Ernst von Wolzogen. Der Kraft-Mayr. Ein humoristischer Musikanten-Roman. Dem Andenken Franz Liszts gewidmet von Ernst von Wolzogen. Stuttgart. Verlag von J. Engelhorn. 1897. Erstes Kapitel. »Der weeiche Kinstler.« In einem der ältesten Häuser am Luisenplatz in Berlin, drei Treppen hoch, bewohnte der Pianist Florian Mayr ein möbliertes Zimmer bei der Magistratssekretärswitwe Stoltenhagen. Das Zimmer war niedrig, die schmucklose weiße Decke verräuchert, die billige Tapete stark abgenutzt, der höchst unebene, ausgetretene Fußboden mit grauer Oelfarbe gestrichen; aber dafür war es so groß, wie man nur selten ein möbliertes Zimmer findet, und hell war es auch mit seinen zwei Fensterchen nach Westen und zwei Fensterchen nach Norden. Und groß mußte das Zimmer sein, in welchem Florian Mayr mit seinen gewaltigen, sehnigen Tatzen die Tasten schlug, sonst hätte die Tonfülle, die seinem Konzertflügel entströmte, wohl schier die Wände gesprengt, mindestens aber den empfindlichen Ohren des Klavierbändigers auf die Dauer ein Leid angethan. Herr Florian Mayr war ein erstaunlicher Mensch. Ein junger Mann von dreiundzwanzig Jahren, weder schön, noch elegant, noch reich, pflegt einer Berliner Zimmervermieterin wohl schwerlich zu imponieren, noch dazu einer, der durch sein Klavierspiel das ganze Haus erbeben macht und sich obendrein seinen Thee und Kaffee selbst hält und zubereitet; aber Florian Mayr imponierte thatsächlich der Frau Stoltenhagen, sowie auch ihrer Nichte aus Pommern und ihrem Dienstmädchen aus Müncheberg ganz gewaltig. Der junge Pianist war nämlich ein Zielbewußter; das war ihm an der Nase anzusehen, die in dem hageren, bartlosen, etwas lebergelben Gesicht drinlag wie ein erratischer Block auf flachem Heideland. Einem jungen Herrn mit solcher Nase machte man kein X für ein U, und auch die gutmütigen, oft sogar lustigen, kleinen Braunaugen konnten geradezu schreckhaft funkeln, sobald Florian Mayr in Zorn geriet, was sehr leicht geschah, wenn die drei bedienenden Frauenzimmer seinen hohen Ansprüchen an Pünktlichkeit, Ordnung und Sauberkeit nicht genügten. Dem Dienstmädchen hatte er in aller Ruhe versprochen, ihr den gußeisernen Stiefelknecht um die Ohren zu schlagen, falls sie bei ihrer Gewohnheit beharren sollte, dies Gerät allabendlich thunlichst weit unter das Bett zu schieben. Sie hatte ihm diese Versicherung geglaubt und daraufhin ihr Urteil über ihn in den bedeutsamen Ausspruch zusammengefaßt: »Herr Mayr schmeißt so 'ne Jewalt von sich.« Das war's, das Gewaltsame in seinem Wesen, was den Frauen achtungsvolle Scheu einflößte. Er war ein ganzer Mann, trotz seines langen Künstlerhaars, das ihm, aus der hohen, schmalen Stirn glatt zurückgestrichen, schlicht bis an den Nacken herunterhing. Und außerdem war er so unheimlich solide. Sein Leben war nach der Uhr geregelt, seine Rechnungen bezahlte er pünktlichst und nie brachte er einen Rausch oder sonst welche nächtliche Begleitung mit heim. Frau Stoltenhagen wußte auch, daß ihr Zimmerherr in den feinsten Häusern Unterricht gab und für die Stunde fünf bis zehn Mark bekam. Ihre Nichte aus Pommern, Fräulein Luischen, war ja auch für das Solide und ein ganz hübsches, gesundes Mädchen obendrein. Da konnte man nicht wissen – es wäre gar nicht so übel gewesen. Inzwischen hielt sich die gute Dame dafür, daß er sein Frühstück und Abendbrot nicht von ihr bezog, dadurch schadlos, daß sie an seinem Vorrat von Kolonialwaren, sowie an seiner Seife und selbst an seinem Zahnpulver harmlos partizipierte. Frau Stoltenhagen konnte sich übrigens doch nicht recht erklären, wie ein junger Mensch von so frühreifer Männlichkeit und unheimlicher Solidität zu erklären sei, wenn nicht irgend ein Geheimnis hinter ihm steckte. Und deshalb unterzog sie alle an Herrn Florian Mayr gerichteten Schriftstücke einer genauen Durchsicht, so oft sie durch Zufall oder mit Gewalt solcher habhaft werden konnte. Ihr Verdacht erstreckte sich nach zwei Richtungen hin: entweder war Florian Mayr schon ausgefüllt durch eine »große Liebe«, oder aber er war etwas andres, als wofür er sich ausgab. Wie oft hatte nicht Frau Stoltenhagen schon die lebensgroße Gipsbüste Franz Liszts, welche zwischen den beiden Fensterstöcken, links neben dem Flügel auf einer schwarzen Holzsäule stand, sinnend betrachtet, und sich so ihre Gedanken gemacht über die auffallende Aehnlichkeit ihres Mietsherrn mit dem großen Klaviertitanen. Dasselbe schmale, knochige Gesicht, dieselbe alles beherrschende Nase, dasselbe lange, schlichte Haar. Mund und Augen waren freilich verschieden, und statt der fünf Warzen des Altmeisters besaß Herr Florian nur eine, aber es war doch immerhin eine Warze. Sollte er nicht vielleicht ein Sohn von Franz Liszt mit irgend einer russischen Fürstin sein? Er behauptete zwar, von einem bescheidenen Organisten in Bayreuth abzustammen, aber was wollte das besagen! Die russische Fürstin konnte sich mit einer Handvoll Rubel den Bayreuther Orgelmann gekauft haben. Frau Stoltenhagen war eine Dame von lebhafter Einbildungskraft. Sie hielt die Sache für so gut wie erwiesen, und wenn sie trotzdem nicht müde ward, nach dokumentarischen Beweisstücken zu forschen, so war das wohl nur der Ausdruck eines gewissen amtlichen Uebereifers, der ihr im langjährigen Verkehr mit ihrem seligen Magistratssekretär so angeflogen war. Es war am 11. November des Jahres 1879, halb zehn Uhr vormittags. Ein Tag wie jeder andre auch. Um acht Uhr wie immer war Florian Mayr aufgestanden, hatte seinen Kaffee gekocht und dann eine Stunde lang Tonleitern und Fingerübungen gespielt wie immer. Um zehn Uhr hatte er heute seine erste Stunde zu geben. Er war daher im Begriff, sich zum Ausgehen zu rüsten. Zuvor aber hatte er heute eine neue, eigenartige Vorkehrung zu treffen. Er nahm einen Bogen Schreibpapier, kniffte ihn dreifach zusammen und zerschnitt ihn mit dem Messer in acht Teile. Dann nahm er die Feder zur Hand und schrieb auf jeden der acht Zettel in großen, steilen Zügen ein inhaltschweres, wuchtiges Wort hin. Dann schnitt er von einem zweiten Bogen einige ganz schmale Streifen ab und bestrich sie mit Gummi arabicum. So weit war er mit seinen Vorbereitungen gekommen, als einigermaßen schüchtern an seine Stubenthür gepocht wurde. »Halt! Werda?« schrie Florian Mayr und sprang mit zwei großen Sätzen nach der Thür. Er schob den Riegel zurück, öffnete sie ein wenig und guckte durch den schmalen Spalt hinaus. »Ach Sie sind's, Prczewalsky? Na Prost! treten Sie ein!« rief er nicht eben froh gelaunt und ließ einen mittelgroßen Herrn hereintreten, welchen der lange Havelock, der Riesenschlapphut und das langlockige, weiche Haar sofort als einen Künstler zu erkennen gaben. Der Herr mit dem schwierigen Namen nahm seinen Hut ab, fuhr sich mit den fünf Fingern der Linken durch die weiche, dunkle Mähne, zog dann den melancholisch über die Mundwinkel herabhängenden Schnurrbart durch die Finger, um den geschmolzenen Rauhreif daraus zu entfernen, und bequemte sich dann erst, mit müdem Augenaufschlag und müdem Nasalton, guten Tag zu wünschen. »Womit kann ich Ihnen dienen? Wollen Sie nicht Platz nehmen?« sagte Mayr, ungeduldig auf das alte Kanapee deutend. »Das heißt, Sie sehen, ich bin eben im Begriff auszugehen. Wie geht's Ihnen sonst, Prosit?« »Danke, – schlecht; die Nerven, die Nerven!« klagte der polnische Herr schläfrig, indem er sich mit dem Handrücken über die hochgewölbten Augendeckel fuhr. »Warum sagen Sie immer ›Prosit‹ zu mir, lieber Freund?« »Ja, wissen S',« versetzte Florian Mayr gemütlich, »bis ich Ihren Namen glücklich herausgeniest hab', sag' ich lieber gleich ›Prosit‹! Ich könnt' aber auch ›G'sundheit‹ sagen, wenn Ihnen des vielleicht lieber wär'.« Der polnische Kollege klappte mit Anstrengung seine schönen, faden Augen weit auf, und nöhlte, mit sanftem Vorwurf in der stets nasig umflorten Stimme: »Lieber Freund, warum wollen sich immer über mich lustig machen? Wenn Ihnen mein Name zu schwerr ist, nennen Sie mich doch beim Vorrnamen. Wir sind doch Kunstgenossen.« »Also, is recht, wie heißen denn Sie?« »Aber bitte, lieber Freund, hier ist meine Karte: ich heiße Antonin – vergessen Sie doch nicht immer!« Florian nahm die Karte in Empfang, betrachtete sie mit scheinbarem Erstaunen vorn und hinten, und es zuckte eigentümlich um seine Mundwinkel, als er nach einer kleinen Pause erwiderte: »I da schau, richtig bloß Antonin. Ich hätte Sie entschieden auf etwas mit ›laus‹ hinten taxiert.« »Warum? Bitte.« »Ja, ich kann mir nit helfen – Sie machen mir halt so einen lausigen Eindruck. Nichts für ungut, lieber Freund.« Der schöne Pole schaute zweifelhaft zu seinem langen Kollegen auf, und seine Schnurrbartenden vibrierten leicht gekränkt. »Es kommt mir vorr, Sie wollen Witz machen,« sagte er betrübt. Und da Florian Mayr nichts Verständliches erwiderte, so trat er langsam an den Schreibtisch – ein hellpoliertes, sogenanntes Cylinderbureau – und starrte unentschlossen, fast trübsinnig auf die Zettel und Papierstreifen darauf nieder. Er stieß ein paarmal vorbereitend Luft durch die Nase, ehe er fragte: »Was werrden Sie da machen?« »O, ich habe nur etwas geschriftstellert,« versetzte Florian Mayr seelenvergnügt, wie er immer war, wenn er eine rechte Bosheit an den rechten Mann gebracht hatte. »Merkwürdig,« sagte der Pole nach einer kleinen Pause kopfschüttelnd und dann las er mit sterbensmüder Stimme die Inschrift von den Zetteln ab: »Erstens: Pfui!! Scham di!!! Zweitens: Ha! Du bist erkannt! Drittens: Dumme Gans! Viertens: Affenschwanz! Fünftens: Eingegangen! Sechstens: Alte Kuh! Siebentens: Gibst jetzt Ruh?! Achtens: Mir war's gnua!« Florian schien mit der Ratlosigkeit seines Freundes Antonin Mitleid zu empfinden, oder war es ein gewisser Erfinderstolz, der ihn zur Mitteilung drängte – kurz und gut, er ließ sich zu einer Erklärung herbei. Er legte je einen der Zettel in die acht Schubkästen des Cylinderbureaus und verklebte sodann die Vorderwand jedes Kastens mit der Zwischenleiste des darüber befindlichen mittelst eines schmalen Papierstreifens. Wenn die neugierige Wirtin nun in seiner Abwesenheit irgend eine Schublade öffnete, so war sie durch das Zerreißen des Papierstreifens unfehlbar verraten, und er hatte dann die Genugtuung, daß sie den betreffenden schmeichelhaften Zettel gelesen haben mußte. Als das schwierige Werk der Verklebung glücklich vollbracht war, richtete sich Florian Mayr stolz auf und flüsterte triumphierend: »Na, was sagen S' dazu, Antonin Prositlaus? Die Spatzenfalle ist patent, was? Aber wissen S', wie ich die G'sellschaft neulich für ihren permanenten Kaffeediebstahl g'straft hab'? Ein Viertelpfund Rhabarber hab' ich mir um schweres Geld gekauft und ihn mit einem halben Pfund feingemahlenem Kaffee sorgfältig vermischt. Ich sag' Ihnen, die Wirkung war wunderbar! Den ganzen Tag hat nachher dahinten das Thürl geklappt und eins ist immer angstvoll davorgestanden. Eine Eselsfreud hab' ich gehabt und jedesmal, wenn ich's im Korridor hab' laufen und ängstlich flüstern hören, hab' ich den Kopf nausgesteckt und hab' g'sagt: Ihnen ist wohl nicht recht wohl, liebe Frau? oder liebes Kind, je nachdem.« Prositlaus lächelte fast unmerklich und sagte: »Merkwürdig, – serr komisch! Apropos, lieber Freund, was ich sagen wollte: können Sie mir nicht zwanzig Mark leihen?« »Augenblicklich nicht, bedaure sehr; aber von dem G'sundheitskaffee is noch reichlich vorhanden, falls Sie vielleicht Bedarf haben. Entschuldigen Sie, ich muß jetzt wahrhaftig fort.« Damit stürzte sich Florian Mayr in seinen Winterrock, stülpte den Hut auf und – legte den Schlüssel zum Schreibbureau augenfällig oben auf dasselbe. Er wußte, daß Frau Stoltenhagen dieser Versuchung nicht widerstehen würde. So boshaft war Florian Mayr. Dann öffnete er seinem Gaste die Thür weit und sagte mit einer einladenden Handbewegung: »Es hat mich sehr gefreut.« Mit einem tiefen Seufzer verließ Prczewalsky das Zimmer. Mayr folgte ihm auf dem Fuße, warf die Thür kräftig ins Schloß und rief in den schmalen Hinterkorridor hinein: »Frau Stoltenhagen, ich gehe jetzt.« Den Schlapphut tief in die Stirn gezogen, düster wie ein ehrlicher Leidtragender, stelzte der edle Pole die enge Treppe hinunter. Seinem Kollegen Mayr jedoch war es nicht gegeben sich mit solcher Langsamkeit abwärts zu bewegen. »Entschuldigen S', ich hab' wirklich keine Zeit,« sagte er, flüchtig an seinen Cylinderhut greifend. »Behüt Sie Gott, Herr Kollege.« Und damit sprang er in Riesensätzen wie ein übermütiger Junge die Treppen hinunter. Er hörte, wie jener ungeschickt hinter ihm drein polterte und mit Aufbietung seiner schwachen Lungenkräfte ihm nachrief. War's Mitleid, oder that ihm seine allzugroße Rücksichtslosigkeit schon leid, kurz, er erwartete den Kollegen unten an der Hausthür. Keuchend gesellte sich Prczewalsky zu ihm. »Bitte, lieber Freund, Doktor hat mir gesagt, ich leeide an Fettherz. Lassen Sie mich Ihnen doch begleeiten. Ich habe nichts zu thun.« »Is recht,« sagte Florian und schlug eine Gangart an, welche den armen Polen sehr bald nötigte, ihn beim Arm zu ergreifen, um sich mitschleppen zu lassen. Atemlos trippelte er neben dem langbeinigen Kollegen her, aber er konnte sich die Gelegenheit, sein Anliegen vorzubringen, nicht entgehen lassen, denn dieser Florian Mayr war so schwer zu fassen. Immer hatte er so viel zu thun. »Also, was ich sagen wollte,« hub er an. »Ich brauche Geld. Ich habe keeinen Pfennig in der Tasche, kann mich heute nicht rasieren lassen. Sagen Sie, wie macht man, daß man Stunden geben kann für zehn Mark in vorrnehmen Familien, wo schöne Töchter sind?« »Aber Sie haben doch Vermögen?« wandte Mayr ungeduldig ein. »Sie lassen ja Ihre Sonaten auf eigene Kosten drucken. Da müssen Sie doch ein Geld haben! Sie sind eingerichtet wie ein Graf und speisen in einem feinen Weinrestaurant.« »O ich glaube, Sie haben kein Verständnis für den schaffenden Kinstler. Etwas Bequemlichkeit und Luxus brauche ich für die Inspiration. Die Inspiration kommt nicht, wenn ich Knoblauchwurst esse und Bier dazu trinke. Ich kann auch nicht komponieren mit zerrissene Hosen und Fettfleck auf der Krawatte. Wagner braucht sogar gelbes Atlas im Futter.« »Naja, des is halt der Wagner!« unterbrach Florian lakonisch. »Das weeiß ich,« erwiderte jener, den Kopf aufwerfend, mit einem verächtlichen Lächeln. »Aber warrum soll ich nicht über Nacht der Prczewalsky werrden? Der schaffende Kinstler hat das Recht auf Stimmung. Ich bin ein weeicher Kinstler, ich brauche weeiche Stimmung, weeiche Stoffe, weeiche Polster, weeiche Farben um mich, und grobbe Speisen machen mir Indigestion.« »Essen Sie doch weeiche Eeier, die sind nicht teeier,« versetzte Florian, indem er sich bemühte, des Kollegen auffallend östliche Aussprache des eï nachzuahmen. Der weiche Künstler überhörte diesen freundschaftlichen Rat und fuhr eifrig fort: »Ich habe meine neueste Sonate für Klavier und Cello drucken lassen. Sie wissen – Grützmacher gewidmet – kostet mich eine Monatsrente – und was bleibt mir übrig? Ich muß Geld verdienen. Sie haben ja so viele Lektionen und bekommen so gut bezahlt. Können Sie mir nicht eine reiche Familie mit schönen Töchtern abtreten?« »Schön müssen sie auch noch sein?« »Ja, gewiß; ich gehe doch nicht, um dumme Gänse Klavier zu lernen. Ich will heeiraten. Ich werrde das Opfer bringen für die Kunst, ich werrde mich verkaufen. Den Menschen werrde ich verkaufen, damit der schaffende Kinstler gerettet wird.« Florian Mayr wandte seinen Kopf zur Seite, um seinen Gefühlen durch eine heimliche Grimasse von großer Anmut passenden Ausdruck zu geben. Und dann versetzte er, den schönen Antonin so freundschaftlich in den Arm zwickend, daß er kläglich aufwinselte. »Also Sie glauben, daß die schönen und reichen Mädchen mit solcher Leichtigkeit auf den weichen Künstler anbeißen würden?« Der Pole maß ihn mit einem fast mitleidigen Blick. »Aber lieber Kollege, ich werrde doch die Weiber kennen! Mit Zucker fängt man sie alle, die Kammerkatze wie die Fürstin, besonders wenn sie musikalisch sind. Wenn ich Ihnen meine Abenteuer erzählen würde, Sie würden nicht glauben. Die Gräfin Proskowsky hat für mich Gift genommen, und der Fürst Smirczicky hat sich mit mir schießen wollen. Aber ich hatte keine Zeit, ich hatte am andern Abend ein Konzert in Warschau, wo ich meine Symphonie Opus 7 dirigierte. Die Fürstin Smirczicky ließ mir da bei einen Lorbärkranz überreichen. Ich versichere, die ganze hohe Aristokratie steht mir zur Verfügung. Aber diese Damen heeiratet man nicht – sie werrden leicht unbequem und kosten mehr, als sie einbringen. Eine kleeine Kaufmannstochter ist besser, so mit ein paar hunderttausend Mark. Wissen Sie nicht so etwas für mich?« »Wenn sie eine Gans sein darf –?« »Gewiß, zieh' ich sogar vorr.« »Und unmusikalisch wie ein Mops –?« »Hm, wenn sie nur nicht lang und mager ist.« »Nein, nein, sie ist schön rund und reich und romantisch dazu.« »Serr gut, wo wohnt sie?« »Es ist die einzige Tochter vom reichen Konsul Burmester in der Markgrafenstraße. Ich werde Sie dort empfehlen. Sie thun mir sogar einen Gefallen, wenn Sie mir die Stunden abnehmen. – Aber hier sind wir an Ort und Stelle. Ich muß da hinauf. Also Herr Kollege –« damit lüpfte er ein ganz klein wenig seinen Cylinder und klingelte an dem Hause in der Roonstraße, vor dem sie stehen geblieben waren. »Danke serr, lieber Freund,« versetzte der Pole. »Apropos, können Sie mir nicht zehn Mark leihen? Ich muß mich doch rasieren lassen.« »Des können S' doch für zehn Pfennige haben.« »Mein Gott, mein Gott, Sie sind ein merkwürdiger Mensch! Sie haben kein Verständnis für den schaffenden Kinstler. Da sitzen die Louisdors zu Tausenden,« er schlug sich vor die Stirn, »und Sie wollen mir nicht zehn Mark leihen!« Die schwere eichene Hausthür war inzwischen aufgesprungen. Florian Mayr stemmte seinen Fuß in die Spalte, damit sie nicht wieder einschnappte, dann zog er sein Portemonnaie aus der Tasche, entnahm ihm ein Zehnmarkstück und sagte: »Also bitte, Verehrtester, bis zum Ersten, nicht wahr? wann die Renten von Ihren polnischen Gütern eintreffen. Ich hab' es auch nicht übrig. Lassen Sie sich nur ja recht sauber barbieren.« Prczewalsky schnaubte fast unhörbar seinen Dank durch die Nase, ließ das Goldstück in seine Westentasche gleiten und reichte dem Kollegen zum Abschied die Hand. »Ä pfui Deifel! Als ob einem ein Fuchsschwanz durch die Finger gezogen würde,« brummte Florian Mayr halblaut vor sich hin, während er die vornehme teppichbelegte Treppe hinaufstieg. Und er schüttelte seine bloße Hand, als wäre ihm was Ekliges daran kleben geblieben. Der »weiche Künstler« aber äußerte sich im langsamen Dahinwandeln auf polnisch in noch weniger schmeichelhafter Weise über seinen Kollegen. Er haßte diesen knorrigen, rücksichtslosen Menschen, und er ersehnte brennend eine Gelegenheit, um sich an ihm zu rächen für all die boshaften Scherze, durch welche ihn der Rohling zu kränken liebte. Langsam wandelte er dahin, bis er auf einen feinen Friseursalon stieß, wo er sich für zwanzig Pfennige rasieren lassen konnte. Und vom Barbier ging er zum Konditor und trank eine Tasse Schokolade und aß Aepfelkuchen mit Schlagsahne dazu, denn er war ein »weeicher Kinstler«. Zweites Kapitel. Die verfluchte Musik! Mit den Stiefeletten des Herrn Konsuls in der Hand wollte der Diener das Schlafzimmer seines Herrn verlassen. »Ach Fritz, Sie könnten mir die Lampe mit dem grünen Schirm bringen! Ich möchte gern, – 's wird ja wohl noch 'n Viertelstündchen dauern mit dem Thee, – holen Sie mir doch die Abendzeitung aus meinem Zimmer; ich glaube, sie liegt noch auf dem Schreibtisch.« »Sehr wohl, Herr Konsul.« Der Diener verschwand, und Herr Konsul Burmester, ein kleiner, wohlbeleibter Herr von etlichen fünfzig Jahren, zog seinen Rock aus und warf sich dann mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung in einen niedrigen Polstersessel vor dem Ofen, in welchem ein frisch angeschürtes Feuer just mit vollem Atem zu prasseln begann. Der kleine Herr polierte sich mit seinem seidenen Schnupftuch die stattliche Glatze, bis sie so blank war, daß das flackernde Feuer sich darin spiegeln konnte, dann kraute er sich mit allen zehn Fingern in dem spärlichen blonden Haarkranz, der seinem Schädel noch verblieben war, und ebenso in dem gleichfalls blonden, kurzgehaltenen Vollbart. Dann knöpfte er sich den hohen, steifen Halskragen los, streckte die kurzen, dicken Beine weit von sich, lehnte den Oberkörper zurück und gähnte. Er gähnte langgezogen, stoßweise, tremolierend, aus höchster Lage langsam in ein natürliches Tonregister hinuntergleitend. Er gähnte wieder und immer wieder; das Thema u–ah kunstvoll variierend: ua–ha–ha – uaiaiaiaiai – hu–huhuhuhhhu! Wie ein raffinierter Sybarit kostete er den Genuß des Gähnens mit pedantischer Gründlichkeit aus, bis er sich endlich mit einem kurzen wohligen Grunzen zufrieden gab und die Hände über dem Bäuchlein faltete. Den schlappgeschwitzten Hemdkragen hielt er dabei immer noch zwischen zwei Fingern fest. So erwartete er die Rückkehr seines Dieners. Zur selben Zeit war die gnädige Frau gleichfalls damit beschäftigt, es sich zum Nachtmahl bequem zu machen. Frau Olga Burmester hatte ihr Schlafzimmer nach vorn hinaus verlegt, neben den Salon. Wenn es Gesellschaft gab, so pflegte sie die Flügelthüren nach dem Schlafzimmer weit zu öffnen. Sie hatte gehört, daß es bei den vornehmen Pariser Damen Stil sei, das Schlafzimmer der Herrin den Gesellschaftsräumen beizuzählen und sogar an Migränetagen, sowie ähnlichen wohlanständigen Elitekrankheiten im Schlafzimmer, welches natürlich zu diesem Zweck einen intimen Boudoircharakter an sich tragen mußte, Besuche zu empfangen. Und da Frau Konsul Burmester, geborene von Studnitzka, mit ganz besonderer Vorliebe ausländische Gepflogenheiten nachahmte, die für deutsche Begriffe noch den Reiz des Ungewöhnlichen besaßen, so hatte sie der Ausstattung ihres Schlafzimmers eine besondere Sorgfalt angedeihen lassen. Das breite, sehr niedrige Himmelbett, ein rares Stück altdeutscher Schnitzkunst, stand auf einem teppichverkleideten Podium, links und rechts daneben verdeckten ein paar große, imitierte Gobelins die Wände, sowie ein dicker Smyrnateppich den ganzen Fußboden. Die Kopfkissen waren mit breiten Spitzen besetzt und lagen auch bei Tage oben auf der kostbaren Steppdecke von bronzefarbenem Atlas zur Schau. Mit bronzefarbenem Atlas waren auch die wenigen zierlichen Polstermöbel überzogen. Ein Trumeau, der fast bis an die Decke hinaufreichte, ein höchst eleganter Toilettentisch und eine schöne Kommode aus der Barockzeit vervollständigten die Einrichtung. Das Waschgerät und die übrigen notwendigen Gebrauchsmöbel waren in ein kleines Vorzimmer verwiesen. Die Gnädige saß bereits in einen weichen weißen Schlafrock gehüllt auf einem niedrigen Lehnsessel vor einem großen Wandspiegel und ließ sich von ihrer Zofe, die vor ihr kniete, die Stiefel ausziehen und die eleganten türkischen Pantoffeln über die Füße streifen. »Wann ist meine Tochter zu Bett gegangen?« fragte sie das Mädchen. »Wissen Sie, ob es ihr besser geht mit ihren Kopfschmerzen?« »Ich kann's nicht sagen, gnädige Frau; ich habe das gnädige Fräulein seit acht Uhr nicht mehr gesehen. Da saß sie in dem Herrn sei'm Zimmer und las.« »Las? Mit Kopfschmerzen liest man doch nicht. Ich will doch selbst mal nachsehen.« Und Frau Burmester erhob sich rasch, warf noch einen Blick in den Spiegel, hakte ihr loses Gewand vollends zu und verließ dann raschen Schrittes das Schlafzimmer. Sie durchschritt den Salon und das Eßzimmer, in welchem der Diener noch beschäftigt war, die letzte Hand an das Arrangement des Theetisches zu legen. Mit einem flüchtigen Blick streifte die Gnädige im Vorübergehen den Tisch. »Wozu denn drei Couverts, Fritz? Meine Tochter hat sich doch schon zu Bett gelegt.« Der Diener versuchte vergebens ein Lächeln zu unterdrücken, während er erwiderte: »Ich habe das gnädige Fräulein eben noch im Studierzimmer gesehn, als ich die Zeitung für den gnädigen Herrn herausholte.« »Eben noch?« Dabei warf die Frau Konsul den Kopf auf und blickte den lächelnden Diener verwundert an. Sie zog die Stirn in Falten. »Na, es ist gut, ich werde sehen.« Und sie beschleunigte ihren Schritt und ging hinaus über den Hinterkorridor nach dem Zimmer ihrer Tochter. Unmittelbar nachdem die Herrin hinaus war, erschien Marie, die hübsche Zofe, im Eßzimmer. Fritz ging ihr entgegen, faßte sie vertraulich um die Taille und flüsterte: »Ei weih! Jetzt setzt es was ab für Fräulein Thekla. Die sollte wohl schon längst zu Bette sein, was? Eben hab' ich sie noch im Herrn sei'm Zimmer sitzen sehn, – so mit zwei Finger in die Ohren, über die rote Hefte, die Sie ihr jeborgt haben.« »Ach du lieber Gott!« rief das Zöfchen leise, indem sie sich aus Fritzens Umarmung losmachte. »Wenn sie bloß unsre Gnädige nicht damit abfaßt; denn krieg ich's auch noch.« Fritz grinste schadenfroh. »Sehn Se, mein süßer Engel, das haben Se nu davon. Was müssen Sie auch so 'n halbes Kind mit so 'ne aufregende Lektüre versehn.« »Herrgott nee, so 'n armes Mädchen kann einen doch auch leid thun! Nichts darf sie, was sie gern möchte. Immer und ewig nur Klavierspielen und Singen, das ist doch auch reine zum Dollwerden! Mir thut sie leid; sie ist doch sonst so 'n gutes Mädchen. Raus kommt sie auch kaum wo anders hin, als in die feinen Konzerte, wo's nicht mal 'n Glas Bier zu trinken gibt. Man will doch mal was anders vom Leben sehn in den Jahren.« »Natürlich, und besonders von wegen die sogenannte Liebe möchte man doch gerne Bescheid wissen,« neckte Fritz. »Nu ja, Sie haben ja recht; mir thut sie ja auch leid. So jung und so hübsch wie sie is und die Olle immer hinterher und aufgepaßt, daß sich das Kind nur ja nicht etwa zu jut amüsiert. Ich begreife bloß nich, wie die Leute zu das Kind kommen.« »Nee, Fritz, Sie werden auch nie richtig deutsch lernen! Zu den Kind heißt es!« belehrte Marie überlegen lächelnd. »Uebrigens wundert's mich gar nich, daß Sie sich wundern. Ich weiß auch was, was Sie nich wissen.« »Nanu? Des wäre –?« »Werd' ich Ihnen gerade sagen! Sie und 'n Geheimnis!« »Nanu machen Sie mich aber neugierig. Sagen Se's doch! Ich bin doch verschwiegen wie so 'n Jrab – und 'n schönen Kuß kriegen Se auch von mir, Mariechen.« »Na so dumm! Da hab' ich auch recht was von. Lassen Sie mich los. Ich habe zu thun.« Das niedliche Zöfchen wich geschickt der Umarmung des verliebten Burschen aus und lief hinaus. Ein kleines Weilchen stand sie draußen auf dem Korridor vor der Thüre des gnädigen Fräuleins still und horchte. Richtig. da drin gab's Thränen und strenge Worte. Wenige Minuten später trat Frau Burmester wieder heraus und schritt, sichtlich erregt, einen kleinen Pack roter Hefte in der Hand haltend, über den Korridor nach ihres Gatten Schlafzimmer. Der Konsul saß noch immer in Hemdärmeln und las beim Schein der grünbeschirmten Lampe seine Abendzeitung. Sein großes buntseidenes Taschentuch hatte er über die Kniee gebreitet und oben darauf schlängelte sich der welke Hemdkragen über den dicken Schenkel des kleinen Herrn. »Aber Willy!« rief seine Gattin unwillig, während sie die Thüre hinter sich ins Schloß drückte. Dann blieb sie auf der Schwelle stehen und richtete ihre äußerst schlanke Gestalt zu ihrer ganzen, nicht unbeträchtlichen Länge empor, – ein lebendiges Ausrufzeichen, die Fleisch, oder, genauer ausgedrückt, Haut und Knochen gewordene Mißbilligung – so stand sie dort im Thürrahmen lebendes Bild. Herr Burmester ließ mit einem betrübten Seufzer die Zeitung sinken und schaute über die Gläser seines goldenen Zwickers hinweg zu seiner Gattin hinauf. »Was gibt's denn, mein Schatz? Sitzt ihr schon beim Thee?« »Nein,« erwiderte sie nähertretend. »Ich habe ernstlich mit dir zu reden. Aber du thätest mir einen Gefallen, wenn du erst deine Toilette etwas vervollständigen wolltest. Du weißt doch, daß ich diese saloppen Garçonmanieren nicht leiden kann.« »Ach Gott, jaa,« versetzte der Konsul sanft und erhob sich mit einem ergebenen Seufzer. »Also was gibt's denn so Wichtiges? Zehn Minuten, um meine Zeitung ungestört zu lesen, hättest du mir auch wohl gönnen können.« Und er knöpfte sich einen reinen Kragen um und zog ein bequemes Jaquet an. Währenddessen hielt ihm seine Gattin die roten Hefte mit aufgeregter Gebärde vor die Augen und sagte: »Da! Schau dir mal das an! Was ist das? Rate mal, wo ich das gefunden habe.« »Zweihundert Klafter tief unter der Erde«, oder: »Die Blutgräfin« , las der Konsul gleichgültig von dem Titelblatt ab. »Nun was weiter? Ein Schundroman, den du wahrscheinlich im Küchenkasten gefunden hast. Verlangst du vielleicht von mir, daß ich deswegen der Köchin eine Scene machen soll?« Frau Burmester dämpfte ihre Stimme zu einem erregten Geflüster herab. »Das ist die Lektüre unsrer Tochter!« rief sie, indem sie die roten Hefte verächtlich auf den nächsten Tisch schleuderte. »Thekla schützt Kopfschmerzen vor, um nicht mit ins Konzert gehen zu müssen, und während wir denken, sie liege im Bett, sitzt sie heimlich über dieser Schandlektüre; von der Marie hat sie sich das Zeug geborgt. Ich erwischte sie in ihrem Schlafzimmer. Sie wollte sich geschwind ausziehen, um uns glauben zu machen, sie sei schon längst zu Bett gegangen. Und wie ich hereintrete, will sie gerade die Hefte unter ihrem Kopfkissen verstecken.« »Hmhmhm,« machte Herr Burmester und versenkte ratlos seine Hände in die Hosentaschen. »So; ist das alles, was du zu sagen hast? Du weißt wohl gar nicht, was diese schöne Entdeckung zu bedeuten hat? Da kommt es nun heraus; dieser Hang zum Gemeinen, der ist angeboren – das beruht auf Vererbung!« »Du sagst das in einem Tone, als ob ich was dafür könnte. Es ist doch nicht mein Kind.« »Meins auch nicht, Gott sei Dank!« versetzte Frau Olga, fast höhnisch auflachend. Nun wurde der Konsul auch aufgeregt. Er klimperte mit den Schlüsseln in seiner Tasche und wippte mit den Knieen. »Versündige dich, bitte, nicht!« rief er vorwurfsvoll. »Das Kind ist sanft und gut und liebevoll, und wenn es weiter keine lasterhaften Anlagen geerbt hat, als die Lust an geschmackloser Lektüre, so können wir, meine ich, sehr zufrieden sein. Auf den Geschmack kann man doch bildend einwirken. Uebrigens stammt die Idee, ein ganz fremdes Mädchen zu adoptieren, doch von dir, wie du dich vielleicht erinnern wirst. Ich war ja immer dafür, lieber eine arme Verwandte ins Haus zu nehmen.« »Ich habe dir doch aus meiner Familie allein ein halbes Dutzend junger Mädchen zur Auswahl gestellt,« versetzte Frau Olga pikiert. Und er fiel prompt ein. »Die waren mir bloß nicht übermäßig sympathisch, aber du hast überhaupt an keiner auch nur ein gutes Haar gelassen. Du wolltest ja durchaus eine Schönheit haben und ein musikalisches Genie daraus züchten. Darum war dir die Tochter des fahrenden Musikanten und des hübschen Hotelzimmermädchens lieber als alle legitimen Töchter unsrer beiderseitigen Familien. Aber jetzt trage auch die Folgen.« »Was meinst du damit?« rief Frau Olga aufgeregt. Ihre tiefliegenden dunkeln Meerkatzenaugen sprühten kampflüstern ihren Gatten an. Sie setzte sich in den Lehnstuhl, den er vorher eingenommen hatte, und trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte. »Ich habe dich ausreden lassen, mein Lieber,«.fuhr sie spitzig fort. »Du willst mich mit ironischen Ausfällen ducken. Na ja, das ist ja ganz amüsant, aber ich denke doch, diese ernste Frage erfordert eine ernste Ueberlegung. Du wäschst deine Hände in Unschuld, nicht wahr? ich soll die Folgen allein tragen. Was denkst du dir eigentlich darunter? Soll ich gottergeben zuschauen, wie die Natur der Mutter in diesem Kinde wieder die Oberhand gewinnt?« »Die Mutter hat mir einen sehr angenehmen Eindruck gemacht. Sie ist doch auch eine brave, solide Frau geworden. Der Vater scheint mir gefährlicher. Der kann ja ein großer Lump gewesen sein, wenigstens wissen wir nichts vom Gegenteil.« »Aber er hat gewiß keine Hintertreppenromane gelesen.« »Dafür hat sie den Hang zum Dienstpersonal doch sicher einmal von ihm! – Uebrigens Scherz beiseite! Hast du's ihr nicht vielleicht an guter und geschmackvoller Lektüre fehlen lassen?« »Ich? Die ausgewähltesten klassischen und edelsten modernen Werke habe ich ihr zur Verfügung gestellt. Aber natürlich, das langweilt sie.« »Natürlich,« lachte der Konsul ihr nach. »Das langweilt solche halben Kinder meistens. Uns Erwachsene manchmal nicht minder.« »Dich freilich,« höhnte die Gattin. »Der Mangel einer klassischen Bildung ist eben durch nichts zu ersetzen. Das zeigt sich recht eklatant an dir, mein Lieber.« »Du bist außerordentlich freundlich, meine Beste.« Dabei zog der Konsul seine Hände aus den Hosentaschen und steckte sie zur Abwechslung in die Rocktaschen. Aber mit einem Nachdruck, dem man es wohl anmerkte, daß er sich an einer empfindlichen Stelle getroffen fühlte. Er schob ärgerlich seine dicke Unterlippe vor und ging ein paarmal auf und ab. Dann blieb er vor seiner Gattin stehen und sagte: »Auf diese Weise kommen wir zu nichts. Ich werde mal selbst mit Thekla reden.« Frau Olga rümpfte die Nase. »Bravo! Jetzt hast du dich ja glücklich in die rechte Stimmung hineingeredet, um dem Fräulein gewaltig zu imponieren.« »Das Imponierenwollen überlasse ich dir. Das gehört durchaus nicht zu meinen Erziehungsgrundsätzen. Ich habe das Kind lieb – ich kann wirklich sagen, wie wenn's mein eigenes wäre. Ich hoffe, daß Thekla das fühlt. Und wenn sie das fühlt, dann wird sie auch auf mich hören. Aber bitte, laß mich allein mit ihr reden.« Er öffnete die Thür und ließ seine Frau vorangehen. Thekla Burmester saß bereits wartend im Eßzimmer. Beim Eintritt der Eltern erhob sie sich, ging dem Vater einige Schritte entgegen und reichte ihm mit ängstlich befangener Miene die Hand. Er drückte sie ihr warm zur Ermutigung. Da schlug sie die Augen auf und begegnete seinem freundlichen Blick. Mit einem kleinen Seufzer der Erleichterung begab sie sich wieder auf ihren Platz. Die Nachtmahlzeit verlief aber doch in recht gedrückter Stimmung, denn die gnädige Frau saß streng und steif da und sprach kaum ein Wort, und der Konsul wollte in ihrer Gegenwart nicht von der Sache anfangen, die sie alle bedrückte. Man beeilte sich, mit dem Essen fertig zu werden. Dann wurde der Diener hinausgeschickt, um im Zimmer des Herrn die Lampe anzuzünden, und dann erhob sich Thekla, um den Eltern »gut' Nacht« zu wünschen. »Ach bitte, noch ein Weilchen!« rief Herr Burmester. »Ich habe mit dir zu reden, mein Kind. Komm mit mir in mein Zimmer.« Ohne ein Wort zu erwidern, schritt das junge Mädchen hinter ihrem kleinen dicken Pflegevater her, den feinen runden Kopf mit den zwei langen, üppigen dunkelblonden Zöpfen schuldbewußt gesenkt und mit ängstlich zuckenden Lippen. Sobald sie in seinem reich und behaglich eingerichteten Arbeitszimmer angelangt waren und er die Thür hinter ihr eingeklinkt hatte, fing das große Kind auch schon an zu weinen. Der Konsul setzte sich in einen Lehnstuhl, hieß Thekla nähertreten, ergriff sie bei beiden Händen und betrachtete sie sich mit mitleidigem Lächeln. Achtzehn Jahre war sie alt, ziemlich groß und reizend gewachsen, schlank und lieblich rundlich dabei. Sie hatte ein schlichtes braunes Tuchkleid an und eine dunkelblaue Matrosenbluse, wie sie jüngere Knaben mit Vorliebe zu tragen pflegen, mit einem hellgelben Ledergürtel um die Taille zusammengehalten. Es zuckte um das feine weiße Hälschen, es zuckte um die niedliche kleine Nase, über die etwas stubenblassen Wangen liefen die Thränen und neue wollten sich aus den langen, dunklen, gesenkten Wimpern hervordrängen. Herr Burmester wurde selbst ganz weich ums Herz, wie er das Kind so weinen sah, und er wußte seine väterliche Strafpredigt nicht anders zu beginnen, als indem er fragte: »Hat dir's Mama sehr arg bös gegeben?« Thekla nickte eifrig und dann schluchzte sie mühsam heraus: »Ach Papa – ich bin doch nicht – so schlecht! Niedrige – Instinkte hätte ich – hat sie gesagt. Die scheußlichsten – Verbrecher – hätten alle so angefangen – mit solche Romane zu lesen – hat sie gesagt.« Sie putzte sich die Nase und wischte sich die Thränen ab und dann fuhr sie fließender fort: »Ich habe mir doch wahrhaftig nichts Schlimmes dabei gedacht. Neulich sollt' ich mal die Marie schnell zu Mama rufen, und da hörte sie gar nicht. Sie saß in ihrer Kammer und las: ›Die Blutgräfin‹, und wie ich sie rief, sagte sie, ich möchte entschuldigen, aber die Blutgräfin wäre so sehr spannend, man könnte sich rein gar nicht losreißen, wenn man mal darüber wäre. Na und da sagt' ich, das müßte sie mir auch mal borgen, denn so was Spannendes hätte ich noch nie gelesen. Heute abend hab' ich doch erst angefangen, darin zu lesen, weil ich mal nicht mit ins Konzert brauchte. Sonst hab' ich doch nie Zeit. Und es war wirklich so spannend, wie die Marie gesagt hat; ich habe gar nicht gemerkt, wie die Zeit verging. Weiter hab' ich doch wirklich nichts Schlimmes gethan. Und das ist doch noch kein niedriger Instinkt, nicht wahr?« Der Konsul mußte lächeln. »Na komm mein Kind,« sagte er, »setz dich hierher, wir wollen mal vernünftig miteinander reden.« Sie holte sich einen Stuhl herbei und nahm vor ihm Platz, die Hände im Schoß gefaltet, und dann fuhr er fort: »Sieh mal Theklachen, erstensmal sollte doch die Tochter des Hauses von ihrem Dienstmädchen nichts borgen, denn das schickt sich nicht. Und zweitens sollte ein junges Mädchen, das eine feine Erziehung genossen hat, an solcher Hintertreppenlektüre keinen Gefallen finden; denn das ist ein Zeichen von sehr schlechtem Geschmack. Menschen ohne festen Charakter, und besonders sehr junge Menschen, werden wirklich durch solche Schundromane leicht verdorben, – darin hat deine Mutter ganz recht. Es wäre ein wahrer Segen, wenn das Gesetz Mittel und Wege fände, das Volk vor diesem giftigen und gefährlichen Zeug zu behüten. Da wird immer mit fürchterlichen Geheimnissen und schrecklichen Verbrechen gearbeitet und die Verbrecher werden zu romantischen Helden. Das vergiftet die Phantasie und reizt zur Nachahmung.« »Aber Papa, du denkst doch nicht, daß ich so was thun werde, wie in der Blutgräfin steht?« unterbrach Thekla kläglich. »Nein, mein Herzchen, das glaub' ich dir gerne, daß du dir keinen Giftmord und keinen Einbruch aufs Gewissen laden wirst; aber deine Vorstellungen vom Leben und deinen guten Geschmack verdirbst du dir einmal ganz sicher. Und das ist auch schon schlimm genug. Ein gebildeter Mensch sucht in seiner Lektüre die Wahrheit, denn die ist gesund, und die Schönheit, denn die wirkt erhebend und befreiend. Aber lassen mir das einmal jetzt. Du versprichst mir, künftig der Versuchung, solches Zeug in die Hand zu nehmen, zu widerstehen, nicht wahr? Da, gib mir die Hand darauf – so ist's recht. Nun muß ich dir aber auch sagen, was ich schlimmer finde, als diese Kinderei mit der Blutgräfin. Ich habe dich bisher immer offen und ehrlich gefunden, mein Kind. Es thäte mir sehr leid, wenn du jetzt anfangen wolltest, krumme Wege einzuschlagen. Sieh mal, daß du heute Kopfschmerzen vorschützest, um dich ungestört über deinen Schmöker hermachen zu können, statt ein gutes Konzert zu hören, das ist doch wirklich nicht recht von dir.« »Aber Papa, ich hatte doch wirklich Kopfschmerzen,« entgegnete Thekla eifrig. »Wenn ich so viel geübt habe, krieg' ich immer Kopfschmerzen. Und wenn ich dann noch ein langes Konzert hören soll, dann werde ich vollends ganz dumm.« Herr Burmester blickte überrascht auf. Auf ein solches Geständnis war er nicht vorbereitet gewesen. Er spielte mit den Quasten an seinem Sessel und sagte erst nach einer ganzen Weile: »Ja, ist dir denn die Musik so unangenehm? Du weißt doch, Mama möchte so gern eine tüchtige Künstlerin aus dir machen. Na, und wenn du's auch nicht zu treiben brauchst, um dir dein Brot damit zu verdienen, – es ist doch immer gut, wenn ein junges Mädchen in irgend einem Fache etwas Tüchtiges lernt.« »Das möcht' ich ja auch so gern, Papa,« erwiderte Thekla; »ich möchte gern so viel lernen und gute Bücher lesen und das alles. Die jungen Mädchen, mit denen ich zusammenkomme, die wissen auch alle viel mehr wie ich. Aber die brauchen auch alle nicht so viel Klavier zu üben. Ich habe doch wirklich zu gar nichts anderm mehr Zeit. Singen soll ich auch noch, und dabei habe ich doch bloß eine Stimme wie ein Zwirnsfaden. Und das Klavierüben macht mich so furchtbar müde. Ich bin immer wie zerschlagen danach; die Hämmerchen trommeln immer alle auf meinen Kopf los, so daß ich manchmal das Gefühl habe, als wäre er schon ganz weich, – als brauche ich nur ein bißchen stark zuzudrücken, und ich könnte mit dem Finger ein Loch hineinbohren. Und nachts träume ich immer so schreckliche Sachen: unser Flügel steht da wie ein großer, schwarzer Sarg, und dann wird der Deckel ein bißchen gehoben und aus der Spalte kriechen lauter Notenköpfe hervor mit Armen und Beinen dran. Die haben alle Hämmerchen auf dem Rücken; damit rennen sie mir nach und wollen mich schlagen; dann muß ich im Hemd aus dem Bett und auf die Straße hinaus und immer weiter laufen in der finstern Nacht, und den Wind hör' ich so schrecklich pfeifen. Und die Töne, die mir nachlaufen, hör' ich alle klingen. Und sie schreien hinter mir drein: ›Siehst du nicht, daß ich ein  b vorhabe, du Gans?‹ Und ein andrer schreit: ›Ich heiße cis , verstanden? Ich werfe dir mein Kreuz an den Kopf, wenn du nochmal c spielst –‹ ach lieber Papa, du glaubst es gar nicht, es ist so schrecklich! Denke dir, sie haben alle die Stimme von Herrn Mayr, die Noten, wenn sie mir so was nachrufen. Und außerdem steht Herr Mayr noch hinter ihnen und kommandiert und hetzt sie auf mich. Ich habe solche Angst vor Herrn Mayr.« »Mein armes Kind, was sind das bloß für Ideen!« rief der Konsul erschrocken, und dann stand er auf, zog das Mädchen zu sich empor, drückte ihren Kopf an seine Schulter und strich ihr beruhigend über das dichte, weiche Haar. Eine lange Zeit hielt er sie so, ohne ein Wort zu sprechen. Dann nahm er ihren Kopf zwischen beide Hände, küßte sie auf Stirn und Wangen und sagte: »Geh jetzt schlafen, mein Liebling, und rege dich nicht so auf mit solchen krankhaften Phantasien. Ich will schon mit Mama reden. Wir müssen dir's erleichtern, ich seh's ja ein. Du darfst uns nicht krank werden über der verf–, ich meine, über der verehrten Musik.« »Du bist so gut, Papa; nicht wahr, du hilfst mir?« sagte Thekla, indem sie seine kurze, fette Hand ergriff und einen raschen, heißen Kuß darauf drückte. Dann ließ sie sich sanft von ihm zur Thür hinausschieben. Sobald sie aber draußen war, reckte Herr Konsul Burmester seine beiden Fäuste hoch empor, bekam einen ganz roten Kopf und sprach es leise, aber deutlich aus, was er vorhin verschluckt hatte: »Die verfluchte Musik!« In den wenigen Minuten, in denen sich sein gequältes und verängstigtes Kind an seiner Schulter ausgeweint hatte, war ihm sein ganzes Leben in der Erinnerung vorbeigezogen. Sein Vater hatte in Lübeck die Firma begründet und aus einer anfänglich recht bescheidenen Stellung sie zu einem der angesehensten unter den großen Welthandelshäusern seiner Vaterstadt emporgebracht. Aber viele freundliche Erinnerungen hatte Wilhelm Burmester nicht an sein Vaterhaus. Eine thörichte Ehe, die der alte Burmester in jungen Jahren mit einem ungebildeten, durchaus unbedeutenden und überdies entwickelungsunfähigen Mädchen von nicht eben sanftem Charakter eingegangen war, hatte ihn früh um alle Lebensfreude gebracht. Es ward ein bloßes Arbeitstier aus ihm. Ein strenger Herr und harter Vater. Und so hatte auch dem Sohn das beste Teil einer guten Erziehung gefehlt, nämlich die reine, friedevolle Sonntagsstimmung, welche eine harmonische Ehe über ein ganzes Haus auszugießen vermag. So war auch er ein Alltagsmensch und ein Arbeitstier geworden. Und als er in reiferen Jahren erkannt hatte, woran es lag, daß man in seinem Hause nicht recht froh werden konnte, da hatte er sich selbst das Wort gegeben, sich vor einer übereilten Heirat ängstlicher als vor Pest und Cholera zu hüten. Aber vor lauter Besorgnis, sich durch die Leidenschaft hinreißen zu lassen, war überhaupt die Fähigkeit zur Leidenschaft in ihm abgestorben. Er war ein alter Knabe und ein großer, angesehener Handelsherr geworden, bevor er sich entschloß, eine rein vernünftige Ehe einzugehen. Er brauchte, um seinem Hause auch gesellschaftlich zu dem Ansehen zu verhelfen, welches sein Reichtum und die Solidität der Firma beanspruchen durften, eine Dame aus der wirklich besten Gesellschaft, welche die feine Form absolut beherrschte und auch Geist genug hatte, um nicht nur gleichgültige Schmarotzer, sondern auch eine wirklich intelligente Gesellschaft an das Haus, dem sie vorstand, zu fesseln. Und so hatte er denn das feinerzogene ältliche Fräulein aus verarmter, adeliger Familie geheiratet; von Liebe war weder bei ihm, noch bei ihr die Rede gewesen; aber er meinte, sich begründeten Anspruch auf ihre ewige Dankbarkeit dadurch zu erwerben, daß er sie in eine Umgebung setzte und ihr reichlich die Mittel gewährte, um ihre gesellschaftlichen Talente glänzend zu entfalten und ihren Hang nach verfeinertem Wohlleben zu befriedigen. Seine Frau war niemals hübsch gewesen, aber sie sah trotz ihrer tiefliegenden Augen und ihrer erschreckenden Magerkeit doch ganz vornehm aus und wußte sich so geschmackvoll zu kleiden und besonders ihrem üppigen, fast schwarzen Haar so viele originelle Wirkungen abzugewinnen, daß sie zuweilen, wenn Schneiderin und Friseuse sich wirksam in die Hände gearbeitet hatten, sogar für eine ganz interessante Erscheinung gelten konnte. Was hatte er auch für einen Anspruch auf Schönheit? Er war sich wohl bewußt, ein reichlich garstiger, fetter Geselle zu sein. Uebrigens war er mit dem Ausfall seiner Ehe ziemlich zufrieden, solange er noch in Lübeck wohnte und in seinem Geschäft thätig war. Nach fünfjähriger, vorsichtiger Minierarbeit wußte sie's endlich durchzusetzen, daß er das Geschäft einem Neffen übergab, der schon längere Zeit unter ihm gearbeitet hatte, und sich mit dem Titel eines Konsuls von Uruguay in Berlin niederließ. Allerdings verstand sie es vortrefflich, in den vornehmsten Kreisen festen Fuß zu fassen und ihrem eigenen Hauswesen den entsprechenden Stil aufzuprägen, aber er war das Opfer dieses gesellschaftlichen Aufschwungs. Die Musikschwärmerei seiner Gattin war der Schlüssel gewesen, welcher ihr die Thüren der vornehmen Gesellschaft geöffnet hatte. Sie war bei allen musikalischen Ereignissen dabei und sah die berühmtesten Virtuosen bei sich zu Gaste. Damit lockte sie die Gesellschaft an. Und er mußte, obwohl er ganz unmusikalisch war, sich von Konzert zu Konzert schleppen lassen, fahrendem Musikantenvolk beiderlei Geschlechts, mochte es noch so dumm und eitel sein, den Hof machen, Begeisterung heucheln, wo er gähnende Langeweile empfand, und sich mit Leuten scheinbar anfreunden, zu denen er innerlich nicht die geringsten Beziehungen hatte. Da er schlechterdings nichts zu thun hatte, so fehlte es ihm an jeglichem Vorwand, sich um die Pflichten, die seine Frau ihm aufbürdete, herumzudrücken. Und that er es doch einmal, in höchster Verzweiflung, so ließ sie ihn mit kalter Rücksichtslosigkeit fühlen, daß er aufgehört habe, in ihrem Lebensplan überhaupt noch einen Wert darzustellen. Die lächerliche Rolle eines gänzlich kaltgestellten Gatten wollte er nicht spielen und für einen Dummkopf wollte er auch nicht gehalten werden; so nahm er denn lieber das Martyrium auf sich, fortzuheucheln, wie seine Frau es verlangte. Damals, als sie nach Berlin zogen, hatten sie auch das vaterlose Kind adoptiert; in der Gesellschaft galt Thekla allgemein als ein legitimes Fräulein Burmester, und auch er widersprach dieser Annahme nicht, denn er war eitel auf das schöne Mädchen, und er liebte es wegen seiner Herzenseinfalt und Güte. Nein, das Kind hatte er sich durch seine Liebe zu eigen gemacht, er wollte trotzen auf sein Vaterrecht. Das sollte nicht auf denselben Dornenpfad gejagt werden, auf dem er seinen müden, schweren Leib dahinschleppte. Ihre Klage hatte ihn aufgeschreckt aus seiner lahmen Gleichgültigkeit. Das Kind hatte ja so recht, er konnte ihr alles so nachfühlen. Ja, ja, dumm wird man davon und stumpf! Und wieder ballte er die Fäuste und knirschte vor sich hin: »Die verfluchte Musik!« Drittes Kapitel. Herr Mayr haut. Am andern Morgen erlebte Frau Olga Burmester eine große Ueberraschung. Ihr Mann war in ihren Augen ein Frühaufsteher, denn er erhob sich jeden Morgen pünktlich um acht Uhr, einerlei, wie spät er zu Bett gekommen war, wogegen die Auferstehungsstunde der Gnädigen je nach dem Nervenstande erst zwischen Neun und Zwölf schlug. Sie hatte heute ihren Kakao – sie genoß immer nahrhafte Getränke, da sie die Hoffnung, etwas voller zu werden, immer noch nicht aufgegeben hatte – um neun Uhr zu sich genommen, gedachte jedoch, um den möglichen üblen Folgen der Alteration vom gestrigen Abend zu begegnen, noch ein Stündchen oder zwei liegen zu bleiben. Sie tupfte sich eben mit der zierlichen Serviette die Spuren von Kakao und weichem Ei aus den Mundwinkeln, als ihr Gatte fix und fertig zum Ausgehen gekleidet hereintrat und ihr ankündigte, daß er in Theklas Begleitung einen größeren Spaziergang im Tiergarten zu machen beabsichtige. »Thekla kann heute nicht mitgehen,« versetzte seine Gattin kühl, indem sie die Kissen wieder unter dem Rücken hervorzog, mit deren Hilfe sie sich zum Zwecke des Frühstückens aufrecht hingesetzt hatte, und sich wieder behaglich lang ausstreckte. »Du hast wohl vergessen, lieber Willy, daß um elf Uhr Herr Mayr zum Unterricht kommt?« »Bis um elf Uhr sind wir wieder zu Hause.« »Ach du weißt doch ganz gut, daß Thekla vor dem Unterricht immer eine Stunde Fingerübungen machen muß. Was soll denn Herr Mayr mit ihr anfangen, wenn sie sich mit steifen Knöcheln ans Klavier setzt?« »Das ist mir ganz gleichgültig,« versetzte der Konsul mit erstaunlicher Bestimmtheit. »Ich glaube, das Kind wird frischer und gesammelter an seine Aufgabe herantreten, wenn es sich nicht schon vorher ermüdet hat. Uebrigens ist mir das auch ganz egal, ob Thekla heute oder sonst wann mehr oder minder gut Klavier spielt: Die Hauptsache ist, daß wir für ihre Gesundheit sorgen und sie nicht übermäßig anstrengen.« »Ja mein Gott, was ist denn das für ein Ton?« rief Frau Olga, ihre Augen vor Erstaunen weit öffnend, indem sie sich mit einem Ruck emporrichtete. »Ich meine doch, es wäre zwischen uns eine abgemachte Sache, daß du mir die künstlerische Erziehung allein überläßt.« »Ach was, künstlerische Erziehung! Redensart!«brummte der Konsul ärgerlich. »Wenn in der Ehe der eine Teil unvernünftig am Kinde handelt und der andre Teil das einsieht, so hat er die verfluchte Pflicht und Schuldigkeit, dagegen aufzutreten und dem Schaden nach Möglichkeit vorzubeugen. Ich habe unrecht gethan, mich so wenig um Theklas Erziehung zu bekümmern. Ich werde jetzt versuchen, das Versäumte nachzuholen. So, also guten Morgen, liebe Olga.« Der kleine Herr schwenkte stolz seinen Hut gegen die Gattin und verließ eiligst das Schlafzimmer, bevor sie noch Worte gefunden hatte, um ihrer Entrüstung Ausdruck zu geben. Sie hatte nicht übel Lust, aus dem Bette zu springen, einen Morgenrock überzuwerfen und ihrem aufrührerischen Gemahl nachzulaufen, um ihm womöglich Thekla noch zu entreißen, bevor er sie sicher außerhalb der Wohnungsthür hätte. Aber der Gedanke, sich durch eine Scene dieser Art vor den Dienstboten zu blamieren, hielt sie zurück. Sie griff nach der Birne der elektrischen Klingel, die ihr zu Häupten hing, und drückte wütend auf den weißen Knopf. Und immer wieder ließ sie, da das Mädchen nicht sofort erschien, mit kaum sekundenlangen Pausen dazwischen ihr aufgeregtes Läuten erschallen. Die Marie kam ganz erschrocken hereingestürzt und hatte gleich einen feuchten Lappen mitgebracht, denn sie war überzeugt, daß die Gnädige den Kakao über die Atlasdecke gegossen habe. »Rufen Sie meine Tochter zurück, ich habe ihr noch etwas zu sagen!« rief die Frau Konsul dem Mädchen entgegen, ehe es noch nach ihren Wünschen fragen konnte. »Das gnädige Fräulein sind schon längst fort,« erwiderte Marie. »Sie sind vorausgegangen und haben den gnädigen Herrn unten auf der Straße erwartet.« Es kostete der gnädigen Frau keine geringe Anstrengung, ihre Gefühle nicht vor dem Mädchen zur Explosion gelangen zu lassen. Sie hieß die Marie das Frühstücksgeschirr hinaustragen. Aber sobald sie allein war, schlug die Gnädige wütend mit der flachen Hand um sich und lachte dazu nicht eben lieblich. »Unerhört! Dieser dicke, kleine Willy Burmester! Jetzt will er plötzlich anfangen, sich aufzuspielen! Macht mir die Thekla rebellisch. Unglaublich! Aber Angst haben sie doch alle beide, die Helden! Er rennt davon, ohne mich zu Worte kommen zu lassen, und sie läuft gar gleich bis auf die Straße hinunter, damit ich sie nicht zurückholen kann. Na wartet nur! Ich denke, solche Scherze sollen sich nicht allzuhäufig wiederholen. Es ist wirklich zu arg! Kaum hat man sich die Aufregung von gestern abend ein bißchen herausgeschlafen, so muß man sich am frühen Morgen schon wieder krank ärgern!« Um die Morgenruhe war's nun doch geschehen. Es war schon am besten, gleich aufzustehen und mutig zuzuschauen, wie sich die Welt so früh am Tage und wie sich das friedliche Heim nach erfolgter Kriegserklärung ausnahm. – – Pünktlich wie immer erschien um elf Uhr Herr Florian Mayr zur Klavierstunde. Die gnädige Frau empfing ihn im Salon. Mit den Worten: »Ich bedaure unendlich, mein lieber Herr Mayr, daß Sie einen Augenblick warten müssen,« rauschte sie ihm in ihrem schweren, kostbaren Morgengewande entgegen. »Mein Mann hat unsre Thekla entführt. Er behauptet, es sei gesünder, spazieren zu gehen, als Klavier zu üben.« »Darin hat er ohne allen Zweifel recht,« fiel Florian Mayr lachend ein, indem er der stummen Aufforderung, Platz zu nehmen, folgte. Frau Burmester setzte sich ihm gegenüber aufs Sofa und fuhr, ohne seinen Einwurf weiter zu beachten, fort: »Mein Mann ist leider nicht musikalisch genug, um mir in der künstlerischen Erziehung unsrer Tochter den nötigen Beistand zu leisten. Mein Gott, als ehemaliger Geschäftsmann ist er gewohnt, die Künste nur als angenehmes, aber müßiges Beiwerk zu betrachten – das heißt, so lange man nicht seinen Unterhalt dadurch verdienen will. Es fehlt ihm ganz die Einsicht dafür, daß selbst der Dilettant, der etwas Anständiges leisten will, mit Ernst und Anspannung arbeiten muß. Sie können sich wohl vorstellen, daß meine Tochter demjenigen von uns am willigsten folgt, der ihr das Leben am bequemsten zu machen verspricht. Mein Gott, dafür ist sie jung. Aber ich bin recht froh über die Gelegenheit, Sie einmal allein zu sprechen, mein lieber Herr Mayr. Ich habe Sie schon immer bitten wollen, mit meiner Tochter doch ja recht streng zu verfahren. Sie läßt sich gar zu gern gehen, wenn man sie nicht ganz straff herannimmt. Also bitte, kümmern Sie sich gar nicht darum, daß sie ein junges Mädchen von guter Familie ist, die es nicht nötig hat, sondern behandeln Sie sie einfach wie irgend einen Schüler, aus dem was Tüchtiges werden soll und der etwas schärfer angepackt werden muß als andre, die vielleicht von Natur größeren Fleiß oder eine leichtere Auffassungsgabe besitzen. – Wollen Sie mir das versprechen?« Der Pianist antwortete nicht gleich. Er lächelte vor sich hin und betrachtete seine langen, knochigen Finger. Endlich sagte er: »Wissen Sie, gnädige Frau, daß mir das zum erstenmal passiert, daß ich um größere Strenge beim Unterricht ersucht werde? Ich bin nämlich sonst als ein salva venia saugrober Kerl bekannt. Es ist mir auch ziemlich einerlei, ob ich eine feine junge Dame, oder einen dummen Buben vor mir habe. Wenn ich sehe, daß bei meinem Schüler Talent vorhanden ist, so nehme ich auch die Sache ernst und verlange die höchste Anspannung. Aber da wir gerade davon reden, um Ihre Fräulein Tochter thät' es mir doch leid.« »Wie so? Was meinen Sie damit?« »Also ehrlich gesagt, ich bin nicht der Meinung, daß das Fräulein Talent genug hat, um meine schärfste Tonart zu vertragen. Ich glaub' schon, daß der Herr Konsul recht hat. Lassen Sie's nur brav spazieren gehen und nit mehr Klavier spielen, als wie's das Fräulein selber freut. Viel weiter kommt sie doch nit, und selbst wenn's weiter kommt – was Gescheits wird doch nit draus.« Die Frau Konsul machte ihren Rücken steif und blickte recht geärgert drein. »O Herr Mayr,« versetzte sie gezwungen lächelnd, »mir scheint, Sie gehen etwas zu weit. Thekla ist doch so jung, ihr Charakter ist doch wohl noch zu unentwickelt, um . . . Uebrigens sind Sie ja auch noch recht jung: ich weiß nicht, ob Sie nicht etwas vorschnell urteilen. Sie entschuldigen – aber ich glaube, die Erfahrung dürfte Sie später doch darüber belehren, daß auch in der Kunst Talent und Temperament nicht allein ausschlaggebend sind und daß beharrlicher Fleiß und ernste Auffassung vieles zu ersetzen im stande sind.« »Ja, gnädige Frau, wenn Sie meinen, daß ich nichts davon versteh' . . .« »Pardon, Herr Mayr,« unterbrach ihn Frau Burmester, indem sie sich rasch erhob, »ich höre draußen Schritte, ich glaube, sie sind zurückgekommen, Sie entschuldigen.« Damit neigte sie leicht den Kopf gegen ihn und rauschte zur Thür hinaus. Florian Mayr blieb allein. Mit überlegenem Lächeln blickte er der Dame des Hauses nach, und dann zeichnete er mit dem Zeigefinger ein bedeutungsvolles Kreuz auf seine hohe Stirn. Im Nebenzimmer vernahm er ein erregtes Flüstern. Er lachte kurz auf, und dann setzte er sich vor den Flügel, klappte den Deckel auf, und begann in weitgriffigen Accorden zu präludieren. Wenige Minuten später trat Fräulein Thekla ein. Er that, als ob er ihrer nicht gewahr worden wäre, und nahm eine der schwierigsten Lisztschen Etüden in Angriff, bei deren Studium er gerade begriffen war. Thekla stand einige Schritte hinter ihm und hörte zu. Plötzlich drehte er sich auf dem Schraubstuhl herum und lachte ihr gutmütig ins Gesicht. »Na, mein Fräulein, da sind Sie ja.« Sie wollte sich entschuldigen. aber er ließ sie gar nicht ausreden. »Weiß schon alles. Jetzt wollen wir mal sehen, wie Sie mit roten Backen Klavier spielen können. Ich hab' Sie noch nie mit roten Backen gesehen, Fräulein Burmester.« Damit stand er auf, um ihr den Klavierstuhl einzuräumen, und zog sich selber einen andern Stuhl heran. Thekla errötete noch tiefer. Sie wußte nie, wie Herr Mayr es eigentlich meinte. Es klang so ironisch. Ob er auch böse mit ihr war, wie die Frau Mama, von der sie soeben eine komprimierte Strafpredigt im Flüsterton genossen hatte? Sie suchte ihr Notenbuch hervor, legte es auf das Pult und schraubte sich den Stuhl zurecht. Herr Mayr saß mit untergeschlagenen Armen daneben und guckte ihr fortwährend ironisch lächelnd ins Gesicht. Sie wußte gar nicht, wo sie hinschauen sollte. Hochklopfenden Herzens setzte sie sich nieder. zog ihre Ringe vom Finger, strich sich ihr Kleid über den Knieen glatt und sagte endlich ganz schüchtern. »Ach, Herr Mayr!« »Was denn? Sind Sie nicht gesund?« »Doch, ja, danke. Aber so wie Sie lerne ich doch nie spielen.« »Recht haben S'!« lachte er. »Also fangen wir an! Spielen Sie nur, so schlecht Sie wollen. Ich werde nachher schon meine Maßregeln treffen.« Und er lachte wieder so unerklärlich. Sie begann zu spielen, eine Chopinsche Mazurka, zaghaft, matt im Ausdruck, schwankend im Takt, schlecht phrasiert und alle Augenblicke, besonders im Baß, daneben greifend. Was war denn das? Herr Mayr hörte wohl gar nicht zu? Er ließ sich doch sonst keinen Batzer gefallen, ohne sie anzuschreien. Ganz verstohlen wagte sie ein wenig nach ihm herumzuschielen. Ach je! Er starrte sie immer noch mit seinen kleinen braunen Augen so komisch an und lächelte verschmitzt dazu. Es war eigentlich zum erstenmal, daß Florian sich seine Schülerin genauer betrachtete. Diese wohlerzogenen Mädchen aus guter Familie, die er für fünf bis zehn Mark die Stunde unterrichtete, waren ihm immer herzlich gleichgültig gewesen. Er fand keinen Reiz in ihnen, denn er vermochte hinter den glatten, weichen Lärvchen keine Persönlichkeit zu entdecken. Er teilte die sogenannten anständigen jungen Mädchen aus wohlhabenden Kreisen einfach in Klaviergänse, Singgänse und Malgänse ein. Damit war er fertig mit ihnen. Aber nach dem vorhergegangen Gespräch mit Frau Burmester erschien ihm dieses kleine Mädchen plötzlich in andrer Beleuchtung. Ein unglückliches Opfer mütterlicher Verbohrtheit hatte er da vor sich, und er mußte auch daran denken, wie er vor wenigen Tagen aus purer Laune und Ungeduld dieses selbe arme Opferlämmchen seinem waschlappigen polnischen Kollegen Prositlaus als leichte Beute zuzutreiben versprochen hatte. Das Mädel war doch eigentlich sehr hübsch. Zwischen ihrer fast üppigen jungfräulichen Reife und dem kindlich verängstigten Ausdruck ihres Gesichtes bestand ein auffallender Gegensatz, der ihrer zarten Schönheit etwas Rührendes verlieh. Warum soll denn das arme Ding Klavier spielen können? dachte er bei sich. Wenn sie gut schläft und gut verdaut und spazieren lauft und sich rote Backen holt, so ist es doch hocherfreulich anzuschauen. Und als ein erbaulicher Anblick für die geplagte Menschheit friedlich durchs Dasein zu wandeln, das ist doch auch ein ganz schöner Lebenszweck. Thekla hatte ihre Mazurka zu Ende gebracht. Sie ließ die Hände in den Schoß sinken und blickte scheu von der Seite mit ängstlich fragendem Ausdruck zu ihrem gestrengen Lehrmeister auf. Florian Mayr schüttelte seine glatte Mähne, kratzte sich komisch hinter den Ohren und sprach: »Ach so, mein gnädiges Fräulein, jetzt soll ich wohl was sagen. Na also; hundsmiserabel war's!« Er legte ihr die Hand auf den Arm, drückte sie energisch vom Klavierstuhl herunter, setzte sich selbst an ihre Stelle und spielte ihr die Mazurka vor. Das klang freilich anders. Frei im Takt und doch straff im Rhythmus. Man hörte ordentlich die sporenklirrenden Stiefel aufschlagen und die wunderbar graziösen und pikanten Chopinschen Fiorituren perlten so leicht aus den Fingern, huschten wie bunte Libellen über das glänzend dahinfließende Wasserband der Melodie. »So schaut das Ding aus,« sagte er streng, sobald er geendigt hatte. Damit räumte er ihr ihren Platz wieder ein. Er lächelte jetzt nicht mehr. Im Spielen war wieder jener Ernst über ihn gekommen, mit dem er alles erfaßte, was seine Kunst anging. Thekla seufzte tief auf und dann raffte sie ihren ganzen Mut zusammen und griff kräftig in die Tasten. O weh! gleich im ersten Accord zwei falsche Noten. Herr Mayr schrie schmerzlich auf; aber Thekla wollte sich nicht um ihre tollkühne Stimmung bringen lassen. Sie donnerte weiter und trat aufs Pedal los, wie auf einen hilflosen alten Köter, an dem ein schlechter Mensch seine böse Laune ausläßt. Das Tempo wurde immer schneller, die Figuren immer verwischter, die groben Batzer immer häufiger. »Falsch! cis Himmelherrgottelement! Piano! Zum Donner und Doria! Jetzt crescendo – Jesses, Jesses! – Halt, halt! – Pfui Deifel, is des a Sauerei!« Aber wie sehr er auch schrie und tobte, der grimmige Herr Florian, das Fräulein Thekla war nicht zu halten, das Fräulein Thekla war toll geworden. Herr Mayr war jetzt ernstlich böse. Wollte sie sich gar über ihn lustig machen, das dumme Ding? Das sollte sie fein bleiben lassen! »Halt! oder –!« rief er noch einmal. Sie hörte nicht, sie polterte weiter. Ihre zarten Nüstern weiteten sich, rasch ging ihr Atem, ihre Wangen wurden abwechselnd dunkelrot und bleich. Jetzt war Florian Mayrs Geduld zu Ende und – patsch! da hatte sie einen Klaps auf der linken Hand sitzen, der nicht übel brannte. Thekla fuhr mit einem kleinen Schrei des Entsetzens herum; sie rieb die Linke mit der Rechten und starrte dem wütenden Klaviermeister ganz entsetzt ins Gesicht. Und der Schändliche beugte sich mit zusammengebissenen Zähnen vornüber und – pitsch! patsch! da hast du's! – sausten knochenharte, wohlgezielte Tatzeln auf die warmen, weichen Patschhändchen hernieder. Die arme, erschrockene Thekla schien in der ersten Ueberraschung gar nicht zu begreifen, daß sie es war, die geprügelt wurde. Erst als sie ein reichliches halbes Dutzend weg hatte, kam sie aus ihrer Betäubung zu sich, sprang auf die Füße und rief laut aufweinend, indem sie nach der Thür hinflüchtete: »Papa! Papa! Herr Mayr haut mich!« Nun war an Meister Florian die Reihe, die Augen erstaunt aufzureißen. Urplötzlich kam es ihm zum Bewußtsein, daß er sich ganz unerhört unpassend benommen habe. Er sprang auf und lief dem weinenden Mädchen nach, um es zu beruhigen, um Verzeihung zu bitten, oder auch auszuzanken, weil es so kindisch heulte. Thekla mochte glauben, sie sollte noch mehr Prügel bekommen, denn sie stieß einen ganz hohen quietschenden Angstschrei aus und flüchtete zur Thür hinaus. Just zur selben Zeit hatte auch der Konsul, durch die Angstrufe der Tochter herbeigelockt, von der andern Seite die Thür des Salons erreicht, und ihm folgte fast auf dem Fuße seine Gattin mit rotem Kopf und funkelnden Augen, denn die Hilferufe der Tochter hatten sie in einer scharfen Auseinandersetzung mit ihrem Herrn Gemahl unterbrochen. Thekla flog ihrem Vater an die Brust, umklammerte seinen Hals mit beiden Armen und stieß laut aufschluchzend noch einmal ihre entrüstete Anklage hervor: »Papa, Herr Mayr haut mich!« »Was ist das? Ich habe wohl nicht recht gehört?« stotterte der kleine Herr verwirrt, indem er Thekla sanft beiseite schob und einige Schritte über die Schwelle trat. Seine blanke Glatze wurde für einen Moment dunkelrot und er schaute drohend zu dem langen, dünnen Klavierlehrer auf, der mit beschämt gesenktem Kopfe dicht vor ihm stand. »Herr Mayr, antworten Sie mir, Sie haben sich wirklich erlaubt . . .?« »Entschuldigen Sie nur, Herr Konsul,« stammelte Mayr verwirrt, indem er sich abwechselnd bald mit der einen, bald mit der andern Hand durchs Haar fuhr. »Nehmen Sie's nur nit übel – ich weiß selbst nit, die Hand muß mir so ausgerutscht sein, 's waren ja nur a paar Tatzen, wie man bei uns sagt.« Hinter des Vaters Rücken hielt Thekla ihre rot angelaufenen Handrücken der Mutter entgegen, und ehe noch der Konsul seiner Entrüstung weiteren Ausdruck zu geben vermochte, trat Frau Burmester über die Schwelle und rief: »Ist es denn menschenmöglich! Sie haben sich an meinem Kinde vergriffen?« Herr Mayr warf den Kopf auf und entgegnete trotzig: »Ach, Sie, gnädige Frau! Sie haben ja selbst gewünscht, ich soll das Fräulein mit äußerster Strenge behandeln. Wann's jetzt nit recht is . . .« »Was, Olga? Das hast du gethan?« wandte sich Herr Burmester mit ausbrechendem Zorn an seine Frau. Die Gnädige vergaß sich. »Ich?« kreischte sie auf. »Das wird ja immer schöner! Ich soll wohl jetzt an allem schuld sein?« Und zu Mayr gewendet: »Habe ich Ihnen vielleicht erlaubt, mein Kind zu mißhandeln?« »Das Kind mißhandelt weiter keiner als Sie allein!« platzte Herr Mayr heraus. »Jawohl, daß Sie's nur wissen: ich hab's Ihnen vorhin schon sagen wollen: es ist eine Sünde, ein himmelschreiender Unfug, wie S' das Fräulein Tochter mit dem Klavierspielen plagen. Das Fräulein hat keine Lust und kein Talent. Das Fräulein ist so unmusikalisch wie mein Stiefel da. Lassen Sie's nur spazieren geh'n und rote Backen kriegen, das ist viel g'scheiter; und im übrigen gibt's für ein hübsches, braves und angenehmes Mädchen nützlichere Sachen zu lernen – was braucht's grad die verdammte Kunstpfuscherei zu sein. Das ist meine Meinung.« »Wir haben Sie nach Ihrer Meinung nicht gefragt!« rief Frau Burmester wütend. »Und wenn Sie nicht wissen, wie man sich in anständigen Häusern benimmt . . .« »Jawohl – selbstverständlich,« fiel ihr der Gatte ins Wort. »Ich werde Ihnen Ihr Honorar für den letzten Monat auszahlen und dann muß ich Sie bitten . . .« Er wies mit der Hand nach der Ausgangsthür. »Gewiß – selbstverständlich!« stimmte Herr Mayr kopfnickend bei. Dabei blickte er über den kleinen Herrn hinweg und heftete seine braunen Augen voll Mitleid auf Thekla, die sich während des Wortwechsels in eine entfernte Ecke des Salons geschlichen hatte und mit ängstlicher Neugier des Ausgangs dieser Scene harrte. »Ja, und – und selbstverständlich werden wir einen andern Lehrer engagieren,« fügte der Konsul ein klein wenig unsicher hinzu. »Nein, erlauben Sie, das ist durchaus nicht selbstverständlich,« trumpfte Herr Mayr auf. »Das ist sogar vollständig ausgeschlossen.« »Was, Sie erlauben sich . . .?« »Ja, ich erlaube mir.« Mit drei großen Schritten stand Meister Florian vor Thekla, ergriff so geschwind, daß sie es nicht zu verhindern vermochte, ihre Hände, faßte sie alle beide in seiner gewaltigen Linken zusammen und streichelte sie sanft mit der Rechten. »Mein armes, liebes Fräulein, seien Sie mir doch bitte, bitte, nicht mehr bös. Sie haben mich halt wild gemacht mit Ihrem polizeiwidrig miserabeln, hundsgemeinen Spiel; aber ich hab' mich aufgeführt wie ein salva venia Trampeltier. Also sein's wieder gut. Des versprech' ich Ihnen heilig und gewiß: ich wach' über Sie, daß Ihnen kein so gemeiner Kerl, so ein Musikmeister wieder zu nah kommen darf. Solang ich am Ort bin, kriegen S' keine Klavierstund' mehr, so wahr ich Florian Mayr heiß'!« »Ach!« sagte Thekla ganz leise. Halb zweifelnd noch, halb kindlich vertrauend schlug sie ihre großen Augen zu ihrem bösen Lehrmeister auf, und ein reizendes Lächeln huschte über ihr verweintes Gesichtchen. Ohne weiteren Widerstand überließ sie ihm ihre Hände, die er fortwährend streichelte und drückte. »Lassen Sie doch meine Tochter los! Ich verbiete Ihnen, mein Kind zu berühren!« rief die hagere Konsulin, in königlicher Haltung zu den beiden schreitend und ihre Hand gebieterisch zwischen sie streckend. Und der Konsul ballte die Faust, schüttelte den Kopf und sagte, ironisch lachend: »Na, hören Sie mal, Herr Mayr, da wäre ich doch wirklich neugierig, zu erfahren, wie Sie das anstellen wollten! Sie wollen uns verhindern, unsrer Tochter Klavierstunde geben zu lassen? Haha, das ist wirklich gut!« Florian drehte sich auf dem Absatz herum und lachte dem Konsul freundlich ins Gesicht: »Ei freilich, haha, das ist auch gut; das ist sogar ausgezeichnet! Ich rate Ihnen, Herr Konsul, probieren Sie's nicht! Ich erfahr's ganz bestimmt, wenn Sie so einen geehrten Kollegen zum Zweck des Unterrichts ins Haus lassen. Ich leg' mich auf die Lauer und wenn ich den Betreffenden erwisch', nachher hau' ich ihm eins nauf, daß er sich bei Ihnen bedanken kann – und wenn's ein Hochschulprofessor wär' – haha! In diesem Fall sogar mit besondrer Genugtuung. Ich habe die Ehre, Herr Konsul. Gnädige Frau, wünsch' angenehme Unterhaltung. Gelten's, Fräulein Thekla, jetzt sind S' mir nimmer bös?« »Ach nein, Herr Mayr.« Und mit einem allgemeinen, etwas schiefen Bückling trollte sich Meister Florian zur Thüre hinaus. Herr und Frau Burmester starrten einander sprachlos an. Thekla strahlte. – – Florian Mayr war wie gewöhnlich in einem halben Dutzend Sprüngen die Treppe hinunter gekommen. Als er vor der Hausthür stand, verschnaufte er ein wenig. Die Geschichte hatte ihn doch aufgeregt. Das arme Mädel! Ach du himmlischer Herrgott! Die thörichten Eltern plagten es unsinnig mit Dingen, für die es nun einmal nicht geschaffen war, und er prügelte es gar noch! »Ich bin, weiß Gott, ein Trampeltier!« knurrte er halblaut vor sich hin. Er gab seinem Cylinder einen Stupfer, durch den er ein wenig melancholisch vornüber zu sitzen kam, und dann storchte er die Straße hinunter. In der Auslage eines Delikateßgeschäfts bemerkte er frische Apfelsinen, eine Rarität um diese Jahreszeit. Er ging hinein und begehrte ein halbes Dutzend. Sie waren sehr teuer. Er schimpfte, aber er kaufte sie. Dann ging er weiter und bog in die Jägerstraße ein. Bei Treu \& Nuglisch blieb er abermals stehen, gab seinem Cylinder von vorn einen Stupfer, daß er nach hinten rutschte, und titulierte sich abermals Trampeltier. Darauf betrat er den Laden und kaufte ein Flacon feines Parfüm. Nun wendete er seine Schritte wieder rückwärts nach der Markgrafenstraße, zum Hause des Konsuls Burmester. Er klomm die Stiege hinan, immer vier Stufen auf einmal nehmend. Oben angekommen, schellte er bescheiden wie ein Bittsteller. Der Diener öffnete. »Sie mein Lieber, gehn S', sein S' so gut, rufen Sie mir einmal das Fräulein Kammerjungfer. Ich hätt' ihr was im Vertrauen zu sagen,« raunte er dem Sklaven geheimnisvoll zu. Fritz grinste, entfernte sich, und nach einer kleinen Weile erschien richtig die Marie. Meister Florian hatte unterdes seinem Portemonnaie nicht ohne einen leichten Seufzer einen Thaler entrungen. Mit dem winkte er schon von weitem dem Mädchen, um es zutraulich zu machen. »Sie, Fräulein, pscht! –« »Ach nee, Herr Mayr, sind Sie's wirklich?« »Pscht! Hier schaun S', der Thaler gehört Ihnen, wenn S' diese beiden Gegenstände dem Fräulein Thekla übergeben, ohne daß die Herrn Eltern was gewahr werden. Haben S' mich verstanden?« Mit diesen Worten deponierte er zunächst den Thaler, darauf die Düte mit den Apfelsinen und endlich das Paket mit dem Flacon in die Hände des Mädchens. »Ja aber Herr Mayr, ich weiß doch nicht –« »Gleich geben S' den Thaler wieder her, Sie – Sie Lamm Sie!« »Ja ja, ich werd's schon besorgen,« kicherte das Mädchen. »Soll ich was zu bestellen?« »Einen rechten schönen Gruß, sonst nix und – Sie – pscht, hören S', Fräulein! Wann etwa die Herrschaft einen neuen Klavierlehrer engagiert, so benachrichtigen Sie mich sofort. Das gnädige Fräulein weiß meine Adresse. Ich werde mich erkenntlich zeigen – verstanden?« »Na jewiß, Herr Mayr.« »Is recht, nacha ha'm mir ausg'redt. Also an rechten schönen Gruß.« Er nickte dem Mädchen pfiffig blinzelnd zu und trollte sich davon. Auf dem Heimweg fiel ihm wieder ein, daß er seinem polnischen Kollegen die Stunden im Hause des Konsuls Burmester zu verschaffen versprochen hatte. Er war ein peinlich gewissenhafter Mensch. Was er versprochen hatte, pflegte er getreulich zu halten. In diesem Falle aber überlegte er nicht lange. Er beschloß, wortbrüchig zu werden, und absolvierte sich gleichzeitig selber durch die Ueberlegung, daß es doch den Satan mit Beelzebub vertreiben hieße, wenn er dem armen, guten, dummen Kinde statt eines Lehrers, der es bloß prügelte, einen solchen verschaffte, der es gar heiraten wollte. »Sie mag ja eine Gans sein,« sinnierte er weiter, »aber für den edlen Pan Prositlaus ist sie mir denn doch zu gut. Ich werde mich mal in militärischen Kreisen umsehn, vielleicht finde ich einen Lieutenant . . .« Er kehrte heim und schrieb eine Postkarte an Herrn Tonkünstler Antonin Prczewalsky, auf welcher er ihm mitteilte, daß er ihn leider nicht an Herrn Konsul Burmester empfehlen könne, weil das Fräulein überhaupt keinen Klavierunterricht mehr empfangen solle. Im Bewußtsein, eine gute That verrichtet zu haben, überkam ihn eine sonnige, menschenfreundliche Stimmung. Er steckte sich eine Cigarre an und stattete der Witwe Stoltenhagen einen Besuch in der Küche ab. »Na, liebe Frau, wie geht's Ihnen heute?« redete er sie überaus freundlich an. »Gut? Ach wirklich? Ei das freut mich. Sie kamen mir dieser Tage so gedrückt vor. Nun freilich ja, so 'n Stückchen Papier is ja leicht zerrissen. Na, na, leiden Sie an Kongestionen? Sie werden ja ganz rot? Hören Sie, dagegen kann ich Ihnen den Mayrschen Gesundheitskaffee empfehlen. Ein gutes Gewissen und eine geregelte Verdauung, davon hängt das Gleichgewicht zwischen Leib und Seele ab. Behalten Sie das fest im Auge, Frau Stoltenhagen, dann werden Sie finden, daß das Leben vor Ihnen liegt so freundlich und bequem, wie eine Kommode, zu der jeder Schlüssel paßt. Keine Aufregung mehr und keine unangenehme Ueberraschung. – – Guten Morgen, Fräulein Nichte. – Was ich sagen wollte: – wenn Sie heiraten wollen, so thun Sie das nur durch ein Zeitungsinserat. In der Zeitung ist Diskretion immer Ehrensache. Wissen Sie, was Diskretion ist? Nein? Das wissen S' nit? Das hab' ich schon lang gewußt, daß S' das nit wissen. Also guten Tag, meine Damen, wünsch' gesegneten Appetit.« Viertes Kapitel. Herr Mayr möchte wieder hauen. Am nächsten Morgen fand Meister Florian, als er von seinen Unterrichtsstunden heimkam, zwei Briefe vor. Der eine in zierlichem Format auf mattblauem Papier, feinduftend, verriet auf den ersten Blick eine junge Dame als Schreiberin. Florian öffnete ihn neugierig und las: »Sehr geehrter Herr Mayr! Empfangen Sie meinen herzlichen Dank für die liebenswürdige Aufmerksamkeit, die Sie mir erwiesen haben. Ich weiß natürlich, daß man als wohlerzognes junges Mädchen von Herren keine Geschenke annehmen darf, außer es sind richtige Verwandte oder mal ein Vielliebchen, aber da Sie doch mein Herr Lehrer sind, kann ich doch nicht ungezogen sein. Außerdem werde ich die Apfelsinen bis heute abend doch alle sechs aufgegessen haben und sind sie dann fort. Das Parfüm kann man ja leicht verstecken und werde ich immer dran riechen, wenn ich an Sie denke, welches gewiß sehr oft sein wird, weil ich Ihnen so sehr viel Dank schuldig bin, indem ich selber weiß, daß ich kein Talent habe und Sie, geehrter Herr Mayr, der erste waren, der es meiner Mama richtig gesagt hat. Helfen wird es aber doch nichts, denn meine Mama glaubt es nicht, daß ich kein Talent habe und besteht sie darauf, daß ich wieder Klavierstunden haben müßte. Ich bin Ihnen auch wirklich gar nicht böse, sehr geehrter Herr Mayr, denn ich habe mich wirklich sehr dumm benommen in der Stunde und Sie haben es gewiß nicht gern gethan und würden es auch gewiß nicht wieder thun, indem ich dann vor Angst überhaupt nicht mehr spielen könnte. Ich habe immer etwas Angst vor Ihnen gehabt, weil Sie so sehr streng waren, aber jetzt würde ich gar keine Angst mehr vor Ihnen haben, weil ich weiß, wie gut Sie es mit mir meinen. Papa ist Ihnen auch gar nicht mehr so sehr böse. Er hat sogar gelacht – natürlich wie Mama nicht mehr im Zimmer war. Er findet. Sie hätten eigentlich ganz recht, aber er meint, wenn Mama mir durchaus einen neuen Lehrer besorgen wollte, könnten Sie es doch noch weniger hindern wie er. Denn es gäbe doch so sehr viel Klavierlehrer und -lehrerinnen und könnten Sie diese doch unmöglich alle durchprügeln und das ist auch meine Ansicht. Wie wollen Sie es also machen, daß ich keine Klavierstunde mehr bekomme? Bitte, schreiben Sie mir das doch postlagernd Postamt 7 unter Th. B. Denn Mama würde gewiß nicht dulden, daß Sie mir schreiben. Nochmals herzlichst dankend bin ich Ihre sehr ergebene Schülerin Thekla Burmester. P. S. Die Marie hat sich sehr über den Thaler gefreut.« Florian hatte beim Lesen dieses liebenswürdigen Schriftstücks über das ganze Gesicht gelacht. »I du bist ja ein zu netter Kerl!« sagte er ganz laut, als er damit zu Ende war, und dann las er es mit stiller Freude noch einmal von Anfang bis zu Ende durch. Er faltete das Briefchen zusammen, zwei eng beschriebene kleine Bogen waren es, und strich zärtlich über das glatte Papier. Dann setzte er sich an sein Cylinderbureau, nahm, da er auf zarte Korrespondenzen nicht eingerichtet war, einen gewöhnlichen Briefbogen zur Hand und schrieb mit seinen großen, steilen Zügen folgende Zeilen: »Mein liebes Fräulein! Sie haben mir mit Ihrem reizenden Brief wirklich einen Stein vom Herzen genommen. Ich bin es, der Ihnen zu danken hat, denn ich habe es durch mein gestriges unqualifizierbares Benehmen durchaus nicht verdient, daß mich ein so liebenswürdiges Fräulein wie Sie überhaupt nur je wieder anschaut, viel weniger, daß es mir alles verzeiht und mir erlaubt, mich ferner um seine Angelegenheiten zu bekümmern. Was die etwaigen Bewerber um den Klavierlehrerposten bei Ihnen betrifft, so hat Ihr Herr Vater allerdings insofern recht, daß ich sie nicht alle prügeln kann. Aber einige wenigstens würde ich mit Vergnügen windelweich klopfen. Seien Sie unbesorgt, ich werde schon ein Mittel finden, um die Herrschaften gründlich abzuschrecken. Und wenn alles nichts hilft, so würde ich mich eher dazu entschließen, Sie zu entführen und auf meine Kosten Nähmaschine lernen zu lassen, bevor ich zugebe, daß Sie ohne Sinn und Verstand malträtiert werden. Da Sie jedoch vermutlich nur geringen Wert darauf legen dürften, von mir entführt zu werden, so möchte ich Sie ersuchen, sich auch nicht alles gefallen zu lassen, sondern meinen Bemühungen dadurch unter die Arme zu greifen, daß Sie sich selber etwas auf die Hinterbeine setzen. Ich habe schon so viel trübe Erfahrungen mit unvernünftigen Eltern gemacht, daß ich mich nicht scheue zu behaupten: es ist die Pflicht braver Kinder, die Dummheiten ihrer Eltern wieder gut zu machen. Lassen Sie es mich nur gleich wissen, wenn Ihnen Gefahr droht. Ich werde dann sofort zu Ihrem Beistand bereit sein, womit ich verbleibe Ihr stets ergebener Florian Mayr.« Er steckte den Brief in einen Umschlag und versah ihn mit der angegebenen Adresse. Und dann machte er sich zum Ausgehen fertig, um ihn sofort in den Kasten zu stecken, als sein Blick auf den andern Brief fiel, den er inzwischen fast vergessen hätte. Er riß ihn ungeduldig auf und las: »Sehr geehrter Herr! Unser Peter Gais hat sein neues Musikdrama › Satan ‹ soeben vollendet!! Es ist dies das grandiose Vorspiel zu der genial konzipierten Tetralogie › Der Mensch ‹, deren Schaffung voraussichtlich den Höhepunkt des titanischen Ringens, die Krönung des gewaltigen Könnens unsres dämonischen Peter Gais darstellen dürfte. In der Voraussetzung, daß auch Sie, wertester Kunstgenosse, an dem Wachsen und Werden des genialen Tondichters lebhaften Anteil nehmen, lade ich Sie hiermit zu der morgen Abend sieben Uhr in meiner Wohnung stattfindenden ersten Vorführung des ›Satan‹ durch seinen Schöpfer freundlichst ein. Hochachtungsvollst                                 Raphael Silberstein.« »Jesses, Kinder, nehmt's 's Maul nit so voll!« brummte Florian kopfschüttelnd. Aber er setzte sich doch hin und schrieb eine Postkarte, um die Einladung dankend anzunehmen. Er kannte den dämonischen, genialen, titanischen Peter Gais zwar nicht persönlich, wußte aber, daß sein Opus 1 Liszts Aufmerksamkeit erregt hatte, und einige symphonische Dichtungen, die ihm bekannt geworden waren, hatten ihn allerdings begierig gemacht, den Mann kennen zu lernen. Florian ging aus und steckte Brief und Karte selber in den Kasten. Er war in derartig gehobener Stimmung, daß er anstatt sein billiges Mittagbrot mit einem Glase schlechten Berliner Bieres hinunterzuspülen, sich heute einen Schoppen Wein gestattete, und daß selbst dieser Wein, der in irgend welcher gottlosen Hexenküche zusammengemischt war, seine gute Laune nicht zu verderben vermochte. Zum drittenmal las er beim letzten Glase der giftroten Flüssigkeit das blaßblaue Briefchen durch. Es war doch ein schönes Gefühl, sich durch eine Mannesthat so ein gutes, gläubiges Mädchenherz erobert zu haben. Erobert? Nein, er nahm den starken Ausdruck zurück sowie er ihn gedacht. Vorläufig nur: zur Dankbarkeit verpflichtet. Das war ja auch ganz genug für seine geringe Leistung – und an Liebesgeschichten hatte er nie gedacht, niemals seit seiner Bubenzeit in Bayreuth, wo er mit einer Bäcker- und Bräuerstochter einen kleinen Roman erlebt hatte, der mit einer schmerzlichen Enttäuschung endigte, indem das Mädchen, sobald er das Gymnasium verlassen hatte, es vorzog, einen zwar subalternen, aber doch pragmatischen Beamten zu heiraten. Seither hatte kein weibliches Wesen irgend welche Bedeutung mehr für sein inneres Leben gewonnen. Er war kein Mann für die Weiber, und die Weiber waren nichts für ihn. Er kannte überhaupt nur Zimmervermieterinnen, Konservatoristinnen und sonstige »Klaviergänse«, und alle diese drei Gattungen waren ihm im Grunde der Seele zuwider, außer wenn es ihm gelang, sie humoristisch zu erfassen – womit natürlich selbst den gefährlichsten schon sozusagen der Stachel abgebrochen war. Am Nachmittag saß er bereits wieder mit demselben Eifer wie immer über seinen Lisztschen Etüden am Klavier und auch die gesunde Nachtruhe wurde ihm durch keinerlei unprogrammäßige Träume gestört. Da kam am nächsten Morgen ein zweites blaßblaues Briefchen. Das lautete: »Lieber Herr Mayr! Was werden Sie von mir denken, daß ich mich schon wieder an Sie wende, aber ich bin so unglücklich und weiß keinen andern Rat und habe keinen andern Freund als Sie. Mama hat richtig schon wieder einen neuen Lehrer für mich engagiert. Der Herr hat heute nachmittag seinen Besuch gemacht. Er sagte, er hätte gehört, daß für die ›merkwürdig begabte‹ Tochter des Hauses ein Lehrer gesucht werde; er gebe sich sonst gar nicht mit Klavierunterricht ab, da er ein schaffender Künstler sei. Aber es würde ihm eine Ehre sein, in diesem Falle eine Ausnahme zu machen, wo es sich um ein Haus handle, dessen ernste Kunstpflege in der ganzen musikalischen Welt der Hauptstadt so bekannt sei. Bisher hätte er nur einigen russischen Fürstinnen Unterricht gegeben, auf deren Schlössern er ganze Jahre zugebracht habe. Dann mußte ich dem Herrn etwas vorspielen. Ich habe noch viel schlechter gespielt als bei Ihnen. Und trotzdem fand er, daß ich ein ganz bedeutendes Talent hätte! Ich wäre nur durch eine grundfalsche Methode verdorben worden. Mama sagte, daß ich bei Ihnen Stunde gehabt hätte. Da sagte er, Sie wären ein Holzhacker , aber kein Klavierspieler. Sie hätten keine Seele und kein Verständnis für den schaffenden Künstler! Sie hießen in Musikerkreisen immer nur der Kraft-Mayr und jetzt wären Sie in einen Prozeß verwickelt, weil Sie eine ältere Dame Affenschwanz und alte Kuh geschimpft hätten! In Ihren Mußestunden amüsierten Sie sich damit, daß Sie Ihren Wirtsleuten etwas in den Kaffee thäten, wonach ihnen allen übel wurde, so daß sie zum Doktor schicken mußten. Lieber Herr Mayr, ich bin fest überzeugt, daß das alles ebenso gelogen ist wie daß ich Talent haben soll. Bitte, helfen Sie mir, wenn Sie können. Der Herr heißt: Antonin Prczewalsky, Tonkünstler, Schumannstraße 2. Mama gefiel er sehr und hat sie ihn gleich engagiert. Er hat auch eine eigene Komposition vorgespielt. Ich verstehe vielleicht nichts davon, aber ich fand sie scheußlich. Wie Sie einmal gesagt haben: Schneckenschleim mit Himbeersauce . Auch schnaufte er beim Spielen immer durch die Nase. Mein Vater war leider ausgegangen, aber er hätte wohl doch nichts dagegen thun können. Morgen um Zwölf soll ich die erste Stunde haben und will ich versuchen, ob ich nicht vorher zum Postamt 7 hinüberhuschen kann, ob vielleicht ein Brief von Ihnen da ist. Das wäre mir ein Trost. Ich bitte Sie nochmals von Herzen, lieber Herr Mayr, helfen Sie mir und würde es dem Herrn nicht schaden, wenn Sie ihn durchhauen würden, obwohl ich nicht weiß, ob Sie so intim mit ihm bekannt sind. Um halb Zwölf bin ich also am Postamt 7, falls Sie mir etwas mitzuteilen haben und verbleibe ich Ihre dankbare ergebene Schülerin Thekla Burmester.« Als Florian Mayr mit dem Brief fertig war, blitzten seine Augen und um seine Mundwinkel zuckte es von satanischer Fröhlichkeit. Er beendigte rasch sein Frühstück und machte sich alsbald zum Ausgehen fertig. Es schneite zwar draußen, aber trotzdem griff er nicht nach seinem Schirm, sondern unterzog vielmehr seine drei Stöcke einer sorgfältigen Prüfung auf Schwere, Elastizität und Handlichkeit. Er entschied sich schließlich für einen äußerst biegsamen, mit Hanf umflochtenen und lackierten Stahlstab mit einer gleichfalls umflochtenen Bleikugel als Handgriff, einen der inzwischen längst aus der Mode gekommenen sogenannten Totschläger. Es genierte ihn nicht im mindesten, daß die Zusammenstellung von Totschläger und Cylinderhut wahrscheinlich einen komischen Eindruck auf das Straßenpublikum machen würde. Das Prügelmotiv aus den Meistersingern »Da hieb ich ihm den Buckel voll« vor sich hinpfeifend, sprang er die Treppe hinunter und begab sich in beschleunigter Gangart nach der Schumannstraße Nr. 2. Im ersten Stock lachte ihm die Visitenkarte: Antonin Prczewalsky, Tonkünstler , entgegen. Er klingelte energisch. Eine dicke Madame in schmieriger Morgenjacke erschien. »Sind der Herr Tonkünstler vielleicht daheim?« erkundigte er sich. Die Wirtin war etwas erstaunt ob dieser sonderbaren Anrede. »Sie meinen wohl den polnischen Herrn? Na natürlich is er zu Hause. Aber so früh darf ich keenen rin lassen. Um die Zeit schläft er noch.« »O das macht nichts, Madamchen,« versetzte Florian treuherzig. »Ich bin ein alter, lieber Freund von ihm. Er wird sich sehr freuen, mich zu sehen. Lassen S' mich nur gefälligst hinein. Ich werd' ihn schon munter kriegen.« »Na denn bitte, auf Ihre Verantwortung. Der Herr kann sehr eklig sind, wenn man ihn aus 'n Schlafe weckt.« »Ick ooch!« versetzte Florian doppelsinnig und öffnete ohne weiteres die Thür, die ihm die dicke Madame bezeichnete. Prczewalsky bewohnte einen elegant möblierten Salon nebst Kabinett. Der Salon war freilich nur halb so groß als Florians Eckzimmer am Luisenplatz, dafür war aber auch die Eleganz überwältigend. Ein Teppich ging durch das ganze Zimmer, ein Teppich freilich, der schon vor zwanzig Jahren nicht mehr neu gewesen war. In einer Ecke befand sich eine Polstergarnitur um einen runden Tisch herum, Sofa und drei Fauteuils in dunkelgrünem Plüsch, wie sie in den fünfziger Jahren in allen »guten Stuben« zu sehen waren. Die gehäkelten Antimacassars hingen zusammengeknüllt, nur noch von einer Stecknadel gehalten an den Rücklehnen der Fauteuils herunter. Vor dem Sofa lag eine polnische Zeitung auf der Erde, Cigarrenasche überall auf dem grünen Plüsch und auf dem Teppich. Ueber dem Sofa in einem ovalen Goldrahmen hing eine Photographie des Tonkünstlers, ein Brustbild in halber Lebensgröße. Darüber ein verdorrter Lorbeerkranz. An der gegenüberliegenden Wand, nahe am Fenster, stand der Schreibtisch, darauf abermals in einem Bronzerahmen ein Porträt des Tonkünstlers in Makartformat, wie er am Flügel saß, den Blick träumerisch in die Weite gerichtet. Einige Kabinettbilder von meist sehr dekolletierten Damen darum herum. Mitten im Zimmer stand ein Blüthnerscher Stutzflügel, offen. Auf dem Pult ein aufgeschlagenes Heft Chopin, daneben ein mit Bleistift geschriebenes Notenmanuskript. Der Tonkünstler war augenscheinlich damit beschäftigt, ein Werk seines großen Landsmanns nachzuempfinden. Auch auf den Tasten lag Cigarettenasche. Nach kurzer Umschau in diesem vom Genius geweihten Raume trat Florian Mayr an die Thür des Schlafkabinetts und horchte. Lautlose Stille. Er öffnete vorsichtig die Thür und schaute hinein. In süßem Schlummer lag der schöne Antonin im Bette, der Mund stand ihm offen, vom sanften Hauche seines Odems leicht bewegt wehte das eine Ende seines melancholischen Schnurrbarts darüber auf und nieder. Um die weiße, hohe Stirn, die wohl noch in später Nacht der Kuß der Chopinschen Muse berührt haben mochte, buhlten einige aufgelöste dunkle Locken. Florian Mayr genoß nur eine halbe Minute lang den berauschenden Anblick des schlummernden Genius. Dann trat er in den Salon zurück, die Thür weit offen lassend, und setzte sich ans Klavier. Nach der schönen Melodie des Beckmesser im letzten Akt der »Meistersinger« intonierte er das »Morgen ich leuchte im rosigen Schein, voll Blut und Duft geht schnell die Luft,« dann Fortissimo das Beckmessersche Guitarrengerupf dazwischen – und dann fiel er unvermittelt auf die Prügelmelodie, ja er erlaubte sich sogar den Spaß, sie mit zwei Händen in Oktaven herunterzuhämmern, und zwar mit der linken Hand einen halben Ton tiefer als mit der Rechten. Es klang entsetzlich. Ein wahrhaft höllischer Morgenweckruf, der auch das reinste Gewissen um seinen Schlaffrieden zu bringen im stande gewesen wäre. Florian hielt einen Augenblick inne. Da in der Kammer brummte und schnaufte etwas, und dann glaubte er die Silben »psia krew« zu vernehmen. »Grüß Gott, Herr Kollege!« rief er munter zurück. »Ich wollte mir nur erlauben, Ihnen ein Ständchen zu bringen.« Er ergriff seinen Stock und trat auf die Schwelle des Schlafkabinetts. Dort nahm er seinen Cylinder ab und führte eine ironische Verbeugung gegen das Bett aus. Schlaftrunken rappelte sich Prczewalsky auf und rieb sich die Augen. Jetzt erst erkannte er seinen Morgenbesuch. Er räusperte sich, puffte heftig ein paarmal Luft durch die Nase und sprach: »Warum wecken Sie mich? Schneißlich! Gemeinheit! Was wollen Sie von mir?« »O bitt' schön, ich wollte Ihnen nur meine Dankbarkeit bezeigen für die freundliche Auskunft, die Sie gestern über mich gegeben haben.« Florian sagte das im liebenswürdigsten Ton von der Welt, während er dabei seinen Cylinderhut anstandslos wieder aufsetzte und mit der Linken den Bleiknopf des Totschlägers erfassend, den biegsamen Stab scherzhaft über der Bettdecke auf und ab und hin und her pfeifen ließ. Prczewalsky zuckte jedesmal zusammen, wenn das Ding seiner Nase zu nahe kam. Er ergriff das Federbett mit beiden Händen, hielt es schützend über sein Haupt empor und duckte sich darunter. »Lassen Sie doch den Stock weg,« näselte er ängstlich. »Sie machen mich ganz nervös.« »Ach, das thut nichts,« versetzte Florian freundlich lächelnd. »Wissen S', ich muß immer was zum Spielen in der Hand haben – damit die Finger net steif werden, wissen S'. Das ist ein wundernettes Steckerl, was?« Und mit scharfem Pfiff ließ er ein paar Hiebe dicht vor des Tonkünstlers Nase vorbeisausen. »Ein wahrer Genuß wär' mir das, damit einem rechten würdigen Subjekt ein paar überzuziehen. Wissen Sie vielleicht jemanden?« »Gehn Sie doch fort. Lassen Sie mich in Ruh!« rief der schöne Pole, nur mit einem Auge ängstlich unter dem Deckbett hervorlugend. »Ich bin nicht gewohnt, so früh morgens Besuch zu empfangen.« Florian nahm seinen Stock unter den Arm, steckte die Hände in die Taschen seines Ueberziehers und fuhr fort, ohne die Zwischenrede Antonins überhaupt zu beachten: »Bitt' schön, wie würden Sie gegen einen Kollegen verfahren, der von Ihnen behauptet hätte, Sie wären ein Holzhacker, aber kein Klavierspieler, hä?« Prczewalsky horchte auf und schob das Deckbett zurück. »Wie würden Sie z. B. gegen mich verfahren, wenn ich von Ihnen behaupten wollte, Sie seien ein fader Lapp, ein schleimiger Aff, ein hinterlistiger, miserabler Fuchsschwänzer und was weiß ich? Ein nachempfindsamer, blöder Trottel, aber kein schaffender Künstler? Na, Herr Kollege? Dees wenn ich von Ihnen behaupten thät, was thäten S' dazu sagen?« Prczewalsky setzte sich im Bett auf, fuhr sich durch das wirre Gelock, pfauchte aufgeregt durch die Nase und rief: »Ich lasse mir nicht gefallen! Sie sind gekommen, mich zu beleidigen. Gehn Sie hinaus!« »Aber lieber Herr Kollega, regen S' Ihnen nur net auf! Ich red' ja nur beispielsweis. Ich möcht' ja nur von Ihnen wissen, was ich dem Kerl anthun soll, der von mir behauptet hat, ich hätt' eine würdige ältere Dame ›Affenschwanz‹ und ›alte Kuh‹ geschimpft und wär' darum verklagt worden. Und ein Giftmischer wär' ich auch.« »Das ist nicht wahr, das hab' ich nicht gesagt. Wer hat Ihnen gesagt?« »Je da schau! Sie wär'n des also? Wissen S', von Ihnen hätt' ich dees nit glaubt, Herr Kollega. Daß man um zehn Mark einem schon so viel G'meinheiten nachsagen kann, dees hätt' ich doch wirklich nimmer für möglich gehalten. Also bitt' schön, wollen S' jetzt so gut sein und sich entscheiden, ob ich Sie wegen Verleumdung belangen soll und vor der ganzen Kollegenschaft blamieren, oder ob Sie lieber eine Tracht Prügel unter vier Augen in Empfang nehmen wollen.« »So, khn, khn! – – soo! O! – Sie drohen mich zu schlagen,« stieß Prczewalsky mit zitternder Stimme hervor. »O, Sie werrden mich schlagen, nicht wahr? O, ich werrde mir nicht gefallen lassen! O, ich werrde Sie verklagen wegen Gewalt in meine eigene Wohnung.« »Bitte sehr, des können S' ja nachher thun,« versetzte Florian ungerührt. »Aber erst müssen S' doch die Prügel kriegt haben, eh' S' mich drum verklagen können. Also bitt' schön, steigen S' nur 'raus aus 'm Bett. Machen wir die G'schicht' g'schwind ab. Bis dat qui cito dat, sagt der Lateiner.« Dabei erhob er drohend den Stock in der Rechten und machte mit der Linken eine rasche Bewegung nach dem Lockenhaupte seines Opfers, als wollte er es beim Ohr aus dem Bette ziehen. Der schöne Antonin ward käsweiß im Gesicht. Er ließ sich aufs Kopfkissen zurückfallen, strampelte schwach mit den Beinen und wehrte ungeschickt mit beiden Armen den drohenden Griff des Racheengels ab. Dabei jammerte er kläglich: »Lassen Sie mich! O, Sie gemeiner Mensch – ich werrde mir nicht gefallen lassen!« Meister Florian ließ den Stock sinken, trat einen Schritt zurück und sagte scheinbar baß erstaunt: »Ja, was is jetzt dees? Mir scheint fast, Sie mögen gar keine Prügel! Ja, wissen S', des dürfen S' nur sagen, nachher treffen wir halt ein andres Arrangement. Ich will Ihnen was sagen: geben Sie mir das schriftliche Versprechen, auf den Unterricht im Hause des Konsuls Burmester ein für allemal zu verzichten, dann will ich Ihnen Ihre hundsgemeinen Verleumdungen für diesmal nicht weiter nachtragen. Also bitt' schön, wenn Ihnen das lieber is, so stehen S' nur auf und schreiben S' mir's nieder.« »Ja, aber geh'n Sie hinaus,« seufzte Antonin sichtlich erleichtert, »sonst kann ich doch nicht aufstehen.« »Ach, wegen meiner brauchen S' sich nit zu genieren,« sagte Florian, gutmütig lachend. »Da schau, da geht ja eine Thür auf den Gang hinaus. Da möchten S' g'wiß gern 'nausschlupfen. O naa, mein Lieber, des gibt's nit!« Der Schlüssel steckte innen im Schloß. Florian trat zur Thür, überzeugte sich, daß sie verschlossen sei, zog den Schlüssel ab und steckte ihn in die Tasche. »So, jetzt hammer's. Bitte, verweilen Sie sich nur net zu lang bei der Toilette, ich hab' keine Zeit, wissen S'. Sie erlauben doch, daß ich derweil Ihren miserabeln Flügel a bissel zusammenschlag'?« Und ohne eine Antwort auf diese harmlose Bitte abzuwarten, ging er, die Thür hinter sich nur anlehnend, in den Salon. Stark auftretend, machte er einige Schritte und schlich dann auf den Zehenspitzen bis dicht unter die Thür zurück. Da drin knarrte das Bett. Der schöne Antonin erhob sich und jetzt – richtig, das hatte er erwartet! Er wollte die Thür geschwind ins Schloß drücken und sich von innen einriegeln. Aber Florian war flinker als er. Er steckte seinen Totschläger durch die Spalte und dann – schob er mit einem leichten Druck der Schulter gegen die Thür den sich vergeblich dagegen stemmenden Tonkünstler zurück und streckte, freundlich grinsend, seinen Kopf in das Kabinett. »Naa, naa, lieber Herr Kollega, so hab' ich des net gemeint. Kommen S' nur herein wie S' da grad' sind. Zum Verlieben schaun S' aus; schad, daß i kein Madel bin. Oder nehmen S' sich doch lieber an Schlafrock um, Sie könnten sich am End' verkälten.« Prczewalsky biß die Zähne zusammen und knirschte eine polnische Verwünschung vor sich hin. Es blieb ihm nichts übrig, als gehorsam in den Schlafrock zu schlüpfen und seinem Peiniger in den Salon zu folgen. »Was wollen Sie also noch von mir?« fragte er mit verbissener Wut. »Bitt' schön, Herr Kollega, setzen Sie sich nur da nieder und schreiben Sie ungefähr in folgendem Sinne: Ich Endesunterschriebener verpflichte mich hiermit auf Ehrenwort, dem Fräulein Thekla Burmester unter keiner Bedingung Klavierunterricht erteilen zu wollen, auch keinen andern Lehrer dorthin zu empfehlen. Sollte ich trotzdem dieses mein Ehrenwort nicht halten, so bekenne ich, ein ganz gemeiner Lump zu sein, und erbiete mich, die von Herrn Florian Mayr, Pianist dahier, etwa über mich verhängte Prügelstrafe ohne Widerspruch in Empfang nehmen zu wollen. Unterschrift und Datum.« Antonin saß und schrieb. Es schien ihm schwer zu werden, denn er gönnte sich mehrfach kurze Ruhepausen dazwischen, die er mit tiefen Seufzern und unartikuliertem Gegrunz ausfüllte. Endlich überreichte er dem geduldig harrenden Mayr das fertige Schriftstück. Der las es mit ziemlichem Ernste durch und sagte: »Sie haben ja den gemeinen Lumpen und die Prügelstraf' ausgelassen?« Antonin zuckte nur die Achseln. Kreidebleich, mit schlotternden Knieen und wirrem Haarwust saß er da in seinem Schreibstuhl, ein wahres Jammerbild. Florian empfand fast Mitleid mit ihm. Er faltete das Papier zusammen, steckte es in seine Brusttasche und sagte: »Also lassen wir's gut sein. Wenn Sie Ihr Wort nicht halten, sind S' ja doch ein gemeiner Lump, ob Sie's mir nun schriftlich geben oder net. Und die Prügel bleiben Ihnen dann auch net g'schenkt; ich werd' schon fein Obacht geben auf Sie! Also, wertester Herr Kollega, ich hab' die Ehre, recht guten Morgen zu wünschen.« Damit lüftete er den Hut, legte den Kammerschlüssel auf den Tisch und schritt nach der Thür. Der schöne Antonin sprang auf, ballte seine Fäuste hinter ihm her und knirschte wutschnaubend: »Herr Mayr, ich muß Ihnen sagen, Sie sind ein . . .« »Was, bitte?« unterbrach Florian, seinen Stock wie zur Auslage erhebend. »O, ein serr – – merkwürdiger Mensch sind Sie,« vollendete jener mit scheuem Flüstern. »Sehr liebenswürdig,« sagte Florian, verbeugte sich dankend und verließ das Zimmer. Er hatte kaum den Fuß draußen auf die Treppe gesetzt, als hinter seinem Rücken die Thür aufgerissen wurde. Da stand der edle Pole im Schlafrock und bloßen Beinen und schrie, so laut er konnte: »O Sie, Herr, ich habe Sie die Treppe hinuntergeworfen, wissen Sie!« Er verschwand ungemein rasch, warf die Thür krachend hinter sich ins Schloß und dann hörte ihn Mayr im Korridor schreien: »Madame Cebrian, bitte, Sie sind Zeuge, daß ich diesen Herrn soeben die Treppe hinuntergeworfen habe.« Ganz ungemein vergnügt trollte sich Meister Florian nach dem bekannten Privatkonservatorium, wo er an diesem Vormittag zu unterrichten hatte. Er hatte eigentlich bis Zwölf zu thun, aber um elf Uhr ersuchte er einen Kollegen, ihn zu vertreten, da er seine Großmutter von der Bahn abholen wolle. Die Sache ließ sich unschwer machen, und so befand sich Herr Florian Mayr wenige Minuten nach Elf bereits unterwegs nach dem Postamt Nr. 7. Eine Viertelstunde lang mußte er vergebens auf und ab patrouillieren, bevor seine Geduld durch das Erscheinen des Fräulein Thekla belohnt wurde. Sobald er sie um die Ecke biegen sah, trat er in einen Thorweg neben dem Postamt und hielt sich dort versteckt, bis sie seinen Brief in Empfang genommen hatte und, scheu um sich blickend, wieder auf die Straße trat. Dabei ward sie seiner ansichtig und stieß einen ganz leisen Schrei freudiger Ueberraschung aus. Florian Mayr ging ihr entgegen und drohte lachend mit dem Finger. »Ei, ei, Fräuleinchen! Was ich von Ihnen weiß! Sie holen sich heimlich postlagernde Briefe ab. Von jungen Herren wohl gar? Dees wenn ich der Frau Mama sagen thät'!« Thekla errötete verlegen, indem sie seinen höflichen Gruß mit einem etwas ungeschickten Knicks erwiderte. »Ach, Herr Mayr, Sie spassen ja nur,« sagte sie niedlich dumm. »Sie wissen doch, daß ich mir nur Ihren Brief geholt habe.« »Erlauben Sie, Fräulein, bin denn ich vielleicht kein junger Mann?« begehrte er auf. »Ich hab' freilich ein Gesicht wie ein lederner Kirchenvater auf den ältesten Bildern. Sie haben wohl gar keine Ahnung, wie elend jung ich bin? Dreiundzwanzig! Ja, gelten S', da spannen S'? Ich bin im gefährlichsten Alter – ich meine, wo man zu den größten Dummheiten fähig ist.« »Ach nein, Herr Mayr,« entgegnete Thekla, indem sie zweifelnd zu ihm aufblickte. »Doch, doch! In meinem Brief da steht's ja drin, daß ich Sie entführen will. Wenn des keine Dummheit is, nachher weiß ich net . . .« »Ach, wirklich?« rief Thekla leise mit einem freudigen Aufblitzen ihrer Augen. Sie waren nebeneinander hergegangen, um die nächste Ecke gebogen und spazierten nun die Jerusalemerstraße hinunter, ohne sich dessen bewußt zu sein. Florian schaute auf das hübsche, frische Mädchen an seiner Seite, dem das dunkle Samtkleid mit Pelzkragen und -kappe gar reizend stand, mit einem drolligen Ausdruck herab, – stark onkelhaft und ein klein wenig verliebt dazu. Ihre liebliche Verlegenheit machte ihm ein ungeheures Vergnügen. »Ja, ja, was denken Sie von mir?« fuhr er fort. »Halbe Maßregeln sind mir immer zuwider gewesen. Eh' daß ich Ihnen wieder Klavierstunden geben lasse, entführ' ich Sie schon lieber. Das wär' nachher doch die einzige Möglichkeit. Hab' ich net recht?« »Ja, wenn Sie meinen, Herr Mayr,« versetzte Thekla schüchtern. Sie wußte jetzt schon gar nicht mehr, ob er es ernst meinte, oder sie nur aufziehen wollte. »Haben Sie denn meinen zweiten Brief auch bekommen?« fügte sie rasch hinzu, um ihre Verlegenheit nicht merken zu lassen. Er bejahte und erstattete ihr darauf einen höchst anschaulichen Bericht über seinen Morgenbesuch bei dem edlen Pan Prczewalsky. Thekla war so stolz und glücklich; ihre Wangen brannten, ihre Augen glänzten, wie sie so gespannt horchend zu ihrem langen, schlanken Helden emporschaute, welcher, nur mit einem einfachen Totschläger bewaffnet, es gewagt hatte, für sie in den Kampf zu ziehen, die Höhle des langmähnigen Ungeheuers zu betreten, dem ihre unerbittlich musikalische Mama sie hatte ausliefern wollen. »Wie gut Sie sind, Herr Mayr,« sagte sie warm, als er mit seiner Erzählung zu Ende gekommen war. »Glauben Sie wirklich, daß er jetzt nicht mehr wiederkommen wird?« »Das können wir ja gleich feststellen, für heut wenigstens,« erwiderte Mayr. »Um zwölf Uhr sollte er antreten, net wahr? In ein paar Minuten ist's zwölf; also schauen wir zu.« »Gleich Zwölf?« rief Thekla erschrocken. »Ach du liebe Zeit, da muß ich ja flink nach Hause. Wo sind wir denn eigentlich? Wir haben uns ja ganz verlaufen.« »Ah was, heut brauchten S' eigentlich gar nimmer heim, Fräulein Thekla,« lachte Mayr. »Klavierstunde is heut ja doch keine, und Spazierengehen ist viel gescheiter. Ich hab's Ihnen ja doch auch verschrieben.« »Ach Gott, Herr Mayr,« versetzte sie ängstlich, »ich möchte ja auch viel lieber mit Ihnen spazieren gehen, aber ich muß doch um Zwölf zu Hause sein. Mama weiß doch nicht, daß der polnische Herr nicht kommt. Und was soll ich denn sagen, wo ich gewesen bin, wenn ich gar nicht nach Hause komme? Ach Gott, hier sind so viele Menschen, wenn uns nur kein Bekannter gesehen hat!« Sie schritt sehr rasch dahin, in der Richtung nach der Markgrafenstraße. Ganz aufgeregt war sie und hörte gar nicht mehr auf die kleinen Neckereien über das Rendezvous, die er unterwegs an sie richtete. Auf dem französischen Dom am Gendarmenmarkt schlug es Mittag, bevor sie noch das Haus, in welchem der Konsul Burmester wohnte, erreicht hatten. Und sie waren noch etwa fünfzig Schritt von der Hausthür entfernt, als sie just – Herrn Antonin Prczewalsky heraustreten sahen. Thekla bekam einen solchen Schreck, daß sie nicht wußte, ob sie umkehren und davonlaufen, oder sich hinter ihres Freundes Rücken verstecken sollte. Da nahm dieser sie fest bei der Hand und zog sie ohne weiteres mit sich fort. Nur wenige Schritte noch und sie standen vor dem Tonkünstler, welcher gesenkten Hauptes und mit zugekniffenen Augen dahinwandelnd, ihrer nicht eher gewahr wurde, als bis es zu spät war, ihnen auszuweichen. »I, schau da, wo kommen denn Sie her, Herr Kollega?« rief Florian jovial, indem er dabei, wohl um seiner Begrüßung mehr Nachdruck zu geben, mit dem Stocke zu fuchteln begann, wie ein besonders junger und schneidiger Corpsstudent. »Sie haben sich doch nicht etwa zum Herrn Konsul hinaufbemüht? Sie sehen, das Fräulein hat Sie heute gar nicht erwartet.« Prczewalsky rang nach Worten. »O, ich sehe – ich verstehe vollkommen,« stammelte er. »Mein gnädiges Fräulein, entschuldigen, ich muß verzichten auf die Ehre. Ich habe der Frau Mutter meine Grinde mitgeteeilt.« »Ach, is wahr?« rief Florian erstaunt thuend. »Das wird aber jetzt dem Fräulein schrecklich leid thun; nicht wahr, gnädiges Fräulein?« Thekla wußte in der Verlegenheit nur zu lächeln. Der schöne Antonin zog seinen Hut vor dem Mädchen, schüttelte seine Locken zurück und schnaufte, indem er ihn wieder über den edlen Schädel zog: »Entschuldigen gnädiges Fräulein, ich bin serr beschäftigt. Frau Mutter war in Sorge um Sie; wird sich serr freuen, daß in so sicherer Begleitung spazieren gegangen sind. Guten Morgen!« Damit setzte er sich in Bewegung, ohne Mayr auch nur eines Blickes zu würdigen. Der zog den Hut tief und lief lustig hinter ihm drein: »Hab' die Ehr', Herr Kollega! Hat mich wirklich ungemein gefreut!« Und vergnüglich vor sich hinlachend, ergriff er Theklas Hand, drückte sie fest und zog sie, langbeinig weiterschreitend, mit sich fort. Nur wenige Schritte war er gegangen, da fühlte er sich unsanft von einem harten Gegenstand am Schulterblatt berührt. Er wandte sich rasch um. Vor ihm stand der schöne Antonin, der ihm nachgelaufen war und ihn mit dem Knauf seines Regenschirms angestupft hatte. »Ich verbitte mir,« pfauchte der Tonkünstler, »ich verbitte mir serr energisch. Ich kenne Sie nicht. Haben Sie mich verstanden? Ich wünsche von gänzlich unbekannten Leeiten nicht gegrüßt zu werden.« Sprach's, drehte sich auf dem Absatz herum und entfernte sich hoch erhobenen Hauptes. Florian schaute ihm eine kleine Weile schmunzelnd nach, dann sagte er nicht eben trostlos: »Weh mir, ich bin gerichtet!« Thekla war im Augenblick für den Humor nicht sehr empfänglich. »Ach Gott, ach Gott, was soll ich jetzt bloß sagen, wenn ich hinaufkomme?« fragte sie ängstlich. »Die Wahrheit, was denn sonst? Ich nehm' alles auf mich, mein liebes Fräulein.« Und mit einem letzten freundschaftlichen Händedruck ließ er sie vor ihrer Hausthür los. Fünftes Kapitel. »Satan«. Am selben Abend folgte Florian Mayr der Einladung des Herrn Raphael Silberstein zur Vorführung des Musikdramas »Satan«. Er kam etwas zu spät; aber er hätte gar nicht nötig gehabt, so vorsichtig auf den Zehenspitzen ins Zimmer hineinzuschleichen, denn der dämonische Peter Gais war eben dabei, die ganze Hölle loszulassen. Der Bechsteinsche Konzertflügel größten Formats, ein Instrument, das schon seine zwanzig Jahre auf dem Rücken haben mochte, zitterte unter den wuchtigen Tatzen seines genialen Bändigers. Grollende Tremolos, tosende Oktavengänge im tiefsten Baßregister, martellando angeschlagen, klirrendes Kettengerassel wild aneinander gereihter verminderter Septimenaccorde, chromatische Läufe, hinauf- und hinunterbrandender Gischt, spitze aufzüngelnde Flammen, rollender Donner im Bauch der Erde, dröhnende Kontrafinsternis und grelle Diskantblitze – das war das Tongemälde der Hölle, das war dekorativer Stil al fresco . Florian Mayr blieb neben der Thür stehen und hatte zunächst keinen Blick für die versammelte Gesellschaft. Es war wahrhaftig eine Musik, bei der einem Sehen und fast auch Hören verging. Aber Kraft und Feuer des Vortrags mußten dem Musiker wie dem Laien imponieren. Peter Gais hatte in seinem Aeußeren fünf Achtel von Beethoven, zwei Achtel von Rubinstein und ein Achtel inkongruenter Bestandteile, welche also wohl original-Gaisischen Ursprungs waren. Er war kaum mittelgroß, untersetzt; sein Kopf sehr dick; noch dicker seine Nase, ein schwungloser Klumpen; die Stirn hochgewölbt, mit auffallenden musikalischen Ausbuckelungen, die gelben Augenbrauen kaum sichtbar, die wasserblauen runden Augen stark hervorquellend, der Mund groß, brutal, aber die Lippen fest, energisch; das ganze Antlitz ungesund bleich, käsfarbig, völlig bartlos; das Haar gelbgrau, glatt aus der Stirn zurückgestrichen, scheitellos, lang aber nicht üppig. Vornübergebeugt, mit festgeschlossenen Lippen starrte er in sein Manuskript und bearbeitete die Klaviatur mit Vierhändekraft. Und hinter ihm saß, vor lauter Ehrfurcht nur die äußerste Spitze seines schiefgestellten Stuhles berührend, Raphael Silberstein und blickte über die Schulter des Gewaltigen in das Manuskript, um die Seiten umzublättern. Er war reichlich zwei Kopf größer als Peter Gais, sehr schlank und hager, hatte kurzgehaltenes pechschwarzes Bürstenhaar und ein gar unscheinbares, schwarzes Bärtchen unter der unverkennbar rassenechten Riesennase. Wenn diese allzu aufdringliche Nase nicht gewesen wäre, hätte man Raphael Silberstein mit seiner runden, glatten Madonnenstirn, seinen starken, schwarzen Brauen, den tiefliegenden, großen Schwärmeraugen und der krankhaft blassen aber reinen Haut seines blassen Gesichts fast einen schönen Jüngling nennen dürfen. Er hatte in seinem Gesichtsausdruck wie in der unbeholfenen Geste seiner überlangen Gliedmaßen etwas kindlich Rührendes. welches aber durch die Nase der steten Gefahr ausgesetzt war, ins Lächerliche umzuschlagen. Der Höllensturm flaute ab. Ein paar abgehackte, einzelne Schläge noch, dann setzte ein offenbar vom Bläserchor vorzutragendes düster imposantes Thema ein; wahrscheinlich ein »Motiv der satanischen Majestät«. Ein junges Mädchen, klein, überschlank, ein schmales, blasses Gesichtchen mit großen Märtyreraugen darin, von einem Wust weichen, dunkelbraunen Gelocks umrahmt, das in üppiger Fülle gerade bis auf die Schultern herabfiel, erhob sich geräuschlos von seinem Stuhl nahe der Thür und überreichte Florian Mayr ein autographiertes Textbuch zum »Satan«, indem es mit dem Finger auf die Stelle deutete, die jetzt darankam. Er las: » Die Teufel und die Verdammten fliehen in die glühenden Felsenklüfte. Satan steigt aus der Tiefe herauf, lacht ihnen verächtlich nach, breitet seine mächtigen Fledermausschwingen aus und besteigt den Felsenthron vorn rechts. « Und nun folgte ein großer Monolog des Satans, der für den Herrn der Finsternis insofern allerdings höchst charakteristisch war, als es absolut dunkel blieb, was der Herr eigentlich sagen wollte. Es war ein Wust gewaltig klingender Worte, in recht schlechte Verse gefaßt. Nur so viel schien daraus hervorzugehen, daß seine höllische Majestät beabsichtigte, eine christliche Heilige zu verführen, welche augenblicklich im Kerker eines römischen Zirkus der Stunde entgegenbangte, in der sie den wilden Bestien vorgeworfen werden sollte. Wodurch gerade dieses arme Mädchen die Aufmerksamkeit Satans auf sich gelenkt hatte, war vorläufig noch nicht ersichtlich. Doch nun begann Peter Gais zu singen, und Florian Mayr klappte das Textbuch zu, um gleich den übrigen Herrschaften andächtig zu lauschen. Das war aber leichter beschlossen als ausgeführt, denn Peter Gais sang so entsetzlich, wie es überhaupt nur ein deutscher Komponist fertig bringt. Er hatte keine Spur von Stimme, er gaumte fürchterlich, röchelte das R ganz hinten in der Kehle und sah außerdem mit den wütend hervorquellenden Augen und dem schief geöffneten Mund so sonderbar aus, daß es für weniger respektvolle Naturen schwer war, den nötigen Ernst zu bewahren. Doch gewöhnte man sich bald genug an die Schönheitsmängel dieser Vortragsunkunst. Der Komponist brachte doch wenigstens die dramatischen Accente scharf heraus, packte die Noten fest beim Kopf, so daß man wenigstens eine Ahnung von der melodischen Gestaltung bekam, und verfiel bei allen ihm zu hoch liegenden Stellen in ein rhythmisches Recitieren. Nach einer längeren Weile ging ihm freilich die Stimme ganz aus, und da begann er zu pfeifen mit vollem, tremolierendem Ton. Das war jedenfalls angenehmer anzuhören als sein dämonischer Gesang, wenn es auch freilich das Verständnis des dramatischen Vorgangs noch mehr erschwerte als seine schlechte Textaussprache. Nach einer halben Stunde angestrengten Zuhörens wußte Florian Mayr nicht mehr aus noch ein, obgleich er das Buch mehrmals zu Rate zog. Er wandte sich schließlich mit einer hilfeflehenden Gebärde an das dunkellockige Mädchen, und dieses merkwürdige Geschöpf wußte thatsächlich, ohne daß es selbst nachgelesen hätte, sofort die Stelle zu finden, wo sie sich gerade befanden. Sie kannte offenbar das Werk so gut wie auswendig. Florian hätte sie gern um nähere Auskunft über die unheimlichen Beziehungen Satans zu der Heiligen gebeten, aber sie wies schon seinen ersten Versuch, ihr eine Frage zuzuflüstern, mit einem so drohenden Blick zurück, daß er das kecke Unterfangen aufgab. Merkwürdig, dieser drohende Blick! Er hatte ihn getroffen, das fühlte er, und doch war er genau genommen um etwa vierzig Grad bei ihm vorbeigegangen. Das dunkle Mädchen mit den Märtyreraugen schielte! Schade um ihre zarte, blutlose Schönheit! Florian hatte sich auf einen Schemel ganz in ihrer Nähe niedergelassen und sich in die Betrachtung ihres überaus feinen Profils vertieft. An ihrer andern Seite saß ein Herr, der offenbar der gleichen Beschäftigung mit Eifer nachhing, ein großer, schlanker Mann mit dunklem Haar, rotblondem Henriquatre, zusammengewachsenen schwarzen Augenbrauen und einer Brille auf der zu kurzen Nase. Der Herr schien ganz bei dem dunklen Mädchen und wenig beim Satan zu sein. Und auch Florian Mayr fühlte, wie er immer mehr dem Banne des pfeifenden, heiser gröhlenden und das Klavier schon fast mit den Fäusten bearbeitenden Titanen entschlüpfte. Als fester Wagnerianer und begeisterter Lisztverehrer besaß er einen wohldressierten Magen, der gar gewaltige Tonmassen verdauen konnte; aber dennoch begann sich sein Nervensystem gegen die Satansmusik schon nach der ersten halben Stunde aufmerksamen Zuhörens energisch zu sträuben. Peter Gais war nämlich ein musikalischer Choleriker: Haß, Rache, Wut, Wollust, Hohn wußte er mit grellen, aber immerhin eindringlichen Farben zu malen, für alle sanfteren Gefühle fehlte ihm jedoch so ziemlich alles Ausdrucksvermögen. Die fromme Ekstase der Heiligen, welche die zweite Scene vorführte, war kläglich trivial geraten, ein Christenchor ein monotoner Liedertafelsingsang. So war es nicht zu verwundern, daß diese Musik den Zuhörer sehr rasch ermüdete, ganz besonders aber den modern gebildeten Musiker, welchen die nur mit harmonischen und dynamischen Effekten arbeitende, fast durchweg homophone Musik nichts bieten konnte, was den Geist fesselte; es war nur die brutale Wirkung auf die Nerven – und so etwas können die gutmütigsten Nerven nicht lange aushalten! Auch Florian Mayr war anfangs geblendet gewesen von dem Farbenprunk dieser wirklich hochdramatischen Musik, dann hatte er noch längere Zeit hindurch die reichquellende Erfindung bewundert, welche höchst charakteristische Motive zu gestalten wußte – nun aber hungerte und dürstete ihn nach etwas Polyphonie, nach seiner kontrapunktischer Arbeit. Dies war offenbar alles nur so hingeschleudert; titanisch freilich – denn wüst übereinander getürmte Felsblöcke, wie sie der biedere Seismos in seinem Zorn fertig kriegt, imponieren ja auch, aber die feinere Herrgottsarbeit, die um das rohe Geklump die zartesten Organismen ranken und blühen läßt, die ward bei Peter Gais schmerzlich vermißt. Fünfviertel Stunden lang hatte Florian Mayr sein Bestes gethan – jetzt konnte er nicht mehr. Er bewunderte das dunkellockige Mädchen, welches immer noch so bleich und ernst mit vorgestrecktem Kinn vor sich hinstarrte, ein Auge auf den Komponisten, das andre links um die Ecke gerichtet, und sich nicht im geringsten beirren ließ durch den Umstand, der doch jedes normale junge Mädchen zum Erröten gebracht hätte, daß es nämlich durch die bewundernden Blicke zweier Männer von rechts und links sozusagen in die Klemme genommen wurde. Florian fand nun auch Zeit, die übrigen Gäste einiger Beachtung zu würdigen. Er entdeckte einige wenige bekannte Gesichter darunter. Die meisten Herrschaften waren ihm fremd. Auf dem Sofa thronte ängstlich steif aufgerichtet ein rundliches, älteres Dämchen mit einem jugendlich glatten, unendlich gutmütigen Hühnchengesicht. Sie errötete, so oft sie jemand ansah, und stieß von Zeit zu Zeit einen leisen, tiefen Seufzer aus. Das war die Mutter des Komponisten. Neben ihr, bequem in die Sofaecke zurückgelehnt, die Beine übereinandergeschlagen, saß eine junge Dame, welche Florian vor kurzem in der Singakademie gehört hatte, Ilonka Badacs, eine ungarische Pianistin, die sich in den Reklamen für ihr Konzert eine Lieblingsschülerin Liszts nennen ließ – was ihr übrigens Herr Mayr recht übel vermerkt hatte, denn er fand, daß sie zwar temperamentvoll, aber technisch überaus leichtfertig spielte. Ilonka Badacs hatte lasterhaft weite Augen, porzellanweiß und beinschwarz, einen großen sinnlichen Mund, herrliche Zähne, echt magyarischen Gesichtsschnitt und entsetzlich viel Puder auf dem nicht sehr reinlichen Teint. In einem Fauteuil neben ihr saß eine dicke Sängerin mit einer Mopsnase und blickte vergnügt und verständnislos darein. Eine andre jüngere Dame, groß, derbknochig, schlank und sehr intelligent ausschauend, saß ihr gegenüber auf der andern Seite des runden Tisches. Sie war eine junge Sängerin, die sich erst seit kurzer Zeit in Konzerten durch ihre prachtvolle Altstimme bemerkbar gemacht hatte. Die Herren waren in der Ueberzahl: außer dem schon erwähnten Profilbewunderer mit dem rotblonden Henriquatre noch fünf sehr junge Leute und ein mittelalterlicher Herr in einer Samtjacke, Typus eines schönen Mannes mit wallendem Haar, dunklem Schnurrbart und hoher Stirn. Da er für einen Tenoristen denn doch zu intelligent dreinschaute, mochte er wohl ein Violinvirtuos sein. Und schließlich war als einziger älterer Herr und zweifelloser Ehrengast auch noch ein Kapellmeister der Hofoper anwesend, ein dicker, untersetzter Herr mit Glatze, graumeliertem Vollbart, Brille und roter Nase. »Satan«, das Vorspiel der Tetralogie »Der Mensch«, hatte nur einen Akt – aber was für einen! Als nach anderthalbstündiger harter Arbeit der Komponist sich erschöpft vom Klaviersessel erhob und um eine kleine Pause bat, war nach der Auskunft, die das dunkellockige Mädchen stirnrunzelnd erteilte, erst die gute Hälfte überstanden. Alles erhob sich, man reckte sich und streckte sich – und niemand wußte, was er sagen sollte. Raphael Silberstein stand krumm neben seinem genialen Freunde, ihn dennoch um zwei Haupteslängen überragend und drückte ihm stumm die Hand. Er war ohne Zweifel der Ansicht, daß die allgemeine Sprachlosigkeit als tiefste Ergriffenheit zu deuten sei. Dann schwebte er auf den Zehenspitzen, aber mit knarrenden Stiefeln auf den Ehrengast zu und flüsterte strahlend: »Nun, was sagen Sie, Herr Hofkapellmeister?« Der dicke Hofmusikbeamte raffte sich als der letzte nun gleichfalls von seinem bequemen Sitz empor, hielt sich die Hand vor den Mund und flüsterte so zu dem langen Silberstein hinauf; »Ja, ja, dees war scho was. Aber wissen S', an Durst kriegt mer bei dem musikalischen Höllenzauber – a Glas Bier wenn i hätt, uijekerl, dees thät mi freuen!« Der Herr Hofkapellmeister war nämlich ein geborner Münchener und ließ es sich angelegen sein, in der Reichshauptstadt den Urbajuvaren in Sprache und Manieren möglichst dick aufzutragen. Raphael Silberstein raunte zurück, daß für einen leichten Imbiß und etwas Trinkbares gesorgt sei, und fragte dann bescheidentlich bei dem Komponisten an, ob er eine kleine leibliche Stärkung der Anwesenden gestatte. Darauf öffnete er die Flügelthüren zum Nebenzimmer und lud mit verlegenem Lächeln und leiser Stimme zu belegten Brötchen, Bier und Bowle ein. Während des allgemeinen Aufbruchs ins Speisezimmer ergriff Raphael Silberstein Florian Mayr beim Arm und führte ihn dem Komponisten zu, der noch immer, sich den Schweiß von der Stirne trocknend, am Flügel stand. Er stellte die Herren einander vor. »Ich habe schon einmal die Ehre gehabt,« sagte Florian. »Ich weiß nicht, ob Sie sich noch erinnern –?« Peter Gais nickte, lächelte zerstreut und reichte Florian die Hand zum Gruße. Nun mußte der doch durchaus etwas sagen; wie aber in der Geschwindigkeit ein Urteil formulieren? Er schaute hinab auf seine Stiefel und hinauf zum Plafond und dann dem Komponisten ins Gesicht – und da platzte er schließlich heraus; »Jesses, ha'm Sie g'schwitzt!« Peter Gais lächelte ironisch und sagte scharf: »Darin haben Sie recht, Herr . . .« »Ich heiße Mayr,« ergänzte Florian etwas kleinlaut. »Sie haben einem ja aber auch die Hölle so heiß gemacht – musikalisch mein' ich – ein Wunder wär's nit, wenn wir alle schwitzen thäten. Das ist eine Musik, haha! Die gibt eine Hitz aus – haha, großartig! Kommen wir jetzt vielleicht in den Himmel?« Der Komponist zuckte ungeduldig die Achseln und wandte sich stirnrunzelnd an seinen getreuen Raphael. »Lieber Freund, du scheinst mir doch die Herrschaften mangelhaft vorbereitet zu haben. Der Herr hat ja keine Ahnung – bitte, wenden Sie sich doch an den Dichter.« Herr Silberstein eilte davon, um den Dichter aus dem Gewimmel am Buffett herauszuholen. Der Dichter kam. Er trug ein Glas Bowle in der Hand und hatte eine Brotschnitte mit Wurst soeben auf einmal in seinem außerordentlich großen Munde verschwinden lassen. Eine zweite Wurstschnitte hielt er in der Hand. Sein Haupt hatte die Form eines mäßig spitz zulaufenden Kürbisses und bestand zum weitaus größeren Teile aus Stirn. Auf der höchsten Höhe dieser Stirn standen die weißblonden Haare bürstenähnlich in die Höhe, und auf jeder Hälfte der Oberlippe schlängelten sich fünf bis sieben ebenso weißblonde Haare entlang. »Darf ich die Herren miteinander bekannt machen: Herr Pianist Florian Mayr – Herr Emanuel Schrempf aus Königsberg, der Dichter des Dramas.« Damit eilte der Gastgeber hinweg, um ein andres Opfer zur Urteilsabgabe heranzuschleifen. Florian behauptete, daß ihm durch die Bekanntschaft mit dem Dichter des »Satan« ein außerordentliches Vergnügen bereitet worden sei. Herr Schrempf vermochte diese Höflichkeit vorläufig nicht zu erwidern, da er zunächst die Wurstbrotobstruktion in seiner Kehle zu beseitigen hatte. Er kaute mit erhöhter Geschwindigkeit, dann neigte er sein Glas gegen Florian und bemühte sich »Prost« zu sagen. Die Bekanntschaft war somit in aller Form eingeleitet. Um dem liebenswürdigen Dichter nachkommen zu können, mußte Florian sich zunächst auch einmal Getränk verschaffen. Er geriet dabei just in die Nähe des dunkellockigen Mädchens und erbot sich, ihr ein Glas Bowle einzuschenken. »Meinetwegen!« sagte die Schöne kurz. Und dann wandte sie sich wieder an den Herrn mit dem rotblonden Zwickelbart, mit dem sie im Gespräch begriffen war. »Es ist auch überhaupt die höchste Zeit, daß Wagner überwunden wird,« hörte Florian sie sagen. Der andre Herr lächelte ironisch und erwiderte: »Wollen wir nicht lieber erst abwarten, was Wagner mit sich selber noch vor hat? Sie wissen, wir haben noch den ›Parsifal‹ in Bayreuth zu gewärtigen.« »Ach was, Parsifal!« versetzte das Mädchen naserümpfend. »Christliche Mystik, Askese, greisenhafte Impotenz.« »Donnerwetter!« sagte der Herr. »Sie sind aber scharf wie Gift, mein Fräulein.« Florian bot ihr jetzt das gefüllte Glas dar und sagte lachend: »Also, da dürften wir wohl nach Ihnen alle großen Künstler zwischen fünfzig und sechzig Jahren totschlagen? Sie sind gleich radikal, Kreuzteufel! Aber wissen S', Fräulein, ich möcht' behaupten: es gibt auch eine Grenze für die Jugend.« »Was wollen Sie damit sagen?« fragte das düstere Mädchen. Es hatte eine süße, einschmeichelnde Stimme, ganz leicht verschleiert. »Ich glaube, der Herr versteht mich,« versetzte Florian, auf den rotblonden Zwickelbart deutend. Und nun stellten die Herren einander vor. Der rotblonde Zwickelbart nannte sich Baron von Ried. Er war ein junger Schriftsteller, der erst vor kurzem seinen Namen allgemeiner bekannt gemacht hatte durch eine Humoreske, in welcher es sich um eine alte Hose handelte. Seine näheren Freunde wußten jedoch, daß er selbst geneigt war, sich als Komponist höher zu schätzen, denn als Poet. Er dilettierte überhaupt in fast sämtlichen Künsten, spielte sieben Instrumente, sprach sieben Sprachen und bekannte sich zu sieben verschiedenen Landsmannschaften. »Wollen wir's ihr sagen?« neckte der bunte und komplizierte Baron, indem er Florian Mayr zublinzelte und mit dem Daumen leicht auf das kleine Fräulein deutete. »Ach Gott, wenn ihr euch über mich lustig machen wollt, dann gehe ich lieber,« sagte die Dunkellockige patzig. »Es ist überhaupt ein Jammer, daß ein Genie wie Gais seine Perlen vor euresgleichen streut.« »Nanu!« entfuhr es dem Baron, und Florian lachte gemütlich: »Also is recht, sagen mer du zu einander.« Die Dunkellockige wollte sich entrüstet entfernen, aber der Baron hielt sie bei der Hand fest und sagte mit gemütlicher Entschiedenheit: »Halt! Dageblieben, das gilt nicht. Jetzt beantworten Sie uns gefälligst eine Frage, süße kleine Kratzbürste: Wie kann man ein so reizendes Mädchen sein, mit einem so blassen, schwülen Medusenköpfchen, mit solchen rätselvollen Augen . . . . O Gott, o Gott! Wissen Sie, was Ihre Bestimmung ist?« »Fade Schmeicheleien anzuhören?« »Fad oder nicht – auch das. Aber Ihre eigentliche Bestimmung ist, in einem schwarzen Samtkleid mit bloßen Armen und womöglich auch bloßen Füßen mit ganz kleinen Pantöffelchen auf einem weißen Eisbärenfell zu liegen und mit einem kleinen schwarzen Pantherkätzchen zu spielen. Darf ich Ihnen vielleicht das Eisbärenfell schenken, wenn ich mal wieder ein größeres Honorar einnehme?« Ohne eine Miene zu verziehen, erwiderte die Dunkellockige: »Mit solchem Unsinn wollen Sie mich wohl berauschen, Herr Baron? Da kommen Sie viel zu spät bei mir. Der Mann hat keine Macht mehr über mich.« »Sapperment nochmal! Wie alt sind Sie denn, wenn man fragen darf?« »Achtzehn Jahr – alt genug, um mit euch Männern fertig zu sein; oder wollen Sie vielleicht leugnen, daß ihr alle nur Tiere seid uns Frauen gegenüber, wenn wir jung und hübsch sind? Wie kann man sich ernsthaft beschäftigen mit einer Menschengattung, die so sehr in der Entwickelung zurückgeblieben ist?« »Armes Kind, was müssen Sie für Männer kennen gelernt haben!« sagte der Baron, plötzlich ernst werdend, mit warmem Ton. »Männer?« fuhr die Kleine auf. »Nur zwei. – Die übrigen sind Affen. Aber ich kenne den schöpferischen Genius und ich kenne das nachempfindende große Herz, das genügt mir.« Mit diesem bedeutenden Wort schlüpfte sie zwischen den beiden Herren hindurch und trat zu einer Gruppe in der andern Ecke des Zimmers. »Mit dem schaffenden Genius meint sie natürlich den Peter Gais,« flüsterte der Baron Florian Mayr zu, »und mit dem nachempfindenden großen Herzen ihren Herrn Papa.« »Wer ist denn ihr Herr Papa?« »St, leise! – da steht er, der schöne Mann da mit der Samtjacke. Kannten Sie das Mädel denn nicht? Libussa Tomatschek heißt sie. Ihr Vater ist der berühmte Geiger Toby Tomatschek. Zwar geigt er schon lange nicht mehr, aber daß der Joachim und der Sarasate e tutti quanti gegen ihn die reinen Lausbuben sind, das wird er Ihnen gern bestätigen, wenn Sie ihn drum fragen. Jetzt schreibt der Mann Musikkritiken – etwas blümerant, aber sonst nicht übel.« »Und das Mädel?« fragte Florian. »Nun, das sehen Sie doch. Das hat er verrückt gemacht. Die Kröte ist einfach unausstehlich – und könnte doch so reizend sein, wenn ihr nicht durch den Genialitätsschwindel, in dem sie aufgewachsen ist, Jugend, Charme, Vernunft und alles ausgetrieben worden wäre. Und das schaffende Genie wird ihr jetzt wohl vollends den Rest geben. Denken Sie nur, das große nachfühlende Herz hat sie dem Titanen Gais als Wochenpflegerin für seine Frau und Mädchen für alles zur Verfügung gestellt – dies Kind von achtzehn Jahren! Haben Sie ihre erfrorenen Hände beobachtet? Sie hat keine Nachtruhe mehr – und verhungert sieht sie auch aus. Der Titan soll sie wie einen Hund behandeln, und sie betet ihn an dafür. Die Frau ist natürlich eifersüchtig. – Und sehen Sie, dort sitzt Mama Gais, das arme Hühnchen. Das seufzt sich so durchs Leben und ist so verliebt in seinen großen Sohn. Dafür wird's natürlich malträtiert zum Gotterbarmen. Es scheint mir ein sauberer Beruf, Titanenmutter zu sein.« Florian Mayr hörte aufmerksam zu. Dann sagte er bedächtig: »Wenn ich so Sachen hör', da zuckt's mir allemal in der rechten Hand: ich mein', die Menschheit leidet heutzutag daran, daß s' nimmer g'nug Prügel kriegt. Uebrigens, haben Sie denn net neulich erst einen Artikel geschrieben über den Titanen? Mir ist doch so, als hätt' ich Ihren Namen drunter g'lesen.« »Allerdings,« versetzte der Baron, »ich kann's nicht leugnen, ich bin etwas voreilig gewesen. Ich kannte den Satan noch nicht, als ich über den Titanen schrieb.« »Und was halten Sie von ihm? In dem Artikel haben S' ihn ja kolossal herausgestrichen.« »Ja, ich halte ihn auch wirklich für einen genial veranlagten Menschen; aber sein Unglück ist, daß er mit seinen Werken niemals so recht vor die Oeffentlichkeit gelangen konnte. Jetzt hat er alle Selbstkritik verloren und die paar unbedingten Anbeter, die er immer um sich hat, unreife junge Männer und verdrehte Frauenzimmer, die haben einen Größenwahn in ihm gezüchtet, der seine Schaffenskraft wohl bald genug vernichtet haben wird. Glauben Sie vielleicht, daß mein Artikel ihm auch nur im mindesten genügt hätte? Seine arme Mutter kam zu mir, um mir mit Freudenthränen dafür zu danken, aber der große Peter hält mich offenbar seitdem erst recht für einen Kretin, und Raphael Silberstein hat mich unter dem Pseudonym Germanicus auch schon journalistisch deswegen angeulkt. Es gibt nämlich ein Blatt, in welchem Germanicus dem Peter Gais schrankenlos opfern darf. Na, und unser Freund Raphael Silberstein – kennen Sie ihn näher?« »Nein, ich weiß nur, daß er sehr gut, aber sehr kalt Klavier spielt.« »Ja, sehen Sie, das ist auch so eine merkwürdige Figur. Der junge Mann ist fabelhaft fleißig. Sein ganzes Leben lang hat er gearbeitet und gerungen – gegen seine Eltern, gegen sein Talent, gegen sein Judentum – sein Leben war ein ewiger aufreibender Kampf, trotzdem er's als wohlhabender. unabhängiger Mensch so bequem hätte haben können. Er ist ein Idealist und ein Selbstmordkandidat, wenn ich ihn recht erkenne. Weil er die große technische Begabung fürs Klavier hatte, hielt er sich für zum Musiker geboren, aber die Eltern wollten nichts davon wissen. So ist er denn Gelehrter geworden, Aegyptologe. Mit zweiundzwanzig Jahren hat er seinen Doktor gemacht, jetzt will er sich hier als Dozent habilitieren. Aber nun sind ihm inzwischen beide Eltern weggestorben. Da hat er denn seiner musikalischen Passion wieder nachgegeben; daß er kein schaffender Künstler ist, hat er wohl eingesehen, und nun hofft er im Schlepptau eines Genius in die Musikgeschichte hineinzukommen. Der Gais kann ihn nicht ausstehen, er macht sich fortwährend über ihn lustig, aber seine Unterstützungen nimmt er an. Die Weihrauchwolken, die der arme Junge vor ihm verqualmt, schnüffelt er gnädigst ein. Der gute Raphael versteht übrigens viel zu viel von Musik, als daß er nicht eines Tages dahinter kommen sollte, daß er sein Idol überschätzte. Das Erwachen wird schrecklich für ihn sein. Ich fürchte, er hängt sich auf, wenn er nicht in ein Kloster geht; denn Sie müssen wissen: die Gaisische Musik hat ihn zum Christentum bekehrt!« Hier wurde das Gespräch dadurch unterbrochen, daß das Fräulein Ilonka Badacs, die ungarische Pianistin, zu den beiden trat und zu wissen begehrte, wer »Madel verrucktes wäre mit ein große Auge gradaus und ein große Auge daneben.« Der Baron gab ihr kurzen Bescheid über Libussa Tomatschek, worauf ihn Fräulein Ilonka gemütlich bei einem Westenknopf erfaßte und sagte: »Wissen S', liebär Härr von Ried, wie Madel verrucktes kuriert werden muß?« »O ja, ich wüßte schon ein Mittel,« lachte der Baron. »Ah bravo! Sie haben mich verstanden. Gehen S' – bandeln S' an damit.« »Muß es gleich sein, Gnädigste?« »Aber ja doch. Es barmt mich so, armes Katzel. Wenn Sie 's recht bald gäsund machen, zaig' ich Ihnen wos Schenes.« »Ach – wohl Fußerl Ihriges?« sagte der Baron, verständnisvoll den Finger an die Nase legend. Und Fräulein Ilonka ergriff den verdutzten Florian Mayr am Arm und sagte stolz und strahlend: »Schaun Sie, liebär Härr, so bäriehmt is main schenes Fußerl. Der Härr Baron hat schon davon gähört. Wie haißen denn Sie, mein liebär Härr?« »Florian Mayr, wenn Sie gestatten.« »Florian Mayr –? O Sie sind auch sähr bäriehmt. Ich hab' schon von Ihnen gähört. In mein Konzert haben Sie gäsagt zu einem Härrn, doß ich spiel wie ein Schwainderl, ober Faier hob' wie ain Daifel. Der Härr hot mir wiedererzählt, – wor ain liebär Fraind von mir.« Florian lachte gerade hinaus. »O weh, da bin ich aber schön eingegangen! Sind S' mir sehr bös?« »Obär nain, unter Kollägen . . .! Man hot mir gäsogt, Sie spielen sähr bädaitend . . . große Stil . . . is wohr?« Florian zuckte die Achseln. »Urteilen Sie doch selbst. Vielleicht findet sich mal eine Gelegenheit. Ich spiel' Ihnen schon gern was vor.« »Is recht . . . wird mich sähr fraien. Wo wohnen Sie, Herr Mayr?« Er nannte seine Adresse und fügte hinzu: »Wollen Sie mir vielleicht schreiben, wann und wo ich Sie einmal treffen kann?« »A wos! Ich komme zu Ihnen, wann ich nicht störe.« »Da müßten S' schon vormittags vor Zehn oder abends nach Sechs kommen,« versetzte Florian ein wenig verlegen. »Unter tags hab' ich viel Stunden zu geben. Das heißt, auf Damenbesuch bin ich eigentlich nit recht eingerichtet.« »Mocht nix – unter Kollägen!« Damit war die Sache für sie erledigt und sie sprang auf ein andres Thema über. »Sogen Sie, Herr Mayr, wos holten Sie von Pater Gais? Errlich. – Er hot auch Faier wie ain Daifel – ich bin hingärissen, versteht sich; ober wissen S', ich möcht ihm kain Bussel geben, nit um zähn Gulden!« »Um den Preis thu' ich's auch noch nit,« lachte Florian. Und dann vertieften sie sich in ein Gespräch über die gehörte Komposition, wobei die fesche Ungarin ein recht gutes musikalisches Urteil an den Tag legte. Plötzlich warf sie die Frage dazwischen: »Sogen Sie, Härr Mayr, waren S' noch nicht beim Liszt?« Da wurde er wieder verlegen und sagte, daß er sich das noch nicht getraut habe. Er gab seiner Verehrung für den Altmeister begeisterten Ausdruck und dann fragte er neugierig, wie sie es eigentlich angestellt habe, um zu ihm zu gelangen, und ob sie denn wirklich eine seiner Lieblingsschülerinnen sei. »Ober liebär Härr Mayr,« versetzte sie, »is doch sähr ainfach! Ich bin hingäraist und hob' dem Maister vorgäspielt.« »Na, und da hat er gleich . . .« »Da hot der Maister gelocht sähr fraindlich . . . o er is so lieb und hot mich gäpatscht auf die Bocken und iberoll hin und hot gesogt: ›Brava – brava! Pußta! – Frech! Gefollt mir sähr – Eljen!‹ Hob' ich auch gälocht – hot er gesehen, daß ich sähr schene Zähn hob' – hob' ich sähr lieb zum bitten angäfangen, daß ich dableiben darf – hob' ich nicht verstanden, was er hot gesagt, ober bin ich dageblieben. Hob' ich fleißig studiert und viel gälernt. Drei Jahre bin ich mitgäzogen – Rom – Pest – Weimar. Bißl Geld hob' ich gähobt, und wie is aus gäwesen bißl Geld, hot liebär Maister olles bäzahlt. O, der Maister is so sähr gut! Hot er mir immer gegeben Empfehlung für Konzert und hot gesogt, daß ich bin sain bête noire, une jolie bête à pattes méchantes . Konn ich doch sogen, doß ich bin Lieblingsschielerin!« So weit waren sie gekommen, als Raphael Silberstein das fröhliche Schmausen, Plaudern und Pokulieren unterbrach mit der Aufforderung, sich nunmehr zum zweiten Teil des »Satan« wieder ins Musikzimmer zurückzubegeben. Florian Mayr hatte ein schlechtes Gewissen dem Komponisten gegenüber, weil er die Pause nicht benutzt hatte, um sich über das Drama gehörig zu informieren. Beim Hinausgehen erwischte er den Dichter und bat ihn um eine komprimierte Erläuterung, die ihm denn auch notdürftig zu teil wurde. Zum Schluß sagte Herr Schrempf: »Ich bitte Sie übrigens, Herr Mayr, beurteilen Sie mich nicht nach diesem Text, er ist unter so eigentümlichen Umständen entstanden – Herr Gais hat mir gar keine Freiheit gelassen. Alles hat er mir umgeworfen. Und dann hat er sich ans Klavier gesetzt und gespielt und dazu geschrieen und gepfiffen und gerast – so wollt' er's haben, das sollt' ich dichten. Es sind eigentlich nur untergelegte Worte zu fertigen Noten.« »Ja, warum haben Sie sich denn das gefallen lassen?« »Ach wissen Sie, was soll man machen? Herr Gais hat doch nun einmal den Dämon – man kann nicht gegen an.« »Ach so.« Man setzte sich, neue Gruppen bildeten sich, und im Vorbeigehen hörte Florian, wie der Hofkapellmeister zu dem Komponisten sagte: »Jojojo, recht haben S' scho – dees is a Viechsarbeit, de Partitur, – oalle Achtung! Dees wenn der Herr Generalintendant sicht, der fallt glei vom Stengel, wissen S'. Der Wagner war' heit no net aufg'führt im Opernhaus, wann's nach dem alleinig gangen war'.« »Sie meinen also, es wäre keine Aussicht, mit dem ›Satan‹ ans Opernhaus zu kommen?« fragte Peter Gais mit zuckenden Nasenflügeln. »I bitt Ihna, ›Robert der Teufel‹ steht ja noch am Repertoire! Aber probieren S' es nur amal; vielleicht schlagt Ihna der Herr Generalintendant vor, a Ballett draus zu machen.« Florian machte sich so seine Gedanken, während er sich einen neuen Platz zwischen Ilonka Badacs und dem Baron von Ried aussuchte. In welcher Stimmung mochte der Titan an die weitere Vorführung seines Werkes gehen! Daß er es in einem ununterbrochenen Fieber der Begeisterung geschrieben hatte, aus dem Eigenen und dem Vollen herausschöpfend, nicht nachstammelnd und mühsam zusammenkleisternd wie ein Stümper, oder ein Talent zweiter Hand, das war unbestreitbar; er hatte sein Bestes gegeben und mit Einsetzung all seiner Energie dieser Gesellschaft vorzuführen gesucht. Und was war sein Lohn gewesen? Einer hatte ihm gesagt, daß er furchtbar schwitze, und der andre die »Viechsarbeit« anerkannt! Die meisten hatten überhaupt gar nichts gesagt, sondern nur gegessen und getrunken und sich mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt. Und das waren noch die Rücksichtsvolleren gewesen, denn bei denen konnte doch noch ein Verständnis vorausgesetzt werden, solange sie das Gegenteil nicht offen bekundet hatten. Raphael Silberstein, seine Mutter und ein paar von den ganz jungen Leuten beteten ihn freilich an, aber das hatte er auch schon vorher gewußt. Ja, Florian Mayr begriff in dieser Stunde das Martyrium des schaffenden Künstlers, dem es versagt ist, sein Werk in der Form, wie es geplant war, vor die wirkliche große Oeffentlichkeit zu bringen. Und doch war jeder einzelne von diesen grausamen Leuten hier persönlich unschuldig, sicherlich standen sie alle unter dem Eindruck, daß ein wirklicher Künstler sich abmühte, ihnen für sein Werk Verständnis abzuringen – und dennoch wußten sie ihm nichts zu sagen, als Plattheiten, die ihn erbosen mußten. Florian setzte sich nieder mit dem festen Entschluß, für seine Person wenigstens mit Ernst und Achtung dem Vortrag zu folgen; aber das war nicht so leicht ausgeführt, und der beste Wille konnte es nicht verhindern, daß er bald ebenso müde und zerstreut ward, wie die andern auch. Es war unmöglich, selbst mit der lebhaftesten Vorstellungskraft sich die fehlende Scenerie, die menschlichen Stimmen und die bunten Farben des Orchesters zu diesem betäubenden Klaviervortrag hinzuzudenken. Nach einer weiteren halben Stunde ertappte er sich bereits darauf, daß er mit Spannung den Moment abwartete, wo Fräulein Ilonkas berühmtes Fußerl wieder unter dem Saum ihres Kleides hervorschauen würde, und dann ward er gewahr, daß der Baron in dieselben interessanten Untersuchungen vertieft war. Dann schlug Fräulein Ilonka ihren großen Fächer auf und flüsterte rechts und flüsterte links; man lächelte, man kicherte; Libussa Tomatschek warf mit entrüsteten Blicken um sich, die Hühnchenmama seufzte immer bekümmerter, die dicke Sängerin gähnte, der Hofkapellmeister war am Einschlafen, der schöne Tomatschek zupfte mit geziert gespitzten Fingern seine Augendeckel in die Höhe, wobei es immer einen leise pitschenden Laut gab, von den jungen Herren drückten sich einige ins Nebenzimmer, um sich die Reste des Buffetts einzuverleiben, und Raphael Silberstein rutschte so nervös auf der äußersten Kante seines Stuhls herum, daß man allgemein mit Spannung den Moment erwartete, wo dieser unter ihm umkippen würde. Unter einem Höllenspektakel fiel der Vorhang über dem Vorspiel der Tetralogie »Mensch«. Satan hatte ausgerungen, und wie erlöst sprang alles von seinem Sitze empor. Einige klatschten ganz banausisch in die Hände, alle drängten sich um den Komponisten, um einige superlativische Worte loszuwerden, die ihnen just einfielen oder die sie sich die ganze Stunde hindurch überlegt hatten. Alle aber hatten es sehr eilig, heimzukommen, bedankten sich bei dem Hausherrn für den großen Genuß – und zehn Minuten nach Satans Ende staute sich bereits die ganze Gesellschaft im Korridor, kroch in die Paletots, half den Damen beim Anziehen und fingerte die Fünfgroschenstücke für das Dienstmädchen aus den Börsen heraus. Halb zwölf Uhr war's geworden; aber als Florian Mayr am Luisenplatz ankam und unter der Laterne vor seiner Hausthür auf die Uhr schaute, da war es – halb drei! Er war mit dem Baron von Ried und der Ilonka Badacs und den Tomatscheks, Vater und Tochter, sowie zweien von den jüngsten Herren noch kneipen gewesen – und als Resultat des ganzen Abends brachte er die Ueberzeugung mit heim, daß er noch nie ein so verrücktes Frauenzimmer wie die Dunkellockige und noch nie ein so amüsantes wie die Ilonka kennen gelernt habe. Sechstes Kapitel. Katzenjammer. Frau Stoltenhagen befand sich am andern Morgen in nicht geringer Aufregung. Herr Mayr hatte um acht Uhr nicht nach dem heißen Wasser in den Gang hinaus geschrieen. Um halb neun Uhr hatte sie an seiner Thür gehorcht und keinen Laut vernommen. Um neun Uhr hatte sie durchs Schlüsselloch geguckt und sogar zu klopfen gewagt – beides vergeblich. Nun war es halb zehn Uhr, und noch immer rührte sich nichts hinter der verschlossenen Thür! Sollte sie am Ende den Schlosser kommen lassen? Herr Mayr ging doch täglich zwischen halb und dreiviertel zehn Uhr fort. Kurz vor zehn Uhr erschien eine hübsche junge Dame und begehrte Herrn Mayr zu sprechen. Die junge Dame war billig, aber nett angezogen und sah gerade aus, wie so eine, mit der ein junger Herr schon mit Vergnügen eins von den solideren Verhältnissen eingehen könnte, – eine Tochter besserer Leute, wo aber ein junger Künstler gerade noch ohne viel Schwierigkeit ankommen könnte. Frau Stoltenhagen war ungeheuer aufgeregt. Endlich war doch mal was los mit ihrem Herrn Mayr! »Also zu Herrn Mayr wollen Sie?« wiederholte sie zweimal auf die Frage des Mädchens und musterte es dabei von Kopf bis zu den Füßen. »Ja, ich weiß nicht, ob Herr Mayr da ist. Herr Mayr ist, glaub' ich, noch nicht aufgestanden.« »Ach das macht nichts,« versetzte das Mädchen dreist. »Sagen Sie nur, die Marie aus der Markgrafenstraße wäre da, denn wird er schon wissen.« Frau Stoltenhagen riß die Augen weit auf und keuchte vor Aufregung. »Haach nee, die Marie aus de Markgrafenstraße? Nu seh mal einer an! Das trau ich mir gar nich. Er hat sich ja überhaupt eingeschlossen.« »Denn lassen Sie mich man, Madamchen. Mir wird er schon aufmachen.« Und das Mädchen schritt ohne weiteres an der verstörten Frau vorbei, ließ sich die rechte Thür weisen und klopfte energisch an. Frau Stoltenhagen, die Nichte aus Pommern und das Dienstmädchen standen erwartungsvoll um sie herum. »Kreuzdunnerwetter! ja – was gibt's denn? Zum Heiligkreuzbombenelement nochmal, mei Ruh will ich haben!« knurrte ein ergrimmter, arg belegter Baß von drinnen. »Gott sei Dank, er lebt noch!« rief Frau Stoltenhagen. »Ich dachte schon, es wär'n was passiert.« Und dann näherte sie sich der Thür und schrie mit beschwichtigender Freundlichkeit: »Regen Sie sich man nich auf, Herr Mayr! 's is ja das Freilein Marie aus de Markgrafenstraße.« »Das Fräulein Marie soll mich gefälligst – sonstwo kennen lernen! Hier bin ich nicht zu sprechen,« scholl es von drinnen zurück. Aber das Mädchen ließ sich nicht irre machen, sondern rief ganz ungekränkt: »Herr Mayr, ich bin's ja. Ich bringe einen Brief von's gnäd'ge Fräulein. Ich soll auf Antwort warten.« Und zu den neugierigen Weibern gewendet, fügte sie lächelnd hinzu: »Es is man bloß von wegen die Klavierstunde.« Von drinnen: » Was will die Person? Was für'n gnädiges Fräulein?« »Herrje, von Fräulein Thekla!« »Thekla? Ach so, –warten S' a bißl, gleich komm' ich.« Das Bett drinnen krachte, und die drei Zuschauerinnen vom Stoltenhagenschen Hausstande flohen eiligst von dannen, nicht ohne daß die Nichte aus Pommern unterwegs die Tante in die Seite gepufft und ihr in fieberhafter Aufregung zugeraunt hätte: »Siehste Tante, Thekla heißt se.« Gleich darauf ward die Thür ein wenig aufgethan, und Florian Mayr steckte seine Tatze durch den Spalt, um den Brief in Empfang zu nehmen. Er trat damit an ein Fenster, zog einen Rollvorhang in die Höhe und versuchte den Brief zu lesen. Aber sein Geschau war noch nicht recht in Ordnung. Auch fror ihn an den bloßen Beinen – und der Schädel – o weh der Schädel! Er steckte den Kopf ins eiskalte Wasser, prustete und plantschte und schlupfte dann schnell in die notwendigsten Kleidungsstücke. Dann rief er die Marie aus der Markgrafenstraße herein und ersuchte sie, Platz zu nehmen. Er glaubte zu bemerken, daß das Mädchen ihn eigentümlich ansehe. Er warf im Vorübergehen einen Blick in den Spiegel und bemerkte, daß sie recht habe. Er meinte, ihr eine Erklärung schuldig zu sein, und sagte: »Schau, schau, des muß ja sehr wichtig sein, daß mich das gnädige Fräulein schon bei nachtschlafender Zeit aus dem Bett holen läßt.« »Aber Herr Mayr, 's is doch schon um Zehnen,« lächelte die Marie bescheiden. »Was ist dees?« rief er ungläubig und lief nach seiner Uhr, die noch auf dem Nachttisch lag. »Ja was is jetzt dees! Halb Fünf! Ich glaub' gar, ich hab's vergessen aufzuziehen. Wissen S', Fräulein Marie, des macht, weil ich eine kleine Magenverstimmung . . . ui jeh, mich zwickt's noch!« Und mit abgewandtem Gesicht schlich er beschämt nach einem Stuhl am Fenster und las das blaßblaue Schreiben des gnädigen Fräuleins. Das lautete also: »Ach lieber Herr Mayr, ich bin ganz verzweifelt, Sie müssen mir helfen. Also denken Sie sich, der gräßliche Herr – ich habe die Karte nicht da und kann seinen Namen nicht so schreiben – er war heute nachmittag noch einmal bei Mama und hat es geklatscht, daß er uns auf der Straße zusammen gesehen hat. Sie wären ein ganz gefährlicher Mensch, hat er gesagt, und dafür berüchtigt, daß Sie es immer so machten mit den jungen Damen, wo Sie im Hause Unterricht gäben. Mama hat gesagt, ›du gibst dir Rendezvous mit deinem Klavierlehrer, dich laß ich nicht mehr allein auf die Straße‹. Und wissen Sie, wie sich der Herr zu Mama entschuldigt hat, warum er die Klavierstunden nicht geben wollte, wo es doch nur war, weil er sich vor den Prügeln fürchtete, die Sie ihm versprochen hatten. Er hat gesagt, ich hätte gleich beim ersten Anblick einen so tiefen Eindruck auf sein Herz gemacht und hielte er es mit seiner sittlichen Manneswürde nicht vereinbar, das für einen Lehrer nötige Vertrauen von mir in Anspruch zu nehmen. Andre Leute möchten sich kein Gewissen aus so etwas machen, aber er als ein Edelmann vom ältesten polnischen Adel wüßte schon, was sich in solchem Falle schickte. Mama war ganz hingerissen von so viel Zartgefühl und hat mir solches als Beispiel vorgeworfen, damit ich daran den Abstand von Ihnen abmessen sollte, ist das nicht scheußlich? Sie müssen mir helfen, lieber guter Herr Mayr! Was soll ich thun? Ich glaube Prügel helfen nicht, der Herr ist zu gemein! Ich baue ganz auf Sie und bitte um umgehende Nachricht durch die Marie, da ich nicht mehr in der Lage bin, mir die Antwort von der Post zu holen. Bitte, bitte, verlassen Sie nicht Ihre unglückliche Thekla B. P. S. Marie weiß alles.« Florian ließ seine Rechte mit dem Schreiben schlaff herabsinken, stützte den linken Ellenbogen aufs Knie und verbarg sein Antlitz schwer aufstöhnend in der mächtigen Undezimentatze. Er schwieg eine lange Weile, krabbelte mit den langen Fingern in seinem annoch wüsten Schopf herum und gab nur von Zeit zu Zeit einen schweren Seufzerich von sich. Die gute Marie wurde ungeduldig und fragte, ob Herr Mayr dem Fräulein denn nicht einige Zeilen als Antwort zu schreiben gedächte. »Schreiben? Jetzt? A – oooh! Ich – ich schreibe nie vor dem Frühstuck.« »Soll ich vielleicht mündlich was ausrichten?« »Ach ja bitte, – thun Sie das,« rief Florian, indem er sich mit einem Ruck aufraffte und sich breitbeinig vor Fräulein Marie aufpflanzte. Mit schmerzlich gespannter Teilnahme betrachtete er von seiner Höhe herab das Mädchen und schien von ihm eine weitere Anregung seiner Denkthätigkeit zu erwarten. Marie lächelte verständnisvoll. »Sie sind wohl nicht recht wohl, Herr Mayr?« Er grinste verzweifelt heiter. »O doch, ich bin körperlich ganz wohl, aber die Gemütsbewegung wissen S', – das arme Fräulein Thekla! So was schlägt mir immer gleich auf die Kopfnerven. Was würden denn Sie in meinem Falle thun, Fräulein Marie?« »Na, da soll doch 'n Hering jut jejen sein.« »Hab' ich von mir geredt? Sie, wollen Sie mich vielleicht verhohnakeln? Ich mein', das Fräulein Thekla: was soll ich denn jetzt dem verschreiben? Ich kenn' mich doch nit aus mit die jungen Damen in solchen Fällen.« Die Marie lächelte verschmitzt. »Ja, Herr Mayr, wenn ich mir einen Rat erlauben darf – ich dächte, die Sache wäre eigentlich doch janz einfach: das gnädige Fräulein is doch so sehr traurig, weil sie keine Stunde mehr bei Ihnen haben soll und überhaupt nicht mehr mit Ihnen zusammenkommt – und nu hat se auch noch Angst gekriegt, daß se am Ende jar noch den polnischen Herrn mit de Schmachtlocken und de Kalbsaugen heiraten soll, wo se doch nich in de Hand zusagt.« »Dem Kerl wenn ich amal a paar Watschen runterhauen könnt'!« knirschte Florian. »Ach lassen Sie den doch laufen, das kost' ja Strafe. Is doch viel einfacher.« »Was denn?« »Herrjeses, Herr Mayr, das müssen Se doch jemerkt haben, daß unser Fräulein Ihnen jut is? Also was kann da sein? Heiraten Sie se doch selber!« Florian riß die Augen weit auf und tippte sich mit dem riesigen Zeigefinger auf die Hemdenbrust. »Ich?« »Ja warum denn nich?« versetzte Marie zuversichtlich. »Der Herr Konsul und unsre Gnädige, die werden natürlich nischt von wissen wollen, aber das is ja meistenteils so. 'n Künstler sind Sie ja doch auch, und die Gnädige hat sich doch sonst so sehr mit die Künstler. Na und übrigens: mit Jeduld und Spucke . . . Sie wissen ja, wie das Sprichwort sagt. Man immer dreiste! Wenn zwei junge Leute man ernstlich wollen, denn müssen die Alten ja doch schließlich klein beijeben. Das wär' ja auch nich das erste Mal, daß 'n feines Fräulein mit ihrem Klavierlehrer durchgeht, nich wahr? Na, und so was Besonderes is Fräulein Thekla ja am Ende auch nich. Des wissen Se doch, daß Fräulein Thekla jar kein richtiges Kind von die Herrschaften is? – Was, des wissen Se nich? Nu natürlich, bloß anjenommen. Von ganz einfache Leute stammt se her. Und wenn se auch mal nich das janze Jeld mitkriegt, – der Herr Konsul is doch 'n juter Herr, der wird sich schon nich lumpen lassen.« Die Marie war warm geworden. Sie hatte sich erhoben und war dem langsam zurückweichenden Florian nachgegangen bis zu dem Kanapee, auf das er sich seufzend fallen ließ. Er hielt sich den Kopf mit beiden Händen und war kaum im stande, ihrer überaus fließenden Rede zu folgen. Als sie endlich fertig war, schlug er sich auf die Kniee und dann mit der Faust auf den Tisch und knirschte: »Herrgottsakrament, jetzt hören S' aber auf mit dem verrückten G'schwätz! Hat Ihnen das Fräulein vielleicht so was aufgetragen? – Na also, nah behalten S' bitte Ihren Unsinn für sich.« »Nanu? Wer'n Se auch noch grob?« fuhr das Mädchen gekränkt auf. »Is des der Dank, wenn man's so jut mit Sie meint? Da kann ich ja auch gleich wieder jeh'n und Fräulein Thekla ausrichten, was Sie für 'n freundlicher Herr sind. Liegt morgens um Zehn noch ins Bette mit so 'n ekligen Kater! Na ich danke! Wie sich bloß feine junge Damen für so was interessieren können! Na adje, Herr Mayr; kriechen Se man wieder in die Posen. Ich wer' Sie schonst nich wieder belästigen.« »O mein Gott, diese Frauenzimmer! Was sind's denn gleich so zuwider? Berücksichtigen Sie doch meinen leidenden Zustand.« Er wollte sie beim Rock erwischen, aber sie wich geschickt aus und ging gleich bis an die Thür. »Ach was, Fräulein Thekla hat auch 'n leidenden Zustand. Das kann einen wirklich jammern, wie sich das arme Fräuleinchen abängstigt, und Sie wollen nich mal 'n paar Zeilen schreiben! – Was soll ich denn nu ausrichten?« Florian erhob sich seufzend vom Sofa, ging ihr nach und sagte schwach: »Wissen S' was, Jungfrau Maria, Sie könnten mir einen G'fallen thun. Ich werd' mein' Kopf so übers Waschbecken bucken, und jetzt sein S' so gut und gießen S' mir amal ganz langsam aus dem Krug 's Wasser übern Schädel. Vielleicht daß ich davon einen klaren Verstand krieg'.« Die Marie mußte lachen. »Ne, was Sie auch allens von 'n Menschen verlangen, Herr Mayr, Jott bewahre! Na denn kommen Se man her. Des kann Ihnen so nischt schaden, wenn Se mal den Kopp 'n bißchen gewaschen kriegen.« Und sie legte Schirm und Muff beiseite und goß ihm, wie er's gewünscht, den ganzen Inhalt der Waschkanne über das schmerzende Haupt. Er hatte sich das Haar nach vorn über den Kopf gestrichen. Die langen Strähnen tropften noch, indem er sich mit einem Handtuch das Gesicht abrieb. Breitbeinig stand er da, weit vornübergebeugt und rann immer noch wie eine schadhafte Dachtraufe, wenn der Regen im Aufhören begriffen ist, als stark an die Thür gepocht wurde und gleich darauf, ohne das Herein abzuwarten, eine hohe, stolze Männergestalt in langem grauen Havelock und breitkrempigem braunen Plüschhut über die Schwelle trat. Florian war so erstaunt, diesen Herrn bei sich zu sehen, daß er in der Beschäftigung des Abtrocknens innehielt und sogar guten Morgen zu sagen vergaß. Aber wie ihm das kalte Wasser den Rücken hinunterlief, kam er plötzlich zu sich und sagte, indem er eifrig den nassen Schopf mit dem Tuch zu bearbeiten begann: »Ach, grüß Gott, Herr Tomatschek! So früh schon wieder auf? Was verschafft mir die Ehre?« Der Herr war wirklich Toby Tomatschek, der Geigerkönig, und er blieb der schöne Mann selbst in dieser fahlen Wintermorgenbeleuchtung. Die schwere Sitzung der vergangenen Nacht machte sich in seinem edlen Gesucht nur durch die interessante Blässe bemerkbar. Langsam nahm er seinen Hut ab, schüttelte die Locken zurück, knöpfte seinen Havelock vorn auf und schlug ihn ein wenig zurück, so daß das schwarze Sammetjackett darunter zur Geltung kam. Dann zog er seine starken Brauen zusammen und musterte mit scharfem Blick – immer noch ohne guten Morgen zu sagen – das Fräulein Marie aus der Markgrafenstraße. Endlich eröffnete er die Unterhaltung mit der merkwürdigen Frage: »Gehört diese Dame vielleicht zur Familie?« Und da Florian ihn gänzlich verständnislos anblickte, fügte er erläuternd hinzu: »Ich meine, ist die Dame eine nähere Verwandte von Ihnen, da ich sie doch in dieser immerhin intimen Situation . . .« »Nanu, was soll denn das heißen?« unterbrach ihn die Marie entrüstet. »Wollen Sie mich vielleicht verutzen, Sie? Mein Name ist Haase, ich bin 'n anständiges Mädchen, – versteh'n Se mich? Das hat man von seine Jutmütigkeit. Und Sie steh'n da, Herr Mayr, und reden keen' Ton und lassen mir in Ihre Räumlichkeiten beleidigen. Na is jut, nu kann ich ja dem gnädigen Fräulein so unjefähr Bescheid sagen, was Sie für einer sind und wie das hier bei Ihnen zujeht! Wenn Se nu hinterher noch mit solide Absichten kommen wollen, denn dürfte det am Ende nischt mehr nutzen. Adje, Herr Mayr, soll ich vielleicht sonst noch was ausrichten?« »Ja, bitt' schön, schauen S', daß weiterkommen!« schrie Mayr wütend. »Und Ihrem gnädigen Fräulein richten S' g'fälligst aus, 's thät' mir ungemein leid, daß an solchen Affen zum Dienstmäd'l hätt'. So, jetzt sin mir zwei fertig miteinander!« »Was haben Se jesagt? Affe haben Se jesagt?« zeterte das Mädchen in der offenen Thür. »Na, warten Se, den Affen werd' ich Ihnen anstreichen! Soll Ihnen wohl schwer werden, unser Fräulein nochmal zu sprechen. Da machen Se sich man keine Hoffnungen mehr. Die Sache is rum!« Sie drohte noch einmal mit dem Schirm ins Zimmer hinein und dann huschte sie, da Florian Mayr Miene machte, ihren Abschied zu beschleunigen, hinaus und warf die Thür hinter sich zu. Florian wankte zum Kanapee, indem er eine etwas allgemein, aber kräftig gehaltene Verurteilung des weiblichen Geschlechts vor sich hin knirschte. Er wand sich das feuchte Handtuch wie einen Turban ums Haupt und dann legte er sich mit verschränkten Armen, trübe vor sich hinlächelnd, in die Sofaecke zurück. Toby Tomatschek schritt langsam herzu, stemmte eine Hand auf den Tisch vor dem Sofa und sprach in strengem Ton: »Sie scheinen mir ja ein ganz gefährlicher Don Juan zu sein.« »Wer? Ich?« rief Florian matt. »Na, wissen S', mein lieber Herr Tomatschek, wann Ihnen die G'schicht gestern so gut bekommen ist, so freut mich das aufrichtig, aber ich für mein Teil bin heut durchaus nicht in der Stimmung für schlechte Witze.« »Ich auch nicht,« versicherte der schöne Mann mit imposanter Festigkeit. »Ich bin gekommen, um Sie zu fragen, ob Sie vielleicht beabsichtigen, meine Tochter zu heiraten.« »Wie? Was? – Ihre Tochter?« »Jawohl, meine Tochter Libussa. Haben Sie die Absicht, meine Tochter zu heiraten?« »Wa . . .? Nein! Durchaus net! Aber auch ganz und gar net, mein lieber Herr Tomatschek!« stöhnte Florian, indem er sich mit kläglichem Ausdruck auf dem Sofa wand. »Au weh, mein Kopf, – wie kommen Sie bloß auf die Idee?« Toby Tomatscheks schöne, hohe Stirn rötete sich; aber bevor er noch seiner Entrüstung Ausdruck zu geben vermochte, ging die Thür auf und auf der Schwelle stand, Muff in der einen, Regenschirm in der andern Hand drohend emporgereckt, Fräulein Marie aus der Markgrafenstraße, und hinter ihr im Korridor wurde durch die offene Thür der Chorus der Damen Stoltenhagen nebst Anhang sichtbar. »Das wollt' ich Ihnen bloß noch sagen, Herr Mayr,« rief die erzürnte Zofe mit weniger melodischer als kräftiger Stimme dem Schmerzgebeugten zu: »Solche Behandlung bin ich nich gewöhnt, so was lass' ich mir überhaupt nich jefallen und ich werde überhaupt mal meine Gnädige drauf aufmerksam machen, daß Sie Fräulein Thekla entführen wollen. Sie haben's ihr ja schriftlich gegeben. So – adje! Mit so 'n Herrn will ich überhaupt nischt mehr zu thun haben.« Krach! flog die Thür zu – kurzer, aufgeregter Wortwechsel draußen und – bum! die Außenthür. Dann war's stille. Aber nur für wenige Sekunden; denn nunmehr ergriff Toby Tomatschek den nächsten Fauteuil, hob ihn ein wenig in die Höhe und stieß ihn so unsanft gegen den Boden, daß eines seiner wackligen, kurzen Beinchen abbrach. Und dies that er nur, um den Eindruck seiner kühnen Behauptung zu verstärken, daß Florian Mayr ein ganz gefährlicher Don Juan sei. Der riß seinen Turban herunter, griff mit allen zehn Fingern in seinen nassen Schopf und versuchte, sich das Haar zu raufen. »Des is aber amal ganz gewiß gelogen!« rief er verzweifelt. »Schau' ich aus wie ein Don Juan? Himmeldunnerwetter, bin ich jetzt närrisch oder Sie , meine Herrschaften?« »Ja, haben Sie denn überhaupt kein Gewissen?« rief der Geigerkönig, indem er mit der Linken seinen Havelock vorn zusammenraffte und den Zeigefinger der Rechten drohend emporhob. »Oder haben Sie ein so überaus kurzes Gedächtnis? Da ist eine junge Dame, die Sie ent führen wollen und mein einziges Kind wollen Sie ver führen! Sie wissen wohl nicht, mit wem Sie's zu thun haben, Herr Mayr? So wie Sie mich da sehen, habe ich mich vor allen gekrönten Häuptern Europas hören lassen. Diese Krawattennadel hat mir die Kaiserin Eugenie verehrt. Mit meinem einzigen Kinde bandelt man nicht so ohne weiteres an , Herr!« »Ja, wer möcht' denn schon damit anbandeln?« fragte Florian mit einem tiefen Seufzer. »Sie!« rief der Geigerkönig mit niederschmetterndem Blick. »Sie haben sich ja nicht gescheut, meinem Kinde ausdrücklich Ihre Absicht anzukündigen.« Jetzt huschte ein Lächeln über Florians verstörtes Antlitz. Er beugte sich über den Tisch vor und zupfte den schönen Mann am Havelock. »Wissen S', des is aber jetzt doch spassig. Des war ja ich gar net, des war ja der Baron!« »Der Baron? Hm, – sind Sie dessen sicher?« Herr Tomatschek wurde plötzlich nachdenklich. »Aber ganz gewiß; ich hab' selber gehört, wie das Fräulein Badacs . . .« Hier unterbrach sich Florian, denn er besann sich, daß man doch keine Dame in Ungelegenheit bringen dürfe. Er wollte ablenken und verständigte den gekränkten Vater davon, daß er noch nicht gefrühstückt habe und brennenden Durst nach einer Tasse Kaffee verspüre. Herr Tomatschek nickte zerstreut und nahm auf dem nächsten Stuhl Platz, wo er sich dem weiteren Nachdenken ergab, während Florian nach dem heißen Wasser rief und die Vorbereitungen für sein Frühstück traf. Herr Tomatschek schlug ein Bein über das andre und nahm sein rundes Apollkinn in die Hand. »Es schien mir,« sagte er bedächtig, »als ob meine Tochter einen gewissen Eindruck auf den Baron gemacht hätte.« »Freilich, freilich, einen sehr gewissen sogar,« entgegnete Florian ruhig. »Hm. Und Sie können beschwören, daß er den Ausdruck ›anbandeln‹ gebraucht hat?« »Gott soll mich bewahren! Woher wissen denn Sie überhaupt die G'schicht' von dem Anbandeln?« »Meine Tochter hat mir gestern auf dem Heimweg erzählt, daß Sie wörtlich zu ihr gesagt hätten: Thun Sie mir den einzigen Gefallen und lernen Sie erst einmal einen wirklichen Mann kennen, ehe Sie so dummes Zeug über die Männer schwatzen. Hätten Sie keine Lust, sich von einem recht netten Kerl verführen zu lassen? Jawohl, Herr Mayr, so sollen Sie wörtlich gesagt haben. Und als meine Tochter selbstredend diese Frage verneinte, sollen Sie dies für höchst bedauerlich erklärt haben – hören Sie? Höchst bedauerlich! « »Lieber Herr Tomatschek,« entgegnete Florian, »wissen denn Sie so ganz genau, was wir gestern g'red't haben? Ich nit – wenigstens was nach zwei Uhr morgens g'wesen is. Daß ich dees net g'meint hab', dees weiß ich amal ganz g'wiß. Na und im übrigen wär's doch auch nit unmöglich, daß Ihr Fräulein Tochter mich mit dem Baron verwechselt hat. Aehnlich sehen wir uns freilich net, aber – du mein Gott, nach der so und so vielten Flasche! . . .« »Sie wollen doch nicht etwa behaupten, daß meine Tochter betrunken gewesen sei!« rief Herr Tomatschek, den Kopf aufwerfend. »Also meine Hochachtung! Dann kann das Fräulein mehr vertragen als ich – denn ich war amal betrunken, des is jetzt amal ganz sicher. Au weh, mein Schädel!« »Hm,« machte der Geigerkönig und versank abermals in tiefes Nachdenken. Da trat die pommersche Nichte mit dem heißen Wasser herein. Sie sah ganz verstört aus und hatte geschwollene Augen. Offenbar hatte sie eben geweint. Mit zitternden Händen setzte sie das Präsentierbrett mit Wassertopf, Milch und Kaffeetasse auf den Tisch vor Florian nieder und wollte sich darauf eiligst wieder entfernen. Aber Florian erwischte sie gerade noch beim Arm und rief: »Ja, Herrgottsakrament, wie schaun denn Sie aus? Was hat's denn bei euch geben? Haben Sie sich mit der Frau Tante zerkriegt oder was? Guten Morgen könnten S' mir doch wenigstens wünschen!« Das Mädchen riß sich heftig los, brach aufs neue in Thränen aus und heulte: »Lassen Sie mich los, Herr Mayr! Mit Sie rede ich gar nicht mehr – Sie sind auch ein schlechter Mensch – hu uuuu! « Damit stürmte sie hinaus und schlug die Thür hinter sich zu. Gänzlich ungerührt staunte Florian ihr nach, dann schüttelte er mit einem tiefen Seufzer seinen nassen Kopf und sagte, indem er das heiße Wasser in das Kaffeemaschinchen goß, so recht in sein Schicksal ergeben: »So is recht: jetzt verachtet mich diese Gans auch noch! Is des vielleicht Gerechtigkeit, Herr Tomatschek? Ich kann Sie auf Ehre versichern, ich lebe so solide wie ein pensionierter Stadtrentamtshilfskonzipist – heut passiert mir's zum erstenmal so lang ich in Berlin wohne, daß ich ein paar Stunden später als gewöhnlich mit einem scheußlichen Brummschädel aufwach', und was ist die Folge? Eine um die andre kommen s' dahergelaufen, diese Weibsbilder, mit geschwollene Köpf' wie die kalekuttischen Göckel, eigens um mir ihre Verachtung in die Zähne zu schleudern! Ich behaupte, das ist keine Gerechtigkeit – eine Gemeinheit ist das, behaupte ich! Und zum Ueberfluß kommen auch noch Sie daher, mein Lieber, wie der reinste Odoardo und schimpfen mich einen raffinierten Don Juan und verlangen, ich soll Ihre Tochter heiraten! Oha mi stimmst! Wissen S', Herr Tomatschek, wegen meiner könnten mir gleich alle Damen meiner Bekanntschaft am Buckel nunterrutschen – Ihr Fräulein Tochter inklusive, mein lieber Herr Tomatschek! – Also nix für ungut. Sie haben wohl schon gefrühstückt? Aber vielleicht darf ich Ihnen einen Schnaps anbieten? Ich besitze einen feinen alten Kräuterliqueur.« Der Geigerkönig zeigte sich nicht weiter gekränkt, sondern nahm im Gegenteil den Schnaps dankend an. Florian setzte sich zu ihm und genoß sein einfaches Frühstück. Dabei wurde ihm ein wenig behaglicher zu Mute. Die ihm innewohnende Menschenliebe begann wieder zu erwachen und er beobachtete mit Teilnahme den schönen Toby, wie er, das edle Haupt auf den linken Arm gestützt, sorgenvoll und düster in das geleerte Schnapsgläschen hineinstierte. »Belieben Sie vielleicht noch einen?« fragte er liebenswürdig. Herr Tomatschek nickte nur mit dem Haupte. Auch nachdem er den zweiten Alpenkräuterbittern sich einverleibt hatte, sagte er zunächst noch immer nichts. Er schleckte sich die Lippen ab, putzte sorgfältig sein schwarzes Bärtchen und dann holte er ein tulasilbernes Etui hervor und zündete sich eine Cigarette an. Nun endlich fand er Worte. »Würden Sie mir raten, den Baron aufzusuchen?« fragte er mit finsterem Ernst. »Ja wie so?« erwiderte Florian. »Was wollen S' denn von dem? Wollen Sie ihn vielleicht anpumpen? Ich glaub', der hat selbst nichts übrig.« »Anpumpen!« wiederholte der Geigerkönig indigniert. »Daran dachte ich – zunächst nicht. Ich meine, ob Sie es für richtig halten, ihn zu fordern? Da Sie der Ansicht sind, daß er es war, der gestern nacht meine Tochter beleidigt hat, so bin ich doch als Ehrenmann und Vater verpflichtet, Genugthuung zu fordern.« »Hm, ja,« versetzte Florian, den Kopf bedenklich hin und her wiegend. »Schon möglich, daß Sie damit dem Baron maßlos imponieren; aber für Sie wird's weiter keinen Zweck haben, meine ich; denn ich glaub' net, daß der Baron sich mit besonderem Vergnügen schießen wird, als mehrfacher Familienvater.« »Was, der Baron ist verheiratet?« rief der schöne Toby mit langem Gesicht. »Wissen Sie das bestimmt?« »Das Fräulein Badacs hat mir's gestern erzählt. Wissen S', er hat in jungen Jahren sich verplempert, wie's halt die meisten Künstler machen, und da hat er eine rechte blitzdumme und ausgesucht z'widere Person erwischt. Er ist schon Mitglied von elf Vereinen geworden, bloß damit er eine Ursach' hat, möglichst jeden Abend auszugehen, weil ihm die Frau Baronin daheim die Hölle gar zu heiß macht. Mir ist's leid um den Mann. Ich mein', der könnt' ganz etwas andres leisten und ganz eine andre Stellung einnehmen, wenn er net die Dummheit g'macht hätt', des Weib . . .« »Ach, was geht denn mich der Baron und seine Familienverhältnisse an?« unterbrach Herr Tomatschek schroff. Er erhob sich von seinem Sessel, warf seinen Havelock ab und schritt einigemal im Zimmer auf und ab. Dann trat er vor Florian hin und sagte, mit dem Finger auf sein Schnapsglas deutend: »Sie könnten mir von Ihrem harmlosen Liqueur noch einen Tropfen geben.« Florian beeilte sich, seinem Wunsche nachzukommen. Herr Tomatschek schlürfte das Gläschen im Stehen aus und legte dann seine wohlgepflegte Rechte schwer auf die Schulter seines jungen Freundes. Er seufzte tief auf und sprach: »Ich versichere Sie, Herr Mayr, es ist ein Hochgefühl, Vater einer genialen Tochter zu sein!« »So, so – ist das Fräulein Libussa genial?« fragte Florian ohne besondere Aufregung. »Ich versichere Sie, Herr Mayr, sie ist genial,« bestätigte der Geigerkönig mit einem kräftigen Druck auf Florians Schulter. »Aber sie ist mein einziges Kind, und ihre unvergeßliche Mutter starb, als sie kaum zehn Jahre alt war. Von da an hat das Kind mein Wanderleben teilen müssen. Die Schule konnte sie natürlich nicht mehr besuchen. Ich war ihr einziger Lehrer – das übrige mußte die Lektüre thun. Sie hat sich außerordentlich rasch entwickelt, körperlich und geistig. Sie ist eine Schönheit geworden, das werden Sie doch zugeben, Herr Mayr?« »Ei freilich,« bestätigte Florian, »sie sieht Ihnen ja so ähnlich!« »Allerdings, so sagt man mir allgemein,« versetzte der schöne Mann, indem er sich befriedigt lächelnd durch sein üppiges Haar strich. »Aber sehen Sie, Herr Mayr, jetzt kommt das, was ich Sie fragen wollte: was fange ich jetzt mit dem Mädchen an? Was soll aus der Tochter des armen Spielmanns werden? Sehen Sie, diese Frage ist der Alp meiner schlaflosen Nächte. Wissen Sie eine Antwort darauf, Herr Mayr?« Florian besann sich ein Weilchen, dann sagte er: »Ja, wenn's so genial is, das Fräulein, was schafft's denn dann?« »Wie meinen Sie?« »Ja, sie muß doch für irgend eine Kunst oder Wissenschaft oder sonst was inklinieren, meine ich. Ist sie denn musikalisch?« »Enorm! Aber sie hat kein Instrument gelernt.« »Ja, hat S' denn keine Stimme?« »Oh eine süße, eine bezaubernde Stimme; aber klein, klein, winzig klein.« »Also is nix damit. Hm, hm – sonst hat S' keine Neigungen gezeigt?« »O doch – fürs Ballett; aber das ist vorbei – sie hat das Ballett überwunden. Fürs Theater hat sie überhaupt eine phänomenale Begabung; aber sie verachtet das schale Komödiantenwesen.« »So, so. Wie wär's denn nachher mit der Schriftstellerin?« »O ich sage Ihnen, Herr Mayr, dazu ist sie geradezu auserkoren!« rief Herr Tomatschek begeistert. »Aber leider fühlt sie sich in der Orthographie nicht ganz sicher. Außerdem ist sie viel zu feurig und vorwärtsdrängend, um die langsame, ermüdende Schreibarbeit auszuhalten. Aber Ideen hat sie – das ist einfach fabelhaft!« Jetzt verlor Florian die Geduld. Er sprang auf und rief: »Ja, Kreuzdonnerwetter. mein lieber Herr Tomatschek, wenn s' nix weiß und nix kann und nix mag, wo sitzt denn nachher die Genialität?« » Inwendig , mein junger Freund,« erwiderte der schöne Toby bedeutend. »Es ist das große Herz , wissen Sie – ihre ganze Seele ist voll von hohen Gedanken und feinsten Empfindungen. Der schaffende Künstler, dessen Muse sie einst werden sollte, der erobert sich einmal die Welt – das steht für mich bombenfest.« Florian war in gelinder Verzweiflung. »Wenn S' des so gewiß wissen, Herr Tomatschek, so warten S' doch ruhig ab, bis der schaffende Künstler seine Muse selber entdeckt.« »Ja, das ist ja eben das Tragische bei unserm Schicksal. Zum Abwarten fehlen uns die Mittel,« rief Herr Tomatschek mit einem kläglichen Seufzer. »Mein Gott, mein Gott, kann denn niemand diese Sorge von mir nehmen? Mein lieber junger Freund, Sie sehen doch, ich reibe mich positiv auf. Wissen Sie denn niemanden, der mein Kind wenigstens einstweilen – adoptieren könnte, oder so was?« Florian griff sich mit beiden Händen an den Kopf: »Jesses hör'n S' auf, Herr Tomatschek; mir war schon ganz gut, aber jetzt brummt mir der Schädel wieder. Wie soll denn ich Ihnen helfen – a junger Kerl von dreiundzwanzig Jahren und a armer Teufel dazu? Geh'n S', fragen S' amal den Baron, der kennt sich vielleicht mit solchen Sachen besser aus.« Der Geigerkönig ließ einen hoheitsvollen Blick an Florian Mayr hinuntergleiten, schüttelte das Lockenhaupt und warf sich den langen Mantel wieder über die Schulter. »Ich habe mich in Ihnen getäuscht,« sagte er, die Augenbrauen hochziehend: »Sie haben kein Herz für die Sorgen eines Vaters. Entschuldigen Sie die Störung. Guten Morgen.« Er griff nach seinem Hute und schritt zur Thür. Auf der Schwelle blieb er stehen, dachte ein Weilchen nach und wandte sich dann nochmals um. »Pardon, Herr Mayr: Sie sagten vorhin, daß der Baron in einer höchst unglücklichen Ehe lebe: glauben Sie vielleicht, daß er eventuell Lust hätte, sich scheiden zu lassen?« »Warum denn net? Fragen Sie ihn doch selber.« »Hm ja. Aber ich kann ihn doch nicht gut mit einer solchen Frage in seiner ehelichen Wohnung aufsuchen.« »Ja, mein lieber Herr Tomatschek, so schicken S' ihm doch einen eingeschriebenen Brief! « rief Florian außer sich. Der Geigerkönig erfaßte die Ironie. Er reckte sich hoch auf, schleuderte seinen Plüschhut auf die Locken und verließ mit einer verächtlichen Handbewegung gegen Florian das Zimmer. Der gute Florian Mayr hatte in der That einigen Grund, an dem Vorhandensein einer sittlichen Weltordnung zu zweifeln. Du himmlischer Vater, wie führten sich andre junge Männer seines Alters auf – und nun gar junge Kunstbeflissene, möblierte Herren ohne Familie, ohne Sorgen, ohne Pflichten! Was geschah denn denen, wenn sie lustig ihr Leben genossen, ihrer Väter Geld verlumpten und von dem ganzen kleinen Katechismus höchstens noch das fünfte und siebente Gebot berücksichtigten? Gar nichts geschah ihnen – im Gegenteil, je toller sie's trieben, desto mehr Ehr' und Ansehen gewannen sie – besonders bei den jungen Damen. Er dagegen hatte so gut wie niemals über die Stränge geschlagen, war stets ein Muster von Fleiß und Pflichterfüllung gewesen, kostete seinen Eltern schon seit Jahr und Tag keinen Pfennig Geld mehr und blickte auf seinem Wege bergan zu den höchsten Zielen seiner Kunst weder rechts noch links. Und was war nun sein Lohn? Eine einzige erste Nacht in Gesellschaft lustiger und merkwürdiger Menschen bei gutem Wein verjubelt, zog ihm sofort die Verachtung einer ganzen Reihe sonst doch friedfertiger und wohlgesinnter Leute zu! Und die Ereignisse dieses grauen Morgens waren dabei nur das vielversprechende Vorspiel zu einem erbaulichen Konzert von lauter Widerwärtigkeiten. Im Laufe der nächsten Wochen sagten ihm nicht weniger als vier Herrschaften die Klavierstunden für ihre Töchter ab. Wie auf Verabredung hatten all diese Damen plötzlich an ihrer Gesundheit einen derartigen Schaden gelitten, daß ihnen ihr Arzt das Klavierspielen untersagen mußte. Nur eine der Herrschaften war ehrlich genug, den wahren Grund ihrer Absage anzugeben: Frau Konsul Burmester hatte sie gewarnt vor ihm, als vor einem rohen und obendrein gewissenlosen Menschen, der sich nicht scheute, seine Vertrauensstellung zu mißbrauchen, um unerfahrene Mädchen zu bethören. Ja sogar bis zu den Ohren seines Konservatoriumdirektors waren jene böswilligen Gerüchte gedrungen. Es half Florian nichts, daß er den Herrn Direktor darüber aufklärte, daß jene Verleumdungen lediglich das Werk des rachsüchtigen Prczewalsky seien, der Direktor fürchtete, durch sein Verbleiben Schülerinnen einzubüßen – außerdem war ihm hinterbracht worden, daß Florian dicke Freundschaft geschlossen habe mit seinem Todfeinde Toby Tomatschek, welcher einmal sein Institut in einer Kritik fürchterlich heruntergerissen hatte. Florian Mayr wurde zum 1. Januar seine Stellung als Professor der Meisterklasse gekündigt. Ein wahres Glück war's, daß er in den fetten Jahren so sparsam gelebt und sich ein hübsches Stück Geld auf die Seite gelegt hatte. Vor der Not war er so doch auf längere Zeit geschützt, und die unfreiwillige Muße benützte er, um sich mit verdoppeltem Fleiß in der virtuosen Technik zu vervollkommnen. Er mied die Gesellschaft, las Schopenhauer, verachtete die Weiber und bestärkte sich täglich mehr in der Ansicht, sich auf einer denkbarst schlecht eingerichteten Welt zu befinden. Siebentes Kapitel. Ein Hinauswurf. Florian Mayr begann sich allmählich doch recht einsam und verlassen zu fühlen, besonders in den Weihnachtsfeiertagen. Da seine Einnahme jetzt so gering war, hatte er sich die Reise nach Bayreuth versagt und das Fest einsam auf seinem Zimmer verlebt. Frau Stoltenhagen glaubte sein auffälliges Einsiedlertum nach jenem Tage des grauen Elends als ein Zeichen eingetretener Reue und Bußfertigkeit ansehen zu dürfen und hoffte, daß er nach den üblen Erfahrungen, die er augenscheinlich jüngst mit Damen aus höheren Regionen gemacht, nun doch vielleicht in der Vereinsamung seines Herzens dahin gebracht werden könnte, ihre versorgungsbedürftige Nichte aus Pommern mit freundlicheren Augen anzuschauen. Allerdings hatte er sich in letzter Zeit öfter als früher in längere Gespräche mit seiner Wirtin und dem Fräulein Nichte eingelassen, nur um doch reden zu können und den Klang einer antwortenden Menschenstimme zu vernehmen; aber dadurch hatte sich sein Verhältnis zu diesen Damen durchaus nicht etwa erwärmt – im Gegenteil – die Späße und Anzüglichkeiten, die er sich gegen sie erlaubte, und die früher doch immer noch von einem freundlichen Lächeln begleitet waren, kamen jetzt häufig gar grob und boshaft heraus. Er verkehrte eigentlich nur mit einigen wenigen Kollegen, obwohl ihm gerade dieser Verkehr, bei dem immer nur vom Fach geredet und Leistung und Charakter der Mitstrebenden böswillig verlästert wurde, der am wenigsten angenehme war. Er dachte auch nicht daran, die neuen Bekanntschaften, welche er gelegentlich des Gaisabends gemacht hatte, etwa aufzusuchen. So unbefangen und unbedingt natürlich er sich auch im Verkehr Menschen jeder Art gegenüber zu geben pflegte, so vermochte er doch eine angeborene Scheu nicht zu überwinden, welche ihn stets verhindert hatte, neuen Bekanntschaften gegenüber einen ersten Schritt zu thun. Das war ihm schon oft genug als Hochmut ausgelegt worden, aber er konnte sich nicht befreien von der Befürchtung, aufdringlich zu erscheinen. Der Baron von Ried zum Beispiel war ganz ein Mann nach seinem Geschmack, mit dem er sehr gerne in näheren Verkehr getreten wäre, aber nie hätte er es fertig gebracht, ihn aufzusuchen oder etwa ihn einfach durch eine Postkarte zu einer Zusammenkunft im Wirtshaus aufzufordern. Auch die Ilonka Badacs hätte er gern wiedergesehen. Es war eigentlich furchtbar dumm, sich ihr gegenüber zu genieren, um so mehr, da sie den direkten Wunsch ausgesprochen hatte, ihn auch als Künstler näher kennen zu lernen. Sie hatte ihm ja auch ihren Besuch in Aussicht gestellt: wäre ihr so viel an ihm gelegen gewesen, dann hätte sie doch ihr Versprechen erfüllen können; aber natürlich, sie dachte ja gar nicht mehr an ihn – das war auch nur wieder so eine liebenswürdige Redensart gewesen, wie sie leichtlebigen Menschen so glatt vom Munde fließen. Wie erstaunte Florian Mayr, als wenige Tage vor Neujahr an einem sonnigen Vormittage die fesche Ungarin, reizend angezogen, keck und lustig zu ihm hereinspaziert kam und gleich so unbefangen mit ihm zu plaudern begann, als wären sie die ältesten Freunde und hätten gestern erst diesen Besuch verabredet. Er war ihr außerordentlich dankbar für ihre Freundlichkeit. Das Herz ging ihm auf bei ihrem drolligen Geplauder, und da fand auch er seinen Humor wieder und erzählte ihr mit ironischer Selbstverspottung, was Uebles alles ihm widerfahren war, seit jenem lustigen Abend ihrer ersten Bekanntschaft. Und dann spielte er ihr auf ihren Wunsch eine Reihe der Virtuosenstücke vor, die sie selbst auf ihrem Konzertrepertoire hatte. Als er fertig war, kriegte sie ihn bei beiden Armen zu packen, schüttelte ihn tüchtig und rief lachend: »Ober wos wollen Sie, Sie sind ja ein Maistär! Schamen Sie Ihnen nicht, Sie dummär Mensch? Was brauchen Sie Klavierstunden suchen und Schulmaistär für höhere Techter spielen, wo Sie doch kennten sähr berihmter Kinstler sein! Bin ich doch schon bißl berihmt und spiel' ich doch wie ein Schwainderl gegen Ihnen – ja ja, Sie hoben ganz richtig gesogt. O du main libär Härgott, wos gibt doch für furbar dumme Menschen!« Damit erhob sie sich auf die Zehenspitzen und versetzte ihm einen flüchtigen Kuß auf die linke und eine leichte Ohrfeige auf die rechte Backe. »Dank recht schön für beides,« sagte Florian vergnügt, denn ihre Anerkennung that ihm wirklich wohl. »Ach wissen S', liebes Fräulein, zum Berühmtwerden hab' ich nun amal kein Talent. Konzerte geben kost't Geld, und ich hab' keins – ich hab' net amal Freunde genug, um drei Stuhlreihen mit Freibilletten zu füllen! Wer soll denn aber sonst neinlaufen in so ein Konzert von einem gewissen Mayr? Ui je! heutzutag', wo schon bald a jeder Trottl klavierspielen kann! Ich bin ja net amal ein Lieblingsschüler Liszts! Also, was wollen S' nachher? Ich kann mich amal durchaus net vordrängen.« » Eh bien! Mein lieber Fraind,« versetzte die Ungarin, indem sie seine Hand durch ihren Arm hindurchzog und freundschaftlich darauf patschte, »dann werde ich Sie vordrängen, Sie müssen nur artig stillhalten, Sie dummär Mensch. – Tiens mon ami, j'ai une idée – voyons: morgen abend ist grande soirée bei der Gräfin Tockenburg – Sie kennen doch die Gräfin Fifi Tockenburg?« »Nein, ich hab' nicht die Ehre, aber gehört hab' ich schon von ihr; das ist doch die begeisterte Wagnerianerin, net wahr?« »Gewiß. Oh, libär Fraind, Sie müssen Gräfin Fifi kennen lernen! Wird Ihnen sähr gäfallen dort. Die ganze musikalische Welt von Bärlin kommt dahin, der Hof, die vornähmsten Aristokraten, olle bärihmten Künstlär – wird sähr gute Musik gemacht – nur modern. Oh ich versichere, ise das ainzige vornähme Haus in gonz Bärlin, wo man sich amüsiert. Vous connaissez donc le palais Tokenbourg untär den Linden? Also morgen abend um neun Uhr, et en grande tenue, habit noir, cela va sans dire. « »Aber ich bitt' Sie, ich bin ja gar nicht eingeladen! Wie soll ich denn dos nur anstellen, daß ich da hingelange? Ich mein', da kann doch nicht jeder dahergelaufen kommen, bloß weil er lange Haare tragt und auch a bißl Klavier spielt.« »Oh, sein Sie ruhig, liebär Fraind, moch' ich olles! Schreib' ich Komtesse Fifi haite noch klaines billet doux . Schreib' ich nur, daß Sie sind großer Kinstler, Lisztspieler par excellence – bekomm ich ganz bestimmt Einladung für Sie. Also is abgemacht, nicht wohr? Sie holen mich ab um halb Neun bei mir, Hotel de St. Petersbourg. Wos wollen Sie spielen? Ich werde der Komtesse schreiben.« »Na, sagen wir: die Legende vom heiligen Franziskus.« »Ise recht. Also liebär Herr Mayr, läben Sie wohl – et à demain. « Er geleitete das liebenswürdige Fräulein unter lebhaften Dankesbezeigungen bis zur Treppe. Frau Stoltenhagen faßte ihn noch im Gang ab und konnte sich nicht enthalten, zu fragen, wer die schöne Dame mit dem kostbaren Pelzwerk gewesen sei. Und Florian gab seiner ausgezeichneten Laune dadurch Ausdruck, daß er ihr vorlog, diese Dame sei eine rumänische Prinzessin gewesen, welche ihn aufgefordert habe, mit ihr eine Reise um die Welt zu machen, ganz allein, nur in Begleitung eines Konzertflügels zum Vierhändigspielen unterwegs, eines Leibmamelucken zu ihrer und eines Mohrenknaben zu seiner persönlichen Bedienung. Am nächsten Abend pünktlich um halb neun Uhr stellte sich Florian Mayr im Hotel St. Petersburg ein. Fräulein Badacs war noch bei der Toilette, aber sie ließ ihn ungeniert eintreten und zuschauen, wie unter den geschickten Händen einer Friseuse das Haarkunstwerk auf ihrem Haupte vollendet wurde. Dann warf sie den Frisiermantel ab und zog ihre außerordentlich tief ausgeschnittene Taille an. Der gute Florian war baß erstaunt, daß sie ihn auch bei dieser Prozedur nicht hinauswarf, sondern gar nichts dagegen hatte, daß er sich mit dem Zimmermädchen, welches ihr die Taille im Rücken zuschnüren mußte, in den stillen Genuß aller vorhandenen Sehenswürdigkeiten teilte. Der unschuldige Florian hielt dies für eine ungarische Landessitte und konnte nicht umhin, sie recht nett zu finden. Zum Schluß durfte er ihr in den kostbaren Pelzmantel helfen und sie am Arm die Treppe hinunterführen. Das Palais Tockenburg war zwar nur wenige Minuten von dem Hotel entfernt, aber trotzdem wurde ein Wagen dahin genommen. Zum erstenmal in seinem Leben betrat Florian Mayr ein so vornehmes Haus, zum erstenmal auch war es ihm vergönnt, eine so vornehme Dame über eine mit dickem Teppich belegte Marmortreppe hinaufzugeleiten. Er wußte von Fräulein Badacs so gut wie gar nichts, aber natürlich hielt er sie nach ihrer Kleidung und ihrem sicheren Auftreten für etwas ganz außerordentlich Vornehmes und fühlte sich sehr geehrt dadurch, daß sie ihn für diesen Abend zu ihrem Kavalier erkoren hatte. Er hatte übrigens ganz vergessen, zu fragen, ob denn nun eigentlich eine Einladung für ihn eingetroffen sei – übrigens mußte das doch wohl der Fall sein, denn sonst hätte das Fräulein ihn doch nicht mitnehmen können. Mehr noch als durch die Hunderte von Kerzen und durch den goldstrotzenden prachtvollen Saal, den sie von zahlreichen Krystalllüsters herab bestrahlten, wurde Florian geblendet von der bunten Gesellschaft, welche diesen Saal, sowie einige anstoßende Gemächer erfüllte. Diese Menge glänzender Uniformen, diese Orden, diese reichen Toiletten, diese alten Damen in rauschender Seide, ausgeschnitten bis zur Unglaublichkeit, dies Geschwirr verschiedener Sprachen, unter denen das Französische vorherrschte, um seine Ohren, diese imposanten Lakaien, welche auf dem spiegelglatten Parkett mit so staunenswertem Geschick ihre gefüllten Theebretter von einer Gruppe zur andern balancierten – das alles war für Florian Mayr so verwirrend neu, daß er sich zunächst recht unglücklich und gar nicht am Platze vorkam, besonders weil er bald bemerken mußte, daß er der einzige zu sein schien, der mit gewichsten Stiefeln und steifem Cylinder sich hier hereingewagt hatte. Alle andern Herren von Zivil trugen nämlich einen Klapphut unter den Arm geklemmt und Lackschuhe an den Füßen. Wäre das Fräulein Badacs nicht gewesen, so hätte sich Meister Florian jedenfalls nicht so bald von der Eingangsthüre weggetraut, aber seine Dame schien hier ganz zu Hause zu sein. Sie ergriff ihn einfach beim Aermel und steuerte ihn, nach rechts und links Umschau haltend, sicher durch den dicksten Schwarm der Gäste hindurch bis zur Hausfrau, welche sie auf der Schwelle des Nebenzimmers in lebhafter Unterhaltung mit einem jüngeren Herrn in Husarenuniform antrafen, der sicherlich ein Prinz sein mußte, da er bereits ein Großkreuz auf der Brust trug. Fräulein Ilonka führte eine tiefe Verbeugung vor der Gräfin aus und wartete, bis sie angeredet würde. Die Gräfin Tockenburg, eine noch jugendliche Frau, zarte Blondine, von ziemlich kleiner Gestalt, aber gut gewachsen und von frischen Farben, kniff die Augen halb zu, führte rasch ihr langstieliges Lorgnon davor und hob die Oberlippe zu einem überaus freundlichen Lächeln über die blendend weißen Zähne empor. »Ah, tiens, tiens – c'est – mais oui je me rapelle: c'est la jolie pianiste hongroise!« Dann wandte sie sich an den jungen Husaren mit dem Brillantstern und fuhr fort: »Permettez-moi, mon prince, de vous présenter Mademoiselle de – de . . .« »Badacs Ilonka s'il vous plaît, votre Altesse,« fiel die Ungarin rasch ein, als sie bemerkte, daß die Gräfin vergeblich nach ihrem Namen suchte. Der Prinz begann alsbald ein französisches Gespräch mit Fräulein Ilonka, und Florian sah sich darauf angewiesen, hinter ihrem Rücken verschiedentliche Bücklinge an die kurzsichtige Frau des Hauses zu richten. Es dauerte eine ganze Weile, bis er von der Gräfin, welche zerstreut umherhorchte, bemerkt wurde. Sie fixierte ihn plötzlich durchs Lorgnon und zeigte ihm ihre tadellosen Oberzähne, sagte aber vorläufig nichts als »Ah –« Florian verbeugte sich abermals und murmelte etwas von der Ehre, die ihm die gnädige Frau durch ihre freundliche Einladung erwiesen habe. Die Frau Gräfin konnte sich offenbar nicht entsinnen und sagte etwas unsicher: »Oh, es ist sehr liebenswürdig von Ihnen, daß Sie gekommen sind. – Sie sind auf der Durchreise hier, nicht wahr? Sie kommen von – Pardon, von wo doch gleich?« – »Von Bayreuth, Frau Gräfin; aber ich halte mich schon seit drei Jahren hier in Berlin auf.« »Oh Bayreuth!« versetzte die Gräfin mit einem enthusiastischen Blick nach oben, und dann hob sie abermals das Glas an die Augen und fixierte hoffnungslos den langen, dünnen Jüngling. »Mein Name ist Mayr,« kam ihr Florian bescheiden zu Hilfe. Da zog die Frau Gräfin wie erschrocken durch diese Eröffnung die Oberlippe über die Zähne herab und stupste Fräulein Badacs leicht mit ihrem Lorgnon auf den Arm. Die wandte sich um und beeilte sich, ihrem Freunde aus der Verlegenheit zu helfen, indem sie ihn der Gräfin als den jungen, großartigen Virtuosen vorstellte, welchen sie ihr für ihren heutigen Konzertabend empfohlen habe. Sie fügte noch beteuernd hinzu, daß le jeune maître einer der hervorragendsten Lisztspieler der Gegenwart sei. Das Gesicht der Gräfin hellte sich wieder auf und sie gönnte Florian von neuem den Anblick ihrer Oberzähne. »Ah, Sie kommen von Liszt?« rief sie in einem Tone, welcher gleichzeitig ein deutliches: »Ja, junger Mann, das ist ganz was andres!« ausdrückte. Florian neigte den Kopf zur Seite, zuckte die Achseln und versetzte: »Bedaure sehr, Frau Gräfin, ich war noch nicht bei Liszt; aber ich beabsichtige, demnächst mein Glück bei ihm zu versuchen.« Die Oberlippe verschwand wieder, das Lorgnon sank herab und die Gräfin sagte blinzelnd: »Oh, noch nicht bei Liszt gewesen? Ja, Pardon . . . das heißt, Sie bringen mir wohl Empfehlungen vom Meister selbst aus Bayreuth? Sie sagten doch, Sie kämen aus Bayreuth?« »Ja allerdings, gnädige Frau,« erwiderte Florian, »ich bin sogar von Bayreuth gebürtig, mein Vater ist dort Lehrer und Organist.« »Ober bitt' schön, gnädigste Komtesse,« beeilte sich Fräulein Ilonka ihm zu Hilfe zu kommen; »er spielt süperb! Hot mir vorgäspielt, wor ich hingärissen! Frau Gräfin wärden sich überzaigen, wenn er wird spielen den heiligen Franziskus.« »Aehm – das wird heute schwerlich . . . emnäh – das Programm ist schon festgestellt. Pardon, meine Liebe, ich sehe dort . . .« Der Rest des Satzes blieb unverständlich. Mit einem merkwürdig verkniffenen Ausdruck blickte sie zwischen der Ungarin und ihrem Schützling hindurch suchend in den Saal hinein und war gleich darauf ihren Blicken entschwunden. Fräulein Ilonka war kaum minder bestürzt als Florian selbst, aber sie wollte sich nichts merken lassen. Sie lachte ihn freundlich an, ergriff ihn beim Arm und stellte ihn dem jugendlichen Prinzen vor. Der wußte nun aber vollends gar nicht, was er mit Florian Mayr aus Bayreuth anfangen sollte. Nachdem er ihm gegenüber die Behauptung aufgestellt hatte, daß das Klavierspielen jedenfalls sehr schwer sein müßte, da doch die meisten Menschen es versuchten und nur wenige es zur Vollkommenheit brächten, sah er sich außer stande, vorderhand noch mehr Geist an Florian Mayr zu verschwenden, und wandte sich wieder mit Lebhaftigkeit der Ungarin zu, der gegenüber ihm die Berührungspunkte augenscheinlich näher lagen. Da durfte Florian denn doch anstandshalber nicht weiter stören, sondern drückte sich, nachdem er wenige Minuten dumm lächelnd zugehört, still beiseite. Er kam sich beinahe schon so gut wie hinausgeworfen vor, denn es schien ganz klar, daß die schrecklich vornehme Frau des Hauses durch seine Anwesenheit keineswegs angenehm überrascht war. Den Brief der Badacs schien sie gar nicht beachtet zu haben, ja sie schien sogar das Fräulein selbst noch recht oberflächlich zu kennen. Unter diesen Umständen gehörte allerdings eine ganz ungewöhnliche Dreistigkeit dazu, einen noch weit unbekannteren Menschen so ohne weiteres ungeladen mitzubringen. Florian dachte nicht daran, dem kecken Fräulein diesen sonderbaren Freundschaftsdienst zu danken; im Gegenteil, er war wütend auf die Badacs und beschloß, sich unauffällig davon zu machen, bevor seine Charakterstärke etwa durch ein gut besetztes Büffett auf eine zu harte Probe gestellt würde. Den musikalischen Genüssen glaubte er leichter entsagen zu können. Er hatte schon fast die Ausgangsthür wieder gewonnen, als er mitten in einer kleinen Gruppe von alten Damen seinen Freund Prczewalsky bemerkte, und unter den Damen war auch eine, deren erwachsene Tochter er bis vor kurzem unterrichtet hatte. Da – jetzt hatte der schöne Antonin ihn gleichfalls bemerkt. Die Damen schielten alle nach ihm hin, und dann steckten sie tuschelnd die Köpfe zusammen und horchten eifrig auf etwas offenbar höchst Interessantes, was der weiche Künstler ihnen zu erzählen hatte. »Gel du Lump, jetzt fallt's über mich her?« knirschte Florian halblaut vor sich hin. Aber jetzt beschloß er, noch ein wenig zu bleiben, denn es sollte nicht so aussehen, als ob er vor dem falschen Kerl Reißaus nähme. Wenige Minuten später betrat ein Lakai das Podium in der Mitte der äußeren Längswand des großen Saales und klappte den Deckel des Flügels in die Höhe. Das war das Signal zum Beginne der musikalischen Produktionen. Die ganze große Gesellschaft strömte zusammen, die Damen und älteren Herren nahmen auf den vorgesehenen Stuhlreihen Platz, die jüngeren Herren stellten sich dahinter und zu beiden Seiten auf. Ein junger Pianist, den Florian nicht kannte, gab eine Phantasie aus den Meistersingern, anscheinend eine Improvisation, zum besten, und dann betrat der königliche Kammersänger Betz, ein alter Herr mit einer gewaltigen Platte und einer goldenen Brille vor den äußerst kurzsichtigen Augen das Podium, schlug auf einem Geigenpult den dickleibigen Klavierauszug auf und sang daraus Hans Sachsens Monolog vom Wahn. Für dramatische Musik, in Frack und weißer Binde vorgetragen, hatte sich Florian niemals besonders zu erwärmen vermocht. Er richtete infolgedessen seine Aufmerksamkeit mehr auf das Publikum als auf die Vortragenden. Da es ihm gelungen war, gleich bei Beginn des Konzertes einen Stehplatz ziemlich weit vorn zu erobern, so bekam er einen recht guten Ueberblick über die Anwesenden. Langsam ließ er seine Augen die Reihen der Sitzenden entlang schweifen. Er entdeckte darunter die bekannten Charakterköpfe einiger hohen Diplomaten, Minister, Professoren und Künstler und sonst noch eine Menge Gesichter, die ihm bekannt vorkamen, ohne daß er ihnen hätte einen Namen geben können – es waren eben die typischen preußischen Assessoren- und Lieutenantsköpfe bei den jüngeren, Hofchargen- und Bureaukratenmasken bei den älteren Herren. Bei den Damen ward er viel Fleisch, aber wenig Schönheit gewahr. Auch unter ihnen entdeckte er außer jener alten Dame, die er schon vorher in Gesellschaft seines polnischen Freundes gesehen hatte, kein bekanntes Gesicht. Doch halt! Hier auf seiner Seite, nur wenige Reihen von seinem Standort entfernt, war das nicht der kleine, dicke Konsul Burmester? Ja wahrhaftig! Und neben ihm die Dame in zitronengelber Seide mit dem Mohnblumenbouquet auf der Schulter, das mußte seine Gattin sein. Er hätte sie nicht erkannt, wenn sie nicht neben dem Konsul gesessen wäre. Wie konnte auch ein Mensch, der die gnädige Frau immer nur »noch nicht angezogen«, das heißt in höchst kleidsamen faltigen Morgengewändern gesehen hatte, diesen gefährlichen, gelbverhüllten Knochenaufbau, mit dem künstlich wild frisierten Kopf darauf, für dieselbe Dame ansehen! Aber wo war Thekla? Hatte sie vielleicht den Eckplatz inne, welchen er wegen der davor stehenden Herren nicht überschauen konnte. Vorsichtig und ganz allmählich zog er sich zurück. Er hoffte, daß ihn die Konsulin noch nicht bemerkt haben möchte, und trachtete schon deswegen, ihr in den Rücken zu gelangen. So, jetzt hatte er's erreicht – und richtig, auf dem Eckplatz neben ihrem kleinen Papa saß Thekla Burmester ganz einfach in weißen Musselin gekleidet, mit einer roten Schärpe um die Taille. Ein bißchen auffallend kindlich war das Kostüm, aber es stand ihr reizend zu dem dunkelblonden Krauskopf mit den üppigen Zöpfen, die sie auch heute, trotz der großen Toilette, schulmädelhaft herunterhängend trug. Die Mama wollte sie wohl absichtlich so jung als möglich erscheinen lassen. Sie hatte sich doch ihr Adoptivkind recht übel gewählt; denn daß dieser halbe Backfisch mit den prachtvollen Armen, dem weichen Nacken und der zarten Fülle der Büste schwerlich ihr eigenes Werk sein konnte, das mußte bei solcher Nebeneinanderstellung doch jedermann auffallen! Auch von dem Konsul war schlechterdings kein Zug in Theklas Angesicht zu entdecken. Sie war ohne Zweifel eines der hübschesten, wenn nicht das hübscheste Mädchen im Saale. Florians Herz klopfte stärker. Er war stolz auf seine Thekla. Jetzt mußte er dableiben. Er mußte eine Gelegenheit suchen, sie von ihren Eltern wegzulocken, um dies gute, dumme Köpfchen geschwind wieder zurecht zu setzen, falls die verwünschte Marie mit ihrem Geschwätz etwa doch einige Verwirrung darin angerichtet haben sollte. Florian wußte ja gar nicht mehr, wie er zu Thekla stand, denn natürlich hatte er ihr nicht mehr schreiben können. Thekla kümmerte sich ebensowenig um die Musik wie er. Sie schien heute ihren ersten Ausflug in die große Welt zu thun, denn mit demselben Neulingseifer wie die seinen flogen auch ihre Augen hin und her. Florian wagte es nicht, sich ihr bemerklich zu machen, aus Furcht, daß ihn dann auch die Eltern bemerken könnten, aber er blieb dicht hinter ihr stehen, damit sie ihm nicht entwischen könne beim allgemeinen Aufbruch. Nie hatte ihn Musik so gelangweilt wie heute, trotzdem fast durchweg wirklich Künstlerisches geleistet wurde. Das Programm war bezeichnend für die Gesellschaft, der es geboten wurde: Wagner, Liszt, Tschaikofsky, Chabrier – von vortrefflichen Künstlern vorgetragen – und dazwischen ließen sich einige hocharistokratische Dilettanten mit Liedern im leichteren französischen Salongeschmack oder auch eigenen Erzeugnissen hören, welche in einem recht merkwürdigen Gegensatz zu dem hohen Stil der übrigen Kompositionen standen. Und gerade diese letzteren Leistungen fanden den allerlebhaftesten Beifall. Zum Beschluß des ersten Teiles sang ein schlesischer Graf mit einer allerdings prächtigen Tenorstimme einige Lieder, die ein andrer schlesischer Graf komponiert hatte. Er fand damit so starken Beifall, daß er sich zu einer Zugabe genötigt sah. Er wählte dazu Schumanns »Ich grolle nicht«, mit dem hohen  C »Isch grolle nicht Und wenn das Herz auch brischt –« sang der schöne, hochgeborene Herr. Und immer kühner strebte er hinan, immer röter wurde sein Antlitz – und jetzt – hurra! – mit kühnem Schwung hinauf: »Isch sah die Schlang', Die dir am Häwärzen fri–wißt, Isch sah, mein Lieb, wie sähr du ähh–lend bischt – Isch grolle nischt.« Tosender Beifall. Die Gesellschaft vergaß vollständig, daß sie sich ja unter der Fahne der Zukunftsmusik hier zusammengefunden und daher eigentlich kein Recht hatte, sich für derartige Kraftleistungen besonders zu begeistern – in einer Gesellschaft noch dazu, in welcher eine laute Begeisterung für Kunstleistungen überhaupt schon als unschicklich zu gelten pflegt. Aber was ist da zu machen? Ein hohes  C schlägt eben auf die Nerven wie jede andre Monstrosität auch. Alles sprang wie elektrisiert von seinen Plätzen, und die näheren Bekannten des Grafen stürmten das Podium, um ihn zu seiner phänomenalen Leistung zu beglückwünschen. Natürlich hatten gerade diese näheren Bekannten ihn schon des öfteren »Isch grolle nischt« mit dem hohen  C singen hören, aber es blieb doch immerhin merkwürdig, daß ihm auch diesmal wieder nichts dabei geplatzt war – und so etwas verdient Anerkennung. Antonin Prczewalsky, der den Grafen am Flügel begleitet hatte, wurde durch den Ansturm der Gratulanten geradezu vom Podium heruntergedrängt. Florian benutzte die Verwirrung des allgemeinen Aufbruchs, um in einem Augenblicke, als der Konsul und seine Gattin sich gerade angelegentlichst mit Herrschaften, die vor ihnen standen, unterhielten, Fräulein Thekla ein ganz klein wenig an einem ihrer langen Zöpfe zu zupfen. Sie wandte sich rasch um und quiekte vor Schreck leise auf. »Kommen Sie g'schwind, ich muß Sie sprechen,« flüsterte ihr Florian rasch zu, und dann drückte er sich hinter einen Knäuel von Herren, damit ihn Burmesters beim Vorbeigehen nicht entdecken könnten. Die ganze Gesellschaft begab sich jetzt unter Vorantritt Seiner Excellenz des Grafen Tockenburg, welcher die alte Fürstin Hatzfeld am Arme führte, in den anstoßenden Speisesaal, woselbst auf zwei langen Tafeln allerlei leckere kalte Gerichte aufgestellt waren. Florian blieb dicht hinter Burmesters und folgte langsam dem Strome bis zum Eingang in den Speisesaal. Dort wagte er es abermals, Thekla am Arme zu berühren, und als sie sich umwandte, haschte er geschickt nach ihrer Hand und hielt sie fest. Er hatte Glück. Die Eltern schritten weiter, ohne Theklas Stehenbleiben zu bemerken, und nun zog er sie aus dem Menschenstrome hinaus hinter eine der Säulen, welche die Thür flankierten. »Lassen Sie mich los. Herr Mayr, bitte,« flüsterte Thekla ängstlich; »ich darf nicht mit Ihnen sprechen.« »Mama hat's verboten, nicht wahr?« gab Florian ironisch lächelnd zurück. »Aber das ist mir ganz egal, ich muß Sie sprechen – ich muß wissen, was die dumme Person, die Marie, Ihnen von mir gesagt hat, und ob Sie's geglaubt haben. Gel Fräulein Thekla, Sie ham's net 'glaubt? Ich war an dem Morgen so elend und hatte meine Gedanken gar net beisammen, sonst hätt' ich Ihnen wahrhaftig gleich a bißl was zum Trost g'schrieb'n, aber die dumme Person is ja gleich im größten Zorn davon, bloß weil ich's wegen ihrem dummen G'schwätz einen Affen g'schimpft hab'. Geln S' Fräulein Thekla, Sie wissen doch aus Erfahrung, daß ich leicht amal mit Gäns und Affen um mich werf, wenn ich gereizt werde? Des thut doch meinem Charakter weiter keinen Abbruch?« Theklas ängstlich gespanntes Gesicht hellte sich zusehends auf. Ganz vertrauensvoll schlug sie die Augen zu ihm empor und sagte: »Ach nicht wahr, Herr Mayr, Sie sind doch kein schlechter Mensch – ich habe mir es gleich gedacht.« »So is recht, des is g'scheit!« rief Florian vergnügt. »Also seien wir wieder gut mit'nander.« Damit streckte er ihr einladend seine Rechte entgegen. Thekla wagte nicht einzuschlagen, weil es ja die Leute alle sehen könnten, worauf Florian ihr vorschlug, sie möchte sich in das Zimmer auf der andern Seite des Saales flüchten, er würde etwas für sie beide zu essen holen, und dann wollten sie sich's wohl sein lassen, und sie müßte ihm haarklein berichten, was sie seit ihrem letzten Zusammentreffen alles erlebt habe. Ohne ihre Antwort abzuwarten, ließ er sie stehen, ging in den Speisesaal und drängte sich zum Büffett durch, um zwei Teller voll Hummermayonnaise und einen Haufen belegter Weißbrotschnittchen, in rautenförmige Bissen zugeschnitten, für sich und seinen Schützling zu holen. In seinem Eifer hatte er gar nicht bemerkt, daß er dabei in die unmittelbare Nähe des Herrn Konsuls Burmester geraten war, welcher an dem gleichen Büffett damit beschäftigt war, den Teller seiner Gattin zu füllen, die hinter ihm stand, um seine Wahl zu leiten. Die beiden Herrn erkannten einander, indem sie, im Begriffe, gleichzeitig in dieselbe Schüssel zu langen, mit ihren Löffeln kollidierten und sich dafür gegenseitig entschuldigten. »Ah, Herr Mayr, Sie hier!« »Ja, grüß Sie Gott, Herr Konsul! Bitte, bedienen Sie sich nur.« »Bitte sehr, nach Ihnen,« stotterte der kleine Herr in seiner Verlegenheit. Und dann wandte er sich nach seiner Gattin um und machte sie flüsternd auf Herrn Mayrs Anwesenheit aufmerksam. Kaum hatte Frau Olga den bösen Feind erblickt, als sie so laut, daß trotz des herrschenden Lärms die Zunächststehenden es wohl hören konnten, in komisch erschrockenem Tone ausrief: »Wo ist Thekla? Ich bitte dich, Willy, wo ist Thekla?« Florian bemerkte viele lächelnde Gesichter, und da trieb ihn der Schalk, mit liebenswürdiger Unschuldsmiene sich an den Konsul zu wenden: »So, also Ihr Fräulein Tochter haben S' auch mitbracht? Warten S', ich geh's gleich suchen.« Und ehe noch der Konsul und seine Gattin etwas zu erwidern vermochten, schlüpfte er mit seiner Beute geschmeidig durch das Gedränge hindurch. Dicht bei der Flügelthür stand ein Lakai mit einem Präsentierbrett voll Biergläsern. Davon erwischte er im Vorbeigehen noch eins und dann schlitterte er, die beiden Teller in der Linken, das Bierglas in der Rechten, über das glatte Parkett des Musiksaales dem gegenüberliegenden Drawingroom zu. So ganz ohne Aufenthalt sollte er jedoch nicht dahin gelangen. Fräulein Badacs schlenderte eben in Begleitung des prinzlichen Husarenlieutenants dem Speisesaale zu und rief ihm entgegen: » Tiens, liebär Fraind, suchen Sie mich? Bringen mir wos Schens zum essen?« Dabei ergriff sie ein Leberwurstschnittchen und ließ es sofort in ihrem großen Munde verschwinden. Mit einer raschen Bewegung brachte Florian die Teller aus ihrem Bereich und sagte: »Nix da, mein Fräulein, des gehört net für Sie!« »Ah! Wie finden Durchlaucht?!« wandte sich Fräulein Ilonka an ihren Begleiter. »Ain schener Kavalier, der Härr Mayr! Moi je l'ai introduit ici – et par conséquence il fait la cour à une autre! Que c'est drôle n'est-ce pas?« »Beruhigen Sie sich nur, gnädiges Fräulein,« knarrte der Prinz im preußischen Gardeton: »Ich werde versuchen, Ihnen den herben Verlust zu ersetzen.« Florian überhörte absichtlich die Ironie und sagte gutmütig lachend: »Sehr angenehm, Euer Durchlaucht, nix für ungut, liebe Kollegin; aber ich hab' eine ältere Freundin hier getroffen, gar so ein armes Hascherl, die muß ich erst einmal versorgen.« Damit schlitterte er davon, ohne sich weiter aufhalten zu lassen. Richtig – die kleine Thekla war folgsam gewesen und harrte seiner mit bangem Herzklopfen im Drawingroom der Frau Gräfin. Sie waren hier ganz ungestört, denn es lag durchaus nicht in der Absicht der Gastgeber, daß in diesem Raume gespeist werden sollte. Es waren vielmehr zu diesem Zwecke in einer an den Speisesaal anstoßenden Galerie kleine Tische aufgestellt. Florian setzte Speisen und Getränk auf einem der japanischen Lacktischchen ab, schob dieses vor eine schwellende Causeuse und nötigte Thekla, neben ihm Platz zu nehmen. Das arme Kind naschte nur ein wenig von den belegten Schnittchen, die beiden Portionen Hummersalat mußte Florian ganz allein aufessen. Sie nippte auch nur, ihm zu Gefallen, ein klein wenig an dem Biere, den Rest trank er auf ihr Wohl in einem Zuge aus. Und während er mit gutem Appetit vom Hummer schmauste, erzählte ihm die Kleine die Geschichte ihrer häuslichen Leiden während der letzten Wochen. Die Frau Mama sei thatsächlich der Werbung des polnischen Künstlers günstig gesinnt, besonders seit er dem ältesten polnischen Adel anzugehören behauptete, wofür er jedoch bisher noch nicht die geringsten Beweise beigebracht hatte. Glücklicherweise aber mochte ihr Vater den Mann gar nicht leiden, wodurch sie sich vor seinem Drängen einigermaßen geschützt fühlte. Aber es war schon unangenehm genug, daß der Waschlappen so oft ins Haus kommen durfte. Klavierstunden hatte sie trotz ihrer Weigerung sich von ihm geben lassen müssen. Da sie jedoch nicht regelmäßig zu stande kamen, so sollte sie nun anfangen, Geige zu lernen, wozu sie erst recht keine Lust hatte. Ihr Papa hatte jetzt auch nicht mehr die Energie, den Wünschen der Mama länger zu widerstreben, denn der lange Kampf hatte ihn schon ganz mürbe gemacht. Sie fühlte sich nun völlig verlassen, besonders seit ihr durch die Weigerung der Zofe, weiter für sie Botendienste zu verrichten, die Möglichkeit abgeschnitten war, sich bei dem Freunde Rat und Trost zu holen. Sie hatte übrigens trotz der strengen Aufsicht es doch mehrmals fertig gebracht, nach postlagernden Briefen zu fragen. Da aber nie eine Zeile von ihm für sie vorhanden gewesen, war sie schließlich doch nahe daran gewesen, den Verleumdungen Prczewalskys und ihrer Marie Glauben zu schenken. »Ach, lieber Herr Mayr, nun müssen Sie mir sagen, was ich thun soll,« schloß das arme Ding, indem es in drolliger Hilflosigkeit seine Hände im Schoße faltete. Florian war sehr gerührt; aber er kaute immer noch an seinem Hummersalat, und darum klang es nicht sonderlich gerührt, was er jetzt zur Antwort gab: »Hm, hm, was machen wir jetzt da? Ja, mein Gott, haben Sie denn nicht irgend einen rechten netten Lieutenant oder so was, womit S' durchbrennen möchten?« »Aber pfui, Herr Mayr, wie können Sie so was sagen! Sie wollten doch selbst . . .« Florian blickte sie erstaunt an. Er legte die Gabel hin, schluckte den letzten Bissen hinunter und dann nahm er ihre rechte Hand weich zwischen seine beiden und fragte leise: »Aber Fräulein Thekla, sind S' mir denn wirklich so gut, daß S' mit mir durchgehen möchten? Mit so einem groben Kerl, wie ich bin, mit so einem Musikanten, der nichts hat und nichts ist?« Sie antwortete nicht, sondern ließ nur tief errötend das hübsche Köpfchen sinken. Florian spielte eine kleine Weile mit ihrer warmen weichen Hand, dann seufzte er tief auf und sagte, indem ihm das Wasser in die Augen trat: »Nein, mein liebes Fräulein, schaun Sie, dazu bin ich Ihnen nun wieder viel zu gut, als daß ich Sie zu solchen Dummheiten verleiten sollte. Wenn Sie einen Wauwau brauchen, der Ihnen unangenehme Leut' wegbeißt, so werden Sie mich immer bereit finden, aber – in anderem Sinne dürfen Sie nicht an mich denken. Uebrigens vor dem Bubilausky brauchen Sie fein nicht Angst zu haben. Hier haben Sie ein Papier, das bewahren Sie sich sorgfältigst auf – und wenn der Kerl net auslaßt mit seine damischen Heiratsgedanken, dann geben S' Ihrem Herrn Papa nur des Autograph da, mit einem schönen Gruß von mir.« Er zog sein Taschenbuch hervor und entnahm ihm ein mehrfach zusammengefaltetes Stück Papier, welches er mit wichtiger Miene dem erstaunt und enttäuscht dareinblickenden Mädchen überreichte. Thekla war noch beschäftigt, das Papier, nachdem sie es ganz klein zusammengefaltet, in ihrem Busen zu verbergen, als eine ganze kleine Gesellschaft aufgeregter Menschen innerhalb der offenen Flügelthüren sichtbar ward, nämlich Herr und Frau Konsul Burmester, Antonin Prczewalsky, die drei älteren Damen, die sich heute besonders an ihn attachiert zu haben schienen, und zum Schluß die Frau des Hauses selber mit dem Lorgnon vor den Augen, den feinen Hals gespannt vorgestreckt. Frau Olga Burmester machte sofort einen Vorstoß bis dicht vor das Pärchen, während die andern Herrschaften noch in der Nähe der Thür stehen blieben. »Ah,« rief die erzürnte Mutter ganz außer Atem: »Also ist es wirklich wahr! Thekla, Thekla, wie ist es bloß möglich? Du entfernst dich von der Gesellschaft – mit – diesem Herrn – o!« Und sie streckte gebieterisch ihre Hand nach dem Töchterchen aus, das sich zitternd erhoben hatte. Den Florian Mayr würdigte sie keines Blickes. Der Konsul dagegen glaubte es seiner Würde schuldig zu sein, mit dem Verführer ein ernstes Wort zu reden. Hocherhobenen Hauptes, das wohlhäbige Bäuchlein vorgestreckt, trat er auf ihn zu und sagte: »Darf ich Sie vielleicht um Aufklärung bitten, mein Herr, zu welchem Zwecke Sie meine Tochter hierher gelockt haben?« Die Entrüstungsattitüde der versammelten Gesellschaft vermochte Florian Mayr keineswegs bange zu machen; im Gegenteil, er fand die Situation hervorragend komisch und erwiderte, indem er mit liebenswürdigem Lächeln auf den kleinen Herrn Burmester zuging: »Sein S' nur stad, Herr Konsul! Sie sind ja gar net so schlimm, wie Ihre Frau Gemahlin ausschaut, ha, ha, ha! Aber des können S' mir schon glauben: Ihr Fräulein Tochter is nirgends so sicher. wie unter meinem Schutz. Und letztens und hauptsächlich war ich mir's auch schuldig, die günstige Gelegenheit zu ergreifen, um mich vor dem Fräulein zu verteidigen gegen die gemeinen Verleumdungen, die der schöne Herr da gegen mich in Umlauf gesetzt hat.« Dabei wies er mit ausgestrecktem Zeigefinger auf den Kollegen Prczewalsky, der hinter dem Schutzwall der drei älteren Damen mit höhnischer Siegermiene den peinlichen Auftritt verfolgte. Die Anwesenden standen sprachlos, und nur der gekränkte Tonkünstler äußerte eine halblaute Verwünschung, indem er die geballte Faust vorsichtig zwischen den Köpfen seiner beiden ältesten Freundinnen hindurchstreckte. Da schritt die Gräfin Tockenburg auf Florian zu und sagte, ihre Augen fast völlig zukneifend, mit dem Ausdruck äußerster Geringschätzung: »Ich habe drüben für meine Gäste decken lassen, Herr Mayr. In meinem Privatsalon speist man nicht.« Jetzt wurde Florian aber doch verwirrt. Er machte eine ungeschickte Verbeugung und stotterte: »Bitte vielmals um Entschuldigung, Frau Gräfin, ich – kenn' mich halt noch net recht aus dahier. Wenn man zum erstenmal in so ein vornehmes Haus kommt . . .« »Ich kann mich auch nicht erinnern, Sie eingeladen zu haben, Herr Mayr,« unterbrach ihn die Gräfin in eisiger Ruhe. Ein allgemeines »Ah« des Erstaunens und der Entrüstung. Der schöne Antonin lachte höhnisch auf und wagte sich sogar hinter seinen Beschützerinnen hervor. Die Konsulin murmelte: »Das setzt doch allem die Krone auf!« Und Thekla schmiegte sich mit ganz verängstigter Miene an ihres Vaters Arm. Florian bekam einen dunkelroten Kopf. Es schnürte ihm die Kehle zu, und er vermochte nur mühsam ein paar Worte hervorzubringen: »Frau Gräfin ich bin . . . das muß ein Irrtum . . . Fräulein Badacs sagte mir doch, sie kriegte bestimmt eine Einladung für mich – – ich sollte den heiligen Franziskus . . . Gestatten Frau Gräfin vielleicht, daß ich Ihnen den heiligen Franziskus vorspiele?« Die Gräfin führte das Lorgnon vor die Augen und fixierte Florians immerhin gut gewichste Stiefel mit einem geradezu vernichtenden Blick, während sie ihm antwortete: »Um sich in meinen Soireen hören zu lassen, bedarf es denn doch gewichtigerer Empfehlungen – das Fräulein Badacs ist etwas sehr voreilig gewesen.« »Entschuldigen Frau Gräfin, das konnt' ich net wissen,« versetzte Florian mit leicht bebender Stimme. »Unter diesen Umständen will ich natürlich nicht länger – lästig fallen. Ich habe die Ehre, Frau Gräfin.« Damit verbeugte er sich und verließ langsam das Zimmer. Die kleine Gesellschaft schloß sich flüsternd zusammen und folgte ihm fast auf dem Fuße. Florian hatte scharfe Ohren. Er vernahm ganz deutlich, wie Prczewalsky ganz laut zu seinen drei Damen sagte: »Ist doch eine kolassale Unverschämtheit von dieser Badacs, ganz sans façon ihren Liebhaber mitzubringen, in eine solche vorrnehme Gesellschaft!« Florian drehte sich auf dem Absatz herum und mit wenigen großen Schritten stand er dicht vor dem erschrocken rückwärts strebenden Antonin, packte ihn mit festem Griff bei beiden Frackaufschlägen zugleich und beutelte ihn gelinde hin und her. »Was hast g'sagt, Lump, elendiglicher?« zischte er ihn leise an. »Wegen dem, was d' über mich für gemeine Lügen aufbracht hast, kriegst scho sicher noch deine Prügel – willst jetzt noch eine anständige Dame beleidigen, infamer Lapp du?« Es waren bereits nicht wenige Herrschaften in den Musiksaal zurückgekehrt. Die unerhörte Scene konnte natürlich nicht unbemerkt bleiben. Mehrere jüngere Herren stürzten herzu, um Tätlichkeiten zu verhindern, und suchten den wild gewordenen Florian von seinem Opfer loszumachen. Auch zahlreiche Damen, unter ihnen Ilonka Badacs, strömten neugierig herzu, um den aufregenden Vorfall wenigstens von weitem zu beobachten. Die Gräfin Tockenburg war empört. So etwas war in ihren Salons noch niemals vorgefallen. Sie wandte sich an einen jungen Offizier, der ihr just in den Wurf kam, und ersuchte ihn, dafür zu sorgen, »daß dieser Herr« sofort den Weg aus ihrem Hause fände. Der junge Gardelieutenant faßte Florian unter dem Arm und flüsterte ihm zu: »Kommen Sie, mein Herr, wir können ja die Angelegenheit draußen erledigen.« »Ha, ja, versteh' schon – komm' schon,« versetzte Florian, indem er mit einem letzten leichten Stoß den zitternden Antonin fahren ließ und willig dem jungen Offizier folgte. Nach ein paar Schritten aber wandte er sich nochmals um und rief ganz laut über alle Köpfe hinweg: »Ach, Fräulein Burmester, sein S' so freundlich und geben S' doch Ihrem Herrn Vater gleich das bewußte Papier. Der Herr Konsul ist vielleicht so freundlich und liest's den Herrschaften vor.« Er hatte noch die Genugtuung, zu sehen, wie die gehorsame Thekla sich beeilte, seinem Wunsche nachzukommen. Dann folgte er dem energischen Drucke des Gardeoffiziers und bewegte sich der Ausgangsthür zu. Dort holte ihn Fräulein Ilonka ein und begehrte aufgeregt zu wissen, was vorgefallen sei. »Nix Besonderes,« versetzte Florian ruhig, »ich hab' dem Lumpen, dem Prczewalsky, a bißl d' Wahrheit gesagt, weil er behauptet hat, ich wär' Ihr Schatz und Sie hätten die Frechheit gehabt mich hierher mitzubringen. Frau Gräfin laßt mich soeben hinauswerfen.« »Hej! Wos is dos, teremtete! « rief die Badacs mit zornfunkelnden Augen. »Warten Sie, liebär Fraind, geh' ich auch hinaus – das haißt, komm' ich gleich nach, wann ich werde vorgespielt hoben Rhapsodie. Erwarten Sie mich im Restaurant Krczywaneck!« Und fort war sie. – Der Konsul Burmester nahm neugierig das Papier aus Theklas Hand entgegen, faltete es auseinander und las es mit erstauntem Kopfschütteln still für sich durch. Frau Olga war natürlich höchst begierig, den Inhalt kennen zu lernen, aber der Konsul war nicht dazu zu bewegen, ihr das Papier zu überlassen. Erst als sie wieder daheim und Thekla zu Bett geschickt worden war, eröffnete er der Gattin seinen festen Willen, den Herrn Antonin Prczewalsky nicht mehr in seinem Hause verkehren zu lassen. Herr Mayr sei nur ein Grobian und ein jugendlicher Brausekopf, den edlen Polen aber halte er für einen recht jämmerlichen Charakter und außerdem für einen gefährlichen Burschen. Bis Mitternacht saß Florian Mayr bei Krczywaneck mit seinem gerechten Groll allein beim Pilsener Bier. Das Fräulein Ilonka kam nicht. Sie hatte allerdings, ihrem Versprechen gemäß, die Soiree der Gräfin Fifi verlassen, sobald sie ihre Rhapsodie gespielt – aber nicht allein, sondern in Gesellschaft der jugendlichen Durchlaucht, als welche die Lokalitäten des Herrn Dressel denen des Herrn Krczywaneck vorgezogen hatte. Achtes Kapitel. Die Prüfung. Wie alljährlich zu Beginn des Wonnemonds, so traf auch heuer wieder der Altmeister Franz Liszt pünktlich in seiner Sommerresidenz Weimar ein, und das vielsprachige Gezwitscher der bunt zusammengewürfelten Schar von Zugvögeln, die mit ihm zwischen Rom und Weimar, mit gelegentlichen Abstechern nach Budapest, hin- und herzufliegen pflegte, fiel auch diesmal wieder mit dem üblichen Lärm in die liebliche Musenstadt ein. Die berühmte Zeitung »Deutschland«, als welche den »fetten Salzknochen«-Annoncen der weimarischen Wirte ihr wohlgenährtes Dasein verdankt, hatte, wie üblich, am Vorabend der Ankunft Liszts einem schwungvollen Begrüßungsgedichte Raum gegeben, unterzeichnet mit den Buchstaben: A. W. G. , welche der weimarische Volkswitz als »altes Weimersches Gärluder « zu deuten pflegte, obwohl jedermann mußte, daß es die Initialen des trefflichen Herrn Stadtorganisten waren. Und schon am nächsten Morgen, an dem die Sonne programmmäßig lachte, zeigten die Straßen der Residenz die charakteristische Veränderung, welche die Lisztsaison hervorzubringen pflegte. Gruppenweise schlenderten Schüler und Schülerinnen, wohnungsuchend und den Neulingen die Sehenswürdigkeiten zeigend, umher. Schmachtäugige Mädchen, vom schwedischen Weißblond bis zum semitischen Beinschwarz abschattiert, trugen Riesenhüte und seltsame Gewänder zur Schau; bleiche Jünglinge mit unheimlich langen knochigen Fingern, fast alle bartlos und bemüht, dem Meister möglichst ähnlich zu sehen, hielten schlottrige Kameradschaft mit den Damen und forderten das Staunen der Philister durch allerlei kleine Seltsamkeiten der Kleidung, besonders aber durch auffallendes Benehmen heraus. Fast alle trugen sie goldene Schaumünzen mit dem Brustbilde Liszts als Busennadeln. Einer, der als Berliner Jude entlarvt war, sobald er nur den Mund aufthat, spielte sich vermittelst eines Fez mit abnorm tief herabbaumelnder Troddel als Türke auf; ein andrer schwitzte in einem ungeheuer langen und ganz schließenden Bratenrock einher, um womöglich für einen Abbé gehalten zu werden; ein dritter hatte sich aus Italien einen fürchterlich karrierten hellen Flanellanzug mitgebracht, zu dem er eine rotseidene Leibbinde trug, welche die kleinen Bürgermädchen Weimars in nicht geringe Aufregung versetzte. Je zwei von diesen Halbgöttern schleppten gewöhnlich eine Nymphe unter dem Arm mit sich – sie lockten durch Pfeifen meist Wagnerscher Motive ihre Kameraden und Kameradinnen in den Häusern ans Fenster und führten laute Unterhaltungen mit ihnen, auch über die Gasse, wenn es so paßte. Und mittags wurde es erst gar lebendig in den pianistischen Gärten der Restaurants, in welchen die verschiedenen Tafelrunden sich aufthaten! Das lachte, schwatzte, sang und gröhlte durcheinander in einem tollen Sprachgewirr, in dem aber doch Deutsch, Französisch und Russisch die tonangebenden Zungen waren. Gerade, wie wenn die Schwalben heimgekehrt sind und mit ohrenbetäubendem Gezwitscher in die alten Nester einfallen oder neue zu bauen beginnen. Im Garten des Hotels Chemnitius hatte ein besonders großer, lauter und bunter Haufe von Lisztianern beiderlei Geschlechts sich zum Mittagstisch eingefunden, um bei einer Maibowle die Eröffnung der Sommersaison zu feiern. Die Fröhlichkeit dieser Tafelrunde war schon fast bis zur Ausgelassenheit gediehen, als ein junger Mann, lang und hager von Gestalt, mit braunem, schmalem Antlitz und tiefliegenden runden Aeuglein darin, einen neuen, sehr hohen Cylinder auf dem langhaarigen Haupte, den Garten betrat und unbemerkt von jenen lustigen Gästen an einem entfernten Tischchen Platz nahm. Wenn irgend jemand, so sah dieser neue Ankömmling wie ein Lisztianer aus. Aber er war, einen absichtlich weiten Bogen schlagend, an der Tafel der Bowlentrinker vorbeigegangen, nur mit finsteren Blicken hinüberschielend wie ein ganz sauertöpfischer Tugendpfaff. Er konnte es aber doch nicht unterlassen, von seinem entfernten Platz aus die sündhaft lustige Gesellschaft zu beobachten und nach Kräften die Ohren zu spitzen, um von ihrem Scherzen und Schwatzen womöglich etwas zu erhaschen. Er hatte bereits begonnen, seine dünne Brühsuppe auszulöffeln, als er plötzlich auf seinem Stuhl zusammenfuhr, als hätte ihn ein elektrischer Schlag getroffen. Er ließ den Löffel in die Suppe patschen, daß sie weit über das Tischtuch und hoch auf seine Hemdenbrust hinaufspritzte, ohne des zu achten. Er starrte hinüber nach dem andern Tisch und knirschte halblaut vor sich hin: »Himmelherrgottsakrament, führt dich der Deixl auch wieder daher!« Es war eine Frauenstimme gewesen, die den langen Burschen so erschreckt hatte, und diese Stimme gehörte ganz zweifellos dem Fräulein Ilonka Badacs an. Richtig, da saß sie mitten drin unter dem tollen Pack! Sie drehte ihm den Rücken, darum hatte er sie nicht früher erkannt. Neben ihr saß das Gigerl im italienischen Flanellanzug, hatte ihr seinen rechten Arm um die Schultern gelegt und flüsterte ihr offenbar recht starke Sachen ins Ohr; denn sie schrie von Zeit zu Zeit ganz laut auf, puffte den Flanellenen in die Rippen und rief der Gesellschaft in ihrem breiten Ungarisch-Deutsch irgend etwas zu, was jedesmal mit wieherndem Gelächter begrüßt wurde. Der einsame Gast, der seinen Aerger über das Benehmen des Fräulein Badacs so deutlichen Ausdruck zu geben wußte, indem er, fortwährend kernbayrische Sprüche vor sich hinbrummend, die Fettflecken auf seinem Vorhemd wütend mit der Serviette bearbeitete, war natürlich kein andrer als Florian Mayr. Er war nach dem unangenehmen Erlebnis auf der Soiree der Gräfin Tockenburg nicht gerade friedlich mit der Ungarin auseinandergekommen. und daß sie ihm an jenem Abend ihr Wort nicht gehalten, sondern vorgezogen hatte, mit dem durchlauchtigen Husarenlieutenant zu soupieren – wie sie ganz ehrlich eingestand –, das hatte er ihr noch mehr übelgenommen als selbst die gesellschaftliche Blamage, die er ihrer dreisten Einführung zu verdanken hatte. Und da sie auch keinen großen Geschmack daran fand, sich von einem jungen Kollegen herunterputzen zu lassen wie ein unartiges Schulmädel, so waren die beiden in hellem Zorn voneinander geschieden. Aber vergessen hatte er sie darum nicht – o ganz im Gegenteil! Sobald er sich ein wenig beruhigt hatte, schalt er sich einen Erzflegel und jämmerlich unweltläufigen Büffel. Was wußte er als Bayreuther Kantorssohn, der sich zwanzig Jahre lang in dürftigen, engen Verhältnissen herumgedrückt und ums tägliche Brot gerungen hatte, was wußte er davon, was droben in der oberen Welt Gesetz und Sitte war? Das Fräulein Ilonka war doch heimisch in dieser Welt, und wie sie sich darin zu bewegen beliebte, so mußte es wohl recht und üblich sein. Er hielt nun einmal Ilonka Badacs für eine große Weltdame, und sie war die erste dieser Gattung, die auf ihn einen tieferen Eindruck gemacht hatte, weil sie mit der Gewandtheit und Grazie des Benehmens, der mehrsprachigen Vielwisserei und jener geschmackvollen Wohlgepflegtheit des Körpers und des Geistes, welche eben die Dame ausmacht, dies echt künstlerische Temperament verband, diese naive Herzlichkeit des guten Kameraden. Schließlich verdankte er ihr auch den Mut, so ohne alle Empfehlung auf gut Glück nach Weimar zu fahren. Die Hoffnung, sie hier wiederzufinden, hatte auch nicht wenig dazu beigetragen, ihn zum Entschluß zu treiben. Er hatte sich's nie eingestehen mögen, daß er am Ende gar in sie verliebt sei, aber sie war thatsächlich das einzige Weib, an das er mit Sehnsucht dachte, um dessen Bild sich seine Gedanken in kindlich süßen Träumen rankten. Und nun mußte er sie so wiederfinden, in dieser reichlich beschwipsten Gesellschaft von Lotterbuben und Lottermädeln, wie er sie in seinem Grimme titulierte! Er würgte sein Mittagessen ohne Genuß hinunter und nahm sich vor, davonzugehen, ohne das Fräulein Badacs zu begrüßen. Er zahlte, schlug sich seinen Cylinder auf den Schädel, daß es knallte, und ging abgewandten Hauptes an der Tafel der Kollegen vorbei. Da hörte er hinter sich tuscheln und kichern, und ehe er noch den halben Weg zum Garteneingang zurückgelegt hatte, rief Ilonkas Stimme laut hinter ihm her: »Strof mich Gott! Ise der Florian Mayr. Kinder, halt's ihn fest! Is sähr bärihmter Kollege, sähr liebär Freind von mir!« Es half nichts, daß Florian seine Schritte beschleunigte und that, als ob er nicht hörte, Ilonka lief ihm einfach nach, packte ihn beim Rockschoß und hielt ihn fest: »Allj baratom!« rief sie lachend, »das paßt sich nicht, liebär Junge. Man lauft nicht so fort, wo sitzen lauter sähr bärihmte Kollägen!« Florian hatte sich umgewandt, zog seinen Hut und machte ihr eine rasche linkische Verbeugung, bei der ihm die Haarsträhnen um die Nase schlugen; dann heftete er seine braunen Aeuglein fest auf ihr lachendes Gesicht und flüsterte sehr entschieden: »Dank' schön, zu der Bande setz' ich mich nit! Wenn's Ihnen Spaß macht, Fräulein – mein G'schmack ist des nit!« Ilonka faßte ihn kräftig bei beiden Armen, schüttelte ihn und fuhr ihn, immer noch lachend, an: »Grober Kärl, scheißlicher! Wos is wieder für Dummhait!« Damit zog sie ihn zum nächsten unbesetzten Tisch, drückte ihn auf einen Stuhl nieder und setzte sich ihm gegenüber. Sie stützte ihre Ellenbogen auf den Tisch, daß die weiten Aermel ihres leichten Kleides die weißen vollen Unterarme bloß ließen, und dann drückte sie ihr gutmütiges, lustiges Gesicht, das wie immer viel zu stark gepudert war, in die hohlen Hände und schnitt ihm eine urkomische Fratze. »Nu, is Herr Florian immer noch bese wegen die klainwinzige Prinz? Ich schwöre, doß ich ihm nicht lieb' so viel!« Und sie pustete über ihre ausgestreckte Handfläche hin. Florian mußte wider Willen lächeln. Sie nahm sich zu drollig aus. Und dann versetzte er, bedeutend milder gestimmt: »Wissen S', der Prinz thät' mich weniger genieren, aber die G'sellschaft da – sind des wirklich lauter Lisztschüler? Gott soll mich bewahren!« »Ah wos, Frainderl,« sagte Ilonka begütigend, »wos mocht dos! Sind doch gonze liebä Menschen: bißl dumm, bißl verrickt, bißl verliebt – olle kein Geld und immär lustik! Verkehr' ich gäwehnlich nicht mit – wohn' ich im Hotel Erbprinz, ess' ich Table d'hote mit fainste Gesällschaft, crême de la crême! Obär is heit erstemol in Weimar, hoben sie mich aingeladen, die liebän Kollägen; will ich doch nicht haißen gemainer Kärl!« »Ach so, ja,« murmelte Florian verlegen und machte ein nicht besonders gescheites Gesicht dazu. »Ich habe Ihnen natürlich keine Vorschriften zu machen – und von Bössein kann schon gar keine Rede sein, natürlich; denn ich bin überhaupt's – natürlich . . .« Er wußte nicht weiter. Sie lachte und streckte ihm ihre Rechte über den Tisch hin bis dicht unter die Nase, indem sie neckisch ausrief: »Olso obbitten, schenes Handerl küssen – gonze brov sein!« Er beugte sich über die Hand und berührte sie flüchtig mit komisch gespitzten Lippen, ohne sie dabei anzufassen, und obendrein errötete er noch wie ein schüchterner Knabe. Die Versöhnung war also äußerlich besiegelt, aber dennoch weigerte er sich standhaft, sich zu der lustigen Gesellschaft zu setzen; denn ehe er nicht wisse, ob der Meister ihn als Schüler annehmen wolle, sei er nicht in der Stimmung, neue Bekanntschaften zu schließen. Er sei aufgeregt wie ein Schulbub' vor dem Examen bei dem Gedanken, daß er vielleicht heute noch dem verehrten Altmeister gegenübertreten und von ihm aufgefordert werden könnte, etwas vorzuspielen. Fräulein Ilonka schlug ihm vor, sich von ihr Liszt vorstellen zu lassen, aber da wäre er beinahe wieder grob geworden, indem er sie daran erinnerte, wie übel ihm damals ihre Empfehlung bei der Gräfin Tockenburg bekommen war. Da ließ sie denn den Querkopf laufen. Florian kehrte in sein Hotel zurück, hielt eine kurze Mittagsruh, und dann bürstete er aufs sorgfältigste seinen schwarzen Anzug ab, glättete seinen Cylinder und knüpfte einen frischen Hemdkragen um, um würdig vor das Angesicht des Vergötterten zu treten. Er fragte sich nach dem Hofgärtnereigebäude in der Marienstraße durch und ging, sehnsüchtig wie ein Liebhaber zu den Fenstern des ersten Stocks emporschauend, wohl ein Halbdutzendmal im langsamsten Schritt vor dem gelben, schmucklosen Gebäude auf und nieder. Aber zur Thüre hineinzugehen und einfach zu fragen, ob der Meister zu Hause sei, das wagte er nicht. So stand er denn verzagt und unschlüssig da und machte allemal, wenn Leute kamen, wieder einen kleinen Gang auf und ab, um nicht gar verdächtig zu erscheinen. Endlich trat ein Mädchen aus der Thür, anscheinend eine Dienerin, und die fragte er ganz schüchtern, ob der »Herr Abbé Doktor Franz von Liszt« vielleicht daheim sei. Das angenehme freundliche Mädchen lächelte ob der umständlichen Titulatur und gab ihm den Bescheid, daß der Meister zwar daheim, aber augenblicklich nicht zu sprechen sei, er werde aber wahrscheinlich sehr bald herunterkommen, um seine Rosenkultur im Hofgarten zu besichtigen. »Ach, Fräulein, Sie gehören wohl zum Hause?« fragte Florian Mayr, schon ein wenig mutiger. »I nu, freilich!« versetzte das Mädchen heiter, »ich bin ja doch die Bauline.« Florian hatte keine Ahnung von der Bedeutung der »Bauline«, aber sein Gesicht erglänzte plötzlich, als ob ihm ein guter Genius erschienen wäre, bereit, den Felsblock vor dem Eingang zur Wunderhöhle für ihn wegzuwälzen, und er sagte mit hoffnungsfrohem Aufschwung der Stimme: »Also, Fräulein Pauline, des freut mich jetzt wirklich! Können Sie mir nit vielleicht sagen, wie ich des anfang', daß ich den Meister zu sehen krieg', und wenn's auch nur von weitem wär'?« Seine bescheidene Verehrung rührte Paulinens Herz, und sie führte ihn durchs Haus hindurch in den Hofgarten und empfahl ihm, dort auf und ab zu spazieren, bis der Herr Doktor herauskommen würde. So sah er sich denn allein in dem nicht eben großen Grundstück der Hofgärtnerei. Die Sonne brannte für diese Jahreszeit schon recht heiß in dem schattenlosen Blumengarten. Florian schwitzte fürchterlich in seinem eng zugeknöpften Gehrock, aber mehr vor Aufregung und Schwäche, als vor Hitze. Er drückte sich in den engen Wegen zwischen den Beeten herum, wischte sich das Gesicht ab und schaute dabei in seinen Cylinder hinein wie ein frommer Protestant, der sein Gebetlein spricht beim Betreten der Kirche. Hunderte von Malen hatte er sich schon überlegt, was er etwa sagen sollte, wenn er wirklich den Mut fände, den Meister anzusprechen, aber jetzt, wo der große Augenblick gekommen war, erschien ihm der Gedanke allzu kühn. Schon daß er hier allein im Garten weilte und dem Verehrten auflauerte, wollte ihm als eine arge Dreistigkeit erscheinen, und er hatte nicht übel Lust, sich gleich bis an den entgegengesetzten Ausgang zurückzuziehen, um zur Thür hinausschlüpfen zu können, sobald Liszt ihm etwa näher kommen sollte. Während er noch so feige sinnierte, that sich die Hinterthür der Hofgärtnerei auf, und heraus trat Franz Liszt in eigener Person, nur von einem Gartengehilfen begleitet. Er trug den breitkrempigen Hut und den langschößigen schwarzen Rock der Weltgeistlichen. Das schneeweiße Haar fiel tief über den ungestärkten Umlegekragen herab, und zwischen den etwas kurzen Hosen und den ausgeschnittenen Schuhen blieb gerade noch ein Streifen der schwarzseidenen Strümpfe zu sehen. Noch fast ungebeugt schritt die hohe Greisengestalt den von niedrig beschnittenen Fichten eingefaßten Mittelweg hinaus. Jetzt war der Meister kaum noch zehn Schritte von Florian entfernt, der ihm, überwältigt und erschrocken, wie einer schon längst erwarteten Geistererscheinung entgegenschaute. Er trat zur Seite, um dem Meister den Weg freizulassen, und zwängte sich in seiner Erregung gleich mit dem halben Leibe nach rückwärts in die Fichtenhecke hinein. Dann riß er seinen Hut vom Kopfe und verbeugte sich, als der Meister ihm noch näher kam, schier bis zur Erde. Liszt hatte ihn scharf ins Auge gefaßt, sobald er seiner ansichtig ward. Er zögerte einen Moment, um sich zu besinnen, wo er den Mann hinthun solle, der offenbar zu den Seinigen gehörte. Aber diese Verbeugung war so grotesk, daß er lachen mußte. Er blieb stehen, lüpfte den Hut, neigte freundlich das Haupt und sagte: »Pcha, Sie erweisen mir zu viel Ehre – pcha, zu viel Ehre! Hoho! Mit wem, bitte, habe ich . . .?« »Mein Name ist Mayr,« stieß Florian, all seinen Mut zusammennehmend, rasch hervor. Er hätte in diesem Augenblick freudig sein letztes Hemd dafür geopfert, wenn er anders als gerade Mayr hätte heißen können. Und um den schlechten Eindruck einigermaßen zu verwischen, fügte er rasch hinzu: »Florian Mayr, bitte – M–a–y–r – aus Bayreuth.« Das freundlich lächelnde Gesicht des alten Herrn wurde sofort ernst, als er den Namen »Bayreuth« hörte. Er hob die buschigen weißen Brauen ein paarmal rasch in die Höhe, schloß die beiden Lippen fest zusammen, nickte wie befriedigt und stieß dann wieder seinen ihm eigentümlichen Räusperlaut hervor, der andeutungsweise mit »pcha« wiedergegeben werden möchte. »Pcha – Bayreuth – bravo!« Dann faßte er Florian aufmerksamer ins Auge und fragte, mit einer bezeichnenden Geste auf sein langes Haar deutend: »Auch Künstler?« Der freundliche Blick des gütigen Greisenauges flößte plötzlich dem ängstlichen Florian einen ungeheuren Mut ein, so daß er in warmem Tone zu antworten vermochte: »Jawohl, ich bin Pianist, aber ich möchte gerne ein rechter Künstler werden. Darum habe ich gewagt . . .« Mehr vermochte er nicht zu sagen; die Aufregung schnürte ihm plötzlich die Kehle zusammen. »Oh, Sie wollen bei mir studieren? – Eh bien – bravo! Wollen sehen, mein junger Freund! Kommen Sie morgen zu mir, spielen Sie mir etwas vor. Kommen Sie acht Uhr früh! Sie sind aus Bayreuth? – bravo! Haben Sie Empfehlung von Wahnfried?« »Nein, ich bin, ich habe – ich bitte um Entschuldigung, ich habe gar keine Empfehlungen,« stammelte Florian entsetzt. Liszt zuckte die breiten Schultern und schüttelte nachdenklich den Kopf. Als aber sein Auge dem angstvollen Blicke des jungen Mannes begegnete, lächelte er ihm aufmunternd zu und sagte: »Pcha, was thut's! Protektion ist für die Schwachen. Empfehlen Sie sich selbst, mein junger Freund! Also, morgen früh acht Uhr! – A revoir!« Er erhob artig seinen Hut und dann bog er mit dem Gartengehilfen in den nächsten Seitenpfad ein. Florian trat aus seinem Fichtendickicht hervor und stürzte, vor Aufregung und Begeisterung halb närrisch, davon. Zwei Stunden lang rannte er fast im Laufschritt in dem prachtvollen Park umher, ohne doch für dessen landschaftliche Reize ein Auge zu haben. Ein Glückspilz sondergleichen, ein unverschämtes Sonntagskind dünkte er sich selbst, weil es ihm gleich so ohne alle Schwierigkeit geglückt war, die große Sehnsucht seines Lebens erfüllt zu sehen. Daß die Aufforderung, Liszt vorzuspielen, schließlich durchaus noch nicht seine Annahme als Schüler bedeutete, daran dachte Florian im ersten Freudenrausche nicht. Die Prüflingsangst kam erst über ihn, als er im Bette lag. Dann aber auch mit fürchterlicher Heftigkeit. Wie leicht konnte es ihm passieren, daß er vor Aufregung ganz erbärmlich spielte, und dann wär's doch wahrlich kein Wunder gewesen, wenn ihm der Meister in gerechtem Zorn über seine unwürdige Zudringlichkeit ein für allemal die Thür gewiesen hätte! Die Schande hätte er sein Lebtag nicht überwunden. Es half nichts, daß Florian mit aller Gewalt seine Gedanken abzulenken suchte, daß er bis hundert zählte und sogar zwölf Vaterunser hintereinander betete – das Schreckgespenst war einmal da und ließ sich nicht verscheuchen. Er wollte keine gefährlichen Sachen versuchen, die »Appassionata« wollte er spielen, mit der er schon als fünfzehnjähriger Knabe geglänzt hatte und die er, wie man zu sagen pflegt, im Schlafe konnte. Er ging die ganze Sonate in Gedanken durch und ließ die Finger dazu auf der Bettdecke spielen. Nein, es war ganz unmöglich, daß er mit der Appassionata Schiffbruch leiden konnte! Aber dennoch gelang es ihm nicht, sich zu beruhigen. In Schweiß gebadet, wälzte er sich im Bette herum und fand erst lange nach Mitternacht ein wenig Schlaf. Aber schon vor sechs Uhr in der Früh war er wieder wach – und da hob die rechte Höllenpein erst an. An Schlaf war nicht mehr zu denken. Frühstück gab es in dem Hotel so früh noch nicht. Er stand auf und ging eine Stunde spazieren, um nur noch elender, an allen Gliedern wie zerschlagen, und mit Anwandlung von Uebelkeiten heimzukehren. Er trank einen Schnapp zum Kaffee, aber das half auch nichts. Sein Magen war ganz in Unordnung, und es erging ihm wie der Witwe Stoltenhagen, als sie von seinem »Gesundheits-Kaffee« genascht hatte. Unter so traurigen Begleitumständen vollendete sich die achte Stunde des bedeutungsvollen Tages. Florian stand trotz alledem pünktlich mit dem Schlage Acht vor der Hofgärtnerei. Aber er traute sich nicht hinein ins Haus. Er war überzeugt, daß er in seinem jammervollen Zustande erbärmlich spielen würde, und überlegte, ob er nicht lieber die Flucht ergreifen solle, um sich nie wieder in Weimar sehen zu lassen und sich mit dem bescheidenen Dasein eines besseren Klavierlehrers für die höheren Stufen zu begnügen. Da klingelte der Postbote am Hause an, und alsbald öffnete die freundliche »Bauline« und nahm ihm die Briefe ab. Dabei gewahrte sie auch den schlotternden Florian, winkte ihm eifrig zu und rief ihn an: »Sie sind doch der Herr Mayr mit ayr , nich' wahr? Gomm'n Se, machen Se zu! Der Herr Doktor wart' schon auf Sie.« Wie ein ertappter Sünder schlich Florian ins Haus, und er hätte sich gar nicht gewundert, wenn die gute Pauline ihm im Vorbeigehen hinterrücks eins ausgewischt hätte. Mit zitternden Knieen klomm er mühsam die Treppe empor. Elend und mit bösem Gewissen zugleich, wie ein Dieb, der zum erstenmal stehlen will und noch dazu ohne Talent. Wäre ihm Pauline nicht so dicht auf den Fersen gefolgt, so hätte er vielleicht gar jetzt noch kehrt gemacht und das Hasenpanier ergriffen. Eine Ewigkeit deuchte es ihm, bis er die Treppe hinauf kam, und doch befand er sich, ehe er sich dessen recht versah, in dem geräumigen Vorzimmer, in welchem Spiridion, der griechische Sekretär des Meisters, eine französische Zeitung lesend, am Fenster saß. In seiner Angst machte Florian diesem schwarzen Herrn eine tiefe Verbeugung, die jener jedoch kaum beachtete. Er richtete einen fragenden Blick auf Pauline und vertiefte sich sogleich wieder in seine Zeitung, als sie ihm sagte, daß »es schon recht sei«. Dann betrat Pauline das Arbeitszimmer des Meisters, der an seinem Schreibtische saß, überreichte ihm die Briefe und meldete Herrn Mayr an. »Ah, bravo! Pauline, ich will nicht gestört sein – mein junger Freund will mir einen Kunstgenuß bereiten!« Und mit einer einladenden Handbewegung hieß er Florian nähertreten. Florian war nicht einmal im stande, »guten Morgen« zu sagen. Er machte eine von seinen kurzen, tiefen Verbeugungen und dann stand er blaß und zitternd mit feuchtkalten Händen neben der Thür, die Pauline leise hinter sich ins Schloß gedrückt hatte. »Nun, was wollen wir spielen?« fragte Liszt, ohne ihn anzuschauen, während er die eingelaufenen Briefe prüfend von außen beschaute und dann einen davon öffnete und mit sichtlicher Teilnahme zu lesen begann. »Ich dachte vielleicht: Beethoven!« stotterte Florian kaum hörbar hervor. Der Meister hatte ihn wohl gar nicht gehört. Er las ruhig den Brief zu Ende, der ihn sehr zu amüsieren schien, denn er lächelte sehr vergnügt dabei. Dann ließ er das Schreiben achtlos auf die Tischplatte fallen und sagte leichthin: »Ah, Beethoven! Bravo!« Er hatte also doch gehört. Ein ermutigender Strahl aus seinen wunderbaren Augen, ein freundliches Lächeln um den geschlossenen Mund, verbunden mit einer gebietenden Handbewegung nach dem Flügel hin – und Florian Mayr saß davor mit gelähmten Händen und zitternden Knieen. Er berührte die Tasten und spielte die Einleitungstakte der Appassionata – pianissimo nach Vorschrift. Er spielte in der That so leise, daß er meinte, es könne überhaupt kein Ton zu hören gewesen sein. Er selbst hörte wenigstens nichts, so sauste es ihm in die Ohren. Er sah nur seine Finger sich bewegen, krabbelnd wie lange dürre Käferbeine unter dem Thorax der mächtigen Tatzen; aber diese Käferbeine krabbelten da herum wie etwas ganz Selbständiges. Er empfand gar nicht mehr den Zusammenhang zwischen sich und diesen Händen. Da vernahm er plötzlich von der Stelle her, wo Liszt saß, ein leises »Bravo!« und plötzlich spürte er einen Ruck in seinen Händen, als ob alle zehn Finger auf einmal sich daran festsaugten, und nun fühlte er sich auch Herr dieser Hände und spielte mit Todesverachtung darauf los. Als er geendigt hatte, trat der Meister lebhaft auf ihn zu, klopfte ihm auf die Schulter und sagte liebenswürdig schmunzelnd: »Sehr brav, sehr brav! Man kann das Stück zwar noch anders spielen, aber so wie Sie es gespielt haben, hat es auch seine Berechtigung.« Florian erhob sich vom Klaviersessel und fragte zaghaft, ob der Meister ihm wohl erlauben würde, sich seinen Schülern beizuzählen und ob er glaube, daß er das Zeug zu einem hervorragenden Künstler habe. Da griff Liszt nach Florians herabhängender linker Hand, hob dies gewaltige Tastwerkzeug an zwei Fingern empor, betrachtete es aufmerksam und sagte dann zufrieden nickend: »Sie haben eine gute Hand, pcha – und besonders einen guten Kopf.« Damit ließ er die Hand fallen und strich ihm, überaus gütig lächelnd, über die hohe runde Stirn, wie ein Großpapa einem artigen Kinde. »Ihr Kopf hat mir gleich gefallen!« fügte er noch hinzu, »bleiben Sie nur bei mir, junger Freund, und kommen Sie mit den andern, wann Sie wollen!« Florian hätte laut hinausjauchzen mögen vor Freude. Er vermochte kein Wort hervorzubringen, aber er erhaschte des Meisters Hand und drückte einen Kuß darauf. Dann beantwortete er ihm noch einige Fragen über seinen Bildungsgang, seine bisherigen Studien und seine persönlichen Verhältnisse und war dann für dies erste Mal entlassen. Wie gestern, so rannte Florian auch heute wieder zunächst in den Park hinaus, und das Erste, was er that, sobald er sich allein sah, war, daß er in Thränen ausbrach, in helle Freudenthränen. Er war ein hartgewöhnter Bursch, Sentimentalität war gewiß nicht seine Sache, und richtig geweint hatte er zum letztenmal beim Tode seiner Mutter. Er ließ die warmen Tropfen laufen, er schämte sich ihrer gar nicht – aber den Menschen ging er doch aus dem Wege. Droben bei der künstlichen Ruine fand er ein einsames Plätzchen, da trocknete er sich das Gesicht und dann schneuzte er sich ausgiebig und lachte laut hinaus. Er stellte seinen schönen neuen Cylinderhut auf die Erde, sprang fünfundzwanzigmal hin und zurück mit Schlußsprung darüber, führte sodann noch eine Reihe kräftiger Freiübungen aus – und befand sich wieder urwohl. Nunmehr sehnte er sich aber gar lebhaft nach einer verständnisvollen Menschenseele, die geneigt wäre, an seinem Jubel teilzunehmen, und er eilte mit Riesenschritten durch den unteren Park nach der Stadt zurück und suchte das Hotel »zum Erbprinzen« auf, das ihm Fräulein Badacs als ihre Wohnung angegeben hatte. Das Fräulein Badacs werde schwerlich schon zu sprechen sein – wurde ihm auf seine Erkundigung Bescheid gegeben; aber Florian konnte sich nicht vorstellen, daß jemand an einem so schönen Frühlingsmorgen bis um neun Uhr zu schlafen im stande sei. Er ließ sich ungeduldig die Zimmernummer nennen und stürmte die Treppen hinaus. Da war die angegebene Nummer, und er hatte schon den Fingerknöchel gezückt, um kräftig anzuklopfen, als die Thür sich aufthat und ein sehr vornehm aussehender Herr heraustrat und, auf der Schwelle sich noch einmal ins Zimmer hineinwendend, zurückflüsterte: »Adieu, mon chat!« Indem er die Thür zudrückte, erblickte der Herr den langen schwarzgekleideten Jüngling im Cylinder, wandte seinen Kopf rasch zur Seite, wie wenn er nicht erkannt sein wollte, und huschte äußerst geschwind, fast geräuschlos die Treppe hinunter. Florian hatte sich wirklich in der Geschwindigkeit das Gesicht nicht merken können; er wußte nur, daß der Herr schlank, blond und sehr fein gekleidet gewesen war. Mit offenem Munde starrte er ihm nach; er glaubte nicht recht gesehen zu haben – oder nein, Unsinn! er hatte wohl falsch gehört – die Zimmernummer mußte eine andre sein. Er stieg geschwind die Treppe wieder hinunter und sagte zu dem Kellner, der ihm eben Bescheid gegeben hatte: »Ach, entschuldigen Sie! Welche Nummer hat doch das Fräulein Badacs?« »Zweiundzwanzig!« erwiderte der Kellner, fein lächelnd. Florian schüttelte den Kopf und sagte unsicher: »Dreiundzwanzig, nicht wahr?« »Nein, zweiundzwanzig, bitte!« betonte der Kellner mit vollkommenster Deutlichkeit. »Ja, aber,« stammelte Florian ratlos, »da ist doch eben ein Herr . . .« »Ah so!« fiel der Kellner ein und lächelte noch viel feiner. »Das war der Herr Doktor – das heißt: der Herr Masseur.« »So, so! Das Fräulein laßt sich massieren?« fragte Florian und schaute dabei nachdenklich zu Boden, ein bißchen verwirrt zugleich, denn dieser Schlingel von Kellner lächelte so unerhört fein! »Spricht der Herr Doktor auch französisch?« »O, ich glaube, der spricht sieben Sprachen.« »So? Also, dann werde ich meine Karte dalassen, und sagen Sie dem Fräulein, daß ich später wieder kommen würde!« »Sehr wohl, mein Herr!« Der Kellner biß sich auf die Lippen und zog sich eiligst zurück. – Florian begab sich nun zunächst nach seinem bescheidenen Gasthaus, um sich bequemer anzuziehen. Unterdessen sann er über das merkwürdige Erlebnis nach. Er besaß allerdings in gewissen Dingen ein sehr harmloses Gemüt, aber in diesem Falle konnte er doch einen kränkenden Verdacht gegen Fräulein Ilonka nicht ganz zurückweisen. Du lieber Gott, ja: es gab ja Masseure! Er hatte auch gehört, daß sehr vornehme Damen sich sogar auf Reisen solche Knetkünstler in ihrem Gefolge zu halten pflegten; aber für so vornehm vermochte er denn doch seine schöne Ungarin nicht zu halten. Er zerkratzte sich den Schädel, schnitt peinvolle Fratzen und knurrte eine feine Auswahl bajuvarischer Kraftworte vor sich hin, und so gelang es ihm allmählich, das Gleichgewicht seiner Seele wieder zu finden. Was sollte er sich auch heute an einem solchen Erzfreuden und Jubeltage mit solchen vertrackten Weibergeschichten herumplagen! Sobald er sich umgezogen hatte, machte er sich auf den Weg, um sich eine Wohnung zu suchen. Da er womöglich in nächster Nähe des Meisters bleiben wollte, so suchte er zunächst die Gegend um die Kunstschule ab. In der Amalienstraße, gegenüber dem Friedhof, fand er bald, was er suchte: ein Zimmer zu ebener Erde, mit dessen Möbeln der Wirt, ein Schreinermeister, eine Probe seines Könnens abgelegt hatte; sämtliche Möbel waren nämlich von Eichenholz und schön geschnitzt, die Polster ganz neu, das Bett gar mit einem Himmel versehen, und der Plafond mit buntbemaltem Balkenwerk. Florian getraute sich kaum zu fragen, was diese Herrlichkeit koste; aber das Zimmer war bedeutend billiger als seine öde, wenn auch freilich weit größere Berliner »Bude«. So mietete er denn, nachdem er sich noch vergewissert hatte, daß man hier im Hause Klavier spielen durfte, so viel es einem beliebte; allerdings bei geschlossenen Fenstern – das verlangte die Polizei. Ein Flügel war freilich in dem engen Raum nicht unterzubringen, und Florian seufzte bei dem Gedanken, sich wieder an so ein abscheuliches Pianino gewöhnen zu müssen. Er war übrigens nicht der einzige seines Zeichens im Hause des Schreinermeisters, denn ihm gegenüber auf der andern Seite der Durchfahrt hauste, wie die gesprächige Meisterin ihm berichtete, eine polnische Familie, aus Mutter und zwei Töchtern bestehend. von denen die älteste ebenfalls »bei Liszten ging«, und über ihm ein Engländer mit seinen beiden großen Söhnen, von denen der eine geigte und der andre – wie die Wirtin sich ausdrückte – »so e kleenen Baß« spielte. Florian kehrte nun in seinen Gasthof zurück, packte seine wenigen Habseligkeiten zusammen und ließ sie nach der Amalienstraße bringen. Dann gedachte er, sein Heil nochmals bei der schönen Ilonka zu versuchen. Jedoch vor der Thür des »Erbprinzen« zögerte er und schritt dann rasch vorbei. Es wäre ihm doch peinlich gewesen, diesmal vielleicht – dem Hühneraugenoperateur auf ihrer Schwelle zu begegnen oder . . . kurz und gut, er mochte sie jetzt doch lieber nicht sehen, es hätte ihm am Ende doch nur die schöne Feststimmung verdorben. So zog er denn einen Spaziergang nach Belevedere vor, frühstückte dort oben und kehrte in außerordentlich frischer Verfassung des Leibes und der Seele erst nach ein Uhr durch den Park zur Stadt zurück. Beim Theehaus stieß er auf eine kleine Gesellschaft junger Herren und Damen, unter denen er beim Vorüberschreiten seine Ilonka erkannte. Sie trug eine sehr schöne und anscheinend kostbare Frühjahrstoilette und sah so duftig und rosig aus wie ein frischgebadetes Engerl. Sie hatte nicht so bald ihren groben Freund erkannt, als sie, ihre Gesellschaft im Stiche lassend, ihm nachlief, den Arm unter den seinen schob und seine Rechte kräftig mit ihren beiden Händen drückte. »Gratuliere, liebär Freind!« rief sie laut, »hob' schon olles gähert. Hob' ich Maister erzählt, daß ich Ihnen kenn' und daß Sie ein sähr bädeitender grober Mensch sind. Hot er gesagt: Sie hoben ein tête de bronze , gefollt ihn sähr gut, Sie spielen ein bißl wie Schulmaister, ober sähr deitsch und solid. Und wissen, Herr Mayr, wos er hot noch gesagt, der Maister? Sie sollen mir Unterricht geben, denken Sie, mir! C'est charmant! Ahaha, hob' ich so gelocht, ober hot mich der liebe Maister geschimpft; hot er gesogt, ich spiel' gemain, comme un diable boiteux . Ober wie ich hob' sähr gewaint, hot mir liebär Meister doch Bussel gägeben. Der Maister kann nicht sehn, wenn ich wain, muß er mir immer Bussel geben.« »Ist's wirklich wahr, ich soll Ihnen Unterricht geben?« unterbrach Florian ihr anmutiges Geschwätz, und drückte dabei unwillkürlich ihren Arm fester gegen den seinen. »Frait Ihnen das?« »Ja, freilich – das heißt . . .« »Ach, wos haißt?! Dummer Kärl, sog doch einmal wos Liebäs!« schalt das Fräulein lachend auf ihn ein, indem sie sich an ihn schmiegte. Florian wußte nicht, was er darauf erwidern sollte, und darum begann er ganz ungeschickt: »Uebrigens, ich war heute schon einmal bei Ihnen!« »Ja, hob' ich gähert,« versetzte Ilonka gleichgültig. »Waren Sie denn krank?« »Worum krank?!« »Nu, weil ich dem Doktor vor Ihrer Thür begegnete.« Ilonka zuckte zusammen und rief leise: »Szentséges isten!« (Heiliger Gott!) »Wie meinen Sie? – Lassen Sie sich regelmäßig massieren? Der Kellner hat mir gesagt, der Herr wäre der Masseur gewesen.« Da blickte sie dankbar zu ihm auf, lächelte harmlos und sagte: »Jo gewiß, war der Masseur, hob' ich bißl steifen Arm, hob' ich gäfirchtet, ich konnt' nicht spielen!« »Ach, wissen S',« versetzte Florian mit ernsthaftem Eifer, »wenn S' bei mir Unterricht haben, brauchen Sie sich nicht mehr von einem Doktor massieren zu lassen. Ich hab' auf Medizin studiert – des könne mir a!« »A geh!« lachte Ilonka verschmitzt und stieß ihn dabei derb in die Seite. Ein Weilchen schwieg Florian. Dann hob er nachdenklich wieder an: »Viel Französisch kann ich grad nit, aber › Adieu, mon chat ‹ heißt doch: ›Adieu, meine Katz'!‹ Das finde ich für einen Masseur doch ein bissel, na . . .« »Nicht wohr, hob' ich auch gedocht!« rief das Fräulein lebhaft mit einem drolligen Stirnrunzeln. »Gonser unverschämter Mänsch, dieser Masseur! Ich bin nicht sein Katz'! Teremtete! werd' ich mir verbitten nächstesmol.« »Wahrhaftig?« rief Florian mit hoffnungsfreudiger Frage. Sie drückte seinen Arm fest zur Bekräftigung. Und stolz zog er mit seiner Ilonka in Weimar ein. Neuntes Kapitel. Der reine Thor. Florian Mayr war mit der Einrichtung dieser Welt und der gesamten Menschheit, die sie bevölkerte – sich selber eingeschlossen – an diesem schönen Maientage außerordentlich zufrieden. Er hatte sich der Stiefel und des Rockes entledigt und lag, wohlig hingestreckt, zum erstenmal auf seinem Himmelbett, um in aller Ruhe sein gutes Diner zu verdauen, das er in Gesellschaft der schönen Ilonka und noch mehrerer liebenswürdiger Kollegen und Kolleginnen im Hotel »zum Erbprinzen« genossen hatte. Es war seiner ungarischen Freundin nicht leicht geworden, ihn zu einer solchen Ausschweifung zu verführen, denn er war ein äußerst genauer Haushalter und sich stets bewußt, was seine Mittel ihm erlaubten und was nicht; aber in seiner heutigen frohen Stimmung wollte er kein Spielverderber sein. Er war nicht ganz sicher, ob nicht einige von den Anwesenden auch gestern bei der Gesellschaft im Garten des Hotels Chemmitius gewesen wären, die durch ihr Benehmen sein Mißfallen erregt hatte. Jedenfalls benahmen sich die heute anwesenden Herrschaften durchaus korrekt, ja sogar zurückhaltender, als man es unter Künstlern gewohnt ist. Florian hatte das Bewußtsein, sich in einem sehr feinen Kreise zu befinden, und Fräulein Badacs, die neben ihm saß, bestärkte ihn darin, indem sie ihm der Reihe nach von allen Anwesenden eitel rühmliche Dinge zuflüsterte. Alle diese jungen Damen waren von außerordentlich guter Familie – Excellenztochter war schon ziemlich das Geringste – hatten die vortrefflichste Erziehung genossen und mußten mit großer Vorsicht behandelt werden. Die Herren der Gesellschaft waren ihrer Meinung nach alle »sähr bädeitend«, einige sogar – schlankweg genial , alle »serieuse Menschen und perfekte Kavaliere«. In einer Gesellschaft, deren Mitglieder so viele äußere und innere Vorzüge vereinigten, fühlte sich der gute Florian zunächst sogar ein wenig bedrückt. Aber er war um Ilonkas willen herzlich froh, daß sie für gewöhnlich mit so auserwählten Leuten verkehrte. Gleich zu Anfang des Diners hatte er sich nämlich auf die Frage, welchen Eindruck das Treiben in Weimar auf ihn gemacht habe, ziemlich kräftig über die Hanswursten, Trottel und närrischen Fexen, die ihm auf der Straße aufgestoßen, sowie besonders über die Schwefelbande, die gestern bei der Bowle gesessen, ausgelassen, und alle diese ehrenrührigen Beiwörter waren von der Tischgesellschaft mit verständnisvollem Blickwechsel und zustimmendem Kopfnicken aufgenommen worden. Florian war sehr froh darüber, solche edlen Gesinnungsgenossen unter seinen Kollegen zu finden, und um zu zeigen, daß er zu leben verstehe und eine frohe Geselligkeit zu schätzen wisse, traktierte er zum Schluß die ganze Tafelrunde mit zwei Flaschen Sekt – allerdings nicht von der teuersten Sorte. Als es ans Zahlen ging. wurde er plötzlich ganz nüchtern und war nicht zu bewegen, mit diesen charmanten Damen und Herren weiter zu ziehen. Das Opfer von dreiundzwanzig Mark dünkte ihm für heute völlig genügend. Während er so friedlich und mit sich selbst zufrieden seine Mittagsruhe hielt, beruhigt in der Ueberzeugung, für sein vieles Geld doch zum mindesten einige ehrenvolle Bekanntschaften und vermutlich auch deren gute Meinung über sich selbst erkauft zu haben – währenddessen amüsierte sich die zurückgebliebene Gesellschaft weiter, und zwar immer noch auf Florian Mayrs Kosten. Er hatte nämlich nicht sobald das Lokal verlassen, als die sämtlichen anwesenden Damen zu kichern anhoben und die Herren laut herauslachten. Gleichfalls lächelnd, aber doch ein bißchen verlegen, blickte Ilonka im Kreise ihrer Freunde umher und schmollte: »Ober nein, geht's! Ihr said unartig! Wos gibt zu lochen?!« Da brach ein wahrer Sturm der Heiterkeit los. Man puffte sich gegenseitig; die Herren schlugen sich auf die Schenkel und bogen sich vor Lachen, die Damen schüttelten sich, eine verschluckte sich am Kaffee und mußte auf den Rücken geklopft werden, um wieder zu sich zu kommen. Ein blutjunger Rumäne, ein bildhübscher Bursch, höchst elegant in Kleidung und Manieren, warf der Badacs über den Tisch hinüber Kußfinger zu und rief begeistert: »Mein Kompliment, Gnädigste, aber glänzend – glänzend! Wie Sie diesen Biedermann an der Nase herumgeführt haben! In welchem Kuriositätenladen haben Sie dies Exemplar aufgetrieben? Heiliger Nepomuk, was muß der Mensch für einen Respekt bekommen haben vor uns! Wozu haben Sie mich gemacht, bitte?« »Je vous ai fait prince, mon charmant bébé! Ich hob' gesagt, daß die Ispirescu ein uraltes Fürstenhaus sind, die eigentlich berächtigt wären, den rumänischen Thron zu bestaigen. Und dann hob' ich gesogt, daß die nationale Opposition hot värschiedene Augen auf Sie geworfen als zukünftiger Prätendent für Nationaldynastie, weil Sie hoben schon in frihester Jugend bedaitendste Anlagen gezeigt; ober Sie, mon bébé, hätten vorleifig auf dem Thron verzichtet, weil Sie vorziegen, Kenig auf dem Klavier zu werden.« »Bravo, bravo, eljen!« rief man lachend durcheinander. Und nun mußte Ilonka zum besten geben, was sie über jeden einzelnen der Anwesenden dem neuen Kollegen für artige Bären aufgebunden hatte. Sie war eine solche Virtuosin im Lügen und besaß eine solch blühende Einbildungskraft, daß sie bei dieser Gelegenheit die Märlein, die sie Florian aufgetischt hatte, noch bedeutend erweiterte und ausschmückte und allerlei scharfe Spitzen darin verbarg, die von allen außer den Betroffenen mit Jubel aufgenommen wurden. Und währenddessen ging der Oberkellner mit dem ungemein feinen Lächeln ab und zu, spitzte die Ohren und dachte sich seinen Teil; hatte er doch mit kaum minderem Talent als die ungarische Künstlerin dem guten Florian einen ungeheuren Bären aufgebunden – und darum fühlte er sich gewissermaßen solidarisch mit dieser ausgelassenen Gesellschaft und ließ jedem der Gäste von seinem unvergleichlich feinen und liebenswürdigen Lächeln einen Strahl zukommen. Und als die Herrschaften gingen, konnte er sich's nicht versagen, dem letzten Herrn, dem er in den Paletot half, die Geschichte von der Begegnung des Herrn Mayr mit dem Masseur ins Ohr zu raunen. Am selbigen Abend kannte sie natürlich ganz Weimar, und nach der Personalbeschreibung erkannte auch jedermann den Masseur, einen höchst eleganten Kavalier und vornehmen Künstler dabei, der mit Recht den Ruf eines verführerischen Don Juan genoß. Auch der betreffende Herr selbst erfuhr noch am selben Abend an seinem Stammtisch im »Russischen Hof«, daß ihn der Oberkellner des »Erbprinzen« zum Leibarzt und Masseur der ungarischen Pianistin ernannt habe. Er wurde mit gutmütigen Bosheiten überschüttet und hatte den guten Humor, selbst mitzulachen, obwohl es ihm durchaus nicht angenehm war, sich gleich bei seinem ersten Besuch bei seiner alten Freundin so schnöde ertappt zu sehen. Ilonka selbst war gewohnt, dergleichen Unannehmlichkeiten abzuschütteln wie ein Wasservogel den Regen. Sie war recht böse auf den Herrn Hans von Oettern, oder vielmehr Jean d'Oettern, wie er sich als Halbpariser lieber nennen hörte, und schwur, sich niemals wieder mit ihm sehen zu lassen. Aber damit war's auch genug, und sie nahm es nicht sonderlich übel, wenn man sie unter ihren Kollegen mit ihrem Masseur aufzog. Florian Mayr war noch an diesem selben Abend ein berühmter Mann geworden. Der ganze Lisztsche Kreis lachte über ihn, und er hatte auch bereits einen Spitznamen angehängt bekommen. Wagners Parsifaldichtung war eben erst erschienen und das litterarische Ereignis der Saison: da lag es denn freilich nahe genug. den trefflichen Florian den »reinen Thoren« zu nennen. Ein Sittenstrenger, das war einmal ganz etwas Neues in diesem Kreise teils harmlos leichtsinniger, mehr aber noch krankhaft nervöser, hysterischer, blasierter und verlebter Menschen. Alle waren sie höchst begierig, den »reinen Thoren« kennen zu lernen, und auch ohne daß man sich feierlich verabredet hätte, bestand alsbald eine geheime Verschwörung aller gegen den einen. Sie wollten ihren Spaß haben an seiner Gutgläubigkeit, und darum wollten sie alle dazu beitragen, ihm möglichst lange seine Illusionen zu erhalten. Wenn sie dann plötzlich zusammenpurzelten, so gab das ja wieder einen neuen Spaß. Ilonka Badacs widersetzte sich heftig den finsteren Plänen ihrer näheren Freunde, welche all ihren Witz aufboten, um die tollen Schwindeleien ihrer Freundin, und besonders die Geschichte mit dem Masseur zu neuen Foppereien auszunutzen. Sie erklärte, sie werde nie zugeben, daß ihr guter, ehrlicher Junge zur Zielscheibe schnöden Spottes gemacht werde. Sie werde ihm selber all ihre Lügen eingestehen und ihm über die lieben Kollegen reinen Wein einschenken. Aber man ließ sich dadurch nicht abschrecken; niemand glaubte, daß es mit ihrer Drohung ernst sei. – – Florian wachte erst gegen Abend aus seinem angenehmem Mittagsschläfchen wieder auf. Die Engländer zu seinen Häupten hatten ihn geweckt. Die Violinübungen des einen Jünglings hatte er zum größten Teil verschlafen, aber nun begann der andre Jüngling auf seinem Cello ein bösartiges Geheul und Gebrumm zu vollführen, und da war an Ruhe nicht mehr zu denken. Florian sprang vom Bette und begab sich in das dunkle Kämmerchen neben seinem Zimmer, das als Waschraum und Garderobe diente und ein kleines Fensterchen nach der Durchfahrt hinaus hatte. Dies Fensterchen stand offen, und so vernahm er aus dem Parterrezimmer auf der andern Seite der Durchfahrt mit erschreckender Deutlichkeit den Höllenspektakel, den das polnische Mädchen da drüben auf ihrem Klavier vollführte. »Mein' Seel', des kann hübsch werden!« brummte Florian, während er sich die Hände wusch, und er überlegte, ob er nicht mit den Neben- und Ueberwohnern eine bestimmte Tageseinteilung verabreden sollte, so daß man sich gegenseitig nicht allzusehr störte. Er wollte versuchen, einen Brief an seinen Vater zu schreiben, aber das war unmöglich bei dem Konzert von oben und unten. So gab er es denn auf, zumal da es zum Schreiben doch schon zu dunkel war, und machte sich auf, um sich irgendwo in der Stadt ein Abendbrot zu suchen. Er konnte sich nicht enthalten, im Vorbeigehen einen Blick in das Zimmer der Polin zu werfen, wo man vergessen hatte, die Vorhänge herunterzulassen. Vor dem Pianino saß ein junges Mädchen, welches nicht älter als höchstens sechzehn Jahre zu sein schien, ein blasses, kümmerlich aussehendes Geschöpf, weder hübsch noch garstig, nur mit einem dunklen Unterrock und einer alten Jacke mit ausgewachsenen Aermeln bekleidet. Um Licht zu sparen, war ein kleiner Tisch dicht an das Klavier gerückt, und auf dessen Ecke stand die Petroleumlampe, welche die Noten schlecht genug beleuchtete und gleichzeitig einer noch jungen, verhärmt und verhungert aussehenden Frau und einem kleinen Mädchen von etwa zehn Jahren zu ihrer Arbeit das nötige Licht spenden mußte. Die Frau schälte Kartoffeln und das Kind hielt die Zeigefinger in die Ohren gestopft, das spitze Gesichtchen dicht über ein Buch gebeugt, aus welchem es augenscheinlich seine Lektion lernte. Jetzt war die Etüde beendet und das große Mädchen lehnte sich erschöpft in seinen Stuhl zurück, strich sich über die Stirn und preßte seine Schläfen mit beiden Händen zusammen. Dann reichte ihm die kleine Schwester ihr Buch über den Tisch hinüber und ließ sich ihre Aufgabe überhören. Es schien nicht recht zu gehen, denn die Große warf bald ungeduldig das Buch auf den Tisch und schalt die Kleine. Gleich darauf begann sie ihre Etüde von vorn. Die schwarzen Augenbrauen mit schmerzhaftem Ausdruck zusammengebogen, den dünnen Hals weit vorgestreckt, saß sie da, und ihre großen Augen flogen zwischen Notenblatt und Klaviatur hin und her. Das kleine Mädchen weinte, und die Mutter setzte die Schüssel mit den Kartoffeln weg, wischte die Hände an der Schürze ab und nahm das Kind auf den Schoß, um ihm tröstend über den glatten Scheitel zu streichen. Dabei donnerten die Oktavengänge, perlten die Triolenläufe immer weiter unter den Fingern der Aelteren hervor. Plötzlich unterbrach sie ihr Spiel, taumelte vom Stuhl empor, und ihre Hände griffen, eine Stütze suchend, nach dem oberen Rande des Pianinos. Ein hart und hohl klingender Husten durchschüttelte ihren schmächtigen Körper. Die Mutter eilte ihr zu Hilfe, und die Kleine bemerkte in diesem Augenblicke den Späher am Fenster und beeilte sich, das Rouleau herabzulassen. Mit einem tiefen Seufzer trollte sich Florian davon. Sein gutes Herz stand allezeit dem Mitleid offen, und er hatte so viel Gelegenheit gehabt in seinem jungen Leben, das Elend der kleinen Leute kennen zu lernen, deren kümmerliche Existenz in grausamem Widerspruche steht mit ihrem idealen Streben. Niemals war er mit einem bedauernden Achselzucken oder ein paar billigen Redensarten an solchem Leid vorbeigegangen, sondern er hatte es immer gleichsam persönlich genommen und zunächst sich selber als den zum Helfen verpflichteten Nächsten im christlichen Sinne betrachtet. Auf der Lateinschule und dann später auf der Universität, wo er unter großen Entbehrungen Medizin studierte, noch mehr aber seit Beginn seiner Künstlerlaufbahn hatte er immer wieder und wieder, wie oft er auch Undank erntete und sein Mitleid an Unwürdige verschwendet sehen mußte, mit noch Aermeren geteilt, was er mühsam genug erworben. Er hatte eine wahre Leidenschaft, Not und Elend aller Art aufzuspüren bei Leuten, die ihm irgendwie innerlich näher kamen, und wenn sie seinen Rat und seine Hilfe nicht in Anspruch nehmen wollten, so konnte er ganz traurig werden und sich schließlich gar ganz rücksichtslos aufdrängen. Was er da eben durchs Fenster beobachtet hatte, schnitt ihm ins Herz; die frohe Laune war ihm für den Abend verdorben, und während er in einer obskuren Kneipe sein Bier trank und ein paar Rostbratwürstchen aß, überlegte er fortwährend, auf welche Weise er sich wohl am schicklichsten dieser armen polnischen Familie nähern und ihr vielleicht gar helfen könnte. Als er so gegen halb neun Uhr bereits heimkehrte, um den Brief an seinen Vater zu schreiben, den es ihn heut abend noch fortzuschicken drängte, da traten just die beiden polnischen Schwestern aus dem Thore. Die große steckte in einem grauen Regenmantel, der ihr zu weit war und bis auf die Füße hinabreichte; auf ihrem Kopfe saß ein billig und geschmacklos garnierter brauner Strohhut. Die kleine hing an ihrem Arm und hatte den Oberkörper zum Schutz gegen die Abendkühle mit einem alten wollenen Shawl umwickelt. Die beiden Mädchen zuckten zusammen und blieben ganz erschrocken und ratlos stehen, als Florian vor ihnen seinen Hut zog und sie anredete. Er bat höflich um Entschuldigung, daß er zu ihrem Fenster hineingespäht habe; er sei gewiß nicht unverschämt, aber da er sie schon vorher mit solchem Eifer und solcher Tüchtigkeit jene Lisztsche Etüde habe üben hören, so vermute er in seiner Nachbarin eine Kollegin. Sie möchten ihm seine Neugier nicht übelnehmen. Das große Mädchen blickte hilflos zur Seite und wußte nichts zu erwidern. Ihre Lippen bewegten sich, ohne daß ein verständliches Wort herausgekommen wäre. Dann machte sie einen ungeschickten Knicks und ließ sich von der kleinen Schwester rasch davonziehen. Die verstehen wohl kein Deutsch, dachte Florian, überlegte ein paar Sekunden und holte dann mit ein paar großen Schritten die beiden Mädchen ein. »Entschuldigen Sie, meine Damen,« rief er sie freundlich lächelnd an, »verstehen Sie vielleicht nix Deutsch? Popolski, was?« Die Kleine drückte kichernd ihren Kopf an den Arm der Schwester, aber die machte ein noch ängstlicheres Gesicht als vorher, beschleunigte ihre Schritte noch mehr und stieß, ohne Florian anzusehen, hastig hervor: »Wir dürfen nicht.« Und die Kleine bekräftigte eifrig: »Nein, wir dürfen nicht; Frau Mutter hat verboten!« »Herrgottsakra, was laufen S' denn so?« rief Florian belustigt und griff nun auch weiter aus mit seinen langen Beinen. »Was dürfen S' denn nicht? Schau ich denn aus wie ein Raubmörder, daß S' so davon lauft's? Ich fress' auch keine kleinen Kinder! Was wollt's denn so bei der Nacht allein laufen? Darf ich Sie net a bißl begleiten, meine Damen?« – Und da immer noch keine Antwort erfolgte und die Mädchen nur immer schneller liefen, so schloß er ein wenig ärgerlich: »Na, wissen S', nix für ungut – aber . . . wir sind doch Kollegen und sozusagen Zimmernachbarn; ich meine, vorstellen könnten wir einander wenigstens und Red' und Antwort stehen! Mein Name ist Mayr: M–a–y–r, bitte, und mit Vornamen schreib' ich mich Florian! Wie heißt denn jetzt du, Kleine?« »Olga Mikulska!« erwiderte das Kind prompt, »und Schwester heißt Helena.« »So, dees ist doch jetzt wenigstens was!« lachte Florian, »aber jetzt sagen Sie mir doch, Fräulein Mikulska . . .« Das Fräulein hörte gar nicht auf ihn. Sie schalt auf polnisch auf die kleine Schwester ein und dann wandte sie sich mit ganz böser Miene an ihn und sagte: »Wir dürfen nicht mit Herren reden: Frau Mutter hat verboten!« »Ach was, Frau Mutter ist eine . . .,« platzte Florian heraus und verschluckte nur mit Mühe noch die »Gans«. Er ließ die beiden Mädel laufen und trat ärgerlich den Rückweg an. Als er bei der Stubenthür der Frau Mikulska vorbeikam, überlegte er einen Moment, ob er nicht vielleicht hineingehen und dieser Dame mit der ihm eigenen Offenheit erklären solle, daß er sie für eine Gans halte. Aber er versagte sich für diesmal diesen Genuß und beschloß, den polnischen Frauenzimmerchen noch ein wenig Zeit zu lassen. Vielleicht kamen sie doch noch von selber darauf, wie sie sich gegen einen anständigen und wohlmeinenden jungen Mann zu benehmen hätten. – – – Am nächsten Tage war Florian zum erstenmal mit dem sogenannten Schwarm in der Hofgärtnerei. Liszt pflegte nämlich nur einigen ganz wenigen Auserwählten, die er als eigenartige Künstlernaturen erkannt zu haben glaubte, wirklichen Unterricht zu erteilen, indem er sie einzeln oder doch höchstens zu zweien und dreien und zwar meist in früher Morgenstunde zu sich kommen ließ und die Stücke, die sie gerade studierten, mit ihnen durchging. Die große Menge des fahrenden Volkes jedoch, das aus aller Herren Ländern zusammenströmte und unter dem Vorwande, sich im höheren Klavierspiel ausbilden zu wollen, oder auch nur aus allgemeiner Musikbegeisterung oder persönlicher Verehrung sich um ihn drängte, das wurde im Haufen abgefunden. Von vier bis sechs Uhr nachmittags wurden alltäglich alle die Künstler und Künstlerinnen, vornehmen Dilettanten und wer sonst unter einem möglichen Vorwande um die Ehre nachgesucht hatte, in der Hofgärtnerei empfangen. Es gab Kaffee, Thee und Cognac, Cigarren und Cigaretten und vor allen Dingen eine äußerst lebhafte Unterhaltung in vielerlei Zungen. Wenn der Altmeister nicht gerade durch eine zu arge Zudringlichkeit oder sonst einen Verdruß verstimmt war, so war er gegen alle, auch gegen die unbedeutendsten Menschenkinder, die ihm gar nichts als Entgelt zu bieten hatten, von einer herzgewinnenden Liebenswürdigkeit. Seine Sprachgewandtheit und Weltkenntnis, seine umfassende Bildung, seine lebhafte Teilnahme für jedes ernste Streben auf geistigem Gebiete setzten ihn in stand, mit jedem einzelnen aus dem Schwarm eine Unterhaltung zu führen, bei der er freilich fast immer der gebende Teil war. Begann Liszt einmal über eine allgemeine Sache zu sprechen oder etwa Erinnerungen aus seinem Leben, das Charakterbild einer berühmten Persönlichkeit, der er nahe gestanden, oder Betrachtungen über irgend ein bedeutendes Kunstwerk zum besten zu geben, so verstummte alsbald das Geschwirr der Unterhaltung, und alles lauschte andachtsvoll dem greisen Meister. Mit einer scherzhaften Wendung pflegte er dann zum Schluß die unbefangene Heiterkeit der Stimmung wiederherzustellen. Florian fühlte sich ungeheuer fremd in dieser Gesellschaft. Diese weitgereisten Menschen, die überall dabei gewesen waren, wo in der Welt etwas los war, die von allen möglichen interessanten Dingen etwas wußten, von denen er nie gehört hatte, die so viele berühmte Persönlichkeiten von Angesicht gesehen und gesprochen hatten und über alles das so unterhaltsam zu plaudern verstanden; diese Damen besonders, von denen jede ihren eigenen Reiz hatte, sei es Schönheit, Eleganz, Witz, übermütige Laune oder auch nur fremdländische Seltsamkeit der Erscheinung und des Benehmens – alle, alle erschienen sie ihm wie seltene bunte Vögel aus fernen Zonen, und er selbst kam sich unter ihnen vor wie ein gelbschnäbeliger, farbloser Spatz. Kein Wunder, daß der greise Meister, den die Bewunderung der erlesensten Gesellschaft Europas von seinem elften Jahre an sein ganzes Leben hindurch begleitet hatte, Gefallen daran fand, diesen heiteren Schwarm von Verehrern, in dem immer wieder neue interessante Gestalten auftauchten, um sich zu sehen und täglich einige Stunden in anmutigem Witzspiel und anregungsreicher, künstlerischer Unterhaltung mit ihm zu verbringen. Was konnte Florian, der arme Schulmeisterssohn, der sich wohl bewußt war, an Weltkenntnis, Unterhaltungsgabe und überhaupt an allen gesellschaftlichen Befähigungen selbst unter der jüngsten und oberflächlichsten dieser abenteuerlichen jungen Damen zurückzustehen, dem Meister bieten, was konnte diesem stolzen Selbstherrscher im Reiche der Musik daran gelegen sein, ob Florian Mayr aus Bayreuth, dieser lange, dürre. ungeschickte Jüngling noch ein wenig besser Klavierspielen lernte oder nicht? Sein Mut, der durch das Lob des Meisters so üppig geschwollen war, sank wieder tief herab, und es drängte sich ihm die Ueberzeugung auf, daß, um als Künstler eine Ausnahmestellung und besondere Ehre und Ruhm in Anspruch nehmen zu dürfen, tüchtiges Können, echtes Empfinden und eiserner Fleiß doch wohl noch nicht genügend seien, sondern daß Weltgewandtheit, ein feiner Schliff des Geistes und der Umgangsformen notwendig dazu gehörten. Er nahm als selbstverständlich an, daß alle diese Herren und Damen als Musiker bereits mehr leisteten als er selbst, und war ungeheuer gespannt darauf, sie etwas vortragen zu hören. Eigentlich hatte er sich eine Unterrichtsstunde bei Liszt anders vorgestellt. Ueber eine Stunde war schon mit Schwatzen, Kaffeetrinken und unter den fesselnden Erzählungen des Meisters vergangen, und noch hatte er niemanden zum Vorspielen aufgefordert. Da endlich! Liszt hatte eben eine höchst fesselnde Schilderung seiner Bekanntschaft mit Hektor Berlioz zum besten gegeben, und es war just eine kleine Pause in der Unterhaltung eingetreten, als eine große, üppige Dame, welche bisher sich an keinem Gespräch beteiligt hatte, sondern nur durch ihre kostbare Kleidung und durch ihren überreichen Juwelenschmuck aufgefallen war, an den Meister herantrat und, sich über die Lehne seines Polstersessels beugend, ihm zuflüsterte: »Pardon, Herr Hofkapellmeister, ich möchte gern vor meiner Abreise . . .« Liszt mußte lächeln über die Anrede »Herr Hofkapellmeister«. Er ließ die Dame nicht weiter reden, sondern erhob sich rasch, ergriff ihre feinbeschuhte Hand und tätschelte sie freundlich zwischen seinen beiden. »Oh, meine schöne gnädige Frau, Sie wollen uns schon verlassen?« sagte er und ließ dabei seine Augen aufmerksam über die Juwelen hinspazieren, welche wie glänzende Laternen zur besonderen Beleuchtung ihrer Reize aufgesteckt schienen. Florian stand ganz in der Nähe und konnte jedes Wort der halblaut geführten Unterhaltung verstehen. »Ja, ich bin nur auf der Durchreise hier,« versetzte die stolze Schöne, »aber ich wollte Weimar doch nicht verlassen, ohne ein Andenken an den großen Tonheros und an diese selten schöne Stunde mit fortzunehmen.« Florian bemerkte, wie Liszts Antlitz ob dieser greulichen Phrasen schmerzlich zusammenzuckte, und unwillkürlich machte er es ihm nach. Die Dame überreichte dem Meister in einem offenen Couvert sein eigenes Kabinettbild und bat um seine Unterschrift. »Pcha!« machte Liszt und drehte das Bild unschlüssig in der Hand herum, indem er dabei seine Mundwinkel unwillig herabzog. Die Autographensammler waren ihm gar sehr zuwider. Dann wandte er sich wieder an die Dame und fragte mit kühler Höflichkeit, mit wem er eigentlich das Vergnügen habe. »Frau Oberstlieutenant von . . .« Florian verstand den Namen nicht. Ein wenig pikiert setzte die Dame hinzu, sie sei im Laufe der beiden Tage schon dreimal dagewesen, ohne vorgelassen zu werden. »Ich empfange nur von Vier bis Sechs,« erwiderte Liszt kurz, und damit wandte er der Frau Oberstlieutenant den Rücken, um nach seinem Schreibtisch zu gehen. Mit einem Schritte war die Dame wieder an seiner Seite und hielt ihn mit vorgestrecktem Fächer auf: »Pardon, Herr Abbé, Sie sollen nicht glauben, daß Sie Ihr Autograph einer Unwürdigen geben. Wenn ich Ihnen vielleicht etwas vorspielen dürfte? Es wäre mir von hohem Werte, Ihr maßgebendes Urteil . . .« »O, bitte sehr!« wehrte Liszt mit einer bescheidenen Verbeugung ab und lächelte dabei ganz wunderbar schalkhaft, »gnädige Frau sind also auch Künstlerin?« Die Schöne neigte affektiert den Kopf und spendete dem Meister einen glänzenden Blick aus ihren schwarzen Augen »Anch' io sono . . .« kicherte sie, »obwohl ich es natürlich nicht nötig habe. Ich bin eine geborne . . .« und sie nannte den Namen eines bekannten großen Bankhauses. »Bravo!« rief Liszt höchlich belustigt. »Ich hege keinerlei Vorurteile.« Und mit einer einladenden Handbewegung wies er nach dem Flügel. Ohne eine Spur von Verlegenheit nahm sie Platz, löste ein halbes Dutzend Armbänder von ihren Handgelenken und zerrte die rehfarbenen Mousquetaires von ihren vollen Armen, dann suchte sie mit den Füßen, die in schmelzbestickten Lackschuhen steckten, nach den Pedalen, indem sie dabei den Saum ihres seidenen Gewandes ein wenig hob, schlenkerte die Hände prüfend in den Gelenken und harpeggierte dann herausfordernd durch ein halbes Dutzend Tonarten hindurch. Alle diese Vorbereitungen nahmen ziemlich lange Zeit in Anspruch und erhöhten die Spannung der Gesellschaft beträchtlich. Liszt hatte wieder in seinem Polstersessel Platz genommen und bemühte sich, sehr ernst dreinzuschauen. »Wäre Ihnen der Schubertsche ›Erlkönig‹ angenehm?« wandte sich die Frau Oberstlieutenant von Soundso, geborne Xheimer, über ihre Schulter zurück an den Meister. »Natürlich in Ihrer eigenen Bearbeitung.« »Sehr freundlich!« erwiderte Liszt höflichst lächelnd und mit der zustimmenden Handbewegung eines echten großen Herrn. Die Dame hatte vergessen, ihre Ringe abzuziehen. Sie holte das jetzt nach und legte sie, einen neben den andern, auf das Notenpult – sieben Stück. Dann endlich griff sie in die Tasten. Alsbald erhob sich ein allgemeines unterdrücktes Kichern und Flüstern; man vernahm sogar einige »Ahs!« und »Ohs!« der Ueberraschung und Entrüstung. Aller Augen richteten sich auf den Altmeister. Der strich sich mit einer heftigen Bewegung sein langes weißes Haar zurück, zog die Stirne in drohende Falten und machte den breiten Mund ein paarmal hintereinander rasch auf und zu, aber er sagte nichts; er stand nicht auf, um diese zudringliche Auch-Künstlerin vom Platze zu weisen, welche den »Erlkönig« in einem Tempo spielte, als ob der besorgte Vater das fiebernde Kind nicht angstgepeitscht auf windschnellem Rosse, sondern höchst gleichgültig auf einem Lastwagen mit Ochsengespann zum Arzt beförderte. Seelenlos und hart stachen diese unkünstlerischen Finger die Gesangsmelodie aus den Tasten heraus, und die leidenschaftlich vorwärtsstürmende Begleitfigur blieb durchweg ein plump polterndes Lastwagengerassel. Und das konnte der Meister geduldig, wenn auch nicht ruhig, mit anhören von Anfang bis zu Ende! In sich zusammengesunken, mit festgeschlossenen Lippen, saß er da; grollend, aber in sein Schicksal ergeben. Ratlos erstaunt blickte die ganze Gesellschaft auf ihn. Kopfschütteln, erregtes Flüstern hinter vorgehaltenen Fächern und Händen zeigte den allgemeinen Unwillen an. Niemand begriff, wie der Meister es über sich gewann, da nicht mit einem kräftigen Donnerwetter dazwischen zu fahren. Florian Mayr stand hinter Liszts Sessel und zappelte vor Aufregung, die Wut kochte in ihm und er konnte sich nicht enthalten, einige Schmeicheleien wie: »Unverschämtes Weibsbild« und dergleichen zwischen den Zähnen zu zerkauen. Liszt hörte ihn und bewegte verweisend seinen mächtigen Zeigefinger gegen ihn. Endlich war das Kind tot. Die Dame tupfte sich mit ihrem Spitzentüchlein im Gesicht herum und wartete offenbar auf Beifall. Lautlose Stille. Die Gäste hielten vor Spannung fast den Atem an; aber der Meister sagte nichts, er saß wie versteinert in seinem Sessel. Die Frau Oberstlieutenant wurde dunkelrot. Sie schob sich auf dem Drehstuhl langsam herum, und als sie das finstere, starre Antlitz des Meisters sah, sprang sie auf, raffte ihre Ringe zusammen und sagte, während sie sie hastig überstreifte, bebend vor zorniger Enttäuschung: »Pardon, Herr Abbé, es scheint – es scheint Ihnen keinen Spaß zu machen, wenn ich Ihnen etwas vorspiele?« Jetzt endlich regte sich der Meister. Er zuckte nur die Achseln und machte »pcha!« mit unzweideutiger Verachtung. Dann trat er langsam auf die lebende Juwelenausstellung zu, heftete die Augen auf ihren wogenden Busen und zwang sich zu einem höflichen Lächeln: »Nun, meine gnädige Frau, Sie haben jedenfalls eine sehr – abweichende Auffassung von diesem Stücke!« Er sah sich im Kreise seiner Schüler um. Sein Gesicht war wieder ernst und streng. Da fiel sein Auge auf Florian Mayr, der mit geballten Fäusten dastand und sich offenbar Gewalt anthun mußte, um der schönen Dame nicht thätlich zu Leibe zu gehen. Er legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte: »O, o, wir sind zu aufgeregt, mein Sohn! Aber Temperament ist gut. Spielen wir vielleicht den Erlkönig?« »Gewiß,« antwortete Florian hastig, »und ich glaube, nicht schlecht.« Liszt wandte sich an die große Dame, die, immer noch rasch atmend, mitten im Zimmer stand, und sagte ruhig: »Herr Mayr wird Ihnen den Erlkönig vorspielen, Madame!« Diesmal hatte Florian keine Spur von Angst. Der Erlkönig war eines von seinen Bravourstücken und außerdem – Donnerwetter, der Person wollte er es einmal zeigen und den andern überhaupt auch, daß auch er an dieser Stätte Daseinsberechtigung habe! Er schüttelte sein Haar zurück, streifte die Aermel ein wenig in die Höhe, wie wenn er zum Faustkampf anzutreten gedächte, und dann legte er los in einem rasenden Tempo, einem wahren Carrieretempo, bei dem einem Hören und Sehen vergehen konnte. Er griff ein paarmal daneben – was der Frau Oberstlieutenant nicht passiert war – aber das störte nicht im mindesten. Die leidenschaftliche Wucht des Vortragt, diese heftigen Crescendi, der höchst effektvolle Farbenwechsel bei dem schmeichelnden Locken des Geistes, die gelungene Unterscheidung der Kinder- und der Männerstimmen durch den Anschlag und die Steigerung des Brausens gegen den Schluß hin: das alles gelang vortrefflich, und jeder der Anwesenden – die mitstrebenden Kunstgenossen nicht ausgenommen – hatte die Empfindung, daß jenes hochdramatische Musikstück von diesem Spieler wirklich poetisch nachempfunden und mit sicherer Künstlerschaft gestaltet worden sei. Als er geendet hatte, sprang er rasch vom Stuhl empor und wandte sein vom Eifer durchglühtes braunes Gesicht dem verehrten Meister zu. Liszt nickte ihm zufrieden schmunzelnd zu und dann trat er neben ihn, legte den linken Arm um seine Schulter und klopfte und streichelte ihn, während er die stolze Dame, die blaß vor Scham und Aerger ihm gegenüber stand, mit einem vernichtenden Blicke maß. »So spielt man das Stück bei uns , pcha!« herrschte er sie laut und streng an, und dann wandte er ihr den Rücken, streichelte Florian Mayr väterlich die Backen und sagte leise: »Sehr brav gemacht, mein Sohn!« Die Frau Oberstlieutenant von Soundso konnte nun nichts Besseres thun, als sich eilig davonzumachen: sie mußte sich ja doch moralisch hinausgeworfen fühlen. Sie war kaum hinaus, als Liszt sich an die ganze Gesellschaft wandte und, auf die Thür deutend, die sich eben hinter der gemaßregelten Dame geschlossen hatte, zornig ausrief: »Pcha, zu so etwas sind wir nun gut genug!« Die Urteile, die nun über die Dame laut wurden, waren schonungslos grausam. Die schöne, heitere Stimmung war für diesen Nachmittag dahin. Liszt überwand seine Mißstimmung am allerersten. Auf einem Tischchen lag noch sein Photogramm, das ihm die Frau Oberstlieutenant zur Unterschrift überreicht hatte. Er nahm es auf und sagte: »Oho, das ist fremdes Eigentum, ich will mich nicht rechtswidrig bereichern. Spiridion muß erfahren, wo sie wohnt. Ich will ihr auch etwas draufschreiben, damit sie mich in gutem Andenken behält. Schönen Frauen darf man nicht lange grollen.« Und er schrieb auf die Rückseite der Photographie: » Presto! Presto! Addio! Franz Liszt.« Das Autogramm ging herum und erregte schadenfrohe Heiterkeit. Es wurde dann noch ein wenig geplaudert, und zum Schluß durften auch noch zwei von den jungen Damen etwas vorspielen. Ihre Leistungen waren korrekt und geschmackvoll, wenn auch keineswegs hervorragend. Der Meister belohnte sie beide durch sein freundliches »Bravo!« Und als Florian Mayr ihm dieserhalb mit verwunderter Frage anblickte, ging er zu ihm und sagte leise, indem er dabei wie entschädigend die Schultern hochhob: »Was willst du, mein Sohn? Es sind gute Kinder, sie laufen mir überall nach und geben sich so viel Mühe; warum soll ich ihnen wehethun?« Der Schwarm verlief sich allmählich, und schließlich blieben, einem Winke des Meisters gehorchend, nur noch Ilonka Badacs und Florian Mayr zurück. Der Meister zündete sich eine Cigarre an und hieß Florian das Gleiche thun. Ilonka wußte schon, wo die Cigaretten für die Damen standen, und rauchte zur Gesellschaft auch mit. Behaglich an der vortrefflichen Havanna saugend, schritt der Meister ein paarmal auf und ab und murmelte dabei halb für sich: »Das war eine dumme Geschichte; aber jetzt wollen wir wieder gut sein – pcha, basta!« Die Hände auf dem Rücken gefaltet, blieb er vor den beiden stehen, betrachtete sinnend erst sie und dann ihn und dann nahm er Ilonka rechts und Florian links unter den Arm und begann so mit ihnen auf und ab zu wandeln. »Ihr kennt euch schon, ihr beiden; hab' gehört – weiß alles, haha! Ich habe etwas mit euch im Sinne: ihr sollt einander – hm – ergänzen!« Er lachte vergnügt und tätschelte ihnen beiden die Hand. Dann fuhr er also fort: Kissázonyi Badacs Ilonka, galambom, ist ein kleiner Satan – das höllische Feuer schlägt ihr manchmal zu allen Poren hinaus – da soll unser Sankt Florian etwas Wasser hineinschütten, haha! und mein Täubchen, mein höllisches, soll dem Sankt Florian ein wenig warm machen, damit er mir menschlicher wird. Habt ihr das kapiert?« »Jawohl, Maister, versteh' ich ausgezaichnet,« rief Ilonka mit leuchtenden Augen, und dabei wippte sie auf den Zehenspitzen und breitete die Arme aus. als wollte sie gerne einen Kuß haben. Der Meister winkte ihr lächelnd ab. »Nein, nein; heute nicht: erst verdienen! Ich will sehen, ob ihr der Sankt Florian gut bekommt!« Und dann wendete er sich diesem zu, reichte ihm die Hand und sagte: »Wenn es dir Freude macht, mein Lieber, so kannst du jeden Morgen um acht Uhr zu mir kommen und mir bei meiner Arbeit helfen!« Florian hätte aufjauchzen mögen über diese Auszeichnung, und er beugte sich rasch über die gütige Hand des verehrten Meisters und küßte sie. – Die beiden waren für heute entlassen. Sie gingen zusammen in den Park. Florian war ganz außer sich vor Freude und Stolz. Alle hatten sie ihn heute beglückwünscht, diese feinen, auserlesenen Menschen, die doch so viel vor ihm voraus hatten, mit denen er gar nicht wagte, sich auf eine Stufe zu stellen. Und nun durfte er doch mit Fug und Recht sich für bevorzugt halten; denn weder der heimliche Thronprätendent von Rumänien, noch der moskowitische Bojar, noch irgend einer von der ganzen bedeutenden, geistreichen und tugendhaften Gesellschaft, die er gestern kennen gelernt hatte, war jemals aufgefordert worden, dem Meister bei der Arbeit zu helfen. Er wälzte sich vor Freude im Grase, stand Kopf und schlug Rad, als just niemand in der Nähe war. Und Ilonka lachte ausgelassen über seine Tollheiten und erklärte ihn mit inniger Ueberzeugung für einen »furbar verrickten, lieben Kärl«. Sie verabredeten, daß er täglich gegen Abend auf eine Stunde zu ihr kommen sollte. Sie wollte zunächst ihr ganzes Konzertrepertoire sorgfältig mit ihm durchstudieren und dann erst neue Werke einüben. Als sie bereits der Stadt wieder nahe waren, fragte Ilonka mit drolliger Schüchternheit, was er denn für seinen Unterricht an Honorar verlange. Und Florian wollte sie ein wenig necken, setzte eine ganz ernsthafte Miene auf und sagte: »Nun, ich mache es wie die berühmten Aerzte: ich liquidiere nach dem Vermögen der Patienten. Zehn Mark habe ich in Berlin von ganz gewöhnlichen Bankierstöchtern bekommen. Wenn ich mich in Ihren Augen nicht dadurch herabsetze, daß ich nur zehn Mark für die Stunde nehme . . .« »Zehn Mark,« siel sie entsetzt ein, »jo wos denken denn von mir, lieber Freind? Wollen S' mich am Bettelstob bringen?« »O, eine große Dame wie Sie, mein gnädiges Fräulein –! Sie wühlen doch gewiß nur so im Golde und wickeln sich die Locken auf Banknoten?« »O main Gott, wos sind Sie für ein schrecklicher Mensch! Ich bin orm wie ein Zigeiner: heit' hob' i bißl wos, morg'n hob' ich gor nix. Bloß Glick hob' ich: kommt immer wos, wenn gor nix mehr do ist!« »Woher denn?« »O, das ist värschieden: kommt wos von dem, kommt wos von dem – von Konzert maine ich natirlich.« Florian guckte sie betroffen von der Seite an und fragte etwas zögernd: »Aber sind denn Ihre Eltern nicht reich? Ich meine doch, Sie müssen aus sehr vornehmem Hause sein?« »Wer, ich?« rief Ilonka belustigt. »Werd' ich Ihnen sogen: maine Mutter wor eine klaine Tänzerin bei der großen Oper in Budapest. Main Voter – schau'n S', liebär Freind, do waiß man nix Gewisses. Ise meglich ein Zigeinerprimas, ise meglich ein Grof. Maine Mutter sogt, daß Grof war; ober ich glaub', daß Zigeinerprimas war, weil ich musikolisches Talent von ihm hob'. Ober Herr Grof hot gezohlt, wose is immer Hauptsoche. Wor liebär Mänsch, Herr Grof, hot mir sähr gute Erziehung bezohlt – erst im Kloster Sacré coeur, nochher in Wien auf Konservatorium.« »Hm!« machte Florian nachdenklich, indem er sie immer noch scheu von der Seite betrachtete, »ich finde, Sie haben doch auch viel Gräfliches an sich?« »Nun wie Gott will, liebär Freind, ise meglich, daß olle zwai baide gewäsen sind.« Und sie lachte ihm lustig ins Gesicht, so daß er beide Reihen ihrer prachtvollen blanken Zähne zu sehen bekam. Florian lachte sie verlegen an, wurde ganz rot und stotterte: »Fräulein, ich – ich muß Ihnen schon sagen – ich finde Sie riesig nett!« »Is wohr?« rief sie und klatschte vergnügt in die Hände. Sie warf einen raschen Blick umher und plötzlich erhob sie sich auf die Zehenspitzen, zog seinen Kopf zu sich herab und verabreichte ihm einen raschen, kräftigen Kuß. Der gute Florian stand ganz erschrocken da und schaute sich ängstlich um. Nein, es konnte wirklich niemand zugesehen haben. Da atmete er erleichtert auf, reichte ihr die Hand, drückte sie derb und sprach: »Nun, dann dank' ich auch recht schön.« Sie schmiegte sich neckisch an ihn und sagte lachend: »Hob' ich bißl Honorar voraus gezohlt!« »Möchten S' net immer in der Münz' zahlen?« fragte Florian leise, mit schüchterner Annäherung. Sie blinzelte ihn verliebt an und nickte dazu ein paarmal rasch mit dem Kopfe. Dann aber wurden die Wege belebter, und er geleitete sie ehrbar bis vor die Thüre ihres Hotels. Zehntes Kapitel. Der Sündenfall. Das war ein reicher, gesegneter Frühling für unsern Florian. Jeder Tag, den er hier in der kleinen Musenstadt, in die Machtsphäre des Genius gebannt, verleben durfte, bot ihm so viel Nahrung für Herz und Geist, so viel Förderung für sein künstlerisches Streben, wie sonst Monate und Jahre nicht. Die Morgenstunden, die er meist ganz allein bei Liszt zubrachte, waren ihm die allerliebsten. Mit staunender Bewunderung lernte er die außerordentliche Arbeitskraft, die unermüdliche Pflichttreue und wunderbare Geistesfrische des greisen Meisters kennen. Wenn Florian um acht Uhr bei ihm antrat, so war Liszt schon mindestens drei Stunden lang aufgewesen; manchmal erhob er sich gar schon um Vier. Dann ging er in die Frühmesse, las in seinem Brevier und versenkte sich im tiefen Frieden des Frühlingsmorgens in den Gedankenkreis der Arbeit, die ihn gerade beschäftigte. Nach dem Frühstück ging er die Morgenpost durch, und wenn dann Florian kam, so hatte er diese reichliche Postbescherung meist schon gesichtet. Der Sekretär bekam eine Anzahl Briefe zu erledigen, die mehr intimen behielt er zur eigenen Beantwortung zurück, und Florians Aufgabe war es hauptsächlich, die musikalischen Manuskripte oder auch gedruckten Notensendungen, die fast täglich in Fülle anlangten, prüfen zu helfen und alsdann den Absendern darüber zu schreiben. Liszt hielt es für eine Pflicht, die ihm seine Stellung als erster Klaviervirtuose der Gegenwart und besonders als Vorkämpfer der neuen Richtung in der Musik auferlegte, alle Einsendungen gewissenhaft zu prüfen, und er widmete der Erfüllung dieser wahrlich nicht leichten Pflicht tagtäglich mehrere Stunden. Mit oberflächlicher Tagesware, die nur Erzeugnis handwerksmäßiger Fertigkeit war, hielt er sich natürlich nicht lange auf. Dergleichen wurde mit einem Scherz abgethan und in die passende Rubrik verwiesen. Sobald aber der Meister beim ersten flüchtigen Blättern in einem Manuskript auch nur eine Spur von Eigenart, von ernstem Suchen nach neuen Ausdrucksformen oder ein sicheres Beherrschen überkommener fester Kunstformen bemerkte, da verweilte er und prüfte bedächtig. Er setzte sich selbst an den Flügel und spielte die oft schwer lesbaren und verzwicktesten Partituren so glatt herunter wie irgend einen sauber gedruckten Klaviersatz. Oft forderte er Florian auf, eine solche Partitur vierhändig mit ihm zu spielen. Das machte ihm anfangs große Schwierigkeiten, und er war froh, wenn er nur den Baß richtig brachte und die hervortretenden Stimmen herausfand. Aber durch die Unterweisung des Meisters lernte er viel und schnell. Wenn Florian entlassen war, arbeitete der Meister einige Stunden allein, bis um die elfte oder zwölfte Stunde. Dann machte oder empfing er Besuche und dann speiste er; meist bei einer seiner alten Freundinnen oder auch bei Hofe, seltener allein. Zu diesen Mahlzeiten daheim wurde meist auch der eine oder andre der bevorzugten Schüler aufgefordert, ebenso zum Spaziergang, den Liszt gegen Abend zu machen pflegte, wenn sich der »Schwarm« verlaufen hatte. Die Abendgesellschaften, die der Meister auch ziemlich häufig gab, hatten mehr den Charakter von Konzerten. Es wurden dazu viele Laien eingeladen, besonders Herrschaften aus der Hofgesellschaft. Der Großherzog selbst war fast ein ständiger Gast bei diesen Veranstaltungen, ebenso wie auch seine Töchter, die Prinzessin Reuß und die damals noch unvermählte Prinzessin Elisabeth. Ging der Meister abends nicht in Gesellschaft oder sah er nicht selbst Gäste bei sich, so benützte er den Abend zu schöpferischer Thätigkeit oder zur Lektüre. Um elf Uhr, manchmal auch noch später, ging er zur Ruhe. Am glücklichsten war Florian, wenn er in den herrlichen Morgenstunden die Rede auf des Meisters eigene Werke bringen konnte und dieser sich dazu herbeiließ, sie am Klavier mit ihm durchzugehen. Die großen Chor- und Orchesterwerke Franz Liszts waren damals noch weit mehr als heute mit scheuem Mißtrauen betrachtete Fremdlinge in der musikalischen Welt. Die packende Gestaltungskraft, die dramatische Wucht Richard Wagners hatte längst schon das Zetergeschrei der musikalischen Zopfträger zum Schweigen gebracht und den allergrößten Teil des Publikums mit sich fortgerissen. Das »Kunstwerk der Zukunft« war tatsächlich bereits das Ideal der Gegenwart geworden, und dennoch hatte Liszt mit seinen symphonischen Dichtungen und großen Chorwerken, die doch aus demselben Geiste heraus wie Wagners Tondramen geboren waren, im Jahre 1880 noch immer gegen die Aengstlichkeit der Konzertdirigenten, die Böswilligkeit der zünftlerischen Kritik und die Verständnislosigkeit des Publikums zu kämpfen, wie Wagner bis in die siebziger Jahre hinein zu kämpfen gehabt hatte. Es war vielleicht der einzige Schmerz, der den heiteren Lebensabend des glücklichsten Künstlers unsres Jahrhunderts trübte, die einzige bittere Erfahrung, die dies überaus gütige und verzeihende Herz selbst zuweilen mit schmerzlichem Groll erfüllen konnte. Selbstlos war er beiseite getreten, als das rücksichtslos männlich geartete Genie Wagners freie Bahn für sein Schaffen erheischte. Er hatte mit Einsetzung seiner ganzen Persönlichkeit dem von ihm selbst als der Größere Anerkannten die Wege ebnen helfen, er hatte durch Wort und Schrift aufklärend gewirkt, durch Geldopfer und unablässige persönliche Bemühung den mit der Not kämpfenden Verbannten über Wasser gehalten – nun war jener glorreicher Sieger geblieben, während er selbst, der auch mit seinem Schaffen Vorläufer und Vorkämpfer des Gewaltigen gewesen war, sich von der Allgemeinheit immer noch nur als der genialste Klavierspieler des Jahrhunderts, nicht aber auch als ein Tondichter von einzigartiger Bedeutung, als kraftvoller Neutöner und Pfadfinder anerkannt war. Sobald er daher bemerkte, daß dieser unscheinbare Florian Mayr mit seiner rührenden Verehrung nicht nur vor dem Klavierheros, sondern weit mehr noch vor dem Komponisten kniete, wuchs die Teilnahme, die er diesem bescheidenen jungen Manne entgegenbrachte, zu einer ernsten väterlichen Zuneigung heran, die ihre Nahrung aus der Hoffnung sog, in ihm sich einen verständnisvollen Dolmetsch seiner großen unverstandenen Werke, einen treuen Bewahrer seines geistigen Erbes heranziehen zu können. So entwickelte sich denn in diesen fruchtbaren Morgenstunden aus dem Bayreuther Organistensohn ein echter Lisztdirigent. Und noch eine andre höchst wertvolle Eigenschaft entdeckte der Meister bald genug an seinem Schüler: seinen zornmütigen Eifer gegen die zudringlichen Schmarotzer, den bloß neugierigen Pöbel, der sich überall an den berühmten Mann heranzudrängen suchte. Als Abschreckungsmittel, als unerbittlich strenger Thürhüter und, wenn's sein mußte, gar als hinauswerfender Hausknecht war niemand besser zu gebrauchen als Florian Mayr. Liszt war bei seiner übergroßen Gutmütigkeit einigermaßen energischen Angriffen gegenüber vollständig wehrlos. Er ließ sich sogar die Freundschaft und Duzbrüderschaft von ein paar im Grunde herzlich unbedeutenden Menschen aufdrängen, die ihm irgendwann einmal gute Dienste geleistet hatten und nun aus seiner Dankbarkeit Kapital schlugen. Da erwies sich denn Florian als ein wahres Juwel. Er kannte keine Rücksicht, weder auf das schönere Geschlecht, noch auf Namen und Rang, und er führte mit einer wahren Wonne die unangenehmsten Aufträge aus und ließ sich weder durch Schmeicheleien, noch durch böse Blicke und scharfe Worte zur Nachsicht bewegen gegen Leute, von denen der Meister verschont zu bleiben wünschte. Es konnte natürlich nicht ausbleiben, daß er als neuester Günstling bald in ganz Weimar bekannt war und daß er infolgedessen fast ebenso viele Neider als Kollegen hatte. Trotzdem hütete man sich, es mit ihm zu verderben, denn wenn er rachsüchtig war, konnte er einem vielleicht übel schaden. So zog man es denn vor, ihm ins Gesicht zu schmeicheln und sich hinter seinem Rücken über ihn lustig zu machen, und wer ein Anliegen an den Meister hatte, unterließ es selten, Herrn Mayr um gütige Befürwortung anzugehen. Aber er wies alle solche Zumutungen, selbst wenn sie harmloser Natur waren, schroff von sich und ließ sich nicht einmal durch die verführerischen Blicke schöner Damen bestechen. Das einige weibliche Wesen, zu dessen Gunsten er gleich anfangs einmal ein gutes Wort einlegte, das war seine Hausgenossin, jene Helena Mikulska, mit der er trotz freundlichsten Entgegenkommens von seiner Seite immer noch nicht besser stand als am ersten Tage. So oft er sie auch schon angeredet, nie hatte er eine andre Antwort bekommen als immer dasselbe blitzdumme »Frau Mutter erlaubt nicht«. Ein oder zweimal war ihm auch die Frau Mutter selbst im Hausgang begegnet; aber die war noch schlimmer als die Tochter: die starrte ihn mit so einem entsetzten Ausdruck an, als ob er die Börse oder das Leben von ihr gefordert hätte, und lief alsbald in lächerlicher Hast davon. Er erfuhr von der Wirtin, daß diese sonderbare Dame fast gar kein Deutsch verstehe und außerdem eine wahrhaft kindische Angst vor Dieben, Mördern und Gespenstern habe. Uebrigens war die Frau noch sehr jung, noch Anfang der Dreißiger, aber ihre hilflose Verlassenheit und die bleiche Not grinsten ihr aus den tiefliegenden Augen und färbten die welken Wangen mit ihrer kalkigen Leibfarbe. Es half nichts, daß Florian sich immer wieder einen Narren schalt und die »damischen Weibsbilder« zum Teufel wünschte; ihr jammervolles Elend drängte sich seinem mitleidigen Herzen tagtäglich auf und ließ ihm keine Ruhe. Und darum machte er eines Tages seinen Meister auf den fabelhaften Fleiß und das bedeutende Können des Mädchens aufmerksam und erbat für sie die Erlaubnis, einmal vorzuspielen, damit sie, mit der gewichtigen Empfehlung Franz Liszts versehen, sich irgendwo ihr Brot suchen könne. Der Meister bat ihn, ihm das Mädchen doch gleich am nächsten Morgen zuzuführen, und versprach, sein Möglichstes für sie zu thun. Voller Freude eilte Florian heim und klopfte ohne weiteres bei den Mikulskas an. Er vernahm kein Herein, wohl aber ein aufgeregtes Geflüster nach plötzlicher Unterbrechung des Klavierspiels und dann schleichende Schritte, die sich der Thüre näherten. Vermutlich wollte jemand durchs Schlüsselloch spähen. Da klopfte er noch einmal derb an und trat dann sofort ins Zimmer hinein. Richtig – die kleine Olga sprang erschrocken zur Seite, und die Mutter stand mit der Aelteren am Klavier und beide empfingen den Eindringling mit einem leisen Aufschrei. Florian lachte ihnen gemütlich entgegen: »Grüß Gott, meine Damen! Erschrecken S' nur nit gleich, ich bin's bloß; ich bring' Ihnen eine gute Nachricht – Sie erlauben wohl, daß ich mich ein bißl niedersetze?« Ohne die förmliche Erlaubnis erst abzuwarten, setzte er sich auf den nächsten Stuhl, nickte der großen Schwester freundlich zu und rief vergnügt: »Also Sie, Fräulein Helene, jetzt passen S' amal auf: Morgen in der Früh um Acht sollen S' zum Meister Liszt kommen und ihm was vorspielen; er will was für Sie thun, damit Sie endlich einmal aus Ihrem gegenwärtigen miserablen Zustand herauskommen. Na, was sagen S' jetzt? Heißt's da auch wieder: Frau Mutter erlaubt nicht!« Helena wurde abwechselnd rot und totenblaß, und dann redeten die beiden Mädchen mit großer Zungenfertigkeit polnisch auf die Mutter ein; das dauerte eine ganze Zeit, und Florian ließ sie ruhig schwatzen und beobachtete nur aufmerksam ihr Mienenspiel. Die kleine Olga war augenscheinlich die einzige, die sich der guten Botschaft freute und den beiden andern eifrig zuredete, die Gelegenheit wahrzunehmen, wogegen die Mutter und Helena einander nur etwas vorzujammern wußten. Schließlich wurde Florian aber doch ungeduldig, weil niemand Miene machte, ihm eine Antwort zu geben. Er faßte die Kleine bei der Hand, zog sie zu sich heran und sagte: »Da geh her, Kind, du scheinst mir noch die Vernünftigste von der ganzen Gesellschaft – jetzt sag mir bloß, was des bedeuten soll! Freut sich denn die Schwester gar net a bißl?« »Oh, Schwester freut sich doch. – Sind wir sich doch hergekommen, um vorzuspielen Liszt; aber haben wir uns nichts anzuziehen!« »Ja, wenn Ihr meint, der Meister thät' mehr aufs G'wand, als auf die Leistung schau'n, da seid's aber arg auf dem Holzweg!« Olga verpolnischte der Mutter, was Florian gesagt hatte, und darauf erhob sich ein neues aufgeregtes Lamentieren zwischen Helenen und ihrer Mutter. Helena wurde ganz aufgeregt, trat vor Florian hin und sagte, indem sie in wütender Scham mit beiden Händen an ihrer kümmerlichen Gestalt herunterstrich, die nur mit einem alten braunwollenen Unterrock und einer rotgestreiften Kattunbluse bekleidet war: »Da, bitte, sehen Sie, Herr Mayr – ist sich fein, nicht wahr? Frau Mutter hat besten Rock an – gehört sich für beide. Wer ausgehen muß, zieht sich besten Rock an und Regenmantel darüber. Regenmantel gehört sich auch für beide.« Klein Olga rief mit schriller Kinderstimme ganz zornig etwas dazwischen, lief nach dem Kleiderschrank und holte das ganze bißchen Plunder, das sich darin fand, heraus. Sie warf das Zeug auf den Tisch, und dann machten sie sich alle drei darüber her, wühlten Röcke, Taillen und Blusen daraus hervor, breiteten sie vor Florian aus, indem sie ihn auf die allgemeine Schäbigkeit und Flickarbeit aufmerksam machten und dazu polnisch und deutsch durcheinander kreischten, daß er kaum ein Wort verstehen konnte. Olga pries mit glühendem Eifer ein weißes Waschkleid an, das in der That noch ganz gut bei einander zu sein schien, aber Helena behauptete, daß ihr das kaum noch über die Kniee reiche, und warf es unwirsch der eifrigen Kleinen ins Gesicht. Florian war ganz verzweifelt über die schrecklichen Frauenzimmer und schrie endlich, so laut er konnte, in den Lärm hinein: »Ja, Hergottsakrament, gehn S' doch meinetwegen im Hemd und Regenmantel! Das sind doch alles elende Nebensachen.« Und als die drei darob wieder ein großes Geschrei erhoben, fügte er hinzu: »Also is recht, dann warten wir noch ein paar Tage, bis Sie sich ein anständiges Gewand angeschafft haben. Ich leg' die Kosten dazu derweil aus, wenn Sie's nicht haben. Die Hauptsach' ist doch, daß Sie's endlich einmal zu etwas bringen. Sie üben sich ja rein um den Verstand, und daß Sie hungern, sieht man Ihnen auf hundert Schritt weit an!« »O wir hungern nicht sehr,« entgegnete Olga, »wir haben immer Brot und Milch und Kartoffel!« »Aber davon ernährt man doch seine Nerven nicht, Kreuzteufel!« schrie Florian. »Und mit Ihrer wahnsinnigen Ueberei verbrauchen Sie in einem Monat mehr Nerven, als ein andrer das ganze Jahr! Woraus wollen S' denn noch warten? Oder haben Sie vielleicht ein kleines Kapital, wovon Sie zehren, bis das Fräulein auf die Menschheit losgelassen werden kann als Konzertvirtuosin? Bilden Sie sich nur nit ein, daß da gleich im Handumdrehen ein Vermögen herausspringet – Sie bringen sich ja überhaupts schon vorher um mit Kartoffelpampfen und Nervenzerrüttung. Und wenn S' wirklich bis zum Auftreten kommeten – meinen S' etwa, daß die Leut' sich um die Billetten raufen thäten, wenn's bloß so ein elendes Hascherl im schlechten Gewand und mit nix hinten und nix vorn zu sehen gäb'?« Mit weit aufgerissenen Augen und schmerzlich verzerrtem Gesicht hatte Helena zugehört und übersetzte der Mutter mit fliegendem Atem den Sinn der Rede. Auf einmal fingen die beiden Frauen zu weinen an; ganz herzbrechend schluchzten sie und hielten einander umschlungen. Florian that es leid, daß er so hart und deutlich die Wahrheit gesagt hatte. Er trat auf sie zu, um ihnen gut zuzureden, aber da flohen sie vor ihm in die entfernteste Ecke des Zimmers. Seufzend gab er's auf, streichelte der Kleinen im Vorbeigehen über das glatte blonde Haar und flüsterte ihr zu: »Geh, Kleine, du bist gescheit, red' ihnen zu und bring mir Bescheid, was werden soll – kriegst auch einen Schokolade!« Damit verließ er das Zimmer. Nach dem Mittagessen kaufte Florian einige Tafeln Schokolade, sowie allerlei Kuchenwerk, und als er an der Auslage eines Modegeschäfts vorbeikam, stachen ihm ein paar hübsche Kinderhüte so in die Augen, daß er hineinging und einen davon kaufte; einen hellen, großen Strohhut mit breitem, rotem Seidenband hübsch garniert. Die kleine Olga lief in ihrem schäbigen alten Filz mit dem schmutzigen, zerknitterten Band und den struppigen Federn wirklich zum Skandal herum. Er freute sich schon zum voraus über die großen Augen, die das Kind zu solcher Herrlichkeit machen würde, und rechnete bestimmt darauf, daß auch die ältere Schwester Zutrauen zu ihm fassen und seine Hilfe annehmen würde, wenn sie diesen Beweis seiner guten Absicht sähe. Nah vor seiner Hausthür traf er mit seinen Ueberwohnern zusammen, dem Mister Crookes mit seinen beiden großen Buben, die, obwohl sie schon neunzehn und siebzehn Jahre alt waren, noch Kniehosen und lächerlich kurze Jäckchen tragen mußten, was zu jener Zeit, wo in Deutschland der Sport mit seinem wohlthätigen Einfluß auf die Männerkleidung erst ein ganz bescheidenes Dasein führte, immerhin noch Aufsehen erregte. Er war den Engländern bisher nicht nähergetreten, hatte aber doch hie und da ein paar Worte mit ihnen gewechselt, so daß er sie allenfalls seinen Bekanntschaften zuzählen durfte. Wie es der Deutsche immer thut, hielt Florian von vornherein jeden Engländer im Ausland für schwer reich, und sofort kam ihm der Gedanke, diesen Mr. Crookes zum Besten der Mikulska auszubeuten. Nach einigen vorbereitenden Redensarten lud er die drei ein, ihn in sein Zimmer zu begleiten. Die Crookes, die wie alle Engländer kontinentaler Höflichkeit gegenüber in eine schier hilflose Steifheit verfielen, folgten etwas erstaunt dieser Einladung und harrten, als sie Platz genommen, wortlos der Dinge, die da kommen sollten. Uebrigens verstanden und sprachen sie für Engländer recht gut deutsch. Florian fragte zunächst, ob er ihnen nicht ein Glas Bier anbieten dürfe, was jedoch von Vater Crookes mit kaum verhehlter Entrüstung zurückgewiesen wurde. Darauf holte Florian den eben gekauften Strohhut aus seiner Papierhülle heraus, wies ihn den Besuchern mit komischer Genugthuung vor und fragte, was das sei. » Well, das ist ein Hut für ein ganz kleines Mädchen,« antwortete Mr. Crookes mit vollkommener Gemütsruhe, während die beiden großen Buben bescheiden grinsten. »Richtig: aber wo ist das kleine Mädchen zu diesem Hute?« fuhr Florian pfiffig fort; und als ihm auf diese Frage nur ein Achselzucken antwortete, deutete er mit dem Daumen über die Schulter und flüsterte geheimnisvoll: »Da drüben wohnt sie und Olga Mikulska heißt sie!« Die beiden Boys setzten sonderbare Gesichter auf, und der Vater betrachtete sie stirnrunzelnd von der Seite. Er schien wahrhaftig zu glauben, daß dieser Florian Mayr ein ganz frivoler Geselle wäre, der ein sonderbares Vergnügen daran fände, die ersten besten Fremden in seine ruchlosen Pläne einzuweihen. Und er überlegte, wie er mit Anstand fortkommen und seine unschuldigen Knaben dieser gefährlichen Gesellschaft entziehen könnte. Florian aber merkte nicht, welch sonderbarer Mißdeutung er sich aussetzte, sondern schilderte seinen Gästen mit schlichter Wahrheit das trostlose Elend ihrer Hausgenossen und forderte sie zum Schluß auf, einen Beitrag zur Beschaffung der notwendigsten Kleidung für die Klavierspielerin zu leisten. Es trat eine ziemlich lange Pause ein. Florians Schlußwendung war den Herrschaften offenbar überraschend gekommen. Der jüngste Master Crookes ergriff seltsamerweise zuerst das Wort, indem er sich an seinen Vater wandte mit der nachdrücklichst hingelegten Meinung, daß das Fräulein drüben zweifelsohne scheußlich häßlich sei. »She's awfully ugly, no doubt.« Der ältere Bruder kicherte hinter vorgehaltenem Hute und bekräftigte diese Ansicht mit einem entschiedenen: »Yes to be sure!« »Mind your own business, please – will you?« fuhr der alte Herr seine großen Buben zornig an. Und dann nahm er sein Kinn in die Hand, rieb sich nachdenklich daran herum, klopfte sich mit dem Zeigefinger gegen den Nasenflügel und gelangte durch diese Vorbereitungen endlich dazu, seine Meinung kundgeben zu können. » Aoh, ich werde Ihnen sagen,« äußerte er sich, »ich liebe nicht Liszt, ich liebe nicht diese ganze Art von Musik; ich liebe Händel, Bach, Mozart und Beethoven – von den neuesten liebe ich etwas Mendelssohn, Schumann, Brahms – aber Brahms liebe ich nicht viel!« »Ja, mein bester Herr, was hat denn das damit zu thun?« unterbrach ihn Florian ungeduldig. »Ich zum Beispiel liebe Liszt über alles und über alle – würden Sie mich deshalb vielleicht ersaufen lassen, wenn Sie grad vorüberkämen und mir leicht helfen könnten?« » Aoh, das ist etwas andres!« versetzte Mr. Crookes unbeirrt, »Sie können lieben, was Sie wollen, mein lieber Herr, denn Sie wollen nicht mein Geld für sich; aber wenn dieses junge Mädchen mein Geld für sich will, so soll sie lieben, was ich liebe.« Florian fuhr sich verzweifelnd durch den Schopf. »Aber Mister Crookes,« rief er, »zum Donnerwetter – entschuldigen Sie! lassen Sie doch die Musik ganz aus und bedenken Sie einfach, daß hier drei ehrenwerte Frauenzimmer einfach am Verhungern sind – sie leben von Milch, Brot und Kartoffeln und bekommen nie ein Stück Fleisch zu schmecken!« » Aoh, das ist sehr gesund,« erwiderte Mr. Crookes, mit dem Kopfe nickend. »Der Mensch, welcher Leichenteile verzehrt, nährt dadurch nur seine bösen Instinkte und ist nicht geeignet für die wahre Philosophie!« Florian war nahe daran, aus der Haut zu fahren. Mit größter Anstrengung schluckte er einen meterlangen Fluch hinunter und sagte nur, nervös lachend: »Also is nix? Na – auch gut! Ich muß mich nur bedanken, daß die Herren mich so geduldig angehört haben. Als leichenverzehrender Lisztianer muß ich Ihnen ja doch ein Gegenstand des physischen und moralischen Ekels sein!« Mr. Crookes lächelte so liebenswürdig, als ihm dies bei der lederartigen, langfaltigen Beschaffenheit seines Antlitzes überhaupt möglich war, und sagte: » Aoh, mein lieber Herr, Sie sind noch nicht verloren. It's never too late to mend, sagen wir in Inglisch; das heißt: es ist nie zu spät, zu verbessern. Ich werde Ihnen einige Schriften schicken, und ich hoffe, Sie werden sich verbessern. Außerdem darf ich Ihnen raten in Bezug auf das junge Mädchen: folgen Sie meinem Prinzipel: Never to interfere – niemals sich einmischen! Guten Tag, mein lieber Herr, es hat mich sehr gefreut!« Er schüttelte Florian kräftig die Hand, die beiden jungen Herren folgten schweigend seinem Beispiel, und dann gingen sie alle drei hinaus. Florian starrte ihnen einige Sekunden lang mit offenem Munde nach, dann brach er in ein lautes Gelächter aus. Plötzlich wurde hart an die Thür gepocht, und herein trat noch einmal Crookes senior allein. Er behielt die Klinke in der Hand und sprach von der Schwelle aus also: » Aoh, ich habe vergessen – ich werde doch etwas thun: ich werde die Spirits fragen, ob diese Mädchen wirklich verhungern werden. Und wenn die Spirits mir sagen werden, wenn diese Mädchen wirklich verhungern werden, so werde ich ihnen etwas geben für Milch und Brot.« Er nickte mit dem Kopfe und schob sich wieder hinaus, ohne den Eindruck seiner Worte abzuwarten. Florian warf sich auf sein Sofa und strampelte mit den Beinen, um seinen Gefühlen Luft zu machen. So etwas von Verrücktheit war ihm denn doch noch nicht vorgekommen. Da von dieser Seite für seinen menschenfreundlichen Plan nichts zu hoffen war, sann er auf andre Unterstützung, und plötzlich fiel ihm Ilonka Badacs ein. Ja, wie er nur an die nicht gleich hatte denken können! Die warf mit dem Gelde nur so um sich, und gutherzig war sie auch. Ihr Verhältnis zu einander war jetzt ein sehr schönes. Der Unterricht machte ihnen beiden viele Freude. Sie war sehr fleißig und nahm ihm seinen oft derben Tadel niemals übel, und er war stolz darauf, eine so hochbegabte Schülerin zu haben, und vergaß im Eifer der künstlerischen Arbeit sogar beinahe seine Verliebtheit. Er bekam regelmäßig seinen Kuß zum Abschied und manchmal auch noch ein paar darüber; aber das war so eingebürgerte Sitte geworden, daß sie beide bald dazu gelangten, das bißchen Zärtlichkeit mehr scherzhaft freundschaftlich aufzufassen. – Die gute Ilonka mußte helfen. Ueber diesem Gedanken entschlummerte er zur kurzen Mittagsruhe. Er erwachte von einem leisen Klopfen an seiner Thür. »Herein!« rief er, sprang auf die Füße und rieb sich die Augen. Da stand die kleine Olga Mikulska auf der Schwelle, zog rasch die Thür hinter sich ins Schloß und machte ihm dann einen verlegenen kleinen Knicks. »Ja, grüß dich Gott, Kind!« rief Florian fröhlich– er ging ihr entgegen, nahm sie bei der Hand und führte sie zum Tische, auf dem die Leckereien und der Hut lagen. »Eh' du noch was sagst, sperr einmal deinen Schnabel weit auf!« ermahnte er die Zaghafte. Sie that, wie ihr geheißen, und da stopfte er ihr ein großes Stück Kuchen in den Mund. Das Kind kaute und machte so große selige Augen dabei. Es konnte es kaum glauben, daß all die Herrlichkeit ihm gehören sollte; und nun gar der prächtige Hut, den ihm der gute Herr alsbald aufsetzte! Es ließ sich ein Stück Kuchen nach dem andern in den Mund stecken und sich vor den Spiegel führen, um sich in seinem Staat zu bewundern. Florian mußte sich nun freilich sagen, daß der feine Hut sich zu den elenden Lumpen des Mädchens gar nicht schicken wollte und daß er auch nicht einmal im stande war, aus ihrem unschönen Gesichtchen mit dem schlechten Teint und den straff geflochtenen bäurisch blonden Zöpfen etwas zu machen. Aber er freute sich doch der sprachlosen Ueberraschung des armen Kindes und redete ihm ein, daß der Hut ihm prächtig stehe. Erst als Olga allen Kuchen aufgegessen hatte, erkundigte er sich, was denn nun Schwester Helena für einen Entschluß gefaßt habe. » Boje pomoz mnie – Schwester ist dumm!« flüsterte Olga mit einer drolligen wegwerfenden Handbewegung, und Frau Mutter ist . . .« Da stockte sie. »Frau Mutter ist auch dumm!« ergänzte Florian mit zufriedenem Kopfnicken. »Nun, und was sagt Frau Mutter?« »Frau Mutter sagt: Mädchen dürfen von Herren keine Geschenke nehmen, weil sich serr gefährlich ist!« »Das ist eine sehr gute Lehre von Frau Mutter,« neckte Florian, die Sprache der Kleinen nachahmend, »aber ich will dir was sagen, Kleine: euch schenkt keiner was, der's nicht sehr gut mit euch meint!« »Warum?« »O jegerl, weil ihr net darnach ausschaut, ihr armen Hascherl!« sagte Florian halb für sich. Das Kind blickte verständnislos zu ihm auf, und er klopfte ihm freundlich die bleichen Wangen. Er fragte Olga allerlei über ihre Verhältnisse, und es war nicht schwer, sie zum Reden zu bringen. Der Vater, Herr von Mikulski, war Stabskapitän in der russischen Armee gewesen und wegen politischer Verdächtigkeit nach Sibirien verbannt worden, als Olga erst drei Jahre zählte. Die Familie blieb in den dürftigsten Umständen zurück, sie besaß nur ein kleines Kapital, das kaum sechshundert Rubel Zinsen trug. Die Mutter war nicht im stande etwas zu verdienen. Für körperliche Arbeit war sie zu schwächlich und sonst etwas irgendwie Verwertbares hatte sie nicht gelernt. Da war denn Helena darauf gekommen, ihr musikalisches Talent auszubilden, das sich schon früh zeigte. Ein Warschauer Professor hatte sich für sie interessiert und ihr umsonst Unterricht erteilt. In den letzten Jahren hatte sich aber ihr Brustleiden so bedenklich entwickelt, daß die Aerzte einen dauernden Aufenthalt im Süden für durchaus notwendig erklärten. Um die Uebersiedelung bewerkstelligen zu können, hatte die Mutter ihre ganze fahrende Habe verkaufen müssen. Ein Jahr lang hatten sie in einem billigen Städtchen in Galizien gelebt, wo Helenas Gesundheit sich in der That gebessert hatte. Nun hausten sie seit einem Monat in Weimar, das sie in ihrer Einfalt zum tiefsten Süden zu zählen schienen, und lebten nun so planlos hin unter den schlimmsten Entbehrungen, einzig von der Hoffnung getragen, daß Liszt Helenen zu einer Stellung verhelfen oder vielleicht der Vater begnadigt werden und zurückkehren würde. Irgend welche vernünftigen Schritte, um schon jetzt mit ihrem Klavierspiel etwas verdienen zu können, schien aber Helena bis jetzt noch nicht gethan zu haben, und es ging ganz klar aus Olgas Darstellung hervor, daß die Mutter daran hauptsächlich die Schuld trug. Diese gute Dame mußte eine furchtbar dumme Person sein und eine geradezu lächerliche Angst davor haben, daß ihre armen, garstigen, verhungerten Mädchen durch Nachstellungen der Männer zu Schaden kommen könnten. Auf diese Weise war es natürlich unmöglich für sie, helfende Freunde und einflußreiche Fürsprecher zu gewinnen. Während die Kleine noch erzählte, klopfte es an der Thür und auf Florians »herein« traten die beiden jungen Herren Crookes ein. Sie wurden beide rot und entledigten sich mit verlegener Hast des Auftrages ihres Vaters, Florian einige Traktätchen und Zeitschriftenhefte zu überbringen, welche von der Verderblichkeit des Alkohols, der alleinseligmachenden Wirkung des Gemüseessens und der Herrlichkeit des Spiritismus handelten, und von denen die meisten in englischer Sprache abgefaßt waren. Die beiden großen Buben schienen es eilig zu haben, wieder hinauszukommen, aber Florian hielt sie fest und bat sie lachend, doch den englischen Teil ihrer Schriften gleich wieder mitnehmen zu wollen, da er dieser Sprache nicht mächtig sei. Da setzte der ältere Master Crookes eine gar schlaue Miene auf und sagte: »O Sie brauchen ja gar nicht zu lesen – Vater ist zufrieden, wenn Sie die Sachen nur behalten wollen. Er bekommt sie nach dem Gewicht geschickt – o wir haben viele Pfund von jeder Sorte – und er ist sehr traurig, weil die Leute in Deutschland so etwas nicht geschenkt nehmen wollen.« »No, das Vergnügen kann ich ihm ja machen!« versetzte Florian, und dann stellte er die beiden jungen Herren dem Fräulein Mikulska vor und bat die ganze Gesellschaft, Platz zu nehmen. Er bot Zigarren an, aber natürlich durften die jungen Herren nicht rauchen. Florian wurde schier nervös. Er kratzte sich am Kopf, verdrehte komisch die Augen nach oben und rief: »Ei du himmlische Barmherzigkeit, is des eine narrische Welt! Ich glaub' schon, daß man ohne Fleisch, Bier und Tabak zur Not auch leben kann, aber wenn einem des alles in jungen Jahren alleweil verboten wird, da müßt' man doch, mein' ich, erst recht einen infernalischen Gusto drauf kriegen!« »O, wir haben schon Fleisch gegessen!« brütete sich der jüngere Crookes: »Wir haben eine Tante, Vater haßt sie, aber sie ist sehr reich und soll uns etwas lassen in ihrem Willen, wenn sie stirbt – darum schickt uns Vater manchmal zu ihr. Er haßt sie, weil sie uns Fleisch gibt und Wein und alles, was wir nicht dürfen. Aber wir lieben Fleisch sehr. Dick liebt es noch mehr wie ich.« Dabei wies er auf seinen älteren Bruder. » Aoh! « sagte Dick und zeigte neckend auf den jüngeren, »und Bob ist schon einmal betrunken gewesen, sogar an einem Sonntag! Da hatte er eine schwarze Katze zum Nachmittagsdienst mit in die Kirche genommen unter seinem Rock und hat sie losgelassen. Alle Leute haben so gelacht, wie sie auf der Kanzel gestiegen ist, und der Kurat hat einen solchen Schrecken bekommen!« »Oh, oh!« rief Florian, »da sieht man recht, daß der höllische Feind im Alkohol sitzt. Was hat denn der Herr Vater dazu gesagt?« »O, der hat es nicht erfahren!« erwiderte Bob vergnügt. »Die Tante hat mir eine Ohrfeige gegeben, und da war die Geschichte all right. « Die beiden jungen Herren wurden nun ganz vergnügt und gesprächig. Der Aufenthalt bei der Tante zählte offenbar zu ihren schönsten Erinnerungen, und sie gaben in echt kindlicher Fröhlichkeit noch allerlei Streiche, die sie dort ausgeführt hatten, zum besten. Florian gefielen die harmlosen großen Buben recht gut, und die kleine Olga lachte ein paarmal laut auf bei ihren Erzählungen. Sie brachen dann bald auf, da ihre Zeit zum Ueben gekommen war. Sie baten Florian um die Gefälligkeit, doch manchmal mit ihnen Trio zu spielen. Er gab gern seine Zusage und begleitete sie bis an die Thür. Da erwischte ihn Dick beim Aermel und zog ihn hinaus auf den Flur. Draußen flüsterte er ihm verlegen zu: »Wir würden so gern etwas geben für die armen polnischen Mädchen – aber wir haben kein Geld. Vater gibt uns fast nie Geld. Wir brauchen ja auch keins, denn Vater ist immer bei uns und bezahlt alles. Wir bekommen nur Geld, wenn wir Preise gewinnen – beim Boxen oder Fußball oder so etwas.« Und Bob fügte wichtig hinzu: » Aoh, ich habe schon einmal ein Pfund bekommen, weil ich Vater beim Boxen zwei Zähne eingeschlagen habe. Er war sehr stolz auf mich. Aber jetzt boxen wir nicht mehr, weil es die Hände für das Geigen verdirbt.« Damit empfahlen sie sich und sprangen vergnügt die Treppe hinauf. Florian schickte nun auch die kleine Olga wieder fort, denn er hatte draußen im Flur gehört, wie Helene ihr Spiel plötzlich abbrach und einen fürchterlichen Hustenanfall bekam. Er trug dem Kinde auf, die Schwester zu ermahnen, doch ja ihre Kräfte recht zu schonen; denn sie müßte durchaus in den nächsten Tagen schon mit ihm zu Liszt gehen. Er glaube ihr versprechen zu können, daß die schwierige Kleiderfrage heute oder spätestens morgen eine glückliche Lösung finden werde. – Er kam heute früher als gewöhnlich zu Fräulein Badacs, denn es drängte ihn, seinem Herzen Luft zu machen. »Wissen S', meine liebste Ilonka,« begann er ohne weitere Vorrede, sobald er in dem hübschen Zimmerchen auf dem gemütlichen Sofa saß, »wissen S', was der größte Fluch auf der Welt ist?« »Ach, gehen S', Herr Mayr, jetzt wollen Sie auch auf die Waiber schimpfen! Is nicht schön von Ihnen, wo ich doch bin so lieb zu Ihnen.« Und sie beugte sich rasch über seine Schulter zu ihm nieder und gab ihm einen Kuß. »Dank' recht schön!« sagte Florian lachend, »aber ich mein' gar net die Weiber – ich mein' die Eltern im allgemeinen. Es ist gar net zum sagen, wieviel Eltern ihre Kinder umbringen – geistig zumeist. Ich gift' mich schon so, ich könnt' gleich . . .« Dabei schlug er kräftig auf den Tisch. »Wieviel famosen jungen Leuten bin ich nicht schon begegnet, aus denen bloß nix wird und werden kann, weil s' narrische Eltern haben. Aber freilich, die Welt laßt sich seit jeher von so a paar dumme Sprüch' regieren, wie zum Beispiel: Das Alter müßt' man ehren unter allen Umständen – und: Das Ei dürft' nicht klüger sein wollen als die Henne. Ja, mein Gott, vom Ei will ich weiter nicht reden – aber daß die jungen Hahnen allemal g'scheiter sind als die alten Hennen, das is doch amal g'wiß wahr! Und weshalb ein alter Trottel ehrwürdig sein soll und bloß ein junger Trottel ein Trottel sein dürfen, des wüßt' i wirklich net zu sagen. Hat man schon einmal Anlage zur Blödheit, so wird man mit den Jahren doch nur immer blöder. Woher kommt denn des jetzt, daß die Alten gar so rabiat auf ihren Kopf besteh'n? Doch bloß davon, daß s' durch das, was s' noch schaffen können, und durch ihre persönlichen Vorzüge der Welt doch nimmer imponieren, deswegen lassen s' die ihre Macht recht fühlen, die von ihnen abhängen und sich net wehren können. Weiß Gott, 's Vieh is gescheiter: bald die Jungen allein fressen und laufen und sich wehren können, kümmern sich die Alten nimmer drum – und so is recht, so ist die vernünftige, heilige Ordnung der Natur – Himmelkreuzteufeltürken!« Und er schlug wieder auf den Tisch, daß das Theegeschirr, das noch daraufstand, zusammenklirrte. Florian sah so komisch aus in seiner heiligen Entrüstung, daß Ilonka einen förmlichen Lachkrampf bekam. Sie versuchte zu sprechen, brachte aber kein Wort heraus. »Ja, Sie haben gut lachen,« fuhr Florian eifrig fort, sobald sie sich einigermaßen beruhigt hatte. »Von Ihren zwei oder mehr Vätern hat sich keiner um Sie gekümmert, und Ihre Frau Mama Hopsasa – na, Gott hab' sie selig! Wenn was aus einem Menschen werden soll, muß er doch ganz alleinig dazu schauen – wenn aber die Eltern mit Gewalt aus einem was machen wollen, greifen sie's gewöhnlich grad am verkehrten End' an, und gar nix wird draus. Is's net wahr?« »Ober gewiß ise wohr!« rief Ilonka, immer noch lachend. »Freind Mayr, Sie sind ein sähr bädeitender Philosoph!« »Was da wohl viel Philosophie dazugehört!« polterte Florian. »Bloß zwei Augen und ein gemeiner Menschenverstand gehören dazu, nachher sieht man alle Tag' genug, daß ma' aus 'n heiligen Zorn im ganzen Leb'n nimmer 'rauskommt. Ich sag', es gibt zweierlei Eltern: erstens solche mit Kindern, die grad so saudumm sind wie sie selber, und zweitens solche mit Kindern, die bedeutend g'scheiter sind als sie selber. Die ersteren wollen ihre Kinder Sachen lernen lassen, die durchaus nicht in ihren Dickschädel hineingehen, und machen sie damit unglücklich; die andern erklären es für eine Unverschämtheit, wenn die Gedanken ihrer Kinder immer auf etwas andres gerichtet sind als ihre eigenen, und da wird mit Gewalt die unbequeme Eigenart unterdrückt. Es ist eine Schande, daß man eine solche G'sellschaft nicht wegen Kindsmord belangen kann! – So, Fräulein Ilonka, jetzt hab' ich mich einmal ausgesprochen; jetzt is mir wohler, Gott sei Dank! – Und jetzt passen S' auf, jetzt werd' ich meine Behauptungen durch passende Beispiele bekräftigen.« Und er erzählte mit zorneifriger Beredsamkeit den Fall Crookes und den Fall Mikulska. Er hätte keinen dankbareren Zuhörer finden können als seine ungarische Freundin. Sie brannte vor Eifer, den verschrobenen Papa Crookes kennen zu lernen und ihm einen recht tollen Possen zu spielen. Das Schicksal der armen Helena Mikulska aber ging ihr wirklich zu Herzen, und sie erklärte sich sofort bereit, von ihren eigenen Kleidungsstücken das Nötigste herzuschenken, um das arme Mädchen gehörig auszustatten. Sie wollte ihr heute abend noch die Sachen selbst hinbringen und war überzeugt, daß sogar die Mutter Mikulska einer Frau gegenüber die thörichte Weigerung, etwas anzunehmen, aufgeben würde. Und mit Feuereifer machte sie sich daran, ihren Kleiderschrank und ihre Reisekörbe durchzuwühlen, um etwas Passendes für die arme Kollegin herauszufinden. Das war nicht ganz leicht, denn ihre Kleider waren meist viel zu kostbar und elegant. Endlich, nach langer Beratung zwischen den beiden, legte sie ein nicht mehr ganz neues, einfach gemachtes Seidenkleid für die Mikulska beiseite. Aber damit noch nicht genug – das arme Mädel mußte auch anständige Wäsche und Unterzeug dazu haben. Und sie warf schier den ganzen Inhalt ihrer Kommode auf die Erde, prüfte Stück für Stück und wählte je zwei Paar Strümpfe, Hosen, zwei Hemden, einen weißen und einen farbigen Unterrock aus. Alles gute, neue Sachen. »So,« sagte sie fröhlich, indem sie sich vom Boden erhob, » ça va bien pour le commencement – kann sie immer eine Hälfte waschen lassen, raicht sie paar Monate. Hob' ich auch schon gemocht, wenn olles im Leihhaus wor. Kleid werden wir schon zusammenrichten, daß poßt. Frau Mutter wird doch nicht so großes Schof sein, daß nicht einmal nähen kann? Fehlen nur noch die Schuh' – ober hob' ich zu süßes Fußerl, poßt main Schuh kain andere Madel.« Und so plauschte sie munter fort, während sie die Wäsche mit rosa Seidenbändchen zierlich zusammenband, ein wenig Parfüm dazwischenspritzte und schließlich den ganzen Packen sauber einwickelte und zusammenschnürte. Florian stand die ganze Zeit dabei und sah ihr zu. Nie war sie ihm so reizend erschienen, wie in dieser eifrigen weiblichen Geschäftigkeit. Und als das Paket fertig dalag und sie lächelnd zu ihm aufschaute, da schloß er sie fest in seine Arme, drückte ihren Kopf an seine Schulter und küßte sie auf den Scheitel. »Liebe Ilonka! Gute, liebe Ilonka!« flüsterte er ein Mal über das andre. Mehr brachte er nicht heraus, denn er war gar so gerührt. Ein wenig erstaunt machte sie sich von ihm los und sagte mit einem reizend liebenswürdigen Lächeln, wie er es nie zuvor an ihr gesehen hatte: »Ober wos denn, liebär Freind, wos bin ich denn so gut? Is gonser gemainer Aegoismus von mir: mocht mir Schmärz, wenn ich muß hören von Krankheit und Not bei ain' Kollägen. Ise mir ungemitlich, wenn ich muß denken: Ilonka hot olle Tage gutes Diner und schöne Klaider, und ormes Madel mit viel Talent plagt sich dicht dabei und hot nix zu essen und nix zu auf den Laib zu ziehen. Geb' ich doch lieber paar Hemdeln und paar Höseln her, als daß ich mir mache solchen Schmärz! Konn ich doch jetzt mit gutem Gäwissen wieder fidel sein. – Aber du bise gut, liebär Freind, du bise so gut, daß ich muß du zu dir sogen. Du bise viel besser als gonse Gäsellschaft. Sind sie olle nix nutz – hob' ich dir bloß vorgäschwindelt, weil so komisch wor, daß du olles gäglaubt host. Will ich nicht wieder thun, auf Aehre!« Und sie beugte sich nieder und küßte seine Hand, und dann legte sie ihre Wange in diese Hand und schaute mit ihren großen schwarzen Augen so treu und fromm zu ihm auf wie ein großer guter Hund. Da konnte sich Florian nicht mehr helfen. Es wurde ihm so warm ums Herz, und die Augen traten ihm voll Thränen – er wußte nicht warum. »Oh!« sagte sie nur in einem seltsam langgezogenen, weichen Ton. Und dabei legte sie die Arme auf seine Schultern und küßte ihn. Das waren die ersten Liebesküsse, die er in seinem Leben empfing. Ihm schwindelte. Das Blut hämmerte in allen seinen Pulsen, und seine Arme umklammerten sie so fest, daß sie sich endlich mit einem unterdrückten Schmerzensschrei von ihm losmachte. Die Dämmerung war längst hereingebrochen, aber sie dachten nicht daran, die Lampe anzuzünden. Sie dachten auch nicht daran, ihre Musik vorzunehmen an dem Abend. Sie saßen auf dem Sofa und flüsterten und kosten. – Und als Florian endlich heimging, da blinkten die Sterne am dunklen Nachthimmel, und das Städtchen lag bereits in friedlichem Philisterschlummer. Auf der Ilmbrücke stand der hagere junge Gesell mit seinem Cylinderhut in der Hand, das Antlitz den Sternen zugewendet. Seine Lippen zuckten noch von wilden Küssen, und ein sanftes, prickelndes Feuer brannte ihm unter der Haut, als ob der alte Adam umgeschmolzen werden und ein neuer Mensch in ihm sich entwickeln sollte – ein neuer Mensch mit ungeahnten, wundersamen Gefühlen und mit einem ganz neuen Blick für die Dinge dieser Welt. Er kehrte heim auf dunklen, einsamen Wegen – ohne Nachtmahl. Profane Augen sollten nicht in seinem Antlitz forschen dürfen, welch Wunder heut an ihm geschehen. Er legte sich schlafen, und sein Bett deuchte ihm ein Boot, das ihn auf leichten Wellen einem märchenschönen Eilande zuschaukelte, einem Eilande, das er vor Augen sah mit seinen wogenden Palmenwipfeln, in denen sich bunte Vögel wiegten, von dem berauschender Duft weit übers Meer hinausströmte – und das dem schwankenden Boot doch ewig unerreichbar blieb. Elftes Kapitel. Ilonka, die Gute. Daß es auch noch gerade regnen mußte, als Florian Mayr am nächsten Morgen später als gewöhnlich erwachte! Die Sterne hatten ihm doch noch so freundlich zugelächelt auf seinem Heimwege – und nun dieser jähe Witterungswechsel; er hatte doch so prachtvoll geschlafen, wie gewiegt – und nun dies Erwachen zu grauem Elend und herber Pein! Mit kalten Wassergüssen schien der Himmel hämisch die Menschheit daran erinnern zu wollen, daß ein ungetrübter Wonnemond eine dumme deutsche Poetenerfindung sei, und auf Florians Bett machte sich, als er mit ungläubigen Augen in das fahle Dämmergrau des Morgens starrte, ein moralisches Katertier von außerordentlichen Dimensionen breit. Er setzte sich aufrecht, fuhr sich verzweifelt mit allen zehn Fingern durch den dünnen Schopf und knirschte halblaut vor sich hin: »Bin ich nicht ein gemeiner Kerl? – Ei wohl, ein hundsgemeiner Kerl bin ich. – Was hast du gethan, elender Schuft? Eines edlen Mädchens Vertrauen hast du schändlich gemißbraucht. – Was verdienst du für deinen Bubenstreich, du erbärmlicher Wicht, du? – Stäupen soll man dich auf offnem Markt und dir ein Taferl um den Hals hängen, wo drauf geschrieben stünd: Dieser ist ein Saumagen! – Wart, du Lotterbub, du miserabler!« Und mit der Rechten versetzte er sich eine Ohrfeige, während er sich zugleich mit der Linken in die Magengegend puffte. Davon war er ganz munter geworden. Er stieg aus dem Bett und schlich sich zum Spiegel. Neugierig betrachtete er sein Bild; es mußt' es ihm doch jeder ansehen, was er für ein elender Sünder war. – Hm, so also sah so einer aus! – Irgendwo auf der Stirne mußte doch das Schandmal brennen. Er suchte vergebens danach. Er mußte sich sogar gestehen, daß er eigentlich recht wohl und munter ausschaue. Nun, die andern würden ihm seine Schande schon ansehen. – Ein gefallener Mann – oh!! – ein Aufrechter schmählich geknickt – oh!!! So sollte er nun vor seinen lieben Meister treten! – Und ihr erst, wie wollte er ihr heute wieder in die Augen schauen? – Nun, er wollte jetzt wenigstens mit Mannesmut die Folgen auf sich nehmen. Er wollte sie heiraten; wenn es nötig war, sofort. So was ließ sich ja binnen wenigen Wochen erledigen. – Mit Schrecken dachte er an die Kosten, während er über sein Waschbecken geneigt stand. Und als er dann in seine Hosen fuhr, packte ihn mit Macht ein noch schrecklicherer Gedanke: wenn ihn nun der Meister als übelbewährten Jünger mit Schimpf und Schande davonjagte? Dann war seine Laufbahn verdorben, und die schadenfrohe Welt zeigte mit Fingern auf ihn. Er wagte gar nicht, der guten Frau Tischlermeisterin ins Gesicht zu schauen, als sie ihm sein Frühstück brachte. Und auf dem kurzen Wege zur Hofgärtnerei hielt er den Regenschirm so, daß ihn kein Mensch erkennen konnte. Mit Zittern und Zagen betrat er des Meisters Arbeitszimmer, um zehn Minuten zu spät, und wurde deswegen nicht eben gnädig empfangen. Liszt hatte sich über irgend eine besonders unverschämte Zumutung geärgert, die ihm die Morgenpost gebracht; doch der schuldbewußte Florian meinte natürlich, daß er mit seinem scharfen Auge bereits seine Schmach entdeckt habe. Er war während der ganzen Arbeitszeit zerstreut, und als er ein vierhändiges Stück aus dem Manuskript mit dem Meister spielen sollte, patzte er so arg, daß ihn der Meister stirnrunzelnd zur Aufmerksamkeit ermahnen mußte. Der Vormittag sollte noch schlimmer enden. »Wir fahren morgen zum Loh-Konzert nach Sondershausen,« sagte Liszt, als die Morgenarbeit gethan war; »Erdmannsdörffer führt meine Bergsymphonie auf. Du darfst mitkommen, pcha. Inzwischen kannst du dich mal nach dem besten Zug umthun!« »O bitt' schön, Meister, ich weiß schon: nach Sondershausen fährt man am besten um zehn Uhr fünfundzwanzig!« versetzte Florian rasch. Liszt verneinte auf italienische Art mit dem Zeigefinger und sagte: »Nein, der Zug taugt nicht, den können wir nicht brauchen.« »So?« machte Florian gedehnt. Und auf einmal, eh' er sich dessen versah, hatte er eine wohlgezielte derbe Ohrfeige auf der rechten Wange sitzen. Da er die linke heut früh bereits selber bedacht hatte, so war nun zwar das körperliche und seelische Gleichgewicht aufs glücklichste hergestellt, und er war sich ja auch schamvoll bewußt, weit mehr als nur ein paar Backenstreiche verdient zu haben. Dennoch war er im ersten Augenblick so erschrocken, daß er nicht einmal »au!« schreien, sondern nur mit offenem Munde den ergrimmten Meister anzustarren vermochte. Liszt ging mit großen Schritten im Zimmer hin und her und schaute den Gemaßregelten gar nicht an, bis der endlich fast weinerlich hervorzustottern vermochte: »Aber, Meister, was hab' ich denn bloß gethan?« Da schritt Liszt, immer noch ohne ihn anzuschauen, hinter Florians Rücken, streichelte ihm sanft über die Schulter und sagte etwas verlegen: »Na – pcha! – es war nicht so bös gemeint, mein Sohn, ich wollte dir nicht wehe thun; aber man sagt nicht ›so?‹ zu mir – merke dir das!« Und mit einer fürstlich vornehmen Handbewegung verabschiedete er den armen Sünder. Florian lief spornstreichs nach dem Bahnhof. Er hatte keinen Ueberzieher, sondern nur seinen Schirm zum Schutze gegen den wüsten Landregen. Die Hosen klebten ihm naß an den Beinen, als er am Bahnhof anlangte, gerade zur rechten Zeit, um den »Zehn-Uhr-fünfundzwanzig-Zug« zu erwischen. Er fuhr nach Erfurt, erkundigte sich auf dem Bahnhof aufs sorgfältigste nach den Verbindungen nach Sondershausen und stellte unzweifelhaft fest, daß man in der That nicht schneller und bequemer, als er es behauptet hatte, von Weimar nach der kleinen schwarzburgischen Residenz gelangen könne. Dann trieb er sich in der Stadt herum, bis der nächste Zug ihn zurückbrachte. Naß und verfroren, wie er war, stürmte er wieder zur Hofgärtnerei hinauf, traf den Meister daheim und berichtete mit strahlender Genugthuung, daß in der That der Zehn-Uhr-fünfundzwanzig-Zug nicht seinesgleichen habe. »So?« sagte Liszt langgedehnt. Und dann begann er plötzlich herzlich zu lachen, indem er daran dachte, daß er eben erst just dieselbe Silbe und denselben Tonfall so hart bestraft hatte. Er streichelte Florian freundlich die Wange, die seinen Zorn hatte fühlen müssen, und sagte. »Also bravo, mein Sohn, ich habe unrecht gehabt – verzeih' mir! Aber ›so?‹ sagt man doch nicht zu mir, pcha! – Du kannst heute bei mir speisen, Sankt Florian!« Und er entließ ihn mit einem kräftigen Händedruck. Ganz glücklich eilte Florian heim, und als er seine nassen Kleider wechselte, pfiff er sogar ganz fröhlich vor sich hin. Die Ohrfeige des Meisters und die kleine Spazierfahrt hatten ihm sehr wohl gethan und ihn seinen moralischen Katzenjammer fast vergessen lassen. Auch der Familie Mikulska hatte er nimmer gedacht. Auf seinem Tische fand er beim Heimkehren den schöben Strohhut, den er gestern der kleinen Olga geschenkt hatte, und er brauchte eine ganze Weile, um sich zu besinnen, was der wohl hier zu bedeuten haben mochte, bis es ihm endlich klar wurde, daß die blitzdumme Frau Mutter die Annahme dieses Geschenkes verboten haben mußte. Und nun fiel ihm auch wieder ein, daß er das große Paket mit den Kleidungsstücken gestern bei seiner Ilonka hatte liegen lassen. Ach, er war wirklich ein recht schlechter Mensch, der nur an sich selber dachte! Mußte er nun nicht hingehen und die Sachen für das arme Mädchen sofort holen? Ilonka konnte sie doch nicht herschleppen – sie würde auch schwerlich das Haus betreten wollen, in dem ihr gewissenloser Verführer wohnte. Er rang mit dem Entschluß, zu ihr zu gehen, bis die Essensstunde gekommen war, und nachdem er sich an Liszts wohlbesetzter Tafel gütlich gethan und an dessen feinen Weinen sich Mut getrunken hatte, bat er den Meister, dem Schwarmempfang für heute fern bleiben zu dürfen, da er seine Uebungsstunden versäumt habe. Die Wahrheit war, daß er sich nicht getraute, Ilonka unter den vielen Menschen zuerst wiederzusehen. Er wollte sich sammeln im einsamen Nachdenken und dann am Abend – vielleicht – vor sie hintreten und sie fragen, ob er sie seine Braut nennen dürfe. Er begann ernsthaft mit der Sammlung, sobald er sich das angenehme Diner-Fieber ein wenig aus dem Kopfe geschlafen hatte. Die moralische Betrachtung seines Falles zunächst beiseite lassend, versuchte er, sich das Bild einer Ehe mit Ilonka Badacs nach der praktischen, wie nach der idealen Seite hin auszumalen. Mit dem besten Willen nur Licht zu sehen, machte er sich ans Denken. Aber was dabei herauskam, war eitel Schatten. Sie war gewohnt, viel Geld für ihre Toilette, für gutes Essen und bequemes Wohnen auszugeben. Es war gar keine Rede davon, daß er für beide genug verdiente; sie mußte also wie bisher für sich selber sorgen. Da sie beide Klavier spielten, konnten sie auch nicht zusammen auf Konzertreisen gehen. Ein vierhändig sich produzierendes Ehepaar wäre zwar neu, aber auch bald fad, wenn nicht gar lächerlich geworden. Es konnte also wohl kommen, daß Frau Mayr-Badacs den Süden Rußlands bereiste, während Herr Mayr die westlichen Staaten der Union abklopfte. Unter solchen Umständen konnte von einer ehelichen Gemeinschaft doch eigentlich gar keine Rede mehr sein. Andrerseits konnte er ihr doch nicht gut zumuten, auf ihre glänzende Virtuosenlaufbahn zu verzichten und die bescheidene Hausfrau eines mäßig bezahlten Konservatoriumprofessors in Ixleben oder Liedertafeldirigenten in Ypsilonhausen zu werden. Mit ihrem leichten Zigeunerblut und ihrem prächtigen Humor war sie ganz geschaffen für ein Leben, in welchem heute der Sekt in Strömen floß und morgen die neubesohlten Stiefel nicht bezahlt werden konnten. Sie brachte es fertig, von Schulden zu leben und dabei bester Laune zu bleiben, sie verstand die Feste zu feiern, wie sie fielen – wenn's nur überhaupt Feste zu feiern gab! Aber von allen Eigenschaften, die nötig waren, um einem Gatten aus dem bürgerlichen Mittelstande ein behagliches Heim zu schaffen, besaß sie keine einzige. Und als Florian sich nun endlich gar die Frage vorlegte, ob er denn diese pikante Schöne mit ihrem liebenswürdigen Temperament, ihrem vielgewandten Geist, ihrem Talent und ihrer Herzensgüte eigentlich liebe – d. h. so ganz rettungslos dumm, ausschließlich und für die sogenannte Ewigkeit liebe – da gelangte er zu seiner eigenen Ueberraschung und Beschämung zu einem verneinenden Ergebnis. Hilflos, mit jämmerlicher Miene saß er in seiner Sofaecke und saugte matt an einer Trostcigarre für sechs Pfennige, als Mister Crookes und seine beiden Söhne, mit Geige und Cello bewaffnet, ins Zimmer traten und ihn fragten, ob er mit ihnen musizieren wolle. Florian war ihnen dankbar wie Engeln des Himmels und ging mit Begeisterung auf den Vorschlag ein. Jetzt nur nicht weiter denken müssen! Dieser steife Crookes war ein vortrefflicher Stock, um die Zeit damit totzuschlagen. Der Stock nahm in der Sofaecke Platz, und Florian machte sich mit den beiden Jünglingen eifrig an die Arbeit. Er spielte ohne Murren, was immer sie ihm aufs Pult legten – sogar Mendelssohn! Ihm war schon alles einerlei, und er empfand jegliches Geräusch als eine Wohlthat. Sobald ein Musikstück beendet war, klatschte Mister Crookes sen. seine nervigen Handflächen dreimal bedächtig zusammen und rief mit vorgeschobenem Unterkiefer: »Aoh, bravo – es ist sehr fein, in der That! – Now let us have Beethoven« – oder »Would you mind a little Schumann?« Er strahlte vor Stolz über die Leistungsfähigkeit seiner Söhne, die wirklich taktfest, sauber und mit schönem Ton, wenngleich ein wenig nüchtern spielten. Auch Florian bekam gnädiges Lob gespendet für sein gewandtes Vomblattspielen. Trios, Sonaten und Konzertstücke für Geige oder Cello folgten einander in bunter Reihe, nur durch äußerst kurze Ruhepausen unterbrochen. So lange hintereinander zu musizieren war schon eine achtunggebietende körperliche Leistung; aber wie jemand solange ruhig zuhören konnte, noch dazu in einem so engen Zimmer, ohne sich vom Platze zu rühren, ohne zu rauchen oder einen Tropfen dazu zu trinken, das blieb Florian völlig unbegreiflich. Dieser merkwürdige Engländer mußte in einem Eisenwalzwerk groß geworden sein, daß seine Ohren solche Strapazen aushielten. Und für die Musikverdauungsfähigkeit seines Hirns schien es keine Grenzen zu geben. Zwei Stunden hatten sie bereits so klassisch, romantisch und eklektisch herummusiziert, und die Dämmerung war darüber hereingebrochen. Lampen und Kerzen wurden angesteckt, Mister Crookes sen. lehnte ein Glas Bier entrüstet ab, Florian trank deren zwei, und die beiden Master Crookes jun. erfrischten sich durch ein Glas Wasser, als es an die Thür klopfte und auf Florians gespanntes »Herein« – Ilonka Badacs ins Zimmer trat! Florian wurde erst käsweis und dann blutrot vor Verlegenheit. O du himmlischer Vater, jetzt kam sie ihm gar zuvor, um ihn an seine heilige Pflicht zu mahnen! Sie würde doch nicht etwa gar eine Scene herbeiführen vor diesen drei langbeinigen Engländern? Sie sah grade darnach aus, denn sie trug ein dunkles Seidenkleid mit wenig Schmuck wie eine junge Witwe nach dem ersten Trauerjahr, und wenn ihn nicht alles täuschte, so hatte sie sogar verweinte Augen! Florian fand nicht den Mut, ihr die Hand zu reichen, ja er vermochte nicht einmal anständig »guten Abend« zu sagen. Er wandte sich hastig zu seinen Gästen und stellte ihnen seine »verehrte Kollegin« vor. Die Engländer verbeugten sich mit ihrer landesüblichen Steifheit und sagten kein Wort. Fräulein Badacs dagegen ging sofort auf Mister Crookes sen. zu, streckte ihm die Hand weit entgegen und zog beim kräftigen Schütteln den ganzen dürren Herrn aus seiner Sofaecke hervor. »O, Mister Crookes,« rief sie laut im Brustton innigster Befriedigung, während ein strahlendes Lächeln ihr bleiches Gesicht verklärte – »oh Mister Crookes! ich frei' mich so sähr Ihnen äntlich kennen zu lernen – ich habe von Ihnen gähert. Sie sind Universolgenie, Apostel von alle meglichen Weltverbesserungen, Gaisterbeschwärer und Voter von zwai sähr bädeitende musikolische Jünglinge! Isten! wos sain für hübsche, liebe junge Härrn – ächte Kinstlerphisiognomieen – so simpathisch! Ober nain, ise wohr, sans phrase, Mister Crookes.« Der lederne Mister Crookes errötete tatsächlich unter diesem schmeichelhaften Wortschwall, und Florian dachte bei sich: Jessas, wo bezieht das Weib bloß die viele Empfindung her? Ohne abzuwarten, ob das Universalgenie u. s. w. vielleicht einige passende Worte der Erwiderung auf ihre überschwengliche Begrüßung finden würde, trat Ilonka nunmehr zu Florian und zog ihn am Aermel in die Fensternische: »Lieber Freind, ich muß dir etwas sogen,« flüsterte sie so laut, daß man es drüben auf dem Friedhof hätte hören müssen, wenn das Fenster offen gewesen wäre. Herrgott, und sie duzte ihn ganz ungeniert! Mister Crookes murmelte etwas von nicht Weiterstörenwollen, und die beiden Buben schickten sich gehorsam an, ihre Instrumente einzupacken. Da riefen Florian und Ilonka wie aus einem Munde, sie möchten nur ja bleiben und sich nicht stören lassen. »Wir haben gar keine Geheimnisse miteinander,« fügte Florian mit dreister Stirn hinzu. Und Ilonka bekräftigte ganz naiv diese schnöde Lüge. Vater Crookes wiegelte ab, und die drei Anglosachsen nahmen ihre Plätze wieder ein. Dann erzählte Ilonka dem ängstlich lauschenden Freunde, daß sie soeben von den Mikulskas komme. Mit vieler Mühe war es ihr gelungen, sie zur Annahme ihres Geschenkes zu bewegen; aber das Elend, in das sie bei der Gelegenheit einen Blick gethan, hatte ihr so ans Herz gegriffen, daß ihr bei der bloßen Erwähnung wieder die Augen feucht wurden. Helene lag krank im Bett, sehr krank, der Husten quälte sie fürchterlich, und es war so bald nicht daran zu denken, daß sie sich Liszt zur Prüfung vorstellen konnte. Florian drückte ihr dankbar die Hand – dankbar im Namen seiner Schützlinge, die er in seiner Gemütsverwirrung gänzlich vergessen hatte, und dankbar in seinem eigenen Namen dafür, daß sie ihn nicht an gestern erinnerte. Wäre es möglich, daß sie ihm gar nicht böse war? Es wurde nun ein wenig hin und her geschwatzt und dann auf Ilonkas dringendes Verlangen die musikalische Abendunterhaltung wieder aufgenommen. Die schöne Ungarin setzte sich aufs Sofa und nötigte Mister Crookes, an ihrer Seite Platz zu nehmen. Und dann stürzten sich die ausübenden Herren in ein Trio von Brahms. Dick und Bob patzten und kamen aus dem Takt. War ihnen Brahms zu hoch, oder beunruhigte sie die Gegenwart der schönen Dame? Ueber dem Pianino hing ein großer Spiegel, und wenn Florian einen Moment von den Noten aufblickte, konnte er wohl bemerken, wie Dick und Bob abwechselnd nach dem Sofa hinschielten. Ja, er mußte bald Schlimmeres bemerken! Mister Crookes, der Weltverbesserer, Athlet, Abstinenzler und Musikmassenvertilger begann zu flirten, und Ilonka ging darauf ein – und zwar wie! Das war ein Blicketauschen, ein vielsagendes Lächeln, ein unmerkliches, aber sicheres Näherrücken . . . entsetzlich, himmelschreiend! Schließlich entdeckte Ilonka den Kinderhut auf dem Tisch, setzte ihn sich auf und kokettierte den grinsenden Geisterklopfer mit drolligem Gesichterschneiden ganz unerhört an. Da hielt es Florian nicht mehr aus. Die beiden Buben waren schon gänzlich herausgekommen. Mit einer wütenden Dissonanz brach er ab und drehte sich auf dem Klaviersessel um. »Ja, wenn wir lieber Maschkerer spielen wollen als Brahms, mir soll's auch recht sein!« rief er grob. »Aber entweder eins oder das andre!« »Ober geh', liebär Freind,« schmollte Ilonka, »wer wird so ungemitlich sein? Ihr hobt so großortig gäspielt – ise olles durcheinander gälaufen und gäsprungen wie Ameishaufen. Wor eigene Komposition, bitte? Sähr interessant. – So, war von Brahms? Sähr bädeitender Monn – ober ich mog ihm nicht! – Ho, liebän Freinde, wißt's wos, hob' ich großartige Idee: sain wir lustik! Mochen wir fideles Souper unter uns Junggesellen. Jeder zohlt eine Mark für kolte Kiche, und Mister Crookes zohlt das Getränk. Ich werde gehen einkaufen. Großortige Idee!« Der Vorschlag wurde mit Begeisterung angenommen, besonders von Mister Crookes, welcher jedoch seine beiden Buben von der Teilnahme an dem Gelage ausschließen wollte. Ein Machtwort Ilonkas genügte, um seinen Einspruch zur großen Befriedigung der beiden strahlenden jungen Herren aufzugeben. Sie bat sich dann einen Begleiter aus, der ihr ihre Einkäufe tragen helfen sollte, und da alle vier Herren mit gleichem Eifer ihre Dienste anboten. so ließ sie sie schließlich alle vier mitgehen, damit sich ja keiner zurückgesetzt fühlen konnte. Vor der Thür stand noch in dem feinen rieselnden Regen, schon eine Stunde fast ihrer wartend, die kanariengelbe Droschke, in welcher Ilonka hergefahren war. Sie hatte ganz und gar vergessen, daß sie dem Kutscher zu warten befohlen hatte. Nun setzten sie sich zu fünf in den Rasselkasten und holten aus den besten Geschäften der Stadt kalten Aufschnitt und allerlei Leckereien, sowie etliche Flaschen Wein und Sekt zusammen. Von den Kosten bezahlte Florian Mayr eine Mark, die übrigen zweiunddreißig Mark einschließlich der sehr kostspieligen Droschke erlegte Mister Crookes, ohne eine Miene zu verziehen. Zum Dank dafür wurde ihm gestattet, einige Flaschen Selterswasser für Dick und Bob mitzunehmen. Daheim angekommen, deckte Ilonka mit Hilfe der freundlichen Frau Wirtin den Tisch, ordnete mit vielem Geschick die eingekauften Herrlichkeiten so an, daß trotz des einfachen Geschirrs die Tafel einen verlockenden Anblick bot, und dann setzte man sich zum leckeren Schmause nieder. Es war erstaunlich, auf wie einfache Weise Mister Crookes mit seinem vegetarischen Gewissen fertig wurde: er erklärte den Schinken für die Blüte des Schweines und folglich zum Pflanzenreich gehörig, den Kaviar für ein Gemüse, jungen Erbsen vergleichbar, und den Hummersalat, wie schon der Name besage, einfach für Salat. Nur mit der Wurst konnte er sich als echter Engländer nicht befreunden. Wurst sei und bleibe farcierter Darm und darum keine Speise für gebildete Europäer. Bob und Dick kicherten fortwährend. Sie hatten ihren governor noch nie so aufgeräumt gesehen. Sie ließen sich die kalte Fleischkost vortrefflich schmecken, und das Selterswasser, das dazu gar nicht passen wollte, verwandelte ihnen Ilonkas Kunst bald genug in Wein. Der Vater hatte erklärt, Rebensaft sei ein entschieden heilsames und unschuldiges Getränk, und den Teufel des Alkohols, der sich durch die Gärung da hineingeschlichen habe, den müsse ein Christenmensch kraft seines Geistes überwinden. In seinen Knaben aber sei das Fleisch noch schwach und er könne ihnen keinen so harten Kampf zumuten. Das Fräulein Badacs stimmte dieser Ansicht heuchlerisch bei und schob dabei heimlich ihr Glas Wein zu Master Dicks Platz hinüber, worauf sie Dicks Selterwasser ergriff und damit dem Vater zutrank, während jener gelehrige junge Mann sich gleichzeitig ihren Wein munden ließ. Bob war auch nicht auf den Kopf gefallen. Er erfaßte den Trick und schob sein Glas kohlensaures Wasser dem Bruder zu, der es bei günstiger Gelegenheit an das Fräulein weiter beförderte, von wannen es dann auf demselben Wege in Wein verwandelt an Bob zurückgelangte. Die Wirkung des ungewohnten Giftes zeigte sich bald genug an diesen beiden Jünglingen. Sie begannen sich immer ungezwungener an der Unterhaltung zu beteiligen, wurden Florian gegenüber ganz zutraulich und verbargen immer weniger ihre aufrichtige Bewunderung für die schöne Ungarin. Schließlich erboten sie sich gar, allerlei englische, schottische und irische Volkslieder zum besten zu geben. Das war das Signal zum Beginn eines höchst eigenartigen Konzertes. Die beiden Boys trugen ihre Lieder in der That sehr hübsch vor, begleiteten sich dazu selbst auf dem Klavier und ahmten in den Zwischenspielen mit dem Munde den Dudelsack nach. Selbst Mister Crookes sen. ließ sich zu einer Produktion herbei, um dem Programm Abwechselung zu verschaffen, indem er mit Tellern und Gläsern jonglierte. Er war vermutlich etwas aus der Uebung gekommen, oder war es die Wirkung des reichlich genossenen Champagners? Kurz – ein ansehnlicher Haufen Porzellan und Glasscherben bedeckte bald das Feld seiner artistischen Thätigkeit. Als die Trümmer hinweggeräumt waren, drang man in Fräulein Badacs, sich nunmehr auch hören zu lassen. Sie setzte sich ans Klavier und spielte einen feurigen Csardas, dessen rascher Teil den Zuhörern dermaßen in die Beine fuhr, daß sie wie elektrisiert aufsprangen und auf die drolligste Weise in dem engen Raum zu tanzen versuchten. Auf einmal brach Ilonka ihr Spiel ab, lehnte sich gegen einen Pfeiler des Himmelbettes, verschränkte die Arme über ihrem Kopfe und begann zu singen. Sie hatte eine ungeschulte Stimme von mäßigem Wohlklang, aber die verhaltene Leidenschaft ihrer wunderbar sehnsüchtigen ungarischen Lieder wußte sie doch ergreifend zum Ausdruck zu bringen. Und wie schön sie dastand in ihrer ruhigen statuenhaften Haltung, den Blick der großen dunklen Augen mit leidvollem Ausdruck nach oben gerichtet. Florian Mayr war der einzige gewesen, der den ganzen Abend über nicht in die rechte lustige Stimmung hineinzukommen vermochte. Mit steigendem Mißmut hatte er das Gebaren Ilonkas den drei Engländern gegenüber beobachtet. Daß sie sich über den alten Crookes lustig machen wollte, war ja klar, aber so heftig brauchte sie deswegen mit ihm doch nicht zu kokettieren, meinte Florian. Und wozu sie auch noch diesen guten, harmlosen Buben den Kopf verdrehen wollte, indem sie ihnen die Backen streichelte und ihnen erlaubte, ihr die Arme bis zum Ellbogen hinauf zu küssen, das begriff er vollends nicht. Sie war doch nun sozusagen seine Braut, zum mindesten sein Schatz – wie konnte sie nur in seiner Gegenwart sich so ungeniert benehmen! Florian war eifersüchtig. Und wie sie nun dastand und sang, da rührte sie mit ihren schmachtenden Tönen sein Herz gewaltig auf. Das Blut schoß ihm in den Kopf, er setzte sich an den Tisch und drückte seine beiden Fäuste gegen die Augen, um seiner Erregung Herr zu werden. O du himmlischer Vater – er liebte diese bezaubernde Schlange ja doch! Er verspürte eine unbändige Lust, die drei Englishmen hinauszuwerfen und dann seine Schöne in seinen Armen zu zerdrücken zur Strafe für die Eifersuchtsqualen, die sie ihn hatte ausstehen lassen. Ilonka hatte geendet. Sie nahm die Arme von ihrem Hinterhaupte weg und dehnte sich lächelnd. Ganz leise nur murmelte Mister Crookes vor sich hin: »Very fine indeed« – die beiden jungen Leute drückten ihr schweigend die Hand und Florian blieb gar in seiner sonderbaren Stellung am Tische sitzen, ohne sich zu rühren. Es war einige Sekunden ganz still im Zimmer – und da hörte man deutlich von jenseits der Durchfahrt her das fürchterliche Husten der schwindsüchtigen Polin und das laute Weinen und Wehklagen ihrer Mutter und Schwester. Einen Augenblick horchte Ilonka aufmerksam hin, dann schlug sie sich vor die Stirne und sagte: »O pfui – ise gemain! Hoben wir gegässen, getrunken und lustik gemocht und ganz vergässen an orme Kollägin. Geh, Florian, schäm dich mit! Wir wollen ihr ein Floschchen Säkt hinübertragen – Säkt is gut für die Brust und für die Schwäche, und iberhaupt ise Säkt für olles gut.« Damit ergriff sie eine halbgeleerte Champagnerflasche, hielt Umschau auf dem Tische und that noch die Reste des zarten Lachsschinkens und des Kaviars auf einen Teller. Sie winkte Florian und verließ mit ihm das Zimmer. Als sie drüben bei den Mikulskas eintraten, bot sich ihnen ein schrecklicher Anblick dar. Helene saß schlaff zurückgelehnt in einem alten Korbstuhl und ihre Brust, die Seitenlehne des Stuhls und der Boden zu ihren Füßen waren von hellrotem Blut befleckt. Die kleine Olga stand zitternd und weinend neben der Schwester, einen Schwamm in der Hand, mit dem sie ihr das Blut von Kinn und Lippen gewaschen hatte, und die Mutter hockte hilflos jammernd auf einem Stuhl neben der Ohnmächtigen und rief mit gerungenen Händen die Heiligen an. Ilonka fuhr erschrocken zusammen bei dem fürchterlichen Anblick und mußte für ein paar Sekunden die Augen schließen. Florian nahm ihr rasch Teller und Flasche aus der Hand und stützte sie, bis sie den Schwächeanfall überstanden hatte. »Das ist schlimm!« flüsterte er ihr zu. »Das ist ein Blutsturz, den wird das arme Kind schwerlich überstehen. Ich will einen Arzt holen – bleib du hier und schau zu, daß die Helena wenigstens ausgekleidet und ins Bett gebracht wird. Und kalte Kompressen auf die Brust, hörst du!« Er drückte ihr aufmunternd die Hand und ging rasch hinaus. Er sprang nach seinem Zimmer hinüber, Hut und Schirm zu holen, teilte den Crookes mit, daß die Gasterei ein Ende haben müßte, und stürmte dann mit seinen schnellsten Schritten zum nächsten Arzt. Es war bereits gegen Mitternacht, als Florian mit dem Doktor, den er erst aus seinem Stammlokal hatte heimholen müssen, die Wohnung der Mikulskas wieder betrat. Ilonka hatte unterdessen sich nützlich zu machen gemußt. Die Kranke lag im Bett mit kalten Umschlägen, denen das Eis von dem Champagnergelage zu statten kam. Der Fußboden und der Korbstuhl waren gesäubert worden, und die Mutter Mikulska that, nachdem sie diese Arbeit verrichtet, das Beste, was sie thun konnte: sie hielt den Mund und ließ Ilonka gewähren. Die kleine Olga war übermüdet eingeschlafen, nachdem sie heißhungrig die Reste verzehrt hatte, die für die Schwester bestimmt gewesen waren. In der Aufregung über den heftigen Husten, der Helena schon seit Stunden plagte, hatte die Mutter vergessen, ein Abendbrot zu bereiten. Der Arzt behorchte und beklopfte Helenas jämmerlich mageren Körper aufs sorgfältigste, und gelangte zu der Meinung, daß die Kranke bei ihrer allgemeinen Entkräftung wohl schwerlich wieder aufkommen werde. Eine Wiederholung des Blutsturzes werde ihr sicherer Tod sein; in diesem hohen Stadium der Schwindsucht jedoch, in dem sie sich befinde, sei von den Mitteln, den Hustenreiz zu verhindern, wenig zu erwarten. Die geringste körperliche Anstrengung oder auch seelische Erregung könnte alle Vorsichtsmaßregeln vergeblich machen, und die Dummheit der Mutter, die mit ihrem Geschrei und Gejammer nur aufregend wirken könne, bilde daher die größte Gefahr für die Tochter. Es wurde deshalb verabredet, der Mutter die volle Wahrheit vorzuenthalten und ihr nur einzuschärfen, den Anordnungen des Arztes und der beiden freiwilligen Pfleger gewissenhaft Folge zu leisten. Als der Arzt sich entfernt hatte, gab es einen edlen Wettstreit zwischen Florian und Ilonka, wer von ihnen beiden zunächst die Wache übernehmen sollte. Florian gab endlich nach, da Ilonka noch ganz munter zu sein behauptete und ihn zu wecken versprach, sobald sie schläfrig würde. Er drückte ihr warm die Hand und blickte ihr zärtlich in die Augen beim Gutenachtsagen. Er hatte ihr noch so viel zu sagen, wovon sein Herz voll war, aber hier war wohl nicht der rechte Ort dazu, und so verschob er's seufzend auf morgen und verfügte sich in sein Stübchen hinüber. Halb angekleidet warf er sich aufs Bett und war bald fest eingeschlafen. Als er erwachte, graute bereits der Tag. In dem schwachen Dämmerschein erkannte er seine Liebste, die vor seinem Bette stand und ihn am Arm gepackt hielt. »Liebär Fraind,« sagte Ilonka matt lächelnd, »du hast ober festen Schlof! Sei nicht bese, daß ich dir aufgeschittelt hab' – ich bin so sähr mid; geh sei lieb, loß mich bisl schlofen! Ise olles besorgt driben – ormes Madl schloft gonz sonft.« Florian begriff endlich, was von ihm verlangt wurde, rieb sich noch einmal die Augen und sprang dann entschlossen auf die Füße. Sobald der Platz frei war, setzte sich Ilonka aufs Bett, lockerte ihren Kleiderbund, riß mit einem Ruck sämtliche Knöpfe ihrer Taille auf und streckte sich mit einem Seufzer der Erleichterung lang aus. Des Schnürleibs hatte sie sich schon drüben entledigt. Sie schloß alsbald die Augen und atmete tief. In Hemdärmeln, sich mit allen zehn Fingern das lange Haar kämmend, stand Florian mitten im Zimmer und starrte auf sein Bett. Es ward ihm seltsam weich ums Herz. Da waren sie nun nach dem schrecklichen Sündenfall von gestern so ohne alle thörichte Scheu zu einer guten That der Nächstenliebe verbunden, innigst vertraut wie nur ein Ehepaar im besten Einvernehmen. Brachte diese Nacht sie nicht, im Grunde genommen, einander näher, als der flüchtige Rausch jener Schäferstunde? Jetzt liebte er sie wirklich und war gewiß, daß der helle Tag ihm keinen moralischen Katzenjammer bescheren würde, wenn er jetzt die folgenschwere Frage thäte. Und mit raschem Entschluß kniete er zu ihren Häupten nieder, streichelte ihr sanft die wirren Löckchen aus der Stirn, küßte sie und flüsterte ihr zu: »Du Schatz, hörst du mich?« Sie nickte kaum merklich mit dem Kopf und ließ dazu ein etwas ungeduldiges Brummen hören. »Gelt, du bist mir doch net bös wegen dem, was gestern passiert ist?« fuhr er unbeirrt zu flüstern fort. Und da sie mit einem unwilligen Grunzen Miene machte, ihm den Rücken zuzukehren, legte er den Arm um sie, um sie festzuhalten, und fuhr eifrig fort: »Nein, schau Liebste, des darfst mir fein net nachtragen! Schau, ich hab' dich doch net bloß so a bißl gern, ich – ich bin doch so verbrennt in dich . . . nein, schau, wahrhaftig bei Gott! ich bin dir so gut, daß ich mir nichts Besseres wünschen möcht', als du thätst mein liebes Weiberl werden.« Da öffnete sie plötzlich ihre Augen, sah ihn groß an und lachte kurz auf. »Ti vagy hóbortos!« sagte sie langsam und deutlich, indem sie ihm dabei mit dem Zeigefinger an die Brust tippte. Florian hielt ihr die Hand fest, die er küßte, und flüsterte erregt: »Geh, sag's doch deutsch! Heißt jetzt des: ich liebe dich?« Trotz ihrer Schlaftrunkenheit mußte Ilonka laut auflachen. »Ho, ise ausgezeichnet!« kicherte sie, indem sie ihm mit der Hand über den Kopf fuhr; »nein, liebär Fraind, dos haißt nicht: ich liebe dich – dos haißt. du bise verrickt!« Florian erhob sich eiligst vom Boden und rief höchst gekränkt: »Ach geh, schäm dich, Ilonka! Ist das eine Art – wenn's einer ernst meint und . . . hm, meinst, ich wär' verrückt, weil ich dich heiraten will?« »Ober sähr!« versetzte Ilonka mit Seelenruhe. »Freit mich uhngemain, wenn du mich gern hast – ich hob' dich auch gern, weil du bis gutär, liebär Kärl. Ober wenn ich heiraten will, muß ein Grof sein – sähr reich und sähr, sähr immens dumm! Uhaih haiaiai!« Nach diesem ungeheuer langen Gähner schloß sie die Augen und wälzte sich auf die andre Seite. Florian stand noch eine ganze Weile regungslos da mit geballten Fäusten und finster zusammengezogenen Brauen. Die tiefen, regelmäßigen Atemzüge belehrten ihn bald, daß seine schlimme Liebste eingeschlafen sei. »Herrgottheiligeskreuzdunnerwetter, werd' einer aus dem Weibervolk klug!« knirschte er grimmig zwischen den Zähnen hervor. Dann fuhr er in seinen Rock und schlich sich auf den Zehen aus dem Zimmer. In wenig menschenfreundlicher Stimmung trat er seinen Samariterdienst an. Die Mikulskas schliefen alle drei. Helena hätte man für tot halten können, so leichenblaß und regungslos lag sie da, und nur das leise Röcheln in ihrer Brust zeigte an, daß sie noch atmete und daß es sorgsam achtzugeben galt. Sobald es Tag geworden war, verfügte sich Florian zu seinen Wirtsleuten, um ihnen über die Vorfälle der Nacht Mitteilung zu machen. Er ließ sich sein Frühstück in die Wohnung der Mikulskas hinüberbringen, damit Ilonka ruhig ausschlafen könnte. Die gute Schreinermeistersfrau erklärte sich gern bereit, statt seiner der kopflosen Frau Mikulska zur Hand zu gehen, und so konnte Florian einigermaßen beruhigt zur gewohnten Stunde zu Liszt gehen. Er erzählte dem Meister das Vorgefallene, und der erbot sich, für die arme Kranke zu thun, was irgend mit Geld zu leisten sei. Er sollte nur allzubald beim Worte genommen werden, denn Helena Mikulska verschied kaum achtundvierzig Stunden später an den Folgen eines zweiten Blutsturzes. Liszt kam selbst mit dem Priester, der ihr die letzte Wegzehrung reichte, betete mit den Ihrigen und hielt die knochigen Hände der Sterbenden, die sich so viele Jahre hindurch hart abgemüht hatten, um einst vor ihm ihre Kunst erproben zu dürfen, lange in den seinigen. Aber sie hatte schon das Bewußtsein verloren – die Genugthuung, daß der scheu verehrte Meister ihr den letzten Händedruck gegönnt, konnte der armen Märtyrerin der Kunst nicht mehr den Abschied von der Welt verklären. Auf Liszts Kosten wurde ihr ein einfaches Begräbnis ausgerichtet, das aber immerhin durch das freilich sehr bescheidene katholische Schaugepränge in dem ganz protestantischen Weimar ein gewisses Aufsehen erregte. Der Meister selbst und eine nicht kleine Anzahl seiner Schüler waren dabei zugegen, und eine Menge Neugieriger obendrein. Florian hatte natürlich alle Geschäfte, welche die Beerdigung erforderte, auf sich genommen; aber auch das Fräulein Badacs war der armen Kranken bis zum letzten Augenblicke treu zur Seite gestanden. Florian hatte es während all der Tage bis zum Begräbnis ängstlich vermieden, mit Ilonka etwas andres zu besprechen, als was ihren Krankendienst anbelangte. Er grollte ihr wegen des garstigen Wortes, womit sie – zwischen Lachen und Gähnen noch dazu! – seine Werbung zurückgewiesen hatte. Und doch wollte es ihm durchaus nicht gelingen, seine ehrliche Liebe für sie aus der Seele zu reißen, in der sie vielmehr von Stunde zu Stunde tiefer Wurzel faßte, wenn er die Gute so treu, so sanft und geschickt ihres selbsterwählten schweren Amtes bei der Kranken walten sah. »Sie ist doch wirklich ein ganz prachtvolles Frauenzimmer,« sagte sich Florian mehr denn einmal bei Tage und bei Nacht. »Der Teixl mag wissen, warum ich verrückt sein soll, wenn ich die zu meiner Frau machte!« – Und am Abend des Begräbnistages beschloß er, eine ruhige Aussprache mit der Geliebten zu suchen und sich nicht wieder durch ein dummes Wort vor den Kopf stoßen zu lassen. Sie sollte einmal ehrlich Farbe bekennen. Abends um Sieben klingelte er bei Fräulein Badacs. Das Fräulein sei nicht zu Hause, erklärte ihm die Zimmervermieterin. »Bitt' schön, dann sagen S' dem Fräulein, ich käm' noch einmal wieder heut abend!« »I nee, hären Se, das hilft Sie nischt!« sagte die Frau verlegen lächelnd. »Das Freilein sind ja doch verreist.« »Verreist – wohin?« »I nu hären Se, das weeß ich Sie nich, aber weit werd's wohl nich sein.« »Mit wem denn?« Florian wußte eigentlich selbst nicht, wie er zu der Frage kam; aber nun war sie einmal heraus, und bebend erwartete er die Antwort. Die Frau lächelte verschämt, wischte sich mit der Schürze an ihrem bloßen roten Arm hinunter und sagte: »Nu, doch wohl mit 'n Herrn von Oettern – mit dem hat se's doch schon lange!« – Am andern Nachmittag hätte es bereits jeder einzelne aus dem Schwarm dem guten Florian verraten können, daß Ilonka Badacs mit dem unwiderstehlichen Jean d'Oettern eine kleine Erholungsreise angetreten habe, mit demselben liebenswürdigen Jean d'Oettern, den der Oberkellner des »Erbprinzen« mit unendlich feinem Lächeln ihm als den Masseur der schönen Ungarin vorgestellt hatte. Zwölftes Kapitel. Wagalaweia! In den nächsten Tagen ging Florian Mayr in Weimar umher wie ein brüllender Löwe und suchte, welchen er verschlinge. Auswendig brüllte er zwar nicht, desto mehr aber inwendig, und zwar wie ein bayrischer Löwe. Das Weib hatte bisher in seinem arbeitsreichen Leben keinen Platz gefunden – und nun mußte seine erste Erfahrung mit dieser Menschengattung gleich so ausfallen! Er verspürte eine unbändige Lust, jemand zu prügeln, und da es leider nicht für anständig gilt, sich an Damen thätlich zu vergreifen, so deuchte ihm Jean d'Oettern der nächste dazu. Zweimal täglich sprach er sowohl im Atelier, als auch in der Wohnung des eleganten Malers vor, stets mit einem bedenklichen Knüttel bewaffnet, bei Regen und bei Sonnenschein. Aber der Herr war und blieb verreist. und niemand konnte Auskunft geben, wohin er sich gewandt habe oder wann er heimzukehren gedächte. Da er sich nun das Prügeln vorläufig versagen mußte, versuchte er sich wenigstens dadurch schadlos zu halten, daß er an allen Personen aus dem Schwarm, die ihm mißliebig waren, sein Mütchen kühlte. Er war nicht mehr so naiv, wie in den ersten Tagen seines Hierseins, wo er noch gutgläubig alles für bare Münze genommen hatte, was ihm die lieben Kollegen und Kolleginnen von sich selbst und andern erzählten. Auch über Ilonkas tugendberühmte Tafelrunde waren ihm inzwischen die Augen geöffnet worden: gerade dieser gehörten die größten Windbeutel und die lockersten Dämchen an, und auch die Behauptungen von der erlauchten Abkunft, den fabelhaften Reichtümern und dem gewaltigen Genie einzelner ihrer Mitglieder hatten sich ihm als eitel Dunst erwiesen. Solange er noch als reiner Thor unter diesen Sündern wandelte, hatte ihn die Kunde von all den Kreuz- und Querverhältnissen, die da Männlein und Weiblein verknüpften, von der Schuldenmacherei und sonstigen Aeußerungen bodenlosen Leichtsinns dermaßen entrüstet, daß er am liebsten auch seinen teueren Meister vor der Berührung mit solchen räudigen Schafen bewahrt und die ganze Schächergesellschaft zum Tempel hinausgejagt hätte; seit er aber selbst vom Baum der Erkenntnis genascht, entledigte er sich in aller Stille des großen Ballastes von Steinen, den er sonst immer in der Tasche mit sich herumgetragen, um sie auf seine sündhaften Mitmenschen zu schleudern. Und wie die liebe Jugend nun einmal ihr bißchen Erfahrung zu verallgemeinern und ihre Grundsätze im Handumdrehen danach zu verändern pflegt, so beeilte sich auch der tiefgekränkte Florian, alsbald das Teufelsgeschlecht der Weiber für alle Mangelhaftigkeit dieses irdischen Daseins verantwortlich zu machen. Da waren besonders ein paar Klaviatur-Mänaden, die Liszts Langmut schon auf harte Proben gestellt hatten und die sich außerdem gegenseitig in lächerlicher Eifersucht befehdeten. Fräulein Julie Robertson warf dem Fräulein Dorette Schönflies vor, daß sie durch abgefeimte Schmeichelkünste des Altmeisters Gunst erschlichen und sie aus seinem Herzen gedrängt habe, während Fräulein Schönflies überall herumerzählte, daß Fräulein Robertson sich so aufdringlich gegen den alten Herrn benommen habe, daß dieser sie nur noch bei den allgemeinen Empfängen sehen wolle. Die beiden Damen belauerten einander auf Schritt und Tritt und tauschten die erbaulichsten Zärtlichkeiten aus, wo immer sie sich begegneten. Die Robertson drohte, sie werde die Schönflies öffentlich ohrfeigen, wenn sie es wagen sollte, noch einmal bei verschlossener Thür beim Meister zu weilen, und die Schönflies wiederum weissagte der Robertson, daß sie noch per Schub in ihre Heimat befördert werden würde. Fräulein Schönflies pflegte mindestens jeden zweiten Tag zu einer Stunde, wo Liszt nur für die wirklich Vertrauten zu sprechen war, anzutreten, um den Versuch zu machen, allein vorgelassen zu werden. Das glückte ihr höchstens alle vierzehn Tage einmal, denn sie war eine herzlich schwache Pianistin, und Liszt mußte just gar nichts Besseres zu thun haben, wenn er sich darauf einlassen sollte, sich privatim mit ihr zu beschäftigen. Ihre besondere Art der Koketterie war es, sich wie ein ganz kleines Mädchen zu gebärden, obwohl sie mindestens schon ihre fünfundzwanzig hinter sich hatte. Sie trug möglichst kurze Kleidchen, lange blonde Zöpfe und Amibändchen. Diesem Aufzuge entsprach ihr kindisches Gethue, und Liszt konnte sich daran ergötzen, wenn er just in der Laune war. Er brauchte ihr nur die Backen zu streicheln, so führte sie sofort ihre verschämte Backfischkomödie auf, so sicher wie ein dressierter Pudel auf Kommando seine Kunststücke. Wenn aber das Fräulein Schönflies nicht vorgelassen ward, so hielt sie sich unter allerlei Vorwänden mit dem Sekretär oder mit Fräulein Pauline, der Wirtschafterin schwatzend, so lange als möglich in der Hofgärtnerei auf, um den Anschein zu erwecken, als habe sie die ganze Zeit bei Liszt verbracht. Es war ihr eben die größte Freude, den Neid der Kolleginnen zu erregen. Fräulein Robertson dagegen hatte höhere Ziele. Wenn sie auch keine zweite Gräfin d'Agoult oder Fürstin Wittgenstein werden konnte, so wollte sie doch gerne ihren Namen auf die Nachwelt bringen als Liszts letzte Vertraute, als verständnisvolle Hegerin seiner letzten Pläne und Gedanken. Sie war eine energische Person, aber leider war sie dem Meister unsympathisch, und er dachte daher nicht daran, von ihrer hingebungsfreudigen Begeisterung irgend welchen Gebrauch zu seinem persönlichen Vorteil zu machen. Dabei wußte er noch gar nicht einmal, wie er auf Schritt und Tritt von ihr belauert wurde und wie ihre lächerliche Eifersucht über jede Gunstbezeigung wachte, die er irgend einer andern jüngeren Dame zu teil werden ließ. Dieser beiden angenehmen Damen nun nahm sich Florian Mayr zunächst einmal liebreich an. Als er die Schönflies wieder einmal im Vorzimmer traf, während der Meister bei der Arbeit war, ersuchte er sie zunächst höflich, aber bestimmt, sich schleunigst entfernen zu wollen und nicht eher wiederzukommen, bis ihr der Meister sagen lasse, daß er sie zu sehen wünsche. Als sie aber mit weinerlicher Stimme dagegen Einwendungen erhob, ergriff er sie fest beim Handgelenk und zog sie hinaus. Und als sie draußen laut zu weinen und zu lamentieren anhob, um womöglich Liszts Aufmerksamkeit zu erregen, da begleitete er sie mit sanfter Gewalt auch noch die Treppe hinunter. Ein Hohngelächter empfing die beiden, als sie unten im Hausflur anlangten. Das war Fräulein Robertson, die ihrer Feindin wie gewöhnlich aufgelauert hatte, um mit der Uhr in der Hand festzustellen, wie lange sie wieder beim Meister verweilte. Sofort ließ Florian die Schönflies los und wandte sich an die Robertson, der er einige Freundlichkeiten sagte, die wiederum Fräulein Dorettes lebhaften Beifall fanden, denn sie brach in ein schadenfrohes Gekicher aus. Nun fuhren die beiden Damen aufeinander los, und es gab ein anmutiges Gekreisch, zwischen das Florian vergebens mit seiner ausgesuchtesten Grobheit hineinwetterte, so daß ihm schließlich nichts weiter übrig blieb, als die Julia zum Gartenthor und die Dorette zur Hausthür mit kräftigen Schüben hinauszubefördern. Die Scene hatte offenbar Zeugen gehabt, denn am selben Abend noch sprach man in ganz Weimar davon, und Fräulein Robertson hatte sich im nächsten Laden einen Revolver gekauft und öffentlich gedroht, das Fräulein Schönflies, den Herrn Mayr und jeden, der sich ihr sonst noch etwa in den Weg zu stellen erdreisten würde, einfach über den Haufen zu schießen. Daß Florian Mayr als neuester Günstling bei den übrigen Lisztianern nicht sonderlich beliebt war, versteht sich wohl eigentlich von selbst. Diejenigen, die selbst nichts Sonderliches leisteten, außer an Selbstüberschätzung, neideten ihm seine bevorzugte Stellung am meisten, aber da er selbst sich keineswegs anmaßend betrug und sich den Kollegen gegenüber bei aller Zurückhaltung doch im ganzen liebenswürdig gab, so hatte ihm die Verleumdung seiner Neider bis jetzt noch nicht recht beizukommen vermocht. Der Vorfall mit den beiden aufdringlichen Frauenzimmern kam nun natürlich der ganzen Meute bösartiger kleiner Kläffer ungemein erwünscht. Alle die Verkannten geringeren Kalibers, die sich über vermeintlich ungerechte Zurücksetzung zu beklagen hatten, bäumten sich nun gemeinsam auf und verschworen sich wider den übermütigen Günstling, dem sie es ihrer Meinung nach zu danken hatten, daß sie nur mit dem Schwarm zum Meister vordringen und nicht auch seine Einzelnunterweisung genießen durften. Die Fräulein Robertson und Schönflies, die sich sonst keineswegs besonderer Beliebtheit erfreuten, hatten urplötzlich über einen ganzen Haufen ergebener Freunde und dienstwilliger Verteidiger ihrer Unschuld zu gebieten. Die Feindschaft der beiden gekränkten Damen konnte dabei ruhig weiter bestehen, denn es gab weder eine Partei Robertson, noch eine Partei Schönflies, sondern nur eine große Anti-Mayr-Partei. Die Verschwörer beschlossen zunächst, die Mißstimmung gegen Florian Mayr unter allen Lisztianern, sowie in weitesten Kreisen der Gesellschaft nach Kräften zu schüren und eifrig nach dunklen Punkten in seinem gegenwärtigen oder früheren Privatleben zu spüren, um ihn bei günstiger Gelegenheit wirksam beim Meister verklagen zu können. – Uebrigens sollte an demselben Tage, an welchem Florian zwei so überaus würdige Opfer für seinen Grimm gefunden hatte, das Glück ihm noch einmal lächeln. Als er gegen Abend in Begleitung seines greulichen Knüttels abermals am Atelier des Herrn von Oettern anklopfte, ward endlich »herein« gerufen. Sein Herz schlug höher – ha, die Stunde der Rache hatte geschlagen! Mit kräftigem Tritt überschritt er die Schwelle und sah sich dem berühmten Don Juan d'Oettern gegenüber. Ein verdammt hübscher Kerl war der freilich, das mußte ihm der Neid lassen. Diese schlanke, biegsame Gestalt, so bequem und doch höchst elegant gekleidet, dieser schmale Kopf mit dem goldblonden und seidig glänzenden Haupthaar und Schnurrbart, dies fein geschnittene und doch durchaus nicht weichliche Gesicht mit den munteren Augen darin und dem geistvollen Ausdruck, die vornehmen, wohlgepflegten Hände – ja, es war eigentlich kein Wunder, daß sich die freien Künstlerinnen der Musenstadt so massenhaft in den verliebten. Diese vernünftige Erwägung hätte dennoch den zielbewußten Florian nicht abgehalten, nach einer kurzen, aber gemeinverständlichen Einleitung mit seinem Zaunpfahl über Jean d'Oettern herzufallen, wenn nicht leider noch ein zweiter Herr zugegen gewesen wäre. Dieser andre trat sofort mit ausgestreckter Hand auf Florian Mayr zu und rief, bevor er sich noch mit Herrn von Oettern begrüßt hatte, lebhaft aus: »Ah, was seh' ich? Mein lieber Herr Mayr! Also sind Sie doch auch glücklich in Weimar gelandet!« Und Liszts Ton getreulich nachahmend, fügte er hinzu: »Pcha – bravo!« Florian kam durch die unvermutete Störung seines Programms ein wenig aus der Fassung. Mit dem Zylinder in der Rechten und dem Knotenstab in der Linken guckte er dem großen Herrn mit dem rotblonden Schnurr- und Kinnbart fragend ins Gesicht, und jener mußte ihn erst daran erinnern, daß sie nach der Vorführung des »Satan« von Peter Gais eine sehr fidele Nacht miteinander durchgekneipt hatten, ehe er sich bewußt ward, daß er dem Baron von Ried gegenüberstehe. »Na, ich sehe, ihr seid auch schon gute Freunde geworden?« wandte sich der Baron nach vollzogener Begrüßung an Herrn von Oettern, indem er dabei auf den immer noch verlegen dastehenden Florian wies. »Freunde? Pardon, ich muß sehr bedauern!« versetzte Herr von Oettern – ein wenig spöttisch lächelnd, wie es Florian scheinen wollte. »Ich kenne Herrn Mayr von Ansehen und par renommée natürlich – wa-was willst du: Koryphäe des neuen Jahrgangs, enfant gâté – natürlich! Aber ich habe noch nicht die Ehre seines Besuches gehabt. Bitte, Herr Mayr, wo-wollen Sie nicht ablegen?« Damit nahm er ihm Hut und Stock aus der Hand, um sie nach dem Kleiderständer in der Nähe des eisernen Ofens zu tragen. Der knorrige Stock fiel ihm auf, er besah ihn, hielt ihn gegen das Licht empor, ließ ihn probeweise durch die Luft sausen und sagte dann, beiden Besuchern zugewendet: »Sehr be-bemerkenswerter Stock – deutsche Rebe, was? Ah, parbleu, c'est une dróle de canne! 1830–50! Sie wollen die Fasson wieder lancieren – wa-warum nicht? Also bravo!« Auf diese einfache Art sah sich Florian entwaffnet. Er konnte doch unmöglich dem Herrn den Stock nun wieder aus der Hand nehmen und sagen: »Nein, Sie entschuldigen, mein Bester, nicht um die Form von 1830 zu lancieren, sondern um Sie damit durchzuprügeln, habe ich diesen Stecken mitgebracht.« Ja, aber was wollte er denn eigentlich hier, wenn er auf das Prügeln verzichtete? Er war immer noch nicht so weit in der Bildung fortgeschritten, daß er sich zu der Dreistigkeit aufgeschwungen hätte, ohne irgend welche Einführung Berühmtheiten aufzusuchen. Herr von Oettern schien allerdings an Besuche solcher Art gewöhnt zu sein, denn er fragte gar nicht weiter nach Florians Begehr. Es war wirklich ein glücklicher Zufall, der den Baron von Ried hierher führte. Durch ihn kam alsbald eine Unterhaltung in Gang, die Florian über alle Verlegenheit hinweghalf. Man sprach über das Berliner Musikleben und gelangte von da aus zu allgemeinen Betrachtungen über die Entwickelung der neudeutschen Richtung und über den Zusammenhang dieser Entwickelung mit der der übrigen Künste. Der Baron von Ried war derjenige, der die Grundlinien der Diskussion aufstellte und die theoretischen Behauptungen hinwarf, während Herr von Oettern allerlei frappante Bemerkungen dazwischenwarf und anekdotisches Beweismaterial beisteuerte. Er war überall gewesen, hatte schier alles gesehen und gehört, was in der Kunst Belangreiches sich ereignet hatte, kannte eine große Anzahl hervorragender moderner Geister persönlich und war namentlich über französische Kunst und Litteratur außerordentlich gut unterrichtet, da er vorzugsweise in Paris studiert hatte und dort ganz heimisch geworden war. Es machte Florian anfangs einige Schwierigkeiten, seiner merkwürdig zerhackten, manchmal beinahe stotternden und doch sehr raschen Sprechweise zu folgen. Oftmals ließ er einen Satz ganz unvollendet oder deutete den Schluß nur durch ein Wort oder durch eine, von einem erläuternden Ausruf begleitete Handbewegung an. Manchmal schien er auch gar nicht mehr zuzuhören, sondern trat vor das Bild, an dem er gerade malte, und setzte irgendwo ein paar kecke Striche hinein, oder er lief ans Klavier und spielte stehend ein paar Takte Wagner, Liszt oder Chopin mit seltsam verschobenem Rhythmus, aber immer das Bedeutsame zur richtigen Geltung bringend. Die ganze moderne Musiklitteratur bedeckte in hohen Stößen den Flügel und die kostbare gestickte Seidendecke, die darüber lag. Der Mann und seine Umgebung paßten überhaupt wunderbar zusammen. Sein Atelier war ein kleines Museum von Kunst- und Litteraturschätzen aus der Zeit etwa von Ludwig XV. bis zum Kaiserreich. Ueber dem falschen Kamin, auf dessen Sims ein paar große chinesische Vasen mit trockenen Bambuswedeln standen, hing ein prachtvoller Gobelin, fast die ganze Wand bedeckend. An den übrigen Wänden eigene Bilder Hans von Oetterns oder auch ältere Werke meist französischer Schule, darunter einige Stücke berühmtester Meister. Die Möbel waren Louis XVI. oder Empire. Büchergestelle aus dunklem Mahagoni mit Bronzebeschlägen waren angefüllt mit erlesensten Werken der französischen Litteratur des achtzehnten Jahrhunderts, darunter eine Menge kostbare Illustrationswerke und Seltenheiten besonders auf dem Gebiet der galanten Litteratur, alle in alten Liebhabereinbänden. Auf einem drehbaren Tischchen stand eine Vitrine. die allerlei Kostbarkeiten, als: geschnittene Steine, Kameen, emaillierte Dosen, gemalte Fächer, Münzen und dergleichen enthielt, und eine Menge andrer Gegenstände der feinen Kleinkunst standen auf Tischen, Etageren und Konsolen umher oder waren auf Samtunterlagen in flachen Glaskästen zur Schau gestellt. Die Polstermöbel waren mit echten alten Seidenstoffen überzogen, ebenso wie die zahlreichen üppigen Kissen, während die übrigen Möbel, wie besonders der große Schreibtisch, alle in Mahagoni mit Bronzebeschlägen im besten Empirestile gehalten waren. Ueberall harmonisch gedämpfte Farben, nirgends eine parvenuhafte Effekthascherei – stille Freuden für feine Kenner sollten diese seltenen Dinge bereiten, nicht gleichgültigen Gaffern durch handgreifliche Kostbarkeit imponieren. Es atmete in diesem Raum der Geist eines umfassenden Wissens, durch künstlerische Leichtfertigkeit seiner staubigen Schwere entlastet, oder auch der Geist einer durch erlesenen Geschmack geadelten Frivolität. Während der Unterhaltung wechselte Florian oft seinen Platz, um all die schönen Dinge betrachten zu können, und Herr von Oettern holte ihm bereitwilligst die Gegenstände, auf die er seinen Blick gerichtet sah, hervor und gab ihm nähere Erklärungen dazu. Man sagte Herrn von Oettern in Weimar nach, daß selbst die vornehmsten Damen ihm nicht zu widerstehen vermöchten, wenn sie nur einmal eine halbe Stunde in seinem Atelier zugebracht und mit ihm in seiner Bibliothek geblättert und gewisse Miniaturmalereien auf Porzellan und Elfenbein aufmerksam studiert hätten. Das war sicherlich plumpe Verleumdung, denn Jean d'Oettern haßte viel zu sehr den groben Skandal, die unbequemen dramatischen Konsequenzen, als daß er jemals einer Vertreterin jener Kreise zu nahe getreten wäre, in welchen Damen ohne Anhang nicht denkbar sind. Aber obwohl die Gefühle einer vornehmen Dame niemand fremder waren als dem ehrlichen Florian Mayr, verspürte auch er diese Unwiderstehlichkeit des jungen Malers am eigenen Leibe. Es war ihm ganz ähnlich beklommen zu Mute wie irgend einem einfachen Menschenkinde, das zum erstenmal an den Tisch eines regierenden Herrn geladen worden ist – nur mit dem Unterschiede, daß sich hier mit der Beklommenheit ein gut Teil rein geistiger Freude mischte über die guten Bissen, die an dieses Herren Tische gereicht wurden. Seltsam, dem Baron von Ried gegenüber verspürte er gar nichts von solcher Beklommenheit: den konnte er sich ganz wohl als bequemen Reisekameraden auf einer Fußwanderung denken. Er hatte auch die besten aristokratischen Manieren und stand gewiß an Bildung, vielleicht auch an Geschmack, nicht hinter Herrn von Oettern zurück. Aber man fühlte schon nach kurzer Bekanntschaft sein hemdärmeliges Temperament durch – das soll heißen: er behagte sich in keiner gesellschaftlichen Verkleidung, wenn gleich er sie mit Anstand zu tragen wußte, und seine draufgängerische Lebenskraft spazierte am liebsten nackt im Sonnenschein. Es war kennzeichnend für ihn, daß er zwar alle Brutalitäten der Kraftgenies in Worten vermied, im Wesen jedoch von einer erfrischenden Vorurteilslosigkeit und Ungeniertheit war, die ihn so recht zu einem fruchtbaren Gegenwartsmenschen stempelte. Er war in keiner Parteischablone unterzubringen, er hatte keine Spur von Respekt vor altehrwürdiger Schulweisheit und auch nicht vor modischen Schlagworten. Er wußte viel und interessierte sich lebhaft für alles, was in dieser gärenden Zeit die Geister in Bewegung setzte. Seine Behauptungen kamen keck und scharf heraus, aber er hörte auch auf die Einwendungen der andern und ließ sich von guten Gründen gern überzeugen. Männer, die sich überzeugen lassen, sind so selten! Man nennt dieselben schwache Charaktere!! Darum thun sie es nicht gern!!! »Wissen Sie, ich hasse eigentlich die Musik,« sagte der Baron im Laufe der Unterhaltung, »weil sie alles absorbiert, was die große Menge sonst für ernste Kunst vielleicht noch übrig hätte. Was sich heute zu den gebildeten Ständen zählt, das verbraucht so viel Nervenkraft und Gehirnschmalz in seiner fieberhaften Erwerbsthätigkeit, daß es sich beim Kunstgenuß, wenn es überhaupt ein Bedürfnis danach hat, nicht mehr geistig anstrengen mag. Daher kümmern sich so wenig Leute um unsre Litteratur. Wir alle, die wir in der Zeit stehen und nicht mehr mit alten Puppen spielen, wir alle mühen uns so ernsthaft ab, die großen Fragen anzupacken, den modernen Menschen, dieses mit Haut bekleidete Nervenbündel, zu gestalten – als abschreckendes Beispiel – um die Sitten zu verbessern, und ich weiß nicht, was alles. Wir sind fanatische Fastenprediger, Tuifelemaler und Lichtaufstecker – aber das liebe Publikum läuft nicht in unsre Kirche, mag von unsern Teufeleien nichts wissen und beschattet sich vor unsern Kerzen die Augen mit beiden Händen. Nur nicht sehen, nur nicht nachdenken müssen! Bei Worten muß man aber immer denken. Darum fort mit der Wortkunst! Nun liegen sie alle vor der Tonkunst auf den Bäuchen. Wie wonnig die das Denken einwiegt: Wagalaweia! Wie sie die schlummernden Gefühle aus der Brust des trägsten Verdauungssimpels hervorlockt: Hojotoho! Wie sie so milde und lieblich lallt – man kann sich zur Not dabei noch etwas denken, aber es geht auch so – Weiala walala weia! Seufzen und Juchzen, das sind die Grundelemente der Musik. Viel weiter reicht ihre absolute Deutlichkeit nicht – also eine Lyrik, die nur noch aus Ausrufzeichen und Gedankenstrichen besteht. Unsre neueste Tonkunst versteht sich freilich auch auf die Schilderung, aber es sind schließlich doch immer wieder dieselben einfachen Elementarereignisse, die sie gemeinfaßlich darzustellen weiß: Gewitter und Sturm, Waldes- und Meeresrauschen und sonst noch ein paar allgemeine Naturstimmungen. Aber im übrigen ist alles – Wagalaweia, Gefühlsurbrei. Wagalaweia sollten wir eigentlich über die Thore all unsrer Musikinstitute schreiben. Wagalaweia wäre auch die treffendste Verdeutschung für das Fremdwort Musik. – Nur das Wort vermag dem Urschleim der Töne das Knochengerüst zu verleihen, durch den er Gestalt gewinnt; aber wo die Knochen nicht sehr hart sind, wie beim Meister Wagner, da werden sie von den Tönen in tückischer Umschleimung zerweicht, zermürbt und ersäuft. Eine Qualle ist die Musik – sie läßt sich treiben von den Wellen und schimmert in herrlicher Farbenpracht, den Sinnen ein Wohlgefallen; aber im Grunde nur eine wabbliche Unbegreiflichkeit – ein gestaltloses Verdauungsorgan, das unersättlich alles Lebendige in seine schleimige Umarmung zieht und ihm seines Wesens genießbaren Kern aussaugt. Musik – Wasserpest – Wagalaweia!« Herr von Oettern setzte sich auf den Klavierstuhl, schlug sich auf die Schenkel und schüttelte sich vor Vergnügen über den üppigen Schwall origineller Metaphern, die der Baron in heiligem Eifer entlud. »Wasserpest – bravo! Qualle – charmant! Wagalaweia – Urschleim – Donnerwetter! Lieber Freund, darf ich dir darauf einen Schnaps anbieten? Cognac trois étoiles oder Chartreuse – grün – stärkt den Magen.« Er holte ein silbernes Präsentierbrett mit hohem Rand herbei, in welches genau sechs niedrige, vierkantige Porzellanflaschen hineinpaßten, die auf umgehängten silbernen Schildchen die Namen der hervorragendsten Liqueure zeigten. Der Baron war weiter nicht gekränkt über den Scherz, sondern bediente sich lachend. Auch Florian verschmähte einen Cognac nicht, aber er mochte es nicht dulden, daß die reizvolle Erörterung des Barons mit einem Spaß abgebrochen würde. »Ich begreif' net recht,« nahm er das Gespräch wieder auf, »wie grad Sie, Herr Baron, so gegen die Musik losziehen können. Ich habe mir doch sagen lassen, daß Sie selber ein produktiver Musiker wären, und ganz gewiß sind S' doch ein großer Musikfreund, noch dazu einer, der was davon versteht!« »Ja, gewiß bin ich das!« versetzte der Baron. »Die Musik gehört zu meinen Lebensbedürfnissen, so gut wie – na, sagen wir zum Beispiel die Liebe. Sehen Sie, Leute, wie wir drei hier, stehen eben ganz anders zur Musik als die große Masse, die in die Konzerte rennt und ihre Töchter Klavier lernen läßt. Uns gewährt sie die einzige Befriedigung unsrer großen Sehnsucht nach der absoluten Schönheit. Die andern Künste alle, die gezwungen sind, die Natur nachzuahmen und die unversöhnlichen Gegensätze, die Häßlichkeiten und Grausamkeiten der Wirklichkeit nachzubilden, können niemals zur reinen Schönheit gelangen. Sie können auch niemals die Empfindungswelt von ihren stofflichen Bedingungen so loslösen, daß nicht doch ein Erdenrest zu tragen peinlich bliebe. Wir armen Poeten und Gelehrten von heute, die wir uns so hart mit der Wirklichkeit herumzuschlagen haben, die wir an der Erkenntnisbürde von Jahrtausenden schleppen und dennoch uns rastlos bemühen, die Erkenntnis noch weiter zu fördern, wir schreien besonders laut nach Erlösung von der Wirklichkeit und empfinden es als eine unsagbare Erquickung, wenn wir einmal ganz losgelöst von der Erkenntnis im reinen Strom der Empfindungen uns baden dürfen. Das ist es, was die Musik uns gewährt – ich meine jene Musik, die mit dem späteren Beethoven überhaupt erst anfängt. Uns macht diese Musik stark, ebenso wie den echten Musiker, der heutzutage eigentlich schon ein überlebensgroßer Kerl sein muß, wenn er den Namen verdienen will. Aber nun schauen Sie sich einmal unsre Musikanten und unser Musikpublikum an: wo finden Sie da etwas von dem befreienden, alle Kräfte steigernden Einfluß, den die Musik auf uns denkende Menschen ausübt? Liszt und Wagner haben die prächtige Species des universell gebildeten deutschen Kapellmeisters gezüchtet – sehen Sie einen Mann, wie Bülow zum Beispiel, das ist ein unerhört neues und eigenartiges Erzeugnis, auf das sich unsre Kultur vom Ende des neunzehnten Jahrhunderts was einbilden kann; aber das gewöhnliche Musikantenvolk – brr! Ich glaube, daß in keiner andern Kunst die Durchschnittstalente auch nur annähernd so viel dumme Einbildung, allgemeine Trottelhaftigkeit, bornierten Zunftgeist und garstige menschliche Eigenschaften, wie Mißgunst und Neid aufzuweisen haben, als gerade in der Musik. Der unbedeutende kleine Maler oder Bildhauer ist fast immer noch ein netter, gespaßiger Kamerad; der verkannte Schriftsteller ist freilich ein ganz entsetzliches Gewächs, niederträchtig, bissig und mehr als andre zum Verlumpen geneigt, aber er hat doch wenigstens vielseitige Interessen – man kann mit einem solchen Ekel doch reden, manchmal vielleicht sogar etwas von ihm profitieren; dagegen pflegt der Umgang mit einem untergeordneten Musiker für einen gebildeten Menschen unmöglich zu sein.« »Da haben S' recht, Kreuzteufel noch amal!« rief Florian und ballte grimmig die Faust dazu. Aber der Baron wollte sich nicht unterbrechen lassen. Er war einmal so gut im Zuge. Seine Wangen glühten, und seine Augen leuchteten hinter der goldenen Brille. »Und was glauben Sie wohl,« fuhr er eifrig fort, »was unsre oberen Zehntausend in die Konzertsäle treibt? Was läßt sie alte und neue, große und kleine Kunst, nichtiges Virtuosengetändel wie die Offenbarungen großer Meister mit der gleichen Behaglichkeit in sich aufnehmen? Die Bequemlichkeit des Genusses, behaupte ich – man braucht nicht dabei zu denken – das ist's, was ihnen die Musik so angenehm macht. Sie wird einfach als ein Nervenstimulanz empfunden, wie Thee, Kaffee und Tabak. Und dann läßt sich so leicht darüber klug schwätzen. Gedanken über Musik sind kaum zu kontrollieren, darum kann auch der gedankenlose Geist heucheln, wenn er über Musik spricht. Und dann ferner: die Person des ausübenden Künstlers tritt dabei so sehr in den Vordergrund. Das ist's, was besonders die Weiber so wild auf die Musik macht – die vergessen fast immer das Werk über dem betreffenden Solisten oder Kapellmeister, der's vorführt. Und da der Kunst gegenüber, bei uns in Deutschland zumal, die Männer noch weibischer als die Weiber zu empfinden pflegen, so steht der Eitelkeitsmarkt in der Musik in höchster Blüte. Und noch eins, bitte: das zur Schau getragene Interesse für Musik kann niemals kompromittieren. Man darf sogar für Wagner schwärmen und dabei einen Vetter bei der Garde und einen Onkel im Ministerium haben! Man kann doch nicht leugnen, daß die ungeheuren sozialen Gegensätze unsrer Zeit bei allen denen, die sich gegenwärtig noch im Besitze befinden, eine Angst vor dem Freiwerden neuer Kräfte erzeugt haben, die dazu geführt hat, daß alle diese Besitzenden stillschweigend einen Ring gebildet haben zur Abwehr des freien Denkens – man weiß ganz gut, daß, wer damit einmal anfängt, leicht zu unliebsamen Folgerungen kommt. Eine lebendige moderne Litteratur kann aber an solchen Folgerungen gar nicht vorbei, die ehrliche Wissenschaft ebensowenig, und sogar die bildenden Künste lassen sich leicht anstecken vom revolutionären Geist. Mit solcher Kunst und solcher Wissenschaft wollen aber natürlich fromme Unterthanen und vorsichtige Streber nichts zu thun haben, darum suchen sie ihre geistige Erholung in der Musik, die beim besten Willen nicht politisch werden kann. Unsre ganze nervenschwache, entmannte, denkfaule, ängstliche Gesellschaft befriedigt ihr bißchen Kunstbedürfnis in der Musik. Und dazu kommen noch die Starken, denen sie wirklich Freude und Bedürfnis ist – ein groß' Publikum, wahrhaftig! Die Starken genießen sie mit Auswahl und gewinnen durch sie einen Zuwachs an Kraft, die Schwächlichen jedoch, die Massen der Konzertläufer schlingen sie unterschiedslos hinunter, wie die Abonnenten eines Journalzirkels ihr Lesefutter, und denen, behaupte ich, verwässert sie das bißchen Blut und verschleimt sie das bißchen Gehirn, das sie sich etwa bewahrt haben, auch noch. Dieser Musikgenuß ist einfach eine Kulturkrankheit, wie die Bleichsucht unserer jungen Damen und die Neurasthenie unsrer geistig arbeitenden Männer. Ich schlage vor, daß wir die Krankheit Wagalaweia benamsen.« Florian sprang auf und schüttelte dem Baron die Hand: »Sie haben mir aus der Seele gesprochen!« rief er begeistert. »Schauen S', erst hab' ich Arzt werden wollen – und jetzt will ich auch so von der Krankheit meiner Mitmenschen leben. Es muß mir wohl im Blut stecken. – Sie, Herr Baron, warum lassen S' des net drucken?« »Hab' ich ja gethan, hilft ja doch nichts: Symptome kann man nicht kurieren. Entschuldigt nur, Kinder, daß ich euch einen solchen Leitartikel dahergeredet habe – ich meinte nur, es sei immer nützlich, sich unter Gleichgesinnten klar zu werden. Aber jetzt reden wir von was anderm! – Sie, Herr Mayr, wissen Sie denn, daß die ganze Berliner Gesellschaft, die wir damals beim Raphael Silberstein beisammen trafen, zur ›heiligen Elisabeth ‹ hierherkommt? Der Gais mit Anhang, Tomatschek mit Tochter und – na, und noch so ein paar schöne Leute!« »Haben Sie Fräulein Tomatschek noch immer nicht – gebessert?« fragte Florian lachend. »Ach nein, leider nicht!« versetzte der Baron, »ich werde sie meinem Freunde Oettern anvertrauen müssen. Uebrigens, da fällt mir ein: was macht denn das prachtvolle Frauenzimmer, die Ilonka Badacs? Wissen Sie noch, wie wir gelacht haben an dem Abend?« Der Baron sagte das ganz harmlos und merkte nicht, wie sein Freund Oettern ihm bedeutungsvoll mit den Augen abwinkte. Florian aber bekam plötzlich einen ganz heißen Kopf und ganz kalte Hände. »Hm,« machte er verlegen, »da werden Sie sich auch an Ihren Freund wenden müssen, Herr Baron!« Herr von Ried pfiff durch die Zähne: »Aha – une de plus! « Und er drohte Jean d'Oettern neckisch mit dem Finger. Der steckte sich ruhig eine frische Cigarette an, dann griff er mit der Rechten ein paar Akkorde, während er, den Kopf über die Schulter zurückwendend, mit liebenswürdigstem Lächeln zu Florian sagte: »Verleumdung – ganz gemeine Verleumdung: Sie kennen ja Fräulein Badacs – nun, wir sind alte Freunde – Sie sind junge Freunde – das ist der ganze Unterschied! Also – nnatürlich . . . Diskretion selbstredend! Aber sie ist charmant – was kann da sein – nnatürlich! Und sie schwärmt so von Ihnen: das große Herz \&c. – ich begreife vollkommen!« Die abgerissenen Sätzchen und Worte schlugen Florian ans Ohr, ohne daß er im stande gewesen wäre, ihren Zusammenhang zu erfassen. Er war sich nur bewußt, daß er einen roten Kopf hatte und daß er wahrscheinlich eine recht unglückliche Figur spielen würde, wenn er jetzt noch anfangen wollte, grob zu werden. Darum schützte er vor, keine Zeit mehr zu haben, und nahm einen etwas überstürzten Abschied. Herr von Oettern überreichte ihm seinen Cylinder, sowie seine »deutsche Rebe« und forderte ihn in vollendeter Höflichkeit auf, seinen Besuch doch ja recht bald zu wiederholen. Mit dem Baron verabredete Florian noch eine Zusammenkunft im Genelli-Zimmer des »Gasthofs zum Adler«, wo sich verschiedene Künstler und Litteraten allabendlich zu treffen pflegten, und dann verfügte er sich mit einigen ungeschickten Bücklingen aus dem Atelier hinaus, das er als grimmer Rächer seiner Ehre betreten hatte. Er hatte eine anregende Stunde verlebt, eine ihm werte Bekanntschaft erneuert und eine andre nicht minder wertvolle gemacht. – Und trotzdem war er unzufrieden mit sich selbst und ganz in der Stimmung, zur Entschädigung für das eine Opfer, das ihm entgangen war, deren mehrere vor seinen Knüttel zu fordern. Als er vor seiner Hausthür angekommen war, überlegte er sogar einen Moment, ob er nicht aus irgend einem Grunde den Mister Crookes durchprügeln könnte. Der Mann hatte ihn nicht wenig dadurch geärgert, daß er sich geweigert hatte, für die Mikulskas etwas zu thun, und zwar mit der Begründung, daß ihm jenes so jäh unterbrochene Bankett schon teuer genug zu stehen gekommen wäre. Sie hatten ihm nicht einmal den übrigen Champagner überlassen – außerdem seien seine Boys seit jenem Abend rebellisch geworden. Eine solche Gesinnung schien Florian zweifelsohne einer guten Tracht Prügel wert; aber sie wäre doch allzu sehr post festum gekommen, nachdem die arme Helena nun schon acht Tage begraben war. Außerdem hatten sich Dick und Bob neuesterdings so innig an ihn angeschlossen, daß er ihnen doch nicht gut den leiblichen Vater verprügeln konnte. Plötzlich schlug er sich vor den Kopf und titulierte sich ganz laut einen Esel. Auf die ausschweifendsten Ideen verfiel er in seinem blinden Zorn, statt einfach zur Züchtigung der Hauptsünderin, Ilonka Badacs, zu schreiten. Das Fräulein war nicht zu Hause. Da jedoch die Wirtin den Herrn Mayr so wohl kannte, nahm sie keinen Anstand, ihn im Zimmer des Fräuleins warten zu lassen. Aber schon nach fünf Minuten hielt er es vor Ungeduld nimmer aus. Außerdem überkam ihn ein leises Bangen, daß es der bösen Ilonka vielleicht ebenso leicht wie ihrem vornehmen Freunde gelingen möchte, seinen Zorn durch Liebenswürdigkeit zu entwaffnen. Sie konnte halt doch sehr nett sein; und wenn sie gar zu weinen anfing – o je, dann war's schad um seinen schönen Zorn! Er suchte sich also unter dem unordentlich herumliegenden Kram von mannigfachen Gebrauchsgegenständen einen Bogen Papier nebst Umschlag heraus und that darauf seine Meinung schriftlich kund. Seine Feder flog nur so; denn seine Meinung hatte er ja beisammen, und es war keineswegs seine Absicht, sie zu verblümen. Er sagte also der Schönen, wofür er sie halte, und daß er keineswegs gesonnen sei, mit ihr die Studien fortzusetzen oder überhaupt auf einem andern Fuße als auf dem kühlster Höflichkeit zu verkehren. Er drückte das in einem Stil aus, der entschieden weder druckreif, noch parlamentarisch war, und den man am besten mit dem »Knüttelprosa« bezeichnen könnte. Ohne es noch einmal durchzulesen, steckte er das Schreiben in den Umschlag, setzte die Adresse darauf und ging alsdann zufrieden seiner Wege. Er verbrachte einen sehr angeregten Abend in dem berühmten Genelli-Zimmer des alten »Gasthofs zum Adler«, wo er außer dem Baron von Ried einen kleinen Kreis mehr oder minder interessanter Männer traf, unter denen der berühmte alte Schauspieler Otto Lehfeld jedenfalls der merkwürdigste war. Der alte Herr gab Theateranekdoten zum besten; saftig zwar, aber von schlagender Komik, und trug sie so ausgezeichnet vor, daß die Gesellschaft stundenlang nicht aus dem Lachen herauskam. Florian schlief in dieser Nacht ganz ausgezeichnet und erwachte am andern Morgen von seinem eigenen Gelächter, denn es war ihm eine von den kostbaren Geschichten in dem Halbschlaf, der dem Erwachen vorauszugehen pflegt, wieder eingefallen. In fröhlichster Stimmung trat er zur gewohnten Stunde beim Meister an. Aber Liszt begrüßte ihn nicht so freundlich wie sonst. Er war einsilbig und seine edle Stirn umwölkt. Er hatte eine geschriebene Partitur vor sich liegen, aber er schaute nicht hinein, sondern nachdenklich darüber hinweg. Und dann klappte er auf einmal das Heft zu, schob es beiseite und nahm einen Brief vom Schreibtisch, den er Florian offen überreichte. »Da – pcha! was ist das, mein Sohn?« fragte er vorwurfsvoll. Mit Staunen erkannte Florian sein eigenes Schreiben, das er gestern abend erst an seine ungetreue Liebste gerichtet hatte. Er legte es langsam wieder auf den Tisch und stammelte verwirrt: »Ich wollte nur . . . ich war so wütend . . . ich kann einmal diese moralische Schlamperei nicht vertragen!« »Ach was!« sagte Liszt stirnrunzelnd, »schreibt man so einer Dame? Pfui!« Und er zerriß den Brief in kleine Stückchen und warf sie ärgerlich in den Papierkorb. »Ach, Meister, Sie wissen ja nicht,« begann Florian – aber er brachte den Satz nicht zu Ende. Der herbe Schmerz, den ihm sein eigener Sündenfall und die Vernichtung aller seiner jugendlichen Illusionen bereitet hatten, ward plötzlich wieder in seiner Seele heiß lebendig. Seine Augen füllten sich mit Thränen. Er ließ sich auf den nächsten Sessel fallen, wandte beschämt sein Antlitz von dem verehrten Meister ab und zernagte sich die Lippen, um nicht laut herausheulen zu müssen. Da trat Liszt zu ihm, strich ihm sanft über den Kopf und sagte: »Holla, – du courage, mon enfant! Komm, erzähle mir alles, mein Guter!« Florian wandte sich rasch um und küßte dem Greise die gütige Hand. Und dann beichtete er. Wie er so sittenrein und sittenstreng dahergekommen sei und wie das lockere Treiben des Schwarms ihn mit heiliger Entrüstung erfüllt habe. Und dann gestand er errötend ein, wie er in seiner Thorheit alles für bare Münze genommen, was ihm die lustige Gesellschaft aufgeschwatzt habe, wie er sich in seine pikante Schülerin immer ernstlicher verliebte, bis er in süßem Rausche schuldig und wissend ward wie die andern; wie ihm sein Gewissen zusetzte und wie er ehrlich zu sühnen beschloß und obendrein noch sein Glück damit zu machen hoffte – und dann endlich die große Enttäuschung! Er sei eben ein hartgewöhnter Gesell und wisse sich gegen die Beleidigung seiner Ideale nicht anders zu helfen, als indem er handgreiflich oder mindestens saugrob würde. Nachdem Florian seine Beichte geendigt, schaute Liszt eine ganze Weile sinnend zum Fenster hinaus. Dann wandte er sich lächelnd wieder um, legte Florian eine Hand auf die Schulter und sprach: »Ich glaube, du bist der erste Schüler von dieser Sorte, den ich je gehabt habe. Reiner Thor – Parsifal – bravo! Aber, mein Sohn, wenn man so denkt und fühlt, thut das Leben zu weh – und das ist nicht nötig. Außerdem thust du den andern Leuten unrecht, wenn du sie so in Grund und Boden verdammst, bloß weil sie die Liebe auf ihre Art verstehen. Glaube mir, das ist nur der Standpunkt engherziger Pfaffen und verbissener alter Jungfern, wenn man die Sittlichkeit der Menschen einzig nach ihrem Verhalten in geschlechtlicher Beziehung beurteilt. Ich habe ein langes Leben hinter mir und Frauengunst hab' ich genossen wie wohl nur wenige Männer – ich schaue heute auf die Abenteuer meiner Jugend mit ruhigem, dankbarem Gemüte zurück. Ja, mein Gott, das hat freilich manchen schlimmen Sturm gegeben, da wurden wilde Leidenschaften entfesselt und ich dazwischen hin und her geworfen wie ein steuerloses Schiff auf dem Ocean. Es war manchmal grotesk – haha! – manchmal auch tragisch; aber ich bewahre doch für alle Frauen, die mir ihre Liebe geschenkt haben, eine tiefe Dankbarkeit. Ein Künstler kann nicht existieren ohne die Ekstase: der Rausch der Sinne befruchtet die Phantasie, und es ist ganz gewiß, daß ein Mensch ohne Sinnlichkeit kein Künstler sein kann. Man soll auch nicht sagen, daß etwa nur das Genie ein Recht hätte, seinen Trieben nachzugeben, wie es ihm beliebt. Es kann einer nur geringe Werke zu stande bringen und doch ein echt künstlerisches Temperament besitzen. Weder die Religion noch die Moral der Gesellschaft hat ein Recht, Vorschriften darüber zu erlassen, wie sich Männlein und Weiblein zu einander verhalten sollen. Darüber bestimmt die Natur souverän, und das Recht des sogenannten Anstands geht nur so weit, darüber zu wachen, daß die Mysterien der Liebe nicht schamlos profaniert werden. Ein alter Mann, der viel erfahren und begriffen hat, sagt dir, daß das Verhalten der Menschen in Liebessachen für ihren wahren sittlichen Wert von gar keiner Bedeutung ist. Ich habe so viele hervorragende Menschen gekannt, zuverlässige Charaktere von vornehmer Gesinnung, edel, hilfreich, gut; alles, was du willst – und dabei in puncto puncti – pcha – lockere Vögel! Und ich habe auch hartherzige, niedrigdenkende, gemeine Menschen gekannt, die in jener Beziehung einen makellosen Wandel führten. Temperamentlosigkeit ist wohl immer mit Unliebenswürdigkeit verbunden – besonders bei den Frauen. – Ach ja, die armen Frauen! Sie werden so viel gequält: die Männer wollen nur immer das Eine von ihnen; aber wenn es einer Frau einfällt, mit ihrer Gunst zu schalten, wie's ihr beliebt, und wie ein freier Mann ihrem Temperament zu folgen, so wird sie gesteinigt von Männern und Frauen. Daher kommt es, daß die Frauen mit allzu heißem Blut leicht so tief sinken und schlecht werden: die Ungerechtigkeit der Welt jagt sie in die Gemeinheit hinein. – Sieh, mein Sohn, wie kannst du von dieser armen Ilonka verlangen, daß sie dich ganz allein lieben und dir ganz allein gehören soll? Sie ist doch ein freier Mensch wie du, und eine temperamentvolle Künstlerin. Hat sie nicht die gleichen Rechte wie du? Du behandelst sie wie eine Verbrecherin, für die kein Ausdruck der Verachtung scharf genug ist, und dabei weißt du doch besser als andre, wie gut sie ist. Gerade die ist harmlos und ehrlich wie ein Kind und hat von allen meinen Schülerinnen das weichste Herz und die treueste, nobelste Gesinnung. Du hast ihr sehr wehe gethan. Gehe hin und bitte sie um Verzeihung! Sie war gestern abend spät noch bei mir und hat so geweint über deinen dummen Brief. Mach' es gut, mein Sohn! Wir Künstler dürfen keine Pfaffen sein; aber Christen dürfen wir sein – und Verachtung menschlicher Schwäche ist unchristlich.« Hochaufgerichtet stand der Greis da, von der Morgensonne hell bestrahlt leuchtete das schneeweiße Haar wie ein Glorienschein um sein Haupt, und seine milden Augen blickten voll väterlicher Güte auf den jungen Mann hinab, der in seinem Stuhl ganz zusammengesunken vor ihm saß. Ueberwältigt beugte sich Florian über des weisen Meisters Hand und dann ging er wortlos hinaus, um auf einsamen Wegen mit sich zu Rate zu gehen. Dreizehntes Kapitel. Ein Wiedersehen. Nach langer, sorgfältiger Vorbereitung sollte um Mitte Juni Liszts Legende von der heiligen Elisabeth auf dem weimarischen Hoftheater scenisch aufgeführt werden. Nicht wenige Träger bekannter Namen aus der Musikwelt fanden sich zu diesem Ereignis in Weimar zusammen. Am Tage der Aufführung selbst war der Baron von Ried mit Florian Mayr mittags auf den Bahnhof gegangen, um die Berliner Bekannten zu empfangen. Der Zug brauste heran – und richtig, da ward Raphael Silbersteins ungeheure Nase an einem Coupéfenster sichtbar. Der Zug hielt kaum, als jener Erzengel des göttlichen Gais auch schon die Thür öffnete und diensteifrig voraussprang, um dem großen Peter, sowie seinem Gefolge beim Aussteigen behilflich zu sein. Dies befolge bestand aus Herrn Tomatschek nebst Fräulein Tochter und noch einer zweiten Dame, die weniger durch Schönheit als durch resoluten Ausdruck auffiel. Der Baron genierte sich nicht, den großen Tonsetzer mitten in dem Bahnhofsgetümmel durch ein laut heraustrompetetes Motiv aus einer seiner Opern zu begrüßen, wofür jener mit gnädigem Kopfnicken dankte. Peter Gais hatte im Laufe der letzten Monate einen noch dickeren Hals bekommen, wodurch er wahrscheinlich auch genötigt war, den Kopf noch höher zu tragen als früher. Die energisch blickende Dame mit dem kurzgeschnittenen Krauskopf stellte er kühl als seine Schülerin und ergebene Freundin vor. Herr Tomatschek war so schön wie immer. Er trug eine schwarze Samtjoppe und ein weißseidenes Hemd mit einer weißseidenen Krawatte dazu. Und seine Tochter Libussa sah bei all ihrer lieblichen dunklen Schönheit auch am hellen Tage bleich, übernächtig und abgehärmt aus. Man schritt dem Ausgang zu. Peter Gais mit seiner ergebenen Freundin voran, hinter ihnen Raphael Silberstein mit zwei Handkoffern und verschiedenen kleineren Gepäckstücken belastet, dann der Baron mit Libussa Tomatschek am Arm und zuletzt Florian mit dem Vater dieses eigenartigen Mädchens. Auf der Terrasse vor dem Bahnhofsgebäude machte der kleine Trupp Halt, um sich über die Wahl eines Gasthauses schlüssig zu werden. Da klang plötzlich eine bekannte Stimme an Florians Ohr. Er wandte sich rasch um und sah sich – Thekla Burmester gegenüber! Das Mädchen schrie leicht auf: »Ach, Herr Mayr!« Und damit ergriff es den neben ihr herschreitenden Vater am Arme, um ihn aufmerksam zu machen. Aber Herr Burmester that, als sähe er Florian nicht, und suchte eifrig in seinem Portemonnaie nach kleiner Münze für den Gepäckträger. Seine Gattin jedoch, die ein paar Schritte zurückgeblieben war, hatte Florian sofort erkannt. Im Vorbeistreifen warf sie ihm einen bösen Blick zu und packte ihre Tochter beim Arm, um sie rasch die breite Steintreppe hinunterzuführen. Thekla ließ es sich aber doch nicht nehmen, sich noch einmal umzuwenden, und da zog Florian rasch seinen Hut und nickte ihr freundlich lächelnd zu. Im selben Augenblicke hastete eine Gestalt an ihm vorbei, die er gleichfalls zu kennen meinte: Schlapphut, üppiges dunkles Haar und ein melancholisch nach unten herabgezogener Schnurrbart – das war doch . . .? Der Herr stieg den Burmesters nach in den Omnibus des »Russischen Hofes«. Natürlich, es war Antonin Prczewalsky, der weiche Künstler! So – also er reiste mit den Burmesters und stieg mit ihnen in demselben Hotel ab, wahrscheinlich auf Kosten des Konsuls – vielleicht war er gar der Familie noch näher verbunden? Florian stampfte mit dem Fuß auf und blickte grimmig dem davonrasselnden Wagen nach. Herrn Tomatscheks Stimme rief ihn wieder zu sich: »Kennen Sie vielleicht die Herrschaften, mit denen der Kollege Prczewalsky gereist ist?« fragte er neugierig. »Ich habe die Herrschaften nämlich schon in Berlin mitsammen einsteigen sehen.« »So, so . . . also den verdammten Prositlaus kennen Sie auch?« erwiderte Florian. »Ich habe dem Fräulein Burmester Klavierstunden gegeben – das war nämlich der Konsul Burmester aus der Markgrafenstraße. Hat sich der Lump vielleicht herausgenommen . . .?« »Ja freilich. er soll doch mit ihr verlobt sein!« fiel Tomatschek rasch ein. »Da steckt Geld dahinter, was? Ich habe so etwas von einer Million läuten hören – manche behaupten sogar Thaler?« »Sie, mein lieber Herr Tomatschek,« sagte Florian plötzlich mit komischer Feierlichkeit, indem er den schönen Toby fest beim Arm packte. »Sie sollen mich einen Lausbuben heißen dürfen, wenn ich diesen edlen Polen ungeprügelt aus Weimar wieder auskommen laß! Der hat bei mir noch was auf dem Kerbholz. Also Sie sind Zeuge von meinem Schwur!« »Mit Vergnügen!« erwiderte Tomatschek freudig. »Wenn Sie vielleicht Zuschauerkarten ausgeben wollen, bitte mich vorzumerken. Den Kerl, den Prczewalsky, kann so kein Mensch ausstehen! Ein Ohrwurm ist der Kerl, eine Wanze, die sich überall einnistet und nicht zu vertreiben ist – natürlich nur, wo's was zu holen gibt. Und dabei kann er nichts. Diesen Winter hat er ein Konzert von eignen Kompositionen in der Singakademie gegeben – wird ihm natürlich der Herr Konsul bezahlt haben – ich sage Ihnen, das war schon das Blödeste, was mir in meinem ganzen Leben vorgekommen ist! Sogar die Freibillete sind hinausgelaufen, nach der ersten halben Stunde schon – da können Sie sich vorstellen, wie viel Leute am Schluß noch drin waren! Und das hübsche Fräulein da hat ihm gar noch einen großmächtigen Lorbeerkranz mit Schleifen in den polnischen Farben, Weiß und Rot, überreicht.« »Was, die Thekla?« brauste Florian auf. »Ja, mein Gott, ist denn das ganze Weibsvolk vom Deixl besessen!?« Peter Gais und seine Freunde hatten sich endlich für das »Gasthaus zum Adler« entschieden und krochen in dessen Omnibus hinein, während der Baron von Ried es vorzog, mit Florian zu Fuß in die Stadt zurückzukehren. Der Baron war ebenso heiterer als Florian schlechter Laune. »Weiß der Kuckuck!« begann er lebhaft; »diese Libussa Tomatschek macht mir warm. Was ist das bloß für ein reizendes Köpfchen – und diese wundervolle seidige Perücke!« »A was, lassen S' mich aus!« murrte Florian. »Ich begreif' net, wie man sich noch über die Mädeln aufregen kann. Ich bin fertig mit der Bagage!« »Herrgottsakra, ich reg' mich aber auf!« rief der Baron lachend; »bal' mi die Madeln nimma g'freun sollten, nacha möcht' i scho lieber glei' hin werden!« Der Baron hatte die Eigentümlichkeit, von jedem Dialekt alsbald angesteckt zu werden, und so verführten ihn Florians bayrische Anklänge sofort in das schönste Bühnengebirglerische zu verfallen. Florian schaute ihn ein wenig mitleidig ironisch von der Seite an und sagte: »Ich mein', man sollte froh sein, wenn man von der G'sellschaft endlich einmal sei' Ruh' hätt'. Das gescheitste ist am End' doch, man heiratet bald: dann braucht man sich doch bloß über die eine Gans im Hause zu ärgern und net a noch über alle die, die draußen noch umanandalaufen!« Der Baron blieb stehen und lachte laut heraus: »Ach, Sie liebe Unschuld Sie! Jetzt passen S' auf, ich werd' Ihnen eine sichere Wahrheit verkündigen: Sie brauchen höchstens ein Jahr verheiratet zu sein, so haben Sie die heiligste Ueberzeugung gewonnen, daß alle Gänse ohne Ausnahme der Ihrigen vorzuziehen seien – oder vielmehr, daß gerad' Sie Unglücklicher die Ur-, Erz- und Normalgans erwischt hätten, gegen die sämtliche ledige Frauenzimmer Ihrer Bekanntschaft die reinen Engerln wären!« Florian blickte den Baron mißtrauisch an: »Ja, haben denn Sie solche angenehme Erfahrungen machen müssen?« »Bitt' schön, wir wollen lieber nicht persönlich werden!« antwortete Herr von Ried, plötzlich wieder ernst werdend. »Lassen Sie sich nur das Eine gesagt sein: ein ordentlicher Künstler soll überhaupt nicht heiraten, oder höchstens – nein, die Ausnahmen sind zu schwer zu konstruieren!« »Demnach scheinen Sie aber auch keine hohe Meinung von den Weibern zu haben?« »Ich? O! Ich habe mich immer nach Kräften bemüht, gerecht zu sein. Ich will Ihnen was sagen, mein lieber Herr Mayr: die Frauen werden am höchsten geschätzt von Männern, die viel Glück in der Liebe gehabt haben und dabei selbst immer noble Kerle geblieben sind; erst in zweiter Linie von den ganz zufriedenen Ehemännern, und am allerwenigsten von den reichen Lebemännern. Wer die Liebe zu kaufen gewohnt ist, der wird immer die Frauen verachten – gerade so wie die sehr jungen Burschen, die noch von keinem ordentlichen Weibe für voll angesehen werden, oder die Männer, die ihrer vollendeten Pöbelhaftigkeit wegen bei feiner empfindenden Frauen niemals Erfolg gehabt haben.« An der nächsten Straßenecke verabschiedete sich der Baron von Florian, nachdem sie verabredet hatten, nach dem Theater mit ihren Freunden zusammenzukommen. Florian ging allein nach dem Restaurant, wo er sein langweiliges Mittagessen einzunehmen pflegte. Ihm war recht elend zu Mut. So viel weise Sprüche hatte er nun über die Frauen gehört von seinem Meister und von diesem hervorragenden Schriftsteller, der als Seelenkenner von Profession doch auch in Betracht kam – und dennoch konnte alle diese eingesogene Philosophie ihm nicht dazu verhelfen, seinen Gemütszustand wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Er bereute seine Roheit gegen die Badacs und er hatte sie sogar schriftlich um Verzeihung gebeten, weil sie sich nicht von ihm sprechen lassen wollte. Eine Antwort hatte er von ihr nicht empfangen, wohl aber hatte sie seinen Gruß auf der Straße freundlich erwidert, bei der ersten Wiederbegegnung in Liszts Salon jedoch deutlich zu verstehen gegeben, daß sie eine Aussprache zu vermeiden wünsche. Das hatte ihn nun wieder geärgert, denn er fühlte sich doch immer noch als der zuerst Beleidigte. Sie war für ihn das erste Weib gewesen, er aber sollte für sie so ganz ohne Belang, eine reine Null gewesen sein! Das kränkte ihn tief, darüber kam sein Stolz nicht hinweg. Und nun war auf einmal die andre wieder aufgetaucht, das gute, vielgequälte Kind, das sich mit solchem Vertrauen an ihn hatte hängen wollen, trotzdem er es mißhandelt hatte! Der Blick, mit dem sie sich noch einmal nach ihm umgewendet hatte vor dem Bahnhof, hatte der nicht deutlich gesprochen: »Komm, hilf mir doch, sieh doch, wie unglücklich ich bin!« – Und er hatte sich mit keinem Gedanken ihrer erinnert, solange er in Weimar war! Wie ein ganz einfältiger Grünling war er in ein Abenteuer hineingetappt mit einer Person, für die seine hausbackene deutsche Empfindung gewiß eine Lächerlichkeit war, und hatte darüber die liebe kleine Thekla, die sicherlich besser zu ihm paßte, hilflos ihrem Schicksal überlassen. Wenn sie wirklich mit dem gräßlichen Polen verlobt war, wenn sie wirklich dem Ekel öffentlich einen Lorbeerkranz überreicht hatte, so war sie gewiß dazu gezwungen worden, und nur die Hoffnungslosigkeit hatte ihren Widerstand zu beugen vermocht. Ja, ja, so hing die Sache sicherlich zusammen: er war selber daran schuld, daß der freche Polack sich das liebe Mädchen und ihr schweres Geld dazu erschleichen konnte. – Mußte denn einem ehrlichen Kerl notwendig alles schief gehen, sobald er mit Frauen zu thun bekam? Wie behaglich hatte er sich sonst in seiner Haut gefühlt – und jetzt kam er sich so nichtswürdig und elend vor! Das Essen schmeckte ihm nicht. Er ließ den letzten Gang unberührt stehen und trieb sich ein paar Stunden zweck- und ziellos umher. Traurig verging ihm der Nachmittag, zumal da der Empfang bei Liszt der bevorstehenden Aufführung wegen abgesagt war. Im Theater fand er endlich Zerstreuung und Aufmunterung. Das alte kleine Haus war bis auf den letzten Platz besetzt, und man bemerkte im Parkett wie im ersten Rang eine ganze Anzahl von musikalischen Berühmtheiten, auswärtigen Kritikern und vornehmen Freunden des Altmeisters. Die großherzogliche Familie mit ihrem Hofstaat nahm in der großen Mittelloge Platz, was an sich schon der Vorstellung eine gewisse Feierlichkeit verlieh. Die Familie Burmester saß im ersten Rang rechts, auf der ehemals adeligen Seite, und zwischen der überschlanken Frau Konsul und der rundlich holden Thekla blähte sich Antonin Prczewalsky auf. In der Fremdenloge saß Jean d'Oettern neben dem Prinzen eines mediatisierten Fürstenhauses und dessen schöner Gattin. Er benützte fleißig sein Opernglas und nickte lächelnd bald hierhin, bald dorthin Bekannten zu. Der Baron von Ried, Toby Tomatschek nebst Tochter, Peter Gais mit seiner ergebenen Freundin und Florian Mayr saßen im Parkett bei einander. In der kleinen Orchesterloge des Intendanten erschien kurz vor Beginn der Vorstellung Franz Liszt. Man hatte ihm ein Tischchen mit zwei Kerzen in die Loge gestellt. Darauf legte er seine Partitur, um während des Spiels nachlesen zu können. Auf der linken Seite des ersten Ranges bemerkte Florian mit lebhafter Verwunderung Ilonka Badacs in Gesellschaft des dürren Mister Crookes. Die Boys waren nicht dabei – die durften vermutlich noch nicht ins Theater gehen! Florian behielt bis zu Beginn des Vorspiels die Burmesters soviel als möglich im Auge. Er bemerkte, wie der Pole mit zur Schau getragener Zärtlichkeit fortwährend Thekla ins Gespräch zu ziehen versuchte, während diese sich immer wieder ungeduldig abwandte und eifrig ihr Opernglas benutzte. Suchte sie vielleicht ihren ehemaligen Lehrer und treulosen Freund? Jetzt verfolgte ihr Glas die Reihen des Parketts von hinten nach vorn. Florian erhob sich und drehte dem Orchester den Rücken zu. Da . . . jetzt schien ihn ihr Blick erfaßt zu haben. Er grüßte sie mit den Augen und mit einem leichten Neigen des Kopfes, und sie legte das Glas beiseite, und es wollte ihm scheinen, als ob auch sie das dunkle Köpfchen ein wenig gegen ihn neigte. Im selben Augenblick brachte Prczewalsky seinen Mund dicht an ihr Ohr und flüsterte ihr etwas zu. Sie hob ärgerlich die Achseln empor und lehnte sich in ihren Sitz zurück. Der schöne Antonin nahm ihr das Glas aus der Hand und richtete es nun seinerseits auf Florian. Aber just in dem Moment wurde das Haus verdunkelt, und das Vorspiel begann. Es dauerte keine Viertelstunde, so hatte Florian alles um sich vergessen und befand sich völlig im Banne des merkwürdigen Kunstwerks. Er gehörte zu den wohl nicht sehr zahlreichen Zuhörern, die mit ungeteilter Aufmerksamkeit und aufrichtiger Bewunderung den etwas wirren Pfaden folgten, die der Geist des Meisters in der »Heiligen Elisabeth« eingeschlagen hat. Das Werk ist von allem Opernhaften zu weit entfernt, zu kirchlich in seinem Stil und überdies im Aufbau zu undramatisch, als daß es auf der Bühne stark zu wirken vermöchte. Die naiven Zuschauer langweilten sich denn auch ganz gehörig, wachten nur beim Kreuzrittermarsch und bei der Gewitterscene aus ihrem sanften Kirchenschläfchen auf und waren froh, als die Geschichte ausgestanden war, während die Fachleute und besonders die näheren Freunde des Meisters und seiner Richtung über die vielen musikalisch bedeutsamen Einzelheiten und die religiöse Weihestimmung, in die das ganze Werk getaucht ist, einig und voll Entzückens waren. Nach Schluß der Vorstellung blieben zahlreiche Gruppen, besonders der zugereisten Fremden, im Vestibül oder vor dem Theater stehen, um Liszt beim Herauskommen zu sehen. Zu diesen gehörte auch die Familie Burmester, sowie Peter Gais nebst Anhang. Der arme kleine Herr Konsul war, schon während sie die Treppe hinunterstiegen, von seiner Gattin wegen seines vielen Gähnens an diesem Abend gehörig gerüffelt worden. Thekla, die dicht hinter der Mutter hergegangen war, hatte es gehört und machte sich im Vestibül an den Papa heran, um ihm tröstend zuzuflüstern: »Mach dir nichts draus, Väterchen – ich fand es auch furchtbar langweilig!« Da trat Prczewalsky herzu, einen jüngeren Herrn geleitend, der gleichfalls zu dem weiteren Kreis der Lisztianer gehörte, und stellte ihn als seinen Freund vor. Frau Burmester zog den Herrn sogleich in ein Gespräch und wollte alle möglichen Intimitäten über Liszts Lebensweise und sein Verhalten zu seinen Schülerinnen wissen. Die Auskunft, die ihr der junge Herr geben konnte, genügte ihr durchaus nicht. Sie beobachtete mit ihrem langgestielten Lorgnon die harrenden Gruppen, ließ sich verschiedene Namen nennen und platzte dann auf einmal heraus: »Sagen Sie, wie kann man an Liszt herankommen? – Man macht einfach Besuch, nicht wahr? Es würde uns ungeheuer interessieren, einem seiner berühmten Nachmittagsempfänge beizuwohnen – nicht wahr, Willy?« »Jawohl, riesig,« erklärte der Konsul pflichtschuldigst. »Ja, wenn Sie irgendwelche Beziehungen haben,« sagte der Herr. »O, wir kennen die ganze musikalische Welt Berlins!« rief Frau Burmester fast herausfordernd. »Außerdem hat unser zukünftiger Schwiegersohn dem Meister erst heute nachmittag eine sehr gewichtige Visitenkarte abgegeben, die Partitur seiner neuesten symphonischen Dichtung.« »Ah!« rief Antonins Freund mit einem etwas sonderbaren Lächeln, »das ist freilich . . . Morgen abend ist übrigens großer Empfang bei Liszt. Der Hof ist da, eine Menge hervorragender Künstler und sonstige Berühmtheiten. Es dürfte ein ungemein interessantes Programm für die musikalischen Darbietungen geben. Der Böhme Smetana wird ein neues Klavierquartett vorspielen, ein hervorragender russischer Sänger wird sich hören lassen und dann – ja richtig: Daniela von Bülow kommt eigens von Bayreuth herüber, hab' ich gehört – Sie wissen doch: die älteste Tochter von Frau Cosima!« »Da müssen wir hin!« rief die Konsulin aufgeregt. »um jeden Preis! Wir geben noch einen Tag zu; nicht wahr, Willy?« »Wir sind ja noch gar nicht einmal vorgestellt,« wandte Herr Burmester schüchtern ein. »Ach was, wozu haben wir denn einen Schwiegersohn in spe! « lachte Frau Olga übermütig. »Nicht wahr, lieber Antonin, du besorgst uns das?« Antonin fuhr sich durch die Locken und schniefte, hilflos um sich blickend: »Khn, khn – ich weiß doch nicht . . .« »Ja mein Gott, dann machen Sie sich doch an eine einflußreiche Persönlichkeit heran!« entschied Frau Burmester ungeduldig. »Wer hat denn hier bei Liszt am meisten zu sagen?« Antonins Freund verzog höhnisch den Mund und antwortete: »Ja wenn Ihr Herr Schwiegersohn die Ehre hätte, den berühmten Herrn Mayr zu kennen, dann dürften Sie vielleicht noch hoffen, meine Herrschaften.« »Wer ist Herr Mayr?« fragte Frau Olga, die spitzen Schultern hochziehend. »Oh, kennt man den berühmten Mayr in Berlin noch nicht? Er wirft Damen die Treppen hinunter und spielt den grimmigen Cerberus vor dem Allerheiligsten. Dem guten Meister suggeriert er einfach alles, was ihm beliebt, dieser berühmte Herr Mayr, mit a–y–r – Florian Mayr.« »Papa, hast du gehört?« flüsterte Thekla aufgeregt und drückte ihres Vaters Arm heftig an sich. Der Konsul nickte, und dann wandte er sich an seinen zukünftigen Schwiegersohn und sagte mit freundlichem Hohn: »Das paßt ja vortrefflich. Sie kennen ja den Herrn Mayr so gut!« Der edle Pole wurde blaß vor Wut und stieß sein gräßliches »Khn, khn« so heftig durch die Nase, daß seine weichen Barthaare sich sichtbar sträubten. Frau Olga setzte ein bitterböses Gesicht auf und verwies ihrem Gatten seine Ungezogenheit mit einem strengen Blick. In diesem Augenblick betrat Liszt durch eine der Seitenthüren die Vorhalle. Zu seiner Rechten schritt der Hofkapellmeister Lassen, der die heutige Aufführung dirigiert hatte, und zu seiner Linken Florian Mayr. Die anwesenden Herren zogen den Hut und verneigten sich tief vor dem ehrwürdigen Meister, und auch einige von den Damen führten einen regelrechten Hofknix aus. Einige ältere Herren traten auf ihn zu und redeten ihn an. Florian hatte die Burmesters sogleich entdeckt. Er faßte Thekla fest ins Auge und grüßte sie überaus freundlich. Da wurde das Fräulein dunkelrot und machte einen Knix wie ein kleines Mädchen. Sofort bekam sie von ihrer Mutter einen heimlichen Stoß versetzt. »Was fällt dir ein – wir kennen den Menschen nicht!« raunte sie Thekla zu. Fast gleichzeitig flüsterte Antonins Freund hinter der vorgehaltenen Hand ihr zu: »Gnädige Frau! Das ist der berühmte Herr Mayr! Sehen Sie bloß, jetzt stellt ihn Papa Liszt dem alten Herrn vor – ach Gott, wie zärtlich er ihn streichelt – unbegreiflich, was er an dem Menschen für einen Narren gefressen hat!« Und dann wandte er sich an Prczewalsky: »Na, machen Sie sich doch heran an Ihren Freund Mayr!« »Oh, ich werrde den Menschen eines Tages noch tötten!« knirschte Antonin ingrimmig. Nun wandte sich Liszt dem Ausgang zu, und die ganze Gesellschaft folgte ihm nach. Antonin wollte seiner Braut den Arm reichen, aber sie wies ihn mit einem Schauder ab und klammerte sich noch fester an ihren Vater. »Komm, Papa, komm schnell fort von hier!« flüsterte sie erregt. »Ich halte es nicht mehr aus!« Die Frau Konsul bemerkte das rasch davonschreitende Paar, ergriff ihres Schwiegersohnes Arm und redete, während sie ihn rasch mit sich fortzog, ärgerlich auf ihn ein: »Da sehen Sie, jetzt läuft sie wieder von Ihnen davon – was ist das nur? Ich glaube, Sie wissen sich keinen Respekt zu verschaffen – Sie müssen dem Kinde imponieren!« »Oh, soll ich sie vielleicht schlagen, wie dieser Herr Mayr?« versetzte Antonin gekränkt. – »Das scheint ja die sicherste Manier zu sein, Fräulein Thekla zu imponieren!« »Und was thun Sie?« gab Frau Olga gereizt zurück. »Sie erzählen ihr immer nur von Ihren fabelhaften Erfolgen bei allen möglichen großen Damen und prahlen mit Ihren fürstlichen und sonstigen berühmten Bekanntschaften. Wenn Sie doch lieber einmal mit Ihren Werken Erfolge hätten oder sonst Ihre Persönlichkeit durchzusetzen wüßten – so wie dieser Herr Mayr. Aber Sie können einem nicht einmal eine Einladung zu Liszt verschaffen!« »O bitte, erlauben Sie, Frau Mutter!« widersprach Antonin erregt. »Ich werrde Ihnen Einladung verschaffen – ist doch Kleinigkeit für mich. Liszt hat mich ersuchen lassen, morgen früh um neun Uhr zu ihm zu kommen, um mein Werk mit mir durchzugehen. Er wird sich serr freuen, meine Bekanntschaft zu machen, hat er mir sagen lassen. O, Sie werrden sehen, Frau Mutter, ob ich ihm nicht imponieren werrde – khn, khn!« »Na, wir wollen das Beste hoffen!« versetzte die Konsulin ohne sonderliche Ueberzeugung. »Nicht wahr, liebe Frau Mutter,« fuhr Antonin mit zärtlicher Betonung fort: »Sie stehen mir bei, daß die Hochzeit nun bald festgesetzt wird? Ich versichere, Theklas Sträuben ist nur jungfräuliche Sprödigkeit. Ich werrde dieselbe glänzend zu überwinden wissen, sobald ich Gatte bin. Bitte, khn – ich habe den Stolz der Gräfin Leszczynska besiegt, und die kleine Komtesse . . .« »Jawohl, ich weiß, die eigentlich ins Kloster gehen wollte, es aber dann vorzog, sich von Ihnen entführen zu lassen – Sie haben mir die Geschichte ja schon öfter erzählt, lieber Antonin! Ich bedaure in Ihrem Interesse aufrichtig, daß unsre Thekla so wenig von dem Temperament Ihrer polnischen Komtesse besitzt.« Frau Olga sagte das zweifellos ironisch. »Oh, ich werrde – khn,« begann Prczewalsky aufs neue, sich gewaltig in die Brust werfend. Aber seine künftige Frau Schwiegermama schnitt ihm ungeduldig das Wort ab, indem sie, seinen Ton nachahmend, rief: »Ach, Sie werrden! Was werrden Sie nicht alles? Sie sind der größte Zukunftsmusiker, der mir noch vorgekommen ist. Aber die Thekla sollen Sie nun wirklich bald heimführen, schon damit diese ewigen, langweiligen Scenen mit meinem Manne aufhören! Der hat nun einmal unglücklicherweise das Vorurteil gegen Sie. Machen Sie das Kind glücklich – es bleibt Ihnen nichts andres übrig, wenn Sie den Konsul für sich gewinnen wollen.« Damit waren sie vor ihrem Hotel angekommen. – – – – Florian brachte unterdessen seinen Meister nach Hause und überließ ihn alsdann seinen älteren Freunden und Bewunderern, um der Verabredung mit seinen Berliner Bekannten gemäß sich nach dem »Sächsischen Hofe« zu verfügen. Um jedoch den weihevollen Eindruck des eben gehörten Kunstwerks in seiner Seele harmonisch ausklingen zu lassen, bevor er sich wieder in Gesellschaft von Menschen, und noch dazu von Berlinern, begab, ging er nicht durch die Stadt, sondern hinter der Hofgärtnerei herum durch den Park. Als er in die Nahe des Rondells kam, wo an schönen Sommersonntagen die Militärmusik zu spielen pflegte, vernahm er von dort ein verliebtes Taubengurren, und als er näher herangekommen war, sah er auch das Pärchen auf einer der Bänke sitzen. Er trat vom Kiesweg auf den Rasen und lauschte. Er fand selbst, daß das eigentlich nicht hübsch von ihm sei, aber er folgte dennoch dem plötzlichen Gelüste, einmal zu erfahren, wie es unter ordnungsmäßigen Liebesleuten zuzugehen pflegte. Es war etwas wie Neid dabei; denn seit er bei seinem ersten Versuche in der Liebe so schlecht gefahren war, trug er ein stetig brennendes Bedürfnis nach Liebe mit sich herum. »Mein armes Herzl, du thust mir furchtbar leid,« hörte er den Mann sagen. »Es ist freilich kein Wunder, wenn du dir über die Welt und über uns Männer besonders so wunderliche Ideen in den Kopf gesetzt hast. Das ist ja eine ganz ungesunde und anormale Atmosphäre, in der du aufgewachsen bist!« Die Stimme kam Florian so bekannt vor. Sollte dieser gebildete Liebhaber nicht . . .? Aber da begann das Mädchen zu reden. Gar nicht zärtlich. Laut und mit der Fußspitze heftig in den Kies stoßend, sagte es: »Ich will aber gar nicht bemitleidet sein – ich weiß gar nicht, was Sie wollen: Ich habe einen Vater, der mich anbetet, ich genieße die Freundschaft bedeutender Männer. ich habe meine ganze Gedankenwelt für mich . . .« »Das ist ja eben das Unglück,« fiel der Herr eifrig ein. »Wenn du bloß ein bißchen weniger denken und ein bißchen natürlicher empfinden wolltest, dann würden dir alle Herzen zufliegen, und du könntest eine außerordentliche Gewalt über die Menschen ausüben. Sieh mal, ich bin überzeugt, daß eine große Künstlerin in dir steckt, aber du läßt sie nicht aufkommen gegen das widerborstige, verzogene Kind in dir. Ihr habt's ja so leicht, gerade auf der Bühne: der natürliche weibliche Reiz macht ja drei Viertel eurer Künstlerschaft aus. Also lerne erst einmal ein liebes, nettes Mädel sein, dann fällt dir das übrige alles von selbst in den Schoß.« »Ich bemerke, daß Sie mich seit zehn Minuten konsequent duzen, Herr Baron!« sagte das Mädchen ungerührt. Und nun wußte Florian auch ganz genau, wen er vor sich hatte: es war der Baron von Ried. der sich da um das Seelenheil des Fräuleins Libussa Tomatschek verdient machte. »Herrgott, Mädel!« rief jetzt der Baron in komischer Verzweiflung, »du bist ein Frosch mit Eichenlaub! Das mußt du doch allmählich gemerkt haben, daß ich dir gut bin, zum Donnerwetter nochmal! Stör' mir doch nicht immerzu das Konzept mit deinen frivolen Bemerkungen! Ich will doch nicht etwa ein Verhältnis mit dir anfangen! Weshalb sträubst du dich denn so dumm? Ich will doch weiter nichts, als dich zur Vernunft bringen und mir einen Gotteslohn damit erwerben.« »Aha, und darum raten Sie mir, unvernünftig zu sein?« »Gewiß, vortrefflich bemerkt! Wahrlich, ich sage Ihnen, mein gnädiges Fräulein, wenn Sie nicht vernünftig werden wie die Verliebten, so ist es nichts mit dem Himmelreich – – auf Erden nämlich!« Fräulein Libussa lachte laut hinaus, und der Baron umfing sie mit beiden Armen und rief ungemein vergnügt: »Ei sieh doch, wie wunderhübsch du lachen kannst! Komm, dafür kriegst du ein Libusserl!« »Oh!« machte das Fräulein und sträubte sich ein wenig, aber der Baron hatte es schon beim Schopf und schloß ihm den Mund so fest, daß es nicht mehr mucksen konnte. Jetzt hielt es Florian aber doch für seine Anstandspflicht, sich eilends davonzuschleichen. Die Nacht war so weich, und der Mond schien so listig kupplerisch wie eine einsame Laterne in einer dunklen Gasse – und alle fünfzig Schritt begegnete Florian einem in zärtlicher Verschlingung dahinwandelnden Pärchen. Es war zum Tollwerden! Wenn er jetzt so mit der guten Thekla Burmester hätte lustwandeln dürfen, ihr dunkles Köpfchen an seine Schulter gelehnt, den Arm um ihre Taille geschlungen – es wären ihm gewiß auch genug zärtliche Dinge eingefallen, die er ihr hätte ins Ohr flüstern können, und er war überzeugt, daß er sich nicht in die Notwendigkeit versetzt gesehen hätte, sie »Frosch mit Eichenlaub« zu titulieren, wie der Baron sein seltsames Verhältnis. Der angebliche Bräutigam hätte ihn wahrhaftig nicht geniert – Theklas Augen hatten es ihm zu deutlich verraten, daß ihre Gesinnung gegen ihn die alte geblieben war. Im Garten des »Sächsischen Hofes« fand Florian eine ziemlich mißvergnügte Gesellschaft beisammen: Peter Gais hatte sich soeben mit seiner ergebenen Freundin gezankt und kaute mißmutig an seiner Cigarre herum. Raphael Silberstein rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her und besann sich vergeblich, wie er wohl den Titanen auf andre Gedanken bringen könnte. Toby Tomatschek hatte der ganzen Gesellschaft den Rücken gewendet, um die Eingangsthüre im Auge behalten zu können, und wühlte aufgeregt in seinem krausen Haar herum. »Wo haben Sie meine Tochter?« rief der schöne Mann Florian entgegen, sobald er sich dem Tische näherte. Florian zuckte die Achseln und stellte sich ganz erstaunt und unwissend. Er nahm neben dem Geigerkönig Platz und schaute verwundert von einem zum andern. Niemand redete ein Wort. Plötzlich stieß Peter Gais ein unnachahmlich verächtliches »Hö!« hervor und schob seine Cigarre vom rechten in den linken Mundwinkel. Alle blickten ihn erwartungsvoll an, aber der Titan hatte vorläufig noch nichts zu sagen. Florian machte unterdes seine Bestellung beim Kellner. Toby Tomatschek seufzte schwer auf und näherte seinen Mund Florians Ohr: »Mir schwant Unheil,« flüsterte er ihm zu. »Warum net gar!« gab Florian mit unziemlicher Heiterkeit zurück. »Der Baron ist mit meiner Tochter durchgegangen, was wollen Sie wetten?« flüsterte der schöne Toby melancholisch. »Er liebt das Mädchen schon lange. Sie wissen doch, daß er eigens eine Rolle für sie geschrieben hat? – Das wissen Sie nicht? Meine Tochter wird dieselbe an einer der ersten Berliner Bühnen kreieren. Das Stück heißt: ›Der Lumpenhund‹.« Florian fuhr zusammen: »Jessas na, des is aber a kräftiger Titel!« »Hm, ja – es liegt Mark und Nachdruck darin,« pflichtete Tomatschek sinnend bei. Dann blies er einen Mund voll Rauch langsam hinaus und begann wieder zu flüstern: »Würden Sie mir raten, an seine Frau zu depeschieren?« »Wie denn, was denn – an wessen Frau denn?« »Natürlich doch an die Frau des Barons. Ich dachte mir ungefähr folgenden Wortlaut: – Meine Tochter soeben durch Ihren Gatten entführt. Beantragen Sie Scheidung? Sonst Vorstoß meinerseits. – Wie finden Sie das?« »Oh – Vorstoß find' ich ausgezeichnet,« versetzte Florian, der sich kaum mehr das Lachen zu verbeißen vermochte. »Hm,« machte der Geigerkönig wieder nachdenklich, »Sie begreifen: die Ehre über alles – man kann doch nicht so mit sich spaßen lassen! – Im übrigen sind mir die Motive des Barons verständlich – ich würde an seiner Stelle auch mit meiner Tochter durchgehen. Oh, Libussa ist ein dämonisches Weib! Der Baron hat ihr phänomenales Talent zur Schauspielerin sofort entdeckt. Sie würde selbstredend ihr Glück auch ohne diese Heirat gemacht haben.« »Welche Heirat denn?« fragte Florian ganz verwirrt. »Nun, der Baron wird sie doch selbstverständlich heiraten, nachdem er sich hat scheiden lassen.« »Ach so, entschuldigen S', des hatt' ich schon wieder vergessen, daß sich der Baron scheiden läßt,« versetzte Florian, heimlich kichernd. Peter Gais hatte eben einen tiefen Schluck aus seinem Glas genommen und stellte das nun mit einem kräftigen Stoß auf den Bierfilz zurück, indem er dabei laut und deutlich das Wort »Blech« verkündete. Raphael Silberstein blickte begeistert zu ihm auf, als erwarte er eine weitere Offenbarung, und da auch die ergebene Freundin sowie die beiden andern Herren ihn fragend anschauten, so fühlte sich der Titane schließlich doch veranlaßt, sich näher zu erklären. Er hielt eine längere Rede, deren Zusammenhang zwar recht unklar war, aus der jedoch die Meinung hervorzugehen schien, daß es höchste Zeit sei, Wagner und Liszt zu überwinden. »Die sind ja bereits überwunden!« äußerte Raphael Silberstein, als ob das etwas ganz Selbstverständliches wäre, und schmachtete dabei mit seinen sanften Augen den Titanen zärtlich an. »Mit dem ›Satan‹ sind Sie doch einfach über die ›Götterdämmerung‹ hinweggeschritten!« »Mein Gott, Silberstein, Sie werden immer gleich persönlich,« verwies der Schöpfer des »Satan« seinen Jünger. »Ueber meine Stellung in der Musikgeschichte wird man erst in zwanzig Jahren das richtige Urteil gewinnen. Darauf bin ich vollkommen gefaßt.« In diesem Augenblicke hatte die ergebene Freundin den Baron von Ried mit Fräulein Libussa entdeckt, die sich suchend zwischen den Tischen herumdrückten. Man erhob sich und winkte ihnen, bis sie aufmerksam wurden und an den Tisch herankamen. Es setzte allerlei Neckereien, die aber weder den Baron, noch das Fräulein besonders in Verlegenheit brachten. Sie erklärten ganz harmlos einen kleinen Spaziergang gemacht zu haben. Libussa sah wunderhübsch aus. Ihre Augen glänzten und sie hatte sogar etwas Farbe. Sie aß mit ausgezeichnetem Appetit zu Abend und unterhielt sich lebhaft mit dem Baron, aber auch mit Florian. Papa Tomatschek beobachtete sie scharf und schien nicht recht zu wissen, was er von ihrem Benehmen halten sollte. – Der Baron war gleichfalls ausgezeichnet aufgelegt und brachte das Gespräch in lebhaften Fluß. Bald befand sich der ganze Tisch in heißem Kampfe, denn Peter Gais stellte immer tollere Behauptungen auf, und als die Mitternacht gekommen war, war er dahin gelangt, so ziemlich allen hervorragenden Geistern dieses Jahrhunderts sämtliche bürgerlichen und sonstigen Ehrenrechte aberkannt zu haben. Es war eine Massenabschlachtung, wie sie die Könige von Dahome zur Feier ihrer Thronbesteigung zu veranstalten pflegen. Und das Endergebnis war dies, daß Peter Gais als einziges Genie auf dem Throne saß. Der Baron hatte anfangs noch ernsthaft opponiert, später jedoch zur Ironie seine Zuflucht genommen, während Florian bald genug grob geworden war. Es fehlte wenig, so wäre es zu Handgreiflichkeiten gekommen. Raphael Silberstein hatte bereits erklärt, daß ihn nur die Rücksicht auf die Damen abhielte, Florian und den Baron auf Säbel zu fordern. Darauf hatte ihm Libussa im Scherz einen Bierfilz an die Nase geworfen, und diesen Schimpf wiederum verschwur er sich, an ihrem Vater zu rächen – kurz und gut, es wurde ein höchst fideler Abend, und wutentbrannt trennte man sich zu später Nachtstunde. Vierzehntes Kapitel. Das Strafgericht. Trotz der späten Nachtsitzung fand sich Florian am andern Morgen zur gewohnten Stunde bei seinem Meister ein. Freilich, so ganz frisch war er nicht – die haarsträubenden Ketzereien des großen Peter Gais hatten schlimmere Nachwirkungen als das bißchen Alkohol, das er genossen. Liszt war auch nicht besonders gut aufgelegt. Er war gleichfalls sehr spät zur Ruhe gegangen und überdies durch die Aufführung seiner Legende ein wenig aus dem seelischen Gleichgewicht gekommen. Er brummte noch ein wenig in Erinnerung an den gestrigen Abend. »So etwas gehört nicht auf die Bühne,« schalt er. »Mit meinem Willen geschieht das nicht. Man soll sich nicht die heilige Elisabeth durchs Opernglas anschauen. Aber was richtet man aus gegen diese Theaterintendanten! Sie wollen mir ja eine Ehre damit erzeigen, pcha! Und hab' ich einmal Ihrem König Ludwig zu Gefallen nachgegeben, so kann ich's unsrem guten Großherzog auch nicht verweigern. Na, nun hat ja sein Intendant den Leuten wieder einmal bewiesen, daß der Liszt keine Oper schreiben kann.« Florian gedachte den Meister auf andre Gedanken zu bringen, indem er ihm von der gestrigen Wortschlacht zwischen Peter Gais und dem Baron einen humoristisch gefärbten Bericht erstattete. Aber der Meister war nicht aufgelegt, darüber zu lachen. Er wurde im Gegenteil noch ernster und sagte, daß er sich des Peter Gais wohl erinnere. Er habe in seinen Erstlingswerken viel Kraft und Eigenart gefunden und sich Bedeutendes von ihm versprochen. Aber nun erscheine er ihm dem Größenwahn verfallen, dem traurigen Schicksal starker Künstlernaturen, denen es an Erfolg gefehlt hat. Einige wenige unbedingte Anbeter, die einen solchen Verkannten in seiner Selbstüberhebung bestärkten, wirkten oft noch schlimmer auf ihn ein als völlige Vereinsamung. »Ich will dir etwas sagen, mein lieber Sankt Florian,« schloß er seine Rede, und ein wehmütiges Lächeln umspielte dabei seinen Mund. »Traurig und groß ist die Bestimmung des Künstlers! Es drängt ihn mit dämonischer Gewalt zur völligen Hingabe an die Außenwelt. Die seltsamen Käuze, die wie Zwerge der Unterwelt in saurem Schweiß Kleinodien schmieden und sie dann in Felsenspalten ängstlich vor dem Tage verstecken, das sind beileibe keine Künstlernaturen. Der Künstler muß hinaus mit seinem Werke in den hellen Tag, und wenn das Volk seine Gaben schnöde verschmäht, dann kommt eine so herbe Traurigkeit über ihn, wie sie wohl kein andres Menschenherz zu empfinden vermag. Sie ist mir auch nicht erspart geblieben. Man hat es mir gar sehr verargt, daß ich mich nicht damit bescheiden wollte, als glänzendster Virtuose meiner Zeit bewundert zu werden. Ich habe etwas Neues gebracht: die symphonische Dichtung. Aber ich wäre den Leuten lieber gewesen, wenn ich als rechter Schuster bei meinem Klavierleisten geblieben wäre. Daß ein Spezialist für die Nase nicht zu wissen brauche, was für Nerven im großen Zeh sitzen, das finden sie vollkommen in der Ordnung; aber daß ein Musikant ein Dichter ohne Worte sein will, das dünkt ihnen eine Anmaßung. Ich weiß sehr wohl, daß meine Werke immer nur mir und nicht dem Publikum zuliebe aufgeführt werden. Ja, ja – glaube mir, ich habe die Traurigkeit des Künstlerloses geschmeckt; aber ich habe wenigstens einen Trost, der mich davor bewahrt hat, der Weltverachtung der Verkannten zu verfallen: das ist das Bewußtsein, euch Jüngeren allen eine fruchtbare Anregung gegeben zu haben, und außerdem die Freude, daß ich den Sieg des Stärkeren erleben durfte. – Aber nun komm, wir vertrödeln unsre kostbare Zeit. Da hat mir gestern ein junger Mann ein Manuskript gebracht. Heut' um Neun will er sich mein Urteil holen, denn er hat keine Zeit, zu warten. Also müssen wir uns sputen, sonst ergeht es uns schlecht.« Er lachte gutmütig ironisch und schlug eine fein in grünes Saffianleder eingebundene Partitur auf. Schon nachdem er kaum ein paar Seiten darin flüchtig überlesen, zog er unwillkürlich die buschigen Brauen zusammen. Dann trat er mit dem Heft an den Flügel, stellte es aufs Notenpult und rief Florian zu, er solle das spielen. Florian setzte sich gehorsam auf den Klaviersessel und las zunächst die Ueberschrift: Finis Poloniae. Symphonische Dichtung von Antonin Prczewalsky . – »Ei, da schau her!« brummte Florian vor sich hin, verriet aber sonst mit keinem Worte seine Bekanntschaft mit dem Verfasser. Er blickte fest auf die Noten und hob die Hände, um in die Tasten zu greifen. Dann ließ er sie wieder sinken, beugte sich näher an die Noten heran und sagte endlich lachend: »Entschuldigen Sie, Meister, das ist mir zu hoch.« »Mir auch!« lachte Liszt. »Hoho, der junge Mann darf sich etwas einbilden: er hat etwas geschrieben, was ich nicht spielen kann!« Das Stück begann nämlich mit einer längeren Stelle für die Streicher allein, die sich in der allerhöchsten Lage zu bewegen hatten. Aber die hohen Noten waren nicht wie üblich in der tieferen Oktave gesetzt, sondern mit allen unzählbaren Strichen durch Kopf und Hals ausgeschrieben. Nun setzte sich Liszt selbst ans Klavier und spielte mit Auslassung des unleserlichen Anfangs mehr als die halbe Partitur durch. Das Werk erwies sich als ein gänzlich ungenießbarer weichlicher Tonbrei. Liszt klappte endlich das Buch zornig zu und erklärte, seine Zeit nicht an diesen talentlosen Burschen verschwenden zu wollen. Pünktlich um Neun stellte sich Antonin Prczewalsky persönlich ein. Er hatte sorgfältigst Toilette gemacht und besonders Haupt- und Barthaar mit augenscheinlicher Liebe behandelt. Er entbot dem Meister seinen Gruß, und dann strich er seine Locken zurück und heftete einen hoheitsvoll unwilligen Blick auf Florian, welcher besagen sollte: Du bist hier überflüssig, Sklave. Entferne dich. – Hier wollen sich schaffende Geister in die Mysterien ihrer Kunst versenken. Florian begriff vollkommen, daß seine Anwesenheit bei dem Strafgericht, das nun über den Sänger von Polens Ende hereinbrechen sollte, diesem peinlich sein müsse. So sehr ihm der Mensch zuwider war, die Demütigung wollte er ihm doch ersparen. Er bat, sich zurückziehen zu dürfen, aber der Meister erklärte, er solle nur bleiben, er habe später noch Arbeit für ihn. Liszts Antlitz verkündete nichts Gutes, als er den schönen Antonin ersuchte, ihm zuvor über den poetischen Gedanken der Komposition Aufklärung zu geben. Der arme Sünder geriet in große Verlegenheit. Er schnaufte arg durch die Nase und druckste einige unzusammenhängende, wenig klare Sätze heraus: »O, Gedanken habe ich eigentlich keeïne – nur Gefühle – Musik ist alles Gefühle – khn, also die Gefühle eines edlen Pollen iber den Untergang seines schönen Vaterlandes und so weiter, Sie verstehen; zuletzt ermahnt er Weeïb und Kind zur Treue – khn, khn – der nationale Gedanke u. s. w., Sie verstehen? – aber vor allen Dingen und überhaupt der tiefe Seelenschmerz!« Liszt machte ein so böses Gesicht, wie es Florian nie an ihm gesehen hatte. Er zeigte befehlend nach dem Klavierstuhl und sagte: »Spielen Sie mir das, wo der edle Pole Weib und Kind ermahnt, pcha!« Prczewalsky setzte sich vor den Flügel, betupfte sich die weiße Stirn mit seinem Taschentuch, wobei seine Hand sichtlich zitterte. Dann suchte er lange in seiner Partitur herum und spielte endlich einige Seiten daraus. Plötzlich trat Liszt hinter ihn, schlug mitten in seinem Spiel die erste Seite auf und herrschte ihn ungeduldig an: »So – ich danke. Jetzt spielen Sie mir das!« Mit zitternden Händen vollführte Antonin ein sinnlos klingendes Geklimper in den allerhöchsten Diskanttönen. Schon nach wenigen Takten gebot Liszt Halt und fragte, was das bedeute. Antonin hatte keine Antwort – er würgte und schnaufte und schaute so jammervoll darein, daß selbst Florian Mitleid mit ihm fühlte. Liszt aber schnob ihn an: »Ich will Ihnen sagen, was das ist: das ist eine polnische Wirtschaft! Solche Noten schreibt man nicht – wissen Sie das nicht? Wenn man keine Musik empfindet, so macht man auch keine Musik.« Wieder schlug er die Handschrift an einer andern Stelle auf, deutete mit dem Finger auf eine Zeile und fragte: »Warum lassen Sie hier das Englischhorn mitgehen?« Prczewalsky war gekränkt. Er wollte sich, zumal vor einem solchen Zeugen, nicht so behandeln lassen. Und so warf er den Kopf zurück und erwiderte so trotzig, als ihm das bei seiner waschlappigen Art überhaupt gelingen wollte: »O, ich bitte, bei einem solchen Werk – großes Orchester – Finis Poloniae khn – da muß doch auch das englische Horn zu thun haben.« »Sie sind ein Unverschämter!« rief Liszt in hell ausbrechendem Zorn. Er riß die schmächtige Partitur vom Pult, und ehe der schöne Antonin sich dessen versah, kriegte er den grünen Saffianband – klatsch! klatsch! – einmal rechts und einmal links um die Ohren geschlagen. Beide Hände zum Schutze gegen den Kopf haltend, flüchtete der tödlich Erschrockene bis an die Thür und rief, die geballte Rechte drohend gegen Florian schüttelnd, mit wuterstickter Stimme: »Schuft, du Schuft – das hab' ich dir zu verdanken! Oh, ich werrde, ich werrde . . .« Da aber sowohl Liszt, als auch der so unschuldig verdächtigte Florian ein paar rasche Schritte gegen die Thür hin machten, ließ Antonin seine Drohung unvollendet und floh eiligst aus dem Zimmer. Schwer atmend stand Liszt da und griff sich an den Kopf, das grüne Buch hielt er noch in der zitternden Rechten: »Was war das?« sagte er ganz traurig: »Ich habe ihn geschlagen! Pfui, pfui, ich habe mich vergriffen! Geh, Florian, lauf ihm nach, bring ihm sein Buch. Er soll mir verzeihen. Sag' ihm, ich will . . . Aber nein: es war eine Büberei! Finis Poloniae, hoho! Ja, freilich; wenn die Polen alle solche Musik machten – aber was kann er dafür, daß er kein Künstler ist? Sein Vater hätte ihn prügeln sollen, aber nicht ich! Ich habe unrecht gethan. Lauf, Florian, lauf, sag' ihm das!« Florian nahm die Partitur und lief eilends damit hinaus. Im Vorzimmer hielt ihn der Sekretär Spiridion auf, der durch des Meisters Schelten aufmerksam geworden war und das Klatschen deutlich gehört hatte. Er hätte gern etwas Näheres über den unerhörten Vorfall erfahren, denn so lange er in Diensten Liszts gestanden, war es noch nicht vorgekommen, daß den gütigen Herrn ein solcher Zorn übermannt hatte. Spiridion hatte dem hinausgejagten Polen neugierig vom Fenster aus nachgeschaut und bemerkt, daß er nach einigem Zögere auf der Straße in den Park abgebogen war. Mit vier großen Sätzen sprang Florian die Treppe hinunter und lief um die Hofgärtnerei herum den nächsten Parkweg entlang. Am nächsten Kreuzweg schaute er sich um und entdeckte den armen Antonin keine hundert Schritte weit entfernt, in der Nähe des römischen Hauses, wie er taumelnden Schrittes dahinwankte. Florian setzte sich in Trab. Als er Prczewalsky auf etwa zwanzig Schritte nahe gekommen war, wandte sich der um und hatte ihn nicht sobald erkannt, als er auch schon, so rasch ihn seine kurzen Beine zu tragen vermochten, den nächsten Pfad hinabstürmte, der an dem steilen Abhang nach dem unteren Parke hinunterführte. Es half nicht, daß Florian ihm nachschrie: »Sie, halten S' doch an, Sie haben ja Ihr Manuskript vergessen!« – Er hörte nicht und rannte weiter, bis er unten im Ilmthal angekommen war. Dort holte ihn Florian ein und kriegte ihn beim Rockzipfel zu packen. »Sie laufen ja grad wie das böse Gewissen!« keuchte Florian außer Atem. Und Antonin wandte sich um und hielt seinen Regenschirm wie zur Abwehr empor, mit ausgestrecktem Arm quer vor sich, schwer atmend schauten sich die beiden Feinde Aug in Auge. Wut mit Angst vermischt verzerrte Antonins schlaffe Züge. Florian streckte ihm den grünen Saffianband entgegen und lachte grad heraus. »No, Sie Held, wollen S' mich etwa gar schlagen, weil ich Ihnen Ihr' Sach' wieder bring'? Da, nehmen Sie's nur! Einen schönen Gruß vom Meister soll ich ausrichten, und es thät' ihm herzlich leid, daß er sich eigenhändig bemüht hätt'. Mir wär's auch lieber gewesen, er hätte die Exekution mir überlassen!« Antonin riß die Partitur hastig an sich und entfernte sich damit ein paar Schritte. Plötzlich aber machte er wieder kehrt und stürzte mit hochgeschwungenem Regenschirm auf Florian los, indem er dabei mit wuterstickter Stimme schrie: »Sie Hundeblut gemeines! Das habe ich Ihnen zu danken – Sie haben gehetzt. – Ah psia krew! Und weit ausholend, führte er einen wütenden Hieb gegen Florians Kopf. Florian fing den Streich mit dem linken Arme auf und gleichzeitig fast sauste seine rechte Hand in kräftigem Schwunge auf Antonins Wange herab. »Was, Lump miserabler!« schrie er ihn dabei an. »Was hast d' g'sagt: ich hätt' den Meister gegen dich auf'bracht? Ah na, mei' Lieber, des braucht's net; des braucht's net, wenn ma a solche Saumusik schreibt wie Sie! Aber des freut mich doch, daß ich jetzt endlich a mal die Gelegenheit erwisch', Ihnen die Prügel zu verabfolgen. die ich Ihnen noch schuldig bin wegen dem gebrochenen Ehrenwort. Sie erinnern sich wohl freundlichst noch an den Schein, was? So jetzt kassier' ich einmal meine Forderung ein!« Und gleichsam als Interpunktionszeichen für diese knappe und kräftige Standrede klatschten die Ohrfeigen und hagelten die Püffe auf den schönen Antonin herein. Bald fuhr seine Hand nach der brennenden Wange, bald krümmte er sich zusammen nach einem Stoß in den Bauch oder wand sich schreiend nach einem Faustschlag auf die Schulter. Zwischenhinein stieß und schlug er mit dem Regenschirm nach seinem Gegner oder suchte sich mit dem Arm gegen die Schläge zu decken. Schließlich riß ihm Florian den Schirm aus der Hand, zog ihm damit noch eins über den Rücken, fügte noch einen wohlgezielten Faustschlag gegen die edle Nase hinzu, daß sofort das Blut heraussprang – und dann hatte er genug. Er ließ von seinem Opfer ab und sah ungerührt zu, wie der unglückliche Antonin Schirm, Hut und die zerbleute Partitur von Finis Poloniae vom Boden auflas und, in wütendem Schmerz vor sich hinwimmernd und fluchend, das feine Taschentuch gegen die Nase drückte. »So,« rief Florian munter, »Sie waren mir zehn Mark schuldig und ich Ihnen eine Tracht Prügel – jetzt sind wir zwei quitt!« Er sah Spaziergänger nahen und klomm mit elastischem Schritt denselben Steig wieder hinan, den er eben hinabgestürmt war. Oben angekommen, verschnaufte er ein wenig. Ihm war ungeheuer wohl zu Mute – just, wie wenn er ein hervorragend gutes Werk verrichtet hätte. Er steckte die Hände in die Hosentaschen und pfiff sich eins im behaglichen Dahinschlendern. Er versuchte sich vorzustellen, welche Freude die Frau Schwiegermutter in spe beim Anblick ihres lieben Jungen haben und was für einen Bericht der wohl über sein schmerzhaftes Abenteuer erstatten werde. Thekla, daran zweifelte er keinen Augenblick, würde gewiß ein heißes Dankgebet zum Himmel schicken dafür, daß er ihren verhaßten Verfolger durch kundige Hand gezüchtigt hatte. Florians Heiterkeit hielt aber nicht länger an, als bis er wieder vor der Thür der Hofgärtnerei stand; denn da fiel ihm auf einmal ein, daß er eigentlich den Auftrag des Meisters in höchst eigentümlicher Weise zur Ausführung gebracht habe. Da schritt der liebe alte Herr nun gewiß noch immer aufgeregt im Zimmer einher, sich bittere Vorwürfe über seinen Mangel an Selbstbeherrschung machend und des Boten harrend, der ihm die Beruhigung bringen sollte, daß der Beleidigte, wenn auch nicht selbst verziehen. so doch seine Bitte um Verzeihung empfangen habe. Und da sollte er ihm nun berichten, daß er den Geohrfeigten obendrein auch noch windelweich gedroschen habe? Nein, das ging entschieden nicht an. Da hätte er sich nicht wundern dürfen, wenn er als Botenlohn selber ein paar hinter die Ohren gekriegt hätte. Es überkam ihn plötzlich eine ganz kindische Angst, und er schlich von Liszts Thür wieder weg wie ein böser Bube, der im Bewußtsein einer verübten Missethat nicht vor das Angesicht des Lehrers zu treten wagt. Er ging heim, warf sich auf sein Sofa und überlegte. Eine kleine Stunde mochte vergangen sein, ohne daß er zu einem Entschluß gekommen wäre. Da pochte es an seiner Thür, und auf sein »herein« trat die rundliche kleine Gestalt des Konsuls Burmester über die Schwelle. Florian schnellte vom Sofa empor und rief mit dem Ausdruck äußersten Erstaunens: »Der Herr Konsul!« Der kleine Herr trat verlegen lächelnd näher und sagte, indem er sich mit seinem rotseidenen Tuche den Schweiß von der Glatze tupfte: »Ja, es ist allerdings . . . es wird Ihnen vielleicht sonderbar erscheinen, daß ich mir erlaube, bei Ihnen vorzusprechen, Herr Mayr, aber . . .« »Ja, wissen Sie denn schon?« rief Florian verblüfft. »Ja aber gewiß!« versetzte Herr Burmester, »ich habe Sie doch auf dem Bahnhof und gestern im Theater gesehen. Der Oberkellner hat Ihre Adresse für mich ermittelt. Ich – ich wollte nämlich – das heißt: meine Frau meinte . . . Ich habe ja eigentlich nie etwas gegen Sie gehabt, Herr Mayr – mein Gott, die kleine – wie soll ich sagen? – Verirrung meiner Tochter gegenüber, das – das war ja überhaupt gar nicht so schlimm, hehe! Meine Frau allerdings – nun Sie werden begreifen: als Mutter . . .« Florian unterbrach das peinliche Gestotter des Konsuls dadurch, daß er ihn nötigte, an seiner Stelle auf dem Sofa Platz zu nehmen, während er selbst sich ihm gegenüber auf einen Stuhl setzte und sich voll Eifer, zu vernehmen, was den kleinen Herrn eigentlich herführte, weit über den Tisch beugte. »Sie wissen also wirklich noch nichts?« fragte er nochmals scharf betonend. »Was soll ich wissen?« versetzte der Konsul. »Ah so, Sie meinen vielleicht das Unglück mit dem Herrn Prczewalsky? Denken Sie, der Arme wollte heute früh Liszt seine Aufwartung machen, um für uns alle eine Einladung zu seiner heutigen Soiree zu erbitten – da stolpert er im Hinausgehen und fällt die ganze Treppe herunter; denken Sie sich! Ganz schrecklich hat er sich zugerichtet! Er mußte sich gleich zu Bette legen. Sie haben gewiß gehört von dem Unglücksfall? – Ja – und da nun meiner Frau doch sehr viel an dieser Soiree liegt, so möchte ich bitten, ob Sie nicht vielleicht die große Freundlichkeit haben möchten, uns Einladungen zu besorgen.« »Ja, verehrter Herr Konsul,« versetzte Florian äußerst belustigt, »da werde ich wohl auch nichts ausrichten können. Diese Angelegenheit besorgen meistens die Damen für den Meister; aber ich will mein Heil versuchen, wenn Sie mir versprechen können, daß Sie Fräulein Thekla mitbringen und Herrn Prczewalsky zu Haus lassen wollen.« Der Konsul versprach das mit großer Bereitwilligkeit, und darauf nahm ihn Florian sofort mit sich nach der Hofgärtnerei. Er ließ ihn im Vorzimmer warten, während er zum Meister hineinging, um seine Bitte vorzutragen. Liszt war nicht gerade erbaut über die Störung, hörte nur flüchtig auf das, was Florian ihm von seiner Schülerin und deren Eltern, den begeisterten Berliner Musikfreunden, erzählte, und gab ohne weiteres seine Unterschrift zu einer in Blanko ausgestellten Einladung. Florian wollte sich schon wieder entfernen, als ihn Liszt noch einmal mit der Frage stellte – was denn der Verfasser von Finis Poloniae zu seiner Botschaft gesagt habe. »Ach, Meister,« versetzte Florian kleinlaut, »ausgericht' hab' ich's schon, aber da hat er gesagt; ich hätt' ihm die Watsch'n einbrockt und hat mich gehaut – bei Gott, er hat mich zuerst gehaut. Na, da hab' ich ihn dermaßen gewichst und windelweich gewalkt, daß Sie selber daran Ihre Freud' gehabt hätten!« »Was?« machte Liszt, die Brauen zusammenziehend; aber dann mußte er doch lachen. Er zupfte den langen Burschen scherzend am Ohr und sagte: »Ei, ei, Florian, Sankt Florian – wann wird er denn einmal gescheidt werden? Furor teutonicus, haha! Wenn man alle schlechten Musikanten mit Prügeln kurieren könnte, müßte man dich zum salvator ernennen.« – Und er entließ ihn mit einem freundlichen Lächeln. Freudestrahlend betrat Florian das Vorzimmer, füllte die Namen auf der Einladungskarte aus und begleitete dann den Konsul nach seinem Hotel zurück. Unterwegs fragte er so ganz nebenbei, ob denn der Konsul das Papier noch besitze, das ihm Fräulein Thekla in seinem Auftrag auf der Soiree der Gräfin Tockenburg übergeben habe. Herr Burmester erinnerte sich und fragte, was es damit für eine Bewandtnis habe. Und da erzählte ihm Florian, unter welchen Umständen Prczewalsky jenen Revers ausgestellt habe, in dem er sich ehrenwortlich verpflichtete, dem Fräulein Thekla keine Klavierstunden zu geben. »Wissen S',« schloß Florian, »es war noch eine mündliche Abmachung dabei für den Fall, daß der schöne Herr sein Ehrenwort nicht halten sollte: dann sollte ich ihn nämlich einen gemeinen Lumpen heißen und ihm eine Tracht Prügel verabreichen dürfen. No, und heut' früh sind wir quitt geworden. Begreifen Sie jetzt die Geschicht' von der Treppe? Ja, ja, hinc illae lacrimae! « Der Konsul blieb stehen und schaute mit ehrlicher Bewunderung an dem hageren Gesellen hinauf. »Sie haben meinen – hm, Schwiegersohn geprügelt? Das ist ja – großartig! Ach, was denn! – ich meine . . . das heißt, Ihnen kann ich's ja sagen, ganz im Vertrauen: mir ist der Kerl in den Tod zuwider. Mein lieber Herr Mayr, was sind Sie für ein – merkwürdiger Mensch! Sie prügeln meine Tochter – und seitdem schwärmt sie für Sie; Sie prügeln meinen Schwiegersohn – und ich möchte Sie dafür umarmen! Am Ende prügeln Sie mich selber auch noch, hahaha!« »Kann schon kommen, Herr Konsul, kann schon kommen!« drohte Florian gemütlich. »Wenn Sie wirklich Ihre Tochter dem Lapp da geben; dann steh' ich für nichts.« »Ich will ja auch gar nicht!« rief der kleine Herr eifrig, indem er seinen Arm unter den Florians schob. »Wenn ich nicht wäre, hätten sie am Ende gar schon Hochzeit gemacht. Wissen Sie, meine Frau –« und er dämpfte seine Stimme zum Flüstern herab – »meine Frau will durchaus einen Künstler in der Familie haben, und von dem Kerl verspricht sie sich merkwürdigerweise ganz Besonderes, weil er sich in die vornehmsten Familien einzuschleichen weiß. Und dann kommt noch eins hinzu: die Thekla hat durchaus ein Musikgenie werden sollen, und da daraus so gar nichts geworden ist, mag meine Frau das arme Ding gar nicht mehr leiden und möchte sie so schnell als möglich loswerden. Sie ist ja schließlich auch nicht ihre rechte Mutter – ich bin ja auch nicht der Vater: wir haben sie ja bloß adoptiert!« »Ach!« rief Florian ganz erstaunt. »Aber das Kind ist doch so gut, und ich hab' es so lieb, als wenn es mein eigenes wäre!« »Gelt, und Sie geben's dem Trottel nicht?« rief Florian laut. »Scht!« machte der Konsul ängstlich, »Sie sind nicht verheiratet, junger Freund – Sie wissen nicht, zu was für Opfern ein Mann sich herbeilassen kann, um sich Ruh' und Frieden im Hause zu sichern!« »Wissen S', Herr Konsul,« rief Florian, »ich an Ihrer Stelle wüßt' schon, wie ich mir Ruh' verschaffet', wenn meine Frau in solcher Art meinen Frieden stören thät'!« Und er machte eine sehr bezeichnende Gebärde. Sie waren in der Nähe des »Russischen Hofes« angelangt. Der Konsul schaute nach allen Seiten um und zu den Fenstern seines Hotels hinauf. Er hatte offenbar Furcht, daß seine Gattin Anstoß daran nehmen könnte, ihn mit Herrn Mayr in so vertrautem Gespräch zu sehen. Er nahm auffallend hastig Abschied und bedankte sich nochmals für die Einladung. Florian schüttelte ihm kräftig die Hand und sagte: »Bitt' schön, grüßen S' das Fräulein Thekla recht schön von mir – und ich thät' mich furchtbar drauf freuen, sie heut' abend wiederzusehen. Im übrigen, Herr Konsul – wenn ich Ihnen irgendwie dienlich sein kann . . . es braucht net grad gehauen zu sein – mein bißl Verstand steht auch zu Ihrer Verfügung, wenn's zu Fräulein Theklas Bestem dienen soll!« Und damit schwenkte er fröhlich seinen Hut und trollte sich zufrieden heim. Er freute sich wie ein Kind auf den Abend. Was Frau Burmester wohl dazu sagen würde, wenn sie erfuhr, wem ihr erwählter Schwiegersohn seine geschwollene Nase und seine blauen Flecke zu verdanken habe? Wenn der Konsul nicht den Mut fand, es ihr zu verraten, so sollte sie es heute abend aus seinem Munde erfahren. Erst sollte sie sich schön bedanken für die Einladung, und dann wollte er ihr erzählen, wie er den schönen Antonin abgestraft. O, er wollte sich weiden an ihrer Wut! Und wie eine Klette wollte er sich an Thekla hängen. Sie sollten nur anstellen, was sie wollten, er würde sich durch nichts irre machen lassen. Als die siebente Stunde, zu welcher die Soiree bei Liszt beginnen sollte, herannahte, überfiel Florian eine fieberhafte Ungeduld. Schon um halb sieben Uhr stand er, sorgfältig rasiert und frisiert, in Frack und weißer Binde da und schaute von da an alle fünf Minuten auf die Uhr, ob es noch nicht bald Zeit sei, aufzubrechen. Zehn Minuten vor Sieben vermochte er seine Ungeduld nicht länger zu meistern und stürmte nach der Hofgärtnerei, als ob er schon zu spät zu kommen fürchtete. Natürlich war er der erste zur Stelle – es dauerte sogar noch über zwanzig Minuten, ehe die ersten Gäste eintraten. Er verabredete unterdessen mit Liszt, daß er eine seiner Rhapsodieen spiele wollte, und zwar an Stelle von Fräulein Ilonka Badacs, welche kurz zuvor erst abgesagt hatte. »Sie wird wohl wieder eine dringende kleine Reise vorhaben,« fügte Liszt seiner Mitteilung hinzu, indem er Florian dabei lächelnd fixierte. Der wurde wohl ein wenig rot, aber vermochte doch ebenfalls zu lächeln, so daß der Meister ihm die Hand drücken und zufrieden ausrufen konnte: »Ah, ich sehe, du hast überwunden, mein Sohn – bravo!« Gegen halb acht Uhr erschienen der Großherzog, der Erbgroßherzog mit seiner Gemahlin und die Prinzessin Elisabeth, samt einigen Herren und Damen des Hofstaates. Liszt stellte einige der fremden Ehrengäste, sowie auch einige Schüler und Schülerinnen den höchsten Herrschaften vor und zum Schluß auch seinen getreuen Sankt Florian, den er dem regierenden Herrn besonders warm empfahl. Der Großherzog richtete infolgedessen einige freundliche Worte an den jungen Bayreuther und sprach die Hoffnung aus, heute noch eine Probe seiner Kunst zu hören. Florian trat mit einem tiefen Bückling von dem hohen Herrn zurück und stand, als er sich umwandte, just dem Konsul Burmester und seiner Gattin gegenüber, die sich nahe herangedrängt hatten, um von den großherzoglichen Worten womöglich etwas zu erlauschen. Ehe noch Florian den Mund zu einer Begrüßung öffnete, redete ihn Frau Burmester an, mit allerkühlster Höflichkeit und einem so spitzen, gezierten Lächeln: »Wir sind Ihnen zu großem Danke verbunden, Herr Mayr, für die Einladung zu diesem interessanten Abend. Es war ja allerdings eine Kleinigkeit für Sie – ich sehe, Sie stehen hier in großer Gunst.« »Ich? O danke, es passiert!« versetzte Florian gleichgültig. »Aber bitt' schön, wo ist denn Fräulein Tochter? Ich sehe Fräulein Thekla nicht!« Mit einem geradezu boshaften Lächeln antwortete Frau Burmester: »Ja, meine Tochter bedauert unendlich, auf das Wiedersehen mit ihrem gestrengen Meister verzichten zu müssen – aber sie sah sich wirklich außer stande, uns zu begleiten!« »So, was is jetzt des?« rief Florian aufzuckend. Er maß den kleinen Herrn Konsul mit einem Blicke, der deutlich sagte: halten Sie so Ihre Versprechungen? Und da der arme Mann nur mit einer hilflosen, bedauernden Gebärde zu antworten vermochte, so wandte er sich wieder an Frau Olga und raunte ihr deutlich, aber leise zu: »Aha, versteh' schon, gnädige Frau: Fräulein Thekla muß wohl den lieben Herrn Antonin pflegen? Hat Ihnen der saubere Herr auch erzählt, wie der Meister ihm seine Ansicht über »Polens Ende« geäußert hat? Na, und meine Ansicht habe ich ihm ja in deutlicher Hand, oder vielmehr Faustschrift mit heimgegeben – schön braun und blau, und eine geschwollene Nas' als Ausrufzeichen am Schluß. Ich hab' ihm auch meine Firma – dabei hielt er seine Riesenhand mit ausgespreizten Fingern empor – auf beide Backen unter die Lisztschen Watschen gesetzt!« Die Konsulin wurde unter ihrer Schminke blaß. Ihre Augen leuchteten grünlich auf wie die einer Katze im Dunkeln, und wütend zischte sie Florian an: »Sie haben unsern Schwiegersohn zu schlagen gewagt! Unerhört! Hätten wir das gewußt, so hätten wir uns natürlich niemals herbeigelassen, Sie für uns zu bemühen. Sie werden sich vor Gericht zu verantworten haben wegen dieses Attentats – mein Mann wird dafür sorgen! Und ich werde den Fall in die Zeitungen bringen. Komm' Willy, dieser Mensch ist fortan Luft für uns!« Damit ergriff sie den Arm ihres Gatten, der irgend etwas Unverständliches murmelte, und dirigierte ihn durch das Gewühl der Gäste nach einer andern Seite des Salons. Florian stand noch eine ganze Weile auf derselben Stelle und schaute mit grimmigem Hohnlächeln dem Paare nach. Er sah und hörte nicht, was um ihn her vorging. Er dachte nach – und plötzlich hatte er einen Entschluß gefaßt. Die höchsten Herrschaften hatten Platz genommen und die übrigen Gäste folgten ihrem Beispiel, soweit Sitzgelegenheiten vorhanden waren. Es wurde ein Halbkreis um den Flügel herum gebildet. Man erwartete offenbar den Beginn des Konzerts. Florian eilte auf den Meister zu, als dieser eben eine Dame aufforderte, sich an das Instrument zu setzen, und bat ihn aufgeregt, er möge ihn doch zuerst spielen lassen. Liszt maß ihn mit einem verwunderten Blick. »Ja, was ist dir denn, mein Lieber? Du bist ja ganz echauffiert!« »Ja, ich weiß 's selbst nicht – die Hitz' – mir ist net recht extra – ich werd' wohl bald heim müssen!« »Hm, hm – etwas debauchiert gestern nacht – und die Emotion von heute morgen – pcha, ich begreife! Na, wie du willst! Du zitterst ja – oho, Lampenfieber, Florian?« »Nein, Meister; jetzt wird's grad noch gehen, aber später . . .?« Da geleitete ihn der Meister ans Klavier. Rasch trat allgemeine Stille ein, und Florian griff in die Tasten. Er entfaltete eine außerordentliche Kraft, und die zornige Erregung, die seine Nerven spannte, kam in seinem Spiel als stürmische Leidenschaft zum Ausbruch. Die zarteren Stellen gelangen freilich weniger gut, und ein paarmal griff er sogar gehörig daneben. Der Eindruck des ganzen Stückes war aber trotzdem ein hinreißender, und er erntete reichen Beifall. Einige enthusiastische Schmeichler verglichen sein Spiel mit dem Rubinsteins, und auch von seiten des Hofes ward ihm schmeichelhafteste Anerkennung zu teil. Liszt nahm ihn beiseite und flüsterte ihm scherzend zu: »Ei, ei, Sankt Florian, man hat sich heute schon öfters – vergriffen! Du hast wohl geglaubt, den polnischen Künstler mit dem schweren Namen vor dir zu haben – so unbarmherzig hast du drauf eingehauen! Aber trotzdem – bravo!« Damit gab er ihm einen leichten Schlag auf die Schulter und ließ ihn laufen. Sobald das nächste Musikstück begann, zog sich Florian ins Vorzimmer zurück und schlüpfte, als er sich während des Spieles unbeobachtet sah, hinaus. Er sprang die Treppe hinunter, als ob Verfolger hinter ihm her wären, und lief mehr, als er ging, zum »Russischen Hof«. Er ließ sich vom Portier die Zimmernummer der Familie Burmester nennen, erfuhr, daß das Fräulein zu Hause sei, und stieg hochklopfenden Herzens die Treppe hinauf. Oben angekommen, wartete er, bis ihm ein Zimmermädchen zu Gesicht kam. Das nahm er heimlich beiseite, drückte ihm einen Thaler in die Hand und hieß es auskundschaften, ob das Fräulein vielleicht allein auf seinem Zimmer oder in Gesellschaft des Herrn Prczewalsky sei. Das Mädchen nickte verständnisvoll und betrat zunächst, nachdem auf sein Klopfen kein »Herein« erfolgt war, das Wohnzimmer der Burmesters. Nach ein paar Sekunden kam sie kichernd wieder heraus und berichtete ihrem Auftraggeber, der polnische Herr sei an der Thür zum Schlafzimmer des gnädigen Fräuleins gestanden, habe durchs Schlüsselloch zu schauen versucht und ganz jammervoll gebeten, es möge ihm doch aufsperren oder wieder zu ihm hereinkommen. In seiner Aufregung habe er gar nicht gemerkt, daß er beobachtet werde. Florian hieß nun das Mädchen bei Thekla anklopfen. »Wer ist da?« rief deren Stimme von innen. »Das Zimmermädchen.« Ein paar eilige Schritte, und dann wurde der Riegel von innen zurückgeschoben. Nun trat Florian rasch herzu, schob das Mädchen beiseite und schritt auf den Zehen über die Schwelle hinweg. Da stand er nun in Theklas Zimmer, nahm seinen Hut ab und breitete mit einem ganz leisen »Grüß' Sie Gott, Fräulein!« ihr die Arme entgegen. Mit einem ganz leichten Aufschrei prallte sie zurück, griff sich mit den beiden Händen an den Kopf und sah in lieblicher Verwirrung zu ihm auf. »Ach, Herr Mayr!« hauchte sie mit einem so unzweifelhaften Tone freudigster Ueberraschung, daß Florian plötzlich das Herz bis in den Hals hinaufschlug. Er trat noch einen Schritt näher – und da auf einmal lag ihr dunkles Köpfchen an seiner Schulter, und ein mühsam unterdrücktes Schluchzen zuckte in einzelnen Stößen durch ihren Körper. Er bog ihr den Kopf mit beiden Händen sanft zurück, sah ihr liebreich in die Augen und flüsterte: »Bitt' schön. Jetzt nicht weinen, liebes Fräulein: ich will Ihnen ja helfen!« Da stürzten ihr die Thränen aus den Augen, und sie schluchzte laut auf: »Ach, ich bin ja so unglücklich!« Florian wollte ihr eben wieder tröstend zureden, als sich hinter der Thür zum Nebenzimmer ein starkes Schnaufen und Schnobern bemerkbar machte. Und dann rief Prczewalsky in einem seltsam gequetschten Tone, der offenbar aus einer geschwollenen Nase kam: »Theklachen, mein süßes Herzchen, warum weinst du denn? Barmherziger Gott, so komm doch nur herein! Ich will ja auch so gut sein!« Da machte sich Thekla aus Florians Armen los, stampfte heftig mit dem Fuß auf und flüsterte ganz leise: »Kommen Sie schnell fort: ich weiß, was ich thue!« »Ich weiß auch, was wir thun!« gab Florian ebenso leise zurück. »Ziehen Sie sich Ihr schönstes Gesellschaftskleid an, ich warte unten – und dann führe ich Sie im Triumph zu Liszt. Jessas, des wird eine Gaudi! Die Frau Konsulin wird schauen! Die Folgen nehm' ich auf mich – es darf Ihnen nichts geschehen!« »Nein, nein, das geht nicht!« versetzte Thekla, heftig den Kopf schüttelnd. »Was soll das helfen? Ich geh' davon – ich komme nie wieder! Da, mein Köfferchen ist schon gepackt.« Sie ergriff einen kleinen, bereits verschlossenen Handkoffer, gab ihn Florian in die Hand und sagte, indem sie ihn der Thür zudrängte: »Gehen Sie, bitte – nehmen Sie das für mich mit; erwarten Sie mich auf dem Bahnhof: ich komme sofort nach!« Er wollte Einwendungen machen, Fragen stellen, aber sie winkte immer nur heftig mit der Hand nach der Thür, so daß ihm nichts übrig blieb, als ihr den Willen zu thun und so geräuschlos wie möglich mit dem Köfferchen davonzuschleichen. Im Dunkel der Bäume gegenüber dem Hotel wartete er; und es währte kaum fünf Minuten, da sah er auch schon Thekla aus dem Hause treten. Er ließ sie einen kleinen Vorsprung gewinnen, dann holte er sie mit seinen großen Schritten rasch ein. Sie erschrak und wollte erst nicht dulden, daß er neben ihr ginge. Doch wußte er sie dadurch zu beruhigen, daß er ihr vorstellte, daß sie ja hier kaum irgend welche Bekanntschaften besitze und die seinigen heute fast vollzählig bei Liszt versammelt seien. Er versuchte sie unterwegs noch zu überreden, seinem Plane den Vorzug zu geben und plötzlich an seinem Arme in der Soiree bei Liszt aufzutauchen. Er hatte sich den verblüffenden Eindruck eines solchen Geniestreichs auf die Frau Konsul so schön ausgemalt, daß es ihm schwer fiel, auf die Ausführung zu verzichten. Aber Thekla wandte ganz richtig ein, daß die Folgen eines solchen Streiches für sie nur verhängnisvoll sein könnten. Ihre Mutter würde sie danach nur noch viel strenger behandeln, und ob die Schmach, die er, Florian, ihrem Bräutigam zugefügt habe, die Verlobung aufzuheben im stande sein werde – das sei mindestens sehr fraglich – obwohl allerdings sogar ihre Mutter in letzter Zeit angefangen habe, mit Prczewalsky unzufrieden zu sein. »Ja, seid ihr denn wirklich und öffentlich miteinander verlobt?« fragte Florian ungläubig. »Ach Gott, ja!« versetzte Thekla ganz kläglich. »Bitte, bitte, lieber Herr Mayr, denken Sie deswegen bloß nicht schlecht von mir! Ich kann ja natürlich den Menschen nicht ausstehen; aber die Mama hat mir ja keine Ruh' gelassen. Sie hat gesagt, ich sollte mir nicht einbilden, daß ich bei meiner Talentlosigkeit und meiner Herkunft auf einen Prinzen warten dürfte. Sie hat es mir so recht höhnisch vorgeworfen, daß ich die Tochter einer Zimmerkellnerin und eines reisenden Virtuosen wäre, und zum Dank für alles, was sie an mir Gutes gethan hätte, müßte sie wenigstens verlangen, daß ich ihr die Wahl eines passenden Gatten überließe. Bei meinem ererbten Hang zum Leichtsinn und bei meiner Vorliebe für untergeordnete Menschen könnte man sich ja sonst der allerdummsten Streiche von mir versehen. Ich bitte Sie, lieber Herr Mayr – Sie kennen mich doch auch – nicht wahr, ich bin doch nicht ein bißchen leichtsinnig?« »Ach Gott, Sie armes Kindl!« sagte Florian nur. Und Thekla, froh, ihr Herz endlich einmal ausschütten zu können, fuhr eifrig fort: »Papa war ja immer auf meiner Seite und wollte anfangs gar nichts von der Verlobung wissen, aber gegen Mama richtet auf die Dauer ja niemand etwas aus. Schließlich dachte ich mir, alles andre müßte immer noch besser sein, als dieser schreckliche Zustand in dem Hause, das gar nicht einmal mein richtiges Elternhaus ist. Ans Fortlaufen hab' ich freilich auch gedacht; aber wie hätte ich mich allein durchbringen sollen? Ich habe ja bei all den teuren Stunden nichts gelernt, womit ich mir mein Brot verdienen könnte, und daß ich von Hause keinen Pfennig bekommen würde, wenn ich nicht in allen Stücken Mamas Willen thäte, das hatte sie mir schon oft angedroht. Ich hab' auch, offen gestanden, nicht viel Mut – ich habe ja nie im Leben irgend etwas allein thun dürfen. Alles, wozu ich Lust hatte, war mir verboten, und alles, was ich treiben durfte, das geschah immer nach Vorschrift und unter Aufsicht. Da bleibt man natürlich so unselbständig wie ein Kind. Der Prczewalsky war ja auch soweit sehr nett gegen mich. Er versprach mir auf Ehre, daß ich als seine Frau thun und lassen könnte, was ich wollte. Ich brauchte gar nicht mehr Klavier zu spielen und sollte monatlich zweihundert Mark Taschengeld kriegen, wo mich niemand nach zu fragen hätte, wofür ich sie ausgebe. Die andern Mädchen fanden auch alle, er wäre so ein hübscher Mann und so sehr gefährlich für die Frauen – alle verliebten sich in ihn. Da dachte ich, ich verstünde am Ende doch nichts davon, und es würde vielleicht später bei mir auch noch kommen – – na, und da hab' ich denn endlich ja gesagt!« »Jessas, jessas, unglaublich!« knirschte Florian und ballte eine Faust dabei. »Wissen Sie, was wir jetzt thun, Fräulein Thekla? Wir schicken eine Annonce an alle großen Zeitungen: Meine Verlobung mit Herrn Tonkünstler Antonin Prczewalsky erkläre ich hiermit für aufgehoben. Thekla Burmester. – Punktum, Streusand – aus is!« »Aber nein, das geht doch gewiß nicht!« »Aber ja, warum soll's denn net gehen?« »Ach, Herr Mayr, das können Sie sich doch denken! Er hat mich – er hat mich doch schon geküßt!« »O du heilige Einfalt!« lachte Florian ganz gerührt. »Und da meinen Sie jetzt, das war' so gut wie geleimt und versiegelt?« Thekla guckte ihn neugierig von der Seite an. »Ja, man darf sich doch von keinem andern Manne, als von seinem Bräutigam küssen lassen?« sagte sie unsicher. »Wenn er nun nicht mehr mein Bräutigam wäre, da müßte ich mich ja so schämen!« »Ach, Sie gutes Kind!« lachte Florian, »wenn's mit dem Müssen so was Schlimmes wär', wo sollten denn dann erst die Witwen hin, die sogar schon Kinder gehabt haben und sich doch noch immer auf einen zweiten spitzen, wann s' net grad schon in die Achtzigerjahr' sind? Gelt, Sie haben doch auch schon gehört, daß eine Witwe wieder geheirat' hat? Ich hab' auch schon sagen hören, es wär' viel g'scheiter, eine fesche Witwe zu nehmen als so ein junges Mädel, das sich noch gar net auskennt im Leben und von gar nix was weiß.« »Ach, Sie müssen nicht denken, daß ich noch so dumm wär', Herr Mayr!« rief Thekla mit drolligem Eifer. »Bis ich verlobt war, wußte ich auch von gar nichts und machte mir so gräßlich dumme Vorstellungen, aber nachher hat mir unsre Marie, die Sie ja auch kennen, alles gesagt. Und von da an konnte ich mich von meinem Bräutigam gar nicht mehr anrühren lassen, ohne daß mir ordentlich schauderte. Es war mir immer schon so unangenehm gewesen, wenn er mir bloß die Hand gab – sie fühlte sich wie so ein toter, schlaffer Klumpen an – er konnte gar nicht fest zugreifen, wie ein gesunder, ehrlicher Mensch. Und wenn er mich küssen wollte, da machte er immer: ›khn, khn – gibst du mir wohl ein sißes Kißchen, mein Herzchen? – khn!‹ – Davon wurde mir auf die Dauer ganz übel, und ich mochte mich gar nicht mehr von ihm küssen lassen. Ich hab' doch schon so viel gehört und auch gelesen über die Liebe und so was, aber davon, daß die Männer beim Küssen immer ›khn, khn‹ machen, hab' ich noch nie etwas gehört! Ach, und wenn ich mir denke, daß ich mit dem Manne allein reisen sollte und – alles das – nein, nein! lieber geh' ich ins Wasser!« Sie waren vor dem Bahnhof angekommen, und Florian, der ihren lieb kindischen Bekenntnissen gerne noch weit länger gelauscht hätte, sagte mit einem Seufzer: »So da wären wir jetzt am Bahnhof – was nun! Wo wollen S' denn hin? Wissen S' denn überhaupts, ob jetzt ein Zug geht?« »Ach nein, ich hab' nicht nach den Zügen gesehen,« erwiderte Thekla kleinlaut, indem sie sich ängstlich überall umschaute und einer möglichst dunklen Ecke in der Vorhalle zustrebte. »Ich hab' mir gedacht, ich wollte zu meiner Freundin Erna von Goldammer – wir sind nämlich Schulfreundinnen und schreiben uns immer noch – die weiß alles und hat auch gesagt, ich soll mich nicht zwingen lassen. Sie lebt jetzt ganz allein als Malerin in München – das heißt: sie lernt noch malen, wissen Sie. Ich meine, die könnte mich noch am ersten bei sich aufnehmen und verstecken!« »Hm, ja, des wär' gar net so dumm,« pflichtete Florian bei, »aber wissen S' denn auch, ob das Fräulein jetzt daheim ist? Um diese Sommerszeit trifft man doch die Maler meistens am Land. Was wollten denn Sie ganz alleinig in München anfangen, wenn die Freundin nicht da wär'?« »Ach Gott, ja, sie hat mir auch geschrieben, daß sie bald fortginge!« »Und haben S' denn auch Geld genug?« »Ach nein,« erwiderte sie kleinlaut, »Geld hab' ich nicht viel. So ungefähr dreißig Mark. Aber ich habe alle meine Schmucksachen mitgenommen.« »Ich glaub', bis München kost' schon 's Fahrgeld über dreißig Mark, und auf ein goldenes Armband gibt Ihnen der Herr Billeteur nicht heraus. Wissen S', das g'scheitste wär', wir telegraphierten erst an das Fräulein Erna, ob 's daheim ist!« »Aber, lieber Herr Mayr, ich kann doch nicht warten!« klagte Thekla, sich ängstlich an seinen Arm anklammernd. »Denken Sie doch, was aus mir werden soll, wenn man uns hier abfaßt! Prczewalsky muß es doch gleich merken, daß ich fort bin. Und wenn er dann die Leute fragt – man hat Sie doch mit dem Köfferchen fortgehen sehen und mich gleich hinterher – da suchen sie mich doch natürlich zuerst auf dem Bahnhof. Wer weiß, ob er nicht inzwischen schon Papa und Mama aus der Gesellschaft hat holen lassen! Wir sind auch gar so langsam gegangen. Nein, nein, wir müssen mit dem nächsten Zuge fort – ganz egal, wohin!« »Wir?« rief Florian verblüfft. »Ich soll wirklich mit Ihnen durchgehen?« »Ach, lieber, guter Herr Mayr, Sie werden mich doch nicht allein lassen wollen? Ich habe ja solche Angst, ich weiß mir ja gar nicht zu helfen!« Florian stand unschlüssig und deutete auf seinen Gesellschaftsanzug: »Aber ich bitt' Sie, Fräulein Thekla, so kann ich doch net gut in die Welt 'nausfahren. Warten S' hier in der Nähe in irgend einem Restaurant, ich fahr' g'schwind heim, werf' mich in einen andern Anzug und pack' wenigstens ein bißl Nachtzeug zusammen. Denn über Nacht werden wir doch irgendwo bleiben müssen!« »Ach, ich bitte Sie,« flehte Thekla, mit ihren schönen Augen voll Thränen zu ihm aufschauend, »wenn Sie mich ein bißchen lieb haben, so lassen Sie mich nicht allein; ich fürchte mich zu sehr! Wir brauchen ja gar nicht weit zu fahren – bloß irgendwo hin, wo wir Antwort aus München abwarten und morgen früh meine Wertsachen versetzen können. Warum wollen Sie nicht im Frack fahren? Sie sehen so nett im Frack aus – und Zahnpulver kann ich Ihnen ja borgen!« Dieser letzte Grund war nun freilich ausschlaggebend. Florian war so entzückt von ihrer herzigen Naivetät und Vertrauensseligkeit, daß er sie trotz aller Zeugen um die Schultern nahm und an sich drückte. »Liebs Kindl, du,« flüsterte er, »also ja, ich komm' mit!« Und dann schaute er sich den Fahrplan an und fand, daß in zehn Minuten ein Zug nach Jena, Saalfeld und weiter nach Bayern ginge. Er löste zwei Fahrkarten erster Klasse bis Jena und stieg alsbald mit seiner verweinten Gefährtin ein. Die zehn Minuten wurden ihnen beiden furchtbar lang. Thekla hatte nicht dulden wollen, daß er sich neben sie setzte. Sie hatte sich in die von ihm entfernteste Ecke gedrückt und den schwarzen Schleier, der um ihr flottes Filzhütchen geschlungen war, fest übers Gesicht gebunden. Sie zuckte zusammen, so oft sich draußen ein rascher Schritt nahte oder ein lautes Wort gerufen wurde. Sie zitterte am ganzen Körper vor Angst und preßte ihre gefalteten Hände fest in ihren Schoß, in dem Bestreben, sich zu beherrschen. Florian wurde von ihrer Nervosität angesteckt. Er mußte sich sagen, daß die Gefahr, die sie fürchtete, in der That vorhanden war. Sie reimte sich alles ganz richtig zusammen. Wenn Herr Prczewalsky kein gar zu großer Esel war, so blieb eigentlich kaum zu hoffen, daß sie unbehelligt davonkommen könnten. Und nun außerdem noch die süße Aussicht, mit diesem reizenden, lieben Geschöpfchen ganz allein in die sinkende Sommernacht hinauszufahren! Es war kein Wunder, daß auch Florian vor Aufregung zitterte, gerade so wie das hilflose kleine Mädchen ihm gegenüber. Endlich war die Pein ausgestanden. Die Thüren wurden zugeschlagen, eilige Schritte knirschten über den Kies, und dann schrillte die Trillerpfeife des Zugführers. »Gott sei Dank!« rief Florian tief aufatmend. Aber gerade in dem Augenblick, als die Lokomotive den ersten Ruck that, erhob sich auf dem Bahnsteig ein lautes Geschrei von mehreren Männerstimmen: »Halt, haalt, anhalten!« Mit einem Aufschrei taumelte Thekla von ihrem Sitze empor und zu Florian hinüber: »Ach Gott, ach Gott, ach Gott – verlaß mich nicht, verlaß mich nicht!« stammelte sie und klammerte sich, halb ohnmächtig vor Angst, an ihn an. Da tauchte vor der Fensterscheibe ein spähendes Augenpaar auf und die Thürklinke wurde herumgedreht. Florian kehrte rasch sein Gesicht ab, um nicht erkannt zu werden, und legte unwillkürlich seine beiden großen Tatzen um den zitternden Mädchenleib, der sich so fest an ihn schmiegte. »Halt Sie, das ist erster Klasse!« erscholl draußen die Stimme des Schaffners. Der Kopf verschwand vom Fenster, nebenan wurde die Coupéthür laut zugeschlagen – und der Zug fuhr weiter. Erst nach ein paar Minuten wagte Thekla den Kopf zu erheben und scheu um sich zu blicken. »Was war denn das?« flüsterte sie, immer noch ängstlich. »Nix war's; ein paar, die sich verspätet hatten!« rief Florian lustig. »Der Prczewalsky ist doch ein Esel gewesen – hurra, sixt es, jetzt sind wir ihnen glücklich auskommen! Ach, Thekla, Schatzl, ist das Durchbrennen aber schön! Geh her, gib mir ein Bussl!« Und das gute Kind bot ihm, ohne ein Wort zu sagen, seinen lieblichen Schnabel gehorsam dar. Und bis Jena thaten sie weiter nichts, als immer nur sich küssen und »du« sagen. Du, du, du – immerzu! Und das genügte diesen beiden klugen Leutchen vollkommen, um sich darüber klar zu werden, daß sie sich von Herzen gut waren, und daß sie nichts Gescheiteres thun könnten, als die natürlichen Folgerungen aus dieser überraschenden Entdeckung ziehen. Fünfzehntes Kapitel. Ein bedenkliches Abenteuer. Für Liebende, die zum erstenmal allein sind, ist eine Stunde eine erbärmlich kurze Zeit. Sie wollten es erst gar nicht glauben, als der Schaffner ihre Thür öffnete und mit freundlicher Betonung sie darauf aufmerksam machte, daß sie bereits in Jena seien. Thekla wurde dunkelrot unter dem listig lächelnden Blick des höflichen Beamten, der nicht einmal dulden wollte, daß ihr Begleiter, der feine Herr im Frack, sich mit ihrem Köfferchen beschwerte. Sie band sich umständlich ihren schwarzen Schleier wieder fest und stieg dann hinter Florian leichtfüßig auf den Bahnsteig hinunter. Es war bereits gegen neun Uhr und ziemlich dunkel; zudem waren sie sich beide nicht bewußt, auch nur eine Menschenseele in Jena zu kennen, und schritten daher ganz ungeniert Arm in Arm miteinander dem Ausgang zu. Florian hielt es nicht einmal für der Mühe wert, seinen leichten Paletot zuzuknöpfen, obwohl ein Reisender im Gesellschaftsanzug mit einem Köfferchen in der Hand doch sicher die Blicke der Kleinstädter auf sich lenken mußte. Auf dem Platze vor dem Bahnhof bemühten sich die Angestellten der verschiedenen Gasthäuser eifrig um das ungewöhnliche Paar. Florian war eben im Begriff, sich für den altberühmten »Schwarzen Bären« zu entscheiden, in welchem einst der Doktor Luther mit Schwert und Psalter am Wirtstisch angetroffen ward, als er plötzlich mit einer Gebärde des Schreckens und einem leisen »Donnerwetter!« linksum machte, dem Hausknecht des »Bären« das Köfferchen wieder entriß und, die erstaunte Thekla mit sich fortziehend, im Geschwindschritt die Straße nach der Stadt zu verfolgen begann. »Mein Gott, was ist denn?« fragte Thekla, ängstlich neben ihm hertrabend. Aber er antwortete erst, nachdem sie etwa hundert Schritt vom Bahnhof entfernt waren, und er sich, vorsichtig umschauend, vergewissert hatte, daß sie nicht verfolgt würden. »Denk' dir bloß, da waren vier Weimaraner auf dem Bahnhof – die müssen mit uns im Zuge gesessen sein: zwei Lisztianer und die beiden Buben von dem spleenigen Engländer, der mit mir im selben Hause wohnt. Jetzt möcht' ich nur wissen, was die in aller Nacht noch in Jena zu suchen haben – und besonders die englischen Buben, die nie ohne ihren Vater ausgehen dürfen! Die sind am Ende auch durchgebrannt. Herrgottsakra, wenn die mich erkannt haben!« »Ach, sie werden schon nicht!« rief Thekla leichtsinnig – »es ist ja schon ganz finster. Dir hat ja auch niemand etwas zu sagen, du kannst ja thun, was du willst!« »Ja, ich darf aber dich doch nicht kompromittieren,« erwiderte Florian, immer noch bedenklich. »Es muß doch so aussehen, als ob du allein davongegangen wärst, denn sonst kommst du deinen Eltern und überhaupt aller Welt gegenüber in eine ganz schiefe Lage!« Tapfer, wie alle verliebten Frauen im ersten Ansturm, lachte Thekla: »Ach was, mir ist jetzt alles egal! Ich bin ja so glücklich, daß ich dich bei mir habe! Wenn du heute nicht gekommen wärst – ich glaube, ich hätte doch nicht den Mut gefunden, abzureisen. Ich hätte bei meinem gepackten Koffer gesessen und geheult, bis die Eltern heimgekommen wären. Na, und dann –? Schließlich hätte ich in der Verzweiflung vielleicht doch noch den gräßlichen Menschen geheiratet.« »So, trotz deiner Liebe zu mir? Na, ich dank' schön!« neckte Florian. »Ach, sieh 'mal du,« erklärte Thekla mit drolligem Ernst, indem sie sich noch fester an seinen Arm hängte, »das wußte ich doch gar nicht, daß ich dich liebte. Ich fühlte schon lange was, aber ich hätte mich nie getraut, mir das einzugestehen. Du warst doch für mich immer der strenge Herr Mayr, mein verehrter Herr Lehrer. Und nachher, wie du dich meiner so freundlich annahmst und alle die gräßlichen Klaviermenschen durchzuprügeln versprachst, da kriegte ich so ein riesiges Vertrauen zu dir; aber das war doch eigentlich bloß Dankbarkeit und noch keine richtige Liebe!« »Ja freilich wohl!« versetzte Florian heiter. »Wie ist denn nachher die richtige Liebe so geschwind gekommen?« »Ach du! Frag' doch nicht so!« schmollte sie, sich zärtlich an ihn schmiegend. »Ich hätte nie geglaubt, daß du dir aus mir wirklich was machst, wenn du nicht heut' abend so furchtbar lieb und nett zu mir gewesen wärst.« »So, so, so? Eigentlich ist d'Lieb' erst beim Busseln kommen, gelt, Schatzl? Weißt, ich hätt' mir ja so was auch nimmer 'traut, wenn ich net heut früh vom Herrn Konsul selber gehört hätt', daß d' gar net seine richtige Tochter bist. Schau, ich bin halt doch ganz einfacher Leute Kind, und daß ich gar nichts Feines an mir hab', das weiß ich schon lang. Mit einer Tochter aus einem so feinen und reichen Hause zum Poussieren anzufangen – nein, das wär' mir nie in Sinn kommen! Die vornehmen Damen kann ich überhaupts net recht leiden. Solang ich dir hab' Klavierstunden geben müssen, bist für mich so nix anders g'wesen, als ein dummes Gansl ohne Talent, bloß daß du so hübsch und kindlich warst, das hast d' vor den andern vorausgehabt. Wie's d' mir nachher trotz der Schläg' so lieb geschrieben hast, da hat bei mir 's Gernhaben schon a bißl ang'fangen; aber da bin ich fort von Berlin und zum Liszt und . . . wie halt des so kommt: ich hab' dann an so viel andre Sachen zu denken gehabt . . . Aber weißt d', wie ich dich vorgestern auf dem Bahnhof so unvermutet wieder g'sehn hab', da hat's mich förmlich g'stupst gegen 's Herz, als ob eine höhere Macht mich so recht aufmerksam machen wollt' – weißt d', als ob s' sagen wollt': Da schau her, die ist doch die Sauberste, die Bravste und die Liebste von allen. Die, wenn's d' für dich festhalten könntst – des wär' aber ein rechtes Glück für dich! – Und in den ganzen zwei Tagen bist d' mir gar nimmer aus 'm Sinn kommen!« »Wirklich, so lange?« spottete Thekla lustig. Er stimmte in ihre Heiterkeit ein und dann fing er wieder an zu necken: »Wenn ich jetzt ganz gewiß wüßt', daß die Thekla nicht am Ende doch noch den Pan Prositlaus heiratet', so thät' ich mir wahrhaftig was einbilden!« »Pfui, du bist recht garstig!« schalt sie. »Kannst du wirklich jetzt noch so was von mir denken?« »Du thät'st am Ende gar mich heiraten?« sagte Florian harmlos. »Ja wen denn sonst?« rief sie fast gekränkt. »Willst du mich etwa sitzen lassen? Zu Burmesters geh' ich doch nie mehr zurück, und wenn du mich allein in die Welt gehen läßt, weiß ich doch nicht, was ich anfangen soll – da ist es schon am besten, wir heiraten gleich!« »Bist du aber raffiniert!« rief Florian herzlich lachend. Als sie aber ihren Gedanken weiter ausspann und mit kindlichem Ungestüm seine sofortige Entscheidung verlangte, da wurde er doch bedenklich und machte sie zunächst einmal darauf aufmerksam, daß zum Heiraten Geld nötig sei. »Aber deswegen!« rief Thekla, »Papa und Mama haben doch so viel Geld!« »Ja, aber – wenn du mit einem Menschen davonlaufst, von dem sie nichts wissen mögen, dann werden sie dir auch kein Geld geben. Wenn sie nicht mögen, brauchen sie dir überhaupt keinen Pfennig zu geben, denn da du nicht ihr Kind bist, haben sie auch keine Pflichten gegen dich. Aber selbst, g'setzt den Fall, sie legten dir eine Million auf den Tisch – meinst, ich thät' sie nehmen, wenn ich nicht zum mindesten so viel verdienet, daß ich für meine Person mein Auskommen davon hätt'?« »Eine Million! So viel krieg' ich ja gar nicht!« rief Thekla; »Papa hat mir's ja gesagt, ich krieg' zweimalhunderttausend Mark, wenn ich heirate; mehr nicht.« »Mehr nicht?« Florian blieb stehen – es war gerade unter einer Gaslaterne – und betrachtete mit scheuer Bewunderung das kleine Mädchen, das zweimalhunderttausend Mark gleich mitkriegte. So etwas hatte er in solcher Nähe noch nicht gesehen. Thekla hatte seinen Ausruf wohl nicht verstanden, denn sie erwiderte, fast ängstlich entschuldigend. »Ach, später krieg' ich ja gewiß viel mehr! Papa hat ja niemand recht, dem er sein vieles Geld vermachen könnte. Aber vorläufig, denke ich, kann man doch ganz gut damit auskommen. Du kannst ja auch Klavierstunden geben, und ich mache gar keine Ansprüche; ich esse überhaupt die billigsten Sachen am liebsten.« Nun mußte Florian doch wieder lachen. »Du, ich hab' einen furchtbaren Hunger – seit heut mittag um Eins hab' ich nix g'essen – was machen wir aber jetzt? Wenn wir in irgend ein Wirtshaus gehen, laufen wir am End' grad den Kerlen aus Weimar in die Arme. Ich glaub', das G'scheitste ist, wir gehn ins Hotel und lassen uns auf dem Zimmer servieren!« Sie fragten sich nach dem »Schwarzen Bären« durch. Der Oberkellner wie der Portier betrachteten die beiden mit kaum verhehltem Mißtrauen, trotzdem Florian jetzt seinen Paletot bis oben herauf zugeknöpft hatte. Aber das winzige Köfferchen als ganzes Gepäck für einen langen Herrn im Cylinder und ein sehr junges Fräulein im Reiseanzug – das war doch zu verdächtig! Wo kam denn das Pärchen auch zu Fuß her? Und noch etwas war verdächtig: Florian trug nämlich keine Handschuhe, und so konnte der Oberkellner leicht die Abwesenheit eines Eheringes bei ihm feststellen. Er murmelte eine Entschuldigung und holte den Wirt. Florian entging natürlich das seltsame Benehmen des Oberkellners nicht. Dem Wirt gegenüber versuchte er eine möglichst zuversichtliche Haltung anzunehmen und fragte zunächst, ob vielleicht Herrschaften aus Weimar bei ihm abgestiegen seien. »Aus Weimar?« versetzte der Wirt mit einem prüfenden Blick – »jawohl, ein älterer Herr mit einer jungen Frau. Wie sollen sie denn heißen? Ich kann gleich nachsehen . . .« »Das ist nicht nötig: Der ältere Herr mit der jungen Frau geht uns nix an!« sagte Florian gleichgültig. »Geben Sie uns zwei schöne Zimmer im ersten Stock, wenn Sie haben!« Sei es nun, daß der Wirt vorurteilsloser war als der Oberkellner, oder daß er sich den Verdienst nicht entgehen lassen wollte – kurz und gut, er verbeugte sich achtungsvollst und befahl dem Kellner, die Herrschaften auf die Zimmer neben dem Ehepaar aus Weimar zu führen. Oben angekommen, zündete der Oberkellner die Kerzen an und fragte, ob die Herrschaften noch zum Speisen herunterkommen würden. Florian verneinte und erklärte, auf dem Zimmer soupieren zu wollen. Er bestellte eine Lampe und die Speisekarte. »Sehr wohl, mein Herr,« sagte der Oberkellner; »die Herrschaften nebenan speisen auch auf dem Zimmer.« Und dabei erlaubte sich dieser Mensch zu lächeln. Florian entließ ihn mit dem Eindruck, daß das anzügliche Lächeln eine besondere Eigentümlichkeit thüringischer Oberkellner sei. Aber es war ihm nicht behaglich zu Mute, und er brachte es nicht einmal fertig, sein reizendes Liebchen, wie es Hut, Staubmantel und Handschuhe abgelegt hatte und nun ganz strahlend glücklich vor ihn hintrat, in seine Arme zu schließen und tüchtig abzuküssen, wie es doch offenbar begehrte. Er drückte Thekla nur rasch die ausgestreckten Hände, und dann trat er ans offene Fenster und schaute nachdenklich auf den Schloßplatz hinaus. Bürger saßen schwatzend vor ihren Hausthüren, junge Mädchen lustwandelten, zu zweien und dreien untergefaßt, über den Platz und neckten sich mit den begegnenden Burschen, irgend woher ertönte, angenehm gedämpft, fröhlicher Studentengesang, und am klaren Nachthimmel blinzelten die Sterne, die der aufsteigende Mond schon etwas erbleichen machte. Alles atmete eine friedliche, behaglich heitere Stimmung – aber Florians Seele war unruhevoll. Er war eben trotz seiner dreiundzwanzig Jahre ein besonnener und sittlich reifer Mensch. Es war ihm plötzlich zum Bewußtsein gekommen, welch eine verteufelt ernsthafte moralische Verantwortung er mit dieser allerliebsten Durchbrennerei auf sich genommen hatte. Die kurze Lehrzeit in Weimar hatte zwar schon genügt, um ihn von dem alten Philistervorurteil zu kurieren, daß die freie Liebe an sich ein sündhaftes Ding sei – er für seine Person hatte sich jetzt nimmer gescheut, mit dankbarem Gemüte die holde Gabe anzunehmen, die ihm das Glück in den Schoß geworfen; aber er sagte sich auch, daß dem armen, gequälten Mädchen seine vertrauensvolle Hingabe nur zum Unheil gereichen könne. Wenn man erfuhr, daß Thekla mit ihm allein gereist und im Hotel über Nacht geblieben sei, so war für alle Welt ihr »Fall« erwiesen, und wenn er mit den heiligsten Eiden das Gegenteil hätte beschwören können. Dann war aber auch ihre schlimme Adoptivmutter in den Augen eben derselben Welt zu jeder Grausamkeit berechtigt. Und wie sollte er, der heimatlose Musikant, sie auf die Dauer davor wirksam schützen? Wenn er darauf bestand, das Kind zu heiraten, so hätte es die Konsulin sicher bei ihrem Gatten durchgesetzt, daß er ihr die Mitgift entzog, und dann waren sie beide sicherem Elend preisgegeben. Mit seiner Künstlerlaufbahn war es dann aus, und er hätte das hilflose Geschöpf in ein Leben hineingerissen, dessen harten Anforderungen es auf keinen Fall gewachsen war. Er war durchaus nicht romantisch einfältig genug, um sich einzubilden, daß die Liebe auch in der trostlosen Ewigkeitsperspektive des Ehestandes über die plumpen Hindernisse einer jämmerlichen Wirklichkeit hinwegzuhelfen vermöchte. Der Kellner brachte die Lampe und die Speisekarte. Florian bestellte das Beste, was zu haben war, und eine gute Flasche Wein dazu. Bei diesem Abschiedsmahl sollte es doch wenigstens nobel hergehen. Champagner bestellte er absichtlich nicht, denn der gilt für einen gefährlichen Gelegenheitsmacher, und er hatte sich selbst das Wort gegeben, keiner Versuchung nachzugeben. Als der Kellner hinaus war, wollte er sich wieder auf seinen Platz ans Fenster begeben. Da warf sich ihm Thekla jäh um den Hals und flüsterte mit rührend ängstlichem Ausdruck: »Bist du mir denn nicht mehr gut?« Das ist die drollige Frage, mit der jedes Mädchen am Anfang seiner Liebe immer gleich bereit ist und die ein verliebter Mann nie anders beantworten kann als durch Küsse und zärtliche Versicherungen. Auch Florian folgte dem altbewährten Brauch. Er setzte gleich wieder ein freundliches Gesicht auf – warum sollte er dem lieben Kinde auch das Herz schwer machen? Die paar Stunden heiteren Beisammenseins wollten sie sich gönnen; dann gab's ja doch wieder einen Abschied auf – ach, wer weiß, wie lange Zeit. Er nahm sie in den Arm und führte sie zum Fenster. Da lehnten sie hinaus und schwatzten zärtlich harmlos, bis das Nachtessen aufgetragen ward. Sie hatten beide einen gesunden Hunger, und die gute Mahlzeit trug nicht wenig dazu bei, Florians Niedergeschlagenheit zu verscheuchen und Thekla die Zunge zu lösen. Mit einer Lebhaftigkeit, die er gar nicht in ihr gesucht hätte, gab sie ihm eine Schilderung ihres bisherigen Lebens, ihrer Erziehung und ihrer bescheidenen Erfahrungen mit Menschen. Es waren die gewöhnlichen nichtssagenden Erlebnisse einer wohlbehüteten Tochter aus gutem Hause. Aber die Art, wie Thekla davon sprach, enthielt eine unbewußte, höchst treffende Kritik dieses höheren Töchterdaseins im allgemeinen und ihrer Pflegeeltern im besondern und bewies zugleich, daß dies Kind sich bereits recht vernünftige Gedanken gemacht hatte über die Verkehrtheiten und lächerlichen, beschränkten Ansichten, die ihm überall hindernd in den Weg getreten waren. Florian hatte seine innige Freude an dieser Entdeckung, denn er hatte Thekla, wenn er sich 's ehrlich gestehen wollte, bisher für ein wenig dumm gehalten und außerdem für eins von jenen anmutigen, aber für alle ernsten Lebenszwecke gänzlich unbrauchbaren Geschöpfe, wie sie die höhere Gesellschaft als Luxusartikel in so gefährlichem Ueberfluß erzeugt. Mit wahrem Entzücken hörte er ihr zu; nur als sie zuletzt im Eifer etwas laut wurde, rief er ihr ein beschwichtigendes »Bitt' schön, più piano « zu. »Die Leut' da nebenan brauchen des doch net alles zu hören!« »Ach was!« wehrte Thekla leichtsinnig ab; »die hören uns nicht; die reden selber laut genug!« Florian legte die Hand ans Ohr und horchte nach der Thür links. Ja, allerdings; dort wurde laut genug geschwatzt und gelacht, und wer an der Thür hätte horchen wollen, hätte gewiß manches verstehen können. Thekla nahm das Gespräch wieder auf, aber Florian war ganz unaufmerksam und spitzte immer noch ein Ohr nach der Thür des Nebenzimmers links. Das Lachen der jungen Frau da drin beunruhigte ihn – die Stimme klang ihm so bekannt, und dieser eigenartige Tonfall erinnerte ihn an . . . Plötzlich sprang er auf, rief in großer Aufregung Thekla ein herrisches »Still doch!« zu und legte sein Ohr an die Thür. O, er hatte sich nicht getäuscht. »Er ist ein liebär Freind von mir, ein sähr bedeitender Kinstler!« hörte er die »junge Frau« da drin sagen. Jetzt blieb kein Zweifel. Der Begleiter der Dame sprach zu leise, als daß er ihn hätte an der Stimme erkennen können. Florian beugte sich zum Schlüsselloch hinab. Aber der Schlüssel war jenseits so herumgedreht, daß nichts zu sehen war. »Ja. was ist dir denn?« flüsterte Thekla ängstlich erstaunt. »Du bist ja ganz blaß geworden – was sind denn das bloß für gräßliche Leute da drin?« Florian war wieder an den Tisch getreten. Die Hand, mit der er sich darauf stützte, zitterte. Er wich Theklas fragendem Blick aus und antwortete ihr ganz verstört: »Wir sind verloren, wenn uns die da hier beisammen sehen!« Er hörte nicht auf Theklas neugierige Fragen, noch auf ihre Vorschläge. sondern lief bald aufgeregt ein paar Schritte, auf den Zehen schleichend, hin und her, bald horchte er wieder an der Thür, bald setzte er sich wieder an den Tisch und quälte sich noch ein paar Bissen hinunter. Natürlich steckte er Thekla durch seine Aufregung an. Sie ließ das appetitliche Käsebrötchen, das sie sich gerade zurecht gemacht hatte, liegen und ging ihm nach. Mit ihrem eigenen Tüchlein tupfte sie ihm die kalten Angstperlen von der Stirn und bat flüsternd um Aufklärung über sein seltsames Benehmen. Er vermochte kaum zu reden. Mit einem wehmütigen Blick sah er zu ihr hinauf und würgte heiser hervor: »Das ist die Strafe!« »Strafe – wofür denn?« flüsterte Thekla leicht gekränkt. »Was habe ich denn Böses gethan? Ist es denn Sünde, daß wir uns lieb haben?« »Nein, nein, nein! Du bist unschuldig – ich . . . mich trifft's allein!« Damit raffte er sich auf und schritt nach der Thür, um zu klingeln. »Was willst du thun?« rief Thekla ängstlich. »Ich muß fort!« gab er flüsternd zurück. »Ich will nur zahlen und . . . das heißt: nein – es ist besser, ich lasse dir das nötige Geld da. Ich glaube, ich habe so viel, daß du bis München kommen kannst. Telegraphiere nur morgen früh gleich an deine Freundin und reise ab, so bald du Nachricht hast. Ich muß schauen, daß ich unbemerkt fortkomme – vielleicht geht noch ein Zug nach Weimar. Wir dürfen hier um keinen Preis erwischt werden!« »Ja, aber wenn die Erna nun nicht da ist – was soll ich dann anfangen?« »Ja, dann . . .« Florian stand unschlüssig da. Thekla brach in Thränen aus. »Ach Gott, ach Gott! Jetzt willst du mich auch verlassen! Siehst du, daß du mich nicht lieb hast!« »Grad weil ich dich lieb hab', Schatz!« Er wollte zu ihr treten, um sie zu trösten, als er die Thür des Nebenzimmers gehen und das Paar von da drin in lebhafter Unterhaltung auf den Gang hinaustreten hörte. Lauschend blieb er stehen. Auch Thekla horchte gespannt. Die Schritte draußen entfernten sich. Florian überlegte, was nun zu thun sei, und Thekla wagte nicht, ihn in seinem Nachdenken zu stören. Ein paar Minuten vergingen so, ohne daß er zu einem Entschlusse zu kommen vermochte. Da wurde es plötzlich wieder auf dem Gange lebendig. Hastige Schritte und aufgeregtes Flüstern näherten sich von der Treppe her, vor der Thür des Nebenzimmers erfolgte ein kurzer Wortwechsel – dann wieder ein paar rasche Schritte – und im nächsten Augenblick ging, ohne daß vorher angeklopft worden war, die Thür auf, und herein trat – Mister Crookes senior, gefolgt von Fräulein Ilonka Badacs! Ein zorniger Ausruf Florians, ein erschrockener Aufschrei Theklas und starres Erstaunen auf seiten der beiden andern. Dann that Thekla das Beste. was sie unter diesen Umständen thun konnte: sie hielt sich geschwind eine Serviette vors Gesicht und lief davon in das für sie bestimmte Schlafzimmer nebenan. Florian that ein paar rasche Schritte ans Mister Crookes zu, streckte ihm eine geballte Faust entgegen und schrie ihn heiser an: »Herr, was wollen Sie hier – schauen Sie, daß Sie . . . .« Mister Crookes nahm sofort Boxerstellung an und fiel ihm mit außerordentlicher Zungengeläufigkeit ins Wort: »O, Herr Mayr, ich freue mich, Ihnen zu treffen – Sie werden nicht schlagen, oder ich werde Sie niederboxen! Gehen Sie schnell mit dieser Dame hier daneben – meine Söhne kommen die Treppe herauf! Sie dürfen mich nicht mit dieser Dame finden – Sie verstehen? Wenn Sie nicht verstehen, so werde ich Sie niederschlagen!« Florian wußte noch nicht recht, ob er verstehe oder nicht: er hatte sich auch noch nicht entschieden, ob er über den in seiner namenlosen Aufregung höchst komischen Engländer lachen, oder es auf einen kleinen Faustkampf ankommen lassen sollte, als Fräulein Ilonka ihn unsanft beim Arm packte und ohne ein Wort der Erklärung zur Thüre hinausbeförderte. Sie zerrte und stieß ihn über den Gang und in ihr Zimmer hinein. »Was soll das heißen, was fällt Ihnen ein?« rief Florian schier atemlos. Und Ilonka darauf, höhnisch lachend: »O Sankt Florian – scheuer Hailiger! Werd' ich olles erzählen in Waimar, wenn du nicht thust, wos ich befähl'. Marsch, dohin gesätzt auf Sofa – Orm um mich so herum – Säktglos in die Hand! Oho – kain Widerstand oder . . . So is recht; jetzt kann die Hetz angehen!« Es war die höchste Zeit, denn in diesem Moment klopfte es an die Thür, und auf Ilonkas lautes »Herein« traten Bob und Dick Crookes, Herr Ispirescu und noch ein junger Lisztianer von der besonderen Gefolgschaft Ilonkas über die Schwelle und blieben mit einem Ausruf der Ueberraschung, der wie aus einem Munde erklang, und mit ellenlangen Gesichtern an der Thür stehen. Florian machte sich unsanft aus Ilonkas Umarmung los und sprang auf die Füße. Seine Ueberraschung und Aufregung nahm sich so natürlich aus, daß die vier jungen Leute wohl oder übel daran glauben mußten. Keiner sprach ein Wort. Sie starrten einander alle vollkommen verblüfft und ratlos an. Da kam es plötzlich wie eine Erleuchtung über Florian. Das war ja die Rettung! Nun hatte er ja Zeugen dafür, daß er mit einer andern nach Jena ausgeflogen war. Thekla Burmester war ja allen diesen Herrschaften nicht bekannt. Crookes sen. mußte unter allen Umständen reinen Mund halten, sonst war er der am ärgsten Blamierte. Es handelte sich also nur darum, Ilonka zum Schweigen zu bewegen; dann konnte das ganze gefährliche Abenteuer noch ohne üble Folgen bleiben. Aber daß es gerade diese Ilonka sein mußte, die ihn hier mit einer Nachfolgerin ertappte! Diese Ilonka, die er so schwer gekränkt hatte! Er war ihr nun völlig wehrlos in die Hand gegeben. Wenn sie sich rächen wollte, so hatte sie jetzt die beste Gelegenheit dazu. Da war also wieder einmal die Strafe der Missethat auf dem Fuße gefolgt, und Florian, der arme Sünder, kriegte einen gewaltigen Respekt vor der göttlichen Gerechtigkeit. Immerhin aber war er froh, daß vorläufig wenigstens die schlimmste Gefahr von Theklas unschuldigem Haupte abgewendet war, und das half ihm seine Fassung wieder gewinnen. Und er ging auf die vier jungen Herren zu und redete sie in angemessener Haltung an: »Ja, meine Herren, des is aber jetzt . . . wie kommen denn Sie daher? Ich finde das doch mindestens – merkwürdig.« Die vier Jünglinge wußten sich durchaus keinen Rat. Einer schaute den andern hilflos an, und dann stammelten sie ein paar ganz ungeschickte Entschuldigungen und wollten sich beschämt wieder davonmachen, als Ilonka sie wieder auf ihren Platz bannte, indem sie in ein lautes Gelächter ausbrach. »Ise zu kommisch – amisier ich mich furbar! Schau doch, liebär Freind Florian, wie sie dostehen, die scheuen jungen Härren! Ober Mister Bob und Mister Dick, wos wird Herr Votter sogen, wenn er heut' obend wird in Betten schaun und olles leer finden? Gerächter Gott, dos gibt ein grosses, grosses Unglück, wann Sie haimkommen! O die ormen jungen Härren!« Die Crookes Boys wurden dunkelrot vor Aerger über den Hohn der bösen Dame. Sie sahen auch den Herrn Mayr lächeln und die Mienen ihrer beiden Begleiter verräterisch zucken. Sie waren überzeugt, daß man sich einen schlechten Scherz mit ihnen erlaubt habe, bloß um sie hinterher noch auszuspotten, wenn ihr strenger Herr Vater sie als Durchgänger hart abstrafte. Master Dick, als der temperamentvollere von den beiden Brüdern, fand zuerst den Mut, frei herauszureden Er trat ein paar Schritte auf den Tisch zu, hinter welchem Ilonka saß, machte eine kurze Verbeugung und sagte: »Ich bitte um Verzeihung, mein Fräulein, daß wir hier so hereingelaufen sind. Diese Kerle haben uns gesagt, wir würden unsern Vater hier finden!« »Wos, Sie hoben Ihren Herrn Votter verloren?« rief Ilonka äußerst belustigt. »O nein,« versetzte Dick keck, »wir haben schon gemerkt, daß unser Vater in Sie verliebt ist. Und diese Kerle haben uns gesagt, daß er heute mit Ihnen davongelauft war. Sie haben selber gesagt zu diese Kerle, daß Sie in diesem Hotel absteigen werden!« »Ober maine junge Harren, ich muuß doch bitten!« fuhr Ilonka auf, die Beleidigte spielend. Bob trat zu Dick heran, um ihn zu beruhigen. Aber Dick ließ nicht mehr mit sich reden. Er machte wilde Augen und drohte den beiden jungen Lisztianern mit einer recht vielversprechenden Faust: »Aoh, aoh, ich werde diese Kerle zur Erde schlagen! Damn the fellows! Come along, Bob, we'll knock 'em down!« Er ging mit so bedrohlicher Gebärde auf die beiden Jünglinge los, daß diese, mit großer Geschwindigkeit zur Seite ausweichend, es für das Beste hielten, bei Florian und seiner Dame Schutz zu suchen. Eine ganze Weile lang redeten nun die sechs Anwesenden alle zugleich. Das Fräulein Badacs gab ihrer Entrüstung Ausdruck, daß in ihrer Gegenwart ein Faustkampf ausgefochten werden sollte; Dick fluchte und tobte auf englisch, während Bob ihn zu beruhigen suchte; Herr Ispirescu bemühte sich, Florian den Sachverhalt klar zu machen; der andre junge Lisztianer schimpfte auf die Badacs los, weil sie sie alle angelogen hätte; und Florian endlich versprach sämtlichen Herren, sie auf die Nasen zu klopfen, falls sie sich nicht sofort anständig zu benehmen gedächten. Schließlich zog Herr Ispirescu Florian in eine Ecke, und da gelang es ihm endlich, ihn über die Ursache des merkwürdigen Vorfalls aufzuklären. Er und sein Genosse hatten sich nämlich mit den jungen Crookes angefreundet und mit der Badacs sich verschworen, die beiden frischen, sympathischen Jungen von der unwürdigen Tyrannei ihres Vaters zu befreien. Zu diesem Zwecke hatte Ilonka die Verliebtheit des alten Engländers auszunutzen beschlossen. Mit leichter Mühe war es ihr gelungen, Mister Crookes dazu zu bringen, daß er ihr selbst den Vorschlag machte, eine kleine Vergnügungsreise mit ihm zu unternehmen, und dann hatte sie mit ihren Mitverschworenen die Verabredung getroffen, daß sie ihr nach Jena nachfahren und sie zu bestimmter Stunde im Gasthaus zum »Schwarzen Bären« im tête-à-tête mit dem strengen Abstinenzler überraschen sollten. Daß die beiden Herren Söhne mit von der Partie sein sollten, das war allerdings nicht im Programm der Verschwörer gestanden, das hatten die jungen Leute auf eigene Faust ins Werk gesetzt, weil sie sich davon eine ganz besonders sichere Wirkung versprachen. Florian konnte sich nicht enthalten, gerade herauszulachen, denn die Vorstellung, daß der alte Tugendheuchler von seinen beiden Söhnen in einer so verfänglichen Situation überrascht würde, war allerdings unwiderstehlich komisch. Als die andern Florian lachen hörten, verstummte plötzlich das aufgeregte Durcheinander, und aller Blicke hefteten sich erwartungsvoll auf ihn. Er trat nun zu den beiden jungen Engländern, klopfte ihnen gemütlich auf die Schultern und sprach: »Also, meine Herren, die G'schicht ist ganz einfach – seien wir alle froh, daß es so ausgangen is. Sie brauchen niemanden von uns in Grund und Boden zu boxen, denn wir sind alle unschuldig wie die neugeborenen Lamperln – ich natürlich bin das größte Lamperl, denn ich hab' von gar nichts gewußt. Vorg'logen is Ihnen aber auch nix worden; denn daß Ihr Herr Vater so eine kleine Escapade vorgehabt hat, des is schon richtig. Aber schaun S', das Fräulein und ich – wir sind halt auch – gute Freunde, und wie ich's gefragt hab'. ob wir heut' abend ein bißl nach Jena 'nüber wollten, da hat 's halt meine älteren Rechte respektiert und is mit mir fort. Außerdem möcht' ich beschwören, daß es unsrer Freundin, Fräulein Ilonka, jetzt sehr angenehm ist, daß s' dem alten Herrn net so einen schlechten Streich g'spielt hat – net wahr?« Ilonka warf Florian einen dankbaren Blick zu und erwiderte unmutig verschämt: »Ober gewiß – hot mir schon so laid gethan, daß ich eich jungen Leiten solche Dummhaiten versprochen hob! War doch gemain, den Herrn Crookes därmoßen zu frozeln. Wos kann der olte Monn dafir, doß är sich in mich verliebt?« »No freilich!« rief Florian heiter. »Des is doch bei Gott keine Schand'! Schaut's es nur an, das Fräulein Ilonka!« Durch diese galante Wendung war mit einem Schlage die allgemeine frohe Stimmung wieder hergestellt, und es blieb weiter nichts mehr zu thun, als den jungen Engländern die Furcht vor dem Zorn ihres Vaters zu benehmen. Und auch das erreichte Florian sehr einfach dadurch, daß er ihnen versprach, sich selber dem alten Herrn gegenüber als den Verführer hinzustellen, der sie zu dem kleinen Ausfluge verleitet habe. Man brach nunmehr auf, um den Rest des Abends möglichst fidel in irgend einem Bierlokal zu beschließen. Florian hatte klugerweise den Vorschlag, die Gaststube des »Bären« zu diesem Zwecke zu wählen, zurückgewiesen, weil ja in diesem Falle durch irgend eine Aeußerung des Kellners gar leicht die Anwesenheit des zweiten Paares hätte an den Tag kommen können. – – Ilonka bat die jungen Herren, vorauszugehen. Dann drückte sie hinter ihnen die Thür ins Schloß und wandte sich rasch an Florian: »Bravo, liebär Freind!« rief sie lebhaft, ihm beide Hände drückend. »Dos host du sähr gut gemocht! Jetzt will ich dir auch helfen! Wos is dos fir ein junges Mädchen? Schnell heraus damit!« Mit kurzen Worten sagte ihr Florian die ganze Wahrheit. »Hm, hm – dumme Gäschichte!« murmelte Ilonka nachdenklich. »Is dos Mädchen brov? Will Sankt Florian dos Mädchen heiraten?« »Ja, brav is s' schon und heiraten thät' ich s' auch gern, wenn ich könnt'!« »Halt – waiß ich, wie wir mochen!« Sie nahm Florian unter den Arm und führte ihn über den Gang bis vor die Thür des Zimmers, in welches Thekla hineingeflüchtet war; dort mußte er anklopfen und leise ihren Namen rufen. Sie öffnete sogleich und war nicht wenig erstaunt, die fremde Dame mit hereintreten zu sehen. Ehe Florian noch ein Wort sagen konnte, hatte Ilonka bereits Thekla in ihre Arme genommen und sie herzhaft auf beide Backen geküßt. »Main liebes Freilein!« rief sie warm – »Main Gott, wie hoben Sie gewaint! Bitte, bitte, seien Sie ganze ruhig! Main Freind Mayr hot mir olles erzählt – wird schon olles gut werden, chère petite! Hob' ich zwai Bett' in main' Zimmer! Sie schlofen bai mir, und morgen frih wollen wir beroten olle drai, wos wir thun! Ich gebe Ihnen mein hailiges Aehrenwort, daß Sie nicht den scheißlichen Menschen heiraten werden!« Die arme verweinte Thekla war offenbar froh, daß sich überhaupt jemand ihrer annahm, und folgte willig der fremden Dame auf ihr Zimmer. Dort klingelte Ilonka dem Kellner, um abräumen zu lassen, und trug Florian auf, sich nach dem unglücklichen Mister Crookes umzusehen. Der hatte sich im Nebenzimmer eingeschlossen und harrte bang seines Schicksals. Nachdem Florian sich zu erkennen gegeben, öffnete er ein ganz klein wenig die Thür und lugte erst vorsichtig durch den Spalt hinaus. Erst nachdem er sich überzeugt hatte, daß Florian wirklich allein sei, ließ er ihn eintreten. »Aber Mister Crookes, Sie machen ja schöne G'schichten!« redete ihn Florian mit drohend erhobenem Finger an. Er hatte Mühe, das Lachen zu verbeißen diesem vertrockneten alten Sünder gegenüber, der ihn mit kläglichster Jammermiene anstarrte. »O dear, o dear!« stöhnte Mister Crookes, sich mit beiden Händen den Schädel haltend. »Ich habe die Stimmen von meinen Söhnen gehört. Was haben meine Söhne gesagt? Wie sind sie hierhergekommen?« »O Mister Crookes, Sie sind unvorsichtig gewesen!« versetzte Florian ernsthaft. »Die Liebe hat Sie verblendet, ja, ja, ja! Ihre Söhne haben es wohl gemerkt und sie haben sich mit ihren Freunden verabredet, um Sie zu beobachten. Ja, wenn ich jetzt nicht zufällig hier gewesen wär' – geln S', da wären S' schön eingangen!« Mister Crookes schüttelte nachdenklich den Kopf. »Dear me – ich begreife nicht, wie diese Knaben erfahren haben, daß ich nach Jena reise!« »Ja, Dunnerwetter – des is freilich merkwürdig!« rief Florian und sann ein Weilchen nach. Dann fügte er schlau hinzu: »Wissen S', da wird Ihnen halt einer nachgangen sein, den S' net kennen, und der wird am Schalter erhorcht haben, wohin Sie 's Billet verlangten!« »O dear, o dear!« seufzte Mister Crookes. »Ich hatte nie gedacht, daß diese Knaben so verdammt klug waren!« »Ja, jetzt sehen S' es: so was rächt sich immer, glauben Sie mir, mein liebster Mister Crookes! Erwachsene Söhne darf ma halt net wie kleine Kinder behandeln. Aber ich will Ihnen was sagen: geben Sie mir Ihr Ehrenwort als Gentleman, daß Sie den Herren Dick und Bob künftig ihre Freiheit lassen wollen, wie sich's gehört – dann will ich Ihnen aus der Patschen 'raushelfen!« Mister Crookes versprach mit Handschlag, was Florian von ihm begehrte, und dann hieß ihn der morgen früh mit dem ersten Zuge nach Weimar zurückkehren. Seinen Söhnen sollte er alsdann, wenn sie mit dem späteren Zuge heimkämen, ganz harmlos entgegentreten und sie nur wegen ihres Auskneifens ein wenig necken. Er wolle unterdessen den jungen Herren schon irgendwie ihren Verdacht ausreden. Mister Crookes war außerordentlich dankbar und nannte Florian seinen besten Freund. Draußen auf dem Gang wartete Ilonka bereits auf Florian. Er erstattete ihr Bericht über den glücklichen Erfolg seiner diplomatischen Mission, und dann wollte er zu Thekla hinein, um sich zu verabschieden. Aber das wollte Ilonka nicht dulden. »Lossen Sie das orme Kind in Ruh'!« flüsterte sie ihm zu – »is viel zu aufgäregt! Morgen frih werden wir olle drai wos ausdenken. Dos Madl is so nätt – begraif' ich vollkommen, doß Sie's heiraten wollen. Solche Madeln müssen geheiratet werden! Wann sie so ainen groben Menschen wie Sie lieben kann – nun, ise ihr Soch', geht mich nix an! Ober helfen will ich ihr: dem Herr Konsul spuck' ich auf die Plotten und der gnä' Frau Mutter krotz' ich Augen aus!« Sie gingen nebeneinander die Treppe hinunter, wie sie das sagte. Und Florian ergriff ihre Hand, drückte sie fest und flüsterte mit herzlicher Wärme: »Du liebe, unbegreifliche Ilonka – du bist doch ein grundguter Mensch!« Sechzehntes Kapitel. Schlimmer Abschied. Die lange Nachtsitzung, welche dem ereignisreichen Abend im »Schwarzen Bären« folgte, gewährte Mister Crookes sen. einen sicheren Schutz vor der Ueberraschung, etwa im ersten Morgenzug nach Weimar mit seinen Söhnen zusammenzutreffen; denn sämtliche Teilnehmer an jener vergnügten Bierreise schliefen am andern Morgen bis um neun Uhr, mit einziger Ausnahme Florians, der es trotzdem fertig brachte, um sechs Uhr aufzustehen und gleichfalls den ersten Zug zu benützen. Es war ihm nämlich nachts beim Heimgehen plötzlich eingefallen, daß er doch nicht ohne triftige Entschuldigung die gewohnte morgendliche Arbeitsstunde bei Liszt versäumen könnte, ohne sich in ein Netz von Lügen zu verstricken. Nun und nimmermehr hätte er gewagt, dem Meister zu gestehen, was für einen dummen und bedenklichen Streich er zu begehen im Begriff gewesen war: ein anständiges Mädchen, ein halbes Kind noch, ihren Eltern zu entführen, während diese beim Meister selbst zu Gaste geladen waren, und in dem bekanntesten Hotel Jenas mit ihr über Nacht zu bleiben! Nein, das war denn doch ein zu starkes Stück, und dafür hätte der Meister schwerlich eine Entschuldigung gelten lassen – selbst wenn er Florian alles glaubte, was er zu seiner Rechtfertigung vorbringen konnte. In dieser Erwägung hatte er Ilonka gebeten, ihn bei Thekla zu entschuldigen und mit dem armen Mädchen nach Gutdünken zu verfahren. Just wie damals am Morgen nach seinem ersten Sündenfall, brachte der ehrliche Florian auch diesmal einen großen moralischen Jammer mit heim, und der stand ihm so deutlich auf dem Gesichte geschrieben, daß Liszt ihm die am Abend vorher vorgeschützten Kopfschmerzen ohne weitere Frage glaubte und ihn alsbald wieder heimschickte, damit er sich gehörig pflegen könnte. Florian plagte seine Seele hart und züchtigte sein Herz mit Skorpionen, während er halb ausgekleidet auf seinem Bette lag, um den entgangenen Morgenschlaf nachzuholen. Die Entführung vermochte er vor seinem Gewissen zu rechtfertigen – die war ja so gut gemeint gewesen und so harmlos verlaufen. Es gehörte doch unzweifelhaft zu den unveräußerlichen Menschenrechten, ein liebendes und geliebtes Mädchen hartherzigen Eltern zu entführen, die es in unverantwortlicher Weise quälten! Thekla liebte ihn und vertraute ihm: er war also ohne Frage der Nächste dazu, ihr zu helfen. Aber war er denn dieses Vertrauens würdig? – Nein! donnerte ihm sein Gewissen mit furchtbarer Entschiedenheit in die Ohren. Sein weiches, mitleidiges Herz war freilich gestern in Rührung über die Hilflosigkeit des reizenden verliebten Kindes schier zerflossen, und mit unzähligen Küssen hatte er ihm seine Gegenliebe deutlich genug gestanden. Wie verhielt es sich denn aber in Wahrheit mit dieser seiner Gegenliebe? Uebel – o jerum, wahrlich übel! Als er Ilonka, die unbegreiflich Gute, Schlimme wiedergesehen, da war mit Macht die alte Leidenschaft wieder über ihn hergefallen und hatte sein Herz wie mit scharfen Krallen gepackt. Sie war doch einmal seine erste Liebe gewesen, und trotz der wütenden Anstrengung, die er gemacht hatte, sie kraft seiner moralischen Entrüstung los zu werden, sie wollte sich durchaus nicht abschütteln lassen. Er mußte sich eingestehen, daß er im Grunde schon gestern abend heilfroh darüber gewesen war, daß Ilonkas Dazwischenkunft ihm die lästige Verantwortlichkeit für die Folgen seiner Unbesonnenheit abgenommen hatte. Florian war sich völlig klar darüber, daß Thekla nicht nur weit hübscher sei als Ilonka, sondern auch alle Eigenschaften in sich vereinigte, die dem Manne, den sie liebte, ein dauerndes Glück versprechen konnten. Sie war so jugendfrisch und rein, so anmutig und warm, hingebend und natürlich, trotz der ihr aufgezwungenen höheren Damenbildung – und Ilonkas Reize waren schon im Verblühen und bedurften raffinierter Toilettenkünste, um noch zu wirken, ihre Tugend war keinen Heller wert, und der Mann, der sein Herz an sie hing, konnte sicher sein, einen kurzen Rausch mit langer Zweifelspein zu bezahlen; und dennoch hing alle heiße Sehnsucht seiner Sinne an diesem Weibe, dennoch entzückten ihn ihr Witz, ihr zigeunerhaftes Temperament und ihre tugendlose Gutherzigkeit so sehr, daß er im stande gewesen wäre, auch heute noch mit ihr auf und davon zu gehen, trotzdem er ganz genau wußte, daß sie ihn vielleicht schon nach wenigen Tagen heimschicken würde, um sich in die Arme irgend eines andern zu stürzen, der ihr vielleicht aufregendere Lustbarkeiten zu bieten hatte und vor allen Dingen – mehr draufgehen lassen konnte. – Das alles sagte sich Florian und den ganzen reichen Schatz von kräftigen Schimpfwörtern, den er für solche Gelegenheiten zu seiner Verfügung hatte, brauchte er wiederum gewissenhaft in eigener Sache auf. Im »Schwarzen Bären« in Jena war unterdessen auch Thekla munter geworden. Aber da ihre Stubengenossin noch in festem Schlafe lag, so getraute sie sich nicht aufzustehen, um sie nicht zu stören. Sie fand noch Zeit genug, über ihre Lage nachzudenken. Gestern abend hatte sie in ihrer Angst und Aufregung willenlos alles mit sich geschehen lassen, aber im Lichte des neuen Tages erschien ihr die Hilfe, die diese fremde Frau ihr zu teil werden ließ, wie eine bedrohliche Vergewaltigung. Sie wußte noch immer nicht, wie diese Dame hieß, die da mit offenem Munde, sanft schnarchend, neben ihr im Bette lag, wer sie war, in welchem Verhältnis sie zu ihrem Geliebten stand. Wenn sie allein gewesen wäre mit dem Bewußtsein, daß ihr Florian im Nebenzimmer schlief, so wäre sie ruhig und glücklich aufgewacht in der festen Zuversicht, daß Florian schon die richtigen Entscheidungen für sie treffen würde und daß ihr nun gar nichts Böses mehr widerfahren könnte. Aber vor dieser Fremden mit dem großen offenen Munde, den welken Zügen, den harten tatarischen Backenknochen und dem in dem grauen Dämmerlichte fleckig erscheinenden Teint, auf dem Puder und Schminke durch oberflächliches Abreiben beim Schlafengehen noch Spuren zurückgelassen hatten – vor dieser Fremden, die ihr vorzustellen Florian nicht einmal der Mühe wert gehalten hatte, wandelte sie unwillkürlich ein Grauen an. Wie kam diese Frau dazu, in ihr Schicksal eingreifen zu wollen? Freilich, Florian hatte sie ihr ganz unbedenklich überlassen und war dann mit ihr davon gegangen, als ob es für ihn ganz selbstverständlich sei, sich treu Wünschen zu fügen. Theklas erstes Gefühl bei dieser Erwägung war Eifersucht. Es kam ihr nicht in den Sinn, Florians Verhalten als einen Beweis dafür anzusehen, daß er Ursache haben müsse, dieser Frau zu vertrauen. Sie fühlte sich nur gekränkt darüber, daß man mit ihr umsprang wie mit einem willenlosen Wesen, und sie schämte sich vor sich selber, weil sie so schwach gewesen war, dieser Fremden etwas vorzuweinen und sie so widerstandslos über sich bestimmen zu lassen. Mit einem plötzlichen Entschluß warf sie die Decke zurück, um heimlich aufzustehen, sich anzukleiden und sich nach ihrem Beschützer umzuthun. Aber da fiel ihr ein, daß sie ja gar nicht wußte, wo Florian schlief. Sie konnte ja doch nicht dem alten Herrn, der gestern abend so plötzlich hereingeplatzt war, auf die Stube laufen. Oder sollte sie etwa allein unten im Gastzimmer ihr Frühstück bestellen und warten, bis Florian nach ihr suchte? Nein, das ging auch nicht. Sie zog die Bettdecke wieder über sich, vergrub das Gesicht in die Kissen und fing an zu weinen. Als Ilonka endlich erwachte, war es neun Uhr vorbei. Thekla hatte sich inzwischen doch angezogen und saß, das Gesicht in den aufgestützten Händen verborgen, hinter dem Tisch auf dem Sofa. Ilonka gähnte laut, rieb sich die Augen und rief dann ganz vergnügt: »Ah, bon jour, mademoiselle! Mais vous vous êtes levée de bonne heure. Comment ça va-t-il? Bien dormi – hein?« Thekla wendete ihr das verweinte Gesichtchen zu und zuckte stumm die Achseln. »Mais, ma chère enfant, pourquoi si triste? Il n'y a pas de quoi – tout va bien.« Und mit einem Satz war sie aus dem Bett und lief in ihrem rosa Seidenhemd zu Thekla, setzte sich neben sie aufs Sofa und küßte sie wieder auf beide Backen, daß es schallte. Thekla machte sich ein wenig ängstlich von ihr los und sagte im echtesten Kinderton: »Darf ich jetzt nicht zu Herrn Mayr?« Ilonka lachte außerordentlich belustigt, umarmte sie wiederum stürmisch und rief: »Cher petit ange, – Sie sind raizend, liebe Klaine! O dieser Herr Mayr, wie ist er zu benaiden! Wie spät ise denn? – Nein Uhr? – o da ise Herr Mayr lange in Weimar und arbeitet mit dem Maister.« »Herr Mayr ist – nicht mehr – hier?« Stoßweise, angstvoll kam es heraus, und ganz bleich ward die arme Thekla dabei. »Ober, liebes Freilein,« begütigte Ilonka, »wos brauchen wir Herr Mayr? Wir besorgen Ihre Soch' viel besser allein – Männer mochen immer dumme Zaig in so was!« Und dann erzählte sie ihr, sie habe gestern mit Florian verabredet, sie mit sich nach Weimar zu nehmen und bei sich wohnen zu lassen, bis sie ihren Pflegeeltern das Versprechen abgenötigt hätte, in die Aufhebung der Verlobung zu willigen. Da brach Thekla in neue Thränen aus und erklärte ganz ungebärdig, sie wolle nicht nach Weimar und überhaupt nicht zu ihren Eltern zurück. Alles Zureden Ilonkas half nichts – sie hielt eigensinnig an ihrem ersten Plan, die Münchener Freundin aufzusuchen, fest. Da blieb Ilonka denn freilich nichts übrig, als vorläufig zu schweigen und an ihre Toilette zu denken. Sie stand bereits am Waschtisch, als Thekla plötzlich auf sie zutrat und in einem geradezu herausfordernden Tone rief: »Ich weiß ja gar nicht einmal, wer Sie sind!« Da raffte Ilonka ihr langes Seidenhemd mit zierlich gespitzten Fingern, machte einen Tanzstundenknicks und sagte: »Bitte, gnä' Freilein, main Name ist Badacs Ilonka, Pianistin ungarische, und Herr Mayr is ein olter, sehr lieber Fraind von mir. Sie können mir gonz gewiß vertrauen. – Ober gehen Sie jetzt hinunter, Sie hoben nix im Mogen und sind nervios! Nähmen Sie den Kaffee en attendant, ich komme gleich nach.« Thekla folgte dem guten Rate, und nachdem sie ein wenig gefrühstückt, ward ihr auch wirklich besser und zuversichtlicher zu Mute. Sie setzte mit Bleistift ein Telegramm an ihre Freundin Erna auf, aber da sie noch nie in ihrem Leben selbständig eine Depesche verfaßt hatte, so getraute sie sich doch nicht, sie ohne weiteres aufgeben zu lassen, sondern wartete, bis Ilonka herunterkam, um sie ihr zur Begutachtung vorzulegen. Mit einigen Kürzungen wurde das Telegramm dann wirklich abgesandt, weil Ilonka eingesehen hatte, daß Thekla denn doch ihren eigenen Kopf hatte und leicht die größten Thorheiten begehen konnte, wenn man sie nicht sehr vorsichtig behandelte. Erst am Nachmittage kam aus München die Antwort: »Adressat verreist, unbekannt wohin.« Theklas Enttäuschung war groß, und völlig ratlos, wie sie nun war, blieb ihr nichts andres übrig, als sich rückhaltlos dem Fräulein Badacs anzuvertrauen. Uebrigens hatten die paar Stunden, die sie notgedrungen allein miteinander verbringen mußten, immerhin genügt, um Theklas anfängliche Abneigung gegen Florians gefällige Freundin einigermaßen zu überwinden. Ihre Zuversicht hatte schließlich doch den Eindruck auf Thekla nicht verfehlt, und obwohl sie ihren eifersüchtigen Verdacht nicht ganz los wurde, konnte sie doch nicht umhin, die herzenswarme und dabei überaus amüsante Ungarin recht liebenswürdig zu finden. Die beiden Damen gelangten gegen drei Uhr nachmittags unangefochten nach Weimar, wo Ilonka ihre Schutzbefohlene alsbald in einer der berühmten kanariengelben Droschken (ganze vier Stück hatte die Residenz von diesem Beförderungsmittel aufzuweisen) nach ihrer Wohnung geleitete. Sie selbst begab sich unmittelbar darauf nach dem »Russischen Hof«. Der Portier setzte ein bedenkliches Gesicht auf, als Fräulein Badacs, die er wohl kannte, beim Konsul Burmester gemeldet zu werden wünschte. Die Herrschaften hätten sehr aufregende Nachrichten erhalten und würden schwerlich geneigt sein, Besuch zu empfangen. »O sagen Sie nur, ich bringe schenen Gruß von Freilein Tochter – werden sie mich schon empfangen!« versetzte Ilonka, verschmitzt lächelnd. »Ah, das ist freilich was andres!« rief der Portier, neugierig aufhorchend. Dann entsandte er einen Kellner mit der Botschaft und der Karte des Fräuleins nach oben. Der Kellner flog ordentlich die Treppe hinauf. Es war offenbar, daß das ganze Hotel über die Flucht des Fräuleins in Aufregung geraten war. Der Portier erzählte denn auch Ilonka unaufgefordert, daß Fräulein Burmester gestern abend mit einem Herrn im Frack und Seidenhut fortgegangen und bisher nicht zurückgekehrt sei, worüber natürlich die Eltern und der Herr Bräutigam in die größte Angst versetzt worden seien. Depeschen seien abgeschickt und empfangen worden und die Polizei vermutlich auch bereits verständigt. »Wos sogen S' – mit einem Härrn wär' das Freilein fort?« rief Ilonka ganz entrüstet thuend. »Ah wos denn! Sie ist ainfach zu einer Freindin gägangen, und die hot s' zu einer klainen Partie mitgänommen. Begraif' ich nicht, doß Brief nicht angekommen is! Freilein hot doch glaich geschrieben!« Damit stieg sie, ohne sich weiter durch neugierige Fragen aufhalten zu lassen, die Treppe hinauf. Der Kellner kam ihr entgegen mit der Meldung, daß der Besuch den Herrschaften sehr angenehm sein werde, und oben auf dem Gang standen bereits Burmesters und Prczewalsky, um sie voll Ungeduld in ihren Salon zu geleiten. Sobald Ilonka ins Zimmer hineinkomplimentiert war, schob die Konsulin von innen den Riegel vor die Thür und rauschte dann aufgeregt auf die Besucherin zu. »Sie bringen uns Nachrichten von unsrer Tochter, mein Fräulein?« »Ja, ollerdings, gnä' Frau,« versetzte Ilonka, sich leicht verbeugend. Dann faßte sie den schönen Antonin ins Auge, betrachtete ihn aufmerksam und fragte endlich, ungeniert mit dem Finger auf ihn deutend: »Bitte, is dos der Härr Bräutigam – ich glaub', ich kenn' ihm nach der Bäschreibung an der Nosen!« »Khn, khn!« machte Prczewalsky, indem er rasch sein Sacktuch an das beschädigte Riechorgan führte. »Meine Nase hat sich doch wohl nichts mit der Geschichte zu schaffen!« »O doch, mein liebär Härr!« lachte Ilonka gemütlich – »Ihre gonze sähr werte Persönlichkeit hat sogar sähr viel zu schaffen. Denn wegen Ihner ise das Freilein Thekla bloß fort. Bägraif' ich ibrigens vollkommen!« Antonin hielt mitten in seiner Verlegenheitsschneuzung inne, bekam einen puterroten Kopf und schnaufte wütend: »O – khn – was soll das heeïßen! Wenn Sie mich beleidigen wollen . . . khn, khn! ich werrde bitten . . .« »Ach lassen Sie doch jetzt Ihre Empfindlichkeiten!« fuhr ihm die Konsulin hart ins Wort, in brennender Ungeduld, zu erfahren, was aus ihrem armen, irregeleiteten Kinde, wie sie sich ausdrückte, geworden sei. Gleichzeitig bot der Konsul Ilonka einen Stuhl an und flüsterte ihr dabei zu: »Bitte, spannen Sie uns nicht länger auf die Folter – achten Sie nicht auf den Menschen!« Sie setzten sich alle vier, und dann begann Ilonka ganz vergnügt zu erzählen: »Also schauen Sie, die Soche ise sähr ainfoch: Sie hoben Ihr Freilein Tochter netigen wollen, einen Monn zu heiraten, den sie nicht mog. Hot sie ändlich nicht mähr ausholten kennen und hot sie vorgäzogen, davonzulaufen – find' ich sähr verninftig!« Die Konsulin: »Aber, mein Fräulein, Sie vergessen, was eine Tochter ihren Eltern . . .« Prczewalsky: »Jawohl, khn – Sie vergessen überhaupt . . .« Die Konsulin: »Sein Sie doch endlich still!« Der Konsul: »Ach bitte, sagen Sie uns doch, wo und wie Sie unsre Tochter getroffen haben.« Nach dieser kleinen Unterbrechung fuhr Ilonka, sich ausschließlich an den Konsul wendend, also fort: »Wir trafen uns gonz allein im Domencoupé zweiter Kloss'. Ormes Freilein soß im Eck und wainte; thot mir so laid – hob' ich ainfoch gefrogt, warum waint. – Eh bien! sind wir Bekonnte geworden – hot sie mir olles erzählt.« Die Konsulin: »Aber, mein Gott, wo steckt sie denn? wir haben doch überall hin telegraphiert – außerdem hat sie doch kein Geld!« Ilonka erhob nur abwehrend ein wenig die Hand gegen Frau Burmester und fuhr fort: »Also hob' ich gesogt: Liebäs Kind, ise sähr recht, doß sich nicht gefollen lossen – nur die Aesel lossen sich olles gefollen – ober Sie sind gor zu unerfohren und Gäld hoben Sie auch kains! Wos wollen Sie in der Welt allain? hob' ich gesogt. Ich wärde zu Ihren Eltern gehen und wärde Vorschlag mochen, hob' ich gesogt. Moch' ich also Vorschlag: Sie erklären die Verlobung sofort für aus und kaput und versprechen schriftlich, daß Sie ormes Freilein Tochter nicht mehr zum Hairoten zwingen wollen! In diesem Folle kommt Freilein Tochter noch heite zu Ihnen zurück.« »So, und wenn wir uns dessen weigern?« rief Frau Olga hochmütig. Und Prczewalsky sekundierte ihr: »Jawohl, khn – wenn wir uns weigern, hä?« »Sein Sie doch bloß still, Prczewalsky!« fuhr die Konsulin wütend auf und schlug mit der Hand auf den Tisch. »Sie sind überhaupt bloß an der ganzen Geschichte schuld! Sie horchen an der Thür und hören fremde Stimmen und hören Thekla fortgehen und thuen nichts, gar nichts! Sie sitzen hier und bestellen sich ein großartiges Abendessen und den teuersten Wein dazu, trotzdem Ihnen die Leute gesagt hatten, daß Thekla mit einem Herrn fortgegangen wäre – mit einem Herrn, den Sie sehr gut kennen müßten!« »O, erlauben Sie, Frau Mutter!« stammelte Antonin kläglich. »Ich konnte doch nicht auf die Straße – khn, in meinem Zustand! Gott erbarme sich, ich dachte, ich werrde . . .« »Ach, Sie dachten, Sie werden!« höhnte die Konsulin. »Was werden Sie denn? Sie haben einfach Angst gehabt, weiter gar nichts!« Ehe noch der erschrockene Prczewalsky zu seiner Verteidigung etwas vorbringen konnte, sprang plötzlich Herr Burmester von seinem Stuhl auf, faßte die Lehne mit beiden Händen und rief mit vor Aufregung bebender Stimme: »Sie sind überhaupt – Sie sind . . . Wenn Sie ein Mann von Ehre wären, so wüßten Sie, was Sie jetzt zu thun haben! Sie hätten überhaupt schon längst von dieser Verlobung zurücktreten müssen – meine Tochter kann Sie nicht ausstehen, und ich – ich auch nicht – ich verachte Sie – ich – ich pfeife auf Sie! Ich will Sie nicht mehr sehen, gehen Sie hinaus, Sie – haben Sie mich verstanden?« »Aber Willy!« rief Frau Olga, starr vor Entsetzen. So hatte sie ihren Mann noch nie gesehen. Der schöne Antonin war so weiß geworden wie das Leintuch, mit dem er immer noch an seiner geschwollenen Nase herumfummelte. Er schnappte erbärmlich nach Luft wie ein Fisch auf dem Trocknen, machte wilde Augen und schwankte nach der Thür zu. Dort angekommen, wandte er sich noch einmal um, erhob die geballte Faust gegen Fräulein Badacs und stieß mühsam die Worte hervor: »O, ich weeïß, wem ich das zu danken habe – ich glaube keeïn Wort! Ich kenne das Fräulein – sie ist auch so eine, – so eine Lisztianerin! Sie steckt mit diesem Mayr unter einer Decke!« »Wo steck' ich?« fuhr Ilonka auf, indem sie rasch einige Schritte gegen ihn zutrat. »Wos erlauben Sie sich? Gehen Sie hinaus oder – ich hob' auch ein sähr lockeres Hondgälenk!« Frau Burmester trat rasch zwischen die beiden und breitete schützend die Arme vor ihrem verstoßenen Schwiegersohn aus: »Gehen Sie, Herr Prczewalsky!« redete sie ihm besänftigend zu. »Ich bedaure lebhaft, daß mein Mann so heftig geworden ist; aber Sie werden einsehen, daß Sie unter den gegenwärtigen Umständen auf der Verbindung mit uns nicht bestehen können. Es hat nicht sollen sein – gehen Sie mit Gott, lieber Herr Prczewalsky!« Antonin hielt die Thürklinke in der Hand und zögerte noch ein Weilchen. »Jawohl,« keuchte er, »ich werrde gehen – aber ich werrde mich rächen, khn! Ich werrde dieses Land verlassen, wo die Faust über den Geeïst triumphiert – ich werrde pfui sagen und den Staub von meinen Stiefeln blasen. Leben Sie wohl, gnädige Frau – ich reeïse sofort! Ihnen, Herr Konsul, habe ich nichts mehr zu sagen – khn, khn – Sie werrden so freundlich sein, meeïne kleine Rechnung zu bezahlen!« Damit trat er über die Schwelle und schlug die Thüre unsanft hinter sich zu. »Gott sei Lob und Dank!« rief der Konsul mit innigster Befriedigung, und dann ließ er sich mit einem behaglichen Blasen in seinen Sessel fallen. Ilonka ging auf ihn zu, streckte ihm ihre Rechte hin und sagte ganz vergnügt: »O, Herr Konsul, Sie hoben mir solche Fraide gemocht – ich danke Ihnen im Namen von Freilein Thekla! Gnädige Frau wird mir auch versprechen, daß kinftig dos Freilein zuerst gefrogt wird, wenn sich von Hairoten hondelt.« »Sie sehen ja, wie wir uns bemühen, den Wünschen unsrer Tochter nachzukommen,« versetzte Frau Burmester ausweichend. Ilonka hielt es doch für angemessen, auf ihrer Forderung eines schriftlichen Versprechens nicht weiter zu bestehen. Das Auftreten des Konsuls hatte ihr so imponiert, daß sie Theklas Herzensfreiheit für die Zukunft gesichert glaubte, und so verabschiedete sie sich mit dem Versprechen, die kleine Durchgängerin heute noch den Eltern zurückzubringen. Frau Burmester geleitete sie höflich bis an die Thür und drückte in einigen kühlen Redensarten ihren Dank für die Vermittlung der Versöhnung aus. Ganz zuletzt fragte sie noch, ob sie nicht, da sie sich doch schon länger in Weimar aufhalte, einen gewissen Herrn Mayr, einen bevorzugten Lisztschüler, kenne. »Ober gewiß, gnädige Frau!« antwortete Ilonka ohne Besinnen. »Is ein sähr bedeitender Kinstler und ein liebär Freind von mir!« »So, so! Die Leute im Hotel sagen doch, daß ein Herr meine Tochter abgeholt hätte, der nach der Beschreibung nur Herr Mayr sein kann. Er war auch zur selben Zeit aus der Gesellschaft bei Liszt verschwunden. Hat Ihnen meine Tochter nichts gesagt darüber?« »Ober kein Wort, gnädige Frau!« log Ilonka mit der offensten Unschuldsmiene. »Soll ich Herrn Mayr frogen, wann ich ihm sehe? O, vielleicht is är gor verliebt in Freilein Thekla und hot sie entfihren wollen! Schau, dieser liebe Mayr – hätt' ich nie von ihm g'docht! Werd' ich ihn herschicken, daß är sich selber kann erklären.« »Nein, nein – das thun Sie, bitte, nicht!« wehrte die Konsulin eifrig ab. »Wir werden sofort abreisen, wenn wir Thekla wieder haben. Sie ist doch hoffentlich hier am Ort?« »Gäwiß, wir hoben die Nocht in Jena zusammen geschlofen, und jetzt is sie hier bei mir. O gnädige Frau, glauben mir, Sie hätten sie nie wider gäsehen, wenn der schene Härr nicht vor meinen Augen hinausgäflogen wär'! No also, sein wir lustik – in ainer holben Stund' können Sie Freilein Thekla wieder umormen!« An seiner Frau vorbei trat der kleine Konsul zu Ilonka und geleitete sie respektvollst, wie eine vornehme Dame hinaus und sogar die Treppe hinunter, indem er sich mit warmen Dankesworten von ihr verabschiedete. Als Ilonka heimkam, fand sie ihre Schutzbefohlene in guter Gesellschaft. Florian Mayr hatte schon mehrmals im Laufe des Tages vorgesprochen und, als er am Nachmittag endlich erfuhr, daß Fräulein Badacs in Gesellschaft einer andern jungen Dame zurückgekehrt, aber gleich wieder fortgegangen sei, sich nach einigem Zögern zum Warten entschlossen. Wie verlockend auch ein Kosestündchen mit dem liebenden Mädchen, das ihm so hingebend zugethan war, sein mochte, es bangte dem ehrlichen Florian nach der strengen Selbstschau, die er eben erst vorgenommen hatte, doch vor den möglichen Folgen eines solchen Alleinseins. Wenn er wieder schwach wurde und sich etwa zu zärtlichen Beteuerungen hinreißen ließ, die ihm selbst später vielleicht als Lügen erscheinen mußten, während Thekla alle ihre Hoffnungen daran knüpfte! Er hätte sich doch vielleicht feige wieder davongeschlichen, wenn nicht Thekla seine Stimme erkannt und ihn zu sich hereingeholt hätte. Als Ilonka eintrat, fand sie Thekla in der Sofaecke sitzend, das Gesicht in den Händen verborgen, und Florian von ihr abgewandt am Fenster stehend. »Hej!« rief sie lustig, »hob' ich euch ärwischt, ihr Taibchen! So wait vor Schräck auseinandergäfahren. Ah wos, vor mir is nicht netig zu schenieren! Ober, wos is dos? Das Freilein hot gewaint?! Und der junge Härr mocht ein Gäsicht – hu! Hobt ihr eich schon gezonkt? Oder is bloß Obschiedsschmärz?« »Ach wo!« sagte Thekla kurz angebunden, indem sie sich erhob und heftig die Thränenspuren aus ihrem Gesichte rieb. Und Florian lächelte mühsam und murmelte etwas Unklares von einem kleinen Mißverständnis. Ilonka war taktvoll genug, keine weiteren Fragen zu stellen. Sie erzählte mit großer Anschaulichkeit, wie es ihr bei Burmesters ergangen war, und mit wie überraschender Kraftentfaltung der kleine Herr Konsul dem Schwiegersohn seinen endgültigen Abschied erteilt habe. Thekla war so erstaunt über diese unvermutete Wendung ihres Geschickes, daß sie in neue Thränen ausbrach und sofort zu ihrem »lieben, guten, einzigen Papa« zurückzukehren begehrte. Es wurde nun beschlossen, was sie auf die Frage der Eltern bezüglich der Rolle, die Herr Mayr bei ihrer Flucht gespielt habe, erwidern sollte, um sich nicht in Widersprüche mit Ilonkas Bericht zu verwickeln. Und dann machte sich Thekla zum Ausgehen fertig. Ilonka bemerkte wohl, daß Florian noch irgend etwas auf dem Herzen habe, und zog sich mit einer Entschuldigung in ihr Schlafkabinett zurück. Sobald sie allein waren, trat Florian zu Thekla und flüsterte ihr zu: »Aber Thekla, liebes Kind, so können wir doch net auseinandergehen. Geh, gib mir deine Hand und sag, daß d' mir nimmer bös bist! Schau, wenn ich ein freier Mensch wär' und schon eine Stellung errungen hätt', worauf ich zur Not heiraten könnt', dann wär's ja ganz was anders – dann thät' ich mich den Teufel drum scheren, was die Leut' und sogar was deine Pflegeeltern dazu sagten! Wenn's amal ausgemacht wär', daß wir zwei uns gut wären, da fraget' ich' nix . . .« »Jawohl. das ist aber eben nicht ausgemacht!« fiel Thekla ihm ins Wort, mühsam ihre Thränen unterdrückend. »Sie müssen mich auch nicht für zu dumm halten, Herr Mayr! Sie lieben mich eben nicht, sonst würden Sie nicht so viel von Ihrer Vernunft und von Ihren guten Absichten reden. Sie haben das gestern bloß so gesagt, weil ich mich Ihnen in meiner Angst gleich so an den Hals geworfen habe. Aber ich weiß schon, warum's Ihnen heute leid thut! Nein, nein, geben Sie sich nur gar keine Mühe, das können Sie mir nicht ausreden!« »Thekla!« »Nein, nein – ich weiß schon, was ich weiß. Es ist ja auch ganz gut, daß alles so gekommen ist! Mein lieber, guter, einziger Papa wird schon dafür sorgen, daß mir nichts Böses mehr geschieht. Vergessen Sie nur, bitte, wie ich gestern war! Lieber will ich schon wieder Klavierstunde haben und alles das, als daß ich jemandem zur Last falle, der sich nichts aus mir macht!« »Aber, Thekla, das ist doch nicht wahr!« »Doch, doch. – Na, atjöh, Herr Mayr – ich danke Ihnen auch sehr für Ihren Beistand gestern!« In starker Bewegung ergriff er die kleine Hand, die sie ihm hinreichte, und drückte einen Kuß auf das hellbraune Leder. Er suchte sie an sich heranzuziehen und ihr in die Augen zu sehen. »Thekla, bekomm' ich nicht einmal einen Kuß zum Abschied?« flüsterte er traurig. »Aber, Herr Mayr, was denken Sie denn von mir!« rief sie leise und machte sich sanft, aber entschieden von ihm los. Dann schritt sie rasch nach der Thür und öffnete sie geräuschvoll, damit Ilonka aufmerksam werden sollte, welche denn auch alsbald aus ihrem Schlafzimmer heraustrat und mit ihr davonging, ohne sich um Florian weiter zu kümmern. – – Schon nach einer halben Stunde ungefähr kehrte Ilonka allein zurück und war einigermaßen erstaunt, den Meister Florian immer noch bei sich zu finden. Er hatte einen ganzen Haufen von ihren Cigaretten aufgeraucht und saß, in dichten Qualm eingehüllt, auf dem Sofa. »Nun?« fragte Florian mit einem tiefen Seufzer. »Nun?« spottete Ilonka ihm nach. »Do sind Sie ja noch! Wos machen Sie für ein Gäsicht? – Und die Thekla auch! Hot mich so kolt verabschiedet – hot bloß noch gefählt, daß sie mir Trinkgeld in die Hand drucket'! Ich versteh' nicht, wos soll dos bedaiten?« »Herrgott, eifersüchtig ist s'!« fuhr Florian auf. »Daß wir zwei was miteinander g'habt haben, des hat s' glei' g'spannt mit dem berühmten Scharfblick, den ihr Weibsleut' für so was habt!« »Ah geh'!« rief Ilonka, ehrlich erstaunt. »Eifersichtig, auf mich? Mi a menynykö! Haha, ausgezaichneter Witz – thut mir laid, doß ich Ihren letzten Liebesbrief zerrissen hob'!« »Aber, Ilonka, Sie wissen doch ganz gut . . .« »Wos?« »No, daß – daß die Thekla so unrecht net hat!« sagte Florian, etwas verlegen zögernd. Ilonka trat an den Sofatisch heran, wedelte mit ihrem Taschentuch den Tabaksrauch beiseite und blickte Florian spöttisch ins Gesicht: »Wos soll dos haißen, hailiger Florian? Hob'n S' einen sentimentalen Anfall – oder mecht'n S' viellaicht für die Zait, wo die Thekla nicht zu hoben ist, rechtzeitig auf ainen Ersotz denken?« »Ach, was fallt Ihnen ein!« rief Florian ärgerlich. »Solche sauberen Motive brauchen S' mir gar net unterzuschieben. Die G'schicht ist einfach die, daß ich . . . Ja, Herrgottsakra, ein jeder kann eben net so leicht seine Schätze auswechseln und gewisse Dinge vergessen!« Ilonka zuckte lachend die Achseln und ließ sich in den nächsten Stuhl fallen. Sie schlug die ausgestreckten Füße übereinander und pfiff vor sich hin. Endlich sagte sie leichthin: »Liebär Freind, Sie sind unonständig! Von gäwissen Dingen spricht man nicht.« Und da er darauf nichts zu erwidern hatte, fuhr sie nach einer kleinen Pause fort: »Ich mog nichts wissen von Ihrer Liebe. Ich bin gut zu Freindschaft und zu Lustiksein – olles andre find' ich fad. Wer sogt, doß ich ihm abhalte, irgend ein anständiges Madel zu heiraten, dos er gärn hot, der ligt und belaidigt mich!« »Aber ich kann doch dem Kind nicht in den Kopf setzen, daß ich's ganz allein lieb und nie eine andre gern g'habt hätt' und daß ich 's Heiraten nicht erwarten könnt' – das wär' doch wahrhaftig gelogen!« »Härrgott, Sie haben ihr doch nicht etwa gesogt . . .?« »No, ich konnt's doch net g'radezu in Abrede stellen!« Ilonka warf den Kopf hintenüber und schlug die Hände zusammen: »Hailiger Florian, wos sind Sie für ein Aesel – nehmen Sie mir nicht ibel! Sie verstehen ober auch gor kein bißl von der Liebe, nicht fir einen Kreizer. Wann Sie ollen verliebten Madeln solche Wohrheiten sogen wollen, werden Sie viel Glick hoben!« Florian blickte mit einem Ausdruck von nicht gerade übermäßiger Intelligenz zu ihr hinüber und brummte: »Ich mag aber net lügen!« Sie rümpfte verächtlich die Nase: »So? Wann Sie nicht ligen mögen, werden Sie nie eine Frau glicklich mochen – olle Frauen wollen bäschwindelt sein, und ehe der Monn nicht den fainen Schwindel der Liebe värsteht, soll er wenigstens nicht hairoten! Sie, main liebär Florian, sind noch so dumm wie ein junger Hund – nehmen Sie mir nicht ibel, ober Sie lieben ja die Deitlichkeit. Wann ich höflich sein wollte, würd' ich sogen: Sie sind naiv. Ober glauben Sie mir: für naive Männer hoben nur gonze olte Waiber einen Geschmock. So, jetzt mochen Sie, doß Sie fortkommen, und verdauen Sie diese Waisheit!« Und Florian trollte sich äußerst mißvergnügt davon. – Aber das sollte nur der Anfang seines Mißvergnügens sein, gleichsam nur eine kleine scherzhafte Einleitung. Es zog sich ein finsteres Unwetter über Florians Haupte zusammen. Burmesters waren freilich noch am selben Tage mit Thekla heimgereist, und von ihrer Seite erfuhr er also weiter keine Anfeindungen. Dagegen war Prczewalsky noch vierundzwanzig Stunden länger in Weimar geblieben und hatte diese Zeit trefflich ausgenutzt, um gegen seinen Todfeind einen wirksamen Streich vorzubereiten. Der Zufall hatte ihm dabei einen sehr wertvollen Dienst geleistet, indem er ihn im Wirtshaus mit einem guten Bekannten aus Berlin zusammenführte, der niemand anders war als jener junge Lisztianer, welcher mit Ispirescu und den Crookes zusammen den Ausflug nach Jena unternommen hatte. Prczewalsky hatte absichtlich das Gespräch auf Florian Mayr gebracht, und da sein Freund zu den Verschwörern gehörte, welche die Schmach der Damen Schönflies und Robertson zu rächen unternommen hatten, so kramte er natürlich bald alles aus, was er von Florians Anmaßung, Willkür und Gewalttätigkeit zu wissen glaubte. Und schließlich verkündete er dem hoch aufhorchenden Antonin mit ganz besonderer Schadenfreude, daß er es in der Hand habe, jenen Tugendheuchler zu entlarven. Und dann ließ er sich nicht lange bitten, das Jenenser Abenteuer mit allen Einzelheiten zum besten zu geben. Er glaube aber nun und nimmermehr daran, erklärte er, daß Florian mit Fräulein Badacs nach Jena gefahren sei; denn er habe, als er im Momente der Abfahrt des Zuges ein Coupé erster Klasse versehentlich öffnen wollte, einen Herrn, den er an seinem langen, dünnen braunen Haar sofort als Florian Mayr erkannt, und eine junge Dame in einem Filzhütchen mit schwarzem Schleier darin sitzen gesehen, welche ganz entschieden nicht Fräulein Badacs gewesen sei. Auf der Station in Jena hätten auch seine Reisegefährten Florian Mayrs Gestalt in der Dunkelheit zu erkennen geglaubt, wie er mit der jungen Dame am Arm vor ihnen davonlief. Im Hotel habe er denn auch durch den Kellner erfahren, daß zwei Paare im »Schwarzen Bären« abgestiegen seien; und zwar der Herr im Frackanzug mit einem sehr jungen Fräulein in Filzhütchen mit schwarzem Schleier, welcher sich als »P. P. Müller, mit Fräulein Schwester aus Amerika« ins Fremdenbuch geschrieben habe, sowie die ungarische Dame mit einem alten Herrn, die sich als »Mr. und Mrs. Johnson Esqr. England« eingetragen hätten. Daß Herr Mayr mit der Badacs etwas gehabt habe, sei allgemein bekannt und die ganze Komödie im Hotel von der liebenswürdigen Dame nur angestellt worden, um ihrem sauberen Freunde den Rücken zu decken. Zwei Tage nach dieser Unterredung gab Liszt seinem Florian statt des Morgengrußes schweigend einen Brief zu lesen, der keine Unterschrift trug, und mit unheimlicher Sachkenntnis das ganze Abenteuer im »Schwarzen Bären« schilderte. Der Meister wurde eindringlichst gewarnt vor einem Menschen, der seine Gutmütigkeit benutzte, um ihn für sich den Elefanten spielen zu lassen, indem er ihn veranlaßte, die Eltern des Mädchens abends zu sich einzuladen, das er entführen wollte; vor einem Menschen, der die Schamlosigkeit so weit trieb, sich mit der einen Geliebten überraschen zu lassen, um das Abenteuer mit der neuen zu verschleiern, und der sogar diese zweite Geliebte, ein anständiges Mädchen aus hochachtbarer Familie, die Verlobte eines Mannes von untadelhaftem Rufe, bei jener ersten Geliebten, einer Dame von denkbarst leichtfertigem Lebenswandel, vor den Eltern verbergen ließ. »Nun, Florian, was sagst du zu diesem Bubenstück?« fragte Liszt, als jener den Brief stumm aus der Hand legte. »Ich habe nie etwas auf anonyme Denunziationen gegeben: Feigheit ist mir verhaßt, pcha! Ich weiß, du wirst mir die Wahrheit sagen. Da sieh: hier sind noch fünf andre solcher Wische. Es steht überall ungefähr dasselbe drin. Außerdem wird behauptet, du hättest Leute, die zu mir kommen wollten, mit Gewalt daran verhindert, Damen geschlagen und die Treppen hinuntergeworfen, den Polen, den du in meinem Namen um Verzeihung bitten solltest, im Park dermaßen zugerichtet, daß er sich kaum mehr vom Platze schleppen konnte, und – und dich überhaupt überall in aufdringlichster Weise in fremde Angelegenheiten gemischt, meine ergebensten Freunde brutal behandelt – und ich weiß nicht, was noch alles! Also, bitte, rechtfertige dich, wenn du kannst! Das ist alles Weiberklatsch, – nicht wahr – von A bis Z erlogen? Sage nur ein Wort, und ich will dir glauben!« Aber Florian war nicht im stande, einen Laut zu äußern. Bleich, zitternd, seinen gütigen Meister mit weitaufgerissenen Augen anstarrend. stand er da. So also nahm sein Charakterbild sich aus, mit den Augen der Feindschaft gesehen! Und dabei war eigentlich, wenigstens in dem ersten Briefe, nicht einmal eine direkte Unwahrheit. Wie konnte er irgend einem Menschen, der ihm nicht bis ins innerste Herz zu schauen vermochte, begreiflich machen, daß trotz des bösen Anscheines alles recht harmlos verlaufen sei? Vor seinem eigenen Gewissen hatte er sich ja doch schon schuldig erklärt und seinen teuren Meister hatte er auch schon belogen! Wo sollte er anfangen mit seiner Verteidigung, wo sollte er aufhören? Wie ein recht dummer unreifer Bursche hatte er jedenfalls gehandelt. Ilonka hatte es ihm ja deutlich genug gesagt, und er hatte es sich selber auch nicht verschwiegen. Ein Sünder war er wohl nicht, wohl aber ein Esel, der Prügel verdiente. Und Eseleien beichten sich manchmal schwerer als große Sünden. So stand er denn da und duckte verschüchtert den Kopf und wußte nichts zu sagen. Liszt wurde endlich ungeduldig. Er packte ihn bei der Schulter, schüttelte ihn aufmunternd und rief: »Komm doch zu dir, mein Sohn, sprich doch – ich will das alles nicht glauben, hörst du? Antworte mir: ist es wahr, daß du Kopfschmerzen vorgeschützt hast, um dich von meiner Soiree fortzuschleichen und währenddessen die Tochter dieser Leute aus Berlin zu entführen, die ich auf deine Veranlassung einladen mußte?« »Ja; das heißt: entführt habe ich sie eigentlich . . .« »Bist du mit ihr allein nach Jena gefahren?« »Ja.« »Hast du mit ihr die Nacht im Hotel zugebracht?« »Ja, das heißt: sie war bei der Badacs.« »Bei der Badacs? Ah, sapristi! Dann ist ja alles wahr?« Florian schwieg. Ein paarmal ging Liszt erregt im Zimmer auf und ab, dann trat er noch einmal vor ihn hin und fragte milde, indem er sein Auge suchte: »Sag mir, mein Sohn – war das nun wenigstens Liebe?« Da zuckte Florian erschrocken zusammen, fuhr sich mit den zitternden Fingern durchs Haar, setzte mehrmals zum Reden an und stieß dann endlich ganz beängstigt hervor: »Ich weiß nicht.« »Du weißt nicht?« brach Liszt entrüstet aus. »Also ein ganz frivoles Spiel mit einem Menschenschicksal? O pfui – pfui sage ich!« »Nein, nein, nein!« jammerte Florian qualvoll auf. »So war's doch nicht!« »Wie denn sonst? Du weißt, daß ich kein Philister bin. Wenn junge Leute mit leichtem Künstlerblut ihre kleinen Liaisons anspinnen, die zu nichts verpflichten – gut, gut – ich drücke beide Augen zu! Freie Menschen unter sich mögen die glückliche Stunde genießen. Das erhöht den Wert des Lebens und hat nichts mit der Moral zu thun; aber was du begangen hast, das tritt die Moral mit Füßen! Eine Braut, ein anständiges Mädchen, verführen – ohne Liebe noch dazu; mich zum Helfershelfer machen und gegen andre als Sittenrichter auftreten . . . Ach geh, geh – ich habe mich in dir getäuscht! Du hast mir sehr weh gethan, pcha – ich habe mir so viel von deinem Schädel versprochen – er hat es nicht gehalten – deine offene Stirn und deine ehrlichen Augen haben mich belogen! Das thut mir weh! – Gott führe dich zu dir selbst zurück! Ich will für dich beten, mein Sohn – aber geh jetzt, geh!« Florian verließ das Zimmer, in dem er die schönsten Stunden seines Lebens verweilt hatte. Er fühlte sich unwürdig, sich zu verteidigen angesichts des herben Schmerzes, den er seinem väterlichen Freunde und Meister bereitet hatte. Er stürzte heim, schloß sich in sein Zimmer ein und heulte und tobte sich aus wohl ein paar Stunden lang. Dann beschloß er, sich schriftlich dem Meister zu eröffnen und eine ruhige Erklärung seines sonderbaren Verhaltens zu versuchen, aber es wollte ihm nicht gelingen. Kein halbes Dutzend vernünftiger Sätze brachte er zu stande. Da gab er's auf, packte seine sieben Sachen zusammen und verließ am Nachmittag, ohne sich von einem Menschen zu verabschieden, die freundliche Musenstadt, in der er in kurzer Frist so viel stolze Freuden, so viel neue Erkenntnis und auch so tiefes Leid erfahren hatte. Siebzehntes Kapitel. Der schwerste Schlag. Florian war bei seinen alten Eltern in Bayreuth eingekehrt, um in dem stillen, friedlichen Heim und der bewundernden Liebe der einfachen alten Leutchen das Gleichgewicht seiner Seele wiederzufinden. Er hatte ihnen gesagt, daß seine Nerven durch Ueberarbeitung angegriffen seien und daß er einer kurzen geistigen Ausspannung bedürfe. Daß Liszt ihn im Unmut über seine moralische Verworfenheit habe gehen heißen, das hätte er gerade seinen Eltern am allerletzten eingestehen mögen. Seiner Mutter fiel alsbald sein verschlossenes, gedrücktes Wesen auf, und sie ahnte, daß ein Kummer, der auf seinem Gemüte laste, ihm schlimmer zusetze als das angebliche Nervenleiden. Den Vater dagegen beunruhigte am meisten der Umstand, daß Florian in den zwei Monaten, die er in Weimar zugebracht, schon fast ganz mit seinen Berliner Ersparnissen fertig geworden war und gar keine bestimmten Aussichten für die nächste Zukunft hatte. Immer wieder drang er in den Sohn, sich doch ohne Zeitverlust nach einer einträglichen Stellung umzusehen, und schalt ihn einen leichtsinnigen Thoren, weil er sich aus seinen fast glänzend zu nennenden Berliner Verhältnissen habe herauslocken lassen, ohne auch nur den Schimmer einer sicheren Hoffnung dafür einzutauschen. Bald genug wurde Florian der ewigen Klagen seines alten Herrn überdrüssig und dehnte seine Spaziergänge immer weiter aus, um eine Entschuldigung zu haben, wenn er sich nach seiner Heimkehr auf seinem Zimmer einschloß und, auf seinem Bett ermüdet ausgestreckt, stundenlang sann und träumte. Im übrigen füllte er seine Zeit damit aus, daß er sich im Hause mit allerlei nötigen und unnötigen Arbeiten zu thun machte, die in das Fach der Schreinerei, Schlosserei und Zimmermalerei fielen. Er hatte eine wahre Leidenschaft für alle Handwerkerei, und wenn die Eltern sich nicht gar so sehr über das ewige Gepoche, den Leim- und Firnisgeruch und die überflüssigen Ausgaben beschwert hätten, so würde Florian die ganze Wohnung neu tapeziert und ausgemalt und alle Möbel neu lackiert und poliert haben. Da kam er eines schönen Tages mit freudestrahlendem Gesicht zum Essen herein. Bei seiner Heimkehr von einem Spaziergange hatte er ein Schreiben Franz Liszts vorgefunden, in welchem ihn der Meister um Entschuldigung dafür bat, daß er sich durch jene anonymen Anschuldigungen und Florians eigenes seltsames Verhalten zu einer vorschnellen Verurteilung habe hinreißen lassen. Durch Ilonka Badacs habe er den wahren Sachverhalt erfahren und glaube nun auch die Motive seines Schweigens zu verstehen. Er hieß ihn ferner guten Mutes sein und seine Schuld nicht tragisch nehmen; in ein paar Jahren werde er wahrscheinlich schon herzlich darüber lachen können. Trotz alledem wäre es aber doch gut, wenn er nicht sogleich nach Weimar zurückkehrte, sondern dem Klatsch Zeit ließe, vergessen zu werden. Andernfalls würde die Erregung unter dem »Schwarm« sich schwerlich so leicht besänftigen lassen, und es würde heißen, der Papa Liszt sei alt und schwach, er lasse sich von jedem »Kraft-Mayr« tyrannisieren – von dem sei nichts mehr zu erwarten. Wenn Florian im Winter nach Rom oder im nächsten Frühjahr nach Weimar kommen wolle, so sollte er im Kreise der Getreuen hochwillkommen sein. – Dem Schreiben lag eine in den wärmsten, schmeichelhaftesten Ausdrücken abgefaßte Empfehlung bei, die ihm als Konzertvirtuosen die Wege öffnen sollte. Florian pries seinen guten Einfall, seiner Freundin Ilonka von Bayreuth aus geschrieben zu haben, denn sonst hätte ja der Meister nicht einmal seine Adresse erfahren. Es war auch ein wahres Glück, daß die gescheite, welterfahrene und beredte Ilonka seine Sache geführt hatte; denn er selbst steckte noch allzutief drin in dem Wirrnis widerstreitender Gefühle, um sein eigener Anwalt sein zu können. Die guten Eltern waren nicht wenig erstaunt über das Wunder, das Liszts Brief wirkte. Mit einem Schlage war die gedrückte Stimmung verschwunden, und ihr Florian war wieder der heitere, offene, gute Sohn von früher. Die Handwerkereien im Hause stellte er ein und warf sich dafür mit einem unheimlichen Eifer auf das Klavierspiel, um sich ein sicheres Repertoire für Konzerte zu schaffen. Auch wandte er sich sogleich an eine große Berliner Agentur, die ihm noch für den Sommer eine Konzerttourné durch die größten deutschen Bäder vermitteln sollte. Nach acht Tagen waren seine Finger, welche die grobe Arbeit schon ganz steif gemacht hatte, wieder so gelenkig, daß er sich einigermaßen auf sie verlassen konnte, und da wagte er es, in Villa Wahnfried, die er bisher noch nie betreten hatte, das Empfehlungsschreiben abzugeben, das ihm Liszt inzwischen auf seine Bitte für seinen Schwiegersohn insbesondere ausgestellt hatte. An einem der nächsten Abende wurde er zum Thee eingeladen und nach dem Abendessen zum Spielen aufgefordert. Wagner wählte aus den Noten, die ihm Florian vorlegte, einige Lisztsche Kompositionen, die fast nie öffentlich gespielt werden und ein ganz besonders feines Verständnis für die poetisch-musikalische Eigenart ihres Schöpfers verlangen. Da Florian diese Stücke besonders liebte und unter Liszts eigener Anleitung studiert hatte, so wußte er sie auch in wirklich vollendeter Weise vorzutragen. Wagner und seine Frau waren des Lobes voll für ihn, und einige hervorragende Bayreuther Persönlichkeiten, die gleichfalls zu den Zuhörern zählten, waren noch besonders stolz darauf, daß ein Bayreuther eine so hohe Stufe der Künstlerschaft erreicht hatte. Natürlich verbreitete sich der Ruf von Florians Erfolg alsbald in der kleinen Stadt. Alle seine Bekannten grüßten ihn fortan mit einer gewissen Ehrerbietung – über Nacht war er ein »großes Tier« geworden. – Er wurde nun auch öfters nach Wahnfried eingeladen und genoß manche Stunde voll reicher Anregung, ohne daß freilich die herzliche Aufnahme, die Meister Wagner ihm zu teil werden ließ, weitere praktische Folgen gehabt hatte, weil er zur Zeit bereits einen andern jungen Musiker bei sich beschäftigte und Florian daher keine Stellung zu bieten vermochte. Nur eine warme Empfehlung, schwarz auf weiß, trug er davon. Inzwischen hatte ihm die Berliner Agentur eine Reihe von Engagements für Konzerte in Wiesbaden, Homburg, Ems, Kissingen und andern größeren und kleineren Badeorten verschafft, und er begab sich voll froher Hoffnungen auf seine erste Kunstreise. Mit dem Beifall und dem Lobe der Kritik, das er überall erntete, konnte er wohl zufrieden sein, aber im großen und ganzen ward er doch ein wenig enttäuscht. Sein persönliches Auftreten wirkte eben nicht so hinreißend, daß es dem unglücklichen Namen Mayr zu einer besonderen Anziehungskraft verholfen hätte. Sein Aeußeres ließ die Damen kalt, und er verstand es gar nicht, sich durch absonderliche Mätzchen in Scene zu setzen und zu seinem eigenen Ruhme das Tamtam der Reklame zu schlagen. So kam es, daß er selten vor vollen Häusern spielte und nur mäßig gute Geschäfte machte. Als er zu Anfang des Winters nach Berlin zurückkehrte, betrug der ganze Ueberschuß, den er in fast fünf Monaten erzielt hatte, nur wenig über zweitausend Mark. Florian war klug genug, sich zu sagen, daß für ihn als reisender Virtuose kaum je eine glänzende Zukunft zu erwarten sei, und daß er darauf ausgehen müsse, sich vielmehr als Lehrer und Dirigent eine feste Stellung zu sichern. – Da faßte er einen kühnen Plan: er wollte Liszts Oratorium »Christus« in Berlin zur Aufführung bringen. Bald genug sollte er erfahren, welch eine schwere Aufgabe er sich damit gestellt hatte. Die große Agentur, welche ihm seine Konzerte vermittelt hatte, war nach deren geringen Ergebnissen durchaus nicht zu bewegen, die Sache in die Hand zu nehmen. Ebenso abgeneigt zeigten sich die großen musikalischen Körperschaften, die Akademieen, Vereine und so weiter. Ein Mäcen, der etwa die Kosten vorgeschossen hätte, war nicht aufzutreiben, und die Leiter der hervorragenden Orchester und Gesangvereine gaben ihm deutlich genug zu verstehen, daß, wenn in Berlin überhaupt die Aufführung eines großen Lisztschen Chorwerks, wofür das Publikum weder Stimmung noch Verständnis habe, zu ermöglichen sei, dies höchstens geschehen könnte unter der Aegide eines der berühmten und bewährten Dirigenten. Aber: »Christus von Liszt unter Leitung von Florian Mayr« – darauf hin käme keine Katz'! – Und dennoch ließ sich Florian nicht abschrecken. Als alle seine Bemühungen fehlgeschlagen waren, entschloß er sich, die Aufführung auf eigene Kosten zu wagen. Für Geld ist alles feil, auch das Beste in der Kunst. Aber das Beste ist teuer – das merkte Florian Mayr gleich bei seinen allerersten Versuchen, einige Sänger von Ruf für sein Unternehmen zu gewinnen. Sie forderten so viel, daß ihm für Chor und Orchester kaum noch etwas übrig geblieben wäre. Nun versuchte er sein Glück bei den vielversprechenden Talenten, die noch keinen Namen hatten. Einige von denen, die sich hart ums tägliche Brot plagen mußten, sagten mit Freuden zu und stellten auch bescheidene Forderungen – diejenigen aber, die zu leben hatten, waren durch die Aussicht auf den kleinen Verdienst nicht zu verlocken, ihre Kunst in den Dienst einer Sache zu stellen, bei welcher ihr Ehrgeiz schwerlich seine Rechnung fand. Einige von diesen Herrschaften waren ehrlich genug, dies Florian klarzumachen: Irgend ein Herr Mayr wollte ein entsetzlich langes und schwieriges Werk von Liszt aufführen! Was war dabei für Ruhm zu gewinnen? Liszt hatte in dem großen Berlin überhaupt nur eine sehr kleine Gemeinde, und seine Kirchenmusik war als erzkatholisch noch weit weniger dem Berliner Geschmack entsprechend als etwa seine symphonischen Dichtungen, die auch schon fast nie auf den Programmen der vornehmen Konzerte erschienen. Die Lisztverehrung war nur in dem Kreise der jüngstdeutschen Musiker und bei einem kleinen Teil der hohen Aristokratie vorhanden. Wenn er wenigstens diese Clique hinter sich gehabt, wenn er hätte sagen können: Fürst A nimmt fünfzig, die Prinzessin B zwanzig, der Herzog von C ein Dutzend Karten zu meinem Konzerte und so weiter. Ob er denn gar nicht daran gedacht habe, sich wenigstens der Gräfin Tockenburg zu versichern, die als Freundin Wagners und begeisterte Vorkämpferin der neudeutschen Musik die natürliche Patronin seines Unternehmens wäre? Die Gräfin Tockenburg nahm als Gattin eines Botschafters eine hervorragende Stellung bei Hofe ein und hätte gewiß einige königliche Hoheiten veranlassen können, sein Konzert zu besuchen. In solchem Falle hätten sich ihm eine ganze Reihe tüchtiger Sänger gern und sogar gratis zur Verfügung gestellt; denn dann konnte sein Konzert ihnen Einladungen zu den musikalischen Veranstaltungen jener vornehmen Häuser eintragen, welche als Prägestätte neuer Namen für Anfänger von großer Bedeutung waren. Aber ohne solchen starken Rückhalt war er nur ein von Liszt und Wagner warm empfohlener Pianist – und das wollte gar wenig bedeuten; denn die hervorragenden Pianisten zählten heutzutage nach Dutzenden, und die Gutmütigkeit Liszts in Ausstellung von Zeugnissen sei schon nahezu berüchtigt. Selbst des Altmeisters Anwesenheit würde der Aufführung schwerlich eine besondere Anziehungskraft verleihen, denn Liszt sei bei der heutigen Generation, die ihn als Klavierspieler nicht mehr gehört habe, kaum noch populär. Ja, wenn der Meister selbst sich ans Klavier setzen und ein paar Virtuosenstücke zum besten geben wollte, dann könnten die höchsten Eintrittspreise gefordert und trotzdem auf ein volles Haus gerechnet werden. Florian würgte diese Wahrheiten ingrimmig hinunter. Die Leute, die ihm das zu bedenken gaben, kannten die Berliner Verhältnisse jedenfalls besser als er. Aber auch seine eigenen geringen Erfahrungen genügten vollkommen, ihn einsehen zu lassen, daß sie recht hatten. – Die Gräfin Tockenburg! Ob er die nicht doch vielleicht als Patronin gewinnen konnte, wenn er jetzt, mit den Empfehlungen der beiden Großmeister ausgerüstet, bei ihr anklopfte? Aber sie hatte ihn mit Schimpf und Schande aus ihrer Gesellschaft davongejagt, ja sogar durch einen Offizier aus dem Saal geleiten lassen! Also ein Hinauswurf vollkommenster Art. Er hätte doch keinen Funken von Stolz haben müssen, wenn er nach einer solchen Demütigung der Gräfin wieder als Bittsteller unter die Augen getreten wäre. Und dennoch entschloß er sich nach langem qualvollen Ringen mit sich selbst, der guten Sache das Opfer zu bringen. An einem abscheulichen Regentage gegen Ende Oktober spendierte er sich eine Droschke erster Klasse, um seinen Anzug zu schonen und einen guten Eindruck zu machen, und fuhr bei dem Palais unter den Linden vor. Er schickte eine Karte hinauf, die er vorsorglicherweise mit dem Vermerk: »empfohlen von Liszt und Wagner« versehen hatte. Nach geraumer Weile erst kehrte der Diener zurück mit dem Bescheide, daß die Frau Gräfin bedauere, zu beschäftigt zu sein, um ihn empfangen zu können; aber eine Zeit anzugeben, wann er etwa wiederkommen sollte, unterließ sie. Es war also ganz klar, daß sie sich des peinlichen Vorfalls vom vergangenen Jahre erinnerte und nichts von ihm wissen wollte. Dieser elende Prczewalsky hatte ohne sonderliche Mühe seine jämmerlichen Machwerke in der Singakademie zur Aufführung bringen können, weil er seine vornehmen Bekanntschaften und den Burmesterschen Geldbeutel hinter sich hatte, und für das grandiose Werk eines Meisters allerersten Ranges sollten in der Millionenstadt weder Publikum noch Künstler zu finden sein? Das konnte, das durfte nicht sein! Florians ganzer Trotz, sein ganzer kraftvoller jugendlicher Idealismus bäumte sich dagegen auf. Er wollte die Vorhersagung der Kleingläubigen zu Schanden machen, er wollte diesen Laulingen beweisen, was der starke Wille einer Persönlichkeit vermag. Er wandte sich an einen Agenten geringeren Ranges, der ihm gegen hohe Prozente die nötigen Solisten und einen großen Teil des Chors verschaffte. Das Geld dafür mußte er dem Manne bar auf den Tisch legen. Einen einzigen gemischten Chorverein gelang es ihm durch persönliche Beziehung zur unentgeltlichen Mitwirkung zu gewinnen. Da das erste Orchester Berlins zu teuer war, nahm er mit einem zweiten Ranges vorlieb, welches freilich durch die vielen Proben, die er sich ausbedingen mußte, auch noch teuer genug zu stehen kam. Schießlich gelang es ihm auch, nachdem er an vielen Thüren vergeblich angeklopft, eine Kirche im Südwesten der Stadt zu finden, deren Vorstand es wagte, das protestantische Gotteshaus dem katholischen Meister zur Verfügung zu stellen. Nun glaubte er alle Hindernisse glücklich überwunden. Zwar überschritt der Kostenanschlag seinen Etat um ein Bedeutendes, aber er war sicher, daß die Eintrittsgelder das Defizit reichlich decken würden. Er vertraute den liebenswürdigen Redensarten der Zeitungsredakteure, welche seinem Unternehmen ihre Unterstützung zusagten, und war überglücklich, als er seine erste Reklamenotiz in einer großen Anzahl von Blättern abgedruckt fand, allerdings mit Auslassung vieler Ueberschwänglichkeiten, die zum Preise des großen Werkes seiner Feder entflossen waren. Nun ging er mit Feuereifer an die Arbeit. In seinem großen Zimmer am Luisenplatz bei der Witwe Stoltenhagen, das er glücklicherweise bei seiner Rückkehr nach Berlin gerade unbesetzt gefunden hatte, hielt er jeden Vormittag Soloproben ab. Aber schon bei dieser Gelegenheit mußte er neue traurige Erfahrungen machen. Einzelne von den Sängern erwiesen sich als so unmusikalisch, daß ihnen die schwierigen Partieen nicht beizubringen waren, und mußten durch andre ersetzt werden. Einige, die sich schon große Künstler dünkten, wurden ungeduldig und murrten über die vielen Proben und über die Strenge, mit der Florian dabei verfuhr. Der Aerger über diese anmaßenden Menschen, die so ohne jede Begeisterung an ihre Aufgaben herantraten und obendrein wie die rohen Eier behandelt sein wollten, brachte Florian schier zur Verzweiflung. Nur zwei von den Sängerinnen waren ihm dankbar für die unendliche Mühe, die er sich mit ihnen gab, und richteten durch ihren hingebungsvollen Eifer seinen Mut wieder auf. Auch an dem Chor erlebte er bescheidene Freuden. Es wurde in den Abendstunden in der Aula einer Schule geprobt. Da gab's viel Seufzen und Stöhnen über die Schwierigkeit des Werks und über die unendliche Dauer der Uebungsabende, auch blieben immer mehr Mitglieder mit oder ohne triftige Entschuldigungen aus. Aber im allgemeinen war doch ein guter Wille zu spüren, und das gewaltige Werk gewann von Abend zu Abend immer festere Gestalt. Mit starkem Herzklopfen betrat Florian das Dirigentenpult bei der ersten Orchesterprobe. Er war mit der Partitur aufs innigste vertraut und hatte daheim, den Taktstock in der Hand, das Werk so oft durchdirigiert, daß er jeden schwierigen Einsatz auswendig wußte; aber er hatte noch nie einen großen Instrumentalkörper geleitet und wußte wohl, mit wie boshafter Schadenfreude alte Orchestermusiker jede Unsicherheit eines jungen Dirigenten sofort bemerken und durch Unaufmerksamkeit oder gar absichtliches Falschspielen ihren Mutwillen an einem solchen auslassen. Doch die erste Probe war auch ein erster Sieg Florians. Die Musiker, die anfangs untereinander geschwatzt und gelacht und allerlei Unfug mit überflüssigen Fragen getrieben hatten, merkten bald, daß sie es mit einem Manne zu thun hatten, der seine Sache gründlich verstand und mit künstlerischem Ernste anpackte. Am Schlusse der Probe brach das ganze Orchester in Beifall aus, und ein alter Fagottist, der schon im Jahre achtundvierzig unter Wagner in Dresden geblasen hatte, drückte ihm die Hand und gratulierte ihm mit einfachen, warmen Worten, die Florian nach all den ausgestandenen Enttäuschungen und Widerwärtigkeiten mit herzlicher Freude und neuer Zuversicht erfüllten. Es fiel Florian auf, daß der größte Teil der Zeitungen seine letzte Reklamenotiz nicht gebracht hatte. Das war Prczewalskys Werk gewesen, der alsbald nach dem ersten Bekanntwerden der beabsichtigten Christusaufführung an fast sämtliche Redaktionen direkt oder durch Mittelspersonen die Nachricht gelangen ließ, daß dieser Florian Mayr ein Schwindler schlimmster Sorte sei, der wegen arger Schandthaten von Liszt aus seinem Kreise entfernt worden sei, überdies noch nie ein Orchester geleitet habe und so jedenfalls der denkbar ungeeignetste Vorkämpfer des Lisztschen Genius für die Reichshauptstadt sei. Daraufhin hatten die meisten Redakteure, ohne weitere Erkundigungen einzuziehen, Florians nächsten Waschzettel einfach in den Papierkorb geworfen. Das war acht Tage vor der Aufführung, und Florian befand sich vor Aufregung und Ueberanstrengung bereits in einem so fieberhaften Zustande, daß er nicht mehr fähig war, der Ursache jener plötzlichen Feindseligkeit der Presse nachzuforschen. Seine nächste Notiz sollte lauten: »Abbé Dr.  Franz Liszt ist in Berlin eingetroffen, um der Aufführung seines Oratoriums ›Christus‹, die unter der Leitung seines Schülers Florian Mayr am Sonnabend abend sieben Uhr in der X-Kirche stattfindet, persönlich beizuwohnen.« Das mußten sie aufnehmen, und damit war alles gut und nach Florians Meinung auch eine glänzende Einnahme gesichert. Bis jetzt war allerdings noch kein einziges Billet verkauft worden, und das einzige Publikum, auf das sicher gezählt werden durfte, das waren die Angehörigen der Mitwirkenden, von denen jeder und jede sich mindestens zwei Freikarten ausgebeten hatte. Florians Barmittel waren fast gänzlich erschöpft, denn was er nicht selbst an Honoraren vorausgezahlt hatte, das hatte er als Garantiesumme an den Agenten abführen müssen. Er hatte nicht so viel übrigbehalten, um während der anstrengenden Wochen der Vorbereitung sich kräftig ernähren zu können. Er aß zu Mittag in elenden Kutscherkneipen oder in der Volksküche und begnügte sich des Abends zumeist mit Brot und Käse. Aber bei all diesen Entbehrungen und der Ueberanstrengung seiner Nerven hielt ihn doch immer noch die Begeisterung für sein kühnes Werk aufrecht. Seine Siegeszuversicht wuchs, je näher der Tag der Ausführung heranrückte, und der freudige Dank seines angebeteten Meisters für die großartige Ueberraschung, die er ihm zugedacht hatte, sollte sein schönster Lohn sein. Erst am Abend nach der ersten Gesamtprobe teilte er Liszt das bevorstehende große Ereignis mit und lud ihn ein, der Aufführung beizuwohnen. Er wußte, daß der Meister heuer bis Ende Oktober in Weimar zu bleiben gedachte, und war fest überzeugt, daß er freudig zusagen und seine Romreise um einige Tage verschieben würde. Aber erst fünf Tage nach Abgang seines Schreibens traf die Antwort ein. Das Couvert trug eine italienische Freimarke. Mit zitternden Fingern riß es Florian auf. Seine Augen flogen über die Zeilen hin. Da plötzlich schrie er auf – es war ein unterdrückter Fluch, wie man ihn bei einem heftigen Schmerz auszustoßen pflegt – noch einmal stierte er in das Schreiben hinein, dann griff er, nach einer Stütze suchend, mit beiden ausgespreizten Händen in die Luft – und brach ohnmächtig zusammen. Die Witwe Stoltenhagen, die just im Nebenzimmer beschäftigt war, hörte ein Gepolter, wie wenn ein Stuhl heftig zu Boden geschleudert würde, und darauf einen dumpfen Fall. Erschrocken lief sie nach dem Zimmer ihres Mietsherrn hinüber und trat, ohne anzupochen, hinein. Ihr erster Gedanke war, daß ihr rabiater Herr Mayr vermutlich einem der Sänger oder einer der Sängerinnen, die bei ihm studierten, einen Stuhl an den Kopf geworfen habe – und das wollte sie sich denn doch verbitten, daß man mit ihren Möbeln so umginge! Als sie aber den Herrn Mayr selbst lang ausgestreckt wie leblos am Boden liegen fand, einen zerknitterten Brief noch zwischen den Fingern der Linken haltend, da schlug sie die Hände zusammen und schrie auf: »Herrjeses, der Schlach hat ihn jerührt!« Bevor sie jedoch Hilfe herbeiholte, löste sie vorsichtig das Schreiben aus den Fingern des Ohnmächtigen, trat damit ans Fenster und versuchte es voll fieberhafter Neugierde zu lesen. Es lautete also: »Rom, Hotel Alibert, via Babuino, den 3. November 1880.         »Mein lieber junger Freund! ›Nein‹ zu sagen, fällt meinem Munde schwer. Ich kann unmöglich zugeben, daß mein Seiner Heiligkeit dem Papste gewidmeter ›Christus‹ seine erste deutsche Aufführung gerade in Berlin, dem Hauptquartier des ›Kulturkampfes‹ gegen unsre Kirche, und noch dazu in einem protestantischen Gotteshause, erlebe. Du hast es gut mit mir gemeint, mein lieber Sankt Florian, und ich weiß, daß ich Dir einen großen Schmerz zufüge – aber ich kann nicht anders. Mag Dir selbst mein ›konfessionelles Bedenken‹ nichtig erscheinen, es blieben noch genug Gründe übrig, um mir eine ›Christus‹-Aufführung in Berlin unsympathisch zu machen. Wie sollte es anders sein, den kritischen Negationen gegenüber, und warum sollte ich es nicht vorziehen, friedsam allein auszuharren? Heutzutage macht der Künstler seine Rechnung ohne den Wirt, wenn er dem Publikum ehrlich vertraut. Man hört und urteilt nur durch Zeitungslesen. Davon will ich profitieren, insofern mich Wien, Pest, Leipzig, Berlin, Paris, London \&c. und deren angesehenste und befolgte Blätter, die meine Kompositionen als nichtig und zuwider erklären, jedweder Wahl entheben. Wozu Aufführungen für Leute, die nur Zeitungen lesen wollen? – Warum hast Du mir auch nicht früher über Deinen Plan geschrieben? Nach Berlin hätte ich übrigens beim besten Willen nicht kommen können. Ich bin heuer schon ungewöhnlich lange in Weimar geblieben und konnte die Abreise nach Rom unmöglich länger hinausschieben. Hab' innigen Dank für Deine gute Absicht – ich bin überzeugt, Du hättest etwas Tüchtiges zu stande gebracht, mein tapferer Sankt Florian – und versuche nicht zu zürnen Deinem aufrichtigen Freunde                             Franz Liszt.« Der Frau Stoltenhagen gelang es freilich nicht, die dünnen, flüchtigen, ziemlich großen Züge dieser Handschrift so geschwind zu entziffern, aber sie hatte schon aus den ersten Zeilen ersehen, daß aus der Ausführung, für die der Herr Mayr nun schon so lange arbeitete, nichts werden sollte – und das genügte vorläufig ihrer Neugierde. Sie rief nun ihre Nichte aus Pommern herbei – die immer noch bei ihr wohnte, nachdem auch mit dem Sommerherrn die Sache sich nicht gemacht hatte – und schleppte mit deren Hilfe den Ohnmächtigen auf sein Bett. Dann erleichterte sie ihn so viel als möglich, indem sie ihm die Stiefel und die Oberkleider auszog und den gesteiften Kragen abknöpfte. Alsdann machte sie sich selbst auf, um einen Arzt zu holen, während sie dem Mädchen einschärfte, dem Kranken kalte Umschläge um den Kopf zu machen und sich nicht von seinem Lager zu rühren; denn man könnte gar nicht wissen, wozu es gut sei, wenn er beim Erwachen ihrer zuerst als seines guten Engels ansichtig würde. Es sei schon häufig vorgekommen, daß feine Herren ihre Pflegerinnen geheiratet hätten. – Florian erwachte aus seiner Ohnmacht, bevor noch der Arzt kam. Er blickte wild um sich und erkannte alsbald die pommerische Nichte, die just damit beschäftigt war, auch ihrerseits das verhängnisvolle Schreiben zu studieren. »Obst' den Brief hergibst, Gans, dumme!« waren seine ersten Worte, und geflötet klangen sie auch nicht eben. Das Mädchen quietschte erschrocken auf und näherte sich ängstlich mit dem Papier in der ausgestreckten Rechten dem Bette. Er riß es ihr aus der Hand, starrte hinein – aber die Schriftzüge schwammen undeutlich vor seinen Augen, und stöhnend sank er in die Kissen zurück. Das Mädchen wartete eine ganze Weile, bevor es sich leise zu fragen getraute, ob er nicht einen neuen Umschlag wünsche. »Umschlag – was soll das heißen?« lallte Florian mit schwerer Zunge. Dann raffte er sich plötzlich wieder zu halbsitzender Stellung auf und schleuderte das nasse Handtuch, das ihm vom Kopfe geglitten war, wütend in die Stube hinein. »Da habt's euern Umschlag!« schrie er heiser. »Wenn ich euch nur net umschlag', G'sellschaft, miserable! Herrgott, grad z'sammaschlagen möcht' i alles – alles! – Was stehen S' denn a so da, Mädel, und schauen? Da, nehmen S' nur meine Uhr, meinen Rock, meine Hosen, mein Hemd meinetswegen und tragen Sie's ins Leihhaus – sonst kriegen S' von mir keinen Pfennig Geld mehr zu sehen!« »Ach, Herr Mayr, so schlimm wird dat ja all' nich werden!« versuchte die brave Nichte zu trösten. »Wenn Sie man erst wieder gesund sind!« »Was, bin ich denn vielleicht krank?« tobte Florian. »Ich kann net krank sein, hab' gar kein' Zeit dazu – Unsinn! Schädel halt aus! Hahaha!« Er schlug eine höhnische Lache auf und bearbeitete mit beiden Fäusten seine Stirn. Dann sank er ermattet wieder zurück. Aber nur wenige Minuten ruhte er schweratmend aus, dann warf er plötzlich die Decke zurück und sprang mit beiden Füßen zugleich aus dem Bette. Das Mädchen wollte erschrocken davonlaufen, aber er bannte sie mit einem lauten »Halt!« auf der Schwelle. Er machte ein paar Schritte ins Zimmer hinein und ward dabei gewahr, daß er sich kaum auf den Beinen zu halten vermochte. Er winkte die Nichte herbei und stützte sich auf ihre Schulter, um zu seinem Schreibtisch zu gelangen. »O Gott, o Gott, Herr Mayr, möchten Sie nicht wenigstens Ihre Beinkleider anziehen?« sagte das Mädchen in herzlichem Tone, wie es ihn so schlaff in sich zusammengesunken auf dem Stuhle vor dem Cylinderbureau sitzen sah. »Magst mir in meine Hosen hineinhelfen, Mädel?« versetzte Florian, mit mattem Lächeln seinen Kopf aufrichtend. »Aber merk' dir fein, du kriegst nix dafür! Mit mir is aus – morgen kann ich betteln gehen!« »I wo, wer wird so reden!« lachte die Nichte gutherzig und legte ihm ihre zerarbeitete frostrote Patsche tröstend auf die Schulter. »So 'n Künstler wie Sie kommt nicht gleich um!« »Hm, die Krot hat Gemüt!« sagte Florian mit trübseligem Lächeln. »Ich werd' Ihnen was vermachen, Fräulein Frieda, in meinem Testament – ich besitze noch einen anständigen Regenschirm; oder mögen S' lieber Goethes Gedichte haben? Herrgott, mit mir is aus – mit mir is aus!« Er schlug die Hände vor das Gesicht und ließ sein Haupt schwer auf die Platte des Schreibbureaus sinken. Eine ganze Weile saß er so da, nur von Zeit zu Zeit dumpf aufstöhnend. Dann raffte er sich auf, hieß das Mädchen hinausgehen und zog seine Kleider wieder an. Als der Arzt kam, fand er den Patienten nicht mehr vor. Die inständigen Bitten der Nichte hatten nicht vermocht, ihn zurückzuhalten. Er hatte in der nächsten Destille zwei Schnäpse getrunken, um seine Lebensgeister anzuregen, und dann den schweren Gang zu seinem Agenten angetreten, um ihm die Mitteilung zu machen, daß die Aufführung nicht stattfinden könne. Die Tage, die nun folgten, brachten Aufregungen mit sich, die zu ertragen über menschliche Kraft hinausging. Der Agent hatte Florian schmählich betrogen und die angerechneten Honorare gar nicht zur Auszahlung gebracht, sondern das Geld unterschlagen. Und Florian hatte dem Manne Vertrauen geschenkt – er besaß gar keine Quittung! Es regnete Zahlungsbefehle und Klagedrohungen. Gegen den Schuft, der ihn betrogen, war er machtlos, da er weder Urkunden noch Zeugen wider ihn aufzuweisen hatte und es auf einen Prozeß bei seiner gänzlichen Mittellosigkeit nicht ankommen lassen konnte. Einige von den Gläubigern waren zu ihm auf sein Zimmer gekommen, um ihn für einen Schwindler zu erklären, und in einigen Zeitungen war die Nachricht von dem Scheitern der »Christus«-Aufführung mit hämischen Glossen versehen worden; besonders einige musikalische Fachzeitschriften brachten Notizen voll boshafter Anspielungen über den dreisten Schwindel, der da wieder einmal von einem angeblichen »Lieblingsschüler« Liszts getrieben worden sei. Florian war nicht mehr im stande, sich zu wehren, Berichtigungen zu verfassen oder sonstwie die Ehrabschneider zur Rechenschaft zu ziehen; denn ein schweres Nervenfieber hatte ihn aufs Krankenlager geworfen. Nun wäre es zwar für die Witwe Stoltenhagen das Nächstliegende gewesen, ihren kranken Zimmerherrn, der in den ersten Tagen andauernd ohne Bewußtsein dalag und demnach überhaupt keinen Willen zu äußern vermochte, in ein Krankenhaus schaffen zu lassen, zumal da er zur Zeit gänzlich mittellos war. Kein Mensch hätte ihr das übel deuten können; aber sie bestand merkwürdigerweise darauf, ihn bei sich zu behalten, selbst zu pflegen und sogar die Kosten für Doktor und Apotheker auszulegen. Trotzdem sie den guten Florian durch ihre entsetzliche Neugier und ihre kleinen Diebereien diese zwei Jahre hindurch weidlich geärgert und zum Dank dafür seine ausgesuchten Grobheiten und boshaften Sticheleien hatte aushalten müssen, hatte sich doch in ihrem verwitweten Herzen ein seltsames Gefühl treuer Anhänglichkeit, ja man könnte fast sagen: eine verbitterte Zärtlichkeit eingenistet, welche ihre Hauptnahrung doch wohl aus der Hoffnung zog, daß es der Nichte aus Pommern dennoch vom Schicksal bestimmt sei, Frau Florian Mayr zu werden. Und diese hartnäckige Hoffnung hatte erst jüngst eine kräftige Stärkung erfahren durch die Thatsache, daß Florian ihre Frieda eine gemütvolle Kröte genannt und ihr seinen neuen Regenschirm oder aber auch Goethes Gedichte zu vermachen versprochen hatte. Sie teilte sich mit ihrer hoffnungsvollen Nichte in die nicht leichte Aufgabe der Pflege und befolgte mit leidlicher Gewissenhaftigkeit die Anordnungen des Arztes. Zur Zeit, als das typhöse Fieber seinen Höhepunkt erreicht hatte und Florian in wilden Phantasieen schier Tag und Nacht bewußtlos raste, sprach der Baron von Ried bei ihm vor. Er hatte die schmählichen Verdächtigungen in den Blättern gelesen und kam nun, um von dem Schwerbeschuldigten die Wahrheit zu hören und ihm, wenn es nötig war, seine Hilfe anzubieten. Mit Schrecken vernahm er die Kunde von der verhängnisvollen Wirkung, die die allzuharte Prüfung auf den armen Freund ausgeübt hatte. Er blieb an dem Bette des Kranken sitzen, bis der Arzt kam, um aus dessen Munde zu vernehmen, daß die Hoffnung auf Genesung nur eine geringe sei. Von der Frau Stoltenhagen erfuhr er dann auch, wie verzweifelt die geldliche Lage Florians sei. Er übergab, obwohl er selbst keineswegs mit Glücksgütern gesegnet war, der braven Witwe ein paar Goldstücke und versprach, bei allen Freunden und Bekannten Beiträge zur Unterstützung Florians in seiner Notlage zu sammeln und auch seinen Eltern Nachricht von dem Vorgefallenen zukommen zu lassen. Am nächsten Tage schon kam der Baron wieder, um sich nach dem Befinden des Kranken umzusehen. Aber diesmal war er nicht allein. Er brachte eine sehr elegante Dame mit, welche trotz des heftigen Widerstrebens der Witwe Stoltenhagen sich den Eintritt ins Krankenzimmer erzwang. Es war Ilonka Badacs, die just am Abend vorher in einem Konzert gespielt hatte und von dem Baron von Ried sofort aufgesucht worden war. Sie zeigte sich tief bewegt beim Anblick ihres todkranken Freundes und erklärte ihren festen Entschluß, nicht von seinem Lager weichen zu wollen, bis zum wenigsten die Krisis überstanden wäre. Einen kleinen Handkoffer mit dem Nötigsten hatte sie bereits mitgebracht. Der Arzt war sehr froh, gerade in den gefährlichsten Tagen eine gebildete und vernünftige Frau um den Kranken zu wissen, und trug nach seinen Kräften dazu bei, den eifersüchtigen Widerstand der Frau Stoltenhagen und ihrer Nichte zu beschwichtigen. Ausschlaggebend in dieser Beziehung war übrigens doch der Umstand, daß Fräulein Badacs für die Mietschuld und die Kosten der Krankheit Bürgschaft zu leisten sich erbot. Die folgende Nacht brachte die Krise. Die Stoltenhagen und ihre Nichte waren bereits zu Bett gegangen, als das Fieber den Kranken noch einmal mit furchtbarer Gewalt packte. Das Thermometer, das Ilonka ihm in die Achselhöhle legte, stieg in wenigen Minuten bis auf 41,3°. Florian warf sich mit weit offenen Augen ruhelos im Bett hin und her und redete unaufhörlich, meist unverständliches wüstes Zeug. Bald lachte er laut auf, bald schlug er knirschend mit Fäusten um sich, als befände er sich in wildem Kampfe mit einem Feinde. Dann waren wieder einige Namen und Sätze verständlich. Die weimarischen Erlebnisse waren offenbar in seinem Geist lebendig, denn er nannte lauter Namen von Lisztschülern und das Wort »Meister« kehrte immer wieder. Da begann er auf einmal ganz laut und deutlich zu schreien: »Ich bin gefallen – gefallen! – O jegerl, Kreuzdividomine! Ilonka, thu mir doch des net an – hörst, Ilonka, ich bin narrisch, heiraten will ich dich, oder der Deixl soll mich in einen Dudelsack einsperren! Wozu braucht man denn das englische Horn? Klatsch – da hast a Watschen! So is recht – hahahahaha! G'schwind, in zehn Minuten geht der Zug! Ach, du lieb's Schatzl – lieb's Schatzl, du einziges! – Gelogen is 's, nit wahr is 's! Ich lass' doch net aus! Oha – Finis Poloniae! Sixt, die Trauergondel kommen. Da liegt s' drin – lauter Blumen, lauter Lilien – meine Ilonka!« Da schluchzte sie laut auf, warf sich über ihn, indem sie seine rastlos umherfuchtelnden Arme mit ihren beiden Händen festhielt, und brachte ihr Gesicht ganz dicht vor seine Augen. »Aber nain, liebär Fraind, ich bin ja da!« rief sie laut. »Deine Ilonka is ja bei dir – schau doch nur!« Seine Augen öffneten sich noch weiter. Er starrte sie an, und es zuckte etwas wie ein Lächeln über sein glühendes Antlitz. Sie nahm den Eisbeutel von seinem Kopfe, um ihn neu zu füllen, reichte ihm aber zuvor noch einmal das Fiebermittel. Er schluckte es hinunter. Aber gleich darauf begann er wieder so laut und wirr durcheinander zu lachen, schwatzen, stöhnen, wimmern und umsichzuschlagen, daß sie sich nicht hinauszugehen getraute. »Wos ise denn, wos will denn mein Taibchen?« flüsterte sie dicht an seinem Ohr und strich ihm mit ihren feinen Fingern das feuchte Haar aus der Stirn. Er sah sie unverwandt an und murmelte dabei halblaute Worte. Sie glaubte etwas wie »Fuß« zu verstehen – oder war es »Kuß« gewesen? »Wos willst du? Mein' Fuß? Willst du mein bärihmtes Fußerl hoben, du ormär liebär Kerl? Olles, wos du willst, sollst du hoben, wann du wieder gäsund werden willst!« Und während ihr die Thränen stromweis über die Backen liefen, streifte sie geschwind den schwarzen Seidenstrumpf von ihrem rechten Bein und legte ihm dann den überaus zierlichen, tadellos geformten weißen Fuß auf die Bettdecke. Hatte er's bemerkt? Seine Hände tasteten suchend umher, und als sie den Fuß gefunden hatten, hielten sie ihn fest, so fest in glühender Umklammerung; und dann zerrten sie an dem kleinen Füßchen, bis es ihnen gelang, es auf die ebenso glühende Stirn hinaufzuziehen. Das schien dem Kranken wohlzuthun. Er ließ die Hände matt auf die Bettdecke zurückfallen, wo sie ruhig liegen blieben. Dann schloß er die Augen und begann alsbald tiefer und regelmäßiger zu atmen. Ilonka war mit ihrem Stuhl mitgerückt, als Florian so heftig an ihrem Fuße zerrte. Nun saß sie da in der unbequemsten Stellung von der Welt, ohne eine Stütze für das ausgestreckte Bein, und wagte doch nicht, den Fuß von seiner Stirn zu entfernen. Die weiche, kühle Berührung schien ihn zu hypnotisieren – nach wenigen Minuten schon schlief er fest und tief. Kurz darauf kam die Witwe Stoltenhagen hereingeschlichen, um nach dem Rechten zu sehen, und sie konnte sich gar nicht fassen vor Erstaunen über den seltsamen Anblick, der ihr da zu teil ward. Am andern Morgen herrschte große Freude unter den drei Pflegerinnen, als der Arzt erklärte, daß die Krisis glücklich überstanden sei und der Patient sich auf dem Wege der Besserung befinde. Und als der Doktor gegangen war, nahm Frau Stoltenhagen ihre Nichte aus Pommern beiseite und sprach zu ihr: »Du, Mächen hörst du: nimm en warmes Fußbad, Frieda, man kann nich wissen, wozu 's jut is! Sonne Künstler haben zu komische Ideen, und du derfst dich weiter nich wundern, wenn er mal statts um deine Hand, um deinen Fuß anhält! Ik sage jarnischt!« Achtzehntes und letztes Kapitel. Durchgerungen! Sobald am nächsten Morgen der Arzt die glückliche Wendung der Krankheit festgestellt, hatte Ilonka ihre paar Sachen zusammengepackt und war nach ihrem Hotel gefahren, um sich zunächst einmal gründlichst auszuschlafen. Und als sie um die Mittagszeit neugestärkt und hungrig wie ein Wolf erwachte, da vermochte sie nur mit Schaudern an die dumpfe Krankenstubenluft und an all die lächerlich ekelhaften Pflichten zu denken, welche die Pflege eines langsam genesenden, vom Fieber bis zur Hilflosigkeit geschwächten Mannes ihr auferlegen würde. Teremtete – puh! Das war nichts für sie! Sie war die nächste dazu gewesen, dem hilflosen, verlassenen Freunde in seiner Todesnot beizustehen, sie hatte ihre Pflicht gethan und ihm über den Berg geholfen. Sie hatte es auch gern gethan, und der Himmel konnte ihr für ihr Liebeswerk wohl ein Schock kleiner Liebessünden vergeben; aber jetzt wollte sie wieder leben und vergnügt sein. Sie bedachte auch, daß es gefährlich wäre, die feurigen Kohlen allzuhoch auf Florians närrischen Schädel zu häufen; denn der Mensch war im stande, sie aus reiner Dankbarkeit zeitlebens mit seiner langweiligen Liebe oder gar mit Heiratsanträgen zu verfolgen. Ueberdies hatte sie jetzt auch keine Zeit mehr zu verlieren, denn sie sollte bereits übermorgen in einem Konzert in Dresden auftreten – und Geld brauchte sie auch. Ihr Entschluß war bald gefaßt. Sie speiste gut und ausgiebig zu Mittag und dann schrieb sie zwei Briefchen: eins an den Baron von Ried, eins an Fräulein Thekla Burmester und dann nach kurzem Besinnen noch zwei Zeilen auf eine Visitenkarte an einen musikliebenden Gardeoffizier, den sie erst ganz kürzlich kennen gelernt hatte. Den Brief an Fräulein Burmester ließ sie durch einen Dienstmann besorgen, der ihr Antwort bringen sollte. Inzwischen streckte sie sich zu behaglicher Mittagsruhe auf dem Sofa aus. Fräulein Burmester folgte dem Dienstmann, der ihr Kommen melden sollte, fast auf dem Fuße. »Ach wie lieb von Ihnen, daß Sie mir geschrieben haben: ich danke Ihnen tausendmal dafür!« rief sie Ilonka gleich bei ihrem Eintreten entgegen. »Ich habe ja wieder eine so schreckliche Zeit durchzumachen gehabt. Zu Hause haben sie alles gelesen, was über Herrn Mayr Abscheuliches in den Zeitungen stand. Sie können sich denken, wie Mama das benutzt hat, um mich zu kränken und zu verhöhnen! Aber Papa hat's auch geglaubt. Ich hatte mich schon so gefreut auf das Konzert. Nun mußte doch Herr Mayr über alle seine Feinde triumphieren, dachte ich, und mit einem Schlage ein berühmter Mann werden. Nicht wahr, Fräulein, es ist doch alles gelogen, was in den Zeitungen steht? Wenn ich bloß eine Ahnung davon gehabt hätte, daß der arme Herr Mayr so krank ist!« Ilonka nötigte das aufgeregte Mädchen neben sich aufs Sofa und fragte lächelnd: »Nun, wos hätten gethon, wann Sie gewußt hätten, eh? Papatschi und Mamatschi hätten doch nicht erlaubt, doß Sie zu ihm gehen und ihn pflegen, schickt sich doch nicht für anständige Mädchen!« »Ach, das wär mir ganz egal gewesen!« rief Thekla begeistert. »Es gibt höhere Pflichten, als Mama und Papa gehorsam zu sein, wenn sie etwas Dummes von einem verlangen!« »Bravo!« sagte Ilonka, indem sie ihren Arm zärtlich um Theklas schlanke Taille legte. Und dann erzählte sie ihr von Liszts Brief, den sie natürlich gelesen hatte, und von der schlimmen Geldverlegenheit, in die Florian geraten war, so viel sie selbst davon wußte. Und endlich beschrieb sie ihr den Verlauf der Krankheit, und wie nötig dem Genesenden gerade jetzt, wo jede Aufregung einen todbringenden Rückfall verursachen konnte, eine sorgfältige Pflege sei. Sie log auch noch ein weniges, aber sehr wichtiges hinzu, indem sie behauptete, daß Florian in seinen Fieberphantasieen beständig nach seiner Thekla verlangt habe. »Er hat nach mir verlangt?« flüsterte Thekla mit seligem Lächeln. »Er soll sich nicht in mir getäuscht haben: gleich gehe ich zu ihm und bleibe bei ihm, bis er mich nicht mehr braucht! Und ich frage niemand um Erlaubnis! Es trifft sich herrlich, daß Papa und Mama nicht zu Hause sind. Gleich fahre ich heim, packe das Nötigste zusammen, und dann müssen Sie mich zu ihm führen!« »Ich? O fallt mir gor nicht ain!« versetzte Ilonka kopfschüttelnd. »Lossen Sie mich ganz aus! Wann är aufwocht, müssen Sie die ärste sein, die är sieht. Aer braucht gar nicht zu wissen, daß ich da war!« Da fiel Thekla plötzlich Ilonka um den Hals und rief, kaum fähig, ihre Freudenthränen zurückzudrängen: »Ach, sind Sie gut – und ich bin so schlecht! Ich habe geglaubt, Sie . . .« Ilonka verschloß ihr den Mund mit der Hand und lachte: »Waiß ich schon, Tschapperl, waiß ich – mocht nix: aifersichtig sind wir olle, wann wir lieben!« Und dann nahmen die beiden Frauen zärtlichen Abschied voneinander und wünschten sich alles Gute. Ilonka gab Thekla noch die Adresse des Barons von Ried, als eines sicheren Vertrauensmannes, für den Fall, daß sie eines Rates bedürfe, und empfahl ihr, möglichst viel Geld mitzunehmen, da sich kein Pfennig mehr in Florians Besitz gefunden habe. Zwischen fünf und sechs Uhr desselben Nachmittags langte Thekla mit ihrem Koffer am Louisenplatz an. Frau Stoltenhagen musterte sie mit unverhohlenem Mißtrauen, ließ sie aber schließlich doch ins Krankenzimmer eintreten, da sie erklärte, von Fräulein Badacs geschickt worden zu sein, um deren Stelle zu vertreten. Vorsichtigerweise nannte Thekla der Frau nicht ihren richtigen Namen, damit sie nicht etwa in Versuchung käme, ihre Eltern zu benachrichtigen. Florian schlief immer noch seinen tiefen Genesungsschlaf. Und als er gegen sieben Uhr endlich daraus erwachte und das schöne junge Mädchen im einfachen grauen Wollkleide auf dem Rande seines Bettes sitzen sah, da starrte er die liebliche Erscheinung lange wie traumverloren, aber ohne Unruhe an, bis endlich ein Lächeln des Erkennens um seine matten Züge spielte. »Thekla!« rief er leise, und seine Hände tasteten nach den ihrigen. »Ja. ich bin bei dir,« gab sie zurück, »und jetzt wirst du bald ganz gesund werden!« »Jetzt werd' ich bald ganz gesund werden!« sprach er ihr nach und schaute ihr unverwandt in die Augen. – – Und Florian genas wirklich, aber nur äußerst langsam. Erst kurz vor Weihnachten war er im stande, das erste Mal, auf einen Stock und Theklas Arm gestützt, einen kleinen Spaziergang zu unternehmen. Von da an aber erholte er sich schnell. Thekla hatte die ganze Zeit über mit ihm unter einem Dache gewohnt. Die ersten Wochen hatte sie in seinem Zimmer auf dem Sofa geschlafen, und später hatte ihr Frau Stoltenhagen im selben Hause ein Zimmerchen mieten müssen, und zwar, um der polizeilichen Meldepflicht zu entgehen, auf ihren eigenen Namen. Den schweren Pflichten der Krankenpflege hatte sie sich mit Ueberwindung aller falschen Scham und mit einer Hingebung und Umsicht unterzogen, welche dem behandelnden Arzte die vollste Hochachtung abnötigten und schließlich sogar Frau Stoltenhagens Feindseligkeit besiegten. Dieser braven Frau hatte es natürlich nicht lange verborgen bleiben können, daß das hübsche, feine Fräulein Florians erwählte Braut und demnach für ihre Nichte nunmehr endgültig nichts mehr zu hoffen sei. Die Frieda zog es nunmehr selbst vor, die Spekulation auf die Mietsherren der Tante aufzugeben, und wurde Verkäuferin in einem Butter- und Käsegeschäft in einer äußerst militärischen Stadtgegend, wo sich reichliche Gelegenheit zu nur feinen Herrenbekanntschaften bot. Ihren Pflegeeltern ließ Thekla von Zeit zu Zeit auf Umwegen Nachricht zukommen, ohne ihnen jedoch ihren Aufenthaltsort, noch auch den wahren Zweck ihrer Entfernung zu verraten. Was Florians Genesung so lange hinzögerte, das war vor allen Dingen die nicht zu vermeidende Aufregung über seine Geldangelegenheiten. Der Gerichtsvollzieher sprach mindestens einmal jede Woche vor, um amtliche Zustellungen zu überbringen oder Pfändungen vorzunehmen. Das konnte natürlich dem Kranken, sobald er wieder bei Sinnen war, nicht verheimlicht werden. Den Bemühungen des Barons von Ried war es zwar gelungen, wenigstens für einige kleinere Schuldbeträge Deckung zu verschaffen, aber es blieben immer noch an tausend Mark übrig, für welche Florian Wechsel unterschreiben mußte, in der Hoffnung, sie im Laufe eines halben Jahres durch den Ertrag einer neuen Konzertreise einlösen zu können. Die Schuld an die Wirtin, die Kosten der Krankheit zahlte Thekla, aber ihre Mittel waren gegen Weihnachten auch nahezu gänzlich erschöpft, trotzdem sie beinahe alle ihre mitgebrachten Schmuckgegenstände versetzt hatte. So mußte zuletzt auch Florians Uhr, sein Frackanzug und was sonst irgend entbehrlich war, ins Leihhaus wandern. Das allerschlimmste aber war die Aussicht, daß Florian wahrscheinlich auf Monate hinaus an der Ausübung seines Berufes gehindert sein würde. An Klavierspielen war selbstverständlich nicht zu denken, bevor sich seine Nerven nicht vollkommen wieder gekräftigt hatten, und dann blieb es sehr wahrscheinlich, daß es einer sehr langen Uebungszeit bedürfen würde, bevor er seine alte technische Fertigkeit wieder erlangte. Dem reichen Konsul Burmester wäre es ja freilich ein Leichtes gewesen, seinem Kassenschranke zwei oder drei braune Scheine zu entnehmen und damit allen Sorgen ein Ende zu machen, aber Florians Stolz empörte sich dagegen, bei dem Manne betteln zu gehen, der ihn für den Verführer ansehen mußte, der seine geliebte Tochter auf unverzeihliche Abwege gelockt habe. Daß er Thekla heiraten werde, ob mit oder ohne den Segen der Burmesters, das stand für Florian fest. Aber er wollte aus eigener Kraft sich die Mittel dazu erringen. Er wollte kein Geld von den Burmesters annehmen, wenn sie es etwa der Tochter nur wie ein demütigendes Almosen nachwarfen. Nur Theklas fester Glaube an seine Zukunft, die ruhige Heiterkeit, die sie ihm gegenüber stets zeigte, hielten seinen Mut aufrecht und scheuchten das Gespenst der Sorge immer wieder von seinem Krankenlager. Auch der Baron von Ried erwies sich als ein treuer Freund und sprach häufig vor, um mit Thekla die geschäftlichen Dinge zu beraten und ihr beizustehen in ihrem Bemühen, den Kranken aufzuheitern, wenn er wieder mutlos werden wollte. Später brachte er auch sein schwarzlockiges Mädchen, die Libussa Tomatschek, mit, und sogar der schöne Toby Tomatschek, der eine entsetzliche Furcht vor ansteckenden Krankheiten hatte, ließ sich in den letzten Wochen bereden, mit von der Gesellschaft zu sein, wenn sich die wenigen Freunde Florians zum Thee bei ihm einfanden. Der große Mann konnte dann sehr liebenswürdig und rücksichtsvoll sein. Er wußte heitere Anekdoten aus der Theater- und Virtuosenwelt sehr hübsch zu erzählen und spielte auch zuweilen auf seiner Geige etwas vor, auf der er wirklich ein Meister war. Herr Tomatschek war überhaupt viel menschlicher geworden, seitdem seine Tochter auf der Bühne einen hübschen Erfolg gehabt hatte und dadurch endlich von ihrer faulen Genialität, die sie zu keiner vernünftigen Thätigkeit kommen ließ, ein wenig kuriert war. Das Drama des Barons mit dem groben Titel »Der Lumpenhund« war zwar durchgefallen, die Libussa Tomatschek jedoch, welche die Hauptrolle darin geschaffen, war von der Kritik als entschiedenes Talent begrüßt worden. So war es den Bemühungen des Barons doch wenigstens gelungen, das Mädchen, dessen vertracktes Wesen ihm bald heiß, bald kalt machte, auf eine gerade Bahn zu bringen. Im übrigen aber war sie, wie der Baron sich poetisch ausdrückte, immer noch eine »pseudodämonische Hundeschnauze« und ein »Frosch mit Eichenlaub« geblieben. Ja sogar Jean d'Oettern, dem sie der Baron in edler Selbstlosigkeit zugeführt hatte, damit er die Erweckung ihrer Weiblichkeit an ihr vollziehen sollte, hatte in diesem schwierigen Falle gänzlich versagt. Bei ihren bescheidenen heiteren Theeabenden spielte Thekla in ganz reizender Weise die Hausfrau. Alle schwärmten für sie, Libussa mit dem düsteren Blick nicht ausgenommen. »Süße Frau Thekla« wurde sie von allen genannt, und der Baron erklärte sich eines Abends sogar tief gerührt bereit, in ihre kleine Hand alle seine ketzerischen Gedanken wider den heiligen Ehestand abzuschwören. Ihr Verhältnis zu dem kranken Geliebten wurde eben von dem kleinen Freundeskreis wie eine wirkliche Ehe in Ehren geachtet. Einige Tage vor Weihnachten verließ Thekla ihren Florian, der nun keine Pflege mehr nötig hatte, um zu ihren Eltern zurückzukehren. Er hätte nur ein Wort zu sagen brauchen, und sie wäre bei ihm geblieben als seine Gattin, auch ohne den Segen ihrer Eltern und deshalb ohne gesetzliche Anerkennung. Sie hatte in den fünf bis sechs Wochen, die sie als barmherzige Schwester bei ihm weilte, die Armut kennen gelernt mit ihren niederdrückenden Sorgen und Aengsten vor dem kommenden Tag; sie hatte es erfahren, was Krankheit des Ernährers für eine mittellose Familie bedeutet, und was ein Künstlerdasein, was dieses Sichdahinschleppen von Enttäuschung zu Enttäuschung, von Verzicht zu Verzicht für Anforderungen an Charakterstärke und Lebensmut stellt – und dennoch wäre sie bereit gewesen, auf einen Wink des Geliebten ihrem inhaltlosen Wohlleben auf immer zu entsagen und sein unsicheres Los dafür einzutauschen. Alle ihre guten Eigenschaften hatten sich in dieser Prüfungszeit aufs glücklichste entwickelt. Der waghalsige Sprung, den sie, einem Zimmervögelchen gleich, das nie fliegen gelernt hat, aus ihrem goldenen Käfig in die gefahrvolle Freiheit hinausgethan hatte, war ihr wunderbarerweise geglückt. Das wohlbehütete junge Mädchen ohne Daseinszweck hatte sich zu einem lebensreifen jungen Weibe entwickelt, das seine Geistes- und Gemütskräfte zweckbewußt zu gebrauchen verstand. Aber Florian wollte ihr kein Opfer mehr zumuten. Es war ja doch möglich, daß die Burmesters, oder doch zum wenigsten der Konsul, ihren schönen Mut anerkannten und sich dadurch bewegen ließen, die Wahl ihres Herzens, wenn auch mit Seufzen, zu billigen. In diesem Falle war anzunehmen, daß sie ihr von ihrem Ueberschuß doch so viel mitgeben würden, daß sie ihr Leben lang wenigstens vor Not beschützt blieb. So viel wollte auch Florian annehmen, sobald er sich wieder so weit hinaufgearbeitet hatte, um ihren Pflegeeltern als ein Mann entgegentreten zu können, der eine anständige Lebensstellung und sein leidliches Auskommen besaß. Wenn aber Thekla jetzt noch weiter ging und allem Hohn sprach, was ihren Pflegeeltern Anstand und gute Sitte dünkte, so war als sicher anzunehmen, daß sie sie gänzlich verstoßen und ohne jede Unterstützung ihrem Schicksal preisgeben würden. Darum redete er ihr selbst zu, vorerst zu den Burmesters zurückzukehren und sich ihrem Willen zu fügen, bis er sich berechtigt fühlte, sie für immer an sich zu fesseln. Sie sollte sich auch durch kein Wort binden: solange sie ihn liebte, würde sie auf ihn warten, das verstand sich von selbst. Daß sie sich nicht mehr zwingen ließe, deß war er nun gewiß. Wenn sie einem andern folgte, dann wußte er, daß sie ihn nicht mehr liebe. Er bat sie auch dringend, ihn ja nicht etwa durch heimliche Geldunterstützungen zu demütigen. Es werde ihm schon irgendwie gelingen, sich ehrlich durchzuschlagen, bis er wieder im stande war, seine Kunst in würdiger Art zu Gelde zu machen. Tiefbewegt nahmen die Brautleute voneinander Abschied in ihrer Wohnung am Luisenplatz, und dann trug Florian ihr den Koffer bis zur Markgrafenstraße, denn sie besaßen beide zusammen nicht mehr so viel Geld, um eine Droschke zahlen zu können. Noch ein stummer Händedruck, dann zog sie die Klingel an dem prunkvollen Thor des palastähnlichen Hauses, in dem sie groß geworden war, und er machte sich mit großen Schritten davon, ohne sich noch einmal umzuschauen. Der Konsul war ausgegangen. Frau Olga empfing die Heimkehrende allein. Mit eisiger Kälte begrüßte sie sie. Und nachdem ihr Thekla mit fester Stimme die einfache Wahrheit berichtet hatte, ließ die Konsulin alle Selbstbeherrschung fahren und überhäufte das arme Mädchen mit wütenden Drohungen und schmählichen Schimpfworten. »Ich hab's gewußt,« schloß sie ihren leidenschaftlichen Ausbruch, »ich hab's gewußt, daß es so mit dir enden würde, von dem Tage an, wo ich den Schundroman von der Hintertreppe unter deinem Kopfkissen fand. Bei deiner Abstammung kann's ja gar nicht anders sein, als daß du dich zum Gemeinen hingezogen fühlst. Zwischen uns ist's aus – ich mag dich nicht mehr Tochter nennen! Aber glaube ja nicht etwa, daß wir dir jetzt die Mittel geben werden, um mit dem Menschen weiterleben zu können. Sieh zu, wie du ohne uns fortkommst! Du kannst ja Diakonissin werden, wenn du so eine Passion für die Krankenpflege hast!« Der Konsul empfing seinen Liebling ganz anders. Er schloß Thekla wortlos in die Arme, nachdem sie ihm ihr Herz ausgeschüttet hatte, ließ sie an seiner Brust sich ausweinen und weinte sogar mit ihr. Aber dennoch konnte er sich nicht entschließen, das Verhältnis zu Florian gutzuheißen und an seine Unschuld und Seelengröße, die Thekla so begeistert pries. zu glauben. Er war und blieb für ihn ein öffentlich Gebrandmarkter, und er war überzeugt, daß an dem, was die Zeitungen ihm nachgesagt, doch wohl etwas Wahres sein müsse. Noch an diesem Abend fand eine heftige Auseinandersetzung zwischen dem Konsul und seiner Gattin statt, und als deren Ergebnis wurde Thekla angekündigt, daß sie nach den Feiertagen von ihrem Vater in ein Pensionat für junge Damen in Lausanne gebracht werden würde. Während der Feiertage zeigte sich Frau Burmester absichtlich mehrmals in Konzerten und Gesellschaften mit Thekla und that außerordentlich freundlich zu ihr, um den Klatsch niederzuschlagen, der sich mit dem rätselhaften Verschwinden des jungen Mädchens natürlich schon beschäftigt hatte, und Thekla mußte ihr den Gefallen thun, ihre Lügen durch Schweigen zu bestätigen. Zu Hause sprachen sie kein Wort miteinander. – – – Florian erlebte ein trübseliges Weihnachtsfest. Seine Eltern hatten ihm fünfzig Mark geschickt, und zwar auf Betreiben des Barons – mehr konnten sie beim besten Willen nicht entbehren. Florian wollte ihnen auch nicht zur Last fallen; weder ihnen, noch seinen andern wenigen Freunden, die ihn in seiner Not unterstützt hatten. Er wollte alle diese Zuwendungen als Darlehen betrachten und sich keinen guten Tag gönnen, bis er alles samt seiner Wechselschuld bei Heller und Pfennig zurückgezahlt hätte. Seine Freunde rieten ihm, Liszt um eine Unterstützung anzugehen, der ja als der eigentliche Urheber seiner ganzen Notlage der Nächste dazu sei. Aber auch davon wollte er nichts wissen. Liszts Kasse werde von so vielen Unwürdigen in Anspruch genommen, die sich seine Schüler nennten und ihm die Rechnungen ihrer Schuster, Schneider und Wirte zusendeten zum Dank für die Gutmütigkeit, sie so lange um sich zu dulden. Er wollte nicht mit diesem Gelichter auf eine Stufe gestellt werden. Florian versuchte zunächst, als musikalischer Berichterstatter sein Unterkommen zu finden; aber sobald er auf einer Redaktion seinen Namen nannte, erinnerte man sich der Christusaufführung und wollte nichts mit ihm zu thun haben. Es wäre ihm ja ein Leichtes gewesen, das Schreiben Liszts vorzulegen, um seine Unschuld zu beweisen, aber dann hätten sich die Zeitungen der Sache abermals bemächtigt und sicherlich nicht verfehlt, die Lauge ihres Spottes über den frommen Abbé auszugießen, der die Feinde des Papstes nicht für würdig hielt, seine Musik zu genießen, und Florian wollte weder den verehrten Meister zum Gespött gemacht, noch sich selbst in den Verdacht einer unedeln Rache gesetzt sehen. Die Stelle, die er früher an dem Musikinstitute eingenommen hatte, war inzwischen natürlich längst anderweitig besetzt worden, und auch an andern Schulen hatte man keine Verwendung für ihn. In den vornehmen Häusern, in denen er ehemals Unterricht für zehn Mark die Stunde erteilt hatte, konnte er sich nicht wieder sehen lassen, denn das Gift der Verleumdung, das Prczewalsky ausgespritzt, hatte in Verbindung mit seiner Brandmarkung durch die Zeitungen in diesen Kreisen seine Wirkung gethan. Ueberdies pflegte man in solchen reichen Häusern zu verlangen, daß der Klaviermeister der Töchter sich gelegentlich in Gesellschaften als Virtuose produziere – und Florian hatte sich bei einem ersten Versuche, den er gegen des Arztes strenges Verbot wagte, zu seinem Schrecken überzeugen müssen, daß er gar nicht mehr klavierspielen konnte. Seine Finger zitterten dermaßen, daß er nicht mehr eine ordentliche C-dur- Tonleiter zu stande brachte. Mit jener Naivetät, die das Geschlecht der Aerzte auszuzeichnen pflegt, hatte ihm sein guter Doktor anbefohlen, sich jeder geistigen Thätigkeit zu enthalten und sich bei ausgiebiger Ernährung viel im Freien zu bewegen! Nun, zu letzterem sollte wenigstens Rat werden. Eine ganze Woche lang war Florian allmorgendlich unter der bunten Schar der Arbeitslosen zu finden, welche die Expedition des »Intelligenzblatts« und der »Vossischen Zeitung« belagern, um die ersten feuchten Morgennummern zu erwischen und mit zitternder Hast die Rubrik »Arbeitsmarkt« zu durchfliegen. Dann lief er den ganzen Tag über von einer Adresse zur andern, bot sich als Schreiber, als Ausgeher, Markthelfer, Anstreichergehilfe und sonst noch alles mögliche und unmögliche an, ohne jemals Erfolg zu haben. Das einzige, was er ergatterte, waren einige Klavierstunden bei kleinen Leuten – zu fünfzig Pfennig! Er war froh, sie zu kriegen. Seine Empfehlungen von Liszt und Wagner zeigte er freilich bei diesen Brotgebern nicht vor. Um seine viele freie Zeit doch noch irgendwie auszufüllen, bewarb er sich bei der »Vossischen« um den ausgeschriebenen Posten eines Zeitungsausträgers. Zu seiner Freude erhielt er ihn und bekam als seinen Bezirk einen Teil der Straße unter den Linden und der Wilhelmsstraße zugewiesen. Auf diese Weise hatte er nun freilich reichliche Bewegung in frischer Luft und außerdem Zutritt zu den feinsten Häusern. Am 1. Januar trat er sein neues Amt an, und eins der ersten Häuser, in dem er seine »Tante Voß« ablieferte, war das Palais der Gräfin Tockenburg! Es war ein Glück zu nennen, daß er in seinem vornehmen Viertel nicht allzuviele Treppen zu steigen brauchte, denn dazu wäre er noch nicht im stande gewesen. Er hatte das für seine Verhältnisse zu teuere Zimmer bei der Witwe Stoltenhagen aufgegeben und ein mehr als bescheidenes Kämmerchen in einem Hinterhause der neuen Roßstraße bezogen. Todmüde kehrte er anfangs von seinen Gängen heim und war dann zu jeder andern Beschäftigung auf Stunden hinaus unfähig. Er verdiente nur gerade so viel, daß er sich in der Volksküche satt essen und am Ende des Monats seine Miete bezahlen konnte. Er dachte wohl daran, diesem schrecklichen Berlin den Rücken zu kehren, um in irgend einer andern Musikstadt, wo man ihn und sein Mißgeschick nicht kannte, sein Heil zu versuchen; aber das hieß den Spatzen aus der Hand entwischen lassen, um der Taube auf dem Dache nachzujagen. Es blieb immer noch das sicherste, geduldig auszuharren, bis er seine volle Gesundheit wieder erlangt hatte und seine Kunst wieder auszuüben im stande war. Auch seinen Eltern mochte er nicht zur Last fallen, abgesehen davon, daß er sich das Reisegeld ja doch hätte borgen müssen. Sein Stolz war an seinem Elend nur erstarkt – er steifte ihm den Nacken und ließ ihm sozusagen Haare auf den Zähnen wachsen. Ganz allein wollte er sich durchbeißen. Selbst dem Baron und seinen wenigen andern Freunden verheimlichte er seinen Aufenthaltsort, nur Thekla, mit der er, seit sie in Lausanne war, in regem Briefwechsel stand, wußte seine Adresse. Der Monat Januar und die erste Hälfte des Februar hatten glücklicherweise meist trockene, klare Kälte gebracht, und die hatte Florians Nerven so gut gethan, daß auch die Unbilden der Witterung im weiteren Verlaufe des Februar und März seiner Gesundheit nichts anzuhaben vermochten. Er hatte sich inzwischen ein Pianino gemietet und regelrecht zu üben begonnen. In etwa sechs Wochen kam er so weit, daß seine Finger ihm wieder willig gehorchten. Aber noch fehlte viel dazu, um etwa eine Konzertreise unternehmen zu können. Vor allen Dingen gebrach es ihm an Zeit, um seine Studien so intensiv betreiben zu können, wie das für einen Virtuosen, der ein größeres Repertoire auswendig beherrschen will, nötig ist. So kündigte er denn zum 1. April seine Stellung bei der »Vossischen Zeitung« auf, sowie auch seine sämtlichen Fünfzigpfennigstunden. Da er nun wieder den Leuten etwas vorspielen und auf seine glänzenden Empfehlungen pochen konnte, so war es ihm gelungen, in reichen musikalischen Häusern als musikalischer Zeitvertreiber und Begleiter, sowie als Korrepetitor bei Sängern und Sängerinnen gutbezahlte Beschäftigung zu finden. Er vermochte jetzt nicht nur seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, sondern begann bereits für die Schuldentilgung zurückzulegen. Auch knüpfte er jetzt neue Verbindungen mit auswärtigen Konzertagenturen an, die ihm für den Sommer zahlreiche Engagements in Aussicht stellten. Und jetzt erst, da die Nacht des Elends dem Morgenlichte einer besseren Zukunft zu weichen begann, da sein trotziger Stolz über das widrigste Schicksal triumphiert hatte, jetzt erst setzte er sich hin, um Liszt von allem Vorgefallenen getreuen Bericht zu erstatten und ihn um seine Empfehlung zu bitten, falls irgendwo eine für ihn geeignete Stellung als Lehrer oder Dirigent frei werden sollte. Umgehend traf die Antwort auf diesen Brief von Rom ein. Liszt hatte gar keine Ahnung gehabt, welches Unheil die Verweigerung der Aufführung damals über seinen armen Florian heraufbeschworen hatte. Er war von der anstrengenden Reise noch angegriffen und bereits wieder durch alle möglichen neuen Anforderungen, die in Rom sofort an ihn herantraten, dermaßen in Anspruch genommen gewesen, daß er an die Folgen seiner Ablehnung nicht gedacht hatte. Als er dann einige Wochen später, in der Verwunderung darüber, daß er von Florian gar nichts mehr hörte, sich den Fall noch einmal überlegte und mit seinen jungen Freunden darüber sprach, da war er denn freilich zu der Erkenntnis gekommen, daß er seinem eifrigen Vorkämpfer seine Begeisterung übel gelohnt habe. Er habe gemeint, schrieb er, daß Florian ihm deswegen grolle, und sich des längeren entschuldigt und sich erboten, für die Verluste aufzukommen, die Florian etwa persönlich erlitten. Dieser Brief sei jedoch als unbestellbar an ihn zurückgelangt. In den wärmsten Worten drückte er die wahrhaft väterliche Teilnahme aus, die ihm seines treuen Schülers Unglück einflößte, und er versprach ihm nicht allein Bezahlung seiner Schulden, sondern auch die glänzendste Genugtuung für die schwere Ehrenkränkung, die er hatte erleiden müssen. Anfang Mai wollte er vor seiner Uebersiedelung nach Weimar einige Tage in Berlin zubringen und bei dieser Gelegenheit Florian persönlich in einigen vornehmen Häusern, sowie bei den musikalischen Machthabern einführen. Eine passende Stellung für ihn habe er auch bereits in Aussicht, wolle aber nicht darüber reden, bevor die Sache ganz sicher sei. Florian war natürlich überglücklich über dies Schreiben, und es kam eine solche Siegeszuversicht über ihn, ein so helles Frohgefühl, wie er es selbst in seinen glücklichsten Weimarer Tagen nicht gekannt hatte. Er studierte mit wahrem Feuereifer und machte ganz erstaunliche Fortschritte. Auch mietete er sich jetzt in einer besseren Stadtgegend ein größeres Zimmer, in welchem er einen Flügel unterbringen konnte. Seine Menschenscheu war auf einmal vergessen. Die Herrschaften, bei denen er musizierte und Unterricht gab, waren entzückt von seiner munteren Laune und witzigen bayerischen Derbheit, und wenn er nicht seine Zeit zu wichtigeren Dingen gebraucht hätte, so hätte er der Löwe der musikalischen Salons werden können. An Thekla schrieb er fast täglich, und wenn es nur ein paar scherzhafte Zeilen auf einer Postkarte waren. Von dem unerwartet hohen Honorar, das er von einem reichen Bankier für Mitwirkung in einem Hauskonzerte bekommen hatte, schenkte er seiner Liebsten einen prächtigen Ring, den er sie vorläufig als Verlobungsring zu betrachten bat. Sie sollte alle Hebel in Bewegung setzen, um die Erlaubnis zu erlangen, in den ersten Maitagen heimzukommen, um Zeugin seines Triumphes zu sein. Für den Fall, daß er wirklich die Stelle erhalten sollte, die Liszt für ihn in Aussicht hatte, gedachte er dann bei ihren Pflegeeltern um ihre Hand anzuhalten. – Am Abend des dritten Mai fand im Palais Tockenburg eine große musikalische Abendunterhaltung statt, zu welcher die vornehmste Gesellschaft der Residenz geladen war. Auch der Kronprinz und seine Gemahlin, sowie mehrere Prinzen und Prinzessinnen des königlichen Hauses hatten mit Vergnügen die Einladungen angenommen, denn es stand für diesen Abend ein ganz besonderer Genuß in Aussicht: der greise Meister Franz Liszt hatte sein Erscheinen zugesagt. Von acht Uhr an hielt Equipage auf Equipage vor dem Thor des Palais, und zahlreiches Publikum harrte trotz des unfreundlichen Wetters geduldig auf der Straße aus, um die eleganten Damen in ihren kostbaren Toiletten, die glänzenden Würdenträger und Berühmtheiten der Kunst und Wissenschaft, die hohen und höchsten Herrschaften aussteigen zu sehen. Kurz nach ein halb neun hielt das Coupé der Gräfin Tockenburg vor dem Portal. Der Thürhüter des Hauses, der mit seinem breiten goldnen Bandelier, in dem ein krummer Türkensäbel hing, mit dem Federhut auf dem stolzen Haupte und dem wuchtigen Kugelstabe in der Hand, so ehrfurchtgebietend ausschaute, daß sicherlich die Einwohner jedweder fernen Oceaninsel, auf der er etwa gelandet wäre, sich platt vor ihm auf den Bauch geworfen hätten – dieser gewaltige Mann verschmähte es nicht, in höchsteigener Person die steinernen Stufen hinunterzueilen und den Wagenschlag aufzureißen; denn er wußte, daß die Frau Gräfin den Großmeister der Tonkunst in ihrem Coupé aus seinem Hotel hatte abholen lassen. Aber der hagere junge Mann in gänzlich undekoriertem Frack, der da so leichtfüßig aus dem Wagen sprang, daß ihm die langen braunen Haarsträhnen um die Ohren schlugen, das war doch nicht . . .? Der stattliche Thürhüter vergaß ganz seiner Würde und stand mit offenem Munde da. Nein, daß es solche lächerlichen Ähnlichkeiten geben konnte! Dieser junge Herr, der da eben dem greisen Ehrengaste seiner gnädigen Herrschaft aus dem Wagen half, war ein Doppelgänger von dem Dingsda, dem Zeitungsausträger Mayr, mit dem er so oft in der Portierloge ein Schwätzchen gehalten. Ja, was war denn das? Der junge Herr, der doch jedenfalls auch ein großer Künstler war, zog vor ihm, dem gräflichen Thürhüter, den Hut, wünschte ihm guten Abend und redete ihn mit Namen an: »Wie geht's, wie steht's – was macht die liebe Familie?« Der Pförtner vermochte vor Erstaunen nicht zu antworten. Und schau – da nickte ihm der berühmte Herr Franz Liszt gar selber freundlich zu und sagte: »Nun, die Herren kennen einander doch? Herr Mayr ist leider in Zukunft verhindert, Ihnen die Zeitung zu bringen, mein Lieber; denn er hat sich genötigt gesehen, eine Professur an der Hochschule für Musik in München anzunehmen!« Und herzlich lachend stieg der Greis am Arme seines jungen Freundes die Treppe hinauf. Der Pförtner hatte, sobald das Coupé vorfuhr, einem bereitstehenden Lakaien einen Wink gegeben, seine Excellenz und die Frau Gräfin von der Ankunft ihres berühmten Gastes zu benachrichtigen, und so wurde denn der Altmeister schon oben an der Treppe von dem Grafen und der Gräfin Tockenburg begrüßt. Sobald die ersten Bewillkommnungsredensarten gewechselt waren, sagte Liszt, indem er seinen Florian, der bescheiden einige Schritte hinter ihm wartete, an der Hand heranzog: »Votre Excellence et chère Comtesse – vous me permettrez de vous présenter mon jeune ami Florian Mayr, artiste de qualité superieure et de qui je fais grand cas, moi! Je vous demande pardon pour le sans façon de l'introduction, mais . . .« »Mais cela va sans dire, cher maître,« zwitscherte Gräfin Fifi in ihren zartesten Vogeltönen: »Je suis enchanté – ah! Tiens! Mayr – sans e, avec y-grec – Florian Mayr? Mais je me souviens – mais certes!« Sie brachte ihr langstieliges Lorgnon vor ihre Augen, schaute Florian einen Augenblick prüfend an und zeigte, wie es ihre Art war, wenn sie besonders liebenswürdig lächelte, ihre kleinen weißen Oberzähne. Dann streckte sie ihm ihre Hand entgegen, die er mit einer recht artigen Verbeugung an seine Lippen führte, und sagte: »Sie sind doch der Christus-Mayr, nicht wahr? O, es hat mir so leid gethan, Sie damals nicht empfangen zu können. Ich habe mich so warm interessiert für Ihr großartiges Unternehmen und ich habe so bedauert, daß es nicht zu stande gekommen ist. Leider war ich den ganzen Winter über nicht recht au fait und dabei noch so beschäftigt. Sie begreifen . . .« »Ja, lüg' du und der Deixl!« dachte sich Florian, während er mit einem nichtssagenden Lächeln zustimmend den Kopf neigte. Dem Meister aber machte die Verlegenheit der Gräfin sichtlich Spaß. Er schmunzelte überaus behaglich, indem er die Gräfin aufs neue anredete: »Ce cher Florian, il est un – Pechvogel – ahaha! Das erste Mal war er nicht sehr glücklich bei Ihnen introduciert. Die Badacs – pcha – cette chère bête! Enfin – er hat immer malheur – ahahaha; aber das soll jetzt aufhören – ich will das nicht mehr dulden – pcha, denn ich liebe diesen jungen Mann und ich weiß, er wird mir Ehre machen.« Noch einen überaus freundlichen Blick warf Liszt seinem glückstrahlenden Jünger zu, dann reichte er galant der Gräfin den Arm und betrat mit ihr den glänzend erleuchteten Saal, während Seine Excellenz der Botschafter es nicht verschmähte, mit Florian Mayr das zweite Paar zu bilden. Der Graf Tockenburg hatte keine Zeit, sich um musikalische Dinge zu bekümmern, und wußte daher auch nicht, daß er durch diese einfache Höflichkeitsbezeigung einem von der Presse als Schwindler Gebrandmarkten eine öffentliche Ehrenerklärung ausstellte. Florian war froh, als der Herr Graf ihn schon bald nach dem Eintritt im Stiche lassen mußte, um wichtigeren Pflichten zu genügen. Er zog sich eiligst in eine Ecke zurück, von der aus er, dank seiner Länge, das bunte, blendende Gewühl gut überschauen konnte. Er hatte heute mittag erst ein Briefchen von Thekla empfangen. Sie war gestern nacht in Berlin angekommen. Der gute Konsul hatte es, wenn auch mit großer Schwierigkeit, durchgesetzt, daß seine Gattin die Erlaubnis zur Heimkehr erteilte. Für heute abend waren die Burmesters auch geladen, aber Thekla wußte nicht, ob man sie mitnehmen würde, denn es fehlte ihr an einem neuen Kleide, das für die Gesellschaft der Gräfin Tockenburg gut genug gewesen wäre. Hochklopfenden Herzens hielt Florian Umschau. Er wäre todunglücklich gewesen, wenn er die Geliebte an diesem seinem Ehrenabend hätte vermissen müssen. Der Meister hatte ihm versprochen, es durchzusetzen, daß er an diesem Abend zum Spielen aufgefordert würde. Er war wohl vorbereitet, aber wenn seine Thekla nicht unter seinen Zuhörern war, dann war es mit seiner freudigen Zuversicht aus. Er fühlte, daß er dann nicht ruhig sein könnte, und heute abend gerade mußte er gut spielen. Da bemerkte er endlich im dichtesten Gewühl inmitten des Saales eine hochgewachsene Dame in einem gelbseidenen ärmellosen Kleide und von einer so auffallenden Magerkeit, daß es nur Frau Olga Burmester sein konnte. Er drängte sich mit nichts weniger als würdevoller Hast durch die Schar der vornehmen Gäste in die Nähe jener mageren Dame – und wirklich, es war die Konsulin. Und nicht weit von ihr, im Gespräche mit einem allerliebsten jungen Husarenlieutenant, stand der kleine Konsul und hielt am Arm seine Thekla. Sie hatte dasselbe weiße Kleid an, das sie im Winter des vergangenen Jahres an dieser selben Stätte auch getragen hatte, aber aus dem schüchternen jungen Mädchen von damals war eine vollerblühte Schönheit geworden. Was der kleine Husar für Augen machte! Florian fühlte eine eifersüchtige Regung – aber da hatte ihn Thekla plötzlich erblickt, über ihr Gesicht huschte ein strahlendes Lächeln der Freude – sie ließ den Arm des Vaters los und schritt ihm mit ausgestreckter Hand entgegen. Fest und lange drückte er diese kleine Hand und sagte nichts, als: »Da bist du ja!« »Ja, da bin ich wieder!« gab sie flüsternd zurück. Und so standen sie Hand in Hand, mitten in der Lichtflut, von dem hundertstimmigen Geräusche der plaudernden Gesellschaft umwogt, Blick in Blick versenkt, traumverloren, glückberauscht – bis der Konsul mit einem recht zaghaften: »Ah, guten Abend, Herr Mayr,« zu ihnen trat. Wortlos griff Florian nach der fleischigen Rechten des kleinen Herrn und schüttelte sie mit ausgiebiger Herzlichkeit. Jetzt trat auch die Frau Burmester herzu. »Ah, Herr Mayr, Sie auch hier?« rief sie spitz und warf dabei einen streng prüfenden Blick auf ihre Tochter. »Nun, es scheint Ihnen ja gut zu gehen – Sie sehen außerordentlich erholt aus!« »Ja, dank' schön, gnädige Frau, es geht mir ausgezeichnet!« versetzte Florian fröhlich. »Sie wundern sich wahrscheinlich, mich hier zu finden, nach dem, was voriges Jahr hier passiert ist? Aber diesmal hab' ich eine bessere Einführung, wissen S': Der Meister wünscht, daß ich heut' abend hier spielen soll!« »Ach, wirklich?« erwiderte die Konsulin, mit einem ungläubigen Lächeln an ihm herabsehend. »Auf dem Programm habe ich Ihren Namen nicht gefunden.« Damit reichte sie ihm mit zwei Fingern ein fein ausgestattetes Blatt hin. Natürlich konnte er nicht darauf stehen, das wußte er ganz gut – aber er las dennoch das Programm durch. Fast lauter gute, wohlbekannte Namen waren da als Mitwirkende aufgeführt und darunter – Antonin Prczewalsky! »Der auch?« rief Florian unwillkürlich laut. Dann reichte er mit einem Achselzucken der Konsulin das Blatt zurück und sagte: »Macht nix, der Meister wird des schon arrangieren!« Und der Meister arrangierte es in der That auf sehr einfache Weise. Als ihm nämlich die Gräfin das Programm zur Durchsicht überreichte, stutzte er bei dem Namen Prczewalsky und rief mit einem Stirnrunzeln, bei dem sich die weißen Brauen sträubten: »Ah, der?! Kenn' ich! das ist Finis Poloniae! Nun, wenn er sehr schön spielt, werde ich ihn – vielleicht um Entschuldigung bitten, pcha! Ich habe ihm nämlich einmal ein wenig zu deutlich den Text – souffliert!« Gräfin Fifi, die natürlich das Wortspiel nicht verstehen konnte, sagte in ernsthaft bedauerndem Tone: »Diese Nummer des Programms muß leider ausfallen. Ich kenne zwar die Leistungen des Herrn nicht persönlich, aber er ist mir von hohen Gönnern warm empfohlen worden. Er hat mir vor einer Stunde erst abgesagt. Vermutlich traut er sich doch nicht, vor Ihnen, lieber Meister, zu spielen.« »Ohoho, bravo!« lachte Liszt sehr vergnügt. »Lassen Sie an seiner Stelle meinen Sankt Florian sein Paradepferd tummeln!« Die Gräfin war mit Vergnügen dazu bereit, und als die Prczewalskysche Nummer herankam, betrat ein junger Adjutant das Podium und kündigte an, daß statt des leider erkrankten Polen auf Wunsch des Herrn Doktors Franz Liszt Herr Florian Mayr »Die Legende vom heiligen Franziskus auf dem Meere« vortragen werde. Florians Erfolg war ein vollkommener. Der Altmeister streichelte ihm vor aller Augen die Backen und die hohen und höchsten Herrschaften umdrängten ihn förmlich in der Pause, um ihm Liebenswürdigkeiten zu sagen, und beehrten ihn mit Einladungen zu ihren eigenen musikalischen Veranstaltungen. Als das Fest zu Ende war und die königlichen und kaiserlichen Hoheiten sich bereits empfohlen hatten, machte sich Florian an Liszt heran und bat ihn, tief errötend, ihm seine Zukünftige vorstellen zu dürfen. »Tiens!« rief der Meister lebhaft. »Ist das Fräulein hier? Sind die Schwierigkeiten schon beseitigt?« »Ach nein,« versetzte Florian kleinlaut, »ich glaub', die Eltern wollen immer noch nix von mir wissen – an der Mutter wenigstens verzweifle ich!« »Wart', mein Sohn, ich werde dir helfen!« versetzte Liszt mit seinem gütigen Lächeln und ließ sich durch das Gewühl der aufbrechenden Gäste den Burmesters zuführen. »Ach, meine Herrschaften, ich freue mich, Sie wiederzusehen!« rief Liszt, indem er mit ausgestreckten Händen auf die Gruppe zutrat. »Sie waren so freundlich, mir in Weimar das Vergnügen zu machen – wie geht es Ihnen? Sie sind große Musikfreunde, nicht wahr?« Die Konsulin war beinahe verwirrt über die Ehre dieser Ansprache und antwortete nur durch eine tiefe hofmäßige Verbeugung, während der kleine Konsul mit drolliger Verlegenheit zur Antwort gab: »O, ich – ich bin ganz Laie, ich – ich laufe nur so mit, aber meine Frau ist sehr musikalisch!« »Ist das Ihr Fräulein Tochter?« fragte Liszt, auf Thekla deutend. Sie trat heran und machte einen tiefen Knicks. Da nahm Liszt ihr kleines Händchen zwischen seine allgewaltigen Klavierpranken und sagte, es zärtlich streichelnd: »Mein liebes Kind, ich kenne Sie ganz genau – ich habe so viel Schönes von Ihnen gehört! Sie haben meinem lieben Florian das Leben gerettet. Sie sind ein tapferes Mädchen – und so schön dazu! Ihre Eltern müssen stolz auf Sie sein – und dieser gute, dumme Florian ist doch kein Pechvogel, hahaha! In Weimar haben sie ihn den Kraft-Mayr genannt, aber jetzt soll er mir der Glücks-Mayr heißen. Enfin – bravo!« Und er zog die tief errötende Thekla sanft an sich heran und küßte sie väterlich auf die Stirn. Dann wandte er sich lächelnd an Florian und reichte ihm die Rechte, während er mit der Linken noch Theklas Hand festhielt, und rief so laut, daß es die große Schar der neugierigen Zuschauer ringsum hören konnte: »Mein lieber Professor, ich gratuliere dir von Herzen!« Und sich an Frau Burmester wendend, fügte er laut hinzu: »Wann werden Sie die Verlobung bekannt machen, gnädige Frau?« Frau Olga starrte, vermutlich zum erstenmal in ihrem Leben, hilflos ihren Gatten an. Doch das währte nur wenige Sekunden. O, sie war nicht so leicht zu verblüffen! Ein flüchtiges Rot schoß ihr plötzlich in die Wangen, und ihre Augen blitzten auf. »O, ich dachte,« sagte sie aufgeregt, mit rasch gehendem Atem, »morgen abend im engsten Kreise . . . es würde uns eine große, große Ehre sein, wenn wir Sie, verehrter Meister, bei der kleinen Festlichkeit begrüßen dürften!« Liszt lachte äußerst belustigt und sagte dann mit einer galanten Verbeugung: »Meine gnädige Frau, Sie haben mich gefangen! Ich wollte eigentlich morgen abend schon in Weimar sein – aber nein! Die Verlobungsfeier meines Florian – das ist ein événement, das darf ich mir nicht entgehen lassen! Auf Wiedersehen, meine Herrschaften!« Den ganzen folgenden Tag über sprach Frau Burmester kein Wort mit Thekla. Sie hatte einfach keine Zeit dazu. Am frühen Morgen schon verfaßte sie mit ihrem Gatten zusammen über fünfzig Einladungsschreiben zur Verlobungsfeier ihrer Tochter mit dem königlich bayrischen Professor der Musik, Florian Mayr, in Anwesenheit des Herrn Abbé Dr.  Franz Liszt. Ein ganzes Heer von Dienstmännern wurde aufgeboten, um diese Einladungen zu befördern, und dann fuhr die Konsulin aus, um bei einem der ersten Traiteure ein glänzendes Souper zu bestellen und die übrigen schwierigen Vorkehrungen zu treffen. Da von den Eingeladenen nur wenige abgesagt hatten, so fand Liszt am Abend einen »engsten Familienkreis« vor, der aus mindestens sechzig Personen bestand. Bis es zum Essen ging, war denn auch die Gesellschaft recht ungemütlich, aber das ausgezeichnete Souper und die vortrefflichen Weine erwärmten schließlich doch die Stimmung. Der Konsul Burmester verkündigte die Verlobung in kurzen, aber überaus herzlichen Worten, und dann brachte Liszt ein Hoch auf den Bräutigam aus, nachdem er im gemütlichsten Plaudertone in seiner witzigen, leicht ironischen Art eine Schilderung der vortrefflichen Eigenschaften Sankt Florians gegeben hatte, der, vom reinen Thoren ausgehend, durch ein grausliches Kraft-Mayrtum hindurch sich zum beneidenswertesten aller Professoren entwickelt habe. Liszt sprach das alles im Sitzen, als ob er mit seinen nächsten Nachbarn plauderte, aber natürlich lauschte die ganze Versammlung in tiefem Schweigen, um zum Schluß, als der Meister mit Florian anstieß, in laute Hochrufe auszubrechen. Beim Eis erhob sich Florian und toastete, von den vielen feurigen Weinen seltsam begeistert, auf die hochverehrten Eltern, welche »durch ihre liebende Sorgfalt und treue Obhut die schon bei ihrer Geburt verwaiste Knospe sich zur herrlichen Blüte hätten entfalten lassen«. Es war jener greuliche Unsinn, mit faustdicken Lügen gespickt, der bei allen feierlichen Gelegenheiten von begeisterten Rednern zum besten gegeben zu werden pflegt. Florian selbst hatte kaum eine Ahnung von dem, was er da in seinem seligen Wein- und Glücksrausch zusammenfaselte. Aber die Gesellschaft war sehr erbaut davon, und die Konsulin, die mit einem gar ängstlich gespannten Gesicht das Ende der Rede erwartet hatte, küßte ihn gar auf beide Backen und nannte ihn »du« von diesem feierlichen Augenblicke an. Nach Tische setzte sich Liszt an den Flügel und improvisierte eine glänzende, kraftvoll heitere Phantasie über allerlei bekannte Liebesmotive und Hochzeitsmärsche. Florian und Thekla saßen Hand in Hand vor dem Flügel, und Thekla verwandte keinen Blick von des greisen Meisters Antlitz, in welchem die wechselnden Stimmungen seines wunderbaren Spieles sich mit unvergleichlicher mimischer Deutlichkeit ausprägten. »Ist das ein Zauberer!« sagte sie nachher zu Florian. »Ich glaube, es gibt keinen Menschen, und wenn er noch so unmusikalisch wäre, der nicht die schwerste Musik verstünde, wenn er sie von Liszt spielen sieht. Ich bin so glücklich, daß ich das erleben durfte!« »Ja, da hast du's getroffen, lieber Schatz!« versetzte Florian. »Gelt, wir andern müssen uns eigentlich alle schämen, daß wir auch Klavier spielen!« Die Gesellschaft war natürlich außer sich vor Entzücken, und die Konsulin sah beinahe hübsch aus, so strahlte sie vor Stolz: Liszt hatte auf ihrem Flügel phantasiert! – Nun gab es in ganz Berlin kein zweites musikalisches Haus, dessen Wettbewerb sie zu fürchten gehabt hätte! Und das alles verdankte sie diesem schrecklichen Herrn Mayr! Nein, er war doch ein entzückender Mensch – und Professor klang ja auch nicht übel! Am nächsten Tage wurden die Verlobungsanzeigen versendet und flüchtige Postkarten an die nächsten Freunde geschrieben. Fräulein Ilonka Badacs aber erhielt ein Telegramm. Die Hochzeit wurde für Ende August angesetzt, wenn Florian seine sommerliche Konzertreise beendet haben würde. Der Baron von Ried sollte als Brautführer und Ilonka Badacs als Brautjungfer dabei thätig sein. Mit Enthusiasmus sagte die treue Freundin zu. Sie versprach, wenn es sein müßte, selbst aus New York oder aus Odessa zu dieser Feier nach Berlin zu eilen. Es traf sich aber zufällig, daß sie am Abend vor der Hochzeit in Leipzig konzertierte, so daß sie ihrer Freundschaft kein großes Opfer zuzumuten brauchte – und dennoch kam sie nicht. Am Hochzeitsmorgen erhielt Florian ein Schreiben, welches also lautete: »Sähr lieber Freind! Habe ich mich doch so sähr auf ihrige vestliche Gelägenheit gefreit, aber jetst zwingen mich umstende – force majeur, wie man sagt – das ich nicht kann komen. Erlich – ich drau mich nicht hin. Solche kristliche Familienveste mit masse furbar anstendige Leut machen mich nervios – wo man imer die Augen fromm auf dem Boden werfen muß oder man wird iber dem Axel angeschaut. Glauben Sie mir, sähr lieber Freind, ich laufe for meinem eigenem hochzeit dafon, wan der ungemein dumme Graf mich heiraten wird. Hab ich schon antrag von ihme bekomen in Pest, aber bin ich noch nicht endschlosen, weil er doch noch bedenkliche Spuhren von Intelligence hat gezeugt. Vorleiffiik werde ich morgen kleine erholungs Reise nach der Schwaitz andrehten mit meinem sähr lieben Freinde Jean d'Oettern. O Er ist ein sähr bedeitender Mensch – er hat Ihnen auch sähr lieb und last sich unbekant der Weise freilen Braut zu Füßchen legen. Wie sähr ich Dir Glick winsche das wisen Sie ja! – Liebe siße Freilein Tekla bitte Tausend mol fir mich zu Küßen – besonders auf dem Ohrlaperl – die sein das zukertste an ihr. Ich werde morgen mit Jean d'Oettern flaschchen Säkt trinken und Eljen Florian und Tekla rufen. Ewik (Deine) Ihre hochachtunksfole Ilonka Badacs. P.S. Der Taifel hohle den Daitschen orthographie – ich werde ihm nie lärnen!«   Ende .