – Und um seines Vaters Tod zu weinen hatte er nicht zustande gebracht? War das nicht häßlich? Thomas straffte seine Gestalt und nahm sich zusammen. Und das wurde ihm eigentlich nicht schwer, denn nun machte sich mit aller Kraft etwas andres geltend: er war ja reich! Reicher, als er sich je hatte träumen lassen. – Weit über eine halbe Million Mark besaß er. Jetzt lag sein Weg offen vor ihm: Annemarien heiraten und Maler werden! Für die Ermahnungen seines Vaters hatte er nur ein Lächeln; was hatte dieser alte Mann davon gewußt, wie es in ihm aussah, wie er sich sein Leben bauen wollte, klar und sicher! Thomas faltete die Bogen, die auf seinem Schoße lagen, zusammen. Da sah er, daß auf der letzten Seite, die er für leer gehalten hatte, noch etwas stand, – – in denselben zitternden Bleistiftzügen, die auch das Kuvert getragen hatte. Thomas las: Lieber Sohn Weiß nicht, ob ich Dich noch sehe. Will nur noch sagen, daß ich weiß, meine Ratschläge helfen doch nichts. Kenne es von mir. Menschen sind ja alle gleich. Bist so jung. Möchte es Dir gut gehen. Ich kann nichts machen. Vater. Thomas steckte den Brief in seine Hülle; langsam begannen seine Tränen wieder zu fließen. In diesem Schlußwort lag für ihn mehr als in dem ganzen, großen Briefe. Es weckte lange Gedankenreihen. Er malte sich das Bild seines Vaters, wie auch er jung gewesen wäre und nach der Schönheit des Lebens verlangt hätte. Auch seine Mutter wollte er sehen ... Aber hier blieb es dunkel. Und dann trat wieder Annemarie vor ihn hin ... Langsam floß alles ineinander, und endlich schlief er ein ... * »Von Erde bist du genommen, zu Erde sollst du werden, Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub,« sagte Pastor Bienenstamm salbungsvoll und warf drei Handvoll Erde ins Grab. Die erste prasselte wie ein Hagelwetter, die zweite hörte man kaum – sie hatte wohl einen Kranz getroffen –, die dritte ließ den Sargdeckel dumpf erdröhnen. Dieser Laut schreckte Thomasen aus seinen Gedanken. Er hatte die ganze Zeit nur Annemarien gesehen, heute eigentlich zum erstenmal wieder. Die flüchtige Begegnung gestern in Gegenwart aller der andern zählte nicht. Jetzt hatte er ein Gefühl, als ob sie in dieser schwarz gekleideten Menge allein wären, wie sie einander so gegenüberstanden, getrennt durch das offne Grab, getrennt und – vereint: es verschlang ja den, der nie seine Einwilligung zu ihrer Verbindung gegeben hätte. Seltsam fremd däuchte Thomasen das Mädchen, dessen goldblondes Haar unter dem Krepphut in der Sonne leuchtete. Etwas Neues war in ihrem Gesicht: er fand es schöner; auch ihre Gestalt erschien ihm höher und üppiger als vor einem halben Jahre. Die Wangen hatten ein bißchen von ihrer Rundung verloren und sahen blasser als früher aus. Ihre breiten Lippen hingegen brannten in einem satten Rot. Die gelblichen Schatten unter den Augen hatten sich vertieft und machten das Blau der Iris noch lichter. In dem allen aber lag das Fremde eigentlich nicht; das war in dem Ausdruck der Augen selbst, die schlafmüde unter den schweren Lidern standen, auf den Erwecker wartend und ein sprühendes Erwachen verheißend. Thomasens Freund und Vetter August Appeltoft hatte einmal von ihr gesagt: »Schön ist sie nicht, aber vielversprechend sieht sie aus. Das Weib hat Rasse; weiß der Kuckuck, wie sie in die Familie kommt!« – Daran mußte Thomas jetzt denken. Er war kein Frauenkenner von Augusts Schlage, aber er empfand es, wie verheißend Annemarie aussah. Und das alles war ihm verheißen. Ihm wurde schwindlig zumute. Da weckte ihn das Dröhnen des Erdklumpens. Er fuhr auf und schaute fragend nach dem Onkel Hofrat. Der zischelte ärgerlich: »Ja, natürlich, jetzt mußt du ...« Thomas warf seine drei Handvoll Erde hinunter. Dann kam der Hofrat an die Reihe. Er machte seine Sache sehr korrekt und zeigte schon wieder ganz die vorschriftsmäßige Trauermiene, trotzdem er sich gerade über Thomasens Ungewandtheit geärgert hatte. Die Trauerzeremonie ging weiter, der Theaterchor sang: »Selig sind die Toten ...«, und dann mußte Thomas die Kondolationen entgegennehmen. Als zuletzt der jüngste Lehrling aus dem Kontor sein Beileid angebracht und sich entfernt hatte, waren die Totengräber mit ihrer Arbeit fertig. Der Hofrat mit seinen Söhnen schichtete die Kränze über den gelben Lehmhügel, trat ein paarmal zurück, um sein Werk mit der Miene eines Künstlers zu mustern, änderte dann noch einiges und stieß endlich einen befriedigten Seufzer aus. »Und nun«, sagte er, »kommt ihr alle zum Essen zu mir!« »Nein, danke sehr, Onkel Albert,« wehrte sich Thomas, »ich kann wirklich nicht, ich möchte lieber ...« »Ach was, Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen.« Der Hofrat lachte sein kurzes, dröhnendes Lachen auf dem Vokal o, – was er sich jetzt erlauben konnte, da die Familie unter sich war. »Vielleicht kommst du auch mit, Leocadie?« wendete er sich dann an seine Schwester, eine kleine Dame mit schneeweißen Querlocken über den Ohren. »Tante« Leocadie, wie sie in der ganzen Familie genannt wurde, sah auf ihre Uhr und sagte: »Dank dir sehr, lieber Albert; wenn ich gleich fahre, bekomm ich noch den Dreiuhrzug an den Strand. Ich hab mir zu Hause Mittag bestellt. – Adieu, Thomas, ich kann nicht viele Worte machen. Besuch mich doch einmal draußen. Adieu allerseits.« Damit trippelte sie eilig davon. »Du mußt aber einfach mit,« sagte der Hofrat zu Thomasen, der schon wieder zu Annemarien hinübersah, die etwas abseits stand – den Kopf gesenkt, die Lippen nachdenklich aufgeworfen – und mit dem Sonnenschirm Figuren in den Sand zeichnete. Er würde mit ihr zusammensein, er könnte es ihr dann vielleicht gleich sagen ... So entschloß er sich, die Einladung anzunehmen. Vor dem Essen hatte sich ein Augenblick gefunden, wo Thomas ein paar flüchtige Worte mit Annemarien sprechen konnte. Sie waren im Wohnzimmer allein geblieben. Annemarie stand in der einen Fensternische und sah auf die graue Altstadtgasse hinaus; ihre Finger spielten unruhig am Fensterriegel. Thomas trat hastig hinter sie. »Annemarie!« »Ach –!« sagte sie und machte eine ungeduldige Schulterbewegung. »Annemarie!« sagte er noch einmal und legte seinen Arm um ihre Taille. Sie stieß ihn fort. »Drüben bei Lönholdts können sie alles sehen. Die ekligen Jungens sitzen sowieso vom Morgen bis zum Abend mit den Operngläsern hinter den Gardinen.« »Sie sollen's doch sehen!« sagte Thomas trotzig. Annemarie zeigte ihm jetzt ihr Profil. Sie sann einen Augenblick; dann warf sie ihr Kinn mit einem Ruck empor. »Komm morgen um vier auf das flache Dach,« sagte sie schnell und sonderbar energisch. »Danke, Annemarie; ach, du weißt nicht ...!« Die Hofrätin trat auffallend plötzlich ein und warf einen scharfen Blick zu dem Fenster hinüber, wo die zwei standen. »Bitte zu Tisch!« – Das Mittagessen verlief frostig und unbehaglich. Das traurige Ereignis war noch so nah ... Aber es war trostlos, immer davon zu sprechen; und auf andere Dinge zu kommen, genierte man sich. – Nach Tische saßen sie beim Kaffee in dem langen Wohnzimmer zusammen, das erst recht ungemütlich war. Das Gespräch tröpfelte eintönig, fast nur von der Hofrätin im Gange gehalten, deren Unbegabtheit es für nötig hielt, auch in solchen Augenblicken Konversation zu machen. Als passendes Thema für die heutige Gelegenheit hatte sie sich die Unsterblichkeit der menschlichen Seele erwählt; und eben verstieg sie sich zu dem Satze: »Nein, ich verstehe es nicht, wie sich eine Witwe noch einmal verheiraten kann. Welch ein Gedanke, bei der Auferstehung auf einmal zwei Männer zu haben!«, als der Hofrat die Erörterungen seiner Frau mit diesen Worten energisch abschnitt: »Lieber Thomas, und was hast du dir eigentlich für Gedanken über deine Zukunft gemacht?« »Gedanken ...? Ich ...« stotterte Thomas. »Ja, ich meine, was deine Pläne sind?« »Pläne ...? Ich hab' noch gar nicht darüber nachgedacht. Ich bin noch gar nicht dazu gekommen,« log Thomas; und dabei ärgerte er sich, daß er so feig war, »Jawohl, ich meine ...« erwiderte der Hofrat und ließ seine Koteletten durch die Hände laufen, »die formelle Einsetzung einer Vormundschaft ...« »Vormundschaft?« fuhr Thomas auf. »Ja, ich meine, formell erübrigt sich das wohl, da du ja schon in drei Wochen mündig wirst. Aber de facto bin ich, als der Älteste in der Familie und als nächster Verwandter deines Vaters ... de facto ist meine Stellung zu dir die eines Vormundes, und späterhin die eines Ratsfreundes.« »Ich weiß nicht, wozu ein erwachsener Mensch so etwas braucht,« sagte Thomas kratzbürstig. »Na, lieber Thomas,« so mischte sich sein älterer Vetter Harry herein, »du kannst einen Ratsfreund wahrhaftig gut genug brauchen. Bei deiner geschäftlichen Naivität ... Sei froh, daß dein Vater den Kontrakt mit mir gemacht hat ... Wenn einer ein Spitzbube wäre, – dich könnte er leicht übers Ohr hauen.« »Ich glaube, daß die Vorteile dieses Kontraktes nicht nur auf meiner Seite sind,« sagte Thomas ziemlich scharf. Der Hofrat winkte Harry, der eine hitzige Antwort geben wollte, mit einem dünnen Lächeln ab. »Lieber Thomas, du mußt nicht glauben, daß dein Vater Harry – und damit indirekt mir – irgend etwas geschenkt hätte. Dafür, daß wir Brüder sind, sind die Bedingungen sogar ...« »Ich möchte gar keinen Preis unter Brüdern,« fiel Harry ein, »ich laß mir von niemand was schenken, von dir am wenigsten, mein lieber Thomas; das hab' ich gar nicht nötig.« »Mach dich doch nicht so wichtig, Harry,« erklang jetzt die tiefe Baßstimme Burchard Kerkhovens, des zweiten Sohnes der Familie, der schon Kandidat der Theologie und mit einer adligen Gutsbesitzerstochter verlobt war, »du bekommst das Geld doch von Papa; es gehört ja nicht dir, denk' ich.« »Also, als dein natürlicher Vormund und Ratsfreund wollte ich mit dir ein paar Worte über deine Zukunftspläne sprechen,« wendete sich der Hofrat wieder an Thomas, »du sagst, du hättest in diesen Tagen noch nicht weiter darüber nachgedacht. Und das scheint mir, möchte ich sagen, ein gutes Zeichen zu sein. Denn es ist wohl sicher das beste, wenn alles beim alten bleibt.« »Wieso?« fragte Thomas. »Denn deine früheren Künstlerpläne hast du wohl selber aufgegeben?« »Warum?« »Lieber Thomas, ich stehe hier doch gewissermaßen auch als Vertreter deines Vaters ...« »Leb' ich für meinen Vater, oder leb' ich für mich?« fragte Thomas heftig. »Sehr richtig!« schrie der Untersekundaner Joachim auf einmal. »Halt den Mund!« donnerte ihn der Hofrat an, »du hast gar nicht mitzureden.« »Und außerdem hat mir mein Vater einen Brief hinterlassen, in dem er mir volle Freiheit gibt. Ich kann werden, was ich will,« sagte Thomas. Der Hofrat sah ihn mit hochgezogenen Brauen an und lächelte mild belustigt und zweifelnd. Das erboste Thomasen. »Und ich werde doch Maler,« rief er. »Das wirst du dir noch sehr überlegen. Das sind so jugendliche Träume ... Es wird nicht jeder Maler ein Thumann ...« »Gott sei Dank!« warf Thomas grob dazwischen. »Jawohl,« höhnte der Kandidat, »der ist dir schon wieder zu altmodisch. Die moderne Kunst kommt ja ohne Schweinereien nicht aus.« »Ja, es weht eine böse Luft draußen im neuen Deutschen Reich,« bestätigte der Hofrat mit einem traurigen Kopfnicken, »Religion und Autorität ...« »Bist du auch so fromm? Als Mediziner?« fragte Thomas. »Mein lieber Thomas, es gibt auch unter uns Naturwissenschaftlern noch Leute, die es verstanden haben, sich ihren Glauben zu bewahren. Und dann ... Gott sei Dank! Bei uns haben die besseren Kreise doch noch Gesinnungen, daß sie sich schön dafür bedanken würden, vielleicht in ihrer letzten Stunde einen Atheisten an ihrem Krankenbett zu sehen.« »Vom Glauben ganz abgesehen ...,« begann Harry wieder. »Ach so,« fiel Thomas ihm ins Wort, »für dein Geschäft hast du den Glauben weniger nötig?« Der Untersekundaner brach in ein beifälliges Lachen aus. »Joachim, geh hinaus,« sagte seine Mutter, »das sind Gespräche, die sich für Kinder nicht passen.« »Kinder ...!« rief der Gymnasiast und murmelte ein paar trotzige Worte, war aber vorsichtig genug, so undeutlich zu sprechen, daß man sie nicht verstand. »Joachim,« sagte nun auch der Hofrat streng und winkte ihm mit den Augen nach der Tür. »Mach deine Schularbeiten und misch dich nicht herein, wenn Erwachsene reden!« Joachim schnitt ein Gesicht und entfernte sich achselzuckend, aber gehorsam. »Also, wie gesagt, Thomas,« so nahm der Hofrat das unterbrochene Gespräch wieder auf, »ich rate dir dringend, unter allen Umständen zuerst dein Studium zum Abschluß zu bringen. Dann bist du etwas und kannst ...« »Was bin ich denn dann?« »Siehst du, Künstler ...! Woher weißt du denn ...? Wie viele Künstler bringen es denn zu etwas? Kaum einer unter hundert. Die andern sind nichts als Proletariat. Die Genies sind selten.« »Auch in anderen Berufen.« »Wieso?« »Ja, glaubst du denn, daß unter tausend Kaufleuten mehr als ein genialer ist?« »Kaufmann und genial!« himmelte Tante Karoline belustigt und erstaunt. »Ich bin froh, wenn ich ein tüchtiger Kaufmann bin,« sagte Harry mit überlegenem Lächeln, »geniale Kaufleute, – so nennt man die unreellen Spekulanten und Schwindler.« »Nein, ich begreif' es nicht,« sagte Tante Karoline melancholisch kopfschüttelnd, »daß einer von meinen Söhnen Kaufmann werden konnte ...!« »Ich dächte, die Kerkhovens wären eine Kaufmannsfamilie?« sagte Thomas gereizt. »Wir stammen wohl von Kaufleuten,« mischte sich der Hofrat vermittelnd ein und fuhr dann selbstbewußt fort: »aber ich zum Beispiel ...« »Nein!« sagte die Hofrätin mit einem dümmlichen Lächeln, »ich hätte auch nie einen Kaufmann geheiratet.« »Lieber einen Maurermeister?« fuhr es Thomas heraus. Er ärgerte sich über den Ton seiner Tante, und so entfesselte er unbedacht einen Sturm. »So eine Taktlosigkeit!« schrie die Hofrätin. »Thomas, was fällt dir ein!« zischte der Hofrat. »Du bist noch etwas grün,« sagte der Kandidat voller Verachtung. »Mein Vater war überhaupt Gutsbesitzer,« schluchzte die Hofrätin. »Ja; als er genug hatte!« Thomas konnte nicht schweigen. Die Hofrätin hob ihr tränenfeuchtes Gesicht und sagte giftig zu Thomasen: »Was wohl der Vater deiner Mutter gewesen ist?« »Tante Karoline!« »Jawohl, du hast gerade einen Grund ...!« Thomas warf einen flüchtigen Blick zu Annemarien hinüber, die die ganze Zeit über ihrer Stickerei gesessen hatte, ohne sich in das Gespräch zu mischen, und ohne ihn nur einmal anzusehen. Der Zorn kochte in ihm, aber um ihretwillen wollte er ihn zurückhalten. – Die Hofrätin war jetzt aber im Zuge: »Jawohl, meine Kinder brauchen sich ihres Großvaters nicht zu schämen.« Thomas stampfte heftig mit dem Fuße auf. »Das verbitte ich mir!« rief der Hofrat, »benimm dich anständig!« »Bleibt mir gewogen!« Damit ging Thomas zur Tür hinaus und warf sie hinter sich zu. * Thomas trat in dem Augenblick aus das flache Dach, als die Uhr der Petrikirche zu zwei tiefen Schlägen aushob, die brummend nachhallten, bis der Schlag der Domuhr einfiel, der sich schon mit dem der Jakobikirche mischte; von allen Seiten antworteten andere Glocken mit hellen und tiefen Stimmen. Thomas schaute sich auf dem Dache um, das ihm ein Zeuge so vieler glücklicher Stunden gewesen war. Wie weit lagen sie zurück! Ihm war, als hätte er diesen Ort seit zwanzig Jahren nicht mehr gesehen. Er starrte auf die eisenbeschlagene Tür, die der gegenüber lag, durch die er gekommen war. Dort ging es auf den Boden des Hofrats, von dort erwartete er Annemarien. Rechterhand begrenzte das Dach zur Hälfte eine Brandmauer, die einen vor neugierigen Blicken aus den Fenstern der benachbarten Höfe schützte. Die andere Hälfte dieser Seite war aus Vorsicht durch einen blechbeschlagenen Balken abgeschlossen, und hier strömte der Sonnenschein herein und zeichnete ein schwarzes Bild der Mauer und des Geländerbalkens auf die ein wenig geneigte Fläche des Blechdaches, dessen Hitze Thomas durch die Stiefelsohlen spürte, als er jetzt in die Sonne trat, um Ausschau zu halten: schmucklose Hofmauern mit Küchen- und Mansardenfenstern, weiterhin eine buntscheckige Herde von Dächern, mit Schornsteinen, aus denen Rauch wehte, mit Schornsteinen, über denen nur ein Flimmern der sonnigen Luft von der Glut zeugte, der sie Abzug gewährten. Ein einziger greller Punkt brannte in allen den verräucherten Farben, die selbst die Sonne nicht zum Leuchten bringen konnte: ein Blumenbrett vor einem Dachfenster, dicht über der Regenrinne. Rote Geranien und Verbenen und hartrosa Phlox blühten da. Ob in jener Kammer wohl noch immer die hübsche Zofe hauste, die bei ihrer Toilette so unvorsichtig war und nie das Rouleau herunterließ? August und er hatten sie oft im Dunkeln beobachtet, durchs Opernglas, schweigend, höchstens hie und da ein trotz aller Bemühung heiseres Wort tauschend. – Thomas seufzte, als er daran dachte, und es schwindelte ihn ein wenig. Ihm war die Frau ein schwüles Wunder geblieben; die Liebe zu Annemarien hatte ihn davor bewahrt, zu früh eine Art Lebemann zu werden, wie August. Für sie hatte er sich aufgespart, und alle Versuchungen, früher schon und jetzt während dieses halben Jahres in Berlin, waren für ihn kaum Versuchungen gewesen. Nur an Annemarien hatte er Abend für Abend mit Gedanken gedacht, deren er sich am nächsten Morgen oft schämte. Und wie er jetzt so stand und in den blendenden Tag hinausstarrte, stellte er sie sich wieder vor, wie er sie in seinen Träumen gesehen hatte ... Rote Ringe tanzten brodelnd vor seinen Augen und wuchsen und wurden mehr. In seinem Kopfe klopfte das Blut, aus schwarzem Grunde quollen die Ringe jetzt in einem stechenden Grün. Thomas taumelte, tastend griff er vor sich hin, um nicht zu fallen, und verbrannte sich an dem heißen Blechbeschlage des Balkens die Hände; das brachte ihn wieder zur Besinnung. Mit ein paar Sätzen sprang er über das dröhnende Dach in den Schatten der Mauer. Keuchend lehnte er da und staunte in die Helligkeit. – Wenn er jetzt hinuntergestürzt wäre, drei Stockwerke tief?! Sterben, wo das Leben erst anfing?! Wieder schlugen die Uhren. Noch eine Viertelstunde! Thomas stellte sich vor, wie er Annemarien entführen würde, er sah die heimliche Trauung ... Vielleicht müßten sie nach Helgoland gehen ... Er phantasierte sich die unwahrscheinlichsten Schwierigkeiten zusammen und erfand schlaue Winkelzüge, um ihnen zu entrinnen. Aber dann sagte er sich, daß wahrscheinlich alles viel einfacher sein würde, als er sich's jetzt dachte. – Auf einmal tastete ein Schlüssel klopfend an die Innenseite der Eisentür drüben und glitt mit einem schnappenden Geräusch ins Schloß! – Thomas wollte auf Annemarien zu, aber sie winkte ihm hastig und befehlend, er solle in seiner gedeckten Stellung bleiben: »Gleich! Warte!« Sie verschloß die Tür von außen leise und vorsichtig und wies hinüber auf die andere Seite: »Abgeschlossen?« »Ja,« nickte Thomas, und dann riß es sich aus ihm los: »Ach, Annemarie ...!« Sie kam langsam heran, blaß, mit baumelnden Armen, in den Augen das erstarrte Feuer eines Entschlusses. Das Blechdach krachte mit dumpfem Metallklang unter ihren Tritten. »Annemarie!« rief Thomas noch einmal und ergriff ihre Hand und zog sie an sich. Sie drängte ihn zurück, nicht heftig, aber mit solch einer melancholischen Gewalt und Bestimmtheit, daß er erschrak. »Ach,« sagte sie, verdrossen gleichsam, »was hat das für'n Zweck!« Er stand und fand keine Worte und sah sie in dumpfem Staunen an. »Ja, was soll denn daraus werden? Das kann ja zu nichts führen!« stieß sie auf Thomasens fragenden Blick hervor. »Du liebst mich nicht mehr,« stotterte er schließlich. Sie wollte etwas Hastiges sagen, sendete aber nur einen flüchtigen wunden Blick über sein Gesicht, hob leise die Schultern und ließ sie kraftlos fallen. »Liebst du einen andern?« schrie er – ein wenig pathetisch, wie er merkte. »Siehst du, Thomas,« begann sie leise, in beinah singendem Tonfall, als sage sie eine Lektion her, »wir müssen doch auch vernünftig sein ...« »Vernünftig ...!« lachte er auf. »Was soll denn daraus werden? Siehst du, du bist noch so jung, jünger als ich ...« »Die paar Monate!« »Ein Student heiratet doch nicht ...« »Ich werde Künstler!« »Aber du bist doch noch nichts. Wie lange sollen wir denn warten?« »Heute noch können wir davongehn!« »Ja, glaubst du denn, meine Eltern geben das zu?« »Brauchen wir sie zu fragen! Du bist mündig ...« »Ja, das sagst du so ...!« »Und ich werde in ein paar Wochen mündig. Wer hat uns dann noch was zu sagen? Bin ich nicht mein eigener Herr, hab' ich nicht mein eignes Vermögen?« »Ach Thomas,« seufzte sie, » das macht es ja nicht allein ... Du bist ja kaum erwachsen. So jung heiratet man nicht.« »Kaum erwachsen? Darauf kommt es doch nicht an. Nachgedacht hab' ich vielleicht mehr als mancher, der vierzig ist.« »Ja, glaubst du, die Leute fragen darnach?« »Die Leute! Die Leute!« schrie er. »Was kümmern uns die Leute? Hast du sonst so viel nach den Leuten gefragt?« »Man muß doch unter ihnen leben ...« »Jawohl,« höhnte Thomas erbittert, »die Leute ...! – Als ob man deine Mutter sprechen hörte ...! Sie sind es, deine Eltern sind es. – Wissen sie vielleicht schon eine gute Partie für dich? Was?« Annemarie schwieg, mit gesenktem Kopfe; dann warf sie auf einmal das Kinn in die Höhe, unter halbgesenkten Lidern hervor kam ein gekränkter und hochmütiger Blick. »Es ist alles mein freier Wille,« sagte sie, »was ich durchgemacht habe, geht dich ja nichts an ...« »Also worauf wartest du dann noch?« rief er zitternd, »dann geh doch, geh nur!« Sie schwieg. »Ich wollte dich nicht kränken,« begann er nach einer Pause mit stockender Stimme. »Du hast so viel durchgemacht, sagst du? Was ist es? Sag es mir! – Annemarie ...« »Ach wozu! – Siehst du, du bist noch so jung!« seufzte sie gescheit und mild. Er stieß nur einen wütenden Laut aus und machte eine ausholende Bewegung mit dem Ellenbogen, als wolle er sie von sich stoßen. – Da sagte sie: »Leb wohl, Thomas. Du denkst vielleicht einmal auch noch anders über mich und diese Stunde. Und für einen Künstler ist es überhaupt sicherlich besser, nicht zu früh zu heiraten. Das sagt man doch immer.« Er lachte auf. Sie warf ihm einen bedauernden und überlegnen Blick zu, seufzte und ging. Er stand in der Pose des Verächters. Als aber die Zunge des Schlosses hinter ihr einschnappte, lief er an die Tür und schlug mit den Fäusten dagegen und rief viele Male ihren Namen, klagend, wütend, flehend. – Es kam keine Antwort. Thomas fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Etwas wie ein dummes Staunen war in ihm. Langsam, ohne zu wissen, was er tat, ging er in den schattigen Winkel der Mauer und setzte sich auf den Boden. Gedanken jagten sich, düstre und phantastische Pläne tauchten auf; dann wurde es allmählich weicher in ihm: er tat sich unendlich leid und fing schließlich zu weinen an. * Als Thomas in sein Zimmer hinunterkam, fand er seinen Vetter August Appeltoft, der sich in die Sofaecke geflegelt und die Füße auf einen Stuhl gelegt hatte. »Na ...? Rendezvous ...?« fragte August lauernd. »Nein, nein ...« sagte Thomas und gab sich Mühe, unbefangen auszusehen. »Keen Schauspieler biste nich, Jungchen,« lächelte August und ließ eine Rauchsäule zur Decke steigen, die er mit dem Blick verfolgte, bis sie sich in rollende Wolken auflöste. »Wenn man lügt, steht's einem auf der Stirn geschrieben, sagte meine Alte früher zu mir, als ich den Schwindel noch glaubte. Auf deiner Stirn steht ein ganzer Roman. Sie kriegen sich nicht. Ende! Ort der Katastrophe: ein flaches Dach! – Was sagst du nu?« »Quatsch!« entgegnete Thomas und zündete sich eine Zigarette an. August richtete sich auf und musterte ihn scharf, mit einem schlauen Glanz in den Augen. Und effektvoll schleuderte er ihm einen Namen entgegen: »Waldemar Bökh!« Thomas verstand ihn nicht. »Besoffen ...?« fragte er und fuhr sich mit dem Finger über die Stirn: »Oder ...?« »Na, sieh mir bloß einer an! Ich glaub' wahrhaftig ... Nee, aber ...!« rief August verwundert. »Du weißt noch von gar nischt?« »Führ' kein Theater auf,« knurrte Thomas. »Was soll ich denn wissen?« »Daß Annemarie sich ganz stilliechen verlobt hat.« Thomas sprang auf. »Was! Mit wem?« »Na, eben gegen besagten Freiherrn Woldemar Bökh.« »Ist das wahr?« »Scheint's dir so unwahrscheinlich?« » Der Kerl ...!« »Mm, warum? Sie wird Freifrau. – Reich is er ooch. Tante Karoline schlägt Räder, weil ihre Tochter 'nen Baron kriegt ... Und er hat das Zeug zum Ehemann. Die Dummheiten hat er vorher gemacht ...« Thomas ging hastig auf und ab. »Der verlebte Idiot!« »Sag das nich, Jungchen! So dumm ist er wahrhaftig nich! Die Annemarie könnte mir auch gefallen ...« Thomas hörte nicht auf ihn; er stand am Fenster und starrte zu dem schmalen Himmelsstreifen hinauf, den die grauen Häuser sehen ließen. Ein Netz von rosigen Lämmerwolken lag darüber, leicht und wechselnd, aber immer dünner werdend, verschwimmend und sich langsam auflösend. August schlug ihm, ein bißchen verlegen, auf die Schulter. »Sei kein Frosch, Thomas ...!« Thomas fuhr zusammen und wendete sich um. »Jawohl,« sagte er ein wenig krampfhaft, »sie ist ne Gans, lassen wir sie schwimmen!« »... sagt Schiller,« sekundierte August und fuhr dann hastig fort: »Weißt du, was mir kolossalen Spatz gemacht hat? – Daß du dich gestern mit unserm ehrwürdigen Ober-Familienhaupt so schön verkrakeelt hast.« »Onkel Albert? Ach das ...!« »Es hat mich wahnsinnig gefreut,« lachte August, »weißt du, dem mal richtig die Meinung sagen zu dürfen, das war schon immer mein größter Weihnachtswunsch. Aber diese Welt ist eine dreckige Einrichtung. Und so ist es bisher meine Hauptbeschäftigung gewesen, mich bei meinem lieben Onkel Albert dafür zu bedanken, daß er mich immer so gütig unterstützt hat und sich wegen der paar Kopeken vor der breitesten Öffentlichkeit dick tut. Familiensinn hat er, das muß man ihm lassen, aber er will auch dafür bewundert sein.« Thomas saß steif und schweigend in einer Sofaecke. »Weißt du was,« fuhr August fort, »ich bin in diesen zwei Semestern in Dorpat zur Einsicht gekommen, daß das Leben wirklich nicht mehr und nicht weniger als eine Hühnerleiter ist. Sieh mich mal an: wieviel Talente schlummern unter dieser glücklich aufgesoffenen Fettschicht!« »Ja,« sagte Thomas zerstreut, »es ist wirklich schade: du solltest Maler werden.« »Ach, Maler, das ist nur die eine Seite! Sieh mich mal an, hätte ich nicht auch das Talent, die Zinsen von zwei bis siebzehn Millionen mit der größten Grazie auszugeben?« »Ja, mein lieber August, Millionär ...! Das könnte schließlich jedem passen.« »Na ja, ich meine ja bloß ... Aber meiner Alten geht's wirklich dünn genug. Und das muß ich sagen, für sich braucht sie so gut wie nichts ... Was dein Alter und Onkel Albert zugeschossen haben, hat sie noch immer an mich gehängt.« »Lieber August, das will ich dir bei dieser Gelegenheit gleich sagen, selbstverständlich wird dieser Zuschuß weitergezahlt, auch wenn es nicht ausdrücklich im Testament stehen sollte.« »Danke, danke ...« – August stand auf und gab dem Vetter die Hand – »Übrigens, na ja, ich kondoliere nochmals und so weiter. Weißt du, große Reden kann ich in solchen Situationen nicht schwingen ...« »Danke, ist auch nicht nötig.« Die beiden saßen eine Weile schweigend und rauchten. »Du gehst wohl bald wieder hinaus?« fragte August schließlich. »So bald wie möglich.« »Nach München?« »Natürlich!« »Du hast's gut! Glücklicher Mensch! München ...!« »Jawohl, ich bin glücklich!« lachte Thomas auf. »Ach so! Der Liebe Leid ... Na, das dauert auch nicht ewig.« »Laß mich in Ruh!« »Nein, ich sprech' grade davon. Sei doch kein Kamel, Thomas, ich bitt' dich ...!« »Jawohl,« bemerkte Thomas, »es gibt Leute, die jeden für ein Kamel halten, der anders ist als sie.« »In dem Punkt sind alle gleich,« dozierte August, »lehr du mich die Welt kennen. Was hast du nun von aller deiner Tugend? – Das hättest du dir doch sagen können: aus solchen Geschichten wird ja nie was. Erste Liebe ...! Lächerlich!« Thomas ärgerte sich. »Wem glaubst du durch diesen Ton zu imponieren?« fragte er. August lächelte gemütlich. » Ein Vergnügen muß der Mensch doch haben. – Im allgemeinen ist das mein Ton, mit Tanten umzugehn. Ich genieße infolgedessen eines sehr angenehmen Rufes in der ganzen Verwandtschaft. Im übrigen«, seufzte er melancholisch, »habe ich keine Ideale mehr. Wozu auch? An die Kunst denk' ich lieber gar nicht. Ich werde Medizinmann und schnickere zunächst in toten Leichnamen herum und säge später meinen mit Recht so beliebten Mitbürgern die Hinterflossen ab, oder auch die Vorderflossen, ›wie sich's trefft‹, sagt Janne. Und dann probier' ich, mir in zehn Jahren recht viel Rubelstücke zusammenzukratzen – wenn mal wieder die Cholera kommt, geht's vielleicht noch schneller – und dann mach' ich, daß ich raus komm' und mich möglichst gut amüsiere. Na, vielleicht kann man sich dann seine sogenannten Ideale auch wieder mal besehen.« »Hm,« machte Thomas. »Glaubst du eigentlich selbst, daß du dir jemals ein Vermögen zusammensparst?« August ließ einen langgezogenen Ton hören, der alles bedeuten konnte, und fixierte seine Stiefelspitzen. »Hö ...,« sagte er dann, »vom Väterchen die Frohnatur ...! Nee, wenn ich so denke, wie mein Alter zu den wohlrangierten Kerkhovens gekommen sein mag? So ein herrlicher Schiffskapitän! Schade, daß er sich so früh totjesoffen hat! – Du hast vielleicht recht, und ich bin von ihm erblich belastet. Das Portemonnaie hält bei uns Appeltöften nicht dicht. – Na, hoffentlich wird das bei mir noch kommen. Und in dublio nehm' ich an: ich werde in fünfzehn Jahren schon so versimpelt sein, daß mir die Chose piepe is.« »Aber schließlich, August, begreife ich dich nicht. Warum gehst du denn nicht einfach hinaus?« »Leicht gesagt, mein edler Graf mit dem großen Portemonnaie ...!« »Deine Mutter wird sich schon damit abfinden, wenn's mal geschehen ist.« »Vor der Alten hab' ich keine Angst,« sagte August mit einem kurzen, glucksenden Lachen. »Und der Zuschuß von meiner – oder vielmehr Papas – Seite wird dir deshalb auch nicht entzogen.« Das schien auf August Eindruck zu machen. Er starrte auf die Tapete und schien über einem schwierigen Problem zu brüten. »Na, August ...?« August warf den Kopf zurück. »Es geht doch nich!« »Warum denn?« »Der Ober-Familien-Medizinmann gibt mir dann keinen Kopeken mehr.« »Na, weißt du, es gehen genug Leute mit weniger Geld auf die Kunstakademie.« »Weiß schon, weiß schon. Die wohnen dann in einer Dachtraufe und gewöhnen sich das Essen ab und malen recht dünn, weil die Farben so teuer sind ... Sag mal, du, glaubst du, daß ein Balte das jemals fertiggebracht hat?« »Na, August, und wie wär's, wenn ich dir auch noch die fünfunddreißig Rubel im Monat gäbe, die du jetzt von Onkel Albert kriegst?« »Thomas,« schrie August, »du willst ...? Du willst wirklich?« Und er umfaßte ihn und tanzte mit ihm im Zimmer herum. »Ich bin aber auch kein Millionär. Vernünftig mußt du schon sein.« »Selbstverständlich! Von heute an wird jeder Kopeken dreimal umgedreht. Noch mehr von dir nehmen? Nee! Nie! Jamais de la vis ! – Und ich sag dir: in München setz' ich mich auf die Hosen und schufte. – In drei, vier Jahren hast du alles wieder.« »Sag' mal, August, hat dir Onkel Albert nicht schon einmal Schulden bezahlt?« »Hat er dir's erzählt? Das sieht ihm ähnlich. Jawohl, zweihundert Rubelstücke, um die Familie vor Schande zu retten! – War aber eine schwere Geburt.« »Sollten wir ihm das nicht wiedergeben?« »Der kann lange warten! – Ich denk' ja nicht dran! – Das schöne Geld! – Verklagen tut er mich doch nicht. Das würde ja das Wappenschild der Famulie beflecken. – Nein, weißt du, wenn du was übriges tun willst, pump mir jetzt mal einen Fünfundzwanzigrubelschein.« »Ja, gern, aber ...« »Kein Aber ...! Ich muß mich dir auch dankbar erweisen für alles. Und das tu ich am besten, wenn ich dich jetzt auf andre Gedanken bringe. Komm mal mit!« »Wohin denn?« »Erst essen wir im Romkeller; nicht ohne den nötigen Champagner ...« Thomas lächelte. »Du fängst das neue Leben gut an.« »Das ist nur heute und deinetwegen, obgleich ich, aufrichtig gestanden, selbst das Bedürfnis habe, diesen großen Tag zu feiern ...« »Na, dann feire allein. Ich hab' keine Lust ...« »Sei doch nicht so'n Papp-Pferd! Komm mit! Und nachher gehn wir weiter. Überlaß dich nur meiner sachkundigen Führung. Ich weiß dir ein Arkanum gegen Liebesgram ...« Thomas stellte sich diesen Abend vor: einsam und traurig. Die Zeit würde still zu stehen scheinen ... »Na, dann meinetwegen! Aber nur in den Romkeller; weiter nichts!« August lachte. »Komm nur mit! Wenn wir erst einige Schnäpse und eine Pulle Sekt intus haben, findet sich das übrige schon. Es lebe die Homöopathie! Similia similibus . Der Unterschied zwischen Honoratiorentöchtern und andern Mädchens liegt nämlich nur in Äußerlichkeiten. Und wer erst etwas davon versteht, sagt freundlich lächelnd: Das also ist die berühmte Liebe?« * Am nächsten Tage wachte Thomas erst nach elf Uhr auf. In seinem Kopfe dröhnte ein dumpfer Schmerz, auf der Zunge spürte er einen faden, pappigen Geschmack, an seinen Fingern haftete noch der staubige Parfümduft von schlechtem Puder ... Das stellte ihm auf einmal wieder die Bilder dieser Nacht vor Augen. Er klingelte. Der alte Janne trat ein und blieb in der Tür stehen, einen stummen Vorwurf in dem bekümmerten Gesicht. »Janne, laufen Sie mal in die Apotheke und holen Sie mir ein Antifebrinpulver! Und dann machen Sie Kaffee; aber stark! Zu Mittag bin ich nicht zu Hause, ich fahr' an den Strand.« Der Diener verließ schweigend das Zimmer. Alter Esel! dachte Thomas; aber im Grunde hätte Janne ja nicht unrecht. * Als Thomas in Bilderlingshof aus dem Zuge stieg, war ihm ein wenig besser geworden, und er verspürte Hunger. Da wäre es wohl das klügste, gleich in der Bahnhofsrestauration zu essen; denn Frau Ohsoling führte eine berühmte Küche. Herr Ohsoling, der wie gewöhnlich mit der schwarzseidnen Ballonmütze auf dem kahlen Kopfe hinter dem Büfett stand, begrüßte den alten Bekannten mit einem Handschlag. »Auch wieder im Ländchen, Herr Kerkhoven? Ach ja, Ihr Papa ...! Hatt' ich ganz verjessen. Kondoliere, kondoliere! Ja, ja, wenn man denkt, wie schnell das jehn kann ...!« Als Thomas nach dem Essen seine Tasse Kaffee trank, ging die Tür auf; sein früherer Schulkamerad Magnus Schlaar kam herein und bestellte sich am Büfett eine halbe Flasche Portwein. »Herr Kerkhoven is auch da,« verkündete Ohsoling. »Ah, moin, Kerkhoven!« sagte Schlaar, »bist du wieder da? – Ach so!« – Sein Blick fiel auf den Trauerflor auf Thomasens Ärmel. – »Aufrichtigstes Beileid! Wart', ich setz' mich bißchen zu dir.« »Du bist ohne Farben?« fragte Thomas, um irgendetwas zu sagen. »Weißt du denn nicht ... Ich bin ja momentan von der Korporation geruckt, weil ich einem ins Bein geschossen habe.« »Ach richtig, die Pistolengeschichte mit dem jungen Konsul Bondelius ... Ach ja, die traurige Sache ...! Nicht wahr, das Bein mußte abgenommen werden?« »A, was braucht so'n Konsul zwei Beine!« sagte Schlaar gelassen. »Na, weißt du, sein Leben lang ein Krüppel sein?« »Und ich ...? Mir ist die ganze Karriere verdorben.« »Ja, lieber Schlaar, das hättest du dir früher überlegen müssen.« »Konnte ich wissen, daß die Leute so borniert sind? Gott, Sachen, die im Ausland jeden Tag vorkommen ...! Es gibt ja keinen modernen Roman, wo nicht einer ein Verhältnis mit einer verheirateten Frau hat. – Sogar in der Korporation finden die Idioten das unhonorig. Mir sagt das ja keiner, denn sie möchten nicht gern gleichfalls ins Bein geschossen werden ... Aber hinten herum erfährt man so was doch. Na, das wäre das wenigste ... Ich würde mich schon in Respekt setzen, das kannst du mir glauben. Aber die Schweinerei mit den Stipendien ...! Ich hätte nicht mehr die moralische Qualifikation, finden die wohlweisen Herren ...« »Ja, was willst du denn jetzt machen?« »Was soll ich machen? – Zum Ladenschwengel bin ich mir doch zu gut. Und Schiffsjunge zu werden hab' ich auch keine Lust. Ich muß als Volontär auf ein Gut. Praktisch die Landwirtschaft lernen. Stoppelhopser ...! Wer mir das vor einem Jahre gesagt hätte ...« »Ja, das ist schlimm ...,« sagte Thomas und stand auf. »Vielleicht sehn wir uns noch: ich muß jetzt fort. Herr Ohsoling, ich zahl' heute abend.« »Wohin gehst du denn?« fragte Schlaar. »Wenn du einen Moment wartest, komm ich mit. Wir bummeln noch bißchen ...« »Nein, ich muß zu meiner Tante Weller,« sagte Thomas: die Begleitung war ihm nicht erwünscht. »Dann also auf Wiedersehn!« »Adieu. – Adieu, Herr Ohsoling!« Thomas ging den sandigen Fußweg durch den Wald, dessen kümmerliche Föhren leise im Nordwind rauschten. Die Luft war so erfüllt von dem Gesange der Brandung, daß Thomas nicht hätte sagen können, von welcher Seite er kam, wenn er es nicht gewußt hätte. Es war, als ob dieses ganze magere Land sänge. Und in Thomasens Brust klang es schwellend mit ... Dabei ging ihm Magnus Schlaars Geschichte nicht aus dem Kopfe. Wie so eine Leidenschaft alle Pläne vernichten konnte, die ein Mensch sich gebaut hatte, eine ganze Laufbahn zerstören, auf die er nach seinen Gaben ein Recht hatte ...! Jawohl, Magnus Schlaar war selber schuld daran; er steckte wohl in keiner glücklichen Haut. Charakterschwäche nannte es Thomas. Aber dann kam ihm ein andrer Gedanke: Waren die Leute, die Schlaaren glichen, nicht gerade die Starken? Und er selbst däuchte sich so schwach und so arm an Leidenschaft ... Hatte er nicht Schmerz und Kränkung genug erfahren in diesen Tagen? Und was hatte er getan? Geweint hatte er und hatte sich dann in Würde gefaßt, und war hingegangen, um das, was er durch Jahre für die eine gehütet hatte, in den Schmutz zu werfen, trotzig wie ein dummer kleiner Junge. – Ach, was half es, drüber zu grübeln? – Er beschloß, nun wirklich seine Tante Leocadie aufzusuchen, um sich auf andre Gedanken zu bringen, und um sie nach mancherlei zu fragen. Er verließ den Wald und ging auf dem Bretterstege den Gartenzäunen entlang. Es war noch früh im Jahre, aber trotzdem waren die meisten Häuser schon bewohnt, und auf den Veranden saßen hellgekleidete Menschen. Das hohe Kuppeldach von Onkel Alberts Villa tauchte auf. Er schritt rascher zu, denn daneben lag Tante Leocadiens Häuschen, die Sommer und Winter hier draußen wohnte. Tante Leocadie saß auf ihrer Veranda und häkelte an einem wollenen Schal; sie empfing Thomasen erfreut. »Nett, daß du auch mal zu deiner alten Tante herauskommst! Wart' einen Augenblick ... Gegessen hast du doch schon? Aber Kaffee muß uns die Lene machen ...« Thomas blieb allein. Er trat in das große Mittelzimmer, an dessen Decke er mit der Hand langen konnte, wenn er sich auf die Fußspitzen stellte. – Wie gemütlich altmodisch es hier aussah! Es waren Möbel von Thomasens Großvater, die bei der Erbteilung dem Hofrat zugefallen waren; der hatte sie aber verachtet und auf den Dachboden gestellt, wo Tante Leocadie sie nach Jahren entdeckte und sich zur Möblierung des Häuschens ausbat, das sie nach ihrer Scheidung einem alten kinderlosen Fischer um billiges Geld abgekauft hatte. Die alten Möbel hätten wohl manches erzählen können ... Aber sie standen ruhig mit glatten, verschlossenen Gesichtern. – »Es ist alles vorübergegangen,« – das waren die Worte, die Thomas darin las. Und als er nachher mit Tante Leocadie beim Kaffee saß, da vernahm er unter ihrem sachlichen Geplauder dieselbe gelassene Weisheit. – Auch das müßte gut sein, dachte Thomas, sein Schicksal schon hinter sich zu haben. »Sag', Tante,« fragte er dann auf einmal, »du hast meine Mutter doch auch gekannt?« »Ja, zu deines Vaters Hochzeit war ich damals aus Ssaratoff herübergekommen. Gekannt eigentlich nicht ... Nur zwei-, dreimal gesehen, weil ich gleich wieder abreiste.« »Erzähl' mir von ihr ...« »Ja, was soll ich dir erzählen? Nett war sie, mir hat sie gut gefallen ...« »Nett?« fragte Thomas, »klein, zierlich?« »O nein, ich meine: in ihrem Wesen! Sie war eine große, schlanke Person, größer als dein Vater.« »Ja, und ... Wie sah sie denn sonst aus?« »Etwas große Züge, aber edel geschnitten. Streng sah sie aus, die Augenbrauen beinah zusammengewachsen. Aber schöne, lebhafte, freundliche Augen.« Wieder also veränderte sich ein Bild, das sich Thomas gemacht hatte. Er saß sinnend und musterte eine breite Ritze zwischen zwei Brettern des Fußbodens. »Und wie war meine Mutter denn ...?« fragte er. »In ihrem Wesen ...?« »Nett,« sagte die alte Dame wieder, »mir hat sie sehr gefallen. Sie sprach ein bißchen Dialekt – österreichisch, glaub' ich – und konnte so lustig sein. Das wirkte pikant zu ihrer Erscheinung. Sie sah wirklich wie eine Heroine aus.« Tante Leocadie lachte in der Erinnerung. »Manchmal konnte sie Sachen sagen, daß Albert die Hände über dem Kopfe zusammenschlug und das gute Linchen errötend in ihren Schoß guckte. Sie war so frei im Sprechen. Ich weiß nicht, dein Vater bewunderte als Bräutigam alles an ihr; aber ich war doch traurig bei der Hochzeit. Ich hab' mir gleich gedacht, daß es nicht gut gehen würde ...« »Was hat sie denn aber eigentlich getan?« »Ach Thomas, ich hab' es nicht mit angesehn. Ich war ja nicht hier. Traurige Geschichten ... Und dir steht es ja nicht zu, darüber zu richten ... Ich habe sie nie verurteilen können ... Dazu müßte man viel besser wissen, wie das alles gekommen ist ... Wer kann in einen andern Menschen hineinsehen?« Mehr als solche allgemeine und unbestimmte Andeutungen brachte Thomas aus seiner Tante nicht heraus. So sagte er ihr denn schließlich Adieu und ging durch den Dünenwald dem Meere zu. Als er die Höhe der Düne erstiegen hatte, mußte er an seinen Hut greifen, – so stark faßte plötzlich der Wind. Das Meer ging in aufgeregter Brandung. Mehrere weiße Schaumstreifen bezeichneten die dem Ufer vorgelagerten Sandbänke, auf denen die Wasserberge ihr Haupt nach vorn beugten, als wollten sie sich um sich selbst rollen; aber da lösten sie sich schon in Gischt auf, der brodelnd vorwärts trieb ... Nur eine kurze Strecke ... Dann kam wieder eine tiefere Stelle, und wieder wuchs ein Wasserberg und stürzte bei der nächsten Untiefe aufs neue zusammen ... Bis die Welle schließlich das Ufer erreichte und flach über den Sand stürmte, um langsam zurückzugleiten ... Denn unten ging die Gegenströmung, die alles Wasser, das der Wind ans Land warf, wieder in die See zog, heimlich und unablässig ... Thomas legte sich mit aufgestemmten Ellenbogen nieder und träumte vor sich hin. Feine harte Sandkörner prickelten auf seinen Wangen, der Wind spielte hastig in seinen Haaren. Er dachte an Annemarien ... Daß er sie verloren hatte, würde ihm wohl erst mit der Zeit so recht bewußt werden, der Schmerz würde nachkommen ... Aber er wollte ihn überwinden. Hatte er denn nicht seine Kunst? Und war er nicht jung? Leben ...! Und mochte das Leben zwecklos sein, wie der Aufruhr dieser Brandung, – er wollte sich ihm geben, er wollte es nehmen, wie es war. Ach ja, gestern nacht ...! Das nannte nun August: das Leben kennen lernen. Schmutzig werden ...! Hieß das, das Leben kennen lernen? – Vielleicht gehörte auch das dazu. Schmutzig werden und unglücklich werden, und klein werden, und sich selber verachten ... Was machte das! Er sah wieder das Überwinderlächeln um die Mundwinkel seines toten Vaters. Er wollte das Leben zwingen, solange er noch lebte ... Brandung und Schaum und Lärm ... Aber Thomas schließt die Augen und malt sich ein andres Bild ... Eine glatte See ... Man kann nur ahnen, daß hier Stürme getobt haben. Feurige Himmelsfarben schwimmen auf spiegelndem Grunde; eine goldne Brücke reckt sich von diesem öden Strande zu der heißen Heimat alles Lebens: zur Sonne hinüber, die langsam versinkt ... Kämpfen und leiden und überwinden ... Und dann ein Abend an glatter See ... Zweites Buch Thomas Kerkhoven saß allein im Café Luitpold und riß nervös an seinem Spitzbarte. Die Kritik in den »Neuesten Nachrichten« war ihm näher gegangen, als er sich eingestehen mochte. – Daß auch gerade heute niemand von den andern kam! Am Nachbartisch sahen zehn, zwölf junge Griechen, die geräuschvoll und so schnell durcheinander schnatterten, daß einem schwindlig werden konnte. Einer von ihnen hatte das Wassermädel Mali an der Hand gefaßt und redete halblaut auf sie ein. Sie lauschte belustigt, mit schief geneigtem Kopfe; auf einmal aber befreite sie ihre Finger, gab dem Courmacher einen Klaps auf die Hand und sagte: »Naa, Sie san ein Schlimmer!« Der Grieche lachte. – Mali warf einen mokanten Seitenblick auf ihn und entfernte sich mit einem: »Mir waar's genügend!« An Thomasens Tisch blieb sie stehen: »Heut ganz allein, Herr Kerkhoven?« »Vielleicht kommen die andern noch.« Mali warf einen Blick zu den Griechen hinüber. »So was!« Sie lachte glucksend. »Dös san scho die richtign!« »Na, der eine hat's aber scharf auf dich abgesehn; schau, was er für geschmalzene Augen hermacht.« »Von mir aus derf er s' sich in Sauer kochen lassen, der Tepp!« erwiderte Mali voll Verachtung und hob ihre kecke Nase, während die roten Hände in den Schürzentaschen verschwanden. Thomas lächelte. »Überhaupts, zu was brauch denn i an Schatz!« »Recht hast du,« nickte Thomas. »Obzwar ...,« begann Mali ein wenig rätselhaft und fragte dann plötzlich: »Wo ist denn die große Blonde hin, die wo immer mit Ihnen kommen is?« Thomas machte eine Handbewegung, die »futsch« sagte. »Nix währt ewig,« bemerkte Mali tiefsinnig. – »Trinken S' noch a Pilsner, Herr Kerkhoven?« Thomas nickte; Mali nahm sein Glas, blieb aber wieder stehen. »Schaun S', Herr Kerkhoven, mit so an Schlawiner, wenn ich anfangen tät, nacher waar ich doch schön dumm. Aber was so a richtiger, besserer Herr wär, da könnt man sich's noch überlegen ... A bissel was für's Herz sollt der Mensch aa ham.« »Such' dir nur einen!« lächelte Thomas. »Siehst du, ich komm nicht in Betracht. Ich bin ja selber ein Schlawiner. Aus Rußland, weißt du.« »So was!« eiferte Mali, »dös ist eine ganz eine andre Geschicht. An Herr wia Sie. Sie san ja bereits ein Münchner. Einer von unsre ältesten Stammgäst ... »Ja,« lachte Thomas, ein wenig bitter, »dazu hab' ich's in acht Jahren glücklich gebracht!« »Sie könnten mir schon gfallen, Herr Kerkhoven,« sagte Mali geschämig. »Ach?!« »Ja, wissen S', Sie haben so ein ... So ein leidenschaftsbleiches Gesicht ham Sie.« Ein wohlgenährter junger Mann mit glattrasiertem Gesicht, ziemlich auffällig im Stil der Biedermeierzeit gekleidet und frisiert, kam durch den Säulengang auf den Tisch zu. »Ein Braunbier, Mali!« Dabei hängte er Hut und Mantel auf. »Gratuliere,« sagte Thomas und reichte ihm die Hand. »Wozu?« fragte Karsten Anton Wacker und setzte sich. »Ach so! Mein Beileid!« »Ja,« sagte Thomas, »mich hat der Stolterfoot allerdings in der Luft zerrissen. Aber deshalb häng' ich mich noch lange nicht am clou de l'exposition auf.« »Ich danke Ihnen.« Wacker verneigte sich mit altväterischer Grazie. »Ich kann's auch gar nicht vertragen, wenn so was an mir rumbaumelt.« Thomas lächelte: »Ja, Sie sind jetzt groß raus. Na ja, und schließlich, verdient haben Sie's; und Zeit war's endlich mal!« »Ach Gott, bester Herr Kerkhoven, wenn Sie ne Ahnung hätten, wie ich zu der Kritik komme. – Glauben Sie, meine Bilder gefallen dem Stolterfoot? – I wo, er ist ja selber ein sauer gewordner Maler.« »Aber er ist doch direkt begeistert?« »Stolterfoot ist ja nämlich seines Glaubens auch Lübecker und interessiert sich für meine jüngste Schwester. Das ist die ganze Geschichte.« »Sagen Sie,« fragte Thomas, »ich möchte ... Wie finden Sie mein Bild?« »Es hat ein sehr schönes Format.« »Nein, lachen Sie nicht so dreckig. Sagen Sie wirklich ...« »Wirklich ...? Na ja, es ist ja eigentlich gut, aber ... Ich weiß nicht ... Sie wollen so furchtbar viel ... Ich glaub', Sie sind zu klug ... Ein Kunstmaler kann ja nicht dumm genug sein ... Sie sollten Schriftsteller werden.« Thomas lachte nervös. »Ja, sagen Sie, Herr Wacker ... Ich male Gedanken, finden Sie. – Was malen Sie denn eigentlich? Hm?« »Sehr schmeichelhaft, wenn Sie meine kleinen Witzchen Gedanken nennen. Ich meine mit Gedanken so was in Ritterstiefeln, wie unser guter Volker die Theaterstücke nennt, wo man die Hände nicht in die Hosentaschen stecken kann.« Thomas zündete sich eine frische Zigarette an und blies den Rauch nachdenklich vor sich hin. »Meinen Sie also,« begann er dann wieder, »es wäre besser, sich einfach vor ein Stück Natur zu setzen und zu malen, was man sieht.« »Ja freilich! Nee, wissen Sie, ich hab' das ja auch schon probiert. Ist ja alles bloß Einbildung. Und das ewige Naturstudium kann das beste Talent zugrunde richten.« »Na ja, das ist ja recht witzig, aber ...« »Wieso? Ich behaupte ja nicht, daß die tiefsinnigen Radierungen unsres diabolischen Penzberger gut wären, weil er sich von Kindesbeinen an so jungfräulich rein vom Naturstudium bewahrt hat. Schludriger gezeichnet könnten die nach der Natur auch nicht sein.« »Um wieder auf den besagten Hammel zurückzukommen,« witzelte Thomas ein wenig krampfhaft, »was haben Sie denn im einzelnen an meinem Bilde auszusetzen?« »Gott, ich sag' ja: ich find' es gut gemacht. Ich kann's nur nicht leiden, wenn man in einer Sache so das Trampeln der Weltgeschichte hört.« »Ich versteh' Sie schon ... Sie meinen ... Ja gewiß ... Ich wollte ... Ihre Bilder haben so was Nobles, Ruhiges ... So gar kein ... Und doch ...« Thomas suchte nach Worten. »Reißen Sie sich bloß kein Bein aus! Ich bezwecke gar nichts, als nette Bilder zu malen und möglichst viel dabei zu verdienen.« »Na, wenn's Ihnen bloß darauf ankäme,« lachte Thomas, »würden Ihre Bilder anders aussehn.« »Absolut nicht. – Das beste Geschäft auf die Dauer ist immer: gute Sachen machen. Seien Sie überzeugt: mit der Zeit rentiert sich das sicher. Gott, so furchtbar eilig hab' ich's nie gehabt. Ich bin Gott sei Dank vorsichtig in der Wahl meiner Eltern gewesen.« »Ja, Sie haben's gut,« seufzte Thomas. »Aber, lieber Herr Kerkhoven, Sie können's wahrhaftig auch ruhig abwarten. Was schert Sie der Stolterfoot?« Thomas warf einen schnellen Blick auf Wackers blühendes Gesicht. »Sie haben so eine beneidenswerte Sicherheit,« sagte er leise und verschwieg eine ganze Gedankenkette, die sich an diese Worte hängte. »Da kommt das Kamel übrigens.« Wacker wies mit dem Kopf in den Säulengang hinaus. Stolterfoot kam langsam und in gebeugter Haltung auf den Tisch zu, zog seinen Schlapphut und fragte: »Gestatten die Herren ...?« Wacker nickte grinsend, und der Kritiker zog seinen Lodenhavelock aus. Eine schwüle Pause entstand. Stolterfoot suchte mit seinen braven Bernhardineraugen Thomasens Blick, ohne ihn erhaschen zu können. Dann glättete er mit beiden Händen hastig sein allzu langes Wollhaar, das auf dem Scheitel nur noch als leichter Flor lag, während es über den Ohren und dem Nacken dicke, weit abstehende Wülste bildete. Mit krummen Fingern kämmte er dann noch ein Weilchen seinen verwahrlosten Spitzbart, bevor er sich mit einem schüchternen Lächeln an Wackern wendete: »Nun?« »Nun?« fragte der gleichmütig. »Ja, haben Sie das Vorabendblatt der Neuesten Nachrichten noch nicht gelesen?« »Ich lese nie Zeitungen.« »Aber da steht doch meine Kritik über Ihre Bilder in der Sezession drin!« »So?« fragte Wacker müde. »Mali,« rief Stolterfoot, »die Neuesten von heute abend! – Sie haben sie wohl schon gelesen?« wendete er sich dann an Thomasen. »Ja,« antwortete der kurz und trank einen Schluck. Das Wassermädel brachte die Zeitung. »Hier, bitte!« Stolterfoot reichte das Blatt Wackern und wies ihm die Stelle. Wacker warf einen Blick darauf, blätterte um und sagte faul: »Muß ich das lesen? – Das ist so lang?« »Ja ...?« stieß der Kritiker mit einem hölzernen halben Achselzucken hervor und wurde rot. »Wenn Ihnen so viel daran liegt ...« Wacker vertiefte sich scheinbar in die Lektüre und las und las; sein Gesicht schien in Gleichgültigkeit versteinert zu sein. Stolterfoot richtete seinen ehrlich betrübten Hundeblick wieder auf Thomasen. Zwar schielte er manchmal schnell zu Wackern hinüber, um den Effekt seiner Kritik festzustellen, aber er fixierte den andern doch so anhaltend, daß der schließlich den Blick erwidern mußte und dabei über die Dummheit dieser Situation zu lachen anfing. »Sie sind mir böse?« fragte der Kritiker auf einmal eindringlich, ohne den Blick abzuwenden. »Nö, warum?« sagte Thomas mit geheucheltem Staunen. »Sehn Sie, gerade an Ihr Bild mußte ich einen besonders strengen Maßstab anlegen ...« »Wissen Sie, ich mach mir wirklich nicht so ungeheuer viel aus Kritiken. Wenn Ihnen das Bild nicht gefällt, müssen Sie's ja natürlich sagen.« »Das freut mich,« sagte Stolterfoot. »Sehn Sie, es gibt so wenig Künstler, die Kritik vertragen können. Mit meinen besten Freunden bin ich deshalb auseinander gekommen. Ach ja, ein glücklicher Beruf ist das nicht! Ich bin vielleicht der bestgehaßte Mann in München. Ich glaube, mancher wäre imstande, mich hinterrücks zu erschießen.« »Man keine Bange, das tun se nich. Durchhauen, ja, das könnte eher passieren,« warf Wacker dazwischen und versank wieder hinter seiner Zeitung. » Ich hasse Sie nicht,« tröstete Thomas mit einem ironischen Lächeln. »Sehn Sie, und Sie werden auch einsehn, weshalb ich gerade an Ihr Bild einen besonders strengen Maßstab anlegen mußte ... Sie sind mir persönlich so sympathisch ...« »A!?« »Ja, sehn Sie: wäre es das Bild eines mir persönlich ganz unbekannten Künstlers, dann ... Ich kann mir doch auch nicht sagen lassen, ich lobte das Bild, weil ich mit dem Künstler gut bekannt bin; und auch ... mir selbst gegenüber ... Ich hüte mich natürlich ängstlich davor, aus persönlicher Sympathie am Ende zu günstig über jemand zu schreiben.« »Sie haben ein sehr zärtliches Gewissen,« lachte Thomas aus und fügte mit einem verbindlichen Lächeln hinzu: »Ich will trachten, Ihnen in Zukunft unsympathischer zu werden.« Wacker ließ die Zeitung sinken und legte sie beiseite, dann nahm er schweigend eine Zigarre aus seinem Etui, schnitt umständlich die Spitze ab und entzündete ein Streichholz. »Nun, was sagen Sie?« fragte Stolterfoot neugierig. Mit paffenden Zügen wurde die Zigarre in Brand gesetzt, dann kam es gleichgültig zurück: »Mm, ganz nett ...« »Ich weiß ja, daß ein so sichrer Künstler wie Sie auf Lob und Tadel nicht viel gibt. Aber ich meine ... Verständnis ist doch auch etwas ... Habe ich Sie verstanden? Ihre künstlerischen Absichten ...?« »Nee, aber dafür werden Sie ja auch nicht bezahlt.« »So?« sagte der Kritiker betreten. Thomas lachte: »Ja, es ist ein schwerer Beruf, Herr Stolterfoot.« In diesem Augenblick trat der »dämonische« Penzberger an den Tisch, ein sehr junger Mann, der darauf hielt, in seinem Äußern den Korrekten zu spielen, und mit etwas ärmlicher, aber diskreter Eleganz gekleidet war. Nur die ungesunde Gesichtsfarbe und die unsteten, tiefumschatteten Augen sprachen von »Nachtseiten« seiner Natur oder schlechter Ernährung. Er begrüßte Wackern und Thomasen mit schlaffem Händedruck: Herrn Stolterfoot schien er nicht zu bemerken. »Sind Sie mir böse?« fragte dieser auch ihn. »Ich kenne Sie nicht,« erwiderte Penzberger kühl, dann setzte er sich und wendete sich an Thomasen: »Was halten Sie vom Kritikerberuf?« »Mm ja ...?« Thomas wurde ein bißchen verlegen. »Ich wundre mich nur,« sagte Penzberger, »daß Leute, die dies Handwerk betreiben, nicht auch die Konsequenzen daraus ziehen. – Der Schinder im Mittelalter pflegte ja auch draußen vorm Stadttor zu wohnen ...« Stolterfoot erhob sich. Ein peinliches Schweigen herrschte an dem Tische. Aber der gekränkte Kritiker ließ die Schultern wieder nach vorn sinken, schüttelte ergeben den Kopf und sagte: »Ich will die Herren nicht stören. – Pepi, zahlen!« Dann zog er den Havelock an, stülpte den Schlapphut über seine Glatze und ging, gebeugt und dennoch durch so viel Haß in seinem Selbstbewußtsein gehoben, langsam dem Ausgange zu. »Sagen Sie, Herr Penzberger, schreiben Sie eigentlich noch die Münchner Kunstberichte für die Rheinische Zeitung?« fragte Wacker sanft. »Leider! Essen muß der Mensch schließlich. Ich hab aber wenigstens das Bewußtsein, wie niedrig diese aufgezwungne Tätigkeit ist.« »Na ja, das ist immerhin schon ein Vorzug,« so tröstete ihn Wacker. Zwei Damen und zwei Herren gingen vorüber. Die Herren grüßten, und einer von ihnen kam zu den Malern an den Tisch. »Na, heute so elegant, Herr Volker?« fragte Thomas. Volkers rasiertes Komödiantengesicht zog sich lächelnd in die Breite; er sah an seinem schäbigen Gehrock hinunter und sagte: »Ja, der war einmal sehr teuer. – Ich hab heute den Grafen Traft zu spielen g'habt. Eine fade G'schicht, so eine Premiere: da muß man sich schminken.« »Das ist doch die Rose Karrar?« fragte Penzberger interessiert. »Rassiges Weib! Hab sie neulich in der Wildente gesehn.« »Kommen Sie doch mit nüber!« sagte Volker. »Lassen Sie sich nicht abhalten,« sagte Wacker, »ich wollte heute sowieso früher nach Hause.« »Ach nein, gehn Sie doch mit,« bat Volker, »die Damen haben schon so viel von Ihnen gehört ...« »Nee, ich bin Ihnen sehr dankbar, daß Sie meine Witze in Ihren Kreisen kolportieren, aber das können Sie doch nicht verlangen. Ich mag keine Theaterweiber.« »Ja, die Alte sieht bös aus,« fand Thomas. »Ist das die Rosée?« »Nee,« sagte Wacker überzeugt, »ich find die Junge viel ekliger.« »Alles bloß Vorurteil,« lachte Volker. »Wenn ein Mensch keine Theaterweiber mag, bin ich's. Aber die Roserl is wirklich ein netter Kerl.« »Und dann sitzt auch der Kitschier dabei, der Niedermayr ...« »Der beißt uns nicht,« so beruhigte Thomas Wackern. »So ein harmloses Tier!« »So schöne Männer sind mir unappetitlich. Sehn Sie bloß, wie der Kerl sich anzieht.« »Ist doch tadellos angezogen, und durchaus nicht auffallend.« »Er sieht wie ein Bereiter aus. Nee, ich geh nicht mit. Aber lassen Sie sich nur nicht abhalten. Ich wär doch gleich gegangen.« »Die andern Herren kommen dann aber sicher nüber?« fragte Volker dringend, »es kommen vielleicht noch mehr Leut: die schöne Frau Chottak hat's eigentlich versprochen; auch der Sieben will kommen.« »Die eklige Chottak?« fragte Wacker. »Was? Die schönste Frau von München ...?« »Ich hab, wenn ich sie anseh, so'n Gefühl, als müßte man mit der Hand durch sie hindurch greifen können, wie durch nen Haufen Kleister.« »Je, Sie sind bös!« Mali, die von ihrem Sitzplatz an der nächsten Säule aus gehorcht hatte, gruselte sich. »Damit bringen Sie mich auf eine Idee!« rief Penzberger und begann mit weit aufgerissenen Augen zu brüten. »Radieren Sie doch gleich einen Zyklus über diese Idee,« schlug Wacker freundlich vor. »Also Sie kommen dann bestimmt?« fragte Volker noch einmal und begab sich zu seiner Gesellschaft, der er sofort Wackers schönen Vergleich erzählte: das merkte man an der entsetzten Heiterkeit der Damen und an Niedermayrs blasiertem Achselzucken. * Als Wacker aufgebrochen war, gingen Thomas Kerkhoven und Penzberger an den Schauspielertisch hinüber. »Schade, daß sie Herrn Wacker net mitbracht haben! Er soll ja so ungeheuer witzig sein,« sagte die Rosée, nachdem die Herren vorgestellt waren. »Sinds froh, Rosinerl!« lachte Niedermayr. »Mit dem hättens was erleben können! Ein Mundwerk hat Ihnen der uhnsympattische Mensch! Sie 'ntschuldigen schon, meine Herrn; aber ich kann den Menschen net leiden. Und was der Pappstoffel, der Stolterfoot, heut in die Neusten für ein Gered von ihm daherg'macht hat. Jetzt wird er gleich gar nimmer zum haben sein. Er is ohnedies schon so arrogant, wie ich weiß net glei wer.« »Wie war doch Ihr Name?« fragte die Rosée Penzbergern. »Penzberger. – Leider!« Rose Karrar lieh den Strohhalm, durch den sie ihren Eiskaffee sog, fahren und sah mit lustig blitzenden Augen auf. »Sind Sie der mit die Radierungen – oder was es sind – in der Sezession?« »Ja,« bestätigte er geschmeichelt, »haben sie Ihnen gefallen?« Sie machte ein komisch nachdenkliches Gesicht. »Ja ... ja ... Sie nickte lächelnd. »Das heißt ... zum gefallen sind's wohl eigentlich net so recht. – Gegraust hab ich mich fest ...« Penzbergern genügte das. »Also sie wirken? Sie lassen jedenfalls nicht gleichgültig?« »Im Traum können s' ei'm vorkommen!« »Ja, ja ... Es sind ja auch eigentlich Träume ...« »Jessas na, von solchen Sachen träumen Sie? Da müssen S' einen unruhigen Schlaf haben!« »Das heißt ...« »Und ich hätt glaubt, das hätten Sie sich alles bloß so ausgedacht.« Thomas lachte auf. Diese kleine Schauspielerin war gar nicht so dumm. Auf einmal sagte die Rosée zu Thomasen, der im Begriff war, sich eine Zigarette anzuzünden: »Nein, was Sie für ein schönes Zigarettenetui haben! Darf ich's einmal anschaun?« »Bitte sehr.« Sie drehte das goldne Etui mit dem russischen Emailmuster bewundernd in ihren Händen. »Nein, is das schön! Schau doch, Rose!« Die Karrar bewunderte es gleichfalls. »Ich bin nämlich Kennerin,« wendete sich die Rosée an Thomasen. »Ähemm!« krächzte Volker ironisch, und Rose lächelte belustigt. »Ich hab eine Sammlung von Zigarettenetuis ...« »Aber nur aus edeln Metallen,« erläuterte Volker. »Eins hab ich, das wär beinah ein Pendant zu dem Ihren. Ich hab es von einem ungarischen Grafen ... Ach ja, damals in Budapest, das war mein schönstes Engagement. Das sind wirklich feine Kavaliere, diese Ungarn. Denkens, ich hatte das Etui eines Abends bewundert, und am nächsten Tag schickt es mir der Graf zu, bis an den Rand voll Goldstücke!« »Respekt!« sagte Volker und grinste. »In welchem Jahr wär denn das gewesen?« »Ach, da möcht ich gleich wieder hin!« »Geh, bleib da! Deine Magnaten sind ja derweil gestorben oder vor Altersschwäche vertrottelt.« »Du, Volker, übertreib fei net. So lang is das auch net her. Tu nur net gleich, als ob ich achzig Jahr wär!« »Ach Gott,« seufzte Volker, »ich wollt, ich wär erst ein alter Trottel und über die verliebten Zeiten hinaus!« Er warf einen düster schmachtenden Blick zur Karrar hinüber, die ihm lächelnd eine lange Nase drehte. – Das goß neue Hoffnung in Niedermayrs Herz. »Fräulein!« schrie er. Die Kellnerin kam. »Zwei Flaschen Pommery extra dry !« Penzberger kaute an seinen Nägeln und boste sich darüber, daß gerade immer die Kitschiers Geld für Pommery übrig haben mußten. Volker flüsterte Thomasen ins Ohr: »Ach wissen S', Sie könnten mir einen großen Gefallen tun. Pumpen Sie mir bis zum Ersten fünfzig Emm.« Er nahm das Geld heimlich unter dem Tisch in Empfang und ließ es unauffällig in seine Westentasche gleiten. »Stellen S' gleich auch für mich zwei Flaschen kalt!« rief er der Kellnerin zu, als die mit den Gläsern kam. »Welchen Juden hast denn du erschlagen, schöner Ferdl?« erkundigte sich die Rosée. »I, wo werd ich denn ...? Nichts gegen Glaubensgenossen!« beteuerte Volker, die Hand auf dem Herzen. »Prost, meine Herrschaften!« Als der Champagner die Tafelrunde schon in den Nebel einer vergnügten Blödsinnigkeit gehüllt hatte, erschien das Ehepaar Chottak. Die schöne Frau Thessa wurde mit einem verhaltnen Grinsen empfangen. Alle mußten an den Kleisterhaufen denken, mit dem Wacker sie verglichen hatte. – Es interessierte sie lebhaft, Penzbergern kennen zu lernen, und der freute sich des dankbaren Publikums, das er an ihr fand. Sie begleitete die Erzählung seiner gruseligen Jugenderinnerungen mit leichten hysterischen Lachschreien und lud sich alsbald für den nächsten Nachmittag auf sein Atelier ein, wo sie eine Anzahl Radierungen ansehen wollte, deren Sujets für eine öffentliche Ausstellung zu heikel waren. Ihr Mann, der Rechtsanwalt Doktor Chottak, ein auffallend grobknochiger, viereckig gebauter Herr, dessen hellblonde Haare in einer harten Bürste nach oben strebten, saß schweigsam am Tische, trank viel und wand seine Hände ineinander, daß die Knöchel knackten. Er musterte die Gesellschaft mißmutig, mit Augen, die plötzlich zu einem phosphoreszierenden Blick erwachten, um gleich wieder matt zu werden und sich nach innen zu wenden. Von Zeit zu Zeit blies er über die vorgestreckte Unterlippe in seinen Schnurrbart, daß die borstigen Haare flatterten. Die Rosée und Niedermayr erzählten sich halblaut schmierige Anekdoten. Volker sah, den Kopf zwischen den Schultern, schlaff und mit rundem Rücken, das Komödiantengesicht in sentimentale Gramfalten gelegt, und stierte zur Karrar hinüber, die seine schwimmenden Augen vermied und es Thomasen durch kaum bemerkbare Bewegungen ihres Kopfes und der Schultern zeigte, daß sie diesen unglücklichen Liebhaber lächerlich fände, aber an seinem auffälligen und lästigen Benehmen nichts ändern könnte. Und Thomas fühlte bei diesem heimlichen Einverständnis mit dem hübschen, lebensvoll anmutigen Mädchen eine wohlige Wärme in sich aufsteigen. »Ich würde Sie furchtbar gern einmal malen, Fräulein Karrar,« sagte er plötzlich. Sie maß ihn mit einem schnellen Blick. »Ich bin oft gemalt. Aber ich hab so wenig Zeit. Die vielen Proben ...! Haben Sie das Bild im Glaspalast net g'sehn, was der Niedermayr von mir g'macht hat?« »Ja; das ist aber nichts,« flüsterte er mit lachenden Augen, »da wüßte auch kein Mensch, daß Sie das sein sollen, wenn's nicht im Katalog stünde?« »Finden Sie's net ähnlich? – Ach, Sie wollen mich wohl recht wüscht malen?« »Kommen Sie doch mal auf mein Atelier und sehn Sie sich meine Bilder an.« »Ja, ich komm vielleicht einmal gelegentlich mit Rosinerl.« »Is die so ne Kunstkennerin?« fragte Thomas mit einem Blick, der zugleich lächelte und drängte. »O nein, Sie täuschen sich, mein Herr!« lachte Rose Karrar auf, ohne jedoch im geringsten gekränkt zu sein. »Von der Sorte Schauspielerinnen bin ich net; und die sind überhaupt net so häufig, wie Sie vielleicht meinen.« »Aber gnädiges Fräulein, ich wollte doch wirklich nicht ...« »Ja, ja, die Kunstmaler ...« sagte die Karrar mit komischem Pathos. »Also, und wann kommen Sie mit Rosinerl, dem Anstandswauwau?« »Ach, nächstens einmal.« »Das ist ein dehnbarer Begriff. Sagen wir: morgen!« »Morgen? Ja, schließlich ... Es ging' schon ... Wir haben keine Probe. – Wo ist denn Ihr Atelier?« »Kaulbachstraße siebzehn.« »Wär's Ihnen recht, wenn wir vormittags kämen?« So gegen zwölf ...?« »Natürlich, dann können wir vielleicht nachher irgendwo zusammen essen.« »Na ja, das sehn wir dann nachher schon!« »Also, morgen gegen zwölf!« * »Na, wie ist es Ihnen gestern bekommen?« fragte Rose Karrar Thomasen, als er ihr und der Rosée die Tür öffnete. »Danke sehr. Heute früh beim Aufwachen ein kleiner Brummschädel ... Ist schon wieder vorbei. Und Ihnen?« Rose fuhr mit dem Handrücken an ihrer Stirn vorüber. »Heut müßt ich, glaub ich, ein gutes Modell für den Herrn Penzberger sein. Wenn ich so interessant ausschau, wie ich mich elend fühl ...« »Mir fehlt gar nix,« stellte die Rosée fest. »Wollen die Damen nicht ablegen? Ich hab für alle Fälle eine Flasche Sherry und einen kleinen Imbiß bereitgestellt.« »Eine famose Idee!« sagte die alte Schauspielerin billigend und steuerte durch die offne Ateliertür auf den gedeckten Frühstückstisch zu. Vormittags hat der Alkohol eine schnellere Wirkung als am Abend. So entstand bald jene vergnügte Katerstimmung, die gleichsam das Erdengewicht des Menschen aufhebt; die Organe für Ernst und Sorgen sind gelähmt, die sinnlose, panische Heiterkeit kann frei dahinströmen, weil die bretternen Schleusen der Vernünftigkeit aufgezogen sind. Als man eine halbe Stunde beim Frühstück saß, klingelte es; der kleine Diener meldete Herrn Volker, dessen Erscheinen mehr Thomasens als der Damen Verwunderung erregte. Sein breit lächelndes Gesicht paßte übrigens gut in diese Stimmung: doch bei ihm war sie die herrschende seines Daseins. »Na, Ferdl, hast es wohl gerochen, was es hier für gute Sachen gibt?« So begrüßte ihn die Rosée. »Sie entschuldigen schon, daß ich so frei bin,« sagte Volker, »aber ich interessier' mich so für Bilder. Und wie ich gehört hab', daß die Damen hergehn ...« »Von wem hast denn du das gehört?« fragte die Rosée. »Na, gestern abend ...!« »Er hat geübte Ohren,« stichelte Rose Karrar, »vom Souffleur her.« »Ja, wenn ich meine Rollen auch noch lernen wollt', na käm ich ja zu nix anderm mehr, vor lauter Theater. Das könnt mir abgehn!« Der kleine Diener wurde gerufen und brachte ein frisches Gedeck. »Ausgezeichnet ist der Sherry,« sagte Volker nach dem ersten Schluck. »Daß Sie einen guten Weinkeller haben, hab' ich übrigens schon gwußt, wie ich noch gar net in München war. Was glauben S', wer mir das verraten hat?« »Keine Ahnung.« »Ein Kolleg' von mir in Frankfurt an der Oder. Appeltoft heißt er.« »Mein Vetter August?« »Ja, der Appeltoft. Sagen S', is das eigentlich wahr, daß der einmal Kunstmaler gewesen is?« »O ja, jahrelang. Aber er kam nicht recht vom Fleck dabei. Er tat zu wenig. Und da spielte er hier einmal im Akademisch-dramatischen Verein mit – irgendwas von Ibsen, glaub ich –, dabei entdeckte er sein Schauspielertalent.« »Ja, er ist ein ganz talentierter Mensch,« nickte Volker, »noch ein bissel anfängerhaft war er damals zwar, aber Bombenmittel hat er gehabt. – Mehr so alte Schule,« wendete er sich erläuternd an die Kolleginnen, »Stil Matkowsky.« »Pfui, wie eins den Kaviar nur so ohne Brot hineinschaufeln mag!« ermahnte ihn die Rosée. »Bist mir am End neidig, Rosinerl?« fragte Volker unbeirrt. »Sagen Sie mal, Herr Kerkhoven,« fuhr er dann fort, »wo steckt der Appeltoft denn jetzt? Wenn ich mich recht erinner, ging er nach Berlin?« »Ja, aber bloß ans Ostendtheater. Da hat er in einer Saison Hundertfünfzigmal einen Pfalzgrafen geben müssen, der im letzten Akt lebendig verbrannt wurde. Und das war ihm zu eintönig. Jetzt ist er am Hoftheater in Altenburg.« Rose Karrar lehnte faul in ihrem Armstuhl und sagte nichts. Thomas ließ seine Augen auf ihr verweilen ... Es war nicht nur das Interesse des Malers, was seinen Blick fesselte. Die kräftige Anmut, die dieses Mädchen hatte, und gerade in den Augenblicken, wo sie sich gehen ließ ...! Sie streckte sich wohlig, diskret, aber ungeniert, und sah entzückend aus, wie sie so das Kreuz hohl machte, die Brust wölbte und die Ellenbogen langsam rückwärts und abwärts drückte. Dann sank sie wieder in süßer Schlaffheit zurück; ihre Augen sahen träumerisch durch das große Fenster hinaus, über Dächer mit rauchenden Schornsteinen hinweg in den bleigrauen Himmel, auf dessen dunkelm Grunde die Häuser seltsam hell standen, in gelblichem Licht. »Sie haben ein famoses Profil,« sagte er. Seine Stimme klang sonderbar unfrei. Aha, eitel ist sie doch, lächelte er in sich hinein, als sie ihm jetzt mit einem lebhaften Ruck ihr Gesicht zuwendete und fragte: »Finden Sie wirklich? Ich weiß net ... Kein sehr edles Profil hab ich wohl net ...« »Ach, edel ...! Ich male Sie ganz bestimmt im strengen Profil; das ist sicher das beste an Ihnen.« »Na, ich dank schön!« lachte sie. »Bitte, wenn ich das sage, so bedeutet das sehr viel.« »Ich hoffe, das beste an mir is mein Talent.« Er verneigte sich lächelnd: »Ich bin überzeugt davon! Nämlich, ganz aufrichtig gestanden, ich hab Sie noch nie spielen sehen.« »Was?« rief sie verblüfft. »Ich werde dies Verbrechen aber in Zukunft wieder gut machen.« »Komische Leute, diese Kunstmaler,« so mischte sich Volker ein, »die meisten, die ich kenn, mögen ums Verrecken net ins Theater. Höchstens einmal in was Lustiges. Aber ernste Stücke ... Nein!« Rose stand auf und schlenderte durch das Atelier. Hie und da blieb sie vor einem Bilde stehen. Thomas folgte ihr und beantwortete ihre Fragen, die naiv waren, aber von einem gewissen natürlichen Geschmack zeugten. »Fräulein Karrar,« sagte er auf einmal, »darf ich nicht gleich mal versuchen, Sie zu zeichnen? Eine flüchtige Skizze bloß! Ganz schmerzlos!« »Wenn Sie wollen ...« »Dann setzen wir uns vielleicht da hinein.« Er wies auf einen kleinen Nebenraum, eine Art Erker, zu dem zwei Stufen hinaufführten. »So, wenn Sie sich da in den Stuhl setzen wollen, ganz ungezwungen, bitte. Lehnen Sie sich nur zurück! – Der Stuhl ist bequem, was? – Nach eignen Angaben gebaut. – – So, und jetzt sehn Sie zum Fenster hinaus! Famos!« Er stemmte den Zeichenblock auf seine Kniee, musterte Rosen nachdenklich und begann zu zeichnen. »Kann man schon was sehen?« fragte sie, als er nach einer Weile innehielt. »Nein, es ist noch nichts. – Sie brauchen übrigens nicht zu sitzen wie beim Photographieren. Es ist mir lieber: Sie sprechen. Nur im allgemeinen die Stellung müssen Sie beibehalten.« »Also ... ja ...,« lachte sie auf, »wenn man so durchaus soll, dann fällt einem grad nix ein.« Volkers krumme Gestalt erschien plötzlich auf den Stufen. »Ach, der Meister is schon bei der Arbeit! Derf man ein bissel zuschaun?« »Es ist mir lieber, wenn Sie mir nicht auf die Finger sehen,« sagte Thomas und zog den Block an seine Brust. »Ich will durchaus net stören. Dann geh ich wieder und unterhalt mich mit Rosinerl. Und mit Ihrem Sherry.« Volker verschwand. Thomas und Rose setzten das unterbrochne Gespräch nicht fort. Er vertiefte sich wieder in seine Arbeit. Endlich ließ er den Bleistift sinken, hielt den Block ein wenig von sich ab und verglich seine Zeichnung mit dem Modell. »Fertig?« fragte Rose. »Darf ichs einmal sehn?« »Sie werden kaum befriedigt sein.« Lächelnd reichte er ihr die Skizze und sah sie gespannt an. Ein überraschtes Zucken ging durch ihr Gesicht, dann begann sie ihr Porträt mit ernsthafter Miene zu studieren. »Nun?« fragte er. »Schau ich wirklich so aus?« war ihre Antwort. »Tja ...« Er zuckte die Achseln. »Sie dürfen mich aber nachher wirklich eine Idee hübscher machen. Das heißt ... Es braucht drum ja net gleich uninteressant werden ...« »Nein,« sagte er plötzlich, »der Mund ist noch gar nichts. – Aber das wollen wir gleich haben.« Er nahm ihr den Block fort, zog ein Stück Gummi aus der Westentasche und radierte die ganze untre Hälfte des Gesichtes weg. »Ach bitte, noch einen Moment ...! So ...! – Das Kinn etwas höher! – Nicht so viel! – So ist es grade richtig. – Halt! Bleiben Sie!« Er begann wieder zu zeichnen, angespannt vergleichend, Gesichter schneidend und den Mund, den er treffen wollte, mit seinen Lippen nachformend. Es war nichts zu hören als ihre Atemzüge, die die gezwungne Haltung beschleunigte, und das hastige Kritzeln seines Bleistiftes. Von Volkern und der Rosée drang nur von Zeit zu Zeit ein leises Tuscheln herüber. Sie mochten sich Geschichten für Junggesellen erzählen ... * Thomas saß vor Rosens Porträt, das eigentlich fertig war. Heute sollte sie zu der letzten Sitzung kommen; und die war auch nur ein Vorwand für ihn, sie noch einmal bei sich sehen zu können. Viel ändern konnte er an dem Bilde nicht mehr, wenn schon es seinen ernüchterten Augen wenig gefiel. Schaffen ist ein Rausch, der bösen Katzenjammer bringt ... Rose war in einem tief dekolletierten Empirekleide dargestellt, das sie sich noch in Graz für die Rolle der Madame Sans-Gêne hatte machen lassen. Sie lehnte in einem Armstuhl aus der Zeit Ludwigs des Sechzehnten, hielt die Hände locker unter der Brust gefaltet und sah dem Beschauer träumerisch, ja ein wenig melancholisch, in die Augen. Thomas hatte oft innerlich darüber lachen müssen, mit welcher Sicherheit sie jedesmal diesen Ausdruck zu finden wußte, sobald sie sich in Positur gesetzt hatte. Sehr sympathisch däuchte es ihn nicht, daß sie ihr Gesicht so in der Gewalt hatte; eben, weil sie es war. Und aus diesem Grunde war noch ein zweites in das Bild hineingekommen: ein Quentchen Ironie, das die Stimmung zerstörte und gleichsam sagte: Diese junge Dame ist durchaus nicht so melancholisch, wie sie tut; es ist halt eine kleine Schauspielerin, die Melancholie mimt, und zwar mit einer etwas konventionellen Theatralik, die dich, verehrtes Publikum, wohl kaum foppen dürfte. Der einzige Gefoppte ist hier der ergebenst gefertigte Künstler, der die junge Dame so verteufelt ernst nahm. – Ganz so dumm, wie er danach aussehen könnte, ist er übrigens nicht. Und das möchte er hiermit ausdrücklich betont haben. Das Bild war ein Ausdruck der Zwiespältigkeit seiner Gedanken über Rosen und seiner Gefühle für sie. Thomas erhob sich und begann unruhig auf und nieder zu gehen. Ein sonderbarer Kerl war er doch! Aus der einen Seite gar zu bereit, auf alles zu »fliegen«, worauf die Dummen hereinfallen, und andrerseits tief innerlich mißtrauisch, mißtrauisch vielleicht ganz besonders gegen das Echte, an andern und an sich selber. – Und warum grübelte er jetzt über die Natur seiner Gefühle nach? Rose war doch die erste nicht ... Und was verschlug's, wenn auch hier auf die Eroberung die Ernüchterung folgte! Er hatte doch sonst nicht so lange hin und her überlegt, wenn er in ein Mädel verliebt gewesen war. Sollte es diesmal wirklich die »berühmte« Liebe sein, die sogenannte »große Liebe«, von der man in Büchern las ...? Gab es die denn in Wirklichkeit noch, und hatte es sie überhaupt jemals gegeben ...? Würde für ihn hier zum erstenmal auf die Leidenschaft kein Katzenjammer folgen ...? »Wart's ab, mein Sohn!« sagte Thomas laut zu sich selber. Etwas frivol sagte er es, warf den Kopf flott auf die Seite und ging, die Hände tief in den Jackettaschen, zum Spiegel, in dem er sich eine Zeitlang aufmerksam studierte. Dann drehte er sich auf dem Absatz um und schlenderte mit wippenden Schritten über den Teppich, wobei er sich unwillkürlich bemühte, immer wieder auf die gleichen Ornamente zu treten. So oder so, die Sache muß ein Ende haben! sagte er energisch in sich hinein. Das ist kein Zustand, würde der gute August sagen. Diese ewige Bummelei mit der ganzen Komödiantenblase habe ich gründlich satt. Das süße Rosinerl hat mein Zigarettenetui jetzt glücklich; aber das ist doch wahrhaftig kein Grund, daß ich ihr bis an mein Lebensende jeden Abend einen Haufen Sekt bezahle, um sie als Beilage zu Rosen genießen zu dürfen. Niedermayr bezahlt seinen Sekt zwar selbst, aber auch daran ist mir nicht viel gelegen. Und daß mich der wackre Volker schon ganz als unglücklichen Liebeskollegen ansieht und deshalb Bruderschaft mit mir getrunken hat, wird meine Entschlüsse auch kaum zu ändern vermögen. Da ließ ihn der tröpfelnde Metallton der elektrischen Glocke zusammenfahren. Recht wie ein sehr junger Verliebter sprang er in ein paar Sätzen durch das Atelier in den Flur hinaus. Er hatte die Tür schon aufgerissen, bevor der phlegmatische kleine Diener sich zeigte. »Was! Heute ohne Anstandswauwau?« begrüßte er Rosen erstaunt und freudig. Sie schüttelte ihm lachend die Hand. »Es derf Ihnen fei net unangenehm sein!« »Im Gegenteil!« sagte er, vielleicht etwas zu lebhaft, denn sie hob scherzhaft abwehrend die Hand. »Bilden Sie sich bloß keine Schwachheiten ein, Herr Kunstmaler! Rosinerl hat nämlich ein bisserl Influenza und muß im Bett bleiben. Aber wenn sie auch fern ist, ihr Geist wacht über mir.« – Rose hatte ihre Handschuhe ausgezogen und den großen, schwarzen Hut abgenommen. Jetzt lockerte sie mit der Hutnadel ihre Haare über der Stirn: das war eine Bewegung, die er an ihr kannte und liebte, weil sie so ausgesprochen weiblich und von einer gewissen Komik war, die für ihn etwas Rührendes hatte. »Haben Sie seit gestern noch was an dem Bild getan?« fragte sie. »Keinen Strich. – Aber lassen Sie sich doch mal anschaun! Ich weiß ja gar nicht, wie Sie ohne die Rosée aussehn.«. » Ach ...!« sagte sie, »ich weiß gar net, was Sie gegen die Rosinerl haben?« »Nicht das geringste. Namentlich, wenn sie Influenza hat!« »Mein Gott, Rosinerl hat ja viele unangenehme Eigenschaften ... Ja, eigentlich ist sie wohl ein rechtes Ekel.« »Weiter hab ich auch nichts an ihr auszusetzen,« pflichtete Thomas ihr ernsthaft bei. Sie mußte lachen und errötete leicht. »Ich meine,« so fuhr sie dann schnell fort, »weil sie so habsüchtig und geizig is ... Und ich darf bald nix mehr tun, ohne sie um Erlaubnis zu fragen. Sie is so herrschsüchtig ... Aber, mein Gott, was will ich denn machen? Ich allein ...! Wenn sie net mit ging, käm ich ja überhaupt gar nie unter Menschen. Und wenn mans anders anschaut: ich war ja noch so dumm, wie ich nach München gekommen bin, ganz ohne jede Erfahrung und so unpraktisch. Manchen guten Rat verdank ich ihr doch. Sie hat ja natürlich viel Erfahrung ...« »Waren das wirklich so gute Ratschläge?« fragte Thomas eindringlich. »Ich weiß schon, wie Sie's meinen. Aber gut war'n sie schon. Ob sie so sehr »schön« und »edel« war'n, dös is ja eine andre Frag. Aber wohin kam man damit, wenn eine ein armes Mädel is, und wenn man beim Theater solche Kolleginnen hat, wie zum Beispiel die Weller? Wenn Rosinerl net wär, hätt ich vielleicht überhaupt noch nie eine größere Rolle zu spielen bekommen. Sie hat mir erst gesagt, wie ich den Direktor anfassen muß.« »Und die Männer überhaupt ...? Denn darin hat sie wohl die meiste Erfahrung?« »Ach, Herr Kerkhoven, das sagen Sie so. Unsereine lernt das wahrhaftig früh genug, wenn eine net dumm is und ein anständiges Mädel bleiben will.« »Anständig oder unanständig wird eine Sache nur dadurch, wie man sie tut.« »Möchten S' denn jetzt net anfangen?« fragte sie. »Ja, fangen wir an! Bitte!« Er wies auf die Tür des Nebenzimmers. »Was? Muß ich mich umziehn?« fragte sie verwundert. »Ich hab mir gedacht, Sie wollen bloß noch am Kopf was machen?« »Nein, die Schulter da sitzt noch gar nicht, hab ich nachträglich gesehn; die rechte Schulter wackelt bedeutend.« Sie sah ihn zweifelnd an und lächelte ein bißchen ironisch. »Fürchten Sie sich am Ende vor mir?« fragte er; es sollte scherzhaft klingen, kam aber gezwungen und heiser heraus. »Ja, net wahr, so schau ich aus?« erwiderte sie mit hellem Lachen und machte ihm eine lange Nase und lief ins Nebenzimmer. Er stand und schämte sich. Warum eigentlich? – Schön, er hatte eine Dummheit gesagt, eine Geschmacklosigkeit vielleicht! Aber gab es einen Menschen, dem das nicht manchmal passierte? Was war er denn besondres, daß er so viel daraus machte? Wie wenig er es doch verstand, seine Gedanken und Gefühle zu verbergen! Für den fremden und oberflächlichen Beobachter besaß er diese Kunst freilich. Er galt bei vielen wegen einer gewissen Schüchternheit und Gefühlskeuschheit für einen verschlossenen Menschen. Aber er wußte genau, daß jedes schärfere Auge ihn leicht durchschaute. Und so sehr er sich jetzt bemühte, seine Gedanken zu verstecken – er sah Rosen nur mit einem halben Seitenblick an, als sie umgekleidet ins Atelier trat –, sie erriet sie sofort. Ein kleiner Schauer überlief sie. Sie trat auf das Podium, setzte sich in den Louis-Seize-Stuhl, faltete die Hände unter der Brust und schaute mit träumerischem Ausdruck ins Leere. »Is so recht?« Er nahm die Palette und die Pinsel zur Hand. »Den linken Arm etwas ungezwungner, bitte! Die Hände etwas höher! So, und spreizen Sie den kleinen Finger nicht so weg!« Er sagte das kurzatmig und sah sie jetzt voll an, mit Augen, in denen er das Blut klopfen fühlte. Zum Schein des Gerechten schickte er seinen Blick manchmal zu dem Bilde hinüber, als stelle er Vergleiche an. Dann bückte er sich mit einem Seufzer und holte aus dem Farbenkasten eine große Tube mit Weiß, die er mechanisch aufschraubte. Was er eigentlich tat, merkte er erst, als er die Tube leer in seiner Hand fühlte und sah, daß die Farbe sich auf der Palette zu einem kleinen Berg aufgetürmt hatte. Na ja, dachte er, da haben wir die Ferkelei! Wenn ich in der Weise weiter mache, kann ich das Bild schön verpatzen! – Und mit entschlossener Miene legte er sein Malgerät auf den Farbenkasten. »Nun?« fragte Rose. »Ach was!« stieß er hervor. »Warum tun Sie eigentlich immer so ...? Wenn ich dabei noch das Gefühl hätte, daß ich Ihnen gleichgültig wäre ... Aber das habe ich nicht. Und jetzt erklären Sie mich bitte für einen eingebildeten Hanswurst!« Sie machte ein betrübtes Gesicht und ließ ihre Hände sinken; mit kraftlosem Ausdruck lagen sie auf den Armlehnen. »Mußte das denn kommen?« »Es hat wohl müssen.« sagte er mit einer Bewegung, als wäre sein Jackett ihm unbequem. »Lieber Herr Kerkhoven, nun war alles so gut und so nett und so schön. Und nun kommen Sie auch so ... Soll jetzt das alles vorbei sein?« »Selbst auf die Gefahr hin ... Obgleich ... Sie haben ja ein ganzes Gefolge von Mannsleuten, die Ihre Körbe geduldig hinter Ihnen hertragen ... Aber haben Sie keine Angst, ich werde dies Gefolge nicht vergrößern. Sie brauchen bloß ein Wort zu sagen, und Sie sind von meiner Gesellschaft befreit.« »Das würde mir sehr leid tun.« »Rose!« sagte er mit zitternder, beinahe zorniger Stimme und umfaßte ihre Handgelenke und hielt sie fest, trotz ihrer Bemühungen, sich los zu machen. »Rose! Warum ...?« »Was?« fragte sie tonlos, mit schmerzlich weiten Augen. »Rose, ich weiß doch ... Sie ... Ich weiß doch, daß ich ... daß ich Ihnen nicht gleichgültig bin!« »Und darum ... darum soll ich alles vergessen?« »Rose, es gibt Situationen, wo man alles vergißt!« Ein wehmütiges, ironisch verstehendes Lächeln schlich über ihr Gesicht. »Das sagen Sie . – Wo käm ich dabei hin?« »Rose, wenn Sie so etwas sagen, hör ich immer die Rosée sprechen. Sind Sie denn nicht frei? Können Sie nicht tun, was Sie wollen? Wenn jeder in jedem Augenblick so rechnen wollte ...! Man lebt nur einmal. Und das bißchen Glück ist leicht versäumt ...« Sie schüttelte leise den Kopf. – Er sagte: »Sie werden's sehen! Es wird auch über Sie kommen. Liebe zerbricht die klügsten Prinzipien.« »Die meinen net!« Sie warf aufatmend den Kopf zurück. »Lieber Gott, Liebe ...! – Liebe is ein Luxus, den sich unsereine net leisten kann. Und Gott sei Dank ist Liebe ja net das einzigste im Leben.« »Sondern ...? – Die Kunst, nicht wahr?« fragte er höhnisch. »Mein Gott, ja ... Mir is mein Beruf, Gott sei Dank, doch auch etwas.« »So ...? Glauben Sie denn, es wird Ihrer Kunst schaden, wenn Sie die Liebe kennen lernen? Oder?« »Nützen gewiß net; das sind so Romanideen, lieber Herr Kerkhoven. Und dann ...« Sie machte eine hilflose Handbewegung. »Und dann ... Vielleicht brauch ich das ja gar nimmer kennen lernen, was ... was Sie Liebe nennen.« In ihrer Stimme klang eine hastige und kindisch trotzige Entschlossenheit. Er knickte förmlich zusammen. »So!« sagte er leise und leidend. »Ja, dann ...!« Sie stand mit gesenktem Kopfe, ihre Lippen formten sich zu Worten, die nicht laut wurden. Sie sah ihn mit einem schnellen, unentschlossenen Blick an, worin Schmerz und Scham brannten. Auf einmal hoben sich ihre Schultern, als wollte sie sagen, es sei ja gleich; und trotzig und plump stieß sie die Worte hervor: »Es war halt mein erster Direktor ...« »Natürlich!« lachte er auf. »Aber aus Liebe, bewahre, da werfen Sie sich nicht weg.« »Ich war damals ja noch so dumm,« sagte sie zaghaft und sah jetzt ganz wie ein kleines Mädchen aus. »Im Gegenteil, Sie waren zu klug, viel zu klug. Ob aber solche Klugheit immer ihr Ziel erreicht ...?« »Ich erreiche mein Ziel,« sagte sie fest, und fügte dann matt hinzu: »Wenn ich wegen dem einen auch auf vieles andre verzichten muß.« »Nein!« rief er. Dieses Nein klang scharf. – »Sie haben wohl recht, Fräulein Karrar, wir passen doch wohl nicht zusammen.« Einen Augenblick sah es aus, als wolle sie auf ihn zu, mit einem warmen, zitternden Wort. Aber sie machte dann nur eine überlegen bedauernde Bewegung mit den Armen und ging schnell ins Nebenzimmer. Als sie nach einer Weile in ihrem Straßenkleide herauskam, stand er am Atelierfenster und sah nach den weißen Wolken, die sich im langsamen Vorüberziehen auf dem blauen Himmelsgrunde ballten und auflösten, wuchsen und vergingen ... Rosens Schritt stockte einmal, aber sie ging. Er blieb noch lange so stehen. Stolz war er aber nicht auf sich ... * Am nächsten Tage begann Thomas nach langem Hin- und Herüberlegen einen Brief an Rosen abzufassen. Der hatte schon acht Seiten, als er ihn wieder zerriß, um einen neuen anzufangen. Schließlich war es ein ganz kurzes Schreiben, das er abschickte: Liebes Fräulein Rose. Sie haben Grund, mir böse zu sein. Ich bitte Sie, verzeihen Sie einem reumütigen Sünder, der trotz allem die Hoffnung nicht aufgibt, Ihr Herz noch einmal zu erweichen und Ihnen ein bißchen mehr zu werden, als er heute ist Ihr herzlich ergebener Thomas Kerkhoven. So! dachte er, als er den Brief selbst in den Kasten gesteckt hatte, damit gehöre ich also auch zu der Garde ihrer Kanephoren: Niedermayr, Volker und Konsorten. Die werden ihr in der gleichen Situation wohl ungefähr ebenso abgeschmackte Briefe geschrieben haben. Am nächsten Morgen brachte ihm Pepi Rosens Antwort ans Bett. Er musterte das Kuvert: nachgemachtes Büttenpapier, eine Schrift, die ihre Ungeübtheit hinter riesigen, dünnen, zurückfliegenden Zügen zu verbergen trachtete. Die breite Klappe des Kuverts war durch zwei aus grünem Papier gestanzte Glücks-Kleeblätter geschlossen. – Der Brief lautete: München, den 27. 5. 95. Werter Herr Kerkhoven, Ich habe Ihr Schreiben von gestern dankend erhalten und teile Ihnen mit, daß ich Ihnen durchaus nicht böse bin. Es wird mir immer eine Freude sein, mit Ihnen in alter Freundschaft zu verkehren. Aber was das andre betrifft, so dürfen Sie es mir nicht in übel nehmen, daß ich Sie bitte, daß Sie nicht mehr das Gespräch zwischen uns auf derartige Sachen bringen. Sie müssen nicht glauben, weil ich Schauspielerin bin. Es gibt auch Ausnahmen! Und was ich Ihnen sonst noch unbedachterweise gesagt habe, das beweist noch gar nichts!! Man kann trotz und alledem ein anständiges Mädchen sein! Wollen wir all das begraben sein lassen und lassen Sie sich bald wieder sehn. Mittags im Café Heck. Die andern haben sich schon gewundert, wo Sie heute waren. Die machen sich, wenn ich nicht irre, verschiedne Gedanken. Angenehm sind ihre Sticheleien nicht!! Darum kommen Sie morgen bitte!! Und sagen Sie vielleicht, Sie haben Besuch aus Rußland gehabt. Verbrennen Sie diesen Brief gleich!! Ihr Pepi ist gewiß sehr neugierig und braucht das ja nicht zu wissen. Mit Gruß! Rose Karrar. Thomas ließ den Brief auf seine Bettdecke sinken. »Was denkt sich die Gute nun dabei?« sagte er laut vor sich hin. Aber diese Überlegungen hielten nicht lange an. Ein warmes Glücksgefühl durchströmte ihn, und es half nichts, daß er es dumm und sinnlos schelten wollte. Er war doch sehr verliebt; mit tausend kleinen Widerhaken mußte sich dieses Gefühl in seinem Herzen verankert haben, weil die dürftige Gewißheit, Rosen wieder täglich sehen zu dürfen, in ihm eine so kindische Freude aufblühen ließ. * Am Abend dieses Tages saß Thomas wieder im gewohnten Kreise im Restaurant Hoftheater. Rose war zufrieden mit ihm: er hatte es heute mittag und heute abend zustande gebracht, unbefangen und heiter zu erscheinen. Sie behandelte ihn dafür mit besondrer Freundschaftlichkeit; das weckte neue Hoffnungen in ihm und steigerte seine Stimmung. Als das Lokal sich von andern Gästen schon ziemlich geleert hatte, wurde Sekt bestellt; und schließlich saßen sie ganz allein in dem weiten, öden Raume, wo nur noch über ihrem Tische zwei Gasglühlampen brannten und ihr grünliches Licht vergeblich in den Kampf mit der Finsternis ringsum schickten. Überall sonst standen die Stühle übereinandergestapelt auf den Tischen, – ein matt spiegelndes Liniengewirr. Das hell beschienene Tischtuch sah wüst aus. Volker hatte einen melancholischen Rausch, der ihm besonders lähmend in die Hände gefahren war. Er hatte mindestens fünfmal sein Glas umgeworfen, und von seinem Platze zog sich ein feuchtgrauer Fleck mit langen Ausläufern über die weiße Leinwand und hauchte den Geruch von abgestandnem Sprit aus. Zigarrenasche, Zigarettenstummel, Kügelchen aus Staniol und halbe Semmeln lagen umher. Die Rosée war selig betrunken und lachte in einem fort ohne jede Veranlassung ihr trocknes und doch schmieriges Lachen. Konrad Sieben, der bekannte Dramatiker, der in letzter Zeit viel in dem Kreise verkehrte, trank viel und wurde dabei immer eifriger in dem theoretischen Vortrage über die Technik des Dramas, den er Volkern hielt. Von Zeit zu Zeit warf der Dichter einen bösen Bulldoggenblick zu Niedermayrn hinüber, der auf Verlangen der Damen mit halber Stimme Chansons vortrug und ihn dadurch störte. Thomasens Lustigkeit wich langsam einer trübseligen Stimmung. Er saß schweigend, den Kopf in die Hand gestützt. Sollte er dieses Leben weiter führen, ohne ein Ende abzusehen? Sollte er Abend für Abend in diesem Kreise sitzen, der ihm nicht behagte, und mehr trinken, als ihm gut war, nur um sich munter zu erhalten? – Er sah sein Selbstgefühl und seine Hoffnungen langsam in diesem Fuseldunst ersticken, er sah seine innre Einsamkeit und Sammlung in dem plätschernden Gewässer dieser Gespräche ertrinken. Sein Blick haftete grollend und heiß aus Rosen. Hätten die andern darauf geachtet, – an diesem Gesichtsausdruck hätten sie alle den unglücklichen Liebhaber erkennen müssen. Sie selber nahm ihm dies Anstarren nicht übel. Sie schien ganz in weiche Stimmung gehüllt zu sein. – War es der Eindruck des schmachtenden Liedes, war es der Wein, war es ...? – Sie erwiderte Thomasens Blick mit einem matten, hingebenden Lächeln, und auf dem Grunde ihrer träumerisch verschleierten Augen brannte heimlich ein fremder Glanz. * Thomas ging mit der Rosée und Rosen durch die schlecht beleuchteten, widerhallenden Straßen der Altstadt. »Erst bringen wir Sie nach Hause, Rosinerl,« sagte er schnell. »Ich kenn euch schon,« drohte sie neckisch, mit stolpernder Zunge, »ihr wollt mich bloß losbringen und nachher zu zweit im Mondschein schwärmen.« »Ach, Rosinerl,« Rose lachte ein bißchen gezwungen, »schau, es scheint ja gar kein Mond. Und du müßtest einen großen Umweg machen, und für mich liegt die Sendlingerstraße bereits am Weg.« »Ja, ja,« sagte die Rosée elegisch, »amüsierts euch nur, solang ihr jung seid.« »A geh, Rosinerl! Amüsier'n? Der Herr Kerkhoven bringt mich schön brav heim, und gar is.« »E, e, e,« meckerte die alte Schauspielerin, »ich kenn eine, die sich auch amüsiert hat, wie sie jung war. Weshalb sollen sich junge Leut net amüsiern? Bloß Dummheiten muß man keine machen.« * Von der Sendlingerstraße bogen Rose und Thomas nachher selbander in eine der engen Seitengassen, die zum Viktualienmarkt führen. Auf einmal – er wußte selbst nicht, wie er dazu gekommen war – schob er seinen Arm unter den ihren. Sie wehrte ihm nicht; ein tiefer Seufzer ging durch ihre Lippen. Leise und mit schüchterner Zärtlichkeit glitt seine Hand an ihrem Arme hinauf und wieder herunter. Sie ging mit gesenktem Kopfe, und auf einmal preßte dieser kühle Arm seine Hand an ihren atmenden Körper. Da zog er sie an sich. Sie blieb stehen, den Kopf hintüber gebeugt, und hob ihm ihren Mund entgegen. Es war ein Kuß, von dem sie sich nicht trennen konnten. Und als sie langsam weiter gingen, sprach keins von ihnen, aber es war nicht mehr das zitternde Schweigen der Scheu vor dem ersten Worte, nein, ein lasses, erlöstes Schweigen, – war hier doch alles gesagt! Und als sie vor Rosens Haus in der Reichenbachstraße unwillkürlich und aus alter Gewohnheit stehen blieben, erwachten sie gleichsam und schauten staunend an der öden Fassade der hohen Mietkaserne hinauf. Rose seufzte auf und holte ihren Hausschlüssel aus dem Handtäschchen. »Sperr auf!« sagte sie und reichte ihn Thomasen. Es dauerte eine Zeitlang, bis er damit zustande kam. Dann gab sie ihm die Hand und hielt ihm die Lippen hin. »Gut Nacht!« Er küßte sie. »Rose! Rose! Rose!« Da waren sie in dem dunkeln Flur. Er preßte sie in seine Arme, und sie ließ sich, willenlos hingegeben, von ihm halten. Die Haustür fiel langsam zu. Als aber die Zunge des Schlosses einschnappte, fuhr Rose auf. »Nein, nein, nein,« flüsterte sie hastig, »nein, du mußt gehn, geh jetzt, bitte, bitte geh!« Und als er mit halben, sinnlosen Worten bat und schüchtern ihre Arme berührte, schrie sie es fast heraus: »Ich bitte dich, geh!« Er trat einen halben Schritt zurück und senkte böse den Kopf. Da wisperte sie, so nah an seinem Gesicht, daß ihre Stirnlöckchen es streiften: »Morgen, Liebster!« Das blaue Flämmchen eines Wachskerzchens erglomm und wuchs zu gelbem Schein. Rose schloß die Haustür auf. Er sah nur ihr Gesicht, die heißen Wangen, über die verwirrte Haarsträhnen hingen, und den schwimmenden Glanz der Augen. Dann noch ein Händedruck, ein schneller Kuß ... Er stand im blauen Lichte der Dämmerung auf der leeren Straße. Wohl eine Viertelstunde ging er vor dem Hause auf und nieder, ohne sich von dem Gefühl ihrer Nähe trennen zu können. Dann warf er den Kopf in den Nacken und schritt rüstig aus. Er wollte einen Gang durch den Englischen Garten machen, bevor er ins Bett ginge. Leicht und frei war ihm zumute; an Rosen dachte er mit unendlich weichen, warmen Gedanken. Er verstand seine frühere Stellung zu ihr nicht mehr. War er es denn, der noch gestern ohne den Schatten eines Zweifels bei sich festgestellt hatte: So was heiratet man nicht?! »Ich bin glücklich,« sagte er vor sich hin, und ein Drang, zu jauchzen, schwellte seine Lippen. Ja, er wollte sie herausheben aus der staubigen, dürftigen Umgebung. In Schmutz und Armut war sie geworden, was sie war; wie würde sich ihre starke Natur erst in den hellen, gelüfteten Stuben des Heims entfalten, das er ihr bereiten wollte! Sein Entschluß war gefaßt; er träumte sich Bild über Bild aus seinem künftigen Leben mit ihr. Er ging zwischen blühenden Wiesen, in denen Inseln aus gelben Löwenzahnblüten brannten, wie Stücke der großen Sonne, die befruchtend aus die Erde gefallen wären. Ein tausendfältiger feiner Regenbogenschimmer flinkerte aus dem tauigen Grase. Die grünen Wellen des kleinen Isararmes jagten Thomasen nach und holten ihn ein und liefen Hals über Kopf voraus, als gelte es einen Wettlauf nach dem Glück. Er aber ließ sie ruhig laufen. Er hatte sein Glück. * Thomas schlief nach seinem Morgenspaziergang bis gegen zwölf und erwachte dann aus einem unsinnigen Traume, dessen Bilder noch in die ersten wachen Augenblicke groteske Schatten warfen, bis sich auf einmal das Tagesbewußtsein energisch aufrichtete und der Flor des Zwischenzustandes von Schlaf und Wachen zu Boden glitt. – Gott sei Dank, das alles hab ich geträumt, und jetzt ist alles klare Wirklichkeit! – Dieser erste Gedanke staunte mit großen Augen in die Mittagsonne. Und wie die Erinnerung lebendiger wurde, verwandelte sich dies Staunen in ein Leuchten. Es war ja wirklich alles so klar geworden und hatte sich so schön gewendet, wie er sich's gestern noch nicht hätte träumen lassen. Nur schnell zu Rosen! – Er zog sich an und lief beinah ins Café Heck. Aber dort traf er nur Volkern, der, Gramfalten im katzenjämmerlich blassen Gesicht, mit der Gabel in einer Portion Irish Stew herumstocherte. »Grüß Gott,« krächzte er heiser. »Grüß Gott,« entgegnete Thomas zerstreut und setzte sich. »Herrgott Sakrament, der richtige Knochenfraß!« fluchte Volker, holte einen langen Knochensplitter aus seinem Munde und legte ihn zu den andern, mit denen der Rand seines Tellers garniert war. Thomas fragte in gleichgültigem Tone: »Wo bleiben denn unsre Damen? Probe?« »Jawoll!« verneinte Volker ärgerlich. »Die Probe is lang gar. Der Aff, der Niedermayr, war im Theater und hat sie zum Frühstück abgeholt. Die fressen jetzt was andres wie Irish Stew. Mich hat er natürlich net eingladen, der Saukopf! Er mag lieber allein der Hahn im Korb sein.« »Du, Volker, was ist denn heute im Theater?« fragte Thomas. »Liebelei. Da hab ich wieder die dankbare Rolle von dem unbekannten Herrn, der so damisch brüllt. Gott sei Dank komm ich bloß im ersten Akt. – Sieht man dich heut abend im Hoftheaterrestaurant?« »Will mal sehn. Vielleicht. Also, grüß Gott!« Thomas war sehr verdrossen. Daß er Rosen nicht getroffen hatte, war ihm eine peinliche Enttäuschung, und er gab sich diesem Gefühle so widerstandslos hin wie ein Kind, dem man ein verheißenes Spielzeug nicht mitgebracht hat. Einen wahrhaft komischen Zorn empfand er gegen Niedermayrn, der ihm ja doch eigentlich gar nichts getan hatte. Das ging bis zu dem Wunsche, ihn vor sich und einen Revolver in der Hand zu haben, um ihn über den Haufen knallen zu können. – Als Thomas aber bis dahin gekommen war, fand er sich selber recht lächerlich und legte seiner Phantasie Zügel an. – Ihm wurde klar, daß sein Zorn auf ein eifersüchtiges Mißtrauen gegen Rosen zurückging. In diesem Augenblick, wo er sich nach ihr sehnte, ließe sie sich sicherlich aus Tod und Leben die Cour machen. Auf einmal kam es Thomasen zum Bewußtsein, wie merkwürdig es wäre, daß er so häßlich von der Frau dachte, die er liebte. Wenn er Rosen nur bald hätte sehen können! Ein Wort von ihr müßte ja wieder einen andern Menschen aus ihm machen. Zu Niedermayrn gehen wollte er nicht. Und nach Hause kommen würde Rose auch erst kurz vor Beginn des Theaters; und dann würde die Rosée bei ihr sein. Und abends nach der Vorstellung säße sicherlich die ganze Bande beisammen. Thomas wollte sich nicht so lange quälen und womöglich bis tief in die Nacht warten. Er beschloß, ihr zu schreiben. Als er zu Hause am Schreibtische saß und die Feder ansetzte, also gleichsam zu Rosen zu sprechen begann, war plötzlich alle Qual verflogen. Diesmal brauchte er nicht erst lange zu überlegen. Er schrieb schnell, nur von Zeit zu Zeit hielt er inne, las die letzten Sätze noch einmal durch und schrieb dann hastig weiter. Liebe Rose, ich bin kreuzunglücklich, daß ich Dich heute mittag nicht getroffen habe. Ich hatte Dir nämlich etwas zu sagen, womit ich nicht bis zum Abend warten kann. Verliebte Leute sind eben ungeduldig. Darum bitte ich Dich, mir gleich, fürs erste schriftlich, zu antworten. Ich schicke diesen Brief durch meinen kleinen Diener in Deine Wohnung. Da er Dich aber sicher nicht zu Hause treffen wird, bitte ich Dich, Deine Antwort auf dem Wege ins Theater am Büfett des Café Heck zu hinterlegen. Da hole ich mir sie dann. Dieser Brief bezweckt nämlich nicht mehr und nicht weniger als einen formellen Heiratsantrag. Das kommt Dir vielleicht ein bißchen überraschend, weil wir uns ja gegenseitig unsre Abneigung gegen die Ehe im allgemeinen und besondern oft genug mitgeteilt haben. Aber ... Verzeih mir, ich möchte nicht pathetisch werden, aber es ist mir sehr ernst mit dem, was ich schreibe ... Ich kann nicht anders. Wohl bin ich der frohen Zuversicht, daß Du mich ebenso lieb hast wie ich Dich, und Du wirst finden, daran könnten wir uns genügen lassen. Aber wie die Welt heute nun einmal ist ... Doch wozu die vielen Worte? Kurz und gut: verheiratet sein ist doch etwas andres. Mir steht die Bohèmewirtschaft bis zum Halse, und Du wirst ja wohl auch nicht anders denken. Und noch ein aufrichtiges Wort, das ich Dir sagen kann, weil Du es wohl nicht lächerlich finden wirst. Ich könnte es überhaupt nicht ertragen, wenn es so weiter ginge wie bisher. Ich bin, grob gesagt, einfach zu eifersüchtig dazu. Natürlich, die alte Praktikerin Rosine wird ja wohl recht darin haben, daß eine Schauspielerin sich mit aller Welt gut stehen muß. Aber der Mensch kommt schließlich vor dem Künstler. Das Leben übrigens auch vor der Kunst. Und wie ich Dich kenne, wirst Du selber herzlich froh sein, wenn Du es nicht mehr nötig hast, vor jedem Esel Männchen zu machen. Ich weiß, daß Du froh sein wirst, wenn das alles hinter Dir liegt. Ein Einwand, den Du machen kannst und im Moment machen wirst, ist: »Aber ich soll meine Kunst aufgeben.« – Aber gibt man denn seine Kunst auf, wenn man darauf verzichtet, sie einem verehrlichen Publico vorzuführen? Die heimlichen Künstler sind die guten Künstler. Aber genug des Geredes, liebste Rose. Ich überlese diesen Brief nicht erst noch einmal im ganzen, aber ich bin überzeugt, daß er kein Meisterwerk ist. Ich bin Maler und habe keine Übung im Schreiben, schreibe auch sonst fast niemals Briefe. Mündlich könnte ich vielleicht ... Nein, ganz ehrlich, mündlich wäre es erst recht nicht gegangen. Redselig sein ist, wie Du weißt, sonst nicht meine Sache. Und bin ich's hier auf dem Papier geworden, so sei deshalb nicht böse. Und glaube vor allem nicht, ich machte so viele Worte, weil ich meiner Sache unsicher wäre. Nein, wirklich: ich habe durchaus keine Angst, daß Du mir »Nein« sagen könntest. Aber natürlich bin ich sehr ungeduldig, Dein Ja schwarz auf weiß zu sehen. Antworte mir also unter allen Umständen gleich. Herzlichst Thomas. * »Ist kein Brief für mich abgegeben worden?« fragte Thomas den Kellner Otto, als der ihm im Vorüberhuschen die Speisekarte auf den Tisch warf. »Ich weiß von nix. Vielleicht am Büföh? Ich will gleich schaun.« Die Büfettmamsell addierte eben eine Zahlenreihe in ihrem Kontobuch herunter. Thomasen däuchte die Zeit, die sie dazu brauchte, eine Ewigkeit. Endlich erhob sie ihr gleichgültiges Gesicht, sagte etwas und holte einen Brief aus der Geldschublade. Thomas sah von weitem, daß das Kuvert mit zwei Glückskleeblättern verschlossen war. So ungeduldig und – wenn er's auch vor sich selber nicht wahr haben wollte – voll banger Zweifel Thomas den ganzen Nachmittag gewesen war, jetzt drehte er den Brief zaudernd in den Fingern. Einen Augenblick dachte er sogar daran, erst zu essen und ihn nachher zu Hause zu lesen. Aber dann lachte er sich selber aus und riß das Kuvert auf. Er entfaltete den Bogen mit beiden Händen und mußte sie fest aufs Tischtuch stemmen, damit sie nicht zitterten. Kaum hatte er den ersten Blick auf die Anrede geworfen, als er ein eigen peinliches Gefühl von Trockenheit in der Kehle bekam. Und er las den Brief langsam, Wort für Wort, als gäbe ihm das eine Galgenfrist. Da stand: Lieber Herr Kerkhoven! Ich danke Ihnen für Ihre aufrichtigen Zeilen und möchte Ihnen ebenso aufrichtig antworten. Ich weiß ja, Sie sind ein guter Mensch und werden mich einen unbewachten Augenblick nicht entgelten lassen. Aber Sie müssen vergessen, was gestern abend gewesen ist. Und es ist ja auch eigentlich nichts gewesen. Nicht wahr, das müssen Sie doch selbst zugeben? Es kann nun einmal nicht sein. Gewiß ist es richtig, daß mir Ihre so sehr sympathische Persönlichkeit von allem Anfang an sympathisch gewesen und habe Sie auch im Verkehr sehr lieb gewonnen. Aber vor einer Heirat muß ich noch sehr viele andre Dinge bedenken, nicht wahr? Ich stehe noch am Anfang von meiner Karriere und habe von meinem Talent nicht recht viel hergemacht. Und das ist der Grund, weshalb ich auf meine Laufbahn nicht verzichten kann. Wie gesagt, habe ich Sie recht lieb, und Ihr Antrag ehrt mich, wie mich kein andrer ehren würde, möchte aber zuerst etwas mehr erreichen! Verzeihen Sie meine Aufrichtigkeit und seien Sie nicht traurig! Vielleicht in ein paar Jahren, wenn Sie mich gefragt hätten, dann könnte es anders sein. Aber so, wie ich jetzt dastehe, vom Theater weggehen, da würde ich mir recht blamiert vorkommen. Wenn ich erst etwas bin, dann ist es etwas anderes. Aber bis dahin werden Sie schon lange eine andere gefunden haben, die Sie glücklicher machen wird, als ich es in der Lage bin, das weiß ich sicher! Lieber Thomas, Du mußt vernünftig sein, es ist nicht anders. Schwellenden Knospen im Lenz sind unsre Hoffnungen ähnlich; stets wenn die eine verwelkt, schließt die andre sich auf. Täglich sendet uns die Sonne neue Strahlen, also warum den einen festhalten von gestern, da morgen neue Gluten uns umfließen. – Und so ein Sonnenstrahl läßt sich nicht halten, er huscht flüchtig vorüber. Verzeihen Sie meine Schrift, jedoch ich habe furchtbare Eile! Seien Sie bestens gegrüßt Ihre treue Freundin Rose Karrar. Na ja, dachte Thomas, mit einem Seufzer, und faltete den Brief in einer Ruhe zusammen, die ihm selbst wunderlich genug vorkam. – Sogar ihr Stammbuch hat sie für mich beraubt! lächelte er säuerlich in sich hinein. – Er machte sich aus Art und Stil ihres Briefes etwas wie einen Trost: sie beide wären nach Erziehung und Denkweise doch wohl zu verschieden, als daß sie hätten gut zusammen passen können. Und die Betäubung, die wolkig in seinem Gehirn schwankte und das Bewußtsein wohltätig dämpfte, sprach er als eine Art Zufriedenheit darüber an, daß nun alle Zweifel hinter ihm lägen, daß ein Abschluß gefunden wäre und die liebe Seele Ruh hätte. * Als er vor seiner Haustür in der Kaulbachstraße stand, überkam ihm eine heftige Abneigung davor, jetzt hinaufzugehen und den ganzen Abend allein zu sitzen. Er machte eine scharfe Wendung auf dem Absatz und ging wieder nach der Stadt zu. Im Café Luitpold hoffte er am ehesten Bekannte zu treffen. Richtig saßen da auch das Ehepaar Chottak und Penzberger, »das bleichschenklige Dreieck«, wie Wacker die drei zu nennen pflegte. Amüsant waren die nun freilich nicht. Sie begrüßten Thomasen einsilbig, aber mit einem gewissen erleichterten Aufseufzen, das den vierten Mann willkommen hieß und sich eher von ihm eine Ablenkung zu versprechen schien. Die schöne Thessa und Penzberger tranken Absinth. Ihre glimmenden Augen wichen nicht von dem käsebleichen Gesicht des kleinen Radierers, der schlaff dasaß, als hinge er nur noch notdürftig in den Gelenken zusammen. Der Doktor Chottak sah aus, als müsse er aller Augenblicke ein sehr stachliges Unglück verschlucken. Er spülte fleißig mit Kognak nach; die kleine Karaffe mit den kontrollierenden Reifchen leerte sich allmählich. Jawohl, ich bin in der richtigen Gesellschaft! so spottete Thomas innerlich über sich selber. Man könnte eine Schauerballade über uns viere dichten, die alle die Liebe unglücklich gemacht hat! – Eine Art wütenden Humors packte ihn, und er wunderte sich im stillen, wie beredt er auf einmal wurde, und wie witzig. Das Dreieck staunte ihn ordentlich an. Wie kam dieser stumpfsinnige Kunstmalermeister auf einmal zu dieser Menge von giftigen Bonmots? Thomas trank schnell und redete fast ohne Unterbrechung; aber trotzdem ihm die lachende Bewunderung der andern oberflächlich schmeichelte, fühlte er sich gar nicht wohl. Er wußte ja, daß diese Lebhaftigkeit innerliche Aufregung verbarg, und kam sich bei dem allem beinah hysterisch vor, nicht weit von einem Weinkrampf oder von einem schweren, stumpfsinnigen Rausche. Und dann verstummte er und fühlte sich auf einmal fürchterlich müde. Er saß mit einem Gefühl von Ohnmacht da, körperlich schlaff und ohne Gedanken ... Schließlich raffte er seine Energie zusammen: er stand auf und empfahl sich unvermittelt. Als er aus dem rauchigen Wirtshaus in die Nachtluft trat, wich die Schläfrigkeit plötzlich von ihm. Er ging langsam nach dem Odeonplatze. Dort machte er halt und schaute sich um. Er sah nach rechts in die Theatinerstraße hinein, über deren Mitte ein winkliger Zug von blauen Bogenlampen den Weg in die Stadt wies, – zu Rosen, die jetzt wohl lachend im Hoftheaterrestaurant säße. Er fühlte auf einmal eine brennende Sehnsucht nach ihr: hingehen und tun, als ob nichts geschehen wäre! ... Schon hatte er ein paar Schritte nach der Stadt zu gemacht, da schrie auf einmal etwas in ihm auf; er drehte schnell um und ging nach Norden, hinein in die Gasflammenallee der Ludwigstraße, die sich schnurgerade bis in die Unendlichkeit zu recken schien. Aber seine Schritte wurden immer langsamer. Das merkte er zuerst an dem Widerhall in der leeren Straße. Es klang ganz so, als ob da drüben in gleichem Takte mit ihm ein andrer ginge, gleichsam ein zweiter Thomas Kerkhoven, der ihn ansähe und überlegen lächelte. Und es war, als ob dieser unsichtbare Zweite seinen Trotz wecke: er ging wieder schneller und bog bald in die Schönfeldstraße ein. Vor seiner Haustür schwankte er noch einen Augenblick, dann aber stieg er die drei Treppen ohne Zaudern hinauf, wenn auch sehr langsam, denn das Steigen wurde ihm so schwer, als sei er auf einmal alt geworden. Er atmete hastig und hatte ein dumpfes Schmerzgefühl in den Kniekehlen. Thomas ging gleich zu Bett, und merkwürdig: er lag kaum zwischen den Laken, als er auch einschlief. Er hatte nicht einmal die Kerze auf dem Nachttisch löschen können. Ein brauner Schmetterling kam durchs Fenster hereingeflogen und surrte um die Flamme, daß sie zuckte und tanzende Lichter auf Thomasens blasses Gesicht warf ... * Thomasens Erwachen am nächsten Tage glich dem von gestern wenig. Er fuhr davon auf, daß sein kleiner Diener, der im Atelier rein machte, mit dem Teppichbesen gegen die Schlafzimmertür donnerte. Mit einem Seufzer richtete Thomas sich auf und stützte sein Kinn in die Hand. Zu schlaff, um sich weiter zu rühren, blieb er lange in dieser Stellung; seine Augen starrten unbewegt in das Licht dieser illusionslosen Stunde. Immer ärmlicher däuchte ihn diese ganze Liebesgeschichte, immer lächerlicher seine eigne Rolle dabei. Und diese Stimmung griff weiter, aus diesem besondern Fall ins Allgemeine hinaus. Thomas wurde sich selber ein harter Kritiker ohne Liebe. Nur hinaus aus dem allen! sagte er zu sich. Und er wußte plötzlich, wohin er wollte. Er drückte dreimal auf den Klingelknopf über seinem Bette. Der kleine Diener erschien, hemdärmlig, eine blaue Schürze vorgebunden. »Herr Kerkhoven?« »Pepi, Koffer packen! Wir gehen auf ein paar Wochen nach Holz hinaus.« »Haut schon,« sagte Pepi mit vergnügtem Nicken. »Und stell schleunigst Teewasser auf.« »Jawohl, gnä Herr.« Pepi verschwand, und aus der Küche klang seine Stimme herüber, die ein lustiges Lied sang. Die Freude des Jungen weckte etwas wie ein Echo in Thomasen. Auch er freute sich, hinauszukommen, zwischen grüne Wiesen und unter Bauern. Die letzten Wochen mit ihren Erlebnissen däuchten ihn auf einmal ferngerückt, als hätte er nachher tagelang in einem Strich geschlafen. Er freute sich aus das Dörfchen am Tegernsee, das mit seinen stattlichen Häusern oberhalb der Straße und abseits vom Wege der Sommerfrischler lag. * Thomas verlebte in Holz stille Wochen und arbeitete fleißig; das Schaffen ging ihm gut von der Hand, und die Stunden, wo er im Grünen vor der Staffelei saß, waren seine besten. – Rose freilich blieb immer in seinen Gedanken. So kritisch sein Verstand sie sezierte, – auf einmal erhob sie sich lebend und blühend vor seinem Gefühl. Er rang mit sich jeden Tag und sog sich trostlose Kraft aus einem ärmlichen Stolz. Und wußte doch, daß alles Lüge war, was er zu sich sagte, wußte, daß alles einstürzen würde, was er jetzt mit unsichern Händen baute, sah den Augenblick kommen, wo es ihn forttragen würde, wie der Gießbach einen Strohhalm führt ... * Eines Nachmittags, als Thomas im Grasgarten saß und malte, wechselte plötzlich die Beleuchtung. Er schaute auf: hinter der Holzeralpe jagte ein blauschwarzer Wolkenwall am Himmel heraus. Die Blätter der Obstbäume erzitterten mit ahnungsvollen Wisperstimmen. Über der Natur lag eine Spannung, die allen hellen Lauten wehrte. Auch Thomasen faßte sie. – Er sammelte sein Malgerät und trug es ins Haus. Dann ging er in sein Zimmer und stellte sich an eins der niedrigen Fenster. Staubwirbel kreisten draußen aus dem Wege empor; in raschen Stößen pflügte der Wind durch die Kronen der Bäume, die sich duckten und ihm mit flatternden Blättern nachwinkten. Der See lag leuchtend grün, und der Wallberg stand seltsam nah und noch in der Sonne. Ein plötzlicher Knall ließ das Haus erzittern. Und die Berge nahmen ihn auf und warfen ihn sich zu, daß er verhundertfältigt von Wand zu Wand sprang über den schauernd aufbegehrenden Wellen. Erst ein zweiter Schlag löste ihn ab und verschlang ihn; und es war, als verdoppele er dadurch seine Kraft. Der Regen brach los und schleuderte schräg seine Glaspfeile, daß sie, zu tausend Tropfen zersplittert, vom Boden zurückprallten. Thomas öffnete das Fenster. Grell schwankendes Licht, Donnergesang, schwellend und sinkend, das Sausen des Regens, das leise, aber scharf vernehmlich auf dem dumpfen Brüllen schwamm, und dazu das hastige, spitze Geschwätz der Wassersäule, die aus der vorspringenden Dachrinne in die zementierte Vertiefung lief und sie überschwemmte, daß das Wasser auf den Weg hinaussprudelte, dessen Gräben längst überfüllt waren ... Alle die zügellosen Töne einten sich zu einer großen Harmonie, – es war gleichsam das Atemholen eines Riesen darin, der seine Fesseln zerbrochen hat und ruhig dasteht, seiner Freiheit bewußt. Thomas lehnte die Stirn an seine Hand; seine von innen heraus dunkel leuchtenden Augen waren groß und durstig. Er schlürfte durstig die Regenluft. In seiner Brust wuchs ein Klingen, das in den Gesang des Wetters einstimmte. Tränen einer heißen Andacht wollten in ihm aufsteigen, und von seinen Lippen kam es wie ein Stammeln. * An diesem Abend warf Thomas unten in Gmund einen Brief an Rosen in den Briefkasten; der war anders als seine früheren: frei von der Angst, seine Gefühle zu zeigen. Da gab es keine Phrasen mehr, keine Vernünfteleien, keine gezwungnen Scherze; hier schrie ein Mensch nach einem andern, in einer Leidenschaft, die ohne Bedingungen gab und begehrte. Ein Abglanz des befreienden Gewitters glühte in diesem Briefe. In diesen kurzen Sätzen verschenkte sich ein Mensch ohne Vorbehalt. Thomas fühlte, daß einer sich dem Leben schenken müsse, um es zu gewinnen. Nur die Besiegten können Sieger werden. Ruhig ging er durch die Dunkelheit nach Holz zurück. Heute zagte er nicht um Rosens Antwort. – – – Am nächsten Morgen kam ein Telegramm: »Ja, hinauskomme selbst vier einundzwanzig. Gruß Rose.« * Die Minuten krochen für Thomas, als er auf dem Bahnhof wartete. Er ging wieder auf die Straße hinaus und spähte nach der Waldlücke, aus der der Zug kommen mußte. Endlich hörte er einen Pfiff. Wie eine Raupe kroch der Zug aus dem Walde und winkte mit seinem langen Rauchschal. Die Bremsblöcke gaben die Räder frei, in beschleunigter Fahrt ging es die Kurve entlang, die kleine Lokomotive schnaufte renommistisch. Drei schwindsüchtige Pfiffe, wieder ein Knarren der Bremsen, und Rosens lachendes Gesicht schaute unter einem lebhaft violetten Hut, den Thomas noch nicht kannte, nickend aus einem Fenster. Sie warf einen Handkuß und verschwand, um gleich wieder auf der Plattform des Wagens zu erscheinen. Und hinter ihr – Thomas glaubte nicht recht zu sehen –, aber es war wirklich Volkers krumme Gestalt, sein breit lächelndes Komödiantengesicht ... Rose lief aus Thomas zu, stutzte vor ihm einen Moment – ein wenig soubrettenhaft, fand er – und gab ihm einen hastigen, spitzen Kuß auf den Mund. Dann lief sie zur Tür der Schranke und zeigte dem belustigt lächelnden Beamten ihr Billett vor. Indessen war Volker herangekommen; erreichte Thomasen seine lange, blasse, nicht ganz saubre Hand und sagte mit Gefühl: »Herzlichen Glückwunsch. Einem andern hätt ich sie net gegönnt. Ach ja, was kann so'n armer Teufel wie ich machen? Zuschaun, wie andre Leut glücklich sind. Aber dir gönn ich sie.« »Kommt er mit, um mir das zu erzählen?« dachte Thomas bei sich. Rose hängte sich an seinen Arm. »Vorwärts marsch!« lachte sie, »was denken denn die Leut hier am Bahnhof von uns!« »Geht nur voraus und seid glücklich! Ich komme langsam nach, ich will net stören,« sagte Volker düster. Und dann in verändertem Ton: »Ich muß nachher über was Wichtiges mit dir reden.« So gingen sie die Landstraße entlang, das Brautpaar voran; in zwanzig Schritten Abstand folgte Volker. Thomas hatte sich das alles ganz anders gedacht. Volker brachte einen Hauch von Stadtluft mit, der nicht hierher paßte. Oder war es Rosens eigne Art, die sich drückend auf seine Stimmung legte? Schließlich aber – Hatte er denn nicht erreicht, worum er lange gerungen hatte? Rose ging neben ihm und stützte sich auf seinen Arm. Er ergriff ihre Hand. »Endlich!« sagte er leise. »Ich bin fei net schuld,« lächelte sie. »Ja, mein Herr, das hättens schon lang haben können.« »Hast du mich lieb, Rose?« »Dumme Frage!« »Und hast doch ...?« »Ja, weil du verlangtest, ich soll das Theater aufgeben. Siehst du, das hätt ich net können ... Aber jetzt ist ja alles gut.« Ein Wolkenschatten kroch über die Straße. Thomas seufzte leise. »Geh zu!« bat Rose. »So eifersüchtig derfst net sein. Mit der Kunst mußt du mich schon teilen. Aber außerdem is einfach alles weg aus der Welt. Bloß wir zwei allein.« »Rose!« sagte er leise, und ihm war, als wolle seine Brust zerspringen vor schmerzlichem Glück. * Thomas hatte von der Bäuerin Kaffee kochen lassen. Den tranken sie selbdritt in dem Gartenhäuschen, das eine so weite Aussicht über den See und auf die Berge hatte; und nachher saß man schweigsam und ohne Behagen. Thomasens Augen wanderten immer zu dem unbequemen Dritten hinüber, der da düster und unentrinnbar wie ein Schatten im Sonnenschein saß. Volker mochte fühlen, daß er lästig war. Er begann unvermittelt zu sprechen. »Du, Kerkhoven, ich wüßt was für dich ...« »Nämlich!« »Ja, weißt du, es wird dir zuerst komisch vorkommen, aber hör mich zu Ende an ... Die Sache is nämlich gar net so dumm, wie s' vielleicht ausschaun mag.« »Na, sag's schon!« »Du sollst Direktor werden!« »Was soll ich?« »Unsern Kunststall sollst du übernehmen.« »Sonnenstich?« erkundigte sich Thomas teilnehmend. »Nein, Liebster, es is gar net so dumm, was er vorhat,« fiel Rose ein. Thomas sah sie mit einem überraschten Blick an und zog die Stirn in Falten. Volker begann eifrig zu werden und gestikulierte lebhaft. »Der Bertin ist gänzlich pleite; jeden Tag könnens ihm die Bude zuwappeln ...« »Ja, soll mich das ermutigen?« »Ach was, das Theater is durchaus lebensfähig, und das Publikum geht gern hinein.« »Na ja,« meinte Thomas, »aber Bertin ist doch immerhin Fachmann. Was soll ich da erst mit dem Theater anfangen?« »Der Fachmann bin ich doch!« sagte Volker mit einer Art naiven Erstaunens. »Ach so! Du willst Direktor werden, und ich soll das Geld hergeben.« »Nein, durchaus net. Ich mein nämlich, wir müßten, um wirklich was von uns herzumachen, den alten Kunststall net bloß so pamperlhaft weiterfretten. Was Neues müßt man bieten! In ganz Deutschland ein Geschrei von uns machen!« »Wie das?« »Einen neuen Bühnenstil aufbringen. Du hast doch immer so viel von deinen Ideen über Dekorationen und Kostüme und Schauspielkunst gesprochen. Jetzt hast du die beste Gelegenheit, das alles zu verwirklichen.« »Aber du hast meine Ideen doch immer für Blödsinn erklärt!« »Es ist ja wurscht, was man macht. Es muß nur was Neues sein.« »Wie denkst du denn darüber?« wendete sich Thomas an Rosen. Sie lehnte sich an ihn und sah mit zärtlichen Augen zu ihm auf. »Das kannst du dir doch denken, daß ich net gern so bald wieder von dir fort möcht.« »Fort?« »Ja, wenn der Bertin zumacht, müßt ich mir doch ein andres Engagement suchen. Hier in München find ich ja doch nix. Und wo ich hinkäm, kann kein Mensch wissen. Keinen Namen hab ich leider noch nicht. Wie kann auch eins gegen die Weller aufkommen! Gegen gemeine Intrigen kann unsereins nix machen.« Daran hatte Thomas noch gar nicht gedacht. Er sah Volkers Plan auf einmal in einem neuen, verlockenden Lichte. – Wenn er das Theater übernähme, hinge ja Rose auch nicht mehr von allerlei fremden Leuten ab; er würde auch ihr Berufsleben teilen und nicht täglich verlassen draußen stehen bleiben, wenn sie auf Stunden untertauchte in der muffigen Atmosphäre, die der Kulissenstaub verdickte. »Aber zur Übernahme gehört wohl sehr viel Geld?« fragte er. »Kein Schein! Schau, da hab ich dir die ganze G'schicht zusammengestellt.« Er reichte Thomas sein aufgeschlagnes Notizbuch. »Ein paar von den Gagen ließen sich leicht noch reduzieren.« »Die erste, der wir den Marsch blasen, is die Weller,« sagte Rose in dem Vorgefühl befriedigter Rache. * Von den Wochen, die nun folgten, behielt Thomas zeit seines Lebens nur ein dumpfes, verworrnes Bild. – Junge Liebe will Stille haben und verlangt den Menschen ganz. Hier aber kamen tausend fremde Ansprüche heran, das Leben wurde zu einer Hetzjagd: Thomasen, der nie Eile gehabt hatte, machte das beinahe krank. Das Theater war überall: ihm gehörte seine Zeit, ihm gehörte seine Arbeit; und wenn er glücklich einmal mit Rosen allein war und bei ihr alles vergessen wollte, begann sie vom Theater zu sprechen. Thomas hatte den ganzen Tag zu tun, und doch war ihm sein Leben noch nie so leer vorgekommen; er hatte sein Ziel erreicht und sich Rosen erobert, aber dennoch war er innerlich unzufrieden und wußte nicht, warum. Lag es an Rosen? Lag es an ihm selber? Hatte Rose sich ihm nicht ohne Vorbehalt geschenkt, als es einmal entschieden war? War sie nicht lieb und herzlich zu ihm? Suchte sie nicht, ihm alles recht zu machen? Es mußte wohl an ihm selbst liegen. Vielleicht war es ein Erbteil von seinem Vater, dem Sonderling. Hatte es nicht etwas von einer Ironie des Schicksals, daß auch er eine Schauspielerin heiraten mußte? Und enthielt der Gedanke an den Vater nicht eine Warnung? Warum konnte er Rosen nicht nehmen, wie sie war, – und wie er sie schließlich doch auch liebte? – Denn er liebte sie mit einer peinigenden Atemlosigkeit, mit einer Eisersucht, die keinem andern auch nur ihr Lächeln gönnte. Und weil sie das fühlte und wirklich alles vermeiden wollte, was ihm hätte weh tun können, wurde sie unsicher und verlor die Frische und Natürlichkeit ihres Benehmens. Damit verwundete sie nun wieder ihn, wie auch mit tausend andern Kleinigkeiten, die er selbst in helleren Stunden als nichtig erkannte. Aber er kam nicht darüber hinweg; und ob er sich krankhaft empfindlich und halb verrückt schalt, – ein Wort, eine Gebärde von ihr konnte ihn für Stunden verstimmen. Diese Gefühle waren seine schwerste Qual; und er mußte sie ganz allein tragen, denn Rosen lag das alles fern: sie wußte sich seine Verstimmungen nicht zu deuten. Viel besser verstand sie sich auf gröbere, häßlichere Zweifel und Konflikte, die manchmal in ihm wühlten, deren er sich schämte, während sie sich nicht einmal darüber wunderte. Es war die ganz gemeine, plumpe Eifersucht auf ihre Vergangenheit, die zuweilen übermächtig wurde und ihn seinen wohlerzognen Geschmack vergessen ließ. – Er wußte ja so wenig von ihrem Leben ... Rose aber fühlte sich nicht beleidigt dadurch: sie hatte viel verliebte Männer gesehen, sie war klug genug, Thomasen zu begreifen, und hatte ihn so gern, daß sie alles aufbot, ihn zu trösten. Das versuchte sie nicht mit kleinen Lügen und erheuchelter Backfischnaivität, sondern sie sprach mit einer selbstverständlichen Ruhe von ihren Erfahrungen, die echt naiv war und nicht geheuchelt sein konnte. * Endlich war der Tag der standesamtlichen Trauung herangekommen. Thomas, der auch nachher mit Rosen eine Zeitlang in seiner alten Wohnung bleiben wollte – in der neuen arbeiteten die Handwerker – ging fertig angezogen im Atelier auf und nieder und wartete auf seine Zeugen: Volkern und den neu engagierten ersten Helden und Liebhaber des Sezessionstheaters: August Appeltoft. Rosen wollten sie nachher bei der Rosée abholen, wo sie heute übernachtet hatte. August erschien zuerst. »Moin!« so begrüßte er Thomasen und ging zum Rauchtisch, wo er sich eine Zigarette holte. »Na, wie fühlste dich vor der Katastrophe?« »Danke,« antwortete Thomas kurz und stellte sich an das Atelierfenster. »Es muß doch ein komisches Gefühl sein. – Verlobt war ich ja schon öfter; aber ich hab mich immer noch im richtigen Moment seitwärts in die Büsche geschlagen. – Wo bleibt denn unser Freund, der Direktöhr? Er ist ja sonst so präzise.« »Ja,« entgegnete Thomas, »das ist etwas, was mich bei Volker wirklich gewundert hat. Ich hatte nämlich deswegen einigermaßen Angst ... Aber er ist gar nicht zu erkennen ... Er hält seine Bureaustunden ein, ist der erste auf der Probe ...« »Nee, präzis war er immer ... Er ist ja eigentlich ne Bureaukratenseele ...« »Na, weißt du ...« Draußen klingelte es. »Das muß Volker sein.« Thomas sah nach der Uhr. Und richtig trat der Erwartete ein, in seiner ganzen Eleganz! Denn das neue Amt hatte sein Äußeres sehr verändert. Er trug jetzt ständig einen sehr langen schwarzen Gehrock in etwas mißverstandenem Biedermeiergeschmack. Wohl hing auch der infolge der täglichen Benützung schon ein wenig schief auf den runden Schultern, und die seidnen Rabatten sowie die Gegend der Knopflöcher waren nicht mehr frei von Fettflecken, aber trotz dieser Schönheitsfehler sah sein äußerer Mensch gegen früher geradezu glänzend aus. »Na, Direktöhr!« sagte August und hielt ihm seine Uhr hin. »Fünf Minuten Verspätung! Was bedeutet das?« »Ach Kinder, es ist ja Zeit genug. Übrigens, geliebter Appeltoft, verdanke ich das nur dir ...« »Natürlich,« lachte August, »schlechte Sitten verderben gute Beispiele.« »Nein, nein, ganz im Ernst ...! Ich komm grad vom Sieben ...« »Und dort, mein Fürst ...?« »Ich hab nämlich heut in der Früh einen Brief von ihm bekommen, wegen deiner gestrigen G'schicht mit ihm ...« »So? – An mich traut er sich nicht ran ...« »Er wollte sein Stück zurückziehn. Er braucht sich net so behandeln lassen, schrieb er. Er wär Konrad Sieben und absolut net angwiesen aufs Sezessionstheater; die ganze Welt ständ ihm offen ...« »Jawohl, bis auf die Bühnen, die seinen Moses schon abgelehnt haben, wie das hiesige Hoftheater! – Und du, lieber Direktöhr, bist ihm wirklich auf den Leim gekrochen und bist gleich hingerannt und hast ihm gute Worte gegeben?« »Na ja, warum denn net!« »Na, und ...?« fragte Thomas, »hat sich Sieben denn nun glücklich wieder beruhigt?« »Da fragt er noch!« hohnlachte August. »Es ist alles wieder in Ordnung.« Volkers Miene wurde schmelzend, als er sich jetzt an August wendete: »Gel, Appeltoft, und du fängst net wieder Krakeel mit ihm an?« »Wenn er ...!« »Ach geh! Ich hab mit ihm ausgemacht, er soll dir selber gar nix sagen und sich mit seinen Wünschen an mich wenden ...« »Wenn er sein Maul hält, tu ich ihm auch nichts ...« »Es ist schon ein reizendes Geschäft, Theaterdirektor zu spielen!« sagte Thomas. »Für uns wird's jetzt aber höchste Zeit.« »Er kann's nich erwarten!« lachte August und holte seinen Zylinder vom Rauchtisch. * Nach der Trauung gab es ein Frühstück bei Schleich. Rose hatte es sich nicht nehmen lassen, alle ihre Theaterkollegen einzuladen, die ihre schlechten Zeiten gekannt hatten und jetzt ihr Glück laut bewunderten und ihr im stillen neideten. Ganz im stillen; denn mit der mächtigen Gattin des neuen Direktors wollte es niemand verderben. Es herrschte ein allgemeiner Wettlauf um Rosens Gunst; und auch auf ihre alte Duenna, die Rosée, fiel ein Abglanz ihres Glückes. Die dicke Dame saß stolz da und paßte auf, daß jeder ihr huldige; das belohnte sie dann mit einem schmalzigen Lächeln. Eine stumme Person saß in dem lärmenden Trubel. Das war der Doktor Chottak, dem vor vierzehn Tagen seine Frau mit Penzbergern durchgegangen war, »nicht ohne seinen Geldschrank um sechstausend Emm zu erleichtern«, wie Volker sich ausdrückte. Der Doktor hatte auf die Verfolgung der Flüchtigen verzichtet und mit niemand aus dem Kreise ein Wort über die Sache gesprochen. Sein Verstellungstalent war aber nur gering; und so mußte jeder, der ihn ansah, erkennen, daß hier ein im tiefsten getroffner Mann saß. Für Thomasen wurden die lärmenden Gefühlsäußerungen ringsum von dem Schweigen des echten Gefühls verschlungen, das in diesem kantigen Bauernschädel bohren müßte, langsam, Zoll für Zoll, aber seines Zieles gewiß ... Im übrigen stieg die Stimmung mit jeder Stunde. Der Wein erwies sich wieder einmal als Geisterbeflügler, freilich aber auch als Zerstörer von Rücksichten und äußerlich angenommnen Manieren, und vor allem als Kuppler. Sehr viel schöne Menschlichkeit zu enthüllen, hatte der Wein hier keine Gelegenheit. Thomasens Gefühl wurde durch tausend Dinge verletzt. Rose, die sehr angeregt und vergnügt hierhin und dorthin lachte und plauderte, ergriff auf einmal mit warmem Druck seine Hand und sagte: »Na, schon wieder einmal verstimmt? – Ah geh!« »Ach nein,« stotterte er, »ich weiß nicht ...! Die vielen Menschen ...! Die Luft ist so schlecht ...« »Nervöser Prinz!« lachte sie und schüttelte seine Hand aufmunternd. »Es is ja so furchtbar fidel und gemütlich!« »Es ist ja auch nichts! Ein bißchen Kopfschmerzen ...« erwiderte er und gab sich Mühe, ihr zuzulächeln. – So verlief Thomas Kerkhovens Hochzeitstag ... * Auf der Bühne traf Thomas Rosen, die im Kostüm der Recha überraschend schön war. »Es wird schon gehn!« Sie nickte Thomasen zu. Von einer ägyptischen Tempelsäule im Hintergrunde löste sich Siebens schwarze Gestalt. » Bon soir, Monsieur le directeur !« sagte er. »Na, Monsieur le directeur , was denken Sie?« »Jedenfalls wünsch ich Ihnen ...« »Nee, nee, lieber nicht wünschen!« »Na, dann: Hals und Beine!« »Ja, nicht wahr? Eigentlich sollte man's doch meinen? Es ist doch so im ganzen eine gute Sache, was? Und die Ausstattung! Und dann diese fabelhafte Recha!« Er küßte Rosen die Hand. »Wissen Sie, vor wem ich reichliche Angst habe? Vor diesem Appeltoft. Sie entschuldigen, er ist ja Ihr Vetter, aber ...« »Geschieht Ihnen ganz recht, Maestro!« ertönte Augusts Stimme plötzlich. Sieben fuhr zusammen und versuchte dann seinem Moses mit sauersüßer Stimme unter Händereiben und Dienern zu erklären, wie er es gemeint hätte, und daß er sein Talent durchaus nicht habe anzweifeln wollen. »Das wäre mir auch wurscht,« tröstete ihn August. Er bot im Kostüm des Moses mit dem langen Vollbart ein sonderbares Bild, denn in der einen Hand hatte er eine halbgeleerte Champagnerflasche, in der andern ein Glas. »Schluck Sekt?« fragte er Rosen. »Ach ja, das is vielleicht ganz gut.« »Schenken Sie mir auch ein Glas,« bat Sieben. »Wollen wir es ihm konzedieren?« fragte August und sah die andern zweifelnd an. »Na, also trinken Sie, Maestro! Weil's gleich ist! Aber mehr wird nicht hergegeben, sonst hab ich mein Quantum nich.« »Es ist vielleicht ganz gut, wenn Sie nicht zu viel trinken,« meinte Sieben nervös. »Keene Bange! – Ich bin auf der Bühne noch nie besoffen gewesen. Und wenn ich's war, hat's keine Katze gemerkt. Sie haben ja keene Ahnung, wie blöd das Publikum is!« »Ein schöner Trost!« Sieben lachte auf. »Sein Sie doch froh! Davon lebt ihr Dramatiker ja,« sagte August und goß schnell die beiden letzten Gläser aus der Flasche herunter. Volker lachte aus vollem Halse sein lautes, geübtes Lachen. Er war vielleicht der einzige, der keine Spur von Lampenfieber kannte. Dann schaute er durch das Guckloch im Vorhang hinaus, wendete sich um und klatschte in die Hände. Die Schauspieler, die zu Anfang auf der Bühne zu sein hatten, strömten herein, der Inspizient platzte fast vor Eifer. »Erstes Zeichen!« rief Volker. Thomas eilte in die Direktionsloge. Er hatte sich gerade gesetzt, als das zweite Läuten ertönte. Der Zuschauerraum verdunkelte sich, sich, der Vorhang glitt hinauf. Da lag Thomasens ägyptischer Marktplatz in hellem Sonnenlichte, belebt von großen Menschengruppen, die schöne, ruhige Farbenflecke bildeten. Ein allgemeines »Ah!« ging durch den Zuschauerraum und verschlang die ersten Sätze des Stückes. Thomas fühlte sein Herz klopfen. * Die Aufnahme des Stückes war zwiespältig. – Es gab mehrere Male starken Beifall bei offner Szene, in den sich meistens Rose und August teilten. Und Thomasens Ansicht war, daß sie es beide verdienten, so verschieden sie ihre Rollen auch auffaßten. Was den Erfolg des Stückes selber angeht, so hörte man nach den ersten Akten nur ein dünnes Beifallklatschen. Nach dem vierten Akte gab es einen Kampf. Zischer und Klatscher hielten sich die Wage. Und nach dem letzten Akt war es anfangs ebenso. Schließlich aber, als vielleicht noch ein Zehntel des Publikums im Zuschauerraume war, siegte der Beifall; der Vorhang erhob sich noch oft. Auch Thomas ließ sich nach langem Sträuben auf die Bühne zerren. Als es endlich still geworden war, trat Sieben auf Thomasen zu. Er schüttelte ihm die Hand und sagte mit einem beinahe mißtrauischen, schnell abirrenden Blick: »Ein schwer errungener Sieg!« * Eine Gesellschaft, die die Hauptdarsteller des Abends, eine Anzahl jüngerer Schriftsteller und ein paar Maler vereinigte, begrüßte Rosen und Thomasen im Restaurant mit großem Hallo. Man hatte mehrere Tische zusammengerückt und saß an einer ungemütlich langen schmalen Tafel. Für Rosen hatte Sieben einen Platz neben sich reserviert. Thomas setzte sich ganz ans andere Ende der Tafel. Als er gegessen hatte, brachte Sieben ihm einen Herrn, der Thomasen als gänzlich Unbekannter schon vorher aufgefallen war. Es war ein langer, magrer, starkknochiger Mensch, der sich in seinem Äußern ganz auf den Engländer zurecht gemacht hatte. Aus dem bleichen Gesicht sprang eine große Hakennase vor; trotzdem hatte es nichts Scharfes, weil seine andern Formen weichlich geschwollen und schlaff waren. »Herr Tegtmaier!« stellte Sieben vor, »ein Landsmann von mir, expreß aus Bremen zugereist, um die Münchner Kunst zu retten!« »Sie gestatten?« sagte Herr Tegtmaier, holte sich einen Stuhl und zwängte sich damit zwischen Thomasen und dessen Vetter ein. »Bruno Tegtmaier!« sagte er mit einer hastigen Verbeugung zu August und begann dann in sprudelnder Geschwindigkeit auf Thomasen einzusprechen. »Lieber Meister, ich möchte Ihnen meine Bewunderung aussprechen. Die Dekorationen und die Kostüme: tip – top! Eine Leistung ersten Ranges und sehr originell. Bei wem haben Sie das malen lassen? Interessiert mich nämlich. Na ja, wenn ich Ihnen hätte raten können ... Manches hätte ich nun anders gemacht ... Effektvoller, wissen Sie! Zum Beispiel ...« »Sie sind Künstler?« unterbrach ihn Thomas. »Nein, das gerade nicht ... Aber was ähnliches, hahaha. Hab mich auch schon darin versucht. Aber wissen Sie denn gar nichts von meinem Plan? Ich bin Bruno Tegtmaier! Nichts davon gehört? – Macht nichts! Werden schon noch von mir hören!« In Thomasens Kopfe dämmerte etwas. Das wäre wohl der junge norddeutsche Millionär ... »Ja, ja,« sagte er, »ich hab wohl etwas gehört, aber ich war die letzte Zeit so beschäftigt ...« »Jawohl,« nickte Tegtmaier fröhlich, »es ist in München schon kolossal verbreitet. Und dabei habe ich kaum die ersten Vornotizen in die Presse lanciert ...« »Wenn ich recht verstanden habe, handelt es sich um irgend etwas Kunstgewerbliches?« fragte Thomas. »Irgendwas? Ziemlich viel! – Ich will das deutsche Kunstgewerbe gründen. Was jetzt so hie und da gemacht wird, ist nichts. Damit ist kolossal viel zu machen. Ich war jetzt nämlich fünf Jahre in England. Das ist eine ganz sichre Spekulation; da liegen heutzutage die Millionen auf der Straße.« »Meinen Sie? – In Deutschland ...?« sagte Thomas. »Grade in Deutschland!« versicherte Tegtmaier. »Was wollen Sie denn eigentlich machen?« »Alles!« »Was heißt: alles?« »Die Kunst ins Leben einführen, unser ganzes Leben mit Kunst durchtränken ...« »Ja, wie wollen Sie denn das erreichen?« »Ich bin schon mit einem Haufen Künstler in Verbindung. Es wird eine Gesellschaft unter der Firma ›Deutsches Heim‹ gegründet.« »So eine Art Fabrik für moderne Möbel?« »Nicht nur Möbel. Alles! Viele Fabriken, Werkstätten, Ateliers ... Kunst nicht mehr über unserm Leben, unser Leben selbst Kunst, wissen Sie!« »Ein weit ausschauender Plan!« lächelte Thomas. »Ja, das will ich meinen! Sehr weit sogar! – Und da haben Sie mich eben aus was Neues gebracht.« »Ich?« »Das heißt, ich hab natürlich schon früher daran gedacht. Wir müssen unbedingt auch ein Atelier für künstlerische Dekorationsmalerei haben. Und dafür wären Sie der Mann.« »Ich weiß doch nicht ...« »Sie sollten sich an unsrer Gesellschaft beteiligen! Sagen wir: bloß mit fünfzigtausend Mark!« »Ich glaube, Sie halten mich für reicher, als ich bin.« »Das ist doch kein Geld!« »Nein, Herr Tegtmaier, das ist ganz ausgeschlossen. Ich habe eben erst das Theater übernommen ...« »Aber hier bekämen Sie einen gut dotierten Direktorposten. Die kleine Geldeinlage würde ja nur dazu dienen, Ihre Interessen enger mit dem Unternehmen zu verknüpfen ...« »Nein, Herr Tegtmaier, auch auf den Direktorposten muß ich verzichten. Das Theater zieht mich schon gerade genug von meinem eigentlichen Berufe ab. Schließlich bin ich doch Maler.« »Ach, Bilder malen ...! Das ist doch eigentlich eine überlebte Sache!« »Na ...?« »Na ja, und wie ist es mit der Beteiligung? Es ist die sicherste Kapitalsanlage. Ihr Geld rentiert sich in drei Jahren mit mindestens zwanzig Prozent.« »Nein, Herr Tegtmaier, es geht wirklich nicht.« »Na ja ja! Es war bloß eine Anfrage. Wir sprechen ein andermal darüber. Jedenfalls gestatten Sie mir, Ihre Dekorationen und Kostüme für meine Zeitschrift zu photographieren. Ich geb nämlich vom ersten Oktober ab eine kunstgewerbliche Zeitschrift heraus, die auch »Deutsches Heim« heißen soll. Übrigens, schreiben Sie mir doch zu den Photographien auch einen Artikel für die erste Nummer, in dem Sie Ihre Ansichten über neue Theaterkunst darlegen.« »Ich will mal sehn. Ich würde allerdings ganz gerne einmal ... Probieren kann ich's ja ...« »Also, ich rechne darauf. Nicht zu lang! Höchstens zehn Großoktavseiten inklusive Bilder. Ein sehr hohes Honorar kann ich allerdings fürs erste nicht anlegen ... Fünf Mark pro Seite ... Das ist Ihnen doch recht?« »Na,« meinte Thomas, »viel scheint mir das ja nicht zu sein; aber aus das Honorar kommt es mir hierbei nicht so sehr an!« »Ja, natürlich, Sie müssen bedenken, eine wie weite Verbreitung Ihre Ansichten finden ... Sie sprechen damit zu Europa ...« * Als Thomas und Rose aus dem Restaurant traten, lag schon die Morgensonne drüben auf den obern Stockwerken. Thomas mußte in der Helligkeit dieses Sommermorgens zuerst eine Sekunde die Augen schließen, und die frische Lust wollte ihn schier betäuben, nachdem er so lange in der dunkeln, rauchigen Wirtsstube gesessen hatte. Rose hing schwer an seinem Arm und schien etwas unsicher zu gehen. Auch er selber hatte Mühe, seine Bewegungen in jedem Augenblick zu beherrschen, obgleich sein Zustand weit eher einem Katzenjammer als einem Rausche glich. An der Hauptpost nahm er eine Droschke. »Na, was hast du denn? Du machst so ein Gesicht!« fragte Rose, als sie durch die Residenzstraße fuhren. »Ich bin abgespannt,« erwiderte er kurz. »Freust du dich denn gar nicht über meinen Erfolg, Kleiner?« »Natürlich freu ich mich.« »Ah geh! Sei net so grantig!« »Ich bin müde.« »Hab ich was getan, was net recht war?« »Nein, getan hast du nichts. Aber du warst heute so anders ... Macht das der Erfolg bei den Leuten ...?« »Is es dir net recht, wenn ich mich darüber freu?« Thomas schwieg und lächelte ironisch in sich hinein. Sie legte die Hand sanft auf seinen Arm. »Ah geh, Kleiner, sei net fad! Erfolg is Erfolg. Ich bin ja so froh! Endlich einmal is man in einer großen Rollen herausgekommen, die einem liegt; endlich hab' ich zeigen können, was ich kann! Und, Kleiner, wem dank' ich das, wie dir? Also verdirb mir die Freud net! Wo wär ich ohne dich? Vielleicht am Stadttheater in Passau oder Regensburg. – Also geh, sei gut!« Sie gab ihm lachend einen Kuß. Sein Gesicht hatte sich aufgehellt. Er hielt ihre Hand, und eine Wärme strömte von ihr zu ihm. * Die Kritik in den »Neuesten Nachrichten« nannte das Stück von Sieben ein seltsam stilloses Ragout, das das Publikum kalt gelassen hätte. Der Dichter müsse sich bei den Schauspielern bedanken, deren leider im übrigen verschwendete Anstrengungen dem unglücklichen Machwerk wenigstens zu einer Art bestrittenem Achtungserfolg verholfen hätten. Da müsse in erster Linie Frau Karrar genannt werden, die aus der löschpapiernen Schlange Recha eine von warmem Blut erfüllte, genial gesehene Menschengestalt gemacht und damit den Beweis geliefert hätte, daß hier ein großes Talent seit lange unterdrückt worden wäre, und zwar zugunsten einer höchst mittelmäßigen Konkurrentin. – Einen großen Anteil am Erfolge habe auch der neue Held des Sezessionstheaters, Herr Appeltoft, wenn seine Leistung auch ein wenig zu sehr im Rahmen der konventionellen alten Schule geblieben wäre. Sein Engagement könne unter allen Umständen begrüßt werden. Was die neuen Dekorationen und Kostüme betreffe, die mit so großem Tamtam im voraus angekündigt worden wären, so überlasse der Theaterreferent das Urteil hierüber dem ständigen Kunstberichterstatter des Blattes. – Stolterfoot überschrieb seinen Artikel: Ein neuer Dekorationsstil und machte ein Fragezeichen dahinter. Er begann mit den szenischen Künsten der alten Griechen und kam in drei Spalten glücklich bis zu Wagner und den Meiningern, um in einer weitern halben Spalte sein Urteil kurz dahin zu präzisieren, daß er Thomasens Dekorationen gleichzeitig primitiv und bizarr finde: auf der einen Seite von einer durch keine Sachkenntnis getrübten Naivität der Bühne gegenüber, auf der andern von einem beinah abstoßenden Raffinement, das die Meininger noch übermeiningere. Thomas brachte die Zeitung Rosen. Sie las, was da über sie stand, und freute sich sehr. »Siehst du,« rief sie dann, »Hab' ich's net g'sagt? Jetzt hab' ich den schwersten Schritt hinter mir. Endlich einmal ein richtiger Erfolg.« »Ich gratuliere dir!« sagte Thomas warm. »Und was sagt der Stolterfoot über dich?« Rose überflog den Artikel flüchtig. »Ach, dieser Stolterfoot ist ein Stiesel!« rief sie. »Aber der Werkenthin ...! Das laß ich mir gefallen. Der versteht was vom Theater. Und wie er's der Weller gegeben hat! Und das, was er vom Stück sagt ... Da, find' ich, hat er ganz recht ...« Thomas seufzte leicht und ironisch. »Geh, Kleiner,« bat Rose aus einmal in ganz verändertem Tone, »mach' kein so G'sicht! Wegen dem dummen Stolterfoot ...! Deswegen waren deine Dekorationen doch schön; und wer was versteht, muß das zugeben. – Dies Ekel, der Stolterfoot! Mit keinem Aug' schau ich den jetzt mehr an. Er soll mich nur noch einmal grüßen! Wer net dankt, bin ich!« »Ach, nicht grüßen ...! Was soll denn das?« »Nein, grad net! Und du derfst ihn auch net grüßen! Nein, das verlang' ich von dir! – Und jetzt sei gut!« Sie schlang einen Arm um seinen Hals und zog seinen Kopf tröstend an ihre Schulter. * Im ersten Jahr seiner Ehe bekam Thomas zwei Briefe von seiner Tante Leocadie. Mit dieser Tante hatte er alle die Jahre hindurch in gelegentlichem Briefwechsel gestanden. Das war ganz von selbst gekommen. Die alte Dame, die mit ihren andern Verwandten kaum verkehrte, empfand das Bedürfnis, wenigstens einem Blutsverwandten Liebe zu erweisen und sich mit ihm auszusprechen. Thomas beantwortete vielleicht nur jeden zweiten oder dritten Brief seiner Tante. Er wußte ihr nie viel von Tatsachen zu berichten; denn einmal hatte er selbst das Gefühl, als ob er alle die Jahre bis zur ersten Begegnung mit Rosen nichts erlebt hätte, und zweitens erschien ihm das, was er hätte erzählen können, für die Ohren einer alten Dame aus Riga kaum geeignet. Seit er verheiratet war, hatte er ihr überhaupt nicht mehr geschrieben; nur gleich im Anfang einmal ein paar Zeilen, die ihr von dem großen Wendepunkt in seinem Leben berichtet hatten. Und nun – es war an einem Februarmorgen, der Föhn rüttelte an dem Blech des Daches, daß es hart und trocken lärmte, und das Schneewasser rieselte eintönig von den Dächern – brachte ihm der kleine Diener einen Brief aus Rußland ins Atelier. Thomas las: Bilderlingshof, 3./15. Febr. 1896. Lieber Thomas! Heute habe ich eine recht traurige Veranlassung, Dir zu schreiben. Aber ich will es doch gleich tun, denn es handelt sich um jemand, den Du, wie ich glaube, einmal sehr gern gehabt hast. Ich kann mich ja täuschen, glaube es aber nicht. Aber ich will alles von Anfang an erzählen, sonst verstehst Du die ganze Geschichte gar nicht. Siehst Du, Annemarie hat sich vielleicht auch manches zuschulden kommen lassen, aber zu bedauern bleibt sie doch immer, und man muß wissen, was sie für ein schweres Leben gehabt hat. Woldemar Bökh war ja ein schrecklicher Mensch. Ich will Dir gar nicht erzählen, was Annemarie mir alles vorgeklagt hat, wenn sie mal eingekommen war und mich besucht hat. Und sie wollte sich schon oft scheiden lassen, aber Du kennst ja ihre Eltern. Aber ich habe jetzt schon die erste Seite vollgeschrieben und komme nicht zur Sache. Nämlich die traurige Geschichte verhält sich so: Woldemar Bökh hat sich zuletzt gar nicht mehr um die Landwirtschaft gekümmert und hat vor einem Jahre als Verwalter Magnus Schlaar angestellt. Aber mir fällt eben ein, daß Du den Magnus Schlaar wohl kennst. War er nicht ein Schulkamerad von Dir? Jedenfalls wirst Du davon gehört haben, daß er seinerzeit das Pistolenduell mit dem Konsul Bondelius gehabt hat, bei welchem derselbe sein Bein verlor. Also, ob nun zwischen diesem Schlaar und Annemarie irgendwelche unerlaubte Beziehungen bestanden haben oder nicht, davon will ich nichts sagen. Das sind die Geheimnisse von Annemarie, und sie hat mich noch nicht in ihr Vertrauen gezogen. Jedenfalls aber scheint Waldemar Bökh diese Meinung gehabt zu haben; und die Dienstboten haben es auch behauptet, aber was auf Dienstbotengeschwätz zu geben ist, das weiß man ja. Kurz und gut, am vorigen Sonnabend, wie Waldemar Bökh eben erst von Riga nach Hause gekommen war, haben er und Annemarie und Magnus Schlaar zusammen Mittag gegessen, und wie es eigentlich gekommen ist, weiß ja niemand, und von Annemarie habe ich auch nichts darüber erfahren können. Es muß einen Streit zwischen den beiden Männern gegeben haben, und Magnus Schlaar hat Waldemar Bökh mit einer vollen Rotweinflasche auf den Kopf geschlagen, daß er ohne ein Wort hingestürzt ist. Und dann ist der Diener hereingekommen und hat noch Knechte gerufen, und sie haben Magnus Schlaar gebunden. Und dann ist nach dem Doktor geschickt worden, und nach der Polizei. Und die hat alle Leute im Hause verhört. Und dann, denk' Dir nur, haben sie auch Annemarie verhaftet und sie mit Magnus Schlaar nach Riga in den Arrest transportiert. Und Waldemar Bökh ist noch dieselbe Nacht gestorben, ohne daß er noch einmal zum Bewußtsein gekommen ist. Nun, Du kannst Dir denken, daß ich gleich mit dem nächsten Zuge eingefahren bin, um mich zu erkundigen. Gott, schließlich ist der arme Albert auch zu bedauern. So einen geschlagenen Menschen habe ich noch nie gesehen. Leider machte er sich dadurch Luft, daß er schreckliche Sachen über Annemarie sagte. Aber daß zwischen Annemarie und Magnus Schlaar etwas Unerlaubtes gewesen sein muß, das schienen sie alle für selbstverständlich zu halten! Ich habe dann gemacht, daß ich fortgekommen bin, und bin dann gleich in das Gefängnis gefahren. Aber ich durfte Annemarie nicht sehen. Der Direktor vom Gefängnis hat mir aber gesagt, ich kann ihr schreiben, und die Sache steht gut für sie, und sie wird wohl in den nächsten Tagen entlassen. Ich kann Dir sagen, ich war froh, wie ich wieder bei meiner Lene zu Hause war. Das arme lettische Dienstmädchen denkt wirklich christlicher über die schreckliche Geschichte als die leiblichen Verwandten. Sie hat geweint und hat mir gesagt, ich soll nur ja gleich an sie schreiben, daß sie bei uns wohnen kann, wenn sie aus dem Arrest kommt. Denn Albert hat ja gesagt, sie darf nicht mehr in sein Haus. Und das habe ich natürlich gleich getan. Und heute habe ich nun Annemarie abgeholt. Sie muß schwere Tage hinter sich haben und sieht furchtbar elend aus. Jetzt liegt sie im blauen Zimmer im Bett, die Tür steht offen. Ich glaube, sie schläft jetzt ein bißchen. Ich habe mit ihr natürlich noch gar nicht viel gesprochen. Sie hat wahrhaftig Ruhe nötig. Ich habe Albert, der gleich herausgekommen war, auch ganz einfach nicht zu ihr gelassen. Er wollte durchaus, sie soll sofort weg aus unseren Provinzen; aber das geht schon deswegen nicht, weil der Direktor gesagt hat, sie muß in der Nähe bleiben, bis der Prozeß gegen Magnus Schlaar entschieden ist. Nun will ich aber wirklich aufhören. Hoffentlich geht es Dir recht gut und Du bist glücklich in Deinem jungen Hausstand. Schicke mir doch mal ein Bild von Deiner lieben Frau, welche ich unbekannterweise herzlich grüße. Hast Du Dich nicht auch wieder mal abnehmen lassen? Wie geht es denn mit Deinem Theater, was Du Dir gekauft hast? Ich weiß nicht, diese Geschichte macht mir etwas Sorgen, weil Du doch in diesen Sachen kein Fachmann bist. Aber Deine liebe Frau wird Dir schon helfen. Mit herzlichen Grüßen Tante Leocadie. P. S. Schreibe mir doch auch einmal wieder. Wenn ich etwas Neues in der Sache erfahre, teile ich es Dir mit. Tante. Thomas faltete die Blätter ordentlich zusammen und steckte sie wieder ins Kuvert. Seine Augen sahen durch das große Fenster lange in den mattblauen Himmel hinaus, auf dessen Fläche schnelle Wolken vorüberzogen, die merkwürdig nah erschienen. Ein eignes, stumpfes Gefühl lastete in seiner Brust, und seine müden Gedanken trachteten, es langsam zu zergliedern. Erschüttert hatte ihn der Brief nicht, das mußte er sich gestehen. Was er empfand, war eher eine gewisse betäubte Verwunderung, – eine Verwunderung nicht nur über Annemariens Schicksal, sondern auch über sein Leben und das Leben überhaupt. Traumhaft däuchte ihn alles, was ihm selber seit der Stunde geschehen war, wo er Annemarien zum letzten Male gesehen hatte, – auf dem flachen Dach seines Vaterhauses; traumhafte Fäden sah er von jener Stunde bis zu Magnus Schlaars hitziger Tat führen. * An einem Sonntagmorgen im April kam wieder ein Brief von Tante Leocadie. Thomas lag noch im Bett, als das Mädchen ihn mit dem Kaffee und der Zeitung hereinbrachte. Am Abend vorher hatte das Sezessionstheater seinen ersten großen Erfolg mit einem neuen, modernen Stücke von Sieben gehabt. Und das war natürlich bis tief in die Nacht hinein gefeiert worden. Aus Tante Leocadiens Brief erfuhr Thomas, daß Magnus Schlaar zu zehn Jahren Zwangsarbeit und danach zur Ansiedlung in Sibirien verurteilt worden war. Durch die Aussagen der andern Zeugen war ziemlich klar erwiesen worden, daß zwischen ihm und Annemarien unerlaubte Beziehungen bestanden haben mußten, und Annemarie selbst hatte das, durch Kreuz- und Querfragen des Richters in Verwirrung gebracht, in der Hauptverhandlung zugegeben. Was Annemarien betraf, so war sie nun ganz auf ihren Vater angewiesen gewesen, denn die Familie ihres Mannes wollte natürlich nichts mehr von ihr wissen, das Gut war Majorat, und sonst hatte er nichts als Schulden hinterlassen. Aber der Staatsrat Kerkhoven hatte sie nicht mehr als seine Tochter ansehen wollen. Er hatte ihr nur eine einmalige Abfindungssumme von fünftausend Rubeln angeboten unter der Bedingung, daß sie auf alle weitern Ansprüche verzichte, sofort nach dem Innern Rußlands gehe, um sich dort eine Existenz zu gründen, und sich verpflichtete, nie wieder in die Ostseeprovinzen zurückzukehren. Annemarie hatte wohl oder übel ja sagen müssen, sie hatte den vom Staatsrat entworfnen Revers unterschrieben und war jetzt schon in Moskau, wo sie mit der Hilfe einer ehemaligen Schulfreundin eine Anstellung am Statistischen Bureau zu finden hoffte. Arme Annemarie, dachte Thomas, was muß sie alles durchgemacht haben! Aber wie frei wird sie sich jetzt fühlen, wo die ganze schlimme Vergangenheit abgeschlossen ist! – Und Thomas ertappte sich auf merkwürdigen Grübeleien: wie gut es sein müsse, so auf einmal befreit zu sein aus allen verwickelten und schwierigen Verhältnissen und nur einen zwar schmalen, aber klaren Weg vor sich zu sehen! Aber war er nicht undankbar? Und was verlangte er denn? Hatte sein Theater nicht gestern den ersten wirklichen Erfolg gehabt? Konnte denn der nicht endlich das gähnende, schwarze Loch schließen, in das er so erstaunlich viel von seinem Vermögen hatte hineinwerfen müssen? Er konnte doch hoffen, daß von jetzt an alles besser gehen würde. Vielleicht auch zwischen ihm und Rosen. Denn er mußte sich gestehen, daß auch in ihrem Verhältnis mancherlei ganz anders war, als es hätte sein sollen. Und wie immer, wenn er hierüber nachdachte, fand er im letzten Grunde die Schuld in sich selbst. Er fühlte das Bedürfnis, ihr etwas Gutes zu sagen. Leise streckte er seine Hand unter ihre Decke und faßte ihre Hand. Sie schrak aus dem Schlafe auf. »Was ist ...?« fragte sie hastig. »Nichts!« sagte er leise und mit weichem, gerührtem Ausdruck. »Ich hab dich lieb.« Sie gähnte und lächelte: »Und deshalb mußt du mich wecken?« »Ja, Rose ... Es war auf einmal ... Ich ... Ich bin in der letzten Zeit oft gar nicht nett zu dir gewesen ...« Sie richtete sich auf dem Ellbogen auf. »Siehts der Monsieur einmal ein?« »Ja, Rose, das soll in Zukunft anders werden. Sieh mal, wir beide ...« »Das ist recht,« nickte sie vergnügt. »Siehst du, das ist doch dummes Zeug ... Alle die Gedanken, die du dir machst ... Und wenn ich ganz harmlos etwas sag, meinst du, es müßte Gott weiß was dahinter stecken ... Und gar, wenn du eifersüchtig bist ...! Und im Grund weißt du doch ganz genau, daß deine Frau niemand lieb hat wie dich ... Möcht auch wissen, wen?« Thomas hatte den Arm um ihren Nacken gelegt und zog ihren Kopf zärtlich an seine Brust und küßte sie auf die wirren, schwarzen Haare. Sie schlang ihre nackten, schlummerwarmen Arme um seine Schultern und hob ihm die Lippen entgegen, zwischen deren tiefem Rot, ein schmaler, weißer Streifen, die Zähne glänzten. In ihren Augen erglomm ein Feuer, das die halbgeschlossenen Lider schamhaft verbergen wollten. »Siehst du, Kleiner!« lachte sie dann auf einmal, atemlos zwischen zwei Küssen, »wenn du nett bist zu mir, kann ich auch sehr nett sein. – Aber Wort halten, Kleiner, und wirklich nimmer so dumm sein ...« * Es war im dritten Jahre von Thomas Kerkhovens und Ferdinand Volkers Direktion, als eines Tages eine sehr ernsthafte und lange Konferenz auf der Kanzlei des Rechtsanwalts Doktor Bernburger stattfand, an der die beiden Direktoren, der Rechtsanwalt selber und ein vereidigter Bücherrevisor teilnahmen. »Ja,« sagte schließlich Doktor Bernburger – ein Mann in den besten Jahren, doch von krankhafter Dicke – und schnaufte asthmatisch, »wenn wir auch noch drei Stunden rechnen, es kommt immer wieder dasselbe heraus. Und im Grunde is die Sache ja sehr einfach. Ich halte das Unternehmen an sich für durchaus gesund ...« Hier stockte er, und ein dumpfes Röcheln, mit pfeifenden Lauten untermischt, entrang sich seinem Halse. »Das Theater muß sich doch rentieren!« fiel Volker lebhaft ein. »Die durchschnittliche Kasseneinnahme der letzten fünf Monate war elfhundert Mark. Wie viel Theater haben denn das? Und die existieren doch auch!« Der Doktor hatte sich erholt und erwiderte: »Deswegen nenne ich das Unternehmen an sich ja gesund. Aber, meine Herren, nehmen Sie's mir net übel, aber wie unsinnig haben Sie gewirtschaftet! Bedenken Sie doch bloß allein den Gagenetat! Und rechnen Sie dann die ungeheuern Ausgaben für die Ausstattung! Letzteres hat in letzter Zeit ja nachgelassen, aber wie Sie's zuerst getrieben haben ...! Der unglückliche Moses von Sieben hat ja allein bald fünfzigtausend Mark gekostet. Und das verstaubt jetzt und kostet nur Platz. Und rechnen Sie die unverhältnismäßig hohe Pacht!« »Die ist doch net hoch?« sagte Volker erstaunt. Der Doktor hatte einen fürchterlichen Hustenanfall und konnte nicht gleich antworten. »Herr Doktor, um wieder zur Sache zu kommen,« fiel Thomas nervös ein, »Sie wollten sagen ...?« »Ja, wo standen wir doch?« »Sie meinen also,« sagte Thomas, »daß unsre Ausgaben in keinem Verhältnis zu unsern Einnahmen stehen?« »Natürlich, dazu brauchen Sie ja nur diese beiden ganz flüchtigen Überschläge anzusehen. Selbst wenn das Theater jeden Abend ausverkauft wäre – was ja ausgeschlossen ist –, würden Sie wahrscheinlich net ganz auf die Kosten kommen.« »Also ist das ganze Unternehmen geschäftlich der hellste Wahnsinn?« »Ich begreif es net,« sagte Volker mit trüber Stimme, »bei einer Durchschnittseinnahme von elfhundert Mark ...« »Ja, Herrgott,« fuhr Thomas auf, »begreifst du das wirklich nicht, oder tust du nur so, um damit deine geistvolle Geschäftsführung zu entschuldigen?« »Bitte sehr, ich bin kein Kaufmann!« antwortete Volker gekränkt. »Ja, leider!« »Ja, ich kann nix dafür und wasch mir die Hände in Unschuld.« »Meine Herren,« sagte der Doktor, »vor allen Dingen müssen Sie sich eine unbedingt zuverlässige kaufmännische Kraft hinsetzen, auf die Sie eben hören und nach deren rechnerischen Anschlägen Sie sich richten müssen.« »Das ist erst die zweite Frage ...,« erwiderte Thomas. »Die erste ist natürlich, daß das Unternehmen auf eine ganz andre rechnerische Basis gestellt wird,« bestätigte der Doktor kurzatmig. »Wenn Sie mir die Unterlagen bis morgen dalassen wollen, bin ich gern bereit, Ihnen diesbezügliche Vorschläge auszuarbeiten.« »Sollen Gagenreduktionen gemacht werden?« fragte Volker hastig. »Das is klar!« »Aber doch nur bei den Mitgliedern?« »Wie meinen Sie das?« »Bei den Direktoren doch nicht?« Der Doktor lächelte, ergriff eins der Blätter, die auf dem Tische lagen, und hielt es dicht vor seine kurzsichtigen Augen. »Herr Direktor Kerkhoven bezieht ja doch gar keine Gage ...« »Nein, das ist ja auch ganz egal. Es ist ja doch alles sein Geld.« »Ja,« schmunzelte der Doktor, »und Sie mit Ihren zehntausend Mark werden wohl auch dran glauben müssen.« »Nein,« rief Volker entsetzt, »das geht nicht. Ich hab' mich auf das Einkommen eingerichtet und ...« »Das werden die andern Mitglieder aber auch sagen ...« »Die! Die finden leicht wo anders ein ebenso gutes Engagement, aber ich ...« »Es reguliert sich alles nach Angebot und Nachfrage,« bemerkte Doktor Bernburger trocken. Thomas nahm jetzt das Wort: »Nein, vor allen Dingen kommt es zunächst nicht auf unsre guten Vorsätze für die Zukunft an, sondern darauf, wie wir aus den augenblicklichen Verlegenheiten herauskommen. Und da möchte ich Ihren Rat hören, Herr Doktor.« »Ja, nun, was ist darüber zu sagen? Die Sache ist doch ziemlich einfach. Es müssen jetzt eben die dringenden Verpflichtungen gedeckt und dann muß das Ganze auf neue Grundlagen gestellt werden.« »Das ist mir natürlich auch klar. Nur fragt es sich jetzt: wie soll man sie decken.« Etwas wie ein Aufblitzen der Überraschung erwachte in des Doktors Augen, die sonst immer matt und halbbedeckt unter den dicken Lidern standen. »Ja ...?« schnaufte er zweifelnd. »Es handelt sich«, sagte Thomas, »um fällige Rechnungen, rückständige Pacht und Tantiemen im ungefähren Betrage von fünfzigtausend Mark.« »46 868 Mark 13 Pfennige,« las der Revisor von einem Zettel ab. Thomas fuhr fort: »Die voraussichtlichen Einnahmen bis zum Ersten würden vielleicht die Gagen decken ...« »Ja, nehmen wir's an!« nickte der Justizrat. »Wenn's einigermaßen gut geht. Und das wollen wir doch hoffen. – Also so fürchterlich ist die Geschichte ja net, wenn man nur in Zukunft vernünftig wirtschaftet.« Thomas gab sich einen Stoß und sagte schnell: »Aber ich weiß nicht, wo diese fünfzigtausend Mark herkommen sollen.« Wieder blitzte es in des Doktors Augen auf. In seiner zungenfaulen, unakzentuierten Weise sagte er: »Das is doch im Verhältnis dazu, was Sie schon hergegeben haben, kein Betrag. Und es is doch das einzige Mittel, um mit der Zeit wieder zu Ihrem Gelds zu kommen. Wie gesagt, ich halte das Unternehmen an sich für gesund ...« Stockend und gequält stieß Thomas hervor: »Ich hab' das Geld aber nicht.« Der Doktor öffnete seine Augen beinahe ganz. Der Revisor schüttelte bedauernd und doch belustigt den Kopf. »Ja, können Sie sich die Summe net aus Rußland kommen lassen?!« Leise erwiderte Thomas: »Ich habe kein Geld mehr aus Rußland zu erwarten.« »Das ist allerdings schlimm!« Der Doktor gab einen gedehnten Ton von sich, der einem heisern Singen glich. Plötzlich schnappte er ab. »Aber Sie haben doch wohlhabende Verwandte in Rußland?« »Mit den wohlhabenden darunter steh ich leider nicht besonders.« »Aber das ist doch gleich, Herr Direktor! Die Leute werden ein Einsehen haben. Wenn Sie ihnen schreiben: So und so liegt die Sache ... Oder noch besser: Sie reisen selbst hin. Mündlich erledigt sich das viel leichter. Setzen Sie den Hebel nur gleich etwas tiefer ein. Das kann nix schaden ...« Thomas sann, und in seinem bleichen Gesicht arbeitete es heftig. »Das kann ich nicht ...« sagte er schließlich. »Lieber ...!« »Nein, Herr Direktor, es wär wirklich schad, wenn Sie die Flinte ins Korn werfen würden. Sein Sie überzeugt, Sie werden an dem Theater noch viel Freude erleben.« »Das Geld muß her!« sagte Volker eindringlich. Thomas schwieg und wand seine Finger ineinander. Endlich stammelte er: »Nein ...! Da möchte ich doch lieber versuchen, ob ich nicht hier ...?« »Sie wollen in München Geld auftreiben? Mm ...! Da wäre es vielleicht eher möglich, daß Sie jemand fänden, der sich gegen eine Kapitalseinlage am Theater beteiligte. Leicht wird das aber auch nicht sein. Und zudem wären die Bedingungen für Sie in Anbetracht dessen, was Sie schon hineingesteckt haben, sicherlich sehr drückend und unvorteilhaft. – Nein, ich würde Ihnen denn doch entschieden raten, sich an Ihre Verwandten zu wenden ...« »Ich kann jetzt nicht ... Und als letzter Ausweg bliebe das ja noch immer.« »Zu lange würde ich das jedenfalls nicht hinziehen ...,« meinte der Doktor. Dann wendete er sich an den Revisor: »Herr Scheindobler, es hat wohl keinen Zweck, wenn wir Sie jetzt noch länger bemühen. Ich telephonier' Ihnen, wenn wir Sie weiter brauchen sollten. Die Bücher lassen Sie fürs erste da!« Ein langes Schweigen herrschte, als er gegangen war. Der Doktor saß, als ob er schliefe, und atmete geräuschvoll. »Ja,« sagte er schließlich, »das wäre vielleicht eine Idee ...! Wissen Sie, bei wem Sie's versuchen könnten? – Sprechen Sie doch einmal mit Tegtmaier.« »Tegtmaier?« In Thomasens Stimme klang ein starker Zweifel. »Das ist übrigens wahr! Tegtmaier!« rief Volker. »Glauben Sie ...?« fragte Thomas. »Ja, warum schließlich net? Schaun S', Tegtmaier hat einen sehr großen Vorzug: er is unternehmend. Natürlich kann er sich dabei einmal das Genick brechen, und ich würde ihm sicher kein Geld anvertrauen. Ich glaub auch bestimmt, daß er schon tiefer in der Klemme gesessen ist, als irgend jemand sich denkt. Aber die schlimmste Zeit hat er jetzt doch wohl hinter sich. – Und dann, wie gesagt: unternehmend is er ja, und dabei is er zäh wie Sohlenleder und läßt sich net so leicht erschrecken. Wissen S', er hat für mich was vom Nachtwandler, der ganz gemütlich am Dachfirst spazieren geht. Ja, ja, solche Leute haben das Glück ...,« nickte der Doktor in sich hinein. »Herr Doktor,« begann Thomas stockend, »Sie sagen ja, daß Sie das Unternehmen an und für sich für gesund halten ... Da ... Sie sind ein reicher Mann ...« Der Doktor bekam einen blauroten Kopf. »Ich? Ich? Wer hat Ihnen das aufgebunden? Nein, da täuschen Sie sich sehr! Ich hab net so viel, daß ich mich heut, wenn es nötig würd, zur Ruh setzen könnt ...« Thomas empfand einen bittern Geschmack im Munde. Trübe Vorahnungen erfaßten ihn. »Also werden wir uns wohl an Tegtmaier wenden müssen,« sagte er mit ausgetrocknetem Munde. »Ach, Tegtmaier tut es sicher,« warf Volker ein. Das Telephon auf dem Schreibtische klingelte. Der Justizrat ergriff das Hörrohr. »Hier Doktor Bernburger – – – Ja – – – Wie meinen Sie? – – – Ja, Doktor Bernburger is selbst am Telephon. – – – A, Grüß Gott, Herr Kollega. – – – Wie? Was! Nein! Wann denn?« Der Doktor wurde bleich, und das Hörrohr zitterte in seinen Fingern; er gab ein bedauerndes Zungenschnalzen von sich. – »Nein, und noch so jung! ... Wie meinen Sie, Herr Kollega? – – – Ja, da haben Sie freilich recht. – – – Ja, die Jurisprudenz wird den Verlust verschmerzen können – – – Sagen Sie, und das war's wohl auch net allein? Die Geldverhältnisse ...? Ja, freilich, das ließ sich ja denken – – – Wie meinen Sie? – – – Ja, natürlich! – – – Armer Teufel! – – – Ja, also Handkuß an die Frau Gemahlin! – – – Wie meinen? – – – Ach so, dank schön! Gleichfalls! Hab die Ehre, Herr Kollega!« Er läutete ab. Thomas sah erstaunt in das verzerrte Gesicht, das sich ihm zuwendete. »Was haben Sie, Herr Doktor?« fragte er. »Ja, denken Sie sich, was mir grad der Kollega Neuburger telephoniert: Kollega Chottak – Sie haben ihn ja auch gekannt – hat sich heute nachmittag erschossen. Im Englischen Garten ...« »Erschossen!« stotterte Volker. »Für ihn war's vielleicht das beste,« seufzte Thomas. Doktor Bernburger wußte, daß er bei seiner Statur zu Schlagflüssen neigte, und war ein großer Hypochonder. Ein Schauer schüttelte ihn. Es wurde noch eine Zeitlang von dem Verstorbnen gesprochen. Dann kam man auf die Angelegenheit des Theaters zurück und beschloß, daß Thomas und Volker am nächsten Vormittag zu Tegtmaiern gehen sollten. »Und Sie geben mir dann gleich Nachricht von dem Resultat,« sagte der Doktor bei der Verabschiedung. * In einem Zimmer, dem trotz einer gewissen Gesuchtheit ihrer Formen ernst und streng dreinschauende Möbel etwas von der primitiven Feierlichkeit altägyptischer Tempel gaben, mußten Thomas und Volker lange warten. Tegtmaier wurde gesucht. Thomas ging unruhig im Bureauzimmer auf und nieder. Volker saß in einem großen Lederfauteuil. Keiner sprach. Auf einmal hörten sie hastige Schritte den Gang entlangklappern. Die Tür flog mit einem Ruck auf, Tegtmaier stelzte auf seinen langen Beinen herein, zog jedem der Herren seine lange, lappige Hand flüchtig durch die Finger und warf sich in seinen Schreibtischstuhl, daß das moderne Möbel bedenklich krachte. »Morgen, meine Herren! Freut mich, Sie zu sehen. Sie entschuldigen schon, aber ich muß erst mal ... Ich hab so furchtbar viel zu tun! ... Sehn Sie, das ist eine einzige Post ...« Er hob einen Haufen Briefe auf und ließ sie auf den Tisch fallen. Dann steckte er den Kontaktstift in eine Öffnung des Haustelephons, drückte auf den Knopf und ergriff das Hörrohr: »Hier Tegtmaier! – – Was – Wer ist da? – So'n Unsinn! Ich hab doch die Schreinerei gerufen. – – – Nummer fünf? Ach so! – Das ist immer eine Wirtschaft mit dem Telephon ...!« Er schien vollkommen vergessen zu haben, daß er mit der Schreinerei hatte sprechen wollen, denn er wendete sich jetzt an die beiden Besucher: »Rauchen die Herren? – Bitte hier: Zigarren und Zigarretten! – Na, hab ich's Ihnen nicht immer gesagt: Sie bekehren sich noch mal zu mir? Mit diesen gewöhnlichen Dekorationsfritzen kann eine Bühne wie Sie auf die Dauer nicht arbeiten. – Da fehlt's!« Er schlug sich mit der Hand vor die Stirn. »Herr Tegtmaier, es handelt sich um keine Dekoration; es handelt sich um eine rein persönliche Angelegenheit.« Tegtmaier suchte sich einen Brieföffner, riß einen Brief auf und begann ihn zu lesen. »Bitte, schießen Sie nur los!« sagte er und machte sich an den zweiten. Thomas begann sein Anliegen vorzutragen und litt dabei körperliche Qualen, weil überhaupt nicht zu erkennen war, ob Tegtmaier zuhöre. Denn der las dabei die ganze Post durch, und dazwischen stellte er plötzlich Fragen nach ganz andern Dingen, die mit dem Sezessionstheater nichts zu tun hatten. »... Ja, und da wollte ich Sie denn fragen, ob Sie sich nicht an dem Theater beteiligen wollen? – Durch die verhältnismäßig kleine Einlage von fünfzigtausend Mark könnten Sie sich einen ziemlich hohen Anteil am Gewinn sichern. Ich bin bereit, Ihnen hierin sehr weit entgegenzukommen ...« Thomas schwieg. Tegtmaier antwortete nicht, sondern öffnete einen Brief nach dem andern. Dann wendete er sich plötzlich zu Thomasen und fragte in raschem Tone: »Ich soll also das Sezessionstheater kaufen?« »Eigentlich ...« »Ja! Warum nicht? Ich hab schon selber dran gedacht, daß ich ein Theater haben müßte. Schön, ich kauf es! Aber fünfzigtausend Mark, das ist zuviel. Das glauben Sie ja selber nicht.« »Herr Tegtmaier, ich glaube, Sie verstehen mich nicht ganz. Es handelt sich ja nicht um einen Kauf, sondern um eine Kapitaleinlage, eine stille Beteiligung gewissermaßen ...« »Ja, was ...! Glauben Sie, ich würde in einer künstlerischen Sache je Geld anlegen, ohne mir einen persönlichen Einfluß, und zwar einen bestimmenden Einfluß, dabei zu sichern? Seh ich wie ein stiller Teilhaber aus?« Er lachte. Thomas fing an: »Ich hätte ja schließlich auch nichts dagegen ...« Aber Tegtmaier ließ ihn nicht weitersprechen. »Sagen Sie, wie denken Sie sich das eigentlich? Ich soll fünfzigtausend Mark bezahlen, damit Sie das Theater behalten? – Warum? Das seh ich nicht ein!« »Sie würden ja Teilhaber. Und schließlich hab ich mehr als das Sechsfache davon hineingesteckt.« »Aber was habe ich für ein Interesse daran? Ich soll Ihre Schulden bezahlen? Was hab ich davon? Ich wäre doch verrückt ...!« »Aber, lieber Herr Tegtmaier, verstehen Sie mich doch ...« »Nein, das versteh ich gar nicht. – Außerdem scheinen Sie mich für einen Millionär zu halten. Das bin ich nicht, bin ich nie gewesen ...« Seine Stimme nahm einen weinerlichen Klang an. »Herr Tegtmaier, Sie tun so, als ob ich Ihnen irgend etwas besonders Merkwürdiges und nie Dagewesenes vorschlüge. Ich will einfach Kapital auf ein Geschäft aufnehmen, und zwar will ich Ihnen sehr günstige Bedingungen bieten ...« »Ja, halten Sie mich denn für einen alten Rentier, der Geld für fremde Geschäfte übrig hat? Wenn ich in meinem Kassenschrank übrige fünfzigtausend Mark hätte, würde ich doch lieber morgen ein eignes Theater gründen, statt Ihre Schulden zu bezahlen.« »Sie täuschen sich vielleicht doch über die Kosten einer solchen Gründung,« sagte Thomas und stand verdrießlich auf. »Nee, mit fünfzigtausend Mark stell ich München auf den Kopf!« »Ja also, wenn Sie nicht wollen ...« sagte Thomas. »Nee, warum soll ich so was wollen?« »Dann empfehl ich mich also.« »Auf Wiedersehn. War mir sehr angenehm.« »Der Hanswurst!« sagte Thomas grimmig, als sie draußen waren. »Mir imponiert der Mensch,« versicherte Volker. »So wie der, so muß, glaub ich, ein Kaufmann sein.« »Der, und Kaufmann ...!« »Ja, gerade,« sagte Volker, »er hat für mich was vom Nachtwandler ...« »... der auf dem Dachfirst spazieren geht?« spottete Thomas. »Ja,« fuhr Volker eifrig fort, »du wirst sehen, der bringt es zu was! Solche Leute haben immer Glück.« »Das ist schon möglich,« erwiderte Thomas gepreßt. * Thomas machte an diesem Tage noch mehrere vergebliche Versuche bei Kapitalisten, die er kannte, und auch bei berufsmäßigen Geldvermittlern. Und derweil schwoll ihm der Ekel immer höher im Halse empor. Als er am Nachmittag dem Justizrat Bernburger auf dessen Bureau Bericht erstattete, wurde ihm plötzlich übel. Alles drehte sich um ihn, und seine Stirn wurde naß von kaltem Schweiß. Menschliche Teilnahme zitterte in der Stimme des Doktors, als der tröstend zu Thomas trat. Seine Praxis hatte ihm viel Elend gezeigt und ihm viel Einblick in menschliche Seelenzustände gewährt. »Na, wer wird denn gleich ...? Herr Direktor! Herr Kerkhoven ...! Soll ich Ihnen ein Glas Wasser besorgen? Is Ihnen schlecht?« »Nein, danke,« würgte Thomas hervor, »ach, ich hab es so satt ...« Und dabei ging ein irrendes Lächeln über sein Gesicht und bat gleichsam um Verzeihung. »Nein, so müssen Sie net reden. Schaun S', Herr Kerkhoven, es is ja wirklich kein Grund zum Verzweifeln ... Es haben sicher viele Geschäfte schon viel gefährlichere Krisen durchgemacht, und heute blühen sie und tragen einen Haufen Geld ...« Es war Thomasen ein Trost, sich so zusprechen zu hören. Er hob den Kopf und sagte mit flehender Stimme: »Und Sie, Herr Doktor ...? Könnten Sie denn nicht helfen? Sie sind ein reicher Mann ...« »Nein,« erwiderte der dicke Herr erschrocken, und es war, als ob ihm der Kragen plötzlich zu eng würde. »Wenn ich wirklich ein reicher Mann wäre, – wie gern, lieber Freund, wie gern!« Dabei bekam seine Stimme auf einmal eine falsche Salbung. »Nein, ich kanns net. Schließlich hab ich doch auch Pflichten ... Meine Familie ...« »Nein, nein,« wehrte Thomas apathisch ab und sagte dann mit einer Art trocknem Auflachen: »Es war ja auch nur so eine Idee ... Worauf verfällt man nicht alles ...!« »Also, na, Sie sehns ja selber ein,« sagte der Doktor, auf einmal beinahe vergnügt, und wurde wieder warm und trostreich wie vorher; »nein, Sie müssen einfach nach Riga fahren und sich an Ihre Familie wenden! Sagen Sie selbst ... Das ist doch das Nächstliegende.« Als Thomas nicht antwortete, sondern immer nur vor sich hinstarrte, drang er weiter in ihn: »Schaun S', es is wirklich das beste, was Sie tun können. Denn hier in München ... Ganz aufrichtig ... Ich glaub, durch Ihre heutigen Besuche werden Sie sich mehr geschadet wie genützt haben ...« »Das ... kann ... schon ... sein,« flüsterte Thomas. »Und schließlich ... Sie dürfen gar net verzweifeln! Sie haben doch eine Frau ...!« Thomas richtete sich mit einem Ruck gerade auf. »Ja, meine Frau!« sagte er vor sich hin. Dann stand er auf. »Also, Herr Doktor, ich werd es mir überlegen. – Jedenfalls ... Also, Sie bekommen morgen Nachricht ... Und fürs erste besten Dank ...!« Mild, still und etwas staubig lag die Luft in den Straßen. Die ersten Bogenlampen erhellten sich zuckend und standen mattrosig glänzend im wachsenden Blau der Dämmerung. Thomas ging Schritt vor Schritt mit gesenktem Kopfe zu Rosen. Es war ihm auf einmal ganz eigen körperlich bewußt geworden, daß sie der einzige Mensch war, der zu ihm gehörte. Auf der ganzen, weiten Gotteswelt der einzige ... * Als Thomas die Tür seiner Wohnung öffnete, hörte er aus dem Wohnzimmer Niedermayrs hübsche Baritonstimme zu klimpernder Gitarrenbegleitung ein Chanson singen, dessen Refrain lautete: » A la Villette « Ach richtig, heute war Rosens Jour! Der Kleiderrechen hing voll von fremden Mänteln und Hüten. Thomas ging leise in sein Atelier, wohin nur vereinzelte Laute aus dem Wohnzimmer drangen. Mantel und Hut warf er auf einen Stuhl. Die Farben seines angefangnen großen Bildes schrieen ihm entgegen. Seit vierzehn Tagen vielleicht hatte er nicht mehr daran gemalt. Er trat vor sein Werk und sah es an. Es stellte einen Tantalus dar, der sich vom Durst gepeinigt niederbeugte, um mit der Hand von dem Wasser zu schöpfen, das sprudelnd zurückwich. Dem Dulder zu Häupten leuchteten seltsame Früchte gleichsam von innen heraus. – Wie elektrische Birnen! dachte Thomas und stieß einen rauhen Laut aus. Er sah sein Werk jetzt mit kühlen, ja feindlichen Augen. Er prüfte die gierige Gebärde, den gequälten Ausdruck des gemalten Muskelmannes da. »Pfui Deuwel!« sagte Thomas, griff nach der Palette mit den hartgewordenen Farbenklecksen und drückte eine große Tube darauf aus. Dann nahm er einen breiten Pinsel und bedeckte seinen Tantalus mit einer dunkelbraunen Fläche. »So!« sagte er erleichtert, als es geschehen war, und hatte das Gefühl, als wäre das eine symbolische Handlung gewesen, die viel zugedeckt und wieder gut gemacht hätte. Draußen läutete das Telephon; er hörte den kleinen Diener hinlaufen. »Hier Diener von Herrn Direktor Kerkhoven. – Ja? – Der Herr Direktor? – Glaubs net. – Will einmal schaun! – Einen Augenblick!« Es klopfte an die Ateliertür. Thomas rief müde: »Herein!« »Der Herr Direktor Volker wär am Telephon und ließ den Herrn Direktor bitten.« Thomas erhob sich schwerfällig wie ein alter Mann und ging hinaus. »Ja?« fragte er ins Telephon hinein. »Bist du's, Kerkhoven? Hier Volker! Grüß Gott. Na, wie ist's geworden?« »Das kann ich dir telephonisch nicht so sagen.« »Ja, du, dann komm ich zu dir naus. In einer halben Stund. Du bist doch da?« Thomas sah nach der Uhr. Es war fünf Minuten nach sieben. »Wart mal, du,« sagte er, »ich hab erst noch was zu tun; komm nicht vor halb neun!« »Halber neune? Is recht! Aber sag mir doch, was los is? Stehts gut?« »Nein.« »O je!« »Schluß!« rief Thomas und läutete ab. Dann ging er wieder ins Atelier und lauschte auf den Gang hinaus. Die Gäste fingen zu gehen an: ihre Stimmen wurden draußen laut. Dann kam Rose den Gang herauf; er hörte es am Rascheln der seidnen Röcke, ihre Schritte vernahm man aus dem dicken Läufer nicht. Sie öffnete die Tür und stand hell beleuchtet in ihrem dunkeln Rahmen, mit geröteten Wangen, von der Unterhaltung angeregt. »Der Pepi sagt mir grad, du wärst daheim,« begann sie, noch mit einem Nachklang des letzten Lachens in der Stimme. »Warum zeigst du dich denn gar net? Ich sag dir, fidel war's! So lustig is net leicht bei einem andern Tee.« Thomas hatte ein paarmal versucht, sie zu unterbrechen. »Rose, ich muß mit dir über eine ernste Angelegenheit sprechen.« »Was hast du? Du machst so ein Gesicht?« fragte sie mit theatralisch verdeutlichter Anteilnahme in der Stimme. – Auf einmal wies sie auf die Staffelei: »Was is denn das?« »Zugedeckt!« sagte er gleichgültig. »Du hast das schöne Bild übermalt? Wo du mindestens sechs Wochen daran gearbeitet hast? Das is na alles für die Katz gewesen? – Du bist ein komischer Kerl!« »Ja, das Zudecken geht rascher,« lächelte er trüb. »Ja, lieber Freund, was willst du nachher von mir? Hättest du mich zuvor gefragt, ich hätt dir gesagt: tu's net! – Aber jetzt ...?« »Ich will nicht von dem Bilde mit dir sprechen. Setz dich, bitte, ruhig hin, da auf den Stuhl, und hör zu.« »Da bin ich doch gespannt,« sagte sie erbleichend und setzte sich. Hat sie ein schlechtes Gewissen, weil sie auf einmal so blaß wird? Diese Frage fuhr ihm wie ein Blitz durch den Kopf. Aber er schob sie beiseite zu den andern bittern Fragen und Phantasien, die ihn so oft in einsamen Stunden quälten, ihm den Atem versetzten und sein Blut in einer kranken Hitze durch die Adern trieben. – Darauf kam es hier nicht an; zu etwas anderm drängte die Stunde unerbittlich. Und er erzählte Rosen, wie es um sein Vermögen und die Verhältnisse des Theaters stand, er erzählte ihr von den vergeblichen Versuchen, die er gemacht hatte, Geld herbeizuschaffen. »So, jetzt weißt du alles,« schloß er endlich. Ein kurzes Schweigen folgte darauf. Dann sagte Rose langsam: »So, das is ja recht erbaulich!« »Rose ...!« bat er. »Ja, ja, ja,« sagte sie und schlug mit den Händen auf die Armlehnen ihres Sessels, »es is ja alles ganz recht, aber ... Weißt du, was ich dir zum Vorwurf mach?« »Du ...?« Er sah überrascht auf. »Ja, dir! – Daß du mir nie was davon gesagt hast, wie es stand.« Er seufzte: »Du hättest es wohl merken können, wenn du dich ein bißchen mehr für meine Stimmung interessiert hättest.« »Ja, daß du Sorgen gehabt hast ... Aber ...« Sie brach ab und sah, das Kinn in die Hand gestützt, auf die braun übermalte Leinwand. »Rose,« sagte er schmerzlich und warm, »verstehst du denn nicht, daß es Liebe von mir war ... Ich wollte alles Schwere von dir fern halten ... Ich hoffte ja auch ...« »Na ja,« begütigte sie und stand auf und stellte sich neben seinen Stuhl, »es wird ja net gar so schlimm sein.« Und als er die Hände vors Gesicht schlug und kein Wort sagte, begann sie leise seinen Kopf zu streicheln. »Geh, Kleiner, wer wird denn gleich verzweifeln? Der Doktor Bernburger sagts ja auch ... Derfst mirs glauben: ich hab schlimmere Zeiten gekannt.« Er richtete sich auf und sah ihr ins Gesicht, bleich, mit großen, erwartenden Augen. »Rose, fühlst du die Kraft ...?« »Ach geh, Kleiner, nimms net so tragisch! Es kommt schon alles wieder in die Reih!« »Meinst du?« Ein Erwachen von Hoffnungen war in seiner Stimme; er ergriff dankbar ihre Hände. »Ja, und es ist auch wirklich wahr ... Wie der Volker mit den Gagen gewirtschaftet hat ...! Das heißt, eins sag ich dir gleich: von meiner Gage laß ich mir nix abdividieren.« »Rose!« »Nein, absolut net! Das wär auch das Höchste! Heut hab ich das nimmer nötig. – Möcht wirklich wissen, wegen wem gehn die Leut ins Theater? – Wegen mir!« »Aber Rose, das können wir ja immer noch sehen; jetzt ...« »Nein, ich kanns auch gar net, da kosten ja meine Toiletten bereits mehr.« »Dafür wird schon gesorgt werden, Rose. Laß mich nur dafür sorgen!« »Ach, Kleiner, wenn du kannst ...!« seufzte Rose leicht. »Und schau, schließlich is es ja auch dein eignes Interesse, daß deine Frau was verdient ...!« »Ach, Rose, das ist jetzt nicht so wichtig. Siehst du, wenn ich jetzt einen Teilhaber bekomme, und er verlangt ...« »Geh, einen Teilhaber ...! Das is ja Unsinn! Nein, du mußt das Theater schon allein behalten.« »Wenn ich nur wüßte, wie ich das machen soll!« »Fahrst halt nach Riga und bittest deine Verwandten!« »Ach, Rose, wozu! Das ist ganz vergeblich.« »Geh, vergeblich ...! Die tuns schon, wenn du's ihnen nur richtig sagst.« »Nein, Rose, du kennst die Verhältnisse nicht. Da kann ich ebensogut hier bleiben und meinen Konkurs erklären.« »Ah geh, Kleiner!« Rose setzte sich auf die Seitenlehne seines Stuhles, legte einen Arm um seinen Nacken und nahm mit der andern Hand seine beiden Hände. »Schau, sei net so verzweifelt! Ich seh's schon ein, daß es dir net leicht fällt! Tu's für mich, denk: wir beide ...! – Mußt es deinen Verwandten nur richtig sagen. Net gleich nachlassen, wenn sie anfangs net wollen! Gel, du fährst nach Riga? Am liebsten gleich morgen! Gel?« Er wehrte sich noch, aber sein Widerstand gegen ihre Bitten und Liebkosungen wurde immer schwächer. Es klopfte an die Tür. »Herein!« rief Rose. »Der Herr Direktor Volker wär da,« meldete der kleine Diener. »Er soll nur kommen!« Als Volkers schwere Schritte schon den Gang heraufstapften, trat sie noch einmal zu Thomasen, der trübselig auf den Teppich starrte, und legte zärtlich beide Hände auf seine Schultern. »Gel, du versprichst mir, daß du hinfährst? Geh, sei lieb und nett!« »Ich versprech es dir,« sagte er dumpf. Sie gab ihm einen Kuß. »So is recht, so bist du ein guter Mann! – Und jetzt paß auf, es kommt noch alles in die Reih!« Er legte den Arm um sie und streichelte zerstreut ihre Schulter. Eine kalte Leere verbreitete sich in seiner Brust. Pepi öffnete von draußen die Tür, und Volkers krumme Gestalt erschien; auf seinem Gesicht lag ein dummes, ängstliches Lächeln ... * Thomasens Reise nach Riga war vergeblich gewesen. Von seinen Verwandten hatte er nichts erhalten als engherzige gute Ratschläge; und Demütigungen hatte er still herunterschlucken müssen, Bemerkungen über seine Frau, auf die er anders geantwortet haben würde, wenn ihm ein heimlich bohrendes Mißtrauen nicht zugeflüstert hätte, daß er Rose vielleicht in falschem Licht sähe und die Philister in ihrer banalen Nüchternheit die Klügeren wären. Dann war ein Telegramm von Volkern gekommen, das ihn schleunigst nach München zurückrief, falls er in der Heimat nichts erreichen könnte. Es hätte sich ein Käufer für das Theater gefunden. In München erwartete ihn Volker am Bahnhof und führte ihn sogleich in einem Weinrestaurant mit dem Kommissionsrat Bartenfeld, einem ehemaligen Theaterdirektor aus Berlin, zusammen. Dieser kundige Geschäftsmann sah in der Krise des Sezessionstheaters eine günstige Gelegenheit für sich. Er wollte das Ganze mit Aktiven und Passiven übernehmen, sonst aber nicht einen Pfennig dafür bezahlen. Und Thomas bemerkte zu seinem bittern Staunen, daß eigentlich alles abgemacht war und ihm kaum etwas andres übrigbleiben würde, als seine Zustimmung zu geben. Er erfuhr, daß hier in seiner Abwesenheit kein Mensch an ihn, jeder nur an sich selbst gedacht hatte; auch Rose, – und das war das Schwerste. Sie hatte, da Bartenfeld nur geringe Gagen zahlen wollte, ohne weiteres ein günstiges Engagement nach Berlin angenommen, das sich ihr gerade darbot. Als Thomas das vernahm, brach er die Verhandlungen ab, erbat sich Bedenkzeit und verabredete für den nächsten Morgen eine Zusammenkunft mit den andern bei seinem Rechtsanwalt. Auf der Straße merkte Thomas die Wirkung des schweren Weines, von dem er während der Unterredung in seinem Ärger mehrere Gläser hastig heruntergegossen hatte. Sie äußerte sich rein körperlich, es war eine Art Lähmung der Glieder. Er mußte sie mit Gewalt unter seinen Willen zwingen, aber der Wille war hell und scharf. Es wäre am besten für ihn, dachte er, wenn er zu Fuß nach Schwabing hinausginge, um sich zu ernüchtern. Er mußte sich bei der Auseinandersetzung mit Rosen, die jetzt bevorstand, ganz in der Hand haben. Er würde ihr den Kopf schon zurecht setzen; und wenn sie erst einig wären, würde er der andern Bagage schon beweisen, daß er ein Mann war. Wie schwach und kleinmütig hatte er sich die ganze Zeit über gezeigt! Aber die Herren Bartenfeld und Volker sollten schon merken, daß sie ihre Rechnung ohne den Wirt gemacht hatten. Nur ruhig mußte er sein. Er mußte diesen Zorn bezwingen, der immer wieder in ihm emporkochte, daß er die Nägel in seine Handteller preßte, um nur an sich zu halten. Er schickte seinen Verstand dagegen ins Feld, er sagte sich mit nüchterner Überlegung, daß es ein Wahnsinn sei, an Schatten von Vermutungen, an Nuancen in Roses Stimme, an ein reines Nichts Ketten von Schlußfolgerungen zu hängen, an denen Glied um Glied immer größer wurde. – Aber was half das alles? – Wieder fiel ihm irgendetwas ein, was sein Mißtrauen schürte; und wieder lief es auf dasselbe Ziel hinaus. Immer fester sah er Rosen in das Netz seiner Beweise verstrickt ... Er zitterte vor Zorn und ging immer schneller. Auch Rose sollte sehen, daß er ein Mann war! * Rose kam Thomasen auf dem Gange entgegen, mit leichtem Schritt, ein Lächeln um die Lippen. »Ah, du bist schon da?« Sie gab ihm einen Kuß und hängte sich an seinen Arm. »Schon ...?« fragte er. »Ja, ich meine ... Na, was hast du mit dem Ekel, dem Bartenfeld, ausgemacht?« »Nichts Definitives,« sagte er, müde gleichsam und verdrossen. »So!« Roses Stimme klang verwundert. Dann nahm sie auf einmal den spielerisch zärtlichen Ton an, den Thomas so gut kannte, aus dem Leben und von der Bühne: »Ach du armer, guter Kleiner! Das war wohl schrecklich, die lange Fahrt? Und in Riga die Verwandten ...! Recht nett wird's net g'wesen sein, armer Kleiner?« Er schwieg und biß die Zähne zusammen. – Nur ruhig bleiben! sagte er zu sich, und dabei ging ein Zittern der Anspannung durch seinen Körper. Sie traten ins Atelier; Rose schaltete an der Tür das elektrische Licht ein. »So, und jetzt setzst du dich recht schön in deinen Denkerstuhl!« Sie faßte ihn an beiden Oberarmen und drückte ihn mit sanfter Gewalt in den Ledersessel. »So! Und jetzt schaff' ich an, daß dir ein Bad gerichtet wird. Ich bin gleich wieder da.« Als er allein war, sprang er auf und begann unruhig aus einer Ecke in die andre zu gehen. Er fühlte, wie die Hemmungen in ihm immer gebrechlicher wurden. Sein erstes Wort würde sie alle aus einmal sprengen, – er kannte sich ... »Nein, nein, nein!« flüsterte er mit beschwörender Eindringlichkeit vor sich hin. »Ich will ruhig sein! Ich werde ruhig sein!« »Na, was wär denn das!« sagte Rose, als sie eintrat, »willst du dich gleich setzen! Du mußt ausruhn.« Und dann auf einmal in anderm Tone: »Ja, was hast du denn? Du machst so ein Gesicht?« Auch ein Quentchen Kampfbereitschaft lag darin. »Du ... Du hast ein Engagement nach Berlin,« stieß er mit einer ruhigen Kälte hervor, unter der sie seine Gedanken gären hörte, – sie hatte scharfe Ohren für so etwas bekommen. »Ja.« sagte sie eisig, »hast du was dagegen?« »Zu Wolters?« Ein Knarren schwoll in seiner Stimme. »Zu Wolters!« bestätigte sie, scheinbar gleichmütig, setzte sich, ihm halb den Rücken wendend, schlug die Beine mit einer geübten Bewegung übereinander und verschränkte die Finger vor ihrem linken Knie. »So! Das ist ja sehr schön! Mich geht die Sache gar nichts an! Ich werde natürlich überhaupt nicht gefragt ...!« »Du warst ja gar net da ... Und dann ... Was willst du denn machen? Ich denk', du hast eher Grund, froh drum zu sein.« »Froh!« schrie er, mäßigte seine Stimme aber sofort zu eindringlichem, zornheiserem Flüstern: »Du kennst wohl das Renommee dieses ... dieses Herrn Wolters ...« »Mein Gott, die Leute reden viel ...!« »Natürlich! Alles bloß leeres Gerede ...! Daß der Weg auf seine Bühne durch sein Schlafzimmer geht, ist alles bloß böswillige Verleumdung! Er lebt wie ein Mönch, – was!?« »Ich kann dir bloß sagen,« erwiderte sie voll ruhiger Verachtung, »daß ich so viel auf diesen Theatertratsch geb'! Möcht' wissen, ob's einen Direktor gibt, dem das net nachgeredet würd'!« Thomas fühlte, daß er sich vor ihr lächerlich machte, daß dies alles klein und häßlich und seiner nicht würdig war, aber unwiderstehlich rissen sich die Worte aus seinem Munde. Die Ruhe, die Rose heuchelte, reizte ihn am meisten; und zugleich empfand seine nervös verzärtelte Seele eine Art perverser Wollust daran, wie jetzt vulgäre Gedanken in nackten, schamlosen Worten aus ihm hervorbrachen, eins das andre übertrumpfend, eins dem andern auf die Schulter springend, eins immer grotesker agierend als das andre, sich steigernd am andern. Dabei trotz aller Wut eine schnell kombinierende, kalte Logik, die spionierend aus einem Winkel hervorlauerte und, wo sie den schmutzigen Fetzen eines Beweises sah, mit einem Sprunge darauf losstürzte, um ihn irgendwo in das löcherige Bild hineinzupassen, das seine Phantasie entworfen hatte ... »Die armen Theaterdirektoren!« höhnte er. »Man sagt ihnen so viel Schlechtes nach! Und dabei kommt so was ja nie vor!« »Nur zu!« sagte Rose, ohne sich umzuwenden. Sie legte sich in ihrem Stuhle zurück und kreuzte die Arme unter der Brust. »Du hast ja etwas Derartiges von einem Direktor noch nie erlebt!« schrie er. »Schrei noch etwas lauter, daß die Dienstboten es auch richtig hören!« »Das ist mir gleich!« – Er sprach aber unwillkürlich leiser. – »Hast du mir's nicht selbst erzählt? Und du hast tausendmal mehr verheimlicht, als du erzählt hast.« »Immer zu!« – Ihre Stimme zitterte. – »Sag' mir nur recht viele Gemeinheiten nach. Ich kann's vertragen, das weißt du ja; ich bin's ja gewöhnt.« Ihr Ton, der trotz seiner Feindseligkeit klagend war, ergriff ihn und brachte ihn für einen Augenblick zur Besinnung. »Rose ...!« bat er. – »Rose ...!« wiederholte er noch einmal; seine Stimme schwankte und klang gleichsam geschwollen. – Ihre Antwort war ein kurzer Laut des Ekels. »Rose ...!« »Nein, pfui! – Du wirst mir am End' auch noch nachsagen, ich hätt' ein Verhältnis mit dem Voller g'habt!« »Rose! Wann hab' ich so was gesagt?« »Aber gedacht hast du's! Überhaupt ...! Was du für eine schmutzige Phantasie hast ...! – Und ich sag' dir, wer net selber so is, sucht's net hinter andern.« »Ich?!« fuhr er wieder auf. »So schmutzig!« »Das sagst du mir! Du ... mir ...!« »Ja, was denn? – Wer net selber so is ...!« »Schweig!« schrie er. Und dabei arbeiteten hastige Gedanken in seinem Gehirn: Warum hat sie das mit Volker gesagt? Sollte das von vornherein einem Verdachte die Spitze abbiegen? – Sie war aufgesprungen und trat dicht vor ihn hin: »Ich laß mir net den Mund verbieten, daß du's weißt! Ich net! Die Wahrheit is dir natürlich unangenehm!« »Wenn ich nur mehr Wahrheit bei dir gefunden hätte! Aber immer nur Lüge, nichts als Lüge!« »Wann hab' ich gelogen?« »Immer, jeden Tag! Glaubst du, ich hab's nicht jedesmal gemerkt, wenn ich auch nichts gesagt habe? Was weiß ich denn von deinem frühern Leben! Nichts!« »Und wenn ich gelogen hätt' ...!« Sie stampfte mit dem Fuße auf. »Bist denn du der Mann, dem man die Wahrheit sagen dürft'? Bist du überhaupt ein Mann? Es hat mich oft g'nug gereut, daß ich dir das mit meinem ersten Direktor gesagt hab' ...!« »Daß du einmal aufrichtig warst ...!« »Hast du's mir vielleicht net jeden Tag aufs Butterbrot geschmiert?! Und wie klein, wie gemein, wie ... Wie dumm!« »Dumm war ich; ja, du hast recht!« lachte er auf. »Ich habe mich immer wieder von dir an der Nase herumführen lassen! Blind ...!« »Ich weiß net, ob man das blind heißt, wenn einer immer mehr sieht, als wie da is?« »Ich war ja ein Narr von Anfang an! Daß ich glauben konnte, du hättest mich je geliebt ...!« »Wenn du das net weißt, tust du mir leid!« »Wann hast du denn dein Herz für mich entdeckt? Als das Theater vor der Pleite stand ...!« »Pfui!« sagte Rose. »Jawohl, als dir alles daran lag, einen Geldmann fürs Theater zu finden ...« »Ja, ja, sag' nur gleich, ich hätt's mit meinem Schatz, dem Volker, so ausg'macht: ich heirat dich wegen 'm Geld, daß er Direktor wird!« »Wenn du das noch einmal sagst, dann möchte ich bald glauben, daß es so gewesen ist.« »Ah, du glaubst es ja so! Du glaubst ja jede Gemeinheit von mir.« »O, ich Esel!« stieß er hervor, »ich Esel! Und ich konnte glauben ... Immer wieder ...! Jetzt hab' ich ja den klaren Beweis in den Händen!« »Du bist verrückt!« sagte sie kalt. »Oder bist du betrunken?« »Ja, natürlich, das ist das bequemste! Ich bin betrunken, natürlich!« »Ich möcht's wünschen. Außerdem hättst du den Verfolgungswahnsinn.« »Kaum habe ich jetzt für ein paar Tage den Rücken gekehrt – jetzt, wo alles drauf ankommt –, da hast du auch gleich mit meinen Feinden paktiert!« »Red' doch so keinen Unsinn!« »Natürlich, mein Geld ist zu Ende; damit bin ich selber auch abgetan.« »Du, weißt du, ich glaub', morgen denkst du selbst anders über die Sachen.« »Wo ich den klaren Beweis in den Händen habe ...!« »Ah geh!« Er trat auf sie zu und faßte sie heftig am Oberarm: »Jetzt sag' mir selbst aufrichtig ...« »Au, du tust mir weh!« »Sag' doch selbst: Hättest du mich auch genommen, wenn ich ein ganz armer Teufel gewesen wäre, wenn du für mich auf deine Karriere hättest verzichten müssen, wenn ...?« »So laß mich doch aus! Du tust mir weh, sag' ich.« »Antwort!« Er ließ ihren Arm fahren. »Aber so sei doch vernünftig!« sagte sie und rieb sich den Arm. »Ja oder nein!« »Mein Gott, daß wir dann net hätten heiraten können, is doch klar.« »Das ist es ja eben!« »Wenn, wenn ...!« Sie zog die Schultern in die Höhe, hob die Hände ein wenig zur Seite und ließ sie wieder an ihren Rock fallen. »Was dies Gefrag' für einen Zweck haben soll!« »Ohne Geld hättest du mich nicht genommen ... Also hast du mich doch wegen des Geldes genommen!« »Ja, du kennst das Leben!« lachte sie auf. »Weißt du, dann hätt' ich Reichere finden können! – Ach Gott, was red' ich lang! Es wird einem ja zum Ekel; du glaubst ja selber net, was du so daher redst. – Möcht' wirklich wissen, was aus uns hätt' werden sollen, wenn wir beide nix g'habt hätten und nix g'wesen wären!« »O, die Liebe fragt nicht, was draus wird ...« »Eine solche Liebe gibt's in Theaterstücken. Im Leben hab' ich's noch net troffen ...« »Ja, du ...! Das glaub' ich dir gern!« »Ja,« sie wendete sich plötzlich zu ihm um, »hab' ich dir schon einmal so was vorgemacht? Hab' ich weiß Gott wie überspannt getan? Hab' ich oder hab' ich net?« »Ja, ja, laß nur! Nein, du hast es nicht getan. Aber ich wußte nicht, daß du so bist. Ich dachte mir, eine Liebe wie meine müßte schließlich Gegenliebe erzwingen.« »Eine Liebe wie die deine!« sagte sie ironisch. »Kannst du denn lieben?« »Jawohl,« lachte er rauh. »Das ist allerdings die beste Verteidigung; den Spieß umdrehen ...!« »Ja, denn du bist kalt,« erwiderte sie. »Kalt bist du. Und das sag' ich!« »Na ja, also, dann bin ich kalt.« Er brachte das in resigniertem, leidendem Ton hervor und fühlte, wie ihm eine flüssige Wehmut in der Brust aufstieg; so grenzenlos einsam und unverstanden däuchte er sich. – Schneidend fuhr Rose fort: »Hast du je nur einen Funken Vertrauen zu mir gehabt? Ist das Liebe, wenn einer immer mißtrauisch ist und gleich das Schlimmste denkt?« »Also ich hab' dich nicht geliebt? – Rose! – Rose!« »Ja?« Er fühlte selber, wie lächerlich und vulgär das wieder war, was er nun sagte, aber er konnte nicht anders: »Rose, bin ich nicht gut zu dir gewesen? Hab' ich dir mit meinen Sorgen das Leben verbittert? Hab' ich dir je einen Wunsch versagt? Und selbst, als ich nicht mehr aus noch ein wußte ... Hab' ich ... hab' ich dir wegen deiner Ausgaben je einen Vorwurf gemacht?« »Ja, ja, ja!« stieß sie ungeduldig hervor. »Du warst ja immer so – gut, wenn du net grad deinen Raptusanfall g'habt hast. Aber – daß du's weißt! – auf diese Art Gutheit geb' ich so viel.« »Natürlich!« Sie zuckte die Achseln. »Und ich? – Hab' ich dir schon einen Vorwurf g'macht wegen der wahnsinnigen Wirtschaft am Theater, daß wir mit eins vor der Pleite dagestanden sind?« »Ja. das fehlte allerdings noch!« »Und doch hätt' ich ein Recht dazu.« »So! Nur immer weiter! Ich hab' das Theater ja zu meinem Vergnügen übernommen.« »Das ist gerad so wie mit deiner Gutheit! Mein Lieber ...! Hättst du mir früher gesagt, wie es mit uns steht, das wär g'scheiter g'wesen. Ich hab' schon schlimmere Zeiten durchgemacht ... Gut heißt du das? Ich heiß es anders. Willst du wissen, wie ich das heiß? – Feig heiß ich das, bequem heiß ich das, dumm heiß ich das! Dir scheint's vielleicht sehr vornehm und großartig, sich all diese kleinlichen Geldsorgen, wie du sie nennst, möglichst vom Leib zu halten! Jawohl!« In ihm siedete es. »Jawohl, ich hab' mir die Sorgen vom Leibe gehalten! Ich hab' ja nur an mein Amüsement gedacht! Ich hab' keinen trüben Gedanken gekannt! – Ich hab' nie hier im Atelier gesessen und mir den Kopf zermartert um Auswege! Ich hab' nie schlaflos im Bette gelegen vor Sorgen, während du ruhig neben mir schliefst!« »Das is es ja grad! Hättest du mir gesagt, wie's stand, nachher wär heut alles anders, das derfst du ruhig glauben. Was bist du denn für ein Mann! Sorgen macht er sich und Sorgen, daß er die Nacht net schläft ... Aber daß du ein einziges Mal gesagt hättest: Das muß ein End' haben! Daß du was getan hättest, o das gibt's net. Ein Geschäft haben ... Ja, meinetwegen! Aber einmal auftreten und dich als Geschäftsmann zeigen ... Ah nein, das is ja so peinlich, so unangenehm ...! Es is viel großartiger, den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Und genau so bei mir ...! Daß bloß deine Frau alleweil ein lustig's G'sicht macht, daß es keine Verstimmungen gibt! Und dann hat man noch das Gefühl, wie gut man heimlich is, und kann herumgehn und ganz gerührt sein von seiner eignen Gutheit. So ist's, mein Lieber!« Ihre Worte trafen ihn wie Schläge. Sie hatte ja recht. Sie sprach Gedanken aus, die er hundertmal gedacht hatte. Aber daß Rose ihn so sah, schnürte ihm die Kehle zu. – Mit zitternder Stimme begann er endlich: »Mag sein, daß manches von dem wahr ist, was du da sagst. Aber du, gerade du hast kein Recht, mir das zum Vorwurf zu machen. Dir zuliebe bin ich zu dem allen gekommen ...« »Jawohl, ich hab ' nur wenig davon!« »Du denkst immer nur an deinen Vorteil. Bei allem ...!« »Das lernt sich, mein Lieber! Wünsch dir net, daß du in die Schule kommst, die ich durchgemacht hab'!« »Und dann ... Wo wärst du heute, wenn ich damals das Theater nicht übernommen hätte?« »Sei net bang! Ich hätt' meinen Weg immer g'macht, ein bissel langsamer vielleicht ...« »Also ein bißchen hab' ich dir vielleicht doch genützt?« fragte er bitter. »Ja,« erwiderte Rose, »sehr viel sogar! Sei doch froh, daß ich anders bin als du, daß ich die Gelegenheit zu nützen verstanden hab', die du mir freilich gegeben hast. Außerdem hätt' ich jetzt net den Kontrakt nach Berlin – und was täten wir nachher?« »Rose!« »Ja?« »Rose, du willst wirklich zu diesem Wolters?« »Natürlich! Weißt du: daß er bei mir nix erreicht, dafür kenn' ich mich.« »Rose, und wenn ich dich bitte ...!« »Ja, was denkst du dir denn? Bartenfeld will mir dreihundert Mark Gage zahlen. Das reicht net für die Toiletten. Und leben wollen wir auch!« »Rose, und wenn wir uns die erste Zeit einschränken müssen ...! – Glaubst du, ich will von deiner Gage leben? Ich kann doch auch verdienen?« »Mit deinen Bildern?« fragte sie mit hochgezognen Brauen und zuckte die Achseln. »Ich kann doch auch eine Stellung finden. Tegtmaier zum Beispiel ...« »Ach Tegtmaier, der Filz! Was der schon zahlen wird, wenn er dich nimmt ...!« »Und schließlich ... Warum soll ich denn nicht fähig sein, mit meiner Kunst Geld zu verdienen?« »Ich glaub's net,« sagte Rose kalt und sachlich. »So? Du traust mir also gar nichts zu? Nicht einmal du?« »Ich versteh ja nix von Bildern ... Aber ... Es hat doch keinen Zweck, daß ich dir was vormach ... Ich glaub's halt net. Ich glaub net, daß einer künstlerisch was erreichen kann, der so is wie du.« »Wie – meinst – du – das?« »Ja, ich weiß net ... Es is wie bei manchen Schauspielern, die zu viel denken ... Vor lauter Finessen vergessen sie auf ihr Temperament.« Auch dies traf Thomasen. Er sah: Rose kannte ihn gut. Aber konnte eine Frau, die ihren Mann liebte, so scharf und kritisch in alle Winkel seines Innern schauen? – Er schwieg und starrte düster vor sich hin. – Sie kam und legte die Hand auf seine Schulter: »Geh, nimm mir's net in übel! Sollt ich dir was vormachen?« »Nein,« sagte er, »nur immer weiter ...! – Ich weiß ja, daß ich nichts kann und nichts bin.« »Nein, Kleiner, so derfst auch net reden. Dazu is kein Grund vorhanden. Und was versteh denn ich davon! Vielleicht sind deine Bilder ausgezeichnet ...« »Ach nein,« wehrte er müde ab. »Wer kann das wissen! Der Erfolg sagt auch net alles. – Aber eins weiß ich gewiß: Erfolg wirst du nie haben! – Denn dazu reicht's gar net, daß einer gute Bilder malt. Auch in der Kunst muß eins sein G'schäft verstehn. Schau dir den Niedermayr an! Du sagst alleweil, er is ein Kitschbruder. Aber schau, der versteht's! Vierzigtausend Mark verdient der im Jahr mit seinen Porträts, wenn's reicht!« Eine heiße Welle flutete aus einmal von unten herauf durch Thomasens Körper. Er sprang auf und schrie: »Ja, bin ich denn verrückt? – Ich glaub's wirklich selber ...! Da sitz ich eine Stunde und hör dir zu, wie du alles verächtlich und lächerlich machst, was das Beste in mir ist. Ja – mach nur so ein Gesicht! –, ich halte das für mein Bestes! – Und dabei hör ich dir zu und glaub dir und mach mir selber Vorwürfe und bin zerknirscht, weil ich bin, was ich sein muß.« Rose sah ihn mit seitwärts geneigtem Kopf an, ein überflüssig ironisches Lächeln um den Mund und in den Augen. »Ach, Kleiner ...!« »Nenn mich nicht immer Kleiner!« »Auf einmal? – Weißt, du derfst mir's net in übel nehmen, aber ich mein, damit ist's dir selber net gar so ernst ...« »So? Nicht ernst ...?« »Ja, ernst – schon! Aber – wenn du so ganz sicher davon überzeugt wärst, tätst du am End net so schrein.« Seine Fäuste ballten sich. »Du, ich sag dir, spar dir dies wohlfeile Lächeln! Es gibt ein Lächeln, an dem man den Proletarier erkennt!« »Aha!« höhnte sie, »jetzt kommt bei ihm die Vornehmheit heraus! So, dann will ich dir nur eines sagen: wenn ich auch bloß eine Wechselwärterstochter bin, – darauf kommt's net an; sondern was einer im Leben erreicht!« »Mir kommt es darauf an, was einer ist! Was du etwas erreichen nennst ...!« »So? Was einer ist? Was bist du denn schon gleich? – Weißt du, was du bist? Du willst ein Künstler sein? – Ein Philister bist du, wie's keinen zweiten gibt! Grad so einer wie deine Spießersippschaft von Verwandten!« Er trat drohend auf sie zu. »Schweig jetzt!« »Jawohl, von dir laß ich mir den Mund verbieten! Ausgerechnet von dir! – Ja, gegen deine Frau hast du Schneid! Und auch bloß, wenn du was getrunken hast. Aber, daß du gegen den Volker aufgetreten wärst, wie sich's gehört hätte ... Nein!« Thomas packte sie an den Armen und schüttelte sie heftig. »Ja, schlag mich doch gleich,« kreischte sie, »du bist ja der Stärkere!« Er hielt sie mit klammernden Händen, soviel sie sich wand, und flüsterte, ganz nah bei ihrem Gesicht, heiser und warnend auf sie ein, in Wut, und zugleich in atemloser Angst vor sich selber, vor dem, was kommen wollte: »Rose, ich sag dir, reiz mich nicht! Rose, sei vernünftig, ich weiß nicht, was ich tu ...!« »Hahahaha!« lachte sie auf. »Schlag mich nur! Du hast ja Angst!« Er stieß sie mit einem Ruck von sich, daß sie beinahe gefallen wäre. Als sie wieder festen Fuß gefaßt hatte, sah sie ihn schweigend an, den Kopf zurückgeworfen, die Augen sprühend vor Verachtung, aus den Lippen das alte, herausfordernde Lächeln. – Er stand abgewendet, mit gesenktem Kopf und hängenden Armen, seine Hände ballten sich und öffneten sich wieder, in schnellem Wechsel. – Flackernd kamen abgerissene Worte aus seinem Munde. »Ich wollte ... Nein, das ... Also, verzeih mir, wenn ich ...« »So, so! Verzeihen soll ich?« »Rose!« Wieder wuchs ein Drohen in seiner Stimme. »Aber – daß du's weißt! – ich bin net wie du: bald so, bald so; wie's dir grad einfällt. – Heut hast du's bei mir verschüttet auf lang. Und jetzt hab ich genug! Tob dich allein aus! Ich geh!« Er holte sie ein, als sie die Hand schon auf der Klinke hatte; heftig riß er sie zurück und stieß sie ins Zimmer. »Du bleibst!« »Zu was denn?« »Du gehst jetzt nicht so fort! Verstehst du mich!« »Also ...!« Sie verschränkte die Arme trotzig unter der Brust und wendete ihm den Rücken. »Raufen werd ich mich net mit dir! Aber eins sollst du wissen: red, was du willst, – du darfst ebensogut an die Mauer hinsprechen! Ich hör nichts! Mit uns zwei is es vorbei! Heut hab ich dich erkannt. Net so viel hab ich mehr übrig für dich!« »So? Auf einmal?« schrie er. »Dann will ich dir sagen, daß ich mir das gedacht hab, daß ich das gewußt hab, von dem Augenblick an, wo ich sah, daß es mit dem Theater schlecht gehen könnte.« »Was hast du gewußt?« »Daß es zwischen uns zu Ende sein würde, sobald ich kein Geld mehr hätte.« »Pfui Teifel!« sagte sie. »In einem hast du freilich recht ...! Viel bleibt nimmer über von dir, wo das Geld all is.« »Also, dann kann ich ja gehen! Vielleicht erwartest du gerade einen Liebhaber, der mehr hat.« »Natürlich, gleich fünf!« »Also ich geh! Mich siehst du nicht wieder.« »Geh nur! Mir is es sehr recht.« »Rose!« Er trat drohend auf sie zu. »Geh doch endlich und laß die Komödie! Ich geh! sagt er ... Aber daß du wirklich gingst ...!« »So, du glaubst mir nicht? Komödie, sagst du? Du zu mir !« »Wie sollt ich das denn sonst heißen! Du hast noch alleweil alles bloß mit dem Mund getan.« »Mir scheinen solche Entschlüsse allerdings schwerer und ernster als dir, – – Komödiantin!« »Jawohl, ich spiel Komödie am Theater; bei dir is das ganze Leben nix anders. Ich spiel den andern Komödie vor; du spielst sie dir selber vor, weil kein andrer so dumm is, daß er dir's glauben tät.« Er knirschte mit den Zähnen und ballte die Fäuste. »Was deine Art nicht begreifen kann, ist ihr nicht wahr! Was außerhalb deines Horizontes liegt, das gibt es überhaupt nicht.« »Nein, das gibt's auch net. Gib dir keine Müh, schöne Benennungen für deine Jämmerlichkeit zu finden! Ich glaub's doch net!« Er stellte sich vergebens auf einen hohen Standpunkt. Ein gutes Teil von ihren Angriffen traf ihn doch und steigerte seine Wut zur Sinnlosigkeit. »Du ...!« röchelte er und hob seine Hand und schlug sie ins Gesicht. »Schlag zu!« sagte sie leise, aber voll Haß, und stand, ohne sich zu rühren. Ein tiefer Schrecken darüber, was er getan hatte, erfüllte seinen Körper mit Kälte. Wie feig das war, wie traurig und verächtlich! Er sah sie stehen, bleich und starr, mit Augen, in denen ein gleichsam hypnotisierter Haß stille stand. – Da schoß ihm wieder alles Blut zu Kopfe. »Jawohl,« schrie er, »ja, ich bin gemein, ich bin niedrig, ich bin feig, ich bin verrückt. Aber wer hat das aus mir gemacht? Du! Du ganz allein!« Und er schlug sie wieder, zwei-, dreimal. Sie zuckte bei jedem Schlage zusammen, rührte sich aber nicht von der Stelle und wehrte sich nicht. – Er starrte sie an. Ihre äußerliche Ruhe steigerte seine Raserei bis zum Gipfel. Ein krampfhaftes Verlangen packte ihn, mit beiden Händen ihren Hals zu umklammern und sie zu erwürgen. Er duckte sich schon zum Sprunge ... Aber plötzlich ließ die Spannung nach; er richtete sich müde auf, drehte sich um und ging zur Tür. * Weite Wege ging Thomas in dieser Nacht, weitere Wege noch gingen seine Gedanken. – Das Leben, das hinter ihm lag, jagte sie hinunter in die Abgründe des Todes; aber wie ein Körper, der ins Meer fällt, in einer gewissen Tiefe sein Gewicht verliert und Halt macht, so kamen Thomasens Gedanken, als sie tief genug gedrungen waren, aus ihrer leidenschaftlichen Fahrt. In schwankendem Gleichgewicht verzogen sie eine Weile in der trübroten Dämmerung jener Bezirke, bis eine leichte, müde Strömung sie ergriff und sie mitnahm, in sanftem Auftrieb zu einer neuen Küste des Lebens. * Thomas bog, sobald er konnte, aus den belebten Straßen Schwabings in einsamere ein. Aber auch hier führte der kupplerische Frühlingsabend liebende Herzen zusammen: die Luft war voll von Gelächter, Seufzern und Spannung. Thomas ging schnell und sah immer gerade vor sich hin. Und dabei dachte er daran, wie wenig Glück aus aller der Liebe entspringen würde, die hier die Luft gleichsam in widerlich lauwarmen Wellen zittern machte. Wer unter allen diesen jungen Leuten würde den Leiden der Liebe entgehen? – Die vielleicht, die am meisten Leiden verursachten, die Lebenstüchtigen, die leichten Herzens Leben zu zertreten vermochten ... Wehe denen, die zu sehr liebten! Endlich bog Thomas in eine Straße ein, die ganz verlassen lag: eine tote Straße mit Häusern in allen Stadien der Vollendung und Plätzen dazwischen, wo der Grund schon für Fundamente ausgehoben war; aber kein Baugerüst war zu sehen, kein Arbeitsgerät lag da. Thomas war hier noch nie gewesen; aber er konnte sich denken, daß dies die Baugründe des großen Schwindlers waren, dessen Millionenkonkurs kürzlich Hunderte von Arbeitern um Lohn und Brot, viele kleine Handwerker um ihr sauer verdientes Geld gebracht hatte. – Auch von Thomasen hingen viele Existenzen ab. Hatte er nicht die Pflicht, zu tun, was in seinen Kräften stand? Wenn er mit Bartenfeld abschlösse, wären sie vor unmittelbarer Not geschützt ... Aber auf einmal blieb er erstaunt stehen. – Wie kam er dazu, sich hierüber den Kopf zu zerbrechen? Was hatte er damit noch zu tun? – Das alles würden andre Leute schon besorgen! Er lächelte mit bitterlicher Selbstironie. – War er noch immer der alte Thomas Kerkhoven, der alles Entscheidende gern recht weit hinausschob? – Alle die Gedanken, die er gedacht hatte, seit er aus seinem Hause getreten war, – sie alle waren nichts gewesen als ein Zurückdämmen der Flut seiner Gefühle, die drunten schwollen und gärten; er hatte sich wieder einmal eine Galgenfrist gegeben, bevor er jetzt die letzte, die Konkursbilanz seines Lebens zog. – Jetzt war er da, wo er sein mußte, jetzt ging er, wohin er gehörte, die tote Straße hinunter, von Westen nach Osten ... Wie eine kahle, bleifarbne Sumpffläche sah er sein Leben, schweigend, von keinem Windhauche berührt. Nur hier und da stieg plötzlich eine Blase vom Grunde auf: ein bißchen Luft, durch die Verwesung aus den drunten ruhenden Leichen seiner vergangnen Tage befreit. So stiegen Gedanken auf, die aus alter Gewohnheit noch mit dem Leben rechneten ... Stiegen auf und zerplatzten ...! Das Leben kennen heißt: mit dem Leben fertig sein, sagte er zu sich. Die Lebenstüchtigen kennen es ja nicht ... Wie eine Reihe tiefer Fußstapfen, in denen Moorwasser zittert, lagen seine Jahre hinter ihm. In sinnlosen Bogenlinien war er seinen Weg gegangen, wie ein Nachtwandler oder ein Trunkner. Wo er herkäme, ahnte er kaum; ein Ziel war nicht zu sehen. Wir haben kein Ziel, dachte Thomas, ohne Hoffnung ist, wer das Leben erst kennt. Um nichts müssen wir klein werden, und schmutzig werden, und uns selber verachten lernen. Fäulnisprodukte sind wir im Sumpfe des Werdens und Vergehens, sinnlos gezeugt, um sinnlos zu zeugen. Und ich habe nicht einmal diesen Beruf erfüllt. – Er seufzte. – Rose hatte ja keine Kinder haben wollen. »Aber es ist gut so!« sagte er dann laut, warf den Kopf in den Nacken und schritt entschlossener aus, auf den dunkeln Wegen des Englischen Gartens. Er wußte selber nie genau, wo er wäre, aber er wußte: schließlich müßte er so an die Isar kommen. * Und endlich rauschte der Fluß vor seinen Füßen. Er sah im Dunkeln nichts, als daß da ein unruhiges Wasser dahintrieb, aber er wußte, daß es gelb und schmutzig war, weil der warme Wind den Schnee im Gebirge schmelzte; und – stromaufwärts lag München. – Mitten unter dem Unrat der leichtsinnigen Stadt würde sein Kadaver dahingewirbelt werden. Es war gleich! Gehörte er nicht dahin: Thomas Kerkhoven, der Sohn des Sonderlings und der Komödiantin, die irgendwo im Spital zugrunde gegangen war. Thomas Kerkhoven, der verpfuschte Künstler, der vom Leben in den Schmutz getretne Mensch? Warum wartete er noch? Warum warf er sich nicht hinein? Ihn fröstelte; seine Kniekehlen schmerzten. Er nahm den Hut vom Kopfe und strich sich über die Stirn. Dann setzte er sich nieder, auf das harte Steingeröll des Ufers. Die Arme um die hochgezognen Knie geschlungen, sah er lange und sah auf das wirblig gleitende Wasser hinaus und lauschte seinem Wispern ... Daß dieses Leben dennoch so viel werbende Kraft besaß! Daß es sich gegen die Vernichtung – oder war es nur Verwandlung? – sträubte! – Seltsam! Seltsam! ... Was stand ihm alles bevor, wenn er leben bliebe! War das dürftige Dasein, das ihn danach im besten Fall erwartete, diese Fülle von peinlichen Alltagsleiden, von brennender Scham und Demütigung überhaupt wert? »Vielleicht doch!« flüsterte Thomas vor sich hin. Waren seine Leiden nicht am Ende die Leiden der Menschheit, die einer schwerer trägt, der andre leichter; aber jeder trägt sie, und keinem werden sie ganz geschenkt? Der große Fehler in seinem Leben war gewesen, daß er für sich selber einen falschen Wert eingesetzt hatte ... Hier saß er, Aug in Auge mit dem Tode, und begrub seine Träume. Ein andres Ich war aus ihm herausgetreten und stand, ein Schatten mit scharfen Augen und barmherzigem Munde, hinter dem Kauernden und legte eine kühle Hand auf sein Haupt. »Erkenne und lebe!« sagte der Schatten. Und weiter sprach er; und Thomas horchte ... Wie die Stimme einer Glocke, die fernher über einen nebligen See kommt, däuchte ihn dieser Klang. Ja, er mußte von dem trügerischen Glauben lassen, daß er ein Mensch wäre, auserwählt unter vielen, zu stehen über den vielen im Sonnenschein. – Der Schatten sprach die Wahrheit: sein Platz war in der Menge. Sich bescheiden heißt: das Leben ertragen. Und wer es erträgt, den belohnt es. – Braucht das Leben ein Ziel? – Wenn die verstiegnen Wünsche schweigen, beginnen die Blumen am Wegrain zu sprechen ... Über der Höhe des andern Ufers begann der Himmel sich zu röten. – Mit einem tiefen Erstaunen stand Thomas auf. – Kam schon der Morgen ...? Noch einen Blick auf das hastige Wasser, – dann ging er den Weg zurück, den er gekommen war, dem Tage und seinen peinlichen Pflichten entgegen ... Strack ging er dahin, und um ihn entbrannten allmählich die Wipfel der Bäume zu grünen Flammenzeichen des Frühlings ... Drittes Buch Als das Theater in Bartenfelds Besitz übergegangen und die Scheidung von Rosen ausgesprochen war, hatte Thomas ohne Mittel dagestanden und war froh gewesen, eine Stellung bei Tegtmaiern zu finden. Dieser aber war ein weder bequemer noch nobler Chef. Von seinem Gehalt hätte Thomas kaum leben können, wenn ihm sein Vetter August Appeltoft, der in Berlin ebenso wie Rose schnell zu Ruhm und Ansehen gekommen war, nicht allmählich seine alten Schulden abgezahlt hätte. Thomas fühlte sich nicht wohl bei seiner Arbeit, die ihm wenig Aussichten für die Zukunft gab und doch seine Zeit so in Anspruch nahm, daß seine Kunst ganz ruhen mußte. Aber er versank allmählich in eine Gleichgültigkeit, die ihn nicht über den Tag hinausdenken, ihn gleichsam in den müden Trott eines Karrengaules verfallen ließ, der gestern wie heute immer den gleichen Weg macht. Da bekam er – über drei Jahre waren seit seinem Eintritt bei Tegtmaiern verflossen – die Nachricht, daß seine Tante Leocadie gestorben wäre und ihn zum Erben ihres kleinen Vermögens und ihres Häuschens in Bilderlingshof eingesetzt hätte. Ohne einen Augenblick zu schwanken, machte sich Thomas von seinen Verpflichtungen in München frei und trat die Reise in die Heimat an. * Ein heller Spätsommertag hielt seinen blassen Himmel, unter dem einzelne schwere Wolkenballen dahintrieben, über die Ostsee gespannt. Thomas saß auf einem Bunsch Tauwerk vorn auf der Back des Dampfers, desselben Schiffes, das ihn vor mehr als vierzehn Jahren heimgebracht hatte. Das Schiff hatte sich verändert: man hatte es in der Mitte auseinandergeschnitten und ein Stück hineingefügt, um es zu verlängern; die Schlafkabinen waren geräumiger und eleganter geworden, und den großen Speisesaal hatte man aus ihrer Nachbarschaft an Deck verlegt ... Es blies ein frischer Wind; in feierlichem Rhythmus hob und senkte sich der Bug des Dampfers. Das Wasser bewegte sich lustig in kleinen Wellen, zappelnden, tanzenden Wellen, die dennoch über die ganze Fläche ein ruhiges, regelmäßiges Muster zogen, in dem häufig weiße Schaumköpfe aufleuchteten ... Thomas erhob sich, stemmte den Ellbogen auf die Reling und schaute hinunter, ohne Gedanken zuerst, in der süß trägen Seefahrtstimmung: dem Gefühle, getragen und mitgenommen zu sein, wie ein Glücklicher, der sich seines Willens aus freien Stücken begeben hat. Wer sich dem Leben so in die Hand geben könnte ...! Eine Welle nach der andern, und immer das gleiche Spiel um den im Atemtakte steigenden und fallenden Schiffsbug ... Ein leichter Schwindel benahm Thomasens Kopf, eine sanfte, tröstliche Lähmung ... Er riß sich erst mit einem Seufzer los, als die Stewardeß ihn zum Essen rief. * Gegen Abend ließ der Wind nach; große Flächen der See lagen spiegelnd wie Glas ... Thomas lehnte rauchend in einem amerikanischen Stuhle auf dem Achterdeck und schaute nach Südwesten zurück, wo die deutsche Küste verschwunden war. So weit er sehen konnte, reckte sich die Kielwasserlinie des Schiffes; erst der Horizont schnitt sie ab. In der Ferne machte sie Bogen und Zacken, die letzte Wegstrecke aber sah aus, als wäre sie mit dem Lineal gezogen: es war wohl ein besserer Steurer oben am Ruder. »Mein Weg!« sagte Thomas vor sich hin und sah die Bogen und Zacken früherer Jahre und sah die gerade Straße seiner Heimkehr liegen. Und doch war keine Freude über ihm, und seine törichte Seele empfand die neue Ruhe wie einen Alb, der kalt und beklemmend auf ihr laste. – Erkenntnis wird mit Schmerzen geboren ... Er ließ seinen Blick die Kielwasserlinie entlangfliegen, bis dahin, wo der Horizont einen Strich darüber machte ... Und weiter ... Denn wußte er nicht: sein Weg kam von jenseits des Horizontes ...? Aus Tiefen, die keiner messen konnte ... Tiefen ...? – Der Weg des menschlichen Lebens läuft um die Erde, er kommt aus sich selbst und führt in sich selber zurück, in wiederkehrendem Kreise ... Wozu? Warum? – Sinnloses Schicksal, das die Bahnen seiner Eltern verknüpft hatte, um ihn weiter zu treiben im Kreise des Werdens, auf einem Wegast, der sich tot lief, irgendwo im Nebel über dem Meere! – Nicht um die Unsterblichkeit, die die Kunst geben soll, bangte sich Thomasens Seele: daß Rose keine Kinder gewollt hatte, daß ihre Eigensucht ihm seine Ewigkeit gestohlen hatte, machte seine Brust so unendlich leer. Thomas seufzte. Er sah die Jahre in München als ein einziges sinnloses Hasten, ohne eine Stunde zum Verschnaufen. War dies nicht nach einer Ewigkeit das erstemal, wo er Muße hatte, nachzudenken? Und da wußte er auf einmal, wie blind und toll er durch seine Tage gerannt war, gerannt, um zu rennen, ohne Ziel und Sinn, um nichts! Im Genuß und in der Arbeit dieselbe Atemlosigkeit ... Denn die Arbeit war nicht besser gewesen als der Genuß: betäubende Gifte beide, die den Augenblick leichter machten, einen aber unaufhaltsam zerstörten ... Mit großen Augen staunte Thomas in den Himmel und schüttelte den Kopf. Sonderbar, wie blind einen die Gesellschaft der andern machte, und was für ein trefflicher Starstecher die erste Stunde der Einsamkeit war, der Unabhängigkeit von den andern ... Wie hieß die dunkle Gewalt, die einen so rasend vorwärts trieb, daß man seine Tage nicht mehr einzeln sah, sondern nur als einen langen, grauen, vibrierenden Streifen? War es der Fluch dieser merkwürdigen Zeit, der mit ihr schwinden würde? Klang im Dröhnen der harten Eisenglieder, sauste im Dampfe, der sie umeinanderwirbelte, schon eine Ahnung des großen Liedes von einem Ruhetage der Menschheit? Thomas blickte diesen Fragen nach. Und seine Antwort war ein Nein, das krachend niederfiel; aber aus diesem Krachen wuchs aus einmal ein Klingen, erlösend und süß betäubend ... Leben ist Schmerz, ist Krampf, ist Krankheit; Ruhe ist nur im unbewußten Sein ... Im Schoße des Stoffes träumen, ohne zu wissen, wann das Erwachen kommt ... Das ist das beste; ein Träumen ohne Gestalten und Farben, erfüllt nur von einem tiefen, in einem mächtigen Orgelton erbrausenden Purpurrot ... Eine stille, feste Sehnsucht, so zu versinken, entspannte Thomasens Lebenswillen. – Was erwartete ihn denn in der Heimat? Wohl würde er, eine müde Brandungswelle, aufs Ufer gleiten; aber kannte er denn die Gegenströmung nicht, die alles ins Meer zurückzieht? Die heimlichen Kräfte des Lebens gehen ihren Gang ... Konnte er wissen, was sie mit ihm tun würden? Wäre es nicht klüger und männlicher, die andre, die sichre Ruhe zu wählen? Mit sachlichen Augen hielt Thomas Umschau. Er brauchte nur drei Schritte zu tun; dann wäre noch die Reling zu übersteigen, und er könnte sich behutsam hinunterlassen. – Er stand auf. – Niemand würde es sehen, keiner wissen, wo er geblieben wäre. Man würde noch eine Zeitlang forschen und fragen und an dem Rätsel seines Verschwindens raten, während er schon im Unbewußten schliefe, auf lange ... Und dann würden die Wellen auch über seinem Gedächtnis bei den Menschen zusammenschlagen ... War das den einen kurzen Entschluß, war das das Sterben nicht wert? – Aber Thomas machte die drei Schritte bis zur Brüstung nicht ... Er zog die Uhr: dreiviertel! Bis acht wollte er warten. Er legte sich wieder in den Stuhl, zündete eine frische Zigarrette an und schaute aufs Meer. Eine kleine Weile noch wollte er das Sterben bewußt genießen ... Er faßte nach seinem Pulse; der ging langsam und gleichmäßig ... Die Sonne hatte mit ihrem Rande die Wolkenbank erreicht, die wie eine violette Felsenküste im Westen auf dem Horizonte stand. Rosig leuchtende Wolkenstreifen, nach oben zu langsam verblassend, die von einem Punkte hinter der schweren Bank ausgingen, bildeten einen Fächer, der sich leicht über das ganze Firmament spannte. Das Meer leuchtete; die glatten, spiegelnden Stellen schwammen in feurigem Perlmutterglanz wie Inseln zwischen dem leichten Gekräusel, auf dem das Licht in tausend reinen Farbenflecken spielte, die unvermittelt nebeneinanderstanden. Eine Stimme in Thomas sagte: so solltest du das Meer einmal malen, – du siehst es jetzt, wie noch keiner es gesehen hat, du siehst es mit deinen eignen Augen! Er entdeckte in den Kräuselwellen Formen, die er noch nie bemerkt hatte, weder in der Natur noch aus Bildern. Es war ein Muster, das sich ständig wiederholte, die Flecken ähnelten sich in der Form und hatten doch jeder sein eignes Gesicht, das sich in kleinen, reizenden Abweichungen von denen seiner Geschwister unterschied ... Thomas malte in Gedanken und setzte ruhig und fleißig Farbenfleck neben Farbenfleck ... Rosig und apfelsinenrot, saftgrün und tiefblau, veilchenfarben und warmweiß wie glühendes Eisen, sammetbraun und schwefelgelb, blitzend wie poliertes Silber und gedämpft schimmernd wie mattes Gold, so spielte das lebendige Wasser um die perlmutternen Inseln des Schweigens ... Langsam dämpften sich die Farben, die grellen Lichter ertranken; das Meer sah aus wie flüssiges Blei ... Thomas erwachte gleichsam. – Er hatte ja sterben wollen ... Und jetzt konzipierte er Bilder ... Wie lächerlich das war! – Aber er sah dieses Bild ... Wenn er das malte ...! Vielleicht könnte das sein erstes rundes, ganz persönliches Werk werden ... Ach nein! Im Konzipieren war er von jeher groß gewesen ... Warum sollte es diesmal anders kommen als sonst? Und wenn dies sein bestes Bild wäre, was frommte es, wenn er's auf einer soliden Leinwand der Nachwelt hinterließe? Er selbst hatte es ja gesehen ... Das war genug! Mochte es denn ein guter Abschluß sein! Aber es war nur Thomasens Verstand, der so sprach: sein Gefühl hatte eine weite Reise gemacht auf den Flügeln der Abendröte, unter dem glühenden Himmel über das glühende Meer ... Die Schönheit dieser Welt hatte ihre schimmernden Arme gehoben und den Flor der Todessehnsucht zerteilt. Thomasens Gedanken logen nicht länger wie trotzige Kinder, die gegen ihr Gefühl auf ihrem Kopfe bestehen. Sie grüßten das Leben in Demut ... Und ihrer Demut schenkte sich die ganze Schönheit der Welt ... Und plötzlich erfaßte ihn eine zitternde Freude, weil er die Heimat wiedersehen sollte; wie bei jener ersten Heimkehr merkte er staunend, daß er sich die ganze Zeit nach dem magern Strande seiner Kindheit gesehnt hatte ... Er fürchtete die Gegenströmung nicht mehr; war er doch nur eine kleine Brandungswelle und wurde von einem starken innern Drange getrieben. Weit hinein würde er jagen, bis dahin, wo der Sand trocken ist, und sich trinken lassen von dem Boden seiner Heimat und mit ihm verschmelzen. Er wußte, daß er nicht unfruchtbar liegen würde; der Drang nach seiner Kunst erfüllte ihn ganz. Ob auf seinem Sandfleck nur blasser Strandhafer erwüchse oder eine strenge Föhre, den Seeleuten fern auf dem Meere ein Wahrzeichen, – was verschlug das! Andre mochten sich um das Gewachsene kümmern, er hatte Genüge daran, das Wachsen zu empfinden ... Das Licht schwand. Über der Wolkenbank im Westen glühte der Himmel noch, aber sein Rot war so düster, daß es aussah, als stiege die Dunkelheit langsam aus dem Meere den Himmel empor, der oben noch immer in blaßblauer Helle durch den mählich erbleichenden Wolkenfächer schaute. Der halbe Mond, der schon die ganze Zeit wie ein leichtes Wölkchen klein und hoch am Himmel gestanden hatte, gewann Glanz und Kraft. Als Thomas seinen Blick nach Osten wendete, breitete sich dort ein ganz andres, nächtiges Meer, in dem hie und da Mondlichter aufsprangen, grünsilbern blitzend und hastig, als spielten da fremde Märchenfische. Thomas ging wieder nach vorn und ließ sich auf dem Tauwerk nieder. Er blickte zurück. Die Lichter des Schiffes brannten schon: das weiße hoch im vordern Mast und die beiden bunten an den Seiten der Brücke; sie woben grüne und rote Funken in die Schaumschleier. Das Schiff ging seinen Gang, hinaus in die Nacht und in ihren verwirrenden Mondglast ... * Die Wetterzeichen hatten richtig prophezeit. Schon vor dem Erwachen, durch den Schlaf des Morgens, wo die Träume hastiger werden und ihre Fäden fester an die Gedanken und Sorgen des Tages knüpfen, fühlte Thomas das Bett unter sich gleichsam atmen; und als er die Augen aufschlug, sah er, wie die Handtücher und seine Kleider pendelten. Bald legten sie sich fest an die lackierte Holzwand, bald bildeten sie einen spitzen Winkel mit ihr. Es kostete Thomasen Mühe, sich zu waschen und anzuziehen. Es war, als wolle das Schiff ihn necken, und als mache es absichtlich allerhand unerwartete Wendungen und Finten, wie Kinder, die »Kriegens« spielen. Und Thomas kam bald auf die Kniffe dabei und fand Vergnügen an diesem gegenseitigen Überlisten und Zuvorkommen. »Nur kaltes Blut, alter Junge!« sagte er lächelnd vor sich hin. »Mich erwischst du nicht so leicht!« Aber das Schiff hatte mehr Ausdauer als er und schien sich zu denken: »Warte nur ab, Liebster, ich finde schon einen unbewachten Moment!« Und so kam es auch. Thomas war ohne besondre Anstrengung die Treppe zum Decksalon hinaufgestiegen und fühlte sich schon ganz sicher ... Wie er aber an die Tür ins Freie trat, stellte ihm das Schiff auf einmal gleichsam ein Bein, recht wie ein skrupelloser Straßenjunge. Er taumelte an die Reling und hatte schon das Gefühl, jetzt ginge es kopfüber ins Wasser hinunter. Mit erschrocknen Händen umkrampfte er gerade noch rechtzeitig eine Klampe und warf seinen Körper zurück ... Wie ein höhnisches Kichern des Meeres traf ihn zugleich eine scharfe Garbe von Salzwasser, die in kurzem Wirbel an Deck klatschte. Thomas ließ die Klampe fahren und fühlte sich sicher auf seinen gespreizten Beinen und freute sich des unwillkürlichen Lebensdranges im Menschen, der im Augenblick der Gefahr mit eisernen Sehnen aufspringt, und dem er es zu danken hatte, daß er jetzt nicht irgendwo da hinten im Kielwasser mit den Wellen kämpfte ... * In Bilderlingshof herrschte bei Thomasens Ankunft die klare Stille des Herbstes. Die Häuser standen fast alle im Winterkleide mit geschlossenen Läden und verschalten Veranden. Auch das Meer und der Wald schwiegen; da klangen die seltnen Schritte auf den Bretterstiegen eigen laut, wie in einer verzauberten Stadt ... Auf den Beeten vor Tante Leocadiens Häuschen – jetzt gehörte es Thomasen – lächelten lila, weiße und rosa Astern; hier und da stand auch noch ein verspätetes Blümchen tiefblau in dem buschigen Grün der Lobelieneinfassung. Die kleinen Ebereschen auf dem Firste des Binsendaches hatten sich mächtig gereckt, ihre Beerendolden – das größte Bäumchen trug stolz deren vier leuchteten in feurigem Orange zwischen dem braunen Laube. Die Espen hatten ihre lederzähen Blätter in leuchtendes Gelb gekleidet. Strich einmal ein Luftzug durch die Kronen, so sah es aus, als regne es Goldstücke. Als würden sie an schräg gespannten Fäden geführt, ließen sich die Blätter lautlos nieder, flach auf der Luft schwimmend und in gelindem Wirbel um sich selbst ... Lange stand Thomas so, die Hände auf den wettergrauen Lattenzaun gestützt, und sah in seinen Garten: tote Blätter, lebendige Blumen, Samen bergende Früchte ... Und da empfand er alles Leben als das harmonische Atmen der Natur im ewigen, lebendigen Schlummer ihres unbewußten Seins ... * Thomas hatte Logierbesuch bekommen: von seinem Vetter August Appeltoft, der ein an Ehren und Einnahmen reiches Gastspiel in Petersburg hinter sich hatte. Nach dem ersten Mittagessen sahen sie zusammen auf der Veranda, und August erzählte lebhaft von seinen Erlebnissen und Triumphen, seit er damals von München fortgegangen war. Thomas musterte ihn mit einem leicht amüsierten Lächeln. Dabei erfüllte ihn das Gefühl einer starken, freudigen Sicherheit. – Vorhin, als er auf dem Bahnhof den Zug erwartete, hatte er nicht recht gewußt, ob er sich auf diesen Besuch freue oder die Unterbrechung seiner Einsamkeit bedaure. Dieser Besuch mußte ja eine Probe auf Thomasens Exempel sein. Was brachte August denn andres mit als einen Hauch von dem Leben draußen, der wirbelnd in den stillen Luftraum seiner Stuben fahren müßte? Aber wie er jetzt saß und diesen ein bißchen dick und recht nervös gewordenen Schauspieler beobachtete, da fühlte er: sein Exempel stimmte und ging auf; er konnte ruhig einen Strich darunter machen. – Nein, dieser Hauch von draußen kam aus einer Welt, die eine Dimension weniger hatte als die seine; seine Atmosphäre konnte davon nicht im mindesten erschüttert werden. – Er wunderte sich nur, wofür sich diese Leute interessierten, und worüber sie sich aufregten. – Er wußte, daß das ironische Lächeln, mit dem er seinen Gast musterte, nicht frei von Hochmut war; aber er nannte diesen Hochmut berechtigt. Er war ein Aristokrat geworden, Aristokrat von der Einsamkeit Gnaden; und dessen war er froh. »Was machst du eigentlich fürn Gesicht!« sagte August auf einmal. »Wieso?« »Arrogant bis dort hinaus! So stell ich mir die Visagen der seligen Engel vor, wenn sie auf die Erde herunterlächeln. Aber du bist noch auf der Erde, lieber Thomas!« »O, sicher.« »Was machst du überhaupt so den ganzen Tag? Es muß doch zum Auswachsen sein?« »Ach, allerlei! Ich male ...« »Ja, was malst du? Das wollte ich dich schon lange fragen. – Kannst du mir nicht was zeigen?« »Wenn's dir Spaß macht ...« »Na, tu auch nicht so, lieber Thomas. Schließlich interessiert es dich vielleicht auch ein bißchen ... So ein absoluter Laie und Banause bin ich doch auch nicht. Ein Stückchen von einem Kunstmaler war man am Ende doch auch mal ... Kommt mir übrigens beim Maskenmachen kolossal zugute ...« Thomas ging auf die Tür zu. »Dein Urteil interessiert mich natürlich. Übrigens brauchst du dir gar keinen Zwang aufzuerlegen. Schimpf ruhig! – Wie ich die Bilder finde, weiß ich nämlich schon ...« »Na, Thomas, ich hab Zeiten gekannt, wo du nicht so ungeheuer überlegen und sicher warst ...« »Eben darum!« sagte Thomas und ging hinein, um gleich darauf mit zwei Bildern von mittlerer Größe wiederzukommen. Das eine stellte er auf einen Stuhl vor August hin. »Ah!« sagte der überrascht und fragte nach einer Weile: »Und wie nennst du das?« »Hm? – Sagen wir: Sonnenuntergang auf der Ostsee.« »Du, Thomas, ich bin paff! Wart mal, ich glaub, ich muß noch etwas zurücktreten. – Ja, so seh ich es richtig! Das ist kolossal nobel. Das Bild ist ganz fabelhaft gekonnt.« »Ja, das ist ein sehr beliebter Ausdruck in Kunstfeuilletons.« »Weißt du, du kannst nämlich Wasser malen ... Oder sogar zeichnen ... Das ist schwerer. Fein! Allerdings, wenn du das heute in Berlin ausstellen wolltest ... Da geht heutzutage nichts als der Impressionismus.« »Ich will ja gar nicht ausstellen.« »Na, das wäre doch ein Unsinn ... So ein Bild! Und wie viel Stimmung da drin ist! So, so ... So was Feierliches ...! Sag mal, wo hast du diese ornamentale Behandlung der Wellen her?« »Ich hab das Meer halt so gesehen.« »Und das andre?« August wies auf die Leinwand, die Thomas in der Hand hielt. Der nahm das Meerbild fort und stellte das zweite an seinen Platz. »Donnerwetter!« rief August. »Fabelhaft! Ganz altmeisterlich! Leibl!« »Ja, mindestens!« lächelte Thomas abwehrend. »Doll, wie das gemalt ist! Wenn ich an deine frühern Sachen denke ... Das ist deine dicke Köchin, was?« »Ja, die Lene, die ich von Tante Leocadie geerbt hab'.« »Famos! Die Hände! Die strickt nämlich wirklich. Und dieser Vorfrühling im Garten ...! Nee, weißt du, damit kannst du selbst in Berlin Aufsehen erregen.« Thomas lächelte ruhig. »So ganz weg wie du bin ich ja nicht von den Bildern ... Aber es könnten ruhig zwanzigtausend Kunstkritiker darüber schimpfen, – das würde mich nicht sonderlich irritieren.« »Darüber schimpft keiner.« »Das kann man nie wissen.« »Probiers doch! Stell die Sachen aus; und du wirst sehen ...!« »Wozu denn?« »Ja, wie meinst du das?« »Was hab ich mit dem Ausstellen für Eile? Zum Leben hab ich genug; und ...« »Wozu ist man denn Künstler?« »Zum Ausstellen?« »Du glaubst ja selbst an den Erfolg ...!« »Und wenn schon!« »Du, lieber Thomas, jetzt hör ich dich nämlich laufen; du hast Angst vor dem Erfolg!« »Nein, August, wirklich nicht. Ich weiß schon, was du meinst; und ich hab mir die Frage schon selbst sehr oft ernsthaft vorgelegt. Aber nein ... Ich habe – heut sag ich: Gott sei Dank – zu lange auf den Erfolg warten müssen, als daß er mich heute noch beirren könnte.« August heftete noch einen langen Blick auf das Bild und seufzte. Dann setzte er sich wieder in seinen Korbstuhl, zündete eine Zigarette an und rauchte schweigend. Sein Vetter stand am Ausgang der Veranda, die Hände an die Säulen gestützt, und sah schweigend ins Freie hinaus. * Thomas saß in seinem Garten malend an der Staffelei. August, sein Modell, hatte sich ihm gegenüber auf eine Gartenbank gesetzt, hielt ein Reklambändchen in der Hand und lernte eifrig an dem großen Monologe Tells; er sprach die Verse halblaut vor sich hin und gestikulierte hie und da mit geballter Faust. Amüsiert beobachtete Thomas den angespannten und beinahe wütenden Ernst seines Studiums und lächelte über den je nach dem Inhalt der Verse blitzgleich wechselnden Ausdruck des rasierten Schauspielergesichts. »Da kommt eine Dame!« rief August auf einmal. – Thomas warf einen flüchtigen Blick nach der schmalen Straße hinüber; wirklich kam eine hochgewachsene, schlanke Frau von dem Brettersteg aus der andern Seite aus die Zauntür zu. »Die wird sich verlaufen haben,« sagte Thomas. »Zu mir kommen keine Damen.« Und er begann wieder zu malen. August sah interessiert hinüber und sagte plötzlich: »Ja, ist das denn nicht ...?« – Damit ging er schnell auf die Tür zu. Thomas fuhr zusammen. Sollte am Ende Rose ...? Er sah sich hastig um. Nein, die Dame, die August jetzt über den Zaun hinweg lebhaft begrüßte, war hellblond. Und auf einmal fühlte er sein Herz laut klopfen: das war ja seine Kusine Annemarie! Er legte sein Malgerät hin und ging ihr entgegen. »Du bist auch hier, Thomas?« fragte sie erstaunt und verlegen. Ihre Stimme däuchte ihn viel höher, als er sie von ihrem letzten Abschied her im Ohre gehabt hatte. »Ja, wo sollte er sonst sein?« lachte August. Thomas hielt Annemariens Hand, deren Wärme er durch den Handschuh spürte, und wußte nichts zu sagen. Sie entzog sie ihm mit einem leisen Druck und fragte: »Tante Leocadie hält wohl gerade ihr Mittagsschläfchen?« »Tante Leocadie?« sagte Thomas so erstaunt, daß Annemarie erbleichend auffuhr und ihn mit erschrocknen Augen ansah. »Ja, weißt du denn nicht ...?« fiel jetzt auch August ein. »Was ... ist ... mit ... ihr?« stammelte sie. »Sie ist tot?« fragte sie dann auf einmal mit großen, schmerzlich weiten Augen. Thomas nickte. »Seit einem Jahr bald.« »So!« sagte Annemarie leise, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Thomas wohnt jetzt hier,« erklärte August, »er ist ihr Erbe.« »Und deine Frau?« fragte sie. »Ich bin nicht mehr verheiratet,« erwiderte Thomas leise. Sie streifte ihn mit einem schnellen, überraschten Blick. »Ja, dann muß ich ...,« sagte sie mit gequältem, suchendem Ausdruck, »dann will ich ... Wann geht der nächste Zug in die Stadt?« »Na, so eilig wirst du's doch nicht haben ... Wenn man sich so lange nicht gesehn hat ...! Begeben wir uns mal auf die sogenannte Reveranda!« schlug August vor. Auf einen zweifelnden Blick Annemariens bat auch Thomas sie, zu bleiben; und da ging sie mit müden Schritten ihnen voraus, die Stufen hinauf. Ein verlegnes Schweigen herrschte, als sie an dem Korbtische saßen. Annemarie sah in ihren Schoß und spielte mit dem Sonnenschirm. Und dann fühlten sie alle drei aus einmal das Bedürfnis, etwas zu sagen. August räusperte sich, und Annemarie öffnete die Lippen, als Thomas fragte: »Aber trinkst du nicht eine Tasse Kaffee? Ich will gleich bestellen.« Er ging schnell an die Tür und rief ins Haus hinein: »Lene!« * Das Gespräch, das sich beim Kaffee allmählich entspann, wurde hauptsächlich von August geführt, der auf Annemariens dazwischen eingestreute Fragen nach dem und jenem in burschikosem Tone wortreich über Thomasens und sein eignes Schicksal Auskunft gab. Thomas, den so mancherlei an dem, was August sagte, verletzte, saß schweigend und sah Annemarien staunend an: so verändert däuchte sie ihn. Zuerst fiel ihm das auf, als sie langsam ihre Handschuhe auszog und er sich unwillkürlich in das Spiel ihrer vollen, weißen Hände vertiefte, die sich allmählich vor ihm entblößten. Annemariens Gesicht war nach landläufigen Begriffen durchaus nicht schön, aber diese blasse Blondheit hatte einen aparten Reiz, der durch die schwarzen Wimpern und Brauen, die fast unnatürlich daraus hervorschrieen, etwas Unbeschreibliches, etwas fast Herausforderndes, ein wenig Perverses bekam, das unmittelbar und auf den ersten Blick wirkte. Thomas konnte sich von früher her dieses Kontrastes in ihrem Gesichte nicht erinnern, und sein malerisches Gefühl bestärkte ihn in dem Glauben, daß Annemarie hier der Natur ein wenig nachgeholfen haben müßte. Aber trotzdem er sonst jede Künstlichkeit in dieser Hinsicht verabscheute, konnte er sich der Wirkung nicht entziehen. – Als sie dann aufstand und die Arme hob, um ihren Hut abzunehmen, war es ihm wieder gleichsam eine Offenbarung, was für eine schöne Gestalt sie hatte. Der um die Hüften sehr knapp sitzende Rock und die schwarzseidne Bluse, unter der sie kein Korsett trug, zeigten das fast herausfordernd. Im Gespräch war die Befangenheit von Annemarien gewichen. Sie sprach ihre Ansichten sicher und bestimmt aus; sie wurde allmählich sogar heiter und ging auf Augusts Ton ein. Ihre Augen wanderten derweil aber häufig verstohlen zu Thomasen hinüber, und ein paarmal errötete sie unter seinem Blick. »Ja,« so beschloß August seine biographischen Exkurse endlich, »und nun treibe ich noch im Strudel der Welt umher, während er sich still auf gerettetem Kahn bereits ins Land der alten Meister geflüchtet hat.« »Dafür sieht er noch recht wohlkonserviert aus.« Annemarie lächelte. »Er malt schon wie'n Alter!« versicherte August. »Na, August, ich finde, eigentlich sieht er jünger aus als du.« »Das kommt nur vom Rasierten. Das macht alt. So'n Vollbart verhüllt ja alle Gramfalten.« »Sind das bei dir Gramfalten?« »Selbstverständlich! – Aber warum ziehst du deine Handschuhe schon wieder an?« »Ich muß doch endlich aufbrechen ... Es wird mir wohl nichts andres übrig bleiben: ich muß Papa aufsuchen ...« »Ich denke, du bist mit ihm übers Kreuz?« fragte August. »Ja, aber was soll ich machen ...? Wenn Tante Leocadie noch lebte ...« Thomas fuhr aus seinen Gedanken empor: »Du wolltest wohl hier bei Tante Leocadie bleiben?« »Ach nein, – höchstens ein paar Tage. Ich weiß eigentlich selbst nicht ... Das Renkontre mit Papa wird nicht sehr erquicklich sein ...« »Dann bleib doch heute wenigstens hier, bleib ein paar Tage! So lange du willst ...!« »Ich dank dir sehr, Thomas, aber ... Schließlich ... Einmal muß es doch sein ... Und dann schon lieber heute als morgen ...! Angst hab ich vor Papa gewiß nicht ... Die liebe Familie hat sich gegen mich so benommen ...!« »Ach, bleib hier,« bat August »Machen wir uns heute noch mal einen gemütlichen Abend, bevor du in den Kampf gegen den väterlichen Medizinmann ziehst.« Annemarie machte ein unentschlossenes Gesicht, aus dem deutlich die Lust sprach, zu bleiben; ihre Augen fragten Thomasen, ob es ihm wirklich recht wäre. Der beeilte sich, sie einzuladen, und seine Stimme hatte dabei einen wärmeren Ton, als er beabsichtigt hatte. Zugleich klang sie ihm sonderbar unfrei, gefesselt gleichsam von den unklaren und wechselnden Gefühlen, die ihn bewegten. Erinnerungen von früher vermischten sich mit neuen Eindrücken ... Ein Zwang lag um seine Brust, er fühlte: dies war ein Gast von andrer Art als August; hier drohte seiner Einsamkeit und Ruhe eine wirkliche Gefahr. Und so fern seine Jugendliebe hinter ihm gelegen haben mochte, ganz tot und überwunden war sie nicht gewesen, das hatte er schon in dem Augenblick gespürt, wo Annemarie in seinen Garten getreten war. Und wie er sie dann so beobachtet und mit dem jungen Mädchen von einst verglichen hatte, war in seinem Blute eine schmerzhafte Eifersucht erwacht, unter deren Peitsche es schneller pulste. Eifersucht auf die Jahre der Trennung, aus denen nur ein verworrnes Echo äußerer Umstände ihres Lebens zu ihm gedrungen war, Eifersucht auf die Männer, die sie so verwandelt hatten ... »Also ja, dann bleib ich bis morgen,« antwortete Annemarie mit einem Seufzer der Erleichterung auf Thomasens Einladung. * Am nächsten Morgen beim Kaffee – der Langschläfer August war noch nicht erschienen – bat Annemarie Thomasen, mit ihr einen Spaziergang ans Meer zu machen. Sie freue sich, es nach Jahren wiederzusehen, und dann wolle sie mancherlei mit ihm besprechen, was nicht für Augusts Ohren berechnet sei; vielleicht könne er ihr einen Rat geben ... Sie traten durch das Seitenpförtchen des Zaunes direkt in den Dünenwald. Schweigend stiegen sie zwischen den stämmigen Föhren den kärglich bewachsenen Sandwall hinan, der die Siedelung vor Sturm und Flut und Sandverwehung schützt. Annemarie trug ein schlichtes grauleinenes Kleid, das mit gestickten russischen Borten besetzt war. In dem kurzen Rock und mit dem glatten Strohhut däuchte sie Thomasen mädchenhafter als gestern abend. – Er hatte noch immer das Gefühl, als wäre er gerade erwacht, und alles, was er seit seiner letzten Trennung von Annemarien erlebt hatte, wäre ein Zug von wirren Traumbildern gewesen, den er in einem Zustande zwischen Schlaf und Wachen gesehen hätte ... Auf dem Kamm der Düne machten sie halt und ließen ihre Blicke schweifen. Die See lag fast glatt unter dem wolkenlosen Himmel, nur ganz am Ufer trieben sehr flache Wellen an den Strand, ohne sich zu brechen; kaum daß sie plätscherten. Ein unsichtbarer Dunst mußte über dem Wasser liegen, denn die Linie des Horizonts war verschleiert, und alles schwamm in einem schwermütigen Einerlei. Durch knirschenden Sand schritten sie zum Ufer hinunter, wo die Feuchtigkeit eine harte Promenade geschaffen hatte, und gingen im Schlenderschritt dem Meer entlang, mit den Augen die trägen Wellen verfolgend, die kaum die Kraft hatten, ihren Saum auf den Strand zu schieben ... Ihr Gespräch blieb einsilbig und hängte sich an gleichgültige Dinge; und beide verspürten sie dabei ein sonderbares Unbehagen, das von fern dem schlechten Gewissen eines Schuljungen glich, der seine Aufgaben nicht macht und sich auf die Zwischenpausen vertröstet, wo hoffentlich noch Zeit genug dazu sein werde. Sie hatten sich schon dem Ende des Badestrandes genähert – ihnen zur Rechten lagen am Fuße der Düne nur noch vereinzelte Badehütten –, da sagte Annemarie: »Wollen wir uns nicht hinsetzen? Im Gehen spricht es sich so schlecht!« Sie stiegen zu einer Hütte hinauf, die eine Veranda hatte, und setzten sich einander gegenüber. »Du warst ja so lange in Deutschland,« begann Annemarie plötzlich, »da wollte ich dich fragen, ob du meinst, wenn ich hinausgehe ...? Ob ich wohl irgendeinen Erwerb finden könnte?« Er hob überrascht den Kopf. »Erwerb? Ja, wie meinst du das? Woran hast du denn beispielsweise gedacht?« »Ja, ich weiß eben nicht ... Eigentlich ... Gelernt hab ich ja nicht viel Vernünftiges ... Ich hab in Moskau Schreibmaschinenunterricht genommen, aber ... Sehr viel Übung habe ich ja nicht, und ... Es gibt wohl sehr viel Konkurrenz?« »Ach, Annemarie, und dann wird das so schlecht bezahlt ...« »Ja, das hab ich mir eigentlich gedacht! Ich hab auch eher an eine Stellung als Gesellschafterin bei einer Dame gedacht ... Oder so was ...« »Ja aber, Annemarie, ist denn das etwas für dich? So eine Abhängigkeit von Gott weiß wem. Und dann: warum gerade in Deutschland? Ich glaube, daß du da in Rußland besser dotierte und angenehmere Stellungen finden könntest ...« Annemarie zeichnete mit der Spitze ihres Sonnenschirmes in der leichten Sandschicht, die der Wind über die Bretter gelegt hatte. Dann sagte sie stockend: »Nein, ich möchte ... Ich möchte ja gerade fort aus Rußland ... In ganz andere Verhältnisse ... In ein ganz neues Leben ... Wo niemand mich kennt ...« Sie verstummte, mit erröteten Wangen. Thomas seufzte nur zitternd, und ihm wurde trocken im Halse. »Jawohl!« sagte sie mit einem Ruck, und es klang ein starker Trotz in ihrer Stimme. »Warum ich das will, das ... Es hat keinen Zweck, von dem allen zu sprechen. Wer es nicht selbst durchgemacht hat, weiß nicht, wie so eins nach dem andern kommt ... Und du denkst natürlich nicht anders über mich als die andern Rigenser auch!« »Nein, Annemarie ...!« Thomasens Stimme klang bittend und weich. »Siehst du, es spricht sich so schlecht über solche Dinge ... Es klingt immer gleich so ... Aber glaube mir, ich ... Ich kann alles verstehen und ... Wer kann ...? Du hast ihn eben geliebt.« »Nein!« antwortete sie hart. Er sah sie mit großen Augen an. »Versteh mich recht: jawohl, ich bin Magnus Schlaars Geliebte gewesen,« sagte sie mit einer Sachlichkeit, die ihn brutal däuchte. Und das empfand sie: plötzlich ging ein sehr mädchenhafter Zug über ihr Gesicht, und sie fügte hastig hinzu: »Gerade du sollst mich nicht falsch beurteilen. Ich weiß aber nicht ... Wie soll ich dir das sagen? Du bist ein Mann, und ...« Sie brach ab. Er hatte sein Kinn in die Hand gestützt und sah aufmerksam einer Ameise zu, die sich angstvoll mühte, aus einer Ritze zwischen zwei Brettern herauszukommen, aber von abrutschenden Sandkörnern immer wieder hinuntergerissen wurde ... Plötzlich begann Annemarie zu sprechen. Und als sie die ersten Sätze hinter sich hatte, kam Eifer und Fluß in ihre Rede. »Ich weiß nicht, woher ich es habe ... Aber ich bin nun einmal, wie ich bin ... Zu Hause ... Erzogen bin ich ja wie alle unsre jungen Mädchen aus guter Familie ... Wir wissen nichts und erfahren nichts; und das bißchen, was man weiß, ist auch nur dummes Zeug ... Was sich so Freundinnen untereinander erzählen, mit Kichern und Quietschen, als ob es was sehr Komisches wäre ... Ich weiß noch, wie ich mich damals mit meiner intimsten Freundin Berta Jakobi über solche Dinge unterhalten habe. Die hatte es von ihrer Köchin. Und Berta ist jetzt Pastorin und hat sechs Kinder – oder jetzt vielleicht schon zwölf, ich weiß nicht – und ist doch in solchen Dingen heute noch nicht klüger, als wir damals waren. Sie begreift sicher nicht, wie jemand von der sogenannten Liebe zu irgend etwas hingerissen werden kann. Sie sieht darin nur eine lästige Hausfrauenpflicht mehr. – Das Schönste war doch die Brautzeit, hat sie mir einmal gesagt: mit der Hochzeit ist alles Poetische vorbei. – Und das ist ja wohl die Regel bei unseresgleichen. – Und wer anders ist ... Aber ich bin nun einmal anders! – Woher ich es habe, weiß ich nicht ... Aber ich halte mich deshalb nicht für schlechter ... Natürlich ... Wie die Sachen einmal sind, haben die leicht sich entrüsten ... Aber ... Wenn ich in die richtigen Hände gekommen wäre ...! Wer nur deshalb nicht auf Abwege geht, weil er an beiden Beinen gelähmt ist, braucht sich nicht zu rühmen! – Ach, Thomas, ich weiß ja, daß mein Leben verpfuscht ist, aber ... Siehst du, Thomas, warum soll ich das heute nicht sagen: Wenn wir beide damals auf und davon gegangen wären, dann wäre wohl alles ganz anders gekommen ... »Du wolltest ja nicht,« erwiderte Thomas leise. »Ach, Thomas, wenn du ...! – Die Hauptschuld tragen natürlich meine Eltern ... Aber ich glaube, wenn du ... Wenn du ... Aber dein Widerstand war so matt, so ...« »Ich war ein dummer Junge ...!« sagte Thomas. »Und schließlich: auch meine Erziehung ...!« »Nein, Thomas, mißversteh mich nicht ... Ich mach dir keinen Vorwurf. Du bist eben auch, wie du bist ... Und wenn du anders gewesen wärst, wer weiß, ob ich dich damals liebgewonnen hätte ... Als das junge Mädchen aus guter Familie ... Aber siehst du, was dir damals fehlte, das alles ... das hatte Magnus Schlaar. Und das erklärt viel.« Thomas war bei dem Namen zusammengezuckt. Annemarie sah ihn gedankenvoll an und fuhr dann fort: »Mein Mann ... Waldemar war ein verbrauchter Lebemann, und ich ... Ich hab bei ihm nicht mehr kennen gelernt als den Ekel ... Ach, ich will nicht davon sprechen! Es war ein schreckliches Zusammenleben. Ich war zu stolz, ihm Vorwürfe zu machen ... Ich sagte nichts ... Aber was ich innerlich durchgemacht habe ... Und meine Gedanken ... Und er ... Woldemar war im Grunde furchtbar weich ... Er hatte, namentlich, wenn er getrunken hatte, so eine widerliche Zärtlichkeit und konnte von Wutausbrüchen auf einmal in tränenselige Rührung verfallen und stundenlang weinen und betteln. Und mit dem Trinken wurde es immer schlimmer ... Um mich zu verstehen, müßte man das alles mit angesehen haben ... Von diesem Schwächling, den ich verachtete, mußte ich mich brutalisieren lassen ... Ich fühlte mich so entwürdigt und beschmutzt und schämte mich, einem Menschen in die Augen zu sehen ... Und da kam Max ... Magnus Schlaar ins Haus.« Thomas biß sich auf die Unterlippe. Diese kosende Zusammenziehung des Namens Magnus tat ihm weh. Annemarie sah mit sinnenden Augen aufs Meer hinaus, wohl eine Minute lang; dann sprach sie langsam weiter: »Wie soll ich dir erklären, wie alles gekommen ist? Ob ich ihn geliebt habe ...? Weiß man das denn selbst? Zuerst war er mir unsympathisch, dann unheimlich ... Ich hab Angst gehabt vor seinen Augen! Du hast ihn ja gekannt ... Er war ... Er war eben alles das, was Woldemar nicht war ... Ich sah tausend Fehler an ihm, aber ... Ich weiß nicht, ob man das Liebe nennt ... Ich bin eben anders als Berta Jakobi und alle die andern ... Und doch ... Ich hab mich gewehrt, monatelang, bis endlich ... Woldemar war wieder einmal für einige Tage nach Riga gefahren ... Wir waren allein ... Und da, er hat mich nicht gefragt ... Er hat mich einfach genommen ... Und wie habe ich mich da noch gewehrt ...!« Sie verstummte und klopfte leise und taktgemäß mit ihrer Stiefelsohle auf den Boden. Thomas hielt den Kopf gesenkt, und sein Atem ging hörbar durch die halbgeöffneten Lippen. »Daß ich dir das alles erzählen kann ...!« sagte sie dann auf einmal mit einem sonderbar schiefen Lächeln. »So was sagt man sonst kaum einer Freundin. Und du bist ein Mann ...« »Warum denn nicht?« stieß er heiser hervor und ärgerte sich in demselben Augenblick über diese törichte Antwort. »Ja,« sagte sie, »und dir kann man auch viel mehr sagen als andern! Man fühlt das beim Sprechen ... Man merkt gleich, ob der andre richtig zuhört und die Sachen so auffaßt, wie sie gesagt sind.« – Wieder machte sie eine Pause und begann dann eigentümlich plötzlich: »Also, so hat es zwischen ihm und mir angefangen. Und da ... da wußte ich aus einmal, was ... was ich bis dahin nicht gewußt hatte ... Ich weiß nicht, ob man das Liebe nennt ... Wenn ich allein war und an ihn dachte, dann sah ich ja vieles an ihm, was ... Aber wenn er dann bei mir war ... Er hatte das Weib in mir erweckt und wußte es wach zu halten. – Ich fühlte wohl, daß es einmal ein Ende nehmen müßte, daß es sich nicht so fortsteigern konnte bis ins Endlose ... Aber ich sah nichts, was darnach kommen konnte ... Also war es doch wohl nicht Liebe ... Denn ... Ach, ich weiß nicht! – Und dann kam das Ende. Wie ein Blitz aus heiterm Himmel ... Woldemar – wir hatten nie bemerkt, daß er irgendetwas ahnte – bekam auf einmal beim Essen einen Wutanfall. Ohne jeden sichtbaren Anlaß sagte er uns unsre Beziehungen auf den Kopf zu, er schrie mir Schimpfworte ins Gesicht ... Ich fühlte, wie ich bleich wurde, aber ich lächelte nur ... Ich wußte, daß ihn das noch wütender machen mußte, ich habe es nachher oft bereut, aber ... ich konnte nicht anders ... Woldemar fuhr auf mich los und wollte mich schlagen ... Da sprang Max dazwischen und stieß ihn zurück, daß er hinfiel; er raffte sich auf und sprang Max mit beiden Händen an die Kehle ... Ich saß und sah, wie sie rangen, und konnte mich nicht rühren ... Und dann fuhr ich auf, mit einem Schrei, den ich heute noch manchmal höre: Max schlug ihm auf einmal die Flasche auf den Kopf, daß er zusammenbrach ... Wir standen beide erstarrt und sahen ihn an, wie er da wimmernd lag, den Kopf in einer Pfütze aus rotem Wein und Blut ... Und dann kamen die Dienstboten hereingestürzt und die Knechte ... Max wurde gebunden ... Und mich sahen alle so sonderbar an ... Ich sag dir ...!« Sie brach ab. Ein langes, zitterndes Schweigen herrschte zwischen ihnen, in dem die Natur auf einmal an Lauten reich wurde, die sie vorher nicht vernommen hatten. Spitz erhob sich das Plätschern der Wellen, Krähen krächzten im Walde, Möwen schrien über dem Wasser, und irgendwo im Holzwerk der Hütte klopfte die Totenuhr ... Annemarie brach das Schweigen: »Was nachher alles kam, weißt du ja aus den Zeitungen, aus ... Und was ich innerlich durchgemacht habe ...! Ich kann darüber nicht sprechen ... Ich wußte nur, daß es aus war zwischen Magnus und mir ... Ich weiß nicht ... Wenn es Liebe gewesen wäre, so hätte doch ... Aber es blieb nichts als Reue und Ekel ... Ich klagte mich an, ich haßte mich selbst und haßte ihn ... Nicht einmal ein richtiges Mitleid für ihn brachte ich in mir auf ... Ich nahm es wie ein Schicksal, daß er verurteilt wurde ... Sieh mich nicht so an, Thomas, halt mich nicht für gefühllos und schlecht! Zwischen Magnus und mir hatte irgend etwas gefehlt ... Alles andere hatte ich ihm gegeben und stand jetzt wie ausgeleert ... Mehr hatte ich nicht für ihn ... Ich muß ganz aufrichtig sein gegen dich, Thomas, sonst verstehst du mich nicht ... Als dann nach zwei Jahren die Nachricht von seinem Tode kam, aus Sibirien, da hab ich ... Ja, ich habe um ihn geweint, aber ... Es ist mir wie eine Befreiung gewesen ... Zuerst ... Denn siehst du, er ... Schließlich wäre er doch zurückgekommen ... Und er, er hätte niemals von mir gelassen. Und ich ... Mir hätte vor seiner Liebe gegraut ... Das Bild Woldemars, wie er da am Boden lag, hätte immer zwischen uns gestanden. Ganz abgesehen von ... vom andern ... Ach, Thomas, ich bin das Bild von jenem Tage an niemals los geworden. Ich habe seit dem Tage nicht mehr ohne Licht schlafen können ... Immer, immer sah ich ihn im Dunkeln; und als Magnus gestorben war, ist auch er gekommen.« »Du mußt das überwinden,« sagte Thomas und wunderte sich, wie trocken und sachlich seine Stimme klang. »Wäge ab, was diese beiden Männer dich gekostet haben ... Und was hast du ihnen getan? Hättest du ihnen helfen können? Sie haben beide in keiner glücklichen Haut gesteckt ...« Mit durstigen Augen hatte Annemarie seinen Worten gelauscht. »Du bist der erste, Thomas, von dem ich keine Vorwürfe höre ... Siehst du, was du da sagst, hab ich mir oft gesagt, aber ... Jawohl, ich habe Woldemar betrogen ... Aber hatte er mich nicht um mehr betrogen? Und Magnus ... Siehst du, und wenn ich am hellen Tage in solchen Gedanken meine Rechnung mit ihnen machte, ich habe mich nicht verloren geben können ... Ich bin mit meiner Reue fertig geworden ... Aber in der Nacht ... Seine Träume hat man nicht in der Gewalt ... Und wenn man dann auffährt ... Im Dunkeln ... Und dann ... Wenn das alles wäre ... Wenn seitdem ... Hätte ich ein nützliches, fleißiges Leben geführt ... Aber das andre war ja das Schlimmste ... Du weißt eben nicht alles, was ich in diesen letzten Jahren durchgemacht habe ... Vielleicht würdest du dann anders sprechen ... »Ich hab mancherlei Gerüchte gehört,« sagte Thomas unbesonnen. »Was hast du gehört?« fragte sie hastig. »Ach Klatsch, dummes Zeug! Was kommt es darauf an!« »Mir kommt es aber darauf an. Ich kann mir denken, was die guten Rigenser mir alles nachgesagt haben mögen. Nein, du sollst auch nicht schlechter von mir denken, als ich bin. Jawohl, ich war die Geliebte des jungen Fürsten Scherbatoff, ich war eine ausgehaltene Frau! Aber wie das gekommen ist, das hat dir keiner gesagt. Wie meine Eltern es damals gemacht haben ...! Da hast du fünftausend Rubel, geh nach Rußland und such dir eine Stelle! Was für eine Stelle hätte ich mir denn suchen sollen? Hatten sie mich dazu erzogen, auf eignen Füßen zu stehen? Ich war in meinem Leben noch kaum allein auf die Straße gekommen. Meine Freundin in Moskau, von der ich geglaubt hatte, sie würde mir zu einer Stelle verhelfen ... Ach, ich habe bald gemerkt, wie es mit der stand! Aber was sollte ich machen? Es war der einzige Mensch in Moskau, den ich kannte. Und ich hoffte ja immer, bald eine Stelle zu finden ... Aber siehst du, als Gesellschafterin oder so ... Mein Prozeß war durch alle Zeitungen gegangen, und ... Ich lernte Maschineschreiben, aber ... Gott, ich bin das Suchen bald müde geworden ... Und ich glaubte auch, fünftausend Rubel wären Gott weiß wie viel Geld ... Und als sie zu Ende waren, da ... Der junge Scherbatoff ... Unter allen Herren, die ich durch meine Freundin kennen lernte ... Er war der einzige ... Wie oft hat er mir gesagt: Gnädige Frau, Frau Stratzki ist doch kein Umgang für Sie. Aber, was sollte ich machen! Er sah immer so still unter allen den lustigen Leuten und sah mich an ... Er sprach nie von Liebe ... Ach, Thomas, siehst du, er ist der rücksichtsvollste, zartfühlendste, feinste Mensch, den ich kenne.« »Und so hast du ihn lieben lernen ...,« flüsterte Thomas gepreßt. – Annemarie lachte unwillkürlich auf, seufzte aber gleich wieder und sagte mit einem Kopfschütteln: »Lieben! Den kleinen Sergué! Ach nein, zum Lieben ... Er war bei aller seiner Güte und Feinheit doch ein klein bißchen eine komische Figur ... Gern haben ... Ja, gern hab ich ihn heute noch ... Trotz allem ... Und dem armen Kerl hat es sicher sehr weh getan, daß ich so ohne Abschied auf und davongegangen bin.« Thomas saß mit gesenktem Kopfe, preßte seine Handballen gegeneinander und atmete laut und schmerzlich. Sie warf einen schnellen Blick zu ihm hinüber. »Ach so, jetzt verachtest du mich wohl gründlich? Ja, so seid ihr Männer!« »Nein, Annemarie. – Aber ... Daß ich ... Wer kann sich in einen andern hineinversetzen ...? Du wirst viel durchgemacht haben, bevor es so weit gekommen ist ...« »Ich hab mir sehr viel zum Vorwurf zu machen ... Aber das nicht, Thomas. Das ist so gekommen ... Als mein Geld zu Ende war ... Meine Freundin hatte es ihm gesagt ... Da bot er mir an, mir auszuhelfen ... Was sollte ich machen ...! Ich wußte nichts andres ... Und er verstand es mir so zart und rücksichtsvoll anzubieten. – Es war zuerst nur eine Kleinigkeit ... Und ich suchte nun wieder mit aller Macht nach einer Stelle ... Aber ich fand nichts ... Und siehst du, er ... Er war mir immer bei der Hand und half mir ... Es war wohl ein Leichtsinn von mir ... Aber er machte es mir so leicht ... Und schließlich, ja, das bekenn ich offen, an schöne Kleider und so hatte ich mich schon gewöhnt, solange ich selbst noch Geld hatte ... Und da mußte ich bald dies, bald das bezahlen, und ... Ja, schließlich war meine Schuld bei ihm sehr groß geworden ... Und wenn ich auch eine Stelle gefunden hätte, an Abzahlen hätt ich nie denken können ... Ach Thomas, es war ein schwerer Tag, als ich mir das erst einmal klar machte ... Und von da an fing meine Schuld mich zu drücken an ... Er war noch immer so ... Er hütete sich jetzt noch mehr als früher, von Liebe zu sprechen! Aber wenn er so saß und mich mit seinen traurigen Augen ansah ... Ich kam mir wie eine Betrügerin vor ... Und da ... Eines Tages, als wir allein zusammen waren ... Meine Freundin hatte das so arrangiert ... Sie war eine Gelegenheitsmacherin aus Leidenschaft und hatte schon immer ... Und als er wieder so traurig war und ... Schließlich ... Ich weiß nicht, wie das alles gekommen ist ... Aber als er nun endlich doch sprach ... Er weinte ... Ich hatte den Mut nicht, ich wäre mir wie eine Hochstaplerin vorgekommen ... Ich habe Ja gesagt ... Und als es einmal geschehen war, da war mir alles einerlei ... Ich hatte es aufgegeben ... Glücklich war ich nicht dabei ... Er war ... Ich wollte nicht mehr nachdenken ... Ich hab ... Immer Vergnügungen, schöne Kleider ...! Gott, ich gesteh es offen, das ist immer eine Schwäche von mir gewesen ... Und jetzt gab es nichts andres mehr ... Das alles wurde so wichtig und ging in einer Hast ... Ich habe nie so wenig getan ... Aber ich hatte nie Zeit ... Der halbe Tag verging mit Toilettemachen ... Zum Nachdenken kam ich nie ...« Thomas fiel hier ein, und es klang ein Ton von Gehässigkeit in seiner Stimme: »Ich muß dir sagen, daß ich diesen Fürsten Scherbatoff nach deiner Beschreibung nicht so sympathisch finde wie du.« »Ach Thomas, du kennst ihn nicht, und ich mag ja ...« »Da ist mir schließlich ein Schlaar, der brutal auf sein Ziel losgeht, lieber als so ein ›rücksichtsvoll zarter‹ Spekulant.« »Spekulant?« »Ja!« rief Thomas hitzig. »Wie nennst du das sonst? Die Art, wie er dich langsam gewonnen hat ... Hat er nicht die ganze Zeit darauf gewartet, daß er endlich für alle seine Uneigennützigkeiten belohnt werde?« »Ach, Thomas, er war eben ein Mann.« »Du hast keine gute Meinung von den Männern. Und du hast wohl auch wenig Grund dazu, aber ...!« »Gott, er liebte mich eben!« sagte Annemarie, und dies Wort traf Thomasen. Auf einmal ging ihm auf, daß in dieser Heftigkeit seines Urteils über den jungen Scherbatoff die Eifersucht deutlich mitklang. Er antwortete nicht und begann mit dem Nagel eine Linie entlang einer Faser des Brettes zu ritzen, auf dem er saß. Annemarie stand plötzlich auf und strich mit den Händen ihren Rock glatt. »Ja, also ... Was hat es für einen Zweck, davon zu sprechen? – Jetzt hab ich dir alles gesagt und hab keine Geheimnisse mehr vor dir,« sagte sie mit einem halben Lächeln, und ihre Stimme klang trocken, gleichsam hölzern. »Gehn wir!« »Und ...?« fragte er heiser, »und warum hast du ihn verlassen?« – Sie streifte ihn mit einem erstaunten Blick. »Weil ich ... Weil ich mußte ... Ich konnte nicht mehr. – Ist das so schwer zu verstehen? – Ich wollte nicht ... Sollte das das Ende sein? – So etwas kann lange fressen und bohren in einem ... Aber plötzlich ist dann der Entschluß da ... Ich bin noch nicht zu alt, einen andern Weg zu finden. Ich will ... Ach, ich weiß ja selbst noch nicht, was ich will ... Aber jedenfalls ... Ein ganz andres Leben muß anfangen ... Auf ganz andrer Grundlage ... Wenn es noch so bescheiden ist ...! Aber ich will wieder jedem ruhig ins Gesicht sehen können.« Er schwieg noch immer; ein beklommener Seufzer erlöste sich aus seiner Brust. Sie lächelte schief und sagte wegwerfend: »Ich seh schon, du erwartest nichts Gutes von meinen Plänen. Aber wozu ...? – Das wird sich schon zeigen!« »Aber warum glaubst du ...?« stammelte er. »Ach, lieber Gott, lassen wir das! Wir haben lange genug geschwatzt. Gehn wir!« Er folgte ihr die quiekenden Stufen hinunter! Sie gingen denselben Weg zurück, den sie gekommen waren, entlang dem Meere, dessen Wellen in langsamem Takte ans Ufer trieben. Vor ihnen her glitten ihre seltsam verkürzten Schatten, seiner gerade und steif, ihrer sich leise wiegend. Thomas sah Annemarien von der Seite an; sie hielt den Blick aufs Meer gerichtet, mit einer gemachten Zerstreutheit im Ausdruck, den Kopf hochmütig erhoben, als bereue sie, daß sie ihm so viel gesagt hatte. Er schlug die Augen nieder und verfolgte wieder das Gleiten ihrer Schatten. Ach, seine Gedanken und Gefühle glichen dem Bilde wenig, das sie sich davon machen mochte. Er fand, daß ihr Verhältnis zueinander sich umgekehrt hätte. Wo sie bei ihm vielleicht pharisäische Verachtung voraussetzte, hatte er ein ganz andres Gefühl; und als er suchte, wie er es nennen solle, fand er keinen andern Namen dafür als das grobe Wort: Neid. Wie sie so ihr Leben erzählt hatte, war ihr Bild vor ihm gewachsen; er däuchte sich daneben klein und schwach. Wäre ich an ihrer Stelle gewesen, sagte Thomas zu sich, wo wäre ich heute? Hätte ich ein Leben unter solchen Bedingungen nicht schon zehnmal von mir geworfen? Und in ihr ist noch jeder Mut und jede Hoffnung lebendig. Was sie von ihrem verpfuschten Leben sagte, ist nur eine Redensart. Sie glaubt selbst nicht daran. Sie hat den Glauben, der nicht zuschanden werden läßt, den starken Glauben an das Leben. Sie gibt sich nicht auf und wird sich nicht aufgeben. Sie braucht sich keinen Zweck ins Leben hineinzulügen. Oberflächlich werden solche Naturen von den neunmal Weisen genannt! Als ob sie die Quellen alles Wachsens nicht tiefer strömen fühlten als andre; als ob das chaotische Lied vom Sinn des Lebens in ihren Tagen nicht reiner rauschte als in den einseitigen Übersetzungsversuchen der Denker; als ob sie nicht fester mit den Ursprüngen verwachsen wären und in ihrem Leben das Ebenbild der großen Mutter elementarer zu gestalten wüßten als die Künstler in ihren Werken! – Warum denk ich so? fragte sich Thomas dann. – Sie hat mir das ja gar nicht gesagt, sie hat mir von keinen großen Hoffnungen gesprochen. Es klingt nur zwischen ihren Worten mit, daß sie noch ein Glück erwartet. Und doch wirkt dieser Unterton so stark, daß er alles andre verschlingt. Wie tapfer und stolz sie da neben mir geht! Wie arm und müde ich gegen sie bin mit meinem passiven Willen zum Leben! Dann aber schlug er sich im Geiste vor die Brust und fragte sich noch einmal: Warum denke ich so? – Was heißt das: Sie hat mehr durchgemacht als ich? Wir sind eben verschieden. Wer kann da urteilen, und was besagen die äußern Ereignisse? Kann nicht auf einen Menschen ein flüchtiges Wort, eine kleine Gebärde tiefer wirken als auf einen andern das schrecklichste Unglück, von dem in der ganzen Welt ein Geschrei wird? – Wäre eine andre gekommen und hätte mir das gleiche Schicksal erzählt, – was wäre dann gewesen? Ich hätte keine Sympathie für sie gehabt, ich hätte kühl und unfreundlich abgeurteilt, vielleicht hätte ich auch alles verstanden und verziehen, aber ich hätte ruhig die Achseln gezuckt und gefragt: Was weiter? Thomasens Gedanken hängten sich an das Wort vom Verstehen und Verzeihen. Er verstand Annemarien und ihre Schicksale; aber verzieh er ihnen auch? Die drei Männer, die ihr Leben gestaltet hatten, gingen durch seine Gedanken; er sah sie vor sich, mit dumpfem, knirschendem Groll. Seine Phantasie malte sich peinigende Bilder zu dem, was Annemarie erzählt hatte. – Ja, das war Eifersucht und nichts andres! Und daneben glomm heimlich eine quälende Glut: die Eifersucht nährte ein hastendes Begehren, sein Blut fieberte nach ihr, schwüler als damals, wo sie sich ihm als reines Mädchen dargeboten hatte und er mit aller Gewalt hatte an sich halten müssen, um ihr Vertrauen nicht zu mißbrauchen. So sah Thomas mit staunenden Augen eine wilde Brandung gehen, wo gestern noch die glatte See gelegen hatte, in der er sein ruhiges Gesicht hatte spiegeln können, dies Gesicht, in dem etwas von dem hochmütigen Egoismus aller Einsiedler gewesen war. »Also ...,« sagte Annemarie plötzlich, »dann will ich heute nachmittag in die Stadt fahren und mit Papa sprechen!« »Du willst fort?« rief Thomas überrascht. »Ja, natürlich. Das Aufschieben hilft ja nichts ... Einmal muß es doch sein, und da ...« »Du willst ...?« »Ja, er muß mir noch einmal helfen.« »Und dann ... dann willst du nach Deutschland?« »Ja! – Ich werd schon etwas finden!« »Aber glaubst du, dein Vater ...?« Sie seufzte tief auf. »Sehr, sehr schwer wird es sein. Ich kenn ihn ja ...« Sie gingen eine Weile schweigend, dann begann Thomas so plötzlich zu sprechen, daß sie erstaunt aufblickte. »Annemarie ... Wäre es dir ...? Soll ich nicht mit dir zu deinem Vater?« »Du ...?« fragte sie nachdenklich. »Ja, ich meine ... Vielleicht ist es dir doch eine Hilfe ... Für mich selbst wäre ich wohl ein schlechter Anwalt. Aber wo es um dich geht ...!« Sie seufzte wieder. »Aber es kann dir doch auch nicht angenehm sein ... Hast du denn überhaupt noch so viel Interesse für mich?« »Annemarie!« bat er vorwurfsvoll. Sie blieb stehen und reichte ihm die Hand. »Ich dank dir, Thomas! Ja, wenn du mitwillst ...! Es wäre mir ein großer Dienst!« »Aber«, sagte Thomas, und es flog ein schüchternes Lächeln über sein Gesicht, »heut noch nicht! Bleib ein paar Tage und ruh dich aus! Das läuft uns ja nicht fort.« »N–nein,« erwiderte Annemarie zögernd; und dann fuhr sie fort, mit einem wehmütigen Glanz in den Augen, aber doch erleichtert: »Also noch eine kurze Galgenfrist ...! Stecken wir den Kopf in den Sand wie der Vogel Strauß! Nehmen wir ein paar Tage Urlaub vom Schicksal!« * Es regnete in Strömen. Thomas ging fröstelnd in der Veranda auf und nieder: der Mai zeigte heute ein ganz verwandeltes Gesicht und war auf einmal kalt und verdrießlich geworden. Aus der Glastür zum Wohnzimmer kam August in Galoschen und legte seinen Gummimantel, den Zylinder und den Regenschirm auf einen Stuhl. Er hatte mit dem Stadttheater in Riga einen Gastspielvertrag abgeschlossen und mußte heute zum erstenmal auftreten. »Schon gestiefelt und gespornt?« fragte Thomas. »Ja, es wird Zeit. Ich geh gern etwas früher auf die Station und trink noch einen Schnaps bei Ohsoling. Sicher ist sicher! Wenn ich den Zug versäume, sitz ich schön da mit meinem Talent, und das ausverkaufte Haus kann seinem Kean nachflöten.« »Es ist eben erst fünf.« »Na ja, ich geh ja auch noch nicht. – Und wie ist's mit euch? Noch immer nicht anders besonnen? Es wäre grade noch Zeit; kommt doch mit!« »Ach, August, du weißt doch ...« »Wegen Annemarie ...? Die hat nämlich sicher brennende Lust.« »Aber ...« »Ich verschaff euch einen Platz hinten in der Direktionsloge. Da sieht euch kein Kuckuck. Wo steckt sie denn?« »In ihrem Zimmer. Ein bißchen Toilette machen, glaub ich.« »Das tut sie gern,« sagte August und ging schnell ins Wohnzimmer. »Ich will doch noch mal ...« »Laß es!« rief Thomas und folgte ihm. Aber August klopfte schon an Annemariens Tür. »Ja?« rief sie heraus. »Wer ist da?« »Ich! – Kannst du nicht mal nen Momang zum Vorschein kommen?« »Gleich! Ich muß mir nur schnell die Bluse zuhaken.« »Aber wirklich gleich, ich muß nämlich fort,« sagte August und entfernte sich von der Tür, um Thomasen halblaut zu fragen: »Sag mal, wie wird's denn nun mit ihr?« »Was?« »Ich meine, was sie eigentlich vorhat? Jetzt ist sie vier Tage da ...« »Ja, lieber August, warum fragst du mich? Ihr habt ja erst heute so einen großen Spaziergang gemacht ...« »Eifersüchtig?« fragte August und machte ein ungeheuer schlaues Gesicht dazu. »Schaf!« entgegnete Thomas trocken. »Es ist nämlich kein Grund vorhanden, kann ich dir verraten. Sie hat die ganze Zeit bloß von dir gesprochen. Weiß Gott, wonach sie mich alles gefragt hat, nach Rose Karrar und so weiter ... Und dann hat sie mich noch gefragt, ob ich nicht meinte, daß sie zum Theater gehen könnte. Ich will sie in den nächsten Tagen mal prüfen. Wenn sie ein bißchen Talent hat ... So eine Schülerin wäre ja nicht von Pappe.« »Blödsinn!« sagte Thomas geärgert. »Aha, du möchtest lieber ein Malweib aus ihr machen, teurer Meister? Ja, wir Künstler sind ein verworfnes Pack!« »Red doch keinen Quatsch, August!« »Nicht? – Na also, denn nicht! Aber jetzt ernst und weise: Nimm dich vor der in acht und bleib nicht hängen! Ich kenn die Sorte, was nicht besagen will, daß ich die andern nicht kenne. Aber die Sorte ist ziemlich gefährlich, Periculum in Moiree, wie unser guter Volker zu sagen pflegte.« August brach ab, denn man hörte, wie Annemarie die Tür aufschloß. »Ah, so schön!« rief August mit einem bewundernden Blick auf ihre weiße Bluse, durch deren Stoff Hals und Arme leicht hervorschimmerten. »Wie soll man bei dem Wetter die Zeit totschlagen? Man zieht sich eben um,« sagte sie lächelnd und ordnete mit den Händen noch flüchtig an ihrem Haar. »Schöne Frau, ich wollte nämlich fragen, ob ihr nicht doch in den Kean wollt? Ich verschaff euch Rückplätze in der Direktionsloge. Da bist du unsichtbar für die guten Rigauer.« »Ich möchte schon gern,« rief sie lebhaft, warf dann aber einen schnellen Blick zu Thomasen hinüber: »Aber ich weiß nicht ...« »Es hängt nur von dir ab,« sagte Thomas hastig. »Ja, dann könnten wir ja ... Ich würde dich natürlich furchtbar gern spielen sehen ...« »Abgemacht! – Aber dann ist's höchste Zeit. Hut aus! Mantel an!« »Was? Schon?« » Naturellement . Um dreiviertel geht der Zug.« »Und jetzt ist's ...?« »Zehn Minuten vor halb. Höchste Eisenbahn!« »Ach nein, dann ... So schnell kann ich mich unmöglich umziehen.« »Ah!« machte August wegwerfend, »in diesem heiligen Lande, wo ein seidner Unterrock für ein unanständiges Möbel gilt ...!« »Ach, nicht deswegen ... Aber ... Nein, da könnten wir vielleicht lieber, wenn du den Faust spielst ...« » In dubio wäre mir der Faust auch lieber,« mischte sich Thomas hinein. »Also, dann adieu! Und ich komme heute mit dem Elfuhrzug wieder heraus. Ich mag nicht mit der Provinzkollegenblase herumsaufen und mich feiern lassen. Holt mich doch von der Station ab, wenn ihr so lange aufbleibt. Ich erzähl euch dann, wie's war. Jetzt muß ich aber laufen!« Als die beiden allein geblieben waren, kam eine leichte unbewußte Verlegenheit über sie; ein drückendes Schweigen herrschte. Annemarie wollte es brechen und sagte: »Ich dank dir schön, Thomas.« »Wofür?« fragte er verwundert. »Daß du morgen mit mir ins Theater willst. Du selbst hast doch sicher keine Lust.« »Ach so!« Und wieder sahen sie stumm in den Regen hinaus. – Annemarie schauerte auf einmal zusammen: »Ist das eine Kälte! Und das nennt sich Mai!« »Du bist so dünn angezogen,« entgegnete Thomas. »Gehn wir lieber hinein!« Thomas pfiff tonlos vor sich hin und versenkte die Hände in seine Jackett-Taschen. Dann ging er auf einmal schräg durch das ganze Zimmer und riß ein paar Blätter von dem Abreißkalender, der dort an der Wand hing und noch den Tag von Annemariens Ankunft anzeigte. Sie wendete sich, um zu sehen, was er täte, und blieb mit dem Rücken gegen das Fenster stehen, für Thomasens Augen eine dunkle Silhouette; nur über ihr Haar fiel selbst das Licht dieses Tages blaßgoldig und wob einen Schimmer um ihren Kopf. Auch ihre Augen sahen mit einem gleichsam von innen kommenden leisen Glanz aus dem schattenverwischten Gesicht. – Thomas vertiefte sich in dieses malerische Problem, ohne jedoch dabei zu sein, mit einem unruhigen Leeregefühl in der Brust, das seine Ausläufer bis in den Hals schickte. »Wie gemütlich der Ofen prasselt!« sagte sie und ging hinüber und ließ ihre Handflächen von der Glut bestrahlen. Thomas rollte einen Lehnstuhl an den Ofen: »Setz dich und wärm dich! Ja, so ein altmodischer, heimatlicher Kachelofen ...! Wie ich den wieder begrüßt habe nach den langen Jahren in Deutschland, wo sie statt Holz schmutzige, dunstende Kohlen brennen ...!« Annemarie setzte sich und hielt jetzt ihre Sohlen gegen die durchbrochne innere Ofentür. Thomas holte sich einen kleinen Stuhl und setzte sich so neben sie, daß er sie im verlornen Profil sah, während sie den Kopf nach ihm umwenden mußte, wenn sie ihn sehen wollte. »Das ist doch noch ein lebendiges Feuer!« sagte er und verfolgte mit den Augen das Spiel der roten Reflexe auf Annemariens Gesicht, ihren Haaren und dem durchsichtigen Seidenweiß der Bluse. Sie hatte die Hände im Nacken verschränkt und saß ruhig wie eine Statue. Thomas hielt unwillkürlich den Atem an. Eine eigne, heimliche und doch gespannte Stimmung wob durch das Zimmer, zu dessen Fenstern bläulich die Dämmerung hereinzulugen begann. »Schummerstunde, Thomas!« sagte Annemarie leise und mit einem weichen, fast schüchternen Lächeln. Die Tür öffnete sich so plötzlich, daß die beiden zusammenfuhren. Ein greller Lichtschein fiel ins Zimmer und breitete sich rasch aus, als Lene nun mit der brennenden Lampe erschien. »Schon die Lampe?« sagte Annemarie bedauernd. »Is heller so!« Lene stellte die Lampe mit einem energischen Knall auf den Tisch und verließ das Zimmer wieder, selbst vom Rücken aus wie ein wandelnder Protest anzuschauen. Die treue Dienerin zeigte damit nicht zum erstenmal, daß sie Annemariens Aufenthalt in diesem Hause nicht recht passend fände. Ja, manchmal hatte es schon den Eindruck gemacht, als wittre sie hierin so etwas wie eine Gefahr für ihren Herrn. »Ja, nun ist die Schummerstunde aus!« lachte Annemarie halb belustigt, halb verlegen auf, mit einem schnell wieder abirrenden Blick in Thomasens Augen. Der wollte sagen, man könne die Lampe ja wieder ausblasen, aber ein unbestimmtes Gefühl band seine Zunge. »Es ist vielleicht auch besser,« seufzte Annemarie leise und richtete sich auf und legte ihre Hände in den Schoß, »man soll nicht träumen. Es führt zu nichts!« Thomas zündete sich eine Zigarrette an und blies den Rauch langsam gegen die Ofentür; in einer Wolke schwankte der einen Augenblick gleichsam unschlüssig davor hin und her, um dann in schmalen Strähnen durch die Löcher eingesogen zu werden. »Gib mir auch eine!« bat Annemarie, deren Augen noch immer in die Glut starrten. »Du rauchst?« »Eigentlich leidenschaftlich,« erwiderte sie. »Ich tu es möglichst selten und möchte es mir immer abgewöhnen. Aber manchmal kann ich's nicht lassen. Es beruhigt die Nerven so wundervoll.« – Sie sog den Rauch hungrig ein. Thomas saß vorgebeugt, die Ellenbogen auf den Knieen, und vertiefte sich in ihre Hand mit der Zigarrette, aus deren Mundstück weißlicher Rauch floß, während sich vom brennenden Ende eine zierliche, blaue Dampfsäule emporkräuselte. Annemarie rauchte schweigend, in hastigen Zügen; dann beugte sie sich vor, um den Stummel durch ein Loch der Tür in den Ofen zu werfen. – Es gelang ihr nicht, das Mundstück fiel auf den blechernen Vorsatz. Thomas bückte sich gleichzeitig mit ihr, ihre Hände berührten sich, und zugleich fühlte er ihre Haare seine Schläfe streifen. Als sie sich aufrichteten, war sie rot geworden, und er vermied ihren Blick. Da klopfte es draußen hart an die Glastür: »Na?« sagte Thomas verwundert und rief: »Herein!« Sie hörten, wie draußen einer seine Galoschen auszog; ein Regenschirm wurde mit klopfendem Geräusch an die Holzwand gestellt. – Thomas stand auf, ging an die Tür und öffnete sie. »Onkel Albert!« stotterte er. Annemarie sprang auf. »Papa ...!« sagte sie leise. »O bitte ...!« wehrte der Staatsrat Kerkhoven eisig ab und sah sich im Zimmer um, während er seine Handschuhe langsam auszog. »Ihr scheint es euch ja recht gemütlich eingerichtet zu haben?« fragte er dann höhnisch und doch mit dem stereotypen Verbindlichkeitslächeln eines alten Diplomaten, während er die weißen Bartkoteletten durch die Hände gleiten ließ. »Woher weißt du denn ...?« »Bester Thomas, man bekommt Gott sei Dank seine Nachrichten und ist überhaupt über so manches besser orientiert, als gewissen Leuten angenehm sein dürfte.« Der Staatsrat sah Annemarien mit einem unangenehmen Blick von der Seite an und hüstelte leise, nicht ohne die Fingerspitzen manierlich vor den Mund zu halten. »Worüber bist du orientiert?« »Über die Abenteuer der Baronin Bökh in den letzten Jahren.« »Ach so; ja natürlich! Offiziell existiere ich nicht mehr für euch; aber um das Klatschbedürfnis der lieben Familie zu befriedigen, bin ich immer noch gut genug.« »Schweig!« rief der Staatsrat und richtete sich hoch auf. »Wer ist dran schuld, daß solcher Schmutz in den reinen Frieden meines Hauses dringen darf?! Wer ist dran schuld, daß ich vor der Zeit ein alter Mann geworden bin? Du ganz allein! Und du wagst es ...?« »Ich weiß, daß du darunter gelitten hast! Und es gäbe ja auch keine Gerechtigkeit mehr ...! Womit einer sündigt, damit wird er gestraft.« »Natürlich! Das dachte ich mir doch! Ich bin ja an allem schuld! Selbstverständlich! Wenn meine Haare heute weiß sind, haben die Sorgen um dich sie gebleicht! Aber du machst mir Vorwürfe!« »Sorgen um mich! Was aus mir wurde, war dir immer gleich; nur vor dem Skandal hast du dich gefürchtet.« Der Staatsrat hatte sichtlich nicht erwartet, daß sie zum Angriff übergehen würde. Er sah sie mit bösen Augen an, aber sein Blick war unsicher, und seine Hände erhoben sich unwillkürlich und ordneten tastend an der weißen Krawatte. Dann auf einmal sagte er, zitternd vor Zorn: »Ich werde mich nicht mit dir zanken. Kommen wir zur Sache!« »Schön! Also, was willst du hier?« »Das fragst du? Hast du dich nicht schriftlich verpflichtet, unsre Provinzen nicht mehr zu betreten?« »Ja.« »Wie kommst du also hierher?« »Ich werde meine Gründe gehabt haben.« »Ich werde dich zwingen, unsern Kontrakt einzuhalten.« »Ja, verklag' mich doch!« »Das hab' ich nicht nötig. – Ich habe, Gott sei Dank, meine Beziehungen; und mein Einfluß reicht weit genug, um das durchzusetzen, was ich durchsetzen will. – Merk' du dir das auch, Thomas!« Thomas, der zum Fenster hinausgesehen hatte, wendete den Kopf. »Ich?« fragte er erstaunt. »Ja, ihr beide!« »Da bin ich doch gespannt,« sagte Thomas ein bißchen spöttisch und wendete sich wieder zum Fenster. Trübselig rieselte draußen der Regen und fiel gleich einem zerfetzten Schleier vom Rande des Binsendaches in die Rinne, die seine Vorgänger seit vielen Jahren in den Sandboden geschlagen hatten. Thomas trommelte kaum hörbar an die Scheiben und horchte dabei aufmerksam auf das Gespräch hinter seinem Rücken. »Ich werde diesen Skandal nicht dulden, verlaßt euch drauf,« rief der Hofrat hitzig. »Jetzt weiß, Gott sei Dank, noch kein Mensch davon. Aber in vierzehn Tagen ist ganz Riga hier am Strande ... Und ihr glaubt wirklich, daß ich ...? Zaun an Zaun mit meinem Höfchen? – Das glaubt nur ja nicht!« »Ja, was glaubst du denn eigentlich?« »Lächerlich! Ich möchte wirklich wissen, wem ihr einreden wollt ...?« »Du, mit deiner reinen Phantasie, kannst dir natürlich nicht vorstellen, daß zwei Menschen unter einem Dache leben können ...« »Bitte, mißversteh mich nicht ... Es ist mir ganz egal, was hier vorgeht. Du weißt, daß ich dich nicht mehr als meine Tochter betrachte. Tu, was du willst!« »Als was du mich betrachtest, ist sehr gleichgültig. Leider nur lassen sich Tatsachen nicht aus der Welt schaffen.« »Eine Frau, die wegen Gattenmord in Untersuchung war, ist meine Tochter nicht mehr.« Thomas drehte sich um und rief: »Erstens war Annemarie nicht wegen Gattenmord in Untersuchung, und zweitens ist sie ja freigesprochen worden.« »Ich bin heute achtundsechzig und habe noch nie mit dem Gericht zu tun gehabt, weder als Kläger, noch als Angeklagter, noch als Zeuge!« »Eine kolossale Leistung!« lachte Thomas grimmig auf. »Das ist gerade bei einem Arzte doch wirklich nicht mehr als Zufall.« »Zufall? – Nein, ich habe mein Leben lang das Bestreben gehabt, es nur mit anständigen Menschen zu tun zu haben.« »Und warum war ich in Untersuchung?« fragte Annemarie. »Wie oft bin ich zu euch gekommen und habe gesprochen und gebeten ...! Auf den Knieen hab' ich euch gebeten ...! Ich wollte mich scheiden lassen; wie oft! Und ihr ...?« »Eine Scheidung ist eine sehr ernste Sache. Damit spielt man nicht!« »Ich hätte mich also bis an mein Ende von diesem Trinker prügeln lassen sollen, weil er nun einmal mein Mann war?« »So schlimm wird's auch nicht gewesen sein. Waldemar war doch immerhin ein Edelmann ... Du tust ja, als wäre er ein Stallknecht gewesen.« »Einem Stallknecht hätt' ich das vielleicht eher verziehen.« »Allerdings ... Für das Dienstpersonal deines Mannes hast du ja immer ein Penchant gehabt.« »Onkel Albert!« fuhr Thomas auf, »mäßige dich, bitte!« »Laß ihn nur!« sagte Annemarie, »ich habe schon mehr heruntergeschluckt.« »Oder gehört ein Verwalter nicht zum Dienstpersonal?« fragte der Staatsrat höhnisch. »Täusch' dich nicht!« sagte Annemarie kalt. »Auch daran warst du schuld.« »Ja, natürlich. Das ist ja sehr leicht ... Auch, was du jetzt in diesen letzten fünf Jahren getrieben hast ... Alles meine Schuld, nicht wahr?« »Ja.« »Das hab' ich mir gedacht! Selbstverständlich! Eigentlich bin ich es, der den Namen Kerkhoven in den Schmutz gezogen hat.« »Ja. – Ich wollte in die Welt hinaus und mir mein Brot verdienen ...« »Du warst für den Anfang reichlich mit Mitteln versehen ... Und das müssen viele Frauen ...« »Hattest du mich dazu erzogen?« »Nein, das ist in unsern Kreisen nicht üblich. Und daß du in diese Situation kamst, ist doch nicht meine Schuld.« »Dann sag' mir doch, wer mich dazu gezwungen hat, Woldemar zu heiraten?« »Gezwungen?« »Oder wie nennt ihr das sonst? Ja, ich hab' schließlich eingewilligt, nachdem ihr mich wochenlang mit Gründen und weisen Reden bombardiert hattet. Ich hab' euch geglaubt. Ich war damals ja noch so dumm. Dank deiner Erziehung!« »So? Also meine schlechte Erziehung war schuld? Komisch, daß sie nur dir so schlecht bekommen ist; meine drei Söhne ...« »Die ...!« sagte Annemarie verächtlich. »Ja, du hast Grund, dich über Männer aufzuhalten, die alle in Amt und Würden sind und ihren Beruf erfüllen!« »Was war denn deine ganze Erziehung? Äußerliche Dressur nach den borniertesten Prinzipien! Nur keine Selbständigkeit aufkommen lassen! Einen möglichst dumm erhalten, um ihn nachher leichter verkaufen zu können!« »Jetzt hörst du auf!« schrie der Staatsrat. »Alles hat seine Grenzen! Verkaufen? Weise mir doch die Vorteile nach, die ich von deiner Verbindung mit Woldemar gehabt habe!« Annemarie wendete sich auf einmal hastig um und sah ihrem Vater voll ins Gesicht: »O,« sagte sie zitternd, »ich wünsch' dir, daß es dir nie bewußt wird, was du an mir getan hast! Du könntest ja keine ruhige Nacht mehr haben!« »Mach' dir um mich nur keine Sorgen! Ich hab' ein sehr gutes Gewissen.« »Vielleicht erkennst du es in deiner Todesstunde. Da sollen die Menschen ja hellsichtig werden.« »Laß doch die Theaterredensarten! – Mir machst du Vorwürfe? – Mach' sie lieber dem da!« – Der Staatsrat deutete mit dem Zeigefinger auf Thomasen. – Der hörte, daß er gemeint war, und drehte sich um: »Ich?« »Ja, du! Meine Tochter hatte in ihrem Elternhause immer nur das beste Beispiel vor Augen gehabt ...« »Ja, und ...?« »Wer hat ihr die schlechten Gedanken in den Kopf gesetzt? Du, mein lieber Thomas, bist ja überhaupt nicht erzogen worden ... Und was du aus ungesunden Romanen zusammengelesen hattest ...« »Sag' mal, was soll dieses unsinnige Gerede?« fragte Thomas. »Was willst du damit eigentlich sagen?« »Wenn du ihr keine romantischen Liebesgeschichten in den Kopf gesetzt hättest ...!« »Was soll das heißen?« rief Annemarie und starrte ihren Vater mit aufgerissenen Augen an. Ihre Lippen blieben halb geöffnet, und ihre Brust arbeitete heftig. »Jetzt sprich, bitte!« sagte Thomas sehr erregt zum Staatsrat. »Ich werde mich wahrhaftig nicht genieren!« erwiderte der scharf. »Du weißt es ja selbst ganz genau. – Hätte sich ein junges Mädchen mit der Erziehung sonst so weit vergessen, eine Liebelei mit einem grünen Jungen anzufangen, wie du einer warst?« »Das hast du gewußt!« rief Thomas. »Und hast nie ein Wort davon gesagt!« flüsterte Annemarie. »Was hätten Reden geholfen! Ich habe gehandelt.« »Und mich an Woldemar Bökh verheiratet!« »Das schreib' dir selber zu! Woldemar hatte schwere Charakterfehler, gewiß! Die ganze Sache ist vielleicht etwas übereilt zustande gekommen. Aber was sollte ich sonst tun? Dieser Ausweg bot sich gerade ... Und die Folgen sind dein Werk. Schreib' es dir selbst zu und Thomas! Ich wasche meine Hände in Unschuld.« Ein Schweigen folgte darauf, währenddessen nur Annemariens hastiger Atem hörbar war. Thomas setzte ein paarmal vergeblich zum Sprechen an, mit zornig geballten Fäusten ... Dann aber sagte er mit einer wegwerfenden Gebärde und hölzernem Auflachen: »Nein, werden wir nicht pathetisch! – Ja, ja, ja, ich glaub' dir schon. Du hast es natürlich gut gemeint. Ihr meint es ja immer gut. Dankt euerm Herrgott, daß er euch mit einem Brett vorm Kopf zur Welt kommen ließ, ihr guten Bürger!« »Bitte sehr, ich sehe in unserm guten Bürgerstand ...« »Die einzige Hoffnung für die Zukunft der Menschheit siehst du darin, ich weiß schon! – Ja, natürlich, für dich mußte diese junge Liebe Sünde sein! Was wißt ihr auch von Reinheit!« »Du bist wohl verrückt?« unterbrach ihn der Staatsrat grob. »Wo findet man heutzutage noch Reinheit ...?« »... als bei euch, nicht wahr? Ja, aller Schmutz hat sich in eure Gedanken geflüchtet! Ihr seid so rein, daß ... Ich weiß ja, wie ihr in euern guten Bürgerhäusern die Köpfe zusammensteckt und mit wollüstigem Grausen über alles tuschelt und klatscht, was nicht euern Stempel trägt; und mag es so rein sein wie die erste Liebe von zwei gesunden, unverdorbenen jungen Menschen!« Der Staatsrat lächelte überlegen. »Mein lieber Thomas, ich sehe, mit dir kann man darüber nicht diskutieren. Du scheinst mir heute noch auf einem recht grünen Standpunkt zu stehen. – Man verheiratet doch nicht zwei Leute mit zwanzig Jahren ...« »Warum nicht?« fragte Annemarie, die die ganze Zeit schweigend vor sich hingestarrt hatte, mit einer sonderbar abwesenden Stimme. »Weil man's nicht tut! – Und wenn wir's getan hätten ...? Ihr beide ...! Ihr habt ja eure Lebenstüchtigkeit so glänzend bewiesen, daß ihr zusammen erst das Wunderbarste erreicht hättet!« Thomas richtete sich auf und sagte, kalt abschneidend: »Willst du uns vielleicht jetzt sagen, was du hier eigentlich wünschest?« »Jawohl, kommen wir zur Sache! Es ist auch gescheiter.« »Also, bitte!« »Weswegen ich hier bin, könnt ihr euch doch wohl denken ...« »Ja, so weit kennen Wir dich. Aber präzisiere deine Wünsche, bitte!« »Dieser Skandal hier kann nicht so fortgehen!« sagte der Staatsrat scharf. »Was für ein Skandal?« »Ich nenne das Skandal! – Genug! Hört mich jetzt gefälligst erst ruhig an! Nämlich ... Ich glaube ... Ich will ... Meine Vorschläge sind für euch durchaus annehmbar ... Ich bin bereit, Opfer zu bringen ...« »Aha, für den Namen ...?« »... Opfer, die eigentlich größer sind, als ich meinen andern Kindern gegenüber verantworten kann ...« »Also Geld, wenn ich recht verstehe,« sagte Thomas. Der Staatsrat zog zwei in grünen Kaliko geheftete Büchlein aus seiner Brusttasche und legte sie auf den Tisch. »Dies sind zunächst mal eure Pässe,« sagte er kühl. »Pässe?« rief Annemarie und sah ihren Vater gespannt an, was dieser mit einem befriedigten Lächeln bemerkte, während Thomas ihr zuwinkte, sie möchte schweigen. »Jawohl,« erläuterte der Staatsrat, »Reisepässe nach Amerika.« Thomas lachte auf: »Du entwickelst ja eine wahrhaft Bret-Hartische Phantasie!« »Ja, aber, Thomas ... Papa ...,« wollte Annemarie anfangen, Thomas jedoch schnitt ihr das Wort ab: »Nein, warte, Annemarie! Laß deinen Vater sich doch erst näher erklären!« Der Staatsrat zeigte ein befriedigtes Lächeln und fuhr fort: »Ich verlange nur, daß ihr nach Amerika auswandert, und biete euch dagegen folgendes: Erstens erhält Annemarie von mir dreitausend Rubel in einem Scheck auf Newyork. Zweitens kaufe ich dir, Thomas, die von meiner Schwester Leocadie ererbten Industriepapiere ab. Sie sind momentan schwer veräußerlich; du würdest von andrer Seite höchstens dreiundzwanzigtausend Rubel dafür erhalten. Ich gebe dir dreißig Mille dafür, gleichfalls in einem Scheck auf Newyork. Ferner besitzest du noch dieses Haus mit der halben Lofstelle Grund. Es ist so gut wie unverkäuflich bei den heutigen Zeiten. Ich kann es gut zur Vergrößerung meines Höfchens brauchen. – Die alte Kiffe hier würde ich natürlich abreißen. – Ich biete dir den – wie jeder Sachverständige dir bestätigen wird – ganz außerordentlich hohen Preis von sechstausend Rubeln dafür, fünf Mille davon gleichfalls in einem Scheck auf Newyork. Den Rest von eintausend Rubeln würde ich dir bar ausbezahlen, damit ihr auf der Reise für alle Eventualitäten vorgesehen seid ...« »Ich danke dir recht schön,« lächelte Thomas sarkastisch. »Ferner bezahle ich euch die Überfahrt von Hamburg nach Newyork, zweiter Kajüte, wie es euern Verhältnissen angemessen ist. – Ich denke, so etwas wird euch zum zweitenmal nicht geboten. Ihr könnt es ruhig annehmen. – Ihr braucht euch zu nichts weiter zu verpflichten. Denn wenn ihr drüben was erreicht – und die Mittel dazu habt ihr reichlich – dann bleibt ihr sowieso drüben; und macht ihr's wie früher und verquackelt ihr euer Geld wieder, dann ist ja dafür gesorgt, daß euch die Möglichkeit zur Rückkehr abgeschnitten ist.« Thomas hatte seinen Onkel ruhig aussprechen lassen, und sein Gesicht war dabei immer heiterer geworden. Als der Staatsrat jetzt seine Augen fragend von ihm zu Annemarien schweifen ließ, sagte er: »Lieber Onkel Albert, ich gestehe gern, daß deine Pläne ungemein sinnreich und menschenfreundlich ausgedacht sind ... Aber du wirst dein Höfchen bis auf weitres nicht vergrößern können, so gern ich dir gefällig wäre.« Annemarie fiel hastig ein: »Ja aber, Thomas, ich ...!« »Nein, Annemarie!« sagte Thomas eindringlich. »Sag' jetzt nichts! Ich bitte dich darum!« »Aber ...« »Nein, Annemarie! – Außerdem braucht die Sache ja nicht heute entschieden zu werden ...« Wieder streifte der Staatsrat seine Tochter mit einem befriedigten Blick und antwortete Thomasen: »Durchaus nicht. Das Schiff nach Lübeck, mit dem ihr reisen sollt, geht Sonnabend früh. Bis Freitag vormittag könnt ihr euch die Sache überlegen. Annemarie scheint ja nicht abgeneigt zu sein ... Und du, lieber Thomas ...« Annemarie trat einen Schritt vor: »Papa, du siehst die Sache ...« Thomas ging auf sie zu: »Annemarie, es muß ja doch nicht übers Knie gebrochen werden! Du hörst ja: du hast Bedenkzeit bis Freitag früh!« Sie sah ihn erstaunt an, verstummte aber vor seinem Blick. Der Staatsrat sagte: »Du, Thomas, scheinst mir nicht zu wollen? – Ich hoffe dringend, daß du dir das noch überlegst! Vergiß auch nicht, was ich dir heute schon einmal gesagt habe: Mein Einfluß hier ist doch nicht zu unterschätzen. Ich könnte dir sehr unbequem werden ...« »Laß doch diese düstern Drohungen! Ich möchte wirklich wissen, wovor ich mich zu fürchten brauchte.« »Na, sehen wir davon ab!« Der Staatsrat maß Annemarien mit einem lächelnden Blick und sah dann wieder Thomasen an. »Ich bin überzeugt, daß du dir's noch überlegst. Ich erwarte euch also Freitag früh um elf Uhr bei meinem alten Freunde, Notarius publicus Praetorius in der Kalkstraße. Es wird alles vorbereitet sein. Ihr braucht nur zu unterschreiben. Also: Freitag um elf! Auf Wiedersehen!« Damit ging er. In der Tür sah er sich noch einmal mit einem schlauen Lächeln nach Annemarien um, die regungslos dastand und ihm den Rücken zeigte. – Sie hörten ihn draußen mit Scharren und Klopfen seine Galoschen anziehen und den Regenschirm aufspannen. Endlich fiel die Zauntür mit einem hölzernen Schlage zu. Im Zimmer lag auf einmal eine große, fühlbare Stille, in der das einförmige Trommeln des Regens aus dem Pappdache der Veranda eine drohende Stimme gewann, die zu wachsen und zu schwellen schien. Annemarie stieß einen Seufzer aus, und es war, als käme die ganze Luft des Zimmers davon ins Zittern. Sie fühlten beide, daß etwas Neues zwischen sie getreten war und heimliche Fäden von ihm zu ihr spann. Sie schoben das erste Wort hinaus und lauschten dem Singen des Regens. Wie eine Erlösung war es, als die Tür aufging und Lene hereinkam. »Was wollen Sie, Lene?« fragte Thomas gleichsam erwachend und zerstreut. »Ofen zumachen.« Die alte Magd schob mit dem Schürhaken die Kohlen ganz nach hinten auf einen Haufen, damit sie die Glut länger bewahrten. Dann schloß sie die beiden Türen und drehte den federnden Griff um. »Am Spelt komm ich nich an, Herr Thomas. Können Sie vielleicht zumachen?« Er ging hin, streckte den Arm in den Raum zwischen Ofen und Wand und schloß die Klappe zum Schornstein. Lene aber blieb noch stehen und wischte mit den Händen auf ihrer Schürze herum. »War Herr Staatsrat hier?« fragte sie schließlich möglichst unbefangen und faßte dabei den Papierkorb neben dem Schreibtisch ins Auge. »Woher wissen Sie das?« fragte Thomas hastig. – Lene wurde rot. »Ach, ich hab' gedacht ...« »Wie kommen Sie darauf?« »Wenn er so schreit ...!« stieß Lene trotzig hervor und wollte sich, seitwärts gehend, zur Tür hin drücken. »Halt!« rief Thomas. »Sie haben also gehorcht, Lene?« Annemarie wendete sich um und sagte mit ruhiger Stimme: »Dann haben Sie meinem Vater geschrieben, daß ich hier bin.« »Was brauch' ich schreiben? Was jeht das mir an?« entgegnete Lene beinahe grob. »Lassen Se mir in meine Kiche, Herr Thomas!« In ihrer Antwort lag ein trotziges Geständnis. »Lene, Lene!« sagte Thomas kopfschüttelnd und wollte noch nicht recht daran glauben. »Herr Thomas is viel zu gut,« stieß Lene ziemlich rätselhaft hervor. »Gegen mich wohl?« fragte Annemarie, empfindlich wie eine echte Frau. »Ich sag' nichts auf Ihnen, Frau Annemarie. Aber Herr Thomas hat hier so gutes Leben gehabt ... Und was wollen Sie hier?« »Lene!« warnte Thomas. »Ja, un getreimt hab' ich auch!« »Geträumt!« »Vorjestern is meine selje Frau an mein Bett jekommen – ganz grau hat se ausjesehn – und denn hat se jesagt: Lene, hat se jesagt, es kommt Unglick, und Sie missen helfen, Lene, hat se jesagt.« »Schweigen Sie doch von dem Unsinn!« fuhr Thomas ärgerlich auf. »Is kein Unsinn nich!« erwiderte Lene gekränkt. Thomas wollte etwas sagen, aber Annemarie wehrte ihm matt mit der Hand. »Ach laß doch! Sie meint es ja gut mit dir. Und ich ... Wer meint es denn mit mir überhaupt gut ...? Ich ... Ach, lassen wir es!« Lene sah mit großen Augen, in die langsam das Wasser trat, zu Annemarien hinüber: »Ich hab' ja nich ... ich hab' ja nich jewollt ...« stammelte sie auf einmal und begann zu schluchzen. Sie stieß noch hervor: »Nichts nich ...!« und lief hinaus, einen Schürzenzipfel an die Augen gedrückt. Thomas leitete irgend etwas, was er sagen wollte – was eigentlich, wußte er selber nicht genau – mit einer unbeholfenen Gebärde beider Hände ein, aber Annemarie nahm vor ihm das Wort: »Ach laß nur! Im Grunde hat sie ja recht, obschon ... Von ihrem Standpunkt haben sie ja alle recht ...« Sie schwieg einen Augenblick sinnend, dann fuhr sie in anderm Tone fort: »Es ist ja auch einerlei, ich hab' mir auch nie so besondere Mühe gegeben, den Leuten eine andre Meinung von mir beizubringen ... Nur dir gegenüber; aber ... Du kannst mir wirklich glauben: so wie ich mit dir gesprochen habe ... Es ist sonst gar nicht meine Art ...« »Tut es dir leid?« fragte er ein wenig erstaunt. »N–nein ... Ja! Ich weiß nicht ... Man hat manchmal das Bedürfnis, sich mitzuteilen ... Es ist ja auch einerlei.« Thomas sah sie mit einem forschenden Blick an und wußte nichts darauf zu sagen. Sie setzte sich in eine Ecke des Diwans, hinter den runden Tisch, stützte ihr Kinn in die Hand und starrte in die leise kochende Flamme der Lampe ... »Sag' mal, Thomas,« fragte sie dann plötzlich, »warum ...? Warum wolltest du, daß ich Papa nicht gleich heute Bescheid sagen sollte?« Er wand seinen Hals unbehaglich im Kragen und antwortete erst nach einigen Augenblicken, mit gleichsam tastender Stimme: »Es hat ja Zeit ... So wichtige Entscheidungen darf man auch nicht übers Knie brechen ...« »Ja, aber ... Und ... Und hast du denn nicht das Gefühl, daß du ... Daß ich dadurch gewissermaßen ... Daß Papa dadurch in seiner Meinung bestärkt werden mußte?« »Was für eine Meinung?« fragte er, obgleich er sie sofort verstand. »Ja ... daß hier zwischen uns Beziehungen beständen, die ... die in Wirklichkeit nicht bestehen ...« »Annemarie, verzeih mir,« bat er, »daran ... Ich hab' wirklich nicht daran gedacht!« »Das weiß ich ja, Thomas. Und schließlich ... Es ist ja auch einerlei.« – Thomas war in den Schatten getreten und wendete dort noch den Kopf von ihr weg. »Ja, aber gerade Amerika ...,« stammelte er, um das Gespräch abzulenken. »Amerika oder sonstwo ... Ich nehme Papas Angebot für meine Person an.« »Ja, aber Amerika ...,« sagte er noch einmal und trat zu ihr hin und legte seine Hand, ohne dessen bewußt zu werden, auf ihren Arm. Sie ergriff diese Hand mit leichtem Druck und ließ sie dann fallen. »Ja, kannst du denn Englisch?« rief er plötzlich aus seiner Verlegenheit heraus. »Leider nur wenig, aber ... Für die erste Zeit ist ja gesorgt, und ich lern's schon. Ach, ich werd' schon etwas finden. Und wenn ich Dienstmädchen werden müßte ...!« »Was sind das für romantische Ideen, Annemarie!« sagte er und ertappte seine Hand, wie sie sich schon wieder auf ihren Arm legen wollte. Er kreuzte die Arme hastig über der Brust. Ein unklarer, weicher Drang war in ihm, noch allerlei zu sagen, aber er schwieg. Auch sie blickte stumm in die Flamme. – Da wendete er sich schnell auf dem Absatz um und ging ein paarmal im Zimmer auf und nieder. Endlich machte er am Tische Halt und ergriff die Pässe, die der Staatsrat da hatte liegen lassen. Er schlug den einen auf und schaute hinein. In möglichst leichtem Tone sagte er dann: »Ach ja, ich bin ja erblicher Ehrenbürger! Daran hatte ich wirklich lange nicht gedacht. – Großartig ist er schon in seiner Art, dein Vater. Er bringt gleich die Pässe mit! Er zweifelt gar nicht daran, daß er erreicht, was er will. – Eigentlich sind solche Menschen doch glücklich ...« »Ich weiß nicht ...« sagte Annemarie nachdenklich. »Er sieht überhaupt keine Hindernisse. Als ob er Scheuklappen anhätte ... Na ja, das gehört wohl dazu, damit einer den Mut hat, für andre Leute Schicksal zu spielen ...« So war Thomas denn auf dem Punkt angelangt, um den sie beide die ganze Zeit herumgegangen waren. Annemarie nickte leise und stieß einen Seufzer hervor. Er trat wieder zu ihr und stützte die Hände auf die Armlehne des Diwans. »Annemarie!« flüsterte er in gleichem, singendem Tonfall, »so hat er für uns Schicksal gespielt. – Wie anders hätte alles kommen können ...« Sie wand sich leise auf ihrem Platze und erwiderte matt: »Ach ja ... Was hat's für einen Zweck, darüber nachzudenken!« Da riß es sich aus einmal aus ihm los: »Annemarie!« Er faßte ihre Hand mit seinen beiden Händen und sank zu ihren Füßen hin. Sein Gesicht bettete er auf ihre Knie und schlang seine Arme um ihren Leib. »Annemarie!« Sie saß wie versteinert; ihre Augen starrten, ohne zu sehen, geradeaus und füllten sich langsam mit Tränen. Sacht legte sie ihre Hand auf seinen Kopf, und ihre Finger begannen hastig in seinem Haar zu spielen. Er ergriff diese Hand und begann sie mit Küssen zu bedecken. »Annemarie!« flüsterte er dabei immer wieder mit trocknen Lippen und sah zu ihr hinauf. Auf einmal ging ein schiefes Zucken über ihr Gesicht. Sie drängte Thomasen von sich fort, heftig beinahe. Dann stand sie auf, trat mitten ins Zimmer, tupfte sich mit dem Taschentuche die Tränen fort, schüttelte ihren Rock zurecht und glättete sich die Haare. »Annemarie!« stammelte er leise, in bittendem und erstauntem Tone. »Nein!« sagte sie mit einem kühl ironischen Blick auf ihn; aber in ihrer Stimme klang ein Schmerz mit: »Nein, du täuschest dich doch in mir.« »Annemarie, wie kannst du nur so ...!« »Ich sag' dir ja, du täuschest dich in mir.« Ein Klappern von Gläsern und Tellern kündete Lenens Eintritt an. Thomas warf Annemarien einen gekränkten Blick zu und ging an den Ofen, wo er so tat, als wärme er sich die Hände. Annemarie stellte sich an die Balkontür und blickte ins Dunkel hinaus. Lene setzte das Teebrett mit dem Geschirr auf einen Stuhl. Ihr Gesicht war rot und geschwollen vom Weinen. Schüchtern trat sie auf Annemarien zu und sagte: »Frau Annemarie, sein Se nich beese auf mir. Ich hab' dumm jemacht. Ich hätt' schon verninftiger auch sein kennen, alte Person! Wenn man grade klug sein will und will recht gut machen, denn zeigt einem lieber Gott, wie dumm man is. Sein Se nich traurig, Frau Annemarie, ich kann nich aushalten, wenn ich schuld bin!« Sie ergriff Annemariens Arm und küßte den Ärmel. Der aber war es, als spräche Lene von einer längst vergessenen Sache; und sie erwiderte müde: »Lassen Sie nur gut sein, Lene! Es ist ja nichts dabei.« »Sehn Se, Frau Annemarie, was gehn uns die Leute an! Ich bin ja so dumm! Wenn lieber Gott will, wird schon alles gut jehn. Ich will auch beten, Frau Annemarie. Wenn lieber Gott nich jewollt hätte, daß Sie bei uns kommen sollen, dann hätte er Ihnen nich herkommen lassen. – Un ich hab' jeglaubt ... Un so dumm! Und Herr Staatsrat is doch gegen mir auch immer so beese jewesen ... Aber ich ...! Sein Se nich beese aus mir, Frau Annemarie, und Sie auch nich, Herr Thomas ... Un wenn die andern kommen, is die Lene auch noch da ... Wir halten zusammen, und was kann Herr Staatsrat machen! Was kann da sein! Was jehen uns die Leite an! – Un Sparjeln hab ich auch jekocht!« verkündete Lene triumphierend als Schlußeffekt, als böte sie damit der ganzen Welt Trotz. Annemarie mußte unwillkürlich auflachen, und Lene fing auch zu lachen an. »Wenn Frau Annemarie lacht, is schon gut,« sagte sie. »Und jetzt jeh ich heraußer und mach die Laden zu. Kennen Sie zuschrauben, Herr Thomas?« * Thomas ging von Fenster zu Fenster und schraubte die Laden zu, die Lene von außen andrückte. Die ausgeschnittenen Herzen standen kohlschwarz auf den gelben Brettern. Und wie so ein Fenster nach dem andern verbarrikadiert wurde, war es den beiden, als richte sich eine Mauer hinter der andern auf, zwischen ihnen und der Welt da draußen, als schließe sich ihr Schicksal mit ihnen ein in eine tiefe, schwüle, süße, unentrinnbare Einsamkeit ... Aber sie gingen und sprachen mit geheuchelter Blindheit aneinander und an ihrem Schicksal vorüber. Jahre waren weggewischt aus ihrem Leben; wie mit zwanzig waren sie wieder und gefielen sich in der koketten Selbstquälerei, in dem hoffenden Schmollen sehr junger Liebesleute. Und ihr Schicksal stand mit einem rätselhaft ruhigen Lächeln und stillen, zwingenden Augen aufrecht in einer Ecke des Zimmers und rührte sich nicht. Hatte es diese beiden Menschen doch hinter zehnfache Mauern verschlossen, um die noch die Nacht unablässig ihre heimlichen Netze wob ... * Der Abend wurde nicht sehr gemütlich. Thomas zeigte, daß er verstimmt war, und trug eine ironische Einsilbigkeit zur Schau; Annemarie wiederum war von einer fahrigen Beredtheit, die ihre Gegenstände von überall her holte und nur das sorgfältig mied, woran sie beide dachten. Am meisten wurde von August gesprochen. Dabei suchten sie sich innerlich einzureden, daß sie seine Heimkehr aus der Stadt herbeisehnten, damit sie diesem schwülen Alleinsein ein Ende mache. Sie gestanden sich nicht, daß ihre Gefühle heimlich auf das Gegenteil ausgingen und drängend von etwas sprachen, was geschehen müßte, bevor dieser dritte wieder bei ihnen wäre. – Aber es geschah nichts, und sie empfanden gleichzeitig die feige Erleichterung des Aufschubs und das gepreßte Bedauern um die versäumte Stunde, als Thomas nach der Uhr sah und sagte, es wäre halb elf, der Regen schiene nachgelassen zu haben; ob sie nicht Lust hätte, August vom Bahnhof abzuholen? »Ja,« erwiderte sie schnell, »ich zieh meinen Regenmantel an. Man ist heute ja noch gar nicht an die Luft gekommen.« * Auf dem langen Bahnsteige herrschte ein mattes Halbdunkel. Die vereinzelten Petroleumlaternen warfen ein machtloses Licht und beleuchteten eigentlich immer nur ein Stückchen der Holzwand, an der sie hingen. Thomas und Annemarie blieben einen Augenblick vor dem Fenster des Telegraphenzimmers stehen und schauten hinein. Es lag verlassen im dämmerigen Lichte der Lampe, die einen grünen Schirm trug: nur der Tisch mit dem Apparate empfing ihr Licht; rötliches Messing glänzte proper und gemütlich. Sie gingen weiter und blickten in den öden Wartesaal erster Klasse hinein. Der Stationsassistent mit seiner roten Mütze und der Telegraphist standen am Büfett und unterhielten sich mit Herrn Ohsoling. Thomas sah nach der Uhr und deutete mit dem Kopfe durchs Fenster. »Gehen wir ein bißchen hinein? Wir haben noch gut eine Viertelstunde?« »Nein, bleiben wir draußen!« entgegnete Annemarie. »Da drin sieht es ja noch ungemütlicher aus.« Sie gingen langsam bis an das Ende des Perrons, wo es ganz dunkel war. Dann drehten sie um. Als sie sich wieder dem Fenster des Telegraphenzimmers näherten, vernahmen sie das hastige Klopfen des Apparates. Thomas schaute hinein. »Der Apparat ruft B–L–D–R,« sagte er zu Annemarien, »das bedeutet Bilderlingshof. Und der Room, der Telegraphist, ist am Büfett. Ich wills ihm mal sagen!« Er holte den Mann und stellte sich dann wieder neben Annemarien ans Fenster. Der Beamte zündete sich drinnen noch in aller Ruhe eine Zigarette an; dann griff er nach dem Taster und antwortete. Thomas und Annemarie gingen weiter. Nach zwei Minuten etwa kam der Telegraphist und übergab Thomasen ein noch nicht zusammengefaltetes Telegrammformular: »Für Ihnen, Herr Kerkhoven!« Ein freudiger Schreck durchzuckte Thomasen. Er trat unter eine Laterne und entzifferte mühsam die langen, dünnen Bleistiftzüge. »Was ists?« fragte Annemarie mit unsichrer Stimme. Er las: »Stürmischer, glänzender Erfolg. Sieben Lorbeerkränze. Verpflichtungen gegen alte Freunde machen. Kommen unmöglich. Plätze für morgen besorgt. Kommt unbedingt. Gruß. August.« * Sie gingen heim, Arm in Arm unter dem Regenschirm, dem tastenden Schein der Laterne folgend, schweigsam beide. Sie brauchten sich nichts mehr zu sagen, sie wußten: zu Hause in der dunkelsten Ecke des warmen Wohnzimmers stand ihr Schicksal und wartete auf sie. In gleichem, beflügeltem Takt schlugen ihre Herzen, ging ihr Atem durch leicht geöffnete Lippen. Sie hatten sich ergeben in ihr Glück und alle Bedenken der Erfahrung, jede Sorge um den kommenden Tag schlafen geschickt. Als sie auf die Veranda traten, in den Schein, der durch die Glastür herausfiel, legte Thomas seinen Arm um ihren Leib, zog sie an sich und drückte seinen Mund auf ihren. Und sie nahm den Kuß, den Kopf in den Nacken gelegt, mit gesenkten Lidern. Da war kein Fragen und kein Wehren; es war alles selbstverständlich. Annemarie machte sich leise und zärtlich frei: »Gleich, Thomas,« sagte sie lächelnd und mit einer sehr klaren Stimme, in der keine Befangenheit war, »ich bin ja naß bis auf die Haut. Ich zieh mich um, ganz schnell, und bin gleich wieder da.« Sie blieb lange fort. Thomas sehnte sich nach ihr, genoß aber dabei das Gefühl ihrer Nähe; so war es eine beglückende Sehnsucht ohne Unruhe. Als er sie am wenigsten erwartete, stand sie auf einmal in der offnen Tür und sah ihn mit glänzenden Augen an, nun doch in einem süßen Erröten. Sie trug ein weich fallendes Morgenkleid aus weißer Wolle, mit türkisch bunten Kaschmirstreifen besetzt. Die weiten, spitz hängenden Ärmel verhüllten ihre Arme nur bis zum Ellbogen, der Hals hob sich frei und erschien fast zu schlank für den Kopf mit der schweren Fülle der Haare, die sie tief im Nacken zu einem Knoten zusammengerafft hatte. »Da bin ich!« sagte sie und lächelte dazu. Und dann, da er in scheuer Andacht stand und sich nicht rührte: »Du mußt mich nicht so ansehn.« Sie ging auf ihn zu, legte die gefalteten Hände auf seine Schulter und reichte ihm ihre Lippen. Da riß er sie an sich, daß ihr Leib sich unter seiner Gewalt bog, und küßte sie. Ein Rauschen war in ihren Ohren, als schwelle ein Meer über ihre Köpfe empor. »Endlich, endlich!« flüsterte Thomas. »Thomas!« sagte sie mit schwankender Stimme und drückte seine Hand fest und innig. Dann ging sie zum Diwan und führte ihn an der Hand hinter sich her. Sie saßen nebeneinander, zusammengeschmiegt. Sie trug kein Schmuckstück. Alles hatte sie abgelegt, was an den andern hätte erinnern können, von dem sie gekommen war. Dieser Gedanke schlug plötzlich in Thomasens Seele. Die andern ...! Seine Hände, die unter ihren weiten Ärmeln die kühl elastischen Arme hinaufgeglitten waren, krampften sich in jähem Zorn zusammen, daß sie aufschrie: »Thomas, du tust mir weh!« Er ließ mit dem Druck ein wenig nach und starrte ins Leere. Eine fliegende Hitze jagte über seine Haut, das Blut strömte ihm gleichsam in die Augen, daß es dunkel wurde im Zimmer. Die weißen, feierlich wallenden Flammen seiner Liebe wurden düsterrot ... Annemariens Arme, von denen die Ärmel zurückgeglitten waren, preßten sich um seinen Hals. Sie hatte ihren Kopf tief in den Nacken gebogen und sah ihn unter gesenkten Lidern hervor an; ihre Zähne glänzten, ein weißer Streifen, hungrig zwischen den Lippen ... In der dunkelsten Ecke des Zimmers stand unbeweglich ihr Schicksal. Die wilden Flammen spiegelten sich in seinen Augen als zwei helle, ruhig leuchtende Sterne. Und die stammelnden Schreie der Leidenschaft hörte es zusammenklingen mit der großen Melodie der aus sich selbst tönenden, kreisenden Welten. – Das Schicksal sieht und hört mehr als die Menschen und weiß immer das Ganze ... * Thomas erwachte aus einem bleischweren Schlafe und setzte sich im Bett auf. Seine Augen starrten verwundert umher, als wäre er noch im Traume, und erst allmählich sonderte seine Erinnerung heraus, was Wirklichkeit gewesen war. In der Espe vor dem Fenster zeterten ein paar Spatzen eifrig und voll naiver Wichtigtuerei. Der Sonnenschein kam anders ins Fenster geflossen, als sonst bei Thomasens Erwachen: das goldne Bild des Fensters mit dem schwarzen Kreuze darin stand nicht, zur Raute verschoben, an der Wand, sondern lag, in die Länge gezerrt, auf den weiß gescheuerten Dielen. Thomas stützte sich auf den Ellbogen und sah nach der Uhr auf dem Nachttisch. Seine Brauen hoben sich ungläubig, dann hielt er sie ans Ohr. Natürlich hatte er sie aufzuziehen vergessen. Er lächelte, und auf einmal wurde es ganz hell und ganz still in ihm. Er schlang die Arme um seine heraufgezognen Beine, stützte das Kinn auf die Knie und schaute auf das Waffelmuster seiner Pikeedecke, dessen Linien er verfolgte, ohne sich dessen bewußt zu werden. Denn eigentlich sah er ganz andre Dinge, kleine und feine Dinge: den Tonfall eines Wortes, die Linie einer Gebärde, alle die kleinen, köstlichen Überraschungen, die ihm wie hundert Goldproben erschienen: Proben auf den Persönlichkeitsgehalt der Geliebten. Da war nichts gewesen, was ihn gestört hätte. Jeder dieser feinen Striche fügte sich glücklich in das Bild eines runden, ganzen Menschen ... Junge, dachte Thomas, du bist halt verliebt! Sonst hättest du vielleicht auch philisterhaft herumzukritteln an ihr. – Na ja, und wenn schon ...! Sind wir nicht alle kalt- und engherzige Philister den andern gegenüber, wo wir nicht lieben? – Sein wir froh, daß wir verliebt sind! Und er bekam eine so heftige Sehnsucht nach ihr, daß er mit beiden Füßen zugleich aus dem Bette sprang. Der Kaffeetisch war heute auf der Veranda gedeckt. Annemarie saß träumend in einem der großen Korbstühle, in ihrer Haltung eine glückliche Hingebung. Sie trug dasselbe leichte Morgenkleid, und ihr Haar lag in demselben schweren Knoten wie heute nacht, als sie zu ihm gekommen war, bräutlich errötend. Jetzt glich sie einer ganz jungen Frau, die in träumender Würde neue Geheimnisse trägt, einer der seltnen jungen Frauen, denen sich die Liebe als heiliges Mysterium enthüllt hat, und nicht als ein brutaler, tierischer Akt. Sie hatte Thomasen nicht kommen hören, er stand in der Tür und sah sie an, trotz seiner Sehnsucht zaudernd, wie ein Kind, das die Freude der Erwartung länger genießen möchte. Da fühlte sie plötzlich, daß er da war, und blickte auf. »Endlich, Langschläfer!« drohte sie und ging ihm leicht und selbstverständlich entgegen und reichte ihm ihre Lippen. »Annemarie!« sagte er mit einer Stimme, in der freudige Rührung schwoll, und zog sie an sich. Sie sagte: »Frechheit, mich so lange warten zu lassen! Die Lene hat den Kaffee warm gestellt. Ich hol ihn.« »Nein!« bat er. »Es hat ja keine Eile.« Sie war schon an der Tür und rief zurück: »Nein, nur von Luft und Liebe leben, das führen wir doch nicht ein. Und wenn du willst ... Ich bin ein gewöhnlicher Erdenmensch und habe auch noch nichts genossen.« Damit lief sie davon und kam mit der Kaffeekanne wieder. »Heute soll es dir mal gut gehn,« sagte sie, »ich schmiere dir höchsteigenhändig dein Rundstück.« Er faßte ihre Hände, daß sie das Brötchen und das Messer fallen lassen mußte, und zog sie wieder an sich. »Nun?« fragte er leise an ihrem Ohr, »willst du noch nach Amerika?« »Esel!« lachte sie und gab ihm einen Kuß. Da trat Lene aus der Tür und prallte förmlich zurück. »Sie haben den Schmand vergessen, Frau Annemarie,« sagte sie verdrossen und stellte die Kanne auf den Tisch. »Ja, Lene,« sagte Annemarie lächelnd, »nun gibt es kein Heimlichtun mehr, Sie haben das Entsetzliche gesehen.« »Ich seh nichts nich, was mir nichts anjeht,« war die brummige Antwort. Annemarie wendete sich munter an Thomasen: »Lene hat so was ... Sie vertritt bei uns die Schwiegermutter.« Lene sagte hastig: »Schwiejermutter is Deiwel sein Unterfutter. Ich weiß schon, was Frau Annemarie meint.« »O nein, das meine ich aber gar nicht. Na, Lene, machen Sie kein so böses Gesicht.« »Ich bin nich beese. – Ich sag nur, ich bin nich schuld.« »Das wissen wir schon, Lene,« beruhigte sie Thomas. »Ich hab jesagt, es paßt sich nich. Und jetzt glaub ich, wird Frau Annemarie selbst lieber bei Bulowski ziehn. Denn das wissen Sie auch: ein Brautpaar in ein Haus, das paßt sich nich. Das weiß jeder! Nu kennen Sie machen, was Sie wollen!« Damit ging sie. »Ja, es ist ein höchst unpassender Zustand,« sagte Annemarie und schenkte Kaffee ein, »aber das ist nun mal nicht anders. – Wieviel Zucker?« »Zwei, bitte. – Ja, aber machen wir dem unpassenden Zustand doch so bald wie möglich ein Ende!« »Na?« fragte sie, »ist die Angst vor Lene so groß?« »Nein, Annemarie,« er streckte ihr die Hand hin, »aber wir haben doch wirklich lange genug gewartet ...« »Das ist ja nun vorbei!« »Nein, Annemarie, ich meine ... Es ist so ein schöner Tag ... Machen wir einen Spaziergang am Meer, nach Dubbeln ...! Zurück können wir ja mit der Bahn fahren ...« »Dubbeln?« »Ja, bestellen wir gleich heute das Aufgebot, denn ...« »Aufgebot?« »Na ja, worauf warten wir denn?« Annemarie machte ein ernstes Gesicht. »Heiraten willst du mich? – Thomas, wozu brauchen wir das? Siehst du, du ...« »Aber das ist doch so selbstverständlich ... Wenn wir uns lieb haben ...« »... müssen wir uns gleich heiraten? – Wozu denn, Thomas? Wegen der Leute?« »Ach, die Leute ...!« Er machte eine wegwerfende Handbewegung. »Und für uns ...? Wozu brauchen wir das? Müssen wir uns denn binden?« Thomas erwiderte in leicht gekränktem Tone: »Du riskierst es mit mir wohl nicht gern?« »Liebster, sei jetzt doch nicht kindisch!« »Du glaubst also nicht an die Dauer deiner Gefühle?« »Ach,« wehrte sie mit einem Schatten von Ungeduld ab. »Es soll also gleich wieder aus sein?« fragte er. »Gleich ...?« Sie lächelte sonderbar, versonnen und glücklich zugleich. »Nein, Thomas, so bald wirst du mich nicht los. Amerika läuft mir ja nicht davon. Ein paar Wochen – Monate – bleib ich schon. Solange es dauert, wollen wir glücklich sein.« »Kann es denn nicht für immer sein?« »Lieber Gott! Was ist denn für immer?« »Dann liebst du mich nicht genug! Dann kann es ja auch heute aus sein!« sagte er gekränkt. Sie sah zu ihm hinüber, mit zärtlichen Augen und freundlich ironisch verzognem Mund. »Ihr Männer ...! – ›Dann liebst du mich nicht genug!‹ Ach, Thomas, komisch seid ihr Männer doch! Eine gewisse Koketterie – was eine kluge Frau nur als Backfisch hat –, das behaltet ihr euer Leben lang. Große Kinder bleibt ihr immer.« Thomas lachte – denn er fand etwas Wahres in ihrer Bemerkung –, wurde aber gleich wieder ernst und sagte: »Aber warum willst du mich nicht heiraten?« »Warum ...? – Ja, wozu solls denn gut sein?« »Gut sein ...!« stieß er halb belustigt, halb verdrossen hervor. »Ja, gut sein! – Für wen heiratet man denn? Für sich oder für die Leute?« »Für sich und gegen die Leute. Heiraten heißt: einen Zaun um sein Glück bauen. Auf eine einsame Insel ziehen, heißt heiraten. Heiraten heißt, sich auf den Aristokraten in sich besinnen, das Interesse für Krethi und Plethi verlieren, sich beschränken, um weiter zu wirken, sich nicht mehr verlieren ans Leben, sondern Leben schaffen. – Ja, Annemarie, hast du denn gar nicht daran gedacht, daß wir Kinder haben könnten?« »Kinder?« sagte sie sinnend und weich und reichte ihm ihre Hand, die warm und hingebend war. »Ach, Thomas, – mein kleiner Junge damals ... Es war so ein elendes Kind, man mußte dankbar sein, daß es nicht lange lebte ... Und später ... Ich habe mir nie Kinder gewünscht, nie welche wünschen können und dürfen. Das weißt du ja. Und ich will aufrichtig sein: ich hab dabei nicht nur an die Kinder gedacht ... Ich wollte jung bleiben, und ...« »Und jetzt?« »Jetzt, Thomas, ist es ganz anders ... Aber ... Siehst du, wie sollt ich nicht wollen, was du willst, und ... Aber sprechen wir doch nicht von mir! Sprechen wir von dir! Siehst du: ich ...! Mein Leben ist einmal verpfuscht ... Aber du ... Du bist Künstler ...« »Ich wäre wirklich nicht sehr stolz, wenn bei mir der Künstler vor dem Menschen käme.« »Das sagst du heute, Thomas. Aber es bleibt auch nicht immer so. – Heute bist du frei und dein eigner Herr ... Ich will nicht deine Fessel werden. Wenn du für eine Frau sorgen mußt, und später vielleicht gar noch für Kinder ... Dann mußt du wieder ums Brot arbeiten.« »Annemarie, wie kannst du nur davon sprechen? Was ist denn dabei? Ich bin doch gesund, und alt bin ich auch noch nicht ... Was andre können, werd ich wohl auch noch können!« »Ach, Thomas, das denkst du dir so schön ... Aber wenn du erst drinsteckst ... Wer weiß, wie bald du mir grollen wirst, weil ich dich hineingetrieben habe! Und dann ... Das ist ja nicht alles ... Siehst du, meine Vergangenheit ... Ich kann sie nicht aus der Welt schaffen.« Thomas legte seine Hand auf die ihre. »Ja, glaubst du denn wirklich, daß ich ...? Ich müßte ja ...!« »Du müßtest kein Mann sein,« entgegnete sie mit leiser Bitterkeit. »Nein, Annemarie,« sagte er fest, »fürchte das nicht! Siehst du, ich will dir nichts vormachen ... Ja, deine Vergangenheit frißt in mir ... Heute ... Aber wenn du ganz mein bist, für immer ... Gerade dann ... Sieh: jeder Tag, an dem du mich liebst, zerreißt vor meinen Augen einen Faden, der dich an deine Vergangenheit bindet. Ungeschehen kann man nichts machen, aber man kann sich schließlich von allem frei machen, wenn man nur ...« Sie seufzte und schüttelte melancholisch den Kopf. »Das denkt man sich so schön in der Theorie, aber ... Und dann,« sagte sie plötzlich in verändertem Tone, »das läuft uns ja schließlich auch nicht fort ... Das können wir später ja noch immer ...« Thomas setzte sich neben sie auf das kleine Korbsofa und lehnte seinen Kopf an ihre Schulter. »Annemarie,« bat er, »sei gut und tu es. Siehst du, es quält mich ... Ich hab so ein Gefühl, als ob es für dich einen Verzicht bedeutete auf Hoffnungen ... Du hast eben noch ganz andre Dinge vom Leben erwartet, als so ein bescheidnes Dasein an meiner Seite.« Sie lächelte wehmütig. »Ach, lieber Gott, Thomas, wer träumt sich nicht allerlei zusammen? Wer hat nicht einmal auf einen Märchenprinzen gewartet?« »Ja, ein Märchenprinz bin ich nicht,« seufzte Thomas. Sie küßte ihn schnell. »Wie kannst du nur so dumm reden, Thomas! Ich weiß genau, wer ich bin, und wer du bist. Und ... Ich weiß leider auch, daß einem nichts geschenkt wird im Leben ... Nein, Thomas, ich bin viel, viel bescheidner geworden, als du glaubst! Ich ...! Ach, du lieber Gott! Aber du, siehst du ... Wenn ich doch auch ein Talent hätte, irgendeine Aufgabe ...! Eigentlich leben kann doch nur ein Künstler ...« »Meinst du?« lächelte er trübe. »Sieh mal, gerade wir Frauen ...! Die Männer haben doch wenigstens immer einen Beruf, ein ... Aber wir ... Die paar Jahre, wo man jung ist, vielleicht ... Aber dann ...? Was hat das ganze Leben für einen Sinn?« »Annemarie, ich liebe dich, und du liebst mich. Ist das nicht genug?« »Ja, wenn man verliebt ist. Heute! Und später ...?« »Warum fragst du danach, was morgen sein wird ...! – Man soll das Morgen nicht irgendwo draußen suchen; da ist es nicht zu finden. Im Heute liegt das Morgen; die Stunde trägt alle Zukunft im Schoße. – Nach einem Beruf sehnst du dich? Nach Werken? Beruf ist immer ein Notbehelf. Unsre Kinder, das sind die Werke, die nach uns bleiben. Und diese Werke sind nicht die Frucht der Arbeit, sie sind die Frucht der Lust. Das sagt alles! – Mit der Kunst ists nicht anders. Was wird zum Kunstwerk? – Die genossene oder die durchlittne Stunde. Voll genießen und tief leiden kann aber nur, wer sich der Stunde ganz gibt!« Annemarie legte den Arm um seinen Hals und zog seinen Kopf an sich. »Siehst du,« sagte sie, »da sagst du es ja selbst! – Die Stunde! Was hat das mit dem Heiraten zu tun! Das sind doch Fesseln für die Zukunft ...« »Hast du denn solche Angst vor den Fesseln?« »Nicht für mich, Thomas, aber für dich!« »Das laß nur meine Sorge sein!« entgegnete er heiter. »Und außerdem sinds keine Fesseln. – Im Gegenteil: eine Befreiung ists. Eine Befreiung von der Zukunft. Ich weiß nicht, ob du mich verstehst ... Wie ich das meine ...?« »Ja, daß dann die liebe Seele Ruh hat ...!« Thomas lachte. »Ja, ungefähr so. – Also, wie ists? Gehn wir nun zum Pastor?« »Wenn du willst, Thomas,« sagte sie schlicht, und er küßte sie sanft auf den Mund. Es war eine Stille über diese zwei Menschen gekommen, die atmend schwoll vom Glück der Gewißheit ... * Das Meer kam in lustiger Brandung ans Ufer gestürmt, als Thomas und Annemarie am Strande nach Dubbeln gingen, dort beim Pastor das Aufgebot zu bestellen. Sie sahen zu, wie der nasse Boden bei jedem Schritt um ihre Füße erblich, sie folgten mit den Augen den feinen Kurven aus Sand, die die einzelnen Wellen als Zeichen zurückließen, wie weit sie gekommen waren, bevor sie die heimliche Kraft der Unterströmung ins Meer zurückgezogen hatte ... Und Thomasens Gedanken formten sich zu Worten: »Wenn wir verheiratet sind ...!« sagte er. »Wir können es uns so gut einrichten ... Die erste Zeit ... Da werd ich allerdings nicht viel arbeiten ... Oder vielleicht ...! Nein, ich glaube doch nicht; und es ist auch besser ... Aber ich habe ja Zeit. Zwei bis drei Jahre bleiben wir ruhig hier ... Wir können uns das ja leisten und haben keine Eile ... Und dann werd ich eine ganze Anzahl Bilder beisammen haben, die sich sehen lassen können ... Und wenn ich sie dann draußen ausstelle, eine ganze Kollektion, dann müßte es doch mit dem Teufel zugehn ...!« »Ja, Thomas,« nickte sie, »ich bin überzeugt, deine Bilder werden Erfolg haben.« Er lachte. »Meine ungemalten Bilder! Ach Gott, das ist alles Zukunftsmusik! Na, schadet nichts! Und dann ziehen wir nach München, du kennst es ja noch gar nicht?« »Nein.« »Ach, Annemarie, wie dir München gefallen wird! Ich freu mich so, dir München zu zeigen. Das ist so recht die Stadt für dich.« Sie drückte seinen Arm an sich und sah mit großen Augen ins Leere: in fröhliche Zukunftsbilder hinein ... »Du mußt nicht glauben,« fuhr Thomas eifrig fort, »daß ich mich nur auf einen Erfolg meiner Bilder verlasse. Rechnen kann man mit so etwas nicht ...« »Das kannst du ruhig!« sagte sie zuversichtlich. »Na, das wird sich ja alles finden. Fürs erste bleiben wir ja noch lange hier.« Ein Schatten ging über ihr Gesicht. »Sag, Thomas ...! Müssen wir das eigentlich?« »Ja, hast du denn keine Lust dazu?« »Lust schon! Aber ...« Sie stockte einen Augenblick und sagte dann sehr schnell: »Wenn wir ganz weit fortgingen ... Irgendwohin, wo niemand uns kennt!« »Sieh, Annemarie, ich muß jetzt hierbleiben. In der Heimat, Annemarie, und in der Einsamkeit, mit dir allein. – Ist das zu viel verlangt, Annemarie?« »Ach Thomas, ich wünsch mir doch nichts, als was du willst ...« »Du wirst sehen, Annemarie ...! Lieber Gott, was können die Leute uns denn tun!« »Wie du willst, Thomas!« sagte sie leise, aber es klang ein Seufzer in ihrer Stimme mit, und sie blieb lange in ihren Gedanken und malte sich allerhand Demütigungen aus, die ihr hier nicht erspart bleiben würden ... Schließlich aber nahmen seine lichten Zukunftsträume auch sie ein. Ihre Sorgen schliefen ein, und der Strom seiner Worte trug sie mit sanftem Wiegen durch die Stunden ... * Thomas und Annemarie saßen beim Schein der Lampe auf der Veranda. Sie stickte an einer weißflanellnen Kinderwagendecke, und er las ihr die Kritiken der berliner Blätter über seine dortige Ausstellung vor, die ein großer Erfolg gewesen war. Von zehn Bildern waren sieben verkauft worden, und Thomasens Name hatte mit einem Schlage einen guten Klang durch ganz Deutschland. »Jetzt – das heißt, wenn das Kind da ist, und du bist wieder wohl –, jetzt könnten wir nach München ziehen,« sagte er schließlich. »Das tun wir nicht,« entgegnete sie und erhob sich und trat auf die oberste Stufe der Freitreppe und sah in die Nacht hinaus. »Wie ...?« fragte er überrascht. Aber sie hörte ihn nicht. Mit einem liebevollen Blick umfing er ihre schwerfällig mütterliche Gestalt; unwillkürlich zog es ihn an ihre Seite. »Nein, sieh den Himmel!« sagte sie. Er legte den Arm um ihre Schultern. So vereint, blickten sie durch die schwarze Augustnacht zu den Sternen hinauf, die zahllos waren, als hätte sich der Himmel zu einem Feste illuminiert. Häufig zogen Sternschnuppen schräge Feuerstriche in das flimmernde Muster. »Sieh, schon wieder eine ...! Und da wieder ...!« sagte Annemarie. »Heute kann man sich viel wünschen ...« »Was brauchen wir uns noch zu wünschen?« fragte er leise. – Sie schauerte zusammen, als würde ihr die Luft zu kühl. »Man weiß ja nie, wie es geht,« flüsterte sie bang. Er fand kein Wort, sie zu trösten. Er verstärkte nur leise den Druck seines Armes. Und nach einer Weile fragte er dann: »Du, Annemarie ...! Und was du vorhin sagtest ...? Daß du hier bleiben willst? Ist das dein Ernst?« »Ja, Thomas.« »Aber ich dachte ...« »Willst du denn fort?« »N–nein, Annemarie, ich ... Aber du ...!« »Ich nicht, Thomas! Nicht mehr ...« »Ist es dir denn hier nicht zu einsam geworden? Wolltest du denn nicht gern nach München?« »Ja, Thomas, manchmal ... Aber hier ...! Hier wird man besser ...« »Besser?« fragte er innig. »Ja, und für mich ist es besser. Sieh, ich fürchte mich vor München ... Vor mir selber ... Ich bin ... Leichtsinnig bin ich ... Und wenn ich wieder so in den Trubel komme ... Ich glaube, ich werde mitgerissen. – Was ist das?« fragte sie plötzlich und deutete da hinaus, wo kleine stumme Schatten unter der Sternendecke des Himmels in unruhigen Bahnen durch das Dunkel glitten. »Fledermäuse,« erwiderte Thomas und antwortete ihr dann: »Ja, aber ... Dann sehnst du dich heimlich doch hinaus. Du wirst hier keine Ruhe haben ...« »O ja, Thomas,« sagte sie fest. – »Siehst du, ich weiß ja, daß ich hinaus kann ... Wenn ich will, tust du es ja ... Du bist ja so gut ... Und klug ... Mit Güte kann man mich zu allem bringen.« »Ich will dich zu nichts bringen.« »Das ist es eben! Weil ich es freiwillig tu ...!« »Nun ja,« sagte Thomas, »und wenn du später willst ...« »Nein, Thomas, später erst recht nicht! Je länger wir hier sind ...! Ja, man wird besser hier.« »Besser ...?« »Ja, ich weiß nicht ... Und stolzer! Mancher wird sagen: eingebildeter. Je weniger man andre Leute sieht, desto ... Komisch kommen einem die Menschen vor ... Man fühlt sich ihnen so ... so überlegen!« »Ja. gewiß,« begann Thomas zaghaft und gegen seine Überzeugung; er hatte dabei das Gefühl, als versuche er sein Glück: »Aber ist es auch recht, sich so abzuschließen? Wird man nicht zum Sonderling dabei, zum ...« »Sonderling? – Das wäre noch nicht das Schlimmste! – Und dann: Sieh, Thomas, wir haben ja uns und ... und werden unser Kind haben ...« »Annemarie!« flüsterte er glücklich. »Ja, siehst du,« sagte sie, »wie du mich anders gemacht hast ...! Gerade, weil du nie versucht hast, mich zu beeinflussen. Wenn ich spreche, klingt es beinahe wie ein Echo auf deine Gedanken ...« Er küßte sie andächtig auf die Schläfe. Sie lehnte ihren Kopf an seine Schulter. »Und jetzt wollen wir schlafen gehen; es ist spät.« * Um zwei Uhr in der Nacht rief Annemarie nach Thomasen. »Du, Thomas,« sagte sie, als er wach geworden war, »ich glaube, es ist jetzt ... Ich glaube, du mußt Frau Käselau rufen lassen.« Und nun kamen schwere Stunden, bis endlich – das Bild des Fensters stand schon als goldne Raute an der Wand – ein kleines Menschenwesen neben Annemarien lag. »Lebt es, Frau Käselau?« fragte Annemarie matt. »Zu was soll es nich leben!« erwiderte die weise Frau mit ihrer tiefen, rauhen und doch beruhigenden Stimme. »Ein fixes Mädchen! Sicher neun Pfund schwer!« Und in demselben Augenblick ließ das kleine sonderbare Ding ein quarrendes Weinen ertönen. Während das Kind gebadet und in warme Tücher gehüllt wurde, saß Thomas neben Annemariens Bett und hielt ihre Hand, die sich mit schlaffem Druck um die seine rundete. Und dabei glaubte er noch das Gefühl davon in den Händen zu haben, wie sie sich daran festgekrampft hatte in ihren Nöten. An das Kind dachte er kaum; er sah nur sie, die da in den Kissen lag, unendlich matt und mit geschlossenen Augen, aber befreit und zufrieden und mütterlich stolz; zu schwach, um das alles zu denken, aber ganz hingenommen von diesen Gefühlen ... Frau Käselau hatte das Kind sorglich in seinen Korb gebettet und war gegangen, sich durch viel Kaffee nach ihren Strapazen zu erfrischen. Es war ganz still in dem Zimmer. Die Kleine schlief, und auch Annemarie war eingeschlafen. Draußen in der Espe vor dem Fenster zeterten die Spatzen so laut, daß Thomas nervös wurde und sie am liebsten angeherrscht hätte, sie sollten schweigen. Er selbst wagte sich nicht zu rühren und hielt Annemariens Hand, bis ihm der Arm ganz lahm geworden war. Da machte er sich vorsichtig frei und ging zu seinem Kinde hinüber. Das schlief friedlich, mit geballten Fäustchen. Ein Flor von dunkeln Löckchen bäumte sich auf dem kleinen Kopfe. Auf einmal öffnete die Kleine die Augen halb und fing unglücklich zu quarren an. Thomas schaute sich hilflos um; aber Annemarie war gleich erwacht. »Es hat Durst,« sagte sie, »nimm ein Tröpfchen Wasser auf einen Teelöffel und gib es ihm.« Er tat das mit großer Vorsicht und Weitläufigkeit; und die Kleine hörte zu schreien auf und schmatzte befriedigt. »Gib es mir ein bißchen herüber!« bat Annemarie. Thomas erwies sich dabei so ungeschickt, daß sie rief: »Nein, wie du dich dazu anstellst! Du brichst ihm noch den Kopf ab!« »Aber, Annemarie,« sagte er, als die Kleine glücklich in ihren Arm gebettet war, »meinst du nicht ...! Wenn du nun wieder einschläfst, erdrückst du es am Ende im Schlafe ...« »Ach, du bist ja dumm!« lächelte sie, zärtlich und überlegen zugleich. »Nein, sieh, was es für nette Locken hat. Und wie hübsch es schon ist!« »Und wie fühlst du dich denn?« fragte er. »Ausgezeichnet! – Aber du ... Du Armer hast ja kaum geschlafen ... Und gegessen hast du auch noch nichts ...« »Ich hab heute Nacht Kaffee getrunken ...« »Nein, geh hinunter, du mußt ein bißchen frühstücken. Wir schlafen jetzt sowieso ... Und dann legst du dich unten ein bißchen hin!« »Nein, schlafen kann ich jetzt nicht.« »Dann gehst du nachher ein bißchen an die Luft!« »Ja, das vielleicht ...!« erwiderte er. * Thomas ging, ohne sich weiter Rechenschaft darüber abzulegen, durch den Dünenwald an den Strand, als wäre das Meer sein bester Freund und müßte vor allen andern erfahren, daß er nun eine Tochter hatte. »Ein Sonntagskind!« sagte er auf einmal überrascht vor sich hin. – Daß heute Sonntag war, daran hatten er und Annemarie noch gar nicht gedacht; und das erfüllte ihn jetzt mit einem innerlichen Glanze. Die See ging in kräftiger Brandung, dunkel, mit weiß in der Sonne leuchtenden Gischtstreifen, brausend in scharfen Schlägen ... Thomas setzte sich in den trocknen, feinen Sand und schaute hinaus; und was er sah und hörte, lullte seine Gedanken ein. Es blieb nur ein freies Glücksgefühl in ihm, das sich keine Gründe suchte, sondern selbstverständlich war wie das Meer. In dem Bedürfnis, etwas zu halten und ihm dadurch Teil an seiner Freude zu geben, griff er mit beiden Händen in den Sand und hob die gefüllten Fäuste. Leise rinselten die winzigen Körner zwischen seinen Fingern hervor ... Er vergrößerte die Lücken und fühlte das Fließen des Sandes, und wie es langsam hohl wurde in seinen Fäusten; er griff nach neuem Vorrat und gefiel sich in diesem gedankenlosen Spiel. Und bald saß er nicht mehr, sondern lag ... Seine Augen umflorten sich wohlig ... Er war eingeschlafen. * Vor dem Erwachen kam ein schöner Traum zu ihm; oder war es kein Traum? Es waren nur Farben, aber Farben, die eine Stimme hatten; und sie klangen zusammen zu einer mächtigen, einfachen Melodie, die ihn wiegte und streichelte. Thomas fühlte, schon halb bewußt, daß er erwachen würde, und daß das wunderbare Klingen dann verstummen müßte; er suchte den Augenblick hinauszuschieben und den Schlaf zu halten ... Aber dann saß er auf einmal doch aufrecht, mit großen, schlaftrunken staunenden Augen, und strich sich über die Stirn und wußte auf einmal wieder alles ... Aber jene Melodie, die er im Traum gehört hatte, klang ihm noch in den Ohren, er vernahm ihren wiegenden Ton in den scharfen Schlägen der Wellen ... Und er wußte, daß er sie nicht mehr verlieren würde; er erkannte sie auf einmal und wußte: es war die Melodie seines Lebens ... Mit stillem Blick ließ er seine Jahre an sich vorüberziehen. Und siehe, was ihn wirr, kleinlich zerfahren und sinnlos gedäucht hatte: der Zickzackweg, den er hinter sich gesehen hatte, – jetzt schwang sich alles im Zug einer großen lebendig wogenden Linie. Er sah das Ganze, er sah, wie alles – das Kleinste auch – aus seinem Eignen entsprungen war und hatte entspringen müssen, sinnlos für fremde Augen, nur für ihn selber des Sinnes voll, des Sinnes seines Lebens, das eine große Sehnsucht gewesen war, die erst dieser Tag ganz erfüllte, so nah er sich ihrem Ziele schon früher geglaubt hatte ... Jetzt lebte er nicht mehr in sich, er lebte in seinem Kinde ... Mochte sein Leben sinken, es stieg zugleich in neuer, besserer Kraft! Die Sonne stand auf dem höchsten Punkt ihrer Bahn, und das Wasser brandete mit Schäumen und Lärmen. Thomas aber schloß die Augen und malte sich ein andres Bild. Weit breitete sich eine glatte See, auf deren spiegelndem Grund feurige Himmelsfarben schwammen. Die sinkende Sonne legte ihre Brücke aufs Wasser. Und darüber her sah er eine nackte Frau auf sich zuschreiten, ein Kind auf dem Arm: eine Mutter ... die Sonne ... das Leben ... Annemarie! Sie ging mit festen, lebendigen Schritten, und doch so leicht, daß sich die blanke Fläche nicht kräuselte. Er eilte ihr entgegen, und die Wasser trugen auch ihn; denn er hatte jetzt den Glauben, der nicht zuschanden werden läßt, den starken Glauben an dieses Leben ... Thomas erhob sich und schüttelte die Träume lächelnd zu Boden und ging heim, zu seiner Frau, zu seinem Kinde ...   Ende