Maurus Jókai Zoltán Karpáthi, der Sohn des Nabob Vorwort des Übersetzers. Der Jókaische Roman, von dem die deutsche Lesewelt hier eine Übersetzung erhält, entstand im Jahr 1854, was zu wissen nicht überflüssig, um sich in die Perspektive, von der aus er geschrieben ward, hineinzuversetzen, und zwar erschien derselbe zuerst – frisch von der Pfanne weg, wie eben ein Kapitel fertig geworden – im Feuilleton des ungarischen Journals »Pesti Napló«, dessen Satz sogleich auch für die Buchausgabe verwendet wurde. Wir erwähnen dies, weil daraus manche kleine, hier und da als Vergeßlichkeitssünden untergelaufenen Ungenauigkeiten und Widersprüche sich erklären, welche der Autor gewiß beseitigt haben würde, wenn er das fertige Gemälde im ganzen noch einmal hätte retouchierend übergehen können Einige derselben, die offenbar nur von einem lapsus calami herrühren, haben wir uns bei der Übersetzung zu verbessern erlaubt. . Bekanntlich ist das vorliegende Werk die Fortsetzung oder neue Folge eines älteren Jókaischen Romans: » Ein ungarischer Nabob «, der bereits einen deutschen Übersetzer gefunden »Ein ungarischer Nabob«. Roman von Maurus Jókai. Deutsch von Adolf Dux. Universal-Bibliothek Nr. 3016-3020. . Zoltán Karpáthi, der Held unseres Romans, ist ein Sohn Johann Karpáthis (des ungarischen Nabobs) und so wie mehrere Figuren des älteren Romans, wie Bela Karpáthi (Abellino), Graf Szentirmay u. s. w. auch in Zoltán Karpáthi handelnd auftreten, ja darin eine bedeutende Rolle spielen, ziehen sich auch zahlreiche gemeinsame Fäden durch die Lebensgeschichte von Vater und Sohn. Obwohl nun Jókai es meisterhaft verstanden hat, jene Anknüpfungspunkte und zurückgreifenden Beziehungen in seinem »Zoltán Karpáthi« derart zu verweben, daß zum vollen Verständnis desselben die Bekanntschaft des Lesers mit dem »ungarischen Nabob« durchaus nicht erforderlich ist, erschien es uns nicht überflüssig, jene Leser, welche von der Existenz des älteren Romans keine Kenntnis haben sollten, auf die Zusammengehörigkeit beider Dichtungen hier aufmerksam zu machen, schon deshalb, weil beide, als unübertreffliche Zeit- und Charakterbilder des vormärzlichen ungarischen Lebens in zwei verschiedenen auf einander folgenden Entwickelungsphasen, sich gegenseitig ergänzen. Auch dann, wenn der Leser den »Nabob« erst nach der Lektüre des gegenwärtigen Romans in die Hände bekommen sollte, wird er denselben mit dem Interesse einer Biographie in aufsteigender Linie lesen, wobei wir indes nicht verschweigen wollen, daß wir – was dichterische Conception, spannendes Interesse der Handlung, sowie der Charaktere, Bedeutsamkeit der zeitgeschichtlichen Episoden (darunter namentlich die Überschwemmung Pests im Jahre 1838) betrifft – den Sohn über den Vater, die spätere über die frühere Dichtung setzen. Doch wir wollen am liebsten das Werk selbst den Meister loben lassen, und haben es daher auch nicht für nötig erachtet, das »Nachwort« zu reproduzieren, welches Jókai seinem Roman anzuhängen für gut fand, und worin er sich ausführlich über die Tendenz desselben verbreitet, wir glauben vielmehr, daß es dem Autor nur zum Lobe gereichen könne, wenn wir es hier als unsere Überzeugung aussprechen, daß an seiner genialen Schöpfung die freie dichterische Produktion einen ohne Vergleich größeren Anteil hatte, als die, näher besehen, doch nur auf schwachem Fuße nachhinkende Tendenz, jene nämlich, wie sie im Nachworte formuliert wird; wohl aber und man nicht umhin können, im Hinblick auf die unbestreitbar mächtige Wirkung dieser wahrheitsgetreuen, lebensfrischen Zeitgemälde auf Erweckung und Steigerung des nationalen Gefühles bei dem ungarischen Leser, sowohl »Zoltán Karpáthi« als auch den »Nabob« als Tendenzromane im besten Sinne des Wortes gelten Zu lassen. Das echt nationale, aus dem Leben und der Ausdrucksweise des Volkes geschöpfte Kolorit erschwerte begreiflich nicht wenig die Ausgabe des Übersetzers, der sich am besten bewußt ist, wie weit die Kopie hinter dem Original zurückbleiben mußte. Er glaubte es dabei nicht verschmähen zu dürfen, zur möglichst annähernden Erreichung des lokalen Tones mancher Provinzialismen, Hungarismen und Latinismen sich zu bedienen, welche sich hierlands in der deutschen Umgangssprache im Verkehr mit den übrigen Bewohnern des Landes und zur Bezeichnung heimischer Zustände, Institutionen und Gegenstände eingebürgert haben. Die meisten derselben erklären sich wohl aus dem Zusammenhang im Text selber. Wo es durchaus nötig schien, wurde durch kurze erläuternde Anmerkungen nachgeholfen. Was die Aussprache der vorkommenden ungarischen Eigennamen betrifft, so wird es genügen, zu bemerken, daß ew wie ö , s wie sch , cs und ch wie tsch , sz dagegen wie unser ß , z wie ein weiches s (z. B. in »lesen«) cz wie tz , zs wie das weiche französische g (vor e und i ), v wie w , gy ziemlich wie ein weiches dj , ny wie nj und ly wie das französische l mouillé lautet. E. G. Erster Teil 1. Ein Nationalfest Saht ihr schon einen angehenden Landwirt, der ein von seinen Vorfahren vernachlässigtes Erbe übernommen hat und nun mit festem Willen, Lust und Fleiß daran geht, das verfallene, avitische Anwesen wieder in guten stand zu setzen? Er zimmert, baut, rodet Gestrüppe aus, pflanzt Bäume. Wie freut er sich dann, wenn an den Spuren seines Fleißes, seines eifrigen Mühens sich die segnende Hand des Herrn zeigt! Mit welcher Lust führt er euch in dem neugebauten Häuschen, dem kleinen Keller herum, dessen Wein liefernde Rebe er eben erst ausgepflanzt hat; wie prahlt er mit der ersten Blume seines Gartens, der ersten Frucht seines Obstbaumes und wie glücklich fühlt er sich, wenn er jemand gefunden, der die Ergüsse seines harmlosen Stolzes anhört und die Saat im Keime lobt. Die Besitzer stockhoher Hauser und Paläste sehen mit mitleidigem Lächeln auf ihn herab: »was brüstest du dich vor uns, armer Teufel, mit den um deine armselige Hütte gepflanzten Besen, die du einen Garten taufst, was wird aus dir werden? früher oder später mußt du deine Arbeit doch einstellen und erlahmen unter der Last, die du dir aufgebürdet; du führst es doch nicht zu Ende; besser für dich, du hättest gar nicht angefangen, armer Teufel !« Er aber müht sich ab, ringt und strebt, mit heiliger Geduld für die Nachwelt kämpfend, pflanzt gottvertrauend die Hoffnung auf eine bessere Zukunft in seine Brust, weiht jede Minute der Arbeit, und wenn er sich fruchtlos abgemüht, wenn Täuschung, Unerfahrenheit, schlechte Zeiten und Schicksalsschläge sein Werk zu Schanden gemacht – fängt er von neuem an. * * * Im Jahre des Herrn tausendachthundertsiebenunddreißig in den letzten Tagen des Monats August war Pest Zeuge eines eigentümlichen Nationalfestes. Man könnte es eher ein Familienfest nennen. Interessierte es damals doch nur so wenige, und diese wenigen konnten alle recht wohl für Glieder einer Familie angesehen werden, welche gemeinsames Lieben, gemeinsamer Kummer, gemeinsame Opfer verschwistert hatten und die nun zusammenkamen, um den Ausbau eines kleinen Hauses zu feiern, wie es leicht jeder andere größer und schöner hat; allein es ist eben unser Haus, und wir haben unsere Freude daran; mögen sie immerhin sagen, daß es klein und unansehnlich ist. Dies Haus war: das Pester Nationaltheater. Eifrige Patrioten hatten schon lange daran erinnert, auch wir möchten doch dem Altar der Nationalbildung eine Hütte bauen, wo die vaterländische Kunst ein Asyl, eine Wiege und ein Denkmal finde, damit nicht auch sie dem unverdienten Lose so vieles Guten und Schönen – der Vergessenheit, anheimfalle. Sie sprachen davon, daß die Kunst und die Litteratur es sei, von der die Sprache ihren Wert und ihre Würde erhält, in der Sprache aber lebe die Nation. Das sind Dinge, die man anderwärts längst auswendig weiß, bei uns aber mußten sie erst ausgesprochen und immer wieder und wieder gesagt werden; jener Jüngling, der zuerst davon zu reden anfing, war grau geworden, bis er den Erfolg seiner Reden erlebte. Aber er erlebte ihn doch. Es gab welche, die nicht darauf hörten, weil sie es für überflüssig hielten. Unsere Väter existierten ohne das, und so werden auch wir ohne das fortbestehen können. Andere gab es, denen das Verständnis dafür abging. Für wen und wozu soll das? Welchen Nutzen soll es bringen? Auch solche gab es, welche darüber spotteten. Der Ungar und Kunst! Auf dem Dorf mag das gut sein, wo nichts besseres da ist; aber hier in Pest! zum Gespötte der Welt! laßt das bleiben. Die Zweifler kratzten sich den Kopf: es wäre wohl schön, wenn es nur möglich wäre, man hatte es zu einer anderen Zeit anfangen sollen. Die engherzige Selbstsucht fand Gründe, unter denen sich ihre Scheu vor Opfern versteckte: wer wird das Geld dazu hergeben? das braucht viel Geld und wir haben dessen zu anderen Dingen nicht genug. Und als allmählich die Opferpfennige sich sammelten, da tauchten die Einwürfe auf: wohin werdet ihr bauen? ihr werdet es nicht fertig bringen, das Geld wird das Schicksal anderer Summen teilen, welche durch viele Hände laufen; und wird es auch fertig, was werdet ihr darin aufführen, und wenn ihr auch etwas aufzuführen habt, wer wird euch als Zuschauer kommen? Entschuldigt ihr Herren, die ihr angesehener, klüger und reicher als wir; wir wollen uns in keinen Wettkampf mit euch einlassen; zeigt uns ein kleines Plätzchen in dem Gassenlabyrinth dieser großen Stadt, wo wir unseren Altar aufstellen können; irgendwo in einem fernen Vorstadtwinkel, wo unsere Armut euere Augen nicht beleidigen wird und wir niemand im Wege stehen; wir bauen uns dann schon ein kleines bescheidenes Haus hin, uns wird es schön genug dünken; wir suchen uns Schauspieler dafür – wir wagen es nicht, sie Künstler zu nennen und stellen keine hohen Anforderungen an sie; auch sie werden sich mit wenigem begnügen und uns zu Liebe fleißig und strebsam sein, vielleicht wird noch mit der Zeit etwas aus ihnen. In der Josephvorstadt an der Kerepeser Straße wurde ein bescheidener Baugrund ausgemessen für die künftige Wohnstädte der vaterländischen Kunst. Wenn manchmal eine oder die andere herrschaftliche Equipage aus der inneren Stadt sich dahin verirrte, blickten die darin Sitzenden verwundert auf die dort aufgetürmten Stein- und Ziegelhaufen; niemand glaubte, es könne etwas daraus werden. »Eine ins Stocken geratene Bauruine am Ende der Stadt!« sagten lachend, denen es leicht war, zu lachen; »wenn es fertig wird, wird es gut sein zu einem Schaukasten,« scherzten die praktischen Leute, während die Sachverständigen im voraus überzeugt waren, die ganze Geschichte werde einstürzen, denn die Mauern seien nicht stark genug, um das Dach zu tragen. Und siehe, die Mauern wurden doch aufgebaut, auch das Dach wurde aufgesetzt und stürzte nicht ein; das Gebäude stand fertig. »Aber es wird nie eröffnet werden!« sagten die Hellseher. Es wurde ein Termin dafür angesetzt, er verstrich und wurde nicht eingehalten. Da gab es ein Gelächter und ein Hohngeschrei. Die Trägheit und die Teilnahmlosigkeit gefällt sich immer darin, Pessimist zu sein, nur um nicht nötig zu haben, bei einer Sache mitzuhelfen; lieber erklärt sie im voraus ihr Zustandekommen für unmöglich. Endlich wurde der 22. August des genannten Jahres als der unwiderrufliche Termin verkündet, an welchem die Pforten des vaterländischen Kunsttempels geöffnet werden sollten. An der Spitze des Unternehmens standen Männer von eisernem Willen; das ausgesprochene Wort mußte gehalten werden. Gruppen von Zweiflern standen mit lächelnden Gesichtern auf der Kerepeser Straße am Morgen des Tages, an dessen Abend die verkündete Feier stattfinden sollte. Und sie hatten Grund, zu lächeln. Vor ihnen stand ein plumpes, viereckiges Gebäude, noch nicht mit Mörtel beworfen, geschweige denn getüncht; rings herum im Außenhofe Baugerüste, Stein- und Ziegelhaufen, Kalkgruben, Sandhügel, Bretter und Lattenbruchstücke. Wer Arm und Beine riskierend, einen Blick in das Innere warf, der kam zu einem prächtigen Konzert: Hobel und Säge, Hammer und Beil waren in voller Arbeit an den die Welt bedeutenden Brettern; die hämmernden und zimmernden Werkleute stießen links und rechts irgend eine phantastische Gestalt zur Seite, die sich mit einer Papierrolle in der Hand auf die Bühne verirrt hatte. Vielleicht ein Priester Thaliens? Die Armen, die heute noch hier spielen wollen! Frommer Wunsch das! Und vor wem? Wo sollen die Zuschauer herkommen? Die Bürger können nicht ungarisch, die kommen nicht her; die elegante Welt ist heute zu Seiner Gnaden, dem Herrn Rat Köcserepy, geladen, der in seinem prächtigen Weinberge aus dem Schwabenberge in Ofen eine großartige Unterhaltung veranstaltet, zu der alle Notabilitäten gerufen sind; diese also werden bei der Theatereröffnung nicht anwesend sein. Die Juraten haben kein Geld. Dann wären noch die Handwerksgesellen und das gemeine Volk; aber seit einigen Tagen schon geht in der Stadt das falsche Gerücht – niemand weiß, wie es entstanden – die Logen seien so schwach gebaut, daß, wenn zufällig die Galerien sich füllen sollten, der Einsturz zu befürchten sei. Arme Schauspieler, wird es dann ein Wunder sein, wenn ihr » Arpáds Erwachen « den leeren Wänden vorspielen werdet! Endlich kam der Abend heran, die mit vielem Herzklopfen erwartete Stunde schlug, die Pforten des ungarischen Kunsttempels öffneten sich und siehe, das Haus füllte sich in allen Räumen und stürzte nicht ein, so schwer es auch zu tragen hatte an dem Übergewicht der Freude. Da saßen die Magnaten in ihren mit Sammet ausgeschlagenen Logen, holde Damen, deren Schwanenbusen ein bisher nicht empfundenes Freudegefühl hob; da waren auf der dicht besetzten Galerie schlichte Leute, die sechs Tage der Woche gearbeitet, um den siebenten mitfeiern zu können; da saß der greise Edelmann, der den Lieblingstraum seiner Jugend verwirklicht sah und der greise Taglöhner, der unentgeltlich am Bau des Nationaltheaters gearbeitet hatte. Und jeder war erfreut, den andern dort zu finden, der große Herr den armen Teufel, der gemeine Mann den Adeligen, und im rosigen Lichte heiliger Freude erschien alles so schön, so groß; welch herrlicher Bau, welch stolze Hallen, welche Pracht, welcher Glanz! Und ach, jetzt schwebt der Vorhang in die Höhe, das erste Wort ertönt, O! Wie schön es klingt, wie schön! Seht, seht doch um euch: was glänzt da in jedem Auge? O lasset sie glänzen, die kostbare Perle, den kostbaren Diamant, schöne Frauen! Das aufgeführte Stück ist reich an Schönheiten; gewiß, es ist ein Meisterwerk. Sagt nicht, anderswo giebt es bessere, wir sprechen von dem unsrigen. Welch schöne Dekorationen, welch treffliche Maschinerien, wie geschmackvoll ist das ganze Arrangement! Alles ist überraschend. Was noch fehlt, wird mit der Zeit werden; Dichter und Künstler werden durch Fleiß und Studium den Geist heben, das Publikum wird sich wohlwollend und nachsichtig zeigen gegen sie, wohl wissend, daß sie nach Vervollkommnung streben und guten Rat gern annehmen. Sind doch alle, die hier im gemeinsamen Hause erschienen, gleichsam die Glieder einer großen Familie; ist doch die noch in den Windeln liegende Kunst, die jetzt zum erstenmal ihre Lippen zur Rede öffnet, gleichsam das Kind eines jeden von uns, das wir gemeinschaftlich erziehen, kleiden, warten, und tadeln wir es auch zuweilen, so geschieht es nur, weil wir es so sehr lieben. In dieser ruhigen Freude verstrich der Abend. Wem wäre es auch eingefallen, zu kritisieren? Der Spott, die Teilnahmlosigkeit, die Gleichgültigkeit waren draußen geblieben. Drinnen war nur Liebe und stummes Entzücken, und eine Freude war es, zu sehen, daß das neue Haus zu klein für alle die Liebe, die sich hineindrängte; noch vor wenigen Stunden hatte man gefürchtet, es werde zu groß und zu weit sein für – die Teilnahmlosigkeit. Alles war versunken in aufhorchende Lust, als ob im ganzen Publikum, oben und unten, nur ein Herz schlage; – »aber in dieser lautlosen Stille lag Staunen, tiefes Gefühl und die Würde eines sich selbst achtenden Volkes,« sagt der Dichter. Und als die letzten Worte der dargestellten hehren Dichtung verhallten, schien ein wohlthuender Seufzer den herabsinkenden Vorhang zu bewegen; als die Zuschauer das Haus verließen, war niemand, der nicht noch einen Blick darauf zurückgeworfen hätte; fürwahr, auch von außen ist es schön; haben Mond und Sterne vielleicht mit ihrem Licht in ein paar Stunden es so verschönert? und wie großartig es ist, als wäre es seit gestern höher geworden. Mond- und Sternenschein begleitete das freudig erregte Volk nach Hause; selbst der Himmel schien klarer als sonst, und wenn Mond und Sterne glänzen, wer könnte da widerstehen, zum Himmel emporzublicken? Manchmal stieg zwischen den sanft leuchtenden, weißen Sternen eine feurige Rakete um die andere empor von dem fernen Gipfel des Schwabenberges, als wollten sie den ruhigen Glanz der Himmelslichter stören, indem sie krachend und farbige Leuchtkugeln ausstreuend zerplatzten. Wer unterhält sich dort? 2. Vornehme Unterhaltung. Begeben wir uns jetzt in die Sommerwohnung Seiner Gnaden des Herrn Daniel Köcserepy. Es ist doch seltsam, und man kann sagen, ein wahrer Skandal, daß es der Phantasie des Dichters freisteht, uneingeladen in jede noch so vornehme Wohnung einzutreten; umsonst stellt man vor dieselbe einen Portier, umsonst schreibt man aus eine große Tafel: »Fremden ist der Eingang verboten!« umsonst verteilt man Einladungsbillete, nur gültig für die Person des Eingeladenen: so ein Dichtermensch macht keine Umstände, ohne zu fragen und zu hören, schreitet er mitten durch die ganze salva guardia , und nicht genug, daß seine Person sich eindrängt, er schleppt auch noch sein ganzes Lesepublikum mit, worunter sich auch Individuen aus dem niederen Adel, vielleicht auch aus dem Bürgerstande und selbst aus der misera contribuens plebs befinden, und ohne auch nur dem Herrn und der Frau des Hauses ihre Höflichkeit zu bezeugen, durchwandeln sie die prächtigen Säle – mancher Leser hat vielleicht nicht einmal Handschuhe an – gucken bei jeder Thür hinein, belauschen die geheimsten Unterredungen, kritisieren, machen Randglossen zu dem Gesehenen und Gehörten! In der That, dagegen sollte ein Verbot erlassen werden. Seine Gnaden Herr Daniel Köcserepy, oder wie er seinen Namen selbst zu schreiben Pflegt: Daniel Keöcherepy, war in seinen jungen Jahren eben nicht an Luxus gewöhnt. Diejenigen, welche so unverschämt sind, sich daran zu erinnern, wissen ganz gut, daß er in seiner Jugend Erzieher gewesen in einem Pester Bürgerhause, und daß er damals ganz einfach Herr Daniel Cserép hieß. Die Hausfrau war eine bejahrte Matrone, und der junge Hofmeister war nicht faul, sich bei ihr in Gunst zu setzen; die Frau heiratete ihn und setzte ihn mit Umgehung der eigenen Kinder zum Universalerben ein. Bald darauf starb die Frau – wie? wodurch? das kümmert uns hier nicht; die Kinder suchten sich fortzubringen, so gut jedes vermochte, der reiche Erbe aber ging nun daran, seine Carriere zu machen. Wie er hierauf zu dem Posten gelangte, den er jetzt inne hat, wäre eine lange Geschichte. Es heißt, daß der Herr Rat seiner Zeit ein stattlicher Bursche gewesen, der bei den Damen in großer Gunst stand; als er im ***er Komitat bald nachher zum Honorar Vicenotär ernannt wurde, entstand unter den dortigen Schönen ein förmlicher Wettkampf. Der erste Vicegespan hatte zwei Töchter, der zweite besaß deren drei, Daniel machte allen fünfen den Hof. Beide Vicegespane protegierten den hoffnungsvollen jungen Mann. Es währte nicht lange, so wurde er Obernotar. Bei der nächsten Restauration wollte der zweite Vicegespan den ersten stürzen und an seine Stelle kommen; beide legten ihre Angelegenheit in die Hände Köcserepys und Köcserepy stürzte alle beide. Er wurde als dritter kandidiert, jene zwei fielen durch, und er wurde erster Vicegespan. Von da war nur mehr ein Schritt zur Ratswürde. Bald darauf heiratete er zum zweitenmale; natürlich traf er seine Wahl weder unter den zwei, noch unter den drei Exvicegespanstöchtern, sondern er nahm eine vornehme Excellenzfrau, eine schöne, reiche und stolze Dame, und sein Haus ist jetzt eines der ersten in Pest. Zu all diesem Gerede müssen wir unsererseits in voller Unparteilichkeit hinzufügen, daß Herr Köcserepy einen ausgezeichneten Verstand besitzt, und da diesem eine so feste Willenskraft, wie die seinige, sich beigesellt, so haben wir uns eben nicht zu wundern über das Glück, das ihn auf seiner Lebensbahn begleitete. Rasche Auffassung und geschicktes Benützen der Umstände, die Kunst, fremde Interessen mit den seinigen zu verflechten und Kaltblütigkeit genug, um auch die am festesten geknüpften Bande zu zerreißen, sobald man bemerkt, der Ziehende zu sein und nicht mehr der Gezogene, dies und hundert andere geistige Ressourcen, die wir nicht alle aufzählen können, haben mehr als einmal schon Wunder raschen Emporkommens bewirkt; auch glaube man ja nicht, daß auf solche plötzlich Emporgestiegene von oben mit Geringschätzung herabgesehen wird, man fürchtet sich vielmehr vor ihnen, denn niemand weiß, wie hoch sie noch steigen können. In den höheren Kreisen imponieren gerade die Parvenus am meisten; jedermann sagt sich verblüfft, daß dieser Mensch durch sich selbst dahin gelangt ist, wohin andere der liebe Gott gestellt hat. Köcserepys Haus war eines der besuchtesten, sein Salon das Orakel der Modewelt. Bevor er nicht seine Soireen eröffnet, wäre es ein Verstoß, die Saison zu beginnen; wer auf seinen glänzenden Bällen in der Liste der Eingeladenen fehlt, den vermögen alle Herrlichkeiten des Karnevals nicht zu trösten; was Herrn Köcserepy und seiner Gemahlin, der Excellenzfrau, gefällt, das wird mode, das macht jeder nach und findet es schön und nobel. Nur eine Schwäche besitzt der gnädige Herr; wir nennen es geradezu seine Schwäche, weil er selbst seinen Stolz darein setzt. Seine erste Frau war eine bürgerliche gewesen, eine Pester Kaufmannswitwe. Aus der Zeit seiner Hofmeisterschaft sind ihm viele unangenehme Rückerinnerungen geblieben an jene umsichtigen Herren, welche im Hause seiner seligen ersten Frau aus und eingingen, und mit ihren wohlweisen Reden die Frau davon abzubringen gesucht hatten, den Erzieher ihrer Kinder zum Manne zu nehmen; später hatten sie ihm bei der Testamentsvollstreckung viele Ungelegenheiten verursacht, indem sie zu gunsten der enterbten Kinder sprachen und prozessierten, bei welcher Gelegenheit sie dem jungen Herrn viele unangenehme Wahrheiten ins Gesicht sagten. Seitdem hatte das Glück den wackern Herrn emporgetragen, und als er das zweite Mal nach Pest zurückkehrte, stand er schon in unerreichbarer Höhe über all den Gewürzkrämern, Baumeistern, Kaufleuten oder Weinhändlern; er konnte ihnen aber auch jetzt noch die alten Beleidigungen, ihre damalige Tücke nicht vergessen, und er hatte gute Gelegenheit, es ihnen auf jedem Schritt und Tritt heimzuzahlen. Mitten in ihre Häuserreihe baute er seinen Palast hin, der prachtvoller war, als alle anderen; täglich konnten die Herren Gevatter ihn in eleganter Equipage vorüberfahren sehen. Hinten auf der Kutsche stand ein goldverschnürter Heiduck. Dem einstmaligen Erzieher that es wohl, zu denken, wie neidisch ihm jetzt die Herren Gevatter sein mögen. Von den schlichten Bürgern waren viele durch Fleiß und Glück zu einem nicht zu verachtenden Vermögen gelangt, und obwohl sie es nicht verstanden, mit ihrem Reichtum Staat zu machen, war ihnen Wohlleben und Komfort doch nicht unbekannt. Schon vor einigen Jahrzehnten, als Handel und Industrie in Pest einen lebhafteren Aufschwung nahmen, war es bei den wohlhabenderen Pester Bürgern üblich geworden, auf den Ofener Gebirgen Gründe anzukaufen und daselbst Gärten anzulegen und Sommerwohnungen zu bauen. Für diejenigen, denen ihr Geschäft so viel einträgt, um einen Überschuß der Einnahmen auf Genüsse verwenden zu können, denen aber eben diese Geschäfte nicht erlauben, sich auf längere Zeit von ihrem Wohnort zu entfernen, sind diese Sommerwohnungen ganz zweckmäßig ausgedacht. Große Herren, die von niemand abhängen, gehen des Sommers auf ihre Güter oder in Bäder, Leute dagegen, deren Herrschaft ein Verkaufsladen, oder manchmal auch nur eine Feder ist, suchen die Sommerfrische dort, wo sie ihnen am nächsten ist, und von wo aus sie sozusagen ihr Haus nicht aus dem Gesichte verlieren. Die Pester Bürgerschaft betrachtet daher seit lange her das Ofener Schwabengebirge wie ihr gelobtes Land. Bei Annäherung des Frühlings spricht sie mit wahrer Begeisterung von den schon ausschlagenden Bäumen, von dem frischen Quellwasser, an das der Gedanke, wenn man das schweflichte und salitrige Wasser der Pester Brunnen zu trinken verurteilt ist, schon ein Labsal ist, von dem Schlagen der Nachtigallen, von der schönen Aussicht und der herrlichen Luft, die Arznei für jede Krankheit, in der das innere Behagen emporsprießt wie das junge Gras, Hypochondrie und Hämorrhoiden verschwinden wie Nebel vor der Sonne. Auch der Ärmste unternimmt wenigstens ein paarmal im Jahre die Reise von einer halben Meile dahin, um im weichen Grase ausgestreckt sein mitgenommenes bescheidenes Mahl zu genießen. Aus der Kenntnis, die wir von einigen Charakterzügen Seiner Gnaden des Herrn Köcserepy bereits besitzen, werden wir uns leicht erklären können, warum er gerade ein Vergnügen darin fand, in diese anspruchslosen Berge eine prachtvolle Villa hineinzubauen. Mögen diejenigen, welche einst ihm gegenüber die Herren gespielt, seine beneidete Herrlichkeit vor Augen haben und sich gedrückt fühlen durch den von ihm entfalteten Glanz, der ihre elenden Schweizerhäuser in Schatten stellt, mögen sie es nicht mehr wagen dürfen, in ihrem ländlichen Negligé herumzugehen, oder auf ihren Eseln herumzureiten, aus Furcht, einem seiner vornehmen Besuche in den Wurf zu kommen; mögen sie um das stolze Bewußtsein, dort zwischen den Bergen die größten Herren zu sein, sich gebracht sehen und genötigt sein, ihm auch dort entweder aus dem Wege zu gehen oder den Hut vor ihm zu ziehen. Diese seine Absicht stieß anfangs auf große Schwierigkeiten. Die guten Leute, als sie bemerkten, daß er sich unter ihnen ansiedeln wolle, vereitelten überall seine Käufe, indem sie von ihrem Vorkaufsrechte Gebrauch machten. Endlich gelang es ihm, einen öden Grund zu erstehen, dessen Preis er so in die Höhe getrieben hatte, daß, wem nicht geradezu das Geld ins Fenster fliegt, ihn nicht überbieten konnte. So ließen nun die Herren Gevatter den Grund in seinen Händen und waren neugierig, was er damit anfangen werde. Das ganze Grundstück war ein dürrer, steiniger Erdfleck, dessen einzige spärliche Vegetation Kletten und wilder Salbei bildeten; je tiefer man grub, auf so härteres Gestein kam man; beide Abhänge waren durch Wasserrisse zerklüftet und seit Menschengedenken war kein Gras dort gewachsen. Der Herr Rat brauchte nur ein paar Jahre, um diese Wüstenei, die nur für einen Hexensabbath geeignet schien, in ein Paradies umzuwandeln. Mit Geld läßt sich alles besiegen, selbst die Natur. Hunderte von Arbeitern waren in Thätigkeit, die Steinschichten wurden auf Wagen geladen und damit die tiefen Wasserrisse ausgefüllt; in tausend und tausend Wagenladungen wurde frische Walderde auf den magern Grund geführt, die abschüssigen Stellen wurden mit Steinmauern eingefaßt; aus allen Teilen des Landes wurden große, fruchttragende Obstbäume mit äußerster Sorgfalt und schweren Kosten in den Garten geschafft, in dessen Mitte ein pomphaftes Kastell in orientalischem Baustile sich erhob, und binnen wenigen Jahren entstanden überall auf der kahlen, öden Fläche blühende Haine, Gruppen von Obstbäumen, Rasenparkette und Laubengänge von edlen Reben; es war ein wahrhaftiges Eden, das jedermann einen unwillkürlichen Seufzer entlockte, der keines solchen Besitzes sich rühmen konnte. Die benachbarten Villen und Gärten wurden natürlich von so verschwenderischen Schönheiten verdunkelt, doch trösteten sich die guten Herren Gevatter damit, daß, während der Herr Rat seinen zwölf Joch umfassenden Steinbruch in einen Pomeranzenhain umschuf, seine Gemahlin, die Excellenzfrau, ihre Güter im Szathmárer Komitate mit einer halben Million Schulden belastet und daß die herrschaftliche Wolle schon auf sechs Jahre voraus verschleudert ist; wäre es nicht hundertmal klüger gewesen, den öden Fleck den Kletten und dein wilden Salbei zu überlassen, als mit eitlem Pomp sich daraus anzusiedeln, und es sich mehr Mühe tosten zu lassen, als selbst auf die hängenden Gärten der Semiramis verwendet worden sein dürfte. So oft der Herr Rat einen in seinem eigenen Garten gewachsenen Apfel verkostet, kann er sagen, daß er goldene Äpfel ißt, und wenn er in seinen Anlagen spazieren geht, daß er auf Silbersand einherwandle. Mit solchen Dingen tröstete sich der armselige Neid ... Im Sommer 1837 hatten die Bewohner der Umgegend noch besonders triftige Gründe, den benachbarten prächtigen Garten mit scheelen Blicken zu betrachten. Im Frühling dieses Jahres, als die Blüten bereits Frucht angesetzt hatten, fiel Mitte Mai drei Nächte hintereinander Frost; die Obstbäume, als wären sie versengt worden, erfroren allewärts, das unreife Obst fiel herab, den Boden mit einer traurigen Lese bedeckend, die Blätter schrumpften zusammen, alle schwächeren und heiklicheren Bäume standen traurig da mit fahlem, verwelktem Laube. Nur der Garten des gnädigen Herrn blieb grün; Köcserepy hatte in jenen grausamen Frostnächten für Geld aufgenommene Leute in seinen Garten geschickt, welche unter jedem Baume Strohbündel anzündeten, deren dicht aufsteigender Rauch das Niederfallen des verderblichen Reifes verhinderte. Die mühsame Operation kostete ihm einige tausend Gulden; als aber das traurige Bild allgemeiner Zerstörung in der angrenzenden Vegetation hervortrat, stand Köcserepys Part und Garten wie eine grüne Oase da, und während im ganzen Umkreise kein Obst an den Bäumen zu sehen war, sah man gegen Ende August die Äste seiner Bäume von der Last reifer Früchte darniedergebeugt, und strotzten die Laubengänge von Trauben in allen Farben. In der ganzen Umgegend sprach man von dem gesegneten Garten, niemand hatte ähnliches aufzuweisen und von weit her kamen Fremde, sich die Erlaubnis erbittend, die merkwürdige Erscheinung besichtigen zu dürfen. Als daher der Herr Rat zum 22. August, dem Tage der Eröffnung des Nationaltheaters, die ganze Pester vornehme Welt in seine Schwabenberger Villa zu einem lustigen Gartenfeste eingeladen hatte, hätte man wohl darauf wetten dürfen, daß keiner der Eingeladenen fehlen und daher die vornehme Welt bei jener Nationalfeier nur höchst spärlich vertreten sein werde. In dem Augenblicke, wo wir eintreffen, finden wir bereits eine schone zahlreiche Gesellschaft versammelt und in dem Lustgarten zerstreut; wie es die Regeln des Anstandes erheischen, verfügen auch wir uns zuerst in die Hallen der Villa, und wollen erst dann die in den Parklabyrinthen, Glorietten und Eremitagen kampierenden Gruppen aufsuchen. In der Vorhalle, von der ein aufgespannter großer chinesischer, gestreifter Schirm die heißen Sonnenstrahlen abhält, müssen wir uns durch einen Schwarm gaffender Lakaien Bahn brechen, von deren buntscheckigen Livreen – wenn sich jemand dafür interessieren sollte – eine Kolibrisammlung das entsprechendste Bild liefert. Bei der Ankunft von Herrschaften stellen sie sich eiligst in Positur und schneiden höfliche Gesichter; sowie aber der Gast zur Thür hineinbekomplimentiert ist, treten sie wieder in einen Knäuel zusammen, um zu kichern und einander zu erzählen: wie die Herrschaft eines jeden beschaffen; wie oft in der Woche dort und – hier – für die Dienerschaft Grütze gekocht wird; an welche« Fräulein sie Liebesbriefe zu bestellen haben; was für Reden die abgewiesenen Gläubiger bei diesem oder jenem im Munde geführt; warum diese oder jene vornehme Heirat nicht zustande gekommen; wieviel der Graf soundso seinem Schneider schuldig; womit dieser oder jener Baron sich wäscht und worin er badet, und dergleichen mehr. Von Köchinnen und Stubenmädchen ist nicht die Rede; das ist ein Thema für die gnädigen Herren; für Bediente wäre es derogierend. Doch gehen wir weiter. In dem großen Saale, in den wir jetzt eintreten, würde uns die verschwenderische Pracht überraschen, welche hier von den Arabesken der Vorhänge bis herab zu den gestickten Fußteppichen mit dem ausgesuchtesten Geschmack aufgehäuft ist (denn es genügt nicht, kostbare Sachen zu kaufen, im Arrangement liegt der wahre Zauber der Eleganz und das läßt sich nicht erlernen; dieselben Prachtstücke würden im Saal eines Gewürzkrämers sich ausnehmen wie eine Gewölbsauslage, während sie, nach dem Geschmacke der mit dem Excellenztitel aufgewachsenen vornehmen Dame geordnet, uns in einen Feenpalast versetzen, wie nur lustige Elfen ihn aus Gold, Silber und Seide zu zaubern verstehen und ihr Geheimnis sich von keinem Sterblichen ablauschen lassen); alles, wie gesagt, würde uns hier überraschen, wenn unser Auge nicht schon von einem anderen Schauspiele gefesselt wäre. Welche Fülle von Reiz und Anmut! Wohin wir blicken, begegnet unser Auge bezaubernden Schönheiten, Vor der Schönheit und den Reizen der Frauenwelt unserer höheren Kreise müssen wir uns beugen! Diese edeln Bewegungen, diese leichte, sichere Konversation, diese gewinnende Hoheit ist ihr ausschließliches Eigentum. Von ihrem zarten Antlitze wird die schädliche Einwirkung sengender Sonnenstrahlen und drückender Lebenssorgen gleich fern gehalten; ihre jungen Jahre sind nur der inneren Veredelung gewidmet, die auch ihre körperlichen Reize vergeistigt; in ihre Kreise tragen unsere jungen Kavaliere nicht jene zügellose Freiheit der Konversation, mit der sie die unteren Gesellschaftssphären beglücken; sie leben in einer idealen Welt, ist es zu wundern, daß sie selbst zu Idealen werden, so sehr, daß selbst der ewig kritisierende schwarzblütige Jünger des Momus bei ihrem Anblicke sich entwaffnet fühlt und ganz vergißt, daß er seine Leser und die glänzende Gesellschaft einander noch nicht vorgestellt hat. Zum Glück hilft uns der Kammerdiener aus der Verlegenheit, der soeben in feierlichem Tone einen neu angelangten Gast anmeldet! – Seine Hochgeboren, Herr Baron Theodor Berzy ! Und in demselben Augenblicke tritt ein von jedermann gekanntes, allgemein beliebtes Individuum ein, mit turmartig emporgekräuselter Frisur, genialen Gesichtszügen, denen ein aufwärts stehender Schnurrbart und ein an der Unterlippe allein stehen gebliebener Zwickelbart, als waren drei Malerpinsel triangulär dort aufgeklebt, ein vollkommen exotisches Aussehen verleihen; der Baron ist übrigens auch en profil leicht zu erkennen an den über alle Begriffe hoch aufsteigenden Vatermördern, obwohl dann von dem Gesicht selbst nur wenig zu sehen ist; das Interessante seiner Erscheinung wird noch dadurch erhöht, daß er sich nie trägt wie andere Menschenkinder. Gegenwärtig präsentiert er sich uns in dunkelblauem Frack mit engen, bis zu den Handknöcheln herabreichenden Ärmeln und sich rückwärts kreuzenden Schwanzflügeln; um den Hals ist, der erstickenden Hitze zum Trotz, ein prachtvoller weißer Seidenshawl gewunden, der sich in malerischen Verschlingungen unter dem Umschlage der weißen Weste verliert und mit einer kolossalen Busennadel – den Atlas mit der Weltkugel darstellend – festgesteckt ist. Die knappen, bis zum Knöchel reichenden schwarzen Gamaschen lassen rosafarben gewürfelte seidene Strümpfe bis zu den Rändern der glänzenden Lackschuhe hervorblicken und was uns am meisten an ihm auffallen muß, ist, daß er Ohrringe trägt, und zwar keine kleinen goldenen Reife, wie sie mitunter aus Gesundheitsrücksichten auch von Männern getragen zu werden pflegen, sondern lange brillantene Ohrgehänge, welche dem jungen Kavalier ein an gewisse Kazikenhäuptlinge erinnerndes Aussehen verleihen. Es dauert keine Minute und er ist im Salon bereits wie zu Hause. Für ihn giebt es niemand Unbekannten, denn wen er nicht kennt, der existiert gar nicht für ihn. Halten wir uns jetzt an seiner Seite, denn er wird uns überall hintragen, wo nur eine interessante Persönlichkeit sich befindet, und so gelangen wir auf die leichteste Art dazu, in der uns unbekannten Welt uns zurechtzufinden. Zuerst sind es die Frau und der Herr vom Hause, welchen der geniale Baron die Ehre seiner Bewillkommnung erweist. Eveline – das ist der Name der gnädigen Frau – empfing mit huldreich herablassendem Blicke den jungen Kavalier, der mit einer unnachahmlichen Haupt- und Nackenbewegung sich verbeugte. Köcserepy ging dem Eintretenden zwei Schritte weit entgegen, schüttelte ihm zuerst die eine, dann beide Hände und nannte ihn seinen lieben Freund. Köcserepy hat das Aussehen eines in der Blüte seiner Jahre stehenden Mannes, obwohl er in Wirklichkeit die Fünfzig schon überschritten hat, allein die kunstvolle kastanienbraune Perücke, das glatt rasierte Gesicht, die tadellos eingesetzten Zähne lassen ihn um vieles jünger erscheinen und im ersten Moment das nicht maskierbare Embonpoint des Unterleibes übersehen. Dazu das süße Lächeln, das ewig auf seinen Lippen schwebt, als wenn er dazu berufen wäre, wenn die Sonne nicht scheint, die Erde mit seinem Lächeln zu beleuchten. Er ist unaussprechlich erfreut, daß seine werten Gäste seine bescheidene Einladung nicht verschmäht haben; aber so tief er das Haupt zu beugen versteht, so hoch weiß er es dann auch wieder emporzuwerfen und erwartet, daß jedes Kompliment ihm erwidert werde. Lassen wir ihn jetzt anderswohin lächeln, neu anlangende Gäste mit süßen Reden und süßen Mienen beglücken und setzen wir unseren Rundgang unter Führung des Barons fort. Die gnädige Frau ist eine Dame in den Vierzigen und kann ihren Jahren zum Trotz immer noch für eine Schönheit gelten; ihre ältesten Bekannten finden keine andere Veränderung an ihr, als daß ihre Formen voller geworden. Ihre regelmäßigen Gesichtszüge haben stets den Ausdruck, den sie selbst ihnen zu geben wünscht, ihre großen schwarzen Augen sehen einem bis in den Grund des Herzens und sind ebenso sehr auf ihrer Hut, niemand durch sich in das Innere blicken zu lassen. Den Baron streifte ein Lächeln von diesem schönen, kalten Gesicht, Dies Lächeln hatte für ihn ebensowenig zu bedeuten, wie für andere; er aber fühlte sich überglücklich dadurch. – Meine Gnädige, ich bedauere nur eines an diesem schönen Tage, und das ist, daß ich nicht Adam getauft worden. Die Dame blickte fragend auf den spaßigen Kavalier, während die Umstehenden neugierig die Köpfe nach ihm wandten, um zu erfahren, was ihm an seinem Taufnamen nicht recht sei. – Denn dann hätte ich, in den Garten Euer Gnaden eintretend, sagen können, daß heute Adam ins Paradies zurückgekehrt sei. – Ein wahrhaft Byronscher Gedanke! rief Köcserepy, der anderswohin zu sprechen und anderswohin zu hören verstand. (Warum das ein Byronscher Einfall sein sollte, davon wußte er sich schwerlich Rechenschaft zu geben, denn von Byron wußte er eben nur so viel, daß er die Dardanellen durchschwommen und wahrscheinlich ebenso ein Sonderling gewesen, wie Baron Berzy; der Herr Rat kümmerte sich überhaupt weder um ausländische noch inländische schriftstellerische Berühmtheiten, obwohl er sich gern das Ansehen gab, sie alle zu kennen.) Neben der Frau Rätin saß in einem Fauteuil eine bejahrte Matrone, welche bereits vollkommen allen Ansprüchen weiblicher Gefallsucht entsagt zu haben schien, denn sie nahm sich nicht einmal mehr die Mühe, in ihrem Anzug mit der Mode zu gehen, und trug noch immer dasselbe lavendelfarbene Seidenkleid, mit dem sie auf dem Wiener Kongreß brilliert hatte; nur mit Mühe hält sie sich in dem Armstuhl aufrecht und vermag ohne fremden Beistand keine Bewegung auszuführen; aber trotzdem trägt sie noch Verlangen nach großen Gesellschaften und ist so glücklich, wenn sie durch das silberne Horn, das sie beständig in der Hand hält, ein oder das andere Wörtchen erhaschen kann, von der sie umschwirrenden lebhaften Konversation. – Was hat Alfred gesagt? rief sie, als sie sah, daß über etwas gelacht wurde; hat Alfred wieder einen Witz gemacht? – und dabei gelang es ihr, einen der Frackschoße des Barons zu erwischen, an dem sie ihn zu sich zog, während sie das Horn ans Ohr setzte. Der gefangene Ritter schrie in das Gehörrohr: Ihr unterthänigster Diener, Madame! – Ah, Sie sind in der That immer witzig, erwiderte die alte Dame und lachte so herzlich, als ob sie jetzt wisse, worüber die anderen gelacht. Also Sie kommen aus dem Kasino? (Sie hatte verstanden, der Baron komme aus dem Kasino.) – Ich nicht, aber Mitzislaw kommt von dort, erwiderte der in die Falle Geratene, und warf durch eine geschickte Diversion der immer fragenden und alles falsch verstehenden Dame einen jungen Mann, der dort herumstand, in die Fangarme, an dem nichts Merkwürdiges, als daß sein Schnurrbart nach abwärts gekrümmt ist, und daß man ihn ins Gesicht Mitzislaw ruft (offenbar hatten seine Taufpaten im ungarischen Kalender keinen passenden Namen für ihn finden können), während man hinter seinem Rücken mit den fünf ersten Buchstaben seines Vornamens sich begnügt. Sonst ist er ein guter Quadrilltänzer und tanzt mit jedermann, nur muß ihm gesagt werden, mit wem er tanzen soll; auch ein angenehmer Gesellschafter ist er, da er selbst wenig spricht und den andern sprechen läßt; auf den Landtagen fungiert er als Absentium Ablegatus . Nachdem so der Baron sich geschickt mit diesem interessanten Individuum ausgewechselt hatte, kehrte er selbst zur Frau Rätin zurück, seine Hand leicht aus ihre Stuhllehne legend. An ihren Augen war zu merken, daß sie irgend einen angenehmen Gegenstand mit ihren Blicken verfolgte. Zwei Mädchen wandelten im Saal auf und ab, die Arme umeinander geschlungen. Das eine Mädchen war Laura Ilvay , die Enkelin der alten Dame, eine hohe, stolze Gestalt, eine jener Schönheiten, die man nur mit Wehmut ansehen kann. Wer dieses eigentümliche gezirkelte Rot der Wangen, diese schwellenden Korallenlippen betrachtet, wer beim Tanz diese schlanke, beinahe bis zur Formlosigkeit zusammengeschnürte Taille umfaßt und in seinen Fingern das fieberhafte Pochen der Lungen hindurchfühlt, der muß von tiefem Mitleid ergriffen werden gegen ein Geschöpf, von dem er mit Gewißheit weiß, daß es sterben wird, bevor es das Leben noch genossen hat. Nach jedem, Ball tritt Blut auf ihre Lippen und während des langen Cotillons hören ihre Tänzer jenes gefährliche, trockene Hüsteln, das an den Sarg mahnt; wer denkt aber in solchen Augenblicken daran? Das andere Mädchen ist noch kaum mehr als ein Kind, höchstens zwölf Jahre alt, aber hoch aufgeschossen und des raschen Wachstums wegen ungewöhnlich zart und schwächlich. Das längliche, blasse Gesicht trägt das unverkennbare Gepräge in sich verschlossener Gefühlsinnigkeit; auf den schmalen, schön geschnittenen Lippen schwebt der Ausdruck kindlicher Melancholie; die alabasterweiße Stirne, die feingeschweiften Augenbrauen vereinigen sich zu einem harmonisch schönen Ganzen. Es ist das die Tochter der Excellenzfrau von ihrem zweiten Gemahl, dem Herrn Rat. Zwischen Laura und Wilhelmine liegt ein Abstand von mindestens zwölf Jahren, dennoch halten sie zusammen und plaudern miteinander, als wären sie die vertrautesten Spielgenossinnen. Wilma will älter scheinen, als sie ist, sie meidet die Gesellschaft von Kindern ihres Alters und schließt sich immer an Erwachsene an; bei Laura tritt der umgekehrte Fall ein und so sind die beiden Mädchen die besten Freundinnen miteinander, wie man zu sagen pflegt. Der Baron bemerkte im Gesichte der Frau Rätin jenen aufleuchtenden Strahl mütterlicher Zärtlichkeit, welcher beim Anblick ihrer Tochter die Kälte der marmornen Züge milderte; zur Mutter gewendet, sagte er mit dem Tone der Bewunderung: welches Ideal von einem Kinde! Dies Gesicht voll Ernst und Hoheit gleicht ganz der Hedwig von Anjou, deren Porträt ich im Krakauer Dome sah. Die Mutter lächelte bei diesen schmeichelhaften Worten, auch der Herr Rat rieb sich erfreut die Hände, nur hätte er gern gewußt, wer denn eigentlich diese Hedwig von Anjou gewesen sein mag. – Eine Heilige und eine Königin! sagte Berzy, als käme er der Frage Köcserepys zuvor und kniff sich sein Monocle ins Auge, um diese Schönheit von seltener Vollendung noch genauer bewundern zu können. Es konnte der Aufmerksamkeit der beiden Mädchen nicht entgehen, daß man von ihnen spreche und auf sie blicke; bei solcher Gelegenheit ist es sehr passend, so zu thun, als glaube man gerufen zu sein und hin zu eilen und zu fragen, was die lieben Anverwandten befehlen. Die Rätin nahm wieder ihr ernstes Gesicht an, denn es wäre nicht gut, wenn die Tochter bemerkte, was die Mutter für sie empfindet; Frau von Ilvay richtete einige Falten und Schleifen an Lauras Anzug zurecht und der Baron, seinen Chapeaubas unter den Arm schiebend, schwebte mit der kleinen Sylphide weiter. Mitzislaw hatte indessen sich ganz echauffiert, indem er, in das Schallrohr hineinbrüllend, mit schönem, rednerischen Feuer alles erzählte, was seit acht Tagen im Kasino vorgegangen, wobei er in der Regel seine eigene Meinung damit zu unterstützen suchte, daß er den ihm Nächststehenden als Zeugen anrief: »ist's nicht so?« als ob er selbst nicht ganz sicher wäre, ob auch alles wahr, was er gesagt, und nicht ungern die Hälfte davon sich abdisputieren ließe. Sein ergötzliches Bestreben, der alten Dame sich verständlich zu machen, hatte nach und nach den größern Teil der Gesellschaft um ihn versammelt, was das Unbehagen des jungen Absentium Ablegatus nicht wenig steigerte. – A propos ! rief eine neue Stimme dazwischen, à propos , heute soll ja in Pest irgend ein ungarisches Theater eröffnet werden, oder was? Mitzislaw geriet bei dieser Frage in große Verlegenheit; er war zweifelhaft, ob es für ihn schicklich sei, hiervon unterrichtet zu sein oder nicht, und ob es nicht die am meisten Beifall findende Antwort darauf wäre, zu sagen, er wisse davon kein Wort. Während er nach Luft und guten Rat schnappt, bleibt uns Zeit, den Frager genau zu betrachten. Es ist dies Seine Wohlgeboren, Herr Gabriel Maßlaczky . Ich bitte sich nicht daran zu stoßen, daß er nur ein Spectabilis ist; trotzdem ist er einer der angesehensten Männer, ein berühmter Advokat, ein mächtiger Ränkeschmied, dem mehr als einer der Anwesenden viel zu verdanken hat; der Bevollmächtigte mehrerer Magnatenfamilien und überdies ein kühner, unternehmender Geist, der sich mit den Ellbogen in die Gesellschaft drängt. Der ganze Mensch ist ein Miniaturfigürchen; Hand, Fuß, die ganze werte Person ist winzig, selbst die Stimme ist eine Kinderstimme, und wird nur scharf und kreischend, wenn er zu disputieren anfängt; dann steckt er die eine Hand unter den Frackschoß, während die andere lebhaft gestikuliert; das Blut steigt ihm ins Gesicht und er wird rot bis zum Ohrläppchen; bei großer Gemütsaufregung stellt er sich auf die Fußspitzen und pflegt überhaupt mit jedermann so zu reden, als hätte er einen Kriminalverbrecher vor sich. – Wie? was? Sie haben nichts davon gehört? begann er das Verhör mit dem ins Gedränge geratenen jungen Mann, sich höher und immer höher aufrichtend. Das ist unmöglich. Kommen Sie nicht aus dem Kasino? Im Kasino aber werden über diesen Gegenstand schon seit mehreren Tagen lebhafte Debatten geführt. Wie man hört, soll Graf Rudolph Szentirmay dort gesagt haben, daß kein ungarischer Magnat, der einen Tropfen Selbstgefühl habe, bei der Eröffnung fehlen dürfe. Was wandelt diesen Szentirmay an? Was versteht er unter Selbstgefühl? Was hat das Selbstgefühl mit Theatergesindel zu schaffen? Ich erleb' es noch, daß sie auch das noch zu einem patriotischen Akt stempeln. Der Herr Rat, als ein Mann, der auf strengen Anstand hält, empfand es übel, daß der Dominus Spectabilis in dieser feinen Gesellschaft so lärmte und er sagte ihm daher lächelnd: und ich möchte mich doch zu wetten getrauen, daß Szentirmay diesen Abend unter uns zubringen wird. Maßlaczky, die Pointe dieser Äußerung mißverstehend, glaubte, es sei damit beabsichtigt, ihn einzuschüchtern und fing nur um so lauter zu schreien an. – Desto besser. Ich scheue mich nicht, ihm ins Gesicht zu sagen, daß er, als er von Selbstgefühl sprach, seine Gedanken nicht beisammen hatte. – Herr Fiskal, bemerkte Baron Berzy, den die lebhafte Konversation herbeigelockt hatte, über Szentirmay ist es nicht geraten, laut zu räsonnieren. Der Spectabilis , die Hand ins Gilet streckend, antwortete mit großem Pathos: Herr Baron, ich fürchte mich vor niemand und was ich sage, dabei bleibe ich. Graf Szentirmay schießt und schlägt gut: ich aber weiß, daß die Gesetze und ihre Vollstrecker, die Dikasterien, dazu da sind, friedliche Bürger zu beschützen und mich schreckt man mit Waffendrohungen nicht. Dann, als besänne er sich, daß ähnliche Repliken nicht nach dem Geschmack von Damen, fuhr er, gegen sie gewendet, fort: wo, wie hier, eine so schöne, glänzende Gesellschaft versammelt ist, in der Geistesanmut und Schönheit uns fesseln, kann da einem Manne von Bildung die Wahl schwer fallen zwischen der Einladung des gnädigen Herrn Rates und Ihrer Exzellenz seiner Frau Gemahlin zu einem so genußreichen Feste, und der des Grafen Szentirmay zu einer so faden Unterhaltung? Dies sollte ein Kompliment für die Gesellschaft sein, das indes eine so große Verantwortung auf Herrn Köcserepys Schultern wälzte, daß dieser sich beeilte, dieselbe von sich abzulehnen. – O bitte, auch ich bin ein Freund jeder nationalen Bestrebung und obwohl ich es für zweckmäßiger hielte, die Nationalwohlfahrt zuerst im materiellen Fortschritte zu suchen, so möchte ich deshalb doch um die Welt nicht einer abweichenden Ansicht entgegentreten, und wenn ich hatte wissen können, daß diese Feier mit unserer kleinen Unterhaltung kollidieren werde, hätte ich sie lieber auf einen anderen Tag verschoben. – O, deshalb machen sich Euer Gnaden keine Vorwürfe, beeilte sich der Fiskal, ihm in die Rede zu fallen; ich kann versichern, daß, wenn ich auch nur die Wahl hätte zwischen Federnschleißen und Hingehen, ich doch nicht hingehen würde. Der Herr Rat beteuerte neuerdings, daß er jedes andere patriotische Unternehmen zu unterstützen bereit sei, nur fange man die Sache nicht beim rechten Ende an. Derselbe Herr pflegte hinwiederum, wenn er um die Teilnahme an Unternehmungen zur Förderung materieller Interessen angegangen wurde, zu antworten, daß er allerdings ein großer Freund jedes vaterländischen Fortschrittes sei, daß man jedoch zuerst auf dem geistigen Gebiete beginnen sollte. Die Ankunft neuer Gäste lenkte jetzt plötzlich die Aufmerksamkeit anderswohin; draußen war Wagengerassel und Peitschenknallen vernehmbar; der Herr Obergespan Tarnaváry , der schon seit länger als zwanzig Jahren jeden Sommer mit seiner Familie im Ofener Kaiserbad zubringt und kein anderes Bad besucht, kam in vierspänniger Karosse auf die Terasse angefahren. Im Fond des Wagens saß der Herr Obergespan, ihm gegenüber der Jurat, denn obwohl sie die einzigen Personen im Wagen waren, hätte es doch gegen den Anstand verstoßen, wenn der Jurat neben seinem Chef Platz genommen hätte. Wie der Wagen stehen blieb, sprang der Jurat von seinem Sitze herab, und half seinem Prinzipal zum Wagen heraus. Der Herr Obergespan war ein kleiner untersetzter Mann mit ungewöhnlich kurzem Hals und breiten Schultern, sein fettes fleischiges Gesicht war gebräunt und blatternarbig, wie Kordovanleder; zwei feurige, schwarze, wilde Augen, ganz von tatarischem Typus, blitzten daraus hervor: sein kurzer Schnurrbart spaltet sich, aller Wachspomade zum Trotz, auf beiden Seiten in drei bis vier Spitzen und alle Friseurkünste sind nicht imstande, sein borstiges Haar dahin zu bringen, daß es nicht emporstehe, wie eine Helmblende. Wenn er einhergeht, trägt er den Kopf hoch und tritt auf, als wolle er der Erde sein Gewicht fühlen lassen; seine Stimme hört sich an, wie die eines Menschen, der von vielem Zanken heiser geworden. Sie ist scharf und rauh; er kümmert sich nicht viel um die Leute, sondern pflegt jedermann sehr kurz abzufertigen und wählt die Worte nicht; seine Handschrift gleicht ägyptischen Hieroglyphen und kann nur von solchen entziffert werden, die schon Übung darin besitzen; er räsonniert ganz richtig, daß es sich weit besser für andere Leute schicke, seine Schrift lesen zu lernen, als für ihn, besser schreiben zu lernen; auf feine Garderobe verwendet er sehr wenig Sorgfalt; auch jetzt ist er zu der glänzenden Unterhaltung in einem grauen Sommerüberwurf erschienen; er fürwahr wird bei solcher Hitze sich niemand zuliebe in Staat werfen! Der Jurat jedoch hatte seine Beine in enge Stiefelhosen und Topanken zwängen und einen Attila anziehen müssen, und folgte so, mit umgeschnalltem Säbel, in einer Entfernung von zwei Schritten seinem Prinzipal bis ins Vorzimmer. – Audiat ! rief ihn hier, den kurzen Hals nach rückwärts drehend, der Prinzipal zu; audiat ! Sie bleiben hier im Vorzimmer und warten, bis ich rufe. Der junge Rechtspraktikant verneigte sich und blieb, während der Säbel klirrend an den Boden stieß, dort, wo es ihm geheißen worden, zwischen der buntscheckigen Dienerschaft stehen, welche kichernd und schäkernd hinter seinem Rücken die Köpfe zusammensteckte und sich nicht viel Mühe gab, ihre Bemerkungen leise zu machen. – Was für einen spaßigen Heiducken der Herr Obergespan hat, bemerkte Baron Berzys kleiner Groom, der seine beiden Hände in den Westentaschen vergraben hatte. – Das ist kein Heiduck, sondern ein Jurat, belehrte ihn ein alter herrschaftlicher Husar. – Was ist das, ein Jurat? erkundigte sich ein langbeiniger Büchsenspanner, den irgend ein ungarischer Lord sich als Muster verschrieben hatte. – Der Oberpfeifenträger des gnädigen Herrn, antwortete ein mutwilliger Kammerdiener, der in den Herrschaftskreisen für einen hübschen Jungen galt. Diesmal ging es nicht ohne lautes Gelächter ab. Der arme Jurat errötete und schwieg still. Er stellte sich bald auf den rechten, bald auf den linken Fuß und strich sich mit philosophischer Ruhe den kleinen Schnurrbart, der auf seiner Oberlippe zu sprossen begann. Der Herr Obergespan aber eilte auf die Saalthüre zu, wo der Herr Rat schon bereit stand, ihn zu empfangen und sich so tief verneigte, daß er um einen halben Kopf kleiner erschien, als der Herr Obergespan, während er ihm die Hand schüttelte; dann aber, als er ihn in den Saal führte, schnellte er den Kopf noch einmal so hoch empor, als wollte er den Anwesenden zurufen: Seht her, auch der ist mein Gast! Es sei hier bemerkt, daß nicht alle Menschen die Befriedigung ihrer Eitelkeit in der Toilette suchen; während der eine Diamanten und kostbare Knöpfe sich auf den Leib hängt, putzt sich ein anderer mit glänzenden Gästen heraus, und diese Bereinigung auserlesener Herren und Damen dient nur demselben Zweck, wie ein seltener Rhododendronflor, oder eine Sammlung von Spieluhren und anderem Kram. Der Herr Obergespan ist nicht gewohnt, in welcher Gesellschaft immer, viel Umstände zu machen, was er auch hier beweist, indem er niemand seinen Gruß erwidert. Von dem Hausherrn zur gnädigen Frau geführt, verneigt er sich ein wenig, soweit er es imstande ist, und murmelt etwas in den Bart, was einem »ergebensten Diener« gleicht. Der Herr Rat tritt zurück, um freien Raum zu lassen zur Konversation zwischen seiner Frau und dem Obergespan, welcher dieser mit den Worten eröffnet: es ist verdammt heiß, gnädige Frau. Und mit diesen Worten zieht er sein Schnupftuch aus dem Gehrock und wischt sich damit den Schweiß von den borstigen Stirnhaaren. Daß die Rocktasche, die er mit dem Schnupftuch herausgezogen, draußen hängen bleibt, kümmert ihn wenig. Mitzislaw und der Baron eilen herbei, um ihn zu begrüßen. Mitzislaw ist einfältig genug, gleich nach den ersten Worten den Obergespan zu fragen, ob nicht auch die gnädige Frau die Gesellschaft mit ihrer Gegenwart beglücken werde, worauf Tarnaváry ihn mit solchen Blicken durchbohrt, daß der junge Dandy ganz blaß wird. – Wie kannst du auch so dumm fragen, Mitzi! flüstert ihm der Baron ins Ohr. Der Obergespan steht zu Hause unter dem Pantoffel und nichts geniert ihn so sehr, als wenn man sich nach seiner Frau erkundigt, die nach eigenem Kopf ihre Wege geht. Der Obergespan schien eine Weile darüber nachzudenken, wie er auf diese kompromittierende Frage mit gebührendem Ingrimm zu replizieren habe; dann brach er los: auf meine Frau machen Sie sich keine Rechnung, die hat andere Dinge zu thun. Heute muß sie schlechterdings in das neu eröffnete Komödienhaus. Meinetwegen, ich gehe ihr nicht nach. Ich war noch in meinem Leben in keiner Komödie und werde auch niemals in eine Komödie gehen – niemals! Und als schiene ihm eine zweimalige Beteuerung nicht genügend, rief er noch ein drittes Mal aus: niemals! und schlug dabei mit der Faust auf den Tisch, daß er krachte. Die Stimme des anmeldenden Kammerdieners klang dazwischen: Seine Hochgeboren der Herr Graf Rudolph Szentirmay mit Familie! Bei dieser Anmeldung machte sich eine lebhafte Bewegung in der Gesellschaft bemerkbar; viele schienen überrascht: Szentirmay gehörte nicht zu denjenigen, welche die Mitglieder dieses Zirkels ihre guten Freunde nennen; wie kommt es, daß auch er am Tage der sich vorbereitenden großen Feier von Pest herüber kommt, und zwar mit seiner ganzen Familie, mit Frau und Tochter; ja, reitet nicht selbst sein Mündel, der junge Zoltán Karpáthi , neben dem Wagen? Niemand kann es begreifen. Daran, daß es ja erst fünf Uhr nachmittags ist und daß man um sieben Uhr wieder in Pest sein kann, fällt es niemand ein zu denken; eine solche Absicht läßt sich nicht voraussetzen. Wozu auch wäre er dann erst herübergekommen, und warum dann die Einladung überhaupt annehmen? Unbegreiflich bleibt es nun aber doch, wie er von etwas wegbleiben kann, wozu er selbst andere so leidenschaftlich angeeifert und zusammengetrommelt. Köcserepy sah in der Ankunft der Szentirmays nichts als einen errungenen Triumph und eilte ihnen entgegen, sie zu empfangen. Jedermann, wenn er es auch nicht zeigte, sah dem ankommenden Grafen mit Interesse entgegen und war neugierig, einen der Leiter der Reichstagsopposition und den mächtigen Beförderer nationaler Unternehmungen an einem Orte zu erblicken, wo er wenig Wahrscheinlichkeit hatte, Parteigenossen zu finden. Der eintretende Graf, ein Mann in reifem Alter, war eine hohe Gestalt; seine Gesichtszüge, trotz des ruhigen Ernstes, der auf ihnen lag, hatten etwas Vertrauenerweckendes; mitten auf der hohen Stirne hatte tiefes Nachdenken eine senkrechte Furche gezogen, welche die Muskeln über den Augenbrauen starker hervortreten ließ, was Männern so gut läßt; sein Vollbart, wie er zu jener Zeit noch wenig getragen wurde, machte ihn zu einer etwas fremdartigen Erscheinung in dieser glattrasierten Gesellschaft, und man erblickte auch hierin ein Zeichen von Opposition. Seine Gemahlin, Gräfin Flora , mochte jetzt im dreißigsten Jahre stehen; ihr schönes, edles Gesicht zeigte nur darin eine Veränderung, daß sich demselben durch die Gefühle der Mutter ein neuer charakteristischer Zug eingeprägt hatte. Sonst war sie noch immer dasselbe heitere, gemütliche Wesen, als das die Freunde ihrer Jugend sie kannten, und die Grübchen der Wangen und des schön geformten Kinnes hätten es ihr auch schwer gemacht, ernst zu erscheinen. Ihre Tochter, die zehnjährige Kathinka , ist ihr sehr ähnlich, und diejenigen, welche die Mutter als junges Mädchen gesehen, finden viele ihrer Züge in der Tochter wieder: diese kindliche Sanftmut, denselben reinen unschuldigen Blick der Augen, diese anmutigen, feingeschnittenen Lippen, Das Mädchen hatte nur ein Perkailkleid an, denn in den Familien unserer höheren Stande, mögen sie noch so reich sein, ist es löbliche Sitte, die Töchter vor ihrer Verheiratung nicht in Seide gehen zu lassen. Aus dem Umstande, daß die Gräfin die Gouvernante ihrer Tochter nicht mitgebracht, können wir überdies entnehmen, wie wenig sie daran denkt, vor der Welt eine affektierte Strenge zur Schau zu tragen, und daß sie die mütterlichen Sorgen nicht ausschließlich anderen überläßt. Das vierte Familienmitglied ist unser Zoltán Karpáthi . Er verdient es in der That, daß wir neugierig sind, ihn uns näher zu betrachten. Knaben sind in der Regel am wenigsten schön und am unbeholfensten in den sogenannten Flegeljahren, wo sie die kindliche Naivetät schon verloren und die Ritterlichkeit des Jünglingsalters noch nicht erlangt haben. Der junge Karpáthi macht eine Ausnahme von dieser Regel. Seine ganze Körperbildung ist von überraschender Schönheit; in seinen Formen zeigt sich jugendliche Kraft und Elasticität; jede seiner Bewegungen ist gewandt, kühn und voll Anstand; seine Gesichtsfarbe ist die lieblichste Mischung sonnengebräunten männlichen Teints und des frischen Rots der Kindheit; aus seinen Zügen spricht Adel und Verstand, der Schnitt seiner Lippen ist fein, beinahe von weiblicher Zartheit, aber die großen leuchtenden Sterne der Augen verraten einen männlichen Geist. – Ein schöner Knabe! ein prächtiger Junge! ging es von Mund zu Mund, als man ihn erblickte – das kann unmöglich ... das übrige flüsterte man sich nur ins Ohr. Eines fällt insbesondere jedermann an ihm auf: wie sehr er nämlich in seinen Bewegungen, in dem Ausdrucke seiner Gesichtszüge, in der Art, wie er den Kopf hält, an seinen Vormund erinnert. Und wiederum giebt es ein heimliches Geflüster. Und doch ist dies die einfachste und natürlichste Sache von der Welt. Das kindliche Gemüt schmiegt sich wie weiches Wachs in die Formen seines Ideals, und ich entsinne mich, daß, als es sich traf, daß einer unserer Lieblingslehrer die Gewohnheit hatte, durch die Nase zu sprechen, was ihm ganz gut ließ, ein großer Teil der Schüler sich das Näseln angewöhnte; ja ein aufmerksamer Beobachter wird imstande sein, schon aus den Manieren der Schüler in den Mittelklassen zu erraten, welches Gymnasium sie besuchen, so sehr tragen sie die guten und schlechten Manieren ihrer Pädagogen an sich; um wieviel natürlicher ist ein solches Hineinwachsen in fremde Eigentümlichkeit dort, wo der Knabe ein Vorbild, wie den Grafen Szentirmay, vor Augen hat, der nicht bloß ihm, sondern einem ganzen Lande als Ideal vorschwebt, und den er so liebt, bewundert und verehrt, daß er schon als sechsjähriges Kind die Reden, welche der Graf in den Komitatskongregationen hielt, auswendig lernte und zu Hause den Kindern Rudolphs vordeklamierte. Die Bewillkommnungs- und Vorstellungsceremonie ist mit den gewöhnlichen Redensarten beendet; Flora nimmt neben der Rätin Platz; der Baron, der Obergespan und der Hausherr nahmen Rudolph in ihre Mitte; Kathinka findet schnell eine Freundin an Wilma, die schon lange im Saal einsam herumwandelt, nachdem sie ihre plötzlich verschwundene Begleiterin nicht finden kann, Zoltán endlich wird von der schwerhörigen Dame in Beschlag genommen. – O das liebe Kind! Wenn ich unter meinen Enkeln nur einen hätte, der so schön, so stattlich! ruft die ausrichtige alte Dame, indem sie Zoltáns dunkle Haare, die in natürlichen Locken um seine weißen Schlafen wallen, sanft streichelt. – Was giebt es neues in Szentirma, in Karpátfalva? Ich höre, Sie kommen von einer weiten Reise, von London und Paris. Sie hatten schlechtes Reisewetter, nicht wahr? Auch einen Sturm auf der See? Man sagt mir, Sie seien ein gar wackerer Junge. Zoltán rechtfertigt dies Lob, indem er der guten alten Dame auf jede Frage Rede und Antwort steht und den Seesturm ihr mit so lebhafter Mimik schildert, daß sie trotz ihrer Taubheit seiner Erzählung folgt und diesem Knaben gern bis in die Nacht zuhören würde, der so ernst, so verständig, so respektvoll mit ihr spricht, ohne hinter ihrem Rücken, oder wohl gar ihr ins Gesicht zu lachen, wie die anderen; sie würde ihm so aus die sprechenden Lippen, in die leuchtenden Augen sehen und nur manchmal dazwischen seufzen: warum sind meine Enkel nicht wie er? – Eh Zoltán, Zoltán! laß doch nun die Alte und komm zu den Fräuleins! rief eine unreife Kapaunenstimme hinter ihm und einer der Enkel der Matrone, Emanuel Czirányi , drängte sich an Zoltán heran. Er war um einige Jahre älter als dieser und schon ein vollständiger kleiner Dandy, nur schmächtiger als die übrigen; es scheint, er hat eine Schar Windbeutel sich zum Muster genommen und gefällt sich außerordentlich in den Abgeschmacktheiten, die er ihnen abgelernt. Zoltán winkt ihm mit ernster Miene zu, er möchte ihn sein Gespräch mit der alten Dame doch beenden lassen. – Ei, was sprichst du mit der, die versteht dich ja ohnehin nicht! schrie der junge Fadian, der sich nicht die Mühe nahm, leise zu sprechen, vielmehr erwartete, man werde seine Worte witzig finden, und als seine Großmutter Zoltáns Hand ergriff, trat er plump hinzu und riß sie aus den Händen der greisen Matrone. – Aber Großmama, halte doch Zoltán nicht auf, suche dir zum Gesellschafter einen alten Herrn, wie er für dich paßt. Zoltán küßte der Matrone die Hand und entfernte sich, von Emanuel gezogen. – Emanuel, das Alter muß man ehren, sagte der verständige Knabe zu seinem Kameraden, der darüber ein lautes Gelächter aufschlug; er hielt auch das für einen Witz. Unser Freund Emanuel ist ein vollständiger Kavalier. Er zählt zwar erst fünfzehn Jahre, kann sich aber rühmen, schon ein ausgebildeter Dandy zu sein. Dies versäumt er auch nicht zu thun und wenn er mit ein, zwei Knaben in seinem Alter zusammentrifft, hält er ihnen Vorlesungen, unter welcher Vignette der beste Champagner zu haben ist, wann und wo er mit hübschen Nähtermädchen zusammenzutreffen pflegt, wie viele Eroberungen er in Tanzproben und Kinderkonzerten gemacht und welche selbständige Sprache er seinen Eltern gegenüber zu führen gewohnt ist. Der kleine Kavalier zog Zoltán, der sich in seinen Arm eingehängt hatte, mit vornehmer Impertinenz mit sich fort, bald hier, bald dort einem ernsthaften Patrioten auf die Hühneraugen tretend, und beeilte sich, ihn den Abgöttinnen der jungen Gesellschaft, Wilma und Kathinka, vorzustellen, welche nach Art junger Mädchen schnell miteinander Bekanntschaft geschlossen hatten. Zoltán errötete, als er sich vor dem Mädchen, das er hier zum erstenmale sah, verbeugte. O, dies Erröten, glaubt mir, ist bei der Jugend die schönste Farbe der Unschuld. Wilma empfing mit stolzem Kopfnicken den Knaben und maß ihn mit ihren großen klugen Augen von oben bis unten. Es schien Zoltán in nicht geringe Verlegenheit zu versetzen, daß, so oft er nach Wilma sah, seine Blicke den ihrigen begegneten; er suchte dann immer gleichsam als Ruheplatz das Antlitz Kathinkas aus, die lustig schäkernd und lachend mit Emanuel plauderte und kindischen Unsinn trieb, wie es ihrem Alter anstand. Zoltán wußte kaum worüber zu reden mit dem Mädchen, das er hätte unterhalten sollen, während Emanuel kaum Hände und Füße genug hatte, um seine Worte zu accompagnieren. – Gehn wir hinaus ins Freie! rief Kathinka, graziös aufhüpfend und ihre Gespielin umfassend, die sie mit sich fortzog. Ich bleibe nicht gern im Zimmer, wenn es draußen so schön ist. – Emanuel bemühte sich um die Sonnenschirme der Fräuleins und nahm Zoltán mit sich. – Du bist viel zu schüchtern, belehrte er seinen jungen Kameraden. Bei Mädchen richtet man nichts aus mit Bescheidenheit. Die Mädchen sind alle aus einen Schlag, sie verstellen sich nur. Gieb acht, wie ich in einer Stunde beiden Mädchen den Kopf verdreht haben werde. Diese Rede mißfiel Zoltán höchlich, ja er fing an, eine offene Herausforderung darin zu erblicken. Er hatte ganz andere Begriffe von dem weiblichen Geschlecht im allgemeinen und von seiner »Kleinen« – wie er sie zu nennen pflegte – insbesondere; auch seine Gedanken und Träume beschäftigten sich mit diesem holden Kind, das mit ihm aufwuchs, das er gehen gelehrt, für das er schon als kleiner Junge die liebsten Leckerbissen, sein schönstes Spielzeug ausbewahrte, dem zuliebe er seinen Lieblingsvergnügungen entsagte, in dessen Launen er sich zu schicken gelernt und mit dem Arm in Arm eingehängt auf den Gassen Pests spazieren zu gehen ihm eine so angenehme Empfindung war: aber diese Gedanken waren ihm etwas Heiliges. Er wußte, daß das Glück, von dem er träumte, noch in weiter Ferne lag, daß er bis dahin noch viel arbeiten, lernen und ringen müsse; daß ein solches Glück erst verdient sein will, und daß man es zu schützen wissen müsse und darum war ihm bei den übermütigen Prahlereien Emanuels zu Mute, wie wenn jemand mit den Nägeln an einer Fensterscheibe kratzt. Kathinka war ein Kind von heiterem Temperament, sie lachte gern und Emanuels Possen machten ihr viel Spaß; im Garten fiel ihr ein, vorauszulaufen, um einen Schmetterling zu haschen, und sie lachte herzlich, als Emanuel, der den Schmetterling fangen wollte, an eine Pfirsichtrillage anrannte und sich am Knie einen grünen Fleck in die weißen Pantalons machte. Geschieht ihm recht, dachte Zoltán bei sich, der neben Wilma einherwandelte und mit eifersüchtigen Blicken Kathinka und den jungen Windbeutel verfolgte. Emanuel machte seinen Unfall damit gut, daß er eine Theerose abbrach und sie Kathinka überreichte; Kathinka nahm die Blume und steckte sie gedankenlos sich ins Haar, Zoltán ward übel dabei zu Mut und er vermochte seinen Verdruß kaum zu verbergen. Kathinka, die eine Schaukel erblickt hatte, lief mit ausgelassener Freude auf diese zu, sprang hinein und rief Wilma zu, sie möchte sich doch zu ihr setzen. Wilma hatte indessen bemerkt – denn ihrer scharfen Beobachtung entging nichts – daß Zoltáns Augen sich nicht von der Rose abwendeten, die Kathinka in ihre Haarlocken gesteckt hatte; sie brach von demselben Zweige eine Rose ab und reichte sie dem Knaben. Diese Rosen gefallen Ihnen wohl sehr? Wir haben deren noch mehrere. Zoltán steckte die Blume ins Knopfloch und wurde noch einmal so übellaunig, als er sah, daß Kathinka auch das nicht zu bemerken schien. Die beiden Mädchen konnten jedoch die Schaukel nicht in Bewegung bringen, Emanuel, als dienstfertiger Kavalier, sprang herbei, ihnen zu helfen und ergriff den Strick der Schaukel, womit er nur erreichte, daß seine schönen schwedischen Handschuhe entzweiplatzten, die Schaukel rührte sich nicht, sie war zu schwer für ihn. Aber Zoltán! rief Kathinka ungeduldig dem Knaben zu, der mit verkreuzten Armen den nutzlosen Bemühungen zusah und eine Anwandlung von Schadenfreude nicht unterdrücken konnte; was stehst du da müßig und hilfst uns nicht aus der Not. Dann sagte sie gleichsam besänftigend: Lieber Zoltán, sei so gut und schaukele uns. Lächelnd trat nun das Bürschchen heran, ergriff mit seinen nervigen Händen die Gondel und gab ihr einen Schwung, daß sie hoch in die Luft flog. Die beiden Mädchen kreischten auf, als fürchteten sie sich, ermunterten aber dann Zoltán selbst, noch höher zu hutschen. Diesmal war der Sieg sein. Als sie des Hutschens endlich genug hatten, ergriff er die Lehne der Gondel und brachte diese im Augenblick zum Stehen; dann reichte er den Mädchen die Hand dar, um ihnen herauszuhelfen. Es entging der Aufmerksamkeit Wilmas nicht, wie zutraulich Kathinka sich auf Zoltáns Schultern stützte und sich von ihm um die schlanke Taille fassen ließ, als er sie herabhob. Schnell sprang sie auf der anderen Seite zur Erde, ehe noch die beiden kleinen Courmacher ihr behilflich sein konnten. Emanuel mußte dafür das Bad ausgießen, gegen ihn richtete sie ihre spöttischen Vorwürfe, daß er nicht zur Hand war, als man seiner bedurfte. Damit liefen die beiden Mädchen voraus. Emanuel fing an, mißvergnügt sich damit zu unterhalten, die Herbstrosen mit seiner Reitgerte herabzuschlagen, indem er in blasierter Stimmung vor sich hin pfiff. – Nein, wie fad eine Unterhaltung ist, wo nicht getanzt wird; wenn man uns nur schon zum Goûter riefe. Parbleu , gehen wir nicht dorthin, wo die Frauen sind, da kann man nicht einmal nach Belieben Champagner trinken. Die beiden Mädchen aber, als sie schon so weit waren, daß die Knaben sie nicht mehr hören konnten, fingen an, vertraulich miteinander zu sprechen. – Du, Kathinka, fragte Wilma, ist dieser Karpáthi mit dir verwandt? – Das eben nicht, sagte Kathinka lächelnd. – Also ist er dein Liebster? – Oh, du Närrchen! rief Kathinka, bis über die Ohren errötend; ja, er ist mein Verwandter ... Sehend, daß Zoltán ihnen nachgeeilt kam, verschwanden sie plötzlich in der Veranda. Als Zoltán in das Vorzimmer trat, sah er die beiden Mädchen schon nicht mehr, und als er nach ihnen umherschaute, erblickte er vor sich den Juraten Tarnavárys. Der arme junge Mann in seinem engen Attila war schon ganz abgesotten von der afrikanischen Hitze und den Stichelreden der Dienerschaft, und wußte nicht, wohin er seine Augen wenden sollte, um nur niemand ins Gesicht sehen zu müssen. Zoltán trat erfreut auf ihn zu und ergriff seine Hand. – Kovács! auch Sie hier? Nicht wahr, Sie kennen mich nicht? Ich bin Zoltán Karpáthi. Erinnern Sie sich meiner nicht mehr? Der arme junge Mann war ganz überrascht von dieser Anrede, und wußte kaum, wie sich zu benehmen. – Erinnern Sie sich nicht, als Sie in Szentirma während der Feiertage waren, was für schöne Lieder und Verse Sie mich lehrten? – O ja, ja! sagte der Jüngling, aber das ist schon so lange her. – Und sehen Sie, ich habe Sie gleich wieder erkannt, und doch sind Sie jetzt in einem ganz andern Anzug, als damals; o, wie würde ich mich freuen, wenn ich auch schon Jurat wäre. Sie sind ja doch königlicher Tabularnotar? – Ja, an der Seite des Herrn Obergespans Tarnávary. – Nun, dann wundert's mich nicht, daß man Sie draußen im Vorzimmer läßt; erzählt man sich doch, daß der Herr Obergespan selbst mit den Söhnen von Vicegespanen, die man ihm zuteilte, so umgeht, wie mit seiner Dienerschaft. (Man ist vielleicht verwundert, Zoltán plötzlich so geschwätzig werden zu sehen. Er will aber seinem jungen Bekannten einige Genugthuung verschaffen, dafür, daß die einseitige Borniertheit seines Chefs ihn dem Gespötte von Bedienten und Kutschern ausgesetzt, ein Bestreben, das seinem Herzen nur zur Ehre gereicht.) – Sie müssen uns oft besuchen, fuhr Zoltán fort; mein Vormund ist Ihnen sehr gut, wir haben oft von Ihnen gesprochen. Aber auch indessen kommen Sie, lassen Sie uns eins plaudern, ich habe Ihnen immer so gerne zugehört Das rohe Gelächter des Lakaienschwarmes verstummte gänzlich bei der Wahrnehmung, daß das reiche, vornehme Herrchen es nicht unter seiner Würde fand, den Juraten freundschaftlich zu behandeln, ihn am Arm zu nehmen und erfreut zu sein, ihn zu sehen; es war dies um so auffallender, da in den höheren Ständen der Geburtsstolz bei Kindern noch weit stärker hervortritt, als bei den Erwachsenen, und sie noch viel weniger gewohnt sind, ärmere Leute ihrer Bekanntschaft vor der Welt zu beachten. Zoltán freute sich wirklich über das unverhoffte Wiedersehen mit dem jungen Manne, dessen ernstes, kluges Gesicht er schon vor Jahren so liebgewonnen, und dies Händedrücken, dies Lächeln, die Wärme, mit der er sprach, hatte nichts Berechnetes, war keine affektierte, nach Popularität haschende Herablassung – es war die aufrichtige Freudenäußerung eines Kinderherzens, das noch keinen Unterschied macht zwischen hoch und niedrig, sondern nur zwischen dem, was ihm lieb oder nicht. Und dennoch war er sich in diesem Augenblicke zugleich bewußt, dem armen jungen Mann, der seit Stunden auf einer schlimmeren Folterbank stand, als wenn er festgebunden über einem Ameisenhaufen läge, der mit seinem Geist, seiner Bildung viele von denen beschämen könnte, welche drin im Salon die Zeit totschlagen, während er nun selbst zu erröten genötigt ist vor dem Lakaienvolk, mit dem man ihn in eine Reihe gestellt hat, damit eine angenehme Empfindung zu bereiten. Es wird dies vielen allerdings als etwas Geringfügiges erscheinen, kaum der Mühe wert, davon zu sprechen; wenn wir jedoch unsere älteren Leute befragen, welche eine ähnliche Laufbahn durchgemacht, so wird jeder von ihnen sich an ähnliche kleine Erniedrigungen erinnern, über die er jetzt selber lacht; allein, daß er sich ihrer jetzt noch erinnert, zeigt, daß sie in seinem Gemüt tiefe Wurzeln schlagen mußten, und jede tiefe Wurzel gräbt sich als Bett eine tiefe Wunde. Zoltán sah sich unter den Bedienten um und suchte sich das impertinenteste Gesicht unter ihnen heraus: – es war der unter dem Beinamen »der Schöne« bekannte Lakai. – Jantsi, oder Peter, oder wie du heißt, trage geschwind zwei Stühle für uns auf die Veranda. Der Angerufene hieß nun zwar weder Jantsi, noch Peter, sondern Adolph; er schien auch einige Augenblicke zweifelhaft, ob er thun solle, was ihm geheißen war, er war aber nicht sicher, ob dem jungen Herrchen nicht jene rasche Hand eigen sei, deren Schimpf hinterher keine Protektion abzuwaschen imstande wäre, und fand es daher rätlicher, trotzig zu gehorchen. Hätte Zoltán seinen Bekannten von früher im eigenen Hause getroffen, so würde er zuversichtlich, ohne sich im geringsten zu bedenken, ihn am Arm genommen und in den Salon geführt haben; hier aber war er selbst nur Gast; an diesem Orte wäre eine derartige Äußerung der Gutmütigkeit als Impertinenz erschienen und würde seinen Schützling tausend Verlegenheiten aussetzt haben. »Gehen wir in den Garten – sagte er daher – dort können wir ungestört plaudern, ohnehin brennt hier die Sonne sehr stark auf der Veranda.« In diesem Moment kam eben Adolph mit den Stühlen. – Ich danke, du kannst sie wieder zurücktragen! sagte Zoltán, aus seiner Westentasche ein Douceur ziehend und es dem Bedienten in die Hand drückend, und damit entfernte er sich, eingehängt in den Arm des Juraten. Später, wenn wir das Glück haben werden, mit dem trefflichen Adolph uns näher bekannt zu machen, wird es uns auch klar werden, warum Zoltán ihn in so wegwerfender Weise behandelte, er, der sonst gegen seine Untergebenen die Güte, Nachsicht und Leutseligkeit selbst war. Über diesen Livree-Adonis kursierten in den hochgestellten Kreisen gar mancherlei und gar seltsame Gerüchte, welche bewirkten, daß des Knaben reine Seele einen natürlichen Widerwillen gegen diesen Menschen faßte und er gern eine Gelegenheit ergriff, ihn zu demütigen. Die beiden jungen Leute streiften in den Irrgängen des Parkes umher. Zoltán hatte eine Menge von Fragen zu stellen, deren Beantwortung dem jungen Rechtspraktikanten nicht schwer fallen konnte. – Sind Sie schon lange in Pest? – Es wird bald ein Jahr. – Und haben uns noch immer nicht besucht, und wir sind doch oft in Pest. – Dafür muß ich um Nachsicht bitten. In den Gerichtsferien verreisen wir gewöhnlich; in der übrigen Zeit aber bin ich sehr gebunden. – Der Obergespan ladet seinen Rechtspraktikanten sehr viel Arbeit auf. – Wer in seinen Juratenjahren das Leben genießen will, der freilich darf nicht zu ihm gehen; wer aber diese Zeit als eine ernste Vorbereitung für die Advokatenlaufbahn betrachtet, für den ist es von unschätzbarem Werte, an seiner Seite beschäftigt zu sein; man kann nirgends eine bessere Praxis erlangen, als bei ihm. – Er mutet aber auch seinen Praktikanten erniedrigende Beschäftigungen zu. Oft hörte ich bei Tisch Anekdoten darüber erzählen, wie er mit seinen Juraten umgeht, und fühlte damals schon inniges Mitleid mit jenen jungen Leuten, ehe ich noch wußte, daß auch Sie unter ihnen sich befinden. Vielleicht ist aber auch nicht alles wahr, was man sich darüber erzählt? – O, wahr ist es – entgegnete Kovács leichten Mutes; – ist der Heiduck eben nicht zur Hand, so läßt er seine Csizmen von uns putzen; um uns Bewegung zu machen, laßt er uns Holz spalten und einheizen; nachts, wenn großer Kot ist, läßt er uns vom Wagen absteigen und den Pferden mit der Laterne vorausgehen; das alles aber unterhält uns weit mehr, als daß wir uns darüber ärgern würden, und ist für die Zukunft von guter Wirkung; die Jugend übernimmt sich so leicht heutzutage, der gnädige Herr aber weiß uns jede Stunde daran zu erinnern, daß wir noch nichts sind. Wenn man nun so das Gefühl seiner Nichtigkeit hat, da ergreift einen so recht das Verlangen etwas zu werden. O, ich werde einst dem Herrn Obergespan gewiß viel zu danken haben. Zoltáns Brust hob sich mächtig bei diesen Worten, er vergaß nie, was er damals empfand; aus nichts etwas werden ! sich sein Los selbst schaffen; mit Ehren und Selbstgefühl es dahin bringen, wohin andere auf Schleichwegen gelangen, oder wohin die Geburt sie stellt. Er fühlte vielleicht, daß er die Kraft hierzu in sich trage und schämte sich fast, so reich zu sein, weil er nie wissen werde, was er seinem innern Werte, und nicht seinem Reichtum zu verdanken habe. – Im Saale hatte indes die Musik zu spielen begonnen, natürlich war es keine Zigeunermusik, die schickt sich nur für die Bauern; von den Nationaltänzen, von Kör und Csárdás wußte man damals noch nichts in den Salons der vornehmen Welt, wo nur der Walzer und die Française herrschten. Der Baron war ein sehr guter Tänzer, namentlich walzte er ausgezeichnet und hielt dabei mit zurückgeworfenem Oberleibe seine Tänzerin so weit von sich, daß, wenn sie einander plötzlich loslassen würden, jedes in eine andere Ecke des Saales hinfliegen würde. Unser Freund Emanuel, welcher dies klassische Muster zu kopieren bemüht ist, kann uns den Beweis dafür liefern; er hat schon einigemal dies Auseinderfallen aufgeführt. Eben wird eine lärmende Introduktion zu einer französischen Quadrille intoniert. Baron Berzy mit Wilma und Emanuel mit Kathinka stellen sich als gegenüberstehende Paare an. Kathinka sucht vergebens mit ihren Augen Zoltán, allein er ist nirgends zu sehen und so ist sie genötigt, mit ihrem Tänzer vorlieb zu nehmen. Die verwickelten Figuren gehen nicht ab, ohne Verwirrung und vorläufige Verabredungen, welche die jungen Patrioten mit so ernsthafter Miene abmachen, als drehte es sich um einen Ehrenhandel. Baron Berzy pflegt in der Quadrille nur nachlässig zu promenieren, was unser Freund Emanuel ihm sofort nachmacht, wobei auf seinem Gesichte der unverkennbare Ausdruck des Bewußtseins zu lesen, daß er der Gegenstand allgemeiner Bewunderung sei. Die herumsitzenden älteren Frauen sehen mit Wohlgefallen der Unterhaltung der Jugend zu; unter ihnen sitzen auch die Rätin und die Gräfin Szentirmay. Beide wären noch jung und gesucht genug, um selbst an der Unterhaltung teilzunehmen; Mütter sind jedoch der Meinung, daß, wenn ihre Töchter heranwachsen, es sich für sie nicht mehr schicke, zu tanzen. In dem Erker, der die Aussicht auf die Ofener Festung hat, befinden sich die älteren Herren, welche zu den Belustigungen der leichtblütigeren Jugend nicht mehr gelaunt sind und nach ihrer Gewohnheit über die Tagesfragen debattieren. Es lebten damals noch nicht dieselben Menschen wie jetzt. Heutzutage giebt es kaum jemand im Lande, der nicht für den Fortschritt wäre und nur über den einzuschlagenden Weg sind die Ansichten verschieden; damals aber saß in dem Geist der Nation noch ein großer, unbeweglicher Klumpen, der kein anderes Prinzip hatte, als sich nicht von der Stelle zu rühren, das Gras um sich her nicht wachsen zu lassen, jede neue Idee als etwas, was über ihren Horizont geht, mit ungläubigem Staunen aufzunehmen, instinktmäßig zurückzuziehen, was vorwärts wollte, bei jeder neuen Unternehmung die dankbare Rolle des Kritikers zu spielen, und zu zerstören, wo ein anderer baut; warum? weil sie ganz wohl fühlten, daß, wenn eine neue Ideenwelt das öffentliche Leben in eine neue Cirkulation bringt, die bisher nicht vorhanden gewesenen Elemente ihnen über den Kopf wachsen werden; und blicken wir jetzt nach zwei Jahrzehnten um uns, so werden wir gestehen müssen, daß ihre Furcht nicht unbegründet war; die neue Zeit hat sie begraben und die junge Generation, wenn sie von den »Männern des Stillstandes« erzählen hört, fühlt sich versucht zu glauben, daß sie nur in der Phantasie des Dichters existieren: so sind sie ausgestorben und spurlos verschwunden. Noch im Jahre – 1837 war ihrer eine schöne Anzahl. Wohin Rudolph in dieser Gesellschaft auch blicken mochte, er fand nirgends einen Gesinnungsgenossen. Die ihn umgaben, suchten hinter allgemeinen Salonphrasen und banaler Höflichkeit ihre Freude zu verbergen, ihn hier zu sehen, in der Villa des Rates, auf dessen Gesicht man lesen konnte, daß Rudolph durch gewisse Rücksichten sich ihm verpflichtet fühle, und daß er ihn sozusagen in der Hand habe. Welches die starken Bande sein mögen, mit denen es dem Rat gelungen, den charakterfesten Mann an seine Person zu fesseln, davon hat niemand eine Ahnung, daß sie aber vorhanden, läßt sich ebensowohl aus dem Triumphe Köcserepys, als aus dem gezwungenen, beinahe ängstlichen Benehmen Szentirmays entnehmen, der häufig seine Uhr hervorzieht. – Was sehen Sie beständig auf die Uhr? schreit ihn Tarnaváry an, der niemand ausreden läßt – Sie werden uns doch nicht verlassen wollen? – In der That muß ich das, erwiderte Rudolph kalt. – Sie werden doch am Ende nicht bei der Eröffnung des Komödienhauses dabei sein wollen? rief der Obergespan, seinen prächtigen Einfall mit homerischem Gelächter begleitend. – Jawohl. Auf dieses Wort drängte sich der Rat dazwischen, indem er sich stark zu lächeln zwang und, die Augen emporgeschlagen, mit hinterlistig süßen Blicken den Grafen ansah. – Ach, das wäre nicht schön von Ihnen, Herr Graf, wenn Sie uns des Genusses berauben würden, Sie in unserer Mitte zu verehren. – Auch ich bedauere, daß meine Pflichten so kollidieren, allein ich habe jemand versprochen, ihn dahin zu begleiten. – Was, begleiten? platzte Tarnaváry heraus. Dahin kann sich jedermann allein finden, da es gewiß schwer hielte in Pest die Kerepeser Straße zu verfehlen. Wer sich hinbegleiten lassen will, der nehme sich einen Laternenbuben. Rudolph lächelte ruhig. – Derjenige, der meine Begleitung verlangt, ist eine allgemein verehrte Persönlichkeit. – Wer denn? fragten mit einem Munde alle Umstehenden. – Wer denn, wer denn? – drang der Herr Rat ängstlich in ihn. Rudolph weidete sich mit innerem Vergnügen an dem Anblick der beiden Männer. – Ich will es nicht laut sagen, aus Furcht, in der schönen Gesellschaft eine Desertion hervorzurufen. Der Rat und der Obergespan neigten sich näher zu ihm hin, worauf Rudolph ihnen leise zuraunte: der Palatin ... Thatsache, Seine Kaiserliche Hoheit, der höchstselige Erzherzog-Palatin hatte gewünscht, der Eröffnung des Schauspielhauses persönlich beizuwohnen, und nur ein Versehen der damaligen Direktion war schuld, daß in diesem Vorsatze eine Änderung eintrat. Anm. d. Verf. Der Herr Rat blickte perplex um sich, ob es nicht jemand gehört hatte. – Sie werden begreifen, fuhr Rudolph fort, daß es mir nicht erlaubt ist, die Ehre einer solchen Begleitung zu versäumen. – Alle Donnerwetter, nein! schrie der Obergespan, mit den Fingern schnalzend und die Umstehenden rechts und links beiseite stoßend, stürzte er durch den Saal in das Vorzimmer hinaus. » Audiat! audiat !« Wo ist er denn, wo steckt er denn, wo zum Teufel treibt er sich herum? Der Jurat, seines Prinzipals Stimme vernehmend, eilte mit Zoltán aus dem Garten herbei. – Warum sind Sie nicht zur Stelle, wenn ich Ihnen auftrug, hier zu bleiben, schnauzte ihn der Prinzipal an, indem er wütende Blicke aus seinen Tartarenaugen schoß, zur erneuerten Freude der Grooms und Küchenjungen. – Ich bin es, der um Verzeihung bitten muß, sagte Zoltán, das Wort ergreifend, in bescheidenem Tone. Ich war so frei, meinen Freund auf einen Augenblick abzurufen. Wir sind alte Bekannte. Tarnaváry sah sich das Bürschchen von oben bis unten an, ohne ein Wort zu sagen. Es war nicht seine Art, junge Leute viel zu regardieren. Der zwar hatte ein Einkommen von einer halben Million, das wurde ihn jedoch nicht davor bewahrt haben, abgetrumpft zu werden, hätte er nur nicht ein so kluges und mutiges Aussehen gehabt, und Ware nur etwas auszusetzen gewesen an dem, was er gesagt. Nachdem er sich den Knaben genug angesehen, wandte er sich wieder zum Zuraten und erteilte ihm seine Befehle in rauhem, herrischen Tone: Audiat! Zäumen Sie sogleich Ihre Rappen auf (verstehe: das eigene Fußwerk) und laufen Sie im Hundetrab stracks in meine Wohnung nach Ofen; sagen Sie meinem Kutscher, er soll augenblicklich einspannen und nicht erst um zehn Uhr, sondern sogleich zurückkommen. Helfen Sie ihm beim Einspannen, damit er schneller fertig wird. Verstanden? Kovács verbeugte sich mit Bereitwilligkeit und schickte sich an, zu gehen. – Sonst befehlen Euer Gnaden nichts? – Punktum. Ich habe alles gesagt. Eilen Sie so, daß ich vor sieben Uhr noch in Ofen sein kann; – jetzt heißt es ausgreifen; machen Sie zwei Schritte für einen. Ofen ist eine gute halbe Meile weit von da entfernt. Das Bedientenvolk blickte mit einem höhnischen Gelächter auf den als Fußpost benutzten Juraten. Zoltán sah unter ihnen seinen Reitknecht, winkte ihn herbei und sagte ihm in sanftem, freundlichem Ton: Michel, ich bitte dich, sattle mein Reitpferd und sei so gut, dich damit zu sputen; der Herr Obergespan wird erlauben, daß ich meinem Freunde mein Pferd überlasse, das wird ihn schneller nach Ofen bringen. Tarnaváry, den es zu ärgern anfing, daß dieser junge Mensch mit seinem Reitknecht so leutselig sprach, als wolle er einen Kontrast herstellen mit der Art, wie er seinen Rechtspraktikanten traktierte, hätte große Lust gehabt, gegen dies Anerbieten zu protestieren, allein es war so logisch motiviert, daß es unmöglich war, es nicht anzunehmen, nachdem er selbst die größte Eile anempfohlen hatte. Der Reitknecht führte das prächtige englische Reitpferd und sein eigenes vor, und Zoltán half selbst seinem Freunde in den Sattel, ihm Verhaltungsregeln zuflüsternd, wie er die Zügel zu handhaben, die Kniee anzupressen habe u. s. w. Der junge Mann hatte noch wenig zu Pferde gesessen und benahm sich etwas ungeschickt, so daß die Reitknechte um den Obergespan herum laut zu lachen anfingen. – Wer wiehert hier? brüllte dieser plötzlich, um sich blickend. Packt euch fort von hier, nichtsnutzige Kanaillen! Damit drehte er sich auf seiner Ferse um und ging in den Saal zurück, mit einem so grimmigen Gesicht, daß überall das Lächeln den ihm Begegnenden aus den Lippen erstarb. Zoltán band seinem Reitknechte auf die Seele, unterwegs gut acht zu haben aus seinen Freund, und die Pferde dann geradenwegs heim in den Stall zu führen, denn er selbst werde in dem Wagen des Grafen nach Hause fahren. Dann entließ er mit herzlichem Händeschütteln den jungen Mann und blickte noch lange den Reitenden nach. Der junge Mann wird daran noch lange gedenken; das kleine Samenkorn, das kindliche Anhänglichkeit in sein treues Herz gepflanzt, wird zum schattigen Baume der Dankbarkeit werden, unter dessen Hut es einst dem jetzt von aller Welt beneideten Knaben so wohl thun wird, ausruhen zu können. Als Zoltán in den Saal trat, war der Tanz schon beendet, Kathinka kam auf ihn zu. – Ist das schön von dir, Zoltán, während des ganzen Tanzes wegzubleiben? – Ich hätte doch keine Tänzerin gefunden, erwiderte er halb im Scherz. – Hätten wir Sie vielleicht auffordern sollen? fragte Wilma, und Zoltán kam neuerdings in Verwirrung, als er, zu ihr aufsehend, den Blick des Mädchens nicht zu ertragen vermochte. Warum sieht sie mich beständig an? fragte er sich. Zürnet sie mir vielleicht? Gott verzeih ihr's. Lieber will ich ihr gar nicht mehr in die Nähe kommen, um sie nicht zu erzürnen. Wenn ich nur wüßte, womit ich sie beleidigt. – In der That, Freund Zoltán, sprach unser Freund Emanuel dazwischen, schickt sich das für einen Gentleman? Das war keine ritterliche Aufführung. Wären wir nicht so gute Freunde, so müßte ich dich deshalb zu einem Duell herausfordern, parbleu , auf Tod und Leben. Du hättest mein vis-à-vis sein sollen, so müßte ich Baron Berzy dazu wählen. A propos , hast du den Baron Berzy schon Cancan tanzen gesehen? Ein famoser Tanz, dieser Cancan und auch der Chahut! Meiner Treu! – Bst, bst, machte Zoltán, der wohl wußte, daß diese edeln Tänze selbst in den Pariser öffentlichen Lokalitäten ihrer Unanständigkeit wegen verboten sind; allein unser Freund Emanuel ließ sich nicht irre machen und plauderte in seiner gewohnten Tölpelhaftigkeit fort. – Ich begreife auch nicht, warum wir sie in unseren Salons nicht tanzen. Baron Berzy sagt, daß sie um vieles schöner als unser ungarischer Csárdás, den die Bauern in der Schenke tanzen. Zum Glück wurde jetzt das Gefrorene gereicht, was den Ideengang des jungen Tanzreformators ablenkte; das aber unter allen Umständen nicht verhindern konnte, daß unser Freund Emanuel, Löffel und Tasse in der Hand, zur Unterhaltung der Damen einen Witz nach dem anderen losließ, die er alle dem Baron Berzy abgelauscht hatte. – Dies Gefrorene ist so süß, wie Sie, mein Fräulein, sagte er, zu Wilma gewendet; ein Glück, daß Fräulein kein Gefrorenes sind, sonst wären Sie in Gefahr, von mir aufgefressen zu werden. Diesen Witz hatte unser Freund Emanuel vom Baron Berzy gehört, der damit eine hübsche Aufwärterin in einem Zuckerbäckerladen beglückt hatte; dort mochte er gut genug gewesen sein, allein die Anwendung auf das Fräulein Tochter des Rats Köcserepy war ein wenig unpassend, was Wilma durch eine verächtliche Miene ihm deutlich genug zu verstehen gab. Mittlerweile hatte es sich wie ein Lauffeuer in der Gesellschaft verbreitet, daß nicht nur Graf Szentirmay sich anschicke, aufzubrechen, sondern auch der Obergespan, der seine Anordnungen immer mit so viel Geräusch zu treffen pflegte, daß sie unmöglich geheim bleiben konnten. Es entstand ein Fragen: Warum, was giebt's? und als man die Ursache erfuhr, gab es lange Gesichter, man fing an zu flüstern, sich zu verwundern: »sogar der Obergespan geht ins Theater!« – Alle wurden unruhig auf ihren Plätzen, manche ließen vor dem Hausherrn Anspielungen fallen, daß sie vielleicht schon zu lange belästigten, daß bei den halsbrecherischen Gebirgswegen es gefährlich sei, spät aufzubrechen u. dergl. m.; so daß, als der Graf seiner Gemahlin die Spitzenbajadere um den Nacken hing, der Herr Rat wahrnahm, daß die Hälfte der Gesellschaft sich von den Sitzen erhob und sich zum Gehen anschickte. Der Herr Rat gab sich alle Mühe, zu lächeln. Bei sich selbst aber dachte er: dieser Szentirmay that, als demütigte er sich vor mir, und doch ist er nur deshalb hergekommen, um mich zu beschämen und mir die Elite meiner Gäste zu entführen, damit von der glänzenden Gesellschaft nur diejenigen zurückbleiben, an denen mir selbst nichts gelegen. Es war nicht möglich, die distinguierten Herren und Damen länger aufzuhalten. – Wir müssen gehen, sagten alle – es ist ein Nationalunternehmen, wir dürfen ihm unsere Unterstützung nicht entziehen. Was würde das Publikum sagen, wenn es die Logen leer sähe? Hier haben wir der Freundschaft genug gethan und jetzt ruft uns die Pflicht dorthin. Mit einem Wort, woran zu denken vor einer Stunde noch lächerlich und ein Verstoß gegen den bon ton gewesen, das war mit einemmal verdienstlich, eine heilige Bürgerpflicht geworden; die Jungen hörten auf, darüber zu witzeln, die Alten stellten ihren Tadel ein und der Herr Obergespan, dessen Wagen Kovács noch unterwegs eingeholt hatte, drängte selbst am meisten zum Aufbruch: »gehn wir endlich! gehn wir!« Das ärgerlichste war die Eile, mit der man sich zum Gehen anschickte; mit Rudolph zugleich verließ eine ganze Reihe von Equipagen die Villa. Szentirmay besaß so viel Selbstbeherrschung, um seinen Triumph sich nicht merken zu lassen, aber noch mehr Überwindung kostete es Köcserepy, seinen tiefen Ärger zu unterdrücken, als er den Abschiednehmenden die Hand drückte. – Dem Herrn Grafen darf ich nicht zureden, hier zu bleiben; aber die Frau Gräfin könnten Sie vielleicht doch hier lassen? – O ich bin viel zu eifersüchtig, um Rudolph allein zu lassen, sagte Flora, ihre abschlägige Antwort in einen Scherz hüllend. – Aber die jungen Herrschaften könnten doch zurückbleiben unter der Obhut meiner Frau; sie haben eben erst jetzt angefangen, sich zu amüsieren. Herr Karpáthi hat so schon Schöneres und Besseres gesehen. Zoltán dankte für die Güte. – Für mich ist es ein Fest, Herr Rat. Der Wagen fuhr auf der Terrasse vor; Zoltán half seiner Pflegemutter und Kathinka in den Wagen; er kam dem Mädchen gegenüber zu sitzen. Als er sich von Köcserepys beurlaubte, begegnete er wieder den großen, forschenden Augen Wilmas. »Warum zürnt mir dies Mädchen? Ich halte mich doch so fern von ihr.« Er eilte von dannen und fühlte sich so erleichtert, als er endlich seiner Kleinen gegenübersaß und die Villa aus dem Gesichte verlor. Nur etwas beunruhigte ihn noch: Die Rosenknospe, die Emanuel für Kathinka gepflückt hatte. Was hatte sie nötig gehabt, sie sich ins Haar zu stecken? Er nahm sich vor, nicht mehr hinzusehen, aber seine Blicke kehrten immer wieder auf diesen Gegenstand zurück. Endlich bemerkte es auch Kathinka. Sie hatte sich anfangs nicht zu erklären gewußt, warum Zoltán schmolle. Will er nur vor andern zeigen, welche Gewalt er über sie ausübt? Ach, die Rose! endlich ist sie darauf gekommen. Langsam zog sie die Rose aus dem Kopfputz hervor, so daß sie nur ganz locker darin hing, beugte sich dann zur Kutsche hinaus, als sähe sie sich nach etwas um, und bei dem ersten Stoß des Wagens flog die Rose hinaus. Ihre Mutter bemerkte es. – Du hast deine Blume verloren. – Macht nichts, sagte Kathinka, ich bekomme schon eine andere; und sie ersuchte Zoltán um die Rose, die er im Knopfloch hatte, und steckte sie sich ins Haar. Die beiden Kinder waren hierauf den ganzen Weg über so guter Laune, als hätte der Göttertrank der Mythe ihre Seelen ausgetauscht. Kathinka unterhielt mit ihrem heitern Geplauder die Gesellschaft bis zum Theater und Zoltán lachte so herzlich über alles, was sie sagte, als hätte er nie lustigere Geschichten gehört. Um sieben Uhr war das Theater gefüllt mit festlich geputztem Volk; alle Logen waren besetzt mit der hohen Aristokratie und niemand bedauerte, gekommen zu sein. In Köcserepys Lusthaus waren die Sulzen und Torten unberührt geblieben, die glänzende Unterhaltung hatte nur mehr einen devalvierten Wert für diejenigen, deren Anwesenheit nicht ins Gewicht fiel, mit Ausnahme unseres Freundes Emanuel, der sich zutot tanzen und champagnerisieren konnte; niemand schrie Vivat bei dem Aufsteigen der Raketen, welche bei hereingebrochener Nacht mit ihren farbigen Leuchtkugeln den fernen Zuschauern verkündeten, daß in dieser Stunde nationaler Begeisterung ein ungarischer vornehmer Herr sich dort amüsiere – mit Arger und verschluckter Bitterkeit im Herzen. 3. Der » Kedves barátom uram « Wörtlich: »mein lieber Herr Freund« Von jemand »mein lieber Herr und Freund«, »mein lieber Herr soundso« tituliert werden, ist nur um etwas, aber nur um sehr wenig angenehmer, als ein Glas Wasser trinken müssen, wenn man nicht durstig ist. Denn entweder gilt die Anrede einer Respektsperson, und dann ist das »lieber«, oder sie gilt als Zeichen der Vertraulichkeit, und dann ist das »Herr« zu viel. Zu denjenigen, welche diese und ähnliche Titulaturen beständig im Munde führen, gehörte, wie männiglich bekannt, unser dominus spectabilis , Gabriel Maßlaczky , dem wir schon vorgestellt zu sein das Glück haben und der, wie wir wissen, königlicher Tabular-Advokat ist. Er hat es sich so angewöhnt, jedermann mit »lieber« anzureden, daß er einmal sogar eine Bittschrift, um ein mandatum fulminatorium mit »liebe königliche Tafel« begann. Aber das hat man ihm vielleicht nur nachgesagt. Da wir schon das Glück hatten, mit ihm zusammenzutreffen, so möge der »liebe Herr Leser« jetzt die Güte haben, ihm den Besuch in seiner eigenen Wohnung zurückzugeben. Man pflegt in Pest nicht höher als drei Stock hoch zu bauen, was viel zur Schönheit der Stadt beiträgt; in der Stadt ist nur ein einziges vier Stock hohes Haus auf der Landstraße; es ist das jenes Haus, von dem behauptet wird, daß es seinem Besitzer jede Stunde einen Dukaten abwirft; wer den spectabilis dominus Maßlaczky aufsucht, kann ihn in jenem Hause finden, natürlich im vierten Stockwerke, da es ein fünftes nicht mehr giebt. Hier wohnt er schon seit undenklichen Zeiten, so wie er als junger Advokat sich eingerichtet, in zwei Zimmern und einem Vorzimmer; alle Möbel, Schränke, Aktenstellagen sind den spitzen und stumpfen Winkeln so angepaßt, daß sie in einer anderen Wohnung sich gar nicht stellen ließen. Im Vorzimmer, das sich nur auf ein, jede Geduldprobe übersteigendes Klingeln öffnet, finden wir jederzeit einen alten, jubilierten Husaren, als des Herrn Fiskals Umundauf, der von früh bis Mittag ein Paar Csizmen oder einen Mantel putzt oder aber mit großem Eifer aufräumt, obwohl man nicht recht sieht, was es da eigentlich aufzuräumen giebt. Das ganze Meublement besteht in einem Strohlager, einem Kleiderstock und einer hölzernen Truhe, die aber beständig so untereinander geworfen sind, daß ein häufiger Besucher sich nur darüber wundern kann, wie es möglich ist, mit diesen drei Einrichtungsstücken eine solche Mannigfaltigkeit in die Unordnung zu bringen. Klopfen wir nun an die gegenüberstehende Thüre, so erschließt sich uns die sogenannte »Kanzlei«, in der zwei ungeheure Schränke den Hauptplatz einnehmen; der eine ist braun angestrichen, der andere grau; die halb offenstehende Thür des einen läßt uns gewahren, daß er vollgepfropft ist mit Aktenstößen und Protokollfolianten; der zweite hat zwei Schlösser vorgehängt, in dem mögen sich die sorgfältiger aufbewahrten Schriften befinden. An der Mauer spreizen sich abgeschabte Lederstühle; einigen derselben mag es sehr erwünscht sein, mit dem Rücken sich an die Wand lehnen zu können, denn sie würden sicher auseinander fallen, wenn sie aus ihren Winkeln in die Mitte des Zimmers citiert würden; sie alle haben ein schlotteriges, wackeliges Gestell, trotz der eisernen »S«-Klammern, die es zusammenhalten, und aus dem abgewetzten Lederüberzuge drängt sich die Roßhaarfüllung sehnsüchtig ans Tageslicht hervor. Jener Trödler kann längst schon ein Millionär sein, von dem sie der Herr Fiskal noch in seinen jungen Jahren als Prozeßkostenäquivalent übernommen hat, seit welcher Zeit es ihm nicht ein einziges Mal in den Sinn gekommen ist, sie neu überziehen zu lassen; es pflegen zwar jedes zweite, dritte Jahr, wie Maikäfer, Gerüchte aufzutauchen, der Herr Fiskal werde sich neu möblieren, ja eine neue Wohnung nehmen, weil er sich verheirate; dann aber verstummen diese Gerüchte wieder und es bleibt alles beim Alten. In der Mitte des Zimmers steht ein langer, grüner Tisch, an den Rändern mit Kupfernägeln beschlagen und hier und dort mit Tinte beklext. Auf demselben liegen einige kolossale Bände, wahrscheinlich das corpus juris und steht ein würfelförmiges, bleiernes Tintenfaß, in welchem Kielfedern bis an die Fahne stecken, welch letztere in schönes Zickzack zugeschnitten sind, das bei manchen sogar die Hirschgeweihform nachahmt, ein Beweis, daß der Schreiber mit dem Nützlichen auch das Schöne zu verbinden sucht. Dort aber sitzt auf einem der halsbrecherischen Stühle der alte Jurat Bogozy und kopiert einen Stoß Schriften, den er vor sich liegen hat. Er schreibt eine schöne Hand, macht keinen Fehler, läßt nie etwas aus – etwas hinzuzusetzen überstiege ohnehin seine Fähigkeit. Es sind schon zwanzig Jahre, daß der alte Spatz den klangvollen Titel: » Juratus tabulae regiae notarius « führt, ohne ihn mausernd abstreifen zu können; jedes Jahr macht er ein paarmal den Versuch, aber der Arme giebt stets der Prüfungskommission so verkehrte Antworten, und hat so wenig einen blauen Dunst von der Rechtswissenschaft, daß man ihm jedesmal einen Dukaten herauszahlt, jenen Dukaten nämlich, der für das Advokatendiplom entrichtet zu werden pflegt und den er immer wieder zurück erhält. Alle Journalistenanekdoten, die seit Verböczys Zeiten cirkulieren, werden auf Rechnung des armen Bogozy erzählt; sogar das wurde ihm aufgehängt, daß er von dem betreffenden Censor, über die Rákóczy- nota (nota infidelitatis) befragt, zur Antwort gab: er erinnere sich zwar nicht mehr der Worte, könne sie jedoch pfeifen, wenn es verlangt würde Nicht übersetzbares Wortspiel: der Jurat verwechselt das lateinische nota , mit nóta , was im Ungarischen Lied Melodie bedeutet. ; und doch ist das schon eine alte Anekdote. Seit zwanzig Jahren ist er der Sündenbock, die Zielscheibe der sich erneuernden jüngeren Juratengeneration, die nicht ermangeln, ihn in ihre Kreise zu ziehen und ihren Scherz mit dem armen alten Jungen zu treiben, der ihr Vater sein könnte. Manchmal durchschwärmt er eine Nacht um die andere mit seinen jungen Kollegen, aber deshalb sitzt er dennoch jeden Morgen Schlag 9 Uhr in der Kanzlei, wo er seit zwanzig Jahren die lateinischen und ungarischen Repliken kopiert, ohne je von einem Jüngeren abgelöst worden zu sein, und die vielen Tintenflecke ringsherum auf dem Fußboden sind ebenso viele Zeugnisse seines langjährigen Fleißes, wie nicht minder dafür, daß dies Zimmer niemals gescheuert zu werden pflegt. Das war gerade der rechte Mann für Herrn Maßlaczky. Er schreibt alles ab, was man ihm vorlegt, wie eine Kopiermaschine, wie ein Storchschnabel, und hat er es abgeschrieben, so ist es ihm auch aus dem Kopfe verschwunden und wenn sein Leben auf dem Spiele stünde, wüßte er nicht mehr eine Zeile davon wiederzusagen; nicht einmal das weiß er, ob es ein Todesurteil oder eine Fassion Feierlicher Verkauf unbeweglicher Güter. war, was er geschrieben. Als Jahresgehalt bezieht er dreißig Gulden W. W.; so viel hatte er schon vor zwanzig Jahren. Er hat nie mehr verlangt. Er disputiert nicht, will nicht den Gescheiten spielen, die Neugierde plagt ihn nicht, es fällt ihm nicht ein, in den Geheimnissen der Prozesse herumzuspüren, und selbst wenn er einen Rausch hat, ist sein Mund eine verschlossene Pforte, der kein verräterisches Wort entschlüpft. Es ist, als ob der liebe Gott ihn eigens für den Herrn Fiskal erschaffen hätte. Jetzt klopfen wir an die Thüre des Nebengemachs. Herein! Wir treten in ein nicht ganz von Spinnengeweben freies Schlafzimmer, welches lang und schmal ist, so daß man den in der Mitte stehenden gefirnißten runden Tisch jedesmal rechts oder links auf die Seite schieben muß, um vorbeizukommen, wenn man von einem Ende des Zimmers zum anderen gelangen will. Neben dem Fenster steht ein Sekretär, der sorgfältig verschlossen ist. Was darin sich befindet, wer kann es wissen? Vor ihm steht ein eiserner Stuhl ohne Lehne mit einem runden Luftkissen. Jenseits des Tisches steht ein mit Leder überzogenes langes Ruhebett, zu dem man jedoch nicht gelangen kann, da der Tisch vorsteht; es ist auch nicht dazu da, daß man sich darauf setze, sondern dazu, um die vielen Prozeßakten darauf abzulagern, mit denen außerdem alle übrigen Möbel des ganzen Zimmers so bedeckt sind, daß ein Besucher nicht weiß, wo er sich niederlassen soll. Rings an den Wänden erblickt man schöne weibliche Porträts in den verschiedenartigsten Ausgaben: Stahlstiche, Öl- und Aquarellbilder, Lithographieen, Pastellzeichnungen und Silhouetten; es sind lauter einstmalige Geliebte des Herrn Fiskal, die er von Jahr zu Jahr wechselte, denen er den Hof machte, wenn er an sie herankonnte, die er zu heiraten beabsichtigte, um die er sich lange bemühte und die dann alle andere Männer nahmen und jetzt Familienmütter, glückliche Frauen u. s. w. sind. In der ganzen Wohnung ist nicht ein einziger Spiegel, was beweist, daß er nicht zu den eiteln Männern gehört. Über seinem Bette pickt eine Wanduhr und vor demselben stehen ein Paar gestickte Pantoffeln, vielleicht das Souvenier einer der ihm untreu Gewordenen. Darin besteht der ganze Luxus. Bei sich zu Hause schert sich Herr Maßlaczky nicht viel um die Leute; wer ihn besuchen kommt, thut es gewiß nur notgedrungen, weil er genötigt ist, sich bei ihm Rat zu erholen und der muß mit allem zufrieden sein, wie er es bei ihm findet. Frauen besuchen ihn unter keinem Vorwand; der Herr Fiskal ist zu Hause nichts weniger als galant. Bei fremden Leuten, da ist's was anderes, da ist er nicht sein eigener Herr; aber bei ihm zu Hause, da fühle jedermann, daß er der Herr, und wem es nicht beliebt, sich auf den staubigen Stuhl zu setzen, nun, der möge stehen. Die Lage, in der wir ihn bei unserem Eintreten finden, ist nicht im mindesten dazu angethan, bei uns einen besondern Respekt zu erwecken. Er sitzt eben in einem Sitzbade hinter einer niedrigen spanischen Wand, welche nur seinen Kopf hervorgucken läßt. Wenn er wahrnähme, daß wir hier sind, würde ihn das nicht im geringsten genieren, wie wir uns sogleich überzeugen können, indem der alte Husar hereintritt und mit lauter Stimme, als ob sein Herr gleichfalls taub wäre, jemand anmeldet. – Der Herr Baron Bela Karpáthi wünscht seine Aufwartung zu machen. – Soll nur hereinkommen! brüllt Maßlaczky zurück, ohne sich zu derangieren. Laß ihn herein! – Ergebenster Diener – ergebenster Diener – ergebenster ... Der Ankömmling grüßt rechts und links und bekomplimentiert selbst die verschlossenen Schränke. Er bildet sich ein, daß, wo er eintritt, überall Excellenzen und hohe Herrschaften herumsitzen, im Zimmer befindet sich aber niemand, als Frater Bogozy, und würde nicht einen Augenblick von seinen Schriften aufblicken, nicht um ein Königreich. Seine freiherrliche Gnaden, Herr Abellino Karpáthi , ist trotz seiner vorgerückten Jahre noch immer ein vollständiger Kavalier, schade freilich, daß er nicht mehr in eigener Equipage fährt, was zumal in so regnerischer Zeit ein großes Agrément wäre; allein er ersetzt diesen Mangel durch Regenschirm und Überschuhe, welche letztere er im Vorzimmer ausgezogen hat, und er steht nun vor uns, als käme er aus dem Schächtelchen. Das Leben, sollte man meinen, müsse ihm eine schwer zu tragende Last sein, jede seiner Bewegungen ist darauf berechnet, irgend einen Körperdefekt zu verbergen: wenn er geht, schleift er seinen linken Fuß nach, als ob er affektiert tänzeln würde, wodurch er das von der lästigen Gicht herrührende Hinken unmerklich machen will; wenn er sich setzt, fühlt er einen bis ins Gehirn hinaufreichenden stechenden Schmerz und dann pflegt er durch eine lächelnde Grimasse seine Gesichtsverzerrung zu maskieren; wenn er mit jemand spricht, wirft er den Kopf vornehm zurück, und die herabfallenden Haare verdecken dann die ins Ohr gesteckte Gehörmuschel, welche verraten könnte, daß seine stolze Kopfhaltung mit seiner Schwerhörigkeit in Verbindung steht. Auch im Lächeln muß er sich mäßigen, weil sonst der Golddraht seiner falschen Zähne sichtbar würde. Er liebt aber noch immer lustige Gesellschaften, wo es lebhaft hergeht und viel geschwatzt und gelacht wird, und er glaubt, niemand bemerke, wie elend er sei. Elend, körperlich sowohl, als geistig, bedauernswert elend. Er gehört zu den kläglichen Geschöpfen, welche die Fähigkeit verloren haben, etwas Schlechtes zu thun, und denen nur der Wille, das Gelüste dazu geblieben. Noch einmal verneigt er sich im Zimmer mit einer kühnen Luftschwenkung seines Rohrstockes, als ob er ihn nicht deshalb trüge, um sich auf ihn zu stützen, und geht dann zum Spektabilis hinein. Im ersten Moment sieht er nicht, wo der Gesuchte sich befindet, und läßt nur ins Blinde ein paar »ergebenster Diener!« los; da mit einemmal taucht hinter der spanischen Wand Maßlaczkys kurze Hand hervor und ertönt seine scharfe, durchdringende Stimme. – Ah, mein lieber Herr Baron! belieben Sie sich nur einstweilen zu setzen, mein bester Herr Baron. Im Augenblick, sogleich! Ich muß nur noch drei Minuten im Wasser sitzen. Bitte, nicht da auf die Papiere, lieber dorthin; aber nein, da sind gleichfalls Papiere; nur ein Weilchen Geduld. Audiat Bogozy! sagen Sie dem Thomas, er soll dem gnädigen Herrn einen Stuhl hereinbringen. Da aber Bogozy eben in der Mitte einer Zeile ist und die Tinte in seiner Feder ausschreiben will, und da Thomas so taub ist, daß er den vom Frater Bogozy hinausgerufenen Rapport dahin versteht, er solle zum Bäcker um Semmeln laufen, was er auch thut, es aber nicht zu den Obliegenheiten des Juraten gehört, den Klienten Stühle nachzutragen: so kann der gnädige Herr die drei Minuten stehen bleiben, bis Maßlaczky sein Bad beendigt hat und einen Stuhl von Akten frei macht, damit er sich daraufsetzen kann. – Gleich werde ich zu Diensten stehen, erlauben mir nur, gnädiger Herr Baron, daß ich mich noch ein wenig wasche. Er mag es erlauben oder nicht, Herr Maßlaczky schürzt sich die Hemdärmel auf und vollzieht in dem vor ihm stehenden Waschbecken eine so gründliche Waschung, daß jeder türkische Derwisch ihn darum beneiden könnte; er reibt und scheuert sein eigenes Gesicht, als wäre es das eines fremden Menschen, dessen Physiognomie zu bearbeiten er eine Wette eingegangen; dann aber trocknet er sich den gewaschenen Teil mit einem groben, rauhen Handtuch ab, daß man fürchten muß, er werde sich die alte Haut ganz herunterreiben und mit einer neuen Epidermis zum Vorschein kommen. Abellino ist unterdessen genötigt, sich die Zeit damit zu vertreiben, daß er sich den großen goldenen Knopf seines Spazierstockes in den Mund steckt und mit geheimem Ingrimm den grauen Kopf des Herrn Fiskals sich betrachtet, der nicht aufhört, sein kurzgeschnittenes Haar untereinander zu reiben. Als wir den Herrn Fiskal zum erstenmal sahen, trug er schönes braunes Haar mit einem steifgewichsten, kühn emporstrebenden Schopf; zu Hause jedoch schont er seine Perücke und nimmt keinen Anstand, sich den Personen seiner intimeren Bekanntschaft als Graukopf zu präsentieren. Wie kränkt es Abellino, daß dieser Lateiner, diese Speckschwartennotabilität ihn zu seiner intimen Bekanntschaft rechnet. Endlich ist Herr Maßlaczky mit seinen Zähnen und Ohren fertig geworden, ist in einen bunten, großblumigen Schlafrock gekrochen und steht nun so dem gnädigen Herrn zu Diensten, der, als er noch in Paris lebte, es für eine Beleidigung angesehen hätte, wenn jemand es gewagt haben würde, auch nur seine Visitenkarte im Schlafrock zu übernehmen. – Also, wie geht es, lieber Baron? womit kann ich dienen, mein bester Herr Baron? Wem habe ich dies Glück zu verdanken? Befinden Sie sich schon besser mit der Gicht, lieber gnädiger Herr? Der liebe gnädige Herr fand es nicht der Mühe wert, auf diese vielen unnützen Fragen zu antworten, sondern fragte selbst: Mein Herr, wie steht unser Prozeß? Der Herr Fiskal zog die eine Schulter in die Höhe und auch die eine Augenbraue und erwiderte in sehr trockenem Tone: Gewiß nicht zum besten, lieber gnädiger Herr, ich könnte sagen, sehr schlecht. Abellino stutzte. – Wie soll ich das verstehen? – So, daß kaum etwas anderes übrig bleiben wird, als unseren Prozeß von neuem zu beginnen. – Ah, pardieu , Herr Fiskal, das ist ein schlechter Scherz, zu einem solchen Scherz bin ich heute nicht aufgelegt. Der Advokat setzte die Tortur mit der Kaltblütigkeit eines Caligula fort. – Ich sprach in vollem Ernste; wir stehen heute da, wo wir vor dreizehn Jahren standen. Wir müssen von neuem anfangen. – Ich fange nichts an, schrie Abellino ungeduldig, ich warte nicht länger, ich will ein Urteil sehen. Mag es für oder wider mich ausfallen, ich will endlich eine Entscheidung. – Aber ich will nicht, pfiff Maßlaczky, den in Feuer geratenen Klienten überschreiend! der Prozeß ist ebensogut mein Interesse, wie das Ihrige. Wenn ich den Prozeß verliere, wie mache ich mich für meine Mühe, meine Unkosten bezahlt? Ihre Apanage reicht für Sie selbst nicht hin zum Leben; lassen darum mich Euer Gnaden meinen Weg gehen und mischen sich nicht in Dinge, die Sie nicht verstehen. Abellino sah ein, daß er weder mit Grobheit noch mit Schreien diesen Mann überbieten könne und schlug daher einen sanfteren Accord an. – Lieber Freund, Sie werden doch nichts dagegen haben, wenn ich mich über den Stand meiner eigenen Angelegenheit zu unterrichten wünsche. Herr Maßlaczky sprang vom Stuhl auf und fing an im Zimmer auf und ab zu gehen, einzelne Sätze hervorstoßend: Sich unterrichten! ... Das ist keine Kinderei ... Das giebt dem geübtesten Advokaten zu schaffen. Lächerlich. Als ob die Sache dadurch besser würde, wenn ich sie Euer Gnaden auseinandersetze. Wenn ich keinen Rat zu geben weiß, so weiß es im ganzen Lande niemand. – Die ganze Idee ist von mir ausgegangen; Euer Gnaden wissen, so viele Advokaten Sie auch angegangen, keiner wollte sich damit befassen. Ich allein habe mich daran gewagt, und ich sollte mir noch von jemand Rat erteilen lassen?! – Bitte, teurer Herr Fiskal, flehte Abellino demütig, ich wollte Sie nicht beleidigen; sehen Sie, ich bin so unruhig, ich möchte wissen, wie es mit meiner Sache steht. – Gut, ich will es Ihnen sagen, erwiderte Maßlaczky, den die Sanftmut Abellinos beschwichtigt hatte. Aber reden Sie mir nicht dazwischen, gnädiger Herr, denn ich weiß, was ich spreche und verstehe mich aufs Informieren; rücken Sie also Ihren Stuhl näher zu mir. Mit diesen Worten öffnete er den Sekretär und holte aus einer Schublade desselben ein Aktenbündel hervor, auf dessen Umschlag mit großen Buchstaben geschrieben stand: » Karpáthi contra Karpáthi .« Das ist also der denkwürdige Prozeß! Abellino suchte es sich auf dem unbequemen Sitz bequem zu machen, hob den einen Arm in die Höhe, als wolle er sich den Kopf stützen, und hielt den Handteller heimlich ans Ohr, um kein Wort von dem zu verlieren, was Maßlaczky sprach. – Bevor ich den Stand der Angelegenheit entwickele, wird es gut sein, Euer Gnaden das Substrat des Prozesses in Erinnerung zu bringen, vor allem anderen bitte ich um die Erlaubnis, mir eine Pfeife anzünden zu dürfen. – Bitte, genieren Sie sich nicht. Die Pfeife brannte, der Advokat begann die Exposition des Sachverhaltes, die in der That einem kleinen Romane glich. – Sehen Sie, lieber Baron, in welchem strengen Verschluß ich diesen Prozeß halte; keinem menschlichen Auge ist es gestattet, einen Blick hinein zu werfen, mit Ausnahme der Richter und Anwälte der streitenden Parteien; selbst der Geklagte, Zoltán Karpáthi, weiß nichts davon, da sein Vormund statt seiner prozessiert. Die betreffenden Parteien schreiben alles eigenhändig in diesem Prozeß und so oft der Gerichtshof ihn in Verhandlung nimmt, werden selbst die Juraten aus dem Saal geschickt. Euer Gnaden können daraus sehen, welch ein wichtiger und außerordentlicher Prozeß das ist, dieser Karpáthi contra Karpáthy . Abellino unterhielt sich während dieser langweiligen Einleitung damit, große Buchstaben auf den uns bekannten runden Tisch zu malen, wozu dieser vermöge seines Staubüberzuges sehr geeignet sich erwies. Herr Maßlaczky machte einen kräftigen Zug aus der Pfeife und fuhr fort: Lieber Baron, die Sache ist die: der Herr Baron haben noch als junger Mensch beliebt, ihr väterliches Erbteil zu vergeuden. – So fangen Sie doch nicht bei Adam und Eva an! – Entschuldigen Sie, wertester Herr Baron, ich bin nicht Ihr Panegyriker, der nur solche Dinge aus Ihrem Leben zu erzählen hat, die Ihnen zur Ehre gereichen; ich schreibe auch keine Anekdotensammlung, die man getrost von hinten nach vorwärts lesen kann, sondern ich spreche hier als Rechtsanwalt, der alles im logischen Zusammenhange vorzubringen hat. Darum bitte ich, mich nicht zu unterbrechen mit einem: das weiß ich schon, das will ich nicht mehr hören! Also rekapitulieren wir. Abellino war genötigt, aufzupassen, damit ihm nicht etwas entgehe, was er noch nicht wußte. – Als Euer Gnaden Ihr eigenes Vermögen durchgebracht hatten, war nichts natürlicher, als daß Sie Ihre Hoffnungen auf Ihren Onkel, den gnädigen Herrn Johann Karpáthi, setzten, dessen Güter, die alljährlich eine halbe Million abwarfen, Ihnen gleichfalls zufallen sollten. Das wußten Sie schon als Kind, denn als Ihr Herr Vater starb, war Herr Johann schon über die Fünfzig, und bei der Lebensweise, die er führte, war nicht zu besorgen, daß er Familie zurücklassen werde. Indes verging Jahr auf Jahr und der reiche Onkel wollte nicht sterben, was in Ihrer Lage nahezu unerträglich zu werden anfing, und Euer Gnaden waren daher nicht träge und säumig in allem, was geeignet schien, den zögernden Tod zu beschleunigen. Abellino wollte heftig dazwischen fahren. – Unterbrechen Sie mich nicht, kreischte Maßlaczky, es ist so, wie ich sage und kann selbst vor dem Gerichtshofe nicht in Abrede gestellt werden; Sie schickten Ihrem Onkel zu seinem Namenstage einen Sarg, worüber er beinahe tödlich vom Schlage gerührt wurde. Nun ja, das war ein Scherz, sagen Euer Gnaden. Aber was daraus folgte, war schon kein Spaß mehr. Der alte Herr, aus Zorn darüber, verheiratete sich, und zwar mit einem Mädchen aus einer übelberüchtigten Familie. Nun merken Sie wohl, hier sitzt der Knoten der ganzen Geschichte, auf den wir immer wieder zurückkommen müssen. Aus welchem Grunde heiratete er dies Mädchen? Aus keinem andern, als um Ihnen zum Trotz einen leiblichen Erben zu hinterlassen. Das ist klar. Und eben deshalb nahm er ein Mädchen aus einer so zweideutigen Familie, damit diese Absicht um so sicherer erreicht werde. Er selbst war damals schon siebenzig Jahre alt. Und siehe, was zu befürchten stand, geschah zu Ihrem Unglück; die Frau wurde Mutter, und in dem Augenblicke, wo Sie, lieber Baron, das erledigte Besitztum von Karpátfalva hätten antreten sollen, wurde in der Schloßkapelle ein Knäblein, Zoltán Karpáthi, getauft, das mit dem ersten Schrei, mit dem es in die Welt trat, alle Ihre Glücksträume vernichtete. – Weiter – stöhnte Abellino unruhig. – Nur in der Ordnung geblieben: Euer Gnaden waren grausam betrogen; das dolus malum liegt auf der Hand; das ist mehr als Betrug, das ist stellionatus ! Jemand auf so offenkundige Weise um sein gesetzliches Erbe zu bringen. Man hat wohl Beispiele in der Bibel und in Chroniken von Greisen, die noch in ihrem siebenzigsten Jahre Söhne erzeugt haben, allein die hatten alle kein so ausschweifendes Leben geführt, wie Ihr Herr Onkel. Ist das also nicht himmelschreiend? – Schon gut, schon gut. Was nützt es, wenn ich damit einverstanden bin? – Ich wünsche nur die Anerkennung meiner logischen Folgerichtigkeit. Der liebe gnädige Herr waren geprellt, zu Grunde gerichtet; Sie liefen zu Advokaten, zu Rechtsgelehrten. Niemand gab Ihnen Hoffnung. Aber glauben Sie mir, nicht deshalb, weil sie keine Hoffnung zu geben imstande waren, sondern weil sie es als ein sehr gewagtes Unternehmen betrachteten, einen Prozeß zu übernehmen, wo der geklagte Teil eine so einflußreiche und – ob mit Recht oder Unrecht, gehört auf ein anderes Blatt – eine so allgemein geachtete Persönlichkeit ist, wie der Vormund des jungen Karpáthi, Graf Szentirmay, dem noch außerdem unerschöpfliche Geldmittel zu Gebote stehen, während der Anwalt des Klägers – verzeihen Sie die Bemerkung, lieber Baron – sogar die Prozeßkosten bis zur Entscheidung des Rechtshandels selbst zu bestreiten genötigt ist, wie ich nun seit zwölf Jahren es thue. Herr Maßlaczky hielt hier inne, als hätte er dem Baron Zeit lassen wollen, seinen Dank für diese Gefälligkeit anzubringen, was diesem aber gar nicht in den Sinn kam; und so fuhr er fort: Endlich führte Sie der Zufall zu mir und Sie fanden mich bereit, den Prozeß zu übernehmen. Ich gestehe, nicht sowohl die versprochene Remuneration, auf welche die Aussicht ohnehin eine so unsichere ist, bewog mich dazu, als vielmehr meine eigene Passion. Ein schöner Prozeß ist meine Leidenschaft. Und ein schöner Prozeß ist das und wird es auch bleiben, ein Prozeß, wie in hundert Jahren nur einer vorkommt. Mein Herr, ein geschickt angelegter und durchgeführter Rechtshandel ist mehr als die großartigste Schlacht. Hier eine kaltblütige Kombination, dort ein listiger Kniff, dann wieder ein entscheidendes Dokument, als Brennusschwert in die Wagschale geworfen, das psychologische Netz, in das man die Gegenpartei verstrickt, die Abziehung der Aufmerksamkeit des Gegners von den gefährlichen Stellen und dann ein heftiges Angreifen der ausspionierten schwachen Punkte; die überzeugende Aufdeckung des wahren Sachverhalts dort, wo man nicht eine einzige geschriebene Zeile hat, auf die man sich stützen könnte, – das sind die Genüsse des wahren Advokaten; wer sich darauf nicht versteht, wer nur weiß und sieht, was ihm vor der Nase liegt, wer sich nicht in den Prozeß hineinzuleben vermag und seine Patronen nur aus dem Tripartitum holt, der bleibe auf dem Dorf und werde Händeladvokat. – Und doch verlieren auch Sie meinen Prozeß, sprach Abellino dazwischen, den das angeschürte Feuer der Selbstverherrlichung zu verdrießen anfing. – Nur gemach, mein bester Herr Baron; ich habe noch nicht gesagt, daß wir den Prozeß verlieren. Man hat uns geschlagen, aber noch nicht kampfunfähig gemacht. Man hat uns zurückgeworfen, aber nicht verfolgt. Unser erster Angriffspunkt war schlecht gewählt, wir müssen uns einen anderen suchen. Unser erster Kriegsplan war: zu beweisen, daß Zoltán Karpáthi nicht der Sohn von Johann Karpáthi sein kann. Hier waren zwei Punkte zu erhärten, der erste betrifft den seligen Johann Karpáthi, der zweite seine verstorbene Frau. Für den ersten Punkt haben wir eine Unzahl Beweisstücke, welche befriedigend sind. Wir besitzen den Vorteil, daß die Hauptangeklagten nicht mehr am Leben sind und sich nicht verteidigen können. Wir haben die Ärzte des Johann Karpáthi, seine einstmaligen Zechbrüder, die Bauerndirnen, die er in seinem Hausstaat hielt, adjuriert. In dieser Beziehung haben wir mehr Beweise als nötig. – Es ist wohl nicht zu fürchten, daß dieser Prozeß in Druck erscheinen wird, sagte Abellino lachend, auf den auch in diesem Augenblicke die Frivolität der skandalösen Partieen des Prozesses den meisten Eindruck machte. – Nein, dazu würde er sich auch nicht eignen. Dergleichen Geheimnisse werden nur insofern gelüftet, als sie behilflich sind, den Beweis herzustellen; haben sie ihre Dienste gethan, werden sie wieder ewigem Stillschweigen überantwortet. Niemand erhält Einsicht in die Akten, als solche Personen, welche durch einen Eid gebunden sind, das Gehörte nicht weiterzusagen. Für das Publikum bleibt dies alles ein tiefes Geheimnis. – Aber das Endergebnis kann doch nicht verschwiegen bleiben? – Ja. Wenn Sie mich zu Ende hören wollen, bester Baron, so werden Sie einsehen, daß ich weiß, was ich thue. Außer dem weiland Johann Karpáthi betreffenden Punkte war noch ein anderer aufzuhellen, die vorausgesetzte Untreue seiner Gattin, geborene Fanny Mayer. Und das war der Hauptpunkt, die Achillesferse. Gegen diese Dame war niemand imstande, auch nur eine einzige, einen Verdacht begründende Thatsache vorzubringen. Vor den Augen der Welt hat sie einen unantastbaren Lebenswandel geführt. Wir suchten zwar in dem schlechten Ruf ihrer Familie Stützpunkte für unsere Verdächtigung zu finden; wir brachten himmelschreiende Dinge vor, welche im Mayerschen Hause vorgegangen, die Lebensweise ihrer älteren Schwestern, zum Stadtgespräch gewordene Skandale; allein die Gegenpartei schlug alles das mit der einfachen Thatsache nieder, daß Fanny Mayer von ihrer Kindheit an in einem fremden Hause, fern den verderbten Kreisen ihrer Verwandtschaft, in streng moralischer Umgebung aufgewachsen war. Nur ein Strohhalm blieb uns noch, an den wir uns anklammern konnten: jener Auftritt, der sich einst zwischen Euer Gnaden und Fanny Mayer zugetragen. – Mein Herr! fuhr Abellino auf, wie von einer Tarantel gestochen. – O, bitte nicht in Affekt zu geraten, mein lieber Baron. Ich weiß, daß Sie nicht gerne davon sprechen hören. Von einem Weibe zum Narren gehalten werden, das ist, ich gestehe es, ein empfindlicher Punkt, dessen Berührung sich niemand gern gefallen läßt. Aber für unsern Prozeß war das nötig. Hätten wir beweisen können, daß Fanny Mayer Ihr Anerbieten, das ihr freilich keine legale Stellung verschafft hätte, angenommen habe, dann würden wir ihren sittlichen Nimbus zerstört haben. Und die alte Mayer war auch schon bereit dazu, im Sinne der gepflogenen Verabredung zu zeugen. Sie scheinen erstaunt? O, diese Frau, die ihre eigene Tochter zu verkaufen imstande war, hätte auch ihren Enkel verkauft, zumal, nachdem er von ihr nichts wissen will. Für den bedungenen Lohn würde sie den Schwur abgelegt haben, dessen wir bedurften. – Maßlaczky, Sie sind in der That ein Teufelskerl. – Den Henker auch bin ich es, liebster Baron. Mein ganzer Kalkül stürzte zusammen wegen eines sehr einfachen Umstandes, die hochlöbliche königliche Tafel ließ die Mayer zum Schwur nicht zu: juramentum contra pudicitiam ! Abellino stieß einen tiefen Seufzer aus, in dem sich die Bitterkeit des Hasses und der Enttäuschung mengte. – So ist's also aus mit unserm Prozeß? – Nicht doch! schrie der Fiskal lebhaft, wie ein Holunderstehmännchen aufspringend. Wir sind erst jetzt auf der rechten Fährte. Seit zwölf Jahren habe ich in diesem Prozeß herumgespürt und herumgestöbert, bin tiefen Familiengeheimnissen auf den Grund gekommen, habe jedes Wort, das man fallen ließ, aufgefangen und mir daheim zusammengestellt und jetzt, wo unsere Gegner sich in dem Wahne wiegen, uns aufs Haupt geschlagen zu haben, gerade jetzt fassen wir sie mit einer Schwenkung in der Flanke, und während sie bemüht waren, zu unserer Widerlegung die Gattin Karpáthis mit einem romantischen Nimbus zu umgeben, haben sie gerade damit mir den Schlüssel in die Hände geliefert, mit dem ich das Schloß dieses Rätsels öffnen werde. Auf dem strahlenden Gesichte des Advokaten war zu lesen, wie sehr er zufrieden war mit seiner Dialektik. – Bis jetzt haben wir uns über sehr allgemeine Punkte herumgestritten und ich ließ meine Leute sich bei der Arbeit erhitzen. Jetzt kommt bald der spezifische Angriff; das Bisherige war nur Vorbereitung, Umzingelung; nun folgt das Brescheschießen, der Sturm. – In der That, die Vorbereitungen haben lange gedauert, länger als der trojanische Krieg. – Ruhig, lieber Baron. Ich brauchte diese zwölf Jahre, sie waren mir unumgänglich nötig. Bald werden Sie einsehen lernen, daß die Resultatlosigkeit der schon verflossenen und einiger noch zu verstreichenden Jahre für uns ein Resultat in sich birgt. Der Rechtsanwalt lächelte mit innerer Genugthuung, während er sich mit dem Zeigefinger die Nasenspitze rot rieb. Abellino hing mit ganzer Seele an seinen Lippen. – Ich habe schon lange meinen Mann herausgefunden, gegen den ich unmittelbar meinen Angriff richten werde, fuhr der Sachwalter fort. Nicht der verstorbene Karpáthi, nicht dessen Weib, nicht der Sohn steht uns jetzt gegenüber, sondern ein ganz anderer, der sich selbst, ohne es zu merken, in meine Hand gegeben; seit Jahren habe ich ihn leise umgarnt und er ahnt nicht, daß ich aus jedem ihm entschlüpften Worte eine Schlinge geschürzt, in die er sich verfängt, wie die einfältige Wachtel. – Wer denn? Maßlaczky wollte ihm den Namen zuflüstern; er besann sich jedoch, daß Abellino ihn nicht verstehen werde; so öffnete er die Thüre zur Kanzlei und rief zu Bogozy hinaus: »He, Frater, scheu Sie doch, ob die Thüre des Vorzimmers verschlossen ist?« Während dieser hinausging, eilte er auf Abellino zu und schrie ihm, aus seinen Händen einen Trichter machend, ins Ohr: Graf Rudolph Szentirmay. – Wirklich! rief Abellino mit freudigem Gesicht, das jedoch plötzlich wieder seinen starren Ausdruck annahm: – ich verstehe nicht. – Gleich werde ich es Ihnen erklären, sagte Maßlaczky, sich auf seinen runden Stuhl niederlassend. In diesem Augenblick wurde geläutet. Bogozy ging brummend die Thüre öffnen. Mittlerweile raffte Maßlaczky hastig das Aktenbündel zusammen, verschloß es in den Schrank und wartete, wer kommen werde. Es war nur der alte Thomas. Er hatte vom Bäcker ein paar mürbe Kipfel geholt, die er hereinbrachte und auf den Tisch stellte. Maßlaczky nahm die Kipfel vom Teller, ließ sie zwischen den Fingern krachen, brach eines entzwei und steckte ein Stück davon in den Mund. – Herrliche Kipfel bäckt man hier in Pest. Kann ich aufwarten, lieber Baron? Ich esse jeden Morgen zwei, das ist mein Frühstück. Der Kaffee thut mir nicht gut. Aber die Kipfel wissen sie dagegen trefflich zu backen. Sie haben nur den einen Fehler, daß sie von Tag zu Tag kleiner werden. Zur Zeit, als ich Jurat war, waren sie noch einmal so groß. Wird nicht eines gefällig sein, lieber Baron? Der wackere Mann hat ohne Zweifel eine beneidenswerte körperliche Konstitution. Seinen Appetit schien es nicht im geringsten zu benachteiligen, daß seine Gedanken in diesem Augenblicke sich damit beschäftigten, wie er die Existenz einer ganzen Familie vergiften könne – so wohlgemut läßt er die Kipfel zwischen seinen Fingern krachen; er giebt sich ganz dem sybaritischen Genuß hin. Abellino fing schon an zu bedauern, daß er das eine Kipfel nicht angenommen; wenigstens wären sie schneller aufgezehrt worden. Endlich war auch der letzte Bissen zerkaut, Maßlaczky streute die Bröseln von sich und fuhr in seiner Auseinandersetzung fort: Ich werde den Grafen Szentirmay direkt auf Ehebruch anklagen . Selbst Abellino schauerte bei diesen Worten zusammen. – Das ist ein gewagtes Spiel. – Kein Hazardspiel. Ich habe Beweise in den Händen; o, nicht umsonst habe ich mich seit Jahren zwischen diesen hoffärtigen großen Herren herumgetrieben – Pardon, Euer Gnaden gehören auch dazu – sie meinten, ich sei ihr Narr ... Ich habe Beweise in den Händen! Und dies sagend, schlug er triumphierend mit seiner kurzen Hand auf die Schreiblade des verschlossenen Sekretärs. – Jener Eifer, den der Graf in der Angelegenheit seines Mündels an den Tag legte, gab mir Veranlassung, Aber das zwischen ihm und den Eltern des Knaben bestandene Verhältnis nähere Erkundigungen einzuziehen. Diese Nachforschungen blieben nicht ohne Resultat, Es ist gewiß, daß Szentirmay eine ganze Woche in dem Madaraser Kastell der Karpáthis zubrachte, wo der alte Karpáthi, um seine Frau sich nicht kümmernd, sie ungestört beisammen ließ; ein damaliges Kammermädchen bezeugt, daß genau um jene Zeit ein heftiger Familienzwist zwischen dem Grafen und seiner Gemahlin ausgebrochen war, so daß die Gräfin mehrere Tage lang ihr Zimmer vor ihrem Manne verschloß. Das ist ein wichtiger Umstand. Bald darauf wurden in einer Männergesellschaft scherzhafte Anspielungen auf die Karpáthi gemacht, in dem Augenblicke, als der Graf eintrat und jedermann mit einer Herausforderung bedrohte, der es wagen würde, unehrerbietig über diese Frau zu sprechen; – die sterbende Karpáthi sprach auf ihrem Totenbette den Wunsch aus, daß ihrem Sohne Graf Szentirmay zum Vormunde gegeben werde, was ihr am Rande des Grabes stehender Gatte guthieß. Des Grafen bejahrte Anverwandte, Fräulein Marion, scherzte oft darüber, wie ähnlich der junge Zoltán Karpáthi dem Grafen Rudolph sehe; die zärtliche, wahrhaft väterliche Liebe, welche der Graf für sein Mündel an den Tag legt, ist ein weiterer ihn kompromittierender Umstand. Hat man ein Ding bei einem Zipfel, so hat man es bald ganz; ein Punkt, ein Datum zieht zehn andere nach sich. Der Graf hat Feinde, Parteigegner, fortgejagte Diener, gekränkte Beamte, diese alle werden sich beeilen, die einen aus Rache, die andern um ihres Vorteils willen, Daten gegen ihn zu liefern, kleine Vorfälle zu Thatsachen auszuspinnen, aus deren Kombination ich dann sonnenklar den Beweis für die Richtigkeit meiner schweren Anklage herstellen werde. Auf diese Art, mein Herr, hat man schon Mordthaten ans Tageslicht gezogen; haarsträubende Unthaten, deren Geheimnis tief in der Brust des Thäters begraben lag, wurden so durch philosophische und psychologische Induktion von den Rechtsgelehrten aufgedeckt, und hier handelt es sich um ein Verbrechen, das um nichts geringer, als irgend eines von denen, mit welchen Pitaval uns bekannt macht. Abellino war ganz berauscht von dem Redefluß des Anwalts, Er stand auf, warf sich ihm um den Hals und umarmte ihn: Mein Herr, Sie sind ein großer Mann! Dann setzte er sich wieder auf seinen Stuhl und wiederholte: Sie sind ein großer Mann! Maßlaczky liebte es nicht, wenn man ihn lobte; er war ein größerer Aristokrat als diejenigen, welche selbst auf den Knöpfen ihrer Dienerschaft ihr Wappenschild anbringen; er war stolz auf seinen Verstand und es beleidigte ihn selbst das, wenn jemand ihm darüber Elogen machte; daß er ein gescheiter Mensch war, ist eine ausgemachte Sache, die sich ebenso von selbst zu verstehen hat, als daß man einen Grafen mit Hochgeboren tituliert. Abellino war außer sich vor Freude. – Ah, ich ersticke vor Wollust bei dem Gedanken, diesen Menschen, diesen mir tödlich verhaßten Menschen moralisch zu vernichten! Nicht die Aussicht auf den Besitz, auf den Reichtum elektrisiert mich, sondern der Gedanke, ihn erniedrigt, gedemütigt zu sehen, an den Pranger gestellt vor seinen einfältigen Bewunderern. Das freut, das thut wohl. – Nun, dieser Genuß wird Ihnen schwerlich zu teil werden, sprach Maßlaczky trocken dazwischen. – Was sagen Sie da wieder? fragte Abellino erstaunt. Halten Sie mich zum Narren oder bin ich ein Kind, daß Sie im Handumdrehen die Hoffnungen, die Sie in mir erregen, wieder niederschlagen? – Ich habe nicht mehr versprochen, als ich halten werde. Ich versprach, die Karpáthischen Herrschaften ihrem jetzigen Besitzer zu entreißen. Was der liebe Baron mit so viel Freude erwarten, den Grafen Szentirmay an den Pranger gestellt zu sehen, brauche ich nicht im geringsten zur Erreichung meines Zweckes. – Sie fürchten ihn! – Ich fürchte ihn nicht. Ich fürchte niemand. Ich schlage mich nicht, das habe ich längst vor aller Welt erklärt, aber mit der Feder stehe ich jedem Gegner. Gegen den Grafen Szentirmay werde ich soweit gehen, als es mir in den Kram paßt, nicht weiter; mir ist es um das Substrat zu thun, nicht um den Skandal. – Ich verstehe noch immer nicht, was Sie da reden. – Das glaube ich, versetzte der Advokat mit stolzer Ruhe, Das ist auch nicht so leicht. Wenn Euer Gnaden vom Rechtsgange etwas verstünden und von der Kraft der Beweismittel, so würden Sie zu unterscheiden wissen, daß wir, nach dem Plane vorgehend, den ich eben entwickelt habe, zwar erreichen würden, daß, wenn der Prozeß in die Öffentlichkeit gelangt, was der Fall ist, wenn das Endurteil publiziert wird, mag nun dasselbe für oder gegen uns ausfallen, Graf Szentirmay vor den Augen der Welt gebrandmarkt, vor seiner Familie verdächtigt und zwischen ihm und dem jungen Karpáthi ein unheilbarer Bruch herbeigeführt würde. – Das eben will ich erreichen. – Das aber ist es gerade, was ich vermeiden will. Sie, lieber Baron, möchten zu Werke gehen, wie ein Romanschreiber, der die Personen, die ihm unlieb sind, der Reihe nach umbringt; ich aber handle als Philosoph und Fiskal, der seine Gegner leben läßt, aber ihre Schulden unerbittlich exequiert. Das junge Herrchen Zoltán mag jetzt dreizehn oder vierzehn Jahre alt sein. Ich ließ ihn hübsch ruhig heranwachsen und beeilte mich nicht mit ihm, bis er so groß geworden. In der That, ein wackerer, schöner Junge. So entwickelt, wie andere kaum in ihrem sechzehnten Jahre; eine prächtige Gestalt, wie schön gewachsen, von einnehmender Gesichtsbildung. Und dabei welch edles Herz, welche Zartheit der Empfindung, welche Tiefe des Gefühls. Man sieht an ihm die Erziehung Szentirmays; an Leib und Seele gestählt gegen Stürme, ist er bereit zu Thaten und Kämpfen, bereit zu den größten Opfern für diejenigen, die er liebt, und er weiß aus ganzer Seele zu lieben. Seinen Vormund und dessen Frau betet er an, vergöttert er, und in der That, sie verdienen es auch ... – Aber mein Herr, was wandelt Sie an? Wozu diese Lobeserhebungen? Wollen Sie mich auf die Probe stellen? – Nur Geduld, Verehrtester! Das alles gehört zum Meritorischen der Sache. Auch das ist wahrscheinlich, daß der junge Karpáthi noch mit ganz anderen Faden an der Szentirmayschen Familie hängt. Neulich hatte ich Gelegenheit, zu bemerken, mit welcher eifersüchtigen Aufmerksamkeit er die Tochter des Grafen behandelt; solche jugendliche Verhältnisse pflegen feste Wurzeln zu schlagen. – Sie denken doch nicht im Ernste daran? – Ich fände es sogar sehr in der Ordnung, denn unter uns gesagt, ich glaube nicht im entferntesten daran, daß Graf Szentirmay zu Zoltáns Mutter in irgend einem verbotenen Verhältnis gestanden hat und finde daher nichts anstößiges in dem, was ich vorhin angedeutet. Das bleibt übrigens unter uns. Abellino fühlte bei diesen Worten das Zimmer sich um seinen Kopf drehen. – Ich halte den Grafen, fuhr Maßlaczky fort, für so unschuldig in diesem Punkte, wie mich selbst; doch das gehört nicht zur Sache. Zoltán Karpáthi hat gewiß schon in seiner kindlichen Phantasie für die schönen Augen der kleinen Kathinka geschwärmt und was dergleichen mehr. Nun, das brauche ich Ihnen nicht weiter zu erklären; wir alle sind jung gewesen. Abellino stand auf und schob den Stuhl beiseite. – Ergebenster Diener, mein Herr. Es scheint, Sie wollen sich mit mir unterhalten; – danke schön. Wenn ich einen Roman lesen will, gehe ich in die Leihbibliothek. Maßlaczky ergriff die Hand des Barons und nötigte ihn, sich wieder zu setzen. – Ich spreche ganz ernsthaft zur Sache und ich pflege nie unnützes Zeug zu schwätzen. Ich weiß wohl, mein lieber Baron, daß Sie an langes Aufmerken nicht gewöhnt sind; allein diesmal waren Sie eben begierig, etwas über Ihren Prozeß zu erfahren, haben Sie also die Güte, mich bis zu Ende anzuhören. – Was haben aber diese Lobeserhebungen mit meiner Angelegenheit zu schaffen? – Sehr viel. Es ist für uns ein sehr wichtiger und kapitaler Umstand, daß der junge Karpáthi einen hochherzigen, romantischen, feurigen und empfindsamen Charakter besitzt, und daß das hohe Ansehen, die weltliche Stellung, das Familienglück der Szentirmays ihm als ein unantastbares Heiligtum vorschwebt; auf diese Grundlage basiert sich unser Sieg. Der junge Mensch weiß bis jetzt noch nichts von dem ihn bedrohenden Prozesse. Natürlich. Es kommen darin so schlüpfrige Erörterungen und skandalöse Umstände vor, von denen ein jugendliches Herz nicht einmal eine Ahnung haben darf. Bis er nicht majorenn geworden, wäre es ein pädagogisches Verbrechen, ihn mit diesem Verbrechen bekannt zu machen. – Also hoffen Sie, daß unser Prozeß sich solange hinauszieht? – Zum Meritum der Frage antworte ich fürs erste mit »nein«; was aber die sarkastische Anspielung betrifft, bin ich so frei, zu bemerken, daß dieser Prozeß, mag er sich auch noch so sehr in die Länge ziehen, für mich dennoch keine » bona vacca « (keine gute Melkkuh) ist, da ich die Prozeßkosten aus meinem eigenen Beutel vorstrecke. Er wird sich aber nicht in die Länge ziehen. Ich bringe die neue Klage ein, durch welche der Prozeß aggraviert wird und suche diesen inzwischen so zu verwickeln, daß, wenn Graf Szentirmay sich auch das weiße Gewand der Engel umwerfen sollte, er aus dem ersten Kontakt gleich so gesprenkelt hervorgehen wird, wie ein Perlhuhn. (Der Herr Fiskal konnte nicht umhin, über diesen Einfall in ein lautes Gelächter auszubrechen.) Ich bedauere wirklich den edlen Grafen, es wird ihm viel Kränkung verursachen, aber ich tröste mich mit der Hoffnung, daß dies alles eine bessere Wendung nehmen und schließlich nicht zu seinem Schaden ausschlagen wird. Der junge Karpáthi kennt noch keinen Buchstaben von diesem Prozeß. – Aber mon Dieu , das höre ich schon zum zwanzigstenmal. – Jupiter tonans ! Der liebe Baron sind ungeduldig. Warum sage ich es so oft? Quoniam in hoc signo vinces , weil wir in diesem Zeichen siegen werden. Wenn die Zeit gekommen, wo Zoltán in das Alter tritt, in dem die jugendlichen Gefühle in siedender Wallung sind, und das jugendliche Herz so bereit ist zu raschen, hitzigen Entschlüssen, dann wird es unsere Sorge sein, seine Neugierde nach dem Prozesse anzufachen und ihm Gelegenheit zu geben, denselben von Anfang bis zu Ende zu lesen ... Hier schöpfte der Advokat tief Atem, als wollte er etwas Unsichtbares, das ihm schwer auf der Brust lag, herausstoßen. – Nun, mein lieber Herr Baron, fangen Sie an, das übrige zu verstehen? Wenn dieser unverdorbene, edelgesinnte Jüngling jene haarsträubenden Dokumente durchliest, von denen ein einziges, vom Winde entführt, hinreichen würde, das Andenken seines Vaters, seiner Mutter zu besudeln, das Familienglück seines Vormundes zu zerstören und alle Bande zwischen ihm und Szentirmays Kindern gewaltsam zu zerreißen; was, glauben Sie wohl, wird dieser Jüngling dann thun? Wird er etwa zugeben, daß der Prozeß seinen Fortgang habe, daß man in den Kot ziehe den Namen des greisen Mannes, den er bisher nur aus Ehrfurcht erregenden Abbildungen als seinen Vater kennt, und die Unschuld jenes Weibes, dessen milde, mütterliche Züge aus dem über seinem Bette hängenden Bilde ihn jetzt noch anlächeln? Wird er zulassen, daß jener Mann, der an ihm Vaterstelle vertreten, vor seiner Familie, vor der Welt verdächtigt, gebrandmarkt dastehe, daß sich der Wurm setze in die Wurzeln eines Glückes, welches er solange mitgenossen, daß das Vorurteil der Welt ihn verbanne aus jenem Kreise, an den ihn statt der Träume seiner Kindheit sträfliche Bande einer verpönten, widernatürlichen Bruderliebe knüpfen würden? Wird er nicht lieber den ganzen Prozeß ins Feuer werfen, ohne das vernichtende Endurteil abzuwarten und lieber in alle Bedingungen eingehen, die wir ihm stellen werden, nur um den unbefleckten Ruf seiner Eltern, das Glück seines Vormundes und jenen Traum seiner Kindheit zu retten, der seiner Seele kostbarstes Kleinod? Wird er nicht lieber allem Reichtum entsagen, nur um sagen zu können: das alles ist nicht wahr gewesen; es ist vergessen, weggelöscht für immer! Niemand weiß, ob es da war oder nicht? Abellino starrte, ohne Atem zu holen, dem Redner ins Gesicht. Alles, was er sprach, war so fürchterlich, daß selbst dies entartete Herz sich seiner erschütternden Wirkung nicht entziehen konnte. Der Herr Advokat klopfte die Asche aus seinem Pfeifenkopf. Für ihn war das Vorgetragene nur eine dialektische Übung. Er war zufriedengestellt von der Wirkung, die sich in den Gesichtszügen seines Klienten abspiegelte. Er zündete sich die Pfeife von neuem an und blies Rauchwolken um sich, als ob er einen Bienenschwarm ausräuchern sollte, dazwischen lobte er den Tabak und erzählte, von wem er ihn zum Geschenk erhalten und von wem er ihn habe schneiden lassen. Abellino bedurfte einer Ruhepause, um seine Gedanken in Ordnung zu bringen. Er steckte seine Hände in die Taschen und ließ seine Blicke am Plafond herumirren, so daß es das Aussehen hatte, als sähe er sich in seiner Einbildung schon als Herr von Karpátfalva. Mit einemmal rief er, die Hände auf die Kniee gestützt, ex abrupto aus: Und halten Sie es für wahrscheinlich? Der Herr Fiskal klopfte vorerst ein paarmal auf den Pfeifenkopf und zog an seinem Tschibuk, daß es ihm beide Wangen auseinander trieb; erst dann fand er es genehm, zu antworten, sich den Mund mit der Bernsteinspitze verstopfend, so oft ein Wort mehr als nötig herauskommen wollte. – Für unfehlbar. Die Philosophie trügt nie. Ein Advokat, der sich nicht auf Psychologie versteht, gehe Kukurutz häufeln. Aber das alles ist noch nicht genug. Abellino stutzte von neuem: – noch nicht genug? Die Pfeife fing an schlecht zu brennen; Herr Maßlaczky war genötigt, ein damals in Mode gekommenes künstliches Feuerzeug in Anwendung zu bringen, welches darin bestand, daß man mit kleinen roten Köpfen versehene Hölzchen in ein Fläschchen, in dem sich etwas Vitriolartiges befand, hineinstechen und sie schnell wieder herausziehen mußte. Jedes zehnte, zwanzigste brannte. Solange hatte Abellino Zeit, unruhig zu wiederholen: was ist nicht genug, wieso nicht genug? Endlich brannte eines der Zündhölzchen. Die Pfeife rauchte wieder, aber aus dem Kopf mußte der narkotische Saft abgegossen werden: nur auf den Fußboden. – Das ist das Hauptübel, mein bester Herr Baron, das bisher unser Vordringen hinderte, daß wir keinen mächtigen Protektor besitzen. – Ich staune. Sie behaupteten doch, daß Sie mit allen Gliedern des Obergerichtes auf bestem Fuße ständen? – Ganz richtig. Sie lieben und achten mich; das genügt aber nicht; wir würden jemand brauchen, der sich für uns exponiert; der den Prozeß betreibt, urgiert; der mit jedermann, der uns im Wege ist, anbindet, mit einem Worte: der unsere Angelegenheit ganz als die seinige betrachtet. Einen solchen Menschen brauchen wir. – Also suchen Sie einen. Das ist Ihre Sache. Oder soll ich ihn suchen? – Nicht nötig. Ich habe ihn schon gefunden. Es ist ein unermüdlicher Mann, der schon dadurch, daß er sich aus dem Nichts emporgearbeitet, jene Energie bewährt hat, die uns unumgänglich nötig ist: der Herr Rat Köcserepy, wenn Euer Gnaden ihn zu kennen belieben. – Ich habe das Glück. – Diesen müssen Euer Gnaden um jeden Preis für sich gewinnen. Aber ganz gewinnen, so daß er die Sache völlig zu der seinigen macht. Verstehen Euer Gnaden? Abellino bemühte sich, den Gedanken des Anwalts zu folgen. – Also wie soll ich ihn gewinnen? Reden Sie! Soll ich die Piquetpartien des gnädigen Herrn besuchen, oder der gnädigen Frau den Hof machen? Soll ich seine Tochter zur Frau nehmen? oder was? Maßlaczky lachte laut. – Nicht so, lieber Baron; warum nicht gar. Der Herr Rat spielt nie Karten; die gnädige Frau hat keinen Mangel an Anbetern und macht sich nicht viel aus ihnen. Was aber das die Tochter zur Frau nehmen betrifft, so dürften das Euer Gnaden selbst kaum für eine besonders verführerische Lockspeise halten. Abellino sah um sich, als dächte er darüber nach, ob das nicht eine Grobheit sei, was Maßlaczky soeben gesagt. Es war sehr künstlich ausgedrückt; er verstand es nicht ganz. Der Fiskal nahm jetzt ein völlig ernstes Gesicht an und sagte, indem er selbst die Pfeife wegstellte, mit einschmeichelnd sanfter Stimme: Nicht so, mein teurer Baron, nicht so. Ich Werde Ihnen sagen, wie.– Tragen Euer Gnaden dem Herrn Köcserepy eine » cessio « an. Abellino blickte verwundert zu ihm auf: Qu'est ce que Diable que cela: eine » cessio «? Was ist das? – Eine Cession, erklärte Maßlaczky dem Baron, ist ein gesetzlicher Akt, durch den man irgend ein Besitzrecht auf einen andern überträgt. – Und warum soll ich das thun? – Weil Sie dadurch den Erfolg des Prozesses untrüglich sicherstellen. – Was nützt es mir aber, den Prozeß zu gewinnen, wenn ich mein Recht an einen andern abgetreten habe? – Nun, das ist natürlich und brauche ich Euer Gnaden nicht erst zu sagen, daß im Falle eines günstigen Erfolges Köcserepy für eine bonificatio sorgen wird. – Reden Sie nicht lateinisch mit mir! – Wofür, alle sieben Donnerwetter, wird er sorgen? – Er wird Euer Gnaden eine fixe Jahresrevenue auswerfen und dero Schulden bezahlen. – Aus meinen eigenen Besitzungen?! rief Abellino in hochmütigem Tone. Das fängt an unterhaltend zu werden. Das ist komisch, höchst komisch. – Ich sehe nichts Komisches darin; fürs erste deshalb nicht, weil jene Güter noch nicht in Ihrem Besitze sind und weil es sehr zweifelhaft ist, ob Sie ohne jene Bedingung jemals in den Besitz derselben gelangen; zweitens wissen Euer Gnaden so gut, wie jeder andere, daß, um die Schulden, mit denen Euer Gnaden belastet sind, zu tilgen, die laufenden Erträgnisse der Karpáthischen Herrschaften nicht zum zehnten Teile ausreichen würden; zudem ist bei der bekannten Art, wie Euer Gnaden zu wirtschaften pflegen, kein Zweifel, daß in ein paar Jahren die ganze Karpáthische Erbschaft denselben Weg gehen würde, den Ihr väterliches Erbe gegangen, und vor dem Karpátfalver Kastelle ebenso die Trommel des Exekutors gerührt werden würde, wie einst vor dem Madaraser Kastell, dann aber wird kein guter, einfältiger Nabob mehr da sein, der es für die Familie ersteht, sondern die herrlichen avitischen Besitztümer werden zerstückelt werden und nie gehörte Namen werden sich daselbst installieren. Ich sehe daher keinen Grund zu sentimentalen Bedenklichkeiten für Euer Gnaden. Haben Sie doch seiner Zeit sich nicht bedacht, Ihre herrschaftlichen Güter und Rechte einem französischen Bankier, der früher Pastetenbäcker gewesen, zu verschreiben; wie sollten Sie nun vor dem Gedanken zurückschrecken, dieselben in die Hände eines honetten, angesehenen ungarischen Edelmannes gelangen zu sehen; in primis , da Euer Gnaden jetzt von dem Besitze um vieles weiter sind, als damals und auch keine Aussicht mehr dazu vorhanden ist, daß Sie eine Nachkommenschaft hinterlassen. – Bitte! – Ja doch – den Sohn, der dem alten Johann Karpáthi in seinem siebenzigsten Jahre geboren wurde. Der Fiskal lachte herzlich über diesen Einfall, den Abellino minder gut fand. Nach einigen Minuten verrauchte sein Zorn. Eine Ahnung fing an, in ihm aufzudämmern, daß der Advokat doch recht haben dürfte. – Also, was denken Sie, welche Bedingungen dürfte Herr Köcserepy machen? – Ich denke nichts. Äußern Sie sich, lieber Baron. – Das werde ich nicht thun. Rücken Sie damit heraus, was Sie versprechen können. Herr Maßlaczky zupfte ein paarmal an seinen Schultern und an seinen Augenbrauen, nahm einen Fuß in die Hand, blies, den Kopf zurückwerfend, eine lange Rauchkette bis an den Plafond und rückte endlich mit der Antwort heraus. – Ich glaube, er wird Ihnen geben können jährlich ... jährlich ... (hier mußte er wieder mit dem kleinen Finger die Asche hinabdrücken) jährlich – zwanzigtausend Gulden. – Mein Herr, Sie belieben zu scherzen, sagte Abellino gekränkt. Zwanzigtausend Gulden, wenn ich eine halbe Million Revenuen aus den Händen gebe. O, mein Herr, man treibt Spott mit mir. Wenn ich mich schon erniedrigen will, nun so gehe ich hin zu meinem Vetter, bitte ihn schön und er wird mir gutwillig ebensoviel auswerfen. – Belieben Euer Gnaden zu bedenken, daß die Zahl Ihrer Schulden Legion ist; bis diese aber nicht getilgt sind, bleibt dero Gnaden nichts als das kleine Leibgedinge. Diese also müssen zuerst aus dem Gütererträgnisse getilgt werden. Und dann ist dies Erträgnis nur nominell eine halbe Million, denn die Einnahme ist wohl so groß, aber zwei Dritteile werden von den Ausgaben verschlungen. Mir liegt an dem Herrn Köcserepy nicht so viel, ich spreche nicht für ihn, Ihr Vorteil ist es, den ich im Auge habe. – Nein, nein, ich kann mich mit dem Gedanken nicht aussöhnen, nicht vertraut machen, daß ich, wie Esau, für ein Linsengericht, für eine lumpige Abfindung mein ererbtes Besitztum verhandeln soll. – Besitztum? Im Monde? Wo ist denn dero Gnaden Besitztum? keifte der kleine Mann, der sehr schnell in Feuer geriet und dann sackgrob wurde. Abellino war sogleich eingeschüchtert, sobald jemand lauter sprach als er. – Wenn aber die Summe, die man mir anbietet, so lächerlich klein ist im Verhältnis zu dem, was ich abtreten soll. Bedenken Sie selbst, mein Herr. (Dies sagte er in einem beinahe unterthänig flehendem Tone und vergaß seine Standeswürde soweit, daß er sich, ächzend, die schmerzenden, kontrakten Kniee rieb.) – Lieber gnädiger Herr, noch eins will ich Ihnen sagen, aber haben Sie die Güte, mich anzuhören. Die Zeiten ändern sich und wir wissen nicht, was der morgende Tag bringen wird. Neue Ideen fangen an in den Köpfen der jüngeren Generation zu keimen, von denen wir noch keine Ahnung hatten, als wir lesen lernten. Haben Euer Gnaden je etwas von Reformern gehört? – Was habe ich mit denen zu schaffen. Ich beschäftige mich schon seit Jahren nicht mehr mit der Politik; meinethalben mögen sie einander in die Haare fahren. Ich gehöre weder dahin, noch dorthin, ich bin indifferent. Mir sind sie alle gleich verhaßt; mir helfen die einen so wenig, wie die andern. Ich mische mich nicht in ihre Angelegenheiten. – Aber sie mischen sich in dero Angelegenheiten. Diese Reformer fangen seit einiger Zeit an, zwei großartige Ideen im Munde zu führen, deren Benennungen bisher nicht im Umlauf gewesen sind: Die allgemeine Besteuerung und die Grundablösung . – Was bedeuten diese Ausdrücke? – Das bedeutet, es könne geschehen, daß an einem schönen Morgen der Besitzer der Karpáthischen Herrschaft mit der Nachricht überrascht wird, das Land habe die Hälfte seiner Einkünfte denjenigen überlassen, von denen er sie bisher einzutreiben pflegte, und auf die zweite Hälfte einen Teil jener Lasten geworfen, die bisher von anderen getragen wurden; daß die Freiherren Karpáthi nicht mehr weder Zehnten noch Rauchgeld erheben, ihre Felder nicht mehr durch Robot bestellen lassen, dafür aber mit dem Steuerzahlen sich bekannt machen; und da das größte Einkommen dieser Herrschaften in Urbarialleistungen besteht, so daß ein guter Teil derselben nur nominell Karpáthischer Grundbesitz ist, so frage ich, welche Aussichten hat dann wohl ein neuer Besitzer? – Nur, daß alles, was Sie da sagen, eine Unmöglichkeit ist. – Nichts ist unmöglich unter der Sonne. – Ach, mein Herr, Sie glauben mich mit Märchen abzufüttern. Über das sind wir hinaus, rief Abellino dazwischen, sich auf den Klugen hinausspielend. Auch ich habe meine fünf Sinne. Maßlaczky erhob sich mit verletztem Selbstgefühl von seinem Sitz; ohne ein Wort zu erwidern, band er die Akten schön zusammen, packte sie ein und wandte sich dann gegen Abellino. – Lieber Herr Baron, wie mir scheint, bin ich nicht so glücklich, Ihr Vertrauen zu besitzen. Dafür kann man nicht, Belieben Euer Gnaden sich einen anderen Advokaten zu nehmen; ich will meine Hand nicht mehr in diesem Prozesse haben. Hierauf schrie er ins andere Zimmer hinaus: Frater Bogozy, nehmen Sie dieses Paket und tragen Sie es zum Gerichtsarchivar. Euer Gnaden können die Akten dort herausbekommen. Tragen Sie Sorge für die Ernennung eines Advokaten. Abellino stand wie verblüfft, nicht wissend, was er thun solle. Maßlaczky würdigte ihn keines Blickes mehr. – Wer wartet draußen? frug er im Tone der Amtsbeflissenheit den Juraten. – Zwei Bauern vom Lande, war die Antwort. – Sollen herein kommen. Als Abellino sah, daß Maßlaczky nicht im geringsten mehr die Absicht zeigte, sich mit ihm zu beschäftigen, sondern die beiden nach Speck duftenden Landleute zu sich hereinrief, stülpte er den Hut auf den Kopf und entfernte sich zornig, die Thür hinter sich zuschlagend, so daß er dem alten Thomas beinahe die Finger zerquetscht hätte. Nachmittags war er dennoch neugierig zu erfahren, ob der Advokat wirklich seine Drohung ausgeführt habe und schlenderte zur Kurie hinauf. Auf seine Erkundigungen gab der Archivar die Auskunft, daß in der That Herr Maßlaczky die Prozeßakten: » Karpáthi contra Karpáthi « zurückgeschickt habe. 4. Das Linsengericht. Herr Maßlaczky konnte getrost sein Haupt mit dem Bewußtsein zu Bette legen, daß er seinen wankelmütigen Klienten ohnehin in Händen habe. Eines Abends war in den Sälen des Pester Nationalkasinos ein ungewöhnliches Drängen und Treiben bemerkbar; in den Lesekabinetten, in den Spielzimmern, im Billardsaal, und sonst überall, stieß man auf Gruppen von Männern, die einander nicht zu Wort kommen ließen und von Zeit zu Zeit drängte sich durch dieselben ein neu Angekommener, der einen Schweif von Neugierigen nach sich zog, welche in das Geheimnis der von, ihm mitgebrachten Neuigkeiten eingeweiht werden wollten. Was ist der Grund dieser Bewegung? Ist vielleicht der Bau eines Landtagshauses im Antrag und drängt man sich zur Subskription? Oder reißt man sich um Kettenbrückenaktien? Ist es vielleicht das Mathias-Corvinus-Monument, was die Gemüter so lebhaft beschäftigt, oder geht ein neues begeisterndes Gedicht Vörösmartys von Hand zu Hand? Hier kommt Herr Maßlaczky, von dem werden wir es sogleich erfahren. Der große Mann in Duodezformat ist vor Eifer ganz außer Atem und giebt nur mit der Hand durch Winken zu verstehen, daß er alles in Erfahrung gebracht. Man umringt ihn, man läßt ihn nicht mehr aus, er muß sagen, was er gebracht. – Ja, sie kommt, – morgen ist sie hier – ich selbst habe mit **y gesprochen. Sie wird im Gasthofe zum König von Ungarn absteigen, in den Zimmern Nr. 1, 2, 3. Sie wird dreimal singen. – Wer singt? Was wird gesungen? erscholl die fragende Stimme eines jetzt anlangenden Laien. – Wer? pfiff Maßlaczky im Fisteltone der Entrüstung, wer anders als die Carl! die göttliche Carl! die Königin der Nachtigallen, vor der alle Sirenen und Schwanengesänge und andere Gesangsberühmtheiten der klassischen Welt verstummen müssen. Sie kommt, sie wird auftreten, dreimal nacheinander. Es ist schon gewiß. Sie ist schon unterwegs. Ich habe mich beeilt, eine Loge für alle drei Abende zu nehmen. Wenn ich schon auf dem Sterbebette läge, ließe ich mich noch hineintragen. Die Begeisterung ist ansteckend; Herrn Maßlaczkys Worte riefen einen wahren Enthusiasmus hervor; kaum daß einige spleenhafte Schachspieler die verdrießliche Bemerkung machten, es sei doch sonderbar, daß der sonst für nichts sich interessierende trockene Advokat in eine solche poetische Ekstase geraten könne, und während er sich zu Hause kein Frühstück gönne, das Geld für teure Logen hinauswerfe. Die meisten fanden nichts Außerordentliches darin; der Zauber der Kunst setzt Steine und Bäume in Bewegung, warum sollte er nicht auch Herrn Maßlaczkys Herz rühren. Herr Maßlaczky gab der Gesellschaft keine Ruhe. Hunderterlei Motionen wurden von ihm gestellt: eine Empfangsdeputation am Landungsplatze der Dampfboote; mit Blumen geschmückte Zimmer; Ausspannen der Pferde aus dem Wagen und Vorspannung vernunftbegabter Rosse; Kränze, Ehrengeschenke und dergleichen mehr, was alles Unterstützung fand. Herr Maßlaczky ließ sich von niemand an Generosität überbieten. Nur eine trübselige Figur war unter so vielen Begeisterten zu erblicken, das war Abellino Karpáthi. Traurig schlich er in die verlassensten Gemächer und steckte den Kopf zum Fenster hinaus, um selbst nichts zu hören von dem, was um ihn gesprochen wurde. Ach, vor Jahren, wo er noch über Hunderttausende zu verfügen hatte, wäre er bei einer solchen Gelegenheit der Wortführer gewesen, jetzt aber muß er sich schweigsam verhalten: an seiner Seele zogen die Bilder einer schönen Vergangenheit geisterhaft vorüber: die Glanzperiode des Pariser Opernhauses, die Jahre seiner Herrschaft in der loge infernale , die prächtigen Abenteuer, als deren Helden man ihn in der Pariser Welt kannte, ihn, vor dem die Theaterfoyers, die Boudoirs der ersten Künstlerinnen nicht verschlossen waren, von dessen Geschmack und Luxus selbst die Zeitungen erzählten, dessen Meinung in der seinen Welt als Autorität galt und tonangebend war und der jetzt schweigen und sich zurückziehen muß, wo es sich darum handelt, eine reisende europäische Künstlerberühmtheit zu feiern; und das alles aus dem einfachen Grunde, weil er kein Geld hat. Ach, das war bitterer, als sich mit Worten beschreiben läßt. Nicht länger konnte er diese peinliche Situation ertragen, jeder Blick erschien ihm als ein gegen sein Herz gezielter Dolchstich; er mußte das Kasino verlassen; er stürzte von dannen wie ein angeschossenes Wild und rannte die ganze Donauzeile hinauf und hinab, zwei Stunden lang, von da nach Hause; er legte sich nieder und warf sich bis zum Morgen schlaflos im Bette herum: kaum kann er es erwarten, daß es tagt; dann nimmt er das Straßenpflaster unter seine Fußsohlen und klopft bei jedem ihm bekannten Wucherer und Geldmakler an, um ein Darlehen von nur hundert Gulden Konventionsmünze zu erhalten, nicht mehr als lumpige hundert Gulden; er verpfändet Leib und Seele, verschreibt tausend, zweitausend Gulden dafür, zu zahlen dann und dann. Alles umsonst. Von jedermann Geld bitten, heißt von niemand welches erhalten und zudem ist dem schlechten Schuldner irgend eine Fluchformel, eine Art Kainszeichen auf die Stirne gebrannt, das diese Geldleiher sogleich wahrnehmen. O, die Geldleiher sind große Psychologen. Abellino bekam nirgends Geld, bis zum späten Abend hatte er sich noch keine hundert Gulden verschaffen können. Er bat auch den Kurator der Karpáthischen Familie, ihm seine Taggelder vorauszuzahlen. Er that es nicht und blieb unerbittlich für sein Flehen und taub gegen seine Schwüre. O, das ist ein Cerberus! Verzagt, niedergeschlagen langte er abends im Kasino an. Er hatte zwar nicht hingehen wollen, aber seine Füße trugen ihn eben hin. Der arme Mensch, alle seine Glieder versagten ihm den Dienst. Im Kasino war heute die Begeisterung noch größer als gestern. Die Carl war schon angekommen; mehrere Notabilitäten, darunter auch Maßlaczky, hatten das Glück gehabt, ihr aufwarten zu dürfen; sie hatte ihnen eine Arie vorgesungen; jedermann war entzückt. Und Abellino konnte nicht dort sein, er mußte fehlen bei jeder Huldigung. Er sah auf dem Tisch den Subskriptionsbogen ausgebreitet und mußte die Kränkung erleben, daß seine Bekannten aus Schonung ihn nicht aufforderten, sich zu beteiligen, und ihm mitleidig auswichen. Welche ausgesuchte Höllenpein darin für ihn lag, vermag nur derjenige zu verstehen, der ihn durch und durch kennt. Hunger, Durst erleiden, im Gefängnis sitzen wäre ihm leichter angekommen als dies. Maßlaczky spielte auch jetzt den großen Herrn; sein Name prangte neben einer bedeutenden Summe unter den Unterschriften. Abellino verfolgte ihn den ganzen Abend hindurch mit seinen Blicken; als er ihn aufbrechen sah, ergriff auch er den Hut und eilte ihm nach. Er holte ihn aus der Treppe ein und redete ihn in verbindlichem Tone an: Guten Abend, werter Freund, lieber Herr Maßlaczky. – Ergebenster Diener, gnädiger Herr. – Bleiben Sie stehen, laufen Sie nur doch nicht davon! Sind Sie noch immer böse auf mich? – Ich? Ich habe keinen Grund böse zu sein. Im Gegenteil, Euer Gnaden besitzen an mir einen großen Verehrer. – Titulieren Sie mich nicht mit Euer Gnaden, Sie sind ein so wackerer Mann; jedermann kann stolz darauf sein, Sie zum Freunde zu haben. Nennen Sie mich Freund; nun sagen Sie mir »lieber Freund«. – Also, mein »lieber Herr und Freund«, kann ich Euer Gnaden in etwas dienlich sein? – Ja; aber gehen wir aus der Einfahrt, es zieht hier zu stark. Ich hätte eine sehr dringende Bitte an Sie, lieber Freund. Nach diesen Worten hängte er sich in den Advokaten ein und zog ihn mit sich fort. – Befehlen Sie über mich. – O, ich befehle nicht, ich bitte nur. Leihen Sie mir auf zwei Wochen hundert Gulden Konventionsmünze. Der Advokat blieb stehen und sah Abellino an mit jenem eigentümlichen Lächeln, wie ein unausstehlicheres wohl niemand noch zu sehen bekam, der in der unangenehmen Lage sich befand, mit sehr zweifelhaftem Erfolg jemand um Geld ansprechen zu müssen. – Ich soll Euer Gnaden hundert Gulden leihen? – Sie erweisen mir damit einen ungeheuren Dienst, Ich bin in der gräßlichsten Verlegenheit. Ich benötige das Geld dringend. Wenn Sie es mir verweigern, auf Ehre, so schieße ich mir eine Kugel durch den Kopf. – Wie können aber Euer Gnaden sich denken, daß ich Euer Gnaden etwas leihen werde? – Mon dieu ! Lassen Sie doch das ewige Gnaden weg, lieber Freund. Glauben Sie mir, daß ich es nicht über mich brächte, und wenn ich darüber Hungers sterben sollte, jemand um Geld zu bitten; nur zu Ihnen habe ich Vertrauen. War ich Ihnen nicht schon früher einmal Geld schuldig und habe es Ihnen ehrlich zurückgezahlt? – Nicht daß ich wüßte. Der liebe – Dings da (dies Wort wählte er als medius terminus zwischen »der liebe gnädige Herr« und »mein lieber Freund«) sind mir dritthalb Jahre meine siebzig Gulden schuldig geblieben, und ich konnte sie nur durch die Drohung zurückbekommen, daß ich früher in dem nur übertragenen Prozesse keine Feder anrühren, noch auch den Prozeß aus meinen Händen geben werde. – Da sehen Sie, sagte Abellino in sanftem Tone, als ob die vorgebrachte Thatsache zu seinen Gunsten lauten würde. – Ich sehe, ich sehe; aber diese Bürgschaft habe ich jetzt nicht mehr; Sie wissen, lieber hm, hm (hier erstickte er den Titel in einem Husten), daß ich den Prozeß nicht mehr in meinen Händen habe. – Und wenn ich ihn wieder zurückstelle, beeilte sich Abellino hastig ihm in die Rede zu fallen. – Danke unterthänigst, küsse die Hand, will nichts mehr damit zu thun haben; habe genug daran gehabt. Der Himmel bewahre jeden armen Rechtsanwalt davor, hochdero Prozeß führen zu müssen. – Bitte, mein Bester, sprechen wir nicht so laut hier auf der Gasse. Sagen Sie mir, was haben Sie gegen mich? Je unterthäniger Abellino wurde, um so hochmütiger trumpfte ihn Maßlaczky ab. – Eh, lieber – wissen das sehr wohl, warum soll ich es Ihnen von neuem auseinandersetzen? Lieber – bitte, nötigen Sie mir nicht andere Titulaturen auf, ich komme sonst aus dem Kontext. Es ist nicht möglich, mit Euer Gnaden auszukommen; Euer Gnaden erschöpfen auch eine Lammesgeduld, wie die meinige. Diese ewigen Skrupulositäten, diese unaufhörlichen Prävarikationen, diese täglichen Subsumtionen, diese sich immer erneuernden Extravaganzen wären imstande, auch einen Engel von Rechtsfreund zu disgustieren. Abellino verstand zwar von den aufgezählten lateinischen Sünden nicht eine einzige, versprach aber dennoch, daß er sich keine mehr zu schulden werde kommen lassen; nur die hundert Gulden möge er ihm geben und wenn es ihm beliebte, die Prozeßakten dafür in Pfand nehmen. – Ja, was soll ich denn damit anfangen, nachdem Euer Gnaden anderer Ansicht sind als ich? Auf jenem Wege kann ich nicht weiter gehen. – Also welche Ansicht soll ich denn zu der meinigen machen? Bitte, reden Sie. Soll ich eine Schrift von mir geben; wie nannten Sie es doch? – eine Cession? was? – nun, so reden Sie doch. Herr Maßlaczky zuckte mit den Achseln. – Das geht nicht so schnell. Ich habe nur aus eigenem Kopf das Anerbieten gestellt. Es ist noch sehr die Frage, ob der gnädige Herr Köcserepy darauf eingeht. Ich weiß nicht einmal, ob Köcserepys jetzt in der Stadt, ob sie nicht draußen in ihrer Villa sind. – O, ich weiß gewiß, daß sie hier sind. Kommen Sie, gehen wir zusammen hin. Ich werde unter dem Thore auf Sie warten. – Wo denken Euer Gnaden hin? ich kann doch nicht in bunter Weste und im Gehrock erscheinen in einem so vornehmen Hause; gar abends. Man würde glauben, ich dränge mich auf. Es giebt Anstandsregeln, über die man sich nicht hinwegsetzen darf. – Abellino mußte es hinabschlucken, daß ihn, den ausgedienten Modehelden, ein Fiskal auf die Regeln des Anstandes aufmerksam machte. – Also wann? drang er ängstlich in ihn. Herr Maßlaczky dachte nach. – Morgen von zehn bis zwölf Uhr ist Sitzung; um halb eins kommt der gnädige Herr nach Hause; bis halb drei kann ich informieren. Belieben Sie Punkt drei Uhr sich bei mir einzufinden; ich werde zu Hause sein. Ich hoffe, mit gutem Erfolg. – Bitte, persuadieren Sie ihn! flehte Abellino. – Ich werde mir Mühe geben, sagte Maßlaczky in so stolzem Tone, wie einer, der überzeugt ist, jemand eine große Wohlthat zu erweisen. Abellino begleitete den wackern Mann bis zu seinem Hause, drückte ihm beim Abschied noch die Hände und band ihm auf die Seele, wenn er kommen werde, die Sessionsurkunde schon bereit zu halten, damit er nur zu unterschreiben brauche. In der Bedrängnis des Augenblicks betrieb er nun selbst, was er vor einigen Tagen zurückgewiesen hatte. O, Herr Maßlaczky hatte voraus gewußt, daß es so kommen werde, er kannte seinen Mann. Der Advokat muß Psycholog sein. Bei Herrn Maßlaczky war um diese Stunde niemand mehr in der Wohnung. Der alte Husar ist wahrscheinlich schon heimgegangen nach Ofen, von wo er täglich herüberkommt; Frater Bogozy hat gewiß neue Kollegen gefunden, denen er bei der interessanten Ceremonie des Jagdbechers Assistenz leistet, der Herr Fiskal ist ganz allein in allen drei Zimmern. Den unter ihm Wohnenden scheint es trotzdem, als ob in allen drei Zimmern eine Menge Menschen bis zur Mitternacht auf und ab gingen; es ist aber nur Herr Maßlaczky, der dort auf und ab geht, vor sich hinlächelnd und sich vergnügt die Hände reibend; seine gute Laune fing zuletzt soweit auszuarten an, daß er zu singen versuchte, in jenem menschenmörderischen Diskant, der selbst den sanftesten Menschen aus seinem Gleichmut zu bringen vermag. Was er sang, war nicht zu erkennen, so falsch sang er und so sehr war die ursprüngliche Melodie verwischt; das Merkwürdige bei der Sache war auch nicht wie, sondern daß er überhaupt sang, ähnlich wie bei den Löwen der Kreuzbergschen Menagerie, an dem man bewunderte, daß er das Wort: Mama! hervorbrachte – nicht schön, aber genug, daß er es aussprach. Die im Hause Wohnenden, welche über den gespenstischen Gesang aus ihren Träumen erwachten und sich die Decke über die Ohren zogen, mochten denken: »Heut geht etwas Großes mit Herrn Maßlaczky vor, denn er singt wieder! Alle guten Geister loben den Herrn ihren Meister.« Der Herr Fiskal schrieb aber an jenem Abend einen Brief an Herrn Köcserepy. Im Briefe stand nicht mehr als: »Geehrter lieber Herr und Freund. Consummatum est . (Es ist vollbracht.) Morgen gegen Abend werde ich so frei sein, meine Aufwartung zu machen. Pest u. s. w. Dero ergebener Diener Gabriel Maßlaczky m. p.« Der Titel auf der Adresse nahm mehr Raum ein, als der Inhalt des ganzen Briefes. Er ging auch nicht um Mittag zum Herrn Rat, sondern schickte ihm früh morgens, noch vor Anfang der Sitzung, durch Bogozy das Schreiben hinüber, welcher die Antwort zurückbrachte, er werde willkommen sein. Wie wir bald sehen werden, hatten die beiden die Sache längst unter sich verabredet und mit vereinten Kräften und im schönsten Einverständnis an der Realisierung ihrer Lieblingsidee gearbeitet. Als es nachmittags 3 Uhr schlug, lautete Abellino schon an der Thüre und trat mit klopfendem Herzen zu Maßlaczky ins Zimmer, zwischen Furcht und Hoffnung die Frage hineinrufend: »Nun, Heu oder Stroh?« Der Fiskal machte peinliche Umschweife, bis er zur Sache kam; erst nötigte er ihn, sich zu setzen, dann suchte er nach allerlei Schriften herum, hierauf begann er eine lange Auseinandersetzung, in welcher der ungeduldige Klient anzuhören bekam, wieviel Mühe und Überredung es gekostet habe, den Herrn Rat zu gewinnen, der ein sehr edler Mensch sei, der nichts für sich selbst zu thun Pflege; anfangs wollte er auch nichts von dem Anerbieten hören, später jedoch ließ er sich herbei, darauf einzugehen, aber nur so, daß er dies Opfer lediglich zum Besten Abellinos bringe und die Karpáthischen Güter nur als eine Art Fideikommiß übernehme, dessen sämtliche Reinerträgnisse er an Abellino abzuführen habe. Ihm (dem Advokaten) sei es jedoch vorteilhafter erschienen, statt dessen sich eine bestimmte runde Summe auszubedingen, da zu befürchten wäre, daß bei der übertriebenen Gewissenhaftigkeit Köcserepys in der Abtragung der alten Schulden nicht so viel übrig bleiben würde; es sei daher viel gescheiter, sich mit den vierundzwanzigtausend Gulden, welche proponiert werden, einverstanden zu erklären! nicht wahr? Das macht täglich beinahe siebzig Gulden. Das ist immerhin schon ein hübsches Geld. Abellino hörte ihn unter großen Qualen und unruhig auf seinem Stuhl hin und her rutschend bis zu Ende an. Manches verstand er, manches nicht; soviel aber ist gewiß, daß er nichts davon im Kopfe behielt. Er hätte am liebsten gesagt: gieb mir nur die hundert Gulden und thue dann, was du willst. Herr Maßlaczky legte ihm endlich die fertige Sessionsurkunde vor und ersuchte ihn, er möchte so gut sein, sie durchzulesen. Abellino erschrak vor den vielen Buchstaben. Er sah, daß die vierundzwanzigtausend Gulden dort standen, das übrige kümmerte ihn nicht. Er fragte, wohin er seinen Namen zu setzen habe, spritzte ein paarmal die Feder aus und kritzelte seine Unterschrift hin, bei welcher Gelegenheit er lernte, daß man das Siegel nicht hinten, sondern vorn beidrücken müsse. Frater Bogozy und Herr Maßlaczky koramisierten die Urkunde und schütteten soviel Streusand darauf, als sie anzunehmen vermochte. Herr Maßlaczky gab dafür dem Frater Bogozy einen Gulden, was Abellino veranlaßte, ihm gleichfalls einen Dukaten zu geben, den er heute Morgen vom Familienkurator als sein Taggeld erhalten hatte. Nun erst drückte Herr Maßlaczky ihn, die bereitgehaltenen, in ein Päckchen schön zusammengebundenen hundert Gulden in die Hand und ließ nicht einmal zu, daß er eine Schrift darüber ausstelle. Er sei überzeugt, der liebe gnädige Herr werde, sobald er bei Geld sein werde , ihn nicht vergessen. Abellino kannte keinen großherzigeren Menschen, als Herrn Maßlaczky. Wenig fehlte, daß er ihn geküßt hätte. Er sträubte sich dagegen, sich bis ins Vorzimmer begleiten zu lassen; er finde schon selbst die Thüre. Diese hundert Gulden machten ihn wieder so glücklich; schon lange hatte er nicht soviel Geld beisammen gehabt; alle Teufelchen erwachten wieder in ihm bei dem Seidengeflüster dieses weichen Banknotenbündels. Er fing an, stolz und hoffärtig einherzusteigen, ohne seine gichtbrüchigen Beine mit dem Rohrstock zu stützen. Auf der Treppe begegnete er einer schönen rot- und pausbackigen Dienstmagd, er sprach sie an, knipp ihr in die Wangen und – drückte ihr das ganze Banknotenpäckchen in die Hand, so wie er es von Herrn Maßlaczky übernommen hatte. Zu seinem Glück warf das kleine Bauernmädchen ihm das Geld vor die Füße und lief davon, sonst hätte er sogleich wieder umkehren und Herrn Maßlaczky um andere hundert Gulden bitten können. So verkaufte Esau sein Erstgeburtsrecht für ein Gericht Linsen. 5. Eine Philosophin. Die Frau Rätin Köcserepy gilt in der Welt für eine hohe geistige Autorität und nicht mit Unrecht. Schon als Kind pflegte man sie als ein Muster guter Aufführung andern Kindern vorzuhalten. Als sie zur Jungfrau herangewachsen war, machte sie ihren Eintritt in die Gesellschaft mit soviel Zurückhaltung und Vorsicht, daß sie auch jeden Schein eines Vorwurfs vermied. Andere junge Mädchen lassen sich von ihren Leidenschaften hinreißen; sie nahm den Verstand zum Führer, und in dem Alter, wo man sonst ganz Gefühl, Glut, Schwärmerei ist, beobachtete und überlegte sie; die jungen Anbeter, welche eine neue Schönheit umschwärmen, fühlten sich unbehaglich in ihrer Nähe. Sie tändelte und unterhielt sich nicht mit ihnen, sie beurteilte sie. Sie hatte auch nie ein Liebesverhältnis mit irgend jemand. Diese Behauptung ist nicht übertrieben. Das Herz schlägt in jeder Brust gleich, und es giebt im Leben eine glückliche Zeit, wo jeder Herzschlag uns sagt: du sollst lieben. Ein oder das andere sympathische Gesicht, das uns im Leben begegnet, prägt sein Bild in das weiche Wachs des sehnsüchtigen Verlangens und bleibt darin, bis es durch einen neuen Eindruck verwischt wird, oder auch für immer; wir kennen nur Lichtseiten an dem geliebten Gegenstand, seine Fehler finden Nachsicht in unseren Augen; für ihn dulden und leiden wir, erfahren wir Täuschungen und glauben und lieben doch, und diese Leiden und Enttäuschungen, dieser Glaube und diese Liebe ist – Jugendthorheit . Eveline glaubte nie und litt nie. Ihren stets forschenden Augen konnten sich auch die geheimsten Falten des menschlichen Herzens nicht entziehen. Auch sie hatte ihr geistiges Ideal, von dem sie aber eine solche Vollkommenheit, eine solche Seelengröße verlangte, daß kein irdisches Wesen ihm zu entsprechen vermochte. Auch in ihrem Herzen hatten die Augen und Worte eines und des andern jungen Mannes eine Flamme angefacht, aber sie durchschaute bald seine Unvollkommenheit, fand Schwächen und Fehler an ihm und wußte sich jedesmal zurückzuziehen, bevor noch die Neigung Zeit gehabt hatte, in Leidenschaft überzugehen. Und das ist – Weisheit . Guter Gott! wie unglücklich wären wir Männer, wenn die Frauen weise sein wollten. Ist doch jeder unserer Schritte, jeder unserer Gedanken voll von Untugenden; was würde aus uns werden, wenn wir statt des nachsichtigen Engels der Liebe richtende Strenge fänden. Eveline verheiratete sich in ihrem achtzehnten Jahre. Sie reichte ihre Hand einem bejahrten Manne, der den höheren Ständen angehörte. Ihr Gatte war schon über das Alter hinaus, in dem man leichtsinnigen Jugendstreichen ausgesetzt ist, es war ein ernster, rechtschaffener, angesehener Mann. Das junge Mädchen hatten keine tyrannischen Eltern zu diesem Schritte gezwungen, keine verwandtschaftlichen Intriguen, kein Druck äußerer Umstände hatten diese Verbindung herbeigeführt; sie selber hatte vielmehr ganz aus eigenem Antriebe das Acquit dazu gegeben, daß der wackere Mann um ihre Hand anhielt. Sie hatte vor Leuten, von denen sie wußte, daß sie es ihm wiedersagen würden, seine guten Eigenschaften so sehr herausgestrichen, daß der gute Mann ihr endlich die Frage vorlegte, ob sie nicht geneigt wäre, sich zur Gebieterin dieser Eigenschaften zu machen. Eveline sagte ja. Und doch war ihr Gatte nicht einmal reicher als sie. Sie lebte mit ihm etwa sechs Jahre. Nie hörte sie jemand klagen, sie behauptete im Gegenteil, sehr glücklich zu sein. Sie erging sich vor jedermann in Lobeserhebungen über ihren Gemahl; es war ermüdend, sie anzuhören, soviel wußte sie zu erzählen von dem edeln Charakter des wackern Mannes, seinem ausgezeichneten Verstand, seiner Biederkeit seiner lauteren christlichen Gesinnung; mehr als ein jugendlicher Anbeter, der sich von der seltenen Schönheit der Excellenzfrau verleiten ließ, auf Kosten des bejahrten Ehemanns sich Hoffnung zu machen, gab enttäuscht und abgekühlt seine Bewerbung um das reizende Weib auf, das imstande war, einen verliebten Menschen mit den Tugenden ihres Gatten tot zu reden. Jedermann gab ihr das Lob einer tugendhaften, exemplarischen Frau, aber man fürchtete sich vor ihr, wie man sich vor dem Eis fürchtet. In den letzten Jahren war ihr Mann beständig krank. Eveline nahm von da an an keinen öffentlichen Unterhaltungen teil, verkehrte nur mit ihren Anverwandten und war das Muster weiblicher Geduld. Sie selbst gestand, daß es nicht Liebe sei, was sie für ihren Gatten fühle, wohl aber Achtung, tiefgewurzelte Achtung. Die langwierige Krankheit ihres Mannes endigte mit dem Tod. Eveline beweinte ihn aufrichtig und hörte nie auf, sein Andenken in Ehren zu halten. Einige Jahre später lernte sie in den Bädern zu Mehadia Herrn Köcserepy kennen. Herr Köcserepy war damals noch um sechzehn Jahre jünger als jetzt und ein sehr schöner Mann. Eveline kam durch ein sehr einfaches Raisonnement zu der Überzeugung, daß Herr Köcserepy, wenn man seine bisherige Laufbahn zu Rate ziehe, ein sehr kluger Mann sein müsse. Wer sich durch sich selbst so hoch emporzuschwingen gewußt hat, kann nur ein Ideal der Vollkommenheit sein. Sie gestattete daher ihrem Herzen, dem ihr huldigenden Manne gegenüber Liebe zu fühlen. Es gelang ihr vollständig, ihm begreiflich zu machen, daß dies Gefühl sich in den Schranken einer besonnenen Liebe zu halten habe, die mit einer Heirat endigt. Ihren ersten Mann hatte der Verstand, den zweiten das Herz gewählt; – diese schone Sentenz prägte die ausgezeichnete Dame dem Gedächtnis ihrer Bewunderer ein. Eine sechzehnjährige Erfahrung begründete in ihr die unumstößliche Überzeugung, daß ihr Glück vollständig sei. Ihr zweiter Gatte hatte einen viel schärferen Verstand und war geistig viel begabter als der erste, von dem Herr Köcserepy jedoch immer in den Ausdrücken der größten Achtung spricht und dessen Grabmal er jedes Jahr an seinem Sterbetage in Begleitung seiner Gemahlin besucht und mit ihr an den Stufen des Monumentes betet. Dieser Zug von Pietät stellt die Gefühle des Herrn Köcserepy bei Evelinen in ein sehr schönes Licht. Noch einen andern Talisman besitzt Herr Köcserepy, um Eveline an sich zu fesseln. Über alles, was er vor hat, fragt er zuerst seine Frau um Rat; oft teilt er ihr selbst die verwickeltsten Angelegenheiten mit und wartet, bis Eveline ihr Urteil abgegeben hat. Er ist auch stets ganz ihrer Meinung, Die Ansichten seiner Frau stimmen regelmäßig mit den seinigen überein; er hatte sich dasselbe gedacht. Es mag wohl vorkommen, daß er in der Ausführung gerade im entgegengesetzten Sinne zu handeln genötigt ist, davon aber erfährt Eveline weiter nichts. Sie weiß und fühlt nur, daß ihr Gatte sie für die bessere Hälfte seines ichs halt, daß er ohne sie nichts in Erwägung zieht, daß sie Einfluß nehmen muß auf alle seine wichtigeren Entschließungen und daß ihre Einsicht, ihre Weisheit es ist, welche das Glück der Familie aufrecht erhält und deren Zukunft lenkt. Im zweiten Jahr ihrer Ehe gebar sie eine Tochter. Es war dies Wilma. Mehr Kinder bekamen sie auch nicht, sie blieb das einzige. Eltern, die nur ein Kind haben, sind sehr geneigt, es zu verziehen; das Übermaß der ungeteilten, auf den einzigen Sprößling sich konzentrierenden Liebe verwöhnt und verweichlicht Herz und Charakter. Eveline wußte das recht gut und hatte darnach schon ihren ganzen Erziehungsplan entworfen. Sie mußte auf ihrer Hut sein, um nicht in diesen gewöhnlichen Fehler übertriebener Zärtlichkeit zu verfallen. Der Vater vergötterte das Mädchen und wußte nicht seine Liebe vor ihm zu verbergen. Dem Vater mußte daher so wenig Einfluß als möglich auf das Kind gelassen werden. O, Eveline wußte sich schon besser zu beherrschen. Sie sah ihre Tochter nie allein, immer in Anwesenheit einer steifen Gesellschafterin, welche an jedem Schritt, jedem Wort der kleinen Wilma hofmeisterte, welche sie unterwies, daß man vor Mama und Papa nur vernünftig sprechen dürfe, und wie man schon als Kind seine natürlichen Neigungen vor andern zurückdrängen und sich die Denk- und Lebensweise der Erwachsenen angewöhnen müsse. Vor dem Kinde muß es sorgfältig geheim gehalten werden, daß seine Mutter es liebt. Auf Evelinens Gesicht durfte ihre Tochter nie jenen milden Ausdruck mütterlicher Zärtlichkeit gewahren, die, wenn das Kind sich derselben bewußt ist, so sehr imstande ist, sein Herz zu verderben. Eveline wußte aus Beispielen und philosophischen Theorien, daß ein liebevolles Benehmen der Eltern gegen die Kinder diese verzieht, und sie hatte sich Aussprüche weiser und gelehrter Männer aufgezeichnet, welche goldene Lebensregeln enthalten: »Wie die Süßigkeit des Zuckers die Zähne, so verdirbt die Schmeichelei der Mutter den Charakter des Kindes« – »wen die Hand der Eltern selten gezüchtigt, der wird um so häufiger die züchtigende Hand des Schicksals an sich erfahren« u. s. w. Demgemäß empfing Eveline ihre Tochter stets mit strenger, beobachtender Miene, nahm sogleich den kleinsten Fehler wahr, und rügte ihn mit übertriebener Strenge; sie erriet im voraus ihre verborgensten Gedanken, so daß die Kleine, so oft sie ihrer Mutter ansichtig wurde, beständig einen unerbittlichen, unnachsichtigen Richter vor sich zu haben glaubte. Von ihrem bloßen Anblick fühlte sie sich niedergedrückt und eingeschüchtert, konnte sie doch gewiß sein, daß sie jeden Augenblick irgend einen unverzeihlichen Fehler begehen werde, den sie selbst nicht kennt, von dem sie vielleicht nicht einmal eine Ahnung hat, den aber jene nicht zu vermeidenden Augen schon längst erblickt haben, und wegen dessen sie sich nicht zu entschuldigen vermag, O die Mutter muß ihr gewiß sehr zürnen ... Sie hätte sie so oft gern gefragt: »Mutter zürnest du?« aber sie wagte es nicht. – Das war das Erziehungssystem Evelinens. Abends, wenn alles schon zu Bette gegangen, jeder Lärm verstummt war, pflegte dann Eveline häufig die Kerze von ihrem Nachttisch zu nehmen und im Nachtgewande verstohlen, geräuschlos sich in das Zimmer ihrer Tochter zu schleichen. Die Kerze auf den Fußboden stellend, damit das Licht ihr nicht in die Augen scheine, setzte sie sich an den Rand des Bettes und betrachtete stundenlang die Züge des schlafenden Engels, rückte die Kissen zurecht und beugte sich im Weggehen über das Kind, um einen Kuß auf seine Wangen zu drücken. Manchmal geschah es, daß die Kleine darüber erwachte. Was sie dann vor sich sah, war aber nicht mehr die liebende Mutter, mit dem Ausdruck der Zärtlichkeit im Antlitz, mit der Thräne der Rührung im Auge; es war die aufmerksame, nie ruhende Wächterin, mit strengem Blicke, die auch des Nachts kommt, um zu erfahren, wie ihre Tochter sich aufführt, und auch da noch Fehler entdeckt und zu tadeln findet. Selbst die Nacht hat vor ihr keine Geheimnisse. Kinder pflegen kleine Wünsche, kindische Anliegen zu haben; ein kleiner Ausflug, eine Kindergesellschaft, ein hübscher Anzug, ein Lieblingsgericht reichen hin, sie glücklich zu machen. Zu dem Erziehungssystem Evelinens gehörte es, diese kleinen Wünsche zu brechen, zu unterdrücken. Der Charakter des Kindes gewöhne sich an Entsagung. Es lerne beizeiten, sich auf nichts voraus zu freuen. Seine Seele stähle sich an diesen kleinen Enttäuschungen für die größeren, mit denen das Schicksal in späteren Jahren es bald heimsuchen wird. Dies alles war mit weiser, philosophischer Konsequenz durchdacht und durchgeführt; Wilma erfuhr nie, daß ihre Eltern sie lieben; nur das wußte sie, daß sie von ihnen überwacht werde – wie eine Gefangene. Sie war das Kind ihrer Mutter, wie man zu sagen pflegt. Derselbe beobachtende, wachsame Geist, dieselben forschenden Augen, wie bei Evelinen. Ein ernsteres, verschlosseneres Kind konnte man nicht sehen. Da niemand gestattet war, ihr Liebe zu zeigen, verbarg auch sie ihre Liebe. Da man sie gelehrt hatte, daß gerade dasjenige am wenigsten in Erfüllung gehe, was man am heftigsten wünsche, suchte sie alle ihre Wunsche, alles, was ihr Freude machen würde, sorgfältig geheim zu halten; was ihr auszusprechen manchmal so wohl gethan haben würde, gerade das verschwieg sie und wußte ihre Gedanken, ihre innersten Empfindungen so gut hinter den kalten Zügen ihres bleichen Gesichtes zu verbergen, daß Evelinens Augen nie zu ihnen hindurchdrangen. Selbst wenn sie krank war, verheimlichte, verschwieg sie es; sie klagte nicht, ging, wohin man sie mitnahm, unterhielt sich, tanzte, wie ihr geheißen wurde. Jedermann war schon an ihre Blässe gewöhnt; man fragte sie nicht, ob ihr vielleicht etwas fehle, nur wenn nach Hause zurückgekehrt, ein gutmütiges Dienstmädchen, das auf das Erziehungssystem noch nicht dressiert war, beim Ankleiden zufällig die Bemerkung machte, wie doch dem Fräulein alle Glieder zittern, erwiderte Wilma, sie sei sehr müde, nur damit die Erzieherin nicht erfahre, daß sie krank sei. Wenn sie dies eingestand, dann mußte sie schon lange gelitten haben und war nicht mehr imstande, ihre Glieder zu rühren. Deshalb schwebte sie oft momentan zwischen Leben und Tod, das ganze Haus war dann in Verzweiflung gestürzt, aber die Töne dieser Verzweiflung drangen nie zu ihr. Die Rätin weinte und betete ganze Nachte hindurch, aber selbst dann bekam Wilma nichts anderes an ihr zu sehen, als die strenge Wärterin, welche pünktlich jede Stunde an ihrem Bette erscheint, um ihr diese widerlichen Arzneien einzugeben und sich zu erkundigen, ob sie alles beobachtet, was der Arzt vorgeschrieben. * * * Maßlaczky fand sich um eine halbe Stunde früher ein, als der Herr Rat aus der Sitzung nach Hause zu kommen pflegte. Er hatte sich absichtlich beeilt. Er war nach der neuesten Mode gekleidet, alles so knapp anliegend, so ausgezirkelt, als wäre er zur Strafe in diese Kleider hineingezwängt. Im Vorzimmer erfuhr er von dem Kammerdiener, daß der gnädige Herr noch nicht zu Hause sei; er wünschte der gnädigen Frau aufwarten zu dürfen und erhielt die Antwort, er sei willkommen. Eveline sah den Fiskal gern. Mit ihm konnte man disputieren. Leute, wie Mitzislaw, die sich beeilten, auf alles ja zu sagen, waren ihr unausstehlich; auch mit Baron Berzy konnte sie sich nicht recht unterhalten. Dieser pflegte die schönsten logischen Ketten, die verwickeltsten gordischen Knoten mit irgend einem drastischen Witz, einem bizarren Sophisma zu zerreißen oder sein eigentümlicher unsteter Gedankengang führte ihn soweit von dem Ausgangspunkte des ursprünglichen Themas ab, daß Eveline selbst ihn nicht wieder aufzufinden vermochte. Maßlaczky dagegen war ganz ihr Mann, Denn einen Gedanken, den er einmal zwischen seinen Zähnen erfaßt hatte, ließ er nicht mehr los, bis er ihn nicht verschlungen hatte. Jahrelang stritten sie über eine philosophische Frage, sich gegen seitig ermüdend, aber keines vom andern besiegt und bei jedem neuen Zusammentreffen führten sie neue Gründe und Argumente ins Treffen. Schade, daß diese schönen Disputationen für die Welt verloren sind, denn jenes Tagebuch, in welchem die gnädige Frau sie eigenhändig aufgezeichnet hat, ist leider später von ihr selbst vernichtet worden. Die gnädige Frau empfing Herrn Maßlaczky im Klaviersalon, im Vorsaale hörte er noch die Klänge einer Phantasie, welche wahrscheinlich die Finger Wilmas den Saiten entlockt hatten, denn Eveline hatte nie Neigung zur Musik gehabt und es deshalb auch nicht weit darin gebracht, als er jedoch an die Thür klopfte, verstummte plötzlich die Musik und als er eintrat, sah er nur noch in der gegenüberliegenden Thür den Saum eines weißen Gewandes verschwinden, und wurde im Saale von Evelinen allein empfangen. Herr Maßlaczky machte sein Entree mit zwei graziösen Verbeugungen. Seine ganze Gestalt, welche sonst so steif war, als hätte er einen Ladestock geschluckt, war in solchen Momenten ganz Geschmeidigkeit, und es schien ihm besonders angenehm zu sein, daß im Saale soviel Spiegel sich befanden, in denen er selbstgefällig seine Bewegungen studieren konnte. Die Frau Rätin ließ Maßlaczky sich gegenüber Platz nehmen und legte ein Buch, das sie in Händen hielt, neben sich hin. Es war irgend ein metaphysisches Werk. Es giebt nichts Peinlicheres, als bei einem derartigen Besuche die Einleitungen zu einem Gespräche, in dem beide Teile einander nichts zu sagen haben. Maßlaczky eröffnete die Konversation: ich bedauere sehr, Fräulein Wilma in ihrem Vergnügen gestört zu haben. – O bitte, sie ist noch ein Kind, bei dem von der Störung eines Vergnügens noch nicht die Rede sein darf. – Dagegen muß ich protestieren, meine Gnädigste. Fräulein Wilma ist ganz und gar das würdige Ebenbild der Reize ihrer Mutter. Es ist mir schon oft begegnet, das gnädige Fräulein mit Euer Gnaden zu verwechseln. Kein Wunder, ist es doch derselbe majestätische Ernst in den Zügen, derselbe königliche Wuchs, dasselbe bezaubernde Auge. Ich sah noch kein Kind, das seiner Mutter so ähnlich gewesen wäre, wie Fräulein Wilma. – Gebe der Himmel, daß ihr Glück auch dem meinigen gleichkomme, sagte salbungsvoll die Rätin, welche diese Schmeicheleien mehr auf die Tochter, als auf sich selbst bezog. – O, dies Glück haben Euer Gnaden nicht nur verdient, Sie haben es sich selbst geschaffen. – Sie sind im Irrtum; der Himmel hat mir seine besondere Gnade angedeihen lassen. Meine beiden Gatten waren die edelsten Männer, wie unter Tausenden nur einer zu finden; und ich war so glücklich, zweimal auf den einen zu treffen. Herr Maßlaczky, welcher dies »einer unter Tausenden«-Lob nicht unerwidert lassen wollte und anderseits sich vor der Unerschöpflichkeit der Lobeserhebungen fürchtete, beeilte sich, ihr das Wort abzuschneiden. – Ich aber behaupte im Gegenteil, daß ein guter Mann das Werk einer guten Frau ist, und daß eine Frau, die mit ihrem Manne glücklich ist, sich dies Glück selbst zu verdanken hat. Einen solchen Fundamentalsatz unvorsichtig aussprechen, war ebensoviel, als der Rätin für Jahre hinaus Stoff zu einer Debatte liefern. – Mein Herr, Sie fassen das Leben nicht richtig auf. Die Frau gebietet nicht über ihr Los; als Kind, als Mädchen, als Gattin ist sie stets einem fremden Willen unterworfen, ja ihr ganzes Leben hindurch steht sie in passiver Abhängigkeit von anderen, auf die sie häufig kaum einen andern Einfluß ausübt, als den der Mitleidenschaft. Der Mann wird durch die Welt und durch sich selbst das, was er ist; die Frau wird von Eltern, Geschwistern und von ihrem Gatten dazu erzogen. Und das ist so in der Ordnung und ganz psychologisch. Eine Frau, welche die Welt erzieht, wird in der Regel schlecht und eine Frau, die sich selbst erzieht, wird schwerlich glücklich, denn das Glück der Frau besteht in ihrer Abhängigkeit und in dem Bewußtsein, daß stärkere Wesen als sie, sich ihrer annehmen, sie beschützen und lieben, denn sie ist schwach. Mit Ihrer Erlaubnis sei es daher gesagt: wenn eine Frau mit ihrem Lose zufrieden, so ist das ein Glück, aber nicht ihr Verdienst. Das Verdienst davon gebührt dem Manne. Herr Maßlaczky ließ die Rätin ausreden, was uns auf die Vermutung bringt, daß er etwas anderes im Kopfe führt und nur auf ein Stichwort lauert, an welches er seine Idee anknüpfen könne. Mit plötzlich aufwallender Begeisterung ergriff er die Gelegenheit – Glücklich fürwahr der Mann, der ein Wesen sein eigen nennen kann, das so erhabene Grundsätze im Busen trägt. Ein solches Wesen wäre mein Ideal. Schade nur, daß sie im Leben so selten anzutreffen sind. – O, mein Herr, man muß sie nur suchen, sagte die Rätin wohlwollend, ihr Männer wartet aber, daß das Geschick an euch herankomme, das selbst zu schaffen in eurer Macht stünde. Herr Maßlaczky richtete sich bei diesen Worten auf, wie einer, der etwas Großes auszusprechen im Schilde führt. – Gnädige Frau! Wenn Sie das Geschick kennten, das mich bisher verfolgte, so würden Sie einsehen, daß mein ganzes Leben darin bestand, meinem Fatum auszuweichen, nicht es aufsuchen; ich lebte eine freudenlose Kindheit, eine Jugend voller Enttäuschungen und als Mann legte sich eine starre Kruste um mein Herz. Aber auch hinter diesen kalten Zügen birgt sich eine fühlende Seele: doch was rede ich von meiner Wenigkeit »Er ward geboren, starb und war unglücklich« – das wird meine Grabschrift sein. Es liegt in der Natur der Frauen, auch wenn sie Philosophinnen sind, Trauernde und Leidende aufzurichten. – Und Sie hätten nie das Bild Ihrer Träume gefunden? – Als ich noch hoffen durfte, fand ich es nicht und als ich es gefunden hatte, durfte ich nicht mehr hoffen. Solche vieldeutige Reden waren sehr nach dem Geschmacke der Frau von Köcserepy, denn sie forderten den zergliedernden Scharfsinn heraus. Sie heftete ihre beobachtenden, forschenden Augen auf das Gesicht des Advokaten und suchte in seiner Seele zu lesen. – Sie haben keine Ursache, zu verzagen; wer eine starke Leidenschaft in sich trägt, dem leiht auch die Leidenschaft Kraft und ein hohes Ziel hebt uns empor und hilft uns kämpfen. Sie sind noch jung genug. Herr Maßlaczky wurde rot bis über die Ohren. Er wußte nicht, ob die gnädige Frau scherze oder ihn verspotte. Evelinens ruhiger, unbefangener Blick überzeugte ihn jedoch, daß sie seine Jugend nicht als Spott gemeint hatte, denn wenn sie auch imstande ist, einem bis ins Herz zu sehen, so sieht sie doch nicht durch die Perücke. – Nein, gnädige Frau, erwiderte er mit edler Resignation; ich bin nicht mehr jung; nicht die Jahre, die Prüfungen des Schicksals haben meine Stirne gefurcht; man hält mich für kalt, für gefühllos – ich sehe so aus. Wie es in meinem Innern aussieht, wer weiß etwas davon? Das ist mein Geheimnis, das mit mir zu Grabe geht. Die letzten Worte brachte der Fiskal in so tragischem Tone vor, daß die Rätin, nun selbst verwirrt, ihn verlegen ansah und nicht wußte, was sie sagen solle. – Verzeihung, meine Gnädige, sagte Herr Maßlacky nach einer feierlichen Pause, die mehrere Minuten dauerte, daß ich gewagt, mit solchen Worten Ihr Ohr zu belästigen. Es soll das erste und letzte Mal gewesen sein, daß ein solches Wort über meine Lippen kam und außer Euer Gnaden hat es noch niemand vernommen. Ich bitte daher nochmals um Verzeihung. Die Reihe war jetzt an Evelinen, verlegen zu werden und zu erröten. Ein Gedanke stieg in ihrer Seele auf. Ach! Der arme Mensch! Zum Glück rollte jetzt der Wagen des Herrn Rates durch die Einfahrt, und dies machte der peinlichen Situation ein Ende. Maßlaczky schob seinen Stuhl zurück und nahm, dessen Lehne mit edler Resignation erfassend, Abschied von der trefflichen Dame. – Ich empfehle mich zu Gnaden, Ich wage zu hoffen, daß gnädige Frau mit meinen heiligsten Gefühlen nicht Spott treiben werden. Diese Worte waren mit solcher Beklemmung gestammelt, daß die Frau Rätin zu fürchten begann, Herr Maßlaczky werde in Weinen ausbrechen, und beeilte sich, ihm ihre Hand zu reichen, nur damit er nicht weine; Herr Maßlacky drückte einen glühenden, bebenden, vielsagenden Kuß auf die dargereichte weiße Hand, ergriff seinen Hut und stürzte dann zur Thür hinaus, wie ein verrückter Theaterheld, der nach Amerika geht, um nicht wiederzukehren. Die Rätin sah ihm verwundert nach. Ihre scharfen Augen hatten mit einem Blick ihm bis auf den Grund des Herzens gesehen. Armer, armer Mann! * * * Herr von Köcserepy kam Herrn Maßlaczky in der Begrüßung zuvor, ihm aus dem äußersten Winkel des großen Saales entgegenrufend: Ergebenster Diener, lieber Freund, Gott zum Gruß! Ich heiße Sie willkommen. Damit eilten sie aufeinander zu und schüttelten sich die Hände, als ob sie seit Jahren sich nicht gesehen hätten; sie fragten einander, wie sie sich zu befinden geruhen , als ob bei großen Herren das Befinden nur von ihrem Geruhen abhinge; die Gesichter beider Männer strahlten von Freundlichkeit und es entspann sich ein edler Wetteifer unter ihnen, beim Auf- und Abgehen im Saale dem andern die rechte Seite zu überlassen. – Unsere Angelegenheit ist halb gewonnen, sagte Herr Maßlaczky, zur Tagesordnung übergehend, und damit zog er die unterfertigte Cessionsurkunde aus der Brusttasche seines Fracks hervor und legte sie auf den Tisch; Herr Köcserepy nahm die goldene Brille hervor und nickte beim Durchlesen der Schrift wiederholt beifällig mit dem Kopf, während Herr Maßlaczky mit wohlgefälligem Lächeln die Wirkung des Dokumentes auf dem Gesichte des Herrn Rates beobachtete. – Nun? wie? ist's so recht? – Alles in schönster Ordnung, sagte Herr Köcserepy, indem er die Hand auf die Schulter seines Freundes legte; das übrige muß nun Ihr Werk sein. – Ich schmeichle mir damit, daß ich es zu Ende führen werde: ich werde Sie zum Grundherrn der Karpáthischen Güter machen. Herr Köcserepy konnte nicht anders, er mußte hierauf mit einem warmen Händedrucke antworten, was wiederum Herrn Maßlaczky Veranlassung gab, ihm um den Hals zu fallen und ihn zu umarmen; denn Maßlaczky ist ein sehr gefühlvoller Mensch, wenn es ihm in den Kram paßt. Er mußte sich die Augen trocknen. – Wieviel Jahre sind es schon, verehrter Freund, daß wir uns kennen? fragte er den Rat mit gerührter Stimme. – Sechzehn Jahre, antwortete dieser ebenso gerührt. – Und ist unsere alte, sechzehnjährige Freundschaft auch nur ein einziges Mal durch eine bittere Stunde getrübt worden? – Nie! erwiderte der Herr Rat, der geneigt war, Herrn Maßlaczky zuliebe alle jenen bittern Stunden zu vergessen, welche diesem ein und das andere ungünstige Urteil verursacht hatte. Herr Maßlaczky war nun einmal darin in seiner erhabenen Stimmung. – Ich hoffe, diese unverbrüchliche Freundschaft wird durch diesen Prozeß, der mein Stolz, mit einem ewigen, heiligen Bande festgekittet werden, das nichts mehr zu zerreißen vermag. – Nichts, nichts! beeilte sich der Herr Rat mit einem neuen Händedrucke zu bekräftigen. – Seien Sie überzeugt, teuerster Herr und Freund! drang Maßlaczky weiter in ihn, daß meine Bemühungen keine andere Triebfeder haben, als die grenzenlose Verehrung – warum soll ich nicht sage: Liebe , die ich für Ihre teure Person und Ihre teure Familie hege. – O, ich bin dessen gewiß. – Nur ein Gedanke ist imstande, mir Kraft zur Arbeit zu leihen, nur ein Lohn kann mich begeistern zur Ausführung eines Werkes, das ich mir sonst nicht um alle Schätze der Welt aufgeladen hätte: die Liebe meines verehrten Freundes und die Achtung der Seinigen mir damit zu verdienen. Herr Maßlaczky war hier wiederum nahe daran, in Weinen auszubrechen, was zu verhindern Herrn Köcserepy einen unverhältnismäßigen Aufwand von Lachen und Händedrücken kostete. – Ich versichere Sie des vollsten Maßes unserer aufrichtigsten, entschiedensten Hochachtung. – Das ist mir Lohn genug, rief der Advokat, sich die Augen trocknend. Es ist wahr, Abellino Karpáthi hat mir fünfmalhunderttausend Gulden Konventionsmünze verschrieben, wenn ich ihm den Prozeß gewinne Ich – verzichte auf diese Summe zu gunsten meines teuren Freundes. Ich brauche sie nicht, mir genügt es, seine und seiner Familie Achtung zu besitzen. Das ist mir Lohn genug. – Aber, verehrtester Freund, wo denken Sie hin? Das kann ich nicht annehmen. Nicht um die Welt! Ich bitte Sie vielmehr, von mir zu verlangen, was Sie wollen. Was Sie wollen, sage ich, und es wird für mich keine angenehmere Pflicht geben, als Ihren Wunsch zu erfüllen. – Bester, verehrter Freund, sagte Herr Maßlaczky, wie einer, der etwas Großes im Schilde führt, Sie nötigen mich, auszusprechen, was mir auf dem Herzen ruht. Ich spreche es aus. Ja, es giebt einen tiefsten Wunsch meiner Seele, dessen Erfüllung nur von Ihnen abhängt; ich hätte ihn mit mir ins Grab genommen, Sie aber nötigen mich, ihn auszusprechen: – beglücken Sie mich – mit der Hand Ihrer Tochter! Köcserepy übertraf in diesem Augenblicke sich selbst. Kein Zug in seinem Gesicht, nicht die leiseste Bewegung verriet an ihm Überraschung, Zorn, Staunen oder sonst eine plötzliche Gemütserregung, zu der ihn der Antrag vollkommen berechtigt hätte. Er nahm ihn mit dem heitersten Gesicht auf, als wäre er schon seit Wochen auf denselben vorbereitet gewesen und hätte ihn bereits von allen Seiten überlegt. Nicht hastig, aber entschieden reichte er dem Advokaten die Hand und sprach dann in bewegtem Tone aufrichtiger Empfindung: Sie haben mir aus dem Herzen gesprochen! – und dann, gleichsam überwältigt von dem Strom seiner Gefühle, wandte er sich dem Fenster zu und blickte lange Zeit hinaus; hierauf trat er wieder vor den Fiskal und drückte ihm stumm die Hände, als Zeichen seiner innersten Zustimmung. Die Augen Maßlaczkys leuchteten wie die eines Menschen, dem ein günstiges Urteil vorgelesen wird. Er hielt es für überflüssig, diese bedeutungsvolle stumme Pause durch Fragen zu unterbrechen; er rückte nur seinen Anzug zurecht und hielt triumphierend den Kopf in die Höhe, bemüht, mit dem Ausdrucke des Stolzes das Mienenspiel obligater Bescheidenheit zu paaren. – Ich habe oft darüber nachgedacht – begann endlich der Herr Rat – welches Los wohl meine einzige Tochter erwarte. Wird ihr einstiger Gatte sie so lieben, wie sie es verdient? Wird sich ein Mann finden, der ihrer würdig ist? Das nachlässige, rücksichtslose Benehmen der heutigen Jugend kann mit Recht das Herz eines in die Zukunft blickenden Vaters mit Besorgnissen erfüllen. Ich muß aufrichtig gestehen, daß mitten in meinen Sorgen das Bild eines wackern Mannes mir oft in der Seele aufgetaucht ist, und daß mir unter meinen Bekannten ein Mann von reifem Verstande, gewiegter Erfahrung und festem, solidem Charakter einfiel, der mir völlige Beruhigung einflößen würde und an dessen Seite ich meine Wilma glücklich wüßte – und dieser Mann sind Sie, mein teuerer Maßlaczky. – O bitte! unterbrach ihn Herr Maßlaczky, dem es unter der Last der auf sein Haupt gehäuften Lobeserhebungen schwindelig zu werden begann. – Stets aber mußte ich mir diesen Gedanken wieder aus dem Kopf schlagen, fuhr der Herr Rat fort. Wie hätte ich hoffen können, daß Sie, dem eine so glänzende Laufbahn offen steht, der auf viel glänzendere Verbindungen sich Rechnung machen kann, sich herablassen sollte, sein Auge auf meinen bescheidenen Familienkreis zu werfen ... – Im Gegenteil, beeilte sich Herr Maßlaczky ihm in die Rede zu fallen, meine kühnsten Wünsche kennen kein höheres Ziel und keine Verbindung könnte so glänzend sein, daß ich sie dieser vorziehen würde; welche Auszeichnungen mir auch das Schicksal noch vorbehalten mag, immer werde ich stolz sein auf den Schritt, durch den ich die Hand eines Fräulein Köcserepy erhalte und Mitglied einer Familie werde, deren Frauen als Muster häuslicher Tugenden und weiblicher Anmut glänzen. – Ich aber kann sagen, daß mir eine größere Freude vom Schicksal nicht hätte zu teil werden können, als die mir der Antrag meines teuren Freundes bereitet hat. So, aber auch nur so, nehme ich Ihren ganzen Plan bezüglich der Karpáthischen Güter an. – Werden doch Sie der Besitzer derselben; mit der Hand Wilmas wird das Ganze einst auf ihren künftigen Gatten übergehen. Aber mit stolzem Herzen kann ich es sagen, mein Herr, in der ganzen Karpáthischen Herrschaft ist kein solcher Schatz, der ihre Hand aufwiegen würde. – O ich weiß, ich weiß es Wohl; ich fasse die ganze Größe meines Glücks. Ich werde aber auch beweisen, daß, wenn ich auch nicht mehr im Alter jener Milchgesichter bin, die ihre jungen Jahre in müßigem Geckentum verprassen und in Kaffeehäusern und an noch schlimmeren Orten die Helden spielen – ich eine Frau wahrhaft glücklich zu machen verstehe, trotz meiner grauen Haare. Nicht als ob ich wirklich schon graue Haare hätte, ich bin ein Dreißiger, und das mit den grauen Haaren ist bei mir nur so eine Redensart. Schon als jungen Menschen pflegte man mich den Alten zu nennen, meines Ernstes wegen. – Ihr werdet gut zusammenpassen, auch sie ist ernst. Das vertrauliche »ihr«, dessen sich der Herr Rat bedient hatte, entzückte Herrn Maßlaczky in dem Grade, daß er dem würdigen Mann die Hand küßte, was in Anbetracht der Feierlichkeit des Momentes ein sehr rührendes und ergreifendes Schauspiel gewesen sein mag. Der Herr Rat faßte den wackern Freier unter den Arm und machte ihn kluger Weise mit einigen Dingen bekannt, die ihm zu wissen nötig waren. – Meine Tochter Wilma zählt erst dreizehn Jahre. Sie werden einsehen, daß sie noch nicht in dem Alter ist, sich zu vermählen. – O bitte, einige Jahre auf und ab machen bei mir keinen Unterschied; ich bin bereit, so viele Jahre zu warten, als Sie nötig finden. – Bis dahin bleibt sie auch unter dem Erziehungssystem meiner Frau. Eveline hat in allem ihr System. – O und welche bewunderungswürdigen Systeme, beeilte sich Maßlaczky, hinzuzufügen. – Eveline erzieht unser Kind nach ihren eigenen Ansichten, und ich kann ihr die Anerkennung nicht versagen, daß ihre Ansichten die richtigen sind. Umsonst, in gewissen Dingen pflegen die Frauen einen untrüglichen Takt zu besitzen; in öffentlichen Dingen getraue ich mir auf mein Urteil etwas zu geben, aber was die Kindererziehung betrifft, muß ich vor meiner Frau mich beugen. Der Herr Rat schien ganz zu vergessen, daß er seine Laufbahn als Erzieher begonnen habe. – Wer auch würde vor ihr sich nicht beugen! – rief Herr Maßlaczky in fanatischer Bewunderung aus – vor ihr, dem Vorbild weiblicher Vollkommenheit, der Personifikation aller Frauentugenden, dem Muster weiblicher Weisheit, Wahrhaftig, bei dein Gedanken, daß sie ihrer Mutter ähnlich wird, an Schönheit wie an Tugend, könnte ich mich entschließen, nicht zwei, nicht drei, nein, selbst fünfzehn Jahre noch zu warten ... das heißt – (der Herr Fiskal ließ seine Rede unvollendet, die fünfzehn Jahre schienen ihm doch zu viel.) – Das heißt – nahm der Herr Rat die Rede auf – irgend einen Termin müssen wir doch festsetzen, sonst geben wir einander doch zu vage Hoffnungen; denn daß Sie es nur wissen mögen, mein lieber Maßlaczky, ich bin nicht minder pressiert, Sie meiner Tochter zu sichern. Maßlaczky hatte in diesem Augenblicke die Empfindung, als wenn er mit Honig bestrichen würde. – Gesetzt, sagen wir, die Heirat soll ein halbes Jahr nach dem Tage vor sich gehen, an dem Bela Karpáthi ein günstiges Endurteil in seinem Prozeß erhalt. Sie sehen, auf diese Weise werden unser aller Interessen in eins verwoben. Maßlaczky rieb sich die Nase, daß es komisch war, anzusehen. Es fiel ihm ein, daß er ja den Karpáthischen Besitz von Zoltán gewinnen wolle, ohne daß ein Endurteil gefallt werde, und daß ein auf dieses letztere basiertes Übereinkommen demnach leicht eludiert werden könnte. Er sagte mit edelm Lächeln: Präcisieren wir die Bedingungen noch genauer. Der glückliche Termin sei ein halbes Jahr nach dem Tage, an dem die Familie Köcserepy in den Besitz der Karpáthfalver Herrschaft eingesetzt wird. Bei dieser schlauen Präposition sprühten seine Augen wieder jene siegreichen, blitzenden Funken, die er nicht zurückzuhalten vermochte, wenn es ihm gelungen war, irgend einer Sache eine geschickte Wendung zu geben. – O, ich will den Termin nicht so weit hinausrücken. Lieber so nahe als möglich, mein teurer Freund, mein lieber Maßlaczky – protestierte Köcserepy in edelm Wetteifer. Höchstens zwei, drei Jahre. Von uns hängt es ab, daß binnen dieser Zeit der festgesetzte Termin eintritt. Nicht wahr, das wird nur von uns abhängen? Sie werden Tag und Nacht arbeiten, um den Prozeß zu beschleunigen. Ich meinerseits werde allen meinen Einfluß aufbieten, um ihm eine günstige Richtung zu geben. Das wird nicht schwer sein, denn das Recht liegt ganz auf unserer Seite. Es ist die gerechteste Sache. Sonst würde ich ja die Cession gar nicht annehmen; aber ich bin von der Gerechtigkeit der Sache überzeugt und kann Ihnen die Versicherung geben, Sie werden den Prozeß gewinnen, und dann wird nichts mehr im Wege stehen, daß unsere bisherige Freundschaftsbande sich zu dem innigsten Verwandtschaftsverhältnisse verdichten; dann werde ich meinen teuren Freund – »lieber Sohn« nennen können! Bei diesen Worten umarmte Köcserepy den Fiskal, der ganz mit kindlicher Ehrfurcht dem martialischen Mann an die Brust sank; dieser aber beugte sich über das Männchen und drückte einen Kuß auf seine Stirne, wohl acht gebend, ihm die Perücke mit dieser Gefühlsdemonstration nicht zu verschieben. Herr Maßlaczky gab sich ganz der väterlichen Umarmung hin. Er überdachte sich, daß ja der Rat von seinem Plane mit Zoltán noch nichts wissen könne und so werde er doch ihn, den Fiskal, nicht überlisten wollen. Nach dieser empfindsamen Scene wandten sich beide Männer um, sich die thränenfeuchten Augen zu trocknen. Nachdem sie von ihrer innern Aufregung sich einigermaßen erholt hatten, zog der Herr Rat seinen lieben Freund Maßlaczky an sich und flüsterte ihm vertraulich ins Ohr: ich halte es für überflüssig, mein lieber Maßlaczky, zu bemerken, daß unsere ganze Verabredung bis dahin sub rosa bleiben muß, damit nicht die Welt vor der Zeit etwas von unserer beabsichtigten Verbindung erfahre und daran unliebsame Folgerungen knüpfe, Sie sind Advokat und ich bin Richter und Sie wissen ja, mag unsere Handlungsweise noch so unverfänglich und loyal sein, die Welt ist so geneigt, den Thatsachen eine falsche Auslegung zu geben. – Ich begreife vollkommen Ihre Besorgnis; – lieber gnädiger Herr, bester Freund, Sie kennen mich. Ich kann schweigen, wie das Grab. – Noch eins, mein lieber, guter Maßlaczky. Wie ich schon vorhin sagte, hat Eveline ihr eigenes Erziehungssystem, das ich nicht umhin kann, zu billigen, denn sie versteht sich auf diese Dinge besser als ich. Zu diesem System gehört es auch, daß junge Mädchen, solange nicht die Zeit dafür gekommen, von Heiraten, Liebe und dergleichen Dingen nichts hören dürfen; ich finde das sehr vernünftig und glaube, daß auch mein lieber Freund damit einverstanden sein wird. – Vollkommen, vollkommen! Solch jugendliche Träumereien führen zu nichts Gutem; übrigens halte ich mich für einen viel zu gesetzten Mann, als daß es mir begegnen könnte, mich eines solchen Leichtsinnes schuldig zu machen. Die Neigung, welche ich für die Familie meines hochverehrten lieben Freundes und – warum sollte ich es nicht sagen – meines künftigen Schwiegervaters hege, soll sich in nichts verraten, als in meiner unbegrenzten Hochachtung. Bei diesen Worten ergriff er mit seinen beiden Händen die Hände des Rates, als ob er einen Steirischen mit ihm tanzen wollte, schüttelte sie heftig, warf sich dann noch einmal an die Brust des hochherzigen Mannes und erhob sich von dort mit völlig aufgeheiterter Seele, mit stummen Zeichen andeutend, daß er sich nun zum Gehen anschicke. Der Herr Rat begleitete seinen lieben Freund, den er unter den Arm gefaßt hatte, bis zur Thüre. Maßlaczky hielt schon die Klinke in der Hand, als ihm plötzlich noch etwas einfiel: und die gnädige Frau ...? Herr Köcserepy blinzelte gnädig und beruhigend mit den Augen. – Über diesen Punkt machen Sie sich keine Sorgen: ich werde ihr selbst alles mitteilen, um Ihnen die Verlegenheit einer Erklärung zu ersparen. Denn umsonst, die Rolle eines Freiers bringt auch den mutigsten Mann in Verwirrung, Ich kenne das aus eigener Erfahrung. (Ich auch, dachte Herr Maßlaczky bei sich.) – Eveline ist eine große Verehrerin von Ihnen, rief ihm Herr Köcserepy nach. Für ihre Zustimmung kann ich mein Wort im voraus verpfänden. Leben Sie Wohl. – Leben Sie wohl! lispelte ihm Herr Maßlaczky noch zu, mit einem Gesichte, wie wenn Orestes von Pylades Abschied nähme und verließ, überschwellender Gefühle voll, die Behausung des Rates, welches Übermaß des Glücks ihn jedoch nicht hinderte, dem Mietkutscher, der ihn nach Hause führte, wegen einer streitigen Viertelstunde einen Zwanziger abzudisputieren. * * * Der Herr Rat trat mit heiterem, verklärten Gesichte in das Zimmer Evelinens. Die nachdenkende Dame hatte sich bis zu diesem Augenblick mit der Zergliederung jener Gedanken beschäftigt, welche Maßlaczkys rätselhaftes Benehmen in ihr erweckt hatten. Je mehr sie dieselben prüfte, um so klarer fing sie an zu sehen. Alle Kombinationen stimmten zusammen. Sie beschloß, ihrem Gatten ihre Zweifel mitzuteilen. Da kommt er eben. Eveline machte ihrem Gemahl aufmerksam Platz an ihrer Seite auf dem Sofa und schmiegte sich, nachdem sie ihn zum Handkuß zugelassen, näher an ihn. Den blendend weißen Marmorarm auf seine Schulter lehnend, fragte sie: ist Maßlaczky bei dir gewesen? – Ich habe bis jetzt eine Unterredung mit ihm gehabt. – Über was? – Über eine Prozeßangelegenheit – den Karpáthischen Familienprozeß, in dem er mich zu informieren wünschte. Der junge Herr Zoltán wird wahrscheinlich um sein Vermögen kommen. – Weißt du auch, daß unsere Wilma eine kaum zu sagende Antipathie gegen diesen Jüngling hat. Ich kann es nicht begreifen. Andere junge Leute sind ihr höchstens gleichgültig, den aber haßt sie; so oft er vorbeireitet, läuft sie vom Fenster weg; in Gesellschaften habe ich beobachtet, weicht sie ihm überall aus, und wenn getanzt wird, bleibt sie lieber den ganzen Abend sitzen, um nur nicht genötigt zu sein, mit ihm zu tanzen. – Ich finde das sehr natürlich. Dieser Zoltán ist der unausstehlichste Junge, der mir je vorgekommen. Die Welt hält große Stücke auf ihn, weil er reich ist. Nun, wir werden ja sehen, wieviel er noch gelten wird, wenn er es nicht mehr ist. – Und sollte es so gewiß sein, daß er sein Vermögen verliert? – Maßlaczky hat mich völlig davon überzeugt. – Und deshalb war Maßlaczky bei dir? – Ja. – Und denkst du nicht, daß Maßlaczky außer diesen Prozeßangelegenheiten noch andere Gründe hat, uns zu besuchen? Der Rat war verblüfft, obwohl er es nicht zeigte. So sollte auch seine Frau schon etwas von der Absicht des Advokaten wissen? Das wäre fatal. Es hält so schwer, die Frauen von der Reinheit einer Absicht zu überzeugen, wie erst dann, wenn sie in einem so zweideutigen Lichte erscheint, wie es hier der Fall war. – Nun, und welche Gründe wären das? fragte er, sich völlig unwissend stellend. Eveline lispelte verschämt und im Tone des tiefsten Mitleids: denke dir, dieser arme junge Mann ist in mich verliebt ... Köcserepy lächelte. – Das ist traurig für ihn. Der arme junge Mann! – Aber ich bitte dich, laß dir nichts merken. Er verbirgt sein Leiden; aber ich habe einen Blick in seine Seele geworfen, der mir alles enthüllte. ... Der Unglückliche! Wie bedauernswert erscheint nicht der arme, vier Schuh neun Zoll hohe junge Mann, wenn man bedenkt, daß er für die würdevolle Gestalt der Frau von Köcserepy schwärmt. Herr Köcserepy gebot seinen Mienen, einen ernsten Ausdruck anzunehmen. – Hüten wir uns, meine Eveline, den unglücklichen Mann wegen dieses Gefühles zu verspotten. Er ist nicht der einzige, den der Adel deiner Seele erobert hat. Eine solche Huldigung verdient mit Achtung erwidert zu werden. Du wirst sehen, wie ich, seitdem ich dies weiß, den wackern Mann noch mehr schätzen werde als früher. Behandle auch du ihn mit Schonung. Eveline umarmte unter Thränen ihren Gemahl. O edler Beruf! Kann es ein höheres Maß weiblichen Zartgefühls geben, als schonend umzugehen mit einem fünfthalb Schuh hohen Männlein, das für eine der schönsten und tugendhaftesten Frauen der Welt in Liebe entbrannt ist? Eveline fühlte sich bei diesem Gedanken auf eine überirdische Stufe der Seelengröße gehoben. Der Herr Rat ließ sie in ihrem Glauben; was er wußte, behielt er für sich. Bei späteren Zusammenkünften des Herrn Maßlaczky mit Evelinen herrschte in ihrer Konversation eine edle Freundlichkeit der peinlichsten Art. Beide Teile haben die Empfindung, wie jemand, dem man eine Handvoll lebendiger Ameisen geben würde, um sie in der Tasche nach Hause zu tragen, und dazu einschärfen würde, den armen Tierchen doch ja nichts zuleide zu thun. Herr Maßlaczky war in dem Glauben, daß die gütigen Blicke Evelinens infolge des durch den Herrn Rat ihr mitgeteilten Heiratsantrages aus mütterlicher Zärtlichkeit entsprangen und richtete sein Benehmen darnach ein, das von Ehrerbietung und demütiger Bescheidenheit überfloß; während Eveline alle diese verzückten Grimassen jener mondsüchtigen Leidenschaft zuschrieb, die man platonische Liebe nennt, und die ebensoviel Grund zu entsprechenden Mitleidsgefühlen als Stoff zu philosophischen Meditationen abgiebt. Beide machen dann Herrn Köcserepy zu ihrem Vertrauten; Herr Maßlaczky weiß ihm ebensoviel zu erzählen von dem Entzücken, das Evelinens ausnehmende Freundlichkeit in seinem Herzen erregt, als Eveline von dem System idealer Gefühle, dessen Genesis sie in der Seelenstimmung des Herrn Maßlaczky Schritt für Schritt verfolgt. Der Herr Rat hört beiden aufmerksam zu und hilft dem einen sich freuen, dem andern bemitleiden. 6. In Szentirma Wer sich zurückzuerinnern weiß, was Szentirma zur Zeit der alten Grafen war und damit sein jetziges Aussehen vergleicht, wird geneigt sein, dem Grafen Rudolph eine übernatürliche Macht beizumessen, mit der er Wunder zu bewirken imstande ist. Jene ausgedehnte Fläche, auf der jetzt ein Meer üppiger Fruchtähren wogt, war nichts als ein großer, unabsehbarer, mit hohem Schilfrohr bewachsener Sumpf, auf dem man im Herbst und Frühjahr, wenn der Himmel seine Schleußen zu öffnen und der Schnee zu schmelzen begann, prächtig in Kähnen herumfahren und alles erdenkliche Wasserwild jagen konnte; hier, auf einem dieser Hügel – aber wer weiß noch, auf welchem? – pflegte in der Regel eine jener Rohrhütten zu stehen und gegenüber, wahrscheinlich dort, wo jetzt der schöne Kleegarten, die zweite, in welchen der alte Graf Szentirmay mit seinem Nachbar, dem guten Baron Johann Karpáthi, ganze Nächte hindurch den kostbaren Moorschnepfen aufzulauern pflegten. Im Sommer aber, wenn die brennende Hitze die Wasser ausgetrocknet hatte, wurden unvergleichliche Fuchshetzen in diesem urweltlichen Rohrwalde abgehalten, der wahrscheinlich irgendwo sein Ende erreichte, allein wo? darauf konnten nur der Berettyo und die Theiß verläßliche Antwort erteilen. Durch drei Viertel des Jahres besaßen die Herren Szentirmay und Karpáthi über einen Teil ihrer Besitzungen nur ein nominelles Protektorat, da eigentlich Schlangen, Frösche und Sumpfvögel dort in lieblicher Anarchie herrschten. Ihre Schlösser und Dörfer konnten um diese Zeit als völlig gesichert gegen eine fremde Invasion betrachtet werden, wegen der Bodenlosigkeit der Wege, und sie beide legten auch einen großen Stolz darein, daß kein einfältiger, fremder Tourist sich zu ihnen verirren kann, und daß ihre Güter durch keine Chaussee profaniert werden. Wenn in besonders dringenden Fällen einer dieser Herren sich dennoch aus seinem Kastell rühren mußte, so hatte er neun Überfuhren zu passieren; bei jeder erwarteten ihn Extrapletten und vorausgeschickte frische Pferde; dennoch vergingen elf Tage, bis sie aus ihrer eigenen Herrschaft herauskamen und auf trockeneres Land gelangten. Eine solche Unternehmung gab dann im ganzen Lande soviel zu reden, wie in neuerer Zeit etwa eine Nordpolexpedition. Aber auch die notorisch trockenen Gründe waren eben nicht in beneidenswertem Zustande; die besten Stellen, wo das herrschaftliche Getreide stand, wurden durch Robotarbeit der Unterthanen bestellt, was man ihnen auch ansah; jedes Stück Feld hatte seine besondere naturwissenschaftliche Geschichte; dem einen war ein trockenes, dem andern ein nasses Jahr nicht zuträglich; dort wieder richtete das Mutterkorn Verheerungen an; den Hauptbestandteil der Ökonomie bildete die Hutweide, auf der magere Ochsen und struppige Fohlen herdenweise anzutreffen waren, welche jährlich zur Zeit der Hundstage wacker decimiert wurden von den durch das Sumpfmiasma und die ausgetrocknete Luft endemisch gewordenen Seuchen. Näherte man sich Szentirma, so gewahrte man einen langen schmalen Damm, der, wenn das Wasser bis dahin reichte, auch als Fahrweg benutzt wurde; zu anderen Zeiten wurde nur daneben gefahren, und es war staunenswert, wie sehr bei unsern Kutschern des Alfölds die nationale Geschicklichkeit entwickelt war, die mit halsbrecherischer Waghalsigkeit über den steilen Damm hinauf- und hinabjagten zu den Feldwegen. Dieser ausgezeichnete Damm, wie man deren im Alföld noch jetzt genug sieht, lief in eine schaukelnde Brücke aus, die im Sommer eine kleine unansehnliche Sumpfader überspannte; im Herbst aber oder im Frühjahr pflegte dies elende Bächlein regelmäßig die Brücke abzutragen, so daß nichts als die Pfeiler stehen blieb. Diesem Übelstande war in keiner Weise abzuhelfen; man schlug Eisböcke ein, man errichtete einen Wassersporn, man zog sogar einen Laufgraben bis zu den Äckern, um auch dahin eine Diversion zu machen; aber alles vergeblich. War man über die Brücke, so kam die Ortschaft Szentirma zum Vorschein; ein hoher Turm erhob sich mit einem großen Knopf an der Spitze; die vier Ecken schmückten vier kleine hölzerne Türmchen, eine architektonische Kuriosität, deren Erklärung noch heutigestags nicht gelungen ist. Ringsherum waren lange Reihen niedriger Häuser mit Rohrdächern, deren dunkles Braun hier und da eine Gassenzeile mit gelber Rohreindachung unterbrach, ein Zeichen, daß vor Jahr und Tag eine Feuersbrunst hier gewütet hatte, was übrigens jedes Jahr vorkam. Ringsum den Ort war nichts Grünes zu sehen, niemand fiel es ein, vor sein Haus Bäume zu pflanzen, oder an demselben ein Gärtchen anzulegen. Es wäre unmöglich, die ersteren vor dem durch das Dorf getriebene Vieh zu schützen; der gesteckte Samen und die jungen Pflänzchen aber werden von Hühnern und Gänsen ausgescharrt und abgefressen. Man hat nichts als Ärger davon, besser also, sich nicht erst die Mühe zu machen. Nur in der Gegend des Hottergrabens steht eine Reihe melancholischer struppiger Weidenbäume, die jeden Herbst ihrer Krone beraubt werden, um Reisig zu gewinnen. Das herrschaftliche Kastell selbst war außerhalb des Dorfes in ziemlicher Entfernung erbaut worden, um mit den ärmlichen Bauernhütten in keine Berührung zu kommen. Ein besonderer Weg, der sich seitwärts von der Straße abzweigte und mit einer Pappelallee eingefaßt war, führte dahin. Wer auf der gewöhnlichen Straße fuhr, sah nur von weitem das kolossale Gebäude mit zwei Seitenflügeln, mit altväterischen Erkern und weit voneinander abstehenden Fenstern. Auf dem Fries balancierten Statuen von verwittertem Sandstein, welche die Arme so ausstreckten, als flehten sie, ihnen eine Leiter zu bringen, damit sie endlich herabsteigen können. Von Zeit zu Zeit taucht dann noch hier und dort ein langes Gebäude auf, das wird eine Wirtschaftstanya sein, denn auch diese durften sich nicht in der Nähe des Kastells befinden. Das ungeheuere Schloß enthielt wenigstens achtzig Zimmer und jedes Zimmer war möbliert, mit Teppichen und Bildern versehen, als ob jedes einzelne bewohnt wäre. Hinter dem Kastell dehnte sich ein großartiger englischer Park aus mit künstlichen Ruinen und Wasserfällen; die Platanen und Kastanienbäume waren zu riesiger Größe herangewachsen auf diesen humusreichen Gründen; das üppige Reihgras an den Ufern der regulierten Bäche reichte einem Manne bis an die Brust und alle Gewächse waren hier noch einmal so groß als anderwärts. An den englischen Park stieß ein ausgedehnter Wildgarten, zwischen dessen mächtigen Baumstämmen prachtvolle Gold- und Silberfasane lärmend aufflogen; in dem üppigen Gras weideten rudelweise schlanke Hirsche, die so zahm waren, daß sie den Reiter ganz nahe herankommen ließen, und wenn Gesellschaft im Park war, neugierig die Köpfe über den Zaun streckten; ja sie ließen sich oft soweit herab, aus dem Wildgarten zu desertieren und die Mais- und Hirsefelder der Unterthanen mit ihrem Besuch zu beehren. In der ganzen Umgebung des Kastells atmete man eine ganz andere Luft, als in der übrigen Gegend; hier war die Vegetation reich, verschwenderisch und in der heißen Saison that es so wohl, unter dem duftigen, kühlen Schatten der breitblätterigen Platanen einen Blick hinauszuwerfen auf die gelbe, ausgebrannte Landschaft, auf der eine schwüle Backofenluft liegt, die jedes lebende Gewächs von der Krone bis zur Wurzel hinab versengt ... ... Welch anderes Schauspiel bietet sich jetzt dem Reisenden dar, wenn sein Weg ihn durch die Szentirmayschen und Karpáthischen Herrschaften führt. Von der unabsehbaren Schilfwildnis ist keine Spur mehr. Geradlinige Kanäle, welche nach geometrischer Berechnung die Fläche durchschneiden, leiten das überflüssige Wasser in die Flüsse und sind an gewissen Stellen mit Schleußen Versehen behufs einer rationellen Wiesenberieselung. Wo sonst undurchdringliches Gestrüppe war, stehen jetzt prangende Saaten auf regelmäßigen Tafeln, und wo sonst auf trostloser Haide der Durchfahrende bald den Gestank des Seegrases, bald den erstickenden Staub verwünschte, den der Wind in Mund und Augen trieb, werden jetzt seine Geruchwerkzeuge angenehm affiziert von dem Duft, den die mit dem Blütenstaub der nahen goldgelben Rapsfelder geschwängerten Lüfte ihm zutragen. Die ganze Landschaft ist verändert. Ganze Wälder kanadischer Pappeln bedecken die einstmaligen Serpentinen der Flüsse, die jetzt mittelst Durchstichen in ein gerades Bett gezwängt sind, und wenn jetzt die kleinen Theißdampfer dort an jener reizenden Insel anlegen, überblickt man eine ganze Reihe von Gärten bis hin nach Szentirma, zwischen denen auf dielenglatter Straße wohlhabende Landwirte mit ihrem kräftigen, feurigen Fünfgespann dahinrollen Ich hoffe, daß die Kritik mir diesen kleinen Anachronismus mit den Dampfern und ähnlichen Dingen nicht übel nehmen wird, wie ich denn Überhaupt gestehen muß, daß viele der hier beschriebenen Gegenstände vor der Hand noch in das Reich der frommen Wünsche gehören. Anm d. Verf. . Statt an regellos untereinander geworfenen Lehmhütten vorüber läuft jetzt die Straße durch schön gebaute Gassen und in der Mitte des Ortes, der Kirche gegenüber, erhebt sich ein elegantes Kastell. Graf Rudolph hat die altväterliche Burg mit ihren achtzig Zimmern, ihren großen, widerhallenden Gängen und zugigen Erkern verlassen und mitten im Dorf sich ein Wohnhaus gebaut, um welches herum binnen zehn Jahren ein ganzer Platz entstand, so daß der Ort ein weit städtischeres Aussehen gewonnen hat, als irgend eines jener Häuserkonglomerate des Alföld, welche den Namen Marktflecken führen. Unter den Gebäuden zeichnen sich besonders aus: das Gemeindehaus, der Pfarrhof und die Schule, welche der Grundherr selbst hatte bauen lassen und die er sorgfältig in gutem Stand erhält; die Häuser haben alle ein so frisches Aussehen mit ihren grünen Jalousien und gastlich geöffneten Thoren; wie erst, wenn zwischen den Jalousien die Granataugen einer hübschen Bauerndirne herausblitzen. Das alte Schloß steht jetzt leer; nur ein paar pensionierte Diener hausen dort und ein dem Trunke ergebener Beschließer, der zu nichts Besserem mehr zu verwenden war, als zu dem Amte, neugierige Fremde im Schloß herumzuführen und ihnen die alten Raritäten zu zeigen, mit denen der Geschmack des neuen Besitzers nichts mehr anzufangen weiß, für die er jedoch zu viel Pietät hegt, um auch nur ein Stück davon in fremde Hände übergehen zu lassen. Mögen sie dort bleiben als geschichtliche Merkwürdigkeit. Graf Rudolph war auf ganz andere Bauten bedacht als seine Vorfahren; dort treibt der regulierte Bach eine Papiermühle, die unter der Leitung geschickter Hände steht; hier liefert ein Lehmgrund das Material zu einem Ziegelofen; jenes große Gebäude ist ein Kornsparmagazin, eine vernünftige Nutzanwendung des alten ägyptischen Mythus von den sieben fetten und sieben magern Jahren; seltsam, daß wir das, was die einfache Weisheit des Altertums längst gelehrt, die Aufbewahrung des Überflusses für Zeiten des Mißwachses, als eine Neuerung und Kuriosität anzuführen haben. Weiterhin, am äußersten Ende des Dorfes, erheben sich hohe, schlanke Rauchfänge aus roten Backsteinen, über die niedrigen Dachreihen dichte Rauchwolken ausströmend; da sind geschäftige Fabriken, die eine bereitet seinen Zucker aus einheimischem Pflanzenstoff, in der andern wird die Wolle unserer Schafe gesponnen und zu billigen und dauerhaften Stoffen gewoben; man heizt nicht mit Misttorf, sondern mit Steinkohlen aus der eigenen herrschaftlichen Grube, die auf dem Wasser zugeführt werden. Ein Industriezweig greift in den andern und die Folgen davon zeigen sich in der ganzen Umgegend; nirgends eine Spanne breit unbenutzter Boden, nirgends eine müßige Hand, selbst die zerstörenden Elemente sind zur Arbeit eingespannt. Auf der ganzen Herrschaft ist kein Faulenzer, kein hungriger Bettler und unter all der Pracht, welche die Wohnung des Grundherrn umgiebt, ist die schönste Zierde das Glück und die Zufriedenheit, die auf den Gesichtern der Unterthanen zu lesen. Verzeihung, lieber Leser, daß ich dich mit solchen Details ermüde. Ich könnte dir viel romantischere Gemmen schildern, wir brauchten uns nur einige Meilen weiter zu bemühen, auf die benachbarten Pußten, wo der unwirsch gewordene Wind den » Teufelswagen « auf dem von zahllosen Rinderfußstapfen zerklüfteten Rasen weit, weit vor sich hertreibt; dort könnten wir stehen bleiben in der Mitte der Einöde und den melancholischen Brunnenschwengel beschreiben, der am Horizont hervorragt und auf dessen Spitze ein Adler sich niedergelassen hat, den am Rande des Sumpfes auffliegenden Storch und die feenhafte Fata morgana , die bei guter Laune uns in der Luft zeigt, was auf Erden nicht vorhanden, und wir könnten sagen, dieser Gegend fehlt es an allem, aber sie hat Poesie und indem ich jene Dinge beschriebe, würde ich nur meinem Dichterberufe treu bleiben. Aber das Leben tritt uns auf die Fersen. Der Besitzer der von der poetischen Fata morgana heimgesuchten Pußten ist ein Bettler und der Name der romantischen Brunnenschwengellandschaft heißt Armut und Elend . Mögen andere die Sumpfwildnis und ihre Bewohner besingen; es ist das ein trauriges Thema und der Dichter sollte sich weit mehr gelaunt fühlen, zu weinen in dieser trostlosen Einöde, wenn er bedenkt, welches Leben, welches Menschengewimmel hier sein könnte, für wie viele Dörfer und Städte da noch Platz wäre und wie viele glückliche Menschen auf diesen leeren Gründen, wo jetzt nur Disteln blühen – wenn alles wäre, wie es sein sollte – Gott den Herrn preisen könnten – in wohlklingender ungarischer Zunge. Rudolph Szentirmays Ahnherren haben vielleicht einst dies Land mit ihrem teuren Blute erworben, wo jetzt ihre Enkel wohnen, und gewiß hat die Heldengeschichte dieser kostbaren Blutstropfen es verdient, einen Dichter zu finden; aber die kostbaren Schweißtropfen des Enkels, der aus der Wüste ein Kanaan hervorzaubert, verdienen sie nicht ebenso gezählt zu werden? – Wer, wie Rudolph Szentirmay, den edeln Grafen Stephan sich zum Vorbild nehmend, der Mitwelt mit aneiferndem Beispiel vorangeht und Opfer bringt, um die nationale Wohlfahrt zu fördern, ist der nicht ein ebensoguter Patriot, wie derjenige, der vor Jahrhunderten auf dem Schlachtfelde für das Vaterland geblutet? * * * Auf diesem geräumigen, heitern Edelhofe verlebte unser Zoltán seine Kinderjahre. Diese Bäume hier sind ebenso alt wie er; auf einem der Hügel des Parks hat er schon als dreijähriger Knabe zwei Ahornbäume gepflanzt. Unter diesen Bäumen stand eine kleine Bank und ein Tischchen; dort war sein Lieblingsplätzchen und das der kleinen Gespielen, die ihn liebten. Wer aber hatte ihn nicht geliebt? Schon als Kind war er gescheiter, beherzter und kräftiger als alle seine Kameraden in gleichem Alter. Von den benachbarten Edelsitzen kamen die Söhnleins der Grundherren herüber nach Szentirma und nahmen Spiele vor mit dem kleinen Zoltán. Bei solchen Gelegenheiten war Zoltán immer der Führer der Schwächeren; sie spielten Krieg, Kongregation, Landtag: an wem das unterdrückte Recht immer seinen Fürsprecher und seinen Verteidiger fand, – das war unser Zoltán. Als siebenjähriger Knabe versammelte er um sich einen Kreis von Bauernjungen, die älter waren als er; hielt ihnen weise Reden und teilte mit ihnen seine Butterschnitte; die Milchmeierei und die Speisekammer wurden von dem jungen Herrn Zoltán oft gebrandschatzt, um Vesperbrot zu requirieren. Das Taschengeld, die Geschenke sparte er sich zusammen und wenn die Schulprüfungen kamen, verteilte er unter die Dorfjugend Prämienbücher, die er von seinen Sparpfennigen gekauft hatte. So oft er hörte, daß einer seiner jungen Kameraden krank sei, schlich er zu ihm, heiterte ihn auf, brachte ihm Krankenspeisen und Arznei, und das alles that er insgeheim, damit nicht seine Pflegeeltern oder andere, wenn sie davon erführen, etwa glauben möchten, er wolle mit seinem guten Herzen sich prahlen, oder er affektiere vornehme Herablassung. O das Gefühl des Kindes ist der geradeste Weg zur Weisheit. 7. Der Freudentag. Es war Zoltáns Geburtstag. Diesen Tag pflegte die Szentirmaysche Familie auf einem der Zoltánschen Güter in Karpátfalva oder in Madaras zu begehen. Die Dienerschaft, die herrschaftlichen Unterthanen bereiteten sich schon längere Zeit darauf vor, wie zu einem hohen Feiertage. Die Bauerndirnen steckten Vergißmeinnichtsträuße ins Wasser, um sie frisch zu erhalten für die Kränze, die sie daraus winden werden; die ehrsamen Dorfgevatter mästeten den jungen Farren, der nach alter Sitte am Namenstage des Grundherrn geschlachtet zu werden pflegt. Jedermann weiß etwas Angenehmes, irgend eine Überraschung aufzusparen für den kleinen Abgott, den groß und klein wert hält, wie seinen Augapfel, und dem zuliebe, wenn er aus der Nachbarschaft herübergekommen war, alte Leute bis zum späten Abend im Hofe des Kastells herumstanden, um nur einen Blick von ihm zu erhaschen. An seinem Geburtstage war er dann ganz der ihrige: da konnten sie sich satt sehen an ihm, mit ihm sprechen, seinen holden Worten lauschen, ihm die schönen weißen Hände drücken, die so fest waren wie Stahl; sie konnten ihm danken für all das Gute, das er im Laufe des Jahres ihnen hatte angedeihen lassen, dafür, daß er ihnen ein Segen Gottes gewesen, wie Regen und Sonnenschein, und daß er das Glück heimisch gemacht auf ihren Fluren, und ihm sagen, wie sie zu Gott beten, daß er sie das Glück noch lange genießen lasse, ihn von Jahr zu Jahr größer und glücklicher werden zu sehen, und daß auch die Säuglinge seinen Namen noch segnen können, den sie zuerst stammeln lernen ... Alles das wußten die einfachen Leute so wahr, so rührend vorzubringen. Und dann erst innerhalb der vier Wände, wenn die Familie unter sich allein war! Jedes Herz war dann voll nicht nur mit der eigenen Freude, sondern auch mit der des andern. Szentirmay hatte vier Kinder, zwei Söhne und zwei Töchter, Alle vier liebten Zoltán wie ihren Bruder und stritten sich oft im guten darüber, wer ihn am meisten lieb habe – Kathinka allein ausgenommen, in der vielleicht schon eine Ahnung aufstieg, daß ihrer Liebe zu ihm ein Etwas beigemengt war, das man nicht zeigt und das der Geschwisterliebe fremd ist. An seinem Geburtstage erhielt Zoltán von jedem der Kinder irgend ein kleines Andenken zum Geschenk, das kleinste der Kinder, das winzige, noch kaum dritthalb Jahre alte Stutzchen, sagte ihm sogar ein Verslein auf. O, wie herzig das war! Zoltán schloß es an seine Brust und gab ihm einen Kuß um den andern. Die beiden andern thaten böse: nun und mich nicht? Kathinka zeigt schon nicht mehr, daß sie auch geküßt sein will ... Von ihr hatte Zoltán ein prachtvoll gebundenes Stammbuch erhalten, auf dessen erstes Blatt sie selbst mit noch ungeübter Hand ein Bild gezeichnet und koloriert hatte; es stellte einen mit Moos bewachsenen Felsblock dar, auf dem Zoltáns Name geschrieben stand, beschattet von Trauerweiden. Zoltán wendete sich scherzend zu dem Mädchen. – Du giebst mir ein Stammbuch? Willst du vielleicht, daß wir uns trennen sollen? Ein Stammbuch ist ja für solche, die voneinander scheiden, um der eine dahin, der andere dorthin zu gehen und sich nie wiederzusehen. Kathinka lachte dazu. Wie kann Zoltán auch nur so närrische Gedanken haben. Sie beide werden sich ja nie voneinander trennen. Sie werden immer Kinder wie jetzt bleiben und bis ans Ende der Welt immer zusammen spielen im Garten und bunten Schmetterlingen nachjagen von Blume zu Blume. Noch ein wertvolles Geschenk bekam Zoltán zu seinem Geburtstage. Es war dies ein statistisches Verzeichnis, das ein greiser Beamter, Herr Varga, einst Güterdirektor beim alten Herrn, für ihn zusammengestellt hat; er würde es selbst überbracht haben, wenn er nicht krank und bettlägerig wäre, weshalb er sich tausendmal entschuldigen läßt. In diesem Verzeichnisse waren Vergleiche angestellt, mit Daten aus den letzten vierzehn Jahren. Was damals das Erträgnis der Karpáthischen Güter war und wie hoch es sich jetzt beläuft; wie viele unnütze Ausgaben damals waren und wieviel weniger jetzt; um wieviel das Volk besser und wohlhabender geworden; um wieviel weniger Straffälle vorkommen, so daß der Herrenstuhl kaum mehr in die Lage kommt, von seinem jus gladii Gebrauch zu machen. Wie viele neue Schulen in den Dörfern entstanden, wie das Streben nach Bildung zugenommen, um wieviel Ehen mehr geschlossen und weniger getrennt wurden. Um wieviel weniger auf Pferde und Hunde ausgegeben wird, und um wieviel mehr auf humanitäre Zwecke. Zoltán wußte den Wert zu schätzen, der in diesen Daten lag. Das alles ist das Werk seines Vormundes, deshalb nimmt er das Geschenk mit Freuden an, aber er denkt auch daran, daß er selbst einst bemüht sein wird, diese gesteigerte Wohlfahrt noch mehr zu heben und seines hohen Vorbildes sich würdig zu zeigen. O wie Wohl hatte es ihm jetzt gethan, Rudolph umarmen, diese väterliche, arbeitsame Hand küssen zu können, die so fest baut, so ausdauernd sich abmüht, mit unfehlbarer Sicherheit lenkt; jene angebetete, bewundernswürdige Hand, die ebenso schön zeichnet, als sie sicher schießt, und ebenso mild zu segnen weiß, als streng zu strafen. Aber Rudolph war nicht anwesend am Morgen des Freudentages; umsonst erwartete man ihn zu Mittag, er kam auch da nicht. Die Gratulanten, die Beglückwünschungsdeputationen der herrschaftlichen Unterthanen, der Beamten hatten sich alle schon entfernt; die Familie hatte sich in ihre Gemächer zurückgezogen und wartete dort bis zum späten Abend auf Rudolph, dessen langes Ausbleiben einen unverkennbaren Schatten auf die freudige Stimmung warf. Flora selbst konnte sich die Ursache dieses Wegbleibens nicht erklären. Rudolph war ja noch gestern in Szentirma, gewesen, als die ganze Familie herüberfuhr und hatte versprochen, früh morgens nachzukommen. Und jetzt ist es schon Abend. Sollte ihm etwas zugestoßen sein? Sonst wäre er nicht ausgeblieben. Auch Flora begann unruhig zu werden und ging gegen Abend mit den Kindern in den Schloßgarten hinaus spazieren; dort auf einem hohen Hügel, von dem ein künstlicher Wasserfall herabstürzte, ließ die treffliche Familie, indem sie die alten Ruinen der einstmaligen Scythenburg umging, sich nieder, man konnte von da weit hinaus die Straße überblicken. Aber kein Spiel wollte gehen wie sonst. Selbst die Kinder waren niedergeschlagen und auf dem stets lachenden Gesichte Kathinkas lag ein Zug von Schwermut, der so lieblich sich ausnahm auf diesen lebensfrischen, rosenroten Wangen. Endlich vermochte Zoltán seine Unruhe nicht mehr zu bemeistern; er bat seine Pflegemutter um Erlaubnis, sich aufs Pferd setzen und nach Szentirma reiten zu dürfen, um zu erfahren, ob dem Grafen nicht ein Unfall betroffen; Flora erlaubte es jedoch nicht: gewiß hat ihr Mann unaufschiebbare Geschäfte und würde die übertriebene Ängstlichkeit seiner Familie nicht gut aufnehmen. Dennoch gewährt es ihrem Herzen einige Erleichterung, auch nur wenige Schritte demjenigen entgegenzugehen, den sie sehnlichst erwartet; ein unschuldiger Aberglaube flüstert uns zu, daß wir dem lange Ausbleibenden nur entgegenzugehen brauchen, damit er komme. Hätten wir es früher gethan, vielleicht wäre er schon da. Zoltán hat sich in den Kopf gesetzt, daß wenigstens an dem äußersten Ende des Gartens, das von dichten Baumgruppen verdeckt ist, sein Pflegevater zum Vorschein kommen werde. Die beiden größeren Kinder hängen sich rechts und links in seinen Arm und begleiten ihn; die zwei kleineren brechen beinahe in Weinen aus, weil es ihnen nicht erlaubt wird, mitzugehen. Flora, obschon sie es nicht zeigte, war ernstlich besorgt. Dieser Tag ist immer ein großes Familienfest gewesen, von dem Rudolph noch nie weggeblieben war. Er pflegte dann seinen Pflegesohn zu küssen, ihn für die Fortschritte, die er in einem Jahre gemacht, zu beloben, ihn zu segnen und mit seiner Liebe zu überhäufen, als wollte er ihn jedesmal von neuem zu einem Mitgliede seiner Familie einweihen; der Eindruck dieser Tage bildete immer einen neuen Ring in der Kette, die den Knaben an die Familie seines Vormundes knüpfte, und siehe, jetzt geht ein Glied ab. Die Kette aber, in der ein Ring fehlt, fällt auseinander. Es muß etwas Großes vorgefallen sein, daß Rudolph dies Familienfest versäumt hat. In der That, etwas Großes war ihm widerfahren. Eben, als er zum Thore hinausfuhr, auf der nach Madaras führenden Straße, fuhr durch das andere Thor Frater Bogozy, aus Pest kommend, auf einem Bauernwagen in den Hof hinein. Wie der Wagen still hielt, sprang er herab, zog seinen Staubmantel aus, setzte statt der Kappe sich die Pelzmütze auf den Kopf, suchte unter dem Stroh seinen Säbel hervor und schnallte ihn um, ging dann hinauf in die Vorhalle und fragte mit zornigem Aussehen den ihm begegnenden verschnürten Heiducken: ist Seine Hochgeboren, der Graf zu Hause? – Nein, war die kurze Antwort. – Hm, das ist ärgerlich. Hat der Herr Graf einen Sohn, der legal mündig, aber noch nicht majorenn ist? Wohlgemerkt, legal mündig, nicht majorenn! – Kurios, brummte der Heiduck; was weiß ich davon; ich verstehe nicht lateinisch. – So, schön; und wer ist Er selbst? Heiduck? – Der Husar des gnädigen Herrn, kein Heiduck. Heiducken sind die, welche vor dem Komitatshaus Schildwache stehen. – Wie heißt Er? – Paul Ebkérdi Wörtlich: der Hund frägt es. , entgegnete der Diener schnippisch und höchlich erzürnt über das bisherige Examinatorium. – Antworte Er ernsthaft, das sag ich Ihm, schrie Bogozy zornig; Er sieht in mir einen juratus notarius der hohen königlichen Tafel, der auf einer Exmission ist. Ich frage Ihn daher von Amtswegen. Wie ist sein Name? Auf das Wort »von Amtswegen« nahm der Heiduck die Pfeife aus dem Maul, ohne deshalb seine Antwort weniger zu accentuieren, indem er stolz sagte: Martin, Edler von Kánya. Bogozy notierte sich das mit Bleistift in eine große rote Brieftasche. – Wie alt? – Ich selbst bin zweiundvierzig, aber mein Vater ist achtzig Jahre alt geworden. – Stand? – Danke schön für die Nachfrage. Ich bin gesund! Állapot , Stand, heißt zugleich Befinden. – Ich habe nicht nach seiner Gesundheit gefragt, sondern nach seiner Kondition, seinem Amt. – Ich hab's ja schon gesagt: Husar; aber mein Bruder ist Fiskal. – Hat Er eine Frau? – Zwei. – Ist Er verrückt? – Bitte sehr, die eine ist schon tot. – Nun, jetzt nehm Er diese Schrift, das ist ein Vorladungsbrief ein citatorium an den Herrn Grafen. Euch, als einem zum Hause gehörigen Diener, kann ich ihn rechtskräftig übergeben. – Bewahre der Himmel, mir nicht, und wenn der Herr hundertmal ein Jurat ist. – Bedenke Er wohl. – Ich bedenke gar nichts! lief, sich weigernd, der Heiduck, der vor allen gerichtlichen Dingen einen höllischen Respekt hatte, und glaubte, daß, wer eine solche Schrift einmal annimmt, auf der Stelle exequiert wird. – In meine Hand kommt das Papier nicht. Ich habe nichts gesehen, nichts gehört, ich bin der niemand und ich führe keinen Namen. Ich bin gar nicht zu Hause. Und damit entschlüpfte er aus der Vorhalle und schloß die Thüre hinter sich zu. Auf sein Beispiel ergriff die ganze Dienerschaft die Flucht und rannte zum Hof hinaus. Unsern Frater Bogozy brachte dies gewaltthätige Ausreißen nicht im geringsten außer Fassung; er holte aus seinem Tornister vier Nägel und einen Hammer hervor und nagelte damit das Vorladungsschreiben gemütlich an die ihm vor der Nase zugeschlagene Thür. Dann setzte er sich hübsch auf den Wagen, ließ umkehren und fuhr zurück, von wo er gekommen war. Erst jetzt wagte es das Gesinde, wieder zum Vorschein zu kommen und war nicht wenig überrascht, das verfängliche Schreiben an der Thüre ausgespannt zu erblicken, wie ein Standrechtsplakat. Jedermann war entrüstet. Welch ein Skandal! Ein Vorladungsbrief an die Schloßthüre genagelt! – Man muß ihn herabreißen! riefen einige der Beherzteren. – Nein, rührt es nicht an! schrie der Heiduck, Das ist vom Gericht und bringt Unglück über den, der es mit seiner Hand berührt. Aber es soll gleich geholfen werden. Wo ist der kleine Groom? He, Bürschchen, tritt uns näher. Wie alt bist du, kleiner Knirps? Acht Jahre. Du lügst, du bist erst sieben Jahre alt. Nun, warte: nimm einmal das Papier da herunter. Fürchte dich nicht, es beißt nicht. Sieh's nicht an. Niemand soll es ansehen. Wer kann auch das Gekritzel lesen? So, jetzt setze dich auf das beste Pferd, reite dem gnädigen Herrn nach und gieb ihm den Brief. Aber jage, was du kannst. Zwei Minuten später galoppierte der kleine Stalljunge zum Dorf hinaus, in der Richtung gegen Madaras. Der Reiter holte auf halbem Wege den Grafen ein. Rudolph ließ den Wagen halten, sowie er ihn heransprengen sah. Der Junge erzählte in aller Eile, was vorgefallen war und überreichte dann dem Grafen die gefährliche Schrift, die er am äußersten Rande zwischen zwei Nagelspitzen festhielt. Szentirmay nahm sie und fing an zu lesen. Wer in diesem Augenblicke sein Gesicht beobachtet hätte! Welcher Sturm leidenschaftlicher Erregung malt sich in seinen Zügen, Was enthält dies Schreiben? O, die niederträchtigste, schrecklichste Anklage, ein mörderisches Gift für alles Erdenglück. Eine Anklage, durch deren schwarzes Glas alles, was in seinem Charakter Edles und Liebenswürdiges ist, sich in das Zerrbild einer unreinen, verbrecherischen Leidenschaft verwandelt, eine Anklage, die erniedrigend und herabwürdigend, mit ihrem Gifthauche die Existenz eines guten Namens, der durch ein Leben voll edler Handlungen erworben war, vernichtet. Graf Rudolph Szentirmay ein Ehebrecher! So sagt die zweizüngige Verleumdung und die Selbstsucht findet einen Rettungsanker in dieser Anklage; denn wenn der schwarze Verdacht auf ihm sitzen bleibt, hat sie Schätze damit gewonnen. Er war gut berechnet, dieser Schlag. Und gerade für diesen Freudentag, an dem die ganze Familie ein liebes Fest begeht und der Wiederkehr des teuern Geburtstags zujubelt, haben sie diesen Dolchstich sich aufgespart, der ins Herz, ins Mark des Lebens gezückt ist. Wie gut müssen sie gerüstet sein, um das wagen zu können. Rudolph starrte mit verdüstertem Antlitz vor sich hin. »Hat jemand diese Schrift gelesen?« fragte er den kleinen Reitknecht. »Niemand, außer mir, hat sie in Händen gehabt, ich aber kann nur Gedrucktes lesen.« Rudolph legte die Schrift zusammen und steckte sie in die Brusttasche; dann aber riß er sie plötzlich wieder heraus, schleuderte sie auf die Erde und trat sie ingrimmig mit Füßen. Ist es nicht schrecklich, daß dieses elenden Mammons wegen jemand imstande ist, die Ehre, das Lebensglück eines Mitmenschen zu zerfleischen, daß man seine tugendhaften Handlungen wie ein schneidiges Schwert gegen ihn kehrt, daß man dem unbescholtensten Manne vor dem Gesetz die Beschuldigung ins Gesicht schleudert: du warst der ehrlose Liebhaber einer Frau, denn du liebst ja ihren Sohn wie dein eigenes Kind. Und nun soll er hin zu ihm, ihm Glück wünschen zu seinem Geburtstag, ihn in seine Arme schließen und küssen, wie er es sonst gewohnt war, und wie man es auch heute von ihm sehnsüchtig erwartet. »Zurück nach Szentirma!« schrie Rudolph dem Kutscher zu und wenige Minuten darauf war er wieder daheim in seinem Kastell. Die drüben können lange auf ihn warten. Bis in die späte Nacht blieb er eingeschlossen in seinem Zimmer: die Dienerschaft hörte nur, wie er beständig darin auf und ab ging und keine Minute stehen blieb. Endlich wurde es still. Bald darauf hörte man ihn klingeln. Sein Husar eilte zu ihm. – Jemand soll sogleich aufsitzen und nach Madaras reiten. Mag es auch noch so früh sein, wenn er ankommt, soll er Zoltán augenblicklich wecken und ihm diesen Brief übergeben. Die offene Kutsche soll eingespannt werden, in einer halben Stunde fahre ich nach Karpátfalva. – Ein Gewitter ist im Anzuge, wandte der treue Diener ein. – Um so besser, sagte Rudolph, und ging, ohne ein Wort zu reden, die Treppe hinab, ungeduldig draußen im Hausflur wartend, bis die Pferde vorgespannt waren. * * * Die dort im Madaraser Kastell konnten lange auf ihn warten. Zoltán und Kathinka gingen Wohl hundertmal sehen, ob nicht in der Richtung gegen Szentirma eine Staubwolke aufsteige und kehrten immer wieder unverrichteter Dinge zurück, immer wieder von neuem hoffend, daß sie, wenn sie noch einmal gehen, ihn gewiß sehen werden. Ganz ermüdet vom langen Warten setzten sie sich unter einen Baum, um dessen Stamm eine weiße, runde Bank lief, und als sie da nebeneinander saßen, wurden die Kinder beide ganz schwermütig, eine solche Traurigkeit bemächtigte sich ihrer, sie wußten selbst nicht, was es war. Der Baum, unter dem sie saßen, war ein schöner lichter Ahorn, so hoch, so schlank; und wie die beiden Kinder unter ihm saßen, raschelten einzelne verdorrte Blätter auf sie herab. Eins fiel in den Schoß des Mädchens; Zoltán nahm es von da weg. – Sieh, dies Blatt war vor einer Woche noch so grün, und wie gelb es jetzt ist; weißt du auch warum? Weil es sich trennen mußte von den andern. Es ist so traurig, das Scheiden. Kathinka hatte schon die frühere Erwähnung von Trennung wehmütig ergriffen, nur hatte sie damals ihre Rührung hinweggelacht; jetzt aber nahm sie sich dies Wort sehr zu Herzen, und obwohl sie keine Antwort gab, traten ihr langsam Thränen in die Augen und liefen ihr, wie zwei herabrollende Diamanten, über die Wangen herab. Zoltán mußte seine ganze Kraft zusammennehmen, das er beim Erblicken dieser Thränen nicht von Rührung überwältigt wurde. War ihm doch, als fühlte er von unsichtbaren Händen das Herz krampfhaft zusammengedrückt, als flüsterten ihm unvernehmliche Stimmen böse Weissagungen ins Ohr. Ohne allen Grund wurden beide so traurig, keines wußte, was ihm widerfahren sei. O, bleibt nicht länger unter diesem Baum mit dem fahlen Laub, Kinder! Auf seine dürren Blätter hat eine unglückliche Frau viele Thränen geweint; vielleicht wandelt sie dort auch jetzt, vielleicht flüstert sie dort in unsichtbarer Gestalt und fallen von ihren Küssen die Blätter herab auf die bleiche Stirne ihres einzigen Sohnes . * * * Das nächtliche Gewitter zwang alle, unter den Bäumen hervor ins Kastell zu eilen. Beim Heulen des Sturmes, beim Niederprasseln des Gußregens, beim Krachen der Donnerschläge wagte schon niemand mehr daran zu denken, daß Rudolph noch kommen könne, und die kleinen Kinder flüchteten ängstlich an die Brust der Mutter. Zoltán nahm den größeren Knaben auf seinen Schoß und zeigte ihm in einem naturgeschichtlichen Bilderbuche seltene Tiere, während Kathinka mit dem Kleinsten sich in einen Winkel setzte und ihm Märchen von guten Feen erzählte; beiden blieb das Wort im Munde stecken, so oft ein krachender Donnerschlag niederfuhr. Die Kleinen verlangten endlich schlafen zu gehen, sich gegenseitig einander mit der Versicherung Mut einsprechend, daß sie sich vor dem Gewitter nicht fürchten. Edmundchen, der Kleinste, küßte jeden der Reihe nach zur guten Nacht und verlangte, daß Kathinka ihn zu Bette bringe, und als sie ihn auf den Arm genommen hatte, verlangte er wieder zu Zoltán bácsi getragen zu werden, um auch ihm einen Kuß zu geben, und dann forderte er Kathinka auf, Zoltán doch auch zu küssen, was sie ihm natürlich nicht zu Gefallen that; um so eifriger folgten ihre jüngeren Geschwister dieser Aufforderung, welche Zoltán ganz an sich zogen, ihn mit ihren zarten Händchen umhalsten und mit Liebkosungen überhäuften. O warum kann Rudolph dies alles nicht mit ansehen. Gegen Morgen hörte es auf zu regnen; bei Tagesanbruch wurde Zoltán aus dem Schlafe geweckt mit dem Briefe, den ihm sein Vormund geschickt. Verwundert las er darin, daß der Graf ihn unverzüglich nach Empfang des Briefes zu sich nach Karpátfalva rufe. – Wann ist der Graf nach Karpátfalva hinüber? erkundigte er sich bei dem bis auf die Haut durchnäßten Reitknecht. – In der Nacht. – In diesem furchtbaren Wetter! rief Zoltán bestürzt aus und fing an, sich anzukleiden, den Kopf voll trüber Gedanken. Im Hause schlief noch alles – die aufgetrommelten Dienstleute ausgenommen – als Zoltán sich aufs Pferd warf und davonritt. Das Pferd geht so langsamen Schrittes mit ihm und er reitet mit so schwerem Herzen dahin, als sollte er gar nicht wieder zurückkehren. 8. Die vermauerte Thüre. Rudolph schloß die ganze Nacht kein Auge; im größten Gewitter war er in Karpátfalva angelangt, hatte dort alsogleich den krauten Güterdirektor aufgesucht und mit ihm eine lange Unterredung unter vier Augen gehabt. Unterwegs quälte sich Zoltán mit tausenderlei Befürchtungen. Seine durch Schlaflosigkeit gereizte Einbildungskraft erging sich in ängstigenden Vermutungen über die Vorfälle, Welche die geheimnisvolle Reise des Vormundes nach Karpátfalva gerade an seinem Geburtstag veranlaßt hatten;– diese nächtliche Eile während des heftigsten Unwetters, das absichtliche Vermeiden des Madaraser Kastells rief in seiner Seele allerlei verworrene Schreckbilder hervor, denen noch der Morgenwind seine Schauer hinzufügte, als wäre es nicht genug an jenen Gespenstern, um ihm die Haut schauern zu machen. Als er in den Hof des Kastells hineinsprengte, war sein erstes Wort an den ihn empfangenden Diener: wo ist mein Vormund? Der Reitknecht benachrichtigte ihn, daß er oben in der Kanzlei auf ihn warte. – Ist ihm kein Unglück zugestoßen? drang der Knabe weiter in ihn, von seinem Pferde sich herabschwingend. – Sollte fast meinen. Er sieht so schlecht aus, als ob er krank wäre; er traf in später Nacht hier ein und blieb bis zum Morgen auf, ging allein von einem Zimmer in das andere, selbst den alten Verschließer hatte er fortgeschickt, nachdem er ihm die Thüren geöffnet hatte; noch jetzt brennt Licht in seinem Zimmer, vielleicht hat er sich nicht einmal niedergelegt und schreibt Briefe; er hat es wohl gar nicht einmal bemerkt, daß es schon helllichter Tag ist. Während der Diener dies sagte, eilte Zoltán die Treppe hinauf und öffnete mit klopfendem Herzen das Bureau. Rudolph stand mit dem Rücken gegen die Thüre gekehrt und war damit beschäftigt, Schriften zu versiegeln. Als er die Schritte des Knaben vernahm, wandte er sich um und empfing ihn mit so kaltem Gesichte, als ob in seinem Innern gar nichts vorgegangen wäre, Zoltán war bei diesem Anblick ganz perplex. Er war in der Vorahnung irgend eines großen Unglückes hergekommen und wußte sich nicht in das gleichgültige Gesicht seines Vormundes zu finden, das durchaus keine Teilnahme herauszufordern schien. Sie tauschten einen so kühlen, so nichtssagenden Händedruck miteinander aus, als handle es sich nur um eine gewöhnliche Höflichkeitsform. Zoltán blickte forschend dem Vormund ins Gesicht, aber er vermochte nichts in seinen Zügen zu lesen. Rudolph siegelte die Schriften zu Ende und sagte in trockenem Tone: setzen Sie sich, Freund Zoltán. Bei diesen Worten wäre Zoltán beinahe in Weinen ausgebrochen. – Teurer Vormund, Sie haben mich bisher noch immer geduzt. – Ja, lieber Zoltán, solange Sie noch ein Kind waren; es wird nicht mehr lange dauern und Sie sind ein Mann. Heute ist Ihr vierzehnter Geburtstag. Zoltán seufzte auf. Das war nicht der Ton, in dem sein Vormund sonst ihm seinen Geburtstag anzukündigen gewohnt war. – Sie treten jetzt schon in ein Alter, in welchem das Gefühl der Selbständigkeit nicht mehr jenes kindliche Verhältnis zuläßt, in dem Sie bisher zu Ihrem Vormunde gestanden; ohnehin werden jetzt auch einige Änderungen in diesem Verhältnisse eintreten müssen. Zoltán fühlte sich alles um ihn drehen. Vielleicht hat er nur falsch verstanden, was sein Vormund ihm jetzt gesagt? Rudolph bemerkte im Antlitz des Knaben jenen flehend fragenden Blick und war genötigt, sich abzuwenden, um sich nicht aus der Fassung bringen zu lassen; er fühlte, daß das Zittern seiner Stimme Zweifel gegen seine Festigkeit erregen könnte. – Sie werden in kurzem sich von uns trennen müssen, sagte der Graf plötzlich und gerade heraus, als wollte er sich und dem Knaben über die Pein langer Umschweife hinweghelfen. Zoltán wurde blaß wie die Wand. Er wollte sprechen, aber jeder Gedanke, jeder Ton versagte ihm. Unwillkürlich griff er nach einer Stuhllehne, um sich darauf zu stützen. Rudolph wäre gern auf ihn zugesprungen, um ihn an seine Brust zu drücken und ihn zu trösten. – Setzen Sie sich, sagte er trocken. Der Knabe that, wie ihm geheißen war. Rudolph, bemerkend, wie sehr der Knabe ergriffen war, bemühte sich, um so ruhiger mit ihm zu sprechen. – Lieber Zoltán, Sie sind verständig genug, um vollkommen zu verstehen, was ich Ihnen sage und um einzusehen, daß es nicht ein außerordentliches Ereignis ist, auf das ich Sie vorzubereiten habe, sondern der natürliche Verlauf der Dinge, und so glaube ich, Sie werden sich mit dem Gedanken beruhigen, daß ich Ihr eigenes Bestes will. Sie sind über die Vorbereitungsjahre der Jugend bereits hinaus und ohne Ihnen ins Gesicht schmeicheln zu wollen, kann ich sagen, daß von Ihrem Herzen, Ihrem Verstand, Ihrem Arm sich viel Edles, viel Gutes erwarten läßt. Sie besitzen schöne Fähigkeiten und damit die edeln Eigenschaften Ihres Geistes sich zur Vollkommenheit des Geistes entwickeln können, fehlt Ihnen nur noch eins: die Schule der Welterfahrung. Sie müssen aus den Propyläen der Jugend den Schritt ins Leben thun, die Menschen und Verhältnisse mit eigenen Augen sehen und beurteilen lernen. Dazu ist Ihnen in Szentirma und Karpatfalva keine Gelegenheit geboten. Die einfachen Leute hier sind nicht dazu angethan, um an ihnen Erfahrungen machen zu können, das ländliche und häusliche Stillleben mag für Mädchen eine gute Schule sein, nicht aber für Männer, welche durch ihre gesellschaftliche Stellung dazu berufen sind, einst eine hervorragende Rolle zu spielen; das Leben bewegt sich hier in zu engen Kreisen, und aus Büchern allein ist noch niemand ein Weiser geworden. In den zwei Monaten, in denen Sie voriges Jahr mit mir auf Reisen im Auslande waren, haben Sie mehr profitiert, als in einem zweijährigen Schulkurs. Allein ich kann nicht jedes Jahr mit Ihnen auf Reisen gehen: meine Familie, mein Amt und andere Rücksichten gestatten mir keine längere Abwesenheit, so gern ich auch mit Ihnen wenigstens nach Pest gehen würde; dort ist jetzt der Brennpunkt unserer nationalen Interessen, der Brutherd der neuen Zeitideen; dort werden Sie mindestens den Platz kennen lernen, den Sie mit der Zeit einnehmen sollen, und die Mittel und Wege, um sich ein Anrecht darauf zu erwerben. Zoltán nahm sich das Herz, ein Wort dazwischen zu reden. – Deshalb aber bleiben Sie doch mein Vormund? Vor dieser Frage hatte Rudolph sich gefürchtet. Die Antwort darauf war nicht zu umgehen. – Nein, Zoltán, das geht leider nicht. Ich kann nicht aus solcher Entfernung die Obliegenheiten eines Tutors erfüllen. Ich bleibe Ihr Freund und Gönner und werde darauf bedacht sein, meine bisherigen Pflichten auf einen wackern Vormund zu übertragen, der Sie gut behandeln wird. Wissen Sie jemand unter den Männern Ihrer Bekanntschaft, zu dem Sie sich besonders hingezogen fühlen, so nennen Sie mir ihn, es wird dann meine Sorge sein, ihn zu bewegen, daß er die Vormundschaft über Sie übernehme. Jedem Gesichtszug, selbst den krampfhaft zusammengeballten Fingern, konnte man es ansehen, mit welcher Anstrengung Zoltán seinen Kummer niederkämpfte und nach Fassung rang. Seine Augen schienen zu flammen vor den zurückgehaltenen Thränen, als er zur Antwort gab: dann erbitte ich mir Tarnaváry zum Vormund. Rudolph wunderte sich über den Knaben. Von ihm, in dessen Familie er wie ein teurer Sohn, mit Liebe und Zärtlichkeit überhäuft worden, verlangt er sich zu Tarnaváry, dessen rauhe Manieren jedermann kennt und der ein wahrer Tyrann ist mit den jungen Leuten, die mit ihm in irgend eine Berührung kommen. – Wohl, er ist jetzt zum Septemvir ernannt worden und wird daher in Pest wohnen; aber, lieber Zoltán, Tarnaváry ist ein sehr strenger Mann. – Eben deshalb, erwiderte der Jüngling. Wenn meines Bleibens nicht länger in Szentirma sein kann, so will ich die Trennung wenigstens um so besser fühlen. Diese letzten Worte waren kaum vernehmbar gelispelt. Rudolph fühlte solches Mitleid mit dem Armen, seinem Herzen that es so weh, ihn derart behandeln zu müssen, aber es mußte sein. Nach jener gehässigen Anklage durfte Rudolph keinen Tag länger Zoltáns Vormund bleiben. – Nun, so werde ich Ihnen einen Empfehlungsbrief an Tarnavári schreiben; denn bis zur nächsten Generalversammlung, welche darüber beschließen wird, müssen Sie bereits bei ihm sein. Einstweilen können Sie auf Ihr Zimmer gehen. Dies sagend, nahm Rudolph eine Feder und schickte sich an zu schreiben. Zoltán wartete eine Weile, ob er ihm nicht noch etwas sagen werde, dann erhob er sich traurig und ging zum Zimmer hinaus. Nicht das schmerzte ihn so sehr, was Rudolph ihm gesagt hatte, als daß er imstande gewesen, es ihm mit so kalter Ruhe zu sagen. Wie er zur Thüre hinausging und sie hinter sich zumachte, blieb er einige Minuten unwillkürlich stehen; er wußte selbst nicht, wie ihm geschah. Was hatte er begangen, worin hatte er gefehlt, daß er seinem Vormund Ursache gegeben zu einer so ungewohnten Kälte? Noch war der Gedanke an das, was nach allem diesem kommt, nicht in seiner Seele aufgestiegen, daß er eine ganze Welt verlassen soll, in der er geliebt wird, und eine Jugendgespielin, die er mehr liebt, als die ganze Welt, an die jeder Tag eine teure Erinnerung bewahrt, und daß er nun eintreten soll in eine frostige, unheimlich lärmende Welt, in die kein Blick seiner bisherigen guten Schutzgeister ihn begleiten wird. Noch stand er erst unter dem Eindruck der ersten Vorahnung und blieb in seinem brennenden Schmerze einige Minuten lang in Schwermut versunken an der Thüre stehen, als plötzlich ein erschreckender Ton ihn seiner Betäubung entriß. ... Jemand weint. ... Er fing an, aufzuhorchen ... Ja, das ist das bittere, bittere Schluchzen eines Mannes, dessen Töne er vernimmt. Da drinnen in dem Zimmer, das er verlassen, ist der Graf allein geblieben und glaubt, daß niemand ihn hört, während er den zurückgedrängten Gefühlen frei hervorzubrechen gestattet: es ist der stets kaltblütige, gelassene Mann, der weint. Zoltán wandte sich augenblicklich um, riß die Thüre auf und stürzte außer Atem ins Zimmer, in dem er seinen Vormund erblickte, von Schmerz zusammengebrochen; er lief auf ihn zu, warf sich an seine Brust und war so glücklich, als dieser ihn kräftig an sein Herz drückte und ihm gestattete, mit seinen Thränen die teuren Hände zu benetzen, als er nicht länger vor ihm verbarg, daß er ihn liebt, daß es ihn schmerzt, diese harten Worte an seinen Pflegesohn zu richten, der ihm schon so fest gewachsen an das liebende Herz, daß man ihn von da nicht wegreißen kann, ohne daß eine blutende Wunde zurückbleibt. Diese wenigen Augenblicke eines sprachlosen, erstickten Schluchzens sagten mehr, als in einem Buche, in einer Menschenbrust Raum hätte. Auch das verstummte. Rudolph trocknete sich die Augen und streichelte sanft die Locken des Knaben, der ihn, das Gesicht an seiner Brust verbergend, umfaßt hielt; dann sagte er mit weicher, gefühlvoller Stimme: erinnere dich daran, Zoltán, daß du mich weinen gesehen; es sei dies ein Geheimnis deines Lebens, an das du oft zurückdenken magst; aber lasse niemand darum erfahren. Zoltán fand so viele Süßigkeit in dem, was ihm so großen Schmerz verursacht hatte. Sein Vertrauen, sein Mut kehrten zurück. Er hob sein schönes, geistvolles Antlitz empor, das der Schmelz seiner kindlichen Thränen noch lieblicher erscheinen ließ und fragte mit gefaltenen Händen: warum, warum soll ich Sie verlassen? – Frage mich das nicht; du wirst es ohnehin früh genug erfahren, und jener Tag, an dem du es erfahren wirst, wird für dich ein Tag schwerer Prüfung und schweren Kummers sein. Gott gebe dir Kraft, ihn zu ertragen. Jetzt sei dir genug, zu wissen, daß es nicht Mangel an Liebe ist, was uns zur Trennung zwingt, sondern ein Geschick, schwerer als ein Fluch, von dessen Hereinbrechen ich ebensowenig eine Ahnung hatte, wie du jetzt eine Ahnung davon hast. Wir müssen voneinander scheiden, und zwar scheiden, ohne daß du zu mir zurückkehren darfst. Der Schmerz fing an, Zoltán zornig zu machen. – Wer kann mir das befehlen, wer kann mich dazu zwingen? – Ich, sagte Rudolph sanft, und nahm traurig die Hand des Knaben in die seinige. – Sie, mein Pflegevater? rief der Knabe erstaunt und ohne auch nur entfernt mit einem seiner Gedanken der Wahrheit nahe zu kommen. Ach, das kann nicht sein; andere sind es, die Sie dazu zwingen, welche Kabalen spinnen und Tücke ausüben; gewiß verleumdet man Sie, weil ich reich bin und will Sie mir so entfremden; wer aber kann es mir verbieten, Sie, den edelsten Menschen auf Gottes Erdboden, der mir von meiner frühesten Kindheit an Vater gewesen, und sie, die liebevollste, zärtlichste Mutter und die besten Geschwister, die mich, den Verwaisten, als teuren Bruder in ihre Mitte aufnahmen, zu lieben, solange ich lebe? Wer kann mir das verbieten? – Niemand, niemand, teurer Zoltán, fahre fort, uns, sie alle, zu lieben; denn auch wir werden nicht aufhören, dich zu lieben; wenn du allein sein wirst, denke oft an uns, denn auch wir werden viel von dir sprechen, so oft wir allein sind und niemand uns hört. Aber was du denkst, was du fühlst, zeige es nicht, sage niemand davon, denn es würde eine große Gefahr über dich heraufbeschwören und über uns. Worin diese Gefahr besteht, kann ich dir nicht sagen, ein schlechter Augenblick wird es dir schon verraten. Fühle und schweige! Ich bitte dich darum, und warum ich dich bitte, das wirst du thun. Zoltán nickte sprachlos ja. – Du wirst von uns scheiden, ohne dir vor gaffenden Zeugen merken zu lassen, daß es dir nicht leicht fällt. Der Knabe willigte schweigend ein. – Du wirst weit von uns sein und uns nicht schreiben; auch von uns erwarte keine Briefe, aber dennoch wirst du darüber beruhigt sein, daß wir dich lieben und uns auch von dir geliebt wissen. Der Knabe that weiter nichts, als die Hand seines Pflegevaters während dieser Worte an seine Lippen zu führen. – Dann, wenn wir uns hier oder dort in der Welt begegnen, wirst du dich gegen uns benehmen, als ob wir nur flüchtige Bekannte wären, zu denen du in keinen näheren Beziehungen stehst. O das war schwer, sehr schwer zu versprechen. – Und wird das nie ein Ende nehmen? frug schmerzlich aufseufzend der Knabe. – Ja, einmal gewiß! sagte Rudolph, dem Knaben die Hand drückend, den dieser Trost neu zu beleben und ihm seine Seelenstärke wieder zu geben schien. (Also nicht auf ewig, nicht bis zum Tode währt dieses Rätsel; einmal wird alles sich aufklären, und wie schön wird es dann sein, das Glück wieder von neuem zu beginnen! ...) Rudolph umarmte noch einmal den Knaben und setzte dann ruhiger und mit erleichterter Brust die Unterredung fort. – Was mich bestimmte, dich nach Karpátfalva zu rufen, war nicht bloß, daß ich glaubte, hier ungestörter dir meine bisherigen gewichtigen Eröffnungen machen zu können, sondern auch die Überlieferung eines Familiengeheimnisses, um das, außer mir, keine lebende Seele weiß. Mit diesen Worten stand der Graf auf und klingelte. Er mußte es zwei, dreimal wiederholen, bis jemand kam. Er hatte mit Vorbedacht die Dienerschaft von diesem Orte entfernt und es dauerte eine gute Weile, bis Paul, der alte Schaffner, die Treppe heraufgekrochen kam. Als der greise Diener den jungen Herrn erblickte, suchte er heimlich sich seiner Hand zu bemächtigen, um sie zu küssen, wohl wissend, daß er es freiwillig nicht zugelassen hätte. Rudolph bemühte sich, durch ein paar scherzhafte Fragen Paul ins Gespräch zu ziehen und sich selbst in eine gefaßtere Stimmung zu bringen. Dann gehen sie zusammen auf den Korridor. Auf einer Stelle bleibt der Graf stehen und fragt Paul: erinnern Sie sich noch, daß an dieser Stelle einmal ein Gang war, den der selige Johann Karpáthi vermauern ließ, weil durch denselben das Kastell dem durchstreichenden Zuge der Nordwinde zu stark ausgesetzt war? – Ob ich mich erinnere, sagte der alte Diener, der ganz redselig geworden war; hab ich doch selbst die Vermauerung überwacht; denn der selige gnädige Herr lag schon auf der Totenbahre, als man seinen Befehl vollstreckte. Er ließ auch diesen Gang nicht deshalb vermauern, als wenn er sich vor der Zugluft gefürchtet hätte, sondern weil dieser Gang in die Zimmer der seligen gnädigen Frau führte, und weil der gute Herr, der ein halbes Jahr nach ihrem Tode der gnädigen Frau nachgefolgt war, nicht wollte, daß nach ihm jemand diese Zimmer betrete. Deshalb ließ er den Gang vermauern. In den Zimmern aber blieb alles, wie es die gnädige Frau gelassen hat, kein Stuhl ist von seinem Orte gerückt worden, nicht einmal ein Buch wurde verschoben, selbst das Klavier blieb offen, wie es war und ich, der ich seitdem jeden Tag im Kastell zubringe, häufig mutterseelenallein in dem ganzen untern Stockwerke, höre oft nächtlicherweile, wenn alles im tiefen Schlafe liegt und nur mir allein kein Schlaf kommt, wie über mir das Instrument ertönt, als ob jemand darauf spielte und wie es dann lange noch fortzittert und nachhallt. Ein abergläubischer Mensch würde auf den Gedanken kommen, daß es oben spukt; ich aber weiß recht gut, daß meine verewigte Gebieterin droben im Himmel ist, im Chore der Seligen, und daß das, was so tönt und klingt, nichts weiter ist, als eine Klaviersaite, welche von selbst gerissen ist und einen lauten Klang von sich giebt. Zoltán hörte mit kindlicher Ehrfurcht den Reden des greisen Dieners zu, dem Rudolph auf die gekrümmte Schulter klopfte. – Ich glaub es, guter Alter, daß der Gang deshalb vermauert wurde, aber die Folge davon war doch, daß die Gänge jetzt keinen Luftzug mehr haben, und da auch nur selten jemand im obern Stockwerke wohnt, so ist der ganze linke Flügel so mit dumpfiger Luft angefüllt, daß es einem den Atem verschlägt, wenn man zu einer Thüre hereintritt. Es zeigt sich das auch an den Möbeln, die alle Sprünge bekommen und die Fenster werden ganz blind in dieser schwülen Temperatur; wir werden daher diesen Gang wieder öffnen und lieber ein Gitter vormachen lassen, um so die Gesundheitsrücksichten für die Lebenden mit der Pietät für die Verstorbenen in Einklang zu bringen. Nicht wahr, Zoltán? Zoltán nickte ein stummes Ja. Sein Herz pochte so gewaltig in diesem Augenblicke. Der alte Paul kratzte sich das graue, gebeugte Haupt. – Wohl, gnädiger Herr. Ich weiß recht gut, daß wir jetzt nicht an die Luft denken, aber es ist gut so, sehr gut. Der junge Herr Zoltán ist schon herangewachsen und groß geworden, heute, morgen wird er von hier fort müssen. Es wird sehr gut sein, wenn er vorher das Zimmer sieht, in dem seine teure Mutter, die gute gnädige Frau, gelebt hat und gestorben ist. Ich weiß, er wird oft daran zurückdenken. Ja, es ist sehr gut, daß er es sieht. Der gerührte Greis wischte sich mit dem Rockärmel eine Thräne aus den Augen, während Rudolph ganz überrascht davon war, wie der einfache Mensch seinen wahren Gedanken so auf die Spur gekommen. – Rufen Sie einen Maurer, sagte er trocken zu dem alten Diener. – Wozu das, gnädiger Herr? Das ist ja keine so große Arbeit, eine dünne Wand durchzubrechen. Warum brauchen andere Leute davon etwas zu erfahren. Wir werden auch allein damit zustande kommen, sind wir doch unserer drei. Rudolph blickte aufmerksam dem Alten ins Gesicht. Ist es nicht merkwürdig, wie sich Paul in seinen Ideengang hineinzudenken versteht? Woher weiß er es, daß etwas verschwiegen bleiben muß, woran dem äußeren Anscheine nach nichts zu Verheimlichendes ist? Der Alte hatte in wenigen Minuten einen Tschakan (Stockhammer) und ein Stemmeisen herbeigeholt und machte sich nun an die Arbeit. Er ist schon ein alter Knabe und die verwetterten Steine wollen ihm nicht recht gehorchen; jeder Ziegel wartet drei bis vier Schläge ab, ehe er sich nur von der Stelle rührt. Rudolph zog seinen Rock aus und nahm dem Diener das Stemmeisen aus der Hand; er wird schneller damit fertig werden. Unter den Streichen seines kräftigen Armes gab die Wand bald nach, Zoltán und der alte Paul halfen nur die Ziegeln auseinander nehmen, damit ihr Herabfallen nicht zu großen Lärm mache. Nach wenigen Minuten war die Bresche schon groß genug, daß ein Mann durchschlüpfen konnte. – Gehen wir nicht weiter, riet Paul, es wird dann leichter sein, das Ganze wieder zuzumauern. – Sie haben recht, stimmte Rudolph bei, und eilte in sein Arbeitszimmer, aus dem er mit zwei angezündeten Wachskerzen zurückkehrte – denn die Fenster jener Zimmer waren gleichfalls vermauert und es war darin so dunkel, wie in einer Totengruft. Die eine Kerze reichte er Zoltán, die andere behielt er in der Hand und stieg durch die durchgebrochene Mauerspalte hinein, dem ihm nachkommenden Knaben die Hand reichend. Paul blieb draußen. Ihre Schritte widerhallten dumpf in dem geschlossenen Gang; als sie vor der ersten Thüre standen, trafen sich ihre Blicke und jeder dachte bei sich, wie geisterhaft blaß doch der andere aussehe. Rudolph war so beklommen, daß er, bevor er die Hand auf die Klinke legte, in melancholischer Zerstreutheit an die Thüre klopfte und dann erst erschreckt zurückfuhr. ... Wenn von innen eine Stimme geantwortet hatte: »herein!« ... Mit ächzendem Knarren öffnete sich die Thüre; beide traten leise hinein und zogen sie hinter sich wieder zu. Die seit vierzehn Jahren eingeschlossene Luft legte sich drückend und beklemmend auf ihre Brust mit dumpfer Schwüle und erstickendem Modergeruch. Selbst die Kerzen brannten matter und vermochten kaum die Finsternis zu erhellen, in die kein Strahl des Tageslichtes drang und die noch erhöht wurde durch die getäfelte dunkle Holzbekleidung der Wände, die eichenen Parketten und die nachgedunkelten alten Ahnenbilder ringsherum, von denen nur einige weiße Frauengesichter und Hände hervortraten und dadurch das übrige, was im Dunkel blieb, nur noch düsterer erscheinen ließen. Es war dies das Vorzimmer. Ohne ein Wort zu sprechen, schritten sie hindurch in das andere Zimmer. Es war so traurig, zu denken, daß in diesen Räumen nach dem Tode der Gebieterin keine – keine menschliche Stimme mehr gehört worden war; wer daran dachte, hütete sich, sein Auftreten darin vernehmen zu lassen. Noch hatte keiner zum andern ein Wort gesprochen. Das zweite Gemach war das Arbeitszimmer der Karpáthi. Dort stand das Klavier, geöffnet, wie es geblieben war, auf dem Notenpult Chopins Mazurkas. Viele Saiten waren gesprungen und standen spiralförmig zusammengerollt in die Höhe. Neben dem Klavier stand der große Lehnstuhl mit dem darübergeworfenen Shawl der toten Frau, auf dem Tisch lagen ein Stickrahmen und eine Aquarellmalerei, unterbrochene Arbeiten. Die große Standuhr, auf schwarzem Marmorpostament, wies noch jetzt die Stunde, die Minute, in der Frau Karpáthi ihren Geist ausgehaucht hatte. Die Möbel, die Tische waren alle mit feinem Staub bedeckt, der im Laufe der Jahre auch in die verschlossensten Räume eindringt und den sich selbst überlassenen Glanz, den Pomp der Toten, überzieht. Die Sammetstoffe, die noch ganz unbenutzt waren, hatten ihre Farbe verloren und als Rudolph einen Vorhang beiseite ziehen wollte, zerfiel er in seiner Hand; die Zeit hatte ihn zernagt, und vielleicht hatten auch die Larven jener kleinen Schmetterlinge an der Zerstörung geholfen, welche so dicht um die brennenden Kerzen schwärmen. In einem der eisernen Fensterläden dieses Zimmers war eine kleine Lücke entstanden, vielleicht ist es die leere Stelle eines herausgefallenen Nagels, durch welche ein langer, dünner Sonnenstrahl hereinfiel, bis an die entgegengesetzte Wand, auf der er lebende Gestalten erscheinen ließ, wie in einer natürlichen camera obscura . Manchmal geht jemand über den Hof, dann ist es, als ob lange, gespenstige Schatten über die Wand liefen, mit aufwärts gekehrten Beinen. Alles ist so still, nur der laut nagende Holzwurm verkündet, daß die Zeit lebt, vorwärts schreitet und vernichtet. Jetzt standen sie vor dem dritten Zimmer. Ein Gefühl, schwerer, beklemmender noch als die dumpfe Grabesluft, verschlägt Rudolph den Atem, indem er über diese Schwelle tritt, an die für ihn so traurige Erinnerungen sich knüpfen. Als wäre es gestern erst geschehen, steht alles so lebhaft vor seinem Geiste; dort saß, dort weinte sie vor ihm Thränen der Verzweiflung, dorthin hatte sie ihr Gebetbuch gelegt; wahrhaftig, da liegt es noch, halb geöffnet. – Das ist das Zimmer, Zoltán – flüsterte Rudolph, dem Knaben die Hand drückend und vor innerer Aufregung nur mühsam die gebrochenen Worte vorbringend – das ist das Zimmer, in dem deine Mutter gestorben ist. An der rückwärtigen Wand hingen nebeneinander die Bildnisse des greisen Karpáthi und seiner Gattin, der schönen, blühenden Fanny. Ja, so war sie, das sind ihre leuchtenden Augen, ihre schwellenden Rosenlippen, das Bild ist zum Sprechen getroffen. Zoltán eilte hin zu dem Porträt, er warf sich mit dem Gesicht auf ein vor demselben stehendes Sofa ohne Lehne und brach in ein lange anhaltendes, sanftes Schluchzen aus. Rudolph stand hinter seinem Rücken und seine Blicke schweiften von dem Bilde auf den Knaben und von diesem wieder auf das Bild zurück. Ist Liebe ein so schweres Verbrechen, daß sie so hart sich straft? Daß sie noch über das Grab hinaus an demjenigen sich rächt, der sich durch sie versündigt und seine Schmerzen noch auf die Nachkommen vererbt? Beide Bilder scheinen den sie Betrachtenden anzusehen; wenn Rudolphs Augen sich auf Karpáthi richten, fällt ihm die letzte Stunde ein, die er mit ihm zugebracht, als der gute alte Nabob ihn durch all diese Gemächer geführt und mit Thränen im Auge ihm die Geschichte jedes Winkels, der sich in diesem Zimmer befindet, erzählt hatte, wo er die ihm Unvergeßliche traurig, wo er sie lachen gesehen, wo in Träumereien versunken. Hier saß, dort zeichnete, da schlief sie und hier – ist sie gestorben. »Sieh – hatte er zu Rudolph gesagt – auf jenem Tisch liegt noch ein unbeendigter Brief; niemand hat ihn gelesen, selbst ich nicht; er ist mir ein Heiligtum.« Diese Worte blieben wie ein Alpdruck auf Rudolphs Seele. An wen ist dieser Brief geschrieben? Dieser Gedanke weckte ihn oft aus seinem Schlummer, trübte oft seine glücklichsten Stunden. Was kann er enthalten? Wen geht er an? Er beruhigte sich ebenso oft mit der Antwort, daß ja ganz gleichgültige Dinge in dem Briefe stehen können und daß wohl eine Ewigkeit vergeht, bis er von jemand gelesen wird. Jenes unheilvolle Vorladungsschreiben hatte aber die eingesargten Skrupeln aufs neue in seiner Brust wachgerufen: »wie, wenn ein unbedachtsames Wort in jenen Zeilen der Feder entschlüpft ist und wenn der Brief denjenigen in die Hände fiele, die seine und Zoltáns Feinde sind? Die Frau war eine Schwärmerin, sie war von Liebe zu ihm erfüllt; was hilft es, daß diese Liebe rein war, wie die Liebe der Engel? Ein geschriebenes Wort darin kann genügen, um dem künstlichen Lügengewebe der Anklage den Schein der Wahrheit zu leihen, um die ganze Zukunft eines jungen Lebens und alle Verdienste einer langen Vergangenheit zunichte zu machen.« Der brennende Gedanke »was kann in diesem Briefe geschrieben stehen?« hatte ihn in Nacht und Wetter nach Karpátfalva geführt. Er muß wissen, was in diesem Briefe geschrieben steht. Es ist ein Diebstahl, die Entweihung eines Heiligtums, was er begeht; sein Charakter schreckt vor dem Gedanken zurück, das Briefgeheimnis eines Toten zu verletzen; aber es muß geschehen! Um der Zukunft des Knabens willen, der jetzt vor dem Bilde seiner Mutter kniet, dessen empfindsame Seele jetzt mit dem Geist seiner Mutter spricht, muß er jenem Briefe sein Geheimnis entreißen. Zitternd näherte er sich dem Tisch und sein Herz klopfte hörbar, als er sich über das ausgebreitet daliegende Papier herniederbeugte: es flirrte ihm vor den Augen, als ob eine Geisterhand ihm dieselbe zuzuhalten bemüht wäre. Über das Papier hatte sich eine dichte Schicht Staub gelagert, welche die Schrift verdeckte. Mit einer Beklemmung, wie einer, der ein seine Seele beherrschendes Gespenst in seiner Ruhestätte aufsuchen geht, wie ein verurteilter Verbrecher, der begierig ist, sein Todesurteil zu lesen, wischte er den Staub von dem Briefe und schrak fast zusammen, als plötzlich die ihm bekannten Züge hervortraten. Er starrte mit kaltem Schauer um sich. Ihm war es in seiner Einbildung, als säße in diesem Augenblick der Geist jenes Bildes an seiner Seite, eine Hand auf seine Schulter gelegt, und mit der andern schreibend, langsam, gedankenvoll. »Meine geliebte Flora! (Der Brief ist also an die Szentirmay.) »Bange Gefühle bewegen meine Brust, mir ist zu Mute, als ob ich morgen schon sterben sollte ...« (Arme Frau; ihre Ahnung hatte sie nicht getäuscht. Schon am andern Morgen war sie eine Leiche, nur um eine Stunde hatte sie die Geburt ihres Kindes überlebt.) »... Der Tod selbst, das Sterben hat nichts Schreckliches für mich, ich bin seit lange mit dieser Vorstellung vertraut. Ich nehme das Leben mit mir in eine stillere Behausung, und es thut mir wohl, daran zu denken. Aber ich habe ein Gespenst, ein Geheimnis meines traurigen Lebens, von dem ich nicht will, daß es mit mir begraben werde. Schon im Leben war es mir eine schwere Last, wie erst, wenn ich es mit ins Jenseits hinübernehmen müßte! Ich bin unglücklich, das konntest du sehen. Alle Zärtlichkeit, alle ausopfernde Liebe meines Gatten ist nicht imstande, mein Unglück mich einen Augenblick vergessen zu machen. Noch als junges Mädchen liebte ich einen Mann, der das Bild meiner Träume, mein Idol war; er wußte nichts von dieser Liebe, kannte mich nicht, hatte mich vielleicht nicht einmal gesehen. Später verlor ich ihn aus dem Gesichte, nicht einmal seinen Namen konnte ich erfahren, aber ich hörte deshalb nicht auf, ihn zu lieben, von ihm zu träumen. Du weißt, aus welcher gefährlichen Lage mein Gatte mich befreite; o, um wieviel gefährlicher war diejenige, in die er mich brachte; in dieser neuen Welt mußte ich zusammenkommen mit jenem Mann, den zu lieben mir ein so großer Schmerz war. Und damals war ich schon Frau und er schon Ehemann. Ich das unglücklichste Weib und er der glücklichste Gatte. Ich verdiente mein Unglück, so wie er sein Glück verdiente, und so lag eine unausfüllbare Kluft zwischen ihm und mir ... Dieser Mann – ist dein Gatte ... Wem könnte ich, nächst Gott, dies Geständnis ablegen, wenn nicht dir? Wie vor Gott mein Herz offen daliegt, so sollst auch du hineinsehen, und wenn ihr in dem Schmerz, den ich gestanden, einen sündhaften Makel findet, richtet mich; mein ganzes Leben hindurch habe ich die Qual dieses Geheimnisses mit Ergebung getragen, aber jetzt, mit dem Sorgefühl des Todes im Herzen, zittere ich vor Gott. Ich weiß, daß schon der Gedanke sträflich war, daß es eine Sünde war, wenn ich auch nur von ihm träumte; ich habe mich vergangen gegen dich und gegen Gott; und doch war es mir Wonne und Entzücken, an ihn zu denken, von ihm zu träumen. Welches Urteil darf ich erwarten? Werd ich meine Verdammung hören, daß ich vor Gott, vor den Menschen mit meinen heimlichen Gedanken gesündigt, oder wird die himmlische Barmherzigkeit sagen: »soviel sie geliebt, soviel hat sie gelitten.« O lasse mich nicht ohne Antwort; sieh ich entschuldige, ich verteidige mich nicht vor dir. Ich könnte sagen, ich bin nicht schuldig, ich habe nie gegen dich gefehlt, aber ich flehe nur um dein Erbarmen! Wenn du mir deine Hand reichst, dann weiß ich, daß auch Gott mir verzeihen wird. Deinen Mann ... o! ...« Hier brach der Brief ab. Die ohnehin nervös aufgeregte Frau hatte bei diesen Worten eine krampfhafte Ohnmacht befallen, aus der sie erst in der Todesstunde zu sich kam. Man hatte sie in ihr Bett getragen und während des kurzen letzten Stündleins kam ihr der unbeendigt gebliebene Brief nicht mehr ins Gedächtnis. Sie sah Flora dort an ihrem Lager sitzen und wenn ihre Seele sich der göttlichen Verzeihung bewußt geworden, so war es Floras Gesicht, von dem sie diese tröstliche Überzeugung herabgelesen. Rudolphs Blicke hafteten noch immer auf den Schlußworten des Briefes: Deinen Mann ... o! ... als warte er noch auf die Fortsetzung, als wollte er ihr zurufen: »schreib weiter, schreib zu Ende, was du mir zu sagen hattest.« Zoltán lag noch immer in der Stellung, in der er vor dem Bilde seiner Mutter hingesunken war und bemerkte nicht, was in diesen wenigen Minuten mit Rudolph vorging. Das Antlitz seines Vormundes war in diesem Moment bleicher, als das eines Toten. Sein Geist war ganz in die Vergangenheit versenkt: wie er mit der unglücklichen Frau in diesem Zimmer zusammengekommen, wie er gegen ihren Willen ihr Geheimnis erfahren, wie sie bitterlich vor ihm geweint ... Und jetzt wieder dasselbe Weinen. Doch wohin führt ihn seine herumirrende Phantasie. Diese schluchzenden Laute rühren von Zoltán her. Sie sind denen seiner Mutter so ähnlich. Rudolph begann allmählich wieder zu sich zu kommen und gewann seine männliche Ruhe wieder; er legte den Brief zusammen, hob ihn in die Höhe, als ob er jemand sagen würde: »Dies Geheimnis geht mich an!« und steckte ihn in seine Brusttasche. Dort ist er am besten aufgehoben. Welches Unheil könnte daraus entstehen, wenn dieser Brief in fremde Hände fiele, vielleicht in die der Feinde Zoltáns. Wie würden diese pfiffigen Kasuisten es verstehen, aus den unschuldigen, reinen Selbstbekenntnissen dieser Zeilen ein strafbares, schuldbewußtes Verhältnis heraus zu demonstrieren. Es wäre ein einziges Beweisstück gewesen, um vor der Welt gegen ihn zu zeugen. Vor niemand sonst, nur vor der bösen Welt, die immer geneigter, Schlechtes als Gutes zu glauben, und die grausamer ist als die blutigsten Tyrannen des Altertums, denn sie weiß nur zu verurteilen, nicht zu begnadigen. Aber dies Schreiben ist nun gut ausgehoben! Rudolph fühlte seine Brust von einem Ungetüm befreit, das seit Jahren mit den Besorgnissen seiner Seele sich großgesogen hatte und sich beständig erneuerte, wie ein im Innern des Körpers entstandener Polyp. Er stand auf und schritt hinüber zu Zoltán, mit der Kerze in der Hand das Porträt beleuchtend. Das Bild selbst, die tote, bemalte Leinwand, erschien ihm um vieles lebensfrischer, um vieles lächelnder, als ob es gleichfalls glücklicher und beruhigter wäre und sich freute, daß der gefährliche Brief in die Hände dessen gelangt, der sein Geheimnis am besten zu wahren weiß ... Er hob den Knaben auf, der die Augen von dem schönen Gesichte seiner Mutter nicht abzuwenden vermochte. – Denke oft zurück an diese Stunde in deinem Leben. Und nun nimm zu dir, was du von deiner Mutter geerbt: dies Gebetbuch . Gieb acht, daß du nichts verstreuest, was darin ist; es sind lauter teure Andenken. Schäme dich nicht, es oft anzusehen, deine Hand wird gesegnet sein, so oft du darin blätterst. Bewahre dir die Eindrücke deiner Kinderjahre, sie verdienen es, in Ehren gehalten zu werden. Sei nicht verschwenderisch mit deiner Zuneigung, aber wem du dich hingiebst, dem bleibe treu. Wenn dich das Leben manchmal auf Scheidewege stellt, so frage dein eigenes Herz um Rat, denke an sie, die von oben auf dich herabblicken, an den Geist deines Vaters, deiner Mutter, und handle so, damit sie dich glücklich sehen. Und nun sagen wir denen Lebewohl, die hier zurückbleiben. Noch einmal blickten sie umher in den dunkeln Gemächern. Die verblaßten Denkzeichen, die schlummernden Geister, mögen sie weiter schlafen. Im Nebenzimmer ertönte das Klavier, als glitten geisterhafte Finger über dasselbe hinweg. Zoltán schmiegt sich erschreckt an Rudolph ... Es ist nichts; eine Maus ist über die Tasten gelaufen. Die Geister schlafen ruhig. Die Lichter werden weiter getragen, die beiden Bildnisse umfängt wieder die gewohnte Nacht; in der dumpfen, lautlosen Luft verhallt das letzte Knarren des Schlüssels. Zoltán küßt im Vorbeigehen das über den großen Armstuhl hingebreitete Tuch. Nachdem sie auch das Vorzimmer verlassen, schreiten sie den Gang hindurch bis zu der ausgebrochenen Mauerspalte, vor der der greise Diener Wache steht. Als wälzten sich schwere Berge von ihrer Brust, so voll, so erleichtert seufzen beide auf beim Hinaustreten in die freie Luft. Da draußen scheint die Mittagssonne so hell, so lustig durch die grünen Linden und scheint verwundert zu fragen: wohin, wohin mit diesen erbleichenden Kerzen und diesen blassen Gesichtern? ... 9. Die emancipierte Familie. Eine Woche nach dem in Karpáthfalva zugebrachten Tage sollte Zoltán sich auf den Weg machen. Die sieben Tage dieser Woche schienen ihm ein langes qualvolles Jahr. Er wußte, der Schmerz über sein Scheiden sei das Geheimnis seines Vormunds; er hörte, wie Rudolph vor seiner Frau und den Kindern so gleichgültig von Zoltáns Abreise sprach, wie von etwas, was sich von selbst versteht, was der natürliche Lauf der Dinge mit sich bringt, und was vernünftigerweise geschehen muß; Zoltán muß sich ausbilden, seine akademischen Studien beendigen, denn die Wissenschaft ist ein Schatz, nicht für den Armen allein, auch für den Reichen. Zoltán wird daher jetzt die Pester Universität und später auch ausländische Hochschulen besuchen; darüber werden allerdings einige Jahre vergehen, dann aber wird er als wackerer, ausgezeichneter junger Mann zurückkehren und um so größere Freude wird dann in Szentirma sein. In dieser Weise und aus solchen Auseinandersetzungen erfuhr Rudolphs Familie die nahe bevorstehende Abreise Zoltáns, und der Knabe mußte sein Benehmen demgemäß einrichten, durfte sich nichts merken lassen davon, daß er wisse, hinter den vorgeschützten Beweggründen seiner Entfernung lauere ein schwarzes, schreckliches Geheimnis, das seinen Geist nicht zur Ruhe kommen läßt, bis er ihm nicht aus den Grund gekommen, bis er es nicht ans Tageslicht gezogen und zunichte gemacht, was immer es sein mag. Er mußte noch die Kinder trösten, die zu weinen anfingen, als sie den guten Bácsi in den Wagen steigen sahen, und doch sind diese noch in dem glücklichen Wahne befangen, zur Kirschenzeit werde Zoltán wieder in Szentirma sein; er mußte »seiner Kleinen« die Thränen von den rosigen Wangen trocknen, und doch hat diese noch den süßen Trost, daß sie ihn nach ein paar Jahren wiedersehen wird als stolzen Jüngling, und auch bis dahin wird ihr Herz immer höher klopfen, so oft sie seinen Namen erwähnen hört; er mußte mit freundlichem Lächeln die scherzhaft geäußerte Bitte der guten Pflegemutter erwidern, er möchte ihrer in der großen Stadt doch nicht ganz vergessen, und doch weiß er recht gut, daß er auf lange, lange Zeit, vielleicht auf ewig Abschied nimmt, und daß sie nicht einmal Briefe von ihm erhalten werden. Als er Rudolphs Hand drückt, muß er sich in die Lippe beißen, damit seine Thränen ihn nicht verraten, »Geschwind, geschwind, Zoltán!« flüstert ihm Rudolph zu, – »dann, wenn du allein bist!« Jetzt sind noch vieler Augen auf ihn gerichtet, – die Dienerschaft, die zum Hause Gehörigen, unter denen sich vielleicht Feinde, geheime Späher befinden – vor diesen darf er keine Traurigkeit zeigen. – »Gott mit Euch!« Die Kutsche rollt zum Hofe hinaus; dann mag er seinen Thränen freien Lauf lassen, niemand sieht ihn ja mehr. Flora blickte bekümmert dem Scheidenden nach; erst jetzt fühlt sie recht, wie sehr sie ihn liebt; sorgenvoll hing sie sich in den Arm des Gatten. – Du hättest ihn doch bis Pest begleiten sollen. – Er soll sich daran gewöhnen, selbständig zu sein. Er lerne, selbst auf sich acht zu geben, sagte Rudolph mit erkünstelter Ruhe. – Ich fürchte für Zoltán, ich ängstige mich sehr. – Weshalb? – Nicht die Reise ist es, was mir Angst macht, sondern das Ziel der Reise. – Meinst du Tarnaváry? Es ist wahr, er ist sehr streng. – Nicht ihn, sondern seine Familie. – Wohl, meine Tochter würde ich nicht über einen Tag hingeben, aber für einen Knaben von Kopf und Herz, wie Zoltán, glaube nur, ist es eine gute Schule. – Doch, doch wäre es besser für ihn gewesen, wenn er immer bei uns geblieben wäre, wir betrachteten ihn schon ganz wie ein Glied unserer Familie. Die kindlichen Gefühle sind vergänglich, meine Liebe, sagte Rudolph mit einem tiefen Seufzer, der seine Worte Lügen strafte, gab seiner Frau einen Kuß und ging in sein Arbeitszimmer. Flora nahm die weinenden Kleinen an die Hand, die noch immer ihre Tücher dem davon fahrenden Wagen nachschwenkten, und umarmte die Kinder der Reihe nach. Immer aber fiel es ihr ein, daß eines von ihnen fehle, und wenn ihr Blick auf Kathinka fiel, mußte es ihr auffallen, daß das Mädchen noch nie so blaß ausgesehen. * * * Rudolph hatte Zoltáns gewesenen Erzieher voraus zu Tarnaváry geschickt, mit der Eröffnung und dem Ersuchen, er möchte die Güte haben, die Vormundschaft über Zoltán auch einstweilen, bis seine Ernennung zum Vormund durch das Komitat erfolgt sein werde, zu übernehmen, nachdem er selbst sie niedergelegt. Tarnaváry kannte bereits die Ursache, welche Rudolph zu diesem Schritt genötigt hatte. Wir können uns die unangenehme Überraschung vorstellen, die er bei Lesung des Briefes empfand. Der Monolog (denn er pflegte nur mit sich allein vertraulich zu reden), den er damals hielt, mag ungefähr also gelautet haben: »Ich wollte, der Henker hätte diese ganze Bekanntschaft mit Szentirmay geholt. Da habe ich mir eine schöne Provinz auf den Hals geladen; soll da auf meine alten Tage noch einen Hofmeister abgeben, noch dazu mit einem so verzärtelten, altklugen Bürschchen mich befassen; auf meiner Hut sein, daß ich ihm kein schiefes Gesicht zeige; mir beständig den Kopf darüber zerbrechen, wo er sich herumtreibt und womit er sich beschäftigt; ob das junge Herrchen keine schlechten Streiche macht, ob er nicht wo ins Wasser fällt, oder durch zu vieles Tanzen sich die Gesundheit nimmt, ob er etwas lernt und nicht in irgend ein Putzmachermädel sich verliebt? Donnerwetter! Das wird eine kostbare Unterhaltung sein für mich, der ich nicht einmal um die eigenen Kinder mich zu kümmern Pflege« Und damit hatte es seine volle Richtigkeit. Es gehörte zu den letzten Sorgen des großen Herrn, was die Glieder seiner Familie machten? Vielleicht wäre er nicht einmal imstande, auf der Stelle anzugeben, wie viele Söhne und wie viele Töchter er hat. Oft vergeht ein Monat, ohne daß er mit ihnen zusammenkommt Die Gemächer der gnädigen Frau waren ganz getrennt von den seinigen, man geht nicht einmal an derselben Stiege zu ihnen hinauf, die Kinder aber bewohnten sogar ein besonderes Stockwerk, zusammen mit den Bedienten, Stubenmädchen, Erziehern und Juraten, die alle in eine Kategorie fallen. Der Herr Obergespan ist mit Landesangelegenheiten beschäftigt, und die schweren Staatssorgen dispensieren ihn von den Sorgen des Familienvaters. »Vertrackte Brut,« pflegte der hochgeborene Herr zu sagen, wenn ihn jemand an diese Sorglosigkeit erinnerte, »bin ich etwa dazu da, den Rangen auf Schritt und Tritt hinterdrein zu sein? Mögen sie sich stoßen und schlagen, um so besser wachsen sie. Wenn ich auch den ganzen Tag nichts thäte, als ihnen Predigten halten, würde doch keines dadurch besser. Alle Kinder sind schlimm, ich war es auch. Wenn man sie bewacht, hält man sie nur zur Heuchelei an. Ich bin auch genug geschlagen und herumgestoßen worden, als ich ein Kind war; man schlug mir den Kopf ein, ich bekam einen Schnitt mit dem Federmesser in die Wange, da ist noch die Narbe, ein Pferd warf mich ab, ein Kahn schlug mit mir um, ich habe mir Arme und Füße gebrochen, im Alter von zehn Jahren lief ich meinem Vater davon, weil er mich prügeln wollte, und hütete sechs Wochen lang inkognito die Schweine, und doch ist ein Obergespan aus mir geworden! Sie sollen auch nicht anders sein als ihr Vater.« Diese philosophischen Grundsätze mögen zuweilen hei Knaben nicht übel angewendet sein, allein der hochgeborene Herr hatte auch Töchter, und bei Mädchen giebt es noch gefährlichere Fälle, als ein Sturz vom Pferde und noch traurigere Denkzeichen, als ein Schnitt mit dem Federmesser in der Wange zurückläßt. Die Folge dieser weisen Erziehungsgrundsätze war es denn, daß die älteste Tochter des Herrn Obergespans, Fräulein Tony, als sie sechzehn Jahre alt war, mit einem Klaviervirtuosen durchging, und als die Eltern dahinter kamen, schon getraut war. Der Herr Obergespan war außer sich, schalt und polterte, und diesmal noch weit ärger, als damals, als der junge Herr Lorenz, der kleine Majoratsherr, mit seinen Raketen das Preßhaus in Brand gesteckt hatte, und als die Tochter ihm wieder unter die Augen kam, brüllte er ihr wütend ins Ohr: daß mir das nicht zum zweitenmal geschieht! Das geschah auch nicht mehr, wohl aber geschah es, daß zwei Wochen später Tony ihrem Manne davonlief; seitdem hat sie in der Welt eine Menge Abenteuer durchgemacht; – man könnte einen Roman damit anfüllen, und wenn nur der zehnte Teil davon Herrn Tarnaváry zu Ohren kam, was konnte er Weiseres thun, als achselzuckend mit exemplarischem Phlegma zu bemerken: was kann ich dafür? Ich kann sie doch nicht am Gängelband herumführen? – – Die Frau Obergespanin kümmerte sich ebensowenig um ihre Kinder, wie ihr Herr Gemahl; sie war noch viel zu schön und zu jung, um ihre Zeit häuslichen Sorgen zu widmen. Wozu hält man denn Hofmeister und Gouvernanten? Die Wohnung war so gut eingeteilt, daß der Kinderlärm, wenn er auch das ganze Haus in Aufruhr brachte, nicht in das Zimmer der Mama drang und das war sehr zweckmäßig. Dafür kann gewiß niemand, wenn er eine große Familie hat, denn Kinder sind ein Segen Gottes; vornehme Leute haben aber wenigstens den Vorteil, von ihnen nicht belästigt zu werden und sie nicht unter den Augen haben zu müssen. * * * An einem schönen regnerischen Morgen traf Zoltán mit seinem Erzieher, der ihn in Tißa-Füred erwartet hatte, in Pest ein, und nachdem er sich im Gasthause umgekleidet, eilte er geradenwegs in die Wohnung des Obergespans. Unter dem Thore erkundigte er sich bei dem reichverbrämten Portier, ob der Herr Obergespan Tarnaváry zu Hause sei, und erhielt den witzigen Bescheid, der Herr Obergespan sei nicht zu Hause, wohl aber der Septemvir Tarnaváry. Zoltán dankte ihm, daß er ihn auf so sinnreiche Art von der neuen Würde des Obergespans in Kenntnis gesetzt hatte und eilte die Stiege hinauf. Auf dem Gange lehnte sich ein Heiduck gemächlich zum Fenster hinaus und sah zu, wie es regnete; er ließ sich dreimal fragen, wo man zum gnädigen Herrn gehe, bis er, mit der Spitze des Stiefels hinzeigend, die kurz angebundene Antwort gab: sehen Sie nicht, da ist seine Kanzlei. Da steht es ja aufgeschrieben. Dort wird man's Ihnen schon sagen; und während er so sprach, machte er sich das Vergnügen, dem unten im Hofe stehenden Kutscher auf den Hut zu spucken. Überhaupt konnte man die Bemerkung machen, daß alle Leute in der Umgebung Tarnavárys sich durch Grobheit auszeichneten. Sein Beispiel war ansteckend. Einmal in der Nähe der Kanzlei konnte Zoltán schon nicht mehr fehlgehen, denn drinnen lärmte der Illustrissimus so gewaltig, daß das ganze Haus von Kraftflüchen widerhallte. Beim Öffnen eines Thores von einem halben Dutzend nässender Hunde angefallen zu werden, ist nicht sehr angenehm, aber noch ungleich peinlicher ist es, beim Eintritt in ein fremdes Haus die Familienglieder bei einem Zank zu überraschen und im Lärm des Gekeifes sagen zu müssen, man habe gewünscht, seine Aufwartung zu machen, während man lieber fünfzig Meilen weit davon wäre. Der Herr Septemvir schalt einen Juraten furchtbar herunter und auf sein Konto noch eine Menge anwesender und nicht anwesender Personen und ließ sich durch das Eintreten Zoltáns nicht im geringsten darin stören. – Alle Donnerwetter! Wer hat je einen solchen verrückten Menschen gesehen. Ins Narrenhaus sollte man einen solchen verrückten Kerl sperren, und auch dort noch in die Abteilung für die Rasenden, und mit Ketten binden, mit eisernen Ketten. Million Schwerenot! Ich bin auch jung gewesen und habe viele Tollheiten begangen, aber so etwas ist mir noch nicht vorgekommen, das ist noch nicht erlebt worden! Der Teufel und seine Großmutter hole alle diese träumerischen Poetaster, alle diese auf Wolken reitenden Phantasten, wie Sie einer sind. Der Schlag möchte einen treffen. Wenn ich nicht ein so phlegmatischer Mensch wäre, ich weiß nicht, was ich imstande wäre, diesem Dings da anzuthun. Zoltán war ganz verblüfft während dieses Ungewitters an der Thüre stehen geblieben und ließ verwirrt seine Blicke an den Gegenständen herumschweifen. Um einen runden Tisch herum saßen zwölf schreibende Juraten und hatten in diesem Momente alle den Kopf so auf die Schrift herabgebeugt, daß man nicht heraussehen konnte, welchem von ihnen das heftige Schelten des Obergespans galt, der für seine Person mit hochgerötetem Gesichte neben dem Tische heftig aus und ab ging und manchmal einen Blick herüber nach Zoltán schoß, als wollte er ihm bedeuten, ihn nicht früher anzureden, als bis er sich ausgetobt habe. Zoltán erkannte sogleich Kovács unter den übrigen heraus, der aber mit dem Rücken ihm zugekehrt saß und ihn daher nicht sehen konnte. Tarnavárys Wut steigerte sich immer höher, weil niemand ihm eine Antwort gab. Er hielt eine längliche, zusammengebogene Schrift in der Hand, mit der er viel herumfocht, offenbar mußte dies der Stein des Anstoßes sein. – Wie aber fiel es Ihnen ein, das hierher zu schreiben? diese Kritzelei? antworten Sie! Während er dies schrie, schlug er zuerst mit der Schrift auf seinen Handteller, dann aber mit der Faust so heftig auf den Tisch, daß jeder der Juraten mit der ausfahrenden Feder ein »s« schrieb. Auf diese laute, kräftige Interpellation stand endlich ein blonder Jüngling auf mit einem Gesichte, welches jetzt sehr blaß war und mit in der Mitte gescheiteltem Kopfhaar und wagte es, mit etwas entschiedener, aber doch mehr zitternder Stimme zu sagen: ich schwöre, gnädiger Herr September (was ihm in seinem Schreck statt Septemvir ausgerutscht war), daß ich lautere Absichten mit dem Fräulein hatte. – Blitz, Donnerwetter! Setzen Sie sich, wer hat Ihnen geheißen aufzustehen? Hören Sie mich an, wer hat Ihnen befohlen zu sprechen? Was schwatzen Sie mir da für kopfloses Zeug vor. Schere ich mich den Teufel um Ihre Absichten? Nicht das ist hier die Frage, sondern warum Sie diese eselhaften Verse auf die Rückseite des Aktenstückes geschrieben. Der blonde Jüngling setzte sich gekränkt nieder; aber wenn der Respekt auch jede andere Aufwallung in seiner Brust niederkämpfte, das dichterische Bewußtsein ließ sich nicht unterdrücken. Er konnte die Antwort nicht zurückhalten: »Bitte unterthänigst, die Verse sind nicht schlecht.« Tarnaváry knirschte mit den Zähnen und rächte sich an dem straffälligen Dichter-Juraten damit, daß er das corpus delicti ihm hinwarf, mit dem Befehle: da Sie es hingeschrieben, so können Sie es jetzt auch herauskratzen. Kann es wohl eine grausamere Strafe für einen Dichter geben, als seine eigenen Verse ausradieren zu müssen? Erst jetzt begann der Septemvir Zoltán seiner Aufmerksamkeit zu würdigen. – Servus, frater, servus . Also schon angekommen. Schon gut. Jetzt sehen Sie, bin ich gerade giftig; gehen Sie nur hinüber zu meiner Frau; Frater Kovács wird Ihnen den Weg zeigen. Servus . Kovács sprang auf dieses Wort vom Stuhle auf und bewillkommnete freudig Zoltán. Als dieser mit erleichterter Brust die Kanzlei verlassen hatte, fragte er ängstlich seinen Freund, was denn eigentlich da drinnen für ein Unglück passiert sei. Kovács lächelte und erzählte ihm, daß jener blonde Jüngling, der Sohn eines begüterten Vicegespans, für die zweite Tochter des Septemvirs, Fräulein Julchen, schwärme, und alle erdenklichen Mittel ergreife, um ihr seine Gefühle kundzugeben, für welche Julchen keineswegs gleichgültig sei. So habe er neulich die Kriegslist ausgesonnen, auf leere Blätter der Prozeßakten, die er aus der Kurie nach Hause zu tragen hat, Verse und Liebeserklärungen zu schreiben, welche Akten er dann verabredetermaßen dem Fräulein Julchen einhändigt, mit der Bitte, sie dem Papa zu übergeben, was diese auch thut, aber erst dann, nachdem sie die an sie gerichteten Verse und Herzensergießungen heruntergeschnitten. Unlängst passierte es jedoch dem armen, liebeskranken Poeten, daß er in dichterischer Zerstreutheit seine Verse auf die umgebogene leere Hälfte der beschriebenen Seite eines Aktenstückes schrieb, so daß es nicht möglich war, sie wegzuschneiden. So kam die Schelmerei heraus und der Herr Septemvir sprüht jetzt Feuer und Flamme, nicht etwa, weil der unbärtige Jurat es gewagt, ein verstohlenes Liebesverhältnis mit dem noch den Kinderschuhen nicht entwachsenen Fräulein anzuknüpfen, sondern weil er die Verse auf die Rückseite eines beschriebenen Blattes gesetzt, wodurch sie unzertrennlich geworden mit dem unersetzbaren Aktenstücke, wenn es nicht gelingt, sie hübsch auszuradieren. Unser Zoltán sollte jedoch erst recht aus dem Regen in die Traufe kommen. Kaum bogen sie in den zu den Zimmern der gnädigen Frau führenden Gang ein, als mit einmal der Lärm eines heftigen Wortwechsels an ihr Ohr schlug. Diesmal erschrak er wirklich, denn es waren weibliche Stimmen, die er vernahm, und nichts ist einem feinfühlenden Gemüt widerwärtiger, als Frauen keifen zu hören. – Was ist das? fragte er Kovács, den er unwillkürlich am Arm erfaßt und einen Schritt zurückgezogen hatte. – Ich glaube, die gnädige Frau drückt eben ihre Unzufriedenheit aus über den erzählten Vorgang. – In der That, sie drückt sich sehr kräftig aus. Zoltán sah zweifelnd seinen Führer an. – Wird Fräulein Julchen so ausgescholten? – O nein, nur die Gouvernante. Das ist viel bequemer. Die vornehme Dame pflegt bei Streichen der jungen Herren und Fräuleins ihre Strenge nie diese selbst empfinden zu lassen, sondern nur die betreffenden Erzieher; erstens deshalb, weil die jungen Herren und Fräuleins dazu nur lachen würden; dann aber, weil diese untergeordnete Gattung Menschen am besten dazu geeignet ist, um seine Überlegenheit an ihnen zu zeigen, da sie eigentlich zwar zur Klasse der Gebildeten gehören, man aber doch mit ihnen umgehen kann, wie mit aufgenommenen Dienstboten. – Gehen wir jetzt nicht hinein, flüsterte Zoltán, der einen Schauder vor diesem leidenschaftlichen Gezänk empfand, seinem Begleiter zu. Derlei Auftritte waren ihm ebenso fremd, wie ein Ausbruch des Vesuvs. In der Familie der guten, sanften, freundlichen Szentirmay hatte er nie so etwas gehört, dort war alles Liebe und Eintracht, dort hörte man nur Laute der Freude, der Heiterkeit, des Wohlwollens. Er wäre am liebsten dreißig Meilen weg von hier gewesen. Kovács bemerkte die Verlegenheit des Knaben und hätte ihn gern in sein Zimmer geführt, allein der Kammerdiener hatte schon den jungen Baron bemerkt und war unbekümmert um den Gewittersturm d'rin – er mochte an ähnliche Scenen schon gewöhnt sein – in das Zimmer der gnädigen Frau gegangen, um ihn anzumelden. Auf das verstummte plötzlich der lärmende Wortwechsel, und wenige Augenblicke darauf trat die Erzieherin zur Thüre heraus – ein blasiertes Fräulein mit einem Gesicht, wie ein Lederapfel und einer Nase, so groß, wie der Schnabel eines Getreideschiffes – doch war dies nicht die Nase, die sie soeben bekommen hatte; an ihrer Hand führte sie Fräulein Julchen, ein kleines brünettes, rotbäckiges Mädchen, mit hochgeschweiften Augenbrauen, dessen Mund, trotz der Thränen in den Wimpern, lachte; als Julie au den beiden jungen Leuten vorüberging, zwickte sie verstohlen Kovacs in den Arm und musterte Zoltán von oben bis unten mit ihren verschmitzten Diebesaugen, am Ende des Ganges aber wußte sie es geschickt anzustellen, daß sie der Gouvernante das Kleid heruntertrat. Zoltán drückte sich an die Wand, um sie vorbeizulassen, und schlug die Augen nieder, als schämte er sich statt ihrer, daß sie ausgezankt worden. Gleich darauf kam der Kammerdiener heraus, welcher Zoltán von Kovács übernahm und zur gnädigen Frau hineinführte. Karoline , so hieß die Gemahlin des Septemvir mit ihrem Taufnamen, befand sich jetzt in einer Verfassung, die mit ihrem vorigen Zustande grell kontrastierte. Sie lag auf dem Diwan hingestreckt, sehr erhitzt und die Frisur etwas in Unordnung und es schien, als ob es ihr eine große Erleichterung gewähren würde, wenn sie ein wenig in Ohnmacht fallen könnte. Zwei Kammerzofen waren mit Riechfläschchen um sie beschäftigt und schienen ängstlich auf jeden Seufzer zu horchen. – O, lieber Zoltán, hauchte Karoline, als sie des Knaben ansichtig wurde, Sie sind angekommen? Seien Sie uns willkommen. Wir haben Sie schmerzlich erwartet. Kommen Sie her. Setzen Sie sich – hier an meine Seite. O ich bin ganz außer mir. Jede Kinderei regt mich auf. Ich habe wirklich eine unglückliche Natur, wenn die geringste Kleinigkeit mir in die Quere kommt, gerate ich gleich außer mich. Ich thue gewiß unrecht daran, mich nun ein Nichts so zu ärgern. Ich bin imstande, wenn meine Mädchen mir eine Stickerei verderben, mich bis zum Ohnmächtigwerden zu echauffieren Die treffliche Dame macht sich aus Julchens Jugendstreich nicht mehr, als aus einer verdorbenen Stickerei, oder vielleicht wollte sie Zoltán glauben machen, daß der ganze Lärm wegen einer Stickerei gewesen. Dann wurde sie auf einmal ganz rosiger Laune, ganz Gemütlichkeit; sie umarmte Zoltán, sagte ihm, wie sehr sie sich gefreut, als sie erfahren, daß er künftighin ihr Ziehsohn sein werde; wieviel Gutes und Schönes sie schon von ihm gehört; sie zeigte ihm ihre Zimmer, ihre Nippsachen, allerlei Tand, an welchem Kinder Vergnügen zu haben pflegen. Sie erkundigte sich nach seinen Lieblingsgerichten. Zu Mittag wartete ihrer ein luxuriöses, feines, leckeres Diner. Zoltán wurde mit den beiden größeren Fräuleins bekannt, von denen das eine den Ausputzer von heute Morgen schon vergessen zu haben schien; man überhäufte ihn mit Konfitüren und Leckerbissen. Karoline sprach nicht anders mit ihm, als im Tone innigster Herzlichkeit und begleitete jede ihrer Frage mit einem schmelzenden huldvollen Lächeln. Nach Tische fuhr sie mit ihm und den Fräuleins spazieren, abends besuchten sie eine vornehme Gesellschaft, eine glänzende Soiree, in der jedermann sich bemühte, Zoltán etwas Angenehmes zu sagen und ihm zu schmeicheln. Dann kehrten sie wieder nach Hause zurück, Karoline übergab ihn einem ihrer Kammerdiener, der hinfort Zoltán ausschließlich bedienen und, mit dem Auftrag, den jungen Herrn Baron in seine Gemächer zu führen Im zweiten Stocke waren zwei schöne Zimmer für ihn eingerichtet, deren eines auf die Gasse ging, das andere mit der Aussicht auf den herrlichen Garten. Alles ist auf das prächtigste und mit dem größten Komfort eingerichtet. Über seinem Bett hängt ein gestickter Glockenzug mit vergoldetem Handgriff. Zoltáns Name war darauf gestickt. Aber der Knabe fühlte sich so verlassen, so traurig mitten unter diesen Schmeicheleien, dieser Freundlichkeit, dieser Pracht und diesem verschwenderischen Luxus. Das ist nicht die Welt, in der seine Seele heimisch ist. Als er sein Zimmer abgesperrt hatte und niemand mehr zu ihm hereinkam, holte er aus seinem Koffer das Gebetbuch seiner Mutter hervor und las, den Kopf auf die Hand gestützt, andächtig lange, lange in demselben, bis der Engel des Schlafes ihm die betenden Lippen küßte und die müde Seele aus seinen Schwingen dahintrug, wohin sie sich so sehr sehnt, in die stille ländliche Wohnung, zu den lustig plaudernden Geschwistern, in die treue Hut liebender Pflegeeltern, unter den gelben Ahornbaum, wo seine »liebe Kleine« neben ihm sitzt und mit ihrem Händchen die herabfallenden Blätter auffängt ... Zweiter Teil 1. Trauertage Jede Nation hat eine heilige Stadt, die ein Gegenstand ihrer Pietät, ihres Stolzes ist. Die Söhne des großen Österreich sagen mit Genugthuung, daß es nur ein Wien in der Welt giebt; der Engländer rühmt sich seines Londons; der Franzose betrachtet Paris als den Mittelpunkt der Welt und der Russe küßt die Erde, wenn er Moskau betritt; – möge es auch dem Ungar vergönnt sein, eine süße Freude zu empfinden, wenn er an Pest denkt. Wir werden nach Pest gehen! Wir werden Pest sehen! das schöne, jugendliche Pest, die jungfräuliche Braut Ofens, des ergrauten Veteranen, mit den großartigen Häuserzeilen, den weitgepriesenen öffentlichen Instituten und so vielem Schönen und Guten, daß dem Neuling, wenn er das alles genießen will, alle fünf Sinne ermüden. Noch vor einem Jahrhundert war Pest eine kleine Stadt, ohne Vorstädte. Es zählte kaum achthundert Häuser mit neuntausend Einwohnern, und siehe, hundert Jahre später erheben sich schon viertausend Häuser, ganze Reihen von Palästen auf dem ebenen Plan seines Weichbildes, vier Vorstädte sind um die innere Stadt entstanden, Wohlstand, Reichtum hat sich entwickelt an dem solange vernachlässigten Donaustrande und – der Segen des Himmels trägt hundertfältiges Korn. Hierher trug die Pietät der Nation alles zusammen, was ihr teuer war; die Denkmäler ihrer Vergangenheit. Die Hoffnungskeime der Zukunft, die Pracht und den Luxus des Reichtums, den Fleiß der Gewerbe, den Geist der Wissenschaft, die Hallen der Kunst, die Asyle der Wohlthätigkeit. Alle Lebensregungen des Gemeingeistes im ganzen Lande, in den obern so gut, wie in den untern Schichten, in der geistigen, wie in der materiellen Sphäre, erhalten von hier aus ihren Impuls und regeln sich gleichsam nach dem schwächeren oder stärkeren Herzschlag der neuen, der aufblühenden Hauptstadt, des schönen Pest, das an allem Überfluß hat, das jeder Ungar wenigstens einmal im Leben sehen muß, um sich zu überzeugen, daß es die schönste Stadt der Welt ist, und was es in Pest nicht giebt, das giebt es dann nirgends. Mit kindlicher Pietät blickten die Kleinen, mit väterlicher Liebe die Großen, die Weisen des Landes auf die junge Hauptstadt und während die in Dunkelheit und Armut geborenen Jünglinge den Beginn einer neuen Lebenslaufbahn vor sich sahen, wenn sie durch die Linien Pests hereinfuhren, wo das Talent, der Fleiß sich einen Ruf, Selbständigkeit und Vermögen erwirbt; sahen die Reichen, die Hochgestellten hier eine glänzende Arena sich öffnen für wetteifernde Thatkraft und Volksbeglückung. Es war das gemeinschaftliche Herz, das in jeder Brust schlug, dessen Kummer jeden schmerzte, dessen Freude jeder mit empfand, und in diesem Gefühle begegnete sich Klein und Groß. * * * Ein schwerer, tiefer Seufzer entringt sich meiner Brust, indem ich diese Zeilen niederschreibe. Auch aus der deinigen, der du dies liest. Es war das Jahr 1838. Ihr könnt es im voraus wissen, daß es nicht Dichtung ist, was ich niederschreiben werde. Alles, alles bis zur kleinsten Thatsache, sind es wirkliche Geschehnisse, traurig, großartig, niederschmetternd, zum Himmel erhebend! Vernichtung – Wehklagen – ein Bußtag für das ganze Land – ein riesiger, verzweifelter Kampf einzelner Kraftnaturen mit dem Schicksal, mit den empörten Elementen, ein von Gott über uns verhängter schwerer Prüfungsschlag, aus dem neugeboren hervorgegangen zu sein, uns ein tröstliches Unterpfand ist, daß wir noch lange leben werden. Vielleicht waren wir noch nicht eifrig genug, vielleicht liebten wir uns selbst noch nicht genug und dachten nicht genug an das, woran wir beständig hätten denken sollen, daß nun plötzlich die göttliche Heimsuchung über uns kommt und uns nimmt, was uns das teuerste ist, damit wir durch den Verlust erfahren, was wir an ihm besessen. Den ganzen Winter über hatte es der Herr nicht an drohenden Wahrzeichen fehlen lassen. In den oberen Gegenden herrschte gelindes Thauwetter, in den unteren dagegen wütete ein strenger, anhaltender Frost. Im Norden fing schon um die Mitte des Winters das Gras zu sprossen an und im Süden standen gegen Anfang April die Schneeverwehungen noch haushoch Straßen und Wege absperrend, so daß jede Stadt, aus welcher man den Schnee ausführte, aussah, als wäre sie mit einer großen Weißen Ringmauer umgeben. Vom Dezember angefangen war die Donau beständig im Wachsen, so daß sie in den ersten Tagen des März bei Pest die seit Menschengedenken unerhörte Höhe von einundzwanzig Schuh über den Nullpunkt erreicht hatte; nächtlicherweile konnte man von weither die Töne der Sturmglocken vernehmen aus den an beiden Ufern gelegenen Ortschaften, welche die über die Dämme getretenen Fluten des Eisgangs überschwemmt hatten und in den Gassen Pests waren die traurigen Gruppen der Flüchtlinge zu schauen, welche, schlecht gekleidet, mit ihren Kindern auf dem Arm, ein oder das andere gerettete Stück Rind nach sich führend und begleitet von dem treuen Haushund, aus den benachbarten Dörfern hereingekommen waren und die Auf- und Abgehenden mit ihren erfrorenen Gesichtern erschreckten, denen man es ansah, daß sie des Bettelns noch ungewohnt waren. Und die Gefahr hörte nicht auf. Sonst pflegte sie ebenso schnell vorüberzugehen, als sie plötzlich gekommen war. Jetzt nahm sie stetig zu und drohte beständig. Jedermann wußte die Ursache und schauderte, so oft er daran dachte. Unterhalb Pest und oberhalb Tolna, dort, wo die Donau in drei Arme sich teilt, hatte trotz des hohen Wasserstandes das Eis sich gestockt, und war infolge der häufigen Schneefalle so fest geworden, daß, wenn der obere Eisstoß sich in Bewegung setzte, er nicht imstande war, es von der Stelle zu schieben. Hier staute sich das von oben kommende Treibeis und füllte, da es nicht weiter konnte, allmählich das ganze Strombett an, so daß stellenweife das Eis bis auf den Grund festsaß und das Wasser über die nicht zu durchbrechenden Eisbarrikaden emporstieg und sich über die Ufer ergoß. In diesem Gedanken lag Verzweiflung. Des Schreckens, der Verwüstung war bisher schon genug und was wird erst dann geschehen, wenn eintreten sollte, Wovon noch wenige sprechen, was die Besorgnis der Fachmänner, der Sachverständigen allein nur in seiner ganzen schrecklichen Größe zu begreifen imstande ist? Ach, wenn es die Leute wüßten, wenn sie es so verständen, wie jene Wenigen, die sich Volk der Sachlage schon unterrichtet haben, die es aber nicht weiter zu sagen sich getrauen, wie würden sie nachts aus ihren Betten springen, ihre Häuser verlassen, zu allen Thoren der Stadt davonfliehen und nicht rückwärts blicken, solange die Spitze eines Turmes sichtbar. Die über allen Häuptern schwebende Gefahr war die: oberhalb bei Visegrád, wo die Donau eine Biegung macht, war eine ähnliche Eisanschoppung entstanden, und da der dort bis auf den Grund zugefrorene Strom zwischen den beiden, Felsenufern feststak, stand bereits die ganze obere Gegend unter Wasser und von Gran bis aufwärts nach Wien war nichts zu hören, als ein Schrei des Jammers. Was aber geschieht mit uns , wenn der Strom die Visegrader Barrikade früher durchbricht, als die Tolnaer, und der herabtreibende Eisstoß hier auf jenen anderen trifft? Diese scheue Frage trieb blutigen Angstschweiß auf die Stirne. O Pest, o Herz des Landes! * * * Bei dem hochgeborenen Herrn Septemvir Tarnaváry war für heute Abend eine glänzende Soiree angesagt. Es war die Nacht des vierzehnten März . Außer den uns schon bekannten Persönlichkeiten waren noch viele andere Gäste, die uns noch völlig fremd sind, zu dieser lustigen Abendunterhaltung eingeladen, zu welcher die Vorbereitungen schon seit länger als einer Woche getroffen wurden. Aber jetzt tanzen! Welch ein Gedanke! Wer steht so hoch, daß er sich nicht zu fürchten hätte vor der Hand Gottes? Doch wem kommt das in den Sinn? Die meisten Menschen lieben es nicht, sich mit Gedanken zu beschäftigen, die ihnen unangenehm sind. Dann ist ja auch Pest gut geschützt, ein großer Damm umgiebt es von allen Seiten. Höchstens kann den Vorstädten etwas zustoßen. In der Franzstadt kommt es häufig vor, daß die Lehmhütten der armen Leute unter Wasser gesetzt werden, aber hier in den Palästen weiß man davon nichts. Dann wäre es auch nicht gut, die Bevölkerung durch übertriebene Ängstlichkeit zu alarmieren, es wird vielmehr zur Beruhigung der Gemüter beitragen, wenn das Volk sieht, daß gerade die hochgebildeten Klassen keine Angst haben und sorglos ihren Vergnügungen und Unterhaltungen nachgehen, daß also kein Grund da ist, sich zu fürchten. Und doch fürchtet Herr Tarnaváry für seine Person im Himmel und auf Erden sich vor nichts so sehr, als vor dem Wasser. In seinem Leben ist er noch auf keinem Schiff gefahren. Als junger Mann war er zum Gesandtschaftsattaché in Neapel ernannt worden. Er verzichtete lieber auf diese Anstellung und begann eine neue Laufbahn, als sich in ein hölzernes Gefängnis einschließen zu lassen, das kein Fundament hat, als das Wasser. In dieser Furcht hatte er schon vor Monaten heimlich einen Kahn in seinen Keller bringen lassen, um ihn für den Fall der Not bereit zu haben, und er geriet in großen Zorn, wenn jemand in einem Gespräche mit ihm das Thema der Überschwemmungsgefahr auch nur fernhin berührte. Bei einer solchen Gelegenheit konnte er sehr grob werden und schnauzte jedermann an. Er litt es nicht, daß jemand auch nur an die Möglichkeit dessen glaubte, wovor er selbst doch so sehr zitterte und Zoltán fing erst dann an sein Liebling zu werden, nachdem er durch die Bekanntschaft mit irgend einem Professor in Erfahrung gebracht hatte, daß Tarnavárys Wohnung auf dem Josephsplatz den am höchsten gelegenen Punkt in der ganzen Stadt einnehme und die sicherste Zufluchtsstätte in der ganzen Umgegend darbiete. Bevor wir an der lustigen Unterhaltung teilnehmen, wollen wir erst noch einen der Helden unseres Romans aufsuchen, den spectabilis dominus Maßlaczky, der gleichfalls geladen ist; wir können dann gleich mit ihm gehen. Auch er rüstet sich eben zum Aufbruch. Wir treffen ihn in diesem Augenblicke bei einem sehr interessanten Geschäft. Er rasiert sich. Vor ihm stehen zwei Leuchter mit brennenden Unschlittkerzen, dazwischen ein Schachbrettspiegel, dem gegenüber Herr Maßlaczky an seiner werten Physiognomie mit einem professionellen Eifer, der einem Barbier Ehre gemacht hätte, herumarbeitete, wohlberechnete und schulgerechte Halswendungen machend und die Unterlippe zwischen den Zähnen einziehend behufs sorgfältigerer Behandlung ihrer Appertinenzien. Da die eine Hälfte des Gesichtes mit weißem Schaum eingeseift ist, kann dessen wahre Beschaffenheit nur an der andern Hälfte erkannt werden; en face gesehen, erinnert es jedoch lebhaft an jene indianische Wundergeburt, die einmal im Gasthof »zum weißen Schiff« gezeigt wurde, und deren eine Gesichtshälfte weiß, die andere schwarz war. Die Glocke schlug eben neun, als man das Rollen eines rasch fahrenden Wagens, der vor dem Hause still hielt und darauf das Getrampel hastiger Schritte die Stiege hinauf bis in den vierten Stock vernahm; das Klingeln an der Thüre läßt erraten, daß Herr Maßlaczky es ist, dem der Besuch gilt. Nun, er möge nur eintreten. Herr Maßlaczky läßt sich dadurch nicht im geringsten stören; er faßt mit würdevoller Ruhe eben die Nasenspitze zwischen die Finger seiner linken Hand, zieht sie kunstgerecht in die Höhe und beginnt mit dem in der rechten Hand ruhenden Rasiermesser jenes Terrain bedächtig zu säubern, in welches der Schnurrbart nicht mehr hinübergreifen darf, wodurch das Gesicht ein viel jugendlicheres Aussehen gewinnt. Nach einigen Augenblicken schiebt der späte Besuch zur Thüre herein. Maßlaczky sieht im Spiegel, daß es Frater Bogozy ist. Der Frater wünscht keinen guten Abend, fragt nicht nach dem Befinden, sondern stößt nur mit kurzem Atem die Worte aus: der Stoß hat sich heute Morgen bei Visegrád in Bewegung gesetzt . Ein anderes Menschenkind hätte in der Lage, in der sich Herr Maßlaczky befand, bei diesen Worten mit dem Rasiermesser sich die Nase abgeschnitten oder hätte all die Verschönerungswerkzeuge weit von sich geworfen, und wäre mit halb weißem, halb rotem Gesicht zum Haus hinausgestürzt. Maßlaczky that weder das eine, noch das andere, sondern nahm in voller Seelenruhe den Streichriemen hervor, zog darauf sein Messer ab und fragte dazwischen mit leiser Stimme den Frater: haben Sie mit Trommel gesprochen? – Ich habe ihn gleich mitgebracht. Er wartet draußen. – Bitte schicken Sie mir ihn herein. Dann gehen Sie zum Abendessen, erzählen Sie aber niemand, wo Sie waren. Der Jurat entfernte sich, und nach ihm drückte sich ein korpulentes, in einen Mantel gehülltes Individuum sachte zur Thüre herein, dessen feistem, wohlgenährten Gesicht die Verlegenheit, nicht zu wissen, weshalb er gerufen sei, einen Anstrich von Albernheit lieh. Das ganze Gesicht war dunkelrot angelaufen und glich mehr einem roh geformten Schmeerklumpen, welche Ähnlichkeit noch täuschender gemacht wurde durch den Umstand, daß die Augenbrauen fehlten, oder so licht waren, daß man sie bei Kerzenbeleuchtung nicht ausnahm, so daß die Augen in der fetten, fleischigen Stirn zu stecken schienen, wie bei einem wohlkonditionierten Seekalb. Als der Eintretende sah, daß der Herr Fiskal mit dem Messer sich um die Nase herumfuhr, verhielt er sich schweigend, bis die Operation beendet war und ließ sich auf der Ecke eines Stuhles nieder, mit seinem großen, schweren, beschneiten Mantel die Aktenstöße, auf die er sich gesetzt hatte, taufend. Herr Maßlaczky trocknete sich das Gesicht und ließ mit wohlgefälligem Vergnügen seine Fingerspitzen über das glatte Kinn gleiten. – Lieber Herr Trommel, nicht wahr, Sie haben Pletten? – Ja – jawohl – ich habe welche, antwortete der würdige Herr, sich jedes Wort reiflich überlegend, wie einer, dem der Instinkt der Selbsterhaltung zuflüstert, daß man auf die Fragen eines Advokaten nie mit der ganzen Wahrheit herausrücken dürfe. – Wie viele? – Zwei; ja; zwei. (Es that ihm doch wohl, daß er mindestens eine hatte verschweigen können.) – Und Kähne? – Kähne habe ich fünf, gerade fünf. Warum belieben Sie zu fragen? – Könnten Sie wohl auf ein paar Tage noch einige dazu ausgeliehen bekommen? – Weshalb? bitte ergebenst weshalb? Für Lustfahrten ist jetzt das Wetter nicht darnach. – Mein lieber Herr Trommel, ich wüßte Ihnen ein sehr nützliches Unternehmen zu empfehlen. Sie wissen ja, es ist nicht das erste, und Sie sind noch bei keinem schlecht gefahren. – Danke ergebenst. Bitte über mich zu befehlen. – Sie müssen wenigstens zwölf Pletten und Kähne mieten, und die nötige Anzahl von Schiffsknechten dazu aufstellen, denn in Pest wird bald große Nachfrage darnach sein. Die Donau wird austreten und die Stadt überschwemmen. – Aber bitte gehorsamst, das ist Sache des Magistrats. – Ich sage nicht, lieber Herr Trommel, daß Sie es aus Menschenfreundlichkeit thun sollen; was ich Ihnen vorschlage, ist eine Spekulation, bei der sich hundert Prozent gewinnen lassen. – Verstehe schon, spectabilis . Aber es will mir doch nicht in den Kopf. Kostet sehr viel; fünf Gulden täglich für jeden Schiffsknecht, zehn Gulden der Kahn selber. Man riskiert wenigstens sechshundert Gulden. Und dann, wer weiß, ob das Unglück wirklich auch so groß wird? Um auf einen ordentlichen Nutzen rechnen zu können, dazu gehörte, daß nicht nur die Vorstädte, sondern auch die innere Stadt überschwemmt würde, wo die reichen Herren, die großen Kaufleute wohnen, dann würde schon was heraussehen. Wer aber kann das voraus wissen? – Ich weiß es gewiß, sagte Herr Maßlaczky; in den Kanälen der inneren Stadt steht das Wasser jetzt schon an mehreren Orten mit der Erde gleich, hier und da hat man sogar die Luftöffnungen der Kanäle schon mit Brettern verschallen müssen, um das heraustretende Wasser einzufangen. Man sieht daraus, um wieviel höher schon die Donau als das Straßenniveau ist. Und sie wird noch höher steigen. Ich halte es für eine sehr gute Spekulation, was ich Ihnen vorgeschlagen habe, und bin bereit, die Hälfte der Summe vorzuschießen. – Und werden spectabilis im Falle eines Verlustes das Geld nicht von mir zurückverlangen? – Nicht einen Heller. – Und wenn sich ein Gewinn ergiebt? Maßlaczky antwortete hierauf mit einem schon bereitgehaltenen Kontrakt, in dem geschrieben stand, daß er und Herr Johann Trommel in Compagnie Kähne gemietet, um im Falle der Not die Kommunikation zwischen den beiden Städten aufrecht zu erhalten – gegen einen mäßigen Überfuhrlohn. Verstanden: ein Lohn, so groß, als man ihn von einem in Todesangst schwebenden Menschen erpressen kann. Verabscheuungswürdiger Raub! Ausbeutung eines herannahenden Unglücks! Und auch das ist Thatsache . Die traurigste vielleicht in der ganzen Katastrophe. Es gab Menschen, welche die Chancen des Gewinnes, den sie aus einer hereinbrechenden Gefahr ziehen können, mit kaltblütiger Überlegung vorausberechneten. Die beiden ehrenwerten Männer verstanden einander; Herr Trommel übernahm von Maßlaczky die vorgestreckte Summe und ließ ein Duplikat des Vertrags in seinen Händen zurück. – Jetzt eilen Sie, unverzüglich Ihre Anstalten zu treffen, denn die Arbeit beginnt noch heute Nacht. Der Schiffmeister machte sich mit großer Eile davon. Maßlaczky aber band sich mit aller Ruhe sein weißes Halstuch um und warf sich in vollen Glanz, schickte nach einer Mietkutsche und fuhr wenige Minuten darauf nach der Wohnung des Septemvir, deren lange Fensterreihe festlich in die dunkle Nacht hinausleuchtete. Aus dem mittleren Saale vernimmt man die Töne eines Klaviers. Da wir in der Fastenzeit sind, ist keine andere Musik gestattet. Am Klavier sitzt das schone Fräulein Ilvay, dem die Ärzte das Tanzen verboten haben. Herr Maßlaczky schreitet hier mit einem flüchtigen Kompliment durch. Er war nie ein Tänzer und ist nicht gewohnt, sich am Tanze zu beteiligen. Überdies ist er ein viel zu guter Psycholog, um nicht zu wissen, daß es viel sicherer zum Ziele führt, sich bei den Eltern, als bei den Fräulein Töchtern in Gunst zu setzen, wenn man ernste Absichten hat. Er eilt also geradeswegs dahin, wo die Frau Septemvirin, Herr Köcserepy und dessen Gemahlin Whist spielen. Als Vierter muß Mitzislaw den Strohmann abgeben, mit dem sie beständig zanken, weil er sehr zerstreut ist und seine Blätter ganz ohne Berechnung zugiebt. – Ich kann es nicht begreifen, heute ist alle Welt so konfus! rief Tarnaváry aus, der beständig in den Sälen auf und ab ging, wie das im Chaos herumirrende Atom des griechischen Philosophen. Der Bediente läßt die Teller fallen, die Köchin stellt das Gefrorene in die Ofenröhre, im Tanzsaal bringen sie die Quadrille in Verwirrung, und unser Freund Mitzislaw spielt Treff aus, wenn Pik gefordert ist. Was kann es nur heute geben? O, was kann es heute geben! Barmherziger Gott, sei mit uns! Herr Maßlaczky langt mit freudestrahlendem Gesicht an und küßt den beiden Damen die Hand, was sonst nicht seine Art ist. – Gut, daß Sie kommen, sagt Eveline erfreut, deren Leidenschaft das Whist ist; Sie können gleich Mitzislaws Stelle einnehmen; wir dispensieren Sie, Mitzislaw. Es scheint ohnehin, Ihr Herz ist halb im Tanzsaale. – Es wäre ganz dort, wäre Fräulein Wilma nicht abwesend. In seiner Verwirrung hat er jetzt wieder der einen Dame ein Kompliment gesagt, das die andere Dame, deren drei Töchter dort tanzen, verletzen muß. Es ist aber nicht Zerstreutheit, was ihn diese Ungeschicklichkeit begehen läßt, sondern kalter Schauer. Das bleiche Gespenst der Furcht sitzt neben den Gästen des Festes und weicht nicht von ihrer Seite; im Tanzsaale sagen sich die tanzenden Paare, die so blaß aussehen: wie kalt es hier ist, man hat wohl zu heizen vergessen. Kalter Schauer ist es, der die Seele erstarren macht, das Herz zusammenschnürt. Die Hand des Herrn liegt schwer über jedermann. Herr Maßlaczky hatte erwähnen gehört, daß Fräulein Wilma nicht da sei. – Wo ist Fräulein Wilma? Das liebe Fräulein, Sie ist doch nicht krank? – Leider! Sie ist unwohl, seufzte die Frau Rätin, Sie mußte deshalb zu Hause bleiben. – Es ist doch sonderbar, sprach die Frau Septemvirin dazwischen, daß, so oft bei uns eine Unterhaltung ist, Fräulein Wilma unwohl wird. Diese Bemerkung war nicht ohne Malice. – Ein eigenes Spiel des Zufalls erwiderte Eveline; als jedoch die Hausfrau aufgestanden war, um neu angekommene Gäste zu empfangen, flüsterte sie Herrn Maßlaczky vertraulich zu: Der Argwohn der Septemvirin ist nicht unbegründet; nur daß sie den wahren Grund nicht ahnt und nicht zu entdecken vermag; sie ist eine Frau von ganz gewöhnlichem Geiste, ihr Scharfsinn reicht nicht weiter, als ihre Augen. Wilma geht wirklich ungern in dieses Haus, doch hat das seinen besonderen Grund, wie ich schon einmal vor Ihnen erwähnte. Sie hegt einen unsäglichen Haß gegen diesen jungen Karpáthi, der jetzt unter die Vormundschaft der Tarnavárys gestellt wurde; ich wundere mich darüber nicht: dieser junge Mensch ist eine der unausstehlichsten Persönlichkeiten. Finden Sie es nicht auch, Herr Fiskal? – Ich bin ganz einverstanden über diesen Punkt mit Euer Gnaden. – Wilma ist in der That krank. Aber es ist der Gedanke, mit dem jungen Menschen hier zusammenzutreffen, was sie krank gemacht. Wilma ist eine sehr sensitive Natur, sie hat viel Magnetismus; Sie glauben doch an den Magnetismus? O ich halte ihn für untrüglich. Es giebt geheime Sympathien und Antipathien, denen selbst das sprödeste Herz sich nicht entziehen kann. – Jawohl, sagte Maßlaczky mit einem tragischen Seufzer, den die Frau Rätin mit teilnehmendem Verständnis aufzunehmen schien. Mittlerweile war die Hausfrau zurückgekehrt. Die Großmutter unseres Freundes Emanuel war angekommen; ihre Enkel hatten ihr eingeredet, die Ursache des Volksgedränges auf den Gassen sei die erwartete Ankunft eines türkischen Gesandten, dem zu Ehren die Stadt morgen erleuchtet sein werde. Die Arme weiß noch nichts von der Gefahr, die nur noch eine dünne Erdschicht von der Stadt abhält. Mit ihr war auch Baron Berzy angelangt, der geniale Baron, der eben jetzt vom Donauufer kommt und vollgeladen ist mit lustigen Anekdoten, die er, mit seinen eigenen Witzen gewürzt, unter die Gesellschaft ausstreut. Freund Emanuel ist ihm überall auf der Ferse und hilft nach, wenn er etwas vergessen haben sollte. – Meine Herren, in die Pester Philister ist ein panischer Schrecken gefahren – verkündet der geniale Baron – jeden von ihnen könnte man mit einem Schaff Wasser bis ans Ende der Welt jagen; das ganze Donauufer ist bedeckt mit Menschen, Kopf an Kopf; wenn jeder von ihnen nur einen Stein auf den Damm trüge und ein Stück Eis aus der Donau, so hätten sie nichts mehr zu fürchten. Auf dem Quai kam mir ein Zuckerbäcker in den Wurf, der einher rannte, als ob ihm der Kopf brenne. Heuer wird das Gefrorene billiger sein, mein Herr, rief ich ihm zu, als im vorigen Sommer; Eis in Fülle. Der Mensch sah mich an, als ob er Lust hätte, mich in die Donau zu werfen. Es fanden sich einige, welche darüber lachten. – Und die Badewanne? erzählen Sie doch den Spaß mit der Badewanne! erinnerte ihn der junge Epigone, Freund Emanuel. – O, das war ein ausgezeichneter Spaß. Ich wohne im Hause eines alten Philisters, irgend eines Großhändlers, der eine Todesangst vor der Überschwemmung hat. Ich erfuhr, daß er gerade in einem Zimmer schläft, über dem sich mein Badezimmer befindet. In der vorigen Nacht nun zog ich den Spund aus der gefüllten Wanne und das herausströmende Wasser fing an durch den Fußboden hinabzurinnen. Man kann sich die Scene denken, die es gegeben haben wird, als mein George Dandin das kalte Sturzbad plötzlich auf seine Nase bekam. Wie besessen springt er aus dem Bett und rennt hinab auf die Gasse, in welchem Anzug, wage ich nicht zu beschreiben; er brüllt, die Überschwemmung sei schon da, bis die Nachbarn ihn festhalten und ihm begreiflich machen, daß die Wasserflut von unten und nicht von oben zu kommen Pflege. Nun ging es über mich her mit einer Tracht von Verwünschungen, er kündigte mir das Quartier auf und drohte mir einen Prozeß auf den Hals zu werfen, wir aber wären beinahe zerplatzt vor Lachen. Das war nun wirklich zum Lachen. Einem großen Teil der Gesellschaft teilte sich die Heiterkeit mit, welche diese Anekdote hervorrief. – Aber am schönsten war doch, was uns jetzt begegnet ist, sagte Emanuel. Erzählen Sie es doch, Herr Baron. Das war köstlich. Man hätte uns beinahe totgeschlagen. – Ja, das ist wahr. Also, in einem Hause der Vorstadt war schon soviel Wasser eingedrungen, daß der ganze Hof damit voll war und man zum Thore nicht herein konnte. Sieben Schustergesellen waren in aller Eile bemüht, die Einfahrt zu verbarrikadieren. Ich rief nun mit gellender Stimme zum Thore hinein in dem Tone, in welchem die Wasserträger zu schreien pflegen: »Donauwasser! Kauft's Donauwasser!« Dann aber machten wir uns auch auf die Beine, denn die Schustergesellen stürzten uns nach mit ihren Stiefelleisten, und wenig fehlte, so hatten sie uns eingeholt. Es war unmöglich, diesen Einfall nicht ungemein witzig zu finden. – Wo ist Zoltán? Dem muß ich das erzählen, krähte Emanuel. Bitte, Illustrissime , wo ist denn mein Freund Zoltán? – Der Henker soll das wissen, schnauzte ihn der angeredete Hausherr an, der schon darüber in Wut geraten war, daß dieser junge Laffe es gewagt, ihn anzusprechen, bevor er gefragt worden. Such ihn dir selbst auf, mein Söhnchen. Ich bin nicht der Trabant von deinen: Freund Zoltán. – Aber in der That, wo kann Zoltán nur sein? fragte besorgt auch die Hausfrau; ich habe ihn den ganzen Abend nicht gesehen. Auch Fräulein Julcsa bestätigt, daß er nirgends zu finden sei; sie hat ihn schon überall gesucht, da er auf einen Tanz mit ihr versprochen war; es ist sehr unartig von ihm, nicht Wort zu halten. Weder die Bedienten noch die Reitknechte wissen Auskunft zu geben. Nur soviel ist gewiß, daß sein Reitpferd nicht im Stalle steht. Eine schöne Sache das, daß man von dem Sprößling der Familie Karpáthi im Hause seiner Pflegeeltern nicht einmal weiß, ob er zu Hause ist oder nicht. Herr Maßlaczky und der Herr Rat Köcserepy wechseln bedeutsame Blicke aus. Das wäre doch ein eigentümlicher Zufall, wenn der gefährliche junge Mensch irgendwo den Hals gebrochen hätte, oder wenn das Pferd mit ihm in die Donau gestürzt und er darin ertrunken wäre. Wie sehr würde das den ganzen Prozeß abkürzen! Tarnaváry selbst machte sich nicht die geringsten Sorgen. Ein so großer Junge geht nicht verloren. Wahrscheinlich hat er anderswo eine bessere Unterhaltung gefunden, als hier. Er wird schon kommen, der Blitzjunge. – Meine Herren, meine Damen, unterhalten wir uns. Warum haben wir den Tanz unterbrochen! Jedermann nimmt seine frühere Unterhaltung wieder auf: die Jugend zieht sich in den Tanzsaal zurück, die älteren Herren und Damen setzen sich an die Spieltische. Die Hausfrau hat ihren Platz der alten, schwerhörigen Dame cediert und läßt sich selbst in den Tanzsaal locken, wo sie eine Walzertour mit Baron Berzy, eine zweite mit Mitzislaw, eine dritte mit unserm Freund Emanuel und dann, ich weiß nicht, wie viele noch und mit wem allen, tanzte. Von Zeit zu Zeit mischt sich der dumpfe Schall ferner Schüsse in die Klänge der Tanzmusik, Niemand schien jedoch darauf zu achten. Es war schon nahe an elf Uhr, als Pferdegetrapp unter dem Thor vernommen wurde und ein Kammerdiener die Meldung brachte, der junge Herr Zoltán sei in diesem Augenblicke angelangt. – Er soll sogleich herkommen und Rechenschaft ablegen, wo er sich herumgetrieben, herrschte Tarnaváry. – Er wird gleich erscheinen, vorher aber muß er sich erst umziehen, denn seine Kleider triefen von Wasser. Die jüngeren Damen fingen an, neugierig aufzuhorchen. Wo muß er nur gewesen sein? Fünf Minuten darauf erschien Zoltán. Der Knabe war hinreißend schön. Sein auch sonst blühendes Gesicht hatte die Kälte mit noch frischerem Rosenrot gefärbt und in seinen Augen schien das Feuer einer ungewöhnlichen Aufregung zu lodern; seine Haltung war stolz und geschmeidig, wie sie nach einer außerordentlichen Kraftanstrengung bei Menschen von großer Körper- und Seelenstärke zu sein pflegt. Die Frau Septemvirin flüsterte ihrem Gemahl etwas ins Ohr, wahrscheinlich, jetzt nicht vor so vielen Gästen mit Zoltán zu spektakeln; er möge es ihr überlassen, ihn wegen seines Ausbleibens zur Rede zu stellen. Frauen steht das besser an. – Ei, ei, lieber Zoltán, Sie sind sehr lange ausgeblieben! Sie wären ein hübscher Hauswirt, der seine Gäste auf sich warten läßt. – Ich bedauere sehr, allein auch ich hatte Gäste, von denen ich mich nicht früher losmachen konnte. – Wen? und wo? fragte Karoline mit einer ihren Ärger verratenden Neugierde. – Neun Ercsiner Einwohner, die auf einem Seelentränker durch die Eisschollen hindurch aus den Überschwemmungsfluten sich geflüchtet und die nichts gerettet haben, als das nackte Leben ... Diese Antwort brachte jedermann zum Schweigen, nur Herr Tarnaváry fand darin einen Anlaß, anzubinden: ich kann mir denken, daß Sie wieder Ihren letzten Heller hinausgeworfen haben. Zoltán sah ihn an mit seinen großen, seelenvollen Augen. – Und ich weiß, daß IIlustrissime in ähnlicher Lage auch noch den Rock vom Leibe gegeben hätten. Der Septemvir fühlte sich durch diese Antwort völlig entwaffnet. Er klopfte Zoltán auf die Schulter. – Du hast recht. Du kennst mich, das würde ich gethan haben. Nun, deshalb mache ich dir keine Vorwürfe. Wenn ich einen unglücklichen Menschen sehe, dann gehört mir das Hemd auf dem Leibe nicht mehr, so bin ich nun einmal. Und wohin hast du sie gebracht, die armen Teufel? – Hinaus in das Rákos-Wirtshaus. – Schade, so weit. Nun, morgen schicke ich ihnen auch etwas. Die Armen. – Aber das ist noch lange nicht alles, Freund Zoltán, rief Emanuel dazwischen; du hast ja das Beste verschwiegen, das hier war nur so nebenbei. Eben habe ich mit deinem Reitknecht gesprochen, der dich begleitete. Du hast ja große Bravouren gemacht. Das mußt du uns erzählen. – Kinderei, nicht der Mühe wert, davon zu reden, sprach Zoltán mit der Antwort zögernd; aber sein Vormund drang hart in ihn. – Nun, was hat's gegeben, Zoltán? Ich muß das wissen, – wo sind Sie gewesen? Reden Sie. – Ich war hinausgeritten, mir den Stoß anzusehen, bis ans Ende des Soroksárer Dammes. Ein schrecklicher Anblick das. Die ganze Gegend ein großer, blauer See, in dem weiße, aufgetürmte Eismassen schwimmen, dazwischen manchmal ein schwarzer Körper – die Leiche irgend eines Ertrunkenen ... Welcher eiskalte Schauer durchrieselte plötzlich jede Brust; – dort zu liegen auf den kalten Eisschollen, stumm und starr; ruhig trägt der Strom die Leiche weiter und rings an den Rändern des krystallenen Sarges sitzen, mit den Flügeln schlagend, schwarze, hungrige Raben ... – Aus der weiten Wasserfläche ragten vier Dorftürme hervor, die Häuser waren schon alle unter Wasser; mit meinem Perspectiv konnte ich es gut übersehen, daß die Fluten bis an den Dachvorsprung reichten. Viele mögen sich wohl auf die Kirchtürme geflüchtet haben, denn man konnte häufig das Läuten der Sturmglocken vernehmen, wenn der Wind in der Richtung von dort wehte. Zwischen den aufgetürmten Eisblöcken sah man hier und da einzelne, in der Eile aus Thorflügeln und Brunnenpfosten improvisierte Flöße, auf denen ganze Familien, Weiber, Kinder sich zu retten suchten, mit Stangen und Latten rudernd; und dann konnte man wieder sehen, wie ihnen eine große schwimmende Eistafel sich näherte und von der andern Seite eine zweite; wir von dem hohen Ufer aus sahen, daß beide Eiskolosse zusammenstoßen würden, sie aber, den schrecklichen Tod nicht ahnend, suchten gerade auf jenen Punkt hinzurudern; umsonst schrieen wir ihnen zu, entweder verstanden sie unsere Worte nicht, oder sie konnten sich schon nicht mehr helfen; die von zwei Seiten kommenden Eisfelder verengten ihnen immer mehr das Fahrwasser, endlich prallten sie von beiden Seiten an das Floß an; einige Augenblicke gewahrte man den verzweifelten Kampf ohnmächtiger Hände, dann hallte ein Todesschrei durch die ganze Gegend und dann wieder war nichts zu hören, als das Rauschen der aneinander stoßenden Eisschollen, welche Fluß und Leute unter sich begruben. Niemand tanzte in diesem Augenblicke. Als würde eine Zentnerlast darauf gewälzt, so fühlte jede Brust sich zusammengepreßt bei der Erzählung des Knaben, der selber noch zu erzittern schien bei der Rückerinnerung an die Schreckensscenen, deren Augenzeuge er gewesen. – Einem einzigen Kahn gelang es, bis zum Damm sich durchzuarbeiten. Ohne Kleider, ohne Lebensmittel, als Bettler, hatten sie aus ihren Häusern sich geflüchtet. Unter ihnen war eine Mutter mit vier Kindern, das älteste war dem aus dem Kahn gestürzten Vater nachgesprungen, um ihn zu retten, und beide waren ertrunken vor den Augen der Gattin, der Mutter. O schrecklich! – Mit Hilfe mehrerer Menschenfreunde brachten wir sie in Wagen nach dem höher gelegenen Rákosfelde; als ich, von dort zurückkehrend, nach der Stadt eilte, sah ich in großer Eile eine Abteilung Artillerie mit vier Kanonen den Damm entlang fahren und eine ungeheure Menschenmenge nachziehen. Diese Eile war mir unbegreiflich, bis ein Reiter, dem ich begegnete, mir erklärte, daß man die am Spitz der Csépelinsel entstandene Eismauer mit Kanonen einzuschießen beabsichtige, in der Hoffnung, wenn der Stoß eine Bresche finde, werde er sich durch seine eigene Wucht weiter Bahn brechen und so die Stadt vor der größten Gefahr bewahrt sein. – Nun, und geschah etwas? drängte Herr Maßlaczky, den von jetzt an die Geschichte zu interessieren begann. – Haben die Herrschaften vor einer Stunde keine Kanonenschüsse gehört? Jedermann erinnerte sich daran, sie gehört zu haben, doch habe er die andern nicht darauf aufmerksam machen wollen. – Das war das Brescheschießen. Ein junger Artillerieoffizier leitete die Arbeiten. Bei jedem Schuß flog von dem hochaufgetürmten Eisdamm ein flimmernder Splitterregen auf, und als die Kugel eines Vierundzwanzigpfünders in die Mitte einschlug, riß sich ein großes Stück los und schwamm ruhig weiter. Der nachschiebende Eisstoß hatte jedoch in wenigen Minuten die geschossene Bresche wieder ausgefüllt und mit krachenden Eisblocken verstopft. Es war eine Sysiphusarbeit. Da kam ein bejahrter Geniemajor angeritten, der, nachdem er mit seinem Fernrohr die Gegend rekognosziert hatte, das Feuern einstellte. Damit kommen wir nicht weiter, sagte er, das führt zu nichts. Ich ritt nahe an ihn heran, um zu hören, was er sprach; dort muß ein künstliches Hindernis das Eis aufhalten, sagte er mit einer Kennermiene. Mehrere Stadtleute bestätigten ihm, daß dort unter dem Wasser ein eisbrecherartiger Sporn sich befinde. Gewiß ist der das Hindernis, welches hinwegzuräumen ist. – In der That bemerkte man, schärfer hinblickend, einzelne Pfähle des unter Wasser stehenden Sporen hervorragen. – Ich nahm mir in diesem Moment den Mut, den Major anzureden. Mein Herr, ich habe in dem Hofe eines Hauses in der Vorstadt große Brunnenröhren liegen gesehen, vielleicht könnte man die mit Schießpulver füllen und so den Eisbrecher in die Luft sprengen? Der Major sah mich bei diesen Worten groß an und klopfte mir dann auf die Schulter: – also gehen Sie nach den Röhren, sagte er, einen Unteroffizier herbeiwinkend, der mit feiner Fuhrwesenmannschaft mich begleitete; nach einer Viertelstunde waren wir mit den Röhren da, welche der Eigentümer uns unentgeltlich überlassen hatte. Sie wurden nun mit Pulver gefüllt und in der Mitte ein Loch gebohrt, in welchem man eine eiserne Röhre anbringen konnte. Sechs Mann stiegen hierauf mit denselben in einen Nachen und ruderten mit großer Anstrengung etwa hundert Schritte weit in das Treibeis hinein. Dort mußten sie aussteigen, weil das Eis feststand. Sie zogen den Kahn aus dem Wasser und trugen die Röhren auf ihren Schultern ganz bis zum Eisbrecher; dort hieben sie mit Hacken eine Öffnung in das Eis und versenkten die Brunnenröhren zwischen den Pfählen, so daß nur das eiserne Kommunikationsrohr über dem Wasser hervorstand; in das Rohr steckten sie dann eine Stupine, deren äußeres Ende sie sehr lang machten, damit ihnen Zeit bleibe zurückzukehren, ehe die Explosion erfolgt. Als dies geschehen war, liefen sie, was sie konnten und ruderten ans Ufer zurück. Sie trieften vor Schweiß, als sie dort anlangten. Der Major bedeutete den Umstehenden, sich zurückzuziehen, er jedoch blieb hoch zu Pferde dort stehen, den Eisbrecher aufmerksam durch das Fernrohr betrachtend. Ich blieb an seiner Seite und bemerkte, daß er sich manchmal nach mir umsah, doch sagte er mir nicht, daß ich mich entfernen solle. – Tollkühner Junge! schrie Herr Tarnaváry, dem während der Erzählung die Schweißtropfen auf die Stirne traten. – Jetzt folgte ein Moment langer, peinlicher Erwartung. Jedermann harrte gespannt und stumm auf das Aufstiegen der Mine, kein Laut wurde gehört. So vergingen zwei, drei Minuten, es währte fünf, endlich zehn Minuten und keine Explosion war noch erfolgt. Vielleicht ist der Zunder verlöscht? Wer aber wird hingehen, um nachzusehen? Wie, wenn in demselben Augenblick, wo er kommt, die Mine losgeht? – Nun, das möchte ich auch wissen, wer es wagen würde, hinzugehen, rief der Septemvir dazwischen. – Und doch war keine Zeit zu verlieren, denn es war schon ganz dunkel geworden, und die Nacht hätte die ganze Wirkung der bisherigen Bemühungen vereitelt. Das Eis fing an viel dichter und stärker zu treiben, als vorher und die Donau stieg sichtbar von Minute zu Minute, so daß das Wasser die Füße unserer Pferde, welche bisher im Trockenen gestanden, schon erreichte. Da sprang der Major selbst vom Pferde herab und stieg in den Kahn, vier Mann mit sich nehmend, denen er befahl, ihn zum Eisbrecher zu rudern. Auch ich war vom Pferde gesprungen. Der Major aber, als er es bemerkte, wandte sich plötzlich um und rief mir in strengem, befehlenden Tone zu: ich erlaube niemand mit mir zu kommen; ich gehe allein. – Das war vernünftig gehandelt, rief der Septemvir, leichter aufatmend. – Bevor jedoch der Kahn den Sporn erreicht hatte, geriet er zwischen dichte Eisschollen, und obwohl alle heraussprangen, gelang es ihnen doch nicht, ihn frei zu machen; der Major selbst fiel zweimal ins Wasser und war nahe daran zu ertrinken; die Strömung riß endlich den Kahn mit sich fort, bis sie mit ihm irgendwo in der Mitte eines Eisfeldes sitzen blieben. Es war mittlerweile schon sehr dunkel geworden, man konnte nicht mehr weit sehen; am Ufer lag noch ein Kahn, um den fünf junge Leute standen, die wie Juraten aussahen, und denen kühner Mut aus den Augen blitzte; ich nahm mir ein Herz, sie anzureden: liebe Freunde, wollen wir nicht unser Glück versuchen? Sie verstanden mich augenblicklich und sprangen mit mir in den Kahn. – Hattet ihr den Verstand verloren?! schrie entsetzt der Septemvir. – Lieber Vormund, Sie sehen ja, daß ich hier bin, mit gesunden Gliedern, und daß nur nichts fehlt; zehn Minuten nur stand mein Leben in der Hand Gottes. Wir waren glücklicher, der Stoß trieb uns geradeswegs dem Sporne zu. Ehe meine Gefährten sich's versahen, sprang ich aufs Eis. Ich rief ihnen nur zu, sie möchten den Kahn herausziehen, daß er vom Eis nicht zerquetscht werde. Dann lief ich auf die Mine zu. Ich weiß nicht, was sie mir nachschrieen, aber es schien mir, als ob das ganze Ufer entlang ein Gebrüll sich erhoben hatte. Gott mit mir! dachte ich in meinem Herzen, sprang auf die Mine zu und erfaßte den Pfahl, an dem das Rohr angelehnt war. Der Zunder war erloschen. Es lief mir etwas kalt über den Rücken. Jetzt nahm ich meine brennende Cigarre und zündete das eine Ende der Lunte an und steckte das andere wieder ins Rohr. Dann eilte ich zum Kahn zurück. Der Knabe war allmählich bei seiner Erzählung blaß geworden, wie die Wand, als schauderte er jetzt erst vor der Gefahr zurück, der er sich ausgesetzt hatte. Den Umstehenden konnte man das Herz klopfen hören; Herr Tarnaváry wischte sich kalten Angstschweiß von der Stirne. Herrn Maßlaczky schwebte es während der ganzen haarsträubenden Geschichte ein paarmal auf der Zunge, mit welchem Recht denn der junge Herr Zoltán sich habe herausnehmen können, ohne vormundschaftliche Bewilligung sich in ein so lebensgefährliches Abenteuer einzulassen, das überdies andern Leuten übertragen war? Er konnte jedoch nie zu Wort kommen, denn die Frauen hatten alle den Knaben umringt, die Großmutter unseres Freundes Emanuel hatte ihn zu sich gezogen und ihm an ihrer Seite auf der Causeuse Platz gemacht, was er jedoch aus Bescheidenheit nicht annahm und die Septemvirin trocknete mit großer Teilnahme und mütterlicher Sorgfalt Zoltáns Stirne mit ihrem gestickten Battisttuch und brachte ihm die in Verwirrung geratenen Locken in Ordnung. Baron Berzy aber hatte seine Brieftasche auf den Spieltisch vor sich gelegt und notierte sich darin Zoltáns Worte, wahrscheinlich für das Magazin des club of travellers , den Ellbogen auf den Tisch gelümmelt und einen Fuß soweit hinter sich ausgestreckt, daß der Septemvir dreimal darüber stolperte. – Nun, nun, drängte der geniale Baron, die Spitze des Bleistifts zwischen den Lippen befeuchtend, nun, mein junger Freund, was geschah weiter? Zoltán fühlte sich befangen durch das Bewußtsein, daß jemand seine Worte niederschreibe, und fing von da an den ganzen Hergang viel trockener zu erzählen, was ihm jedoch bei der Natur des Gegenstandes nicht recht gelingen wollte. – Es geschah, daß, nachdem ich die Lunte angezündet hatte, wir nicht zurück konnten, denn der Kahn hatte sich zwischen dem Eis festgefahren, und trotz aller Anstrengungen, die wir machten, nahmen wir wahr, daß wir, anstatt uns von der Mine zu entfernen, ihr im Gegenteil immer näher kamen. Den Umstehenden entfuhren Laute des Entsetzens. – Ach, ach, halten Sie ein! Erzählen Sie nicht weiter, Zoltán, mir wird schlecht, rief die Septemvirin, und ließ sich nicht eher beschwichtigen, bis sie Zoltán ganz an sich gezogen und mit ihren eigenen Händen sich überzeugt hatte, daß er es wirklich, und daß ihm kein Leid geschehen. – Mich alteriert so etwas außerordentlich, beteuerte sie auch dann noch mit affektierter Empfindsamkeit, und die neben ihr sitzenden Damen beeilten sich, Chorus zu machen. Die Fräuleins Teresa und Julcsa aber, die hinter der Mutter standen, gaben ihren Senf dazu: Mama pflegt jeden Abend in Ohnmacht zu fallen. – Sonderbar, wenn wir allein unter uns sind, wird sie nie ohnmächtig. Dem Baron Berzy kamen diese Intermezzos ungelegen. Er hatte schon das letzte Wort niedergeschrieben. – Und die am Ufer Stehenden, was thaten die? He? fragte er Zoltán. – Was würden Sie gethan haben, wenn Sie am Ufer gestanden hätten? fragte ihn Zoltán zurück, Revanche nehmend für die Neugierde des Barons. – Das ist sehr einfach: ich würde Ihnen zugerufen haben, zurückzugehen und den Zunder wieder auszulöschen. – Das wäre ich nicht imstande gewesen, zu thun, antwortete Zoltán stolz, denn es handelte sich hier um die Rettung von Tausenden, nicht um die meinige. Frau Köcserepy hatte inzwischen Maßlaczky zu sich gewinkt. – Finden Sie dieses Märchen nicht sehr langweilig? – Und sehr unwahrscheinlich. Der junge Mensch scheint eine sehr lebhafte Einbildungskraft zu besitzen. – Je mehr ich ihm zuhöre, um so begreiflicher finde ich Wilmas Antipathie. Welche Süffisance bei einem so jungen Menschen. – Und welche Arroganz. Als ich so alt war, hätte ich nicht einmal gewagt, in einer solchen Gesellschaft den Mund aufzuthun. Junge Leute sollen bescheiden sein. In Gegenwart älterer Leute stillschweigen, acht geben auf das, was sie sprechen, und antworten, wenn man befragt wird – das ist mein Grundsatz. Mittlerweile hatte der eine und der andere zum Besten gegeben, was er zur Rettung Zoltáns gethan haben würde, endlich mußte er selbst das Rätsel lösen. – Die Gefahr macht erfinderisch; von meinem früheren, guten Pflegevater habe ich gelernt, daß, wenn die Gefahr am größten, die Hilfe am nächsten ist. Im Augenblick der größten Bedrängnis kam mir ein Einfall, den der Himmel mir eingegeben. Der bereits wieder ans Ufer gelangte wackere Major bemühte sich, uns ein Seil zuzuwerfen, das aber immer zu weit von uns fiel. Da schrie ich ihm zu, er möchte einen Bindfaden um einen Ladestock wickeln und diesen gegen uns abschießen. So könnten wir dann mit dem Spagat das Seil zu uns ziehen. – Bravo! bravo! rief Baron Berzy und ein Beifallsgemurmel lief durch die Gesellschaft; auf diesen Gedanken war niemand geraten, und doch war er so einfach. – Der wackere Major hatte schnell ein Gewehr und einen Knäuel Bindfaden herbeigeschafft, richtete alles selbst, zielte selbst, damit der Ladestock nicht zu weit daneben fliege oder uns treffe. Ein wackerer Mann. Er schoß wie ein zweiter Tell. Der Ladestock pfiff eine Klafter hoch über unsere Köpfe hinweg und ließ die nach sich gezogene Schnur zwischen uns niederfallen. Nach wenigen Sekunden war das Seil an der Spitze des Kahnes befestigt und hundert und aberhundert Menschen am Ufer zogen daran; es währte keine fünf Minuten und wir waren draußen am Ufer. Aber es war auch höchste Zeit. Kaum hatten wir uns für die geleistete Hilfe bei unsern Rettern bedanken können, als eine auflodernde Flamme unsere Augen blendete, welche brennende Balken und glitzernde Eisstücke zum Himmel emporschleuderte, und auf beiden Seiten die Eisfluten emporspritzen machte, einen so furchtbaren Glanz verbreitend, als hätte statt des Eismeeres ein Lavameer uns umgeben, das sofort mit dumpfem Getöse sich in Bewegung setzte. – Es ist sonderbar, sprach Herr Maßlaczky dazwischen, der mit seiner skeptischen Weisheit der allgemeinen Bewunderung gerne einen Dämpfer aufgesetzt hätte, es ist doch sehr sonderbar, daß wir von dieser furchtbaren Explosion nichts gehört haben. – Das rührt daher, weil die Explosion unter dem Wasser vor sich ging, antwortete ihm Zoltán; überdies ist es weit von hier und Sie waren eben mit Tanzen beschäftigt. – Also sind Sie der Retter unserer Stadt, ließ sich Herr Köcserepy vernehmen, mit seinem ewigen Lächeln und mit honigsüßer Stimme, aus der man den Hohn herausfühlte. Zoltán ertrug standhaft den huldreichen Blick des Rates. Er wußte es schon, daß dieser Mensch sein unversöhnlicher Gegner war, obwohl er den Grund davon nicht kannte; er wußte, daß das freundliche Lächeln voll Haß und Mißgunst war und er fand die rechte Antwort auf das spöttische Lob. – Die Rettung kommt von dort oben, Herr Rat. Soviel aber kann ich mit Gewißheit sagen, daß ich, in die Stadt zurückgekehrt, von den am Ufer Stehenden gehört habe, daß das Eis in rascherem Gange ist, und daß die Donau seit einer halben Stunde um sechs Zoll gefallen ist. – Pest! Dieser Ausruf entfuhr Herrn Maßlaczky, auf den diese Mitteilung einen Eindruck machte, wie eine Verurteilung in die Prozeßkosten. Den übrigen gestattete ihre Freude nicht, seine unangenehme Überraschung wahrzunehmen. Er lief nach Hut und Überrock und versprach der Gesellschaft, er werde sogleich mit authentischen Nachrichten über den Wasserstand der Donau, die er persönlich einholen wolle, wieder da sein, sie möchten sich indes nur ohne ihn unterhalten, was man auch so gethan hätte. Zoltáns Mitteilung hatte die Wolken von den Gemütern verscheucht, alles Leid ist vorüber. Gott wollte nur die Menschen schrecken, beim Anblick ihrer bußfertigen Reue erbarmte er sich ihrer und zog seine Geißel zurück. Wohl wahr, auch jetzt schwimmen tausend und abertausend an den Bettelstab Gebrachte in gebrechlichen Fahrzeugen umher, Tausende und Abertausende warten, auf den Dächern ihrer Häuser sitzend, oder an die Zweige von Bäumen festgeklammert, umgeben von den Eisfluten, auf Rettung oder Tod, warum sollten aber deshalb diejenigen, denen nichts fehlt, nicht guter Dinge sein dürfen? Der Tanz wird erneuert, und zwar jetzt mit großem Animo, Mit Zoltán will jedes nun tanzen. Er ist der Held des Abends, um den sich die Mädchen reißen, von denen er sich mit liebenswürdiger Naivität aus einer Hand in die andere geben, mit Schmeicheleien und Liebkosungen überhäufen läßt; mit solchem Feuer, soviel jugendlicher Grazie tanzt niemand den Mazur, wie er. Selbst aus den Spielzimmern kommen sie, ihm zuzusehen. Dieser Knabe wird einmal ein ausschweifender Lebemann, würde Eveline zu Herrn Maßlaczky sagen, wenn er da wäre. Der indes rennt jetzt ergrimmt am Donauufer auf und ab, im schneidend kalten Wind und fragt, durch die dichten Volksmassen sich durchdrängend, mit großer Besorgnis: wie ist's mit dem Wasser? – Gott sei Dank, es fällt! antwortet man ihm. Erst sagt man ihm, es sei um acht Zoll gefallen, dann schon um neun Zoll; je länger er sich erkundigt, um so mehr Zoll werden angegeben, und jedermann setzt hinzu: Gott sei Dank! Gott sei Dank! das ist ihnen leicht zu sagen; die Tölpel, die Feiglinge! sich zu freuen über den Schaden eines ehrlichen Nebenmenschen! Sie wissen nicht, daß Herr Maßlaczky volle dreihundert Gulden in dieser Unterhaltung schwimmen hat. Ganz niedergeschlagen kehrt er in die Wohnung des Septemvir zurück. Noch in der Einfahrt muß er hören, wie ein über den neuen Marktplatz Laufender den ihm Entgegenkommenden von weitem zuruft: ein Schuh und ein Zoll! Herr Maßlaczky erscheint wie eine melancholische Nachteule in der lustigen Gesellschaft. Die Müßigstehenden eilen auf ihn zu, ihn auszufragen. – Die Donau ist um dreihundert Zoll gefallen, giebt der werte Herr zur Antwort. Er hat noch immer die dreihundert Gulden im Kopf. – Was zum Henker! dreihundert Zoll? schrie Tarnaváry und brachte mit seinem schonungslosen Gelächter den Fiskal so in Verwirrung, daß er sich kaum zu korrigieren imstande ist, er habe nicht dreihundert, sondern nur dreizehn sagen wollen. Ah, also hat Zoltán doch recht gehabt, also ist die Gefahr doch vorüber. Nun, darüber sich zu freuen, ist wahre Christenpflicht. Die Bedienten rücken die Speisetische auseinander, die Herren reichen den Damen ihren Arm, und die lustige Gesellschaft zieht hinüber zur reichbesetzten Tafel. Bei den leckern Gerichten und dem begeisternden Rebensaft verschwinden die letzten Anwandlungen blinder Furcht. Hier ist gut sein. Es ist das nicht eine jener altväterlichen, patriarchalischen ungarischen Schmausereien, wo jedermann sich zu Tisch setzt, jedem Gast sein bestimmter Platz angewiesen ist, mit der Suppe angefangen wird und ein Gang dem andern folgt, und wo der Hausherr und die Hausfrau sich heiser reden mit nötigen. Der fortgeschrittene Zeitgeist hat eine andere Mode eingeführt, die Tische sind nur für die Speisen da, dort ist aufgetürmt, was verlockend für Augen und Gaumen, daneben liegen Löffel, Messer, Gabeln und Teller, jedes in einem besonderen Haufen; jeder nimmt sich, was er bedarf, fängt an, wo er will, ißt, trinkt, ohne sich erst nötigen zu lassen und läßt sich nieder, wo er einen Platz findet; wer am meisten sich dazuhält, hat den schmackhaftesten Bissen, den bequemsten Sitz; niemand würzt das Mahl durch freundliches Zureden; die Leute fallen so darüber her, als hätten sie es geraubt und als fürchteten sie, von einer andern Gesellschaft überfallen zu werden, welche sie verdrängen und ihnen die Mahlzeit vor der Nase wegschnappen könnte. Einigen Lions ist es in Gesellschaft mit mehreren andern gelungen, Löffel und Gabeln zu requirieren, mit denen sie sich in einen abseitigen Winkel eines verlassenen Zimmers etablieren, wo sie ungeniert tafeln und miteinander konversieren können, ohne genötigt zu sein, auf die Reden eines andern acht zu geben; dann und wann mischt sich ein leises Flüstern und Lachen in das Klappern der Teller; ein paar junge Mädchen haben sich in eine Fensternische zurückgezogen und essen dort irgend etwas von einem gemeinschaftlichen Teller mit irgend einem Kavalier und plaudern Gott weiß von was. Baron Berzy hat mit Mathilde Ilvay den Glasbalkon eingenommen; niemand sonst wäre dieser Einfall gekommen, denn es ist jetzt noch kalt; aber Mathilde ist erhitzt und ihren glühenden Wangen thut die kalte Nachtluft wohl; der geniale Baron bringt ihr Gefrorenes. Die Ärzte haben dem Fräulein schon lange den Genuß von Gefrorenem verboten und sie vor rauher Luft gewarnt, Grund genug für das Fräulein, auf beides seitdem um so versessener zu sein, Baron Berzy aber ist ein viel zu genialer Mann, um irgend jemand an selbstmörderischen Kaprizen zu hindern. Während sie jedoch, abgesondert von dem Lärm der Gesellschaft, auf dem Balkon miteinander plaudern, fängt ein eigentümliches Geräusch unten auf dem neuen Marktplatze an, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ganze Gruppen von Menschen sammeln sich an verschiedenen Punkten und scheinen etwas aufmerksam zu betrachten. Mathilde hätte gern gewußt, was sie dort haben. Theodor schrie auf einen Vorübergehenden herab, was das sei. »– Ein Springbrunnen,« lautete die rätselhafte Antwort. Der Gefragte schritt eilends weiter. – Was? Ein Springbrunnen? sagte Theodor. Ist dieser Mensch verrückt oder betrunken? Er rief einen Bedienten herbei und ersuchte ihn, hinabzugehen auf den Platz und sich zu erkundigen, was es dort gebe. Der Bediente kehrte nach einigen Minuten zurück und brachte die Antwort, daß es auf dem neuen Marktplatz eine Unzahl kleiner Springbrunnen gebe, und daß man bloß einen Stock in die Erde zu bohren brauche, damit ein Wasserstrahl, etwa einen halben Schuh hoch, hervorspringe. – Ah, das muß interessant sein, sagte der Baron, von so etwas habe ich in meinem Leben noch nicht gehört. Mit dem Stock Springbrunnen aus der Erde bohren; das ist ja die Geschichte von dem Stab Mosis in der Bibel. Entschuldigen Sie, gnädiges Fräulein, davon muß ich mich mit eigenen Augen überzeugen. Das muß grandios sein! Mathilde redete ihm selbst zu, hinzugehen, und sah ihm durch das geöffnete Balkonfenster nach, sich herabbeugend, mit bloßer Brust, in die schneidend kalte Nachtluft. Das Weggehen des Barons war nicht bemerkt worden. Er hatte auch sonst die Gewohnheit, sich holländisch zu empfehlen, um die Gesellschaft nicht zu stören. Außerhalb der Küchenregion wußte niemand etwas von den kleinen Springbrunnen dort vor dem Hause. Es war dies aber dazumal ein schreckliches Phänomen. Um diese Zeit war der von Visegrád kommende Eisstoß angelangt und hatte die Flut binnen wenigen Minuten um volle zwei Schuh steigen gemacht; unter dem enormen Druck drang das Wasser unterirdisch durch den Pester Sandboden und fing an, auf dem ungepflasterten Platze von selbst hervorzuquellen. Es war damals eine Stunde vor Mitternacht. Von den älteren Herren hatten einige, darunter der Rat und der Septemvir, sich in ein stilles Kabinett zurückgezogen, aus dem der Lärm nicht gehört wurde, und gaben sich dort ungeniert ihrer ausgelassenen Lustigkeit hin. – Trinkt, meine Herren, die Thüre ist verschlossen! rief der Hausherr, auf dessen braunem Gesicht schon glänzende Schweißtropfen standen, welche die Weinhitze hervorgetrieben hatte. Heute geht niemand von hier. – Diejenigen, welche die in die Nebenzimmer führenden Thüren zu öffnen versuchten, fanden, daß sie wirklich verschlossen waren. Der Hausherr hatte die Schlüssel abgezogen. Der Herr Rat beteuerte ernsthaft, er müsse nach Hause. Auch Herr Maßlaczky unterstützte diese Ansicht, als Grund angebend, daß das Fräulein krank sei. – Du hast Angst, daß ich dich niedertrinke! brüllte Tarnaváry, den sich entfernen Wollenden am Arm fassend. Du fürchtest dich, daß ich dich unter den Tisch trinke! Wenn du dich nicht fürchtest, so bleibe und trinke mich unter den Tisch! Auf das warf der Rat seinen Überrock, den er schon angezogen hatte, wieder von sich und sagte, sich an den Tisch hinwerfend: gut, es sei, ich will dich niedertrinken! – Wollen sehen, ich erwarte dich! schrie Tarnaváry, mit seinen kräftigen Fäusten auf den Tisch schlagend, während seine Augen wie zwei glühende Kohlen leuchteten. Herr Maßlaczky rückte sich ängstlich an den Armstuhl seines hohen Gönners und Freundes. – Wein taugt nichts, sagte Köcserepy, damit dauert der Kampf zu lange. Gieb Rostopschin. Damit werden wir schneller fertig. Die Bedienten brachten den starken polnischen Branntwein. Köcserepy füllte das Glas bis zum Rande. – Auf deine Gesundheit, Freund! Sie stießen miteinander an. Der Rat goß mit einem Zuge das brennende Naß hinunter, ohne eine Miene zu verziehen; er lächelte gerade so, wie früher, beide Ellbogen auf den Tisch gestützt. Dem Septemvir fingen die Augen darnach zu thränen an und seine Stimme wurde merklich heiser, obwohl er sie nach Möglichkeit schärfte. Die Gläser wurden aufs neue gefüllt. – Auf das Wohl deines jüngsten Prozesses! hahaha! stieß der Septemvir gratulierend an. Aber wir werden uns unserer Haut wehren. Das Naß der beiden Gläser verschwand gleichzeitig. Der Rat füllte sie sogleich wieder an. Ein unaussprechlicher Hohn lag auf seinem süßlächelnden Gesicht. – Auf die Gesundheit deines lieben Mündels! Herr Maßlaczky lachte in sich hinein. Der Septemvir hob kordial das Glas in die Höhe, aber auf halbem Wege blieb die Hand stehen. Seine Augen nahmen den Ausdruck des größten Entsetzens an. Große Schweißtropfen fingen auf seinem Gesichte zu perlen an. Als ob er etwas gehört hätte; irgend ein fernes Brausen, irgend ein unnennbares Getöse, ein Sausen, wie man es im Schlafe hört, wenn einem jemand ins Ohr bläst. Und niemand sonst hatte es wahrgenommen. – Nun, Freundchen, hast du schon genug? Setz es nieder, wenn du dich davor fürchtest! spottete der Rat. Auf die Gesund ... Was war das? Allbarmherziger Gott, verlaß uns nicht! Unter unsern Füßen bebten die Fundamente der Erde. Die Mauern schüttelten ihre massiven Schultern, Thüren und Fenster klapperten, als würden sie von außen durch unsichtbare Hände gerüttelt, als wollten aufgescheuchte Geister hereinflüchten mit dem Jammergeschrei der Verzweiflung. Ha, wie da mit einmal jedes Antlitz erblaßte, jeder Laut verstummte bei der furchtbaren Erscheinung des Erdbebens; was war aus der Großsprecherei, aus dem herausfordernden Trotz, aus dem gottvergessenen Übermut geworden? Von der Festungsbastei erdröhnten drei Kanonenschüsse durch die Nacht. Die Donau hatte die Dämme durchbrochen und war, die erschrockene Erde erschütternd, an beiden Enden der Stadt über ihre Ufer getreten. Wehe! Wehe! Wehe! Rennt, – flüchtet, – betet – bekehrt euch zu Gott! Tod und Verderben, das letzte Gericht ist hereingebrochen! Was hält noch fest, wenn Gott uns verläßt – und die Erde? Die ganze Gegend verspürte in diesem Augenblick eine heftige Erderschütterung. Wie hätte sie nicht erzittern sollen, wie hätte nicht bis in ihre tiefsten Eingeweide hinab sie ein tödlicher Fieberschauer erfassen sollen, als sie des Landes Stolz, das Werk der Bemühungen eines Jahrhunderts in Trümmern über sich zusammenstürzen fühlte? O, die Erde ist gegen uns eine weit bessere Mutter, als ihre Kinder es um sie verdienen. Das ist eine alte Wahrheit und doch will es niemand glauben. Einen Augenblick standen die im Zechstübchen versammelten Männer starr, wie Leichen, da, jeder in der Stellung, in der ihn der Schreckensmoment überrascht hatte: die halb erhobenen Gläser in den Händen, auf den Lippen das ersterbende Wort, und das geisterhaft grinsende Lächeln auf den Gesichtern, aus denen der Schreck das Blut getrieben und in den Zügen nur das krampfhafte Zerrbild zurückgelassen hatte. Im nächsten Moment stürzte alles auf die Thüren zu. Vergebliche Mühe, sie aufzureißen. Der Hausherr selbst hatte sie verschlossen und die Schlüssel versteckt. – Wo sind die Schlüssel? schrie Köcserepy mit röchelnder Stimme, während er die Thürklinke nicht aus den Händen ließ. Derjenige, an den die Frage gerichtet war, der Septemvir, saß auch jetzt noch dort am Tisch, das halb erhobene Glas in der Hand, die Lippen zum schallenden Gelächter geöffnet, als gefiele ihm diese Unterhaltung, als lachte er die anderen aus, als wollte er sagen: »Nun, meine Herren, trinken wir eins auf den panischen Schrecken.« Aber der Blick der Augen war starr und die blauen Ringe um dieselben straften das scheinbare Lächeln Lüge. – Her mit den Schlüsseln, Herr! schrie jetzt ein anwesender Bediente, die Flasche von sich schleudernd, die er in der Hand hielt. Es gab jetzt an diesem Orte keinen gnädigen, keinen gestrengen Herrn mehr, der vornehmste Herr war jetzt eine ebenso hinfällige Kreatur, wie der geringste Diener. Als aber der Bediente seinen Herrn am Arm faßte, entsank diesem in demselben Augenblick das Glas aus der Hand und der Septemvir stürzte besinnungslos zur Erde. Verwünscht! Er kann nicht sagen, wo er die Schlüssel versteckt hat! Dort in den Nebengemächern das Angstgeschrei der Bestürzung, unten das Gebrüll der durch die Gassen rennenden Leute; von den Kirchtürmen läuten die Sturmglocken und von der Festungsrondelle donnern die Kanonen, daß alle Fensterscheiben klirren! Und von hier kein Entrinnen! Vergeblich poltern sie an den verschlossenen Thüren, wer wird darauf hören? Jedermann hat mit sich selbst zu schaffen, keiner kümmert sich um den andern. Auch im Tanzsaal sind die Paare auseinander gestoben, jeder läßt seine Tänzerin dort stehen, wo er sie in seinem Schreck fahren ließ; die Dienerschaft und die Herrschaften, alles lief in den Hof hinab; die geputzten Damen in ihren leichten Seidengewändern, mit dekoltierter Brust, standen unten in der kalten Nacht, ihre eigenen Diener anflehend, etwas für sie zu thun, was, wissen sie selbst nicht zu sagen. Auf der Mitte der Treppe liegt eine ohnmächtig gewordene Dame. Es war Eveline. Als sie bei der Erderschütterung, bei dem Krachen der Notschüsse mit den übrigen die Treppe hinabrannte, rief ein unten Stehender, die Donau habe den Damm beim Waitzner Friedhofe durchbrochen und bedecke schon die Waitzner Straße. Dort aber steht das Haus der Rätin. Sie stieß einen Schrei aus: Wilma! und sank auf den Stufen zusammen. Die Nacheilenden wichen aus, oder sprangen über sie hinweg, wem wäre es jetzt in den Sinn gekommen, einem andern in seiner Not beizustehen? Die dort drin rüttelten mit der Wut der Verzweiflung an den Thüren, die zum Unglück von sehr fester Konstruktion waren, als plötzlich an der in den Speisesalon führenden Thüre sich nähernde Schritte vernommen wurden; bald darauf hörte man das Geräusch eines in der Nähe des Schlosses eingesetzten Brechinstrumentes, die Thüre spannte sich immer mehr und sprang endlich mit einemmal auf, sich losreißend von der Zunge des abgelassenen Schlosses; vor der bestürzten Gesellschaft stand – Zoltán. Er allein hatte das Herz gehabt, den Hilferufen der Eingesperrten ein williges Ohr zu leihen; gehört hatten es auch andere, aber sie hatten ihr Herz davor verschlossen. Der Rat stand ihm gerade gegenüber. Vermag er seinen Anblick zu ertragen? Wäre es nicht besser, ihm auszuweichen? Vielleicht sollte er es anderen überlassen, ihm zu danken für sein mutiges Beginnen. Aber der Knabe hat gerade ihn gesucht. Er ergreift seine Hand. – Kommen Sie, mein Herr, geschwind. Ihr Wagen ist eingespannt, Ihre Gemahlin ist in Ohnmacht gefallen, aber sie befindet sich schon im Wagen und ist wieder zu sich gebracht; eilen Sie nach Hause, denn dorthin kann die Gefahr leichter gelangen. Damit lief er mit ihm die Treppen hinab. Alles war schon unten im Hofe. In Momenten großer Gefahr pflegt die ratlose Menge sich an denjenigen zu halten, der die meiste Geistesgegenwart zeigt, mag es nun eine Frau, ein Mensch aus den niederen Ständen, oder ein Kind sein. – Hierher kommt das Wasser nicht und wenn es noch um dreißig Schuh stiege, sagte Zoltán eilig im Vorübergehen zu den im Hofe Lamentierenden, von denen die Mehrzahl nicht einmal wußte, was zu beginnen sei. Nach Hause gehen? Wie aber, wenn sie unterwegs von den Fluten ereilt werden und nicht mehr zurück können? – Hier zu bleiben erscheint gleichfalls nicht rätlich, denn es wäre möglich , daß die Fluten sich nicht so schnell verlaufen, als sie plötzlich gekommen, wie es sonst wohl zu geschehen pflegte. Wie dann, wenn die Überschwemmung diesmal mehrere Stunden, wohl gar Tage anhalten sollte? Der Wagen der Rätin stand schon vor dem Thor. Die übrigen hatten ihre Equipagen erst für einige Stunden später bestellt, wie sollen sie in ihren Balltoiletten sich hinauswagen in die dunkle Nacht, die in diesem Augenblicke von keiner einzigen Laterne erhellt wird; in der allgemeinen Verwirrung hatte man auch die Straßenlaternen anzuzünden vergessen und die ganze Stadt war in tiefe Dunkelheit gehüllt, durch welche das Angstgeschrei, das Läuten der Glocken, die Notschüsse noch hundertmal grausiger erklangen; wirre Menschenknäuel rannten die finstern Gassen auf und nieder, nicht wissend, woher die Gefahr kommt, darunter einzelne, welche angstvoll nach ihren Kindern riefen, die sie nicht finden konnten. – Mein Kind! mein Kind! ächzte auch der Herr Rat, dessen Tochter daheim krank im fernen Hause lag, während er mit seiner Frau in eine fremde Wohnung sich unterhalten gegangen war; er zitterte am ganzen Leibe, als er im Wagen saß, in dem schon seine Gattin lag, von heftigen Krämpfen ergriffen. Fahr zu! jage, was du kannst! rief er dem Kutscher zu ... O, meine Tochter! Nach Haus, nach Haus! Auch das Herz des Reichen hat seine verwundbaren Stellen. Alles läßt sich verleugnen, nur das Vatergefühl nicht! Kaum hatte Zoltán dem Rat in den Wagen geholfen, als er zurück in den Stall lief, sein Pferd losband, ohne Sattel sich daraufschwang und dem davonrollenden Wagen nachsprengte, den Zurückbleibenden zurufend, er werde bald mit einer beruhigenden Antwort wieder da sein. In wenigen Minuten hatte er den Wagen eingeholt; er rief dem Rat zu, sich nur hinter ihm zu halten, er werde vorausreiten, um zu erfahren, ob es noch möglich sei, zum Hause zu gelangen. Damit sprengte er voraus, der schnell fahrende Wagen immer hinter ihm her. Als sie den Anfang der Waitzner Straße erreichten, war das ihnen entgegenkommende Menschengedränge so dicht, daß man kaum hindurchzukommen vermochte. Alles kam von dort herab, die Straße hinauf schien niemand zu gehen. Zwischen den Menschen liefen brüllend Kühe, Kälber, Pferde und sonstige Haustiere; alles von dort her – hin zu nicht eine Seele. Die Flüchtenden blickten verwundert auf den ihnen entgegenkommenden Reiter und Wagen, ein paar von ihnen, die weniger Eile hatten, riefen ihnen zu, sie möchten umkehren und nicht weiter gehen. Sie aber hörten nicht darauf. Von der Leopoldstädter Kirche an fing die laufende Menge an schütterer zu werden; nur hier und da tauchte ein keuchender Schubkarrenzieher auf, das in der Hast zusammengeraffte Gepäck führend, oder eine Frau, die sich verspätet hatte, und ihre weinenden Kinder auf dem Arm schleppte. O wie glücklich ist dieses Weib! seufzte der Rat, der beständig zum Wagen hinaussah und mit seinen Blicken Zoltán verfolgte, der in der Dunkelheit manchmal sichtbar wurde. Die Menschen wurden immer seltener auf der Straße. Rechts und links sah man offenstehende Hausthore, aufgerissene Fenster. In die beleuchteten Zimmer konnte man ganz hineinsehen, niemand war darin; alles hatte die Flucht ergriffen. In der Entfernung konnte man schon Köcserepys großes Haus ausnehmen. Im ersten Stock schimmerte durch zwei Fenster ein blasses Licht, die übrigen waren dunkel. Jenes dort ist Wilmas Schlafzimmer; aus den übrigen sind gewiß alle Inwohner entlaufen. Da mit einmal schien es, als ob am äußersten Ende der Straße auf der Oberfläche etwas Helldunkles zu glitzern anfinge ... ... Das ist die Überschwemmung! Es war ein grausiger Anblick, als zu beiden Seiten der breiten Straße die dunkeln Konturen der Häuser und die flimmernden Fensterreihen allmählich sich ausnehmen ließen, wie die wachsende Wasserflut ihren schwarzen Spiegel vorwärts schob. Aus einer unterirdischen Spelunke drang auch jetzt noch lärmender Gesang und Gejohle hervor; wie wird in der nächsten Minute bald Jammergeschrei von dort ertönen. Wagen und Reiter sind schon in der dunkeln Nacht verschwunden, nur von ferne hört man noch das Rollen der Räder. Allmählich verhallt auch dieses. Haben sie ihr Ziel erreicht, oder sind sie unterwegs stehen geblieben? – Wir sind im Wasser gnädiger Herr! rief der Kutscher dem Rat zu, der sich zum Wagen hinausbeugte. – Fahr nur zu! Die angetriebenen Rosse sprengten hinein in die wachsende Flut, sich wild aufbäumend in blinder Furcht und der Kutscher mußte alle Kraft zusammennehmen, um das Umwerfen des Wagens zu verhindern. Je weiter sie kommen, um so höher wird das Wasser, die Pferde können kaum mehr vorwärts, sie waten bis zum Bauch im Wasser, das bei einem Stoß des Wagens hineinschlägt. Die eiskalte Flut, welche Evelinens Füße durch die dünnen Atlasschuhe benetzt, bringt diese mit einemmal zu sich. – Wo sind wir? schrie sie auf, das Kutschenfenster aufreißend. Der Rat faßte seine Gattin um den Leib, damit sie in halbem Delirium sich nicht hinausstürze in die Wellen, während einzelne große Eisschollen sich schon an den Wagenrädern zu reiben anfingen. – Fahr zu! fahr zu! brüllte er verzweifelt dem Kutscher zu. Dieser hieb noch einmal in die Pferde hinein, aber die Rosse rührten sich nicht mehr von der Stelle. Dem einen schlug eine mächtige Eisscholle an die Brust, erschreckt riß es die Deichsel auf die Seite und der Wagen, eine Wendung machend, stand quer über die Straße, die Eveline nun ihrer ganzen Breite nach überblicken konnte. – Mein Jesus! rief sie entsetzt und sank, in allen Nerven erbebend, an die Brust ihres Gatten, der ebenso zitterte wie sie. Sind das nicht Menschenstimmen? Ja doch. Von den Fenstern, von den Hausdächern herab rufen unglückliche Menschen, die sich aus ihren Wohnungen dorthin geflüchtet, wehklagend um Hilfe. Aus der Kellerkneipe taumelt ein Betrunkener heraus, Gott und die Elemente lästernd. Seine wilden Verwünschungen widerhallen grausig in der Nacht. Plötzlich brüllt er laut auf, dann flucht er nicht mehr. Wahrscheinlich ist er gestolpert und dort im Wasser ertrunken. – Warum rührt sich der Wagen nicht von der Stelle? – Gnädiger Herr, ein elender Kahn würde jetzt bessere Dienste leisten. Eveline schlang in der Verzweiflung der Todesangst ihre Arme um den Nacken des Rates, in einemfort den Namen Wilma schluchzend. Und sie können nicht mehr zu ihr. In diesem Augenblicke ertönt eine bekannte Stimme neben dem Wagen, Zoltán kam zurückgeritten; er war ganz durchnäßt. – Sie müssen umkehren. Ich bin ganz nahe ans Haus geritten, an mehreren Stellen mußte mein Pferd schwimmen. Es ist nicht mehr möglich, zu Wagen hinzugelangen; das Wasser reicht schon bis zu den Karyatiden des Portals. Jeder Nerv Köcserepys zuckte bei dieser Nachricht. Zoltán hatte kaum diese Worte gesprochen, als der Kutscher, keinen neuen Befehl abwartend, die Pferde wendete. – Meine Tochter, Wilma! rief mit einem Schmerzensschrei die Rätin, das Kutschenfenster ungestüm erfassend; sie wäre vielleicht imstande gewesen, sich zum Wagen herauszustürzen und für ihr Kind ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Zoltán beugte sich zu ihr hernieder und sagte in beruhigendem Tone: seien Sie ruhig, meine Gnädige. Kehren Sie in die Wohnung des Herrn Septemvir zurück. Ich galoppiere zum Donauufer und werde den ersten Kahn, der mir unterkommt, hierher bringen; in einigen Stunden führe ich Fräulein Wilma in Ihre Arme. Eveline, außer sich, ergriff die Hand des Jünglings; sie selbst wußte nicht, wie es geschah, sie merkte nur, daß sie die Hand geküßt. Der Kutscher hieb ungeduldig in die Pferde, und nach einigen Sekunden rollte der Wagen wieder zurück, während Zoltán durch eine der Nebengassen, welche zur Donau führen, so schnell, als er im Wasser weiterkommen konnte, davoneilte. Der Wagen des Rates nahm die Richtung nach dem neuen Marktplatz, wo er glücklich aufs Trockene gelangte; der ganze Platz war bereits mit Geflüchteten, die von allen Seiten dort zusammengeströmt waren, bedeckt und man konnte durch die Menge nur im Schritt fahrend zur Wohnung des Septemvirs gelangen. Auch dort herrschte große Verwirrung. Dem Hausherrn hatte man zur Ader lassen müssen und im Augenblick schüttelte ihn das Fieber. Von den Gästen konnte niemand nach Hause; die Equipagen waren ausgeblieben, da die Kommunikation zwischen den verschiedenen Stadtteilen unterbrochen war. Jedermann lamentierte, alles war niedergeschlagen. Wie hätte einer den andern trösten sollen, da jeder für sich selbst in Sorgen war. Durch die ganze Stadt lief ein Angstschrei von tausend und abertausend Lippen. In dieser Stunde der Gefahr erwies Herr Maßlaczky sich besonders tapfer unter den Kleinmütigen. Er sprach jedermann Mut zu, man dürfe die ganze Gefahr nicht zu hoch anschlagen, sie wird vorübergehen, auch zu andern Zeiten sei dergleichen in Pest schon vorgekommen, ohne daß sich erhebliches Unglück ereignet hätte. Sollte es länger anhalten, nun dann erscheinen die Rettungskähne , und werden die Kommunikation herstellen; man wird hinüber nach Ofen, oder auch nach Czinkota hinausfahren können; ein wackerer Menschenfreund, Herr Trommel, hält immer eine gewisse Anzahl von Fahrzeugen in Bereitschaft; er wird sich gewiß beeilen, seine Mitbürger aus dieser unangenehmen Lage zu befreien. Als Köcserepys anlangten, war er der erste, welcher den Wagenschlag öffnete und Evelinen aussteigen half. – Meine Tochter, meine einzige gute Tochter, lispelte die halb ohnmächtige Frau ihm ins Ohr, worauf Herr Maßlaczky sich in eine heroische Positur warf und mit edler Entschlossenheit sagte: meine Gnädige, beruhigen Sie sich; wenn Fräulein Wilma eine Gefahr droht, wird meine Brust die erste sein, welche sie auffängt. Und wenn es ein Lavastrom wäre, was dort die Gassen überschwemmt, diese zwei Arme würden sie retten. Mein Freund, verlassen Sie sich auf mich! Dies sagend, küßte er Evelinen die Hand, umarmte Köcserepy und eilte, in seinen Winterrock gehüllt, zu Herrn Trommel. Trommels Haus lag zwar nicht weit vom neuen Marktplatz entfernt und Herr Maßlaczky hatte dahin nur eine kleine Strecke durch Wasser zu waten, da aber das Haus, in welchem dieser wackere Mann wohnte, noch tiefer als die andern gelegen war, konnte man in dasselbe nur mehr durch quer übereinander gelegte Bretter gelangen. Am Ende eines dieser Bretter stand der würdige Mann; hinter seinem Rücken im Hofe konnte man vier, fünf Kähne in ganz flottem Zustande erblicken. – Guten Morgen! rief ihm Herr Maßlaczky zu, der bei dem Schein einer kümmerlich brennenden Lampe seinen Geschäftscompagnon erkannt hatte, und es gut aufnahm, daß ihm dieser die Bretter hinaufhalf. Seine schönen lackierten Halbstiefel waren voll Wasser. – Nun, sind wir in Ordnung? – Wie Sie zu sehen belieben, antwortete Trommel. Belieben Sie herein zu spazieren. – Nicht möglich, ich habe Eile. Geschwind, eine Plette. Herr Trommel raunte einem Schiffsknecht einige Worte ins Ohr, worauf man anfing einen Kahn mit Ruderern und einem Steuermann zu versehen. Das alles aber mit solcher Langsamkeit und in so gemessenem Tempo, daß der Herr Fiskal hundertmal die Geduld darüber verlor. Herr Maßlaczky hörte mit Unruhe das Geräusch der die Gasse hinabtreibenden Eisschollen und trieb den wackern Herrn Trommel ängstlich zur Eile an. – Mein bester Herr Trommel, seien Sie doch so gut, Ihren Leuten zu befehlen, daß sie sich sputen. Er selbst wagte es nicht, ihnen Befehle zu erteilen, denn er hatte Mühe, auf der Spitze des einen Brettes sich im Gleichgewicht zu erhalten. Herr Trommel legte nun selbst Hand an bei den Zurüstungen, womit jedoch nur soviel erreicht war, daß die Arbeit noch langsamer von statten ging; wo etwas festgebunden war, band er es wieder los und verzögerte nach Möglichkeit das Aufbrechen. In dem Maße, als Maßlaczkys durchnäßte Füße zu frieren begannen, nahm seine Geduld ab; das Steigen seiner Besorgnisse aber konnte er geometrisch an der Wand abmessen, welche von Minute zu Minute einen höheren Wasserstand der wachsenden Flut zeigte. Das Wasser floß schon zu den Fenstern hinein und der Herr Fiskal war genötigt, sich auf das äußerste Ende des Brettes zu retirieren. Aber warum beeilen sie sich nicht mehr? – Meine lieben Freunde, tändeln Sie doch nicht so lange! platzte er endlich heraus. Trommel drehte auf diese Worte den Kopf nach ihm um und erwiderte mit der Grobheit eines echten Ruderknechtes: nun, wenn's der Herr besser versteht, machen Sie sich's selbst. Herr Maßlaczky wußte zuerst nicht, wie ihm geschah. – Lieber Trommel, ich bin der Meinung, daß es gut wäre, sich zu beeilen. – Küsse die Hände, wenn wir die Narren sind, uns zu tummeln, wird uns niemand unsere Mühe bezahlen. Erst sollen die Leute sich ein wenig abängstigen, dann rücken sie um so eher mit ihrem Geld heraus. Im Interesse der Unternehmung war das von dem wackeren Manne ganz klug gesprochen. Allein Herr Maßlaczky faßte die Sache diesmal nicht von diesem Gesichtspunkte auf. Er mußte Wilma retten, dadurch die Köcserepysche Familie mit unzerreißbaren Banden an sich ketten, das junge Mädchen durch Dankbarkeit, vielleicht durch noch wärmere Gefühle sich verpflichten, als rettender Genius erscheinen, wenn die Gefahr am größten. Eine solche Scene war in der Berechnung des Herrn Maßlaczky doch noch mehr wert, als ein paar hundert Gulden. – Ja, ja, lieber Herr Trommel, Sie haben ganz recht, im allgemeinen; aber in specie , in einem besondern Fall sollten Sie doch wohl eine Ausnahme machen. Ich wünsche einen Kahn für mich selbst zu meiner Verfügung. – Oho, das ist nicht ausgemacht worden zwischen uns, davon steht kein Wort in dem Kontrakt, daß Sie die Kähne noch extra benutzen. Das wäre mir schön. – Aber mein lieber Freund, ich will ja nicht Geschäfte damit machen, ich will ihn nur zu meinem eigenen Gebrauch. – Lirum, larum. Wo Sie wohnen, da kommt kein Wasser hin. Ich lasse mich nicht breit schlagen; wissen der Herr, wenn der Vertrag dem Herrn nicht ansteht, so gebe ich das Geld zurück und Sie geben mir meine Schrift heraus. Herr Maßlaczky sah jetzt, in welche Falle er geraten war. Herr Trommel will ihm das einträgliche Unternehmen aus den Händen spielen. Er hatte sich seinen Mann gut ausgesucht. Er brauchte einen so kaltblütigen Schuft, der es versteht, hundertfältigen Wucher aus der Bedrängnis des Unglücks zu ziehen; nun aber fängt jener seine Rolle bei ihm selber an, läßt ihn bitten, winseln und stehen auf dem Rande eines schwankenden Brettes und leiht ihm nicht früher Gehör, bis er seinem Gewinstanteil nicht vollständig entsagt. Ein einziges Mal in seinem Leben hat Herr Maßlaczky es sich beikommen lassen, den Menschenfreund zu spielen, und auch dies eine Mal kommt es ihm teuer zu stehen. Er sah, daß hier keine Wahl blieb. – Sie sollen den Vertrag zurück haben, mein Lieber – Herr Trommel wollte ich sagen – und auch mein Geld lasse ich Ihnen. Stecken Sie es wieder ein. Nur geschwind einen Kahn herbei. – Auch eine Plette, wenn Sie so sprechen. Mit guter Rede ist alles von mir zu haben. Sie sehen, Spectabilis , daß ich selbst mein Haus in Gefahr lasse, nur um andern zu helfen. Sofort stand vor Herrn Maßlaczky eine Plette zur Abfahrt bereit, darin vier kräftige Ruderknechte und ein Steuermann; der Herr Fiskal zerriß den Kontrakt, sprang, ohne an den Schiffsmeister mehr ein Wort zu verlieren, in die Plette hinein und erteilte den Befehl, nach der Waitzner Straße zu fahren. Anfangs führte der unheimliche Weg durch enge, finstere Gäßchen, in deren niedrige Häuser das Wasser schon durch die Fenster eindrang. Von den baufälligen Hausdächern herab schrieen die unglücklichen Inwohner, die sich hinaufgeflüchtet hatten, um Hilfe und streckten stehend die gerungenen Hände nach dem vorübereilenden leeren Fahrzeuge aus, wie zu einem vom Himmel gesandten Retter in der Not. Umsonst. Die Schiffsknechte ruderten kaltblütig weiter und trösteten die Verzweifelten mit Witzen, die nach der Branntweinstube dufteten. Vor der Leopoldstädter Kirche auf einer der unteren Stufen des Treppenaufganges lag ein altes Bettelweib, das schon nicht mehr die Kraft besaß, bis zum Säulenvorsprung hinaufzukriechen. Einen der Ruderer rührte das Jammern der Alten und er wäre geneigt gewesen, sie in das Boot aufzunehmen. – Jetzt haben wir keine Zeit dazu! rief Herr Maßlaczky; dann, wenn wir zurückkommen. Die Frau flehte, ihr wenigstens auf den Vorsprung hinaufzuhelfen. Deshalb kann man jetzt nicht stehen bleiben. Nur weiter! Wer hat jetzt Zeit, sich um das Bettelvolk der Stadt Pest zu kümmern. Als sie aber um die Kirche herumbiegen, ertönt von dem Balkon eines hohen Hauses eine kräftige, gebieterische Stimme. – He, Schiffsleute, hundert Gulden demjenigen, der mich von hier nach Ofen hinüberführt. – Sie haben keine Zeit dazu! beeilte sich Maßlaczky zu antworten. Die Ruderer hielten aber bei diesen Worten an. – Ruhig da, sagte der Steuermann. Wieviel hundert Gulden hat der Herr gesagt? – Zwei! rief es von oben herab. – Ich habe vier verstanden. – Ich gebe drei. – Was unterhandelt ihr da, Taugenichtse! brüllte Maßlaczky, ganz außer sich über die Unverschämtheit, daß sie außer ihm noch mit einem andern sich einlassen wollten. Diese Plette gehört mir, mir allein, ich habe sie bezahlt. – Da sehen Sie, sagte der Steuermann zu dem vom Balkon herab Unterhandelnden, der Herr erlaubt's nicht. Umsonst, er hat zu befehlen. – Ich gebe vierhundert. – Das ist etwas anderes; belieben Sie einzusteigen, da setzen Sie den Fuß auf meine Schulter. – Hier habe ich zu befehlen, ihr Schurken! rief mit kreischender Stimme, Maßlaczky. Hier befehle ich! – Den Hunden befiehlt der Herr, schrie der Steuermann zurück. Stehen wir in Ihren Diensten? Wir thun, was uns beliebt. – Ich habe die Plette bezahlt. – Das machen Sie mit Herrn Trommel aus, uns haben Sie nichts gezahlt. He da, Jungens, hinaus auf die Donau. Wenn's Ihnen nicht recht ist, so belieben Sie auszusteigen. Herr Maßlaczky war nun genötigt, sich aufs Bitten zu verlegen. Er setzte mit eindringlicher Beredsamkeit auseinander, daß er schlechterdings aus dem Köcserepyschen Hause die Tochter des Rats retten müsse, welche dort krank liegt; er bittet um Gottes willen, ihn dahin zu führen; die Schiffsleute aber reden ihm hübsch zu, er möchte sich keine unnützen Sorgen machen, das Köcserepysche Haus sei solid gebaut, das stürze nicht so schnell ein; sie seien dort gewesen, es stehe noch ganz fest. Der Steuermann beteuert sogar ihm zum Troste auf sein Ehrenwort, er wisse ganz gewiß, der Rat mit seiner ganzen Familie sei vorgestern schon aufs Land gezogen und komme diese Woche nicht herein. Herr Maßlaczky weinte, brüllte in seiner Wut, schalt, stieß Drohungen aus. Es half alles nichts. Es blieb ihm nur die Wahl, hier, inmitten des Wassers auszusteigen, oder gegen seinen Willen die lebensgefährliche Reise von Pest nach Ofen mitzumachen. In jener Schreckensnacht hatten mehrere Beisitzer der königlichen Tafel vorsichtshalber für den Fall einer Gefahr ihre Juraten in das Gebäude der Kurie bestellt, um dort, von zwei zu zwei Stunden abwechselnd, in den Vorzimmern des Archivs Wache zu halten. Die Reihe des Wachtdienstes in den Stunden vor Mitternacht hatte gerade Kovács getroffen. Schon seit einer Viertelstunde hörte er das Schießen, das Läuten der Glocken, das Geschrei der auf der Gasse Laufenden; auch er hatte jenen momentanen Erdstoß gespürt, von dem die großen Aktenschränke alle so krachten, als wären die darin verschlossenen hundertjährigen Prozesse lebendig geworden und forderten ihr Endurteil; als würden die Kläger und Geklagten, soviel ihrer daraus schon ausgestorben, mit den Füßen an die Thüren dieser traurigen Kripte poltern in dieser Auferstehungsnacht aller entschlafenen Seelen. Selbst die an den Wänden hängenden alten Bilder der großen Würdenträger mit goldgestickten und Hermelingewändern und mit ihren stolzen Gesichtern schienen zu zittern in ihren geschnitzten Rahmen und von allen Seiten herabzublicken auf den Wache stehenden Jüngling, das einzige lebende Wesen unter ihnen, als wollten sie ihn fragen: und du zitterst nicht? Das Gesicht des jungen Juraten war bleicher, als das ihrige. Von allen Seiten brachen die Töne des Schreckens und der Gefahr herein. Er hörte, wie aus dem großen Gebäude alle Leute, die darin wohnten, entliefen, wie sie keuchend durch die langen Gänge rannten, und er muß allein zurückbleiben, darf diesen Ort nicht verlassen. Bei dem Schein der düster brennenden Kerze schritt er dort auf und ab mit gezogenem Säbel. O der gezogene Säbel weiß soviel zu erzählen, wenn einer nur darin zu lesen vermag. Er sagt, daß in ihm der Mann einen lieben guten Freund besitzt, der ihrer zwei aufwiegt in der Stunde der Gefahr. Wer einen Säbel hat, der ist nie allein; der Säbel sagt, daß der Ungar ein geborener Soldat ist, und der Soldat muß auf seinem Posten ausharren, auch wenn die Welt um ihn einstürzte. Wegen des Sturmläutens konnte er die Stunden nicht schlagen hören. Wer weiß, wie spät es schon in der Nacht ist. Bei ihren lustigen Gelagen pflegten die jungen Leute sich von einem verstorbenen alten Tabularadvokaten zu erzählen, welcher den ganzen Tag über im Archiv unter den Prozeßakten zu sitzen pflegte; dort saß er und schrieb endlose Repliken, Einsprachen, Informationen in ewig langen Prozessen, und weil ihm der Tag zu kurz wurde, schrieb er dort häufig auch in der Nacht und konnte doch nie fertig werden; und weil ihm das Leben zu kurz ward, geht er auch jetzt nach dem Tode um, holt um Mitternacht die vergilbten Akten hervor und schreibt mit großer Hast an seinen endlosen verwickelten Repliken und kann doch zu keinem Ende kommen ... Wenn er nur jetzt käme, dachte der junge Jurat bei sich ... Ich würde ihm den Rücken ein wenig durchbläuen! setzte er bei sich hinzu, mit der flachen Säbelklinge einen Hieb durch die Luft führend; kaum aber hat er es gedacht, als die Hauptthüre geräuschlos aufgeht und eine vom Kopf bis zur Zehe weiße Gestalt hereinschleicht, die Feder hinter das Ohr gesteckt, stark zitternd und die Hände fröstelnd unter die Achseln gesteckt, gerade wie ein Gespenst, das Repliken schreiben kommt um Mitternacht. – Wer da? halt! brüllte der Jurat, die Spitze des Säbels ihm auf die Brust setzend. – Erschrecken Sie mich doch nicht so, Spectabilis , ich kenne mich ohnehin vor Angst nicht! greinte das arme Gespenst, das kein anderer war, als der Pförtner der Kurie, der in seinem Zimmer Akten kopiert hatte und von da auf den Schreckensalarm zitternd heraufgekommen war. – Niemand, keine lebende Seele ist im ganzen Haus, als wir beide, sagte er zähneklappernd und kroch beinahe in den geheizten Kachelofen hinein. Ich bin nur nachfragen gekommen zum Spectabilis , ob ich noch nachlegen soll, Sie haben mich aber schön erschreckt, domine spectabilis . – Ihr Glück, daß Sie erschrocken sind, sonst hatte es Ihnen übel ergehen können. Wieviel Uhr ist es schon? – Elf Uhr schon längst vorüber. – So hätte ich schon lange abgelöst werden sollen. Wer ist mein Hintermann? – Der Spectabilis Tarnóczay. Ich habe schon zweimal nach ihm geschickt, er ließ mir aber sagen, er sei im Verlust und müsse sich regressieren. Jetzt habe ich neuerdings mein Söhnchen nach ihm geschickt; wenn ihn nur unterwegs die Fische nicht fressen. Dieser fromme Wunsch des armen Portiers wurde vollkommen erhört; in demselben Augenblick ertönte lauter Klang durch die Gänge, mit Sporengeklirr vermischt, und bald daraus trat in das Zimmer der kleine Sohn des Portiers mit der Laterne, ihm nach der dominus spectabilis Tarnóczay, mit seinem stolz herausfordernden Gesicht, in das jedes zweite Frauenzimmer in Pest verliebt war. – Guten Abend, Brüderchen! rief der Eintretende seinem Wache stehenden Kameraden zu. Hast schon Langeweile gehabt. Dein Glück, daß ich schwarz bin, sonst hattest du bis zum Morgen hier statt meiner sitzen können. Sie haben mich niederträchtig gerupft. Schändliche Kosaken sind dort. Immer Schlager, ein Schlager um den andern. Du Bankert? Wo ist der Bankert? – – Bitte, remonstrierte der Pförtner, das ist mein eheliches, gesetzliches Kind. – Hast du meinen Punsch mitgebracht, Bankert? Stell' ihn her, Bankert. Da hast du einen Groschen. Verdammt, ich habe keinen bei mir. Nun, wenn ich bei Geld bin, kriegst du einen Zwanziger. Du Bankert! Der Portier zog murrend sein Söhnlein mit sich fort; auch Kovács warf sich seinen Zeke Ungarisches kurzes Oberkleid mit aufgeschnittenen Ärmeln. um und entfernte sich. Der spectabilis dominus Tarnóczay rief ihm nach: wenn du zu Privorßky gehst, setz dich nicht auf meinen Platz, denn dort wirst du Pech haben, niederträchtiges Pech. Kovács hörte nicht auf ihn. Herr Tarnóczay brummte dann noch lange in sich hinein: Hab so guten spurius gehabt und haben mich doch immer abgekocht; in einemfort » bakala «, reines » bakala «; mein bestes Gustieren hat der »Spitz« verdorben; umsonst habe ich brennen lassen, gekauft, gepaßt, aufgemischt, das Glück hat sich nicht gewendet. Heut hab ich großes Malheur gehabt. Nicht einmal zu einem »Schab« bin ich gekommen. Lassen wir ihn brummen und gehen wir zu Privorßky. Es ist eine alte Gewohnheit und noch jetzt üblich, die Kaffeehäuser mit dem Namen des Cafetiers zu benennen. Um jene Zeit waren eben Privorßkys Lokalitäten der Lieblingssammelplatz der Studierenden der Rechte und es gehörte nicht zu den Seltenheiten, noch spät nach Mitternacht dort lustige Gesellschaft bei dampfendem Bischof anzutreffen, in Rauchwolken gehüllt, die sich bis auf den Fußboden herabsenkten und vertieft in das Buch der vier Könige. Auch jetzt war der Spieltisch dicht besetzt; lauter junge Leute in schwarzen Attilas, um die Hüften den Säbel gegürtet – dazumal noch ein obligates Ergänzungsstück der ungarischen Nationaltracht, und zumal nachts durfte er nicht fehlen, denn die Korporation der Rechtspraktikanten zählte mehr als einen Rivalen in der rauflustigen Jugend der Pester Zünfte und in solchen Fällen war dann der Säbel ein gar guter Fürsprecher. Ein junger Mensch mit hübschem Gesichte hält die Bank und teilt die Blätter aus; er ist ganz erhitzt von der Aufregung der Kartenschlacht; eine Kucsma Eine barettartige Mütze. mit einer großen Adlerfeder ist unternehmend schief auf den Kopf gestülpt. Wer wünschte nicht ähnlichen Gestalten in einer andern Umgebung zu begegnen, etwa hoch zu Roß, oder mit blitzendem Säbel in heißem Kampfgewühl, oder im Sitzungssaal, mit begeisterter kühner Rede auf den Lippen, nicht aber mit den Werkzeugen einer häßlichen Leidenschaft in den nervigen Händen. Wie schlecht stand diesen jungen Gesichtern das Mimenspiel des Neides, der Schadenfreude. Fluch dem Versucher, der es hervorgerufen! Auf dem Tische liegt eine bedeutende Summe Geldes aufgehäuft: die sauern Ersparnisse seiner Väter und Mütter, vielleicht der für das Advokatendiplom bestimmte letzte Dukaten, den der um die Zukunft unbekümmerte jugendliche Leichtsinn, ohne sich zu bedenken, hinwirft. Die Karten werden umgeschlagen, hier Gewinst, dort Verlust. Jedem ausgestoßenen Freudenausrufe antwortet eine Verwünschung. Dort in einem Winkel sitzt auch der alte Jurat, Frater Bogozy, der von Zeit zu Zeit seine tiefe Baßstimme mit dem Ruf vernehmen läßt: »Es steht ein Zwanziger!« Der Bankhalter möchte sehr gern einmal diesen Zwanziger sehen; denn Bogozy hat schon wiederholt verloren, ohne daß das Geldstück zum Vorschein gekommen wäre. Der Bankhalter war eben sehr im Glück und um so wütender waren die Pointeurs, als Kovács in den Saal trat. Das Gesicht des wackern Jünglings war ganz entstellt, Abscheu und Entrüstung war in jedem Zug zu lesen. – Freunde – sprach er mit erstickter Stimme, während der Bankhalter die Karten mischte – hört ihr denn nicht das Sturmläuten? – Wir hören es seit lange, sagte der junge Bankhalter. – Und ihr könnt ruhig weiterspielen? Die Stadt ist überschwemmt. – Was kümmert's mich; ich setze mich aus Bogozys Schultern, in den geht kein Wasser hinein. – Du hast ein viel zu gutes Herz, um sagen zu können, was kümmert's mich; du kannst bei so ungeheuerm Unglück nicht kalt bleiben. – Was geht mich die Not der Hausherren an, ich habe meine Miete im voraus bezahlt, das Haus meines Quartiergebers darf nicht einstürzen. – So ist's, sie mögen sich selber helfen, dafür sind sie Hausherren, schrie ein struppiger Bursche. Sollen wir etwa deshalb Mitleid mit ihnen haben, weil sie uns jeden Monat steigern? – Oder weil sie die Stiegen nicht beleuchten? – Oder weil sie schon um neun Uhr das Hausthor zumachen? – Oder weil sie einem armen Teufel den Szür Ordinärer, aus Kammwolle gewobener Mantel. wegnehmen, wenn er die Miete nicht zahlen kann. – Hahaha, wir haben kein Haus in Pest! Mit solchen Einfällen überschütteten die lustigen Burschen ihren Kameraden, der auf die letzte Äußerung ruhig erwiderte: aber deshalb gehört Pest doch uns ... Damit war ein großes Wort ausgesprochen, gegen das jede Widerrede verstummte. – Und wenn Pest zu Grunde geht, trifft dieser Verlust auch uns, das ganze Land ... Bei dieser traurigen Rede legte der Bankhalter die Karten vor sich hin und fing an aufzumerken. – Auf meinem Wege von der Kurie hierher, fuhr Kovács fort, warf sich die Frau eines armen Handwerkers mir zu Füßen, in ihrem Hause draußen in der Stationsgasse war sie von den hereinbrechenden Fluten überrascht worden. Sie hat zwei kleine Kinder und da sie nicht Kraft genug in den Armen fühlte, beide mit sich zu schleppen, trug sie dieselben auf den Boden hinauf und lief dann allein durch das beständig wachsende Wasser, um Hilfe zu suchen. Jetzt kann sie schon nicht mehr zurück und es geht das Gerücht, daß in jener Gasse ein Haus nach dem andern einstürzt. Die arme Frau raufte sich in ihrem Jammer die fliegenden Haare und flehte mich an, ihren Kindern Rettung zu bringen; sie, die in diesem Augenblick all ihre Habe verliert, werde ihr ganzes Leben hindurch arbeiten, um die Kosten abzutragen, welche die Rettung ihrer Kinder verursachen würde. Ich sagte ihr, sie möchte an der Straßenecke auf mich warten und lief geradesweges hierher. – Bei Gott und du bist nicht unrecht gegangen, rief der Bankhalter, dem das ganze Gesicht glühte. Das ist etwas, wobei auch ich sein will. – Ich auch, wir auch! riefen die übrigen jungen Leute, von ihren Stühlen aufspringend. – Halt einen Augenblick, Brüder, sprach der Bankhalter. Dies arme Weib verliert in dieser Stunde alles, was es hat, vielleicht soviel, als wir in einer Stunde vergeuden; hier auf dem Tisch liegen jetzt einige hübsche Geldhäufchen: mein Geld und das eurige, ohnehin, wer kann sagen, wem es nach dem Umschlagen einer Karte im nächsten Augenblick gehören wird? Raffen wir es ungezählt zusammen und geben es der Unglücklichen. – Gut, sehr gut, ja so ist's recht! riefen sämtliche jungen Leute. Auch das alte Haus Bogozy stand auf, zog aus der Westentasche den oft erwähnten Zwanziger und warf ihn zu den übrigen. – Nun, jetzt sag nicht noch einmal, daß du meinen Zwanziger nicht gesehen hast. – Die ganze Summe aber verpacken sie in einen Papierumschlag, versiegelten das Paket mit aller Förmlichkeit und übergaben es dem Kaffeesieder gegen Quittung, dann gingen sie, sich ihre Säbel umzuschnallen. Einige von den jungen Leuten nahmen es auf sich, der unglücklichen Frau eine Unterkunft zu verschaffen, welche der wackere Portier der Kurie sich gern herbeiließ ihr zu gewähren. Mittlerweile eilten die übrigen geradeswegs zum Donauufer. Ach, war das ein trauriger Anblick. An zwei, drei Stellen strömte das Wasser über den beschädigten Damm herab, mit donnerndem Rauschen den gefährlichen Durchbruch immer weiter reißend. Durch die dunkle Nacht schimmerten mit weißem Glanz diese Wasserstürze, und ein Getöse, wie wenn nach einem Wolkenbruch die Wildbäche von den Bergen herabbrausen, ließ sich an beiden Enden der Stadt vernehmen, welche in diesem Augenblick völlig dunkel war. Und mitten aus dieser Dunkelheit erhob sich verworrenes Angstgeschrei, wie ein böser Traum über dem Ganzen schwebend. Wo ist ein Kahn? O, die haben jetzt zu thun. Die gutmütigeren Schiffsleute sind längst mit ihren Fahrzeugen auf dem Schauplatz der Gefahr; die berechnenden jedoch warten noch, möge die Gefahr noch größer werden, um so höher steigt dann die Hilfe im Preis. Aber siehe, zwischen den Brettertrümmern des zerstörten Landungsplatzes liegt dennoch ein Boot müßig, die guten Leute haben die Ruder alle hineingezogen und liegen selber der Lange nach in dem Fahrzeug ausgestreckt, um weniger bemerkbar zu sein. – He, he, Leute, schrie ihnen Kovács zu, der sie zuerst bemerkt hatte. – Nun, was denn? was giebt's? fragte mürrisch der Steuermann und mit ihm zugleich erhoben drei Ruderknechte ihre breiten Schädel. Es sind alte Bekannte von uns, dieselben, welche Herrn Maßlaczky uns entführt haben. Wie, sind sie mittlerweile schon von Ofen zurück? – Die Geschichte ist einfach die: als sie ihre Opfer in das dichteste Eis hineingeführt hatten und nach viertelstündigem, lebensgefährlichen Kampf mit den Elementen das jenseitige Ufer nicht zu erreichen vermochten, versprach jener reiche Herr ihnen die doppelte Summe, nur damit sie ihn nicht nach Ofen hinüberführen, sie mögen ihn, wo immer, unter freiem Himmel absetzen, welchen Wunsch auch Herr Maßlaczky teilte, und dem Himmel dankte, den Schiffsknechten aber zehn Gulden Trinkgeld gab, als sie endlich irgendwo in der Nähe der Pfaueninsel aufs Trockene kamen, der göttlichen Vorsehung es überlassend, das kranke Fräulein des Herrn Rates Köcserepy zu erlösen. – Herda mit dem Kahn, Gevatter! rief der junge Jurat hurtig den Ruderern zu. – Und wer wird zahlen? frug der Steuermann, die feisten Wangen, wie er auf dem Bauche dalag, in beide Handteller gestützt. – Wir zahlen. – Und wieviel denn? – Menschen, wie könnt ihr in dieser Schreckensstunde noch feilschen? sprach der warmfühlende Jüngling entsetzt. – Freund, laß hier die Philanthropie beiseite, das sind Perlen für Säue, unterbrach ihn der Bankhalter aus dem Kaffeehaus. Die da wollen Geld, nicht schöne Worte. Heda, Burschen, ihr bekommt fünf Gulden Konventionsmünze für die Stunde. Der Steuermann schlug ein unanständiges Gelächter auf und sagte, den Kopf grinsend nach seinen Spießgesellen umwendend: Hört ihr's? ganze fünf Gulden! Lieber gar Kreuzer. Nicht um fünfzig rühren wir uns von der Stelle. – Und warum nicht? – Deshalb, weil wir auch hundert bekommen können. – Ah, das ist schrecklich! rief Kovács aus. Habt ihr denn ein Herz im Leibe, daß ihr an euern eigenen Gewinn denken könnt, während tausend und abertausend verzweifelte Menschen um Hilfe schreien? – Schadet ihnen nicht, wenn sie ein kleines Bad nehmen, antwortete darauf der Steuermann, und die Ruderknechte hielten das für einen so witzigen Einfall, daß sie in schallendes Gelächter ausbrachen. – Ei ihr nichtswürdigen, herzlosen Hunde, brüllte Kovács auf dies Gelächter und sprang, den Säbel in edelm Zorn aus der Scheide ziehend, bis an den Gürtel ins Wasser, mit einer Hand die Kette des Kahns erfassend. – Hierher, an meine Seite, Brüder! nehmen wir ihnen das Fahrzeug mit Gewalt, wenn sie es für Geld nicht gutwillig geben. Die Ruderknechte fielen mit ihren Ruderstangen über die Angreifer her, aber Kovács wehrte sich tapfer, die Stange, mit welcher einer der Bootsleute einen Stoß nach ihm führte, mitten entzwei spaltend und dem Boot mit seinem Fuß einen Stoß gebend, daß es heftig hin- und herschaukelte und die beiden andern Mühe hatten, sich auf den Beinen zu erhalten. Mittlerweile hatte Frater Bogozy, dem das Herz im Leibe lachte, als er es zu einer Schlägerei kommen sah, seinen verrosteten Bratspieß abgeschnallt und dem Nächststehenden zugeworfen; denn einmal stak in der Scheide eine zerbrochene Klinge, die nicht zu gebrauchen war; dann aber pflegte er es mit dem Somogyer Kanáß Schweinehirt. zu halten, der nie seine Waffe mit ins Handgemenge nimmt, aus Furcht, sie könnte in den Besitz des Gegners fallen. So stürzte er denn mit bloßen Fäusten darauf los. Es war für ihn das Werk eines Augenblicks, vom Ufer in den Kahn zu springen, im nächsten Moment hatte er schon den Steuermann am Kragen gefaßt und ins Wasser geworfen; die übrigen folgten nach. Unserem Bogozy ging diese Arbeit sehr leicht von statten; er hatte schon Übung darin; während ein anderer Mensch seinen Gegner noch fragt, was er will, hatte er den seinigen mittlerweile schon längst zu Boden gestreckt, durchgewalkt und war auch schon auf und davon. Kovács machte ihm zwar Vorstellungen, er mochte die Leute nicht ins Wasser werfen, genug, wenn er sie entwaffnet und ihnen das Ehrenwort abnimmt, nicht mehr gegen Juraten zu kämpfen; Bogozy hörte erst, wovon die Rede war, als die guten Leute bereits alle im Wasser herumplätscherten. – Sollen ein kleines Bad nehmen, schadet ihnen nichts, sagte Bogozy laut lachend. Nicht wahr, Herr Steuermann, das war ein guter Witz? Die jungen Leute bemächtigten sich des Bootes, während die überwältigten Schiffsknechte schnaufend und fluchend ans Ufer heraus zu waten suchten, Bogozy mit ihren Fäusten drohend, der bereits mit kräftiger Hand das Steuerruder erfaßt hatte und das Boot gegen den Abfluß der Überschwemmungsfluten hinsteuerte. Die Ruderer teilten rasch die Wellen, die feurige Jugend fuhr mit Blitzesschnelle die große Brückgasse hinab, jene schöne, reiche, glänzende, große Brückgasse, in der man jetzt mit den Ruderhaken schon nicht mehr den Grund erreichte. * * * Was ist aus Zoltán geworden? Wenn Kovács und seine Gefährten wüßten, wo in dieser Stunde dieser Augapfel der jungen Generation, dieser herrliche junge Sprößling, in dem die phantasiereiche Jugend den Führer einer besseren Zeit zu erblicken hofft – wie würden sie mit einemmal das Steuerruder wenden und in einer andern Richtung aufbrechen, um den so oft in ihren Reden genannten Jüngling dort zwischen den dunkeln, labyrinthischen Gäßchen aufzusuchen. Dort kämpfte der mutige Junge auf ermattetem Roß gegen das sich entgegentürmende Treibeis. Die scharfen Kanten der Schollen haben die Brust des Pferdes schon ganz blutig geritzt und das bedrängte Tier, im Vorgefühl seines Unterganges, wiehert laut auf in tödlicher Angst, mit den ungewohnten Lauten seines Gebrülls das Herz seines Reiters erschütternd. Es geht nicht weiter! Das Pferd wird immer schwächer, es bricht immer mehr zusammen, Zoltán beugte sich herab auf den Nacken seines Lieblingspferdes, es sanft klopfend und streichelnd. – Nur eine Minute noch halte aus, mein liebes, gutes Roß, redete er ihm mit schmeichelnder Stimme zu. Sieh, gleich sind wir am Ufer, dort kannst du dich ausruhen, mein wackeres Pferd, mein treues Tier. Das kluge Tier, als verstünde es die Worte seines Herrn, nahm einen neuen Anlauf gegen die entgegenströmenden Wellen, manchmal halb heraufspringend auf die sich schoppenden Eisschollen, die es gewaltsam zurückdrängten, als plötzlich ein dumpfes Krachen seine Ohren spitzen machte; das Pferd stand plötzlich wie eingewurzelt still und warf den Kopf so rasch herum, daß Zoltán beinahe aus dem Sattel geflogen wäre; in der nächsten Minute stürzte das vor ihnen stehende stockhohe Haus mit furchtbarem Gekrache zusammen, so nahe bei ihnen, daß die Flut Zoltán über den Kopf spritzte. Die Schreckensscene wurde von keinem menschlichen Laute belebt. Die Inwohner des Hauses hatten sich entweder schon geflüchtet, oder sie waren alle lautlos dort zu Grunde gegangen. Das erschreckte Pferd warf sich unruhig unter dem Reiter hin und her, seine vom Entsetzen herausgetriebenen Augen leuchteten durch die Finsternis. Zoltán benötigte seine ganze Kraft, um sich im Sattel zu erhalten. Eine dichte Staubwolke erhob sich aus dem eingestürzten Hause, und als der Wind sie langsam davontrug, sah man erst, daß das enge Gäßchen von den Schutt- und Trümmerhaufen ganz abgesperrt war, aus denen einzelne zerbrochene Balken, losgerissene Thüren, Fensterrahmen, Dachrinnen hervorstanden. Es war keine Möglichkeit, hier weiter zu kommen. Der Schutt hatte die Passage verrammelt. Zoltán war genötigt, das Pferd seinem Instinkt zu überlassen. Auch gegen seinen Willen hatte es immer schon umkehren wollen; jetzt ließ er ihm die Zügel schießen, möge es sich seinen Weg selbst wählen. Zurück ging es viel leichter, die Strömung selbst half dem schwimmenden Hengste in seiner Eile und er brauchte nicht mehr mit seiner Brust gegen das scharfe Eis sich hindurchzuarbeiten. Trotzdem fühlte Zoltán, daß die Kraft des Tieres im Erlöschen war; manchmal versinkt es bis an den Nacken und vermag kaum den Kopf über dem Wasser zu halten, sein Atem zittert und Wird immer kürzer, an einer Stelle bricht es ganz zusammen. Sonst war er mit diesem Pferd über die Donau geschwommen und es hatte keine Ermüdung gezeigt. Jetzt aber verwundeten die Eisschollen das kräftige Tier und der Blutverlust und die Kälte erschöpften seine Ausdauer. Vielleicht wäre es besser, das arme Tier sich selbst zu überlassen. Ohne Reiter konnte es sich leichter herausarbeiten. Zoltán wußte, daß hier keine Möglichkeit für ihn war, sich durch Schwimmen zu retten. Das Wasser war voll Eis, das auch den tollkühnsten Schwimmer unter seinen Schollen begraben hätte. Eben waren sie bis zur Leopoldstädter Kirche gelangt, von der Emportreppe stand nur noch eine Stufe aus dem Wasser hervor. Zoltán sprang hier vom Pferd auf die Treppe herab, riß ihm den Zaum vom Kopfe und ließ so das gequälte Tier frei. Etwa dreißig Schritte schwamm es noch weiter, dann wandte es plötzlich den Kopf und als es seinen Herrn, den es verlassen, dort auf der Kirchentreppe stehen sah, bäumte es sich aus dem Wasser empor, stieß ein lautes, schmerzliches Gewieher aus, kehrte um und nahm seinen Weg zurück; unter konvulsivischen Anstrengungen kämpfte es sich bis zu ihm hindurch; dort, am Fuße der Treppenflucht, sank es zusammen, seinen schönen schlanken Hals aus dem Wasser hervorstreckend und mit seinen halbgebrochenen klugen Augen zu seinem Herrn aufschauend, als ob es sagen wollte: »setze dich wieder auf, wir wollen uns zusammen retten, solange noch meine Kraft aushält.« Zoltán beugte sich zu ihm herab und nahm den Kopf des treuen Tieres in seinen Schoß, das schmerzlich ächzend und schnaubend zu den Füßen seines Herrn lag, von dem es auch in der Stunde der größten Gefahr sich nicht trennen konnte. In diesem Moment schien es dem Jüngling, als ob im Dunkel eine menschliche Stimme ihn anredete, eine kaum vernehmbare, zitternde, geisterhafte Stimme. Er streckte in der Richtung, von wo die Stimme kam, seine Hand aus und fühlte, wie sie von einer andern Hand krampfhaft ergriffen wurde, hinter der eine halb im Wasser liegende Gestalt sich die Treppe herauswand. Es war die alte Bettlerin, welche die Schiffer hier hatten liegen lassen. Sie war schon ganz ohne Besinnung, nur der blinde Instinkt war noch in ihr wirksam gewesen, als sie, das Geräusch eines Menschen hörend, die Hand aus dem Wasser streckte. Zoltán zog sie ganz herauf, und ihr die einzige trockene Stelle, auf der er stand, überlassend, stieg er selbst eine Stufe tiefer ins Wasser hinab. Das arme Weib zitterte vor Kälte und Fieber. Zoltán hatte einen guten, warmen Zeke, den zog er aus und bedeckte damit die Bettlerin; er wird deshalb nicht erfrieren; er knöpfte sich seine Ballkleider gut zu und kreuzte die Arme über der Brust. Das wird schon warm halten. Der Nachtwind blies schneidend vor der Kirche und drang überall durch die leichten Kleider. Den Hut hatte Zoltán schon längst verloren und so stand er da, die Haare im Winde flatternd, und mit den Füßen bis zu den Knöcheln in dem eisigen Wasser. – Nein, ich werde nicht frieren, es darf mich nicht frieren, sagte er zu sich. Es fällt nur anfangs schwer, dann stumpft man sich dagegen ab. Die Nacht kann nicht mehr lange währen und am Morgen wird doch endlich Hilfe kommen. Dann und wann flüstert ihm ein feiger Dämon ins Ohr. Vielleicht ist die Bettlerin nicht einmal mehr am Leben, was nützt ihr das warme Kleidungsstück, nimm es ihr weg; was schadet es ihr, wenn sie etwas ins Wasser kommt, schiebe sie weg! – Nein, nein! rief er, sich abhärtend gegen den von Frost zitternden Körper. Ich werde standhaft bleiben, ich werde warten. Das wäre schändlicher, als Raub und Mord. Man darf nicht feig sein. Das Wasser stieg jedoch beständig; schon reichte ihm die Flut bis zu den Knieen und allmählich beschlich Bitterkeit das Herz des Jünglings. Er fing an, der süßen Heimat zu gedenken, der stillen, glücklichen Abende in Szentirma, der im trauten Freundeskreis verlebten fröhlichen Stunden, dann dachte er wieder an die Momente süßen Schweigens unter den Ahornbäumen, an das lächelnde Gesicht seiner lieben Kleinen, an ihre zarte kleine Hand, die in der seinigen ruhte. Und hier ringsum eisige tödliche Flut mit den aneinander schlagenden grauen Schollen, Todesgewimmer in seiner Nähe, Todesgebrüll in der Ferne, Tod zu seinen Füßen, Tod über seinem Haupt. Er wurde so schwindlich, es überfiel ihn eine solche Mattigkeit und ein so sehnsüchtiges Verlangen, sich hier hinabzustürzen in die kalten Wogen und seinen trügerischen Freuden, seinem quälenden Kummer ein Ende zu machen – mit einemmale. – Doch nein, nein! Nur Feiglinge verzagen, nur Zwerge brechen zusammen unter der Last des Lebens. Kein solches Los, kein solches Ende ist dem Mutigen beschieden. Sein Stolz, sein Selbstgefühl flüstert ihm zu, daß eine rühmliche, thatenreiche Zukunft seiner noch harre, und daß, was er duldet und leidet, nur die Vorbereitung dazu ist. Dieser Gedanke erwärmt seine Brust und läßt ihn den frostigen Windeshauch nicht fühlen. In der That, Sultan Orkhan fror weniger in seinem offenen Zelt, als sein Nachkomme Mahmud, der als achte Wonne des türkischen Paradieses ganze Zimmer mit kostbarem Pelzwerk überziehen ließ. Diese geschichtliche Erinnerung brachte das wankende Gemüt des Jünglings wieder ins Gleichgewicht, Mahmud hätte besser gethan, sich mit einem mutigen Herzen als mit warmem Pelzwerk zu versehen. Siehe, wie der Mut erwärmt! Schon bespült die Flut auch die letzte Stufe, das Eis wetzt sich an der Seitenwand der Kirche und türmt sich an der Treppe zu einer gefrorenen Schanze auf. In diesem Augenblicke beginnt am untern Ende der breiten Straße ein rötlicher Schein zu dämmern. Zoltán hält auch das noch für ein Spiel seiner Phantasie, für einen jener lichten Zukunftsgedanken, welche seine Brust durchwärmen. Der Schein wird immer heller und nicht lange währt es, so kommt ein schwimmendes Floß zum Vorschein, auf dem einige Fackeln stecken. Mehrere Männer bewegen mit Rudern und Haken das Floß vorwärts, welches rasch den mit Eis bedeckten Wasserspiegel zu durchschneiden scheint. Zwischen den Fackeln am Steuerruder stand eine muskulöse, herkulische Gestalt, ohne Kopfbedeckung, nur einen leichten Rock über die Schulter geworfen. Wer würde sich des stolzen braunen Gesichts nicht erinnern und dieser blitzenden, tollkühnen Augen, die ungestraft in die Sonne zu starren wagen? Ein hoch hinaufgedrehter pechschwarzer Schnurrbart bedeckt die stolzen, schön geformten Lippen, von denen jedes Wort so viele Herzen, so viele Geister zu entflammen vermag, während das trotzige Kinn, mit einem tiefen Grübchen, von einem schwarzen Vollbart eingefaßt ist. Wer hätte ihn nicht gekannt, hätte nicht gewußt, wer er sei, würde sich seiner nicht erinnern? In den drei traurigsten Nächten der Stadt Pest hörten tausend und abertausend diesen Namen als die Losung der Rettung aussprechen und sprachen ihn nach, segnend, lobpreisend, zu Gott betend. Dieser Mann war – Nikolaus Wesselényi . Das große geräumige Floß war schon voll mit geretteten Weibern und Kindern. Die Männer blickten ja gern der Gefahr ins Auge, wenn sie nur die Schwächeren ihrer Familie in Sicherheit wußten. Der große Landessohn stand mit weiser Ruhe am Steuerruder; wenn er an unversehrten, festen Gebäuden vorüberfuhr, von deren Ballons bleiche, vornehme Gesichter auf ihn herabblickten, winkte er ihnen mit der Hand zu: ihr könnt noch warten, ihr seid in keiner großen Gefahr, eure Behausung hält noch lange gegen das Wasser stand, wir müssen die in größerer Gefahr Schwebenden befreien; wenn er aber ein ebenerdiges, baufälliges Häuschen erblickte, von dessen leckem Dache halbnackte Jammergestalten die Hände nach ihm ausstreckten, da eilte er hin, ergriff mit nerviger Hand das Ruder, holte die Unglücklichen von ihrem gefährdeten Zufluchtsort herab, hüllte sie in warme Kotzen, wies ihnen einen Platz auf dem Floß an und steuerte dann weiter gegen die Strömung mitten hinein in den gährenden Rachen des Verderbens. Zoltán staunte sprachlos die herabkommende Erscheinung an. Er glaubte ein Traumgesicht vor sich zu haben; diese hohe, hehre Männergestalt, im roten Widerscheine der Fackeln, auf der Stirne der heitere Glanz mutigen Gottvertrauens, zu ihren Füßen die Gruppe dankerfüllter Gesichter, glich einer jener phantastischen Scenen in den Dichtungen des indischen Mythus, wo der menschgewordene Brahma, der sündhaften Welt sich erbarmend, in leuchtendem Schiffe dahingleitet über die schwarze Meeresflut. Der Junge vergaß dadurch ganz, sich durch Schreien bemerkbar zu machen. Vielleicht hätte er auch dann die Vorüberfahrenden angerufen, wenn der Steuermann nicht selbst dem Floß die Richtung dahin gegeben hätte. Die Kirche, dachte er, könne auch jemand eine Zuflucht gewährt haben und wer dort an der Schwelle des Gotteshauses sie gesucht, soll in seinem Vertrauen nicht getäuscht werden. – Haho! ist dort jemand? ertönte eine tiefe, donnernde Stimme, wie wir eine ähnliche weder vordem, noch nachher gehört haben; milde Ermutigung und niederschmetternder Schrecken, des Leuen Zorn und des Leuen Liebe erklang aus dieser Stimme. Zoltán hätte auch jetzt noch nicht geantwortet; irgend eine unerklärliche Betäubung hatte sich seiner bemächtigt, so daß er nicht vermochte, einen Laut von sich zu geben; die scharfen Augen des Erretters hatten ihn jedoch erblickt. – Dort stehen Menschen! rief er, und während er mit der Linken das Steuerruder drehte, gab die Rechte mit dem Ruderhaken dem Fahrzeug einen so gewaltigen Stoß, daß es, mitten durch das angeschoppte Eis sich Bahn brechend, in wenigen Sekunden vor der Kirche anlegte. – Warum antwortet ihr nicht? Wer ist dort? Zoltán kam erst jetzt zur Besinnung. Er erkannte Wesselényi. – Eine Bettlerin, mein Herr. – Sie soll die Hand reichen. – Sie kann es nicht, sie ist schon halb tot. Wesselényi kam näher und in diesem Augenblick erkannte auch er den Knaben. – Zoltán, du bist's! wie kommst du hierher? – Ich sollte ein krankes Kind retten, aber mein Pferd konnte nicht durch das Treibeis schwimmen und so nahm ich meine Zuflucht hierher. – Ein krankes Kind? sagte Nikolaus, während einer seiner Diener das Weib hinüberhob. Und du hast der Bettlerin deinen Zeke gegeben? Da wirst du bald selbst ein krankes Kind sein. Nun steig ein. – Aber mein Herr, Sie müssen mir versprechen, daß Sie mir behilflich sein werden zur Rettung des kranken Kindes. – Wo ist es? Wer ist es? – Köcserepys Tochter. – Ah, sie sind in Gefahr und du rettest sie? Seltsames Spiel des Zufalles. Es war nicht klug, dich deshalb zu verkühlen, mein Sohn. Herrn Köcserepys Haus ist fest gebaut, das stürzt nicht ein, und er hat überdies gute Freunde genug, welche sich beeilen werden, ihm beizustehen. Zoltán antwortete bitter: Herr Baron, diese Nacht ist nicht dazu angethan, einen Unterschied zu machen zwischen Freund und Feind, wenn einer in Gefahr ist. – Bei Gott, Junge, dieser Mensch ist nicht nur im Landtagssaale mein Gegner, sondern auch dein persönlicher Feind. Steig ein, wir haben hier nicht Zeit, uns lange herumzustreiten. – Ich steige nicht ein, entgegnete der Junge trotzig. Ich habe es der Mutter des Mädchens versprochen, die in ihrer Verzweiflung mich darum bat. Und hätte ich es selbst dem Mörder meines Vaters versprochen, ich würde es halten. Ich werde hier bleiben und warten bis ein anderer kommt, der mich hinführt. Der Befreier stritt nicht länger, sondern faßte den Jungen mit seiner großen, gewaltigen Hand an den Kleidern und hob ihn wie eine Flaumfeder ins Floß. Das Reitpferd fing an im Wasser zu zappeln, als es seinen Herrn sich entfernen sah. – Wem gehört dies Reitpferd? fragte Nikolaus, der ein großer Pferdenarr war, – bindet es ans Floß an, es mag uns nachschwimmen. Es wäre mehr schade um das edle Tier, als um ein paar bleichsüchtige, grimassige Modepuppen. Es war leicht zu erraten, wen er darunter meinte. Zoltán betrachtete erstaunt den seltsamen Mann, der ebenso gewaltig zu hassen, als zu lieben weiß, und auch noch bei Ertrinkenden einen Unterschied macht zwischen Freund und Gegner; der, während er für einen Bettler, für ein Kind armer Leute in einer Stunde hundertmal sein Leben aufs Spiel setzt, für solche, die er nicht liebt, nicht einmal den kleinen Finger rühren würde. – Nimm diesen Haken und hilf! rief Nikolaus mit tiefer Baßstimme dein Knaben zu. Zoltán dankte es ihm, denn dadurch erwärmte er sich. Nach einer Weile schrie er ihm wieder in donnerndem Tone zu: mach einen Schluck aus diesem Kulacs Ungarische Feldflasche. , sag ich dir. Zoltán gehorchte. Der Syrmier Sliwowitz goß wohlthätige Wärme in seine Eingeweide und unter der schweren Arbeit gewannen seine Muskeln wieder die frühere Spannkraft. Es war eine Freude, zu sehen, wie er arbeitete, wie er schwitzte. Nikolaus wandte kein Auge von ihm ab. Sie waren schon nahe beim Köcserepyschen Hause. Die beiden Fenster waren auch jetzt noch von dem matten Schein einer Ampel erhellt, die übrigen waren schon dunkel. – Armes Mädchen, seufzte Zoltán bei sich; in welcher Angst wird sie jetzt sein, so allein, so verlassen! Mittlerweile fing das Floß sich langsam zu wenden an und Zoltán nahm mit Freuden wahr, daß Nikolaus dasselbe nach dem Köcserepyschen Hause steuerte. Freudig sprang er zu ihm hin und küßte dankbar die Hand des trefflichen Mannes. – Ich thue es nicht deshalb, sagte dieser mit gedämpfter Donnerstimme, weil sie es etwa verdienen, oder weil ich ihretwegen besorgt bin oder Mitleid mit ihnen fühle, denn sie beten nur solange, als die Gefahr anhält, und sind sie in Sicherheit, so sprechen sie wieder der göttlichen Gerechtigkeit Hohn; sondern ich thue es um deinetwillen. Ich thue es deshalb, damit du ihnen sagen kannst: seht, ihr wollt mein Verderben, ich aber rette euch. – Da sind wir. Nikolaus hatte bereits Kenntnis von dem schrecklichen Prozeß und all den geheimen Anschlägen und Intriguen gegen die Karpáthische Familie. Das Floß wurde unter den beiden beleuchteten Fenstern angelegt und an den vorstehenden Korbgittern der Fenster des Erdgeschosses befestigt, worauf eine bereitgehaltene Leiter an die oberen Fenster angelegt wurde, auf der Zoltán mit jugendlicher Hitze rasch hinaufkletterte. Nikolaus selbst hielt das untere Ende der Leiter, als wäre sie festgerammt in die Erde. – Fürchte dich nicht, mein Sohn! brummte er ihm nach. Nur eine düstere Lampe mit einer Glocke von weißem Milchglas erhellte das Zimmer, Sie hätte wohl heller brennen können, aber die Augen der Kranken konnten das Licht nicht vertragen. Auch alle sonstigen Einrichtungsstücke waren weiß, als wäre das Zimmer für eine früh Verstorbene geschmückt, welche als Vermächtnis hinterlassen, man möchte nicht in Schwarz, sondern in Weiß um sie trauern. Stühle, Tische, Schranke waren aus weißem Holz, im Hintergrunde befand sich ein kleiner alabasterner Kamin, in welchem das Feuer schon auszugehen anfing, vor demselben ein Porzellanlichtschirm, darauf in konkaver Arbeit die Gestalt eines Engels, der durch die Luft fliegt und zwei an seiner Brust schlummernde Kinder in den Armen hält. Wenn das Feuer manchmal aufflackert, erscheint jedesmal der weiße Engel im dunkeln Hintergrund, wie eine Geistererscheinung, die wieder davonfliegt, wenn die Flamme einschläft. Selbst die Bilderrahmen sind weiß, nur mit einer schmalen Goldleiste eingefaßt, und enthalten, statt Kupferstichen oder Malereien, leblose Gips-Basreliefs. Wie kalt muß es in diesem Zimmer sein, wo alles so weiß ist. Auch sie selber, die Kranke, die dort aus dem weißen Bette ruht. Ihre Hände sind ganz bedeckt von den langen Krausen des Nachtkorsetts; die Haare verschwinden unter dem Spitzenbesatz der Schlafhaube; würde sie mit diesen dunkeln, schwarzen Augen nicht hineinblicken in das Lampenlicht, so wäre man versucht, sie für eine jener Gipsbüsten zu halten, welche von dem Aufsatz des Schreibtisches herabstarren – man weiß nicht, wohin? – Lege nicht mehr nach im Kamin ... sagte sie mit matter Stimme zu jemand. Komm her zu mir, Liza. Auf diesen Ruf kommt hinter dem Engelsschirm die Gestalt eines Mädchens hervor, das im Alter von zehn bis elf Jahren sein mag. Es ist ein schönes Kind mit einem runden, vollen Gesichtchen; auch der Anzug der Kleinen ist weiß, wie alles in diesem Zimmer; nur ihre Wangen hatten sich nicht in Einklang bringen lassen mit der Geisterfarbe der übrigen Gegenstände, denn sie hatten ihr Rot behalten, so daß sie wie das einzige lebende, rosige Wesen in einem farblosen Mondscheinthal herum zu wandeln scheint. Die Kleine lächelte, als wollte sie ihre Freude darüber ausdrücken, daß ihre kranke Herrin sie zu sich ruft und gab sich alle Mühe, dem Rufe so schnell als möglich zu folgen; dabei trat sie vorsichtig auf die Fußspitzen und berührte mit vorgestreckten Händchen jedes Möbel, in dessen Nähe sie kam, während die großen schwarzen Augen starr emporzublicken schienen auf jene weißen Genien, mit denen der Plafond des Zimmers geschmückt war. Dies Mädchen ist blind ... Sie ist blind zur Welt gekommen und für sie ist es einerlei, ob alles weiß oder schwarz in diesem Zimmer und in der ganzen weiten Welt mit ihren bunten Fluren, mit Sonne, Mond und Sternen, die für sie nicht vorhanden sind. Wilma hatte einst mit ihren Eltern das Pester Blindeninstitut besucht und dort unter den andern beklagenswerten Geschöpfen das kleine Mädchen gesehen. Sie fühlte tiefes Mitleid mit ihm, gewann es lieb und bat ihre Eltern solange, bis diese die arme unglückliche Waise zu sich nahmen. Der Herr Rat dachte, da das Blindeninstitut unter dem Protektorate Seiner Kaiserlichen Hoheit des Erzherzogs Palatin stand, daß diese menschenfreundliche That ihm die Gunst desselben zuziehen werde, Eveline aber, als Philosophin, räsonnierte sehr vernünftig, daß für Wilma eine solche Gesellschafterin mit der wenigsten Gefahr verbunden sei. Das blinde Mädchen kann sie nicht unerlaubte Dinge lehren – kennt es doch nichts von der Welt; kann ihr nicht schmeicheln, hat es doch nicht einmal einen Begriff von dem, was man schön nennt. Eveline hatte recht. Die Gesellschaft des blinden Mädchens war nicht im geringsten gefährlich für Wilma, was so die Philosophen unter gefährlich für junge Mädchen zu verstehen pflegen, Wilma fand ein Vergnügen darin, mit dem um einige Jahre jüngeren Mädchen, das sie ihr »Töchterchen« nannte, den ganzen Tag über zu spielen, es zu warten, anzukleiden und zu ihrem bleichen Kindergesicht paßte so gut jener schwermütige, mütterliche Ausdruck, wenn sie die kleine Gespielin wartete, mit einem Ernst, einer Gesetztheit, als wäre sie – nicht deren Mutter, sondern schon irgend eine kleine Großmama. Des Nachts ließ sie Liza neben sich schlafen, betete mit ihr, legte sie zu Bett, deckte sie zu, gerade wie eine Mutter es mit ihrem Kinde macht. Des Morgens war sie beschäftigt sie anzukleiden, und konnte ganze Tage sich damit abmühen, ihr ein Stückchen auf dem Klavier oder auf der Guitarre, oder ein Strickmuster beizubringen oder sie mit den auf das Buch gelegten Fingerspitzen lesen zu lehren, bis das Kind es darin zu einer solchen Vollkommenheit gebracht hatte, daß es auch den kleinsten Druck mit seinen sensitiven Fingern zu lesen vermochte. Manchmal, wenn sie oft halbe Tage lang in der Ofener Villa allein miteinander auf- und abwandelten, oder in langen Nächten, wenn Wilma nicht schlafen konnte, nahm sie dann Liza an ihre Seite und ließ sich Geschichten von ihr erzählen. O wieviel schöne Märchen wußte das kleine blinde Mädchen. Von wunderbaren Gestalten, von unmöglichen Dingen, wie nur die überschwängliche Phantasie einer Blinden sie zu schaffen vermag, welche die Welt nie gesehen und eine eigene Welt sich aufbaut, indem sie aus einzelnen Wahrnehmungen, welche die mangelhaften Sinne ihr zuführen, aus Tönen, von denen sie auf die Gegenstände schließt, aus den Reden der Menschen, sich Himmel und Erde, ein mit lebenden Tieren, mit redenden, läutenden Blumen, mit wandelnden Wäldern bevölkertes Universum, in dem Menschen und Tiere gemeinsam herrschen, sich erschafft, und aus alledem sich unmögliche Geschichten aussinnt und zusammenstellt, in denen Menschen und Engel, Tiere und Pflanzen, Gewitter, Feuer, Sonne und Sterne wunderbare Romane aufführen. Wilma hörte immer so gerne diese seltsamen Märchen, die Lieschen so ununterbrochen zu erzählen wußte, wie einen langen Traum. Seit einiger Zeit war Wilma sehr oft krank. Erfahrene Leute beruhigten die Eltern damit, daß dieser Zustand nichts anderes sei, als das natürliche Stadium der jungfräulichen Entwickelung. Sie schien besonders jede geräuschvollere Gesellschaft zu meiden, Sie bekam dort jedesmal Kopfweh und wenn sie es sagte, ließen gewiß ihr bleiches Gesicht und ihre brennenden Augen daran nicht zweifeln. Eveline gewöhnte sich an diese Paroxismen; die Ärzte behaupteten, es sei das etwas ganz Natürliches, was einen nicht zu ängstigen brauche. Eveline erinnerte sich, daß sie in jenem Alter ähnliche Zustände gehabt, seitdem aber leidet sie nie mehr an Kopfschmerzen. Sie kann daher auch ungeniert den Einladungen Folge leisten; zwar würde es ihrem mütterlichen Herzen wohler thun, daheim bei ihrem Kinde zu bleiben, allein da ihre Abwesenheit für Wilma keine übeln Folgen haben kann, ihr Wegbleiben aus den Gesellschaften aber leicht zu Verdrießlichkeiten Anlaß geben könnte, so wird man auf dem Wege der strengsten logischen Abwägung zu dem Schlusse gelangen, daß Evelinens Fortsein metaphysisch gerechtfertigt ist. Die kleine Liza setzte sich auf einen Schemel an Wilmas Bett und drückte die zarte Hand ihrer jungen Gebieterin an ihre Brust, bei sich selbst Betrachtungen darüber anstellend, wie sonderbar es doch sei, daß diese Hand gleichfalls nur fünf Finger hat, wie die des Musiklehrers in der Blindenanstalt, der doch nur Violine spielen kann, und auch das nicht zum besten, während Wilma so Klavier spielt, als hätte sie für jede Taste einen besonderen Finger. Das Feuer im Kamin fing laut an zu knistern. – Soll ich dir etwas erzählen, lieb Mütterchen, kleines Mütterchen? Von was soll ich dir erzählen? soll ich dir von den Vögeln erzählen, die im Feuer wohnen? Wie sie lärmen, wenn der Mensch ihnen zu essen giebt, Holz oder Kohle. Sie schlagen mit ihren Flügeln dem Menschen auf die Hand und fächeln ihm Wärme zu und sagen: rop, rop, rop, pitt, patt! Wenn du uns nichts zu essen giebst, so ziehen wir fort. Es war einmal ein armer Mann, der hatte sich im Winter ein kleines Haus gebaut; statt der Steine hatte er Eisstücke genommen und statt des Mörtels Schnee; darein verkroch er sich, denn der Wind war sehr grimmig gegen ihn. Da drinnen lockte er die Vögel hervor, die im Feuer wohnen, und wärmte sich an ihnen die Hände; sie aber klapperten immer und schrieen: rip, rop, gieb uns zu fressen, sonst sterben wir. Aber der arme Mensch hatte kein Holz; er ging also zum Nachbar, der ein reicher Mann war und ein großes Haus hatte, das ganz bis zum Himmel reichte, und viel, viel Holz. Der arme Mann bat ihn um welches, aber er gab ihm keins. Er sagte ihm, geh in den Wald und hol es dir selbst. Da ging der Mann hinaus in den Wald mit seiner Axt: aber die Bäume waren alle schon fort. Sowie sie ihn von weitem herankommen sahen mit seiner Axt, zogen sie ihre langen, langen Füße aus der Erde und setzten ihre großen, rauschenden Flügel in Bewegung und rannten und flogen davon. Der arme Mann kehrte in seine Schneehütte zurück. Die Feuervögel sprachen schon kaum mehr. Sie fächelten nicht mehr Wärme mit ihren Flügeln, einer nach dem andern flog davon und der letzte ließ ein kleines, winziges Feuer-Ei zurück, und auch das legte er in die Asche, damit man es nicht sehen könne. Wie nun das Feuer fortgeflogen war, kam der Feind des armen Mannes, der Wind; zuerst pfiff er durch die Ritzen hinein: »wein – grein – fürchte dich – rühr dich nicht!« Der arme Mann zitterte, dann kam der Wind zu den Fenstern, die aus Eisblumen gemacht waren und schüttelte sie: »klirr – brr – huhu! – deck dich zu!« Der arme Mann verkroch sich vor ihm und zitterte. Endlich streckte der häßliche Wind den Kopf zur Thüre hinein und pfiff und heulte: »Erbleich, verdirb, stirb! ich bin der Entfärber, ich bin der Verderber, ich bin der Tod!« Und darnach ist der arme Mann erfroren. Als hierauf der reiche Nachbar hörte, daß der arme Mann gestorben sei, ging er zu ihm, um sich das Feuer-Ei zu holen. Er fand es unter der Asche, legte es in die Pfeife und trug es heim. Zu Hause legte er sich damit nieder, die Pfeife im Mund und das Feuer-Ei in der Pfeife, und schlief ein. Nachts kroch der Feuervogel aus dem Ei und fand Futter ringsum; rop, rop kamen auch die andern haufenweis herbei und füllten das ganze Zimmer, das ganze Haus, bis hinauf zum Dach; rop, rop, rop! sie wuchsen größer und immer größer, schrecklich groß und verzehrten den bösen Mann samt Haus und Schätzen, bis nichts mehr übrig war davon, als ein Häuflein Asche; der alte Wind heulte und wehklagte in dem großen Feuer, denn die Feuervögel peitschten ihn mit ihren Flügeln und stießen ihm den Bart in die glühenden Kohlen und hackten ihn mit ihren großen, scharfen Klauen. Kann mir's denken, wie das dem Bösewicht weh that, der nur Kälte und Frost liebt. Solche unmögliche Geschichten pflegte das des Augenlichtes beraubte Kind aus dem Stegreif zu erfinden und damit seine kleine Gebieterin zu unterhalten, welche ihm aufmerksam bis ans Ende zuhörte, ohne der ausschweifenden Phantasie durch Einwürfe störend in den Weg zu treten. – Soll ich noch ein Märchen erzählen, frug Lieschen, bereit, ein zweites zu beginnen. – Es wird genug sein, mein Töchterchen, leg dich jetzt auch zu Bette, damit sie dich nicht noch wach finden, wenn sie nach Hause kommen. – Wenn sie aber werden wissen wollen, wie es meinem guten Mütterchen geht? – Mir fehlt nichts. – Hab ich Sie vorhin nicht seufzen gehört? O, ich hab es gut gehört. Warum haben Sie geseufzt? – Es kam nur so über mich. Ich dachte gerade an etwas. – Und an was hat lieb Mütterchen gedacht? – Daran, daß niemand mich liebt. – Und ich? fragte das Kind betrübt. – Du allein. – Und die gnädige Mama? – Nein. – Aber der liebe Papa? – Auch der nicht, niemand. Warum sollten sie mich auch lieb haben? Welche Ursache hätte auch jemand, mich zu lieben? Was wäre an mir liebenswert? – Daß Sie so gut und so schön! lispelte das Kind, die Hand seiner Herrin an die Lippen pressend. – Das ist nicht wahr. Ich bin weder gut noch schön. Das sagen sie nur so, aber es ist nicht wahr. Ich weiß am besten, wie ich bin. Ich bin schlecht und häßlich, darum kann auch niemand mich lieb haben. – Wie wäre das möglich! rief das blinde Mädchen erstaunt über das Gehörte und unfähig, in ihrer Einbildungskraft den Gedanken zu fassen, daß jemand sich für schlecht und häßlich halten könne, wenn er immerhin auch gesunde Augen besitzt, mit denen er sich in- und auswendig sehen kann. – Wie kann mein liebes Mütterchen denken, von niemand geliebt zu werden, da doch jedermann es so sehr liebt und seine Gunst sucht, flüsterte das Kind, und ließ seine Händchen zitternd an Wilmas glühendem Körper dahingleiten, als suchte es die schmerzende Stelle, von wo diese traurigen Gedanken ihren Ursprung nehmen, und als glaubte es, wenn es nur seine Hand darauf lege, müsse der Schmerz gleich aufhören. – Meine Gunst suchen sie, sagst du? ich aber weiß recht gut, daß ich ihnen zur Last bin; immer krank, immer elend, wie ich bin; das ganze Haus schmeichelt mir ins Gesicht und niemand kann mich ausstehen. Ich bin unausstehlich, das sehe ich allen Leuten von den Augen ab und weiß es auch selbst recht gut, wie unausstehlich ich bin; ich würde mich nicht grämen und ich weiß, daß auch andere sich darob nicht grämen würden, wenn ich schon längst unter der Erde läge. Das blinde Kind brach bei diesen Worten in Thränen aus und umarmte leidenschaftlich seine kleine Gebieterin, indem es laut schluchzte. – O sagen Sie das nicht, sprechen Sie nicht so! Was würde dann aus mir, wer würde das arme verwaiste Lieschen dann noch lieben? Wilma streichelte sauft das Köpfchen des blinden Kindes, wie eine bedächtige Mutter. Fast hätte sie nicht einmal geweint. – Sei nicht betrübt, ich habe für dich gesorgt. Wenn ich sterbe, ist hier in meinem Sekretär eine silberne Börse, in welcher ich alles Geld, das ich geschenkt bekam, aufzuheben pflegte. Das alles wird dir gehören, wenn ich gestorben bin. Siehst du, als man vor vier Jahren dich hierher zu mir brachte, fing ich gleich an, für dich zu sorgen. Ich habe jedes Stück Geld beiseite gelegt für mein kleines Töchterchen. Schon lange, lange hab ich es niedergeschrieben in einem Brief, den ich versiegelt habe mit meinem Amethystring, auf dem mein Name steht, mit fünf schwarzen Siegeln – dort ist er in der Schreiblade – daß ich meinem kleinen Töchterchen alles hinterlasse. Auch den kleinen Fußschemel, auf dem du sitzest – ich hab ihn selbst gestickt – mein Bett und meine gestickte Decke, mein Armband aus geflochtenen Haaren; du wirst es dann tragen und dich meiner erinnern. Das arme blinde Mädchen weinte und schluchzte so bitterlich und flehte seine kleine Gebieterin an, sie möchte ihm doch nicht so schreckliche Märchen erzählen, denn es ist ja doch kein Wort davon wahr; sie wird noch lange leben; sie wird eine so stattliche Dame werden, wie ihre liebe Mama; sie möchte nicht einmal daran denken, ihrem Töchterchen etwas vermachen zu wollen, das nichts anderes braucht, als immer die Stimme seines lieben Mütterchens zu hören. Wilma aber streichelte lächelnd das Kind, als machte es ihr Freude, von jemand so beweint zu werden. In diesem Augenblick schien es, als liefe ein dumpfer Stoß unter dem Hause weg. – Jesus! was ist das? schrie, von dem Schemel aufspringend, das blinde Mädchen. – Ein Wagen ist unter das Thor gefahren, sagte Wilma, welche, im Bette liegend, die Erschütterung nicht so stark gefühlt hatte, vielleicht ist die Mutter nach Hause gekommen. – Nein, nein, sagte Liza mit bebender Stimme und fing an mit innerer Unruhe zu horchen. Ihr Gesicht war ganz blaß geworden, so daß Wilma erschreckt von ihrem Lager sich aufrichtete und die Hand des zitternden Kindes ergriff. – Was ist dir, was horchst du? Wilma selbst hörte noch nichts, aber die Nerven der Blinden sind viel empfindlicher; was die Natur dem einen Sinne versagt, war sie bemüht, in dem anderen zu ersetzen. Lizas Ohren hatten schon das ferne Sausen und Brausen vernommen, mit dem die Fluten durch die eingerissenen Damme hereinbrachen, das dumpfe Geräusch, welches das aus den unterirdischen Kanälen in die Keller eindringende Wasser verursachte, und das immer mehr anwachsende Wehgeschrei, zuerst von einzelnen, dann aus hundert, bald aus tausend Kehlen und sie wußte sich nicht zu erklären, was das sei. Darum stand sie so blaß da, wie die Wand; ihre Brust wogte auf und ab, schwer atmend, und ihre Augen rollten umher, wie die Augen eines Blinden zu rollen pflegen, ziellos, in der Irre umherschweifend. – Auf was horchst du? fragte Wilma aufs neue, mit weit geöffneten Augen nach dem dunkeln Fenster starrend. Ein schwacher Blitz erhellte einen Augenblick die Scheiben, die bald darauf von dem nachfolgenden Krachen des Kanonenschusses erzitterten. Liza schrie auf bei diesem plötzlichen Knall und sank in die Kniee. Man pflegte sonst nie mit gegen die Stadt gerichteten Kanonen zu schießen; das donnernde, die Fenster erschütternde Krachen hatte sie noch nie gehört. Und wieder ein Schuß und ein dritter noch ... dann begannen die Glocken zu läuten, zuerst von einem Turme, dann von zweien, von dreien, zuletzt von allen Türmen. – Es brennt. Es muß irgendwo Feuer sein, sagte Wilma, aufhorchend auf das Sturmgeläute. – Feuer! stammelte ihr das blinde Mädchen nach. Die Feuervögel stiegen; wer hat sich an ihnen versündigt? dachte das Kind in seinem verstörten Geist. – Es muß aber weit von hier sein, denn draußen ist es ganz finster, flüsterte Wilma, die Augen auf die dunkeln Fensterscheiben geheftet. Fürchte dich nicht, mein Töchterchen, sei ohne Sorgen! beruhigte sie das Kind, das furchtsam sich an ihre Brust geschmiegt hatte und bebend den sich nähernden Lärm, das heranrollende Getöse, das die Luft erschütternde Wehgeschrei, das dumpfe Krachen der in der Ferne einstürzenden Gebäude vernahm und immer mehr zitterte und immer blasser wurde. Im ganzen Hause entstand plötzlich großer Lärm und Tumult, man hörte die Fußtritte der Auf- und Abrennenden, beunruhigende Angstrufe, denen man den Grund der Bestürzung nicht entnehmen konnte. Wilma hatte schon dreimal den Dienstboten geklingelt, niemand zeigte sich. Man hörte, wie sie die Thüren hinter sich zuschlugen und davonrannten. Eine Zofe sucht weinend in einem Nebenzimmer ihre Sachen, die sie nicht finden kann, aber sie antwortet nicht auf den Ruf, entweder hört sie nicht, oder hat keine Zeit. Keine Seele kümmert sich darum, daß im Nebenzimmer zwei hilflose Wesen zurückbleiben, ein krankes Mädchen und ein blindes Kind. Das Getöse, der Menschenlärm kam immer naher; von der Gasse herauf vernimmt man deutlich das eilige Fußgetrampel einzelner Flüchtlinge und aus dem Angstgeschrei, das bisher nur ein gespenstiges Stimmenchaos gewesen, hört man deutlich einen Schreckensruf heraus: »Die Überschwemmung!« »Die Überschwemmung kommt! Rette sich, wer kann! Die Donau hat an zwei Stellen die Dämme durchbrochen. Gott erbarme sich unser!« – Gott erbarme sich unser! schrie das blinke Mädchen, das Gesicht in Wilmas Bettkissen vergrabend und verzweifelt die Hand seiner Beschützerin an die Brust drückend, als wäre diese imstande, sie zu retten. – Die Überschwemmung! die Überschwemmung! – Was war in ihrer Einbildung die Überschwemmung? Das flüssige, eisige Element war Herr geworden über die Erde; eine furchtbare Gewalt, an welcher jeder menschliche Widerstand zerschellt, bricht los und ergießt sich über den Häuptern der Lebenden; die Wogen kommen heran mit großem Brausen und Getöse, wie in jenen vierzig Tagen der Sündflut, in denen nach den Worten der Bibel der Herr auf so schreckliche Weise alles Lebendige von der Erde hinweggetilgt; umsonst alles Schreien, alles Beten, nirgends ein Ort, wohin man sich retten konnte. Die gespenstige Flut wächst und wächst in einemfort, sie schlägt zusammen über den Dächern der größten Häuser, über den Spitzen der höchsten Türme und steigt und schwillt an solange, bis sie nicht ausgefüllt hat die unendliche Leere zwischen Himmel und Erde. O das ist schrecklich, schrecklich! Auf die Stirne des armen Kindes traten kalte Schweißtropfen unter dem fieberhaften Eindrucke dieser Phantasmagorien, welche dessen lebhafte Einbildungskraft mit gräßlichen Bildern bevölkerte. Dort oben zu schwimmen auf dem Wasser, wenn schon kein Baum, kein Berg mehr hervorragt aus dem Wasserall; unten zu wandeln in den Gassen, und bei jedem Atemzuge statt Lebenslust erstickendes Wasser einatmen; zusammenzutreffen mit den kalten Wundern des Wassergrundes; wohin man sich wende, in Berührung zu kommen mit seinen schlüpfrigen, klebrigen, schuppigen Körpern und, statt im warmen Dünenbett, dort im zähen, ekelhaften Schlamm zu liegen, aus derselben Lagerstätte mit dem häßlichen, krabbelnden Gewürm, zwischen schleimigen Schlingpflanzen und zwischen dem geheimnisvollen Gemurmel der Wassertiefe. O, wie sie zitterte und stöhnte unter dem Alp dieser Gedanken ... Das rasende Gebrüll der Laufenden und Flüchtenden verhallte allmählich, nur manchmal unterbrachen von Zeit zu Zeit die unartikulierten Laute eines Hilferufs die eingetretene Stille. Aus dem Hause hatten schon alle Inwohner sich entfernt, man hatte sie einzeln zählen können, wie sie mit großem Gepolter die Treppen hinabstürzten. Die beiden Kinder hielten sich fest umschlungen; das eine fieberhaft zitternd in seiner Todesfurcht, das andere so ruhig, so still, als ob das, was unter und über ihm vorging, nichts Schreckliches, Unbekanntes, Unbegreifliches wäre. Nicht lange und man konnte hören, wie das Wasser rauschend und sprudelnd durch die Kellerfenster hinabstürzte, das ganze Gebäude in beständiger Erschütterung erhaltend; nach einigen Minuten hatten sich die Kellerräume angefüllt, aus denen die zusammengepreßte Luft mit dumpfem, schluchzenden Geräusch stoßweise entwich, ein paarmal vernahm man noch ein lautes Röcheln, wie von einem ertrinkenden riesigen Tiere, welches das in seinen Rachen dringende Wasser ausspeit und dann trat für einige Minuten wieder Todesstille ein. Droben im Zimmer hörte man nur das rasche Atmen des zitternden Kindes, das in seiner Einbildung dem großen, unbekannten Tiere sich gegenüber befand, das unter seinen Füßen so gräßlich erstickt. Nach drei, vier Minuten ließ sich ein wiederholtes Knarren und Krachen im ganzen Gebäude vernehmen; doch hörte sich das alles so nahe an, als geschähe es zu den Füßen. Das in die Keller eingedrungene Wasser begann jetzt das massive Deckengewölbe zu heben, und die sich biegenden Eisenklammern waren es, was so knarrte, und einzelne durch den unwiderstehlichen Druck aus den Fugen getriebene Dielen im Fußboden der ebenerdigen Zimmer verursachten jenes unheimliche Krachen. Auf dem Nachttische am Bette des kranken Mädchens stand ein Trinkglas und darin ein silberner Kaffeelöffel. Allmählich begann nun das Trinkglas zu läuten, sowie der Löffel sich in zitternde Bewegung setzte und an die Wände des Pokals anschlug, als ob auch er sich fürchtete und ein Warnungszeichen geben wollte, wie die sturmlautenden Glocken aus den Türmen. Eine bange Stunde verstrich so, ohne gezählt zu werden von dem heimlichen Picken des Sekundenpendels, denn von der beständigen Erschütterung war selbst die Wanduhr stehen geblieben und hatte die erste Stunde so geschlagen, daß zwischen jedem einzelnen Schlag minutenlange Pausen eintraten. Da mit einemmal fing in dem Innern des Gebäudes etwas an vorzugehen und sich langsam vorzubereiten, das sich so anhörte, als sollte das ganze Haus in Staub zerbröckeln und als wollte ein Stein durch den andern hindurchschlagen. Ein furchtbarer Krach folgte darauf, der nach einigen Minuten mit einem dumpfen Getöse endigte. Das blinde Mädchen sah mit ihren starren, lichtlosen, dunkeln Augen aus, als erwartete es, daß deren ewige Nacht, zu welcher der Sonnenstrahl keinen Weg gefunden, von diesem Todesschreck durchbrochen werden müsse. Die Treppe war eingestürzt. Noch lange darnach hörte man, wie die einzelnen Marmorstufen des zurückgebliebenen Teils einzeln nachkollerten und der abgelöste Mörtel an der Wand herabrieselte. Wilma umschlang mit ruhiger Fassung die kleine Gefährtin, faltete über ihr die Hände zum Gebet und horchte still auf das nahe Geräusch des Einsturzes. In der That, sie fürchtet sich nicht vor dem, was da folgen wird. Affektierter Lebensüberdruß ist keine so ungewöhnliche Erscheinung bei heranwachsenden Kindern; oft kann man aus dem Munde von Kindern den einfältigen Wunsch hören: wenn sie doch nur schon sterben könnten – sie, die kaum noch angefangen zu leben: – wenn sie aber das leibhaftige Bild des Todes vor sich erblicken, vergessen sie ihren affektierten Lebensüberdruß und zittern für das bedrohte Dasein. Diese Stunde mit ihren Schrecknissen war für Wilma die härteste und untrüglichste Seelenprobe. So nahe war sie dem Tode und empfand doch keine Furcht vor ihm. Mag herankommen, was kommen muß. Sie ließ alle, die ihr im Leben näher gestanden, an ihrer Seele vorüberziehen, bei keinem Namen traten ihr Thränen in die Augen. Sie werden sie bald vergessen haben, – sie werden sich trösten. Die einzige, die sie beweinen, die sie schmerzlich vermissen würde, geht mit ihr zu Grunde, so daß man die beiden, wenn man unter den Trümmern nach ihren Leichen suchen wird, noch im Tode sich umschlungen haltend nebeneinander finden wird. Ein leises Krachen wurde im Zimmer vernehmbar. Sie blickte hin und gewahrte, daß an der gegenüberstehenden Wand ein schmaler Riß entstanden war, die Papiertapeten waren auseinander geplatzt an einer Stelle und man sah, wie sie hübsch ruhig weiterrissen. Die Spalte wurde immer länger, immer breiter, die Papiertapete raschelte lose an der Wand. Den aufgeregten Sinnen des blinden Mädchens waren jene Töne nicht entgangen; es wußte sie wohl zu unterscheiden. – Nicht wahr, jetzt werden wir gleich sterben? frug es Wilma und verbarg das Gesicht an ihrer Brust. Wilma antwortete nicht darauf und preßte das Kind nur fester an sich. Auch sie glaubte nicht anders, als daß sie jetzt sterben müssen. Ruhig sah sie es mit an, wie der Spalt immer weiter klaffte, schon kann man durch ihn in die Nacht hinausblicken, ein und der andere nebelige Stern schimmerte hindurch aus der trostlosen Ferne. Der Riß reicht bereits bis zum Plafond, man kann das ganze Sparrwerk sehen, wie es ineinander greift, nur nach abwärts muß er sich noch spalten und die Fensternische erreichen und dann wird alles aus sein, im Nu aus sein, schneller, als daß Zeit bliebe, vom Leben Abschied zu nehmen, und dann wird kein Unterschied sein zwischen der Blinden und der Sehenden, die eine wird so glücklich sein, wie die andere und auch so kalt, wie die andere. Bei diesem Gedanken drückte sie die Augen zu, damit der ewige Schlaf sie geschlossen finde. – Haho! hier legt an! erscholl von der im Wasser schwimmenden Straße heraus eine tiefe, herzerschütternde, ermutigende Stimme. – Ah, der Befreier kommt! Der Herr ist erschienen! rief aufkreischend das blinde Mädchen, vor Freude zitternd und von der Lagerstätte ihrer Gebieterin aufspringend. Es will davonstürzen, will sprechen, vermag aber weder das eine, noch das andere. – Ja, du hast recht, gutes Kind. Gott der Herr wandelt einher unter dem Verderben. Sein Geist ist es, der die Herzen der Großen, der Edeln lenkt, damit sie dort erscheinen, wo man zu ihm betet. Gesegnet die Hand, gesegnet das Herz, welche der Herr auserwählt, um durch sie seine Wunder zu verkünden. – Dort unten ist Wesselényi. Im nächsten Moment wird eine Leiter angelegt an das Fenster, dessen Scheiben sie einstößt. Auf dies Geräusch hin sprang Wilma heftig von ihrem Lager auf. – Meine Kleider! schrie sie, ängstlich nach ihren Gewändern greifend. Der Gedanke, sterben zu müssen, hatte sie nicht erschreckt, wohl aber erschrickt sie bei dem Gedanken, von jemand im Nachtgewande überrascht zu werden. Sie hatte kaum soviel Zeit, um sich das Überkleid umzuwerfen; jemand kletterte eilig die Sprossen der Leiter herauf, steckte die Hand durch die zerbrochene Scheibe und öffnete das Fenster. Nur die herabgelassenen weißen Vorhänge verdeckten noch die Gestalt des Ankömmlings. – Noch nicht! hauchte Wilma mit kaum vernehmbarer Stimme, als im nächsten Augenblick schon die Fenstergardinen sich teilten und, vom Fenstergesims herabgesprungen, Zoltán Karpáthi vor ihr stand. Wilma hatte bis jetzt nicht gezittert, nun aber fing sie an allen Gliedern zu beben an und das Blut stieg ihr bald in die Wangen, bald wieder zurück ins Herz; bald ward sie feuerrot, bald wieder blaß, wie die Wand. Wenn der Engel des Todes ihr erschienen wäre, sein Anblick würde sie nicht so durchschauert haben, vor Schreck und – Wonne. Zoltán hatte sogleich den Mauerriß bemerkt und eilte auf Wilma zu, ihre bebende Hand ergreifend. – Fräulein, kommen Sie schnell mit mir, die Wände haben schon Sprünge. Er mußte sie verwundert anstaunen, als sie ihre Hand zurückzog und sich sprachlos auf den Rand des Bettes niedersetzte. Sie sah in diesem Augenblicke aus wie eine Nachtwandlerin. Ja doch, das Mädchen ist krank, fiel ihm plötzlich ein, und auf dem Fauteuil einen warmen Wintershawl erblickend, langte er darnach und hing ihn dem sprachlosen Mädchen um die Schultern. – Jetzt eilen wir! – Wohin? frug das Mädchen, seine großen, dunkeln Augen aufschlagend, die Zoltán so in Verwirrung zu bringen wußten. – Zu Ihren Eltern! Sie sind Ihretwegen in Verzweiflung. – In Verzweiflung? wiederholte das Mädchen seine Worte mit bitterem Lächeln; warum sind sie dann nicht gekommen mich zu holen? – Es war unmöglich. – Allen war es unmöglich, nur Ihnen nicht! Zoltán fing an ungeduldig zu werden. – Fräulein Wilma, um Gottes willen, setzen Sie in diesem Augenblicke Ihren Groll beiseite, was es auch sein mag, weshalb Sie mir zürnen, und folgen Sie mir eilig, die da unten können nicht lange warten, sie werden heute noch viel Arbeit haben. Auch das blinde Mädchen, sich an die Brust ihrer kleinen Herrin werfend, bat flehentlich: »Gehen wir von hier, gehen wir, das Haus wird einstürzen, das Wasser uns verschlingen, Wir werden verloren sein!« Wilma richtete sich auf. – Zuerst bringen Sie das Kind in Sicherheit, flüsterte sie Zoltán mit bebender Stimme zu. Sie sehen ja, es würde in Verzweiflung geraten, wenn es zurückbleiben müßte. Ich bitte Sie. Zoltán gehorchte; er nahm das blinde Kind in seine Arme, das jedoch die Hand seiner Gebieterin nicht loslassen wollte. – Und Wilma? Kommt Wilma nicht mit? Ich gehe nicht ohne sie. – Auch ich komme mit, beruhigte sie Wilma, ich bleibe an deiner Seite. Laß dich nur tragen. – Aber wer ist der Mensch, der mich trägt? – fragte das Kind, mit der Scheu vor dem Unbekannten, – ich kenne ihn nicht. Wohin trägt er mich? – Geh nur, sagte Wilma tief ergriffen, es ist ein Mensch, wie es keinen zweiten giebt auf dieser Welt. Bis hinab zum Floß klang es Zoltán beständig im Ohr: »Ein Mensch, wie es keinen zweiten giebt!« Was wollte sie damit sagen: keinen so thörichten, oder so schlechten, oder keinen bessern? Das Mädchen aber war oben auf ihrer Lagerstätte zusammengesunken. Also die Eltern sind ihretwegen in Verzweiflung! und dennoch kamen sie nicht zu ihrer Rettung herbei, sondern überließen dies dem jungen Menschen, den sie haßten, über den sie in ihrer Gegenwart nie ein gutes Wort sagten, von dem sie glauben, daß er auch ihr verhaßt sei und den sie verderben wollen. Denn ihrer scharfen Beobachtungsgabe war es nicht entgangen, daß gegen Zoltán irgend ein großer Anschlag, ein Vernichtungsplan im Werke sei, dessen Fäden ihre Eltern in den Händen halten; daß Zoltán einst sein ganzes Vermögen verlieren wird, daß sie in dessen Besitz gelangen werden und daß es ihre Tochter noch reicher machen wird. – O, wenn sie wüßten, was sie thun! Zoltán kehrte eilig ins Zimmer zurück. Wilma hatte sich wieder von ihrem Bette aufgerichtet, aber sie war nicht imstande, sich auf den Füßen zu erhalten, so schwach fühlte sie sich. In der That, sie mußte sehr krank sein, Zoltán drang in sie, ihm ihre Hand zu reichen und ihm rasch zu folgen. Das Mädchen hätte es gern gethan, aber sie vermochte nicht, sich von der Stelle zu rühren. Vielleicht lag ihr etwas noch schwerer auf dem Herzen, als die lähmende Krankheit. – Sie sehen, daß ich nicht einen Schritt gehen kann. Hier war nicht Zeit, lange zu überlegen. – So entschuldigen Sie, sagte Zoltán, da giebt es kein anderes Mittel, als Sie auf meinen Arm zu nehmen. – Und ohne erst eine Antwort abzuwarten, hatte er das Mädchen umfaßt, bevor es noch etwas dagegen hatte sagen können. In diesem Augenblick schlug das Herz des Mädchens so stark, daß es unmöglich war, sein Pochen nicht zu hören. – Beugen Sie sich auf mich herab, Fräulein, und schlingen Sie Ihre Arme fest um meinen Hals. Das Mädchen atmete kurz und fieberhaft. Sich auf ihn herabbeugen? seinen Hals umschlingen? o ja, sie neigte sich zu ihm herab, legte ihr Gesicht auf sein Haupt und drückte mit ihrem Arm, mit beiden Armen den Jüngling an sich und in diesem Moment brachen ihre Thränen hervor, Zoltán fühlte, wie diese heißen Thautropfen auf sein Gesicht herabrollten. Ach, in diesem Augenblick wußte er, was jener dunkle magnetische Strahl war, der aus den Augen des Mädchens auf ihn zu sprühen pflegte, wie Zornesglut. Armes, armes Kind! Er hüllte sie in das warme Umhängetuch und eilte mit ihr davon aus dem Einsturz drohenden Gebäude. Als sie auf dem Fenster waren und Zoltán den Fuß auf die oberste Sprosse der Leiter setzte, flüsterte ihm das Mädchen mit fieberhaftem Zittern ins Ohr: o Zoltán, stürzen Sie mich von da ins Wasser, lassen Sie mich umkommen, es wird besser sein für uns beide. Der Jüngling preßte Wilma noch fester an sich und ließ sie nicht eher aus seinen Armen, bis er mit ihr zu Liza gekommen war; dort übergab er sie dem blinden Mädchen, es möge seine Herrin umfangen halten, damit sie nicht vielleicht ins Wasser falle. – Weiter! rief die eherne Stimme des Befreiers, der mit seiner sehnigen Faust einen Ruderhaken ergriff und damit dem verlassenen Hause einen gewaltigen Stoß gab, worauf das Fahrzeug mit einem Ruck in die Mitte der Straße zurückprallte. Das Haus aber, als hätte dieser einzige gewaltige Stoß es zum Wanken gebracht, fing zuerst an, vom Giebel bis zum Fundament an zwei Stellen sich zu spalten, die vordere Mauer neigte sich immer weiter nach außen, die Fensterscheiben sprangen klirrend entzwei und mit einemmale löste sich die ganze Front ab, mit furchtbarem Krachen ins Wasser stürzend und den ganzen Umkreis in eine weiße Staubwolke hüllend. Sowie die Staubwolke sich verzogen hatte, bot das Haus einen merkwürdigen Anblick dar. Die vordere Mauer war so eingestürzt, daß der hintere Teil des Gebäudes stehen geblieben war, und gestattete nun, wie ein aufgezogener Vorhang den Einblick in das Innere der langen Zimmerreihen. Einige Gemächer waren ganz unversehrt geblieben, Klavier, Tische, Stühle standen an ihrem gewohnten Platz, in andern wieder war alles untereinander geworfen, wie bei einer eiligen Übersiedelung. Zoltán suchte ängstlich mit seinen Blicken das weiße Zimmer. Das war nicht wieder zu erkennen. Der Plafond war gänzlich eingestürzt und die fremden, dunkeln Möbel des darüber befindlichen Zimmers begruben das kleine weiße Asyl, über den weißen Trümmern lagen grüne Ofenkacheln, braune Sofas. Ihm war, als hörte er hinter seinem Rücken flüstern: warum haben sie mich nicht dort gelassen! Er ging auf die andere Seite hinüber. Dies Wort hatte ihn frostiger angehaucht, als der schneidend kalte Nachtwind. Das Floß schwamm die Waitzner Straße hinab und füllte sich unterwegs immer mehr mit Unglücklichen. Man mußte schon die Last auf dem neuen Marktplatz abladen, einstweilen, bis sie an einen geeigneteren Ort gebracht werden konnte. An der Ecke der großen Brückgasse kam ihnen ein Kahn entgegen, der sich mit großer Unbehilflichkeit vorwärts bewegte; keiner von den sechs oder sieben Männern, die sich darin befanden, verstand sich aufs Steuern, jeden Augenblick wurden sie vom Eise eingeschlossen und die Strömung riß sie in die Mitte der Straße. – Wohin wollt ihr? rief sie der Befreier an, als er ihre Ratlosigkeit gewahrte. Vor lauter Anstrengung fanden sie keine Zeit zu antworten. Zum Glück erkannte Zoltán unter ihnen einige von den Dienstleuten Tarnavárys. Sie hatten diesen Kahn aus dem Keller des Septemvirs gezogen, wo er schon in Bereitschaft stand; allein bevor Tarnaváry wieder zum Bewußtsein gekommen war, wußte niemand, wo er versteckt war. Jetzt eilten sie damit wahrscheinlich nach dem Köcserepyschen Hause. – Hier ist das Fräulein! rief Zoltán ihnen zu. Sie vermochten sich aber nicht zu nähern, und das Floß mußte an sie heranfahren. Im Kahn befanden sich ein paar junge Herrchen, die zu den couragierteren gehörten. Sie waren hoch erfreut, das Fräulein gerettet zu sehen (und sich nicht soweit um sie bemühen zu müssen) und erboten sich mit großem Eifer, sie zu den Ihrigen zu bringen. Zwanzig Schritte davon hatte man schon trockenen Boden und das Wasser reichte nur mehr bis an die Hüften. Zoltán, als er sah, daß hier ohnehin genug hilfreiche Hände waren, trat nicht einmal näher, als man Wilma in den Kahn hinüberhob. Jeder der jungen Herren schätzte sich glücklich, ihr die Hand reichen zu können, oder ihr Platz zu machen. – Und du gehst nicht mit? fragte Wesselényi den jungen Karpáthi. – Ich bleibe hier, um zu helfen, wenn Sie es erlauben. Wesselényi klopfte dem Jungen auf die Schulter. Anfangs hatte er geglaubt, Zoltán sei in das Mädchen verliebt, das er retten wollte; nun sieht er, wie Zoltán, nachdem das Rettungswerk vollbracht, sich wieder zurückzieht, da er Hände bereit sieht, sich für sie zu rühren, und daß er sogar anderen es überläßt, den Lohn seines edeln Mutes zu ernten. Die jungen Herrchen brachten Wilma glücklich zum Tarnaváryschen Haus und führten sie im Triumph in die Arme ihrer Eltern; der Rat und seine Gemahlin umarmten und küßten einen um den andern ab; es währte drei Stunden, bis sie mit der Erzählung zu Ende kamen, welche schrecklichen Gefahren sie bestanden, bis sie zum Fräulein gelangt waren. Nun, daß es ihnen nur gelungen, sie zu retten, der Himmel segne sie dafür! Wer eigentlich ihr einziges Kind aus der größten Gefahr gerettet, davon wäre es überflüssig gewesen, zu sprechen. Und Wilma – sprach zu niemand ein Wort von Zoltán. Aber sie zeigte auch keine Freude beim Wiedersehen. Sie vergoß keine Thräne, wenn die andern weinten. Sie hatte kein Wort des Lobes, als die Retter ihre Heldenthaten bis zum Himmel erhoben. Sie schwieg. Sie war krank. – – –. Alles war nun bereits auf den Beinen, jede Hand voll mit Arbeit; wer nur sein Herz auf dem rechten Fleck hatte, wer Mut und menschliches Mitgefühl im Busen trug, beeilte sich diejenigen zu retten und in Sicherheit zu bringen, die schwächer waren und sich in größerer Gefahr befanden, als er. In jeder Gasse, auf jedem Platze konnte man diese kämpfenden Helden sehen, welche auf »Seelentränkern«, die aus zusammengebundenen Thüren, Ballen u. s. w. improvisiert waren, zur Rettung ihrer Mitmenschen auszogen. Die Geschichte hat auf ihren Blättern die Namen dieser Wackern, dieser Helden ausgezeichnet, und verdienen es diese Namen nicht, daß ein Dichter der späteren Zeit sich für sie begeistere? für sie, die mit kühner Entschlossenheit den Kampf aufnahmen gegen die Vernichtung , einen drei Tage und drei Nachte dauernden, beschwerlichen, von tausend Gefahren umringten Kampf, und die siegreich aus demselben hervorgingen, denn während die Verheerungen des Elementes zwei Dritteile der Hauptstadt in einen Friedhof umgewandelt hatten, – kam, dank den heldenmütigen Anstrengungen dieser Wackern, auf soviel Gräber nur ein Toter von je tausend Seelen ! (Nach amtlichem Ausweis.) Der Ruhm der Helden des Schlachtfeldes ist minder groß, als der ihrige. Jetzt zeigten diejenigen, welche der Volksglaube die Väter des Landes nennt, daß sie nicht umsonst diesen geheiligten Namen führen, jetzt zeigten die, welche sich Patrioten nennen, daß sie diesen Titel zu verdienen wissen. Die Jahre haben ihr Gedächtnis in neblige Ferne gerückt, aber auch jetzt noch ragen ihre Gestalten hoch und glänzend hervor, und wenn die Erinnerung sie der Reihe nach an uns vorüberführt, tritt auch jetzt noch eine Thräne in unser Auge, und wir wissen nicht, ob es Freude, Dankbarkeit oder Trauer ist, was sie fließen macht. In der ersten Schreckensnacht seht ihr dort über die dunkeln Wasser das Schiff Wesselényis dahingleiten. Wie der Schutzgeist selbst erscheint er überall, wo die Gefahr am größten ist, in engen Gassen, zwischen wankenden Häusern, auf deren über dem Wasser hervorragenden Dachgiebeln in Todesfurcht zitternde Menschengruppen auf ihn, den Rettungsengel Gottes, warten. Der Mensch ist nicht allmächtig, er vermag nicht auf einmal nach allen Punkten Hilfe zu bringen. O wie wünschte er jetzt, daß seinen Armen, deren Riesenstärke an das Märchenhafte alter Sagen streift, wirklich jene Macht innewohnte, Tausende auf einmal dem Rachen des Todes zu entreißen; daß diese Brust, die erprobt ist im Kampfe gegen Sturm und Gefahr, sich als Damm entgegenstemmen könnte, an dem die Wut der Elemente sich bricht; daß jene Donnerstimme, vor der so oft der menschliche Wille zurückwich, die Kraft besäße, den verheerenden Fluten zu gebieten, in ihr Bett zurückzukehren, wie sie es so oft den empörten Leidenschaften geboten. Doch der Mensch ist nicht allmächtig. Dem Heros fiel die schmerzliche Rolle zu: die Leiden seiner Mitmenschen gegeneinander abwägen, mitten in der Gefahr mit sich darüber zu Rate gehen zu müssen, wer sogleich zu retten sei und wer noch länger warten könne. – Hier rufen sie vom Dache eines wankenden Hauses weinend zu ihm herab; dort aber rufen sie nicht mehr, denn das Haus ist schon eingestürzt und die Inwohner sind unter den Trümmern begraben. Diese bedürfen zuerst der Hilfe. Hinein zwischen die Trümmer, hinein in die größte Gefahr! Ihr anderen betet einstweilen, ihr habt noch eine kurze Gnadenfrist, auf jene dort hat schon der Tod seine Hand gelegt; ans Werk, Männer! frisch Hand angelegt, mutig mit dem Tode gerungen, hinein in das offene Grab und die Sterbenden hervorgeholt aus Schutt und Trümmern! Ein paar Kontusionen von herabfallenden Balken, wer würde sie jetzt beachten? oder die eisige Flut, durch die man bis zum Hals hindurchwaten muß? Jeder Mann fühlt jetzt die Kraft von dreien in seinem Arm, und er in dem seinigen die von Hunderten. Er ist imstande, mit der einen Hand ein sinkendes Dach zu stützen und mit der andern die schon dem Untergang Geweihten herabzuheben. Von allen Seiten tönt Jammergeschrei und Hilferuf zu ihm herab und er kann nicht jeden befreien. Der Kahn, das Floß sind schon überfüllt, es geht nichts mehr hinein und es sind ihrer noch so viele. »Gebt nur die Kinder her!« ruft mit vor Aufregung zitternder Stimme der Befreier und von den Hausdächern, aus den Fenstern reichen mit bebenden Armen Väter, Mütter ihm ihre Kinder herab, als legten sie sie in die Hand Gottes und blickten segnend dem sich Entfernenden nach, die Gefahr nur zur Hälfte mehr fühlend, weil sie ihre Kinder gerettet wissen. »Ich komme wieder!« erschallt es aus der Ferne, und die Bedrängten erwarten von dort das Morgenrot, wo sie den Schein seiner Fackel verschwinden sehen. Alles rührt sich, keine Hand feiert. Hier lenkt ein angesehener Bürger den Kahn, dort sehen wir einen Mönch mit aufgeschürzter Kutte durch das Wasser rudern und den Bedrängten mit Hand und Wort Trost bringen. Hier wieder schwimmt eine mit Brot beladene Plette durch die Gassen. Es fehlt auch an Lebensmitteln. Wer war es, der daran dachte, daß man die Hungernden auch einstweilen laben müsse, bis man sie retten kann; wer verteilt dort, an dem Schnabel des Schiffes stehend, Brot unter die bleichen Notleidenden? Dieser Mann ist Aurel Dessewffy . Draußen in den entferntesten Stadtvierteln seht ihr einen Szapáry in voller Arbeit, wie er in seinen Armen, auf seinen Schultern zerlumpte Kinder des Elends in seinen Kahn hebt, wie er in das Innere umfluteter Häuser eindringt und Kranke durch das tiefe Wasser schleppt; eine Karte von Pest in der Hand haltend, entwirft er berechnete Operationspläne, Tag und Nacht nach Stunden sich einteilend, wann er dort und dort zu erscheinen habe; klug überlegend, voraussichtig wie die Vorsehung. In den Hauptgassen macht Albert Pronay , der Obergespanstellvertreter, die Runde, seine wackern Beamten Pajor und Egressy an der Seite; sie ermutigen die Geängstigten, befreien die mit Untergang Bedrohten und sind überall zur Hand, wie es den obersten Beamten des Komitats geziemt. Noch halb krank, aber seiner Leiden vergessend und kaum an sich denkend, eilt ein Podmaniczky dorthin, wo der Notruf erschallt. Die können Gott danken, zu denen sein Weg ihn führt; alle Notleidenden schafft er auf sein nahe gelegenes Gut und öffnet ihnen gastlich sein Schloß; mögen sie dort wohnen, mögen sie sich teilen mit ihm in das, was da ist. So thaten ein Károlyi , so die beiden Eötvös , Joseph und Dionys; Franz Szapary , Draskovics , die Wenkheime , welche ihr durch drei Tage und drei Nächte überall erblicktet, ihr, die ihr nach Hilfe aussahet und davon Zeugnis ablegen könnt, daß sie ihn verdient haben den Titel: die » Optimaten «, die Besten unter den Besten . Um zwei Uhr nach Mitternacht war bereits jede Gasse bevölkert; hundert und aberhundert schwimmende Fahrzeuge durchschnitten die Flut. Auf den meisten Kähnen und Pletten ist der Name Szitányi zu lesen. Beim Ausbruch der Katastrophe hatte der wackere Großhändler sich beeilt, alle seine Schiffe, sein ganzes Dienstpersonal hochherzig zur Verfügung der Behörden zu stellen. Gewiß, auch er war vorbereitet auf die Gefahr, auch er hatte die Minuten ihrer Annäherung gezählt, aber seine Berechnung ging Hand in Hand mit menschenfreundlicher Opferbereitwilligkeit und als die Stunde schlug, begnügte er sich nicht damit, seine Habe niederzulegen auf dem Altar des Elendes, er lieh auch noch seine dienstwillige Hand hinzu und mühte sich ab, wie der geringste seiner Bediensteten. In den am meisten gefährdeten Gassen konnten die Kämpfer, die Befreier einem kräftig gebauten, breitschulterigen brünetten Manne begegnen, der mit tiefer, donnernder Stimme das Elend anrief, sich zu zeigen und der vor jedem eingestürzten Hause anhielt, ob nicht dort einer noch am Leben, ob nicht das Wimmern eines mit dem Tode Ringenden zu vernehmen? Er durchsucht, durchstöbert die Schlupfwinkel der Verunglückten, als wäre ihr Verlust der seinige, als traf ihr Unglück ihn selber, als hinge von ihrer Rettung seine eigene ab. Und dieser Mann kommt in dieser Stunde vielleicht um sein ganzes Vermögen. Es ist Landerer , der Buchdrucker. Das Wasser war auch in seine Druckerei gedrungen. Die Frucht langjährigen Fleißes, der Lohn so vieler Mühe geht dort im Wasser zu Grunde; aber der Edle hat jetzt nicht Zeit, an die Bergung seiner Habe zu denken, ihm ist das Leben seiner Mitbürger weit kostbarer. Das Haus, in welchem er seine Druckerei hat, ist massiv gebaut; in den untern Gewölben giebt er seine dort aufgestapelten Vorräte der Zerstörung durch das eindringende Wasser preis, in den Gelassen des obern Stockwerkes segnen hundert und aberhundert der Gefahr Entrissene den Lebensretter, der sie mit Speise, Trank und warmer Schlafstätte versieht und für sie hingiebt, was von seiner Habe ihm noch geblieben. Überall neue und neue, Bewunderung und Schauder erregende Scenen glänzender Bürgertugend und tiefster Verworfenheit! In einer der Gassen der Leopoldstadt hören wir unter das Angstgeschrei die rohen Laute unmenschlicher Flüche sich mengen. Ruchloses Raubgesindel treibt sich dort umher unter den Schrecknissen der Nacht und plündert die Schutz- und Wehrlosen in ihren wankenden Häusern, das Wertvollste, was sie unter den Trümmern ihrer Habe finden, mit sich nehmend. Die Angsterfüllten sehen erfreut den Kahn herankommen, der sie in den sicheren Hafen bringe, und wenn sie eingestiegen, fallen diese Teufel in Menschengestalt über sie her und stoßen sie nackt hinaus unter die öden Häuserruinen. Wo ist die strafende Hand des Himmels, die sie erreichen könnte? Das Laster hat jetzt offenes Feld. Seht, wie dort in der Finsternis schändliche Lüste im Kahn dahinschleichen an den Mauern der Häuser. Setze deinen Fuß nicht hinein, zarte, schöne Jungfrau, die du auf Befreiung harrst, des Wüstlings ruchlose Arme erwarten dich dort, ihm dünkt die Stunde des göttlichen Gerichtes geeignet dazu, die Nacht mit seinen Schandthaten zu bevölkern. Der Schrei verhallt in der Nacht und wenn ihn auch jemand hörte, wer könnte zu Hilfe kommen? Unten ist die Flut. Und doch ist einer, der ihn hört? Gott hört ihn! Siehe, durch die Dunkelheit nähert sich Fackelschein den Räubern und ein Kahn gleitet rasch die Gasse herab durch die Wellen Drinnen sitzen die Juraten, unsere Bekannten. – Halt! brüllt Kovács den Schurken zu; seine Gefährten stehen, ihre Waffen in der Hand, im Kahne, der pfeilgeschwind auf die Räuber losschießt. Der Kahn des Wüstlings ergriff die Flucht, sein einsames Opfer zwischen den Schutttrümmern zurücklassend, die Räuber aber setzten sich zur Wehr. Sie hatten drei Kähne, die Jünglinge nur einen. Das geplünderte Volk streckt segnend, ermutigend die Hände der kleinen Rächerschar entgegen, während es unter Verwünschungen nach den Ungeheuern zeigt. – Vorwärts, Brüder! rief Kovács, kühn zwischen die Räuber hineinsteuernd. Es sind ihrer drei gegen einen. Das macht nichts. Das dort sind Lumpe, ihr aber seid ganze Kerle und habt eure Säbel in der Faust; schlagt drein unter sie. – So ist's recht! Der eine Kahn war schon an die Mauer gedrängt. Dort empfing ihn das empörte Volk mit Steinwürfen und die Bemannung war genötigt, ins Wasser zu springen, um dem Kreuzfeuer zu entkommen. Die beiden andern Kähne jedoch nahmen wütend den Kampf auf. Es war ihnen gelungen, die Juraten zwischen sich in die Mitte zu bekommen. Der arme Bogozy, der auf der Spitze des Kahnes stand, hatte schon mit einem Ruderhaken einen Stoß auf die Stirn erhalten (die übrigen hatte er gar nicht beachtet) und die Säbelklinge von Kovács war am Griff abgebrochen beim Parieren eines Streiches, den einer der Räuber mit seinem schweren Ruder auf Kovács geführt hatte. Schon haben sie zwei, drei Haken in die Seite des Kahnes gestoßen und sind bemüht, ihn umzuwerfen, da mit einmal erhebt sich hinter dem Rücken der Räuber der Ruf eines unbekannten Gegners. Landerer kommt dort, der Buchdrucker; er war dem flüchtenden Wüstling gerade in den Weg gekommen, hatte ihm den Kahn weggenommen und hinten an den seinigen angebunden, als er das Säbelgeklirr vernahm. Er trifft eben zur rechten Zeit ein. Die Räuber warten nicht, bis er sie erreicht hat, sondern wenden ihre Fahrzeuge und suchen durch ein Nebengäßchen donauwärts zu entrinnen. Ihnen nach! schreien die Verfolger, und setzen den schändlichen Dieben nach, welche bemüht sind, in dem Gewirre der engen Gäßchen sich den Blicken ihrer Verfolger zu entziehen. – Halt da! erdröhnt plötzlich ganz nahe eine kräftige Männerstimme. Ein hoher, robuster Mann kommt mit seinem Kahn geradezu auf die Räuber losgefahren. Es ist der wackere Fleischhauermeister Dorn , sein Kahn ist voll mit Geretteten. Die Räuber sind umzingelt. Es bleibt ihnen nichts übrig, als sich durchzuschlagen. Im Rücken ist der stärkere Feind, sie müssen also mit ganzer Kraft ihren Angriff auf den schwächeren Gegner richten. Die Mannschaft des einen Kahnes stürmt mit vorgehaltenen Ruderstangen auf den Fleischermeister ein. Ein muskulöser Metzgerknecht steht mit aufgeschürzten Hemdärmeln auf dem Vorderteil des Nachens und faßt mit beiden Händen das Ruder. »Laß dich nicht drunterkriegen, mein Sohn!« Die Räuber stoßen mit den Haken nach ihm; das Ruder schwirrt durch die Luft, und wo es niedersaust, streckt es auf einmal zwei der Räuber zu Boden. »Bravo, mein Sohn, du hättest beim Meisterstück keinen bessern Streich führen können!« Die Räuber sind von allen Seiten umdrängt und man kann sich denken, welche blauen und grünen Flecke die Fäuste der Juraten, des Buchdruckers und des Fleischhauers, dort, wo sie niederfielen, zurückließen. Man schleppt die Räuber zu einem großen Baum. Sie hätten es verdient, dort der Reihe nach aufgeknüpft zu werden; doch das that man nicht. Zwischen den Ästen der Krone sitzt eine ganze Familie, die aus einem eingestürzten Hause sich dahin geflüchtet hat. Man holt sie herunter in den Kahn und setzt die Räuber auf dem Baume ab. Dort mögen sie warten, bis jemand nach ihnen kommt, damit man Gericht halte über sie. Die Sieger teilen sich unter die erbeuteten Kähne und ziehen weiter, um ihr Rächeramt fortzusetzen und denjenigen das Handwerk zu legen, die in dieser Schreckensnacht auf Verbrechen ausgehen. Das Siegesgeschrei verhallt, der Fackelschein verschwindet allmählich und wir wandeln wieder durch dunkle, schwarze Gassen, durch welche die Fluten sich wälzen, an unbeleuchteten Häusern vorüber. Welches Menschengewirr taucht da vor uns auf? Eine Insel, die aus den Überschwemmungsfluten hervorragt und auf die sich die halbe Bevölkerung der Stadt geflüchtet. Wir sind wieder auf dem neuen Marktplatz. Zweihundert Schritte in die Länge, zweihundert in die Breite und ringsherum eisige Flut. Auf diesem isolierten Raum sind tausend und abertausend von Menschen – Männer, Weiber, Kinder – zusammengedrängt, den Himmel zum Obdach und Gottes Schutz und Schirm als einzige Gewähr ihrer Sicherheit. Auch herumirrende Haustiere, Hunde, Pferde, Kälber, die den Häusern und Stallungen entlaufen sind, haben, vom Instinkt geleitet, sich hierher geflüchtet; furchtsam bewegen sie sich in dem Menschengewühle und heulen, wiehern, brüllen, als fühlten sie den Untergang der Welt voraus, und als suchten sie Schutz bei dem Menschen, der ebenso hilflos ist wie sie. Es ist eben Marktzeit und so ist jetzt der Platz mit Markthütten angefüllt. Die fremden Kaufleute haben ihre Buden den Flüchtlingen gastlich geöffnet und harren dort mit ihnen der kommenden Stunde entgegen, jammernd, betend, auf den Knieen. Hier in den Bretterbuden ist es doch noch besser. Siehe, wie die hohen Paläste ringsum in ihren Fundamenten erbeben. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich unter den Volksgruppen die Kunde, daß das große Derrasche Haus, eines der massivsten Gebäude der Stadt, eingestürzt sei. Steigende Angst bemächtigt sich der Gemüter. Was wird mit so vielen Menschen geschehen, wenn das Wasser noch um einige Schuhe steigt? Es ist gespenstig, zu sehen, wie die Vorsichtigeren die Markthütten abdecken, um aus den Dächern Flöße zu improvisieren. O mein Gott, so willst du diese Stadt gänzlich dem Untergange weihen! Aus der Mitte des Marktplatzes vernimmt man seltsame Töne eines erschütternden Gesanges. Dort sind die Ältesten der jüdischen Kaufmannschaft versammelt in einer hölzernen Bude, die sie mit Lampen erleuchtet haben; sie haben ihre weißen Sterbehemden angezogen, die heilige Schrift auf dem Fußboden ausgebreitet und das Haupt zu ihr herabgeneigt, beten sie zu Gott Zebaoth, dem furchtbar strafenden, und wehklagen über den Untergang der Welt, auf die der zürnende Jehovah seine Vernichtungsengel herabgesandt hat, vor denen kein Entrinnen ist. In der Schreckensnacht ertönen diese Klagelieder so fürchterlich von den Lippen der Greise, daß selbst den Beherztesten ein Grausen beschleicht. So soll denn wirklich alles ein Ende haben mit dieser Nacht? Hundert Schritte davon ertönt Orgelspiel und Kirchengesang. Das kommt aus der protestantischen Kirche, wo Tausende den Herrn anrufen in ihrer letzten Zufluchtsstätte. Nächtliches Gebet, nächtlicher Gesang! Wem sollte das Herz im Leibe nicht erbeben? Und in der Ferne rauschen die grollenden Wogen und wimmert das Klagegeheul durch die Luft. Auch die hohen Paläste stürzen ein, nicht nur die Hütten des Elends. Dort stürzt der Balkon eines zwei Stock hohen Hauses herab, gegenüber umspülen die Fluten das Dach einer ebenerdigen Lehmhütte. Den Besitzer des Palastes hat man gerettet, in der Hütte ist alles still. Dort wohnte ein reicher Kaufmann, hier ein armes Weib. Erst als der Kaufmann im Kahne stand und sein Leben in Sicherheit wußte, fiel ihm ein, daß er seine Geldkasse, alle seine Papiere in seiner Wohnung zurückgelassen. Wer ist der Mutige, der sich noch zurückwagt in das Gebäude? Fünftausend Gulden dem als Belohnung, der die Kasse herabbringt! Die Schiffsleute kratzen sich hinter den Ohren. Der muß des Lebens sehr überdrüssig sein, der die Götter so versuchen wollte! Niemand bietet sich an. Da kommt ein abgelumpter, ärmlicher Tagelöhner in einem elenden Seelentränker herangerudert zu dem reichen Herrn und erklärt sich bereit, die Kasse herabzuholen. Der Kaufmann überreicht ihm ohne Zaudern die Schlüssel. Der Tagelöhner ist schon vor dem Hause, da blickt er zurück und sieht, daß aus dem Dachfenster der Lehmhütte etwas Weißes ihn heranwinkt. Es ist eine arme, alte Frau, die dort mit dem Schnupftuch winkt, sie kann nicht mehr schreien, sie schwenkt nur das Tuch, Der Tagelöhner wendet sein Fahrzeug. »Verzeihen Sie, lieber Herr,« sagt er zum Kaufmann, »erst muß ich diese arme Person retten; für Ihre Kasse wird es später auch noch Zeit sein!« Und damit rudert er hin an das Dach des Häuschens und faßt die herausgestreckte Hand der Alten. »Hierher zu mir!« ruft er der Ohnmächtigen zu ... In diesem Augenblick stürzt der unterwaschene Kotziegelbau ein und die Wogen schlagen über den beiden zusammen. Das Haus des Kaufmanns hielt sich noch mehrere Stunden aufrecht; der hochherzige Retter ging unter den Trümmern zu Grunde. Dort aber wird ihn finden, der jeden edeln Opfertod aufzeichnet in seinem Buche – der Herr ... Unter so vielen schönen, so vielen rührenden Scenen war noch eine herzerhebende Erscheinung: – der Soldat als Landesbürger ! Als die Gefahr hereinbrach, ließen die Kommandanten in aller Eile Dämme aufwerfen vor den Kasernen, um das Eindringen der Fluten in dieselben zu verhindern, und während ein Teil der Garnisonstruppen mit aller Macht gegen das feindliche Element ankämpfte, um es von ihren Hofräumen abzuhalten, zogen die übrigen auf schwimmenden Flößen und Pontons aus ins Gefecht, in dem sie nicht Tod, sondern Leben austeilen und brachten die geretteten Unglücklichen in die Kasernen, wo der Soldat sein warmes Zimmer, seine Lagerstätte, seine fertige Mahlzeit und sein Brot mit ihnen teilte und die Kranken pflegte, die Leidenden tröstete, als wäre er sein ganzes Leben hindurch in diesen Verrichtungen aufgewachsen. Aus einem hohen Gebäude hatte sich alles schon geflüchtet, nur in dem obersten Stockwerke befand sich noch ein kranker Familienvater mit seiner Frau und seinen Kindern. Ein Kahn mit wackern Kriegern kommt angefahren, sie halten vor dem Hause, das schon überall geborsten ist und rufen hinauf, er möchte Betttücher zusammenbinden und so einzeln die Glieder seiner Familie herablassen. Der Mann thut, wie ihm geheißen, und läßt eins nach dem andern, Frau und Kinder, herab, welche die wackern Krieger in ihren Kahn aufnehmen. Als auch das letzte Kind unten ist, macht das Haus einen Krach und donnernd stürzt die ganze Vordermauer herab, nur die beiden Seitenwände bleiben noch stehen, zusammengehalten von dem Dachgebälke. Der Kahn ist genötigt, vor dem herabstürzenden Steinregen die Flucht zu ergreifen. Aber die geretteten Kinder umklammern weinend die Kniee der Wackern und bitten sie flehentlich, ihnen auch den Vater zu retten, sie nicht ohne ihren Vater davonzuführen. Da trennt sich ein junger Kriegsmann von den übrigen, springt hinaus auf den Schutthaufen, klettert an einem herabhängenden Balken hinauf in das obere Stockwerk, den Vater zu suchen. Der liegt ohnmächtig auf dem auseinander gespaltenen Fußboden. Der wackere Krieger schlingt schnell das eine Ende des improvisierten Rettungsseiles um seinen Leib und läßt ihn herab. Alles um ihn her bebt, wankt, kracht, er ist mitten im Rachen des Todes. Nach einer Minute verkündet das Freudengeschrei der Kinder, daß ihr Vater gerettet ist. Da erfolgt plötzlich ein furchtbares Krachen; das ganze Haus fällt zusammen, auch das Dach stürzt herab. Mit kaltem Blut und warmem Herzen vernimmt der Tapfere die Tod verkündenden Schreckenstöne und in dem Augenblicke, wo alles zusammenbricht, springt er von einem hervorstehenden Balken hinab ins Wasser, taucht wieder hervor und schwimmt unter dem Jubelgeschrei der staunenden Zuschauer an den Rettungskahn. Niemand hat den Namen des Wackern aufgezeichnet, nur soviel weiß man, daß es ein Kanonier war. * * * Wie möchte es sich wohl ausnehmen, wenn inmitten so vieler schauerlicher Scenen jemand lachen würde? Horch! Das ist wahrhaftig Gelächter. Aus vollem Halse kommendes, schallendes Gelächter, wie man nur in lustiger Gesellschaft bei einer das Zwerchfell erschütternden Anekdote zu lachen pflegt. Durch die traurigen Gassen rudert ein Kahn, in demselben befinden sich fünf oder sechs Männergestalten; diese sind es, die so herzlich lachen, daß darüber beinahe das Angstgeschrei, das Wimmern der Sterbenden verstummt: als würde irgend ein böser Kobold, mitten in der Gefahr, die Betenden verhöhnen, so widerwärtig, so grausig ertönt dies Lachen zwischen den öden Mauern. Ah, das sind unsere lieben Bekannten: Baron Berzy, Mitzislaw, unser Freund Emanuel, Abellino und noch ein paar treffliche Kavaliere, welche sich einen Kahn verschafft haben und gemütlich darin herumfahren, sich an dem großartigen Schauspiel weidend. – Famos! Grandios! rief unser Freund Mitzislaw an jeder Straßenecke, worauf Baron Berzy antwortete, daß er eine viel merkwürdigere Überschwemmung in Sankt Petersburg gesehen, als die Newa den Damm durchbrochen hatte und im Hofe des Kaiserpalastes bemastete Schiffe absetzte, während die aus dem Theater nach Hause fahrenden Wagen bei Kronstadt herausgefischt wurden. So etwas giebt's hier nicht. Abellino saß auf dem Boden des Kahns, denn er war zu sehr besorgt für seine werte Person, als daß er die Großartigkeit des Schauspieles hätte genießen können; er bat seine edeln Freunde flehentlich, sie möchten den Kahn doch ja nicht umwerfen, denn man bekäme gar zu leicht einen Katarrh, wenn man um solche Zeit ein unfreiwilliges kaltes Bad nähme. Den Anlaß zum Gelächter aber hatte gegeben, daß sie auf ihrer Vergnügungs-Gondelfahrt durch die Waitznergasse rudernd, im zweiten Stockwerk eines Hauses einen jungen Mann erblickten, der mit einer höchst eigentümlichen Operation beschäftigt war. Hinaus konnte er nicht, aber auch wenn er es gekonnt hätte, so wußte er nicht wohin. Er fand es daher viel bequemer, das Ende der Gefahr im warmen Zimmer abzuwarten, als aufs Geratewohl bis an den Hals naß zu werden. In dieser Lage beunruhigte ihn nur ein Gedanke, was er anfangen werde, wenn ihn der Hunger überkommt? Der pfiffige Jurat – denn was hätte er anders sein können? – geriet also auf den Einfall, an einen langen Spagat einen Angelhaken, den er sich aus einem Nagel gemacht, zu befestigen und aus dem Fenster des zweiten Stockes herabzulassen; aus den umgestürzten Buden der Hökerweiber trieb das Wasser Obst, Grünzeug und Brot in Menge herab, welches unser Jurat mit seiner improvisierten Angel herausfischte und zu sich heraufzog. Die lustfahrenden Kavaliere fanden dieses neue Verproviantierungsverfahren so bizarr und so hochkomisch, daß sie gar nicht aufhören konnten, sich vor Lachen zu schütteln. Nun, das mußte der geniale Baron doch einräumen, daß ein derartiges Genrebild im Club of travellers noch nicht vorgekommen, so daß der Baron schnell eine Zeichnung davon in sein vor sich auf den Knieen ausgebreitetes Portefeuille entwarf, wobei unser Freund Emanuel ihm mit der Laterne leuchtete. Die gemütliche Unterhaltung wird zuweilen durch das Angstgeschrei der auf den Hausdächern und in den Fenstern stehenden Unglücklichen gestört, welche in herzzerreißenden Tönen die an ihnen Vorbeirudernden bei allen Heiligen anflehen, sich ihrer zu erbarmen. Solches Lamento anzuhören ist nicht angenehm, Baron Berzy übernahm es, diese ihr Vergnügen störende Zumutungen mit treffenden Witzen abzufertigen. Wir können nicht umhin, seinen Witz zu bewundern. Von dem Balkon eines Hauses ruft eine anständige Dame zu ihnen herab. – Wir bedauern, meine Gnädige, rief der Baron, den Hut lüftend, nicht in salonmäßiger Toilette zu sein, um Ihnen unsere Aufwartung machen zu können. Welch herrlicher Witz! Wo anders klammert sich ein armer, zerlumpter Mensch an das Eisen eines Laternenpfahls. – Fürchte dich nicht, mein Junge, tröstet ihn Baron Berzy; wem der Galgen bestimmt ist, der ist sicher vor dem Ertrinken. Ein köstlicher Spaß! Vor eingestürzten Häusern halten sie still, läuten an der Hausglocke und Theodor ruft hinein: he, Hausmeister, sind hier keine Wohnungen zu vermieten? Ein pompöser Einfall! Eine Stunde früher hatte der witzige Baron den Einfall, mit seinem Kahn zu einem Hause hinzurudern, dessen Inwohnerinnen der jungen Herrenwelt allgemein bekannt waren. Sie saßen draußen auf den Fenstern und harrten mit bebenden Herzen, wie andere sündige Kreaturen, auf ihre Befreiung. – Hierher, schöne Göttinnen! hier ist der Befreier! rief der lustige Baron und die galanten Herren holten die zitternden Nymphen von den Fenstern herab und fuhren eine Stunde lang mit ihnen kreuz und quer durch alle Gassen der Stadt, wobei sie den Kahn so unsinnig schaukelten, daß die Frauenzimmer kreischend und weinend baten, sie möchten sie doch lieber irgend wo in einem verödeten Hause absetzen, als sie noch länger ängstigen; endlich führten sie sie dahin zurück, von wo sie sie geholt hatten und luden sie dort wieder ab. Unter solchen Scherzen verstrichen die Stunden der lustigen Unterhaltung. Abellino kochte mitten im Kahn einen Punsch, der die Gesellschaft in einen so fröhlichen Dusel versetzte, daß sie zuletzt eine Barcarole anzustimmen begann. Schade nur, daß man vergessen hatte, eine Guitarre mitzunehmen. Während der geniale Baron die schönsten Fisteltöne anschlug, wozu Mitzi mit prachtvollem Tremolo den Contre-Alt gurgelte und unser Freund Emanuel seiner mutierenden Stimme einen Bariton abrang: siehe, da tauchte plötzlich am äußersten Ende der Gasse eine glänzende Erscheinung auf, und die neugierigen Jünglinge sahen ein großes Boot aus sich zuschwimmen, das hell erleuchtet war von Wachsfackeln, die unter Glasglocken brannten. Die Ruderer waren lauter Lakaien mit silbernen Achselschnüren, das Steuer lenkte ein Mann in Uniform mit goldenem Kragen; mitten im Schiff stand eine jugendliche schlanke Gestalt mit einer langen Ruderstange in der Hand. Sein Haupt war entblößt und um die hohe Stirne legten sich die von Schweiß befeuchteten lockigen Haare; in seinen sanften Augen, seinem länglichen, ernsten Gesichte spiegelte sich tiefe Gemütsbewegung; man sah ihm an, daß er mit jenen weinte, die dort um ihn stehen und segnend seine Hände küssen. Das Schiff ist schon voll mit verwaisten Flüchtlingen. – Wer kann das sein? fragen die trefflichen Jünglinge einer den andern. Jeder von ihnen ist kurzsichtig und zum Unglück hat keiner seinen Operngucker mitgenommen. Erst als die Plette nur mehr zwanzig Klaftern von ihnen entfernt ist, gewahren sie an der jungen Brust den gestickten Stern und erkennen den Erzherzog Stefan. – Der junge Erzherzog hatte sie schon lange aufs Korn genommen. – Sie haben sehr hübsch gesungen, meine Herren! rief er ihnen mit klangvoller, reiner Stimme in ungarischer Sprache zu. Baron Berzy antwortete mit großer Geistesgegenwart: »obwohl diese Nacht nicht viel Ähnlichkeit hat mit einer venetianischen Karnevalsnacht, Kaiserliche Hoheit.« – In der That, nein. Fahren Sie schon lange so herum? – Von allem Anfang, Kaiserliche Hoheit. Wir waren dabei, wie der Damm durchbrochen wurde, wir sahen, wie das erste Haus einstürzte, wie die ausgetretenen Fluten von einer Gasse in die andere drangen. Es war dies alles großartig, grandios, nur schade, daß ich schon ein schöneres Schauspiel in Sankt Petersburg mit angesehen habe, als die Newa den Damm durchriß und auf dem Hofe des Kaiserpalastes Segelschiffe absetzte; so etwas giebt's hier nicht. – Ist ein Menschenleben zum Opfer gefallen? fragte der Erzherzog mit gedämpfter Stimme. – O was ist das hier, gegen dort, Kaiserliche Hoheit! tröstete der Baron. In Sankt Petersburg, als die Newa den Damm durchbrach, kamen viertausend Menschen in den Wellen um, die auf den Schiffen Befindlichen, welche ins Meer geschwemmt wurden, gar nicht gerechnet. So etwas kann hier gar nicht vorkommen. – Ich hoffe aber doch, daß Sie, meine Herren, Ihren Mitmenschen zu Hilfe geeilt sind? Diese Frage ward in einem Tone vorgebracht, daß man darauf keine ausweichende Antwort geben konnte. – Kaiserliche Hoheit, ich gestehe, daß ich so etwas zu den Ixionsarbeiten zähle; ja, ich begreife Bajazid, der, als er nach einer verlorenen Schlacht, in der alle seine Helden gefallen waren, durch einen Strom schwamm und bemerkte, daß ein Krieger sich an dem Schweif seines Rosses festhielt, um sich so zu retten, diesen durchhieb mit den Worten: wenn die anderen alle zu Grunde gegangen sind, so magst auch du zu Grunde gehen! Was würde ich anfangen mit ein, zwei Menschen unter so vielen? Überdies habe ich mir zur Aufgabe gemacht, dem Club of travellers eine detaillierte Beschreibung dieser Vorfälle zu liefern und kann mich mit Kleinigkeiten nicht abgeben. Mitzislaw rieb sich die Hände vor Freude, daß der geniale Baron sich so tapfer herausgehauen, während Abellino besorgt bald ihn, bald den Erzherzog anstarrte, da er bei seiner Schwerhörigkeit nicht alles verstand, was gesprochen wurde. – Fahren Sie hinter mir drein, sagte der junge Erzherzog, mit einem Stoß des Ruderhakens die trefflichen Jünglinge hinter sich lassend. – Wir werden uns glücklich schätzen, sagten sie wie aus einem Munde und folgten dem Fahrzeug des jungen Erzherzogs. Der junge Erzherzog fuhr die Herrengasse hinab, dann und wann halten lassend, wo eben Hilfe nötig war. Am Ende der Herrengasse, zwischen der Franziskanerkirche und dem Gebäude der Kurie, ist ein kleiner, erhöhter Platz, welcher, trocken geblieben, wie eine kleine Insel hervorragte. Dieser enge Raum war jetzt angefüllt mit Pferden und Rindern, welche Mietkutscher und ärmere Leute hierher getrieben hatten; die Menschen, welche sich hierher geflüchtet, waren von den frommen Mönchen des Franziskanerklosters und von den Kanzleibeamten der Kurie in den gesicherten Lokalitäten der öffentlichen Gebäude untergebracht worden; nur ein und der andere kräftige Gesell, oder ein Mönch mit härener Kutte, oder ein Jurat mit klirrendem Säbel ging auf und ab auf dem rings vom Wasser eingeschlossenen Inselchen, um zu sehen, ob nicht noch irgend ein hilfloser Flüchtling zwischen den brüllenden, unruhigen Tieren sich befinde. Der Erzherzog dirigierte das Boot dahin. Sowie man dem trockenen Grunde so nahe war, daß die Ruder das Pflaster streiften, ließ er das Boot halten und winkte den Baron mit seinem Kahn zu sich. Dieser beeilte sich, dem Wink zu gehorchen. – Geruhen zu befehlen? – Belieben Sie auszusteigen aus dem Kahn! – Wohin, Kaiserliche Hoheit? frug dieser bestürzt. – Wohin immer, das Wasser ist nicht mehr tief. Den Kahn werde ich schon einem andern übergeben, der einen bessern Gebrauch davon zu machen versteht, als nur zu seinen, Vergnügen darin spazieren zu fahren. Dies war ein furchtbarer Urteilsspruch für unsere Dandies. Jedem von ihnen war zu Mute, als drehte sich der Kahn mit ihm. Nur Baron Berzy besaß Geistesgegenwart genug, um an Opposition zu denken. – Aber bitte, Kaiserliche Hoheit, wir sind Gentlemen, es ist nicht Sitte, mit Adeligen so zu verfahren. – Wer aus einer solchen Landeskalamität sich eine Unterhaltung macht, wer kein Herz hat, um Unglücklichen zu helfen, der ist in meinen Augen kein Edelmann. Belieben Sie nur auszusteigen, meine Herren, und es an sich selbst zu erfahren, wie das ist: in Gefahr sein und zum Himmel um Rettung flehen. – Aber enfin , das ist eine Privatangelegenheit, durchlauchtigster Herr, die unter kein Tribunal, keine Jurisdiktion fällt. Meine Mutter war eine Tochter des Fürsten Korsovszky, ich bin mütterlicherseits ein geborener Russe, ich habe nichts mit Ungarn gemein, ich kann so neutral bleiben, wie irgend ein Fremder. – Werft sie heraus aus dem Kahn! rief der Erzherzog, entrüstet über einen so unverschämten Cynismus. Stürzt den Nachen um! In diesem Augenblicke enterte das Gefolge des Erzherzogs mit den Ruderhaken den Kahn und der geniale Baron, der bis dahin mit verkreuzten Armen, in napoleonischer Positur, parlamentiert hatte, war durch das Schwanken des Fahrzeugs genötigt, sich schnell niederzusetzen und an dem Rande des Kahnes festzuklammern. Seine Gefährten sprangen erschrocken aus dem Kahn, Mitzislaw unter den ersten, und suchten sich aufs Trockene zu flüchten, nur Abellino streckte sich der Länge nach auf dem Boden des Kahnes aus und bat den Baron flehentlich, er möchte sich doch auf Diskretion ergeben und nicht das Leben seiner Gefährten aufs Spiel setzen. – Wer hat Lust, zur Rettung seiner Mitmenschen den Kahn zu übernehmen? rief nun der Erzherzog den auf dem Platze Stehenden zu; auf welche Aufforderung sogleich drei oder vier kräftige, junge Burschen hinzusprangen und die am Schiffsschnabel hängende Kette ergriffen, mit der sie den Kahn samt den darin befindlichen zwei Kavalieren ans Trockene zogen. Auf den entstandenen Lärm hin waren mehrere vornehme Damen, welche sich in die Kurie geflüchtet hatten, ans Fenster getreten, welche den Erzherzog erkannten und ihre Schnupftücher grüßend schwenkten. – Ah, hier sind schöne Damen! sagte Baron Berzy, als ob er in diesem Augenblicke an nichts anderes zu denken hätte; – mit diesen schönen Damen müssen wir bekannt werden. Und als ob dieser Grund ihn allein veranlaßt hätte, den Kahn zu verlassen, sprang er mit diesen Worten heraus, warf sich stolz in die Brust, knöpfte seinen Überrock einmal nach rechts, einmal nach links übereinander, grüßte mit ausgesuchter Courtoisie die aus den Fenstern schauenden Damen und rannte, beständig zu ihnen hinaufblickend, gegen eine kleine rote Kuh, so daß er seinen Shawl kaum von ihren Hörnern losmachen konnte. Seine Gefährten schlichen beschämt hinter ihm drein, als hätten sie Nasenbluten. Der geniale Baron tröstete sie, sie möchten nicht niedergeschlagen sein, hier warten ihrer noch amüsante Abenteuer genug, die Säle der Kurie sind alle vollgepfropft mit schöner Damenwelt, daraus können noch tausenderlei romantische Situationen sich entspinnen, und es wird Spaß in Hülle und Fülle geben. Dort jedoch erhielten sie den tröstlichen Bescheid, die obern Gemächer seien alle von Frauen und Kranken eingenommen, sie möchten sich nur in die untern Lokalitäten begeben, wo die Männer abgesondert untergebracht sind. – Sacrebleu ! rief Berzy, wer kann der Zopf sein der jetzt, zu so einer Zeit, auf eine solche Pedanterie verfällt! Wenn die Welt sich umkehrt, sollte man doch wenigstens den Profit davon haben, sich ungeniert unterhalten zu können. Sie waren indes genötigt, sich in die untern Gemächer zurückzuziehen. – Fidonc ! was das hier für eine Atmosphäre ist! Schmierige Bauern, schäbige Handwerker, schreiende, weinende Bälge, Krethi und Plethi in einem übel duftenden Haufen durcheinander. Ah! das ist nicht auszuhalten. Lieber hinaus zwischen Ochsen und Kälber! Dort gelang es dem genialen Baron, ein Fiakerpferd zu mieten, auf dessen Rücken er die Nacht mindestens in einer Lage zubringen kann, die sich besser für einen Gentleman schickt. Nur Abellino blieb im Kahn. Er schwur, sich lieber aufs Rad flechten zu lassen, als seine Füße naß zu machen. Er ist ohnedem, beteuert er kläglich, an nichts schuld. Er war zu allem bereit und hätte gerne retten geholfen. Aber die andern herzlosen Schufte wollten davon nichts wissen. Er wünscht auch ferner im Kahn zu bleiben und will lieber rudern helfen, nur möge man ihn nicht ans Land setzen. Die Leute erlaubten ihm, dort zu bleiben, nur baten sie ihn dann, er möchte doch ja nicht rudern, denn er würde sie alle umschmeißen, er möge nur auf dem Schiffsschnabel sitzen bleiben und nicht mucksen. Das Boot des Erzherzogs fuhr wieder weiter, begleitet von dem Segensruf der Menge; es war angefüllt mit Geretteten, daß es bis zum Rand tauchte. Mit dieser kostbaren Last brach nun der Erzherzog gegen die zu einem See angeschwollene Donau auf, um sie durch den Eistrieb hindurch nach Ofen zu bringen. Habt keine Furcht! Wo soviel Thatkraft der Tugend, da sind viele Hände Gottes. Die schwimmenden Eisfelder weichen aus, machen Platz vor dem mit geheiligtem Gut befrachteten Schiffe, als ob unsichtbare Genien sie beiseite schieben würden! und die glänzende Erscheinung gleitet wie eine Feengondel über den dunkeln Spiegel des brausenden Stromes, in dem die hellerleuchteten Fenster der königlichen Burg feurige Streifen ziehen. Ah, auch dort wacht man in dieser Nacht! Ein fürstlicher Greis, der Erzherzog Palatin, wohnt dort, der in dieser Nacht die sechsundsechzig Zimmer der königlichen Burg den Unglücklichen geöffnet und um ihretwillen seine eigenen Gemächer geräumt hat; wie ein Vater, der seine Kinder erwartet, steht er an der Pforte, mit tröstenden Worten die Anlangenden empfangend und mit gefühlvoller Teilnahme das bleiche, zitternde Volk, welches sein ritterlicher Sohn ausgelesen hat auf den Pfaden des Todes, hinaufführend in die Prunksäle. Dort oben empfangen zarte, pflegende Hände den Leidenden, den Unglücklichen, jedem lächelt das Antlitz einer lieben, gütigen Mutter entgegen, ein so mildes, teueres Frauenantlitz, daß bei dessen Anblick der Leidende seinen Kummer und seinen Verlust vergißt. Jedem weist sie seinen Platz an, niemand entgeht ihrer Aufmerksamkeit. Der größte Teil der Geretteten besteht aus Kranken, aus Durstigen, ihnen allen wird von der hohen Frau treue Pflege, Heilung, Trost gespendet mit aufrichtendem mütterlichen Wort. Die königliche Burg ist ein großes Spital, durch die Seufzer steigen Dankgebete empor zu der ewigen Vorsehung, welche die Verzweifelten hierher geführt, und in den späten nächtlichen Stunden scheint es den im Fieber liegenden Kranken, als ob in himmlischem Glanze eine überirdische, weibliche Gestalt zwischen ihnen auf und ab wandelte, so bezaubernd, so sanft, so gut, wie man sie auf Altarbildern sieht, wie eine liebe, jugendliche Schwester aus den Asylen des Elends, unter deren wartender Hand jeder Schmerz sich lindert, auch der, welcher an der Seele nagt, der Schmerz des Verlustes, die Verzweiflung selbst; deren sanfte, melodische Stimme das Herz genesen macht und vor deren himmlischem Lächeln jeder Kummer entweichen muß, denn ihr Lächeln und ihre Rede sind der Hoffnungsstrahl eurer glücklicheren Zukunft. Aber es ist keine Vision. Es ist die holde, engelsmilde Erzherzogin, die feenhaft schöne Tochter des Palatins von Ungarn, welche die ganze Nation so liebt, so verehrt – wie eine Heilige. In jenen drei Trauertagen wandelte sie dort, Tag und Nacht, eure himmlische Trösterin, zwischen den Weinenden. Warum mußte sie so früh zurückkehren in den Himmel! 2. Der Zinkendorfer Patient. Drei Tage und drei Nächte währte die Heimsuchung die der Herr über Pest verhängt hatte, drei Tage und drei Nächte hindurch ertönte Jammer und Wehgeschrei innerhalb der Stadtthore; am dritten Tage verlief sich die Flut aus den Gassen und nun ward es überall stille. Ach, welch ein Morgen war das, welch ein Schauspiel, welch trauriges Bild! Zwei Dritteile der Stadt lagen in Trümmern, in ganzen volkreichen Gassen stand nur hier und da ein einsames Haus noch aufrecht; die Straßen waren von einem Ende zum andern aufgewühlt und mit Schlamm überzogen; in dem häßlichen, schwarzen Kot lagen halb eingegrabene Leichen, welche das tückische Element gewöhnlich mit den Gesichtern nach abwärts gekehrt hatte; hier ein Reiter, dort sein Roß; hier ein Säugling an der Brust der Mutter, die erstarrten Hände sind so fest ineinander verflochten, daß man sie nicht voneinander losmachen kann, ein Sarg muß beide Leichen aufnehmen; der lärmende Marktplatz ist übersäet mit Trümmern; von den vor wenigen Tagen noch so stattlichen Gebäuden sind diejenigen, welche stehen geblieben, voller Risse und Sprünge, die Mauern haben sich teilweise gesenkt oder stehen schief, so daß man besorgen muß, auch sie werden noch nachstürzen. Wer bisher nicht geweint hat, der kann jetzt weinen. Gehen wir nach Hause. Aber wohin? Wir haben kein »zu Hause« mehr. Kaum, daß aus den Ruinen diejenigen das Haus wieder erkennen, dessen Inwohner sie gewesen. Was sie darin zurückgelassen, mögen sie lieber nicht erst suchen. Die Pracht des Reichen und die dürftige Habe des Armen hat gleiches Schicksal getroffen, was übrig geblieben, heißt Elend. Jetzt weinte in der That, wer bisher nicht geweint. Nicht drei Tage, ein ganzes Jahrhundert ist verstrichen. Die Zeit ist rückwärts geschritten, und was schon gelebt, ist zurückgekehrt in den Schoß des Ungeborenen. Durch das ganze Land zuckte der Schmerzensschrei: »Kein Pest mehr!« Die herrliche, die teure Stadt, an die es eine Lust war zu denken, welche zu besuchen man sich freute, wie man sich auf das Wiedersehen der Heimat freut, an welche jeder Patriot Hoffnungen der glücklichsten Zukunft knüpfte und die er in seiner Phantasie sich noch schöner umschuf, als sie es schon war, von wo die Nation die Initiative ihres geistigen und materiellen Aufschwunges erwartete – der Mittelpunkt des Landes, das Herz des Volkes ist nicht mehr! dahin – dahin, dahin! Die schönen Hoffnungen, die stolzen Träume, die mühseligen Anstrengungen so vieler Jahre sind zunichte gemacht, zertrümmert, die Wogen haben die Luftschlösser ebenso hinweggespült, wie die handgreiflichen Werke des Fleißes. Wochen, monatelang durchziehen Pilger alle Gegenden des Landes, die früher Bewohner Pests gewesen und nach den Tagen der Zerstörung ihre eingestürzten Behausungen verlassen hatten, in fremden Komitaten eine Unterkunft suchend. Selbst das Arbeitervolk wandert fort aus der Landeshauptstadt, es ist dort nichts mehr zu suchen; wer kann, begiebt sich zu entfernten Anverwandten; wer keine Verwandtschaft hat, geht betteln; anständige, biedere Leute sieht man von Haus zu Haus geben, Thränen entrollen ihren Augen, wenn sie um ein Almosen bitten müssen, und ihren Lippen merkt man es an, daß es ihnen noch ungewohnt ist, das bittere: vergelt's Gott! zu stammeln. O wie ein kaltes Fieber ergießt diese Krankheit sich durch alle Adern des Landes. Jedermann fühlt, jedermann beklagt den herben Verlust. Der Ungar hat nichts mehr, dessen er sich freuen kann. In jenen Tagen lag im Zinkendorfer Kastell jener Mann krank darnieder, den die Geschichte einst nur mit den Worten zu bezeichnen braucht » Er hat mehr als alle sein Vaterland geliebt ,« und jedermann wird wissen, wer gemeint ist. Schon lange vorher, als diese Ereignisse sich zutrugen, hatte er gekämpft für das Gedeihen seines Stammes, auf andern Wegen, mit andern Mitteln als diejenigen waren, deren die Großen des Landes sich bisher bedient hatten und eben deshalb mit verdoppelter Mühsal, denn er hatte anzukämpfen nicht bloß gegen seine Gegner, sondern auch gegen die eigenen Parteigenossen. Er trug Stein auf Stein zu dem großen Bau, dessen Gedanken zu entwerfen schon etwas Riesiges war, denn seine Wölbungen umspannen eine ganze Nation, und sein Name ist: geistige und materielle Wohlfahrt des ungarischen Volkes. Er war Baumeister und Handlanger in einer Person an dem Riesenwerke. Wie oft mußte er an ihm ermatten! Wie oft mußte er die Tantalusqualen empfinden, welche der strebende Geist dem Sterblichen bereitet; wie oft mit jenem bösen Dämon der Mythe zusammentreffen, der über Nacht zerstört, was den Tag über fleißige Hände gebaut. Ermattet, lebensmüde, gleichgültig lag der edle Mann auf seinem Krankenlager zwischen Tod und Genesung, als die erschütternde Kunde eintraf, Pest liege in Schutt und Trümmern. Wenn jemand der Gedanke an die Hauptstadt teuer war, so war er ihm zehnfach teuer. Andere beklagten an Pest nur die schöne Stadt, ihm war es das Fundament in dem Gebäude seines ganzen Lebens. Wer fühlte diesen Schlag so wie er? Und siehe! Auf diese Schreckenskunde, welche das ganze Land krank machte, erhob dieser eine kranke Mann sich genesen von seinem Lager. Nach dem Eintreffen einer solchen Nachricht war ihm nicht mehr erlaubt, krank darnieder zu liegen, nein! wäre er schon tot gewesen, es hätte ihm selbst im Grabe keine Ruhe gelassen und er wäre ihm entstiegen, um sein schöpferisches Losungswort hinauszurufen in die Welt: »Pest ist nicht zu Grunde gerichtet, Pest wird wieder ausblühen zu neuem Leben, zu neuer Freude! Diese Losung fand ein Echo in jeder Brust; auf Trübsal und Entmutigung folgte Opferfreudigkeit und Thatkraft; Millionen sammelten sich an aus den Opferspenden von Groß und Klein, damit für das verloren Gegangene, das uns teuer war, Neues entstehe, das uns noch teurer sei und die schmucke, jugendliche Stadt wurde noch schöner und reicher, als sie es vordem gewesen, ihre Bevölkerung nahm zu, Wohlstand und Überfluß verwischten die Spuren des Unglücks und Elends und Reihen von Palästen, die aus der Erde zu wachsen schienen, erhoben sich über den Trümmern; die rechte Hand Gottes war sichtbar an dem gesegneten Boden. Eine so wunderbare Auferstehung hat noch kein irdischer Toter gehabt, wie die Hauptstadt Ungarns. Möge die Zeit es bringen, daß Pest seinen Wohlthätern zurückzahle, was es von ihnen einst empfangen: Größe und Wohlstand. Mit einer großen Lehre hat es uns schon beschenkt durch sein Wiederaufblühen »Wer sich selbst neu zu schaffen imstande, der ist unsterblich.« Staunend, in Gedanken vertieft wandeln wir die Gassen und Quaie der aus dem Schutt neu erstandenen Stadt entlang und unserer Phantasie scheint es, als ob von den Giebeln dieser Steinkolosse, von den Fassaden dieser Paläste, aus den Laubgängen dieser Parkanlagen überall ein schwermütiges Geisterantlitz scheu auf uns herabblickte, mit dunkel beschatteten Augen, das Antlitz eines, der überall dort sein mußte, wo es galt, zu gründen, neu zu schaffen, zu beglücken, – nur er selbst kann nicht glücklich sein, nur er allein ist in Trümmer gegangen bei dem großen Werke. Wird ein Gott die zertrümmerten Stücke dieses Meisterwerkes uns je wieder zusammenfügen? 3. Die Briefe des Septemvirs. Szentirmay kam ein Jahr lang von seinem Gute nicht nach Pest; seiner Familie war auch so vieles rätselhaft geblieben an der überstürzten Abreise Zoltáns, um wieviel mehr hatte es sie befremden müssen, wenn sie nach Pest gekommen wären und ihr Liebling, ihr teuerer Pflegesohn, sie dort nicht einmal aufgesucht hätte. Rudolph mußte das vermeiden. Seine Familie durfte nicht einmal wissen, daß Zoltán nach Szentirma nicht korrespondierte. Er wußte trotzdem immer Auskunft zu geben über ihn. Er war von jedem Schritt und Tritt Zoltáns unterrichtet; jede Woche erhielt er von Pest einen Brief, dessen Handschrift ihm völlig unbekannt war, und dessen Schreiber ihn über das Befinden, die Fortschritte, die kleinen Leiden und Sorgen seines gewesenen Mündels benachrichtigte; vorausgeschickt war, daß diese Briefe im Auftrage seines hohen Chefs, des Septemvirs, geschrieben seien, da Schreiber selbst weiter nichts als ein armer juratus tabulae regiae notarius sei, Kovács mit Namen. Den Grafen überraschte allerdings manchmal der warme, teilnehmende Ton, in dem die im Auftrag geschriebenen Briefe des Juraten gehalten waren; auch schrieb er sehr viel, jedesmal vier eng beschriebene Seiten. Das war immerhin schön von einem Juraten, der auch in vier Zeilen einer derartigen, keine Accidenzen abwerfenden Kommission sich hätte entledigen können; weit mehr als über diese Teilnahme des jungen Menschen mußte er sich jedoch wundern über die ungewöhnliche Aufmerksamkeit des gnädigen Herrn Tarnaváry, für die er auch nicht unterließ, sich bei letzterem einigemale in warmen, männlichen Worten zu bedanken, bei deren Lesung dann der Septemvir nicht wußte, welche Grobheit er über Rudolph denken solle, daß Rudolph nicht bei Verstand, oder daß er mit ihm anbinden wolle? Er fürwahr hat mit keinem Wort irgend jemand den Auftrag gegeben, dem Grafen jede Woche zu schreiben. Wahrscheinlich ist's nur ein Witz, mit dem Rudolph sich dafür rächen will, daß der Septemvir auch noch nicht ein einziges Mal daran gedacht hat, ihm von Zoltán Nachricht zu geben. Nach den Trauertagen der Pester Überschwemmung erhielt Szentirmay von Kovács einen Brief, worin Zoltáns Verhalten in den Stunden der Gefahr geschildert war. Szentirmay las den Brief seiner Gattin und seiner Tochter vor, und das tief empfundene Schreiben des jungen Mannes erntete den Lohn, daß es benetzt wurde von Thränen aus den schönsten Augen. O wenn in diesem Augenblick Zoltán in ihrer Mitte hatte sein können! Nach Empfang dieses Schreibens verstrichen Wochen, Monate, ohne daß Rudolph eine neuere Mitteilung erhielt. Anfangs wartete er nur, dann fing er an ungeduldig zu werden, endlich schrieb er an Tarnaváry, er möchte doch die zarte Aufmerksamkeit, die er ihm bisher erwiesen, ihm noch fernerhin zu erweisen die Güte haben, und wenn vielleicht der Jurat Kovács zur Fortsetzung der bis jetzt von ihm besorgten Korrespondenz keine Zeit übrig haben sollte, irgend einen andern seiner unbeschäftigten Leute damit betrauen. Nun auf das hin war der Septemvir doch genötigt, seine eingefleischte Trägheit zu überwinden, er that sich Gewalt an und schrieb eigenhändig an Rudolph. Wäre dieser Brief einem Archäologen in die Hände gefallen, so hätte dieser gewiß chaldäische Runenschriften oder skandinavische Kryptographien aus ihm herausgelesen, in so excentrischer Weise waren die regellos untereinander geworfenen Buchstaben hingesetzt mit breitspuriger, widerspenstiger Feder, welche die Tinte rings herum spritzte, nach allen Seiten hin Doppelpunkte und Ausrufungzeichen oktroierend, wo sie nicht hingehörten, manches Mal schien eine ganze Zeile aus lauter » m « zu bestehen, nur hier und da ragten Kopf und Schwanz eines längeren Buchstabens ein wenig hervor, nirgends war ein Komma gesetzt, dafür desto mehr etcetera , um jedoch einen Begriff von den willkürlichen Abkürzungen zu geben, von denen der Brief wimmelt, wird es genügen, nur die ersten Zellen hierher zu setzen, welche folgendermaßen lauteten: »Lb. Fr.! hoch. Hr. Gr.! Ich w. so glkl. im L. d. J. mehr. Bfe. v. dir z. erhalten, a. d. ich ersehe, d. ein j. t. r. n. dir pr. Dil Reln macht ü. d. jg Hrn.« Lies: »Lieber Freund! hochgeborner Herr Graf! Ich war so glücklich, im Laufe dieses Jahres mehrere Briefe von dir zu erhalten, aus denen ich ersehe, daß ein juratus tabulae regiae notarius dir propria, diligentia Relationen macht über den jungen Herrn.« (Man sieht, daß man sich auf diese Weise eine Menge Buchstaben ersparen kann, und daß daher diese Art zu schreiben großen Herren, welche kein Manuskript für den Setzer zu liefern haben, nicht genug empfohlen werden kann.) »Ich weiß davon nichts, denn ich habe ihm dazu keinen Auftrag erteilt (so ging es weiter in den septemvirilischen Hieroglyphen); wenn es Kovács gethan hat, hat er es aus eigenem guten Willen gethan. Ich kann wahrlich für dergleichen Allotria mir keine eigene Kanzlei halten. Daß die erwähnten Briefe aufgehört haben, davon ist der Grund der: Kovács hat die Censur abgelegt – mit praeclarum – und hat sohin aufgehört mein Jurat zu sein, der junge Herr aber hat sich in den Kopf gesetzt, ins Ausland zu reisen und will dort ein paar Jahre bleiben; schlecht genug von ihm, daß er dich nicht selbst davon benachrichtigt hat, während du ihn auch jetzt noch in so gutem Andenken hast, nachdem er dich in eine solche Patsche gebracht. Der Prozeß steht übrigens sehr gut für dich; wenn du dich überwinden könntest, dich ein wenig zu exponieren, so könntest du ihn eklatanter gewinnen, Köcserepy seinerseits schmiedet tüchtig das Eisen; ich bin ihm schon hinter das Interesse gekommen, das er in der Sache hat: er besitzt eine Cession von jenem Narren, Zoltán hat ihm bei der Überschwemmung seine einzige Tochter gerettet. Ein verteufelter Junge das. Ich selber hatte damals beinahe eingepackt; seitdem trinke ich keinen Rostopschin mehr. Freund, das war dir eine furchtbare Geschichte! doch du wirst's ja in den Zeitungen gelesen haben. Zoltán bekam ich drei Tage lang nicht zu Gesichte, er war immer an Nikolaus' Seite; wird auch so ein verteufelter Kerl werden, wie der; dem kann auch nichts etwas anhaben. Der ich im übrigen verbleibe dein aufrichtiger Freund und ergebener Diener Tarnaváry. P. S. Hätte beinahe vergessen, daß Kovács nach abgelegter Censur nach Hause gereist ist zu seinen Eltern, von wo der junge Herr ihn zu sich berufen hat als Reisebegleiter, er wird dir gewiß Nachricht geben. N. B. Deine Briefe hab ich verbrannt; wenn sie in die Hände deiner Gegner fielen, könnten dir Ungelegenheiten daraus entstehen, ich selber bin mit Auskultanten umgeben, dieser Köcserepy hat seine Augen überall.« Der wackere Herr hatte noch ein Postskript angefangen, aber wieder ausgestrichen, sich für diesmal begnügend, damit einen Beweis gegeben zu haben, wie lästig es ihm falle, früher darüber nachdenken zu sollen, was er niederschreiben wird. Sonst pflegte er jeden Brief damit zu schließen, daß er schon nicht mehr schreiben könne, weil er mit dem Papier zu Ende sei, oder weil die Post schon abgehe und er sich Ausführlicheres für den nächsten Brief vorbehalte, und was dergleichen unnütze Entschuldigungen mehr sind, wie sie den faulen Briefschreibern geläufig. Rudolph erfuhr daraus soviel, daß Zoltán in der großen Welt herumreise, in Begleitung eines jungen Mannes, der ihm (dem Grafen) völlig unbekannt war. Er suchte die Briefe des Juraten hervor und suchte aus ihrem Inhalte sowohl, als auch aus den Zügen der Handschrift den Charakter des Schreibers zu ergründen. Diese sauber, aber mit männlicher Festigkeit hingeworfenen Schriftzüge deuten auf einen offenen Charakter hin, die Einfachheit der großen Anfangsbuchstaben auf liberale Grundsätze, in der zarteren Federführung, so oft Zoltáns Name vorkommt, verrät sich die Liebe zu dem jungen Zögling und in der unverschnörkelten Unterschrift giebt sich die von jeder Selbstüberschätzung freie Bescheidenheit des ernsten, nüchternen Mannes zu erkennen. Das alles können trügerische Kriterien sein, allein der denkende Kopf weiß auch aus den geringfügigsten Dingen tiefen Geheimnissen auf die Spur zu kommen. Rudolph kehrte oft zu diesem Gedanken zurück und fand stets Beruhigung darin. Für die Zukunft eines jungen Gemütes ist die erste Zuneigung, die erste Liebe von großem Einflusse. Ich denke dabei an gesunde Gemüter: für den Kretin giebt es keine Sympathie, keine Liebe. Rudolph war überzeugt, daß er nach diesem mühsam im Schweiß seines Angesichtes geschriebenen Briefe Tarnavárys eine Ewigkeit werde warten können, bis er einen zweiten Brief erhält. Wie groß war daher sein Erstaunen, als, ehe noch kaum ein paar Wochen verstrichen waren, neuerdings die unverhofften lieben Hieroglyphen sich einstellten, aus denen man die Adresse auf der Pester Post zwar nicht herauslesen konnte, da jedoch soviel zu entziffern war, daß der Brief nach Szentirma bestimmt sei, so hatte man ihn auf gut Glück abgeschickt, hoffend, daß derjenige, dem er gehört, sich schon dazu melden werde. Rudolph wischte bebend den Streusand weg, der nicht schon früher bei Eröffnung des Briefes herausgefallen war, denn der Septemvir pflegte so verschwenderisch mit dem Streusandfaß umzugehen, daß Graf Széchenyi seine Briefe, wenn er deren erhielt, in der Regel, bevor er sie las, zum Kammerdiener hinausschickte, um sie ausbürsten zu lassen Der edle Graf hatte bekanntlich gegen Streusand eine große Antipathie, so daß er nicht nur für seine Person sich desselben nie bediente, sondern auch diejenigen, welche für ihn Abschriften, Übersetzungen u. dergl. zu besorgen hatten, ersuchte, dieselben doch ja nicht zu bestreuen. Anm. des Übersetzers . . Seine Hieroglyphen hatten auch darin Ähnlichkeit mit den ägyptischen, daß man beide erst aus dem Sande ausgraben mußte. Der Brief war so eng geschrieben. daß auch die Ränder nach der Quere und Breite noch vollgeschrieben waren und man Mühe hatte, Anfang und Ende des Briefes herauszufinden, der jenen Mänteln Johann Calvins glich, auf dem die zehn Gebote und die Glaubensartikel geschrieben stehen Von unsern Lesern werden sich manche noch der einst üblichen Bilder erinnern, auf denen nur das Gesicht der großen Reformatoren gezeichnet war, während die Konturen des Anzugs und Faltenwurfes aus einer einzigen langen Schriftzeile bestanden, welche die fundamentalen Glaubenssätze enthielt; in früherer Zeit konnte man diese charakteristischen Bilder in Ungarn fast in jedem protestantischen Hause antreffen. Anm. d. Verf. . Nachdem der Chiffernschlüssel gefunden war, las Rudolph, allerdings nicht ohne Kopfzerbrechen, ungefähr Folgendes heraus: »Lb. Fr. Hochg. Hr. Gf. Mitten unter den zahllosen Geschäften, mit denen ich überhäuft bin (»und die ich nie beende«, hätte er in Parenthesen hinzusetzen können), nehme ich mir die Mühe, diesen Brief an dich zu schreiben. Du weißt aber, wie wenig das Briefschreiben meine Sache ist, so daß ich imstande bin, wenn ich jemand eine Nachricht zu geben habe, lieber zu Fuß hinzulaufen, als mich hinzusetzen und sie niederzuschreiben. Frater Zoltán hält sich in Deutschland auf, ich habe von ihm zwei, von Kovács drei Briefe erhalten. Was Zoltán schreibt, habe ich nicht recht verstanden, es ist mir zu hoch; aber aus Kovácsens Briefen entnehme ich Folgendes. Der Junge – zu welchem Kuckuck, das wissen die Götter – ist in Berlin in den philosophischen Kurs eingetreten und hat dieser Tage das Doktorat abgelegt; er hat mir auch einen ganzen Pack gedruckter Dissertationen geschickt, ich hab ihn gar nicht aufgemacht und sende ihn dir, wie er ist; laß ihn im Familienarchiv hinterlegen. Umsonst; jeder Karpáthi hat nun einmal seinen Sporn, Herr János hatte in diesem Alter schon Mädchen entführt, Abellino aber schon mit dreierlei Schuldengefängnissen Bekanntschaft gemacht: dieser Blitzjunge macht das Doktorat, alle Wetter! was soll das einem Menschen, der jährlich eine halbe Million auszugeben hat? Einer seiner Vorfahren hatte sich in den Kopf gesetzt, in Karpátfalva ein Kollegium zu bauen, als ob es ihn geschwant hätte, einer seiner Enkel werde einmal ein Professor werden, um dort den Fröschen und Schilfmusen Prälektionen zu halten. Wenn der alte Nabob das wüßte, er würde sich noch im Grabe umdrehen; er, der nicht einmal die Syntax absolviert hat und dem alles verhaßt war, was Doktor tituliert wird, bis auf den Viehdoktor herab. Der Bursche ist kaum noch vierzehn Jahre vorüber, in dem Alter sollte er noch Ball spielen; als ich vierzehn Jahre alt war, wie oft bin ich da noch durchgebläut worden, weil ich meine Lektion nicht lernen wollte, und doch habe ich jetzt das corpus juris im kleinen Finger. Das taugt nichts, diese Frühreife, so einer nützt sich um so schneller ab. Meine Bengel wissen keiner noch, auf welchem Baume die Bücher wachsen, und doch ist der eine Schlingel schon elf Jahre alt, deshalb aber wette ich doch, daß sie noch einmal als Staatsmänner glänzen werden. Ich hab auch dem Herrn Vetter geschrieben, mich in Zukunft mit derlei Narreteien zu verschonen; er soll trachten, je eher fortzukommen aus dem gelehrten Deutschland und nach Paris gehen; dort sei es seine erste Sorge, irgend eine schöne Grisette aufzusuchen, oder so was dergleichen; die wird ihn dann schon in die Sitten der feinen Welt einführen, nur davor soll er sich in acht nehmen, daß er unter diesen französischen Windbeuteln sich nicht in ein Duell verwickelt; wenn ihn jemand herausfordert, so antworte er: mit Vergnügen, aber ich schlage mich nur mit der Faust ! Das ist nicht gefährlich, und da fürchte ich für den Bengel nicht, seine Fäuste sind kräftig genug, wenn er anders nicht herabgekommen ist durch das Doktorat und die preußische Kost. Doch ich bin schon zu Ende mit meinem Papier und schließe daher meinen Brief, indem ich verbleibe etc. P. S. (An den Rändern des Briefes.) Köcserepy ist ein Teufelskerl! Er hat dem Advokaten deiner Gegenpartei, Maßlaczky, hübsch aufgezäumt; wie ich bemerke, hat er ihm Hoffnung gemacht, daß er ihm seine Tochter geben werde. Ist er nicht ein halber Narr? Und der andere ist der ganze Narr, es zu glauben und setzt Erde und Himmel in Bewegung gegen dich und gegen Zoltán. Ich wundere mich nur, daß der Donnerkeil, der an so vielen Orten einschlagt, diesen Menschen nicht zu treffen weiß. Ergebenst T.« Rudolph fühlte sich ganz erheitert durch den originellen, in wildem Humor geschriebenen Brief des Septemvirs, der nach Art roher Kraftnaturen nur bei der ersten Erscheinung etwas Abstoßendes hat, bei längerer Bekanntschaft aber uns einen Einblick gewährt in das lauterste, kerngesunde Herz. Der fragliche Prozeß beunruhigte Rudolph nicht mehr; der Einfluß Köcserepys fand ein hinlängliches Gegengewicht an Tarnavárys hartnäckiger Festigkeit: davon, daß Abellino Karpáthi durch diesen Prozeß Zoltán schaden könne, konnte nicht mehr die Rede sein und an die Unannehmlichkeiten, die ihm für seine Person daraus erwuchsen, hatte Rudolph sich schon gewöhnt. Er antwortete sogleich dem Septemvir und dankte ihm für seine freundschaftliche Aufmerksamkeit. Kaum waren einige Monate verstrichen, als er einen neuen Brief von ihm erhielt. Es scheint, der Septemvir fängt an, Vergnügen zu finden am Briefschreiben, das durch die Absonderlichkeit des Gegenstandes immer mehr Interesse für ihn gewinnt. »Lber Frd etc. Ich komme gar nicht heraus aus der Verwunderung. Zoltán verfällt von einer Narrheit in die andere. Statt meinem klugen Rat zu folgen und geradeswegs nach Paris zu gehen, reist er nach Genua, schifft sich dort ein und schreibt mir von Bord des Schiffes poetische Tiraden übers Meer, wie schön das Meer, wie das prächtig sei, so ein Seesturm, welche Unterhaltung es gewähre, im Heulen des Orkans sich anzuklammern im Takelwerk u. s. w. Und das mir , der ich einen Abscheu habe vor dem Meer und allen Gewässern, welcherlei Namen sie führen mögen, der ich über kein Wasser setze, außer auf einer stehenden Brücke, und mich auf kein Dampfboot setzen würde, wenn Széchenyi selber der Steuermann wäre, und wenn jedes Haar auf meinem Kopfe versichert wäre bei drei Assekuranzgesellschaften. Dann bittet er um die Erlaubnis, die Hafenstädte des Littorales besuchen zu dürfen, sehr weise auseinander setzend, wie not es dem Ungar thue, sich vertraut zu machen mit dem Meer, wie herrlich es wäre, wenn ungarische Jünglinge sich zu Seeleuten heranbilden würden, und welche Lust er hätte, hierin anderen mit gutem Beispiel voranzugehen. Nun, der soll mir nur heimkommen. Also deshalb haben wir dich erzogen zu einem rechtschaffenen, vernünftigen Menschen, um dich von den Walfischen speisen zu lassen, deshalb hast du zweiundvierzigtausend Joch Grundbesitz in der fruchtbarsten Gegend des Landes, um auf schwimmenden Brettern im Salzwasser herum zu kutschieren? Ich geriet in solche Wut, daß mein ältester Sohn heute noch von der Ohrfeige zu erzählen weiß, die er zufällig statt Zoltán von mir erwischte. Ich habe sogleich eine Stafette dem Bengel nachgeschickt, er soll augenblicklich von dem Bretterkasten ans Land steigen, denn ich lasse ihn sonst in Eisen zurückbringen, ich bin dem ganzen Komitat verantwortlich für sein Leben, wenn er zufällig Schiffbruch leidet, so ist das Wasser aller Meere nicht imstande, mich von dem Verdacht rein zu waschen, daß ich seinen Gegnern zu Liebe ihn umgebracht. Per se ist der Brief ihm nicht zugekommen; in meiner Rage hatte ich ganz übersehen, daß es im Meer weder Poststationen noch Gasthöfe giebt; von da an volle zwei Monate hörte ich kein Sterbenswörtchen von ihm. Du kannst dir denken, welche Angst ich in der Zeit ausgestanden. Wo treibt er sich herum, was kann alles mit ihm geschehen sein? Ist das Schiff nicht mit ihm untergegangen? Hat es ihn nicht an irgend einer öden Insel ausgeworfen, wie Robinson? Wie, wenn sie sich auf dem Meere verirrt haben, wenn ihnen die Lebensmittel ausgegangen sind und sie jetzt ihre Stiefeln kochen und, wenn diese alle sind, zuletzt sich selber auffressen? Oder wenn irgend ein tunesischer Seeräuber sie gekapert und fortgeschleppt und ihn verkauft hat an einen Mohrenfürsten? Damit wäre ihm eigentlich nur recht geschehen. Zwei volle Monate mußte ich solche Höllenqualen ausstehen, da erhalte ich einen Brief aus Calais. Der Henker weiß, wie er dahin gekommen. Nun, daß er nur da ist, der Blitzjunge; ich war wirklich schon besorgt, daß ich einen von meinen Buben statt seiner werde hergeben müssen, wenn er zu Grunde geht. Hab ihn aber auch gehörig heruntergescholten in meinem Brief, den er sich sicherlich nicht auf den Hut stecken wird: das Meer schickt sich nicht für den Ungar, der Engländer selbst würde sich nicht darauf begeben, wenn er nur Platz hätte auf dem festen Lande, aber dort sitzen sie einer über dem andern, wie die Feigenblätter, wir aber sehen von einem Turm nicht bis zum andern, was zum Henker haben wir also auf dem Wasser zu suchen? Nun, endlich erhalte ich doch einen Brief aus Paris. Hier, dachte ich mir, wird er doch einmal zur Raison kommen: wenn er von allem Schönen und Guten, das sein Onkel Abellino dort mit Löffeln gefressen, nur den zehnten Teil genießt, so wird er genug daran haben, um sich auszutoben, wie jeder junge Mensch sich austoben muß, je früher, desto besser. Ich erbrach auch seinen Brief mit der Überzeugung, daß er mich darin um Geld bitten wird; Theater, Unterhaltungen kosten viel in dieser teuern Stadt, und es schickt sich auch für einen ungarischen Magnaten, wenn er sich einmal sehen läßt, der großthuenden Welt zu zeigen, daß wir hier in Ungarn nicht von Kürbißkernen leben. Kein Wort davon! Mein Zoltán, statt sich in standesgemäße Klubs einführen zu lassen, sucht über Hals und Kopf die Bekanntschaft auf von schäbigen Gelehrten, lumpigem Komödiantengesindel, winselnden Poeten und andern dergleichen Landstreichern, bringt unter ihnen seine Zeit zu, soupiert mit ihnen, verschwendet an sie sein Talent. Er schrieb mir einen ganzen Stoß unaussprechlicher Namen zusammen und will mich damit breitschlagen, daß er bei jedem hinzusetzt, der ist so und der ist so berühmt. Könnt ich nur unter sie fahren, ich weiß, sie würden noch berühmter werden. Diese Leute haben Zoltán ganz den Kopf verdreht. Sogar ein Theaterstück hat er geschrieben, zu dem Viktor Hugo (wenn ich nur wüßte, welcher sein Taufname ist) gesagt haben soll, es sei ganz ein Werk im Geiste der romantischen Schule. Ja, einmal vergaß er sich soweit, in einer Gesellschaft von Striblern und geldhungerigen Leuten ( i. e. Komödianten) in verschiedenen Sprachen zu deklamieren, welche jene nicht kannten, und einstimmig die ungarische für die wohlklingendste von allen erklärten. Nun, das will ich glauben, daß ihnen die ungarische am besten gefiel, aber doch ist's schrecklich, daß der Sprößling eines ungarischen Magnaten in öffentlichen Soireen sich hinstellt vor die Leute und herumficht und lärmt zu ihrer Unterhaltung, wie die Tiroler Sänger in den Pester Kaffeehäusern. Wenn man nur hier nichts davon erfährt, ich würde in die Erde versinken vor Scham. In meinem Zorn wollte ich ihm schreiben, daß ich ihm, wenn er sich nicht anständiger aufführt da draußen, kein Geld mehr schicken werde; aber am Schluß des Briefes ist er mir zuvorgekommen, denn er schreibt, ich möchte mich nicht bemühen, ihm Geld zu schicken; mit dem, was er mitgenommen, könne er noch für zwei Jahre ausreichen. Pfui! Schickt sich das für einen ungarischen Magnaten, eine solche Knauserei? Besonders im Ausland, wo man gleich denken wird, er sei ein armer Schlucker. Nun, ich möchte nicht, daß amice Maßlaczky einen dieser Briefe in die Hände bekäme, denn damit könnte er vor der ganzen Welt beweisen, daß Zoltán nicht der Sohn seines Vaters. In seinem letzten Briefe spielt er darauf an, daß er heute oder morgen Paris verlassen und nach England hinüber will. Ich möchte wissen, was er dort für neue Wunder aushecken wird zu meinem Ärger; denn ohne das wird's nicht abgehen. In Deutschland hat er sich bis zu den Achseln in die Wissenschaften vertieft, in Genua bis an den Hals ins Meer, in Paris bis über die Ohren in die Poesie; jetzt ist in England noch Teer und Sirup übrig, da, weiß ich, wird schon gar nichts mehr von ihm herausgucken. Mit dem nächsten Eilwagen erhältst du das fragliche Theaterstück, wenn eine Komödiantentruppe sich zu euch verirrt, kannst du es aufführen lassen im Karpáthfalver Theater. Warum lebt der alte Herr János nicht mehr, um sich's ansehen zu können! Beigelegt ist auch noch ein Bündel Gedichte, die der junge Herr Zoltán aus dem Französischen übersetzt hat von einem gewissen Berengar (oder vielleicht Beranger?), der eben auch was Rechtes sein muß, denn Zoltán schreibt von ihm, daß er auch eingesperrt war. Davon hätte er besser gethan zu schweigen. Binnen kurzem kannst du einen neuen Brief von mir erwarten, auch bis dahin verbleibe ich u. s. w. Tarnaváry.« Rudolph lachte beim Lesen dieses Briefes nach Herzenslust. War es der originelle Gesichtspunkt, von dem aus der wackere, urwüchsige, widerhaarige Patriot, der in keiner Brühe weich zu kochen, die Dinge ansieht, worüber er lachte, oder that er es in der Freude darüber, daß er Zoltán in einer edeln, über das Gemeine erhabenen Richtung einherschreiten sieht? Alles, was er thut, was er fühlt, ist die Manifestation eines überströmenden, reichen, jugendlichen Gemütes; seine Wißbegierde, dieser Ehrgeiz, der Drang, zu nützen, das kühne Aufsuchen von Gefahren, der poetische, schwärmerische Hang – das alles sind die schönsten Zierden eines hochherzigen Jünglings, der dazu berufen, von seinen Kindesjahren an männlicher Vollkommenheit als seinem Ideale nachzujagen. In der That, dazu wollte er ihn erziehen; er hätte sich wundern müssen, wenn er sich anders ausgewachsen hätte und es war für ihn die erste Genugthuung, die er vom Schicksal erhielt, daß der Jüngling, sich allein in der Welt überlassen, das geblieben, wozu er ihn erzogen hatte. Der Septemvir hielt, was er versprochen. Der Brief, den er bald darauf sandte, war länger, als alle früheren. »Lieber Freund u. s. w. Mit Teer und Sirup habe ich meinen letzten Brief geschlossen und mit Teer und Sirup fange ich diesen an. Betrachte mich als einen, der nicht länger mehr Septemvir bleibt, sondern Zucker sieden wird; auch du wirst nicht länger Obergespan sein, sondern dich auf die Tuchweberei verlegen, Zoltán wird, sobald er nach Hause kommt, für einen von uns eine Zuckerfabrik anlegen, bei der er mich anstellt und daneben eine Tuchfabrik, über die wirst du gesetzt, für sich selbst errichtet er eine ungeheuere Schmiedewerkstätte, dort wird eine Unzahl von Schaufeln, Sensen, Federmessern und Dampfmaschinen verfertigt werden. Darin wird künftighin der Beruf des Ungars bestehen. Die vielen Advokaten, Táblabirós, die vielen verschnürten Helden, die hochansehnlichen Stände werden alle, die einen spinnen, die andern weben, noch andere Hufnägel schmieden lernen und die löblichen Status et Ordines werden von einem Dorf zum andern Seidenfäden spinnen, daß es eine Freude sein wird; in den Schulen wird man hinfort nicht Syntax und Grammatik, Metaphysik und Mythologie lehren, sondern man wird die vertrackten Schlingel darin unterrichten, Porzellan zu machen, Indigo zu sieden und die Szürs ihrer Eltern eigenhändig grün oder blau zu färben. So eine Welt wird das werden, wenn Zoltán einmal da ist. Was bisher mit dem Jungen vorgegangen, war noch alles Spaß. Bisher war er nur in Versen verrückt, jetzt ist er's auch in Prosa. Er hat sich in England so mit Reformen vollgefressen, daß er, wenn's bei ihm stünde, jeden von uns vom Kopf bis zur Zehe neu equipieren würde, selbst die Hörner unserer Ochsen müßten eine andere Gestalt annehmen. Was das dort für eine Glückseligkeit ist, wie reich die Nation ist, wie groß der Kredit, wie riesenhaft die Industrie, welche Menge neuer Erfindungen, welcher Verkehr und rascher Aufschwung, (Ich begreife wahrlich nicht, warum wir noch hier im Lande bleiben und nicht allesamt dahin auswandern!) Er schreckt uns damit, wenn er nur wieder daheim sei, werde er uns schon zeigen, wie man durch Fleiß und Wissen den Nationalwohlstand verzehnfachen könne. Hoho, nicht so eilig, Brüderchen! Laß uns in Ruhe mit deinem England. Hier bei uns werfen wir freilich nicht mit Millionen herum, und sehen den schon groß an, der in Konventionsmünze spricht; dafür sterben aber auch bei uns die Menschen nicht zu Hunderten und Tausenden vor Hunger, und wenn wir auch keinen Kredit haben, so haben wir auch keine Schulden, wie dein England, daß man dreimal ringsherum belegen könnte mit den Thalern, die es nicht imstande ist zu zahlen. * * * Wenn der Himmel meinen lieben Pflegesohn groß werden läßt, so werden wir noch Wunder an ihm erleben. Bis jetzt nahm ich die Sache nur scherzhaft, jetzt aber sehe ich, daß er uns ernsthaft bedroht. Sein letzter Brief war aus London datiert; ich würde dir ihn schicken, aber ich will ihn mir aufbewahren, als ein Kuriosum. Die Hauptstellen schreibe ich dir heraus, zugleich mit dem nötigen Kommentar. Der Brief fängt so an: ›Nach den Worten der heiligen Schrift ist's leichter, daß ein Kameel durch ein Nadelöhr gehe, als daß ein Reicher ins Himmelreich komme.‹ (– Hier bemerkt er in Paranthesen, daß die alten Übersetzer aus dem Hebräischen fehlerhaft statt Schiffstau Kameel übersetzt haben; – wo zum Henker hat der Bursche jüdisch gelernt?) ›Ein trauriger Urteilsspruch für die Reichen! Die Logik der Bibelstelle ist, daß die Reichen viel mehr Gelegenheit und Mittel haben, zu sündigen. Ihre Leidenschaften machen das Volk mit der Sittenverderbnis bekannt, ihr Geld lockt die Tugend auf den Markt; auf dem Markt, wo die Unschuld feilgeboten wird, sind sie die einzigen Konsumenten; ihr sinnloser Luxus entzieht den Bestrebungen zur Vervollkommnung, zur Hebung der Nation die besseren Lebenssäfte; ihre Gleichgültigkeit wälzt sich wie ein Eisberg, wie eine kalte Schneewolke zwischen Himmel und Erde und bringt die wärmer schlagenden Herzen zur Verzweiflung, die ohne sie vergeblich ringen nach allem Großen und Schönen; ihr Ehrgeiz, ihre Zwistigkeiten stiften Unheil und Verderben, und für alles, was sie begehen mögen, erreicht sie keine Strafe hier auf Erden. Darum können sie auch nicht ins Himmelreich gelangen.‹ (Bis hierher war das eine ziemlich strenge Strafpredigt; aber die Absolution kommt gleich nach.) ›Jener große Geist, der dies strenge Urteil über die Reichen gefällt, welche Freude muß er nicht empfinden dort im Himmel, wenn er während der letzten Jahre von da herabblickt auf unsere kleine Erde und auf unser kleines Stück Land auf dieser kleinen Erde und sieht, wie der größte Teil unserer Mächtigen gleich einem dünnen Seidenfaden durchs Nadelöhr geht, wie sie bemüht sind, die tiefen Wunden, welche die Hand des Herrn unserm Vaterland und unserer Gesellschaft geschlagen, mit ihren Opfergaben zu verdecken, und sich ein zwiefaches Himmelreich zu erwerben, das eine als Menschenfreunde, das andere als gute Patrioten. O erst jetzt fühle ich, welche süße Pflicht der Herr demjenigen auferlegt, dem er Reichtum giebt; er kann an einem Tage soviel Gutes thun, wie ein anderer in seinem ganzen Leben; woran ganze Generationen sich vergeblich abgemüht, das braucht er nur zu denken, zu wollen – und es kommt zustande; er kann seine Nation glücklich, groß, gebildet machen und selbst ins Himmelreich hält er nicht allein seinen Einzug, er nimmt auch dorthin noch Tausende mit sich. O des edeln, erhabenen Berufes, reich und mächtig zu sein! Wenn ich zurückkehre in mein geliebtes Vaterland, so gelobe ich bei Gott, daß ich nicht der letzte sein werde in der Erfüllung dieses Berufes. Erst jetzt sehe ich, wie arm wir sind daheim und wie reich wir sein könnten. Andere Nationen haben welterleuchtende Geister; auch wir hätten deren genug, aber sie sind in Dunkelheit vergraben; wir werden sie aufsuchen, sie aufrichten, damit sie uns neuen Glanz, neue Größe leihen und uns mit sich emporheben. Andere Nationen haben großartige Monumente; auch bei uns giebt es Männer, welche solche verdienen würden; es ist unsere Pflicht, sie der Vergessenheit zu entreißen. Andere Nationen blühen durch Künste und Wissenschaft, Industrie, Reichtum und Macht, und fehlt es der unserigen denn an natürlicher Begabung, an Fleiß, Fülle und Kraft, um sich alles das zu erwerben? Nur einen Führer braucht sie. Ich habe mich nie darüber gefreut, daß mich das Schicksal reich und vornehm geboren werden ließ, jetzt freue ich mich dessen. England ist eine gute Schule für den, der lernen will und zu lernen weiß. Wenn ich den ganzen Tag durch Londons Straßen gewandert bin, des Morgens beginnend mit den Industrieniederlagen und den Abend beschließend im Drurylane-Theater oder in den Nachtsitzungen des Parlamentes und dann nach Hause gekehrt, meine Lampe auslösche und die Augen schließe, dann sehe ich vor mir – Pest. Als ich es verließ, war es eine zusammengestürzte, entvölkerte Ruine; guter Gott, was kann es nicht werden, wenn wir nur zwanzig Jahre unermüdlich daran fortbauen. Ich sehe vor mir die Reihen von Palästen, die sich mit ihren glänzenden Fensterreihen in den Wellen der Donau spiegeln. Jeder ungarische Magnat hat sich ein Haus hingebaut in der Hauptstadt der Nation, um mit seinen Vergnügungen, seinem Glanz, die er sonst anders wohin trug, dort einzukehren; dort wieder wogt das Volk zu hohen Säulenhallen, welche für große, zahlreich besuchte Institute errichtet wurden; das Auge des Fremden fesseln unsere Nationalmuseen, in deren Sälen die wertvollen Kleinodien unserer Vergangenheit zusammengetragen sind; er wandelt befriedigt durch die Wölbungen unserer luftigen Bazare, wo die reiche Auswahl vaterländischer Boden- und Gewerbeerzeugnisse unsern Fortschritt bekundet, und mag immerhin einen Blick in das Innere unserer öffentlichen Anstalten werfen; unsere Hochschulen, Theater, öffentlichen Gebäude werden ein vergleichendes Urteil nicht zu scheuen haben, und alles, was er sieht, wird ihn hinreißen, so daß, wenn er Pest mit seinen schattigen Promenaden, seinen kühlen Springbrunnen wieder verlassen muß, ihm das Herz weh thun und er noch immer zurückblicken wird, wenn auch schon die Nebel der Dämmerung die Stadt seinen Blicken entziehen und nur der Glanz von tausend und abertausend Lampen ihm noch die Stelle zeigt, wo ein Stück gestirnter Himmel sich herniedergelassen auf die Erde.‹ (– – Notabene : gestern nachts um elf Uhr warf mein Wagen um in der Göttergasse, die Straßenlampen waren schon ausgegangen und mitten aus der Gasse gerieten wir auf einen Haufen Mauerschutt. Ich hatte gewünscht, Zoltán hätte an meiner Seite sitzen können, als er von allen diesen Herrlichkeiten mit geschlossenen Augen träumte.) ›Und damit keine Kluft mehr die beiden Schwesterstädte trenne, wird dort, wie es jetzt erst in der Zeichnung zu sehen, als achtes Weltwunder, die Kettenbrücke sich erheben, ein Ufer mit dem andern verbindend, als ob Giganten zu ihrem Meisterwerk sie aufgeführt hätten!‹ (– – Hier bleiben wir noch auf ein Wort stehen. Von diesem Wunderding habe ich auch Széchenyi schon sprechen gehört, und muß daher ein Wort darüber fallen lassen: fürs erste, weil ich's nicht verstehe, fürs zweite, weil ich nicht daran glaube, und zum dritten und tausendstenmale, weil ich's nicht brauche; nein und wieder nein. Wenn es auch möglich wäre, daß jemals ein solches Monstrum zustande käme, so will ich mir den Fuß brechen, wenn ich je darüber gehe und mich der Gefahr aussetze, als alter Edelmann von irgend einem Mauteinnehmer am Rock festgehalten zu werden und dort aus meiner Tasche einen Kreuzer hervorsuchen zu müssen, wie ein armer reisender Handwerksbursche, und am andern Ende der Brücke mir einen Zettel abverlangen zu lassen, wie ein pfundsohliger, schmieriger Bauer. Lieber lasse ich mich in einem Kahn übersetzen! trotzdem, daß ich vor nichts so große Scheu habe, wie vor dem Wasser, und nie ein Schiff bestiegen habe; aber ich setze mich in einen Kahn und fahre hinüber, denn ich fürchte mich weder vor der Donau, noch vor dem Meer so sehr, wie vor dem Gedanken, daß ich oder mein Wagen in der gehörigen Mitte Ungarns angehalten werde wegen ein, zwei lumpiger Kreuzer.) 4. Der Märtyrer des Gebens. Zwei Jahre waren zwischen dem Datum dieser Briefe verstrichen und diese zwei Jahre hatten die Welt hier in Ungarn ein gutes Stück von ihrem alten Fleck, gleichviel, ob nach vorwärts oder rückwärts, weiter gerückt. Ich fühle nicht den geringsten Beruf in mir, ein Urteil zu fällen über die Kämpfe jener Zeiten, als zwei starke Parteien miteinander um die Herrschaft stritten; lieber befolge ich das Beispiel unseres Chronisten Georg Lißnay, der es für gut fand, über die Vorfälle nach König Mathias der Kürze wegen kein Wort zu verlieren. Wir alle werden uns noch jener bewegten Zeiten erinnern, als die privilegierte Klasse der Nation, durchdrungen von einem rühmlichen Streben nach Regierungseinfluß, in und außerhalb der Komitatskongregationen sich das Leben durch leidenschaftlich geführte Parteikämpfe verbitterte, und jede, wie immer benamste Partei mit unerschöpflichem, erfinderischem Eifer Führer und Troß anwarb. Welcher Jubel war das, wenn es gelungen war, einen oder den andern berühmten Parteiführer in das andere Lager herüberzuziehen; mit wieviel Opfern war ein solches Ereignis verbunden, und welche Kraftanstrengung, wieviel Geld und Arbeit ließ man es sich kosten, um die entstandene Lücke auszufüllen, die verlorene Schlacht von neuem zu beginnen und das abtrünnig gewordene Komitat wieder zu erobern. Von alledem hat nur die ältere Generation noch einen Begriff, der heutigen Welt sind diese Zustände schon so in die Ferne gerückt, wie die Zeiten der Heroen, Ritter und Troubadoure und andere an die Dichtung streifende Gestalten der historischen Vergangenheit. Damals wunderte sich niemand darüber, daß in einem durch seine liberale Gesinnung berühmten Komitat der einzige Sprößling einer hervorragenden, reichen Familie im Alter von sechzehn Jahren majorenn gesprochen wurde. Dieser kaum erst sechzehnjährige Jüngling war Zoltán Karpáthi. Auf seinen eigenen Wunsch warfen die ersten Celebritäten der Gegend ihr Gewicht in die Wagschale, um den hoffnungsvollen Jüngling von der vormundschaftlichen Aufsicht zu befreien und ihn zum Herrn seines Geschicks zu machen. Es sprachen dafür hinlängliche Motive. Der junge Mensch hatte zwei Weltteile bereist und das Ergebnis lag dort auf dem öffentlichen Beratungstisch in einem zweibändigen Reisetagebuch, aus dessen Zeilen man eine neuartige Auffassung der Dinge, eine nationale Richtung, eine hochstrebende Seele herauslesen konnte. So kann man nur mit gereiftem Urteil schreiben, wer so zu denken imstande ist, der verdient in der That, daß man ihm den Freibrief des Mannes ausstelle. Die mächtigste Triebfeder des zu seinen Gunsten entwickelten Eifers war jedoch, daß die Fortschrittspartei darauf rechnete, sich in ihm einen gewaltigen Kämpen zu erziehen, welche Partei damals am Komitatsruder saß und im Geiste schon mit geheimer Freude jenen Stuhl am großen grünen Tisch nach links gerückt sah, auf dem der greise Nabob so viele Jahre hindurch rechts gesessen. Die Alten kratzten sich den Kopf bei der durchgesetzten Majorennsprechung, während die junge Generation ihr ein um so lauteres Éljen zujubelte. Keiner aber schrie so aus voller Brust das Éljen (oder eigentlich Vivat), wie unser spectabilis dominus Maßlaczky. Vivat! Vivat! Viktoria! ließ sich in einem Nebengäßchen des Michaelerthores, in der engen Stiege eines schmalen, stockhohen Hauses eine bekannte feine Stimme vernehmen, als deren Eigentümer wir sogleich Herrn Maßlaczky erkennen. Das Michaelerthor befindet sich in Preßburg, weshalb denn auch niemand das einstöckige Haus in Pest suchen möge, in dem Herr Maßlaczky schon auf der Treppe diesen Siegesgesang anstimmt. Er war ganz im Reiseanzuge, wie er eben vom Dampfschiffe ausgestiegen und seinen Reisesack unter dein Arm haltend, eilte die Treppe hinauf, wie einer, der sich hier in allen Winkeln auskennt. Das erwähnte Haus war nicht für fürstliche Einwohner gebaut, es hatte keine Portierloge, keine Vorzimmer, keine breiten Treppen, und wenn dort ein ungarischer Magnat sich einquartierte, mußte sein Diener auf dem Gang antichambrieren, wie dies jetzt mit Abellinos William der Fall ist, der eigentlich nicht William heißt, sondern Ferko, und dem es viel angenehmer wäre, seinen rückständigen Lohn ausgezahlt zu erhalten, als mit einem englischen Namen gerufen zu werden. – Viktoria, Freund William, Viktoria! rief ihm der Fiskal zu, als er des herumlungernden Lümmels gewahr wurde, und winkte ihm vertraulich mit der Hand zu, was dieser damit erwidern will, daß er dem Herrn Fiskal gleichfalls seine Hand hinreicht, der jedoch dies Mißverständnis übel aufnimmt. – Ist dein gnädiger Herr zu Hause? – Ja, er ist zu Haus, antwortete der Bediente im Tone unendlich verächtlichen Mitleides und gab Herrn Maßlaczky achselzuckend zu verstehen, er möge hineingehen, wenn's ihm Vergnügen macht. Eine Anmeldung lohnt sich nicht erst der Mühe. Maßlaczky trat mit strahlendem Gesicht in das Zimmer, in welchem der Eintretende vor allem sein Augenlicht in acht zu nehmen hat, denn die Fenster sind mit purpurroten Gardinen verhängt, und sowie die Sonne hereinscheint, glaubt man erblinden zu müssen in dem Zimmer, in welchem! jeder Gegenstand rot erscheint. Nachdem der Fiskal einigermaßen von dem roten Lichtreflex sich erholt hat, nimmt er mit großer Bestürzung wahr, daß niemand im Zimmer zu sehen ist, bis aus dem Versteck hinter einer bunten spanischen Wand eine schwache, matte Stimme hervorwinselt: wer ist's? Wer ist da? Herr Maßlaczky trat ängstlich an das spanische Gehege, als fürchtete er sich, daß jemand nur deshalb dort hinten mit so schwacher Stimme spreche, um ihn hinzulocken und dann hervorzuspringen, ihn am Genick zu fassen und wacker zu zausen. Als er jedoch vorsichtig einen Flügel der papierenen Pallisade beiseite geschoben hatte, war er ganz gerührt bei dem Anblick eines unkenntlichen, formlosen Gerippes, das sich auf dem nichts weniger als luxuriös hergerichteten Lager herumwarf. Es gehörte in der That eine starke Dosis guten Willens dazu, in diesem eingefallenen Gesicht, dieser bleichen, hagern Gestalt Abellino wiederzuerkennen. Durch das Ausgehen der Haare erschien die Stirne unverhältnismäßig größer, das Gesicht war so schmal, und stellenweise schienen die Bartstacheln durch die Haut oder ragten daraus hervor. Lange Zeit starrte er Maßlaczky an mit den unbeweglichen Augen, welche ein so gläsernes Aussehen hatten, als wären es zwei in altes Elfenbein gefaßte, verwitterte, grünliche Türkise. Er schien ihn nicht früher zu erkennen, als bis dieser ihn anredete. – Um Gottes willen, gnädiger Herr Baron, geruhen Sie vielleicht krank zu sein? An der Stimme erkannte er jetzt Maßlaczky und streckte wie einen beweglichen Telegraphenarm seine lange, dürre Hand nach ihm aus, auf der man durch die gelbe Haut hindurch die blauen Adern zählen konnte. – Warum nicht gar, krank, teurer Herr Fiskal, sagte er, ein Lächeln in seine Worte mischend, das aber dem abgemagerten Gesicht sehr übel stand. Wenn Sie länger hier blieben, würden Sie sehen, daß ich keineswegs krank bin. Au contraire . Im Gegenteil. – Im Gegenteil? Ich verstehe nicht. – Im Gegenteil, ich restauriere mich, ich sammle neues Blut, neue Gesundheit. – Neues Blut, neue Gesundheit? wiederholte mechanisch der Advokat, dem vorderhand nichts Klügeres einfiel, als das Märchen von der alten Hexe, die ihr zweihundertjähriges Blut abzapfte, um es durch das Blut eines jungen Mädchens zu ersetzen, das sie in ihre Adern einströmen ließ. Neben dem Bett Abellinos stand ein Tisch, auf diesem ein Teller, auf dem eine dem Anschein nach ganz ausgetrocknete Semmel lag und eine Handvoll grob geriebenes Salz. Abellino wies mit seinem langen, magern Zeigefinger darauf hin. – Sehen Sie das, Herr Fiskal. – Hm, wozu soll das gut sein? – Denken Sie nur, ich bin jetzt auf einen geschickten Arzt gestoßen, der einen ganz neuen Menschen aus mir schaffen will. Frisches Blut, frischen Mut, frische Gesundheit, Gott weiß, mit wie langem Leben. – Ei, ei. – Sie fragen, womit er dies Wunder bewirkt? Ganz einfach, mein Herr. Mit einer halben Semmel und einer Handvoll Salz. – Zum Henker. – Täglich muß ich eine Dosis Salz nehmen, zuerst nur einen Gran, jetzt schon mehrere Lot, zuletzt bis zu einem halben Pfund täglich. – Alle Wetter, davon muß man ja großen Durst bekommen. – Einen Höllendurst, meine Zunge bleibt am Gaumen kleben, und ich darf nicht einen Tropfen Wasser trinken. – Was denn? – Ich darf auch nichts dazu essen, als eine trockene Semmel, eine drei Tage alte Semmel, sehen Sie nur, wie das hart ist: – nur jeden fünften Tag wird mir erlaubt, sie mit einer ins Wasser getauchten Semmel abzuwechseln. Herr Maßlaczky sah nun eine Weile vor sich hin, ob er denn glauben solle, was man ihm da erzählt, Abellino überzeugte ihn jedoch bald, daß er die Wahrheit geredet. Vor seinen Augen verschluckte er einige Salzkörner unter mitleiderregenden Gesichtsverzerrungen. Jeder Zug seines Gesichtes, das so schmächtig war, als hätte man aus einer Münzsammlung das am meisten abgewetzte herausgesucht, verzog sich zu dem schrecklichsten Ausdruck des Widerwillens und Ekels, auf den zuckenden, offenstehenden schmalen, blauen Lippen saß der quälendste, schmachtendste aller tierischen Triebe, der Durst; ein Durst, der Meere austrinken möchte. – Aber fühlen denn Euer Gnaden zuzeiten nicht Durst? fragte ihn mit mitleidigem Schauer der Fiskal, in dem bei diesem Anblick die Nächstenliebe soweit erwacht war, daß er bereit gewesen wäre, ihm eigenhändig ein Glas Wasser zu holen. – O, ob ich Durst fühle, entgegnete der Selbstpeiniger, kaum imstande, die trockene, ausgebrannte Zunge im Munde zu bewegen. Einen Höllendurst. Dann bilde ich mir ein, daß ich imstande wäre, die Donau auszutrinken. Die Donau und dazu die Theiß und alle fließenden und stehenden Gewässer des Landes. Wenn nur die Kur einmal zu Ende, dann gehe ich ins Gebirge, lege mich auf den Bauch an eine Quelle und schlürfe gutes, kaltes Quellwasser – ja – ja! Der Baron tröstete sich, wie man kranke Kinder zu trösten pflegt. – Aber, lieber Baron, wozu diese selbstmörderische Diät? frug besorgt der Fiskal, den es besonders beunruhigte, daß, wenn Abellino zufällig früher sterben sollte, ehe die Karpáthischen Güter in Köcserepys Hände gelangt sind, dies den Stand des Prozesses sehr verschlimmern würde. Wozu diese Inquisitionstortur? – Wozu, lieber Freund? Sehen Sie her. Und mit diesen Worten streckte er dem Fiskal seine mumiendürre Hand hin. – Sehen Sie hier diese Adern? Nicht wahr, die eine ist tiefblau und die andere dunkelrot? Diese blauen führen das schlechte Blut ab, den alten Krankheitsstoff, die verdorbenen Lebenssäfte; diese roten aber führen frisches, neues Lebensblut zu. Sehen Sie, wie langsam diese blauen Adern pulsieren, man sieht eigentlich kaum, daß sie schlagen; das ist sehr gut, sie müssen sich allmählich ganz entleeren, und statt dessen müssen die roten Adern sich immer mehr und mehr füllen. (Es scheint, der Herr Baron hat bei irgend einem Quacksalber die Anatomie studiert.) – O, ich werde ein ganz neuer Mensch werden. Mein Doktor hat mir es versichert, drei Wochen habe ich schon hinter mir, drei Wochen sind noch übrig. Und dann wird man Abellino Karpáthi ansehen müssen. Ich werde ein Pferd halten, ich werde reiten. Nun, nicht wahr, das kann ich doch mit einer Revenue von vierundzwanzigtausend Gulden Konventionsmünze? Ich werde meine stattliche Figur wieder bekommen, ich werde Embonpoint ansetzen. Nicht, daß ich mich so fett herausmästen will, wie mein Onkel Jantsi, mit einem solchen Schmerbauch möchte ich nicht durch die Welt laufen; aber ich werde robust, kräftig sein, künftigen Fasching werd ich auch schon tanzen können. Auch heiraten werd ich. Ja gewiß, ich heirate. Es ist mein fester Vorsatz. Ich nehme ein braves Mädchen aus einer anständigen, mir ebenbürtigen Familie, das ich lieben werde, und das auch mich lieben wird. Sie werden sehen, welch glückliches Leben ich führen werde. Mein Arzt sagt, ich habe noch zwanzig Jahre zu leben. Aber nicht wahr, mein lieber Maßlaczky, das geht doch an und wird keinen Anstand haben, in die Cession hineinzusetzen, daß nicht nur ich, sondern auch meine Nachkommen die vierundzwanzigtausend Gulden zu erhalten haben. Für den Fall, daß ich heiraten sollte. Das muß hineingesetzt werden. Ich nehme mir jedenfalls ein junges Mädchen. (Den alten Sensenmann wirst du heiraten! dachte der Advokat bei sich, mit dem Kopf nickte er jedoch beistimmend zu.) Abellino freute sich so sehr. Welche Selbstliebe gehört nicht dazu, um an den nichtigen Genüssen des Lebens so zu hängen, daß man sich um ihretwillen solchen Martern unterzieht. Der indische Fakir kasteiet sich in ähnlicher grausamer Weise, aber er thut es um der himmlischen Seligkeit willen, während dieser hier es thut, um seine irdische Schattenexistenz noch um einige Tage zu verlängern. – Lieber, gnädiger Herr, haben Sie denn aber auch die volle Gewißheit, daß diese Marterkur den gewünschten Erfolg haben wird? frug Maßlaczky, den der Zustand seines Klienten nicht wenig beunruhigte. – Der Erfolg ist untrüglich! Nehmen Sie denn nicht an meiner Stimme wahr, um wieviel heller und kräftiger sie geworden ist? Nun, Sie werden ja sehen. Ich selbst fühle es, daß ich besser werde, von Tag zu Tag fühle ich jetzt schon die innere Zunahme der Kräfte. Mir ist so leicht auf der Brust, alle meine Poren dehnen sich aus, meine Ganglien vibrieren nur so, Milz und Leber werden merklich kleiner, auch das Gehör kommt mir wieder. Ich höre den schwächsten Ton. Versuchen Sie's nur. Drücken Sie einmal auf die kleine Repetieruhr, die hier auf dem Tische liegt, und ich werde zählen, wieviel Schläge sie macht. Eins, zwei, drei, vier. Nicht wahr, sie hat viermal geschlagen? Sie hatte nicht einen Schlag gemacht, denn sie war nicht aufgezogen, aber der Advokat ließ ihn dabei. – Und erst meine Augen! Es ist gar kein Vergleich, meine jetzigen Augen und meine früheren. Jetzt habe ich Sie gleich erkannt, wie Sie eintraten, sonst wäre ich in einer Entfernung von zwanzig Schritten nicht imstande gewesen, auszunehmen, ob Sie es sind, oder mein Bedienter, oder irgend ein Pinkeljude. (Hm, seine Phantasie hat sich durch die große Kur nicht sehr gebessert, dachte Herr Maßlaczky bei sich.) – Auch mein Haar wächst ganz neu. Sehen Sie nur meinen Schädel an, bemerken Sie die vielen kleinen, flaumartigen weißen Fäden. Das werden lauter Haare. Schönes schwarzes, gekraustes Haar, wie ich es in meiner Jugend hatte; ja, ich hatte sehr schönes Haar, alle Welt war in mein Haar verliebt. Hier, bei dieser wehmütigen Rückerinnerung seufzte der Kranke auf und sein galvanisiertes Gesicht sank wieder zu einem Jammerbilde des Todes ein, als sagte ihm eine innere Stimme: alles, was du da gesprochen, war nur eitle Lüge, mit der du dich selbst hintergehst, der Leib, in dem du wohnst, ist ein baufälliges, morsches Gebäude und keine schöpferische Kraft ist mehr imstande, es von Grund aus neu aufzuführen. Der Advokat beeilte sich, die eingetretene Pause zu benützen. – Liebe Gnaden, ich komme jetzt mit einer erfreulichen Nachricht von Pest. Zwar bin ich auch darüber hoch erfreut, Sie auf dem Wege der Besserung zu finden bei dieser, wenn auch nicht angenehmen, doch ökonomischen Kur ... – O, ökonomisch gerade nicht, nahm ihm Abellino das Wort aus dem Munde; sie kommt mir hoch genug zustehen. Dem Doktor allein zahle ich täglich einen Dukaten dafür, daß er gehörig nachsieht. – Nun, das ist teuer genug. – Die Arzeneien bestreitet er jedoch selbst. – Das ist etwas anderes. – Aber noch mehr muß ich mich darüber freuen, daß unsere Angelegenheit an der Schwelle einer glücklichen Lösung steht. – Wieso? fragte Abellino, bemüht, auf beiden Ellbogen sich aufzurichten, um besser zu hören. – Dieser Tage soll unser Prozeß vom Gerichtshofe vorgenommen werden. Unsere Hoffnung, ihn zu gewinnen, ist so gering als möglich. – Um Gottes willen, ich bitte Sie, regen Sie meine Nerven nicht auf, sondern sagen Sie mir kurz heraus das Ende der Sache. – Das zwar können wir erreichen, daß wir Szentirmay in den Augen der Welt herabsetzen ... – Weiter, weiter, das alles weiß ich schon. – Auch das, lieber Herr Baron, daß Zoltán Karpáthi dieser Tage um seine Großjährigkeit nachgesucht und sie auch erlangt hat? – Davon weiß ich nichts, ist mir auch sehr gleichgültig! – Lieber Baron, sagte Herr Maßlaczky, wenn ich gewußt hätte, daß Sie Salz essen, hätte ich mich nicht persönlich von Pest herbemüht, sondern hätte die Sache brieflich abgemacht; denn ich weiß wohl, daß der Mensch, wenn er Salz ißt, reizbar und ungeduldig wird; wenn ich im Gasthaus stark gesalzene Speisen zu essen bekomme, spring ich den Leuten in die Physiognomie, wie ein Hamster. Schon vor Jahren habe ich Euer Gnaden gesagt, daß unsern Zwecken nichts so förderlich ist, als das edle Herz Ihres Vetters Zoltán, und daß wir vor allem darauf unsere Augen gerichtet haben müssen. Der junge Mensch war auf Reisen und ist jetzt wieder zurück; selbst in Amerika ist er gewesen, er hat sich trefflich ausgebildet, man hört nicht von dem geringsten Exceß, den er begangen hätte, er ist gesund, unverdorben an Leib und Seele, von schwärmerischer Gemütsart und thatendurstig. Ich weiß wohl, Euer Gnaden würden es viel lieber hören, wenn ich statt alles dessen Ihren Cousin Ihnen schildern könnte als einen liederlichen Taugenichts, der nur ans Faulenzen denkt, dessen Charakter keinen schlechten Groschen wert, der niemand liebt und von niemand geliebt wird. Das alles würde Ihren Privatgefühlen weit mehr Befriedigung gewähren. Allein für unsern Prozeß wäre das von keinem Nutzen. Wäre er der entartete Schlingel, als den ihn liebe Gnaden sich gern denken möchten, nun dann würde er sich einen blauen Teufel um den Prozeß scheren, den wir gegen Szentirmay angestrengt, mögen sie mit dem Grafen machen, was ihnen beliebt, er wird fürwahr nicht auf einen Heller verzichten, um dem Grafen eine Unannehmlichkeit zu ersparen. Vielleicht würde er selbst noch Witze darüber reißen, es geschehe dem Grafen schon recht, warum habe er seiner Mama den Hof gemacht; jedenfalls würde er die Sache auf die leichte Achsel nehmen, wohl wissend, daß wegen ähnlicher Fälle sich noch niemand eine Kugel vor den Kopf geschossen; Szentirmay wird sich schon zu entschuldigen wissen vor seiner Frau, sie wird sich schon aussöhnen lassen. Die schöne kleine Kathinka aber hätte er längst schon vergessen, ihr Gedächtnis wäre längst schon verwischt in seinem Herzen durch neue Schönheiten, die reichen Jünglingen gegenüber mit ihrer Gunst nicht zu kargen pflegen. Allein die Sachen stehen ganz anders, gerade so, wie wir es brauchen, Belieben Euer Gnaden mir jetzt volle Aufmerksamkeit zu schenken ... Während dieses Vortrags war ein uns noch unbekanntes Individuum unbemerkt zur Thüre hereingekommen, welche der Herr Fiskal hinter sich offen gelassen hatte. Es war ein dicker Herr, mit glattrasiertem Gesicht, in einem langgeschwänzten Frack, der ihm über dem Bauch nicht zusammenging, zwischen den feisten Wangen verschwand die kleine Stumpfnase beinahe gänzlich, von der nur die Nasenlöcher hervorstanden, als wollten sie den Augen sehen helfen, die mit der Nase ein gleiches Schicksal hatten, indem die sie umgebende Fleischmasse ihnen fast keinen Raum ließ, sich zu bewegen. Nur der Mund hatte sich nicht aus seiner Stelle verdrängen lassen, obwohl an beiden Seiten die Pausbacken eine Schanze bildeten, über die er nicht hinauswachsen konnte, dagegen war ihm nach oben und unten um so freierer Spielraum geblieben und die Lippenwülste hatten sich dort aufgeworfen wie zwei Bratwürste. Gedachtes Individuum steht schon seit einigen Minuten vor der spanischen Wand mit hinaufgezogenen Augenbrauen, oder eigentlich mit demjenigen, was bei ihm die Stelle der fehlenden Augenbrauen vertrat und horchte, die Nase mit dem Knopf seines Rohrstockes stützend, den Worten Maßlaczkys zu; die beiden Nasenlöcher nahmen sich so aus, als ob sie ihm nicht nur zum Sehen, sondern auch als Gehörwerkzeug dienten. Als der Fiskal eben im besten Zuge war mit seiner Exposition, trat der dicke Herr vor und berührte den Sprecher mit dem Knopf seines Stockes. Dieser wandte sich, wie galvanisiert, um und starrte erstaunt den fremden Ankömmling an, die herausgedrehten Spitzen seines Schnurrbartes gleichsam zur Abwehr den beiden Ungetümen von Nasenlöchern entgegenhaltend. – Was beliebt, mein Herr? Was wollen Sie hier? – Ihnen das Sprechen verbieten antwortete der Ankömmling, und da zeigte es sich, daß auch seine Zunge so unmäßig dick war, daß sie kaum imstande, sich in der Mundhöhle zu bewegen und deshalb jeden Laut doppelt ausstößt und bei jedem Wort stottert. – Wer sind Sie, mein Herr? fuhr ihn Maßlaczky an, nachdem er sich von seinem ersten Schrecken erholt hatte. – Ich bin der Hausarzt des gnädigen Herrn Baron – Doktor Maus . – Ich aber bin der Familienanwalt Seiner Hochgeboren, Advokat Maßlaczky, und frage, mit welchem Recht, auf welchen Gesetzartikel gestützt, Sie mir das Sprechen verbieten können? – Mein Herr, sagte Doktor Maus, die verschobene Krawatte zurecht rückend, die Rechte des Arztes gründen sich nicht auf menschliche, sondern auf göttliche Gesetze. Ich verbiete Ihnen das Sprechen, weil ich meinem Patienten jede Gemütsaufregung verboten habe, und dazu war ich berechtigt, denn der Arzt ist der unbeschränkte Gebieter über den Kranken und der Patient hat sich unbedingt den Anforderungen des Doktors zu fügen; ich aber erlaube nicht, daß hier jemand meine Kur mit unnützen Zungendreschereien unterbreche. – Mit unnützen Zungendreschereien?! fragte Maßlaczky, der sich jetzt schon vom Stuhle erhoben hatte. – Mit unnützen Zungendreschereien, wiederholte Doktor Maus. – Ich aber erlaube nicht, schrie Maßlaczky um einen Ton höher, daß mir jemand meinen Prozeß verderbe mit unnützen Quacksalbereien ! Das Blut des Doktors fing an in Wallung zu geraten bei diesem empfindlichen Gegentrumpf, da aber seine innere Aufregung sich nicht durch das Sprühen der Augen zu erkennen geben konnte, so mußten die gewaltig sich aufblasenden Nasenflügel diese Funktion übernehmen. – Freiherrliche Gnaden! sagte er zum Patienten gewendet, ich verlange, daß Sie diesen Menschen augenblicklich fortschicken, sonst gehe ich und komme nie wieder. Herr Maßlaczky stellte sich auf seine Zehen und entgegnete: Lieber Herr Baron, ich meinerseits prätendiere, daß Sie diesen Dominus hier hinauswerfen lassen, sonst werfe ich den ganzen Prozeß zum Fenster hinaus. – Wenn ich Euer Gnaden hier mitten in der Kur sitzen lasse, keuchte der Doktor, dann können Euer Gnaden im Paradies Heilung suchen. – Wenn aber ich den Prozeß unerledigt im Stich lasse, dann können Sie betteln gehen, wo der Pfeffer wächst. Abellino flehte mit gefalteten Händen sein aneinander geratenes Leibpersonal an, sie möchten sich doch um Himmelswillen besänftigen, wodurch er die beiden noch besser aufeinander hetzte. – Wie, Ihren lumpigen Exceptiven wegen soll ich eine solche Wunderkur aufs Spiel setzen? – Und ich soll wegen Ihrer stinkenden Dekokte seinen zwölfjährigen Prozeß gefährden? – Der noch weitere zwölf Jahre dauern wird, nicht wahr? – Dessen Ende mein Klient in zwei Wochen erleben wird, wenn ihn bis dahin Ihr Unverstand nicht umgebracht hat. – Nehmen Sie sich in acht, mein Herr, ich bin diplomierter Arzt, Sie aber sind nur ein simpler Prozeßverlierer. – Und Sie, mein Herr, sind ein Charlatan, ein Beutelschneider, Sie sind nicht einmal ein Doktor, sondern nur ein Barbier ! – Sie aber sind ein Federvieh-Advokat ! Die zwei Diplomierten standen auf dem Punkte, sich ad majorem gloriam ihrer respektiven Fakultäten zur Thüre hinaus zu fuhrwerken. Abellino konnte kein beschwichtigendes Wort für sie finden und streckte nur seine langen, mageren Hände zu ihnen empor. – Was, was bin ich? fragte Maßlaczky, als ob er nicht recht gehört hätte, dem dreimal korpulenteren Gegner auf den Bauch rückend – Ein Federvieh-Advokat. – Und Sie sind ein Giftmischer. – William, William! jammerte Abellino, worauf dann der Bediente herein kam und um die beiden feindlichen Gegner zu trennen, auf die List verfiel, zuerst Herrn Maßlaczky ins Ohr zu raunen: »Aber Spectabilis , was streiten Sie sich mit diesem Menschen herum, wissen Sie denn nicht, daß er nach Tisch immer einen Rausch hat? Einem Betrunkenen weicht auch ein Heuwagen aus!« – Ah so! sagte Herr Maßlaczky, nun dann verliere ich kein Wort weiter. Dann flüsterte William dem Doktor zu: »Lassen Sie ihn seiner Wege gehen, er ist sonst ein guter Kerl, nur ist ihm der Schnaps jetzt zu Kopf gestiegen.« – Ah, das ist was anderes, beschwichtigte sich der Doktor und kehrte seinem Gegner verächtlich den Rücken. Durch diese einfache Kriegslist gelang es, den Sturm zu beschwören. – Da gehe ich meiner Wege, sagte spöttisch der Fiskal, nach seinem Hute greifend. Einem solchen Menschen weicht auch ein Heuwagen aus. – Schade um jedes Wort, das ich verloren, sagte der Arzt, der, die Hände über den Rücken gekreuzt, zum Fenster spazierte. In einem solchen Zustande erregt man eher Mitleid und bedarf ärztlicher Pflege. Herr Maßlaczky stand schon an der Thüre und Herr Maus beim Fenster; der Fiskal konnte sich nicht enthalten, noch einmal, gleichsam zum Abschied, ihm zuzurufen: Quacksalber! – Prozeßverlierer! rief ihm der Doktor nach, den Kopf umwendend und das Wort nur bei einem Mundwinkel herauslassend. Maßlaczky warf hinter sich die Thüre zu und recitierte, indem er die Treppe hinabstieg, laut vor sich her die übrigen Ehrentitel, von denen er keinen einzigen mit sich nach Hause nehmen wollte: Giftmischer, Pillendreher, Barbiergeselle! ... Der Doktor, bis zu dessen Ohren diese schmeichelhaften Ausdrücke heraufdrangen, stürzte ihm nach und rief, den Kopf zur Thüre hinausstreckend, ihm nach: Winkeladvokat, Aktenschmierer, Prozeßverlierer, Leutebetrüger!!! Der Fiskal verschwand unter dem Thor und Herr Maus lief nun zum Fenster, riß es auf, beugte sich hinaus und schrie ihm nach: »Prozeßverlierer!« und Maßlaczky von der Gasse herauf: »Giftmischer!« und als Maßlaczky schon soweit gegangen war, daß sie ihre Stimmen nicht mehr ausnahmen, kehrte er sich noch einmal um und schabte sich mit dem Zeigefinger das Gesicht, um dem Herrn Maus damit pantomimisch zu verstehen zu geben, daß er nur ein Bartscherer sei; worauf Herr Maus ein Bündel Papiere hervorzog und sie auf die Gasse streute, in dieser sinnreichen Weise den Begriff: »Prozeßverlierer« symbolisierend. Abellino blieb halbtot auf dem Kampfplatz liegen. Ihn verdroß es am meisten, daß er nicht hatte erfahren können, warum Maßlaczky zu ihm gekommen sei und was er ihm von Zoltán hatte sagen wollen. Tags darauf begegneten sich die zwei übereinander geratenen Diplomträger auf der Promenade, welche die damalige verbauernde Generation schon anfing, sétány (Wandelplatz) zu nennen, und es dadurch zweifelhaft machte, ob es auch noch für die fashionable Gesellschaft schicklich sei, dort zu erscheinen. Der Doktor und der Fiskal kamen aufeinander zu, jeder von dem entgegengesetzten Ende der Allee (oder des Baumganges, wie unsere barbarischen Sprachneuerer sich einfach ausdrücken würden) und statt, als sie einander erblickten, wie gewöhnliche Menschen gethan haben würden, plötzlich einander den Rücken zuzukehren und ein jeder den Weg zurückzugehen, den er gekommen war, eilten die beiden mit freundlichen Gesichtern auseinander zu; Doktor Maus reichte schon von weitem seine Hand hin, Maßlaczky aber beeilte sich, sie zu ergreifen und zu schütteln, soweit seine Körperkraft dazu ausreichte, und versicherte dem Herrn Doktor aus dem Grunde seines Herzens, daß er den gestrigen Vorfall außerordentlich bedauere und daß er hoffe, der Herr Doktor werde seine ungewöhnliche Heftigkeit auf Rechnung der ungewöhnlichen Umstände schieben, worauf Doktor Maus gleichfalls zu hoffen wagte, der Herr Fiskal werde seinem sanguinischen Temperamente etwas zugute halten, für das er nun einmal nichts könne, und damit schlossen sie in einer kordialen Umarmung Frieden und ein Schutz- und Trutzbündnis miteinander, heilig beteuernd, ihre junge Freundschaft solle hinfort nicht durch das kleinste Wölkchen eines Mißverständnisses getrübt werden, und eilten schließlich, Arm in Arm eingehängt, durch die Gassen, welche Zeugen ihres gestrigen Haders gewesen waren, bis zur Wohnung Abellinos. Die beiden Ehrenmänner hatten jeder in der Nacht überlegt, welche Thorheit es wäre, sich gegenseitig zu befehden, da einer dem andern so nützlich sein könne. Dem Herrn Anwalt muß alles daran gelegen sein, daß ein so einfältiger Mensch, wie Abellino, sein irdisches Dasein solange als möglich friste, und dem Herrn Doktor, daß der stabile Patient auch beständig bei Kasse sei. Vermöge dieses doppelten Interesses wäre es sehr unvernünftig, wenn sie einander ihre Thätigkeit paralysieren würden, was sie hinfort auch nicht thun werden. Lassen wir sie Arm in Arm ihren Weg fortsetzen. Dritter Teil. 1. Das Geheimnis. Im Jahre 1840 herrschte ungewöhnliches Leben in Preßburg. Es wurde dort Landtag gehalten, was immer die einstmalige Hauptstadt Ungarns auf kurze Zeit zu galvanisieren pflegte. Zur Zeit, wo kein Landtag war, hatte die getreue Stadt in der That ein sehr stilles Aussehen. Seine verfallene Königsburg wird nur von dem Ghetto des Schloßberges gehütet, auf dem geschichtlich denkwürdigen Krönungshügel wächst Gras, und wenn in der schönen Au auch ein einsamer Leierkasten aufspielt, sind es höchstens ein paar Sekundaner, die sein dankbares Publikum bilden; würden abends nicht die großen slowakischen Bauernwagen über das holprige Pflaster rasseln, mit ihren eisenbeschlagenen Rädern einen ohrenzerreißenden Lärm machend, traun, man könnte sich ruhig um acht schon schlafen legen, wenn man nicht etwa Lust verspürt, ein uraltes Stück in dem traurigen Theater sich anzusehen, das von unbedeutenden Schauspielern vor spärlichen Zuschauern herabgespielt wird, während die leeren Logen wie ein immerwährendes Gähnen auf die Bühne herabstarren, so daß die auf den Brettern Beschäftigten am liebsten in sie zurückgähnen möchten. Die Bürgerschaft hat nur den Sonntag, an den Wochentagen hat sie keine Zeit zu Unterhaltungen; vom höheren Adel wohnen nur wenige in der Hauptstadt, eine oder die andere Dame, welche sich mit der Welt überwürfen hat, in der sie anfängt, sich zu ennuyieren; ein herabgekommener Zweitgeborener, der für seine alten Tage sich einzuschränken genötigt ist, und von Wien herabgezogen ist, um hier in seinem verfallenen Familienpalais zu wohnen und die teure Miete in der Residenz zu ersparen; dann ein paar verschollene politische Celebritäten, welche dem Orte, von wo der Stolz sie vertrieb, und der sie doch immer noch anzieht, aus dem Wege zu gehen und ihm doch wieder nahe zu sein wünschen. Die glänzendsten Gebäude stehen leer, unbewohnt. In dem weltläufigen Landhause verirrt sich der Besucher, bis er in den von dem Echo seiner Schritte widerhallenden Gängen jemand trifft, der ihn zurecht weist. In dem Hofe des Grassalkovics-Palnis mit dem vergoldeten fürstlichen Wappen kann man Gras mähen, das niemand niedertritt, als ein invalider, gichtbrüchiger Hausinspektor und im Primatial-Palais sind alle Thüren verschlossen und alle Fenster mit Jalousien verrammelt, was auch keine überflüssige Vorsicht ist, denn wie leicht könnte von den im Vorhof Ball spielenden Studenten ein Fenster eingeschlagen werden. Nur dann und wann humpelt eine schwerfällige, lichtgelbe Karosse durch die stillen Gassen, deren friedliches Gespann so bedächtig ausgreift, als ob es eine Wette gälte, wer zuerst einschlafen werde: das kriechende Gespann, oder der Kutscher auf dem Bock mit der großen Allongeperücke, oder die in der Karosse sitzenden zahnlosen Duennas und Rokokokavaliere. Wie anders ging es zu, welch neues Leben erwachte, wenn Landtag war. Als wäre die Jugend, die sonst anderswo in der Fremde sich aufgehalten, plötzlich heimgekehrt und hätte noch eine Menge Kameraden mitgebracht. Die verschlossen gewesenen Thore der herrschaftlichen Gebäude sind alle geöffnet, glänzende Equipagen mit hinten aufstehenden silber- und goldverschnürten Husaren fahren aus und ein. In den Häusern der ruhigen Bürger sehen bärtige Patriotengesichter zum Fenster hinaus. In der Au ertönt exotische Zigeunermusik und in dem gedrängt vollen Theater verlangt das Publikum einen Csárdás. Ins Theater geht man nicht etwa des Schauspiels oder der Schauspieler wegen, sondern um hier mit Bekannten zusammenzutreffen und während der Aufführung des Stückes gemütlich zu plaudern. Hier konnte man die gefeiertsten Männer des Landes, die reizendsten Frauen beisammenfinden und wer nicht Gelegenheit gehabt, Wesselényi im Landtagssaale sprechen zu hören, konnte es hier mit aller Bequemlichkeit, denn wenn der herkulische Mann im Parterre sich leise mit seinem Nachbar zu unterhalten anfing, konnte man rings in den Logen jedes Wort hören. An einem Abend war ein noch größeres Gedränge im städtischen Theater, als sonst; es war eine Wohlthätigkeitsakademie arrangiert, bei der eine in Preßburg in den höheren Kreisen bekannte Dame, Gräfin O***, aus Gefälligkeit mitwirken sollte. Der edle Zweck hatte viele ins Theater gelockt, die sich sonst in diese Räume nicht verirrten; eine noch größere Zugkraft hatte das Auftreten der bekannten Gräfin geübt. Die Leute glauben natürlich, eine Gräfin auf der Bühne zu sehen, sei schon allein interessant genug; sie sang aber auch wirklich schön. Auch die übrigen Konzertstücke waren glücklich gewählt. Ohne Ausnahme wurde schön gesungen, Klavier, Flöte gespielt, oder auf was sonst man sich produzierte. Unsere großen Herren haben deshalb eine besondere Vorliebe für Opern und andere musikalische Aufführungen, weil sie keine ungeteilte Aufmerksamkeit erheischen; man kann während der Vorstellung mit dem Nachbar sprechen, mit der Nachbarin liebäugeln, die Logen rekognoszieren, nach Belieben plaudern; deshalb hört man doch sowohl Pauke als Klarinette und wenn man dazwischen seinem Nachbar eine pikante Anekdote erzählt, oder gar hinausgeht, um eine Portion Gefrorenes zu genießen, wird man, in den Saal zurückgekehrt, den Faden der Vorstellung doch nicht verloren haben. Die anwesenden Damen waren sicherlich weder von der Tell-Ouverture, noch von den darauffolgenden Kavatinen, noch von der feierlichen » Eja mater -Symphonie« so in Ekstase gebracht, als durch das Gesicht eines jungen Mannes, der nächst der Hofloge in der Loge des Septemvirs Tarnaváry neben der Septemvirin saß. Nie hatte man einen interessanteren Männerkopf gesehen. Seine Jugend verlieh ihm eine beinahe weibliche Schönheit, während aus den großen Augen die Flammen männlichen Mutes sprühten und, wenn sie im Kreise herumblickten, eine solche Wirkung auf die Damenwelt übten, daß Mozart, Beethoven und selbst die aus der Bühne singende Gräfin vergessen waren. Alle Operngucker waren auf ihn gerichtet; die aus den schönen Augen schießenden Sonnenstrahlen mußten das Gesicht des Jünglings ganz in Flammen setzen, das in der That so rot war, als ob es von außen und innen glühte, so bemüht auch der Besitzer desselben war, sich den Anschein zu geben, als käme er gar nicht in Verwirrung. Er suchte mit Frau von Tarnaváry eine ungezwungene Konversation fortzusetzen über ganz gleichgültige Gegenstände, wozu die schöne Dame ein Gesicht machte, als ob das alles höchst interessant und unterhaltend wäre. Die sie aus der Entfernung Beobachtenden mochten sie genug darum beneiden, wie gut sie sich mit diesem prächtigen Jüngling unterhalte. Wo hat die Septemvirin ihn aufgegabelt? gehört er vielleicht zu ihrer Verwandtschaft? Niemand wußte, wer er sein könne. Man sollte sich doch daran erinnern können, ihn vor Jahren irgendwo gesehen zu haben, als Kind, als heranreifenden Jüngling. Wie doch die jugendlichen Gesichter in ein paar Jahren sich verändern. Der Septemvirin aber machte es großes Vergnügen, daß die anwesenden Damen alle so neugierig auf den mit ihr sprechenden interessanten Fremden blickten. – Die Damen werden Ihretwegen mir noch die Loge in Brand stecken, scherzte Frau von Tarnaváry. Alle Welt hat die Operngucker hierher gerichtet. Ich bitte Sie, wehren Sie sich doch ein wenig. – Wie denn? fragte der Jüngling mir der verlegenen Miene der Unerfahrenheit. – Nehmen Sie Ihr Perspektiv und fixieren Sie die auf Sie Blickenden. Wenn Sie nicht den Mut haben, sie zurück zu fixieren, so werden Sie sehen, wie man Sie behexen wird. Der Jüngling gehorchte und lichtete sein Perspektiv von einer Loge zur andern; an einer Stelle hielt er inne und blickte lange hin. Die Köcserepys saßen dort; Wilma mit dem Rücken gegen die Bühne gekehrt und ihr bleiches Gesicht ihm zugewendet. Der unbekannte Jüngling setzte mit zitternder Hand das Augenglas ab. – Nun, was wandelt Sie an? Sie sind ja auf einmal ganz blaß geworden? sagte lächelnd der aufgeräumte Septemvir. – Ich? warum nicht gar! verteidigte sich der Jüngling und sein Perspektiv von neuem zur Hand nehmend, richtete er es mit einer herzhaften Bewegung auf die gegenüber befindliche Loge. Jetzt aber erschrak er erst recht. Gerade ihnen vis-à-vis saß eine ihm gänzlich unbekannte Familie; zwei hochbejahrte Damen an beiden Seiten und mitten zwischen ihnen ein junges, schönes, blühendes Mädchen, mit frischem Rot auf den Wangen und lächelndem Gesicht, das ihm so bekannt und doch wieder so unbekannt schien; kaum hatte das Mädchen bemerkt, daß der Jüngling zu ihm herübersah, als es plötzlich einen vertraulichen Gruß nickte und ihm wie einem Bekannten zulächelte, worauf sie beiden Damen etwas zuflüsterte. – Was hat Sie denn jetzt neuerdings so angenehm überrascht? lachte die Septemvirin; jetzt sind Sie wieder rot geworden, als waren Sie mit Feuer übergossen. Sie sind sehr leicht zu behexen. – Ich weiß nicht, stotterte der Jüngling, ein Bekannter hat mich gegrüßt, den ich nicht kenne. – Wo sitzt er? fragte die Tarnaváry, bereit Aufschluß zu geben. – Dort, uns gerade vis-a-vis. Gehen Sie jetzt nicht hinüber, meine Gnädige, denn alle drei sehen auf uns. Zwischen zwei ältlichen Damen sitzt ein schönes, junges Mädchen, es schien mich schon zweimal zu grüßen, und ich weiß nicht, wer es sein kann. Die Tarnaváry richtete ihr Opernglas auf die Bühne, das so eingerichtet war, daß man unter dem Glas hinweg auf die bezeichnete Loge blicken konnte. – Das sind die Komtessen Szenczy, die alte Gräfin und ihre Schwester, eine alte Jungfer; aber das Mädchen kenne ich wirklich nicht. Ich hab es noch nie gesehen. Es ist mir gänzlich unbekannt. Gewiß ist es eine Enkelin der Gräfin, die bis jetzt im Kloster erzogen wurde. – Szenczy? sann der Jüngling nach; ich erinnere mich nicht, sie je gekannt zu haben. – Ach gehen Sie, stellen Sie sich nicht so! neckte ihn die Septemvirin, die kleine Brünette lächelt Sie ja an, so oft sie herübersieht. – Ich kenne sie aber nicht. – Aber irgendwo müssen Sie doch schon mit ihr zusammengekommen sein. Denken Sie doch nach. – Ich entsinne mich nicht. Es könnte nur ... Doch, das ist nicht möglich. Ich kann mir nicht denken, wer sie ist. Den jungen Mann schien dieser Gedanke zu quälen, denn er wartete nur, bis jemand in die Loge kam, und benützte dann gleich die Gelegenheit, zu entschlüpfen, dem genialen Baron Berzy die ritterliche Pflicht überlassend, die Septemvirin zu unterhalten. In die Vorhalle gelangt, mischte er sich unter die dort stehende Schar junger Leute, welche vor der Logentreppe auf das Herabkommen der Damen warteten, um ihre kleinen Füße zu bewundern, die bei solcher Gelegenheit zum Vorschein zu kommen pflegen. Einer von ihnen sah den unbekannten Jüngling an, die übrigen beachteten ihn nicht sehr und so war es ihm leicht, sich unter sie zu mischen. Drinnen wurden schon die Schlußpiecen gegeben, ein Teil des Logenpublikums wartete das Ende der Vorstellung nicht mehr ab, sondern brach auf, um vor dem Gedränge hinauszukommen. Nicht lange und eine Feengruppe um die andere kam die Stufen herniedergeschwebt. Ja, schön sind sie, das muß man ihnen lassen. Ich habe oft darüber nachgedacht, wie es denn kommt, daß unsere vornehmen Kavaliere armen bürgerlichen Mädchen nachsteigen, während doch ihre eigenen Damen mit soviel Reizen ausgestattet sind. Jetzt kommt wieder ein interessantes Frauenpaar die Treppe herab. Es ist Frau von Köcserepy mit ihrer Tochter. Die Mutter ist auch jetzt noch eine stolze Schönheit, die Tochter noch immer so blaß, wie früher. Der Rat selbst geht hinter ihnen, den Shawl seiner Frau auf dem Arm tragend, den er nicht um die Welt einem andern überlassen würde und mit Frau und Tochter so verbindlich sprechend, als wären es eine fremde Dame und ein fremdes Fräulein, denen er den Hof macht. Die ganze Familie schreitet knapp an unserm Jüngling vorüber, welcher ehrerbietig mit einem stummen Gruße den Hut vor ihnen lüftet. Der Herr Rat erwidert die Begrüßung mit außerordentlicher Freundlichkeit und stößt die beiden Begleiterinnen, welche den Gruß nicht beachtet hatten, mit dem Ellbogen an; und doch könnten wir eine Wette darauf eingehen, daß er den jungen Mann ebenso wenig kennt, wie die andern. Die gnädige Frau nickt kalt mit dem Kopfe, ohne es der Mühe wert zu finden, aufzublicken, um zu sehen, wer sie grüßt; Wilma aber heftet ihre großen dunkeln Augen auf ihn, wirft dann ihrem Vater und ihrer Mutter einen Blick zu und eilt, ohne auch nur mit einer Lippenbewegung den Gruß zu erwidern, voraus zu der vorfahrenden Equipage. Der Jüngling blickte ihr mit einer eigentümlichen Empfindung nach. Er dachte so etwas bei sich, wie: sie dauert mich. Während der Jüngling noch ganz in Gedanken über diese Begegnung versunken dastand, zogen neue und immer zahlreichere Gruppen an ihm vorüber durch die Vorhalle und er wußte selbst nicht, wie es geschah, aber als er den Kopf umwendete, fand er sich Auge in Auge dem schönen unbekannten Fräulein gegenüber, dessen vertrauliches Lächeln ihn vorhin so in Verwirrung gebracht. Es führte eine der ältlichen Damen am Arm. Jetzt lächelte das Mädchen noch freudiger beim Erblicken des jungen Mannes und rief ihm in holder, kindlicher Ungezwungenheit zu: Zoltán! Guten Abend, Zoltán! ... Der Jüngling fühlte alle Wonnen des Paradieses in sich erwachen. Diese Stimme läßt ihm keinen Zweifel mehr, es war seine schone Unbekannte. Ja sie ist es, sein Herzenskleinod, das Glück, die Hoffnung, der Glaube, die Sehnsucht seiner Seele. Es ist seine Kleine, Kathinka Szentirmay. Seine Kleine! Aber wie sie gewachsen, wie schön sie geworden ist, seitdem er sie zum letztenmal gesehen. Damals war sie nur noch ein herziges Kind, jetzt ist sie eine stattliche Jungfrau. Und er hätte sie nicht erkennen sollen und es war doch kein Tag vergangen, an dem er nicht an sie gedacht; er hätte an ihr vorübergehen und sich den Eindruck, den ihre Schönheit auf ihn gemacht, wie eine Untreue an seinem Ideal vorwerfen sollen? Aber auch sie hat ihn erkannt! Sie alle, die ihn vor Jahren gesehen, haben sein Gesicht vergessen; sie allein hat aus den veränderten männlichen Zügen den einstmaligen Jugendgespielen, den teuren Bruder, herausgefunden ... Wem, in einem solchen Augenblicke, wäre es wohl gegeben, ruhig zu überlegen und sich kaltblütiger, ernster Vorsätze zu erinnern. Wenn man jahrelang in der Welt sich herumgetrieben, ohne eine teure, süße Erinnerung los werden zu können, und dann zufällig wieder mit dem holden Gegenstande dieser Erinnerung zusammentrifft, darüber erst nachzudenken, ob man sich auch der Freude des Wiedersehens hingeben dürfe oder nicht – das wäre mehr, als von einem menschlichen Wesen verlangt werden kann. Zoltán dachte nicht daran. Er stürzte auf die Damen zu und stellte sich in kurzen Worten vor; man kannte ihn bereits vom Hörensagen; und wie er nun dem Mädchen in die bezaubernd schönen Augen blickte, war die Erinnerung an alles das verwischt; was er einst Szentirmay hatte geloben müssen. Um wieviel schöner seine liebe Kleine geworden, seitdem er sie nicht gesehen, schöner noch, als sie in seinen Träumen ihm erschienen war. Er würde es jetzt auch nicht mehr wagen, sie seine Kleine zu nennen, ist sie doch eine schlanke, hehre Jungfrau geworden. Und wer weiß, ob sie es ihm auch noch gestatten würde. Ist doch eine lange Zeit seitdem verstrichen. Erinnert sich die Jungfrau wohl noch der glücklichen Stunden kindlicher Unbefangenheit, die uns wie ein Traum vorkommen, wenn wir in späteren Jahren an sie zurückdenken und über die wir so gern lächeln würden, wenn wir es vor Wehmut nur vermöchten? Denkt sie noch daran, was sie einander gesagt, als sie dort unter dem einsamen Ahornbaum saßen, daß sie einander nie vergessen werden, daß sie, so alt sie auch werden mögen, stets mit unaussprechlicher Lust eins an das andere denken werden? O der reinen, süßen Freuden der Jugendzeit! Wie schlecht, wie unglücklich, wie elend werden wir, wenn wir einmal aufhören, jung zu sein. Im ersten Augenblicke fand Zoltán vor Entzücken kaum Worte. Er konnte sich nicht satt sehen an dem holden Bilde, beinahe hätte er der peinlichen Höflichkeitsrücksichten vergessen, welche er den unbekannten Damen schuldete, in deren Begleitung sich Kathinka befand. Es waren nahe Anverwandte der Szentirmay. Sie waren herzlich erfreut, Zoltán kennen zu lernen, den sie noch nie gesehen hatten. Sie drückten die Hoffnung aus, er werde sie während des Landtags häufig besuchen. Sie wohnten zusammen mit den Szentirmays. Das verhängnisvolle trennende Hindernis zwischen Zoltán und Rudolph war ihnen nicht bekannt. Zoltán beeilte sich, ihre Hoffnung zu der seinigen zu machen. O er wird oft, sehr oft zu Szenczis gehen. Kathinka in selbstvergessener Freude sagte, das werde sehr schön sein. Für jetzt hätten sie sich an der Thüre der Vorhalle trennen müssen, wenn der Zufall, der sich oft der unscheinbarsten Werkzeuge für seine Zwecke bedient, den liebenden Herzen nicht zu Hilfe gekommen wäre. Der Wagen der Komtessen war nicht da, der Kutscher hatte wohl irgendwo gute Gesellschaft gefunden und darüber seine Herrschaft vergessen, nicht zum ersten und auch nicht zum letztenmal. – O, dieser Thunichtgut, gewiß hat er sich wieder einen Rausch angetrunken, lamentierte die eine der alten Damen, welche noch Fräulein war; die andere jedoch beruhigte sie, daß sie ja auch zu Fuß nach Hause gehen können, das Wetter ist so schön, es ist Mondschein und Zoltán wird schon so gut sein, sie zu begleiten, wenn sie auch ein bißchen weit wohnen. Ob er so gut sein wird! Er wünschte nur, sie möchten am äußersten Ende der Stadt wohnen, um desto länger mit ihnen gehen zu können. Er bot der älteren Dame den Arm an. – Ich danke, Zoltán, sagte sie lächelnd, seien Sie nicht böse, daß ich Sie so nenne. Wir pflegen uns nur ineinander einzuhängen, ich und Judith, sie ist mein Kavalier und ich der ihrige; sie ist noch ledig, ich aber bin Witwe, und wenn man eine von uns am Arm eines unverheirateten Mannes sähe, würde die ganze Stadt davon sprechen; bleiben Sie nur bei Kathinka. Die beiden alten Damen lachten herzlich über diesen Spaß und trippelten, ineinander eingehängt, den jungen Leuten, welche sie vorausgehen ließen, nach, nur um das eine sie bittend, nicht so schnell zu laufen, denn ihre Füße seien nicht mehr so gut, wie zur Zeit Napoleons. Der Jüngling und das Mädchen gingen anfangs in hübsch anständiger Entfernung nebeneinander, bis sie aus dem Strom des Gedränges herauskommen konnten; später jedoch, als sie in dunklere Gassen gelangten, konnte Kathinka natürlich sich von Zoltán nicht mehr so fern halten; bald darauf strauchelte die Arme über einen garstigen Stein, und da war es selbstverständliche Pflicht Zoltáns, seinem Schützling den Arm anzubieten, und als er nun das bekannte zarte Händchen wie einst an gewohnter Stelle fühlte, dort zwischen Arm und Herz, als wenn es nie diese Stelle verlassen hätte, da war ihm zu Mute, als ginge er auch geradeswegs nach Hause dorthin, wohin er das Mädchen begleitete. Wie viel hatten diese beiden einander zu sagen! O ein Monat, ein Jahr, ein ganzes Leben würde dazu nicht ausgereicht haben! Sie waren noch immer dieselben unbefangenen Kinder, die vor einander kein Geheimnis haben, keines macht ein Hehl aus seiner Freude, seinem Kummer, seinen Neigungen, von denen es ja weiß, daß sie von dem andern geteilt werden. Kathinka erzählte, wie oft sie von Zoltán gesprochen, sie sowohl als die jüngern Geschwister, wie sehnlich sie ihn zurück erwartet. Eigentlich hätte sie zürnen sollen, daß Zoltán sich nicht beeilt hatte, sie aufzusuchen; das aber kommt ihr gar nicht in den Sinn, und sollte auch einmal ihren Gedanken dieser Vorwurf sich aufdrängen, so wird sie hundert Entschuldigungen aufzufinden wissen, mit denen Zoltán sich reinwäscht, wie Krystall, denn der wahren Liebe ist es eigen, den geliebten Gegenstand auch gegen sich selbst in Schutz zu nehmen. Zoltáns Blicke hingen wonnetrunken an den Lippen des gesprächigen Mädchens; welche Glückseligkeit ist es schon, nur den Worten dieser Lippen zu lauschen! und welche Wonnen hatten sie sonst noch zu spenden? Wenn zur Stunde eine gütige Fee ihn früge, welchen Wunsch er sich ausbitten wolle, – er wäre schnell fertig mit seiner Antwort. Wie schade, daß der Wagen sie unterwegs einholte und die Szenczi ihren liederlichen Kutscher erkannte. Dieser schwur hoch und teuer, er habe dort beim Theater gestanden, sie hätten ihn nur nicht bemerkt und da es so kürzer war, ließ man die Entschuldigung gelten, statt die Sache weiter zu untersuchen. Die beiden Damen beschrieben Zoltán genau ihre Wohnung und Kathinka setzte es ihm nochmals auseinander, wahrscheinlich glaubte sie, er werde es sich so besser merken, und damit trennten sie sich. Zoltán mußte noch zurück zum Theater, um die Tarnaváry nach Hause zu begleiten, welche bis zur letzten Note auszuhalten pflegte; dann erst begab er sich in sein Quartier. In welchen seligen Träumereien wiegte er sich diese Nacht; seine Seele gab sich ihnen gedankenlos völlig hin; die ganze Zukunft stand als lachendes Bild vor ihm, alles Vergangene war vergessen. Auch noch im Schlafe sah er sie überall, er wandelte mit ihr durch blumenreiche Auen, horchte ihren süßen Worten, weidete sich an ihrem reizenden kindlichen Lächeln, an den klaren, reinen Augen, in denen ihre Seele schwamm. Aus dem lieblichen Traume weckte ihn prosaisches Geklingel. Der Kammerdiener trat ins Schlafzimmer und überreichte ihm einen Brief, den ein Bedienter der Szenczis ihm übergeben hatte. Zoltán erkannte auf dem Couvert die Handschrift Szentirmays und diese Züge ernüchterten mit einen, Schlag seinen Geist. Er hätte es gewußt, was in dem Briefe stand, auch ohne ihn zu erbrechen. – »Lieber Zoltán, Sie scheinen zu vergessen, was Sie mir versprochen haben. Wenn Sie nicht wollen, daß ich Preßburg verlasse, müssen Sie ohne Verzug von hier abreisen. Rudolph Sz.« Diese eiskalten Worte scheuchten den Traum von seinen Augen – aus seinem Herzen. Sie brachten Zoltán die tragische Scene in Karpátfalva, das rätselhafte Gelübde ins Gedächtnis. Wohin überall hat nicht dieses Rätsel ihn verfolgt? Er zitterte am ganzen Körper, wie einer, den das Fieber schüttelt. Er fühlte sich gedemütigt, gebrochen, darniedergeschmettert ... Plötzlich bemerkt er, daß er zittere . Er, der sich für stark und mutig gehalten, zittert; zittert vor etwas Unbekanntem, wie ein furchtsames Kind vor einem nächtlichen Geräusch. Er, der bei der ersten Anwandlung von Seekrankheit sich gesagt hatte, ich will nicht und werde nicht seekrank werden und es auch durchsetzte; der, wenn er Müdigkeit oder Hunger fühlte, sich nur zu sagen brauchte, du darfst nicht müde werden, du darfst nicht hungrig sein! sollte er jetzt seiner Seele nicht sagen können: ich verbiete dir, dich zu fürchten! Er verhärtete sein Gemüt, es darf nicht beben, aber wissen muß er, worin das Geheimnis besteht, das sich zwischen ihn und die Szentirmaysche Familie drängt, er muß der Hydra ins Auge blicken und ihr das Haupt zertreten, und wenn sie hundert Köpfe hätte. Wie aber soll er es beginnen? Noch dämmert ihm über das Wie kein Gedanke aus. Nur soviel weiß er, daß er unverzüglich Preßburg verlassen muß. Das Dampfschiff fährt am Morgen ab, mit dem kann er noch heute abreisen. Wohin? Sicherlich nach Pest. Von da vielleicht noch weiter. Er machte sich eilig reisefertig. Seinen Diener ließ er zurück, damit er ihm mit dem Gepäck tags darauf nachfolge. Mittlerweile möge er die Thüre versperrt halten und niemand von seiner Abreise etwas sagen. Als er zum Dampfschiff eilte, stieg ihm ein Gedanke auf; noch ist es nur eine embryonische unklare Idee, aber bis zum Abend kann sie feste Gestalt gewinnen. Er setzte sich zum Radkasten und sah stundenlang zu, wie die klappernden Schaufeln die Wogen zerteilten, einen Staubregen weißer Schaumperlen hinter sich auswerfend; dann wieder sah er lange Zeit zu, wie der hohe Schlot aus seinem kronenartigen Helm schwärzen Rauch ausspie, der in dichten, sich übereinander wälzenden Wolken unter dem blauen Himmel dahinzog; einen Augenblick wieder trat er an die Maschine, welche ihr ungetümes Haupt auf und ab bewegt und mit ihren Eisenarmen zahllose sie umkreisende Hebel auf die Seite stößt. Unter den Passagieren befanden sich auch viele schöne Damen, die es nicht begreifen konnten, wie ein so schöner, eleganter junger Mann stundenlang dasitzen kann, versunken in die Betrachtung des einförmigen Wogenschwalles, der formlosen Rauchwolken, der keine Abwechslung bietenden Bewegungen der Dampfmaschine. Er aber hatte in dieser Zeit viel gesehen und viel gedacht. Als der Dampfer in Pest landete, warf er sich in die erste Mietkutsche und fuhr in die Wohnung seines Freundes Kovács. Kovács lebte damals schon seit einem Jahre in Pest als Rechtsanwalt der Karpáthischen Familie. Der frühere greise Rechtsfreund, dessen Herr János sich bedient hatte, war vor einem Jahre vor jenen himmlischen Richter citiert worden, vor dem es keine Apellata mehr giebt. Er befindet sich schon intra Dominium , jenes Grundbesitzes nämlich, welcher allein durch keinen Avitizitätsprozeß streitig gemacht werden kann – im Grabe. Selbstverständlich war die Bewerbung um diesen einträglichen und wichtigen Posten unter den Mitgliedern des hochachtbaren Advokatenstandes sehr bedeutend, und es war sehr wahrscheinlich, daß der gesetzliche Tutor, der hochgeborene Herr Septemvir, denselben mit irgend einem hochangesehenen, renommierten, erfahrenen Fiskal besetzen werde, da man wußte, welchen Widerwillen er gegen alle jungen Leute hegte, als ob er jedem von ihnen an der Nase ansähe, daß auch er einer jener gefährlichen Neuerer, welche die alte gute Ordnung umstürzen, auf Eisenbahnen fahren und Steuern zahlen wollen. Um so mehr überraschte es, als man erfuhr, daß das vom Septemvir für diesen Posten ausersehene Individuum ein junger Advokat sei, der erst kürzlich die Censur abgelegt und noch keine Praxis habe: ein gewisser Kovács, oder wie er sonst heißt. Oberflächliche Beurteiler sahen darin etwas Außerordentliches, eine jener vielen Sonderbarkeiten in dem Charakter Tarnavárys; und doch war das leicht zu begreifen; bei Tarnaváry war das heftige Wesen, seine Grobheit nur eine angewöhnte äußere Manier, was ihn jedoch nicht hinderte, sehr empfänglich zu sein für die Würdigung ehrenhafter, reiner Charaktere, und wenn er auch gern den Tyrannen spielte, so wußte er mit dieser Rolle doch auch die eines Gönners zu verbinden. Jene jungen Leute, welche bei ihm praktiziert hatten, wenn sie aus jener Zeit auch eine Menge drolliger Erinnerungen mitnahmen, wie sie herumgestoßen, untereinander gehetzt worden, konnten doch in ihrem späteren Leben bei jeder Gelegenheit die Erfahrung machen, daß der harte und leidenschaftliche Mann ihnen mit besonderer Vorliebe zugethan blieb. Nie war diese Vorliebe besser begründet, als im gegenwärtigen Falle. Tarnaváry mußte besorgen, daß, wenn er den gegen Zoltán im Zuge befindlichen außergewöhnlichen Prozeß einem seiner alten bekannten Advokaten übergebe, diese nicht unbeeinflußt bleiben würden von den Rücksichten, welche sie wegen ihrer sonstigen Prozeßangelegenheiten auf den Rat Köcserepy zu nehmen hatten, während der intelligente, wissenschaftlich gebildete junge Mann, dessen erster Prozeß dies ist, nicht nur aus Berufsehrgeiz, sondern auch aus persönlicher Zuneigung für seinen Klienten, dessen Sache mit rücksichtsloser Gewissenhaftigkeit betreiben wird. Noch bevor Zoltán zurückgekehrt war, hatte er Kovács nach Hause berufen. In Pest angelangt, eilte Zoltán geradeswegs zu Kovács, den er noch spät abends bei der Arbeit fand. Der junge Advokat war herzlich erfreut über die Ankunft seines jungen Klienten, von dem er sich noch im Auslande getrennt hatte. Zoltán sagte, daß er bei ihm absteigen wolle, wenn er gern gesehen sei. Er hätte Kovács keine größere Freude machen können. Der junge Karpáthi wohnte beinahe schon seit einer Woche bei seinem Advokaten, ohne daß er Anstalten gemacht hätte, welche darauf hinwiesen, daß er daran denke, anderswohin zu ziehen. Kovács ließ einigemal die Bemerkung fallen, daß es vielleicht besser wäre, für den jungen Baron eine stabile Wohnung zu mieten; dieser antwortete jedoch immer ausweichend, er fühle sich hier so heimisch und wolle ohnehin nicht lange in Pest bleiben. Den Tag über kam Zoltán häufig in die Kanzlei seines Freundes und überraschte Kovács nicht selten dabei, wie er bei dem Geräusch seiner Schritte plötzlich seine Schriften verbarg, und dann jedesmal sehr verlegen schien. Zoltán that immer, als merkte er es nicht; er fing ein Gespräch mit dem Advokaten an und suchte wie in der Zerstreutheit, in seine Schriften hineinzublicken, allein Kovács versteckte alles so vorsichtig vor ihm, daß er nicht das geringste zu erspähen vermochte. Einmal jedoch überraschte er so unverhofft den Advokaten, daß diesem in der großen Eile nicht mehr Zeit blieb, die Schriften alle gehörig zusammen zu packen und, indem er sie hastig in eine Schublade seines Schreibtisches schob, fiel ein dünnes Aktenbündel davon unter den Tisch. Zoltán beeilte sich, dasselbe mit großer Beflissenheit von der Erde aufzuheben und, indem er es dem in äußerste Verwirrung geratenen Advokaten überreichte, traf ein flüchtiger Blick die Aufschrift des Umschlages: » Bela Karpáthi contra Zoltánum Karpáthi et Rudolphum Szentirmay .« Ah, da also steckt der Knoten! dachte er bei sich. – Was für einen Prozeß habe ich denn mit meinem Vetter Abellino? fragte er mit scheinbarer Gleichgültigkeit den Advokaten. Kovács suchte seine ganze Advokatenkaltblütigkeit zusammenzuraffen, was ihm um so schlechter gelang, je mehr er sie zu erzwingen suchte. Fürs erste wurde er rot bis über die Ohren, dann fehlte wenig, daß er nicht in Weinen ausbrach. Man hätte ihm nur zu sagen gebraucht, er möchte doch ein wenig flennen, er würde es gleich gethan haben. – Aber lieber Baron, stöbern Sie doch nicht in meinen Schriften herum, rief er ärgerlich, indem er auf diese Weise die Frage zu parieren suchte. – Stöbere ich denn herum? Ich habe nur etwas aufgehoben, was auf die Erde gefallen, sagte Zoltán lachend; aber unter diesem Lachen pochte sein Herz gewaltig. – Seien Sie also so gut, es mir herzugeben. – Gleich, gleich, lieber Freund, lassen Sie mich nur ein bißchen hineinsehen. – Aber ich bitte, binden Sie es nicht auf, es ist alles so schön geordnet, nach dem Alphabet; wenn Sie mir einen Akt verwerfen, so kann ich dann wieder das ganze Archiv durchstöbern, bis ich ihn finde. – Aber ich werfe ja nichts durcheinander. Da sehe mir einer, wie man meinen eigenen Prozeß vor mir behütet. Ich werde doch wissen dürfen, warum es sich in meinem eigenen Prozeß handelt. – Was können Sie denn in einem langweiligen Erbteilungs-Berichtigungs-Prozeß sehen? Das ist nur kindische Neugierde. – Ich habe ein Recht dazu! sagte Zoltán, und fing an, das Aktenbündel aufzumachen. Bisher war der Wortzwist nur scherzhaft geführt wurden; als aber Zoltán die Aktenschleife aufknüpfte, trat der Advokat in gemessener Haltung vor ihm hin und bat ihn mit emporgehaltenen Händen und vor Aufregung zitternder Stimme: o, teurer Zoltán ! Sehen Sie nicht hinein in diese fluchbehafteten Schriften! Der Jüngling warf einen ängstlichen Blick auf den Advokaten und frug mit erstickter Stimme, als hätte das alte Gespenst mit seiner ganzen Wucht sich auf seine Brust gelegt: was steht in diesen Schriften? – Verhüte der Himmel, daß Sie auf diese Frage je eine Antwort erhalten. Ich sage Ihnen bei meiner Treue, bei meiner Ehre, wenn je ein Mensch sich fände, der ihnen raten würde, nur eine Zeile in diesen Schriften zu lesen, der wäre Ihr erbittertster Todfeind. Zoltán preßte bei diesen Worten die Schriften immer krampfhafter in seinen Händen zusammen, so daß sie unter seinen Fingern sich beinahe zusammenkrümmten. Sein schönes Gesicht wurde bleich wie die Wand. – Mein Freund, mein treuer, aufrichtiger Freund, sagte er mit bebender Stimme zu Kovács. Sie wissen, daß ein rätselhaftes Verhängnis seit Jahren mich grausam verfolgt: daß irgend eine unsichtbare Ursache, ein unerklärlicher Fluch die teuerste Hoffnung, an der meine Seele hängt, stets – stets aufs neue vor meinen Augen zerknickt; daß ich büßen muß, ohne zu wissen wofür? daß ich diejenigen meiden muß, die ich liebe, und nicht weiß warum? Steht dieser Prozeß in einem Zusammenhange mit jenem Fluche, der mir ins Herz gebrannt ist? – Ich kann Ihnen darauf keine Antwort geben. – Also sitzt hier das Gespenst! rief Zoltán, und schlug mit der Hand auf die Akten, während ein unaussprechliches Gefühl aus seinen Augen leuchtete. Kovács ergriff seine Hand. – Mein teurer, bester Herr! Kennen Sie in der ganzen Welt eine Seele, die Sie mehr liebte, als ich? – Einen ausgenommen. – Nur diesen einen hätten Sie jetzt nicht erwähnen sollen! – Meine Augen können die Thränen nicht zurückhalten und mein Herz bebt, indem ich Sie so bitte, und wenn jener andere hier wäre, würde er ebenso zitternd und mit Thränen Sie anflehen: hebe die Hand weg von diesen Schriften, denn auf jeder Zeile klebt Fluch und Verdammnis, denn von dem Augenblicke, wo du ihren Inhalt kennen lernst, hast du aufgehört jung zu sein und bist ein Greis geworden; hast du verlernt zu lieben und kannst nur mehr hassen, verachten, verabscheuen. O geben Sie mir diese Schriften zurück, forschen Sie nicht bei mir nach einem Geheimnisse, welches die göttliche Barmherzigkeit vor jeder jungen Seele ewig verhüllen möge. Sie sind noch ein Kind, wenn auch schon so gereift, wie ein Mann. Haben Sie Manneskraft genug, um dieser Unheil bringenden Wißbegier zu entsagen, und gehen Sie dann sich des Lebens zu freuen, das mit allen seinen Reizen vor Ihnen ausgebreitet liegt. Zoltán trat mit ruhigem, ernstem Gesicht an Kovács heran und blickte ihm fest in die Augen. – Lieber guter Freund. Wir waren jahrelang Reisegefährten und haben einander kennen gelernt. Wir haben zusammen viele gefährliche Mutproben bestanden und Sie waren Augenzeuge, ob ich je vor irgend einer Gefahr furchtsam zurückgewichen bin. Auch wenn Sie es nicht sagten, würde ich es doch fühlen, würde mein innerer Schauer es mir sagen, daß ich auf brennendem Schiff, in den Hinterhalten der wilden Rothäute, am feuerspeienden Krater so Schrecklichem nicht gegenüberstand, wie es jetzt vor mir steht; aber ich will es kennen lernen, und wenn der Tod in diesen Schriften ist, will ich sie lesen, und wenn der Teufel darin wohnt, so will ich ihn heraufbeschwören. Seit drei Jahren fliehe ich vor einem namenlosen Gespenst, ich bin es müde, beständig vor ihm zurückzuweichen; ich will mich umwenden und ihm ins Auge blicken, will es befragen um seinen Namen und weshalb es mich verfolgt. Ich will diesen Prozeß kennen lernen und schwöre, daß ich vor nichts zurückschrecken werde, was ich darin auch finden mag. – Dieser Schwur würde sich schwer an Ihnen rächen, wenn Sie es thäten. – Ich werde es thun. – Mit meinem Wissen nicht, sagte hierauf Kovács mit Entschiedenheit. Ich habe einem Wanne, den Sie ebenso lieben, wie ich ihn hochschätze, mein Ehrenwort gegeben, daß ich Sie nie in den Inhalt dieses Prozesses einweihen, noch zugeben werde, daß Sie sich damit bekannt machen. Ich habe mein Ehrenwort darauf gegeben. – Jetzt belieben Sie die Papiere zu öffnen. Zoltán band auf dies Wort das Aktenbündel wieder zu und kehrte sprachlos zu dem Tisch des Advokaten zurück. Kovács drückte seinem jungen Klienten warm die Hand und stammelte kaum vernehmlich: Dank! Dank! – – – Der Jüngling blickte mit einer, man möchte sagen, elektrischen Zornesglut auf den zusammengebundenen Aktenstoß, wie auf ein fletschendes Raubtier und legte mit unterdrückter Heftigkeit einer jugendlichen Aufwallung die zitternde Hand darauf: deshalb möge dies Gespenst sich nicht einbilden, daß ich nicht mit ihm sprechen werde. Damit entfernte er sich und Kovács bekam durch volle drei Wochen seinen Klienten nicht mehr zu Gesicht, der jetzt in sein eigenes Haus übersiedelt war, welches der alte Nabob hatte bauen lassen, als seine Frau den Wunsch geäußert, in Pest zu wohnen, das aber weder er, noch seine Frau mehr bewohnen sollten. Zoltán schien dem Rate seines Freundes zu folgen: er suchte die lustigsten Gesellschaften auf, eilte von einer Zerstreuung zur andern; aber während er sich nur zu unterhalten schien, horchte er aufmerksam überall hin, ob er nicht irgendwo ein Wort auffangen könne über dasjenige, was er zu wissen begehrte. Er brachte endlich heraus, daß Maßlaczky der Rechtsanwalt der Gegenpartei sei. Vielleicht kann er durch ihn leichter in das Geheimnis des Prozesses eindringen. Bei einer Gelegenheit traf er mit diesem zusammen und brachte den Gegenstand zur Sprache. Der Anwalt zog sich gewandt aus der Schlinge, indem er Zoltán auseinanderletzte, es sei dies eine Sache, mit der nur die Advokaten der Parteien zu thun haben, die Klienten, bis sie nicht majorenn, hätten keinen Einfluß zu nehmen in diese Angelegenheiten. Noch an demselben Tage beeilte sich indes Herr Maßlaczky, Herrn Köcserepy ein Briefchen zu schreiben, das nur die kurzen Worte enthielt: »Er beißt schon an!« Maßlaczky hätte zwar dem Jüngling auf dessen Ersuchen den Prozeß zeigen können; allein das hätte ruchbar werden und seinem Rufe als Advokat sehr schaden können; ohnehin wußte er, daß Zoltán nicht mehr locker lassen werde, nachdem er einmal im Zuge. Auf einem Spaziergange im Stadtwäldchen erblickte Zoltán eines Tages einen langbärtigen Patrioten, der mit dem Rücken an den Stamm eines Kastanienbaums gelehnt, mit großer Weltverachtung aus der hinteren Tasche seines fadenscheinigen Attilas die darin aufbewahrten Kerne einer Wassermelone hervorholte und dieselben, nachdem er sie sauber abgeputzt hatte, mit gemächlicher Ruhe verzehrte. Zoltán erkannte den alten Bogozy, dessen flüchtige Bekanntschaft er schon während der Überschwemmung gemacht hatte; er ging auf den alten Scythen zu und redete ihn an: guten Tag, Bogozy, was machen Sie hier? Der alte Kampfhahn sah ihn von der Seite an und ohne nur für den guten Tag zu danken, antwortete er gleichgültig: ich speise, wie Sie zu sehen belieben. – Vielleicht Konfekt? – Nein, fürwahr, das ist kein Konfekt, sondern mein Mittagsmahl, die Melone habe ich zum Nachtmahl gegessen und die Kerne habe ich nur für Mittag gelassen. Das ist so das Los armer Teufel in der reichen Stadt. – Sie sind also noch immer in Ihrer alten Stellung? fragte Zoltán teilnehmend. – Leider nein. – Sind Sie vielleicht in der Censur wieder nicht durchgekommen? – Das ist eben das Unglück, daß ich durchgekommen bin. – Wie so? – Nun, solange ich Jurat war, kamen doch Exmissionen, Accidentien vor, aber seitdem ich beeideter Advokat bin, ist dies Bene weggefallen und lebe ich nur mehr von dem, was ich mir durch Abschreiben verdiene. – Können Sie denn keine Prozesse führen? – Wer würde mir einen Prozeß anvertrauen? – Warum denn nicht? – Weil jeder sich fürchten würde, daß ich den Kläger exequieren lasse, oder daß ich den Prozeß vertrinke, oder daß ich mit der Gegenpartei unter einer Decke stecke. Sie wissen ja, einem armen Teufel traut man alles zu. Zoltán machte diese cynische Art zu sprechen sehr traurig. – Womit beschäftigen Sie sich also jetzt? – Ich hab's Ihnen ja schon gesagt, mit Abschreiben. – Noch immer bei Herrn Maßlaczky? – Bei ihm und bei andern; wer mich bezahlt. Für zehn Kreuzer schreib ich einen Bogen. Wenn Euer Gnaden jemand wissen, weisen Sie ihn mir zu, ich werd ihn schon aufsuchen. Ein Gedanke fuhr Zoltán durch den Kopf. – Ja doch, eben fällt mir ein, daß ich selbst etwas zum Abschreiben hätte. – Der Himmel segne Sie, gnädiger Herr, geben Sie es niemand anderem; ich schreibe es ohne einen einzigen Fehler ab und so schön, wie gestochen. Ist's viel? – Ein ganzer Prozeß. Aber es wird auch einiger Laufereien benötigen, um ihn in die Hände zu bekommen. – O, ich kriege ihn heraus. Wo ist er? Ich laufe zu Fuß darum bis nach Siebenbürgen, wenn Sie befehlen. – Soweit ist's nicht nötig. Es ist der Prozeß: » Karpáthi – contra Karpáthi et Szentirmay «, den ich abgeschrieben wünschte. – Nichts leichter als das. Der Fiskal Euer Gnaden, Herr Kovács, kann ihn jeden Augenblick herausnehmen. – Ja, mein Freund: aber ich will gerade, daß er nichts davon erfährt, denn ich habe die Absicht, den abgeschriebenen Prozeß nach London einem berühmten Rechtsgelehrten zu schicken, damit er sein Gutachten darüber abgebe, und sehen Sie, ich möchte nicht, daß Kovács sich beleidigt fühle, wenn er erführe, daß ich neben seiner Meinung noch nach einer anderen verlange. Zoltán log, als ob er das Lügen studiert hätte. – Ah so, verstehe, sagte Bogozy. Ich verstehe schon. Es darf also niemand darum wissen. Seien Sie unbesorgt, gnädiger Herr, deshalb kriegen wir ihn doch. Ich werde auflauern, wann der Prozeß zu Maßlaczky kommt. Die Nacht über bleibe ich auf und während er schläft, setz' ich das Ganze herunter, hernach schreib ich's ins Reine. Zoltán konnte die Aufregung, in der er sich befand, kaum verbergen. Wie jemand, der einen vorteilhaften Kauf abgeschlossen, beeilte er sich, Bogozy ein Angeld zu geben. Er hatte eben zehn Dukaten bei sich, diese drückte er Bogozy in die Hand. – Nehmen Sie vorläufig das, wenn ich das Verlangte erhalte, bekommen Sie das Zehnfache. Bogozy glaubte nach dem Gefühl Fünfkreuzerstücke in der Hand zu haben und erschrak, als das Gold ihm entgegenblinkte. – Sind Sie von Sinnen? brummte er vor sich hin. Aus das kann ich nicht herausgeben. Sie haben sich vergriffen, mein Herr, und statt weißer gelbe erwischt. – Schon gut so. Wenn der Prozeß abgeschrieben ist, erhalten Sie hundert Dukaten dafür. Damit eilte er davon. Umsonst schrie ihm Bogozy nach, er möchte wenigstens neun davon behalten, ihm nicht alle zehn lassen, denn er gebe sie heute noch alle aus, er werde sie ihm ohnehin kleinweis abbetteln. Zoltán warf sich aufs Pferd und ritt davon, den armen Bogozy allein zurücklassend, der trotzdem seine Melonenkerne bis auf den letzten verspeiste. Soweit ich zurückdenke, war es in dem Stück Weltteil, den wir bewohnen, nicht gewöhnlich, mit Gold zu zahlen, und wenn jemand einen Dukaten ausgab, that er es immer mit einer Art Schamröte, denn er wurde von allen Leuten groß angesehen und gewiß dachte jedermann bei sich: nun, der muß es dick haben! Einen armen Teufel fragte man sogar darüber aus, woher er ihn habe und er mußte sich purifizieren, daß er auf erlaubtem Wege in seinen Besitz gekommen. War es ein ordentlicher Mensch, so geriet er in den Verdacht, als sei all sein anderes Geld ihm schon ausgegangen, so daß er nun genötigt sei, seine Dukaten auszugeben. An vielen Orten wußte man nicht einmal recht, wieviel man darauf herauszugeben habe. Frater Bogozy suchte so verstohlen als möglich die von Zoltán erhaltenen Dukaten an den Mann zu bringen; er versilberte sie bei Gottscheern Bekanntlich sind in den Pester Wirtshäusern mit Südfrüchten hausierende Gottscheer häufig anzutreffen, welche ihre Ware unter den Gästen ausspielen. , wechselte sie bei bekannten Kellnern, ganz im geheimen; aber einmal wurde er doch dabei ertappt, und es verbreitete sich das Gerücht, Bogozy wechsele Dukaten um. Wen muß er dafür erschlagen haben? Seine Kollegen, die in derselben Kanzlei mit ihm arbeiteten, erfuhren davon und steckten es Herrn Maßlaczky. Diesem fiel die Sache auf. Bogozy war es nicht im geringsten anzusehen, daß er bei Kasse war; selbst das Loch am Ellbogen ließ er sich nicht flicken, obwohl sein Attila auch an andern Stellen schon abgerissen war. – Ejnye amice , rückte der Prinzipal ihm einmal auf den Leib, den Zeigefinger in das Loch am Rockärmel bohrend, als oberes jetzt zum erstenmal wahrnähme; ejnye amice , könnten Sie nicht endlich einmal dies Loch im Attila sich zunähen lassen? – Wüßte nicht wovon? entgegnete, schnell mit der Antwort fertig, Bogozy, ohne vom Papier aufzublicken. – Nun, von den vielen Dukaten, die Sie da und dort auffischen. Bogozy blickte ärgerlich bei diesen Worten auf. – Wer hat das schon wieder ausgeplaudert? – Ja, ich habe einen kleinen Vogel, der mir alles zuträgt. Woher haben Sie die vielen Dukaten? Bogozy dachte nach, welche Lüge er erfinden solle. Es wollte ihm nichts einfallen. – Ich hab sie gestohlen! antwortete er endlich mit komischem Phlegma. Bei diesen Worten warf Herr Maßlaczky die Nase in die Höhe. – Mein lieber Herr und Freund, wie können Sie so etwas sagen? »Ich hab's gestohlen!« Ziemt sich ein solches Wort in dem Mund eines diplomierten Mannes? Wie könnte ich mir eine so gemeine Denkweise erlauben? Unlängst habe ich einige Dukaten auf meinem Tisch vergessen, die ich später nicht mehr dort fand, aber für alle Schätze der Welt würde ich nicht das Wort herausbringen, daß sie jemand »gestohlen«. In meiner Umgebung habe ich nur Leute von unbescholtenem Charakter und meine Augen wurden mir aus dem Kopf herausbrennen, wenn jemand aus ihnen lesen könnte, daß ich bei mir denke, er habe sie mir gestohlen. Die Augen würden mir aus dem Kopf brennen. Bogozy verspürte große Lust, Herrn Maßlaczky das volle Tintenfaß ins Gesicht zu schütten, nur, um zu verhindern, daß ihm die Augen herausbrennen; dann aber überlegte er sich's, daß er es jetzt mit Maßlaczky nicht verderben dürfe, wenn er zu seinem Prozeß gelangen wolle, und erwiderte statt dessen mit trotziger Ruhe: denken Sie doch ja nicht, domine spectabilis , daß ich Ihnen Ihre Dukaten gestohlen habe. Ich habe sie, wenn Sie es wissen wollen, von dem jungen gnädigen Herrn Karpáthi unlängst zum Geschenk erhalten; belieben Sie sich bei ihm zu erkundigen, wenn Ihnen an der ganzen Sache soviel gelegen ist. – Was für ein junger Herr Karpáthi? welcher Herr Karpáthi? forschte der Fiskal weiter. – Nun, den alten invaliden Kavalier werde ich doch nicht einen jungen Herrn nennen. – Also Zoltán? Was haben Sie mit Zoltán zu thun? Warum hat er Ihnen die Dukaten gegeben? – Weil ich ihn darum gebeten habe, denn ich habe nichts zu essen gehabt. Er kennt mich aber noch von der großen Überschwemmung her und so hat er mir ein Paar Dukaten gegeben. Das ist ihm soviel, wie einem andern zwei Groschen. – Lieber Freund, sagte Maßlaczky, sich in Positur werfend, ich liebe es überhaupt nicht, daß die um mich befindlichen Adjunkten oder Juraten in irgend einem Verkehr mit Leuten stehen, gegen die ich einen Prozeß zu führen habe. Ich kann nicht jedes Geheimnis vor meinen Juraten und Adjunkten verschließen, durch diesen Kanal kann vieles transpirieren, was andern nicht zu Ohren kommen darf. Jetzt arbeite ich gerade über dem Karpáthischen Prozeß und bin nicht wenig betroffen, zu hören, daß einer meiner Gehilfen gerade jetzt ein unmotiviertes Geschenk von einer Gegenpartei annimmt; während ich doch gewohnt bin, Ihren Händen auch meine größten Prozesse anzuvertrauen. Welche Wonne wäre es für Bogozy gewesen, den allergrößten Prozeß, den er eben in Händen hatte, beim Ohr zu erwischen und so auseinander zu schütteln, daß jede Schrift in neunundneunzig Stücke auseinander geflogen wäre; aber bei dem Gedanken an die hundert Dukaten bezähmte er sich und schrieb in seinem Zorne so verschnörkelte Buchstaben, daß etwas dazu gehören wird, um sie zu lesen. – Ich bin so nachlässig, polterte Herr Maßlaczky weiter, nichts zu verschließen, ich bin so vertrauensvoll gegen jedermann, ich werde mein Zutrauen noch einmal teuer bezahlen müssen! Hierauf entfernte sich der Advokat sehr zornig in sein Zimmer, die Thüre hinter sich zuschlagend, und noch drinnen hörte man lange Zeit ihn zanken; wer aber durch die Wände hätte blicken können, wäre nicht wenig verwundert gewesen, zu sehen, welche lustige Gesichter der Advokat zu seinem zornigen Gebrumme schneidet, wie er lächelt, wie seine Lippen zucken, wie er mit den Augen zwinkert und nicht aufhört, sich die Hände zu reiben und mit welch unaussprechlichem Vergnügen er jedesmal auf den Prozeß Karpáthi blickt, so oft er an den Akten vorübergeht; jeden Augenblick erwartet man, er werde laut auflachen, so zuckt es ihm in den Augen, im Mund, im ganzen Gesicht. Endlich kommt er vom vielen Händereiben zu sich, kann aber seine Freude so wenig bemeistern, daß er anfängt zu pfeifen, bis er es bemerkt und sich auf das Maul schlägt: – da draußen könnten sie es hören. Der gestopfte Tschibuk giebt ihm seine Ruhe zurück. Diese Art Pfeifen ist ganz geeignet dazu, um einem menschlichen Gesichte jeden Ausdruck zu benehmen. – Bogozy! rief er mit sanfter, freundlicher Stimme. Der Träger dieses Namens läßt sich noch ein paarmal rufen und kommt dann erst herein. – Nun, sind wir noch böse? fragt Maßlaczky mit familiärer Freundlichkeit den trotzigen Petschenegen, welcher es überflüssig findet, darauf eine Antwort zu geben. – Nun, seien Sie nicht mehr böse, sprach Maßlaczky weiter. Sehen Sie, ich bin ein hitziger Mensch. Ich habe einen kurzen Hals und da steigt mir das Blut schnell in den Kopf. Ich wollte Sie nicht beleidigen. Sie waren auch gar nicht damit gemeint. Ich kenne ja schon lange meinen lieben Freund, alle Welt weiß es: Ihre Treue, männliche Festigkeit, gewissenhafte Verschwiegenheit sind sprichwörtlich geworden. Das wird Ihnen niemand bestreiten. Bogozy fand für gut, auch etwas zur Sache zu sprechen. – Es hat mich nur verdrossen, daß Spectabilis mich vor diesen Gelbschnäbeln ausgescholten. Unter vier Augen laß ich nur alles von Ihnen sagen. – Auch das will ich wieder gut machen. Sehen Sie, ich werde Ihnen eine glänzende Satisfaktion geben. Ich bin jetzt genötigt, auf einige Tage von Pest zu verreisen. Während dieser Zeit vertraue ich Ihnen meine ganze Kanzlei an. Sie sollen über alles die Aufsicht führen. Schlafen Sie hier in meinem Zimmer. In Ihren Händen lasse ich alle Schlüssel, die vom Archiv und von der Kasse für die Prozeßauslagen. Sie werden die Fratres auszahlen und alle vorkommenden Sporteln und Expensen. Geht Geld ein, so werden Sie es übernehmen und quittieren. Ich stelle Ihnen dazu eine Vollmacht aus. Ich hätte in einem Prozeß zu komparieren, Sie werden statt meiner erscheinen und die Levata aufnehmen. Über alles, was sonst vorkommt, werden Sie ein genaues Journal führen und die Arbeiten der Juraten strenge kontrollieren. – Nun, sind Sie jetzt mit mir zufrieden? Glauben Sie jetzt, daß ich Sie nicht kränken wollte, und daß ich volles Vertrauen zu Ihnen hege? He? Bogozy dachte noch immer bei sich, daß es ihm das liebste wäre, dem Herrn Prinzipal ein paar Rippenstöße versetzen zu können, um völlig zufriedengestellt zu sein, und drehte nur den Hals hin und her, um sich für die ihm widerfahrene große Ehre zu bedanken. – Reichen Sie mir also die Hand, sagte Herr Maßlaczky, Bogozys Rechte ergreifend, welcher sie drücken ließ, wie ein Stück Holz, und nachdem der Prinzipal sie losgelassen, zur Thüre hinausschob, wo er, im Gefühl seiner Überlegenheit, die flaumige Wange eines kleinen Juraten, den er im Verdacht hatte, die Geschichte mit den Dukaten ausgeschwatzt zu haben, mit einer empfindlichen Maulschelle beehrte. In ein paar Stunden war Maßlaczky reisefertig und ließ sich vom alten Husaren das Felleisen und den Mantel nachtragen. In der Kanzlei gab er dem Personal zu wissen, daß es in seiner Abwesenheit Bogozy zu parieren habe, den er als seinen alter ego zurücklasse, was die Wirkung hatte, daß die Fratres, so wie der Prinzipal zur Thüre hinaus war, zu schreiben aufhörten, es Bogozy überlassend, mit dem fertig zu werden, was sie nicht mehr erledigten. Amice Bogozy fand es hierauf zur Aufrechterhaltung seiner Autorität für nötig, die jungen Herren einen nach dem andern zu Boden zu schlagen, den einen schmiß er unter den Tisch, den zweiten unter das Bett, einen dritten warf er zur Thüre hinaus. Mit einem Wort, er hielt die Ordnung tapfer aufrecht bis zur Mittagszeit. Nachmittags war es schon nicht mehr nötig, denn die Fratres hatten es für überflüssig gehalten, sich einzufinden. Das hatte Bogozy sich nur gewünscht. Er blieb so ungestört allein in der Wohnung. Sein erstes Geschäft war, den Prozeß Karpáthi hervorzusuchen. Er nahm zwei Buch Papier, welches er in Ofen gekauft, damit es verschieden sei von dem, dessen man sich in der Kanzlei bediente. Das Papier legte er gerade vor sich hin, dadurch bekamen die Buchstaben eine schräge Lage nach links und wurden seiner gewöhnlichen Schrift sehr unähnlich. Wenn die Geschichte je herauskommen sollte, wird er seine Hand um so eher verleugnen können. Herr Maßlaczky bleibt trotz alledem ein Mann, an dessen Ehrenhaftigkeit nicht das geringste auszusetzen ist. Kann er denn wissen, was in seinem Bureau vorgeht, während er abwesend ist? Ist er denn gehalten, im voraus zu wittern, daß, während er bona fide seinen Geschäften nachgeht, ein thörichter Mensch den ganzen Karpáthi-Prozeß kopieren wird, um demjenigen, der nicht einmal einen Blick sollte hineinwerfen dürfen, eine Abschrift davon zu liefern, und so einem unschuldigen, nichts böses ahnenden Jüngling, der von all den Schändlichkeiten, die der Prozeß behandelt, noch keine Ahnung hat, das Messer ins Herz zu stoßen? Ist er in dieser Sache nicht vorgegangen, wie ein rechtschaffener, besonnener Mann; hat er nicht öffentlich vor Zeugen, daß jedermann es hören konnte, den Leichtsinn seines Gehilfen gerügt, mit Zoltán Karpáthi eine Bekanntschaft angeknüpft zu haben; hat er sich nicht gegen die Möglichkeit verwahrt, daß jemand mit den Geheimnissen, die in seinem Aktenschrank vergraben sind, die Gegenpartei bekannt mache? Kann er dafür, wenn jemand sein Vertrauen schändlich mißbraucht; kann ein vernünftiger Mensch ihn für die Folgen verantwortlich machen, wenn gerade derjenige, dein er die Obhut über seine Dokumente anvertraut hat, die gefährlichsten dieser Urkunden in fremde Hände liefert? O nein. Herr Maßlaczky ist und bleibt der gewissenhafteste Mensch, der nicht entfernt ahnt, was bei ihm zu Hause vorgeht, während wichtige Geschäfte ihn fern halten, und der selbst den größten Lärm schlagen wird, wenn Zoltán Karpáthi den Inhalt der geheim gehaltenen Akten mitgeteilt erhält und dies offenkundig wird, in welchem Falle Maßlaczky unfehlbar der Welt die glänzendste Genugthuung verschaffen und Bogozy unbarmherzig davonjagen wird. Darauf kann er im voraus gefaßt sein. * * * – Morgen Abend bin ich mit dem Prozeß fertig, flüsterte Bogozy eines Abends Zoltán ins Ohr, dein er auf der Gasse begegnet war. Wenn Bogozy auch nur ein bißchen Psychologe gewesen wäre, hätte er die ungewöhnliche Blässe bewerten müssen, welche bei diesen Worten das Gesicht des Jünglings überzog. – Ich werde Sie erwarten, sagte er, ihm die spröde Hand drückend. Tags darauf rührte sich Zoltán den ganzen Nachmittag über nicht aus seinem Zimmer, nachdem er seiner Dienerschaft aufgetragen hatte, wenn ein so und so aussehender Herr nach ihm fragen würde, ihn hereinzuführen; für andere Besuche sei er nicht zu Hause. – Wie langsam schlich ihm die Zeit dahin, bis es Abend wurde! Hundertmal sah er auf die Uhr und so oft draußen Schritte vernommen wurden, eilte er an die Thüre, um zu horchen. Das Warten kam ihm unsäglich schwer an. Seine Nerven waren in solcher Aufregung, daß er bei dem geringsten Geräusche zusammenzuckte; er nahm Bücher hervor, um darin zu lesen, kam aber nicht über die ersten Zeilen hinaus; er wußte nicht einmal, was er gelesen hatte; jeder Pendelschlag brachte ihm aus dem Kontext. Er nahm seine interessantesten Studienhefte hervor, die er zusammen mit Kovács studiert hatte; wie er darin blätterte, traten allmählich die intelligenten Züge seines lieben, jungen Freundes vor sein geistiges Auge, wie er ihn mit edlen Ratschlägen belehrt, wie er ihm sanft zugeredet: wenn Sie auf meine Worte etwas geben und auf die eines andern, der Sie noch mehr liebt, so lassen Sie jene fluchbeladenen Schriften, die Sie mit aller Gewalt kennen lernen wollen, unberührt, ungelesen, dort, wo sie sind; thun Sie es mir zuliebe und auch noch einem andern zuliebe, der Sie so sehr liebt. Und dann tauchte die Erinnerung an diesen andern in ihm auf, wie er in den verschlossenen Zimmern des Karpáthfalver Kastells so düster, so traurig mit ihm umhergewandelt, Wie er ihn weinend in seine Arme geschlossen und ihn mit so rührenden Worten gebeten, nie und nimmer der Ursache seines Kummers, seiner Thränen weiter nachzuforschen, ihn zu verlassen und nie erfahren zu wollen, warum er von ihm scheiden mußte. Bei diesem Gedanken blieb er ganz in sich verloren. Ein lautes Klopfen an der Thüre weckte ihn plötzlich aus seinen Träumen. Als hätte ein ungerufenes Gespenst an die Pforte geklopft, sprang er von seinem Sitze auf. Und doch hatte er den Besuch erwartet. – Wer da? – Ihr gehorsamster Diener! Und Bogozy trat mit einem Bückling herein, um Entschuldigung bittend, daß er so spät störe. Unter dem Arm hielt er den Prozeß. Zoltán fühlte alles Blut zu Kopf steigen, er sah kaum, konnte kaum sprechen, kaum von seinem Stuhl sich erheben. Bogozy legte den abgeschriebenen Prozeß auf den Tisch hin. Er hatte die Mühe nicht gescheut, auf dem Umschlag den dreigliedrigen Titel mit verschnörkelter Lapidarschrift zu malen. Zoltán hatte die Empfindung, als läge der Prozeß nicht dort auf dem Tisch, sondern ihm auf der Brust, und als wäre jedes einzelne Blatt eine Centnerlast. Er wollte danken, aber er brachte kein Wort über die Lippen; die Stimme versagte ihm bei der Danksagung für einen so verhängnisvollen Dienst. Bogozy meinte, es würde ihm nicht schaden, sich ein wenig niederzusetzen, nachdem er so viele Treppen gestiegen, und fand eine angenehme Unterhaltung darin, die an den Wanden hängenden Bilder der Reihe nach zu begaffen. Der Jüngling stierte nach dem Titel des Prozesses, als ob er einem Basilisken ins Auge blickte. – Es ist alles abgeschrieben, bis auf den letzten Buchstaben, versicherte Bogozy, dem der seltsame Blick des Jünglings aufzufallen begann. Es ist nichts ausradiert, nicht ein Buchstabenfehler ist darin. Belieben Sie sich zu überzeugen. Er schickte sich an, den Jüngling selbst von der Wahrheit seiner Behauptung zu überzeugen. Zoltán winkte ihm zu, es sein zu lassen. Er möge die Papiere nicht anrühren und sitzen bleiben, wo er sitzt. Dann zog er aus einer Schublade eine Rolle hervor, in der sich hundert Dukaten befanden. Er überreichte sie Bogozy, ohne ein Wort zu sprechen. – Ei, so haben Sie doch nicht gescherzt, gnädiger Herr! Aber beim Himmel, das ist zu viel. Soviel pflegt man nicht zu geben. Wenn ich für die große Güte mich nur erkenntlich erweisen könnte; wenn Euer Gnaden befehlen, kopiere ich noch irgend einen Prozeß als Zugabe. Der gute Bärenhäuter wußte nicht eine Silbe von dem, was er für Zoltán abgeschrieben; es war nicht seine Gewohnheit, sich um den Inhalt einer Schrift zu kümmern; er schrieb nur Buchstaben für Buchstaben nach, wie sie vor ihm standen, und wenn er damit fertig war, hätte man ihm einreden können, daß er sein eigenes Todesurteil geschrieben. – Wenn mir Euer Gnaden wenigstens nicht lauter Dukaten gegeben hatten, Banknoten wären mir viel lieber gewesen, parlamentierte Bogozy noch eine Weile fort, als er jedoch sah, daß Zoltán keine Antwort gab, sondern immer nur auf die zusammengebundenen Papiere starrte, fing er an, sich zu empfehlen und retirierte durch die Thüre, ohne daß Zoltán bemerkt hätte, wann er fortging und wohin. Die Scheu vor dem Unbekannten ist eines jener Kindergefühle, welche uns bis in das späteste Alter nicht verlassen. Ein verschlossenes, verschüttetes Kellergewölbe, das noch nie jemand geöffnet sah – wie furchtsam schleichen wir an demselben vorüber: wer weiß, was darin Hausen mag? Ein ferner Klageton, wenn wir nachts durch einen dichten Wald, durch einen öden Moorgrund reisen – wie beschleunigen wir da unsere Schritte: wer weiß, was dort stöhnt? Welche Unholde, welche Gespenster werden zum Vorschein kommen, wenn du die papierene Hülle dieser Gruft erbrichst? Fühlst du nicht im voraus den Modergeruch, indem du diese vielen raschelnden Leichentücher eines nach dem andern lüftest? Sehen deine Augen in diesen schwarzen Buchstaben nicht das krabbelnde, zuckende Gewürm, das auf dem Sterbegewand umherkriecht, nachdem es den Leib zernagt hat. Wirst du nicht zusammenfahren, wenn die Mitternachtsstunde schlägt und du gewahrst, wie links und rechts dir zur Seite bleiche Gestalten sitzen, die du mit tollkühner Hand heraufbeschworen aus ihren Grabtüchern, welche dich kennen und welche auch du kennst, und die traurig ihre Hand auf deine Schulter legen und dir ins Auge blicken; wenn vor dir dort auf dem Schreibtisch jene teuflische Spukgestalt hocken wird, mit grinsendem Gesicht und gespitzten Ohren und mit den langen Krallen von Zeile zu Zeile fahrend, damit du weiter liesest; wenn dir Kopf und Herz sausen werden, als wären sie angefüllt mit allen Schrecknissen der Vergangenheit; wenn es sich auf deine Brust wie der Alpdruck eines schweren Traumes legen wird, und der noch schwerere Druck des Wissens, von dem kein Erwachen ist? Scheußliche verdammte Fratzenbilder werden dich umschwirren, von denen noch nie eine Ahnung dich beschlichen, deren Stich tödlich, deren Atem Pest, deren Anblick ekelerregend, und zwischen ihnen wirst du die Bilder derjenigen erblicken, die dir die teuersten sind, angstvoll, zornig und doch vergeblich bemüht, sich zu flüchten vor der Berührung mit diesen widerwärtigen Unholden, sich zu reinigen von ihrem besudelnden Händedruck und den giftigen, zähen Geifer zu entfernen, den sie ihnen ins Gesicht speien. Und du selbst wirst mitten unter ihnen sitzen als das einzige regungslose, lebendige Wesen unter so vielen lebendigen Gespenstern, auf das die Verfolger mit teuflischem Grinsen und die Verfolgten mit Höllenqualen herabblicken werden! Sei es darum! Was auch diese dumpfe Gruft umschließen mag, ich öffne sie. Mögen sie erscheinen, die darin hausen! Zoltán band den Aktenstoß auf. Er zog sich damit in ein Gemach zurück, dessen Fenster auf den Garten gingen, und sperrte auch noch die Thüren der beiden anstoßenden Zimmer hinter sich ab; hier konnte ihn niemand belästigen, kein Geräusch ihn stören. Bevor er die Papiere entfaltete, kamen ihm die Worte seines wohlmeinenden Freundes ins Gedächtnis: wenn du diesen Prozeß gelesen haben wirst, ist es um deine Jugend geschehen! ... Sehen wir denn, was die Macht besitzt, uns so schnell altern zu machen. Die erste Schrift war eine Vorladung gegen Zoltán Karpáthi. Das Datum zeigte, daß Zoltán, als die Vorladung erlassen wurde, kaum ein Jahr alt war. Was konnte er als einjähriges Kind verbrochen haben? Als ob da drinnen ein zürnender Geist polterte, so heftig schlug sein Herz und dann wieder schien es still zu stehen wie der Perpendikel einer abgelaufenen Uhr. Also deshalb war er vorgeladen, weil er kein Recht hatte, geboren zu werden, denn sein Vater war damals schon ein alter Mann. Sein Vater also war ein alter Mann und deshalb durfte er nicht mehr geboren werden? Er fand sich noch nicht in dies Rätsel. Zoltán zählte wirklich schon sechzehn Jahre, und dieser Gedanke ist ihm noch ein Rätsel. Ist man je zu alt, um lieben zu dürfen? Lies nur weiter. Jede Zeile ist für ihn eine Woche, ein Monat, ein Jahr. Es folgten die Beweisstücke. O welche abscheuliche Dinge standen da drin. Das Gesicht des Jünglings glühte, er zitterte am ganzen Körper, als er weiter las, diese niederträchtigen, undenkbaren Schändlichkeiten. Das verworfenste Gemüt konnte keine solchen Gedanken aus sich selbst schöpfen, wenn sie nicht hineingelegt werden. Heißer, brennender Schweiß rann ihm über Stirne und Wangen. Er wollte diese schrecklichen, diese mörderischen Schriften von sich schleudern, er wollte aufspringen und davon rennen, weit, weit! Er wollte erwachen aus diesem gräßlichen Traume; aber es war zu spät, er konnte die einmal herausbeschworenen Geister nicht mehr zurückbannen in ihre Särge, er mußte bis auf den Grund sehen, wieviel ihrer noch der geöffneten Gruft entsteigen werden, er mußte alles lesen, bis zum letzten Buchstaben, denn das war kein Traum, sondern schwere, schwere, bleischwere Wirklichkeit. Jene angebeteten Gesichtszüge, deren Erinnerung aus dem dunkeln Karpáthfalver Zimmer ihn aus seinen weiten Wanderungen begleitet hatten, wie schienen sie ihm entstellt, verunstaltet. Das schrecklichste Zerrbild war ihm das von den unflätigen Aussagen der Zechbrüder besudelte väterliche Antlitz. Wie häßlich sind diese mit Kot beworfenen Züge. Und jene bleiche Frau, an deren sanftes, wehmütiges mütterliches Antlitz zu denken ihm so wohl gethan, mit der er, obwohl er sie lebend nie gesehen, doch so viel in seinen Träumen gesprochen – wie schrecklich war es ihm jetzt an sie zu denken in dieser Erniedrigung; so nackt sind die schrecklichsten Beschuldigungen gegen sie ausgesprochen, so zerrissen, zerfetzt ist das Kleinod ihres guten Namens! Wem je geträumt, er sehe seine Mutter auf der Straße betteln, wie schnürte es ihm nicht im Traume das Herz zusammen: teure Mutter, wie kamst du in solches Elend? Und doch, was ist das dagegen? Eine solche Anklage aussprechen zu hören gegen diese reine, engelsmilde Frau, die noch aus dem Grabe ihr Kind besuchen kommt; – eine Auflage, wie er sie vordem nie erwähnen gehört, bisher nicht gekannt, von der er keinen Begriff hatte! Das Leben stockte in seinem Herzen. Diese gespenstigen Gestalten verschlagen ihm den Atem. Vergeblich sucht er sich ihrer zu erwehren, sie sitzen ihm auf der Brust, grinsen ihn mit teuflischem Lachen an, zwingen ihn, sich mit ihnen zu unterreden, sie kennen zu lernen; halten ihm ihre besudelten Gesichter hin, damit er sie küsse; verfolgen ihn mit der Umarmung ihrer aussätzigen Arme, hauchen ihm ihren Pestodem ins Angesicht. O gräßlich! Wie oft warf er sich hin und schloß seine Augen, Er stöhnte wie einer, den eine schwere tödliche Krankheit martert, und mitten unter diesen Qualen entschlief er, wie er dort auf dem Diwan hingestreckt lag. Und wie er eingeschlafen war, siehe, da erblickte er von neuem das Karpáthfalver Kastell, als ob er dort wieder in den verschlossenen Zimmern umherwandelte, in die kein Tageslicht dringt; die beiden Porträts schienen ihn anzulächeln wie damals, mit ihren unschuldigen, freundlichen Gesichtern; es war, als träten sie aus ihren Rahmen hervor als lebende, sprechende Wesen, denen sich noch eine dritte Gestalt beigesellte, eine ebenso freundliche, aber gewaltigere, kräftigere, männliche Gestalt, alle drei redeten ihn an mit freundlicher Rede, er behält die Worte nicht im Gedächtnis, er weiß nur, daß sie sehr tröstlich; alle drei Gestalten erhalten ihr Licht von sich selber, denn kein Sonnenstrahl dringt in das Gemach. Sie sagen ihm soviel Schönes und Liebes. Er kann sich nicht einzeln daran erinnern, aber alle ihre Worte sind so gütig, so teilnehmend, daß der Sturm seiner Seele sich gänzlich beschwichtigt, daß die krampfhaft zusammengeschnürte Brust sich erweitert und den Augen ein Thränenstrom entquillt, der über seine Wangen herabrieselt. Zoltán erwachte darüber, daß er heftig geweint. Das Kissen, auf das er sein Gesicht geworfen, war ganz durchnäßt. Er fühlte sein Herz erleichtert und gestärkt. Die Uhr schlug eben eins. Also Mitternacht, die Geisterstunde, ist vorüber. Er hat sie verschlafen. Weiß Gott, auch das wirkte beruhigend auf ihn ein. Viele schauerliche, beängstigende Gedanken verlieren ihr starkes Gift nach dem ersten Schlaf. Zoltán fühlte, daß er die vor ihm auf dem Tisch liegenden Papiere nicht mehr mit solchem Entsetzen betrachtete, wie noch vor wenigen Stunden. Das waren erst die Anklagen der einen Partei, die Verteidigung der andern ist noch zurück. Die Angeklagten liegen zwar schon lange im Grabe, sie können sich nicht verteidigen; dort liegen sie nebeneinander alle beide. In dem Traume, der ihm in der Erinnerung aufdämmert, waren ja der leuchtenden Gestalten drei . Die eine gewaltige Erzengelgestalt ist noch am Leben, sie wird schon antworten für alle dreie. O gewiß, er wird von den bleichen Zügen des Vaters, der Mutter den Schmutz, den Fluch hinwegwaschen, den fremde, verabscheuungswürdige Hände auf sie gehäuft. Dieser Gedanke gewährte Zoltán eine solche Beruhigung, daß er, als er die erste Schutzschrift Szentirmays in die Hand nahm, bevor er sie zu lesen begann, aufstand und in der tiefen nächtlichen Stille einen Gang durch alle Zimmer machte; sein Bedienter, sein Büchsenspanner lagen in festem Schlaf auf ihren Lagerstätten, Zoltán schritt vorüber, ohne jemand aufzuwecken, suchte aus dem Kredenzkasten ein Glas hervor, machte sich Brausewasser, trank es aus und kehrte dann ganz ernüchtert in sein Gartenzimmer zurück. Er trat jetzt so stolz, so trotzig zu den offen daliegenden Schriften, als wollte er sagen: wenn ihr noch unbekannte Gespenster in eurem Schöße bergt, gebt sie heraus, ich will sie sehen. Wohl waren ihrer noch vorhanden. Es folgten die Schutzschriften. Aus jeder Zeile der ernsten, würdigen Verteidigung konnte man den Schreiber derselben erkennen; es war ihm, als sähe er ihn vor sich, wie er leibt und lebt; mit überirdischer Ruhe auf dem Gesicht, mit blitzendem Zorn im Auge. O wie wohl es ihm that, diese Zeilen zu lesen! Auf die nichtswürdigen, seelenmörderischen Anklagen diese mutige, verächtliche Abwehr; die Zeugnisse der wackern alten Leute, die einfache, ungekünstelte Aussage des ergrauten Dieners, des alten Güterdirektors, welche auf die geschmähten Häupter den himmlischen Schmelz geretteter Ehre träufelten. Szentirmays Schutzschriften setzten die erstarrte Seele des Jünglings in Flammen. Mit solcher Kraft der Leidenschaft hatte er den Gegnern zu antworten gewußt, als hätte er die Antwort aus der erbitterten Brust des Sohnes herausgelesen. Und wie er es verstanden hatte, die Ankläger vom Kopf bis zur Zehe zu schildern, sie in ihrer wahren, abscheuerregenden Gestalt hinzustellen; wie er sie geißelte, niederschmetterte in den Staub und ihnen schonungslos ihre Niederträchtigkeiten ins Gesicht warf! O wie that es wohl, das zu lesen! Und wenn er von seiner Mutter sprach, mit welcher Ehrerbietung, welch einer Pietät gedachte er ihrer. Über alle Pfützen, welche die Verleumdung ihrem Andenken bereitet, hob er sie in makelloser Reinheit hinweg und bei seiner Beschreibung, wie sie gelebt, gelitten, gestorben, hätte auch das Auge des verhärtetsten Richters nicht trocken bleiben können. O welche Wohlthat war es für ihn, das zu lesen und darüber sich auszuweinen. Jeder Gedanke der Schutzschrift war durchweht von einer tiefen, glühenden Liebe, aber von der reinen, selbstlosen, keinen Lohn heischenden Liebe eines Schutzengels. Wie mußte Zoltán sich von Dankbarkeit erfüllt fühlen gegen Rudolph für soviel Liebe. Ihm selber entging es nicht, daß diese Verteidigung kein bloßes juridisches Aktenstück war, das sich allein auf den toten Buchstaben beruft; sie ist ein lebendiges Wort, das die Herzen der Menschen bewegt und zu dem Ausspruch nötigt: der kommt nicht mit Zeugen, Urkunden, Kniffen und Winkelzügen – aber er hat doch recht. Und so geschah es auch. Das erste Urteil durchschnitt den Faden des Prozesses, indem das Gericht die als Belastungszeuge auftretende Mayer, – Zoltán hatte bis zur Stunde dieselbe nicht einmal dem Namen nach erwähnen gehört und erfuhr erst jetzt aus dem haarsträubenden Prozeß, daß sie seine Großmutter sei – die schändliche Seelenverkäuferin, zur eidlichen Aussage gegen die Unschuld ihrer Tochter nicht zuließ. So giebt es doch noch eine Gerechtigkeit auf Erden. Zoltán fühlte sich so erschöpft durch die ungewohnte Gemütsaufregung, daß er das Weiterlesen in den Prozeßakten auf eine Weile unterbrechen und seinen eigenen Gedanken Audienz geben mußte. Wieviel Liebe leuchtet aus Rudolphs Verteidigungsschrift hervor. Konnte dem Andenken seiner verstorbenen Mutter ein größerer Sieg zu teil werden, als in einem so hochherzigen Mann einen so begeisterten Verteidiger zu finden? Kann die Tugend einer Frau glänzender gerechtfertigt werden, als indem der tugendhafteste Mann seine Verehrung für sie ausspricht? Wie aber, wenn dennoch die Böswilligkeit imstande wäre, diese Verehrung falsch auszulegen, wenn sich ein Teufel träfe, der, dem Schutzengel das Schwert entwindend, ihm zuriefe: »Man sieht, du liebst sie, du selber hast mit ihr gesündigt!« Ach, wer könnte auf solch' einen Gedanken verfallen? Wer könnte so verworfen sein? Es ist nur ein Hirngespinst. Schlag es dir aus dem Sinn! Vergiß es, als wäre es nie dagewesen. Um sich frei zu machen von diesem gespenstigen Gedanken, nahm er die Lektüre des Prozesses wieder auf, dort, wo er des richterlichen Urteils wegen abbrach, und wieder von neuem begonnen wurde; – und siehe! dort, gleich auf dem ersten Blatte tritt ihm jener Gedanke entgegen, jene Ahnung, die er aus seinem Herzen verscheuchen wollte; es steht dort deutlich mit leserlicher Schrift geschrieben, mit klaren, trockenen Worten ausgesprochen, mit dem Finger darauf hingewiesen: »Du selbst warst der Mitschuldige deines Schützlings! Du selbst bist der ungesetzliche Vater deines Pflegesohnes!« Ach, das also ist der Fluch, der ihn losgerissen von Rudolph! Hier liegt der Grund, warum er Rudolphs Haus nicht mehr betreten darf, warum er Rudolphs Familie für immer meiden muß. Ja, für immer! Er verglich das Zustellungsdatum des neuen Vorladungsschreibens mit dem Datum des Tages, an welchem er mit Rudolph die Zusammenkunft im Karpáthfalver Kastell gehabt. Die Zeit stimmte damit überein. Kein Zweifel mehr. Hier liegt der Knoten, der auf seine Lösung harrt. Er las keinen Buchstaben weiter in dem Prozeß. Ihn verlangte nicht, zu erfahren, womit die Ankläger Rudolphs ihre Anklage begründen, wie er sich dagegen verteidigt. Vor ihm stand er rein da, wie ein Heiliger. Wer weitere Gang des Prozesses hat kein Interesse mehr für ihn: ob die Wagschale nach rechts oder links sich neigt, wer der verlierende, wer der gewinnende Teil sein mag. Er dachte nur daran, welche unausfüllbare Kluft zwischen ihm und der ganzen Szentirmayschen Familie daraus entstünde, wenn ein solcher Skandal, mag es nun Wahrheit oder Lüge sein, in die Öffentlichkeit gelangte; welche unheilbare Wunden dies den Herzen jener guten, edeln Menschen schlagen würde, welche dafür büßen, daß sie ihn geliebt. Und wenn er an jenes teure Kind dachte, dessen Bild er nun zweifach im Herzen trägt, das alte und das neue: Wie sehen beide so traurig! Noch wußte er nicht, was er thun werde, soviel aber fühlte er, daß er selbst von allem die Ursache und daß jetzt eine heilige, große Pflicht ihm obliege: das alles wieder gut zu machen. Eine dunkle Idee dämmerte in seinem Herzen auf, aber er wußte sich noch keine Rechenschaft von ihr zu geben. Er stand auf, kleidete sich um, band den Prozeß zusammen und verschloß ihn in seinem Schranke. Die Morgendämmerung begann sich eben zu zeigen hinter den braunen Feuermauern der gegenüberliegenden Häuser; die fernen Hausdächer und Schornsteine erglänzten von den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne, Zoltán trieb es vom Hause weg. Auf das Geräusch seiner raschen Tritte erwachte die Dienerschaft und als er, völlig angezogen, zur Thüre heraustrat, fragte ihn sein Reitknecht, ob er ihm nicht sein Reitpferd satteln solle. – Nicht nötig, sagte Zoltán, ich will zu Fuß einen Spaziergang machen. – Das Reiten ist aber gesünder, bemerkte der Reitknecht in gewohnter Zutraulichkeit. – Ich will es mir abgewöhnen, warf Zoltán hin, und dann, als ob er noch an etwas dachte, wandte er sich nach dem alten treuen Kammerdiener um und sagte, mit einem eigenen Blicke ihn ansehend und in einem Tone, der sich nicht wiedergeben läßt: armer Junge! Damit entfernte er sich vom Hause, die Diener sahen einander an; eher hätten sie zu ihrem Herrn sagen können: »Armer Junge!« – so verschwollen war sein Gesicht. Auf die Gasse gelangt, fing er an, durch die längsten Straßen auf und nieder zu gehen. Er durchschritt die mit Tagesanbruch sich belebende Stadt von einem Ende zum andern. Hier werden Fabriken, dort Schulen gebaut werden, dachte er bei sich. Das alte Pest war damals überall schon im Wiederaufbau begriffen. Es entstanden ganz neue Gassen und auch die alten verschönerten sich. Wieviel konnte da ein Mensch thun! Wieviel Segen konnte ein reicher Mann ausströmen über dies Land, mit seinem guten Beispiel, seiner Begeisterung! Aber was nützt es, wenn der eine den Willen und der andere die Mittel hat und beides nicht in einer Person zusammentreffen will. Er hatte schon die letzten Häuser hinter sich gelassen, draußen dehnten sich unbenutzte, sandige, morastige Gründe um die Stadt aus. Wieviel wäre hier noch ins Leben zu rufen von solchen, von denen ein einziges Wort mehr vermag, als die Bemühungen von Hunderttausenden, welch edler Gedanke wäre es, in Jahrzehnten nachzuholen, was vergangene Jahrhunderte versäumt haben. Er schlenderte immer weiter und weiter auf der staubigen, holprigen, ungebahnten Straße, endlich bemerkte er, daß er sich bereits sehr weit von der Stadt entfernt hatte. Er wandte sich um, um den Rückweg anzutreten. Plötzlich lagen beide Städte vor ihm, deren aus dem leichten Morgennebel emporragende Paläste von dem zauberischen Glanze der aufgehenden Sonne übergossen dastanden. Um wie vieles schöner und größer könnten sie noch sein! Wie vieler Arbeit, Opfer und Vaterlandsliebe bedarf es dazu noch! Bei diesem Gedanken entrang sich eine Thräne den Augen Zoltáns. – An all dem werde ich nicht mehr teilnehmen können! Da war in ihm schon zum Entschluß gereift, was er thun muß und auch thun wird. 2. Eine männliche Unterredung. Es war noch zeitig früh als Zoltán von seinem Spaziergang nach Hause kam. Er schickte seinen Kammerdiener zu seinem Advokaten und ließ Kovács bitten, sobald er Zeit haben werde, ihn zu besuchen. Sein Kopf war so voll von Gedanken an eine ferne Zukunft, daß er, als er durch das Vorzimmer schritt und dort in dem großen, bis zur Erde reichenden Spiegel sich erblickte, verwundert stehen blieb und Lust gehabt hätte, sich zu fragen: wer ist denn jener junge Mann? Wenn er einen reifen, gealterten Mann dort drin im Spiegel erblickt hätte, würde es ihn nicht im geringsten überrascht haben. Der Geist wird so leicht alt. Es fiel ihm schwer, zu glauben, daß seit gestern Abend erst zwölf Stunden verstrichen waren; ihm schien es, als waren es zwölf Jahre. Kovács ließ nicht lange aus sich warten. Zoltán ging noch immer in seinem Zimmer auf und ab, in Gedanken vertieft, als er die bekannte Stimme seines Freundes hörte, der im Vorzimmer nach ihm sich erkundigte. Er mußte sich schnell fassen, um nicht verwirrt vor ihm zu erscheinen. Er mußte lächeln, um ihn nicht in den Grund seines Herzens blicken zu lassen. Er empfing ihn mit freundlichem Händedruck und nötigte ihn, sich zu setzen; er selbst blieb stehen, um auf und abgehen zu können; er wäre in diesem Augenblicke nicht imstande gewesen, an einem Ort ruhig sitzen zu bleiben. – Lieber Freund, sagte er mit geheuchelter Lustigkeit, mir ist ein eigener egoistischer Gedanke aufgestiegen, aber der Egoismus liegt ja in der menschlichen Natur, nicht wahr? Kovács nickte bloß mit dem Kopf, nicht wissend, was jener damit meine. – Gehen Sie, ich gestehe meine Schwächen ein, begann Zoltán von neuem, indem er mit einer Feder, die er in die Hand genommen hatte, allerlei Schwenkungen in der Luft ausführte – ich halte mich für keinen gewöhnlichen Menschen. Das mag thöricht sein, aber vor Ihnen mache ich kein Hehl daraus. Der Advokat sagte nichts darauf und wartete, wo das hinaus wolle. – So zum Beispiel, sagte Zoltán und bog die Feder ganz zu einem Reif zusammen, bin ich der Meinung, schon so gescheit zu sein, daß ich in zehn Jahren auch nicht gescheiter sein werde. Kovács kreuzte die Arme über seiner Brust und war ganz Ohr. – Beurteilen Sie mich nicht zu streng, lieber, guter Kovács, sagte Zoltán, der jetzt den Schnabel der Feder entzweigesprengt hatte, ich bin ein wenig ehrgeizig und mir genügt es nicht, daß andere meine Einkünfte verwalten und darüber bestimmen, wie ich sie verwenden soll. Kovács gab noch immer kein Zeichen, daß er zu verstehen beginne. – Nehmen wir an: ich habe eine Menge neuer Ideen, die ich verwirklichen möchte – fuhr Zoltán fort, sich Kovács gegenüber auf einen Stuhl setzend und die eine Schnabelhälfte des gemarterten Kiels so krümmend, daß er ihr ganz die Form eines Schiffsschnabels gab, als dächte er zuerst mit der Errichtung einer Kriegsflotte zu beginnen – und mir stehen so wenig Mittel zu Gebote; nun hat aber mein Vater, wie man mir sagt, ungeheure Reichtümer hinterlassen und ich werde noch lange warten müssen, bis ich selbständig über dieselben werde verfügen können. Wie lange muß ich noch warten? – Sie wissen es recht gut, erwiderte Kovács trocken, noch sieben Jahre. – Das ist viel, sehr viel, sagte Zoltán aufspringend und die zerspaltene Feder aufstampfend, so lange wäre es schrecklich zu warten. – Sie wollen wissen, Baron, sagte Kovács, die klugen Augen auf das Gesicht des Jünglings heftend, ob es möglich wäre, Ihnen eine Majorennsprechung zu erwirken? – Ja, ja, das will ich. Ich möchte die Zeit abkürzen, die mir nicht erlaubt, so schnell vorwärts zu gehen, als ich möchte. Überall entstehen großartige nationale Unternehmungen, und ich kann mich daran nicht beteiligen, weil mir noch das Alter dazu fehlt, und doch weiß und fühle ich, daß ich viel, sehr viel mit der Kraft nützen könnte, die meiner Jugend wegen brach liegt. Kovács fühlte bei diesen Reden Mitleid mit seinem jungen Klienten, denn er durchschaute ihn und dachte sich, wie peinlich es ihm sein müsse, diesen Ideengang zu verfolgen, während er unter der Herrschaft eines ganz anderen Gedankens stand. – Verstehe, verstehe. Sie möchten gern majorenn sein, um – um Ihren verhängnisvollen Prozeß kennen zu lernen ... Mit diesen Worten hatte Zoltáns erzwungene Rolle ein Ende; er sank auf einen Stuhl; sein Geheimnis war erraten. – Ich kenne ihn schon; flüsterte er, auf die geöffnete Schublade weisend, in welcher die Abschrift des Prozesses lag, und dann beide Hände sich vor das Gesicht haltend, weinte er bitterlich, wie ein Kind. Der Advokat sah ihn traurig an, dann trat er zu ihm und umarmte ihn. – O, was habe ich gelitten! stöhnte der Jüngling kaum vernehmbar. – Ich glaube es. Zoltán trocknete sich die Thränen und sagte, tief aufseufzend, mit zitternder Stimme: – Verzeihen Sie, daß ich mich so schwach zeige in einem Augenblicke, wo ich beweisen sollte, daß ich stark bin; aber diese Thränen schulde ich dem, der noch viel herbere Thränen um mich geweint und dem ich noch weit mehr schulde, und auch abzahlen werde. – Das war es, wovor ich mich gefürchtet, sagte Kovács im Tone tiefer Niedergeschlagenheit. – Vor was denn? fragte Zoltán erstaunt. – Davor, daß ich den Prozeß verlieren werde, sobald Sie von seinem Vorhandensein Kunde erlangen. – Wenn er nur so verloren ginge, daß keine Spur davon übrig bliebe! – Ich weiß, daß Sie dies wünschen, lieber Zoltán – erlauben Sie, daß ich Sie jetzt noch so nenne; für die Titulaturen wird noch Zeit sein, wenn Sie als volljährig anerkannt sind. – Dann wird es derselben noch weniger bedürfen, denn dann werde ich ein armer, armer Mensch sein. – Vielleicht nicht so ganz. – Was sagen Sie? Dann haben Sie mich nicht verstanden. Ich will diesen Prozeß vernichtet sehen. – Ich weiß es. Wir werden die Gegenpartei durch große Opfer dahin bringen, von der Verfolgung des Prozesses abzustehen. – Nicht durch Opfer . Ich räume ihnen ganz das streitige Feld; ich entsage allen meinen Rechten auf meinen Besitz, Titel, Geburtsrang und werde ein einfacher Bürger, wie jeder andere. – Wohin denken Sie? – Ich habe jetzt nur einen Gedanken: welchen Preis auch meine Gegner auf die Vernichtung dieses fluchwürdigen Prozesses setzen mögen, ich unterhandle nicht mit ihnen, ich gehe darauf ein. Daß ich von denjenigen, die ich aus ganzem Herzen hasse und denen ich die qualvolle Nacht, die ich durchlebt, nie verzeihen kann, nach der Entsagung auf meinen rechtlichen Besitz kein Almosen annehmen werde, das steht bei mir fest. Was dann mit mir geschieht, weiß der gütige Himmel. Ich bin jung genug, um noch eine Berufslaufbahn beginnen zu können, ich werde sie dort beginnen, wo jeder andere sie beginnt, der nichts hat. Als ich reich war, haben mir diejenigen, welche mir wohlwollten, viele schmeichelhaften Eigenschaften beigelegt; ich will sehen, ob ich sie auch dann noch besitzen werde, wenn ich arm bin. Eine innere Stimme flüstert mir zu, daß ich so besser sein werde, als wenn ich reich geblieben wäre; aber wenn ich auch die Gewißheit hatte, elend zu verkommen, als ein unnützes Glied der Gesellschaft, das nur so lange etwas wert war, als es Geld hatte, so würde ich doch thun, was ich zu thun entschlossen bin. Sie müssen bewirken, daß ich meine Großjährigkeitserklärung erhalte. Wenn entweder Sie, oder Szentirmay in übel angebrachtem Eifer dies mein Vorhaben vereiteln, dann weiß ich nicht, was geschieht. Ich weiß nur das eine: wenn dieser abscheuliche Prozeß in die Öffentlichkeit gelangt, und ich noch durch volle sieben Jahre diese Qualen ausstehen soll, so verliere ich in diesen sieben Jahren den Verstand, aber meine Gliedmaßen werden an Körperkraft zunehmen, und ob ich dann nicht denjenigen ermorde, der sich mir in den Weg stellt, das wissen die Götter. – Sie bereiten Ihren Gegnern einen vollständigen Triumph. – Ich bereite mir selbst einen weit größeren, wenn ich den Beweis liefere, daß ich auch ohne Reichtum mich in der Welt zu behaupten weiß. Ich bin zu jeder Arbeit bereit. Ich habe entbehren, ich habe arbeiten gelernt. Es wäre traurig, wenn in Ungarn ein paar arbeitsame Hände ihren Herrn nicht zu ernähren vermöchten. Und endlich, wenn alle Stricke reißen, wenn es sich zuletzt herausstellen sollte, daß ich zu nichts tauge, und daß in diesem gesegneten Kanaan, wo Milch und Honig fließt, und jeder sein Körnchen Brot findet, für mich allein kein grüner Zweig blüht, nun, so gehe ich zur See, und werde niemand zur Last fallen, weder meinen Freunden, noch meinen Feinden. – Mein lieber Zoltán. Lassen wir jetzt auf ein Weilchen alles Pathos beiseite und sprechen wir über die Sache als Philosophen. Ich schicke voraus, daß es mir nicht einfällt, Ihnen den Vorsatz, den Prozeß niederzuschlagen, ausreden zu wollen. – Ich danke Ihnen! sagte der Jüngling mit einem warmen Händedruck. – Ich war dessen gewiß und wußte es im voraus, daß Sie so handeln würden, sobald der Inhalt des Prozesses ihnen bekannt wird. – Ich freue mich dieser guten Meinung. – Leider kann ich darüber nicht sehr erfreut sein. Ein solcher Ausgang des Prozesses war vorauszusehen. Auf dem Wege, den Ihre Gegner eingeschlagen hatten, war es nicht möglich, zu reüssieren und den Prozeß zu gewinnen. Trotz jener sehr verdächtigen Protektion, durch welche ein Mann von großem Einflüsse ein Gewicht zu gunsten der Gegenpartei in die Wagschale der Gerechtigkeit zu legen suchte, besitzen doch unsere Richter zu viel Gewissenhaftigkeit, um eine so schwache Motivierung als Beweis für eine so schwere Anklage annehmen zu können. – Wer kann jener einflußreiche Mann sein? – Sie erraten ihn nicht? Haben Sie nie den Rat Köcserepy lächeln gesehen? – Ich bin einigemale in Gesellschaften mit ihm zusammengetroffen. – So müssen Sie wissen, daß derjenige sein größter Feind ist, den er anlächelt. – Ich habe ihm nie etwas zuleide gethan. – O nein, Sie haben vielmehr seiner einzigen Tochter das Leben gerettet. Er ist auch nicht Ihr Feind, weil er Ihnen persönlich übel will, sondern weil er von Bela Karpáthi eine Cession auf die Karpáthischen Güter besitzt. – Wie wäre das möglich? – Maßlaczky, ein Busenfreund des Herrn Rates, hat den schwachsinnigen Menschen dahin gebracht, für eine Jahresrente von 24 000 Gulden dem Rat seine Besitzansprüche auf jene Güter abzutreten. – Ehe der Prozeß noch gewonnen ist? – Bevor er nicht einmal noch begonnen war. O diese Herren spielten ein sicheres Spiel. Sie wußten, daß der Prozeß mit einem solchen Inhalte nie zum Spruche gelangen würde, aber sie trugen Sorge dafür, Sie damit seiner Zeit bekannt zu machen. – Entschuldigen Sie. Dagegen muß ich sie in Schutz nehmen. Ich selbst habe meine Schritte gethan, um den Prozeß kennen zu lernen. Maßlaczky war zu der Zeit nicht einmal in Pest. – Herr Maßlaczky arbeitet nie mit eigenen Fingern, ihm stehen viele Hände zu Gebote. Ich werde früher oder später schon dahinterkommen. – Bitte, thun Sie das nicht, es würde darunter ein Unschuldiger zu leiden haben, der nur mir zuliebe und auf mein Ersuchen sich in der Sache bemühte, der nicht einmal wußte, was er that und im Glauben war, mir damit einen guten Dienst zu erweisen. – Schon gut, Maßlaczky hat dafür Sorge getragen, daß man ihm nicht vorrücken kann, er selbst habe dazu geholfen, daß die seiner Geheimhaltung anvertraute Angelegenheit an Sie verraten wurde, aber es ist doch so. Es war schändlich von ihm, doch will ich meinetwegen die Sache auf mich nehmen. – Wie so? – Gewiß wird man fragen, wer von uns beiden Sie mit diesem Prozeß bekannt gemacht hat. Mag ich es denn gewesen sein. Mir wird man es als jugendlichen Leichtsinn hingehen lassen, Herrn Maßlaczky würde man es als Gewissenlosigkeit zur Last legen. Lassen wir also diesen Punkt ganz aus dem Spiele, Ich stehe Ihnen hier einmal als Rechtsanwalt und dann als aufrichtiger Freund gegenüber, nehmen Sie meinen Rat an, den ich Ihnen hier in dieser doppelten Eigenschaft erteile. Zoltán hängte sich in den Arm des Advokaten ein und hörte seiner Rede aufmerksam zu, während sie beide in dem Zimmer auf- und abgingen. – Den ganzen Prozeß fristet noch der Umstand, daß Abellino von Herrn Köcserepy eine Jahresrente zugesichert erhalten hat. Das wäre freilich ein tiefes Geheimnis, wenn nicht Abellino selbst, um seine ihn drängenden zahlreichen Gläubiger zu vertrösten, ihnen die Sache unter dem Siegel der größten Verschwiegenheit ausgeplaudert hätte. So kam auch ich dahinter. – Gegen Graf Rudolph erwähnte ich kein Wort davon, denn hitzig wie er ist, und delikat, wie die Sache ist, konnte er, wenn er um die Rolle erführe, welche Köcserepy in diesem Prozeß spielt, sich leicht zu übereilten Schritten gegen ihn hinreißen lassen, was in Anbetracht der Stellung, welche der Rat einnimmt, den politischen Gegnern Rudolphs einen erwünschten Vorwand geben würde, den Grafen aus seiner einflußreichen Wirksamkeit zu verdrängen. – Und liegt es im Bereiche der Möglichkeit, daß ein solcher Fall mit meinem Pflegevater eintritt? – Glauben Sie denn, daß, wenn Szentirmay nur eine entfernte Hoffnung hatte, in diesem widerwärtigen Prozeß auf einen Mann zu stoßen, der ihm mindestens Stand hält, der Knoten nicht längst schon mit dem Schwerte von ihm durchhauen worden wäre? Und das wäre noch schlimmer für ihn, viel schlimmer. Abellino gegenüber kann er an eine Herausforderung nicht denken; der ist eine elende, blinde, ausgemergelte, sieche Kreatur. Maßlaczky aber ist ein Helote, der sich mit seiner Feigheit zu brüsten pflegt; und es ist sehr gut, daß Szentirmay es mit solchen Gegnern zu thun hat. Wären es nur andere Leute, würde er vielleicht längst schon landesflüchtig sein. – Und dies alles um meinetwillen! Nein, ich kann nicht Schuldner bleiben für so viele Leiden! seufzte Zoltán, mit dem Schnupftuch über das bleiche Gesicht fahrend. – Unsere, bezüglich meine Pflicht, als Advokat, ist es: das Interesse Köcserepys von dem Abellinos zu trennen und lediglich das letztere ins Auge zu fassen. – Zoltán fing an, nicht mehr aufzumerken auf das , was der Advokat sprach; Kovács schrieb die Zerstreutheit seines jungen Klienten der schlaflos durchwachten Nacht und der stürmischen Gemütsaufregung zu und brach die Unterredung ab. – Vielleicht wird es besser sein, wenn wir nachmittags die Sache weiter besprechen, jetzt legen Sie sich nieder und ruhen Sie aus. Zoltán blickte ihn groß an mit seinen in Thränen schwimmenden Augen und erwiderte mit vor leidenschaftlicher Aufregung zitternder Stimme: – Mir ist es gleich viel, was Sie thun, ich überlasse den streitigen Besitz wem immer, mir gilt es gleich, wer sich darin festsetzt. Ich will nichts davon. Nur eins bedinge ich mir aus. In dem Karpáthfalver Kastell ist ein vermauerter Gang, und neben der Ortschaft ein umfriedetes Rondell; jener Gang führt zu den Zimmern meiner Mutter, und das Rondell birgt ihr Grab. Auf diese beiden soll niemand ein Recht ... Der Jüngling vermochte nicht seine Rede zu beendigen. Er wandte sich weg, sank vor einem Stuhl in die Knie und verbarg sprachlos sein Gesicht in beide Hände: man wußte nicht, weint er, oder ist das Leben aus ihm gewichen. Kovács blickte teilnahmsvoll auf den Jüngling, ihn ungestört seinem geheiligten Schmerz überlassend, bis er von selbst wieder sich ausraffte. – O meine Mutter, meine teuere geliebte Mutter! Er streckte seine Arme gegen den Himmel empor, als wollte er sie von da herabziehen in seine Umarmung. – Wie haben sie dein süßes holdes Antlitz geschändet, lispelte er vor sich hin. Dies gebenedeite Antlitz, das mich überall hin begleitet, mein Schutzgeist, mein guter Engel! Dann legte er seine Hand aus den Arm seines Freundes. – Thun Sie statt meiner, was Sie für gut finden. Ich will kein Wort drein zu sprechen haben. Der Himmel behüte diejenigen, die so an mir gehandelt, daß ich je mit ihnen zusammentreffe. Bringen Sie die Sache so zum Abschluß, daß mir jede Begegnung mit ihnen erspart bleibe. Ich bevollmächtigte Sie zu allem. Machen Sie aber diesem Prozeß ein Ende, ein Ende um jeden Preis, Ich bin so »erbittert, ich fühle erst jetzt, daß ich imstande Ware, mich an jemand zu vergreifen, vielleicht an mir selber. Beschleunigen Sie die Angelegenheit; wenn sie nicht bald ein Ende erreicht, laufe ich Gefahr, ein schlechter Mensch zu werden. Ich fürchte mich vor mir selbst. – Seien Sie ruhig. Ich weiß, daß ein edles Herz der größte Schatz ist; wenn Sie auch alles andere verlieren sollten, das eine werde ich Ihnen nicht rauben lassen. Die Welt wird mich als Advokaten auslachen: Sie werden mich achten als Ihren Freund. Die beiden jungen Männer umarmten einander. Kovács riet Zoltán seinem Gram nicht zu sehr nachzuhängen. Zerstreuung zu suchen, vor andern seinen Kummer nicht zu zeigen, und jetzt möge er sich niederlegen und sich ausschlafen. Zoltán schüttelte nur zu dem allen den Kopf; er versprach, sich niederzulegen. Er bedurfte in der That der Ruhe, sein ganzer Körper glühte wie Feuer. Als Kovács ihn verließ, trug er im Vorzimmer dem Kammerdiener auf, bis Mittag niemand bei Zoltán vorzulassen, da er sich niedergelegt. – Ist er vielleicht krank? fragte der treue Diener. – Es fehlt ihm nicht viel, nur daß er heute Nacht lange aufgeblieben. Die gute Seele sah ihn mit zweifelnder Miene an wie einer, der noch gerne mehr zu erfahren wünscht. – Guter armer Junge du! sagte im Weggehen der Advokat. Schon wieder »armer Junge!« dachte der Diener bei sich. Was haben sie denn an mir zu bedauern? Zuerst der Herr, und jetzt auch der Advokat. Sie bedauern, »armer Junge,« daß ein so treuer Diener bald einen anderen Herrn sich suchen müssen wird, denn Zoltán ist die längste Zeit reich gewesen: weiß Gott, wer dann deiner sich annehmen wird. 3. Handel um eine arme Seele. Es ist eine uralte Sage, die in den Mythen beinahe aller Religionen vorkommt, daß jener seltsame Geist, welcher das schlechte Prinzip in der Welt repräsentiert, mag er nun Satan, Dämon, Asmodi oder Mephistopheles heißen – da dieser in allen Ländern steckbrieflich verfolgte, aber nie eingebrachte Industrieritter der Unterwelt verschiedene Namen führt – sich eine oder die andere arme Seele aussucht, welche arme Seele dann, um sie vor dem Untergange zu retten, ein anderer idealer Geist, den man nur einfach Engel nennt, in seinen Schutz nimmt, sich dem mühseligen Geschäft unterziehend, eine elende Kreatur vor dem Mißgeschick zu bewahren, aus eigenem Antriebe die Nase in eine Pfütze zu stecken, was gewiß auch nur für Engel ein Zeitvertreib ist. Menschliche Geduld würde so einen armen Kerl längst sich selbst überlassen haben und sich weiter darum nicht kümmern, ob ihn der Teufel oder er den Teufel holt, wie sie es nun miteinander abgemacht haben mögen. Einer solchen übermenschlichen Aufgabe unterzog sich unser Freund Kovács, indem er nach Preßburg reiste, um Abellino mit geistigen Bekehrungsmitteln auf den ihm unbekannten Pfad des Rechts und der Vernunft zu bringen. Nach Ablauf weniger Monate war es ihm gelungen, für seinen Klienten die gewünschte Majorennsprechung zu erlangen. Er hatte dabei wenig Hindernisse zu besiegen gehabt; abgesehen von dem mächtigen Einfluß der Parteikämpfe sah jedermann mit Freuden eine Persönlichkeit, wie Zoltán, selbständig werden, dies umsomehr, da der Vormund selber, da auch Tarnaváry die Entlassung Zoltáns aus der Kuratel billigte; wahrscheinlich war er froh, der Verantwortlichkeit für den ihm auf den Hals gewachsenen Sohn los zu werden. Tags darauf, nachdem Zoltán seine Majorennerklärung erhalten hatte, befand sich Kovács schon in Preßburg und beeilte sich, Abellino, nachdem er dessen Wohnung erfahren, aufzusuchen. Wie wir wissen, war Maßlaczky um dieselbe Zeit gleichfalls in Preßburg. Jene kleine Episode mit dem Salzdoktor hatte ihn verhindert, Abellino davon zu unterrichten, daß, wie er zu glauben Grund habe, Zoltán nur deshalb um seine Majorennsprechung eingekommen sei, um in dem Prozeß selbständig auftreten zu können. Es war ihm leicht, das herauszufinden, nachdem er wußte, daß der Jüngling von dem Inhalt des Prozesses sich Kenntnis verschafft hatte und unmittelbar darauf um seine Großjährigkeitserklärung eingeschritten war. Der Advokat muß Psycholog sein! Am andern Tage kehrte er Arm in Arm mit dem Herrn Doktor zu dem im Bett liegenden Unglücklichen zurück, der höchlich verwundert war zu sehen, daß die beiden einander noch keine Kugel durch den Leib geschossen. Dazu waren die beiden viel zu vernünftige Leute. Advokaten und Ärzte pflegen nicht leicht sich zu duellieren. Die ersteren wissen sehr gut, daß dies ein außergesetzlicher Akt, die anderen aber kennen zu genau die physischen Folgen, die er nach sich ziehen kann; ein vom Geiste seines Berufes erfüllter Advokat muß zudem sich immer vor Augen halten, daß er dazu bestellt ist, auf gesetzlichem Wege und zwar gerade dem angegriffenen Teile Recht zu schaffen; ein vernünftiger Arzt hinwiederum kann sich leicht denken, daß er sein Diplom nicht erhalten hat, um Wunden zu machen, sondern um Wunden zu heilen; deshalb kommen auch in diesen zwei Fakultäten keine Duelle vor. Diese Art, sich Genugthuung zu verschaffen, bleibe leichtsinnigen Grafen, Baronen und andern Leuten überlassen, deren Beruf das Waffenhandwerk ist. – Liebe Gnaden, wie fühlen Sie sich seit gestern? Sie sehen um vieles besser aus, der liebe Doktor verrichtet in der That Wunder, das ist wirklich ein Meisterstück. So sprach Herr Maßlaczky. Der Doktor beeilte sich das Kompliment zurückzugeben. – Freiherrliche Gnaden werden um zwei Wochen früher das Bett verlassen, wenn Sie die gute Neuigkeit erfahren, die Ihnen mein Freund mitteilen wird. Herr Maßlaczky ist ein erstaunlicher Mensch. Kaum daß ich es erwarten kann einen Prozeß zu haben, um ihm denselben anvertrauen zu können. – Und ich kann kaum erwarten, einmal krank zu werden, um von dem Herrn Doktor in einen neuen Menschen umgewandelt zu werden. – Was treiben Sie da? fuhr Abellino in ärgerlichem, hoffärtigem Tone die sich gegenseitig beräuchernden Diplomträger an. – Was thun wir denn? – Machen Sie einander nicht so viele Komplimente in meiner Gegenwart! – Dann aber setzte er hinzu, um die beiden Herren nicht zu beleidigen: – in Gegenwart eines kranken Menschen . – Wie so denn? – Es ist nicht wahr, daß ich besser bin. Ich bin vielmehr ganz hin, stöhnte Abellino, der kaum imstande war, seine Kiefern zusammen zu bringen. Wegen Ihrer garstigen Zänkerei lag ich die ganze Nacht im Fieber. Abellino sprach so stotternd und abgerissen, als lernte er jetzt erst aus der Fibel das Syllabieren. Die zwei Diplomierten ließen sich den Text von ihm lesen. – Es war abscheulich von Ihnen, vor einem kranken Menschen sich so zu zanken. Sie könnten doch wissen, wie nervös ich bin. Ich bin um drei Wochen zurückgesetzt in meiner Kur. Maßlaczky sprach mit Katzenfreundlichkeit dazwischen: – Die gute Nachricht, die ich Ihnen bringe, lieber Baron, wird Sie um sechs Wochen vorwärts bringen. Sonst bramarbasierend, war er jetzt zuckersüß. Er hatte seine Gründe dafür. – Also, was ist's denn? sagen Sie's – brachte Abellino mühsam hervor. Es war eine Pein, ihn reden zu hören. Beide Männer traten mit lächelnder Miene näher zum Bett. – Der Advokat Zoltáns ist in Preßburg angekommen und wird Euer Gnaden besuchen. Und was dann? fragte der Patient, dessen Gedankenräder auch in gesundem Zustande sich schwerfällig bewegten. – Wahrscheinlich wünscht er einen Vergleich vorzuschlagen. – Wozu nimmt er sich diese Mühe? Mich holt ohnehin heute, morgen der Teufel. Kann er nicht so lange warten? Dann steht ihm niemand mehr im Wege. – Um Gottes willen, wie können Eure Gnaden so sprechen? begann nun der Arzt. Euer Gnaden sind gerade jetzt in dem Stadium, wo alle Lebenswerkzeuge sich neu bilden; noch eine zweiwöchentliche Kur, dann ein kurzer Ausflug nach Marienbad und hernach ein Sommeraufenthalt in Ischl, so werden Euer Gnaden zurückkehren als ein Antinous. Sehen Euer Gnaden nur mich an; ich selbst habe diese Kur durchgemacht, ich war so eingetrocknet, wie ein Hering, und wie bin ich jetzt? – Belieben mich anzusehen. Ich war siech, elend, hatte schon Testament gemacht, meine junge Frau glaubte schon, sie werde bald nach Belieben sich einen zweiten Mann wählen können; sie täuschte sich: ich habe sie zum Trotz überlebt und noch ein zweites Mal geheiratet. Abellino lächelte. Wir wissen nicht, ob deshalb, weil er es für einen köstlichen Spaß vom Doktor hielt, seine junge Frau zu überleben, die sich schon Rechnung auf einen zweiten Mann gemacht hatte, oder vielleicht, weil eine ähnliche Hoffnung auch in ihm entstand. – Euer Gnaden haben keinen organischen Fehler und werden sich ganz erholen, sobald Sie von drückenden Sorgen befreit sein werden und wieder ihren nobeln Passionen nachhängen, auf Reisen gehn, sich unterhalten, jagen, bequem leben können; und in dieser Beziehung muß ich respektvoll meinem Freund, dem Herrn Fiskal, den Platz räumen, als welcher allein imstande ist, diesen noch fehlenden Teil meines Heilplanes zu ergänzen. Bei diesen seine Phantasie entzündenden Versicherungen begann das abgezehrte Gesicht Abellinos sich zu beleben, mit großer Anstrengung richtete er sich auf den Ellbogen im Bette auf und bemerkte nicht, daß er kaum imstande war, den Kopf aufrecht zu erhalten. – Wirklich? Ist dem in der That so, Herr Doktor? Wenn das alles wahr wird, setze ich im Reichstag durch, daß Sie geadelt werden! – Ich selbst erlege für Sie die Indigenatstaxe. Der Herr Doktor fand diele Zusicherung sehr schmeichelhaft; bei sich aber dachte er, ihm wäre es viel lieber, das Geld auf die Hand zu bekommen und dann meinetwegen zum Bauer degradiert zu werden. Es wurde an der Thüre geklopft. – Herein! riefen alle drei. Sie hatten sich in ihrer Erwartung nicht getäuscht: der Hereintretende war Zoltáns Advokat. Kovács war von sanftem und stillen Temperament, allein sein Aussehen war nicht darnach. Er war von ungewöhnlich brauner Gesichtsfarbe, hatte eine niedrige Stirne, kurzes pechschwarzes Haar, seine dichten Augenbrauen waren vorne beinahe zusammengewachsen; wer ihn nicht näher kannte, konnte sich leicht einbilden, mit diesem Menschen wäre es nicht geraten, an einem einsamen Orte zusammen zu treffen. Möglich, daß er bei dieser Gelegenheit sich noch weniger Mühe gab, als sonst, freundlich zu erscheinen. Er sagte kurz, wer und was er sei, und daß er in dem bewußten Prozeß eine kurze Unterredung wünschte mit dem Herrn Baron. Während er sprach, warf er einige Seitenblicke auf die anwesenden zwei Herren, welche deutlich genug ausdrückten, daß er nicht böse sein würde, wenn dieselben zur Stunde sich auf einer Kunstreise befinden würden. Schlechteres wünschte er ihnen nicht. Maßlaczky bemerkte diese Blicke und beeilte sich, ihnen zuvorzukommen. – Wir sind Vertrauensmänner des gnädigen Herrn Barons! ich bin sein Anwalt, der seine Rechte wahrzunehmen verpflichtet ist. – Ich aber bin sein Haus- und Familienarzt, der über seine kostbare Gesundheit zu wachen hat. – Wir können keinen Augenblick uns von ihm entfernen. – So ist's, bekräftigte Abellino, mit einfältiger Übertreibung hinzusetzend: diese Herren wohnen bei mir und schlafen auch hier. Schade, daß Kovács es nicht fragte, ob unter dem Bett oder im Wandschrank? – Es wäre mir lieber gewesen, eine Unterredung unter vier Augen erhalten zu können, wenn es aber nicht sein kann, muß ich mich darein fügen. – Belieben sich zu setzen, lieber Herr Kollege, sagte Maßlaczky, einen Stuhl anbietend, und so nahmen die drei Männer Platz um das Bett Abellinos, zu nicht geringem Verdruß des letzteren, der es lieber gesehen hätte, wenn alle drei respektvoll in stehender Stellung verblieben wären. – Ich komme ohne Umschweife zur Sache, Ich will Euer Gnaden nicht lange belästigen. Euer Gnaden haben einen Prozeß gegen meinen Klienten und ich bin von ihm bevollmächtigt, den Prozeß mit Ihnen nach Möglichkeit auszugleichen. – Nachdem Se. Hochgeboren Herr Zoltán Karpáthi seine Majorennsprechung erwirkt hat, – das hatte vorausgeschickt werden müssen, bemerkte Herr Maßlaczky. Nun lieber Herr Kollege, ich sage das nur, weil bei einer Information es immer nötig ist, die logische Ordnung einzuhalten. Ein Advokat muß auch Logik haben. Kovács bedankte sich nicht für diese gütige Belehrung, sondern fuhr sehr lakonisch fort: – Im Namen meines Klienten bin ich so frei, Euer Gnaden einen Vergleich anzubieten. Der Karpáthische Familienbesitz besteht aus zwei gleich großen Herrschaften, aus der Karpáthfalver und der Madaraser. Beide befinden sich jetzt in sehr gutem Stande und werfen bei zweckmäßiger Verwaltung eine jede zwei bis dreimalhunderttausend Gulden jährlich ab. Mein Klient bietet Ihnen eine brüderliche Teilung an. Wählen Sie nach Belieben eine von diesen Herrschaften, er tritt sie Ihnen ab, unter der Bedingung, daß der Prozeß niedergeschlagen wird. Bei diesem Anerbieten blieb Abellino der Atem stehen; schon reichte er die Hand hin, als Maßlaczky vom Stuhle aufsprang, und hitzig dazwischen fuhr. – Kein Kompromiß! entweder alles, oder nichts! Lieber Herr Kollege: ein Abellino Karpáthi läßt sich kein solches Anerbieten stellen, wenn er dem Abschlusse des Prozesses nahe ist. Warum haben Sie dieses Anerbieten nicht gemacht bei Beginn des Prozesses und warum thun Sie es jetzt, wo der Prozeß der Entscheidung nahe gerückt ist? weil Sie sehen, daß Sie alles verlieren werden. Kovács hätte auf diese Fragen viel zu antworten gehabt, allein in der Gegenwart eines vierten mußte er das Geheimnis seines Klienten bewahren. Maßlaczky wußte sehr gut, daß Kovács damit nicht herausrücken wird, aber er hatte keine Ahnung, daß er ein ganz anderes Geheimnis zum besten geben könne. – Mein Herr, Sie waren vorher so gütig, mich zu belehren, daß ein Advokat Logik haben müsse. Ich bin so glücklich, meinerseits Ihnen mit einer andern Lehre dienen zu können. Ein Advokat muß es auch ehrlich meinen mit seinem Klienten. Ich behaupte nicht, daß dies bei Ihnen nicht der Fall, ich weiß nur soviel mit Gewißheit, daß Sie Ihrem Klienten eine Cession der Karpáthischen Güter an einen dritten abgedrungen und ihm aus den enormen Einkünften, welche dieser dritte erwirbt, nur ein armseliges Almosen gesichert haben. Und nun, wo ich dem Herrn Baron statt der vierundzwanzig Tausend, welche Sie ihm versprachen, zweihundert Tausend verspreche, treten Sie dazwischen, um es zu verhindern, wohl wissend, daß, wenn wir uns ausgleichen, die gegebene Cession alle Kraft verliert, weil sie auf Voraussetzungen beruht, die nicht eingetreten sind und daß Sie dann für jenen dritten die Sache verlieren, welche Sie Ihrem eigenen Klienten aus den Händen spielen wollten. Das ist eine Handlungsweise, mein Herr, wofür Ihr Klient, wenn er Lust dazu hat, lebenslängliches Silentium über Sie verhängen lassen könnte und welche Sie Ihre Advokatenstellung kosten kann. Ich bin so frei, an den Baron Bela Karpáthi einfach die Frage zu stellen, ob er die allen Ansprüchen der Billigkeit genügende honette Jahresrevenue von zweimalhunderttausend Gulden, welche wir ihm anbieten, geringer anschlägt, als das schäbige Almosen von vierundzwanzigtausend Gulden, welches sein eigener Rechtsanwalt ihm aufgedrungen hat. Abellino sprang auf diese Worte aus seinem Bette. Er sah aus wie ein dem Grabe entstiegenes Totengerippe. Seine Zähne schlugen aneinander und seine Hände zitterten. – William! William! kreischte er. Komm her! Hilf mich ankleiden. Ich gehe. Ich gehe auf der Stelle. Das ist schändlich, entsetzlich, was man mit mir treibt. Meinen Gehrock, meine Stiefel! William! Maßlaczky war einer Ohnmacht nahe. Er wandte sich an den Doktor um Assistenz, der aber hätte ihn beinahe auch aufgefressen. – Herr Advokat! dieser zweite Herr Advokat hat vollkommen recht. Wenn's von mir abhinge, würde ich dem Herrn Silentium auferlegen. So was ist noch nicht erhört worden! Kommen Sie mir nicht in die Nähe. Ich fürchte mich vor Ihnen. Das ist ja ein crimen stellionatus ! Herr Maßlaczky fühlte, daß er in seinem Leben noch in keinem solchen Gedränge gewesen. Abellino fing wirklich an, sich anzukleiden, obwohl jedes seiner Glieder ihn aufs Lager zurückzog. – Mir recht, ganz recht! keuchte der Herr Fiskal vor sich hin, indem er gleichfalls den Oberrock anzuziehen begann. Belieben Euer Gnaden nur dasjenige zu thun, was Ihnen von Ihren Gegnern geraten wird. Belieben Sie mich austrommeln zu lassen als einen landesgefährlichen Betrüger, belieben Sie Silentium gegen mich zu verlangen, belieben Sie jene einflußreichen Männer, denen Sie den günstigen Stand Ihrer Angelegenheit verdanken, zu kompromittieren! Ich habe es ja nicht besser verdient dafür, daß ich mich seit sechzehn Jahren in Ihren Angelegenheiten ohne alle Bezahlung abmühe; jetzt werde ich wenigstens kavaliermäßig belohnt. O nur zu! Herr Maßlaczky hatte während dieses Monologs den Oberrock bis zum Hals zugeknöpft und war jetzt daran, sich einen großen Shawl um den Hals zu wickeln. Abellino war mittlerweile mit dem Beistand Williams noch nicht in seine Stiefel gekommen. Es fehlte ihm die Kraft dazu. Er war genötigt, seine Schuhe hervorzuholen. Diese waren seit Wochen nicht geputzt worden, und hatten schon grünen Schimmel angesetzt. O William, was für ein unordentlicher Schlingel bist du! – Herr Maßlaczky hatte schon seine Handschuhe angezogen. – Ich verlasse Sie für immer, mein lieber gnädiger Herr. Es wird eine Zeit kommen, wo liebe Gnaden viel darum geben würden, mich zu haben, aber ich werde nicht zu finden sein. Gehen Euer Gnaden, wohin man Sie ruft. Kehren Sie zurück zu Ihrem lieben Cousin, küssen Sie ihm die Hand, oder meinetwegen auch die Wangen. Er ist sehr seiner lieben Mutter ähnlich. Ja, auch seinem lieben Vater. Das Wiedersehen mit ihm wird sehr angenehme Erinnerungen bei Ihnen erwecken. Auch der Graf Szentirmay ist ein sehr lieber Mann. Er wird sehr erfreut sein, Euer Gnaden wieder zu sehen. Es war schade, so lange mit ihm in Feindschaft zu leben. Nun Sie werden sich das alles gegenseitig vergessen, Sie werden sich aussöhnen, die Teilung vornehmen, sich umarmen. Mich kümmert das alles nicht mehr. Niemand wird Euer Gnaden Charakterlosigkeit vorwerfen. Warum auch? Euer Gnaden sind ein guter Christ, der seinem Todfeinde sechzehn Leidensjahre mit Freuden vergiebt für ein paar tausend Gulden. Ich für meine Person muß gestehen, kein so barmherziger Samaritaner zu sein. Mir haben Hochdero Gegner nie etwas zu Leide gethan, mir hat Herr Johann Karpáthi keine Geliebte vor der Nase weggeschnappt, mich hat er nicht verhöhnt und beschimpft, mich hat man nicht durch sechzehn Jahre in meinem Ahnenhause um mein tägliches Stück Brot betteln lassen, mich hat man nicht zum Gespötte der Welt gemacht – aber wenn sie nur ihre Hand hinreichten und mir eine ganze Welt versprächen ... ich bin ein armer Mensch, der nur von der Arbeit seines Kopfes lebt ... aber ich würde sie zurückweisen und lieber auf dem Straßenpflaster zu Grunde gehen, aber meinen Stolz retten. Das würde ich Gabriel Maßlaczky thun, der ich weder Graf, noch Baron, noch ein Gentleman bin; aber deshalb würde ich doch keinen Händedruck von einem Arm annehmen, der mich einmal ins Gesicht geschlagen. Während dieses Sermons hatte sich Herr Maßlaczky den Shawl wieder vom Halse gewickelt, obwohl kein Mensch ihn darum ersucht halte. Der unglückliche Baron saß während dieser Rede schmerzlich zusammengekrümmt auf seinem Lager, den schweren Kopf in den Händen haltend und die spitzen Ellbogen auf die magern Knie gestützt, während die Fußsohlen vom Rande des Bettes trostlos herabhingen. William brachte die gereinigten Schuhe; der Baron schlug sie ihm um den Kopf: Das ist ja ein ungleiches Paar! Dann warf er sich wieder rücklings aufs Bett, zog die Decke über sich und stierte mit seinen gläsernen Augen den Plafond an. Kovács sah mit verschränkten Armen dem tobenden Advokaten zu, dessen Schmähreden er für Ausbrüche seiner Ohnmacht nahm und sie mit keinen, Worte unterbrach. Maßlaczky hatte allmählich seinen Oberrock wieder aufgeknüpft, ohne daß Ihn jemand dazu aufgefordert hatte. – Mögen einfältige Leute mit offenen Augen in die Falle gehen. Wenn jemand ein Vergnügen daran findet, sein Glück zum Fenster hinaus zu werfen, wer kann ihn daran hindern? Ich werd' es nicht thun. Mit solchen Dingen gebe ich mich nicht ab. Ich bin lange genug der gute Narr gewesen, mich foppen zu lassen. Nicht Euer Gnaden zuliebe! – Bitte sich das nicht einzubilden. Hatte mich nicht ein Engel dazu genötigt, würde ich wohl je einen Schritt in dieser Sache gethan haben? Nie! Ja, ein Engel, der mir sagte: hier dieser arme, vom Schicksal verfolgte Mann wäre eines glücklicheren Loses wert, suchen wir ihm aufzuhelfen, seien wir ihm behilflich, das ihm geraubte Erbgut zurückzuerlangen, machen wir ihn glücklich, machen wir ihn glückselig. Ja: glückselig! Wissen Sie, was Sie in dieser Stunde ausgeschlagen? Die Liebe einer reinen, unschuldigen Seele, deren Hand Sie in den vollen Besitz ihrer ahnherrlichen Güter gesetzt und Sie nicht nur reich, sondern auch zum glücklichsten Menschen unter Gottes Himmel gemacht haben würde. Ich danke dem Allmächtigen, daß ich Ihnen das nicht schon früher gesagt habe. So wird wenigstens ein unschuldiges Kind seinen Traum fahren lassen, Sie glücklich zu machen Der treffliche Psychologe ging so weit, seinem Klienten mit der Hoffnung auf die Hand seiner eigenen Verlobten zu schmeicheln. Er dachte, der Baron werde ohnehin nicht mehr so lange leben. – Doch was kümmert das Euer Gnaden? Was denken Sie an Familienfreuden? Eine stille, häusliche, reizende junge Frau, ein traulicher Familienherd, eine blühende Nachkommenschaft, was ist Ihnen das? Er wußte wohl, daß Abellinos Herz keine süßeren Träume kannte, für die jeder abgelebte Sünder schwärmt. – Was brauchen Euer Gnaden an Familie zu denken, fuhr Herr Maßlaczky mit bitterm, schneidenden Hohn fort. Können Sie sich ja doch mit dem Grafen Szentirmay aussöhnen, und dann brauchen Sie nicht mehr für ihr eheliches Glück besorgt zu sein. – Mein Herr! rief Kovács, vom Stuhle aufspringend; – ich verbiete Ihnen, dies Thema zu berühren. Das Verbot ward mit einer Stimme und einer Aktion eingelegt, daß alle drei anwesenden Männer erschrocken verstummten und der arme Doktor in seinem Schreck von einem solchen Schlucken befallen wurde, daß man befürchten konnte, er werde aus sich selbst herausfahren. Kovács' Augen funkelten, seine Lippen bebten so, daß man gefaßt sein mußte, er werde, was nur in dem Hause neben dem Michaeler Thor wohnt, durch dies eine Fenster hinausfuhrwerken. Abellino zog sich die Decke bis über die Nase und Herr Maßlaczky trat zwei Schritte zurück. Erst später fiel ihm ein, daß er keine Ursache habe sich zu fürchten, daß ihm vielmehr nichts erwünschter sein konnte, als wenn sein Gegner sich an seiner Person vergriffe, er wurde dadurch ein crimen majoris potentiae begehen, und zwar in Gegenwart zweier Zeugen; – er trat also wieder nach vorne. – Was haben Sie ein Recht mir zu verbieten? sagte er, den Oberrock über der Brust auseinanderschlagend. Daß ich meinen Klienten von seinen Gegnern nicht hinters Licht führen lasse? Daß ich in eine Sache drein rede, die auch mich betrifft? Oder was? – Daß Sie von dem Grafen Szentirmay in unehrerbietigem Tone sprechen! sagte Kovacs mit fester Entschiedenheit. – Das thue ich beileibe nicht. Habe ich es je gethan? Ausgenommen, was mir meine Berufspflicht auferlegte. Das aber kann ich keinenfalls zugeben, daß am Schlusse des von mir instruierten Prozesses Graf Szentirmay, oder Sie, oder Baron Zoltán Karpáthi meinen Klienten auf ihre Seite ziehen. Wenn Sie ihm die Hälfte der Karpáthischen Herrschaften antragen, so sichere ich ihm dasselbe zu; versprechen Sie Zweidrittel, so verspreche ich Dreiviertel; stellen Sie ihm das Ganze in Aussicht, so zeige ich ihm als Zugabe noch die Hand eines reizenden Engels in der Perspektive. Nun, belieben Sie zu licitieren. Mit diesen Worten setzte sich Herr Maßlaczky herausfordernd vor das Bett Abellinos. – Belieben Sie zu licitieren! – Belieben Sie! wollte auch der Herr Doktor sagen, der jetzt wieder Maßlaczkys Partei ergriff, allein mitten im Worte befiel ihm wieder der Schlucken und stieß den Laut beinahe zum Scheitel des Kopfes hinaus. Kovács blickte stumm auf Abellino, auf dessen Gesicht sich in schmerzlicher Verzerrung der Gedanke auszuprägen schien: es sei leicht ihn jetzt Hunderttausende, Millionen und alle irdischen Engel zu versprechen, wo er schon am Rande des Grabes liegt! ... Kovács blickte mit verächtlichem Mitleid auf den hinfälligen willenlosen Menschen, dessen Gedanken bei jedem neuen Wort umsprangen und der jetzt unter den konträren Einflüssen, die auf ihn einstürmten, körperlich und geistig alles Gleichgewicht verloren hatte. – Lassen Sie mich in Ruhe, meine Herren! jammerte er, ungeduldig auf das untere Ende seines Bettes stampfend. Was stören Sie einen armen kranken Menschen, gehen Sie fort von hier; machen Sie die Sache unter sich ab, wie immer; nur mich fragen Sie um nichts; ich unterschreibe nichts, ich antworte auf nichts. Darauf drehte er sich gegen die Wand und fing an zu flennen, welche Gottlosigkeit es sei, ihn nicht gesund werden zu lassen. Kovács sah ein, daß sein Prozeß verloren sei: dieser klägliche Mensch hat nicht eine Stunde seinen eigenen Willen. – Bis morgen früh werde ich Ihnen schriftlich unsere letzten Bedingungen mitteilen, sagte er zu Maßlaczky gewandt, dann nahm er seinen Hut und entfernte sich. Abellino beachtete er so wenig, als er ein unter einer Bettdecke liegendes Stück Holz beachtet haben würde. In der That lag er dort wie ein Klotz. Herr Maßlaczky rieb sich die Hände und bäumte sich vor Vergnügen, er hätte Lust gehabt, auch mit der Zunge zu schnalzen und auf den Sessel zu springen, um sich von dort herab zu freuen. Der Klotz bewegte sich im Bette. Sein Blick traf die beiden zurückgebliebenen Männer. – Und warum find Sie noch da? Gehen Sie! Um Gottes willen lassen Sie mich allein! Niemand soll zu mir kommen, ich will niemand sehen. Herr Maßlaczky schlug sich das große Tuch lustig um den Hals, beugte sich über das Haupt des Kranken, und flüsterte ihm zärtlich ins Ohr: – Lieber, teuerer, süßer Baron, bald werden wir am Ziele sein. – »Bald werden wir am Ziele sein,« stöhnte ihm das Stück Holz nach, mit dem Gedanken an das letzte aller Ziele, das dunkle Grab. Herr Maßlaczky hätte beinahe Tisch und Stühle umgeworfen mit seinen Abschiedskomplimenten und hielt schon die Thürklinke in der Hand, als der Doktor, der bisher beim Fenster gestanden war und hinausgeschaut hatte, sich umwandte und mit ernster argwöhnischer Miene sagte: – Ich habe ihn noch nicht zum Thor hinausgehen gesehen. – Wen? fragte Herr Maßlaczky erschrocken. – Den von vorhin. Es sieht ihm nichts Gutes aus den Augen. Ich möchte nicht bei Nacht auf der Gasse mit ihm zusammentreffen. Ich glaube er führt auch einen Stilettstock bei sich, er warf meinem werten Freunde beim Weggehen einen Blick zu, als ob er etwas Böses im Schilde führte. Hier auf dieser dunklen Treppe könnte man eins übers Ohr erhalten und man wüßte nicht einmal, von wem es kommt. – Herr Doktor, sagte Maßlaczky, gehen wir zusammen. – Ich kann nicht, entschuldigte sich dieser. Ich muß mit meinem Patienten konsultieren: das dauert lange, eine Stunde, auch zwei. – Mein Herr, sagte Maßlaczky in dem Tone desperater Dreistigkeit, das ist eine Herzlosigkeit von Ihnen. Mich allein in den Rachen der Gefahr hinabsteigen zu lassen, Sie wären imstande nicht zu hören, wenn jemand Zetermordio schreit, und mir nicht zu Hilfe zu eilen. – Ich, mein Herr? Ich würde Sie ohnehin nicht beschützen können, das ist nicht meines Amtes. Ich bin ein friedfertiger Mensch, ich diene niemand als salvus conductus . Herrn Maßlaczky trat der Schweiß aus allen Poren. In seiner Freude hatte er schon mit seiner Siegesnachricht in die Arme Köcserepys fliegen wollen, aber das Bewußtsein, keine Flügel zu haben, brachte ihn wieder auf den Gedanken, daß es vielleicht besser Ware, hier zu bleiben. Endlich fand er sich zurecht. Draußen vor der Thüre lungerte William, an den machte er sich liebkosend. – William, mein guter William, nicht wahr, du hast jetzt Zeit? sich, da hast du zehn Kreuzer, begleite mich nach Hause: nur bis dort, wo die Fiaker stehen, dort kannst du wieder umkehren. Nicht wahr, du thust es? William ließ sich für einen Silberzehner herbei, Herrn Maßlaczky zu begleiten, der ihn aus der Treppe als Avantgarde vorausgehen ließ; als sie zum Thor hinaus waren, nahm er ihn hinter sich, um sich den Rücken zu decken. Als der friedliebende Arzt vom Fenster aus sah, daß Maßlaczky den William entführt hatte, fing er für sein eigenes teueres Leben zu zittern an. – Er schleppt den einzigen Mann im ganzen Hause mit sich. Jener Mensch wird zurückkommen und uns alle der Reihe nach umbringen. Im ganzen Stock wohnt nur noch eine alte Frau mit ihrer Köchin. Gnädiger Herr, ich empfehle mich. Ich lasse mir niemand zuliebe die Gurgel abschneiden. Ergebenster Diener. Er nahm den Hut und lief davon; den Stock vergaß er und kam noch einmal zurück, um ihn zu holen. Ohne Stock wäre es nicht rätlich, nach Hause zu gehen. Bis er nicht die dunkle Treppe unten war, sprach er beständig nach rückwärts, als ob dort noch fünf, sechs Personen waren, die ihn hinabbegleiten wollen, die ihm hinunter leuchten. Er bat, sie möchten sich doch nicht bemühen und wagte erst, als er beim Thore draußen war, frei aufzuatmen, im Gefühle, daß er sich hier schon unter dem Schutze der Öffentlichkeit und der Gesetze befinde. Jenes Stück Holz aber dort oben lag still und steif auf seinem Marterbett. Daß man ihm soeben ganze Truhen voll Schätzen versprochen, ihm ein langes, langes Leben zugesichert; – daß vor seinen Augen die Spiegelbilder neuer und bunter Freuden, eines lustigen Lebens, eines ruhigen Lebens, verliebter Abenteuer, häuslichen Glückes gaukeln; – daß der lang ersehnte Reichtum und damit die Befriedigung rachedurstigen Hasses als reife Frucht vor seinen Händen schwebt – und daß gerade in dieser Stunde seine Seele sich um ihn kümmert, daß er allein gelassen ist in diesem ärmlichen Zimmer, wo aus jedem Winkel die Not hervorguckt, daß auf der ganzen Erde kein elenderes, verlasseneres Geschöpf, als er: – von alledem hat er ebensowenig ein Bewußtsein, eine Empfindung, wie ein Stück Holz, wie ein morscher, gefällter, verfaulter, vom Holzwurm zernagter Baumklotz. 4. Die Entsagung. Eine Woche genügte, um die Sache gerichtlich in Ordnung zu bringen. Herr Maßlaczky trug dafür Sorge, daß alles aufs schnellste erledigt wurde, damit nicht etwa Abellino noch früher sterbe. Zoltán reiste mittlerweile nach Karpáthfalva. Er hatte noch eine letzte Prüfung durchzumachen; – Abschied zu nehmen von seinen Jugendplänen. Nicht der Verlust von Reichtum, Besitz und Macht war es, was seiner Seele am schwersten fiel, sondern das Aufgeben der daran geknüpften Entwürfe. Wie viel Gutes hatte er stiften, wie viel Großes schaffen können, wenn er im Besitz dieser Güter geblieben wäre. Wie viele schon in Angriff genommene Projekte werden sich zerschlagen, dadurch, daß er zu einem unbegüterten einfachen Landesbürger herabsinkt, der bald vollauf damit zu thun haben wird, um die eigene Existenz zu kämpfen und auf dessen Mitwirkung in öffentlichen Angelegenheiten nun nicht mehr zu rechnen ist. Seine Besitzentsagung ändert nicht bloß sein Los, sondern greift auch in die Geschicke anderer störend ein, wofür die Verantwortlichkeit aus ihn zurückfällt. Vor einigen Monaten hatte er seine Unterthanen animiert, die ersten zu sein, welche die große Idee der Grundentlastung bei sich durchführen, seine Einwilligung hatten sie im voraus zugesichert, die geringe Ablösungssumme war schon vereinbart und aufgebracht und die mit dem Zeitgeist fortschreitende Partei wartete auf den Tag, wo diese, eine neue Ära der Nation eröffnende Thatsache sich vollziehen sollte, wie auf einen Triumph. Das mußte nun unterbleiben. Er war genötigt, mit Thränen im Auge vor der Deputation jener wackeren Leute zu erklären, sie möchten die Loskaufssumme nur behalten und für bessere Zeiten zurücklegen, er habe aufgehört, über seine Güter verfügen zu können, er könne sie nicht frei machen; Gott weiß, wen sie nach ihm zum Herrn bekommen. Als die biederen Alten ihm zum letztenmale die Hand drückten, als sie von ihm schieden, ohne imstande zu sein, vor Rührung ein Wort hervorzubringen, konnte er sich nicht des Gedankens erwehren, daß er vielleicht doch ein größeres Opfer gebracht, als ihm zu bringen erlaubt war, daß vielleicht die Pflicht der kindlichen Pietät doch nicht die Forderungen, welche das Vaterland an ihn stellt, aufzuwiegen vermöge. Er dachte einen Augenblick darüber nach, ob denn die Verwirklichung der Entwürfe, die er zur Beglückung einer neuen Generation gefaßt, zu teuer erkauft sein würde durch das verbitterte Lebensglück dreier Menschen und ob nicht Szentirmay und er die Kränkungen, die ihnen daraus für ihre Person erwachsen würden, leichter ertragen können, als das arme Volk, das ohne sein Verschulden die ererbten Lasten noch fürder schleppen muß. Der Gedanke war erhaben. Allein Zoltán besaß eine zu feste Willenskraft, als daß er auf dem einmal betretenen Wege hatte umkehren können. Er hatte den Namen eines großen Patrioten hingegeben für den eines rechtschaffenen Menschen, das Lob der Nachwelt für die Ruhe des Herzens. Was wird aus der wackern, betriebsamen Bevölkerung, welche binnen anderthalb Dezennien durch Szentirmays Fürsorge zu Wohlstand und geistiger Wohlfahrt sich emporgearbeitet hat? Wie wird sie herabkommen unter dem Regiment eines Prunksüchtigen, verschwenderischen herzlosen Gebieters, der um auf seinen Nutzen sieht, nur auf Erpressung sich versteht und die Lebensfarbe des Gemeinwohls mit den Strahlen seines Glanzes aufsaugt. Wie werden die begonnenen Gemeindeinstitute: Schulen, Kinderbewahranstalten, Kornsparmagazine in Stocken geraten und bald in Zinsgebäude sich verwandeln, in welchen der neue Grundherr Schankläden aufthut, durch die, was dem Landvolk noch an Wohlstand geblieben, verrinnt; wie werden Wegelagerer, Diebe, Räuber überhand nehmen in der verarmten Gegend, welcher aufzuhelfen der neue Besitzer unfähig ist, auch wenn er den Willen dazu hatte, denn er hat nur gelernt, das Vorhandene auszusaugen, und bringt, statt befruchtender Aussaat, nur gehäufte Schulden mit sich, die sich rascher mehren als das Ungeziefer; während eines Menschenalters wird die ganze ungeheure Herrschaft zersplittert sein und in den zerschlagenen Teilen werden wildfremde Namen sich festsetzen. Es war bitter an das zu denken, den ganzen Ideengang zu verfolgen und nirgends einen tröstlichen Ruhepunkt zu finden. Vor einigen Monaten hatte er, von großen Patrioten dazu aufgefordert, bedeutende Summen für gemeinnützige Unternehmungen gezeichnet, deren Zustandekommen ein großer Triumph für die Fortschrittspartei sein wird, deren Fehlschlagen ihr in den Augen der Bekämpfer jeder nützlichen Neuerung den Todesstoß geben würde. Jetzt wird es nicht mehr in seiner Macht stehen, diese Verpflichtungen zu erfüllen; man wird ihn auslachen, ihn wie ein einfältiges Kind betrachten, das große Zahlen hingeschrieben, ohne einen Begriff zu haben von dem Wert, den sie repräsentieren. Dieser Gedanke quälte ihn am meisten. Mit welchem Gesicht wird er vor jenen ernsten Männern erscheinen, welche ihm die Ehre erwiesen, seine Unterschrift anzunehmen, wie die eines volljährigen Mannes und ihn nicht um die Zahl seiner Jahre gefragt hatten. Auch diese Demütigung harrte seiner noch, auch darauf mußte er gefaßt sein! Herb war der Prüfungsbecher, den er leeren mußte, aber er trank ihn aus bis auf den letzten Tropfen. Einen ganzen Tag brachte er damit zu, von den teuern Erinnerungszeichen Abschied zu nehmen, die aus jedem Winkel Karpáthfalvas ihn mit lebenden Worten anzureden schienen; er durchwandelte die öden Gemacher, besuchte die einsame Grabstätte und sprach hier und dort mit der leeren Luft – für ihn war sie bevölkert mit lebenden Gestalten. Gegen Abend ließ er den einstmaligen Güterdirektor seines Vaters, den biederen Varga, zu sich kommen und übergab ihm die von den Wänden herabgenommenen Ahnenbilder, die Urkunden des Familienarchivs, er möge sie mit sich nehmen auf jene Pußta, welche Johann Karpáthi seinem treuen Verehrer testamentarisch vermacht hatte, um sie dort aufzubewahren. Dem guten Alten bebten krampfhaft die Lippen, als er die altehrwürdigen Familiendenkmäler übernahm und auf seinen Wagen lud. Kaum vermochte er vor seinem jungen Herrn zu stammeln, er möchte deshalb diese Gegend nicht für immer verlassen, ihn wenigstens manchmal auf seiner einfachen Pußta besuchen, die sein Vater gesegneten Andenkens ihm zu Geschenk gemacht. – Danke, gutes, altes Onkelchen, sagte der Jüngling mit erzwungener Lustigkeit, es kann sein, daß ich einmal, wenn ich nirgends einen Ort habe, mein Haupt hinzulegen, vor Ihrer Thüre erscheine und sage: ich bin gekommen, hier zu wohnen, können Sie mich zu etwas brauchen? Herr Varga fand diesen Scherz keineswegs witzig und säumte nicht, dies auszusprechen. – Mein lieber junger Herr, ich könnte sehr traurig werden über diese Rede, wenn ich nicht wüßte, daß es so weit nicht kommen wird; wenn Sie auch wirklich Ihren Gütern entsagen, so werden Sie deshalb doch nicht Not leiden, denn Ihr seliger Herr Vater hat in seinem Testamente eine Summe von mehreren hunderttausend Gulden dem Grafen Szentirmay zur Verfügung gestellt, mit der allgemeinen Weisung, damit vaterländische Unternehmungen zu fördern. Der hochgeborne Graf hat diese Summe zum größern Teil in solche Aktien gesteckt, welche seinerzeit wann immer in bares Geld umgesetzt werden können, was an den einen verloren geht, ersetzen die andern. Diese Summen werden noch immer hinreichend sein, um Euer Gnaden vor Mangel und Erniedrigung zu schützen. Zoltán war es bei diesen Worten, als erwachte er aus einem furchtbaren Traume. Ihm bleiben noch einige hunderttausend Gulden, über die er verfügen kann! Dies war für ihn ein Erlösungsgedanke. Es steht also in seiner Macht, die große Ehrenschuld einzulösen, welche schwerer als die ganze Karpáthfalver Herrschaft, ja als das ganze Karpathengebirge, auf seiner Brust lastete. Er wird seinen Versprechungen nachkommen, die er als Unmündiger von sich gegeben, und die man dem Versprechen eines Mannes gleich geachtet! Das richtete sein Gemüt wieder auf, das stählte sein Herz. Möglich, daß er nach Abtragung seiner Verbindlichkeiten wirklich arm sein wird, daß ihm nichts übrig bleiben wird, doch was verschlägt's? bleibt ihm doch die Ehre, die Unversehrtheit des verpfändeten Manneswortes, und die ist doppelt kostbar, wo man auf sie seine Zukunft zu bauen hat. Zoltán ließ den herrschaftlichen Beamten und der ganzen Dienerschaft ihren vollen Jahresgehalt auszahlen; wer weiß, ob der neue Besitzer sie noch langer in seinen Diensten behalten wird. Er nahm von allem ein Inventar auf, machte Rechnungsschluß, damit der neue Besitzer die ganze Wirtschaft in Ordnung finde und nicht sagen könne, daß etwas verschleppt worden. Sogar den Wagen und die Pferde, mit denen er hergekommen, ließ er in das Inventar eintragen, auch sie gehören zur Karpáthischen Herrschaft, möge sich der neue Besitzer an ihnen gut geschehen lassen. Er selbst wird in einer Mietkutsche zurückreisen, mit der sein Advokat von Pest eintreffen soll, den er stündlich erwartet. Kovács ist ein pünktlicher Mensch; er fährt eben in den Schloßhof herein, als die Lichter angezündet werden. Das Hausgesinde, jeder herumschlendernde Unterthan zeigt ihm ein so trauriges Gesicht. Sie wissen schon, daß die Karpáthische Herrschaft aus den Händen des jungen Herrn Zoltán in die eines unbekannten fremden Herrn übergehen wird, obwohl sie keinen erdenklichen Grund dafür auffinden können; sie sind alle so niedergeschlagen im Vorgefühle der Änderung, die in ihrem eigenen Lose eintritt. Kovács holte aus der Truhe des Wagensitzes einen Bund Papiere hervor, schob ihn unter die Achsel und fragte nach dem jungen Baron. Der wohlbekannte Kammerdiener führte ihn bis zur Thüre, dort sagte ihm der Advokat, er möchte niemand hereinlassen und trat dann in den Archivsaal, wo einst die Karpáthischen Ahnherren in der Ausübung des jus gladii die Herrenstühle abhielten und den sie deshalb mit einem großen Kamine versehen hatten. Der alte Varga hatte vorsorglich im Kamin ein Feuer anmachen lassen, denn es war regnerische Herbstwitterung, bei der ein warmes Zimmer schon Anwert findet. Zoltán saß ermüdet in einem Armstuhl, mehr geistig als körperlich abgespannt; der alte Varga half ihm schweigen. Das Erscheinen des Advokaten belebte beide; Zoltán ging ihm entgegen, während dieser den Aktenstoß, den er in der Hand hielt, ihm schon von weitem entgegenhielt: – Da sind sie ... Jene fluchwürdigen Papiere, jene schändlichen, abscheulichen, unflätigen Aufzeichnungen, welche teuflische Berechnung zusammengetragen, sie sind endlich hier niedergelegt, in den Händen desjenigen, dessen Seelenruhe, dessen Lebensglück sie vergifteten; er kann mit ihnen thun, was er will, er braucht sich nicht mehr vor ihnen zu fürchten, sie werden seinen Schlaf nicht mehr stören. – Sind alle Schriften darin? fragte Zoltán, als er seine bebenden Hände nach den Prozeßakten ausstreckte. – Alle, ich habe mich davon überzeugt; es sind die Originalien. Der Prozeß ist für niedergeschlagen erklärt, der Kläger hat seine Auflage zurückgezogen und dem Einflusse Köcserepys gelang es sogar, die Streichung des Prozesses aus dem Archiv zu erwirken. Zoltán nahm mit klopfendem Herzen den Aktenstoß und schleuderte ihn, zusammengebunden wie er war, in das Kaminfeuer. Die drei Männer standen sprachlos um den Kamin und wandten kein Auge von dem brennenden Prozeß ab, der Stück für Stück in Flammen aufging. Die einzelnen aufflackernden Blätter bewegten sich in der heißen Kaminluft hin und her, als ob eine teuflische Hand in ihnen blätterte, um noch einmal die glühenden Zeilen zu lesen, und die Lappen jedes verkohlten Blattes flogen hinauf in die Flammen und wurden in den Rauchfang emporgerissen durch den starken Luftzug, der in den engen Kaminröhren so sauste, als ob darin etwas sich freute, oder zürnte. Von dem ganzen Aktenstoß blieb nicht einmal die Asche zurück; alles verschwand, nur der steife Umschlag blieb dort zusammengerollt zwischen den Kohlen; aus seiner schwarzen Oberfläche liefen die Feuerwürmchen geschäftig hin und her, ihre verstorbenen Geschwister suchend. Wie seufzen alle drei Männer erleichterten Herzens aus. Er ist nicht mehr! Zoltán wandte sich mit freudestrahlendem Gesicht zu dem alten Güterdirektor. – Sie können dem Grafen Szentirmay schreiben, daß Sie diese Schriften zu Asche verbrennen sahen. – Noch besser würde diese Nachricht aus Ihrem eigenen Munde sich anhören, sagte der Alte. Jetzt hindert Sie nichts mehr, Szentirmays zu besuchen, die gewiß hocherfreut wären, Zoltán Karpáthi wieder als Familienmitglied aufzunehmen. – Ich weiß, lieber Freund. Jetzt aber wäre es noch zu früh. Bis nun hatten sie mir den Zutritt versagt, jetzt bin ich es, der mir ihr Haus verbietet. Gegenwärtig bin ich nichts und ich will niemand zur Last fallen, am wenigsten denen, die mich lieben. Kovács nickte Beifall. So hatte er Zoltán immer gekannt. Mit der Änderung seines Loses konnte sein Charakter keine Umwandlung erleiden. – Ich habe noch eine Bestellung an Sie, sagte er, mit unveränderter Miene ein versiegeltes Schreiben aus der Brusttasche hervorziehend, das an Zoltán adressiert war. Das Schreiben war von der Hand Maßlaczkys, der ihm in schwülstigen Phrasen zu wissen gab, es sei ihm gelungen, den gutmütigen Rat Köcserepy dahin zu bewegen, aus freiem Antriebe (diese Worte waren doppelt unterstrichen) Zoltán ein Vitalitium von zwölftaufend Gulden jährlich auszuwerfen, welche Großmut dem Herzen des hochgestellten Mannes sehr zu Ehren gereiche; zweitens habe sein hochherziger Einfluß auf ein anderes edles Gemüt die edle Wirkung gehabt, daß der Herr Advokat Kovács sein Amt auch fernerhin beibehalten wird, indem er seinen Posten als Fiskal der Karpáthischen Familie mit dem eines Rechtsanwaltes der Familie Köcserepy vertauscht, nachdem er selbst (Herr Maßlaczky nämlich) ohnehin eine ganz andere Stellung in der Familie des Herrn Rates einnehmen werde. Gegenwärtiges Schreiben habe als urkundlicher Nachweis für die gemachten Versprechungen zu dienen, im übrigen versichere er beide seiner aufrichtigen Gönnerschaft u. s. w. Das Blut war Zoltán in die Wangen gestiegen, während er den Brief zu Ende las. Er war so empört, daß er ihn in vier Stücken zerriß und ins Feuer werfen wollte. Erst dann besann er sich, daß ja der Brief auch Kovács angehe und fing an zu bedauern, ihn voreilig zerrissen und dadurch dem Glück seines Freundes sich in den Weg gestellt zu haben. Wie, wenn dieser das Anerbieten annähme? Ein Blick auf das unveränderlich ernste Gesicht brachte ihn wieder auf andere Gedanken. Er ballte den Brief zusammen und schleuderte ihn ins Feuer. Erst dann teilte er Kovács den Inhalt des Briefes mit. Er zweifelte nicht daran, daß der junge Advokat das ihm gemachte Anerbieten ebenso dem Feuer überantwortet haben würde, wie er es mit dem seinigen gethan; und den jungen Rechtsgelehrten erfreute diese Eigenmächtigkeit seines Klienten mehr, als irgend eine Belohnung, die von interessierten Menschen als etwas, das sich greifen und zählen läßt, für wertvoll gehalten zu werden pflegt. Auch er würde ebenso gehandelt haben und es that ihm wohl, daß Zoltán nicht einmal die Möglichkeit des Gegenteils bei ihm vorausgesetzt hatte. Am anderen Tage, noch vor Tagesanbruch, verließen Zoltán und sein Advokat Karpáthfalva. Varga blieb dort, um der künftigen Gutsherrschaft die Rechnungen einzuhändigen. Sie entfernten sich in aller Stille aus dem Kastell, als noch alles schlief. Schon am Abend vorher hatte Zoltán seine Dienerschaft verabschiedet; auch der Kammerdiener erfuhr jetzt, warum man ihn »armer Junge« genannt. Zoltán gab ihm zu wissen, daß er nicht mehr in der Lage sei, einen Kammerdiener zu halten. Als sie ans Ende des Karpáthfalver Wildparks kamen, durch welchen die mit hohen Pappeln eingefaßte Straße lief, ging eben die Sonne auf und gewahrten die beiden Reisenden, daß die Straße vor ihnen der Länge nach mit Landvolk besetzt war; Männer, Weiber und Kinder standen an den Rändern der Straßengraben und so wie ihr gewesener Grundherr an ihnen vorüberfuhr, begrüßten sie ihn von allen Seiten mit lauten Éljenrufen. Die guten Leute hatten sich erkundigt, wenn er abreisen werde, und so geheim er auch seine Abfahrt gehalten, hatten sie ihm doch aufgepaßt, nur um ihn noch einmal zu sehen und ihm nachzurufen: Gott geleite Sie und führe Sie zu uns je eher wieder zurück! Zwölf berittene Burschen sprengten aus dem Gehölz hervor, an beiden Seiten des Wagens. Marczy, der Stallknecht des seligen Herrn, war ihr Anführer. Zoltán ersuchte sie, zurückzubleiben. O, wenn es auf sie ankäme, würden sie ihn bis ans Ende der Welt begleiten. Bis hin zur Theißüberfuhr ritten sie neben seinem Wagen her, erst am Ufer blieben sie zurück und auch da noch riefen sie die Hüte nach ihm schwenkend: – Der Himmel bringe Sie uns je eher zurück! Zoltán entfernte sich von Karpáthfalva, ohne auch nur ein einziges Mal nach seinem verlorenen Erbbesitz zurückzublicken. Hatten doch die leblosen Dinge ihm ebenso nachfolgen können, wie die Herzen der Menschen! Sie übernachteten nirgends, sondern reisten mit unterlegten Pferden ohne Unterbrechung weiter und hielten am Abend des andern Tages vor Kovács' Wohnung in Pest. Als sie aussteigen wollten, trat zu ihrer nicht geringen Überraschung der in Karpáthfalva zurückgelassene Kammerdiener an die Kutsche, um den Wagenschlag zu öffnen. Zoltán wußte nicht, was er ihm sagen sollte. Der wackere alte Knabe war hinten aufgestiegen und so von Karpáthfalva bis hierher gekommen. – Jetzt können der junge Herr mich doch nicht fortschicken; wenn Sie mir auch keinen Lohn zahlen, ich werde schon etwas zu beißen finden. 5. Ein schlechter Sieg.   Vetores migrate colony!   Durch das Thor, zu dem Zoltán Karpáthi des Morgens aus seinem ahnherrlichen Kastell hinausgefahren war, fuhr des Mittags der spectabilis dominus Maßlaczky in den geräumigen Hof hinein. Er saß in einer schlechten, halbgedeckten Pritschke, denn in einem geschlossenen Wagen zu reisen, hielt er für ein lebensgefährliches Wagstück; ein vom Hals bis zu den Fußsohlen reichender Staubmantel schützte ihn gegen die Einflüsse der äußern Luft; gegen sonstige Eventualitäten hatte er Frater Bogozy mitgenommen, der von Pest an bis hierher schlief und den schwerhörigen Thomas, der neben dem Kutscher saß und auf dem ganzen Weg mit den Vorspannskutschen diskutierte; wegen des Wagengerassels und noch mehr bei der specifischen Taubheit des Alten war es allerdings wahrscheinlich, daß keiner hörte, was der andere sprach, das ist aber gleich viel, arme Leute erzählen gern von ihren kleinen Leiden, und es genügt ihnen, zu sehen, daß jemand zuhört. Im Hof ließ der Herr Fiskal zuerst den Frater Bogozy absteigen, damit er sich erkundige, ob hier keine Hunde seien und sie, wenn welche vorhanden sein sollten, einfangen, anbinden, an die Kette legen lasse, und dergleichen mehr. Bogozy kehrte mit der beruhigenden Antwort zurück, daß der gewesene junge Grundherr sein Haus von Menschen, nicht aber von unvernünftigen Tieren bewachen ließ, die Lieblingshunde des alten Nabob, die Windspiele, sind schon längst zu den Vätern heimgegangen, nur ein alter Wolfshund ist noch am Leben, aber auch der hat keine Zähne mehr und ist bei dem Verwalter in sicherem Gewahrsam. Auf diese Kunde hin wagte es der Herr Fiskal auszusteigen und in den Hausflur des Kastells einzutreten, jedoch nicht, ohne vorher seinem Adjunkten und dem Husaren aufgetragen zu haben, nicht von seiner Seite zu weichen; es mochte in ihm die Besorgnis aufgestiegen sein, einer von den alten Beamten der Karpáthischen Familie könnte imstande sein, den Bevollmächtigten des neuen Grundherrn irgendwo in ein verstecktes mörderisches Burgverließ hinabzustoßen. Der alte Varga empfing den Herrn Fiskal. Sie sagten einander gegenseitig, in welcher Eigenschaft sie sich gegenüberstanden, und nun lag es ganz in dem Belieben des Herrn Maßlaczky, mit dem zu beginnen, wozu er die meiste Lust habe. Wenn es ihm gefällig, kann er sogleich die Schlüssel übernehmen. – Noch nicht, sagte der Herr Fiskal, dem es in dem Selbstgefühle seiner Überlegenheit eine angenehme Befriedigung gewährte, in manchen Dingen bewanderter zu sein, als der alte Herr. Nicht um das Gut zu übernehmen, sondern nur, um es in Ordnung zu bringen, bin ich vor dem Eintreffen des Besitzers hierher gekommen. Die Statution selbst wird in Gegenwart des Besitzers durch die von Amtswegen hierzu bestellten Personen mit aller Feierlichkeit vorgenommen werden. So ist es herkömmlich. Herr Varga war zu verstimmt, als daß er über die unnötige Belehrung sich hätte ärgern sollen; er ersuchte den Herrn Advokaten sehr freundlich, er möge also je eher organisieren. Herr Maßlaczky hielt den alten Herrn, in seinen blauen ungarischen Hosen, dem altmodischen Anzug und mit dem schartigen grauen Schnurrbart für irgend einen alten Unterbeamten und bemühte sich, ihm seine ganze hohe Herablassung fühlen zu lassen. – Nur voraus, mein lieber Alter; gehen Sie nur voraus, öffnen Sie die Thüren, ich will alle Zimmer durchgehen. Varga rief den alten Paul herbei, um das Gebot des Fiskals zu erfüllen. Der alte Diener war viel trauriger als gewöhnlich; nicht einmal sein Schnurrbart war herausgedreht. – Das ist der Beschließer? fragte Herr Maßlaczky. Herr Varga verneinte es. – Nun, wir werden ihn dazu machen. Alte Diener sind nur mehr zu Beschließern tauglich, er wird sich ganz gut dazu eignen. Für einen Heiducken ist er schon ein bißchen zu alt. Palkó blieb eine Antwort schuldig und riß die beiden Thürflügel vor dem Ankömmling auf, als wäre er zu dick, um durch einen geöffneten Flügel hindurch zu können. – Pfui! was ist das für ein dumpfiger Geruch. Was ists da für eine Luft, lieber Alter, dies Zimmer ist wohl seit dem Tode des Herrn Johann Karpáthi nicht mehr gelüftet worden? Öffnen wir doch diese Fenster. Dies »öffnen wir« war an Paul gerichtet, der mit solcher Beflissenheit Folge leistete, daß er zwei Fensterscheiben mit den Ellbogen einstieß. – O, o, o! Wie kann man so ungeschickt sein. Schon gut, schon gut. Zum Beschließer wird man ihn nicht brauchen können, eher zum Kutscher. Zu den alten Pferden. Alte Pferde und ein alter Kutscher. Das paßt so zusammen – he, he, he. Der Advokat fing nach seiner Gewohnheit an witzig zu werden. Paul dachte nur bei sich, nun, ich werd' auch noch Gärtner werden, und Koch, warte nur. Herr Maßlaczky ging alle Zimmer kreuz und quer ab; nichts war ihm recht. – Diese Luster hängen an einem schlechten Platz, diese Fenster sind nicht hoch genug, die Thüren sollten anders aufgehen; die Kamine sind schon aus der Mode, und was ist das für eine Malerei? welch häßlicher Anstrich; da müssen Tapeten hinkommen. O, das kann nicht so bleiben. Die Familie Köcserepy besitzt einen viel zu feinen Geschmack, um so etwas um sich zu dulden. Auch die Möbel sind wenigstens schon zehn Jahre alt. Nun, nun, das ist natürlich. Auf ein Gut, das in Prozeß steht, giebt man nicht gern etwas aus. Das ist in der Ordnung. Das wird jetzt schon anders werden. Dem guten Varga fielen diese Reden schwer aufs Herz, ihm, der da wußte, daß Szentirmay während seiner Vormundschaft den größten Teil der Einkünfte in großartige Ameliorationen hineingesteckt und die Wildnis in ein Paradies umgewandelt hatte. – Doch, wozu wäre es gut gewesen, mit diesem Menschen sich herumzustreiten? Maßlaczky, nach Gewohnheit kleinlicher Menschen, kroch jeden Winkel ab, Boden, Küche und Keller und fand natürlich überall etwas auszusetzen; nichts war so, wie es hätte sein sollen. Der Dienerschaft im allgemeinen machte er sehr tröstliche Aussichten. – Diese Herrschaft wird nicht mehr »Csákisches Stroh« Sprichwörtliche Redensart für patriarchalische Schlaraffenwirtschaft. sein wie bisher. Jedes Departement erhält seinen eigenen Chef, über das Kellerpersonal wird ein Oberkellermeister gesetzt, den Beschließern wird ein Hausinspektor auf dem Genick sitzen, das Küchenregiment wird ein diplomierter Koch übernehmen; von allem und jedem wird Rechenschaft abgelegt werden müssen: die Kutscher, Bedienten, Reitknechte, Gärtner reichen täglich ihre Rechnungen dem Küchenmeister, Kellermeister, Garteninspektor und Stallmeister ein, welche wiederum dem Haushofmeister Rechnung ablegen und verantwortlich sind und so weiter. O das wird hier eine ganz andere Hausordnung werden. Zoltáns gewesene Dienerschaft bestand aus lauter treuen, erprobten Leuten, die von ihrer Kindheit an mit der Herrschaft aufgewachsen, keinen Dieb und Betrüger unter sich litten: ihren Händen konnte man jede Summe Geldes ungezählt anvertrauen. – Jedes Wort Maßlaczkys war ihnen wie ein Schlag ins Gesicht. Sie sahen einander nur an und schlichen einer nach dem andern fort, ohne sich vorerst zu empfehlen. – Nun, mein lieber Alter, sagte Herr Maßlaczky, indem er mit herablassender Freundlichkeit Herrn Varga auf die Schulter klopfte, jetzt erübrigt nur noch eins: daß Sie mich zu den Zimmern hinführen, von denen Herr Zoltán Karpáthi sich ausbedungen hat, daß sie nicht geöffnet werden dürfen. Es ist nötig, daß wir sie kennen, damit wir nicht aus Unkenntnis gegen die Vertragsklausel verstoßen. Varga bedeutete ihn mit einem Winke, er möchte nur Paul folgen, er selbst blieb zurück, sogar Thomas ließ er vorausgehen. Nachdem sie einen langen Gang hindurchgeschritten waren, blieb der greise Paul vor einer grün bemalten Wand stehen und sagte, mit dem Finger hinzeigend: – Das sind die Zimmer. – Auf einem andern Wege kann man nicht zu ihnen gelangen? – Nein. – In der That, eine seltsame Caprice, den Leuten in ihrer eigenen Behausung den Ab- und Zugang zu verbieten. Diese Zimmer bilden eine wirkliche Totengruft in diesem Kastell. Bogozy konnte nicht umhin, die Bemerkung richtig zu finden. – Pflegen keine Gespenster von da herauszukommen? fragte der Herr Advokat scherzhaft den greisen Diener. – Guten Menschen thun sie nichts. Der komische Ernst, mit dem diese Worte vorgebracht wurden, ergötzten Herrn Maßlaczky höchlich. Er konnte sich nicht enthalten, darüber zu lachen. – Der alte Knabe ist köstlich. Er fürchtet sich nicht vor Gespenstern, aber er glaubt an sie. Und Sie, lieber Alter, fürchten Sie sich vor ihnen? Mein Herr Varga, an den diese scherzhaften Worte gerichtet waren, blickte sprachlos auf den Advokaten und dieser sah betroffen, daß dem alten Manne die Thränen in den Augen standen. Der Greis betrachtete lange thränenden Auges die profane Gestalt, und wandte sich dann ab, schwer aufseufzend. Zum Henker, wie schwach diese alten Leute sind, sie fangen gleich zu flennen an, dachte der Herr Fiskal bei sich. Varga eilte von dannen und gewann erst im Archivsaale so viel Fassung, um sprechen zu können. – Haben Sie mir noch etwas zu befehlen? frug er den Advokaten. Es war das erstemal in seinem Leben, daß er jemand, der einen Titel hat, bloß mit Sie angesprochen. Herrn Maßlaczky fuhr diese Grobheit auch in die Nase. Nur per »Sie!« – Lieber Alter, wie würden Sie meinen Namen schreiben, wenn Sie einen Brief an mich zu schreiben hätten? – An den wohlgebornen, wohledlen Herrn Tabularadvokaten Gabriel Maßlaczky. – Nicht wahr? – Also mein wohlgeborner, wohledler Herr, ich bin so frei, ergebenst zu fragen, ob Sie noch etwas von mir begehren? – Gehen Sie nur, mein lieber Alter, mit dem andern Alten da auf Ihr Zimmer, wenn ich Sie benötige, werd' ich Sie schon rufen lassen. – Aber ich wohne weit von hier, und auch Paul wohnt bei mir. – Wo denn? – Auf meinem Gütchen, daß ich so glücklich bin als ein Vermächtnis des hochseligen Herrn Johann Karpáthi mein eigen zu nennen. – Sind Sie also kein Beamter dieser Herrschaft? – Nein. Diese Entdeckung machte Herrn Maßlaczky sehr zuvorkommend. Er hatte es diesem einfachen blauen Anzüge nicht angesehen, daß der darin Steckende sein eigener Herr sei; er hatte ihn für irgend einen Kastner gehalten. Jetzt gab er sich Mühe, sich bei ihm in Gunst zu setzen: er lud ihn ein, mit ihm zu speisen. – Danke, man erwartet mich zu Hause. – Ja, man erwartet uns zum Mittagsessen, bekräftigt, Palkó, sich an Varga drängend und sichtlich erfreut, Herrn Maßlaczky den Rücken zeigen zu können, was sie auch thaten, mit dem Versprechen, zu der feierlichen Statuation als geladene Gäste wieder zu erscheinen; bis dahin möge Herr Maßlaczky die Schlüssel behalten und sich amüsieren, so gut er kann. Als die beiden Alten fort waren, legte sich Herr Maßlaczky der Reihe nach auf alle Diwans und prüfte ihre Federkraft; dann verglich er mit seiner Uhr alle Uhren im Schloß: natürlich ging keine einzige richtig, die seinige ausgenommen. Aber wenn auch die Uhren schlecht gingen, verstrich dennoch die Zeit und sie schlugen schon mit mehr oder weniger Pünktlichkeit drei Uhr – eine Tageszeit, um welche der Magen, besonders wenn man von einer Reise kommt, ungestüm zu werden pflegt. – Wir speisen spät, sagte Herr Maßlaczky ein um das anderemal, in seinem Hunger auf- und abspazierend; dann suchte er sich aus der Bibliothek einen Hugo Grotius hervor, und fing an, sich durch Lesen die Zeit zu vertreiben, worüber es vier Uhr wurde – Dieser fatale junge Zoltán pflegte wohl nach englischer Sitte zu speisen, erst um fünf Uhr. Er hat seine Dienerschaft darauf abgerichtet. Gehen Sie doch, Frater Bogozy, sagen Sie dem Koch, er mochte mir zuliebe von seiner alten Ordnung abweichen; mehr als sechs Gerichte braucht er nicht aufzutragen, Konfekt aber kann er geben so viel er will; Mayonnaise, unter uns gesagt, liebe ich nicht, aber wenn sie Ihnen schmeckt, können Sie davon essen. Als Tischwein sollen sie uns weißen Villányer geben, zum Dessert Méneser. Gegen Wildbret habe ich nichts einzuwenden. Diese Herrschaft hat eine berühmte Fasanerie. Von Mehlspeisen liebe ich die süßen. Für sich aber können Sie meinetwegen Topfenhaluschken machen lassen. Den Bedienten sagen Sie, sie möchten nur da hier aufdecken, das wird ohnehin künftig der Speisesaal sein, für eine Bibliothek ist's hier nicht ruhig genug. Mittlerweile lassen Sie mir von dem alten Sliwowitz bringen, als Reizmittel für den Appetit. Bogozy zählte einen solchen Auftrag zu den angenehmsten, die man ihm geben konnte und ließ sich's nicht zweimal sagen, sondern rannte zur Thüre hinaus. Er blieb eine volle Stunde weg. Maßlaczky wußte nicht, was er denken solle. Er nahm allerlei Beschäftigungen vor, womit ein hungriger Mensch sich die Zeit zu kürzen pflegt. Er trat ans Fenster und trommelte auf den Scheiben; durchblätterte zwanzigerlei Bücher, ohne sich zu merken, was er las; er fand ein Dutzend Kartenspiele und legte damit die Napoleon-Patience; keine einzige ging aus. Als eben auch die siebente nicht ausgegangen war, erschien endlich Frater Bogozy mit einem desperaten Gesicht. – Wo zum Teufel haben Sie sich herumgetrieben, amice dilectissime ? – Überall, wo nur ein menschlicher Fuß hin kann. – Warum speisen wir also noch nicht? – Nun, fürs Erste ist nicht ein einziger Bedienter im Hause, um den Tisch zu decken; zweitens ist nirgends ein Koch, eine Köchin oder auch nur eine elende Küchenmagd, die einen Kochlöffel rühren würde; folglich existieren auch keine sechs Gerichte, kein Konfekt oder Dessert, weder zahme noch Wildbraten, keine feinen und keine groben Mehlspeisen, es brennt nicht einmal Feuer auf dem Herd und im ganzen Hause ist nicht eine einzige arme Seele zu finden, von der man erfahren könnte, wo die übrigen stecken. – Wo sind sie denn aber hingeraten? – Ich sage ja, daß niemand da ist, den man darum fragen könnte. – Nun, das ist eine schöne Geschichte! Herr Maßlaczky schnalzte vor Wut mit den Fingern. – Wo sind die Leute denn hingeraten? Wie konnten sie wagen, fortzugehen, ohne auch nur ein Wort zu sagen. Diese nichtsnutzigen Schelme! Wo haben sie denn die Speiseschlüssel gelassen. – Die sind gewiß bei Herrn Varga geblieben. Er wollte ja die Schlüssel übergeben, warum haben Spectabilis sie nicht übernommen? Der kommt aber erst morgen früh wieder hierher. – Thut nichts. Die Schurken! Wollen mir noch trotzen! Keiner darf einen Fuß ins Kastell setzen. Gehn Sie, Frater, zum Verwalter, sagen Sie ihm, er soll sogleich ein Mittagsessen für uns zubereiten lassen. Ich befehl' es ihm. Bogozy eilte davon und fand auch die Verwalterswohnung. Der Beamte selbst war nicht zu Hause, wohl aber eine rotwangige, pausbackige junge Wirtin, die eben damit beschäftigt war, einen duftenden mit Dillnkraut bestreuten Käsekuchen aus der Ofenröhre zu nehmen. Der Frater setzte sich zur jungen Frau, kajolierte ihr, erzählte ihr, was für ein geriebener Schurke sein Herr sei, daß er den wackern jungen Herrn Zoltán von Haus und Hof vertrieben. Das Frauchen traktierte den Frater mit Kuchen und kaltem Braten, trug ihm auch Wein auf und steckte ihm alle Taschen voll mit Grammelpogatschen Ein Nationalgebäck: kleine runde Kuchen mit Speckgriebchen. und geräucherter Wurst, setzte aber einen Fluch darauf, wenn er seinem Prinzipal einen Bissen davon zukommen lasse. Der Frater wischte sich den Mund ab, empfahl sich und kehrte zu Herrn Maßlaczky mit der Nachricht zurück, der Verwalter sei nicht zu Hause, nur eine alte Küchenmagd, die noch dazu an den Pocken krank liegt, und alle Schlüssel seien eingesperrt. Herr Maßlaczky schnob vor Wut, wie ein Walfisch. Er schickte zum zweitenmale seinen Haiducken fort, um irgend einen Kramladen zu suchen und etwas zu essen zu bringen, was zu haben sei, wenn nichts anders, so Salami, die könne man dann mit Essig und Öl verspeisen. Thomas sagte: er habe verstanden, und verlangte dann im Gewölbe Öl und Essig; denn alles andere sei schon zu Hause. Herrn Maßlaczky hätte beinahe der Schlag getroffen, als Thomas zurückkam, nichts anders mit sich bringend, als zwei Fläschchen mit Öl und Essig. Wie drosch er auf ihn los! Geh er zu allen Teufeln und bring er, wenn nichts anderes, von wo immer wenigstens Brot. Bogozy wollte zerplatzen vor unterdrücktem Lachen über den Irrtum des alten Thomas und konnte sich nicht enthalten, an der Thüre ihm einen Teil seines Proviantes verstohlen in die Hand zu drücken, indem er ihm durch Zeichen zu verstehen gab, keinem andern davon etwas abzulassen. Es war bereits spät Abends, als Thomas ins Kastell zurückkehrte und ein paar altbackene Semmeln von unergründlichem Datum mitbrachte. Das war das Mittags- und zugleich Nachtmahl des Herrn Maßlaczky, der selbst eingestand, seit seinen Studentenjahren nichts so Hartes, Zähes und Ungenießbares mit seinen Zähnen verarbeitet zu haben. Wenn das mein teurer Freund Köcserepy wüßte! In einer solchen Weise hatte der liebe Herr Maßlaczky mit seinem Organisierungstalent alles dergestalt in Ordnung gebracht, daß, als am andern Morgen die Köcserepys mit den die gerichtliche Übergabe vollziehenden Beamten, den Stuhlrichtern und Vizegespänen, dann mit den zur Feierlichkeit geladenen Verwandten und Nachbarn eintrafen, niemand da war, um auch nur das Thor den Gästen zu öffnen, die, wenn nicht glücklicherweise Herr Varga mit angelangt wäre und den Ort, wo die Schlüssel aufbewahrt waren, angegeben hätte, genötigt gewesen wären, das Kastell mit Sturm einzunehmen,. Herr Maßlaczky benachrichtigte mit einer Armen-Sündermiene seinen werten Freund, den Herrn Rat, von dein heimlichen Entweichen der Dienerschaft, so wie er ihn nach den ersten Gratulationen auf einen Augenblick beiseite ziehen konnte, während die Gäste die Gemächer des Schlosses durchwandelten, bewunderten und kritisierten. – Ich kann nicht begreifen, was diesen Leuten durch den Kopf gefahren ist. – Ich aber begreife es sehr wohl, sagte der Herr Rat. Gewiß haben Sie ihnen Schrecken eingejagt und unter dem verwöhnten Völkchen mit einem Schlag Ordnung machen wollen, und da sie ihren ganzen Jahreslohn schon ausgezahlt erhielten, haben sie sich hübsch empfohlen, ohne Adieu zu sagen. Maßlaczky war so verblüfft, daß er keine Antwort zu geben wußte. Hat der den Teufel im Leib, daß er überall gleich die wahre Ursache herausfindet? – Was zum Henker fange ich nun mit so vielen Gästen an? zankte der Rat. Ich habe weder einen Koch, noch sonst jemand mitgebracht, wohl wissend, daß ich hier ein ganzes Dienerpersonal vorfinde, und nun nehmen Sie sich um die Sache an, kommen her und verjagen sie mir. Wer hat Sie beauftragt, sich einzumischen? Wenn nur wenigstens meine Gemahlin nicht hier wäre; die wird alle Krämpfe bekommen, wenn sie erfährt, in welche schreckliche Lage Sie uns gebracht haben. Das ganze Haus voll Gäste und kein einziger Bedienter, kein Stubenmädchen, kein Koch da. Was wird aus meiner Gemahlin, wenn sie es erfährt?! Herr Maßlaczky hatte das Gefühl, als wäre er ein mit heißem Wasser abgebrühter Hund. Hier in diesem Kastell so heruntergescholten zu werden, zu dessen Besitz er Herrn Köcserepy mit Besiegung so vieler Hindernisse verholfen, und das an dem Tage, auf den er seit Jahren als auf einen Tag des Triumphes hingeblickt hatte. Er wußte nicht einmal eine Entschuldigung vorzubringen, da nichts dagegen einzuwenden war, daß ohne Koch sich kein Diner herrichten lasse. Welche Beschämung, welche Demütigung! Die gnädige Frau wird es nur zu bald erfahren. Sie war es, welche Herrn Maßlaczky einen Tag früher vorausgeschickt hatte, um Wild schießen und die eine längere Zeit benötigenden Torten, Gelees, Zuckerbäckereien machen zu lassen und alle Anstalten zu treffen, damit die morgige Tafel fürstlich bestellt sei, sodaß man nach Jahren noch davon in der ganzen Umgegend sprechen wird, und siehe da, jetzt brennt nicht einmal ein Feuer auf dem Herd, und man weiß nicht, was man zuerst in die Hand nehmen soll. Die Rätin war einer Ohnmacht nahe. In einem solchen Falle ist es aus mit aller Philosophie. Gebt einer Frau Plato und Aristoteles in die Hand und laßt den Koch den Braten verbrennen, so zieht die Weisheit den kürzeren. Die Küchenangelegenheiten stehen über jeder Theorie. Versetze sich nur jemand in die Lage, er habe viele Gäste geladen, alle Zimmer sind voll mit Geladenen und es kommen noch immer neue an, es ist bereits Mittagszeit, und er wisse noch nicht, was und wie er ihnen etwas vorsetzen werde. Eveline war außer sich, sie zankte, lamentierte ohne alles System; wenn sie jetzt Herrn Maßlaczky unter ihre Hände bekäme, sie würde ihm beide Augen auskratzen, unbekümmert um jedes argumentum apriori . Es war ein Glück, daß Herr Varga Mitleid mit der armen Frau empfand und sie mit dein Versprechen tröstete, er werde schon von der Pußta seine eigene Köchin herkommen und von ihr kochen und braten lassen, es werde an nichts Mangel sein. Dies beruhigte Evelinen ein wenig; nur darum ersuchte sie Herrn Varga, die gerichtlichen Prozeduren so viel als möglich in die Länge zu ziehen, damit sie Zeit gewinne, ein ordentliches Essen herzurichten. Herr Varga wurde so der Retter der Familienehre und der gesamten hochansehnlichen Gesellschaft, weshalb denn auch die ganze Schar der Gäste im Verein mit Herrn Köcserepy sich alle Mühe gab, ihn nach Gebühr auszuzeichnen, während man Herrn Maßlaczky den nicht zu verbergenden und sehr natürlichen Ärger empfindlich fühlen ließ. Der arme Advokat war ganz niedergedonnert, er wagte nicht den Mund aufzuthun oder sagte Dinge, die er selbst nicht verstand; bei der Statution mußten andere ihn auf die üblichen Formalitäten aufmerksam machen; der Gedanke, daß die gnädige Frau ihm zürne, brachte ihn ganz um Verstand, Mut und Besinnung. Er fühlte sich übler daran als ein Bedienter, der die Teller zerbrochen hat und befürchtet, man werde sie ihm vom Lohn abziehen. Gegend Abend hatte die gerichtliche Ceremonie ein Ende, durch welche Rat Köcserepy in den Besitz der Karpáthischen Herrschaft eingesetzt wurde und bis dahin war auch das Essen fertig geworden. Die Frau Rätin hatte sich von ihrer philosophischen Höhe so weit herabgelassen, eigenhändig in aller Eile jene Bäckereien zu bereiten, für welche die Kochkunst der Vargaschen Pußtenköchin nicht ausreichte; Dank den hilfreichen Bemühungen Herrn Vargas und des Wirtschaftsverwalters war es gelungen, die Tafel mit dem nötigen Glanze herzustellen, und wo irgend etwas fehlte, wurde die Schuld auf Herrn Maßlaczky geschoben. Das Essen war schmackhaft genug, die Rätin erschien selbst bei Tisch, natürlich sehr ermüdet, ganz erhitzt; die Arme hatte eigenhändig die Torten aufputzen müssen, denn Herr Maßlaczky hatte die Köche davongejagt. Es war wohl hinreichend zu essen da, aber es hätte noch mehr sein sollen. Eveline konnte nicht umhin, sich vor ihren Gästen zu entschuldigen, daß sie ihnen ein so einfaches Mahl vorsetze, allein sie wüßten ja, welcher unglückliche Zufall sie getroffen, an dem nicht sie schuld trägt. Hier kehrten sich aller Augen gegen Maßlaczky, der vor Scham gern in die Erde gesunken wäre. Herrn Varga dagegen konnte man nicht genug danken, ohne ihn wäre man in der größten Ratlosigkeit. Herr Varga hat sich zum Wohlthäter der ganzen Gesellschaft gemacht, indem er mit seiner Köchin aushalf. Herr Varga aber dachte bei diesen Lobeserhebungen: ich wollte, ich hätte Gift für euch kochen können; ich kann nicht dafür, daß ich ein so einfältig guter Kerl bin. Genug, was bisher an der rechten Stimmung noch gefehlt hatte, bewirkten gegen das Ende der Tafel die guten alten Weine; die anwesenden Herren und Damen tranken sich ihre Gesundheit zu, alle aber und zu wiederholtenmalen auf das Wohl des trefflichen Hausherrn und seiner Familie, worauf dieser die Gegentoaste nicht schuldig blieb. Lassen wir sie sich unterhalten. Was bei solchen Gelegenheiten gesprochen wird, ist unnützes Geschwätze; welcher vernünftige Mensch würde es wohl der Mühe wert finden, eine derartige Tafelkonversation niederzuschreiben. Fern vom Geräusche der Tafel, dem Gläsergeklirr und den lärmenden Toastrufen wandeln einsam und unbemerkt – denn die Aufmerksamkeit eines jeden ist jetzt ganz wo anders hin gerichtet – zwei schöne Mädchen unten im Schloßgarten. Das eine ist Wilma, des Rates Tochter, das andere Liza, die blinde Waise. Bis hierher zu den mehr als hundertjährigen aristokratischen Platanen dringt nicht der profane Lärm des Gelages, und wenn es zwischen Himmel und Erde noch Feen giebt, können sie hier im kühlen Schatten des Laubdachs ruhig spielen und mit der winzigen Spanne ihrer Händchen die niedlichen Fußstapfen der beiden Mädchen abmessen. Liza schmiegte sich an die Brust ihrer Beschützerin, welche den Arm zärtlich um ihren Leib geschlungen hielt, und so wandelten sie zusammen auf den gewundenen Kiespfaden des englischen Parks. Beide sind, seit wir sie das letzte Mal gesehen, um zwei Jahre älter geworden: keine von ihnen ist mehr ein Kind, das Gesicht des blinden Mädchens ist noch voller und blühender geworden und Wilmas Antlitz noch weit blässer. Sie flüstern leise miteinander, damit auch die Blätter auf den Bäumen nicht hören sollen, was sie sprechen. – Dann kam er zu mir und sagte mir, ich möchte dich fest umschlungen halten und deine Hand ja nicht loslassen, sonst würdest du tief, tief hinabstürzen. Das blinde Mädchen erzählt sicherlich irgend einen Traum, den es sich einbildet, wachend erlebt zu haben. Für sie ist Wachen und Träumen einerlei, in ihr Auge dringt kein Strahl, sie sieht nur mit dem geistigen Auge und so vermengen sich bei ihr die Erscheinungen beider Zustände. – Ja gewiß. Er hielt uns so fest umschlungen, dich mit dem einen, und mich mit dem andern Arm, so flog er mit uns durch die Luft und tief unter uns brausten die Wasser. O, wie ich mich fürchtete. – Du träumst viel von ihm, Liza, denkst sehr oft an ihn. – O immer, immer. Und du etwa nicht? Wenn du so lange schweigend dasitzest und ärgerlich wirst, wenn dich jemand anredet, glaubst du, ich weiß es nicht, daß du dann an ihn denkst? Wenn ich neben dir schlafe und du deine Hand ausstreckst und um meinen Hals legst, glaubst du, ich weiß nicht, daß du dann von ihm träumst? Ich habe ihn nicht gesehen, ich kenne ihn nicht, ich weiß nur von ihm, daß seine Stimme, als ich in der Todesangst zu Gott flehte, mir Antwort gab auf mein Gebet, und als er mich auf seinen Arm nahm, ließ ich meine Hand gleiten über sein Haupt, das weich war, wie Seide und über sein Gesicht, das sich anfühlte, wie heißer Samt. Und ich träume doch so viel von dieser Stimme, und von diesem Seidenhaar, wie erst du, die du ihn sahst und seitdem auch sehen und sprechen konntest. – Ich habe ihn nicht wieder gesehen. – Nicht? sagte ganz betrübt das blinde Mädchen, Warum nicht? – Er ist weit verreist, sehr weit. – Sehr weit? wiederholte Liza. Was ist das in der Vorstellung einer Blinden: sehr weit? – Und ist er noch nicht zurückgekehrt? – Ja, doch. – Und warum kommt er nicht auch hierher? Warum läßt er so lange Zeit auf sich warten? Viele, viele Tage sind seitdem schon verstrichen, nicht wahr? Warum kommt er nicht, sich mit uns zu unterhalten? Siehst du, ich möchte ihn nur reden hören, oder seine Hand anfassen, diese starke, kräftige und doch so zarte, seidenweiche Hand. Du aber könntest ihn auch sehen, ihm vielleicht die Stirne streicheln, wie du es mir thust, vielleicht könntest du etwas mit ihm reden, worüber wir alle drei fröhlich lachen würden. Warum kann er nicht herkommen, hierher zu uns? Wilmas Herz schnürte sich so zusammen, pochte so heftig. Vielleicht hätte es zerspringen müssen, wenn es den Kummer, der es drückte, nicht hätte ausschütten können. Sie blickte um sich, ob niemand sie hören könne. Kein Mensch war in ihrer Nähe, alle Leute waren mit dem Festmahl beschäftigt. – Teure Liza, sagte sie mit bebender Stimme: den, von dem du sprichst, werden wir nie zu sehen bekommen, mit dem werden wir nie sprechen, den können wir höchstens nur im geheimen beweinen. – Also liebt er uns nicht? wenn er uns nicht liebt, warum kam er uns retten? dann wär es ja viel besser gewesen, er hätte uns dort zu Grunde gehen lassen. Womit haben wir ihn beleidigt? Welche Ursache hat er, uns zu meiden? – Das ist eine gar traurige Geschichte, liebes Kind. Sieh, er war ein sehr reicher Jüngling, der, weil er selbst reich war, den Armen Gutes that; und jetzt ist er selbst plötzlich arm geworden, und wohl mag es ihn am meisten schmerzen, daß er nun andern nicht mehr helfen kann. Er hat keine Heimat mehr. Er ist um alles gekommen. – Wie war das möglich? – Fremde Menschen haben die Güter, welche sein Vater ihm hinterlassen, ihm abprozessiert, nur um ihren eigenen Kindern destomehr hinterlassen zu können. – O die schlechten Menschen! rief das blinde Mädchen mit Abscheu; möge Gott ... – Sprich es nicht aus! rief Wilma, ihrer Gespielin die Hand vor den Mund haltend, um zu verhindern, daß das unbefangene Kind nicht den Fluch ausspreche über ihre eigenen Eltern. – Die Menschen, welche ihn zum Bettler gemacht, sind meine Eltern; dies Gut, dies Kastell, in das man uns heute mit so viel Lärm eingesetzt hat, ist sein rechtmäßiges Besitztum, dieser Garten ist sein Garten und ich – ich möchte tief, tief unter der Erde liegen, von der man ihn vertrieben hat! Das Mädchen sank schluchzend am Fuße eines alten, moosbewachsenen Ahornbaumes nieder, und zog ihre hilflose Gefährtin zu sich herab, die gleichfalls bitterlich weinte und mit den lichtlosen Augen empor zum Himmel starrte, als suche sie dort Gott, den sie nirgends sieht. – Jede Blume, die ich hier sehe, fuhr das Mädchen schluchzend fort, scheint mir zuzurufen: auch ich gehörte ihm, auch mich habt ihr ihm geraubt! Bei jeder Schüssel, die aufgetragen, bei jedem Becher, der geleert wird, fällt mir ein, daß er vielleicht jetzt Hunger und Durst leidet. Wenn ich mich in das weiche Bett lege, um auszuruhen, hat er vielleicht nicht wohin sein Haupt zu legen, er, den meine Eltern von dem Sitze seiner Ahnen vertrieben, um mich zu bereichern. O dieser Gedanke wird mich noch töten! Das blinde Mädchen war so verwirrt durch das, was sie gehört hatte, daß sie auch zu weinen vergaß, als wären ihre Nerven von dem Übermaß der auf sie einstürmenden Gefühle gelähmt. Sie vermochte nur unzusammenhängende Worte zu stammeln. – Sie haben ihn elend gemacht! schrie in ihrem unbewachten Schmerz die Tochter des Rates Köcserepy; ihn, für den ich meine Seele hingegeben hätte, und mir haben sie jenen Besitz erworben, auf dem sein Fluch lastet. Wenn jemand im Garten gewesen wäre, hätte er unfehlbar die leidenschaftlichen Worte hören müssen. – Aber glaube mir, Liza, der Himmel wird ihnen das nicht hingehen lassen. Glaube mir, das wird ein trauriges Ende nehmen. Der Himmel wird sie in dem strafen, was ihnen das Teuerste ist. Das Trachten ihres ganzen Lebens war, mich reich zu machen. Für mich haben Sie alles begangen, meinetwegen haben sie himmelschreiendes Unrecht gegen ihn verübt. Wisse denn, daß ich bald sterben werde und daß sie dann niemand mehr haben werden, den sie lieben. Welch trauriger Gedanke in dem Herzen eines Kindes: sie werden niemand mehr haben, den sie lieben! Da drin in dem lustigen Saale klirren die angestoßenen Gläser, lassen die weinseligen Gäste aus voller Kehle den neuen Gutsherrn leben, der mit siegesstrahlendem Gesicht in dein alten Lehnstuhl der Karpáthischen Familienhäupter sitzt und vielleicht zum erstenmale in seinem Leben aus wahrer Herzensfreude lächelt. Und doch sage ich, gestrenger Herr Rat, das kann noch ein schlechter Sieg werden. Das Sprichwort sagt zwar: eine Krähe hackt der andern das Auge nicht aus. * * * In der Statutionsnacht schlief niemand so schlecht im Karpáthfalver Kastell, als unser lieber Freund Herr Maßlaczky. Was hatte er davon, gegen die Karpáthis den Prozeß gewonnen zu haben, wenn er ihn jetzt gegen die Köcserepys verlieren soll? Die gnädige Frau ist bitter von ihm beleidigt. Den ganzen Tag über sagte sie ihm kein freundliches Wort, abends beurlaubte sie sich persönlich von jedem Gast, ihn sah sie nicht einmal an. Das ist zum Verzweifeln. Wenn jemand nach Fräulein Wilma sich erkundigte, gab sie zur Antwort: – Die Arme ist in der Küche, sie muß die Funktionen der Köchin verrichten. Herrn Maßlaczky war dabei jedesmal zu Mute, als würde ihm ein Dolch ins Herz gestoßen. Abends bat sie die sich zur Ruhe begebenden Gäste zu entschuldigen, wenn ihnen in ihren Schlafzimmern eins und das andere abgehen sollte. – Sie müssen diesmal schon Nachsicht üben, wir haben nur ein Stubenmädchen, ich und meine Tochter Wilma haben alles selbst in Ordnung bringen müssen. Herr Maßlaczky kam sich bei diesen Worten als ein so schuldbeladener, gar nicht rein zu waschender Missethäter vor, daß es ihm beinahe als eine Wohlthat erschienen wäre, wenn man ihm zur Strafe kein Bett bereitet, sondern ihm die Kotze als Lager angewiesen hatte, auf der sonst Herrn Johann Karpáthis Windhunde zu schlafen pflegten. In welcher verbitterten Stimmung mochte er gewesen sein, als Thomas ihm die Stiefel auszog: Bogozy schnarchte schon lange im Nebenzimmer. Als er sich niedergelegt hatte, konnte er doch kein Auge zuthun; beständig zerbrach er sich den Kopf damit, was er anfangen solle, um seinen Fehler wieder gut zu machen. Beständig schrieb er Briefe, bald an den Rat, bald an dessen Gattin, bald einen sentimentalen Brief, bald einen vertraulich scherzhaften, dann wieder einen männlich ernsten und hernach einen unterthänig kriechenden, und selbst als er schon eingeschlafen war, schrieb er noch immer Briefe, als ob er ein Dutzend Räte Köcserepy und deren Gattinnen jedes einzeln beleidigt hätte und jedem einzeln je einen entschuldigenden, aufklärenden, beschwichtigenden, schmeichelnden, orientierenden, freundschaftlichen, respektvollen, leidenschaftlichen, gereizten Briefe schriebe, sodaß beim Erwachen jedes Haar auf seinem Kopfe in Schweiß gebadet war. Alles schlief noch im Hause, als er aufstand, sich ankleidete, Thomas aus seinem Schlafe rüttelte, ihn eine Kerze anzünden ließ, dann Bogozy aufstöberte, um sich eine Feder von ihm schneiden zu lassen und sich endlich, von den beiden heimlich in den Grund der Hölle verwünscht, zum Briefschreiben niedersetzte. Ein früh munter gewordener Haushahn half ihm unter dem Fenster nachdenken, indem er alle drei Minuten einmal krähte, und damit jeden guten Einfall in seinem Kopfe durchkreuzte. Als es im Schlosse lebendig zu werden anfing, war das unzählige Male durchgestrichene Konzept fertig geworden; er schrieb es rein ab, versiegelte es mit seinem Siegelring und jagte Bogozy von neuem aus dem Bett, ihm streng befehlend, mit diesem Briefe unverzüglich zur gnädigen Frau Rätin zu rennen und ihn ihr einzuhändigen; doch möge er nicht vergessen, ihr die Hand zu küssen. Eine bessere Zeit hätte er dazu nicht wählen können. Spät abends hatte Eveline der Vargaschen Notköchin aufgetragen, des Morgens, bevor Eveline noch aufgestanden sei, das Wasser zum Thee warm zu stellen und den Kaffee zu kochen, den Thee werde sie, die Rätin, selbst bereiten. – Bemühen sich doch nicht, gnädige Frau, redete ihr die übereifrige Köchin zu, ich werde den Thee schon machen. – Hat sie aber schon Thee gemacht? – O wie oft schon in meinem Leben. Damit beruhigte sich die Rätin, ja sie gab ihr die ganze Zinnbüchse mit dem teuern aromatischen Peccothee. Früh morgens, als dann zum Frühstück geläutet wird, geht sie hinab in die Küche und fragt die Köchin, ob schon das Wasser zum Thee siede? – O, der ist schon längst gesotten. – Gesotten? Schon längst? schrie die Rätin, die vor Schreck beinahe in Ohnmacht gefallen wäre. Natürlich war der gesottene Thee so herb, daß bevor jemand sich hätte nötigen lassen, einen Löffel davon hinabzuschlucken, er sich eher dazu bekannt haben würde, seinen eigenen Vater umzubringen. Eveline hätte gern jemand gefunden, dem sie die ganze Theekanne um den Kopf geschlagen hätte; der Köchin konnte sie es füglich nicht thun, denn diese hatte ja nur in übergroßem Diensteifer den Fehler begangen; sie hatte geglaubt mit dem chinesischen Thee ebenso umgehen zu müssen, wie mit dem Prominzenthee. Da kam Bogozy mit dem Brief des Fiskals. Den Henker auch küßte er die Hand! Er sagte nicht einmal, daß er da sei. Er legte den Brief verstohlen auf den Küchentisch, die gnädige Frau wird ihn schon erblicken, wenn sie hinkommt; er selbst aber zog sich aus der Gewitterzone hübsch aus neutrales Gebiet zurück. – Was ist das? Wie kam das hierher? Wer hat das gebracht? Sie sieht, daß der Brief an sie adressiert ist, erbricht ihn und das erste, was ihr in die Augen fällt, ist der kalligraphisch gemalte Name: Gabriel Maßlaczky. Das kommt eben recht. Die Rätin geht auf ihr Zimmer, und liest, was hier folgt: »– Tief verehrte, mit jeder Fiber meines Herzens angebetete gnädige Frau! »Kein Schmerz kann dem meinigen gleich kommen, der aus dem Bewußtsein entspringt, so unglücklich gewesen zu sein, Ihnen, meine Gnädige, unangenehme Gefühle bereitet zu haben: ich, der ich mein Leben dafür hingeben würde, damit das Ihrige nur in angenehmen Empfindungen dahin stieße. Obwohl ich unwissentlich gefehlt, bin ich doch nicht imstande, mich zu rechtfertigen; ich appelliere daher nur an Ihr engelgutes, stets zu verzeihen geneigtes Herz, das zu dieser Hoffnung mich durch die bisher mir gewährten Gunstbezeigungen berechtigt. Ich hoffe, daß diese kurze Trübung des Himmels unserer Bekanntschaft um so schneller vorübergehen wird, je näher ich den Augenblick gekommen glaube, wo ich jene Gefühle, welche Sie bisher schon erraten, zu den Füßen Euer Gnaden werde gestehen können, an die mich hinfort die stärksten Bande fesseln werden, mit dem lange ersehnten Genuß eines Glückes, das nur meine alles aufopfernden Bemühungen imstande waren, als Lohn zu verdienen. U. s. w.« Herr Maßlaczky glaubte, etwas sehr Kluges gethan zu haben, als er diesen Brief schrieb. Evelinens Gesicht färbte sich feuerrot, während sie den Brief zu Ende las, das Papier zitterte so in ihrer Hand, als würde es von der Schamröte, die auf ihren Wangen stammte, hin und hergefächelt. Ganz außer sich rief sie nach dem Stubenmädchen, und befahl ihm, ihren Gemahl augenblicklich zu rufen. Der Herr Rat kam sogleich, und als er die Aufregung gewahrte, in der seine Frau sich befand, fragte er besorgt, was ihr fehle. – Sieh her! Lies! hauchte Eveline, ihrem Gatten den verhängnisvollen Brief überreichend. Köcserepy durchlief den Brief, ohne eine Miene zu verziehen. – Was soll das sein? Was will dieser Mensch damit sagen? frug Eveline in leidenschaftlicher Aufregung. Herr Köcserepy wußte sehr gut, was das sei; er wußte auch, was der kleine Mann damit sagen wollte. Jedes seiner Worte bezieht sich auf Wilma. Das wußte er sehr gut. Er legte den Brief schön zusammen und gab ihn seiner Frau kaltblütig zurück, indem er mit diabolischer Ruhe zur Antwort gab: – Das scheint eine Liebeserklärung zu sein. – Eine Liebeserklärung – mir! schrie Eveline, wie eine Furie von ihrem Sitz in die Höhe fahrend und den Brief in zwei Stücke zerreißend. Mir das?! – Ich denke, der Brief ist an dich adressiert. Jetzt war Eveline wirklich einer Ohnmacht nahe. Sie sank auf das Sofa zurück, und fing an bitterlich zu weinen vor Scham und Zorn. – Wodurch habe ich das verdient? Womit habe ich einen Anlaß dazu gegeben? Der Rat sagte mit tückischer Gelassenheit: – Es scheint, daß er deine Güte mißverstanden, denn er spricht von bisherigen Gunstbezeigungen. Du hast dir das selbst zugezogen. Nachdem du seine Gefühle im voraus erraten, hättest du ihnen keine Nahrung geben sollen. So geht nur zu Werke, wer brennendes Fett mit Wasser löscht, damit die Flamme gleich zum Schornstein hinausschlage. Evelinens Gemütsaufregung kannte keine philosophische Grenze mehr, ihre Ausbrüche setzten sich über alle rhetorische Formen hinweg; die Scham drückte sie nieder, der Zorn schnellte sie empor, und unter diesen entgegengesetzten Einwirkungen war es ihr schlechterdings unmöglich, jene innere Harmonie aufzufinden, welche die antiken Philosophen, als das erhaltende Prinzip der Welt betrachten. – Schrecklich! Welche Beschimpfung? Mir das von einem solchen Menschen ...! O es ist nicht zu sagen. Womit habe ich das verdient? Ich, ich! Die Rätin hätte es gerne gesehen, wenn ihr Mann sie damit getröstet hatte, daß er nicht begreife, wie jemand so tollkühn sein könne, mit sündhaften Gedanken sich bis zu der makellosen Tugend Evelinens zu versteigen, und daß Maßlaczky mindestens den Verstand verloren haben müsse. Statt dessen sagte ihr der Rat mit kalter Ruhe: – Liebes Kind, das sind die Folgen solcher psychologischer Forschungen, Ähnliche Ursachen bringen immer ähnliche Wirkungen hervor. Du ahntest und erwähntest auch gegen mich, daß dieser Mensch eigentümliche Gefühle für dich hege und nahmst dir vor, ihn zu studieren. Deshalb warst du vielleicht nachsichtiger gegen ihn, als du hättest sein sollen; du unterhieltest dich oft stundenlang mit ihm; er hatte immer freien Eintritt bei dir; du sahst ihn gern, ihr disputiertet über abstrakte philosophische Sätze, über metaphysische und psychologische Paradoxe; – ich wollte keinen Einwurf dagegen erheben, ich wollte meine Frau durch unbedingtes Vertrauen ehren; aber sieh, ein großer Teil der Männerwelt ist so beschaffen, daß er die Frauen nur einseitig kennt, von einer oder zweien schließen sie auf alle anderen und nach einigen wohlfeilen Siegen denken sie auch von der stolzesten und tugendhaftesten Frau, daß sie ebenso schwach wie die andern, deren Stolz unter glühenden Worten hinwegschmilzt und die bei Plato begannen, um bei Epikur zu enden, und es gebe keinen Mann, den die Frauen nicht erhören würden. Herr Köcserepy fand es für gut, Eveline die Überlegenheit seines Geistes nicht noch stärker empfinden zu lassen; sie war in der That schon so bleich, daß keine Theaterschminke sie noch bleicher hätte malen können. – Ich muß zu meinen Gästen, sagte er, einen zärtlichen Kuß auf die bleiche Stirne seiner Gattin drückend – soll ich ihnen vielleicht sagen, daß du dich von der gestrigen ungewohnten Anstrengung zu erschöpft fühlst und nicht vor ihnen erscheinen kannst? Eveline nickte ein stummes Ja. Der Rat entfernte sich. Die Rätin aber fuhr fort, bittere Thränen des Zorns und der Scham zu weinen. Herrn Köcserepy hätte es nur ein Wort gekostet, um sie darüber aufzuklären, daß kein Grund zu Ärger und Scham für sie vorhanden, er unterließ es aber weislich, dies Wort zu sagen. Eveline suchte eilig aus ihrem Reise-Etui die Schreibmaterialien hervor und setzte sich nieder, um einen Brief zu schreiben: eine Antwort für Herrn Maßlaczky. Sie kümmerte sich wenig um Tropen und Perioden, auch ihr Stil war nichts weniger als verblümt; sie schrieb folgendes: »Mein Herr.« »Ich bin außer stande, Ihre Dreistigkeit gebührend abzufertigen. Auf Ihren Brief kann ich nur mit Verachtung antworten und ich werde darauf bedacht sein, wenn ich je noch mit Ihnen zusammentreffen sollte, wovor mich der Himmel behüte, Ihnen diese Verachtung verständlich genug zu erkennen zu geben. Ihren Brief habe ich zuerst meinem Mann gezeigt und dann ins Feuer geworfen. Es wäre unter meiner Würde, mehr Worte an Sie zu verlieren. Rätin Köcserepy.« Punktum, Siegel drauf. Das Stubenmädchen soll ihn sogleich dem Herrn Fiskal aufs Zimmer tragen. Die Gäste hatten mittlerweile das Frühstück eingenommen, bei dem Wilma die Pflichten der Hausfrau versah und nachdem sie einzeln sich mit aller Förmlichkeit empfohlen und sich noch einmal bedankt hatten, stiegen sie in die bereit stehenden Kutschen und verließen das Karpáthfalver Kastell. Herr Maßlaczky blieb der letzte zurück. Wartete er darauf, daß man ihn nötigen werde, zu bleiben, oder harrte er auf die Antwort, oder hatte er noch etwas mit dem Rat abzumachen? genug, so viel ist gewiß, daß er noch immer dort saß, als sein Wagen bereits eingespannt im Hofe stand. Und doch hatte Fräulein Wilma bereits den Saal verlassen, und niemand war mehr dort als der Rat. Auch der war so kalt, so zurückhaltend gegen ihn; Herr Maßlaczky versuchte es zu verschiedenen Malen, ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen, ein lustiges, zutrauliches, humoristisches Gespräch; dem Herrn Rat war kein Lächeln abzugewinnen; endlich entschuldigte sich der letztere, auf sein Zimmer gehen zu müssen, um einige Sachen in Ordnung zu bringen, und damit ließ er den Fiskal allein. Auch Herr Maßlaczky war so genötigt, in sein Zimmer hinauf zu gehen. Wie er die Treppe hinauf stieg, überlegte er, was der Grund des kühlen Benehmens seitens des Rates sein könne. Zürnt er noch immer wegen der ausgerissenen Dienerschaft, oder ist er vielleicht verdrießlich, weil seine Frau unwohl, oder hat es vielleicht einen häuslichen Auftritt mit der Rätin gegeben? Oder – bedarf man vielleicht schon seiner Dienste nicht mehr und will jetzt nichts mehr von ihm wissen, sondern wirft ihn weg, wie eine ausgepreßte Citrone? O! ... Diesem Gedanken gestattet er keinen Raum in seinem Gehirne. Er zwang sich vielmehr, lustig zu pfeifen, als er in sein Zimmer trat. Dort aber erwartete ihn der Brief Evelinens. Der schlechte Kartenspieler erbrach zitternd das Siegel und als er den sehr kärglichen Inhalt des Briefes durchlesen hatte, standen ihm die Gedanken still; ihm war, als fingen Tische und Stühle im Zimmer um ihn zu tanzen an. Haben meine Augen recht gesehen? Ist das ungarisch geschrieben oder in irgend einer fremden Sprache, die man nur mit Hilfe eines Geheimschlüssels lesen kann? Vielleicht muß man ihn nach einer besonderen Art lesen, nur die gerade Zahl der Zeilen und die ungeraden auslassen, wie die Briefe an Jakob II., die man ihm ins Gefängnis schrieb? – Man mochte rechts oder links lesen, es kam kein anderer Sinn heraus, als: mein lieber Herr Maßlaczky möge sich je eher in den Wagen setzen und in Gottes Namen davon kutschieren. Den wackeren Mann betäubte der Brief so sehr, daß er mit dem Kopf gegen die Thüre rannte und erst dann inne ward, daß sie zu sei und erst geöffnet werden müsse, um hindurch zu können. Er lief auch nicht, sondern stürzte die Treppen hinab, den verhängnisvollen Brief in der Hand und gerade hinein in Köcserepys Zimmer – so entsetzt, wie einer, den man verfolgt. – Mein Herr! Mein Freund! Mein teuerer einziger Freund! – Nun, was giebt's? fragte der Rat mit kaltem Blute; die beiden Hände hinter sich auf den Rücken gelegt. – Lesen Sie! lesen Sie das! keuchte Maßlaczky – ihm den Brief hinreichend. Köcserepy ließ sich herbei, die eine Hand hinter dem Rücken hervorzuziehen, um den Brief zu übernehmen und zu lesen. Nachdem der Rat den Brief durchflogen hatte, zuckte er mit den Achseln und gab ihn zurück. Er zuckt mit den Achseln? Was soll das bedeuten? – Haben Sie gelesen? Was ist das, lieber Freund? Was bedeutet dieser Brief? Der Rat lächelte. Es war ein sonderbares Lächeln. Wie wenn jemand einem Dritten sagen wollte: »Ich hätte es jetzt in meiner Gewalt, sehr grob mit dir zu sein, aber statt dessen lächele ich, denn das steht mir besser an. Ich könnte dich jetzt ins Gesicht schlagen, denn du würdest es verdienen, und ich hätte ein Recht dazu, aber ich lächele lieber, denn ich weiß, daß dir das noch mehr wehe thut, daß es dich in Verzweiflung bringt, daß es dir Angst und Zorn zugleich erregt.« – Mein teuerer Herr und Freund, ich begreife nicht ... stotterte Herr Maßlaczky, der in seiner Bestürzung den Kopf so in die Schultern zurückzog, daß er noch um eine Spanne kleiner aussah, als er wirklich war. Ich weiß nicht, ich kann mir nicht vorstellen, was ich denn so Großes verbrochen habe. Ich habe einen Brief an die gnädige Frau geschrieben, aber darin stand nichts Beleidigendes. Ich habe hier das Brouillon. Während Herr Maßlaczky in seinen Taschen den Entwurf des Briefes suchte, galvanisierte der Rat beständig das kleine, reizbare Männchen mit den auf ihn gehefteten Blicken seiner Augen und mit seinem unveränderlichen Lächeln, wobei er sich auf einem Fuß gemächlich schaukelte. – Ich kenne ihn, ich habe ihn gelesen, sagte er, als endlich das Konzept aus einer der umgestürzten Taschen des Fiskals zum Vorschein kam. – Sie haben schon? Ja doch, auch die Gnädige erwähnt, meinen Brief Euer Gnaden gezeigt zu haben. – Natürlich. Ähnliche Briefe pflegt jede treue und tugendhafte Frau zuerst ihrem Manne mitzuteilen. Auf die Worte treu und tugendhaft hatte er einen besonderen Nachdruck gelegt. Der arme Fiskal fing erst jetzt an, klar zu sehen. – Mein Herr, lieber, gnädiger Herr: Sie werden doch nicht auf den Gedanken kommen, daß ich ... – Lieber Maßlaczky, mir ist die Sache schon längst kein Geheimnis mehr. Ich pflege alles zu wissen, was um mich herum geschieht, wenn ich auch davon nicht spreche. Jedes Wort, daß Sie meiner Frau gesagt, erfuhr ich noch in derselben Stunde. Meine Frau hatte schon lange eine Ahnung von dem, was Sie ihr in dem heute geschriebenen Briefe verraten. – Aber um Gottes willen, teurer Herr Rat, haben Sie denn nicht beliebt, die Gnädige aufzuklären? – Ich verstehe nicht worüber? – Mein Herr! lieber Herr! teurer Herr Rat! ich schwöre Ihnen bei allem, was mir heilig ist, daß mir jeder Gedanke fern war, mit dem ich eine solche Niederträchtigkeit hätte begehen können. Die gnädige Frau hat mich mißverstanden. – Da werden Sie mich schon entschuldigen, mein lieber Maßlaczky, wenn bei mir das Wort meiner Frau mehr gilt, als das jedes andern. Es mag von uns Ehemännern eine große Schwäche sein, daß wir in unsere Frauen das größte Vertrauen setzen, allein es ist eine Schwäche, die uns nicht zur Unehre gereicht. Herr Köcserepy war ein Meister im Verdrehen der Rede. – Aber mein lieber Himmel! Sie belieben ja zu wissen, daß ganz andere Wünsche, ganz andere Hoffnungen mich an dero werte Familie fesseln. Ich wünschte ja doch mir die Hand des Fräuleins Wilma zu verdienen, und Sie beliebten damit gütigst einverstanden zu sein. – Um so schlechter, mein Herr, um so schlechter. Sie schlichen sich unter der Maske der Freundschaft in mein Herz ein; ich nahm Sie als meinen Verwandten, meinen Sohn, in mein Haus auf, und Sie legten es darauf an, mein Vertrauen mit Schande zu vergelten. Sie verlangten die Hand meiner Tochter und wollten meine Frau verführen. Sprechen Sie nicht, mein Herr, ich will keine Entschuldigung anhören. Das ist eine Handlungsweise, bei der jede Freundschaft, jede Rücksicht aufhört, welche alle Bande zerreißt, und der würde sich gewaltig tauschen, der da glaubte, daß Köcserepy, weil er ein ruhiger, höflicher Mann, in diesem Punkte ein Auge zudrücken wird. Ein solcher Fall steht außer dem Gesetz. Wo ich in meiner Gattenehre beleidigt werde, bin ich weder höflicher Mensch, noch guter Freund, noch Rat, sondern nur Ehemann und wäre der Beleidiger mein eigener Bruder, ich würde ihm eine Kugel durch den Leib jagen, oder ihn mitten entzweispalten! Herr Maßlaczky sprang erschrocken zurück, als der Rat an den Tisch trat; er glaubte, es geschehe in der Absicht, ihm, sofort mit der Papierschere den Bauch aufzuschlitzen. Es ist etwas Schreckliches von einem Menschen, mit dem man durch lange Jahre auf intimstem Fuße gestanden, dessen Gesicht man nie anders als lächelnd gesehen, der uns mit Gunstbezeigungen überhäufte, plötzlich wie aus heiterer Luft mit einem Donnerwetter überschüttet zu werden, und von ihm hören zu müssen, daß er einen mitten entzweispalten wolle. Der Rat bemerkte die Wirkung seiner Worte und sagte großherzig einlenkend: – Hier schützt Sie das Gastrecht: innerhalb meiner Schwelle, vor meinen Hauspenaten kann mein größter Feind sich sicher fühlen; aber hüten Sie sich, mir anderswo zu begegnen, es kann nur eine Begegnung auf Kugeln sein. Mit diesen giftigen Worten verließ der Rat den lieben Herrn und Freund, der in diesem Augenblicke nicht wußte, ob er Mann oder Weib, und so perplex war, daß er zu glauben anfing, er habe alles das, wessen er beschuldigt wird, wirklich begangen und verdiene es daher nicht besser, als daß der Herr Rat ihn beim Kragen erwische und zur Thüre hinauswerfe; einmal draußen, werde er dann mit Waffen über ihn herfallen. Zu seinem Glück fand er die Thürklinke und seinen Hut, lief auf den Gang hinaus und die Treppe hinab; mit Zurücklassung Bogozys, des tauben Thomas und seines Staubmantels, welche drei er ihrem Schicksal preisgab, sprang er in den Wagen, versprach dem Kutscher zehn Silbergulden Trinkgeld, wenn er ihn, was seine Pferde laufen können, in einem Zuge, bis Tißafüred bringe und jagte so zum Hof des Karpáthfalver Kastells hinaus, ohne sich auch nur umzusehen; erst als er über den Wildpark hinaus war, wagte er es, zurückzublicken, ob nicht der Rat zu Pferde mit einer Flinte ihm nachgesprengt komme, um ihn zu erschießen. Bis Tißafüred ließ er den Kutscher nicht einmal die Pferde tränken, immer noch in Angst, er könnte von dem wütenden Ehemann eingeholt werden; es hätte ihm leid gethan, noch so jung an Jahren, einem beklagenswerten Mißverständnis als Opfer zu fallen. Aber selbst in Tißafüred fühlte er sich noch nicht in Sicherheit, er eilte nach Poroßló hinüber, verleugnete dort vor dem Gastwirt seinen Namen, verschloß sich in sein Zimmer, und fing erst jetzt allmählich an zu sich zu kommen. Und jetzt erst, nachdem er wieder seiner Sinne Herr geworden und ruhig überdachte, was mit ihm geschehen war, sah er ein, welcher Esel er gewesen, ein so kolossales Roß aus sich machen zu lassen. Wie sie ihn aus dem Hause verscheucht, welches seine Kniffe dem jetzigen Besitzer erworben und wie schön Köcserepy sich von dem Versprechen losschält, ihm die Hand seiner Tochter zu geben. Wie sie ihn mit kleiner Münze auszahlen, mit der kleinsten Münze der Welt und wie er noch froh sein muß, mit heiler Haut zu entwischen. Oho, mein gnädiger Herr, so weit sind wir noch nicht! Hier in der Tasche habe ich Hochdero Brief, worin sie mir versprechen, als Ersatz für die, als Advokatenlohn mir zugesicherten fünfmalhunderttaufend Gulden, wenn ich den Prozeß gegen die Karpáthis gewinne, die Hand Ihrer Fräulein Tochter zu geben. Spielen Sie daher immerhin die tragische Rolle des beleidigten Ehemannes, wenn es Ihnen beliebt, aber zahlen Sie mir die fünfmalhunderttausend Gulden! Dies schrieb noch von Poroßló aus Maßlaczky an Köcserepy und er war kaum in Pest angelangt, als auch schon die Antwort darauf eintraf. Der Rat schrieb ihm einen sehr schönen Brief; er habe – sagte er darin – allerdings den ernstlichen Willen gehabt, ihm seine Tochter zu geben; nachdem aber Maßlaczky seine freundschaftliche Herablassung so sehr gemißbraucht, werde er es natürlich finden, daß er einem Menschen seine Tochter nicht geben könne, der ihm seine Frau verführen wollte. Was jedoch die fünfmalhunderttausend Gulden betreffe, so war diese Summe nur für den ausdrücklichen Fall versprochen, wenn Maßlaczky den fraglichen Prozeß gewinne. Er hat ihn aber nicht gewonnen, denn es ist kein Urteil darin gefällt worden, der Geklagte hat sich mit seinem Vetter gütlich ausgeglichen, ja der Prozeß selbst sei vernichtet worden, und man könne sich darauf nicht berufen. Die Besitzübertragung der Karpáthischen Güter sei daher nicht das Werk seiner Bemühungen, sondern vielmehr der verwandtschaftlichen Gefühle Zoltán Karpáthis, Überdies sei Herr Maßlaczky, nicht sein, sondern Abellino Karpáthis Advokat gewesen, und wenn er daher glaube, irgend welche Forderungen machen zu können, möge er sich an diesen letzteren wenden. Herr Maßlaczky war nahe daran, vom vierten Stock aus dem Fenster zu springen. * * * Ich bin doch geneigt, zu glauben, daß die größere Krähe der kleineren die Augen aushackt. Denkt also darüber nach, was ihr gewonnen habt. Wandelt ihr mit größerer Freude einher in den Hallen des Karpáthfalver Kastells, schlaft ihr einen ruhigeren Schlaf unter seinem Dach, genießet ihr mehr, hoffet ihr mehr, als vordem in eurer früheren Behausung? Nagt nicht der Wurm an der Wurzel eurer teuersten Freuden? Gagen nicht Vater und Mutter, so oft sie auf ihre Tochter blicken: wie bleich ist das Kind? Wandelt nicht die Sorge vor euch her, wie ein vorausgeworfener Schatten? Spricht nicht die Seele dann und wann unzufriedene, von geheimen Überdruß erzeugte Worte dort drin, in dem stillen, schweigsamen Herzen, auch wenn niemand es frägt? Habt ihr wohl eine Ahnung davon, daß jeder Blick eures eigenen teuren Kindes ein schwerer, die Vergangenheit eures Lebens belastender Vorwurf? Ahnt ihr, was dies ernste Kind bei sich denkt, so oft es mit Verachtung auf die Geschenke, Schmucksachen, Kleider blickt, mit welchen eure elterliche Liebe ihm eine Freude machen will? warum jeder Lebensgenuß ihm gleichgültig geworden und es den leckersten Bissen auf dem Teller unberührt laßt? Fühlt ihr wohl die Nähe jenes unheimlichen Gespenstes, das dort beständig zwischen eurem und seinem Herzen sitzt und jeden Gedanken auffängt, der von einem zum andern stiegt? Und der betrogene, der geprellte Kumpan? Bedauert, tröstet ihn jemand? Lacht nicht jedermann den gefoppten Advokaten aus, der zum erstenmal in seinen! Leben, aber dies eine Mal so schmählich aufgesessen? Unterhält man sich nicht von dem Streiche, der ihm gespielt worden, in jedem Kaffeehause, auf den Promenaden, in den Theatern, im Kasino? Und fällt es irgend jemand ein, dabei zu sagen: »Armer Maßlaczky?« Sieht nicht jedermann mit ungeduldiger Erwartung und schon im voraus lachend, dem ergötzlichen Schauspiel entgegen, wenn der geprellte Advokat für seine sechzehnjährigen verlornen Bemühungen sich nun schadlos zu halten sucht an seinem alten Klienten Abellino, der schon mit einem Fuße im Sarge steht und dem er nicht erlaubt, den andern Fuß nachzuziehen; den er nicht ruhig sterben läßt, bis er ihm nicht jenes Almosen abgejagt, mit dem er ihn abgefunden, während er einem andern die Ungeheuern Revenuen zuschanzte? Wie werden diese beiden nun sich herumzerren, sich gegenseitig die Haut vom Leibe schinden, und so, einer an dem andern, allen denen eine Genugthuung verschaffen, die einst von ihnen abgesotten worden. O es wird ein Genuß sein, das mit anzusehen! * * * In einem kleinen Hofzimmer, das nett und ordentlich, obwohl ärmlich eingerichtet ist, sitzt an seinem Schreibtische Zoltán Karpáthi. Es ist schon spät, Mitternacht lang vorüber und er ist noch immer wach und arbeitet. Alle jene Verpflichtungen, die er, als er noch reich gewesen, vaterländischen Unternehmungen gegenüber eingegangen, hatte er mit dem väterlichen Legat abgetragen, und es war ihm dann nichts mehr übrig geblieben. Nichts? Und das reine Herz, die reiche Seele? Ist das nichts? Nicht lange daraus erschienen in einem der gelesensten Blätter Bruchstücke einer Reisebeschreibung, welche durch ihren poetischen Schwung, die Neuheit der Auffassung, ihr originelles Gepräge die Neugierde des Publikums nach dem unbekannten Verfasser aufs Höchste spannten. Diese unbekannte neue Erscheinung war Zoltán Karpáthi. Ist die Poesie oder die Politik das Feld, dem er sein Talent gewidmet? wird das Urtheil der öffentlichen Meinung fragen, denn in den Augen der Welt gilt der Politiker immer mehr, als der Dichter. Darauf vermag ich keine Antwort zu geben, weil ich die Demarkationslinie zwischen beiden nicht kenne. Ich weiß nur, daß ich nie charakteristischere, lebenstreuere und lehrreichere Romane gelesen, als Széchenyis politische Schriften und nie überzeugendere, wirksamere politische Werke, als die Romane von Eötvös. Nur beides zusammen ist etwas, zumal bei uns Ungarn, wo die eine Lebensthätigkeit die andere erzeugt. Zoltán erhielt binnen kurzem die glänzendsten Anerbietungen von allen denjenigen, welchen die Hebung der vaterländischen Litteratur am Herzen lag. Für sein Reisetagebuch wurde ihm ein Honorar versprochen, das ihn bei seiner einfachen Lebensweise auf Jahre hinaus vor Geldverlegenheiten sicher stellte; er arbeitet nun schon seit Monaten daran. Täglich pflegte er sechzehn Stunden am Schreibtisch zuzubringen. Seine Bekannten und guten Freunde gaben ihm oft den wohlgemeinten Rat, seine Kräfte zu schonen, was er nur mit einem Lächeln aufnahm. Der Geist überarbeitet sich nie. Je mehr man ihm abverlangt, um so mehr giebt er; je mehr man aus ihm schöpft, um so reichlicher sprudelt sein Born. Der Fürst unserer Litteratur, der unvergeßliche Széchenyi, gab bei einer Gelegenheit dem von ihm begünstigten Jüngling die seinem Gedächtnis unauslöschlich eingeprägte diätetische Lehre: » Acht Stunden täglich widme dem Schlaf, acht der Arbeit und acht der Unterhaltung .« Zoltán erwiderte lächelnd: – Das thue ich auch: acht Stunden schreibe ich, um zu arbeiten, und acht Stunden zu meiner Erholung. Er sprach wahr: die Muse der Dichtkunst ist eine so gnädige Göttin, daß sie diejenigen, die am Bau ihres Tempels arbeiten, ihr Tagwerk zu einem Zeitvertreib macht. O der süßen Arbeit, die in sich so hohen Genuß trägt, und statt zu ermüden, neue Kräfte giebt! * * * Die gleichmäßig brennende Studierlampe ließ mit ihrem dunklen Schirm das ganze kleine Gemach im Schatten und warf nur auf den Schreibtisch einen hellen Lichtkreis, innerhalb dessen das Haupt des jugendlichen Dichters wie mit einer Glorie umgeben schien. Zoltán hatte sich ganz seiner Muse hingegeben, sein Geist war erfüllt mit den glänzenden Visionen der Poesie und schwamm in höheren Regionen ... Wäre er nicht so in sich vertieft gewesen, hätte er wahrnehmen müssen, daß die Thür seines Zimmers ganz leise aufging und drei lächelnde, teure Gestalten durch dieselbe hereintraten: zuerst ein sanftes, mütterliches Frauengesicht, so mild und trostreich wie die Altarbilder der Madonna, dann ein schwebender Engel mit reizendem, wonnigem, beseligendem Lächeln und zuletzt eine Mannesgestalt, tiefes Gefühl und ungebrochene Kraft in den Zügen des wehmütig ernsten Gesichtes. Der Jüngling fühlt die Annäherung dieser Erscheinung nicht; vielleicht daß das süße Pochen des Herzens, dessen unbeschreibliche Wonne nur poetische Gemüter kennen, ihm zuflüstert, daß er von guten Geistern umgeben sei, aber sein leibliches Auge hat sie noch nicht erblickt. Die ernste, kräftige Männergestalt ist im dunkelbeschatteten Hintergrunde zurückgeblieben; die Frauengestalt lehnt sich rückwärts auf Zoltáns Stuhl und hat das sanfte mütterliche Antlitz so nahe zu ihm herabgebeugt, daß, wenn diese beiden Thränen ihrem Auge entrollen, sie sein Haupt benetzen werden. Träumt er vielleicht dies Bild? Da legt das liebliche Kind mit dem Engelsköpfchen die kleinen, schneeweißen Hände auf das Gesicht des Jünglings und hält ihm von rückwärts sanft die Augen zu. Dieser erwacht wonnebebend, mit seinen Händen die zarten Finger erfassend, deren süße Berührung ihn bis zum Grund des Herzens durchschauert. – Wer ist da? fragt eine bekannte melodische Stimme. – Du bist's! seufzt der Jüngling wonnetrunken und wie er von seinem Stuhle aufspringend sich umwendet, sieht er sie vor sich, seine guten Engel, die sanfte, gütige Mutter, in deren Armen er aufgewachsen und die hold errötende Jungfrau, deren keusches Bild wie das einer Schwester, wie ein süßes Traumbild in seinem Herzen lebt. – Mein Gott! mein Gott! stammelt er, vor Flora Szentirmay aus die Knie gesunken. Er weiß kein zusammenhängendes Wort hervorzubringen, wie sollte er auch? er weint nur und schluchzt und ist so glücklich, so überglücklich. Das schöne Kind, als wollte es ihn trösten, streichelt mit den zarten Händchen das Haupt des Jünglings, das auf der Hand der Mutter ruht, die beiden sind ebenso arm an Worten, wie er selbst. Endlich tritt auch die Mannesgestalt hinzu und redet ihn an: – Mein teurer Zoltán! Bei diesem Ton springt der Jüngling außer sich auf, stürzt sich an die Brust des vor ihm stehenden Mannes und umarmt ihn so inbrünstig, so kräftig, als sollte ihm das Herz zerspringen; seine Arme schlingen sich krampfhaft um ihn, seine Lippen erbleichen, verstummen und in der nächsten Minute stürzt er ohnmächtig, besinnungslos zu Boden. Als er zu sich kommt stehen alle drei um sein Lager; er fährt sich mehrere Male mit der Hand über das Gesicht, als wolle er sich die Gewißheit verschaffen, daß er nicht träume. Jene ergreifen seine Hände, drücken sie, küssen ihm die Stirne; dieser Händedruck, dieser Kuß – ja, das alles ist Wirklichkeit, das ist kein Traum! – Du wolltest nicht zu uns kommen, sagte Flora scherzend, mit lächelnder Miene, da sind wir denn, wie du siehst, zu dir gekommen und jetzt lassen wir dich nicht mehr von uns. Zoltán blickte fragend auf Rudolf, an dessen Statt Kathinka in kindisch neckischer Weise antwortete: – Du wirst wieder unser Sohn sein, und darfst uns nie wieder davon laufen. Zoltán war noch immer nicht imstande, etwas zu erwidern. Endlich sagte Rudolf zu ihm: – Was mein ist, das teile mit mir, meine Freude, meinen Schmerz. Du wirst mit uns leben, mit uns dich freuen, wirst für alle Zeiten zu uns gehören: nimmst du es an? Zoltán hätte der langweiligste, der einfältigste Mensch auf dieser Welt sein müssen, der nicht verdienen würde, daß ich eine Zeile weiter von seinem Leben schreibe, wenn er hierauf mit »nein« geantwortet hätte. Er drückte Rudolfs Hand an sein Herz, umarmte sie alle, alle, die er so sehr liebt, und in dieser Stunde gab es keinen glücklicheren Menschen auf Gottes Erdboden, als ihn, wenn nicht diejenigen ausgenommen, die ihn so glücklich gemacht. * * * Lassen wir nun vier volle Jahre hübsch ruhig verstreichen. Während dieser Zeit änderte sich das Aussehen der Welt sehr rasch. Ost genügten einige Jahre, einige Monate, um die Vergangenheit unkenntlich zu machen; was heute die populärste Idee war, wurde morgen vielleicht schon aufs heftigste angefeindet; große, geachtete Charaktere überlebten ihren Ruhm schneller, als sie gedacht, dagegen konnte es sich treffen, daß beschränkte, nichtssagende Individuen zu Bedeutung gelangten, ohne selbst recht zu wissen, wie? Von Zeit zu Zeit tauchte eine und die andere große Idee aus der Oberfläche des öffentlichen Lebens auf und brachte das ganze Land in Gährung; es entbrannten leidenschaftliche Kämpfe, die sich von Komitat zu Komitat erneuerten, alle Hebel wurden in Bewegung gesetzt, man warf Geld mit vollen Händen aus, erschlich Wahlstimmen, beging Staatsstreiche, katzbalgte sich in den Zeitungen, das ganze Land teilte sich in zwei Lager, deren Anhänger sich gegenseitig Fortschrittsmänner und Retrograde, Liberale und Konservative, Kubinßkys und Pecsovicse, Weiß- und Schwarzfedern tauften. Wenn eine spätere Generation, welche jene Zeit nicht miterlebt, die auf die Fahnen geschriebenen Losungsworte liest, welche Komitate, Städte, oft auch Familien in Parteien, die sich so schroff gegenüber standen, spalteten, wird sie sich den Kopf darüber zerbrechen, weshalb man sich mit solcher Erbitterung befehdete, welche die liberale und welche die konservative Partei war und welche Ursache sie hatten, einander so zu nennen. * * * Der illustrissimus Tarnaváry war einer der verbissensten und leidenschaftlichsten Parteiführer. Der geringfügige Umstand, daß unser illustrissimus im X.-Komitat der stärkste Schild der konservativen Partei, im Y.-Komitat dagegen der kräftigste Hammer der Liberalen, braucht niemand an dem Charakter des trefflichen Patrioten irre zu machen: er und noch ein zweiter und dritter und noch viele hundert und tausende betreiben die Politik am grünen Tisch aus wahrer Passion, gerade so, wie es passionierte Jäger, passionierte Melonenzüchter, passionierte Seefahrer u. s. w. giebt; und lassen daher keine Gelegenheit vorübergehen, wo einige Aussicht vorhanden, daß es scharf hergehen werde. Da es nun aber der Zufall will, daß ein Teil der Besitzungen des hochgeehrten Staatsmannes im X.-Komitat und ein anderer Teil in der Y.-Gespanschaft gelegen ist, so gehört er für seine Person zwei ganz verschiedenen Hemisphären an. Im X.-Komitat bilden rechtschaffene, bewährte Patrioten, uralter Stammesadel, wissenschaftlich gebildete Leute, voraussichtige, besonnene, gewiegte Männer des Herrenstandes das konservative Lager, das von einer Clique Kutyfalvischer Fratres angegriffen wird, die nur aus Übermut Opposition machen und ernsthaft befragt, was sie eigentlich wollen, es selbst nicht zu sagen vermöchten. Wie sollte da im X.-Komitat der Septemvir Tarnaváry nicht die feste Burg und der Leiter der Konservativen sein? In der Y.-Gespanschaft verhält es sich umgekehrt. Hier ist fürs erste Köcserepy, den Tarnaváry seit dem Zoltánschen Prozeß gründlich haßt, das Haupt der konservativen Partei; um ihn gruppieren sich eine Schar entnationalisierter ungarischer Halb- und Viertelbluts-Lords, zänkische Renommisten, rabiate Cortesführer, servile Bedientenseelen, denen der Name Stellenjäger auf der Stirne geschrieben steht; die blind auf das Wort ihres Meisters schwören und die Herr Tarnaváry keines Blickes würdigt. Im entgegengesetzten Lager befinden sich dagegen Persönlichkeiten, welche dem Septemvir ans Herz gewachsen: Rudolf Szentirmay, den er hoch schätzt und verehrt, und Zoltán Karpáthi, welchen die Volksgunst zu ihren Schoßkindern zahlt, und von dem der Septemvir mit Stolz zu sagen pflegt: »nicht umsonst habe ich den Jungen erzogen!« Wie sollte da Herr Tarnaváry im Y.-Komitat nicht der Hammer und stachliche Streitkolben der Opposition sein? Dies glaube ich, ist eine so klare und befriedigende Aufklärung, daß mir nach derselben niemand den Vorwurf wird machen können, als seien das nur Märchen, die ich erfinde, und als geschähe es aus purer Malice von mir, daß ich honetten Leuten dergleichen Dinge anhänge. Auf diese Weise also ereignet es sich jedesmal, daß unser Illustrissimus ein und dieselbe Reformfrage, die eben auf dem Tapet ist, im Komitat X. ebenso eifrig bemüht ist, durchfallen zu machen, als er im Komitat Y. sich anstrengt, sie durchzubringen. Dort schlagt er die Kutyfalvischen, hier die Köcserepyschen, und er ist fürwahr nicht der Mann, der sich viel darum kümmern würde, womit er schlägt. Er schlägt zu mit dem, was ihm eben unter die Hände kommt. In dem Komitatssitz der Gespanschaft Y. bereitet sich eine großartige Kongregation vor; sie bildet das Hauptthema aller Gespräche. Auf den Gassen sieht man Gruppen von Landedelleuten, die vom Dorf hereingekommen, und in jeder Gruppe irgend einen Kaputrock- oder Attilaträger, welcher den Stand der Angelegenheit auseinandersetzt. Was für eine Frage es ist, welche alle Gemüter in Bewegung bringt, kümmert uns hier wenig: irgend etwas, das die Unsterblichkeit eines Jahres genoß und dann einer andern Frage Platz machte, etwas, um das die Gegenparteien mit einer Anspannung der Kräfte kämpften, als hinge von dem Sieg oder der Niederlage das ewige Heil ab, und worüber sie seitdem entweder die Polemik völlig erschöpft haben, oder alle beide einer Meinung geworden sind. Uns genügt es zu wissen, daß für diesen Tag die berühmtesten Redner des Landes in der Hauptstadt des Komitates sich eingefunden hatten, gewaltige, feurige Redner auf der einen Seite, welche die Zuhörer mit sich reißen – langweilige, geistlose Zungendrescher auf der anderen Seite, welche die Geduld des Auditoriums auf die härteste Probe setzen und seine Reihen zu lichten pflegen. Schon am frühen Morgen des fraglichen Tages nahmen die bevorzugten Damen die Sitze auf den Galerien ein, entschlossen, den Ausgang des edlen Turniers standhaft abzuwarten; an ihren Ärmeln flattern stolz weiße oder trikolore Bänder, die ersteren sind das Köcserepysche, die letzteren das Szentirmaysche Parteiabzeichen. In dieser Kongregation wollten die beiden Parteien ihre Kräfte messen; sie ging der bevorstehenden Deputiertenwahl um einige Wochen voraus und diente jeder Partei dazu, ihre Ansichten über die Fundamentalfragen zu entwickeln; wenn es möglich, gewinnen sie die Gegner mit ehrlichen Waffen, mit dem Gewicht ihrer Gründe; gelingt dies aber nicht – wie es denn sehr selten gelang – nun dann beginnen die erfolgreicheren Strategeme, das Corteskedieren, Gewaltstreiche, heimlicher und offener Stimmenkauf. Das Vorspiel war insofern interessanter als die Tragödie selbst, als dort nur die geistigen Faktoren eine Rolle spielten, während die materiellen Vehikeln, als z. B. Wein, Schnaps und Silberzwanziger für den Entscheidungstag aufgespart blieben. Auf dem grünen Tisch tanzen noch nicht Landsleute in Gatyen mit kotigen Csizmen herum und der Bleistock spricht noch nicht in die Debatte hinein; die besäbelten Kompatrioten sind nicht hierher gekommen, um einander zum Fenster hinauszuwerfen und der große Haufen hinter den Stühlen – Kopf an Kopf – hat sich nicht in den Sitzungssaal hereingedrängt, um durch sein Gebrüll die Stimme der Redner zu übertäuben; alles sieht vielmehr mit gespannter Aufmerksamkeit, mit lebhafter Teilnahme dem geistigen Kampf entgegen, und sucht nur eine Hand frei zu erhalten, um mit dem Kalpag seinen Lieblingsrednern zuwinken zu können. Oben am grünen Tisch sitzen die Landesnotabilitäten, auf der einen Seite Rudolf Szentirmay, über die Schultern das kirschrote, mit Schwanenpelz verbrämte Samtmente geworfen, unter demselben einen goldgestickten, weißen Attila, den antiken, mit Edelsteinen besetzten Säbelgurt um die schlanke Taille; Tarnaváry mit seinem kurzen Hals sieht kaum aus dem Kragen seines Mente hervor, dessen Zobelverbrämung beide Schultern bedeckt; er hat so viel Stickerei und Verschnürung auf sich, daß er aussieht, als sei er mit goldenen Stricken gebunden, an welchen Stricken er im Feuer der Rede heftig zu zerren pflegt. Jetzt lümmelt er mit dem einen Ellbogen mitten auf dem Tisch. Ihnen gegenüber sitzt der Rat Köcserepy, dessen strahlendes Gesicht nur von dem Glanz seines Mente überstrahlt wird, zwischen der kostbaren Pelzverbrämung leuchten große Rubinknöpfe mit feurigen Augen hervor und jeder Knopf seines Dolmánys enthält eine kleine, wirkliche Uhr, welche Uhren aufgezogen sind, gehen und die Zeit anzeigen und zugleich den Witzeleien Tarnavárys als beständige Zielscheibe dienen, der nicht müde wird, im Gang seiner Rede sarkastische Anspielungen auf dieselben einzuflechten, wie zum Beispiel: »unsere Uhren gehen nicht gleich!« – oder aber: »der Herr Rat muß seine Uhren besser aufziehen, wenn er das und das erreichen will« – oder: »der Herr Rat könnte ja besser wissen, als jeder andere, wie viel Uhr es geschlagen hat!« u. s. w. An diesen Späßen beteiligten sich auch die edlen Kompatrioten des Bauernadels: Kiss Miska, der berüchtigte Cortesführer, der auch jetzt dort am unteren Ende der grünen Tafel steht, in hellblauem Viktoria-Dolmány mit rotem Besatz und glänzenden Knöpfen, und als die Sitzung sich in die Länge gezogen hatte, in die Worte ausbrach: »Wir lesen mit großer Andacht auf der patriotischen Brust des gnädigen Herrn – daß es schon Dreiviertel auf fünf« u. s. w. Ein anderer mit weniger Geduld ausgerüsteter Mensch würde schon längst seine Uhrknöpfe herabgenommen haben, allein Herr Köcserepy gehörte zu den Charakteren, welche schon deshalb nicht nachgeben, weil andere es so wünschen, und die sich in einem freiwilligen Märtyrertum gefallen. Neben Herrn Köcserepy erblicken wir den Baron Berzy in eleganter ungarischer Toilette, nur daß auch über den Attila-Dolmány hohe, gesteifte Hemdkragen bis zum Ohr hinauf stehen, und ein Monokel in das eine Auge gekniffen ist, was auch ihm, als er aufsteht, um eine Rede zu halten, von Kiss Miska spaßhafte Glossen einträgt, als: »Nehmen Sie doch den Schuhfetzen vom Kinn herab, denn man versteht sonst kein Wort,« und: »Kommen Sie doch aus dem Zimmer heraus und sprechen Sie nicht mit uns durch das Fenster!« Zwischen so vielen glänzenden Gestalten zeichnen sich nur zwei Individuen durch die Einfachheit ihres Anzuges aus. Der eine ist ein hoher, schlanker Jüngling, in einem schlichten, schwarzen, unverbrämten Attila; er kann nicht älter sein, als zwanzig, einundzwanzig Jahre; sein schönes sanft gerötetes Gesicht umgiebt ein dunkler, kastanienbrauner Vollbart, der ober den Lippen mit dem sanft herabhängenden jungen Schnurrbart zusammenstößt; wenn er schweigt, ist sein Aussehen so ruhig und sanft; wenn er aber spricht, dann solltet ihr sehen, wie da plötzlich seine Züge sich beleben, wie sein Auge flammt, seine Worte hinreißen; seine Beredsamkeit hat mehr von der Poesie, als von der Logik, und gerade deshalb ist sie um so gefährlicher; sein schmiegsames Organ besitzt die ganze Tonleiter von der einschmeichelndsten Bitte, welche die Gemüter beschwichtigt, bis zum Brausen des Gewittersturmes, der die Massen bewegt, Männer und Frauen, Kinder und Greise kennen, lieben, vergöttern ihn, und seine entschiedensten Gegner sind nicht sicher davor, daß nach den begeisternden Worten des Jünglings irgend eine Dame auf der Galerie, die zu ihnen gehört, vielleicht die eigene Frau oder Tochter, unwillkürlich hingerissen, ausruft: »Es lebe Zoltán Karpáthi!« Die andere der bezeichneten Gestalten sitzt neben Baron Berzy; ein merkwürdiges, exotisches Gesicht, so rot als möglich, sodaß man auf der Oberfläche der Haut das Netz der roten Äderchen mit bloßem Auge ausnimmt; die pechschwarzen Haare sind hoch hinauf gekämmt, der dicke und kurze Schnurrbart von gleicher Farbe scheint den Raum zwischen Nase und Lippe nicht genügend zu finden und steht struppig, trotz aller Wachspomade über dem dicken Mund hervor; unterhalb der Unterlippe ist ein zwei Finger breiter Raum glatt rasiert, dort beginnt dann das besenförmige Haarbündel des langen Ziegenbartes, der völlig denjenigen gleicht, welche die Schauspieler auf der Bühne sich aufzukleben Pflegen. Die ganze Physiognomie scheint mit drei grellen Farben angelegt, an der Stelle des wegrasierten Bartes mit Ultramarin, sonst überall mit Karmin und Zinnober, Haar und Bart mit Hamburger Kienruß. Nie noch war eine ähnliche Gestalt am grünen Tisch gesessen. Das Ärgernis war noch erhöht durch den Umstand, daß der unbekannte Herr es gewagt hatte, sich zwischen die löblichen status et ordines in einem rappéefarbigen Oberrock hinzusetzen, unter dem, als er anfing seinem Träger zu warm zu werden, zum allgemeinen Entsetzen der Schoß eines schwarzen Quäkers zum Vorschein kam. Herr Tarnaváry schien ganz behext von dieser unerhörten Erscheinung, seine Augen bestrichen sie beständig mit ihren Blicken, und jeder Blick schien zu fragen: »Warum wirft man diesen Kerl nicht hinaus?!« Köcserepy und Berzy scheinen ihn dagegen gut zu kennen, denn sie neigen sich beständig zu ihm hin, um mit ihm zu flüstern und zwar sehr freundlich, was keineswegs dazu beiträgt, ihn in der Gunst Tarnavárys steigen zu machen, sondern diesen höchstens in seiner unmotivierten Antipathie verstärkt, wie sie Menschen von reizbarem Temperament häufig gegen Personen empfinden, die sie zum erstenmale sehen und deren Gesicht ihnen mißfällt. Wenn dieser Mensch nur etwas reden wollte, damit er nach Herzenslust mit ihm anbinden könnte. Einstweilen, bis der präsidierende Obergespan erscheint, vertreibt sich jeder die Zeit, so gut er kann; die Zuschauer erkundigen sich bei einander um die Namen der agierenden Personen; die mutwillige Jugend kritzelt mit der Feder Karikaturbilder der bekannteren Redner aufs Papier; vor den geöffneten Thüren sammelt sich das Volk immer dichter an; ein und der andere unternehmende Geist wagt dennoch den Versuch, sich noch durchzudrängen; jedermann aber sucht wenigstens so viel Platz zu gewinnen, um auf einem Fuß stehen zu können. Endlich öffnen sich die Flügel der Winterthüre und heraus tritt der Obergespan, ein Mann mit glatt rasiertem Gesichte und fremdartigem Aussehen, der in seinem ungarischen Anzug wie ausgewechselt erscheint; um jene Zeit pflegte nur der Klerus und das Militär keinen Schnurrbart zu tragen, und es war daher etwas Ungewohntes, ein den andern Standen ungehöriges männliches Individuum ohne Schnurrbart zu sehen. Bei seinem Eintreten empfängt ihn ein schwaches Éljenrufen, das er aufs Höflichste mit einem Lächeln und einer Verbeugung erwidert und nachdem er seinen Sitz eingenommen, mit derselben Freundlichkeit nach rechts und nach links grüßt, doch wechselt er mit niemand einen Händedruck und nur aus der Entfernung scheint es, als sagte er etwas, während er mit niemand spricht. Der Präses leierte sein Pensum ab. Er bezeichnete die Veranlassung der Versammlung und die auf der Tagesordnung stehenden Gegenstände, alles das mit hübsch leiser Stimme, als einer, der wohl weiß, daß es weder in seiner Pflicht, noch in seinem Interesse gelegen, seine Lungen anzustrengen. Nach seiner Rede brachten sie ihm wieder ein kleines Éljen, worauf er sich ein wenig verneigte, was eigentlich sein Sekretär hätte thun sollen, der die Rede aufgesetzt hatte, doch war es immerhin schön von ihm, daß er sich die Mühe genommen, sie auswendig zu lernen. Diese Mühe ist vielleicht niemand so befähigt gebührend zu würdigen, als die Sänger des Pester Nationaltheaters, welche es aus eigener Erfahrung wissen, welche schwere Aufgabe es ist, in einer völlig fremden Sprache eine Rolle einzustudieren und bei gänzlichem Unverständnisse des Textes sich nur an die gegebenen Instruktionen halten zu müssen, wann man lächeln, oder die Hand heben, oder den Tun steigern soll u. dergl. m. Se. Ezcellenz der Herr Präses that auch weiterhin nicht mehr den Mund auf, sondern überläßt es den löblichen Ständen, aus der Frage zu machen, was ihnen beliebt, nur sollen nicht zwei auf einmal sprechen; er selbst aber hüllt sich in seinen Astrachanpelz ein, und spielt mit dem Brillantsolitär auf seinem Finger; man konnte ihm ansehen, wie sehr die ganze Verhandlung ihn langweile. Die Rollen waren sehr zweckmäßig verteilt: den Antrag der Opposition muhte ein uns unbekannter und uns nicht näher interessierender junger Redner vorbringen, von dem es ein offenkundiges Geheimnis, daß er ein Provinzialkorrespondent des » Pesti Hirlap « und den man, weil er geschickt zu formulieren versteht, in der vorausgegangenen Konferenz mit der Antragstellung beauftragt hatte. Er setzt sich hierauf nieder, und wir haben mit ihm weiter nichts mehr zu thun; lassen wir ihn in aller Ruhe seine stenographischen Aufzeichnungen machen. Nach ihm erhebt sich am untersten Ende ein greiser Táblabiro, mit einem langen zobelverbrämten Zrinyi-Rock, dessen lange Ärmel so weit über seine Hände herabreichen, daß nur manchmal ein und die andere Fingerspitze aus der Pelzeinfassung hervorguckt; ein ähnliches Schicksal hat auch seine dünne, heisere Stimme, bei der die Worte so ineinanderfließen, daß es sich anhört, als spräche jemand in ein hohles Faß hinein. Erst nach dem Schlüsse der Rede, der von der rechten Seite her mit Éljens begleitet wird, kann der fremde Zuhörer erraten, daß der Redner gegen die Motion gesprochen. Die, welche hier zu Hause sind, kennen den alten Herrn als den Nestor der bedächtig fortschreitenden Patrioten, welcher als ein ehrwürdiges Vermächtnis auf die junge Generation sich vererbt hat, weshalb man ihm denn auch immer das erste Wort einräumt. Jetzt steht Rudolf Szentirmay auf; jeder Lärm, jedes Geräusch verstummt plötzlich im Saale; jedermann horcht mit feierlicher Aufmerksamkeit, aller Augen sind auf ihn gerichtet. Seine Rede schreitet in ruhiger, fester Haltung vorwärts, ohne alle theatralische Knalleffekte, ohne alle künstliche Ausschmückung; sie ist ein geschlossenes logisches Ganzes von Anfang bis Ende, das gerade durch seine Einfachheit, große Wirkung macht; ein Krystallprisma, das, von allen Seiten durchsichtig, nach allen Seiten Regenbogen wirft. Seine markigen Sentenzen sind schlagend, seine Behauptungen unangreifbar. Er sagt nicht mehr, als eben nötig, er verletzt seine Gegner nicht, wirft sie nicht zu Boden, er überzeugt sie. Er kokettiert nicht mit den Galerien, er sucht nicht durch emphatische Ausbrüche das Urteil der Massen zu überrumpeln, sondern er spricht, als ob außer ihm und seinen Gegnern nur ein unbestechlicher Richter zugegen wäre, der zwischen ihnen richte: Der Heiland, des Kruzifix dort oben an der Wand hängt. Als er seine Rede beendigt hatte, mochte man denken: wozu debattieren wir weiter? das alles ist ja unwiderleglich. Das leise Gemurmel, das durch den Saal läuft, zeigt die Wirkung, die seine Rede hervorgebracht, die einen sind befestigt, die andern erschüttert in ihrer Überzeugung. Die Schlacht scheint auf der einen Seite gewonnen, auf der andern verloren. Aber hören wir Köcserepy. Er wird den Sieg streitig machen. Wie er lächelt! ewig lächelt! Er lächelt seine Parteigenossen alle der Reihe nach an, um ihren Mut neu zu beleben, und ebenso seine Gegner, die ihm dies Lächeln gerne geschenkt hätten. Er ist ein unvergleichlicher Schauspieler, das muß man ihm lassen; ein Meister in seinem Genre. Er kann weinen wann er will; er versteht es, sich auf sein lauteres Herz zu berufen; er kennt die Wirkung stufenweiser Steigerung des Tones und hat die Übergänge von einem Affekt in den andern vollkommen in seiner Gewalt; wenn er anfängt bitter zu werden, sollte man glauben, ein ganzes in Märtyrertum verbrachtes Leben spreche aus ihm; wenn er in die Extase eines Sehers gerat, hat es den Anschein, als wenn das Gewicht ganz Ungarns auf seiner Brust läge, als hätte er allein die drei Hügel und das Doppelkreuz zu tragen. Anspielung auf das ungarische Landeswappen. Er beschwört flehentlich seine Gegner, die er brüderlich liebt, er schüttet sein Herz aus, er ist bereit, alles hinzugeben, was ihm da« Teuerste ist, nur das Vaterland sollen sie ihn retten lassen; dabei erlaubt er sich die kühnsten Sophismen, er spricht von allem, was erschütternd, nur von der Sache nicht; er bringt hundert Argumente vor, um seine Behauptungen zu unterstützen, von denen aber kein einziges mit der Frage etwas zu thun hat, und wenn er seinen Sitz wieder einnimmt, setzt er sich nieder, wie ein Opferlamm, wie ein Prophet, der die Gefahr des Vaterlandes gesehen, sich auch mit Freuden für dasselbe geopfert hätte, wenn nur nicht Selbstsucht, böser Wille und Parteigehässigkeit ihn an dem guten Werke hindern würden. Beifallklatschen von der Galerie, Éljenruf im Saale begleitet den Redner, und auch die, das Wohl der Landes wahrhaft im Herzen tragende Opposition kann seinem Rednertalent ihre schmerzliche Anerkennung nicht versagen und seufzt: warum ist Köcserepy nicht Schauspieler geworden? er könnte jetzt dort stehen, wo ein Kean, ein Macready, und welchen Ruhm könnte er so der ungarischen Nation erwerben. Die Teilnahme der Menge ist leicht umzustimmen; von der Gefühlsseite ist ihr durch Pathos und schöne Phrasen leicht beizukommen; mehrere reichen über den Tisch hin Herrn Köcserepy ihre Hand; es ist hohe Zeit, daß Zoltán Karpáthi aufsteht. Wie die edle, schöne Gestalt des Jünglings sich aus der Menge erhebt, bricht, wie auf ein gegebenes Zeichen, stürmischer Jubel los. Da kommt der Liebling des Volks, der von jedermann vergötterte Redner, der seine Zuhörer mit sich fortreißt, wohin es ihm beliebt, dessen originelle Einfälle und brillante Sentenzen sich unauslöschlich dem getreuen Auditorium des grünen Tisches einprägen. Ah, wie der mit den Herzen umzuspringen versteht! Und was er sagt, fühlt er wirklich in seinem Innersten, seine Gemütsbewegungen, seine Affekte stehen nicht in seiner Gewalt, sie gehen mit ihm durch, jedermann mit sich reißend, sodaß er vor beständigem Éljenzuruf seine Rede kaum beendigen kann, und als er in den Schlußsätzen seiner Rede mit kühnem Selbstgefühl den von den Gegnern hingeworfenen Handschuh aushebt, erschüttert ein Beifallssturm den Saal, die Damen schwenken ihre Taschentücher, die Männer ihre Hüte nach dem jungen Redner, der, nachdem er wie ein Held seine Aufgabe gelöst, wie ein schüchternes Mädchen sich zurückzieht, errötend und mit niedergeschlagenen Augen. Die Menge war nun schon im Lärmen drin und der nach Zoltán ausgestandene Baron Berzy mußte lange bitten, man möchte ihm doch ein klein wenig Gehör gönnen. Nach vielem Hört! Hört! kann endlich der geniale Baron seine Diktion beginnen, in deren Verlauf er reichlich Gelegenheit findet, über englische Meetings, dänische Volkshings, spanische Cortes, Yankee-Kongresse, fränkische Parlamente, Mongolen-Korultas, Indianer-Wigwams sein Wissen auszukramen, in Vergleich mit welchen die Gepflogenheiten der ungarischen Táblabirositzungen viel Absonderliches und Mangelhaftes darbieten; er sagte auch, welche Ansichten der berühmte Pitt und Fox über den fraglichen Gegenstand gehabt, wie derselbe von Necker und Bekaria aufgefaßt worden, und was noch andere berühmte Männer mehr davon denken, welche alle seine persönlichen Freunde sind. Damit nicht zufrieden, glaubte er auch noch entwickeln zu müssen, welche Wohlthat es für die Bewohner von Arkansas und Südvirginien, wie nicht minder für die Wilden von Otaheiti, Neu-Wales und den Karolinen sei, daß civilisiertere Völker für ihre Bekleidung Sorge tragen; wäre dies nicht der Fall, so würden sie heutigentags noch vom Kopf bis zur Fußzehe nackt einherlaufen, als welche das Strumpfstricken in ihrem Leben nicht erfunden hätten; wie lächerlich es daher sei, jetzt davon zu reden, von unseren Märkten fremde Fabrikserzeugnisse ausschließen zu wollen und wie jene Vergleiche so schön rücksichtlich Ungarns zutreffen und dergleichen mehr; woraus niemand um ein Haar klüger ward, als er vordem gewesen. Auf diese exotische Rede trat eine lange stumme Pause ein; diese zusammengewürfelten Münchhausiaden waren so außer allem Zusammenhang mit Ort, Zeit und Logik, daß es nicht möglich war, sich sogleich zurecht zu finden in diesem Ideenchaos. Nach einer kurzen Weile stand am untersten Ende des Tisches ein alter Herr Gevatter in blauem, kurzen Dolmány auf und richtete an den genialen Baron mit komischer Naivität die Frage! – Gnädiger Herr, da Sie so weit in der Welt herum gekommen sind, könnten Sie uns vielleicht sagen, aus welchen Bäumen die Linsen wachsen? Auf diese unerwartete Grobheit, die in ihrer primitiven Einfalt eine kaustischere Gegenwirkung auf die prahlerische Rede des genialen Barons hervorbrachte, als die gründlichste Widerlegung vermocht hätte, erhob sich ein schallendes Gelächter im ganzen Saale, das die Männer beider Parteien gleichmäßig mit sich fortriß und von dem die löbliche Versammlung durch volle fünf Minuten sich nicht erholen konnte; Theodor geriet darüber in solche Wut, daß er vom Tische aufsprang, seinen Stuhl umwarf, sich zur Thüre hinausdrängte, in seinen Wagen stieg und auf und davon nach Pest fuhr. Während dieses allgemeinen Hallos schien niemand es zu bemerken, daß jener unbekannte Herr dort im schwarzen Frack, mit dem karmin- und ultramarinfarbenen Gesicht, an dem grünen Tisch aufgestanden war und erst nachdem jedermann die Thränen, welche ihm das Lachen ausgepreßt, sich aus den Augen gewischt, fiel es auf, daß der seltsame Fremdling sich erhoben hatte. Am Ende will der wirklich sprechen? Hört, Hort! nun, das muß man sich anhören. Herr Tarnaváry hat jetzt schon beide Ellbogen auf dem Tisch, so begierig wartet er auf das, was kommen wird. Jede Bewegung, jede Miene des Unbekannten drückt wegwerfende, herausfordernde Verachtung aus, er sieht jedermann nur über die Achsel an, und als er seinen Vortrag beginnt, unterläßt er es, die übliche Anrede: löbliche status et ordines ! vorauszuschicken und hebt gleich mit Ich an. – Ich kann die Unordnung, die während dieser ganzen Sitzung herrscht, nicht begreifen! ... Die Anwesenden sehen sich einer den andern an. In diesem Tone hat noch kein Erdensohn mit den löblichen Standen gesprochen. Dazu hatte seine Aussprache einen so fremdartigen, widerwärtigen, chokierenden Accent, als hätte er sein Ungarisch in Kalotaßeg gelernt, dann in Paris vergessen, und in Prag aufs neue gelernt. Er dehnt die Silben überall, wo sie kurz sein sollten, bringt keinen Doppelbuchstaben heraus und bewegt die Zunge mit einer aristokratischen Langsamkeit, als fände er es nicht der Mühe wert, sie für solches Krethi und Plethi anzustrengen. – Ich habe nie eine solche Versammlung gesehen, fuhr der Unbekannte fort, wo man vor lauter Schreien sein eigenes Wort nicht hört. Jeder, der nur einen Pelzwams anhat, darf sich herausnehmen in die Beratung kluger Männer dreinzusprechen. Das ist ein unerhörter Kontrast. Weisheit und Rohheit in einem Zimmer beisammen. Das kann so nicht fortgehen; ich fordere den hochgebornen Herrn Präses auf, die lärmende Menge aus dem Saale hinauszuschaffen, oder uns in ein anderes Gemach zu führen, wo wir in Ruhe beraten können. Nun erst brach der Lärm los, schon die letzten Worte hatte der Redner selbst nicht mehr ausnehmen können. »Fort mit ihm! hinaus mit ihm! nieder mit ihm!« brüllte man von allen Seiten mit drohenden Bewegungen der Gliedmaßen; zehn, zwölf Personen sprachen mit erhitzten Gesichtern gleichzeitig zum Redner, der fortwährend stehen blieb und seine glotzenden Augen mit großer Verachtung über die tobende Menge schweifen ließ, deren Zorn er weder zu begreifen noch zu fürchten schien. Erst dann legte sich der Lärm, als Tarnaváry aufstand und, den verschnürten Dolmány sich zurecht rückend, dem Präses durch einen Wink zu verstehen gab, daß er sprechen wolle. »Nun, der wird's ihm schon geben! Lassen wir ihn sprechen, hören wir ruhig zu. Halljuk !« Mit einemmal trat eine solche Stille ein, daß man den Flug einer Hummel vernehmen konnte, welche summend mit ihren Flügeln an die Fensterscheiben schlug. Tarnaváry maß mit unsäglichem Hochmut den Unbekannten zweimal von oben bis unten mit seinen Blicken, und redete mit scharfer, durchdringender Stimme gerade in ihn hinein, sowie er ihm gegenüberstand: – Ich habe nicht das Glück zu wissen, aus welchem Lande Sie hierher geflüchtet? ich weiß auch nicht genau, ob es dort Irrenhäuser giebt ... » Actio! actio !« schrieen nun auf einmal die Leute der Gegenpartei, gegen den beleidigenden Redner die Verhunzung einer Aktion verlangend. Tarnaváry zog mit giftigem Stolz seine Brieftasche hervor und warf sie auf den Tisch. – Da ist die Straftaxe! Und belieben Sie sogleich die Buße doppelt herauszunehmen, denn es ist meine Absicht noch einmal in die Strafe zu verfallen. Damit setzte er fort, was er begonnen hatte. Szentirmay, der neben ihm saß, zupfte ihn vergeblich am Rock, er wurde dadurch nur noch wütender. – Ich zweifle sehr, daß, welches Land immer seinen polizeilichen Pflichten nachkomme, wenn es seine rasenden Narren frei herumlaufen läßt; derjenige aber kann nichts anderes, als ein Narr und ein Rasender sein, der in einer verfassungmäßigen Komitatskongregation den Antrag zu stellen wagt, die daran teilnehmenden adeligen Stände aus dem Saale zu schaffen. Der Redner sprach solche Dinge, daß selbst die Heißblütigsten darüber erschraken, nur auf den ihm gegenüberstehenden Fremden schien es keinen Eindruck zu machen. Höchstens, daß er dann und wann die trägen Augenlider hinaufzog und sich den tobenden Redner von oben bis unten ansah. – Woher und warum Sie hierher gekommen, geht mich weiter nichts an; dieser Saal steht ebensowohl Narren als gescheiten Leuten offen, das aber mögen Sie sich hinters Ohr schreiben, welcher Eltern Kind Sie auch sein mögen: zuerst müssen Sie unsere Landesgesetze kennen und achten gelernt haben, bevor Sie hier den Mund aufmachen; zum zweiten aber möge sich der Herr merken, daß wir hier an diesem Orte kein zusammengelaufenes Gesindel sind, sondern ein Landesstand, der hier seine verfassungsmäßigen Rechte ausübt und daß jener Mensch dort in der Pelzjacke ein ebenso guter Edelmann ist, wie der Obergespan, und ebensoviel Recht hat, hier zu sein, wie ich und der Herr selber – wenn er überhaupt dazu ein Recht hat. Tarnaváry warf sich nach diesen Worten stolz in den Stuhl, wie einer, der sehr zufrieden ist mit dem, was er gethan. Der Unbekannte stand noch immer aufrecht und als der wetternde Redner ihm gegenüber sich niedergesetzt hatte, sagte er zu ihm in leidenschaftslosem Tone: – Wenn Sie, mein Herr, zu wissen wünschen, wer ich bin: ich heiße Emanuel Dabroni und bin siebenbürgischer Edelmann. Ich hoffe, daß wir noch näher miteinander bekannt werden. – Wird mir eine große Ehre sein, erwiderte Tarnaváry mit höhnischer Ironie. Den Obergespan genierte dieser Auftritt sehr. Er fühlte sich dabei höchst unbehaglich. Sich aus dem Stegreif verbeugend, stand er von seinem Stuhle auf und erklärte, daß er genötigt sei, die heutige Sitzung aufzuheben. Seine Juraten rissen vor ihm die Thüren auf und er rannte so eilig hinaus, als fürchtete er, man konnte ihn zurückrufen. Die Stände erhoben sich und fingen an, sich gegen die Thüre zu bewegen, was des großen Gedränges wegen, nur langsam von statten ging. Mittlerweile hatten die Bekannten Zeit, Gespräche miteinander anzuknüpfen. – Es war schade, diesem Menschen so scharf auf dem Leib zu gehen, sagte Rudolf zu Tarnaváry. Der Arme lebte in seiner Jugend unter den Siebenbürger Sachsen, seitdem hielt er sich im Auslande auf, die längste Zeit in Spanien, da kann er mit unsern konstitutionellen Sitten und Gebräuchen nicht wohl bekannt sein. – Warum schweigt er dann nicht? polterte Tarnaváry, Wenn er nichts von der Sache versteht, soll er das Maul halten. Ich weiß, in Zukunft wird er sich's wohl überlegen, was er spricht. – Ich glaube kaum, sagte Rudolf. Die Köcserepyschen wissen sehr gut, warum sie diesen Menschen kommen ließen. – Warum denn? – Das wirst du nur zu bald erfahren. Tarnaváry ließ Rudolf stehen und drängte zur Thüre hinaus. An der Thüre stand unser Freund Mitzislaw, über dessen blasses Gesicht Tarnaváry beinahe erschrak, als er auf ihn losstürzte. – Lieber gnädiger Herr Onkel, um Gottes willen, was haben Sie gethan? – Nun, zum Henker, was denn? – Wie konnte es Ihnen einfallen, mit diesem Menschen so aneinander zu geraten? – Da seht den jungen Laffen, der mich schulmeistern will! Fahr ab, oder du bekommst einen Putzer, daß dir Hören und Sehen vergeht. – Aber geruhen denn zu wissen, wer dieser Mensch ist? – Nun, was ist er denn? Doch nicht etwa ein englischer Gesandter, daß man ihn nicht soll herunterschelten dürfen? – Er ist ein berühmter ... – Was für ein berühmter? – ich habe nie etwas von seiner Berühmtheit gehört. – Der berühmteste Duellant in ganz Europa. – Und was weiter? warf Tarnaváry verächtlich hin. Was weiter? – Ein furchtbarer Mensch – fuhr Mitzislaw mit ängstlicher Miene in seiner Erklärung fort – einer, der noch jeden kalt gemacht, mit dem er ein Duell gehabt. Mitzislaw bemühte sich aus sehr plausiblen Gründen so leise als möglich zu sprechen, damit außer ihnen beiden niemand von dem Zwiegespräche etwas vernehme. Tarnaváry jedoch schlug ein solches Geschrei auf, daß man es noch auf der untersten Treppe hören konnte. – Was? Also ein Räuber ist er? Da gehört er ja geradenwegs auf den Galgen. Ein Totschläger! Was ist das für ein verrücktes Land, wo die Leute nur so einander den Hals abschneiden dürfen? – Bitte ergebenst, suchte der junge Mann seinen gnädigen Herrn Onkel zu beschwichtigen. So etwas geschieht nicht öffentlich. Duelle pflegen insgeheim vor sich zu gehen und die Vorkehrungen werden immer so getroffen, daß die Behörden keinen Wind davon bekommen, O dieser Mensch hat wenigstens schon ein Dutzend solcher Duelle ausgefochten, wo sein Gegner tot auf dem Platze blieb, die nicht gerechnet, von denen gar nicht gesprochen wird. Er mußte auch deshalb aus Spanien auf und davon, weil er den Sohn einer vornehmen Familie im Duell erstochen hat, aus keinem andern Grund, als weil dieser behauptet hatte, die Cigarre, welche er rauchte, sei keine echte Cabanos. – Nun, der kommt mir gerade recht! sagte Tarnaváry. Er soll es nur mit mir versuchen, ich weiß, er wird daran zurückdenken. Deshalb also war dieser Mörder, dieser Bandit, dieser Bravo so übermütig? Nur warte, komm mir nur unter die Hände! Mitzislaw sah Tarnaváry verwundert an. Sollte der Septemvir in der That nur eine Gelegenheit gesucht haben, um dem berühmten Duellanten die Palme der Unbesiegbarkeit zu entreißen. Es ist wahr, in einen Ringkampf wäre es nicht rätlich, sich mit Tarnaváry einzulassen, er würde einem schön die Knochen zerdrücken; aber den Säbel hat er schwerlich je aus der Scheide gezogen und im Schießen sich höchstens an harmlosen Hasen geübt. Kurz Tarnaváry erschrak nicht im geringsten bei der Enthüllung des Geheimnisses, das Mitzislaw zähneklappernd ihm mitteilte und dies kühne Selbstvertrauen fing an, auch dem jungen Mann seine Courage wiederzugeben. Wer weiß, ob der Alte vielleicht nicht gerade deshalb, weil er nicht fechten gelernt, in der urwüchsigen Weise: »Schlag zu, 's ist nicht dein Vater!« dem Bramarbas Mores lehrt. Tarnaváry ging hierauf ganz gemütlich aus der Sitzung nach Hause, ohne weiter an das zu denken, was sein furchtsamer Neffe ihm erzählt hatte. Dort angelangt, zog er sich um, machte sich's bequem, speiste in aller Behaglichkeit zu Mittag, examinierte seine jungen Herrn Söhne, las ihnen die Leviten und ließ dann, da es ein schöner Tag war, sich den schwarzen Kaffee ins Bienenhaus tragen, von wo man gerade die Tenne überblickte, wo unter der Aufsicht eines Kastners und eines Haiducken die fleißigen Arbeiter die Frucht ausdroschen und würfelten; – von da fumigierte er die ganze Welt. Mit einemmal erregen lärmende Schritte seine Aufmerksamkeit; eine fremde Stimme erkundigte sich nach ihm, und wie er nach rückwärts blickt, sieht er drei Männer ins Bienenhaus treten. Der eine ist der berüchtigte Raufbold, die beiden andern sind zwei junge Leute. In dem einen der beiden letzteren erkennen wir unsern Freund Emanuel, der jetzt schon zu einem hohen Burschen emporgeschossen ist; der andere ist eine Provinzialcelebrität, welche beständig die Damen der Gesellschaft mit der Erzählung von Duellen zu unterhalten pflegt, die in Wirklichkeit nie stattgefunden und dadurch in der Komitatshauptstadt als berühmter Sekundant ausgeschrieen ist. – Hm, guten Tag, bewillkommte sie Tarnaváry ganz kordial und wohlgemut. – Guten Tag, erwiderten jene, einer den andern voranlassend. – Bitte sich zu setzen. Es sind hier Stühle genug. Ich sehe es nicht gerne, wenn meine Gäste stehen; ich bleibe sitzen. Hierauf trat die vorerwähnte Celebrität vor und begann in feierlichem, dem Ernst der Situation angemessenem Pathos: – Mein Herr! Sie werden wissen, daß es einen Punkt giebt, in dem niemand sich nahe treten läßt – das ist der Punkt der Ehre. – Ob ich es weiß? das werd' ich wohl nicht erst von dir zu lernen brauchen, mein Söhnchen. Das Söhnchen hätte den jungen Mann beinahe aus seinem Kontexte gebracht. – Es ist das ein Punkt, der jedermann teurer ist, als sein Leben, als sein Blut, als alles auf der Welt. – Sehr richtig, belieben Sie fortzufahren. Das hätte der treffliche junge Mann ohne Zweifel auch gethan, wenn nicht eine zudringliche Biene ihm beständig um die Nase herumgeflogen wäre, sodaß er fürchten mußte, von ihr gestochen zu werden, und dieser Punkt interessierte ihn noch stärker, als der Ehrenpunkt, was er auch durch seine abwehrenden Handbewegungen deutlich zu erkennen gab. Da trat Dabroni selbst ungeduldig dazwischen. – Mein Herr, Sie wissen recht gut, daß Sie mich beleidigt haben. – Sie haben dazu Anlaß gegeben, antwortete Tarnaváry lakonisch, indem er mit dein Pfeifenräumer seines Taschenmessers den brennenden Tabak auflockerte. – Für diese Beleidigung sind Sie mir Genugthuung schuldig. – Keineswegs, Sie haben gesehen, daß ich die gesetzliche Buße dafür siebenfach erlegt habe. – Dann bin ich genötigt, Ihnen zu bemerken, daß wir hier keinen Scherz treiben! rief Dabroni in leidenschaftlichem Ton. Eine Ehrenbeleidigung läßt sich mit lumpigem Geld nicht gut machen, damit bin ich nicht zufrieden gestellt. – Also belieben Sie zu klagen: der Richter ist zur Hand, der wird schon sein Urteil fällen; das ist sehr einfach. Unser Freund Emanuel wandte sich, die Lippen auswerfend, gegen seinen Begleiter, und flüsterte ihm vernehmlich genug zu. – Der alte Herr hat Ängsten. Tarnaváry hörte ganz gut, was er sagte und das Blut war ihm schon zu Kopf gestiegen, als Dabroni mit seinem Kartellträger ihm bis vor die Nase getreten war, und sein menschenfresserisches, rotblaues Gesicht ihm vor die Augen haltend, zähneknirschend fugte: – Nicht von Richtern, nicht von Advokaten ist hier die Rede, mein Herr, sondern von Säbeln und Pistolen. Sie müssen sich mit mir schlagen. Auf dies Wort sprang Tarnaváry vom Stuhle auf. – He, Mörder, Räuber! brüllte er aus voller Kehle – räuberische Galgenstricke, mörderische Gurgelabschneider! Jene sagten ihm erschrocken, er möchte doch nicht so laut schreien, das sei ja gegen alles Herkommen und alle Ritterlichkeit, so Lärm zu schlagen, wenn man eine Herausforderung erhält; er hörte nicht auf sie, sondern ergriff den Stuhl, auf dem er gesessen, mit der einen Hand und gab mit der andern unserm Freund Emanuel einen Stoß, daß er in einen Haufen leerer Bienenkörbe hineinflog und darunter beinahe verschwand; dann zog er die Thüre zu, stellte sich mit den, Rücken vor dieselbe und schrie in einem fort: »Mörder, Räuber, Diebe!« Der herausfordernden Partei war der Rückzug dadurch abgeschnitten, daß Tarnaváry sich vor die Thüre postiert hatte und es wäre nicht rätlich gewesen, sich ihm zu nähern, denn er würde sicherlich mit dem Stuhl jeden, der ihm zu nahe kam, so zu Boden geschmettert haben, daß er gewiß auf zeitlebens zu jedem Duell kampfunfähig geworden wäre. Auf das Zetermordio aber war das Hausgesinde in Alarm geraten und durch die Bienenstellagen konnte man sehen, wie von allen Seiten Drescher, Haiducken, Bérese mit Dreschflegeln, Wurfschaufeln und Hebebäumen herbeigestürzt kamen. Hier ist nicht gut sein, dachten die beiden jüngeren Leute bei sich und flugs, wo sie eine Bresche im Fachwerk des Bienenhauses erblickten, hindurchbrechend, rannten sie so schnell, als ihre Füße sie tragen konnten, zum Garten hinaus. Der berühmte Sekundant warf in seiner Hast einen, ihm im Wege stehenden vollen Bienenkorb um, der ganze Schwärm fiel über ihn her und obwohl es ihm gelang, den Fäusten der Häscher zu entrinnen, so hatten doch die kleinen Duellanten, deren ganzes point d'honneur er umgestürzt hatte, sein Gesicht mit ihren spitzigen Rappieren so zerstochen, daß er zu Hause angelangt, sich selbst nicht wiedererkannte, denn die eine Wange war noch einmal so groß aufgeschwollen als die andere. Unser Freund Emanuel anderseits befreite sich nur mit Zurücklassung eines Frackschößels von den Zähnen eines ihn verfolgenden uncivilisierten Bulldogs, und zerriß sich seine Nanking-Unaussprechlichen von oben bis unten, indem er über einen Zaun kletterte. Nur Dabroni blieb unerschütterlich auf dem Kampfplatz, Mit übereinander gekreuzten Armen stand er da in der Mitte des Bienenhauses, seine verächtliche Ruhe verließ ihn keinen Augenblick. Die Bérese und Haiducken waren vor dem Bienenhaus angelangt. und Tarnaváry öffnete jetzt die Thüre, um sie hereinzulassen. – Dort steht der Mörder! Der ist's, der mich umbringen will! schrie er auf Dabroni zeigend. Fangt ihn, bindet ihn! – Mein Herr, rief Dabroni, durch diesen Befehl in äußerste Wut gebracht, das ist eine Gemeinheit, eine Niederträchtigkeit. Sind Sie ein Kavalier? – Ich bin ein zur Aufrechterhaltung der Landesgesetze bestellter Beamter, dessen Pflicht es ist, Sie festzunehmen, als einen im Lande und in der ganzen Welt berüchtigten Raufbold, der im öffentlichen und Privatleben überall Händel sucht, und rechtschaffene Leute meuchlings umbringt, welchen ihr Beruf nicht erlaubt, ihre ganze Zeit auf dem Fechtboden zuzubringen; bei mir sind Sie an den rechten Mann geraten, ich werde Ihnen schon die Lust zu solchen ritterlichen Totschlägereien vertreiben. Führt ihn aufs Komitatshaus! Wenn er nicht gutwillig geht, muß man ihn binden. Dabroni nahm mit einemmale eine drohende Stellung an und brüllte mit der Stimme eines wütenden Raubtiers: – Wer sich in meine Nähe wagt, ist ein Kind des Todes! – Warum nicht gar, ein Kind des Todes! sagte darauf ein Haiduck, der früher einmal Pandur gewesen, und sprang auf Dabroni los. Er erhielt von ihm auch eins aus den Kopf, daß ein schwächerer Schädel davon entzweigesprungen wäre; der seinige aber war an dergleichen schon gewohnt; trotz der Hiebe und Stöße, die Dabroni austeilte, stellte er diesem ein Bein, und riß ihn mit sich zu Boden; die übrigen Bérese drückten ihn dann nieder und banden ihn, nachdem sie bei der heftigen Balgerei ihm die Nase gewaltig zerschunden hatten und auf ihm arg herumgetreten waren, mit einem langen Wäscheaufhängstricke so fest, daß er sich nicht rühren konnte, so legten sie ihn dann auf einen Schubkarren und transportierten ihn ins Komitatshaus, wo sie ihn dem Vogt übergaben. Tarnaváry schlug großen Lärm, verlangte eine gesetzliche Untersuchung, ein strafrechtliches Verfahren und Köcserepy mußte seinen ganzen Einfluß beim Obergespan aufwenden, um zu bewirken, daß Dabroni auf freien Fuß gesetzt und die Sache niedergeschlagen wurde. Der wackere Gladiator mußte jedoch die Stadt verlassen und ohne Aufenthalt bis nach Preßburg reisen, wo ihm dann hinlänglich Zeit blieb, über das seltsame prosaische Expediens nachzudenken, womit dieser Alfölder Táblabiró die Herausforderung zu einem Duell abgefertigt hatte. Ein ähnlicher Fall war ihm in der spanischen Romantik noch nicht vorgekommen. Drei Wochen nach der vorberatenden Kongregation sollte die Deputiertenwahl vor sich gehen. Auf dem Felde der Debatten hatte die Partei Köcserepys eine völlige Niederlage erlitten. Es blieben ihm jedoch noch drei Wochen Zeit, um auf anderem Wege seine Schlappe gut zu machen. Sein Mitkandidat war Korondy, zur Zeit erster Vizegespan des Komitats und ein Günstling des Obergespans; er war daher ein Mann von großem Einfluß im Komitate; jeder Advokat, alle Parteien, welche einen Prozeß bei ihm haben, sind genötigt, vor ihm zu zittern und nolens volens für ihn zu stimmen. Bei den Massen hatten sie eine leidliche Stellung; beide stammen aus dem niedern Adel; obwohl sie zu Hause stolzer, unzugänglicher und anspruchsvoller sind, als welche immer fürstliche Durchlaucht, haben sie doch den Vorteil, zu den Wählern des Bundschuh-Adels sagen zu können: seht, wir sind eben so einfache Edelleute, wie ihr; wir stehen mit euch in einem Rang, wir wissen besser, wo den armen Edelmann der Schuh drückt, und verstehen es besser, eure Rechte zu verteidigen, als jene Magnatenkandidaten Szentirmay und Karpáthi, der eine ein Graf und der andere ein Baron. Wie könnt ihr diesen eure Angelegenheiten anvertrauen, wie könnt ihr erwarten, daß sie, wenn der Magnatenstand den niedern Adel drücken will, für eure Interessen einstehen und euch gegen ihre eigenen Standesgenossen vertreten werden? Ein anderer Vorteil, den die Köcserepysche Partei hatte, war, daß die Szentirmay-Karpáthische Partei in ihrer letzten Konferenz fest beschlossen hatte, die Heiligkeit ihrer Sache nicht durch Bestechungen zu besudeln. Die praktischeren Patrioten hielten jedoch unter solchen Umständen den Sieg für unmöglich und Tarnaváry, vermutend, daß die Mehrheit aus ökonomischen Rücksichten dem Antrag beigetreten sei, erbot sich sogar, die gesamten Kosten allein auf sich nehmen zu wollen; dann setzte man ihm aber so lange mit Bitten zu, bis er versprach, auch nicht ein Glas Wein es sich kosten zu lassen. Um wie viel besser verstanden es die der andern Partei; während jene kluge Reden haltend, von Dorf zu Dorf zogen, um die Überzeugungen für sich zu gewinnen, suchten die Köcserepyschen auf viel praktikableren Wegen der Menge beizukommen: durch die Kanäle des Gaumen und Schlundes, welche, wie man weiß, viel leichter zu kapacitierende Organe sind, als das Herz. Auch in Karpáthfalva war große Konferenz. Am Tage vorher hatte der Herr Rat drei Wucherern die Getreidefechsung und den Wollertrag des künftigen Jahres im vorhinein für zweimalhunderttausend Gulden verkauft, für die er zur rechten Zeit das Doppelte hätte erhalten können, und mit einer solchen Summe im Kasten hatte er leichtes Spiel. Die besten Schreier eines jeden Dorfes, eines jeden Stuhlbezirks waren bestellt; die Kneiphelden, welche, selbst betrunken, einen besoffenen Schwarm zu haranguieren verstehen; die Leithammel, denen die Menge blindlings nachtritt; die Kirchtumcelebritäten, die es zwar noch nicht so weit gebracht, um am grünen Tisch sprechen zu können, die aber im Gemeindehause, vom Faß herab oder beim Schmause prächtig zu wiederholen wissen, was sie von andern gehört. Jeder erhielt seine Rolle zugeteilt: welchen Bezirk er zu begehen, wo er sein Lager aufzuschlagen habe. Den Wirten der Dorfschenken kam der Auftrag zu, sich mit Speise und Trank vorzusehen und so lange man der edlen Parteigenossen benötige, offene Tafel zu halten; wenn auch im Feuer der Unterhaltung Teller und Gläser zerbrochen werden, oder wenn ein und der andere der wackeren Kompatrioten Messer und Gabel, womit er gegessen, aus Versehen in die Csizmenröhre stecken sollte, möchten sie deshalb keinen Lärm schlagen, sondern alles geschehen lassen; die gnädigen Herren werden schon alles bezahlen. Jedem einzelnen stimmfähigen Mann wurden zwei Gulden Diäten versprochen für die ganze Dauer der Deputiertenwahl, freier Tisch und offenes Saufgelage, ein Federbuschen auf den Hut und Beförderung mittelst Vorspann bis zum Hauptort des Komitats. Den Cortesführern wurde carte blanche gegeben. Jeder möge bestimmen, wie viel Geld er brauche, ausgeben, wie viel ihm gut dünkt und Rechnung ablegen nach Belieben: es wird kein Opfer gescheut. Die an der Spitze der Partei stehenden großen Herren werden auch selbst der Reihe nach die Dörfer besuchen, in Bauerwagen, mit ungarischem Pferdegeschirr, in mit Metallknöpfen besetzten Dolmánys und kleinen runden Hüten, wie der gemeine Adel sie zu tragen pflegt; dort, wo die Wähler ihre Gelage halten, werden sie absteigen, mit ihnen trinken, die am meisten Betrunkenen umarmen, sich von ihnen auf den Schultern umhertragen lassen, und Reden halten, daß die armen Cortes von lauter Éljengebrüll sich heiser schreien. Auch für Zigeunermusikbanden ist gesorgt; die adeligen Gesetzgeber sollen bei der schwierigen Ausübung ihrer Rechte sich nicht langweilen; man wird ihnen dazu die beliebtesten Volksweisen aufspielen. Den geschicktesten Volksrednern wird aufgetragen, der Reihe nach jene Ortschaften zu besuchen, in denen die Szentirmaysche Partei das Übergewicht hat; sie sollen sich Mühe geben, das Volk auf bessere Gedanken zu bringen und jedem Wähler, der von Szentirmay abfällt und seine Stimme an Köcserepy verkauft, fünf bis sechs Silbergulden versprechen: sie sollen trachten, Unzufriedenheit unter ihnen zu erregen; sie mögen ihnen vorstellen, wie unbillig es sei, von armen Leuten das Opfer zu verlangen, zur Zeit der Feldarbeiten auf eigene Kosten eine Reise nach dem Wahlort zu unternehmen, um ihre verfassungsmäßigen Rechte auszuüben, während doch Köcserepy für alles reichlich sorgt, was auch nur in der Ordnung ist, denn von armen Dorfleuten zu verlangen, daß sie den großen Herren umsonst zu Diensten stehen sollen, ist eine Schmutzerei. Szentirmay und Zoltán müssen verschwärzt werden, als führten sie Verrat gegen die Nation im Schilde, als arbeiteten sie daraufhin, daß der gemeine Edelmann dem Bauer gleich gestellt werde; ihren Cortesführern gebe man die Versicherung, daß die Köcserepy-Korondysche Partei gegen sie, wenn sie abfallen, nicht undankbar sein, und bei der nächsten Restauration sie zu Stuhlrichtern, Geschworenen u. s. w. wählen werde. Köcserepy war eben mit derartigen Vorbereitungen vollauf beschäftigt, als ein uns bekanntes Individuum sich bei ihm melden ließ. Es war Frater Bogozy. Er trat mit sehr unterthäniger Miene ein, und nahm sich die Freiheit, zu hoffen, der Illustrissimus werde sich seiner noch ein klein wenig zu erinnern wissen. – Wie denn nicht, mein junger Freund, Sie haben bei Maßlaczky praktiziert, nicht wahr? Er ist so frei es zu bejahen; aber jetzt ist er nicht mehr bei ihm, denn Herr Maßlaczky zerbricht sich darüber den Kopf, wie er Seiner Hochgeboren einen Prozeß anhängen könnte. Bei einem solchen Menschen habe er keine Lust zu dienen; lieber trage er dem gnädigen Herrn seine Fähigkeiten an. Auf Maßlaczky losziehen ist ein guter Empfehlungsbrief bei dem gnädigen Herrn. Bogozy wird nicht verfehlen, recht viele Anekdoten über ihn zum Besten zu geben. Jetzt aber würde er sich sehr glücklich fühlen, wenn der gnädige Herr ihn mit einem Sonnenblick seines Vertrauens beehren wollte. Der gehorsamste Supplikant ist aus dem Komitat gebürtig, und zwar aus der berüchtigten Ortschaft Kokánfalva, welche die stärksten Raufbolde und Schreier unter den Cortes zu liefern pflegt. Er sei schon bewandert in derlei Missionen. Er hat Praxis darin gehabt. Auch auf den Landtagen ist er gewesen und weiß, wie man zu den Leuten sprechen müsse; wenn der Illustrissimus ihm das Vertrauen schenken wollte, wäre gewiß niemand so geeignet, wie er, die Kokánfalver herumzukriegen. – Ich bin sehr erfreut, mein lieber Freund, ihren schönen Fähigkeiten ein Feld öffnen zu können. Nichts gewährt mir eine höhere Befriedigung, als wenn es mir gelingt, junge Leute für vernünftige Grundsätze zu gewinnen. Wir betrauen Sie hiermit mit der Führerschaft des Kokánfalver Adels. Scheuen Sie kein Opfer, das Ihnen im Interesse der Sache nötig erscheinen sollte. Nehmen Sie hier diese zweitausend Gulden CM.; dulden Sie nicht, daß unsere edlen Freunde an irgend etwas Mangel leiden; sagen Sie nicht, das sei zu viel, Sie selbst müssen bei den Leuten wie ein Herr auftreten, um sich in Respekt zu setzen. Uns ist im Interesse der Sache kein Opfer zu hoch, und wenn es Ihnen gelingt, den dortigen Adel auf unsere Seite zu bringen, können Sie auf unsere Dankbarkeit rechnen. Ein, zweitausend Gulden kann ich Ihnen garantieren. Dann ist auch die Restauration nicht mehr weit, der Obergespan giebt etwas auf unser Wort, und eine Vizenotärstelle ist erledigt. Der geehrte Supplikant wagt zu bemerken, daß die Qualität eines Aktuar-Jurassors das non plus ultra seiner Wünsche vollkommen befriedigen würde, welche ihm denn auch in noch sicherere Aussicht gestellt wird. Frater Bogozy wurde außerdem noch völlig equipiert; er bekam einen ganz neuen Attila-Dolmány mit silbernen Knöpfen, einen großen breitkrempigen runden Hut mit einer breiten Bandschleife, deren Fransen, wie es hieß, die gnädige Frau eigenhändig aufgenäht hatte. Die philosophische Dame beteiligte sich gleich einer Spartanerin an den Kämpfen der Männer und war mit noch drei anderen den ganzen Tag über damit beschäftigt, Hutkokarden für die Kämpen der gemeinsamen Sache zu verfertigen. Der beritten gemachte alte Jurat (um Vergebung, es soll heißen: der junge Advokat) verließ Karpáthfalva, nachdem die dort anwesenden Notabilitäten ihn abgeküßt und ihm der Reihe nach die Hand gedrückt hatten, mit einer offenen Ordre in der Tasche, welche ihm soviel Vorspannpferde zur Verfügung stellte, als er benötigen werde. Das war ein guter Fang! sagten die Köcserepyschen zu einander; der Kokánfalver Adel fällt schwer ins Gewicht, denn er besteht aus lauter berüchtigten Raufbolden; bei den Restaurationen pflegen sie die meisten Stühle und Thüren zu zerbrechen und die meisten eingeschlagenen Köpfe sind auf ihre Rechnung zu stellen. Bisher schienen sie sich mehr auf die Seite Szentirmays zu schlagen, denn Kiss Miska, des alten Karpáthi treuer Tischgenosse, hält sie am Schnürchen; nur ein so verteufelter Kerl, wie Bogozy, ist imstande sie auf den rechten Weg zu bringen, wie er es auch gewiß thun wird; so demütig und unter die Erde kriechend er vor seinen vornehmen Gönnern ist, ebenso hochnäsig und impertinent ist er an der Spitze der Cortes. Daß dieser handküssende, simple Frater sich einfallen lassen könnte, so hochgestellten großen Herren, die ihn an ihren Tisch setzten und sich herabließen, ihm die Hand zu drücken, einen Streich zu spielen, an das dachte niemand. Wer könnte so etwas von Bogozy voraussetzen? Das wäre gegen alle logische und psychologische Wahrscheinlichkeit. Einige Tage vor dem Termin der Deputiertenwahl fuhren die Wahlkandidaten in den Dörfern umher, um durch ihre persönliche Erscheinung die Parteigenossen in ihrem Eifer zu befestigen, bei welcher Gelegenheit die Szentirmayschen es nicht an auserlesenen Reden fehlen ließen, wogegen von seiten der Köcserepyschen mehr für auserlesene gute Weine gesorgt wurde, und die einen so wie die andern thaten ihre Wirkung. Köcserepy erschien auch in Kokánfalva und es gereichte ihm zu großer Befriedigung, in dem ganzen Dorfe nicht einen nüchternen Menschen anzutreffen; sie titulierten ihn alle Herr Bruder, umarmten und küßten ihn, und nötigten ihn von ihrem Weine zu trinken. Es war ein schauderhaftes Gesöff! Fürwahr, dieser Bogozy muß eine große Gewalt über diesen rohen Haufen besitzen, daß er sie dahin zu bringen vermag, sich mit solchem Wein einen Rausch anzutrinken. Der Frater hielt auch in Gegenwart Köcserepys eine Stegreifrede, der zwar Kopf und Fuß fehlte, allein wegen des vielen Éljenrufens und Geschrei's konnte man ohnehin nicht ausnehmen, ob er eine Lobrede auf gefülltes Kraut, oder eine Dissertation über Tunnelbauten halte. Köcserepy verließ Kokánfalva vollkommen beruhigt. Bogozy schwur bei allem »was im Weidenbusch pfeift«, »was im Eise klopft«, »was den Mantel verkehrt trägt« und wie die ortsüblichen Beteuerungsformeln sonst noch lauten mochten: da« ganze Dorf sei »unser«. Kiss Mista wage es gar nicht in Kokánfalva sich zu zeigen, seitdem er wisse, daß er, Bogozy, dort sei; er thut auch wohl daran, denn, man würde Riemen aus seiner Haut schneiden. Endlich kam der Tag des großen konstitutionellen Festes heran, auf das man sich auf der einen Seite mit so viel heiliger Begeisterung, auf der andern mit so großer Konsumtion geistiger Getränke vorbereitet hatte. Da keiner der Säle des Komitatshauses groß genug war, um die Menge der Wähler zu fassen, hatte man den gepflasterten Hof für den Wahlakt hergerichtet. Unter dem Balkon hatte man für den Obergespan und für die hervorragenderen Teilnehmer des Festes eine Brettertribüne aufgeschlagen, die mit bunten Drapperien behängt und mit trikoloren Fahnen geschmückt war. Schon am Vorabende war die Komitatsstadt Augenzeuge bunter Scenen; von allen Seiten kamen lange Wagenreihen, mit Wählern voll gepfropft, hereingefahren; voraus sprengte je ein Reiter, eine Fahne haltend, auf der die Namen ihrer Kandidaten standen, woraus ersichtlich war, welcher Partei sie angehörten, wofür es jedoch ein noch besseres Unterscheidungsmerkmal gab: daß nämlich die Anhänger Szentirmays ruhig und in schönster Ordnung, in saubern Mentes und mit wohlgenährten Rossen hereingefahren kamen; neben den Wagen ritten junge Leute mit gezogenen Säbeln, welche die Ordnung überwachten und den Zug bis zu der vorausbezeichneten Herberge eskortierten, wogegen man die Köcserepyschen Cortes schon von weitem an dem lauten Gebrüll erkennen konnte, mit dem sie sich näherten; voraus kam eine Zigeunerbande, welche den Insurrektionsmarsch spielte, hinter ihr sang jeder Wagen eine andere Volksweise durcheinander und so oft es einem tüchtigen Schreier einfiel, mit emporgehobenem Schoppenglas im Wagen aufzustehen und ein »Halt!« zu brüllen, mußte jeder Bauer seine Pferde anhalten, damit er seinen Spruch hersagen könne: »Unsere hochedeln und hochansehnlichen Wahlkandidaten die Herren Köcserepy und Korondy sollen hoch leben! » É-éljen !« – brüllte es aus tausend Kehlen. So ging es an jeder Straßenecke. Gegen Abend war schon ein solches Musizieren und Jubilieren in der ganzen Stadt, als wenn in jedem Hause Hochzeit gehalten würde. Gegen zehn Uhr fing man auch schon an, ein wenig sich herumzuprügeln; die mit einfarbigen Federn wollten den Buntfedrigen irgend eine Tanya streitig machen; zum Glück legten die Führer der letzteren sich ins Mittel und stellten die Ruhe wieder her, und so verstrich denn die Nacht ohne weitern erheblichen Unfall, nur die Cortesführer beider Parteien mußten auf ihrer Hut sein, damit nicht ein Wolf in ihren Schafstall sich einschleiche, und einen und den andern beschwatze, am Morgen zu ihrer Partei überzugehen. Ein Glück war es noch, daß man die Kokánfalver nicht in die Stadt gebracht hatte. Es gehörte schon zu den traditionellen Gebräuchen, sie am Vorabend des entscheidenden Tages in der » Térjkineki «-Csárda »Weich-ihm-aus« Csárda. draußen zu lassen; denn kämen sie zur Nacht herein, bliebe kein Fenster uneingeschlagen und kein Mensch auf der Gasse wäre vor Schlägen sicher. Erst in der entscheidenden Stunde durften sie an Ort und Stelle erscheinen. Die Parteianhänger Szentirmays waren in regelmäßige Gruppen geteilt, welche intelligente und respektable Führer hatten; es war daher viel leichter, sie in Ordnung zu halten und zu lenken, als das zügellose Heer Köcserepys, das zum größten Teil von dem Übermaße der Getränke so berauscht war, daß es auf kein Kommando hörte. Diesem Umstande war es zu verdanken, daß es den Szentirmayschen gelang, gleich den ersten taktischen Vorteil auf ihrer Seite zu haben. Der Ausgang des Tages hängt zum großen Teil von der günstigeren Aufstellung ab, das weiß jeder Feldherr, der je auf einem Schlachtfelde kommandierte, und wenn er es nicht gewußt, hat er es gewiß bei der ersten Gelegenheit gelernt. Auf der Wahlarena hatte ohne Zweifel dasjenige Heer die vorteilhaftere Stellung inne, dem es gelungen war, näher an die Tribüne des Obergespans und der übrigen großen Herren zu gelangen; denn fürs erste konnte man ihre Rufe von da besser hören, als die der Gegner, die in den Hintergrund zurückgedrängt waren; fürs zweite aber war es von dort viel leichter zu drohen, daß man dem Obergespan, wenn er die Rufe nicht hören wolle, das ganze Brettergerüste unter den Füßen einreißen werde. Es kam daher vor allem darauf an, welcher Partei es früher gelingen werde, um vier Uhr morgens, um welche Zeit die Thore des Komitatshauses geöffnet wurden, den Hofraum zu okkupieren. Szentirmays Wähler waren alle Schlag drei Uhr, in der Morgendämmerung schon auf den Beinen; nachdem sie ein kurzes Frühstück zur Herzstärkung eingenommen hatten, marschierten sie in schöner Ordnung einer nach dem andern von ihren Herbergen nach dem Komitatshause und zogen, als die Thore geöffnet wurden, mit geziemendem Anstand in den geräumigen Hof hinein, wo sie rings um die Tribünen sich aufstellten, ohne hieran durch jemand gehindert zu werden. Die Leute Köcserepys dagegen waren noch um sechs Uhr morgens nicht zum Aufbruch zu bewegen. Alles Zureden und Schreien war vergeblich, niemand vermochte etwas auszurichten bei den Massen, welche sich von ihrer Unterhaltung nicht trennen wollten; die Führer hatten in ihrem großen Eifer sich bereits ganz heiser gebrüllt und waren zuletzt nur dadurch imstande, die Zechenden aus den Tanyas herauszubringen, daß sie alle Trinkgefäße zerschlugen, wo dann mit Ausnahme einiger bacchantischer Saufbolde, die nötigenfalls es nicht verschmähen, selbst der Hutkrempen als Trinkbechers sich zu bedienen, die übrigen sich dazu herbeiließen, den Weg nach dem Komitatshause anzutreten. Aber auch das geschah in größter Unordnung, bei jedem Schritt blieben sie auf der Gasse stehen und hoben einen der ihrigen auf die Schultern, der dann eine Rede halten mußte, was manchem schwer genug fiel; an einer Stelle fiel ihnen ein, daß man den Wahlkandidaten eine Fackelserenade bringen sollte und es kostete den Führern große Anstrengung, ihnen begreiflich zu machen, daß ist den Morgenstunden Fackelserenaden nicht üblich seien. Sie würden noch die Stadt angezündet haben. Solchergestalt war es schon lange sieben Uhr vorüber, als, der erste Schwarm der Köcserepyschen Wähler singend in den Komitatshof einzog, und zu seinem Erstaunen wahrnahm, daß die Gegenpartei bereits die bessere Hälfte des Hofes in festgeschlossenen Gliedern eingenommen hatte. Bei Köcserepy war es um acht Uhr, als die Cortesführer bei ihm vorsprachen, noch früher Morgen. Der gnädige Herr hatte im Vorgefühl seines Sieges etwas lang geschlafen. Die wackern Anführer schätzten sich glücklich, Seiner Gnaden beim Anziehen eines Dolmány, eines Mente, behilflich sein zu können. Aus diesen Mente- und Dolmányärmeln gucken Geschwornen und Stuhlrichterämter hervor. Alles geht gut, kein Grund zur geringsten Besorgnis, die Positionen sind uneinnehmbar, das Heer ist vom besten Alkohol begeistert, die Zahl der Gegner ist gering. Wer hat es je gewagt einem Feldherrn das Gegenteil zu sagen? Wer hat den Mut, ihn auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, geschlagen zu werden? Die dienstfertigen Rottenführer machten den Herrn Rat ganz sicher, daß sein Sieg außer allem Zweifel sei, und er hinwiederum versicherte sie seiner dankbaren Erkenntlichkeit. Der Obergespan hatte für den Herrn Rat im Komitatshause ein Absteigequartier bestellt, durch dessen rückwärtige Zimmer man schon das lufterschütternde Éljen vernehmen konnte, welches nach den Namen Köcserepy und Korondy ertönte. Szentirmays Leute schrieen nicht; auf der Beamten-Tribüne war noch niemand gegenwärtig, einige neugierige Patvaristen ausgenommen, welche über dieselbe hinwegschritten und diesen zur Liebe werden sie fürwahr ihre Lungen nicht anstrengen; sie überlassen diese Unterhaltung der Gegenpartei, welche ein Éljen bereit hält, so oft jemand den Kopf zum Fenster hinaussteckt. Köcserepy hörte also in sein Zimmer hinein ausschließlich nur das Rufen seines Namens und fragte mit strahlendem Gesicht seine Gattin, zu der er in seinem mit den Uhrknöpfen geschmückten Kriegsrock hereintrat: hörst du diesen rollenden Donner? Die Rätin reichte dem in den Kampf ziehenden Helden ihre Rechte, und sagte mit philosophischer Würde: – Die Popularität ist nie ein Geschenk des Glückes, sondern der Lohn des Verdienstes. Eveline gehörte zu den aufrichtigen Bewunderern der Verdienste ihres Gatten und war von der Überzeugung durchdrungen, daß das Vaterland und die Menschheit Herrn Köcserepy mehr Dankbarkeit schulden, als sie je abzutragen imstande sein werden. Der Rat drückte einen Kuß auf Evelinens Stirne, umarmte seine Tochter und hoffte, daß sie beide ihm vom Fenster zusehen werden. Wilmas Gesicht fühlte sich bei diesem Siegeskusse so kalt wie Schnee an, in ihrer Brust fand die Freude der Eltern kein Echo; als sie aus Vater und Mutter blickte, und sie in stolzen, zuversichtlichen Hoffnungen sich wiegen sah, stieg insgeheim der bittere Gedanke in ihrer Seele auf: »wie, wenn uns eine Demütigung bevorstände?« Die Rätin beobachtete mit Aufmerksamkeit das bleiche Gesicht ihrer Tochter, auf dem auch dieser Triumph kein Rot hervorzurufen vermag und sie folgerte daraus: »das Kind ist in jemand verliebt.« Sie hat einen starken Verdacht, daß dieser Jemand kein anderer, als unser Freund Emanuel sei. Das wäre ihr eben recht. Emanuel ist der liebenswürdigste junge Mann unter ihren Bekannten, er hat seine Studien glänzend beendet, seine Familie ist reich und von großem Einfluß, Wilma sieht ihn gern, hört ihm gern zu, wenn er über den Gignon der Familie, über den verhaßten Zoltán Karpáthi, seiner Lästerzunge freien Lauf läßt, und wenn ihm der Stoff ausgeht, fordert sie ihn noch auf: »wissen Sie nichts Schlechtes mehr über ihn?« Die philosophische Dame hatte keine Ahnung davon, daß frühzeitige Ausschweifungen aus unserem Freund Emanuel dasjenige gemacht, was man »übertünchte Fäulnis« nennt, daß Wilma niemand so verhaßt, so widerwärtig war wie er, und daß sie, wenn sie ihn auffordert, Zoltán in ihrer Gegenwart zu verleumden, dabei mit Entzücken an den Verleumdeten denkt und eine Lust darin empfindet, in ihrem liebenden Herzen ihn zu rechtfertigen. Je mehr man ihn herabsetzte, je aufsässiger man ihm war, um so fester umklammerte sie das Ideal, das sie von ihm im Herzen trägt und glaubte einen süßen Beruf darin zu finden, ihn gegen seine Feinde bei sich in Schutz zu nehmen. Der Herr Rat zog sein hofierendes Gefolge mit sich fort. Er war auch selbst neugierig, das Schlachtfeld, die Aufstellung seiner Truppen sich anzusehen und geruhte aus dem Fenster eines rückwärtigen Zimmers einen Blick in den Hof zu werfen. Diese Umschau verdarb ihm gewaltig seine gute Laune. Ein einziger Blick belehrte ihn, daß seine Cortesführer entweder sich selbst oder ihn getäuscht hatten, indem sie den Sieg als unzweifelhaft hingestellt hatten. Es war im Gegenteil deutlich auszunehmen, daß die Anhänger Szentirmays die seinigen an Kopfzahl übertrafen; andere Augen hätten allerdings darüber sich täuschen können: die Haufen der Weißfedrigen über den weiten Hof zerstreut, mit ihren in die Hunderte gehenden Fahnen, schienen noch einmal so zahlreich, als die dicht gedrängte Phalanx der Szentirmayschen; allein Köcserepy wußte auf einen Blick das Stimmgewicht beider Lager abzuschätzen, das bei dem Gegner kaum um weniger als einige hundert Stimmen überwog. Zudem hatten diese die günstigeren Stellungen inne. Hier kann nur List helfen. Die Cortesführer nahmen durch das ewige Lächeln des gnädigen Herrn den unangenehmen Eindruck wahr, und trachteten ihn durch die, neue Hoffnung gebende Versicherung zu verwischen, daß ja der Kokánfalver Adel noch nicht da sei, da er außerhalb der Stadt lagerte; wenn der einrückt, werde das numerische Übergewicht der Gegner reichlich aufgewogen. Köcserepy fing trotzdem an, das Gefühl zu haben, als gingen die Uhren auf seiner Brust zu schnell. Oder war es vielmehr sein Herz, das so rasch schlug? Er schickte die Rottenführer zu seinen Getreuen hinab, und ging selbst, dem Herrn Obergespan seine Aufwartung zu machen. Wie ein flüchtiger Gedanke durchzuckte es sein Gehirn, daß diese Menschen durch die bloße Gewalt des Wortes einen größeren Erfolg zu erringen gewußt, als er mit all seinem verschwenderischen Kostenaufwande, daß sie mit leeren Händen mehr vermögen, als er mit seinen Schätzen! – O, um wie viel gründlicher würde er sie noch hassen, wenn der Gedanke in seinem Herzen Platz greifen könnte, daß sie hoch über ihm stehen. Bei dem Obergespan waren die hervorragenden Ständemitglieder schon zur Aufwartung versammelt, die Häupter beider Parteien, welche gegenseitig bemüht waren, eine der andern und beide dem Obergespan lästig zu fallen. Während Herr Köcserepy seine Bekannten der Reihe nach anlächelte, flüsterte Korondy ihm leise ins Ohr: – Es wäre gut, um den Kokánfalver Adel zu schicken, denn die Gegenpartei wird darauf antragen, daß sogleich zur individuellen Abstimmung geschritten werde. Diese Mitteilung erschreckte Köcserepy nicht wenig. Bei einer Stimmenzählung werden die Thore geschlossen und jeder Votant wird einzeln durch ein Pförtchen, an welchem Komitatshaiducken als Wache aufgestellt sind, zum Hof hineingelassen. Wer daher bei Beginn der Abstimmung sich schon außerhalb der geschlossenen Thore befindet, kann natürlich nicht mehr herein. Der Rat winkte Emanuel herbei, und gab ihm den Auftrag, sich aufs Pferd zu werfen, in gestrecktem Galopp nach der » Térjkineki -Csárda hineinzureiten und Bogozy zu sagen, daß er seine Leute, so wie sie sind, auf Wagen lade, und sie eiligst an Ort und Stelle schaffe, sonst verlieren sie das versprochene Diurnum. Emanuel gehorchte unverzüglich und jagte in desperater Eile zur Stadt hinaus, wie einer, der aus einer hart bedrängten Besatzung als Eilbote nach Entsatztruppen, von deren rechtzeitigem Eintreffen das Schicksal der Festung abhängt, ausgesandt ist. Mittlerweile besprachen der Ober-, der Vizegespan und der Rat sich heimlich miteinander; der plausibelste Plan war, die Eröffnung des Wahlaktes diplomatisierend so lange hinauszuziehen, bis die erwartete Verstärkung angelangt sein werde. Zu diesem Behufe mußte der Obergespan plötzlich eine wichtige Depesche von irgendwoher erhalten, sie sogleich durchlesen und sich entschuldigen, daß er genötigt sei, die Stände zu verlassen und sich auf einen Augenblick in seine Gemächer zurückzuziehen. Hierauf mußten die Notäre in großer Hast durch die Säle eilen, als wären sie mit höchst dringenden Geschäften von dem Herrn Obergespan beauftragt, der von Zeit zu Zeit an der Thüre erschien und die murrenden Stände um Entschuldigung bat, daß er noch einige Minuten sich absentieren müsse. Während dieses diplomatischen Notenwechsels fing das unten befindliche Wählerpublikum an, ungeduldig zu werden; es war bereits zehn Uhr vorüber und es fehlten nur mehr zwei Stunden zur Zeit, um welche die Dorfleute ihr Mittagsmahl einzunehmen pflegen, aus dem wahrscheinlich ein Vesperbrot wird, wenn die vornehmen Herren dort oben noch lange auf sich warten lassen. Der Adel begann anfangs nur zu murren, später laut zu schreien, beide Parteien ließen ihre Kandidaten leben und es entstand ein so greulicher Lärm, daß die Fenster oben im Sitzungssaale davon erzitterten. Endlich sprang Tarnaváry, der überall auf Kohlen zu sitzen schien, auf, stieß die vor dem Zimmer des Obergespans an der Thüre stehenden Haiducken rechts und links auf die Seite und drang gewaltsam hinein. Köcserepy und Korondy standen dort am Fenster in ungeduldiger Erwartung, ein Haufen junger Leute umgab den Obergespan mit dem Ausdruck schrecklicher Langweile auf den Gesichtern, der Obergespan selbst saß auf dem Sofa und schien in einem zusammengebogenen länglichen Papier mit großer Aufmerksamkeit zu lesen. Er hatte es eben in die Hand genommen, als Tarnaváry ins Zimmer trat. – Excellenz, sagte Tarnaváry, mit der Hand durch den verschwitzten Haarschopf fahrend, werden entschuldigen, wenn ich so zur Thüre hereinfalle, allein ich bin genötigt Euer Excellenz darauf aufmerksam zu machen, daß die Zeit vergeht und daß der versammelte Adel draußen ungeduldig zu werden anfängt. Der Obergespan zuckte mit den Achseln und fuhr fort, aufmerksam in dem zusammengebogenen Papier zu lesen. Tarnaváry nahm sich vor, jetzt mit großer Kaltblütigkeit zu sprechen. – Ich bitte Euer Excellenz in Betracht zu ziehen, welche schlimmen Folgen aus einem längeren Zögern entspringen können. Der unten versammelte Adel wartet seit frühem Morgen, ein Teil desselben ist zwar mit Branntwein vollgetrunken der größere Teil aber ist noch mit nüchternem Magen. Die Leute murren, lärmen und fangen schon an miteinander zu zanken; wenn Excellenz nicht unter ihnen erscheinen, so weiß ich nicht, was geschieht; es wird eine furchtbare Schlägerei ausbrechen, die über uns alle Schande bringt. Der Herr Obergespan gab hierauf keine Antwort, sondern las ruhig weiter in der wichtigen Schrift die er in der Hand hielt, statt seiner aber gab Herr Köcserepy durch stumme Gebärden zu verstehen, daß Seine Excellenz jetzt sehr occupiert sei. – Hat der Herr Obergespan Geschäfte? fragte Tarnaváry. – Wichtige, dringende, unaufschiebbare Geschäfte, flüsterte Köcserepy leise, um Se. Excellenz nicht in seinen wichtigen Gedanken zu stören. Doch um so lauter sprach Tarnaváry! – Nichts ist wichtiger als die gegenwärtige Angelegenheit. Keine andere Obliegenheit geht ihr vor und ich mache Euer Excellenz ernstlich aufmerksam auf diese heilige Pflicht. Irgend ein unglücklicher Sekretär des Obergespans hatte hierauf den Einfall aus irgend einem Ofenwinkel hervorzurufen: – Ich erlaube mir den Herrn Septemvir daran zu erinnern, daß wir uns hier in den Zimmern des Herrn Obergespans befinden. Tarnaváry warf dem Sprecher einen niederschmetternden Blick zu. – Belieben Sie sich niederzusetzen, mein Herr, von wo Sie aufgestanden sind. Das hier ist nicht das Haus des Obergespans, sondern das Komitatshaus, und der Herr Obergespan ist ebensogut ein Diener des Landes wie Sie der seinige. Der Obergespan las noch immer und zuckte mit den Achseln. Tarnaváry nahm sich vor, so sanft zu bleiben wie ein Lamm. – Excellenz, ich anerkenne Ihre patriotischen Verdienste ... Der Obergespan schlug ein neues Blatt um und hörte nicht. Diese Nichtachtung brachte das Lamm Tarnaváry plötzlich so in Wut, daß er nicht mehr sah und hörte; das gewaltsam zurückgedrängte Blut schoß ihm alles zu Kopf: im Nu, ehe jemand nur daran denken konnte, hatte er dem Obergespan die Schrift aus der Hand gerissen und warf sie so zu Boden, daß alle Blätter auseinanderflogen. – Ah, das ist Gewaltthätigkeit! Violentia! crimen laesae! crimenmajoris potentiae! riefen die im Zimmer Befindlichen und stürzten über die auf dem Boden liegenden Blätter her, um sie aufzuheben. Es war schon zu spät; Tarnaváry hatte bereits herausgefunden, was es war. Das wichtige, dringliche Aktenstück war nichts anderes, als ein Heft des illustrierten Charivari, das soeben mit der Post angekommen war, und an dem der Herr Obergespan in seinen Mußestunden viel Vergnügen zu finden pflegte. Es gelang Tarnaváry eine Nummer davon zu erwischen. – Ah, das also sind die dringenden Depeschen! die wichtige Angelegenheit! die unaufschiebbare Lektüre, derentwegen der gesamte Adel warten muß, und vor der die öffentlichen Angelegenheiten in den Hintergrund treten müssen? Guten Tag, meine Herren, guten Tag. Das ist eine schöne Geschichte! Diese letzten Worte sagte Tarnaváry schon im Sitzungssaale, den geraubten Charivari wie eine vom Feinde erbeutete Fahne hoch in der Luft schwenkend. – Hier, löbliche Stände, ist die überaus wichtige diplomatische Note, von welcher die Geschicke ganzer Länder abhängen, derentwegen die Komitatsnotäre so rennen mußten, daß sie sich bald den Hals gebrochen hätten. Das also ist die dringende Botschaft, welche ein Courier dem Herrn Obergespan überbracht hat. Bitte, belieben Sie zu lesen, damit Sie zur Sache sprechen können. Urteilen Sie selbst meine Herren, da ist die wichtige Depesche! Während ein Teil der im Saale befindlichen hervorragenden Ständemitglieder sich entsetzte und die übrigen in ein schallendes Gelächter ausbrachen über die Beute des Lammes Tarnaváry, hatte draußen die Mißstimmung des niedern Adels den höchsten Grad erreicht. Die Weißfedrigen waren des Schreiens, die Führer des Beschwichtigens schon müde geworden, und die Wähler der Szentirmayschen Partei fingen an einstimmig die Votisation zu verlangen. Man konnte als gewiß annehmen, daß im Wege individueller Abstimmung ihnen der Sieg bleiben würde. Die Wahl durch einfache Akklamation konnte der Köcserepyschen Partei gleichfalls nicht helfen, denn ihre Gegner standen näher am Balkon. Schon lange ärgerte sie sich über ihre schlechten Plätze und einzelne Haufen hatten schon zu wiederholten Malen versucht, sich vorzudrängen, allein dort herrschte so feste Ordnung, daß sie die geschlossenen Glieder nirgends durchbrechen konnten und immer wieder genötigt waren, zurückzuweichen. Der Zufall pflegt häufig die schlimmsten Auskunftsmittel an die Hand zu geben. In einem Winkel des Hofes war ein großer Stoß Backsteine aufgeschichtet, die für einen beabsichtigten Zubau in Bereitschaft gehalten wurden: anfänglich benutzten die Herren Wähler diese Ziegelhaufen nur dazu, hinaufzuklettern und von dort herab zu lärmen; später jedoch, als die Gegenpartei anfing, auf Abstimmung zu dringen, machten sich einige eine Unterhaltung daraus, einzelne Backsteine in die Reihen der Gegner zu schleudern, um diese auf andere Gedanken zu bringen. Der Einfall war nicht schlecht, denn bei den dicht geschlossenen Gliedern der letzteren konnte es nicht fehlen, daß jeder Wurf seinen Mann traf. Nichts ist ansteckender, als schlechtes Beispiel; die berauschte, irritierte Menge hatte nur eines solchen Signales bedurft und eröffnete nun, als hätte sie nichts besseres thun können, ein Bombardement mit Ziegelsteinen auf die Gegenpartei. Dadurch entstand nun ein höllischer Lärm; die Leute der Szentirmayschen Partei wollten nicht weichen und fingen nun an, sich ihrer Bleistöcke und Csákánys zu bedienen, um die Angreifer zurückzuschlagen; einige Fahnen hatten sie schon erbeutet und schlugen nun mit den Fahnenstangen auf den Rücken der Fahnenträger los; in dem dichten Gedränge wäre nun unfehlbar ein mörderisches Handgemenge entstanden, wären nicht Szentirmay selbst und Karpáthi inmitten ihrer Getreuen erschienen und hätte nicht Zoltán, von den Wählern auf ihre Schultern gehoben, in einer den tobenden Lärm übertönenden Ansprache seine Wähler aufgefordert, alsogleich den Hof des Komitatshauses zu verlassen und gegen den ungesetzlichen Friedensbruch zu protestieren. Seine nüchternen Wähler fanden diesen Rat sehr vernünftig und begannen sofort durch das Hausthor sich hinauszudrängen. Die Gegenpartei wurde hierdurch noch übermütiger und stürzte mit entfesselter Wut auf die Abziehenden los; der letzte Rest von Ordnung und Disciplin war geschwunden; »haut zu! schlagt drein!« erscholl es von allen Seiten, die ergrimmte, trunkene Schar trieb die Entweichenden vor sich her, deren Hintermänner nur dadurch der Gefahr erschlagen zu werden entgingen, daß sie die Federn, wodurch sie kenntlich wurden, von ihren Hüten entfernten und in das Geschrei: haut drein! schlagt zu! mit einstimmten, bis sie alle auf der Gasse draußen waren. – Da ließ sich ein Ruf vernehmen: »Man muß sie zur Stadt hinausschlagen!« Der kühne Gedanke fand sogleich Anklang. – Hinaus mit ihnen zur Stadt! Bis nach Hause muß man sie verfolgen! Diese nehmen die Sache auch nicht als Spaß; sehend, daß dies eine schlechte Unterhaltung, laufen sie, was das Zeug hält, jeder, wo er hinaus kann; die Verfolger immer hinterdrein, bis ans Ende der Stadt, ja um Wort zu halten, bis hinaus auf die Landstraße. Sie werden ihre Gegner bis nach Hause jagen. Ein Haufen der betrunkensten Raufbolde war inzwischen mit Knütteln bewaffnet, die Treppe des Komitatshauses hinaufgestürmt; die an der Thüre Wache stehenden Heiducken zu Boden schlagend, drang er in den Vorsaal hinein, sprang dort auf Tische und Stühle und brüllte aus voller Kehle: »Nieder mit den Magnaten!« Einige stürzten auf die Thüre des Sitzungssaales los, und da sie dieselbe verschlossen fanden, stemmte sie ihre Schultern an, um sie aufzusprengen. Plötzlich ging die Thüre auf und vor den Rasenden stand Tarnaváry. – Halt! brüllte er ihnen mit donnernder Stimme zu, daß sie erschreckt mit einmal verstummten. – Wißt ihr nicht, daß dieser Ort geheiligt ist! daß dieser Saal der Saal des Landes! Hinaus mit euch, ihr Gottlosen! Auf der Stelle hinaus! Der erste, der es wagt, diese Schwelle zu überschreiten, den spalte ich mit diesem Säbel mitten entzwei. Es war nun allerdings sehr problematisch, ob dieser Säbel in der Verfassung war, aus der Scheide gezogen zu werden. Die Drohung war jedoch mit solcher Entschiedenheit vorgebracht, daß die Herren Cortes es für gut fanden, sie ernst zu nehmen, und ohne einen neuen Sturm auf den Sitzungssaal zu unternehmen, von Tischen und Stühlen herabsprangen und hübsch zum Vorsaal hinauszogen, nur ein und der andere Matador blieb noch an der Thüre stehen, und fing an, von da aus zu perorieren, wurde aber von Tarnaváry so überschrieen, daß er selbst nicht hörte, was er sprach. Dann zog auch er ab und folgte den übrigen. Tarnaváry kehrte zitternd vor Wut in den Sitzungssaal zurück. Der Obergespan trat eben mit den Herren, die bei ihm gewesen, und von denen keiner während des skandalösen Auftrittes zum Vorschein gekommen war, aus seinem Zimmer. Er lächelte so diplomatisch unbefangen, als ob gar nichts vorgefallen wäre. – Ezcellenz! brüllte ihm Tarnaváry entgegen: ich protestiere gegen diesen Verfassungsbruch und lege Verwahrung ein gegen alle Konsequenzen des rohen Gewaltaktes. – Wir protestieren; liefen von allen Seiten die Parteigenossen Szentirmays, was der hochgeborene Herr Präses ebenso beachtete, als hätte man in der Residenz einem gelungenen Ensemble der italienischen Oper Beifall geklatscht. Er trat hübsch ruhig auf den Balkon heraus und nahm dort den ihm bestimmten Sitz ein. Im ganzen Hof befanden sich nur mehr einige Marodeure der Köcserepyschen Lagers, einige zahnlose, alte Cortes, die für ihre Knochen besorgt waren, und einige vernünftigere Honoratioren, die es unter ihrer Würde hielten, sich auf der Gasse herum zu prügeln. – Ezcellenz, redete Szentirmay den Obergespan an, glauben Excellenz, daß am heutigen Tage dieser konstitutionelle Akt zu Ende geführt werden kann? Der Präses hatte Szentirmay gegenüber wenigstens so viel Rücksicht, die Frage einer Antwort zu würdigen. – Praesentes concludunt . (Die Anwesenden beschließen.) Rudolf warf einen sarkastischen Blick auf die wenigen im Hofe zerstreuten Wahlmänner und zog sich zurück. Die zu ihm Haltenden beschlossen männiglich, das Komitatshaus mit ihm zu verlassen. In diesem Augenblick erschien Bogozy mit seinen Kokánfalver Getreuen. Es mochten ihrer im ganzen dreihundert sein. Sie zogen zum rückwärtigen Thore herein in den Hof, von dem, was draußen vor dem ersten Thore sich begeben hatte, wußten sie nichts. Der Einzug erfolgte in schöner Ordnung. Voraus ritt unser Freund Emanuel, der in diesem Augenblick sich für die wichtigste Person hielt und auf die aus den Fenstern herab sehenden Damen und besonders die schöne Wilma stolz mit dem Säbel salutierte: welchen Sieg bringt er mit sich! Nach ihm kommt Bogozy; ein handbreites Band flattert vom Hut über den Rücken herab, in der Hand trägt er einen Stock mit ehernem Kolben, in dem Leibriemen steckt der mit Lederfranzen geschmückte Tabaksbeutel. Auch die übrigen Landsleute sind bunt herausstaffierte verwegene Burschen, die eine Hand hält den Csákány, die andere den glucksenden Kulacs: es ist eine Lust sie zu sehen. Man begrüßt sie auch von allen Seiten, vom Balkon, aus den Fenstern; die Damen schwenkten ihre Taschentücher und Köcserepy seinen Kalpag. Was für prächtige Leute! Der Obergespan läßt sogleich das verhängnisvolle » vox « auf die schwarze Tafel schreiben. Der Zug marschiert in Paradeschritt an der Tribüne des Obergespans vorüber, dort stellt Bogozy sie in militärischer Ordnung auf und als sie in Reih und Glied stehen, giebt er ein Zeichen mit seinem Feldherrnstab, worauf aus dreihundert Kehlen zugleich der Ruf erschallt: »Éljen Szentirmay und Karpáthi!« Was war das? was soll das sein? ist's ein Traum? sprechen die Zungen verkehrt oder hören die Ohren nicht recht? Die auf der Tribüne Stehenden entfärben sich, der Obergespan fährt von seinem Stuhle auf, als wäre eine Bombe unter ihm geplatzt und gebietet mit beiden Händen Stille, worauf das furchtbare Éljengebrüll nur noch stärker wird. Bogozy hebt seinen Streitkolben in die Höhe, auf welches Zeichen der ganze Haufen plötzlich verstummt. Er weist mit dem Kolben seines Stockes auf die schwarze Tafel: » vox !« und dann gegen die Thore. – Man muß die Thore schließen. – Nein, nein, das darf nicht geschehen, rufen die auf der Tribüne herab, worauf Bogozy mit seiner Stentorstimme hinaufbrüllt: Praesentes determinant ! (Die Anwesenden bestimmen.) Bei diesem Worte konnte Tarnaváry unmöglich der Versuchung widerstehen, hell aufzulachen. – Ihre eignen Worte, Excellenz! sagte er, an den Stuhl des Obergespans hinantretend, dessen Lehne er mit der einen Hand ergriff, während er mit der andern auf das vor ihm liegende Papier zeigte, auf welches der Präses zum Zeitvertreib und um die Feder zu probieren, zehn-, zwölfmal die Worte hingekritzelt hatte: praesentes concludunt . – Laßt die Thore nicht zumachen! schrie Korondy den wachestehenden Heiducken zu. Ein paar derselben wollten Folge leisten, womit sie jedoch nur erreichten, daß man sie hinausschob und dann beide Thorflügel zumachte, nachdem man vorher gefragt hatte, ob vielleicht noch jemand hinauszugehen wünsche, von welcher Erlaubnis auch einige ängstlichere Individuen, welche sich fürchteten auf dem Kampfplatz zu bleiben, Gebrauch machten. Nur Emanuel machte noch einige Sprünge. Im stolzen Vertrauen auf seinen Samtdolmány und sein pelzverbrämtes Mente, an denen es niemand wagen würde sich zu vergreifen, und sein Pferd herumwerfend, machte er wiederholte Anstrengungen, den verräterischen Haufen zu haranguieren, brachte es aber nie weiter, als zu der Anrede: »Meine Freunde, meine lieben Freunde!« Niemand horte auf ihn. Er hatte ein so schönes buntes Band auf seinem Kalpag, die Frau Rätin selbst hatte es zu einer Kokarde verschlungen und, als er mit Mente und Säbel vor ihr erschien, ihm gesagt: »Sie sind mein Ritter!« Zu diesem Rittertum muß er sich nun die Sporen verdienen. Die schönen Damen blicken alle auf ihn. Er allein ist es, der noch Köcserepys Sache retten kann. Mit gezogenem Säbel an das Thor hinan reitend, fängt er an zu schreien: – Öffnet das Thor! Wer mir in die Nähe kommt, ist ein Kind des Todes! Anfangs hörten sie nicht auf ihn, bis endlich Bogozy sich seiner erbarmte. – Setzt doch den jungen Herrn vor die Thüre, wenn er gar so sehr darum bittet. Im Nu hatten sie »meinen Ritter« vom Pferde gezerrt, ihm den Säbel aus der Hand gewunden und sein mit Schwanenpelz ausgelegtes Mente heruntergerissen, worauf sie ihn wie eine Katze kopfüber zum Thore hinauswarfen. Niemand fragte weiter nach ihm. Inzwischen, damit bis zum Beginne der Ceremonie die Zeit nicht unnütz verstreiche, ließ von Zeit zu Zeit ein und das andere stimmbegabtere Mitglied des ehrsamen Wahlkörpers sich herbei, zur Erheiterung der Versammlung einige erbauliche Stegreifreime mit Begleitung des Fokos abzusingen. Zuerst erhob ein alter Cortes mit gekrümmtem Nacken und grauem Schnurrbart seine Stimme, nach jeder Zeile alle Anwesenden der Reihe nach triumphierend anblickend. Herr Köcserepy ist ein Kavalier! Seine vielen Thaler gefallen mir. Keine Hemdkragen brauchen wir. Geh nach Pest als Maurerpolier. Der Alte wischte sich den Mund ab und der Haufen begleitete die einfältigen Verse mit einem furchtbaren Éljen. Ein kecker junger Cortes löste ihn ab, den Hals trotzig hin und her drehend, während er den Vers sprach: Köcserepy und Korondy Die Katz' im Sacke kauften sie Wir tranken lustig ihren Wein, Und lassen sie jetzt begraben sein. Die Kokánfalver sind berühmte Dichter in diesem Genre. Ein Dritter, der schon so etwas von einem Notarius war, fiel ein: Szentirmay Karpáthi – Das Vaterland lieben sie, Korondy, Köcserepy – Des Landes Wohl kümmert sie nie. Wozu ein Vierter sogleich hinzu improvisierte – »Mein Herr Köcserepy ist nur ein solcher Rat, Den niemand um Rat je noch fragen that« Man kann sich denken, daß dieser Scene nicht mehr von den Fenstern zugesehen ward, die Rätin fiel in Ohnmacht, die Frau Obergespanin wurde unwohl; welcher Schimpf, welcher Skandal! – Mit einem solchen versoffenen, betrunkenen Haufen laßt sich kein konstitutioneller Akt vornehmen, sagte Köcserepy mit entfärbten Lippen. O die lieben, schmucken, prachtvollen Jungen, diese wackeren, herrlichen Burschen von früher, wie ist jetzt mit einmal ein roher, betrunkener Haufe aus ihnen geworden. Und doch haben sie seitdem keinen Tropfen Wein getrunken. Auch vordem hatten sie nicht Szentirmays Wein getrunken, und wenn sie besoffen sind, so hat nicht er ihnen den Rausch angezecht. Der Neid selbst kann nicht sagen, daß Szentirmay sie erkauft hat, sie haben Köcserepys Wein getrunken. Undankbare Wortbrüchige! Das ist der rechte Name für sie. Fünf Gulden erhielten sie pro Kopf und haben doch ihre Seele nicht verkauft. Die Herren dort oben waren in grenzenloser Verwirrung: Die ganze Streitmacht der Weißfedrigen trieb sich draußen in den Gassen herum, Szentirmays geschlagene Truppen zur Stadt hinausjagend, und als sie von der Gefahr Kunde erhielten, waren die Thore versperrt; das auf die schwarze Tafel geschriebene Wort ist unwiderruflich. Was läßt sich hier thun? – Der wackere Führer der Kokánfalver soll auf ein Wort herauf in den Saal kommen! wurde vom Balkon herabgerufen. Die nemes emberek (Edelleute), nichts Gutes ahnend, wollten nicht zugeben, daß Bogozy hinaufgehe. – Und wenn das ganze Haus voll feuriger Drachen wäre, würd' ich hinaufgehen! sagte mit stolzer Zuversicht der Scythenhäuptling, und indem er seinen Unterfeldherrn das Kommando übertrug, begab er sich hinauf ad audiendum verbum – mit vorgehaltener Streitkolbe. Köcserepy lief ihm entgegen und faßte ihn schon unter der Thüre ab. – Was haben Sie gethan, unglückseliger Mensch! fuhr er ihn zähneknirschend an. – Wenn Euer Gnaden wissen wollen, was ich gethan, so will ich es sagen: Euer Gnaden und dero Spießgeselle Maßlaczky haben meine zehn Krallen dazu mißbraucht, Zoltán Karpáthi zu Grunde zu richten; denn wenn ich den verfluchten Prozeß ihm nicht abgeschrieben hätte, säßen Euer Gnaden nicht in Karpáthfalva: deshalb mache ich wieder gut, was ich gegen den wackern Patrioten gefehlt habe, den Gott lange erhalten möge. Das ist's, was ich gethan habe, gnädiger Herr. – Sie haben mich schändlich, niederträchtig betrogen; Sie sind ein, ein ... – Mäßigen Sie sich, illustrissime ! Bedenken Sie, daß ich aus Kokánfalva bin, und ein Kokánfalver läßt selbst vom Geistlichen sich keine Strafpredigt halten, außer in der Kirche. Damit ließ er den Rat stehen, ohne ihn weiter anzusehen und ging geradeswegs zum Obergespan. Vor diesem verbeugte er sich so anständig als er vermochte und stand dort in gerader Haltung, beide Hände vor sich auf den Knopf seines Stockes gestützt. Die Köcserepyschen umstellten ihn so, daß es Tarnaváry trotz aller Bemühungen nicht gelang, bis zu ihm durchzudringen. Der Präses sprach viel zu dem vor ihm stehenden wilden Scythen, teils aber so leise, teils mit so schlechtem Accent, auch ein wenig stotternd, daß derjenige, welcher nicht daran gewohnt war, nicht herausfinden konnte, welches Idioms der indo-germanischen Sprachenfamilie er sich eigentlich bediente. Bogozy hörte ihn ruhig an, er wartete, ohne drein zu reden, ruhig das Ende der Rede ab, mit deren Inhalt er stellenweise sogar sehr zufrieden zu sein schien; überhaupt ließ er während der ganzen Peroration, die ihm gehalten wurde, nicht den geringsten Ausdruck eines Zweifels, Widerspruches oder einer unehrerbietigen Aufwallung auf seinem Gesichte merken, sondern stand andächtig dort bis zum letzten Wort der langen Rede, wo dann Se. Excellenz der Präses sich wieder in sein Mente hüllte, in der festen Überzeugung, diesen Menschen nun wieder auf den rechten Weg gebracht zu haben. Auf das hatte Bogozy nur gewartet, um jetzt mit aller Unterwürfigkeit und Pietät in gebrochener Stimme das zum Schluß aufgesparte demütige Geständnis zu machen: – Illustrissime , ich habe von der ganzen schönen Rede kein Wort verstanden, ich bin schwerhörig. Wir wissen nicht, welcher Schutzgeist in diesem Momente Bogozy davor bewahrte, von den Köcserepyschen am Nacken ergriffen und kopfüber den Balkon hinabgeworfen zu werden. So viel ist gewiß, daß ihrer fünf bis sechs auf einmal in ihn hineinzusprechen anfingen, und daß dies kaum eine Erklärung der Rede war. Bogozy that, als verstünde er nichts, obwohl die Redner ihm ihre Fäuste dicht unter die Nase hielten. Alle Reden wurden aber von der kreischenden Stimme Tarnavárys übertönt. – Hören Sie auf niemand, Bogozy, diese Herren wollen nur Zeit gewinnen. Ihre Leute haben die unsrigen angegriffen und in einer mörderischen Schlägerei auf die Gasse hinausgetrieben; die gnädigen Herren ließen das geschehen und möchten den Skandal jetzt wieder erneuern: sie wollen die Thore offen lassen, um Ihnen ihr wütendes Heer auf den Hals zu schicken. Auf das warf Bogozy seine kupferige Nase noch einmal so hoch in die Höhe und zeigte mit emporgehaltener Hand, daß jetzt auch er sprechen wolle. – Ich habe das schöne Wort verstanden, gnädiger Herr. Das also ist ihre Absicht, die draußen rumorenden feindlichen Haufen durch die geöffneten Thore auf uns loszulassen. Nun die hoch- und wohlgeborenen Herren sind wohl nicht unbekannt mit der berühmten Chronik des Kokánfalver Adels; wer sie aber nicht kennen sollte, dem will ich etwas daraus erzählen. Seitdem Arpád sich hier im Lande niedergelassen, waren die adeligen Recken von Kokánfalver immer berühmte Raufbolde. Da sie von ihrem heidnischen Gottesdienst nicht lassen wollten, schlugen sie noch unter König Andreas II. einigen großen Herren die Köpfe ein und führten Krieg, sie allein, gegen das ganze Biharer Komitat, weil dieses in einer Grenzstreitigkeit ein ungerechtes Urteil gefällt hatte. Unter König Bela IV. wagten sich nur zwischen die Kokánfalver Moräste die Tataren nicht herein, und die sich etwa hineinwagten, kamen nicht mehr lebendig hinaus. Dózsas Bauernheer mit seinen Tausend und Abertausenden wurde von dieser Ortschaft allein unter Ladislaus Dobzse in die Flucht geschlagen und so viele verschiedene Herren auch, seit den Trauertagen von Mohács, diese Gegend in Besitz nahmen, hat doch keinem derselben Kokánfalva je einen Tribut entrichtet, noch einen Bissen Brot geliefert; keines Menschen Sohn hat sich je unterfangen herzukommen, um hier den Herrn zu spielen, ohne hinausgeprügelt zu werden, sogar kein Stuhlrichter hat sich in der Gegend gezeigt seit Menschengedenken. Bei der letzten Raaber Insurrektion hat der ganze übrige Adel den französischen Truppen den Rücken gezeigt, die Kokánfalver hielten auch hier Stand und schlugen mit ihren Fokoschen so in die gepanzerten Kürassiere hinein, daß diese zu ihrem Kaiser Napoleon sich beschweren gingen: »Wir wissen nicht, was das ›Krumme‹ ist, aber es ist ein verteufeltes Ding!« Dies »Krumme« ist auch jetzt in ihrer Hand, und diese Hände sind auch jetzt noch so kräftig, wie die ihrer Vorfahren, und auf die Kunst des Köpfeeinschlagens verstehen wir uns noch jetzt so gut, wie während der letzten achthundert Jahre. Wenn daher die hoch- und wohlgebornen Herrn es wünschen, daß wir unsere Stimme im hergebrachten ordentlichen Wege abgeben, so wollen wir das thun, rechtschaffen, wie sich's gehört; wenn es ihnen aber besser dünkt, die Sache mit der Faust entscheiden zu lassen, nun so sind wir auch dazu bereit, wir öffnen das Thor, und ich gelob' es, bei den Klageliedern Jeremiä, daß wir die Weißfederigen so hinwegfegen werden, als wären sie nie dagewesen. Diese schöne Rede wurde bis in den Hof hinab gehört. Die Kokánfalver erhoben zur Verherrlichung ihres geschichtlichen Ruhmes ein furchtbares Gebrüll, aus dem wenigstens zu entnehmen war, daß sie allerdings Lust hätten, den Ruhm ihrer Väter mit einer neuen Heldenthat zu vermehren. Die eine wie die andere Partei war in der größten Verlegenheit, Szentirmay lief zum Obergespan hin. – Excellenz, im Namen der Menschlichkeit flehe ich Sie an, machen Sie diesem unnatürlichen Kampfe ein Ende, vertagen Sie die Wahl, entlassen Sie die Wähler, sonst werden heute hier die schrecklichsten Dinge geschehen. – Geschehe was da wolle! schrie Tarnaváry trotzig dazwischen; diejenigen, welche mit einer Prügelei den Hof verließen, dürfen nicht wieder herein. Excellenz haben es selbst ausgesprochen: die Anwesenden beschließen; belieben Sie also den Beschluß der Anwesenden zu vernehmen. Dort unten rief man einstimmig: »Éljen Szentirmay, Karpáthi!« Nicht eine Stimme ließ Köcserepy leben. – Hören Sie die Acclamation der Anwesenden? sagte Tarnaváry dem Obergespan ungestüm auf den Leib rückend. Der Obergespan wies kaltblütig mit der Hand nach dem aus der Tafel geschriebenen Wort: » vox !« – Wozu bedarf es hier einer Abstimmung, da niemand für die Kandidaten der Gegenpartei sich ausspricht. Der Obergespan zeigte wieder auf die Tafel. – Excellenz, sagte Rudolf ganz außer sich; es ist unmöglich, daß Excellenz jetzt die Abstimmung vornehmen lassen; wenn diese Leute einzeln auf die Gase hinausgelassen werden, werden sie ja von den erbitterten Gegnern draußen auf der Stelle erschlagen. Der Obergespan zuckte mit den Achseln und ernannte mit kalter Ruhe die Mitglieder der Stimmen-Einsammlungskommission. Draußen auf den Gassen war schon das wilde Gebrüll der Ausgeschlossenen zu vernehmen, die, von der Verfolgung zurückgekehrt, die Thüre versperrt fanden und durch die Entschlüpften schon von dem Verrat der Kokánfalver unterrichtet waren, die jetzt allein das Wahlfeld usurpierten. »Man muß die Thore mit Wagen einrennen!« brüllte man draußen und bald darauf konnte man hören, wie man schwere Lastwagen gegen das versperrte Thor stieß, mit Äxten an dessen Klammern herumhämmerte und mit Steinen die Fenster des Komitatshauses einwarf, aus welchen alle Zuschauer bestürzt die Flucht ergriffen. – Belieben Sie zur Abstimmung zu gehen! winkte der Obergespan. – Belieben Sie abzustimmen! sprachen Köcserepy und seine Getreuen ihm nach, sich mit boshafter Schadenfreude gegen Bogozy wendend, welchen Rudolf und Zoltán an diesem gewagten Schritt zu verhindern suchten, sich bereit erklärend, lieber zurücktreten zu wollen, als die Herbeiführung eines solchen Auftrittes zuzulassen. – Man wird euch draußen alle umbringen! sagte Zoltán, Bogozy umklammernd und für ihn und seine Genossen zitternd. Das war kein Argument, welches Bogozy hätte besiegen können. – Überlassen Sie das uns! sagte er übermütig und ging der erste zum Abstimmungstisch hin, welcher hinten im offenen Gange aufgestellt war. Vor diesem Tisch mußte jeder seine Stimme abgeben und dann zur kleinen Thüre des Komitatshauses hinausgehen, an welche draußen mit Beilen und Bleistöcken losgehämmert wurde. Bogozy besprach sich dort leise mit seinen Leuten, und wählte sich die ersten fünfzig aus, welche zur Abstimmung gehen sollten; unter der kleinen Pforte wartete er hübsch, bis alle fünfzig abgestimmt hatten, dann spuckte er sich in die Hände, packte den Buzogány fest und öffnete die Thüre. – Schlagt ihn tot! war der erste Ruf, der ihn draußen von allen Seiten empfing, als er hinaustrat. – Und wer wird mich totschlagen? fragte Bogozy, indem er seinen Buzogány im Kreise herumschwenkte und stürzte mit seinen fünfzig Mann unter die Menge, nach rechts und links dreinschlagend und überall blutige Köpfe austeilend. – Ihr seid gegen den Kokánfalver Adel gekommen? brüllte die kleine Schar, wie ein feuriger Drache unter die Gegner fahrend. Ihr wollt mit uns anbinden? Krieg wollt ihr haben? Da habt ihr Krieg, da habt ihr Schläge! Von Minute zu Minute kamen immer mehr und mehr Kokánfalver vom Komitatshaus heraus, die Schlägerei wurde immer blutiger, man rannte sich nieder, riß sich die Kleider vom Leib, schlug einander Nasen und Köpfe ein, riß sich die Ohrläppchen ab, biß sich mit den Zähnen herum, raufte dem Gegner die Haare aus, sprang den auf dem Boden Liegenden auf die Brust und schlug auf sie los, bis man seinerseits wieder von andern niedergetreten wurde; niemand dort drinnen hörte mehr auf die Abstimmung, der Obergespan und die Beamten waren von ihren Sitzen aufgestanden und hatten die Thüren hinter sich zugeschlossen, die noch übrige Kokánfalver Wählerschaft öffnete das auf die Gasse führende Thor und stürzte auf einmal hinaus auf das Schlachtfeld. Dieser Sturm entschied den Sieg: die Leute der Köcserepyschen Partei fanden, daß sie der Prügel schon genug hatten, und als sie sahen, daß eine neue Kolonne gegen sie heranrücke, wandten sie dem Feind den Rücken, ließen das Komitatshaus hinter sich und rannten nun desselben Weges, auf dem sie kurz vorher die viertausend Leute Szentirmays vor sich her gejagt hatten, vor den Kakánfalvern auf und davon, welche ihnen bis ans Ende der Stadt nachsetzten, die von den Flüchtlingen weggeworfenen Fahnen und Waffen auflasen und mit diesen Trophäen im Triumph nach dem Komitatshause zurückkehrten, während sie sangen: Aufgeblüht ist Röslein rot. Für Szentirmay gehen wir in den Tod, Das Röslein soll schmücken Szentirmays Gut. Noch röter als Rosen ist unser Blut. Bei Köcserepys muß jemand schwer krank sein; Diener, Schreiber laufen nach Ärzten, die Pforten seiner Wohnung sind jedem Besucher verschlossen, die Fenstervorhänge herabgelassen. Aber auch so noch hört man hindurch: »Aufgeblüht ist Röslein rot!« 6. Charaktere. Köcserepy hatte eine schlechte Nacht. Für ihn war nebst der großen Niederlage die Erkrankung Evelinens ein harter Schlag. Die empfindsame Dame war bei der Demütigung ihres Gatten ohnmächtig geworden und lag die ganze Nacht über in furchtbaren Krämpfen; wenn sie auf einige Minuten zu sich kam, ächzte sie: »welche Schmach! welche Schande!« und dann fing sie wieder zu weinen an und verfiel in Zuckungen, sodaß der Schaum auf ihre Lippen trat. Das war eine Nacht! Draußen auf den Gassen lärmte bis zum Tagesanbruch lustige Musik, der Nationalmarsch; Fackelschein erhellte die Gassen. Gewiß bringt man den siegreichen Helden des Tages eine Fackelserenade. Wenigstens einen Trost hatte das bei der Wahl durchgefallene Parteihaupt, wenn seine Niederlage eine schmähliche gewesen, so war es der Sieg der Gegner nicht minder. Die Schande ist eine gemeinsame. Auch sie werden ihres Sieges sich vor niemand rühmen. Durch den Gang der Ereignisse sind auch sie in die Reihe derjenigen geworfen, welche ihre Person emporbrachten, aber das Prinzip mit Füßen traten. Auch dieser Trost sollte ihm nicht bleiben. Die Helden der Fackelmusik fanden weder Rudolf noch Zoltán in ihren Wohnungen; beide hielten sich die ganze Nacht über versteckt; erst am nächsten Tag erschien Zoltán allein in der Komitatskongregation, wo der Obergespan das Ergebnis des gestrigen Tages publizierte. Durch Abstimmung der Anwesenden waren Szentirmay und Karpáthi zu Deputierten gewählt. Beide erhielten ein lautes Éljen. Nur die Kokánfalver Wähler waren im Saal gegenwärtig. Die Galerien waren schwach besucht, die Damen waren alle weggeblieben. Es konnte ihnen leid thun, Zoltán in dieser Stunde nicht gesehen zu haben. Ganz blaß von der schlaflos durchwachten Nacht erhob er sich nach den Éljenrufen, welche ihn auf seinem Deputiertensitz bestätigten. Jedermann erwartete, er werde nun seinen Dank abstatten für die ihm gewordene Auszeichnung. – Die Gesetze meines Landes, begann der Jüngling, die dunklen Augen über die ganze Versammlung streichen lassend – die Gesetze meines Landes sind mir viel zu heilig, als daß ich auch meinen Parteigenossen gestatten könnte, sie zu verletzen. Was gestern auf dieser geheiligten Stätte vorgefallen, wird mir eine ewig beklagenswerte Erinnerung bleiben und das Ergebnis davon, ob es auch für uns günstig, kann ich ebensowenig als legal und rechtsgültig anerkennen, als wenn es zu gunsten der Gegenpartei ausgefallen wäre. So wie ich daher gegen den gewaltthätigen Bruch unserer verfassungsmäßigen Wahlordnung auf der andern Seite Verwahrung eingelegt, so lege ich auch gegen meinen eigenen Anhang Verwahrung ein und betrachte die Wahl für null und nichtig. Ich kann einen Sitz, auf dem ich über die Aufrechterhaltung unserer Verfassung wachen soll, nicht einnehmen, wenn der Bruch dieser Verfassung der Weg ist, auf dem ich dazu gelangt bin, und Gewaltthätigkeit und Terrorismus finden in mir einen ebenso entschiedenen Gegner, mögen sie von oben oder von unten kommen. Ich suche Gerechtigkeit, nicht Sieg. Darum protestiere ich feierlich sowohl in meinem eigenen Namen, als in dem meines Mitkandidaten, gegen diese Wahl, nehme das Mandat nicht an und verlange die Vornahme einer neuen, gesetzlichen Wahl. Diese Worte überraschten jedermann. In den Reihen der Opposition ließ hier und dort ein Murren sich vernehmen und doch that ihnen die Rede so wohl, daß sie Lust gehabt hatten, den Jüngling ans Herz zu drücken; was aber die Anhänger Köcserepys betrifft, so können wir als gewiß behaupten, daß Zoltán durch seine unverhoffte Entsagung mindestens ein Drittel derselben zu sich herüberzog, sodaß, als nach einigen Minuten allgemeiner Beifall losbrach, dieser zuerst von der rechten Seite ausging. Der Obergespan selbst fühlte sich erschüttert; er mußte sich eingestehen, daß von den zwei Gegenkandidaten dies der rechte Mann war. Er verbeugte sich achtungsvoll gegen Karpáthi und sagte ergriffen zu der Versammlung: – Ich hege alle Achtung für die Ablehnung des edlen Barons und nehme sie an; für die neue Wahl setze ich denselben Tag der künftigen Woche fest und verpfände mein Ehrenwort, daß ich die Kandidaten derjenigen Partei, welche zu der geringsten Bestechung ihre Zuflucht nimmt, nicht in die Kandidatenliste aufnehmen werde. Das verspreche ich und das werde ich halten. Der Herr Obergespan erhielt diesmal ein allgemeines und aufrichtiges Éljen. Er bemühte sich auch, es zu verdienen. Szentirmay war noch in der Nacht des Wahltages an den Sitz der Regierung geeilt, um die Anullierung des Wahlergebnisses zu betreiben. Während der nächsten Woche war er ganz Wachsamkeit, um jedem Bestechungsversuch vorzubeugen. Zu dem anberaumten Tage wurde der Adel neuerdings einberufen. Die Wähler erschienen auf beiden Seiten mit reiflicher Erwägung, nüchtern, durchdrungen von der Wichtigkeit des konstitutionellen Aktes. Die Abstimmung ging in tiefster Ruhe mit aller Würde vor sich, nicht der kleinste Skandal, der geringste Unfug ereignete sich. Drei Vierteile der Wähler stimmten für Szentirmay und Karpáthi; dem Rat Köcserepy blieb nur ein Viertel. So mußte er sich denn überzeugen, daß nicht Achtung, nicht Liebe es war, sondern nur Taumel des Rausches, was die Menschen ihm zugeführt. Ernüchtert hatten sie ihn verworfen. O wie mußte er sie hassen, diese Menschen, von denen er sich gestehen mußte, daß sie besser waren, als er, selbst diejenigen, mit denen er Händedrücke ausgetauscht hatte, waren von ihm abgefallen. Wie erst, wenn er an sie gedacht hatte, die seinem Herzen die nächste steht und deren Herz doch am weitesten von ihm und bei seinen gehaßtesten Gegnern ist – an die eigene Tochter! ... Die zweite Wahl löschte den Schandfleck der ersten aus; nicht die Institution war zu verdammen, sondern diejenigen waren es, die sie mißbrauchten; nicht das Volk war schlecht, o das Volk ist immer gut, sondern diejenigen, welche Unkraut unter den Weizen gesäet, und so oft in der Geschichte unseres konstitutionellen Lebens ähnliche Fälle vorkamen, hatten sie ihren Ursprung nicht in der Zwietracht der Parteien – denn das Volk wußte sich immer zu vertragen, sondern in der gewissenlosen Selbstsucht, in der eitlen Ehrsucht, in den persönlichen Antipathien der Führer: wo gefehlt wurde, lag die Schuld immer nur an den Großen, nicht am Volk, nicht an der Institution. Vierter Teil. 1. Frauenschutz. Wer die Kämpfe der letzt abgelaufenen Dezennien nicht mit erlebt, wer nicht selbst die allgemeine Erregtheit, die Leidenschaften geteilt, unter deren Herrschaft die damalige Zeit stand, der wird sich auch keinen rechten Begriff machen können von der Erbitterung, welche sich der Brust eines durchgefallenen Parteihauptes bemächtigte. Von meinen schönen Leserinnen waren die meisten wohl noch im Pensionat, oder ließen sich noch von der Amme Märchen erzählen, als jenes nationale Fluidum, von dem nur wir Alten noch eine Erinnerung bewahrt haben, das ganze Land galvanisierte. Ich muß hier eine Definition geben von dem, was ich unter Alt verstehe: Wer die Vierziger Jahre dieses Säkulums als Mann durchlebt, ist seinem Alter nach ein Fünfziger ; mir wenigstens scheint es, als ob nicht nur das Säkulum, sondern ich selber auch im vierundfünfzigsten Jahre stünde. Wie jung waren wir dazumal noch! ... Das Palais des Rates Köcserepy ist ein Trauerhaus. Jedermann meidet es; seine besten Freunde finden es nicht zeitgemäß, ihren Fuß hineinzusetzen. Vordem erhielt er täglich zwei bis drei Briefe aus allen Teilen des Landes, von hochangesehenen Männern, die ihn zu den Stützen ihrer Partei zählten. Glänzende Aussichten waren ihm gemacht worden, deren Erfüllung von dem glücklichen Erfolge abhing. Und das alles hat jetzt ein Ende; niemand denkt mehr an ihn, er ist vergessen, man spricht nicht von ihm, man sucht ihn nicht auf, ladet ihn nicht ein, kommt ohne ihn zusammen. Seine der Konferenz eingeschickten Memoranden kommen ohne Indorsat zurück ... Man giebt ihm keine Antwort darauf ... Doch ja, einige Lettern waren doch mit Rötel darauf geschrieben: S.    C. _____________________ a. r. t. Es waren dies vielleicht nur die Registraturlettern, er aber liest aus derselben heraus: » Scart .« Scart ! Welcher Hohn! welche Zurücksetzung. In den Scart zurückgelegt, wie ein ausgeschossener Eichel-Siebener! Er wagt sich nicht aus seinem Dorfe hervor, aus Furcht, man werde ihn überall mit Spott empfangen; er schreibt keine Briefe, denn er besorgt, man könnte sie unerbrochen retournieren; er kann seine Familie nirgends hinführen, denn man wird für ihn nicht zu Hause sein; er kann im öffentlichen Leben, im Amt keine Zerstreuung suchen, denn man wird seinen Händen nichts anvertrauen. Welch traurige Figur: ein ehrgeiziges Parteihaupt, welches schuld daran ist, daß seine Partei durchfällt! Irgendwo in einem entlegenen Komitate lebten noch Anverwandte Köcserepys, arme, gemeine Leute; als bekannt geworden, wie schmählich er durchgefallen, änderten sie ihren Zunamen in Vályogosy »Von Kothziegel«, während Köcserepy »von Steinziegel« bedeutet. . Selbst die verleugnen ihn. Und wenn er nur daheim, im häuslichen Kreise, Aufheiterung fände. Wort aber fühlt er erst recht seine Verlassenheit. Alles um ihn ist so traurig. Niemand ist da, mit dem sich ein lustiges Wort sprechen ließe. Eine düstere, ernste Frau schreitet durch die prachtvollen Gemächer von einem Ende zum andern und wieder zurück. – Sie ist nicht mehr krank, aber es ist noch schlimmer mit ihr, als wäre sie krank. Den ganzen Tag hört man sie kein Wort sprechen, sie geht nur mit gesenktem Blicke auf und ab, wie einer, der bis zum Wahnsinnigwerden eine fixe Idee beständig verfolgt, und nur dann und wann seufzt sie schwer auf – unbekümmert, ob jemand da ist oder nicht, der sie hört: »welcher Schimpf! welche Schande!« Täglich langen aus der Hauptstadt die Journale an, nach denen sie hastig greift; es ist darin ausführlich, umständlich, mit Ausschmückungen und Übertreibungen die Niederlage ihres Gemahls beschrieben. In dem einen Bericht hüllt man die Schadenfreude in den Ton mitleidigen Bedauerns; in einem andern macht man sich lustig über ihn, und gleich darauf folgt die Schilderung der Triumphe, welche Zoltán in den eröffneten Landtagssitzungen feiert. Welches Lob man ihm spendet, wie man ihm huldigt! Und sie – sie sitzen daheim in Karpáthfalva ... Welcher Schimpf! welche Schande! Der Rat überrascht oft seine Gemahlin beim Lesen der Zeitungen und reißt sie ihr dann wütend aus der Hand, ballt sie zusammen, schleudert sie in den Kamin, verbietet, daß man sie ins Haus bringe. Was nützt es ihm, daß er sie zerreißt? sie werden in tausend und abertausend Exemplaren im ganzen Lande gelesen. Selbst die Dienerschaft erzählt sich daraus. Sein Name ist sprichwörtlich geworden. Auf den andern aber werden Volkslieder gedichtet und selbst die Schnittermädchen singen auf dem Feld: Rosenknospe, Lorbeerzweig, Windet zum Strauß sich die ungarische Maid u. s. w. Der Anfang eines zu jener Zeit viel gesungenen Landtagsliedes. Wenn er in solchen Momenten mit einem Messer ihm hätte an den Leib können! ... – Sei nicht traurig, gräme dich nicht, sagte er einmal, als er zu seiner Frau ins Zimmer trat, auch für ihn kommt der rächende Tag. Wilma saß dort am Fenster; sie wußte wohl, daß Zoltán gemeint war. Vor seiner Frau spricht er ohne Rückhalt; auch vor seiner Tochter hatte er keinen Grund, seine Zunge zu beherrschen. Warum auch? Ist doch von ihrem gemeinschaftlichen Feind die Rede. Warum hätte er ein Geheimnis daraus machen sollen, daß er sich freut, grimmig freut: denn jener unreife Knabe, der es gewagt, ihn aufs Haupt zu schlagen, wird dafür büßen, schrecklich büßen. Hier mußte er doch seine Stimme etwas dämpfen. Das Folgende sprach er nur flüsternd. – In Preßburg ist jetzt ein berüchtigter Duellant, ein gewaltiger Haudegen, derselbe Dabroni, mit dem Tarnaváry den Austritt gehabt. Dieser Dabroni ist unser Freund; ich habe eben jetzt einen Brief von ihm erhalten; auch er ist durch die Gegenpartei beschimpft, wie wir; auch er ist voll Erbitterung und Wut. In Preßburg kommt er täglich mit dem jungen Herrn zusammen, hat Gelegenheit, ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen, mit ihm anzubinden. »Hat der junge Herr irgend einen empfindlichen Fleck, bei dessen Berührung er sich selbst vergißt und zu einem Ausbruch von Leidenschaft sich hinreißen läßt?« So frägt Dabroni. – O, ob er einen hat, und das einen sehr empfindlichen! Wir werden ihn damit bekannt machen. Der unverschämte Junge! Er wird es büßen, blutig büßen! Kränke dich nicht. Niemand soll sich rühmen dürfen, einen Köcserepy ungestraft gedemütigt zu haben. Und dann flüsterten sie weiter schreckliche, haarsträubende Dinge, die ein guter Mensch nur zu denken Scheu trägt. Es kümmert sie nicht, daß jemand zuhört; was ihnen ein Dorn im Fleische, muß ja auch ihrem leiblichen Sprößling ein Dorn im Herzen sein. Seht, wie blaß das Mädchen ist. Der Vater steht auf, geht zu ihr hin, und fährt streichelnd mit der Hand über das schöne schwarze Haar: wie du blaß bist, mein holdes schönes Kind! Ja, sie ist das einzige Wesen, das er wahrhaft, uneigennützig liebt. Das Mädchen kann nichts dafür, daß es so blaß ist. Hat es sich doch alle Gewalt angethan, um nicht zu zittern, um nicht in Schluchzen auszubrechen bei dem Gespräch über Zoltán, als ob das scharfe Schwert, von dem die Rede war, ihr in die Brust gestoßen würde. – Geh' ins Freie, sagen Vater und Mutter, reite ein wenig aus; die frische Luft wird dir gut thun. Das Mädchen thut, wie ihm geheißen; es läßt sich sein Reitpferd satteln, zieht sein Reitkleid an. Wie schön, wie stattlich sie darin aussieht. Beide sehen ihr noch von dem Fenster nach. Empfinden sie doch nur in diesem einen Punkte wahr. Ihr einziges, wahres Gefühl ist dasjenige, das auch das Raubtier ebensowenig zu verleugnen vermag, wie der Herr Rat, der auch noch andere Dinge zu thun hat. Die stolze Amazone läßt sich nur von einem Groom begleiten, einem zwerghaften Knirps; die Leute im Dorfe bleiben überall stehen, um sie zu grüßen: »Schade, daß sie nicht die Tochter eines Anderen ist.« So wie die letzten Häuser erreicht waren, hieb Wilma mit der Reitgerte auf das Pferd, und der feurige Renner jagte im Galopp die Chaussee hinab. Wie schnell sie reitet; der Schleier und das lange Reitkleid flattern im Winde, der trotzdem ihre Wangen nicht zu röten imstande ist. Der begleitende Reitknecht kann ihr kaum nachkommen; sie ermüdet gar nicht. Sie haben Karpáthfalva schon weit hinter sich gelassen, kaum daß die Türme noch zu sehen, und das Fräulein blickt nicht einmal zurück. Jetzt haben sie die Gemarkung überschritten, es beginnt schon der ausgedehnte Wald, der Karpáthfalva von Szentirma trennt. Es ist ein alter Eichenwald mit riesigen Stämmen, im Winter hausen auch Wölfe darin; die Gutsbesitzer der Umgegend pflegen dort große Treibjagden zu halten. Hier hält das Fräulein, schwingt sich aus dem Sattel und führt dem herbeigeeilten Reitknechte das Pferd am Zügel zu. – Führe die Pferde hier auf und ab und warte auf mich, bis ich zurückkomme. – Ich gehe in den Wald Veilchen pflücken. Veilchen pflücken! Die Zeit der Veilchen ist längst vorüber; nur Disteln und Dornen giebt es noch dort; – denkt bei sich der kleine Groom und blickt ängstlich seiner Herrin nach, die im Walddickicht verschwindet. Ein Fußpfad läuft durch den Wald; Wilma dachte, der werde wohl zum benachbarten Dorf führen und so wie die Bäume sich den Blicken des Reitknechts entziehen, schlägt sie eilig den Pfad ein. Das lange Reitkleid, dessen Schleppe sie in der Hand halten muß, hindert sie am schnellen Weiterkommen; sie ist auch vom Ritt noch ganz erhitzt. Auch sonst ist sie so schwach, so kraftlos. Aber die innere Aufregung leiht ihren schwachen Nerven Kraft. Sie muß ihn retten! Sie hat keinen anderen Gedanken, sie darf nicht müde werden, nicht ohnmächtig hinsinken, sie darf keine Furcht empfinden vor der herannahenden Nacht, vor dem Dunkel des Waldes, vor unbekannten Tieren; jede andere Furcht muß schwinden vor der einen: man will ihn töten! O es ist gewiß um ihn geschehen, wenn sie ihn mit jenen schrecklichen Menschen zusammenbringen. Zoltán ist so stolz, so aufbrausend; ein Wort reicht hin, damit er einem sichern Tod sich entgegenstelle und jenem Menschen ist's nur ein Spiel, den von aller Welt geliebten Jüngling zu töten. Er wird ihn umbringen ohne Barmherzigkeit. O, wie mußte sie eilen. Der Weg ist so lang, vielleicht hat sie sich auch verirrt, doch nein, Glockengeläute dringt zu ihren Ohren, sie atmet leichter auf, es ist das Vespergeläute. Nur ein wenig hat sie noch zu eilen, nur so lange mögen ihre Kräfte noch aushalten, die Bäume werden schon schütterer, durch die Waldlichten erblickt man Häuser, zwischen dem Gebüsch zeigt sich Szentirma. Dort hinein wagt sie sich schon nicht mehr. Ein kleines Bauernmädchen treibt vom Felde die Gänse heim, das ruft sie zu sich. Das Kind gehorcht und kommt auf die schöne Dame zu. – Kennst du die Komtesse? frägt Wilma in sanftem Ton. – Fräulein Kathinka? Wie sollt ich sie nicht kennen? Wer kennt sie nicht? – Möchtest du ihr einen Brief von mir bringen? – So viele Sie wollen. Wilma setzte sich plötzlich auf den Boden, riß ein Blatt aus ihrer Brieftasche heraus und schrieb, sich eines abgehauenen Baumstrunkes als Tisch bedienend, mit Bleistift folgende Zeilen auf das Blatt: »Gegen Zoltán wird ein furchtbares Komplott geschmiedet, man will ihm ans Leben. Ein berühmter Fechter, Namens Dabroni, wird gegen ihn aufgehetzt; wenn es gelingt, sie in einen Streit zu verwickeln, bringt er Zoltán um. Eilt, ihn zu retten. Gebt ihm zu wissen, er möge diesen Menschen meiden, wo er ihn nur sieht. Bringt ihn weg von dort, werft euch zwischen ihn und die mörderischen Waffen, verhindert auf jede mögliche Weise ein Zusammentreffen; laßt nichts unversucht zu seiner Rettung!« Wilma faltete mit zitternden Händen den Brief zusammen. – Trage dies sogleich dem Fräulein Kathinka, wenn sie nicht zu Hause, gieb es der Gräfin, wenn beide fort sind, sage, daß man es ihnen nachschicke, denn der Brief ist dringend, sehr dringend. Das kleine Mädchen betrachtete teilnahmsvoll die erschöpften Züge der jungen Dame. – Fräulein sind so müde, kommen Sie in unser Haus, es ist nicht weit von hier, ruhen Sie sich aus. – Ich danke, ich muß zurückeilen. Es fiel ihr ein, daß sie doch das kleine Mädchen für seine Mühe belohnen sollte, und, erst jetzt bemerkte sie, daß sie ihre Geldbörse vergessen hatte. Sie nahm schnell die Brosche mit Smaragden, welche sie an der Brust stecken hatte, herab und reichte sie dem Kinde. – Nimm das als Botenlohn und eile. Zu mir komme nicht zurück, denn ich werde schon nicht mehr hier sein. Die kleine Bauerndirne blickte verwundert auf das Geschenk, nicht wissend, was sie damit anfangen solle, und da sie das unbekannte Fräulein wieder in den Wald zurückkehren sah, schlug auch sie wieder den Weg ins Dorf ein, ohne das, was sie gesehen und gehört, sich erklären zu können. Sie lief eilends ins Kastell und suchte das Fräulein im Schloßgarten auf. Jenes schöne, rosenwangige Fräulein, das immer so lachte, es mochte wollen oder nicht. Und wie verwundert war sie dann, als sie sah, daß beim Lesen des Briefes das Gesicht des schönen rosenwangigen Fräuleins mit einemmale ebenso blaß wurde, wie das jener anderen. – Teure Mutter! schrie Kathinka, sich umwendend zu der Gräfin, die ihr nachgegangen kam, und während sie ihr den Brief hinreichen wollte, war sie schon zu Boden gestürzt, zwischen die dornigen Sträucher auf den feuchten Kies, leblos, unbeweglich. Das Bauernmädchen lief davon, als hätte es einen großen Schaden angerichtet, selbst die Smaragdbrosche hatte es von sich geworfen, und als es ins Haus der Mutter stürzte, konnte niemand von dem Kind herausbringen, wovor es so sehr erschrocken sei. Eine Stunde darauf sprengten zum Schloßhof vier feurige Pferde mit einer gedeckten Kutsche heraus, deren erleuchtete Lampen auf eine späte Nachtreise hindeuteten. Im Walde war es schon ganz dunkel geworden, als Wilma den Rückweg antrat. Nachdem sie ihren Zweck erreicht, ihren Hilfsschrei losgelassen hatte, fing die Kraft, die sie bisher aufrecht erhalten, völlig zu schwinden an. Die Furcht der Einsamkeit beklemmte ihre Brust, lähmte ihre Nerven; sie fühlte, so ganz allein in der Wildnis, ihre Verlassenheit, ihre Hilflosigkeit, an die sie früher gar nicht gedacht. Auch des Weges war sie nicht mehr sicher, es kam ihr vor, als wäre sie nicht denselben Pfad gekommen. Nach keiner Seite hin eine freie Aussicht, überall nur der einförmige, endlose Wald. Sie wollte rufen, aber Furcht erstickte ihre Stimme; ihr ganzer Körper wankte; die Kleider hingen schwer von ihr herab, es zog sie etwas zu Boden hernieder; auch die großen bemoosten Baumstöcke schienen sie bittend einzuladen, ihren schwanken Blumenleib auf sie herabsinken und die heiße schwindelnde Stirne auf ihnen ausruhen zu lassen. Als ob auch die Bäume ihr zuflüsterten, sie möchte nicht weiter gehen ... Der auf der Landstraße zurückgelassene Reitknecht wartet ungeduldig auf die Rückkunft des Fräuleins; die Dämmerung steigt schon hernieder und sie kommt noch immer nicht. Er fing an, nach ihr zu rufen. Keine Stimme antwortete, als das Echo. Es ist schon Nacht, und das Fräulein kommt noch immer nicht zum Vorschein. In Karpáthfalva herrscht große Bestürzung im Kastell. Wohin ist die einzige Tochter geraten? Es ist bereits Nacht. Schnell alle Diener zu Pferde! Fackeln angezündet! Sucht sie auf Weg und Steg, sucht sie überall! Der gnädige Herr selbst, ganz verzweifelt, reitet mit einer Fackel in der Richtung, die man sie hatte nehmen gesehen. An der Straße dort finden sie den Reitknecht mit den beiden Rossen. – Wo ist meine Tochter? fragt mit bebender Lippe der Rat. – Sie ist schon lange in den Wald gegangen, Blumen zu pflücken, und nicht mehr zurückgekehrt. – Sucht, sucht sie! schreit der angsterfüllte Vater, und ohne daran zu denken, daß es fremder Grund, den er von seinen Leute durchsuchen läßt, sprengt er die Kreuz und Quer durch den Wald, den Namen seines Kindes rufend. Es ist schon spät nach Mitternacht, als ein Diener das Fräulein findet. Dort liegt sie an der Wurzel eines Baumes, das Haupt auf grünem Mose ruhend – stumm – unbeweglich – totenbleich. 2. Der Haudegen. »Wenn ihr eine gute Zunge führt, so führ' ich ein gutes Schwert. Wenn ich am grünen Tisch gegen euch das Wort ergreife, so lacht man mich aus; aber stellt euch doch auf grünem Wiesenplan mir gegenüber und ich wette, daß man dann nicht über mich lachen, sondern über mich weinen wird. Ihr lärmt nur so lang, so lange jemand sich von euch einschüchtern läßt, wenn euch aber jemand scharf ins Auge faßt, sucht ihr mit dem Rücken die Thüre. Ihr seid Maulhelden insgesamt, die vor einem entblößten Säbel erblassen. Ihr habt ein Kleingewehrfeuer witziger Anzüglichkeiten auf mich eröffnet, ich habe mit grobem Geschütze darauf geantwortet. Zu Hunderten brüllt ihr auf einmal: »Nieder mit ihm!« – ich blicke um mich, und wen mein Blick trifft, der verstummt. Ihr seid so wütend gegen mich, daß ihr mich in einem Löffel Suppe vergiften möchtet, und doch wißt ihr, wo ich wohne, ich mache kein Geheimnis aus meiner Adresse; ich bin für jedermann zu Hause und verstehe jedes Wort, in welcher Sprache man es auch an mich richte. Und doch hat meine Mutter mich nicht bis zur Fersenspitze in Lethe getaucht, um mich unverwundbar zu machen, ich bin nicht mit einer Hornhaut zur Welt gekommen, die für jede Waffe undurchdringlich, ich trage kein Amulett, das mich kugelfest macht. Dennoch stehe ich unter euch, wie eine Säule. Ich fange an, mich vor mir selbst zu schämen, daß unter dem ganzen ungarischen Adel nicht ein Mann, der den Mut hätte, mit seiner Person für seine Worte einzustehen.« Derartige und noch ärgere Reden konnte man täglich in Preßburg in den öffentlichen Lokalitäten, wo die damaligen Koryphäen des politischen Lebens sich zu versammeln pflegten, aus dem Munde des von uns schon in Gesellschaft eingeführten und von Tarnaváry heimgeleuchteten Individuums hören, das wir an seiner Karmin- und Ultramarin-Gesichtsfarbe und unter dem Namen Dabroni kennen. Jedermann wußte, mit wem er es zu thun habe. Mit einem rabiaten Renommisten, der wegen seiner blutigen Heldenthaten schon in aller Herren Länder ausgewiesen worden und der jetzt hier sitzt, um wie ein wütendes Tier dem blinden Instinkt seiner Blutgier folgend, andere zu zerfleischen. Die liberale Partei hatte ihn bei seinem ersten Erscheinen zurückgestoßen und auch die Konservativen halten es für kein Glück, daß er sich zu ihnen gesellt, denn er schadet ihrer Sache mehr, als er nützt; wegen seiner Zanksucht ist es nicht möglich zu beraten und muß man die Konferenzen heimlich hinter seinem Rücken abhalten; er läßt sich auf keine Weise kapazitieren, achtet keine Autorität, überstürzt in den Sitzungen jede Frage und ist daher der unbequemste Bundesgenosse, den man sich denken kann. Jedermann kennt seinen Hang, öffentlich zu schwadronieren, und geht ihm, so viel er kann, aus dem Wege. Er besitzt andern Leuten gegenüber einen großen Vorteil. Einem Menschen, der in seinem ganzen Leben nichts gethan, als beständig im Zweikampf sich zu üben, der sich um das eigene Leben so wenig kümmert, wie um einen weggeworfenen Cigarrenstumpf, der nie eine menschliche Regung in seiner Brust empfand, der seinen Stolz darein setzt, sich selbst nicht für mehr zu achten, als ein herumschweifendes Raubtier, das, wenn es im Walde erlegt wird, bei niemand Bedauern erregt; einem solchen Menschen stellt sich niemand gern gegenüber, sondern weicht ihm lieber aus und läßt ihn seiner Wege gehen, wo es ihm beliebt. Das herausfordernde Benehmen fing jedoch in dem Maße unerträglicher zu werden an, je hitziger und gereizter die Landtagsdebatten wurden. In der Jugend gährte und kochte es; bei einer Gelegenheit hatte Dabroni die seine Rede auszischende Galerie eine Herde von Feiglingen genannt; die Beleidigten kamen in ihrem gewöhnlichen Kaffeehaus zusammen, hielten Reden und faßten Beschlüsse gegen den Beleidiger und in dem Augenblicke, wo die Aufregung am höchsten gipfelte, trat Dabroni ins Kaffeehaus und setzte sich mit höhnischem Lächeln an einen der Tische, als ob er die edle Jugend fragen wollte: »stör' ich euch vielleicht?« Diese Schmach war nicht länger zu dulden. Einer der bekanntesten jungen Redner trat mit zornglühendem Gesichte auf ihn zu und forderte den Wüterich auf, gutwillig diesen Saal zu verlassen, wo seine Physiognomie niemand zu Gesichte steht. Dabroni stand mit kaltblütigem, schadenfrohen Selbstvertrauen auf und ersuchte den Sprecher ihm gütigst zu sagen, wo er wohne und wann er zu Hause zu treffen sei. Der junge Redner warf ihm seine Visitenkarte hin, welche Dabroni mit stolzem Lächeln in seine Brusttasche steckte, sich verbeugte und dann fortging. Der jugendliche Sprecher prahlte sich nun vor seinen Genossen, wie er diesen mangeur de petits enfants , diesen schwadronierenden Bramarbas schon Mores lehren werde. Er wird ihn so ausschmieren, daß er sich selbst nicht mehr erkennen soll. Durch zwei Tage wurde nun von nichts anderem gesprochen, als von dem bevorstehenden Duell, das an dem und dem Tage früh morgens zwischen Dabroni und dem jungen Oppositionsredner stattfinden soll, man sprach davon wie von einer großen Opernvorstellung, von der die Betreffenden im voraus so viel Lärm als möglich zu machen suchen. Der junge Oppositionsredner hatte eine arme, alte Mutter, die, als die Kunde von dem tollkühnen Wagnis ihres einzigen Sohnes bis zu ihren Ohren drang, herbeigeeilt kam und so lange weinte, so lange flehte, bis der junge Mann ganz erweicht war von den Thränen seiner Mutter; vor ihrem verzweifelten Gesicht vergaß er die stolzen Erwartungen seiner Parteigenossen, vor ihrem Wehklagenden überhörte er das Hohngelächter der Gegner und aller seiner Bekannten. »Gehen wir fort von hier, mein Sohn, sagte die alte gute Frau, ihr einziges Kind umklammernd, weit fort, wohin keine Stimme der Welt dringt, dort wollen wir in Vergessenheit leben, an einem Orte, wo niemand von dir spricht, als ich, der du ihr alles bist.« Der Jüngling schwankte, seine Kraft verließ ihn und er willigte endlich ein, mit seiner Mutter Preßburg in der Nacht vor dem Morgen zu verlassen, an dem er sich mit Dabroni schlagen sollte. Von dem jungen Redner hat man weiter nichts gehört. Wahrscheinlich ist ein sehr glücklicher Mensch aus ihm geworden und hat sich an ihm der Segen der liebenden Mutter erfüllt. In Preßburg aber gab es Hohngelächter, als zur bestimmten Stunde seine Sekundanten ohne ihn auf dem Kampfplatz erschienen, und mit Schamröte erklärten, daß ihr Freund plötzlich abgereist sei. Das war ein Hallo! »Das also ist euer Held? Und solche Helden seid ihr alle. Mit der Zunge, mit dem Maul! Und mit eurem Patriotismus ist es auch nicht weiter her, als mit eurem Heldenmut!« Diesen Spott bekamen die Männer entschiedenster Gesinnung beständig anzuhören; vor der Menge diente dieser Vorwurf sie herabzusetzen, aus ihren erhabensten Standpunkten ihnen das Piedestal unter den Füßen hinwegzuziehen, sodaß zuletzt kein anderes Mittel übrig blieb, um diesen ewigen Nörgeleien zu entgehen, als daß die Tapfersten unter den Besten hervortreten, und entweder den wütenden Menschen niederschlagen, oder ihm zeigen, daß sie das Herz haben, sich von ihm töten zu lassen. Nicht anderes hatte er ja gewollt. Die damalige politische Welt nannte unter ihren ersten Lieblingen den jungen Karpáthi, in dem Jung und Alt ein Muster patriotischer Tugend bewunderte. Seine Parteigenossen liebten ihn, seine Gegner achteten ihn, die Frauen beteten ihn an. Ebenso schön an Leib wie an Seele trägt er den Adel seines Herzens in seinen Zügen. Jedermann prophezeite ihm eine große Zukunft. Welche Wonne wäre es, diesen schönen, abgöttisch verehrten Jungen, der ebenso glücklich als edel, ebenso klug als schön, dem man eine so große Zukunft voraussagt – mit einem einfältigen Säbel niederzuhauen, oder ihn mit einem Stück Blei stumm zu machen, gerade in der Blüte seiner Volksgunst! ... Es ist nur schwer, an ihn heranzukommen, er sucht keine müßigen Gesellschaften auf, bewegt sich nur in auserwählten Kreisen. Doch es bleibt noch das öffentliche Leben, am grünen Tisch ist er doch zu treffen. Gelegenheit dazu ergiebt sich, wenn in einer wichtigen Frage, die im Oberhause verhandelt wird, die an der Deputiertentafel sitzenden Magnaten ihre Sitze verlassen, und ihren Sitz an der Magnatentafel einnehmen. Dort hat auch Dabroni Zutritt. Durch seine Geburt kam auch ihm ein Stuhl zu an dem grünen Tische der höchsten Gesetzgeber des Landes. Hier fragt man ihn nicht: hast du Verstand, innern Beruf, festen Charakter? nicht einmal, ob er auch ungarisch kann, genug, daß er einen Geburtstitel aufzuweisen hat. Die Gelegenheit kann nicht günstiger gewünscht werden: auf den Galerien ist das auserlesenste Publikum. Die Hauptredner beider Parteien überbieten sich in glänzender Beredsamkeit, deren Wirkung der Beifallsruf des Auditoriums steigert. Der Zufall wollte, daß Zoltán nach Szentirmay sich als Redner aufschreiben ließ. Dabroni eilte zum Präses, um nach ihm seinen Namen aufzuzeichnen. Er wußte nicht einmal, welches der Gegenstand der Debatte sein werde, noch weniger, was die beiden Vorredner sprechen werden; was er aber ihnen antworten wird, hat er sich schon im voraus auf einen Streifen Papier notiert und liest es während der Sitzung immer von neuem durch, um kein Wort anders zu sagen. Nachdem Zoltán sich wieder niedergesetzt hatte und die Éljenrufe zu Ende waren, stand der Duellant auf und richtete, sein höhnisches Gesicht Zoltán zugewendet, an diesen seine Rede. – Es ist doch sonderbar, daß die Worte meiner beiden Vorredner in der Regel miteinander so übereinstimmen, als hätten sie sich eigens darüber vorher besprochen. Ich will nicht nachforschen, welche zarten Bande diese beiden Herren im Privatleben verknüpfen, aber mit Recht muß es jedermann auffallen, mit welch kindlicher Pietät der Ideengang Herrn Karpáthis dem des edlen Grafen in die Fußstapfen tritt ... Was Dabroni weiter noch sprach oder nicht sprach, konnte man bei dem entstandenen Lärm nicht hören, nur das sahen alle, wie Zoltán erblaßte, aufstand und bleich wie eine Leiche, stumm und ohne etwas zu erwidern, plötzlich den Saal verließ. Der Sitzungssaal erdröhnte von dem wütenden Getrommel auf den Galerien. Da erhob sich Baron Nikolaus und donnerte ohne abzuwarten, daß der Lärm sich lege, mit seiner alles übertönenden Stimme: – Ich fordere die hohen Stände und das Auditorium auf, durch tiefes Stillschweigen dem Redner ihre Verachtung zu votieren. Mit einemmale wurde es still, wie im Grabe. Das war abgestimmt. Dabronis Gesicht aber widerstrahlte von dem Triumph eines errungenen Erfolges, als wäre es ihm gelungen, eine Bürgerkrone zu erringen. Auf Szentirmays Gesicht zeigte sich keine Spur eines auf ihn gemachten Eindrucks; er hatte es in seiner Gewalt, seine Gemütsbewegungen vollkommen zu beherrschen. Er wußte ganz wohl, warum Zoltán sich entfernt hatte. Man mußte dem jungen Mann zuvorkommen. Ihn an dem, was er vor hatte, hindern zu wollen, wäre zwecklos, unmöglich gewesen; aber ihm zuvorzukommen war möglich. Neben Rudolf saßen zwei junge Magnaten. Er flüsterte ihnen in gleichgültigem Tone zu: – Haben Sie die Güte, nach der Sitzung mit mir zu kommen. Sie versprachen es bereitwillig. Sowie die Sitzung zu Ende war, warf Rudolf mit den erbetenen Begleitern sich in seinen Wagen und fuhr zur Wohnung Dabronis. Dieser war noch nicht zu Hause. Rudolf und seine Freunde setzten sich in seinem Zimmer nieder, und warteten, bis er kommen werde. Nicht lange, und man hörte, wie er pfeifend die Treppe herauf kam und, den Hut auf dem Kopf, in das Zimmer trat. Rudolf beeilte sich, die Sache mit ihm abzumachen. – Sie hatten die Absicht, mich zu beleidigen, sagte er zu ihm mit völliger Ruhe. – Ich glaube, sagte der Bravo, daß ich die Absicht hatte, nicht sowohl Sie als einen andern zu beleidigen. – Ich weiß. Einen schwächeren Gegner, als ich. – Es scheint, Sie fürchten für ihn. – Kann sein. Ich glaube aber, ihm zuvorgekommen zu sein. – Allerdings. Doch weiß ich gewiß, daß auch er mich aufsuchen wird. – Ohne Zweifel. Da ich nun aber früher da bin – wann hätten Sie Zeit? – Morgen, wann immer. – Früher nicht? – Man pflegt dergleichen Dinge nicht nachmittags vorzunehmen. – Also können Sie vor morgen früh sich nicht mit mir schlagen? – Auf Ehrenwort, nein, auch mit niemand anderem. – Welches ist Ihre früheste Stunde? – Sechs Uhr morgens. Früher stehe ich nicht auf. – Gut. Das übrige werden Sie die Güte haben mit meinen Zeugen zu verabreden. Damit entfernte sich Rudolf, seinen Begleitern es überlassend, Ort und Waffen festzusetzen. Kaum waren sie fort als zwei neue Besucher bei Dabroni erschienen. Es waren Zoltáns Abgesandte. Sie hatten ihn zu einem kleinen Stelldichein in der Au auf morgen früh sechs Uhr einzuladen. – Es ist mir unmöglich, Ihnen früher als um acht Uhr zu Diensten zu stehen, antwortete Dabroni; ich habe einen kleinen Ehrenhandel abzumachen. Wenn ich den beendigt habe, stehe ich um acht Uhr zu Gebote. Man einigte sich über die achte Stunde. Also alle beide nacheinander! Der Haudegen freute sich, tanzte vor Vergnügen: einer nach dem andern! auf zwei Schüsse zwei Vögel! Es wurde neuerdings an der Thüre geläutet. Kommt vielleicht noch ein Dritter? Baron Nikolaus trat ein. – Frater, begann der Baron, ohne nur Dabroni zu grüßen, du weißt recht gut, daß du ein niederträchtiger Schuft bist, und ich bedaure nur sehr, daß ich dich schon so lange dein Wesen treiben ließ. Heute aber ist dein Maß voll geworden und ich rufe dir ein »bis hierher und nicht weiter!« zu. Du bist in dich selber vernarrt und glaubst, weil man dir ausweicht, man fürchtet dich. Diesen Glauben muß ich dir endlich ein wenig erschüttern. Wenn dir die Rolle des Mörders gefällt, so gefällt es mir, den Scharfrichter zu spielen, und wenn du bei mit Waffen des Geistes geführten Debatten immer auf den Säbel schlägst, so thut es dir not, auf einen zu treffen, der ihn dir um den Rücken schlägt. Ich hoffe, du wirst zu finden sein, dort wohin ich dich bestellte. – Avec plaisir , beeilte sich Dabroni zu erwidern – ihm war das ein Vergnügen. – Morgen früh. – Nun, das ist mir nicht möglich; um sechs habe ich ein Rendezvous und um acht Uhr ein zweites. Nikolaus stampfte zornig mit dem Fuß auf. – Der Teufel soll es holen. So lange kann ich nicht warten. Zwischen sechs und acht ist noch eine Stunde Zeit, um sieben Uhr kommst du, oder ich erwarte dich vor deiner Thüre und schleppe dich mit mir. – Ist's so dringend? – Ja, sehr dringend. Wenn ich dir länger Zeit lasse, könnte der Oberstallmeister Bei den Landtagen übte bekanntlich der Oberstallmeister die oberste Polizeigewalt aus. darum erfahren und das Zusammentreffen verhindern. Ich habe Eile. – Durch wen sollt' er es erfahren? sagte Dabroni; ich habe keine alte Mutter. Es war dies eine höhnische Anspielung auf den jungen Mann, der vor dem Duell ausgerissen war. Baron Nikolaus gab darauf eine sehr drastische Antwort. – Frater, du liebst es, Ausflüchte zu suchen, wenn man dir eine Herausforderung macht; wenn ich das gewußt hätte, würde ich meine Reitpeitsche mitgenommen haben. – Genug! schrie Dabroni ergrimmt. Um sieben Uhr bin ich bereit. Du kannst sogleich deine Sekundanten herschicken. – Versäume die Stunde nicht! rief der Baron, ihm den Rücken kehrend und die Thür öffnend, deren Klinke unter dem Druck seiner Faust zerbrach. Dabroni aber tanzte und pfiff vor Freude, warf seine Mütze in die Höhe und nahm von der Wand ein Rapier herab, mit dem er in der Luft so herumfocht, als könnte er mit jedem Stoß einem achtungswerten Helden der öffentlichen Meinung das Herz durchbohren. Auf der Gasse begegnete Rudolf unserm Zoltán. So wie sie einander erblickten, schienen beide im ersten Moment zu erschrecken; dann aber eilten sie wohlgemut aufeinander zu, sich zu begrüßen. Wie gut aufgelegt, wie lustig bemühte sich jeder zu erscheinen. Sie hängten sich ineinander ein und wandelten so Arm in Arm durch Preßburgs Gassen und das Donauufer entlang. Wie viel Unterhaltendes sie einander zu erzählen haben! Der geringfügigste Gegenstand, was auf dem Spaziergange ihnen zufällig unterkam, war imstande, ihr Interesse zu erregen, und sie konnten darüber sich in ein langes Gespräch verwickeln. Es war auch schon Essenszeit, und man konnte sich dessen wahrlich erinnern, denn es ging schon auf fünf Uhr. Wie komisch, daß sie im Eifer des Gesprächs es erst jetzt gewahr werden. Rudolf lud Zoltán ein, heute bei ihm zu speisen. Dieser nahm die Einladung mit Vergnügen an, haben sie doch schon so lange nicht zusammen diniert. Noch immer Arm in Arm traten sie den Weg zu Rudolfs Wohnung an; sie rannten die Treppen hinauf, als gälte es eine Wette, wer zuerst oben sein wird. Zoltán öffnete zuerst die Thüre, wollte aber doch Rudolf vorauslassen; Rudolf deprezierte, er sei hier zu Hause, wogegen Zoltán behauptete, das sei er auch, worüber dann großes Gelächter entstand. Lachend eintretend, erschrecken plötzlich beide. Im Vorzimmer lagen Frauengewänder, wie von einer Reise Kommende sie abzulegen pflegen. – Wer ist hier? fragte Rudolf den vorauseilenden Diener. – Die gnädige Gräfin und das Fräulein. – Meine Frau und meine Tochter? Wie waren beide Männer mit einemmale blaß geworden. Wie einer, der auf einer strafbaren Handlung ertappt wird. Im ersten Augenblick konnte keiner ein Wort vorbringen. Rudolf gewann zuerst seine Fassung wieder. – Nun, das ist wirklich merkwürdig, wie die Überraschung auf uns wirkt, sagte er mit scherzhaftem Lächeln; statt erfreut zu sein, sehen wir aus, als wären wir bestürzt. Damit ergriff er Zoltáns Hand und führte ihn mit heiterem Gesicht in das anstoßende Zimmer. Kaum hatte er die Thüre geöffnet, als die beiden Frauen weinend an seinem Hals hingen. Beide weinten sprachlos, bitterlich. – Was fehlt euch? fragte Rudolf verwundert. Was ist euch geschehen? Warum kommt ihr uns so schnell nach? Wir erwarteten euch erst in vier Wochen. Dachtet ihr vielleicht uns auf irgend einem verbotenen Abenteuer, einer kleinen Untreue zu überraschen? Oder ist es die Freude des Wiedersehens, was euch so weinen macht? – Nein, nein, sagte Flora; sieh diesen Brief. Und damit überreichte sie Rudolf die geheime Warnung von Köcserepys Tochter. Rudolf las sie durch und lächelte dazu. – Also dem haben wir es zu verdanken, daß wir euch so schnell wiedersehen? O ihr lieben Närrchen! Da, Zoltán, lies! Zoltán las den Zettel und auch er lachte dabei. Kathinka drohte ihm halb weinend, halb zornig mit dem Finger, wie er so lachen könne, während sie doch seit drei Tagen seinetwegen in Verzweiflung sind. Wirklich, in Verzweiflung? O für dies zarte Geständnis muß er diese kleine, liebe, bebende Hand, diese schwesterliche Hand hundertmal küssen. – Also du warst meinetwegen in Angst? Du fürchtetest für mich? Du möchtest mich ungern verlieren? Auf dies Wort mußte sie von neuem zu weinen anfangen. Die beiden Männer, was konnten sie anders thun, als noch besser lachen? Diese Närrchen bilden sich ein, daß man hier in Preßburg die Leute so zusammenschießt, wie die Spatzen, sagte Rudolf neckend, und sein liebes, schönes Weibchen umarmend. Kathinka dagegen wendete sich zu Zoltán und that recht böse gegen ihn, daß er die Sache so leicht nehme. – Aber meine liebe Kleine, bildest du dir ein, daß es in der Gewalt jedes einfältigen Tropfes stehe, mich so ohne weiteres, mir nichts, dir nichts, umzubringen? Da werde ich wohl auch noch ein Wörtchen dreinzureden haben. Hast du mich nie schießen, nie fechten gesehen? Hab' ich mich vor jemand zu fürchten? Und nun gar vor einem solchen Maulhelden, mit dem dein geheimer Berichterstatter mich zusammen bringt. Einem so traurigen Ritter, der überall durchgeprügelt und hinausgeworfen wird, der sich nur aufs Prahlen versteht und der höchstens mit solchen Leuten anbindet, wie Papa Tarnaváry, von denen jedermann weiß, daß sie mit dem Säbel nicht umzugehen wissen. Rudolf war ihm behilflich, den Gedanken noch weiter auszuführen. – Das ist wahr, man hat euch mit einem prächtigen Hidalgo geschreckt! – Mit einem wahren Don Quixote de la Mancha. – Ein Bramarbas, gut um die Kinder damit zu schrecken, dessen Feigheit sprichwörtlich geworden. – Es war ein köstlicher Spaß, von wem immer der Einfall herrühren mag. – Wahrscheinlich ist es das Werk eines schmachtenden Liebhabers, sagte Rudolf, die schlanke Taille seines schönen Weibchens umfassend und einen Kuß auf ihre rosigen Lippen drückend, irgend eines eifersüchtigen Verliebten, dessen Donna vielleicht im Theater oder in den Sitzungssälen nach uns hinüber kokettiert hat, und der uns dadurch unschädlich machen will, daß er euch hierher sprengte. Mutter und Tochter fanden zuletzt selbst die Sache so spaßig, daß sie sich von der guten Laune der Männer anstecken ließen und darin übereinstimmten, daß, was immer damit beabsichtigt gewesen sein mochte, doch das Gute dabei herausgekommen, daß sie jetzt um einen Monat früher, als man sie erwartet, hier seien und jetzt würden sie auch keinen Tag mehr von Rudolf getrennt bleiben. – Nur bis morgen wird das doch geschehen müssen, bemerkte Rudolf in heiterer Weise. Wo soll ich euch hier unterbringen? Eure Zimmer müssen erst eingerichtet werden. Bis morgen also müßt ihr schon bei den Szcenczischen euch einquartieren, die sich ohnehin so einsam fühlen; morgen könnt ihr dann hierher übersiedeln. Das war natürlich, und es dauert ja nur so kurz. Mittlerweile meldete der Kammerdiener, daß das Essen aufgetragen sei. Rudolf mußte sich entschuldigen. Das hat nicht sein Koch bereitet, er hat es nur aus dem Kasino holen lassen; was jedoch den Speisen an Schmackhaftigkeit abging, wurde reichlich ersetzt durch die süße Freude des Wiedersehens – ein zärtlicher Händedruck, ein Blick gewährt mehr Hochgenuß, als alle ambrosischen Genüsse eines Göttermahls. Bis zum Abend sitzt der kleine Familienkreis am Tisch beisammen, scherzend und plaudernd. Zoltán ist heute unerschöpflich in witzigen Einfällen. In welcher Angst waren wir um euch, sagte Flora, sich zärtlich zurücklegend auf den sie umschlungen haltenden Arm des Gatten, als wir fern von euch waren; getrennt von denen, die wir lieben, glauben wir sie so leicht in der größten Gefahr. Arme Frau. Und jetzt, wo diejenigen, die sie liebt, in der größten Gefahr, lehnt sie so ruhig, so sorglos ihr Haupt auf die Brust des einen und blickt lächelnd zu dem andern hinüber. Diese stießen die Gläser an auf das Wohl ihrer Lieben. Mögen sie lange leben und glücklich sein! Man durfte nicht lange aufbleiben; die Frauen waren müde von der in Eile zurückgelegten Reise, sie bedurften der Ruhe. Zoltán nahm es auf sich, sie zu den Szenczischen zu begleiten. – Morgen früh um sieben Uhr komm in meine Wohnung, sagte Rudolf zu Zoltán – ich habe etwas Geschäftliches mit dir abzumachen. – Um sieben Uhr? – sagte Zoltán, es sich überlegend – ja, da kann ich kommen. – O, ihr steht so früh auf? fragte Flora. – Wir sind das vom Landleben her gewohnt, scherzte Rudolf und Frau und Tochter küssend, drückte er auch Zoltán die Hand, und während sie so heiter und scherzend sich die Hände drücken, denkt der eine bei sich: »teuerer Freund, morgen räche ich dich!« und der andere: »teuerer Junge, morgen komm ich dir zuvor!« Zoltán ließ Flora und Kathinka an beiden Seiten sich in ihn einhängen, und führte sie absichtlich auf einem Umwege, um länger in ihrer Gesellschaft sein zu können; er konnte so glücklich sein. Er konnte hören und fühlen, wie sehr er geliebt wird; es war kein Geheimnis mehr, sondern fest beglaubigte Wirklichkeit, daß er ein teueres Herz sein nennen kann, das reich an Liebe und Treue und das niemand ihm rauben kann in diesem Leben. In diesem Leben . Auch zu den Szenczischen mußte er noch hinauskommen und dort wieder hören, wie besorgt man um ihn ist, wie sehr man ihn liebt; und als er sich verabschiedete, begleitete ihn das holdeste Lächeln und bat ihn die süßeste Stimme, morgen um zehn Uhr wiederzukommen, um sie zu Rudolf zu führen. Morgen früh um zehn Uhr! Wird der morgige Tag diese Stunde für ihn bringen? * * * Es schlug Punkt Sieben, als Zoltán an der Thüre Szentirmays läutete. Er hatte auch Sechs schlagen gehört, auch Fünf, und alle Stunden seit Mitternacht. Er wird auch noch Acht schlagen hören. Der Kammerdiener öffnete die Thüre und bat Zoltán leise aufzutreten, denn dem Grafen sei ein Unglück passiert. Zoltán fühlte den Boden unter sich wanken. – Was ist geschehen? fragte er zitternd. – Der Graf war heute früh ausgefahren und hatte nicht bemerkt, daß in der Seitentasche seines Zeke eine geladene Pistole stak; zufällig wurden die Pferde scheu, und indem der Graf aus dem Wagen sprang, schlug die Pistole an das Rad an, ging los und verwundete den Grafen. – Gefährlich? – Vielleicht nicht. Zoltán erriet das übrige. Rudolf war ihm mit dem Duell zuvorgekommen und hatte einen Schuß bekommen; im nächsten Moment kniete er dort vor seinem Bett. Im Zimmer war außer Rudolf niemand, als der Arzt. Die blutigen Kleider lagen dort auf dem Sofa. Das Gesicht des Grafen zeigte auch jetzt den ruhigen Ausdruck, der ihm eigen war. Mit gedämpfter, aber fester Stimme ersuchte er den Arzt, ihn auf einen Augenblick mit Zoltán allein zu lassen. – Lieber Zoltán, sagte der Verwundete zu dem vor ihm knieenden Jüngling, ich bin gefährlich verwundet; noch eine halbe Stunde werd' ich bei Bewußtsein sein, dann tritt das Fieber ein und in der nächsten halben Stunde werde ich aufgehört haben, zu leben. Warum dies geschehen – du weißt es, aber du wirst es für dich behalten. Meiner Familie sage, daß ein unglücklicher Zufall meinen Tod herbeigeführt hat. Diesen war ich dir, war ich denen schuldig, die dich lieben, in dieser Welt und in der andern. Der, von dessen Hand ich fiel, wird deshalb aus dem Lande flüchten müssen und du findest ihn nicht mehr. Dort auf meinem Tisch liegt ein an dich adressiertes Couvert, das stecke zu dir und sobald du eine ruhige Stunde haben wirst, erbrich es und lies: es sind zwei Briefe darin, der eine von mir, der andere von der Hand deiner teuern Mutter, beide vor unserer Todesstunde geschrieben und im Vorgefühle derselben durch den Tod besiegelt. Diese beiden Schriften werden dir die Gewißheit geben, daß du keine Ursache hast, bei dem Andenken an uns zu erröten, sie werden deine Seele beruhigen, wenn in ihr noch ein Verdacht gegen die Toten schlummern sollte. Das zu Kopf steigende Blut hinderte Rudolf am Weiterreden, obwohl er nur leise und flüsternd sprach. Zoltán wollte den Arzt rufen, aber Rudolf winkte ihm mit der Hand zu bleiben. Warum Zeit verschwenden? Nach einer Minute konnte er wieder sprechen. – Ich habe eine Bitte an dich. Um diesem schrecklichen Märchen ein Ende zu machen, um es für ewig vor der Welt zu widerlegen: nimm meine Tochter zur Frau . Das wird die teuflische Lästerung zum Schweigen bringen. Der Jüngling schluchzte so, daß er nicht imstande war, ein Wort zu erwidern. – Versprich mir, daß du sie lieben wirst. Ein stummer Händedruck antwortete mit Ja. – Versprich mir, daß du keinen andern Gedanken haben wirst, als sie glücklich zu machen. Ein noch stärkerer Händedruck schien zu sagen: Ja; aber vorher nehme ich Rache für dich. – Dies Versprechen schuldest du meiner Ehre und ihrem liebenden Herzen. Schwerer noch als die Hand des Todes lag auf dem brechenden Herzen der Gedanke, daß auch Zoltán mit jenem furchtbaren Menschen sich bestellt hat, daß er ihn selbst auf der Flucht aufsuchen wird oder daß jener ihn erwartet und tollkühn zur bestimmten Stunde erscheint, um sich ein zweites Opfer zu holen. Darum bestand er so sehr auf diesem Versprechen. – Jetzt schicke um meine Familie. Du bleibe an meiner Seite. Nach wenigen Minuten waren alle drei vor dem Lager des Sterbenden. Rudolf konnte schon nicht mehr sprechen, sie nur lächelnd anblicken. Flora konnte den Gedanken nicht fassen, daß Rudolf sterben solle; noch gestern so lebensfrisch, so heiter, und heute tot. Das ist unmöglich. So Schreckliches geschieht nicht in dieser Welt. Sie konnte nicht einmal weinen, das Auge versagte jede Thräne. Es ist ein Scherz, ein Traum, eine Lüge, was sie sieht. Ihre Sinne täuschen sie. Rudolf drückte die Hand seiner teuern Gattin an die bleichen Lippen. Ach, scherze nicht, steh auf aus dem Bett, lache, lach' uns aus, sagte sie, gesteh, daß du dir nur einen Scherz mit uns machen, uns nur schrecken wolltest, es ist ja unmöglich, daß du stirbst. Mach' uns nicht irre an Gott! ... Aber die beiden Kinder schluchzen so. Also sie glauben, daß er sterben wird? Rudolf zieht ihre Hände zu sich und legt sie ineinander, er drückt sie so fest zusammen. Mit der andern Hand drückt er Flora an seine Brust, und blickt sie so zärtlich lächelnd an. Diese schönen, lächelnden Augen, wie sie allmählich brechen und sich verdunkeln! dies männliche Antlitz, wie wird es bleicher und bleicher! Ihr aber scheint es, als ob die eigenen Augen sich verdunkelten, als ob ihr Gesicht es sei, das so erblaßt. Plötzlich lassen die beiden so zärtlich drückenden Hände los und fallen starr auf die Bettdecke herab. »Mutter! Mutter!« schluchzt das Mädchen verzweifelt, Flora umarmend, diese aber sinkt kalt, bewußtlos an die Brust der Tochter, und nicht Thränen, sondern kalter Angstschweiß rieselt von ihrem Gesichte herab. Auf Zoltáns Läuten erscheint die Dienerschaft, kommt auch der Arzt. Man muß diese beiden Frauen von hier entfernen. Rudolf hat ihnen nichts mehr zu sagen. Rudolfs Gesicht hat für niemand mehr ein Lächeln. Der Tod macht es rasch. Die Uhr schlägt Dreiviertel auf Acht. Zoltán fragt leise den Arzt: Ist die Kugel aus der Wunde herausgenommen worden? – Hier ist sie, sagte der Arzt; sie war in die Brust hineingedrungen und zum Rücken herausgekommen. Zoltán nimmt die Kugel und bewahrt sie in der Tasche. Er wird dieselbe Kugel dem Mörder zurückschicken. Die Zeit drängt, er muß eilen; noch einmal küßt er Rudolfs kalte Stirne, und ohne noch seine Geliebte zu umarmen, verläßt er eilends das Haus. Und wenn die Seligkeit selbst ihn erwartete, er würde nicht versäumen, den Menschen aufzusuchen, der Rudolf getötet. Unten wartet seine Mietkutsche auf ihn. – Fahr zu! In zehn Minuten müssen wir drüben in der Au sein! * * * Köcserepys Tochter ist krank! schwer fieberkrank. Seit Tagen ist niemand im Hause zur Ruhe gekommen; ein Arzt löst den andern ab. Keiner kann die eigentliche Krankheitsursache herausfinden. Der eine hält es für ein hitziges Fieber; der andere schreibt das rätselhafte Übel der jugendlichen Vollblütigkeit zu, ein dritter vermutet Blattern. Hat man wohl vor den Ärzten davon gesprochen, daß auch ihre Seele leidend? Die Kranke duldet niemand um sich, nur das blinde Mädchen. Manchmal spricht sie so klug, dann wirrt sie wieder alles durcheinander. Das eine Mal sieht sie im leeren Zimmer Menschen, die nicht da sind, und ein andermal sieht sie auch die wirklich Anwesenden nicht und phantasiert von dem einsamen Wald, in welchem sie sich verirrt hat. Eines Morgens redet sie ihre blinde Wärterin an: – Gieb meine Kleider her, ich will mich anziehen. Liza wagt dies nicht auf eigene Faust zu thun, sondern läßt durch die im Zimmer befindliche Zofe bei der gnädigen Frau anfragen, ob es erlaubt sei. Eveline eilt herbei. Wilma ist mit dem Ankleiden beschäftigt; sie wirft sich das Oberkleid um, zieht die kleinen Schuhe an. Ihr ganzer Körper zittert wie Espenlaub. – Wohin willst du gehen? fragt Eveline. Der Arzt hat dir verboten, aufzustehen. Was beginnst du? Eine dunkle Röte überzieht Wilmas Gesicht, sie blickt finster auf ihre Mutter und fährt fort sich anzukleiden. Eveline will strenger sein; sie fragt in härterem Tone: »Warum ziehst du dich an?« Das Mädchen antwortet in ganz verändertem Tone: – Weil ich ihn retten will. – Retten? wen? – Ihn, damit sie ihn nicht umbringen. – Umbringen? wen denn? fragt Eveline verwundert. – Wen? wen? rief das Mädchen mit flammendem Gesicht. Als ob ihr es nicht wüßtet. Ihr wollt ihn ja morden. Ihr! Ihr! Und sie zeigte mit dem zitternden Finger auf die Mutter. – Mein Kind, Wilma! schrie Eveline erschrocken, und lief zu ihr hin. – Komm mir nicht in die Nähe! Rühre mich nicht an. Ihr wollt ihn umbringen. Aber ich laß es nicht zu. Nein, nein! – Von wem sprichst du, mein Kind, meine Tochter? Teures Kind, komme zu dir! – Warum wollt ihr es leugnen; höre ich nicht das Klirren der Säbel? Höre ich nicht, wie sie sich schlagen im Walde, wie ihre Säbel klirren. O Zoltán, Zoltán, halte ein! Ich komme. Ich werfe mich zwischen euch, zwischen eure Klingen. Mich tötet! O Zoltán, kämpfe nicht! Wirf dein Schwert fort! Dieser Mensch wird dich umbringen! Die Fieberkranke umklammerte bei diesen Worten ihre Mutter, die vor ihr auf den Knien lag und es fühlen konnte an den glühenden Küssen, mit denen das kranke Mädchen in der Fieberhitze ihre Brust, ihre Wangen, ihre Lippen bedeckte, wie sehr es – nicht die Mutter, sondern den liebe, den sie hassen. Ach, das hatte ihr die Philosophie nie gesagt. Die Kranke brach erschöpft zusammen, man mußte sie wieder ins Bett tragen; sie ist völlig außer sich, spricht wirr durcheinander, aber jede Rede endigt damit: »sie töten ihn und töten mich. O Zoltán, teurer Zoltán!« Die Rätin steht dort zu Häupten des Bettes und sagt bebend zu ihrem Gatten, der so blaß, wie sie: – Sieh, sieh, und höre, was sie spricht. * * * Um sechs Uhr hatte Rudolf mit dem Haudegen sich duelliert, um acht kam an Zoltán die Reihe. Sieben Uhr fiel dazwischen. Das war die dem Baron Nikolaus gegebene Stunde. Der Haudegen hatte nach der tödlichen Verwundung Rudolfs nicht die Flucht ergriffen; er dachte bei sich, zwei Stunden habe er noch Zeit zu bleiben, die Affaire mit Nikolaus und Zoltán zu beenden und dann wird er die Welt unter seine Füße nehmen. Mit Nikolaus war man auf Säbel übereingekommen: zum Kampfplatz hatte man einen leeren Tanzboden gewählt. Um sieben Uhr hatten die Kämpfer und die Kampfzeugen sich eingefunden. Die Thüren wurden verschlossen; die Sekundanten benachrichtigten die Parteien, daß alle nötigen Vorbereitungen in Ordnung seien. Diese fingen an, ohne ein Wort zu reden, ihre Kleider abzulegen. Welche prachtvolle Muskulatur, welchen festen Körperbau lassen uns beide bewundern. Jede Muskel an Dabronis entblößtem Arm scheint sich selbständig zu bewegen, ein selbstständiges Leben zu haben; das Handgelenk bewegt sich frei, ohne daß der Ellbogen sich rührt, bei einer Anspannung wölbt sich jede Muskel und spielt immer nur diejenige, welche den Streich zu führen hat. In dem herkulischen Körperbau des Baron Nikolaus sind die Verhältnisse weniger harmonisch. Die Natur hat alles bei ihm überaus reich ausgestattet; seine breiten Schultern scheinen dazu bestimmt, eine Welt zu tragen, und sein ausgestreckter Arm bringt uns in Erinnerung, daß er einmal eine halbe Stunde lang mit der bloßen Faust gegen einen grimmigen Eber gekämpft. Wen ein Schlag von dieser Faust trifft, und wäre er aus Eisen gegossen, der kann seine Rechnung mit dem Himmel machen. Als die Kämpfer sich gegenüber gestellt haben, holt man die Säbel hervor. Bis dahin waren sie beide noch ohne Waffe in der Hand gewesen. Es sind zwei gute Stahlklingen, drei Zoll breit mit einem Korbgriff, wie ihn Duellschläger zu haben pflegen. Man kann gewiß sein, daß sie jeden Hieb aushalten, was hier wohl in Betracht kommt, wo sich zwei Kämpen gegenüber stehen, welche es nicht auf leichte Ritzer abgesehen haben. Nikolaus wußte bereits, daß Rudolf im Duell geblieben war. An seinem ganzen Gesichte konnte man wahrnehmen, daß er auch jetzt daran denkt. Warum hat er ihm nicht zuvorkommen können! – Beeilen Sie sich, meine Herren, trieb Dabroni die mit den üblichen Formalitäten beschäftigten Sekundanten an. Auf mich wartet noch ein Dritter. – Beim Himmel! rief Nikolaus mit einer Stimme, welche dem Brüllen eines Löwen glich, dieser Dritte wird vergeblich auf dich warten. – Meinen Sie, Herr Baron? fragte Dabroni mit spöttischem Lächeln. – Das wirst du sehen. – Wollen Herr Baron etwas zu sehen bekommen? frug der Spadassin mit tückischer Freundlichkeit. – Vor allem andern dein Blut! rief Nikolaus, den ihm dargereichten Säbel in die Hand nehmend und stampfte mit dem Fuß auf, daß das ganze Gebäude erdröhnte. Beide Kämpfer stellen sich in Positur; sie kreuzen ihre Klingen, deren geschliffene Schärfen sich aneinander wetzend einen so durchdringenden Ton von sich geben, daß es einem dabei kalt über den Rücken läuft. Über eine Minute herrschte Totenstille im Saal; die Sekundanten treten zurück. Die zwei Klingen ruhen gebunden aneinander. Die Blicke der Kämpfer suchen sich gegenseitig auf; aus Nikolaus Augen sprüht Zornesglut, aus denen Dabronis das Gift einer Schlange. Nikolaus eröffnet den Kampf. Mit einem strammen Hiebe schlägt er die Parade seines Gegners durch und wie der Blitz nach dessen Haupt. Wenn der Spadassin sich mit der verspäteten Klinge gegen den furchtbaren Hieb hätte decken wollen, so wäre Säbel und Kopf ihm so entzwei gehauen worden, daß auch der jüngste Tag kein Ganzes mehr daraus gemacht haben würde. Statt dessen aber sprang er rasch zurück, seinen ganzen Körper nach rückwärts werfend, auch seine Klinge zog er zurück und ließ den ganzen wütenden Hieb vor sich niedersausen; die Spitze des Säbels fuhr nur einen Zoll vor seinem Körper in den Boden. Im nächsten Augenblick war er schon wieder auf seinem Fleck. Auf seinem Gesichte war nicht die geringste Verwirrung zu sehen, keine Spur von Bestürzung. Seine Augen leuchteten vielmehr wie die eines geübten Spielers, dem es gelungen, seinen Gegner durch eine List zu täuschen. Der Angegriffene wurde nun selbst zum Angreifer; er bog seinen Körper vor, kroch ganz unter die Klinge des Gegners und nötigte diesen durch Scheinhiebe, sich näher zum Leib zu decken und ihn so auf geringere Distanz herankommen zu lassen. Den Sekundanten Nikolaus' floß kalter Schweiß von der Stirne. Es war klar, daß Dabroni ein viel gewandterer Fechter als Nikolaus ist, der trotz seiner Geistesgegenwart und ungeheuren Körperkraft seinen Finten nicht immer erfolgreich genug zu begegnen weiß. Schon ist er genötigt, einen Schritt zurückzutreten. Seinen Gegner macht das noch kühner. Auch er macht einen Schritt vorwärts. – Seien Sie unbesorgt, Herr Baron, ich folge Ihnen schon nach. Er hat auch noch Zeit, sich lustig zu machen über den Gegner in dem Gefühl seiner Überlegenheit. Nikolaus schlägt auf diesen Spott wütend drein. Dabroni fängt den schweren Hieb mit seinem Säbel auf und läßt ihn an der Schneide desselben hinabgleiten bis zum Korbblatt, damit dort seine Wucht sich breche und schlägt nun einen untern Hieb nach dem Baron, einen jener tückischen Hiebe, deren Wunde unheilbar ist und wie der Baron, um ihn zu parieren, seine linke Seite ungedeckt läßt, führt er einen Seitenhieb nach dessen Nacken. Ah, der scharfe Säbel ist eingedrungen! Die beiden Sekundanten fahren sich entsetzt mit der Hand vor die Augen. Aus dem Nacken des Barons quillt plötzlich Blut hervor und strömt aus die Brust herab. Im nächsten Moment ist ein furchtbares Brüllen zu vernehmen; Nikolaus stürzt mit der blinden Entschlossenheit der Wut auf den Gegner. Das Blitzen eines Säbels war zu sehen, ein Krachen zu hören – und dort lag der Spadassin, sprachlos und bleich. Die Sekundanten liefen zu ihren Parteien. – Kein Unglück geschehen! donnerte Nikolaus, die Wunde mit der Hand zuhaltend. Der dort aber wird sich nicht mehr schlagen! Jene aber waren starr vor Entsetzen. Der furchtbare Hieb hatte das den Griff schützende Korbgeflecht durchhauen und mit dem Griff auch die Hand; dem Spadassin blieb nur der verstümmelte Arm. – Der Himmel sei gepriesen! brummte Nikolaus vor sich hin und half selbst von seiner entblößten Brust das Blut wegwischen, während der Arzt die klaffende Halswunde zunähte ... ... Ach, wie liefen wir, damals noch Kinder, einige Wochen später zusammen, als er zum erstenmal auf die Gasse kam, die heilende Wunde mit einem schwarzen Verband bedeckt, wie zeigten wir ihn uns einer dem andern und wie gerne hätten wir die teure Narbe und die Hand geküßt, welche sich dafür bezahlt gemacht! * * * Es schlug Punkt Acht, als Zoltán in der Au ankam. Seine Sekundanten warteten schon auf ihn. Es ward halb neun und der Gegner ließ noch immer nichts von sich hören und sehen. Endlich erschienen seine Sekundanten. Sie gingen auf Zoltán zu und entschuldigten Dabroni wegen seines Ausbleibens. Derselbe werde weder jetzt noch später mehr sich mit ihm schlagen können, denn er habe in einem vorausgegangenen Duell seine rechte Hand verloren. Zoltán fühlte einen kalten Schauer durch seine Seele ziehen. War es nicht Rudolfs herabgestiegener Geist, der in unsichtbarer Gestalt ihn schirmend umschwebt hatte und jetzt wieder sich emporschwingt, um dort oben Rechenschaft abzulegen jenen, denen er einst gelobt hatte, Sorge zu tragen für ihr einziges Kind ... 3. Harte Herzen. Von Tag zu Tag wird die Trauer größer im Karpáthfalver Kastell. Das Fräulein ist sehr, sehr krank, es wird immer schlechter mit ihr: wer weiß, ob sie noch genesen wird? Jede Nacht hat sie andere und neue Phantasien; sie träumt mit geöffneten Augen und spricht laut zu denen, von denen sie träumt. Vater und Mutter sitzen abwechselnd an ihrem Lager; wenn das eine die Nachtwache bei ihr gehabt, wacht das andere am Tage bei ihr; dann erzählen sie sich, wovon die Kranke gesprochen, was sie geträumt, und zerbrechen sich lange, lange den Kopf darüber. Wer wohnt hier im Zimmer nebenan? frug eines Morgens die Kranke, mit ihrem kreideweißen Finger an die neben dem Bett befindliche, mit Tapeten überzogene Wand klopfend – wer hat hier in der Nacht Klavier gespielt, im andern Zimmer? Hier rechts neben mir? Der Rat streichelt sanft die fieberheiße Stirn seines Kindes. – Dort sind leere Zimmer, mein liebes Töchterchen, dort wohnt niemand. Selbst der Gang, der in jene Zimmer führt, ist abgesperrt. Nein, nein. Ich höre alles genau – versichert die Kranke – manchmal ertönt eine Klaviersaite und klingt dann lange nach. In der Nacht gehen sie dort beständig auf und ab; sie schleichen trippelnd auf den Fußzehen umher; ich höre das Rascheln ihrer Kleider. – Niemand ist dort, gar niemand, mein teures Kind: – O doch! Hier zu Füßen meines Bettes ist eine Thüre; ich weiß, daß eine dort ist, nur daß sie von den Tapeten verdeckt wird. Vergangene Nacht, eben als es Mitternacht schlug, öffnete sich die Thüre neben dem Bett, und heraus trat die weiße Frau, die dort neben mir wohnt; wie blaß war sie und wie traurig! Eine Zeitlang saß sie dort am Bett mir zu Füßen und sah mich ruhig an; dann rückte sie näher und setzte sich auf den Rand des Bettes, ganz nahe zu mir. – Das ist nicht möglich, meine liebe Tochter, ich saß die ganze Nacht über an deinem Bett und niemand anders. – O nicht doch. Ich rief nach dir, auch nach Liza und nach dem Stubenmädchen; keines von euch war hier, nur die Weiße Frau. Sie saß hier die ganze Nacht an meinem Bett und wandte kein Auge von mir ab. Sie dachte bei sich: auch du wirst bald dort wohnen, wo ich wohne.« Köcserepy ließ noch in derselben Nacht die Kranke in den entgegengesetzten äußersten Schloßflügel, weit von dem vermauerten Zimmer hinüberschaffen. Und doch – du lieber Gott – was giebt es dort? Nichts, als eine angeworfene Mauer: Steine und Malter: weiter nichts. – Und inwendig? ein leerer Raum, bloß mit Luft gefüllt, von der jeder vernünftige Mensch weiß, daß sie weiter nichts als eine Mischung von Oxygen, Hydrogen und Karbonikum; das Oxygen setzt Rost an auf den Klaviersaiten, davon springen sie; und das Bild dort im Rahmen ist nichts als Leinwand mit sein zerriebener Farbe; das kann nicht von dort herabsteigen. Jeder vernünftige Mensch mußte das einsehen, und doch wagte von den Vernünftigsten einer es nicht, sein krankes Kind in der Nähe jener Zimmer zu lassen, in denen Zoltán Karpáthis Mutter ihren Todeskampf gekämpft hatte. Wilma lag an einem schweren, hitzigen Nervenfieber darnieder. – Für nervöse Menschen ist es nicht geraten, mit ihr in Berührung zu kommen. Die Ärzte selbst rieten Köcserepy, besonders Eveline von ihr fern zu halten, denn die Krankheit sei ansteckend. Die Kranke durfte das nicht bemerken. Aber auch noch etwas anderes durfte sie nicht erfahren, das man ängstlich vor ihr geheim hielt. Der Geist der Kranken war immer beschäftigt, etwas zu entdecken, herauszufinden, zu erraten, was man ihr zu verbergen suchte. – Wo ist Liza? wo ist meine Liza? fragte sie oftmals. – Ich habe sie schon lange nicht gesehen. – Sie war hier, sagte beruhigend der Rat; du schliefst gerade und konntest sie nicht sehen. Sie wird bald wiederkommen. – Bald, bald, sagte die Kranke beruhigt; wenn sie kommt, soll man mich wecken. Wenn sie ihre heftigsten Paroxismen hatte, phantasierte sie immer von Zoltán; wenn sie von ihm zu sprechen anfing, zitterte man in dem ganzen Hause, dann traten kalte Schweißperlen aus ihre Stirne, dann färbte sich ihr Gesicht flammenrot, dann war es zum Wahnsinnigwerden den Schmerzensausdruck zu sehen, der ihre Züge krampfhaft zusammenzog und jenen Ton zu hören, der mit ihrem Schluchzen durch die verschlossenen Thüren drang. Ihr Vater mußte dann ihren zuckenden schwachen Leib mit aller Kraft umklammert halten, denn sie wollte zum Bett hinausspringen und sich zwischen die ihren brennenden Augen vorschwebenden Gestalten werfen, welche dort kaum zwei, drei Schritte von ihr mit scharfen Schwertern den tödlichen Kampf kämpfen. O wie schluchzte sie, wie bedeckte sie ihr Antlitz mit den Händen. Jetzt hat ein sein Schwert ihm ins Herz gestoßen und ein roter Blutstrom springt hervor. Und der Rat mußte das alles mit ansehen, mit anhören, mit durchempfinden! Eines Morgens erhielt Köcserepy einen Brief aus Preßburg. Seine Hand zitterte, als er ihn öffnete. Man benachrichtigte ihn darin, daß Dabroni durch einen Säbelhieb für alle Zeiten unschädlich gemacht sei. – Dem Allmächtigen sei Dank! lispelte der hartherzige Mann, weil das nicht geschehen war, was er mit solcher Sicherheit arrangiert hatte. Der gerechte Gott hatte seine allgewaltige Hand dazwischen gelegt, damit das nicht geschehen konnte. O, wie das wohlthat. Das giebt noch Hoffnung. Das wird mehr helfen, als alle Balsame der Heilkunst. Er lief mit dem Brief zur Kranken. – Sieh her, meine Liebe! Zoltán Karpáthi lebt. Der ihn umbringen wollte, dem ist die ganze Hand abgehauen worden. Der wird ihm nichts mehr zu Leide thun. Sieh, lies! – Die Kranke schüttelte ungläubig den Kopf. – Ich glaub' es nicht. Das haben sie nur ausgedacht, um mich zu täuschen. Sie wollen mich immer zum Narren halten: wozu das? Weiß ich etwa nicht, wo Liza ist, mein blindes Mädchen? Sie sagen, sie sei hier gewesen, als ich schlief. O ich weiß recht gut, wo sie jetzt ist. O ich weiß alles! Ich weiß, Liza ist tot. Hab ich etwa nicht gehört, wie sie vorige Nacht im oberen Stock hämmerten und weiß ich nicht, daß man da ihren Sarg zunagelte? Man hat sie ins Gartenhaus getragen, dort hat man ihr ein Grablied gesungen, Hab ich es nicht gehört? Wein armes kleines Mädchen, ich konnte nicht einmal dabei sein, um dir den Kranz auf die Locken zu drücken – den Totenkranz; konnte dir nicht einmal den letzten Abschiedskuß geben. Mir lügt man vor, daß sie noch lebt. – Der Rat war erstarrt und vermochte nicht zu sprechen. Welche durchdringende Einbildungskraft doch die Kranken besitzen, daß ein aufgefangener Ton ihnen genügt, um zu erraten, was alles geschieht. – Warum verschweigt man mir alles? Da unlängst blies das Posthorn vor unserem Hause; das Gesinde übernahm den Brief unten im Hof und sagte leise: schwarz gesiegelt! Eine Stunde darauf kam die Mutter zu mir. Sie hatte verweinte Augen, aber sie wollte es nicht merken lassen. »Von wem hast du einen Bries erhalten?« fragte ich sie. »Von den Ilvayschen,« gab sie zur Antwort, »sie lassen dich schön grüßen.« – »Wie geht es Mathilden?« – »Sehr gut,« sagte die Mutter – »sie hat dieser Tage Hochzeit gemacht.« – Ja, Hochzeit im Grabe. Warum hält man das geheim vor mir? Alle sterben, die mich lieben, alle, alle ... Das Kind verhüllte seine Augen und hatte geweint, wenn es nur gekonnt hätte. Jener hartherzige Mensch saß dort am Lager seines kranken Kindes mit einen» Gefühl, als würde das schwere Herz da drin in seiner Brust in hundert Mörsern zerstampft und als Ware jedes der tausend Stücke, in die es zerspringt, so schwer, wie ein Felsblock. – Also wir lieben dich nicht? fragte der Vater seine Tochter, von der ihm dieser Gedanke so weh that. Also wir lieben dich nicht? Das Kind fuhr mit der zitternden Hand über die Stirne. – O, o, nicht so hättet ihr mich lieben sollen, nicht so ... – Nicht so? Warum sagst du das, mein Kind? Wilma dachte lange nach, dann machte sie plötzlich mit der Hand eine unverständliche Bewegung vor den Augen, und lispelte leise: – Es wird ja ohnehin bald aus sein. Der Rat, vor Schmerz darniedergebeugt, umarmte sein einziges, fieberkrankes Kind. – Wir dich nicht lieben? o, sage das nicht! Wir, die wir dich so heiß lieben! Die Kranke ergriff ruhig die Hand des Vaters und führte sie an ihr Herz. – Fühlst du, was hier ist? – Das Herz. – Das aber weißt du nicht, warum es so laut schlägt. O, das weiß niemand, nicht ihr, nicht die Ärzte. Nur drei wußten darum und die sind alle gestorben. Ihr fragtet mich immer, warum ich so traurig sei, und wolltet mich damit erheitern, daß ihr in meiner Gegenwart loszogt über ihn. Ihr sagtet ihm alles Böse nach, schmähtet, haßtet ihn und frugt mich doch, warum ich so blaß sei? Ihr fingt an ihn zu verfolgen, ihr vertriebt ihn aus dem väterlichen Hause und brachtet mich hierher, um diese Luft einzuatmen, die er verflucht hatte; ihr machtet ihn zum Bettler, nahmt ihm alles – nur um mich mit Pomp begraben zu können. Das that mir so weh, so weh und ihr wußtet das nie. Nicht genug, daß ihr ihm seine Güter genommen, ihr nahmt ihm zuletzt auch das Leben. Ihr habt ihn hingemordet mit kaltem Blut, ohne Gnade, ohne Barmherzigkeit! Ihr durchbohrtet ihm das Herz, sein Herz, dies teure Herz, dies liebe süße Herz! ... Bei diesen Worten rang das arme Mädchen die ineinander gefalteten Hände über die bleichen Lippen und richtete den Blick gen Himmel mit einem Ausdrucke des Schmerzes, eines übermenschlichen Schmerzes, der selbst einen eingefleischten Teufel nicht hatte ungerührt lassen können. – Meine Tochter! meine teuere, gute Tochter! ächzte der Vater; mehr konnte er ihr nicht sagen. Der Fieberkranke weiß wohl, was er selber spricht, nicht aber, was andere zu ihm sprechen. – Siehst du, siehst du, wie schön wir hätten leben können, sprach das kranke Mädchen weiter. Wir daheim und er hier. Er hat euch ja nie was zuleide gethan, was brauchtet ihr ihn zu verfolgen. Wir waren in unserem Hause wohnen geblieben und er in dem seinigen; keiner hätte über den andern auch nur ein Wort gesprochen. Was habt ihr davon, daß ihr ihm alles genommen, Haus, Hof und selbst das Licht der Sonne? Ihr könnt jetzt allein wohnen in diesem großen Hause, allein in dieser weiten Welt. Was ist euch nun das wert? So aufrichtig kann nur das Fieber sprechen, so öffnet nur der das Herz, der alle Herzen schließt und bevor er sie schließt, ihre Geheimnisse entblößt und bevor sie auf ewig verstummen, sie noch redselig macht. Dem Herrn Rat stieg in dieser Stunde ein großer Gedanke auf. Er verscheuchte diesen Gedanken nicht aus seinem Herzen. Er fand Rettung darin. Es war dies ein ganz anderer Gedanke, als die, welche er bisher in seiner Brust genährt hatte, ganz das Gegenteil davon. – Sei ruhig, mein liebes Kind, sagte er zu der Tochter sich herabbeugend. Der, von dem du sprachst, ist außer Gefahr, Ich werde dich davon überzeugen. Versprich mir, daß du bis dahin ruhig bleiben, dich nicht quälen willst. Damit du wieder gesund werdest, mir zum Trost ... und zur Freude. Die Kranke seufzte auf, als der Vater sie verließ und lispelte vor sich hin: Es ist nicht möglich, das kann so nicht sein. Bald werd' ich das Wahre erfahren. Köcserepy wollte sich beeilen mit dem, was er vor hatte. Im Salon fand er den Arzt und rief ihn zu sich, um seinen Rat zu hören. Er sagte ihm offen und rückhaltslos, was er beobachtet, was er erfahren und was er jetzt thun wolle. Der Arzt billigte vollkommen seine Absicht. Wenn etwas, so könne das noch helfen. Köcserepy sagte ihm auch, auf welche Art er sein Vorhaben verwirklichen wolle. Der Arzt staunte. Der Vater stammelte mit gebrochener Stimme: Für sie würd' ich die ganze Welt dahin geben. Es war nötig, auch Evelinen davon in Kenntnis zu setzen. Die Rätin hatte in diesen Tagen die furchtbarsten Qualen ausgestanden. Wenn sie gewisse Gedanken überkamen, weinte sie so laut, daß man sie in allen Zimmern hörte; schon viele Tage hindurch hatte sie kein Auge geschlossen, und wenn sie nicht bei der Tochter war, schickte sie jede Stunde fragen, wie es ihr gehe. Es war auffallend, daß sie gerade heute sich nicht nach ihrem Befinden hatte erkundigen lassen. Köcserepy ging in Begleitung des Arztes seine Frau aufsuchen. An der Thüre blieb er horchend stehen; man hörte kein Geräusch. Er öffnete leise und sah sich um, ob er nicht störe. Die gnädige Frau saß dort am Schreibtisch und schrieb sehr aufmerksam in ihrem Tagebuch. Ihr Gesicht war blässer als gewöhnlich, aber vollkommen ruhig und gelassen. Ihr Gatte redete sie an, sie sah vom Papier auf, winkte den Männern, sie möchten sich setzen und schrieb weiter. Meine Liebe ... redete sie der Rat an, nachdem sie, eine gute Weile gewartet hatten – schreibst du etwas sehr Dringendes? Bei diesen Worten legte Eveline die Feder nieder, stützte den Ellbogen auf den Tisch, lehnte das Kinn auf die Hand und begann wie einer, der ganz in eine vorgefaßte Idee versunken ist: Ich schreibe nieder, wie es doch sonderbar ist, daß im Menschen zwei ganz verschiedene Wesen thätig sind: der Verstand und das Herz, und so wie der eine oder das andere das Übergewicht erlangt, ändern sich Charakter, Schicksal und Leben des Menschen, so daß man fügen kann: in jedem von uns existieren zwei Menschen, ein Verstandes- und ein Gefühlsmensch. Herz und Verstand sind zwei verschiedene Menschen ... Die beiden Männer sahen sich betroffen an. In den Augen und auf der Stirne Evelinens lag ein Ausdruck, der etwas Unheimliches hatte. Meine Liebe, sagte Köcserepy, ich möchte über Wilma mit dir sprechen. So? – sagte die Rätin sehr mißvergnügt, gleich, etwas später. Ich muß erst diesen Satz beenden: »Denn das Herz und der Verstand sind zwei verschiedene Menschen.« Damit ergriff sie wieder ihre Feder und schrieb, in Gedanken vertieft, im Tagebuch weiter. Der Arzt und ihr Mann konnten aufstehen, von ihr fortgehen, sprechen, was sie wollten. Barmherziger Gott ... flüsterte der Gatte, die Hand des Doktors ergreifend, als sie leise das Zimmer verlassen hatten; sie wird doch nicht etwa den Verstand verlieren? Vielleicht schon nicht mehr – sagte der Arzt. 4. Stille! Der Rat ging auf sein Zimmer und setzte sich nieder, um einen Brief zu schreiben. Er hat ein großes, in schwarzes Leder gebundenes Tagebuch, in dem er seine Korrespondenzen einzutragen pflegte, deren Originale er immer zurückbehielt; hier waren die geheimsten Schriften aufbewahrt; auf den Einband war mit glänzenden Buchstaben gedruckt: » Dies Buch ist nach meinem Tode zu verbrennen .« Der letzte Brief, den er geschrieben, lautete an Dabroni. Er las ihn von Anfang bis Ende durch, und überlas ihn immer wieder aufs neue. Diese Strafe war er sich schuldig. Es war ihm dies eine schwerere, härtere Buße, als wenn er barfuß in strengem Winter um Ablaß zu den Gräbern seiner Feinde hätte wallfahrten müssen, jede Zeile darin enthielt für ihn einen grausamen Vorwurf, einen auf sein Haupt zurückfallenden Stein. Er selbst hatte mit diesen Marterwerkzeugen des Hasses sein eigenes, teures Kind gefoltert. Jeder Dolchstoß, für den Gegenstand seines Hasses bestimmt, fuhr zuerst durch das Herz der Tochter, jedes Mißgeschick, das er einem andern zugedacht, fiel zerschmetternd auf ihr Haupt. Daß die Kinder so verschlossen! Warum sind sie nicht offen gegen uns Eltern? Warum glauben sie nicht, daß wir sie wahrhaft lieben? Wenn man dies traurige Kind fragte, warum es so blaß sei und so trübsinnig, warum blieb es die Antwort schuldig? Niemand konnte etwas von ihm herausbringen. Jetzt war es dem Rat wohl auch klar, wie sich Wilma in das Szentirmaer Gehölz verirrt hatte. Das teure Leben zu retten, für das sie zitterte, hatte sie sich auf den Weg gemacht mit ihrem zarten gebrechlichen Körper, während sie daheim den furchtbaren Racheplan ausbrüteten, und vielleicht im selben Momente, als er in übermütiger verbitterter Stimmung den Brief an Dabroni schrieb, schrieb das verzweifelte Kind am Rande des Walddickichts, niedergebeugt auf einen morschen Baumstrunk, heimlich die rettende Warnung an die Anverwandten des angebeteten Jünglings mit zitternder Hand, mit bebendem Herzen. Wenn er das früher gewußt hätte! Der stolze, mächtige Mann ergriff die Feder um zu schreiben. Er begann den Brief gleich dort, wo der andere Brief aufhörte.   »Herrn Zoltán Karpáthi.« »Mein Herr! Was noch niemand von mir gehört, das können Sie hier geschrieben von meiner Hand lesen: Ich bereue, was ich gethan . Ich weiß wohl, daß Sie ein Recht haben, sich zu freuen, wenn ich weine, aber ich kenne Ihr Herz zu gut, um es einer solchen Freude fähig zu halten. Mein einziges Kind ist todkrank und wird in seinen Phantasien von dem Schreckbild verfolgt, daß Sie ermordet wurden. Dem Allmächtigen sei Dank, das ist nicht geschehen; Sie leben und können mit einem Worte, durch Ihr persönliches Erscheinen der Retter meines geliebten Kindes werden, das meine einzige Freude von Gott ist; ich kenne das Opfer, das Sie bringen, wenn Sie diese Schwelle betreten, aber ich hoffe und glaube, daß Sie es nicht verweigern werden dem Unglücklichsten der Menschen Köcserepy.«   Welche schwere und herbe Züchtigung! Was war aus den Götzenbildern des Stolzes, der gespielten Weltrolle geworden, als er diesen Brief schrieb; Was aus dem selbstgefälligen eitlen Selbstvertrauen, das ihn bisher durchs Leben begleitet hatte? Wie viel Selbstverleugnung lag in diesen wenigen Zeilen, welche Selbsterniedrigung! Der Rat schrieb den Brief noch einmal ab, ließ den Verwalter holen und übergab ihm den Brief, um ihm nach Szentirma zu bringen. Zoltán und die Szentirmayschen waren nach dem Trauertage sobald als möglich von Preßburg abgereist, die einbalsamierte Leiche Rudolfs mit sich nach Szentirma nehmend. Die Kunde von dem tragischen Ende des edlen Patrioten machte einen schmerzlichen Eindruck in der ganzen Gegend, und als Köcserepy sie vernahm, schlug sein Herz gewaltig, als klagte es ihn darob an. Das war kein gutes Werk, das hätte nicht so kommen sollen. Sowie er den Brief abgeschickt hatte, eilte er wieder an das Krankenlager seiner Tochter. Das Mädchen war ganz bei sich: nach dem Parorixmus der Fieberhitze folgten die lichten Momente der Erschöpfung. Der Vater setzte sich an das Bett der Kranken. – Wo thut es dir weh, meine Gute, meine Liebe? – Da und da! sagte das Mädchen, die Hände aus das Herz und die Stirne legend. Ich wußte ja, daß mich das töten wird. – Von was sprichst du mein Töchterchen, mein Herzchen? – Weißt du auch, Vater, wie das thut? Das ist ein großer Schmerz. Wenn Liza noch lebte, könnte sie dir's sagen, denn sie wußte das, Ich sagte ihr's gleich, als wir in dies Haus kamen. Als hier oben die vielen Gaste jubelten und lachten, weinten wir beide dort unten unter den Platanen, denn wir wußten recht gut, daß wir hier sterben werden. O wenn jemand darauf gemerkt hätte. – Auf was hätten wir merken sollen? fragte der Rat, sich zur Kranken so weit herabbeugend, um selbst ihr leisestes Flüstern vernehmen zu können. – Wenn ihr auf das gemerkt hättet, wie so oft, wenn wir speisten, fremde Gäste scherzten: »was ist das, diese beiden Mädchen lassen die besten Bissen unberührt auf dem Teller liegen?« Bei solcher Gelegenheit sagt man, daß ein ferner Anverwandter hungert. Ich und Liza, wir drückten uns die Hände, wir wußten, was das bedeutet. Wenn wir in die Kirche beten gingen, scherzte man über uns: was machen sie in dieser Dorfkirche? für wen haben solche zwei Kinder zu beten? Wir wußten, für wen. Von meinen Blumen, meinen Kleidern hatte jedes seinen besonderen Namen, seine besondere Bedeutung, die außer mir niemand kannte, nur Liza. Und niemand wird sie auch erfahren. Am Allerseelentage zündeten wir abends drei Wachslichtchen an: das eine bin ich, das andere bist du, Liza, und das dritte ist er. Am schnellsten war das seine herabgebrannt, dann das deine, mein kleines Mädchen, und dann meines ... Aber keines brannte viel länger, als das des andern ... Was treiben die Kinder? ... Sie spielen ein Spiel für sich ... aber dies Spiel muß man verstehen ... man muß es verstehen, sonst hat es keinen Wert. Es war augenscheinlich, daß, sowie die Kranke auf ihre fixe Idee von Zoltán zurückkam, auch die gefährlichen Paroxismen sich wieder einstellten. Kein Zweifel, an ihn denken und – sterben, ging Hand in Hand bei ihr. Der Rat sah unruhig nach seiner Uhr. Er hatte schon hundertmal auf die Minute berechnet, in wie viel Zeit der Verwalter in Szentirma und von da wieder zurück sein kann. Aber die möglichen Zufälligkeiten ängstigten ihn. Wie, wenn er Zoltán nicht zu Hause trifft? wenn Zoltán seine Bitte abschlägt und nicht kommt? Der Arzt verordnete wieder eine neue Medizin. Die gestrige verwarf er, sowie er die von vorgestern und ehevorgestern verworfen hatte. Keine hatte geholfen, so wie die heutige auch nicht helfen wird. Die Wissenschaft hat hier ein Ende. – Mein Herr, helfen Sie, machen Sie meine Tochter wieder gesund! flehte der Rat, dem sich entfernenden Arzte verzweiflungsvoll die Hand drückend. – Ich bin nur ein Handlanger der Natur, sagte der Mann der Wissenschaft; gegen Gott ist nicht anzukämpfen. Der Rat ging in schlafloser Unruhe aus einem Zimmer ins andere. Es war schon dunkel geworden und mit der hereinbrechenden Nacht fing der Zustand der Kranken sich zu verschlimmern an. Aus Szentirma war noch keine Antwort eingetroffen. Draußen fingen an schwarze Gewitterwolken aufzusteigen; die schon ganz finstere Nacht wurde nur von Zeit zu Zeit durch wetterleuchtende Blitze erhellt, deren dumpfes Donnerrollen immer naher rückte; der Wind pfiff über die weite Flache und drehte knarrend die neuen Wetterfahnen auf dem Dachgiebel, welche mit dem Wappen Köcserepys geschmückt waren; plötzlich stürzt eine von ihnen mit großem Gepolter herab. Eine abscheuliche Nacht! Wer möchte um solche Zeit den heimischen Kamin verlassen und sich in Sturm und Wetter hinauswagen? Die Kranke stöhnte und ächzte so kläglich ... O, und niemand kann ihr helfen! Wieder ein heller Blitz, und darauf lange nachrollender Donner. Und doch ... das scheint nicht mehr Donnergepolter zu sein, das ist das Rollen eines Wagens. Eine Kutsche fuhr zum Schloßhof hinein. Das ist deutlich auszunehmen. Das Rollen einer Kutsche. Der Verwalter war in einem leichten Wägelchen weggefahren. Es ist also jemand gekommen, ein Fremder. Aber wer? Der Rat eilte dem Angekommenen entgegen. Sowie er den Korridor entlang ging, hörte er, daß jemand die Treppe heraufstieg und sich nach ihm bei dem Kammerdiener, welcher den Weg zeigte, erkundigte. Aber das war keine Männerstimme, sondern eine weibliche. Es kam ihm vor, als müßte er diese liebliche, melodische, kindliche Stimme schon irgendwo gehört haben, aber er konnte sich nicht mehr genau daran erinnern. Als er um die Ecke des Korridors bog, stand die Fremde ihm gegenüber. Es war ein schönes, schlankes Mädchen, ganz in Trauer. Köcserepy erschrak vor ihr. Das ist Szentirmays Tochter. Jenes Szentirmay, der einen so tragischen Tod gefunden. Kommt dieser schwarze Anzug nicht, ihn anzuklagen in dieser Stunde? Ist dieses trauernde Kind nicht deshalb jetzt erschienen, um ihm zu sagen: »Leben für Leben, für den Vater die Tochter!« O nein. In dem Schmerz der Taube ist kein Gift. Das trauernde Mädchen eilt sanft und freundlich auf den Hausherrn zu, ihm das zarte Händchen hinreichend, und erkundigt sich in teilnehmenden, bekümmerten Tone nach Wilma. Sie hat von dem Verwalter gehört, daß ihre Freundin krank sei. Der Brief fand Zoltán nicht in Szentirma an, er hatte ihre Mutter zur Tante Marion nach Köhalom begleiten müssen. Der Verwalter eilte ihn, mit dem dringenden Schreiben nach. Sie aber habe sich schnell auf den Weg nach Karpáthfalva gemacht, um die gute Wilma zu besuchen; sie haben sich immer so lieb gehabt und schon so lange nicht gesehen. Vielleicht wird es ihr Freude machen, sie wiederzusehen. Köcserepy drückte so warm das in seiner Hand ruhen gebliebene Händchen ... Unschuldiges, glückliches Kind, das nach keine Ahnung hat von der Schlechtigkeit, den Gehässigkeiten, den Tücken der bösen Welt! Mittlerweile waren sie bis zum Krankenzimmer gelangt, dessen Thüre Köcserepy vorsichtig öffnete. »Stille! stille!« flüsterte das Mädchen, den weißen Finger emporhebend. An dem stammenden Rot der glühenden Wangen konnte man sehen, daß wieder eine schlechte Nacht folgen werde. Kathinka trat an das Bett und faßte die Hand der Gespielin in die ihrige. Ein heiteres Lächeln spielte über das Gesicht der Kranken und verschwand wieder im nächsten Augenblick. – Auch du trauerst um ihn, nicht wahr? fragte sie, auf das schwarze Gewand der Freundin zeigend. Kathinka wußte schon durch den Verwalter von der fixen Idee Wilmas: sie glaubt, daß auch sie um Zoltán Trauer trage. – Ich traure um meinen Vater, antwortete Kathinka – die bei diesen Worten die hervorbrechenden Thränen nicht zurückhalten konnte. Sie mußte ihr Gesicht verhüllen. Das kranke Mädchen zog die Freundin näher an sich und fragte, furchtsam um sich herblickend. – Auch ihn haben sie gemordet? – Nicht doch, antwortete Kathinka, in diesem Augenblick mehr an die Freundin, als an den eigenen Kummer denkend: er starb durch einen unglücklichen Zufall. – So, durch einen Zufall? lispelte die Kranke, Glaubst du, daß die Menschen zufällig sterben? O, das weiß ich besser, das weiß ich viel besser. Und ihre Augen starrten lang auf den Vater, sodaß der kluge, nicht aus der Fassung zu bringende Mann das Blut in seinen Adern gerinnen fühlte und den stummen Vorwurf dieses geisterhaften Blickes nichts zu ertragen vermochte. Stille, stille, meine Liebe, lispelte Kathinka, den Kopf der Fieberkranken mit ihrer Hand aufrichtend. Wie sanft, wie zart sie mit der Kranken umzugehen weiß. Als wenn es die eigene Schwester wäre. Der Rat sieht so aus, als wenn ihm das Herz im Leibe bräche. Kathinka weiß schon, was Wilma so großes Seelenleiden bereitet, und flüstert ihr die beruhigenden Worte ins Ohr: – Ängstige dich nicht, Zoltán ist zu Hause in Szentirma, Jemand schrieb uns, daß er in Gefahr schwebe und wir holten ihn ab. Wie die Augen der Kranken aufleuchteten bei diesen Worten. Jemand! dachte sie bei sich. Dieser jemand war ich, aber das wirst du nie erfahren. Dann aber verdüstert sich wieder ihr Gesicht, ihre Augen schweifen im Zimmer umher, die alten Fieberphantasien kehren wieder zurück. – Noch haben sie ihm nichts gethan, lispelte sie mit gedämpfter Stimme zurück, aber bald werden sie es thun. Hörst du, wie sie die Säbel schärfen, ich hör' es schon. Ich war dabei, als sie sich davon besprachen, daß sie ihn umbringen werden, Eile, eile weg von hier zu ihm, laß ihn nicht fort von dir. Sprich mit meinem Vater; nur ein Wort sprich mit ihm, und es wird ihm nichts geschehen. Sprich mit ihm, Kathinka, meine liebe gute Kathinka, aber schnell. Der Rat stand dort an der Bettlehne und fühlte bei diesen Reden seines Kindes kalten Schauer durch seine Adern rieseln. – Was wird die Kranke noch alles sagen? Mit zitternder Hand ergriff er die Hand der jungen Komtesse. – Lassen wir die Kranke ruhen, liebe Gräfin; auch Sie werden ermüdet sein; wollen Sie nicht auf Ihr Zimmer, das man mittlerweile für Sie zurecht gemacht? Küssen Sie die Kranke nicht, beugen Sie sich nicht zu ihr herab. Erlauben Sie, daß ich Sie zu meiner Frau führe. Morgen früh werden wir Wilma wieder besuchen. – Geh, geh! lispelte auch die Kranke. Sprich mit meinem Vater; sprich mit meinem Vater für ihn. Aber halte dich nicht lange auf. Köcserepy zog mit sanfter Gewalt Kathinka vom Bett der Tochter fort. Fürchtete er, daß die Kranke in ihren Fieberphantasien irgend ein schreckliches Geheimnis verraten könnte? oder zitterte er davor, daß die Tochter jenes Mannes, der durch seine Schuld jetzt unter der Erde ruht, während sie sein fieberkrankes Kind pflegt, den Keim der tödlichen Krankheit in ihren zarten, empfänglichen Körper einatmen könnte? Die Luft um sie war geschwängert mit den Miasmen des Todes und der Zerstörung. Es war besser, jedermann von ihr fern zu halten. Er beeilte sich Kathinka zu Evelinen zu führen. Die Rätin saß auch jetzt am Schreibtisch und schrieb an ihrem Tagebuch. Köcserepy sagte ihr, Fräulein Kathinka Szentirmay sei da, welche zu Wilma auf Besuch kam. Auf das stand die Rätin auf, ging auf Kathinka zu, umarmte sie und drückte einen Kuß auf ihre Stirne. Nachdem sie Kathinka neben sich hatte Platz nehmen lassen und sie mit ihren kalten, dunkeln Augen von oben bis unten betrachtet hatte, begann sie: – Ich höre, Ihr lieber Vater, der Herr Graf ist verreist. – Gestorben – berichtigte Kathinka – welche dieser, Eingang des Gesprächs unheimlich berührte. – Das kommt auf eins heraus, meine Liebe, versicherte Eveline, im Tone stolzer Belehrung. Der Tod ist nur eine Reise. Wenn wir die Erde verlassen, übersiedeln wir in einen andern Stern; von da wieder in einen andern, und von da auf einen dritten, und so geht es fort von Stern zu Stern und das ist das ewige Leben. Kathinka fand nicht viel Tröstliches in dieser Aufklärung, welche Eveline ihr noch deutlicher zu machen suchte. – So zum Beispiel stirbt hier auf Erden der Vater, wo anders, z. B. im Uranus oder im Mezarthim wird er zur selben Zeit neu geboren; nach ihm sterben die Kinder, auch sie folgen einzeln ihrem Vater nach und treffen auf den, Uranus oder Mezarthim mit ihm zusammen – und das ist der Lohn der Gerechten. Kathinka antwortete nichts auf diese weisen Worte; die Rätin sprach noch lange irres Zeug durcheinander; dann stand sie heftig von ihrem Sitz auf, ging unruhig einige Schritte auf und ab, und blieb plötzlich in der Mitte des Zimmers stehen. – Wie aber, wenn die Kinder zuerst sterben und die Eltern später? fragte sie sich selbst, sehr beunruhigt von diesem Gedanken? Was geschieht dann? Was entsteht daraus? Und sie begann nun mit heftigen Schritten auf und abzuschreiten, die Hände vor das Gesicht gelegt. – Kommen Sie, flüsterte der Rat, schwer aufseufzend, Kathinka zu. Gehn wir fort von hier. Das arme Mädchen zitterte am ganzen Körper wie Espenlaub. Welche schreckliche Nacht! Draußen tobt das Gewitter; der Wind krümmt die Bäume, welche ächzend und rauschend unter dem wütenden Anprall sich auf und nieder beugen; der Gußregen schlägt an die Fenster, als würden sie mit kleinen Steinen beworfen; manchmal schüttelt sie der Orkan, daß sie erzittern, wie beim Geschützdonner; jene knarrenden, rasselnden Wetterfahnen drehen sich um und um, als ob sie nicht mehr wüßten, wohin der Sturmeswut auszuweichen. Welche abscheuliche, grausige Nacht da draußen. Aber schrecklicher noch und bluterstarrender ist die Nacht drin im Kastell. Niemand schläft. Die Inwohner rennen mit brennenden Kerzen und Lampen aus einem Zimmer in das andere; manchmal erlischt ein Licht in der Hand des Eilenden in dem starken Windzuge, als ob in jeder Thürspalte ein tückischer, boshafter Geist lauerte, der bemüht ist, die Flamme auszublasen und die Eiligen in ihrem Geschäfte aufzuhalten. O gewiß würde Rat Köcserepy in dieser Stunde hundertmal lieber draußen sein unter dem stürmischen Himmel und hinschleichend an einem Pußtagraben dort in der unbewohnten Halde die dröhnenden Donnerschläge und das Pfeifen des Windes anhören, als in dem ruhigen, geheizten Zimmer zu sitzen, das mit fest schließenden Tapeten und warmen Teppichen selbst jedes Geräusch des Sturmes abwehrt, und dort das dumpfe Ächzen und die irren Worte von den todesbleichen Lippen des kranken Kindes zu vernehmen. So lange die Fiebervisionen anhielten, war es eine Qual, die Kämpfe der Dulderin mit anzusehen. Die schrecklichen Phantasien des erhitzten Gehirns prägten sich in jedem Zuge ihres Gesichtes aus und verwandelten das engelsmilde Antlitz in ein Zerrbild. Dort vor ihren Augen sah sie die greulichsten, schrecklichsten Mordthaten vor sich gehen; sie nannte diejenigen mit Namen, welche sie verübten, sah ihre Gesichter Zug für Zug, jede ihrer Bewegungen, jeden geführten Stoß; wie das Opfer sich wehrte, wie es zu Boden stürzte, wie das Blut aus seinen Wunden strömte, wie es um Hilfe schrie. Um wie viel besser wäre es gewesen, draußen den Sturm zu hören. Um Mitternacht nahm der Paroxismus ab und traten lichtere Momente ein. Die Kranke erkennt jedermann, ruft ihren Vater zu sich und bittet ihn, die Schublade ihres Schreibtisches zu öffnen. – Du findest dort unter meinem Gebetbuch einen zusammengelegten Brief mit fünf schwarzen Siegeln. Köcserepy fand ihn am bezeichneten Ort und brachte ihr ihn. Wilma nahm die Schrift und hielt sie in beiden Händen. – Das ist mein Testament. – Dein Testament! seufzte der Rat mit schmerzlicher Überraschung. – Sei unbesorgt, sagte die alles mißverstehende Kranke, ich habe nur über dasjenige verfügt, was mein ist. Meine Kleider, von denen ihr ja doch keinen Gebrauch machen könntet, meine Stickereien vermachte ich meinem kleinen Töchterchen, das nicht mehr ist, und nun schon irgendwo mich erwartet. Ich muß ein neues Testament machen, – Dies hier ist nichts mehr wert. – Verteilt meine Kleider unter die armen Mädchen im Dorf, die mich immer so freundlich grüßten, wenn ich ihnen begegnete. – In meiner silbergestickten Börse ist mein erspartes Geld, ich hab' alles an meinem Namenstage und andern Festtagen zu Geschenk bekommen und beiseite gelegt für mein kleines Töchterchen, für meine Liza, damit ich ihr etwas hinterlassen kann. Jetzt braucht sie's nicht mehr. Laßt in Szentirma das kleine Mädchen aufsuchen, dem einmal ein fremdes Fräulein im Wald einen Brief für Kathinka Szentirmay übergab, gebt dem Mädchen dies Geld, es soll sich brav aufführen und glücklich sein ... Hier schwieg die bleiche Kranke einige Minuten; in dem ruhigen Zimmer war kein anderes Geräusch zu hören, als das Klopfen jenes kleinen Wurmes, der sich im Holzwerk der Betten so gut zu verkriechen weiß, und von dem man sagt, daß er mit seinem Klopfen die Todesstunde anzeigt. Er findet sich in den Schlafgemächern der Großen so gut wie in den Hütten der Armut und pflegt elfmal hintereinander zu klopfen. – Wirst du dies im Gedächtnis behalten, Vater, was ich sage? fragte die Kranke. Vergiß nichts davon, denn ich sage dies alles in vollem Ernst und Wunsche, daß es so geschehe. Der Rat küßte die bleiche Hand der teuern Kranken und es that ihm so weh, sich von ihr nicht geliebt zu wissen. – Dann – fuhr die Kranke fort, nachdem sie wieder Kraft geschöpft hatte – hier auf meinem Finger ist ein schwarzer Ring, aus meinen Haaren geflochten; dieser Ring soll Kathinka Szentirmay gehören. Sie soll ihn tragen. Und wenn sie sich vermählt, soll sie diesen Ring dem Manne geben, der sie liebt: er wird ihr treu sein bis zum Tod. – O mein teures Kind! schluchzte der Rat, sein glühendes Gesicht in das weiße Nachtgewand der Kranken verbergend. Das Kind sah ihn an und sagte mit herber, kalter Trauer: – Dir aber und der lieben Mutter – lasse ich meinen kostbaren Schmuck, lasse ich dies prächtige Kastell – all diese reichen Güter, Schätze, Besitztümer und herrlichen Gärten, die ganze schöne Welt! Wie reich werdet ihr sein nach mir. Alles, alles bleibt euch. O das war der Weg, um wahnsinnig zu werden. Der Rat wartete immer noch, ob nicht vielleicht noch irgend ein verzeihendes tröstliches Wort nachkommen werde ... Aber das Mädchen, mit dem Gesicht gegen die Wand sich umlegend, schwieg still und flüsterte kaum vernehmlich: »Still ... still ... still!« ... Der Rat erhob sich neben dem Bett und ging, tiefe Nacht wie es war, in sein Schreibzimmer, den ihm begegnenden Hausleuten leise zuflüsternd: »Still, still!« Diese schlichen auf den Fußspitzen weiter den Korridor entlang. Selbst der Sturm draußen schien dem Stille gebietenden Worte zu gehorchen, als ob es auch an ihn gerichtet wäre, er zähmte seine Wut und schwieg – still – still ... Dort oben im Schreibzimmer saß seelenallein der Rat und schrieb. Ihm vor den Augen lag auf dem Tisch jener Brief mit den fünf schwarzen Siegeln; er warf beständig einen Blick darauf und schrieb dann weiter; als ob seine Gedanken immer auf denselben Gegenstand zurückkehrten und von da einen neuen Impuls erhielten. Von Zeit zu Zeit blickte er mit einem die Brust erleichternden Seufzer empor; als wäre jeder Buchstabe, den er niederschrieb, die Centnerlast einer schweren Schuld, die sich von seiner Seele abwälzt. Von seinem Gesicht verschwand gänzlich jenes stereotype Lächeln; sein Aussehen war völlig verändert, so ernst, so gebrochen. Die Schloßuhren schlugen Eins nach Mitternacht, auf dem Gang war der Schall lebhafter Schritte zu vernehmen. An der Schlußpforte wurde geläutet, die Thorflügel öffneten sich mit trägem Knarren. Köcserepy hörte weder das Schlagen der Uhren, noch das Läuten der Glocke, noch den übrigen Lärm. Seine Seele treibt sich ganz wo anders umher. Er wird es nicht einmal gewahr, daß jemand die Thüre des Schreibzimmers öffnet und mit leisen, durch die Fußteppiche gedämpften Tritten dem Schreibtisch sich nähert; erst dann fährt er auf, als der Eingetretene, in den Lichtkreis der Studierlampe gelangt, ihm Auge in Auge gegenüber steht. Er ist's ... Ganz durchnäßt, mit zerzaustem Haar, erhitztem Gesicht stand Zoltán Karpáthi vor dem Rat. Dieser traute kaum seinen Augen, so unbegreiflich erschien es ihm, daß dieser Jüngling, der so viel Bitterkeit gegen ihn im Herzen tragen muß, in so stürmischer Nacht auf den Ruf seines tödlichen Feindes sich einfindet, in demselben ahnherrlichen Kastell, aus dem er durch ihn so schnöde hinausintriguiert worden – um dort Trost zu bringen seinen Feinden. Lange vermochte er nicht zu sprechen. Der junge Mann trat selbst näher und sagte: – Mein Herr, Sie baten mich hierher zu kommen – hier bin ich. In solchem Unwetter! stammelte Köcserepy. Zoltán hätte darauf bemerken können, daß, wenn der Gedanke an Rudolfs Tod ihn nicht ferngehalten, das Gewitter sein Kommen nicht hindern konnte. Aber er sagte nichts. Beim Anblicke dieses kummergebeugten Hauptes war es ihm unmöglich, diesem Manne einen Vorwurf zu machen, unmöglich, den Mann nicht zu bedauern. Gewiß gereicht es auch seinem jungen Herzen nicht zur Unehre und es thut seinem Charakter keinen Abbruch, daß er diesen tief und wahrhaft leidenden Menschen, dessen Haare in wenigen Tagen grau geworden, mit gealtertem, gramdurchfurchten Gesicht und verweinten Augen vor sich sehend, vergaß, wie viel derselbe gegen ihn verbrochen, und ihm die Hand hinreichte ... Wie glücklich machte er ihn damit! Wie drückte der trostlose Vater diese Hand und preßte sie dann an sein Herz. – Sie sind ein edler ... sehr edler Mensch ... mehr vermochte er nicht zu stammeln. Die Kleider des Jünglings trieften von Wasser. Köcserepy bemerkte es, und drang in ihm, es sich bequem zu machen; er führte ihn zum Kamin, half ihm den Rock ausziehen, setzte ihn ans Feuer. – Thun Sie, als ob Sie zu Hause wären, ganz wie zu Hause, sagte er ein um das andere Mal, und setzte dann, als besänne er sich, nach einer Pause hinzu: Sie sind ja ohnehin schon zu Hause . Zoltán blickte den Rat verwundert an. Dieser eilte zum Schreibtisch hin, nahm die Schrift, die er eben jetzt aufgesetzt hatte und reichte sie seinem Gast hin, mit der Aufforderung, das Geschriebene zu lesen. Zoltán, nachdem er die ersten Zeilen überflogen, legte das Papier betroffen wieder zusammen. Es war eine förmliche Cessionsurkunde, durch welche Köcserepy die von Abellino Karpáthi erlangte Abtretung der Karpáthfalver und Madaraser Herrschaften aus Zoltán Karpáthi überträgt. – Was wollen Sie damit, Herr Rat? fragte Zoltán ganz verwirrt. – Nur was recht ist. Sie sind der legitime Besitzer dieser Güter, jeder andere ist nur ein Usurpator. Dies hat meine eigene Tochter mir ins Gesicht gesagt. Ich übergebe Ihnen diese Güter und ziehe ab. Ich bleibe auch dann noch reich genug. Nur mein Kind soll mir am Leben bleiben, und ich tausche mit keinem Krösus. Sie ist mir alles. Erst jetzt fühle ich es, wo ich nahe daran bin sie zu verlieren. Aber nein, ich werde sie nicht verlieren! Wir kehren heim in unsere schöne Ofner Villa, wo sie so glücklich war, dort wird sie wieder glücklich sein; ich werde mich nicht mehr um das Treiben der Welt kümmern, nicht um Reichtum – sie wird mein Schatz, meine Freude, meine Glückseligkeit sein. Es wird keinen glücklicheren Menschen geben als mich. Ist es mir nicht schon ein Vorzeichen ihrer Genesung, daß Sie gekommen sind, in solchem Unwetter? Bei Ihrem Anblick wird die Krankheit sich brechen. Zoltán fühlte so aufrichtiges Mitleid mit diesem Manne, den die Leidensprüfung weniger Tage so mürbe gemacht, der mit selbstvergessener Hingebung sich ganz von seinem einzigen wahren Gefühle hinreißen läßt und sich mit kindischer Begeisterung an seine schmerzlichen Illusionen klammert. Also waren es wirklich nur Täuschungen ? Sollte in der That vom Schicksal ihm die Strafe zugemessen sein, den einzigen Schatz zu verlieren, an dem seine Seele hängt und die Vorsehung für die Leiden dieses unschuldigen Kindes kein anderes Heilmittel haben, als daß sie es in jene Behausungen ruft, wo man den Schmerz nicht kennt? ... O wer vermag darauf Antwort zu geben? Wie viele sterben jung und geliebt, mit den Rosen der Jugend auf den Wangen, mit süßen Hoffnungen in der Brust? Und wenn jemand fragt: warum? so antworten wir: Der Herr hat sie geliebt, denn er ließ sie jung sterben . – Gehen wir zu ihr ... sagte der Rat, den Jüngling unter den Arm nehmend; Zoltán zog den am Feuer getrockneten Rock wieder an und sprach das Bedenken aus: – Werden wir sie in dieser Stunde nicht stören? Der Rat besann sich einen Augenblick, dann sagte er zu Zoltán, er werde vorausgehen, um sich nach der Kranken zu erkundigen! bis er zurückkomme, möge Zoltán so gut sein, hier im Saale auf ihn zu warten. Nachdem Köcserepy fortgegangen war, blieb Zoltán allein im Saale zurück. Es war dies derselbe Saal, in dem vor einundzwanzig Jahren der greise Johann Karpáthi vor den versammelten Zeugen sein Testament diktiert hatte, bei dem alle Anwesenden so viele Thränen vergossen hatten. Es war stille Nacht um ihn und in der stummen, melancholischen Einsamkeit zogen die, an die Mauern dieses Schlosses sich knüpfenden Erinnerungen seines ganzen Lebens an seinem Geiste vorüber: die ungekannte Zeit des Säuglingsalters, wo in der Stunde der Geburt das gebrochene Mutterauge auf ihn herablächelte, das unbewußte Glück seiner Kinderjahre, das wir erst dann würdigen lernen, wenn wir aus der Ferne darauf zurückblicken; die Entbehrungen, die täglichen Kämpfe eines neu begonnenen Lebens, die bittere Trennung, die gespenstigen Nebelbilder des ihn verfolgenden Geheimnisses und dann wieder jene nie gesehenen teuren Gestalten, von denen nur manchmal seine Phantasie ihm erzählt ... Und jetzt ist er wieder zwischen den Mauern dieses Kastells, dessen Schwelle bisher wie ein verhexter Stein auf seinem Wege lag. Er ist wieder dahin zurückgekommen auf wunderbaren Wegen des launenhaften Schicksals. Das Ganze erschien ihm wahrhaft wie ein Traum, wie ein wunderlicher, phantastischer Traum. – Guten Morgen, Zoltán! Aus diesem sonderbaren wachen Traume weckte ihn plötzlich der süße Laut einer bekannten Stimme. Er sah sich erschrocken um. Hinter ihm stand Kathinka. In diesem Momente hatte er an sie gedacht. Siehe, die erhitze Phantasie schafft lebende Gestalten! Das Mädchen steht wirklich vor ihm und grüßt ihn freundlich. Wie kommst du hierher? fragt Zoltán, der direkt von Köhalom, ohne Szentirma zu berühren, nach Karpáthfalva geeilt war und so von Kathinkas Hiersein nichts wußte. – Ich hörte, daß Wilma krank sei und kam, sie zu besuchen. Ich habe doch nichts Schlechtes damit gethan? Die Mutter würde es gewiß erlaubt haben. Zoltán drückte die Hand des guten Kindes. Ob du nichts Böses damit gethan! Daß du die Tochter desjenigen zu pflegen, zu retten kamst, der noch mehr gegen dich verbrochen, als gegen mich. – Und du bist noch wach zu so später Stunde? – Ich erfuhr von dem Verwalter, den man zu dir geschickt hatte, daß man dich hierher rief und wußte gewiß, daß du kommen werdest. Ich erwartete dich die ganze Nacht. Erst jetzt hörte ich von den Dienstleuten, daß du angekommen seist. Da eilt' ich sogleich zu dir. Siehst du, als ich von Szentirma aufbrach, war das Gewitter schon im Anzug. Ich ahnte, du werdest unterwegs von dem Wetter überrascht werden, ohne dich davon abhalten zu lassen und hier durchnäßt ankommen. Ich hab' dir darum auch Kleider mitgebracht; da sind sie in diesem Reisesack. Ziehe dich um. Sieh, du könntest leicht krank werden von den nassen Kleidern. Adieu! Damit lief das kleine, liebe Mädchen davon, das in hausmütterlicher Sorgfalt nicht darauf vergessen hatte, daß man nicht nur das Bild dessen, den man liebt, im Herzen mit sich herumtragen, sondern auch auf seine Gesundheit bedacht sein müsse. Zoltán blickte ihr gerührt nach. – Pure Liebe! pures, reines, lauteres Gold der Liebe! Diese ewig lange Nacht wollte kein Ende nehmen. Wirres Durcheinander, lärmendes Hin- und Herlaufen, zugeschlagene Thüren, Stille gebietendes Flüstern, auf den Zehen umherschleichende Tritte in allen Zimmern und Gängen. Irgend ein altes abergläubiges Mütterchen sucht und sucht in einem vergilbten Kalender, was das heute für ein Tag sein muß, himmlischer Vater! ob es nicht die Sterbenacht der Gemahlin des Johann Karpáthi, die dort drin mit dem Geisterfinger an die vermauerte Thüre klopft und Rechenschaft fordert für die, welche sie einst geliebt? Was suchst du armes Mütterchen nach dem Datum? Andere Jahresläufte, andere Zeitrechnung sind dort, wo die Toten einkehren. Aufeinander folgen Fehltritt und Sühne und der Schnitter wartet nicht auf die Jahreszeit mit der Ernte. * * * Zoltán war längst fertig mit dem Umkleiden, als Kathinka zu ihm zurückkehrte. Sie kam eben von der Kranken. Das Gesicht des guten Mädchens war ganz verschwollen, die Augen waren verweint. – Sie muß sehr schlecht sein, flüsterte sie Zoltán zu; es ist schrecklich, was sie leidet. Schon das anzuhören, was sie spricht, macht das Blut erstarren. Immer sieht sie dich ermordet und phantasiert von einer blassen Frau, die in diesem Hause gestorben und die Leiche ihres Sohnes auf den Händen herumträgt, die sie hinzulegen nirgends einen Ort findet. O das ist entsetzlich! Zoltán eilte mit Kathinka nach dem Krankenzimmer. Das Mädchen teilte ihm mit, daß Köcserepy sowohl, als der Arzt das Beste davon hoffen, wenn die Fieberkranke ihn sehen und sich überzeugen werde, daß er lebe. Er möge sich doch nicht fürchten vor ihr, setzte Kathinka, die Zoltáns bebende Hand ergriffen hatte, mit einem sanften, ermutigenden Händedruck hinzu. O dies Beben hatte einen ganz andern Grund. Selbst durch die Tapetenthüre hindurch hört man das schmerzliche Weinen und Stöhnen der Kranken. Der Arzt kam hier Zoltán entgegen und eröffnete ihm: daß eben jetzt der Moment der entscheidenden Krisis eingetreten auf dem Scheidewege zwischen Leben und Tod. Vielleicht, daß Ihre Erscheinung die an der Grenze zweier Welten herumirrende Seele noch auf das diesseitige Ufer zurückzurufen vermag. Das Krankenzimmer war nur durch eine, unter einem Milchglassturz matt brennende Lampe erhellt; der Hintergrund, wo die Thüre sich befand, war ganz dunkel. Aus diesem dämmerigen Dunkel sah die Kranke ihre Visionen hervorsteigen, die weißen, die blutigen Gestalten, die bleichen Gesichter, die Nebelgebilde, die starr blickenden Gespenster, die verworrenen Gruppen, die dem Grabe entstiegenen Geister. Wer immer zur Thüre hereinkommen mochte – sie erkannte niemand, sondern nannte ihn mit dem Namen einer von ihr gefürchteten Person und erschrak vor allen Anwesenden. Der Rat saß zitternd auf einem niedern Taburett an ihrem Lager und hielt ihre weiße, bebende Hand in der seinen. Da öffnet sich wieder die Thüre, und aus dem dunkeln Hintergrunde trat langsam Zoltán hervor. Die Kranke erhob mit einmal den Kopf von den Kissen, ihre Lippen blieben geöffnet stehen, sprachlos stammelnd, aus ihren Augen strahlte unbeschreibliche Wonne, sie streckte ihre bebenden Arme aus und ein rosiger Hauch überflog das lächelnde Antlitz; eine Weile blieb sie so, sprachlos, bewegungs-, atemlos, dann sank sie wieder zurück auf ihre Weißen Kissen, die fieberhafte Röte schwand von ihrem Antlitz, nur das süße Lächeln blieb darauf zurück. Sie fuhr einige Male mit der Hand über die Stirne, atmete tief auf und blickte ruhig im Zimmer herum, wie einer, der aus einem schweren Traume erwacht. Zoltán trat näher zu ihr heran. – Wie fühlen Sie sich, teures Fräulein? fragte er mit sanfter Stimme. – Sehr wohl ... antwortete die Kranke und reichte Zoltán die Hand. Ich danke Ihnen, daß Sie mich besucht haben. Von jetzt an kam sie immer mehr zu sich. Sie warf jedermann erkennende Blicke zu, ergriff die Hand ihres Vaters und zog ihn zu sich. – Lieber Vater, flüsterte sie ihm ins Ohr, wie kommt Karpáthi hierher? – Als Schloßherr dieses Kastells, als Besitzer dieser Güter. Wilma schlang bei diesen Worten beide Arme um den Hals des Vaters und drückte einen Kuß auf seine Lippen. – Siehe, daß ist recht, das ist sehr gut so. Und dieser Kuß, diese Worte thaten dem mächtigen großen Herrn wohler, als hätte man ihm die ganze Welt geschenkt. – Du wolltest es so und so that ich es. Er wird wieder hier einziehen, wir gehen fort von hier, nach Hause in unsere schöne Ofner Villa, die du so gern hattest, wo du so glücklich warst und dort werden wir wieder glücklich sein, lange, lange! – Ich danke dir, mein guter Vater. Ich danke dir, lieber guter Vater. Mir zuliebe hast du es gethan. O wenn du wüßtest, wie du mich glücklich gemacht. Wie ich dich liebe! Wie ich mich freue, dich wieder lieben zu können. Man darf nicht glauben, daß du ungerecht bist. Mit dem beglückenden Gedanken, daß du gut und gerecht, mein Vater, werde ich sterben. Nun weine doch nicht! Ach dieser Gedanke ist so süß, so süß ... Aber dem Rat war es unmöglich; bei diesem Wort nicht zu weinen. – Vor einer Stunde war mir sehr schlecht, sprach die Kranke in tröstendem Ton weiter; o, das War schrecklicher, als Verdammnis; jedermann flößte mir Furcht und Entsetzen ein, auch du. Und jetzt fühle ich mich so Wohl, habe dich so lieb, freue mich so über dich. Weine doch nicht, Vater. Ist denn glücklich sterben nicht mehr wert, als unglücklich leben? Wo ist meine Mutter? Der Rat seufzte schwer auf. – Sie ist sehr krank. – Sehr krank? wiederholte Wilma. Arme Mutter. Sag' ihr, daß ich sie sehr geliebt. – Auch sie liebte dich sehr. – Ich weiß es. Nur konnte sie es nicht zeigen. Jedermann hat mich ja geliebt. Jetzt weiß ich schon alles. Es thut mir so wohl zu wissen, daß mich jedermann geliebt. Auch du, liebe Kathinka, auch du. Wie gut du warst! Als du hörtest, ich sei krank, kamst du gleich zu mir, mich zu pflegen und zu trösten. Aber auch ich habe mich deiner erinnert. Nicht wahr, lieber Vater? Ich sagte, wenn ich gestorben, solle man dir diesen schwarzen Ring geben, der aus meinen Haaren geflochten; er soll dein Verlobungsring sein; den du liebst, der soll ihn tragen, und er wird dir treu sein bis zum Tod. Sie sah bei diesen Worten Zoltán nicht an, noch er sie, aber sie verstanden einander doch. Der Rat sagte mit zarter Besorgnis zu seinem Kinde. – Ruhe ein wenig aus, meine Liebe, schlummre ein wenig. – Jetzt noch nicht, dann später, stammelte sie, sich die verwirrten Locken aus dem Gesicht streichend. Es ist ja schon Morgen. Ich möchte so gern die Morgenröte sehen, die schöne Morgenröte, wie sie durchs Fenster hereinscheint. Richtet mein Lager dahin. Kathinka faßte ihre kranke Freundin um den Leib, der Rat rückte die Polster zurecht; man legte die Kranke mit dem Gesichte gegen die Fenster, die schon sich zu erhellen anfingen. Nach dem nächtlichen Gewitter brach ein heiter lächelnder Morgen an; goldige Lämmerwölkchen schwammen am tiefblauen Himmel, und das Läuten der Morgenglocke klang so tröstlich, so zauberisch durch die Lüfte. Der Busen der Kranken fing unruhig zu wogen an ... Ach, das Leben ist doch so schön, so schön! Etwas lag ihr noch auf dem Herzen ... Sie hatte es lange in sich zurückgedrängt. Soll sie es noch langer tragen? Ihre Augen suchten Zoltán, sie wandte sich zu ihm hin, auf ihrem Angesichte malte sich eine doppelte Morgenröte, die der aufgehenden Sonne und die des Herzens. – Nicht wahr, Sie zürnen mir nicht? sagte sie in weichem, bebenden Tone, ihm die Hand hinreichend. – O nein, nein! beeilte sich Zoltán zu rufen, die dargebotene Hand ergreifend. Ich habe Ihnen nie gezürnt! – Sie tragen mir nicht nach, was Sie gelitten! – Sie, Fräulein, haben mir nie ein Leid zugefügt. – Sie verzeihen meinem Vater? flüsterte die Kranke kaum hörbar. – Von ganzem Herzen. – Dank! Dank! Und jetzt noch eine Bitte. Nicht wahr, Sie gönnen mir ein kleines, kleines Plätzchen dort in der Nähe; Sie wissen ja, dort unter den Tannenbäumen, den immergrünen, welche Sie sich vorbehalten, als Sie alles hinweggaben – dort ein kleines Plätzchen für mich. Das Herz des Jünglings schnürte sich bei diesen Worten zusammen, er wußte kein Wort zu erwidern. Auch Kathinka war hingesunken in den Schoß der Kranken, der Vater hielt ihr schönes Haupt in beiden Händen, sie war rings umgeben von liebenden Herzen. – Nicht wahr, meine liebe Kathinka, flüsterte die Kranke, ihr werdet mich oft dort besuchen; ihr werdet auch Blumen pflanzen auf mein Grab und wenn ihr mein gedenkt, spottet meiner nicht – daß ich so viel gelitten. – O sprechen Sie nicht so, teure Wilma! flehte Zöllen, das kranke Mädchen umarmend, Sie werden noch gesund werden und noch lange glücklich leben. Und indem er dies sagte, drückte er sie immer fester an seine Brust, klammerte er immer fester die Arme um den hinfälligen Leib, seine Lippen berührten fast das Gesicht des Mädchens. Und das kranke Mädchen, als es so da lag in den Armen des Jünglings, erhob die reinen schonen Augen zu ihm, die beiden schneeweißen Hände über die Brust gekreuzt und seufzte' – O jetzt bin ich glücklich ... überglücklich. Und mit einem liebenden, verklärten Lächeln schloß sie die schönen Augen. ... Sei glücklich, teures Kind ... dein Glück wird nichts mehr stören. Draußen erklingen die letzten Töne der Morgenglocke. Ihr, die ihr dort um das Sterbelager steht, kniet nieder und betet stille ... stille ... Stille! Die Sonne entsendet ihre ersten Strahlen über die erwachenden Fluren; draußen von der Höhe des Turmes ertönt das Lied des Glöckners: »Erwacht ist der Morgen, so frisch und rot! ... Auf der Bahre die Jungfrau bleich und tot!« 5. Licht und Schatten. Wie sonderbar! Wenn auf der einen Seite der Mond niedergeht, steigt auf der andern die Sonne empor. Jener schon halb versunken, diese erst zur Hälfte über dem Horizont. Vielleicht sehen sie einander gerade in die Augen. Wie sonderbar! * * * Das schöne, holde Mädchen war gestorben und welche Veränderungen hatte ihr Tod in dem Trauerhause hervorgebracht. Der Tod ist lange nicht so traurig, wie das Begraben. Dies wahre Wort hat mich ein lieber Freund gelehrt, der die begraben hatte, die er am meisten geliebt. Der Tod ist noch schön, ruhig, tröstlich; – aber das Begraben ist das Traurige, Schreckliche, ist Verzweiflung. Dies ewige Begraben! Zuerst begraben sie den Toten; sie werfen Erde auf den Sarg mit den Händen und stampfen sie ein mit den Füßen, als wollten sie sich die Überzeugung verschaffen, daß der Tote auch wirklich tot sei und gut begraben. Dann kommen sie nach Hause; entfernen aus den Zimmern die Gewänder des Verstorbenen; denn die ihn so sehr geliebt, können ihren Anblick nicht vertragen ohne in Weinen auszubrechen. Allmählich wird alles beiseite geräumt, begraben, was an ihn erinnern könnte. Mittags bleibt ein Platz leer am Tische: eine große, unermeßliche Lücke! – ein Platz, nur so groß, als ihn ein kleiner Teller aus dem Tischtuche eingenommen hatte, und doch eine Kluft, größer als jede Kluft der Erde. Abends wird in einem Zimmer kein Licht angezündet. Ein Bett wird nicht mehr aufgebettet, ein Name nicht mehr gerufen, nie, nie. Wer ihn auch erwähnt, seufzt nur still vor sich hin, und scheint ebenso oft ein Begräbnis vorzunehmen: er begräbt seine schmerzlichen Erinnerungen. Eveline geht im Kastell auf und ab; in der Hand trägt sie ein schön gebundenes Buch – es ist ein Band von Hugo Blairs ästhetischen Schriften. – Das muß Wilma lesen, das ist ein passendes Buch für sie. Und sie geht damit von Zimmer zu Zimmer, von einem Stockwerke ins andere, aus dem Kastell in den Garten und von da wieder zurück. – Aber wo ist sie? wo kann sie hingeraten sein? spricht Eveline leise vor sich; neulich war sie hier, jetzt ist sie nicht mehr da. Wo soll ich sie jetzt suchen? Sie wagt es nicht, jemand zu fragen, denn sie fürchtet, man könnte ihr zur Antwort geben, sie sei tot. Manchmal fällt es ihr doch ein: wie? und wenn sie wirklich gestorben wäre? Dann stürzt sie in ihr Zimmer, wirft sich auf das Bett und weint, weint so bitterlich, daß man es im ganzen Hause hört. Dann nimmt sie wieder das Buch aus und setzt von Zimmer zu Zimmer ihr trauriges Suchen fort, öffnet jede Thür, blickt hinein und flüstert vor sich hin: »auch hier ist sie nicht.« Und so geht es fort am ersten Begräbnistag, am zweiten, am dritten. Am vierten Tag erscheinen Packwagen im Schloßhof, man ladet Möbel darauf, Hausgeräte. Ein Teil der Dienerschaft fährt mit ihnen ab. Der bekannten Gesichter werden immer wenigere, viele Zimmer bleiben leer. Am fünften Tag setzt man das Begräbnis fort. Evelinen läßt man in die große gedeckte Kutsche steigen. – Sonderbar, sagt sie, daß Wilma es vorzieht, lieber mit dem Vater zu reisen, als mit mir. Die gedeckte Kutsche rollt zum Hof hinaus, die noch zurückgebliebenen Gerätschaften werden auf Wagen geladen, in den hallenden Gängen verstummt auch das letzte Wort der Schloßdienerschaft, nur vor der Einfahrt steht noch eine leere Kutsche, reisefertig. In dem ganzen großen, öden Kastell ist der Rat seelenallein. Es ist dort nichts mehr zu begraben. Er geht auf und ab in dem Karpáthischen Familienarchiv, in dem großen, mit fremden Bildern, fremden Schriften angefüllten Saal, in dem nichts ist, das an sie erinnert. Wer würde in dieser Stunde den mächtigen, stolzen Herrn wieder erkennen? Von diesem Gesichte, das ewig lächelte, auf Freund und Feind, wie hat von ihm ein Herr, der mächtiger denn alle, jede gleißnerische Freundlichkeit, jeden Flitterglanz hinweggelöscht. Traurig, mit gebeugtem Haupt, bleibt er im Auf- und Abgehen manchmal stehen und starrt vor sich hin. Was hat er anzustarren an der vor ihm liegenden Feder? Jetzt nimmt er sie in die Hand, dreht sie herum, aber seine Gedanken sind ganz wo anders. Und auch später vielleicht, wenn er eine Feder in die Hand nimmt, wird dieser Gedanke ihm aufsteigen, dieser nicht zu verjagende, unbegrabbare Gedanke. Der Schall von Schritten, die man auf dem Gange vernimmt, bringt den Rat allmählich wieder zu sich; er eilt zur Thüre, um sie den Ankommenden zu öffnen. Es find alte Bekannte: Tarnaváry, Kovács und Peter Varga, der gewesene Güterdirektor. Sie begrüßen traurig den Rat, der ihnen auch nicht entgegenlächelt, wie es sonst seine Gewohnheit war. Sie werden ersucht, Platz zu nehmen. ^ Köcserepy hat sie zu einem solennen Akte hergebeten. Es handelt sich darum, die Cession der Karpáthischen Güter an den wahren Besitzer zurückzuerstatten. Er hat es seinem sterbenden Kinde versprochen. Er könnte nicht ruhig zurückdenken an die Verewigte, wenn er dies Versprechen unerfüllt ließe. Die ernsten Männer setzen sich um den inmitten des Saales befindlichen Tisch, so weit auseinandergerückt an der langen Tafel, als ob einer vor dem andern sich fürchtete. Der gesetzliche Akt wurde in aller Form rechtens abgemacht, Köcserepy übergab die von ihm eigenhändig geschriebene Entsagungsurkunde. Nachdem dieselbe auch von Zeugen unterfertigt war, überflog sein Gesicht ein schwaches Lächeln; es hatte nichts von jenem einstmaligen Lächeln an sich, womit er vor der Welt sich zu maskieren pflegte, es war das ein Lächeln, das nichts von sich wußte, das nur von dein einen gesehen sein will, den kein menschliches Auge sieht. Dieser Seufzer scheint zu hauchen: – Bist du jetzt zufrieden mit mir. Kehre jetzt heim in die himmlischen Wohnungen! Die bisher gewechselten Worte waren alle im Geschäftstone mit aller Förmlichkeit gesprochen worden; bei solchen Anlässen hütet jeder seine Mienen, damit keine Gemütsbewegung sich darin verrate. Dann wurden die Dokumente nochmals überlesen, unterfertigt, vidimiert, die Siegel darauf gedrückt, ohne daß jemand ein Wort an den andern gerichtet hätte. Der Rat stand auf, mit dem durch die Abwesenheit des gewohnten Lächelns fast unkenntlich gewordenen Gesicht, auf dem jetzt eine ebenso unwandelbare Traurigkeit lag, wie früher eine stereotype Freundlichkeit. Er verbeugte sich vor den Herren, die auf seine Einladung erschienen waren, zog den in Bereitschaft gelegenen Überrock an, nahm seine Kopfbedeckung und schickte sich an zu gehen. Immer ohne ein einziges überflüssiges Wort. Auch Tarnaváy hatte bis jetzt kein Wort zu ihm gesprochen, und es vermieden, ihn anzusehen; er fürchtete sich, daß seine scharf blitzenden Augen das wunde Gemüt des Mannes verletzen könnten. An der Thüre jedoch mußten sie zusammentreffen, und hier konnte Tarnaváry es nicht über sich bringen, daß er nicht seinem Gegner, der nach dem schwersten Schlag des Schicksals so in sich gegangen war, mit männlicher Offenheit die Hand reichte. Dem Rat that dies wohl. Vielleicht hatte er es erwartet. Er drückte Tarnaváry die Hand und in diesem Augenblick thauten die Gesichter der beiden Männer auf. Auch in den stechenden, durchbohrenden Augen des Septemvirs stellte sich ein ungerufener Gast ein, ein unbekanntes blinkendes Naß. Der Rat, so schien es, hatte noch etwas auf dem Herzen und sah jetzt Zeit und Gelegenheit gekommen, um es auszusprechen. Der lange Händedruck ermutigte ihn dazu. – Als der junge Karpáthi auf seine Güter verzichtete, begann er mit gedämpfter Stimme, die kaum als die seinige wieder zu erkennen war – behielt er sich ein verschlossenes Zimmer im Kastell und ein umfriedetes Stück Erde unter den Tannen vor, welche niemand außer ihm das Recht haben sollte, zu betreten. Jetzt scheide ich von hier, meine Erinnerungen zurücklassend. Sei denn auch mir eine Bitte an die künftigen Schloßherrn gestattet. Ein kleines Zimmer hier drinnen im Schloß – ein kleines Stück Erde draußen, ist auch mir ein teures Angedenken. Das Zimmer, in dem meine Tochter starb, den Ort, wo sie begraben liegt, soll außer mir und ... noch einem ... niemand ein Recht haben zu besuchen. Wer dieser eine, weiß der junge Karpáthi, und es genügt, daß er es wisse. Gott sei mit Ihnen. Sagen Sie Karpáthi, daß ich aufrichtig und von ganzem Herzen wünsche, er möge glücklich sein. Damit öffnete der Rat die Thüre und entfernte sich, ohne zurückzublicken, so schnell durch den Gang, daß er, als die ihn begleiten Wollenden unten an der Treppe waren, schon im Wagen saß. Von da grüßte er sie noch einmal; dann rollte der Wagen zum Hof hinaus; die drei Männer gingen ihm nach bis vors Thor, und sahen dem Wagen nach, bis ans Ende der langen Häuserzeile, wo er in das ferne Nadelgehölz einlenkte. Dort, wo der Fahrweg in das Tannenwäldchen abbiegt, ließ der Rat den Wagen halten, stieg ab und ging auf den Begräbnisplatz; – er suchte einen frischen, mit schönen Blumen bepflanzten Grabhügel auf, der mit einem vergoldeten Gitter umgeben war. Jetzt bezeichnete nur ein einfacher weißer Stein die Stelle, wo sich später das prachtvolle weiße Marmormonument, das so schnell nicht fertig werden konnte, erheben wird; dort vor jenem Stein kniete er nieder, umarmte, küßte ihn ... Giebt es wohl einen Stein, der kälter und härter, als ein Grabstein? ... Er brach eine Blume vom Grab. Wie ist es doch seltsam, daß in den Gräsern, den Blumen, den Bäumen Leben ist, und nur in ihr keines mehr! – Diesen Rosenstock hatte sie selbst gepflanzt, noch sind es keine drei Wochen, daß er die erste Knospe trieb. Von Tag zu Tag hatte sie nachgesehen, nachgerechnet, wann die Knospe sich öffnen werde. Siehe die Rose ist aufgeblüht und sie ist schon tot! – Er steckte die abgebrochene Blume in sein Portefeuille. »Lebwohl! Lebwohl!« Der Grabhügel blieb dort, das Gras darauf wird grünen und wieder verdorren ... der Rat fuhr weiter ... still ... traurig ... einsam. * * * Während zu dem einen Ende Karpáthfalvas ein düsterer, gramgebeugter Mann davonzieht, allein, von niemand begleitet, von niemand vermißt, und nie wieder zurückgewünscht, baut man am andern Ende von grünen Laubzweigen und farbigen Fahnen, Triumphpforten, planiert man die Wege, tüncht die Häuser, wie es vor einem nahe bevorstehenden Festtage zu geschehen pflegt. Der alte, der geliebte Grundherr kehrt wieder. Öffnet weit die Thore, die Herzen, damit er seinen Einzug halte und sich wohl geborgen fühle. Spart bis dahin eure Belustigungen, eure Gelage; Taufe und Hochzeit müßten so lange verschoben bleiben, als ob er, auf den ihr wartet, eines jeden Gast, Taufzeuge und Beistand wäre. Die Kinder lernen ihre Sprüche auswendig; die Mädchen schmücken sich für diesen Tag. Die Alten sprechen davon, und es treten ihnen die Thränen in die Augen, wenn sie lagen: – Der alte Herr kehrt wieder! Der uns alle so geliebt, der mit uns Händedrücke getauscht. Die schmucken Burschen striegeln ihre Rosse, putzen das Riemenzeug, stecken Sträuße auf ihre Hüte. Sie werden bis an die Grenze der Gemarkung dem teuren Ankömmling entgegenreiten, den Gott wieder in ihre Mitte führt. Hatten sie es nicht damals schon vorausgesagt, als er von ihnen schied? Die schlechten Jahre, die Tage, von denen es heißt, sie gefallen mir nicht, die sie unter dem aufgedrungenen neuen Gutsherrn verlebt, sie hatten nur dazu gedient, es sie recht fühlen zu lassen, um wie viel besser sie es gehabt unter dem alten, dem vielbeweinten Herrn. Auch die Weisen des Orts sahen wieder bessere Tage kommen; noch jetzt lag in der Gemeindelade die angebotene Loskaufssumme; sie hatten sie nicht einmal auf Zinsen angelegt, denn sie dachten: wenn Zoltán auch nicht zur Erstlingsfrucht wieder da ist, so kommt er zum jungen Most, oder auf Weihnachten zum Sautanz; – es wird damit auch noch Zeit sein, wenn er zum Osterlamm eintrifft; – so lang er auch ausbleibt, kommen wird er doch, zuletzt muß er doch den Prozeß gewinnen, denn seine Sache ist gerecht vor Gott, und der Herr läßt die gerechte Sache siegen. Und siehe, so ist es auch eingetroffen; wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Kunde: Zoltán Karpáthi nimmt seinen angestammten Herrensitz wieder ein und wird auf seinen Besitzungen die alten goldenen Zeiten wieder zurückbringen. Die alten treuen Herrschaftsbeamten, die einstmaligen Wackeren Diener, welche der Bevollmächtigte des neuen Herrn verscheucht hatte, sammelten sich wieder aus allen Komitaten, in die sie sich zerstreut hatten, und fehlten keiner am rechten Tage dort im Karpáthfalver Kastell. Die beseitigten Möbel, die von den Wänden gewanderten Bilder, welche der gewesene Güterdirektor bei sich aufbewahrt hatte, wurden zurückgebracht und nahmen wieder ihre früheren Plätze ein; das Familienwappen wurde wieder auf der Schloßfronte und über den Schloßpforten angebracht. Kurz, alles wurde wieder so hergestellt, wie es vor Jahren gewesen, damit, wenn Zoltán zurückkehre, er alles an seinem Orte finde – auch die Liebe, die er in den Herzen zurückgelassen. Auch in Szentirma muhte das Trauern ein Ende nehmen. Rudolf hatte in seinem Testamente verfügt, daß sechs Wochen nach seinem Tode Kathinka und Zoltán, die einander schon so lange treu lieben, ihre Hochzeit feiern, und nicht langer um ihn Trauer tragen sollen. Zoltán allein wußte, daß Rudolf dies Testament noch vor seiner tödlichen Verwundung geschrieben, wie und warum er diese Wunde erhalten und weshalb er auf diese Beschleunigung ihrer Hochzeit gedrungen. Es war dies nicht nur eine Liebes-, sondern auch eine Ehrenschuld. Der Name des edlen Mannes mußte rein dastehen vor der Welt; die Heirat mußte auch den letzten Zweifel verscheuchen. Nach und nach verlor der Schmerz seinen Stachel, glücklicheren Hoffnungen Raum gebend; gute Menschen haben den Lohn, daß auch in ihren Schmerzen etwas Süßes ist. Die Rückerinnerung an ihre Toten ist für sie eine, wenn auch schmerzliche Wonne, und das verschlossene Grab schreckt sie nicht mit Gespenstern, Reue und Gewissensbissen. Das Geheimnis der letzten Stunde Szentirmays kennt nur Zoltán allein; nur er konnte ihn mit bitterem Kummer im Herzen beweinen, aber auch mit um so innigerer Liebe; die übrigen beruhigten sich damit, daß künftighin er das Haupt der Familie sein werde. Flora tröstet sich in dem Gedanken des langen Glückes, das sie der Himmel ja doch hatte genießen lassen; sie wird es künftighin in ihren Kindern finden. O, schöne Seelen wollen dem Himmel und den Menschen nicht zur Last fallen mit ihren Klagen über Unabänderliches, sondern empfangen dankbar und mit Ergebung Glück und Leid, das von oben kommt. Zoltán lud, nachdem er den Besitz seiner ahnherrlichen Güter angetreten hatte, seine besten Bekannten für den zur Hochzeit bestimmten Tag ein. Diese sollte ohne allen Pomp, ohne Saus und Braus gefeiert werden. Wer hatte sechs Wochen nach dem Leichenmahl Szentirmays sich einer lärmenden Lustigkeit hingeben wollen? Auf denselben Tag hatte er den Loskauf seiner Unterthanen angesetzt. Die Trauung ging mit der größten Einfachheit vor sich; Zoltán hatte sich alle Festlichkeiten, alles Gepränge verbeten; was wäre auch aller weltliche Prunk gegen den Glanz der zwei bezaubernden Augen, welche vor dem Altar züchtig verschämt auf ihn blicken. Aber, wenn er sich auch allen Glanz und Prunk verbeten hatte, das hatte er doch nicht verbieten können, daß aus der ganzen Gegend zahlloses Volk in die Kirche strömte, und in jedem Auge, von allen, die ihn umstanden, etwas Helles glitzerte, und in jeder Brust ein Freudenfeuer loderte. Dieser Tag war in jedem Hause ein Fest und von dieser Stunde an rechnete eine Bevölkerung von vielen tausend Seelen den Beginn einer glücklicheren Ära. Mit glänzenderem Pomp hat noch niemand seine Hochzeit gefeiert, und mehr aufrichtige Segenswünsche sind noch auf kein Brautpaar herabgeschwebt. Sollte der Himmel so viele aufrichtige Wünsche nicht erhören? Wie hätten sich die nicht freuen sollen, die dort von oben herabblickten, als der wonnetrunkene Jüngling die Geliebte an seine Brust drückte, die er von Kindheit an liebt, für die er so viel gelitten, so viel geopfert, die er verloren und wieder errungen, der er unverbrüchlich treu gewesen und die er glücklich machen wird bis ans Ende der Tage? ... ... – Wo ist Wilma? – fragt die Gattin Köcserepys den anlangenden Gemahl, als sie ihn allein aus dem Wagen steigen sieht. Der Rat umarmt seufzend seine Gattin und weiß nicht, was er ihr antworten soll. So verteilen sich Licht und Schatten ... 6. Alte gute Freunde. Wenn wir lange Zeit von einem Orte abwesend waren, in dem wir bekannt sind, und dann zufällig wieder einmal dahin zurückkehren, so ist es wohl das erste, daß wir uns erkundigen, was aus unsern alten Bekannten geworden, und es thut uns dann so wohl, von den Guten, den Rechtschaffenen zu hören: daß sie noch am Leben und daß es ihnen gut geht, von den Schlechten, den Spitzbuben aber: daß sie in Malheur geraten, daß sie herabgekommen und in Schande verfallen. Man pflegt dann wohl zu sagen: »die Armen! « allein es ist gar nicht wahr, daß wir sie bedauern; wir stellen uns nur so; innerlich denken wir uns: es ist ihnen recht geschehen, und wir haben ihnen dies schlimme Ende vorausgesagt. Es gewährt uns das eine innere Genugthuung, und wir danken Gott, daß er uns vor Unglück und Schande in Gnaden bewahrt hat, uns vorwärts kommen und ehrlich bleiben ließ. Indem wir unsere Karpáthfalver Bekannten verlassend nach Pest zurückkehren, erfahren wir als frische Neuigkeit den argen Streich, der dem lieben Herrn Maßlaczky gespielt worden. Es ist ihm nur einer widerfahren, aber man erzählt ihn auf hunderterlei Weise. Das ganze Gerede lief ungefähr darauf hinaus, daß der liebe Herr Maßlaczky als Anwalt des Geklagten mit dem Kläger unter einer Decke gespielt habe, und nachdem er sich von diesem hatte bestechen lassen, den Prozeß seines Klienten zu verlieren, dann auch den Kläger betrogen habe, welcher nicht unterließ Lärm zu schlagen und sich selbst nicht zu schonen, nur um sich zu rächen. Daraus entstand nun ein ärgerlicher Skandal; Herr Maßlaczky zog sich hundert und aberhundert Ungelegenheiten zu; sein Glück war noch, daß so viele Mitschuldige in den schmutzigen Handel verwickelt waren, welchem Umstande er es allein zu verdanken hatte, daß er ohne eklatante Bestrafung davon kam. Etwas verlor er aber dennoch, was ihm empfindlicher war, als der Verlust seines guten Rufes und Namens: sein Advokatendiplom. Es wurde ihm Silentium auferlegt für zeitlebens. Er darf künftighin keinen Prozeß mehr führen. Anfangs dachte er zwar, diesem Übel werde leicht abzuhelfen sein. Es werde sich schon ein junger diplomierter Advokat finden, der ihm seinen Namen leiht und unter dessen Firma er fortfahren wird zu advocieren. Aber es fand sich keiner. In beiden Schwesterhauptstädten war kein so unglückliches Individuum aufzutreiben, das sich dazu hergegeben hatte, der Rückenschild eines Mannes zu sein, auf den alles losschlägt. Auch Bogozy suchte er auf; er machte ihm glänzende Versprechungen, wenn er sein Anerbieten annehme. Der wackere junge Mann dankte für die Ehre; doch könne er sie nicht annehmen, da er viel ruhigere Aussichten habe, er sei um irgend eine Ispánstelle bei dem jungen Karpáthi eingekommen, der freilich seit der Deputiertenwahl ihm zürne und es ihm nicht verzeihen könne, daß er ihm zuliebe seine Gegner aufs Haupt geschlagen; wenn er aber auch von diesem abgewiesen werden sollte, wolle er es doch früher noch bei Herrn Köcserepy versuchen, ob nicht eine Diurnistenstelle zu haben sei, erst dann werde er sich's überlegen, ob er Maßlaczkys Anerbieten annehmen solle oder nicht. Für Herrn Maßlaczky hörte die Welt auf »ein lieber Herr und Freund« zu sein. Seine Bekannten, wenn sie ihm aus der Gasse begegneten, wichen ihm aus; ihre sonst von weitem ihm zulächelnden Gesichter sahen ihn jetzt so an, oder drehten sich so weg, als ob sie ihn nie gekannt hatten; seine einstmaligen Gönner waren, wenn er sie besuchen wollte, nicht zu treffen. Vielleicht hatte jeder Portier schon sein Porträt erhalten, um, wenn ein so und so aussehender Mensch vorsprechen sollte, ihn damit abzuweisen, daß niemand zu Hause sei. In seinen besseren Tagen war er häufig auf der Gasse einem ärmlich aussehenden, abgerissenen Menschen begegnet, der seit undenklichen Zeiten in einem und demselben abgetragenen Attila einherstieg, Sommer und Winter, und in Esizmen, deren Sohlen abgetreten waren und aus deren Rissen der Fuß hervorguckte. Es war dies ein Silentiar-Advokat, dem vor langer, langer Zeit irgend einer Betrügerei wegen sein Stallum entzogen worden und der seitdem in der Hauptstadt von fremder Barmherzigkeit kümmerlich vegetierte. Dann und wann fand sich eine mitleidige Seele, die ihm so viel schenkte, um sich einen Strick kaufen zu können, er aber zog es vor, das Geld zu vertrinken, statt sich aufzuhängen. Herr Maßlaczky erinnerte sich dieser Gestalt aus der früheren Glanzperiode seines Lebens; er war ihm häufig auf der Gasse begegnet; wie hatte jener Mensch ihn immer so unterthänig gegrüßt, und den Hut vor ihm so tief, fast bis zur Erde gezogen, obwohl auch der fast keine Krempe mehr hatte; Maßlaczky aber war mit abgewendetem Gesichte an ihm vorübergegangen, als sähe er den armen Teufel nicht, als hätte er die laut zugerufenen Worte nicht gehört: » servus humillimus, domine spectabilis, bonum mane precor !« Als schon niemand mehr Herrn Maßlaczky erkennen wollte, als er durch die belebtesten Gassen gehen konnte, ohne daß jemand den Hut vor ihm lüftete, traf er einmal mit dem Silentiarius zusammen. Die zerlumpte, schäbige Figur streckte ihm schon aus der Ferne die Hand entgegen, und wenn sie auch den Hut nicht so tief abnahm, wie sonst, rief sie ihm doch in um so vertraulicherem und freudigerem Tone entgegen: – Servus humillimus, domine spectabilis; quomodo dignetur valere ? Wie steht das Befinden? Und damit ergriff ihre des Waschens entwöhnte Hand die Hand des Herrn Maßlaczky und schüttelte sie herzhaft. Maßlaczky erschrak; erst jetzt ging ihm ein Licht darüber auf, wie tief er gesunken sein mußte. Er stieß den einzigen Menschen, der ihm noch die Hand drücken mochte, beiseite und rannte nach Hause in seine Wohnung im vierten Stocke, wo er noch einmal nahe daran war, vom Fenster herabzuspringen. Dieser Auftritt vertrieb ihn von Pest. Er zog ein, was er an Geldern ausstehen hatte und überlegte, welchen Ort er sich zum Aufenthalte wählen solle, wo er hübsch zurückgezogen, bei Sparsamkeit und Wucher, anständig bis an sein Ende leben könne. Das allerdings wurmte ihn, daß er seine Karriere sich so hatte abschneiden lassen; er, ein so alter Praktikus, und so schmählich anzurennen! Er hätte so gerne jemand gehabt, an dem er seinen Ingrimm kühlen, dem er aus die Schultern hätte treten können, um sich aus seiner Misère emporzuschwingen. Jedermann sah ihn schon über die Achsel an. Er gab die Hoffnung trotzdem nicht auf, noch einen Menschen zu finden, der sich von ihm ins Bockshorn jagen lasse. Unter seinen Schriften fand er einige verworfene Verträge, veraltete Schuldscheine von Abellino Karpáthi, welche dieser wahrscheinlich die Unvorsichtigkeit gehabt, von ihm nicht zurückzuverlangen, oder wenn er es auch gethan, die Entschuldigung erhalten hatte, sie seien verlegt; möglich, daß ihm Herr Maßlaczky darüber auch Gegenscheine, Quittungen ausgestellt, die aber Abellino aller Wahrscheinlichkeit nach längst zu Papilloten für seine Perrücke verbraucht hat. Hier läßt sich noch das Glück versuchen. Es war ihm ein Leichtes, durch den Karpáthischen Familienbankier, welcher die Apanage auszuzahlen hatte, zu erfahren, daß Abellino jetzt in Gräfenberg sei, wo er sich zu einem neuen Menschen verjüngen will. Um jene Zeit war eben der Ruf von Priesnitz und seiner Kaltwasserheilmethode bis nach Ungarn gedrungen; auch Abellino trug seine werten Glieder nach Gräfenberg, um sich frische zu holen. Maßlaczky zögerte keinen Augenblick, ihm nachzureisen. Er dachte bei sich, wenn es ihm gelänge, dem Baron von jenen vierundzwanzigtausend Gulden, die er ihm zugeschanzt, auch nur die Hälfte abzudisputieren, so würde das kein schlechtes Geschäftchen sein. Er hat volles Recht sich zu beklagen; er hat durch zwölf Jahre in einem großen Prozeß sich abgemüht, Geld ausgelegt und für alle seine schönen, erfolgreichen Bemühungen keinen Lohn empfangen. Wohl wahr, es ist seine eigene Schuld, daß er, dumm genug, freiwillig auf die ihm zugesicherte Summe verzichtete, um von Köcserepy die Hand seiner Tochter zu gewinnen, der ihn dann so schön hinters Licht geführt. Und jetzt ist dort nichts mehr zu suchen: die Tochter ist gestorben, die Güter sind an Karpáthi zurückgegeben, Lebende und Tote, Wahrheit und Lüge, Recht und Betrug sind so untereinander gemengt, in einen unentwirrbaren Knäuel verwickelt, daß, wer es wagen würde, in dies Labyrinth hinabzusteigen, keine Aussicht hätte, während eines Menschenalters sich aus demselben wieder herauszufinden. Hier ist kein anderes Mittel, als Abellino zu Leibe zu gehen; vielleicht gelingt es, ihm einen solchen Schreck einzujagen, daß er die eine Hälfte seiner Haut in der Hand des Angreifers läßt, um in der andern Hälfte unbehelligt zu bleiben. Während Herr Maßlaczky noch diesen tröstlichen Ideengang verfolgte, erblickte er vor sich die sprudelnden Bäche und die säuselnden Fichten Gräfenbergs, und dachte bei sich: wenn alle diese schönen Bäche Tinte wären und jede einzelne Fichtennadel eine Schreibfeder, wären ihrer doch nicht genug, um den ganzen Prozeß niederzuschreiben, den er sich in seinem Kopf ausspintisiert und zurecht gelegt hatte. In der Badeanstalt angelangt, erkundigte er sich nach Seiner freiheitlichen Gnaden. Man machte aus der Anwesenheit des Barons kein Geheimnis. Wann kann man mit ihm zusammentreffen? Wann immer. In Grafenberg giebt es keine Geheimkuren; man kann die Kranken zu jeder Zeit besuchen. Maßlaczky ließ sich zu ihm führen. Draußen im Freien stürzt aus einer Höhe von vier Klaftern ein mannsdicker Wasserstrahl herab, unter demselben stand eine mehr als halbnackte menschliche Gestalt. Maßlaczky glaubte, der dort müsse sogleich des Todes sein. An dieses Gesicht kann er sich nicht erinnern. Mit so kahlem Kopf und roten Backen hat er noch keinen Menschen gesehen, den er kennt. Man sagte ihm, das sei der Herr Baron. Er konnte es nicht glauben, bis der Mensch dort unter der Douche hervorkommend Herrn Maßlaczky erblickte und ihn mit seinen nassen Armen umhalste. – Servus amice ! Die triefende Gestalt lief auf dem thaunassen Gras barfüßig weiter, und gab durch Winke zu verstehen, Maßlaczky, der aus Furcht, sich in der kalten Morgenluft eine Halsentzündung zu holen, es noch nicht gewagt hatte, seinen Shawl herunterzunehmen, möchte ihm nur nachkommen. Ganz verblüfft zottelte er hinter dem laufenden Baron her. Als er das Zimmer erreichte, worin er diesen hatte verschwinden gesehen, saß der edle Freiherr schon in einer Badewanne mit eiskaltem Wasser und vollführte ein solches Geplätscher, daß Maßlaczky selbst in dem entferntesten Winkel des Zimmers nicht ganz sicher davor war, bespritzt zu werden. In einem solchen Zustande ist es nicht wohl thunlich, von Prozeßangelegenheiten zu sprechen. Er beschloß, die ruhigeren Stadien der Kur abzuwarten. Es dauerte nicht lange, so traten zwei handfeste Männer in die Kammer, holten den Baron aus dem Wasser, schlugen nasse Kotzen um ihn, verpackten ihn, wie ein Wickelkind, und trugen ihn aufs Bett, damit er schwitze. Nun, jetzt kann er mir nicht entkommen, dachte Herr Maßlaczky. Zudem, wenn er schwitzen soll, warum sollten wir ihm dazu nicht ein wenig behilflich sein? – Teuerster gnädiger Herr, geruhen Sie sich noch an du angenehmen Zeiten zu erinnern, wo wir aus Anlaß des Prozesses Karpáthi contra Karpáthi so viele vergnügte Stunden miteinander zubrachten? – Lassen wir das, mein lieber Maßlaczky, reden wir nicht davon, replizierte Abellino dort unter seinen vielen Kotzen hervor. Es waren infame Zeiten. Dieser nichtswürdige Charlatan, dieser Doktor Maus, welche furchtbaren Martern hat mich der ausstehen lassen! Warum haben Sie ihm nicht gleich damals eine Kugel durch den Kopf geschossen, mein lieber Maßlaczky, als Sie mit ihm auf meinem Zimmer den heftigen Auftritt hatten. Er hat mir zehn Jahre von meinem Leben gestohlen. Was sage ich zehn – zwanzig, die schönsten Jahre meines Lebens. Das viele Salz, das er mich fressen ließ, muß ich nun alles ausschwitzen. O dieser Priesnitz ist in der Thal ein Segen Gottes; wenn nicht ein guter Stern mich hierher geführt hätte, läge ich schon längst unter der Erde. – Das wäre sehr schade gewesen, beeilte sich Herr Maßlaczky zu äußern, indem er bei sich dachte: das fehlte mir noch, daß auch du abgefahren wärst, bevor ich dir tüchtig zur Ader gelassen. – O mein lieber Maßlaczky, ich bin jetzt ein ganz anderer Mensch; jetzt esse ich eine Schüssel voll gestockter Milch zum Frühstück auf, und dazu vier bis fünf Pfund schwarzes Brot, bei dessen Anblick ich sonst schon Fieber bekommen hätte; alle meine Knochen sind wieder auf dem Fleck, neues Blut durchströmt mich, das kalte Wasser durchspült mir alle Eingeweide, selbst meine Haut erneuert sich, ich häute mich, wie die Schlangen im Frühjahr. Das ist hier ein Leben! Nun, Sie Werdens ja sehen: Früh morgens stehen wir auf, douchen, baden uns, laufen im erfrischenden kühlen Regen herum, denn hier regnet es alle Tage; wir rennen barfuß umher; Sie können sich's gar nicht vorstellen, welches angenehme Gefühl es ist, bloßfüßig herumzuwaten in dem kalten, thaunassen Gras, in dem plätschernden Kot. Seien Sie nur erst einen Monat hier, und Sie werden sehen, wie umgewandelt Sie sich fühlen werden. Dieser Prießnitz wird Sie so abwaschen und durchwässern, daß Sie sich selbst nicht wieder erkennen werden. Herr Maßlaczky dachte bei sich, er möchte gerne den Priesnitz sehen, der ihm sein Silentium herunter zu waschen imstande wäre. Abellino sprach sehr gern über diesen Gegenstand. – Sie werden sehen, mein lieber Maßlaczky; die erste Woche ist nicht sehr angenehm, bis man sich an die Douche gewöhnt hat; aber dann ... – Aber bitte zu Gnaden, unterbrach ihn Maßlaczky ungeduldig, ich bin keineswegs hierher gekommen, um hier mich zu waschen und zu baden und das Wasser eimerweise zu saufen... – Also weshalb denn? Hier ist's nicht erlaubt, eine andere Kur anzuwenden, Priesnitz gestattet das nicht; Priesnitz kennt nur ein Heilmittel, und das ist das kalte Wasser. – Danke ergebenst. Ich bin nicht krank. Das heißt, es fehlt mir wohl auch etwas, aber dagegen hilft weder die Hydro-, noch Alleo-, noch Homöo-, noch sonst eine Pathie; denn das ist eine ganz exotische Krankheit. – Ei, was denn? fragte Abellino neugierig, der sich nicht entfernt einfallen ließ, daß Herr Maßlaczky sich ihn selbst zum Arzt könnte ausersehen haben. – Herr Baron belieben zu wissen, wie schändlich der Rat Köcserepy mich hintergangen hat. – Wie sollt' ich's nicht wissen. Er hat Ihnen die Hand seiner Tochter versprochen, dann hat er Ihnen aufgebracht, daß Sie in seine Frau verliebt seien und hat Ihnen den Laufpaß gegeben. Das war ein genialer Einfall von ihm. Gewiß, mein lieber Maßlaczky, ich bin sehr portiert für Sie, aber das muß ich gestehen, daß Köcserepy Ihnen einen köstlichen Streich gespielt hat. Maßlaczky hätte Lust gehabt, über Abellino herzufallen und ihn, da er, in die Kotzen eingewickelt, weder Fuß noch Hand rühren konnte, tüchtig durchzubläuen. Er besann sich aber, daß er einen viel besseren Trumpf auszuspielen habe. – Per se, per se – es war ein köstlicher Streich von Köcserepy, sich aus seinen Verpflichtungen herauszuziehen und sie alle auf Euer Gnaden zurückzuwälzen. Dem Baron verging die Lust zu lachen. Er fing an besser aufzuhorchen. – Was hätte er auf mich zurückgewälzt? fragte er, die Augen weit aufreißend. Herr Maßlaczky hatte eine erschrecklich große Rocktasche und in dieser eine lederne gelbe Brieftasche von ungewöhnlicher Größe. Diese holte er hervor, öffnete sie, suchte daraus ein vergilbtes Papier hervor, entfaltete es und hielt es dem in Kotzen Eingehüllten unter die Nase. – Kennen Sie das? Das ist Dero Handschrift, mit der Sie mir fünfmalhunderttausend Gulden für meine Bemühungen in dem Prozeß gegen Zoltán Karpáthi verschrieben haben. Abellino fing an zu schwitzen. – Euer Gnaden belieben zu wissen, daß ich meinen Ansprüchen in dem Falle entsagt hätte, wenn Herr Köcserepy sein Wort gehalten hätte. Da er dies aber nicht gethan, so bin ich genötigt, meine früheren Ansprüche geltend zu machen. – Aber wer wird Ihnen das auszahlen? fragte Abellino sehr neugierig, die Antwort darauf zu vernehmen. – Herr Köcserepy schwerlich, denn der hat die Herrschaften wieder an Zoltán abgetreten; Zoltán noch weniger, denn der hat mit mir nichts zu schaffen. – Also am Ende wohl ich? fragte verblüfft Abellino. Herr Maßlaczky fand für gut, seiner Zufriedenheit, daß Abellino den Rebus so glücklich gelöst, durch ein beifälliges Lächeln Ausdruck zu geben. – Erraten. Abellino war so erschrocken, daß er keine Widerrede hervorzubringen imstande war. Maßlaczky trat näher an ihn heran. – Glauben Herr Baron etwa, ich werde mich zum Narren halten lassen? Euer Gnaden werden vielleicht sagen, daß ich auf meine Forderung verzichtet habe. Besitzen Sie darüber etwas Schriftliches? Nicht einen Buchstaben. Gesprochene Worte beweisen nichts. Verba volant, scripta manent . Das Wort verfliegt, der Buchstabe bleibt. Haben Euer Gnaden auch nur eine Zeile von mir in Händen, daß ich unter der oder jener Bedingung meinen Anspruch aufgebe? Oder hoffen Euer Gnaden sich damit retten zu können, daß Sie nicht in den Besitz der Güter gelangt sind? Ja, aber kann ich dafür, daß Euer Gnaden an Köcserepy eine Cession ausgestellt, daß Sie für lumpige vierundzwanzigtausend Gulden ihren ganzen Grundbesitz verschleudert haben? Habe ich Ihnen dazu geraten, haben Sie nicht auf die Cession gedrungen, mich nicht mit aller Gewalt zu Köcserepy geschickt? Abellino vermochte auf alles das kein Wort zu erwidern. Zuerst suchte er die Hände unter den Kotzen frei zu machen, dann wieder rang er mit der Zunge nach einer Antwort, aber weder das eine noch das andere wollte ihm gelingen, Herr Maßlaczky saß dort, ihm den Atem verschlagend, die Zunge lähmend, wie die verzauberte Katze im Märchen, die der Schläfer nicht verscheuchen kann. Endlich brach er in ein verzweifeltes Brüllen aus. – He, Hilfe! Räuber! Diebe! Man bringt mich um! Zu Hilfe! Zu Hilfe! Auf das große Geschrei lief die ganze Badedienerschaft und die ganze Kurnachbarschaft zusammen; der eine halb, der andere ganz unangekleidet, mit über den Rücken geworfenen Kotzen, von Wasser triefend, mit struppigen Haaren, mit Kot bespritzt, stürzten sie in das Zimmer Abellinos, der mit Händen und Füßen unter den Kotzen zappelte, und ein um das anderemal Zetermordio schrie. Herr Maßlaczky zog sich erschreckt in einen Winkel des Zimmers zurück und schwur bei Himmel und Erde, daß er den Baron nicht mit einem Finger berührt habe; er kehrte seine Taschen um, damit jeder sehen könne, daß er weder ein Terzerol, noch ein Federmesser, noch sonst ein Mordinstrument bei sich führe. Der gnädige Herr sei ohne Zweifel verrückt geworden, vielleicht sei ihm vom kalten Wasser das Blut zu Kopf gestiegen, und da habe er plötzlich zu rappeln angefangen. Kaum hatte man Abellino aus den Kotzen losgewickelt, als er, auf Maßlaczky losstürzte, und wenn man ihn nicht beizeiten noch erwischt hatte, so wäre das Ende vom Lied gewesen, daß nicht sein, sondern Maßlaczky Leben gefährdet war. Er bat die ihn Zurückhaltenden, sie möchten ihm nur erlauben, diesem Ungeheuer den Kragen umzudrehen. Natürlich ließ man das nicht zu, sondern entfernte statt dessen Herrn Maßlaczky und trug dann Abellino unter die Douche, wo man ihm so lange das Wasser auf den Kopf pumpte, bis er erklärte, daß sein Zorn sich gelegt habe. Das erste, was Abellino that, war jedoch, daß er Priesnitz die Kur aufsagte. – Entweder ich gehe, oder es muß dieser Mensch von hier abgeschafft werden. Der Badeeigentümer war ein findiger Kopf. Nachdem er sich die Ursachen des Streites von Anfang bis Ende hatte auseinander setzen lassen, eilte er sofort in die Wohnung Maßlaczkys und bat diesen mit aller Höflichkeit um Entschuldigung wegen des unangenehmen Auftritts, der zwischen ihm und dem Baron vorgefallen. Er müsse das nicht zu hoch aufnehmen. Der Herr Baron habe nicht aus Bosheit so gehandelt. Und hier flüsterte er ihm vertraulich zu, der Herr Baron sei zwar ein sehr lieber, wackerer Mann und in jeder Beziehung sehr klug und vernünftig, zuzeiten leide er jedoch an einer Monomanie, indem er von der fixen Idee befallen werde, keine Seele zu haben, die ihm von irgend jemand gestohlen worden sei. Diese Narrheit ist sonst in der Regel sehr unterhaltend, manchmal artet sie jedoch dahin aus, daß der Baron, wenn es ihm einfallt, keine Seele zu haben, sie dem ersten besten, der in seiner Nähe ist, wegnehmen will und in einem solchen Augenblicke wäre es allerdings für einen Menschen von schwächlicher Konstitution nicht geraten, ihm in den Wurf zu kommen, denn die Kranken besitzen in einem solchen Seelenzustande eine unglaublich gesteigerte Körperkraft, und sind imstande, mit einem Drucke der Hand, jemand zu erwürgen. Herr Maßlaczky blieb keine Stunde länger in Gräfenberg. In der andern Welt möge wer immer die Seele mit ihm tauschen, aber in dieser möge jedermann die Lust nach der seinigen sich vergehen lassen. Von jener Stunde an bekam Abellino Herrn Maßlaczky nicht mehr zu Gesichte. Wenn er aber gedacht hatte, nunmehr vor ihm Ruhe zu haben, so hatte er sich getäuscht. Wenn er auch persönlich nicht seine Aufwartung machen konnte, so kamen Briefe von ihm, worin er auf drei dicht beschriebenen Seiten bat, flehte, drohte, beteuerte, daß er ihn vorladen, einsperren, exequieren lassen werde und ihn mit Zureden, sich auszusöhnen, mit gütlichen Vergleichsvorschlägen, mit der Aufzählung seiner geleisteten, treuen Dienste ärgerte, quälte und in Verzweiflung brachte. Abellino flüchtete sich vor ihm aus einer Stadt in die andere; die Briefe des Herrn Maßlaczky folgten ihm überall nach und waren immer so geschickt maskiert, daß Abellino sie jedesmal erbrach. Die Adressen waren von fremder Hand, manchmal französisch oder deutsch geschrieben. Wenn er glaubt, endlich einen Ort gefunden zu haben, wo er vor ihm sicher sei, erhält er auch dort wieder einen jener verwünschten Briefe, und zieht wieder weiter, wie ein gehetzter Fuchs. Endlich wanderte er aus dem Lande aus; Herr Maßlaczky, der ihm nicht mehr so leicht mit seinen Briefen beikommen konnte, nahm nun seine Zuflucht zu den Zeitungen. Abellino stieß bald hier bald dort aus der letzten Seite eines ausländischen Journals auf eine an ihn gerichtete Liebeserklärung. »Herr Baron B. K. wird von Gabriel Maßlaczky aufgefordert, das Advokatenhonorar, welches er diesem schuldet, zu berichtigen; widrigenfalls dieser sich genötigt sehen wird, dessen ganzen Namen auszusetzen.« Oder aber: »Herr Baron Bela Karpáthi, dessen Aufenthaltsort unbekannt ist, wolle an dem und dem Tage entweder persönlich oder durch einen Bevollmächtigten zur Abmachung einer wichtigen Angelegenheit bei Gabriel Maßlaczky sich einfinden.« Dann wieder: »Gabriel Maßlaczky hat dem Freiherrn Bela von Karpáthi eine sehr dringende Mittheilung zu machen.« Und dergleichen mehr. Abellino glich in seiner Wut einem Kannibalen, der Blut gerochen hat; er wußte sich nicht zu helfen gegen diesen Menschen. Sich in eine Polemik mit ihm einlassen? ihn zu einem Duell einladen? ihn durchprügeln? – er würde eines wie das andere nur dazu benutzen, Abellino einen Prozeß an den Hals zu werfen, aus dem er sich nicht mehr loswickelt, der nie ein Ende erreicht. Endlich wurde die Sache auch Zoltán zu viel; er forderte Maßlaczky auf, irgend eine Summe als Preis seiner Verzichtleistung festzusetzten, damit er seinen werten Namen mit dem Namen Karpáthi nicht mehr in Verbindung bringe und Abellino und Köcserepy und andere unglückliche Kreaturen in Ruhe lasse. Maßlaczky sprach zuerst von Hunderttausenden, dann aber ging er allmählich herab bis auf fünftausend Gulden. Diese wuchsen wieder mit allerlei Sporteln und Unkosten auf sechstausend an. Zoltán ließ ihm durch Kovács diese Summe auszahlen, gegen Zurückgabe der von Abellino in seinen Händen gelassenen Schriften und ihm bedeuten, er möge nun diese leidige Sache ruhen lassen, denn, wenn er noch einmal in irgend einer Weise sie vor die Öffentlichkeit bringe, so werde Zoltán die Auslage von fünf Gulden für eine Karbatsche und von weiteren zweihundert Gulden für das Vergnügen nicht zu viel finden, an Herrn Maßlaczky damit einen Akt der Gewaltthätigkeit zu begehen im Sinne des ungarischen jus privatum criminale . Dies drastische Mittel half. Seitdem wissen von Herrn Maßlaczky nur diejenigen, denen er zu blutigen Wucherzinsen Geld leiht. Denen geschieht übrigens nur recht, warum wenden sie sich an ihn. Einer und der andere geht ihm manchmal mit dem aufgenommenen Gelde durch, aller Psychologie zum Trotz; der ehrenwerte Herr macht sich dann an den übrigen bezahlt. Wenn jemand zu Schaden kommt, so nennt man das einen Verlust, beim ihm ist es immer ein übel Anrennen und dazu pflegen die Leute zu sagen: »Er ist sehr zu bedauern, aber ich gönn' es ihm.« 7. Der Seher und der Erblindete. Die Jahre vergehn. Gott weiß, wie viel Jahre, wie viel Jahrhunderte, wie viel Jahrtausende seitdem verstrichen sind. Bis der Palmenstamm sich zu Steinkohle verwandelt in den Eingeweiden der Erde; bis das Meer an einem Orte seine alten Ufer verläßt und an einem andern sich ein neues Bett auswäscht; bis Schutt und Moos eine große Weltstadt begraben samt ihren Bewohnern; bis irgend ein Tiergeschlecht so ausstirbt, daß man die versteinerten Knochen eines ausgegrabenen Exemplars in den Museen als ein anzustaunendes Wunder aufbewahrt; bis das Klima sich so ändert, daß jetzt Tannen wachsen, wo einst die Dattelpalme stand: dazu bedarf es fürwahr vieler tausend und abertausend Jahre! * * * Aus dem Nebel grauer Vergangenheit ragen vielleicht noch zwei halb unkenntliche Gestalten hervor, an die wir uns manchmal dunkel zurückerinnern. Die eine sitzt dort an den Pfeilern der Ofner Kettenbrücke, dem unvergänglichen Denkmal des grüßen Geistes. Zu ihren Füßen dehnen sich zwei geräuschvolle Städte aus, unter ihren Füßen stießt der die Bläue des Himmels zurückspiegelnde Strom. Und sie blickt so traurig, so schwermütig hinab, als sähe sie all das, was andere nicht sehen und nichts von dem, was die andern sehen. O für diese Adleraugen hat die Sonne kein Licht mehr, die aus ihren Fugen gegangene Seele wirft alle ihre Strahlen rückwärts in den dunkeln Grund des Herzens; dort drinnen ist eine untergegangene Welt, welche die Hand der Schöpfung in ihrer Verzweiflung zertrümmert hat. Welche Nacht liegt unter diesen schwarzen, dichten Augenbrauen! Genug für eine Sonnenfinsternis. Welche Blässe auf diesem entstellten Gesicht! Es wäre genug für den Tod. Was mag er so düster anstarren mit seinen keinen Gegenstand erkennenden Augen? Wenn man ihn darum früge – was würde er sagen? Und wenn er es sagte – wer würde ihn verstehen? Und wer ihn auch verstünde, wer vermöchte es zu ertragen in seiner Seele? * * * Weit dort zwischen den kühlen Bergen Greifenbergs stützt sich die gebeugte Gestalt eines Mannes auf den Strunk einer gefällten Tanne, aus seinen entkräfteten Zügen spielt der Glanz der aufgehenden Sonne, ihre Strahlen sieht er nicht, er empfindet nur ihre Wärme. Warum blickt er dennoch mit solcher Andacht gen Osten? Giebt es dort etwas, was ihm noch lieblicher, als die aufgehende Sonne? O wie mag es ihn schmerzen, das nicht sehen zu können, woran er beständig denkt! Für ihn ist die ganze Welt ringsum verschlossen. Das Licht seiner Augen ist erloschen! Ein in Trümmer gegangenes Meisterwerk der Natur! Ein lebender Verstorbener, der da hört, wie man den Sarg über ihm zugenagelt; der Schrei, der ihm entfuhr, die zuckende Bewegung, die er gemacht, waren nur ein Spiel der Phantasie, niemand hat sie gesehen, niemand gehört, Sie haben die Erde über ihm eingestampft; er sei tut, hieß es, und niemand fragte weiter: ob nicht vielleicht dieser arme Tote in der Tiefe des Grabes noch empfindet, ob ihm nichts wehe thut ... Dies war das Ende der zwei größten Männer unseres Lande«, eines Stephan Széchenyi und Nikolaus Wesselényi , denen die große Welt noch nicht einmal den gewohnten Tribut großer Geister entrichtet hat: »die Verherrlichung nach dem Tode.« Mögen diese bescheidenen Zeilen Bruchsteine sein zu dem Denkmal, das man vergessen hat, ihnen zu errichten. Große Geister sind nicht groß in der Erwartung eines Lohnes, sei es im Leben oder im Tode, in dieser oder in jener Welt; sie sind es, weil sie sich nicht erniedrigen können, klein zu sein. Ihr aber, Abellino Karpáthi, Theodor Berzy und ihr übrigen alle, wie ihr sonst noch heißen möget, ihr liebenswürdigen Konterfeis unserer leichtblütigen Freunde – wandelt fort auf eurer vergnüglicheren Bahn, gewitzigt durch das traurige Ende anderer und achtet nicht auf die langweiligen Sittenpredigten der Dichter, die ja ohnehin nur deshalb andere tadeln, weil sie es ihnen nicht gleich thun können. * * * Und nun noch unser letztes Wort über Zoltán. Seitdem er heimgekehrt ist in den Sitz seiner Ahnen, giebt es keine Gespenster mehr in dem Karpáthfalver Kastell, sondern nur Freudenklänge vom Morgen bis zum Abend. Er hat es dem Schicksal abgerungen, daß es ihm einige Jahre der himmlischen Seligkeit vorgestreckt, denn es ist nicht genug, sein Glück zu verdienen, man muß es sich auch zu gründen wissen . In späteren Jahren las Zoltán unter den Ankündigungen eines Zeitungsbillettes, daß die Ofner Villa eines plötzlich gestorbenen Sonderlings öffentlich versteigert werden solle. Es machte ihn wirklich traurig. Die ganze Familie war so nach und nach ausgestorben, eins war dem andern gefolgt. Und doch hatte wahrlich niemand einen Fluch über sie ausgesprochen. Zoltán schrieb sogleich seinem Advokaten, er möge die Villa mit allem, was darin, für ihn erstehen; es soll nichts von dem in fremde Hände gelangen, was einst Wilma gehört, dem armen Mädchen, das so heiß geliebt und so viel gelitten. Das Ganze wurde um einen Spottpreis verschleudert, wie es mit kostspieligen Liebhabereien zu geschehen pflegt, die nur für den verblichenen Eigentümer einen Wert hatten. Später besuchte Zoltán selbst diesen Ort. Am Arm seiner schönen Gattin trat er in den verlassenen Garten, in den: er zuerst mit Wilma zusammengetroffen, und wo sie so eifersüchtig gewesen auf seine Kleine. Jetzt erinnert ihn alles an sie. In den Zimmern hängt überall das Bild der Verstorbenen. Der selige Herr Rat wollte sie überall vor Augen haben. Draußen im Garten ist alles vernachlässigt, der Weingarten nicht bearbeitet, Beete und Anlagen nicht gepflegt, die Wege mit Gras bewachsen. Das junge liebende Ehepaar steht dort, sich umschlungen haltend; sie sind beide so traurig und doch – so glücklich! ...   Ende.