Annemarie Schwarzenbach Lyrische Novelle     Lenos Verlag Basel [1988]     1 Diese Stadt ist so klein, man kennt nach einem einzigen Spaziergang jeden Winkel. Auch einen alten, sehr hübschen Hof hinter der Kirche habe ich schon entdeckt und den besten Friseur des Ortes, der in einer gepflasterten Nebenstrasse wohnt. Als ich von seinem Laden aus einige Schritte weiterging, war ich plötzlich am Ausgang, es gab nur noch einige Backsteinvillen, und die Strasse war sandig und sah aus wie ein Feldweg. Dahinter begann gleich der Wald. Ich kehrte um, kam wieder an der Kirche vorbei und kannte mich ganz gut aus. Durch den alten Hof gelangt man in die Hauptstrasse, und jetzt trete ich in das Café »Zum roten Adler«, um hier ein wenig zu schreiben. In meinem Hotelzimmer komme ich immer wieder in Versuchung, mich auf mein Bett zu werfen und die kurzen Stunden des Tages untätig hinzubringen. Es kostet mich grosse Überwindung zu schreiben, denn ich habe Fieber, und mein Kopf dröhnt wie unter Hammerschlägen. Ich glaube, wenn ich hier einen Menschen kennen würde, wäre ich gleich am Ende meiner Beherrschung. Aber ich spreche kein Wort und gehe so umher, ohne mir über meine Empfindungen klar zu werden. Das Lokal kommt mir ziemlich merkwürdig vor. Eigentlich ist es eine Konditorei mit 8 Glaskästen, ausgestellten Kuchen und einer Verkäuferin in schwarzem Wollkleid mit weisser Schürze. In der Ecke steht ein hellblauer Kachelofen, und die Sofas sind mit steilen, gepolsterten Rückenlehnen den Wänden entlang aufgestellt. Ein junger Hund läuft kläffend umher, ein ungepflegtes und armseliges Tierchen. Eine grauhaarige Frau versucht ihn zu streicheln, aber er entwischt ihr mit ängstlich gebogenem Rücken. Die Alte geht ihm nach, lockt ihn mit einem Stück Zucker und spricht laut und unentwegt zu ihm. Ich glaube, sie ist geisteskrank. Niemand im Lokal scheint sie zu beachten. Jetzt habe ich erst zwei Seiten geschrieben, und schon beginnen die Schmerzen wieder. Es sind Stiche in der rechten Seite, sie hören sofort auf, wenn ich mich hinlege oder wenn ich starken Alkohol trinke. Ich will mich aber nicht niederlegen, ich könnte jetzt so gut schreiben, und es entmutigt mich sehr, in meiner Einsamkeit untätig zu sein. Die irrsinnige Alte ist weggegangen, ich würde gern sehen, wie sie über die Strasse geht und ob sie auch draussen laut vor sich hinredet wie die grauhaarigen Bettlerinnen in Paris. – Früher konnte ich Geisteskranke nicht von Betrunkenen unterscheiden, ich beobachtete sie mit einer Art von ehrfürchtigem Grauen. Jetzt habe ich vor Betrunkenen keine Angst mehr. Ich war selber oft betrunken, es ist ein schöner und trauriger Zustand, man wird sich klar über Dinge, die man sich 9 sonst niemals eingestehen würde, über Empfindungen, die man zu verbergen trachtet und die doch nicht das Schlechteste in uns sind. – Ich fühle mich jetzt ein wenig besser. Ich werde für das, was ich heute schreibe, um die Nachsicht des Lesers bitten müssen. Aber Sibylle sagte mir, dass nichts, auch nicht die bittersten Erlebnisse und die verlorensten Stunden meines Lebens gänzlich unfruchtbar werden dürfen. Darum liegt mir so viel daran, selbst in diesem unfähigen Zustand mich meiner Schwäche zu überlassen und sie später einmal der Kritik zu unterziehen, an der mir einzig gelegen ist: ob es mir gelingen kann, einmal in irgendeinem Sinn von Sibylle ernst genommen zu werden. 10   2 Am schmerzlichsten ist es mir, dass ich weggefahren bin, ohne von meinem Freund Magnus Abschied genommen zu haben. Er ist krank, jetzt liegt er schon seit drei Wochen, und ich habe ihn sehr vernachlässigt. Ich sah ihn vor einigen Tagen, da ging es ihm ziemlich schlecht. Er lag im Hinterraum seines Ateliers, der Arzt war gerade bei ihm und schüttelte mir die Hand. Er untersuchte ihn schweigend, betrachtete die Fieberkurve und gab dem kleinen Portierssohn Anweisungen. Der Portierssohn ist ein blasser und magerer Bursche von etwa achtzehn Jahren, er kocht für Magnus und hat jetzt schon die ganze Pflege übernommen. Wenn Besuch kommt, führt er ihn selbst in das Atelier und verschwindet dann in der Küche. Dort bleibt er, bis Magnus ihn ruft. Er ist ihm sehr ergeben . . . Der Arzt gab ihm ein Rezept und schickte ihn in die Apotheke. »Ein braver Junge«, sagte er zu mir. Und Magnus lächelte, und meine Zugehörigkeit wurde einfach übersehen. Der Arzt ging fort, und ich wartete, bis der Junge aus der Apotheke zurück war. »Hast du noch Geld?« fragte ich Magnus. »Haben wir noch Geld?« fragte Magnus den Jungen. Der antwortete: »Du hast mir gestern zehn Mark gegeben, damit reichen wir vorläufig.« Sie sagten sich du. 11 Ich ging dann weg, und ein paar Tage später schickte mir Magnus eine Einladung zum englischen Botschafter, die er für mich bekommen hatte, und schrieb mir einen Brief dazu. Seither habe ich nichts mehr von ihm gehört. 12   3 Früher hatte ich immer das Bedürfnis, mich allen Menschen zu erklären, um mit allen im Einverständnis leben zu können. Und ich hasste doch alle Geschwätzigkeit. Ich weiss aber nicht, ob ich sie hasste, weil ich ihr immer wieder verfiel, oder weil ich einsah, wie vergeblich alle Versuche sind, sich selbst den besten Freunden verständlich zu machen. Ich sage »früher« und meine damit die Zeit, die drei Monate zurückliegt. Ich habe mich immer gegen alle äusseren Periodisierungen gewehrt, weil ich aufgedrängte Disziplin verabscheute. Jetzt muss ich mich an Freiwilligkeit gewöhnen, und es ist, als sei ich in einer einzigen Nacht erwachsen geworden. In dieser Nacht hätte ich Sibylle im Walltheater sehen können, ich hatte ja die Wahl. Aber ich bin dann weggefahren. Und vor dieser Nacht hätte ich es hier keinen Tag ausgehalten. Ich wusste nichts von Alleinsein. Ich halte es sogar aus, von meinen Freunden missverstanden zu werden. Es war tatsächlich bisher mein einziger Wunsch, mich ihres Wohlwollens zu versichern, und ich verschwendete dafür meine ganze Liebenswürdigkeit. Und noch viel mehr. Damit bin ich jetzt zu Ende. Wer weiss, was daraus entsteht. 13   4 Es ist schade um die Menschen, sagt Strindberg. Vor einigen Monaten sass ich mit einem Dichter zusammen in einem Berliner Kaffeehaus, wir redeten begeistert und begeisterten uns immer mehr an unserem gegenseitigen Einverständnis. Er war viele Jahre älter als ich, ich hätte beinahe sein Sohn sein können. Er beugte sich über den kleinen Tisch und hielt meine Hände fest, er schleuderte mir seine Ekstase, seinen Optimismus, seine rauschähnliche Freude wie Flammen entgegen. »Sie sind die Jugend«, sagte er, »die einzige Jugend, der ich die Zukunft und den Sieg über uns nicht missgönne –« Seine Worte ernüchterten mich ein wenig. Er schien es augenblicklich zu empfinden, er liess meine Hände los, sah mir eindringlich ins Gesicht und sagte: »Wissen Sie denn, wie liebenswert und wie gefährdet Sie sind? Sie sind auf einmal so blass, sagen Sie, was ich für Sie tun kann.« Man sagt mir oft, dass ich gefährdet sei. Vielleicht liegt es an meiner zu grossen Jugend – Damals lachte ich darüber. »Ich liebe die Gefahr«, sagte ich, und ich fühlte, dass mir die Freude aus den Augen leuchtete. »Jetzt muss ich gehen«, sagte ich, es war Mitternacht, ich verliess ihn in Eile, fast ohne Abschied 14 zu nehmen. Unter der Tür kam mir das Unschickliche meines Verhaltens zum Bewusstsein, ich eilte zurück, presste seine Hände und sagte: »Verzeihen Sie, ich warte seit zwei Tagen auf eine grosse Gefahr . . .« »Gehen Sie«, sagte er lächelnd, »bestehen Sie sie . . . Ich habe sie aber nicht bestanden. 15   5 Ich bin den ganzen Nachmittag im Wald gewesen. Zuerst lief ich gegen den Wind über ein grosses Feld, es war anstrengend, ich fror, und der Waldrand war wie ein Obdach. Nirgends war ein Mensch, ich blieb einmal stehen und sah mich um, und die herbstliche Verlassenheit der Landschaft dämpfte meine Traurigkeit. Der Himmel war grau, von dunkleren Wolken durchjagt, Regenschauer gingen strichweise auf die Erde nieder. Und die Erde nahm sie gelassen auf. Ich ging weiter, und die schweren Erdschollen hemmten mich. Aber dann war ich im Wald, Laub raschelte, nackte Sträucher streiften mich, ich bog sie auseinander, der Wind hatte sich plötzlich gelegt. Dicht vor mir sprang lautlos ein Tier empor, es war ein grosser graubrauner Hase, er schnellte geschmeidig über die Wurzeln, duckte sich zusammen und verschwand dann pfeilschnell im Waldinnern. Ich sah sein Nest, rund ausgelegt unter den Sträuchern, bückte mich und legte die Hände auf die Stelle, wo sein pelzumhüllter Körper gelegen war. Eine Spur von tierischer Wärme war zurückgeblieben, die ich mit unbekannter Erschütterung empfand. Ich neigte mein Gesicht und schmiegte es an diese Stelle, und es war ein winziges Atmen und beinahe wie eine menschliche Brust. 16 Ich komme von den Feldern zurück. Die Erde klebt an meinen Schuhen, darum gehe ich langsam, wie ein Bauer. Manchmal vergesse ich, warum ich hier bin, auf der Flucht sozusagen, und bilde mir ein, schon lange hier gelebt zu haben. Aber wenn ich ein wirklicher Bauer wäre, wüsste ich, was auf diesen Feldern gesät, wieviel geerntet wird und welcher Boden der fruchtbarste ist. Das weiss ich alles nicht. Ich denke manchmal, dass den Bauern ihr Wissen vom Himmel kommt, weil sie fromm und von den Gewalten des Himmels abhängig sind. Ich gehe wie ein Fremder über die Felder und bin nur geduldet. Jetzt hasse ich mich plötzlich, weil ich ohne Verpflichtung bin. Hier, auf dem Lande, verstehe ich Gides »Immoraliste« und bin ihm verwandt, mit gleicher Sünde beladen, einer feindlichen, imaginären und fruchtlosen Freiheit ausgeliefert. – Die Leute wissen ja nicht, was Sünde ist. – Ja, nun schäme ich mich vieler Dinge und würde gern Gott um Verzeihung bitten. Wenn ich nur fromm wäre. 17   6 In Marseille kannte ich ein Mädchen, man nannte sie Angelface. Eigentlich kannte ich sie kaum, denn ich sah sie nur in der Nacht, ein einziges Mal, und da stand sie in ihrem Zimmer und dachte, dass wir Einbrecher sein müssten, Manuel und ich. Sie schlief zu ebener Erde in einem hässlichen Haus. Das Dorf war zwei Bahnstationen von Marseille entfernt, ihre Mutter wohnte da, und wenn das Mädchen genug hatte von der Stadt, von den Kneipen und von den Matrosen, ging sie zu ihr zurück und lebte still wie ein wohlerzogenes Mädchen. Deshalb nannte man sie wohl Angelface. Aber wir sagten dazu: »Oder die Hafendirne von Marseille.« Manuel und ich waren in einem Fordwagen unterwegs. Wir fuhren dem Meer entlang, es war mitten in der Nacht, und wir wollten nach Marseille zurück. Ich war hungrig, deshalb hielten wir vor dem Haus, wo Angelface wohnte, und weckten sie. Manuel kniete auf der Erde und hatte die Arme gegen die Mauer gestützt. »Angelface!« rief er. Niemand antwortete. Dann kam sie durch das Zimmer, man sah nichts als einen weissen Schatten, der auf das Fenster zuglitt. Und dann presste sie ihr weisses Gesicht gegen das dichte Drahtnetz, das das Fenster gegen Moskitos schützte. Ich konnte 18 ihre Züge nicht unterscheiden, aber die Knie wankten mir. »Ich bin es«, sagte Manuel. »Wer ist bei dir?« fragte Angelface. »Mein Freund«, sagte Manuel. »Wie alt ist er?« fragte Angelface. »Zwanzig Jahre alt«, sagte Manuel. »Und wir möchten etwas essen.« »Ich kann euch nicht hereinlassen«, sagte Angelface. »Meine Mutter wacht so leicht auf. Aber ich werde ein paar Brote für euch streichen.« Ich ging zum Wagen zurück und wartete auf Manuel. Dann brachte er die Brote, und wir fuhren weiter. »Liebst du denn Angelface?« fragte mich Manuel. Und dann sagte er kalt: »Es ist nicht sehr originell, sie zu lieben.« Das war vor einem halben Jahr. Manuel und ich schreiben uns nie. Aber durch einen Freund liess er mir sagen, dass Angelface sich erschossen habe. Und jetzt denke ich, dass es nicht sehr originell sei, Sibylle zu lieben. Ich denke, dass ihr niemand widerstehen kann. – 19   7 Ich arbeitete sehr regelmässig, bevor ich Sibylle kannte. Ich stand um sieben Uhr auf, und wenn ich kein Kolleg zu hören hatte, ging ich um halb neun Uhr in die grosse Bibliothek. Am Morgen waren viele Plätze leer, ich bekam meine Bücher sehr rasch und begann zu lesen. Der Lesesaal ist halbrund und düster erleuchtet, und die Pulte sind im Halbkreis wie um den Platz eines Redners geordnet. Ich hatte immer die Vorstellung, dass dort, im Mittelpunkt des Saales, ein Redner stehen müsste, ein gewaltiger Mann, auf den wir unsere Augen unwillkürlich richten würden, und dass es uns eine Beruhigung sein würde, ihn dort zu wissen. Mein Platz befand sich auf der linken Seite, nahe den Fenstern, die von schweren Vorhängen verhüllt waren. Nur an hellen Nachmittagen wurden die Vorhänge zurückgezogen, dann drang ein wenig Sonne in den Saal und glitt zögernd und farblos über den Boden. Ich konnte nicht hinaussehen, aber der Lärm der Strasse drang herauf und verlockte mich. Ich stellte mir vor, dass unten die Wagen hin und her fuhren und sich überholten, dass die Leute in die Restaurants eilten, Zeitungen lasen und sich behaglich fühlten, und ich packte meine Bücher zusammen und ging weg. Niemand kümmerte sich darum. Jeder war hier 20 für sich und schenkte dem anderen keine Beachtung. Ich ging dann in ein Restaurant und bestellte etwas zu essen. Und fast immer war ich sehr hungrig. 21   8 Aber damit war es bald vorbei. Und dann verbrachte ich den ganzen Tag in einer beinahe unerträglichen Ungeduld. Erst wenn der Abend begann, tröstete ich mich, die Lichter flammten auf, und jetzt erwachte Sibylle. Ihren Namen zu denken, erfüllte mich mit entzückter Bedrängnis. Ich verliess die Bibliothek, ging nach Hause, nahm ein Bad und zog mich um. Gewöhnlich ging ich zu Freunden zum Abendessen. Ich beteiligte mich an ihren Gesprächen, es waren gebildete und freundliche Menschen, und die Abende vergingen rasch und angeregt. Ich verbarg meine Ungeduld, aber immer wenn ich auf meine Uhr sah, war es erst neun Uhr. Meistens unterhielt ich mich mit der Hausfrau, ich hatte sie sehr gern. Sie kannte meine Mutter. Aber eines Abends war plötzlich alles ganz anders. Wir sprachen, glaube ich, über das Deutsche Reich des Mittelalters, über die Symbolkraft eines Namens, dem doch so wenig Realität zu Gebote gestanden habe. Da hörte ich plötzlich meine Stimme wie die eines Fremden, Glut überfiel mich, absichtslos flüsterte ich Sibylles Namen, sah die unendliche Blassheit ihres Antlitzes hinter dem Saalfenster auftauchen, lief an das Fenster und riss den Vorhang zurück. 22 Man betrachtete mich erstaunt. Was war geschehen? Nichts, Sibylles Gesicht. Und was wussten sie davon, grenzenlose Fremdheit riss uns plötzlich auseinander, fremde Menschen sahen mich an, überall brach der Boden zwischen uns ein, das Licht trübte sich, ihre Gespräche gelangten nicht mehr an mein Ohr, jetzt entschwanden sie selbst, und ich konnte nichts dagegen tun . . . Ich erinnerte mich, im Bayreuther Festspielhaus häufig eine besondere Art des Szenenwechsels gesehen zu haben: Während die Musik weiterspielte, blieb der Vorhang geöffnet, aber dicht hinter der Rampe stiegen Dämpfe auf, von buntem Licht durchleuchtet, sie verdichteten sich, flossen in weisslichen Strömen ineinander und bildeten immer undurchdringlichere Wände, hinter denen die Szene unmerklich versank. Dann wurde es still, die Nebel verteilten sich, die Bühne tauchte wieder auf, eine neue Landschaft lag da, von jungem Licht mild überglänzt. Ich wurde etwas gefragt und antwortete, aber ich weiss nicht, ob ich vernünftig antwortete. Ich stand auf und ging vereinsamt auf die Hausfrau zu, die mir lächelnd die Hand gab. Auf der Strasse atmete ich auf. Ich war einer Gefahr entronnen. Niemand hatte meine Flucht bemerkt. So war es: Ich war ihnen entglitten, der Abgrund hatte sich vor mir aufgetan, unwiderstehlich 23 angezogen hatte ich die Arme ausgebreitet und war hinabgestürzt. Ein Junge schlich an mir vorüber, hielt den Kopf geduckt und schickte mir einen misstrauisch auffordernden Blick zu. »Sie lassen Ihren Wagen stehen?« fragte er. »Soll ich aufpassen?« Ich nickte. »Du kennst wohl meinen Wagen schon?« sagte ich. Dann sah ich auf meine Uhr. »Elf Uhr«, sagte der Junge. »Elf Uhr«, sagte ich glücklich. Und eilte zum Wagen zurück. Als ich die Schlüssel aus der Tasche zog und mir den Weg zum Walltheater überlegte, musste ich plötzlich Atem holen und mich mit der Hand auf das Verdeck stützen. Der Junge beobachtete mich streng. Ich schrie ihn an: »Steig ein« – und schloss die Tür auf. Dann packte ich den Jungen um die Schulter, presste ihn heftig an mich und schaltete gleichzeitig mit der linken Hand den Motor ein. Er schwieg hartnäckig und starrte mich in wortloser Ergebenheit an. 24   9 Denke ich sehr viel an Sibylle? Ich würde sagen, dass ich es nicht weiss, ich denke nicht nach, aber ich habe sie noch keine Minute vergessen. Es ist, als hätte ich nie ohne sie gelebt. Nichts verbindet uns, aber ich bin von ihrer Gegenwart durchdrungen, ich erinnerte mich manchmal an den Geruch ihrer Haut oder an ihre Atemzüge, und es ist, als hielte ich sie noch beim Tanzen im Arm oder als sitze sie neben mir und ich brauche nur die Hand auszustrecken, um sie zu berühren. Aber was sollte uns denn verbinden: diese langen Abende, diese langen Nächte, dieser Abschied vor ihrer Tür im grauenden Morgen, diese endlosen Einsamkeiten – – 25   10 Es ist noch nicht spät, aber die Dunkelheit ist wie ein Vorhang über das Land gesunken. Wenn ich an die Stadt denke, ist es mir, als habe ich dort ohne Ahnung von der Welt gelebt, ich weiss nicht, wie ich die Enge, die grausame Gleichförmigkeit der Wände, die bange Verschlossenheit der Häuser und die Öde der Strassen ertragen habe. Ich habe geschlafen, und kein Traum hat mich getröstet, und wenn ich aufwachte, war ich müde. Dann sass ich am Schreibtisch, und es wurde schon wieder dunkel, und die Scheinwerfer der Wagen glitten vor meinem Fenster auf und nieder. – Nachts wurde es immer sehr spät. Manchmal begann die Dämmerung, während ich nach Hause fuhr. Zuerst war es dunkel, und die Scheinwerfer warfen sich leuchtend auf den schwärzlichen Asphalt. Dann verblassten sie langsam, die Strasse wurde hell und ihr Glanz ermattete. Der Himmel zwischen den Bäumen des Tiergartens war grau durchwogt, Wolken, sackförmige Gebilde, Schleier und Keile schoben sich in das weichende Schwarz, die Stämme erschienen silbrig, zwischen den Ästen tanzten die Wellen der Dämmerung. Ich sehnte mich nach dem Anblick der Sonne, die jetzt irgendwo glanzvoll emporstieg. Aber in der Stadt sah man sie nicht. Ein wenig Rot war am Himmel, dort war Osten. Alles blieb still. 26 Ich hielt vor dem Haus, in welchem ich wohnte. Ein sanfter Wind fiel über mich her und erfrischte mein Gesicht. Es war der Morgenwind. Bald würde er im Lärm der Stadt untergehen, ihre Hast erstickte ihn. Ich ging ins Haus, fuhr im Fahrstuhl in den zweiten Stock, durchlief den Flur und schloss die Tür meiner Wohnung auf. Ich nahm mir kaum die Zeit, die Kleider auszuziehen, und sank dann in Schlaf. 27   11 Heute bin ich ungeduldig und beeile mich auf dem Heimweg, als könnte mich jemand erwarten. Und das ist doch nicht möglich, niemand kennt meinen Aufenthalt, nicht einmal ein Brief kann mich erreichen. Ich werde mich zwingen, langsam zu gehen. Ich habe so viel blinde Hast in mich aufgenommen. Wochenlang drang die Stadt von allen Seiten auf mich ein, der Himmel war verdeckt, die Stille zerrissen. Hier ist der Himmel unermesslich, und wenn ich mich irgendwo auf einen Erdhügel setze oder mich mit dem Rücken an einen Baumstamm lehne, vernehme ich nichts als das Rauschen des Windes. Ich kann mir nicht denken, dass es in dieser schwermütigen Gegend Frühling gibt oder die strotzenden Farben des Sommers. Manchmal, in meinem Bett ausgestreckt, versuche ich mich zu solchen Vorstellungen zu zwingen, und aus der Dunkelheit wächst langsam der Anblick eines wogenden Feldes, gelbe Ähren reihen sich aneinander, gelbe Halme in unendlicher Zahl schliessen sich zu auf und nieder schwellender Masse zusammen, ein bewegter Teppich über der braunen Erde, in der Ferne wird von wuchtig schreitenden Schnittern eine Gasse geöffnet, bis zu den Knien gehen sie zwischen knisterndem Gelb, und rauschend sinken die Garben links und rechts von ihnen zu 28 Boden. Hinter den Männern folgen die Frauen, lachend und von Schweiss und Sonne glänzend, kräftigen Geruch ausströmend. Ihre nackten Arme greifen die niedersinkenden Garben und legen sie in wohlgeordnete Bündel zusammen. Unter den gerafften Röcken sieht man ihre kräftigen Knie. Ja, so war es im Sommer – – – Der Himmel ist von hellen Strahlen durchschossen und blendet die Augen. Man kann so viel Helligkeit nicht aushalten, man senkt die Augen oder man wirft sich in das Gras: Es leuchtet vor Frische und legt sich sanft und feucht an die glühende Haut. Oder es war Frühling. Und der Himmel hob sich zu immer grösserer Durchsichtigkeit, zu einer entrückten, zartfarbigen Leichtigkeit, Winde erhoben sich lau, Wolken durcheilten die hohen Räume, die kaum belaubten Bäume neigten ihre Wipfel, richteten sie wieder auf und liessen sich von der sanften Erschütterung hinreissen, die Gräser, unter Schneemassen ermattet und gebleicht, lockerten sich, strebten aufwärts und erglänzten. Stand man am Rand der Felder, so war man von diesem neuen Glanz ergriffen, ringsum badete das Land in junger Feuchtigkeit, Pastellfarben von lichtestem Grün bis zum Weiss der Wolken, unberührtes Blau, Braun von der matten Helle der Tierpelze, unirdisches Grau, Silber der Baumrinden, rötliche Erdrisse, Haselnussgezweig, Reste verblichener Blätter, erstes Auftauchen gelber Primeln in 29 bräunlichen Sumpfgründen, schwarze Erde der Gartenbeete, von grauen Schleiern verhüllt, und dann die tief aufgerissenen, dampfenden Ackerschollen. Da ging man und neigte das Gesicht den verschwenderischen Berührungen entgegen, sog die leicht durchwärmte Luft ein, fühlte im Schreiten aufbrechenden Jubel, hob die Hände an die Brust, und sah in der Ferne die in Silber gehüllte Linie des Horizonts, ahnte Hügel, Strassen, kaum aufgetaut, brausende Wasser, Brücken über Schluchten und steile Berggipfel, die sich in die blau durchwogten Gewölbe hoben.   Ich öffne die Augen. Das Zimmer ist schlecht erhellt, aber es ist jetzt warm geworden, der weisse Ofen knistert, als ob man darin Tannenzweige verbrenne. Wenn ich morgen in den Wald gehe, will ich ein paar Zweige zurückbringen und sie in die Flammen halten, das gibt einen weihnachtlichen Geruch. Ich werde dann Heimweh haben. Ich richte mich in meinem Bett auf. Vielleicht geht es mir besser. Aber das Zimmer dreht sich vor meinen Augen, ich falle wieder auf mein Kissen zurück. Ich müsste eigentlich entmutigt sein, ich bin vielleicht zu schwach, um überhaupt etwas zu empfinden. Das Zimmer ist so hässlich. Ach, wenn doch Willy hier wäre! Ich möchte wissen, wer vorher in diesen schlechten Betten geschlafen hat. Es gibt hier zwei Betten, und ich bin doch ganz allein. 30 Ich halte den Schreibblock auf den Knien, und die Buchstaben tanzen. Bald werde ich zu müde sein, um weiter zu schreiben, und ich bin noch nicht bis zu meinem Thema gelangt. Denn ich habe doch ein Thema. Ich will die Geschichte einer Liebe niederschreiben, aber ich lasse mich immer wieder ablenken und spreche nur von mir. Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich krank bin. Ich kann mich zu nichts überwinden. Ich bin auch noch in den Stoff meiner Arbeit verstrickt, ich hatte mich in abwegige Gegenden verirrt, jetzt möchte ich in das Leben zurückkehren. Ich möchte mich wieder an den Ablauf der Tage gewöhnen, an Essen und Trinken und gesunden Schlaf. Ich bin deshalb weggegangen, aber ich hätte in diesem Augenblick nicht krank werden dürfen. Jetzt werde ich mehr denn je in die seltsamsten Verstrickungen zurückgeworfen. Und ich schreibe wieder. Damit habe ich in all diesen Wochen eigentlich nicht aufgehört, ich habe über mich selbst gebeugt gelebt, das ist mir nicht gut bekommen. Von Sibylle weiss ich eigentlich nichts, ich habe es versäumt, über sie nachzudenken. Oder über Willy . . . Aber kann man über Sibylle nachdenken? Denke ich über die Waffe nach, die mich verwundet hat? («Eine Waffe warst du, Sibylle, aber in wessen Händen.«) 31   12 Heute beginnt die Jagd. Ich komme die Treppe herunter, es ist kurz vor ein Uhr, der Wirt steht im Flur, begrüsst mich und sagt: »Die Jagd ist offen.« Ich verstehe zuerst nicht, was er meint. Es klingt wie: »Das Fenster ist offen«, und ich sage: »So, das ist schön«, und gehe weiter. Aber der Wirt folgt mir und setzt sich an meinen Tisch. »Morgen können Sie schon Rehkeule essen«, sagt er. »Aber Sie sind wohl kein passionierter Jäger.« »Nein«, sage ich, und dann erzählt er mir, wieviel Wild es hier in den Wäldern gibt, wieviel letztes Jahr geschossen wurde und welche Preise man auf dem Markt erzielen kann. Er verwendet viele Fachausdrücke, die ich nicht immer verstehe, obwohl sie mir bekannt vorkommen. Aber es sind Worte, an die ich nie mehr gedacht habe. Ich glaube, man verschüttet auf solche Weise ganze Begriffswelten, die einmal geläufig und selbstverständlich waren und zum Leben gehörten. Mit Namen geht es ebenso. Ich höre dem Wirt zu und frage, wer denn hier an der Jagd teilnehme. Er sagt, es seien die Gutsbesitzer der Umgegend. Sie versammeln sich und fahren mit ihren Jagdgewehren und mit ihren leichten Pferden in den Wald. Sie haben bestimmte Picknickplätze, gewöhnlich sind es geschützte Waldlichtungen, kleine Wiesen, von Buschwerk und 32 hohen Stämmen umstanden. Es geht sehr fröhlich zu, auch die Damen nehmen an der Jagd teil und dirigieren die Kutscher, welche die Proviantkörbe aus den Wagen herbeischaffen. Der Wirt sagt, vor dem Krieg seien die Jagden von geradezu fürstlichem Glanz gewesen, fast jeden Tag habe in seinem Hotel ein grösseres Diner stattgefunden. Das ist natürlich anders geworden. Heute müssen sich die Leute einschränken. – Nach dem Essen gehe ich hinaus und gehe langsam durch den Ort. Eigentlich fühle ich mich heute besser, ich könnte wieder versuchen, spazieren zu gehen, das wird mir nicht schaden. Aber vorher will ich irgendwo Kaffee trinken. Ich trete in die Konditorei ein, in der ich vor einigen Tagen die ersten Seiten dieser Aufzeichnungen schrieb. Das Hündchen ist nicht mehr da. Die Besitzerin ist ein bisschen aufgeregt, das ist wohl wegen der Jagd. Ich bestelle Kaffee. Am Fenster, zwei Tische von mir entfernt, sitzen drei Herren in dicken grauen Überziehern mit Pelzkragen. Diese Überzieher sind aus grauem Militärtuch gemacht und haben grüne Aufschläge an den Ärmeln. Die drei Herren sprechen über die Jagd. Ich höre die gleichen Fachausdrücke, und sie sind mir schon wieder geläufig. In der Schule lernten wir auch schiessen, und mein Vater übte es manchmal in den Ferien mit mir. Aber es interessiert mich nicht sonderlich, und ich habe schon lange kein Gewehr mehr in der 33 Hand gehabt. Was kann es mir auch ausmachen, ich verabscheue die Jagd. Ich begreife nicht, dass man Tiere lieben und zugleich Jäger sein kann. Sibylle sagte mir einmal, sie würde es mir übelnehmen, wenn ich Tiere getötet hätte. Ich sagte ihr, dass ich es nie getan habe. Aber sie glaubte mir nicht. Im Grunde glaube ich, dass Sibylle eher zum Töten imstande wäre als ich. Sie ist von einer sehr weiblichen Grausamkeit, das wurde mir oft als Warnung gesagt. Aber es ist mir gleichgültig, wenn sie versucht, mich zu quälen. Nur am Anfang fand ich es entsetzlich. Ich unterschied mich ihr gegenüber nicht viel von Willy. Willy liess sich alles von ihr sagen. Sie nahm keine Rücksicht auf ihn. Und er war doch sonst ziemlich stolz. Ich dachte eigentlich, dass Willy von mir entdeckt worden sei. Das war eine Täuschung. Sibylle kannte ihn schon seit Jahren, und er schloss sich mir an, weil er merkte, dass ich mich für Sibylle interessierte. Aber das ist ein schlecht passendes Wort, ich habe mich nur für mich selbst interessiert, und auf so geschickte Weise, dass ich mich noch immer für frei hielt, als ich längst in einer ganz merkwürdigen, fremden und abgeschlossenen Welt lebte. Ich glaube, dass man erst dann Herr über alle Situationen ist, wenn man persönlich nicht mehr beteiligt ist. Wenn ich Sibylle nicht so geliebt hätte, hätte ich ihr vielleicht etwas sein können. Das glaube ich. Aber so konnte ich ihr gar nichts sein, ganz einfach, weil ich sie zu sehr liebte. 34 Ich werde bald nach Hause gehen. Ich habe keine Lust, mich an alle Fehler zu erinnern, die ich gemacht habe. Die meisten davon waren unvermeidlich, und die Ratschläge meiner Freunde haben mir nichts geholfen. Jetzt habe ich beständig Kopfschmerzen, ich glaube auch, dass ich jeden Abend wieder Fieber habe. Aber ich werde Geduld haben. Ich könnte vielleicht in den Wald gehen, aber jetzt sind die Jäger da, und ich möchte nicht mit ihnen zusammenstossen. Die drei Herren am Nebentisch haben ihren Wein ausgetrunken und gehen weg. Ich sehe ihnen nach, obwohl sie mich gar nicht interessieren. Dann gehe ich auch weg. Draussen ist es schon dunkel. Ich bin sehr zufrieden darüber, die Tage sind so kurz und vergehen rasch. Aber warum freut es mich, ich habe gar keine Veranlassung, die Tage zu zählen. Ich habe kein Ziel vor mir. Ich gehe langsam durch das Städtchen. Es gibt hier eigentlich nur eine einzige Strasse, sie heisst Hauptstrasse und ist erleuchtet. Vor einem Geschäft sammeln sich Leute an, ich höre schon von weitem einen Lautsprecher, der das Wetter verkündigt. Dann kommen politische Tagesnachrichten, und nun beginnt ein Walzer . . . Ein Hund steht zwischen den Männerbeinen und kläfft den unsichtbaren Lautsprecher an. Ein Arbeiter gibt dem Hund einen Fusstritt. Sibylle würde zu ihm sicher eine Bemerkung machen. Sie sieht nicht gern, wenn Tiere schlecht behandelt 35 werden. Einmal – es war noch am Anfang unserer Bekanntschaft – schrie sie einen alten Mann an, der seinen Hund hinter sich her schleifte. Es war spät in der Nacht, und der Hund war halbverhungert. Er trug kein Halsband, der Mann hatte ihm nur eine Schnur um den Hals gebunden, daran zerrte er ihn fluchend vorwärts. Ich ging hinter Sibylle her und wäre beinahe über den Hund gestolpert. Ich sah ihn einfach nicht, weil ich entsetzlich müde war. Es fing damals gerade an. Sibylle hatte die Gewohnheit, nach der Vorstellung bis drei Uhr im Walltheater zu bleiben. Sie kam um elf Uhr, aber dann konnte ich sie nicht sehen, weil sie in ihrer Garderobe war und sich anzog. Sie brauchte dafür sehr lange. Später ging ich manchmal zu ihr hinein, sie schien nichts dagegen zu haben. Die alte Garderobenfrau schob mir einen Stuhl hin, ich setzte mich so, dass ich Sibylle vor dem Spiegel sehen konnte, und lehnte mich mit dem Rücken gegen die Wand. Nachher, zwischen zwölf und ein Uhr, hatte Sibylle zu singen, sie trug ein rostbraunes Kleid und sah wunderschön aus, wie ein gotischer Engel, aber eine Spur knabenhafter wegen ihrer schmalen Hüften. Das Singen war ihr gleichgültig, sie verbeugte sich am Schluss wie alle andern Sängerinnen und war überhaupt sehr korrekt. Nur hielt sie sich nicht mit einer Hand am Vorhang fest und schob ihn nicht zur Seite, sondern stand ganz frei da und wartete alles ab. Wenn sie fertig war, kam sie an meinen Tisch 36 und bestellte zu trinken. Sie blieb bis drei Uhr. Ich tat es auch, weil ich mich nicht von ihr trennen wollte. Dann gingen wir weg, fast immer allein, und draussen tauchte Willy auf und fragte, ob er ein Auto besorgen solle. Aber meistens hatte ich meinen Wagen da, oder wir gingen ein paar Schritte zu Fuss. Willy folgte in einiger Entfernung, und wenn wir essen gingen, wartete er draussen bei den Chauffeuren. Erst als er merkte, dass ich Sibylle bis vor ihre Haustür begleitete, blieb er weg. Sibylle schien davon nichts zu bemerken, und mir war es gleichgültig. Gerade in jener Nacht war ich zum erstenmal so müde, dass ich es nicht verbergen konnte. Ich redete überhaupt kein Wort mehr und konnte auch nicht essen. Sibylle fragte: »Was macht Ihre Arbeit?« Ich erinnere mich genau daran, weil ich so erstaunt war, dass sie danach fragte. Aber ich antwortete nichts. »Ich glaube, Sie sollten mehr schlafen«, sagte sie und legte ihre Hand auf meinen Arm. Sonst sagte sie nichts. Und nachher auf der Strasse stolperte ich über den Hund. Sie blieb sofort stehen und herrschte den alten Mann an, er solle die Leine loslassen. »Sehen Sie denn nicht, dass das Tier nicht mehr gehen kann«, sagte sie, ich hatte ihre Stimme noch nie so scharf gehört. Der Mann fluchte entsetzlich, und ich dachte, dass etwas passieren würde. Ich wollte mich zwischen Sibylle und ihn stellen, aber sie schickte mich in das Lokal zurück – wir waren erst ein paar Schritte 37 gegangen – und sagte, ich müsse dort Milch verlangen. Ich ging und traf dort Willy. Er hockte zwischen einer Gruppe von jungen Burschen an der Theke. Als ich zur Tür hereinkam, glitt er gleich vom Stuhl herunter und fragte, ob Sibylle etwas vergessen habe. Dann beschaffte er mir die Milch und begleitete mich. Sibylle stand noch über den Hund gebeugt und schien dem Alten zu erklären, wie er das Tier pflegen müsse. Der schimpfte leise, der Hund müsse doch nach Hause, und Sibylle sagte, er würde schon gehen, wenn er erst die Milch getrunken habe. Aber es dauerte ziemlich lange, bis der Hund zu trinken begann. Er hatte offenbar Angst. Nachher trottete er widerstandslos hinter dem Alten her. Inzwischen hatte Willy ein Auto geholt. Sibylle sagte, sie sei jetzt sehr müde und ob ich mitfahren wolle. Aber das lohnte sich nicht, und ich gab Sibylle die Hand und sah ihr nach, als sie wegfuhr. Ich hatte ein leeres Gefühl im Magen, und eigentlich war mir ein bisschen schwindlig. Willy grüsste gar nicht, er sass vorne neben dem Chauffeur und sah sehr zufrieden aus. Ich glaube, ihm machte es nichts, die ganze Nacht aufzubleiben. 38   13 Dann lernte ich Erik kennen. Er kam aus Schweden und war mit Magnus verwandt, aber das wusste ich gar nicht, ich traf ihn in der Bar des Walltheaters, und Sibylle machte uns miteinander bekannt. Er fragte mich, ob ich Ski laufe. Sobald es Schnee gebe, sagte er, wolle er in die Schweiz fahren und da drei Monate bleiben. Er hatte eine Frau und zwei Kinder, deren Bilder er in seiner Brieftasche trug. Er zeigte sie mir, als er die Brieftasche herauszog, um zu zahlen. Er hatte auch einen Beruf, aber er schien das nicht wichtig zu nehmen, er sprach nie davon. Übrigens schien Sibylle ihn schon lange zu kennen. Er gefiel mir gut. Er trank nur einen Whisky, und in derselben Zeit trank ich drei Cognacs und dazwischen auch Whisky. Er sah es und sagte, es würde mir sicher nicht gut bekommen. Da legte ihm Sibylle die Hand auf die Schulter und sagte: »Das kannst du ruhig mir überlassen.« Ich fand es merkwürdig von ihr und wagte nicht mehr recht, ihn anzusehen. Er ging dann bald weg. Sibylle ging mit ihm hinaus, kam aber wieder zurück, bestellte zu trinken und sah mich überhaupt nicht an. Als sie ihren Mantel holen liess, bezahlte ich und ging mit ihr fort. Heute war kein Hund auf der Strasse. Willy stand neben der Tür, als wir in den Wagen stiegen. Sibylle kippte den Stuhl um und fragte, ob er mitfahren wolle. Er sah mich an 39 und sagte: »Sie haben vergessen, das Licht anzuzünden.« Ich antwortete: »Warum sagst du eigentlich Sie zu mir?« Sibylle sah geradeaus und gab mir den Weg an. Es war ungefähr vier Uhr morgens, neblig, und die Strasse war sehr glatt. Ich fuhr langsam, aber Sibylle war entsetzlich ungeduldig und stampfte von Zeit zu Zeit mit dem Fuss auf. Ich gab Gas und hielt die Zähne zusammengepresst. Ich fuhr nicht sehr achtsam, und plötzlich ragte vor uns ein dicker Baumstamm auf. Er stand mitten in der Kreuzung zweier Strassen und wirkte mächtig wie ein rauhhäutiger Koloss in der feuchten, nebelverhängten Dunkelheit. Ich weiss nicht genau, wie ich daran vorbei kam. Sibylle sagte plötzlich: »rechts«, mit ihrer eigentümlich tiefen, besänftigenden Stimme, und dann waren wir schon in der nächsten Strasse. Wir fuhren sehr lange. Endlich fragte ich, wohin Sibylle denn fahren wolle. »Wohin?« sagte sie. »Das weiss ich auch nicht. Warum brauchen wir es zu wissen.« Ich fuhr an eine Tankstelle, sie war geschlossen, ich fragte an der nächsten Strassenecke einen Chauffeur, wo man eine Nachtstation finden könne. Bis dorthin war es ziemlich weit, und ich hatte kein Wasser mehr im Kühler. »Erik hat dir gefallen?« fragte Sibylle. »Er ist sehr klug.« Ich sah auf das Schaltbrett und fuhr wieder langsamer. »Der Wagen geht zum Teufel bei dieser 40 Behandlung«, sagte ich. Das war übertrieben, aber ich war wütend und traurig, und ich liebe den Wagen. Ein Drittel davon habe ich selbst verdient, die beiden andern Drittel hat mein Vater bezahlt, bevor er wegen der grossen Ölbohrungen nach Russland fuhr. Endlich waren wir an der Tankstelle. Es war eine Olexpumpe, und der Mann war sehr freundlich. Ich versuchte, den Wasserdeckel aufzuschrauben. Aus dem Kühler stieg Dampf in runden Wolken. Es war sehr kalt, aber das Metall war so heiss, dass ich es mit blossen Händen nicht anfassen konnte. Als ich aufsah, dachte ich plötzlich daran, dass ich im vollen Lichtschein der beiden Scheinwerfer stand, und ringsum war es dunkel. Ich stand wie auf einem erleuchteten Podium inmitten der dunklen Welt, und eigentlich gab es nur noch, wie Meer und Insel, die ungeheure Nacht und uns, den Wagen, den Mann von der Tankstelle, mich und Sibylle. Die vordere Scheibe des Wagens war beschlagen, aber dahinter sah ich Sibylles Gesicht unwirklich auftauchen und ihre Augen, schimmernd wie blasse Blumen. Jetzt fühlte ich auch die Kälte nicht mehr. Ich wollte zahlen, ich hatte nur grosses Geld, Sibylle öffnete die Tür und gab mir zwei Fünfmarkstücke. Der Mann grüsste, und wir fuhren weg. Erst jetzt bemerkte ich, dass Willy nicht mehr im Wagen war. Wir verirrten uns bald darauf. Die Strassen 41 waren leer, man konnte niemanden um Auskunft fragen. Wir fuhren immer sehr rasch. Dann kamen wir über eine Brücke, wir hätten es vielleicht nicht bemerkt, wenn nicht das Geräusch des fahrenden Wagens sich plötzlich verändert hätte. Ich hielt auf der rechten Seite, die Brücke war nicht beleuchtet, aber die Scheinwerfer erhellten eine keilförmige Bahn, im Schatten sahen wir mächtige Betonpfeiler aufragen und darüber dunkles Eisenwerk, weit gespannte Bögen, durch viele Rippen gestützt und verbunden. Ich öffnete das Fenster und beugte mich hinaus. Das Wasser floss unter uns rasch und mit grosser Gewalt, ein wenig Licht fiel auf die Oberfläche, so dass man die sich überstürzenden, unruhigen und in vielen Wirbeln zusammenstossenden Wellen sah. Darüber wölbte sich ruhig der Himmel, und wir hingen dazwischen, kaum mehr auf der Erde. »Schön«, sagte ich. »Ja«, sagte Sibylle. »Was die Leute sich dachten, als sie die erste Brücke bauten?« »Sie wollten an das andere Ufer. Sie legten einen Baumstamm von einem Ufer zum anderen.« »Bei den Indianern gibt es Hängebrücken. Sie schwanken, wenn man darüber geht. Und sie hängen über Abgründen.« »Aber jetzt baut man herrliche Brücken. In New York zum Beispiel. Und in Schweden kenne ich eine Betonbrücke, welche aussieht, als sei sie aus 42 weissem Glanzpapier ausgeschnitten, mit vielen zarten Pfeilern.« »Wir sollten zu den Indianern reisen«, sagte ich. »Wir sollten uns Geld verschaffen.« »Nichts leichter als das«, sagte Sibylle. »Aber du kannst ja nicht fort. Man lässt dich nicht fort.« »Nichts leichter als das«, sagte ich. Sibylle fing wieder an zu rauchen. Sie rauchte fast immer, während wir fuhren, und gab auch mir manchmal eine Zigarette, die sie selbst anzündete und mir dann zwischen die Lippen schob. »Es könnte dich deine Karriere kosten«, sagte sie. Ich habe wohl vergessen zu erwähnen, dass ich Diplomat werden will. Mein Vater hat mir dazu alle Wege geebnet. Er verlangt, dass ich das juristische Studium beende und daneben französischen und englischen Unterricht nehme. Diese Sprachstunden hatte ich übrigens schon seit Wochen ganz vernachlässigt. »Es könnte dich deine Karriere kosten«, sagte Sibylle. Ich konnte mir unter dem Wort »Karriere« nichts mehr vorstellen. Es war ein leeres Wort. »Was ist das heutzutage«, sagte ich verstimmt. Magnus und ich hatten oft besprochen, dass unserer Generation wenig geblieben sei, aber dafür der ungeheure Vorzug der Freundschaft. Wir meinten damit, dass alle normalen Voraussetzungen fehlten, alle erstrebenswerten Ziele unsicher seien, jede Stabilität aus unserem Leben entwichen sei. Wir 43 meinten, dass man dadurch geradezu auf die letzte Wertlosigkeit solcher Lebensziele gestossen werde, man verliere den bürgerlichen Ehrgeiz, man sehe die dünne Luft des Erfolges und gewöhne sich früh an die sogenannte »Resignation« der Fünfzigjährigen. Bei Leuten von zwanzig Jahren enthalte sie aber eine grössere Heiterkeit und Tapferkeit, eine Note positiven Verzichtes. Wir dachten, dass es ein grosses Glück sei, gleichgestimmte Freunde zu finden und sich ihnen brüderlich verbunden zu fühlen. Mit ihnen irgendwo zu leben, zu reisen, nachzudenken, sich innerlich aneinander zu stärken und sich zu lieben, schien uns unser Vorrecht. Aber trotzdem war ich noch nie ernstlich auf den Gedanken gekommen, auf meine Berufsaussichten zu verzichten. Jetzt stellte ich mir vor, dass ich mit Sibylle reisen könnte, und vor mir erstanden Hafenstädte, breite Flüsse mit schaukelnd getriebenen Booten, Steppen, wandernde Tierherden, Flugplätze mit frischen Holzbaracken, Lastautomobile auf weissen Strassen und glühende Sonne über gedeckten Veranden. »Am besten würden wir dann gar nicht mehr zurückkommen«, sagte ich. Dann bemerkte ich, dass Sibylle lächelte und geradeaus sah. Sie schien nicht mehr an die Brücken zu denken. »Fahren wir«, sagte sie. Ich richtete mich auf und tastete im Dunkeln nach dem Schlüssel. »Ich kann aber nicht mehr«, sagte ich. 44 Ich wurde so plötzlich von Mutlosigkeit befallen, als hätte mich jemand aus übermüdetem Schlaf geweckt. Sibylle sah mich schweigend an. »Ich kann nicht mehr«, wiederholte ich. Und dann begann sich die Nacht wirbelnd um uns zu drehen. Ich presste die Hand vor die Augen, bunte Kugeln lösten sich aus der Dunkelheit, näherten sich meinem Gesicht, wuchsen gross an, blendeten mich und zersprangen. Übelkeit stieg mir würgend in die Kehle. Ich drehte den Kopf, als könne ich mir dadurch selbst entgehen. Sibylle wandte sich plötzlich zu mir und legte ihre Hände um mein Gesicht. Ihre Hände waren kühl. Es war, als lege man meinen Kopf auf frisches Leinen. Nach einiger Zeit gab sie mir etwas aus einer kleinen Flasche zu trinken, die sie bei sich trug. Es schmeckte sehr stark, und ich trank es mit Widerwillen. Sie hatte meinen Kopf an ihre Schulter gelegt und mir wurde besser. Manchmal streifte mich ihr Atem, wie wenn wir zusammen tanzten, und manchmal presste sie ihr Kinn und ihre Wange einen Augenblick gegen meine Stirn. Ich liess den Motor anspringen, und wir fuhren. Es kostete mich eine unbeschreibliche Anstrengung, geradeaus zu fahren. Ich glaubte jede Sekunde, das Rad nicht mehr halten zu können. Die Strasse wogte auf und ab, Bäume, Laternen, ja selbst die gerade Linie des Gehsteigs wurden mir 45 erst im letzten Augenblick sichtbar. Sie stürzten gleichsam in mein Blickfeld und verwirrten mich. Sibylle berührte mit der linken Hand meine Schulter. Das beruhigte mich. Manchmal griff sie fester zu. Ich fuhr wohl sehr langsam, denn sie schob plötzlich entschlossen meinen Fuss vom Benzinhebel weg und gab selbst Gas. Es war eine gefährliche Fahrweise. Nach kurzer Zeit hielt ich an, öffnete die Tür und sagte: »Jetzt kannst du fahren.« Sie schien ein wenig erschrocken, aber sie sagte nur: »Wenn du willst . . .« und blieb einige Sekunden sitzen und sah mich an. Dann wechselten wir die Plätze. Ich wusste nicht einmal, ob sie fahren konnte, aber ich war so müde, mir war das schon gleichgültig. Sie fuhr nicht gleich an, deshalb schaltete ich für sie ein, bis wir im dritten Gang waren, dann lehnte ich mich zurück und sah durch die leicht beschlagene Scheibe hinaus. Wir waren auf der Heerstrasse, irgendwo weit draussen. Wir fuhren sehr rasch. Manchmal näherte sich der Wagen einer Strassenseite, als werde er von einem Magneten angezogen. Das war sehr gefährlich, und ich musste oft im letzten Augenblick, dicht vor einem Randstein oder einem anderen Hindernis, das Rad nach der anderen Seite drehen. Jetzt wurde es schon hell, eine leichte Nebelschicht wogte durch den Wald, nur etwa einen Meter hoch über dem Boden, und hüllte die Stämme der Fichten ein. Als ich den Kopf wandte, sah ich 46 eine schwache Röte am Himmel. Sonst war alles eisgrau, kalt und windstill. Wir näherten uns der Stadt, und ich setzte mich wieder an das Steuer. Sibylles Gesicht war verändert, sie schien sehr müde zu sein, aber sie war weniger blass als gewöhnlich, und ihre Augen glänzten stärker. Als sie vor ihrer Haustür ausstieg, presste sie meine Hand an ihre Wange und sagte, dass ich ihr versprechen müsse, vorsichtig nach Hause zu fahren und keinesfalls vor Mittag aufzustehen. Ich fuhr bis zu meiner Wohnung und liess den Wagen auf der Strasse stehen. Es war jetzt ganz hell. Ich fühlte mich ziemlich wohl und ging, ohne den Fahrstuhl zu benützen, in den zweiten Stock hinauf. Im Schlafzimmer hatte das Mädchen die schwarzen Vorhänge gezogen, es war dunkel, und ich legte mich sofort in mein Bett. Ich konnte nicht schlafen. Ich dachte an die Fahrt und stellte mir vor, wie irrsinnig gefährlich es gewesen war. Sibylle war so rasch gefahren, wir hätten uns wahrscheinlich überschlagen, wenn wir gegen einen Randstein geprallt wären. Aber das war es ja nicht. Etwas anderes war viel schlimmer: Ich stellte fest, dass es mir gleichgültig gewesen wäre zu verunglücken. Sibylle fragte mich: »Hattest du Angst?« Und ich sagte nein, und es war ehrlich. Ich war zu müde, um Angst zu haben. Ich dachte, wenn sie Lust hat, dass wir uns die Köpfe einstossen, soll sie es eben versuchen. Und jetzt, auf meinem Bett kniend, war es mir immer noch gleichgültig, ich konnte dem 47 Gedanken, dass ich hätte sterben können, kein Grauen abgewinnen. Aber als ich das feststellte, ergriff mich eine Art von Verzweiflung, ich warf mich nieder und weinte fassungslos und fürchtete zum erstenmal das Leben. 48   14 Am nächsten Tag schlief ich bis mittags. Einmal kam das Mädchen herein, es war gegen elf Uhr, und stellte Kaffee auf einen niedrigen Tisch neben mein Bett. Sie fragte auch, ob sie mir etwas zu essen bringen dürfe, aber ich sagte, dass ich mich sehr schlecht fühle und am liebsten weiterschlafen wolle. Als ich zwei Stunden später aufstand, wurde mir übel. Ich musste mich wieder hinlegen und war ganz in Schweiss gebadet. Ich lag, ohne mich zu bewegen, bis nebenan das Telephon läutete. Es war Erik. Er fragte, ob ich mit ihm frühstücken wolle, er würde mich in einer halben Stunde abholen. »Sie fordern meine Fürsorge heraus«, sagte er. Ich badete und zog mich an. Dabei war mir immer schwindlig, wie jetzt fast jeden Vormittag. Schliesslich dachte ich, dass man sich an diesen Zustand gewöhnen könne. Erik kam sehr pünktlich. Er warf zuerst einen Blick auf meine Bücher und blieb dann vor dem Schreibtisch stehen. »Arbeiten Sie sehr viel?« fragte er. »Sie studieren noch, Sie sind sehr glücklich.« Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte. »Ich bin immer ein Abenteurer gewesen«, sagte Erik. »In Ihrem Alter war ich, glaube ich, ein geistiger Abenteurer.« Über dem Schreibtisch hing eine grosse Photographie von Sibylle. Sie trug kurze Hosen und ein 49 offenes, grosskariertes Hemd. Das weisse Gesicht war übermässig stark beleuchtet und wirkte beinahe maskenhaft. Aber man erkannte doch den eigentümlich gedämpften, wie aus vielen Dunkelheiten dringenden Schimmer der Augen. »Sie hat wunderbare Augen«, sagte Erik. »Gestern habe ich Magnus gesehen. Wissen Sie, was er von Ihnen sagte? Aber nehmen Sie Ihren Mantel, wir wollen gehen. Also, er sagte, Ihnen sei nicht zu helfen. Sie seien zu jung, um solchen Erschütterungen standzuhalten. Jawohl, Sie seien anfällig und erotisch versklavt wie ein Primaner. Es war nicht sehr freundlich ausgedrückt. Ich nehme an, dass Magnus Sie liebt und dass es ihn kränkt, die Achtung vor Ihnen verlieren zu müssen. Strindberg sagt irgendwo: ›Es ist schade um die Menschen‹ –« Das Gespräch war mir sehr unangenehm. Wenn man leidet, erträgt man es nicht gern, dass die Leiden nicht ernst genommen werden. »Magnus weiss wohl genau Bescheid«, sagte ich. »Nein«, sagte Erik. Er parkte vor dem »Atelier«, ein Schupo sagte ihm, dass er näher an den Randstein fahren müsse. Er tat es, und ich wartete auf ihn. Ich fror. Dann gingen wir hinein, und Erik bestellte sorgfältig das Essen. Er behandelte mich wie ein kleines Kind. Ich erinnere mich noch an alle Einzelheiten dieser Mahlzeit, weil ich zum erstenmal wieder mit Bewusstsein an einem sorgfältig gedeckten Tisch heisse und angenehme Gerichte ass. Dazwischen sprachen wir, es war ein sehr 50 vorsichtiges Gespräch, ein Gespräch zwischen heimlichen Gegnern. Plötzlich fragte ich: »Lieben Sie denn Sibylle?« Er schwieg und schien überrascht. Sehr langsam antwortete er dann: »Ich bin vor zwei Jahren jeden Abend in ein schlechtes Kabarett in Brüssel gegangen. Dort war Sibylle. Aus welchem Grunde glauben Sie, dass ich jetzt in das Walltheater gehe?« Ich kannte ihn ja gar nicht, aber ich hatte Angst, dass er mich als seinen Rivalen betrachten würde. Ich hatte in diesem Augenblick einen Freund nötig, und ich war sehr allein. »Soll ich gehen?« fragte Erik. »Vielleicht wollen Sie, dass ich verschwinde?« »Nein«, sagte ich, »das würde nichts helfen.« Ich wusste genau, dass es mir bei Sibylle nichts helfen konnte, wenn Erik wegging. Und wir hatten sie auch gar nicht um ihre Meinung gefragt. »Die Leute sagen, Sibylle sei ein kalte Frau«, sagte Erik. – »Lieber, Sie essen ja nichts. Wir werden von anderen Dingen sprechen.« »Ich habe seit Wochen nur an Sibylle gedacht«, sagte ich. Erik schob mir eine Platte zu und legte etwas auf meinen Teller. »Ich glaube, dass sie sehr viel durchgemacht hat«, sagte er. »Sie hat zweifellos schon einige Menschen zu Grunde gerichtet. Sie hat nicht die Schlechtesten auf dem Gewissen.« »Gestern hatte ich plötzlich Angst«, sagte ich. 51 Draussen schien die Sonne. Man sah es nicht direkt, aber durch die Vorhänge fielen einzelne Strahlen und verbreiteten auf den steinernen Wänden einen Hauch sanfter, tieffarbiger Wärme. Eine Dame ging durch das Lokal, und ihr Gesicht wurde eine Sekunde lang von den kaum sichtbaren Sonnenstrahlen getroffen, es erglänzte, und die blonden Haare sahen ebensolange aus wie aufgelöstes Gold. Ich hatte kalte Hände, obwohl das Restaurant stark geheizt war. »Man hat mir immer gesagt, dass mir einmal etwas zustossen würde«, sagte ich. »Aber ich habe es nicht geglaubt. Meine Lehrer sagten, ich würde einmal unter die Räder kommen.« »Ja, man stellt sich die Dinge immer anders vor, als sie sind.« »Ich bin nicht eifersüchtig«, sagte ich. Ich hoffte sehr, Erik würde einsehen, dass wir natürliche Verbündete waren. Warum sollte ich eifersüchtig sein, wenn er Sibylle liebte, oder sogar wenn Sibylle ihn liebte. Schliesslich würden wir doch die gleiche Sprache reden. Ich fühlte mich ein wenig getröstet. 52   15 Der Widerhall der Schüsse dringt aus den Wäldern bis in das Städtchen und erfüllt die Luft mit Unruhe. Ich bin am frühen Morgen im Schlossgarten gewesen, die alten Mauern des Schlosses tropften vor Feuchtigkeit. Das Schloss ist schön, obwohl sich sein Stil kaum mehr bestimmen lässt. Zu allen Zeiten haben Fürsten hier gewohnt und nach ihren Bedürfnissen gebaut, abgerissen und erweitert. Einige Fenster in den oberen Stockwerken der runden Türme sind nicht viel mehr als Schiessscharten, aber die Fenster des langen Haupthauses sind hoch, zahlreich und mit reinen Spätbarockornamenten geschmückt. Der Portier wohnt in einem Zimmer mit einfacher Stuckdecke und einem Boden aus weissgescheuertem Tannenholz. Der Schlosshof ist gepflastert und so gross, dass ein Wagen bequem darin kehren kann. Vorn, gegen den Park und gegen das Wasser hin, sind die beiden Seitenflügel des Schlosses durch einen geraden Säulengang verbunden. Die Säulen sind blassrosa, gelb oder weiss in der wechselnden Beleuchtung, und immer hat man Lust, sich gegen eine von ihnen zu stützen und in den Park hinunter zu sehen. Jetzt ist der Anblick eher traurig. Die Bäume sind ohne Blätter, und das Laub liegt gelb und rostbraun auf der Wasserfläche. Heute waren die Äste von schwerem, gesättigtem Tau bedeckt und sahen 53 beinahe aus wie bereift. Ich möchte den ganzen Tag draussen bleiben. Mein Hals ist wie ausgetrocknet, obwohl ich sehr viel trinke. Ich habe eine schlechte Nacht hinter mir. Jetzt gehe ich. Ich will nicht, wie gewöhnlich, durch die Wälder gehen, sondern nehme einen Weg, der links an der Kirche vorbeiführt, die Stadt unauffällig verlässt und in die sandigen, flachen, unübersichtlichen Hügel hineinläuft. Ich gehe zuerst ziemlich rasch. Ich freue mich, dass ich mich von den Wäldern entferne. Von den gedämpften Moosböden, den Kaninchengruben, den rieselnden Fichtennadeln. Von den warmen Tiernestern. Hier ist nur kahle Fläche, ein grosses gewelltes Meer. Der Boden hat in den letzten Wochen viel Feuchtigkeit aufgesaugt. Rechts sind die Hügel angeschnitten, in den Sandgruben wird gearbeitet, eine Baggermaschine macht grossen Lärm, die dünne, reine Luft erzittert davon, und ein Kran ragt schwarz empor. Ich gehe an den Rand der Grube und sehe den Arbeitern zu. Es sind ernste, gefasste, achtunggebietende Männer. Sie arbeiten unentwegt seit dem frühen Morgen und essen ihr Mittagsbrot unter freiem Himmel auf ihrer Arbeitsstätte und abends gehen sie unbeirrt den langen Weg bis in das Städtchen zurück. Ich gehe weiter, und nachdem ich über eine Stunde gegangen bin, gelange ich in ein Dorf. Die Strasse ist in der Mitte gepflastert, auf beiden Seiten stehen niedrige, graue Häuser mit Dächern, die 54 nicht über die Mauern hinausgebaut sind. Man könnte darunter nicht einmal Schutz vor dem Regen finden. Ich gehe bis zum Dorfkrug und setze mich in die Wirtsstube. Sie ist gross und niedrig und halbdunkel. Die Wände sind geschwärzt. Die Tische und Bänke sind schwer und roh, und das Holz ist hell und farblos vor Alter. Über dem Schanktisch hängt ein Bild Bismarcks, von einem Eichenkranz umrahmt. Der Wirt besitzt kein Schreibpapier, ich gehe deshalb zuerst in den Ort und finde einen Laden, wo ich auch Tinte und eine Feder kaufen kann. Dann gehe ich in den Krug zurück, bestelle Rotwein und lege die Blätter neben mich. Ich kann jetzt noch nicht schreiben, der Weg hat mich müde gemacht. Und dann schreibe ich doch. Lieber Gott, es ist schon eine Gewohnheit von mir geworden, und ich werde ein ganzes Buch schreiben, eigentlich aus Versehen . . . Das Buch werde ich Sibylle schicken, sie wird es lesen und mir sagen, ob sie es gut oder schlecht findet. Wenn sie es gut findet, will ich es drucken lassen. Nein, ich bin nicht ehrgeizig dafür. Die Leute sagten ja immer, dass ich, Sibylles wegen, alle guten Eigenschaften verleugne. Und sie setzten doch früher einige Hoffnungen in mich. Aber alle stimmten eigentlich mit Magnus überein, und ich selbst gab es zu, und wurde sehr traurig davon. Sie sagten dann, es sei gut, dass ich es einsehe, und was ich mir von Sibylle verspreche. 55 Natürlich versprach ich mir nichts von ihr, und wenn sie mir vorhielten, dass man mit einer Frau wie Sibylle niemals leben könne, wusste ich selbst die besten Gründe dafür. Sie dachten sich alle, dass Sibylle die ideale Geliebte sei, nur ich wusste, dass sie dafür überhaupt nicht zu haben ist, auch nicht, wenn ich Geld hätte, auch nicht, wenn ich zehn Jahre älter und mein eigener Herr wäre. Sie dachten alle, dass Sibylle mich betrüge und mich nur aus Berechnung nicht wegschicke. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass eine Frau wie Sibylle ohne einen Geliebten lebe. Aber mir kam Sibylle manchmal so merkwürdig beschäftigt vor, und ich fühlte mich dann weit von ihrem Vertrauen entfernt. Ich wusste, dass sie mich belog oder dass sie mir doch etwas Wichtiges, vielleicht das Wichtigste ihres Lebens verschwieg. Einmal sagte ich es ihr. Es war spät in der Nacht, und wir tranken in einem Keller in der Kantstrasse. Sie war unfreundlich zu mir, und ich war bedrückt und deshalb fragte ich sie. Sie antwortete sofort, dass sie mir keine Minute ihres Schlafes opfern würde, wenn sie mich nicht gern hätte. In diesem Augenblick sah ich ein, dass ich ihr meinen Schlaf opferte und noch mehr, und dass ich sie dafür liebte, wie man einen anderen Menschen dafür hassen würde. Oder vielleicht hasste ich sie auch zuweilen. Aber ich hätte ebenso gut mich selbst hassen können. Man erzählte mir viel von Sibylle, etwa dass sie mit einem Chauffeur gelebt habe und später mit 56 einem Kunsthändler. Der Chauffeur sei im Gefängnis und der Kunsthändler habe sich erschossen. Das war natürlich Unsinn, Entstellung und Gerücht. – Aber es ist schon richtig, es könnte genau so gewesen sein. Im Grunde kann man für Sibylle nur sterben. Für sie zu leben, sagten meine Freunde, sei entwürdigend. Aber sie verstanden nichts von ihr. Sie nahmen alles sehr einfach, es wäre ja auch sonst zu schwer, das Dasein zu ertragen: denn alles, was geschieht, ist so entsetzlich verkettet, und alles, was man tut, hat tausend Folgen und die Verantwortung ist ungeheuer und kein Urteil ist richtig und gerecht. Und doch müssen wir leben . . . 57   16 Ich sah dann Erik jeden Tag, und wir wurden gute Freunde. Wir assen zusammen, er holte mich zu Hause ab, manchmal weckte er mich, und es war schon zwei Uhr nachmittags, und wenn ich aufstand, wurde mir übel. Er sagte, er wolle mir einen Arzt schicken, aber er sah ein, dass es keinen Zweck haben würde. »Es macht dir wohl Vergnügen, krank zu sein und nichts mehr arbeiten zu können?« sagte er. Aber ich fand es schrecklich, ich konnte nur nichts dagegen tun, ich wusste keinen Ausweg. Ich war so mutlos geworden, dass ich nicht mehr wagte, über irgend etwas nachzudenken. Ich hatte nie gedacht, dass mir ernstlich etwas zustossen könnte. Ich glaubte es noch immer nicht, nur zuweilen hatte ich Angst, und wenn ich nach Hause kam und es war dunkel oder wurde gerade hell auf den Strassen, dachte ich manchmal, dass ich mich nie mehr zurecht finden würde. Das sagte ich niemandem, auch Erik nicht. Wahrscheinlich erriet er es, er war sehr besorgt um mich. »Wahrscheinlich wird Sibylle mit mir verreisen«, sagte er mir einmal. »Sie könnte auch mit dir verreisen, wenn du Geld hast, aber ich denke, dass sie eher mit mir fahren wird.« Ich nickte und fand es sehr gut. Als Erik rauchen wollte, holte ich im Wohnzimmer Zigaretten und 58 bot sie ihm an. Sie lagen in einer Schachtel aus eingelegtem Holz, die ich in Mailand gekauft hatte. Ich war dort mit Magnus und seiner Schwester Edith gewesen und mit zwei anderen jungen Mädchen. Sie waren sehr hübsch, und wir brachten die Hälfte unserer Sommerferien mit ihnen in Italien zu. Wir waren alle fünf sehr befreundet, und eigentlich war das erst einige Monate her. Als ich die Schachtel in der Hand hielt, erinnerte ich mich plötzlich deutlich daran. Das Geschäft lag in einer kleinen dunklen Gasse in der Nähe des Domes. Der Domplatz lag weiss und blendend in der Sonne. Auf den Stufen vor den Eingängen lagen Bettler und schliefen, Kinder liefen zwischen ihnen umher, manchmal wurde der dunkle Vorhang einer Tür beiseite geschoben, und ein Priester ging rasch über die Treppe auf den Platz hinunter. Er trug eine weinrote Schärpe über seinem schwarzen Kleid. Wir trieben uns in der Stadt herum und tranken sehr viel und abends fuhren wir auf der grossen Autostrasse bis zu unserem Hause, das mitten im Land lag, mitten zwischen den Maulbeerbäumen. Jetzt hielt ich die Schachtel aus Mailand in der Hand, es war in Berlin, die Freunde waren weit weg und keine Freunde mehr, und ich hatte sie vergessen. »Erik«, sagte ich, »kannst du dir denken, dass Sibylle tot wäre?« »Oh ja«, sagte er. 59 »Oder dass man sie nicht kennt? Dass ihre Gegenwart erfunden ist? Dass man ohne sie lebt und von ihr befreit ist?« »Kleiner, du solltest dich wirklich von ihr befreien.« »Dann würde ich sie nicht mehr sehen«, sagte ich. »Das ist ganz unmöglich, man kann nicht darauf verzichten. Aber wenn man daran denkt, dass man einmal –« Es war erstaunlich, es war nur eine Erinnerung, und sie brachte mir unerwartet zum Bewusstsein, dass ich einmal sehr froh und ganz ohne Last gewesen war und dass ich Sibylle eigentlich fortwährend wie einen schweren Traum in mir trug. – Sibylle sang weiter auf der Bühne und trug jetzt ein anderes Kleid, das mir noch besser gefiel als das erste. Es war um den Hals ganz wenig und rund ausgeschnitten und über den Hüften war es so eng, dass ihr schmaler Leib darunter deutlich abgezeichnet wurde. Ihre Haare waren ein wenig glatter, und die Schläfen traten frei hervor. Sie waren weiss und durchsichtig, ihre Hände waren durchsichtig, ihr Gesicht schimmerte vor Blässe, und unter den Augen hatte sie blaue Schatten. 60 17 Als ich am besten mit Erik stand, reiste er ab. Er sagte, er habe geschäftlich zu tun und wolle in acht Tagen zurück sein. Am ersten Tag ging ich sehr spät in das Theater und nahm mir vor, nicht auf Sibylle zu warten. Es waren sehr viele Leute da. Ich hatte Mühe, bis zu meinem gewohnten Platz durchzukommen. Auf der Bühne tanzten Fred und Ingo. Sie machten seit drei Monaten das gleiche, aber das war überall so, und sie hatten Erfolg. Es war ihnen ganz gleichgültig, was sie machten, man studierte ihnen die Tänze ein, und sie übten gewissenhaft. Das Ganze war nur eine Probe für ihre Geschicklichkeit, für ihren Fleiss oder für ihre Jugend. Ich fand sie beide langweilig, aber ich begriff, dass sie kindlich und reizvoll waren und dass die Leute das gerne sehen wollten. Wie gesagt, es war überall das gleiche, und nachts war die ganze Stadt voll von erleuchteten Sälen, die man prächtig herrichtete und wo hübsche junge Menschen sich zeigten, alles war gut organisiert und furchtbar laut und farbig, und es hatte nicht das geringste mit Kunst zu tun oder mit irgendwelchen tieferen Erschütterungen. Es war ein ungeheurer Leerlauf, und die betriebsamsten Leute waren von einer erstaunlich kurzsichtigen Trägheit. Aber wahrscheinlich hatte es keinen Sinn, dagegen 61 anzugehen, die Menschen waren gar nicht fähig zu einem ernsthaften Fortschritt. Einzelne versuchten es immer wieder und brachten Herrliches fertig, aber es lag da und wurde gar nicht benutzt, immer kümmerte sich nur eine verschwindend kleine Zahl von Menschen darum. Das war genau wie mit den Ergebnissen der Philosophen: Es gab Gelehrte, die ein ganzes Leben lang irgendetwas zu erforschen versuchten, sie trugen ungeheuer viel Material zusammen und am Ende ihres Lebens hatten sie ihr Ziel erreicht, sie dachten, sie hätten der Menschheit einen Dienst geleistet, einen Schritt weiter in der grossen Erkenntnis geholfen. Sie wussten genau, dass diese Erkenntnis schliesslich zur Erkenntnis Gottes führen musste. Aber nachher standen die Bücher, die ihr Werk enthielten, in den Bibliotheken, und niemand las sie, denn niemand hatte Zeit dafür, ausser vielleicht ein paar Fachgelehrten, und selbst diese konnten kaum alles lesen, was die Arbeit eines Lebens erfordert hatte. Und wieviele von diesen Gedanken waren schliesslich dazu bestimmt, fruchtbar zu werden und auf welchen Umwegen! – Als Fred und Ingo fertig getanzt hatten, bestellte ich einen Cognac. Der Kellner sagte mir, dass Sibylle schon gesungen habe und wohl gleich kommen werde. Erst jetzt bemerkte ich, dass die Leute am Nebentisch mich ansahen und offenbar erwarteten, dass ich sie grüsste. Ich tat es, weil eine Dame dabei war. Sie sass mit dem Rücken zu mir, aber sie 62 drehte sich um und lächelte und fragte, ob ich mich an ihren Tisch setzen wolle. »Sie sehen so betrübt aus«, sagte sie. Ich sagte, ich sei sehr guter Laune, dabei errötete ich aus Verlegenheit, weil sie schön war und weil ich tatsächlich ihren Namen nicht wusste. Ihr Begleiter war elegant und kahl und hatte stumpfe und listige Augen. Sie selbst hatte leuchtende Augen und einen unbedingten, zärtlich werbenden, sehr starken Blick. Sie sprach von vielen Leuten, die ich früher gesehen hatte oder die mit meinen Eltern befreundet waren. Ich fand mich zurecht, und wir unterhielten uns gut. Manchmal sagte sie dazwischen etwas Überraschendes, worauf ich nichts zu antworten wusste. Dann schwieg sie, und ihre Augen wurden immer stärker. »Ich möchte wissen, wo Sie gestern nacht gewesen sind«, sagte sie. »Ich möchte wissen, wo Sie Ihr zweites Leben zubringen.« »Es ist mir lieber, wenn Sie es nicht wissen«, sagte ich, es war eine ungeschickte und anspruchsvolle Antwort, und ich errötete wieder. Sie lachte, und ihr Begleiter lachte auch. Er sagte nie selbst etwas, sondern schloss sich nachträglich seiner Frau an, wie um sie zu bestätigen. Sie sah dann freundlich zu ihm herüber und schien ihn gern zu haben. Ich war erstaunt, als ich hörte, dass er ihr Mann sei. Er kam mir sehr unbedeutend vor. Als Sibylle kam, stand ich auf, verabschiedete mich, und wir setzten uns beide an meinen Tisch. 63 Ein paar Tage später wurde ich von Frau von Niehoff zum Abendessen eingeladen. Ich hatte sie ganz vergessen. Als ich sie wiedersah, war ich überrascht, weil sie in Wirklichkeit viel schöner war als in meiner Vorstellung. Ich kam etwas zu früh, ihr kleines Mädchen war noch bei ihr und bekam sein Abendessen auf einem blauen Tablett. Es war ein sehr hübsches Kind von ungefähr fünf Jahren, und ich liebte es gleich. Es war hellblond, sehr zart und hiess wie seine Mutter: Irmgard. Als wir allein waren, sagte Frau von Niehoff, sie glaube, ich sei krank, und es sei besser, wenn ich sofort nach Hause ginge. Ich fühlte mich nicht schlechter als gewöhnlich. »Aber Sie können nicht so aussehen«, sagte sie. »Ich bin älter als Sie, ich habe das Recht, Ihnen Vorwürfe zu machen, und ich werde mich um Sie kümmern.« Ich sagte »Danke«, und die Kehle war mir zugeschnürt. Eigentlich dachte ich, sie würde mich jetzt nach Sibylle fragen, etwa, ob ich ein Verhältnis mit ihr hätte. Und ich war verzweifelt bei dem Gedanken, dass ich ihr niemals erklären könnte, wie die Sache mit Sibylle in Wirklichkeit war. Sie würde mich entweder auslachen oder bedauern, und beides konnte ich nicht ertragen. Aber sie fragte gar nicht. Zum Essen kamen noch zwei Herren, die ich einmal bei einem Empfang getroffen hatte, und eine Frau, die mit Frau von Niehoff befreundet schien. Sie hatte ein nichtssagendes Gesicht, aber 64 sie war sehr freundlich und unterhielt sich während des ganzen Essens mit mir. Um zwölf Uhr wollte ich Sibylle treffen. Ich sagte Frau von Niehoff, dass ich gehen müsse. »Ist das so dringend?« fragte sie. »Ja, es ist eine Verabredung«, sagte ich. »Aber dann machen Sie es kurz und kommen Sie nachher wieder.« Sie gab mir die Hausschlüssel, damit das Mädchen nicht mit mir hinuntergehen müsse. Als ihre Freundin sah, dass sie mir die Schlüssel gab, sah sie Frau von Niehoff an und schien unzufrieden. Aber Frau von Niehoff lachte plötzlich laut und brachte mich auf den Flur hinaus. Draussen sagte sie: »Kann man denn nichts für Sie tun? Kann ich nichts für Sie tun?« und strich mit der Hand über meine Stirn. Ich fühlte, dass etwas in mir schwach wurde und ging rasch die Treppe hinunter. Sibylle wartete schon auf mich. Sie wollte gleich gehen, und ich holte ihren Mantel und gab dem Kellner ein Trinkgeld, weil er meinen Tisch frei gehalten hatte. Wir fuhren weg, und ich fragte, ob Willy nicht dagewesen sei. Ich hätte es gern gehabt, wenn er heute mitgekommen wäre, um Sibylle später nach Hause zu begleiten. Aber er war seit einigen Tagen verschwunden, und Sibylle sagte, sie habe ihn auch nicht gesehen. Aber sie sagte es so nebenbei, und ich glaubte ihr nicht. Ich hatte immer das Gefühl, dass sie mir vieles verschweige, aber man konnte sie nicht fragen. 65 Als ich sie schon mehrere Wochen kannte, wusste ich immer noch ihren richtigen Namen nicht. Wir fuhren zuerst zur Gedächtniskirche, durch die Tauentzienstrasse und dann durch die Lutherstrasse. Nachher kannte ich mich nicht mehr aus, aber wir fuhren ziemlich weit, und vor einem Haus, das die Hausnummer 34 trug, liess mich Sibylle warten. Das Haus hatte verzierte Balkone und vorspringende Konsolen und sah aus, als sei es vor zwanzig Jahren vornehm-bürgerlich gewesen. Jetzt war es ein wenig verwahrlost. Sibylle hatte einen Schlüssel für die Haustür. Ich wartete und rauchte, und während ich wartete, dachte ich an Irmgard von Niehoff. Ich nahm ihre Wohnungsschlüssel aus der Tasche und sah sie mir genau an. Und plötzlich merkte ich, dass ich erregt war, dass ich nur an Frau von Niehoff denken konnte und dass ich lieber mit ihr zusammen gewesen wäre als mit Sibylle. Es war ganz natürlich, dass ich mich an diesen Gedanken klammerte. Ich war plötzlich von etwas erlöst, und ein Gefühl von Wärme und begeisterter Zärtlichkeit durchströmte mich. »Es gibt also noch andere Frauen«, dachte ich und war von der Erinnerung an Irmgard hingerissen. »Es gibt ganz einfache Möglichkeiten, um glücklicher zu sein, als ich es jetzt bin. Ich werde Sibylle vergessen. Ich liebe Sibylle nicht, ich habe mich nur daran gewöhnt, in ihrer Nähe zu sein, es 66 war eine Art von Bannkreis, in dem sie mich festhielt. Irmgard hat schwarzes Haar und einen herrlichen Blick, und sie hat gefragt, ob sie etwas für mich tun könne. – Oh, sie hat einen herrlichen Blick«, wiederholte ich mir und hatte Sibylle ganz aus mir verdrängt. Sie kam zurück, und ich liess den Motor anspringen. Ich fragte sie nicht, was sie in dem fremden Haus getan habe. Eine ungewisse Ahnung sagte mir, dass sie sich mit etwas Wichtigem beschäftigt habe, dass sie vielleicht bedroht sei und dass sie meine Hilfe brauchen würde. Aber ich war daran gewöhnt, sie nicht zu fragen. Es ging mich wohl nichts an. »Ich zeige dir den Weg«, sagte Sibylle. Ihre Stimme kam von weit her und war doch unverändert. Wir fuhren wieder zurück und hielten an einer Ecke, wo zwei Taxis standen. Sie waren ohne Licht, und die Chauffeure waren nicht da. Vor einer gewöhnlichen kleinen Tür stand ein Mann und grüsste Sibylle. Sie sagte: »Du könntest vielleicht mit hineinkommen. Du brauchst nichts zu sagen, und wenn man dich anspricht, darfst du nicht grob werden.« Dann nahm sie rasch ein paar Geldscheine aus ihrer Tasche und gab sie mir. »Es ist besser, du steckst es innen in die Jacke«, sagte sie, und zu dem Mann vor dem Hause: »Das ist ein Freund von mir.« Er liess uns hinein. Es gab zwei Vorhänge, und dann kam man in eine kleine Kneipe, die von einer 67 breiten und langen Theke fast vollständig ausgefüllt war. Ein Mann stand dahinter, und eine ganze Anzahl von Männern standen oder sassen davor und tranken. Es waren meistens Chauffeure, und kein einziger war elegant angezogen. Die Zivilisten sahen aus wie kleine Angestellte, sie trugen Anzüge aus schlechten glatten Stoffen, blauviolett oder rötlich, und bunte Hemden mit glanzseidenen Krawatten. Sibylle ging an den Leuten vorbei, einige drehten sich um und kannten sie, und der Mann hinter dem Schanktisch war sehr höflich zu ihr. Ein zweiter Raum lag hinter der Schenke, er war sehr schlecht beleuchtet und stark geheizt durch einen eisernen Ofen. Der Raum war ganz öde, viereckige Tische mit Wachstuch bezogen standen nebeneinander, je drei auf einer Seite. An der Wand hing ein bedruckter Zettel mit der Aufschrift: »Im Interesse der verehrlichen Gäste bitte ich, leise zu sprechen« und ein anderer: »Für abhanden gekommene Gegenstände kann ich keine Verantwortung übernehmen.« Die Wände waren mit einer lila Tapete beklebt. Wir setzten uns, und ein Kellner sagte, dass wir kalten Schweinebraten mit Rosenkohl essen könnten. Er war schwerhörig, und Sibylle wiederholte ihm mehrere Male, dass er uns Bier bringen solle. Schliesslich brachte er zwei kleine Gläser mit dunklem Bier. 68 In diesem Raum sassen ausser uns nur zwei Leute an einem Tisch. Der Mann war gross und erstaunlich dick, und die Frau hatte schwarzes krauses Haar wie eine Negerin und war stark geschminkt. Ausser Sibylle war sie die einzige Frau hier, und Sibylle sagte, dass sie ein verkleideter Mann sei. Als wir eine Weile dasassen, kam einer der Chauffeure herein und setzte sich an unseren Tisch. Er beachtete mich nicht und sprach leise mit Sibylle. Sie sah ziemlich böse aus und sagte ihm, dass sie ihm irgendetwas nicht geben wolle, und als sie laut und mit ihrer schönen und eingehüllten Stimme sagte: »Das kommt gar nicht in Frage«, stand er auf, zuckte die Achseln und ging. Ich fragte nichts, aber ich fand alles sehr unangenehm und war froh, als Sibylle den Kellner rief. Sie sah ziemlich erschöpft aus. Es war schon halb vier Uhr morgens. Ich war todmüde, ich dachte an Frau von Niehoff und war unglücklich. Aber ich hätte ja Sibylle nicht im Stich lassen können. »Jetzt bringe ich dich nach Hause«, sagte ich und legte den Arm um sie. »Ich kann nicht«, sagte sie. »Ich kann jetzt nicht nach Hause.« Mir sank der Mut. Das Bier hatte mich noch müder gemacht, jetzt hatte ich Kopfschmerzen und wenn ich durch die Scheibe auf die Strasse sah, fielen beide Häuserreihen übereinander, und der Lärm brauste mir in den Ohren, und unüberwindliche Hindernisse verschlossen den Weg. 69 »Fahren wir doch«, sagte Sibylle. Sie bat beinahe darum. Ich schlug mit der Faust auf mein Steuerrad. »Aber was hat es denn für einen Zweck«, sagte ich. »Warum sollen wir nicht endlich einmal schlafen? Ich kann es nicht mehr aushalten.« Sibylle liess mich einen Augenblick in Ruhe, und ich schloss die Augen und legte die Stirn auf meine Hände. »Du hältst es schon aus«, sagte sie. »Es ist ganz gut für dich, einmal gegen deine Vernunft zu leben. Ich weiss, ich bin nicht sehr bequem.« Es war eine Art von Versprechung in ihrer Stimme. Aber ich wollte sie nicht hören. Ich wusste genau, dass sie mich nicht liebte, und ich empfand einen Schmerz, als hätte ich sie schon verloren. Ich dachte an Frau von Niehoff, wie man an eine Heimat denkt, aber alles war schon wieder abgebogen, und ich traute mir selbst nicht mehr. Ich fuhr Sibylle nach Hause, sie wandte nichts mehr dagegen ein. Während wir fuhren, begann es zu regnen, und der Wagen glitt unsicher über den Asphalt. Als Sibylle ausstieg, regnete es schon in Strömen. Ich begleitete sie bis zur Tür und hielt die Zähne zusammengebissen, und sie sagte noch immer kein Wort. Als sie die Tür aufgeschlossen hatte, drehte sie sich um und schlug mir den Mantelkragen in die Höhe. Ich ging zum Wagen zurück und war völlig 70 durchnässt. Ich glaubte, Fieber zu haben, meine Zähne lösten sich nicht mehr voneinander, ich fuhr ohne klares Bewusstsein bis zu Frau von Niehoffs Wohnung. Dort schloss ich sorgfältig den Wagen ab, fand die Schlüssel, das automatische Licht und das Sicherheitsschloss der Wohnung. Ich wusste, dass ich etwas Unmögliches tat, aber es drang nicht weit genug hervor, um meinen Willen wach zu rufen. So fährt man manchmal, der Schutzmann steht mit ausgebreiteten Armen, um die Fahrtrichtung zu sperren, man sieht es, man sieht die weissen Handschuhe und die ausgestreckten Arme und doch fährt man weiter und sieht sogar dem Schutzmann ins Gesicht, und niemand wird nachher glauben, dass man nicht begriffen hatte, was sein ausgestreckter Arm bedeutete . . . Ich stand in der fremden Wohnung und dachte nicht daran, dass ein Dienstmädchen erwachen könnte oder dass ich nicht wusste, in wessen Zimmer ich hineingeraten würde. Ich ging durch das grosse Wohnzimmer, durch einen Gang und an zwei Türen vorbei. An der dritten Tür klopfte ich und drückte vorsichtig die Klinke nieder. Die Frau, die im Zimmer lag, drehte sich um und zündete eine kleine Lampe an. Sie sah mir gerade ins Gesicht und sagte sofort: »Seien Sie still. Das Kind erwacht.« Das rührte mich sehr. Ich ging durch den Gang und durch das grosse Zimmer zurück und blieb neben der Tür im Wohnraum stehen. Ich lehnte mich 71 an die Tür, und als ich den Kopf hob, sah ich mich plötzlich in einem hohen Wandspiegel, mein nasses Haar klebte an den Schläfen, und ich sah entsetzlich bleich aus. Ich senkte den Kopf wieder und wartete. Wahrhaftig, jetzt weinte ich. Ich schämte mich und war ohne Widerstand. Mit Inbrunst wünschte ich, dass die Frau kommen würde, und dann wünschte ich wieder, allein auf der Strasse draussen zu sein. Jetzt kam sie, sie machte Licht und ging über den Teppich und um den Tisch herum und stand im Türrahmen und sah mich an. Ich sah sie auch an und weinte nicht mehr, aber mein ganzer Körper zitterte, und dafür konnte ich nichts. »Kommen Sie herein«, sagte Irmgard. Sie ging mir voran in das Wohnzimmer. Sie setzte sich in einen grossen Stuhl, und ich sass ihr gegenüber. »Sie sind ja wohl wahnsinnig geworden«, sagte sie. »Ja«, sagte ich. »Nein, ich bin nicht wahnsinnig. Nein, ich bin nur so müde.« Sie sass da und sah auf ihre Fussspitzen. Sie trug blaue Lederpantoffeln, und ihre Füsse waren sehr weiss, und die Haut war straff über die zarten Knochen gespannt. »Es tut mir leid«, sagte ich. »Ich bitte Sie um Entschuldigung.« Natürlich hätte ich jetzt aufstehen, mich verabschieden und gehen müssen. Aber das konnte ich tatsächlich nicht tun, ich hatte nicht mehr die 72 geringste Kraft. Ich empfand eine seltsame Mischung von Selbstverachtung, Befriedigung und Elend. »Ich bin sonst nicht schlecht erzogen«, sagte ich. Irmgard beugte sich vor, lächelte und strich mit der Hand mehrmals über meine Augen. Ich presste die Stirn gegen ihre Hand. »Sie haben wohl Angst, allein zu sein?« sagte sie sanft. »Sie wollen wohl hier übernachten?« »Ja«, sagte ich. »Gut«, sagte sie. »Sie kompromittieren mich, daran haben Sie leider nicht gedacht. Sie können im Zimmer meines Mannes schlafen.« »Ist er verreist?« fragte ich zögernd. Irmgard sagte kurz: »Sonst hätten Sie hier auf der Couch schlafen müssen. Sie haben Glück gehabt. Jetzt werde ich Tee für Sie machen, gehen Sie nur hinein und legen Sie sich zu Bett.« Sie öffnete eine Tür, machte Licht und nahm aus einem Wandschrank ein Pyjama. »Hier, bitte«, sagte sie und ging. Ich stand einen Augenblick im Zimmer und stützte mich mit den Händen auf die Rückwand des Bettes. Es war ein breites, blau überzogenes Bett, auf dem Tischchen daneben stand ein Bild von Irmgard. Ich fühlte mich sehr merkwürdig und dachte, dass sich gleich irgendein grosser Irrtum herausstellen würde: Vielleicht war es gar nicht fünf Uhr morgens, und diese Wohnung war nicht in Berlin in einer bestimmten Strasse, und ich 73 kannte keine Frau, die Sibylle hiess, nie war ich mit ihr in einer Verbrecherkneipe gewesen, und nie würde Irmgard zurückkommen, ja vor allem würde Irmgard nie zurückkommen. Dann zog ich mich plötzlich rasch aus, warf mich auf das Bett und fühlte, dass ich Kopfschmerzen hatte und dass das Leinen des Kissens wunderbar kühl war und ganz leicht nach Toilettenwasser roch. Ich schloss die Augen und wartete auf eine Frau. Und es gibt nichts Herrlicheres, als auf eine Frau zu warten. 74   18 Nachher wurde ich krank. Eigentlich hatte ich das Schlimmste schon überstanden, als ich bei Irmgard schlief. Ich schlief zwölf Stunden hintereinander, dann kam ein Mädchen und brachte mir zu essen, und ich dachte, es sei Frühstück, aber es war schon fünf Uhr abends. Ich wollte aufstehen, da drehte sich alles um mich, und ich hatte keine Kraft in den Gliedern. Irmgard kam herein und führte ihr kleines Mädchen an der Hand. Ich legte mich wieder hin und ass, und die Kleine sah mir zu. Ich liebte Irmgard sehr und sah von Zeit zu Zeit zu ihr hinüber, aber sie beschäftigte sich mit dem Kind. Später badete ich und zog mich an, ich fühlte mich besser und fand es unnötig, dass Irmgard einen Chauffeur bestellt hatte, um mich in meinem Wagen nach Hause zu bringen. Es war ziemlich kalt gewesen, und der Wagen lief nicht an. Wir versuchten es lange, aber dann musste ich doch ein Taxi nehmen. Der Chauffeur versprach mir, meinen Wagen vorsichtig zu behandeln und in die Garage zu bringen. Um neun Uhr brachte er mir die Schlüssel, und gleich darauf telephonierte Irmgard und wünschte mir gute Nacht. Ich war schon im Bett und wusste genau, dass ich jetzt liegen bleiben und krank sein würde, und ich war sehr zufrieden. Das Dienstmädchen kam mit der Post, und ich erzählte ihr irgend etwas, um ihr 75 zu erklären, warum ich nicht zu Hause geschlafen hatte. Es war für mich telephoniert worden, aber ich interessierte mich nicht dafür. Ich hatte kein Fieber, sondern Untertemperatur und Kopfschmerzen und Schwindel, und wenn ich ganz still lag, ging es mir gut. Irmgard besuchte mich am nächsten Tag, und am Abend kam sie wieder. Sie küsste mich immer und sass die ganze Zeit so nah von mir, dass ich sie mit der Hand erreichen konnte. Am dritten oder vierten Tag kam Willy. Er sah ordentlich aus und sagte dem Portier, dass er eine Bestellung machen müsse. Ich erschrak sehr, als er an die Tür klopfte, obwohl ich nicht wissen konnte, wer es war. »Guten Tag, Willy«, sagte ich. Er setzte sich und hatte eine Flasche Wermut unter dem Arm. Es war nicht Cinzano oder Cora, sondern eine besondere Marke, die Sibylle immer für sich bestellte. Wir tranken, und Willy erzählte mir, dass er nicht mehr bei den Wagen aufpassen wolle. Er würde einen Beruf lernen, sagte er. Ich sagte: »Wenn ich meinem Vater schreibe, bekomme ich vielleicht ein wenig Geld für dich, dann kannst du dich richtig ausbilden.« Aber er schüttelte den Kopf, und ich sah, dass ich ihn beleidigt hatte. »Wie geht es Sibylle?« fragte ich. Ich hatte ihre Photographie neben mein Bett gestellt, und Willy sah sie unentwegt an. 76 »Vor drei Tagen hatte sie Streit«, sagte er. »Das kann sie nicht vertragen.« »Vor drei Tagen habe ich sie selbst nach Hause gebracht«, sagte ich und rechnete nach. »Ja«, sagte er. »Nachher traf ich sie in der Chauffeurkneipe – sie hatte Hunger.« »Und dann?« »Sie schickte mich weg. Sie hatte Streit mit dem Chauffeur. Ich wartete auf der Strasse bis sieben Uhr. Dann fuhr uns der Chauffeur nach Hause.« »Was sagte sie dir?« »Nichts. Sie sagt nie etwas. Aber sie weinte, als sie auf die Strasse hinauskam.« Ich richtete mich im Bett auf. »Sie hat geweint?« fragte ich. Willy nickte und goss Wermut in mein Glas. »Trink schon«, sagte er. Er hatte anscheinend Mitleid mit mir. »Aber du hättest merken müssen, dass sie in dieser Nacht nicht allein sein wollte. Ich merke es ihr immer an. Dann bleibe ich, auch wenn sie mich wegschickt.« »Sie hat mich nicht weggeschickt«, sagte ich. »Ich war zu müde.« Willy sagte darauf nichts mehr. Es war ungefähr zehn Uhr abends, als er ging. Ich schlief früh ein und wachte in der Nacht gegen zwei Uhr wieder auf. Ich hatte von Sibylle geträumt. Ich zog mich an, es war sehr unangenehm, und ich weinte beinahe vor Anstrengung. In der 77 Garage war es sehr warm und beklemmend, man hatte meinen Wagen gewaschen, und als ich Licht machte, spiegelte der dunkle Lack. Ich fuhr zum Walltheater, stellte den Wagen in die Seitenstrasse und ging hinein. Der Portier grüsste. Ich ging zu meinem Tisch und sah Sibylle schon von weitem. Es war furchtbar, die Knie wankten mir, und alle Leute sahen mich erstaunt an. Nur Sibylle nicht. Sie gab mir die Hand und sagte: »Da bist du ja«, mit einer ganz trockenen, fernen, warmen Stimme. »Ich war krank«, sagte ich. Sie legte ihre Hand auf meine. Als ich Whisky bestellte, sagte sie: »Dreh dich nicht um. Herr von Niehoff sitzt hinter uns.« Die Bühne war schon dunkel, die Gäste gingen fort. Der Chef kam an unseren Tisch, begrüsste mich und klopfte Sibylle auf die Schulter. »Ich habe etwas für Sie«, sagte er und zog Photographien aus der Tasche. Sibylle, hinter einem blassen Schleier, die Züge unwirklich entrückt, und die Augen schimmerten aus grosser Tiefe wie blasse Blumen. »Heute darfst du mich nicht nach Hause bringen«, sagte sie. Wir standen neben meinem Wagen, und Willy hielt die Tür offen. Sibylle nahm mich an den Schultern, drehte mich langsam um und sah mich ununterbrochen forschend an. Dann beugte sie 78 meinen Kopf ein wenig und presste ihre Stirn, ihre Schläfen, ihre Wangen, ihr Kinn fest und liebkosend gegen mein Gesicht.   Ich kam um vier Uhr morgens völlig erschöpft in mein Zimmer. Erik sass am Schreibtisch. »Frau von Niehoff hat angerufen«, sagte er. »Sie sagte mir, dass du krank bist.« »Es geht besser«, sagte ich. »Ich möchte dich etwas fragen«, sagte er. »Aber ich werde sehr indiskret sein müssen.« »Bitte«, sagte ich. »Wie stehst du mit Sibylle? Wie denkst du, dass ich mit ihr stehe? Wir sind doch vernünftige Menschen.« »Ich weiss nicht«, sagte ich, und plötzlich, als ich Erik ansah, begriff ich etwas und sagte: »Du bist weitergekommen als ich. Du kennst sie länger und dich hat sie geliebt. Mich liebt sie nicht.« »Das weisst du also«, sagte er beinahe streng. »Wenn es nötig für mich wäre, würde sie mit mir auch schlafen«, sagte ich und war sehr verletzt. Wir waren ganz verfeindet. »Du lügst ja«, sagte Erik. »Armer Junge. Irmgard von Niehoff sagt, dir sei nicht zu helfen. Man müsste dich einfach mitnehmen, und dafür hat sie keine Zeit.« »Sie haben nie Zeit, wenn es nötig ist.« »Verstehst du, es steht dir nicht, einer 79 Varietésängerin hörig zu sein«, sagte Erik. »Es ist schlechter Stil. Es verdirbt dich. Mein Gott, ich will dir keine Vorwürfe machen, aber du bist doch so verwöhnt, du könntest es herrlich haben.« »Sibylle sagt aber, ich solle einmal lernen, dass es Wichtigeres gibt als den guten Ruf. Ich solle nicht verwöhnt sein. Sie meint, es sei schade um mich.« »Was will sie denn aus dir machen? Ja, bei Gott, es ist schade um dich. Siehst du denn nicht ein, dass man Sibylle nicht helfen kann?« »Wenn man sich für sie einsetzen würde . . .«, sagte ich. »Vielleicht hat sie einen Menschen nötig.« Erik antwortete darauf: »Wir haben alle einen Menschen nötig.« Er ging weg, und entsetzliche Trostlosigkeit überfiel mich. Auf dem Schreibtisch lag ein Brief, es war eine Einladung für einen Empfang beim englischen Gesandten, und Magnus hatte dazu geschrieben, man habe ihn nach meiner Adresse gefragt. Ich hatte also wohl frühere Einladungen unbeantwortet gelassen. Er schrieb, ich müsse unbedingt an diesen Empfang gehen, es sei sicher die letzte Möglichkeit für mich. Ich ging im Zimmer umher und stellte mir vor, dass ich einen Frack anziehen müsse, dass ich tausend Bekannten begegnen würde, und die Vorstellung war mir unerträglich. Dann rief ich Sibylle an, und ihre warme, vom Schlaf ganz befangene Stimme beruhigte mich. 80 »Du sollst doch schlafen«, sagte sie. Ihre Stimme war kaum hörbar. »Ich werde schlafen«, sagte ich. »Du brauchst nicht traurig zu sein«, sagte Sibylle. »Ich bin ja da. Ich weiss, wann du mich nötig hast. Ich bin da. Alles ist gut.« Ihre Stimme war weg. Vielleicht war sie eingeschlafen. Ich zog mich aus und war beinahe froh. Dann verkrampfte sich etwas in mir, ich konnte nicht schlafen, und es schüttelte mich von Zeit zu Zeit. »Ich werde nicht mehr in das Walltheater gehen«, dachte ich. »Ich werde nicht mehr trinken. Aber das wird mir gar nichts helfen. Sibylle wird einfach denken, dass ich ebenso bin wie alle anderen und dass ich auch versagt habe. Sie wird denken, dass ich es mir leicht mache und Angst habe, meine Karriere zu gefährden. Und es ist wahr, und sie ist stärker als ich. Ich habe nur die Wahl, auszuhalten oder sie zu verlieren.« Dann schlief ich ein. Ich erinnere mich genau an den Traum, den ich hatte. Ich träumte von Sibylle. Plötzlich sah ich ihr Gesicht, es war erstaunlich nahe, jemand hämmerte mir ihre Gegenwart ein, jemand hielt mein Herz und sagte Sibylles Namen so, dass es aufhörte zu schlagen, jemand erhellte für Sekunden mein Gehirn, befreite es von jedem Gedanken und lehrte es, Sibylle zu begreifen. Meine Nerven erbebten wie gespannte Saiten unter der Berührung. 81 Mein nüchterner Körper wurde davon erschüttert und ergriff bereitwillig Sibylles zärtliche Anschmiegung. Die Sekunde ging vorüber, auch diese Sekunde ging vorüber, Sibylle presste mit einem unvergleichlichen Lächeln ihr Gesicht gegen meinen Hals, ich sah erbleichend ihre geschminkten, wissenden und mattschimmernden Augen. Erbleichend, sage ich, denn im nächsten Augenblick empfing ich den Stoss des Erwachens, es war sehr schwer, jedes Gefühl wich von mir ausser dem eines unerträglichen Schmerzes in der Herzgegend, ich lag plötzlich nach vorne geworfen, fassungslos über meinen geballten Händen. 82   19 Es ist Zeit aufzuhören. Ich habe einen langen Weg nach Hause. Ich habe vier Stunden geschrieben, jetzt will ich die Blätter ordnen und nach Hause gehen. Ich bin ein wenig verwirrt. Man sollte nicht schreiben . . . Man ist so schnell bereit, Dinge, die man erlebt hat, zu vergessen und Gefühle Lügen zu strafen. Ich denke oft, dass ich gar nichts fühle, und später denke ich, dass alles nicht sehr wichtig war. Sicher werde ich später ganz im Ernst denken, dass ich Sibylle nicht geliebt habe. Nein, ich habe sie nie geliebt. Es war wie heute still in mir, so dass ich draussen den Wind hören kann. Bin ich feige oder nicht eifrig genug, mich zurückzuversetzen? In der Erinnerung tun auch die glücklichen Gefühle weh, und man geht lieber darüber hinweg. Aber wenn ich schreibe, kommt alles ganz von selber wieder, ich merke es gar nicht, und plötzlich bin ich mitten darin, aufgerührt und verstört. Ich muss mir immer wieder aufs neue sagen, dass ich allein bin. Der Wirt fragt mich, ob ich Dichter sei. »Ja«, sage ich. »Mein Gott, ja.« Dann sage ich Guten Abend, und er öffnet die Tür für mich. Der Weg kommt mir jetzt kürzer vor als heute morgen. Ich werde früh essen und dann schlafen gehen. Ich kann so viel schlafen, wie ich will. Hoffentlich sind keine Jäger da. Gestern haben 83 sie Lieder gesungen, und ich konnte nicht einschlafen. Sicher hatten sie viele Tiere geschossen und waren stolz darauf und tranken sich gegenseitig zu. Ach, was geht es mich an. Was gehen mich die Leute an. Ich biege vom Weg ab und gehe um den kleinen See herum. Es fängt schon an dunkel zu werden, und man trifft niemanden an. Wenn ich ein Landstreicher wäre, könnte ich immer tun, was mir gerade einfiele, und ich müsste keinem Rechenschaft geben. Auch mir nicht, denn, was bin ich, eine irrende Seele. Ich kann das Leben nicht begreifen, nicht die einfachsten Zusammenhänge, und doch trage ich die Verantwortung, wenn ich etwas falsch mache. Oder ich möchte viel Land besitzen, diese Felder und einen Teil des Waldes und den See und den Park dahinter. Ich würde hier wohnen und nie mehr fortgehen. Dann wäre ich sehr zufrieden, und niemand könnte mir meinen Besitz nehmen, und nichts könnte mich erschüttern. Boden kann man nicht wegnehmen. Jetzt bin ich am Ende des Sees, und gegenüber liegt das Schloss und der Säulengang zwischen den beiden Flügeln. Die Säulen ragen wie junge Stämme in den blauen Abendhimmel. Ich bin am Ufer, das Wasser bewegt sich hin und her und läuft ein Stückchen über den groben Sand. Dann fliesst es wieder zurück, der Rest versickert und hinterlässt kleine Rinnen, die nachher wieder 84 überspült und geglättet werden. Weiter draussen sieht der See ganz still aus, und am andern Ufer neigen sich die Bäume des Parks ein wenig dem Wasser entgegen und spiegeln sich darin. Hier ist das Ufer ziemlich steil und ohne Bäume. Man hat eine breitansteigende Lichtung in den Wald hineingelegt, und auf der höchsten Stelle wurde von Friedrich dem Grossen ein Denkmal errichtet. Es ist nur ein grosser, grauer Stein, ein Obelisk, und der König liess ihn aufstellen, um seine treuen Offiziere zu ehren. Sie zeichneten sich durch ihren Mut und durch ihre Treue aus, und ihre Namen wurden in den Stein eingegraben. Man liest sie, und es klingt wie Fanfarenstösse. Ich weiss nicht warum, aber es hat etwas Erhebendes, diese Namen zu lesen. Ich habe wohl schon irgendwo gesagt, dass es in meiner Familie viele Offiziere gab. Aber in diesem Augenblick habe ich nicht daran gedacht. Und plötzlich wird mir heiss, und mein Herz schlägt, und ich denke, dass ich schon einmal hier gestanden bin. Ich schäme mich, ich möchte einen Degen haben, ich schäme mich und bin doch allein und lese auf dem Stein den Namen meines Ahnen. 85   20 Aber ich werde jetzt weitererzählen und damit zu Ende kommen. Ich bin nicht mehr müde. Ich gewöhne mich daran, allein zu sein. Alles ist unwirklich und verändert und sehr weit von den gewohnten Dingen entfernt. Ich möchte von etwas befreit sein, aber ich habe Angst, tief zu atmen. Ich sehe immer nur die Wiesen, die graubraunen Hügel und die Bäume im Wald, und ich denke nicht daran, dass es andere Gegenden gibt, Landschaft und Stadt, wo ich wieder hingehen werde. Ich will davon nichts wissen. Man kann also allein leben? Man kann sich den gewöhnlichen Daseinsformen entziehen? Man hat mich angelogen: Ich hätte doch mit Sibylle leben können. Gut, die Welt wäre mit mir nicht einverstanden gewesen, und ich wäre bestraft worden. Es gibt Gesetze, sagte Erik. Ich hasste ihn, weil er stärker war als ich. Und ich war doch überzeugt, dass ich ihm aufrichtig zugetan sei. Oh, ich war überzeugt, dass ich niemals eifersüchtig sein würde und dass ich für solche Gefühle gar keinen Raum haben könnte. Aber ihn hat Sibylle in den Armen gehalten, das hat ihn befreit, und er ging unverletzt seines Weges. Er war unverletzt, niemand konnte ihm einen Vorwurf machen, und er liebte Sibylle immer noch, und es konnte ihm nichts anhaben. Er sagte mir, dass man gewisse Lebensnotwendigkeiten einsehen müsse. Mit 86 gesellschaftlichen Vorurteilen habe das nicht das geringste zu tun, sagte er, sondern es habe mit unserer Seele zu tun, mit unserer Bezogenheit auf Gott. Ich war bereit, es einzusehen, und ich fühlte mich sehr schuldig. Aber ich bin nur ein Mensch, und er hatte gut reden. Er sagte, es gäbe keine andere Sünde, als seine Kräfte von Gott abzulenken und sie ins Leere zu werfen. Keine Willensäusserung und kein Opfer sei berechtigt, wenn es nicht dem Ganzen diene und der Erfüllung der persönlichen Form. »Woher kenne ich meine persönliche Form«, sagte ich. »Du musst glauben, dass Gott dich liebt«, sagte Erik. »Du wirst dann nichts tun, was dir nicht entspricht.« Er war ein gläubiger Mensch. Am Abend ging ich an den Empfang des englischen Botschafters. Es waren sehr viele Leute da, und ich kannte viele von ihnen. Alle waren freundlich zu mir, sie erkundigten sich nach meiner Arbeit und sagten, dass ich Ferien bekommen müsse, um mich zu erholen. Ein alter Herr, den ich nur flüchtig kannte, lud mich ein, auf sein Gut in Ostpreussen zu kommen. Ich fühlte mich den ganzen Abend wohl und blieb ziemlich lange. Es gab ein gutes Buffet und viel Champagner, und ich sass mit ein paar jungen Engländern von der Botschaft und unterhielt mich mit ihnen. Sie sagten, die jungen Leute in England seien immer noch viel zu ungebildet, aber viele hätten sich geändert und 87 interessierten sich für andere Länder. Sie sprachen sehr gut Deutsch. Sie schlugen mir vor, im Sommer mit ihnen nach Oxford zu gehen und dort einen Ferienkurs zu besuchen. Das gefiel mir gut. Einer der Engländer wollte bald darauf gehen, und wir gingen zusammen fort. Als ich zu meinem Wagen kam, stand Willy da und wartete auf mich. Es fiel mir plötzlich auf, dass er bleich und mager war und dass man etwas für ihn tun müsste. »Frierst du nicht?« fragte ich. Er sagte: »Ich bin seit einer Stunde da.« Der junge Engländer verabschiedete sich. Ich glaube, er machte sich Willys wegen falsche Gedanken. Wir fuhren weg. Es war ein Uhr. Man traf ziemlich viele Wagen an. Wir fuhren am Tiergarten vorbei über die Brücke und das Lützowufer entlang. »Sibylle ist nicht im Theater«, sagte Willy plötzlich. »Sie wartet in der Kneipe auf Sie.« »Hat sie nicht gesungen?« fragte ich. »Nein, sie hat abgesagt.« »Ist etwas passiert?« Willy sah geradeaus und murmelte: »Sie will nicht, dass ich es Ihnen erzähle.« »Unsinn«, sagte ich. »Ich bin doch ihr Freund.« »Ja, ja«, sagte Willy besänftigend. »Aber so ist sie doch. Und jetzt will man ihr das Kind wegnehmen.« Er sah mich an. Ich schwieg. Ich empfand etwas sehr Merkwürdiges. Es war, als verliere die Erde plötzlich ihre Anziehungskraft 88 und lasse mich frei. Ich hielt das Steuer des Wagens fest, aber meine Füsse waren weit weg und ohne Halt, und ich selbst war leicht und leer und konnte sicher durch den Raum fliegen, und mein Atem war auch ganz leicht und beinahe überflüssig. Neben mir sagte Willy: »Aber es ist nicht ihr Kind. Die Mutter ist gestorben, und Sibylle hat es zu sich genommen.« Ich hatte neben Sibylle gelebt und hatte sie jeden Tag gesehen und war von ihr erfüllt gewesen, und sie war zur gleichen Zeit von etwas ganz anderem erfüllt gewesen. Jetzt erfuhr ich es und fühlte mich leer und hätte doch beinahe erleichtert oder getröstet sein müssen . . . »Was ist es für ein Kind?« fragte ich. Ich hatte also recht gehabt. Sie betrog mich nicht, sie machte sich nicht über mich lustig. Sie hatte ein Kind. »Sie hat es für den Vater übernommen«, sagte Willy. »Niemand weiss etwas davon. Man hat ihn wegen Rauschgifthandel verhaftet. Sie hat ihm versprochen, für das Kind zu sorgen. Aber sie hat ja kein Geld.« Ich fuhr langsam. Die Strasse war glatt und dunkel. Als ich über eine Kreuzung fuhr, kam aus der Seitenstrasse das Licht meines eigenen Wagens auf mich zu und brach sich in der Scheibe. »Geld kann man schliesslich beschaffen«, sagte ich. »Aber der Chauffeur nimmt ihr das Kind weg«, 89 sagte Willy. »Er ist der Bruder der Mutter. Das Gericht hat ihn als Vormund bezeichnet. Er hat das Recht dazu.« »Warum will sie das Kind nicht hergeben?« fragte ich. »Sie sagt, sie will nicht leben ohne das Kind«, sagte Willy bedrückt. »So sind die Frauen. Sie liebt es.« Wir liessen den Wagen ein paar Häuser von der Kneipe entfernt stehen und deckten den Kühler zu. »Geh voran«, sagte ich. »Nein«, sagte Willy. »Sie weiss nicht, dass ich dich geholt habe.« Ich fragte plötzlich: »Warum hast du Erik nicht geholt?« »Der tut nichts dafür«, sagte Willy. »Sibylle will nicht, dass ich ihn um etwas bitte. Sie sagt, er sei ihr Freund, aber er brauche nicht alles zu wissen.« Ich fühlte mich ein wenig glücklicher und weniger bedrückt. Ich ging rasch an dem Portier vorbei. Sibylle sass an einem der ersten Tische und rauchte. Sie sah wunderschön aus. Sie fragte, ob ich gegessen hätte und bestellte Bier für mich. Willy war draussen an der Theke geblieben. »Was ist los?« fragte ich. Sibylle sah mich forschend an und sagte: »Nichts. Gar nichts ist los.« Wir waren uns sehr fremd. Ich fühlte es und war erregt, und ich wusste nicht, was ich tun sollte. Wir sassen ziemlich lange, ohne zu sprechen. 90 »Wie ist es mit dem Kind?« fragte ich dann zögernd. »Es ist krank«, sagte Sibylle. »Ich muss es wieder zu mir nehmen.« »Wird er es herausgeben?« »Du müsstest etwas für mich tun«, sagte sie. »Ich bin erst heute auf den Gedanken gekommen. Du müsstest unterschreiben, dass du für das Kind sorgen willst.« Ich fühlte etwas in mir kalt werden. Auch meine Hände waren kalt. »Ich müsste es adoptieren«, sagte ich. Sibylle schwieg. »Wann musst du Bescheid haben?« »Sprich mit niemandem darüber«, sagte sie kurz. »Telephoniere mir morgen.« Wir gingen hinaus, stiegen in das Auto und fuhren weg. Ich wollte ihr vorschlagen, noch in meine Wohnung zu kommen, ich sehnte mich wahnsinnig danach, sie allein zu haben, sie zu trösten, die Kluft zwischen uns zu überbrücken. Aber ich hatte Angst, sie gerade jetzt darum zu bitten. Es hätte sie sicher verletzt. Als wir fuhren, legte sie die Hand auf meinen Hals und umschloss ihn mit ihren Fingern. Sie sagte kein Wort. »Ist es sehr schlimm?« fragte ich. »Ja«, sagte sie. »Es ist doch mein Leben. Aber ich dachte mir, dass ich es nicht behalten könne.« »Ich werde dir helfen«, sagte ich. Meine Stimme 91 war unsicher. Sie umschloss meinen Hals fester. »Liebling«, sagte sie. »Ich weiss, dass du mir nicht helfen wirst. Ihr seid alle gleich, ihr könnt ja nicht.« Dann waren wir vor ihrer Wohnung. Sie stieg aus, nahm den Schlüssel aus der Tasche, gab mir die Hand und ging die Treppe bis zur Haustür hinauf. Es waren drei Stufen, und ich sah durch das niedere Wagenfenster nur ihre sehr schlanken Beine und die schmalen Abendschuhe. Sie hatte heute ein kurzes Kleid an, weil sie nicht im Theater sang. Ich blieb am Steuerrad sitzen. Ich war irgendwo gelähmt. Als Sibylle sah, dass ich nicht wegfuhr, kam sie zurück, und ich öffnete ihr die Tür. Sie sass neben mir und zog meinen Kopf zu sich herab. »Vielleicht würde ich dich lieben«, sagte sie. »Aber sei nicht verzweifelt. Ich war sehr gut für dich, später wirst du das einsehen.« Wer musste denn hier getröstet werden! »Ich gehe fort«, sagte sie. »Aber vielleicht kommst du doch mit?« »Würdest du dich denn freuen?« fragte ich gepresst. »Ja«, sagte sie. »Sonst würde ich es nicht vorschlagen.« »Wir nehmen das Kind mit«, sagte ich. Mein Gott, jetzt lächelte sie. Sie liess meinen Kopf los und lächelte. Und Willy hatte gesagt, sie habe geweint. 92 »Zuerst kommt unsere Beziehung zu Gott. Alles Persönliche ist ohne Bedeutung. Du musst deiner Form gemäss leben. Alles, was dich davon ablenkt, ist Sünde. Es gibt keine andere Sünde, als sich von Gott ablenken zu lassen.« Und sie hatte geweint! Ach, es gab keine andere Sünde, als Sibylle leiden zu lassen. »Ich werde alles tun, um dir zu helfen«, sagte ich. Sie sagte nichts mehr. Sie stieg zum zweitenmal aus. Und jetzt fuhr ich sofort weg. Am nächsten Tag sprach ich mit einem Rechtsanwalt, den ich durch Erik kannte. Er sagte, er werde sich der Sache annehmen, und als ich fortgegangen war, rief er Magnus an. Das war nicht korrekt gehandelt, aber er meinte es sicher gut. Er ging auch zu Sibylle, aber sie wies ihn ab. Als ich sie am Nachmittag sprechen wollte, sagte mir die Wirtin, sie schlafe noch, aber ich könne sie abends im Walltheater treffen. Es war sehr schwer, etwas für sie zu tun. Ich fühlte mich den ganzen Tag sehr schlecht und erbrach mich mehrmals. Erik schickte mir einen Arzt. Er untersuchte mich und sagte, mein Organismus sei geschwächt und die Magennerven funktionierten nicht mehr. Ich versuchte noch einmal, Sibylle zu erreichen. Sie kam auch an den Apparat und sagte mir, ich hätte nichts Offizielles unternehmen dürfen, ohne sie zu fragen. »Vielleicht schickst du mir gleich die Polizei«, sagte sie. Ich hatte vergessen, dass sie 93 weder mit der Polizei noch mit Beamten irgend etwas zu tun haben wollte. Dann telephonierte Erik. Er wollte meinen Vater benachrichtigen. Ich schrie ihn an und bat ihn, es nicht zu tun. Ich sagte: »Ihr seid ja alle wahnsinnig geworden.« Aber sicher hielten sie mich für wahnsinnig. Ich hasste Erik. Um vier Uhr rief ich das Dienstmädchen und liess eine Handtasche packen. Ich war entsetzlich verwirrt und dachte, dass alles, was ich tun wollte, falsch sei. Ich dachte, es wäre besser, zu meinem Vater zu fahren und ihn zu bitten, mich mit Sibylle fortreisen zu lassen. Aber ich sah ein, dass ich mich lächerlich machen würde. Man würde mich wie einen Primaner behandeln. Dann nahm ich mir vor, mit Sibylle zu sprechen. Aber sie hatte mir Vertrauen geschenkt, und ich enttäuschte sie, und das war alles einfach und klar. Ich warf mich auf mein Bett und war ausser mir und wusste keinen Ausweg. Dann zog ich meinen Mantel an, nahm die Handtasche und ging hinunter, um den Wagen zu holen. Ich hätte Irmgard gern noch gesehen. Aber ich hatte Angst, bei ihr wieder weich zu werden, und ich musste doch fort. Ich fuhr durch eine andere Strasse, um nicht an ihrem Haus vorbeizukommen. Es war schon dunkel, und ich brauchte fast eine Stunde, bis ich aus der Stadt draussen war. 94   21 Gestern sind die Jäger weggefahren. Jetzt schliesst man den Speisesaal, und ich esse in der Wirtsstube, wo die Leute aus dem Ort abends Karten spielen. Ich schreibe auch da, ich habe einen Tisch neben dem Fenster und kann auf den Platz hinaussehen. Ich denke, dass ich bald wegfahren werde, vielleicht schon morgen. Ich werde heute abend in der Garage Bescheid sagen. Eigentlich wollte ich alles durchlesen, was ich bisher geschrieben habe. Aber vielleicht würde es mir nicht gefallen. Es war für Sibylle, ich habe es für sie geschrieben, und wahrscheinlich wird sie es nie lesen. Ich habe Kaffee getrunken. Es ist drei Uhr. Ich möchte noch spazieren gehen, und ich gehe in den Park hinüber. Um sieben Uhr abends wird das grosse Tor geschlossen, aber auf der anderen Seite des Sees gibt es kein Tor, da beginnt gleich der Wald, und wenn man weiter geht, kommt man auf die Landstrasse, welche mitten durch den Wald läuft und die einsamen Dörfer miteinander verbindet. Ich bleibe heute in der Nähe des Schlosses, es ist ganz still zwischen den Bäumen, und der Boden ist weich und wie von einem Teppich mit Nadeln bedeckt. Im Innern des Parks hören die Wege manchmal auf, das Gestrüpp wird dicht, und man muss sich mühsam hindurch kämpfen. Ich möchte an 95 das Ende des Parks kommen, aber dafür brauche ich ziemlich lange und manchmal denke ich, dass ich die Richtung verloren habe und dass ich wieder auf das Schloss zugehe oder an das Seeufer. Aber plötzlich bin ich da und trete ins Freie. Es ist eine Art von Überraschung. Man sieht den grauen Himmel, der sich auf die braunen Felder senkt, und die Felder dehnen sich aus bis zum Horizont. Dort gehen sie in den Himmel über, und man kann die Farben nicht mehr unterscheiden. Im Wald war es warm, und die Luft war leicht, hier strömt sie schwer auf mich ein, alles ist gewaltig, und die Ebene beginnt dicht vor meinen Füssen und setzt sich fort wie ein grosser Strom. Über mir werden die Bäume vom Wind bewegt, und das Rauschen hört sich an, als erfüllten gewaltige Vogelzüge den Himmel mit ihren Flügelschlägen. Ich stehe mit dem Rücken an einen Stamm gelehnt. Hier ist Wald und Ende des Waldes und Erde und Geruch von Erde und Blättern unter den Füssen. Und hier ist Wind und unendliches Ausmass von Land und Ineinander von gedämpften Farben, und Kälte wird kommen und dann wieder Wärme, und der Boden wird aufbrechen und Früchte werden ihn sprengen und reif werden. Und ich habe Lust, von hier wegzufahren. Ich denke, dass ich vielleicht an das Meer fahren könnte. Es ist nicht weit, in ein paar Stunden bin ich an der Ostsee. Dort würde ich die Schiffe im Hafen ansehen und die Matrosen, und mit den 96 Matrosen könnte ich trinken und später mit ihnen hinausfahren. Oder ich könnte in die Stadt zurückkehren. Ich könnte wieder mit Magnus befreundet sein und in der Bibliothek arbeiten, und alles wäre wie vorher. Ich habe mich ja entschieden, und ich habe es nicht nötig, mich vor irgendeinem Menschen zu schämen. Sie sagten immer, dass ich mich nicht entscheiden könne, jetzt habe ich es getan, und ich bin zufrieden. Ich weiss jetzt, wie das Leben ist, und dass man nichts erhält, ohne auf etwas zu verzichten. Das ist Gerechtigkeit.   Ich nehme meine Brieftasche heraus und das Geld aus der Brieftasche und zähle die Scheine. Ich habe etwas mehr als dreihundert Mark, damit kann ich weit kommen. Alles ist in Ordnung.   Ich denke an die Stadt, an Magnus, an Irmgard und an meine Arbeit . . . Ich stelle mir alles genau vor, die Strassen, den Weg durch den Tiergarten, den Nebel gegen Abend, meine Wohnung und den erleuchteten Lesesaal der Bibliothek. Ich denke auch daran, ob ich wieder in das Walltheater gehen werde. Und da überfällt es mich plötzlich. Sibylle wird nicht mehr da sein. Ich stehe noch an den Baum gelehnt, und ich habe plötzlich ein Gefühl, als müsse ich mich daran festhalten. Aber ich wusste es doch. Ich bin weggegangen und wusste, was es zu bedeuten hatte. Aber ich habe es mir nicht klar gemacht. 97 Und jetzt ist mir alles gleichgültig, ich möchte mich auf die Erde legen und an nichts mehr denken. Alles könnte zu Ende sein, denn Sibylle ist nicht mehr da. Es ist gleichgültig, wenn die Leute mit mir zufrieden sind und wenn ich Erfolg haben werde. Das ist alles nichts, denn man hat mir Sibylle genommen, und nichts wird sie mir jemals ersetzen. Das also ist Verzicht und Gerechtigkeit. Oh, ich verstehe nichts davon, ich bin blind vor Schmerzen. Hatte sie nicht ein Kind, das sie mehr liebte als mich? Aber sie wollte, dass ich ihr helfe, und dann hätte sie das Kind behalten können. Und sie hätte dann gewusst, wie sehr ich sie liebe. Jetzt ist es schon spät. Ich habe noch so viel vor mir, und für etwas ist es zu spät. Ich werde ohne Sibylle leben, und ich habe es mir nicht klar gemacht. Ich werde nicht an das Meer fahren. Ich werde nicht mit den Matrosen trinken. Ich werde Sibylle diese Blätter nicht geben. Wenn ich zurückkomme, wird sie nicht mehr da sein.