Karl May Der Weg zum Glück. Sechster Band Roman aus dem Leben Ludwig des Zweiten In den Saal zurückgekehrt, suchte die Leni den Sepp auf. Sie fand ihn, mit dem einen Türken, nämlich dem Baron, und zwei weiblichen Masken an einem Tische sitzend, und er bemerkte sie. Sie gab ihm durch ein Zeichen zu verstehen, daß sie gehen wolle. Er machte Miene, sich zu erheben; sie aber winkte ihm energisch, sitzen zu bleiben, da sie ahnte, daß er sich den Baron doch nicht gern entgehen lassen werde, und dann begab sie sich nach der Garderobe zurück, um Maske und Domino abzuliefern. Auf der Straße angekommen, athmete sie tief auf. Es war ihr ganz unbeschreiblich zu Muthe. Sie fühlte ein inneres Wehe, welches eigentlich doch kein Weh zu nennen war. Es giebt, mag es auch noch so unwahrscheinlich klingen, ein dem Weh ähnliches Gefühl, welches ganz entgegengesetzt seiner Benennung, keine Schmerzen bereitet, sondern ganz im Gegentheile sogar zu beseligen mag. So fühlte auch Leni. Sie hatte das Bewußtsein, frei zu sein, aller Verpflichtungen gegen Anton enthoben, ohne sich Vorwürfe darüber machen zu müssen. Und diese Freiheit eröffnete ihr für ihre Zukunft eine Perspective, in deren Angelpunkte ihrer ein unendliches Glück zu harren schien. Als sie ihre Wohnung erreichte, glitt sie leise in das Haus und die Treppe empor. Frau Salzmann war bereits schlafen gegangen; es brannte nur in Lenis Stube ein Licht, welches man für sie hingestellt hatte, damit sie sich in ihrer neuen Wohnung orientiren könne. Aber sie ging noch nicht schlafen. Sie hätte doch keine Ruhe finden können; das fühlte sie. Ihr Herz war zu bewegt, nicht etwa stürmisch wie aufregende Scenen dieses mit sich bringen, sondern es fluthete ein unbeschreibliches Etwas durch ihr inneres, leise und leicht, erwärmend und befriedigend. Sie legte die Toilette ab und ein Négligé an. Dann löschte sie das Licht aus und setzte sich an das Fenster, um hinauszublicken auf die Straße, über deren Häuserreihen der Mond sein silbernes, ruhiges Licht ergoß. So lind und magisch war auch das Licht in ihr selbst aufgegangen. Sie sann und sann und wußte doch nicht, woran sie dachte. So ungefähr muß es im Himmel sein, wo die Seelen der Abgeschiedenen von einer Seligkeit erfüllt sind, welche zu beschreiben es gar keine Worte giebt. Die Zeit verging. Viertelstunde um Viertelstunde verraun, und Leni dachte noch immer nicht daran, das Lager zu suchen. Da drang ein Mißton durch die Stille der Nacht. Stolpernde Schritte kamen die Straße herauf; zwei Stimmen waren zu vernehmen; aber sie klangen gar nicht so, als ob sie aus menschlichen Kehlen kamen. »Ver – – dammt! Ah – oh! Ich glaube gar, ich bin – bin – – be – besoffen!« gurgelte der Eine der Nahenden. »Natürlich bist Du besoffen, und wie!« lachte der Andere in jenen Fisteltönen, welche anzeigen, daß der Sprechende die Herrschaft über seine Stimme verloren hat. »Und Du – Du – doch auch!« »Ja – aa! Ich hab auch ein – einen rie – riesigen Spitz. Dieser Cham – Cham – pagner taugte nichts. Der Wirth hat – hat gedacht, daß der Stoff für – für solche Mädels gut – gut genug sei.« »Halts Maul! Du belei – leidigst mich!« »Unsinn!« »Ja. Ist denn mei – meine Tänzerin ein Mädel?« »Was denn? Sie ist doch – doch kein Mannsbild!« »Nein, aber eine Kün – kün – künstlerin!« »Schön! Aber sau – saufen kann sie dennoch wie ein Lo – lo loch. Sie hat me – me – mehr getrunken als wir Beide.« »Weiß der Teu – Teu – Teufel! Der – der – bekommts. Famoses Dirndl! Nicht?« »Ja, famos. Na, da sind wir. Halt!« Sie blieben unten stehen, mitten auf der Straße. Der Mond beleuchtete sie. Leni erkannte Anton und den Baron. Sie hielten sich an einander fest, um nicht zu stürzen. Beide waren gleich sehr betrunken. Und dabei sprachen sie so laut, daß man es über die ganze Straße weg hören konnte. Sie hatten im Rausche alle Rücksicht verloren. »Nun müssen wir Ab – Abschied nehmen,« sagte der Baron. »Du bist da – da – daheim.« »Schön! Also gute – gute – Donnerwetter, es geht nicht!« Anton hatte sich von dem Andern losgemacht und wollte allein nach der Thür gehen. Er brachte es nicht fertig und taumelte haltlos, bis er – sich auf die Straße setzte. »Du – Du – Du!« lachte der Baron überlaut auf. »Du bist ja gar gefa – fa – fallen! Ich bin da viel mehr – – heiliger Bimbam – da si – si – sitze ich wahrhaftig a – a – auch!« Es ging ihm grad so, wie seinem Gefährten. Er konnte ohne Stütze auch nicht stehen und plumpste neben Anton nieder. »Bi – bi – bist Du a – a – auch da?« lachte dieser. »Da – da – daß ist schön! Nun sie – sie – sitzen wir da und können im Mo – Mo – Mondschein Sech – sech – sechsundsechzig spielen. Ha ha – hast Du eine Ka – ka – karte mit?« »Schweig! Hi – hi – hilf mir lieber auf! Ko – ko – komm! Wir wollen es versu – su – suchen.« Sie faßten sich gegenseitig an und würgten sich empor, durften sich aber nicht fahren lassen, sonst wären sie wieder gestürzt. »Ko – ko – komm an die Mauer, Mi mi – mir wirds ganz schlecht,« ächzte Anton. »Ich glaub, ich mu – mu – muß mich brechen.« Sie taumelten nach der Mauer und lehnten sich mit den Händen gegen dieselbe. Bald hörte Leni Töne, aus denen sie deutlich entnehmen konnte, daß Antons Befürchtung eingetroffen sei. Die übermäßig genossenen Getränke erzwangen sich einen unnatürlichen Ausweg, und das schallte so durch die nächtlich stille Straße, daß Leni einen unendlichen Ekel empfand. Wie hatte sie doch diesen Menschen lieben können! Der Diener des Sängers war durch den Lärm welchen die Beiden verursachten, aufgeweckt worden. Er kam heraus und begann mit ihnen zu verhandeln. Der Baron wollte nicht weiter, und Anton erklärte sich bereit, ihn bei sich zu behalten. Der Lakai schaffte Beide hinein, und nun hörte Leni unter sich einen Scandal, ein Lachen, Stöhnen, Brüllen und Johlen, wie es nur von ganz gemeinen Menschen verursacht werden konnte. »Aus!« seufzte sie. »Ja, es ist aus! Er war es nicht werth, daß die arme Sennerin ihn anblickte. Wie thut es mir doch so herzlich leid um seine armen, braven Eltern!« Sie legte sich zur Ruhe und hörte, noch bevor sie die noch nicht müden Augen schloß, daß der Lakai das Trottoir reinigte. Jetzt hätte sie dem einstigen Geliebten nicht mehr nur mit der Hand berühren mögen. Sie war für ihn unwiederbringlich verloren. Als am anderen Morgen der Diener leise die Schlafstubenthür öffnete, lag sein Herr noch schlafend im Bette, der Baron auf dem Sopha. Beide waren angekleidet. Der Lakai hatte nicht einmal vermocht, sie ihrer Stiefel zu entledigen. Er zog sich wieder zurück und hörte erst später an einem Geräusch, daß die Herren erwacht seien. Dann ertönte die Klingel, und als er bei ihnen eintrat, blickten sie ihn mit hohlen Augen aus leichenblassen Gesichtern an. »Hering, viel Hering!« gebot der Sänger: »Es ist mir ganz höllenjämmerlich zu Muthe. Das Verlangte wurde geschafft und in rohem Zustande verzehrt. Dann mußte der Diener einen doppelt starken Kaffee kochen und die Morgenzeitungen bringen. Sie saßen ungewaschen und unfrisirt am Tisch und stierten in die Blätter, ohne eigentlich zu lesen. Beide waren noch ziemlich unvermögend, zusammenhängend zu denken. Da aber fiel doch ein fett gedrucktes Wort, ein Name in die Augen des Barons. »Sapperment, was ist das?« sagte er. »Sollte bereits Etwas von ihr dastehen?« »Von wem?« »Von der Ubertinka.« »Ist von ihr zu lesen?« »Ja, ziemlich viel. Und darunter stehen die beiden Buchstaben H und G.« »Dann ists Goldmann, der Theateragent. Wenn ich mich nicht irre, ist Hugo sein Name.« »War er gestern mit bei Commerzienraths?« »Ja.« »So ist er es allerdings, denn es ist erzählt, daß sie sich dort hat hören lassen.« »Also ein Bericht! Steht auch über mich Etwas dabei?« »Weiß es noch nicht. Will es erst lesen.« »So ließ es laut, denn ich bin jetzt noch nicht im Stande, zu lesen. Es funkelt und flimmert mir vorn Augen.« Der Baron kam der Aufforderung nach. Aber er las auch nur langsam und mit Unterbrechungen: »Gestern Abend war den glücklichen Gästen des kunstsinnigen Herrn Commerzienrathes Baron von Hamberger ein außerordentlicher und ungeahnter Genuß bereitet. Die berühmte Ubertinka trat einmal aus dem Geheimnisse heraus, welches sie wie ein von Sternen getragener Nimbus umgeben hat. Auf den Flügeln eines von Anderen kaum erreichten Ruhmes ist sie nach unserer Kaiserstadt gelangt, ohne das vorher Jemand eine Ahnung davon haben konnte. Und kaum war sie hier angekommen, so hatte der Herr Commerzienrath, wohl in Folge des wohl verdienten Rufes, in welchem seine Salons stehen, das Glück, seine Einladung von ihr angenommen zu sehen. Natürlich blickten alle Anwesenden ihrem Erscheinen mit unbeschreiblicher Erwartung entgegen. Und als sie dann eintrat, vom Glorienscheine der Schönheit und Jugend umwebt, da begann man zu ahnen, daß das Gerücht nicht zu viel von ihr erzählt habe. Und wenn schon ihre äußere Erscheinung zur Bewunderung hinriß, wie erst ihr Gesang! Denn obgleich man es natürlich nicht gewagt hatte, eine diesbezügliche Bitte an sie zu richten, so errieth sie doch den glühenden Wunsch der anwesenden Herrschaften und war so freundlich, sich dreimal hören zu lassen. Sie sang zwei ernste, tief innige Lieder von Karl Gerock und dann in Gemeinschaft mit einem Gaste, dem vortrefflichen Herrn Hauptmann von Brendel – – –« »Sapperment!« unterbrach sich der Vorleser. »Hauptmann von Brendel! Das ist er ja!« »Wer?« fragte Anton. »Mein Cumpan, allerdings ein ganz und gar vortrefflicher Kerl!« »Hauptmann von Brendel? Ein Cumpan von Dir? Und mir unbekannt!« »Habe ihn erst gestern kennen gelernt.« »Wo?« »Auf der Maskerade.« »Doch nicht der lange Domino, von welchem Du so unzertrennlich warst?« »Ganz derselbe. Weißt Du, er kam mit dem weiblichen Domino, von welchem Du allerdings sehr zertrennlich warst.« »Pah! Ein langweiliges Geschöpf. Also ein Hauptmann war der Lange? Hm! Alt?« »Ja. Beim Demaskiren sah ich, daß er weit in die Siebzig sein muß. Ich wollte ihn Dir natürlich vorstellen, aber es mußte ihn wohl irgendeine Maske in Beschlag genommen haben, denn er war ganz plötzlich weg und ließ sich auch nicht wieder sehen.« »Scheint ein alter Lebemann zu sein?« »Das ist er.« »Gourmand, und doch kein Kostverachter.« »Wie so?« »Nun, an so einen Ort kommen doch nur Herren, welche sich eine Grisette holen wollen. Wenn also so ein alter Haudegen sich in den Domino steckt, so hat er die Absicht, liebenswürdig zu sein. Hat er Geld?« »Massenhaft! Wir haben Freundschaft geschlossen.« »So! Da werde ich ihn jedenfalls kennen lernen.« »Wenn Du willst, so kannst Du es haben.« »Natürlich! Wo wohnt er?« »Im Hotel – Hotel – Donnerwetter! Jetzt hab ich das Hotel vergessen! Daran ist der alberne Rausch schuld, den ich hatte.« »Er muß Dir doch seine Karte gegeben haben?« »Natürlich! Ich habe sie irgendwo stecken.« Er suchte sie überall, bis er sie endlich neben dem Taschentuche im Schooße seines Rockes fand. Er gab sie dem Sänger. Dieser las: »Josef von Brendel, Königlicher Bayrischer Hauptmann a. D.« »Hm, eine Adresse ist allerdings nicht dabei,« sagte er. »Weil er erst gestern hier in Wien angekommen ist.« »Und ein Bauer ist er, also ein Landsmann von mir. Das freut mich. Hoffentlich wird er sich finden lassen!« »Sicher! Er wird mich besuchen, denn ich habe ihn eingeladen, und er versprach es, zu kommen. Er spielt gern, sagte er.« »Ah, da paßt er zu uns. War er ein angenehmer Gesellschafter?« »Außerordentlich! Er war so liebenswürdig, daß mir in der Weinseligkeit das Herz aufgegangen ist. Ich befürchte, daß ich ihn da mehr zu meinem Vertrauten gemacht habe, als ich eigentlich beabsichtigen konnte. Uebrigens hatte ich ihn bereits vorher gesehen, im Café, wo er mit dem Commerzienrath von Hamberger und dem Grafen von Senftenberg an einem Tische saß.« »Was! Hat er auch diese bereits kennen gelernt?« »Ja. Er ist ja gestern mit auf der Soirée gewesen. Du mußt ihn gesehen haben.« »So? Wie ist sein Aeußeres?« Der Baron beschrieb den Sepp. »So einen Herrn habe ich freilich nicht gesehen. Du mußt Dich also irren.« »Er hat es mir selbst gesagt, und als ich ihn nach Dir fragte und ihm sagte, daß Du mein Special seist, sprach er sich sehr anerkennend über Deine Leistung aus.« »So! Er muß an einem Orte gestanden haben, an welchem ich ihn nicht sehen konnte. Na, wenn er Dir versprochen hat, Dich zu besuchen, so werde ich ihn ja noch zu sehen bekommen. Bitte, lies jetzt weiter!« Der Baron nahm das Blatt wieder zur Hand und fuhr fort: »Also: – – in Gemeinschaft mit dem vortrefflichen Hauptmann von Brendel – na, hörst Du? Da siehst Du ja genau, daß er da gewesen ist – – – einen lustigen Gebirgsjodler, welcher herzerfrischend erklang. Was sollen wir über ihre Stimme, über ihren Vortrag sagen? Nichts! Denn wir sind überzeugt, daß wir keine treffenden Worte finden können. Diese Sängerin ist ein wirkliches Phänomen, nicht ein Stern, sondern geradezu eine Sonne am Himmel der Kunst, und Wien sollte sich alle Mühe geben, dieses Wunder für immer zu fesseln. Wir sind sofort nach dem Schluß der Soirée förmlich nach der Redaktion dieses Blattes geeilt, um die Leser desselben von dieser überraschenden Neuigkeit zu unterrichten und ihre Aufmerksamkeit auf die gottbegnadete Beherrscherin der Töne zu lenken. H. G.« »Das ist also der Bericht, dessen Verfasser vermuthlich der Theateragent ist. Darunter aber folgt noch weiter: »Zu diesen Zeilen unseres verehrten Berichterstatters beeilt sich die Redaction, zu bemerken, daß es allerdings für unsere Kaiserstadt geradezu eine Pflicht ist, die Ubertinka zu fesseln. Der in Rom erscheinende Diritto erzählt von dieser außerordentlichen Dame, daß ein englischer Lord sie zur Frau begehrte und, obgleich von ihr abgewiesen, doch von ihren Reizen so bezaubert war, daß er sie geradezu zwang, einen Schmuck von fast königlichem Werthe von ihm zum Andenken zu nehmen. Man sagt, daß sie ihn nie trage. Und der Secolo, das verbreitetste Blatt Mailands, erzählt, daß ein alter Marchese, der keine Familie hat, ihr, als er in Gesellschaft einige Lieder aus ihrer Kehle hörte, den Antrag machte, sie zu adoptiren. Sie lehnte ab, und als er kurze Zeit darauf unerwartet starb, stellte es sich heraus, daß er sie zur Universalerbin eingesetzt habe. Sein Vermögen wurde ihr von Mailand nach Neapel, wohin sie inzwischen gegangen war, nachgesandt. Es befanden sich auch sämmtliche Familiendiamanten dabei. Diese beiden kleinen Episoden mögen beweisen, welch ein reizendes Weib die Künstlerin auch schon in rein persönlicher Beziehung ist, und so wiederholen wir die Aufforderung, daß betreffenden Ortes sich durch ein Engagement der Signora der Dank der Hauptstadt zu verdienen wäre. Die Redaction.« »Himmeldonnerwetter!« fluchte Anton. »Sie muß doch ein Wunder von Schönheit sein!« »Und Diamanten mag sie haben! Oh!« Seine Augen leuchteten begierig. Die Diamanten waren ihm am Meisten in die Ohren gefallen. »Pah!« sagte der Sänger wegwerfend. »Was thue ich mit Diamanten. Sie selbst, sie selbst will ich haben! Eine solche Schönheit! Sie muß mein werden!« Er war aufgesprungen. »Ich denke, Du liebst die Tänzerin!« bemerkte der Baron in einem fast scharfen Tone. »Allerdings. Ich heirathe sie. Aber die Ubertinka will ich auch kennen lernen.« »Verbrenne Dir die Finger nicht!« »Schwerlich! Sängerinnen pflegen nicht allzu spröde zu sein!« »Diese aber doch, so viel man über sie erfahren hat.« »Will sie schon kirre machen!« »Dazu hättest Du gestern Abend die allerbeste Gelegenheit gehabt.« »Alle Teufel! Das ist wahr. Jetzt könnte ich diesen Kerl, den Commerzienrath, zerreißen, daß er mich in der Musikantenstube kampiren ließ! Wo mag sie abgestiegen sein?« »Im Hotel de l'Europe; das habe ich von dem alten Hauptmanne.« »So werde ich hin zu ihr. Ich muß sie besuchen. Als College kann ich nicht von ihr abgewiesen werden.« »Du findest sie nicht mehr dort. Sie hat sich bereits eine Privatwohnung genommen. Aber wo diese sich befindet, das wußte er nicht.« Der Lakai hatte diese letzten Bemerkungen gehört, da er hereingekommen war, um die ausgetrunkenen Kaffeetassen wieder zu füllen. Er fragte mit einem sehr befriedigten Lächeln: »Meinen die Herren etwa die Ubertinka?« »Ja.« »So kann ich mit deren Adresse dienen.« »Soll das heißen, daß Du ihre Wohnung weißt?« »Ja.« »Das wäre ein sehr glücklicher Zufall. Wo befindet sie sich?« »Der Zufall ist noch viel glücklicher, als der Herr denken können. Sie brauchen sich nur eine Treppe höher zu bemühen.« »Eine Treppe höher? Wo denn?« »Hier im Hause.« »Was? Kerl, ists wahr?« »Gewiß, gnädiger Herr.« »Eine Treppe hoch? Also wohnt sie bei dieser Frau Salzmann?« »Bei dieser. Sie hat die Zimmer, welche hier über dieser Wohnung liegen.« »Verdammt! Du, Baron, wenn Sie uns gehört hat, als wir heimkamen!« »Glaube es nicht. Die hat geschlafen.« »Wer weiß es! Und nun kann ich mich freilich riesig darüber ärgern, daß ich mich mit der Wirthin verfeindet habe.« »Leider! Denn heraus mußt Du. Aber, Jean, woher wissen Sie denn, daß die Sängerin hier wohnt?« »Vom Küchenmädchen oben. Uebrigens hat die Signora heut früh bereits ihre Karte an die Thür befestigt.« Der Diener ging jetzt hinaus, und die Beiden konnten nun vertraulicher weiter sprechen. Sie waren allerdings nicht diejenigen, welche sich allzugroße Mühe gaben, bei ihm in Respect zu stehen. Dennoch machte Anton dem Baron Vorwürfe über seine Aeußerung in Gegenwart des Lakaien, daß er doch fortmüsse.« »Pah!« lachte der Gerügte. »Der Kerl hat gestern doch Alles gehört und weiß, woran er ist. Wenn ich Dir einen guten Rath geben soll, so ist es der, Dich schnell nach einer anderen Wohnung umzusehen.« »Das hat keine Eile.« »Willst Du haben, daß diese famose Frau Salzmann wirklich die Polizei zu Hilfe nimmt?« »Ich glaube nicht, daß sie es thun wird. Und zu dem befindet sich jetzt die Ubertinka hier; da möchte ich gern wohnen bleiben.« »Grad deshalb nicht. Du wirst sie viel leichter erobern können, wenn Du nicht hier wohnst. Hier würde die Wirthin merken, daß Du mit ihr verkehrst und sie vor Dir warnen.« »Hm, das ist freilich einleuchtend. Aber ich befinde mich in einem so katerhaften Zustande, daß es mir augenblicklich unmöglich ist, mich nach einer Wohnung umzusehen.« »So will ich es für Dich thun.« »Du?« fragte Anton erstaunt. »Ich denke, Dich widert so Etwas an!« »Wenn ich Dir einen Gefallen damit thun kann, so will ich gern in einigen Häusern umherkriechen.« »Meinetwegen! Aber schau zu, daß dann die neue Wohnung nicht allzuweit von der jetzigen liegt.« Der Baron nickte zustimmend, und über sein Gesicht flog dabei ein sehr befriedigtes Lächeln. »Ganz recht. Du willst die Sängerin gern im Auge behalten. Wie wäre es, wenn Du auf der rückwärts liegenden Straße wohntest?« »Das wäre die Circusgasse? Warum?« »Sehr einfach deshalb, weil die Höfe oder Gärten beider Straßen aneinander stoßen. Ist die Wohnung der Sängerin oben grad so eingerichtet wie die Deinige, so schläft sie nach hinten hinaus. Du könntest sie dann von rückwärts herüber sehr gut mit dem Opernglase beobachten.« »Du,« meinte Anton wie electrisirt, »das ist ein prachtvoller Gedanke. Ich bitte Dich, lauf hinüber nach der Circusgasse, und siehe zu, ob sich etwas Passendes findet!« »Sogleich. Nur muß ich erst ein Wenig Toilette machen.« Er gab sich Mühe, sein Aeußeres möglichst so weit zu restauriren, daß man ihm die Folgen des gestrigen Rausches nicht leicht anmerken könne, und begab sich dann auf die Suche. Aus der großen Mohrengasse bog er in die Praterstraße ein, um dann aus der Letzteren links in die Circusstraße zu kommen. Dabei murmelte er still für sich hin: »Prächtig, daß er meinen Vorschlag angenommen hat! Eigentlich hätte ich ihm heut in der Nacht die Kasse ausräumen können; aber mein Rausch war zu groß, und ich hätte sofort fliehen müssen, da der Verdacht natürlich auf mich gefallen wäre. Die Herren von der Polizei scheinen mich bereits im Auge zu haben. Aber ich kann noch nicht fort. Erst muß ich die Ankunft dieses sogenannten Fex erwarten, der sich jetzt Baron Curty von Gulijan nennt. Wenn ich seine Papiere erwischen kann, muß er den Prozeß verlieren und bleibt der Fex, der er gewesen ist. Und diese Sängerin besitzt solche Brillanten! Jedenfalls hat sie auch eine Masse Geld bei sich, da der dumme Marchese sie zur Erbin eingesetzt hat. Wenn ich das Glück habe, jetzt eine Wohnung zu finden, aus deren Hof ich heimlich in den Hof dieser Frau Salzmann gelangen kann, so ist es ja leicht, der Ubertinka einen nächtlichen Besuch abzustatten und sie um Geld und Diamanten zu erleichtern. Ah!« Er blieb freudig überrascht stehen, denn er erblickte den alten Hauptmann, welcher soeben um die Ecke der Ferdinandstraße gebogen kam. »Sie, Baron!« rief Sepp. »Gehen Sie auch bereits spazieren.« »Geschäftsgang. Ist mir außerordentlich lieb, Sie zu treffen. Der Champagner war nicht echt und hat mein Gedächtniß angegriffen. Ich habe ganz vergessen, in welchem Hotel Sie wohnen.« »Kronprinz von Oesterreich, Asperngasse Nummer Vier.« »Danke! Werde Sie dort umstürzen, erwarte aber, daß Sie vorher mich besuchen. Meine Adresse haben Sie doch?« »Gewiß. Sie gaben mir ja Ihre Karte.« »Schön! Wo waren Sie denn so plötzlich hin?« Sepp machte ein pfiffiges Gesicht. »Sie dürfen mir mein Verschwinden nicht übel nehmen. Ich wurde fort gelockt. Sie wissen ja: Halb zog sie ihn, halb sank er hin – –« »Da wars um ihn geschehen! Verstehe! Na, alter Freund, Discretion! War mir übrigens gar nicht lieb. Ich hatte meinem Freunde Criquolini versprochen, Sie mit einander bekannt zu machen. Heut hab ich bei ihm geschlafen, denn die Beine waren mir wirklich wie Blei. Ich habe ihn getröstet, daß ich ihn Ihnen schon noch zuführen werde. Sie erlauben es doch!« »Natürlich! Es würde mich freuen, ihn näher kennen zu lernen.« »Dazu wäre gleich jetzt die beste Gelegenheit. Ich suche, da er seine Wohnung plötzlich zu verlassen gedenkt, hier in der Circusgasse eine andere für ihn. Wenn Sie sich den Spaß machen wollten, sich mir auf dieser interessanten Jagd, welche wohl nicht lange dauern wird, anzuschließen, so könnten Sie dann gleich mit zu ihm kommen. Dann frühstücken wir miteinander und – machen ein kleines Spielchen.« Er sagte das Letztere mit einem feinen, pfiffigen Lächeln. Der Alte antwortete aber: »Wollen Sie mir so großen Appetit machen? Thut mir leid, da ich für jetzt versprochen bin, stehe Ihnen aber sonst stets zur Verfügung.« Sie trennten sich. Der Sepp schritt langsam weiter und beobachtete, daß der Baron wirklich in die Circusstraße einbog. »Fehlte noch, den Criquolini kennen zu lernen, brummte er. »Kenne ihn bereits genug. Dieser Krickelanton darf mich hier ja gar nicht sehen. Er würde mich sofort erkennen und mir die ganze Geschichte verderben.« Er wandte sich der Asperngasse zu. Da fuhr die Pferdebahn grad an ihm vorüber. »Sepp, Sepp!« hörte er sich vom Wagen herab anrufen. Er blickte verwundert auf. Wer konnte ihn hier bei diesem Namen erkennen? Ein junger, sehr elegant gekleideter Herr sprang im Fahren ab und kam auf ihn zugeeilt, ihm beide Hände zum Gruße entgegenstreckend. »Ists möglich. Du hier, alter Sepp! Und in so vornehmer Toilette! Was hast Du hier zu thun? Gewiß Heimlichkeiten, weil Du incognito gehst.« »Himmelsappermenten, dera Fex, dera richtige und wirkliche Fex!« antwortete Sepp. »Bursch, in Wien bist auch? Das ist ja eine Freud und Ueberraschungen, die ich gar nicht derwartet hab!« »Mir geht es ebenso. Wie konnte ich ahnen, daß Du Dich hier befindest! Ich bin ganz perplex vor Entzücken.« »Na, mit dem Entzücken wirst Du – – –« Er unterbrach sich, kratzte sich hinter dem Ohre und fuhr dann fort: »Sappermenten, was mach ich da für eine Dummheiten! So was ist doch nun verboten?« »Was denn?« »Dera Herr sind ja ein Baronen worden, und ich sag immer noch Du zu ihm!« »Das will ich mir auch ausgebeten haben! Für Dich bin ich der Fex, und es bleibt bei dem Du. Verstanden? Uebrigens ist es mit dem Baron noch nicht ganz sicher. Die Erben meiner Eltern sitzen zu fest und wollen nicht weichen und mich nicht anerkennen. Ich glaube aber, daß in Kurzem die für mich günstige Entscheidung fallen wird. Hätte nicht unser guter König Ludwig die Sache selbst in die Hand genommen, so könnte ich prozessiren bis an mein sanftseliges Ende.« »Bist wohl in dieser Angelegenheit hier?« »Nein. Ich such die Muhrenleni.« »Die? Wozu?« »Ich will sie für meine Oper engagiren.« »Hast gar eine Opern compernirt? Sappermenten! Willst so hoch hinaus?« »So hoch wie möglich,« lachte der Fex. »Na, dann Glück zu! Weißt denn, daß die Leni hier in Wien ist?« »Ja. Wir sind stets im Briefwechsel geblieben.« »Und wo sie wohnt und wie sie heißt?« »Ubertinka nennt sie sich und im Hotel de l'Europa ist sie gestern abgestiegen. Das hat sie mir telegraphirt.« »Im Hotel findest sie nicht mehr. Sie hat sich da hinten in dera Mohrengassen ein Logement gemiethet.« »So komm gleich! Führe mich zu ihr!« »Wart noch ein Weilchen! Das geht nicht so schnell, denn ich darf mich dort nicht sehen lassen.« »Nicht? Bist doch nicht etwa mit ihr zerfallen?« »Zerfallen? Was denkst von uns! Der Sepp und seine Leni können niemals mitsammen uneinig werden. Nein, es ist was Anderes. Dera Krickelanton wohnt nämlich mit ihr in demselbigen Haus.« »Dieser? Daß er da ist, weiß ich. Aber daß er bei ihr in demselben Hause wohnt, ist wieder ein seltener Zufall. Aber warum soll er Dich nicht sehen?« »Weil ers dem Baron von Stubbenau verrathen thät, daß ich nicht Hauptmann bin.« Der Fex machte ein erstauntes Gesicht. »Hauptmann? Du? Giebst Du Dich hier etwa für einen Offizier aus?« »Siehst mir das nicht an? Schau ich nicht aus, grad wie ein pensionirter Hauptmann?« »Ja, grad so,« antwortete der Fex, ihn lächelnd musternd. »Aber was ist das für ein Baron, von welchem Du sprichst?« »Das werd ich Dir sagen, wannst jetzt mit in mein Hotelzimmer gehst. Oder hast keine Zeit? Woher kommst, und wohin willst?« »Ich komme direct vom Bahnhofe, habe mein Gepäck dort stehen lassen, um es später abholen zu lassen und wollte mit der Pferdebahn nach dem Hotel de l'Europa zur Leni.« »Ich wohn gleich nebenbei im Kronprinzen von Oesterreichen. Komm mit. Es ist gar nicht weit von hier.« In seinem Zimmer angekommen, bestellte der Sepp ein Frühstück und erklärte dann seinem jungen Freunde: »Weshalb ich eigentlich hier bin, das brauchst nicht zu wissen. Es ist eine Sach, die den König betrifft. Er hat mir einen Auftrag geben, den ich ausführen soll. Nebenbei aberst bin ich auch Deinetwegen mit da.« »Wirklich? In wiefern?« »Ich such einen Kerl, welcher Dir wohl Etwas am Zeug flicken will.« »Wer könnte das sein?« »Eben dieser Baron von Stubbenau.« »Ich kenne ihn nicht, habe ihn also nie beleidigt und kann daher nicht einsehen, was er gegen mich hat.« »Gegen Dich selbst, gegen Deine Person wohl nix. Aberst Dein Prozeß scheint ihm im Kopf zu liegen. Weißt, dera Mensch hat sich einige Wochen in Scheibenbad und Hohenwald umhertrieben und sich da ganz auffällig nach Dir, dem Thalmüller und dem Silberbauer erkundigt. Er ist dann überall gewest, wo Du Dich befunden hattest. Es war klar, daß er Dich suchte. Das hab ich hört und mir einen Vers draus macht. Von da an hab ich ihn aufs Korn nommen und ihn nicht wieder aus denen Augen lassen, bis ich ihm nach Wien nachgereist bin. Ueberall hat er einen andern Namen. Die hiesige Polizei hat ihn auch bereits im Gesicht. Gestern nun hab ich als bayrischer Hauptmann Josef von Brendel, was doch mein eigentlicher Name ist, seine persönliche Bekanntschaft macht, um ihn auszuhorchen. Als er hörte, daß ich aus Bayern sei, hat er von Dir anfangt, und da ich sagte, daß ich Dich kenne, hat er mich ausfragt, wie man einen Schwamm ausquetscht. Ich aberst hab ihm natürlich keine Auskünften geben. Er weiß, daß Du nach Wien kommen willst, und studirt nun die Fremdenlisten, um zu sehen, wo Du wohnst.« »Das ist freilich außerordentlich auffällig.« »Nicht wahr!« »Von wem aber kann er erfahren haben, daß ich nach Wien will?« »Er hat mir natürlich nix sagt.« »Es wissen ja nur drei Personen davon, nämlich ich, die Leni und mein Advocat, der meinen Prozeß führt.« »So! Wirklich weiter Niemand?« »Keine Seele!« »Na, Du hasts nicht verrathen und die Leni auch nicht; also ists der Advocaten gewest. Nimm Dich in Acht! Trau ihm nicht! Vielleichten hängt er auf Deinen Gegnern ihrer Seit, und dann ist dera Prozeß freilich verloren.« »Weißt Du nicht, ob der Baron mich kennt?« »Gesehen hat er Dich noch nicht.« »So werde ich ihn mir einmal betrachten, ohne daß er es weiß, wer ich bin.« »Ja, er hat Vertrauen zu mir gefaßt, und ich denk, daß es mir gelingen wird, aus ihm heraus zu bekommen, was er eigentlich gegen Dich im Schilde führt. Da kommt das Frühstück. Laß uns zugreifen!« Als der servirende Kellner sich wieder entfernt hatte, setzten sie ihre Unterredung fort. Sie erzählten sich, was sie seit ihrer Trennung erlebt hatten. Sepp hatte nicht viel zu berichten, der Fex auch nicht mehr. Er hatte fleißig Musik studirt, praktisch und theoretisch, und dabei die nöthigen, amtlichen Schritte gethan, als der Sohn des todten Barons von Gulijan anerkannt zu werden. Da er als Knabe verschwunden war und längst für todt galt, hatten entfernte Verwandte das reiche Erbe angetreten. Diese bestritten seine Identität, und so wurde ein Prozeß anhängig gemacht, welcher nach und nach alle Instanzen durchlief und nur durch das unmittelbare Eingreifen des Königs eine Beschleunigung erhielt. Der Fex hatte bisher gesiegt und war überzeugt, auch in letzter Instanz den Prozeß zu gewinnen. Die Entscheidung sollte bereits in kurzer Zeit gefällt werden. Nach Dem, was der Sepp jetzt erzählte, konnte man leicht auf eine heimliche Agitation schließen, und darum beschloß der Fex, sich noch heut zu seinem Wiener Advocaten zu begeben. »Und eine Opern hast also macht?« fragte der Sepp endlich. »Was hast ihr denn für einen Titel geben?« »Götterliebe.« »Das klingt recht vornehm. Weißt denn auch, wie die Göttern einander lieb haben?« »Grad so wie die Menschen.« »Dann hätten sie ja gar nix vor uns voraus!« »Du darfst nicht vergessen, daß die Götter der Griechen und Römer nichts waren, als die Personification der menschlichen Verhältnisse und Gefühle. Sie hatten Leidenschaften und Fehler grad so wie die Menschen. Weißt Du, wer den Text gedichtet hat?« »Nix weiß ich.« »Max Walther, der einstige Lehrer von Hohenwald. Und der früher so kranke und elende Elephantenhanns hat die Decorationen gemacht.« »Wie kommst zu ihnen? Die waren doch vorher in Egypten, damit dera Hanns gesund werden soll, und hernach sinds bis jetzt und heut in Italien.« »Wir haben uns stets geschrieben.« »Aberst so eine Decorationen kostet doch ein großes Geldl!« »Der Hanns hats umsonst gemacht. Uebrigens bin ich jetzt sehr gut bei Geld. Ich habe einen Bankier, der mir seine Kasse zur Verfügung gestellt hat da er überzeugt ist, daß ich meinen Prozeß gewinnen werde. Die Oper soll baldigst in Herrenhörmsee aufgeführt werden.« »Wills dera König? Davon hab ich doch gar nix derfahren!« »Er weiß selbst noch gar nichts davon. Es soll eine Ueberraschung für ihn werden. Er soll dabei alle unsere Bekannten sehen, welche er glücklich gemacht hat. Rudolf von Sandau, Hem er den Preis für den Kirchenbau von Eichenfeld zugesprochen hat, soll das Theater bauen.« »Alle Teufel! Ein extra Theater soll baut werden! Da unternimmst zu viel.« »Nein. Es wird ein Bretterbau, zu nur einer einzigen Vorstellung berechnet. Die Leni soll die Venus singen und der Krickelanton den Mars. Das ist das Liebespaar.« »Du, das laß sein. Die Leni mag von dem Anton nix mehr wissen.« »Werden sehen. Es ist jetzt Alles nur im Entwurf. Es ist ein Plan, der noch gar mancherlei Aenderungen erfahren kann. Ich werde vor Allem mit der Leni reden. Meinst Du, daß sie jetzt zu sprechen ist?« »Wahrscheinlich. Aberst nimm Dich in Acht, daß dera Anton Dich nicht derblickt!« »Ich werde aus derjenigen Straßenrichtung kommen, nach welcher die Wohnung Antons nicht liegt. Welche ist das?« »Von rechts.« »Gut. Du gehst nicht mit?« »Nein. Kommst nachher wieder her. Gehst von hier aus die Ferdinandstraß hinab; dann kommst gleich in die Mohrengassen.« Nachdem der Fex sich noch nach der Hausnummer erkundigt hatte, brach er auf. Leider aber hatte er den Alten nicht richtig verstanden. Er ging ganz im Gegentheile so, daß er von Antons Fenstern aus gesehen werden konnte. Bei diesem Letzteren war indessen der Baron wieder eingetroffen und hatte ihm mitgetheilt, daß er eine sehr passende Wohnung gefunden und auch sogleich gemiethet habe. Diese Wohnung lag mit ihrer hinteren Front der hinteren Fronte des Salzmannschen Hauses so grad gegenüber, daß es leicht war, mit einem guten Glase der Sängerin in die Fenster zu blicken. Der Baron führte Anton an das Fenster seines Schlafzimmers und zeigte ihm die in der ersten Etage des betreffenden Hauses gelegenen Fenster des neuen Logis. »Das ist ja ganz vortrefflich!« sagte Anton. »Und für mich paßt es noch vortrefflicher,« dachte der falsche Baron. Laut aber fügte er hinzu: »Nun rathe ich Dir, sofort auszuziehen, vorher aber der Wirthin Deinen Abschiedsbesuch in einer möglichst verächtlichen und beleidigenden Weise zu machen.« »Pah! Ich möchte sie am Liebsten gar nicht ansehen.« »Meinetwegen. Du könntest ihr das auch durch den Lakayen sagen lassen; aber vielleicht bekämst Du dabei die Sängerin zu sehen.« »Da hast Du recht,« stimmte Anton sofort bei. »Ich gehe hinauf und werde gleich Toilette machen.« Er trat an den am Fensterpfeiler befestigten Spiegel. Dabei fiel sein Blick auf die Straße. »Was! Wer ist das?« rief er aus. »Das ist ja der Fex!« Als der Baron diesen Namen hörte, trat er sofort an das Fenster. Aber er sah Niemanden. »Der Fex?« fragte er. »Welch ein sonderbarer Name. Wer ist das?« »Gleich, gleich! Er muß in unser Haus getreten sein. Ich muß das wissen. Ein Bekannter von mir. Entschuldige einen Augenblick!« Er eilte hinaus, durch das Vorzimmer und öffnete die nach dem Hausflur gehende Thür. Es befand sich Niemand da. Droben aber klingelte es. Er hörte eine fragende Männer- und eine antwortende Frauenstimme und dann ging die Vorsaalthür zu. Jetzt kehrte er zu dem Baron zurück. »Er war es,« sagte er. »Er ist oben hinein, bei der Wirthin. Was mag er dort wollen?« Der Baron war auf das Freudigste überrascht, den Namen Dessen zu hören, den er hier in Wien suchte, dessen Ankunft er bisher vergeblich erwartet hatte. Aber er durfte sich das nicht merken lassen. Darum fragte er im ruhigsten Tone: »Wer ist denn eigentlich das Subject, welches Du Fex nennst? Wohl ein Original, wie der Name andeutet?« »Nein, aber doch ein höchst sonderbarer Mann. Er war Fährmann, galt für blödsinnig, war es aber nicht, sondern hatte sich nur so gestellt. Jetzt ist er Baron.« »Wie ist das möglich?« »Er war das abhanden gekommene Kind sehr reicher Eltern.« »Kennst Du den Namen derselben?« »Gulijan. Das Stammschloß der Familie liegt, glaube ich, in der Nähe irgend eines mir unbekannten Nestes, welches Slatina heißt.« Jetzt wußte der Baron, daß er den Richtigen entdeckt hatte. Er fragte weiter und ließ sich von Anton, welcher dabei ununterbrochen an seiner Toilette arbeitete, Alles erzählen, was er wußte. »Wunderbare Schicksale, die dieser junge Mann gehabt hat!« sagte er dann. »Ich möchte ihn wohl kennen lernen.« »Nichts ist leichter als das. Wir sind sehr gute Bekannte, fast möchte ich sagen, Freunde. Ich werde Dir ihn vorstellen.« »Prächtig! Aber wann?« »Heut natürlich noch, jetzt, wenn Du es wünschest. Ich werde ihn oben bei der Wirthin sprechen.« »So beeile Dich!« Als der Sänger dann noch die Hilfe seines Dieners in Anspruch genommen hatte, um sich salonfähig zu machen, begab er sich nach oben und fragte Martha, welche öffnete, ob Frau Salzmann zu sprechen sei. Er wurde in den Salon geführt, erblickte aber den Fex nicht, da dieser sich in Leni's Zimmer befand. Frau Salzmann war auch dort und wurde durch Martha von der Anwesenheit ihres Miethers benachrichtigt. Sie begab sich zu ihm. Er machte eine mehr höhnische als höfliche Verbeugung und sagte: »Störe ich etwa?« »Ja,« antwortete sie aufrichtig. »Sie werden es sich gefallen lassen müssen, denn es sind zwei Gründe, welche meine Anwesenheit hier nöthig machen.« Sie schwieg und blickte ihn erwartungsvoll an. »Ich theile Ihnen nämlich mit, daß ich jetzt ausziehen werde.« »Das erfreut mich ungemein!« »Auch ich bin froh, bei anderen und höflicheren, gebildeteren Leuten wohnen zu können!« »Ich gratulire – aber nicht Ihnen, sondern diesen Leuten. Wenn Sie sich bei denselben in der ersten Nacht so einführen, wie Sie sich in der letzten Nacht hier verabschiedet haben, so werden sie bald wissen, was für einen gebildeten Miether sie haben.« »Frau Salzmann!« rief er zornig. »Schon gut! Sie haben mir jetzt den einen Grund mitgetheilt. Darf ich auch den anderen erfahren?« »Natürlich. Es ist ein Herr bei Ihnen?« »Nein.« »Ich sah ihn eintreten und hörte ihn auch hier oben klingeln.« »So haben Sie gehorcht? Eine neue, sehr empfehlende Eigenschaft, welche ich an Ihnen entdecke. Bei mir ist Niemand.« »Da lügen Sie!« »Herr! Ich lüge niemals! Dieser Herr ist bei meiner neuen Mietherin, der Signora Ubertinka.« »Ich habe ihn zu sprechen. Bitte, melden Sie mich!« »Thut mir leid! Erstens bin ich kein Dienstbote, dem man Befehle ertheilt, und sodann sind die Herrschaften jetzt nicht zu sprechen.« »Für mich ist dieser Herr stets zu sprechen!« »Jetzt nicht. Er befindet sich bei der Signora, und diese hat Befehl ertheilt, daß ganz besonders Sie von ihrer Wohnung fern zu halten seien.« »Ah! Sie beleidigen mich!« »Das hat nicht viel auf sich. Wer keine Ehre hat, der ist nicht zu kränken.« »Mir das! Wenn Sie nicht eine Frau wären, so würde ich Sie jetzt maulschelliren wie einen Packträger. Ich habe übrigens mit Ihnen nichts mehr zu thun und werde mich selbst anmelden. Machen Sie Platz!« Er schob sie von der Thür hinweg und trat auf den Vorsaal. Sie aber eilte ihm nach und ergriff ihn grad noch an der zu Leni's Zimmer führenden Thür am Arme. »Halt!« rief sie im höchsten Zorne. »Sie gehen zurück! Sie verlassen mein Lokal, sonst mache ich das wahr, was Sie gestern sagten – ich lasse Sie wegen Hausfriedensbruch bestrafen.« »In diesem Falle ist von einem Hausfriedensbruch keine Rede. Ich werde – – –« In diesem Augenblicke wurde von innen die Thür geöffnet und ihm mit solcher Gewalt in den Rücken gestoßen, daß er weit zurückflog. Der Fex erschien unter derselben. »Welch ein Skandal!« sagte er. »Was geht hier vor? Bedürfen Sie meiner Hilfe, meine werthe Frau Salzmann?« »Ja. Dieser freche Mensch will bei der Signora eindringen.« »Das wollen wir uns natürlich verbitten!« »Unsinn!« rief Anton. »Ich darf hinein. Fex, kennst Du mich denn nicht mehr! Ich bin es ja, ich.« Er trat näher heran. Der Fex hatte bisher gethan, als ob er ihn nicht erkenne, jetzt aber antwortete er: »Du, der Krikelanton! So, so! Nun, laß mich einmal fragen.« Er wendete sich in das Zimmer zurück: »Signora, gestatten Sie, daß der Herr eintreten darf?« Der Anton wendete den Kopf nach rechts und nach links, um an dem Fex vorüber und die Sängerin sehen zu können. Sie aber hatte sich natürlich so gestellt, daß er sie nicht erblicken konnte, und antwortete: »Nein; ich danke sehr!« »Aber er ist ein alter Bekannter von mir!« »Dann thut es mir leid um Sie, denn es ist keine Ehre, solche Personen zu kennen. Bitte, kommen Sie, und schließen Sie die Thür!« »Donnerwetter!« fluchte der Anton. »Die muß ich mir doch ansehen. Mach Platz, Fex!« Er wollte hinein. Der Fex aber behielt die Thür in der Hand, blieb fest stehen und sagte in ernstem Tone: »Anton, mach keine Dummheit! Die Dame will nichts von Dir wissen!« »Warum? Warum, frage ich?« »Das wird sie selbst wissen; meine Sache ist das nicht. Du aber wirst einsehen, daß es meine Pflicht ist, die Dame zu unterstützen. Es sollte mir leid thun, mich mit Dir veruneinigen zu müssen. Sei also so gut, und zieh Dich zurück!« Diese bittenden Worte verfehlten ihren Eindruck nicht. »Mag sein, daß Du den Beschützer spielen mußt,« antwortete der Sänger. »Wir wollen uns nicht prügeln deshalb. Aber dann, wenn Du gehst, so komm einmal zu mir. Ich wohne im Parterre. Ich bitte Dich, komme aber bestimmt. Willst Du?« »Ja.« »So bin ich befriedigt. Auf Wiedersehen.« Er ging. Der Fex machte die Thür wieder zu und wendete sich an seine Freundin. Frau Salzmann kam jetzt nicht wieder herein. Leni sagte: »Jetzt wirst Du mir glauben, was Du vorhin für unmöglich hieltest. Er ist ein roher Mensch geworden.« »Arme, arme Leni!« Er ergriff ihre Hand und drückte dieselbe theilnehmend. Sie schüttelte abweisend den Kopf. »Bedaure mich nicht, guter Fex. Ich fühle mich keineswegs unglücklich, sondern vielmehr sehr glücklich darüber, daß ich gegen ihn zu nichts mehr verpflichtet bin. Ich hätte als sein Weib die Hölle an seiner Seite gehabt.« »So gratulire ich Dir allerdings von ganzem Herzen. Er hat niemals meine besondere Zuneigung besessen, denn er hatte stets etwas Gewaltsames, Rücksichtsloses an sich. Für so einen Bräutigam findest Du allemal Ersatz.« Sie erröthete. »Ich denke nicht daran. Was Gott thut, das ist wohlgethan. Ich ergebe mich in seinen Willen und habe nichts dagegen, wenn es mein Schicksal ist, ledig zu bleiben. Laß uns lieber von Deiner Liebe sprechen. Sie ist glücklicher als die meinige.« Die Züge des Fex veränderten sich plötzlich. Er wurde bleich, und seine Augen bekamen einen feuchten Schimmer. »Glücklicher?« fragte er. »Wieso?« »Nun, Deiner Paula kannst Du sicher sein.« »Meinst Du? Ah!« Er strich sich mit der Hand über die Stirn und wandte sich ab. »Fex, Fex, was ist mit Dir?« fragte sie erschrocken. »Hats auch mit der Paula Etwas gegeben?« Er nickte, sich ihr wieder zuwendend. »Was denn, was?« »Das hast noch nicht gehört?« »Nein, kein Wort.« »Auch dera Sepp hat Dir nix sagt?« »Nein, gar nix.« Sie fielen Beide in ihrer Herzenserregung in den heimischen Dialekt. »Das wundert mich. Er weiß doch Alles.« »Ich hab ihn ja erst gestern Abend – nach so langer Zeit zum ersten Male wiedergesehen. Und da hatten wir keine Zeit zu langen heimathlichen Berichten.« »Aber er hätte es Dir schreiben können.« »Der? Der schreibt nicht gern. Und wenn er muß, so setzt er sicher nur das Allernothwendigste auf das Papier. Aber Du, Du hättest es mir schreiben sollen. Wir haben doch so viele Briefe wechselt.« »Wer schreibt gern über sein Elend!« »Ists gar so schlimm?« »Leider, leider.« »Was ist geschehen?« »Ja, wenn ich das eben wissen thät!« »Du weißt selber nix? Das ist doch unbegreiflich. Du mußt doch wissen, warum Du unglücklich bist. Ist sie Dir untreu worden?« »O nein, gewiß nicht.« »Was dann?« »Fort ist sie.« »Wohin?« »Kein Mensch weiß es.« »Herrgott, da muß ich gar erschrecken! Die Paula ist fort, das gute, liebe Dirndl! Wie ist denn das kommen?« »Was mit ihrem Vatern geschehen ist, das hast doch erfahren?« »Ja. Er ist fürs ganze Leben in das Zuchthaus kommen.« »Ja, und sein ganz Hab und Gut ist verloren. Jetzund ist dera Finkenheiner Herr in dera Thalmühlen. Er hat sich der Paula annehmen wollen und sie behandeln wollen wie sein Kind. Ich hab das mit ihm besprochen gehabt und war nach Paris, um dort den Unterricht eines berühmten Geigers zu empfangen. Da erhielt ich von dera Paula, die meine Adreß gewußt hat, einen Brief. Als ich das Couvert aufmacht hab, hat es eine Haarlocke und einen kleinen Zettel enthalten. Darauf stand geschrieben – – ich habs hier; ich kanns Dir ja zeigen.« Er knöpfte seine Weste auf und zog unter derselben ein Medaillon hervor, welches er öffnete. Es enthielt eine Locke von Paula's schönem, braunem Haar und den zusammengelegten Zettel. Leni öffnete ihn und las: »Mein einziger Fex! Jetzt ist es aus. Die Schande ist zu groß. Ich kann sie nicht ertragen. Die Thränen verzehren mich, denn die Tochter des Zuchthäuslers darf Dir niemals wieder unter die Augen treten. Ich hab nur Dich geliebt. O Gott, wie ist das Scheiden so schwer, das Scheiden von Dir und dem Leben. Der liebe Gott laß Dich recht glücklich werden. Denk dann zuweilen an Dein unglückliches Eichkatzerl!« Während Leni das las, hatte der Fex sich auf den Stuhl gesetzt. Er legte das Gesicht in seine beiden Hände und weinte bitterlich. Leni sah das und brach auch sofort in lautes Schluchzen aus. »Herrgott, welch ein Herzeleid das ist!« rief sie aus. »Warum hat die Paula das than!« »Ja, warum hat sie mir das anthun müssen!« »Sie hats nicht aushalten konnt!« »Und daran bin ich allein schuld.« »Du? Warum?« »Ich hätt sie gar nicht dort in dera Heimath lassen sollen. Ich hätt sie fortnehmen müssen, wo anders hin, wo sie nix sehen und hören konnt von Allem, was geschehen war. Ich aber hab sie daheimgelassen. Das ist dera Vorwurf, der an meiner Seele sticht und schneidet. Aber ich war ja auch arm und konnt nicht so, wie ich wollt. Ich hatt nur das, was dera König mir gab. Aber wann ichs ihm richtig verzählt hätt, so wär er ganz sicher bereit gewest, dera Paula fort zu helfen. Und das hab ich versäumt!« »Was hast denn than, alst den Brief erhielst?« »Nach Haus bin ich sogleich.« »Durch Frankreich nach Bayern?« »Ja, gleich mit dem nächsten Zuge. Mein Geldl hat grad zu dieser Reise gereicht. Dann hab ich zum Glück den Sepp troffen, der hat mir neues geben. Ich bins ihm heut noch schuldig, denn der Alte will niemals was wieder zurücknehmen.« »Und dann hast nach dera Paula sucht?« »Ja, ich und der Sepp und viele Andere und die Polizei; aber kein Mensch hat eine Spur finden konnt. Sie ist todt.« »Das ist nicht so gewiß, alst denkst!« »O doch. Wann sie noch leben thät, so hätten wir sie längst entdeckt.« »Und ich denk grad das Gegentheil. Wann sie todt wär, so wär ihre Leich ganz sicher funden worden.« »O nein. Es kommt darauf an, wo sie den Tod sucht hat. Wanns sich in einen Abgrund stürzt hat oben im Gebirg oder in einen tiefen Alpensee, dann ist ihre Leich nicht zu finden. Und das wird sie gemacht haben. Es ist im ganzen Land sucht worden, denn nachhero, als es freilich zu spät war, hab ich mich an den König gewendet, und der hat den Befehl geben, die Nachforschung mit aller Anstrengung und allen Mitteln zu betreiben; aberst es ist vergeblich gewest.« Leni legte ihren Arm um seine Schulter. »Und nun hast wohl keine Hoffnung mehr, lieber Fex?« fragte sie. »Keine!« »Das ist doch gar so traurig!« »Ja, es ist nicht auszusagen. Wann ich nur wenigstens ihr Leich funden hätt! Da wüßt ich doch, wohin ich denken müßt, wann ich an sie denken will. Dera liebe Herrgott wird ihr gnädig sein in seiner Allbarmherzigkeit. Sie hats eben nicht überleben können. Sie ist so ganz änderst gewest als ihr Vater. Die Schand hat ihr das Herz abdruckt. Und ich – nun, ob ich das so weiter tragen kann, das weiß ich nicht.« »Fex, versündige Dich nicht auch!« »Was willst? Hab keine Sorg! Ich werd mir nix zu Leide thun. Aberst fressen und nagen und zehren thuts an mir. Wann das so fort geht, nachhero wird dera Mensch schnell alle.« »Du mußt Dich aufraffen!« »Das hab ich versucht.« »Aberst nicht richtig!« »O doch! Ich hab mich in die Arbeit worfen, die doch das beste Mittel gegen das Herzeleid ist – nix hats geholfen. Ich bin auf Reisen gangen – mein Leid ging mit. Ich bins nicht los geworden und kann es überhaupt nicht los werden. Soll ich mich etwa, um es zu vergessen, dem Laster in die Arme werfen, dem Trunk und Spiel?« »Da sei Gott vor!« »Das fallt mir auch gar nicht ein. Und so reibt es mich auf, langsam aber sicher.« »So darf aber ein Mann nicht sagen! Du bist noch so jung, erst ein Jüngling. Wer kann da am Leben und am Herrgott verzweifeln!« »Ja, das ist freilich ein Trost, der einzige, den es giebt. Wer weiß, wozu der Herrgott mir diese Trübsal schickt hat, vielleicht damit ich nicht zu stolz werden soll. Ich werde reich sein und ein Baron dazu; auch werde ich, wie es den Anschein hat, als Virtuos und Komponist mir einen Namen machen. Das ist so viel des Glückes, daß man gar leicht übermüthig werden kann.« Da öffnete die Wirthin die Thür. »Darf ich stören?« fragte sie. »Kommen Sie herein!« antwortete die Leni. »Ich werde gleich wieder gehen; aber da Sie vorhin davon sprachen, daß Sie einige Zeit hier in Wien zu bleiben gedenken und sich da eine Privatwohnung suchen wollen, so glaubte ich, Ihnen sagen zu sollen, daß der Sänger unten noch vor Mittag seine Wohnung verlassen wird. Vielleicht wohnen Sie gern mit Signora Ubertinka in einem Hause.« Diese Worte waren an den Fex gerichtet. »Das ist mir freilich außerordentlich lieb,« antwortete dieser. »Leni, stört es Dich, wenn ich unten einmiethe?« »Gar nicht. Ich werde mich im Gegentheil sehr freuen. Dich an Stelle dieses Menschen unter mir zu haben.« »Gut! Dann miethe ich und ziehe ein.« »Wollen Sie sich das Logis nicht zuvor ansehen?« fragte die Wirthin. »Ist nicht nöthig.« »Sie könnten das ja gleich thun, wenn Sie den Sänger besuchen, wie Sie ihm versprochen haben.« »Ja, das ist wahr. Und damit ich mich schnell entscheide, werde ich gleich hinabgehen. Da ich dann hier wohne, können wir alles Nöthige ja bis später aufschieben. Wir haben Zeit.« Er ging hinab und war nicht wenig verwundert, als ein Lakai ihm öffnete. Der Krikelanton mußte es weit gebracht haben. Der Fex wurde mit einem Effect angemeldet, als ob er zu einem adeligen Herrn zur Audienz befohlen sei. Er glaubte, den Anton allein zu treffen, fand aber den Baron bei ihm. Dieser verschlang ihn fast mit seinem Blicke. »Lieber Freund, das ist der Fex, von dem ich Dir jetzt sagte,« stellte Anton vor. – – »Der Herr Baron von Stubbenau!« Der Baron lächelte gnädig von oben herab. Ueber das Gesicht des Fex aber zuckte ein belustigtes Lächeln. »Du hast heut wohl gar unters Bett guckt, alst aufistanden bist?« fragte er. »Warum?« erkundigte sich Anton, über diese Frage verwundert. »Weilst Alles verkehrt machst.« »Verkehrt? Wieso?« »Den Baron nennst einen Fex und den Fex einen Baron.« »Ich verstehe Dich nicht.« »Und mich stellst Diesem zuerst vor anstatt ihn mir. Hast einen Lakaien draußen stehen. Hättest also von ihm lernen könnt, wie man sich zu verhalten hat, wenn man den Vornehmen spielen will.« »Aber Fex! Ich hoffe doch nicht, daß Du mich beleidigen willst« »Nein, aber Du hast mich beleidigt. Hab ich Dich etwan als Krikelanton begrüßt? Warum nennst mich bei meinem Schimpfnamen Fex? Ich bin ein Baron; das kann ich beweisen. Dieser aber ist keiner; das kann ich auch beweisen. Wie kannsts also wagen, mich ihm vorzustellen, noch dazu mit meinem Schimpfnamen! Wannst denkst, daß das eine Höflichkeiten und Freundschaften ist, so kannst Dich malen lassen. Ich würd sogleich wieder gehen; aberst da ich diese Wohnung miethen will, so will ich sie mir mal anschauen; darum bleib ich da.« Beide, der Sänger wie der Baron waren gleich sehr betroffen von dieser Zurechtweisung. Der Letztere fand zuerst eine Entgegnung. »Herr!« rief er. »Wie können Sie es wagen, in dieser Weise zu einem Baron von Stubbenau zu sprechen! Ich werde – – –« »Maul halten!« donnerte der Fex ihn an, indem er jetzt auf seinen bayrischen Dialect verzichtete. »Sie können sich vielleicht mit Recht einen Herrn von Stubbenau nennen, denn die Ihnen gehörigen Auen werden wohl im Winkel irgend einer alten Stube liegen. Mir machen Sie nichts weiß. Ein Mensch, welcher sich unter den verschiedensten Namen hinter mir her schlängelt und sich in solchen Absichten, wie Sie hegen, um meine Angelegenheiten bekümmert, für den habe ich nicht einmal Ohrfeigen, wenn er es wagt, den Mund aufzureißen. Wenn Sie sich nicht sofort entfernen, lasse ich Sie arretiren! Reif sind Sie dazu!« Das war in einem solchen Tone gesprochen, daß der sogenannte Baron mit offenem Munde dastand und ganz vergaß, eine Antwort zu geben. »Zeige mir Dein Logis!« wendete sich der Fex in fast befehlendem Tone an den Sänger. Dieser wußte nicht, was er denken sollte. Wen sollte er in Schutz nehmen, den Fex oder den Baron? Da riß ihn der Letztere, indem er nach seinem Hute griff, aus der Verlegenheit: »Lieber Freund, um Dich aus diesem Dilemma zu erlösen, entferne ich mich. Alles Uebrige werde ich mir natürlich vorbehalten. Ah! An mich?« Der Diener war in diesem Augenblicke eingetreten und überreichte ihm ein verschlossenes Billet, indem er erklärte: »Ein Stadtträger brachte es. Er war in der Wohnung des Herrn Barons gewesen und hatte dort gehört, daß er den gnädigen Herrn vielleicht hier finden werde.« Der Baron öffnete das Billet. Es enthielt die wenigen Worte: »Der Fex ist angekommen. Stellen Sie sich sofort an dem bewußten Ort ein!« Ein befriedigtes, höhnisches Lächeln glitt über sein Gesicht. Er wendete sich nochmals an den Sänger: »Was hier gesagt wurde bleibt natürlich nicht unbeantwortet. Eine Anleitung zur Beantwortung einer solchen Frechheit habe ich soeben erhalten. Auf Wiedersehen!« Er eilte hinaus, denn er mochte besorgen, von dem Fex in noch kräftigerer Weise zurechtgewiesen zu werden. »Was habt Ihr denn mit einander?« fragte Anton den Letzteren. »Nichts, was Dich interessiren könnte.« »Du kennst ihn doch?« »Ich sehe ihn zum ersten Male.« »Und beleidigest ihn in solcher Weise!« »Er ist ein Schwindler. Nimm Dich vor ihm in Acht. Uebrigens bitte ich Dich, mir seine Adresse zu notiren, damit ich ihn finden kann, wenn ich ihn bei den Ohren nehmen will.« »Fex, was ist das für eine Sprache?« »Die meinige. Jedenfalls weiß ich besser zu reden wie Du. Weißt Du, daß ich ein geborener Baron von Gulijan bin?« »Ja.« »Warum nennst Du mich da Fex, wenn Andere gegenwärtig sind! Das ist eine Flegelhaftigkeit, welche sich nicht wiederholen darf!« »Du, laß solche Ausdrücke! Ich bin kein Freund davon,« antwortete Anton, nun auch zornig. »Pah! Wenn Du Dich unverschämt benimmst, kannst Du keine Höflichkeiten erwarten. Wir befinden uns heut nicht mehr in denselben Verhältnissen wie vor zwei Jahren. Wenn wir uns trotzdem noch Du nennen, so ist das kein Grund, auch noch dazu ungezogen zu sein.« »Oho! Bildest Du Dir auf den Baron – – –« »Still!« unterbrach ihn der Fex. »Ich bilde mir gar nichts ein, weder auf meine Geburt noch auf etwas Anderes; aber ich verlange, daß auch Andere dann mir gegenüber sich nichts einbilden. Damit mag diese Angelegenheit abgethan sein. Ich will mir die Zimmer besehen – –« Ein wunderbares Ungefähr waltete über dem heutigen Tage. Ein so überraschendes Zusammentreffen der Umstände wird von dem Zweifler Zufalls genannt, der gläubige Christ aber nennt es die Fügung Gottes. Der Graf von Senftenberg war gestern mit einem Himmel im Herzen zur Ruhe gegangen. Süße Träume umgaukelten ihn während der Nacht, und als er am Morgen sich von seinem Lager erhob, erinnerte er sich noch in stiller Seligkeit, die herrliche Sängerin während des Traumes in seinen Armen gehalten und von ihr das süße, verschämte Geständniß der Gegenliebe empfangen zu haben. Nach dem Frühstücke besuchte er Commerzienraths, natürlich nur, um dieselben von Leni sprechen zu hören. Dann, am späten Nachmittage, machte er einen Spazierritt. Und wohin? Selbstverständlich wieder nach dem Augarten. Er mußte die Stelle sehen, an welcher er die Holde gestern getroffen hatte. Da stieg er ab und schickte den Reitknecht mit den Pferden heim. Er wollte den Spaziergang zu Fuß fortsetzen. Es ließ sich da viel besser träumen und sinnen, als wenn man auf das Thier Achtung zu geben hatte. Er vertiefte sich in eine entlegene Parthie der jetzt fast einsamen Anlagen und gelangte da zu einer kleinen Borkenhütte, eine Art Pavillon, welcher von zwei Seiten offen war und einen Blick auf die Gruppen der Bäume und Sträucher gewährte. Der andere Theil des Häuschens war zu. Auch der da angebrachte Laden war verschlossen. Als der Graf eintrat, bemerkte er, daß der offene Theil mit Bänken versehen war. Ganz ohne eigentliche Absicht rüttelte der Graf an der Thür. Das rostige Schloß oder vielmehr das morsche Holz, in welchem der Riegel steckte, gab nach. Die Thür ging auf. Bei dem Lichte, welches durch die jetzt offene Thür und mehrere Wandritzen eindrang, sah der Graf, daß dieser Ort den Arbeitern des Augartens zur Aufbewahrung verschiedener Gerätschaften diente. Es lagen da Hacken, Harken, Spaten, Schaufeln und auch zwei alte Handkarren. Die Thür wieder hinter sich zuziehend, kehrte er in den offenen Raum zurück und setzte sich auf eine der Bänke. Er hatte keineswegs die Absicht, auszuruhen, denn er war gar nicht ermüdet. Er that es, wie man eben Etwas thut, weil Einem grad nichts Besseres einfällt. Als er einige Zeit so still und in seinen Gedanken versunken, gesessen hatte, blickte er hinaus und gewahrte einen Herrn, welcher auf dem schmalen Wege grad auf die Hütte zukam. Er stand auf und zog sich in den Hintergrund zurück. Der Mann kam ihm verdächtig vor, denn er blieb öfters lauschend stehen, blickte sich scheu um und hatte überhaupt das Gebahren eines Menschen, dem viel daran liegt, nicht gesehen zu werden. Auch das Gesicht kam ihm desto bekannter vor, je weiter der Mann sich näherte. Es war von einem dunklen Vollbarte umrahmt. »Wer ist dieser Mensch?« fragte er sich im Stillen. Ich habe ihn bereits einmal gesehen, und zwar jedenfalls unter merkwürdigen, für ihn nicht vorteilhaften Umständen. Der Bart, der Bart! Er muß früher keinen getragen haben. Ein guter Mensch ist er nicht. Er kommt hierher. Was will er? Soll ich mich sehen lassen oder mich verbergen?« Noch ehe er die Frage recht ausgedacht hatte, that er das Letztere. Er trat in den verschlossen gewesenen Raum und lehnte sich so fest gegen die Thür, daß dieselbe nicht aufgestoßen werden konnte. Dann hörte er, daß der Betreffende eintrat. Er schien sich umzusehen, dann kam er an die Thür und hantierte an derselben herum, um zu probiren, ob dieselbe offen sei oder nicht. Nun setzte er sich nieder, und es ward still da draußen. Nichts regte sich. Es war dunkel und schmutzig in dem Versteck, und ein fauliger, moderiger Geruch berührte die Nerven des Grafen auf das Unangenehmste. Er wünschte jetzt, sich nicht verborgen zu haben. Da es aber einmal geschehen war, so galt es, auszuharren, bis der Mann sich wieder entfernt hatte. Da stieß der Letztere einen halblauten Pfiff aus und rief sodann: »Salek, hier!« Bald vernahm der Graf den Schritt eines Zweiten. Dieser sagte, indem, er eintrat: »Ah, Herr Baron, schon hier! Soeben erhielt ich Ihre Zeilen und eilte sofort her.« Diese Stimme kam dem Grafen sehr bekannt vor. Sie wurde aber in dem Raume so eigenthümlich gebrochen, daß sie nicht ihre natürliche Färbung hatte. »Ist mir lieb, daß ich nicht lange zu warten brauche. Ich theilte Ihnen mit, daß er endlich hier ist. Ich erfuhr es telegraphisch, als er aus Pest abfuhr und eilte ihm mit dem nächsten Zuge nach. Nun müssen wir zu erfahren suchen, wo er abgestiegen ist.« »Ich weiß es bereits.« »Ah! Das wäre wunderbar. Sie kennen ihn ja gar nicht.« »Der Zufall hat ihn mir verrathen.« »So! In welchem Hotel wohnt er?« »Er hat sich soeben Privatlogis genommen.« »Wo? Oder« – setzte er schnell hinzu – »sagen Sie mir es lieber nicht. Es ist besser, daß ich diese Sachen gar nicht weiß, damit ich gegebenen Falls außer Spiel komme. Sie wissen, was ich von Ihnen fordere?« »Ja, die Papiere.« »Richtig. Er hat nämlich nur die Abschriften derselben zu den Acten gegeben, und ich weiß ganz genau, daß er die Originale stets bei sich führt. Er vertraute sie Niemandem an. Ein Schreiber seines Advocaten, den ich bestochen habe, hat es mir verrathen. Nun aber ist die Frage, auf welche Weise man sie ihm abnehmen kann.« »Ja, das ist schwer.« »Ich kann und mag mir den Kopf nicht darüber zerbrechen. Ich bin kein Einbrecher wie Sie. Das ist vielmehr ihre Sache. Ich bezahle Sie, und Sie führen es aus. Wie, das geht mich nichts an. Werden Sie dabei erwischt, so ists Ihr Schaden allein. Ich weiß von nichts, und Sie können nicht den geringsten Beweis bringen, daß ich Ihr Auftraggeber bin.« »Sie handeln da sehr schlau. Da in Folge dessen die ganze Last aus mich fällt, können Sie sich denken, daß ich mein Honorar darnach bemesse.« »Honorar!« lachte der Baron. »Sehr gut! Ein Einbrecher wird honorirt! Sagen Sie das in späteren Fällen einmal dem Untersuchungsrichter! Aber ich denke nicht unbillig. Sie sollen gut bezahlt werden. Das besprechen wir nachher noch. Jetzt aber sagen Sie mir, wie Sie die Sache ausführen wollen!« »Hm, hm! Ich habe bereits einen vortrefflichen Gedanken – aber, find Sie sicher, daß wir hier nicht belauscht werden?« »Es ist Niemand hier.« »Dort ist eine Thür!« Sie ist verschlossen. Es liegt jedenfalls eine alte Rumpelkammer dahinter. Wer sollte sich da verstecken! Es wußte ja Niemand, daß es hier Etwas zu erlauschen giebt.« »Ich werde mich doch selbst überzeugen.« Er ging zur Thür und versuchte, dieselbe aufzusprengen; dies gelang ihm aber nicht, da der Graf sich mit aller Gewalt dagegen stemmte. »Ja, wir sind allein,« meinte er beruhigt, indem er zu dem Andern zurückkehrte. »Ich will Ihnen nämlich so viel sagen,« sprach der Baron, »daß der Hof seiner Wohnung an den Hof und Garten der Wohnung eines Sängers stößt, welcher mein Freund ist. Ich werde diesen Freund besuchen und ihn spät Abends so betrunken machen, daß er die Besinnung verliert. Er liebt den Champagner sehr. Dann habe ich freies Spiel, steige von einem Hof in den anderen und – na, das Uebrige ist ja meine Sache. Sie wollen nichts davon hören.« »Aber wie kommen Sie in seine Wohnung?« »Sie liegt parterr, und er schläft in dem Zimmer, welches nach dem Hofe liegt. Da kann es mir also gar nicht bange sein, hinein zu kommen. Man versteht ja sein Fach. Es giebt recht hübsche Mittel, eine Fensterscheibe einzudrücken.« »Wird er das nicht hören?« »Unmöglich. So Etwas verursacht nicht das kleinste Geräusch, nämlich wenn man es richtig macht. Grad das macht mir die allerwenigste Sorge. Wenn es nur nicht einen anderen Punkt gebe, der mir gar nicht behagen will!« »Welcher wäre das?« »Ich komme jetzt von dem Sänger, meinem Freunde, und bin da mit diesem Fex zusammengetroffen. Er wollte sich das Logis ansehen, und bei dieser Gelegenheit gerieth ich in Conflict mit ihm.« »Welch eine Unvorsichtigkeit!« »Nicht ich war schuld daran. Ich sprach gar nicht mit ihm. Mein Freund aber beging einen Fehler; er stellte ihn mir vor und nannte ihn dabei Fex anstatt Baron. Das ärgerte ihn, und er äußerte, daß nicht er mir, sondern ich ihm vorgestellt werden müsse, denn er sei Baron, ich aber nicht. Natürlich war ich da zu einer scharfen Entgegnung gezwungen, auf welche er mir mit der Polizei drohte.« »Donnerwetter! Weiß er denn Etwas?« »Es scheint.« »Das wäre dumm, sehr dumm!« »Er warf mir vor, daß ich mich in seine Angelegenheit mische und in seinen Spuren laufe. Woher weiß er das?« »Von mir natürlich nicht.« »Von mir ebenso wenig. Es versteht sich ja ganz von selbst, daß ich zu keinem Menschen Etwas sage.« »Wenn Sie wirklich gewiß sind, nicht geplaudert zu haben, so ist nur anzunehmen, daß Ihr Suchen nach ihm irgend Wem aufgefallen ist, der ihn davon benachrichtigt hat.« »Wer könnte das sein? Diese Benachrichtigung müßte von Lügnern aus erfolgt sein, und der Betreffende müßte auch meinen falschen und meinen richtigen Namen kennen.« »Anders ist es gar nicht möglich. Das ist ein sehr bedenklicher Punkt. Nehmen Sie sich in Acht! Wenn es so steht, so müssen wir gewärtig sein, daß man die Polizei bereits auf Sie aufmerksam gemacht hat. Haben Sie in dieser Beziehung noch nichts bemerkt?« »Leider ja, aber nicht erst seit heute, sondern bereits früher. Ihre Aufmerksamkeit muß also andere Gründe haben. Jedenfalls werde ich die äußerste Vorsicht anwenden. Erwischen lassen, das giebt es bei mir nicht.« »Ich will es hoffen. Natürlich bin ich da zu doppelter Vorsicht angeregt. Ich werde mich mit Ihnen gar nicht sehen lassen. Gut ist es da, daß ich einen andern Namen angenommen habe.« »Haben Sie sich im Hotel bereits eingetragen?« »Nein. Ich bin über die Wahl desselben noch unentschlossen. Ich trage mich als Baron von Wellmer in das Fremdenbuch ein. Es ist gar nicht nöthig, daß Sie erfahren, wo ich wohne, denn Sie dürfen mich nicht aufsuchen, ebenso wenig wie ich in Ihre Wohnung komme. Es darf uns eben kein Mensch beisammen sehen.« »So schreiben wir uns? Vielleicht poste restante?« »Auch das ist zu gefährlich.« »Aber wir müssen doch mit einander verkehren! Wie sollen Sie sonst die Papiere erhalten, wenn es mir gelungen ist, sie zu bekommen?« »Hier! Ich werde alle Morgen punkt neun Uhr hier im Pavillon sein. Ist Ihnen während der Nacht der Einbruch gelungen, so bringen Sie mir den Raub hierher. Ich werde stets genau eine Stunde hier auf Sie warten.« »Schön! Und meine Belohnung?« »Erhalten Sie sofort, wenn ich mich überzeugt habe, daß Sie mir wirklich das Gewünschte gebracht haben.« »Das ist mir lieb. Auf diese Weise werden alle Weitläufigkeiten, welche gefährlich werden können, vermieden. Wieviel aber zahlen Sie?« »Fordern Sie!« »Das ist zu schwierig. Lieber höre ich Ihr Gebot.« »Ein Angebot zu thun ist für mich ebenso schwierig. Sie müssen doch wissen, wieviel Sie für einen solchen Einbruch verlangen.« »Meinen Sie, daß wir Einbrecher eine bestimmte Preisliste haben? Mein Honorar muß nach dem Werthe, welchen die Papiere für Sie haben, berechnet werden.« »Ah!« machte der Baron gedehnt. »Das klingt ja, als ob – –« »Nun was? Wie klingt es?« »Als ob Ihre Forderung eine sehr hohe sein werde.« »Damit geben Sie zu, daß der Werth der Papiere ein sehr hoher für Sie ist.« »Doch nicht ganz.« »Leugnen Sie nicht. Es handelt sich um das ganze, reiche Erbe, welches Sie an den Fex abzutreten haben.« »Das ist doch nicht so gewiß, wie Sie anzunehmen scheinen. Ich kann den Proceß noch in letzter Instanz gewinnen.« Daran haben Sie noch vorhin erst gezweifelt. Sie gaben zu, daß Sie den Besitz nur dadurch für sich sichern könnten, wenn die Papiere in Ihre Hände gelangen. Nun kenne ich den Werth Ihrer Erbschaft sehr genau. Es war ein bedeutendes Baarvermögen vorhanden, und auch ohne demselben repräsentiren die liegenden Güter und Besitzungen einen Werth von Millionen. Da kann ich natürlich meine Freiheit nicht für einen Pappenstiel auf das Spiel setzen.« »Lassen wir alle Auseinandersetzungen. Ich möchte mich in den Besitz der Documente setzen, habe aber keine Lust, mir Daumenschrauben anlegen zu lassen. Sagen Sie einfach, wieviel Sie verlangen!« »Gut! Fünfzigtausend Gulden.« Eine kurze Pause entstand; dann rief der Baron: »Sind Sie bei Sinnen?« »Ist es Ihnen etwa zu viel?« »Natürlich! Fünfzigtausend Gulden! Das ist ja ein Vermögen, von welchem Sie dann ganz anständig leben könnten.« »Pah! Das würde zu vier Procent zweitausend Gulden ergeben. Meinen Sie, daß man von so einer Lappalie leben kann? Und noch dazu anständig? Ich habe zu wenig gefordert.« »Auch noch! Zu wenig!« »Zahlen Sie diese Summe?« »Nein.« »Nun wohl, so haben Sie die Güte, sich die Documente selbst zu stehlen!« Der Graf hörte, daß Salek einige Schritte that, um sich zu entfernen. »Das habe ich nicht nöthig,« lachte der Baron. »Wenn Sie zu viel verlangen, so habe ich Andere, welche billiger sind.« »Aber die Geschichte nicht fertig bringen!« »Doch wohl! Ich glaube, Sie haben Collegen, welche ebenso gewandt sind wie Sie.« »Mag sein. In dem vorliegenden Falle aber bin ich jedem Andern voraus. Ich habe mir den Weg zum Fex bereits geebnet.« »Das wird jeder Andere auch thun!« »Versuchen wird er es, ja; aber an dem Gelingen wird es fehlen; das weiß ich ganz gewiß.« Seine Stimme klang scharf, fast drohend. »Wie meinen Sie das?« fragte der Baron, nun seinerseits auch in einem weniger freundlichen Tone. »Das heißt, daß Sie mir diesen Auftrag ertheilt haben und ich wochenlang bereits für Sie thätig gewesen bin. Ich will das nicht umsonst gethan haben, und lasse mir von keinem Andern in diese Angelegenheit pfuschen.« »So! Das klingt ja wirklich drohend!« »Nehmen Sie es, wie Sie wollen!« »Ich nehme es einfach so, daß mir Ihr Preis viel zu hoch ist, und ich mich darum an einen Andern wenden werde.« »Das kann ich nicht erlauben!« »Donnerwetter! Wollen Sie mir Vorschriften machen, Salek?« »Allerdings!« »Das lassen Sie sich ja nicht einfallen!« »Warum nicht? Sie scheinen die Angelegenheit noch nicht recht überdacht zu haben. Ich habe Ihnen schon oft gedient, auch in anderen Dingen, und Sie sind stets mit mir zufrieden gewesen. Weniger zufrieden war ich mit Ihnen, da Sie nur spärlich zahlten. Sie vertrösteten mich immer auf den gegenwärtigen Coup und versicherten mir, daß derselbe mir desto mehr einbringen werde. Nun ich an das Werk gehen will, beabsichtigen Sie, sich an einen Andern zu wenden. Sie müssen natürlich einsehen, daß mir das nicht behagen kann!« »So fordern Sie weniger!« »Daß ich dumm wäre!« »Nun, so gehe ich eben weiter!« »Und ich wiederhole, daß ich Ihnen das nicht erlaube.« Es entstand jetzt eine neue Pause, während welcher sich der Baron wohl Mühe gab, seinen Zorn zu beherrschen. Dann antwortete er: »Mit dieser Drohung dürfen Sie mir nicht kommen. Ich lache einfach über Sie. Ich bin keineswegs abhängig von Ihnen.« »Vielleicht doch. Jedenfalls aber hängt das Gelingen Ihres Planes von mir ab.« »Schwerlich!« »Das wollen Sie nicht einsehen? Baron, ich habe Sie für klüger gehalten! Meinen Sie, daß ein Einbrecher ein sittlicher Held sein und den Uebernoblen spielen werde? Jeder ist sich selbst der Nächste. Sobald Sie mir den Auftrag entziehen, sorge ich dafür, daß der Streich nicht gelingen kann.« »Alle Teufel! Was wollen Sie thun?« »Den Fex benachrichtigen, ihn warnen.« »Das werden Sie natürlich bleiben lassen!« »Warum?« »Weil Sie sich dabei selbst im Lichte stehen würden.« »Keineswegs.« »Jedenfalls. Sie müßten ihm doch sagen, woher Sie wissen, was ich vor habe.« »Ich würde die Sache natürlich anders darstellen, als sie ist. Ich würde vielleicht sagen, daß ich Sie belauscht habe, als Sie einem Unbekannten den Auftrag gaben, die Papiere zu stehlen. Ich würde vielleicht sogar die Polizei benachrichtigen.« »Diese würde jedenfalls sofort errathen, daß Sie selbst jener Unbekannte gewesen sind« »Möglich. Aber beweisen könnte es mir Keiner. Und nun überlegen Sie sich einmal, welch ein Licht das auf Ihren Proceß werfen müßte!« »Ein schlimmes nicht, denn man würde Ihnen einfach keinen Glauben schenken, weil man Sie kennt.« »Man müßte mir glauben, denn ich würde beweisen, daß Sie sich unter einem fremden Namen hier aufhalten. Das thut natürlich nur Jemand, der das Licht zu scheuen hat.« »Auch dagegen kann ich mich verwahren, indem ich sofort abreise.« »In diesem Falle würden Sie Ihre Angelegenheit im Stiche lassen, und ich hätte also meinen Zweck erreicht. Das genügt.« »Salek, Sie sind ein Schuft!« »Und Sie auch kein Engel.« »Sie handeln schurkisch an mir!« »Und Sie lumpig gegen mich. Uebrigens würde es mir sehr leicht werden, zu beweisen, daß Sie in Wien waren und hier in diesem Pavillon eine Unterredung mit einem Unbekannten gehabt haben.« »Das machen Sie mir nicht weiß!« »O doch! Ich hätte da weiter nichts zu thun, als mich nicht von Ihnen zu trennen. Wenn ich von diesem Augenblicke an an Ihrer Seite bleibe, können Sie mir nicht entweichen, und ich brauche Sie nur dem ersten besten Sicherheitswachmann zu zeigen. Dieser nimmt Sie mit, und Sie werden gezwungen, Ihre Personalien festzustellen. Dann wird man mir glauben.« »Elender!« »Ich wiederhole, daß Sie von einem Einbrecher nicht verlangen können, daß er ein Tugendheld sei. Es giebt ja sogar Leute, welche niemals eingebrochen haben, aber Andere dazu verleiten. Wer ist da der größte Schurke?« »Mensch! Sie werden frech! Das kann ich mir nicht bieten lassen. Ich sehe also von der ganzen Angelegenheit ab. Ich mag die Papiere nun gar nicht haben!« »Das glaube ich Ihnen nicht. Sie wollen und müssen sie haben, gegen mich thun Sie, als ob Sie ganz verzichten, und sobald wir uns getrennt haben, suchen Sie einen Andern auf.« »Denken Sie, was Sie wollen. Mit Ihnen bin ich fertig. Ich gehe!« Der Graf hörte, daß der Sprecher einige Schritte that; aber der Andere folgte ihm sofort und erklärte in sehr bestimmtem, höhnischem Tone: »Allein gehen lasse ich Sie nicht. Ich gehe mit!« »Sie bleiben!« erklang es gebieterisch. »Pah! Ich kann gehen, wohin ich will!« »Aber nicht mit mir.« »Ereifern Sie sich nicht. Ich gehe nicht mit Ihnen, sondern hinter Ihnen. Ich werde mich so lange an Ihre Fersen heften, bis Sie polizeilich feststellen müssen, wer und was Sie eigentlich sind.« »Salek! Ich hätte nie gedacht, welch ein ungeheurer Schurke Sie sind!« »Nicht? Dann sind Sie kein Menschenkenner. Ich bin mir über Sie sofort klar gewesen. Sie wissen ganz genau, daß Sie sich im Unrecht befinden und daß der Fex wirklich Ihr Verwandter ist. Sie selbst haben mir das gestanden. Dennoch wollen Sie ihm nicht nur sein väterliches und mütterliches Erbtheil rauben, sondern ihn auch in das Dunkel zurückschleudern, aus welchem er aufgetaucht. Ueberlegen Sie sich, ob ich da viel besser von Ihnen denken kann als Sie von mir!« »Ich verbitte mir solche Vergleiche!« »So legen Sie mir dieselben nicht erst nahe!« »Das habe ich nicht gethan!« »Natürlich haben Sie es gethan! Indem Sie sich erlauben, sich über meine Moralität auszusprechen, fordern Sie mich indirect auf, auch die Ihrige zu beleuchten. Sie handeln überhaupt nicht als ein kluger Mann. Wer Millionen gewinnen will, der kann leicht fünfzigtausend Gulden zahlen. Diese Summe repräsentirt die Zinsen von nur einer Million. In einem Jahre ist das abgemacht. Ich gestehe, daß es mir geradezu unmöglich ist, Sie zu begreifen.« »Von Ihrem Standpunkte aus mögen Sie Recht haben, aber von dem meinigen nicht. Ich habe den Proceß noch nicht gewonnen und soll Ihnen bereits eine so hohe Summe zahlen. Meinen Sie, daß ich mich nur zu bücken brauche, um dieses horrende Geld von der Straße aufzuheben?« »Nun, was diesen Punkt betrifft, so werde ich mit mir sprechen lassen. Wir können uns ja einigen und ein Abkommen treffen, welches sowohl mich, als auch Sie befriedigt.« »So machen Sie mir Ihre Vorschläge!« »Zahlen Sie einen Theil jetzt und den andern Theil dann, wenn Sie den Proceß gewonnen haben.« »Wieviel?« »Die Hälfte.« »Hm!« »Damit können Sie zufrieden sein. Ich gebe Ihnen mein Wort, daß dies die einzige und letzte Concession in, welche ich Ihnen mache.« Der Baron ging nicht sofort auf die Forderung ein. Beide stritten sich noch längere Zeit hin und her. Da aber Salek nicht nachgab und bei der Drohung, die Sache zu verrathen, blieb, so stimmte er endlich gezwungenermaßen bei. Er mußte dem Einbrecher Wort und Handschlag geben. Wenn er aber gemeint hatte, daß die Sache nun geordnet sei. und er vielleicht gar irgend welche Hintergedanken hegen könne, so hatte er sich geirrt. Der Spitzbube war ein schlauer, geriebener und erfahrener Patron. Er bemerkte in einem höchst freundlichen, aber dabei ironischen Tone: »Jetzt fühlen Sie sich befriedigt. Nicht wahr?« »Gezwungener Maßen, ja. Sie thun es ja nicht anders.« »Also, wenn ich die Papiere bringe, erhalte ich die Hälfte sofort in guter, gangbarer Münze?« »Ja.« »Und die andere Hälfte sobald Sie den Proceß gewonnen haben?« »Natürlich! So ist es ausgemacht. Wir haben das besprochen, und es ist nichts mehr darüber zu bemerken.« »O doch!« »Ich wüßte nicht, was!« »Desto besser weiß ich es. Sie machen mir nämlich plötzlich ein so schlaues, zufriedenes Gesicht, daß ich glaube, sehr vorsichtig sein zu müssen.« »Von diesem Gesichte habe ich keine Ahnung!« »Ich aber sehe es und weiß, was es zu bedeuten hat. Sie haben jedenfalls die Absicht, mich zu betrügen.« »Welch ein Gedanke! So Etwas ist ja nicht möglich!« »Sehr leicht sogar.« »Wie denn, Sie fataler Mensch?« »Sie brauchen mir nur die zweite Zahlung zu verweigern; dann kann ich gar nichts dagegen thun.« »Fällt mir nicht ein!« »Kann Ihnen aber später leicht einfallen. Darum muß ich als kluger Mann meine Vorkehrungen treffen.« »Ist Alles unnöthig!« »Ich meinerseits halte es für sehr nöthig und werde also meine Forderung an Sie stellen.« »Kommen Sie mir ja nicht mit weiteren Forderungen! Ich gehe ganz bestimmt auf nichts mehr ein.« »Keine Angst, Baron! Ich fordere kein Geld. Es ist nur eine Bedingung, welche ich machen will.« »Hole der Teufel Ihre Bedingung!« »Sehr freundlich! Ich werde sie aber dennoch machen. Sobald ich Ihnen hier an diesem Orte die Papiere übergebe, zahlen Sie mir fünfundzwanzigtausend Gulden und geben mir dazu einige Zeilen mit Ihrer Unterschrift, daß Sie mir für die Dokumente noch die gleiche Summe zu geben haben.« »Fällt mir nicht ein!« »Warum nicht?« »Mein Wort gilt! Ich habe keine Lust, mich in eine solche Gefahr zu begeben.« »Gefahr?, Davon kann ja keine Rede sein.« »Denken Sie, was erfolgen muß, wenn meine Unterschrift, in falsche Hände gerathen sollte!« »Das ist unmöglich. Ich würde sie natürlich so verwahren, daß kein Mensch sie zu finden vermag.« »Trau, schau, wem! Bei Ihnen ist so Etwas am allerunsichersten aufgehoben. Sie können sehr leicht einmal mit der Polizei zu thun bekommen.« »Selbst in diesem Falle wird nichts gefunden.« »Das glaube ich nicht.« »Wenn ich versichere, daß ich ein Versteck habe, welches die absoluteste Sicherheit bietet, so können Sie es glauben. Ich gebe die Documente nicht anders her. Das ist mein fester Entschluß und Wille.« Abermals begann ein längeres Hin- und Herreden; dann endlich willigte der Baron ein. Die Beiden reichten sich die Hände; dann ging der Einbrecher. Der Baron blieb noch zurück, um nicht mit ihm gesehen zu werden. Der Graf hörte ihn murmeln: »Verfluchter Hallunke! Ihm ist nicht beizukommen! Ich hätte ihm wirklich nur die eine Hälfte bezahlt. Aber er ist zu schlau.« Als ungefähr zehn Minuten vergangen waren, entfernte auch er sich. Der Graf durfte trotzdem noch nicht vollständig aus seinem Verstecke treten, weil er von dem Baron gesehen worden wäre, im Falle dieser sich umgedreht hätte. Er öffnete die Thür nur ein wenig und blickte dem sich Entfernenden nach »Wenn ich mich nur besinnen könnte!« sagte er zu sich. »Ich habe diesen Baron gesehen, und auch seine Stimme kenne ich. Hoffentlich fällt es mir noch ein. Ich muß ihm nach und lasse ihn nicht aus den Augen.« Als der Genannte hinter dem Gesträuch verschwunden war, eilte der Graf hinter ihm her. Später konnte er sich ja sehen lassen, ohne den Verdacht zu erregen, daß er gelauscht habe. Er blieb dem Baron so nahe, daß dieser ihm nicht entgehen kannte. Nur bei Krümmungen des Weges verlor er ihn für kurze Momente aus den Augen. So gingen Beide durch verschiedene Anlagen und gelangten dann auf einen breiteren Weg. Der Graf hatte die feste Absicht, den Baron einzuholen, und ihn in ein Gespräch zu verwickeln, leider aber kam er nicht dazu. Zwei Damen kamen ihnen entgegen. Der Baron ging an ihnen vorüber, und als sie näher kamen, erkannte der Graf – Frau Salzmann und die schöne Sängerin. Da verstand es sich ganz von selbst, daß er die Verfolgung aufgab. »Ich kenne doch den Namen Wellmer, den er sich beilegen will,« dachte er. »Morgen wird derselbe in den Fremdenlisten zu lesen sein.« Leni erröthete, als sie ihn erkannte. Sie war ganz in derselben Absicht wie er hierhergekommen. Es trieb sie an den Ort, an welchem sie ihn gesehen hatte, und es war ihr, als ob er ihr dies ansehen müsse. Daher ihre Verlegenheit. Ob er es ahnte? Seine Augen leuchteten freudig auf, und ein glückliches Lächeln breitete sich über sein männlich schönes Angesicht. Natürlich blieben die Drei stehen, um sich zu begrüßen. Aber bereits nach den ersten wenigen Worten sagte er im Tone der Bitte: »Entschuldigen die Damen, wenn ich eine Frage ausspreche, welche mit meiner Freude, Sie hier zu sehen, gar nicht in Verbindung steht. Kennen Sie vielleicht den Herrn, der soeben an Ihnen vorüberging?« Beide verneinten. »Ich traf ihn zufällig und habe Veranlassung, zu erfahren, wer er ist.« »So eilen Sie ihm nach!« antwortete Frau Salzmann. »Wir bitten Sie darum!« »O nein. Einer so unverzeihlichen Unhöflichkeit darf ich mich nicht schuldig machen.« »Es ist keine Unhöflichkeit. Wir können Sie nicht für den Verlust entschädigen, den Sie erleiden werden.« »Es handelt sich nicht um einen Verlust, und selbst im Gegenfalle würde ich durch die Erlaubniß, mich Ihnen für wenige Minuten anschließen zu dürfen, überreich entschädigt sein.« So setzte er nun im Verein mit ihnen den Spaziergang fort, und begleitete sie, als der Rückweg angetreten wurde, so weit, wie die Höflichkeit es erforderte und gestattete. Das Gespräch bewegte sich um ernste Gegenstände, und da fand es sich, daß die Sängerin in Vielem, ja in Allem mit ihm harmonirte. Ihre Lebensanschauungen waren ganz die seinigen, und es herrschte zwischen ihnen eine Gesinnungsgleichheit, welche ihn entzückte. Dann begab er sich nach dem ›Kronprinzen von Oesterreich‹, um dem alten Hauptmanne seinen Besuch abzustatten. Er fand ihn nicht daheim und ließ seine Karte zurück, auf welcher er ihm mittheilte, daß er ihn am Abende abholen wolle, um ihn in das Casino einzuführen. Dann begab er sich nach Hause. Dort erst bekam er Muse, über seine Erlebnisse im Pavillon nachzudenken. Es handelte sich um einen Einbruch, um den Raub von Papieren, welche entscheidend auf den Verlauf eines Erbschaftsprocesses wirken mußten. War es nicht seine Pflicht, den ganzen Vorgang und Alles, was er gehört hatte, der Polizei zu melden? Sicher! Aber indem er weiter darüber nachdachte, kam er zu dem Entschlüsse, noch bis morgen zu warten, um aus der Fremdenliste zu erfahren, in welchem Gasthofe der angebliche Baron von Wellmer wohne. Nach dem ganzen Verlaufe des Gespräches zwischen diesem und dem Einbrecher war es nicht sehr wahrscheinlich, daß die That bereits heute vorgenommen werden würde. Damit war diese Angelegenheit für jetzt abgethan, und der Graf lenkte seine Gedanken auf einen viel schöneren Gegenstand – sein Zusammentreffen mit Leni, aus welchem es ihm vielleicht erlaubt war, zu schließen, daß sie sich gern an ihre erste, gestrige Begegnung erinnere. In diesem beglückenden Gedanken verbrachte er den übrigen Theil des Tages und ging dann am Abende, um Sepp abzuholen. Gerade um dieselbe Zeit ging der Baron von Stubbenau nach der Lilienbrunngasse, wo die Tänzerin Valeska wohnte. Sie war keineswegs die Domina des Corps de Ballet, und das Salair, welches sie bezog, war für ihre Bedürfnisse ein außerordentlich bescheidenes zu nennen. Dennoch hatte sie sich in einem ersten Stockwerke der genannten Straße eine prächtig möblirte Wohnung gemiethet, welche sie von ihrem Gehalte unmöglich bestreiten konnte, zumal sie sehr splendid lebte. Man vermuthete daher, daß sie ihre Schönheit als Quelle einer besseren Einnahme benutze, doch zeigte sie in nichts, daß diese Vermuthung die richtige sei. Es verkehrten keine Herren bei ihr, und die Summen, welche sie ausgab, mußten einer sehr geheimnißvollen Quelle entstammen. Nur der Baron von Stubbenau besuchte sie oft, und seit einiger Zeit hatte man den Sänger Criquolini zu ihr gehen sehen. Als der Erstere von der Zofe angemeldet worden war, trat er in das Boudoir der Tänzerin. Es war ausgestattet wie das Gemach einer Millionärin. Valeska lag auf dem Sopha, in einen leichten Schlafrock gehüllt, durch dessen Stoff ihre üppigen Formen schimmerten. Sie breitete ihre Arme aus, und er ließ sich mit vieler Wärme von ihr umfangen. »Dich hätte ich nicht erwartet,« sagte sie, ihn küssend. »Ich glaubte Dich bereits bei Criquolini.« »So weißt Du also, daß ich zu ihm geladen bin?« »Ja. Er war hier.« »Und hat auch Dich geladen?« »Natürlich. Ich freue mich darauf. Er versicherte, daß ich die Tafel und die Weine ganz vorzüglich finden werde. Es wird das ein allerliebstes Gelage sein, und ich habe sehr große Lust, diesen Anbeter unter den Tisch zu trinken.« »Das ist auch meine Absicht.« »So?« Sie blickte ihn forschend an. Als sie das bedeutungsvolle Lächeln bemerkte, welches um seine Lippen zuckte, fragte sie: »Hast Du einen besonderen Grund dazu?« »Einen sehr besondern und wichtigen. Ich habe heut Gulijan getroffen. Er zahlt fünfzigtausend Gulden, die Hälfte sofort nach Empfang der Papiere. Ich hole sie mir heut.« »Bravo!« »Und noch mehr hole ich mir heut. Wenn Du mir nur helfen könntest.« »Warum nicht? Bin ich doch stets Deine Verbündete. Oder ists heut zu gefährlich für mich?« »Ich glaube nicht. Es ist von mir Alles so vorbereitet worden, daß es gar nicht mißlingen kann. Criquolini hat Dir gesagt, daß er ausgezogen ist?« »Ja. Warum that er das?« »Seine Wirthin zwang ihn dazu, weil er zudringlich gegen ihr Dienstmädchen wurde.« »Der Affe! Er hat ja mich!« Sie sagte das gar nicht etwa im Tone der Eifersucht, sondern sie lachte sogar dazu. »Da hat er allerdings eigentlich genug,« antwortete der Baron. »Aber er ist wirklich unersättlich. Er hat es nebenbei auch auf die Ubertinka abgesehen.« »Alle Teufel! Das ist dumm, denn diese kann mir leicht gefährlich werden!« »Sie soll freilich verdammt schön sein. Du hast Dich also in Acht zu nehmen.« »Der Kukuk hole sie! Könnte ich ihr doch einen Possen bereiten!« »Das kannst Du. Ich will mir heut ihre Diamanten holen.« »Sapperment! Hat sie welche?« »Und was für welche! Willst Du helfen?« »Allemal.« »So sollst Du meinen Angriffsplan erfahren.« Er setzte sich zu ihr auf das Sopha, zog sie in seine Arme und theilte ihr seine Absichten mit. Als er geendet hatte, stimmte sie ihm bei und sagte lachend: »Wenn die liebe Wiener Polizei wüßte, daß einer der gefürchtetsten Einbrecher hier eine – – Tänzerin ist! Ich habe bei Dir eine gute Schule genossen. Aber, Egon, Eins sage ich Dir: ich ahne, daß Du auch gegen Criquolini gewisse Absichten hegest!« Er lächelte schlau und fragte: »Hättest Du Etwas dagegen?« »Natürlich!« »Ich sehe keinen Grund!« »Ich will ihn heirathen. Wenn Du ihn bestiehlst, bestiehlst Du mich.« »Du erhältst ja die Hälfte! Wir theilen.« »In diesem Falle will ich nicht die Hälfte, sondern das Ganze.« »Er verdient ungeheures Geld. Du kannst Dich also später entschädigen!« »Sprechen wir nicht darüber! Ich verbiete Dir, ihm auch nur einen Pfennig zu nehmen. Ich werde seine Frau sein. Das ist der Grund.« »Das ist dumm! Ich hatte mir bereits Alles so schön zurecht gelegt.« »Geht mich nichts an! Ich heirathe ihn nicht aus Liebe, denn er ist ein Dummkopf, ein ungebildeter, aber eingebildeter Mensch. Aber er wird berühmt sein und viel Geld verdienen. Ich gebe gern viel Geld aus, und so passen wir zu einander. Als seine Frau kann ich mein gewohntes Leben fortsetzen, ohne mir die Mittel dazu durch Einbruch verschaffen zu müssen.« »Dann ist es also leider mit unserer Kameradschaft aus.« »Ja. Dafür aber kannst Du dann Alles für Dich allein behalten. Wenn Du so vor- und umsichtig weiter arbeitest wie jetzt, wirst Du sehr bald ein steinreicher Mann sein. Der gute Krikelanton ahnt doch nicht etwa, in welchem Verhältnisse Du zu mir stehst?« »Fällt ihm nicht ein!« »Er ist ein Esel! Er müßte es merken.« »O, er hält Dich für das Muster einer Tänzerin.« »Und doch habe ich zwei Kinder!« »Deren Vater zu sein ich die Ehre habe,« lachte der Baron. »Na, wir sind wenigstens so klug, die Liebe von der richtigen Seite zu betrachten: Sie ist ein Vergnügen, welches man einem Jeden gönnen muß; darum sind wir nicht eifersüchtig. Du willst bei dem Anton Dein Glück versuchen? Gut, ich habe nichts dagegen, denn meine Geliebte wirst Du trotzdem bleiben.« »Und ich werde Dir auch nicht hinderlich sein, wenn Dich einmal die Lust befällt, eine Andere anzubeten. Das Geschäft ist die Hauptsache. Habe ich dieses mit Criquolini gemacht, so lauf ich ihm davon oder lasse mich scheiden.« »Wenn er es wüßte!« »Jetzt braucht er es nicht zu wissen; zu seiner Zeit wird er es schon erfahren. Dann werden ihm die Augen auf- und auch übergehen! Hast Du für heut Alles vorbereitet?« »Natürlich! Was ich brauche, das habe ich mit. Du ziehst Männerkleidung an.« »Das wird Criquolini auffallen.« »O nein. Es wird ihn im Gegentheile sehr belustigen.« »Wie aber wollen wir es ihm plausibel machen?« »Dadurch, daß Du nicht wissen lassen willst, daß Du ihn des Abends besuchst. Das würde Deinem Rufe schaden. Darum hast Du Männerkleidung angelegt. Auf diese Weise spielst Du die Tugendhafte und hast also doppelten Vortheil davon.« »Gut, Ich will mich umkleiden. Dann gehen wir.« Sie genirte sich nicht vor ihm. Er durfte beim Wechseln der Anzüge zugegen sein. Nach kurzer Zeit brachen sie auf. Der Zofe fiel es gar nicht auf, daß ihre Herrin in dieser Kleidung ausging, denn das geschah sehr oft. Die Tänzerin hatte ihr als Grund dafür angegeben, daß es bei der Art ihrer Theatertoilette vortheilhafter sei, wenn sie sich in Männertracht in die Proben und das Theater begebe. Der Krikelanton lachte wirklich herzlich, als er die Geliebte als Mann erblickte; doch war ihm das ganz recht, da diese Kleidung ihre Formen mehr hervortreten ließ als die gewöhnliche Damentoilette. Die Drei waren allein. Anton hatte weiter Niemand geladen. Die Tänzerin entwickelte im Trinken eine Uebung und Ausdauer, welche Anton in das größte Erstaunen versetzte. Sein Staunen währte aber gar nicht lange, denn er wollte es ihr und dem Baron gleich thun und trank so schnell und viel, daß er bald betrunken war. Er bemerkte nicht, daß die beiden Andern von jetzt an nur noch nippten, während er sein Glas stets ganz leeren mußte. Und ebenso wenig bemerkte er, daß ihm bei Gelegenheit der Baron einige Tropfen aus einer kleinen Phiole in das Glas schüttete. Es war wenig nach Mitternacht, als er die Besinnung so vollständig verloren hatte, daß er vom Stuhle fiel und nicht einmal mehr zu lallen vermochte. Er schloß die Augen und war wie todt. »Das ist der Schlaftrunk,« lachte der Baron. »Er kann uns nun nicht beobachten.« »Was thun wir mit ihm?« fragte Valeska. »Lassen wir ihn so liegen?« »Nein. Wir ziehen ihn aus und legen ihn in das Bett. Da mag er schlafen.« Die Tänzerin half, den Sänger zu entkleiden. Als sie ihn in das Bett geschafft hatten, entfernten sie die Lampe aus dem Schlafzimmer, um im Dunkeln zu sein und also nicht gesehen oder gar beobachtet zu werden. Die Schlafstube lag nach dem Hof hinaus. Sie konnten über diesen und den angrenzenden hinweg blicken und die hintere Seite des Hauses der Mohrengasse sehen, in welcher Anton bis heute gewohnt hatte. Da sahen sie Licht, sowohl in dem betreffenden Schlafzimmer des Parterres, als auch in demjenigen des ersten Stockes. »Sie gehen Beide schlafen, zu gleicher Zeit, der Fex sowohl, als auch die Sängerin,« sagte Valeska. »Wir werden nicht lange warten müssen.« »Eine Stunde immerhin. Wir müssen zu unserer Sicherheit annehmen, daß sie nicht so schnell einschlafen.« »Aber wie nun, wenn sie Nachtlicht brennen?« »Der Fex wohl schwerlich. Als armer Fährmann und Hungerleider ist er einen solchen Luxus nicht gewöhnt.« »Aber die Ubertinka.« »Die vielleicht eher. Aber wenn ich nach der Helligkeit der beiden Fenster schließe, so haben sie große Lampen brennen. Komm wieder heraus! Ich habe keine Lust, mich hierher zu stellen. Wir können ja von Zeit zu Zeit nachsehen und wollen noch ein Glas Wein trinken.« Sie kehrten in das Wohnzimmer zurück. Dort setzten sie sich mit einander auf den Divan. Wäre der Krikelanton nicht so sinnlos betrunken gewesen, und hätte er die Beiden jetzt überrascht, so hätte er sehen können, daß er nicht der einzige Geliebte der Tänzerin sei. Auch hier stand ein Schreibtisch. Der Sänger hatte vergessen, den Schlüssel abzuziehen. Das bemerkte der Baron. Er stand auf und schloß alle Fächer des Schreibtisches auf. Es gab da keinen extra zu verschließenden Kasten, und so kam es, daß der Suchende bald die Kasse Antons fand. »Schau!« sagte er. »Hier steckt sein ganzes Vermögen. Sapperment! Wer es doch hätte!« Valeska kam herbei und begann zu zählen. Ihre Augen funkelten vor Begier. »Das wird mein sein,« sagte sie. »Ich werde dafür sorgen, daß er mehr dazu verdient, und wenn ich dann genug zusammengerafft habe, so laß ich ihn sitzen. Schließ zu!« Nur ungern wendeten die Beiden ihre Blicke von dem Schatze ab. Nach einiger Zeit begab sich der Baron wieder in die Schlafstube und meldete, als er zurückkehrte: »Die Beiden schlafen. Die Fenster sind dunkel!« »Das ist vortheilhaft. Aber nun fragt es sich, ob die Schlüssel passen. Schließen wir hier zu?« »Natürlich nein. Wir müssen unserer eigenen Sicherheit wegen hier offen lassen, um uns schnell hier herein retten zu können, wenn der Streich mißglücken sollte. In diesem Falle würden wir verfolgt. Hast Du Deinen Dolch?« »Ja. Du auch?« »Das versteht sich. So ein Dolchmesser ist viel besser als ein Revolver. Es macht keinen Lärm und trifft das Herz viel leichter als eine Kugel. Hoffentlich schließt, wie das ja überall gebräuchlich ist, der Hausschlüssel auch die Hinterthür. Ich werde Alles herbeiholen.« Er zog aus der Tasche seines Ueberrockes einige eingewickelte Gegenstände, welche er von ihren Hüllen befreite und dann zu sich steckte. Die Beiden konnten das Alles in solcher Gemüthlichkeit vorbereiten, weil sie dafür gesorgt hatten, nicht gestört oder beobachtet zu werden. Um bei dein beabsichtigten Gelage allein zu sein, hatte der Sänger seinen Lakaien zu Bette geschickt, und da die Schlafstube des Letzteren im obersten Stocke lag und ihm überhaupt verboten worden war, vor Morgen herbeizukommen, so, war eine Ueberraschung durch ihn gar nicht zu befürchten. Als die Stunde vorüber war, brannte der Baron eine kleine Blendlaterne an und steckte sie dann wieder ein. Nun verließen sie das Local. Die Thür desselben machten sie hinter sich zu, aber ohne sie zu verschließen. Zu ihrer Freude schloß der Hausschlüssel, den sie aus der Tasche des Sängers genommen hatten, die Hinterthür. So gelangten sie sehr leicht in den Hof. Dieser war durch eine nicht hohe Mauer von dem Hofe der Frau Salzmann getrennt. Sie überstiegen dieselbe. Beide entwickelten dabei eine Gewandtheit, aus welcher zu schließen war, daß sie solche Uebungen schon oft unternommen hatten. Sie verursachten nicht das geringste Geräusch. Jetzt nun begann ihre eigentliche Aufgabe. »Warte!« flüsterte der Baron. »Ich will recognosciren.« Er schlich sich an das Fenster, hinter welchem der Fex schlief. Nach kaum einer Minute kehrte er zurück und sagte: »Das geht ja ganz vortrefflich! Er scheint es von früher her zu lieben, auch des Nachts frische Luft zu haben. Er schläft bei offenem Fenster.« »Das ist ja fein. Aber nimm Dich in Acht! Hast Du das Chloroform?« »Wie sollte ich das vergessen! Es ist ja die Hauptsache bei einem solche Unternehmen. Also, jetzt!« Er kehrte mit ihr nach dem Fenster zurück. Nachdem er einige Zeit gelauscht hatte, flüsterte er: »Er schläft sehr ruhig und wahrscheinlich auch sehr fest. Man hört sogar hier außen seine regelmäßigen Athemzüge. Also vorwärts! Es wird ja wohl gelingen.« Er stieg hinein, mit der Sicherheit einer Katze, welche einen schlummernden Vogel beschleichen will und dabei die Krallen einzieht, damit ja kein Laut gehört werden könne. Dann verging einige Zeit, beinahe eine Viertelstunde. Nachher erschien der Baron am Fenster. »Komm!« flüsterte er herab. »Ists gelungen?« »Ja, vortrefflich.« Er half ihr hinein. Sie bemerkte jenen Geruch, welcher eine Folge des Chloroformes ist. Er zog seine Blendlaterne heraus und ließ deren Schein auf das Bett fallen. Der Zipfel des Betttuches war heraufgeschlagen und bedeckte das Gesicht des Fex. Dieser war betäubt. »Nun wollen wir suchen. Glücklicher Weise ist mir das ganze Möblement bekannt.« Die Durchsuchung begann mit den Kleidern des Fex. Da fand sich ein recht gefülltes Portemonnaie. Der Baron steckte den Inhalt desselben zu sich, das Portemonnaie aber wieder in die Tasche des Bestohlenen zurück. Nun begaben sie sich in die Wohnstube und traten sofort an den wohlbekannten Schreibtisch. Der Schlüssel steckte. »Wie dumm der Kerl ist!« flüsterte der Baron. »Als ob es keine Diebe gäbe! Ich denke mir, daß er die Papiere hier aufbewahrt haben wird, und werde wohl nicht lange zu suchen brauchen.« Er hatte sich nicht geirrt. Er fand auch das geheime Fach, in welchem der Fex sein Geld aufbewahrt hatte, unverschlossen. Drin lag eine Brieftasche. Als er sie öffnete und den Inhalt erblickte, leuchtete sein Blick triumphirend auf. »Sie sinds, die Documente, alle, alle!« sagte er, ein Papier nach dem andern betrachtend. »Die Fünfzigtausend sind verdient.« Er steckte die Brieftasche ein und dazu eine bedeutende Summe, welche daneben lag. »Hier sind wir fertig,« meinte er dann. »Nun nach oben zu der Ubertinka.« »Das wird uns bedeutend schwieriger werden.« »Pah! Wir haben ja Uebung.« »Auch durch das Fenster?« »Nein. Wir brauchten dazu eine Leiter.« »Also durch die Vorsaalthür! Hast Du denn einen passenden Dietrich mit?« »Versteht sich. Nichts ist leichter zu öffnen als ein Vorsaal. Das weißt Du ja so gut wie ich.« »Wenn aber eine Sicherheitskette vorhanden ist, was dann?« »Die wird einfach abgeschraubt. Komm!« Sie schlichen sich leise nach der ersten Etage. Dort angelangt, zog der Baron seine Nachschlüssel hervor. Valeska mußte leuchten, und er versuchte, zu öffnen. Es gelang ihm über alles Erwarten schnell. Eine Sicherheitskette war nicht vorhanden. Sie huschten hinein und klinkten die Thür hinter sich leise ein. »Halb gewonnen! raunte der Baron seiner Gefährtin zu. Komm nach rechts!« Er zog sie nach der Thür, hinter welcher seiner Vermuthung nach die Zimmer der Sängerin liegen mußten. Diese Thür war nicht verschlossen. Sie wurde ohne Geräusch geöffnet und wieder zugemacht. Die Beiden befanden sich in Leni's kleinem Salon. Der Baron ließ einen Blitz seiner Laterne leuchten. Er sah, daß die weiter führende Nebenthür zu war. Darum konnte er sich der Laterne mit mehr Sicherheit bedienen. Er beleuchtete das Zimmer. Auf einem Pfeilertischchen stand ein Kästchen. Es war mit einem stark vergoldeten Griff versehen, und der kleine, sonderbar geformte Schlüssel steckte an. »Sollte dies die Diamantenchatulle sein?« fragte er. »Laß sehen.« Er öffnete das Kästchen. Fast wäre ihm ein Schrei des Entzückens entfahren, denn die köstlichsten Steine blitzten ihm in herrlichster Fassung entgegen. »Gefunden, gefunden!« sagte er. »Leichter konnte es uns nicht gemacht werden!« Seine Hände zitterten vor Aufregung. Die Tänzerin riß, noch mehr entzückt als er, ein kostbares Armband an sich, ließ es im Lichte der Laterne funkeln und sagte beinahe laut: »Das wird mein, Egon, mein, mein! Nicht?« »Ja doch, ja! Aber schrei doch nicht so! Wir haben genug. Das ist ein Raub, wie wir noch keinen gehabt haben. Wollen uns beeilen, ihn in Sicherheit zu bringen. Komm schnell!« »Halt, die Schatulle trage ich!« Sie riß das Kästchen an sich. Er ließ es zu, da er seine Hände anderweit brauchte. Nun begaben sie sich auf demselben Wege, den sie gekommen waren, wieder nach der unteren Wohnung. Dabei ließen sie oben die Vorsaalthür offen. Sie mit dem Dietrich von außen zu verschließen, hätte vielleicht Lärm verursachen können. Und jetzt war es ja ganz gleich, ob diese Thür offen gelassen wurde oder nicht. Auch unten verschlossen sie die nach dem Flur führende Thür nicht wieder. Sie wollten sich keinen Augenblick länger als nöthig hier aufhalten. Sie schlüpften durch die Schlafstube des Fex und stiegen in den Hof. Nach kurzer Zeit befanden sie sich wieder in der Wohnung des Krickelanton. »Das wäre gelungen, gelungen!« jauchzte der Baron. »Leise, leise!« warnte die Tänzerin. »Pah. Wer soll uns hören? Der Kerl schläft ja fester wie eine Ratte. Laß uns das Geld zählen und die Diamanten betrachten!« Es waren an die tausend Gulden, welche sie dem Fex gestohlen hatten. Die Schmuckgegenstände der Leni repräsentirten ein Vermögen. Die beiden Diebe befanden sich in einem wahren Freudentaumel. Valeska besonders war wie betrunken. »Das Armband giebst Du mir gleich jetzt,« bat sie. »Gern würde ich es thun; aber es geht nicht.« »Warum?« »Weil wir vorsichtig sein müssen. Euch Weibern ist nie zu trauen, besonders wenn es sich um Diamanten handelt.« »Aber mir doch!« »Auch nicht. Du könntest leicht einmal auf den dummen Gedanken kommen, das Armband anzulegen, und wenn es auch nur von Deiner Zofe zufällig gesehen würde, wäre Alles verrathen!« »Auch diese bekommt es nicht zu sehen!« »Wenn auch! Die Steine müssen ausgebrochen werden und eine neue Fassung erhalten. Und selbst dann darf man sie hier in Wien nicht tragen. Du sollst das Armband haben, aber nicht heut.« »Und wer hebt die Diamanten auf?« »Ich.« »Warum nicht ich?« Sie war fast zornig; das sah er ihr an. »Valeska, mach keine Dummheit!« sagte er. »Wir haben so lange gute Freundschaft und Compagnie gehalten, daß es albern wäre, uns heut zu veruneinigen. Ich bin es stets gewesen, bei dem die Beute aufbewahrt worden ist. Warum soll es dieses Mal anders sein?« »Weil Du die Diamanten ohne mich verkaufen könntest.« »Es ist doch wahr! Wenn es sich um Edelsteine handelt, so werdet Ihr Weiber alle schwach!« »Schwach?« meinte sie trotzig. »Das sollst Du mir nicht sagen. Behalte sie!« Sie wendete sich von ihm ab. Er aber that, als ob gar nichts vorgefallen wäre, und begab sich nach dem Schlafzimmer des Sängers. Dieser lag noch immer ohne alle Besinnung da. »Er wird erst morgen früh aufwachen,« sagte er dann, zurückkehrend. »Wir sind hier fertig. Laß uns gehen!« Sie zogen ihre Ueberkleider an, löschten des Licht aus und verließen die Wohnung. »Sollten wir nicht zuschließen?« fragte die Tänzerin. »Nein. Dann müßten wir ja die Schlüssel zu uns nehmen und Anton könnte nicht heraus, wenn er erwacht.« »Aber die Hausthür müssen wir zuschließen.« »Auch nicht. Ich trage, wenn ich sie geöffnet habe, den Schlüssel wieder hinein. Wir sind nicht berechtigt, fremde Schlüssel mitzunehmen. Es könnte uns das leicht Unannehmlichkeiten bereiten.« Sie fügte sich. Als sie dann das Haus verließen, sagte sie: »Thu mir wenigstens den Gefallen und laß mich die Schatulle tragen!« »Sonderbares Mädchen! Nun, da sie das Armband nicht sogleich bekommt, will sie es wenigstens tragen. Ihr Frauen seid wirklich ganz und gar unberechenbar!« »Auch nicht mehr als Ihr. Am allerunberechenbarsten aber sind diese Diaman – – –« »Pst! Still!« raunte er ihr erschrocken zu. Valeska hatte nämlich, da die Straße völlig unbelebt war, nicht ganz leise gesprochen. Sie wollten eben um die Ecke derselben biegen; da kamen zwei Männer von der andern Seite. Die vier Personen stießen beinahe zusammen. Die beiden ihnen Begegnenden waren der Graf von Senftenberg und der Sepp. Der Erstere wollte den Letzteren nach Hause begleiten. Sie kamen aus dem Casino. Grad an dieser Ecke brannte eine Gasflamme. Nur einen einzigen Moment hatten die beiden Letztgenannten den Baron und die Sängerin erblickt. Der Erstere hatte vorsichtiger Weise den Rockkragen emporgeschlagen und den Hut tief ins Gesicht gezogen. Aber dennoch rief der alte Sepp: »Baron, Sie! Woher kommen Sie noch so spät?« Aber der Genannte schritt mit seiner Begleiterin eiligst weiter, ohne auf diese Anrede zu achten. »Sapperment!« meinte der Alte. »Er wars doch!« »Welcher Baron?« fragte der Graf. »Von Stubbenau. Meinen Sie nicht?« »Auch mir schien es so. Seine Gestalt war es. Aber ich denke, daß er Ihnen geantwortet hätte, wenn er es gewesen wäre.« »Hm!« brummte der Alte, indem er sich den Bart bedenklich strich und den beiden Dahinschreitenden nachblickte. »Er könnte dreierlei Gründe haben, sich nicht zu erkennen zu geben.« »Dreierlei? Wie Sie das gleich so genau wissen! Welche Gründe wären das?« »Erstens weil Sie bei mir sind. Er ist doch mit Ihnen zerfallen; also muß es ihm unlieb sein, von mir angesprochen zu werden.« »Mag sein.« »Zweitens könnte er von irgend einem Streiche kommen und nicht beabsichtigen, erkannt zu werden. Ich traue ihm nicht.« »Ich noch viel weniger.« »Und Drittens könnte es sich um ein galantes Abenteuer handeln.« »Meinen Sie? Warum denken Sie das?« »Die Beiden sprachen mit einander. Haben Sie die letzten Worte gehört?« »Ja. – Sprach der Andre nicht von Diamanten?« »Ja, aber es war wohl kein ›Der Andere‹.« »Sie sprechen in Räthseln.« »Es kommt mir viel eher vor, daß es eine ›Die Andere‹ gewesen ist.« »Ah! Ein Frauenzimmer?« »Ja. Ich lasse mich fressen, wenn das nicht eine Frauenstimme war.« »Ich habe freilich nicht auf diesen Umstand geachtet, besinne mich aber doch, daß es eine sehr hohe Stimmlage war.« »Ja, Diskant.« »Es giebt auch Männer, deren Stimme sehr hoch liegt.« »Aber es klingt dennoch männlich. Ich habe es ganz deutlich gesehen, daß diese Person einen Zopf hatte, ein Schwalbennest auf dem Hinterkopfe.« »Da haben Sie sehr scharfe Augen.« »Die habe ich allerdings, trotz meines Alters. Und die Gestalt! Das war eine verkappte Frau oder ein Mädchen.« »Nun, wenn Sie Recht hätten, so wäre es doch nichts Auffälliges, grad jetzt zur Zeit der Karnevalsscherze.« »Das ist richtig. Aber weil er keine Antwort gab und so eilig davon stieg, scheint mir die Sache nicht in Ordnung zu sein. Doch, lassen wir sie laufen; sie gehen uns ja nichts an!« Sie bogen um die Ecke und gingen weiter, eine kurze Strecke wortlos; dann sagte der Graf, indem er den Schritt einzog: »Sonderbar! Da Sie von dem Barone sprechen, kommt mir ein Gedanke. Ich habe heut nämlich ein Gespräch belauscht, ohne aber den einen Sprechenden sehen zu können. Seine Stimme klang mir bekannt, doch gab es an dem betreffenden Orte eine so eigene Resonnanz, daß die Töne undeutlich wurden. Jetzt nun möchte ich behaupten, daß der Baron es gewesen sei.« »So. Wann war das?« »Es kann wohl gegen drei Uhr gewesen sein.« »Ah, Sapperment! Wo?« »Im Augarten.« »Das stimmt, stimmt.« »Wieso? Was stimmt?« »Der Baron ist im Augarten gewesen.« »Wirklich? Woher wissen Sie das?« »Er hat es mir selbst gesagt.« »So! Dann ist er es nicht gewesen, den ich meine, denn da hätte er es Ihnen nicht eingestanden, dort gewesen zu sein.« »Eingestanden? Er konnte ja gar nicht anders. Ich traf ihn ja in der Kaiser-Josef-Straße und mußte also sehen, daß er aus dem Augarten kam. Ich hatte meine Leni und ihre Wirthin dorthin begleitet.« »Diese traf ich dann. Ah! Also ist er es gewesen, er!« »Ja. Aber Sie sagen das in einem so eigenthümlichen Tone! Ists etwas Besonderes?« »Ja. Es handelt sich um ein Verbrechen.« »Donnerwetter!« »Ja, um einen Einbruch. Es sollen Papiere gestohlen werden.« Da fragte der Sepp sehr rasch: »Handelt es sich etwa um eine Erbschaft?« »Ja. Wie aber kommen Sie auf diese Frage?« »Weil ich weiß, daß der Baron so Etwas vor hat.« »Woher wissen Sie es?« »Hm! Ich habe den Kerl schon längst beobachtet und warte längst auf die Gelegenheit, ihm auf die Hände klopfen zu können.« »Sonderbares Zusammentreffen! Es muß sich um bayrische Verhältnisse oder Personen handeln; daher ist es wohl möglich, daß Sie zufälliger Weis? – – doch nein, wie sollten Sie mit einem Fex – – –« »Fex!« rief der Alte. »Was ist mit ihm?« »Es handelt sich um eine Person, welche nicht anders als Fex genannt wurde.« »Himmelsakkerment! Jetzt haben wir den Sack offen. Was will man mit ihm?« »Ihm gewisse Papiere stehlen, die er immer bei sich trägt. Die Abschriften davon liegen bei gewissen Acten.« »Das stimmt, das stimmt. Graf, wir sind da im Begriffe, einem Verbrechen auf die Spur zu kommen, welches mich mehr angeht als Sie denken.« »Sie? Wieso, Herr Hauptmann?« »Der Fex ist ein sehr guter Freund oder vielmehr ein Schützling von mir.« »Wirklich? So freut es mich von ganzem Herzen, Ihnen eine so wichtige Mittheilung machen zu können.« »Er befindet sich sogar jetzt hier in Wien und wohnt in dem Logis, welches der Criquolini bisher inne hatte.« »Also unter Signora Ubertinka?« Sie standen noch immer auf derselben Stelle, an welcher sie diese Unterredung begonnen hatten. Das Gespräch wurde sehr lebhaft geführt. Fragen und Antworten folgten sich in aller Eile. »Wissen Sie, wohin der Criquolini gezogen ist?« fragte der Graf mit Spannung. »Ja. In die Circusgasse, in welcher wir uns eben jetzt befinden.« »Alle Teufel! So ist er schon geschehen!« »Wer?« »Der Einbruch!« »Nicht möglich!« »Ja. Haben Sie nicht gesehen, daß der Begleiter oder die Begleiterin des Barons Etwas in der Hand trug?« »Ein Kästchen.« »Bewahrt Ihr Freund, den Sie Fex nennen, etwa die betreffenden Papiere in einem solchen Kästchen auf?« »Nein. Er hat gar keine solche Schatulle.« »Dann fühle ich mich in Etwas beruhigt, aber doch nicht ganz und vollständig. Wir sind diesen ganzen Abend beisammen gewesen und haben uns so gut unterhalten, daß ich gar nicht an Anderes gedacht habe. Wäre mir das belauschte Gespräch eingefallen, so hätte ich es vielleicht Ihnen gegenüber erwähnt. Und es wäre noch Zeit gewesen, die That zu verhüten.« »Hoffentlich ist sie noch gar nicht geschehen!« »Das sollte mich freuen. Der Einbruch soll nämlich von der Wohnung eines Sängers aus stattfinden.« »Das wäre Criquolini?« »Ja. Derjenige, welcher diesen Plan entwickelte, nannte einen Sänger seinen Freund, welcher gegen den Fex so wohnt, daß die Höhe der beiden betreffenden Häuser an einander stoßen und man also leicht aus dem einen Hause in das andere kommen kann.« »Alle Wetter! Das könnte auch stimmen!« »Der Sänger soll so betrunken gemacht werden, daß er den Verstand verliert. Dann kann der Einbrecher von seiner Wohnung aus ungehindert operiren.« »Ists so, ists so? Dann schnell, Graf, wollen wir nachschauen. Der Criquolini, dieser Sänger, wohnt hier in der Straße, aus welcher zwei verdächtige Kerls kommen, deren einer höchst wahrscheinlich der Baron von Stubbenau ist. Das ist freilich verdächtig. Der Baron wollte mich dem Sänger vorstellen. Er hat mir seine neue Wohnung genannt. Ich weiß die Nummer ganz genau. Lassen Sie uns nachsehen.« Sie eilten die Straße hinab, bis sie an die betreffende Hausnummer gelangten. Da blieb der Alte stehen, maß die Länge der Gasse und den Punkt derselben, den das Haus einnahm, mit dem Auge ab und sagte: »Es ist mir wahrscheinlich, daß der Hof der Frau Salzmann mit diesem Hause und dessen Hof zusammenstößt. Ich habe große Lust, Lärm zu machen!« »Vielleicht unnöthiger Weise. Die Bewohner schlafen alle, denn sämmtliche Fenster sind dunkel. Wo wohnt Criquolini?« »Erste Etage links. Wenn man nur einmal – – ah, es ist ja offen!« Er hatte, während er sprach, die Hand an den Drücker der Hausthür gelegt. Dieser gab nach, und die Thür ging auf. Beide waren über diesen Umstand hoch erfreut. »Prächtig!« meinte der Sepp. »Kein Mensch konnte erwarten, daß die Thür unverschlossen sei. Was meinen Sie? Gehen wir hinein?« »Natürlich! Wir müssen unbedingt nachsehen, was geschehen ist.« Sie traten in den Flur und machten hinter sich die Thüre wieder zu. Sepp zog Zündhölzer hervor und brannte einige derselben an, um sich besser orientiren zu können. Er sah die beiden Thüren, welche rechts und links in die betreffenden Wohnungen führten, und klinkte an der letzteren. Sie ging auf, und er blickte in einen dunkeln Raum. »Diese Wohnung ist offen,« flüsterte er. »Es riecht nach Wein und Tabak. Wir befinden uns wohl an der richtigen Stelle. Treten wir ein!« Sie gingen hinein und machten natürlich auch diese Thür hinter sich zu. Beim Scheine eines Hölzchens sahen sie die Lampe auf dem Tische stehen. Der Sepp brannte sie an, und nun blickten sie sich in dem Logis um. Die zur Schlafstube führende Thür stand offen. Ein tiefes, stöhnendes Schnarchen ließ sich hören. – Sie gingen hinaus und leuchteten den Schläfer an. »Criquolini!« sagte der Graf. »Jetzt ist es sicher, daß meine Ahnung richtig war. Er ist der Sänger, von dessen Wohnung aus die That unternommen werden sollte. Beeilen wir uns, uns Gewißheit zu verschaffen!« »Wecken wir ihn!« Sie riefen den Sänger beim Namen, doch vergebens. Sepp faßte ihn am Arme und rüttelte ihn, dieses hatte aber nur den Erfolg, daß Anton ein tiefes Stöhnen hören ließ. »Er ist sinnlos betrunken,« sagte der Graf. »Lassen wir ihn. Er kann uns nichts nützen. Wir müssen in den Hof und von da aus in den andern hinüber.« »So sind wir gezwungen, hier zum Fenster hinaus zu steigen.« »Vielleicht nicht. Es steht zu erwarten, daß die Diebe auch die Hofthüre offen gelassen haben. Uebrigens habe ich einen Schlüssel auf dem Tische liegen gesehen, wahrscheinlich ists der Hausschlüssel, welcher auch die Hinterthür schließen wird.« Auf dem Nachttische stand ein Leuchter mit einer Kerze. Sepp nahm die Letztere an sich, um nötigenfalls ein Licht zu haben. Dann begaben sie sich hinaus in den Hof und stiegen über die Mauer desselben in denjenigen des anstoßenden Grundstückes. »Wir sind hier richtig,« meinte der Alte, nachdem er einen forschenden Blick um sich geworfen hatte. Das ist wirklich das Haus der Frau Salzmann. Und, schauen Sie, da steht das Fenster offen. Wir müssen hinein.« Er trat an das Fenster heran und rief einige Male hinein, doch ohne eine Antwort zu erhalten. »Da drin wohnt der Fex,« sagte der Sepp. »Er antwortet nicht. Entweder ist er gar nicht daheim oder es ist ihm Etwas geschehen.« »Um Gottes willen! Man wird ihn doch nicht gar ermordet haben!« »Auch mir ist es angst.« Sie stiegen durch das Fenster ein und lauschten. Es war nichts zu hören, auch nicht das Geräusch eines leisen Athmens. Aber der Geruch des Chloroforms war deutlich vernehmbar. »Riechen Sie Etwas?« fragte der Graf. »Ja; es ist Etwas, was ich nicht kenne.« »Aber ich kenne es. So riecht nur Chloroform. Man hat ihn wohl betäubt. Brennen Sie doch schnell die Kerze an!« Das geschah, und nun sahen sie den Fex regungslos im Bette liegen. Sie untersuchten ihn und fanden zu ihrer Beruhigung weder eine Wunde noch sonst ein Zeichen, daß irgend eine Gewaltthätigkeit mit ihm vorgenommen worden sei. Das Herz bewegte sich. »Gott sei Dank!« sagte der Sepp tief aufathmend. »Er lebt. Er ist nur betäubt worden. Wollen schauen, ob wir ihn aufwecken können.« Diese Bemühung war vergebens. Er erwachte nicht. Aber als der Alte ihn einige Male beim Namen rief, antwortete er wie im Traume, indem er unverständliche Laute ausstieß. »Lassen wir ihn,« sagte der Graf. »Wenn die Narkose vorüber ist, erwacht er ganz von selbst. Sehen wir lieber nach, ob wir Spuren des Einbruches bemerken.« Sie traten in das Wohnzimmer und brannten die auf dem Tische stehende Petroleumlampe an. Es war keine Unordnung in der Wohnung zu erkennen. Der Schlüssel des Schreibtisches steckte. Sie zogen den Kasten auf und untersuchten auch die übrigen Fächer. Auch hier war keine Spur von Unordnung zu bemerken. Sie wußten nicht, was sich in den Behältnissen befunden hatte, und konnten also auch nicht sagen, ob Etwas fehle oder nicht. Da kam dem Sepp der Gedanke, die Kleidertaschen des Fex zu untersuchen. Sie fanden in denselben nicht Papiere wie diejenigen, auf welche der Dieb es abgesehen hatte. Das Geldtäschchen, welches in der Hose steckte, war leer. »Ah,« meinte der Sepp, »das ist ausgeräumt worden. Der Fex steckt kein leeres Portemonnaie ein. Das ist gewiß.« »Die Hauptsache ist, zu erfahren, ob die Diebe die betreffenden Papiere gefunden haben.« »Das können wir nur von Dem da erfahren. Und weil er bewußtlos ist, müssen wir also warten, bis er wieder zu sich kommt.« »Wäre es nicht gerathen, die Wirthin zu wecken?« »Ja, das müssen wir thun. Gehen wir hinauf!« Sie fanden zu ihrer Verwunderung die aus dem Vorzimmer nach dem Flur führende Thür unverschlossen; geradezu betroffen aber fühlten sie sich, als sie die zur Wohnung der Wirthin führende Vorsaalthür auch offen stehen sahen. – »Da ist auch hier Etwas nicht richtig,« sagte der Sepp. »Kein Mensch läßt des Nachts die Thür offen. Das kommt mir verdächtig vor.« »Mir auch. Sollten sie auch hier oben gewesen sein?« »Das ist möglich und sogar wahrscheinlich. Wir wollen klingeln.« Sie hatten natürlich die Lampe mit heraufgenommen. Als die Glocke ertönte, regte es sich in verschiedenen Zimmern. Mitten in der Nacht Jemand an der Vorsaalthür, das war natürlich etwas ganz Ungewöhnliches. Nach wenigen Augenblicken erschien das Dienstmädchen, welches beim Anblicke zweier fremder Männer, die sich nicht vor der Thür, sondern hier im Vorsaale befanden, vor Schreck laut aufschrie. »Fürchten Sie sich nicht,« sagte der Graf. »Wir kommen in guter Absicht. Ihre Vorsaalthür stand offen. Haben Sie dieselbe vor dem Schlafengehen nicht verschlossen?« »Ich habe sie verschlossen; das weiß ich gewiß.« »So ist sie von Personen geöffnet worden, welche kein Recht dazu haben. Wecken Sie Frau Salzmann. Wir haben mit ihr zu reden.« »Ich komme gleich!« ertönte es hinter einer nahen Thür. Das war die Stimme der Wirthin, welche die Worte gehört hatte. Sie kam nach kurzer Zeit heraus, voller Besorgniß, was dieser späte Besuch zu bedeuten habe. »Sie, Graf, und Sie, Herr Hauptmann?« rief sie aus, als sie die Beiden erblickte. »Gott sei Dank! Da Sie es sind, haben wir nichts zu befürchten. Ich dachte fast – – –« »Sie würden von Räubern überfallen?« fiel der Graf lächelnd ein. »Nein, das sind wir nicht. Aber eine unangenehme Nachricht bringen wir Ihnen doch.« »Was ist geschehen? Wie sind Sie denn in das Haus gekommen?« »Wir sind durch das Fenster eingestiegen.« »Eingestiegen? Mein Gott! Ists wahr?« »Ja. Erschrecken Sie nicht! Sie haben jetzt nichts mehr zu befürchten. Es sind Diebe in Ihrem Hause gewesen.« Sie erschrak trotz seiner Warnung. »Diebe!« rief sie aus. »Hilf Himmel! Sind sie etwa noch hier?« »Nein, sie sind fort. Wir haben es ganz zufälliger Weise entdeckt und sind durch dasselbe Fenster wie diese eingestiegen, um Sie zu wecken.« »Wo sind sie denn gewesen? Hier bei mir?« »Zunächst unten im Parterre bei Ihrem neuen Miethsmanne. Und da wir hier Ihre Vorsaalthür offen fanden, so steht zu vermuthen, daß sie auch bei Ihnen gewesen sind.« »Die Thür war offen? Ich habe mich selbst überzeugt, daß sie verschlossen war.« »So ist sie mit einem Nachschlüssel geöffnet worden. Bitte, nachzusehen, ob Ihnen Etwas fehlt!« »Gleich, gleich! Treten Sie doch ein!« Sie führte die Beiden in den Salon und entfernte sich, um Nachforschung zu halten. Sie fand, daß ihr nicht das Mindeste fehle, und brachte, als sie zurückkehrte, die Leni mit. Diese war natürlich ebenso, wie die Andern, durch die Klingel aufgeweckt worden. Sie hatte ein leichtes Negligé übergeworfen und sah in demselben entzückend aus. Sie war natürlich ebenso erschreckt und betroffen wie die Wirthin. Sie begrüßte den Sepp, der sie hier noch nicht besucht hatte, und reichte auch dem Grafen die Hand. Dieser fragte sie: »Haben auch Sie nachgesehen, ob Ihnen vielleicht Etwas fehlt, mein Fräulein?« »Noch nicht. Ich bin so sehr überrascht, daß ich versäumt habe, es zu thun.« »So bitte, holen Sie es nach! Hoffentlich haben Sie etwaige Werthsachen gut aufgehoben.« »Meine Diamanten befinden sich drin im Wohnzimmer.« »Doch verschlossen?« »Nein. Das Kästchen steht auf dem Tische.« »Wie unvorsichtig! Ein Kästchen also? Hm! Der eine der Kerls trug so Etwas in der Hand. Beeilen Sie sich! Sehen Sie augenblicklich nach!« Sie begaben sich alle nach Leni's Wohnstube. Als der Blick der Sängerin dahin fiel, wo das Kästchen gestanden hatte, stieß sie einen Schrei des Schreckens aus. »Fort, fort!« rief sie. »Sie sind verschwunden!« »Donnerwetter!« fluchte der Sepp. »Wo hast sie denn stehen habt?« »Dort,« antwortete sie, mit der Hand nach der betreffenden Stelle deutend. »Alle tausend Donnerwetter! Die Hallunken soll gleich dera Deixel holen! Meiner Leni die Diamanten zu stehlen.« Er vergaß in seinem Zorne ganz die Rolle, welche er als Hauptmann zu spielen hatte, und fiel in seinen heimathlichen Dialect zurück. »Herrgott im Himmel!« rief die Wirthin. »Ihr Schmuck ist gestohlen! Daß so Etwas in meinem Hause geschehen muß. Wir müssen augenblicklich nach der Polizei schicken!« »Halt, nicht so schnell!« meinte der Sepp. »Damit hats glücklicher Weise noch Zeit.« »Nein, nein! Das muß gleich geschehen!« »Wartens nur! Wir kennen ja den Dieb. Er wird uns nicht entgehen. Dera Schmuck wird ganz sicher wiederschafft.« »Wie? Sie kennen den Dieb? Wer ists denn?« »Kein Anderer als dera Herr Baronen von Stubbenau.« »Der so oft den Sänger Criquolini besuchte?« »Ja, ganz derselbige.« »Der, also der! Ich habe ihn doch stets für einen bösen Menschen gehalten.« »Da habens sich nicht täuscht, und er ist – – –« Er hielt mitten in der Rede inne. Die Thür war aufgegangen und das Stubenmädchen trat ein. Sein Blick fiel auf sie. »Was – was – was – wer ist denn das!« rief er aus. Martha war ebenso erstaunt wie er. »Sepp, Sepp, der Wurzelsepp!« sagte sie, vor Verwunderung die Hände zusammenschlagend. »Die Martha, die Silbermartha!« antwortete er. »Wer hat das denken konnt! Nein, wie mich das gefreut! Was treibst denn da hier?« »In Dienst steh ich hier bei dera Frau Salzmann.« »In Dienst! Die Silbermartha steht in Dienst! Das ist rechtschaffen, brav von Dir. Da muß ich Dir sogleich meine Hand geben.« Er ergriff ihre Hand und schüttelte dieselbe mit aufrichtiger Herzlichkeit. Der Graf machte ein sehr erstauntes Gesicht. Sein Auge ruhte mit dem Ausdrucke der größten Ueberraschung auf dem Alten. »Was höre ich da für einen Namen!« sagte er. »Sie wurden soeben der Wurzelsepp genannt?« »Ja!« antwortete der Alte, indem er sich verdrießlich hinter dem Ohre kratzte. »Da hat das Dirndl nun den ganzen Kram verrathen!« »Der Wurzelsepp sind Sie, der Wurzelsepp!« »Kennens denn diesen Namen?« »Sehr gut sogar. Ich habe viel von Ihnen gehört. Also sind Sie gar nicht Offizier?« »Offizier? Das fallt keinem Menschen ein! Jetzt könnt ich nun gleich dem Mond eine Maulschellen geben, daß mein Incognitero zum Deixel ist. Ich hab den Hauptmann gar so gut spielt, daß es wirklich jammerschade um denselbigen ist.« »Ah, ich errathe!« nickte der Graf. »So? Was derrathens denn?« »Sie befinden sich in irgend einer geheimen Mission hier in Wien. Nicht wahr?« »Wie meinens? In einer geheimen Mission? Ist denn dera Wurzelsepp ein Kerlen, den man zu so was gebrauchen kann?« »Jawohl. Ich habe genug von Ihnen gehört, um zu wissen, daß Sie der Mann dazu sind.« »Schön! Das gefreut mich sehr. Das ist mir lieb, daß Sie so eine gute Meinungen von mir haben. Darum hoffe ich auch, daß Sie mich jetzunder noch ein kleines Weilchen als Hauptmann gelten lassen. Ich bin mit Dem, was ich hier zu thun hab, noch nicht ganz fertig.« Der Graf nickte, gab ihm die Hand und antwortete: »Das versteht sich ganz von selbst, mein lieber Hauptmann. Ich werde wohl der Allerletzte sein, der Ihnen irgend welches Hinderniß bereiten möchte. Für mich sind Sie Der, als der Sie mir vorgestellt worden sind. Und dabei bleibt es so lange, bis Sie selbst eine Aenderung herbeiführen werden.« »Gut! Das beruhigt mich. Und auch die Anderen mögen mich einstweilen noch Hauptmann nennen. Daß ich die Martha hier troffen hab, das ist mir außerordentlich lieb. Warum bist denn eigentlich von Daheim ausgerissen?« »Konnte ich denn anders?« fragte das Mädchen, an welches diese Frage gerichtet war. »Ja, hättst gar wohl anders konnt.« »Nein. Wenn ich geblieben wäre, hätte ich entweder als die Feindin meines Vaters und Bruders auftreten oder ihre Mitschuldige werden müssen. Eine andere Wahl wäre mir ja gar nicht geblieben.« »O doch! Hättest Dich an mich wenden können. Da wäre Dir sogleich die Weisung worden, wie Du Dich verhalten solltest. Du hättest dann nicht in Dienst zu gehen braucht.« »O, daß ich das than hab, das schadet nix, gar nix. Meine liebe Frau Salzmann ist so gut mit mir, daß ich es gar nicht fühle, daß ich ein Dienstboten bin.« »Das ist sehr gut; aber Du mußt auch daran denken, daß es Personen giebt, denen Du mit Deinem Verschwinden wehe than hast.« »Solche Leut giebts wohl nicht!« »Meinst? Denkst etwan, daß ich nicht mehr ein guter Freund von Dir bin?« »Ja Du! Aber Du bist auch der Einzige.« »Nein. Da hast ganz Denjenigen vergessen, der die Hauptperson dabei ist. Oder solltest Du Dich nicht gern an den Schulmeister erinnern?« »An den? Geh weg! Der hat halt nix mehr von mir wissen wollen.« »Da kannst Dich irren. Grad Derjenige ist durch Dein plötzliches Verschwinden am allermeisten troffen worden.« »Das denkst halt nur!« »Nein, sondern ich weiß es genau.« »Hat er es sagt?« »Nein. Dazu ist er zu stolz. Er ist ganz still gewest.« »Nun, da hasts! Wir sind in Unfrieden aus nander gangen.« »So? Wer war denn schuld daran?« »Ich selbst. Ich bin die Stolze und die Hochmüthige gewest, und nun hab ich die Folgen zu tragen. Mir geschieht mein Recht!« »Wannst so sehr in Dich gangen bist, so kannst noch mal glücklich werden. Ich denk, daßt nicht für immer hier in Wien bleiben willst.« »Ich bleibe hier,« antwortete sie in traurigem Tone. »In die Heimath kann ich nie zurück.« »Das darfst nicht meinen. Du bist brav gewest und hast Dir niemals nix zu schulden kommen lassen. Was die Deinigen than haben, das geht doch Dich nix an; dafür kannst nicht verantwortlich macht werden. Und übrigens ists auch kein Muß, daßt grad in die Heimath gehst, wannst hier nicht bleiben willst. Man kann auch anderswo glücklich werden. Davon aber wollen wir jetzt nicht sprechen. Wir haben noch Anderes zu thun, was für den Augenblick wichtiger ist. Wir müssen wieder hinuntersehen nach dem Fex, ob er nun die Besinnung wieder erlangt hat.« »Was ist mit dem Fex?« fragte die Leni erschrocken. »Nun, ihm hat eigentlich der Einbruch gegolten. Bei ihm sind die Diebe einstiegen und haben ihm Chloroform zu riechen geben.« »Herrgott! Da müssen wir hinab, schnell, schnell!« Sie griff zur Lampe und eilte fort. Die Andern folgten. Die Frauen befanden sich natürlich in großer Aufregung. Leni vergaß ihre gestohlenen Schmucksachen. Die Besorgniß um den Freund war in diesem Augenblick größer als die Angst um das ihr geraubte Gut. Als sie in seine Wohnung kamen, sahen sie ihn auf dem Rande seines Bettes sitzen. Er hatte sich mühsam angezogen und hielt den Kopf in den beiden Händen. Er sah verwundert auf. Sein Blick war ganz verstört. »Sepp, Du!« sagte er. »Was machst in dera Nacht hier in dem fremden Haus?« »Dich will ich besuchen,« antwortete der Alte. »Du hast eine sonderbare Zeit gewählt.« »O, es hat noch Andre geben, die trotz der ungelegenen Zeit bei Dir gewest sind.« »Bei mir? Wer soll das sein?« »So hast noch nix bemerkt?« »Gar nix. Was soll ich bemerkt haben? Ich bin aus dem Schlaf erwacht. Mein Kopf ist mir noch schwerer als ein Zentner, und es ist mir so übel, als ob ich sterben sollt. Da bin ich aufstanden und hab mich ankleidet. Ich wollt in dera Stuben umhergehen, aber die Glieder sind mir wie zerschlagen. Fast möcht ich denken, daß Etwas mit mir geschehen ist.« »Da hast freilich ganz den richtigen Gedanken. Du bist chloroformirt worden.« »Chloro – – –« Er verschluckte vor Verwunderung das Ende des Wortes und blickte fragend zu dem Alten auf. Sein Kopf war ihm so eingenommen, daß ihm das Denken schwer wurde. Er sah zwar die anderen Personen, welche mit dem Sepp gekommen waren, aber er hatte sich noch nicht gefragt, was die Anwesenheit derselben zu bedeuten habe. Jetzt aber begann er zu ahnen, daß Etwas geschehen sein müsse. Er fügte hinzu: »Chloroformirt? Ich? Wieso? Von wem?« »Von denen Dieben, die hier bei Dir einstiegen sind. Hast denn wirklich ganz und gar nichts davon merkt.« »Nein, gar nix,« antwortete er, noch immer wie im Traume. »Diebe sollen hier gewesen sein?« »Ja, bestohlen bist worden.« »Ich – ich – ich bestohlen worden? Was könnten Diebe bei mir suchen wollen?« »Dein Geld natürlich und wohl auch die Schriften, die Du im Prozesse brauchst. Hast Du sie hier bei Dir?« Der Fex starrte den Sprecher noch einige Augenblicke verständnißlos an; dann aber wurde ihm klar, was dieser meinte. Er fuhr von dem Rande des Bettes auf und eilte in die Wohnstube. Dort schloß er den Schreibtisch auf und sah in das betreffende Fach. »Fort!« rief er erschrocken. »Also wirklich!« sagte der Sepp. »Was ist's denn, was sie mitgenommen haben?« »Mein ganzes Geld und auch die Schriften.« »Habs mir denkt! Sie haben einen sehr guten Fang gemacht. Die Schriften, das Geldl und auch dera Leni ihren Schmuck!« »Aber, um Gotteswillen, Sepp, sage mir, wie das geschehen ist!« Auf diese Frage antwortete der Graf. Er erzählte, was er in jenem Parkhäuschen erlauscht hatte, und wie dann Alles nach einander gekommen war. Was er noch nicht wußte, das wurde jetzt ergänzt, so daß am Schlusse seines Berichtes die Zuhörer sich vollständig im Klaren befanden. Auf den Fex machte die Erzählung den Eindruck, daß er die Folgen des Chloroformes gar nicht mehr verspürte. Sein Kopf war plötzlich frei geworden und das Gehirn trat wieder in die gewöhnlichen Functionen. »Also auf meine Papiere war es abgesehen,« sagte er. »Und dabei haben sich die Spitzbuben noch außerdem bereichert! Wir müssen den sogenannten Baron von Stubbenau natürlich sofort verhaften lassen.« »Davon möchte ich abrathen,« meinte der Graf. »Warum?« »Um Ihres Prozesses willen. Es ist besser, dafür zu sorgen, dem Baron von Gulijan beweisen zu können, daß er der Anstifter des Einbruches sei. Wir dürfen also dem Diebe nichts in den Weg legen, bis er die Papiere dem Baron übergeben und dafür das Geld empfangen hat.« »Inzwischen aber kann Manches passiren, was außer unserer Berechnung liegt!« »O, Ihre Papiere sind Ihnen sicher und gewiß. Ebenso bin ich überzeugt, daß der Schmuck und das geraubte Geld unverloren ist. Wir werden die Sache allerdings sofort anzeigen, aber von einer Verhaftung sehen wir einstweilen ab. Es genügt, wenn wir den Dieb bis früh beobachten lassen, so, daß er nichts von dem Raube zu veräußern vermag.« Diese Ansicht erhielt die Zustimmung der Anderen, und nach einigem Hin- und Herreden wurde beschlossen, daß der Graf, der Sepp und der Fex nach der Polizei gehen sollten, um die Anzeige zu erstatten. »Aber hier muß Alles bleiben, wie es ist,« meinte der Graf. »Die Polizei hat natürlich aufzunehmen, in welcher Weise der Einbruch ausgeführt worden ist.« Eigentlich war die Wirthin mit der Entfernung der drei Männer nicht einverstanden. Sie fürchtete sich. Erst als sie erfuhr, daß in kurzer Zeit die Polizei hier sein werde, gab sie sich zufrieden. Nachdem Leni den Zusammenhang von Allem erfahren hatte, befand sie sich nicht mehr in Sorge um ihren Schmuck; sie war überzeugt, daß sie denselben wieder zurückerhalten werde. Die Drei begaben sich nach der nächsten Polizeistation. Als der Wachthabende dort erfuhr, um was es sich handele, hielt er sich nicht für befugt, die Verantwortung allein auf sich zu nehmen. Er telegraphirte der Polizeidirection am Schottenring, und es dauerte auch wirklich nur wenige Minuten, bis ein Oberbeamter angefahren kam, der sich Alles erzählen ließ. Sein Gesicht wurde desto gespannter, je weiter der Bericht vorschritt. Er nickte mehrere Male still vor sich hin. Als die Erzählung beendet war, fragte er den Grafen: »Also Sie sind wirklich überzeugt, daß jener Baron von Stubbenau der Dieb ist?« »Vollständig!« »Und daß es aber zwei gewesen sind?« »Ja.« »Haben Sie keine Ahnung, wer der Zweite war?« »Nein. Die Gestalt schien mir aber keine männliche zu sein.« »Hm! Und von der Wohnung des Sängers aus ist der Einbruch geschehen? Ihn hat man so betrunken gemacht, daß er besinnungslos geworden ist? Sonderbar! Es kommt mir da ein Gedanke. Hat vielleicht einer der Herren von einer Geliebten gehört, welche der Sänger Criquolini hat?« »Ja,« antwortete der Sepp. »Der sogenannte Baron von Stubbenau hat mir mitgetheilt, daß Criquolini eine Tänzerin liebt.« »Kennen Sie vielleicht den Namen derselben?« »Gehört habe ich ihn, mir denselben aber leider nicht gemerkt.« »War es ein deutscher Namen?« »Nein.« »Also ein fremder. Sie soll doch nicht etwa Valeska heißen?« »Valeska! Ja, ja, so war es, so heißt sie. Jetzt fällt es mir ein.« »Ah, meine Ahnung! Diese Valeska ist nämlich die Geliebte des Herrn von Stubbenau. Ich kenne diesen Herrn so leidlich. Er ist meiner besonderen und persönlichen Aufsicht unterstellt, natürlich aber ohne Etwas davon zu ahnen. Aus diesem Grunde habe ich mich sehr eingehend mit ihm beschäftigt. Er ist ein falscher Spieler und treibt wohl auch noch Schlimmeres, ohne daß ich ihn aber zu atrappiren vermochte. Er ist ein ungemein schlauer Kerl und ich habe immer geahnt, daß er die hübsche und zügellose Tänzerin als Lockvogel benutzt. Sollte etwa gar sie es gewesen sein, welche bei ihm war?« Weder der Sepp noch der Graf konnten diese Frage beantworten. Darum sagte der Polizist: »Jedenfalls werde ich von Criquolini erfahren, wer bei ihm gewesen ist.« »Aber bitte, da vorsichtig zu sein!« sagte der Graf. »Der Sänger könnte den Dieb darauf aufmerksam machen, daß man sich mit der Sache bereits beschäftigt.« »O bitte,« lächelte der Beamte. »Unsereiner weiß das anzufassen. Haben Sie die Thüren bei Criquolini wieder verschlossen?« »Nur zugemacht, verschlossen nicht.« »So kann ich also hinein?« »Ja. Uebrigens habe ich den Hausschlüssel noch einstecken. Ich nahm ihn zu mir, um das Hofthor aufzuschließen, falls dies nöthig sei. Darf ich ihn an Sie abgeben?« Er hielt den Schlüssel hin, und der Beamte steckte denselben zu sich, indem er meinte: »Sie werden die Güte haben, mich nach der Wohnung des Betrunkenen zu begleiten, wenn es auch nicht gerathen ist, daß Sie dieselbe betreten. Falls es sich herausstellt, daß die Tänzerin bei ihm war, werde ich einen Wächter an ihre Wohnung stellen. Hoffentlich bekommen wir nun endlich einmal Klarheit über diesen Stubbenau. Wir kennen nämlich seinen eigentlichen Namen noch gar nicht, und alles Forschen nach demselben ist bisher vergeblich gewesen.« Da griff sich der Graf mit der Hand nach der Stirn, indem er sagte: »Sein Name! Ist mir doch, als ob ich denselben gehört hätte!« »Wann denn?« »Im Laufe seiner Unterredung mit dem Baron von Gulijan.« »Wie? Hat dieser ihn nicht Stubbenau geheißen sondern ihn etwa anders genannt?« »Ja, ganz anders.« »Ah! Besinnen Sie sich, besinnen Sie sich ja! Es ist mir von der allergrößten Wichtigkeit, den Namen kennen zu lernen.« »Warten Sie, warten Sie! Geben Sie mir Zeit!« Während der Graf dies sagte, schritt er nachdenkend im Bureau auf und ab. Dann blieb er stehen und erklärte: »Es war auch kein deutscher Name, wenn ich mich richtig besinne, sondern ein fremder.« »Aus welcher Sprache?« »Ja, wenn ich dies wüßte! Es ist mir, als ob es ein arabisches Wort gewesen sei.« »Hm! Also kein adeliger Name?« »Nein, ein bürgerlicher. Saadi ist wohl ein arabischer Name?« »Ja, das ist er.« »So ähnlich war es. Saadi oder Sadek oder ziemlich gleichklingend.« Da fragte der Polizist mit sicht- und auch hörbarer Hast: »Aehnlich wie Sadeck? Etwa Salek?« »Ja, ja, so war es.« »Salek, Salek! Ah! Hat der Baron von Gulijan ihn wirklich so genannt?« »Sogar einige Male.« »Er kennt also diesen Namen! Welch eine Entdeckung das ist, welch eine wichtige!« Er zeigte, daß dieser Name ihn in eine Art von Begeisterung versetzt hatte. »Ist er auch Ihnen bekannt?« fragte der Graf. »Natürlich, natürlich! Dieser Salek ist ein berüchtigter Verbrecher, nach welchem wir schon lange Zeit vergeblich forschen. Sie werden noch Wunder hören. Also jetzt haben wir ihn, jetzt haben wir ihn!« Er ging einige Male auf und ab und rieb sich hochvergnügt die Hände. Dann trat er zu einem kleinen Schränkchen, welches eine Hilfsapotheke enthielt, wie sie an Polizeistationen geboten sind. Er suchte ein Fläschchen mit Salmiakgeist hervor, welches er zu sich steckte. Dann ging er in den Nebenraum und kam kurze Zeit später in der Dienstkleidung eines Nachtwächters zurück. »Kommen Sie,« sagte er. »Jetzt wollen wir nach der Circusstraße zu Criquolini.« Sie gingen. Vor dem Hause angekommen, in welchem die genannte Wohnung lag, bat er seine Begleitung, zu warten. Er selbst trat ein. Er gelangte leicht in das Zimmer, in welchem er das kleine Wächterlaternchen anzündete. Den Schlüssel legte er auf den Tisch, so wie der Graf und der Sepp denselben gefunden hatten. Als er dann in das Schlafzimmer trat, lag der Sänger schnarchend im Bette. Der Polizist rief und rüttelte ihn vergebens. Dann hielt er ihm den Salmiakgeist an die Nase. Criquolini athmete ihn ein und begann zu gleicher Zeit zu nießen und zu husten. Er erwachte und riß die Augen auf. »Was – wa – wa – –« stotterte er. Weiter kam er aber nicht, denn der Rausch bemächtigte sich seiner sofort wieder. Der Polizist hielt ihm den Geist wieder an die Nase, und das hatte jetzt die Wirkung, daß der Betrunkene in sitzende Stellung emporfuhr. Er starrte den Andern verwundert an und fragte: »Wer – wer sind Sie denn?« »Der Nachtwächter, wie Sie sehen.« »Was – was – wollen Sie?« »Ich habe revidirt und Ihre Wohnung offen gefunden. Das darf nicht sein.« »Offen? Es war doch zu!« »Nein. Sowohl die Haus- als auch die Stubenthür war unverschlossen.« »So – so – sind sie fort!« Er blickte wie suchend um sich. »Wer denn?« fragte der Polizist. »Meine Gäste.« »Sie haben Gäste und liegen im Bette!« »Ja – ja – wissen Sie, der Wein, der Wein!« »Ich verstehe! Sie hatten sich ein kleines Räuschchen angetrunken. Nicht wahr?« »Ja, so ists.« »Da wurden Sie schlafen gelegt, und die Gäste gingen. Da sie Ihnen den Schlüssel hier lassen mußten, konnten sie nicht verschließen.« »Ganz so muß es gewesen sein.« »Das soll aber nicht vorkommen. Wen hatten Sie denn zu Gaste?« »Den Baron von Stubbenau.« »Und – – –?« »Und eine Dame, meine – meine – – ah, das thut doch vielleicht nichts zur Sache.« »O doch! Ich muß Sie bitten, mir den Namen der betreffenden Dame zu sagen.« »Es war die Tänzerin Valeska. Sie wollen doch nicht etwa wegen dieser kleinen Unregelmäßigkeit Anzeige machen?« »Eigentlich sollte ich wohl; aber ich will davon absehen, obgleich ich glaube, daß Sie mir nicht ganz die Wahrheit gesagt haben.« »Nicht? Wieso?« »Weil Sie gar keine Dame bei sich gehabt haben.« »Wer behauptet das?« »Ich. Als Ihre Gäste Sie verließen, habe ich nur zwei Herren bemerkt. Den Einen erkannte ich allerdings als den Herrn Baron von Stubbenau. Eine Dame war nicht dabei.« »Gewiß,« lächelte Criquolini verlegen. »Die Tänzerin hatte Herrenkleidung angelegt, wissen Sie, so eine kleine, augenblickliche Marotte.« »Ach so! Das ist etwas Anderes. Jetzt aber bitte ich, die Thüren zu verschließen.« »O wehe! Da müßte ich ja aufstehen!« »Freilich!« »Hm! Sind Sie hier auf der Straße stationirt?« »Ja.« »Da thun Sie mir doch den Gefallen, zuzuschließen und den Schlüssel später abzugeben. Es soll mir auf ein Trinkgeld nicht ankommen. Wollen Sie?« »Wenn Sie es wünschen, ja.« »Gut! Thun Sie es! Gute Nacht!« Er fiel in die Kissen zurück und schnarchte bereits im nächsten Augenblick wie vorher. Der Beamte aber wußte nun genug. Er verschloß die Wohnung und begab sich dann mit den drei auf ihn wartenden Herren nach dem Hause der Frau Salzmann, um dort den Thatbestand aufzunehmen. Später ordnete er sowohl vor die Wohnung Stubbenau's als auch der Tänzerin je einen verkleideten Polizisten. Diese beiden Männer erhielten die Aufgabe, die zwei Genannten ja nicht aus dem Auge zu lassen. Ganz ebenso wäre auch Gulijan beobachtet worden, wenn seine Wohnung bekannt gewesen wäre. Er war aber von Seiten seines Hotelwirthes noch nicht angemeldet, und man konnte die betreffende Meldung noch am Morgen erwarten. In Beziehung auf ihn war es genug, daß man wußte, er gebe sich für einen Herrn von Wellmer aus. Und zudem wußte der Graf ja, daß dieser Mann täglich früh von neun bis zehn Uhr auf den Einbrecher warten wolle. Am andern Morgen hatte es soeben acht Uhr geschlagen, als es sich in der Nähe des Parkhäuschens zu regen begann. Es gab da mehrere Spaziergänger, welche scheinbar unbefangen sich in der frischen Morgenluft ergingen. Wer sie aber schärfer beobachtet hätte, dem wäre es sicher nicht entgangen, daß sie die Umgebung recognoscirten und dann hinter Bäumen und Sträuchern verschwanden. Der Graf von Senftenberg glaubte, seine Schuldigkeit gethan zu haben; er wollte sich mit dieser Angelegenheit, welche nun lediglich Criminalsache geworden war, persönlich nicht mehr beschäftigen. Der Sepp aber und der Fex waren entschlossen, sich am Fange der Verbrecher zu betheiligen. Der Letztere hatte sich mit dem Polizeibeamten, der während der Nacht die Sache in die Hand genommen hatte, in das Häuschen versteckt, ganz so, wie gestern der Graf. Die Beiden befanden sich draußen in dem dunklen Werkzeugraume und sorgten dafür, daß die Thür für fest verschlossen gelten mußte. Jetzt hielten sie dieselbe aber noch geöffnet, um fleißig Ausguk halten zu können. Ungefähr eine Viertelstunde vor Neun sahen sie den Baron Stubbenau kommen. Sie zogen sich in das Versteck zurück. Er trat in das Häuschen und tastete an der Thür, um sich zu überzeugen, daß sie zu sei. Er schien fest zu glauben, daß er sich ganz allein hier befinde. Zunächst setzte er sich auf die Bank; doch ließ ihm die Erwartung keine Ruhe. Er stand sehr bald wieder auf und begann, hin und her zu schreiten. Nach einer Weile hörten die beiden Lauscher, daß er einen leisen, befriedigenden Ruf ausstieß. Der Baron von Gulijan schien zu kommen. Sie vernahmen die Schritte desselben. Er hatte den Dieb stehen sehen und sagte, als er in das Häuschen trat: »Sapperment, Salek, Sie sind hier! Das hatte ich nicht erwartet, daß es so schnell gehen werde.« »So! Wissen Sie denn, daß es geglückt ist?« »Ja, denn sonst wären Sie nicht hier.« »Hm! Sie sind ein scharfsinniger Mann.« »Pah! Haben Sie sich überzeugt, daß wir allein sind?« »Ja. Sie haben doch auch Niemanden gesehen?« »Nein. Also, reden Sie! Wie steht es?« »Sehr gut. Ich habe die Papiere.« »Prächtig! Zeigen Sie her!« Das klang hastig und erwartungsvoll. »Halt!« antwortete Salek. »So schnell geht das nicht. Haben Sie auch das Geld mit?« »Ja.« »Die volle Hälfte von fünfundzwanzigtausend Gulden?« »Natürlich. Wollen Sie es etwa gleich haben?« »Das versteht sich!« »Erst muß ich mich überzeugen, ob es auch wirklich die betreffenden Papiere sind.« »Sie sind es. Sehen Sie es sich an.« Man hörte Papier knistern und rauschen. Sodann erklang Gulijans Stimme: »Ja, sie sind es. Gott sei Dank! Ich stecke sie gleich ein.« »Aber bitte, mein Geld!« »Ich zähle es Ihnen hier auf die Bank.« Die Lauscher hörten, daß er die Summe aufzählte. Salek steckte sie ein und sagte dann: »Soweit sind wir fertig. Nun noch Ihre Unterschrift für die zweite Hälfte des Geldes!« »Ist das wirklich nöthig?« »Ja.« »Ich halte es für sehr überflüssig.« »Ich aber nicht. Sie sind gestern auf diesen Punkt eingegangen, und ich fordere, daß Sie Ihr Wort nun halten.« »Und wenn ich mich nun weigere!« »So geben Sie die Papiere wieder her!« »Fällt mir nicht ein!« »Hm! Sie verursachen sich Unbequemlichkeiten. Sie geben entweder Ihre Unterschrift oder liefern mir die Papiere zurück. Oder wollen Sie es auf eine Gewaltthätigkeit ankommen lassen? Ich bin bewaffnet.« Er schien ein Messer aus der Tasche zu ziehen, denn der Baron von Gulijan rief: »Sind Sie des Teufels! Gar ein Dolch!« »Wie sie sehen!« »Wollen Sie mich etwa ermorden?« »Ich bin entschlossen, mir zu meinem Eigenthume zu verhelfen. In welcher Weise ich das thun muß, das kommt auf Ihr Verhalten an.« »Sie sind ein niederträchtiger Kerl!« »O nein. Ich liebe es nur nicht, mich betrügen zu lassen. Also, entscheiden Sie sich!« Jedenfalls hatte er eine sehr drohende Haltung angenommen, denn Gulijan meinte kleinlaut: »Was soll ich denn unterschreiben?« »Folgendes. Hören Sie!« Er las: »Ich, Terzky, Baron von Gulijan, bekenne hiermit, daß der Inhaber dieser Zeilen dem wirklichen Baron Curty von Gulijan, genannt Fex, die unten verzeichneten Papiere auf meine Aufforderung hin gestohlen und mir für fünfzigtausend Gulden verkauft hat. Die Hälfte dieser Summe hat er sofort erhalten; die andere Hälfte bezahle ich ihm, wenn ich den bezüglichen Erbschaftsprozeß gewonnen habe, so daß sämmtliche Besitztümer der Familie Gulijan in meine Hand übergehen.« Hierauf folgte das Datum und die Aufzählung der Papiere, welche Salek gestohlen hatte. »Und das, das soll ich unterschreiben!« rief der Baron. »Sie haben es versprochen.« »Diese Zeilen sind für mich gefährlich.« »Für mich auch.« »Können Sie ihnen nicht eine andere Fassung geben?« »Nein. Ich habe sie bereits mild genug gehalten. Machen wir es kurz. Wollen Sie, oder wollen Sie nicht?« »Ich möchte nicht.« »Dann heraus mit den Papieren!« »Mensch! Sie sind ja der reine Räuberhauptmann!« »Sie sind nichts Besseres!« »Es giebt ja hier nicht einmal Tinte!« »Da irren Sie sich. Ich habe nicht nur Feder und Tinte mit, sondern auch Streichhölzer und Siegellack, damit Sie Ihr Wappen drunter setzen können.« »Hole Sie der Teufel! Meinen Sie denn, ich schleppe mein Petschaft überall mit in der Welt herum?« »Ja. Sie haben einen Siegelring.« Darauf wollte Gulijan nicht eingehen. Salek aber ging nicht von seiner Bedingung ab, und so sah der Erstere sich gezwungen, zu unterzeichnen und auch zu untersiegeln, da er es auf eine regelrechte Rauferei nicht ankommen lassen wollte. Doch meinte er dann zornig: »Aber ich verlange, daß Sie mit diesem Revers keinerlei Mißbrauch treiben!« »O nein,« antwortete Salek. »Es liegt ja in meinem eigenen Interesse, daß ich ihn sehr sicher aufbewahre. Sie können also – – –« Er wurde unterbrochen, denn Gulijan stieß einen unterdrückten Ruf des Aergers aus und sagte, indem er hinaus auf den Weg deutete: »Verdammt! So werden wir also doch mit einander gesehen und überrascht.« Salek drehte sich um und erblickte den alten Sepp, welcher langsam und scheinbar tief in Gedanken versunken, auf das Häuschen zugeschritten kam. »Ah, der!« sagte der Einbrecher. »Von dem haben wir nichts zu befürchten.« »So? Kennen Sie ihn?« »Ja. Er ist ein Freund von mir, ein alter, bayrischer Hauptmann. Ein wenig dumm und ein wenig gut, ein alter, ehrlicher Schafskopf, der ganz zufälliger Weise hier spazieren geht.« »Wirklich zufällig?« »Gewiß. Uebrigens scheint er es auf das Häuschen abgesehen zu haben. Als wen soll ich Sie vorstellen?« »Als Wellmer. Mein wirklicher Name darf nicht genannt werden.« »Schön. Da ist er schon.« Der Alte hatte das Häuschen erreicht, hielt an und betrachtete es sich wie Einer, welcher soeben aus tiefen Gedanken erwacht. Dann stieg er langsam die wenigen Stufen herauf. Salek trat ihm entgegen. »Erschrecken Sie nicht, lieber Hauptmann,« sagte er. »Sie haben jedenfalls hier Niemand erwartet.« Der Sepp fuhr allerdings zurück, als ob er erschrocken sei, lachte aber heiter auf, als er den Sprecher erkannte. »Sie hier, Baron! Das ist nun freilich eine frohe Ueberraschung. Ich war ganz in Gedanken versunken.« »Jedenfalls in glückliche?« »O nein, sondern im Gegentheile. Aber wollen Sie mich nicht diesem Herrn vorstellen?« »Herr Hauptmann von Brendel, Herr Baron von Wellmer,« stellte Salek sie einander vor. Die Beiden verbeugten sich, und dann nahm Salek das Thema wieder auf: »Es waren keine wohlthätigen Gedanken? Sie haben doch nicht Aergerlichkeiten gehabt?« »Ich selbst nicht, aber eine mir nahestehende Person. Sie wissen doch bereits, daß ich der Pathe der Ubertinka bin?« »Ja. Ich erfuhr es.« »Meine Pathe und Mündel hat heut Nacht einen schweren Verlust gehabt.« »Was Sie sagen?« »Ihre Juwelen sind ihr gestohlen worden.« »Unmöglich!« »Leider ist es nur zu wahr. Sie wohnt erst seit einem Tage in dem Logis und wird doch schon bestohlen! Und ein anderer Bekannter von mir ist erst später eingezogen und doch hat man ihm auch bereits die Kasse ganz geleert.« »Sie sehen mich voller Schreck und Theilnahme,« sagte Salek, indem er ein sehr teilnahmsvolles Gesicht zeigte. Auch Gulijan sagte einige condolirende Worte und sprach die Hoffnung aus, daß man die Diebe entdecken werde. Daran schloß er die Erkundigung: »Handelt es sich denn um zwei verschiedene Diebstähle oder nur um einen einzigen?« »Von Diebstahl ist keine Rede, sondern von einem regelrechten Einbruch. Die Diebe sind aus dem Hofe erst in das Parterre eingestiegen, wo sie die Kasse meines jungen Freundes leerten, und dann waren sie sogar so verwegen, in die Etage zu gehen, wo sie die Diamanten stahlen.« »Das ist freilich frech! Hat sich denn nicht eine Spur gefunden?« »Allerdings, doch ist sehr fraglich, ob sie zum Ziele führen wird. Leider handelt es sich nicht um leicht ersetzliche Gegenstände, sondern um werthvolle Papiere, auf welche es von vornherein abgesehen war. Mein junger Freund Curty, Baron von Gulijan, steht mit einem Verwandten im Prozeß, welchen er nur mit Hilfe derjenigen Papiere gewinnen kann, die ihm nun gestohlen sind.« »Höchst bedauerlich! Hoffentlich bekommt er sie wieder.« »Ich hoffe es auch, zumal wir eben, wie bereits gesagt, eine Spur haben.« »Wirklich? Darf man sich nach dieser interessanten Angelegenheit erkundigen?« Salek und Gulijan waren natürlich auf das Außerordentlichste gespannt. Der Letztere war außerdem innerlich ergrimmt über den Ersteren, daß er sich nicht mit den Papieren begnügt, sondern noch Weiteres gestohlen hatte. Dadurch konnte die Angelegenheit leicht eine unerwartete und gefährliche Wendung erhalten. »Warum nicht?« antwortete der Sepp. »Der Herr Baron von Stubbenau ist mein Freund, und ich bin seiner Theilnahme diese Aufrichtigkeit schuldig. Setzen wir uns einen Augenblick!« Er nahm zwischen ihnen auf der Bank Platz und fuhr dann weiter fort: »Die betreffenden Papiere sind an sich ganz werthlos und haben nur für den genannten Verwandten Werth. Daraus läßt sich vermuthen, daß er die Hand dabei im Spiele hat.« »Das wäre ja überraschend!« »O nein. Um den Prozeß zu gewinnen, dingt er einen Einbrecher, der ihm die Papiere stehlen muß. Das ist doch sehr einfach.« »Aber ein Gulijan!« »Kennen Sie den Namen und die Familie?« »Ich habe den Namen nennen hören. Aber bitte, sprechen Sie doch weiter!« »Also ich habe diesen Verwandten in Verdacht. Er soll in letzterer Zeit hier gesehen worden sein.« »Ah! Ists wahr?« »Ja, und zwar soll er mit einem notorischen Einbrecher verkehrt haben, mit einem gewissen Salek, den man bereits seit Langem sucht.« Die beiden Zuhörer wurden leichenblaß. Sie hatten sich erst einmal getroffen, gestern hier im Häuschen! Und das wußte man bereits? Dann mußte man ja Gulijan erkannt haben! Diesem Letzteren wollte es die Kehle zuschnüren. Er gab sich die größte Mühe, ruhig zu erscheinen und fragte: »So hat man Beide zusammen gesehen?« »Das weiß ich nicht. Die Polizei liebt es nicht, gesprächiger zu sein als es in ihrem Interesse liegt. Man hat nun nach diesem Salek geforscht und erfahren, daß er mit einer Tänzerin verkehrt, welche seine Gehilfin ist.« »Beim Einbrechen?« »Ja.« »Unmöglich! Eine Tänzerin als Einbrecherin!« Salek mußte alle seine Selbstbeherrschung aufbieten, um ruhig fragen zu können: »Kennt man denn bereits den Namen der betreffenden Tänzerin?« »Das weiß ich auch nicht. Ich sagte schon, daß die Polizei nicht übermäßig mittheilsam ist. Aber erfahren habe ich doch, daß Salek und die Tänzerin es wirklich sind, die den Einbruch ausgeführt haben. Das Mädchen ist dabei als Herr verkleidet gewesen.« Die beiden Andern wurden von ihrem Entsetzen so absorbirt, daß sie gar nicht bemerkten, daß an der Hinteren Seite des Häuschens sich mehrere Männer herbeischlichen und so Posto faßten, daß sie augenblicklich zur Hand sein konnten. Auch aus weiterer Entfernung huschten verborgen gewesene Polizisten so weit heran, daß sie nun hinter den nächsten Bäumen und Büschen standen. Der alte Sepp spielte seine Rolle ganz vortrefflich. Er zeigte eine zwar besorgte, sonst aber sehr unbefangene Miene. Darum glaubten die Beiden wohl, daß man ihnen auf der Spur sei, aber sie waren noch weit davon entfernt, zu ahnen, daß er sie bereits als die Betreffenden kannte. Sie wechselten einen schnellen, besorgten Blick mit einander; dann sagte Gulijan: »Es freut mich, daß die Nachforschungen bisher schon so weit gediehen sind. Wann ist denn der Einbruch bemerkt worden?« »Sofort nach der Ausführung.« »Das ist sehr gut. Und von wem?« »Von mir und dem Grafen von Senftenberg. Die beiden Einbrecher gingen an uns vorüber. Ich muß sagen, daß der Eine von ihnen eine ganz frappante Ähnlichkeit mit unserm Baron von Stubbenau hatte.« Der Genannte zuckte zusammen, beherrschte sich aber und meinte lachend: »Sie erweisen mir da wirklich eine Ehre, auf welche ich nicht sehr stolz sein kann!« »Pah! Sie werden das natürlich nicht übel nehmen. Ich bin ja nicht schuld an dieser Ähnlichkeit.« »War sie denn wirklich so bedeutend?« »Sie war so groß, daß ich mich täuschen ließ und den Menschen sogar angeredet habe.« »Antwortete er?« »Nein. Er machte sich schleunigst aus dem Staube.« »Hätten Sie ihn doch festgehalten!« »Aus welchem Grunde?« »Nun, weil er eingebrochen hatte.« »Davon wußte ich noch nichts. Er trug ein Kästchen, eine kleine Schatulle. Hätte ich gewußt, daß sich in derselben die geraubten Brillanten meiner Mündel befanden, so wäre er mir nicht entkommen.« »Wie aber sind Sie dann dennoch zu der Ueberzeugung gelangt, daß Sie es mit Dieben zu thun gehabt hatten?« »Durch eine Gedankencombination. Graf Senftenberg wußte nämlich, daß ein Einbruch hatte stattfinden sollen.« »Sind Sie des Teufels!« »O nein. Es ist wirklich so. Er wußte es.« »So konnte er ihn verhüten.« »Das beabsichtigte er natürlich auch; aber er hatte nicht gedacht, daß die That so schnell geschehen werde.« Gulijan strich sich verlegen den Bart. Es begann ihm unheimlich zu werden, und es war ein rascher Blick zornigen Vorwurfes, den er auf den Einbrecher warf. Dann erkundigte er sich: »Das ist eine höchst sonderbare Geschichte. Der Graf soll bereits in Voraus von dem Einbruche unterrichtet gewesen sein. Wie ist das möglich?« »Dadurch, daß er zwei Kerls belauscht hat, welche davon gesprochen haben.« »Alle Teufel! Wann denn?« Er fuhr von der Bank auf. Die Spitzen seines Schnurrbartes bebten verrätherisch. »Gestern,« antwortete der Sepp gleichmüthig. »Und wo?« »Hier im Parke, ich glaube sogar hier, an derselben Stelle, an welcher wir uns befinden.« »Himmeldonnerwetter!« fluchte Salek, indem er auch aufsprang. Sepp blieb sitzen, blickte die beiden höchst verwundert an und fragte: »Was haben Sie denn? Was ist mit Ihnen?« »Mit uns? Nichts. Was soll mit uns sein?« »Sie thun ja so aufgeregt, förmlich ängstlich!« »Aengstlich? Wir?« lachte Gulijan gepreßt. »Was denken Sie da! Woher sollte für uns die Veranlassung zur Angst kommen! Wir nehmen sehr regen Antheil an Dem, was Sie erzählen. Das ist Alles.« »Ach so! Ich bin Ihnen herzlich dankbar für diesen Antheil oder, um mich richtiger auszudrücken, für diese Theilnahme. Ich denke, daß es uns doch gelingen wird, die Kerls zu erwischen.« »Das wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen. Es ist wirklich ein sehr glücklicher Umstand, daß der Graf dieses Gespräch belauscht hat. Hoffentlich kennt er die betreffenden Menschen?« »Leider, nein. Er hat so gestanden, daß er nur den Einen sehen konnte. Das Aeußere desselben hat er sich genau gemerkt. Die Stimme des Anderen ist ihm sehr bekannt vorgekommen, aber er hat ihn, wie gesagt, nicht sehen können.« »Desto besser wird er gehört haben, was sie sprachen. Nicht?« »Ja, es ist ihm kein Wort entgangen.« »Sapperment! Was haben die Kerls denn mit einander ausgemacht?« »Den Einbruch natürlich. Der Eine hat den Anderen dazu beredet und ihm fünfzigtausend Gulden dafür versprochen. Es handelte sich um die bereits erwähnten Papiere.« »Haben sie sich denn bei ihren Namen genannt?« »Wohl nicht. Kurz und gut, der Graf hat auf diese Weise erfahren, daß ein Diebstahl stattfinden sollte; aber er hat nicht geglaubt, annehmen zu müssen, daß derselbe bereits in der nächsten Nacht ausgeführt werde. Darum hat er die Anzeige unterlassen.« »Das war sehr unüberlegt von ihm!« »Freilich. Aber diese Unterlassungssünde kann vielleicht noch gut gemacht werden, wenn Sie mich dabei unterstützen wollen.« »Wir? Sie unterstützen? Wie meinen Sie das?« »Die beiden Kerls haben nämlich verabredet, früh zwischen neun und zehn Uhr hier zusammenzutreffen. Darauf hat sich der Graf glücklicher Weise noch besonnen. Der Dieb soll die Papiere hierher in dieses Häuschen bringen und der Andere will ihn hier erwarten, um ihn zu bezahlen und einen Revers zu unterschreiben.« »Teufel noch einmal! Auch das hat der Graf erlauscht!« rief der Baron von Gulijan. »O, noch weit mehr, was aber jetzt nur von nebensächlicher Bedeutung ist. Ich habe natürlich angenommen, daß diese beiden Menschen wohl schon heute hier zusammentreffen, und bin gekommen, sie der Polizei zu überliefern.« »Sapperment! Sie allein?« »Meinen Sie, daß ich dazu noch mehrerer Personen bedarf?« »Gewiß!« »Pah! Ich bin Offizier!« Ueber das Gesicht des Barons zuckte ein triumphirendes Lächeln; er zwinkerte Salek heimlich mit den Augen zu und meinte zu Sepp: »Ich hege natürlich keinen Zweifel an Ihrer persönlichen Tapferkeit, aber ich halte es für meine Pflicht, Sie zu warnen. Sie haben es höchst wahrscheinlich mit zwei gewaltthätigen Menschen zu thun.« »O, Diebe sind immer feig!« »Aber selbst ein sonst wenig muthiger Mann wehrt sich seiner Haut, wenn er ergriffen werden soll!« »Nun, das auch zugegeben, so habe ich doch noch nicht gesagt, daß ich beabsichtige, mich mit den Spitzbuben herumzubalgen. Ich möchte sie belauschen und ihnen nachschleichen, um zu erfahren, wer sie sind. Dann zeige ich sie an.« »Ach so! Das ist freilich weniger gefährlich.« »Ja, und übrigens freut es mich, Sie hier getroffen zu haben. Ich bin überzeugt, daß Sie mir nötigenfalls Ihre Hilfe nicht versagen werden.« »Gewiß nicht. Nur weiß ich nicht, ob meine Zeit mir erlaubt, länger hier zu bleiben. Ich muß mit der Bahn fort und darf den Zug nicht versäumen.« Der Sepp zog seine Uhr heraus, blickte auf dieselbe und antwortete in bittendem Tone: »Es ist bereits halb Zehn. Bis zehn Uhr wollten sie sich treffen. Es ist also nur noch eine kleine halbe Stunde zu warten und so lange Zeit werden Sie wohl übrig haben.« »Schwerlich,« sagte Gulijan, indem er ein bedenkliches Gesicht machte. Salek aber mochte denken, daß es besser sei, scheinbar auf die Absicht des alten Hauptmannes einzugehen; darum sagte er: »Herr Baron, Ihr Zug geht ja erst um Mittag ab. Sie haben also noch Zeit.« »Meinen Sie? Hm!« »Ja. Freilich scheint der Herr Hauptmann nicht ganz zum Polizisten geboren zu sein. Hier wird es uns nicht gelingen, die Kerls zu fangen.« »Warum nicht?« fragte der Sepp. »Weil sie uns sehen können. Sie werden natürlich umkehren, sobald sie uns bemerken.« »Ja, wenn Sie sich so groß und breit herstellen wie jetzt! Setzen Sie sich doch!« »Auch das ist noch nicht ausreichend. Wir dürfen gar nicht hier bleiben.« »Warum denn nicht?« »Eben weil sie uns gar nicht sehen sollen. Wir müssen das Häuschen verlassen und uns draußen hinter die Bäume stellen. Da vertheilen wir uns so, daß sie uns auf keinen Fall entgehen können.« Der Alte durchschaute Salek's Absicht. Den Beiden war es natürlich nur darum zu thun, ihm auf gute Weise aus den Augen zu kommen. Darum antwortete er kopfschüttelnd: »Nein, ich weiß etwas noch viel Besseres. Wenn wir uns da draußen hinstellen, können wir sie doch nicht belauschen. Wir hören gar nicht, was sie reden, und gerade das ist's ja, was ich wissen möchte.« »Nun,« lachte Salek, »wenn wir hier sitzen bleiben, ist von einem Belauschen auch keine Rede.« »Sehr richtig. Aber wer sagt denn, daß wir sitzen bleiben wollen? Ich doch nicht!« »Wohin wollen Sie denn?« »Wissen Sie, wir stecken uns dahin, wo gestern der Graf gesteckt hat. Da ist Alles zu hören.« »Wo wäre das?« »Da hinein.« Er deutete auf die Thür. Das ging den Beiden über die Selbstbeherrschung. Sie standen offenen Mundes da und starrten ihn an. »Ja,« lachte er. »Das Versteck ist ausgezeichnet.« »Da, da drin ist der Graf gewesen?« stammelte Salek. »Ja,« nickte Sepp. »Es ist doch zu!« »O nein. Der Graf ist so klug gewesen, die Thür von innen zuzuhalten, so daß die Spitzbuben denken mußten, daß sie verschlossen sei.« »Himmeldonnerwetter!« fluchte Salek. »Da schlag der Teufel drein!« stieß Gulijan hervor. »Nicht wahr, das ist prächtig?« fuhr der Alte fröhlich fort. »Da können uns die Kerls nicht sehen, wenn sie kommen, und wir hören jedes Wort.« »Meinetwegen!« rief der Baron jetzt grob. »Ich habe keine Lust, mich wegen eines Spitzbuben zu verkriechen. Machen Sie Ihre Sache allein ab!« Salek folgte sofort diesem unfreundlichen Beispiele, indem auch er erklärte: »Der Herr Baron hat Recht. Uns geht diese Sache ja gar nichts an. Entschuldigen Sie, Herr Hauptmann!« Er drehte sich zum Gehen um, aber der Alte trat ihm in den Weg und sagte, noch immer freundlich: »Wie meinen Sie? Die Sache geht Sie nichts an?« »So meine ich allerdings.« »Aber da irren Sie sich gewaltig!« »In wiefern?« »Es liegt ganz außerordentlich in Ihrem eigenen Interesse, daß die wirklichen Thäter entdeckt werden.« »O bitte! Unser Interesse hat wohl ganz und gar nichts mit dieser Angelegenheit zu thun!« »Ich behaupte das Gegentheil und werde es Ihnen beweisen.« »So gestehe ich Ihnen, daß ich auf diesen Beweis außerordentlich neugierig bin.« »Sie sollen ihn sofort haben, indem ich Ihnen, natürlich unter allem Vorbehalte, mittheile, daß der Verdacht auf Sie gefallen ist.« Das Gesicht Salek's wurde starr und leichenblaß. »Auf mich?« stotterte er. »Jawohl, auf Sie Beide.« »Was, auch auf mich?« rief der Baron. »Sind Sie vielleicht verrückt?« »O nein. Zunächst hat mir der Graf den einen Spitzbuben so genau beschrieben, daß ich mich gar nicht irren kann. Es passen alle, selbst die kleinsten Angaben, ganz genau auf Sie.« »Alle Teufel! Mir das! Dem Baron von Wellmer! Ich werde Sie zur Rechenschaft ziehen!« »Sehr wohl. Ich bin bereit, Ihnen Satisfaction zu geben, falls Sie wirklich Derjenige sind, für den Sie sich ausgeben.« »Wer sollte ich sonst sein?« »Graf Senftenberg behauptet, daß Sie nicht Wellmer, sondern Gulijan heißen.« »Der weiß den Teufel!« Der Baron gab sich den Anschein eines zornigen Stolzes, innerlich aber war ihm keineswegs sehr wohl zu Muthe. »O, er weiß sogar noch viel mehr. Er hat zum Beispiele gesagt, daß die Stimme des Diebes, den er nicht sehen konnte, die Stimme des Herrn Barons von Stubbenau gewesen sei.« Der Letztgenannte nahm sich so zusammen, daß er lachend ausrufen konnte: »Der Graf scheint zuweilen an Hallucinationen zu leiden!« »Meinen Sie? Wie könnte er wohl durch eine Sinnestäuschung erfahren, daß Sie nicht Stubbenau, sondern Salek heißen?« Salek fuhr zurück. »Und daß Sie den Einbruch mit Hilfe der Tänzerin Valeska von der Wohnung des Sängers Criquolini aus verübt haben?« Der Beschuldigte stand noch immer sprach- und bewegungslos; aber die Blässe seines Gesichtes begann zu weichen, es röthete sich und seine Augen funkelten. Man sah es ihm an, daß er die Ueberzeugung hegte, entlarvt zu sein, und vor keiner Gewaltthätigkeit zurückscheuen werde, um sich der Gefangennahme zu entziehen. Sepp erkannte das sehr wohl, fuhr aber trotzdem furchtlos fort: »Sie haben jetzt fünfundzwanzigtausend Gulden und einen Revers einstecken und der Herr Baron von Gulijan trägt die gestohlenen Papiere in der Tasche!« Da endlich antwortete Salek: »Meinen Sie? Hm! Wenn Sie nun Recht hätten?« »Das habe ich!« »Was dann weiter?« »Ich verlange den Raub zurück!« »Pah! Die Comödie mag zu Ende sein. Ja, ich bin Salek. Ich bin nicht feig genug, es zu leugnen; aber Sie sind ein alter, unvorsichtiger Mann, der seine Unachtsamkeit theuer bezahlen wird.« Er griff, während er das sagte, in die Tasche. »Womit sollte ich es bezahlen!« lachte der Alte verächtlich. »Mit dem Leben!« »Pah! Ein Offizier kann sich schon vertheidigen!« »Sie sind der Einzige, der uns beweisen kann, was wir gethan haben. Einen solchen Zeugen können wir nicht dulden. Er muß aus der Welt geschafft werden, und zwar sofort!« Sepp hatte nicht die mindeste Bewegung gemacht, welche als Vorbereitung zur Gegenwehr dienen konnte. Er war seiner Sache gewiß. Salek stand mit dem Rücken gegen die Thür und diese war um eine so breite Lücke geöffnet worden, daß Sepp den Polizeibeamten erblicken konnte. Salek hatte während seiner letzten Worte das Messer aus der Tasche gezogen. »Also stirb!« rief er aus. Er wollte sich mit einem Sprunge auf den Sepp werfen, kam aber nur dazu, den Fuß zu erheben, denn in demselben Augenblicke stand der Polizist hinter ihm und ergriff ihn mit beiden Händen bei der Kehle, die er so fest zusammenpreßte, daß dem Einbrecher die erhobenen Arme herabsanken und er sofort in die Kniee brach. »Herbei!« commandirte der Beamte. Im Augenblicke zeigte es sich, daß das Häuschen wohl von zwanzig Polizisten umringt war, und bevor Salek nur zu einem freien Athemzuge gekommen war, hatte man ihm das Messer entrissen und seine Hände in eiserne Schellen gelegt. Der Baron von Gulijan war so entsetzt, daß es schien, als ob er kein Glied zu bewegen vermöge. Sein Blick hing voller Schreck an dem Fex, der hinter dem Polizeibeamten aus dem Verstecke getreten war. Der junge Mann verbeugte sich ironisch vor seinem Verwandten und begrüßte ihn: »Willkommen im Augarten, mein lieber Herr Vetter! Hoffentlich freuen Sie sich unseres so unerwarteten Zusammentreffens ebenso sehr wie ich.« »Cur – Cur – Curty!« stammelte der Angeredete. »Curty? Sie nennen mich bei dem mir gehörigen Namen, welchen mir zu geben Sie sich bisher weigerten? Wie kommt das? Woher diese plötzliche Bereitwilligkeit?« »Ich bin – bin – bin –« Er hielt inne. Er wußte nicht, was er sagen sollte. Er konnte doch kein wirklich rechtfertigendes Wort finden, fuhr aber doch fort: »Bin in die Hände eines Schurken gerathen.« »So? Wer ist das?« »Salek hier. Nur er ist schuld, daß es geschehen ist.« Der Einbrecher hatte, als der Beamte ihn nicht mehr bei der Gurgel hielt, mit Aufbietung aller Kräfte versucht, die Handschellen zu zersprengen. Es war ihm natürlich nicht gelungen. Er schäumte vor Wuth. Jetzt, als er die Worte des Barons vernahm, verdoppelte sich sein Grimm. Er antwortete laut brüllend: »Hund, Du lügst! Du selbst hast mir den Antrag gestellt!« »Das ist nicht wahr!« behauptete der Baron. »Schweigt!« gebot der Polizeibeamte. »Die Untersuchung wird zeigen, in wie weit Jeder schuldig ist. Baron von Gulijan, haben Sie die gestohlenen Papiere empfangen?« »Ja,« gestand dieser, da er es doch nicht zu leugnen vermochte. Sie wurden ihm abgenommen und ebenso wurden die Taschen des Einbrechers geleert. Der Baron bat, ihn frei zu lassen, und versprach, keinen Fluchtversuch zu unternehmen. Der Fex besaß Edelmuth genug, für ihn zu sprechen; aber der Beamte erklärte, daß er nicht darauf eingehen könne. Die That sei eine derartige und zeuge von so niedriger und gemeiner Gesinnung, daß auf die Geburt und den Stand des Schuldigen keine Rücksicht genommen werden könne. Das Einzige, was Gulijan erreichte, war, daß er nicht so wie Salek gefesselt wurde. Als diese Beiden abgeführt worden waren, sagte der Beamte zu dem alten Sepp: »Sie haben Ihre Sache sehr gut gemacht. Nun gilt es, die Wohnungen der beiden Gefangenen zu untersuchen. In dem Hotelzimmer des Barons, von dem ich bald erfahren werde, wo er abgestiegen ist, wird nichts Bedeutendes zu finden sein. Dahin will ich Sie nicht belästigen. Aber die Wohnung des Einbrechers müssen wir durchsuchen. Dort finden wir ganz gewiß Verschiedenes, was uns wichtig sein wird. Sie gehen doch mit?« »Natürlich! Und mein junger Freund wird uns jedenfalls begleiten.« Der Fex, dem diese Worte galten, erklärte sich sehr gern bereit dazu. Er hatte zwar seine Papiere nicht, aber das ihm gestohlene Geld zurück. Salek hatte nur eine unbedeutende Summe einstecken gehabt, und so war zu vermuthen, daß er die bedeutende Summe in seiner Wohnung verborgen habe. Als sie in die Nähe derselben gelangten, war der Beamte so vorsichtig, einen Schlosser zu requiriren, um etwaige Verschlüsse gleich öffnen lassen zu können. Die Wirthsleute wunderten sich freilich, als sie erfuhren, was für einen Miether sie gehabt hatten. Sie waren der Ueberzeugung gewesen, daß derselbe ein feiner, angesehener Edelmann sei. Die Meubles, welche ihnen gehörten, waren leicht zu öffnen; aber in dem Schlafzimmer standen einige Koffer, welche der Schlosser nur mit großer Mühe aufschließen konnte. Hier nun fand sich Alles und noch viel mehr, als was der Polizist da suchte. Leni's Schmuck war vorhanden und ebenso gab es bedeutende Summen Geldes. Unter den größeren Banknoten vermochte der Fex mehrere als die ihm gestohlenen zu bezeichnen, da er die Gepflogenheit hatte, sich die Nummern zu notiren. Außerdem gab es eine ganze Menge von Werth-, Gold- und Juwelensachen, welche gestohlen waren, und ein ganzes Arsenal von Diebes- und Einbrecherwerkzeugen. Salek war sogar so kühn gewesen, über sein verbrecherisches Thun förmlich Buch zu führen. Aus diesen Aufzeichnungen ging die Schuld der Tänzerin auf das Klarste hervor. Unter anderen Scripturen, von denen der Beamte erklärte, daß sie ein ganz vortreffliches und vollkommenes Belastungsmaterial enthielten, befand sich eine Liste ausschließlich weiblicher Namen, hinter denen stets ein Ortsname verzeichnet war. Was das zu bedeuten hatte, darüber war der Polizist im Unklaren. Er stand einige Zeit mit dieser Liste in der Hand, überflog die Namen und schüttelte den Kopf dazu. Hinter ihm stand der Fex, dessen Absicht es nicht war, Einsicht in die Liste zu nehmen; aber da es nichts für ihn zu thun gab, ließ er seinen Blick ganz unwillkürlich von Weitem über diese Liste gleiten. Sein Auge blieb auf einem der Namen haften. »Herrgott!« rief er aus. »Was steht da? Ists wahr? Bitte, zeigen Sie einmal her!« Er griff so schnell und hastig nach der Liste, daß der Polizist ihn verwundert anschaute und ihn fragte: »Was ists? Was sahen Sie?« »Einen bekannten Namen.« »Schön, schön! Vielleicht bietet mir dieser Zufall Aufklärung über die Bedeutung dieser Namen. Welcher war es?« »Der da, der.« Er deutete auf eine gewisse Stelle. Dort stand zu lesen: ›Paula Kellermann, Müllerstochter aus Scheibenbad‹. Der Fex war ganz außer sich. Der Name der verschwundenen Geliebten hier auf dieser Liste, welche jedenfalls von Salek, einem notorischen Verbrecher und Hochstapler, angefertigt worden war! Das hatte nichts Gutes zu bedeuten. »Wer ist das Mädchen?« fragte der Polizist. »Eine Bekannte von mir,« wiederholte der junge, aufgeregte Mann. »Was für eine Person? Vielleicht liederlich?« »O nein, sondern im Gegentheil ein braves, herrliches Mädchen, welches vor einiger Zeit spurlos verschwunden ist.« »Ah! Hm! Sonderbar! Wo liegt denn eigentlich dieses Scheibenbad? Ich kenne es nicht.« »Drüben in Bayern, nach den Salzburger Bergen zu.« »Können Sie mir sagen, unter welchen Umständen die Betreffende verschwunden ist?« »Ihr Vater war mit den Gesetzen in Conflict gerathen. Er wurde bestraft. Das hat sich die Tochter so zu Herzen genommen, daß sie nicht in der Heimath zu bleiben vermochte.« »So, so! Sie verschwand also plötzlich?« »Ganz plötzlich.« »Ohne Jemand zu benachrichtigen, wohin zu gehen sie beabsichtige?« »Sie hat keine Spur zurückgelassen, gar keine, als einen Brief, den sie an mich schrieb.« »Ah! Wenn Sie den noch hätten!« »Ich habe ihn. Ich trage ihn bei mir.« »Dürfte ich ihn einmal lesen?« »Ich gebe ihn nicht in die Hand eines Fremden; Sie aber sollen ihn haben.« Er zog ihn hervor. Der Beamte las das rührende Schreiben durch und fragte dann höflich: »Es scheint, sie war Ihre Braut?« »Meine Geliebte. Der Vater war dagegen.« »Danke! Hier ist der Brief zurück. Er bietet leider keinerlei Anhalt.« »Aber Paula muß sich also in Wien befunden haben.« »Das ist fraglich.« »Würde sie sonst hier auf der Liste stehen?« »Diese Liste kann auch anderswo angefertigt worden sein.« »Wie lange hält Salek sich hier auf?« »Seit einem Vierteljahre.« »Paula ist seit viel länger verschwunden.« »Sehen Sie, daß diese Liste also noch kein Beweis dafür ist, daß dieses Mädchen sich hier befunden hat.« »Kann man denn nicht erfahren, wer dieselbe angefertigt hat?« »Jedenfalls Salek selbst. Es ist seine Hand. Und wenn ich die Schwärze der Tinte daraufhin betrachte, so scheint es mir, daß die Liste doch noch nicht alt sein kann. Unsereiner hat für so Etwas sehr scharfe Augen.« »Ich bitte Sie dringend, den Menschen zu fragen, wozu diese Liste dient.« »Natürlich werde ich ihn fragen, und diese Erkundigung wird zu den ersten gehören, die ich an ihn richte.« Der Sepp war natürlich ebenso betroffen wie der Fex, den Namen der schönen Thalmüllerstochter hier verzeichnet zu finden. Er bemerkte einen Streifen Papier, welcher aus der Liste gefallen zu sein schien und nun auf dem Boden lag. Er hob denselben auf, betrachtete ihn und rief: »Hier steht der Name noch einmal und auch noch Etwas dazu.« Der Polizist griff nach dem Streifen. Dieser enthielt die Notiz: »Bis Paula Kellermann hat Gärtner bezahlt. 24 Mädchen macht 480 Gulden.« Auch der Fex überflog diese zwei Zeilen. Er fragte: »Was wird das zu bedeuten haben?« Der Beamte sann und sann und zuckte wortlos die Achsel. »Vielleicht eine Dienstvermittelung?« meinte der Sepp. »O nein. Zwanzig Gulden erhält kein Dienstvermittler ausgezahlt,« antwortete der Beamte. »Es handelt sich hier um etwas ganz Anderes.« Da er bei diesen Worten ein sehr bedenkliches Gesicht zeigte, fragte der Fex erschrocken: »Was meinen Sie? Was denken Sie?« »Nichts, nichts. Ich werde mich erkundigen.« »Nein, nein! Sie haben einen ganz bestimmten Gedanken. Sie müssen mir sagen, was Sie denken.« »Lieber Herr, man denkt zuweilen falsch!« »Ich bitte Sie dennoch, aufrichtig mit mir zu sein.« »Ich könnte Sie kränken.« »Gewiß nicht! Was könnte ich Ihnen übel nehmen!« »Mir allerdings nichts, denn ich kann nicht dafür?« »Also reden Sie doch!« Er bat so dringlich, daß der Andere doch meinte: »Hm! Vielleicht ist es besser, ich sage Ihnen, was ich vermuthe. Wie alt war die Dame?« »Noch nicht zwanzig.« »Hübsch?« »Sehr hübsch.« »Und wirklich brav?« »Die Bravste, die ich kenne.« »So sollte es mir leid thun, wenn sie in schlechte Hände gerathen wäre.« »Herrgott! In schlechte Hände! Was meinen Sie?« »Seelenverkäufer.« Dieses eine Wort reichte hin, den jungen Mann vor Schreck sprachlos zu machen. Aber der Sepp rief aus: »Donnerwetter! Der sollt mir kommen!« »O, der kommt Ihnen nicht!« »Ein Menschenhändler? Den würde ich unter meinen Füßen zu Brei zertreten!« »Erst ihn haben! Diese Menschen sind schlau.« »Mein lieber Gott,« stöhnte der Fex. »Wenn diese Vermuthung wahr wäre!« »Bitte, sich nicht aufzuregen! Ich habe noch keineswegs gesagt, daß ich es für eine Gewißheit halte. Es ist sogar sehr wahrscheinlich, daß ich mich täusche. Ich als Polizist bin gewöhnt, die Verhältnisse mit kühler Objectivität zu betrachten. Diese Liste enthält keinen einzigen Fingerzeig; aber sie enthielt die Namen von über fünfzig Mädchen. Das giebt mir zu denken. Und der Zettel sagt, daß für jede Person zwanzig Gulden gezahlt worden sind. Das ist ungefähr der Preis, zu welchem gewisse Agenten sich dazu hergeben, zu gewissen Zwecken hübsche, junge Mädchen zu verschaffen.« Auf der Stirn des Fex standen helle Schweißtropfen. Er schritt erregt im Zimmer auf und ab und rief dabei: »Welch ein Unglück! Paula, meine Paula! Ich hole Dich! Ich suche Dich! Ich muß Dich haben!« »Regen Sie sich doch nicht so unnöthig auf!« bat der Polizist. »Ich habe eine Vermuthung ausgesprochen, die sich hoffentlich nicht bestätigen wird. Ich werde Salek scharf vernehmen. Wir müssen unbedingt erfahren, wer dieser ›Gärtner‹ ist und wo wir denselben finden können.« »Thun Sie das; ja, thun Sie das, aber schnell, schnell!« »Nur Geduld!« lächelte der Beamte. »Ueberstürzt darf hier nichts werden. Ich werde meine Pflicht thun, und zwar so schnell wie möglich. Mehr dürfen Sie nicht verlangen.« »Sie müssen sofort mit dieser Liste in das Gefängniß, um Salek auszuforschen!« »Und dadurch würde ich Alles verderben. Glauben Sie, daß es ihm einfallen kann, Etwas zu gestehen, was wir ihm nicht zu beweisen vermögen? Denn diese Liste ist kein Beweis. Er muß überrascht, überrumpelt werden, und das kann nicht in solcher Hast und Ueberstürzung geschehen. Damit mag diese Angelegenheit einstweilen abgethan sein.« Dagegen war nun freilich nichts zu machen. Beide, der Sepp sowohl, als auch der Fex mußten sich in Geduld fügen; aber es kostete ihnen eine große Ueberwindung, ruhig zu erscheinen, während so ängstliche Befürchtungen in ihnen wohnten. Der Beamte ließ einige Polizisten kommen, welche sämmtliche confiscirte Gegenstände zu transportiren hatten. Dann brach er auf, um die Tänzerin zu arretiren. »Sie gehen doch mit?« fragte er den Alten. »Versteht sich! Es soll mir eine Freude sein, dieses Frauenzimmer als Gefangene zu sehen.« Der Fex aber lehnte ab. Er erklärte, daß er jetzt von gar nichts wissen und hören möge, da Paula sich in Gefahr befinde. Er sagte, daß er nach einiger Zeit bei dem Polizisten vorsprechen werde, und ließ die Beiden allein gehen. Der einstige Krikelanton war heute erst sehr spät erwacht. Sein Kopf schien zehnmal schwerer als stets zu sein, und das Denken ging gar nicht sehr leicht von statten. Er erfuhr vom Wirthe, daß ein Nachtwächter den Hausschlüssel abgegeben habe, und besann sich nun erst darauf, daß ein solcher bei ihm gewesen sei und mit ihm gesprochen habe. Vor allen Dingen wollte er erfahren, wie er sich in seiner Betrunkenheit benommen habe. Darum begab er sich nach der Wohnung seines Freundes Stubbenau, wo er erfuhr, daß derselbe nicht zu Hause sei. Darum ging er zu der Tänzerin. Wäre er nur wenige Minuten geblieben, so hätte er Zeuge von der Haussuchung sein können, welche bei Stubbenau alias Salek vorgenommen wurde. Valeska litt auch noch an den Folgen der gestrigen Schwelgerei. Sie war noch matt, hatte einen sehr eingenommenen Kopf und sah gar nicht so reizend wie gewöhnlich aus. Dieses Letztere lag auch mit daran, daß sie heut noch nicht dazu gekommen war, ihre Schönheit durch die gewöhnlichen Toilettenkünste zu unterstützen. Beide betrachteten sich einige Augenblicke und brachen dann in ein Gelächter aus. »Anton, Du siehst ja aus wie eine Leiche!« sagte sie. »Hat der Wein denn gar solche Macht über Dich?« »Meinst Du, daß Du sehr frisch aussiehst?« »Ich war auch länger bei der Sache.« »Ja. Ich habe gar nicht bemerkt, wann Ihr fortgegangen seid. War Stubbenau bei Dir?« »Nein. Er vermeidet es jetzt, mich zu besuchen. Er will Dich wohl nicht eifersüchtig machen.« »Das ist lächerlich! Wie könnte ich eifersüchtig auf ihn sein? Er ist ja mein bester Freund.« »Da hast Du sehr Recht. Keiner von allen Deinen Bekannten meint es so gut und treu mit Dir wie er.« »Auch Du nicht?« »Bin ich Dir nur eine Bekannte?« »Nein. Du bist mir schon etwas mehr und wirst später noch mehr sein. Oder willst Du nicht?« Sie nahm ihn anstatt der Antwort beim Kopfe und küßte ihn. Bald erschien die Zofe und meldete, daß zwei Herren draußen seien, welche die Tänzerin Valeska zu sprechen wünschten. »Wer sind sie denn?« fragte die Genannte. »Sie haben mir ihre Namen nicht sagen wollen.« »So schicke sie fort!« »Das geht nicht, denn sie sagten, daß sie zur Behörde gehörten.« »Das ist mir gleich. Wer zu mir will, hat sich ordnungsmäßig anzumelden. Sage ihnen, daß ich nicht für sie zu sprechen sei, weil ich Besuch bei mir habe.« Das Mädchen war gezwungen, diese Botschaft auszurichten. Der Beamte fragte, wer dieser Besuch sei, und so nannte die Zofe den Namen des Sängers. Als der Sepp denselben hörte, sagte er, sofort in seinen bayrischen Dialect fallend: »Da gehns nur nochmal hinein und sagens, daß dera Wurzelsepp es ist, der hinein will.« »Meinen Sie denn, daß Sie da empfangen werden?« »Ja. Ich bin ein Bekannter von Criquolini, und Ihre Herrin wird mich nicht fortweisen.« Das Mädchen versuchte die Meldung zum zweiten Male. »Bitte, bleiben Sie hier im Vorzimmer,« sagte der Alte. »Ich will diese Beiden erst einmal als Verlobte sehen.« Die Zofe kehrte zurück und meldete, daß der Wurzelsepp eintreten könne. Der Beamte blieb zurück. Der Krikelanton hatte keine Ahnung, daß sich sein einstiger guter Freund, mit dem er jetzt allerdings zerfallen war, in Wien befinde. Darum war er sehr überrascht, daß der Wurzelsepp mit der Tänzerin sprechen wolle. Er stand hoch und stolz inmitten des Zimmers und empfing den Alten mit einem keineswegs freundlichen Gesicht. »Du hier?« fragte er. »Was willst Du in Wien?« »Was soll ich da wollen? Anschauen will ich mirs.« »Ja, Du hast Dich auch ganz als Tourist angekleidet. Der schmutzige Sepp ist gar nicht zu erkennen.« »Kleider machen halt Leute; dera innerliche Schmutz aberst ist nicht wegzubringen.« »Keine Anzüglichkeiten!« »Ist mir auch keine eingefallen.« »So! Was willst Du denn hier bei Fräulein Valeska?« »Dich hab ich hier sucht.« »Wer hat Dir denn gesagt, daß ich hier sei?« »Ich hab hört, wannst nicht zu Haus seist, so kann man Dich hier treffen oder wenigstens derfragen.« »Ach so! Und da lassest Du Dich als Einen von der Behörde anmelden?« »Ich? Das fallt mir nicht ein. Das war halt dera Andere, welcher nach mir hereini will.« »Er mag bleiben. Wir haben keine Zeit. Uebrigens hoffe ich, daß es etwas sehr Nothwendiges ist, was Dich zu mir führt. Nur so etwas kann es entschuldigen, daß Du diese Dame mit Deiner Gegenwart belästigest.« »Nothwendig wirds schon sein,« nickte der Alte. »Nun, was ist es denn?« »Ein Gruß von dera Muhrenleni.« »Und das soll nothwendig sein! Da packe Dich nur augenblicklich wieder fort!« »Das werd ich schon gern thun, wannst mir vorher eine Antworten mitgeben willst.« Der alte Sepp sprach in ruhigem, ja freundlichem Tone. Anton aber stand da wie ein Fürst, welcher Audienz ertheilt. Die Tänzerin machte ein höchst indignirtes Gesicht. Der Katzenjammer, welcher die Folge des vorigen Abends war, nahm ihr die Laune und die Lust, sich mit einem solchen Störenfried abzugeben. »Einer Antwort bedarf es nicht,« erklärte der Sänger. »Du hättest den Gruß unterlassen sollen. Mich geht diese Leni gar nichts mehr an. Sie ist eine Gefallene, mit der ich nichts zu thun haben mag.« »Eine Gefallene? Was meinst damit?« »Das brauche ich Dir wohl nicht erst zu erklären.« »Freilich mußts derklären. Ich weiß halt doch kein Wort davon, daß sie gefallen ist.« »Sie treibt sich mit andern liederlichen Frauenzimmern im Augarten herum.« »Ach so! Das also nennst gefallen, das! Wannst nur Du Dich nicht noch viel schlimmer herumtreibst! Grad Du brauchst über dieselbe die Nase nicht zu rümpfen.« »Schweig!« fuhr Anton ihn an. »Denkst Du, ich kenne Deine Absicht nicht?« »Du kennst sie? Was hab ich denn für eine?« »Du bist wohl nur deshalb nach Wien gekommen, um den Kuppler für die Leni zu machen. Sie hat mich im Augarten gesehen: sie weiß also, daß ich hier bin. Da machst Du nun ihren Spion und hast mich ausgekundschaftet, damit Du mich wieder für sie angeln kannst. So ist es!« Er hatte das in einer ungemein höhnischen Weise gesagt. Der Alte antwortete gar nicht; er machte ein sehr betrübtes Gesicht, als ob er bei irgend einer unrechten That ertappt worden sei. Darum fuhr Anton fort: »Man sieht es Dir deutlich an, wie Recht ich habe. Du machst ein Gesicht wie ein Spitzbube, welcher auf frischer That ertappt worden ist. Aber bei mir hast Du Dich verrechnet. Ich habe es Dir und Deiner schönen Leni sofort gesagt, daß sie zu Grunde gehen wird; aber anstatt in sich zu gehen und mir für die Warnung dankbar zu sein, ist sie ihre eigenen, schlimmen Wege gegangen. Jetzt nun ist sie so tief gesunken, daß sie niemals wieder emporkommen kann. Und nicht nur leichtsinnig ist sie, sondern sogar schlecht, und Du bist ebenso schlecht wie sie, ja noch viel, viel schlechter. Du bist ihr eigentlicher Verführer. Anstatt meine Warnungen zu unterstützen und mir Recht zu geben, hast Du sie in ihrem Leichtsinne bestärkt. Und daß Du mich nicht nur in meiner Wohnung, sondern sogar hier bei meiner Braut aufsuchst, das ist gradezu eine Niederträchtigkeit, die ihres Gleichen gar nicht findet.« Sepp machte noch immer eine zerknirschte Miene. Er fragte mit gesunkener Stimme: »Eine Niederträchtigkeiten? Nein, so schlimm bin ich doch nicht. Du darfst mich nicht gar so schlecht machen.« »O ja, eine Niederträchtigkeit ist es. Du hast erfahren, daß ich eine Braut habe und bist nun in der Absicht hierher gekommen, mich vor ihr zu blamiren. Du hast gemeint, sie weiß es noch nicht, daß ich schon eine Geliebte gehabt habe. Darum bringst Du mir einen Gruß von Deiner hübschen Leni, damit Valeska eifersüchtig werden und mir den Abschied geben soll.« »Nein, das hab ich wirklich nicht beabsichtigt!« »Jedenfalls!« »Wirklich nicht. Anton, ich will Dir aufrichtig sagen, wie sehr ich mich freu, daßt so eine Braut funden hast. Ihr paßt mit nander so gut zusammen, daß es eine Sünd und eine Schand sein thät, Euch uneins zu machen. Was aber sagt denn dera Herr von Stubbenau dazu?« »Der?« fragte Anton. »Was hat der mit dieser Angelegenheit zu schaffen?« »Sehr viel.« »Unsinn!« »O, weit mehr, alst denkst. Er ist doch ihr Geliebter.« »Schweig!« donnerte der Sänger. »Wenn Du meine Braut beleidigen willst, so werfe ich Dich hinaus. Da Deine Schlechtigkeit bei ihr nicht verfängt, willst Du nun mich gegen sie eifersüchtig machen. Aber das soll Dir nicht gelingen.« Da trat der Sepp auf ihn zu, legte ihm die Hand auf die Achsel und sagte nun endlich in einem ganz anderen Tone: »Anton, der Wurzelsepp wird hier nicht hinausgeworfen. Ich kenne den Stubbenau und Deine schöne Braut viel besser als Du. Es kann mir gar nimmer einfallen, Euch von nander zu bringen, denn Ihr seid einander werth, und die Leni ist ganz glücklich, daß sie nix mehr von Dir zu wissen braucht. Ich bin in einer ganz anderen Absicht kommen, als Du denkst. Wannsts wissen thätst, so gingst sofort hier weg und schautst die Valeska gar nie wieder an.« Da fuhr die Tänzerin vom Sopha empor und rief im zornigen Tone: »Anton, soll ich solche Beleidigungen hier in meiner eigenen Wohnung anhören? Ich hoffe, daß Du mich schützen wirst!« Auch der Sänger war jetzt wirklich zornig geworden. Er wollte dem Alten kräftig entgegentreten, besann sich aber eines Andern. Er legte seinen Arm um die Tänzerin und erklärte im verächtlichsten Tone, der ihm möglich war: »Es kann mir, der ich ein berühmter Künstler bin, gar nicht einfallen, mich wegen einer Courtisane mit einem Wurzelsucher zu zanken, der ihren Zubringer macht. Meine Antwort die ich ihm ertheile, ist sehr einfach folgende:« Er zog Valeska noch näher an sich, trat mit ihr auf den alten Sepp zu und erklärte in gehobenem Tone: »Ich wiederhole Dir: Das ist meine Braut, von der mich kein Mensch abbringen kann. Du aber am allerwenigsten. Sage das Deiner schönen Leni! Sie soll alle Hoffnung auf mich fahren lassen. Es wäre gradezu eine Schande für mich, wenn ich noch an sie denken wollte. Und nun ists gut. Wenn Ihr mich nicht in Ruhe laßt, werde ich den Beistand der Polizei zu Hilfe nehmen!« »So!« meinte der Sepp. »Also sie ist wirklich Deine Braut?« »Ja.« »Und Du lässest nicht von ihr?« »Auf keinen Fall. Wir gehören einander für das ganze Leben an. Jetzt mach Dich von dannen!« »Wart nur noch einen kleinen Augenblick. Ich habe Dich so lange und so gut kannt, daß ich wohl so höflich sein muß, Dir zu der Verlobung und zu dieser Braut Glück zu wünschen. Es ist nicht meine Absicht gewest, Euch zu trennen. Die Leni weiß es gar nicht, daß ich hier bin. Wegen ihr bin ich auch nicht kommen, sondern wegen einer ganz andern Sache, die auch Dich sehr interessiren wird. Was die Leni betrifft, so irrst Du Dich außerordentlich in ihr. Sie ist nicht gefallen, sondern brav geblieben, braver als Du. Sie treibt sich nicht im Augarten herum. Daß sie mal dahin spazieren gangen ist, das wird ihr wohl derlaubt sein. Dich wird sie am Allerwenigsten fragen, was sie zu thun und zu lassen hat. Dir hat sie damals die Maulschellen geben, und ich denk, das ist deutlich genug gewest, daß sie nix, aber auch gar nix von Dir wissen will. Du könntst vor ihr auf denen Knieen liegen und sie um Liebe und Gnade bitten, sie würde Dich doch nur auslachen. Wer und was sie ist, was für eine große, berühmte und gefeierte Künstlerin, das wirst schon noch merken, wannst so dumm gewest bist, es noch nicht zu merken. Jetzt sind wir fertig, Du mit mir und ich mit Dir. Von einem Menschen, der sich ein solches Geldl verdient wie Du und dennoch seine armen Elternleut hungern läßt, von so einem mag ich nix wissen. Die Leni hat sie ernährt und wird auch fernerhin für sie sorgen. Du bist ein Lump worden, und es ist gar nicht zu verwundern, daßt Dir eine Braut anschafft hast, die auch nix Besseres ist als Du!« »Anton, wirf ihn hinaus!« rief die Tänzerin. Der Sänger ballte die Fäuste und trat drohend auf den Sepp zu. Dieser aber sagte lachend: »Rühr mich doch mal an! Vor Dir fürcht ich mich noch lange nicht. Das weißt ganz genau. Meine Knochen und Nerven sind besser als die Deinigen, die Du Dir durch das liederliche Leben verdorben hast.« »Ah, mir das, mir!« zischte Anton. »Wenn ich will, so schlage ich Dich zu Brei. Aber ich will meine Hände gar nicht mit Dir verunreinigen. Wenn Du nicht augenblicklich gehst, so schicke ich nach Polizei!« »Schick doch nach ihr!« antwortete Sepp. Da eilte Anton nach der Vorzimmerthür, öffnete dieselbe und rief der sich draußen befindlichen Zofe zu: »Eilen Sie, einen Schutzwachmann zu holen! Er soll hier diesen Menschen arretiren!« Der Beamte befand sich noch draußen. Er trat sofort herein, zog die Thür hinter sich zu und sagte: »Da kann ich dienen. Ich bin Polizist.« »Sie?« fragte der Sänger. »Das ist ein sehr günstiger Zufall. Was führt Sie herbei?« »Eine kleine Angelegenheit, welche ich mit Fräulein Valeska zu ordnen habe. Das kann aber noch warten, da Sie vorher um meinen Schutz gebeten haben.« »Ja, ich ersuche Sie, diesen alten Mann sofort zu arretiren.« »Warum?« »Er hat uns beleidigt.« »Wodurch?« »Er nannte mich einen Lump und sagte, daß Fräulein Valeska auch nichts Anderes sei. Ich bin der Sänger Criquolini – wenn Sie mich noch nicht kennen.« Der Polizist ließ ein vertrauliches Lächeln sehen und antwortete: »Was diesen alten, braven Herrn betrifft, so wird es sich gleich aufklären, ob er die Wahrheit gesagt hat oder nicht. Wer Sie sind, das weiß ich. Auch Sie werden mich wohl kennen.« »Habe nicht das Vergnügen.« »Nicht? Besinnen Sie sich! Wir haben uns doch bereits mit einander unterhalten.« »Wann denn?« »In letzter Nacht.« »Sie scherzen!« »O nein. Ich war in Ihrer Wohnung, um Ihnen zu sagen, daß dieselbe nicht verschlossen sei.« »Das war ja ein Nachtwächter!« »Ich war es, allerdings als Nachtwächter verkleidet. Sie hatten sich, wie es scheint, ein kleines Räuschchen angetrunken?« »Möglich!« »Hatten Sie Gesellschaft bei sich gehabt?« »Ja.« »Wen?« Dem Sänger kam es sonderbar vor, so ausgefragt zu werden. Er nahm sofort einen zurückhaltenden Ton an und erkundigte sich: »Warum wollen Sie das wissen?« »Weil ich ein Interesse daran habe.« »Ein persönliches?« »Nein, sondern ein amtliches. Ich muß wissen, wer bei Ihnen sich befunden hat.« »Sie müssen? Donnerwetter! Und wenn ich mich nun weigere, Ihre Fragen zu beantworten?« »So zwingen Sie mich, Sie zu arretiren. In der Zelle werden Sie sich dann eines Besseren besinnen.« Anton fuhr mehr zornig als erschrocken zurück. »Herr, Sie sprechen mit einem Künstler!« rief er aus. »Das weiß ich; aber auch die Herren Künstler stehen unter dem Gesetze. Ich muß Sie allen Ernstes ersuchen, mir zu antworten.« »Alle Teufel! Beweisen Sie mir erst, daß Sie in Wirklichkeit ein Polizeibeamter sind!« »Sehr gern. Hier haben Sie den Beweis. Und außerdem ist auch dieser Herr im Stande, mich zu legitimiren.« Er deutete bei diesen Worten auf den Sepp und zeigte zu gleicher Zeit die Polizeimedaille vor. »Es stimmt,« sagte Anton. »Aber warum fragen Sie mich aus? Ist Etwas passirt?« »Ja.« »Was denn?« »Davon später! Also jetzt hoffe ich, daß Sie sich nicht länger weigern werden, mir zu antworten. Wer waren gestern Abend Ihre Gäste?« »Herr von Stubbenau und – –« »Anton!« rief die Tänzerin, ihn unterbrechend. Es ging eine Ahnung in ihr auf, daß die Anwesenheit des Polizisten zu dem verübten Einbruche in Beziehung stehe. Sie sank auf das Sopha und war blasser geworden als vorher. »Was willst Du?« fragte er. »Ist nicht Herr von Stubbenau ganz allein bei Dir gewesen? Besinne Dich doch!« Er blickte sie verwundert an. Der Polizist wendete sich zu ihr und sagte warnend: »Bitte, zu schweigen! Sie haben nur dann zu reden, wenn ich Sie frage. Wenn Sie mich noch einmal unterbrechen, mögen Sie die Folgen tragen.« »Aber was giebt es denn?« rief Anton jetzt bestürzt. »Was ist denn geschehen?« »Wer außer dem Herrn von Stubbenau bei Ihnen war, will ich endlich wissen.« »Hier Fräulein Valeska.« »In welcher Toilette befand sich die Dame?« »In – – –« »Anton!« schrie sie auf. »Schweigen Sie! Ich warne Sie zum letzten Male!« gebot ihr der Beamte. »Also, Signor Criquolini, welche Toilette hat sie getragen?« Valeska verhüllte mit beiden Händen ihr Gesicht. »Pah!« lachte Anton gezwungen. »Weshalb sollte es partout verschwiegen werden. Sie ist meine Braut und darf als Tänzerin sich so eine kleine Extravaganz gar wohl erlauben. Künstler sind eben, wenn sie sich in vertraulichem Kreise befinden, zu Scherzen sehr geneigt.« »Also?« »Sie trug Herrenkleidung.« »In welcher Absicht?« »Aus Scherz natürlich! Das sehen Sie doch wohl ein. Wir leben ja am Schlusse des Carnevals.« »Hm! Vielleicht war ein ganz anderer Zweck damit verbunden. Sind Ihre Gäste gegangen, bevor Sie sich zur Ruhe legten?« »Nein. Ich war müde und mag wohl etwas zu schnell und zu viel getrunken haben. Ich ging schlafen, während sie noch sitzen blieben.« »War das nicht unvorsichtig von Ihnen?« »Keineswegs. Diese Dame ist meine Braut, und Herr von Stubbenau gehört zu meinen besten, intimsten Freunden. Ihnen Beiden kann ich mein Logis unbedingt anvertrauen. Keins von ihnen wird mich bestehlen.« Er sagte die letzteren Worte in einem sarkastischen Tone, wohl um dem Beamten einen indirecten Verweis zu ertheilen. Dieser aber that, als ob er dies gar nicht bemerke, und fuhr fort: »Auf Sie war es auch gar nicht abgesehen.« »So? Etwa auf einen Andern?« »Ja.« »Alle Teufel! Wie meinen Sie das?« »Es ist in vergangener Nacht ein höchst frecher und raffinirter Diebstahl ausgeführt worden – –« »Wo denn, wo?« unterbrach ihn der Sänger. »Von Ihrer Wohnung aus. Es ist in dem der Frau Salzmann gehörigen Hause eingebrochen worden. Man hat einem im Parterre, in Ihren früheren Zimmern wohnenden Herrn wichtige Papiere und eine bedeutende Summe Geldes gestohlen. Sodann haben sich die Einbrecher nach der ersten Etage geschlichen und dort sämmtliche Juwelen der Sängerin Fräulein Ubertinka geraubt.« Anton öffnete den Mund weit und machte ein sehr dummes Gesicht. »Dem Herrn in meiner früheren Wohnung?« fragte er. »Das wäre ja der Fex!« »So wurde der Herr früher genannt.« »Und der Ubertinka die Juwelen! Alle Teufel!« »So ist es. Und der Einbruch ist von Ihrer jetzigen Wohnung aus unternommen worden.« »Wieso denn?« »Man hat Sie betrunken gemacht. Dann, als Sie besinnungslos im Bette lagen, haben die beiden Personen sich in Ihren Hof begeben, um über die Mauer desselben in den Hof der Frau Salzmann zu gelangen. Dort sind sie durch das Parterrefenster eingestiegen. Auf ganz demselben Wege haben sie dann den Ort wieder verlassen.« Anton blickte den Polizisten, den Sepp und die Tänzerin nach einander an. Er fragte: »Und das soll wirklich wahr sein?« »Natürlich ists wahr.« »Aber da müßten doch wohl meine Gäste Etwas gemerkt haben. Oder seid Ihr da schon fort gewesen?« Diese Frage war an Valeska gerichtet. Sie saß zusammengekauert auf dem Sopha. Es war ihr himmelangst. Sollte man sie im Verdacht haben? Antons Frage gab ihr Veranlassung, einen Ausweg zu finden. Sie antwortete: »Wir haben nichts bemerkt, gar nichts. Wir sind, nachdem Du Dich niedergelegt hattest, sofort gegangen.« »Sollten Sie sich da nicht irren?« lächelte der Polizist. »Nein. Herr von Stubbenau wird es mir bezeugen. Wenn wirklich ein solcher Einbruch geschehen ist, so muß er erst nach unserer Entfernung unternommen worden sein.« »O nein. Sie waren noch da.« »Gewiß nicht!« »Sie waren sogar dabei!« »Herr! Ich – – –?« schrie sie auf. »Ja. Wollen Sie leugnen?« »Ich begreife Sie nicht. Höre ich denn nicht recht?« »Sie hören sehr gut. Besinnen Sie sich doch einmal! Sie sind doch mit Herrn von Stubbenau nach Hause gegangen?« »Allerdings. Ich nahm seine Begleitung an, weil es so spät geworden war.« »Sie begegneten an der Ecke der Circusstraße zwei Herren?« »Ja.« »Sie wurden von einem derselben angesprochen?« »Nein.« »Sie widersprechen sich. Erst gestehen Sie, und dann leugnen Sie. Kannten Sie diese Herren?« »Nein.« »Aber Herr von Stubbenau kannte sie?« »Das weiß ich nicht.« »Er wurde sogar bei seinem Namen angesprochen. Warum hörte er nicht darauf?« »Das weiß ich nicht.« »Ach so! Was hatte er denn in der Hand?« »Nichts.« »Keine Schatulle, kein Köfferchen?« »Nein, gar nichts.« »Sonderbar, höchst sonderbar!« Da ermannte sie sich. Sie stand von dem Sopha auf, gab sich eine strenge Miene und fragte im Tone tiefster Entrüstung: »Herr, was wollen Sie eigentlich mit diesen Fragen? Daß ein Einbruch geschehen ist, geht doch mich nichts an. Das ist Ihre Sache!« »Allerdings! Und eben weil es meine Sache ist, komme ich zu Ihnen.« Da trat Anton hart an ihn heran und sagte: »Hören Sie, Sie beleidigen meine Braut. Sie behandeln sie ja grad so, als ob sie sich an dem Verbrechen betheiligt hätte!« »Schweigen Sie, Herr Criquolini! Ich muß wissen, was ich zu thun habe. Ihre sogenannte Braut ist eine notorische Einbrecherin!« »Wa – wa – – was – –« »Ja, eine ganz gefährliche Einbrecherin, welche in Verbindung mit dem Baron von Stubbenau dieses Geschäft bereits seit langer Zeit getrieben hat.« »Sind – sind – sind Sie – –?« Er sprach nicht weiter. Er zitterte am ganzen Körper und stützte sich auf eine Stuhllehne. »Hörsts nun, Anton, wast für eine Braut hast?« fragte der Sepp. »Va – les – ka, ists – ists wahr?« stammelte der Sänger, sie angstvoll anblickend. »Nein, nein!« antwortete sie. »Sag die Wahrheit!« »Ich sage Dir, daß ich nichts, gar nichts weiß!« Da raffte er sich zusammen und sagte, die Augenbrauen finster zusammenziehend: »So werde ich auch nicht dulden, daß man Dich beleidigt. Die beiden Herren werden sofort gehen, sonst requirire ich Hilfe!« »O bitte,« lachte der Polizist, »die Hilfe bin ich selbst. Sie scheinen Ihre Braut nicht zu kennen, ebenso wenig Ihren guten Freund von Stubbenau.« »Ich kenne Beide!« »O nein. Stubbenau trägt einen falschen Namen. Er heißt Salek und ist ein Gauner und Hochstapler ersten Ranges. Dieses Mädchen hier ist seine Verbündete, seine Geliebte. Sie hat ihm bereits mehrere außereheliche Kinder geboren und hätte Sie geheirathet, um Ihnen dann mit Ihrem Gelde durchzugehen und es ihm zu bringen.« Das hatte Valeska nicht erwartet. Sie stieß einen Schrei des Entsetzens aus. »Valeska!« rief Anton. »Was sagst Du dazu? Ist es wahr, oder ist es unwahr?« »Lüge ists, eine Lüge!« zeterte sie. Da erklärte ihr der Beamte: »Ich könnte strenger mit Ihnen verfahren. Ich habe es nicht nöthig, mich von Ihnen einen Lügner schimpfen zu lassen. Aber Sie sind ein Mädchen, und da will ich nicht zu der mir gebotenen Strenge greifen. Ich will Ihnen nur mittheilen, daß Stubbenau arretirt ist.« »Herrgott!« fuhr sie auf. »Wir haben den Schmuck, überhaupt den ganzen Raub bei ihm gefunden.« Sie starrte ihn wie geistesabwesend an. »Seine Schuld ist erwiesen und die Ihrige auch.« »Das ist Täuschung, Täuschung!« jammerte sie. »O nein. Dieser Stubbenau oder vielmehr Salek hat ja förmlich Buch geführt über Ihre gemeinschaftlichen Einbrüche. Er hat ganz genau verzeichnet, was auf Ihren Antheil gekommen ist.« »Ich weiß nichts davon, gar nichts.« »Sie haben ihm Karten und Briefe geschrieben, die er sich unvorsichtiger Weise aufgehoben hat. Diese Scripturen enthalten Bestellungen, Auskünfte, Anfragen und dergleichen, welche sich auf lauter Einbrüche beziehen. Sie können ja gar nicht leugnen!« »Ich weiß von nichts. Wenn er solche Karten und Briefe besitzt, so sind sie gefälscht!« »Die Untersuchung wird beweisen, daß Sie lügen. Kleiden Sie sich an!« »Wozu?« »Sie werden mir folgen.« »Mein Himmel! Wohin?« »Nach dem Gefängnisse, welches Sie leicht nicht so bald verlassen werden. Ich weissage Ihnen zwanzig Jahre schweren Kerker, wenn Sie fortfahren, so hartnäckig zu leugnen. Ein offenes Geständniß aber würde die Richter veranlassen, diese Strafe bedeutend zu mildern.« »Ich kann nichts gestehen!« »Gut! Ganz wie Sie wollen! Oeffnen Sie mir zunächst einmal alle Ihre Behältnisse!« »Was? Wollen Sie etwa bei mir aussuchen?« »Natürlich! Ich bin überzeugt, daß ich da ein ganzes Nest geraubter Gegenstände ausnehmen werde.« Da brach sie zusammen. Sie weinte nicht. Sie ließ keinen Laut hören, aber sie war unfähig, ferner noch Widerstand zu leisten. Anton war auf einen Stuhl gesunken. Er stemmte die Ellbogen auf die Kniee und legte den Kopf in die Hände. Niemand konnte sehen, was in ihm vorging. »Nun,« fragte der Beamte die Tänzerin. »Wollen Sie immer noch leugnen?« Da erhob sie den Kopf. Ihre Augen waren während dieser wenigen Secunden tief in die Höhlen zurückgetreten. Ihr Gesicht hatte die Farbe weiß-grauen Löschpapiers, und ihre Stimme klang heiser, als sie antwortete: »Sie werden doch Alles finden. Ich werde nicht länger leugnen. Aber gehen Sie mit mir in die andere Stube. Dieser Herr soll nicht hören, was ich zu sagen habe.« Sie meinte Anton. »Also wirklich, wirklich ist es wahr?« fuhr dieser von seinem Stuhle auf. »Ja,« antwortete sie. »Es ist aus mit mir; das weiß ich nun. Darum sollst Du erfahren, daß ich Dich gar nicht lieben mochte und lieben konnte.« »Valeska!« »Dein Geld wollte ich haben, weiter nichts.« »Mir das, mir das!« rief er. Da glühten ihre Augen auf; es trat ein Zug unheimlichen Hohnes auf ihr Gesicht. Sie sagte ihm: »Warum grad Dir das nicht? Du bist ein eingebildeter, rücksichtsloser Mensch, ein dummer Laffe, der gar nichts Anderes verdiente. Grad Dich hätte ich mit dem größten Vergnügen betrogen. Leider ist es mir nicht gelungen. – Kommen Sie!« Sie trat mit dem Beamten in die Nebenstube. »Nun, heirathst sie noch?« fragte der Sepp. Anton holte mit der Faust aus, als ob er schlagen wolle, ließ sie aber wieder sinken. »Hund!« rief er grimmig. »Du, Du bist an Allem schuld! Du ganz allein!« »Laß Dir nix weiß machen. Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied. Das Deinige ist nix werth!« »Sei still, Du Lump! Ich werde Dir und Deiner Leni beweisen, was für ein Glück ich mir verschaffen kann. Während mein Stern am Himmel der Kunst leuchtet, wird sie längst verkommen und verdorben sein – – und Du mit ihr!« Er eilte fort. Der Alte aber blickte ihm ruhig und überlegen lächelnd nach. Elftes Kapitel. In Miramare Obgleich der Frühling noch längst nicht angebrochen war, lag das herrliche Triest in seiner immergrünen Umgebung wie eine weiß glänzende Perle zwischen schimmernden Smaragden. Vom Süden her wehte eine milde Luft, und heller Sonnenschein drang selbst in die engen und sonst dunklen Gäßchen der ehemaligen Judenstadt, welche unweit des alten Kastells auf dem Schloßberge gelegen ist. In einem dieser engen Gäßchen lagen zwei kleine, einstöckige Häuser neben einander, mit Fenstern, so klein, daß kaum ein Menschenkopf herausblicken konnte, und so niedrigen Thüren, daß selbst eine nicht zu lange Person sich bücken mußte, um ein- oder auszutreten. In dem einen dieser Häuschen wohnte ein Grieche, deren es in Triest vierzehnhundert giebt. Der Bewohner des anderen war einer der fünftausend Juden, die in Triest ihre verschiedenartigen Geschäfte treiben. Der Grieche hieß Kolema und der Jude Baruch Abraham. Alle Welt wußte, daß diese Beiden die besten Freunde waren. Sie handelten mit alten Sachen, doch munkelte man davon, daß sie außerdem noch heimliche Geschäftsbeziehungen unterhielten, in welche sie Niemanden blicken ließen. Leute, welche scharfe Augen und eine sichere Urtheilskraft besaßen, sagten, daß die beiden Freunde bedeutend reicher seien, als sie sich merken ließen. Es gab sogar Personen, welche behaupteten, daß sowohl der Jude, als auch der Grieche mit bedeutenden hiesigen und ausländischen Firmen Verbindungen eingegangen seien, von welchen Niemand reden dürfe, die aber allem Anscheine nach ein bedeutendes Geld einbringen müßten. Ob das wirklich richtig sei, konnte nicht bewiesen werden. Heute kamen zwei junge Männer die Gasse herauf. Sie blickten nach rechts und links wie Leute, welche hier fremd waren und die Stadt auch hier in dem unschönen, aber ethnographisch interessanten Viertel kennen lernen wollten. Der Aeltere von ihnen mochte vierundzwanzig Jahre zählen; der Andere war um einige Jahre jünger. Beider Züge waren tief gebräunt. Sie kamen jedenfalls aus dem Süden. Die Gestalt des Ersteren war stark und kräftig. Seine Augen hatten den ruhigen, sicheren Blick eines Menschen, welcher weiß, was er will, und trotz seiner Jugend bereits viel zu seinem Vortheile erfahren hat. Der Jüngere war schmächtiger. Seine blauen Augen hatten ein milderes Licht: er schien ein mehr anschmiegender als ein befehlender Character zu sein und machte den Eindruck eines Jünglings, welcher sich erst vor nicht sehr langer Zeit von einem körperlichen und vielleicht auch geistigen Leiden erholt hat. Beide schienen dem Künstlerstande anzugehören, wenigstens ließ ihre Kleidung dies errathen. Sie trugen sich ganz gleich: blausammetne Schnurenröcke und sehr breitkrämpige Künstlerhüte. Diese Beiden waren der einstige Lehrer von Hohenwald, Max Walther, und sein jüngerer Freund Johannes Weise, welcher daheim der Elephantenhans genannt worden war. Sie kehrten aus Egypten zurück, wo Beide auf Kosten König Ludwigs gewesen waren, hatten gestern das Schiff verlassen und beabsichtigten, für einige Tage in Triest und Umgebung herumzustreifen, und besonders sich das berühmte Schloß Miramare anzusehen, den Lieblingsaufenthalt des so unglücklich geendeten Kaisers Max von Mexiko. Sie gingen schweigend neben einander her, die lebenden Bilder studirend, welche die schmutzige Gasse ihnen bot. Da kamen sie an das Häuschen des Juden. In den kleinen, gewiß seit Jahren nicht geputzten Fenstern lagen allerlei getragene Gegenstände, wie sie sich in dem Lagerraume eines Althändlers anzuhäufen pflegen. Auch Bücher, Karten und alte Bilder waren zu sehen. Der Elephantenhans, von Max Walther natürlich bei seinem wirklichen Vornamen Johannes genannt, blieb stehen und betrachtete sich das alte Firmenschild, welches über der Hausthür angebracht war. Die Inschrift war kaum mehr zu lesen. Sie war italienisch und deutsch und lautete in letzterer Sprache: »K. k. privilegirtes Antiquariat und Gemälde-Verkauf von Baruch Abraham.« »Ein Antiquariat mit Gemälde-Verkauf,« lachte Johannes. »Da wird nicht viel zu finden sein!« »Da kannst Du Dich doch vielleicht irren,« antwortete Max. »Solchen alten Buden sieht man es gar nicht an, was sie zuweilen beherbergen.« »Meinst Du? Wollen wir einmal hinein?« »Ich bin dabei. Du als Maler interessirst Dich natürlich für Gemälde, während ich als sogenannter Dichter und zugleich angehender Gelehrter mich nach Büchern, Landkarten und dergleichen umsehen werde. Komm!« Sie waren bemerkt worden. Welcher Althändler sieht auch Käufer vor seinem Laden stehen, ohne sie zum Eintritt aufzufordern. Baruch Abraham trat heraus. Er war eine lange, hagere Gestalt mit einer Habichtsnase, deren Kante dem Rücken eines Messers glich. Sein Kaftan, den er trug, war uralt und vielfach zerrissen, und an den beiden Ohren hingen ihm lange, graue Korkzieherlocken herab. Die Verbeugung, welche er machte, war so tief, als ob er ein paar Prinzen vor sich habe. Dabei musterte er sie mit scharfen Augen und zog dann ein sehr zufriedengestelltes Gesicht. Er schien zu glauben, daß mit so jungen Leuten wohl ein gutes Geschäft zu machen sein werde. Trotz ihrer jetzt so tief gebräunten Gesichtsfarbe sah er ihnen sogleich an, daß der Norden ihre Heimath sei, denn er redete sie nicht italienisch, sondern in deutscher Sprache an: »Kommen Sie, meine Herrschaften! Treten Sie in mein Haus! Sie finden da Alles, was Ihr Herz nur begehren kann.« »So?« lachte Max. »Wissen Sie denn ungefähr, was unser Herz begehrt?« Er zeigte ein listiges Lächeln, zwinkerte mit den Augen und antwortete: »Wie soll ich nicht errathen, was Ihre Seele zu begehren wünscht! Sehe ich es den hohen Herren doch an, daß sie sind große Künstler, welche besitzen genug Berühmtheit, um zu verstehen, welche Schätze sich befinden in dem Laden des alten Baruch Abraham.« »Sie irren sich. Wir sind keine Berühmtheiten.« »So befinden Sie sich auf dem graden Wege, es zu werden. Dem Genie sieht man es ja gleich am Gesicht an, ob es Talent besitzt oder nicht.« Ueber diese so logische Ausdrucksweise mußte sogar der sonst so ernste Johannes lachen. Das vermehrte die gute Laune des Händlers um ein Bedeutendes. Leute, welche lustig sind, kaufen lieber als solche, die sich in schlechter Stimmung befinden. Er machte also auch gar nicht viele Umstände, sondern er faßte sie bei den Armen und schob sie in das Häuschen hinein. Grad als sie sich in dem sehr engen und sehr dunklen Flur befanden, klopfte es an die Hinterthür. »Was ist denn, wer klopft denn?« fragte er in einem strengen Tone, dessen Härte außerordentlich gegen seine bisherige Höflichkeit abstach. »Wasser, bitte, Wasser!« antwortete eine sehr wohlklingende, milde Frauenstimme. »Wasser, schon wieder Wasser,« sagte er halblaut für sich. »Werde es Ihnen sofort geben.« Er eilte nach der Hinterthür, nahm dort Etwas, was die beiden Jünglinge wegen der Dunkelheit nicht deutlich erkennen konnten, von der Wand und riegelte die Thür auf. Jetzt, da die Letztere geöffnet war, konnte man in einen kleinen, kahlen Hof blicken, welcher rings von nackten Mauern umgeben zu sein schien. Draußen, hart vor der Thür, stand ein junges Mädchen. Sie trug nur ein einziges kurzes und schäbiges Röckchen, keine Schürze darüber. Außer demselben waren ein kurzes Mieder und ein schmutziges Hemd ihre einzigen Kleidungsstücke. Aber trotz dieses ärmlichen Habites leuchtete die jugendliche Schönheit und Lieblichkeit aus allen ihren Formen hervor. Die kleinen Füßchen waren nackt, und das reiche, dunkle Haar hing in langen, dicken Zöpfen von dem schön gezeichneten Kopfe hernieder. Jetzt sahen die beiden jungen Männer auch den Gegenstand deutlich, welchen der Jude in der Hand hatte. Es war eine starke, kurzgestielte und aus Riemen geflochtene Peitsche. Er holte blitzschnell, ehe das Mädchen dies vermuthen konnte, aus und versetzte demselben einige so kräftige Hiebe über die halb entblößten vollen Schultern, daß die Getroffene mit einem lauten Weherufe zurückfuhr. »Da ist Wasser!« schrie er zornig dazu. »Trinkt es und badet Euch darin! Wenn Ihr mehr haben wollt, braucht Ihr es nur zu sagen.« Damit warf er die Thür zu, schob den Riegel vor und hing die Peitsche wieder an die Wand. Das war so schnell geschehen, daß weder Max noch Johannes Zeit gefunden hatten, ihn an der Ausführung dieser Rohheit zu verhindern. »Aber, Baruch Abraham, was thust Du da!« sagte der Erstere. »Wer wird ein so hübsches Mädchen schlagen!« »Eben weil sie ist hübsch, muß sie werden geschlagen,« antwortete der Jude. »Sind doch die Hübschesten stets die Allerschlimmsten, was die hohen Herren wohl auch noch erfahren werden.« »Was hat sie denn gethan?« »Wasser hat sie verlangt!« »Ist das denn etwas Schlimmes?« »Ja. Wenn ich soll geben des Tages wohl fünfzig oder sechzig Mal Wasser, wie soll ich da Zeit finden zu arbeiten im Geschäft, wenn seine Leute kommen, sich anzusehen meine Sachen.« »Kann das Mädchen denn sich nicht selbst das Wasser holen, welches sie braucht?« »Nein. Das ist verboten.« »Warum?« »Warum? Weil ich es nicht darf dulden, wenn mein Geschäft nicht soll gehen ganz zu Grunde. Aber warum wollen wir reden von dem Mädchen, da wir doch haben besseres zu thun. Die Herren mögen eintreten.« Er öffnete eine Seitenthür, welche in einen niederen Raum führte, der so vollgepfropft mit allerhand Sachen war, daß man kaum Platz zum Stehen fand. Durch die hintere Mauer des Gewölbes führte eine schmale Thür hinaus in den Hof. Nun begann er, seine Herrlichkeiten vorzuzeigen. Max fand verschiedene Bücher, welche sein Interesse erregten, und stellte sich mehrere davon zur Seite, indem er immer weiter suchte. Johannes betrachtete sich die Bilder, welche an den Wänden hingen. Da wurde die Eingangsthür geöffnet, und unter derselben erschien ein altes, häßliches Weib, jedenfalls die Frau des Juden. »Ich gehe in die Stadt,« sagte sie. »Hast Du vielleicht Etwas zu besorgen, Baruch?« »Ja, Sarahleben!« antwortete er. »Kannst mit zur Post gehen und nach Briefen fragen.« Die Alte hatte mit jener lauten Stimme gesprochen, welche Schwerhörigen eigenthümlich ist. Als ihr der Mann jetzt antwortete, hielt sie die Hand an das Ohr und fragte: »Was hast Du gesagt?« Da trat er näher und wiederholte: »Du sollst fragen, ob Briefe angekommen sind!« »Ach so! Briefe. An wen?« »An mich. Fragst nach Herrn Gärtner mit dem Zeichen Nummer Hundert. Verstanden?« »Ja. Briefe an Herrn Gärtner Nummer Hundert. Aber woher denn?« »Aus Wien natürlich, von dem Herrn Baron von Stubbenau.« »Ja, ich weiß es, von dem Herrn Baron von Stubbenau, er, dem ich vor vierzehn Tagen vierhundertachtzig Gulden eingezahlt habe. Giebst es sonst noch Etwas?« »Nein. Mach daste kommst fort!« Er sagte das Letztere in beinahe zornigem Tone. Es schien ihm unlieb zu sein, daß die beiden Fremden Zeugen des Gesprächs geworden waren. Diese zwei Genannten hatten natürlich Alles gehört, ohne aber etwas Auffälliges darin zu finden, daß der Jude sich unter einer anderen Adresse postlagernd Briefe schicken ließ. So Etwas kann ja bei einem jeden Geschäftsmann vorkommen. Aber die kurze Verhandlung zwischen Mann und Frau hatte doch etwas so Eigenartiges, wohl gar Geheimnißvolles, daß die genannten Worte, nämlich der Name Gärtner und das Zeichen Nummer Hundert in dem Gedächtnisse der zwei jungen Männer haften blieben. Die Alte ging, machte aber nach wenigen Augenblicken die Thür abermals auf und rief herein: »Paß mit auf die Mädchens auf, damit sie nicht etwa machen Dummheiten!« »Das werde ich schon thun!« »Siehe besonders auf die Anita; die ist eine Italienerin; ihr ist nicht zu trauen.« Da stampfte er zornig mit dem Fuße, fuhr auf sie zu und schrie sie erbost an: »Willste endlich lassen das Geschwätz! Weißte nicht, dasste nicht sollst reden von solchen Sachen!« Sie fuhr erschrocken zurück und warf die Thüre zu. Er konnte sich in seinem Zorn nicht enthalten, grimmig vor sich hin zu rufen: »Kein Weib kann halten das Maul! Da ist die Eine grad so wie die Andere. Gott sei's geklagt.« Nun wendete er sich dem jungen Maler zu: »Schauen Sie sich nur die Bilder und Zeichnungen an. Ich habe ganze Mappen voll daliegen. Es sind auch alte Meister darunter, Raphael und Murillo.« »Oho!« lachte Johannes ungläubig. »Ja, sie sind da!« bestand er auf seiner Behauptung. »Raphael, Murillo, Caravagglio, David, Kaulbach, Rembrandt und viele Andere.« »Die möchte ich sehen!« »Da hängen sie ja.« Er deutete auf die alten Schmöker an der Wand. »Diese? Die sollen von solchen Meistern sein?« »Ja. Sie haben mich gekostet ein schweres Geld; aber ich kann ja nicht behalten alle diese Herrlichkeiten. Ich gönne auch andern Leuten eine solche Wonne und werde sie verkaufen so billig, wie ich vermag. Schauen Sie sie sich nur an!« Johannes war überzeugt, daß der Alte log; aber er wußte, daß es vorgekommen war, daß der Inhaber einer solchen Rumpelkammer ganz ohne sein Wissen ein werthvolles Bild beherbergte. Und da er jetzt nichts zu thun hatte, nahm er sich vor, diese alten Farbeklexereien einer gründlichen Besichtigung zu unterwerfen. Aber das war nicht leicht. Der Raum war so niedrig, und die ohnehin zu kleinen Fenster lagen so voller unnützer Gegenstände, daß das nöthige Licht nicht hereindringen konnte. »Anschauen soll ich mir die Bilder,« meinte darum Johannes; »aber wie soll ich das ermöglichen? Es ist zu dunkel hier.« »Zu dunkel? Es ist hell, sehr hell! Sehe doch ich Alles, der ich bin ein alter Mann. Sie aber sind ein junger Künstler, der scharfe Augen hat.« »Wenn Sie mit Gemälden handeln, so müssen Sie doch wissen, daß zur Beurtheilung derselben Licht, viel Licht gehört. Man muß eine Malerei, um sie richtig taxiren zu können, unbedingt in das richtige Licht bringen.« »Das ist ja hier!« Er schien gewisse Gründe zu haben, seinen Laden für genügend hell zu halten. Dabei fiel sein Blick, wie die beiden Freunde bemerkten, mit einer gewissen Besorgniß zum Hoffenster hinaus. Der Jude begann, ihnen verdächtig zu werden. Max gab Johannes ein heimliches Zeichen und deutete nach dem Hofe. Der Maler verstand ihn und behauptete in Folge dessen hartnäckig: »Sie mögen sagen was Sie wollen, hier ist es zu finster. Wenn Sie wirklich Bilder so berühmter Meister haben, so muß Ihnen daran liegen, dieselben in die richtige Beleuchtung zu bringen. Hier in diesem Gewölbe kann ich nichts kaufen.« Der Alte zog ein unmuthiges Gesicht, sann eine kleine Weile nach und fragte dann: »Werden die Herren denn wirklich kaufen?« »Ja. Wenn wir etwas Preiswerthes finden.« »Und werden Sie können auch sogleich bezahlen?« »Sofort!« »So möchte ich Ihnen geben das richtige Licht; aber wo soll ich es nehmen her?« »Nun, Ihr Hof ist ja hell genug.« »Mein Hof? Au wai! Wie soll ich lassen die Käufer hinausgehen in meinen Hof!« »Warum denn nicht? Haben Sie etwa Heimlichkeiten draußen? Müssen Sie sich vor dem Gesetze fürchten?« Da hob der Alte erschrocken die Hände empor und rief in betheuerndem Tone: »Gott Abrahams! Was führt der Herr für Reden. Baruch Abraham ist ein ehrlicher Mann und ein Freund der Gesetze. Wie kann er handeln gegen dieselben?« »Nun, so haben Sie sich auch nicht zu fürchten, wenn ich mir die Bilder draußen betrachte.« »Zu fürchten habe ich mich gar nicht, aber zu – zu – zu schämen!« Er brachte dieses letztere Wort erst nach einigem Nachsinnen heraus; es war ihm nicht gleich eine passende Ausrede eingefallen. Die Freunde waren überzeugt, daß er gar zu gern ein Geschäft gemacht hätte; aber hinaus in den Hof sollte keiner von ihnen. Es mußte doch draußen Etwas geben, was das Tageslicht zu scheuen hatte. »Zu schämen?« fragte Johannes. »Vor uns brauchen Sie sich nicht zu schämen.« »O doch! Mein Haus ist alt, und ich bin mit meiner Sarah allein. Wir sind zu betagt und zu schwach um es zu halten in Reinlichkeit und Ordnung. Wenn ein vornehmer, fremder Herr kommt hinaus in den Hof, wird er nicht wollen bleiben in demselben.« »O, so lange ich mir die Bilder betrachte, so lange wird es wohl auszuhalten sein. Also schaffen Sie Licht, oder wir gehen!« Er kratzte sich hinter den Korkzieherlocken. Um ihm Muth zu machen, bemerkte Max: »Wir wollen ja nicht alle Beide hinaus. Nur mein Freund braucht Licht zu den Gemälden. Ich kaufe mir Bücher; dazu ist es hier hell genug.« Das schien zu wirken, denn der Alte sagte: »Da die Herren wirklich kaufen wollen und auch gleich bezahlen werden, will ich es erlauben, daß die Bilder dürfen betrachtet werden im Hofe. Aber ich muß erst hinaus, um zu machen ein Wenig ordentliche Sauberkeit. Ich werde kommen schnell wieder zurück.« Er schob den Riegel von der Thür zurück, welche aus dem Verkaufsgewölbe nach dem Hofe führte, trat hinaus und zog aber die Thür hinter sich wieder in das Schloß. Die Beiden hörten an seinen Schritten, daß er sich entfernte. Im nächsten Augenblicke standen sie an dem Fenster, welches mit Spinnweben umzogen und voller Schmutz war, aber doch einen Durchblick gestattete. Der Hof war leer, vollständig leer. In der einen Ecke erhob sich ein Düngerhaufen. Es war nichts zu sehen als nur die Schatten einiger weiblicher Personen, welche von einer Seite nach der andern huschten. »Vom Fenster zurück!« flüsterte Max. »Er darf uns nicht überraschen!« Er trat zu seinen Büchern, in welche er sich scheinbar vertiefte, während Johannes sich ebenso angelegentlich mit den Bildern zu beschäftigen schien. Dabei fragte der Letztere leise: »Was sagst Du dazu?« »Der Kerl kommt mir verdächtig vor.« »Mir auch. Was mag das für ein Mädchen gewesen sein?« »Es waren mehrere draußen, und doch behauptete er, daß er mit seiner Sarah das Haus allein bewohne.« »Er hat gelogen. Es giebt hier Etwas, was das Licht zu scheuen hat.« »Und das bejaht sich auf diese Mädchens. Jetzt erst fällt es mir auf, daß er Briefe unter anderem Namen empfängt.« »Unter dem Namen Gärtner und Nummer Hundert.« »Das habe ich mir auch gemerkt. Wollen wir versuchen, in sein Geheimniß einzudringen?« »Ja.« »Auch ich habe große Lust dazu. Das Mädchen war so schön und hatte ein so trauriges Gesicht.« »Wie aber fangen wir es an?« »Sehr einfach. Du gehst mit den einzelnen Bildern in den Hof und thust, als ob Du sie genau betrachtest –« »Er wird sich mit hinstellen!« »Das schadet nichts. Ich werde ihn schon auch beschäftigen. Ich rufe ihn herein, um ihn nach den Büchern zu fragen. Indessen hältst Du heimliche aber genaue Umschau. Das Weitere wird sich schon selbst finden. Wenn die Mädchens hier wirklich ein Leiden zu tragen haben, werden sie es zu ermöglichen suchen, Dir einen Wink zu geben. Also paß genau auf.« »Kaufen wir denn wirklich Etwas?« »Einige Bücher werde ich behalten. Ob Du ein kleines Sümmchen für irgend ein Gemälde giebst, das wird davon abhängen, ob Deine Beobachtungen von Erfolg sind oder nicht. Durch des Königs Güte haben wir ja so viel Geld, daß wir uns auch einmal eine überflüssige Ausgabe gestatten können.« »Gut! Giebt es für uns irgend einen Grund zum Wiederkommen, so werde ich kaufen.« Das leise Gespräch konnte nicht fortgesetzt werden, denn die schlürfenden Schritte des Juden ließen sich vernehmen. Als er eintrat, fand er die Beiden in großer Entfernung von einander stehend und in ihre Bücher und Zeichnungen vertieft. »So!« sagte er. »Jetzt kann sich der Herr die Bilder mit in den Hof nehmen, und ich werde ihm dabei behilflich sein.« Es wurden nun mehrere Bilder hinausgetragen und an die Mauer gelehnt. Johannes betrachtete eins nach dem andern und that so, als ob er Hier gar nichts weiter im Auge habe. Dennoch aber hielt er heimliche Umschau. Das Häuschen bestand nur nach der Straße zu aus dem Parterre. Auf der Hofseite war ein Stockwerk aufgesetzt worden, und da zog sich an demselben eine Art Söller hin, welcher von einer bretternen Brüstung geschützt wurde. Die beiden Seiten des Hofes wurden von den Gebäuden der Nachbarhäuser begrenzt, während hinten sich eine hohe Mauer erhob, durch welche ein kleines Pförtchen führte. Der Alte beobachtete schweigend, welchen Eindruck die Bilder auf den Maler machen würden. Dieser verhielt sich sehr schweigsam. Da ertönte drin im Gewölbe Maxens Stimme. Der Jude trat hinein und Johannes befand sich nun allein im Hofe. Er schaute sich scharf um. konnte aber nichts Auffälliges bemerken. Nur ein leises, leises Geräusch vernahm er über sich. Es kam vom Söller her. »Pst!« machte er leise. »Ist Jemand da?« »Du scampara mi!« antwortete es ebenso leise. Diese italienischen Worte heißen zu Deutsch: Rette mich! Johannes war dieser Sprache nicht so weit mächtig, als nothwendig war, in solcher Lage ein heimliches Gespräch zu führen, bei welchem es auf das richtige Verständniß jedes einzelnen Wortes ankam. Darum fragte er: »Redest Du auch Deutsch?« »O ja. Ich dachte, Sie seien Italiener.« »Ich bin ein Deutscher. Also retten soll ich Sie?« »Ja, ja, ich bitte Sie um Gotteswillen!« »Still! Der Jude kommt!« Der Alte kehrte zurück und brachte wieder Bilder mit. Doch sorgte der schlaue Max dafür, daß er bald wieder in das Gewölbe zurück mußte. Johannes hatte sich so gestellt, daß er grad unter der Stelle stand, an welcher von oben herab gesprochen worden war. Er fragte: »Sind Sie noch da?« »Ja.« »Wer sind Sie?« »Eine Gefangene.« »Ach, ich werde Sie befreien. Ich gehe zur Polizei.« »Um Gotteswillen nicht. Das würde mir nichts helfen, sondern nur schaden.« »Warum?« »Er hat meinen Contract.« »Was für einen Contract?« »Ich habe mich ihm vermiethet, zu ehrlicher Arbeit. Er aber hat böse Absichten.« »Sapperment! Das soll er bleiben lassen!« »Ich kann ihm aber nichts beweisen. Darum dürfen Sie nicht zur Polizei. Es muß durch List geschehen. Wenn ich nur erst aus dem Hause wäre.« Der Alte kehrte zurück, so daß das Gespräch abermals verstummen mußte. Dies geschah noch mehrere Male; aber Max hatte sich so oft nach dem Inhalte oder dem Preise der Bücher zu erkundigen, daß Johannes Zeit fand, sich wenigstens nothdürftig mit der Sprecherin zu verständigen. Er erkundigte sich: »Sind Sie Diejenige, welche vorhin von dem Alten geschlagen wurde?« »Der Schuft!« »Er thut das sehr oft. Er will uns durch Hunger und Durst nachgiebig machen.« »Sind noch mehrere Mädchen da?« »Ja, noch vier.« »Und die wollen auch frei sein?« »O, die fühlen keine Schande. Sie wollen Alles thun, was er will. Mit ihnen ist er gut. Nur gegen mich ist er grausam. Sie wohnen auch beisammen, während ich allein eingesperrt werde. Ach, könnte ich fort!« »Kommen Sie herab! Ich nehme Sie mit.« »Sogleich?« »Ja.« »Das geht nicht. Er würde es nicht dulden.« »Ich fürchte mich nicht vor ihm, und ich habe einen Freund mit, welcher noch viel muthiger ist als ich es bin.« »Das ändert nichts. Er hat einen Contract, und ich kann ihm nichts beweisen. Er würde mich durch die Polizei ergreifen lassen.« »Hm! Eine böse Sache! So müssen Sie also heimlich fort.« »Anders geht es nicht.« »Aber wie?« »Nur des Nachts ist es möglich. Könnten Sie nicht hierher in den Hof kommen?« »Gern, wenn es zu bewerkstelligen wäre. Aber ich weiß nicht, wie ich hereinkommen soll.« »Ueber die Mauer dort. Es geht ein schmales Gäßchen vorbei.« »Aber dieselbe ist so hoch, daß ich eine Leiter brauchen würde. Das könnte auffallen, hier inmitten der Stadt.« »Könnten Sie nicht das Pförtchen öffnen?« »Dazu gehört ein Schlüssel.« »Oder es aufsprengen?« »Das macht Lärm, selbst wenn wir das dazu gehörige Handwerkszeug hätten.« » Dio mio ! So giebt es keine Hilfe!« »Verzweifeln Sie nicht! Ich werde nachdenken. Giebt es hier einen Hund?« »Nein. Um so ein Thier zu füttern, dazu ist der Alte viel zu geizig.« »Das ist gut. Aber wo befinden Sie sich des Nachts? Kann man zu Ihnen?« »Ja, aber ich kann nicht heraus. Ich bin fest angehängt.« »Alle Teufel! Einen Menschen anhängen! Wo ist der Ort?« »Diese Hofseite hat drei Fenster und eine Thür, welche hier vom Söller in's Innere führt. Rechts von der Thür sind zwei Fenster; da schlafen die Anderen. Links ist nur eins; da befinde ich mich. Ich bin angehängt und noch dazu extra eingeschlossen.« »Durch einen Schlüssel?« »Nein, sondern einen Riegel.« »Und wo schläft der Jude?« »Er schläft mit seinem Weibe vorn über dem Laden.« »Geht er des Nachts revidiren?« »Ja, mehrere Male.« »Hm! Das mahnt zur Vorsicht!« »Mein Gott! Wenn Sie doch den Muth hätten!« »Pah, den habe ich.« »Und wenn Sie wüßten, wie ich in die Hände dieses Mannes gekommen bin, würden Sie Mitleid mit mir haben.« »Ich werde es erfahren, aber nicht jetzt; da ist nicht Zeit dazu.« »Sie haben so ein liebes, gutes Gesicht, ganz so, als ob ich mich Ihnen anvertrauen könne.« »Sehen Sie mich denn?« »Ja, durch die Ritzen des Fußbodens. Haben Sie auch mich gesehen?« »Wir erblickten Sie in dem Augenblicke, als er Sie schlug. Das hat uns erzürnt und wehe gethan. Ich werde mit meinem Freunde sprechen und hoffe ganz bestimmt, daß er meinen Entschluß billigen wird.« »Welchen Entschluß? Bitte, bitte!« »Sie zu befreien.« »Gott sei Dank! Mein Leben würde ich Ihnen dafür geben! Aber es müßt heut geschehen, denn morgen bin ich nicht mehr da.« »Wo sollen Sie hin?« »Nach der Höhle.« »Nach welcher? Kennen Sie dieselbe?« »Nein. Ich weiß nur, daß wir in nächster Nacht nach einer Höhle geschafft werden sollen.« »Hat Ihnen das der Jude gesagt?« »Nein. Ich habe es erlauscht, als er mit den Anderen davon redete.« »Wissen Sie, was Sie in der Höhle sollen?« »Nein. Ich habe nur vernommen, daß sich noch mehrere junge Mädchen dort befinden.« »Sie Aermste! Ich beginne zu ahnen, um was es sich handelt.« »Ist's etwas sehr Böses?« »So sehr, daß es für ein junges, braves Mädchen gar nichts Schlimmeres geben kann.« »Mein Herr und Gott! Wie soll das enden!« »Mit Ihrer Rettung. Wir kommen heut.« »Wirklich, wirklich?« »Ja, gewiß.« »O, nehmen Sie meinen heißesten Dank! Aber wird es Ihnen auch gelingen?« »Es muß gelingen, und wenn wir die Mauer einreißen sollen. Verlassen Sie sich darauf.« »Und wann kommen Sie, zu welcher Zeit?« »Wenn Alles schläft und ruhig ist, vielleicht eine Stunde nach Mitternacht.« »So werde ich Sie mit Ungeduld, mit heißer Sehnsucht erwarten.« »Und ich brenne bereits vor Ungeduld, das Abenteuer zu unternehmen.« »Ich darf mich also darauf verlassen?« »Ganz gewiß, gewiß!« »So werde ich bis dahin zur heiligen Mutter Gottes bitten, daß es gelingen möge.« »Thun Sie das. Jetzt aber wollen wir abbrechen. Der Jude könnte ungeduldig werden und Verdacht schöpfen. Mein Freund hat ihn schon fünfmal hineingerufen, damit ich Zeit finden soll, mit Ihnen zu reden!« »Weiß denn Ihr Freund, daß ich hier bin?« »Nein, aber er ahnt, daß ich mit Ihnen spreche.« »Sagen Sie auch ihm meinen Dank, meinen innigsten Dank!« »Gern. Und nun leben Sie wohl!« »Noch nicht. Erst muß ich wissen, wie Ihr Name ist; ohne dies gehe ich nicht von hier fort.« »Mein Name ist Johannes, und mein Freund heißt Max. Und Ihr Name?« »Anita.« »Ach, so sind Sie die Italienerin, welcher die beiden Alten nicht trauen!« »Haben sie das gesagt?« »Die Jüdin sagte es.« »Weil ich ihnen nicht gehorche, sondern mich gegen das Schicksal wehre, für welches sie mich bestimmt haben. Die Alte ist fortgegangen. Das ist Gottes Schickung; denn wäre sie hier geblieben, so wäre es mir unmöglich gewesen, mit Ihnen zu sprechen.« »Haben Sie denn bereits mit Anderen gesprochen?« »Nein, mit Keinem.« »Warum nicht?« »Ich traute ihnen nicht.« »Aber mir haben Sie getraut?« »Sofort. Ich sah Sie im Hausflur stehen, als die Alte die Hinterthür öffnete, um mir anstatt des Wassers die Peitsche zu geben! Es war nur ein blitzschneller Moment, daß ich Ihre Augen sah, aber ich sagte mir, daß ich zu Ihnen Vertrauen haben könne.« »Ich danke Ihnen. Ihre Worte thun mir wohl. Wie aber ist es Ihnen möglich geworden, auf den Söller zu kommen?« »Durch die Eilfertigkeit des Juden. Er nahm sich nicht Zeit, mich ganz bis in meine Kammer zu bringen und dort einzuriegeln. Er schickte mich nur hinauf und befahl mir, in der Kammer zu bleiben, bis er mir erlauben werde, dieselbe zu verlassen. Da habe ich mich herausgeschlichen und auf dem Boden des Söllers niedergelegt, durch dessen Ritzen ich Sie sehen kann.« »So ahnten Sie wohl, daß ich kommen werde?« »Mein Herz sagte es mir.« Das klang so rührend, so aufrichtig. Ihr Ton war dabei so herzlich und doch so mädchenhaft zagend. Er wußte selbst nicht, wie ihm geschah. Es ging in seinem Innern Etwas vor, wofür er keine Worte fand. »Ihr Herz soll Sie nicht getäuscht haben,« sagte er. »Sie sollen frei sein. Nun aber müssen wir scheiden. Leben Sie wohl, Anita!« »Leben Sie wohl, Johannes,« erklang es von oben. »Auf Wiedersehen, mein Retter!« Das Gespräch war beendet, so daß der Maler seine Aufmerksamkeit nun ungetheilt auf das Gemälde richten konnte. Er war kein Meister, sondern erst ein angehender Schüler der Kunst, aber wenn er auch noch keine kritische Schärfe des Blickes besaß, so hatte er doch genug künstlerischen Instinct, zu sehen, daß er nur alte, werthlose Schmierereien vor sich sah. Eine Landschaft war das einzige, für welche er Etwas bieten zu dürfen glaubte. Er fragte nach dem Preise. »Das ist ein Murillo!« erklärte der Jude. »Der ist freilich theuer.« »Ein Murillo?« lachte Johannes. »Sie sind wohl nicht bei Troste!« »Ich? O, Baruch Abraham ist stets bei Troste. Er ist der erste Kunstkenner, den es giebt!« »So! Also Murillo hat eine norwegische Schneelandschaft gemalt!« »Mehrere sogar!« »Wie kommt denn Murillo zu Schneelandschaften?« »Er war ja in Norwegen, ja, er wohnt sogar noch jetzt in diesem Lande.« »Ah! Murillo ein Norweger! Das ist gut, das ist einzig! Wissen Sie, Murillo war ein Spanier!« Aber Baruch Abraham war nicht aus der Fassung zu bringen; er hatte seilst in der allerschlimmsten Klemme eine Ausrede. »Zuweilen war er ein Spanier, nur zuweilen,« antwortete er. »Spanien und Norwegen liegen bekanntlich als Nachbarländer neben einander. Murillo ist bald hüben und bald drüben gewesen, darum war er heut ein Norweger und morgen ein Spanier.« »Auch gut! Darüber wollen wir nicht streiten.« »Der Streit würde den gnädigen Herrn auch zu nichts führen. Ich bin ein ebenso guter Geograph wie Kunstkenner; was ich weiß, das weiß ich sehr genau. Also, wollen Sie das Bild kaufen?« »Als einen Murillo nicht.« »So kaufen Sie es als etwas Anderes!« »Nennen Sie den Preis!« »Dreihundert Gulden.« Johannes antwortete nicht. Er schaute dem Alten still lächelnd in das runzelige Gesicht. Dieser glaubte, er sei nicht verstanden worden und wiederholte: »Dreihundert Gulden.« »Ich habe es gehört. Ich schaute Sie nur an, um zu sehen, ob Sie nicht vielleicht dreihundert Mal verrückt sind.« »Verrückt? Baruch Abraham verrückt! Gott der Gerechte, und noch dazu dreihundert Mal!« Er schlug die Hände über den Kopf zusammen. »Ja, so denke ich,« nickte Johannes. »Wer für diese Schmiererei dreihundert Gulden verlangen kann, bei dem rappelt es im Kopfe.« »Rappeln, rappeln! O Ihr Erzväter und heiligen Propheten! In meinem Kopfe soll es rappeln. Hat man schon so etwas gehört!« Da trat Max herbei, warf einen Blick auf das Bild und meinte: »Sprechen wir dann darüber. Jetzt möchte ich wissen, was Sie für die Bücher verlangen, die ich mir ausgesucht habe.« »Sogleich, sogleich. Ich werde nachschauen, was ich gegeben habe dafür und wieviel ich muß fordern, wenn ich sie will verkaufen gegen fünf Prozent Verlust, was ich aber nur thue, weil sie mir werden bezahlt mit baarem Gelde.« Der alte, schlaue Fuchs und Lügner suchte ein altes Geschäftsbuch hervor und verglich die Bemerkungen, mit denen jedes antiquarische Werk versehen war, mit den dortigen Aufzeichnungen. Das dauerte ziemlich lange. Während dem standen Johannes und Max entfernt von ihm bei einander, und der Erstere erzählte dein Letzteren in der Eile Alles, was er gesehen, gehört und dem Mädchen versprochen hatte. »Hab ich es recht gemacht?« fragte er dann. »Ja.« »Du entführst sie mit?« »Versteht sich. Das giebt doch einmal eine kleine Abwechslung in das Reiseleben, welches Einen durch seine Einförmigkeit endlich ermüden muß. Man wird nach und nach blasirt.« »Max!« »Ja, ja. Du glaubst es gar nicht. Ich bin es herzlich müde und sehne mich aufrichtig nach der Heimath zurück.« »Um vielleicht doch noch eine Spur von der Silbermartha zu finden!« »Still, wenn Du mich nicht erzürnen willst! Bleiben wir bei der Sache. Ich bin ein Wenig älter und vielleicht auch ein Wenig erfahrener als Du. Ueberlaß es mir, den Juden zu behandeln. Wir müssen es so einrichten, daß wir wiederkommen können, ohne seinen Verdacht zu erwecken.« Baruch Abraham war mit seiner Berechnung zu Ende und that die Forderung. Max bot ihm schlank weg halb so viel. Der Jude schrie zwar, daß er keinen Kreuzer ablassen könne, erklärte sich aber doch endlich einverstanden mit dem Gebote und packte die Bücher zusammen. Nun sollte von Neuem über das Bild gehandelt werden, aber Max erklärte, daß sein Freund es nicht kaufen werde, weil der Preis ganz und gar nicht im Verhältniß zu dem Werthe stehe. »So mag er doch bieten!« meinte Baruch. »Auch das thun wir nicht. Sie haben so viel vorgeschlagen, daß es geradezu lächerlich wäre, zu sagen, wie viel wir geben wollen.« »Was sagt der Herr? Zu viel vorgeschlagen soll ich haben? Ist zweihundert Gulden zu viel vorgeschlagen?« »Dreihundert verlangten Sie!« »Da haben mich die Herren falsch verstanden. Ich hab gesprochen nur von zweihundert.« »Auch das ist uns viel, viel zu theuer. Wir wollen es uns überlegen. Meine Bücher trage ich natürlich nicht selbst fort. Ich werde sie abholen lassen. Hier ist das Geld.« Er bezahlte den Betrag. Als dann die Freunde Ernst machten, sich zu entfernen, gerieth der Jude förmlich in Ekstase. Er schwor hoch und theuer, daß er selbst volle zweihundert Gulden für das Bild bezahlt habe, ging aber doch endlich auf hundert und gar auf fünfzig herab. Max blieb fest. Er schüttelte den Kopf und meinte: »Ich will Ihnen etwas sagen. Wir werden wiederkommen. Wir gehen jetzt hinauf auf das Kastell und werden uns während dieser Promenade überlegen, wie viel wir bieten. Auf dem Rückwege kommen wir wieder her.« »Ist das wahr?« »Ich halte Wort.« »So mögen die Herren sich überlegen den Stand des Handels, und ich werd indessen nachsuchen, ob ich noch kann herablassen eine Kleinigkeit vom Preise. Und damit die Herren nicht brauchen zu machen einen großen Umweg hinauf zum Kastel, werde ich ihnen öffnen die Thür meiner Hofmauer und ihnen zeigen, wie sie haben zu gehen, um recht schnell wieder können zurückkommen zu mir.« Ihm war es darum zu thun, das alte Bild zu verkaufen. Die Habsucht trieb ihn, etwas zu thun, was er sonst wohl nicht gethan hätte. Er hatte noch nie einen unbekannten Menschen durch die Mauerpforte ein- oder austreten lassen. Er trat an die Thür, welche aus dem Lagerraum in den Hof führte. Dort hing an einem Nagel ein Schlüssel, welchen er herabnahm. Max nickte dem Freunde bedeutungsvoll zu, als ob er ihm sagen wollte: »Paß' auf! Das ist der Ort, an welchem der Pfortenschlüssel hängt, den wir vielleicht brauchen werden!« Dann führte der Alte sie über den Hof hinüber nach dem Pförtchen. Während er sich bückte, um den Schlüssel in das Schloß zu stecken, drehte sich Johannes schnell um, um noch einen Blick nach dem Söller zu werfen, dort oben stand Anita, hoch aufgerichtet und ihm wenig zulächelnd. Das Hemd war ihr von der einen Schulter geglitten, und das schöne, lebenswarme Colorit derselben bildete in Verein mit dem vollen, schön modellirten Arme einen Anblick, der einem auch sonst kaltblütigen Manne das Herz höher schlagen lassen konnte. Aber Johannes sah das nicht. Er sah nur das schöne, lieblich erglühende Gesichtchen und die Hand, welche sie an den Mund legte, um ihm einen keuschen Kuß zuzuwerfen. Dann plötzlich senkte sie sich nieder. Der Alte hatte die Thür aufgeschlagen und drehte sich um. Er durfte sie natürlich nicht sehen. »Also die jungen Herren werden kommen recht bald wieder?« fragte er. »Ja, wir haben es versprochen und halten Wort. Aber die Zeit können wir nicht genau bestimmen,« antwortete Max. »Wie lange haben Sie den Laden geöffnet?« »Bis acht Uhr. Und wenn die Herren wirklich wollen kommen, so werde ich auch warten bis um neun Uhr.« »Schön! Wir kommen gewiß, und wenn Sie den Preis mäßig machen, so daß wir handelseinig werden, trinken wir dann eine gute Flasche Wein zusammen und rauchen dazu eine Cigarre, welche nicht oft den Weg über Ihre Schwelle finden wird.« Für einen Maler oder Physiognomiker war es höchst interessant, das Gesicht zu sehen, welches der Alte machte. Es sprach sich auf demselben das maßloseste Erstaunen über eine so unerhörte Freigiebigkeit oder gar Verschwendung aus. Dann aber verwandelte sich dieser Ausdruck des Erstaunens in denjenigen der Enttäuschung. »Was machen Sie für ein Gesicht?« fragte Max lachend. »Ist Jemand gestorben?« »O nein. Das wolle Gott verhüten, denn wer da ist gewesen so dumm, zu sterben, der kann nicht wieder kommen zurück und retour. Aber nun weiß ich ganz gewiß, daß die Herren nicht wieder werden kommen zu mir.« »Warum nicht?« »Weil Sie mir haben versprochen guten Wein und dazu feine Cigarren.« »Und das glauben Sie nicht?« »Wie soll ich das können glauben?« »Ist Ihnen das noch nie passirt?« »Noch nie in meinem ganzen Leben. Sind die Herren denn gar so grausam reich, daß sie können verschenken eine solche Summe?« »Nein, reich sind wir nicht, aber nobel. Den Wein und die Cigarren werden wir übrigens nur dann geben, wenn wir mit Ihrem Preise zufrieden sind. Jetzt ade!« »Ja, ade sagen wir; aber ich werde hoffen auf Ihr Kommen, bis es ist geworden neun Uhr.« Er schloß hinter ihnen zu. Sie gingen eine Weile schweigend neben einander hin. Dann sagte Johannes: »Wollen wir wirklich hinauf nach dem Kastell?« »Nein. Ich sagte das nur, um den Kerl später bitten zu können, daß er uns zum Hof hinauslasse. Glücklicher Weise kam er selbst auf diesen Gedanken.« »So war also schon das Berechnung von Dir?« »Ja. Komm, ich habe Lust, etwas Gutes zu essen. Da ist die Villa Ferdinandeo der richtige Ort dazu. Dort hat sich das Restaurant zum Jäger etablirt, wo man ebenso gut wie billig speist.« »Wie Du das Alles weißt!« »Ich erkundigte mich. Der Mensch soll für seinen Geist sorgen, indem er den Leib nicht verderben läßt, sonst wird aus dem Leibe eine Leiche, aus dem Geiste ein Gespenst, und alle Glückseligkeit ist vorüber. Das habe ich den armen, frommen italienischen Klosterbrüdern abgesehen, welche sich so fleißig kasteien und doch so wohlgenährt sind.« Sie kamen durch die hübschen Anlagen des Boschetto (Eisenhügels) hinauf nach dem genannten Restaurant und setzten sich da unter den Bäumen nieder. Wie auf Verabredung sprach von den Beiden Keiner ein Wort über das Erlebniß und das noch zu erwartende Abenteuer, bis sie gegessen hatten. Dann aber sagte Johannes, der seine Ungeduld nicht länger zu bemeistern vermochte: »Du redest doch gar nichts, Max. Hast Du Dich vielleicht anders besonnen?« »Ja,« antwortete der Gefragte in ernstem Tone. Johannes erschrack. »O weh!« rief er aus. »Arme Anita!« »Ach was Anita! Was geht uns dieses fremde Mädchen an!« »Sie ist unglücklich, sehr unglücklich!« Max steckte sich eine Virginia an, that einige Züge und sagte dann bedächtig: »Freund, der Mensch muß Philosoph sein. Dazu gehört vor allen Dingen, daß man sich so wenig Arbeit wie möglich macht.« »Seit wann hast Du solche Grundsätze?« »Schon seit einiger Zeit. Ich erkenne, daß es die bequemsten Grundsätze sind, die man haben kann.« »Ja, bequem, aber nicht ehrenhaft.« »Du, das mit der Ehre ist auch ein sehr streitiger Punkt. Was ist die Ehre. Die Summa von verschiedenen unbequemen Rücksichten, welche man auf sich und Andere zu nehmen hat.« »Das mißbilligest Du?« »Jawohl.« »Max!« »Schweig! Du bist noch so ein blutiger Mensch, daß Du erfahrenere Leute, wie ich ja bin, reden lassen mußt.« »Also Deine Philosophie ist sowohl dem Mitleide als auch der Ehre abhold?« »Gewiß! Denke Dir, wir haben ein Mädchen gesehen, welches dem Juden echappiren will. Gut, dagegen habe ich gar nichts. Sie mag es thun. Uns aber soll sie dabei in Ruhe lassen. Denn was haben wir davon? Arbeit, Plage, Aerger, Geldausgaben und Anderes, lauter nicht sehr wünschenswerthe Dinge.« »Ich begreife Dich nicht. Ich kenne Dich gar nicht wieder. Du bist mir fremd geworden.« Sein Gesicht hatte sich vor Unmuth geröthet. Max aber meinte in gelassenem Tone: »Mein Sohn, so mußt Du mich von Neuem kennen lernen. Weiter bleibt Dir gar nichts übrig.« Johannes hielt noch immer zurück. Sein sanftes Naturell sträubte sich gegen jeden Krafterguß. »Also Du willst wirklich nicht?« fragte er. »Nein.« »So werde ich es allein unternehmen.« »Unsinn!« »Ja, ich habe es ihr versprochen, und ich halte Wort. Weißt Du? Ich halte Wort!« »Gefällt sie Dir denn gar so sehr?« Johannes erröthete bis hinter die Ohren. Dennoch antwortete er in seiner aufrichtigen Weise: »Ja, sie hat mir außerordentlich gefallen. Sie ist ein gutes Mädchen, und ich hole sie heraus!« »Wenn Du Dich jedem Mädchen widmen willst, welches Du für gut hältst, so hast Du bald für Dich selbst keine Zeit mehr übrig.« »Davon ist keine Rede. Sie hat geweint. Sie wird geschlagen. Das muß aufhören!« Max lachte. Das erboste Johannes so sehr, daß er auf den Tisch schlug und ausrief: »Ja, aufhören muß es! Ich will es, ich!« »Du bist ja der reine Bayard!« »Spotte nur! Zu Bayards Zeit zogen die Ritter aus, um Frauen zu schützen. Die Zeiten sind anders geworden. Jetzt ziehen die Ritter aus, um Frauen zu verführen. Die echte Ritterlichkeit findet ihr Heim nur noch in den Künstlerkreisen. Und wie ich leider an Dir sehe, soll sie auch diese ihre letzte Heimath verlieren. Wo wendet sie sich dann hin? Sie hüllt ihr trauerndes Haupt in Flor und stirbt.« »In Krepp, lieber Johannes, nicht in Flor. Krepp ist jetzt nobel, nicht mehr Flor. Merke Dir das, wenn Du wieder einmal zu einer ähnlichen Redewendung greifst!« »Du bist unausstehlich!« »Aber dennoch ein guter Kerl. Liegt Dir denn wirklich so viel an der kleinen Anita?« »Außerordentlich viel. Ich gestehe es Dir offen. Es war mir, als ob ich meine gute Schwester Liesbeth leiden sehe.« »Das ist etwas Anderes. Wenn Du es Dir so zu Herzen nimmst, so müssen wir auf ein gut Gelingen anstoßen.« Er goß die Gläser voll, erhob das seinige und sagte: »Also Anita frei, sei heute die Parole!« »Wie? Verstehe ich Dich recht? Du wolltest dennoch?« fragte Johannes, sein Glas nun auch erhebend. »Mensch, Maler, Freund, Bruderherz, konntest Du wirklich denken, daß ich Dich im Stiche lassen würde? Kennst Du den Max Walther gar so wenig?« »Gott sei Dank! Jetzt bin ich vom Alp erlöst! Ja, komm, laß uns zusammenstoßen. Anita sei frei.« »Pst! Schrei nicht so! Was wir da vorhaben, ist nur für unsere Ohren. Das darf kein anderer Mensch hören.« »Ach,« antwortete Johannes, »ich möchte es in alle Welt hinausschreien, daß Du mir doch noch behilflich sein willst. Das ist so lieb und so gut von Dir!« »Und erst konntest Du Dich nicht in mich finden. So bist Du nun, der reine Gefühlsmensch.« »Aber wie fangen wir es an?« »Beim ersten Flecke. Wir gehen durch die kleine Mauerpforte.« »Da fehlt der Schlüssel. Der hängt ja an dem betreffenden Nagel an der Thür.« »Ach, was geht mich das an! Wir stehlen ihn.« »Stehlen?« fragte Johannes erschrocken. »Natürlich!« »Sollen wir zu Dieben werden?« »Ja, sehr gern sogar.« »Können wir das denn nicht umgehen?« »Nein. Du willst es ja partout.« »Ich?« »Ja doch. Du willst dem Juden das Mädchen stehlen. Oder hältst Du das für keinen Diebstahl?« »Hm! Stehlen, das klingt so gemein!« »Ist es auch. Aber wenn es Dir keine Schmerzen macht, ihm das Mädchen zu nehmen, warum nimmst Du es Dir denn so zu Herzen, daß Du ihm nebenbei auch noch den Schlüssel entwenden sollst?« »Recht hast Du.« »Uebrigens stehlen mir den Schlüssel nicht, sondern wir hängen ihn wieder hin.« »Das geht ja nicht!« »Ganz prächtig sogar.« »Auch wegnehmen können wir ihn nicht.« »O, Du fromme Seele! Durch Diebstahl könntest Du Dich wohl niemals ernähren. Deshalb habe ich ja gesagt, daß wir wiederkommen werden. Während ich dann mit ihm schachere und seine Aufmerksamkeit ganz auf mich ziehe, mausest Du den Schlüssel.« »Ich?« fragte Johannes erschrocken. »Ja. Wer sonst?« »Doch Du!« »Wie Du denkst! Auch das will ich thun. Auch diese Sünde will ich auf mein Gewissen nehmen. Aber wie steht es dann mit Dir? Hast Du das nöthige Geschick, die Aufmerksamkeit des Alten von mir abzulenken?« »Ich werde es versuchen.« »O weh! Wenn Du das in einem solchen Tone sagst, so weiß ich schon im Voraus, daß ich erwischt werde. Ich werde wohl Beides auf mich nehmen müssen, die Ablenkung der jüdischen Aufmerksamkeit und auch den Diebstahl. Das Leben wird Einem schon bereits in der Jugend sauer gemacht.« »Aber wenn er den Schlüssel zufällig braucht und ihn dann nicht findet!« »Er darf ihn eben nicht brauchen. Dafür haben wir zu sorgen.« »Wie denn?« »Wir nehmen ihn gleich mit fort. Ueberhaupt läßt sich nicht jedes Einzelne genau vorher bestimmen. Das kommt von selbst. Es giebt da eine viel wichtigere Frage, mit welcher wir uns beschäftigen müssen.« »Welche?« »Was thun wir mit dem Mädchen?« »Hm! Das weiß ich auch nicht.« »Das ist die geistreichste Antwort, welche Du nur geben kannst. Will ein Mädchen entführen und weiß nicht, wohin mit ihr!« »Ich glaube, Du weißt es selbst nicht.« »Nein, ist auch nicht nöthig. Du bist der eigentliche Hahn im Korbe, während ich nur die aushelfende Kraft bin. Also hast Du nachzudenken, nicht aber ich.« »Ja, ja, wohin.« »Willst Du sie am nächsten Morgen dem Juden wiederbringen?« »Um keinen Preis.« »Nun, so giebt es nur zwei Fragen: Willst Du sie laufen lassen, oder willst Du sie – heirathen?« Johannes erglühte über und über. »Max!« rief er aus. »Pfui! Ich glaube gar, Du willst Dich schämen! Dafür könnte ich Dir meinen Knotenstock verehren, aber nur für kurze Pausen, und zwar über den Rücken! Wie alt bist Du?« »Zwanzig.« »Und schämst Dich, wenn vom Heirathen die Rede ist?« »Max, hast Du zu dieser Zeit daran gedacht?« »Ich habe schon viel früher davon gesprochen.« »Unmöglich!« »Ich habe schon als Schulbube gelesen: Und er ging in ein anderes Land und nahm sich ein Weib. Ist das nicht geheirathet?« »Du wirst frivol!« »Vielleicht! Wird aber kein großer Fehler sein. Also entscheide Dich! Willst Du sie heirathen?« Es war ein eigenthümlicher Zug, welcher jetzt über Johannes' Gesicht glitt. Trotz, Scham und Entschlossenheit stritten mit einander um die Oberhand. Aber er antwortete nicht. »Freundchen,« meinte Max, »ich will Dir Etwas mittheilen, etwas ganz Nagelneues.« »Das wird nicht viel Kluges sein.« »O doch. Willst Du es hören?« »Ja. Wenn ich mich weigere, bekomme ich es dennoch zu hören. Ich kenne Dich ja.« »Schön! Neige Dein Ohr zu mir. Ich will es Dir leise sagen. Es ist Geheimniß.« Johannes hielt ihm in seiner Treuherzigkeit das Ohr hin, und Max rief ihm hinein: »Du bist – – verliebt!« »Max!« »Was Du nur mit meinem Namen hast! Stets, wenn Du nichts Anderes zu sagen weißt, muß er herhalten. Weißt Du nichts Besseres.« »Du – Du bist – bist – –« »Stottere nicht, alter Schwede! Ich habe Dir die reine Wahrheit gesagt. Du bist dieser Anita herzlich gut. Sie hat es Dir angethan.« »Störe nicht in dieses Heiligthum!« »Ah, ein Heiligthum ist es sogar! Schön, das ist ein offeneres Geständniß, als ich erwarten konnte. Also steht es nun fest, daß Du sie heirathest.« »Max, laß das! Wenn Du so fortfährst, so stehe ich auf und gehe fort!« »Du bleibst ganz ruhig sitzen. Du wirst Dich hüten, fortzugehen und mich allein zu lassen. Wer würde Dir dann helfen, Dein ›Heiligthum‹ aus dem Hause des Juden herauszuschleppen!« »Ja, Du hast mich leider fest wie immer. Ich bin ein unbeholfener Mensch, der noch immer einen Beschützer nöthig hat.« »Edle Selbsterkenntnis! Darum breite ich stets meine Flügel über Dir und lasse Deinen Schnabel nicht unter meinem Schirme hervorpiepen. Und das will ich auch heute Abend thun. Weißt Du, wir wollen uns die Köpfe nicht zerbrechen darüber, was mit unserm schönen Schützling geschehen soll. Die Stunde wird es lehren. Noch wissen mir ja gar nicht, welche Pläne und Absichten Anita selbst hat. Wir müssen also vor allen Dingen mit ihr reden.« »Aber zunächst müssen wir doch ein sofortiges Obdach für sie haben, wohin wir sie aus dem Hause ihres Peinigers führen.« »Natürlich. Könnten wir sie denn nicht für die eine Nacht mit nach unserm Gasthofe nehmen?« »Das ginge an.« »Ich träte ihr mein Zimmer ab, und wir Beide, Du und ich, schliefen zusammen.« »Ganz recht. Aber am Morgen würde die Bedienung den Braten riechen.« »So reisen wir ab.« »Und nehmen sie mit?« »Wenn es nothwendig ist, ja.« »Hm! Bist Du noch gut bei Kasse?« »Ausgezeichnet. Ich habe noch über tausend Franken.« »Ich ebenso viel. Weißt Du, wir sind sehr sparsam gewesen. Wenn Anita Niemanden hat, auf den sie sich verlassen kann, so nehmen wir sie als Waisentochter an und handeln als brave Eltern an ihr. Nicht?« »Scherz bei Seite! Ich mache mit.« »Ich auch. Eine kleine Ausgabe können wir uns erlauben. In Wien liegt neues Geld für uns. Was wollen wir mehr. Du, schau Dir doch einmal die beiden Kerls an! Sind das nicht die reinen Banditen?« Es waren nämlich zwei männliche Gäste in den Garten getreten, welche sich in demselben umschauten. Auch sie trugen den Künstlerhabitus, Sammetröcke und ungeheuer breitkrämpige Calabreserhüte. Aber ihre Wäsche war unsauber, und sie sahen überhaupt nicht salonfähig aus. Der Eine war alt, eine lange, hagere Gestalt mit abgelebtem Gesichte, eingefallenen Wangen und entsetzlicher Habichtsnase. Der Andere war ebenso lang und womöglich noch dürrer. Aus seinem breiten, schmutzigen Hemdenkragen stieg ein himmelhoher Hals empor, auf welchem der Kopf schaukelte wie eine brandige Aehre auf ihrem Halme. Er schielte ein Wenig. Man wußte nur nicht, wohin. Er hatte die beiden Daumen im Knopfloche stecken, und die andern herabhängenden acht Finger waren in beständiger zuckender Bewegung, als ob sie Harfe spielten. Da es noch im Frühjahr war und es noch keinen eigentlich warmen Tag gegeben hatte, standen außer demjenigen, an welchem die beiden Freunde saßen, noch keine Tische im Garten. Die Ankömmlinge schienen es aber auf den Letzteren abgesehen zu haben, und so kamen sie langsam näher geschlängelt, bis sie vor den Beiden standen. Der Alte lüftete den Hut und fragte: »Wohl Collegen?« Er sprach das Deutsche wie ein Italiener aus. »Was sind Sie denn?« erkundigte sich Max. »Maler von der Kunst.« »So sind wir allerdings Collegen.« »Ist es erlaubt?« Er deutete dabei auf die beiden leeren Stühle, welche noch am Tische standen. »Sehr gern,« antwortete Max. Der Alte setzte sich nieder. Der Junge hatte still da gestanden, die beiden Freunde mit offenem Munde anstierend und dabei mit acht Fingern spielend. Es konnte kein dümmeres und doch verschlageneres, tückischeres Gesicht geben als das seinige. Er hatte auch nicht gegrüßt. Jetzt, als der Alte sich setzte, drehte der Junge sich herum, Max seinen Rücken zudrehend; er wollte sich setzen, ohne den Stuhl berühren zu müssen. Jedenfalls war es ihm unerträglich, die Daumen aus dem Kopfloche nehmen zu müssen. Das war so im höchsten Grade rücksichtslos und beleidigend, daß Max die Lehne des betreffenden Stuhles an sich zog, als ob er sich stützen wolle. Der Harfespielende sah das nicht, weil er sich umgedreht hatte. Er glaubte, daß der Stuhl noch in seiner vorigen Lage sei, setzte sich und – – plumpste natürlich mit aller Gewalt auf die Erde nieder. Der Alte sprang zornig auf und ballte die Fäuste. »Signor,« rief er, »was haben Sie gethan! Welch eine Beleidigung für Petro, meinen Lieblingsschüler, den begabtesten Jüngling von ganz Italien.« Dieser begabteste Jüngling von ganz Italien hatte sich wieder aufgerafft. Er setzte den verlorenen Hut auf, steckte die Daumen wieder in das Knopfloch und starrte Max tückisch an. Der Letztere antwortete dem zornigen Maler in ruhigem Erstaunen: »Mein Herr, was fällt Ihnen ein! Inwiefern soll ich denn Jemand beleidigt haben.« »Sie haben dem Signor den Stuhl weggezogen!« »Den Stuhl habe ich an mich genommen, um es mir bequem zu machen; daß ich ihn aber Jemandem weggezogen haben soll, das bestreite ich entschieden.« »Wie, Sie bestreiten das?« »Allerdings.« »Ich aber behaupte es.« »So begreife ich Sie nicht. Ich habe keinen Menschen gesehen, der Etwas gethan hätte, was mich hätte vermuthen lassen, daß er hier Platz nehmen wolle.« »So behaupten Sie, Signor Petro nicht gesehen zu haben?« »Einen jungen Menschen habe ich allerdings gesehen; ich sehe ihn sogar noch; ob er Petro heißt, das weiß ich nicht. Aber daß er sich hat zu uns setzen wollen, davon habe ich keine Ahnung. Er hat nicht gegrüßt, er hat seinen Hut nicht berührt, er hat kein Wort gesprochen, sondern die Hände in dem Knopfloche behalten. Wie soll ich ahnen, daß er sich uns anschließen will. Man pflegt doch wenigstens zu grüßen, wenn man anständigen Leuten Gesellschaft leisten will.« »Signor Petro braucht Niemanden zu grüßen, denn er ist mein Lieblingsschüler.« »Ach so! Und wer sind Sie denn?« »Ich bin Signoro Antonio Ventevaglio, der berühmte Maler von Latisana.« »So, so! Ich kenne Sie nicht. Was malen Sie denn?« »Alles!« »Nun, so malen Sie Ihrem Lieblingsschüler gefälligst etwas Verstand in das Gesicht; der fehlt ihm außerordentlich.« »Signor, wollen Sie nun auch mich beleidigen!« »Nein; aber ich will Ihnen sagen, daß ich Sie nicht hergerufen habe und daß ich keineswegs die Absicht besitze, mir meine gute Laune verderben zu lassen. Scheeren Sie sich ganz gefälligst fort, sonst werfe ich Ihnen Ihren Lieblingsschüler an den Kopf, daß Euch Beiden Sehen und Hören vergeht.« Zunächst war der berühmte Maler fassungslos. Dann aber sprang er auf, um eine Strafrede loszulassen; da aber stand auch Max auf, trat hart an ihn heran und donnerte ihm zu: »Herrrrr! Wollen Sie vielleicht schweigen!« Der Alte fuhr zurück. Er bekam einen Schreck und stammelte: »Ja, Signor!« »Das will ich Ihnen auch gerathen haben. Und wenn dieses Urbild eines Dummkopfes sich noch länger hier verweilen will, so mag er seinen Hut abnehmen, wie es sich für so einen Esel geziemt.« Er schlug dem Lieblingsschüler den Hut vom Kopfe. Der Alte war kurirt. Er setzte sich still wieder auf den Stuhl nieder. Der Junge hatte keine Miene gemacht, seinen Hut wieder aufzuheben. Er starrte Max noch immer wie ein Wunderthier an. »Setz Dich endlich, Rhinozeros!« schrie Max ihm ins Gesicht. Sofort fuhr er auf den Sessel nieder. Da konnte Max sich nicht länger halten. Er schlug eine helle Lache auf, und Johannes stimmte herzhaft ein. Der große Kunstmaler sah die Beiden betroffen an, was diese zu erneutem Lachen reizte, welches so ansteckend wurde, daß der Alte nach und nach mit einstimmte. Endlich verzog auch Signor Petro sein Gesicht und zeigte ein vergnügtes Grinsen. Die von Max erhaltene Lehre schien Beiden ein großes Vergnügen bereitet zu haben. »Hören Sie, College, Sie sind ein sonderbarer Kauz,« rief Max, noch immer lachend. »Kommen Sie öfters herüber nach Triest?« »Nein. Ich bin zum ersten Male da.« »Und wohnen in solcher Nähe!« »Nennen Sie das nahe? Latisana liegt drüben im Italienischen am Wasser des Tagliamento. Das ist doch weit!« »Für Künstler nicht; die haben stets lange Beine, wie auch die Eurigen beweisen.« »Ich danke! Ich liebe mein Vaterland. Ich hasse Oesterreich und komme nie über die Grenze.« »Aber jetzt sind Sie doch da.« »Weil ich muß.« »In Geschäften?« »Nein. In Familienangelegenheiten.« »Ah! Wollen Sie sich verheirathen?« scherzte Max. »Um Gotteswillen! Nicht ich, sondern dieser Signor Petro will heirathen.« Als jetzt die beiden Deutschen den ›Lieblingsschüler‹ daraufhin ansahen, daß er heirathen wollte, brachen sie von Neuem in ein lautes Gelächter aus. »Was lachen Sie?« fragte Signor Antonio. »Aus Freude darüber, daß Signor Petro sich eine Frau nehmen will.« »Ganz recht! Freuen Sie sich immerhin, denn sie ist das schönste Mädchen von ganz Italien.« »Ah! So passen sie zusammen. Das schönste Mädchen und der begabteste Jüngling von ganz Italien.« »Richtig. Sie sind für einander geschaffen.« »Wann wird die Hochzeit sein?« »Sobald wir sie haben.« »Wen?« »Die Braut.« »Ah, Sie haben die Braut noch gar nicht?« »Wir hatten sie, aber sie ist wieder fort.« »Etwa entflohen?« »Ja, mir, ihrem Oheim und Vormund! Ist das nicht schändlich?« »Hm, da kann ich nicht urtheilen.« »Sie sollen sofort urtheilen können, Signor. Ich bin der Kunstmaler Signoro Antonio Ventevaglio aus Latisana. Mein Bruder war der Goldschmied Carlo Ventevaglio. Er starb und bald darauf seine Frau. Sie hinterließen eine kleine Tochter und ein noch kleineres Vermögen. Wir nahmen das Kind zu uns, nämlich meine Gattin und ich, und erzogen es. Es wuchs heran, aber das Vermögen nahm ab.« »Weshalb nahm es ab?« »Weil es Gottes Wille war. Später kam mein Lieblingsschüler hier in mein Haus. Er wuchs mit Anita heran und gewann sie lieb. Sie sollten ein Paar werden; aber Anita wollte nicht. Wir versuchten in elterlicher Liebe, ihre Hartnäckigkeit erst durch gute Worte, dann durch ernste Ermahnungen, endlich aber durch Hunger, Durst, Kälte und Schläge zu besiegen, vergeblich. Vor einiger Zeit ist sie uns entflohen, und wir haben sie bisher vergeblich gesucht.« »Ach!« rief Johannes. »Wie hieß sie?« »Anita!« »Ist sie blond, braun oder schwarz?« »Schwarz.« »So, so!« »Habt Ihr sie denn gesehen, Signor?« »Ist sie hier in Triest, daß Sie fragen können, ob wir sie gesehen haben.« »Ihre Spur, welche wir weit verfolgt haben, führte uns endlich hierher.« »Und nun sucht Ihr hier?« »Ja, bereits mehrere Tage.« »Habt Ihr Etwas gefunden?« »Nichts, gar nichts.« »Und wie lange wollt Ihr noch suchen?« »Bis wir sie haben.« »Dazu gehört Zeit und Geld.« »Wir haben Beides. Der Rest von Anita's Vermögen wird dazu ausreichen.« »Und denkt Ihr dann, daß Ihr sie finden werdet?« »Ja. Wir halten ja nicht eher auf, als bis wir sie gefunden haben.« »Vielleicht müßt Ihr da weit reisen. Habt Ihr Legitimationen?« »Ja.« »Könnt Ihr denn auch, wenn Ihr Anita findet, beweisen, daß sie es ist?« »Ja. Wir haben alle ihre Papiere mit, ihren Geburtsschein, Taufschein und alles Andere.« »Das möchte ich einmal sehen.« »Nichts ist leichter als das.« Er zog ein rothes Schnupftuch aus der Tasche, in welches alle diese Documente eingeschlagen waren und zeigte sie ihnen. Die Papiere von Anita Ventevaglio stimmten. Max und Johannes blickten sich an. Sie hatten Beide ganz denselben Gedanken. »Was werdet Ihr dann mit ihr thun, wenn Ihr sie wiederfindet?« fragte der Erstere. »Zunächst wird sie ihre Strafe erhalten, und dann wird sie die Frau dieses meines Lieblingsschülers, dessen Modell sie bisher immer war.« »Donnerwetter!« fuhr Max empor. »Sie hat diesem Menschen Modell sitzen müssen?« »Warum nicht?« »So ein Engel einem solchen Pavian!« »Signor, wollt Ihr uns abermals beleidigen!« »Unsinn! Habe ich denn Sie einen Pavian genannt?« »Nein, aber Signoro Petro.« »Der ist auch einer! Worin wird denn die Strafe bestehen, wenn Ihr sie findet?« »In Hunger und Schlägen.« »Gott sei es geklagt! Meint Ihr denn nicht, daß dies eine Sünde ist?« »Eine Sünde? Ganz das Gegentheil. Die Eltern haben ihre Kinder zu erziehen in der Furcht zum Herrn.« »Wo wohnt Ihr denn hier in Triest?« Der Alte nannte eine obscure Herberge. Dann aber hielten es die beiden Deutschen nicht länger aus. Sie gingen. So dumm diese beiden Menschen waren, so schlecht und feige waren sie auch. Es ekelte ihnen förmlich, bei denselben zu bleiben. »Ob das vielleicht dieselbe Anita ist?« meinte Johannes zaghaft. »Vermuthest Du es?« »Ja.« »Ich auch. Sie ist diesen Peinigern entflohen und als unerfahrenes Wesen in die Hände eines noch viel größeren Schurken gerathen.« »Wenn sie es ist, nehmen wir sie mit uns.« »Wolltest Du wirklich?« »Gewiß!« »Ich habe nichts dagegen. Dazu müßten wir aber ihre Papiere haben.« »Wären die nicht zu bekommen?« »Sehr leicht.« »Aber wie?« »Wir stehlen sie.« »Max!« »Was denn?« »Schon wieder stehlen!« »Wenn es nicht anders geht! Uebrigens ist dies ja gar kein Diebstahl zu nennen.« »O doch! Auf jeden Fall!« »Wenn Du damit ein Menschenkind aus so tiefer Noth errettest, ist von einem Diebstahl keine Rede. Uebrigens gehören die Papiere Anita und nicht diesem Tölpel von Farbenklekser. Streiten wir uns aber nicht, mein lieber Johannes. Wir wollen still spazieren gehen, bis es Abend ist, und dabei warten, ob uns ein guter Gedanke kommt. Gehen wir ein wenig hinab nach der Piazza Caserma und dem Bahnhofe. Andere Gesichter, andere Gedanken!« Sie schlugen die angegebene Richtung ein. Es pflegt im Leben eines jeden Menschen eine thatenlose Zeit auf eine thatenreiche zu folgen. Es giebt ganze Monate, welche keinen Inhalt zu haben scheinen, während dann gleich an einem Tage so viel auf einmal geschieht, daß man damit für längere Zeit ausreichen könnte. So auch heute mit den beiden Freunden. Kaum waren sie auf dem Bahnhofe angekommen, so dampfte ein Zug herein, welchem eine große Menschenmenge entquoll. Sie standen da und ließen dieselbe an sich vorüberfluthen. Unter den sich Herbeidrängenden befand sich auch ein alter, hoher Herr von martialischem Gesichtsschnitte. Er trug einen seinen dunklen Reiseanzug, einen grauen Cylinderhut und einen goldenen Klemmer auf der Nase. Den Ueberrock am Arme und einen feinen Elfenbeinstock in der Hand, kam er langsam daher, mehr sich schieben lassend als selbst schiebend. Er war jedenfalls auch ausgestiegen und schien sein Gepäck irgend einem dienstbaren Geist anvertraut zu haben. Der starke, graue Schnurrbart verrieth einen Militär, wie überhaupt seine ganze Haltung etwas Strammes, Disciplinirtes zeigte. Indem er so daherkam, fiel sein Auge ganz zufällig auf die beiden Freunde. Es zuckte wie frohe Ueberraschung über sein Gesicht, dann glitt ein Zug von Schalkheit über dasselbe, und er trat langsam an sie heran. Den Hut höflich lüftend, fragte er: »Entschuldigung, auf welcher Seite stehen hier die Fiaker?« Beide blickten zu ihm auf, und keiner antwortete, so geradezu verblüfft waren sie. »Bitte,« wiederholte er, »können Sie mir sagen, auf welcher Seite die Fiaker sich befinden?« Da zog auch Max den Hut, antwortete aber lachend: »So eine Maskerade! Sepp, meinst halt etwan, man erkennt Dich nicht mehr?« Da warf der noble, offiziersmäßig ausgestattete Herr seinen Cylinderhut vor Freude in die Luft, fing ihn wieder auf und rief, unbekümmert um die Menschenmenge, welche ihn staunend betrachtete: »Weiß Gott, dera Schulmeistern derkennt mich sofort! Nein; wie mich das gefreut! Meine Visagen muß doch eine wunderbar gute und jungbleibige sein. Grüß Gott auch, Elephantenhans! Was thut Ihr denn hier in Triest?« »Wir kommen aus Egypten.« »Das trifft sich fein! Wie lang bleibt Ihr hier?« »So lange es uns gefällt.« »Ich auch für einige Tagen. Das ist schön! Das ist fein! Habt Ihr denn hier auch schon was trunken??« »Und ob!« »So seid Ihr allbereits bekannt. Zeigt mir doch gleich mal, wo ein Bier zu finden ist, aber nicht so ein wässeriges österreichisches, sondern ein kerniges aus dem lieben Bayernlandl daheim. Mir ists, seit ich daheim fortbin, als ob ich lauter Hausschwamm im Magen hätt. Das echte Bierl hat mir fehlt.« »Da komm nur mit,« meinte Johannes. »Gar nicht weit von hier haben wir gestern eins trunken; das ist gar brav gewest.« »Ja, kommt! Jetzund wirds dem Sepp erst wieder wohl in dera noblen Hofmontur!« Nun, da sie den Menschenstrom hinter sich hatten, konnten sie den Alten erst recht betrachten. »Donnerwetter!« sagte Max. »Fein siehst aus! Grad wie ein Kammerherr oder Ceremonienmeistern.« »Bin auch so was!« »Wirklich?« »Ja. Ich solls nicht verrathen, und kein Mensch darf es wissen. Aberst Ihr thätet ihn doch sogleich derkennen, und darum will ich es Euch gern sagen.« Und in gedämpfterem Tone fügte er hinzu: »Unser König kommt.« »Was!« riefen Beide. »Der König!« »Haltet die Mäulern, Ihr Brüllaffen! Es kann ja ein Jedes vernehmen, was Ihr da schreit. Freilich kommt er.« »Was will er denn hier?« »Was Gutes.« »Ja, was denn?« »Das geht Euch gar nix an. Verstanden!« »Oho! Wir werdens doch derfahren.« »Von ihm selbst wohl?« »Nein, sondern von Dir.« »Fallt mir gar nicht eini!« »O, Dir thäts das Herz abdrucken, wannsts Deinen guten Freunden nicht anvertrauen dürftest. Dich kennt man schon!« »So! Kennt Ihr mich?« »Ja, schon sehr gut. Aber, Sepp, wie gehts denn grad jetzt daheim?« »Das sollt Ihr hören, aberst nicht eher, als bis ich einen Schluck than hab, von dem der Inn sammt dera ganzen Isar leer wird. Herrgottsakra, hab ich heut einen Durst. Macht schnell!« »Hast gar nimmer weit zu gehen. Dort um die Eck; dann steht es da.« »Wanns nur nicht indessen fortlaufen thut. Das könnt mich sehr gereun. Wo wohnt Ihr denn hier?« »In der Locanda grande.« »Ein italienischer Name. Ists da gut?« »Wir sind zufrieden. Willst mit?« »Nein; ich darf nicht. Ich muß im Hotel Europa wohnen, da an der Piazza Caserma, weil dort dera Herr Ludwigen abisteigen will. Da hab ich die Zimmern zu bestellen. Na, hier ist die Eck. Und nun wird wohl auch bald die Bierschänk zu sehen sein.« Sie traten, hocherfreut über dieses unerwartete Zusammentreffen und in bester Laune in die Restauration. Dort gab es zur größten Freude des Sepp ein wirklich echtes und gutes bayrisches Bier, wovon der durstige Alte gleich zwei Gläser austrank. Erst als er das dritte erhielt, begann er, langsam und gemächlich zu trinken. Das Local war groß, und die Tische standen so weit auseinander, daß man sich ganz ungenirt unterhalten konnte, ohne befürchten zu müssen, an anderen Plätzen gehört zu werden. »So!« meinte der Sepp, indem er das Glas wohlgefällig absetzte. »Das war doch wieder mal ein guter Trunk. Nun wird mirs besser im Leib und auch in dera Seelen. Nun geht das Plaudern gut, und wir können uns verzählen, was wir inzwischen verlebt haben.« »Da wirst Du wohl beginnen müssen,« antwortete Max. »Für uns ist es natürlich interessanter, zu erfahren, was in dera Heimath geschehen ist, als für Dich, zu wissen, was wir draußen gethan haben.« »Ja, da giebts halt so viel zu berichten, daß ich fast gar nicht weiß, wo ich beginnen soll. Am Besten ists, Du sagst mir, was Du wissen willst.« »Nun, zunächst möcht ich hören, wie es denen guten Freunden ergeht, vor allen Dingen dem Fex.« »Du, dem ergeht es halt sehr gut; ich glaub, der ist schon jetztund fast ein gemachter Mann.« »Wann hast mit ihm zum letzten Male sprochen?« »Vorgestern, bevor ich von Wien abgereist bin.« »So warst also in dera Kaiserstadt?« »Ja. Ich hab dort Einiges thun müssen, was ich wohl später verzählen werd und mußt dort auch auf den König warten.« »Und was hat dera Fex dort than?« »Verschiedenes. Er war von wegen seiner Erbschaft dort und auch aus Anlaß seiner Oper, die er componirt hat.« »Die Oper Götterliebe? Weißt, daß ich das Libretto dazu dichtet hab, Sepp?« »Den Text? Ja. Und die Dekorationen dazu hat dera Hans hier gemalt. Ihr Beid seid doch recht berühmte Kerls worden!« »Noch nicht; aber wir möchtens gern noch werden. Nun verzähl aberst nur weiter!« Der Sepp gab einen Bericht über alle Bekannten der beiden jungen Männer; nur von der Silbermartha erwähnte er nichts, obgleich er recht wohl wußte, daß Max gerade am Liebsten von dieser Etwas gehört hätte. Da gab es denn sowohl Gutes als auch Trübes zu hören. Das Gute bezog sich meist auf die Anverwandten des Elephantenhannes. Seine Mutter hatte ihn bis nach Egypten begleitet gehabt, um ihn dort zu pflegen, war aber, als diese Pflege sich als nicht mehr nöthig herausgestellt hatte, wieder in die Heimath zurückgekehrt. Da lebte sie bei ihrem Manne, dem Heiner, welcher jetzt die Thalmühle besaß und sich in recht guten Verhältnissen befand. Johannes' Schwester Lisbeth war längst mit dem Müllerhelm verheirathet. Sie bewirthschafteten die beiden Hohenwalder Mühlen, welche vorher dem Silberbauer gehört hatten, und lebten ungemein glücklich mit einander. Der Feuerbalzer war Besitzer des Silberhofes geworden. Seine Heilung hatte sich als eine so vollständige erwiesen, daß der Wahnsinn als für immer beseitigt zu betrachten war. Als sodann Max sich nach den Verhältnissen von Schloß Steinegg erkundigte, erfuhr er, daß die Besitzerin Milda von Alberg dasselbe noch immer allein bewohne. Sie hatte Frau Bertha Holberg, die Mutter Maxens, bei sich, welche sehnlichst die Rückkehr ihres Sohnes erwartete. Rudolph von Sandau, der sie liebte, und dessen Liebe sie so innig erwiderte, hatte noch immer keine ernstliche Anfrage an sie gerichtet. Er wollte dem Vermögen der Geliebten nichts zu verdanken haben und lieber beweisen, daß er die Kraft besitze, sich aus eigener Anstrengung eine gesicherte Existenz zu erwerben. Das war ihm Ehrensache. Er war durch den Bau der Eichenfelder Kirche berühmt geworden und hatte in Folge dessen so viele, so ehrenvolle und lukrative Aufträge erhalten, daß er jetzt nun seine Zukunft ais gesichert betrachten konnte. Der einstige arme Dienstknecht Ludwig Held aus Oberdorf hatte Gisela, die Tochter seines Brodherrn Kery in Slowitz geheirathet, und seine Schwester Hanna war die Frau von Höhlenbauers Stephan geworden. Beide Paare lebten, wie der alte Sepp sich ausdrückte, wie die Tauben zusammen. Das war das Gute, was der Alte mittheilen konnte. Nicht so schön klang das, was er über die anderen Bekannten erzählte. Das Schicksal, welches den Silberbauer und den Thalmüller erreicht hatte, war ein wohlverdientes, aber es war um der Töchter dieser Beiden willen doch zu beklagen. Diese zwei braven Mädchen waren verschwunden, und es schien, als ob man keine Spur von ihnen entdeckt habe, denn der Sepp sagte nichts davon, daß er die Silbermartha in Wien gefunden habe. Er hegte die Absicht, Max Walther durch ein plötzliches Wiedersehen zu überraschen. Vielleicht glaubte er, daß der einstige Lehrer und Dichter sich nach Martha erkundigen werde. War dies der Fall, so hatte er sich geirrt, denn Max verhielt sich schweigsam und sagte kein Wort über sie. Aber sein ernstes, trübsinniges Gesicht verrieth, daß er die frühere Geliebte noch nicht vergessen habe und wohl auch niemals vergessen werde. Nun hatte Sepp seine Schuldigkeit gethan und die an ihn gerichteten Fragen so gut wie möglich beantwortet. Jetzt verlangte er seinerseits, zu erfahren, wie es den beiden Freunden bisher gegangen sei. »Das wirst wohl bereits gehört haben,« antwortete Max. »Oder hast die Briefen nicht gelesen, welche wir heimgeschrieben haben?« »Ja, so oft ich Einen troffen hab, an den Ihr einen Briefen schickt hattet, hab ich denselbigen zu lesen bekommen. Aberst Ihr habt doch wohl noch viel mehr derlebt, als in denen Briefen stand. Das will ich wissen. Ihr müßt da ein Wenig schnell machen, denn ich hab nicht viel Zeit übrig, weil ich nach dem Hotel Europa muß, um die Zimmern für den König zu bestellen.« »So wird es besser sein, wir schieben den Bericht auf, bis Du damit fertig bist. Dann hast ja mehr Zeit für uns. Für jetzt möcht ich Dir was sagen, was viel notwendiger ist. Wir könnens halt nicht aufschieben. Es ist ein Glück, daß wir Dich troffen haben. Vielleicht kannst uns mit Rath und That beistehen.« »So! Was ist das denn?« Max blickte Johannes fragend an. Dieser sagte in nicht zustimmendem Tone: »Ueberlegs halt erst, obsts ihm sagen darfst!« »Warum?« »Vielleicht ist er dagegen.« »So können wir trotzdem thun, was wir wollen.« »Dann nicht mehr. Er wird uns hindern.« »Nein. So ist dera Sepp nicht. Wenn er auch nicht mit thut, so wird er doch nicht so feindselig sein, uns was in den Weg zu legen.« »Meinst? So sag es ihm! Seinen Rath werden mir doch wohl gut brauchen können.« Sepp hatte während dieser kurzen Zwiesprache die Beiden verwundert angeschaut. Jetzt sagte er in halb verdrießlichem Tone: »Ja, was ist denn das? Das klingt ja grad so, als ob Ihr gar kein Vertrauen zu mir hättet und als ob ich ein Kerlen sei, der seinen besten Freunden Schaden macht!« »Nein, das hat dera Johannes nicht gemeint,« antwortete Max. »Aberst es hat ganz so klungen.« »Das mag sein, doch kannst Dir denken, das wir grad zu Dir ein Vertrauen haben wie zu keinem Andern.« »So! Also ists was, wozu ein großes Vertrauen gehört?« »Ja, es ist was, was nicht oft vorkommen thut und was man eigentlich nicht machen darf.« »Also etwas Verbotenes?« »Freilich, Sepp.« »So laßt es lieber sein!« »Das geht nicht. Wir müssen es thun, denn wir haben es uns und auch ihr versprochen.« »Ihr habt es »ihr« versprochen? Wer ist denn diese »Ihr« oder diese »Sie«? Ein Frauenzimmer?« »Ja, ein junges Mädchen.« Der Sepp zog ein langes, lustiges Gesicht und meinte: »Ah, ein junges Mädchen! Das ist ja sehr interessant. Ihr habt hier also bereits so eine Bekanntschaften macht?« »Zufällig.« »Weiß schon! Denn solche Bekanntschaften macht man ja nur zufällig. Ist sie denn hübsch?« Bevor Max antworten konnte, fiel Johannes ein: »Sehr hübsch, Sepp, sehr!« Er sagte das in einem so begeisterten Tone, daß der Alte lachend ausrief: »So! Also Du bists, dem sie gefallen hat, Du? Schaust Dich auch allbereits nach Weibern um?« »So ist's nicht gemeint. Sie bedarf unserer Hilfe und wir haben ihr dieselbige zugesagt.« »Eurer Hilfe? Jetzund wird die Sach erst richtig hübsch. Seid Ihr denn gar so tüchtige Kerlen, daß die jungen Madeln bereits Eure Hilf erbitten?« »Sepp, es ist ja nicht so was, wie Du denkst!« »So! Was denk ich denn?« Johannes erröthete und antwortete in ungewissem Tone: »Vielleicht meinst, daß es eine Liebschaft ist.« »Ja, das mein' ich allerdings.« »So irrst Dich gewaltig.« »Wirklich? Aberst Du machst gar nicht so ein Gesicht, als ob ich mich irren thät.« »Was für ein Gesicht mach ich denn?« »So eins, wie ein Verliebter macht, der bei seinem Dirndl im Heimgarten derwischt worden ist.« »Schweig, Sepp! Das mag ich nicht hören!« »Ja, wann man Einem die Wahrheit sagt, so will er sie nicht hören, das weiß ich schon.« »Wir werden Dir verzählen, wie die Sach ist.« »Ja, laßts doch mal hören!« Er nahm einen gewaltigen Schluck Bier und setzte sich zurecht, als ob er im Begriffe stehe, eine sehr wichtige Kunde zu vernehmen. Johannes machte erst ein Gesicht, als ob er reden wolle, schluckte aber den Anfang wieder hinab und blickte Max hilfesuchend an. Dieser erklärte: »Weißt, Sepp, von einer Liebschaften kann gar keine Reden sein, weil wir sie erst einmal sehen haben.« »Das ist genug,« meinte der Alte. »Zuweilen ist die Lieb gleich beim ersten Male da.« »Hier aber nicht, denn wir haben sie nicht mal richtig sehen können, nur einen halben Augenblick.« »Auch das genügt, denn die Lieb braucht nicht mal einen halben Augenblick. Also Ihr habt sie mir so einen Moment sehen und wißt doch bereits, daß sie Eurer Hilf bedarf? Hm!« »Sie hat's dem Johannes heimlich sagt, daß sie entfliehen will.« »Sapperment! Entfliehen!« »Ja, sie kann es nicht aushalten!« »Und dabei sollt Ihr ihr helfen?« »Sie hat uns drum gebeten.« »Ist sie denn eine Gefangene?« »Nicht ganz.« »Wie soll ich das verstehen? Wann sie keine Gefangene ist, braucht sie doch nicht auszureißen.« »Sie wird gefangen gehalten, aberst nicht von dera Behörden, sondern von einem Juden.« »Das darf er doch nicht!« »Er muß doch ein gewisses Recht dazu haben.« »So? Ein Recht? Hat sie das etwa sagt?« »Sie hat sagt, daß er ihre Unterschrift in denen Händen hab; also muß ers wohl dürfen.« Der Alte sah erst den Einen, dann den Anderen erstaunt an, schüttelte den Kopf und meinte: »Das könnt nur in einem einzigen Fall gelten.« »In welchem?« »Um das Euch zu sagen, dazu seid Ihr noch zu jung.« »So! Leute, die bereits in Egypten gewesen sind, die sind gewiß für nix mehr zu jung.« »Für solche Sachen doch. Ich glaub, Ihr seid an eine Dirn gerathen, die keine Ehr im Leibe hat.« »Oho! Grad weil sie eine Ehr hat, will sie fort.« »So! Verzählt mir doch mal die ganze Geschicht!« »Ja, ich will es Dir beweisen, Sepp. Das wird wohl das Allerbeste sein.« »Natürlich. Ich muß Alles wissen, wann ich Euch gut rathen soll. Also darfst nix auslassen. Verstanden?« Max begann nun zu erzählen, und zwar that er das auf das Ausführlichste. Er berichtete auch von dem Zusammentreffen mit den beiden Malern. Sepp hörte sehr aufmerksam zu und sagte nichts, selbst dann, als Max geendet hatte. Er zeigte ein sehr nachdenkliches Gesicht. Erst nach einer Weile brummte er: »Das ist eine fatale Geschichten. Besser wärs, sie wär gar nimmer passirt. Das ist meine Meinung.« »Aber Du meinst doch auch, daß wir Wort halten müssen?« fragte Johannes angelegentlich. »Hm! Vielleicht, und vielleichten auch nicht. Ihr könnt dabei in gar große Unannehmlichkeiten gerathen.« »Das wissen wir auch. Aber wir werden uns natürlich so viel wie möglich in Acht nehmen.« »Laßt es lieber ganz sein!« »Nein, das geht nicht! Ich halte mein Wort.« »Das hast Du wohl zu leichtsinnig gegeben.« »O nein, lieber Sepp. Wie ich Dich kenne, hättest Du es ihr auch gegeben; das ist gewiß und sicher.« »Ich glaub es nicht.« »Aber ich bin es überzeugt. Sie hat so lieb und gut ausgeschaut, und es hat mich so derbarmt.« »Und daraus kann werden, daß Du mich derbarmst. Ihr junges Volk seid mit Eurem Mitgefühl allsogleich bei der Hand.« »Schau sie Dir nur an, so wirst mir Recht geben.« »Ja, das kannst wohl gut sagen. Aber wann soll ich sie mir denn eigentlich anschauen?« »Hast Recht. Das geht ja nicht.« »Heut wollt Ihr sie wohl schon befreien, und bis dahin kann ich sie doch nicht zu sehen bekommen.« »Allerdings nicht; aberst wannst sie dann später siehst, wirst sagen, daß ich mich nicht in ihr irre.« »Hm! Bist halt so ein Menschenkenner worden?« »Nein, aber frag da den Max!« »Nun, das ist unnöthig, denn ich weiß im Voraus, daß er Dir wohl beistimmen wird.« »Ja, das thu ich auch, denn ich glaub nicht, daß wir uns irren, wenn wir sie für ein braves Mädchen halten. Du sollst Dich ja gar nicht mit der Sache befassen. Wir haben es Dir erzählt, weil wir glaubten, Du könntest uns einen guten Rath geben. Es war ja möglich, daß Du Dir einen besseren Plan aussinnen könntest als den unserigen. Ist das nicht der Fall, so fällt es uns ja gar nicht ein, Dir beschwerlich zu fallen.« Der Sepp blickte eine Weile still vor sich hin. Sodann antwortete er, indem er auf den Tisch schlug: »Himmelsakkermenten! Kennt Ihr denn Euern alten Wurzelsepp nicht mehr?« »Nun, kennen thun wir Dich schon noch.« »So dürft Ihr doch auch nicht denken, daß ich Euch im Stiche lassen werd!« »Aber es hat ganz den Anschein dazu.« »Nein. Nur bin ich nimmer so heißblütig, wie Ihr es seid. Unsereiner will sich die Sach überlegen, bevor er Ja sagt!« »So! Und was hast überlegt?« »Ich seh halt ein, daß Ihr doch nicht davon abzubringen seid, und da ist es halt besser, ich mach auch mit, als daß ich Euch sitzen laß.« »Bravo! Hier hast meine Hand!« »Die meinige auch!« sagte Johannes. Beide reichten ihm die Hände hin, die er ergriff und herzlich schüttelte. »Ja, so ists,« sagte er dabei. »Wir sind halt alte, gute Kameraden, wann Ihr auch um einige Monate jünger seid als ich, und da müssen wir zusammenhalten. Wann ich es mir richtig überleg, so ist das Maderl – wie heißts gleich?« »Anita.« »Schön! So ist diese Anita ein braves Dirndl. Also Ihr glaubt, daß dera Maler ihr Verwandter ist?« »Wie es scheint.« »Und den Lieblingsschüler hats heirathen sollen? Das hats nicht wollt. Dafür hats hungern und leiden müssen und Schläg bekommen, und da ists halt von dannen gangen. Sie ist nach Triest kommen und dem Juden in die Hände fallen, ohne zu wissen, was für ein Kerlen er ist.« »So ists, ganz genau so!« stimmte Johannes ein. »Ja. Da hast Du sie nun heut sehen und allsogleich den Narren an ihr gefressen.« »Nein, das nicht.« »Was sonst?« »Es ist das reine Mitgefühl.« »Ja, und grad das allerreinste Mitgefühl, das wird im gewöhnlichen Leben Liebe genannt.« »Wie kannst Du so Etwas sagen!« rief Johannes, indem er im ganzen Gesicht erglühte. »Schweig! Ich hab halt auch mal so ein reines Mitgefühl empfunden. Also herausholen wollt Ihr sie. Wie? Das wollen wir jetzund noch nicht fragen. Zuvor müßt Ihr mir sagen, was Ihr mit ihr vorzunehmen gedenkt.« »Das wissen wir noch nicht.« »Das ist freilich schlimm. Wollt Ihr sie etwan dem alten Maler zurückgeben?« »Auf keinen Fall.« »Schön! Wann Ihr das thätet, so ginge ja ihr Leiden grad von vorn wieder los. Wollt Ihr sie hier in Triest lassen?« »Auch nicht.« »Warum nicht?« »Der Maler könnte sie finden oder auch der Jude.« »So soll sie also fort von hier. Aberst wohin?« »Vielleicht weißt Du einen Ort.« Der Alte zog ein außerordentlich pfiffiges Gesicht, nickte Johannes zu und antwortete: »Am Liebsten nähmst sie wohl mit?« »Ja, das war das Allerbeste.« »Da bist wenigstens aufrichtig. Nun, ich hab ja nix dagegen, wann sie will.« »Ob sie will, das wissen wir nicht.« »So müssen wir sie fragen. Jedenfalls will sie nicht zu dem Maler zurück. Hier wird sie auch nicht bleiben wollen, und so denk ich, daß sie sich gern entschließen wird, mit Euch zu gehen.« »Das wäre schön! Das wäre prächtig!« »Meinst? Aber es geht doch nicht an.« »Nicht? Warum nicht?« »Weil so ein hübsches, junges Maderl doch nicht mit fremden Jungburschen reisen darf. Verstanden! Was würden die Leut dazu sagen!« »Was die sagen, das ist mir gleich!« »Das glaub ich wohl, aberst dem Dirndl darfs nicht auch so gleichgiltig sein wie Dir.« »So soll sie wohl allein reisen?« »Warum nicht?« Der Alte machte bei dieser Frage wieder sein pfiffiges Gesicht. Johannes antwortete ihm: »Man weiß ja gar nicht, was so einem unerfahrenen Dirndl unterwegs passiren kann.« »O, das fährt mit der Eisenbahn, und heut zu Tag giebts halt keine Raubrittern mehr. Wißt Ihr denn, ob sie Geld zum Reisen hat?« »Jedenfalls hat sie keins; aber desto mehr haben wir.« »Ach so! Bist so reich, kleiner Hans?« »Ich hab fast tausend Gulden.« »Hm! Und die willst hergeben? Hast Dir denn auch überlegt, wohin sie fahren soll?« »Nach Wien. Dahin reisen wir nach und dort wird es sich dann finden, was weiter geschieht.« »Ja, Du handelst mit großem Gottvertrauen. Aberst ich weiß vielleicht was viel Besseres.« »So sage es!« »Wie nun, wann sie mit mir fahren thät?« »Mit Dir? Das wäre ja prächtig, wannst Du Dich ihrer annehmen wolltest!« »Nun, wannst mir ein gutes Wörtle giebst, so entschließ ich mich vielleicht dazu.« »Thu es, thu es!« Er reichte ihm bittend die Hände hin. Sepp schlug ein und lachte: »Ja, so ists, dem alten Sepp wird eben Alles auf den Rücken gebunden. Aberst er ist das Schleppen gewöhnt, und so mag es halt sein.« »Wir danken Dir, lieber Sepp! Nun ist doch schon die wichtigste Frage erledigt.« »O, die anderen sind halt ebenso wichtig. Wie wollt Ihr sie denn herausbekommen?« »Wir gehen wegen dem Bild noch einmal hin und nehmen heimlich den Schlüssel weg. Das haben wir Dir ja bereits gesagt.« »Ja, ich besinne mich darauf. Meint Ihr denn, daß Ihr den Schlüssel so leicht bekommt?« »Wir müssen ihn haben, also werden wir ihn auch bekommen.« »Schön! Und dann wollt Ihr den Juden betrunken machen? Das habt Ihr Euch gar nicht übel ausdacht, Ihr Sakkermenter! Aberst wohin dann mit dem Dirndl, wann es Euch wirklich gelungen ist, sie herauszubringen?« »An irgend einen verborgenen Ort.« »Das kannst bald sagen, aberst Du mußt ihn natürlich vorher wissen.« »Leider sind wir zu wenig bekannt hier.« »Und ich noch viel weniger. Und dennoch weiß ich bereits so einen passenden Ort.« »Ah? Welcher ists?« »Kein verborgener, sondern ein sehr öffentlicher.« »Da sieht man sie doch!« »Schadet nix. Man wird sie da allerdings sehen, aber nicht erkennen. Dafür sorge ich.« »So sag, welchen Ort Du meinst!« »Meinen Gasthof.« »Hotel Europa, wo Du mit dem Könige wohnen willst.« »Ja.« »Du, das ist zu gefährlich!« »O nein, sondern es ist sicherer als alles Andere. Es ist sehr gut, daß ich noch nicht dort gewest bin. Jetzund kann ich mich darnach verhalten. Ich hab Zimmer in dera ersten Etagen für Herrn Ludwigen zu bestellen. Für mich wollte ich eins in dera zweiten Etagen nehmen. Nun aberst werde ich zwei Stuben nehmen, eine für mich und eine für die Anita. Ich werd gleich, wann ich sie bestell, sagen, daß meine Tochter mit dem letzten Zug ankommen wird.« »Könntest denn noch so eine junge Tochter haben?« »Warum nicht? Und wannst meinst, daß es besser sei, so werd ich sie für meine Enkelin ausgeben.« »Das ist jedenfalls besser. Aberst denk daran, wie sie gekleidet ist!« »Das macht mir halt keine Schmerzen. Diesem Fehler kann leicht abgeholfen werden. Wir kaufen ihr, was sie braucht.« »Das müßte aber vorher geschehen.« »Versteht sich ganz von selbst. Ihr könnt bis neun Uhr zu dem Juden kommen. Bis dahin haben wir genug Zeit, einen Anzug zu kaufen.« »Nicht nur einen Anzug, sondern auch Wäsche!« »Bist ja recht fürsorglich, Hans!« »Ich bin Derjenige, an den sie sich gewendet hat, und so bin auch ich es, der für sie sorgen will. Später soll sie bei meinen Eltern in dera Thalmühlen wohnen.« »Du, dieser Gedank ist nicht ganz übel. Das könnt das Allerbeste für sie sein.« »Ich denk dasselbige auch. Also wir müssen ihr Alles kaufen, auch einen Schirm und Handschuh und einen Hut nebst Schleier, den sie übernehmen muß, wann sie in das Hotel kommt, damit ihr Gesicht nicht gesehen wird.« »Ja, das ist schon Alles gut. Aberst wer giebt mir denn das viele Geldl dazu her?« »Ich.« »Schön! Und ich werds derweilen auslegen.« »Das ist nicht nöthig. Ich hab Geld.« »Schweig, Hans! Du mit Deinen paar Kröten brauchst nicht so dick zu thun. Da bin ich ein noch ganz anderer Kerlen. Du hast noch für Dich zu sorgen; ich aber kann eher ein Geldl für Andere ausgeben. Es fragt sich nur, ob ihr das, was wir kaufen, auch passen wird.« »Warum nicht? Ich kenne ja ihre Gestalt.« »Ist sie groß?« »Nein. Du mußt grad so thun, als obst die Sachen für meine Schwester kaufen wolltest, weißt, für das Lisbetherl.« »Hat sie denn die ihrige Gestalt?« »Ganz genau.« »So mags gehen. Wann wir nur einen Ort finden, an welchem sie sich ungestört umziehen kann, bevor ich sie mit in das Hotel nehme.« »Das ist gar nicht nöthig,« meinte Max. »Sie braucht ja gar nicht den ganzen Anzug anzuziehen. Wann sie einstweilen einen Regenmantel übernimmt, Stiefeletten, Handschuh, den Hut und Schleier dazu, so ists genug.« »Richtig. Das Uebrige kann sie in dem Hotel anlegen. Da hast Recht. Ich möcht das Gesicht sehen, welches dera Jud machen wird, wann er am nächsten Morgen bemerkt, daß sie fort ist.« »Es ist ihm zu gönnen.« »So hältst ihn also wirklich für einen schlechten Kerlen?« »Natürlich! Wer so ein bravs Dirndl unglücklich machen will, der ist jedenfalls schlecht. Wer weiß, was für andere Sachen er außerdem noch macht, denn er correspondirt unter einem falschen Namen.« »So? Mit wem denn?« »Das weiß ich nicht. Die Brief kommen aus Wien.« »Das weißt auch schon?« »Ja. Er sprach mit seiner Frau davon. Sie sollt nachsehen, ob ein Brief poste restante da wär an Herrn Gärtner.« Der Sepp fuhr von seinem Stuhle auf und rief: »Was sagst da?« »Hasts nicht verstanden?« »Wie war dera Name?« »Herr Gärtner.« »Das hast richtig hört?« »Ganz genau und dera Johannes ebenso.« »Sappermenten! Wanns wahr wär!« »Was denn?« »Einen Herrn Gärtner such ich mir.« »Wo? Hier etwa?« »Wo er zu finden ist, das hab ich nicht wußt. Aberst es scheint, daß er hier wohnt. Verzähl mir doch mal ganz genau, was der Jud mit seiner Frauen sprochen hat!« Max wiederholte die Worte, welche das Ehepaar mit einander gewechselt hatte. Da schlug der Sepp mit der Faust auf den Tisch, daß die Biergläser wackelten und sagte, aber leise, denn er bemerkte, daß die anderen Gäste auf sein Gebahren aufmerksam geworden waren: »Hols dera Teuxel, es ist so! Ich bin auf der ganz richtigen Spur. Ich hab den Kerl!« »Wen meinst denn?« »Den Juden. Wie heißt er gleich?« »Baruch Abraham!« »Schön! Diesen Namen werd ich mir sehr genau merken, denn es ist dera Nam von einem Kerlen, mit dem ich ein Wort zu reden hab.« »Was ist denn mit ihm?« »Er handelt mit Dirndln.« »Wie so handeln?« »Könnt Ihr Euch das nicht denken? Es giebt in Wien einen Menschen der schickt ihm schöne Dirndln zu. Er bezahlt für eine Jede zwanzig Gulden, und was er dann mit ihnen macht, das kann man sich ja denken. Er verkauft sie in die Schand und das Elend hinein.« »Ists wahr?« fragte Johannes. »Herrgott, da müssen wir uns beeilen, damit es der Anita nicht ebenso dergeht!« Er wollte aufspringen. Sepp hielt ihn zurück und sagte lachend: »Nur sacht! Du wirst die Welt auch nicht sogleich in zwei Minuten einreißen können. Was willst jetzt sogleich anfangen? Gar nix.« »Aber so bedenke doch die Gefahr, in welcher sich Anita befindet! Bedenke dieselbe!« »Kannst Du sie etwa gleich jetzt befreien?« »Nein, aber –« »Aber – was denn? Gar nix! Was soll Dir Deine Ungeduld helfen, he? Bleib sitzen und trink Dein Bier!« »Herrgott, das soll ich aushalten?« »Du mußts aushalten. Andere stecken noch in viel größerer Gefahr, als die Anita.« »Aberst die gehen mich nix an!« »So? Was geht Dich denn die Anita an?« »Die kenne ich.« »Von dem einen Male anschauen? Pah! Es giebt eine alte, gute Bekannte von mir, die steckt in noch viel schlimmerer Gefahr als die Deinige.« »Aber nicht hier, nicht in einer solchen!« »Grad hier und grad in der ganz selbigen.« »Wer wäre das?« »Die Paula von dera Thalmühlen.« »Bist des Teuxels!« »Nein. Sie ist auch verkauft worden an denselbigen Herrn Gärtner.« »Sepp, ist das wahr?« »Ja. ich weiß es ganz genau.« »Das kann ich nicht glauben.« »Wirst schon glauben müssen, wann ich es Dir verzähle. Wir haben in Wien einen Kerl arretirt, welcher solche Dirndl an sich gelockt und verkauft hat. Er hat eine Liste darüber angelegt, und auf derselben hat auch standen »Paula Kellermann, Müllerstochter aus Scheibenbad.« Nun, ist das der richtige Name?« »Der ists allerdings.« »So brauchst auch nicht zu zweifeln. Die Paula ist verschollen. Kein Mensch kennt ihren Aufenthalt.« »Derjenige muß ihn doch kennen, der sie verkauft hat!« »Der hat aberst gar nix einstanden!« »So muß man ihn zwingen.« »Womit?« »Mit Prügeln, wanns nicht anderst ist.« »Das ist verboten. Man hat nix weiter derfahren, als daß diese Madels alle an einen Herrn Gärtner verkauft sind, der sie bezahlt hat.« »Die Frau des Juden sagte doch, daß er Geld nach Wien schickt habe.« »So stimmt es ganz genau. Dera Jude ists.« »So hat er am End auch die Paula bei sich?« »Kann sein. Vielleicht ist sie in seinem Haus.« »O nein. Die Anita hat sagt, daß die Anderen schlecht seien, mit ihrem Schicksal ganz zufrieden. Das kann bei dera Paula nicht der Fall sein.« »Nein. Eher befindet sie sich in dera Höhlen, von welcher die Anita erzählt hat.« »Das ist möglich. Aberst wo mag diese Höhlen sein?« »Hat sie es nicht sagt?« »Sie hat es nicht wußt.« »Das ist schlimm. Wir müssen es erfahren.« »Von wem?« »Von dem Juden.« »Aber wie? Er wird sich hüten, sein Geheimniß zu verrathen. Das thut er nicht.« »Vielleichten doch, wann man es klug anfängt.« »Wie willsts denn anfangen?« »Das weiß ich noch nicht. Ich muß es mir vorher überlegen. Wann dera richtige Augenblick da ist, wird sich schon auch dera gute Gedanke einstellen.« »Magst nicht die Polizei zu Hilf nehmen?« »Danke sehr!« »Es ist aberst wohl das Beste.« »Das Allerdümmste. Es dauert mir viel zu lang, und die Herren bringen doch nix heraus. Selber ist der Mann. Laßt mich nur gehen!« Er that einen tiefen Zug und dachte schweigend nach. Nach einer Weile schnippste er mit den Fingern und sagte: »Ich habs, ich habs! Ja, dera Wurzelsepp weiß schon, wo man den Floh anfassen muß, wenn man ihn fangen will!« »Nun, was willst thun?« fragte Max. »Ich werd mit nach dera Restauration gehen, in welcher Ihr den Wein trinken wollt.« »Mit uns?« »Nein, allein.« »Was willst denn dort?« »Mit dem Juden reden.« »Ihn etwan ausfragen?« »Ja.« »Da wird er nicht mitthun.« »Oho! Er wird gern mitthun. Darauf könnt Ihr Euch gern und gut verlassen.« »Wie willst das anfangen?« »Das laßt nur meine Sach sein. Die Frag ist nur, welche Restaurationen es sein wird.« »Das können wir ja vorher bestimmen.« »O nein, denn Ihr wißt ja gar nicht, ob dera Jud auch mit in diejenige gehen wird, die Ihr Euch ausgewählt habt.« »Warum nicht?« »Weil sie ihm nicht paßt. Solche Leutln, wie er einer ist, gehen halt nicht überall mit hin. Nein, Ihr müßt ihm die Wahl lassen.« »So weißt Du aberst nicht, wo es ist.« »Ich werds derfahren. Ich geh hinter Euch her, wann Ihr zu ihm geht, und bleib von fern so lang stehen, bis Ihr herausi kommt. Dann lauf ich Euch wieder nach. Auf diese Weis derfahr ich, wo Ihr seid.« »Das kann angehen. Was aber dann?« »Nun, ich wart ein Weilchen und tret dann auch mit eini. Ich setz mich zu Euch; aberst Ihr dürft mich nicht kennen. Das Uebrige wird sich nachhero finden.« »Wannst mit ihm allein reden willst, dürfen wir doch nicht dabei sein.« »Ich werd mit ihm allein sein, wann Ihr das Dirndl holt. Das ist genug. Ihr könnt mir ja ein Zeichen geben, ob Ihr den Schlüssel habt oder nicht.« »Wir bekommen ihn auf alle Fälle. Schwerer aber ist es, ihn wieder hinein an den Nagel zu bringen.« »Nix ist leichter als das.« »Wieso?« »Ich häng ihn hin.« »Du? Wie willst das anfangen?« »Auf das Allereinfachste. Wann Ihr das Dirndl habt, geht Ihr mit demselbigen an einen Ort, wo es sich einstweilen verstecken muß, und dann kommt Ihr wieder in die Restaurationen. Das könnt Ihr Alles so schnell macht haben, daß dera Jud denkt, Ihr seid nur mal draußen im Hof gewest. Ihr gebt mir heimlich den Schlüssel, und ich geh mit dem Juden nach seiner Wohnung.« »Was willst dort?« »Eben den Schlüssel hin hängen,« lachte der Alte. »Frag mich nicht so viel, sonst wirst ganz irr. Es kann ja Alles ganz anderst kommen, als wir es hier ausmachen. Darum ists viel klüger, wir besprechen nicht Alles auf das Eingehendste. Jetzund ists sieben Uhr. Wir wollen aufbrechen. Ich geh nach dem Hotel Europa und bestell meine Zimmer. Ihr wartet vor dem Hause auf mich.« »Wollen wir nicht lieber gleich die Sachen für Anita einkaufen? Die kannst gleich mitnehmen.« »Hast auch Recht.« Sie bezahlten ihre Zeche und gingen. Die kleinen Einkäufe waren bald besorgt. Was Anita gleich anlegen sollte, wurde in ein separates Packet gethan, welches Johannes trug. Das Andere nahm der Alte mit sich in das Hotel, vor welchem die beiden Freunde auf ihn warteten. Als er zurückkehrte, führten sie ihn zunächst nach der Hofseite der Judenwohnung und zeigten ihm das Mauerpförtchen. Dann wurde ein Platz gesucht, an welchem sich Anita für kurze Zeit allein verbergen konnte. Es fand sich sehr bald ein solcher. Ganz in der Nähe lag ein verwilderter Garten, der von einer trüben Straßenlaterne nur so spärlich erleuchtet wurde, daß der größte Theil desselben ganz im Dunkeln lag. Einige Zaunlatten waren abgebrochen, so daß ein nicht zu starker Mensch sehr leicht hineinkriechen konnte. Hier konnte Anita, wenn sie sich da in die Sträucher verbarg, von Niemandem gefunden werden. Nun promenirten die Drei noch so lange, bis es neun Uhr schlug. Dann begaben sie sich nach dem Gäßchen, in welchem der Jude wohnte, Max und Johannes voran und der Alte eine Strecke hinter ihnen. Baruch Abraham hatte gewartet. Er stand unter der Thür. Er bemerkte nicht, daß den Beiden noch ein Dritter folgte. »Da kommen wirklich die hohen Herren,« sagte er. »Fast habe ich gedacht, daß sie nicht Wort halten würden.« »Ich habe ja gesagt, daß wir unser Wort niemals brechen,« sagte Max. »Aber es hat bereits neun geschlagen.« »Vor kaum einer Minute. Ist das Bild noch da?« »Ja. Wo sollte es sein hin?« »Sie könnten es einstweilen verkauft haben.« »O nein. Es war Einer da, welcher es wollte kaufen zu einem guten Preise, aber ich habe ihm gesagt, daß –« »Still, Jude! Uns machst Du das nicht weiß!« »Gott der Gerechte! Warum sollt ich weiß machen Ihnen eine Lüge, wenn diese Lüge ist die vollste, reinste Wahrheit!« »Schweig! Diese Sachen kennen wir. Führe uns hinein!« Er brachte sie in dasselbe schmutzige Gewölbe, in welchem sie sich bereits einmal befunden hatten. Es brannte ein kleines Lämpchen da, welches kaum den vierten Theil des Raumes erleuchten konnte. Johannes trat sofort zu dem Bilde und begann, es nochmals zu betrachten. Max that so, als ob er sich einstweilen noch nicht dafür interessire. Er sah sich verschiedene Kleinigkeiten an und fragte nach dem Preise derselben. Dabei entfernte er sich mehr und mehr von den Beiden und gelangte so zu der Hofthür. Es war da zu dunkel, als daß er den Schlüssel deutlich hätte sehen können. Er warf einen Blick nach dem Juden; dieser kehrte ihm gerade jetzt den Rücken zu. Ein schneller, leiser Griff – der Schlüssel hing da und befand sich im nächsten Augenblicke in Maxens Tasche. Dieser kehrte wieder zu den beiden Andern zurück und betheiligte sich nun in der Weise an dem Handel, daß Max das Bild für fünfundzwanzig Gulden erhielt. »Ich thue einen Schwur bei dem Gott Abrahams Isaaks und Jakobs,« sagte der Jude, »daß ich so ein Bild noch nie so billig verkauft habe. Aber ich bin gewesen nobel, weil ich denk, daß die hohen Herren nun werden auch sein nobel.« »Natürlich sind wir das: Wir werden den Preis sofort bezahlen.« »Das versteht sich ganz von selbst. Das ist es auch gar nicht, was ich meine.« »Was denn?« »Ich meine das Versprechen, welches mir haben die Herren –« »Welches Versprechen?« »Das von dem Wein und den Cigarren.« »Ach so! Das war ja Scherz.« Er that nur so, daß der Jude nicht denken solle, es liege ihnen viel daran, ihn zu entfernen. »Gott der Gerechte! Wer wird sprechen von einem Scherz, wenn es ist gewesen Ernst.« »Vom Ernst ist keine Rede.« »So hätten Sie geben müssen für das Bild wenigstens fünfzehn Gulden mehr.« »Reden Sie nicht, Alter! Wir haben es wirklich theuer genug bezahlt.« »Wenn die Herren sprechen und handeln in dieser Weise, so sind sie freilich nicht so nobel wie der arme Baruch Abraham, welcher ihnen hat geschenkt den halben Preis des Bildes, weil er hat geglaubt, daß sie werden halten das gegebene Wort.« »Nun, das wollen wir freilich nicht von uns sagen lassen. Giebt es denn hier in der Nähe eine passende Restauration?« »Warum sollte es nicht geben hier eine solche. Trinken wir nicht auch gern ein Weinchen von guten Eigenschaften? Und muß nicht liegen die Weinstube ganz in der Nähe, weil wir nicht haben Zeit zu laufen weit weg von daheim?« »Wo ist es denn?« »Nur drei Häuser von hier, wo da geht das Seitengäßchen ab nach rechts. Dort giebt es einen koscheren Wein, auch Knoblauch und Zwiebeln, sogar Cognac mit Sardellen und Austern. Die Herren werden finden Alles, was ihr Herz begehrt.« Die Lage der Weinstube war den Beiden höchst angenehm. Mit Hilfe des erwähnten Seitengäßchens konnten sie in einer Minute hinter den Hof des Juden gelangen. Auf diese Weise hofften sie bei der Entführung nur wenig Zeit verbringen zu müssen, so daß ihre Entfernung gar nicht auffallen konnte. Darum antwortete Max: »Gut, so gehen wir mit, natürlich vorausgesetzt, daß das Local ein anständiges ist.« »Anständig? Warum soll es nicht sein anständig? Verkehren doch da lauter feine Leute!« »Oho!« »Ja. Und speist man da die größten Delicatessen per Karte und auch per Menu, wie man hat die Zeit, die Lust und das Geld.« »Schön! Wollen sehen.« »Nehmen die Herren die Bilder und Bücher gleich mit?« »Nein. Wir lassen die Sachen durch den Packträger holen, morgen Vormittage gleich.« »So können wir gehen. Ich muß aber erst sehen, ob Alles ist in Ordnung im Hause und im Hofe.« Das war gefährlich. Er konnte ja leicht auf den Gedanken kommen, den Schlüssel dabei gebrauchen zu müssen. Darum entgegnete Max: »Halt, Baruch Abraham, das paßt uns nicht. Es fällt uns nicht ein, so lange auf Sie zu warten.« »So gehen Sie voran!« »Auch das fällt uns nicht ein. Wer mit uns trinken will, kann auch mit uns gehen.« »So will ich sagen Sarah, meiner lieben Frau Gemahlin, wohin ich gehe!« »So lange warten wir allenfalls.« »Dann bitt ich die Herren, zu warten draußen vor der Hausthür auf mich.« Also nicht im Gewölbe, nicht einmal im Hausflur ließ er sie warten. Wie leicht hätten sie auf die Idee kommen können, Etwas von seinem alten Rummel zu stehlen! Sie thaten ihm den Willen und gingen vor das Haus, während er das Gewölbe zuschloß und dann zu seiner Frau hinaufging. Als sie sich draußen umblickten, sahen sie Sepp an einer dunklen Hausthür lehnen. »Pst, Sepp!« machte Max. Der Alte kam schnell herbeigehuscht. Es befand sich auf der Gasse ja kein Mensch, der das hätte beobachten können. »Was giebts denn?« »Willst Du etwa nachher so thun, als ob Du mit ihm hast reden wollen?« »Jawohl.« »Er ist eben bei seiner Frau, um ihr zu sagen, wohin er geht.« »Schön! So werde ich zum Schein bei ihr fragen. Gut, daß Du mir das sagst.« »Wir gehen nur drei Häuser weit bis an das Gäßchen dort.« »Das ist sehr gut. Da es so steht, komme ich erst gegen zwölf Uhr nach. Laßt ihn nicht eher fort. Und gieb mir das Kleiderpacket, Max.« Er nahm das Päckchen aus Maxens Hand und huschte fort, in das Gäßchen hinein bis hinter den Hof des Juden. Dort ging er weiter bis an den Garten, in welchen sich Anita verstecken sollte. Dort lauschte er eine Weile, und als er sich überzeugt hatte, daß kein Beobachter zugegen sei, kroch er durch die Lücke der abgebrochenen Latten in den Garten. Hier recognoscirte er genau. Er fand eine ganz dunkle Hinterecke, welche zwischen Strauchwerk mit dichtem, hohem Gras bewachsen war. Dahinein steckte er das Packet und kehrte sodann durch den Zaun nach dem Weg zurück. Er suchte eine entfernter liegende Restauration auf, in welcher er bis halb Zwölf wartete. Dann ging er nach dem Gäßchen und nach dem Hause des Juden zurück. Alle Fenster waren dunkel. Die Laternen waren verlöscht. Man schien nicht der Mühe Werth zu halten, hier in diesem Quartier den kostbaren Brennstoff zu vergeuden. Er tappte an der Thür und rechts und links von derselben herum und fühlte einen Klingelzug. Als er an demselben zog, hörte er die Klingel leise erschallen. Sie befand sich nicht im Hausflur, sondern wohl in der Schlafstube des Besitzers. Es dauerte sehr lange, ehe er ein antwortendes Lebenszeichen verspürte. Endlich vernahm er schlürfende Pantoffelschritte, und durch die Ritzen der Thür war ein Lichtschein zu erkennen. Eine schnarrende, alte Stimme fragte von innen: »Wer ist draußen?« »Ein Bote,« antwortete der Sepp. Ist Baruch Abraham daheim?« »Nein.« »Wo ist er denn?« »Was wollen Sie denn?« »Das werde ich ihm sagen.« »Wer sind Sie denn?« »Auch das wird nur er erfahren.« »Woher kommen Sie denn?« »Nun, ich bin aus Wien und komme geraden Wegs von dort.« »Aus Wien. Gott der Gerechte! Sie sagen, Sie seien ein Bote. Wer sendet Sie denn?« »Der Baron von Stubbenau.« »Der Baron! Ach, gleich!« Er hörte einen Riegel zurückschieben und einen Schlüssel in das Schloß stecken, welches sich nur langsam öffnen ließ. Dabei hatte er Zeit zu dem Gedanken: »Wie ist mir denn? Max und Hans sagten, die Alte höre schwer, und hier hört sie doch Alles so genau, obgleich wir nur halblaut sprechen. Dieses alte Laster weiß sich gut zu verstellen!« Da ging die Thür auf; die Alte öffnete, aber nicht völlig, und winkte ihn hinein. Er trat ein, und sie beleuchtete ihn. Als sie sein martialisches, soldatisches Aeußere erblickte, machte sie einen ergebenen Knix und sagte: »Willkommen, Herr! Also Sie kommen wirklich von dem Baron von Stubbenau?« »Ja.« »Und wissen auch, in welcher Angelegenheit?« »Natürlich!« »Haben Sie ein Schreiben mit?« »Nein.« »Warum nicht?« »Weil die Sache der Art ist, daß man sie nicht gern dem Papier anvertraut.« »Schön! Diese Vorsicht ist gut. Aber wenn Sie nichts Schriftliches haben, muß er Ihnen wenigstens das Erkennungswort gesagt haben.« Jetzt befand sich Sepp in großer Verlegenheit; aber er antwortete wacker drauf los: »Wir wurden gestört. Er sagte es mir zwar, aber ich achtete nicht darauf.« »Das ist schlimm, denn da wird mein Mann Ihnen keinen Glauben schenken.« »Das wäre sehr unangenehm. Stubbenau rief es mir noch nach, aber ich weiß nicht, ob ich es richtig verstanden habe.« »Nun, wie haben Sie denn verstanden?« »Es war ein Hauptwort.« »Allerdings.« »Ein Name.« »Ja, sein eigener, eigentlicher Name, den nur die Eingeweihten kennen.« Jetzt wurde dem Alten das Herz leicht. Diesen Namen kannte er ja. Er antwortete: »Sie mögen selbst beurtheilen, ob ich richtig verstanden habe. Er rief mir das Wort ›Salek‹ nach und bat, ich solle es nicht vergessen.« »Das ist richtig. Sie haben nicht falsch verstanden. Sie sind legitimirt und mein Mann wird Ihnen nun Glauben schenken.« »Wo ist er?« »In einer nahen Restauration, das dritte Haus rechts von hier. Die Thür steht die ganze Nacht hindurch offen. Gehen Sie aber nicht in die vordere Stube, wo nur Schnaps getrunken wird, sondern gleich in die hintere, in welcher nur die feinen Gäste sitzen. Dort werden Sie ihn mit zwei jungen Herren sehen.« »Schön! Ich danke Ihnen!« »Bitte! Sagen Sie ihm, er solle nicht lange fortbleiben. Ich schlief schon, als sie klingelten, und werde mich sogleich wieder schlafen legen. Da ist es sehr gut, wenn der Mann daheim ist. Wie geht es dem Herrn Baron?« »Danke! Nach Verhältniß leidlich.« »Wird er uns bald wieder Mädels senden?« »Ja.« »Und Anderes? Juwelen?« »Auch.« »Prächtig! Ich ahne, daß Sie so Etwas bringen?« »Ich darf natürlich noch nichts verrathen.« »Ganz recht. Also schlafen Sie wohl!« »Gute Nacht!« Sie machte abermals einen Knix, ließ ihn hinaus und verschloß und verriegelte die Thür. »Alle Teuxel, war das ein Glück!« murmelte er. »Da habe ich das richtige ›Sesam, Sesam, thue dich auf‹ – entdeckt! Also ›Salek‹ ist das Wort, das Erkennungszeichen. Das ist ja sehr gut!« Er schlenderte nun nach der Kneipe. Diese sah gar nicht so aus, als ob sie anständige Leute zu beherbergen vermöge. Sie war ein niedriges, hölzernes Gebäude, dessen Thürinschrift jetzt in der Dunkelheit nicht zu lesen war. Im offenstehenden Flur brannte ein Lämpchen, welches in einer Glasglocke hing. Er schritt an der Thür vorüber, welche nach der vorderen Gaststube führte. Als er die zweite öffnete, strömte ihm eine dicke, von Rauch und allerlei penetranten Gerüchen geschwängerte Luft entgegen, die ihn beinahe zurückwarf. Dennoch trat er ein. Die Stube war klein. Von den vier da befindlichen Tischen waren nur zwei besetzt. An dem einen, dem hintersten, saßen Max, Johannes und der Jude. Sie hatten bereits ein halbes Dutzend leere Flaschen neben ihrem Tische stehen. Der Jude dampfte aus seiner Cigarre wie ein Stadtsoldat; es kostete ihm ja nichts. Sepp setzte sich an den dritten Tisch und bestellte sich eine Flasche Wein. Den an dem zweiten Tische sitzenden Männern schenkte er zunächst keine Aufmerksamkeit. Das Local hatte das Aussehen einer Gaunerkneipe, und auch der Wirth, welcher schläfrig hinter dem Ofen hockte, machte diese Ansicht keineswegs zu schanden. Es war dem Juden deutlich anzusehen, daß der Wein bei ihm bereits seine Wirkung gethan hatte. Er blickte ziemlich stier vor sich hin, und dann, wenn einer seiner beiden jungen Gesellschafter auf ihn sprach, raffte er sich mit Gewalt zu einer Antwort auf. Dann wurde er für einige Augenblicke lebhaft, schwatzte schnell und viel durch einander und versank dann wieder in stumpfes Schweigen. Als Sepp Max einen fragenden Blick zuwarf, nickte ihm dieser zu und machte, so daß es weiter Niemand sah, mit der rechten Hand die Bewegung des Thüraufschließens. Das sollte das Zeichen sein, daß er den betreffenden Schlüssel besitze. Sepp wartete noch eine Weile und stand dann bereits im Begriffe, zu dem Juden hinzugehen, als er Grund bekam, dies zu unterlassen. Es trat nämlich ein Kerl ein, welcher sich schnell umsah. Als er den Juden erblickte, glitt ein Zug der Befriedigung über sein Gesicht und er setzte sich an den vierten Tisch, welcher, wie bereits erwähnt, noch leer stand. Aus seiner Miene war zu bemerken gewesen, daß er den Juden suche. Darum blieb Sepp noch sitzen, zumal sein Tisch ganz in der Nähe des vierten stand. Er nahm eine der ausliegenden, schmutzigen Zeitungen in die Hand und that so, als ob er sich ganz in dieselbe vertiefen wolle. »Was trinken Sie?« fragte der Wirth von seinem Stuhle aus den neuen Gast. »Ein Glas Salek,« antwortete dieser, indem er das letztere Wort scharf und laut betonte. »Dieses Getränk kenne ich gar nicht.« »So geben Sie ein Glas sicilianer Weißen!« Der Wirth brachte das Bestellte. Baruch Abraham hatte den Eintretenden gar nicht bemerkt. Als er aber das scharf hervorgehobene Wort Salek hörte, blickte er auf. Ein Zug des Erkennens glitt über sein altes Gesicht. Er wartete, bis der Mann sein Glas erhalten und der Wirth sich wieder gesetzt hatte; dann stand er auf und trat schwankenden Schrittes auf den Mann zu. »Petruccio, Du?« fragte er. »Kommst Du aus Zufall hierher?« »Nein,« antwortete der Gefragte. »Setze Dich!« Er hatte einen italienischen Namen und auch seine Züge bestätigten, daß er ein Italiener sei, jedenfalls der niedrigsten Classe. Der Jude setzte sich und fragte: »Wußtest Du, daß ich hier bin?« »Ja.« »Von wem?« »Von Deiner Frau.« »War sie denn noch wach?« »Nein. Ich habe sie herausgeklingelt. Sie hatte schlechte Laune, denn sie war bereits einmal geweckt worden, wie sie sagte.« »Von wem?« »Das weiß ich nicht, ich habe sie nicht gefragt.« »Bist Du in Geschäften hier, oder kommst Du direct zu mir?« »Direct. Der Steuermann war gegen Abend bei mir; er hat warten müssen, weil ich nicht daheim war. Drum komme ich so spät.« »Der Steuermann? Was wollte er?« »Er erkundigte sich, ob wir bereit seien. Der Capitän könne nicht warten. Er lichte morgen Abend die Anker.« Beide hatten sichtlich die Absicht, so zu sprechen, daß Niemand es hören solle. Aber der Jude sprach in Folge seiner Trunkenheit lauter, als es gerathen war, und der Italiener verhielt sich ganz unwillkürlich ebenso. Sie steckten die Köpfe zusammen. Sepp hörte aber trotzdem jedes Wort. »Morgen Abend schon?« meinte der Jude. »Das ist mir freilich nicht lieb.« »Warum?« »Ich dachte, es solle noch eine Sendung kommen. Ich laure schon seit acht Tagen auf sie. Der Baron hat sie mir versprochen.« »Ja, und der Capitän lauert ebenso, aber nun kann er nicht länger warten. Er hat vom Rheder eine Depesche bekommen, daß er sofort in See gehen soll.« »Verflucht! Er hat doch noch nicht volle Fracht!« »Thut nichts. Er nimmt andere.« »So müssen wir uns eben fügen.« »Schön. Kommst Du heraus?« »Natürlich! Ich muß ihm das Volk doch übergeben. Ich muß unbedingt dabei sein, wenn er bezahlt.« »Ich könnte das Geld auch übernehmen.« »Nein, mein Junge, das wollen wir unterlassen.« »Mißtraust Du mir? Denkst Du etwa, daß ich Dich betrüge?« »O nein. Aber diesem Capitän Marmel traue ich nicht. Er ist ein Franzose.« »Hat er Dich bereits betrogen?« »Versucht hat er es, aber es ist ihm nicht gelungen. Wann kommt er?« »Kurz nach Mitternacht will er an der Insel beidrehen und die Boote aussenden.« »So bin ich kurz vorher bei Dir.« »Wie steht es? Hast Du nichts nachzusenden?« »O ja, Einige. Wir müssen sie also noch in dieser Nacht fortschaffen.« »Gut. Ich nehme sie mit. Sie werden mir doch keine Scheerereien machen?« »Nein. Nur Einer traue ich nicht. Es ist eine Italienerin. Sie heißt Anita und will sich nicht in ihr Schicksal finden.« »Ist sie hübsch?« »Sehr!« »So muß sie. Je hübscher sie ist, desto mehr bekommen wir bezahlt. Und wenn sie nicht will, so wird sie gezwungen.« »Aber kein Aufsehen erregen, kein Aufsehen! Hörst Du, Petruccio?« »Natürlich! Sie wird gefesselt und wir verbinden ihr den Mund. Dann trage ich sie. Ich kenne ja die Schliche, so daß wir Niemandem begegnen.« »Wirst Du denn allein fertig?« »Ich habe meinen Bruder mit.« »Das ist gut. Zu Zweien geht es besser.« »Wann soll ich kommen?« »Hm! Hast Du noch Zeit?« »Warum fragst Du? Paßt es Dir jetzt nicht?« »Nein. Erstens ist es noch zu zeitig. Es würden Euch Leute begegnen. Und zweitens befinde ich mich in angenehmer Gesellschaft.« »Die beiden Knaben dort?« »Knaben? Es sind feine Herren, Künstler.« »Hm!« brummte der Italiener, indem er Max und Hanns mit verächtlichem Blicke musterte. »Ich sage Dir, sie sind fein,« wiederholte der Jude mit der Beharrlichkeit eines Betrunkenen. »Sie bezahlen meine Zeche.« »Ja, wer das thut, der ist bei Dir fein.« »Freilich sind sie nicht die Klügsten. Sie haben mir für fünfundzwanzig Gulden eine alte Klexerei abgekauft, für welche ich nur zwei Gulden gegeben habe, und ich hoffe, ihnen auch noch mehr aufzuhängen.« »Gratulire. Aber wegen Deiner freien Zeche kann ich doch nicht bis früh warten.« »Sollst Du das etwa? Die richtige Zeit ist zwei Uhr nach Mitternacht. Da sind selbst die Nachtschwärmer zu Bett.« »So komme ich also um diese Zeit. Soll ich vorn klingeln, oder meinst Du, daß –« »Nein, nein,« fiel der Jude rasch ein. »Vorn dürft Ihr Euch nicht blicken lassen. Kommt an die Hofthür!« »Dann darfst Du uns aber nicht warten lassen.« »Nein. Punkt zwei Uhr bin ich an der Pforte.« »Hm! Baruch Abraham, könntest Du heute wirklich so pünktlich sein? Ich zweifle daran.« »Warum?« »Weil Du betrunken bist.« »Betrunken? Ich? Herr meiner Väter! Baruch Abraham soll betrunken sein!« »Ja, Du bist es. Du kannst nicht gerade stehen.« »Ich nicht gerade stehen! Wer behauptet das? Das ist nicht wahr, das ist eine Lüge, ich werde es Dir gleich beweisen.« Er wollte aufstehen, um den Beweis zu liefern; aber der Italiener hielt ihn am Arme nieder. »Bleib sitzen, Alter, und rede leiser! Du machst ja die Leute aufmerksam auf uns!« »Pah! Es schaut Niemand her.« »Aber der Alte da neben uns könnte uns hören.« »Der guckt in seine Zeitung, und übrigens sprechen wir ja leise. Wie geht es denn in der Höhle?« »Nicht zum Besten. Ich habe noch selten solche Noth und Mühe mit den Hexen gehabt.« »So weißt Du ja, was zu thun ist!« »Meinst Du Prügeln?« »Ja. Hunger und Hiebe!« »Schon gut, aber ich unterlasse es doch lieber, denn darunter leidet das Aussehen der Waare, und dann wird weniger gezahlt. Diese verdammte, bayrische Fratze macht mir viel zu schaffen.« »Bayrisch?« fragte der Jude, indem er den Finger an die Stirn legte, zum Zeichen, daß er nachdenke. »Haben wir eine Bayerin?« »Natürlich! Die Schmuckste von Allen.« »Ah, ich besinne mich! Sie ist eine Müllerstochter?« »Ja. Sie läßt sich Paula nennen anstatt Pauline. Sie hat mir eine förmliche Verschwörung angezettelt, welche gestern zum Ausbruch kommen sollte. Zum Glück waren Andere so gescheidt, nicht mitzumachen und es mir zu verrathen. Sie wollten nicht frei sein; sie sehnen sich nach Kalifornien, nach dem Goldlande, wo sie steinreiche Männer bekommen, diese albernen Weibsen.« Er lachte cynisch vor sich hin. Der Jude aber sagte in warnendem Tone: »Laß ihnen diese Gedanken! Mache sie ja nicht kopfscheu. Sie werden ja später erfahren, was mit ihnen geschieht.« »Natürlich, natürlich! So klug bin ich selber schon. Aber glaubst Du denn, daß es mir an das Leben gehen sollte?« »Unmöglich!« »Ja, an das Leben. Die Mädchens wollten ausbrechen, mit Gewalt, allerdings möglichst ohne Blutvergießen, aber wenn wir Beide, ich und mein Bruder, uns widersetzten, sollten wir erschlagen werden.« »Sollte man das glauben!« »Von solchen Mädels! Aber die Bayerin hatte es angestiftet und gesagt, daß sie selbst mich unbedingt erschlagen werde, wenn ich Widerstand leiste.« »Du hast sie natürlich unschädlich gemacht?« »Donnerwetter! Das ist ja ein couragirtes Frauenzimmer! Sie ist doch keine Riesin!« »Die Bayerinnen sollen alle so sein.« »So ist es gut, daß wir selten welche haben. Aber wenn ihnen auch der Plan geglückt wäre, wie hätten sie von der Insel kommen wollen?« »Auf unserm Segelboot.« »Wissen sie denn den Versteck desselben?« »Nein; das ist eben das Gute. Sie haben geglaubt, wir binden es am Landungsplatze an.« »Da hätten sie allerdings rathlos dagestanden. Du hast aber doch wenigstens dieser Müllerstochter die Peitsche gegeben?« »Mein Bruder wollte, ich aber war dagegen. Was konnte es uns nützen? Ich habe sie gefesselt und abseits gesteckt. Aber als vorhin der Steuermann kam, erzählte ich es ihm. Er lachte in seiner grimmigen Weise und versprach mir, daß sie auf dem Schiffe die neunschwänzige Katze bekommen solle. Bis sie nach Amerika kommt, sind dann die Narben geheilt, so daß es keinen Schaden macht.« »Das mag besser sein. Hast Du noch Etwas zu sagen?« »Nein.« »So gehe jetzt! Man weiß nicht, wer kommt, und es ist gut, man sieht uns nicht beisammen.« »Also um Zwei?« »Ja.« »Und vor der Einschiffung bekomme ich mein Geld?« »Natürlich! Ich gebe die Mädels ohne Bezahlung nicht her. Stück für Stück hundert Gulden, für die Schönheiten aber noch mehr.« »So will ich gehen. Aber sei vorsichtig!« »In welcher Beziehung?« »Du bist betrunken. Rede dort mit den beiden Kerls nicht etwa von Dingen, die – – –« »Unsinn! Hältst Du Baruch Abraham für einen Dummkopf, für eine Plaudertasche?« »Nein; aber der Wein macht redselig.« »Mich nicht. Je mehr ich trinke, desto verschwiegener werde ich. Bei Euch Italienern ist es freilich anders.« »Oho! Bei den beiden Brüdern Petruccio ist nichts herauszulocken, nicht einmal durch Champagner; das wissen alle Leute in Barcola.« »Wollen es hoffen. Also gute Nacht bis auf zwei Uhr Morgens.« »Gute Nacht!« Der Jude taumelte nach seinem Platze zurück, und nach kurzer Zeit entfernte sich der Italiener. Die Uhr zeigte jetzt ein Wenig über zwölf Uhr. Der Sepp zog einen kleinen Zettel aus der Tasche und schrieb mit Bleistift darauf: »Die Kleider für Anita liegen in dem Garten, hinterste Ecke links unter den Büschen. Sie mag sie anlegen, während sie dort wartet.« Diesen Zettel steckte er in die Tasche, so daß er ihn leicht zur Hand hatte. Dann stand er auf und schritt langsam an den Tisch, an welchem der Jude saß. »Verzeihung,« sagte er, »ich suche Herrn Baruch Abraham hier.« »Der bin ich,« antwortete der Genannte, indem er höflich aufstand. »Bitte, bleiben Sie sitzen, und erlauben Sie mir lieber, bei Ihnen Platz zu nehmen!« Der Jude schaute ihn verwundert an; Max und Hanns aber rückten schnell zu, so daß der alte Sepp neben dem Juden Platz fand. Dabei zog er den Zettel heraus und gab denselben Max, ohne daß Baruch Abraham es bemerkte. »Sie suchen mich hier?« fragte der Letztere. »So haben Sie gewußt, daß ich hier bin?« »Ja.« »Von wem?« »Von Ihrer Frau. Ich klingelte.« »Ah, so sind Sie Derjenige gewesen, der vor Petruccio da war.« Wäre er nicht betrunken gewesen, so hätte er sich gehütet, diesen Namen zu nennen. »Petruccio? Wer ist das?« Durch diese Frage wollte Sepp in dem alten Menschenhändler die Ueberzeugung erwecken, daß er wirklich in die Zeitung vertieft gewesen sei und auf das Gespräch nicht geachtet habe. »Ein Bekannter,« antwortete der Jude. »Sie waren so spät bei mir. Warum?« »Geschäfte.« »Mein Laden ist nur bis acht Uhr auf.« »Für mich vielleicht auch später.« Der Jude fixirte ihn mit neugierigem und mißtrauischem Blicke und meinte dann: »Für Niemanden eigentlich, wenn nicht etwas ganz Notwendiges vorkommt.« »Es ist nothwendig.« »So! Wollen Sie etwas kaufen oder verkaufen?« »Verkaufen.« »Was?« »Ein Gemälde, ein Seestück von der kalifornischen Küste.« Der Jude wurde aufmerksam. »Von welchem Maler?« fragte er. »Von dem bekannten Künstler, welcher zufälliger Weise grad so heißt wie der Wein, den der Gast vorhin vergeblich verlangte – Salek.« Da erhob Baruch Abraham sich halb vom Stuhle, starrte den Sepp erstaunt an und sagte: »Ich kenne Sie ja gar nicht!« »Ist es nothwendig, daß Sie mich kennen?« »Hm! Allerdings nicht.« »Oder kaufen Sie von Salek nicht gern?« »O doch. Seine Gemälde gehen stets.« »Das weiß ich. Ihr Name wurde mir von einem Kenner genannt. Ich habe das Bild mit hier, und da ich nicht weiß, ob ich morgen da bleibe, erlaubte ich mir, Sie so spät noch aufzusuchen.« »Schön, schön! Vielleicht machen wir einen Handel, wenn Sie wirklich die Absicht – – –« Er hielt inne, denn grad jetzt stand Max auf, dem er Platz zu machen hatte. Derselbe hatte den Zettel unbemerkt gelesen und erhob sich mit der Miene eines Mannes, welcher aus Höflichkeit einmal hinausgeht, um den Andern Gelegenheit zu geben, ihre Angelegenheit ohne Zeugen abzumachen. »Nimm mich mit!« sagte Johannes, indem er dem Freunde folgte. Draußen theilte Max dem Maler den Inhalt des Zettels mit. Dann schlichen sie sich zur Hausthür hinaus und huschten schnell durch das bereits erwähnte Gäßchen. »Der Sepp ist doch ein Sappermenter,« meinte im Gehen Max. »Hast Du genau gehört, was er sagte?« »Ja.« »Das Bild von der kalifornischen Küste, und der Name Salek. Beides muß irgend eine Bedeutung haben, die nur er kennt. Der Kerl ist grad wie allwissend.« »Wir erfahren jedenfalls, was es für eine Bewandtnis damit hat.« »Natürlich! Jetzt aber müssen wir uns beeilen. Wir dürfen nicht lange abwesend sein, sonst fällt später der Verdacht auf uns.« Hinter der Mauer war es vollständig finster. Sie lauschten eine kurze Zeit am Pförtchen. Als sich weder vor noch rückwärts auf dem Wege und auch im Hofe des Juden kein Geräusch hören ließ, zog Max den Schlüssel heraus. Er befeuchtete ihn mit Speichel, damit kein Geräusch entstehen solle, und schloß auf. Glücklicher Weise öffnete sich die Thüre leise. Sie traten ein und zogen sie hinter sich an. Nachdem sie wieder einige Augenblicke gelauscht hatten, huschten sie über den Hof hinüber bis unter den Söller. »Sie ist eingeschlossen. Sie kann nicht heraus,« sagte Johannes leise. »Nur eingeriegelt. Wie aber kommen wir hinauf?« »Dort in der Ecke geht die Außentreppe zum Söller empor. Ich habe es gesehen.« »Gut! So steigen wir hinauf.« »Beide?« »Ja. Warum nicht?« »Zwei Personen machen mehr Geräusch als eine.« »Das ist richtig. Also geh Du allein.« »Warum ich?« »Weil Anita in Dir den Retter ehren soll, nicht aber in mir. Knarren Deine Stiefeln?« »Vielleicht. Ich ziehe sie aus.« »Besser ist es. Also einen Hund giebt es nicht?« »Nein. Anita sagte es. Hoffentlich werden wir auch anderweit nicht gehindert.« »Schwerlich. Ich glaube, die alte Jüdin befindet sich ganz allein im Hause.« »Wenn die nun kommt! Was dann?« »Pah! Du giebst ihr mit der Faust Eins auf den Kopf, daß sie ohnmächtig wird.« »Du, das bringe ich nicht fertig. Ich bin kein Rinaldini oder Schinderhans.« »Ich auch nicht; aber so einen Hieb brächte ich dennoch fertig.« »So geh lieber Du!« »Nein. Ich will die Ehre Dir überlassen. Wirst Du ja gestört, so verhältst Du Dich ganz still und lassest mich sprechen. Also mach!« Sie standen jetzt an der schmalen, hölzernen Treppe, welche mehr einer Leiter ähnelte. Johannes stieg hinauf, dabei möglichst jedes Geräusch vermeidend. »Nimm mehrere Stufen auf einmal!« flüsterte Max ihm zu. »Das giebt weniger Schritte.« Hanns befolgte diesen Rath und machte auch oben auf dem Söller die Schritte so langsam und so weit wie möglich. Das alte Holz knarrte zwar einige Male, aber so leise, daß es kaum zu bemerken war. So gelangte er also glücklich an den Eingang nach dem Innern des Hauses. Dieser war nicht mit einer Thür versehen, sondern offen. Hanns hatte von Anita gehört, daß sie links eingeriegelt sei, während die andern Mädchen sich auf der rechten Seite befanden. Er tastete nach hüben und drüben, indem er hineintrat. Schon nach drei oder vier Schritten fühlte er die beiden einander gegenüber liegenden Thüren. Diejenige links war die richtige. Sie war von außen verriegelt, und es galt nun, den Riegel ohne Geräusch zurückzuschieben. Hanns machte sehr, sehr langsam, und es gelang. Die Thür knarrte freilich ein Wenig, aber doch nicht allzusehr, als er sie öffnete. »Anita!« flüsterte er. »Mein Retter!« antwortete es ebenso leise. »Gott sei Dank!« »Sie haben auf mich gewartet?« »Mit Schmerzen!« »Ich komme aber doch nicht später, als ich sagte.« »Und doch war es eine Ewigkeit für mich.« »So kommen Sie schnell!« »Ich kann nicht. Ich bin angebunden.« »Ah, dieser grausame Jude!« »Er traut mir eben nicht.« »Ich werde Sie losschneiden. Wo sind Sie?« »Kommen Sie nach rechts. Hier unten in der Ecke.« Hanns schlich hinein. Er bückte sich und tastete. Er fühlte einen Strohsack, auf welchem das Mädchen lag. »Die linke Hand ist an der Mauer und die rechte an der Diele festgebunden,« erklärte das gefesselte Mädchen. Er griff nach diesen Richtungen und fühlte zwei eiserne Ringe, je einen in der Mauer und der Holzdiele, an welche Anita mit Stricken angebunden war. Auf diese Weise wurden ihre Hände so auseinander gehalten, daß sie nicht die eine durch die andere befreien konnte. »Armes Kind!« klagte Hanns. »War das alle Abende so wie heut?« »Seit ich mich widerspänstig zeigte, ja.« »Da konntest Du ja nicht schlafen!« »Nein. Es war eine Qual.« »Du sollst gleich frei sein. Deinen Peiniger aber werden wir exemplarisch bestrafen lassen.« Er zog sein Messer heraus und schnitt sie los. Sie schnellte empor. Er richtete sich auch auf und fühlte, daß sie nach ihm tastete. »Anita!« erklang es mitleidig und doch froh. »Johannes!« antwortete sie. »Du hast Dir meinen Namen gemerkt?« »O, den werde ich nie, niemals vergessen, salvatore mio, angelo mio , mein Retter, mein Engel!« Er fühlte die weichen Arme, welche sie um ihn schlang, und das Köpfchen, welches sie innig an seine Brust drückte. Ein nie gekanntes, ungeahntes Gefühl durchfluthete ihn. Er konnte nicht anders, er mußte auch seine Arme um sie legen und sie an sich drücken. Er beugte sein Gesicht nieder. War es Zufall, daß auch sie das ihrige empor hielt? Ihre Lippen fanden sich zu einem langen, langen aber engelsreinen, keuschen Kusse. »Johannes!« flüsterte sie abermals. »Anita! Welch eine Seligkeit, Dich frei zu wissen!« »Durch Dich, durch Dich!« »O, nicht durch mich allein!« »Ist Dein Freund mit und wo befindet er sich?« »Unten im Hofe.« »Er ist ebenso edel wie Du?« »Noch viel besser und edler als ich.« »Das ist unmöglich!« »Du kennst mich ja gar nicht!« »O, ich kenne Dich, ich kenne Dich, als sei ich stets bei Dir gewesen.« Das that ihm so unbeschreiblich wohl. Er hätte lebenslang so stehen mögen, das schöne Mädchen in seinem Arme; aber er gedachte der augenblicklichen Lage und sagte: »Wir müssen fort. Komm!« »Noch nicht, noch einen Augenblick.« »Warum?« »Wohin willst Du mich führen?« »Giebt es einen Ort, wohin Du wünschest?« »Ich kenne keinen.« »So gehst Du mit mir?« »Mit Dir, wohin Du mich auch führen magst.« »So werde ich Dich zunächst zu einem Freunde bringen, zu einem alten, lieben Herrn, bei welchem Du vor allen Nachforschungen sicher bist.« »Wo befindet er sich?« »Er wohnt im Hotel Europa. Kennst Du es?« »Nein. Aber in ein Hotel kann ich nicht.« »Warum?« »Hast Du nicht gesehen, wie ich gekleidet bin? Ich bin sogar barfuß.« Er erinnerte sich, daß sie nur ein einziges Röckchen angehabt hatte. Darum verstand er ihre Einwendung gar wohl. »Du kannst getrost mit,« antwortete er. »Es sind Kleider für Dich vorhanden.« »Auch Schuhe?« »Ja, Alles, was Du brauchst. Komm nur mit!« Er zog sie hinaus vor die Thür und riegelte dieselbe vorsichtiger Weise wieder zu, damit man ihre Flucht nicht sogleich bemerken möge. Dann huschten sie mit einander über den Söller hin und die Treppe hinab. »Gelungen?« fragte Max, als er sie kommen hörte. »Ja.« »Gott sei Dank! Es hat lange gedauert.« »Es ging nicht schneller. Jetzt will ich meine Stiefel anziehen, und dann rasch fort!« Während Johannes sich mit seiner Fußbekleidung beschäftigte, ergriff Anita Maxens Hände und sagte mit bewegter Stimme: »Auch Sie halfen mir, Herr. Wie soll ich Ihnen danken!« »Dadurch, daß Sie glücklicher werden, als Sie bisher waren.« »O, ich bin glücklich, weil ich frei bin.« »Was müssen Sie glitten haben, Sie armes, armes Kind! Aber kommen Sie nun! Wir dürfen uns nicht länger verweilen.« Er schritt voran. Johannes nahm das Mädchen bei der Hand und folgte ihm. Sie gelangten aus dem Hofe hinaus. Max verschloß die Thür und steckte den Schlüssel zu sich. Nachdem sie sich überzeugt hatten, daß sie nicht belauscht wurden, eilten sie nach dem mehrfach erwähnten Garten. »Hier herein!« sagte Max, indem er voran kroch und dann die beiden Anderen, die ihm schweigend folgten, nach der von Sepp beschriebenen Ecke führte, wo er das Kleiderpacket liegen fand. »Hier sind Sie einstweilen sicher, Signorina,« sagte er. »Wir müssen uns für kurze Zeit entfernen.« »Mein Gott, Sie wollen mich verlassen!« »Nur auf wenige Minuten.« »Mir ist so angst!« »Sie brauchen nichts zu fürchten. Wir holen nur den Freund herbei, der Sie in seinen Schutz nehmen will.« »Kann ich nicht mit gehen?« »Nein. Der Jude würde Sie sehen.« »Wo ist er? Schläft er nicht?« »Er ist noch wach. Wir haben ihn mit in ein Weinhaus genommen und betrunken gemacht. Der Freund sitzt bei ihm und hält ihn fest, damit er uns nicht stören konnte.« »O, das war klug gehandelt!« »Nicht wahr? Ebenso erfordert es die Klugheit und Ihre Sicherheit, daß wir Sie jetzt allein lassen. Wir müssen den Freund benachrichtigen, daß Ihre Flucht gelungen ist; dann kommen wir sofort wieder.« »Aber Sie verlassen mich nicht? Sie kommen gewiß zurück, ganz gewiß?« »Ganz gewiß. In fünf oder höchstens zehn Minuten sind wir wieder da. Indessen nehmen Sie hier das Bündel. Es enthält einige Kleidungsstücke, die Sie gleich hier anlegen müssen, damit Sie nach dem Hotel können. Legen Sie auch den Schleier an, daß man Ihr Gesicht nicht deutlich sieht. Also nun gehen wir. Aber wir kommen gleich wieder. Besorgen Sie nichts!« Ihre Angst war noch nicht beschwichtigt. Sie ergriff Hannsens Hand und sagte: »Wenn man mich nun hier sucht und findet?« »O, es kommt kein Mensch hierher.« »Das kann man doch nicht wissen.« »Ich bin vollständig überzeugt, daß Sie hier ganz sicher sind. Wir sind schnell, sehr schnell wieder da. Bis dahin können Sie auf alle Fälle diesen Platz behaupten.« Sie sah, daß sie sich trotz ihrer Bangigkeit fügen mußte, und ergab sich drein. Die Beiden aber eilten nach der Restauration zurück. Dort hatte indessen Sepp sich mit dem Juden unterhalten. Trotz seiner Betrunkenheit verhielt der Letztere sich so vorsichtig wie möglich. Wer heimlich gegen die Gesetze handelt, der hat alle Veranlassung, vorsichtig zu sein. Als Max und Johannes sich entfernt hatten, fragte er den Alten: »Jetzt sind wir allein. Wer sind Sie?« »Müssen Sie das wissen?« »Ja.« »Lieber ist mirs, wenn ich es Ihnen nicht zu sagen brauche. Solche Geschäfte macht man gern incognito.« »So ist Ihre Mühe vergebens. Ich verkehre nicht mit Ihnen. Sie kennen mich, und so muß auch ich Sie kennen.« »Ist das Ihr fester Grundsatz?« »Geschäftsprincip!« »So! Nun, da will ich Ihnen sagen, daß ich pensionirter Officier bin, Hauptmann.« »Wo?« »Ich diente in Bayern, befand mich aber in letzter Zeit in Wien.« »Können Sie mir das beweisen?« »Donnerwetter! Glauben Sie mir nicht?« »Ich glaube Ihnen. Aber was thue ich mit dem Glauben? Bei dieser Art Geschäft muß man haben eine vollständige Sicherheit.« »Nun, die kann ich Ihnen bieten. Hier!« Er zog seine Legitimation hervor und gab sie ihm. Der Jude las sie aufmerksam durch, gab sie ihm zurück und sagte: »Jetzt habe ich den Beweis, daß Sie mir die Wahrheit gesagt haben. Nun können wir vom Geschäft sprechen. Was bringen Sie mir?« »Ich möchte von diesen Sachen grad hier lieber nicht reden, Baruch Abraham.« »Warum nicht?« »Es ist hier Restauration.« »Was thut das?« »Sehr viel. Es ist ein öffentlicher Ort.« »Aber es hört uns Niemand.« »Das denken Sie. Wie leicht aber kann es anders sein. Gegen meine Person waren Sie so vorsichtig, und gegen Andere hegen Sie keine Befürchtungen. Nein, hier nicht.« »Wo denn?« »Bei Ihnen.« »Ah, Sie wollen gehen mit mir in mein Haus?« »Ja. Ist das nicht möglich?« »Möglich ist es, und vielleicht ists das Beste, was wir thun können. Aber ich kann jetzt nicht fort.« »Warum?« »Weil die beiden Herren sind hinausgegangen. Ich habe gemacht mit ihnen einen sehr guten Handel; sie bezahlen die Zeche für mich, und ich bin ihr Gast.« »Sie wollen nicht gehen, ohne sich von ihnen zu verabschieden?« »Ja.« »Nun, das können Sie ja thun. Wir warten, bis sie wieder hereinkommen.« »Auch habe ich noch auszutrinken meine Flasche.« »Das können Sie bereits jetzt besorgen, damit wir gleich gehen können, wenn sie kommen. Ich habe keine Zeit, so lange zu warten, bis Sie die Flasche langsam geleert haben.« Er setzte sich durch seinen entschiedenen Ton so in Respect, daß der Jude sein Glas schleunigst füllte und wieder leerte. Dabei erkundigte er sich: »Wo logiren Sie?« »Noch gar nicht. Ich kam mit dem letzten Zuge und habe Sie sofort aufgesucht. Haben Sie vielleicht einen Platz für mich bei sich?« Der Jude streckte ihm beide Arme entgegen, spreizte alle zehn Finger aus und rief: »Au weih! Wie kann ich haben Platz für fremde Leute! Habe ich doch ein Ein- und Verkaufsgeschäft für alte Sachen aber nicht eine Herberge!« »Nun gut, so muß ich mir einen anderen Ort suchen. Erschrecken Sie nicht!« »Warum sollt ich nicht erschrecken? Weiß ich doch noch gar nicht, ob ich werde machen ein gutes Geschäft mit Ihnen.« »Sie werden es machen.« »Wie so?« »Ich bringe etwas zu verkaufen und will auch etwas abkaufen. Und bei Beidem werden Sie verdienen.« »So sagen Sie, was Sie wollen kaufen!« »Hier nicht, sondern später. Reden wir jetzt lieber von anderen Dingen.« Er gab sich nun Mühe, den Juden über das erste beste gewöhnliche Thema so gut wie möglich zu unterhalten, so daß diesem die Zeit nicht zu lang wurde. Dies gelang ihm auch so gut, daß es Baruch Abraham gar nicht auffiel, wie lange Hanns und Max abwesend waren. Als die Beiden dann zurückkehrten, sagte der Sepp zu ihnen: »Meine Herren, ich muß um Verzeihung bitten, daß ich Ihnen diesen Herrn entführe. Ich habe noch Geschäfte mit ihm.« »Ja,« fügte der Jude hinzu, »so gern ich noch länger blieb, ich muß doch gehen fort mit ihm. Er will mir noch zeigen ein schönes Gemälde. Sie haben sich betragen sehr nobel gegen mich, und ich sage meinen Dank dafür.« Indem Max schnell Sepps Hut herbei holte, scheinbar aus bloßer Höflichkeit, gab er ihm mit demselben zugleich den Pfortenschlüssel heimlich in die Hand. »Gelungen?« fragte der Alte dabei leise. »Ja. Sei nicht lange!« Sepp entfernte sich mit dem Juden. Als dieser auf die Gasse trat und die kühle Nachtluft einathmete, wurde ihm der Kopf schwer. Der Rausch kam zur Geltung. »Gott Abrahams,« sagte er, »was ist denn das? Wo bin ich denn hingerathen?« »Das sehen Sie doch!« »Ich kenne doch gar nicht mehr die Gegend. Alle Häuser tanzen Polka rundum!« »Das thut der Wein. Es wird bald nachlassen.« »Führen Sie mich! Ich kann nicht mehr stehen auf meinen eigenen Beinen!« »Auf fremden würde es Ihnen wohl noch viel schwerer werden. Geben Sie mir Ihren Arm!« Er faßte ihn unter und führte ihn nach seinem Hause. Dort dauerte es eine halbe Ewigkeit, bevor Baruch Abraham den Hausschlüssel hervor brachte, und sodann konnte er das Loch nicht treffen. »Wir sind an einer falschen Thür,« behauptete er. »O nein. Es ist die richtige.« »Es ist die falsche. Die meinige hat ein Schlüsselloch, diese aber keins.« »Zeigen Sie den Schlüssel her! Ich will versuchen, ob mir das Oeffnen gelingt.« Es gelang. »Wo nehmen wir nun Licht her?« fragte er, als sie sich dann im Flur befanden. »Da in der Wand ist eine Nische, in welcher sich die Lampe befindet.« Sepp fühlte die Nische und auch die Lampe, welche er mittelst der dabei liegenden Zündhölzer anbrannte. Dann fand der Jude den Schlüssel zu dem Gewölbe nicht. Sepp suchte ihn auch und fand ihn endlich. Er schloß auf und schleppte den Menschen hinein. Dort setzte sich Baruch Abraham auf einen Stoß Makulaturpapier nieder und ließ den Kopf sinken. »Wo bin ich, wo?« fragte er. »Daheim.« »Nein. Das ist eine Höhle. Das ist, das ist – –« Er sprach nicht weiter. Er schloß die Augen. Die Müdigkeit wollte ihn übermannen. Diesen Augenblick benutzte der kluge Sepp. Im Nu war er an der Hofthür. Er gewahrte beim Scheine der Lampe, welche er in der Hand hatte, den Nagel und hing den Schlüssel daran. Im nächsten Moment stand er wieder bei dem Juden. »Baruch Abraham,« sagte er. »Schlafen Sie?« Der Gefragte machte eine Armbewegung und brummte etwas Unverstehbares. »Wir wollen doch von Geschäften reden!« »Geschäft, Geschäft,« nickte er, aber ohne die Augen zu öffnen. Das Wort Geschäft übte doch einige Wirkung auf ihn aus. Der Sepp fuhr fort: »Erwachen Sie doch! Seien Sie munter!« »Munter – oh – – ah!« »Wenn Sie so sitzen bleiben, kann ich Ihnen ja den ganzen Laden ausstehlen!« »Stehlen!« Sofort stand der Jude hoch aufgerichtet da. Das einzige Wort stehlen hatte alle seine Müdigkeit verscheucht. »Stehlen!« rief er. »Stehlen wollen Sie?« »Nein, bewahre!« »Sie sagten es doch!« »Ich sagte nur, daß man Sie leicht bestehlen könnte, wenn Sie da sitzen bleiben.« »Nein, nein. Bestehlen läßt sich Baruch Abraham nicht. Der Wein, der Wein! Aber es giebt ein Mittel. Dort steht Essig.« Auf dem Fenster stand eine dickbäuchige, staubige Flasche. Der Jude that einige tüchtige Schlucke daraus, zog ein schreckliches Gesicht, hustete darauf und wusch sich dann auch das Gesicht damit. Mit dem langen Schooße seines Rockes trocknete er sich ab. »So,« sagte er, »so! Jetzt ists besser. Bestehlen lasse ich mich eben nicht!« »Ich beabsichtige das ja auch nicht.« »Nicht? Hm! Man kann es nicht wissen.« »Ich habe Sie ja grad im Gegentheile gewarnt.« »Gewarnt? So? Ich will es glauben. Also jetzt bin ich geworden wieder gesund, und meine Augen sind hell. Nun wollen wir reden vom Geschäft.« Er setzte sich wieder auf den Papierstoß und lud Sepp ein, neben ihm Platz zu nehmen. Dieser aber lehnte ab und sagte, stehen bleibend: »Ist denn die Wirkung des Weines so weit gehoben, daß wir von wichtigen Dingen reden können?« »Sie ist weg, ganz weg.« Er blinzelte mit den Augen. Es wurde ihm doch schwer, sie ganz zu öffnen. »Gut,« meinte Sepp. »So können wir also beginnen. Ueberwinden Sie die noch zurückgebliebene Müdigkeit!« »Ich bin nicht müde. Ich bin munter. Ich kann reden. Ich will nun wissen, wer Sie sind.« »Das haben Sie ja schon gehört.« »Gehört? So?« »Und auch gesehen. Ich habe Ihnen ja doch meine Legitimation gezeigt.« »Ah, ja, Legitimation! Es ist wahr, sehr wahr. Sie sind pensionirter Hauptmann. Nicht?« »Ja. Josef von Brendel.« »Brendel, so war es. Sie kommen von Wien?« »Das sagte ich Ihnen bereits.« »Schön! Und von wem haben Sie denn eigentlich das Wort Salek erfahren?« »Von ihm selber.« »Wer ist das?« »Der Baron von Stubbenau.« »Stimmt, stimmt. Ist denn er es, der Sie zu mir gesendet hat?« »Ja, er selbst.« »Warum kommt oder schreibt er nicht? Er soll mir keinen Fremden schicken.« »Er kann weder kommen noch schreiben.« »So? Hat er keine Zeit? Zu so einem Briefe muß er haben zu jeder Minute Zeit.« »Zeit hätte er; aber er darf nicht.« »Darf – – – ah, wer hindert ihn?« »Die Behörde.« »Die Behörde? Was sagen Sie? Die Behörde?« Seine Augen öffneten sich jetzt weit. »Ja, das Gericht – wenn das deutlicher ist.« »Das Gericht? Wieso?« »Er ist gefangen.« »Gef – – –« Er brachte das Wort nicht ganz hervor; aber es übte eine ungemeine Wirkung auf ihn aus. Er fuhr empor und starrte Sepp mit erschrockenen Augen an. In diesem Momente war keine Spur des Rausches mehr an ihm zu bemerken. »Wa – wa – was sagten Sie?« stotterte er. »Daß der Baron gefangen ist.« »Ist das wa – wa – wahr?« »Ja.« »Das glaube ich nicht.« »Ich versichere es Ihnen.« »Aber ich glaube es nicht!« »Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort.« »Und dennoch kann ich es nicht glauben, denn so ein gewandter, kluger, vorsichtiger und kühner Mensch läßt sich nicht erwischen.« »So muß ich es Ihnen beweisen.« »Ich bitte darum.« »Können Sie lesen?« »Gott der Gerechte, was für eine Frage! Wird Baruch Abraham doch können lesen!« »Ich meine nur, ob der Wein Ihnen nicht noch in den Augen liegt.« »Der Wein ist herb, weg, ganz weg! Das Wort, daß der Baron von Stubbenau soll sein gefangen, hat den Rausch besiegt.« Das war auch wirklich so. Der Jude sah aus, als ob in seinem ganzen Leben kein Tropfen Wein über seine Lippen gekommen sei. »So sehen Sie her, und lesen Sie.« Sepp zog ein Blatt einer Wiener Zeitung aus der Tasche, gab es ihm und deutete auf die betreffende Stelle. Der Jude las und ließ dann das Blatt und die beiden Arme sinken. Er starrte dem Sepp mit einem Blicke unendlichen Schreckes in das Gesicht. »Nun, glauben Sie es?« fragte dieser. »Ob ich es glaube? Fast doch nicht!« »Es steht ja gedruckt, schwarz auf weiß!« »Ja, ja, schwarz auf weiß. Das ist wahr. Aber oft ist grad das Schwarze auf dem Weißen die größte Lüge.« »Pah! Sie sind unverständig!« »Ich kann und kann und kann es nicht glauben. Es wäre zu schrecklich für mich.« »Ah! Also gab er mir noch im letzten Augenblicke den Auftrag, nach Triest zu eilen, um Sie zu warnen.« »That er das? Hat er es wirklich gethan?« »Ja.« »Der Gute, der Brave! Ja, er hat viel, sehr viel auf mich gehalten; aber er hat auch bei mir verdient ein schweres Geld.« »Drum war er dankbar.« »Also wegen Einbruch wurde er verhaftet?« »Ja, wegen Einbruch.« »Wird man ihn nicht geben müssen frei? Kann man ihm beweisen den Einbruch?« »Er ist während desselben gesehen worden, und man hat auch den ganzen Raub bei ihm gefunden.« »Gefunden! Den ganzen Raub! Gott meiner Väter! Wie kann passiren diese Dummheit so einem gewandten Einbrecher!« »Er ist eben nach und nach zu sicher geworden.« »Ja, er hat es fehlen lassen an der nöthigen Vorsichtigkeit. Was hatte er denn geraubt?« »Eine große Summe baaren Geldes und dann den großen Diamantenschatz einer berühmten Sängerin.« »Dia – Dia – Abraham, Isaak und Jacob! Diamanten sind es gewesen, Dia – Dia – –!« Er schlug die Hände über dem Kopfe zusammen, rannte einige Male zwischen seinem Gerümpel auf und ab, blieb dann vor Sepp stehen und jammerte: »Diamanten! Den ganzen Schatz?« »Den ganzen!« »Einer berühmten Sängerin! O weih, weih! Was werden da zusammen gewesen sein für Brillanten, Rubinen, Smaragden!« »Fast für eine Million!« log der Sepp mit dem ernsthaftesten Gesichte. »Eine Million! Herr Zebaoth! Und wissen Sie, wer bekommen hätte diesen Schatz?« »Nun, wer?« »Ich!« »Ja, richtig.« Sepp sagte das, obgleich er keine Ahnung hatte, wie weit die geschäftliche Verbindung zwischen dem Einbrecher und dem Juden gehe. »Ja, ich, Baruch Abraham! Ich habe ihm stets abgekauft alle Brillanten, ich, ich!« »Das weiß ich.« »Von wem?« »Er selbst hat es mir gesagt.« »Welch eine Unvorsichtigkeit!« »Das war kein Mangel an Vorsicht. Er wußte, daß er es mir anvertrauen konnte.« »War er denn Ihr Freund?« »Mein bester.« »Haben Sie sich betheiligt an, an, an – – Sie wissen wohl, was ich will sagen?« »Ich verstehe Sie und will Ihnen aufrichtig sagen, daß ich mich betheiligt habe.« »Direct beim Einbruch? Ein alter Offizier?« »Nicht direct. Und was meinen Sie mit dem Offizier? Ich kann von meiner Pension nicht leben und nicht sterben. Aber ich bewege mich in feinen Kreisen. Ich sehe, wo die Leute ihre Reichthümer aufbewahren. Verstehen Sie?« »Ja, ja. Sie haben gemacht den stillen Kundschafter für den Baron von Stubbenau.« »So ist es.« »Daraus erkenne ich, daß ich kann haben Vertrauen zu Ihnen.« »Das können Sie. Deshalb sendet er mich. Er scheint Ursache zu haben, zu glauben, daß man erfährt, daß Sie sein Hehler sind.« Der Jude machte vor Schreck einen Luftsprung. »Donnerwetter, das soll man nicht!« schrie er. »Ist wohl nicht zu verhüten!« »Warum? Wieso? Hat der Baron denn etwa verrathen meinen Namen?« »Nein. Aber man hat seine Papiere confiscirt, in welcher Ihr Name zu finden ist.« »O weih, o weih! Muß er denn schreiben meinen Namen auf solche Papiere!« »Und außerdem ist er gegen seine Tänzerin zu vertrauensvoll gewesen.« »Auch das wissen Sie? Auch die kennen Sie? Sie wissen, wie sie heißt?« »Valeska.« »Ja, Sie wissen es!« »Natürlich! Ich bin fast täglich mit ihm bei ihr gewesen. Sie brach mit ein.« »Auch das haben Sie erfahren? Ja, ja, Sie sind Einer von den Unserigen. Ich kann haben Vertrauen zu Ihnen.« »Natürlich! Leider nun ist diese Valeska auch mit arretirt worden.« »Auch mit! Davon steht ja nichts da im Blatte!« »Man verschweigt es mit Absicht, damit die Complicen nicht gewarnt werden.« »Alle Teufel! Das ist schlimm!« »Freilich. Man hat bei der Valeska außerordentlich viel Gravirendes gefunden, und es steht zu erwarten, daß sie ein ganz umfassendes Geständniß ablegt.« Dem Juden stand der Schweiß auf der Stirn. Fast schien es, als ob die Zähne ihm zusammen klapperten. Fast wimmernd rief er: »O Unglück, o Elend! Was soll daraus werden! Was soll ich beginnen!« »Das ist Ihre Sache.« »Ja, meine Sache! Ich kann mir schießen sogleich eine Kugel in den Kopf!« »Das lassen Sie bleiben!« »Bleiben lassen? Soll ich warten, bis man nimmt meinen Hals, legt darum rund herum einen Strick und hängt diesen Strick an einen Galgen?« »Ja, so lange würde ich an Ihrer Stelle freilich nicht warten. Das ist wahr.« »So muß ich also nehmen Pulver und es stecken in eine Pistole und ein Zündhütchen auf den Hahn und mich erschießen in der Blüthe meiner Jahre!« »Jedenfalls steht es doch nicht so schlimm.« »O doch, doch, doch! Wenn der Baron ist gewesen vertraut mit Ihnen, wird er haben gesagt Ihnen Alles von unseren Geschäften.« »Das hat er allerdings. Ich weiß, daß er Ihnen die Mädchen zusandte – – –« »Viele, viele! Ich habe sie ihm abgenommen und bezahlt ein schweres Geld für sie.« »Jawohl, zwanzig Gulden für die Person.« »Auch das wissen Sie!« »Alles weiß ich. Auch daß er Ihnen alle die geraubten Kostbarkeiten verkauft hat.« »Auch dafür hab ich ihm gegeben ein unzähliges Geld. Hätte ich nur wenigstens immer wieder verkauft diese Sachen!« Der Sepp mußte mit allen Winden laviren. Er wußte gar nichts und durfte es sich doch nicht merken lassen. Er mußte vielmehr so thun, als ob ihm Alles, Alles bekannt sei. Darum nickte er auch jetzt: »Leider! Sie haben das Alles noch.« »Was? Sie wissen das?« »Natürlich. Sie hatten den Gedanken, Ihre ganzen Ersparnisse in den Kostbarkeiten anzulegen.« »Das ist wahr; das ist richtig. Kann man anlegen sein Geld besser als in einem Diamanten, für den man hat gegeben fünfzig Gulden, während er doch ist werth ein ganzes Tausend?« »Ich würde ganz so gehandelt haben wie Sie! Jetzt aber droht Ihnen eine außerordentliche Gefahr.« »Wie denn? Welche?« »Man wird Ihnen die Kostbarkeiten abnehmen.« »Mir? Das wäre entsetzlich!« »Aber es ist beinahe unausbleiblich!« »Nein, nein. Das lasse ich nicht geschehen!« »Was wollen Sie dagegen thun?« »Man würde nichts finden.« »Wirklich nicht? Weiß Niemand, wo Sie diese Sachen alle versteckt haben?« »Nur ich weiß es und meine Frau.« »Weiter Niemand?« »Nein.« Dieses Nein aber kam in einem so unsicheren Tone heraus, daß Sepp annahm, es müsse noch irgend Jemand um das Versteck wissen. Wer aber mochte das sein? Vielleicht der Baron von Stubbenau? Er war der Lieferant und konnte also in das Vertrauen gezogen sein. »War der Baron von Stubbenau nicht öfters bei Ihnen?« fragte darum der Alte. »Sehr oft. Er hat mir ja diese Sachen stets persönlich gebracht.« »Der wird doch Ihr Versteck nicht verrathen!« Der Jude machte ein sehr bestürztes Gesicht, daß Sepp vermuthete, er habe das Richtige getroffen. »Der Baron? Wieso der?« »Er kennt es doch.« »Gott Abrahams! Woher denn?« »Sie selbst haben es ihm gezeigt.« »Ich? Wer sagt das?« »Er.« »Und wem hat er es gesagt?« »Mir und seiner Tänzerin.« Der Jude that abermals vor Angst einen Luftsprung und schrie: »Solch eine Dummheit! Welch eine Schlechtigkeit! Meine schönsten Geheimnisse auszuplaudern!« »Sie sehen, daß man selbst seinen besten Freunden nicht mehr trauen darf.« »Hat er es Ihnen wirklich gesagt?« »Mir und der Valeska.« »Und es Ihnen auch beschrieben?« »Mir nicht, aber ihr.« »Ihr, ihr! Dieser Tänzerin hat er Alles mitgetheilt. Alles! Welch ein schlechter Kerl!« »Sie sehen also, wie nahe Ihnen der Verrath steht. Jeden Augenblick kann die Polizei kommen und Ihnen die Kostbarkeiten abnehmen.« »Gott, Gott! Was ist zu thun? Was ist zu thun?« Er rannte wie besessen hin und her. »Werd ich müssen mir suchen ein ander Versteck!« rief er endlich aus. »Haben Sie denn ein anderes?« »Nein. Weiß ich doch gar nicht, wo ich sicher verbergen kann die Sachen.« »Ich will Ihnen einen guten Rath geben.« »Welchen denn?« »Verkaufen Sie die Sachen.« »Verkaufen? Das geht nicht.« »Warum nicht?« »Weil ich nur würde verkaufen für guten Preis und gegen baares Geld.« »Natürlich!« »Und da find ich nicht einen Käufer. Wer hat so viel baares Geld, daß er kann bezahlen die so großen Kostbarkeiten!« Aus diesen Worten war zu schließen, daß der nach und nach zusammengehäufte Raub ein ganz bedeutender sein müsse. »Vielleicht findet sich doch ein solcher Mann.« »So schnell nicht. Ich müßte ja verkaufen sofort, sofort! Und es giebt ja in ganz Triest keinen passenden Käufer.« »Muß es denn ein Triester sein?« »Weil es kein Fremder sein kann. Ehe ein solcher kommen könnte, hätte man mir Alles genommen.« »Wenn nun so ein Fremder bereits hier wäre?« »Wo denn?« »Im Hotel.« Da stellte sich der Jude breit vor Sepp hin und sagte: »Herr Sie haben einen Gedanken, eine Absicht!« »Allerdings.« »Welche denn?« »Ich habe einen guten Käufer mitgebracht.« »Sie? Einen Käufer? Ists möglich?« »Es ist sogar wirklich.« »Wie sind Sie gekommen auf diese Idee?« »Weil der Baron von Stubbenau mir von den Kostbarkeiten erzählte und ich nachher als ganz sicher annahm, daß Sie verrathen würden, glaubte ich, Sie würden mir eine kleine Provision zahlen, wenn ich Ihnen dieses Vermögen rette.« »Provision! O weih! Wer wird zahlen heut zu Tage noch eine Provision.« »Also nicht?« »Nein.« »Gut! So lassen Sie sich die Sachen von der Polizei confisciren!« Er wendete sich ab. Der Jude aber ergriff ihn am Arme und fragte voller Angst: »Sie hätten wirklich einen Käufer?« »Ja.« »Wo logirt er?« »Das werden Sie später erfahren.« »Wie heißt er?« »Auch das sage ich Ihnen dann?« »Ich muß es aber doch wissen!« »Jetzt noch nicht.« »O doch!« »Nein. Ich durchschaue Sie. Sie wollen mit ihm verhandeln ohne mich, damit Sie keine Provision zu zahlen brauchen.« »Gott der Gerechte! Was denken Sie!« »Ich denke das Richtige. Aber ich will nicht umsonst nach Triest gereist sein.« »Was ist denn der Mann?« »Juwelier.« »Und reich?« »Er hat so viel baares Geld bei sich, daß er Sie zehnmal auskaufen kann.« »Da müßte er haben Millionen.« »Sein Credit ist ungeheuer.« »Und ist er sicher? Kann ich gewiß sein, daß er mich nicht wird verrathen.« »Er ist die Verschwiegenheit selbst und hat schon oft ähnliche Geschäfte gemacht.« »So sagen Sie, wie hoch ist die Provision, welche Sie wollen haben von mir?« »Wieviel geben Sie?« »Werd ich geben ein Zehntel Procent.« »Sie sind verrückt!« »Ists nicht genug?« »Nein.« »Gott meiner Väter! Wollen Sie mir setzen die Daumschrauben an meine alten Finger!« »Sie haben selbst gesagt, daß Sie fünfzig Gulden zahlen für einen Stein, welcher tausend kostet. Das sind zweitausend Procent Verdienst für Sie. Und mir bieten Sie ein lumpiges Zehntel? Schämen Sie sich!« »So sagen Sie selbst, was Sie wollen haben!« »Ich könnte fünf oder gar zehn Procent fordern, aber ich thue es nicht. Ich begnüge mich an einem bescheidenen Antheil – ein Prozent.« »Ein ganzes Procent!« schrie der Jude. »Ja.« »Sind Sie bei Sinnen?« »Schweigen Sie! Sie sind ja ein ganz jammervoller Kerl! Sind Sie denn gar so dumm?« »Dumm? Wie soll ich sein dumm?« »Sagen Sie sich denn nicht, daß Sie mir gar keine Provision zu geben brauchen?« »Wer wird sie geben als nur ich?« »Der Käufer. Sie schlagen sie zum Preise.« »Ich weiß wohl, daß man das macht. Aber der Käufer wird auch nicht mehr geben, als wie er ohne Provision geben würde.« »Da lassen Sie mir mich sorgen!« »Sie wollen stehen auf meiner Seite?« »Ja.« »Gut! In diesem Falle werde ich geben das ganze Procent. Schlagen Sie ein.« »Hier ist meine Hand.« Sie schüttelten einander die Hände und dann fragte Baruch Abraham: »Wann werden Sie mir bringen den Mann?« »Wann Sie wollen.« »So bringen Sie ihn – ja, wann paßt es denn?« »Je schneller, desto besser. Vielleicht kann er noch heute Nacht kommen?« »Nein. Nicht in der Nacht, aber gleich wenn es Morgen geworden ist.« »Soll geschehen.« »Schön, so ist die Sache also abgemacht?« »Nein, noch nicht.« »Noch nicht? Wieso?« »Ich weiß doch noch gar nicht, ob ich ihm Ihre Diamanten empfehlen kann.« »Das können Sie.« »So sagt ein jeder Verkäufer.« »Aber es ist wahr.« »Möglich! Aber wenn ich wirklich für Sie eintreten soll, muß ich Gewißheit haben.« »Mein Wort ist genug!« »O nein.« »Sie trauen mir nicht?« »Ich traue Ihnen. Aber habe ich mich nicht auch Ihnen gegenüber legitimiren müssen?« »Das war etwas Anderes.« »Gar nichts Anderes. Noch weiß ich gar nicht gewiß, ob Sie auch Diamanten besitzen.« »Ich sage es ja!« »Das gilt nichts.« »Der Baron hat es Ihnen erzählt!« »Auch das gilt nichts. Sie können sie indessen verkauft haben. Und wenn Sie wirklich welche haben, so weiß Gott, welch Zeug es ist.« »Es sind prachtvolle Steine.« »Sehen müßte ich sie.« »Sehen?« rief der Jude erschrocken. »Natürlich!« »Das geht nicht an.« »Warum nicht?« »Weil – weil – ich kann sie nicht zeigen.« »Sie müssen sie doch dem Käufer zeigen!« »Das ist etwas ganz Anderes!« »Nein. Ich soll den Unterhändler machen; also muß ich auch sehen, was ich empfehle.« »Nein. Sie können nicht verlangen, daß ich Ihnen meine großen Schätze zeige!« »Nun gut! So sehen wir von dem ganzen Geschäft lieber ab. Gute Nacht!« Er griff wieder zu seinem Hute. »Halt! Nehmen Sie Verstand an!« »Den habe ich bereits. Wollen Sie?« »Es ist unmöglich.« »So verkaufen Sie Ihre Sachen an die Polizei! Da brauchen Sie keinen Unterhändler.« Er schritt nach der Thür. »Gott der Gerechte! So warten Sie doch!« »Wozu?« »Sind Sie ein schlimmer Mensch! Ich kann Ihnen doch nicht zeigen mein Versteck!« »Das will ich ja gar nicht sehen.« »Und doch!« »Nein, nicht das Versteck, sondern die Diamanten.« »Das Eine können Sie doch nicht sehen ohne das Andere.« »Warum nicht? Nehmen Sie sie heraus!« »Sie stehen doch dabei.« »So thun Sie mich einstweilen fort!« Das leuchtete dem Juden ein. »Hm!« brummte er. »Wenn ich nur wirklich wüßte, ob der Mann wird kaufen!« »Wenn Sie preiswerthe Sachen haben, kauft er ganz gewiß.« »Hm! Hm! Und Sie werden nie Etwas verrathen?« »Im ganzen Leben nicht.« »Gut, so werde ich Ihnen zeigen die Sachen.« »Endlich! So bereitwillig konnten Sie gleich erst sein; dann hätten wir nicht so viel Zeit eingebüßt.« »Wir haben auch jetzt noch Zeit. Aber wie mache ich diese Sache? Hm, hm! Fürchten Sie sich?« »Vor wem denn?« »Des Nachts, wenn wir im Finstern sind?« »Fällt mir nicht ein!« »So werden Sie haben die Güte, einstweilen zu gehen hinaus in den Hof.« »Sehr gern.« »Ich werde Ihnen geben einen Stuhl, damit Sie können sich bequem setzen.« »Sehr freundlich!« »Sie werden aber sich verhalten sehr ruhig!« »Ja. Ich werde weder singen noch pfeifen.« »So kommen Sie!« Er nahm denselbigen Schlüssel vom Nagel, den der Sepp vorher hingehängt hatte, und öffnete die Thür. Dann warf er eine Menge altes Zeug von einem Stuhle herab, trug denselben hinaus in den Hof und sagte: »Hier können Sie sitzen, bis ich Sie werd lassen wieder herein zu mir.« Der Sepp setzte sich willig nieder. Der Jude kehrte in die Niederlage zurück und schloß die Thür hinter sich zu, um ja nicht von ihm überrascht werden zu können. Im Nu war der Alte beim Laden. Er bemerkte eine Stelle, durch welche das Licht fiel. Es war ein Astloch. »Sakkerment!« brummte er vergnügt. »Da kann ich das ganze Loch überblicken. Wie dumm so ein Jud doch ist! Nun mag er sein Versteck aufmachen!« Er konnte wirklich durch das Loch den ganzen Raum übersehen. Er paßte also auf. Baruch Abraham ergriff eine alte Holzstellage, welche voller verkäuflicher Kleider hing und dicht an der Wand stand, und schob sie fort. Hinter ihr kam die nackte Mauer zum Vorscheine. »Sollte dort eine Thür sein?« fragte sich Sepp. Aber es war keine Spur von einer solchen zu sehen. Das Einzige, was man erblickte, war ein großer, eiserner Haken, zum Aufhängen von Gegenständen in die Wand geschlagen, wie es schien. Aber er hatte doch einen andern Zweck, wie sich sogleich zeigte. Der Jude ergriff den gebogenen Haken und drehte. Sofort öffnete sich die Mauer. Es kam eine Thür zum Vorscheine. Dieselbe bestand jenenfalls aus Holz und war so mit Lehm und Kalk bestrichen, daß man sie von ihrer Umgebung gar nicht unterscheiden konnte. Nun brachte der Jude aus dem hinter dieser Thür befindlichen Raume allerhand Gegenstände zum Vorschein – Kisten, Schachteln und ähnliche Behältnisse, welche er in die Mitte des Gewölbes stellte. Dann machte er die Thür wieder zu und schob die Kleiderstellage an ihren Ort zurück. »Jetzund wird er mich holen,« dachte Sepp. Aber er irrte sich abermals. Der Jude setzte sich auf den bereits erwähnten Papierballen und blieb da eine ganze Weile ruhig sitzen. »Ah, jetzt weiß ich schon, warum!« brummte Sepp. »Ich soll denken, er hat die Sachen weit her geholt. Ich soll nicht auf den Gedanken kommen, daß sie so nah gewest sind. Na, meinswegen!« Er kehrte auf seinen Stuhl zurück und wartete. Erst nach einiger Zeit öffnete der Jude die Thür. »Kommen Sie herein!« sagte er. »Es hat sehr lange gedauert.« »Ich mußte die Sachen erst vom Boden herabholen.« »Das hab ich mir gedacht.« »Nun sollen Sie Alles sehen.« Er öffnete die sämmtlichen Behältnisse, und der erstaunte Alte erblickte nun einen wahren Reichthum von goldenen und silbernen Gefäßen und kostbaren Schmucksachen. Er war wie geblendet. »Nun?« fragte der Jude, dessen Augen glühten wie die Diamanten vor ihm. »Herrlich!« »Nicht wahr? Können Sie das empfehlen?« »Versteht sich, versteht sich!« »Und Sie sind gestellt zufrieden?« »Vollständig. Wie viele Diebe haben das zusammengestohlen?« »Nur einer.« »Der Baron?« »Ja.« »Donnerwetter! Daß er gar so ein Hauptkerl sei, habe ich doch nicht gedacht.« »O, er ist Millionen werth. Warum soll ich mich da noch mit Andern abgeben!« »Freilich. Je mehr Diebe, desto gefährlicher ist es für den Hehler.« »Da haben Sie Recht. Darum hab ich stets nur auf den Baron gehalten.« »Wollen Sie nur die Geschmeidestücke verkaufen oder Alles?« »Alles natürlich.« »Für wieviel?« »Taxiren Sie?« »Fünfzigtausend Gulden.« Da lachte der Jude laut auf, zog ein Armband aus einem Etui, ließ die Diamanten im Lichte der Lampe spielen und sagte: »So viel ist dies allein werth.« »Ja, für den Kenner!« »Der Herr wird wohl Kenner sein!« »Gewiß. Aber dem Hehler zahlt man nicht so viel.« »Das weiß ich. Man pflegt ihm den dritten Theil des Werthes zu geben.« »Also siebzehntausend?« »Ja.« »Und wieviel haben Sie gegeben!« »Zehntausend.« »Lügner!« »Bei Gott!« betheuerte der Jude. »Zehntausend. Lächerlich! Wenn Sie fünfhundert Gulden gegeben haben, ist es viel.« »Glauben Sie es oder nicht, das ist egal. Was ich gegeben habe, das kommt nicht in Betracht. Hier handelt es sich nur darum, was ich verlange.« »Nun gut, so will ich nach der Gesammtsumme nicht fragen. Das ist Sache des Käufers.« »Gewiß. Bringen Sie ihn, und sagen Sie ihm aber, daß ich nur gegen bares Geld verkaufe.« »Ganz recht.« »So sind wir also fertig?« »Mit dieser Angelegenheit, ja.« »Giebt es noch eine andere?« »Ja, wie ich Ihnen bereits sagte. Brauchen Sie wieder Mädchens?« »Ja. Wie viel haben Sie?« »Gegen vierzig.« »Ah! Wenn sie hier wären!« »Sie können ja schnell kommen.« »Sie kommen doch zu spät.« »Warum?« »Weil das Schiff fort ist.« Sepp wußte gar wohl, daß dies eine Lüge war. Er ersah aus dieser Antwort, daß der Jude ihm doch nicht recht traute. »Das ist schade!« »Ja. Jetzt kann ich sie also nicht gebrauchen.« »Aber Sie haben sie bestellt!« »Das ist wahr, doch sind sie nicht gekommen. Hier kann ich sie nicht aufheben. Sie müssen in Wien bleiben.« »Das geht nicht an.« »Warum nicht?« »Es ist zu gefährlich. Wo bewahrt man vierzig Mädchen auf, ohne daß die Wiener Polizei sie entdeckt?« »So geben Sie sie frei.« »Dann verrathen sie Alles und das schöne Geld ist verloren.« »Das ist freilich wahr; aber ich kann Ihnen leider nicht helfen.« »O, Sie könnten helfen.« »Unmöglich!« »Wenn Sie nur wollten!« »Nein, beim besten Willen nicht.« »Sie könnten sie hier eher unterbringen als wie in dem gefährlichen Wien.« »Wo denn?« »In der Höhle.« »Donnerwetter! Was wissen Sie von der Höhle?« »Der Baron sprach davon.« »Hat er sie Ihnen beschrieben?« »Nein.« »Das könnte ich ihm auch nicht vergeben.« »Oho! Halten Sie mich für einen Verräther?« »Nein; aber es giebt Sachen, von welchen, man nur zu sich selbst spricht.« »Ich sehe, daß wir nicht zusammenpassen.« »O doch! Wir müssen uns nur erst länger kennen.« »Hole Sie der Teufel! Haben Sie die Absicht, den Mädchenhandel fortzuführen?« »Wenn ich jetzt gut davonkomme, ja.« »Aber der Baron kann Ihnen keine mehr liefern.« »Ich finde andere Lieferanten.« »Zum Beispiel mich!« »Schön!« »Sind Sie bereit, zu mir in eine solche Beziehung zu treten?« »Ganz gern.« »So müssen Sie auch Vertrauen fassen!« »Das werde ich.« »Warum wollen Sie mir also verschweigen, wo die Höhle ist?« »Bringen Sie mir erst eine Ladung junger Mädchens; dann sollen Sie sie sehen.« »Diese Ladung steht ja bereit.« »Jetzt brauche ich sie nicht.« »Sakkerment! Haben Sie einen harten Kopf. Ich könnte mich darüber ärgern.« »Das ist kein Grund zum Aerger.« »Ganz gewiß ist's einer. Aber ich will mich beruhigen. Sind wirklich die zuletzt angekommenen Mädchens bereits auf der See?« »Ja.« »Schade, jammerschade!« »Warum?« »Weil ich eins dieser Mädchen gern zurückhaben wollte.« »Es wird niemals Eine zurückgegeben.« »Auch wenn sie gut bezahlt wird?« »Ja, dann vielleicht.« »Nun, ich hätte gut bezahlt.« »So! Welche war es denn?« »Ich weiß nicht, ob Sie sich der Namen besinnen können.« »Ich kenne jeden Namen.« »Ist Ihnen der Name Kellermann bekannt?« »Ja.« »Auch das Mädchen?« »Sogar sehr genau. Ihr Vorname war Paula.« »Das stimmt.« »Sie war eine Müllerstochter?« »Auch das ist richtig.« »Was ist mit ihr?« »Ihre Anverwandten trauern um sie.« »Das geht mich nichts an.« »Sie würden gern zweihundert Gulden zahlen.« »Und wenn Sie Tausend bieten, so ist's vergeblich. Sie ist fort.« »O weh! So war auch das umsonst. Aber ich will dennoch als Freund an Ihnen handeln und Sie warnen.« »Vor wem?« »Vor der Polizei.« »Das thaten Sie schon.« »Aber aus einem anderen Grunde.« »So? Giebt's noch einen andern?« »Gewiß. Es ist ein Maler hier, ein gewisser – gewisser – hm, Ventevaglio.« »Donnerwetter!« rief der Jude. »Kennen Sie ihn?« »Nein.« »Sie erschraken doch!« »O gewiß nicht.« »So täuschte ich mich. Dieser Maler hat Petro, seinen Lieblingsschüler mit.« »Was gehen mich diese Kerls an! Ich kenne sie ja gar nicht.« »Sie suchen ein Mädchen. Namens Anita.« »Mögen Sie sie finden!« »Sie wollen sie finden und zwar hier bei Ihnen.« »Hole sie der Teufel!« »Sie umschleichen Ihr Haus.« »Woher wissen Sie das?« »Ich erfuhr es.« »Von wem denn?« »Von ihnen. Ich traf sie in der Restauration.« »Und haben mit Ihnen gesprochen?« »Ja. Sie erzählten mir, daß diese Anita ihnen entflohen sei.« »Was geht das mich an?« »Sie sollen das Mädchen bei sich haben.« »Das ist eine Lüge.« »Hm! Man sagt es aber und darum wollten die beiden Maler morgen bei Ihnen aussuchen lassen.« »Man mag kommen.« »So ist diese Anita also auch schon auf der See?« »Nein. Ich kenne sie gar nicht.« »Sakkerment, ist Ihr Kopf hart! Man hat sie doch bei Ihnen im Hofe gesehen!« »Das ist nicht wahr. Die Mauer ist hoch.« »Aber das Schlüsselloch in der Pforte ist tief.« »Gerechter Abraham! Kann man denn da hindurchblicken?« »Natürlich!« »Und wer hat hindurchgeschaut?« »Die beiden Maler. Sie haben das Mädchen auf dem Söller stehen sehen.« »Unmöglich!« »Pah! Ich sage es Ihnen ja.« »Sie haben sich geirrt!« »Der Maler wird doch seine Nichte kennen!« »Es ist aber doch nicht wahr!« »O, sie wissen sogar, daß sie Prügel bekommt, weil sie Ihnen widerstrebt.« »Das ist eine gewaltige Lüge!« »Gut für Sie, wenn es so ist. Das Mädchen soll da oben stecken, links vom Söllereingang.« Der Jude begann zu husten. »Ich sage Ihnen, Herr, daß dies ein Roman ist, den man sich hat ausgesonnen.« »Das will ich wünschen um Ihretwillen. Halten Sie das Mädchen fest, wenn sie bei Ihnen ist. Man will sie haben. Und nun sind wir endlich fertig.« »Gute Nacht, Herr!« Sie gaben sich die Hand und dann ließ der Jude den Sepp hinaus auf die Gasse. »Dich hab' ich halt fest, alter Spitzbub!« sagte der Sepp für sich hin, als er in das Seitengäßchen einbog. »Dir werd' ich die Diamanten abkaufen!« An dem betreffenden Gartenzaune angekommen, ließ er ein halblautes »Pst!« hören und sogleich kamen die beiden jungen Freunde mit Anita herbei. »Bist lange gewesen, sehr lange!« sagte Max. »Hab' nicht dafür könnt. Es ist nicht möglich gewest, eher fertig zu werden. Wie steht's denn mit dem guten Dirndl? Hat's die Kleidern an'than?« »Ja. Treten Sie näher, Fräulein! Hier ist unser lieber Freund, welcher uns bei Ihrer Befreiung unterstützt hat und Sie nun unter seinem Schutz halten will!« Sie hielt dem Sepp ihre Hand entgegen und wollte in einen Dankeserguß ausbrechen. Der Alte aber fiel ihr, indem er ihr die Hand herzlich schüttelte, in die Rede: »Seien's still, liebes Kind. Sie haben für gar nix zu danken. Wann's ein klein Wenig freundlich zu mir sind, so bin ich belohnt genug. Kennen's denn auch bereits meinen Namen?« »Wir haben noch nicht von ihm gesprochen.« »Das ist gut. Ich bin nämlich dera Hauptmann Josef von Brendel aus München in Bayern und Sie sind meine Enkeltöchtern, wann Jemand Sie fragen sollt.« »Herr Hauptmann, Sie sind –« »Pst! Nicht so! Sie haben nur Großvater zu mir zu sagen und wann's gar nobel sein wollen, so sagen's Großpapa, auch wann wir allein mit n'ander sind. Wollen's?« »Wie gern!« »Und auch Du mußt' mich nennen, nicht Sie. Wollen's doch gleich 'mal versuchen. Sag' mal, Anita, willst' mich alten Kerlen ein Bisle lieb haben?« »Ich habe Dich schon jetzt lieb, Großpapa!« »Herrlich! So hat dera alte Knaxer auf einmal gar eine lieb' gute Enkelin erhalten. Sollst's gut haben bei mir. Jetzt gieb mir Dein Patscherl! Ich werd Dich führen. Die Buben mögen hinterher kommen.« Er ergriff ihre Hand und führte sie fort. Als sie eine größere Straße erreichten, in welcher Lampen brannten, überflog er ihre Gestalt mit prüfendem Blicke. »Die Kleider passen gut,« sagte er befriedigt. »Jetzund werden's im Hotel keine Ahnung haben, daß meine Enkelin einem Juden ausgerissen ist. Aberst so dürfen wir nicht kommen, sondern wir müssen's vornehmer machen.« Er schritt auf einen an der Ecke haltenden Fiaker zu und stieg ein, mit ihm natürlich die andern Drei. Als sie dann am Hotel vorfuhren, waren die Fenster desselben erleuchtet. Der Portier kam herbeigesprungen, um beim Aussteigen behilflich zu sein. Die vier Leute begaben sich nach Sepps Zimmer, an welches dasjenige Anita's stieß. An beide stießen Schlafkabinets. Er zeigte dem Mädchen die auf dem Tische noch eingepackt liegenden Kleidungs- und Wäschestücke und erklärte: »Da hast' noch, wast' weiter brauchst. Wann ich jetzt wieder fort bin, kannst' Dich anziehen. Aberst' nun möcht' ich auch gern 'mal Dein Gesichtle sehen. Willst's Deinem Großvater zeigen?« Sie nahm den Schleier ab. Er sah ihr schönes, vor Verlegenheit erglühendes Gesicht und sagte: »Sapperment, hab' ich eine hübsche Enkelin! Da kann ich. sein stolz sein. Na, grüß Dich Gott, lieb's Dirndl. Wollen gute Freundschaft halten. Nicht wahr?« »Ja,« hauchte sie, indem er sie leise an sich zog und sie auf die Stirn küßte. Sie fühlte, daß sie den alten Mann schon jetzt so lieb habe, als ob er wirklich ihr Verwandter sei. Da er vom Fortgehen gesprochen hatte, fragte Max: »Du sagst, daß't nicht dableiben willst. Ist's wahr?« »Ja. Und Du sollst mit.« »Wohin?« »Auf eine Entdeckungsreise. Ich werd's Dir unterwegs erzählen.« »Also soll Anita allein hier sein?« »Nein, Johannes bleibt bei ihr, bis wir wiederkommen. Ich denk', da wird ihnen die Zeit nicht lang werden. Wann Anita den Regenmantel ablegt und das Kleid an'zogen hat, mag er ein Nachtmahl für sich und sie herauf in's Zimmer bestellen. Um welche Zeit wir wiederkommen, daß weiß ich nicht, aber vor Morgens jedenfalls.« »Und so lange soll ich hier warten?« fragte Hanns. »Ja. Thust's etwan nicht gern?« »Zu gern,« antwortete er, indem seine Augen glücklich aufleuchteten. »Kann mir's denken. Aber weißt, was für ein Vertrauen es ist, daß ich Dich mit meinem Töchterle so allein laß', in dera Stuben und bei Nacht! Ich hoff', daßt ein braver Kavalier sein wirst!« »Sepp!« »Schon gut. Ich thät gern noch ein Wengerl dableiben, aberst es giebt keine Zeit dazu. Gehabt Euch also wohl!« Er verabschiedete sich ebenso wie der ihn begleitende Max mit freundlichen Händedrücken von den beiden jungen Leuten. Unten im Flur trat er in die Loge des Portiers. »Können Sie mir sofort eine Depesche besorgen?« fragte er. »Augenblicklich, Herr Hauptmann.« Der Portier legte ihm ein Formular vor und der Sepp füllte es aus. Es war an den Fex nach Wien, im Hause der Frau Salzmann, adressirt und lautete: »Komm schleunigst mit dem Eilzuge 3 Uhr 30 Minuten nach Triest, Hotel Europa. Mußt unbedingt die Silbermartha mitbringen. Erwarte Euch ganz gewiß! Hauptmann Josef von Brendel.« Nachdem er diese Depesche zur schleunigen Besorgung übergeben hatte, entfernte er sich mit Max, welcher von dem Inhalte des Telegramms keine Ahnung hatte. Droben aber standen Johannes und Anita einander gegenüber und blickten sich in die Augen. »Jetzt nun erst können wir sagen, daß es gelungen ist,« meinte er. »Sie sind in Sicherheit, liebe Anita.« »Ist das wahr?« »Ja.« »Aber Baruch Abraham wird nach mir forschen lassen. Wenn ich nun hier entdeckt werde.« »Niemand wird Sie entdecken, und selbst wenn dies der Fall wäre, genügt der Schutz unseres alten Freundes vollständig.« »Er ist ein lieber, guter Herr.« »Ja, das ist er, ganz gewiß.« »Aber es ist doch eigenthümlich, daß Sie ihn Sepp nennen und daß er so –« »Lassen wir das jetzt,« fiel er ihr in die Rede. »Sie werden sich bald klar darüber werden. Jetzt ist die Hauptsache, daß Sie sich einkleiden. Sehen Sie sich die Sachen an!« Er öffnete das Packet. Anita war ganz entzückt von dem Inhalte desselben. »Aber das kostet doch viel, viel Geld!« sagte sie, die Händchen zusammenschlagend. »Wer hat das bezahlt?« »Der Hauptmann.« »Wie soll ich ihm das wieder erstatten?« »Darüber sprechen wir später. Gehen Sie jetzt damit in Ihr Zimmer und legen sie das Notwendige an. Sie können nicht im Regenmantel da sein, wenn der Kellner zum Serviren kommt. Ich gehe, das Nachtmahl für uns zu bestellen.« »Aber ich habe keinen Hunger!« lächelte sie. »Ich auch nicht,« stimmte er lustig ein. »Aber der Hauptmann will es einmal so und da müssen wir ihm gehorchen. Er duldet keinen Ungehorsam.« Er verließ das Zimmer. Als er es dann wieder betrat, war es leer; aber er hörte, daß Anita sich in dem ihrigen befand. Nach einiger Zeit öffnete sie ihre Thür ein Wenig und fragte: »Darf ich kommen?« »Ja, bitte!« Als sie nun langsam hereintrat, glich ihr Gesicht demjenigen eines glücklichen Kindes, welches zu Weihnachten der Gespielin die empfangenen Gaben zeigt. Sie hatte noch niemals eine gute Kleidung getragen und kam sich als ein ganz anderes, viel höheres Wesen vor. Sie blickte Johannes verlegen in die Augen, um zu sehen, was für ein Urtheil er über sie fälle. »Anita,« sagte er, die Hände zusammenschlagend. »Es ist ja eine förmliche und wirkliche Dame aus Ihnen geworden!« »Ist's wahr?« »Ja. Sie sehen vornehm aus, sehr vornehm und elegant.« Sie machte einige kleine Schwenkungen vor dem Spiegel und sagte dann: »Aber vornehm will ich nicht aussehen.« »Warum nicht?« »Weil ich nicht weiß, ob Ihnen das gefällt. Lieber möchte ich – möchte ich –« Sie hielt erröthend inne. »Was möchten Sie? Sagen Sie es.« »Ich kann nicht.« »O, ich weiß es. Sie möchten viel lieber hübsch sein als vornehm. Nicht?« Sie nickte ihm mit strahlendem Gesichte zu. »Nun, da haben Sie keine Sorge. Sie sind hübsch, außerordentlich hübsch.« »Also gefalle ich Ihnen?« »Und wie sehr!« »Das ist die Hauptsache. Da bin ich befriedigt. Darf ich mich setzen?« »Natürlich.« »Wohin? Ich bin noch niemals in so einem feinen Zimmer gewesen.« »Auf das Sopha natürlich. Der Dame gehört stets der allerbeste Platz.« Es war nun wirklich nett, zu sehen, wie sie sich bemühte, sich beim Niedersetzen den Anstrich einer vornehmen Dame zu geben. Hanns bemerkte es mit heimlichem Entzücken. Dieses Mädchen besaß eine natürliche Anmuth und eine geistige Begabung, welche für die Zukunft die besten Aussichten ließ. »So! Sitze ich recht?« fragte sie. »Vortrefflich. Wenn der Kellner kommt, wird er meinen, Sie seien in einer feinen Pension erzogen worden.« »Mein Gott! Meine Pension bestand in einem leeren Ziegenstalle, in welchem ich schlafen mußte, in trockenem Brode und in Schlägen, welche ich so oft bekam.« »Arme Anita!« »Ja, arm war ich, sehr arm.« »Ihr Vater war todt und die Mutter lebte wohl auch nicht mehr?« »Sie war bereits bei meiner Geburt gestorben. Mein Vater hatte kein Auge für mich. Er liebte nur die Kunst. Der Oheim sollte mich erziehen, aber diese Erziehung bestand nur in Grausamkeit und Schlägen. Und als Vater dann auch starb, wurde es noch viel trauriger.« »War Ihr Vater sehr arm?« »Er verdiente viel Geld, aber er lebte so, als ob er gar nichts besitze.« »Und wo ist sein Geld hingekommen?« »Der Oheim hat es genommen.« »Er soll es wieder herausgeben.« »Kann man ihn dazu zwingen?« »Gewiß.« »Er wird nicht viel mehr haben und was er noch davon besitzt, sollte Petro bekommen, wenn ich seine Frau würde.« »Ein schöner Plan! Diesen Lieblingsschüler Petro sollten Sie lieben können? Unmöglich!« »Lieblingsschüler?« fragte sie erstaunt. »Ist er Ihnen denn bekannt?« »Ja, wir haben heut mit ihm gesprochen.« »Heut? Etwa hier in Triest.« »Ja. Die Beiden sind da, um Sie zu suchen.« »Heilige Madonna! Welch ein Schreck!« »Sie brauchen nicht zu erschrecken.« »O doch! Wenn sie nun hierher kommen!« »Das fällt ihnen gar nicht ein. In so ein feines Hotel getrauen sie sich gar nicht.« »Aber wenn sie dennoch kämen!« »So würde der Hauptmann ihnen schön heimleuchten. Darauf können Sie sich verlassen.« »Es ist mir entsetzlich angst!« »Beruhigen Sie sich! Es wird Ihnen kein Mensch ein Haar krümmen dürfen.« »Verlassen Sie mich nicht, Johannes! Gehen Sie ja nicht fort von mir!« »Ich bleibe bei Ihnen. Sie werden mit uns reisen und später bei meinen Eltern wohnen.« »Wirklich, wirklich? Ists wahr?« »Gewiß. Ich verspreche es Ihnen, und ich halte mein Wort.« »Ihre Eltern wohnen in Deutschland?« »Ja, in Bayern. Sie haben eine Mühle und sind gar liebe und brave Leute.« »Das glaube ich so gern, so gern. Und Sie sind also ein Künstler?« »Ein Maler wie Ihr Vater.« »Wie schön das ist! Und Ihr Freund?« »Der ist gar ein Dichter. Sie sehen also, daß Sie sich bei passablen Leuten befinden. Es darf Ihnen um Ihre Zukunft gar nicht bange sein.« »O, wenn ich nur nicht zu dem Juden oder zum Oheim zurück muß, so bin ich zufrieden. Und wenn ich gar mit Ihnen nach Deutschland darf, so ist mein Glück gar vollständig.« »Vielleicht suche ich Ihren Oheim auf.« »O nein! Thun Sie das nicht!« »Warum nicht?« »Er würde mich zurückverlangen.« »Wir würden ihn auslachen. Er hat alle Ihre Papiere, deren Sie später bedürfen. Er muß sie herausgeben. Aber ich will Sie nicht beängstigen. Der Hauptmann soll bestimmen, was wir thun werden.« Jetzt kam der Kellner, um zu decken. Anita verhielt sich schweigsam dabei. Sie war bemüht, keinen Fehler zu machen. Da Hanns sich allein mit ihr befand, so fragte er in richtigem Taktgefühle: »Wie lange ist des Nachts Ihr Thor geöffnet? Mein Onkel, der Hauptmann, wird wohl spät zurückkehren.« »Wir haben die ganze Nacht hindurch offen, da immerfort Züge kommen.« Jetzt mußte der Kellner denken, daß die Beiden nahe verwandt seien. Ihrem Beisammensein war also jede üble Deutung genommen. Dann saßen sie einander gegenüber, um zu essen. Anita beobachtete jede Bewegung ihres Freundes, um es ihm gleich zu thun und ja keinen Verstoß zu begehen. Und nach Tische, als abgeräumt worden war, gab es so sehr viel zu erzählen, daß ihnen die Zeit wie im Fluge entschwand. Dabei war keineswegs die Rede von Liebe oder Aehnlichen. Diese zwei jungen Seelen waren so rein und unbefangen, daß sie gar nicht an die Ausdrücke ihrer Empfindungen dachten. Daß sie sich lieb hatten, das wußten sie, das sahen sie. Die leuchtenden Augen verriethen es. Es zu sagen, das war unnöthig. So verging die Zeit, ohne daß es ihnen einfiel, sich nach der Rückkehr des Sepp zu sehnen. Dieser hatte mit Max die Richtung nach der Gegend eingeschlagen, in welcher der Jude wohnte. »Wem hast denn eigentlich depeschirt?« fragte Max, um die Stille zu unterbrechen. »Einer guten Freundin von Dir.« »Wohl in dera Heimath?« »Ja, in Hohenwald.« »Wer könnt das sein?« »Erräthst es nicht?« »Nein.« »So will ichs Dir sagen. Die Depesche geht zur alten Barbara beim Müllerhelm.« »Was hast denn der zu telegraphiren?« »Kannst Dich noch an den alten Esel erinnern, der in dera Mühlen war?« »Ja; er hieß Peter.« »Richtig! Da hab ich der Barbara telegraphirt, sie soll den Peter fragen, wie seine erste Frau geheißen hat.« »Sepp, Dich frag ich nicht wieder!« »Daran thust halt sehr klug. Man soll sich nicht um Dinge bekümmern, welche Einem nix angehen.« »Ich hab denkt, es betrifft den Juden.« »Da hast nicht schlecht gerathen. Erfahren wirsts morgen auch zeitig genug!« »Und wo führst Du mich jetzt hin?« »Auch zum Juden.« »Was willst denn dort?« »Das werd ich Dir schon sagen. Hast Dir den Kerl anschaut, zu dem sich dera Jud in der Weinstub setzen that?« »Ja.« »Wie gefällt er Dir?« »Er sah aus wie ein Strolch.« »Das ist er auch. Er ist dera Verbündete von Baruch Abraham.« »Hab mir so was denkt.« »Er kommt jetzt um zwei Uhr mit seinem Bruder, um die Dirndler abzuholen und nach dera Höhlen zu bringen, von welcher Anita zu Hanns geredet hat.« Er erzählte nun das Gespräch, welches er belauscht hatte. Als er damit fertig war, erkundigte sich Max: »Und da willst die Brüder Petruccio hier ablauern?« »Ja.« »Warum denn?« »Weil ich wissen muß, wo die Höhlen liegt.« »Das geht Dich doch gar nix an.« »Oho!« »Dich? Was hast denn für eine Interessen bei dieser Angelegenheit?« »Eine sehr große. Auch wenn alle die Dirndln, welche nach Amerika verkauft werden sollen, mir fremd wären, so würde es doch meine Pflicht sein, sie zu retten und den Juden und seine Helfershelfer bestrafen zu lassen. Meinst nicht?« »Ja. Zumal der Capitän ein Franzose ist. Dem muß man einen Strich durch die Rechnung machen.« »Einen sehr dicken Strich sogar!« »Aber wie es scheint hast auch noch einen besonderen Grund, Dich um die Sach zu kümmern?« »Ja. Es ist natürlich ein Dirndl dabei, welches ich kennen thu.« »Eine Deutsche?« »Eine Bayerin sogar.« »Wirklich? Kenn ich sie etwa auch?« »Sehr gut, sehr gut.« »Herrgottle! Wer ists denn?« »Eine Verschollene aus Scheibenbad.« »Etwa dem Fex seine Geliebte?« »Ja.« »Die Paula, die Paula!« »Ganz diejenige ists!« »Welch ein Zufall! Weißts denn gewiß?« »Ich habs schon in Wien wußt, daß sie verkauft worden ist, aber wohin, das konnt ich nicht derfahren. Hier nun hört ich den Juden mit Petruccio von ihr reden.« »So ist sie wohl mit auf dera Insel?« »Freilich.« »Mein Himmel! Und morgen sollen alle diese Mädchens auf das Schiff! So weit dürfen wir es nicht kommen lassen!« »Nein. Darum muß ich unbedingt derfahren, wo sich die Insel befindet.« »Jetzt verstehe ich Dich. Die beiden Italiener kommen jetzt zum Juden, um Anita und die Anderen abzuholen. Sie sollen dieselben nach dera Insel bringen. Wir schleichen ihnen nach.« »Aber bis zur Insel können wir nicht mit!« »So sehen wir wenigstens, wo sie in das Boot steigen und können uns denken, daß sie in dera Nähe liegt. Dann rudern wir am Morgen hin und untersuchen sie.« »Richtig, richtig! Wenn dera Fex wüßt, in welcher Gefahr sich seine Paula befindet.« »Er ahnt nix; aber er soll uns doch helfen, sie zu retten.« »Er ist doch nicht da!« »Aber er kommt.« »Du hast doch sagt, er sei in Wien, und wir würden ihn dort treffen!« »Hast meine Depesch vergessen?« »Ah – die war an ihn?« »Ja. Er wird sie grad noch zur richtigen Zeit erhalten, um mit dem Eilzuge abfahren zu können.« »Der kommt um zehn Uhr hier an. Das ist herrlich! Ich hol ihn am Bahnhofe ab.« »Das magst thun, wannst Zeit dazu hast.« »Sollt ich keine haben?« »Vielleicht hast wegen dera Insel mehr zu thun. Aber wannst ihn abholen kannst, so verschweig ihm nur, daß es sich um die Paula handelt. Er soll überrascht werden.« »Schön! Ich werds also verschweigen.« Er ahnte nicht, daß es auch ihm gegenüber in Beziehung auf die Depesche ein Geheimniß gab, daß diese ihm die verlorene Geliebte herbeiführen solle. Jetzt waren sie in das enge Gäßchen gelangt, an welches die Hofmauer des Juden stieß. »Wo aber uns verstecken?« fragte Max. »Zunächst müssen wir schauen, ob bereits Jemand da ist.« »Es ist noch nicht zwei Uhr.« »Wenn auch. Sodann wissen wir nicht, von welcher Seit die Italiener kommen und nach welcher sie gehen. Und doch müssen wir das genau derfahren. Das ist schwer.« »Da giebts halt nur Eins, was wir thun können.« »Was denn?« »Wir steigen auf die Mauer gegenüber.« »Das wär schon sehr gut; aberst sie ist zu hoch.« »O, da giebts ein Mittel. Weißt, als wir die Anita in den Garten brachten, da hab ich mich in demselbigen umgeschaut und bemerkt, daß eine Leiter an dem Baum lehnte. Die holen wir. Es ist ja gleich daneben.« »Schön! Geh Du nach dem Garten, und ich werd schauen, ob die Luft rein ist.« Sie trennten sich; aber schon bald kam Sepp und meldete, daß der Weg noch frei sei. Das Gäßchen war sehr eng. Der Hofmauer des Juden, durch welche die Pforte mündete, lag eine zweite Mauer gegenüber, welche noch höher als die erstere war. Da hinauf wollten Sepp und Max steigen. Sie schafften die Leiter herbei, lehnten sie an und stiegen hinauf. Dann zogen sie diese empor und ließen sie jenseits so nieder, daß sie selbige erlangen konnten. In dem Gäßchen durfte die Leiter natürlich nicht angelehnt bleiben, weil sie sonst bemerkt worden wäre. Jetzt also befanden sie sich da oben. Sie saßen mit den Gesichtern einander zugekehrt. »Du,« meinte der Sepp, »dieser Platz ist ausgezeichnet. Wann es nicht so finster wär, so könnt man den Hof des Juden ganz überschauen.« »Vielleicht wird nachher eine Latern angebrannt.« »Das war gut. Da könnten wir Alles genau beobachten.« »Aberst auch wir können gesehen werden.« »Wann Jemand da unten an der Pforte des Juden steht und gegen den Himmel schaut, so muß er uns trotz dera Dunkelheit bemerken.« »Da hast Recht. Daran hab ich gar nicht denkt. Wir dürfen nicht sitzen, sondern wir müssen uns legen.« »Lang ausgestreckt und mit den Köpfen gegen einander, damit wir reden können.« »Ja, mach also!« Sie streckten sich lang auf der Mauer aus und warteten nun still ab, was da kommen werde. Max ließ seine Uhr repetiren. Sie gab drei Viertel an. Nach einer Weile stieß der Sepp seinen Kameraden an und flüsterte: »Schau! Da kommt eine Latern!« Die Thür, hinter welcher heut Anita gestanden hatte, als der Jude sie schlug, wurde geöffnet, und es erschien eine Gestalt im Hofe, welche eine Laterne trug. »Kannsts sehen, wer es ist?« fragte Sepp. »Nein. Aber ein Weibsbild ists. Das sieht man am Rock, dens anhat.« »So ists die alte Sarah.« Die beiden Lauscher sahen, daß die Jüdin die Söllertreppe emporstieg, auf dem Söller hinging und dann in dem Eingange verschwand, in welchen die beiden Kammern mündeten, deren eine Anita bewohnt hatte. »Jetzt wirds die Dirndl holen wollen, da bemerkts nun, daß die Anita fort ist.« Er hatte ganz richtig vermuthet, denn keine Minute später erschien die Jüdin wieder außen auf dem Söller, beugte sich über die Brüstung desselben herab und rief: »Baruch! Baruch! Komm, komm schnell!« Eine dumpfe Antwort erklang aus dem Innern des Hauses. Der Jude befand sich wohl in seinem Verkaufsgewölbe. »Baruch, Baruch! Mach doch!« »Gleich, gleich!« ertönte es. Dann kam er unten aus der Thür. »Was hast Du denn zu rufen, und zu lärmen, und aufwecken die Leute des Nachts?« fragte er. »Soll ich nicht rufen und schreien, wenn Anita ist fort, fort über alle Berge!« »Die war doch eingeschlossen und angebunden.« »Die Stricke sind zerschnitten.« »Gott der Gerechte! Ists wahr?« »Komm herauf, Dich zu überzeugen!« »Gleich, gleich. Ich werd mir erst anbrennen ein Licht, eine Laterne, ein Windlicht, eine ganze Fackel!« Er fuhr in das Haus zurück und kam sehr bald mit einer zweiten Laterne zum Vorschein. »Mach schnell!« rief Sarah von oben. »Ich komme schon, ich komme!« Er stürzte völlig die Treppe hinauf und über den Söller hin, um in Anita's Kammer zu verschwinden. Nach Kurzem kam er wieder heraus und eilte nach unten. »Wo willst Du denn hin, Baruch? Bleib doch da!« rief seine Frau. »Ich will sehen nach der Pforte.« »Warum denn?« »Ob sie ist offen, ob man hat sie aufgebrochen. Das Mädchen ist worden entführt.« »Von wem denn?« »Von ihrem Oheim und Geliebten.« »Wie kannst Du sagen so Etwas?« »Ich habs von dem Hauptmann gehört.« Er eilte zur Pforte, um dieselbe zu untersuchen. Als er fand, daß sie unversehrt war, sagte er, erleichtert aufathmend: »Dem Gott Abrahams sei Dank! Es ist noch verschlossen. Hier ist sie nicht hinaus.« »Ist denn die Hausthür offen?« fragte seine Frau von oben herab. »Nein, sie ist verschlossen und extra noch verriegelt. Da hinaus hat sie nicht gekonnt.« »Und doch ist sie fort!« »Sie wird stecken noch im Hause.« »Wie aber hat sie gekonnt heraus aus ihrer Kammer, da sie war angebunden und die Thür verriegelt?« »Weiß ichs? Haben ihr aufgemacht vielleicht die andern Mädels?« »Nein, die hatte ich schon eher eingeschlossen als die Anita.« »Und sind sie eingeschlossen noch jetzt?« »Ja.« »So ist gewesen ein fremder Mensch in meinem Hause und hat herausgelassen das Mädchen.« »Wer soll das aber sein?« »Der Onkel.« »Und wie soll er gekommen sein herein?« »Auf einer Leiter über die Mauer. Anders ist es nicht möglich.« »Vielleicht sind sie noch da!« »Dann wäre da auch noch die Leiter. Aber vielleicht hat er gehabt einen Nachschlüssel, einen Dietrich und hält sich noch versteckt mit ihr im Hause. Laß schnell heraus die andern Mädels! Sie mögen mit suchen, und ich will einstweilen anbrennen Lampen für sie!« Er ging in das Innere zurück. Dieser Wortwechsel war in höchster Eile und Erregung geschehen, nicht überlaut, so daß er im Innern der Nachbarhäuser zu hören gewesen wäre, aber doch so deutlich, daß Sepp und Max jedes Wort verstanden. Diese beiden Letzteren sahen wenige Augenblicke später die betreffenden Mädchen zum Vorscheine kommen. Der Jude kehrte mit Lichtern zurück. Ausrufe des Staunens, der Verwunderung wurden laut. Man durchsuchte Alles, auch den Hof. Die Lauscher sahen an den nach einander hell werdenden und sich wieder verdunkelnden Fenstern, daß alle Räume durchsucht wurden, selbst der Dachboden. Da schlug es zwei Uhr, und die beiden Italiener kamen. Sie blieben an dem Hofpförtchen stehen und lauschten. Da sie hörten, daß Jemand, nämlich der Jude selbst war es, im Hofe sei, klopften sie. Baruch Abraham öffnete. »Da kommt Ihr,« sagte er. »Es ist geschehen ein großes Unglück, welches mir bringen kann viel Herzeleid.« »Was denn für ein Unglück?« »Die Anita ist fort.« »Entflohen?« »Ja, entflohen, verschwunden, ohne mir zu lassen zurück eine Spur als ihre Stricke.« »Wie ist das möglich?« »Wer ist klug genug, um dies sagen zu können? Ich nicht, ich nicht.« »Habt Ihr denn nicht nachgeforscht?« »Wir haben durchsucht Alles, Alles, Alles!« »Und nichts gefunden?« »Nichts, gar nichts! Keine Ratte, keine Maus und keine Anita. Sie ist fort!« »Hattet Ihr sie denn nicht gut verwahrt?« »Und wie gut, wie gut!« »Donnerwetter! Da kann sie doch nicht fort sein; da ists doch unmöglich!« »Sie ist herausgeholt worden, mit einer Leiter. Nur so kann man es erklären.« »Haben Sie denn Grund zu dieser Annahme?« »Sehr guten Grund. Ich bin worden gewarnt. Ihr Oheim und ihr Schatz sind da. Sie haben gesagt, daß sie sie entführen wollen.« »Wenn haben Sie das erfahren?« »Vor Mitternacht.« »Da war sie noch da?« »Ja, denn ich bin gegangen hinauf zu ihr und hab sie liegen sehen in der Kammer.« »Haben Sie wieder zugeriegelt?« »Natürlich!« »So sind Sie selbst schuld. Wenn Sie gewarnt worden waren, so mußten Sie bessere Maßregeln treffen.« »Ich hab es nicht geglaubt.« »Dummheit! Auch wenn man so Etwas nicht glaubt, muß es Einen vorsichtig machen.« »Ja, ich bin gewesen zu nachlässig. Ich hätte sperren sollen das Mädchen in den Keller.« »Und nun befinden Sie sich in großer Gefahr, und wir mit Ihnen. Wie nun, wenn das Mädchen Anzeige macht!« »Gott meiner Väter! Sie wird doch nicht!« »Sie wird! Das läßt sich denken.« »Was ist da zu thun?« »Alle Spuren verwischen, die Stricke und Ringe entfernen, den Strohsack fortschaffen und die ganze Kammer umändern.« »Das werde ich thun, gleich, sofort!« Er wollte fort; aber der eine Italiener sagte: »Vorher aber müssen auch die andern Mädchens weg. Die Polizei kann jeden Augenblick kommen und uns erwischen. Schaff sie her!« »Gut, gut! Sie haben sich nur noch zu waschen und anzuziehen.« »Sind sie gutwillig?« »Ja, sie werden mitgehen gern und freiwillig.« »So hole sie!« »Ihr müßt mit kommen herein, denn ich muß haben Eure Unterschrift, daß ich sie Euch habe übergeben.« »So mach schnell! Wir müssen mit ihnen durch Carcola, und da stehen die Leute sehr zeitig auf, um Milch und Gebäck zur Stadt zu bringen.« Sie traten in den Hof. Der Jude schloß die Thür zu und führte sie in das Haus. »Hast Alles hört?« fragte der Sepp. »Ja, nun werden sie bald kommen.« »Weißt, die werden rasch laufen, und es ist finster. Bevor wir dann die Leiter wieder nach der Gassen zu angelegt haben und hinunterstiegen sind, werden sie verschwunden sein.« »Das ist wahr. Wollen wir nicht lieber schon jetzt hinab?« »Ich möcht gar wohl; aber wir wissen ja nicht die Richtung, welche sie einschlagen.« »Ich weiß sie. Ich war gestern mit Hanns in Barkola. Es liegt eine Viertelstunde vor der Stadt nach Miramare zu. Sie werden sich also von hier aus nach rechts wenden.« »Wannst das so genau weißt, so wollen wir halt abisteigen. Komm!« Sie zogen die Leiter an der innern Seite der Mauer wieder empor, legten sie von außen an und stiegen hinab. Dann trugen sie dieselbe in den Garten zurück, wo sie sich hinter dem Zaune niederduckten, denn die Italiener mußten hier vorüber. Es dauerte ungefähr zehn Minuten, so kamen sie mit den Mädchen, welche leise mit einander kicherten. Diese Geschöpfe machten sich nichts aus der Schande, welcher sie entgegengingen. Als sie vorüber waren, krochen Sepp und Max zwischen den Zaunlatten, welche zerbrochen waren, hervor und folgten ihnen vorsichtig. Trotzdem jetzt die Straßen menschenleer waren, schlugen die Italiener mit ihrer lebendigen Waare eine Richtung ein, in welcher sie gar keine Begegnung zu erwarten hatten. Sie gingen hinter der Stadt weg nach der Straße, welche nach Gretta und Terstice führt, schnitten dann den Weg nach Prosecco ein, kletterten über den Eisenbahndamm und gelangten so auf die Straße, welche längs des Meeres über Barcola nach Miramare führt. Barcola ist eigentlich ein kleiner, unbedeutender Vorort von Triest, meist von Schiffern, Fischern und Händlern bewohnt. Er lag jetzt noch still und finster da. Die Italiener schritten durch den Ort und dann in derselben Richtung weiter fort. Das berühmte Schloß Miramare, welches jetzt dem Kaiser von Oesterreich gehört, früher aber Eigenthum des unglücklichen Kaisers Max von Mexiko war, liegt ungefähr fünf Kilometer von Triest entfernt. Auf der halben Strecke des Weges blieben die Italiener stehen. Auch Sepp und Max hielten an. Sie befanden sich ungefähr fünfzig Schritte von den Andern. »Was werden sie thun?« fragte Max. »Vielleicht habens hier das Boot am Ufer, mit dems nach der Insel fahren.« »Das ist wahrscheinlich.« »Sie reden mit nander. Wollen uns mal näher heranschleichen. Vielleichten bekommen wir was zu hören.« Sie legten sich auf den Boden nieder und krochen so weit wie thunlich hinzu. Da sahen sie allerdings ein an das Ufer befestigtes Fahrzeug, in welchem bereits der eine Italiener stand, während der Andere sich anschickte, den Mädchen das Einsteigen zu erleichtern. »Wie lang fahren wir denn?« fragte eins der Mädchen. »Mit dem Segel heut nur zehn Minuten. Der Wind steht gut.« »Und wie heißt die Insel? Baruch Abraham wollte es uns nicht sagen.« »Daran hat er sehr wohl gethan. Nun Ihr aber bereits hier seid, könnt Ihr es in Gottes Namen erfahren. Das kleine Inselchen heißt Isola piccola. Das ist italienisch und heißt zu deutsch die kleine Insel.« »Und dort ist die Höhle?« »Ja.« »Ist sie schaurig?« »O nein. Uebrigens kommt Ihr ja bereits heut Abend auf das Schiff. Ahoi, stoß ab!« Die Mädchens hatten sich gesetzt; das Boot stieß vom Lande, und das Segel wurde emporgenommen. In kurzer Zeit war das Fahrzeug im Dunkel der Nacht verschwunden. »Das war gut,« sagte Sepp. »Jetzt wissen wir den Namen und auch die Lage. Wenn sie mit diesem Winde in zehn Minuten dort sein können, so muß diese Isola piccola in der Nähe von Miramare liegen.« »Das vermuthe ich auch. Was thun wir jetzt?« »Jetzt kehren wir heim.« »Und was hast für Absichten mit der Insel?« »Wir suchen sie am Vormittage auf.« »Da gehe ich mit.« »Natürlich! Wenn ich nur wißt, ob dera Jud seine Sach mit dem Seekapitain bereits fertig macht hat.« »Warum möchtest das wissen?« »Weil ich Baruch Abraham verarretiren lassen möcht. Thu ich aber das, und dera Kapitän kommt zu ihm und findet das Haus leer, so kann er leicht Argwohn hegen.« »So setz Jemand hinein in das Haus.« »Du, da hast Recht! So werd ichs auch machen. Und mit dera Anita weiß ich auch, was ich thu.« »Was denn?« »Du wirst ihren Oheim aufsuchen und ihm sagen, daß Du sie funden hast. Du bringst ihn zu mir, und da werd ich ein Wörtle mit ihm reden.« »Wenn soll das geschehen?« »Das ist früh gleich das Erste. Komm!« Da zunächst nichts mehr zu besprechen war, gingen sie schweigsam mit einander der Stadt zu. Im Hotel angekommen, fanden sie Hanns und Anita noch in einem sehr lebhaften Gespräch begriffen. Da sie noch nicht Abend gegessen hatten, bestellte Sepp, trotzdem es mitten in der Nacht war, für sich und Max ein kaltes Essen. Nach demselben instruirte er die beiden Freunde, und dann schieden diese, um sich nach ihrer Locanda grande zu begeben, um wenigstens einige Stunden zu schlafen. Um acht Uhr waren sie bereits wieder munter. Sie tranken Kaffee und begaben sich dann nach der armseligen Kneipe, in welcher der berühmte Maler Ventevaglio mit seinem Lieblingsschüler logirte. Sie fanden die Beiden eben zum Ausgehen bereit, um ihre Nachforschungen fortzusetzen. »Ach, Signori, Ihr!« sagte der Maler. »Kommt Ihr zufällig hierher?« »Nein,« antwortete Max. »Wir suchen Sie.« »Wollen Sie ein Glas Wein mit mir trinken? Das wäre mir sehr angenehm.« »Danke! Wir bringen Ihnen eine wichtige Botschaft.« »Ach! Vielleicht wegen Anita?« »Ja.« »Haben Sie sie etwa entdeckt.« »Ich weiß es nicht genau. Aber wir haben ein Mädchen gesehen, welches ganz zu Ihrer Beschreibung paßt.« »Wo?« »Im Hotel Europa.« »Da ist sie nicht. Das ist zu nobel.« »O bitte! Sie ist nicht allein dort, sondern mit einem Herrn.« »Sakkerment! Als seine Geliebte?« »Das weiß ich auch nicht, glaube es aber nicht. Er ist schon bei Jahren.« »Und zu ihm soll ich gehen?« »Das ist Ihre Sache.« »Ja, wenn ich wüßte, ob sie es ist!« »Nun, sie heißt Anita Ventevaglio und hat erzählt, daß sie ihren Verwandten davongelaufen sei, weil sie einen gewissen Petro nicht hat heirathen wollen!« »Das stimmt.« »Ihr Vater ist Maler gewesen, jetzt aber längst todt.« »Auch das stimmt. Sie ist es!« »Das habe ich auch gedacht.« »Ich werde hingehen. Gehst Du mit, Petro?« Der Lieblingsschüler nickte als Antwort. Er hatte auch gestern kein Wort gesprochen. »Da müssen Sie aber bald aufbrechen,« meinte Max. »Der Mann will abreisen.« »So gehen wir sofort, sofort!« »Aber nehmen Sie alle Ihre Papiere mit, damit Sie sich legitimiren können!« »Natürlich, natürlich! Meine Herren, wir sind Ihnen außerordentlich verbunden!« »O bitte, bitte!« »Wenn Ihnen einmal eine Nichte und Braut ausreißt, und wir können sie Ihnen verschaffen, so werden wir es gern thun!« »Das bin ich überzeugt und empfehle mich Ihnen!« Max und Hanns beeilten sich, nach dem Hotel zu kommen. Dort mußten sie sich zu Anita in deren Zimmer begeben, während Sepp allein in dem seinigen zurückblieb. Max hatte dem langen Maler natürlich den Namen des Alten genannt. Bald meldete ein Kellner, daß zwei Herren den Herrn Hauptmann sprechen wollten. »Wer sind Sie?« fragte Sepp. »Sie wollten ihre Namen nicht nennen.« »Und was sind sie?« »Es scheinen Künstler zu sein.« »Hm! Lassen Sie sie herein.« Der Kellner ging und bald traten die beiden Maler ein. Der Sepp erhob sich vom Stuhle. Wie er jetzt so hoch aufgerichtet da stand, war er eine strenge, ehrfurchtgebietende Erscheinung. »Wer sind Sie?« fuhr er sie an. Der Maler machte eine tiefe Verbeugung und antwortete ziemlich höflich: »Mein Name ist Ventevaglio. Jedenfalls haben Sie denselben bereits gehört!« »Nein.« »Ich bin einer der berühmtesten Maler Italiens, und dieser Herr da ist Petro, mein Lieblingsschüler.« »So! Was malen Sie denn?« »Alles!« »Jedenfalls auch Kaffee?« Der Maler machte ein sehr stupides Gesicht. Sein Lieblingsschüler hatte zwar den Hut abgenommen, aber nicht gegrüßt. Den Hut unter dem Arme und die beiden Daumen im Knopfloche, stand er da, mit den anderen acht Fingern trommelnd. Der Sepp trat auf ihn zu und sagte: »Sie heißen also Petro?« Der Mensch nickte. »Sind Sie der Lieblingsschüler Ihres Meisters?« Abermaliges Nicken. »Können Sie nicht reden?« »O ja!« Dabei aber machte er ein Gesicht, als ob er ein ganzes Faß saurer Gurken im Munde habe. »Und können Sie grüßen?« Ein abermaliges Nicken. »Zum Donnerwetter! Reden Sie doch!« »Ja,« brachte er hervor. »Und grüßen Sie! Sofort, sonst schmeiße ich Sie hinaus!« Der Lieblingsschüler machte eine Verneigung. »Und nehmen Sie die Daumen aus dem Knopfloche heraus! Was ist das für eine Manier, Sie Dummkopf! Können Sie nicht eine höfliche Haltung annehmen!« Das war so abgedonnert, daß der Mensch den Hut fallen und die Hände sinken ließ. »So! Und wenn Sie wieder mit ihren ewigen und unzähligen Fingern anfangen Klavier zu spielen, so schlage ich den Tact dazu. Merken Sie sich das!« Der berühmte Maler Italiens wagte es nicht, ein Wort zur Verteidigung seines Jüngers zu sagen. Zu ihm wendete sich Sepp jetzt zurück: »So, nun weiß ich, wer Sie sind. Aber was wollen Sie denn bei mir?« »Ich suche meine Nichte.« »Ihre Nichte? Bei mir?« »Ja.« »Wie kommen Sie auf diese Idee?« »Ich habe erfahren, daß sie da ist.« »Ach so! Wer hat es Ihnen denn gesagt?« »Zwei gute Freunde.« »Wie soll denn Ihre Nichte zu mir gekommen sein?« »Das wollte ich eben von Ihnen erfahren.« »Ach so! Wenn ich nun sage, daß sie sich gar nicht bei mir befindet?« »Das glauben wir nicht!« »Haben Sie sich denn so genau erkundigt?« »Der Kellner sagte zwar, die Dame, die sich bei Ihnen befindet, sei Ihre Enkelin, aber das müßten Sie uns erst beweisen.« »Mensch, was fällt Ihnen ein! Ihnen habe ich gar nichts zu beweisen! Sie wären mir der Kerl dazu.« Jetzt glaubte der Maler, auch ein Wort sagen zu müssen. Er nahm eine drohende Haltung an: »Signor, bitte, vergessen Sie nicht, wen Sie vor sich haben! Ich bin einer der hervorragendsten Künstler der Halbinsel!« »Das machen Sie mir nicht weiß! Was für ein Kerl Sie sind, das sieht man da an Ihrem Lieblingsschüler. Das ist ja der reine einmarinirte Storchschnabel! Und Sie haben eine Gestalt und ein Gesicht, als hätte Ihre Frau Mutter Ihnen in den ersten Lebensjahren Quark in die Windeln gelegt. Und Sie nennen sich einen berühmten Maler und hervorragenden Künstler!« »Der bin ich allerdings!« »Halten Sie sich dafür! Meinetwegen! Aber ich bin überzeugt, daß Sie keinen Floh mit grüner Oelfarbe anlakiren können! Und Ihre Nichte suchen Sie bei mir? Was wollen Sie denn machen, wenn ich sie wirklich dahabe?« »Sie muß mit.« »Ach so! Warum ist sie denn fort?« »Aus Liebe.« »Aus Liebe? Wie meinen Sie das?« »Sie wollte nicht lieben.« »Sie wollte nicht lieben! Und das nennen Sie aus Liebe! Nun, ich will mich mit Ihnen nicht lange herumstreiten, denn es wird mir ganz schlimm zu Muthe, wenn ich in ihr Künstlergesicht blicke. Ich habe allerdings eine Dame bei mir, welche ich mit mir nehmen will. Wollen Sie sich dieselbe ansehen?« »Ja.« »So will ich Sie Ihnen zeigen.« Er machte die Thüre zum Nebenzimmer auf. Auf seinen Wunsch kam Anita herein. »Das ist sie!« rief der Maler. »Ja –!« rief auch der Lieblingsschüler. Es war dies das erste freiwillige Wort, welches er hören ließ. Sepp hatte sich alle Mühe gegeben, Anita über diesen Besuch zu beruhigen; aber sie hatte dennoch Angst. Die Grausamkeiten, die sie hatte erdulden müssen, standen noch hell in ihrem Andenken. Ihr Oheim trat auf sie zu und sagte in strengem Tone: »Du bist uns entflohen. Du wirst sofort wieder mit uns gehen.« Er streckte die Hand nach ihr aus. Sepp aber schob ihn kräftig zurück und sagte: »Nur langsam! Diese Dame nennt sich allerdings Anita Ventevaglio. Sie geben sich denselben Familiennamen, aber ich weiß nicht, ob Sie das Recht dazu haben.« »Warum sollte ich nicht?« »Sie können ja den Namen nur angenommen haben. Es ist nicht der Ihrige!« »Es ist der meinige!« »Beweisen Sie es!« »Anita kann es mir bezeugen!« »Die will ich nicht dazu auffordern.« »So habe ich meinen Paß.« »Heraus damit!« Der Maler brachte eine dick mit Papieren gefüllte Brieftasche hervor und zog seinen Paß aus derselben. Sepp las ihn und sagte achselzuckend: »Da steht allerdings Ihr Name, Ihr Wohnort und Ihr Signalement. Das genügt aber nicht.« »Es muß genügen!« »Wenn ich Ihnen sage, daß es mir nicht genügt, so haben Sie zu schweigen! Verstanden? »Sie mögen derjenige sein, für den Sie sich ausgeben, ob Sie aber der Onkel der Dame sind, das steht nicht in dem Passe.« »Anita wird es bestätigen!« »Ich habe Ihnen bereits gesagt, daß ich sie nicht fragen werde. Wenn Sie keinen andern Beweis bringen können, so sieht es mit Ihrer Angelegenheit sehr lustig aus.« »Nun, am Ende könnte ich es beweisen.« »Womit?« »Ich habe Anita's sämmtliche Papiere mit.« »Welche?« »Den Geburtsschein, das Taufzeugniß, den Firmbrief und auch noch andere.« »Zeigen Sie!« Er brachte die genannten Papiere hervor. Sepp las sie, behielt sie in der Hand und sagte: »Diese Papiere reichen zwar aus zur Personalbeurkundung dieser Dame; eine Legitimation für Sie sind sie aber nicht.« »So habe ich noch das Testament meines verstorbenen Bruders, der der Vater Anita's war.« »Geben Sie her!« Sepp erhielt auch dieses und las es durch. Seine Brauen zogen sich finster zusammen. Als er fertig war, fragte er: »Und dieses Testament zeigen Sie vor, um zu beweisen, daß Sie der Vormund von Anita sind und die väterliche Gewalt über sie besitzen?« »Ja.« »Das ist sehr dumm von Ihnen.« »Wieso?« Er machte ein sehr betroffenes Gesicht. Grad die Präsentation des Testamentes hatte er für den entscheidendsten Schachzug gehalten. »Weil Sie damit nur einen Beweis gegen sich selbst führen.« »Da irren Sie sich!« »Sagen Sie mir nicht noch einmal eine solche Grobheit, sonst lasse ich Sie hinauswerfen! Ich irre mich nie, und in Ihnen am Allerwenigsten!« »Aber im Testamente steht es doch deutlich, daß ich der Vormund bin.« »Allerdings.« »Daß ich väterliche Gewalt besitze!« »Auch das.« »Und daß sie mir zu gehorchen hat!« »So lange Sie die väterliche Gewalt nicht mißbrauchen, ja.« »Habe ich sie etwa mißbraucht?« »Allerdings.« »Wieso denn?« »Sie haben sie geschlagen.« »Das Recht der Züchtigung habe ich.« »Sie haben sie eingesperrt und hungern lassen.« »Das ist auch Züchtigung.« »Sie haben sie zwingen wollen, dort diese Krautscheuche zu heirathen.« »Das kann ich.« »Nein, das können Sie nicht! Verstanden?« »Ein Vater und Vormund kann es!« »Nein. Das werde ich Ihnen gerichtlich durch die Obervormundschaft beweisen lassen! Und wie steht es denn mit den anderen Sachen. Hier ist Alles aufgezählt, was Anita geerbt hat, zunächst achtzehn Gemälde.« »Die sind nicht mehr da.« »Wo sind sie denn?« »Verkauft.« »Wer hat Ihnen die Erlaubniß dazu gegeben?« »Die habe ich als Vormund.« »Hier steht nichts davon. Sie mußten die Obervormundschaft fragen. Ich werde derselben die betreffende Meldung machen lassen. Ferner hat Anita das Haus- und Gartengrundstück ihres Vaters geerbt.« »Das ist da.« »Wer bewohnt es?« »Ich.« »Wer hat seit jener Zeit die Nutznießung des Feldes und Gartens gehabt?« »Ich natürlich.« »Was haben Sie dafür bezahlt?« »Ich werde doch nicht auch dafür zahlen!« »Sie haben zu zahlen und Rechnung abzulegen. Ferner hat Anita ein baares Vermögen von acht Tausend Lire geerbt. Wer hat diese aufbewahrt?« »Ich.« »Wie viel Zinsen hat dieses Capital gebracht?« »Zinsen?« Er war ganz consternirt. So wie Sepp die Sache betrachtete, hatte er sie nicht betrachtet. »Natürlich! Sie haben das Vermögen Ihrer Mündel nutzbringend anzulegen, also auf Zinsen.« »Davon weiß ich kein Wort.« »Also haben Sie es nur so aufgehoben?« »Ja.« »Und es ist noch vollständig da?« »Nein.« »Nicht? Donnerwetter! Wie viel ist denn eigentlich noch vorhanden?« »Dreizehnhundert.« »Können Sie das beweisen?« »Ja.« »Das ist ein Glück für Sie. Aber wie wollen Sie denn den Beweis führen?« »Ich habe das Geld bei mir.« »Ach so! Zählen Sie mal auf!« Der Maler machte ein Gesicht, welches ganz unbeschreiblich war. »Aufzählen?« fragte er. »Ja.« »Fällt mir nicht ein!« »Ich verlange es.« »Mit welchem Rechte?« »Mit diesem hier. Kennen Sie das?« Er zeigte seine Polizeimünze hervor, die er bereit gehalten hatte. »Teufel!« rief der Maler. »Sie sind ein Polizist? Ich dachte Hauptmann!« »Nehmen Sie an, ich sei Polizeihauptmann!« »Wer hätte das gedacht!« »Wenn Sie meiner Aufforderung nicht Folge leisten, lasse ich Sie auf der Stelle arretiren! Also aufgezählt!« »Bekomme ich es denn wieder?« »Aufzählen!« Der Mann trat an den Tisch und zählte die genannte Summe in Münzen und Papier auf. Es war sein einziges Geld, was er hatte. Aber der schlaue Sepp zeigte sich noch nicht zufrieden. Er durchschaute seine Leute und fragte: »Hat Ihr Lieblingsschüler auch Reisegeld?« »Ja.« »Von wem?« »Von mir!« »Sie nahmen es auch von der Erbsumme?« »Ja.« »Er mag es vorzählen!« Durch Androhung der Arretur brachte er es so weit, daß der Schüler auch noch gegen zweihundert Lire auf den Tisch legte. »So,« sagte er. »Jetzt wissen wir, woran wir sind. Gehen Sie mal da vom Tische fort, und treten Sie an die Thür.« Die Beiden gehorchten, und Sepp fuhr dann fort, indem er dem Maler seinen Paß gab: »Hier haben Sie Ihre Legitimationen. Die anderen Papiere behalte ich.« »Das geht nicht. Sie gehören mir!« »Sie gehören Anita, deren Eigenthum Ihnen zwar anvertraut, keineswegs aber geschenkt worden ist. Da Sie sich als ein unehrlicher Verwalter erwiesen haben, wird man Sie absetzen und zur Verantwortung ziehen. Ich werde diese Angelegenheit dem Gerichte übergeben und Sie zur Anzeige bringen. Ich verklage Sie zur Zahlung von Zins und Zinseszins vom Kapitale und vom Grundstücke. Ich zeige Sie ferner an der Veruntreuung und Unterschlagung. Und ferner lasse ich Sie bestrafen wegen gewaltthätiger Behandlung Ihrer Mündel. Es wird Ihnen das Alles nicht sehr gut bekommen. Seien Sie froh, daß sie sich auf österreichischem und nicht auf italienischem Gebiete befinden. Ich würde Sie sofort arretiren lassen und Sie kämen in Jahren nicht wieder frei. Machen Sie, daß Sie fortkommen! Wenn Sie sich heut Mittag noch hier befinden, lasse ich Sie dennoch durch den Consul in das Gefängniß stecken!« Der Maler stand da, als hätte ihn der Schlag gerührt. Er starrte den Alten wie geistesabwesend an. Sein Gesicht zeigte den Ausdruck der allerdümmsten Verblüffung. »Aber – aber –« stotterte er, »das – das dürfen Sie ja gar nicht, das können Sie gar nicht!« »So? Warum?« »Was geht Sie denn die Anita an?« »Jetzt mehr als Sie. Anita hat sich unter meinen Schutz begeben, ich habe ihr denselben versprochen und werde mein Wort halten.« »Sie ist Ihnen aber fremd.« »Jetzt nicht mehr. Und obgleich sie nicht meine Verwandte ist, werde ich doch besser für sie sorgen, als Sie es gethan haben.« »Ich – ich protestire aber gegen das Alles.« »Versuchen Sie es!« »Ich verlange meine Nichte, mein Mündel! Die Papiere und das Geld!« »Beides gehört Ihnen nicht.« »Ihnen aber auch nicht.« »Nein. Es gehört Anita, und da sie mich dazu beauftragt hat, werde ich es für sie in Verwahrung nehmen.« »Ich protestire dagegen!« »Bringen Sie mir nicht abermals diese alberne Rede! Sie können Ihren Protest nur beim Gerichte einlegen, und grad dieses haben Sie zu scheuen.« Da warf sich der Maler in die Brust und antwortete: »Was fällt Ihnen ein! Ich brauche mich vor dem Gericht nicht zu fürchten. Ich bin unschuldig.« »Ach so! Nun gut! Wir werden gleich einmal sehen, ob Sie sich nicht fürchten. Ich werde dem Kellner klingeln und nach der Polizei schicken lassen!« Er that als ob er nach dem Klingelzuge gehen wolle. Da aber trat ihm der Maler schnell in den Weg. »Was hat die Polizei mit dieser Sache zu thun? Wir sprechen nur vom Gerichte.« »Allerdings. Ich will Sie aber durch die Polizei dem Gerichte übergeben lassen.« »Nein nein, ich gehe selbst hin.« »Das machen Sie mir nicht weiß.« »O doch! Geben Sie mir nur die Sachen heraus! Ich werde sie auf das Gericht tragen und dort deponiren. Es mag dann darüber entscheiden.« »Das werde ich selbst viel besser besorgen als Sie. Glauben Sie denn, daß ich so dumm bin, Ihnen zu glauben? Das kann mir ja gar nicht einfallen!« »Sie können mir vertrauen.« Er legte die Hand aufs Herz und gab sich alle Mühe, ein möglichst aufrichtiges Gesicht zu machen. »Schweigen Sie!« schnauzte der Sepp ihn an. »Jedes Wort von Ihnen ist eine Beleidigung. Ich habe gar keine Lust, meine Zeit noch länger mit Ihnen zu verlieren. Packen Sie sich fort!« Der Lieblingsschüler zupfte seinen Meister von hinten am Aermel, daß er gehen solle. Es wurde ihm angst. Der Maler aber hatte keinen Pfennig Geld einstecken. Wie sollte er nach seiner Heimath zurück. Er hatte Hoffnung, daß er vielleicht doch noch durchkommen könne, wenn er recht barsch auftrete. Darum rief er jetzt mit erhobener Stimme: »So dürfen Sie mir nicht kommen! Sie selbst sind es, der sich vor der Polizei zu fürchten hat. Sie wollen mich bestehlen!« Da aber kam er an den Unrechten. Kaum hatte er das letzte Wort gesagt, so klatschte eine gewaltige Ohrfeige, die ihm der Sepp applicirte auf seiner Wange. »Mensch, da hast Du die Antwort!« rief der Alte. »Willst Du mehr? Du kannst sie bekommen!« Der Maler hielt sich das Gesicht mit der Hand. Es flimmerte ihm vor den Augen. »Wa – wa – was!« stotterte er. »Da – da – das war ja ei – ei – eine Ohrfeige!« »Ja, das war eine, nämlich die erste. Ich habe mehr solches Zeug in Vorrathe, wenn Du mir in dieser Weise kommst, Du Hallunke!« »Wa – wa – was! Auch Du nennen Sie mich!« »Soll ich etwa Einen, dem ich Ohrfeigen gebe, Seine Excellenz nennen? Mach Dich fort, Urian! Sonst klingle ich wirklich!« Jetzt sah der große Künstler ein, daß er auf die letzte Weise keinen Erfolg haben werde. Der Muth entsank ihm. Er sagte in weinerlichem Tone: »Ich kann doch nicht.« »Warum nicht?« »Weil ich kein Geld habe.« »Arbeite! Dann verdienst Du welches!« »Ich muß doch heim!« »So lauf schnell!« »Aber ohne Geld?« »Bettle Dich durch, Urian.« »Ich? Einer der größten Maler Italiens?« »Mensch, höre auf. Wenn Du ein Maler bist, so ist das Kameel der größte Tanzmeister. So ein Kerl wie Du bist, nimmt, wenn er betteln geht, seiner Ehre gar nichts weg.« » Dio mio ! Soll ich hungern!« »Du hast Anita auch hungern lassen.« »In dieser Gegend bekommen die Bettler nichts. Man jagt sie fort. Man prügelt sie!« »Sehr gut. Du hast Anita auch geschlagen.« »Da hatte sie es verdient.« »Lüge, schändliche Lüge! Du aber hast es verdient, daß man Dich überall hinaushaut. Und grad weil Du selbst jetzt noch behauptest, daß sie es verdient habe, weil Du selbst jetzt Deine Schändlichkeit nicht bereust, bist Du doppelte Strafe werth. Ich wiederhole es. Wenn Du am Nachmittage Dich noch hier befindest, so lasse ich Dich arretiren.« Der Schüler zupfte den Lehrer abermals heimlich. »Laß mich!« sagte ihm dieser. »Wie wollen wir ohne Geld nach Hause kommen!« Das erbarmte Anita. Sie trat zu Sepp, legte ihm die Hand auf den Arm und bat: »Gieb ihm Etwas!« »So?« antwortete der Alte zornig. »Also Du bittest auch noch für Deinen Peiniger?« »Es thut mir leid.« »Das ist Unsinn.« »Er ist doch mein Oheim. Bedenke das!« »Hm, ja. Dein Oheim ist er freilich. Die Bande des Blutes sind heilig, wenn sie auch von dem Kerl entweiht worden sind. Und daß Du für den Hallunken bittest, das ist ein Beweis, daß Du ein herzensbraves Mädchen bist. Das werde ich Dir nie vergessen.« Und sich zu dem Maler wendend, fragte er: »Hast Du gehört? Du hast sie turbirt aus alle mögliche Art und Weise. Sie aber hat Mitleid mit Dir. Thut Dir das nicht in der Seele weh?« Der Gefragte antwortete nicht. »Wie viel brauchst Du denn?« Jetzt war er sehr schnell mit der Antwort da: »Tausend Lire.« »Du bist tausend Mal toll! Willst Du etwa wie ein Fürst oder Graf reisen?« »Wir sind ja zu Zweien!« »Der Andere geht uns nichts an.« »Er ist ihr Bräutigam!« »Halte das Maul. Der Kerl hätte das Geschick ein Bräutigam zu sein! Er macht ja ein Gesicht wie ein Frosch, der Schweizerpillen gefressen hat. Der hätte das Geschick dazu. Für diesen Menschen soll Anita, die Du schon bestohlen hast, auch noch mit bezahlen? Das kann uns nicht einfallen. Ich werde einmal nachschauen.« Er nahm das Eisenbahnkursbuch zur Hand und begann zu rechnen. Dann sagte er: »Ich will Dir das Herzeleid nicht anthun, Dich von Deinem Lieblingsaffen zu trennen; also soll auch für ihn mit bezahlt werden. Ihr Beide könnt ganz gut mit fünfzig Lire nach Hause kommen. Ich will aber nobel sein und Euch Hundert geben.« »Hundert!« rief der Maler. »Ja. Ist's zu viel? Nicht wahr?« »Viel, viel zu wenig. Ihr habt uns ja beinahe fünfzehnhundert genommen.« »Von nehmen ist keine Rede. Das Geld gehört Euch nicht. Entscheide Dich schnell! Ich frage nur dieses eine Mal, dann aber nicht wieder. Willst Du die Hundert? Wenn Du nicht sofort Ja sagst, erhaltet Ihr gar nichts.« »Ja,« antworte der Maler schnell. Da er aber dabei bereits die Hand ausstreckte und auf den Tisch zutrat, schlug ihn der Sepp auf dieselbe und sagte: »So schnell geht das freilich nicht. Ganz umsonst kannst Du das Geld nicht erhalten.« »Was soll ich denn dafür geben?« »Deine Unterschrift.« »Wozu?« »Das Du auf die Vormundschaft verzichtest und überhaupt nichts dagegen hast, daß Anita mit mir nach Deutschland geht.« »Daß thue ich nicht.« »Nun gut, so hebe Dich von dannen.« »Nein, nein, das kann ich nicht unterschreiben!« »Das hast Du bereits gesagt und wir sind also fertig. Packe Dich, sonst klingle ich.« Er griff nach dem Klingelzug. Da rief der Maler: »Halt! Ich unterschreibe.« »Gut. Kannst Du deutsch schreiben?« »Ja. Wir wohnen doch an der Grenze.« »Gut, so setze Dich. Ich werde Dir dictiren.« Er gab ihm einen Bogen Papier nebst Tinte und Feder hin und dictirte: »Ich bescheinige hiermit, daß ich meiner bisherigen Mündel Anita erlaube, mit ihrem gegenwärtigen Beschützer nach Deutschland zu reisen, und trete ihm alle meine vormundschaftlichen Rechte ab.« Nachdem er sich unterzeichnet hatte, las der Sepp die Zeilen durch und sagte dann lachend: »So ists gut. Hier hast Du das Geld.« Er schob ihm hundert Lire hin. Der Maler steckte sie ein, verbeugte sich mit Grandezza und meinte in stolzem Tone: »Ich habe aus reiner Coulanz verzichtet und bin froh, daß ich mit dem Mädchen nichts mehr zu thun habe. Adio!« »Adio! Lauf schnell, daß Du fortkommst, sonst helfe ich nach!« Und weil der Lieblingsschüler wartete, um seinen Meister vorangehen zu lassen, erhielt er von Sepp einen Tritt, daß Beide mit unendlichem Schwung hinaus auf den Corridor flogen. »So,« lachte der Alte, indem er die Thür zumachte. »Damit sind wir fertig. Hast noch Angst vor denen Beiden?« »O nein,« antwortete Anita. »Ich dachte, es werde ganz anders kommen.« »Wie sollte es kommen? Der Kerl wird wirklich noch angezeigt. Er ist ein Dieb.« »Wollen wir das nicht lieber lassen?« »Nein. Du hast achttausend Lire zu bekommen. Es fehlen sechs und ein halbes Tausend.« »Ich schenke es ihm.« »Kind, Du weißt nicht, was das Geld zu bedeuten hat. Du kannst nichts verschenken.« »O, ich bin froh, daß ich frei bin!« »Hm! Bist halt ein gutes, braves Ding! Nun, jetzund ist auch von einer Anzeig noch gar keine Red, und wer weiß, wie es später wird. Vor allen Dingen haben wir, was wir brauchen, nämlich Deine Papieren und auch noch ein hübsches Geldl dazu! Das ist vor der Hand genug. An das Spätere wollen wir noch nicht denken.« Max und Hanns hatten im Nebenzimmer Alles gehört. Beide kamen jetzt herein und gaben Anita Recht, daß sie trotz der Schlechtigkeit ihres Oheims ihn doch nicht ohne Geld hatte fortgehen lassen. »Sie ist viel zu gut für ihn gewest,« erklärte der Sepp. »Nun aberst möcht ich halt wissen, wie sie zu dem Juden kommen ist.« »Durch einen Dienstvermittler,« antwortete sie. »Bei dem hast eine Stelle haben wollen?« »Ja. Ich ging, als ich hier ankam, sofort zu diesem Manne, und er brachte mich zu Baruch Abraham, der mich als Dienstmädchen miethete.« »So! Also stehst bei ihm in Dienst?« »So dachte ich. Aber ich durfte gar nicht antreten. Ich kam gegen Abend zu ihm und war hungrig und müde. Er gab mir zu essen und befahl mir dann, schlafen zu gehen. Als ich am andern Morgen erwachte, hatte er mir alle meine Kleider weggenommen und mir nur den einen Rock gelassen, damit ich nicht fort konnte.« »Der Schuft!« »Er that mich dann zu den andern Mädchens, welche mir sagten, daß ich es sehr gut haben und reich werden könne, wenn ich dem Juden folge.« »Und worinnen sollt denn dieser Gehorsam eigentlich bestehen?« »Ich sollt – sollt – –« Sie stockte. Ihr Gesichtchen war wie mit Blut übergossen. »Weiß nun schon!« nickte Sepp. »Brauchst es mir gar nicht zu sagen. Thätest Dich vielleicht fürchten, wannst jetzt mit Baruch Abraham reden müßtest?« »Ohne Dich allerdings.« »So zieh Dich an! Wir gehen aus.« »Wohin?« »Zur Polizei.« »Mein Gott! Ists wahr?« »Ja. Ich will den Juden anzeigen.« »Thue es lieber nicht!« »Ich muß es thun. Es handelt sich nicht nur um Dich, sondern auch noch um andere Personen und Dinge.« »Gehen Max und Hanns auch mit?« »Freilich, sie haben Dich gerettet und sind Zeugen, daß Baruch Abraham Dich geschlagen hat.« »Es wäre viel besser, wenn ich nicht mitgehen müßte.« »Sei klug, Anita! Vor dera Polizeien brauchst Dich gar nicht zu fürchten. Die meint es nur gut mit Dir.« Sie weigerte sich noch ein kleines Weilchen; aber sie mußte sich doch in den Willen des Alten fügen. Nach kurzer Zeit brachen die Vier auf. Was auf der Polizei verhandelt wurde, nahm eine ziemliche Zeit in Anspruch. Dabei verwunderte sich Max und Hanns, mit welchem Respect der Sepp behandelt wurde. Die Herren thaten ganz so, als ob sie einen Vorgesetzten vor sich hätten. Sie traten zu einer Berathung in ein Nebenzimmer. Nur der Alte durfte sie begleiten. Als sie dann zurückkehrten, wurde den Dreien bedeutet, daß Sepp jetzt gehen werde, ihnen aber müsse man jetzt einige Instructionen ertheilen. Nach kurzer Zeit kam ein sehr vornehm aussehender Herr herein, welcher den Alten bat, mit ihm zu kommen. Die Beiden entfernten sich. Sie begaben sich zum Juden, welcher sie mit großer Höflichkeit empfing. »Ich habe bereits gewartet,« sagte er. »Fast habe ich nicht geglaubt, daß wiederkommen werde der Herr Hauptmann.« »Ich halte stets Wort,« erklärte der Alte. »Und ist der andere Herr Derjenige – – –?« Er ließ eine Fragepause eintreten. »Ja, er ist Derjenige!« »Welcher kaufen will Schmucksachen?« »Ja,« erklärte der verkleidete Polizist. »Ich habe gehört, daß Sie sehr viele und sehr schöne Pretiosen besitzen.« »O nein! Es sind nicht viele und auch nicht schöne!« meinte der Hehler in seiner vorsichtigen Weise. »Dieser Herr hat es mir doch gesagt!« »So hat der Herr Hauptmann gemacht einen kleinen Scherz. Ich bin ein armer Jud und kann nur kaufen, was kostet ein weniges Geld.« »Machen Sie keine alberne Labberei!« sagte der Sepp. »Wir haben keine Zeit, uns erst eine lange Einleitung vormachen zu lassen.« »Aber muß nicht sein eine Einleitung bei jedem Buch und bei jeder Sache?« »Meinetwegen! Aber unsere Einleitung ist bereits gestern gemacht. Sie ist vorüber.« »O nein! Da hat der Herr Hauptmann einen Begriff von Baruch Abraham, welcher ist sehr falsch. Wer da handelt mit alten Sachen, der muß sein sehr vorsichtig.« »Andere Leute sind es ebenso. Sie wollen mir doch nicht etwa gar mißtrauen?« »Wie könnt ich mißtrauen dem Herrn Hauptmann? Hat er mir doch bewiesen, daß er ist der Vertraute meiner Freunde, und hat mir auch gezeigt seinen Paß.« »Nun also! Mach also keine Dummheiten!« »Soll ich nicht vorher lernen kennen auch den andern Herrn?« Er fixirte den Polizisten scharf. Es war klar, daß er diesem nicht traute. »Dieser Herr ist der Herr Bankier Wendelmann aus Wien,« erklärte der Sepp. »Er besitzt zu gleicher Zeit ein Juwelengeschäft.« Baruch Abraham ließ kein Auge von dem Polizisten. Er nahm eine alte Dose aus seiner Tasche, schnupfte langsam und bedächtig und sagte dann: »Ist es mir doch, als ob ich hätte gesehen diesen Herrn schon hier in Triest!« »Sehr möglich, denn ich bin nicht selten hier,« erklärte der Beamte. »Aber es ist mir, als hätte der Herr da getragen ganz andere Kleider.« »Schwerlich!« »Eine Uniform.« »Ich bin nicht Offizier.« »Es war keine Militair- sondern eine Polizeiuniform mit großen Epauletten.« »Sie irren sich!« Der Jude spreizte die Arme aus, legte den Kopf auf die Seite und sagte: »Ob ich mich irre oder ob ich mich nicht irre, das ist mir sehr gleichgiltig. Ich mach gern ein Geschäft mit Jedem, auch mit einem Herrn von der Polizei.« Es war klar, daß er den Beamten erkannte. Dieser versuchte dennoch, ihn irre zu führen. »Was reden Sie nur von der Polizei! Ich kann es Ihnen beweisen, daß ich Der bin, für den mich der Herr Hauptmann ausgegeben hat.« »Wie wollen Sie führen den Beweis?« »Durch meinen Paß.« »Dieser ists ja, was ich hab sehen wollen.« »So schauen Sie her!« Er zog eine Brieftasche hervor, aus welcher er den Paß nahm, den er dem Juden in die Hand gab. Dieser betrachtete ihn genau, roch sogar daran und sagte dann: »Dieser Paß ist ausgestellt worden bereits vor zwei Wochen?« »Ja. Das Datum lehrt es ja.« »Wie kommt es da, daß er gar so sehr riecht noch nach frischem Siegellack?« »Das habe ich nicht bemerkt.« »Weil Ihre Nase nicht ist so fein wie die Nase von Baruch Abraham. Er riecht es einem jeden Siegel an, ob es ist nur einen Tag alt oder nicht.« »Dieses Mal hat sich Ihre Nase aber ganz gehörig getäuscht.« »Sie kann vielleicht sich täuschen, nicht aber mich selbst. Dieses Siegel ist geworden gemacht vor noch nicht einer Stunde.« »Aber, Mann, so sehen Sie doch auf die Unterschrift und auf das Datum!« Der Jude machte ein unendlich pfiffiges Gesicht. »Ich sehe das Datum,« lächelte er. »Ich weiß auch, wie ausschaut und riecht die Tinte, wenn sie ist frisch oder wenn sie ist alt. Dieser Paß ist geworden geschrieben auch vor höchstens einer Stunde.« »Mann, ich begreife Sie nicht.« »Aber Baruch Abraham begreift desto besser Sie. Wenn ein Polizist will fangen einen Menschen, so macht er sich einen falschen Paß.« »Aber dieser Paß ist echt!« »Weil die Polizei in Triest hat den Stempel und auch das Petschaft in der Stadt Wien. Wenn ich das Beides hätt und thät machen einen solchen Paß, so würde ich bestraft. Wenn aber ein Polizist ihn macht, so ist er kein Fälscher. Er darf es thun.« Der Beamte verlor die Geduld. Er bezwang sich aber noch einmal und sagte ruhig: »Wenn Sie mich, wie es scheint, für einen Polizisten halten, so bedaure ich allerdings sehr, Ihretwegen die weite Reise von Wien bis hierher gemacht zu haben.« »So! Soll ich mich einmal erkundigen in Wien, ob es dort giebt einen Banquier Wendelmann?« »Jawohl.« »So werde ich es thun.« »Aber bis die Antwort kommt, kann ich nicht in Triest warten; ich habe keine Zeit.« »O, die Antwort wird sein gleich da.« »Wollen Sie telegraphiren?« »Nein.« »Also schreiben?« »Auch nicht, sondern lesen. Baruch Abraham braucht nämlich nicht lange Zeit, um zu kommen von Wien nach Triest, oder von Triest nach Wien, denn Wien liegt da auf dem Tisch.« Er nahm ein großes Buch vom Tische. Es war das diesjährige Adreßbuch der Haupt- und Residenzstadt Wien. Er schlug es auf und suchte. Der Polizist zuckte, indem er den Sepp anblickte, die Achsel, als ob er sagen wolle: Es hilft ihm doch nichts. »Da haben wir es!« sagte Baruch Abraham nach einer Weile. »Es giebt in ganz Wien keinen Juwelier oder Banquier Wendelmann.« »Im Adreßbuch noch nicht, das ist wahr.« »Sie müßten drin stehen!« »Nein, denn ich bin erst seit Februar in Wien.« »Wo waren Sie vorher?« »In Budapest.« »So müssen Sie stehen dort im Buche.« Der alte Gauner war nicht zu täuschen. Er besaß auch ein Adreßbuch von Budapest und schlug es auf. Auch dort fand er den Namen nicht. Er war überzeugt, daß der sogenannte Banquier ein Polizist sei, folglich mußte der alte Hauptmann auch einer sein. Sein Herz bebte vor Angst, aber er besaß die Kraft, sich so zu beherrschen, daß man nichts davon bemerkte. »Wie gut, daß der alte Verräther das Versteck nicht kennt!« dachte er im Stillen. Er ahnte nicht, daß er heute Nacht von ihm beobachtet worden war. Er hatte dann, nachdem der Sepp von ihm gegangen war, Alles wieder in das Versteck gebracht und den Kleiderständer wieder an die Wand geschoben. Jetzt klappte er das Buch wieder zu und sagte: »Auch da steht kein Banquier dieses Namens. Meine Nase hat mich also wohl nicht getäuscht.« Jetzt ließ der Polizist den Schleier fallen. »Nein, sie hat Sie nicht getäuscht. Ich bin Criminalcommissar und befinde mich hier, um mir die Geschmeide und Metallsachen zeigen zu lassen, welche heute Nacht der Herr Hauptmann gesehen hat.« »Dachte es mir! Aber daß der Herr Hauptmann gesehen hat solche Sachen, davon weiß ich nichts!« »Verstellen Sie sich nicht.« »Warum sollte ich mich verstellen? Braucht man sich zu verstellen, wenn man sagt die Wahrheit?« »Von Wahrheit ist keine Rede. Sie haben eine ganze Menge Kostbarkeiten hergezeigt.« »Und doch ists wahr, wenn ich sag, daß ich weiß kein Wort davon. Bin ich gewesen mit dem Herrn Hauptmann in der Weinstube und hab getrunken einen schweren Wein. Wird er mir geben das Zeugniß, daß ich bin gewesen so betrunken, daß er mich hat führen müssen nach Hause.« »Das hat er freilich gesagt.« »Wenn ich also bin gewesen betrunken, wie kann ich wissen, was ich ihm habe gezeigt.« »Desto genauer weiß er es!« »Er? Gott der Gerechte! Hat er nicht getrunken ganz denselben Wein wie ich?« »Wahrscheinlich.« »So wird er auch gewesen sein so betrunken wie ich und nicht wissen, was ich ihm habe gezeigt.« »Er hat Sie nach Hause geführt; also ist er jedenfalls nicht so betrunken gewesen wie Sie.« »Wir haben geführt Einer den Anderen. Er wird haben geglaubt im Rausche, zu sehen Diamanten, und wer weiß, was es ist gewesen.« »Mit so ganz albernen Ausflüchten entkommen Sie uns nicht. Sie haben den Herrn Hauptmann doch nur zu dem Zwecke mit hierher genommen, um ihm diese Sachen zu zeigen.« »Kein Wort weiß ich davon.« »Sie haben ihm gestanden, daß es gestohlene Gegenstände sind!« »Das hat er gedacht im Rausche.« »Sie haben ihm sogar gesagt, wer sie gestohlen hat.« »Ganz gewiß nicht!« »Kennen Sie einen gewissen Baron von Stubbenau?« »Nein.« »Auch nicht eine Tänzerin Valeska in Wien?« »Auch nicht?« »Haben Sie nicht postlagernde Briefe unter dem Namen Gärtner hier abgeholt?« »Davon weiß ich nichts.« »Nun, auf dem Postamte wird es zu erfahren sein, wer sie abgeholt hat.« Der Jude erschrak. Er wußte ja ganz genau, daß man dort seinen Namen nennen würde. Darum sagte er: »Ist es verboten, Briefe postlagernd unter einer Chiffer oder irgend einem Namen zu empfangen?« »O nein; aber gefährlich ist es, wenn diese Briefe von einem Verbrecher abgesandt worden sind. Sie kennen wohl Herrn Salek?« »Auch dieser ist mir unbekannt. Warum fragt der Herr Commissar mich nur nach fremden Namen?« »Weil ich geglaubt habe, daß sie Ihnen bekannt seien. Aber lassen wir die Namen. Ich möchte die Geschmeidesachen sehen.« Der Jude wußte sehr wohl, daß es ihm jetzt an den Kragen gehen solle; aber er war längst auf so einen Fall vorbereitet. Darum legte er nachdenklich die Hand an das Kinn und meinte: »Ich weiß wirklich nicht mehr, was ich habe gezeigt dem Herrn Hauptmann. Ich bin gewesen consternirt von dem Weine. Wo sind denn gewesen diese Sachen?« Er wendete sich mit dieser Frage direct an den alten Sepp, welcher achselzuckend antwortete: »Das weiß ich leider nicht.« »Sie wissen es nicht. Nun, so ist also die Sache auch nicht wahr. Vielleicht haben Sie es nur geträumt, nachdem Sie gekommen sind nach Hause.« »O nein! Sie hatten sie versteckt.« »Wo denn?« »Das ließen Sie nicht sehen. Ich mußte hinausgehen und als ich wieder hereinkam, befanden sich die Sachen hier im Laden.« »Gott Abrahams! Jetzt kommt mir der richtige Gedanke. Lagen sie etwa in Kisten?« »Ja.« »Woher hatte ich diese geholt?« »Ich glaube, vom Boden herab.« »O nein. Das habe ich nur gesagt, um Sie zu führen ein wenig irre. Jeder Handelsmann hat so seine Art und Weise. Das Versteck ist hier im Laden.« »Wirklich?« fragte der Polizist verwundert. »Jawohl.« »Wollen Sie es uns zeigen?« »Sehr gern.« »Und befinden sich die Sachen noch drin?« »Natürlich, denn ich habe sie doch sogleich wieder hinein gelegt, als der Herr Hauptmann ist gewesen fort.« »So zeigen Sie.« »Der Herr Commissar mag mir erst sagen, ob er die Sachen will sehen, um sie zu kaufen, oder ob er hier ist als Polizist, um auszusuchen!« »Ich frage als Polizist.« »So werde ich mich beeilen, zu zeigen mein Versteck.« Der Polizist warf einen heimlichen, verwunderten Blick auf den Sepp. Sollte der Jude wirklich sein Versteck zeigen? Dann hatte er jedenfalls dafür gesorgt, daß sich die Werthsachen nicht mehr in demselben befanden. Aber Baruch Abraham bewies sogleich, welch ein schlauer, raffinirter Hehler er war. Er hatte sich auf den Fall vorbereitet, daß einmal Einer, dem er die Gegenstände zeigte, ihn verrathen könne. Er räumte allerlei altes Schuhwerk aus einet Ecke fort und da kam eine Fallthüre zum Vorschein, welche er öffnete. »Hier können die Herren sehen mein Versteck!« sagte er in hörbar höhnischem Tone. Dem Polizisten wurde das Herz leicht. Er durchschaute den Juden sofort. Als ob er ganz begierig darauf sei, sagte er: »Schön! Nun schnell die Kisten heraus!« »Da muß ich steigen hinab.« Der Hehler stieg einige Stufen hinab und begann in dort befindlichem altem Zeuge zu kramen. »Er wird Kisten bringen,« flüsterte der Polizist dem Sepp leise zu. »Aber nichts darin.« »O doch! Imitirte, werthlose Waaren. Er ist vollständig vorbereitet.« »Wird ihm aber nichts helfen.« »Gewiß nicht. Er hat keine Ahnung, daß wir das richtige Versteck bereits kennen.« Jetzt hob der Jude einige Kisten und Kästen aus dem Loche und öffnete dieselben sehr bereitwillig. »Jetzt mögen die Herren blicken herein, um zu sehen die Diamanten und Juwelen,« sagte er. Seine Augen glänzten vor Vergnügen. Er war überzeugt, die Beiden ganz gewaltig auf den Leim springen zu sehen. Er zog den Inhalt der Kisten hervor. Es waren zinnerne Gefäße und allerlei Theaterschmuckgegenstände von glänzendem Blech, mit Glassteinen besetzt. »Dummes Zeug!« rief der Polizist, indem er that, als ob er ganz enttäuscht sei. »Ja, dummes Zeug ist es!« nickte Baruch Abraham lachend. »Nur zehn Gulden werth!« »Und das haben Sie dem Herrn Hauptmann gezeigt, als er sich hier befand?« »Ja, das!« »Er sprach doch von Gold- und Silbersachen!« »Es ist gewesen Zinn und Kupferblech.« »Sollte man es denken!« »Habe ich es nicht gesagt vorher, daß der Herr Hauptmann ist gewesen auch so betrunken wie ich? Er hat das Zinn angesehen für Silber.« »Und das Glas für Edelsteine?« lachte der Polizist. »Ei, ei, Herr Hauptmann! Ich habe geglaubt, hier einen kostbaren Fund zu machen, und nun finde ich solches Gerümpel!« Sepp griff sich an die Stirn, kratzte sich hinter dem Ohre und sagte ganz verdrießlich: »Das ist freilich eine verdammte Geschichte!« »Ein großer Irrthum von Ihnen!« »Ich muß mir doch einen gehörigen Kater angetrunken gehabt haben!« »Ganz gewiß. Mein Besuch ist hier also vergebens. Ich muß Sie um Entschuldigung bitten, Herr Abraham. Sie sehen aber, daß ich es nicht zu verantworten habe.« Der Jude holte tief Athem. Er glaubte, daß die Gefahr nun glücklich vorübergegangen sei, und antwortete darum im freundlichsten Tone: »Ich habe nichts zu entschuldigen. Wenn die Herren von der Polizei thun ihre Pflicht, so ist es gut für alle ehrlichen Leute.« »Ja, und Sie sind ehrlich. Das sehe ich jetzt. Wir wollen also gehen, Herr Hauptmann. Adieu!« »Leben die Herren wohl!« rief der Jude entzückt. »Und wenn Sie wieder mal was brauchen, so werden Sie willkommen sein dem ehrlichen und gefälligen Baruch Abraham!« Er machte eine Verbeugung über die andere und in seinem Tone klang ein solcher Spott, daß er schließlich selbst darüber erschrak und, um das wieder gut zu machen, den Beiden höflich bis zur Thüre nachfolgte. Sie befanden sich bereits im Flur. Der Kommissar hatte schon den Drücker in der Hand, da drehte er sich noch einmal um, als ob er Etwas vergessen habe, und fragte: »Ach, was mir da noch einfällt, Herr Abraham, haben Sie ein Dienstmädchen?« »Nein, Herr Commissar.« »Ich glaube aber doch gehört zu haben, daß Sie vor einigen Tagen ein Mädchen mietheten.« »Das wird sein ein Irrthum.« »Hm! Sonderbar! Der Dienstvermittler Helling soll sie Ihnen verschafft haben?« »Das ist nicht wahr.« »So, so! Entschuldigen Sie!« Er that, als ob er nun wirklich gehen wolle. Er öffnete die Hausthür und trat halb auf die Straße hinaus. Das war das Zeichen für seine draußen postirten Leute. Er kam, wie unter einem neuen Gedanken, wieder herein, machte die Thür zu und sagte: »Da fällt mir auch der Name ein. Anita Ventevaglio soll das Mädchen geheißen haben.« »Ich kenne sie wirklich nicht.« »Das wundert mich. Uebrigens – kommen Sie doch noch einmal herein in die Stube! Die Sache ist zwar ganz und gar nicht wichtig, aber sehr, sehr interessant.« Er schob den Juden in die Stube zurück und auch der Sepp trat wieder ein. »Sie haben wirklich kein Mädchen?« fragte der Polizist abermals, aber im freundlichsten Tone. »Nein. Ich habe niemals gehabt ein Dienstmädchen, weil Sarah, meine Frau, ist ein fleißiges Weib und macht Alles allein.« »Aber der Vermittler hat Ihnen doch in letzter Zeit mehrere besorgt.« »Ach so! Hat er gesprochen davon?« »Ja.« »Nun, ich hab einen Geschäftsfreund auswärts, welcher mir hat gegeben den Auftrag, ihm zu versorgen ein gutes Mädchen.« »Und das haben Sie gethan?« »Ja.« »Hat er Eine behalten?« »Wie kann ich das wissen? Ich habe ihm geschickt die Mädchens. Ob er behalten hat Eine, das hat er mir nicht geschrieben.« »Haben Sie ihm auch die Anita geschickt?« »Jedenfalls, wenn sie gewesen ist hier bei mir. Den Namen habe ich mir nicht gemerkt.« »Wann haben Sie ihm die Letzte geschickt?« »Vor einer Woche.« »Und dann später ist kein Mädchen wieder bei Ihnen gewesen?« »Nein.« »So hat man sich abermals in Ihnen geirrt.« »Geirrt? Hat man gesagt Etwas von mir?« »Ja, gewiß.« »Darf ich es erfahren?« »Eigentlich nicht. Es ist Amtsgeheimniß; aber da ich mich überzeugt habe, daß es nur eine leere Rederei war, so will ich es Ihnen sagen. Man hat nämlich behauptet, daß Sie mit Mädchens handeln.« Der Jude machte die Geberde des Erschreckens. »Gott der Gerechte! Wie kann man handeln mit Mädchens? Sind Menschen eine Waare?« »Zuweilen, ja.« »Das kann ich nicht verstehen.« »Nun, man verkauft sie in böse Häuser.« »Davon weiß ich nichts.« »Oder man verschachert sie nach Amerika. Man macht ihnen weiß, daß sie dort sofort reiche Männer bekommen, und verschweigt ihnen, wozu sie dort eigentlich dienen sollen.« »Von so einem Geschäft habe ich keine Ahnung. Wie kann man bringen Mädchens nach Amerika?« »Nun, zum Beispiel durch den Capitän Marmel.« Das war ganz ohne alle Betonung, nur so wie nebenbei gesagt; aber der Jude wußte sogleich, daß die Beiden mit ihm spielten, wie die Katze mit der Maus. Der Name seines Capitäns war ihnen ja bereits bekannt! Dennoch sagte er kopfschüttelnd: »Sollte man denken, was in der Welt Alles vor sich geht! Unsereiner weiß nichts.« »Es scheint freilich so, als ob Sie nichts wüßten. Dieses Geschäft florirt gerade hier in Triest gewaltig. Da sind zum Beispiel zwei Fischer, welche sich sehr damit befassen.« »Wer ist das, Herr Commissar?« Sein Blick hing angstvoll an den Lippen des Polizisten, welcher der Wahrheit gemäß antwortete: »Die Gebrüder Petruccio.« »Die kenne ich nicht.« »Auch diese nicht? Sie haben sehr Recht. Ich nenne Ihnen lauter unbekannte Namen. Aber Sie haben doch gestern in der Weinstube mit dem einen der Brüder gesprochen!« »Ich?« »Ja, der Herr Hauptmann hat es gesehen.« »So habe ich ihn nicht gekannt.« »Aber dann sind doch alle Beide bei Ihnen gewesen.« »Das ist nicht wahr!« »Also wieder ein Irrthum von –« Er hielt inne, denn er wurde gestört. Die Thür ging auf und Max und Johannes traten ein. Sie kamen dem Juden höchst willkommen. Er eilte auf sie zu und rief: »Da kommen die noblen Herren selbst. Hab ich doch geglaubt, daß Sie wollen abholen lassen Ihre Sachen.« »Das werden wir auch,« antwortete Max. »Selbst forttragen werden wir die Einkäufe doch nicht. Aber wir wollten uns Ihre Bilder noch einmal ansehen. Es ist möglich, daß wir uns noch eins kaufen.« »Schön, schön! Ich werde sie Ihnen gleich zeigen. Warten Sie nur einen Augenblick.« Er glaubte, daß sich nun die Polizisten zurückziehen würden. Max blickte sich suchend um und sagte: »Wissen Sie, Baruch Abraham, den Frauenkopf möchten wir noch einmal sehen, der hier an der Wand hing.« »Ein Frauenkopf? Da war keiner da.« Er sagte die Wahrheit. Max hatte nur den Kopf erwähnt, um Folgendes zu bringen: »Keiner? Da irre ich mich freilich. Mein Freund ist ein Porträter und kauft gern Köpfe. Er sucht sich überhaupt – ah, Baruch Abraham, kann man hier Modells bekommen?« »Lebendige?« »Natürlich.« »Das weiß ich nicht. Ich bin nicht Maler und Künstler und habe mich nie um solche Dinge bekümmert. Annonciren Sie doch einmal. Vielleicht meldet sich Jemand.« »Möglich,« sagte Max. »Aber gewöhnlich passen Diejenigen Einem nicht, welche sich melden, während interessante Köpfe – da fällt mir ein, ich habe einen außerordentlich feinen und interessanten Frauenkopf gesehen. Wenn diese Dame mir sitzen wollte!« »So müssen Sie sie fragen.« »Das kann ich nur mit Ihrer Hilfe.« »Mit der meinigen? O weih! Wenn der alte Baruch Abraham Ihnen soll verhelfen zu einer Dame, so werden Sie bekommen niemals eine.« »In diesem Falle ist es doch anders. Ich kenne sie gar nicht; Sie aber kennen sie.« »Sagen Sie mir den Namen.« »Sie heißt Anita Ventevaglio.« »Anita Ven – – ist es bereits doch das zweite Mal, daß dieser Name mir wird genannt, ohne daß er mir ist bekannt.« »Was?« fragte Hanns im Tone des Erstaunens. »Er wäre ihnen unbekannt?« »Ganz und gar.« »Die Dame wohnt doch bei Ihnen.« »Bei mir? Das ist nicht wahr.« »Gewiß ist es wahr.« »Wer sagt denn das?« »Ich.« »Sie? Wie können Sie sagen so Etwas?« »Ich habe sie gesehen und mein Freund auch.« »Wenn denn und wo denn?« »Gestern Nachmittag, da vor der Thür.« »Das müßt ich doch auch wissen.« »Besinnen Sie sich. Sie wollte Wasser und statt dessen gaben Sie ihr die Peitsche.« »Die Peitsche? Ach, das ist gewesen nur so ein kleiner Scherz, den man sich macht mit einer lieben Verwandten.« »Anita ist mit Ihnen verwandt?« »Anita nicht. In meiner ganzen Freundschaft giebt es keine Dame, welche trägt den Namen.« »Aber Sie sagten doch soeben, daß Sie sich diesen Scherz mit einer Verwandten gemacht hätten!« »So ist es auch. Die kleine Rahel ist die Tochter meines Mutterbruders.« »So ist das Mädchen eine gewisse Rahel gewesen?« »Ja.« »Ich denke, es war Anita?« »O nein – nein!« »Hm! Das klingt mir sehr unwahrscheinlich. Die Tochter Ihres – wie war das?« »Meines Mutterbruders.« »Wie alt sind Sie?« »Zweiundsiebenzig.« »Da könnte Ihre Mutter jetzt hundert sein und ihr Bruder ebenso. Und die Tochter dieses Bruders soll so jung sein wie gestern dieses Mädchen? Baruch Abraham, jetzt haben Sie eine große Dummheit begangen!« Der Jude sah das auch ein, daher verbesserte er sich rasch und in dringlichem Tone: »Die Enkelin ist sie, die Enkelin, nicht die Tochter!« »Das könnte ich eher glauben, wenn es überhaupt geglaubt werden könnte.« »Warum soll es nicht werden können geglaubt?« »Weil es eine Lüge ist.« »Herr! Wollen Sie schimpfen mich einen Lügner?« »Ja.« »So sagen Sie eine Beleidigung, welche Sie sicher jammervoll werden bereuen.« »Das glaube ich nicht!« »Sie werden es erfahren. Wenn Sie nicht sofort nehmen zurück diese Beleidigung, werde ich Ihnen senden meinen Sekundanten.« Alle lachten. Da rief er zornig: »Was giebt es da zu lachen, wenn Baruch Abraham redet im heiligsten Ernste.« »Da sollen wir nicht lachen?« fragte Max. »Sie wollen meinen Freund fordern?« »Ja, wenn er mich nicht bittet um Verzeihung.« »So ein alter Mann einen so jugendlichen Menschen? Bedenken Sie doch nur!« »Das ist mir egal! Wenn ich werde beleidigt, so bin ich ein wüthender oder brüllender Löwe!« »Aber es liegt ja gar keine Beleidigung vor. Er hat Sie nur einen Lügner genannt!« »Nun, ist das keine Kränkung meiner Ehre?« »Nein, denn er hat die Wahrheit gesagt. Das Mädchen hieß Anita.« »Das ist aber nicht wahr!« »Es ist wahr. Wir wissen es aus einem ganz sichern Munde.« »Welcher Mund ist das?« »Der ihrige selbst.« »Sie – sie selbst soll es gesagt haben?« fragte der Jude erschrocken. »Ja, Anita selbst.« »Wenn denn?« »Gestern. Wissen Sie, als mein Freund draußen im Hofe die Bilder ansah.« »Da war ich doch bei ihm und müßte von dem Gespräche Etwas gehört haben.« »Ich habe Sie mit Absicht herein zu mir gerufen, und zwar mehrere Male.« Der Jude starrte den Sprecher entsetzt an. »Er – er – hat mit – Anita geredet?« fragte er fast stammelnd. »Ja.« »Wa – wa – was denn?« »Er hat sie retten sollen.« »Gott – der – der Gerechte!« Er ließ die Arme sinken und blickte ganz rathlos um sich. »Nun, gestehen Sie es ein?« Das Wort gestehen brachte ihn schnell wieder zu sich. Er fuhr empor und rief: »Gestehen? Was soll ich gestehen?« »Daß es Anita war.« »Wie kann ich gestehen das? Ich weiß von keiner Anita Etwas, kein Wort!« »Und doch war sie bei Ihnen?« »So muß sie sich haben geschlichen herein ohne meinen Willen und Erlaubniß.« »Ach so! Warum haben Sie sie denn aber eingesperrt?« »Eingesperrt?« stieß er hervor. »Ja, eingeriegelt!« »Wer sagt das?« »Und sogar mit Stricken angebunden!« »Wo denn?« »Oben in der Kammer da über uns.« »Herr Zebaoth! Höre ich denn recht? Man sagt da Sachen, von denen ich kein Wort verstehe!« »Lügen Sie nicht! Wir sind dann gekommen und haben sie geholt.« »Sie – Sie – Sie sind das gewesen!« »Ah, jetzt verplappern Sie sich!« »Nein, nein! Ich weiß von nichts!« »So! Es war ungefähr um Zwölf, als wir sie holten. Um Zwei kamen die beiden Petruccio, um die Mädchens überhaupt abzuholen. Da vermißten Sie Anita und haben sie mit Lichtern und Laternen im ganzen Hause gesucht. Und jetzt sagen Sie, daß Sie von Nichts wissen?« Der Jude sank auf den bereits erwähnten Papierstoß nieder und vergrub das Gesicht in die beiden Hände. Da trat der Kommissar zu ihm, legte ihm die Hand auf die Achsel und fragte: »Abraham, wollen Sie noch leugnen?« Bei dieser Berührung sprang der Gefragte schnell wieder auf und schrie: »Ja, ich leugne, ich leugne!« »Aber es nützt Ihnen nichts!« »Es nützt, es nützt, es muß nützen. Man macht nur Lügen, um mich zu verderben!« »Lügen? Schauen Sie sich Die da an!« Er öffnete die Thür. Anita trat ein. Da taumelte Baruch Abraham zurück. »Das – das ist sie!« stotterte er. »Ja, das ist sie. Wollen Sie auch jetzt noch behaupten, daß Sie keine Anita kennen?« Da schlug der Verbrecher mit den langen Armen durch die Luft, als ob er böse Geister abzuwehren habe, und zeterte: »Ja, das behaupte ich, das sage ich! Wer anders spricht, ist ein Lügner!« »So sind die Anwesenden lauter Lügner, und nur Sie allein reden die Wahrheit?« »Ja, ja, und dreimal ja!« »Hm! Das würde doch sehr sonderbar sein. Ich bin vom Gegentheile überzeugt. Sie haben keinen einzigen der Namen gekannt, die ich Ihnen genannt habe, und doch stellt es sich heraus, daß Sie diese Personen alle kennen.« »Nein. Wer das sagt, dem geht es wie dem Herrn Hauptmann da, der auch das Zinn für Silber, das Kupfer für Gold gehalten hat!« »Sie wählen da einen sehr unglücklichen Vergleich. Der Herr Hauptmann hat sich nicht geirrt.« »Sie haben es doch vorhin selbst gesehen?« »Und Sie denken wirklich, daß Sie uns getäuscht haben? Da irren Sie sich in uns.« »Hab ich Sie etwa täuschen wollen?« »Natürlich!« »Ist mir nicht eingefallen!« »Nun, ich werde es Ihnen beweisen, daß Sie uns hinter das Licht führen wollten. Bitte, Herr Hauptmann!« Auf diese Worte hin trat der Sepp zu der Kleiderstellage und zog sie von der Wand weg. »Was ist das? Was wollen Sie da?« fragte der Jude, indem er auf ihn zusprang. »Die Schmucksachen holen.« »Die find doch nicht da, sondern dort!« »O, ich weiß schon, wo sie sind.« Der Sepp griff nach dem Eisenhaken und drehte. Die Wand öffnete sich. Da aber packte der Jude den Alten und schrie: »Was haben Sie hier zu suchen? Fort, fort mit Ihnen! Ich dulde das nicht!« Da zog der Polizist ein paar Handschellen aus der Tasche, zeigte sie ihm und sagte: »Verhalten Sie sich ruhig! Sobald Sie Einen von uns wieder anrühren, fessele ich Sie!« »Wie – wa – fesseln?« »Ja, auf der Stelle!« »Bin ich denn ein Verbrecher!« »Und was für einer!« »Gott der Gerechte! Wie werden verkannt die frömmsten Kinder von Israel!« »Ja, fromm! Das wäre eine Frömmigkeit! Bitte, Herr Hauptmann, nehmen Sie die Sachen heraus!« »Nein, nein!« schrie der Jude, den der Gedanke, daß er seine Schätze hergeben müsse, halb wahnsinnig machte. »Schweigen Sie!« gebot der Commissar. »Schweigen, ich? Nein, ich schweige nicht. Ich werde laut werden! Und wenn ich nicht mit dem Munde reden soll, so spreche ich anders. Wehe Demjenigen, welcher dort Etwas anrührt!« Er trat an die Wand und riß ein Terzerol herab. Wahrscheinlich war es geladen. Aber der Sepp war schnell bei ihm und riß es ihm aus der Hand. »Gieb her!« sagte er. »So ein Kerl wie Du versteht nichts von solchen Dingen!« Da warf sich der Jude wie ein Tiger auf ihn. Ein lauter Pfiff des Commissars, und es kamen wohl sechs oder acht Polizisten herein, welche draußen im Flur gewartet hatten. In wenigen Augenblicken war der Jude gebändigt. Aber er schrie in toller Wuth aus vollem Halse, so daß seine Frau es hörte. Sie kam zur Treppe herab und in den Laden gerannt. »Was, was ist – – –?« Sie wollte fragen, was hier los sei, aber die Frage blieb ihr im Munde stecken, als sie die Anwesenden bemerkte. Die Uniformen der Polizisten erfüllten sie mit Schreck. »Was es ist?« rief der Jude. »Berauben wollen sie uns, bestehlen! Diese Schurken sind gekommen, um – – –« »Knebeln! Und führt ihn ab sammt seinem Weibe!« befahl der Commissar. Es wurde ganz kurzer Prozeß gemacht. Die Beiden wurden gefesselt und mit Hilfe des vorhandenen Mauerpfortenschlüssels hinten hinaus geführt. An der nächsten breiteren Gasse hielt ein Fiaker, in welchen zwei Polizisten mit dem sauberen Ehepaare stiegen. So kam es, daß in dem Judengäßchen kein Mensch die Arretur der Beiden sah. Indessen wurde die ganze Wohnung durchsucht. Da fanden sich denn unwiderlegbare Beweise, daß das Geschäft Abrahams ein geradezu ungeheures gewesen war. In diesem baufälligen Hause waren die Fäden aus allen Gegenden des Reiches zusammengelaufen. »Da nehmen wir ein Nest aus,« sagte der Commissar zu dem alten Sepp. »Und das haben wir Ihnen zu verdanken.« »Nicht mir sondern meinen beiden jungen Freunden da.« »Allen Dreien. Es handelt sich hier um Verbrechen, welche lange Jahr«? hindurch verübt wurden. Auf die Entdeckung vieler von ihnen ist eine bedeutende Prämie gesetzt. Sie werden wohl viel Geld erhalten.« »O, darnach trachten wir nicht. Eins wäre uns viel, viel lieber.« »Was?« »Wenn wir die Höhle hätten.« »Hm! Ich sagte Ihnen bereits, daß es auf der Isola piccola keine Höhle giebt.« »Es muß doch eine dort sein.« »Nein.« »Die Petruccio's sagten es doch!« »Sie haben die Mädchens täuschen wollen. Die Insel liegt oberhalb des Schlosses von Miramare ganz hart an der Küste, von welcher sie nur durch einen sehr schmalen Wasserarm verbunden ist. Ich war sehr oft dort.« »Ist sie, groß?« »Eine Viertelstunde lang und halb so breit.« »Ist sie bergig?« »Ganz eben. Nur einige einzeln verstreute Felsenbrocken giebt es.« »Womit ist sie bewachsen?« »Mit Gras. Es giebt keinen Baum dort und auch fast kein Gesträuch Die Petruccio's sind allerdings oft dort, um vom Ufer aus zu fischen.« »Giebt es ein Haus dort?« »Eine armselige Hütte zum Unterschlupf, wenn ein Wetter die beiden Fischer überrascht.« »Hm! Und doch ist es mir, als ob die Höhle dort zu suchen sei. Man muß vorsichtig sein.« »Ich werde sofort den Juden und seine Frau verhören. Vielleicht gesteht Eins von ihnen, wo die Höhle zu finden ist.« »Dann benachrichtigen Sie mich sofort!« »Natürlich. Ich sende einige Zeilen in das Hotel, wenn ich nicht selbst kommen kann.« »Und wenn sie nichts gestehen?« »So arretiren wir die Petruccio's.« »Wäre das nicht ein Fehler?« »Wieso?« »Diese beiden Italiener sind doch die Hüter der Mädchens.« »Allerdings.« »Diese Mädchens sind jedenfalls in der Höhle eingeschlossen; sie können nicht heraus.« »Das läßt sich denken.« »Sie erhalten Speise und Trank von den Petruccio's. Nehmen wir diese gefangen, so verschmachten die armen Geschöpfe.« »Ich denke, die beiden Kerls werden ein Geständniß ablegen.« »Das glaube ich nicht. Ich halte sie für hartgesottene Sünder, die lieber sämmtliche Mädchens verhungern und verdürsten lassen, damit nur ihnen nichts bewiesen werden kann.« »Hm! Fatal!« »Höchst fatal! Wenn sie nicht gestehen, haben wir verloren. Wir finden nichts.« »Sie vergessen das Schiff, welches nächste Nacht dort anlegen will, um die Fracht einzunehmen.« »Es wird umsonst anlegen.« »Wieso?« »Wenn weder der Jude noch die beiden Italiener da sind, können die Mädchens doch nicht abgeliefert werden.« »Sollte der Capitän die Höhle nicht kennen?« »Schwerlich. Und wenn sie ihm bekannt wäre, würde er es keinesfalls verrathen. Was wollen Sie mit ihm machen, wenn Sie keinen Beweis gegen ihn haben?« »Er legt doch dort an!« »Darf er das nicht?« »O doch, aber es ist verdächtig.« »Daraus macht er sich nichts. Wenn wir ihn fangen wollen, müssen wir die Mädchens haben. Und um diese zu bekommen, müssen wir die Höhle finden.« »Ganz richtig! Aber wie?« »Indem mir die Petruccio's nicht arretiren, sondern sie freilassen. Sie dürfen gar nicht ahnen, daß der Jude gefangen ist. Wir beobachten sie, und da müßte es mit dem Teufel zugehen, wenn wir nicht wenigstens eine Spur fänden.« »Gut, ich will Ihnen folgen. Ich werde sie also streng beobachten lassen.« »O bitte, nein! Lassen Sie lieber uns das über.« »Meinen Sie, daß Sie bessern Erfolg haben werden als wir?« »Nein; aber ich thu so Etwas sehr gern.« »Nun schön. Wir sind Ihnen zu größtem Dank verpflichtet und wollen Ihre Wünsche gern berücksichtigen.« »So sorgen Sie vor allen Dingen dafür, daß kein Verbündeter des Juden erfährt, daß er arretirt ist.« »Meinen Sie, daß ich das Haus verschließe?« »Nein. Das würde auffallen.« »Man könnte denken, er sei verreist.« »Dann wäre seine Frau daheim.« »Können, nicht alle Beide verreist sein?« »In diesem Falle würden sie einer Vertrauensperson das Geschäft übergeben. Baruch Abraham scheint mir zu geizig zu sein, als daß er sich den kleinsten Verdienst entgehen ließe, was doch der Fall sein würde, wenn er während seiner Abwesenheit keinen Verkäufer in den Laden stellte.« »So stellen wir einen!« »Dieser Gedanke ist nicht übel.« »Nicht wahr?« »Ja. Haben Sie eine passende Persönlichkeit?« »Einen jungen Collegen, welcher erst seit zwei Tagen aus Graz gekommen ist. Es kennt ihn Niemand, und er ist ein Jude.« »Aber sicher?« »Ueber allen Zweifel erhaben.« »So paßt er ausgezeichnet. Er kann sich für einen Verwandten Abrahams ausgeben und sagen, daß dieser mit seiner Frau für einen Tag oder einige Tage verreist sei. Auf diese Weise können wir leicht noch Wichtiges erfahren.« »Ich werde sofort nach ihm senden und ihn dann gehörig instruiren.« »So bedürfen Sie meiner nicht mehr?« »Jetzt nicht. Später vielleicht.« »Ich habe jetzt Wichtigeres zu thun.« »So gehen Sie in Gottes Namen.« Sepp hatte nach der Uhr gesehen. Es war bereits eine halbe Stunde über zehn Uhr, um welche Zeit er den Fex mit der Silbermartha erwartete. Er hätte sich ganz gut eher entfernen können; aber dann wäre ja Max mit ihm gegangen, welcher Martha nicht sogleich sehen sollte. Darum hatte er die zehn Uhr ruhig verstreichen lassen. Jetzt nun entfernte er sich mit den Seinen, nachdem Anita ihnen die Orte gezeigt hatte, an denen sie hier gequält worden war. Sie unterhielten sich unterwegs so lebhaft über das Vorkommnis im Hause des Juden, daß Max und Hanns gar nicht daran dachten, daß der Fex ja kommen wolle. Sie begaben sich, im Hotel angekommen, stracks nach Sepps Zimmer. Der Alte aber blieb leise zurück und fragte den Portier: »Ist der Herr angekommen, welchem ich depeschirte?« »Ja, punkt zehn Uhr. Er fragte nach dem Herrn Hauptmanne.« »Kam er allein?« »Er hatte eine junge Dame mit.« »Wo logirt er.« »Beide befinden sich einstweilen in Nummer Zwölf, zwei Treppen.« Der Sepp stieg sogleich diese zwei Treppen hinauf und klopfte an. Die Stimme, welche »Herein« rief, kannte er. Sie gehörte dem Fex. Als er eintrat, wurde er von diesem und Martha auf das Lebhafteste begrüßt. »Aber, Sepp, was fällt Dir ein!« rief der Fex. »Uns mitten in der Nacht aus dem Schlafe zu stören und nach Triest zu rufen.« »Das ist ja weiter nix.« »So! Nächstens schaffst Du uns wohl nach Amerika?« »Das ist leicht möglich. Grad wegen Amerika hab ich Dich rufen lassen.« »Ists Spaß?« »Nein, Ernst.« »Oho! Was hab ich mit Amerika zu thun?« »Du nicht, aber die Paula.« Dieser Name wirkte wie electrisirend auf den Fex. Er rief erstaunt: »Die Paula? Was ists mit ihr?« »Sie will nach Amerika.« »Herrgott! Weißt das wirklich?« »Ja doch.« »So hat sie es Dir sagt?« »Nein, sie nicht.« Er schlug die Hände zusammen und that einen Freudensprung, der einem Circuskünstler alle Ehre gemacht hätte. Dann ergriff er die Hand des Alten und fragte »Sepp, ists denn wirklich, wirklich Dein Ernst?« »Natürlich.« »Hast eine Spur von meiner Paula funden?« »Ja doch.« »Aber selbst hast sie nicht sehen?« »Leider nicht. Ich such sie noch.« »Ich such sie mit, ich such sie mit!« »Deshalb habe ich Dich kommen lassen.« »So ist sie hier?« »Sie soll sich hier befinden.« »Wo, wo?« »Gefangen.« Der Fex erbleichte. »Gefangen?« fragte er. »Hat sie vielleicht in ihrem Herzeleid eine Unvorsichtigkeit begangen?« »O nein, nein, nein! Das thut die Paula nicht.« »Das denk ich auch. Eher geht sie zu Grund, als daß sie was Böses thut. O mein Gott, meine Paula! Endlich ich nur mal wieder was von ihr hören thu!« »Mußt Dich aberst darauf gefaßt machen, daß es nicht gar viel Gutes ist.« »Gehts ihr schlimm?« »Ja, leider.« »So solls gleich anderst werden, gleich auf der Stell!« »Ja, wann man nur die Stelle hätt!« »Wie meinst das?« »Bevor ichs Dir sag, mußt mir versprechen, daßt nicht verschrecken willst.« »Himmel! Ists so was Schlimmes?« »Nun, zu ertragen ists halt noch.« »So sags!« »Sie ist in schlimme Händ gerathen.« »In welche denn?« »Sie wird mit Gewalt fortgehalten und soll auf ein Schiff schleppt werden, worauf man sie nach Amerika bringen will.« »Du, das will ich mir verbitten!« »Ich mir auch!« »Wo ist das Schiff?« »Hier im Hafen.« »So lauf ich sofort zum Capitän und schlag ihn nieder. Kannst derweilen hier warten!« Er riß seinen Hut von der Wand und eilte nach der Thür. »Halt!« rief der Sepp. »Weißt denn auch, wie dera Capitän heißt?« »Nein« »Und den Namen des Schiffes?« »Auch nicht. Sags schnell, damit ich fort kann! Ich hab halt keine Zeit!« »Ich hab auch keine Zeit, bis Du fortgehst und dann wiederkommst.« »So geh halt gleich mit!« »Werds bleiben lassen! Wann ich so schön zur Thür hinaus spazieren kann, schieß ich nicht mit dem Kopf zur Wand hindurch!« »Was schwatzest da! Dera Capitän will sie nach Amerika schleppen. Das duld ich nicht!« »Er hat sie noch gar nicht!« »Ach so! Wer hat sie denn?« »Das weiß ich noch nicht genau. Ich such den Kerl. Ein Jude wird es wohl sein.« »Ein Jude? Den hau ich so lang, bis ein Türke aus ihm wird, und zwar ein blauer!« Er rannte abermals nach der Thür, besann sich aber, blieb stehen und fragte: »Wie heißt er denn?« »Baruch Abraham.« »Und wo wohnt er?« »Im Gefängniß.« »Im Gef– – Donnerwetter! Treibst wohl Dein, Spiel mit mir, alter Sepp?« »Das fällt mir gar nicht ein. Aber lässest Du mich denn zu Worte kommen?«. Er hatte ganz Recht mit dieser Frage. Es war blitzschnell Wort auf Wort gefallen. Der Fex war vor Entzücken, von der so lange vermißten Geliebten Etwas zu hören, ganz aus dem Häuschen gerathen. Jetzt zürnte er: »Wer ist denn daran schuld?« »Du doch!« »Nein, Du! Du giebst mir den Trank nur tropfenweise ein, und ich will doch gleich Alles wissen.« »Wann ich Dir Alles in Kürze sag, so zerplatzest ganz gewiß in tausend Stücke.« »Versuchs einmal!« »Also will ichs kurz machen: Es hält sie Einer gefangen, um sie nach Kalifornien unter die Goldgräber zu verkaufen. Einen Augenblick lang starrte der Fex den Alten an, dann sprang er auf ihn zu, packte ihn bei der Gurgel und schrie: »Du, sag das noch mal! Da erwürg ich Dich!« Der Sepp mußte alle seine Kraft aufbieten, den jungen, starken Menschen von sich abzubringen. Dann rief er halb lachend und halb zürnend: »Hab ichs nicht sagt, daßt gleich in tausend Stücke springen wirst. Du Haderlump Du!« »Was sagst, Haderlump?« »Ja! Willst etwa nicht Deinen besten Freund derwürgen? Mich, den alten Wurzelsepp?« »Ja, Dich hab ich doch gar nicht meint!« »So? Wen denn?« »Den, der sie verkaufen will.« »Warum packst ihn denn da an meiner Gurgel? Pack mich doch an dera seinigen!« »Wo steckt er denn?« »Werd ihn Dir schon zeigen.« »So komm!« Er ging wieder nach der Thür. »Bleibst gleich da!« rief der Alte. »Wie viele Male willst denn eigentlich fort?« »Das fragst auch noch? Herrgottle, Sepp, siehst denn nicht ein, daß ich vor Ungeduld vergeh?« »So nimm Dich zusammen und beherrsche Dich! Damit kommst nicht weiter. Geh her! Setz Dich zu mir! Ich will Dir Alles verzählen.« »Gut; aberst schnell!« Martha hatte den Sepp begrüßt und seitdem keine Gelegenheit gefunden, nur ein einziges Wort zu sagen. Jetzt nahm sie den Fex bei der Hand, zog ihn auf das Sopha und bat: »Fex, ich bitt Dich gar schön: hör ihn an!« »Das will ich wohl,« antwortete er. »Aber in fünf Minuten muß er fertig sein.« »Sei kein Talk!« »Wie? Wannst nun Du verkauft werden solltest, und Dein Max thät sich hinsetzen – –« »Fex!« rief sie bittend. »Ach so! Ja, das hatt ich vergessen, daß man zu Dir von dem nicht reden darf. Na, Sepp, ich will mir Mühe geben, still zu sein. Da sitz ich, und nun fang an zu verzählen.« »So? Bist wirklich still?« »Das ist sehr gut. Da werd ich nun grad nicht verzählen.« Er stand auf. Der Fex sprang zornig auf ihn zu, ergriff ihn am Arme und rief: »Du, Alter, wannst noch einen Funken ins Pulver wirfst, da platzt es halt!« »So werf ich keinen. Weißt, hier ist nicht dera Ort dazu. Komm mit hinunter in meine Stuben. Da ist noch Einer, der Dir Alles viel besser verzählen kann, als ich.« »Wer?« »Wirsts sehen. Komm!« »Soll ich auch mitgehen?« fragte Martha. »Nein. Bleib nur. Ich schick Dir was herauf.« »O, ich brauch nix.« »Das, was ich Dir senden werd, kannst schon gut gebrauchen. Paß' mal aufi!« Er nahm den Fex bei der Hand und zog ihn fort. »Du,« sagte er unterwegs, »rath mal, wenst bei mir treffen wirst?« »Ich weiß es nicht.« »Den Elefantenhanns und – –« »Und den Max?« fragte der junge Mann schnell. »Wie kommst Du auf den?« »Wo dera Hanns ist, da ist dera Max auch.« »Da hast Recht. Sie sind da, auf meinem Zimmer.« Als die Beiden unten eintraten, hatte noch immer Niemand an ihn gedacht. Max, Hanns und Anita hatten sich über den Juden unterhalten und waren so ganz bei der Sache gewesen, daß sie gar keine Zeit gefunden hatten, sich auf den Zehnuhrzug zu besinnen und auf den, der mit demselben kommen sollte. Desto herzlicher war jetzt die Begrüßung. Anita hatte sich bei seinem Eintritte sogleich in ihr Zimmer zurückgezogen. Ihr natürliches Zartgefühl sagte ihr, daß die ersten Augenblicke den Freunden gehören mußten. Natürlich kam die Rede sofort auf die Paula. Der Fex verlangte Auskunft über sie. Max wollte ihm antworten, aber der Sepp unterbrach ihn: »Sei Du still, Max! Ich werds ihm verzählen, und dera Hanns mag mir helfen. Du hast Nothwendigeres zu thun.« »So? Was denn?« »Es ist Eins von dera Polizeien da, was mit Dir reden will.« »Wo denn?« »Noch eine Treppe höher, in Nummer Zwölf. Sollst aber gleich kommen.« »Was ists denn für einer?« »Ein Feiner und Prächtiger. Sei recht höflich mit ihm und mach ihm ja ein schön Complimenten!« Das Gesicht, welches der Alte dabei machte, fiel ihm auf. Darum fragte er: »Willst mich wohl nur in den April senden?« »O nein. Es ist wahr. Frag den Fex.« »Ja,« meinte dieser. »Geh rasch hinaufi. Es hat keine Zeit. Du mußt rasch machen.« Jetzt stieg Max empor und klopfte an. Es ertönte keine Antwort. Erst als er zum zweiten Male klopfte, hörte er von innen einen Ton. »Das klingt ja, als obs ein Weibsbild wär,« dachte er. »Sind denn hier auch Weiber bei dera Polizeien?« Daß der Fex den Namen Maxens erwähnt hatte, das hatte das alte Leid im Herzen Martha's wieder aufgeweckt. Als sie sich allein sah, trat sie zum Fenster, legte die Stirn an die Scheibe und blickte trüb auf den Platz hinab. Wie glücklich konnte sie jetzt sein, wenn sie früher gewollt hätte. Sie war selbst schuld daran. Ihr Stolz, ihre Herzlosigkeit! O, wenn diese nicht gewesen wären! Aber, wäre sie jetzt wirklich glücklich? Hätte sie, die Tochter des Verbrechers, das Dasein des Geliebten an das ihrige ketten dürfen? Nein, nein und tausendmal nein. Sie war zur Verdammung und Verbannung verurtheilt und mußte dieses Schicksal tragen. Leider war die Last gar so schwer! Unten rasselten die Wagen. Der Platz vor dem Hotel war so sehr geräuschvoll. Darum hörte sie das erste Klopfen nicht. Und als sie das zweite doch vernahm, sagte sie zwar Herein, aber sie wendete sich nicht um. Sie meinte, daß es ein Zimmermädchen sei und sie wollte die Thräne nicht sehen lassen, die in ihrem Auge stand. Als aber kein Wort gesprochen wurde und auch keine Bewegung im Zimmer zu hören war, drehte sie sich um. Was war das! Sie fuhr sich vor Schreck mit beiden Händen nach dem Herzen. Reden konnte sie nicht. War es freudiger Schreck? Sie hätte diese Frage selbst nicht zu beantworten vermocht. Alles Blut wich aus ihrem Gesicht. Sie hatte wirklich das Aussehen einer Leiche. Und dort unter der geöffneten Thür stand er ebenso blaß wie sie. Seine Lippe lag zwischen den Zähnen, und seine Augen leuchteten zu ihr herüber. Leuchteten sie vor Zorn oder vor Freude? Da trat er herein und zog die Thür hinter sich zu. Dort aber blieb er stehen. »Martha!« sagte er mit zitternder Stimme. Sie antwortete nicht. »Martha!« Ihre Hände sanken von der wogenden Brust herab, aber sie redete nicht. »Hast Du kein Wort für mich?« Was sollte sie sagen, was sollte sie thun? »Martha!« Ein tiefer, tiefer Seufzer entfloh hörbar ihren Lippen; dann blieb es aber still. »Leb' also wohl!« erklang es kurz aus seinem Munde. Er drehte sich um und ging. Schon hatte er die Thür hinter sich zugemacht. Er war fort. Sie hörte seine sich entfernenden Schritte. Da kam eine unbeschreibliche Angst über sie. Sie sprang nach der Thür, riß sie auf und trat halb auf den Corridor hinaus. Er hatte schon die Treppe erreicht. »Max!« rief sie. Er drehte sich um, sagte aber nichts. »Max!« »Was soll ich?« »Komm!« »Warum sagst Du das erst jetzt? Adieu!« Er wendete sich wieder zum Gehen. »Max, Max!« erklang es hinter ihm. Dieser Ton war so voller Angst und Qual, daß er sich doch umwendete und langsam zu ihr zurückkehrte. Sie trat in das Zimmer zurück und er folgte ihr. In ihrem Gesicht war kein Tropfen Blut zu sehen. Und nun, da sie ihm so nahe stand, sah er deutlich, welche Veränderung mit ihr vorgegangen war. Sie war schöner, viel schöner noch als früher. Aber ihre Schönheit war eine mehr geistige geworden. Das Leid hatte ihren üppigen Formen einen Adel aufgedrückt, der ihnen vorher gefehlt hatte. Das Gesicht war schmaler geworden. Ihre Augen standen jetzt, in diesem Augenblicke voll dicker Thränen. »Martha, warum ließest Du mich gehen?« Sie antwortete abermals nicht. Nur an das Leid denkend, welches sie ihm früher bereitet hatte, fuhr er halb zornig fort: »Mein Gott! Kannst Du denn wirklich nicht reden?« Sie preßte die Lippen zusammen; sie schluckte und schluckte, um den überlauten Aufschrei ihres Herzens hinab zu bannen. Unter dieser geistigen und körperlichen Anstrengung erbebte ihre Gestalt. Er war schon früher ein schöner, junger Mann gewesen; aber jetzt, nachdem er eine so lange Zeit im Süden zugebracht hatte, waren seine Vorzüge weiter entwickelt worden. Und welch eine Zukunft lag vor ihm! Sie hatte davon gehört. Dieses Bewußtsein war es, was sie jetzt erzittern machte. Das Glück, welches sie hätte besitzen können, stand vor ihr; sie aber hatte es von sich gestoßen. Das war es, was ihre ganze Seele in eine Aufregung brachte, die sie nur unter Anstrengung all ihrer Kräfte noch für einige Augenblicke zu bemeistern vermochte. Sie hätte gern geantwortet, gar so gern; aber sie konnte ja nicht. Sie fühlte, daß sie laut aufschreien werde, wenn sie den Mund öffne. »Nun,« sagte er kalt, »wenn Du nicht antworten kannst, so brauchtest Du mich auch nicht zu rufen. Der armselige Schulmeister bin ich glücklicher Weise nicht mehr!« Er drehte sich zum Gehen und öffnete die Thür. Schon stand er draußen, da ertönte hinter ihm im Zimmer ein Schrei – aber was für ein Schrei! Als er den Blick zurückwarf, sah er Martha, auf dem Boden knieen, mit dem Gesicht auf den Sitz des Stuhles gebeugt. Ein jämmerliches Schluchzen entquoll ihrer Brust. Da kehrte er langsam zurück und machte die Thüre wieder zu. Die Hände über die Brust verschlungen, stand er da und blickte sie finster an. Er wartete, daß sie aufblicken und mit ihm sprechen werde – sie that es nicht. Da wollte sich ein grimmiger Zorn seiner bemächtigen, er sagte in hartem Tone: »Martha, bist Du fertig?« Als Antwort verstärkte sich ihr Weinen. »Gott, ach Gott! Was soll das Schluchzen helfen! Das Jammern machts nicht anders.« Da hob sie langsam den Kopf und sah ihn an. Es war wie der Blick einer Sterbenden. Und erst jetzt kam ihm die Erkenntniß, daß sie unmöglich hatte reden können, daß er hart, gefühllos, grausam mit ihr gewesen sei. Im Nu kniete er neben ihr, schlang die Arme um sie und zog ihren Kopf auf seine Achsel. Er fühlte ihren Körper an sich beben; er fühlte, welch eine Revolution sie jetzt durchschüttelte. Er hob sie auf, ließ sie auf das Sopha gleiten, setzte sich neben sie und hielt sie innig an sich gepreßt. So lag sie nun an seinem Herzen, weinend aus allertiefstem Herzensgrunde. Sie hatte den einen Arm um ihn gelegt, aber so leicht, so leise, daß er ihn kaum fühlte. Er wußte, weshalb. Sie hielt sich nicht für werth, von ihm umschlungen zu sein. Da nun kam abermals ein zorniger Grimm über ihn, aber jetzt nicht über sie, sondern über sich selbst. Wie wehe hatte er ihr gethan. Er hatte sie nicht verstanden und ihr im Gegentheile so unendlich wehe gethan! Er hätte sich selbst beohrfeigen mögen! So verging eine längere Zeit. Da wurde ihr Weinen schwächer und schwächer, bis es ganz aufhörte. Ihr Kopf lag still und ruhig auf seiner Achsel, das Gesicht nach unten gekehrt, so daß er es nicht sehen konnte. Aber ihre eine Hand hatte er; sie konnte er sehen. Sie war so fein und alabasterweiß. Dieses Händchen erzählte die ganze Geschichte des armen Mädchens, welches von der Höhe herabgeschleudert worden war in eine Tiefe, aus welcher man nicht leicht wieder hoffnungsvoll emporblicken kann. Früher hatten Ringe an diesen weißen Fingern geglänzt, Ringe, mehrere neben einander, als Zeichen eines grund- und haltlosen Bauernstolzes. Und jetzt? Ein einziger Reif umschloß den kleinen Finger. Aber er war nicht von Gold und auch nicht von Silber. Es war ein sehr, sehr dünnes Haargeflecht, kunstlos, als hätte sie es selbst gemacht, und die Enden des Haares waren in einer schwarzen Perle vereinigt, nicht in einer echten, sondern in einer ganz gemeinen Glasperle, zwanzig und noch mehr Stück für einen Pfennig. Und da dachte er an den letzten Tag in Regensburg, damals, als er sie auf dem Maskenball des Gesangvereines als »Königin der Nacht« kennen gelernt hatte. Damals hatte er halb im Ernst und halb scherzend gesagt, daß er ganz glücklich sein würde, wenn er ein kleines, kleines Löckchen oder Strähnchen ihres Haares besitzen könnte. Sie hatte es ihm verweigert, weil er sich wohl auch hüten werde, sich für sie eines Löckchens seines dunklen Krauskopfes zu berauben. Um ihr das Gegentheil zu beweisen, hatte er das Federmesser herausgezogen und sich eine ganze Locke abgeschnitten, sie in ein Papier gewickelt und sie ihr gegeben. Sie aber hatte dieses Papier lachend fortgeworfen, und natürlich auch die Haare mit. Oder vielleicht doch nicht? Jetzt bewegte sie leise den Kopf. Vielleicht wollte sie ihn erheben. »Martha,« flüsterte er ihr zu. »Kannst Du mir vergeben?« Sie schwieg auch dieses Mal. »Bitte, bitte, antworte mir doch, wenn auch nur mit einem kleinen, einzigen Worte!« Sie antwortete, aber nicht mit einem Worte, sondern sie legte auch noch den zweiten Arm um ihn und drückte beide nun fest um seinen Leib. Da ergriff er ihren Kopf und hob ihn halb empor. Ihre noch immer nassen Augen blickten ihn mit unendlich traurigem Ausdrucke an. »Dir ist so weh im Herzen, meine Martha, nicht wahr?« fragte er. Und in überquellendem Mitgefühle füllten auch seine Augen sich mit Thränen. Sie nickte ihm wie trostlos zu. »Dies soll das letzte Mal sein, daß Du um die Vergangenheit weinst.« »O nein,« antwortete sie leise. »Ich werde noch oft, so oft zu weinen haben.« »Nein. Dein Leid ist zu Ende. Du hast mehr als genug geduldet.« »Aber nicht gebüßt.« Er wußte gar wohl, was sie meinte, und doch fragte er, als ob er sie nicht verstehe: »Gebüßt? Wofür?« »Für meinen Stolz, für meine frühere Gefühllosigkeit, für – – die Silbermartha. O mein Gott, dieses unglückliche, unglückliche. Silber!« »Es ist vorüber!« »Ja, für Dich, aber nicht für mich!« »Auch für Dich. Glaube es mir.« »Ich glaube es nicht, ich kann es nicht glauben, denn ich weiß das Gegentheil.« »Kind, das ist ja eine ganz erschreckende Trostlosigkeit!« »Nein, Max, trostlos ist es nicht. Es ist ein Trost, daß Du nicht mit in unseren Fall gerissen worden bist.« »Martha, ich verstehe Dich nicht.« »O, Du verstehst mich gut, willst es aber nicht zugeben. Jetzt segne ich zuweilen den Stolz, der nichts von dem Schulmeister wissen wollte. Du begreifst das; aber Du gestehst es nicht, um mich nicht zu kränken.« »So hältst Du mich wohl gar für so unendlich zart und rücksichtsvoll?« »Ja, das bist Du!« »Herrgott! Du weißt nicht, welche Strafe für mich in diesen Worten liegt. Wie rücksichtslos bin ich vorhin gegen Dich gewesen!« »Nur, weil Du mich nicht verstandest.« »Aber warum verstand ich Dich nicht? Eben weil ich nicht zart war. Ich verlangte, daß Du reden solltest.« »Ich konnte nicht, konnte unmöglich.« »Das weiß ich jetzt. Vergieb es mir. Willst Du, Martha?« Sie nickte ihm zu und ihr Gesicht erhellte sich. Er bog sich herab, um sie zu küssen; sie aber wich ihm aus. »Martha!« sagte er vorwurfsvoll. »Ich habe doch geglaubt, daß Du mich lieb hättest.« »Ja,« erklang es mit tiefem Athemzuge. »Wie lieb, wie lieb ich Dich hatte, das habe ich erst später gespürt.« »Und hast Du mich auch jetzt noch lieb?« »Unendlich!« flüsterte sie, indem sie über und über erröthete. »O, so ist ja Alles, Alles gut!« Er machte abermals den Versuch, sie zu küssen, und wieder entzog sie ihm ihre Lippen. »Martha, warum wendest Du Dich ab?« »Ich muß ja doch.« »Nein, nein!« »Ich darf nicht, Max.« »Warum nicht?« »Weil ich Dich nur lieben darf, aber weiter nichts. Die Liebe darf mir Niemand aus dem Herzen reißen.« »So bedarf es ja weiter nichts. Unsere Liebe ist geläutert aus der Trübsal hervorgegangen, und nun muß sie auch zu ihrem Recht gelangen.« »Was verstehst Du unter diesem Rechte?« »Daß wir uns gehören werden.« »Niemals!« »Warum niemals!« »Aus vielen Gründen.« »Willst Du sie mir nicht sagen?« »Du kennst sie ja auch.« »Ich kenne nichts, was uns trennen könnte, nun wir uns wiedergefunden haben.« Sie schüttelte leise aber bestimmt den Kopf. »Das sagst Du aus reiner Herzensgüte.« »Nein, sondern aus vollster Ueberzeugung.« »So täuschest Du Dich, Max. Denke an die Vergangenheit zurück. Ich will den heutigen Tag als eine Gnade Gottes betrachten und noch einmal, das letzte Mal im Leben bei Dir sein.« »Martha!« rief er erschrocken. »Fürchte nichts!« antwortete sie, bitter lächelnd. »Ich meine nicht das, was Du denkst. Ich kann das Leben tragen; ich werfe es nicht von mir. Aber es gehört nicht mehr mir und meinem Glücke, sondern es ist dem Dienste der Demuth und Arbeit gewidmet.« »Und dabei wirst Du grad am Allerglücklichsten sein.« »Ohne Dich nie!« »Wer fordert denn von Dir, daß Du ohne mich leben sollst, Martha?« »Die Gerechtigkeit.« »Liebes Kind, ich glaube, Du hast Dich in eine ganz falsche Anschauung hineingelebt.« »Nein. Ich habe viel gelitten und viel gerungen, ehe ich zur Klarheit gelangt bin. Ich werde einsam durch das Leben gehen, nicht abgeschieden zwar von Andern, nicht im Kloster; Arbeit ist auch ein Gebet, und ich werde arbeiten, um – – zu vergessen.« »Das wirst Du nie können!« Sie senkte den Kopf. Sie gab ihm Recht. Da ergriff er ihre Hand, hob dieselbe empor, deutete auf den Haarring und fragte: »Wer hat das geflochten?« »Ich selbst,« antwortete sie leise. Sie erglühte dabei im ganzen Gesichte. »Mit dieser Perle.« »O, die ist kostbar.« »Wieso?« »Ehe ich heimlich aus der Heimath fortging, besuchte ich die Feuerbalzern. Sie besserte sich eine alte Haube aus, und einige Perlen fielen herab. Ich bat sie, mir eine zu schenken: Sie gab mir diese hier.« Er verstand sie. Seine Augen füllten sich von Neuem. Von der Frau, die sie so oft durch ihren Stolz gekränkt hatte, hatte sie sich eine armselige Perle erbettelt. Das war Demuth, das war Beugung des früheren Stolzes. Sie hatte in die weite Welt gehen wollen, um sich zu verbergen, und als Andenken an die Heimath eine werthlose Perle von ihrer Feindin erbettelt! »Wie mag sich die Feuerbalzern gewundert haben, was Du mit der Perle willst!« sagte er. Sie antwortete nicht. Ihre Fingerchen aber zuckten wie hektisch gegen einander. »Und das Haar, von wem ist es?« »Kennst Du, es nicht?« »Nein.« Aber er ahnte, daß es von ihm sei. »Es ist von der Locke, die Du Dir in Regensburg abschnittest,« erklärte sie. »Die hast Du doch fortgeworfen!« »Nein.« »Ich sah es!« »Ich warf nur das Papier fort. Du solltest nicht denken, daß ich Dich gar so lieb hätte. Das gab mein Stolz nicht zu. Aber das Haar hätte ich um keinen Preis mit weggeworfen.« »Du Gute!« Er zog sie inniger an sich. »O, wie wenig gut war ich!« seufzte sie. »Du warst doch immer gut; aber die Güte durfte nicht gesehen werden. Daran warst nicht Du schuld, sondern die Erziehung. Jetzt aber hat das harte Leben den Edelstein in Schliff gehabt, und nun glänzt er so hell und so rein, daß ich ihn festhalten werde, weil ich ihn keinem Andern gönne.« »Wirklich?« »Ja, um keinen Preis!« »Es wird ihn auch kein Anderer haben, diesen Edelstein, der ganz und gar nicht echt ist.« »Martha!« »Er wird Niemandem gehören. Er ist herabgefallen auf die Erde, und da mag er liegen bleiben. Einem Stein thut es doch nicht weh!« Ihr Köpfchen neigte sich fast bis auf die Brust herab, und er sah, daß eine Thräne aus ihrem Auge in den Schooß fiel. »Martha, wirf diese Verzagtheit fort!« bat er in dringendem Tone. »Es ist keine Verzagtheit. Es ist die kalte Beurtheilung der Verhältnisse.« »Nein. Es ist Verzagtheit. Hat denn die Silbermartha allen Muth verloren?« »Max, nicht diesen Namen, ja nicht! Es thut mir so wehe, wenn ich ihn höre. Nein, den Muth habe ich nicht verloren. »Es scheint aber so!« »Grad zum Entsagen gehört der größte Muth.« »Aber wenn man Etwas aufgiebt, welches man erlangen kann, so ist das feig.« »Wenn man es erlangen kann, ohne daß es Andern, schadet, ja.« »Nun, wem schadet es, wenn wir uns lieben und uns dann auch gehören?« »Dir.« »Mir? O nein!« »O doch! Wie kann die Tochter des Zuchthäuslers Dir gehören. Dir, dem Reinen, dem – –« »Martha, nicht so!« bat er, indem er aufsprang und einige Male im Zimmer auf und ab ging. »Wenn wir uns deshalb nicht gehören können, weißt Du, wer allein die Schuld daran trägt?« »Nun?« »Ich.« »Du? Das ist ja gar nicht möglich.« »O, es ist wirklich so.« »Das könntest Du wohl nicht beweisen.« »Es ist eben so traurig, daß ich es so sehr leicht beweisen kann. Ich bin es ja, der Deinen Vater auf das Zuchthaus gebracht hat.« »Du?« »Ja. Hast Du denn nicht bemerkt, oder erfahren, daß ich es war, der Alles entdeckte. Eins nach dem Andern?« »Ja, das weiß ich.« »Nun, ich hatte, seit ich Deinen Bruder und Deinen Vater zum ersten Male traf und von ihnen beleidigt wurde, mir vorgenommen, sie zu bestrafen. Ich bin ihnen nachgegangen auf Schritt und Tritt. Ich habe Wort gehalten und Dich aber unendlich unglücklich gemacht.« »Ja, sehr, sehr unglücklich,« seufzte sie. »Das wirst Du mir nie vergeben können!« Sie blickte ernst und ohne den mindesten Vorwurf im Auge zu ihm auf und antwortete: »Ich habe Dir nichts zu vergeben.« »O, viel, viel!« »Gar nichts. Du hast die Welt von Verbrechern befreit. Das ist ein Verdienst von Dir. Daß diese Leute meine Verwandten waren, dafür konntest weder Du noch ich.« »Hegst Du wirklich, wirklich diese Ansicht?« »Ja.« »Und machst mir keinen Vorwurf?« »Max, ich schwöre Dir beim Herrgott zu, daß mir niemals der Gedanke gekommen ist, Dir auch nur den leisesten Vorwurf zu machen. Ich selbst bin ja heimlich fort, weil ich den Vater hätte anzeigen müssen, wenn ich geblieben wäre.« »Gott sei Dank! Da nimmst Du mir eine große, große Last von der Seele.« »Wenn Dich das bekümmert hat, so wirf es von Dir. Ich zürne Dir nicht.« »Aber Dir selbst zürnst Du desto mehr.« »Mir selbst? Wie so?« »Nun, meinst Du nicht, daß Vorwürfe auf Dir liegen?« »Nein. Ich habe nichts Unrechtes gethan.« »Und doch willst Du dem Glücke entsagen?« »Weil ich muß.« »Kind, das ist ein trauriger Gedanke, den wir tödten müssen, wenn er nicht uns selbst tödten soll. Komm einmal her, meine gute, liebe Martha, uns schau mir in das Gesicht! So!« Er setzte sich nieder zu ihr, nahm ihren Kopf in beide Hände und hob ihn so empor, daß sie ihm grad in das Gesicht sehen mußte. Dann fuhr er fort: »Du hast mich wirklich lieb?« »Lieber als mein Leben, Max!« hauchte sie. »Und meinst Du, daß ich Dich weniger lieb habe als Du mich?« »Ists auch wahr?« »Ja, meine Martha. Du bist mir niemals, niemals aus dem Sinn gekommen. Gott, wie so unglücklich bin ich gewesen! Wie habe ich nach Dir gefragt und geforscht, stets vergebens, und ach, ich hätte beinahe zu Grunde gehen können!« Er nahm seine Hände von ihr weg und blickte trüb vor sich hin. »Wieso denn?« fragte sie ängstlich. »Du fehltest mir. Die Sorge um Dich quälte mich. Ich machte mir Vorwürfe. Ich sagte, ich sei zu hart gegen Dich gewesen. Und das war auch wahr. Nicht?« Sie wollte den Kopf schütteln, brachte es aber doch nicht fertig. »Ja, ja,« nickte er. »Ich verstand Dich eben nicht. Weißt Du noch, als ich zum ersten Male bei Euch im Silberhofe war, um mich bei Deinem Vater anzumelden?« »Ich weiß es, ja.« »Da gingen wir in Unfrieden auseinander.« »Und ich – ich – ich lag dann auf dem Pulte und weinte bitterlich.« »Und ich glaubte, Du hättest kein Herz. Ich bildete mir etwas auf meinen psychologischen Scharfblick ein. Ich, ich war der Stolze und warf Dir vor, stolz zu sein. Da siehst Du es, wer die Schuld trägt, Martha.« »Du nicht!« »Du auch nicht!« »O doch!« »Nun, so wollen wir sie Beide auf uns nehmen und sie vereint tragen. Nicht?« »Nein, Max. Es wäre eine Sünde.« »Von uns Beiden?« »Von mir.« Da legte er den Arm um ihren Hals, zog ihren Kopf nahe an sich heran, blickte ihr tief in die Augen und sagte: »Mit solchen Ansichten kommen wir nicht weiter. Schau mich an, Martha, wenn ich Dich nicht haben soll, so brauche ich überhaupt gar nichts. Wenn Du auf dem Gedanken beharrst, daß Du mein nicht werth bist, so laufe ich auf und davon, in alle, alle Welt hinein!« »Max!« »Ja, das thue ich gewiß!« »Das darfst Du nicht!« »Auch Du darfst mich nicht von Dir stoßen und thust es aber doch!« »Max, die Leute würden auf uns zeigen und sagen, daß Deine Frau die Tochter des Silberbauers ist.« »Laß sie reden. Du bist mit dem Fex gekommen. Hat er seine Paula lieb?« »O, er sucht sie Tag und Nacht.« »Und wenn er sie findet, glaubst Du, daß er mit ihr glücklich sein wird?« »Ganz gewiß.« »Und sie ist die Tochter des Thalmüllers. Jetzt hast Du Dich selbst geschlagen.« »Nein, Max. Ich habe doch Recht. Meine Liebe treibt mich, gegen die Stimme des Verstandes zu handeln; aber ich weiß nur zu gut, daß später, die Zeit kommen würde, in welcher ich es bereuen müßte.« »Und bist Du wirklich von diesem Gedanken nicht abzubringen?« »Nein.« »Sage das nicht; sag es nicht! Ueberlege es Dir lieber noch einmal!« »Es ist beschlossen, Max.« Sie hatte die Hände gefaltet und blickte ihn traurig aber bestimmt an. Da stand er von ihr auf und durchmaß die Stube einige Male mit langsamen Schritten. Dann blieb er stehen und sagte: »Du hast Recht Martha; wir wollen scheiden.« »Nicht wahr?« »Ja. Ich hatte nicht geahnt, daß ich Dich hier sehen würde. Aber mein Herz sagte es mir, daß ich Dich wiedersehen müsse. Und dieses Wiedersehen hatte ich mir so entzückend ausgemalt. Es sollte uns dann nichts, nichts mehr trennen können. Es ist anders gekommen, weil es uns anders beschieden ist, und so magst Du Deinen Willen haben. Gieb mir noch einmal Deine Hand, dann will ich gehen. Er gab sich Mühe, dies in ruhigem Tone zu sagen; aber sie hörte seine Stimme zittern; sie sah seine Lippen beben. Sie bemerkte das Flackern seines Blickes. Er kämpfte mit den Thränen, welche hervorbrechen wollten. Jetzt erst erkannte sie, wie schwer es sei, ihren Vorsatz auszuführen. Sie ließ ihm ihre Hand, die er ergriffen hatte, aber sie sagte nichts. »Hast Du vielleicht noch einen Wunsch, Martha?« sagte er, um nur noch etwas zu sagen. »Nein,« antwortete sie leise. »Dann leb wohl!« Er ließ ihre Hand los und wendete sich zum Gehen. So hatte sie sich den Abschied freilich nicht gedacht. Sollten sie so kalt aus einander gehen wie Leute, welche sich hassen? Nein, nein! Sie sprang auf. »Max, nicht so!« rief sie, ihm die Arme nachstreckend. »Wie denn?« fragte er. »Anders, anders!« Er schüttelte ernst den Kopf. »Wozu die Zärtlichkeit, wenn sie nicht echt ist. Gehen wir so aus einander.« »Nicht echt?« rief sie. »Ja.« »Meinst Du, daß ich Dich nicht liebe?« »Ja, Martha, das meine ich. Du glaubst mich zu lieben, aber Du täuschest Dich.« »Mein Gott! Und doch werde ich eingehen und sterben ohne Dich!« Er schüttelte bitter lächelnd den Kopf. »Das denkst Du jetzt. Ich bin der Erste, den Du geliebt hast, und es ist Dir kein Anderer begegnet, dem Du Dein Herz noch lieber als mir hättest schenken mögen. Darum hältst Du Deine Liebe zu einem Andern für unmöglich. Aber sie ist es nicht. Sind wir einmal bestimmt und für immer von einander geschieden, so wird Dein Herz sehr bald zur Ruhe kommen und wohl auch später die Erkenntnis erlangen, daß es einem Andern angehören kann. Leb wohl, Martha!« Jetzt war es sein Ernst. Sie sah es. Im Augenblicke stand sie bei ihm und schlang beide Arme um ihn. »Max, Max, bleib da bei mir!« bat sie. »Wozu? Wozu?« fragte er, indem er leise versuchte, sich von ihrer Umarmung zu befreien. »Glaub an mich! Ich bitte Dich!« »Das kann ich nicht.« »Warum? Warum?« »Das weißt Du nun.« »Weil ich Dir so leicht entsagen kann?« »Ja.« »Glaubst Du denn wirklich, daß es mir so sehr leicht fällt, mein lieber Max?« »Ich glaub« es nicht nur, sondern ich behaupte es. Ich sehe es ja.« »Mein Gott! Er denkt, ich liebe ihn nicht.« »Du liebst mich, Martha, aber ganz anders, als man denjenigen liebt, von dem man nicht lassen kann.« Der Gedanke, so verkannt zu werden, war ihr schrecklich. »Was thue ich, was thue ich!« rief sie aus. »Gieb mir die Hand und sag Adieu!« »Nein, nein, das kann ich nicht!« »So mußt Du mich behalten!« »Auch das kann ich nicht.« Sie waren so ganz und gar mit sich selbst beschäftigt, daß sie gar nicht bemerkten, daß die Thür ganz leise, leise geöffnet wurde. Der Sepp steckte den Kopf herein. Er that so heimlich, um das Liebespaar zu überraschen. Jetzt aber wurde er laut: »Was kannst auch nicht?« fragte er, indem er hineintrat. Sie stieß einen Schreckensruf aus und wollte sich Maxens Armen entziehen. Dieser aber hielt sie fest. »Hasts gehört?« fragte der Sepp. »Was kannst auch nicht?« »Ihn behalten,« antwortete sie, eigentlich ohne ihm antworten zu wollen. »So bist wohl ganz irr im Kopf?« »Wieso denn?« »Fortlassen kannst ihn nicht, und heirathen kannst ihn auch nicht. Das ist confuses Zeug. Was soll denn sonst geschehen? Willst ihn etwa als Kronleuchtern in Deiner Stub aufhängen? Dann thu ihm nur den Strick nicht um den Hals, sondern unter den Armen hindurch. Ihr Dirndls werdet doch Euer Lebtage nicht gescheid. Seid doch froh, wann Einer kommt, der Euch nehmen will! Angeführt ist er doch auf alle Fälle. Gleich giebst ihm die Hand und einen Schmatz! Sonst komme ich und nehm ihn für mich. Na, wirds bald?« Max bog sich lächelnd zu ihr nieder. Folgte sie jetzt wirklich der Stimme ihrer Liebe, oder war es die Angst vor Sepp, welcher sehr ernsthaft geredet hatte – sie duldete es, daß Max ihr einen – zwei, sogar drei Küsse gab. »Schön!« rief der Alte, indem er drohenden Blickes näher trat. »Und nun sagst, obst ihn heirathen willst oder nicht.« Sie sah ihm in die blitzenden Augen uns fragte zaghaft: »Wird das denn kein Unglück geben?« »Unsinn! Eine Hochzeiten wird es geben, weiter nix. Na, vorwärts also! Klatsch ihm in die Hand, und schlag eini!« Max hielt ihr die Hand entgegen und fragte lächelnd: »Nun, willst Du?« Da blickte sie von Einem zum Andern, mußte dann plötzlich laut auflachen, schlug herzhaft ein und antwortete: »Wenn Du die Verantwortung auf Dich nimmst, dann in Gottes Namen.« »Wie gern, wie gern will ich es verantworten! Gott sei Dank, endlich ist Alles, Alles gut.« Er zog sie innig an sich. »Ja,« nickte der Sepp. »Und wer hats eben wieder gut macht? Dera Wurzelsepp, der alte Schwerenöther. Wann der nicht kommen wär, da wärt Ihr aus nander gangen und hättet Euch niemals wieder zusammenfunden. Nun aberst bin ich als Zeuge da standen, und Keins kann wieder zurück. Jetzund macht das Uebrige noch schnell ab, und kommt sodann herunter. Ich kann Euch nur zehn Minuten Brautzeit geben; dann müssen wir fort.« Er ging. »Wo müßt Ihr hin?« fragte Martha in besorgtem Tone. »Zu nix Schlimmen. Wir suchen halt die Paula.« »Und das kann grad gefährlich werden.« »O nein.« »Was ist denn mit ihr geschehen?« »Bitte, sprechen wir jetzt nicht von ihr. Wir stehen uns näher als ihr. Anita wird Dir dann, wenn wir fort find. Alles erzählen.« »Wer ist Anita?« »Ach ja. Du kennst sie noch gar nicht. Es ist eine Italienerin, welche wir aus den Händen eines Schurken befreit haben, ein gutes, liebes Mädchen, welche wohl die Braut des Elefantenhanns werden wird. Doch davon später. Jetzt möchte ich wissen, wo Du während all dieser Zeit gewesen bist.« »In Wien, bei einer Wittwe als Stubenmädchen.« »Stubenmädchen! Martha, Martha, da machst Du mir wirklich eine große Freude.« »Wieso?« »Die – – na, ich soll den Namen nicht mehr nennen – die steinreiche Bauerstochter als Stubenmädchen! Das ist ein Beweis, welch ein braves Herz Du hast.« »O, es hat mich gar keine Ueberwindung gekostet.« »Wirklich nicht?« »Nein. Ich hatte es wie ihr Kind bei ihr.« »Nun aber gehst Du nicht wieder zu ihr zurück.« »Denkst Du?« »Ja« Sie schüttelte leise den Kopf, wie sie es jetzt gewohnt war, und sagte: »Soll denn das Wort wirklich gelten, welches wir uns vor dem Sepp gegeben haben?« »Natürlich!« »Er hat uns überrascht.« »Willst Du es zurücknehmen?« Es war ein Blick voll innigster Liebe, den sie auf ihn warf. Dann antwortete sie: »Nein, Max. Ich glaube jetzt, der liebe Gott will es so, daß wir nicht von einander gehen.« »Ja, das will er, sonst hätte er uns nicht so zusammengeführt.« »Aber zu meiner guten Frau Salzmann lässest Du mich einstweilen wieder!« »Ist sie denn gar so gut?« »Gewiß.« »Du wirst mir von ihr erzählen. Dann wollen wir entscheiden.« »Wo soll ich sonst hin? Und die Muhrenleni wohnt auch bei ihr.« »Die? Da ist sie freilich eine brave Frau, denn die Leni hat einen scharfen Blick. Wir haben uns so viel zu sagen; aber wir wollen die Erzählungen verschieben. Wir sind schon allzu egoistisch gewesen. Ich werde unten gebraucht.« Als sie hinabkamen, wurde Martha natürlich von Allen herzlichst willkommen geheißen. Am Meisten erfreute sie Anita mit ihrer Anwesenheit. Diese befand sich nun doch nicht mehr allein. Und jetzt kam auch der Polizeikommissar. Er hatte den Juden und dann auch dessen Frau verhört, aber weder von ihm noch von ihr irgend ein Geständniß erlangt. Nach dieser Meldung entfernte er sich wieder, da er von seinem Berufe in Anspruch genommen wurde. »Und was thun nun wir?« fragte der Fex. »Wollen wir etwa warten, bis irgend Jemand Etwas gesteht?« »Nein,« antwortete der Alte. »Jetzt suchen wir die Insel auf.« »Schön! Wir werden sie untersuchen.« »Der Commissarius meint, daß wir nix finden werden.« »Wenn Etwas zu finden ist, so finden wir es; das ist gewiß. Meine Paula muß ich wieder haben, und wenn ich ganz Italien umwühlen soll. Aber welchen Weg schlagen wir ein?« »Wir gehen nach Barcola und nehmen dort ein Boot.« »Gut. Aber was sagen wir, was wir auf dieser Isola piccola wollen?« »Hm! Vielleicht angeln.« »Darf man das?« »Hoffentlich.« »So wollen wir aufbrechen.« »Nur nicht allzu schnell. Wir müssen an Mehreres denken. Ich muß zwar wieder nach Triest. Ihr aber könnt möglicher Weise bis zum Abend draußen bleiben müssen. Darum mögt Ihr Euch Proviant mitnehmen.« »Das ist richtig,« stimmte Max bei. »Und da wir eine Höhle suchen und wohl auch untersuchen wollen, so werden wir auch für Licht sorgen müssen.« In dieser Weise wurde noch Verschiedenes besprochen und Verschiedenes dann angeschafft. Nachher brachen die Männer auf. Martha blieb natürlich mit Anita daheim. Es stand nicht zu befürchten, daß ihnen die Zeit sehr langsam vergehen werde. Vom Hotel Europa ists gar nicht weit bis Bancola. Da es dort viele Schiffer und Fischer giebt, sind dort auch alle möglichen in diese Fächer einschlagenden Requisiten zu kaufen. Die Vier versorgten sich mit drei Angelruthen und begaben sich dann an den Strand. Mehrere Schiffer eilten herbei, um ihnen ihre Boote anzubieten. Sie wählten das schmuckste und stiegen ein. »Wohin?« fragte der Lotse. »Nach Isola piccola.« Da war es, als ob der Mann erschrak. »Nach Isola piccola?« fragte er, als ob er meine, nicht richtig gehört zu haben. »Ja.« Er warf einen verlegenen Blick im Kreis umher und fragte dann: »Die Herren sind hier wohl fremd?« »Ja,« antwortete der Sepp. »Haben Sie auf Isola piccola irgend etwas Besonderes zu schaffen?« »Nein.« »So könnten Sie auch überall anders wohin fahren?« »Wenn es uns beliebte, ja.« »Dann rathe ich von der Insel ab.« »Warum?« »Es ist zu gefährlich dort.« »Gefährlich? Giebt es Räuber dort?« »Nein.« »Oder feuerspeiende Berge?« »Dazu ist sie zu klein.« »Nun, was denn sonst?« »Eigentlich giebt es gar nichts dort. Aber es giebt zwei Brüder, welche dort den Graswuchs gepachtet haben. Die sehen es nicht gern, wenn andere Leute kommen.« »Pah! Wir werden ihnen keinen Schaden machen.« »Darnach fragen sie weniger. Sie dulden überhaupt Niemand.« »Haben sie das Recht dazu?« »Nein.« »Kann man uns verbieten, dort zu angeln?« »Auch nicht.« »So fahren Sie uns hin!« »Aber ich habe Sie gewarnt!« »Schon gut!« »Und ich kann nicht dort bleiben, um zu warten, bis Sie wieder zurückfahren.« »Sapperment! Warum nicht?« »Weil die beiden Italiener nicht dulden, daß ein Boot länger als einen Augenblick an der Insel anlegt.« »Haben sie denn das Recht, Euch zu vertreiben?« »Gar nicht. Aber sie sind gewaltthätig.« »So werden wir uns arrangiren müssen.« »Sie brauchen mir nur zu sagen, wann Sie zurückwollen, so hole ich Sie ab.« »Gut. Also vorwärts.« Da es Fluthzeit war und die Wogen in die Bucht hereingetrieben wurden, so legte das Boot die Strecke bis Miramare sehr schnell zurück. Es ging in einiger Entfernung von dem Schlosse vorbei und näherte sich dann der Küste. »Da lag die kleine Insel, ganz so, wie der Kommissionär sie beschrieben hatte – eine Viertelstunde lang, halb so schmal, ganz eben, mit einigen Felsenstücken und Sträuchern. Das war Alles. Grad auf dem Mittelpunkte der Insel stand eine kleine, aus Erdwänden und einem Bretterdache bestehende Hütte. Kein Mensch war zu sehen. Aber als das Boot dem Ufer nahe war, traten zwei Bursche aus der Hütte. »Das sind die Petruccio's,« sagte der Schiffer. »Besinnen Sie sich lieber noch, ob Sie wirklich aussteigen wollen!« »Natürlich!« sagte Sepp. »Sie sind Zwei und wir Vier.« »Das thut nichts. Sie sind hinterlistig.« »Und wir sind hinten und auch vorn listig, ihnen also überlegen.« »So steigen Sie schnell aus, sonst lassen sie Sie nicht an das Land. Ich muß aber gleich wieder fort. Wann soll ich wiederkommen?« »Ich muß Punkt drei Uhr auf dem Bahnhofe sein.« »So bin ich halb drei Uhr hier.« Er ließ das Segel fallen. Das Boot schoß in einer kleinen, schmalen Bucht an den Strand. Die vier Männer stiegen aus. Da aber kamen die zwei Brüder unter lautem Geschrei herbei gerannt. »Fort, fort!« brüllten sie. »Was wollt Ihr hier! Fort, fort mit Euch!« Als der Schiffer schnell wieder vom Lande abstieß und seine Fahrgäste dort zurückließ, warfen sie mit Steinen nach ihm und riefen ihm schreckliche Drohungen nach. Da dies vergeblich war, kamen sie herbei und musterten die Vier mit zornigen Blicken. »Wer seid Ihr?« fragte der Eine. Da antwortete der Sepp: »Zunächst wollen wir wissen, wer Ihr seid.« »Oho! Uns gehört die Insel!« »Das ist nicht wahr.« Da legte der Mensch die Hand an das Messer, welches er im Hasenbunde trug und sagte: »Wer mich einen Lügner nennt, den steche ich nieder!« »Versuche das ja nicht, denn auch wir haben Messer.« »Was wollt Ihr denn hier?« »Angeln.« »Das leiden wir nicht.« »Pah!« »Es ist verboten, hier zu angeln.« »Wer hat es verboten?« »Wir.« »Ihr habt gar nichts zu gebieten oder zu verbieten.« »Donnerwetter!« Und das!« Er griff abermals nach dem Messer. »Laß es stecken, Bursche! Ich warne Dich!« drohte der Sepp. Bei diesen Worten machte er Miene, die Stelle zu verlassen. Da aber stellten sich ihm die Zwei in den Weg. »Halt! Ihr dürft nicht weiter! Ihr bleibt an der Stelle, an welcher Ihr ausgestiegen seid, und wartet da, bis Ihr wieder abgeholt werdet. Der Sprecher hatte das Messer herausgezogen. Aber er kannte seinen Mann nicht. Im nächsten Augenblick hatte ihn der Alte gepackt und schleuderte ihn über seinen Kopf weg in das Wasser. »Da, kühl Deinen Zorn ab, wannst gar so hitzig bist!« rief er ihm nach. » Corpo dit bacco « schrie der andere Bruder. »Das sollst Du büßen!« Er drang auf den Sepp ein, wurde aber von dem riesenstarken Fex gepackt und seinem Bruder nachgeschickt. Die Beiden waren sehr gewandte Schwimmer; sie waren schnell wieder aus dem Wasser heraus und machten Miene, aufs Neue gegen die Vier einzudringen. Da aber schwang der Fex das Griffstück seiner Angelruthe und rief: »Zurück! Wenn Ihr uns den Weg nicht frei gebt, werden wir uns ihn frei machen.« »Alle Teufel! Sind wir hier die Herren oder Ihr?« »Weder wir noch Ihr. Euch gehört das Gras, weiter nichts.« »Aber Ihr tretet es nieder!« »Hier giebt es keins. Und was wir ja beschädigen sollten, das werden wir Euch vergüten. Nun trollt Euch von dannen, wenn Ihr keine Hiebe haben wollt!« Die beiden Kerls sahen ein, daß sie gegen diese Uebermacht und das ganz besonders energische Auftreten dieser Leute nichts auszurichten vermochten, und zogen sich zurück. Indem sie langsam der Hütte zugingen, brummte der Eine: »Verdammte Kerls! Was haben sie hier zu suchen? Hier bei uns zu angeln?« »Und das muß man sich gefallen lassen!« stimmte der Andere bei. »Wer mögen sie wohl sein?« »Ob sie etwa einen heimlichen Zweck haben?« »Hier spioniren wollen?« »Das sollte ihnen schlecht bekommen!« »Den Alten habe ich schon geschehen?« »Wo?« »Gestern Abend in der Weinstube. Da saß er und las die Zeitung. Es war ihm nicht anzusehen, daß er so auftreten könne wie heut.« »Was hat er in der Weinstube gewollt?« »Weiß ich es?« »War er auch so angezogen wie heut?« »Ganz genau so.« »Da paßt er doch nicht in diese Bude!« »Das fiel auch mir auf. Uebrigens kommen mir zwei von den Jüngern auch bekannt vor.« »Du meinst, daß Du sie gesehen hast?« »Ja.« »Aber wo?« »Das weiß der Teufel. Wer merkt sich denn die grünen Gesichter solcher Burschen.« »Hast Recht. Und von solchem Volke muß man sich auch noch ins Wasser werfen lassen!« »Wären es nur nicht Vier! Dieser alte Baruch Abraham, dem ich gestern sagte – – – ah!« Er stieß einen leisen Pfiff aus, ganz wie Einer, der sich auf Etwas besinnt. »Was ists?« fragte der Andere. »Jetzt fällt mir ein, wo ich die Kerls gesehen habe, nämlich auch in der Weinstube.« »Saßen sie mit dem Alten beisammen?« »Nein. Sie saßen beim Juden.« »So sind es wohl Bekannte von ihm?« »Nein. Sie sind fremd. Er sagte mir, daß sie ihm ein Bild oder so Etwas abgekauft hätten und nun seinen Wein bezahlten.« »Da macht er mit, der Geizhals. Man muß befürchten, daß er geplaudert hat, wenn sie ihn etwa betrunken gemacht haben.« »Hast Du denn, als wir die Mädels holten, bemerkt, daß er betrunken war?« »Nein.« »Nun, so hat er auch nicht geplaudert.« »Aber auffällig ists doch, daß sie nun mit dem Alten beisammen sind.« »Vielleicht haben sie sich eben gestern Abend noch kennen gelernt. Das ist doch leicht möglich.« »Mag sein. Aber daß sie nun mit einander hierherkommen, auf unsere Insel!« »Das gefällt auch mir nicht, grad heut, wo das Geschäft vor sich gehen soll.« »Und wo gestern diese Anita entflohen ist.« »Verdammt! Ich beginne gewiß zu glauben, daß sie Etwas gegen uns vor haben.« »Da sollte sie der Teufel holen. Was mache ich mir daraus, wenn ich ein paar solcher Kerls niederschieße, wenn sie mir gefährlich werden wollen.« »Ja, auf der Hut müssen wir sein. Und nun, was thun wir? Es muß doch Einer von uns nach der Stadt?« »Zum Juden?« »Ja. Wir müssen unbedingt erfahren, ob sich wegen der Anita Etwas ereignet hat.« »Eine verdammte Geschichte. Das Boot können wir nicht sehen lassen.« »Nein, sonst merken sie, daß wir es versteckt halten, und schöpfen Verdacht.« »So müssen wir durch den Gang in den Park.« »Aber das ist so gefährlich.« »Freilich. Wie leicht ist Jemand in der Eremitage oder doch in der Nähe.« »Und doch muß es gewagt werden.« »Na, jetzt noch nicht gleich. Wir wollen erst abwarten, wie lange diese Hallunken hier bleiben. Schau, es ist wirklich, als ob sie uns von allen Seiten hier einschließen wollten. Der Eine angelt auf der oberen, der Andere auf der unteren Spitze und der Dritte grad in der Mitte, und der Alte geht längs der Küste spazieren, nachdem er sie angestellt hat.« »Ja, es ist ganz so, als ob er recognosciren gehe. Er begafft sich Alles zu genau.« »Was thun wir, wenn er herkommt?« »Wir behandeln ihn so, daß ihm das Reden sogleich vergehen muß. Nicht?« »Ja. Aber weißt Du, da uns diese Kerls so verdächtig vorkommen, wäre es doch wohl am Allerbesten, gleich jetzt in die Stadt zu gehen und dem Juden die Sache zu melden. Er kennt sie jedenfalls und kann uns sagen, wie wir uns zu verhalten haben.« »Richtig ist das.« »Bist Du einverstanden?« »Ja, besser ists.« »Gut! Wer also geht?« »Gehe Du! Ich bleibe hier.« »Schön! Ein Glück, daß wir noch Hose und Jacke in der Hütte haben, sonst könnte ich mich mit meinen nassen Kleidern nicht in der Stadt sehen lassen. Ich gehe also.« Er wollte in der Hütte verschwinden. Vorher wurde er von seinem Bruder noch ermahnt: »Sei in der Eremitage vorsichtig!« »Das versteht sich ganz von selbst. Und laß hier diesen Kerls nichts merken, daß ich fort bin!« »Denkst Du, daß ich es ihnen ausplaudere?« »Das ist gar nicht nöthig. Wenn sie in die Hütte kommen und da blos Einen sehen, so müssen sie Verdacht schöpfen. Sie haben doch den Andern nicht fortrudern sehen. Es ist ja überhaupt gar kein Boot vorhanden.« »Ich lasse sie natürlich gar nicht herein.« »Aber wenn sie es erzwingen wollen!« »So wehre ich mich. Wenn ich mein Hausrecht gebrauche, so kann ich stechen und schießen, wie es mir beliebt. Beeile Dich nur möglichst.« »Keine Sorge! Ich laufe, so schnell ich kann.« Er verschwand im Innern der Hütte, und einige Minuten später ließ sich ein eigenthümliches Knarren und Knirschen von dorther vernehmen, genau so, wie wenn harte Steine einander streichen. Der Andere hatte sich auf einen Stein gesetzt, welcher neben dem Eingange lag. Er zog einen kurzen Pfeifenstummel hervor, stopfte ihn und setzte dann den Tabak in Brand. Er rauchte behaglich und that ganz so, als ob er sich um gar nichts bekümmere, dennoch aber gab er auf Alles genau Acht. Vorhin, als der alte Sepp die beiden Italiener abgewiesen hatte und sie sich entfernen sah, warf er einen forschenden Blick rundum. »Möcht wissen, ob die Höhle hier ist,« sagte er. »Man möcht es fast verneinen.« »Ja,« antworte Max. »Zu einer Höhle, in welcher so viel Personen versteckt werden können, gehört eigentlich ein anderes Terrain. Wir sind wohl am falschen Orte.« »Nein, wir sind richtig,« sagte der Fex. »Warum denkst Du das?« »Ich sehe es diesen beiden Kerls an.« »Das täuscht. Sie können sich über die Störung ärgern, ohne daß die Höhle sich grad hier befindet.« »Und dennoch möchte ich mit wetten, daß ich Recht habe! Ich ahne es.« »Hm!« meinte der Sepp. »Auf solche Ahnungen geb ich was. Es liegt so in dera Luft.« »Nicht wahr? Was haben die Kerls hier zu thun? Nichts, gar nichts. Sie sind also da, um die Mädchen zu bewachen.« »Aber wo stecken diese? Wo ist die Höhle?« »Der Eingang kann nur an drei Orten sein. Entweder von außen her im hohen Ufer oder – –« »Nein, da nicht. Das würden auch Andre sehen.« »Wohl wahr; also fällt das weg. Zweitens kann sie sich nur dort rechts öffnen, wo die paar Felsen beisammen liegen.« »Und drittens?« »Im Innern der Hütte kann der Eingang sein.« »Das Letztere wäre das Wahrscheinlichste.« »Ich werde einmal diese Hütte untersuchen,« sagte der Sepp. »Wenn sie Dich hinein lassen!« »Sie werden doch!« »Schwerlich.« »Dadurch würden sie sich verdächtig machen, und das müssen sie vermeiden.« »Hm! Es giebt ganz gute Gründe, den Eintritt in diese Bude zu verweigern.« »Werden sehen! Und zu allernächst müssen wir schauen, wo sie ihr Boot haben. Hier sieht man es nicht. Ich werde es suchen.« »Wie willst Du das anfangen, ohne daß es auffällt?« »So, daß ich spazieren geh. Aus diesem Grunde hab ich mir kein Angelzeug mitgenommen. Der Fex mag da oben an dera Spitze angeln, der Max ganz unten, und der Hanns bleibt hier in dera Mitte. Weil ich Euch nun doch besuchen muß, kanns gar nicht auffallen, wann ich so an dem Ufer hinlauf.« Die Drei nahmen ihr Angelzeug und begaben sich an die angewiesenen Plätze. Der Alte aber begann, immer am Ufer hin zu promeniren, langsamen Schrittes, als ob er in Gedanken versunken sei. Dabei aber sah er in jede Einbuchtung des Ufers und stampfte auch sehr oft fest mit den Stiefeln auf, um zu hören, ob vielleicht irgend eine Stelle hohl klinge! So kam er im Verlaufe von einer Stunde zweimal rund um die Insel herum. Dann blieb er beim Fex stehen. »Hast Du das Boot gesehen?« fragte dieser. »Nein.« »So ists nicht da?« »Es wird schon da sein. Herüber geschwommen sind sie nicht, obgleich die Insel kaum zwanzig Ellen vom Ufer entfernt ist. Das Wasser ist hier zu reißend.« »So haben sie es versteckt.« »Jedenfalls.« »Du, das ist auffällig.« »Ja. Wo ein heimlicher Platz für das Boot ist, da kann auch die Höhle sein.« »Ich habe es gleich gedacht. Sie ist hier.« »Nun giebts aber am Ufer nix mehr zu forschen. Ich werd also mal nach dera Hütten gehen.« »Fangs nur klug an!« »Meinst, daß dera Sepp ein Schafskopf ist? Da kannst Dich sehr irren.« »Und mach möglichst schnell.« »Hexen läßt sich nix.« »Aber bedenk, wie mir zu Muthe ist! Ich brenne vor Ungeduld, Paula zu finden, und muß hier stehen und das thun, wozu im ganzen Leben die meiste Geduld erforderlich ist – angeln!« »Mit Geduld kommt man weiter als mit Ungestüm. Merk Dir das gut!« Der Alte ging weiter und lenkte dann nach der Hütte ein. Selbst als er derselben ganz und gar nahe war, that der Italiener so, als ob er ihn gar nicht bemerke. Jetzt stand er vor ihm. Der Kerl aber blickte beharrlich an ihm vorüber. »Es scheint, hier beißen die Fische nicht gut an,« begann der Sepp das Gespräch. Der Italiener warf ihm einen finsteren Blick zu und antwortete: »Ist auch gut so.« »Hm! Sie gönnen Fremden nichts?« »Weil sie hier nichts zu suchen haben.« »Die Welt steht ja Allen offen!« »Aber diese Insel nicht!« »Freund, warum sind Sie doch so grob?« »Und warum sind Sie so zudringlich!« »Himmeldonnerwetter! Ich dächt, Sie könnten sich freuen, wenn einmal Jemand in Ihre Einsamkeit kommt!« »Grad weil ich einsam sein und Niemand sehen will, gehe ich hierher.« »Das ist auch ein Geschmack.« »Jedenfalls ein guter.« »Nun, bequem kann es sich in dieser Hütte doch nicht wohnen.« »Gut genug für uns.« »Haben Sie nicht mal Wasser zu trinken?« »Nein.« Er hatte geglaubt, der Mann werde eintreten, und er könne dann bei dieser Gelegenheit auch mit hinein. »Oder ein Bier?« »Gar nichts.« »Da leben Sie hier sparsam, nicht mal Wasser. Wie aber kommen Sie auf die Insel? Es ist doch kein Boot da?« »Ich falle aus den Wolken.« »Auch gut! Hören Sie, Sie gefallen mir. Wollen Sie eine gute Cigarre mit mir rauchen?« »Nein.« »Warum denn nicht.« »Weil ich nicht mag.« »Aber Sie sind doch Raucher!« Da stand der Italiener auf, trat hart an den Alten heran und rief erbost: »Lassen Sie mich in Ruhe! Sie sehen ja, daß ich nichts mit Ihnen zu schaffen haben will!« »Donnerwetter!« lachte der Sepp. »Das sehe ich freilich; aber Sie sehen doch, daß ich desto mehr mit Ihnen schaffen möchte.« »Was denn?« »Eine Unterhaltung.« »Gehen Sie zu Ihren Leuten dort. Bei mir kommen Sie aber nicht an.« »Na, na! So ein Mensch ist mir in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen!« »Wie Sie mir auch noch nicht.« »Vielleicht wären Sie froh, daß ich mit Ihnen rede, wenn Sie wüßten, wer ich bin!« »Ich mag es nicht wissen! Und nun bleiben Sie mir vom Leibe, sonst kann Etwas passiren.« »Was denn?« »Ich schaffe Sie fort!« »Das würde Ihnen nicht leicht werden.« »Oho!« Dem Sepp fiel es auf, daß der andere Bruder nicht herauskam. Sollte sich dieser in der Höhle befinden und also den Wortwechsel nicht hören? Um sich davon zu überzeugen, beschloß der Sepp, den Mann möglichst in Zorn zu bringen. Darum sagte er lachend: »Nun, wenn Sie meinen, daß wir uns fürchten, so haben wir Ihnen bereits das Gegentheil bewiesen. Wir haben Sie alle Beide in das Wasser geworfen.« »Uebermacht!« »Aber jetzt bin ich allein, Ihnen allein gegenüber. Und wenn Sie nicht höflicher werden, so werde ich Ihnen gute Sitte lehren.« Da ballte der Italiener die Fäuste. »Hund, das mir!« brüllte er. »Ja, Dir!« »Da hast Du das dafür!« Er sprang auf den Sepp ein und faßte ihn bei der Gurgel. Dieser aber gab ihm einen so gewaltigen Stoß vor die Brust, daß er zurücktaumelte und an die Wand flog. Dennoch aber warf er sich wieder auf den Alten. Sepp aber holte weit aus und versetzte ihm einen Hieb auf den Kopf, daß der Mann zusammenbrach. Er war besinnungslos. Sepp trat sofort ein. Das Innere der Hütte bildete nur einen einigen Raum. Der Boden war erdig; es stand da nichts. An den Wänden hingen einige Gegenstände, auch zwei Pistolen. Schnell zog Sepp den Krätzer heraus und entlud die Waffen, steckte aber den Pfropfen wieder auf. Dann that er einige kräftige, feste Tritte. An einer der Stellen klang der Boden hohl. Jetzt bewegte sich draußen der Mann. Sepp trat sofort wieder hinaus. Der Italiener öffnete langsam die Augen und blickte um sich, als ob er aus dem Schlafe erwache. »Nun, war die Lehre gut?« fragte Sepp. Da kam dein Andern die Besinnung vollständig wieder. Er sprang in die Hütte und kehrte mit der Pistole wieder. Sepp hielt die Hand in die Tasche. »Hund.« schrie Petruccio, »soll ich Dich niederschießen wie ein Aas!« Da zog Sepp die Hand aus der Tasche. Er hatte einen Revolver in derselben. »Versuche es einmal!« lachte er. Der Italiener ließ die Waffe sinken. »Verflucht!« zischte er. »Seid Ihr denn Räuber, daß Ihr mit Revolvern zu uns kommt?« »Na, Deinetwegen habe ich ihn nicht eingesteckt. Vor Dir braucht man sich ja nicht zu fürchten. Pah!« Er machte eine sehr geringschätzende Handbewegung und ging. Der Andere schaute ihm flammenden Blickes nach. Der Alte begann seinen Rundgang von Neuem, so ruhig, als ob gar nichts geschehen sei. Als er beim Fex anlangte, sagte dieser: »Du hattest doch gar Keilerei!« »Mit Fleiß und Absicht.« »Warum?« »Ich wollt schauen, ob dera andere Bruder herausikommen werde.« »Und er kam nicht!« »Nein; er konnt ja gar nicht.« »Er ist ja drinnen in der Hütte.« »Nein; er war nicht drin.« »Was! Nicht drin?« »Nein.« »Alle Teufel! Das ist auffällig!« »Nicht wahr! Hast ihn etwan fortgehen sehen?« »Nein. Er ist nicht aus der Hütte herausgekommen.« »Und doch ist er nicht drin. Was folgt daraus?« »Daß die Hütte einen verborgenen Ausgang hat.« »Und dieser Ausgang ist zugleich dera Eingang in die Höhle.« »So haben wir sie! Wir haben sie! O, nun ist ja Alles gut. Jetzt müssen wir gleich hinein!« »Nicht so schnell! Wir müssen noch warten.« »Warum?« »Wir wissen nicht, was der Andre in dera Höhlen thut. Wir könnten Alles verderben.« »Das ist wahr.« »Darum müssen wir warten, bis der Andre auch wieder da ist. Dann nehmen wir sie Beide fest. Angle nur fort!« »Gott, noch länger angeln!« »Es muß sein!« Mit diesem Troste ging er weiter. Der Italiener hatte sich wieder auf den Stein gesetzt. Er lauschte in das Innere der Hütte hinein. Es war seit dem Fortgange seines Bruders so viel Zeit verschwunden, daß dieser bald wiederkommen mußte. Und wirklich, jetzt erscholl jenes Rasseln und Knirrschen abermals. »Ist Etwas passirt?« fragte es drinnen. »Nein. Bleib drin! Laß Dich nicht sehen.« »Warum?« »Geschehen ist grab nichts, außer daß ich mich mit dem Alten gebalgt habe – –« »Donnerwetter!« »Und daß ich die Entdeckung machte, daß er einen Revolver bei sich hat.« »Ah! Das ist verdächtig!« »Und weiter! Ich packte ihn bei der Gurgel. Da sah ich etwas Gelbes in seiner äußern Rocktasche blinken. Rathe, was es war!« »Wie kann ich das wissen!« »Ja, Du kannst es nicht errathen. Ich konnte zwar nur die obere Haube sehen, aber ein Irrthum ist nicht möglich. Er hat eine Blendlaterne in der Tasche. »Alle Teufel! Wozu?« »Das beantworte Dir selbst!« »Blendlaterne, Revolver!« »Er wollte in die Hütte. Darum kamen wir ins Handgemenge mit einander.« »Das ist stark! Du, ich habe Verdacht.« »Ich auch.« »Die Kerls wollen uns an den Kragen.« »Jedenfalls.« »Was thun wir da?« »Wir müssen erst wissen, wie es in der Stadt steht.« »Sehr gut. Es steht sogar so gut, daß Baruch Abraham verreist ist.« »Heut? Wirklich?« »Ja. Er hat sogar seine Frau mitgenommen.« »Das glaube ich nicht.« »Warum nicht?« »Heut, wo die Mädchens abgeliefert werden und er ein solches Geld ausgezahlt erhält, fällt es ihm ganz gewiß nicht ein, zu verreisen.« »Grad des Geldes wegen ist er fort.« »Wieso?« »Er hat drüben in der italienischen Tombola gewonnen, wohl an die dreißigtausend Lire.« »Maria, Josef! Ists wahr?« »Ja. Sein Vetter hat es mir gesagt.« »Welcher Vetter? Derselbe, der ihm die Nachricht gebracht hat. Er vertritt ihn heut im Geschäft.« »Ein Glückspilz!« »Ja. Er ist zu beneiden.« »Was aber thun wir hier?« »Er läßt uns sagen, daß er nicht wisse, ob er bis zur richtigen Zeit da sein werde. Wenn er nicht komme, sollen wir die Angelegenheit ohne ihn abwickeln.« »Wird das gehen?« »Warum nicht? Wir sind so viele Male dabei gewesen. Wir wissen ja Alles.« »Das ist wahr. Und wir können uns einige hundert Gulden in die Tasche machen.« »Natürlich! Nun aber kommen grad diese Kerls hier drein. Ich könnte sie ermorden!« »Gewiß haben sie Absicht!« »Natürlich! Sie haben ja Alles bei sich, was nothwendig ist, um hinter unser Geheimniß zu kommen. Ich bin überzeugt, daß sie einen Angriff gegen uns vorhaben.« »Doch nicht.« »Ganz gewiß!« »So wehren wir uns!« »Gegen eine solche Uebermacht?« »Ja.« »Das ist sehr leicht gesagt. Sie sind Vier gegen uns Zwei. Sie können ganz unvorbereitet über uns herfallen.« »Hm! Das müssen wir verhüten.« »Natürlich!« »Ich möchte nur wissen, wer sie sind und wie sie uns auf die Spur gekommen sind.« »Ob es von der Anita herkommt?« »Du, das ist sehr wahrscheinlich. Sie wird von der Höhle wissen.« »Donnerwetter! Was thun wir da?« »Ich laufe wieder fort.« »Wohin?« »Ich hole Hilfe.« »Werden die Andern frei sein?« »Ich hoffe es.« »Gut, so lauf und hole sie! Es wird mir wirklich angst und bange.« Im Innern knarrte es abermals. Es verging eine Zeit, da wiederholte sich dieses Knarren, und drin rief es heftig: »Luizi, bist Du da?« »Komm schnell herein!« »Was giebts!« »Ich bin gesehen worden.« »Alle Teufel!« »Ja, grad als ich in die Eremitage trat.« »Grad an der schlimmsten Stelle. Nun ists verrathen!« »Nein, denn ich habe den Kerl.« »Was? Du hast ihn?« »Ja, ich habe ihn. Er war so dumm, in den Gang zu treten. Nun Ist er gefangen.« »So mag es gehen. War nur dieser Eine da?« »Ja.« »Kannt er Dich?« »Nein. Er ist ein Fremder.« »Steckt er in der Grube?« »Ja.« »Nun, so brauchst Du ja nur an den Stricken zu ziehen, so ist er gefesselt.« »Ich habe es nicht fertig gebracht.« »Was! Nicht fertig? Ist der Kerl denn gar so stark?« »Stark wie ein Bär.« »So muß ich freilich mit.« »Komm schnell!« Der Andere trat nun auch in die Hütte. Jetzt fehlte der vierte Theil des Bodens derselben. Er hing wie eine Thür nach unten, und man sah eine Leiter, welche in ein tiefes Loch führte. Triest liegt am Karst, einem Gebirge, welches durch seine außerordentlich vielen Höhlungen berühmt ist. Die Insel war der Ausgang einer solchen, und das war von früheren Besitzern derselben geschickt benutzt worden. Als die Beiden auf der Leiter standen, hoben sie den Bodentheil wieder empor und schoben einen Riegel vor. Die Fallthür bestand aus Holz, auf welches mittelst eines haltbaren Bindemittels Erde zwei Fuß hoch befestigt war. Die Beiden stiegen weit hinab. Dann kamen sie in einen engen, niedrigen, wagerechten Gang. Als sie denselben im Dunkel verfolgten, war über ihnen ein eigenthümliches Rauschen zu vernehmen. Das war das Meer, das Wasser des Seearmes, welcher die Insel von dem Ufer trennte. Der Gang führte unter demselben hin. Nach einiger Zeit wurde es hell vor ihnen. Der Gang erweiterte sich zu einem hohen Felsenspalt, welcher durch eine Lampe erleuchtet war. Hier gab es mehrere Thüren, welche durch starke, eiserne Riegel verschlossen waren. Man hörte hinter ihnen laute, lachende Mädchenstimmen erschallen. Die Beiden eilten weiter. Es wurde wieder finster. Bald führten Stufen empor, dann ging es wieder oben fort. Jetzt blieb der Vordere stehen und flüsterte: »Hörst Du ihn?« Es war ein seufzendes Stöhnen zu vernehmen, wie wenn ein Mensch sich an einer großen Anstrengung vergeblich abquält. »Ja,« antwortete der Andere. »Er will sich von den Stricken losmachen.« »Was thun wir?« »Hm! Machen wir ihn kalt?« »Eigentlich wäre es wohl das Beste.« »Aber wir wissen nicht, wer er ist.« »Wie war er gekleidet?« »Sehr fein.« »Vielleicht ließ sich ein Lösegeld herausschlagen. Meinst Du nicht auch?« »Vielleicht. Aber es ist besser, er wird stumm gemacht. Wenn wir ihn gegen ein Lösegeld frei lassen, kann er unser Geheimniß verrathen.« »Er muß schwören, zu schweigen.« »Weißt Du nicht, daß so ein Schwur nichts gilt? Er ist erzwungen.« »Hm! Wollen es uns wenigstens überlegen.« »Aber wohin stecken wir ihn? Es giebt ja keinen Platz. Es ist Alles besetzt« »Das ist wahr. Wir müßten ihn zu der bayrischen Müllerstochter thun, welche in Fesseln liegt.« »Das möchte ich nicht riskiren?« »Warum denn nicht?« »Sie reden doch mit einander.« »Was schadet das?« »Dadurch kann ja Alles verrathen werden.« »Pah! Das Mädchen kommt heut auf das Schiff. Drüben mag sie reden. Niemand wird es ihr glauben.« »Das mag sein. Also wollen ihn zu ihr stecken. Wenn dann heut Nacht das Mädchen fort ist, so machen wir uns über ihn her.« Sie gingen noch einige Schritte weiter. Das angestrengte Athmen und Schnaufen wurde deutlicher. Der eine Petruccio sagte laut: »Streng Dich nicht an! Diese Stricke zerreißest Du doch nicht.« Es wurde still. »Wer bist Du denn eigentlich?« fuhr er fort. Er erhielt keine Antwort. »Wer Du bist, habe ich gefragt!« »Abermaliges Schweigen.« »Du, er wird doch nicht etwa erwürgt sein!« meinte der andere Bruder. »So wär es auch weiter nichts.« »Ziehen wir ihn heraus!« »Ja, komm!« Da, wo sie standen, hatte der Gang eine Seitennische, in welcher eine Art Göpelwerk stand. Allerdings konnte man es in dieser Dunkelheit nicht sehen. Die Beiden drehten an demselben, und bald lag ein langer Gegenstand vor ihnen. Der Eine betastete denselben. »Lebt er?« fragte der Andre. »Ja.« »Warum redet er nicht?« »Entweder ist er zu stolz oder zu dumm dazu. Eins von diesen Beiden ists.« Der Sprecher gab dem vor ihm liegenden Körper einen Stoß und gebot: »Kerl, wenn Du noch lebst, so rede!« Es erfolgte keine Antwort. »Der Hallunke will nicht reden! Na, er hat es ja auch gar nicht nothwendig. Wir brauchen seine süße Stimme nicht zu hören. Aber sehen wollen wir, ob er laufen kann. Ich werde ihm den Strick von den Beinen nehmen. Dann brauchen wir ihn nicht zu tragen.« Er knotete den Strick auf und sagte dann: »Steh auf, sonst helfe ich nach.« Die Gestalt richtete sich auf. Sie war bedeutend länger als der Italiener. Dieser fühlte es, da er die Stricke gepackt hielt, welche dem Verunglückten um Leib, Arme und Oberbeine geschlungen waren. »Nun lauf!« gebot er und stieß ihn fort. Der Mann konnte nur sehr kleine Schritte machen, da nur seine Unterschenkel beweglich waren. Es dauerte einige Minuten, bis der Italiener anhielt. Einige schwere Riegel klirrten; eine Thür wurde geöffnet. Der Mann empfing einen Stoß und stürzte in ein finsteres Gelaß, auf dumpfiges Stroh. Hinter ihm wurde die Thür wieder verriegelt. Draußen verklangen die Schritte. Dann war es still ringsum. Doch nein! Der Mann lauschte. Es war ihm, als ob er regelmäßige Athemzüge höre. »Ist Jemand hier?« fragte er. Seine Stimme war sonor und klangvoll. »Ja,« antwortete eine weibliche Kehle. »Ah, eine Dame. Sind Sie Frau oder Mädchen?« »Ich bin ein Dirndl.« »Ein Dirndl! Sind Sie allein hier?« »Ganz allein.« »Wohl etwa auch gefesselt?« »Ja, an die Wand gebunden.« »Wissen Sie, wo Sie sich befinden?« »Nein.« »Und wer Sie gefangen hält?« »Auch nicht.« »Wie find Sie denn hereingekommen?« »Ich hab mich halt in Wien nach Triest vermiethet. Wir waren mehrere Dirndls aus allen Gegenden und kamen mit dem Zug hier an. Dann wurden wir aus der Stadt geführt und in Boote geladen. Wir bekamen Etwas zu trinken, wovon ich die Besinnung verlor. Als ich erwachte, war ich in einer unterirdischen Stube.« »Das klingt wie aus der Zeit des Mittelalters.« »Aberst es ist halt wahr.« »Gewiß! Das sehe oder vielmehr das fühle ich an mir! Es ist wie ein Traum. Sind noch mehrere solcher Zellen hier?« »Ja. Das sind Straflöchern. Sonst aberst sind die Dirndls in größern Stuben einquartirt.« »Auch unterirdisch?« »Ja.« »Was sind denn das für Dirndls, von denen Sie da sprechen?« »Lauter Dienstboten. Wir sollen halt nach Amerika, nach Californien schafft werden.« »Ah! Entsetzlich! Jetzt weiß ich, mit welchen Leuten ich es zu thun habe.« »Wie sind denn Sie hereinikommen?« »Ich habe ganz zufällig den verborgenen Eingang zu diesen unterirdischen Gemächern gefunden. Ich trat hinein und ahnte nicht, daß eine Sicherheitsvorrichtung vorhanden sei. Nach wenigen Schritten wich der Fußboden unter mir und Stricke schlangen sich ganz von selbst um meinen Leib und meine Glieder. Dann wurde ich aus der Vertiefung gezogen und hier herein geworfen.« »Herrgottle! So gehörens also gar nicht herein?« »Ebenso wenig wie Sie.« Dann nehmens sich in Acht! Wanns ohne Erlaubniß kommen sind, kanns leicht um Ihr Leben gehen.« »Das befürchte ich doch nicht.« »O, die Menschen, mit denen wir's hier zu thun haben, die kennen halt keine Gnad und kein Derbarmen.« »Warum hat man Sie in diese Strafzelle gethan?« »Weil ich nicht gehorchen will.« »Ah! Man will Ihren Willen brechen.« »Ja. Ich hab' halt schon bereits einige Tag nix zu essen und zu trinken bekommen.« »Mein Gott! So müssen Sie doch fast verschmachtet sein.« »Es wird halt nicht mehr lange dauern, so ist's aus mit dem Reden. Die Zung klebt mir schon am Gaumen.« »So kann ich Sie vielleicht erquicken.« »Habens was zu trinken mit?« »Einige Schlucke Wein in der kleinen Feldflasche. Aber ich kann nicht dazu, denn mir sind die Arme gefesselt.« »Ja, wanns herkommen könnten, dann wär's vielleicht möglich, daß ich Ihnen die Stricken aufknüpfen könnt.« »Was? Ich denke, Sie sind auch gefesselt.« »Ja, aberst nicht so wie Sie. Ich kann die Arme lang bewegen.« »Dann ist es freilich möglich, daß Sie mir die Stricke lösen können. Daran haben diese Menschen nicht gedacht.« »Aberst ob's auch herkommen können?« »Es wird gehen. Laufen kann ich freilich nicht; aber ich komme schon noch hin.« Nach einiger Anstrengung saß er neben dem Mädchen auf dem Stroh und ihre Hände beschäftigten sich mit seinen Stricken. Er fühlte, da sie ja seine Hände berühren mußte, ihre Finger heiß glühen. Ihre Gestalt zitterte. Sie hatte das Fieber des Durstes. »Nehmen Sie sich Zeit,« sagte er. »Ich denke nicht, daß wir gestört werden.« »Das kann man halt nicht wissen.« »Gelingt es Ihnen, mich von den Fesseln zu befreien, so bin ich gerettet und Sie sind es mit mir.« »Meinens? Mich kann Niemand retten.« »Warum?« »Weil wir alle schon heut Abend auf das Schiff kommen.« »Heut? Ich erschrecke!« »Ja, das ist mein letzter Tag in dera Welt.« »Gott behüte!« sagte er erschrocken. »Ja. Mich bringens nicht auf's Schiff, sondern ich stürz mich in's Wassern. Ich mag die Schand nicht derleben, die mir da drüben bevorstehen thut.« »Mein Kind, Gott ist allmächtig! Den Tod darf man sich nicht geben.« »So soll ich die Schand überleben? Das könnens mir unmöglich rathen.« Er schwieg. Was hätte er sagen sollen? Erst nach einer Weile wiederholte er: »Machen Sie mich von den Fesseln frei, so rette ich auch Sie.« »Das könnens nicht. Mein Schicksal ist besiegelt. Aber wanns frei kommen, so könnens mir einen großen Gefallen derweisen.« »Gern, sehr gern.« »Wanns nicht bös von mir denken, so will ich's sagen, was ich gern haben möcht.« »Sagen Sie es getrost!« »Ich hab einen sehr guten, lieben, alten Freunden, der weiß nimmer, wo ich bin und hat mich doch stets so lieb habt. Ich bin von zu Haus verschwunden wie ein Tröpfle, was vom Baume fällt. Kein Mensch weiß, wo ich bin. Ich weiß, daß heut mein letzter Tag ist. Morgen bin ich todt. Da sollens meinem Freund einen Gruß von mir schicken.« Sie sagte das halblaut, langsam und unter Thränen. Ihre ganze Gestalt fieberte. »Sie werden gerettet werden,« tröstete er: »O nein, o nein!« »Nun, auch das Schlimmste angenommen, so soll Ihr Freund den Gruß erhalten.« »Ist's wahr?« »Ja, gewiß. Wer ist er denn?« »Kommens vielleicht mal in's Bayern hinein?« »Ja,« antwortete er. »Sie sind eine Bayerin, wie ich an Ihrer Sprache höre?« »Ja, ich bin ein Landskind von unserm guten König Ludwig. Wann's mal dahin kommen, so werden's auch von meinem Freund hören. Er ist überall bekannt.« »Wie heißt er denn? Uebrigens ist es mir, als ob ich Ihre Stimme schon einmal gehört hätte.« »Da werdens sich wohl täuschen. Also dieser Freund wird allüberall dera Wurzelsepp genannt –« »Wie! Den kennen Sie, den?« »Ja. Habens ihn auch schon mal sehen?« »Ja, sehr oft.« »Das ist schön. Da wird auch mein Gruß ausgerichtet werden. Sagens ihm – sagens ihm –« Sie hielt inne. Der Schmerz übermannte sie. Da nahm sie sich zusammen und fuhr fort, aber stockend und unter Schluchzen: »Sagens ihm, daß ich von daheim fortgangen bin, weil ich meinem Vatern seine Schand' nicht mit hab' ansehen könnt, daß Sie mich hier – hier troffen haben und daß ich heut – heut sterben werd', weil ich auch meine Schand nicht – nicht sehen will.« »Kind, Kind, verzweifeln Sie nicht! Der Herrgott lebt ja noch!« »Ja, der lebt. Ich hab' zu ihm betet Tag und Nacht, aber er hat mir keine Hilfe geben. Es ist sein Will', daß ich sterben soll und es ist wohl auch am Besten so.« »Wie alt sind Sie denn?« »Grad zwanzig Jahre.« »Und in dieser Jugend haben Sie schon solche Erfahrungen gemacht, steht Ihnen ein solches Verhängniß bevor!« »Ich mag nicht klagen.« »Wo sind Sie her und wie heißen Sie?« »Seiens mir nicht bös, wann ich das lieber nicht sagen möcht. Dera Sepp wird schon wissen, von wem der Gruß kommt. Und nachhera wird er auch zu ihm gehen, zu ihm – Herrgottle, ja zu ihm, und wird ihm sagen, daß ich ihn so lieb 'habt hab', so gar sehr lieb – daß ich ihm treu blieben bin bis – bis – bis zum Tod im Wasser drin. Er ist so gern im Wasser gewest und wird wohl nicht dacht haben, daß ich mal darin sterben muß.« Es trat eine Pause ein, während welcher das bitterliche Weinen des Mädchens zu hören war. Dann fragte er: »Von wem sprechen Sie denn?« »Den kennens wohl nicht. Er ist ein armer Zigeunerbub gewest, aber der gute König Ludwig hat sich seiner angenommen und was Tüchtiges aus ihm macht. Dera Sepp weiß schon, wen ich meine.« »Mein Himmel! Meinen Sie den Fex?« Einen Moment war sie wie erstarrt. Dann erklang es jubelnd: »Der Fex, der Fex! Kennens auch ihn?« »Sehr gut. Und er war Ihr Geliebter?« »Ja. Ich aber bin fort von daheim, weil er mich nicht mehr anschauen soll.« »So find Sie Paula Kellermann, die Tochter des Thalmüllers in Scheibenbad?« »Was! Auch mich kennens, auch mich?« »Natürlich, natürlich kenne ich auch Sie!« »Woher denn eigentlich? Wo habens mich sehen?« »Bei sich selbst, in der Mühle, in –« Er hielt inne und fuhr nachher fort: »Können Sie sich des Concertes erinnern, welches der Fex mit der Leni im Theater gab?« »Natürlich weiß ich's noch!« »Sie waren auch da und da hab' ich Sie gesehen.« »Herrgott, was das für eine Freud noch ist an diesem letzten Tag! Sie kennen den Sepp, den Fex und auch mich. Sogar die Leni!« »Ja, ich kenne Euch alle so gut, daß – daß ich Sie bitte, jetzt ja Alles anzuwenden, um mich von meinen Fesseln zu befreien.« »Das will ich: das will ich!« Sie machte sich mit doppeltem Eifer darüber her. Dabei sagte er: »Ich will Ihnen noch etwas Froheres mittheilen, Paula. Nämlich der Sepp ist hier in Triest.« »Was? Wie? Der Sepp?« »Ja, er und noch Mehrere, die Sie kennen, der Elephantenhanns, die Silbermartha, der Lehrer Walther aus Hohenwald.« »Die – die – die Alle? O, wann die es wüßten, wo ich mich befinden thu'.« »Und sodann ist auch noch – erschrecken Sie nicht – der Fex da, Ihr guter Fex.« »Der – der – der Fex – –« stammelte sie wie ein Kind, welches lautiren lernt. »Ja, er ist auch hier.« »Wissens das sehr genau?« »Ja. Ich bin mit ihm gefahren; er hat mich aber nicht gesehen, da ich ein Coupe allein hatte. Man erwartet mich erst Nachmittags drei Uhr.« »Der – der – der Fex ist da!« wiederholte sie und dann fügte sie wie im Traume hinzu: »Da wollt ich, das Wasser thät meine Leich' an's Ufer schwemmen und er käm vorbei und thät mich sehen. Dann thät er wohl bei mir niederknien und ein Vaterunser beten. Wie schön, wann es so kommen könnt!« »Paula, schweigen Sie! Das kann ich nicht mit anhören. Nun ich weih, wer Sie sind, verspreche ich Ihnen, daß Sie frei sein werden.« »Das könnens nicht versprechen.« »O ja, gewiß.« »Nein,, nein!« »Ich gebe Ihnen mein Wort und das habe ich noch nie gebrochen. Nur erst die Stricke los!« »Ich arbeit immer; aberst meine Fingern sind so schwach und zitternd worden. Da, da ist ein Knoten aufi, und nun habens die rechte Hand frei.« Jetzt könnens selbst mit helfen.« Das geschah und nach wenigen Minuten war er seine Fesseln los. »Jetzt werde ich Sie losschneiden,« sagte er. »Habens denn ein Messern?« »Ja. Man hat mir nichts abgenommen, wie ich Ihnen bereitgesagt habe.« Er zog das Messer hervor und schnitt die Stricke entzwei, ohne sich vorher die Mühe zu geben, sie aufzuknüpfen. »So, jetzt sind Sie frei, Paula,« sagte er in mildem, wohlwollendem Tone. »Und nun sollen Sie auch trinken. Ich habe mir Schloß Miramare und Umgebung angesehen und nahm mir die Feldflasche voll Wein mit, weil ich nicht Gast sein wollte. Er wird Sie erquicken.« Er gab ihr die Flasche hin und sie führte sie mit zitternden Händen an ihre Lippen. Sie trank nur zwei kleine Schlucke, aber sie fühlte sofort neue Kraft und neues Leben durch ihre Adern rollen. »Hat es wohlgethan?« fragte er. »Ja,« gestand sie. »Ich bin wie neugeboren.« »Nun, das soll auch ein Tag der Neugeburt Ihres Glückes werden. Ich hoffe zuversichtlich, daß Sie den Fex heut noch sehen werden.« »O nein, nein! Das darf nicht sein!« wehrte sie ab. »Warum?« »Er und ich, wir müssen uns meiden.« »Dazu giebt's doch gar keinen Grund.« »O, einen großen.« »Welchen denn?« »Wir passen nimmer zusammen. Er wird ein berühmter Mann sein und ich bin die Tochter eines – eines – – Sie wissen es vielleicht.« »Ja, ich weiß es. Aber es ist ein hartes Wort, daß Gott die Sünden der Väter heimsuche an den Kindern bis in das dritte und vierte Glied. Gott ist die Liebe und die Barmherzigkeit. Er wird Ihnen nicht die Last Ihres Vaters aufbürden.« »Und dennoch, ich darf den Fex nicht sehen. Aber den Sepp möcht ich mal schauen.« »Wenn es zu ermöglichen ist, sollen Sie ihn sehen.« Der Wein hatte neuen Lebensmuth, in ihr angefacht. Darum wagte sie die Frage: »Und Sie meinen in Wirklichkeit, daß ich noch gerettet werden kann?« »Sie und alle anderen Mädchen.« »Wer aber sollt uns retten?« »Ich. Ich werde mit diesen Verbrechern ein ernstes Wort reden, wenn sie nämlich noch zur rechten Zeit zu mir kommen.« »O, das hilft nix. Sie hören auf Niemand.« »Auf mich aber jedenfalls.« »So sind's wohl ein Polizist oder so ein ähnlicher Herr vom Gericht?« »Ja, ich gehöre zu diesen Beamten.« »So mags dera Herrgott geben, daß es gelingen thut.« »Ich denke, daß sie sich nicht mehr an uns vergreifen werden. Auf keinen Fall aber werde ich mich wieder fesseln lasten.« »So werdens halt kämpfen müssen.« »Hoffentlich entgehe ich der Schande, mit solchen Geschöpfen wieder in körperliche Berührung zu kommen.« Die Zelle war nicht allzuklein. Sie erlaubte einen Gang von einigen Schritten zu machen. Er benutzte das, indem er langsam hin und her ging. Paula saß in ihrer Ecke, nippte zuweilen von dem Weine und beantwortete die Fragen, welche er an sie richtete. So verging die Zeit. Er ließ seine Uhr repetiren – denn auch diese hatte man ihm gelassen. Sie zeigte fünf Uhr an. Da waren draußen Schritte zu vernehmen. Es schienen dieses Mal mehr als zwei Personen draußen zu sein. Der Riegel wurde weggeschoben und die Thür geöffnet. Derjenige, welcher vorn stand, hielt eine Blendlaterne so, daß das Licht derselben nur in die Zelle fiel; er selbst und Diejenigen, welche hinter ihm standen, befanden sich im Dunkel. Die hohe Gestalt des Gefangenen wurde vom Kopf bis zum Fuße hell beleuchtet. Aller Augen fielen auf ihn. »Kennt Ihr mich?« fragte er, einen Schritt vortretend. »Donnerwetter! Er hat sich frei gemacht!« fluchte der Laternenträger. »Ob Ihr mich kennt?« wiederholte der Gefangene. »Alle Teufel – alle Wetter – Kreuzhimmel –!« so ertönten die Flüche durch einander. »Die Thür zu!« brüllte eine Stimme. Zu gleicher Zeit warf Derjenige, welcher das gesprochen hatte, die Thür in's Schloß. »Kennt Ihr ihn? Habt Ihr ihn gesehen? Ist er es auch wirklich?« gingen die Fragen hin und her. »Zurück! Geht hier fort! Er hört drin, was außen gesprochen wird. Wir müssen berathen.« Sie zogen sich zu einer kurzen Konferenz zurück, von welcher jedenfalls das Leben des Gefangenen abhing. – Gegen halb drei Uhr war der Bootsmann seinem Versprechen gemäß gekommen und hatte den Sepp abgeholt. Dieser sagte, daß er den König empfangen und in das Hotel begleiten werde, um dessen Befehle entgegen zu nehmen. Dann werde er wiederkommen. Als das Boot verschwunden war, befanden sich nur noch die drei Jünglinge auf der Insel. Sie hatten nicht die Geduld des alten Sepp. Besonders brannte der Fex vor Begierde, die Geliebte frei zu sehen. Sie konnten unmöglich die ganze Zeit bis zu des Alten Rückkehr thatenlos verbringen. Der Fex war der Erste, der seinen Angelplatz verließ. Er hatte nichts, gar nichts gefangen und ging zu Hanns. Max wurde herbei gewinkt. »Hört,« sagte der Fex. »Was habt Ihr für Meinung? Wollen wir wirklich warten, bis der Sepp zurückkehrt?« »Ich dächte.« antwortete Max. »Ja, Du kannst gut denken. Du hast Deine Braut nicht in der Höhle!« »Man darf nicht unvorsichtig sein!« »Eine sehr weise Regel. Aber mit Regeln bringe ich Paula nicht frei. Wann meint Ihr wohl, daß der Sepp zurückkehren wird?« »Er wird sich sicher sputen.« »Ja. Das heißt, der König kommt drei Uhr und ist halb vier Uhr im Hotel. Bis vier Uhr muß der Sepp berichten; dann geht's vielleicht spaziere; es giebt unvorhergesehene Störungen und wir können heut Abend zehn Uhr grad noch so dastehen wie jetzt.« »Hm! Möglich ist's. Man weiß ja gar nicht, was der König hier will. Vielleicht kann Sepp gar nicht wieder fort von ihm.« »Mit dieser Eventualität müssen wir rechnen. Ich werde nicht warten, bis es dunkel ist, wo man nichts mehr sehen kann. Ich erkläre Euch, daß ich höchstens bis halb fünf Uhr warten werde. Helft Ihr mir dann nicht, so handle ich allein.« Die beiden Andern erklärten, daß sie dann thun würden, was er für gut halte. Dann kehrte Jeder an seinen Angelplatz zurück. Der Fex beobachtete den Italiener genau. Es saß nur immer einer vor der Thür der Hütte. Der Andre war ja in der Stadt, um Hilfe zu holen. Der Fex veränderte seinen Platz nach und nach so, daß er von dem Manne nicht gesehen werden konnte. Dann rannte er schnell nach der hintern Seite der Hütte zu und stellte sich dort auf. Er hatte grad die richtige Zeit getroffen. Die Wand war aus roher Erde aufgestampft und hatte verschiedene Risse und Sprünge. Da, wo Fex stand, konnte er durch einen dieser Risse in das Innere sehen. Da hörte er ein eigenthümliches Knarren und Knirrschen. Er brachte das Auge an die Lücke und schaute hinein. Da sah er, das in der einen Ecke sich der Boden zu bewegen begann. Dabei schob sich ein eiserner Ring, welcher zu irgend einem Zwecke unten an der Mauer angebracht zu sein schien, mit vorwärts. Die Fallthür öffnete sich. Der Kopf des zweiten Italieners blickte hervor. »Luigi, hörst Du mich?« fragte er. »Ja.« »Komm schnell herab!« »Wozu?« »Die Leute sind da. Wir wollen uns den Gefangenen ansehen. Er muß doch Etwas bei sich haben. Vorhin hätten wir es in der Dunkelheit nicht sehen können.« »Gleich! Was er hat, wird getheilt.« Er trat herein und die zwei Brüder stiegen hinab, worauf sich die Fallthür wieder schloß. Der Fex wartete noch ein Weilchen und winkte dann die Freunde herbei. Er erzählte ihnen, was er gesehen und gehört hatte. Also ein Gefangener ist unten, der ausgeraubt und jedenfalls ermordet werden soll;« sagte er. »Wollen wir das geschehen lassen?« »Nein, nein!« antworteten die Beiden. »Also hinab?« »Ja.« »So kommt herein. Aber haltet die Waffen bereit!« Es war wenige Minuten über fünf Uhr. »Hier mit Hilfe dieses Ringes muß man öffnen können, wie es scheint,« sagte der Fex. Er bückte sich nieder und zog an dem Ringe. Sofort ertönte das bereits beschriebene Geräusch und die Thür öffnete sich. Die Drei blickten in die Tiefe. Es war nichts zu sehen als ein dunkles Loch und oben der obere Theil der Leiter. »Ich steige voran,« erklärte der Fex. »Halt,« warnte Max. »Werden wir auch wieder herauskönnen?« »Allemal!« »Nein, das ist nicht so sicher. Wenn sich die Thür über uns schließt, wissen wir nicht, auf welche Weise der Mechanismus von innen geöffnet wird.« »Jedenfalls ebenso durch einen Ring.« »Das fragt sich sehr.« »Nun, so haben wir unsere Laternen mit, um nachzusehen. Und sodann wissen wir nicht, ob sich die Thür überhaupt schließen wird.« »Es ist anzunehmen.« »Nun, wenn wir hinunter kommen, wird es wohl noch ganz andere Chancen und Auswege geben. Vielleicht schlagen und schießen wir Alles todt, was wir finden. Dann sind wir Hahn im Korbe und können ausfliegen, wo es uns beliebt.« »Du bist sehr getrosten Muthes!« »Das ist das Beste, bei solchen Sachen. Also kommt mir nach! Ich steige jetzt.« Er verschwand in der Oeffnung wie ein Bergmann im Mundloche des Fahrschachtes verschwindet. Max folgte und diesem Hanns. Sie erreichten glücklich, den Boden. Ueber ihnen war die Oeffnung wie ein handgroßes Loch zu sehen. »Was nun?« fragte Fex. »Es giebt nur einen einzigen Gang, dem wir folgen müssen. Brennen wir an?« »Nein,« antwortete Max. »Man könnte uns von Weitem sehen und dann wäre Alles verloren.« »So tappen wir uns also nur fort.« Der Fex gebrauchte Hände und Füße als vorsichtige Taster. Die beiden Andern hingen sich an ihn und so kamen sie nur ganz langsam vorwärts. Nach langer Zeit gelangten sie dahin, wo die Lampe brannte und die eisernen Thüren beleuchtete. »Gehen wir weiter?« fragte Hanns. »Natürlich!« antwortete der Fex. »Aber wenn da vorn Menschen sind, so können wir ja gesehen werden.« »Horchen wir erst, ob wir Etwas hören.« Sie lauschten eine Weile. Der Fex legte sich sogar auf den Boden und horchte. »Hört,« sagte er leise, »da vorn sind Leute.« »Wirklich?« »Ja. Ich höre gehen und auch sprechen. So, ein Gang trägt den Schall sehr deutlich fort.« »So müssen wir hier bleiben?« Ehe der Fex noch antworten konnte, ertönte ein lauter Ruf wie Donnerrollen durch den Stollen. »Ganzes Bataillon, Feuer! Hurrah, der Sepp ist da, der Sepp! Feuer, Feuer!« Eine Anzahl Schüsse krachten. Es klang hier unten wie Kanonendonner. Auch die kommandirende Stimme wurde durch die Resonnanz des Ganges verzwanzigfacht, dennoch aber sagte der Fex sogleich: »Das ist der Sepp, der Sepp! Er ist mit Leuten da. Er hat jedenfalls einen zweiten Eingang entdeckt. Er greift die Schufte an. Sie sind zwischen uns und ihm. Kommt zurück in's Dunkle. Schnell!« Sie huschten einige Schritte zurück und warteten. Wieder erschallten Schüsse und brüllende Kommando's. Dann kamen plötzlich drei Männer herbeigeeilt, welche einen verwundeten Vierten trugen. Sie keuchten unter der Last. »Halt!« ertönte die Stimme des Fex aus dem Dunkel ihnen entgegen. »Keinen Schritt weiter!« Sie stutzten einen Augenblick. Einer der Italiener war dabei. »Drauf!« schrie er. Er riß sein Pistol aus der Tasche und schoß es gegen den Ort ab, wo der Fex stand. Aber der Schuß that nichts, denn die Kugel fehlte. Da kommandirte der Fex ganz genau so wie vorher der Sepp: »Ganzes Bataillon, Feuer! Hurrah, der Fex ist da, der Fex! Feuer, Feuer!« Die Drei schossen einige Kugeln ihrer Revolver auf die Vier. Die Schüsse donnerten durch den Gang. Die Vier, alle getroffen, stürzten zur Erde. »Hurrah! Hier der Sepp!« erschallte es von dort. »Hurrah, der Fex!« erschallte es hier. Dann hörte man eilige Schritte und der alte Sepp kam herbeigestürmt. Die Drei traten ihm entgegen. »D'rauf!« rief er. »Nicht tödten, aber binden!« Die Kerls wehrten sich zwar möglichst, wurden aber leicht überwältigt, da sie verwundet waren. Nun erst sahen die Vier einander lachend an. Der Fex fragte den Alten: »Woher kommst denn Du?« »Von dorther!« Er zeigte zurück. »Und Ihr?« »Von da her?« »Vom Häuschen herab?« »Ja, aber wo hast Du denn Dein ganzes Bataillon?« »Das bin ich selberst.« »So bist allein?« »Ja. Aber Lärm hab ich macht für Dreißig. Da vorn liegen noch Zwei Verwundete. Ich glaub halt. Einer ist todt und der Andere wird wohl noch leben. Ich hab halt keine Zeit habt, mich genau nach ihnen umzusehen. Sind vielleicht noch mehrere von diesen Kerls vorhanden?« »Hier nicht, hinter uns ist Niemand.« »Hinter mir auch nicht. So haben wir also keinen Angriff zu befürchten und können uns Diese hier mal anschauen.« Die Kerls lagen so still und bewegungslos da, als ob sie todt wären. Daran war einestheils das Entsetzen schuld, welches sich ihrer bei dem so unerwarteten Ueberfalle bemächtigt hatte und anderntheils hofften sie wenigstens zunächst mit zudringlichen Fragen verschont zu werden, wenn sie sich leblos stellten. Sie wurden untersucht und da stellte es sich heraus, daß sie zwar verwundet waren, aber noch lebten. Keiner bewegte sich. »Wir sollen halt denken, daß sie ohne Besinnung sind,« sagte der Sepp. »Aberst ich werd gleich diesem Herrn Petruccio den Verstand zurückgeben.« Er holte aus und gab ihm eine so gewaltige Ohrfeige, daß der Geschlagene sich schnell in sitzende Stellung aufrichtete, mit beiden Händen nach seinem Kopfe fuhr und erschrocken ausrief: »Herrgott! Ich hatte ja gar nichts gethan!« »Eben weil Du nix thun wolltest, hast diese Backpfeifen erhalten. Du sollst was thun, nämlich sprechen. Und da ich nun seh, daßt das kannst, so red' auch, wann ich Dich frag', sonst kannst noch mehr solche Maulschellen erhalten.« »Verbindet uns doch zunächst! Ihr seht ja unser Blut laufen.« »Erst habt Ihr auf uns schossen und nun sollen wir Euch verbinden! Das könnt uns eigentlich schwer einfallen. Aberst wir sind halt gute Menschen und wollen Euch besser behandeln, als Ihr es verdient. Aber wir haben doch nix da, womit wir Euch verbinden könnten.« »Es ist Alles da. Oeffnet die nächste Thür, da ist die Auguste, unsere Wirthschafterin, welche Euch Alles geben wird.« »Schön! So wollen wir zunächst Eure beiden guten Kameraden auch herbeibringen. Kommt!« Er wollte mit dem Fex und Hanns fort; aber der Erstere sagte: »Du, keine Unvorsichtigkeit! Diese Kerle könnten uns betrügen. Sie sind wohl gar nicht so schwer verwundet, wie es den Anschein hat.« »Meinst, daß sie uns ausreißen thäten?« »Ausreißen wohl nicht. Sie stiegen nach oben und machten zu: dann wären wir gefangen.« »Du, da hast Recht. Wir werden sie also wohl binden müssen.« »Dazu haben wir auch nichts. Wir schließen sie ein.« »Wohin?« »Eben zu dieser Auguste.« »Wenn sie ihnen nun forthilft!« »Sie ist doch eingeschlossen.« »Aberst von da drinnen kann auch ein verborgener Gang hinaufführen.« »Wollen sehen.« Der Sepp trat zu der ersten Thür und untersuchte sie. Sie war mit starkem Eisen beschlagen und hatte kein Schloß, sondern zwei schwere Riegel. »Sie kann nicht von innen geöffnet werden,« sagte er. »Ich glaub, daß die Kerls da drinnen sicher aufgehoben sind.« Er schob die Riegel zurück und öffnete. Er sah ein kellerartiges Gemach, ganz in Felsen eingehauen. Von der Decke hing eine brennende Lampe. Zu der Mitte stand ein steinerner Tisch und der Boden war mit Stroh belegt, auf welchem eine Anzahl junger Mädchen saßen oder lagen. Andere standen an den Wänden gelehnt. Sie schauten alle mit angstvollen Blicken nach der Thür. Schnell trat der Fex herbei und fragte: »Ist Paula Kellermann da?« Es war ein erdrückender Dunst in dem Gewölbe und die Lampe brannte so trüb, daß man die Gesichtszüge der entfernteren Mädchen nicht genau erkennen konnte. Er erhielt keine Antwort und wiederholte seine Frage. Als auch da Alle schwiegen, sagte der Sepp: »Das muß ein Taubstummeninstitut sein. Wann sie aberst hören werden, daß ich eine Peitsche holen werd', welche die Taubstummheit sogleich heilt, so werden sie wohl antworten. Ist Eine da, welche Auguste heißt?« Seine Drohung wirkte. Es trat Eine langsam näher und antwortete »Das bin ich.« »So komm mal her, damit ich Dein Gesicht sehen kann!« Sie gehorchte und er sah in ein freches, cynisches Frauengesicht. Dieses Mädchen war ganz gewiß nicht unzufrieden mit dem Schicksale, welches ihrer wartete. »Kennst Du die Andern alle?« fragte er. »Ja.« »Ist Eine dabei, welche Paula Kellermann heißt?« Sie stand so, daß sie an ihm vorüber nach der Thür blicken konnte. Da sah sie den Italiener liegen, welcher ihr ein Zeichen gab, das nur sie bemerkte. »Nein,« antwortete sie. »Du lügst!« »Herr, ich sage die Wahrheit!« »Wir wissen, daß sie da ist.« »Ich weiß nichts von ihr.« »Du bist die Wirthschafterin?« »Ja.« »Kennst Du diese unterirdische Wohnung?« »Nicht genau.« »Wie lange bist Du da?« »Seit einer Woche. Der Herr hat mich ausgewählt zum Führen der Wirtschaft.« »Eine schöne Wirtschaft. Wer ist aber denn der Herr, von welchem Du redest?« Der Italiener gab ihr abermals ein Zeichen. »Ich kenne ihn nicht,« antwortete sie. »Ist's der Petruccio?« »Nein.« »Der Jude Baruch Abraham?« »Das weiß ich nicht.« »Hm! Hast Du alte Leinwand zum Verbinden?« »Ja, sie ist draußen.« »Hole sie.« Sie kam heraus und trat zu einer kleinen, niedern Thür, welche auch nur verriegelt war. Als sie diese geöffnet hatte, sah man einen Raum, welcher zur Aufbewahrung von allerhand Vorräthen zu dienen schien. Sie trat hinein und kam bald mit einem Packet wieder heraus. »Zeig her,« sagte der Sepp. »Es sind alte Lappen!« »Wollen sehen, ob's auch wahr ist. Vielleicht hast auch was Anderes mit.« Er untersuchte das Bündel und sah allerdings, daß es nicht Verdächtiges einhielt. »Da, hast's wieder. Hier liegen Verwundete, welche wir zu Euch hineinthun wollen. Ihr könnt sie verbinden.« Er schaffte mit Hilfe der beiden Andern die Plessirten hinein und riegelte dann zu, um auch die beiden Uebrigen zu holen. Die Mädchen traten alle herbei, um mit zu helfen. Hier in diesem Gewölbe befanden sich nur solche Dirnen, welche mit ihrem Schicksale sehr wohl zufrieden waren und sich sogar freuten, als verachtete Geschöpfe in Amerika ein üppiges aber sündhaftes Brod zu verdienen. Der Italiener wußte, daß er sich auf sie verlassen konnte. »Habt Ihr die Schüsse gehört?« fragte er. »Ja,« antwortete Auguste. »Und das Geschrei auch.« »Diese verfluchten Kerls!« »Wer sind sie denn?« »Ich kenne sie nicht. Jedenfalls haben sie erfahren, daß Ihr hier seid, und sind nun gekommen, Euch heraus zu holen.« »Das mögen sie bleiben lassen!« »Ihr wollt nicht mit ihnen?« »Fällt uns gar nicht ein!« »Sie haben sogar auf uns geschossen!« »Zeigt sie an, damit sie bestraft werden!« »Das wäre die größte Dummheit, welche wir machen könnten. Unser Handwerk ist ja verboten.« »Nein. Wir sind ja einverstanden.« »Das gilt nichts. Uebrigens haben wir zuerst geschossen, nämlich auf den Alten. Daß noch Mehrere unten seien, konnten wir nicht wissen. Verbindet uns nur rasch. Hoffentlich hat es keine große Gefahr. Revolverkugeln machen selten Löcher in das Leben.« Während nun einige der Mädchen den Männern die Röcke auszogen, um zu den Wunden gelangen und diese verbinden zu können, fuhr der Italiener fort: »Wißt Ihr denn, was für ein Schicksal Eurer harrt?« »Die Fremden werden uns befreien.« »Nein. Sie werden Euch im Gegentheile Eurer Freiheit berauben.« »Das können sie nicht!« »Ganz gewiß können sie es.« »Wir haben ja nichts begangen!« »Ihr habt Euch als Freudenmädchen anwerben lassen und werdet nach Amerika verkauft. Das ist verboten.« »Aber bestrafen können sie uns nicht dafür.« Die Auguste schien ein auf diesem Gebiete erfahrenes Mädchen zu sein. »Nein, bestraft könnt Ihr nicht werden,« antwortete er. »Aber man wird Euch in eine Besserungsanstalt stecken.« »Das fehlte noch!« »Ganz gewiß wird man es thun!« »Ich danke! Ich kenne das. In so eine Anstalt kommt man nur auf unbestimmte Zeit.« »Ja, man kann Euch so lange behalten, wie man will. Das ist sehr richtig.« »Und wer da nicht den ganzen Tag arbeitet und betet, der kommt nie wieder heraus.« »Hört Ihr es!« sagte der Italiener. »Ich denke nicht, daß Euch das gefallen wird.« »Nein, nein! Fällt uns nicht ein! Das mögen wir nicht!« rief es rundum. »Aber Ihr könnt es nicht umgehen, außer – hm! Es gäbe wohl ein Mittel.« »Welches?« »Wenn Ihr es Euch nicht gefallen laßt.« »Wir können doch nichts dagegen thun!« »O doch! Ihr müßt Euch wehren.« »Wo denn? Dann später oder hier?« »Natürlich hier. Wenn Ihr einmal oben seid, ist es zu spät.« In diesem Augenblicke wurden die Andern gebracht. Einer derselben war todt. Der Sepp zog sich dann mit Hanns und Max wieder zurück. Der Todte versetzte die Mädchen in Schreck. Sie fuhren von ihm zurück. »Fürchtet Euch nicht,« sagte der Italiener. »Ihr werdet nicht lange mit ihm beisammen sein, wenn Ihr es richtig macht. Ich weise Euch eine andere Stube an, welche viel besser ist als diese hier.« »Du? Wie kannst Du das? Du bist ja gefangen und hast hier nichts wehr zu sagen.« »Das kommt blos auf Euch an.« »Wieso?« »Haut die Kerls nieder!« Die Dirnen sahen sich unter einander an. Diese Sorte Mädchens sind leicht zu Gewaltthätigkeiten geneigt. Man braucht unter ihnen gar nicht lange nach Megären zu suchen. Da keine von ihnen antwortete, fragte er: »Oder fürchtet Ihr Euch etwa vor ihnen?« Sie schwiegen auch jetzt noch. Der Gedanke war ihnen gar nicht etwa zuwider; aber es ist doch nicht leicht, sich mit Männern herumzuschlagen, welche noch dazu bewaffnet sind. »Das ist nur der einzige Weg, Euch davon zu befreien, daß man Euch in eine Besserungsanstalt thut,« fuhr er fort. »Hm! Ich hätte Lust!« rief Auguste. »Da bist Du klug. Aber es müßte bald geschehen, noch bevor diese Kerls andere Leute herbei holen.« »Etwa gar Polizei?« »Ganz gewiß! Nach Polizei werden sie natürlich sofort laufen.« »Wenn diese kommt, sind wir freilich verloren. Ich bin von hier. Die Polizei kennt mich.« »Das ist schlimm für Dich und auch für die Andern. Uebrigens sollt Ihr auch nicht umsonst für Euch handeln. Ich bezahle es Euch.« »Du willst uns Geld geben?« »Ja.« »Wie viel denn?« »Wenn Ihr es so weit bringt, daß wir diese vier Halunken hier einschließen können, bekommt Jede von Euch fünfzig Gulden.« »Baar?« »Natürlich baar.« »Und gleich? Nicht erst drüben in Amerika?« »Nein, sofort hier.« »Donnerwetter! Was sagt Ihr dazu?« Sie wendete sich mit dieser Frage an ihre Kolleginnen. Unter diesen gab es einige Zaghafte. Die Meisten von ihnen aber waren muthig und auch von kräftiger Bauart. »Wenn wir wüßten, daß wir das Geld wirklich bekämen, so könnte man es versuchen,« sagte Eine. »Ja, ja, dann würden wir es thun,« stimmten die Andern bei. »Recht so!« lachte der Italiener. »Ich schwöre Euch zu, daß Ihr das Geld bekommt. Hier könnt Ihr es zwar nicht verwenden; aber das Schiff legt ja unterwegs in Italien und Spanien an. Da könnt Ihr Euch Herrlichkeiten kaufen.« Er sagte die Unwahrheit. Er wußte ganz wohl, daß es dem Kapitän nicht einfallen werde, in einen Hafen einzulaufen. Derselbe mußte überhaupt unterwegs einen ganz ungewöhnlichen Kurs einhalten, um keinem Kriegsschiffe zu begegnen. Auch gedachte der Italiener gar nicht, sein Versprechen zu halten und ihnen das Geld zu geben. Sie konnten ihn ja gar nicht dazu zwingen; sie befanden sich in seiner Gewalt. »Nun?« fragte Auguste, »was wollt Ihr denn beschließen? Ich mache mit.« »Ich auch, ich auch!« riefen die Muthigen. »Wir sind gegen dreißig Personen und sie sind nur ihrer Vier.« »Aber sie sind bewaffnet!« »Das thut nichts, gar nichts,« beruhigte sie der Italiener. »Ihr müßt es nur so anfangen, daß sie ihre Waffen nicht gebrauchen können.« »Ja, wie soll das geschehen?« »Es kommen sieben von Euch auf einen von ihnen. Wenn Ihr Euch plötzlich auf sie werft, so werdet Ihr sie leicht überwältigen.« »Aber sie werden sich wehren!« »Unsinn! Ihr müßt sie nur gleich fest bei der Gurgel nehmen. Das ist das Beste.« »Da erwürgen wir sie.« »Thut nichts!« »O doch! Tödten wollen wir sie nicht.« »Ihr werdet keinen Mord begehen. Man erdrosselt nicht so leicht Jemanden.« »Ja,« stimmte Auguste bei, die Unternehmendste von ihnen. »Wir machen sie nur besinnungslos.« »Ja freilich. Dann binden wir sie.« »Und dann?« »Nun, das ist nachher meine Sache. Uebrigens werden wir Euch beistehen. Ich kann zwar nicht gut auf, denn ich bin am Beine verwundet, aber weine Kameraden hier sind besser daran als ich. Sie haben kräftige Hände Also entschließt Euch schnell. Wir haben keine Zeit zu verlieren.« »Wenn sie nun gar nicht wiederkommen?« fragte eine von den Verzagteren.« »Wir klopfen sie herbei.« »Da bleiben sie draußen an der Thür stehen.« »So locken wir sie herein.« »Wie denn?« »Wir Männer legen uns ganz hinter an die Wand und stöhnen. Ihr sagt, daß es ganz schlecht mit Einem oder Einigen von uns stehe, daß wir im Sterben liegen. Da kommen sie ganz sicher herein und ganz hinter zu uns.« »Dann fallen wir über sie her!« meinte Auguste. »Ja, aber so plötzlich und so kräftig, daß sie die Hände gar nicht frei bekommen können.« »So und nicht anders wird und muß es gehen. Also stimmen wir ab! Wer macht mit?« »Ich – ich – ich – ich!« rief Eine nach der Andern und als Zwei oder Drei doch schwiegen, fragte Auguste: »Nun, Ihr etwa nicht? Wollt Ihr Euch denn lieber in das Besserungshaus sperren lassen?« Da stimmten nun auch diese bei. Vor dem Besserungshause hatten eben Alle Furcht. »So ist's recht!« rief Auguste. »Sie werden hereingelockt und überfallen. Dann lachen wir sie gehörig aus!« Sie hatte das sehr laut gesprochen, wie die ganze Verhandlung überhaupt nicht etwa flüsternd geführt worden war. Darum sagte Petruccio: »Schrei nicht so! Die Kerls sind im Stande, draußen zu horchen und Alles zu hören!« Er hatte nicht so ganz Unrecht. Als Sepp mit seinen jungen Freunden die beiden Letzten in das Gewölbe gebracht hatte, war er natürlich so vorsichtig gewesen, die Thür wieder zu verriegeln. Dann schaute er in den Vorrathsraum, aus welchem Auguste das Verbandzeug geholt hatte. »Ah!« sagte er. »Hier ists gar nicht so übel. Schaut doch auch mal herein!« Er nahm die Lampe; welche den Gang erleuchtete, und trat in das Gewölbe. In der Mitte desselben stand ein Tisch mit mehreren Stühlen. Rundum waren Holzstellagen angebracht, auf welchen allerlei Lebensmittel lagen. Unten auf dem Boden standen volle Wein- und Bierflaschen, und auf einer der Stellagen sah man Gläser und sogar einige volle Cigarrenkistchen. »Das paßt schön!« meinte der Alte. »Wir müssen uns doch sagen, wie wir da Herabkommen sind, und das können wir in Gemütlichkeiten thun Wir brennen uns eine Cigarren an und trinken einen Wein dazu.« Er schaffte Cigarren, Gläser und Wein herbei und setzte sich behaglich an den Tisch. Die beiden Anderen folgten diesem Beispiele. Der Wein erwies sich als nicht übel, und die Cigarren waren sogar noch besser. »Schaut, was für ein Leben diese Schufte hier führen!« sagte der Alte. »Die lassens sich wohl sein wie dera Herrgott in Frankreich. So gut haben wirs halt nicht. Aberst von jetzt an soll es ihnen nicht wiederum so wohl werden. Wir wollen ihnen den Braten verderben. Aberst nun sagt doch mal, wie Ihr da herunter kommen seid!« Max erzählte es. Er hatte eben seine Erzählung beende:, da ertönten laute Stimmen von drüben herüber. »Die Dirndln scheinen lustig zu sein,« sagte der Sepp. »Wollen doch mal hören, wovon sie sprechen.« Er trat hinaus und horchte. Dann kam er wieder zurück und meldete: »Hört, das war gut, daß ich horcht hab!« »Hast was erlauscht?« fragte Hanns. »Freilich! Und wann ichs nicht hört hätt, so könnt es uns schlecht ergehen.« »Sie haben doch nicht etwa etwas gegen uns vor?« »Natürlich haben sie!« »Was denn?« »Sie wollen uns hineinlocken und dann drin überfallen. Ist das nicht köstlich?« »Hasts denn auch richtig verstanden?« »Ganz genau, Wort für Wort.« »Wer hats denn sagt?« »Die Auguste war es. Ich hab sie an dera Stimm erkannt. Sie sagte: ›Sie werden herein gelockt und überfallen. Dann lachen wir sie aus!‹ Und darauf meinte dera Italiener, sie solle nicht so schreien, weil wir horchen könnten.« »Das ist stark!« »Nicht wahr? Wir wollen sie retten, und sie überfallen uns dafür!« »Eine solche Dankbarkeit hätte ich freilich nicht von diesen Mädchens erwartet.« »O, das sind die Richtigen! Hasts denn dera Auguste nicht anschaut, was sie ist?« »Ein gemeines Gesicht hatte sie freilich.« »Ein freches Weibsbild ist sie. Und die bei ihr sind, werden nicht viel besser sein.« »Und mit solchen Subjecten ist Paula zusammen gesperrt!« sagte der Fex. »Herrgott, Sepp, ich vergesse sie ja ganz!« »Nein, sie wird nicht vergessen.« »Wir müssen sie suchen, und zwar rasch!« Er stand vom Stuhle auf. »Bleib sitzen!« sagte der Alte. »Nein, ich muß fort!« »Eile mit Weile! Setz Dich nur wieder nieder! Zunächst wissen wir ja gar nicht, ob sie auch wirklich hier ist.« »Sie ist hier!« »Das hab ich auch denkt; aberst die Auguste hat doch grad das Gegentheil sagt.« »Sie hat gelogen.« »Aus welchem Grunde denn?« »Das weiß ich nicht.« »Warum sollte sie die Paula verleugnet haben? Sie weiß doch nicht, daß wir sie kennen.« »Wir haben ihren Namen genannt; also müssen wir sie doch wohl kennen. Sepp, komm!« »Nein, warte nur noch! Jetzund müssen wir erst überlegen, was zu thun ist. Das ist bald gesagt. Wir müssen die ganzen unterirdischen Löcher durchsuchen.« »Ja, das müssen wir. Weißt, was ich denk?« »Nun, was?« »Daß es Gute und Schlechte hier unten giebt. Die Schlechten waren Die, die wir sehen haben. Denen liegt gar nix dran, daß wir sie heraus holen wollen. Die Guten aberst sind wo ganz änderst eingesperrt. Und bei denen wird sich die Paula befinden, wann sie wirklich da ist.« »Du hasts doch selber sagt, daß sie hier ist, hast mich sogar deswegen kommen lassen.« »Ich kann mich auch geirrt haben. Wir werden ja sehen. Ein Glück ists gewest, daß Ihr unten wart, als ich kam. Ich hätt mich in großer Gefahr befunden. Ich hab nicht schlecht lauscht, als ich Euch schießen hört und dazu rufen: Der Fex ist da!« »Wir waren ebenso erstaunt, als wir den Deinigen Ruf vernahmen.« »Ja, brüllt hab ich schrecklich und gleich dazu ein ganzes Bataillonen commandirt, damit sie Furcht bekommen sollten.« »Wie aber bist denn hereini kommen?« »Das war halt eine ganz eigentümliche Geschichten, die ich Euch verzählen muß.« Er goß sein Glas voll, nahm einen tüchtigen Schluck und begann sodann »Ich fuhr um halber Drei nach dera Stadt, weil um Drei dera König kommen wollt – –« »Ist er kommen?« »Nein. Er hat es für ganz gewiß sagt. Es muß ihm ein Hinderniß dazwischen treten sein. Ich hab den Zug kommen sehen und Jeden anschaut, welcher ausstiegen ist, aberst dera Herr Ludwigen war nicht dabei.« »So kommt er vielleicht gar nicht.« »Das ist auch möglich. Vielleicht hat er sich anderst besonnen. Weißt, er hat oft so ganz eigenartige Gedanken. Zuweilen will er gar nicht mehr König sein.« »Herrgottle! Ists möglich?« »Jawohl.« »Das wär ja traurig!« »Nachhero wieder will er blos nicht mehr in Bayern regieren. Er will sich einen andern Thron suchen.« »Warum denn aber?« »Weiß ich es! Man kann gar nicht begreifen, woher solche Gedanken kommen.« »Ist er denn krank?« »Wo soll er denn krank sein?« »Hier oder hier.« Max deutete nach seinem Kopfe und seinem Herzen. Der alte Sepp antwortete: »Sein Kopf ist gut. Das möcht ich beschwören, wenn er auch so nach seiner eigenen Art handelt. Könige brauchen nicht wie andere Menschen zu sein. Aberst mit seinem Herzen, ja, da kann es leicht eine Bewandtnissen haben.« »Kennst dieselbige wohl?« »Ja.« »Es ist ein Geheimnissen?« »Nein. Er hat eine Prinzessinnen lieb habt und ist schon mit, ihr verlobt gewest. Das hat er wieder rückgängig machen müssen.« »Warum?« »Ich weiß es nicht. Aberst angriffen muß es ihn haben, denn es thät ja Unsereinen angreifen, und so ein Herr hat ja ein gar viel feineres, zarteres und vornehmeres Herz als Unsereiner.« »Drum ist er oft so traurig.« »Ja, er redet wenig und ist am Liebsten ganz allein. Ists da zu verwundern, wann allerlei Gedanken kommen?« »Gewiß nicht. Weißt, mir sind, seid die Paula verschwunden ist, auch schon solche gekommen. Ich weiß davon zu reden.« »Das glaub ich wohl. Jetzt nun hat er die Idee, Schloß Miramare zu kaufen.« »Was will er damit? Er hat ja Schlösser!« »Schlösser genug! Die schönsten und prächtigsten, welche es giebt in dera Welt! Aberst weil es dem guten, unglücklichen Kaiser Max sein Eigenthum gewest ist, will er es haben. Darum kommt er incognito her und will sichs heimlich anschauen.« »Wem gehörte denn jetzt?« »Dem Kaiser von Oesterreich.« »Wills denn der verkaufen?« »Das kann ich nicht wissen. Kurz und gut, dera König wills sich anschauen. Deshalb kommt er her. Ich sollt die Zimmern bestellen und ihn am Bahnhofe erwarten. Als er aberst nicht kam, nahm ich die Gelegenheit wahr, zum Juden zu gehen, um nachzuschauen, wie es dort steht.« »Hat sich was ereignet?« »Nein. Doch ist der Capitän Marmel da gewest, um mit Baruch Abraham zu reden.« »Sapperlot! Das ist dumm!« »Warum?« »Da wird Alles verrathen.« »Gar nix wird verrathen. Es ist ja dem Juden sein Verwandter da.« »Der Polizist? Wanns der Capitän glaubt!« »Er hats glaubt. Der Polizist hat sagt, sein Vetter hätt ihn beauftragt, zu sagen, daß Alles in Ordnung sei. Heut Abend wär er wiederum zurück, und dann könnt die Sach vor sich gehen.« »Das ist gut. So fangen wir diesen Franzosen. Darauf freu ich mich.« »Ich mich auch. Nachhero wollt ich natürlich wieder zu Euch her. Ich wollt nach dem Hafen, wo dera Bootsmann wartete. Da sah ich auf einmal den Petruccio laufen.« »Wir haben glaubt, er sitzt in dera Hütten.« »Nein; er war in dera Stadt.« »Wie ist er da fortkommen?« »Durch einen heimlichen Gang, denselbigen, durch den ich hereinikommen bin.« »Was hat er in dera Stadt wollt?« »Das hab ich mich auch fragt. Weißt, er hat so heimlich than und sich so still umischaut, daß ich gleich denkt hab, er muß was Böses vorhaben.« »Bist ihm nicht nachgegangen?« »Freilich bin ich. Er hat aber sein Werk schon bereits vollbracht habt, denn er ist aus dera Stadt fort und hat draußen wartet. Da sind die Kerls hinter ihm herkommen, die jetzt mit ihm einsperrt sind.« »Er wird wohl denkt haben, daß wir uns nicht in einer freundlichen Absichten auf dera Insel befinden. Er hat Hilfe braucht und sie sich dann holt.« »So ists, gewiß so. Bist hinter ihnen her?« »Ja. Es war halt gar schwer, es so zu machen, daß sie mich nicht sehen konnten; aber es ist mir doch gelungen. Ich hab denkt, er werd mit ihnen in einem Boot nach dera Insel fahren; aber da hab ich mich irrt.« »Sie sind laufen?« »Ja, bis nach Miramare.« »Du jetzt begreife ichs. In Miramare endet wohl dera heimliche Gang?« »Ja. Vor dem Schlosse haben sie sich trennt. Weißt, daß es nicht so sehr auffallen soll. Er ist ganz allein gangen. Ich hab ihn nicht aus denen Augen lassen und bin immer hinter ihm her.« »So haben Dich aber doch die Andern sehen!« »Ich mußt allerdings an ihnen vorüber; aber sie kannten mich doch nicht und haben gar nicht wissen könnt, daß ich es auf ihn und auf sie abgesehen hatt.« »Ja, das ist freilich richtig. Wie ist es denn nachhero kommen?« Er ist in den Schloßpark hineinschlichen und ich immer hinter ihm her, aberst so, daß er mich nicht hat sehen könnt. So ists eine ganze Weile fort gangen. Er lief auf dem Weg, ich aber seitwärts hinter denen Sträuchern, hab ihn aber nicht aus denen Augen lassen. So sind wir ganz nach hinten kommen, wo die Felsensteine sind. Da steht ein kleines Häusle aus Stein. Es hat nur drei Wände, denn mit dera vierten Seit stößt es an die Felsen. Da ist er hinein.« »Er hat wohl dort auf die Andern warten wollt.« »Jedenfalls. Wenigstens hab ich mir sagt, wenn er sie aus dera Stadt holt hat, muß er ihrer doch bedürfen, und sie werden also auch zu ihm kommen.« »Da hast nun wohl aufpaßt?« »Ja.« »Das war gefährlich. Sie konnten Dich ja leicht ertappen, da Du nicht wissen konntest, woher sie kamen.« »Das hab ich mir auch sagt, und darum hab ich mir einen Ort sucht, an dem mich Niemand sehen könnt. Ich hab denkt, daß ich einen Ort wählen muß, an welchem ich sie vielleicht belauschen könnt. Und so einen gabs glücklicher Weise ganz in dera Nähe. Nämlich grad neben dem Dach des Häuschens war ein Felsstück, auf welches man sehr leicht steigen könnt. Sträuchern standen auch da, so daß man da ganz verborgen lag. So hab ich also einen kleinen Bogen, einen Umweg macht bis dorthin und bin hinaufi stiegen. Als ich dann oben lag, hab ich zu meiner Freud sehen, daß das Dach defect gewest ist. Es waren Löchern drin, durch welche man hat schauen können. Als ich nun da hinunter blickt', sah ich den Petruccio auf einer Steinbank sitzen. In dera Mitten stand ein Felsentisch und an der vierten Wand, weißt, wo dera Fels gewest ist, war ein Drachenkopf ausgehämmert, der ein großes Maul aufsperrt hat.« »Das wird zum Wasser gewest sein.« »Ja, denn darunter war ein steinernes Becken, in das er früher wohl ein Quellwasser speit hat. Jetzund aber war es trocken und dera Quell hat kein Wasser mehr gehabt. Das Häusln ist so ein Pavillon oder eine Eremitage gewest, wie es die vornehmen Leutln nennen.« »Und er hat so still da gesessen?« »Ja, er hat nix macht und nur immer ausischaut, ob die Andern bald kommen werden. Endlich kamen sie. Da hat er fragt: »Hat Euch Jemand gesehen?« »Nein,« war die Antwort. »So ists gut! Wir wollen hinab; dreht Euch also um!« »Warum denn?« »Weil Ihr nicht zu sehen braucht, wie der heimliche Eingang geöffnet wird.« »Was schadet es, wenn wir es sehen?« »Viel. Es ist genug, daß ich es weiß.« »Da drehten sie sich um, und ich hab aufpaßt, was er nun machen werd. Darauf kam es an.« »Hasts denn sehen?« »Sehr genau.« »Das ist sehr gut. Wie hat ers denn gemacht?« »Das hab ich nicht sehen können. Ich hab nur bemerkt, daß er dem steinernen Drachenkopf in den Rachen griff. Darauf hat sich ein Theil der Wand bewegt grad wie eine Thür. Sie ist aufgangen, und dann durften sich die Andern wieder herum wenden.« »Dann gingen sie wohl hinein?« »Ja, sie verschwanden, und die Thür ging wieder zu. Dabei hat es schnappt und klappt; wie wenn eine Feder einfallen thut.« »So also ists gewest. Dann bist doch gleich nach?« »Nicht sogleich. Ich hab mirs erst überlegt.« »Was gab es da zu überlegen? So einem Geheimnissen muß man doch nachgehen.« »Jawohl. Aberst es gab dabei Zweierlei oder gar noch mehr zu bedenken. Erstens mußt ich mir sagen, ob es nicht doch vielleicht besser sei, wann ich in einem Kahn zu Euch herüber fahren thät. Ich wußt nicht, wie es mit Euch stand.« »O, da war Alles gut.« »Ihr konntet mich aberst doch brauchen und vielleicht mit Schmerzen auf mich warten.« »Wir haben gewartet; das ist wahr. Aber als Du nicht kamst, haben wir die Sach ohne Dich in die Hand genommen. Und es ist gelungen.« »Es könnt auch sehr mißlingen.« »O, wir waren unser Drei und hatten Waffen in denen Händen. Weiter!« »Zweitens könnt ich nicht gleich hinter ihnen her, weil ich die Oertlichkeit nicht kannt. Es war möglich, daß ich ihnen in die Hände lief.« »Ja, da mußtest Du freilich warten.« »Wenigstens so lange, bis ich annehmen könnt, daß sie fort seien. Und drittens hab ich mich doch auch fragen mußt, ob ich wieder herauskönnen werd.« »So mußten wir auch uns fragen.« »Ja, Ihr wart eben Drei, ich aber blos Einer; ich hab wußt, wie viele unten sind, Ihr aber nicht. Ihr konntet es also leichter wagen, hinunter zu gehen als ich.« »Hast aber endlich doch die Courage gehabt.« »Ja, ich hab mir sagt: Sepp, Du steigst abi. Fressen werden sie Dich nicht. Bist ja doch nur Knochen und Haut. So bin ich also vom Felsen stiegen und in die Hütte treten.« »Da hast in das Drachenmaul griffen?« »Ja. Ich hab mir natürlich denkt, daß es da drin zu finden ist, wie man öffnet.« »Und hasts funden?« »Ja. Ganz hinten im Rachen war ein Griff, ein Drücker, so lang und stark wie mein kleiner Finger. Da hab ich drückt, und die Thür ist aufigangen.« »Das ist leicht gewest. Wer aber hätt in dem Rachen das Schloß suchen könnt!« »Ja, wann ichs vorhin nicht sehen hätt, daß er da hinein griff, hätt ichs all mein Lebtage nicht funden.« »Und nun bist hinein?« »Ja, aberst nicht gleich hinab.« »Warum nicht?« »Aus Vorsicht. Ich hab mich erst überzeugen wollt, ob ich auch wieder heraus kann.« »Das ist freilich nöthig gewest.« »Ich hab zunächst horcht, ob ich was hör. Es ist Alles still gewest, und da bin ich hinein. Es ist ein Gang zu sehen gewest, so hoch und schmal, daß ein Mann grad Platz hat. Ich hab mir nun die beiden Seiten neben der Thür anschaut, und da fand ich eine ganz einfache eiserne Klinke, welche einen Draht hatte, der hinauf in den Drachenkopf führte. Wann man in demselbigen drückte, sprang die Klinke auf. Von innen öffnete man, indem man dieselbige direct empor hob. Nun hab ich die Thür leise zu macht – –« »Und bist in den Gang hinein?« »Ja. Vorher aber hab ich meine Latern heraus nommen und sie anbrannt.« »Du, das war dumm!« »Warum?« »Man könnt Dich von Weitem sehen!« »Meinst, daß ich so dumm bin, mich sehen zu lassen?« »Wann die Laterne brennt, muß man sie ja sehen!« »Wann Niemand da ist, sieht man sie nicht.« »Du konntest doch nicht wissen, wo sie waren. Wir haben unsere Laternen nicht anbrennt.« »So seid froh, daß es so gut ablaufen ist. Wann ich die Latern nicht gehabt hätt, wärs mir traurig ergangen.« »Wie so?« »Zunächst hab ich natürlich das Licht nicht weit in den Gang hinein scheinen lassen. Ich hab die Hand so davor gehalten, daß es nur bis eine oder zwei Ellen vor mir den Boden erleuchtet hat. Ich bin sehr langsam vorwärts schritten und hab, als ich ungefähr zehn Schritte macht hab, still stehen müssen, weil ein tiefes Loch im Boden war. Ich hab hinab leuchtet und gesehen, daß es tiefer als ein Mann war.« »Sapperment! In dasselbige wärst Du stürzt!« »Ja. Am Rand lagen einige Stricke.« »Wozu?« »Sagen kann ich es nicht gewiß, aber denken kann ichs mir. Neben dem Loch stand der hölzerne Deckel für dasselbige an dera Mauer. Ich mein', daß man das Loch öffnet, damit Derjenige, welcher heimlich und unberufen in den Gang tritt, hineinstürzen soll. Dann wird er mit Stricken bunden und herauszogen.« »Das wird sein.« »Ich hab den Deckel darauf legt und bin darüber schritten. Gleich dahinter war eine Nische, in welcher die Kerls wohl warten, bis Derjenige in das Loch stürzt ist. Als ich nachhero weiter kam, hab ich eine Thür sehen zur linken Hand, die stand aufi.« »Wer war drin?« »Das weiß ich nicht. Es war kein Zimmer, sondern ein Gang, den sie verschloß. Nachhero bin ich weiter, bis ich hab sprechen hört. Da hab ich die Latern in die Taschen steckt und bin leise vorwärts gangen.« »Ah, jetzt kommts!« »Ja, jetzt kommts. Ich bin immer näher kommen und hab die Stimmen immer deutlicher gehört. Dann sah ich einen Lichtschein. Die Kerls standen beisammen und sprachen mit nander. Einer hielt das Licht.« »Hasts hört, was sie sagten?« »Ja. Sie wollten Einen morden.« »Sapperment! Wen?« »Das weiß ich nicht. Ich hab nur hört, daß derselbige heimlich hereinkommen und in das Loch fallen ist. Sie haben ihn mit Stricken bunden und in eine Zelle schafft. Nun wollten sie ihn dermorden.« »Welche Hallunken!« »Ja, Hallunken sind es, und was für welche! Derjenige, den sie haben tödten wollt, hat hinter dera Thür steckt, in deren Nähe sie standen. Einer von ihnen hat die Thür aufimacht und ein paar Worte hineinsprochen. Der Andre hat mit dem Licht leuchtet, so daß sie den Mann sehen konnten. Und hinter ihm hat Einer die Pistole emporgehoben, um zu schießen – – –« »Da hast ihn doch gleich derschossen?« »Ja. Ich hab den Revolver herauszogen und ihm eine Kugel in den Kopf geben.« »Schließ zu!« hat Einer geschrieen, worauf dera Andre die Thür schnell zumacht und den Riegel vorgeschoben hat. Als sie sich dann nach mir umdrehten, hab ich wieder schossen, zweimal hinter einander und dazu geruft: »Feuer, ganzes Batallion Feuer! Hurrah, der Sepp ist da!« Zwei sind stürzt. Die Andern haben den Einen, was dera Italiener gewest ist, aufgerafft und sind mit ihm ausgerissen. Ich ihnen nach, bis ich rufen hört: »Ganzes Bataillon, Feuer, Feuer! Hurrah, der Fex ist da!« »Da hast Dich wohl gefreut?« »Natürlich. Zunächst hab ichs gar nicht glaubt.« »Warum?« »Weil ich mir nicht denken konnt, daß auch Ihr da unten seid. Und nachhero aber, als ich Eure Schüsse hört, hab ich mirs sagt, daß Ihr es doch sein müßt, denn wenn es Freunde von den Kerls gewest wären, so hätten sie doch nicht schossen.« »Das ist richtig. Dann bist also weiter hinter ihnen her?« »Ja, bis ich zu Euch kommen bin. Das Uebrige wißt Ihr. So ists gewest.« »Ein Glück, daß wir sie so schön zwischen uns bekommen haben!« »Ja, wir haben sie überrascht. Sie haben vor Schreck gar nicht zur Ueberlegung kommen können.« »Wenn sie gewußt hätten, daß wir so Wenige sind!« »Da wäre es uns schlimm ergangen!« »Was aberst ist nun zu thun?« »Wir suchen Alles aus.« »Das Notwendigste wird wohl sein, daß wir zu Dem gehen, den sie erschießen wollten.« »Ja, denn dieser Mann wird sich in dera größten Gefahr befunden haben. Kommt!« Sie tranken aus und verließen den Vorrathsraum. Sepp hing die Lampe wieder an ihre vorige Stelle. Er hatte seine brennende Laterne noch in der Tasche, und die Andern brannten die ihrigen an. »Wißt,« sagte der Alte, »bevor wir weiter gehen, wollen wir erst mal sehen, was die Weibsbilder vorhaben.« »Das ist nicht nöthig.« »Nein, aberst ich möcht gar zu gern wissen, ob sie wirklich den Muth haben, ihren Plan auszuführen. Horcht, sie klopfen.« Es wurde von innen stark an die Thür gepocht. »Sie scheinen doch Ernst machen zu wollen,« sagte der Sepp. »Laßt mal sehen.« Er schob die Riegel weg und öffnete. »Was giebts denn?« fragte er. »Ach Gott, die Beiden sterben!« antwortete Auguste in ängstlichem Tone, indem sie nach der hinteren Mauer zeigte. »Wer denn?« »Petruccio und der Andre.« »Laßt sie sterben! Es ist nicht schade um sie.« »Nein, denn sie sind unsere Peiniger. Aber wir sind doch Christen und müssen Mitleid haben.« »Das habe ich auch. Darum störe ich sie nicht. Sie mögen ruhig sterben.« Die beiden Kerls wandten sich hin und her und stöhnten wirklich zum Erbarmen. »Hört Ihrs denn nicht?« sagte das Mädchen. »Ich hörs gar wohl. Das ist aber nicht anders. Wenn man stirbt, so ächzt man gewaltig, zumal wenn man ein böses Gewissen hat.« »Sie baten uns, Euch zu klopfen.« »Warum denn?« »Sie wollen beichten.« »Es ist kein geistlicher Herr da.« »So wollen Sie Euch beichten.« »Das geht nicht. Das dürfen wir nicht.« »O doch! Wenn kein Geistlicher da ist, so kann es jeder Andre auch verrichten.« »So verrichtet Ihr es. Ich habe keine Zeit.« »Wir Frauenzimmer?« »Ja.« »Das ist unmöglich.« »Warum denn?« »Weil sie wohl Sachen zu beichten haben, die ein Frauenzimmer nicht hören darf.« »Seid Ihr denn plötzlich so zart geworden? Es schien doch vorhin nicht so, als ob Ihr gar so ehrwürdig dächtet.« Da ertönte aus dem Hintergrunde die leise, flehende Stimme des Italieners: »Kommt doch, kommt! Thut es um Gottes willen! Ich muß mein Herz erleichtern.« »Ists so schwer?« »Ja. Ich kann doch nicht in meinen Sünden sterben!« »O, Dir ists ganz recht, wenn Dir der Teufel die Krallen in die Seele schlägt.« »Mein Himmel! Seid Ihr denn keine Menschen!« »Thut es doch!« bat Auguste. Jetzt nahm Sepp einen ganz anderen Ton an: »Höre, Mädchen, uns täuschest Du nicht! Wir sollen hier hinter kommen, damit Ihr über uns herfallen könnt.« »Herrgott! Was denkt Ihr denn!« »Schweig! Du bist ein schönes Dirndl! Aus Dir kann noch was werden, nämlich ein Galgenfutter.« »Ich weiß von gar nichts!« »So? Und doch hasts selber gesagt.« »Wenn denn?« »Vorhin. Weißt, wenn Ihr wieder mal so einen Plan ausheckt, so redet leiser, daß man es nicht hier vor der Thür verstehen kann. So, nun weißts!« »Ihr hättet etwas gehört?« »Alles!« »So täuscht Ihr Euch!« »Unsere Ohren sind gut. Adieu!« Er warf die Thür zu und schob die Riegel vor. Drin ertönte eine männliche Stimme. »Himmeldonnerwetter! Da habt Ihr es! Mit Eurem Schreien habt Ihr Alles verdorben!« »Das ist der Italiener,« meinte der Sepp. »Wer hätte das gedacht!« sagte Auguste. »Wer das gedacht hätte? Ich! Ich habe Euch das Schreien verboten. Nun ist Alles aus.« »Vielleicht noch nicht.« »Ganz gewiß. Nun sind sie auf ihrer Hut.« »Am Ende gelingt es uns doch noch!« »Nun nicht mehr. Jetzt könnt Ihr Euch in die Besserungsanstalt sperren lassen.« »Ah!« lachte der Sepp. »Darauf war es angefangen! Sie fürchten sich vor der Anstalt. Brave Mädchens sind es also nicht. Nun, wir wollen dafür sorgen, daß sie in so eine Anstalt kommen. Jetzt gehen wir weiter.« Sie schritten in den Gang hinein und gelangten an die Thür, an welcher Sepp den Kampf begonnen hatte. Es wurde von innen an dieselbe geklopft. Wie Sepp erzählt hatte, waren die Kerls gewillt gewesen, den Gefangenen zu tödten. Sie hatten die Thür geöffnet und ihn, als er sich derselben näherte, angeleuchtet, damit er ein sicheres Ziel böte. Dann war der erste Schuß gefallen und man hatte die Thür wieder zugemacht. »Was war das?« fragte der Gefangene. »Man richtete ein Pistol auf mich.« »Gott! Man wollte Sie wohl tödten?« fragte Paula. »Es schien ganz so. Horch.« Der zweite und dritte Schuß erschallte, und gleich darauf ertönte der von den engen Wänden verdoppelte Kriegsruf des Alten. »Himmel! Habens gehört?« rief Paula. »Ja. Ists möglich!« »Dera Sepp ist da!« »Er schießt. Es war seine Stimme.« »Ja, ich hab sie auch erkannt.« »Wie kommt er hierher!« »O, dera Wurzelsepp ist überall.« »Aber hier, hier! Sollten wir uns doch verhört haben?« »Das glaub ich nicht.« »Dann hat er auch noch Andre mit. Er that, als ob er ein ganzes Bataillon commandire. Horch!« In der Entfernung ertönten wieder Schüsse, und eine zweite Stimme erschallte. »Wieder, der Sepp ist da!« sagte der König. Da sprang Paula vom Boden auf, sprang an die Thür und rief: »Nein, nein, nicht dera Sepp.« »O doch. Es rief: Der Sepp ist da.« »Nein, nein! Da habens falsch verstanden.« »Ich habe es deutlich gehört.« »Es hat ganz anderst ruft, ganz anderst!« »Wie denn?« »Dera Fex ist da.« »Was? Der Fex?« »Ja. Ich habs genau hört. Nicht vom Sepp, sondern vom Fex ist die Red gewest.« »Sollte es wirklich – – –« »Ja, ja!« fiel sie ihm in die Rede. »Undenkbar?« »Warum undenkbar? Sie haben doch selbst sagt, daß dera Fex nach hier kommen ist.« »Hm, ja!« »Und Sie glauben doch, daß dera Sepp hier unten ist, daß er schossen hat?« »Ja, das ist ganz gewiß.« »Nun, warum sollt denn da dera Fex nicht auch bei ihm sein! Wann Beide in Triest sind und der Sepp hat derfahren, was hier auf dera Insel vorgeht, so hat er es dem Fex ganz gewiß sagt, und dieser ist mit gangen.« »Das läßt sich freilich annehmen. Aber wie soll der Sepp es erfahren haben?« »Das weiß ich nicht, aberst erfahren hat er es, denn er ist hier. Also weiß es auch dera Fex und ist auch hier. Herrgott, der Fex, der Fex!« Sie schlug die Hände zusammen und brach in Thränen aus, ob des Schmerzes oder der Freude? Der Gefangene schwieg. Er selbst war tief, tief bewegt. Erst nach einer Weile fragte er: »Du weinst. Warum?« »Ich weiß es selbst nicht.« »Doch vor Freude!« »O nein.« »Nicht? Du mußt doch voller Wonne sein, erlöst zu werden und den Geliebten zu finden!« »Was wird er sagen, wann er mich hier sieht! Was soll er von mir denken!« »Das Allerbeste.« »O nein, sondern das Allerschlechteste!« »Das darfst Du nicht sagen, Paula. Ich weiß ganz genau, was er von Dir denkt.« »Aberst wann er mich unter solchen Dirndln findet – – –« »So sagt er sich, daß Du unschuldig unter sie gekommen bist.« »O, wenn das wäre!« »Ganz gewiß. Schau, ich bin Dein Geliebter nicht; aber ich weiß ganz genau, daß Du Dich ohne Deine Schuld hier befindest.« »So meinens, daß ich ihm getrost in die Augen schauen darf?« »Getrost, ganz getrost.« »Mein Herr und Gott! Das ist eine Wonne!« »Er wird nicht ahnen, daß Du Dich hier befindest.« »Grad darum wird er erschrecken und mich ganz falsch beurtheilen.« »Erschrecken? Das denke ja nicht. Er wird ganz entzückt sein, ganz entzückt.« »Meinens das wirklich?« »Ja. Er wird ganz selig sein, erstens daß er Dich überhaupt wiederfindet, und zweitens daß es ihm vergönnt ist, Dich aus diesem Elende zu erretten.« »Vielleicht aber kommt er nicht!« »Warum sollte er nicht?« »Es ist so still, so ruhig.« »Sie werden erst Alles durchsuchen. Wer weiß auch, wie der Kampf abgelaufen ist.« »Meinens, daß die Andern auch schossen haben?« »Ja, ich hörte es ganz deutlich.« »Heilige Mutter! Wanns den Fex derschossen hätten!« »Das glaube ich nicht, denn dann wären sie bereits wieder hier, um mich zu tödten.« »Warum habens denn Sie dermorden wollt?« »Ihrer Sicherheit wegen. Sie denken, daß ich sie verrathen würde.« »Schauens! Und Sie meinten, daß Sie ganz sicher seien, daß Sie sich nur zu zeigen brauchten, um frei zu kommen.« »Ich habe mich da freilich geirrt. Ich habe mich in einer entsetzlichen Gefahr befunden. Wenn die Freunde nicht gekommen wären, so wäre ich jetzt eine Leiche. Ich darf gar nicht daran denken. Das ganze Land, ganz Deutschland, die ganze civilisirte Welt hätte – – –« Er unterbrach sich und schwieg. »Was wollens sagen?« fragte sie. »Etwas sehr Unnützes. Aber ich werde diesen Freunden danken und sie belohnen, wie nur ein Kö – – – Pah! Lassen wir das!« »Wir dürfen noch gar nicht von einer Belohnung reden,« sagte sie. »Wir wissen noch gar nicht, wie es ablaufen wird.« »Sie kommen; sie kommen ganz gewiß.« »Der liebe Herrgott mag es geben.« »Wir müssen uns in Geduld fassen und ruhig warten. Setze Dich wieder!« »Das kann ich nicht. Mir zittern alle Glieder an meinem Leib.« Der Gefangene befand sich in derselben Aufregung. Er schritt unruhig auf und ab. Die Minuten schienen zu Ewigkeiten zu werden. Endlich hörte man Schritte. »Sie kommen!« sagte er. »Aber wer es sein mag!« zweifelte sie. »Wer hat im Kampf gewonnen.« »Horch!« Sie lauschten eine kleine Weile; dann hörte man, daß die Schritte sich in derselben Richtung, aus welcher sie gekommen waren, wieder entfernten. Das war, als der Sepp mit den Freunden den Todten und Verwundeten geholt hatte. »Sehens,« sagte Paula. »Wir werden halt nicht gerettet.« »Wer weiß, was sie hier zu thun hatten.« »Wann sie nur gesprochen hätten!« »Ja, denn da hätten wir gehört, wer es war.« »Hätten wir nicht klopfen sollen?« »Gewiß. Aber ich glaubte, sie wußten die Thür, an welcher die Schüsse gefallen sind.« »Wanns dera Sepp und dera Fex gewest wär, so hättens bei uns aufimacht.« Jetzt trat wieder eine Pause ein, eine sehr peinliche Pause, weil sie noch viel länger währte als die vorige. Dann endlich, endlich ließen sich wieder Schritte hören. »Jetzt kommens wieder!« sagte Paula. »Nun aberst klopfen wir dieses Mal.« »Ja. Horch!« Draußen ertönte die bekannte Stimme des alten Wurzelhändlers: »Da rechts war die Thür. Schaut, dort! Nun werden wir gleich schauen, wer es gewest ist, den sie haben tödten wollen.« Der Gefangene klopfte. »Gleich, gleich!« ertönte eine andere Stimme. »Gott, Gott! Das ist dera Fex!« flüsterte Paula. »Ich werd mich verstecken.« Es überkam sie doch wieder die Angst, was der Fex von ihr denken werde. »Ja, bleib im Winkel!« stimmte ihr Gefährte bei. »Er braucht Dich nicht sogleich zu sehen. Und nun wirst Du auch gleich erfahren, wer ich bin.« Die Riegel klirrten, und die Thür wurde geöffnet. Am Eingange stand der Sepp, hielt die Laterne hoch herein und sagte: »Ist Jemand hier?« »Ja,« antwortete der König, vortretend. »So kommens herausi!« »Gern! Erschrick nur nicht!« »Erschrecken? Warum sollte ich denn erschrecken, wann – – – Kreuzmillion – – –!« Die Laterne fiel ihm aus der Hand, so daß sie auf dem steinigen Boden in Scherben zerbrach. Es war gut, daß die Andern die Ihrigen mit hatten. »Was giebts denn?« fragte Max, indem er näher trat. »Was es giebt? Da – da – – da – – –!« Er deutete auf den Gefangenen, welcher eben aus der Zelle trat, brachte aber vor Entsetzen kein weiteres Wort hervor. Max leuchtete mit seiner Laterne höher und fuhr einige Schritte zurück. »Herrgott! Ists wahr!« schrie er auf. »Ja, es ist wahr; ich bin es.« »Majestät – – –!« »Pst! Nicht dieses Wort! So lange ich lebe, darf kein Mensch erfahren, was heut geschehen ist.« »Herr, mein Gott! So – so – so ein –!« »Beruhigen Sie sich! Es ist Alles sehr einfach zugegangen.« »Aber welch ein Unglück wäre das gewesen, wenn dieser Mord – –!« Der Fex und Hanns standen sprachlos dabei. Der Sepp hatte sich schnell beruhigt und sagte: »Das war allerdings ein gewaltigs Unglück gewest. Also auf Sie hatten sie schießen wollt, auf Sie, Herr Ludewig?« »Ja. Ich sollte ermordet werden.« »Ich hab gar nicht wußt, daß Sie bereits hier in Triest ankommen sind.« »Ich wollte heimlich da sein.« »Und wie sinds unter die Insel gerathen? Hat man Sie mit Gewalt herabschleppt?« »Nein; ich bin aus Neugierde hier, durch meine eigne Schuld. Doch davon später. Jetzt muß ich meine Retter grüßen. Grüß Gott, Fex! Grüß Gott, Hanns! Grüß Gott, Max! Ich nenne Euch beim Vornamen. Bei seinen Rettern darf man das schon thun.« Er gab ihnen die Hand. Der Fex fragte: »Maje – – ah, Herr Ludewig, sind Sie schon lange hier?« »Nein, nur kurze Zeit.« »Sind Sie in andere Zellen auch gekommen?« »Nein. Ich habe mich nur in dieser einen befunden.« »O schade! Da können Sie mir nicht sagen, ob sie hier ist.« »Wer?« »Die Paula.« »Ah! Soll die denn hier sein, wer sagte denn das?« »Der Sepp hat es in Wien entdeckt. Man hat das liebe, arme, unglückliche Kind betrogen. Man hat sie hierher gelockt.« »Wissen Sie das genau?« »Ja. Ich werde hier Alles umstürzen, bis ich sie finde. Ich bin deshalb hier.« »Hm! Vielleicht ist sie aus eignem Willen hier!« »Die? Was? Aus eignem Willen? Das ist eine Lästerung, die ich – ah Verzeihung! Von Ihnen weiß ich ja, daß Sie es nicht im Ernste meinen.« »Gewiß nicht; aber man muß an alle Fälle, an alle Möglichkeiten denken.« »Das aber ist keine Möglichkeit; das ist unmöglich, vollständig unmöglich!« »Ist Ihr Vertrauen zu Ihrer Freundin denn so groß?« »Herr, wenn ich diesem braven Mädchen kein Vertrauen schenken wollte, so wäre ich der schlechteste Mensch unter Gottes Sonne!« »Daß Sie so denken, freut mich. Auch ich bin überzeugt, daß sie nur durch Betrug und Täuschung in diese Lage kommen konnte. Aber, ich hörte schießen. Ist Jemand von Ihnen verwundet?« »Nein,« antwortete der Sepp. »Aber die Hallunken sind alle blessirt. Einer ist gar todt.« »Wo befinden sie sich?« »Wir haben sie eingesperrt.« »Es droht doch nicht noch anderweite Gefahr?« »Nein. Es sind alle Complicen in unsern Händen. Sie brauchen nicht bange zu sein.« »Das bin ich auch nicht, wenn ich mich in dem Schutze so tapferer Leute befinde. Jetzt aber kommt! Ich muß mir dieses unterirdische Verließ einmal genauer ansehen.« »Da wollen wir zunächst das Gefängniß betrachten, in welchem Sie selbst steckt haben.« Er nahm dem Fex die Laterne aus der Hand und wollte hineinleuchten. Der König aber zog ihn zurück und sagte: »Dabei muß es eine ganz bestimmte Reihenfolge geben. Der Fex mag es sich zuerst ansehen. Treten Sie hinein!« Der Fex, an welchen diese letztere Forderung gerichtet war, begriff zwar nicht, warum grad er der Erste sein solle, doch gehorchte er der Weisung des Königs. Er trat in die Zelle. »Weiter hinein!« gebot der König. Der Fex that noch einen Schritt. Da warf der Monarch die Thür zu und schob einen der Riegel vor. »Sapperment!« rief Sepp. »Warum das?« »Still! Die Paula ist drin.« »Die Pau – – –! Ah! Schön, schön! Da gehen wir ein Stuckerl fort und lassen sie auf eine Viertelstunden allein.« Der Fex war natürlich überrascht, als die Thür hinter ihm zugeworfen wurde. Er nahm an, daß es ein kleiner Scherz sei und blieb ruhig stehen. Da hörte er, daß die draußen Gebliebenen mit einander flüsterten und sich dann entfernten. Was war das? Warum thaten sie das? Es war stockfinster um ihn her, da er keine Laterne hatte. Der Sepp hatte sie ihm ja abgenommen. Er lauschte, bis die Schritte draußen verschallt waren. »Hm!« sagte er halblaut. »Sonderbarer Scherz!« Da war es ihm, als ob er ein leises Rascheln höre. Sollten sich Ratten hier befinden? Er strengte sein Gehör an, und wirklich, er vernahm Athemzüge. »Ist Jemand da?« fragte er. Das Herz Paula's hatte vor Wonne gezittert, als sie hörte, welches Vertrauen er zu ihr hatte. Also mit dem Könige war sie zusammen gewesen! Das gab den Worten, welche ihr Mitgefangener mit ihr gesprochen hatte, eine ganz besondere Bedeutung. Sie wußte, weshalb er den Fex jetzt zu ihr eingeschlossen hatte. Es mußte Alles, Alles zur Sprache kommen, und das beklemmte ihr Herz so, daß sie jetzt nicht zu antworten vermochte. »Es ist doch Jemand da! Ich höre es!« sagte er. Sie schwieg auch jetzt. Da zog er die Zündholzschachtel hervor, strich eins an und leuchtete. Er sah eine weibliche Gestalt in der Ecke stehen. Dann erlosch das Hölzchen. »Ich habe Sie gesehen,« sagte er. »Warum reden Sie nicht?« Ein tiefer, seufzender Athemzug erklang als Antwort. »Sind Sie hier gefangen?« fragte er. »Ja,« ertönte es leise. »Sie Aermste! Wissen Sie, wer es war, der sich bei Ihnen befand?« »Ich hab es nicht ahnt.« »So hat er es Ihnen nicht gesagt?« »Nein. Nun aber weiß ichs.« »Ach! Sind Sie vielleicht gar aus Bayern?« »Ja.« »Aus welchem Orte?« »Aus Scheibenbad.« Sie hatte ihre Antworten kurz und mit gedämpfter Stimme gegeben, so daß er diese Letztere nicht erkennen konnte. Jetzt aber, da sie diesen Ortsnamen nannte, horchte er auf. »Aus Scheibenbad!« rief er. »Da müssen Sie doch auch mich kennen.« »Ich kenn Sie schon.« »Nun, wer bin ich?« »Der Fex.« »Es sind also mehrere von dort hier?« »Nein.« »Was! Nur Eine? Nur Sie?« »Ja.« »Herrgott! Paula, bist Du es?« Sie schwieg. Aber schon stand er bei ihr und griff nach ihr. »Paula, Paula, antworte! Bist Du es?« Ein convulsivisches Schluchzen antwortete ihm. Da riß er sie an sich, schlang beide Arme um sie und rief: »Gott sei Dank! Gott sei Dank! Jetzt bin ich diese furchtbare Angst los! Jetzt habe ich Dich! Bist Du es denn auch wirklich?« »Ja, ich bin es,« antwortete sie unter lautem Weinen. »Da ist nun Alles, Alles gut! Paula, was hast mir für Gram und Sorgen bereitet!« Sie antwortete nicht; sie weinte. »Ich verstehe es wohl, daßt jetzt nicht reden kannst. Komm, leg Dein Köpfle an mich, und wein Dich richtig aus.« Er legte ihren Kopf an seine Brust. Sie stand, an ihn gelehnt, die Arme matt herunterhängend, und weinte bitterlich. So verging einige Zeit, bis er hörte, daß ihre Thränen nicht mehr so flossen. Da erkundigte er sich: »Wie bist denn hierher kommen? Nicht wahr, von Wien aus?« »Ja.« »Da bist gemiethet worden?« »Ja. Ich hab denkt, daß ich einen guten, ehrlichen Dienst bekomme. Du darfst ja nicht bös von mir denken!« »Paula! Wie kannst so was sagen! Also in Wien bist gewest. Dort hab ich allerdings nicht nach Dir sucht.« »Ich bin mit Fleiß hin.« »Warum?« »Weil ich dacht hab, daßt mich in so einer großen Stadt nicht finden wirst.« »Also hast nix mehr von mir wissen wollen?« Sie antwortete nicht. »Sags! Wolltst ganz weg sein von mir?« »Ja.« »Für immer?« »Für allezeit.« »Weilst mir nicht mehr gut sein kannst?« »Fex! Hast meinen Brief nicht erhalten?« »Ja, ich hab ihn erhalten und ihn stets auf meinem Herzen tragen. O, wenn Du wüßtest, wie er mich elend macht hat!« »Ich hab dacht, daßt mich vergessen sollst.« »Ich Dich vergessen? Das ist ja gar nicht möglich!« »Das weiß ich schon. So hab ichs auch gar nicht meint. Ich hab sagen wollt, daßt an mich denken sollst wie an eine Bekannte, Verschollene, die Dich gar nix mehr angeht.« »Und das hast für möglich gehalten?« »Ja.« »So hast den Fex nicht kannt. Wie könnt der seine Paula aufgeben! Niemals, nie!« »Wirst aber doch müssen.« »Nein, nein!« »Das Schicksal will es so.« »Das Schicksal? Was ist das für ein Ding? Bist vielleicht unter Leute gerathen, die dem Dinge, was sie Schicksal nennen, und dem Zufall Alles in die Schuhe schieben? Weißt nicht, daß dera Herrgott Alles lenkt?« »O, das weiß ich schon! Den Glauben hab ich noch, und den laß ich auch nicht fahren.« »Und da denkst, er will es, daß wir einander nix mehr angehen sollen?« »Ja.« »Wer hat Dir das gesagt?« »Ich.« »Du Dir selberst also. Wanns Dir dera Herrgott sagt hätt, so müßtest Du gehorchen. Was sich aber Dein Köpfle selbst aussinnt, das ist kein Gesetz für Dein Herz. Ich möcht den Grund wissen, der uns trennen könnt!« »Du kennst ihn ja.« »Hast mich also doch nicht mehr lieb.« »Fex! Du weißt, daß ich Dich immer und ewig lieb haben werd.« »Also ist auch Alles gut! Nur wannst mir nicht mehr gut wärst, dann müßten wir uns trennen. Einen andern Grund erkenne ich nicht an.« »Denk an meinen Vatern!« »Weißt, an den denk ich gar nicht mehr.« »Er hat Dich so unglücklich macht!« »Da mußt Du es sühnen und mich nun recht glücklich machen.« »Du kannst doch keine Frau haben, welche das Kind eines solchen – solchen – solchen – –« »Paula, thu mir den Gefallen und red nicht in dieser Weise. Das thut mir so wehe. Dein Vater hat gefehlt und trägt die Folgen seiner Thaten, an denen Du kein Theil hast. Du bist schon seit unserer Kindheit meine Beschützerin und mein Engel gewest und sollst mein Engel bleiben, so lange ich lebe. Willst?« Sie zögerte zu antworten. »Wannst nix mehr von mir wissen willst, so mag ich gar nimmer leben!« gestand er. »Fex!« »Ja, so ists!« »Bist doch ein Baron worden!« »Was ist das weiter!« »Ein großer Herr von Adel! So reich! Und noch dazu ein berühmter Künstler!« »Nix bin ich, gar nix ohne Dich! Kannst Dich noch besinnen, als mir damals des Nachts auf dem Heidengrab sessen haben?« »Ja.« »Da hab ich Dir sagt, wie so sehr, wie so unendlich lieb ich Dich hab – – –« »Ja, das war damals!« »Das war damals, und das ist auch noch jetzt. Wie lieb Du mir bist, das hab ich erst richtig erkannt, als Du verschwunden warst. Ich hab keine Ruh gehabt weder bei Tag noch bei Nacht; ich hab mich gesorgt, gekümmert und gehärmt, daß es zum Erbarmen war. Soll das so fortgehen?« »Mein lieber, guter Fex!« Jetzt hob sie zum ersten Male einen der niedergesunkenen Arme empor, um ihn um den Geliebten zu legen. »Weißt, damals auf dem Zigeunergrab hab ich Dir sagt, daßt mein Engel, meine Seele und mein Leben bist. Das weißt doch noch?« »Jedes Wort.« »Und wann mal was Gutes aus mir wird, so bist Du schuld. Das hab ich auch sagt. Weißts?« »Ja.« »Und daßt nachhero an meinem Glück theilnehmen sollst, denn ohne Dich wär das Glück doch nur ein Unglück für mich.« »Und doch darfs nicht sein.« »Nur wegen Deinem Vatern?« »Ja.« »Ich bitt Dich gar schön, meine Paula, denk doch an Dich und an mich, nicht aber an ihn. Sein Andenken soll uns nicht stören.« »Es wird stets zwischen uns stehen.« »Nicht für eine Minute. Da denkst ganz unrecht. Andre denken viel richtiger.« »Wer denn?« »Nun, Du kennst doch die Silbermartha?« »Natürlich.« »Und ihren Geliebten?« »Ja. Er war ja jetzt mit hier.« »Und die Martha ist auch da.« »Das weißt?« »Dera König hats mir sagt.« »So! Nun weißt Du doch, daß sie grad so wie Du davongangen ist, ihres Vaters wegen.« »Das weiß ich wohl. Als ich hört, das sie es than hat, hab ich meint, daß es so richtig sei und daß ich es auch thun muß.« »Ah! So ist sie also schuld. So hasts ihr nachmacht?« »Ja.« »Nun, so folg auch weiter ihrem Beispiele! Sie hat denkt, daß sie nicht werth sei, die Frau vom Max zu werden. Heut habens sich aber wieder gefunden, und sie ist bereit, ihn glücklich zu machen.« »Ist das wahr?« »Ja. Wirsts sehen.« »Vielleicht sagt sie nur so.« »Es ist ihr Ernst.« »Und dennoch entfernt sie sich wohl wieder heimlich von ihm.« »Das fällt ihr gar nicht ein! Sie hat erkannt, daß sie durch ihre Flucht nur sich selbst und auch ihn unglücklich macht hat.« »Gott, ja! So ists ja auch bei mir gewest. Ich hab mich so gar elend gefühlt.« »Schaust, daß ich Recht hab! Und nun soll dieses Elend auch noch fernerhin währen? Nein, nein; das darf nicht sein. Das wär eine Sünd gegen mich und gegen den lieben Gott. Das darfst nicht auf Dein Gewissen nehmen. Geh her! Leg auch den andern Arm um mich, und sag mir, daßt Dich nimmer sträuben willst, Daßt mein sein willst für lebelang!« Sie gehorchte. Sie schlang auch den andern Arm um ihn und sagte in überquellendem Glücke: »Meinsts denn wirklich ernst?« »Paula! Wie könnt ich scherzen!« »Und wann ichs thät?« »So machst mich so sehr glücklich.« »Und würdest mir wirklich das verzeihen, was mein Vater than hat?« »Paula, sei doch still! Dein Vater geht mich gar nix mehr an. Ich hab ihn gar nicht kannt, ich weiß nicht, wer er ist und was er than hat. Ich kenne nur Dich und will weiter nix und Niemand kennen. So ists! Und nun thu Dein Herz auf, und laß nur es allein sprechen. Bitte, bitte, willst meine Paula sein?« »Ja!« stimmte sie endlich bei. »Und Dich nicht mehr sorgen und grämen?« »O, nun nicht mehr, nie mehr!« »Gott sei Dank! Jetzt hab ich Dich nicht blos wieder funden, sondern Dich mir auch zurückerobert. Nun geb ich Dich aber nimmer wieder her. Du sollst mein Augapfel sein, den ich hüten werd als meinen größten Schatz und mein köstlichstes Eigenthum.« Er drückte sie an sich und küßte sie auf die Lippen. In diesem süßen Genüsse wurden Beide so plötzlich gestört, daß sie aus einander fuhren. Es donnerte an die Thür. »Das ist dera Sepp!« sagte der Fex. »Der hat sich herbei geschlichen und dabei dacht, daß er uns einen tüchtigen Schreck einjagen will. Der Sapperloter hats beim Max und dera Martha auch so gemacht. Er kommt stets dann, wann er unwillkommen ist.« »O nein. Wie willkommen war er uns heut, als er draußen rief: Der Sepp ist da!« »Der Andre, der auch so rief, der war Dir wohl nicht so sehr willkommen?« »O, noch viel, viel mehr!« Der Alte pochte immer noch. Jetzt rief er: »Na, zum Sappermenten, macht doch endlich mal aufi!« »Wir können doch nicht,« antwortete der Fex. »Habts denn den Hausschlüssel verloren?« »Nein. Wir hatten gar keinen.« »So sagt Ihr nur. Da schließen sich die Jungburschen mit ihren Dirndln ein, damit wir Alten aber auch gar nix Hübsches mehr zu schauen bekommen sollen! Aberst ich werd Euch doch die Supp versalzen. Da bin ich! Wie ists inzwischen ergangen?« Er hatte die Thür geöffnet und leuchtete mit der Laterne herein. »Gut, Sepp, sehr gut!« »So seid Ihr jetzund zufrieden mit nander?« »Vollständig.« »So haltets auch fernerhin so, und kommt nun herausi, damit ich Euch meinen Segen geben kann!« Der Fex führte die wiedergefundene Geliebte heraus. Als nun der Schein der Laterne auf sie fiel, fuhr der Sepp zurück. »Herrgott!« schrie er. »Das, das ist die Paula?« »Natürlich!« antwortete der Fex, den Alten verwundert betrachtend. »Das soll sie sein, das! Siehsts denn nicht? Schau sie Dir doch nur mal an!« Erst jetzt blickte der Fex in das Gesicht der Geliebten. Er ließ sie vor Schreck los. »Paula!« schrie er auf. »O heiliger Himmel! Bist krank?« Sie nickte, indem Thränen ihren Augen entstürzten. »Was hast? Was fehlt Dir denn?« »Brod!« »Brod! So hast Hunger, Hunger, Hunger?« »Gar großen. Ich hatt noch größern Durst; aber der König gab mir Wein.« »Hunger hat sie, Hunger!« rief der junge Mann, die Hände zusammenschlagend. »Hast denn nix zu essen bekommen?« »Nein.« »Warum nicht?« »Weil ich nicht gehorchen konnt. Ich wollt mich nicht – mich nicht – nicht – –« »Ach, weiß schon, weiß! Hast nix zu essen bekommen und nix zu trinken! Meine Paula hat nix zu essen gehabt! Sie hat dürsten müssen, weil sie ein braves Mädchen bleiben wollte. Das haben die Petruccio's than?« »Ja,« nickte sie. »Wart, wart! Sepp, da, halte mal die Paula! Halte sie!« Er schob das Mädchen dem Alten in die Arme und eilte fort. »Wo willst hin?« rief ihm der Sepp nach. »Wirsts gleich hören!« Er rannte so schnell, wie der dunkle Gang es gestattete, davon. Als er in die Nähe der Vorrathskammer gelangte, hatte er Lampenschein. In dem genannten Raum saß der König mit Max und Hanns am Tische. Der Fex stürzte herein und blickte sich um wie Einer, der die allergrößte Eile hat. »Was suchst?« fragte Max. »Einen – einen – –« »Na, was denn, einen – –?« »Einen – einen – ja, ja, hier diese Peitsche such ich.« Eine Hundepeitsche hing am Nagel. Er riß sie herab. Sie hatte jedenfalls zur Züchtigung derjenigen bedauernswerthen Mädchen gedient, welche Gegenwehr geleistet hatten. Der Fex sprang hinaus, riß drüben beide Riegel zurück, stieß die Thür auf und trat ein. Die Mädchens sahen ihn erschrocken an und machten ihm eiligst Platz, als sie den Ausdruck seines Gesichtes bemerkten. Er fuhr wie ein rasender Roland zwischen ihnen hindurch bis hinter, wo der Italiener lag. »Da liegt er, da!« rief er wüthend. »Weißt, weshalb ich komm, Petruccio?« Die in dem Räume Befindlichen hatten gewünscht, daß ihre Besieger hereinkommen möchten. Jetzt war Einer da, und zwar ganz hinten; aber es fiel ihnen gar nicht ein, sich auf ihn zu werfen. Sein Aussehen rieth ihnen, dies zu unterlassen. Man sah es ihm an, daß er den Kampf mit der größten Uebermacht aufgenommen hätte. »Nein, ich weiß es nicht,« antwortete der gefragte Italiener. »So! Und Du auch nicht?« Diese Frage richtete er an Auguste. »Wie soll ich das wissen?« antwortete sie in ihrem frechen Tone. »Ich habe Dich vorhin nach einem Mädchen gefragt, Namens Paula Kellermann.« »Ich weiß nichts von ihr.« »Und Du bist die Wirthschafterin?« »Die bin ich.« »Da hast wohl die Mädchen zu beköstigen?« »Ja.« »Und wenn Eine nichts erhält, so weißt Du es, so weißt Du davon?« »Natürlich.« »Gut! Schön! Wie nun, wenn ich diese Paula gefunden hab?« Sie erschrak. »Hier jedenfalls nicht.« »Nein, hier nicht, das ist wahr. Aber in einem dunkeln Loche, wo sie vor Durst und Hunger fast verschmachtet ist. Warum hast Du ihr nichts zu essen gegeben.« »Weil ich nicht durfte.« »Wer hat es verboten?« »Pertruccio.« »Das ist nicht wahr!« rief der Genannte. »Es ist wahr,« behauptete sie. »Schon gut, schon gut!« knirrschte der Fex. »Ihr seid Beide schuld. Es ist Eins so schlecht wie das Andere. Für Eure Lügen aber sollt Ihr jetzt eine Abschlagszahlung erhalten. Hier, Du freche, unverschämte Dirn, nimm dies und dies und dies!« Er holte aus und knallte ihr die Peitsche um den Rücken, daß sie laut aufbrüllte. Die Hiebe fielen hageldicht. Ihr Geschrei rief den König und die Andern herbei. »Fex, was machst Du denn?« rief der Sepp. »Nix, gar nix!« antwortete dieser, indem er immerfort zuschlug. »Schau die Paula an, dann wirsts wissen.« »Ja, dann ists recht und richtig. Giebs ihr nur derb!« »Soll nicht fehlen! Und diesem auch!« Er trat zum Italiener und kurbatschte diesen so durch, daß er sich wie ein Wurm wand und wie ein angespießter Eber schrie. Der wüthende junge Mann hörte nicht eher auf, als bis er seinen Arm erlahmen fühlte. Dann verließ er das Gewölbe und riegelte die Insassen wieder ein. Paula mußte sich in der Vorrathskammer niedersetzen und erhielt Speise und Trank. Während der Fex sich mit ihr in der Zelle befunden hatte, war der König mit den Andern bemüht gewesen, diese unterirdischen Gelasse zu untersuchen. Sie hatten noch zwei Gewölbe gefunden, welche mit Mädchen angefüllt waren, mit den Letzteren aber zunächst noch kein Wort gesprochen. Jetzt nun sahen sie mit Erbarmen, welchen Hunger Paula haben mußte. Sie gab sich alle Mühe, ihre Gier zu überwinden; aber es gelang ihr doch nicht ganz. Sie war noch nicht satt, als sie aufhielt. Sie machte nur vorsichtiger Weise eine Pause, um nicht etwa zu erkranken. »Das sollen die Kerls büßen!« sagte der Fex. »Ich war erst zu Mitleid geneigt. Nun aber giebt es kein Erbarmen.« »Das wär auch falsch angebracht,« antwortete der Sepp. »Haben sie doch unsern Herrn Ludwig ermorden wollen, von dem wir noch nicht mal wissen, wie er hier herunter gekommen ist.« »Auf eine sehr einfache Weise,« antwortete der König. »Ich hatte mir das Schloß besehen und besuchte dann den Park. In der Eremitage ruhte ich aus. Da hörte ich plötzlich neben mir ein Geräusch. Die Felsenwand öffnete sich, und ein Mann trat heraus. Als er mich sah, fuhr er sofort zurück und verschwand. Die Thür aber blieb auf.« »Ach! Da sinds halt eintreten?« »Ja.« »Hm! Ohne Licht. Das war gefährlich.« »O, ich vermuthete natürlich nicht, daß ich es mit Verbrechern zu thun haben würde. Ein Ort wie Miramare ist doch gradezu heilig. Ich trat in den Gang und rief hinein. Ich glaubte, es mit einem Gartenangestellten oder Parkhüter zu thun zu haben. Es antwortete mir Jemand, und ich schritt weiter. Da plötzlich verlor ich den Boden unter den Füßen.« »Ah, das war das Loch!« »Ja. Ich stürzte hinab und fühlte mich bald von Stricken umschlungen. Man zog mich heraus und steckte mich in die Zelle, in welcher ich Paula fand. Wir befreiten einander von den Fesseln und – nun, das Uebrige wißt Ihr ja!« Während dieses kurzen Berichtes war der Fex in eine Ecke getreten, in welcher die Weinflaschen standen. Er wollte eine derselben öffnen, um der Geliebten einen Labetrunk zu geben. Als er sie wegnahm, sah er, daß sich in der Mitte eines der Steine, mit denen der Fußboden gepflastert war, ein Ring befand. Jetzt nun theilte er diese Entdeckung den Anderen mit. Es wurde nachgesehen, und der Sepp meinte: »Vielleicht kann man den Stein herausholen. Wollen es doch mal versuchen!« Es ging viel leichter, als man dachte. Der Stein war gar nicht schwer. Er bestand nur aus einer dünnen Platte. Als er entfernt worden war, sah man ein Loch, in welchem einige Bücher lagen. Der König erhielt sie und blätterte sie durch. »Das ist ein kostbarer Fund,« sagte er. »Diese Bücher enthalten die ganze Buchführung des Juden, welche sich auf den Mädchenhandel bezieht. Er betreibt dieses Geschäft schon seit langen Jahren, und es scheint außerordentlich lohnend zu sein. Das ist ein Beweismaterial, welches wir an uns nehmen werden. Aber ich bemerke abermals, daß meine Person nicht dabei in's Spiel kommen darf. Von meiner Anwesenheit darf Niemand Etwas erfahren.« Jetzt begaben sich der Sepp und Max in die zwei Gewölbe, in welchen sich die anderen Mädchen befanden. Bei ihrer Rückkehr meldeten sie, daß dieselben alle nach ihrer Freiheit verlangten. »Lassen wir sie heraus?« fragte der Sepp. »Nein,« antwortete Ludwig. »Habt Ihr es ihnen gesagt, daß Ihr sie befreien könnt?« »Noch nicht.« »Das ist gut. Wir holen Polizei herbei. Diese Leute müssen sich heut Abend verstecken, wenn die Franzosen kommen. Ihr selbst thut, als ob Ihr Beauftragte des Juden wäret und verhandelt ihnen die Mädchen alle. Erst wenn sie dieselben bezahlt haben, ist der Beweis vollständig gegen sie erbracht, und die Polizei mag eingreifen und ihre Pflicht thun. Das Schiff wird dann confiscirt. Dann ist Eure Pflicht gethan, und Ihr könnt nach der Heimath zurückkehren.« »Ich auch?« fragte der Sepp. »Ja. Nach dem, was mir hier begegnet ist, sehe ich davon ab, meine Absicht, welche mich hierher trieb, weiter zu verfolgen. Ich reise morgen früh zurück. Diesen traurigen Ort aber verlasse ich gleich jetzt. Wenn unser Fex seine Paula nicht länger hier lassen will, können Beide mich begleiten.« »Ja, er mag sie zu Martha und Anita führen. Bei ihnen wird sie sich bald erholen.« Nach Kurzem entfernten sich die Drei. Der Fex nahm die Bücher mit und erbot sich, die Polizei über die hier gemachten Entdeckungen zu verständigen. – Was nun an diesem Abende geschah, braucht nicht ausführlich berichtet zu werden. Am anderen Morgen erfuhren die Bewohner der Stadt, daß das von dem Capitän Marmel geführte französische Schiff confiscirt worden sei, da es sich mit Menschenhandel befaßt habe. Erst die gerichtlichen Verhandlungen enthüllten das Nähere. Der Jude kam mit seinem Weibe lebenslänglich auf das Zuchthaus, und seine Complicen wurden ebenso bestraft. Als man dann in das Innere der Insel eindringen wollte, stand dasselbe voller Wasser. Die See hatte Zutritt gefunden und verbot alles Nachforschen über die Geheimnisse dieses Ortes, der vielleicht für Tausende verhängnißvoll gewesen war. Zwölftes Capitel. Schluß. Der Frühling war eingezogen, und das schöne, heilige Pfingstfest stand vor der Thür. Selbst in den Schluchten der bayrischen Alpen war der Schnee weggeleckt worden, und der Sonnenschein lag mild und warm auf den grünen Matten. Die wenigen, kleinen Hütten droben über Elsbethen, jenseits der Salzburger Grenze, erfreuten sich nach der Winterskälte dieses Sonnenlichtes, und ihre Bewohner nicht minder. Vor einer dieser Hütten saßen zwei alte Leute, ein Mann und eine Frau, auf der alten Thürbank. Sie hatten beide wohl altersschwache Augen, denn dieselben waren durch Brillen geschützt. Sie trugen sich sehr ärmlich, dabei aber sauber und reinlich. Es waren die Eltern des Krikelanton. Der alte Mann schnitt eine harte Brodrinde in eine braune, thönerne Schüssel, und sein Weib schälte einige Kartoffeln, welche ihr das Mitleid geschenkt hatte. Sie machten keine freudigen Gesichter zu dieser Arbeit. Der Mann hielt inne, seufzte tief auf, legte Messer und Rinde in die Schüssel und sagte: »Mutter, was werden wir morgen essen, wann wir uns heut diese Kartoffelsuppen machen?« Sie sah nicht zu ihm auf, gab aber ihrer Stimme einen zuversichtlichen Ton, als sie antwortete: »Gräm Dich nicht, Vater. Dera liebe Herrgott wird für uns sorgen.« »Ja, er hat uns noch nicht ganz verhungern lassen, aberst hungert haben wir doch.« »Es ist zu überstehen.« »Weiß schon! Du willst nur nicht klagen, damit ich den Sohn, den Anton, nicht schimpfir. Aber das liebe Wasser steht Dir doch schon in denen Augen. Das seh ich doch, wann auch die meinigen schwach sind.« »Vater, ich bitt Dich, sei still.« »Ich möcht wohl. Aber dera Hunger ist ein lauter Gast. Er knurrt und murrt und hält nicht Ruh!« »Tröst Dich doch! Die Nachbarn sind gute Leut. Vielleichten bekommen wir morgen wiederum ein Stuckerl Brod.« »Vielleichten, ja! Und was ists dann, wann wir es erhalten? Almosener, Bettler sind wir doch!« Die Frau fuhr sich mit dem Finger unter die Brille, um einen schweren Tropfen von dem Auge zu nehmen, und sagte: »Es wird nicht lange mehr währen. Der Anton muß doch mal schreiben. Und wann er es so weit bracht hat, daß er was erübrigt, wird er schon einen Gulden senden oder zwei.« »Einen Gulden oder zwei! Herrgottle, wann ich dran denken thu!« »An was denn?« »Es drückt mir das Herz ab. Ich habs Dir nicht sagen wollen, aberst ich kanns doch nicht länger für mich allein behalten.« »So sags doch!« »Es wird Dich kränken.« »Bin ich nicht Dein Weib, welches Freud und Leid mit Dir zu tragen hat.« »Freud und Leid! Ja, das Leid ist immer da und will nicht von uns weichen. Freud giebts blos dann einmal, wann die Leni an uns denkt. Das gute Herzerl muß aber auch uns vergessen haben. Es sind schon viele Wochen, daß sie nix schickt hat.« »Wer weiß, was ihr hinderlich ist.« »Ja, und sie hats auch gar nicht nöthig, an uns zu denken. Dera Anton hats nicht an ihr verdient.« »Sag das nicht. Sie haben einmal nicht zu nander paßt.« »Gut, sehr gut habens zusammenpaßt! Aberst der Anton ist ein zuwiderer Kerlen gewest. Er hat dieses goldige Herz von sich stoßen. Und jetzt – nein, ich muß Dirs doch sagen; ich kanns nicht mehr bei mir behalten!« »Sags, Vater, sags!« »Weißt noch, wie dera Viehhändler da gewest ist vor drei Wochen?« »Nun, den merk ich mir. Hab ihm doch unsere Gais verkaufen mußt, des lieben Brodes wegen. Was ists mit ihm?« »Nun, der hat mirs heimlich erzählt, daß er in Wien gewest ist und den Anton troffen hat.« »In Wien? Ist er dort?« »Freilich ist er dort. Er ist vorher in Amerika gewest und hat sich ein heidnisch Geld zusammengesungen.« »Das glaub ich nicht. Da hätt er uns was schickt.« »Es ist wahr. Beinahe hunderttausend Gulden sinds gewest.« »Du, glaubs nicht, glaubs ja nicht.« »Ich muß es glauben, denn es ist wahr. Und nun verlebt er dieses Geld. Er lauft mit Dirndln herum; er hat eine Tänzerin habt, die jetzt im Zuchthaus sitzt und hat sich sogar einen fremden Namen macht.« »Herrgott, das ist nicht wahr!« »Freilich ists wahr. Herr Criquolini läßt er sich nennen, und an einem Tage verspielt er zuweilen hundert Gulden. Dera Händler hat sogar sagt, tausend.« Da ließ sie die Kartoffel zur Erde fallen und rief: »Vater, wannst Alles glaubst, nur das nicht, nur das nicht! Der Anton ist unser Kind, das einzige, welches wir haben. Wann er ein solches Geld hätt, thät er uns nicht verlassen.« »Er hat es, er hat es! Es ist vorgekommen, daß man ihm tausend Gulden zahlt, wann er einmal im Theatern singt.« »Das muß ein Anderer sein!« »Nein, das ist der unserige. Und wir, seine Eltern, leiden Hunger. Ich hab seit gestern Abend keinen Bissen – wer kommt dort?« Eine Gestalt kraxelte sich den Berg herauf. Die Augen der beiden Alten waren so schwach, daß sie den Nahenden nicht eher erkennen konnten, bis er beinahe vor ihnen stand. »Der Briefbote, der Briefbote!« rief sie. »Vielleichten kommt er zu uns!« Sie sprang von der Bank auf. »Grüß Gott!« sagte der Bergsteiger, indem er verschnaufte. »Heut bei dera Sonn wirds Einem schwer.« »Bringst uns was?« »Ja,« lächelte er. »Es ist für Euch.« »Gewiß von unserm Anton aus Wien?« »Aus Wien ists, aberst nicht vom Anton.« Die Züge der Frau wurden wieder traurig wie vorher. Sie hatte sich abermals geirrt. »So ists von dera Leni,« sagte ihr Mann. »Das Geldl, welches sie uns im März schickt hat, war aus Wien.« »Nein, von der ists nicht. Der ihre Hand thät ich kennen.« »So ists ein fremder Brief?« »Ja wohl.« »Herrgott! Er wird doch nix Böses enthalten!« Der Briefträger that noch immer so, als ob er den Brief suche; er hatte ihn aber längst in der Hand. Sein Gesicht war ein sehr verheißungsvolles, was aber die alten Leute nicht sahen. »Habt keine Angst. Ein schlimmer ists nicht. Er wird Euch Freude machen.« »So, so? Warum?« »Weil er fünf Siegeln hat. Hier ist er.« »Fünf Siegeln! So ist wohl gar ein Geldl darinnen?« Der Alte drehte den Brief in seinen zitternden Händen hin und her und gab ihn dann auch seiner Frau, die ihn neu- und begierig betrachtete. »Ja, ein Geldl ist drinnen, und zwar was für eins!« »Wirklich? Wirklich? Gott sei Dank! Da werden wir uns ein Brod kaufen können.« »Nur eins?« »Meinst etwan mehr?« »O, von diesem Gelde könnt Ihr Euch hundert Brode kaufen, ja sogar tausend.« »Tau – – was sagst?« »Tausend Brode.« »Das ist die Unmöglichkeit!« »Kannst Dirs ja selberst ausrechnen, wannst nicht glaubst. Brauchst ja nur die Adreß zu lesen.« »Wie lautet sie denn?« »An Herrn Heinrich Warschauer, Elsbethen bei Salzburg. Stimmt das?« »Ja, derjenige bin ich freilich.« »Unten drunter steht »frei«, und oben drüber ist zu lesen: »Inliegend dreihundert Gulden in Scheinen.« Nun, wie gefallt Euch das?« »Hast richtig gelesen?« »Ja, natürlich.« »Was soll drinnen sein? Wieviel?« »Dreihundert Gulden.« »Das ist nicht wahr!« »Es steht ja da!« »So hat sich Wer einen Spaß macht.« »Kannst Dich ja überzeugen?« »Wodurch denn?« »Mach den Briefen auf!« »Darf ich denn?« »Jawohl. Er ist der Deinige; er ist ja an Dich adressirt. Die Adressen stimmt.« »Herrgott, wie ist mir nur. Ich zittere gar so sehr. Mach Du ihn auf, Briefbote! Ich zittere gar so sehr. Hier ist das Messer.« Er gab ihm Brief und Messer hin. Er zitterte vor Aufregung fast am ganzen Körper. Der Postbote schnitt das Couvert auf und nahm den Inhalt heraus. Dieser bestand aus einem Briefe und drei Hundertguldennoten. »Da, seht Ihr!« rief er aus. »Dreihundert Gulden. Hab ichs nicht sagt?« »Drei – hun – dert – Gul – den!« rief er. »Drei – hun – hun – hun – – Jesses, Maria und Josepp! Ist das die Möglichkeit?« rief sie. »Ja, da liegt ja das Geldl. Nehmts doch nur in die Hand.« Er drückte ihnen die Scheine in die Hände. »Das ist ja der wirkliche Himmel!« sagte der alte Mann. »Von wem ists denn?« »Das wird wohl im Brief stehen.« »Da müssen wir ihn lesen.« »Jawohl.« »So lies Du ihn! Mir gehen die Augen über.« Das war wohl wahr; doch war es überhaupt in Beziehung auf das Lesen schlecht mit ihm bestellt. Der Postbote faltete den Brief aus einander und las: »Meine herzlichen Leutln. Wie geht es Euch. Ist es mit Euren alten Augen noch nicht besser? Ich möcht gern haben, daß Ihr nächste Mittwoch nach Scheibenbad kommt, wo ich Euch sehen möcht. Ihr müßt mit dem ersten Zuge fahren, und ich werd zu Euch in die Thalmühle kommen, wo ich Logis für Euch bestellt hab. Damit Ihr das Geld zum Fahren habt und Euch auch ein gut Gewandl zu dieser Reise kaufen könnt, leg ich Euch hier das Geld bei. Kommt aber ja, denn ich verlaß mich darauf. Es grüßt Euch Eure Leni.« Die beiden Leute starrten einander an. »Die Leni!« rief sie. »Die Leni!« rief er. »Habs mir denken konnt! Dreihundert Gulden! Herrgott, muß die ein Geldl übrig haben.« »Ja,« meinte der Briefträger mit wichtiger Miene. »Die Sängerinnen bekommen ein grausam Stuckerl Geld.« »Die Sänger wohl auch?« »Auch!« »Unser Anton leider nicht!« »Nicht?« fragte er mit Betonung. »Nein.« »Hm!« »Was hast? Warum brummst so?« »Weil ich hab munkeln hört.« »Sags, was hast hört?« »Daß er viel Geld verdient, sehr viel Geld, aberst Euch giebt er nix.« »Das sagen die Leut?« »Ja, das sagen sie.« »Da thun sie ihm Unrecht.« »Das weiß ich nicht. Ich habs sagen hört; wer aber Recht hat, das weiß ich nicht. Aber die Leni, die ist brav!« »Ja, das ist freilich eine sehr brave.« »Ihr geht ihr gar nix an, und dennoch sendet sie Euch ein solches Geldl!« »Ja, das thut sie. Dera Herrgott wirds ihr lohnen. Wann sie nicht wär, so hätten wir schon oft mehr Hunger leiden mußt, als es so schon der Fall ist. Jetzund sendet sie gar dreihundert Gulden. Und dafür sollen wir nach Scheibenbad kommen. Sie ist dort? Was aber sollen wir eigentlich dort thun?« »Wer weiß es! Vielleichten will sie Euch gern mal sehen. Sie hat eine Sehnsuchten nach Euch.« »Das liebe, gute Geschöpfle!« »Und weil sie nicht zu Euch kommen kann, sollt Ihr zu ihr. Das wirds sein.« »Denkst? Das ist eine große Ehr für uns.« »Ja, denn weißt, solche Sängerinnen sind gar vornehm und geehrt. Sie verkehren mit Fürsten und Grafen.« »O, die Leni sogar mit dem König!« »Desto größer ist die Ehr für Euch.« »So eine Reise! Wir sind noch gar nie aus dem Oertle hier herauskommen. Wir wissen halt gar nicht, wie man so eine Reis' zu machen hat und wie man sich dabei benehmen muß.« Der Briefträger nahm eine wichtige Miene an und erklärte den beiden Alten: »Das verstehe ich schon besser, als Ihr. Man hat sich einen Bahnhofsbillettenzettel zu lösen und setzt sich auf die Bahn. Da muß man die Röcke und Kleider rechts und links hübsch zusammen schieben, damit man die anderen Passagieren nicht generirt, und wann man die Tabakspfeif ausklopft, muß man das zum Fenster hinaus thun, damit die Aschen und der Tabaksschmirgel denen Damen nicht auf die seidenen Kleiden kommt. Den Hut muß man höflich abnehmen; besoffen darf man nicht sein, und kein Fenster soll man mit dem Kopf einschlagen. Zum Schaffner muß man sagen: »Ich bitt schön, gnädiger Herr,« und überhaupt muß man nobel sein vom Kopf bis zum Fuß herab. Besonders soll man die Schuhe mit denen Füßen nicht den Anderen auf die Kniee legen, und wann man nießt oder ausspuckt, soll man das Schnupftuch hübsch vor den Mund nehmen.« »O Jegerl! Was man sich da Alles zu merken hat! Das ist so grausam viel!« »Es ist noch mehr, weit mehr! Wer es nicht weiß, der muß sich beim Locomotivenführer nach Allem derkundigen; der sagt es ihm, denn dazu ist er da.« »Und gar nach Scheibenbad! Das kenn ich nicht.« »Aberst ich kenn es. Weißt, wir obersten Beamten von dera Post müssen eine ganz besonders genaue Geographie studirt haben. Scheibenbad ist nur ein kleines Städle; aberst es ist ein Bad, wo im Sommer viele vornehmen Leutln beisammen sind. Letzthin hab ich davon im Blatt gelesen. Dera König hat dort ein neues Theatern bauen lassen, von einem ganz jungen Archivdirectoren, und das Gebäud soll ganz besonderbar prächtig sein. Es wird nächstens eingeweiht, sehr bald sogar, nämlich am – Himmelsakra! Da seid Ihr dort!« »Wann?« »Grad auf dera Mittwochen ist die Einverweihungen. Ich besinne mich ganz genau daraufi. Ein absonderlich schönes Stuckerl wird geben, worinnen lauter Göttern auftreten, die man sonst im Land niemals zu sehen bekommt. Lauter berühmte Sänger und Sängerinnen lassen sich da hören, und dera König kommt auch.« »Singt er wohl auch mit?« »Das weiß ich nicht. Aberst vielleicht hat auch die Leni einen Jodler mit zu singen.« »Meinst, daß auch die Götter jodeln?« »Warum nicht? Sie können doch auch mal lustig sein, wanns ein gutes Bierl trunken haben.« »O, vielleicht sehn wir auch das Theatern oder gar das ganze Stuck!« »Das kannst Dir derlauben. Hast ja volle dreihundert Gulden. Da mußt Dich aber zurecht machen. Dera Zug geht um fünf Uhr ab in dera Früh!« »Schon! Und Mittwoch ists? Das ist so bald. Da giebts ja fast gar keine Zeit mehr, ein neu Gewandl anzuschaffen und Schuhen brauch ich auch.« »So sputet Euch und kauft ja ein recht nobles, denn Ihr werdet dort von gar feinen Leutln angeschaut. Jetzund muß ich fort.« »Bekommst auch was für das Geld?« »Drei Kreuzern und ein Trinkgeldl für ein Bier. Für die Belehrung und Auskünften wegen der Reis', die ich Euch postamtlich geben hab, will ich nix rechnen, weil Ihr gar so arme Leutln seid. Unsereiner hat ein Herz im Leib, denn bei dera Post können nur gefühlvolle Personen ein höheres Amt erhalten.« »Und wie hoch ist das Trinkgeldl?« »Ganz nach Belieben. Kannst ein Sechskreuzerl geben; das macht grad ein Bier.« »Ich hab aber keins. Ich hab seit langen Wochen kein Kreuzerl gehabt.« »Das schadet nix. Wer dreihundert Gulden hat, dem geb ich gern Credit. Es ist ein gar schön und stolz Gefühl, wann man sich heimlich sagen kann, das man sein Geld bei denen Leutln stehen hat. Zinsen und Prozenten berechne ich nicht. Da brauchst keine Angst zu haben.« »So hab einstweilen Dank! Das Geld bekommst gewiß.« »Das weiß ich, das weiß ich, und darum will ich das Geldl auch nicht protestiren lassen beim Wechseladvocaten, denn so einen braven Mann wie Dich werd ich doch nicht auspfänden lassen. Also macht Eure Sach richtig, und behüts Gott, bis Ihr einzelnes Geldl habt!« Er gab ihnen die Hand und ging. Die beiden alten Leute blickten sich an und brachen dann in Freudenthränen aus. Dreihundert Gulden, und so unerwartet! Das war ja ein Vermögen für sie. Nun hatte ja alle, alle Noth ein Ende! Sie gingen in ihr Häuschen und machten sich unter Lobeserhebungen für die Spenderin zum Ausgehen zurecht. Als sie dann mit einander den Weg nach der nahen Grenze einschlugen, ergingen sie sich in beglückenden und doch so bescheidenen Plänen über die Anwendung dieses vielen Geldes. Da drüben, im Dorfe, in welchem die Leni früher beim Cadellenbauer als Sennerin in Dienst gestanden hatte, gab es eine Nähterin und auch einen Schneider, welcher die schönsten Jacken machte weit und breit. Zu Beiden wollten sie. »Weißt, das ist das Allernöthigste,« sagte er. »Und nachhero, weißt, wohin wir dann gehen?« »Nun, wohin?« »In den Gasthofen.« Sie blieb erstaunt stehen. »In den Gasthofen? Bist gescheidt, Mann?« »Ja,« nickte er bestimmt. »Heut wird in den Gasthofen gangen und mal fein gespeist.« »Du, da willst mal oben hinaus!« »Das will ich auch. Heut ist ein Feiertag.« »Aber das Geldl, was es kosten wird!« »Das haben wir! Die Leut da drüben sollen auch mal schauen, was dera alte Warschauer vermag, wann er mit seinem Weiberl spazieren geht.« »Ja, heut bist ein Großer!« »Heut bin ich dick! Da hast Recht. Wir haben seit gestern nix gessen, nicht einen Bissen. Da wollen wir uns mal ausheilen. Ein Bier wird trunken oder gar zwei. Du eins und ich eins. Dann essen wir ein Wurst und Brod und ich rauch eine Cigarren darnach.« »Alter! Du artest aus!« »Nein. Aberst sehen will ich mich doch auch mal lassen. Ich kneif die Cigarren verächtlich in den rechten Mundwinkel und schau nach dera linken Seit so stolz hinüber, als ob ich der Rothschild sei. Weißt, ich brauch sie doch nicht grad anzubrennen, damit sie länger ausreicht.« »Das will ich mir eher gefallen lassen. Da hast auf die andern Tag auch noch was.« »So ists. Und wannsts berechnen thust, ists gar nicht so schlimm. Zweimal Bier macht sechzehn Pfennigen, die Cigarren kostet drei und zweimal Brod mit Wurst gilt vierzig. Das giebt zusammen neunundfünfzig. Wenn ich dann dera Magd, die es bringt, den Pfennig als Geschenkpräsent geb, so bin ich ein großer Mann, und wir haben uns für sechzig Pfennige ein Gaudium erwiesen.« In dieser Art und Weise unterhielten sie sich, bis sie drüben ankamen. Da ging sie zur Nähterin und er zum Schneider, wo sie ihre Bestellungen machten und sich das Maß nehmen ließen. In der Schänke trafen sie sich. Da gab es einige Gäste, welche vor dem Hause saßen und sich verwunderten, daß diese blutarmen Leute sich auch einmal herbei wagten. Diese bestellten das Erwähnte und ließen es sich dann wohl sein. Während sie speisten, kam noch ein Gast, ein fremder, städtisch gekleideter und sehr vornehm aussehender Herr, welcher sich an einen einzeln stehenden Tisch setzte und auch ein Bier verlangte. Als die Magd ihm dasselbe brachte, erkundigte er sich: »Sind Sie vielleicht aus diesem Orte?« »Ja,« nickte sie. »So kennen Sie die Leute hier alle?« »Alle.« »Auch die Muhrenleni?« »O, die erst recht. Wir sind ja in einem Jahre geboren und haben in dera Schul gar nicht weit aus nander sessen.« »Wissen Sie nicht, wo sie jetzt ist?« »Nein. Sie hat seit so gar langer Zeit nix mehr von sich hören lassen.« »Man sagte mir, daß sie jetzt hier auf Besuch sei.« »Davon weiß ich nix.« »Es soll ganz gewiß sein.« »Da müßt ichs doch auch hört haben. Vielleichten ists doch so. Da kommt gleich Einer, der es sicher wissen thät.« Sie zeigte auf einen Bauersmann, der soeben langsam und gemessenen Schrittes herbeigestiegen kam. Er war eine behäbige Gestalt und auf seinem Gesichte war ein gutmüthiges Selbstbewußtsein zu lesen. »Wer ist er?« fragte der Fremde. »Es ist dera Capellenbauer, bei dem die Leni als Sennerin gewest ist.« »Hat er sich gut mit ihr verstanden?« »Das will ich meinen. Er hat gar große Stücken auf sie gehalten und hält auch jetzt noch viel auf sie.« »Aber sie ist doch nicht bei ihm geblieben.« »Nicht aus Uneinigkeit, sondern weils dera König so wollt hat. Der Herr Pfarrer hat ihr auch zugeredet, und dem Bauer ists gar nahe gangen, als er sie fortlassen mußt. Jetzund hat er dem Sohn die Wirtschaft übergeben und kommt alle Tag um die jetzige Zeit. Da sitzt er hier am Tisch bis zum Abend und schaut gern hinauf nach seiner Alm.« »Da oben, wo die Hütten steht, rechts dera Abgrund und links der Felsengrad, auf dem damals dera Krikelanton des Nachts hinüber ist.« »So kennen Sie auch den?« »Jawohl. Er war ein Unguter und gar nicht werth, daß die Leni an ihn denkt hat. Dera Bauer hats auch nicht gern sehen. Ich glaub, er hätt ihr am Liebsten seinen Sohn geben. Da hätt sie ein Glück gemacht.« Ein leises Lächeln spielte um die Lippen des Fremden, als er darauf antwortete: »Vielleicht macht sie nun ein anderes und viel besseres Glück!« »Ich thät ihrs von Herzen gönnen, denn sie war gar brav. Aberst besser kann sie es gar nicht finden, als sie es beim Capellenbauer troffen hat. Er ist als ein tüchtiger Sänger und Jodler bekannt und hat oft, wann dera Abend kam und er hier vor dem Hause saß, ein Gesangl macht, was die Leni dann von oben herab beantworten that. Jetzund singt er gar nicht mehr, weil es keine Antwort giebt. Da ist er. Soll ich ihn fragen?« »Ja, fragen Sie ihn!« Der Bauer war inzwischen näher gekommen und blickte nach einem Platze, der ihm behagen möchte. Die Magd trat ihm einige Schritte entgegen und meldete: »Capellenbauer, ist die Leni jetzund bei Dir gewest?« »Die Leni? Nein,« antwortete er. »Sie soll aberst hier sein.« »Das ist nicht wahr, denn da wär ich halt gewiß der Allererst, dens besuchen thät.« »Der Herr hier hats sagt.« Sie zeigte auf den Fremden. Der Bauer betrachtete denselben mit einem forschenden Blicke; die Beobachtung schien befriedigend auszufallen, denn er trat zu ihm heran, lüpfte den Hut ein Wenig und sagte: »Von dera Leni habens sprochen? Kennen Sie dieselbige denn?« »Ja, ich kenne sie.« »Habens dieselbige vor Kurzem sehen?« »Ja.« »Wo denn?« »In Wien, vor vierzehn Tagen noch.« »In Wien! Ja, da soll sie gewest sein. Sie sind wohl gar ein Bekannter von ihr?« »Sogar ein sehr guter.« »Wie habens dieselbige denn kennen lernt? Ich hoff, daß es eine Bekanntschaft in Ehren ist!« Sein Blick war schnell mißtrauisch geworden. »Das versteht sich ganz von selbst. Die Leni ist keine Person, mit welcher sich eine andere Freundschaft anknüpfen läßt.« »Das freut mich sehr. Es liegt mir noch heut auf dera Seel, daß sie von mir fort ist.« »Ich wurde durch den Wurzelsepp mit ihr bekannt. Er ist ihr Pathe und Vormund.« »Durch den! O, da bin ich beruhigt. Da sind Sie ein wirklicher Freund von ihr. Und weil, mich das so freut, so möcht ich mich ein Bisle zu Ihnen setzen, wanns verlaubt ist.« »Sehr gern! Kommen Sie!« Indem sich der Bauer setzte, betrachtete er sich den Fremden nochmals genau. Er mochte zu der Ansicht kommen, daß er keinen gewöhnlichen Mann vor sich habe, denn er bemerkte mit besonderem Nachdrucke: »Sie brauchen sich nicht zu geniren. Dera Capellenbauer ist ein braver Mann.« »O, das weiß ich ja.« »So? Von wem denn?« »Von der Leni selbst.« »Hat sie von mir sprochen?« »Sie spricht sehr gern von der Heimath und hat mir viel auch von Ihnen erzählt.« »Das gute, liebe Dirndl! Ja, die ist keine Zuwidere. Wanns ihr nur gut geht!« »Da brauchen Sie keine Sorge zu haben!« »So! Schön! Wann es ihr beim Gesang nicht mehr gefallt, ich thät sie gleich wieder zu mir nehmen. Um den Lohn braucht sie nicht zu sorgen.« »Das freut mich. Sie hat überall Freunde.« »Das ist auch leicht zu begreifen, weil sie ein gar so liebs Dirndl ist. Schauns, da oben ist meine Alm. Wanns Abend gewest ist, da hats oben anfangt zu jodeln und ich hab hier herunten antwortet. Alle haben lauscht auf ihre schöne Stimm. Das war eine Herrlichkeiten. Jetzund ists anderst. Ich sing halt gar nimmer.« Er sagte das in fast traurigem Tone und wandte sich ab. Dabei fiel sein Auge auf die beiden alten Leute, welche er bisher wohl noch gar nicht bemerkt hatte. »Was!« sagte er. »Wer ist denn das? Dera Warschauer mit seiner Ehelichsten! Das gefreut mich. Was treibt Ihr denn hier?« Er hatte sein Gespräch nach hiesigem Gebrauch mit lauter Stimme geführt, so daß alle Anwesenden es hören konnten. Darum hatten auch die Beiden jedes Wort verstanden. »In Geschäften sind wir da,« antwortete er, an seiner Wurst mit Behagen kauend. »In Geschäften? Willst wohl einen Bauerhof kaufen?« »Beinahe!« »Schön! Und auch fein speisen thust! Hat die Leni Dir wieder mal was schickt?« »Ja, heut!« »Schau, das kann mir gefallen. Wann willst wiederum nach Haus hinüber?« »Wann wir unser Bier austrunken haben.« »Kannst länger bleiben, denn ich zahl Dir noch eins oder auch mehrere sehr gern. Auf wen die Leni so gut gesinnt ist, der ist auch mir lieb. Darum macht Euch dort weg und kommt ein Wengerl zu uns herüber! Da können wir von ihr reden.« Eine solche Ehre wußten die alten, armen Leute sehr zu schätzen. Der Capellenbauer war ein sehr angesehener Mann. Und jetzt saß gar so ein vornehmer Fremder dabei!« »Ists Dein Ernst?« fragte Warschauer vorsichtig. »Natürlich! Du bist mir willkommen,« antwortete der Gefragte mit Gönnermiene. »So werden wir es uns derlauben, wann der Herr nix dagegen haben thut.« Als Antwort nickte der Fremde ihnen freundlich aufmunternd zu und rückte zwei Stühle zurecht. Sie kamen mit ihren Gläsern und Tellern herbei. Die Alte machte einen Knix und meinte: »Eigentlich thäten wirs nicht wagen, aber weils gar so schön von dera Leni reden, so thun wir es doch. Prosit Mahlzeit!« Sie hielt diese Worte für einen feinen Gruß und warf, indem sie sich niedersetzte, einen Blick auf ihren Mann, als ob sie demselben sagen wolle: »Hasts gehört, wie nobel ich mich benehmen kann? Mach es nur auch so!« Nun begann ein sehr animirtes Gespräch, natürlich über die Leni. Der Bauer erkundigte sich, ob die Leni den beiden Leuten wirklich Geld geschickt habe. Warschauer nickte gewichtig und antwortete: »Ja, das will ich meinen.« »Was machst denn für ein Gesicht dazu? Du thust ja, als obs eine Million wär!« »Es ist auch fast so. Viel fehlt nicht daran.« »Dann möcht ich das Geldl sehen.« »Kannsts wohl schauen.« »So zeigs doch mal her!« Der Alte zog das Couvert aus der Tasche, gab es ihm und sagte: »Hier, nimm es heraus!« Der Bauer betrachtete zunächst die Rück- und dann die Vorderseite. Er schüttelte den Kopf. »Weißt gewiß, daß es von dera Leni ist?« »Natürlich!« »Dreihundert Gulden! Ein Heidengeld für Dich!« »Ja, nun bin ich reich.« »Aberst ich glaubs halt doch nicht, daß es von ihr ist.« »Von wem sonsten sollt es sein?« »Hm! Das ist ihre Handschriften gar nicht.« »Kennst sie denn?« »Sehr genau. Und die fünf Siegeln! Darauf ist gar ein Wappenschild, als wann sie vom Adel war.« »Greif nur hinein!« Der Bauer zog die Scheine und den Brief heraus. Er betrachtete zuerst die Ersteren genau; das ist bei einem Bauer die Hauptsache. Als er sie für echt befunden hatte, sah er sich auch den Brief an und erklärte: »Auch diesen hat sie nicht schrieben.« »So hat sie ihn sich schreiben lassen.« »Vielleichten. Darf ichs lesen?« »Ja, lies!« Als er damit fertig war, warf er den Brief mit einer Bewegung des Erstaunens auf den Tisch vor sich hin und rief: »Sappermenten! Also nach Scheibenbad sollt Ihr? Ich doch auch!« »Du? Hat sie auch an Dich schrieben?« »Ja, freilich Aberst ich glaubs halt nicht, daß sie es ist.« »Warum nicht?« »Weil es nicht ihre Handschrift ist. Es ist nämlich ganz dieselbige wie hier. Ich hab den Briefen einstecken und werde ihn vorlesen.« Er zog den Brief hervor und las: »Lieber Capellenbauer! »Ich hab oft und gern an Dich gedacht, seit ich nicht mehr bei Dir bin. Vielleicht möchtest Du gern wissen, wie es mir geht. Da komm doch nächsten Mittwoch mit dem ersten Zug nach Scheibenbad. Ich werde Dich in der Thalmühle erwarten. Es kommen lauter gute Bekannte. Wenn Du noch Etwas auf mich hältst, so laß mich nicht vergeblich auf Dich warten. Es grüßt Dich dankbar Deine Leni.« »Richtig!« rief der alte Warschauer. »Auch Du sollst hin. Wirst gehen?« »Ich möcht wohl. Aberst ich denk, es kann auch so eine Art von Finte sein.« »Wieso?« »Daß mich Einer foppen will.« »Das glaub ich nicht.« »Es wär doch eine ärgerliche Geschicht, wann ich hin kam und sie wär gar nicht da.« »Das ist freilich wahr, aberst das hast nicht zu befürchten. Ich glaub nicht dran.« »Ich denks aberst doch!« »Dann wäre ja auch ich gefoppt!« »Freilich!« »Da mußt halt bedenken, daß mir nicht Einer, der mich zum, Narren halten will, dreihundert Gulden dazu sendet.« »Da hast freilich Recht. Zumal ich doch nicht annehmen möcht, daß man auch unseren geistlichen Herrn ärgern will.« »Wieso denn?« »Weil auch er so einen Brief erhalten hat.« »Auch dera Herr Pfarrer? Soll auch etwa er hinkommen?« »Ja, auch er ist eingeladen.« »Durch dieselbige Handschrift?« »Ganz durch dieselbige.« »Das ist doch sonderbar! Steht denn auch bei ihm ihr Name darunter?« »Sogar der ganze, Magdalene Berghuber.« »Hm! Und wird er gehen?« »Ja. Er sagt, daß sie ihn nicht einladen thät, wann sie nicht einen Grund dazu hätt.« »Da wird er wohl ganz richtig denken.« »So gehst Du wirklich?« »Natürlich! Ich nehm auch meine Frau mit.« »Nun, so fahr auch ich. Ich hab dem geistlichen Herrn versprochen, ihn mit in meinen Wagen zu nehmen. Da könnt auch Ihr kommen und mit uns nach dera Bahn fahren. Da sind wir gleich beisammen. Vorher trinken wir den Kaffee bei mir, und jetzund laßt Euch die Krüge wieder füllen!« Sie waren so in den Gegenstand ihres Gespräches vertieft gewesen, daß sie gar keine Zeit gehabt hatten, viel auf den Fremden zu achten. Wenn sie das nicht unterlassen hätten, wäre ihnen wohl das eigenartige Lächeln aufgefallen, welches um seine Lippen spielte. Erst jetzt blickte der Bauer zu ihm hinüber. Es schien ihm ein Gedanke zu kommen. Er sagte: »Da fallt mir ein, daß ja dieser Herr die Leni kennt. Vielleichten kann er uns einen Aufschluß geben.« »Wenn ich kann, sehr gern.« »Sie haben die Leni zum letzten Male in Wien gesehen. Wissen Sie, wo sie jetzt ist?« »Ja, in Scheibenbad.« »Also doch? Und was meinen Sie? Sollen wir hinfahren zu ihr oder nicht?« »Auf jeden Fall. Die Briefe sind wirklich ganz ehrlich gemeint.« »So denken Sie, daß sie von ihr kommen?« Der Bauer hatte den Poststempel nicht angesehen, sonst hätte er merken müssen, daß die Briefe aus Wien gekommen waren. Der Fremde antwortete ausweichend: »Wenn sie nicht selbst geschrieben hat, so ist dazu jedenfalls ein Grund vorhanden.« »Ja, sie kann einen bösen Finger haben. Das ist freilich wahr. Also wir fahren. Und nun freu ich mich darauf!« Es entstand eine kurze Pause, während welcher der alte Warschauer den Fremden in verlegener Weise musterte. Er schien Etwas auf dem Herzen zu haben. Endlich nahm er sich den Muth: »Wann dera Herr in Wien ist, so hat er vielleicht auch von meinem Sohne hört?« »Wer ist das?« »Dera Krikelanton.« »Den kenne ich nicht.« »Hm! Er soll – soll – soll sich dort Herr Criquolini nennen lassen und ist Sänger.« Es glitt schnell wie ein herzliches Mitleiden über das männlich schöne Gesicht des Gefragten. Er antwortete: »Ja, den kenne ich.« »Wirklich, wirklich?« »Ja, ich habe sogar mit ihm gesprochen.« »Ist das wahr? Herrgott! Mit ihm gesprochen! Wie sehr mich dagefreut!« Und die alte Frau faltete die Hände, nickte dem Herrn zu und fragte: »Nicht wahr, dera Anton ist brav?« »Ich denke es wohl,« antwortete er. »Er sendet uns nix, weil er selberst nix hat. Meinen Sie nicht auch?« »Wenn er Ihnen nichts sendet, so scheint er allerdings nichts übrig zu haben. Das Leben in so einer Stadt ist sehr kostspielig.« »Hörsts, Alter! Ja, er ist doch brav. Er hat nix und braucht doch viel. Meinst nicht, daß wir ihm von den dreihundert Gulden ein- oder zwei Hundert senden?« »Bei Leibe nicht!« fiel der Fremde schnell ein. »Es scheint zwar, daß er für Sie nichts erübrigen kann, aber was er für sich braucht, das verdient er.« »Ist das wahr, oder wollens uns nur trösten?« »Es ist wahr. Ich kann Ihnen mein Wort geben. Uebrigens würde ihn Ihr Geld gar nicht treffen.« »Warum?« »Weil er nicht mehr in Wien ist.« »Wo denn?« »In Scheibenbad.« »Herrgottle! Da, wohin wir wollen.« »Ja. Vielleicht werden Sie ihn treffen.« »Natürlich, natürlich werden wir ihn treffen, und wenn wir ihn von Haus zu Haus suchen sollten!« »Ich werde mich erkundigen und Ihnen sagen, wo er wohnt.« »Sind denn auch Sie dort?« »Ja. Ich will der Einweihung des neuen Theaters beiwohnen. Deshalb bin ich dort.« »Und weshalb ist denn unser Anton dort?« »Ganz aus demselben Grunde, nur daß er dabei activ auftritt, während ich nur den Zuschauer mache.« »Activ? Was heißt das?« »Er hilft als Sänger bei der Einweihung. Er singt in dem Theaterstück.« »Sapperloten!« rief der alte Warschauer. »Da macht er wohl einen Abgott?« »Abgott? Wie kommen Sie zu dieser Frage?« »Der Briefbote hat sagt, daß da lauter Göttern auftreten werden.« »Ach so! Ja, einen solchen Gott hat er allerdings vorzustellen.« »O, wenn wir das sehen könnten!« »Sie sollen es sehen. Ich werde Ihnen ein Theaterbillet besorgen.« »Zwei, zwei! Auch für meine Frauen eins. Sinds doch so gut! Nicht wahr?« »Ja. Wir werden uns treffen, und dann geb ich sie Ihnen.« »O, könntens mir nicht auch eins besorgen?« fragte der Bauer. »Ich zahls natürlich gern.« »Auch Sie sollen eins haben.« »Schön! Wie gut, daß wir uns hier troffen haben. Also Sie denken, daß wir die Leni sehen werden?« »Ganz gewiß.« »Wissens nicht, ob sie noch an den Anton denkt? Seine Eltern sitzen zwar da, aberst wir können dennoch davon reden.« »So viel ich weiß, ist zwischen ihnen Alles aus. Sie passen nicht zu einander.« »Das hab ich gleich erst sagt. Wollen uns gleich noch ein Bier geben lassen.« »Ich nicht mehr,« sagte Warschauer. »Warum nicht? Ich zahls ja!« »Wir müssen heim. Die Sonn geht bereits unter, und unser Heimweg ist beschwerlich. »Ach was heim! Heut ist ein guter Tag. Heut hat mich die Leni eingeladen. Das müssen wir feiern. Das thu ich nicht anderst.« »Wann wir nicht so alt wären, brauchten wir uns nicht vor dem Weg zu fürchten.« »Ihr dürft halt nicht vergessen, daß die Leni Euch so ein Geldl geschickt hat. Das ist eine Freud, die auch gefeiert werden muß.« Er befand sich eben in einer Stimmung, in welcher ihm Alles einen Grund zur Freudenfeier geben mußte. »Ja, da freuen, wir uns und stürzen dann unterwegs, wanns finster ist, in den Abgrund.« »Wer sagt Euch denn, daß Ihr heimkehren sollt, wann es finster ist?« »Nun, wann wir da bleiben, so wirds doch sehr bald dunkle Nacht sein.« »Und darauf kommt der helle Morgen!« »Ja, so lang kann man doch nicht bleiben!« »Warum nicht? Ich freu mich heut, und Ihr sollt Euch auch freuen. Ihr seid meine Gäst und bleibt bei mir.« »Auf dem Kapellenhof?« »Ja. Ihr schlaft bei mir, und nicht etwa auf dem Heu und Stroh, sondern ihr sollt die Gaststub haben, die für vornehme Leut da ist.« Die beiden Alten sahen sich erstaunt an. Eine solche Ehre war ihnen noch nie widerfahren. »Ja, schaut Euch nur an!« lachte der Bauer. »Meinsts denn ernstlich?« fragte der Alte. »Freilich wohl!« »Wir sollen bei Dir bleiben, wir Beiden?« »Alle Beid. Oder habt Ihr was Anderes zu thun?« »Das nicht.« »Oder glaubt Ihr, daß die Diebe Eure Hütt in der Nacht forttragen, weil Ihr nicht da seid?« »Das fallt Keinem ein. Die Hütt taugt nix, und es ist auch gar nix drin.« »Nun, also könnt Ihr getrost da bleiben. Ihr macht mir eine Freud damit.« Die Beiden blickten sich nochmals an. »Was meinst, Frau?« fragte er. »Was meinst Du, Mann?« fragte sie. »Machs, wie Du willst!« »Nein, sondern wie Du!« »Red nicht! In solchen Sachen hat die Frau das Wort. Also sag Du, was geschehen soll!« »Nun, wannst so meinst, so werd ich freilich wohl gehorchen müssen.« Sie erhob sich vom Stuhle, machte dem Bauer einen tiefen Knix und sagte: »Wanns dem Herrn Kapellenbauer so eine Freuden macht, so wollen wir da bleiben.« »Schön! Sehr gut! Das kann mich gefreuen!« rief der Bauer. »Jetzund muß gleich noch ein Bier kommen. Wir trinken, bis nix mehr da ist.« Der Fremde hatte dem Zwiegespräch mit sichtbarem Vergnügen zugehört. Jetzt sagte er, indem er fröhlich lachte! »Das ist doch ein sehr gastfreundlicher Herr, der Kapellenbauer. Das sieht man gern.« »Nicht wahr? Ja, wir im lieben Bayernland sind ganz andere Leuteln als Ihr da drüben in Oesterreich.« »O bitte! Auch dort giebt es so gute Menschen. Wie es scheint, halten Sie mich für einen Oesterreicher?« »Ja. Sie sind doch aus Wien?« »Ich wohne zuweilen dort. Eigentlich aber stammt meine Familie aus Bayern. Ich hätte fast Lust, auch für mich Ihre Gastfreundschaft zu erbitten.« »Sie wollen auch bei mir bleiben?« »Ja.« »Schön: Das gefreut mich! Das ist mir recht! So Etwas hab ich gern, wenn mir Jemand – –« Er hielt inne, schob den Hut nach hinten und kratzte sich. Dann fuhr er fort: »Hm! Da fallt mir ein – – Sappermenten! So was kann mich freilich ärgern.« »Was denn?« »Sie sind so ein feiner, vornehmer Herr – –« »O, nicht allzu sehr!« »Wanns bei mir bleiben wollen, müssen Sie es doch ein Wengerl hübsch und fein haben. Und nun hab ich da denen Beiden die Gaststub versprochen!« »Das thut nix.« »O doch! Wohin soll ich Sie weisen.« »Wanns so ist,« sagte die Alte, »so verzichten wir auf die Gaststub. Das Heu ist auch weich.« »Ja, dann könnts gehen,« meinte der Bauer. »Und ich kann das nicht annehmen,« erklärte der Fremde. »Warum nicht?« »Weil es gegen meine Gewohnheiten verstößt.« »Ach was! Die Warschauersleute sind gern mit einem anderen Lager zufrieden!« »Geht mich nichts an! Es ist eine alte, ehrwürdige Frau dabei, und gegen Damen soll man stets höflich sein.« Er sagte das, indem ein wirklich liebenswürdiges Lächeln über seine Züge glitt. Die gute Alte gab ihrem Manne unter dem Tische einen Stoß und fragte aber laut: »Hasts hört, Mann?« »Was?« »Dame hat er sagt, Dame.« »Bild Dir nix drauf eini! Du bist die alte Warschauerin und wirsts auch bleiben.« Der Bauer machte ein sehr eigenthümliches Gesicht. Er maß den Fremden mit erstauntem Blicke und sagte: »Aber so ein Herr darf doch nicht zurücktreten!« »Ich trete ja gar nicht zurück.« »Freilich! Sie wollen ja nicht in die Stuben.« »Daran habe ich gleich anfangs nicht gedacht.« »So? An was denn?« »Meinen Sie, daß ich mich selbst bei Ihnen einladen würde, in Ihr Haus, ich, als Fremder, den Sie gar nicht kennen?« »Warum nicht?« »Nein. Das wäre ja gegen alles Herkommen.« »Was geht mich das Herkommen an!« »Ich hatte gleich anfangs an eine ganz andere Schlafstelle gedacht.« »So, an welche denn?« »Ich wollte allerdings auf ihrer Besitzung schlafen, und darum mußte ich Sie fragen und mich zu Gaste bitten. Aber in Ihrem eigenen Heim kann ich Sie nicht belästigen.« »Sappermenten, sind das Höflichkeiten! So sagens doch mal, wo Sie schlafen wollen?« »Droben auf der Alm.« »Ach, in dera Sennhütten?« »Ja.« »Donnerwetter! Da giebts nur Heu!« »Das ist ja schön.« »Aberst das paßt nicht für Sie!« »Wer sagt das?« »Ich, dera Kapellenbauer, der so was versteht.« »Sie beurtheilen mich falsch. Ich kann ganz gut und mit Vergnügen im Heu schlafen.« »Da machens sich Ihr ganzes Gewandl zu schanden. Das kann ich nicht zugeben!« »O bitte! Ich habe noch einen ganz andern Grund dazu. Den kennen Sie nicht.« »Darf ich ihn derfahren?« »Gern will ich Ihnen denselben sagen. Die Leni hat mir nämlich so viel von Ihrer Alm und von der traulichen Hütte erzählt, so daß ich neugierig war, beide einmal zu sehen – –« »Nun, so schauen Sie sich dieselben an. Da oben liegen sie. Man sieht sie beide.« »O, mit dem Anschauen bin ich nicht zufrieden. Ich will hinauf. Ich will einmal einen Abend, eine Nacht da zubringen.« »Ach, Sappermenten! In dera Hütten wollens also schlafen.« »Ja, wenn Sie es erlauben.« »Da giebts gar nix zu derlauben. Da kann ein Jeder einkehren, den die Sennerin duldet.« »So ists ja schön. Ist denn eine Sennerin oben?« »Ja, sogar zwei, wie es scheint. Da schauens doch mal hinaufi! Die meinige streut eben Salz für die Rinder, da oberhalb der Hütt. Und auf der Bank vor der Hütten sitzt noch eine. Das ist eine fremde. Ob vielleicht die Nachbar-Sennerin herüberkommen ist? Das kann sein. Sie gehen manchmal zu einander. Aberst es wär doch besser, wanns unten bei mir bleiben.« »Nein, ich will hinauf!« »Na, wanns nicht anderst wollen, so kann ich Sie nicht festhalten, zumal es zum Andenken meiner Leni ist. Den Stadtherren ist es ja ein Vergnügen, mal so zu schlafen. Das haben sie nicht immer.« »O,« lächelte der Fremde. »Ich könnte es stets haben. Ich bin nicht eigentlich das, was man einen Stadtherrn nennt.« »Was denn? Wohnens auch auf dem Lande?« »Im Sommer fast stets. Ich besitze selbst mehrere Almen.« »Was? Sie? Wo denn?« »In Tyrol und auch in Siebenbürgen.« »Sappermenten! So sind Sie freilich ein reicher Herr.« »O, es ist nicht so schlimm.« »Was sinds denn eigentlich?« »Landwirth.« »So schauens aber gar nicht aus.« »Wie denn?« »Wie ein Officier.« »Das bin ich so nebenbei.« »Und wo wohnens denn?« »Bald in Oesterreich, bald in Bayern, bald in Rußland auf meinen Besitzungen.« Jetzt machte der Bauer große Augen. »Besitzungen habens? Was für welche?« fragte er. »Almen, große Weiden, Rittergütter, Schlösser, einige Paläste in verschiedenen Residenzen und so weiter.« Bei seinem bescheidenen Wesen hätte er das wohl nicht erwähnt, aber das Erstaunen des reichen Bauers schien ihm Spaß zu machen. »Herrgottsakra! Da sinds aber doch ein ganz und gar steinreicher Herr!« rief dieser. »O, es giebt reichere!« »Darf man Ihren Namen derfahren?« »Gern. Es ist bei uns Sitte, die Karte zu geben. Hier ist die meinige.« Er gab sie ihm und der Bauer las: »Horst Arnim Graf von Senftenberg.« »Wie heißt das?« fragte er. »Aus Senftenberg sinds?« »Nein.« »Da steht es doch!« »Nicht aus, sondern von Senftenberg.« »Ach so! Und heißens Graf oder sinds einer?« »Ich bin einer.« »Donnerwetter!« »Horst Arnim sind meine Vornamen. Von Senftenberg aber ist der Name meines Geschlechtes.« Da schlug der Bauer mit der Faust auf den Tisch und rief mit lauter Stimme: »Das laß ich mir gefallen! Ein Graf sinds also, eine Erlauchten gar?« »Ja.« »Und die Leni kennens?« »Ich bin ihr Freund.« »Hört Ihrs, Ihr Leuteln! Paßt auf! Die Muhrenleni hat einen Grafen zum Freunden und Erlauchten. Und in meiner Sennhütt wollens schlafen?« »Gewiß.« »Welch eine Ehr! Und dera Leni zu Lieb! Nein, das muß man sagen, das passirt nicht alle Tag! Trink aus, Warschauer! Es muß ein neuer Krug kommen. Und heut sollst drei Kopfkissen haben anstatt nur eins. Ein Graf in einer Sennhütt schlafen! Da muß ich wenigstens dera Sennerin einen Wink geben.« Er stand auf, trat einige Schritte vor, so daß er von oben gesehen werden konnte, hielt die Hand seitlich an den Mund und jodelte: »Holderoiho!« Die Sennerin, welche an der Salzlecke stand, hörte es. Sie kannte das Zeichen ihres Brodherrn, blickte herab, sah ihn stehen und antwortete mit denselben Tönen. Auf diese Antwort sang er: »Machs in der Hütten fein und schön; Du wirst bald einen Fremden sehn!       Juch juch!« Sie hatte ihn verstanden, den sie sang zurück: »Laß ihn nur immer aufi steigen; Bald werd ich ihm das Stadel zeigen.       Juch, juch!« »Die Sakradira!« lachte er. »In den Heustadel will sie ihn thun. Ja es giebt halt keinen andern Platz da oben. Aberst die Jetzige hat keine Schneid. Die Leni hätt da ganz anderst antwortet. Es war eine Lust, mit ihr zu stanzeln.« Und sich wieder niedersetzend, fuhr er fort: »Da hatt' ich mein Leiblied. Wann ich das unten begann, hat sie sofort oben eingesetzt. Seitdem hat mirs keine Andere so zu Dank sungen.« »Welches Lied war es?« fragte der Graf. »Es beginnt mit den Worten ›Allweil lustig, frisch und munter‹. Das war was für die Leni. Dera Triller kam dann grad wie eine lange, lange, prächtige Perlenschnur vom Himmel herab. Jetzund aber bei der Jetzigen, das klingt grad, als wann man – na, es ist nicht zu beschreiben!« »Mußt sie nur in Uebung halten,« sagte Einer, der an einem andern Tische saß. »Die Uebung thuts nicht.« »O doch! Mußt sie öfters ansingen!« »Wann ich nicht muß, fallts mir nicht ein.« »Soll ichs mal probiren?« »Kannsts machen. Hab nix dagegen.« Der Andere trat vor wie vorhin der Bauer und sang hinauf: »Du herzig schönes Dirndl Du liegst mir im Sinn, Du liegst mir im Herzen Zehn Klaftern tief drin!« Die Sennerin blickte zwar herab, schwenkte aber verneinend den Arm und antwortete nicht. »Schaust!« lachte der Bauer. »Sie mag nicht.« »Muß sie noch mal anreden.« Er sang: »Wann der Auerhahn pfalzt Und der Kukuk laut schreit, So ist halt gewiß Mein Dirndl nit weit.« Aber er erreichte seinen Zweck nicht. Die Sennerin blickte gar nicht einmal herab. Da aber stand die Andere von der Bank auf, hielt die Hand an den Mund und sang: »Jetzt geh nur gleich eini Du sakrischer Bu! Deine Großmutter giebt Dir Zucker Und ein Schmatzrl dazu.« Das klang so mächtig und doch so zart, hell und klar. Der Bauer sprang auf, als sei er elektrisirt worden. »Sapperment! Was ist das für eine Stimme!« rief er aus. »Auch in den Worten liegt gleich eine Schneid. Er soll seine Großmutter küssen, anstatt die Sennerin. So was konnt nur Leni früher machen. Wer mag das Dirndl sein!« Er legte die Hände über die Augen und sah scharf hinauf. Den Kopf schüttelnd, meinte er: »Ich brings halt nicht weg. Ob die Nachbarin so eine Stimm hat! Da hätt ichs aberst doch früher hört. Ich muß sie nur gleich mal ansingen!« Er trat wieder vor und sang hinauf: »Dein Lied ist nicht übel, Dein Mäulchen, das beißt; Drum sing halt nur weiter, Und sag, wie Du heißt!« »Nun, wanns eine richtige Dirn ist, muß sie antworten!« sagte er. »Und wir werden gleich hören, obs eine fesche ist oder nicht.« Der Graf hatte den Vorgang mit großem Interesse beobachtet. Jetzt nahm er den Feldstecher her, den er als Tourist an einem Riemen über die Achsel hängen hatte. Er richtete ihn nach der Alm empor und blickte hindurch. Mit einem glücklichen, befriedigenden Lächeln ließ er das Glas wieder sinken. Die Sennerin aber antwortete jetzt: »Schau aufi, schau obi, Und blick mir ins Gesicht, Und bist Du ein Tolpatsch, So erkennst Du mich nicht!« Und darauf erfolgte ein Jodler, wie er hier in diesem Theile Welt noch niemals gehört worden war. Früher hatte man die Muhrenleni für die beste Jodlerin, ja für eine Meisterin gehalten. Aber was war das gegen jetzt. Alle die unten Sitzenden sprangen auf und lauschten dem Gesange mit angehaltenem Athem, bis der letzte Triller verklungen war. »Die Leni, die Leni!« rief der Kapellenbauer ganz entzückt. »Ists wahr? Ists wahr?« fragte die alte Warschauerin. »Gewiß! Es ist keine Andere. Nur die Muhrenleni kann so Etwas fertig bringen.« »Wie kommt die denn da hinaufi?« »Hinaufstiegen ists halt!« »Das weiß ich auch!« »Aberst daß sie mich nicht aufsucht hat!« Da erklärte der Graf: »Vielleicht hat sie ihre alte Alm vorher ganz ungestört aufsuchen wollen.« »Ja, ja, so wirds halt sein, denn ein gutes und tiefes Gemüth hat das Dirndl. Ich muß sie nur wieder ansingen.« Er sang und sie antwortete. Das war ein Brillantfeuerwerk, aus Tönen zusammengesetzt. Es verscholl durch das Thal, daß die Leute aus den Häusern traten und entzückt emporblickten. Da trat die Sängerin ganz vor an den Felsenrand und winkte ihm Schweigen zu. »Ich weiß, was sie will,« rief er. »Paßt aufi! Jetzt kommt mein Lieblingslied!« Er hatte recht, denn wie der Klang einer gewaltigen Vex-Humana-Stimme der Orgel ertönte es von oben herab: »Allweil lustig, frisch und munter. Denn der Bayer laßt nit aus! Geht die Welt gleich morgen unter, Machen wir uns gar nix draus. Jeder, der uns zuhört singen, Sagt, das sind gar nette Leut, Bei jedem Jodler möcht man springen; Ja, im Bayern giebts halt Schneid. Allweil lustig, frisch und munter, Denn die Bayern gehn nit unter!« Sie hielt auf, denn sie wußte von früher her, daß der Bauer nun seine Stimme hören lassen werde. Er sang: »Auf den Bergen und den Almen Geht es allweil lustig zu. Bei den Kühen, bei den Kalben Jauchzt so gern der Hirtenbu. Wann der Jäger voller Schneid Auf die Alma aufi steigt Und die Senndrin voller Freud Ihm die rothen Wangerln zeigt. Allweil lustig, frisch und munter, Denn die Bayern gehn nit unter!« Und nun erschallte die letzte Strophe von oben herab: »Auf die Nacht dann uma Neune Läutets bei uns zum Gebet, Wenn man dann so ganz alleine Droben auf dem Berge steht. O, wie hebt sich fromm das Herz, Wenn das Klosterglöcklein klingt Und die Nachtigall voll Schmerz Ihre Klagelieder singt. Allweil lustig, frisch und munter, Denn wir Bayern gehn nit unter!« Der Text dieses Liedes war ganz werthlos. Ein Dichter oder Kenner der edlen Dichtkunst hätte mitleidig die Achseln gezuckt. Aber die Melodie war für diese Leute die Hauptsache, und die war freilich herrlich, besonders da man sie aus einem solchen Munde hörte. Als die Leni geendet hatte, trat sie zurück und ging in die Sennerhütte hinein. »Sie will nicht mehr singen,« meinte der Bauer. »Das ist schad, jammerschad!« »Ich verdenke es ihr nicht,« sagte der Graf. »Wissen Sie, wieviel sie in Wien ausgezahlt erhalten würde, wenn sie auf einem Concerte das sänge, was sie jetzt gesungen hat?« »Nein. Wieviel?« »Tausend Gulden.« »Herrgott! Das ist nicht wahr!« »Es ist wahr. Ich weiß es.« »So wollt ich, ich hätt auch so eine Gurgel!« »Das würde Ihnen nichts nützen,« lachte der Herr. »Man singt nicht mit der Gurgel.« »Womit denn?« »Mit der Kehle, dem Kehlkopfe.« »Ich hab denkt, mit dera Gurgel!« »Da schlingt man.« »So hab ich halt Schlingen und Singen verwechselt. Aberst jetzt bin ich neugierig, was die Leni machen thut. Ob sie herabkommt.« »Das glaube ich nicht.« »Warum?« »Sie wird die alte Erinnerung auffrischen und oben bleiben wollen.« »Das geb ich nicht zu!« »Wollen Sie es ihr verbieten, oben zu bleiben?« »Nein; aberst ich werd sie bitten, herabzukommen. Ich steig sogleich aufi.« »Sie werden umsonst steigen.« »Meinen Sie?« »Ja. Ich kenne sie. Es ist ihr jedenfalls ein Herzensbedürfniß, wieder einmal da droben allein zu sein. Da läßt sie sich nicht gern stören.« »Ach was stören! Ich bin nicht gern allein, und Niemand ist gern allein. Sie muß herab!« »Lassen Sie sie oben.« »Nein, nein! Ich steig aufi!« »So lassen Sie wenigstens mich an Ihrer Stelle gehen!« »Meinens denn, daß sie auf Sie mehr hört, als auf mich?« Das klang fast, als ob er sich in diesem Falle beleidigt fühlen würde. »Das will ich nicht sagen; aber ich glaube, daß ich die Worte eher finden würde als Sie.« »Ach so! Ja, jodeln kann ich schon, aberst schöne Worten machen, das bring ich halt nicht fertig. Die Leni muß herab. Die guten Warschauers sind auch da; mir und denen würd's eine gar große Freud bereiten.« »So will ich hinauf, um es zu versuchen.« »Ja. Oder halt! Nicht Sie allen, sondern ich steig mit. Ich will mir die Ehre nicht nehmen lassen, meine frühere Sennerin selbst willkommen zu heißen.« »So kommen Sie!« »Ja gleich! Aberst Ihr müßt hier sitzen bleiben! Daß Ihr ja nicht fort geht!« Diese Worte waren an das alte Ehepaar gerichtet. Der Mann antwortete: »Hab keine Angst, Bauer. Wann die Leni da ist, so reißen wir nicht aus.« »Und wann ich noch so lang oben bleib, so bleibt Ihr hier sitzen. Trinkt nur weiter fort! Ich werd Alles zahlen.« Er eilte dem Grafen nach, welcher rasch voraus ging. Diesem war jedenfalls der Gedanke, die Sennerin zu stören, nicht lieb. Noch unlieber aber war es ihm, daß er, da sie nun doch einmal geholt werden solle, nicht allein zu ihr gehen durfte. Natürlich ließ er sich davon nichts merken. Er war mit dem Bauer so freundlich wie vorher, und bald zeigte es sich, daß ihm die Begleitung desselben nicht ganz nutzlos sei. Und zwar erstens in Beziehung des Weges, den er nicht kannte, und zweitens in Beziehung auf die einstige Sennerin, von welcher der einfache Mann dem Aristokraten ein Bild entwarf, welches gar nicht anmuthender und sympathischer sein konnte. Das geschah während des Aufsteigens. »Und nun möcht auch ich noch etwas wissen,« fuhr der Bauer im Gespräch fort. »Wann Sie die Leni kennen, so werden Sie es wissen – was ich meine, und das müssen Sie mir sagen: Hat die Leni einen Schatz?« Diese Frage war so gradaus und kräftig, daß der Graf fast über dieselbe erschrak. Er wußte nicht sogleich zu antworten und gegenfragte also: »Was verstehen Sie unter einem Schatz?« »Das wissens nicht?« »So genau nicht. Wir haben da wohl andere Ausdrücke, deren wir uns bedienen.« »Ja, bei denen seinen Leutln heißt eben Alles anderst. Da heißt ein Wagen eine Chaise, ein Schreiber ein Actuar, und ein Spitzbub ist ein Politikus. Wir aber sagens, wie es ist. Einen Schatz nennen wir denjenigen Buben, der zu seinem Dirndl ans Fenster darf.« »Wohl auch hinein?« »Ja, wenn sie denken, daß sie von den Alten nicht derwischt werden, steigt er auch eini.« »In diesem Sinne hat sie freilich keinen.« »So! In welchem Sinne denn?« »In gar keinem Sinne. Sie ist noch frei.« »Das wundert mich. So ein bildsauberes Dirndl. Mag sie denn Keiner?« »Sie scheinen anzunehmen, daß ein Mädchen unbedingt einen Anbeter haben muß, und daß es für sie eine Schande ist, wenn sie keinen hat?« »Fast ists so. Bei uns hat fast Jede den ihrigen. Jetzunder sehens sich leider bereits als Schulbuben nach einem Dirndl um. Aberst einen Anbeter giebts bei uns freilich nicht. Anbetet wird Keine.« »Das Wort ist hier auch nicht so im eigentlichen Sinne zu nehmen.« »Ja, bei uns küßt man das Dirndl; man schwenkt sie im Saal herum, aberst anbeten thut man sie nicht. Also die Leni hat wirklich gar Keinen?« »Nein.« »Auch nicht Einen, der ihr zuweilen ein Busserl geben darf?« »Auch einen solchen nicht. Aber wenn es zur Beruhigung Ihrer Seele dienen kann, so will ich Ihnen sagen, daß es Viele, Viele giebt, welche sehr, sehr glücklich sein würden, wenn die Leni ihnen ihre Hand reichen wollte.« »Was meinens mit dem Hand reichen?« »Hm! Heirathen natürlich.« »Sappermenten! Also giebts doch Welche, die ein Aug auf sie werfen?« »Viele!« »Was sind es denn für Kerlen?« »Leute der verschiedensten Stände.« »So mag sie sich nur in Acht nehmen. Das werd ich ihr sagen. Diese Kerls taugen alle nix.« »Wie? Was?« »Alle, Alle nix! Ich kenne das.« »Ich setze aber den Fall, daß – –« »Sein Sie nur still! Hier wird gar kein Fall gesetzt als nur der eine, daß sie Alle nix taugen. Sie mag sich einen tüchtigen Bauer nehmen. Sie versteht die Milch- und Käsewirthschaft aus dem Fundament, und das ist das beste Brod, was es auf Erden giebt.« »Ich habe bisher geglaubt, daß es auch andere Berufszweige gebe –« »Still! Diese andern Berufszweige sind keine grünen Zweige. Geld bleibt Geld, und Bauer bleibt Bauer. Das ist dera beste Stand. Schauns mal mich an! Bin ich nicht ein bildsauberer Kerlen?« Er blieb stehen und stellte sich vor den Grafen hin. Dieser antwortete lächelnd: »Uebel sind Sie nicht. So ein echtes Bild urwüchsigen Volksthums.« »Von diesem Urwuchs versteh ich nix. Bei Ihnen heißt und ist eben Alles anders, und darum muß die Leni einen Bauer heirathen, weil sie bei denen Kühen aufiwachsen ist. Doch wir sind nun oben. Noch um diese Ecke, dann steht die Sennhütten vor uns.« »Gehen wir alle Beide zu ihr?« »Wie denn sonst?« »Ich dächte, daß Einer genügt?« »So wollen wohl Sie hin?« »Nein. Gehen Sie. Ich werde eine kleine Strecke emporsteigen, so hinter die Hütte. Sagen Sie aber nicht, daß ich mit hier bin.« »So? Warum denn nicht?« »Ich möcht sie überraschen.« »Sapperment! Wollens ihr einen Schrecken in den Leib jagen? Das duld ich nicht.« »Sie wird nicht über mich erschrecken. Ich möchte nämlich gern wissen, wie sie mich empfängt, wenn sie mich so unerwartet erblickt.« Er wollte aus ihrem Verhalten erkennen, ob seine Anwesenheit ihr lieber sei als die Störung, welche sein Kommen ihr bereitete. Der Bauer sah ihm scharf in das Auge, betrachtete ihn vom Kopf bis zu den Füßen, legte ihm die Hand auf die Achsel und fragte: »Wollen Sie sie heirathen?« Der Graf wurde natürlich durch diese Gradheit nicht blos unangenehm berührt, sondern geradezu verletzt. »Mein Gott, welch eine Frage!« rief er aus. »Diese Frage ist ganz am richtigen Platz. Die Leni ist fast so gut wie ein Kind. Ich will sie glücklich sehen und schlag einen Jeden nieder, ders nicht aufrichtig mit ihr meint. Verstehens mich?« Diese Zuneigung zu der einstigen Magd rührte den Grafen doch. Er sah ein, daß er diesen Mann ganz anders beurtheilen müsse. Darum antwortete er lächelnd: »Sie sprechen ja deutlich genug!« »Ja, es giebt halt Leut, mit denen man nicht deutlich genug reden kann! Ich denk mir halt, daß Sie auch ein Aug auf sie geworfen haben?« »Eigentlich ist die Leni vollständig selbstständig, und es hat Niemand mir eine solche Frage vorzulegen. Da Sie aber ein solcher Freund von ihr sind, will ich ohne Weigerung antworten, daß ich sie liebe.« »Liebe? Was ist das? Ich frag abermals: Wollen Sie sie heirathen?« »Ja.« Das hatte der Bauer nicht erwartet. Er hatte geglaubt, den Grafen abwehren zu müssen, wie ein bissiger Kettenhund den Dieb verjagt. »Sapperment!« rief er aus. »Wissens, was das heißt, heirathen? Wissens das?« »Ich traue mir zu, daß ich es weiß.« »Das heißt, zum Pfarrer gehen und auf das Standesamt! Das heißt, sich niemals wieder von ihr trennen können!« »Gewiß!« »Sie zur Herrin machen in Haus und Hof, in Wald und Feld, Alles mit ihr theilen, das Eigenthum, die Freud und das Leid!« »Wollte Gott, ich dürfte das!« »Wie? So haben Sie es im Sinn, wirklich so? Trauen wollen Sie sich lassen?« »Was denn anders?« »Oder machens ihr das nur weiß?« »Herr, denken Sie nicht so schlecht von mir!« »Schon gut, schon gut! Ich weiß nun fast, woran ich mit Ihnen bin. Wissens, grad die vornehmen Herren haben das gelernt, daß sie von ewiger Liebe und unendlicher Treue sprechen; aber die Treue ist gar nicht vorhanden, und die Liebe währt nur eine kurze Stunde. So einen Kerl, wann er mir die Leni anrühren wollt, schlüg ich alle seine Knochen entzwei!« »Nun,« lachte der Graf, »so werden die meinigen ganz bleiben!« »Das ist Ihr Glück. Aberst habens sich auch überlegt, was für eine Frau Sie bekommen?« »Die beste, die es geben kann!« »Das ist so sicher und gewiß wie das Amen im Vaterunser. Aber sie ist blutarm!« »Es wird mich beglücken, sie reich machen zu dürfen!« »Eine arme, bürgerliche Waise!« »Desto größer wird meine Liebe sein!« »Und sie hat nicht das Dings, was Sie Bildung nennen. Verstehen Sie?« »O, was das betrifft, so besitzt sie einen Schatz von Herzensbildung, wie ich ihn noch bei keiner Anderen gefunden habe.« »Sappermenten, das gefallt mir! Wanns nach Ihnen geht, so ist die Leni ein wahrer Engel.« »Ich halte sie für kein überirdisches Wesen; aber unter den Irdischen, die ich kennen gelernt habe, ist sie die Würdigste, glücklich zu werden.« »Schön! Also Sie sind ihr gut. Wissens denn, ob sie auch Ihnen gut ist?« »Ich hoffe es.« »Hörens, mit dera Hoffnung, da muß man vorsichtig sein! Da es Ihr heiliger Ernst ist, so seh ich ein, daß es ein unendliches Glück für die Leni ist, Sie kennen lernt zu haben, und ich bin nun Ihr Freund. Schauens, daß Sie Sicherheit erlangen! Lassens nicht hinhängen, bis ein Anderer kommt! Redens bald und schnell mit ihr!« »Bitte, bitte, das läßt sich nicht überstürzen. Sie hat keine Ahnung, daß ich nach hier gekommen bin. Aus dem Empfang, den sie mir bietet, werde ich ersehen können, was ich zu erwarten habe.« »Ja,« lachte der Bauer. »Wanns Ihnen entgegenspringt und an Ihren Hals fällt, dann ist's gut. Wanns Ihnen aberst eine tüchtige Ohrfeigen in das Gesichten haut, so ists ab. Nicht?« »Nun, dieses Beides habe ich weder zu hoffen, noch zu befürchten, denke ich.« »Weiß schon! Die Leni ist eine gar Bedächtige. Sie thut nix mit Eile; aberst was sie thut, das ist gut und überlegt.« »Verstehen Sie nun, warum ich sie überraschen will?« »Ja. Ich kanns mir schon denken. Ich bin zwar kein Graf, sondern nur ein Bauer, aberst in ein Menschengesicht hab ich auch schon schaut. Da kommts auf einen einzigen Blick, auf einen Mienenzug, auf einen kleinen Schritt oder eine Bewegung an. Und da hab ich gar nix dawider, daß Sie die Leni überraschen wollen.« »Also gehen Sie allein?« »Ja.« »So steige ich einstweilen da hinauf.« Der Bauer blickte sich um. »Nein,« sagte er. »Da würde sie Sie sehen, wann ich noch dabei bin. Das darf nicht sein.« »Wie? Sie wollten –?« »Ja, ich will!« nickte er lächelnd. »O, wir haben halt auch unsere Bildung. Vielleichten geh ich gleich wieder und möcht Ihnen noch was sagen, wobei sie nicht ist. Bleibens also hier zurück. Setzens sich da auf den Stein, und wartens, bis ich wiederkomm.« Er ging. Der Graf erkannte, daß dieser scheinbar ungeleckte Bär doch ein Zartgefühl besaß, welches Einer, der ihn nur nach seinem Aeußeren beurtheilte, ihm sicher nicht zutraute. Er setzte sich nieder und wartete. Unter ihm lag das Thal mit dem Orte, aus welchem er emporgestiegen war. Dort stand die Kirche, in welcher sie während des Gottesdienstgesanges ihre Stimme hatte erklingen lassen, ohne zu ahnen, welch einen Schatz sie in derselben besaß. Daneben stand ein weiß getünchtes Gebäude, kein Bauernhof und auch keine Häuslerswohnung. Das war jedenfalls die Schule, in welcher sie als Kind gesessen und gelernt hatte. Das A-b-c, für ihn ein unfaßbarer Gedanke. Dieses herrliche Wesen das A-b-c! Und hier oben hatte sie dann geweilt, vom Frühjahr bis zum Herbste. Hier hatte sie Alles, was sie ihm so aufrichtig erzählt hatte, innerlich und äußerlich erlebt. Er holte tief, tief Athem. Es wurde ihm so fromm, so heilig zu Muthe. Es war ihm, als ob er sich in einem Gotteshause befände. Sein geistiges Auge richtete sich nach innen. Er sah nicht die Welt um sich her, in welcher die Dämmerung leise einzutreten begann. Er merkte auch nicht, wie die Minuten verrannen, und fuhr fast erschrocken auf, als er die Stimme des Kapellenbauers hörte: »Nun, da sitzens ja noch. Ist Ihnen nicht lang worden bis jetzt?« »Nein.« »Da Habens gewiß an Diejenige dacht, welche nix von Ihnen wissen will.« Der Graf erbleichte. »Nichts?« fragte er stockend. »Haben Sie Etwas gesagt? Haben Sie gefragt?« »Nein. Haben's keine Angst! Ich wollt auch mal so eine Probe machen auf dem Angesicht.« »Mit mir?« »Ja. Sie sind so erschrocken, daß ichs sehen hab, wie lieb sie ihnen ist. Gehens zu ihr!« »Wo ist sie?« »Drinnen in dera Hütten. Sie wollt mich ein Stuckerl begleiten; ich aberst habs nicht gelitten.« »Da hätte sie mich hier gesehen.« »Eben darum.« »Geht sie hinunter?« »Ja, sie kommt. Sie wär morgen früh kommen. Aberst weil die alten Warschauers hier sind und wegen ihr hier bleiben, will sie hinabkommen.« »Warum ging sie nicht mit Ihnen gleich?« »Sie hat sagt, sie wolle noch einmal da sitzen, wann der Abend auf die Alm herniedergeht. Sie will an die Vergangenheit denken.« »Und da bin ich gekommen, sie zu stören!« »Schadet nix. Bringen Sie sie dann hinab.« »Schön! Aber ich wollte ja hier oben bleiben!« »Daraus wird nun nix. Sie bleiben bei mir. Ich werd schon für einen guten Platz sorgen.« Er ging fort, den Berg hinab. Der Graf erhob sich langsam und trat an die Felsenecke. Das Häuschen lag vor ihm. Es hatte auf dieser Seite kein Fenster. Leni konnte ihn nicht kommen sehen. Die Sennerin war auf die Höhe gestiegen und trieb die Rinder und Ziegen herab. Von ihr war keine Störung zu befürchten. Er schritt rasch auf die Sennhütte zu. Wollte er von vorn nach der Thüre gelangen, so mußte er an dem kleinen Fenster vorüber, welches sich neben der Thür befand. Darum ging er um das Gebäude hinten herum und kam nun von der entgegengesetzten Seite an die Thür. Diese stand offen. Er war leise, sehr leise aufgetreten. Sie konnte ihn nicht kommen hören. Er streckte den Kopf vor. Der Raum schien leer zu sein. Als er aber zwischen der offenen Thür und der Mauer hindurchblickte, sah er sie auf einem Holzschemel sitzen. Sie sah durch das Fenster. Sie trug ihr altes Sennengewand mit dem kleinen Hütchen auf dem Kopfe. Ihr Gesicht war bleich, ihr Auge groß und ernst auf die Spitzen der Berge gerichtet. Ihre Lippen bewegten sich, und die Kugeln des Rosenkranzes glitten durch ihre jetzt so weißen Finger – sie betete. So konnte er sie nicht stören. Er trat zurück. Er hatte das leise thun wollen, aber ein Steinchen knirschte unter seiner Sohle. »Hast die Rinder da, Marie?« fragte sie. »Jetzt werd ich Dir helfen.« Sie glaubte, die Sennerin habe das Geräusch verursacht, und stand auf. Als sie an die Thür trat, sah sie ihn stehen. Ihre beiden Hände fuhren nach der Brust. Dann breitete sie die Arme aus. »Armin – –!« Es war, als ob sie sich auf ihn werfen wolle. Da aber sanken die Arme wieder herab, und eine glühende Röthe überzog ihr Gesicht. »Graf, Sie!« hauchte sie. »Ja, ich, Leni! Sie erschraken. Bin ich Ihnen unwillkommen?« »Nein, nein. Ich dachte soeben an Sie.« »An mich? Wirklich? Wie glücklich mich das macht.« »Ja, ich dachte, daß Sie nun wohl in Scheibenbad angekommen sein würden.« »Ich fuhr die Nacht und kam heut früh dort an. Da hörte ich, daß Sie mit dem ersten Zuge nach hier seien.« »Wer sagte es Ihnen?« »Frau Salzmann.« »Ja, die allein wußte es.« »Ich bin mit dem nächsten Zuge gefolgt. Es drängte mich, Sie zu begrüßen. Ich hatte sie so lange nicht gesehen.« »Zwei Wochen lang. Welche Ewigkeit!« lächelte sie. »Ja, eine Ewigkeit war es!« nickte er ernst. »Aber Sie haben mich noch gar nicht einmal willkommen geheißen.« »Haben Sie mich begrüßt?« fragte sie. »Ach, nein! Ich zeihe Sie eines Fehlers und habe denselben doch selbst begangen. Gott grüße Sie, Leni!« Er reichte ihr die Hand. Sie schlug kräftig ein und antwortete heiter: »Dank schön, und willkommen auch. Wollen Sie ein Milchen, ein Käs und Brod? Oder soll ich Ihnen lieber einen Schmarren backen?« »Nichts von alledem! Danke!« »Aber das ist so Sennerbrauch!« »Der gilt nichts, denn Sie sind Talmisennerin.« »Schauens, wie Sie das so sagen können! Ich bin im Stand, häng den Gesang an den Nagel und steig wieder auf den Berg. Sie glauben nicht, wie glücklich ich hier gewesen bin.« »Und jetzt sind Sie es nicht mehr?« »Vielleicht nicht, vielleicht doch! Ich kann es ja nicht sagen.« »Nun, wenn Sie es nicht sind, so hoffe ich zu Gott, daß Sie es noch werden.« Sie trat zurück und deutete nach innen. »Wollen Sie eintreten oder bleiben wir lieber im Freien?« »Wie Sie wollen.« »Draußen ist es mir lieber.« »So weilen wir hier. Kommen Sie!« Sie trat hinaus, legte den einen Arm in den seinen, deutete mit dem andern rundum und sagte: »Schauen Sie, das war mein Reich. Das gehörte mir. Jetzt ists mir genommen worden.« »Ein herrliches Reich, aber eng und klein.« »Wir Frauen sind ja im Kleinen so glücklich.« »Und es gehörte Ihnen doch nicht!« »Habe ich jetzt etwa ein Anderes?« »Ja, das herrliche Reich der Kunst.« »Das gehört nicht mir. Da bin ich eine Unterthanin wie jede Andere auch. Setzen wir uns auf diese Bank. Da habe ich so oft mit meinem alten Sepp gesessen, und zuletzt gar mit dem Könige.« Sie setzten sich neben einander. »Was fühlten Sie damals, als der König neben Ihnen saß?« fragte er. »Waren Sie beklommen?« »Nein, gar nicht. Es war mir, als ob ein ganz gewöhnlicher Mann bei mir sei. Und doch war ich voller Ehrfurcht und Respect. Es war zu späterer Tageszeit als jetzt, und zuletzt mußte ich ihm ein Lied singen.« »Das war wohl jener Abend, an welchem der Krickelanton ihn vom Tode rettete?« »Ja. Der Bär war hinter dem Hause. Der Anton lief dann im Mondscheine über jenen Felsengrad hinüber.« Der Graf wendete den Blick nach der bezeichneten Richtung. »Da hinüber!« rief er schaudernd. »Wie ist das möglich. Das traue ich nicht einmal einem Seilkünstler zu.« »O, Sie wissen nicht, was ein tüchtiger Sohn der Berge leistet. Und der Anton war berühmt.« »Er wäre es auch jetzt, wenn – – –« Er unterbrach sich. Sie blickte ihn lächelnd an und fragte: »Warum sprechen Sie nicht weiter? Ich kenne gar wohl den Grund.« »Schwerlich!« »O, gewiß.« »Nun, welcher ist es?« »Sie schweigen aus Zartgefühl. Sie denken, ich fühle mich genirt, wenn von dieser Person die Rede ist. Habe ich Recht?« Er nickte still. »Sie irren sich, lieber Freund.« »Wirklich?« »Ja. Nur wenn ich mir irgend Etwas vorzuwerfen hätte, würde ich mich scheuen, von ihm zu hören.« »Leni! Was sagen Sie! Diese Bemerkung ist ja ganz und gar überflüssig!« »Sehen Sie! Ich habe geglaubt, ihn zu lieben. Aber was ich für Liebe hielt, war romantisches Mitleid. Er war gefürchtet und gehaßt. Das that mir weh. Da haben Sie Alles.« »Und jetzt denken Sie nicht mehr an ihn?« »Warum nicht?« Sie richtete ihre Augen voll und ernst auf ihn. »Er thut mir leid.« »Daran erkenne ich Sie, Leni. Wenn Sie mit ihm Mitleid fühlen, darf ich vielleicht hoffen, daß Sie auch mir verzeihen werden.« »Was hätte ich Ihnen zu verzeihen?« »Daß ich Sie heut hier überfalle.« »Dafür sollte ich Ihnen allerdings zürnen!« »Nicht wahr?« »Ja. Ich wollte ganz allein mit mir und meinen Gedanken sein.« »Und nun entreiße ich Sie Ihren Erinnerungen. Kann ich auf Gnade rechnen?« »Ich bin Ihnen vielmehr dankbar, daß Sie meine Träumerei unterbrochen haben. Ich habe mit der Vergangenheit abgeschlossen und lebe nur für die Gegenwart und Zukunft. Also sollte ich mich nicht mehr mit solchen Reminiscenzen befassen. Zürnen kann ich Ihnen folglich darüber nicht; aber es giebt ein Anderes, was mir Grund giebt, Ihnen recht, recht bös zu sein.« »Welches Verbrechen hätte ich denn da begangen?« »Sie sind – – ein Fälscher.« Er lächelte ihr unbefangen zu. »Ein Fälscher? Ich? Wieso?« fragte er. »Ich denke, meine Anklage soll Sie gradezu niederschmettern, und sehe Sie lächeln. Ich bin ganz fassungslos!« »Ueber meine Gottlosigkeit?« »Ja.« »Ich scheine also ein sehr schlimmer Sünder zu sein. Meinen Sie nicht auch?« »Ja. Von Reue giebt es keine Spur.« »Leni, scherzen Sie, oder haben Sie wirklich Etwas gegen mich?« »Wirklich!« nickte sie ernst. »So sagen Sie mir schnell: Was!?« »Ich sagte es Ihnen bereits. Sie sind ein Fälscher. Können Sie das ohne Zittern hören?« »Ich fühle mich factisch nicht im Stande, den Grund dieser Anklage zu erkennen.« »So muß ich deutlicher sein: Sie fälschen Briefe und Unterschriften. Es ist entsetzlich!« Es wurde schnell dunkel, dennoch sah sie, daß er tief erröthete. »Wollen Sie es leugnen?« fragte sie. »Nein. Es ist leider an den Tag gekommen.« »Und mich haben Sie in ein ganz falsches Licht gebracht durch diese Manipulationen.« »Darf ich mich entschuldigen?« »Ich glaube nicht, daß Sie das vermögen.« »Vielleicht doch, Leni. Es kam mir nämlich ein Gedanke, welchen ich für einen köstlichen hielt. Sie werden voraussichtlich bei der Einweihungsvorstellung große Triumphe feiern und – – –« »Bitte, bitte!« unterbrach sie ihn. »O, ich schmeichle nicht, sondern ich spreche meine Ueberzeugung aus. Man hat Sie so lieb allüberall, wo Sie geweilt haben. Ihre alten, braven Freunde würden gewiß glücklich sein, wenn sie Zeugen dieser Triumphe sein könnten. Ihre ersten und ältesten Freunde haben Sie hier. Sie sind es am meisten Werth, daß man ihrer gedenkt, und da habe ich ihnen von Wien aus die Briefe geschrieben. Ich wollte Sie überraschen. Ich glaubte, Sie würden sich freuen, wenn Sie Ihren alten, ehrwürdigen Pfarrherrn, Ihren früheren Brodherrn und die guten Warschauers sehen würden. Und nun höre ich, daß ich mich getäuscht habe.« Sie konnte sein Gesicht nicht mehr deutlich sehen, weil es immer mehr dunkelte; aber sie hörte es seiner Stimme an, daß er wirklich schmerzlich berührt war. Sie griff hinüber, nahm seine Hand, drückte sie leise und sagte: »Nein, mein lieber Freund, Sie haben sich nicht getäuscht. Sie haben mich erfreut. Ich scherzte nur. Wie kann ich Ihnen zürnen, wenn Sie daran denken, mich zu erfreuen!« »Das beruhigt mich außerordentlich. Sie glauben nicht, wie ich erschrak, als ich hörte, daß Sie hierher seien. Ich ahnte doch, daß Sie von dieser, wenn auch gut gemeinten Fälschung hören und mir zürnen würden. Darum eilte ich Ihnen so schnell nach.« »Ah, deshalb also?« »Ja.« »Lieber Graf, Sie desavouriren sich selbst.« »Wieso?« »Vorhin sagten Sie, die Sehnsucht habe Sie hierher getrieben.« »Das ist ebenso wahr.« »Ich soll das glauben?« »Ich bitte Sie herzlich darum! Ich habe mich wirklich gesehnt; aber trotz meiner Sehnsucht wäre ich in Scheibenbad geblieben, um dort Ihre Rückkehr zu erwarten. Ich mußte mir ja sagen, daß Sie nur darum nach der Heimath gegangen seien, um die Erinnerung zu genießen, und da muß man ja ungestört sein. Aber die Sorge, daß Sie von meinen Briefen hören würden, ließ mich diese Pflicht der Höflichkeit und Rücksicht vergessen und trieb mich Ihnen nach.« »Sie verstehen, sich gut zu vertheidigen.« »Weil ich nur die strenge Wahrheit sage.« »Und den lieben Warschauers haben Sie nicht nur geschrieben, sondern ihnen auch Geld geschickt!« »Das wissen Sie?« »Vom Kapellenbauer.« »Der also, der hat es verrathen!« »Verrathen hat er es nicht. Er glaubte, ich sei die Urheberin des Briefes, den er erhalten hat, und sprach davon. Ich hatte natürlich keine Ahnung und ließ ihn mir zeigen.« »Da erkannten Sie meine Handschrift?« »Ja. Er sagte mir, daß ich auch an Warschauer geschrieben und ihm das Geld geschickt habe.« »Sie sind doch nicht etwa so grausam gewesen, mich zu verrathen?« »Eigentlich hätte ich Sie dadurch bestrafen sollen.« »So grausam sind Sie nicht!« »Meinen Sie? Nun ja, Sie können Recht haben. Ich habe Ihre Ehre gerettet und mich zu Ihren Sendungen bekannt.« »Dank, herzlichen Dank, Leni!« »Nicht so schnell! Ich habe im Stillen natürlich eine Bedingung daran geknüpft, daß ich Ihnen die dreihundert Gulden zurückzahlen darf. Sie haben das Geld ja nur ausgelegt.« »Aber Leni!« »Sie wollen nicht?« »Nein.« »So werde ich es sagen müssen, daß Sie der Spender waren. Oder wünschen Sie, daß ich mich mit fremden Federn schmücken soll?« »Dieses Mal, ja, denn es sind die Meinigen.« »Nun, darüber werden wir ja noch sprechen. Ich erfahre erst durch den Kapellenbauer, daß die armen Leute jetzt gehungert haben! Ich habe ihnen bei meinem Banquier ein für alle Mal einen kleinen Beitrag angewiesen, den er ihnen monatlich zu senden hat. Er muß diese Notiz übersehen haben, und ich bin Ihnen doppelt dankbar, daß Sie die Noth gelindert haben.« »Ich wollte, Sie gäben mir die Erlaubniß, recht viel für Ihre Bekannten zu thun!« »Dann müßte ich Sie zu meinem Banquier machen, und das kann ich einem Grafen von Senftenberg nicht zumuthen.« »Thun Sie es, thun Sie es,« bat er, ihre Hand ergreifend und in der seinigen behaltend. »Führen Sie mich nicht in Versuchung! Ich könnte ihr unterliegen.« »Das wäre mein größtes Glück.« »Uebrigens haben sich unsere Wünsche begegnet, der des Königs, der Ihrige und der meinige.« »Welche Wünsche?« »Daß meine Bekannten sich an meinen sogenannten Triumphen erfreuen sollen. Der König wünscht, daß bei der Festvorstellung alle diejenigen Personen zugegen sind, welche in der letzten Zeit mehr oder weniger seinem beglückenden Einflusse unterlegen haben.« »Zum Beispiel?« »Ich, um mich gleich zuerst zu nennen, der Fex, dann Max Walther, welche Beide überhaupt anwesend sein müßten, weil sie der Dichter und Komponist des Stückes sind, ferner der Elephantenhanns, welcher die prächtigen Decorationen gemalt und auch die herrlichen Wandgemälde geschaffen hat. Rudolph von Sandau ist als Baumeister natürlich eine Hauptperson. Sodann kommen Diejenigen, welche indirect betheiligt sind, wie der Sepp und Andere. Uebrigens ist dem alten Sepp das Allermeiste zu danken. Er ist so zu sagen unsere Vorsehung gewesen. Endlich kommen noch viele Andere, eine bunte Reihe von Personen, die Sie selbst dem Namen nach noch nicht kennen, die aber in irgend welcher Weise mit dem Könige und seinen Schützlingen in Berührung gekommen sind.« »Wie Ihre liebe Frau Salzmann?« »Ja. Auch Herr Commerzienrath Hesekiel Hamberger in Wien.« »Warum der?« »Weil er mich so zu sagen in Wien eingeführt hat. Ich sang ja zuerst bei ihm.« »Ja. Bei ihm lernte ich Sie kennen!« »Was Sie noch sehr bereuen werden.« »Niemals, nie!« »Wollen es abwarten.« »Also alle diese Personen erhalten eine Einladung und von wem?« »Hm! So unter der Hand.« »Wird man auch einen gewissen Bewunderer von Ihnen, welcher Senftenberg heißt, mit einer Einladung bedenken?« »Wie? Sie bewundern mich?« »Zweifeln Sie daran?« »Ich will das später untersuchen. Aber wenn Sie es wünschen, sollen Sie von mir eine Karte erhalten.« »Für welche ich Ihnen im Voraus den herzlichsten Dank sage, beste Freundin.« »Seien Sie zurückhaltender mit Ihrem Dank!« »Warum?« »Sie könnten die Zusendung der Karte wohl nicht als ein dankenswerthes Ereigniß empfinden.« »Dieser Fall tritt nie ein.« »Vielleicht doch! Nämlich die Geladenen haben eine gewisse Bedingung zu erfüllen.« »Eine unangenehme?« »Mir ist sie angenehm.« »Dann mir auch.« »Warten Sie! Nämlich nach der Vorstellung, wenn das Publikum sich entfernt hat, wird die Bühne nebst dem daran stoßenden Parquet in einen Saal umgewandelt, auf welchem tapfer getanzt werden soll.« »Herrlich!« »Hm! Es soll kein Rangunterschied gelten.« »Das ist ja köstlich!« »Meinen Sie? Wenn Sie nun bei der Damentour von der alten Barbara oder meiner dicken Frau Gualéche engagirt werden?« »So tanze ich mit dem größten Vergnügen. Das können Sie mir glauben!« »In diesem Falle ist eine Karte für Sie bereit. Uebrigens haben die betreffenden Personen keine Ahnung davon, was ihrer wartet. Sie dürfen nichts verrathen.« »Ich schweige natürlich. Schauen Sie, wie unten die Lichter erwachen. Die hellen Laternen, das muß beim Gasthofe sein.« »Ja, da sitzt der Kapellenbauer mit anderen und wartet, daß ich singen soll. Er hat mich darum gebeten.« »Haben Sie es zugesagt?« »Nein. Ich habe mir vorhin Genüge gethan, und nun soll man nicht denken, daß ich auch am Abende noch vom Berge herabsinge.« Da kam ihm ein Gedanke. Würde sie auch ihm die Bitte abschlagen? Das war eine Probe ihrer Herzensgesinnung. »Leni,« sagte er, »Sie haben hier oben auf den Wunsch des Königs gesungen. Wenn ich nun auch so eine Bitte ausspräche?« Sie antwortete erst nach einer Weile: »Liegt Ihnen Etwas daran?« »Ja. Ich möchte Ihre unvergleichliche Stimme einmal durch eine stille Alpennacht dringen hören.« »Da Sie es sind, sollen Sie sie hören.« »Wirklich? Wirklich?« fragte er erfreut. »Ja. Was soll ich singen?« »Was Sie wollen. Aber ernst muß es sein, fromm und heilig, grad so, wie es mir jetzt zu Muthe ist.« »Dann will ich Ihnen die neueste Composition unseres Fex vorsingen. Sie ist herrlich.« Sie stand auf und entfernte sich ein Stück von der Hütte, nach dem Felsenrande zu, damit ihre Stimme besser zu Thale schallen möge. Er ging ihr nach. Sie standen eng neben einander, als sie begann: »Schon fängt es an zu dämmern; Der Mond als Hirt erwacht Und singt den Wolkenlämmern Ein Lied zur guten Nacht. Und wie er singt so leise, Da dringt vom Sternenkreise Der Schall ins Ohr mir sacht: Schlaf in Ruh, schlaf in Ruh! Vorüber ist all Der Tag und sein Schall. Schlaf in Ruh, schlaf in Ruh, Die Liebe Gottes deckt Euch zu!« Es war unbeschreiblich, wie diese reine, posaunenartige und doch so milde Stimme durch die Nacht erschallte. Es klang, als ob sich der Himmel geöffnet habe und ein Engel des Herrn in Sphärentönen sein Nachtgebet zur Erde steigen lasse. Unten im Dorf lauschten Alle. Der Graf war tief, tief ergriffen. Er wollte es wirklich nicht, aber eine innere, unwiderstehliche Macht zog seinen Arm empor und zu ihr hinüber. Er legte ihn um ihren Leib, und sie sträubte sich nicht dagegen. Drüben an den Felsenwänden hatte das Echo die letzten, herrlichen Töne ergriffen und sandte sie wieder zurück. Es klang wie eine Antwort der müden Erde auf die Stimme des Himmels. »Leni!« flüsterte der Graf. »So hörte ich noch nichts, so wunderbar!« »Soll ich auch den nächsten Vers noch singen?« fragte sie. »Es giebt nur zwei.« »Ja, bitte, singen Sie ihn! Ich wollte, dieses Lied hätte tausend Verse! Ich hörte eine ganze Ewigkeit lang zu.« Er zog sie inniger an sich. Sie legte ihr Köpfchen an seine Schulter und fuhr fort: »Und wie nun alle Kerzen Erloschen durch die Nacht, Da schweigen alle Schmerzen, Die uns der Tag gebracht. Lind säußeln die Cypressen; Ein seliges Vergessen Durchschwellt der Lüfte Pracht. Schlaf in Ruh, schlaf in Ruh! Vorüber ist all Der Tag und sein Schall, Schlaf in Ruh, schlaf in Ruh, Die Liebe Gottes deckt Euch zu!« Wieder antwortete das Echo. Der Graf lauschte. Er hielt die Sängerin umschlungen. Sie hatte geendet, aber sie nahm ihren Kopf nicht von seiner Achsel fort. »Leni, meine herrliche, herrliche Leni!« flüsterte er. »Ich fühle, daß ich einen großen, großen Raub begehen will; aber ich kann, ich kann nicht anders; ich habe Dich zu lieb, o zu lieb. Ich flehe Dich aus vollster Seele an: Lebe nicht der Kunst allein, sondern gieb auch mir einen Theil Deines Herzens!« Sie schwieg, doch nach einer Weile fragte sie mit leise bebender Stimme: »Nur einen Theil?« »Ja, nur einen Theil. Das ganze Herz, welches doch an der Kunst hängt, kann ich nicht von Dir fordern.« »Weißt Du nicht, daß die größte und heiligste Kunst des Weibes ist, die Ihrigen glücklich zu machen!« »Leni, ists möglich, ists möglich! Du wolltest dem Gesange ganz entsagen?« »Nein. Der Herrgott hat ihn mir gegeben, und ich darf mich an seiner Gabe nicht versündigen. Aber wenn ich einem Manne angehöre, so will ich vor allen Dingen sein Eigenthum sein. Dann entsage ich dem Theater und singe nur noch in der Kirche und im Concerte.« Es durchrieselte ihn fast wie kalt bei der Heiligkeit dieser Worte und der Größe des Opfers, zu welchem sie sich bereit zeigte. »Darf dieser Mann das auch annehmen?« fragte er. »Ja, er darf.« »Mein Gott, welch ein Glück erwartet ihn! Und nun sage mir, wer dieser Mann ist!« »Weißt Du es nicht?« »Ich – – ahne es. O, diese Ahnung enthält schon eine ganze, ganze Seligkeit!« »Du bist es, Arnim, Du, Du allein!« Sie schlang beide Arme um ihn und drückte den Kopf weinend an seine Brust. »Mein Leben, meine Seele, meine Wonne!« rief er aus. »So ein Glück hab ich stets für unmöglich gehalten.« »Und doch habe ich Dich geliebt vom ersten Augenblicke an, an welchem ich Dich sah.« »Und ließest doch nichts merken!« »War ich denn nicht gut zu Dir?« »Gut, ja, aber zurückhaltend.« »Ich fürchtete mich.« »Vor mir?« »Nein. Wie könntest Du mir ein solches Gefühl einflößen. Nein! Es war Dein Stand, vor dem ich mich fürchtete.« »Daß ich Graf bin?« »Ja.« »Ist denn das so fürchterlich?« »Für mich, ja. O, wie würde ich mich freuen, wenn Du arm und gering wärst, wenn ich Das, was mir der Gesang einbringt. Dir geben und sagen dürfte: Hier, nimm, das gebe ich Dir. Ich lebe für Dich und ich – – singe auch für Dich!« »Ja, so bist Du, so bist Du! Was habe ich Großes gethan, daß mir Gott ein solches Weib bescheert? Ich werde ohne Ende bemüht sein müssen, Deiner würdig zu sein.« »Nicht so, Arnim, sprich nicht so! Das thut mir wehe. Aber um Eins bitte ich Dich!« »Um was? Sei es noch so viel und noch so schwer, ich erfülle diese Deine Bitte.« »Es ist so wenig und doch so viel. Es ist so leicht und doch so schwer!« »Bitte, bitte, sage mirs!« Da drückte sie sich innig, innig an ihn und bat in flehendem Tone: »Nimm mirs im Leben niemals übel, daß ich nur so ein armes, geringes Dirndl war! Ich würde vor Schmerz eingehen, wenn ich das sehen müßte.« »Leni, was sagst Du da! Ich schwöre – – –« »Nein,« unterbrach sie ihn. »Keinen Schwur; das mag ich nicht erhören. Ich glaube an Dich. Ich liebe Dich, nicht weil Du reich bist und ein Graf, sondern weil Du so brav bist, so herzensbrav.« »So mag mein Eid im Stillen gesprochen sein. Der Herrgott wird ihn hören, und er weiß es, daß ich ihn halten werde.« Er legte seine Lippen auf ihren Mund, und sie erwiderte seinen Kuß ohne Sträuben. »Da hab ich das Glück doch da gefunden, wo ich glaubte, es verloren zu haben, hier an der Hütte, wo damals der Anton von mir ging. Ich werde das jetzige fest halten, damit es mir nicht wieder enteile.« »Dürfen wir schon davon sprechen, Leni?« fragte er. »Nein, weil ich den Anton bestrafen will.« »Ich will nicht darüber mit Dir rechten. Doch meine ich, daß er Deiner Beachtung gar nicht würdig sei.« »Da geht er vollends zu Grunde; ich aber möchte ihn für seine armen Eltern retten.« »So thue es! Ich weiß ja, was Du thust, das ist gut. Du wirst niemals Etwas thun, was später zu bereuen wäre.« »Mit Absicht gewißlich nicht. Laß mir dieses Mal noch den Willen; später werde ich Dir gar gehorsam sein.« »Gehorsam? Leni, nein! Wir haben Beide gleiche Rechte, und unser größtes Recht soll die Liebe sein. Aber darf ich es nicht wenigstens dem Kapellenbauer sagen?« »Warum diesem?« »Er weiß bereits davon.« Er erzählte ihr, was er unterwegs mit dem Bauer gesprochen hatte. »Da ist Dir das Herz davon gelaufen,« sagte sie munter. »Ein Graf vertraut einem Bauer seine Seele an! Aber grad, daß Du so bist, das macht mich eben glücklich. Dennoch bitte ich Dich, sage ihm noch nichts. Er kann es vielleicht nicht verschweigen, und dann erfahren es Antons Eltern, die es ihrem Sohne als größte Neuigkeit wieder sagen.« »Ganz wie Du willst. Ich füge mich gern.« »Und nun wollen wir abi steigen. Da unten warten sie auf uns.« Und die Hand an den Mund haltend, sang sie mit schallender Stimme hinab: »Jetzt klettr' i, jetzt steig i In's Dörfli hinein, Denn hier oben zu haxen, Hier oben zu kraxen. Das fallt mir nit ein. Juivilla, juvalla!« Das klang jetzt ganz anders als vorhin, so fesch, so keck, so übermüthig, als sei sie plötzlich eine ganz Andere geworden. Und unten ertönte sofort die antwortende Stimme des Kapellenbauers: »Steigt über, steigt unter, Doch stolpert ja nicht! Da oben im Dunkeln, Da soll man nit munkeln; Kommt runter zum Licht. Juvilla, juvalla!« »Schau das zielt auf das, was Du ihm anvertraut hast. Er spricht schon davon, ja er singt schon davon!« lachte Leni. »Ihm ist halt nicht zu trauen. Ich werde ihm gleich eine Lehre geben.« Sie sang hinab: »Du plaudrige Taschen. Die schweigen nit will, Denk, daß nur die Spatzen Die ganze Woch schwatzen. Und sei nun sein still. Juvilla, juvalla!« Es war als ob man das kräftige Lachen des Bauers von unten herauftönen höre. Dann stiegen die Beiden bergab, trotz der Dunkelheit mit sicheren Schritten, denn Leni kannte den Weg ganz genau und machte, innig an den Geliebten geschmiegt und den Arm um ihn haltend, die sorgsame Führerin. Die Mittwoch war angebrochen, und in Scheibenbad hatten sich die Leute sehr früh vom Lager erhoben. Der Tag war ja ein außerordentlich festlicher. Die Einweihung eines neuen Theaters ist ja grad besonders für einen Badeort ein Ereigniß, zumal man auch anderwärts die Wiederkehr desselben kaum nach hundert Jahren erwarten kann. Die Straßen waren festlich geschmückt. An den Häusern hingen Kränze und Guirlanden; über die Gasten zogen sich lange Kranz- und Blumenseile, und der Platz vor dem Theater bot einen herrlichen Anblick. An der Fronte des in herrlicher Frührenaissance erbauten Kunsttempels ragten Masten empor, an denen die Flaggen des Landes im Winde flatterten. Die Facade verbarg sich fast ganz unter duftendem Schmuck, und grüne Waldbäume mußten den Platz in einen kleinen Park verwandeln. In den Gassen tummelte sich schon vor der Ankunft des Zuges ein reges Leben. Die Herren des Festcommitées standen auf dem Bahnhofe, um – – den König zu empfangen. Einer befand sich in ihrer Nähe, den sie Alle kannten, und über den sie im Stillen lachten, obgleich an seinem Aeußeren nichts zu finden war, was Anlaß zu diesem Lachen geboten hätte. Er trug, von unten angefangen, glänzende, lacklederne Stiefeletten, schwarze enganliegende Tuchhosen, einen glänzenden Frack, nach neuester Mode gearbeitet weiße Weste, weiße Handschuhe, weiße Cravatte und einen Chapeau claque auf dem Kopfe. Das war Alles elegant; aber der Träger dieses Anzuges war – – der Wurzelsepp. Er bewegte sich in diesem Kostüm mit wirklicher Grazie, als ob er sein Lebtage in nichts anderem gesteckt hätte. Der feinste Salonmensch hätte ihm nicht das geringste Regelwidrige nachweise; können; aber er war eben der Wurzelsepp, und da erlustirte man sich über ihn. Endlich kam der Zug. Den feineren Coupées entstiegen fremde Berichterstatter, Dichter, Componisten und Theateragenten, auch Theaterdirectoren, welche vielleicht hofften, hier eine Aquisition zu machen. Sie wurden von den Mitgliedern des Festausschusses begrüßt. Der Sepp war zu den Wagen dritter Classe gegangen. Er sah einen grauen Köpf erscheinen. Schnell öffnete er das betreffende Coupée. »Ach, guten Morgen, Herr Pfarrer!« rief er. »Guten Morgen, Kapellenbauer! Grüß Gott, Ihr Warschauersleutln! Steigt aus!« Sie kamen heraus, und er reichte Jedem die Hand. Der Pfarrer ging eben wie ein Landgeistlicher. Der Bauer hatte sich auf's Feinste ausstaffirt. Seine grellrothe Weste leuchtete über den ganzen Perron. Die Warschauerleute trugen ihre neuen Anzüge. Doch war ihnen auch heut die Armuth und das Gedrücktsein anzusehen. Der Sepp winkte einen Burschen herbei. »Da ist dera Kutscher, der Euch nach der Thalmühlen fahren wird,« sagte er. »Lauft mit ihm, wir sehen uns später wieder.« Der Bursche führte die Vier fort. In einem Coupée hörte man eine scheltende Frauenstimme: »Gott, ich ersticke! Ich verbrenne vor Hitze! Ich kann nicht durch. Helft mir!« Das war Madame Qualèche, die frühere Gesanglehrerin der Leni. Diese war auch bei der Hand. Sie hatte sich seitwärts gehalten und ging so einfach gekleidet wie ein Dienstmädchen. Sie eilte herbei und brachte mit Hilfe des Sepp und dreier Schaffner die Dicke aus dem Coupée, von wo sie dieselbe sogleich auch nach einem Wagen geleitete. Aber in derselben Wagenabtheilung hatte sich noch eine Dame befunden, welche jetzt ausstieg. Sie trug ein enganliegendes, graues Reisekleid, einen sehr breitrandigen Amazonenhut mit Riesenfeder. An einem über die Achsel hängenden Riemen hing eine Mappe, und in der Hand hatte sie einen Regenschirm, dessen Knauf aus einem Tintenfasse bestand. Diese Dame war Franza von Stauffen, die Dichterin, welche nach einem Sujet suchte. Als sie den Sepp erblickte, trat sie auf ihn zu. »Mein Herr,« sagte sie. »Was ist denn eigentlich hier los? Wohl eine Festlichkeit?« »Gewiß, gnädiges Fräulein,« antwortete er, sich verbeugend. »Was wohl für eine?« »Das wissen Sie nicht, nun, so kommen Sie heut wohl ganz zufällig nach Scheibenbad?« »Ja.« »Desto mehr werden Sie sich freuen, hier vielleicht Stoff für zehn oder zwanzig Romane zu finden.« »Woher wissen Sie, daß ich solche Stoffe suche?« fragte sie erstaunt. »Sie sind ja Schriftstellerin.« »Sehen sie mir das an?« »Ich würde es Ihnen ansehen, aber ich kenne Sie ja, Fräulein von Stauffen, wie auch Sie mich kennen.« »Ich Sie? Kann mich nicht besinnen! Wollen Sie meinem Gedächtnisse nicht ein Wenig zu Hilfe kommen?« »Sie kennen ganz gewiß meinen Namen. Man pflegt mich den Wurzelsepp zu nennen.« Sie trat einen Schritt zurück und betrachtete ihn erstaunt. »Wie? Sie wären der Wurzelsepp?« »Gewiß!« »Ja, ja, jetzt sehe ich es. Jetzt erkenne ich Sie. Aber in dieser Salonkleidung!« »Ich bin avancirt.« »Gratulire, aber was ist hier los?« »Theaterweihe.« »Ach! Mit Kunstgenuß?« »Sehr!« »Prächtig! Was wird gegeben?« »Die Oper Götterliebe.« »Wie? Herrlicher Titel! Ich möchte Sie küssen, Herr Sepp!« »Bitte, später! Nicht gleich hier auf dem Perron!« »Wer ist der Componist?« »Der Fex.« »Ists möglich? Jener famose Geiger von damals? Sie wissen ja wohl noch?« »Derselbe.« »Das ist ja ein Roman! Das ist ein Sujet. Das notire ich mir. Ist er Director?« »Nein. Er hat das nicht nöthig.« »Warum?« »Weil er Baron ist und Besitzer einer sehr bedeutenden Herrschaft.« »Dieser zerlumpte Bursche?« »Ja.« »Das soll man glauben?« »O bitte! Er war ein geraubtes Kind!« »Herrgott! Wieder ein Stoff! Den notire ich mir. Herr Sepp, Sie sind ein Prachtmensch. Ich möchte Sie wirklich küssen!« »Das eilt nicht allzusehr, mein Fräulein!« »Wer ist denn der Dichter des Textes?« »Ein früherer Schulmeister.« »Früher? Was ist er jetzt?« »Eben Dichter. Er kam vor kurzer Zeit aus Egypten zurück.« »Ein Schulmeister in Egypten?« »Der König hatte ihn hinübergeschickt. Eigentlich ist er ein Sohn des Barons von Alberg.« »Eigentlich? Warum nicht wirklich?« »Weil er nicht will.« »Himmel! Ein Schulmeister, welcher kein Sohn sein will! Welch ein Stoff! Das giebt zehn Novellen. Ich werde Sie trotzdem küssen!« »Mit Muse, Fräulein. Jetzt würde es zu sehr eilen.« »Kommen auch Herrschaften?« »Versteht sich, sogar der König.« »Ach! Da muß ich mir ein Billet nehmen!« »Dann dürfen Sie nicht zögern. Es ist schon fast Alles vergriffen.« »Da werde ich freilich springen müssen. Aber welche Kräfte sind denn engagirt?« »Natürlich nur die hervorragendsten!« »Wer singt die Hauptrollen?« »Den Gott singt der Krikelanton.« »Krik – – –? Derjenige, welcher damals in meine Schlafstube gestiegen war?« »Ja.« »Und dem ich dann hier allerlei Krimskrams abkaufte? Er war Tabuletkrämer?« »Derselbe.« »Der, der ist jetzt Sänger?« »Erster Größe. Er nennt sich Criquolini.« »Von dem habe ich gehört und gelesen. Das ist also jener entflohene Wilddieb? Herr Sepp, Sie sind ein ausgezeichneter Mensch.« »O bitte!« »Wäre ich eine Königin, so müßten Sie mein Strumpfband als Orden tragen!« »Aber unter dem Beinkleide?« »Nein, auf der Brust, auf der Brust! Sie geben mir ja eine ganze Bahnlowry voller Stoff! Gehen Sie her! Ich küsse sie factisch.« Sie streckte wirklich die Arme nach ihm aus. »Vorsicht!« warnte er. »Es ist Polizei hier!« »Was kann die dagegen haben?« »Sehr viel! Es ist hier an verschiedenen Ecken angeschlagen gewesen, daß das öffentliche Küssen verboten sei.« »So lassen wir es. Wer hat die weibliche Hauptrolle?« »Signora Mureni.« »Ach! Das ist die Berühmteste von Allen.« »Und doch ist sie eine arme Waise.« »Ach!« »Ja. Sie heirathet jetzt einen Grafen.« »Himmel! Was war ihr Vater?« »Tagelöhner.« »Wo hat sie sich mit dem Grafen verlobt?« »Auf der Alm, ganz nahe da, wo Sie wohnten, als der Krikelanton barfuß zu Ihnen kam.« »Herr Sepp, Herr Sepp! Sie bringen mich um!« »Wieso? Ist ja gar nicht meine Absicht!« »Vor Freude über die Sujets, welche Sie mir so massenhaft bieten.« »Wenn ich Ihnen wirklich diene, so ists mir eine große Ehre, gnädiges Fräulein!« »Ja, Sie dienen mir. Sie sind mein Stern, mein – mein – mein – kommen Sie vom Perron hinweg! Gehen wir in ein sogenanntes Zimmer, wo es Niemand sieht! Ich muß Sie unbedingt küssen, unbedingt!« »Das geht nicht.« »Warum?« »Aus Rücksichten für Sie!« »Ach in dieser Beziehung verbitte ich mir alle Rücksicht.« »Und dennoch muß ich verzichten. Es leidet Niemand gern an Zahnschmerzen.« »Was haben die Zahnschmerzen damit zu thun?« »Sehr viel. Ich habe heut welche. Zahnschmerzen bekommt man von Zahnpilzen und Zahnthierchen. Wenn Sie mich küssen, können Sie leicht so ein Thierchen von mir bekommen oder gar einen Pilz, einen Zahnfliegenschwamm. Dann haben auch Sie Schmerzen und können heut die Festvorstellung nicht mit Andacht genießen.« »Da haben Sie Recht. Ihre Aufmerksamkeit ist sehr dankenswerth. Behalten Sie Ihre Thiere und Pilze! Aber sagen Sie –« »Bitte, bitte!« unterbrach er sie. »Sie müssen sich ein Billet besorgen. Eilen Sie!« »Schön! Könnten Sie es mir nicht besorgen?« »Geht leider nicht.« »So sagen Sie mir wenigstens, wo man hier Logis bekommen kann!« »In keinem Gasthofe. Sie müssen bei Privatleuten nachfragen.« »Ist nicht Etwas leer in der Villa, welche zur Mühle gehört? Sie wissen, wir wohnten damals dort.« »Dort war bereits seit voriger Woche Alles bestellt. Leben Sie wohl!« Er eilte fort, sonst hätte er noch stundenlang bei ihr stehen können. Als Leni ihre frühere Lehrerin nach der Mühle geschafft und für sie gesorgt hatte, kehrte sie nach der Stadt zurück. Unterwegs begegnete ihr – der Krikelanton. Er befand sich bereits seit zwei Wochen hier, um den Proben beizuwohnen. Er erkannte die frühere Geliebte sofort und blieb mitten im Wege stehen. Sie wollte still um ihn herum. Da sagte er: »Sie schämen sich wohl vor mir, Fräulein Berghuber?« »Warum sollte ich mich schämen?« fragte sie, nun ebenfalls stehen bleibend. »Nun, ich dächte, Sie hätten Grund dazu.« »Ich kenne keinen.« »Eine verunglückte Sängerin!« »Kann ich dafür?« »Sie hatten sich überschätzt.« »So waren Andere schuld.« »Nun scheint es fast, als ob Sie nicht einmal als Dienstmädchen eine feste Stellung halten könnten. Aus Wien sind Sie ja fort, wie ich sehe.« Sie blickte traurig zur Erde. »Ja, so mußte es kommen,« fuhr er fort. »Ich habe es vorausgesehen. Bei wem dienen Sie hier?« »Ich habe noch kein festes Engagement.« »Also bummeln Sie? Das ist die vorletzte Stufe. Die letzte kennen Sie. Wissen Sie noch, daß ich Sie damals warnte, nicht so decolletirt zu gehen? Ich konnte es nicht ertragen. Sie haben meine Weissagung wahr gemacht. Sie sind gesunken und können niemals wieder emporkommen, während ich ein berühmter Künstler geworden bin. Pfui Teufel.« Er spuckte vor ihr aus und ging dann weiter. Er war alle Tage nach der Mühle spaziert, um da zur Unterstützung seiner Stimme seine Morgenmilch zu trinken. Das hatte er auch heute vor. Als er dort ankam, wunderte er sich über das rege Leben, welches dort herrschte. Eben wollte er eintreten, als ein Anderer herauskam, bei dessen Anblicke er zurückfuhr. »Graf Senftenberg!« rief er aus.« »Ach! Signor Criquolini!« »Was thun Sie hier?« »Sommerfrische mit meiner Braut.« »Sind Sie denn verlobt?« »Ja, doch erst seit einigen Tagen.« »Mit wem? Aristokratin?« »Ja, Aristokratin der Kunst.« »Da warne ich Sie. Sein Sie vorsichtig!« »Pah! Eine Tänzerin Valeska ist sie nicht. Die Meine maust nicht wie die Ihrige. Adieu!« Der Graf trat wieder in das Haus zurück. Darum ging Anton nicht hinein, sondern er kehrte um und ging mißmuthig nach der Stadt zurück. Später mußte er zur Generalprobe, bei welcher alle Theilhaber versammelt waren. Eigenthümlicher Weise hatten die Sänger die Trägerin der Hauptrolle noch gar nicht gesehen. Sie war noch nicht da. Heut aber sollte sie kommen und während der Hauptprobe ihre Rolle singen. Diese Rolle war bisher von einer unbeschäftigten Sängerin stellvertretend übernommen worden, wofür dieselbe ein Honorar erhielt. Alle, Alle waren begierig die berühmte Signora zu sehen, von der man wußte, daß ihr Ruf noch viel zu wenig sage. Aber sie kam nicht. Der Fex dirigirte natürlich selbst. Wie wunderte man sich als er das Zeichen zum Anfange gab. Die Mureni war nicht da und die Stellvertreterin auch nicht. Die Musik begann, und alles klappte. Als die Mureni einzusetzen hatte, erscholl ihre Stimme aus der Höhe des zweiten Ranges herab. Sie war also da, ließ sich aber nicht sehen. Das frappirte Alle. Welchen Grund hatte sie? Stolz? Wohl nicht. Die Probe fiel glänzend aus. Als sie zu Ende war, eilten Alle zu dem Ausgange, um die Sängerin zu sehen. Sie war bereits fort – natürlich hinaus nach der Mühle, welche so voller Gäste steckte, daß kein Mensch mehr Platz zu finden vermochte. Und wer waren diese Gäste? Alle diejenigen Personen, von denen Leni zu dem Grafen gesprochen hatte. Auch Rudolf von Sandau, der Baumeister, wohnte mit seiner Mutter da. Er hatte mit dem Theater Ruhm geerntet, und seine Zukunft war nun mehr als gesichert. Diejenige, welche er liebte, Milda von Alberg, war bereits gestern Abend gekommen, aber nicht in der Mühle abgestiegen. Der Sepp hatte ihr ein Privatlogis besorgt, in welchem sie sehr einsam gewesen wäre, wenn nicht Max Walther, ihr Stiefbruder, den Morgen bei ihr verbracht hätte. Sie saß am Fenster und blickte auf die Straße hinaus. Sie war bleicher geworden. Sie liebte und wußte sich wieder geliebt; aber Rudolf hatte sich einmal vorgenommen, nicht eher das entscheidende Wort zu sprechen, als bis er eine sichere Existenz vor sich habe. Dazu kam noch Eins. Ihr Vermögen drückte sie. Sie wußte, daß es nicht das ihrige sei, daß es den Nachkommen jenes Herrn von Sandau gehörte, den ihr Vater so unglücklich gemacht hatte. Und diese waren trotz allen Fleißes nicht aufzufinden. Auch jetzt dachte sie wieder daran. Ihr Bruder saß lesend am Tische, beobachtete sie aber dabei. Sie seufzte tief auf. »Milda,« sagte er. »Wollen wir nicht einen Ausgang machen?« »Wozu?« »Ich denke, Du langweilst Dich.« »Gewiß nicht. Ich amüsire mich am regen Leben der Straße.« »Und denkst dabei an alte Geschichten!« »Leider! Ich denke stets daran.« »Schlage Dir es aus dem Sinne.« »Das ist nicht möglich. Ich quäle und quäle mich ab, um einen Weg entdecken zu können, auf welchem wir jene Familie finden können.« »Dieses Sorgen und Quälen führt zu gar nichts. Ueberlaß es doch dem lieben Gott! So eine Sache wird oft von dem sogenannten Zufalle am Besten besorgt. Denke lieber an heut Abend, an den Lorbeerkranz!« »Wie ist denn eigentlich der König auf den Gedanken gekommen, daß ich, grad ich Rudolf den Kranz geben soll?« »Weil er weiß, daß Ihr Euch liebt.« »Wie?« fragte sie erröthend. »Das weiß er?« »Ja.« »Von wem?« »Vom Sepp.« »Dieser alte Schwatzmichel!« »O, der thut nichts ohne Ueberlegung. Hast Du ihn heut schon einmal gesehen?« »Nein.« »Ich sah ihn vom Theater kommen. Er hat das Galageschirr angelegt und sieht aus wie ein Obersthofmeister.« Da klopfte es an. »Herein!« Wer trat ein? Derjenige, von welchem soeben gesprochen worden war, der Sepp. »Grüß Gott!« meinte er in seiner gewohnten Weise. Ganz ungewohnt aber war es von ihm, daß er eine Verbeugung machte, wobei er den Spannfederhut unter den Arm schob. »Du, Sepp?« sagte Max. »Bringst Du etwas?« »Ja, und zwar bringe ich mich selbst.« »Das ist nicht viel Gescheidtes. Hast Du weiter nichts, nichts Besseres?« »Nein. Ich hab nur sehen wollt, ob auch Alles in Ordnung ist.« »Es fehlt an nichts.« »Den Prologen hast richtig auswendig lernt?« »Ja.« »Daßt nicht etwan aus dem Concept fällst!« »Ich habe ihn selbst gedichtet. Da ist ein Umfallen gar nicht möglich. Mach Dir um mich keine Sorge. Hilf lieber meiner Schwester.« »Was fehlt ihr denn?« »Die Familie von Sandau.« »Wo soll ich die hernehmen?« »Schaff sie nur!« scherzte Max. »Du bist ja Derjenige, der Alles fertig bringt.« Der Sepp setzte seinen Hut auf den Tisch, sich auf den Stuhl und sagte: »Ja, so ists. Dera Sepp soll alle Wunden heilen, die Andere schlagen. Aberst diese hier? Hm! Hat sich denn noch keine Spur funden?« »Nicht die Ahnung einer Spur,« antwortete Milda. »Nun, wollen mal sehen. Ich gab freilich die Hoffnungen noch lange nicht aufi. Wo habt Ihr denn eigentlich sucht?« »Ueberall in Amerika.« »Und wo noch?« »Nirgends natürlich.« »Da hat man es! Wann man seinen Nachbar sucht, darf man doch nicht hinauf in den Mond steigen.« »Wie meinst Du das?« »Kann die Familie denn nicht auch in Deutschland wohnen?« »Schwerlich. Sie sind damals hinüber. Das wissen wir ganz sicher.« »Aber ebenso gut können sie wiederum herüber sein.« »Denkst Du?« »Ja,« nickte er, »das denk ich. Und dera Sepp wird wohl Recht haben.« Er forschte in dem bleichen Gesichte der Baronesse. Sie sah ihn auch scharf an. Es hatte in seiner Stimme eine so eigenartige Betonung gelegen. »Sepp,« sagte sie. »Du weißt etwas, denn Dein Ton war so eigenthümlich.« »Das hat so seinen Grund.« »Hast Du Dich geärgert?« »Und wie sehr!« »Worüber denn?« »Ueber den heutigen Tag.« »Geh! Mit Dir ist heut nicht zu reden.« »Eben darum, weil ich mich über den heutigen Tag ärgere. Er wird mich um Alles bringen, was mich bisher erfreut hat.« »Wie meinst Du das denn?« »Ja schaut, das ist so: Heut kommen hier alle Bekannten zusammen. Wann man die anschaut, so sind sie Alle fertig. Es giebt weder für sie noch an ihnen mehr etwas zu thun. Und doch ists stets meine größte Freud gewest, wann ich mich hab mit denen Leutln beschäftigen konnt. Jetzt haben sich die Paare zusammenfunden und werden sich heut zeigen. Wie oft bin ich zum Vertrauten macht worden! Wie viele Geheimnissen hab ich bewahren mußt! Das ist nun aus. Ein einzigs Geheimniß hab ich noch; aber auch das muß heraus. Ich kann dera Fräulein Milda ihr Gesicht nicht mehr anschauen.« »Betrifft dieses Geheimniß uns?« fragte sie rasch. »Ja, es ist eben wegen jener Familie von Sandau.« »Kennst Du sie etwa?« »Ja.« »Herrgott! Sage, wo befindet sie sich!« »Das soll ich nicht sagen.« »Aber Du weißt es?« »Ja.« »Von wem?« »Von der Familie selberst.« »Seit wenn?« »Seit längerer Zeit.« »Was? Und uns hast Du nichts gesagt!« »Weil es mir verboten war.« »Ist es Dir auch jetzt noch verboten?« »Ja freilich.« »Sepp, Sepp, kümmere Dich doch nicht um dieses dumme Verbot!« »Wort soll man halten!« »Aber in solchen Sachen nicht. Du siehst es ja, wie ich mich absorge und abquäle.« Sie ergriff seine Hand. Er nahm ihre kleinen Händchen zwischen seine großen, streichelte sie zärtlich und antwortete: »Meinst, daß ich wegen Dir mein Wort mal brechen soll?« »Ja.« »Schau, so sind die Frauenzimmern! Sie verführen Einen zu den größten Fehlern.« »Aber, wenn Du weißt, wo sich die gesuchte Familie befindet, so sage es doch!« »Eigentlich könntest Du es ebenso gut wissen.« »Warum?« »Weil Dir die Flieg auf dera Nasen sitzt. Es ist fast merkwürdig, wie man oft den Wald vor lauter Bäumen nicht derblickt! Als ich es erfuhr, hätt ich mir gleich selberst eine Ohrfeig geben könnt. Nämlich die Familie von Sandauen ist nicht mehr in Amerika. Sie ist längst wieder nach Deutschland zurück.« »Aber wo ist sie jetzt?« »Nach Bayern.« »Herrgott! Sie befinden sich also hier in unserm engern Vaterlande?« »Sogar im allerengsten.« »Wo denn? Vielleicht gar nahe von hier?« »Hier selbst.« Milda war vor Erregung aufgesprungen, ebenso wie Max von seinem Sitze aufstand. »Etwa als Badegäste?« fragte sie. »Nein. Aberst da verrath ich bereits zu viel. Ich soll ja nicht davon reden.« »Du mußt. Du mußt, lieber Sepp,« rief sie, seine Hände bittend ergreifend. »Dann kanns mir schlimm ergehen.« »O, ich nehme halt Alles auf mich. Alles.« »Du kannst doch nicht die Vorwürf und Grobheiten auf Dich nehmen, die ich dann anhören muß.« »Alle, alle!« »Ich bekomme sie dennoch.« »Sepp, ich bitte Dich inständig, sage mir, was Du weißt, und wo die Leute sich befinden!« Der Alte that, als ob er sich die Sache überlege, und sagte dann in gutmüthigem Tone: »Nun, ich kanns freilich nicht anhören, daßt mich so bittest. Also sollst derfahren. Aberst Du mußt mir vorher ein Versprechen geben.« »Welches?« »Daßt jetzt noch nix sagst.« »Werde ich das vermögen?« »Ja. Ich will sogar meine Bedingung noch besser machen. Du sagst gegen keinen Menschen was bis nach dera Theatervorstellung heut.« »Dann kann ich reden?« »Reden und auch handeln.« »Gut, das ist nicht schwer. Ich verspreche es.« »Und dera Max auch?« »Ja, auch ich werde bis dahin schweigen,« erklärte der junge Dichter. »So verlaß ich mich auf Euer Wort. Die Familie ist, wie ich bereits sagt hab, von Amerika wieder rüber kommen. Dera Vater ist drüben im Dienst als Polizist erschossen worden. Erst habens ihren Namen ganz ablegen wollen; aberst er ist ein ehrlicher gewest und das Makel, welches auf demselben haftete, war ein unverdientes. Darum habens ihn doch beibehalten.« »Mein Gott!« klagte Milda. »An dem Allen ist mein Vater schuld! Ich habe viel zu sühnen!« »Auf Dich fällt gar kein Vorwurf.« »Aber ich bin die Tochter meines Vaters!« »Dafür kannst ja nicht. Nun haben die Leutln hier sucht, die verlorene Ehre wieder herzustellen, doch vergeblich. Sie haben ja keine Beweisen habt. Sie waren arm und haben sich kümmerlich behelfen mußt. Jetzt aberst geht es besser.« »Also sie nennen sich noch von Sandau?« »Das von habens weggelassen. Der Namen ist jetzund ein bürgerlicher. Aberst er wird bald wieder zu Ehren kommen. Dera König will ihn rehabilitiren lassen. Er weiß Alles.« »Herrgott! Er weiß es wirklich?« »Ja, Alles.« »Und er kennt auch die Unschuldigen?« »Sehr genau.« »Warum hat er da nicht schon längst eingegriffen?« »Der Sohn hat es nicht wollt.« »Warum nicht?« »Deinetwegen.« Sie sah ihm einige Secunden lang starr in die Augen. Dann schlug sie die Hände vor das Gesicht, drehte sich um und sank schluchzend in den Stuhl. Max trat zu ihr, legte ihr die Hand beruhigend auf die Achsel und bat: »Milda, weine nicht! Wenn es so steht, so ist ja Alles, Alles gut.« »Er – er – er ists!« schluchzte sie. »Ja. Aber er ist unser Freund.« »Rudolf, Rudolf ist dieser Sohn! O Gott, o Gott! Er hat Alles gewußt und sich doch nicht genannt.« »Das ist ein Beweis von seltenstem Edelmuth. Wir haben mit ihm darüber gesprochen. Er weiß, daß wir ihn suchen. Verkennen also kann er Dich nicht.« »Er hat meinetwegen auf seine Rechte, auf sein Vermögen und auf die Ehre seines Namens verzichtet! Er hat hart gearbeitet, um sich eine Existenz zu erringen. Und doch hat er gewußt, daß mein ganzes Vermögen ihm gehört!« »Milda, beruhige Dich! Ich begrüße es mit tausend Freuden, daß es so gekommen ist. Er wird es so einzurichten wissen, daß der Name Deines Vaters nicht geschändet wird.« »Ja, ja, das sehe ich ein!« rief sie, wieder aufspringend. »Es ist ein unendliches Glück, daß er es ist und kein Fremder. Ich muß sofort zu ihm, sofort. Ich möchte ihm auf den Knieen danken für das Opfer, welches er uns brachte. Ist denn seine Mutter damit einverstanden gewesen, Sepp?« »Sofort. Sie hat Dich ja so lieb.« »Welch herrliche, herrliche Leute! Sie steckten in tiefster Armuth und haben doch nichts gesagt, um nur mich nicht zu kränken!« »Ja, da kannst halt sehen, wie Werth Du ihnen bist,« meinte der Alte gerührt. »Darum muß ich gleich zu ihnen, gleich!« Sie griff nach ihrem Hute. »Halt! Vergiß Dein Versprechen nicht!« »Das kann ich nun nicht halten.« »Was? Ein Versprechen nicht halten, welches man dem Sepp geben hat?« »Es ist ja nun nicht möglich!« »Das wäre eine schöne Geschichten! Ihr wartet bis heut Abend. Verstanden!« »Wer soll das aushalten!« »Du! Mach mir keine Dummheiten, sonst kannsts derfahren, daß dera Sepp Euch gar nimmer wieder anschaut im ganzen Leben. Wartet also bis zum Abend, und dann macht meinswegen, was Ihr wollt!« Er ging, um keine Einsprüche mehr anhören zu müssen. Er hatte so viel noch zu besorgen. So wenig man es merkte, es ruhte doch die größte Last des heutigen Tages auf seiner Schulter. Er war der Arrangeur der zu erwartenden abendlichen Festlichkeiten. Die Mitglieder des Festausschusses standen bei jedem ankommenden Zuge auf dem Bahnhofe, um den König zu empfangen – vergeblich. Er kam nicht. Sie wußten nicht, daß er heimlich gekommen war. Er bewohnte einige Zimmer der Thalmühlen-Villa, ließ sich aber vorläufig nicht sehen. So nahte der Abend, und die Thüren des Theaters wurden geöffnet. Das Publikum strömte förmlich hinein. Jedermann war wie geblendet. Das war ein echter Tempel der Kunst! Man begann zu ahnen, daß der junge Baumeister ein Meisterwerk geschaffen habe. Und die herrlichen Freskogemälde am Plafond rissen zur Bewunderung hin. Der Maler war kaum zwanzig Jahre alt! Man wollte es nicht glauben. Auch der Vorhang war sein Werk. Er war vollendet zu nennen. Die Plätze füllten sich bis oben an. Nur die vorderen Parketplätze waren leer geblieben. Für wen? Niemand wußte es. Erst kurz vor Beginn der Ouverture erschienen diejenigen Personen, für welche sie reservirt waren, und diese zogen die Augen des Publikums auf sich. Zuerst erschien der alte Sepp, jetzt nicht im Frack, sondern in seiner alten Gebirgskleidung. Viele der Badegäste erkannten ihn sofort als den Alten, der damals im alten Theater mit der Leni gejodelt hatte. Sein Erscheinen erregte Aufsehen. Es ließ vermuthen, daß irgend eine Ueberraschung zu erwarten sei. Dann kam der Kapellenbauer mit seinem Pfarrer und den Eltern des Krikelanton. Solche Leute in einer solchen Festvorstellung! Das war verwunderlich! Nach diesen Drei stellte sich der Finkenheiner mit seiner Frau ein. Seine Tochter Liesbeth folgte mit ihrem Manne, dem Müllerhelm. Hinter ihnen schlich die alte Barbara aus der Mühle einher, prächtig aufgeputzt mit einer gelben, roth geblümten Saloppe und einer blauen Haube. Jetzt erschienen zwei ausgesprochene Schönheiten, nämlich Paula Kellermann und die einstige Silbermartha, ganz einfach gekleidet, aber dennoch aller Blicke auf sich ziehend. Von der anderen Seite stieg ein Ehepaar herein, der Feuerbalzer mit seiner Frau. Ihm folgte seine alte Mutter mit der Wirthin aus Hohenwald, welche dem jungen Lehrer damals so freundlich begegnet war. Gleich darauf kam ein hoher, steifer Mann in böhmischer Tracht. Es war der Kerybauer aus Slowitz mit seiner braven Frau. Ihnen folgte ihre Tochter Gisela mit ihrem Manne, dem einstigen Knechte Ludwig Held. Dessen Mutter und seine Schwester Hanna mit ihrem jetzigen Manne, dem Höhlenbauers Stochen, schlossen sich ihnen an. Nachdem eine kleine Weile vergangen war, kam Fritz Hiller, der jetzige Kronenbauer aus Kapellendorf mit seiner allerliebsten jungen Frau Martha, der Nichte des Försters Wildach. Ein sehr stattliches Paar trat dann ein: Der Commerzienrath von Hamberger aus Wien, welcher die Frau Salzmann führte. Zuletzt erschien die dicke Dame Qualéche, welche sich kaum in den Sitz zu drängen vermochte. Zuletzt? Nein. Es kamen noch Drei, die drei Allerletzten, nämlich das gute Kleeblatt Clarinettenmenzel, Posaunenwenzel und Violenfrenzel. In Anbetracht ihrer Gestalten und Gesichtsbildungen, so wie des Umstandes, daß sie genau dieselben Anzüge trugen wie daheim, war es gar nicht zu verwundern, daß bei ihrem Erscheinen das Geräusch des unterdrückten Lachens durch den Festraum ging. Die anderen noch fehlenden Personen waren entweder bei der Vorstellung betheiligt oder befanden sich in den Prosceniums- und Fremdenlogen. Zu diesen Letzteren gehörten Milda von Alberg mit der Frau Bürgermeister Holberg, Max Walthers Mutter, ferner Rudolf von Sandau's Mutter und Anita, die Italienerin, welcher für heut auch eine kleine Aufgabe geworden war. Jetzt war Alles vollzählig. Sämmtliche Mitglieder des Orchesters saßen auf ihren Plätzen. Der Musikdirector hatte die erste Violine übernehmen müssen. Er war nicht wenig stolz darauf, den jungen Mann entdeckt zu haben, unter dessen Direction er heute zu geigen hatte. Da ging ein Flüstern durch den Raum. Der Fex war erschienen und an das Dirigentenpult getreten. »Das ist er – der damalige Geiger – der so lumpenhaft erschien – jetzt ein Baron – reicher Mann – steinreich!« so flüsterte man sich zu. Er hob den Taktstock. Die Glocke gab das Zeichen, und die Ouverture begann. Es ist unnöthig ein künstlerisches Referat des Stückes und der Vorstellung zu geben. Der Stoff war der nordischen Götterlehre entnommen, Freya, die schöne, herrliche Göttin der Liebe, wird von Od, ihrem Gemahle, schändlich verlassen. Sie fühlt sich namenlos unglücklich darüber und irrt an den Enden des Himmels umher, trauernd und klagend, bis ihr Heimdall, der Herrliche, erscheint und mit seiner Liebe ihr ein größeres Glück bringt, als sie vorher besessen hatte. Sobald das Theater dem Publikum geöffnet wurde, waren alle Sänger und Sängerinnen versammelt, um sich in die Garderoben zu vertheilen. Nur die berühmte Ubertinka fehlte noch. Warum kam sie nicht. Sie hatte doch die Hauptrolle und mußte sich darauf vorbereiten! Sie war aber bereits da. Durch eine kleine Hinterpforte war sie schon längst hereingeschlichen und hatte sich in ihre Garderobe eingeschlossen. Der Regisseur beruhigte die Collegen durch die Erklärung, daß die Künstlerin keinen Augenblick lang auf sich warten lassen werde. Draußen begann die Ouverture und wurde glanzvoll zu Ende gespielt. Ein rauschender Beifall folgte. Der Fex war gezwungen, sich wiederholt zu verbeugen. Und da gingen die Gardinen der Königsloge auseinander. Der Herrscher hatte, hinter denselben verborgen, dem herrlichen Musikstücke zugehört. Er wurde durch allseitiges Aufstehen von den Plätzen begrüßt. Nun begann die Introduction, und der Vorhang stieg empor. Odyn, der Allesbeherrscher, saß auf seinem Throne. Vor ihm waren die Götter versammelt. Heimdall, der Lichte, forderte die Hand der Schönsten von ihm, die Hand Freya's. Odyn verweigerte sie ihm und erklärte, daß sie für Od bestimmt sei. Od, dessen Rolle der Krickelanton sang, entgegnete, daß er Freya noch nie gesehen habe und erhielt zur Antwort, daß er sofort in Liebe zu ihr entbrennen werde, wenn sie erscheine. Heimdall pries die Unvergleichliche und sagte Od, daß er vor ihrer himmlischen Schönheit förmlich erschrecken werde. In einem Recitativ gab Od zu verstehen, daß keine Schönheit ihn erschrecken könne und noch während er dies behauptete, fuhr er doch aufs Höchste erschrocken zurück, nicht etwa, weil das in seiner Rolle lag, sondern aus wirklichem Schreck. Freya erschien nämlich, und er erkannte natürlich die Leni. Ihr Auftreten rief, noch ehe sie die Lippen geöffnet hatte, eine rund um sich greifende Bewegung im Publikum hervor. Und mit vollem Rechte. Eine solche Erscheinung war wohl noch nie auf den Brettern gesehen worden. Schön, lieblich und erhaben stolz zugleich, schritt sie, ohne Od eines Blickes zu würdigen, bis zur Mitte der Bühne vor und begann zu singen. Sie trug das lang herabwallende, schneeweiße nordische Göttergewand, welches auf der einen Seite im Schlitz aufgerafft war, so daß man das herrliche, rechte Bein bis zum Knie herauf sah. Es war mit Sandalen bekleidet, von welcher aus sich goldene Spangen um die Wade emporschlangen. Auf den Schultern gerafft, gab es die schneeigen, vollen Arme blos, an welchen demantene Ketten und Ringe erglänzten. Um den prächtigen Busen legte sich ›Brisingamen‹, der göttliche Brustschmuck der nordischen Mythologie, blitzend von echten Brillanten, Rubinen, Sapphiren, Smaragden, Topasen und anderem Edelgestein. Auf dem Haupte saß der funkelnde Helm, unter welchem die dunkle Fluth des Haares, dieses echten Haares, hervorquoll und fast bis auf den Boden reichte. Wie sie so dastand, war sie wirklich eine göttergleiche Erscheinung, deren Augen ebenso wie die Demanten durch den Raum blitzten, stolz, selbstbewußt und doch so freundlich mild. Ein Sturm des Beifalles rauschte durch den Zuschauerraum. Selbst der König erhob sich für einen Augenblick, von ihrer packenden Schönheit überrascht. Aus der Fremdenloge blickte Graf Senftenberg herab. Seine Gefühle waren unbeschreiblich. Dieses entzückende Wesen war sein, sein, sein! In diesem Worte lag eine ganze Welt von Seligkeit. Und der Krickelanton? Der stand da, mit dem Oberkörper zurückgebeugt und sie wie eine überirdische Erscheinung anstarrend. Wenn er jetzt zu singen gehabt hätte, er hätte nicht einen einzigen Ton hervorgebracht. War denn das wirklich die Muhrenleni, vor der er heut noch ausgespuckt hatte? Konnte diese so schön, so unsagbar schön sein? Aber fast noch mehr erschrak er über die Gewalt und den unbeschreiblichen Wohllaut ihrer Stimme, als sie jetzt die Arie begann: »In tiefer, stiller Menschenbrust       Da lebt der Liebe süßes Walten. Der Göttin ist sie unbewußt;       Ihr muß das heiße Herz erkalten.« Als sie geendet hatte, war der Beifall gradezu phänomenal. Indessen hatte Anton seine Selbstbeherrschung wieder erlangt und konnte das Terzett mit ihr und Odyn beginnen. Er wurde von dem Gotte mit ihr vermählt, und dann fiel der Vorhang. Die Sängerin mußte fünfmal heraus. Das Publikum schien in seinem Beifalle gar kein Ende finden zu können. Dann aber spielte sich hinter der Scene eine zwar kurze aber hitzige Scene ab. Leni wollte sich nach ihrer Garderobe begeben. Da trat ihr Anton in den Weg. »Leni, Leni!« rief er. »Du bist es – Du!« »Mit wem sprechen Sie?« fragte sie, ihn strafend anblitzend. »Mit Dir natürlich, mit Dir!« »Ich kenne Sie nicht!« »Du kennst mich. Du kennst mich. Du willst mich nur nicht kennen! Wer hätte gedacht, daß die Muhrenleni – – –« »Es sich gefallen lassen muß, daß ein einstiger Wilddieb vor ihr ausspuckt!« fiel sie ihm in die Rede. »Verzeihe es! Ich ahnte doch nicht – – –« »Mögen Sie geahnt oder nichts geahnt haben, Ihr Verhalten war ein gemeines, ein niederträchtiges!« »Nicht so, Leni, nicht so! Ich fühle, daß ich Dir Unrecht that. Aber ich fühle auch, daß ich Dich trotz Allem heut noch liebe, heiß und unsagbar liebe. Diese Liebe ist, als ich Dich vorhin sah, von Neuem erwacht und riesengroß wie ein Flammenbrand in mir emporgewachsen. Sie muß mich verzehren, wenn Du unversöhnlich bleibst.« »Liebe? Was nennen Sie Liebe? Die Ihrige ist kein reines, keusches, läuterndes Feuer, sondern ein rußender, qualmender und erstickender Pechqualm, vor welchem man sich hüten muß. Wir haben unsere Rollen zu singen und zu spielen, sonst aber kennen wir uns nicht!« »Leni, ich erkläre Dir, daß – – –« Er wollte vor ihr niedersinken. »Halt, keine Scene!« unterbrach sie ihn. »Sie können nie bei mir Erhörung finden, nie, nie nie! Merken Sie sich das, und denken Sie an den Carnevalsabend in Wien, an welchem Sie mit Ihrer Valeska in der verschlossenen Loge saßen und über mich spotteten! Sie Beide waren einander werth. Die Tänzerin sitzt im Zuchthause, die Tänzerin, die den Einbrecher liebte und Sie nur zum Narren hielt, und Ihre Zukunft, welche wird es sein, wenn Sie sich nicht ändern? Mir graut vor Ihnen und vor ihr!« Sie wandte sich ab und verschwand in ihrer Garderobe. Er starrte nach der Thür derselben, ballte die Fäuste, drückte sich dieselben an die Stirn und murmelte zähneknirrschend: »Anton, Anton, Du hast einen Himmel von Dir gestoßen! Aber noch ist nicht Alles verloren. Sie hat mich geliebt, und so eine Liebe stirbt nicht; das fühle ich jetzt deutlich in mir. Sie muß mich wieder lieben!« Und unten in den zwei verborgensten Eckplätzen des Parkets saßen seine Eltern. Sie waren noch nie in ihrem Leben in einem Theater gewesen und fühlten sich vor Bewunderung starr und steif. »Mutter,« flüsterte er ihr zu, »hast Du so was für möglich halten?« »Nein, nie!« »Ich bin ganz weg. Mir steht das Maul auf. Ich muß mir Mühen geben, daß ichs wiederum zubringen thu.« »Und mir ists, als sei ich im Himmelreich.« »Und doch warens lauter Götzen.« »Nicht Götzen, sondern Göttern. Dera Herr Pfarrern hat es uns doch unterwegs derklärt.« »Ja so! Ob das Alles so geschehen ist!« »Ja, wer das wissen thät.« »Dera geistliche Herr sagt, das wären die Gottheiten von Schweden und Norwegen und Deutschland gewest. O Sappermenten, muß das ein Himmel gewest sein.« »Der gefallt Dir wohl?« »Hast denn nicht die Göttin sehen und auch singen hört? Wie schön war die, wie schön!« Er faltete die Hände. »Die thätst wohl gleich heirathen?« »Auf dera Stell, gleich vom Teller weg!« »O Du alter, sakrischer Bub! Jetzund ist Dir wohl Deine Frauen nicht mehr schön und gut genug!« »Ach, red nicht so! Das ist doch was ganz Anderes. An so eine Göttin dürft Unsereins nicht denken, selbst wann man noch mal jung und ledig wär!« »Hast sie denn richtig anschaut?« »Ja.« »Und sie auch erkannt?« »Sie hat ein Gesicht habt fast wie die Leni.« »Die wars ja auch!« »Was? Die Leni? Du, ist die denn wirklich gar so schön und fein?« »Was fragst noch! Hasts ja sehen!« »Wer hätt das denken könnt! Die Muhrenleni! Und welch eine Stimm!« »Ja, so schön ist meine nicht!« »Sei stark, Frau! Wirst doch nicht etwa gar eifersüchtig sein wollen!« »Gar nicht! Du wärst der Richtige, der einer Andern den Kopf verdrehen thät!« »Jetzund nicht mehr, aberst früher!« »Schweig! Denk lieber an ein ruhig End als an solche Dingen! Hast auch den Gott sehen, der da links stand und so verschrocken that, als sie kam? Er ist ihr Mann worden?« »Den hab ich wohl sehen.« »Nun, wer wars?« »Fast hat er Aehnlichkeit mit unserm Anton habt.« »Er wars ja selberst!« »Wie? Was? Der Anton wärs gewest?« »Jawohl.« »Das kann ich mir nicht denken!« »Er ist ja Sänger und spielt im Theater!« »So meinst wirklich, daß ers war?« »Ganz gewiß!« »Du, dann können wir mal stolz sein! Dera Anton ein Gott! Und was hat er für ein Gewandl habt!« »Ja, er ist alleweil ein sauberer Bub.« »Nun haben wir ihn sehen und wissen genau, daß er da ist. So werden wir wohl auch mit ihm reden dürfen.« »Gar wohl. Wir wollens dem Grafen sagen, der ihn heut noch nicht funden hat.« »Ist der auch hier?« »Ja, da oben schaut er aus dera Kapellen heraus. Guck, er nickt uns zu!« »Ja, er ist ein gar freundlicher Herr!« – Schon begann die Introduction zum zweiten Acte. Derselbe spielte in Od's Felsenburg. Der Gang der Handlung war einfach. Od hatte seiner Gemahlin Freya die Treue gebrochen und eine Geliebte in seine Burg genommen. Diese umstrickte ihn so, daß er Freya verstieß. Anton spielte seine Rolle meisterhaft. Liebe und Wuth, Entzücken und Reue tobten in ihm. Hatte er nicht auch Leni verstoßen? Hatte sie ihn nicht angefleht damals grad wie jetzt? Und ganz ebenso gab Leni ihre Rolle geradezu hinreißend. Sie gedachte der Zeit, in welcher Anton von ihr gegangen war, in welcher der Schmerz um ihn in ihr genagt hatte. Der Rolle gemäß mußte sie vor dem Ungetreuen niederknieen, um ihn um Entfernung der Nebenbuhlerin zu bitten. Seine Antwort war, daß er sie verstieß und vor die Götterburg bringen ließ. Bereits am Thore derselben stehend, wandte sie sich noch einmal um, erhob verzweifelnd ihre Hände und sang: »Stirb, meine Seele, brich, mein Herz!       Tor, Tor war der Gott des Donners und Blitzes. wirf den Blitz mir an die Stirn! In meinen Adern rast der Schmerz,       Und Wahnsinn tobt mir durch das Hirn!« Dann wurde sie hinausgeschleift. Das war so überwältigend gegeben, daß die Zuschauer sich von tiefem Grauen gepackt fühlten. »Du,« flüsterte der alte Warschauer seiner Frau zu. »Mit dem Anton bin ich gar nimmer zufrieden.« »Warum?« »Weil er sich an das andre Weibsbild hangen hat und die Leni verstößt. Eine Schönere und Bravere kann er doch gar nimmer bekommen!« »Ja, ich weiß auch nicht, was er denkt.« »Wir müssen ihm den Kopf zurecht setzen, wann wir mit ihm reden!« »Das müssen wir freilich, und zwar richtig und gehörig. Er muß den Verstand verloren haben!« »Das möcht man fast denken!« »Er hat schon damals so schlimm an ihr handelt, und nun thut ers wieder, wo sie doch tausendmal schöner ist als früher!« »Und sogar seine Frau!« »Ist sie das?« »Ja. Hasts denn nicht sehen und hört, daß dera alte oberste Gott mit dem langen Bart, dens Odyn nennen, sie mit nander zusammenthan hat?« »Das war eine Trauung?« »Freilich!« »Was! So find sie nun richtig Mann und Frau worden?« »Natürlich.« »So könnens doch gar nie wieder von einander gehen, wanns so ist!« »Nein. Geschieden werdens nicht, dazu werdens wohl keine Dispensionen bekommen. Und wenn er sie dennoch fortjagt, so wird ihn das Gericht zwingen, daß er ihr das Kostgeld bezahlt.« »So begreif ich gar nicht, daß der talkete Bub sich das gar nicht überlegt!« »Weißt, er ist noch zu jung und zu hitzig. Wann wir ein verständiges Wort mit ihm reden, wird er sie wieder zu sich nehmen. Das arme Schankerl kann mir leid thun, die Leni! So jung, so schön, so gut und brav und doch schon verstoßen!« »Und dazu so rasch! Vor einer halben Stund ist sie seine Frau worden, und schon steckt er sie zur Thür hinaus!« »Gräm Dich noch nicht! Wir werden schon derfahren, wohin sie ist. Nachhero suchen wir sie aufi und bringens ihm zurück. Und wann er nicht will, so geben wir ihr die zweihundert Gulden, die wir noch übrig haben.« »Ja, da hast Recht. Sie hat sie uns doch erst schickt, und damit reicht sie schon eine Zeit lang aus.« In dieser Weise betrachteten diese guten, einfachen Leute die Sache. Sie nahmen das Leben auf den Brettern für die reine Wirklichkeit. Im dritten Acte sieht man Freya zwischen einsamen, wirren Felsenbrocken sitzen. In der Ferne wogt das Meer. Sie klagt über ihr Unglück, und trostlos klingt es von ihren Lippen: »Meine Hoffnung ist gestorben Längst schon vor dem Abendroth, Jede Blüthe mir verdorben, Und mein Sein sinkt in den Tod.« Da röthet sich über den Meeresfluthen der Himmel, ein Strahlenkranz beginnt zu leuchten, und aus demselben schwebt Heimdall, der lichte Gott hernieder. Er sieht die Trauernde und wendet sich zu ihr. Als sie zu ihm aufschaut, erkennt er Freya, die er liebte und noch liebt und die ihm von Odyn versagt wurde. Sie erzählt ihm, daß sie verstoßen worden sei, unschuldig verstoßen, um einer Unwürdigen willen. Da ergrimmt sein Herz, und er schwört, sie zu rächen. Der Zwiegesang der Beiden war überreich an packenden Momenten. Der Componist hatte bewiesen, daß er eines solchen Dichters würdig sei. Kein Auge blieb ohne Thränen. Da kamen auf segelblähendem Schiffe die Götter herbei. Sie stiegen an das Land und gewahrten diese Beiden. Od, der Ungetreue, war dabei. Odyn erkannte Freya und fragte, was sie hier am äußersten Ende suche. Heimdall antwortete an ihrer Stelle und erklärte, daß er geschworen habe, sie zu rächen. Er forderte Od zum Kampfe auf, und Odyn gab seine Erlaubniß dazu. Die Götter und Göttinnen gruppirten sich im Halbkreise. Die beiden Feinde traten hervor. Heimdall erklärte, daß Freya der Preis sei, um den er kämpfe, und nun begann das Ringen der beiden göttlichen Recken. Heimdall blieb Sieger. Od sank in die Kniee und wäre von seinem Gegner getödtet worden. Da aber schleuderte der Donnergott Tor seinen Hammer zwischen sie. Blitze zuckten rundum, und Odyn erklärte, daß ein Gott nicht sterben dürfe. Freya hatte dem Kampfe zugeschaut, der ihre tiefste Seele erregte. Ihr Busen wogte, ihr Athem ging stockend; ihr Fuß zuckte vorwärts oder rückwärts, je nach dem Stande des Kampfes. Ihr Blick war nur gerichtet auf Heimdall, den Herrlichen. Plötzlich, plötzlich, blitzesschnell stieg es in ihr auf, daß sie nicht geliebt habe aber jetzt liebe, den Gott, der für sie und um sie kämpfte. Sie wurde ihm zugesprochen und fiel in seine Arme. Voller Entzücken brach sie in Wonnetöne aus und endete mit den Worten: »Nun wird es wieder licht um mich       Nach langer, grabesdunkler Nacht; Die Liebe strahlt um mich und Dich,       Und tausend Sonnen sind erwacht!« Aber bei den letzten Worten: »Die Liebe strahlt um mich und Dich«, blickte sie nicht, wie es ihre Rolle mit sich gebracht hätte, Heimdall an, in dessen Armen sie lag, sondern ihr Auge suchte den Geliebten, den Grafen Senftenberg. Er sah es. Er sah ihren Blick voll unendlicher Innigkeit auf sich leuchten und preßte sich die Hände auf die Brust. Er hätte am Liebsten zu ihr hinab auf die Bühne springen und sie an sein Herz reißen mögen vor allen Leuten. Das Stück war aus und der Vorhang fiel. Der Beifall war fast beispiellos. Die Künstler mußten wieder und immer wieder erscheinen, und die Leni wurde mit Blumen und Kränzen fast überschüttet. Sie konnte in ihnen förmlich waden. Da rief eine Stimme: »Der Componist heraus!« Eine andere fügte hinzu: »Der Dichter heraus!« Sofort fielen alle Stimmen ein. Nur eine augenblicklich kurze Pause trat in diesen Ausrufen ein, da hörte man eine dritte Stimme: »Der Baumeister hervor, und der Maler heraus!« Jubelnd wurde das von Hunderten wiederholt. Mann schwieg nicht eher, als bis der Aufforderung Folge geleistet wurde. Sie erschienen alle Vier zu gleicher Zeit: Der Fex, der einstige Lehrer Max Walther, Rudolf von Sandau und der Elephantenhanns. »Bravo! Hoch, hoch, hoch!« erschallte es durch das ganze Haus. Sie verbeugten sich und wollten abtreten. Da wurde gerufen: »Da bleiben! Kränze her! Lorbeeren für die Künstler.« »Lorbeeren, Kränze, Kränze!« stimmten Alle ein. Da traten vier weißgekleidete, schöne Frauengestalten aus den Coulissen, die Geliebten der vier Künstler, welche Letztere die Kränze in Empfang nahmen, der Fex von seiner Paula, Max Walther von der Silbermartha, Baumeister Rudolf v. Sandau von Milda v. Alberg und der glückstrahlende Elephantenhanns von der schönen Italienerin Anita. Von diesem Arrangement hatten die Empfänger nichts gewußt. Das gab einen Jubel auf der Bühne und im Publikum, der gar kein Ende nehmen wollte, bis der Maschinist sich weigerte, den Vorhang wieder zu heben. Alle Welt war gesättigt und entzückt von diesem einzigen Kunstgenuß, und nur langsam leerte sich das Theater. Die oben erwähnten Inhaber des Parketes hatten Weisung erhalten, nicht fort zu gehen, sondern sitzen zu bleiben. Sie folgten diesem Gebote ohne Grund desselben zu ahnen. Als der Raum vollständig leer war, trat der Director vor die Gardine und meldete: »Seine Königliche Majestät haben allergnädigst geruht zu befehlen, daß für die noch anwesenden Herrschaften ein kleiner, intimer Festball arrangirt werde. Es ist dabei Wunsch Seiner Königlichen Majestät, daß die herkömmlichen Standesschranken fallen und ein herzliches, freundliches Einvernehmen zwischen allen Damen und Herren erzielt werde. Ballkarten sind von der Logenschließerin in Empfang zu nehmen. Für die anzurichtende Festtafel ist keine Bestimmung über die Reihenfolge der Plätze getroffen. Herr Joseph Brendel, genannt der Wurzelsepp, wird präsitiren. Die anderen Herrschaften können sich nach Wunsch plaziren. Toaste sind natürlich erbeten und gern gestattet. Weinkarten liegen auf, damit ein Jeder beliebige Wahl treffen könne und ist überhaupt gewünscht, daß Jedermann sich nach eigenem Gusto bewegen und vergnügen möge!« Diese Bekanntmachung, von welcher nur Wenige vorher gewußt hatten, wurde sowohl im Parket als auch hinter dem Vorhange mit Jubel aufgenommen. Das hatte dem heutigen Abende gefehlt. Man kannte sich ja, man liebte sich, und diejenigen, welche sich noch nicht gesehen hatten, konnten sich einander nähern. Die drei zur berühmten »Wenzelei« gehörigen Musiker steckten die Köpfe zusammen. »Hört,« fragte der Clarinettenmenzel, »habt Ihr's auch verstanden?« »Es war ja deutlich genug,« antwortete der Posaunenwenzel. »Ein Fressen solls geben mit Tanz und Wein,« nickte der Violenfrenzel. »Ob wir auch mit gemeint sind?« »Man sollts doch denken!« »Ich denks ganz sicher. Es hat ja geheißen, alle Anwesenden, und wir sind ja anwesend.« »Das ist freilich wahr, aberst es fragt sich, was wir dabei zu thun bekommen.« »Natürlich essen und trinken.« »Oder auch nicht. Vielleichten hat man uns nur kommen lassen, damit wir die Musiken zum Ball blasen sollen.« »Da haben wir doch unsere Instrumenten nicht mit, und die hätten wir doch mitbringen müssen!« »Das ist nicht nöthig, das ganze Orchester liegt ja voller Instrumenten.« »Hm! Wenn mans nur genau wüßt!« »Am Besten ists, wir fragen, damit wir keinen Fehlern machen.« »Ja, und da kommt grad der Richtige, an den wir uns wenden können!« Der Sepp trat nämlich vom Corridor herein. Der Clarinettenmenzel näherte sich ihm von der Seite und sagte: »Mit Verlaub, Herr Sepp! Sie haben bei der Tafel den Vorsitz?« »Ja.« »Da wissen Sie auch, wer mit speisen darf.« »Ei freilich!« »Sind auch wir dabei, die Wenzelei?« »Versteht sich!« »Wir haben gedacht, daß wir zum Balle spielen sollen.« »O nein,« lachte der Alte. »Dazu haben wir andere Kräfte, die Theaterkapelle.« »Na, wir könnens auch,« erklärte Menzel, halb und halb beleidigt. »Das wissen wir. Aber Sie sind Gäste. Wenn Sie uns bei der Tafel eine Probe Ihrer Kunst zum Besten geben wollen, so wird es uns freuen.« »Das werden wir thun; ja ja, das thun wir, und Sie sollen staunen.« Jetzt mußten die Gäste des Parketes zurück um Platz für die Verlängerung des Podiums zu machen. Dabei nahm der Sepp die alten Warschauers an sich und führte sie in ein entlegenes Stübchen, wo er sie bat, zu warten, bis er sie holen werde. »Warum sollen wir nicht bei denen Uebrigen bleiben?« fragte der Alte. »Weil Ihr den Anton sehen sollt.« »Hier?« »Nein. Ich bring Euch nachhero hin.« »Das gefreut uns sehr! Aber sag doch mal: Er hat kämpft. Ist er verwundet?« »Nein.« »Aber die Leni hat man ihm nommen?« »Freilich.« »Die hat nun dera andere Gott?« »Jetzt nicht mehr.« »Aberst sie ist ihm doch zusprochen worden!« »O, das ist ja Alles nur zum Schein. Das wird nur spielt, und wanns aus ist, geht ein Jeder seinen vorigen Weg.« Er ließ die Alten kopfschüttelnd zurück. Der Anton hatte während des Spieles seine Eltern nicht gesehen; er ahnte gar nicht, daß sie hier seien. Nach Erlaß der Bekanntmachung ließ er sich von einem der Logenschließer die Tanzkarte geben. Er ging eben die Tanzfolge durch, als die Leni kam, um sich auch eine Karte geben zu lassen. Als sie ihn erblickte, wollte sie umkehren. Schnell aber stand er bei ihr. »Leni,« sagte er. »Du mußt mir einen Tanz geben!« »Wie? Ich muß?« »Ja. Wenn Du es nicht thust, störe ich das ganze Vergnügen. Dann ist mir Alles egal.« »Sie wollen mich also zwingen!« »Ja. Aus Rücksicht auf das Allgemeine müssen Sie meinen Wunsch erfüllen!« Sie blitzte ihn mit zornigen Augen an und sagte, verächtlich die Achsel zuckend: »Wenn Sie meinen, daß ich mich zwingen lasse, irren Sie sich sehr.« »So tragen Sie die Schuld, wenn den Anderen das Vergnügen verdorben wird.« »Nein, Sie tragen sie. Uebrigens können Sie versichert sein, daß Sie gar keine Störung bereiten werden. Der König ist noch da, und wenn Sie so frech sein sollten, gemein zu handeln, was ich Ihnen allerdings ganz gern zutraue, so wird der Director Sie einfach hinauswerfen lassen: Ich werde Sorge tragen, daß man sich sofort darauf vorbereitet. Polizisten sind ja stets zu haben.« Sie wollte fort. Er aber ergriff sie am Aermel des Gewandes. »Leni, hassest Du mich denn wirklich?« »Nein, aber ich verachte und bemitleide Sie. Das ist bekanntlich schlimmer als Haß.« »Leni, gieb mir einen Tanz!« »Nein!« »Thu es um meiner Eltern willen, auf die Du so viel hältst!« »Und die Sie verhungern lassen!« »Ich habe ihnen oft geschickt!« »Das ist Lüge. Aber gut! Um Ihrer Eltern Willen will ich einen Tanz notiren, aber nur einen.« »Welchen? Den ersten, die Polonaise?« »Nein. Die gehört meinem Sepp.« »Dann den zweiten, den Walzer!« »Schön!« Sie ließ sich eine Karte geben und schrieb neben den Tanz den Namen. »Hier, sehen Sie!« sagte sie, ihm die Karte zur Ansicht zeigend. Er laß: Walzer – Warschauer. »Schön!« sagte er. »Ich werde mich einfinden.« Sie hörte das bereits nicht mehr; sie eilte möglichst schnell fort. »Welch ein Mädchen!« murmelte er. »Sie hat es drin gehabt, ohne daß ich es ahnte. Na, einen Tanz hab ich. Das ist ein Anfang. Und bei Tisch werde ich neben ihr sitzen. Ich werde es so einzurichten wissen.« Er zog sich mürrisch in eine Ecke zurück. Während die Bühne und das Parkete für den Tanz eingerichtet wurden, hatten sich die meisten Anwesenden nach dem Foyer begeben, wo Gratiserfrischungen bereit standen, da suchten und fanden sich die Paare. Rudolf von Sandau hatte sich vorgenommen, heut bei Milda das entscheidende Wort zu sprechen. Er hatte schon vorher Geld verdient; der Theaterbau hatte ihm eine bedeutende Summe eingebracht, und sein Name war jetzt so bekannt, daß er eine sorgenlose Zukunft erwarten konnte. Er sah Milda in einem Fauteuil sitzen. Max Walther, ihr Stiefbruder, stand bei ihr. Er ging auf sie zu. Als Max dies bemerkte, entfernte er sich, indem er that, als ob er den Freund nicht kommen sehe. »Endlich finde ich Muse, der Spenderin meines Lorbeerkranzes den wohlverdienten Dank zu sagen. Das war eine höchst angenehme Ueberraschung.« Er gab ihr die Hand, die sie nur leicht berührte. »Ich war dazu befohlen,« bemerkte sie. Das klang, so fremd, so kalt. Er sah sie genauer an, und nun fiel ihm die bleiche Farbe ihres Gesichtes und die müde Ungewißheit ihres Blickes auf. »Milda, sind Sie unwohl?« fragte er. »Nein, nur müd.« »Sie sind dieses Angegriffensein nicht gewöhnt, welches bei einer solchen Festivität unvermeidlich ist. Also befohlen waren Sie? Von wem?« »Von dem Könige.« »Sie sind doch nicht seine Unterthanin.« »Aber Königen gehorcht man stets.« »Wenn Majestät es nicht gewünscht hätte, so wären Sie wohl nicht zu dieser Ehrendienstleistung bereit gewesen?« »Wohl kaum.« »Weshalb? Ach, ja! Die drei anderen Damen waren Ihnen nicht genehm.« »Sie irren sich. Paula und Martha sind unschuldig an den Sünden ihrer Väter. Ihre Gesellschaft ist mir ganz angenehm.« Er sah ihr tief in die Augen. Sie senkte den Blick. Er bemerkte, daß es schmerzlich um ihre Lippen zuckte. »Milda, Sie sind wirklich krank,« sagte er. »Sie sind sehr unwohl. Nehmen Sie einen Mund voll frischer Luft. Bitte, lassen Sie mich Sie nach den Garten begleiten!« Er bot ihr den Arm und sie widerstrebte nicht. Es war ja besser, sich so bald wie möglich auszusprechen. Er führte sie nach dem Garten, nach demselben Garten, in welchem damals der italienische Geigenvirtuos, Concertmeister Rialti so viel Pech gehabt hatte. Da begannen sie, langsam auf und ab zu gehen. »Darf ich vielleicht erfahren, was sie so krank gemacht hat?« fragte er. »Sie dürfen nicht blos, sondern Sie müssen es erfahren,« antwortete sie. »Nun bitte!« »Sie wissen, was mein Vater gesündigt hat, und daß ich die Ehre und das Vermögen eines Anderen herzustellen habe.« »Ist es diese unglückliche Angelegenheit?« »Ja.« »Ich würde sie ruhen lassen.« »O nein.« »Sie werden niemals ihren Zweck erreichen. Diese Familie ist verschollen.« »Das habe ich bisher geglaubt.« »Bisher? Sie glauben es also nicht mehr?« »Nein.« »Haben Sie einen Grund dazu?« »Ich habe eine Spur.« »Ach! Wohin führt sie?« »Von Amerika herüber nach Bayern.« »Was Sie sagen.« »Jener Herr von Sandau ist gestorben, und seine Wittwe ging mit ihrem Knaben nach Bayern, wo sie ein mehr als kärgliches Brod verdiente.« »Milda!« rief er ganz betroffen aus. »Woher wissen Sie das? Wer hat es Ihnen gesagt?« »Davon später. Der Sohn wuchs heran und wurde ein braver, tüchtiger Mann. Er lernte mich kennen; er erfuhr, daß mein Vater den seinigen um seine Ehre, sein Vermögen und seine Freiheit gebracht hatte. Er konnte das Alles zurückfordern; er konnte mir Alles, Alles nehmen, auch die Ehre seines Namens. Er that es nicht, der Edle; er blieb arm; er behielt die Schande und schwieg. Was sagen Sie dazu?« Rudolph antwortete nicht. »Kennen Sie diesen jungen Mann?« »Erst nach einigen Augenblicken sagte er: »Milda, da hat mir Jemand einen recht, recht unangenehmen Strich durch meine Rechnung gemacht. Wer es auch sei, ich muß ihm zürnen und möchte es ihm nie vergeben.« »Wollen Sie gegen ihn unedler sein als gegen mich?« »Sie haben Recht. Aber eingestanden, daß ich nicht blos Sandau, sondern von Sandau heiße, ist denn das für Sie so ein großer Grund, sich unglücklich zu fühlen?« »Ja, ein sehr großer.« »Warum?« »Darf ich ganz offen sein?« »Ich bitte darum!« »Auch wenn das, was ich sage, nicht ganz weiblich zurückhaltend klingen wird?« »Sprechen Sie getrost. Ich werde Sie nicht mißverstehen, jetzt nicht und überhaupt nie.« »Wäre ein Anderer der Betreffende, so würde ich ihm Alles geben, was ich besitze, und dann mich meiner Armuth freuen. Mein Herz wäre dabei unbetheiligt.« »Und jetzt? Ist es anders?« »O, wie anders! Rudolf, nicht wahr, wir lieben uns, lieben uns herzlich?« »Herzlich und innig, meine Milda!« »Und grad das ist's, was mich so unglücklich macht. Hätte ich einem Fremden Alles geben müssen, so wäre es mir doch erlaubt gewesen, Ihnen zu gehören. Der bürgerliche Baumeister hätte mich geliebt und über den Makel meines Namens weggesehen. Der Baron aber, der Sie sind, kann das nicht. Wir müssen unsere Liebe begraben, und ich kann nichts thun, als in Verborgenheit zu verschwinden. Jedenfalls finde ich eine Freistatt bei meinem Bruder Max. Ich werde Sie nie vergessen und wünsche Ihnen aus treuer, steter Liebe und für ihren beispiellosen Edelmuth des Himmels reichsten Segen. Morgen sollen Sie alle Papiere empfangen, mit Hilfe deren Sie die Ehre Ihres Namens leicht wieder herzustellen vermögen. Ein Inventarium all meines bisherigen ungerechten Besitzthums liegt dabei. Es gehört Alles Ihnen, und ich bitte nur, meine Kleider und die persönliche Wäsche behalten zu dürfen.« Sie sagte das halblaut und mit unterdrücktem Schluchzen. »Milda,« rief er aus. »Was denken Sie von mir! Sie sprechen von meinem beispiellosen Edelmuthe und trauen mir doch zu, gegen Sie, grad gegen Sie so beispiellos ohne alle und die mindeste Rücksichtsnahme zu handeln! Nein, nein! Ich habe an den Fall gedacht, daß Sie entdecken könnten, daß ich der Gesuchte bin, und mir reiflich überlegt, wie ich in diesem Falle zu handeln habe. Soll ich es Dir sagen?« »Bitte, Rudolf!« »Nämlich der König weiß Alles – « »Wer hat es ihm gesagt?« fragte sie schnell. »Der Sepp.« »Ist der so eine unvorsichtige Plaudertasche?« »O bitte! Ich glaube nicht, daß wir ihm mit Recht diesen Namen geben dürfen. Eine Unvorsichtigkeit ist es nicht von ihm.« »Hat er es mit Deiner Einwilligung gethan?« »Nein. Er hat dieselbe nicht nachgesucht, denn er wußte ganz genau, daß ich sie ihm verweigert hätte; aber meiner Mutter hat er Andeutungen gemacht und, da sie ihn nicht deutlich verstand, aus ihren Worten wohl die Ueberzeugung geschöpft, daß sie ihre Zustimmung gebe. Seine Absicht war jedenfalls eine sehr gute.« »Davon bin ich gern überzeugt, denn ich kenne ihn. Eine böse oder schlimme Absicht kann der alte Sepp wohl überhaupt niemals verfolgen.« »Auf keinen Fall. Er hat es wirklich und ernstlich gut gemeint. Wie die Sachen stehen, kann unsere Angelegenheit nicht ohne das Einschreiten der königlichen Huld so geordnet werden, daß für beide Theile eine Befriedigung erwächst.« »Wie meinst Du das?« »Die verlorene Ehre meines Vaters kann unmöglich auf gewöhnlichem Wege wieder hergestellt werden, ohne daß die Deinige darunter leidet.« »Das ist freilich wahr.« »Wenn ich diese Angelegenheit bei der Gerichtsbehörde anhängig machte, was doch der gesetzlich vorgeschriebene Weg ist, so würden die Untersuchungsacten hervorgesucht werden müssen, damit der Fall von Neuem verhandelt werde. Ich müßte die Beweise von der Unschuld meines Vaters, welche sich in Deiner Hand befinden –« »Und welche ich Dir natürlich unbedingt und unweigerlich zur Verfügung stellen werde,« unterbrach sie ihn. »Dessen bin ich überzeugt. Ich mußte diese Beweise dem Vertheidiger übergeben und sie also zur Kenntniß des Staatsanwaltes bringen. Die Folge davon wäre natürlich, daß die Unschuld meines Vaters und die Schuld des Deinigen erwiesen würde. Den Letzteren würde man in contumaciam verurtheilen, ja man würde vielleicht sogar nach seinem gegenwärtigen Aufenthalte forschen, um ihn persönlich herbei zu bringen, und auf alle Fälle würde sein Name der Ehre beraubt.« »Das würde allerdings geschehen. Und darauf bin ich ja auch vorbereitet.« »Warum aber soll das geschehen, wenn es einen Weg giebt, die Unschuld meines Vaters zu beweisen, ohne daß auf den Deinigen ein öffentlicher Makel fällt?« »Du meinst, daß dies möglich sei?« »Gewiß. Ich habe mich Dir bisher nicht zu erkennen gegeben, weil ich Dich liebe und weil mir die Ruhe Deines Herzens noch heiliger ist als die meinige. Aber ich sagte mir doch, der Fall könne eintreten. Du möchtest auf irgend eine Weise erfahren, daß ich der von Dir Gesuchte sei. Dann wollte ich auf das Betreten des gerichtlichen Weges verzichten. Ich wollte mir die Beweise von Dir erbitten und sie in die Hände des Königs legen. Der Monarch wird sich überzeugen, daß mein Vater unschuldig gewesen ist, und in seiner Hand steht die Macht, dies zu veröffentlichen und unsere Ehre zu restituiren, ohne daß die Deinige oder diejenige Deines Vaters angetastet wird. Der König hat sich bereit dazu gezeigt. Er hat dem Sepp erklärt, daß er um Deinetwillen die Schuld Deines Vaters unerwähnt lasten wolle. Auf diese Weise kann die Angelegenheit zur beiderseitigen Zufriedenheit geordnet werden. Das haben wir dem Sepp zu verdanken, und darum dürfen wir ihm nicht zürnen, daß er Schritte gethan hat, zu denen er sich nicht vorher die Erlaubniß von uns einholte.« »Wenn Du die Sache so darstellst, habe ich ihn allerdings zu loben anstatt zu tadeln.« »Ja, er weiß stets, was er thut.« »Aber dennoch habe ich ein Bedenken.« »Welches?« »Wird man auch wirklich allgemein an die Unschuld Deines Vaters glauben, wenn dieselbe nicht durch Nennung des eigentlich Schuldigen erwiesen wird?« »Warum nicht?« »Man wird glauben, daß es sich nur um einen Act königlicher Gnade handle.« »Daran ist nicht zu denken.« »O gewiß!« »Nein, nein! Bedenke, daß die That in Oesterreich geschehen ist. Der König hat also nicht die Gewalt, eigenmächtig zu verfahren. Die Unschuld meines Vaters muß nach österreichischen Gesetzen und vor einer österreichischen Untersuchungsbehörde erwiesen werden. Dies ist keineswegs zu verhindern. Aber der König kann durch seinen Einfluß, durch seine Vermittelung erreichen, daß nichts von den Einzelheiten dieser Untersuchung verlautet, und daß nur das Ergebniß derselben in die Oeffentlichkeit dringt. Meinst Du, daß man auch dann an der Wahrhaftigkeit des Ergebnisses zweifeln werde?« »Nein, dann wohl nicht.« »So mußt Du also erkennen, daß Du gar keinen Grund zur Bekümmerniß hast. Du kannst ganz ruhig sein. Dein Name bleibt vollständig unerwähnt.« »Und doch ist das eine Zartheit von Dir, für welche ich Dir niemals werde danken können.« »Ich habe keinen Dank verdient. Ich handle nur nach meiner Verpflichtung. Es wäre ja gradezu ein Verbrechen von mir, eine Unschuldige so unheilbar zu kränken. Du bist mir also zu gar nichts verpflichtet.« »O doch, Rudolf! Unsere Lebenswege gehen zwar nun auseinander, aber ich werde stets, stets an Dich und Deine Großmuth denken – – – « »Bitte, Milda, sprich nicht so! Es giebt keinen Grund dazu, daß wir scheiden sollen, nicht den geringsten.« »Das sagst Du eben aus Großmuth.« »Nein, nein; es giebt wirklich keinen.« »Es giebt sogar zwei. Mag die Schuld meines Vaters verschwiegen werden, wir Beide kennen sie doch!« »Nun, was ist da weiter?« »Auch Deine Mutter kennt sie, ebenso der König, der Sepp und Bruder Max nebst seiner Mutter. Es sind also genug Leute vorhanden, denen sie kein Geheimniß ist.« »Fürchtest Du vielleicht, daß eine dieser Personen Etwas verrathen werde?« »Nein. Aber sie würden es mir schwer anrechnen, wenn ich es duldete, daß das Leben der Tochter des Schuldigen an das Leben des Sohnes des Unschuldigen gekettet werde.« »Welche unnütze Befürchtung! Grad damit wir vereinigt werden können, sind alle diese Personen bemüht, die Sache so zu lösen, daß Dein Vater nicht dabei genannt werde. Ich bitte Dich von ganzem Herzen, laß dieses Bedenken fallen! Es ist völlig grundlos. Und ich hoffe, daß Dein zweiter Grund ebenso wenig stichhaltig ist.« »Er ist wohl noch wesentlicher als der vorige.« »Darf ich ihn erfahren?« »Natürlich! Von diesem Augenblicke an bin ich arm. Dir gehört Alles, was ich bisher besessen habe.« »Das ist noch fraglich.« »Nein, es ist gewiß.« »Wollen wir es auf eine gerichtliche Entscheidung ankommen lassen, Milda?« »Um Gotteswillen, nein!« »Das würde ich unbedingt thun. Und selbst wenn mir die Behörde Alles zuspräche, würde ich nicht den Werth auch nur einer Stecknadel von Dir annehmen.« »Du müßtest doch!« »Wer könnte mich zwingen?« »Eben die Behörde, indem sie es Dir zuspricht.« »Das möchte sie thun; aber mich wirklich zwingen, den Besitz auch factisch anzutreten, dazu hat kein Mensch und keine Behörde die Gewalt.« »Was würdest Du denn thun?« »Ich würde es Dir lassen.« »Und wenn ich es nicht behielte?« »So würde ich es verschenken.« »Rudolf!« rief sie aus. »Ja,« erklärte er eifrig, »ich würde es verschenken. Alles, Alles! Du hättest also Dein Eigenthum von Dir geworfen, ohne mir auch nur für einen Pfennig Nutzen zu schaffen.« »Das wäre unrecht, höchst Unrecht von Dir!« »Nein. Warum willst Du Dich partout von mir scheiden! Wenn ich Dich nicht haben soll, so verzichte ich auch auf alles Andere. Ich bin ja gern, gern bereit, Alles, Alles was Du hast, aus Deiner Hand zu nehmen, als ein Geschenk oder auch als mein rechtmäßiges Eigenthum – – –« »So thue es doch!« »Sehr gern, doch nur unter einer Bedingung, daß Du auch Dich mir schenkst.« »Rudolf, das kann, das kann ich nicht.« Da ergriff er ihr Köpfchen, drückte es an sich und sagte: »Komm, lege Dein kleines, liebes, hartes Trotzköpfchen einmal an mein Herz und höre mich an. Ich habe Dir gesagt, wie Alles werden kann und werden soll. Meine Worte sind vergeblich. Du meinst, daß Ehre und Eigenthum zwischen uns stehen. Aber besteht denn nicht die beste und einzige, friedliche Lösung des ganzen Conflictes darin, daß wir Beides, Ehre und Eigenthum, mit einander besitzen? Ich habe bisher geglaubt, daß Du mich lieb habest, jetzt aber muß ich daran zweifeln.« »Rudolf, das darfst Du nicht.« »O gewiß, ich muß zweifeln. Was ist alles Andere gegen eine große, wahre, wirkliche Liebe. Sagt nicht die heilige Schrift, daß die Liebe Alles verträgt, Alles glaubt, Alles hofft. Alles duldet und auch Alles überwindet? Und die Deinige will nichts, gar nichts hoffen und überwinden.« Sie blieb schweigend und an ihn gelehnt stehen. Nach einigen Augenblicken antwortete sie mit stockender Stimme: »Rudolf, Du weißt, wie ich Dich liebe.« »Bisher habe ich es geglaubt.« »Glaube es, glaube es auch weiter! Meinst Du, daß es mir ein Leichtes ist, von Trennung zu sprechen? Grad dies muß Dir beweisen, daß ich Dich wahr und selbstlos liebe.« »So ist meine Liebe nicht so selbstlos wie die Deinige. Sie ist egoistisch, Ich will glücklich sein, glücklich, glücklich; hörst Du wohl? Und das kann ich nur sein, wenn ich Dich habe. Du willst mir ein großes, schweres Opfer bringen, indem Du mir Alles giebst und nichts behältst. Ich kann es nicht annehmen. Dafür aber erbitte ich mir ein anderes Opfer. Gieb Dich mir! Du bist mir werther und lieber als Alles. Nur mit Dir nehme ich auch das Andere. Willst Du, meine Milda? Willst Du?« Er beugte sich tief zu ihr nieder. Er hatte so innig und dringend gesprochen, daß sie die Arme um ihn schlang und leise antwortete: »Würdest Du es nicht bereuen?« »Nein, niemals!« »Und was wird Deine Mutter dazu sagen?« »Sie wird ganz glücklich sein, da Du ihr damit den innigsten und herzlichsten Wunsch erfüllst.« »So bin ich ihr willkommen?« »Hoch willkommen! Sie hat Dich lieb gehabt von dem Augenblicke an, an welchem Du zum ersten Male zu ihr nach Eichenfeld kamst. Drum sag, willst Du nun endlich mein sein?« »Ja, Rudolf, ich will. Versuche es mit mir. Ich werde mir Mühe geben, Euch vergessen zu machen, was mein Vater Euch gethan hat.« »Es ist vergeben und vergessen. Dadurch, daß sein Kind mein Eigen wird, ist Alles gesühnt.« Er drückte sie fest, fest an sich und küßte sie. Sie hielt ihn innig umschlungen und weinte vor Freude und Rührung. Sie achteten nur auf sich und bemerkten also nicht, daß eine hohe Gestalt langsam auf sie zukam. Es war der König. Auch er war tief in Gedanken versunken. Er hatte den Garten aufgesucht, um dem Geräusche zu entfliehen, welches durch die im Theater vorzunehmenden Vorbereitungen verursacht wurde. Erst als er sich bereits in ihrer Nähe befand, bemerkte und erkannte er sie. »Ah, Herr von Sandau,« sagte er, indem er das Wörtchen »von« betonte, »ist die Lösung des Conflictes erreicht?« Milda machte in mädchenhafter Scham eine Bewegung, als ob sie entfliehen wolle. Rudolf aber hielt sie fest und antwortete, indem er sich tief verneigte: »Ich habe gefunden, was ich suchte, Königliche Majestät, Glück und Erhörung.« »So halten Sie es fest, dieses Glück. Ihr König wird das Seinige thun, es zu befestigen. Senden Sie mir seiner Zeit die betreffenden Unterlagen ein, und nehmen Sie jetzt meine aufrichtigen Glückwünsche!« Er legte Milda leise die Hand auf das Haupt und schritt dann langsam weiter. Rudolf zog die Geliebte an sich und sagte leise und gerührt. »Seine Hand lag auf Ihrem Scheitel. Du besitzest den Segen unseres Königs; er ist die Gewähr, daß unser Glück kein Ende nehmen wird.« Die Arme um einander geschlungen, schritten sie in entgegengesetzter Richtung davon, um den König nicht zu stören. Als sie in das Innere des Theaters gelangten, trat ihnen Frau von Sandau entgegen. Dieselbe hatte beobachtet, daß sie sich vorhin entfernten, und nun ihre Rückkehr mit Sehnsucht erwartet. Als sie die Augen ihres Sohnes so hell und glücklich leuchten sah, rief sie freudig aus: »Ist es Dir gelungen, ihre Bedenken zu besiegen, Rudolf?« »Wohl noch nicht ganz. Aber sie will mein sein. Hier hast Du Deine Tochter, liebe Mutter.« Milda eilte in die Arme der Frau, welche sich zärtlich um sie schlossen. Die warmen Worte, welche zwischen ihnen gewechselt wurden, waren nicht zu hören unter den Klängen des Orchesters, welches jetzt eine Einleitung zu spielen begann. Dann erklangen die rauschenden Takte der Polonaise, welche auf den Karten als erster Tanz verzeichnet war. Der alte Sepp stand hinter der Coulisse und schaute sich nach einer Tänzerin um. Da kam die Leni herbei. »Sepp, tanzest die Polonaise?« fragte sie. »Natürlich.« »Mit wem?« »Ich hab mir eben die alte Barbara sucht.« »Nein. Diesen ersten Tanz bekommst von mir.« Sein Auge leuchtete freudig auf. »Was? Mit Dir soll ich sie tanzen?« rief er. »Weißt denn nicht, daßt halt die Königin vom Ballfest bist?« »Kein Wort weiß ich davon. Hier ist ja die Eine grad so wie die Andere.« »Nein. Du bist doch die Schönst und Best von Allen, und daßt grad zum alten Seppen kommst, das ist eine große Ehren für mich.« »Also willst?« »Ja freilich!« »So mach und thu den Arm her, denn wir Beid müssen die Polonaise kommandiren.« »Auch noch? Na, da schau, was ich für Dummheiten machen werd! Wann ich falsch lauf, so wink und pfeif nur laut, damit ichs hören thu!« Trotz dieser Worte, welche nicht viel Sicherheit und Selbstbewußtsein verriethen, schritt er unendlich stolz neben seinem Lieblinge her, und da er gut aufmerkte, so brachte er es glücklich fertig, keinen Fehler zu begehen. Kurz vor dem Schlusse der Polonaise erkundigte sich die Leni: »Weißt, wo dera Anton ist?« »Ja. Er sitzt in dera Fremdenlogen oben und schaut heimlich auf uns herab.« »Er hat sich den nächsten Tanz bestellt.« »Hast ihm denselben geben?« »Er bekommt ihn nicht. Hol nur gleich jetzt seine Eltern, wann wir fertig sind.« Die Polonaise ging zu Ende, und der Sepp begab sich nach dem Zimmerchen, in welches er die alten Warschauers geschafft hatte. Er unterhielt sich mit ihnen. Als aber die Musik anstimmte, führte er sie hinaus nach den Coulissen. Auf der andern Seite stand die Leni. Wie sie erwartet hatte, kam Anton herbei geeilt. Er verbeugte sich und bot ihr den Arm. »Was wünschen Sie?« fragte sie im Tone des Erstaunens. »Diese Tour.« »Sie – – –?!« »Natürlich! Sie gehört mir ja!« »Ihnen? Davon weiß ich kein Wort.« Er trat einen Schritt zurück, maß sie mit zornigem Blicke und sagte: »Willst Du mich beleidigen?« »O nein. Wir stehen uns ja so fern, daß eine Beleidigung zwischen uns gradezu eine Unmöglichkeit ist.« »Schön, so bitte ich also um Deinen Arm!« »Ich sehe keine Veranlassung dazu.« »Donnerwetter! Du hast meinen Namen ja auf Deine Tanzkarte notirt!« »Ihren Namen? Da muß ich mich denn doch wohl überzeugen.« Ihre kalte, strenge, ungläubige Miene brachte ihn in zornige Aufregung. »Ja, da steht es!« rief er. »Zeig her!« Er riß ihr die Karte aus der Hand. »Herr, was fällt Ihnen ein!« zürnte sie. »Ich habe zwar stets daran gezweifelt, daß es Ihnen gelingen werde, sich einige, wenigstens äußerliche Bildung anzueignen; aber daß Sie einer Dame ihr Eigenthum entreißen, daß ist denn doch zu stark!« Da trat er ganz nahe an sie heran und sagte in zischendem, halblautem Tone: »Leni, rege mich nicht noch weiter auf, sonst geschieht Etwas, was Dir nicht lieb ist!« »Oder vielmehr Etwas, was Ihnen nicht gefällt, mein Herr Criquolini.« »Hier steht der Name. Der Tanz gehört mir!« Er hielt ihr die Karte vor die Augen. Sie nahm ihm dieselbe, blickte darauf, that als ob sie sich besinne und sagte dann: »Dieser Name ist freilich auch der Ihrige; aber ich habe einen andern Herrn gemeint.« Bei diesen Worten gab sie dem in der gegenüberliegenden Coulisse stehenden Sepp einen heimlichen Wink, worauf dieser dem alten Warschauer sagte, da drüben stehe die Leni und wolle ihn sprechen. »Einen anderen Tänzer?« sagte Anton. »Das dulde ich nicht!« »Sie werden es sich doch gefallen lassen.« »Nein. Ich mache schauderhaften Scandal!« »Vielleicht doch nicht, wenn Sie den Herrn sehen, mit dem ich tanzen will.« »Mag er sein, wer er will!« »Das werden Sie gleich sehen. Da kommt er.« Der Anton drehte sich um und erbleichte. Er fuhr erschrocken um einige Schritte zurück. »Mein Vater!« rief er aus. »Kennen Sie ihn überhaupt noch?« fragte die Leni. »Das ist ja gradezu ein Wunder.« »Mein Vater!« wiederholte er. Er war kalkweiß im Gesicht geworden. »Wenn Sie mir erlauben, sende ich Ihnen noch Jemand,« sagte die Leni, indem sie sich entfernte. Der alte Warschauer stand jetzt bei seinem Sohne. »Anton, endlich, endlich!« rief er, ihm beide Hände entgegenstreckend. Der Sohn erhob seine Hände nicht, um sie dem Vater zu geben. Der Schreck hielt ihn noch gefangen. »Vater, Vater! Wie kommst hierher?« fragte er. »Mit dem Herrn Pfarrern und dem Kapellenbauer.« »Warum?« »Um Dich zu schauen.« »Wer hat Euch sagt, daß ich hier bin?« »Die Leni. Sie hat uns einladen und uns dreihundert Gulden geben, damit wir was zu essen haben und Kleider kaufen können.« »Sie also, sie und immer sie!« »Ja, sie hat für uns sorgt. Du aber nicht.« »Wie gehts dera Muttern?« erkundigte sich Anton, den schweren Vorwurf überhörend. »Sie ist doch auch hier.« »Wo denn, wo?« »Dort! Da kommt sie!« Er zeigte zurück, von woher jetzt die alte Frau herbei eilte. »Anton, mein lieber Anton!« rief sie aus, vor Freude weinend. »Da hab ich Dich endlich!« Sie schlang ihre Arme um ihn. Er wußte nicht, was er sagen solle. Er wollte reden, brachte aber kein Wort heraus. Er hatte seiner armen, alten Eltern nicht gedacht, und doch waren sie so glücklich, ihn zu sehen. Er blickte in die abgehärmten Gesichter – – abgehärmt? O, wohl noch mehr abgehungert! – – – und schlug die Hände vor das Gesicht. Dann drückte er sie an sich, die Mutter mit dem rechten und den Vater mit dem linken Arm. »Mutter, Vater!« rief er aus. »Was habe ich than! Wie ungut bin ich gewest!« »Sei still!« bat die Alte. »Wirst keine Zeit habt haben. Jetzt hat die Leni für uns sorgt. Nachhero später wirst vielleichten auch Du – –« Sie hielt inne, denn ihr Sohn hatte den Arm von ihr gelassen und sah nach der Richtung, in welcher sie auf Leni zeigte. »Ah!« sagte er. »Sie tanzt, und doch hat sie mir diese Tour versprochen!« Er starrte auf sie und auf ihren Tänzer. »Wer ist dera seine, noble Herr, den sie bei sich hat?« fragte sein Vater. »Ah, das ist doch dera Graf, der bei uns gewest ist!« »Kennt Ihr ihn?« fragte Anton. »Ja. Er war mit der Leni oben auf der Alm.« »Mit ihr, mit ihr? Ganz allein?« »Ja. Und nachhero sind wir mitsammen bei dem Kapellenbauern blieben.« »Er mit ihr auf der Alm! Auf welcher?« »Auf dem Kapellenbauern der seinigen.« »Also auf der ihrigen, wo's früher gewest ist?« »Ja.« »Himmeldonnerwettern! Wartet einmal! Ich werd nachhero gleich wieder kommen.« Er sprang fort und schlüpfte zwischen den Tanzenden hindurch bis vor Leni und den Grafen hin, welche soeben ihre Tour beendet hatten und, abseits stehend, mit einander sprachen. »Da kommt er!« flüsterte sie ihm zu. »Ich werde ihn streng empfangen!« »Nein, nicht streng sondern nur ruhig! Bitte!« Jetzt war der Anton da. Er richtete den flammenden Blick auf die Beiden und sagte zur Sängerin: »Du tanzest, tanzest mit einem Andern? Und doch gehört diese Tour mir!« »Sie gehörte Ihrem Vater,« antwortete Leni. »Und da derselbe keine Zeit hatte, konnte ich natürlich anderweit über sie verfügen.« »Nein, sie gehörte mir!« »Ich habe den Namen Warschauer aufgeschrieben und damit nicht Sie, sondern Ihren Vater gemeint!« »Das geht mich nichts an. Nicht mein Vater hat um den Tanz gebeten, sondern ich habe Sie engagirt!« Er befand sich in einer gewaltigen Aufregung. Es war ihm gar wohl zuzutrauen, daß er in derselben eine Gewalttätigkeit begehen werde. Darum nahm der Graf das Wort: »Meiner Ansicht nach stehen beide Fälle sich gleich. Sie und Ihr Vater hatten sich zu begrüßen; dadurch wurde die Dame frei.« »Aber warum für Sie?« »Weil ich sie engagirte.« »Gut! Jetzt aber bin ich nicht mehr verhindert. Ich will meine Tänzerin haben!« Der Graf zuckte die Achsel. »Thut mir leid! Jetzt nun ist das Engagement mein.« »Dann eine Extratour.« »Ich als Herr, der sie engagirte, habe das Recht, Ihnen diese Extratour zu verweigern.« Da flammten Antons Augen auf, und seine Hände ballten sich. »Herr! Wissen Sie, was Sie thun?« »Sehr wohl!« »Sie wagen viel!« »O nein, sondern die Dame würde ein Wagniß begehen, wenn Sie mit Ihnen tanzte.« »Wieso?« »Sie würde sich der Gefahr aussetzen, daß ich mich von ihr von dem Augenblicke an fern hielte, an welchem sie sich von dem Geliebten der Tänzerin und Einbrecherin Valeska berühren ließ.« Das war freilich eine Beleidigung! Der Anton machte ein Bewegung, als ob er sich auf den Grafen stürzen wolle. »Herrrrrrr Criquolini!« Das klang so stolz, so befehlend und zurückweisend, daß Anton einen Schritt zurückwich; aber er rief mit knirrschender Stimme: »Graf, das ist eine todeswürdige Beleidigung!« »Pah!« antwortete der Graf achselzuckend. »Ich werde Sie fordern lassen!« »Ich habe Ihnen bereits in Wien gesagt, daß ich Sie nicht für satisfactionsfähig halte.« »Sie schlagen sich nicht mit mir?« »Nein.« »So werde ich Sie zwingen.« »Das vermögen Sie nicht, denn schlüge ich mich mit Ihnen, so würde dann ich meine Satisfactionsfähigkeit einbüßen, und gegen etwaige Gewaltthätigkeiten giebt es Gesetze und polizeilichen Schutz.« Anton zog die Arme ein und duckte seinen Oberkörper, als halte er sich sprungbereit. »Sehen Sie dort!« Bei diesen Worten deutete der Graf nach dem Eingange. Dort standen mehrere Polizisten. Sie waren für alle Fälle requirirt worden, und der alte Sepp, der Alles beobachtete, hatte sich dorthin postirt, als er sah, daß Anton zum Grafen und der Leni eilte. »Alle tausend Teufel!« zischte der Sänger. »Sie haben also wirklich Polizei geholt.« »Wie Sie sehen.« »So fürchten Sie sich vor mir?« lachte er höhnisch. »O nein. Aber es galt, auf alle Fälle meine Dame zu schützen. Gegen einen anständigen Gegner hätte ich ausgereicht.« »Sie haben den Teufel zu schützen, nicht aber die Leni, welche mir gehört!« »Ihnen? Davon weiß ich kein Wort!« »Sie wissen, daß sie meine Geliebte ist!« »Das ist mir unbekannt!« »Daß sie es wenigstens war!« »Daß Sie sich gekannt haben, weiß ich; aber von einem wirklich innigen Verhältnisse, von einem näheren Umgange war keine Rede.« »Das war und ist nicht nöthig. Sie war, ist und bleibt meine Geliebte, mein Eigenthum!« »Signor Criquolini, Sie befinden sich da in einem gewaltigen Irrthume. So viel ich weiß, ist Fräulein Leni allerdings verlobt, aber nicht mit Ihnen.« »So? Mit wem denn?« »Der Betreffende steht vor Ihnen.« Er deutete dabei auf sich selbst. »Was, was wollen Sie damit sagen?« »Daß Signora Ubertinka seit Kurzem meine Verlobte, meine Braut ist.« Es war, als ob Anton zu Stein erstarre. Er sah die Beiden nicht an, sondern hier war der vulgäre Ausdruck ganz am richtigen Platze: er klotzte sie an. Sein Blick war völlig ausdruckslos, und kein Zug seines Gesichtes bewegte sich. »Ihre – Ver – lob – te!« stammelte er. »Wie Sie hören!« »Ih – – re – – Braut!« fuhr er mühsam fort. »Das – das – ist – nicht – möglich!« »Ich sage es Ihnen und versichere, daß ich noch nie wissentlich die Unwahrheit gesagt habe.« »Ists – – wahr – – Leni?« »Ja,« antwortete sie, indem sie den Arm um den Grafen legte. »Ich bin so unendlich glücklich, die Braut Arnims zu sein.« »Ar – nim! Arnim nennt sie ihn! Da ist es wahr; da ist es freilich wahr!« Er legte die Hand vor die Augen, als ob ihn ein plötzliches, grelles Licht blende, und wendete sich von ihnen ab. Wankenden Schrittes und unsicheren Ganges bewegte er sich über die Bühne, dahin, wo seine Eltern standen. Aber er beachtete dieselben nicht, er blickte sie gar nicht an, sondern er schritt an ihnen vorüber. »Anton, hier sind wir!« sagte seine Mutter. Er hörte es nicht. »Anton, Anton! Siehst uns denn nicht?« Er ging weiter, in den Gang hinein und trat in sein Garderobezimmer, dessen Thür er hinter sich verriegelte. »Das hat ihn getroffen!« sagte der Graf. »Sehr, sehr, wie ein Schlag!« nickte Leni. »Ich wünsche, daß es nicht von kurzer Wirkung für ihn sei. Vielleicht bessert es ihn.« »Ich möchte darum beten! Vielleicht wird er nun seinen Eltern ein braver Sohn.« »Wenn er sich nur nicht noch mehr verhärtet!« »Dagegen wollen wir sorgen. Wenn wir ihn jetzt allein lassen, so nimmt wohl der Zorn und die Verbitterung die Oberhand.« »Willst etwa Du zu ihm?« »Nein, o nein. Ich habe Deine Geduld bereits allzu sehr mit ihm in Anspruch genommen. Ich werde ihm eine Andere senden, welche, so Gott will, mehr Macht über ihn hat als ich.« Sie trat zu Antons Eltern und wurde von dessen Mutter im ängstlichen Tone angesprochen: »Was ists mit dem Anton? Was hat er mit Dir habt?« »Er hat etwas erfahren, was er nicht für möglich gehalten hat.« »Er sah so ganz verschrocken aus, so wie ich ihn im Leben noch gar nie sehen hab.« »Es mag ihn allerdings angriffen haben.« »Was hast ihm denn sagt, daß er darüber gar so ganz von sich kommen ist.« »Daß ich verlobt bin.« »Verlobt? Wie? Hast einen Bräutigam?« »Ja.« »Herrgott! Wer ists denn?« »Graf Senftenberg.« »Mit dem jetzt tanzt hast?« »Ja.« »Leni, was sagst! Der wird Dein Mann?« »Ja, meine liebe Mutter Warschauer.« »So wirst gar so reich und eine Gräfinnen?« Die alte Frau schlug die Hände zusammen, daß es schallte, und ihr Mann machte ein Gesicht, auf welchem Freude und Enttäuschung mit einander kämpften. »O, das ists nicht, was mich so glücklich macht. Ich würde ihn ebenso innig lieb haben, wenn er nicht so reich und kein Graf wäre.« »Ja, ein gar braver Herr muß er sein; das haben wir freilich sehen.« »Gönnsts doch dera Leni, daß sie so einen guten Mann bekommen thut?« »Von ganzem Herzen! Aber Einer kann mir leid thun, dera Anton. Der ist ganz außer sich.« »Er ist selber schuld.« »Ja, heut konntst bereits längst seine Frauen sein. Er ist halt dumm gewest.« »Wir waren nicht für einander bestimmt.« »O doch! Dera Herrgott hats schon haben wollen, aberst dera Anton hat sein Glück mit denen Füßen von sich stoßen. Was mag er machen?« »Willst nicht nach ihm sehen?« »Ja. Weißt, wo er ist?« »Er trat in den Gang. Wenn er nicht ganz fort ist, so befindet er sich in seiner Garderobe.« »So bitt, zeig mir dieselbige!« Leni führte die alte, besorgte Frau nach der Thür derselben. Als sie klinkte, fand sie diese verschlossen. »Er ist drin,« sagte sie. »Klopf so lange, bis er öffnet, und laß nicht los. Es könnten ihm sonst dumme Gedanken kommen.« Sie entfernte sich, und die Frau begann zu klopfen. Sie that dies lange vergeblich. Endlich hörte sie drinnen rufen: »Wer ist draußen?« Die Stimme klang so eigenthümlich, ganz anders als diejenige ihres Sohnes. »Ich bins, Deine Muttern,« antwortete sie. »Was soll ich?« »Mach auf, und laß mich eini!« »Ich kann Dich nicht brauchen.« »Sei doch gut, und laß mich hinein! Ich möcht mit Dir reden, Anton.« »Später!« »Nein, jetzund.« »Mutter, ich bitt, laß mich allein!« »Nein, grad allein sollst nicht sein, und wannst mir nicht aufmachst, so hol ich alle Andern herbei und mach halt einen Spektakeln!« Die Angst gab ihr diese Drohung ein, welche nicht ohne Erfolg blieb, denn er öffnete die Thür und sagte: »So komm! Wirst Dich aberst nicht gar sehr an mir erlustiren.« Er kehrte sogleich wieder auf den Stuhl zurück, auf welchem er gesessen hatte. Seine Mutter machte die Thüre zu und trat näher. »Herrgottle, wie schaust aus!« rief sie erschrocken, als sie sein Gesicht erblickte. Es war alle Farbe aus demselben gewichen. Er sah in diesem Augenblicke um dreißig Jahre älter aus, als er war. »Gefall ich Dir nicht?« fragte er. Es klang wie Selbstironie und wie ein tiefer, tiefer Schmerz aus seinem Tone. Seine Stimme war belegt; sie hatte eine Klangfarbe, die noch niemals an ihr wahrgenommen worden war. Er saß gebückt, die Ellbogen auf den Knieen und das Gesicht in die Hände gelegt. Sein Auge hatte einen fast irren Blick und einen fieberhaften Glanz. »Nein,« antwortete sie. »So gefällst mir freilich nicht, gar nicht, Anton!« »Ich sollt meinen, daß ich Dir und dem Vatern schon lange nicht gefallen hätt!« »Warum?« »Weil ich so ein Wüster und Unguter war.« »Anton, sag das doch nicht!« »Ich muß es sagen, weil es die Wahrheiten ist. Ich bin allezeit ein schlechter Bub gewest.« »Kind, Kind! Willst mich zum Weinen bringen!« »Nein, Mutter, weine nicht! Wirst gar oft schon über mich weint haben. Ich seh Dirs halt an. Hast vor Leid weint über mich und auch gar vor Hunger.« »Nein, nein! Wir haben allzeit was zu essen habt. Da brauchst Dich nicht zu sorgen.« »Nein, nix habt Ihr habt, gar nix, wann die Leni Euch kein Geld schickt hätt.« »Aber sie hat doch immer welches schickt!« »Und von dem Sohne habt Ihr keins erhalten?« »Weil wir nachhero keins brauchten.« Er schüttelte den Kopf, zeigte auf einen Stuhl, welcher ganz in seiner Nähe stand, und sagte: »Setz Dich herbei, Mutter! Ich muß mit Dir reden.« Sie befolgte diese Weisung und nahm Platz. »Schau, Mutter,« fuhr er fort, »das ist heut ein Tag, wie ich noch keinen derlebt hab. Ich hab nicht denkt, daß so was möglich sein könnt. Ich hab immer denkt, daß ich Derjenige bin, der da Recht hat und nach dem sich alle Anderen richten müssen. Nun aberst ists kommen so plötzlich und so gewaltig wie der Schlag einer Keulen. Es hat mich beinahe niederworfen.« »Darfsts Dir halt nicht so zu Herzen nehmen.« »Weißt denn, was es ist?« »Ja.« »Von dera Leni?« »Sie wird eine Gräfin.« »Ja, das ists! Schau, ich hätt also eine Gräfin zur Frau haben könnt, wann ich anderst gewesen wär!« »Mußt halt denken, daß es auch noch andere Dirndln giebt!« »Aberst eine solche nicht.« »Mußts nur suchen!« »Nein. Eine Leni giebts halt nicht wieder. Das weiß ich schon ganz gewiß. Ich war gar nicht werth, daß sie mir gut gewest ist. Ich hab einen Edelstein in dera Händen habt, einen gar kostbaren Diamanten. Den hab ich verkannt und für ein Stuckerl schwarze, schmutzige Kohle gehalten.« »Meinst die Leni?« »Ja. Sie war dera Diamant, den ich wegworfen hab. Dann ist ein Anderer kommen, der besser war und klüger als ich; der hat ihn aufgehoben. Als ich das vorhin erfuhr, hab ich denkt, daß dera Edelstein wiederum mein werden muß. Aberst damit ist es halt aus. Ich hab mein Recht verloren, und ein Menschenkind ist doch auch keine Sach, die man wegwirft und sodann wiederum wegnehmen kann, ganz so, wie es Einem beliebt.« Er hatte in scheinbar ruhigem Tone gesprochen; aber seine Stimme klang gepreßt, und er schluckte zwischen den einzelnen Worten und machte Pausen als ob ihm das Reden sehr schwer falle. Die alte Frau fühlte, daß die Rede ihn quälte, daß er sich selbst wehe that. »Anton,« bat sie, »sprich doch lieber nicht davon! Es ist nicht gut.« »O, es ist schon gut. Wann die Wunde heilen soll, muß man das wilde Fleisch herausi schneiden. Und das will ich jetzt thun.« »Aberst das thut weh!« »Das ist recht so, denn ich habs verdient. Ich habs schon ganz allein an Euch verdient.« »Das sollst doch nicht sagen!« »Es ist ja wahr! Habt Ihr denn nicht wartet, auf mich, auf einen Briefen von mir oder auf ein Geldl, das ich Euch schicken sollt?« »Das schon zuweilen.« »Aberst es ist nix kommen! Habt Ihr da nicht zankt und raisonnirt?« »Ich nicht,« gestand sie. »Du nicht, aber dera Vatern?« »Ja, der freilich. Ich hab zuweilen weinen mußt, und da hat dera Vatern sich auch die alten Augen wischt und nachhero schimpft.« »Schau, sogar weint habt Ihr über mich!« »Da sind die Leutln schuld gewest, die dem Vatern von Dir verzählt haben.« »So! Habens verzählt?« »Oft.« »Wer denn?« »Die in Wien gewest sind und denen sie es sagt haben.« »Und was haben sie sagt?« »Daß wir hungern müssen und daßt aber Du herrlich und in Freuden lebst.« »Herrgott! Das, das habt Ihr derfahren?« »Es ist doch nicht wahr gewest.« Sie sagte das im entschiedensten, zuversichtlichsten Tone. Er aber war in der kurzen Zeit dieser wenigen Minuten ein ganz Anderer geworden. Er gestand aufrichtig: »Es ist wahr, Muttern; es ist wirklich wahr!« »So schlimm aberst doch nicht?« »Noch schlimmer!« »Nein, Anton, nein!« »O doch! Das will ich Dir gleich zeigen.« Er zog eine wohlgefüllte Brieftasche hervor, legte sie ihr in die Hand und sagte: »Wiegs einmal in dera Hand!« Sie hob und senkte prüfend die beschwerte Hand und fragte. »Was ist drin? Wohl gar ein Geldl?« »Ja. Rath mal, wie viel!« »Das kann ich nicht derrathen.« »Ja, da hast Recht. Das kannst nicht derrathen, denn es ist gar zu viel für Deine Gedanken.« »Es sind wohl Kassenbilleterls?« »Lauter Hundertmarkscheinen.« »Herr; mein Gott! Soll ich das glauben!« »Ja, und es sind auch noch größere Scheinen dabei. Es sind sechzigtausend Mark.« Sie fuhr vom Stuhle auf. »Glaubsts wohl nicht?« fragte er. »Nein.« »Ich war in Amerika, wo ich für meinen Gesang gar viel bekommen hab. Noch viel, viel mehr als das hier in dera Brieftaschen, aber ich hab viel verlebt und verspielt.« »Anton!« »Ja, so ein schlechter Kerlen bin ich gewest.« Er legte nun seiner neben ihm sitzenden Mutter eine aufrichtige Beichte ab. Sie weinte vor Schmerz und doch auch vor Wonne, und das half auch ihm zu Thränen, die wie eine Erlösung auf sein Gemüth wirkten. Die Reue hatte ihn gepackt, und aller Haß, alle Rache, aller Zorn war verschwunden. »Wirst mir vergeben können?« fragte er, als er geendet hatte. Sie schlang die Arme um ihn und erklärte unter Schluchzen: »Anton, Du weißt gar nimmer, was eine Muttern ihrem Kind vergeben kann. Schlecht bist doch nicht gewest, sondern nur leichtsinnig, und das wird halt besser werden.« »Von heut an wirds anderst, von heut an!« »Ja, Anton. Hier hast Dein Geldl. Wannst einmal ein paar Guldln übrig hast, wirst nun an uns denken.« »Nein, ich nehms nicht wieder.« »Ich kanns doch nicht behalten!« »Behalten sollsts, behalten mußts. Du und dera Vatern. Es ist Euer.« »Was!« rief sie fast bestürzt. »Unser soll es sein? So ein großes Geld!« »Es ist Euer. Ihr sollt Euch das Häusle vorrichten. Das Uebrige thun wir auf Zinsen, von denen Ihr leben könnt.« »Dann hast doch Du aber nix!« »O, ich hab noch hier in dera Börs lauter Goldstuckerln, fast an die tausend Mark. Für die heutige Vorstellung erhalte ich auch ein fein Spielhonorar. Das kann ich ja gar nicht verbrauchen. Und nun nehm ich ein Engagement an einem großen Theatern, oder ich geb Concerten. Da sollst halt schauen, was für ein Geldl ich verdienen thu.« »Und das darf dera Vatern wissen?« »Natürlich muß er es wissen!« »Herrgott, Herrgott! Was für ein Glück ist das, was für ein Glück!« »Wo ist er denn?« »Draußen wird er noch stehen, im Himmel, wo die Göttern wohnten.« »So werd ich ihn gleich holen.« »Nein, ich hol ihn, ich selbst!« Sie eilte hinaus und kehrte nach wenigen Minuten mit ihrem Manne zurück. Die nun folgende Scene läßt sich gar nicht beschreiben. Die beiden Elternherzen konnten die Wonne kaum fassen, und Anton lag entzückt bald an der Brust der Mutter und bald am Herzen des Vaters. Er war ja niemals ein wirklich böser, schlechter Mensch gewesen, und wenn seine Eltern seinen Leichtsinn verziehen, so durften Andere sich nicht unterfangen, ihn zu verdammen. Er war ein armer Teufel gewesen, ungewohnt, mit dem Gelde umzugehen. Als ihm dann das Glück und seine Stimme so große Summen in den Schooß warfen, war es da zu verwundern, wenn er sich selbst für eine Zeit verlor? Es ist ja ein ewig wahres Bibelwort: »Ich aber sage Euch, im Himmel wird mehr Freude sein über einen Sünder, der Buße thut als über neunundneunzig Gerechte!« Als sie sich dann endlich ausgesprochen hatten, kehrten sie auf die Bühne zurück, wo die glücklichen Paare sich fleißig im Tanze drehten. Leni sah sie kommen. Sie machte den Grafen auf die frohen Gesichter aufmerksam: »Schau den Anton an, lieber Arnim! Was sagst Du zu seinem Gesichte?« »Hm! Seine Augen strahlen vor innerer Fröhlichkeit. Ich glaube, meine Leni hat da wirklich etwas Gutes angestiftet.« »Ich hab auch still zum Herrgott gebeten, daß er es gelingen lassen möge.« Da kam Anton herbei. Er streckte dem Grafen die Hand entgegen und sagte: »Ich komme, um mir Ihre Verzeihung zu erbitten. Werde ich sie erhalten?« »Gern, Herr Warschauer.« »Und bin ich so ein schlechter Kerl, daß Sie mir Ihre Hand nicht geben?« »Nein. Sie sind ein Anderer, wie ich zu meiner großen Freude sehe. Hier ist die Hand. Hoffentlich darf ich Sie nun wieder zu den Ehrenmännern rechnen.« »Fragen Sie meine armen, alten, guten Eltern! Die werden Ihnen sagen, unter welche Abtheilung von Menschen ich jetzt nun zu rechnen bin. Und nun erlauben Sie mir auch, ein Wort zu Ihrer Braut zu sagen!« Als er jetzt das herrliche Mädchen mit ruhigem, leidenschaftslosem Blicke betrachtete, sah er erst voll und ganz, was er verloren hatte. Es überkam ihn unendlicher Schmerz. Seine Augen füllten sich mit Thränen, und seine Stimme klang zitternd, als er sagte: »Ich bin nicht gut gegen Sie gewesen, Leni, aber ich erleide meine Strafe, und so möchte ich Sie bitten, mir nicht mehr so gram zu sein wie bisher. Wollen Sie?« »Anton, ich war stets Ihre Freundin und bin es auch noch jetzt,« antwortete sie tief gerührt. »Und wollen Sie es auch ferner bleiben, wenn natürlich auch nur aus der Ferne?« »Gewiß. Sie sind brav. Sie sind für eine kurze Zeit am Herzen krank gewesen; aber jetzt sind Sie wieder gesund und werden es hoffentlich auch ferner bleiben. »Ja, ich bleibe es. Ich war sehr, sehr krank. Mein Arzt aber sind Sie gewesen. Das werde ich Ihnen nicht vergessen. Es hat bitter wehe gethan, sehr, sehr wehe. Nun aber bin ich kurirt und gebe Ihnen eine Hand des Dankes. Werden Sie mir nicht mehr zürnen?« Sie schüttelte ihm nach kräftiger Gebirglerweise die dargebotene Hand und antwortete: »Ich zürne nicht mehr. Haben Sie schon eine Dame, mit der Sie zu Tische gehen?« »Ja.« »Wer ist es?« »Natürlich meine Mutter. Ich bin stolz auf sie.« »Das ist sehr schön! Anton, dafür muß ich Ihnen gut sein. Richten Sie es so ein, daß Sie neben mich zu sitzen kommen!« »Ist das Ihr Ernst?« »Ja. Und noch Eins!« Sie sah auf ihre Tanzkarte und fuhr dann unter einem neckischen Lächeln fort: »Ich habe da noch einen Walzer frei, den ich für Sie aufgehoben habe. Darf ich Ihren Namen dazu notiren?« Sein Gesicht röthete sich. »Leni,« fragte er, »haben Sie ihn mir wirklich aufgehoben, oder denken Sie erst jetzt daran, ihn mir zu geben?« »Ich sage die Wahrheit, wenn ich gestehe, daß ich Ihnen denselben absichtlich reservirt habe.« »So haben Sie es vorhin also doch nicht gar so schlimm gemeint, als wie es schien?« »O doch! Aber ich hegte das feste Vertrauen zu Ihnen, daß Sie sich finden würden.« »Nun gut, ich hatte mich verloren, besitze mich aber vollständig wieder und freue mich, nun auch den Walzer zu finden, den ich vorhin verloren geben mußte.« So war Alles glatt und geebnet, vergeben und vergessen, und der Mißton, welcher sich in das heutige Vergnügen hatte einschleichen wollen, war verstummt. Da, wo sich die königliche Loge befand, waren die Gasflammen verlöscht worden, doch war dieselbe so hell erleuchtet, daß man die Gestalt des Monarchen bemerkte, welcher sich in dem Hintergrunde niedergelassen hatte. Er betrachtete mit stillem Vergnügen die so verschiedenartigen Gestalten der Leute, die ihm mehr oder weniger ihr Glück zu verdanken hatten. Nach einiger Zeit wurden die Tafeln plazirt. Der Pächter der Theaterrestauration begann, die Erzeugnisse seiner Kochkunst auftragen zu lassen. Nun gab es bunte Reihe. Der Sepp hatte den Vorsitz, aber er war besorgt gewesen, neben sich zwei Damen zu haben, nämlich rechts die alte Barbara aus der Hohenwalder Mühle und links die alte Feuerbalzern. Dann kamen sie Alle, wie sie sich zufällig zusammen fanden oder nach vorhergegangener Vereinbarung setzten: Der Graf mit der Leni, neben dieser Letzteren der Anton mit seiner Mutter. Darauf folgte der früher blinde, jetzt aber sehr gut sehende Kronenbauer aus Kapellendorf mit der Mutter Ludwig Helds aus Oberdorf. Da saßen Manche neben einander, welche sich vorher noch nie getroffen oder gesprochen hatten. Einer der Stolzesten war der alte, brave Finkenheimer, welcher natürlich bei seiner Frau saß. Sein leuchtender Blick hing an seinen glücklichen Kindern, welche zu beiden Seiten der Eltern saßen, die Liesbetherl beim Müllerhelm und Anita, die Italienerin, bei dem Elephantenhanns, den sie mit Lorbeeren geschmückt hatte. War das eine Freude und Herrlichkeit! Der alte Sepp betrachtete sich im Stillen als Mitschöpfer des Glückes aller Anwesenden. Er brachte den ersten Toast aus, natürlich auf den König. Alle erhoben sich und die Hochs wollten gar kein Ende nehmen. Die braven, einfachen Leute waren wohl nicht für große Reden prädestinirt; aber bald riß ein wirkliches Toastfieber ein. Ein Jeder hielt eine Rede, natürlich auf irgend eine der anwesenden Damen. Bald bekamen auch die Frauen und Mädchen Muth. Leni war die Erste, welche auf den Sepp toastete. Die Andern folgten. Es wäre ja eine wahre Schande gewesen, da zurück zu bleiben. Und als endlich gar der Champagner erschien, so öffneten die schaumig perlenden Tropfen auch der Muthlosesten den Mund. Den letzten Toast hielt Einer, der sich mit seinen beiden Kameraden bisher schweigsam verhalten hatte. »Du,« sagte der Frenzel leise zum Wenzel, »meinst Du nicht auch, daß wir was sagen müssen?« »Natürlich! Wir können doch nicht so umsonst mit essen und trinken.« »Die Wenzelei muß sich sehen lassen!« »Freilich! Was sagst Du dazu, Menzel?« »Ja, redet nur!« antwortete der Genannte. »Wir? Nein Du mußt reden!« »Warum ich?« »Weil Du der Oberste bist.« »Ach ja, ich bin doch dera Herr Musikdirektoren! Also muß ich die Red loslassen.« »Thue es! Klopf ans Glas und steh auf!« »Ja, das wird nicht leicht gehen.« »Warum?« »Ich fühls schon: Ich, komm nicht in die Höhe.« »O, das thut nix. Wannst nur erst einmal aufi bist, nachher« werd ich schon dafür sorgen, daßt nicht wiederum zu schnell abi kommst.« »Wie willst das anfangen?« »Das ist meine Sach. Ich halte Dich.« »So will ichs versuchen.« Er wackelte und wankte empor und klopfte. Alles war still. Er wollte beginnen. Aber als er alle Blicke auf sich gerichtet fühlte, wurde es ihm Angst. Er brachte kein Wort hervor. Da erbarmte sich der Violonfrenzel des Kollegen. Er rief mit lauter Stimme: »Der Clarinettenmenzel, der unser Director ist, will eine Red halten.« »Los, los, anfangen!« rief es rundum. Der Herr Musikdirectoren öffnete die Lippen. Er machte einige Gestikulationen, aber der Anfang wollte nicht kommen. Da erbarmte sich der Frenzel abermals seiner. Er wollte ihm einhelfen und sagte darum, aber so laut, daß Alle es hörten: »Fang an! Sag, meine verehrten Herrschaften!« Das war Rettung in der höchsten Noth. Der Herr Director begann: »Meine verehrten Herrschaf – – – meine verkehrten Ferrkaf – – keine vermehrten – – seine verkehrten – Herr – Verr – Kerr – Scherr – – Kreuzhimmeldonnerwettern! Ich komm nit in die richtigen verehr – – vermehr – – versehr – – verheerten – – o Du Unglück und Sauerkraut! Jetzunder ist die Wenzelei blamerirt! Jetzunder ist die ganze Wenzeleien zum Teufel! Aberst ich werd schon noch unsere Ehre retten. Nehmts also die Gläsern in die Hand, und trinkt auf alle Gesundheiten, die hier versammelt sind. Stoßt an! Dreimal hoch!« Natürlich war ein gradezu homerisches Gelächter ausgebrochen, welches nun überschallt wurde von dem dreimal wiederholten Tusche des Orchesters. Der König hatte diesen Patenttoast nicht gehört. Er hatte sich entfernt. Dann aber, als die Tafel wieder abgetragen worden war, begann der Ball von Neuem. Die Fröhlichkeit war eine reine und ungetrübte, und als das Fest zu Ende war, erklang es allgemein: »So einen Tag des Glückes haben wir noch nicht erlebt. Wir haben ihn unserm König zu danken. Frömmigkeit, Fleiß, Liebe und Treue, Treue vor allen Dingen dem Heerde, der Familie, dem Vaterlande und dem Herrscher, das ist der einzige und wahre Weg zum Glück!« – – Nach diesem fröhlichen Abende waren einige Jahre vergangen. Der Mai des Jahres 1886 hatte Berge und Thäler, Wälder und Felder mit frischem, jungem Grün geschmückt, und nun lag ein wunderschöner Junimorgen in jungfräulichem Glänze über dem Starnberger See und dessen Ufer ausgebreitet. Wer einmal in Feldafing, dem Lieblingsaufenthalte der Kaiserin Elisabeth von Oesterreich gewesen ist, der weiß die Schönheiten dieses Sees, welcher auch Wärmsee genannt wird, zu rühmen. Seit Kurzem hatte sich dort eine kleine Touristengesellschaft zusammengefunden, deren Glieder von Nord und Süd, von Ost und West herbeigekommen waren, sich an der erwähnten Schönheit zu ergötzen und die delikaten Renkenfische des Sees zu verspeisen. Unter ihnen befand sich ein junges Ehepaar. Der Mann war Maler und hieß Johannes Weise. Ein Knecht des Wirthes, welcher von Außen her stammte, behauptete, dieser Künstler sei ganz armer Leute Kind, stamme aus dem Dorfe Hohenwald und sei dort nur der Elephantenhanns geheißen worden. Sein wunderhübsches Weibchen hatte in ihren Zügen und ihrem ganzen Wesen einen südlichen Anstrich und hatte durch die Zärtlichkeit, mit welcher sie um ihren Mann besorgt war, und die einfache Natürlichkeit, mit welcher sie sich gab, die Zuneigung einer jungen, städtischen Dame gewonnen, welche aus dem fernen Hannover herbeigekommen war, um ihre Brust in der reinen Luft der Berge zu baden. Die beiden Damen saßen jetzt bei ihrem Morgenkaffee, den sie sich auf einem vor der Thür stehenden Tischchen hatten serviren lassen, in einem jener Gespräche, wie sie von Damen während des Kaffees geführt zu werden pflegen. »Also Sie sind wirklich keine Bayerin,« sagte die Norddeutsche. »Das habe ich Ihnen doch gleich angesehen. »Nein. Ich bin eine Italienerin.« »So haben Sie Ihren lieben Gemahl wohl während einer Kunstreise kennen gelernt, welche er nach Ihrer Heimath machte?« »So ungefähr war es. Er war in Egypten gewesen und befand sich aus der Rückreise in Triest. Ich war dorthin gekommen, um trüben Verhältnissen zu entfliehen, welche mir in meiner Heimath aufgezwungen werden sollten. Er nahm sich meiner an, und so lernten wir uns kennen und lieben.« »Sie Glückliche!« Es glitt bei diesen Worten ein Zug der Schwermuth über das ernste, schöne Gesicht der Hannoveranerin. Es war kein Neid, der sich in ihnen aussprach, aber ein ungestilltes, trübes Sehnen nach dem gleichen Glücke. Anita blickte sie für einen Moment lange forschend an und fragte dann: »Sie sind nicht glücklich?« »Wie kommen Sie zu dieser Ansicht?« »Weil Sie stets so ernst sind. Man sieht Sie kaum einmal lächeln. Das hat mir immer wehe gethan.« Jetzt lächelte die Andere doch gleich; aber es war nicht das Lächeln des unbefangenen Wohlbehagens, sondern mehr dasjenige erzwungener, Entsagung. Sie richtete ihr dunkles, großes Auge in die Ferne, wo man über den See hinweg die ganze bayrische Alpenkette von der Zugseite bis zum Watzmann und Untersberg erblicken konnte und antwortete in ihrem gewöhnlichen, so milden Tone: »Was nennen Sie glücklich, mein liebes Kind? Unglücklich bin ich nicht; aber eines Glückes habe ich mich auch nicht zu rühmen.« »Sie tragen ein Leid mit sich herum?« »Ja. Doch hoffe ich, daß die Zeit es mildern werde. Die Eltern sind mir während des vergangenen Herbstes fast an einem und demselben Tage gestorben. Sie waren jährlich mit hier im schönen Bayernlande und nun bin ich allein.« »Sie haben keine Verwandte?« »Ich habe welche, aber sie sind stolze, auf ihr Vermögen eingebildete Leute, und das widerstrebt meinem Gefühle.« Es war fast ein Blick des Mitleides, mit welchem die Malersfrau die Andere jetzt betrachtete. »Aber Sie haben Freundinnen?« fragte sie. »Auch nicht, wenigstens was ich Freundinnen nennen möchte. Man verkehrt in großen Städten jawohl mit Seinesgleichen, aber meist ohne einen Herzensanschluß zu finden.« »Aber, da sind Sie doch gar sehr zu bedauern!« »Vielleicht nicht so sehr. Es mag die Schuld mit an mir liegen. Es kann sein, daß ich nicht sehr anschlußfähig bin.« »O, das dürfen Sie nicht denken. Wir sind erst so kurze Zeit hier beisammen und haben uns doch wohl schon ein Wenig lieb gewonnen. Oder nicht?« »Ja, das ist wahr,« antwortete die Gefragte, dieses Mal mit einem wirklich herzlichen Lächeln. »Hier giebt es andere Leute. Hier tritt einem der Wunsch nahe, für immer da zu bleiben bei den Leuten, die sich so natürlich zu geben wissen.« »Nun, so bleiben Sie doch da! Oder hält Etwas Sie davon ab?« »Nein, ich bin Herrin aller meiner Handlungen und kann thun und lassen was ich will.« »Nun, dann würde ich kurzen Prozeß machen und die Stadt hinter mir liegen lassen.« »Ja, Sie sind ein kleines, liebes, resolutes Wesen. Sie haben der Heimath entsagen können, weil Sie der Liebe folgten. Diese ist stark und vermag wohl alle Bande zu zerreißen.« »Haben Sie sie noch nicht kennen gelernt?« Die Gefragte erröthete ein Wenig, antwortete aber doch: »Nein; ich bin nicht so glücklich gewesen wie Sie.« »So warten Sie nur! Sie wird schon noch kommen, Sie kommt einem jeden Menschen einmal.« »Das wissen Sie so genau!« »Ja. Mein Mann hat es gesagt, und da muß es wahr sein.« Das klang so naiv zuversichtlich, daß die Andere ein leises Lachen hören ließ. »Sie scheinen Ihren Mann für sehr competent zu halten?« »Durchaus!« nickte Anita sehr bestimmt. »In allen Sachen?« »Ja. Eine Frau, welche ihren Mann wirklich lieb hat, muß ihn für einen Ausbund von Klugheit halten. Was der Meinige sagt, das gilt bei mir.« »Dann ist er zu beneiden!« »Meinen Sie, das sei eine Schwäche von mir? O nein. Ich habe, auch meinen Willen. Ich kann auch auftreten. Wir haben Beide ganz gleiche Rechte. Aber was die Welt und das Leben betrifft, so ist der Mann doch stets klüger und erfahrener als die Frau.« Sie hatte das mit solchem Nachdrucke, so angelegentlich versichert, daß die Norddeutsche ihr die Hand entgegenstreckte und dabei sagte: »Sie sind wirklich ein allerliebstes, herzensgutes Wesen. Wollen wir nicht Freundinnen sein?« »O wie gern!« »Wirklich?« »Ja, ich habe es Ihnen schon anbieten wollen, mich aber gefürchtet.« »Sehe ich so furchterweckend aus?« »Nein, aber so vornehm.« »Ach, das ist nicht weit her. Mein Vater war Bankier. Das ist doch weiter nichts.« »Nun, das ist schon Etwas! Der Meinige war Maler.« »Also Künstler? Da bin ich Ihnen also nicht einmal ebenbürtig.« »Ach, gehen Sie! Wollen keine solche Entscheidungen treffen, sondern lieber dabei bleiben, daß wir uns lieb haben müssen. Nicht? »Sehr gern.« »So müssen wir es betrinken,« lachte sie lustig auf. »Wohl in Champagner?« »O nein, sondern in Kaffee, denn dieser ist ja der Frauensect. Stoßen wir an! Auf ewige, unerschütterliche Freundschaft!« Die Tassen klirrten zusammen, was dem Vertrage einen etwas drolligen Anklang gab. Dann sagte die Hannoveranerin: »So müssen wir aber von jetzt ab alle Titulationen fallen lassen!« »Natürlich.« »Uns nur beim Vornamen nennen.« »Das versteht sich.« »Wie darf ich also zu Ihnen sagen?« »Ich heiße Anita. Der Familienname meines Mannes ist Weise. Und Sie?« »Ich heiße Margarethe und wurde von den Eltern Marga, von Andern zuweilen auch Gretchen genannt.« »Marga klingt mir hübscher.« »Sie haben die Wahl.« »So sage ich Marga.« »Ist mir lieb. Mein Familienname ist Siebers. Nun ist die große persönliche Vorstellung beendet und wir können alle Steifheit fallen lassen.« »Ja, das wollen wir. Ich freue mich so über unsere Freundschaft, daß ich gleich auf und davon laufen möchte.« »Aus Angst vor mir?« »O nein, sondern vor Entzücken, daß ich eine Freundin habe. Mein Mann sagt stets, daß ich keine Freundin bekommen werde.« »Warum nicht?« »Weil – weil – na, ich will es aufrichtig sagen – weil Niemand vor mir Respect haben könne. Ich sei zur Freundschaft noch viel, viel, viel zu jung.« Das kam so neckisch schmollend, so gutmüthig zürnend zwischen den frischen Lippen und blinkenden Zähnen hervor, daß Marga dieses Mal laut und herzlich auflachen mußte. Anita stimmte fröhlich ein und rief erfreut: »Sehen Sie, daß ich eine gute, brauchbare Freundin sein kann! Sie fangen bereits an zu lachen. Warten Sie nur, je fester unsere Freundschaft wird, desto größere Dummheiten werde ich machen, damit wir Beide recht lustig sein können. Dann soll mir Johannes nochmals sagen, daß ich zur Freundin zu – zu – zu jung sei.« Und sich zu Marga hinüberbeugend und die Hand geheimnißvoll an den Mund haltend, flüsterte sie weiter: »Eigentlich hat er anders gesagt.« »Wie denn?« »Nicht zu jung, sondern zu – zu – ich bringe das Wort fast gar nicht heraus, denn es klingt fast gar zu schlecht.« »Nun, mir können Sie es doch sagen.« »Freilich, weil wir eben Freundinnen sind. Er meint nämlich, daß ich viel zu – zu – zu – quecksilbern sei.« »Ah, zu unruhig?« »Vielleicht. Was er eigentlich damit meint, das weiß ich gar nicht einmal genau. Ich werde ihn nächstens einmal ernsthaft darüber fragen.« »Thun Sie das, liebe Anita, und theilen Sie mir dann seine Antwort mit!« »Ich habe es eben mit »zu jung« übersetzt.« »Nun, meinen Sie etwa, daß ich da eher die nöthigen Anlagen zu einem Freundschaftsbunde besitze?« »Ja, sehr,« antwortete Anita ernsthaft. Da lachte Marga abermals herzlich auf. »Sie Gute, Aufrichtige!« sagte sie. »Wissen Sie denn, was für ein Urtheil Sie da über mich gefällt haben?« »Nun?« »Daß ich schon recht, recht sehr alt bin.« »Herrgott, das habe ich doch gar nicht gemeint!« »Aber es klang so. Wenn die Jugend ein Hinderniß der Freundschaft ist, und Sie sagen, daß ich die Talente zu einem Freundschaftsbunde besitze, so muß ich doch bereits fast steinalt sein.« »Das habe ich mir gar nicht so überlegt. Mein Johannes hat wohl ganz recht; ich bin doch ein Wenig zu quecksilbern. Herrgott, Sie und steinalt! Wir werden einander gar nicht viel zu schenken haben.« »Doch. Wie alt sind Sie?« »Einundzwanzig.« »Und ich vierundzwanzig.« »Das sind drei Jahre, also noch lange kein Jahrhundert. Aber, wissen Sie, Sie sind so still, so ruhig und bedächtig und wenn man das ist, so kann man sehr leicht älter erscheinen als man ist.« »Das ist sehr richtig. Beweglichkeit gehört zur Jugend; darum verjüngt sie.« »Grad darum passen wir Beide so sehr gut zusammen und wir wollen auch gar treu zusammenhalten, wenn – wenn wir nur die Zeit dazu haben.« »Warum sollten wir nicht?« »Ich weiß ja gar nicht, wie lange Sie hier bleiben werden.« »Ich habe mich noch gar nicht entschlossen. Nur so viel steht fest, daß ich bis zum Juli in Bayern sein wollte.« »So bleiben Sie doch hier bei uns!« »Wie lange verweilen Sie denn hier?« »Bis mein Mann sein Bild beendet hat. Eigentlich wohnen wir in München. Ein hoher, steinreicher Herr hat eine Landschaft bei ihm bestellt und so sind wir schleunigst heraus nach dem Wärmsee, wo Johannes die passenden Dinger findet, die er Motive nennt. Was das eigentlich ist, das weiß ich nicht. Ich habe ihn gefragt, aber je länger er es mir erklärt, desto weniger verstehe ich es. Endlich laufe ich davon und dann sagt er wieder, daß ich das reine Quecksilber sei. Sie sollten sich hier eine kleine Privatwohnung nehmen, grad so, wie wir es auch machen werden.« »Die Eltern thaten es stets. Ich habe auch bereits daran gedacht, leider aber erfahren, daß hier alle Privaträume bereits bestellt sind.« »Hier, ja. Aber drüben am andern Ufer giebt es wohl noch welche. Wir haben da eine ganz allerliebste Wohnung gesehen, die wir gar gern genommen hätten, wenn sie nicht leider nur für eine Person berechnet wäre.« »Wo?« »Beim Tobias gradüber.« »Wer ist das?« »Der Gärtner, welcher fast täglich herüberkommt, um dem Wirthe das Junggemüse zu bringen.« »Den kenne ich.« »Gefällt er Ihnen?« »Nun, er ist wohl ein Mann wie jeder Andere auch. Er scheint wenig zu sprechen aber ein sehr, braver Mann zu sein.« »Ja, reden thut er wenig und wenn er geht, so schreitet er langsam und bedächtig Schritt für Schritt. Denken Sie, mein Johannes hat ihn mir bereits als Beispiel aufgestellt, an welchem ich mein Quecksilber üben solle! Also der Mann ist schlecht und recht; aber die Wohnung ist sehr, sehr hübsch, romantisch am Ufer gelegen, fein sauber, und der Besitzer ist interessant.« »Dieser Tobias?« »O nein. Der ist nur der Pächter.« »Ach so. Wem gehört das Haus?« »Einem berühmten Sänger.« Ein aufmerksamer Beobachter hätte gesehen, daß es leise um den Mund Marga's zuckte. »Ein berühmter Sänger hat hier ein Häuschen am See?« fragte sie. »Es ist wohl eine Villa?« »O nein, sondern ein gewöhnliches Häuschen mit Garten und Feld dabei, aber Alles blitzsauber und nett.« »Wie heißt der Sänger?« »Eigentlich heißt er Anton Warschauer, aber er wird gewöhnlich Krickelanton genannt.« »Sonderbarer Name. Steht das vielleicht im Zusammenhange mit den Gemskrickeln?« »Ja. Er soll nämlich früher ein berühmter Wildschütz gewesen sein.« »Das ist ja höchst romantisch!« »Dann ist er mit der berühmten Mureni verlobt gewesen, sie aber hat die Verlobung wieder aufgehoben und lieber einen Grafen geheirathet, weil der Anton so lüderlich gewesen ist. Er hat ein Heidengeld verdient und doch seine Eltern fast verhungern lassen. Dann aber hat ihn das Gewissen geschlagen, und er ist ganz plötzlich ein anderer Mensch geworden. Er hat da drüben das Grundstück gekauft und das Haus darauf bauen lassen. Dann hat er es einem früheren Knecht aus seinem Heimathsdorfe, einem blutarmen Teufel, eben dem Tobias, zu einem Spottpreise verpachtet und seine Eltern kommen lassen, die nun darin wohnen, wie der Fink im Hanfsaamen. So oft er Zeit gewinnt, kommt er herbei, um die Eltern zu besuchen. Er soll jetzt ein wahres Muster geworden sein.« »Das ist wirklich sehr interessant. Haben Sie das Logis gesehen?« »Ja. Es ist ein Stübchen mit Kammer im Sonnengiebel, hübsch möblirt. Vom Pächter kann man Alles haben, Aufwartung und sogar auch Mittagstisch.« »Sie machen mir wirklich Lust, es mir einmal anzusehen.« »Das ist prächtig! O, wenn es Ihnen gefiele und Sie nähmen es, so könnten wir täglich zu einander über den See rudern und von früh bis Abend bei einander sein, abwechselnd Sie bei mir oder ich bei Ihnen.« »Ja, das wäre freilich hübsch! Aber würde diese Zigeunerin Ihrem Herrn Gemahl gefallen?« »O, der wird kaum gefragt. Was mir gefällt, das hat auch er gern.« »Sie sind wirklich zu beneiden!« »O, es ist nicht so schlimm. Man hat auch seinen heimlichen Aerger, besonders wegen des Quecksilbers. Also wollen wir einmal hinüber zum Tobias?« »Ja, versuchen wir es.« »Wann?« »Vielleicht morgen?« »O nein, sondern bereits heut!« »So rasch?« »Ja. Vielleicht bereits am Vormittage. Gleich jetzt. Da paßt es am besten. Sehen Sie, dort auf dem Wasser rudert Einer herbei. Das ist der Tobias. Der könnte uns gleich mitnehmen.« »Sie haben es freilich sehr eilig,« lächelte Marga. »Das ist eben das Quecksilber. Also, wollen Sie? Ja.« »Gut, ich stimme bei.« »So will ich nur gleich schnell laufen, um es meinem Johannes zu melden. Er ist droben auf der Höhe und zeichnet.« Sie eilte fort, kehrte aber noch einmal um und sagte: »Sie brauchen es dem Tobias nicht gleich von vorn herein zu sagen, daß wir wegen der Wohnung mit ihm wollen.« Dann sprang sie von dannen. Marga stand auf und trat in das Haus, um sich aus dem Gaststübchen, welches sie inne hatte, ein Tuch zu holen. Als sie dann wieder herabkam und am Tische Platz genommen hatte, legte Tobias am Ufer an, hob den Gemüsekorb aus dem Kahne auf die Achsel und trug ihn in das Haus. Marga's Gesicht hatte jetzt einen ganz eigenen Ausdruck angenommen. Es war, als ob der Wiederschein eines hellen Tages, dem eine dunkle, stürmische Nacht folgte, über dasselbe gehe. So saß sie in tiefem Sinnen versunken, bis Anita wiederkehrte und ihr bereits von Weitem zurief, daß sie die Erlaubniß erhalten habe, mitzufahren. Eben jetzt kam der Pächter wieder aus dem Hause, um sich, den geleerten Korb in der Hand, nach seinem Boote zu begeben. »Tobias, dürfen wir mit hinüber?« fragte Anita. Er nickte ihr freundlich ernsthaft zu und antwortete: »Wanns gleich mitkommen wollen, so mags halt gehen. Ich hab nit lange Zeit.« »Wir sind schon fertig.« »So kommens!« Sie folgten ihm und nahmen neben einander auf dem vorderen Quersitze Platz. Tobias setzte sich hinten nieder und griff zu den Rudern. Das Boot stieß vom Lande. Die erste Zeit verging im Schweigen. Dann aber fragte Anita: »Tobias, wissen Sie nicht, ob es da drüben irgendwo eine kleine, hübsche Wohnung für eine anständige Dame giebt.« »Giebts wohl,« antwortete er. »Aber wo?« »Hier und da.« »Können Sie uns eine nennen?« »Fragens nachhero meine Frauen!« »Aber Sie können uns doch ebenso gut Auskunft ertheilen!« »Das thu ich nit.« »Warum nicht.« »Ich thu es halt nit.« »Sie müssen doch einen Grund dazu haben!« »Hab ich schon auch.« »Welchen denn?« »Mag nix zu verantworten haben.« »Wenn eine Wohnung nicht gefällt, die Sie vorher empfohlen haben, nicht wahr?« »So ists!« Er ruderte langsam und taktmäßig weiter. Während seiner Antworten hatte er keinen Blick auf Anita geworfen, mit welcher er doch sprach. »Der, ist allerdings nicht quecksilbern,« flüsterte sie der Freundin zu. »Nein, gar nicht,« lächelte diese. »Soll ich ihn mir wirklich zum Muster nehmen?« »Das möchte ich denn doch nicht rathen. Ein wenig Quecksilber ist auch angenehm.« »Das tröstet mich.« Da der See hier nicht breit war, legten sie nach Verlauf einer Viertelstunde drüben an. Als sie ausgestiegen waren, fragte Anita den Pächter: »Ist denn vielleicht die Wohnung in Ihrem Hause noch frei?« »Mag sein.« »Und sind Sie noch gewillt, sie zu vermiethen?« »Geht mich nix an.« »Wen denn?« »Die Warschauersleut. Denen gehört das Haus.« Er hing den Kahn an, nahm den leeren Korb auf und schritt davon, als ob gar Niemand zugegen sei. »Warten Sie doch!« rief Anita ihm nach. »Wir müssen doch die Ueberfahrt bezahlen.« »Kostet nix!« antwortete er, ohne sich umzudrehen. »Ein Original!« lachte die junge Frau halb ärgerlich. »Der sollte mein Mann sein! Thut nix, macht nix, kostet nix, sonst nix, weiter nix! Dem wollte ich schon die Zunge lösen!« Ein schmaler Pfad führte vom Ufer empor, wo auf halber Höhe ein schmuckes Häuschen stand, hinter welchem die Wirtschaftsgebäude versteckt lagen. Das Parterre war, wie man leicht bemerkte, für zwei Familien eingerichtet, rechts eine größere, links eine kleinere Wohnung. Im Stockwerke schienen die Kammern zu liegen. Das Vorgärtchen war sehr gut gepflegt. Ueberhaupt machte Alles den Eindruck behaglicher Sorgfalt. »Die alten Warschauers wohnen links, in der kleinen Hälfte des Parterres,« erklärte Anita. »Zu ihnen müssen wir.« Sie traten in den Flur, wo blitzblank gescheuertes Milch- und anderes Geschirr stand, und klopften links an. »Ja, herein!« erklang es von innen. Als sie nun eintraten, sahen sie sich in einem behaglichen Räume, welcher vor Reinlichkeit erglänzte. Am Tische saß das alte Ehepaar. Sie stopfte an einem Strumpfe und er schnitzte an einem neuen Pfeifenkopfe herum. Jetzt sah es allerdings ganz anders bei ihnen aus, und sie selbst machten einen weit anderen Eindruck als damals, wo der Anton in Wien sein Geld vergeudete, ohne seiner armen Eltern zu gedenken. »Guten morgen,« grüßte Anita munter. »Kennen Sie mich noch?« »Grüß Gott!« nickte der Alte. »Werds schon noch kennen, Wissens, von dem Theaterabend her, wo dera Elephantenhanns, Ihr Mann, die Kulissen dazu malt hat. Nachhero sinds doch auch mal jetzt wiederum da gewest.« »Wegen des Logis.« »Es war für Sie zu klein.« »Ist es noch frei?« »Ja. Es sind Leut dagewest, die es haben wollten, aberst wir sehen uns die Personen an. Wir wollen nur Jemand haben, der uns halt gefallen thut.« »Das ist begreiflich. Hier ist eine gute Freundin von mir, welche grad ein solches Logis sucht, wie Sie haben.« Der Alte rückte sich seine Brille zurecht, betrachtete Marga, sah dann seine Frau an und fragte: »Was meinst dazu. Alte?« Die Frau knixte vor Marga und antwortete ihm dann: »Wannst willst, mir ists ganz recht.« »Ja, eine Saubere ists, und ein gutes Aug hats auch. Wann ihr die Stuben gefallt, so solls sie haben. Kannst sie mal emporführen.« Mutter Warschauer führte die beiden Damen nach der Etage empor. Der Alte setzte sich wieder nieder und schnitzte weiter. Nach einiger Zeit kehrten die Drei zurück. »Nun, wie ist's?« fragte er. »Das Fräulein hat gemiethet.« »Auch was dazu?« »Alles, die ganze Pflege.« »Und wann ziehts an?« »Heut noch. Kannst mit nüber rudern nach Feldafing und ihre Sachen holen.« »Wird gern geschehen.« Er erhob sich, streckte Marga die Hand entgegen und fuhr fort: »Hier habens meine Hand, und seins willkommen. Habens die Eltern noch?« »Nein, ich bin eine Waise.« »So könnens mir brav leid thun. Denkens halt, daß Sie hier bei denen Eltern sind. Und sagens, wie wir Sie nennen sollen.« »Ich heiße Margarethe Siebers und bin aus Hannover, werde aber von Bekannten am liebsten Marga genannt.« »Dürfen auch wir so sagen?« »Ja, ich bitte darum.« »So setzens sich halt ein Bisle nieder. Ich muß Ihnen einen Enzianschnaps eingießen. Die Beiden kannten die Gepflogenheit dieser Naturmenschen. Sie weigerten sich nicht, von dem starken Branntwein zu nippen, und setzten sich nieder. »Also aus dem Hannover sinds?« meinte der Alte. »Da hat der Anton auch paar Male sungen. Es hat ihm gar gut dort gefallen; aberst er mag, nicht wieder hin.« »Warum nicht?« fragte Marga. »Ja, das weiß ich nicht. Es muß ihm dort was nicht gefallen haben;, aber er redet nicht davon.« »Ich habe vorhin gehört, daß er ein Sänger sei.« »Ja, und ein berühmter!« nickte der Alte in väterlichem Stolze. »Habens ihn denn nicht dort singen hört?« »Nein.« »Das könnt mich fast wundern. Das Theatern ist stets zum Verdrücken voll gewest.« »Ich besinne mich wirklich nicht auf einen Sänger Namens Warschauer.« »Ja, wanns nach diesem Namen fragen, so werdens freilich schlecht berichtet. Er singt unter seinem Vornamen und nennt sich Antoni.« Da färbte ein tiefes Purpurroth die Wangen Marga's. »Ja, den, den kenne ich,« rief sie aus. »Nicht wahr!« »Ja. Ich war bei jeder Vorstellung im Theater und bin Zeugin seiner Erfolge gewesen.« »So! Das gefreut mich sehr. Nun sinds mir noch vielmehr willkommen als vorher. Also gesehen habens den Anton?« »Sogar mit ihm gesprochen.« »Wo denn?« »Auf einer Soiree, zu welcher auch er mit geladen war.« »So, so! hat er nix von uns sagt?« »Ja. Er hat mir von seinen guten Eltern erzählt, und ich freue mich außerordentlich, daß ich Sie kennen lerne und sogar bei Ihnen wohnen kann.« »Na, wanns so ist, so werden wir halt nur Freud an einander derleben. Und da denk ich halt, mir wollen machen, daß wir Ihre Sachen herüber bekommen. Wir nehmen den Kahn. Ich bin ein alter Mann, aber Sie können sich mir ruhig anvertrauen. Ein Boot bring ich schon noch ganz gut über den See.« Früher hätte er das nicht wagen dürfen. Jetzt aber hatte ihn das bessere, sorgenfreie Leben und die gute Kost gestärkt. Er war kräftiger geworden. Marga war ganz einverstanden, daß er sofort aufbrechen wollte, sagte aber: »Es ist wohl gar nicht nöthig, daß wir mitfahren?« »Ja, werd ich denn Ihre Sachen bekommen?« »Gewiß, denn ich gebe Ihnen einige Zeilen an den Wirth mit.« »So mags halt sein.« »Und meine Freundin bleibt auch da, um mir bei der Einrichtung zu helfen.« »So fahr ich allein. Wanns indessen hier was brauchen, so sagens das nur getrost meiner Frauen. Was geschafft werden kann, das werdens halt bekommen.« Er ging, und nun ließ es sich die alte, gute Frau nicht nehmen, den beiden Damen ihr Haus und besonders auch den Gras- und Baumgarten zu zeigen. Dabei kamen sie auch in die drei Räume des Stockwerkes, welche der Krikelanton bewohnte, wenn er sich bei den Eltern befand. Das war das Heiligthum seiner Eltern. »Das ist dem Anton,« sagte die Alte, auf sein Bild deutend, welches an der Wand hing. Marga griff unwillkürlich mit der Hand nach dem Herzen. Zwei Rosen, eine rothe und eine weiße, aber in ganz und gar vertrocknetem Zustande, waren unter dem Bilde angebracht. Sie waren durch eine kleine, jetzt unscheinbar gewordene, rothseidene Schleife verbunden gewesen. »Woher stammen diese Rosen?« fragte Marga stockend. »Er hat sie aus dem Hannover schickt. Sie lagen in einem Kästchen und dabei dera Zettel, daß wir sie hier unter sein Bild thun sollen.« Marga wandte sich ab, um die Gluth nicht merken zu lassen, welche ihre Wangen röthete. Sie fand ihr ruhiges Wesen erst wieder, als sie dann in den Garten kamen. Als sie die Besichtigung desselben beendet hatten und sich dem Hause wieder näherten, sahen sie einen alten Mann des Weges daherkommen. Er ging langsam, Schritt um Schritt, und stützte sich dabei auf einen langer Bergstock. Sein Haar war grau, ebenso der mächtige Schnurrbart. Auf dem Kopfe trug er einen alten Hut, der mit verwelkten Frühlingsblumen besteckt war, und über dem Rücken hing ihm der Rucksack. »Sollte ich diesen Mann nicht kennen?« fragte Anita. Mutter Warschauer rückte ihre Brille zurecht und sah auch nach ihm. »Ich kann sein Gesicht nicht derkennen,« sagte sie. »Dazu reichen meine Augen nicht mehr aus, aberst wann er aufrechter und schneller gehen thät, so dächt ich, es wär dera Wurzelsepp.« »Ach ja, das ist der richtige Name,« stimmte Anita bei. »Es ist der Wurzelsepp.« »Ich glaubs halt nit.« »Er ists aber doch.« »O, der geht ganz anderst!« »Er ist verändert. Ich werde ihn rufen.« Der Wanderer war stehen geblieben, um auszuruhen. Er blickte nach dem Häuschen. »Sepp, Wurzelsepp!« rief Anita. Er nickte und winkte müd mit der Hand. »Kommst heraufi?« fragte sie in dem Dialecte der Gegend, den sie sich auch ein Wenig angeeignet hatte. »Komm schon. Wart nur ein Wengerl!« Und er kam, aber so, als ob ihm jeder Schritt die größten Anstrengungen bereite. Je näher er kam, und je deutlicher sie sein Gesicht erkennen konnten, desto mehr bemerkten sie, welche Veränderung in demselben vorgegangen war. Seine Augen lagen tief in den Höhlen; auf den faltigen Wangen glänzte es fiberhaft. Seine Brust athmete schwer und fliegend, und mit einem lauten, ächzenden Seufzer sank er auf die Holzbank, welche vor der Hausthür stand. Er hatte gar nicht gegrüßt. Der Stock entfiel seiner Hand. Er nahm den Hut vom Kopfe; auch dieser fiel aus seinen Fingern. »Herrgottle, Sepp, wie schaust aus!« rief die Warschauerin erschrocken. »Ich werd gleich einen Enzianen holen.« Er schüttelte den Kopf. »Warum nicht? Bist doch krank!« »Wohl, wohl!« antwortete er mit heiserer Stimme. »Wo fehlts Dir denn?« »Hier und hier.« Er deutete nach der Brust und dem Kopfe. »Wo kommst denn her?« »Von Schwanstein.« »Wo dera König ist?« »Ja.« »Und wo willst hin?« »Nach Berg.« »Dem Schloß da unten?« Er nickte. »Was willst dort?« »Sterben.« »Bist nicht klug! Ich muß Dir wirklich gleich einen Schnaps holen.« »Ich brauch keinen.« »Aber Du mußt ihn nehmen!« »Ich trink keinen mehr. Laß mich aus damit, Warschauerin!« »Herrgottle, was soll man da machen!« Der sonst so rüstige Sepp bot ein Bild inneren und äußeren Verfalles. Anita konnte nicht anders, sie kniete bei ihm nieder, nahm seine beiden fieberheißen Hände in die ihrige und fragte ihn: »Sepp, lieber Sepp, kennst mich noch?« Er nickte. Aber sein Auge brannte so fieberhaft, daß sie glaubte, er kenne sie doch nicht.« »Sag, wer ich bin!« bat sie. »Die Anita.« »Ja, die bin ich. Bist sehr krank?« »Zum Tode,« hauchte er. »In der Brust wohl?« »Ja, und auch im Herzen.« »Warum denn? Was ist geschehen? Hast Dich etwan erkältet?« »Vielleicht. Ich hab nicht drauf achtet.« »Aber so sag doch, was passirt ist!« »Was passirt ist? Die Welt geht unter! O Gott, o Gott!« Er hatte an sich gehalten, jetzt brach er plötzlich in ein lautes, fast brüllendes Schluchzen aus, in welches sich die Stimme eines trockenen Hustens mischte. »O Himmel, dera Sepp weint!« rief die Warschauerin erschrocken. »Was ist da zu thun? Was machen wir? Wann nur mein Mann daheim wär!« »Dort kommt er schon,« sagte Marga, nach dem Wasser deutend. »Er wird gleich anlegen.« »So muß ich ihn rufen!« Und beide Hände au den Mund legend, schrie sie ihm zu: »Warschauer, mach schnell, mach schnell! Es ist ein Unglück schehen!« Der Alte verstand die Worte, verdoppelte die Schnelligkeit des Kahnes, legte an, band ihn fest und kam dann eiligen Laufes herbei. »Ein Unglück?« fragte er bereits unterwegs. »Was denn?« »Da schau den an!« Jetzt fiel sein Blick auf den Sepp. »Dera Wurzelsepp!« rief er erschrocken. »Mein Himmel, was ist mit dem? Sepp, Sepp, warum weinst? Was hast?« Er schüttelte ihn an der Achsel. Da trocknete sich der Weinende die Augen mit dem Aermel der alten Jacke und zwang sich zur Antwort: »Weißt denn noch nicht, was geschehen ist?« »Nein. Mit wem denn?« »Mit dem König.« »Da weiß ich kein Wort. Was ists denn?« »Nach Schloß Berg wird er schafft.« »Warum?« »Weil sie sagen, daß – daß – daß er den Verstand verloren hat. O mein Herrgott, o mein Herrgott!« Wieder weinte er grad hinaus. Die Andern standen dabei, ganz starr vor Schreck. Warschauer hielt den Sepp, sonst wäre derselbe von der Bank gefallen. »Dera König wahnsinnig!« sagte er. »Das ist doch gar nicht möglich.« »Vielleicht doch,« bemerkte Marga bescheiden. »Ich habe bereits davon sprechen hören.« »Wirklich, wirklich?« »Ja. Er soll bereits seit längerer Zeit krank sein.« »Ich glaubs nicht. Sepp, glaubst Du es?« Der Gefragte schüttelte verzweifelt den Kopf und antwortete,: »Was weiß ich! Ich weiß nur das Eine, daß Alles, Alles aus ist. Dero König Ludwig stirbt und dera Sepp auch.« »Das darfst nicht sagen,« gegenredete Warschauer. »Dera Herrgott lebt ja noch.« »Das weiß ich. Aberst mein König ist krank. Es darf Niemand mehr zu ihm. Die Irrenärzte sind bei ihm. Ich mag nicht mehr leben, denn auch er überlebt das nicht. Laßt mich fort, laßt mich fort! Ich muß weiter mich Berg, wohins ihn schaffen wollen!« Er wollte aufstehen, fiel aber wieder auf die Bank zurück. »Wo denkst hin?« antwortete Warschauer. »Du kannst nicht weiter!« »Ich muß, ich muß!« »Du darfst aber nicht!« »Ich muß. Ich geh fort!« Er raffte sich mit Gewalt auf, gerieth aber sogleich ins Wanken und mußte gehalten werden. »Sei verständig, lieber Sepp,« bat der Wirth. »Jetzt kannst unmöglich weiter. Du mußt Dich ausruhen. Komm herein in die Stuben. Ich werd Dich führen.« Er nahm ihn unter dem Arme. Er ging nur sehr langsam. Sepps Beine zitterten sichtlich. Drin in der Stube angekommen, sank er sofort auf das Kanapee. Vorher, unterwegs, hatte er sich noch aufrecht halten können; jetzt aber, wo die Schwäche sich nun einmal seiner bemächtigt hatte, kam er nicht wieder auf. »Was hast denn aber macht?« fragte Warschauer. »Dera Schreck kann doch nicht allein gewest sein!« »Nein, der nicht allein,« keuchte Sepp. »Was denn?« »Ich hab hört, daß mein König krank ist, und zu ihm wollt ich. Aberst man hat mich nicht zu ihm lassen. Da hab ich keine Ruhe habt bei Tag und Nacht und bin heraußen legen in Wind und Wetter, um zu erlauschen, wie es mit ihm steht. Dabei muß ich mich verkältet haben, und nun gehts mit mir zu End.« »Mach mir keinen solchen Witz!« »Glaubst, daß ich mit dem Tode Scherz treiben thu?« »Nein, aberst man stirbt nicht so leicht.« »Wanns aber einmal beginnt, dann gehts auch sehr schnell.« Er konnte nicht zusammenhängend sprechen. Sein Athem ging keuchend. Seine Augen und Wangen glühten. Er hatte das Fieber. »Wollen Sie nicht nach einem Arzt senden?« fragte Marga. »Arzt? Ein Doctor?« rief Sepp. »Ich mag keinen. Ich brauch keinen!« Er richtete sich aus seiner liegenden Stellung auf dem einen Ellbogen auf und blickte wild, stier und zornig um sich. »Aber Sepp, Sepp, sei doch geduldig!« bat Warschauer. »Du bist krank. Du mußt doch einen Doctoren haben!« »Ich will ihn nicht sehen. Er soll mir weit davon bleiben. Wer mir einen Doktoren bringt, den schlag ich todt!« schrie der Kranke. Das Fieber hatte sich seiner bemächtigt. Da knieete Marga vor dem Kanapee nieder, zog den Sepp auf dasselbe zurück, ergriff mit ihrer Rechten seine Hand, legte ihm die linke auf die Stirn und sagte in mildem Tone, welcher einen ganz eigenthümlichen, bezwingenden Wohlklang hatte: »Sepp, lieber Sepp, höre mich an! Kennst Du mich noch?« Sein Blick verlor die Starrheit. Sein Gesicht nahm den Ausdruck größerer Ruhe an. Er sah nicht nach der Sprecherin. Er schien zu horchen. »Hast Du mich gehört?« fragte sie abermals. Seine Brust athmete noch schwer, aber es ging ein Lächeln über seine alten, lieben Züge. Er richtete den Blick nach der Decke empor und antwortete: »Ja, diese Stimme, die kenn' ich gar wohl, die muß ich hört haben.« »Besinne Dich: wo!« »Es fallt mir nicht ein. Sags selbst!« »Es war auf dem Wege von Pöking nach Possenhofen im Sommer vorigen Jahres.« »Ja, ja, jetzund besinn ich mich. Du trafst mich um Weg, und weil ich nicht vornehm aussah, hast mich für einen Bettler halten.« »So war es.« »Und mir einen Thalern schenkt.« »Ich wollte Dich nicht beleidigen.« »Nachhero sind wir mitnander gangen und haben nander Alles sagt und verzählt, was wir auf dem Herzen hatten.« »Ja, Du weißt noch Alles.« »Wir haben vom lieben Herrgott sprachen und vom König, von Allem, was uns im Leben druckt und quält hat, und zuletzt haben wir gar mitsammen geweint. Hasts vergessen?« »Nein, lieber Sepp.« »Und nachhero, als wir Abschied nahmen, da hast mir gar – weißts auch noch, wast da than hast?« »Ja.« »Sags!« »Ich habe Dir die Hand geküßt.« »Ja, das reiche, vornehme Fräulein hat dem armen Wurzelseppen die Hand küßt und dabei sagt: daß sie einen Respecten vor ihm hat wie vor einem König. Ist das wahr?« »Ja, so war es.« »Aus Hannover bist gewest und wiederkommen hast wollt. Nun bist wiederum da; aber der Sepp wird gehen weit fort, von woher er nimmer wiederkommen kann.« »Nein, Du wirst noch nicht dorthin gehen. Du wirst wieder gesund werden.« »Das ist nicht wahr. Ich weiß, daß dera Tod in mir steckt.« »Glaube das nicht. Verliere die Hoffnung nicht. Du bist dem lieben Gott, Dir selbst und allen Denen, die Dich lieben, es schuldig, daß Du alles Mögliche thust. Dein Leben zu retten. Willst Du mir eine recht innige Bitte erfüllen?« »Kann ich denn?« »Ja.« »So thue ich es gern. Sags!« »Es ist zweierlei: Lass' Dich in ein Bett legen und erlaube mir, nach einen Arzt zu senden!« Er antwortete nicht gleich. Sie streichelte ihm leise die Wangen. Unter dem Eindrucke dieser Berührung sagte er: »Weilst gar so eine gute Stimme hast, sollst Deinen Willen haben. Holt einen Arzt und legt mich in das Bett! Ich bin gar müd, und will schlafen. Mein Kopf thut mir weh und nachhero wird mir wohl besser werden.« Diese Wirkung des liebevollen Bemühens des schönen Mädchens war so rührend, daß Allen die Thränen in den Augen standen. Tobias mußte herbei, nm mit Hilfe des Wirthes den Kranken hinauf zu tragen. Er sollte im Bette Anton's liegen. Als sie ihn anfaßten, streckte er die Hand nach Marga aus und sagte: »Weißts, daß ich's nur Deinetwegen ihn, nur Dir zu gefallen?« »Ja. Sepp.« »So mußt auch mir wiederum einen thun.« »Gern.« »Bleib bei mir, daßt da bist, wenn ich ausschlafen hab.« »Gut, ich werde bei Dir bleiben.« Sie ging mit hinauf und die alte Frau Warschauer auch. Der Sepp wurde ausgezogen und in das Bett gelegt. Er schlief auch sogleich ein. Marga setzte sich zu ihm. Dann mußte Tobias fort, um den Arzt zu holen. Anita aber nahm sich Marga's Gepäck an und richtete deren neue Wohnung vor. Wohl erst nach Verlauf einer Stunde kam der Arzt. Sepp war wieder aufgewacht und wollte sich nicht ausfragen lassen. Auf Marga's Bitten aber gab er ruhige Antworten. Dann schlief er wieder ein. Natürlich wurde der Doctor gefragt, was er hoffe oder befürchte. Er zuckte die Achseln und antwortete: »Außerordentliche Gemüthsaufregung und körperliche Anstrengung, dazu eine vernachlässigte Lungenentzündung, welche hochgradig auftritt. Ich hoffe sehr wenig. Es ist zwar möglich, daß seine ursprüngliche, kräftige Natur die Krisis übersteht, wahrscheinlich aber ist, daß er stirbt. Wenn der Patient Verwandte hat, so benachrichtigen Sie dieselben davon. Ich werde am Abende wiederkommen und auch in der Nacht einmal.« Er ging, nachdem er seine Anordnungen getroffen hatte. Nach einer kurzen Berathung wurde beschlossen, denen, die ihm nahe gestanden hatten, zu telegraphiren. Welche Personen das seien, das sollte dem Maler überlassen bleiben, der dies wohl am Besten kennen mußte. Darum ließ Anita sich sofort überfahren und erzählte Johannes, was geschehen war. Er erschrak auf das Heftigste, denn auch er hatte dem Alten sehr viel zu verdanken. »Glücklicher Weise habe ich alle Adressen,« sagte er. »Ich werde sofort telegraphiren.« Er begab sich nach dem nächsten Telegraphenamte und gab dort einen und denselben Wortlaut: ›Sofort kommen. Der Sepp stirbt‹ an die Adressen von Leni, dem Fex, Max, Walther und Rudolph von Sandau auf. Sodann ließ er sich selbst überfahren, um nach dem Kranken zu sehen. In den letzten Jahren waren der Sepp und der Krickelanton keine guten Freunde gewesen, aber als die Eltern des Letzteren hörten, daß telegraphirt worden sei, sandten auch sie eine Depesche an ihren Sohn ab. Der Kranke verbrachte die Nacht in sehr großer Unruhe. Nur Marga's Hand war im Stande, ihn zu beruhigen und zum Nehmen der Medizin zu veranlassen. Gegen Morgen schlief er endlich ein und zwar dauerte der Schlaf mehrere Stunden lang. Aber wer den Schläfer sah, der mußte alle Hoffnung verlieren, daß er sich wieder erholen werde. Seine Wangen fielen mehr und mehr ein; die Nase trat scharf, und spitz hervor – – das Leben zog sich mehr und mehr nach innen zurück. Noch während er schlief, trafen die beiden Ersten ein: nämlich Leni mit ihrem Manne, dem Grafen von Senftenberg. Sie weinte laut auf, als sie hörte, wie es mit ihrem alten, treuen Wohlthäter stand, der ihr mit der Ergebenheit eines Freundes zugethan gewesen war. Nur mit Mühe konnte sie sich so weit beherrschen, ruhig bei ihm eintreten zu können. Aber als sie ihn liegen sah, mußte sie sich das Taschentuch vor den Mund halten, um still zu bleiben. Marga hatte am Bette gesessen und war höflich aufgestanden. Sie kannte Leni nicht, aber bei dem tiefen Schmerze derselben sah sie, wie theuer ihr der Kranke sei. Darum legte sie den Arm um sie und flüsterte ihr leise tröstende Worte zu. Da begann Sepp sich zu regen. Sofort trat Leni zurück, so daß er sie nicht zu sehen vermochte. »Bitte, weinen Sie nicht laut; erschrecken Sie ihn nicht; suchen Sie sich zu fassen!« bat Marga. Dann nahm sie wieder bei ihm Platz. Er schlug die Augen auf. Sein Blick siel auf sie. Er lächelte leise und streckte seine Hand nach ihr aus. Sie reichte ihm die Ihrige. »Ists Tag nun gworden?« fragte er. »Bist die ganze Nacht bei mir gewest?« »Sehr gern, lieber Sepp.« »Nun mußt aber auch schlafen gehen!« »Ich bin nicht müd.« »Wannst auch nicht müd bist. Die Jugend muß schlafen. Ist dera Doctor hier gewest wieder?« »Ja.« »Nicht wahr, er hat sagt, daß ich sterben muß?« »O nein. Er giebt die beste Hoffnung.« »Schau! Daßt auch so eine Unwahrheiten sagen kannst!« »Es ist wahr!« »O, ich weiß es schon: Du willst mich nur trösten. Aberst das brauchst nicht. Ich sterb gar gern. Was sie mit ihm machen wollen und was sie von ihm sagen, das kann mein König nicht überleben. Er wird ganz gewiß sterben, er muß sterben und darum mag ich auch nicht leben bleiben. Wann dera Tod kommt, so geh' ich gern mit ihm. Also sag' mir halt die Wahrheit! Was hat der Doctor sagt?« »Daß Du an der Lungenentzündung leidest, daß er aber alle Hoffnung hat. Dich zu retten.« »Und jetzt sagst mir die Wahrheit noch nicht. Wanns nicht zum Tod gefährlich wär, würde dera Arzt nicht auch die Nacht noch kommen sein. Aberst ich kann Dir halt nicht zürnen, wannst mir seine Red' verschweigst. Ich weiß, daßt es gar gut meinst. Doch will ich denken, daß es zu End geht mit mir und meine Vorkehrung darnach treffen. Dabei sollst mir helfen.« »Verlange Alles von mir, Sepp!« »Es ist gar nicht viel, wast machen sollst. Nur eine Depeschen sollst abgeben.« »An wen?« »An meinen einzigen Herzensliebling, der mir die Sonne gewest ist in meinem alten einsamen Leben. Weißt, wen ich meine?« »Nein.« »Kennst meine Leni nicht?« »Die Sängerin? Die Gräfin von Senftenberg?« »Ja. Gelesen und gehört habe ich viel von ihr.« »Schade, daßt sie nicht kennst! Aber Du wirst sie kennen lernen, sie wird kommen und Ihr werdet gute Freundinnen werden. Weißt, sie ist ein gar herzig liebs Weiberl, ganz ohne Falsch. Ich kann ihr nicht vergelten, wie glücklich sie mich gemacht hat, aber droben beim lieben Herrgott werd ich eine Fürbitt einlegen, daß ich als ihr Schutzengel niedersteigen darf, um bei ihr zu bleiben, bis sie auch da hinaufikommt zum alten Sepp.« Es läßt sich nicht sagen, welcher Beherrschung es bedurfte, daß Leni nicht gerade aufschrie vor Schmerz. Der Alte fuhr fort: »Wannst nur ein Papier da hättest!« »Ich habe eine Brieftafel.« »Kannst da eine Depeschen aufschreiben?« »Ja.« »So will ich dictiren. Bist fertig?« »Du kannst beginnen.« »Also schreib: An die Gräfin Leni von Senftenberg. Mein herziges Lenerl. Wannst Deinen alten Sepp noch mal sehen willst, so komm aberst schnell herbei. Es geht mit ihm gar schnell auf die Neige und er möcht doch gern haben, dast ihm die müden Augen zumachst. Er denkt, daß er eher Gnade beim Herrgott findet, wann Du an seinem Sterbebette mit ihm betest. Also komm, ich bitt' gar schön! Dein sterbender, alter Pflegevater.« Marga rannen beim Schreiben die Thränen auf das Papier. Selbst der Sepp weinte. »Lieber Sepp,« sagte sie, »weißt Du auch, was Du thust? Die Gräfin wird kommen; aber Du wirst wohl zu schwach sein für die Aufregung, welche Dir dadurch bereitet wird.« »Zu schwach?« lächelte er. »Aufregung? Nein, es wird keine Aufregung geben. Wann ich aufgeregt wäre, würde ihr Kommen mich beruhigen. So ist es. Weißt, die Leni hat ein Aug' und eine Hand grad so wie Du. Wann man ihr in's Aug' schaut, so wird Einem wohl. Darum send die Depesch nur fort und laß sie kommen.« Da konnte Leni sich nicht länger halten. Unter strömenden Thränen, aber ohne einen Laut von sich zu geben, trat sie an das Kopfende des Bettes und legte ihm von oben her ihre beiden Hände an die Wangen. »Ist noch Jemand da?« fragte er erstaunt. »Wer ist's? Wart, ich werds gleich wissen.« Er schloß die Augen. Ein glückseliges Lächeln verklärte seine Züge mehr und mehr. Er ergriff die beiden Hände und sagte, ohne die Besitzerin derselben gesehen zu haben: »So braucht also die Depeschen gar nicht fortgeschickt zu werden. Wie machst mich doch so glücklich, daßt kommen bist, meine Herzensleni. Komm' herbei und lass' mich in Deine Augen schauen!« Jetzt trat sie an die Seite des Bettes. Sie wischte sich die Thränen aus den Augen und that sich den größten Zwang an, ruhig zu erscheinen. Er schlang beide Arme um ihren Hals und zog sie zu sich herab. Er wollte sie auf die Stirne küssen; sie aber griff um seine Schultern, drückte ihn an sich und bedeckte Mund, Stirn, Wangen, kurz sein ganzes Gesicht mit ihren Küssen. Er ließ es sich ruhig gefallen. Er zuckte und bewegte sich nicht, als ob er eine ganze Seligkeit über sich hereinbrechen fühle. Dann, als sie ihre Arme wieder von ihm genommen hatte, sagte er: »Jetzund kann ich ruhig sterben; setzt bist Du bei mir. Ich weiß nicht, was über mich kommen kann. Ich muß Dir was zeigen und sagen, bevor ich die Besinnung verlier. Weißt, wo mein Rucksack liegt?« »Da unter dem Bette,« antwortete Marga. »Mach ihn mal aufi! Es ist eine Blechbüchsen drin, welche verlöthet ist. Die muß ich Dir zeigen.« Leni folgte seiner Anweisung und gab ihm die Blechbüchse in die Hand. »Schau, Leni, das ist mein Testament,« sagte er. »Es ist in aller Form Rechtens gemacht und kann nicht angefochten werden. Wer wollt es auch anfechten? Ich hab' ja keinen Verwandten auf dera Welt.« Er holte tief Athem und fuhr dann fort: »Ich bin nicht so arm, wie man denkt. Ich Hab' nicht nur Wurzeln graben, sondern ich hab' auch Dinge verrichtet, zu denen sonst ganz andere Kerlen genommen werden als der Wurzelsepp scheinbar ist. Das mag sein, wie es wolle, man mag sich den Kopf zerbrechen, wer und was ich eigentlich gewest bin. Ich könnt's sagen, doch das hätte keinen Zweck. Ich bin als dera Wurzelsepp bekannt und will auch als derselbige begraben sein. Du bist meine einzige Erbin. Ich hatte denkt. Du thätst ein armes Dirndl bleiben. Darum hatt' ich für Dich sorgt. Nun aberst bist Gräfin und sehr reich. Da hab ich Dir zwar all' mein Geld geben, aber ich hab dazu schrieben, zu welchen Wohlthaten Du es verwenden sollst. Dera Sepp hat in seinem Leben vielen Menschen holfen, ohne daß sie es ahnen; er will dies auch noch nach seinem Tode thun. Also mach, was darinnen steht, aber sage nicht, daß es von mir ist! Nun bin ich fertig. Willst also meine Erbin sein?« »Ja, ja,« schluchzte sie. »Aber kein Pfennig davon soll für mich verwendet werden; das schwöre ich Dir!« »Brauchst keinen Schwur. Ich kenn schon meine Leni gar zu gut. Hast Deinen Mann auch mitbracht?« »Ja.« »Das ist schön von ihm; das gefreut mich sehr, daß er den alten Sepp auch noch ein Wengerl achtet. Jetzt nun ruh' Dich aus von dera Reisen, und nachhero kannst den Grafen zu mir bringen.« »Ich mag nicht ruhen. Ich will bei Dir sein.« »So kann die Marga dafür ausruhen. Also bleib' da. Aberst jetzund kann ich weiter Niemand brauchen, denn dera Frost kommt wieder und das Fieber beginnt mich zu schütteln. Ich hab' mich mit dem Sprechen zu viel anstrengt. Nun will ich still und ruhig sein.« Er schloß die Augen. Bald aber begannen seine Züge, seine Glieder, sein ganzer Körper zu zucken, und sein Mund murmelte halblaute, unverständliche Worte. Da kam der Arzt. Er stand lange am Bette und schüttelte den Kopf. Er mußte seinen gestrigen Ausspruch festhalten; der Zustand des Kranken hatte sich keineswegs gebessert. Im Laufe des Vormittages kamen die Anderen, welche durch die Depesche des Malers herbeigerufen worden waren. Nun waren wieder einmal die Freunde und Freundinnen beisammen, leider aber in Folge einer für sie Alle so hoch betrübenden Ursache. Der Schöpfer ihres Glückes lag im Sterben, denn daß sie es ihm zu verdanken hatten, mittelbar oder unmittelbar, darüber waren sie alle einig. Der Krickelanton kam erst gegen Abend. Er war am Weitesten entfernt gewesen und hatte die Depesche auch später empfangen. Er hatte unmöglich eher kommen können. Marga wußte nichts, daß ihm telegraphirt worden sei und daß er also kommen werde. Alle die Angekommenen hatten sich in der Nähe einquartirt. Im Krankenhause selbst durfte man keine Aufnahme suchen, weil der Kranke durch das dadurch unvermeidliche Geräusch beunruhigt worden wäre. Als Anton ankam, war von den Gästen zufälliger Weise Niemand anwesend. Er fand die Eltern allein in ihrem Stübchen. Als er bei ihnen eintrat, eilten sie auf ihn zu, um ihn zu umarmen. Es herrschte jetzt ein wahrhaft rührendes Verhältniß zwischen ihnen und dem einst so rücksichtslosen Sohne. Er war wirklich ganz anders geworden, und seine Umkehr konnte eine gründliche genannt werden. Er legte den Mantel ab und fragte: »Ihr telegraphirt mir, daß der Sepp im Sterben liege, und ich solle kommen. Wo ist er denn eigentlich? Hier in der Nähe?« »Bei uns.« »Bei Euch?« »Ja. Droben in der Stub liegt er.« »Wie ist denn das gekommen?« Sie erzählten es ihm. Da er ein sehr ernstes Gesicht dabei zeigte, fragte ihn der Vater: »Bist wohl bös darüber, daß wir ihn aufgenommen haben?« »Wie kommst Du auf diesen Gedanken?« »Weilst mit ihm nicht zu aller Zeit gut Freund gewest bist.« »Das ist jetzt anders. Seit jenem Abende im Theater bin ich ihm nicht mehr feindlich gesinnt. Ob er sich aber viel daraus machen wird, mich vor seinem Tode noch einmal zu sehen, das bezweifle ich.« »So ists recht, daß wir ihm Dein Bett geben haben?« »Natürlich. Unter solchen Umständen muß man den fremdesten Menschen aufnehmen, wie viel mehr nicht diesen braven Mann, dem wir Alle so viel zu verdanken haben. Ist er allein?« »Nein. Die Leni ist bei ihm.« »Wie? Die Leni ist auch schon da?« »O, noch Mehrere.« Sie nannten ihm die Namen. »So finden wir uns ziemlich Alle wieder einmal beisammen, leider aus einer sehr traurigen Veranlassung. Ich werde jetzt einmal hinaufgehen.« »Auch wann die Leni oben ist?« »Ich brauche sie nicht mehr zu scheuen.« Er stieg leise die Treppe empor und öffnete ebenso leise die Thür ein Wenig, um hinein zu blicken. Klopfen durfte er nicht, weil er sonst den Kranken hätte aus dem Schlafe wecken können. Die Wohnstube war leer. Er schritt leise durch dieselbe und klinkte die Thür zur Schlafstube auf. Dort lag der Kranke, und bei ihm saß Leni, seine Hand in der ihrigen haltend. Er schien zu schlafen. Da sie mit dem Gesichte nach der Thür gewendet saß, sah sie Anton. Ein freundliches Lächeln bewillkommete ihn. Sie winkte ihm, näher zu kommen und bot ihm, als er sich ihr auf den Zehen näherte, die andere Hand. »Grüß Gott, Anton,« flüsterte sie ihm leise zu. »Woher weißt, daß unser alter Freund krank worden ist?« »Die Eltern haben mir depeschirt.« »Davon hab ich nix wußt. Es ist sehr schön und lieb von ihnen, und von Dir auch, daßt kommst.« Welch ein Gefühl durchzog ihn, als dieses herrliche, von ihm einst verschmähte Wesen, jetzt eine Gräfin, ihn mit dem traulichen Du und im Dialecte anredete. Bis vor einiger Zeit hätte er sich gehütet, wieder unter vier Augen mit ihr zu sein. Nun aber war ihr Bild so ziemlich vor dem Glanze eines anderen erblichen. Sie war ihm nicht mehr so gefährlich. »Es ist doch meine Herzenspflicht, zu kommen,« antwortete er. »Wie steht es? Ists gefährlich?« »Er wird wohl sterben müssen. Schau ihn nur mal an!« Ihre Augen hatten sich augenblicklich wieder mit Thränen gefüllt. Er sah es den Zügen des Kranken an, daß sie Recht hatte. Hier war keine Rettung mehr zu hoffen. Trotzdem es schien, als ob er schlafe, bewegte der Sepp unaufhörlich den Mund. Er sprach immerfort leise mit den Lippen, und nur selten war ein Wort einmal zu verstehen. »Was phantasirt er denn?« fragte Anton. »Immer nur vom Könige und von dessen Wahnsinn und Tod.« »So hat er es sich so zu Herzen genommen, daß er es nicht verwinden kann.« »Leider. Horch nur!« Grad setzt sprach der Kranke deutlicher: »Sterben, sterben, nur nicht wahnsinnig sein, nur nicht für verrückt gelten. Todt, todt ist besser, ist viel besser!« Und als er dies gesagt hatte, öffnete er plötzlich weit die Augen. Sein Blick fiel grad auf Anton, erst starr, dann immer mehr bewußter werdend. »Anton, Du hier?« fragte er. »Soeben bin ich gekommen,« antwortete der Sänger. »Wegen meiner?« »Ja, ich mußte Dich doch sehen.« »Ich dank Dir auch! Es thut mir so wohl im Herzen, daßt auch gut auf mich gesinnt bist. Aberst sag doch, wo ist dera König?« »In Schloß Berg.« »Also schon hier?« »Ja.« »Seit wann?« »Seit heut.« »Ist er frei?« »Scheinbar. Doctor von Gudden ist bei ihm.« »Ein Irrenarzt?« »Ja. Und heimlich wird er natürlich bewacht.« »Was ist heut für ein Tag?« »Der zwölfte Juni.« »Ich weiß gar nicht, wie lang ich bereits hier bin. Mein Kopf ist ganz wüst, und das Denken fallt mir schwer. Ist denn Pfingsten schon vorüber?« »Nein. Morgen ist der erste Feiertag. Heut haben wir also den heiligen Abend.« »Das ist traurig. Grad am Vorabend des heiligen Festes, an welchem dera Geist herniederkommt, wird mein König als geisteskrank nach Berg schafft. Wer soll das aushalten! Wer soll das überleben! Mir wird ganz schwach. Die Stub dreht sich mit mir herum. Ich will wieder schlafen.« Er drehte das Gesicht zur Seite und phantasirte weiter. »So geht es immerfort,« sagte Leni leise. »Immerfort Phantasie und nur selten einmal ein freier Augenblick.« »Und Du strengst Dich hier an und opferst Dich auf! Ich werde Dich ablösen.« »Das ist nicht nöthig,« lächelte sie trübe. »Wir sind hier so viele Freundinnen beisammen, daß wir keiner männlichen Hilfe bedürfen. Am liebsten aber außer mir hat Sepp das Fräulein bei sich.« »Welches Fräulein?« »Die Sommerfrischlerin, welche bei Deinen Eltern wohnt.« »Ich weiß nichts von ihr. Woher ist sie?« »Ich habe sie nicht gefragt.« »Und wie heißt sie?« »Auch das weiß ich nicht. Erst jetzt besinne ich mich darauf, daß wir uns noch nicht einmal einander vorgestellt haben. Wir haben uns nur immer mit dem allgemeinen »Sie« begnügt.« »Ist sie eine gute Pflegerin?« »Eine ausgezeichnete sogar. Sie braucht ihm selbst in der wildesten Phantasie nur die Hand auf die Stirn zu legen, so ist er ruhig. Sie hat überhaupt so etwas Besänftigendes an sich. Ich glaube, sie könnte den wildesten Character zügeln.« »So bin ich neugierig, sie zu sehen.« »Das ist ein gefährlicher Wunsch,« lächelte sie trotz ihrer Traurigkeit. »Warum?« »Sie ist sehr schön.« »Das thut bei mir nichts.« »Bist Du jetzt so gefeit?« »Ja.« Da öffnete der Sepp die Augen und blickte abermals die Beiden an. »Leni,« sagte er, »ich hab eben jetzt meine Gedenktafel sehen, wann sie in dera Kirchen hängt. Da hing auch meine alte Zithern dabei. Ich hab sie wollen lassen mit mir begraben, weils mir eine gar so treue Freundinnen gewest ist. Aber es wär doch jammerschad um sie, wann sie mit mir verfaulen sollt. Wirst mir eine Gedenktafeln machen lassen?« »Ja, und ein Denkmal lasse ich Dir setzen. Aber das hat noch eine gar lange Weile.« »Nein, ein Denkmal mag ich nicht haben. Dera Herrgott weiß schon, wo er mich bei dera Auferstehung zu suchen hat. So ein Denkmal ist immer eine Großthuerei, die ich nicht dulden mag. Aberst meine Zithern läßt mich hinhängen?« »Ja.« »Und einen Kranz von Veilchen um dieselbe? Es ist ja jetzt die Frühjahrszeit, wo dieselbigen wachsen.« »Ich verspreche es Dir.« »Ich danke Dir, Leni! Und weißt, ich möcht sie doch gar zu gern noch mal hören, meine Zithern. Aberst ich kann sie nicht selbst spielen, denn meine Fingern reichen heut nicht dazu aus. Giebts nicht Einen, ders hier kann?« »Max Walther ist ja da; der ist Virtuos auf dera Zithern!« »Laß ihn holen! Und noch was möcht ich zum letzten Male hören, bevor ich sterben thu, nämlich Deine liebe Stimm, meine Leni. Willst mir zur Zithern noch mal das Lied singen »Schlaf in Ruh«? Thu Deinem alten Sepp noch den Gefallen!« »O, gern!« sagte sie, laut schluchzend. »Weine nicht! Bald werd ich im Himmel die Psalmen der lieben Engel hören. Und nachhero thät ich mich freuen, wannst mit dem Anton hier ganz versöhnt wärst, so daß er das Lied mit Dir singen thät, zweistimmig, von zwei solchen Leuten. Das soll mein Abschied von der Musiken sein. Wollt Ihr?« Leni konnte nur schluchzen, und auch Anton sprach nicht. Er nickte nur weinend. »So ists recht,« fuhr der Kranke fort. »Und weil die Freunde hier sind, so sollen sie es auch mit hören. Ich will hier sein, ganz allein, und nur die Fremde soll sich bei mir befinden. Ihr Andern seid draußen in dera Stuben. Anton, geh hinab und laß sie holen. Meine Zithern steckt im Rucksack drin.« Anton ging still fort. Als er die Thür öffnete, um in die Wohnstube zu treten, blieb er erschrocken stehen. Da stand Marga Siebers vor seinem Bilde, unter welchem die beiden Rosen befestigt waren. »Marga!« entfuhr es ihm. »Anton!« antwortete sie erglühend. »Ich wußte nicht, daß Sie hier sind.« »Und ich ahnte nicht, daß Sie die Pflegerin sind, die man mir so rühmt. Sie wohnen bei meinen Eltern?« »Zufällig. Als ich heut miethete, hatte ich keine Ahnung davon, daß dieses Haus das Ihrige sei.« »Der Kranke verlangt nach Ihnen.« Er ging, und Marga trat in die Krankenstube. Leni hatte, da die Thür offen gestanden hatte, Alles sehen und hören können. Als Marga sich jetzt zu ihr setzte, fragte sie leise:. »Sie kennen einander?« »Ja.« »Von woher?« »Er trat in meiner Vaterstadt Hannover auf und wurde mir vorgestellt.« »Er – – liebt Sie?« »Ja,« antwortete Marga, ohne sich zu schämen. »Aber unglücklich?« »Nein. Unsere Neigung ist gegenseitig.« »Das freut mich außerordentlich. Ich gönne ihm dieses Glück von Herzen.« Marga schüttelte den Kopf. »Er stößt es von sich?« »Wieso?« »Er sagt, daß er es nicht verdiene.« »Warum nicht?« »Wegen seiner Vergangenheit.« »Ist er so ernst und streng gegen sich geworden?« »Außerordentlich. Er hat mir Alles erzählt und mir freiwillig gebeichtet.« »Auch von mir?« »Ja. Sie sind ja die Hauptperson seiner Vergangenheit, und grad daß er Sie so mißachtet hat, das will er dadurch sühnen, daß er das Glück von sich weist.« »Das ist zu streng. Ich werde mit ihm sprechen. Er malt sich schwärzer, als er war. Glauben Sie mir das. Er ist stets ein braver Mensch gewesen, und ich achte ihn von Herzen. Ich wünsche, daß er glücklich sei. Sehen wir, was ich thun kann!« Sie bot Marga die Hand, welche diese warm und freundschaftlich drückte. Sepp lag lange in Phantasien. Draußen füllte sich die Stube mit den herbeigerufenen Leuten, welche leise eintraten und ein tiefes Schweigen beobachteten. Da kam Anton in das Krankenzimmer, um die Zither aus dem Rucksacke zu holen. Dabei erklangen die Saiten leise, ganz leise, aber sofort fuhr der Sepp, mit dem Kopfe herum. »Was ist?« fragte er. »Das war meine Zithern?« »Ja,« antwortete Leni. »Sind die Leut alle da?« »Ja.« »So geh mit hinausi und sing. Die Freundin da mag mir ihre Hand reichen, während ich zuhören thu.« Leni verfügte sich zu den Andern in die Wohnstube. Die Thür zu derselben wurde nur angelehnt. Es herrschte eine Stimmung, als ob man bereits vor dem offenen Grabe stehe. Leni nahm sich vor, sich möglichst zu beherrschen. Weinen durfte sie während des Gesanges nicht. Es war das letzte Mal, daß der Sepp ihre Stimme hören sollte. Marga hatte die Hand des Kranken ergriffen. Er schien es nicht erwarten zu können, denn er flüsterte: »Warums nur nicht beginnen! Ah, jetzt stimmt dera Max Walther die Zithern. Nun wirds gleich losgehen.« Walther war wirklich ein Virtuos. Die gegenwärtige Stimmung hatte sich seiner tief bemächtigt, und er gab ihr durch ein Vorspiel Ausdruck, welches ergreifend war. Dann fielen Leni und Anton ein, erst leise, dann ihre Stimmen anschwellen lassend, ohne ihnen aber zu erlauben, sich zur vollem Flüchtigkeit zu entfalten: »Schon fängt es an zu dämmern, Der Mond als Hirt erwacht Und singt den Wolkenlämmern Ein Lied zur guten Nacht. Und wie er singt so leise, Da dringt vom Sternenkreise Der Schall ins Ohr mir sacht: Schlaf in Ruh, schlaf in Ruh, Vorüber der Tag und sein Schall. Schlaf in Ruh, schlaf in Ruh, Die Liebe Gottes deckt Euch zu!« Hätten die Beiden diese Strophe in einem Concerte gesungen, sicherlich wäre sie ihnen nicht so meisterlich gelungen wie hier. Der Schmerz war der Dirigent, dem sie gehorchten, und darum waren Worte wie Töne von einem geradezu unbeschreiblichen Eindrucke. Dann begann der zweite Vers. »Und wie nun alle Kerzen Erloschen durch die Nacht, Da schweigen auch die Schmerzen, Die uns der Tag gebracht. Lind säuseln die Cypressen; Ein seliges Vergessen Durchschwellt der Lüfte Pracht. Schlaf in Ruh, schlaf in Ruh, Vorüber der Tag und sein Schall. Schlaf in Ruh, schlaf in Ruh, Die Liebe Gottes deckt Euch zu!« Jetzt war es zu Ende. Die Anwesenden verhielten sich schweigend. Sie bewegten sich nicht. Da trat Marga herein und meldete: »Er schläft. Er ist über dem Gesange eingeschlafen.« »So können wir gehen,« sagte Anton. »Er hat sein letztes Lied gehört. Wann werden wir das unsere hören?« Die Augen Aller standen voller Thränen. Es war, als ob einem Jeden sein eigenes Sterbelied gesungen worden sei. Leni trat zu Marga und flüsterte ihr zu: »Bitte, bleiben Sie für kurze Zeit bei dem Kranken! Ich komme bald wieder.« »Was wollen Sie? Wohin wollen Sie? Ich ahne – – –« »Lassen Sie mich nur!« »Nein, nein. Er könnte Sie mißverstehen.« »O, ich pflege sehr deutlich zu sprechen.« »Aber dennoch bitte ich Sie, doch lieber zu schweigen. Ich will lieber auf Alles verzichten, als den Glauben erwecken, daß ich in unweiblicher Weise – – –« »Ich verstehe Sie sehr gut. Haben Sie ja keine Sorge. Nicht Sie sprechen zu ihm, sondern ich rede mit ihm. Sie werden jedenfalls gar nicht genannt.« »Das beruhigt mich allerdings.« Sie zog sich zu dem Kranken zurück, und Leni ging nach unten. Vor dem Hause standen die Freunde und Freundinnen in kleinen Gruppen beisammen. Anton hatte sich zu Niemandem gesellt. Er schritt langsam dem Ufer des Sees zu. Leni ging ihm nach. Als sie ihn erreicht hatte, schob sie zutraulich ihren Arm in den seinigen. »Du, Leni,« sagte er erstaunt. »Was sagt Dein Mann dazu?« »Nichts. Mein Mann hat Vertrauen zu mir, denn er liebt mich wahrhaft.« »Das ist ein Stich, der mir gilt.« »Ja, das will ich Dir offen gestehen.« »Du willst sagen, daß nur Einer, welcher nicht wahrhaft liebt, Mißtrauen hegen könne?« »Ja.« »Ich hegte einst welches gegen Dich – – –« »Allerdings.« »Folglich liebte ich Dich nicht wirklich?« »Das ist der richtige, logische Schluß. Leuchtet Dir das nicht ein?« »Früher nicht.« »Aber jetzt?« »Ja.« »So scheinen Deine Ansichten sich geändert zu haben.« »Die Ansichten mit dem Charakter. Ich hatte einen schlechten Charakter.« »Wirklich?« »Ja, ich war Egoist durch und durch. Ich, ich, ich und wieder ich, das war das einzige Wort, was es für mich gab. Was sich nicht damit in Einklang bringen ließ, das hielt ich für schlecht, oder wenigstens unnütz. Darum konnte ich Dich so peinigen.« »Es ist vergeben.« »Auch vergessen?« »Ja, Anton. Ich trage Dir nichts nach.« »So hast auch Du mich nicht wirklich geliebt.« »Meinst Du?« »Ja. Wer so leicht vergessen kann, der hat nicht wirklich geliebt.« »Woher weißt Du, daß ich leicht vergessen habe?« »Du sagst es ja.« »Nein.« »Du lassest es mich wenigstens errathen.« »Auch das nicht. Ich gestehe Dir in aller Aufrichtigkeit, daß ich mich nur sehr schwer in den Gedanken der Entsagung finden konnte; als ich aber dann einmal entsagt hatte, war ein Wiederanknüpfen ganz unmöglich.« »Ja, Du bist von jeher charakterfest gewesen. Ich aber hielt Starrheit für festen Willen. Nun, ich habe gebüßt und büße noch.« »Ist das nothwendig?« »Ja.« »Schwerlich!« »Jedenfalls. Jede Schuld erfordert eine Sühne.« »Auch wenn sie vergeben worden ist?« »Dann nicht. Aber ich selbst habe es mir noch nicht vergeben.« »Du hast Dich weder anzuklagen noch Dir Etwas zu vergeben. Du bist nicht das Object Deines Irrthumes gewesen, sondern ich war es, und so können Anklage oder Verzeihung nur von mir kommen.« »Du sprichst wie ein Prediger!« »Spotte nicht. Ich fahre fort: Ich habe Dir vergeben, folglich ist Dir verziehen, und Du hast kein Recht, Dich selbst noch weiter zu quälen und zu kasteien.« »Von Deinem Standpunkte aus; der meinige ist aber ein anderer. Ich habe nicht nur gegen Dich, sondern auch gegen mich gesündigt. Das Letztere ists, worüber ich mein eigener Richter sein darf, und da verzeihe ich mir nicht.« »Anton, bedenke den Unsinn!« »Das ist kein Unsinn!« »O doch! Du hast Dich unglücklich gemacht, und dafür willst Du Dich dadurch bestrafen, daß Du Dich noch unglücklicher machst. Ist das richtig?« »Ja.« »Wie falsch. Du bist betrunken und bestrafst Dich dadurch, daß Du noch immer mehr trinkst. Das ist doch wirklich lächerlich! Die Strafe muß im Gegensatze zu dem Objecte der Sünde stehen. Fehler darf nicht mit Fehler bestraft werden. Uebrigens bin ich kein Jurist, kein Psycholog und Philosoph, sondern eine einfache Frau, welche mit ihrem Herzen urtheilt und richtet. Gott straft nicht ewig; warum soll der Mensch unversöhnlich sein, zumal mit sich selbst? Willst Du denn für immer dem Glücke entsagen, eine liebe Frau au Deiner Seite zu haben?« »Ja.« »So sage mir nur einen einzigen triftigen Grund dazu!« »Ich bin eines solchen Glückes nicht werth.« »Höre, Du hast Dich in eine krankhafte Selbsttyrannei verfitzt, aus der Du nicht wieder heraus zu kommen vermagst.« »Das ist nichts Krankhaftes.« »O doch! Oder ja. Du magst Recht haben, es ist nichts Krankhaftes, sondern etwas noch viel Schlimmeres, sogar etwas sehr Verwerfliches.« »So?« »Ja, gewiß, mein Lieber.« »Nun, was ist es denn?« »Der Hochmuth, die Selbstsucht, die Du soeben erst eingestanden hast. Du denkst, mit ihr gebrochen zu haben, aber das ist nicht wahr. Sie steckt noch heut in Dir und zeigt sich nur in einem anderem Gewande.« »Das begreife ich nicht.« »Ja, Dein Hochmuth gleicht jetzt dem Wolfe, der sich in das Schaffell versteckt, oder dem Heuchler, der eine Frömmigkeit und Demuth zur Schau trägt, welche er gar nicht besitzt. Du willst groß thun mit Deiner Buße, mit der Strenge gegen Dich selbst.« »Fällt mir nicht ein! Ich spreche ja zu Niemandem davon.« »Ist gar nicht nöthig. Du willst groß thun vor Dir selber. Du betrachtest Dich im Spiegel und hast Freude über Dich, Du hältst Dich für einen charaktervollen, tüchtigen Menschen. Du sagst zu Dir: Anton, Du hast gefehlt, darum bestrafst Du Dich mit unnachsichtlicher Strenge, und darum bist Du ein tüchtiger Kerl, vor dem Du selbst Respect haben mußt. Ist es so, oder ist es anders?« Er schwieg. Er fühlte sich getroffen. »Du antwortest nicht. Ich nehme also an, daß Du mir wenigstens so leidlich Recht giebst. Dein Hochmuth steckt noch in Dir, Du wirst ihn auch nie ganz los werden; Du wirst stets ein Wenig hochmüthig bleiben, denn das ist eben angeboren; aber bekämpfe diesen Hochmuth, dann bist Du lobenswerth. Kämpfe nicht mit Phantomen, die Du Dir selbst schaffst, sondern mit Deinen wirklichen Fehlern. Während Du Dich über Dich selbst zu freuen gedenkst, peinigst Du Dich nur und wirst auch ungerecht gegen Andere.« »Wieso?« »Nun, bleiben wir bei unserm Falle! Du willst Dich dadurch bestrafen, daß Du nicht heirathest. Aber haben Deine Eltern nicht das Recht, eine Schwiegertochter und liebe Enkel zu verlangen?« Auch jetzt antwortete er nicht. »Und ist Dein Beginnen nicht unmoralisch? Du entsagst der Ehe, aber wohl nicht auch der Liebe. Gott will, daß die Liebe durch die Ehe geregelt werde. Du aber fliegst von Blume zu Blume und vergeudest die Gaben des Gemüthes, mit welchen Du ein braves Mädchen glücklich machen könntest. Oder verursacht es Dir einen so hohen moralischen Stolz, von Mädchen zu Mädchen zu gehen, damit die späteren Gatten derselben sich mit dem zufrieden geben sollen, was Du verächtlich weggeworfen hast? Anton, Du warst früher ein ungerechter Mensch, jetzt bist Du gefährlich!« Sie standen am Ufer des Sees. Er lehnte am Stamme einer Buche und sah vor sich nieder. Jetzt antwortete er: »Leni, früher hättest Du mir so etwas nicht sagen dürfen –« »Das weiß ich wohl!« »Heut aber höre ich Dich ruhig an. Das ist doch wohl ein Beweis, daß es mit meinem Hochmuthe nicht gar so schlimm bestellt sein kann, und –« »Halt! Soeben zeigst Du diesen Hochmuth wieder, indem Du Dich lobst und ihn verteidigst.« Diese Einwendung frappirte ihn. Sie benützte das, indem sie fortfuhr: »Ich wiederhole, daß Du Deinen Eltern die Erfüllung eines ganz natürlichen Herzenswunsches versagst. Und nun denke Dich einmal in die Möglichkeit, daß ein gutes, achtbares Mädchen Dich liebt und daß Du vielleicht gar ihre Liebe erwiderst. Hast Du das Recht, ihr das Glück zu versagen, weil Du es Dir versagst?« »Vielleicht doch.« »Wieso?« »Weil sie mit mir überhaupt nicht glücklich sein würde.« »Kannst Du das beweisen?« »Nein.« »So denke keine Dummheiten. Beschäftige Dich nur mit Voraussetzungen, aus denen Du einen richtigen Schluß folgern kannst. Der beste und allerlogischste Schluß ist aber der: Du liebst sie; sie liebt Dich, folglich werden wir mit einander glücklich. Wer das nicht glaubt, dem ist überhaupt niemals zu helfen und den lasse ich also hiermit stehen!« Sie wendete sich von ihm ab und that, als ob sie fortgehen wolle. Da rief er ihr nach: »Leni, halt!« »Was noch?« »Komme einmal her!« Sie kehrte langsam zurück. »Was soll ich?« »Hast Du vorhin die Scene bemerkt, als ich Marga in meiner Wohnstube traf?« »Ja.« »Was schließest Du daraus?« »Daß Ihr Euch vielleicht einmal flüchtig gesehen habt.« »Flüchtig war das nicht.« »Nun, also nicht flüchtig.« »Wir haben uns sogar oft gesehen.« »Ah! Also wohl eine solche – solche – solche Liaison von Dir?« »Nein. Das wäre eine Beleidigung dieses braven Mädchens.« »Ist sie wirklich brav?« »Ja.« »Das glaube ich nicht.« »Leni!« »Ich wiederhole es: Ich glaube es nicht.« »Willst Du mich zornig machen?« »Pah! Was mache ich mir aus Deinem Zorne. Hast Du sie geliebt?« »Ja.« »Und liebt sie Dich?« »Ja.« »So taugt Eins von Euch Beiden nichts. Und da Du jedenfalls die Schuld nicht auf Dich nehmen wirst, so muß ich natürlich annehmen, daß der Fehler auf der Seite dieser Marga liegt.« »Alle Teufel, Leni! Du springst mit mir um wie mit einem Schulbuben.« »Ja, wenn ich nur ein Lineal dabei hätte, um Dir die alten, eingerosteten Mucken auszutreiben. Was denkst Du denn eigentlich von Dir? Du meinst, Liebe einflößen und die Betreffende dann gar nicht beachten zu dürfen. Gehe doch in Dich! Du bist kein Gott und auch kein Halbgott. Du bist ein armer, sündhafter Mensch wie jeder Andere. Du strotzest vor Selbstsucht und Hochmuth. Sei doch froh und danke es dem lieben Himmel auf den Knieen, wenn Dich ein braves Mädchen lieb gewinnt! Du könntest alle Reiche der Welt besitzen und kilometertief in Gold und Diamanten stecken, ich möchte Dich doch nicht, denn der Kern, das da, ist jämmerlich!« Sie tupfte ihm dabei mit dem Finger auf die Gegend des Herzens; dann wendete sie sich ab und schritt davon in der festen Absicht, nicht wieder umzukehren. »Leni!« rief er. »Laß mich aus!« »Leni!« rief er lauter. »Red', mit wem Du willst!« Da sprang er ihr nach, faßte sie beim Arme und sagte: »Ich laß Dich doch nicht fort. So ein kuraschirtes Weibsbild, wie Du bist, habe ich noch nie gefunden!« »Wollte Gott, es wären Alle so!« »Dann wär's freilich besser!« »Das giebst Du zu?« »Ja.« »Ah!« »Natürlich gebe ich es zu, denn Du hast ja Recht. Die characterlosen Frauenzimmer sind es ja, die uns verderben.« »Nein. Wenn Ihr sie nicht anschaut, können sie gar keinen Einfluß auf Euch haben.« »Hols der Teufel, Du hast Recht! Wenn mir eine Andere solche Sachen in das Gesicht sagte, ich spränge mit allen Beinen drein. Warum höre ich es denn grad von Dir so ruhig an?« »Weil ich Dir überlegen bin; weil ich einen Character habe und Du hast keinen. Laß Dir einen wachsen!« »Das ist schon wieder so eine Beleidigung! Was soll ich aber dagegen sagen? Weißt Du, ich habe Dich trotz alledem doch ganz entsetzlich lieb gehabt. Ich bin innerlich elend und marode gewesen, und darum hält es so schwer, mich wieder zusammenzuflicken, daß ein brauchbarer Kerl aus mir wird.« »Wende Dich nur an den richtigen Doctor!« »Wie heißt der?« »Frau. Wirf Deine Albernheiten und Einbildungen von Dir. Werde einfach, wahr und ehrlich mit Dir selbst. Nimm Dir dann ein hübsches, junges Weibchen, welches Du wirklich lieb hast und dann wirst Du sehen, wie schnell aus einem Affen und Laffen ein achtbarer Mann werden kann.« Er lachte halb lustig, halb grimmig auf. »Leni, ich sollte Dir eigentlich in allem Ernste zürnen. Du treibst es zu toll. Aber ich kann mir nicht helfen. Du hast Recht. Ich habe mich noch niemals in einem Spiegel so deutlich gesehen wie jetzt. Gieb mir einmal Deine Hand. So!« Er ergriff ihre beiden Hände, schüttelte dieselben herzhaft und fuhr fort: »Für den heutigen Abend bin ich Dir einen Dank schuldig, den ich niemals abtragen kann. Heut hast Du mich klein gemacht. Ich will Dir gestehen: ich sehe es deutlich ein, daß ich ein jammervoller Wicht gewesen bin, früher und jetzt bis auf diesen Augenblick. Du hast Recht; ich bin Egoist durch und durch. Aber von jetzt an soll es anders werden. Daraus gebe ich Dir meine Hand. Das hast Du fertig gebracht und – die Liebe.« »Also liebst Du wirklich?« »Von ganzem Herzen!« »Marga?« »Ja.« »Das ist doch nicht wieder eine Täuschung!« »Nein. Es mag Dich beleidigen oder nicht, ich habe sie noch tausend, tausend Male lieber, als ich Dich hatte.« »So! Das wollen wir doch gleich einmal probiren.« »Wie denn?« »Wen hältst Du denn für schöner und besser, sie oder mich?« »Nimmst Du es mir übel, wenn ich Dir die Wahrheit sage?« »Vielleicht.« »Dennoch sage ich: Marga ist schöner als Du; das kannst Du gar nicht leugnen. Und besser? Ich traue ihr mehr Tugenden zu als Dir.« Ein unpartheiischer Kenner weiblicher Schönheiten hätte Leni vor Marga den Preis gegeben; sie aber fühlte sich durch das Urtheil Antons gar nicht verletzt, sondern sie sagte ganz im Gegentheile: »Da hast Du freilich die Probe gut bestanden. Wenn Du sie für schöner und besser hältst als mich, so hast Du sie auch lieber als mich. Ich will Deine Liebe also nicht für eine Selbsttäuschung halten. Wie steht es aber nun mit ihr?« »Sie ist mir gut.« »Das genügt nicht.« »So will ich sagen, daß sie mich liebt.« »Das läßt sich eher hören. Hast Du Beweise?« »Ja. Würde sie zum Beispiel meine Eltern suchen und sich bei ihnen einmiethen, wenn sie mich nicht lieb hätte?« »Anton, Du hast nicht recht! Ich habe kein Wort mit ihr darüber gesprochen, aber ich will mein Leben wetten, daß sie Deine Eltern gar nicht gekannt hat.« »Das sagte sie allerdings.« »So hast Du es ihr zu glauben. Sie ist ein wahres, offenes, ehrliches Gemüth, und wenn Du in dieser beleidigenden Weise von ihr denkst, so bist Du nicht werth, daß sie Dich nur anschaut, viel weniger aber Dich lieb hat. Grad dieser Argwohn beweist, daß Du doch ein ganz unsinniger Mensch bleibst, vor dem ich sie warnen muß. Das arme Kind kann mit Dir nur unglücklich werden.« Jetzt entlief sie ihm so schnell, daß alles Rufen und Nachlaufen nutzlos gewesen wäre. Er blieb stehen, einen scharfen Stachel tief in der Brust. Sie aber lachte froh in sich hinein, denn sie war überzeugt, ihm in ihrer so deutlichen Weise den richtigen »Weg zum Glück« gezeigt zu haben. Diese Genugthuung verschwand allerdings sofort, als sie, in die Krankenstube zurückkehrend, das Gesicht ihres lieben Sepp erblickte. »Wie ist's gegangen?« fragte sie. »Es ist ganz eigen,« antwortete Marga. »Seit gesungen worden ist, hat er ruhig geschlafen und sich nicht bewegt. Das Lied muß also einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht haben.« »Vielleicht giebt Gott, daß es uns gelingt, ihn zu erhalten. Nun aber lassen Sie mir die Pflege für diese Nacht über. Sie bedürfen der Ruhe.« »Ich möchte doch lieber hier bleiben.« »Nein. Das darf ich nicht dulden.« »Wollen denn Sie sich dieser Anstrengung unterwerfen?« »Warum nicht?« »Frau Gräfin –« »Pah! Ich bin dem Sepp seine Leni, und er hat es an mir verdient, daß ich eine Nacht für ihn opfre, wenn er im Sterben liegt. Ich möchte den Vorwurf nicht auf mich nehmen, daß ich ihn fremden Händen überlassen habe.« Marga mußte sich fügen und ging. An der Thür wendete sie sich aber noch einmal zurück: »Darf ich fragen, ob –?« Sie sprach ihre Erkundigung nicht aus. Leni verstand sie aber natürlich und antwortete: »Ich habe mit ihm gesprochen, aber Ihr Name ist nicht genannt worden.« »Ich danke Ihnen!« Sie wollte nun fort, aber da stand Leni neben ihr und sagte: »Lassen Sie den Menschen laufen!« »Warum?« »Er liebt Sie nicht.« »Meinen Sie?« Sie war im Gesichte todesbleich geworden. Leni aber that, als ob sie das gar nicht bemerke und fuhr unerbittlich fort: »Er kann Sie gar nicht lieben; es ist gar nicht möglich, denn er hält Sie eines Verhaltens für fähig, welches ein höchst incorrectes sein würde.« Da trat die Röthe wieder in Marga's Wangen zurück. Sie fragte: »Welches Verhalten meinen Sie?« »Er glaubt, Sie laufen ihm nach.« »Herrgott!« rief sie aus, sich mit beiden Händen nach dem Herzen greifend. »Sie haben seine Eltern ausgekundschaftet –« »Ich hatte keine Ahnung von ihnen hier.« »Und sich bei ihnen eingemiethet, um sich desto besser des Sohnes zu versichern.« »Das wäre ja ordinär!« »Er traut es Ihnen zu.« »Sagte er es?« »Sogar sehr offen und deutlich.« »Dann – dann – dann muß ich augenblicklich dieses Haus verlassen.« »Ganz richtig. Es bleibt Ihnen gar nichts Anderes übrig.« »Welch' ein Verdacht, welch' ein Verdacht! Ich gehe, ja, ich gehe fort!« Sie verließ jetzt die Stube. Leni sagte sich im Stillen: »Jetzt ist es eingefädelt. Wenn sie sich nun nicht aussprechen, so werden sie im ganzen Leben kein Paar.« Marga suchte ihr Zimmer auf, schrieb einige Zeilen auf ein Papier, welches sie auf den Tisch legte, nahm den Mantel um, setzte den Hut auf und ging hinab zu Tobias, um ihn zu bitten, sie überzufahren. Er war sofort bereit dazu, und sie ging mit ihm nach dem Ufer. Anton war von Allem, was Leni ihm gesagt und vorgeworfen hatte, zu aufgeregt, als daß er hätte ruhig sein sollen. Er wanderte am See hin bis weit abwärts und kehrte dann um, in der Absicht, heut Abend Marga noch aufzusuchen. Als er an die Stelle kam, wo das Boot angekettet zu liegen pflegte, hörte er nahende Ruderschläge. Er blieb stehen. Wer kam da? Er bemerkte, daß das zum Hause gehörige Boot fehlte und erkannte ihn dem Nahenden den Pächter Tobias. »Du fährst am Abend noch spazieren?« fragte er ihn. »Weit gefehlt!« »Also Geschäft?« »Auch nicht.« »Was denn?« »Ueberfahrt.« »Wen?« »Marga.« »Wohin?« »Feldafing.« »Weshalb?« »Weiß nicht.« »Ist sie denn nicht mit zurückgekehrt?« »Nein.« »Aus welchem Grunde?« »Brauch's nicht zu wissen.« »Aber, zum Teufel, antwortete doch ordentlich! Was will sie denn um diese Stunde jetzt da drüben?« »Geht mich nix an. Zettel liegt auf dem Tische.« »Auf welchem?« »Auf dem Ihrigen droben.« Da sprang Anton in das Haus und eilte hinauf. Da lag der Zettel, auf welchem die Weisung geschrieben stand: »Bitte meine Effecten nebst Rechnung mir morgen früh nach Feldafing zu senden.« Nach zwei Minuten saß er im Boote und ruderte über dem See. Drüben angekommen, nahm er sich kaum Zeit, das Boot richtig anzubinden. Er eilte in den Gasthof und ließ fragen, ob Marga Siebers noch zu sprechen sei. Sie ließ verneinen. Er aber kehrte sich nicht daran, sondern stieg die Treppe empor und öffnete die unverschlossene Thüre ihres Gaststübchens. Sie saß am Tische, beschäftigt, einen Brief zu schreiben. »Sie? Sie kommen zu mir trotz meiner Abweisung!« sagte sie in zornigem Tone und sich vom Stuhle erhebend. »Es ist ein Fehler den ich begehe, ich weiß das. Aber Sie werden denselben verzeihen. Ich habe Ihren Zettel gelesen. Sie verlassen uns ohne Abschied. Sie müssen beleidigt worden sein.« »Nein.« »Gewiß!« »Nein.« »Aber einen Grund müssen Sie doch haben, so zu handeln?« »Allerdings.« »Darf ich denselben erfahren?« »Ich kann ihn nicht sagen.« »So ist Ihre Entfernung eine große Beleidigung für uns Alle. Wollen Sie das bedenken, Marga.« »Ich will Niemand beleidigen. Ich will nur verhüten, daß –« »Was? Was wollen Sie verhüten?« »Daß – daß – nein, ich kann es ja doch nicht sagen.« Sie standen einander gegenüber mit fast feindseligen Gesichtern. »Marga, bedenken Sie, wie man Ihre plötzliche und unmotivirte Entfernung auslegen wird!« bat er. »Es giebt nur eine einzig richtige Auslegung, welche Alles erklären wird.« »Und wie lautet dieselbe?« »Ich bin gewissen Mißdeutungen aus dem Wege gegangen.« Da dämmerte eine Ahnung in ihm auf. Er fragte: »Sie wissen, daß ich eine Unterhaltung mit Leni hatte?« »Ja.« »So verrathe ich Alles. Marga, ich habe die Worte, welche Sie beleidigten, nicht im Ernst gemeint. Leni hielt mir eine so empfindliche Strafpredigt, daß ich vor Aerger und Abscheu über mich selbst beinahe unzurechnungsfähig geworden bin. Ich habe mir eine Meinung aber keine Behauptung aufgestellt. Es ist eine Schlechtigkeit von Leni, Sie gegen mich aufzuhetzen und ich bitte Sie inständig, wieder mit zurückzukehren, um ihr zu zeigen, daß sie uns nicht entzweit, sondern ganz im Gegentheile mit einander vereinigt hat!« In ihrem Gesichte kam und ging die Röthe. »Ich verstehe Sie nicht,« sagte sie. Da legte er den Arm um sie, zog sie an sich, küßte sie auf die Stirn und fragte: »Verstehst Du mich jetzt, Marga?« »Ja,« antwortete sie leise. »Ich habe ein großes Unrecht an Dir begangen. Ich kannte Deine Liebe und wollte sie doch nicht beachten. Jetzt aber erkenne ich, daß ich ohne Dich arm und elend geworden wäre. Willst Du mir helfen, ein guter, fester und treuer Mann zu werden?« Da stürzten ihr die Thränen des Glückes aus den Augen und sie flüsterte: »O Gott, wie gern, wie gar so gern! Wer hat meinen Zettel gelesen?« »Nur ich.« »Weiter Niemand?« »Kein Mensch.« »Meinst Du, daß ich da wieder hinüber soll, Anton?« »Ich bin ja gekommen. Dich zu holen. Wir werden dieser Leni, Gräfin von Senftenberg, ihren Triumph genießen lassen.« »Welchen Triumph?« »Uns vereinigt zu haben.« »Hat sie das gewollt? Sie warnte mich doch vor Dir!« »Aus purer, schlauer Berechnung. Die mußt Du erst kennen lernen. Sie meint es wirklich herzlich gut mit uns und wird sich freuen, daß ihre kleine Intrigue so gut gelungen ist.« In kurzer Zeit schwamm das Boot mit den Beiden wieder hinüber. Dabei kam es mehrere Male bedeutend aus dem richtigen Kurs. Leider konnte man vom Ufer aus nicht beobachten, ob Anton nicht richtig zu rudern verstand oder ob er gar die Ruder zuweilen in den Kahn zog, jedenfalls nur, um auszuruhen. Dann war das Fahrzeug allerdings der Wellen Spiel. Die kommende Nacht war eine nicht leichte für Leni. Der Sepp war außerordentlich unruhig. Er fand keinen Athem und wurde von einer unbestimmten aber entsetzlichen Angst gequält. Draußen läuteten am Morgen die Pfingstfestglocken und er lag im Bette, mit jener Angst kämpfend, ohne daß er sie zu besiegen vermochte. Der Arzt kam am Vor- und auch am Nachmittage und erklärte, daß jetzt keine Hoffnung mehr vorhanden sei. Gegen Abend fand der Patient eine kurze Ruhe, wurde aber wie durch einen großen Schreck aus derselben gerissen, dann fuhr er ganz plötzlich empor, schaute mit glasigen Augen um sich und fragte: »Wo – wo bin ich?« »Hier bei mir, lieber Sepp,« ertönte Lenis' beruhigende Stimme. »Und wo ist der König?« »Hoch in Berg.« »Wann er nur auch dort im Schloß ist und nicht anderswo! O, wann ich laufen könnt, wann ich laufen könnt!« »Warum?« »Ich rannt nach Berg, um zu sagen, daß sie den König nicht herauslassen sollen, ja nicht in das Wasser.« »Welchen Grund hast Du?« »Weil er versaufen wird, wann er in's Wasser kommt. Ich habs sehen.« »Es hat Dir geträumt.« »Nein, das war kein Traum. Ich hab nicht schlafen, sondern nur die Augen zu habt und so in mich hineinschaut. Da sah ich den König ins Wasser gehen, tief, tiefer und immer tiefer hinein, bis das Wasser über ihn zusammenschlug und er todt war. Es muß sogleich ein Bote fortgeschickt werden nach Schloß Berg, um den König und seine Leut zu warnen.« Und als Leni nicht gleich antwortete, drängte er: »Lauf doch, lauf hinab und send den Tobiassen! Er soll aber rennen, damit er nicht zu spät ankommt!« Was war zu thun? Leni war natürlich überzeugt, daß es sich nur um einen Traum handle. Einen Boten fortsenden, wäre Wahnsinn gewesen, doch um den Kranken zu beruhigen, sagte sie: »Ich werde gleich den Tobias schicken. Hast Du sonst noch einen Gehorsam gegen den König?« »Nein. Wann er nur weiß, daß er nicht ins Wassern soll; dann ist Alles gut.« Sie ging hinaus und kam nach längerer Zeit wieder und berichtete, daß Tobias fort sei. Aber der Patient beschäftigte sich doch unausgesetzt mit Schreckbildern. Er sah den König unaufhörlich in Gefahr und sorgte und ängstigte sich, daß ihm der Schweiß von der Stirne tropfte. Es war draußen so mild und duftig, daß das Fenster aufstand. Da auf einmal erklang von der See her der laute Ruf: »Warschauer, weißt das Neueste, Schreckliche?« »Nein,« antwortete unten der Alte dem Vorüberfahrenden. »Der König wird sucht; er ist fort nach dem Wasser zu, und Niemand kann ihn finden.« Da fuhr der Sepp kerzengrad im Bett empor. Ein Bild des starren Schreckens lief er aus: »Weg, weg ist er! Herrgott, er versäuft, er versäuft. Hilfe, Hilfe. Hilfe!« Leni umschlang ihn und zog ihn auf das Lager nieder. Aber er sträubte sich dagegen. Der Rest seiner Lebenskräfte war den ihren überlegen. Er riß sich los, sprang an das Fenster, streckte den Arm aus und schrie mit der letzten Kraft seiner todteskranken Lunge, indem er auf das Wasser deutete: »Hilfe, Hilfe, Hilfe! Dera König muß ertrinken! Dort geht er in das Wassern! Zieht ihn heraus, schnell, schnell!« Dann brach er zusammen. Leni vermochte nicht, ihn aufrecht zu halten. Alle, die ihn gehört hatten, kamen herbei. Er wurde nach dem Bette getragen und schien todt zu sein. Aber er lebte noch. Er athmete und bewegte die Lippen. Nach einer Weile öffnete er die Augen und sah sich mit hellem, klarem Blicke im Kreise um. »Da seid Ihr ja Alle,« sagte er. »Wollt Ihr Abschied nehmen vom alten Wurzelsepp? Das ist recht. Mein König ist todt, und so bleib ich auch nicht hier. Sendet zum geistlichen Herrn, damit ich die heilige Wegzehrung erhalte und ihm meine Sünden beichten kann. Noch zwei Stunden sind mir vergönnt, dann steig ich zu meinem Herrgott auf.« Seine Stimme klang klar und kräftig wie früher. Das Athmen machte ihm keine Noth mehr. Alle schluchzten. »Weint nicht,« sagte er. »Mir ist so wohl. Gebt mir Eure Händen, damit ich Euch Lebewohl sagen kann, wann dera geistliche Herr einmal da ist, dann will ich mich nur noch mit meiner Seel beschäftigen. Hasts Dir merkt vom Todtenbret, Leni?« »Ja,« schluchzte sie. »Und von dera Zithern und dem Veilchenkranz herum?« »Ja – –!« Ihre Stimme brach vor Schmerz. Warschauer mußte herbei, um ihn in sitzender Stellung aufrecht zu halten, und nun nahten Alle, um Abschied von ihm zu nehmen. Es waren zehn Minuten, welche unmöglich zu beschreiben sind. Leni zerfloß in Thränen. Dann kam das Hochwürdigste. * Grad nach zwei Stunden, genau so, wie er es vorausgesagt hatte, starb er, ohne vorher erfahren zu haben, daß die Leiche des von ihm so über Alles geliebten Königs gefunden worden sei. Nach seinem Willen ist geschehen. Kein Denkmal steht auf seinem schlichten Grabe. In der Kirche aber hängt ein einfaches Gedenkbret mit seinem Namen, Geburts- und Todestag. Daneben sieht man die alte Zither, mit Trauerschleifen und dem von ihm angeordneten Veilchenkranze geschmückt. Sein Leben war dem Glücke seiner Mitmenschen gewidmet. Sein Wirken dauert fort. Sein Erbe ruht in der Hand der Gräfin von Senftenberg, welche es genau in seiner Weise und seinem Geiste verwendet. Es ist eine verborgene Quelle der Wohlthaten. Gar Manchem, der nicht weiß, woher die Hilfe aus schwerer Noth kommt, zeigt Sepp noch nach seinem Tode durch die Hand der mild- und wohlthätigen Leni den »Weg zum Glück.«