Karl May   Waldröschen oder Die Rächerjagd rund um die Erde V   [Erkämpftes Glück Teil 1 ] 1. Kapitel. Nach einem herzlichen Abschied setzten sich die vier auf und ritten davon. Sie hatten sich einen Vorrat von Proviant mitgenommen, um unterwegs nicht der Jagd obliegen zu müssen, da sie sich durch Schüsse hätten verraten können. Erst als Juarez am dritten Tag darauf nach Coahuila kam, hörte er von der amerikanischen Freischar, die angekommen war. Er traf sofort Anstalt, sie an sich zu ziehen, und brach dann auf, um den Freunden nachzufolgen und Hilfe zu bringen, falls sie einen Mißerfolg gehabt. Diese hatten einen Umweg eingeschlagen und sich in das weniger bewohnte Gebirge von Monclova hineingezogen. Darum brachten sie länger zu, als es sonst der Fall gewesen wäre, doch erreichten sie unbemerkt die Hazienda, auf der sie sich allerdings nicht sehen ließen. Sie umritten dieselbe in weitem Kreis und hielten auf den Berg El Reparo zu. Es war dies jener Berg, in dessen Innern sich die Höhle des Königsschatzes befand und auf dessen Kuppe sich die grausigen Begebenheiten des Teiches der Krokodile zugetragen hatten. Sie waren in seiner Nähe angekommen und ritten zwischen dünnen Büschen hin, als der voranreitende Büffelstirn plötzlich sein Pferd anhielt. »Ein Reiter«, sagte er, den Arm ausstreckend. Die anderen blickten in die angedeutete Richtung hin und erkannten einen Mann, der an der Erde saß, während sein Pferd in der Nähe graste. »Wir müssen ihn umreiten, um nicht von ihm gesehen zu werden«, sagte Sternau. Die Sonne war im Sinken, und der Berg warf seinen Schatten, aber man vermochte dennoch, eine ziemliche Strecke weit zu sehen. »Wir reiten hin!« antwortete der Mixteka, nachdem er sich den Mann genauer betrachtet hatte. – »Kennt ihn mein Bruder?« – »Ein Vaquero.« – »Von del Erina?« – »Ja. Ich erkenne ihn wieder, obgleich er älter geworden ist.« – »Ob er treu ist?« – »Er war dem Häuptling der Mixtekas stets freundlich gesinnt.« – »So wollen wir sehen, ob er es noch ist.« Sie setzten also ihren Weg, ohne sich im verborgenen zu halten, fort. Als der Mann sie erblickte, erhob er sich schnell, sprang auf sein Pferd und griff zur Büchse. »Ämilio braucht sich nicht zu fürchten«, rief Büffelstirn ihm zu. »Oder ist er vielleicht ein Feind der Mixtekas geworden?« Der Angeredete saß wie erstarrt auf seinem Pferd. »O Dios!« rief er endlich. »Büffelstirn!« – »Ja, ich bin es!« – »Stehen die Toten auf?« – »Nein; aber die Lebenden kehren zurück.« – »So wart Ihr gar nicht gestorben?« – »Nein, wir lebten. Kennst du diese Männer?« Ämilio ließ sein Auge von einem zum anderen gehen. Sein Gesicht nahm den Ausdruck eines immer größeren, freudigen Erstaunens an. »Ist das möglich, oder sehe ich nicht recht?« – »Wen siehst du?« fragte Büffelstirn. – »Ist das nicht Señor Sternau?« – »Ja, er ist es.« – »Und dieser ist Bärenherz, der Häuptling der Apachen?« – »Ja, deine Augen sind noch gut.« – »Mein Erlöser! Und wir glaubten euch tot. Wo sind die anderen?« – »Sie leben auch und folgen uns baldigst nach.« – »So werden sie es sehr traurig auf der Hazienda finden.« – »Warum?« – »Die Feinde sind da.« – »Wieviel Mann?« – »Gegen sechshundert.« – »Wer ist der Anführer?« – »Cortejo. Aber er ist vor einiger Zeit fortgeritten, und nun befiehlt seine Tochter Josefa.« – »Was tun diese Leute?« – »Sie essen, trinken und schlafen. Sie martern die Vaqueros, indem sie auf die Rückkehr Cortejos warten.« – »Wo ist Señor Arbellez?« – »Gefangen.« – »Wo?« – »Sie haben ihn in einen Keller geworfen, nachdem er fast totgeprügelt worden war.« – »Ist er allein gefangen?« – »Señora Marie Hermoyes und Antonio sind bei ihm.« – »Antonio? Uff! Der auf Fort Guadeloupe war?« – »Ja.« – »Was gibt man den Gefangenen zu essen?« – »Ich weiß es nicht. Niemand sieht etwas davon, denn die Vaqueros gehen jetzt nicht nach der Hazienda.« – »Du auch nicht?« – »Nein.« – »So komm mit uns.« Ämilio schloß sich ihnen mit Freuden an. Nun er diese Männer sah, glaubte er an eine baldige Verbesserung der Lage. Diese drei hatte er erkannt, den vierten aber doch nicht genau. Jetzt ritt er neben ihm. »Verzeiht, Señor«, sagte er. »Ich habe Euch jedenfalls früher gesehen, weiß aber doch nicht, wie ich Euch nennen soll.« – »Habe ich mich denn so sehr verändert?« fragte Helmers lächelnd. Infolge dieses Lächelns und dieser Stimme kehrte dem Vaquero die Erinnerung zurück. »Ihr Heiligen, wäre das wahr?« fragte er. »Ihr seid Señor Helmers?« – »Ja.« – »Gott, welch eine Freude! Aber lebt auch Señorita Emma noch?« – »Sie lebt noch und kehrt sehr bald nach der Hazienda zurück.« – »Oh, man wird auch sie gefangennehmen.« – »Nein. Wir werden die Feinde vertreiben.« – »Sie vier?« fragte der Mann ungläubig. – »Das wirst du bald sehen. Doch sage mir vor allen Dingen, wer den Befehl gegeben hat, daß Señor Arbellez gepeitscht worden ist.« – »Ich glaube, die Señorita Josefa.« – »War ihr Vater da noch auf der Hazienda?« – Ja.« – »Es ist genug. Sie werden ihre Strafe erhalten.« Helmers knirschte mit den Zähnen, und die Augen Büffelstirns leuchteten auf. Die beiden glühten vor Rachgier. Wehe Cortejo und seiner Tochter, wenn diese in ihre Hände gerieten! Der Ritt ging jetzt an der Seite des Berges empor. Sie langten eben am Alligatorenteich an, noch ehe das letzte Tageslicht verglommen war. Noch stand der Baum, der schräg über das Wasser ragte. Die Fläche des Wassers war eben. Da aber hielt Büffelstirn an und stieß einen klagenden Ruf aus, mit dem man Krokodile anzulocken pflegt. Sofort tauchten eine Menge knorriger Köpfe aus der Tiefe auf. Sie kamen auf das Ufer zugeschossen und klappten die Kinnladen gegeneinander, daß es klang, als würden starke Pfosten aufeinandergeschlagen. »Uff! Lange nichts gefressen!« meinte der Mixteka. »Werden bald ihren Hunger stillen können. Büffelstirn wird für die heiligen Krokodile der Mixtekas sorgen.« Sie umritten den Teich und stiegen im Wald ab, wo sie die Pferde unter Aufsicht Ämilios stehenließen. Dann schritt Büffelstirn weiter. Mitten auf der Spitze des Berges befand sich eine pyramidenförmige Erhöhung, die man ganz sicher für ein Werk der Natur gehalten hätte. Dort blieb der Häuptling der Mixtekas stehen. »Das ist das Feuermal meines Stammes«, sagte er. – »Ah, ein verborgener Pechofen?« fragte Sternau. – »Ja. Er ist mit Pech, Harz, Schwefel und trockenem Gras angefüllt. Offnen wir ihn!« Der Indianer trat an die eine Seite der Pyramide und nahm einen Stein fort, der mit Erde bedeckt und mit Gras überwachsen war. »Das ist das Zugloch.« Zu diesen Worten Sternaus nickte der Häuptling mit dem Kopf. Dann stieg er zur Spitze empor. Dort befand sich der Stamm eines nicht gar zu starken Baumes, der ganz das Aussehen hatte, als ob er durch einen Blitzschlag seine gegenwärtige Gestalt erhalten habe. Büffelstirn zog denselben hin und her, bis der Stamm sich lockerte und fortnehmen ließ. Dadurch entstand ein Loch, das Büffelstirn erweiterte, so daß es die Stärke eines Mannes erlangte. »Es ist dunkel geworden«, sagte er. »Wir wollen das Zeichen des Krieges anbrennen. Büffelstirn ist jahrelang nicht bei den Seinigen gewesen, aber meine Brüder werden bald sehen, daß seine Anordnungen noch gelten.« Er kniete nieder und schlug Feuer. Bald brannten einige trockene Splitter, die er aus dem Stamm geschlitzt hatte. Er warf sie in das Loch und stieg dann von der Pyramide herab. Erst ließ sich ein Knistern und Prasseln hören, das bald in ein lautes Zischen überging. Eine vielleicht zwei Fuß hohe Flamme stieg empor. »Das ist zu niedrig«, meinte Helmers. – »Mein Bruder warte ein wenig«, antwortete der Häuptling. »Die Söhne der Mixtekas verstehen es, Kriegsflammen zu erzeugen.« Er hatte recht. Denn kaum eine Minute später begann die Flamme emporzusteigen, und nach fünf Minuten hatte sie eine ungeheure Höhe erreicht. Sie hatte die Gestalt einer Säule, die oben in gewaltigen Strahlen auseinanderging, und besaß eine solche Leuchtkraft, daß es auf der ganzen Spitze des Berges hell wie am Tag wurde. »Ein Feuermal, wie ich noch keines gesehen habe!« bemerkte Sternau. – »Wir werden sehr bald Antwort haben«, antwortete Büffelstirn. – »Gibt es mehrere Orte mit solchen Öfen?« – »So weit die Mixtekas wohnen.« – »Und es sind Männer angestellt, die die Flamme anzünden?« – »Ja.« – »Wenn diese nun gestorben oder nicht zugegen sind?« – »So haben sie ihr Amt anderen übergeben. Mein Bruder sehe!« Das Feuer hatte vielleicht eine Viertelstunde lang gebrannt. Der Häuptling zeigte nach Süden. Da erhob sich auch eine Flamme, und zwar in einer Entfernung, die man wegen der Nacht nicht genau schätzen konnte. Im Norden folgte eine zweite, und bald konnte man ringsum fünf gleiche Feuersignale sehen. Da schritt Büffelstirn zu einem Stein, der in der Nähe lag. Er hob ihn trotz seiner Größe weg, und nun wurde eine Öffnung sichtbar, in der einige Kugeln von der Größe eines Billardballes lagen. Er nahm drei davon, warf sie in die Flamme und deckte dann den Stein sorgfältig wieder auf das Loch. »Warum diese Kugeln?« fragte Sternau. – »Mein Bruder wird es sogleich bemerken.« Er hatte dies kaum gesagt, so schossen drei Flammen himmelhoch empor und bildeten dort drei große Feuerscheiben, die sich lange Zeit in gleicher Höhe hielten und dann langsam wieder niedersenkten. Kurze Zeit darauf erblickte man bei jedem der fünf anderen Male dasselbe Zeichen. »Was bedeutet das?« – »Jeder Ort hat sein Zeichen«, antwortete Büffelstirn. »Ich habe dasjenige des Berges El Reparo gegeben, damit die Mixtekas wissen, wo sie sich versammeln sollen.« – »Aber die Feinde werden diese Feuer auch bemerken.« – »Sie werden nicht wissen, was sie zu bedeuten haben. Jetzt brennt die Flamme nieder. Meine Brüder mögen noch einige Augenblicke warten, dann können wir diesen Ort verlassen.« Das Feuermal sank mit eben derselben Schnelligkeit herab, mit der es gestiegen war; dann war es dunkel wie vorher. Büffelstirn legte den Stein wieder sehr genau vor das Zugloch und brachte den Baum wieder an Ort und Stelle. Obgleich dies in der Dunkelheit geschah, verstand er es, jede Spur sorgfältig zu entfernen. »Wenn ein Feind auf den Berg kommt«, sagte er, »um den Ort zu suchen, wo die Flamme war, so wird er ihn nicht finden. Wir aber werden ihn jetzt verlassen.« – »Wohin gehen wir?« – »Dahin, wo wir bis morgen verborgen bleiben können.« – »Bis morgen abend?« fragte Helmers. – »Ja.« – »Können wir am Tag nichts für die Hazienda und Arbellez tun?« – »Gar nichts. Aber am Abend wird die Hazienda unser sein.« Sie kehrten zu den Pferden zurück, stiegen auf und ritten den Berg hinab, wo sie links umbogen und nach einer halben Stunde in eine Schlucht gelangten, deren Eingang fast ganz von Büschen verdeckt war. »Hier werden wir warten«, sagte Büffelstirn. Sie ritten bis an den hinteren Teil der Schlucht, banden ihre Pferde an und lagerten sich in das Moos. Ihre halblaute Unterhaltung bezog sich natürlich auf die bevorstehenden Ereignisse, dann suchten sie den Schlaf. Die Nacht verging und ebenso der Tag in tiefster Ruhe. Ungefähr um sechs Uhr wurde es dunkel, doch wartete Büffelstirn noch zwei Stunden, ehe er zum Aufbruch mahnte. Sie bestiegen ihre Pferde und ritten fort. Als sie an die Stelle gelangten, die nach oben führte, vernahmen sie erst vor sich und auch hinter sich Pferdegetrappel. »Wer reitet da?« fragte Helmers leise. – »Mein Bruder sorge sich nicht«, antwortete Büffelstirn. »Es sind die Söhne der Mixtekas, die meinem Ruf folgen.« Als sie oben anlangten, herrschte dort eine außerordentliche Ruhe, aber um den Teich der Krokodile konnte man, zwar undeutlich nur, Menschen und Pferde Kopf an Kopf erkennen. Sie waren gekommen, um zu erfahren, was das Feuersignal zu bedeuten habe. Sie gelangten zwischen den Indianern hindurch bis an das Ufer des Teiches. Dort hielt der Häuptling, ohne abzusteigen, an und rief mit lauter Stimme: »Ila! Na atui!« Das heißt auf deutsch: »Ruhe, ich will sprechen!« Ein leises Waffengeräusch ließ sich hören, dann fragte eine andere Stimme: »Payn omi – wer bist du?« – »Na Mokaschi-motak – ich bin Büffelstirn!« – »Mokaschi-motak!« so ging das Wort ringsum von Mund zu Mund. Es war trotz der Dunkelheit zu bemerken, welches ungeheure Aufsehen dieser Name machte. Die vorherige Stimme ließ sich hören: »Büffelstirn, der Häuptling der Mixtekas ist tot.« – »Büffelstirn lebt. Er wurde von seinen Feinden gefangengehalten und ist jetzt zurückgekehrt, um sich zu rächen. Wer hat mit mir gesprochen?« – »Das wiehernde Pferd«, lautete die Antwort. – »Das wiehernde Pferd ist ein großer Häuptling, er ist der erste Mann nach Büffelstirn und wird bisher die verlassenen Kinder der Mixtekas befehligt haben. Er komme mit einer Fackel herbei, um mich zu sehen!« Einige Augenblicke später sah man den Schein einer Fackel aufleuchten, und mehrere Männer drängten sich durch die Menge mit ihr bis zum Häuptling hindurch. Einer von ihnen, in die Tracht eines Büffeljägers gekleidet, gerade so, wie sie Büffelstirn früher getragen hatte, hielt dem Häuptling die Fackel nahe und blickte ihm in das Gesicht. »Mokaschi-motak!« rief er dann laut. »Freut euch, ihr Söhne der Mixtekas! Euer König ist zurückgekehrt. Schwingt eure Messer und Tomahawks, um ihn zu rächen!« – »Ugh!« Nur dieses eine Wort wurde gehört, es brauste um den Teich herum, dann wurde es wieder still. Jetzt erhob Büffelstirn abermals die Stimme: »Die Wächter mögen sagen, ob wir hier sicher sind.« – »Es ist kein Fremder hier, außer vier Männern, die mit einem Mixteka gekommen sind!« rief es von weitem her. – »Ich selbst war es, mit dem sie kamen. Wie viele Männer wurden gezählt?« – »Elfmal zehnmal zehn und vierzig und zwei.« »Meine Brüder mögen hören!« begann der Häuptling. »Morgen sollen sie erfahren, wo Büffelstirn so lange Zeit gewesen ist. Jetzt aber sollen sie vernehmen, daß Juarez, der Zapoteke, aufgebrochen ist, um die Franza aus dem Lande zu treiben. Büffelstirn wird ihm die Krieger zuführen, die mit ihm kämpfen wollen. Heute aber reiten wir nach der Hacienda del Erina, um die dort befindlichen Männer des Cortejo zu besiegen. Es befinden sich dort die schlimmsten Leute der Bleichgesichter, denen der Mixteka keine Gnade gewährt. Wer von ihnen nicht entkommt, muß sterben. Meine Brüder mögen sich in zehn und zehn teilen und mir folgen. Da, wo ich in der Nähe der Hazienda halten werde, bleiben die Pferde zurück und fünfmal zehn Männer bei ihnen. Der Häuptling wieherndes Pferd mag sie auswählen. Die anderen gehen leise um die Hazienda herum, bis die Krieger einen Kreis bilden, und wenn der erste Schuß fällt, dringen sie auf die Feinde ein. Der Sieg ist unser, denn ich habe den Fürsten des Felsens mitgebracht, Bärenherz, den Häuptling der Apachen, und Donnerpfeil, das tapfere Bleichgesicht.« – »Ugh!« ertönte es abermals rund um den Teich herum. Es war der Ausdruck der Freude über die Anwesenheit so berühmter Krieger. Dann begannen die Massen, sich langsam in Bewegung zu setzen. »Mein Bruder will keinen Pardon geben?« fragte Sternau. – »Nein.« – »Warum nicht?« – »Mein Bruder Arbellez ist geschlagen worden!« erklang es rauh. – »Aber doch nicht von allen!« – »Bei Cortejo ist kein wackerer Mann. Sie mögen sterben. Der Mixteka tritt das Ungeziefer mit den Füßen tot.« Sternau merkte, daß hier keine Fürbitte helfen konnte, zumal es keine Zeit mehr gab, den bereits sich in Bewegung befindlichen Kriegern andere Befehle zu erteilen. Übrigens sagte sich Sternau selbst, daß Cortejo nur Gesindel angeworben haben könne, und vielleicht gelang es den meisten zu entkommen. Büffelstirn mit seinen Freunden voran, schlängelte sich der lange Reiterzug langsam den Berg hinab, aber unten angekommen, wurden die Pferde in Galopp gesetzt. Als Berg und Wald hinter ihnen lagen, befanden sie sich in der weiten Ebene, kaum eine englische Meile von der Hazienda entfernt. Alle stiegen von ihren Tieren, nur Sternau blieb sitzen. »Warum steigt mein Bruder nicht ab?« fragte Büffelstirn. – »Ich reite nach der Hazienda.« – »Warum? Willst du dich töten lassen?« – »Nein. Es könnte der Fall sein, daß die Angegriffenen, wenn sie sehen, daß es für sie keine Rettung gibt, Arbellez töten. Das werde ich verhindern.« – »Mein Bruder hat recht.« – »Und ich reite mit!« sagte Helmers. – »Gut, so sind wir zu zweien«, meinte Sternau. »Aber wir werden warten, bis die Hazienda umzingelt ist. Ich werde sehen, wie es in der Hazienda steht und den Schuß abgeben, der das Zeichen zum Angriff ist.« 2. Kapitel. Während fünfzig Mann bei den Pferden zurückblieben, rückten die anderen jetzt lautlos vor. Sie hatten erwartet, Lagerfeuer zu sehen, aber die Mexikaner befanden sich alle im Hof und in den Zimmern der Hazienda, darum war es den Mixtekas möglich, sich ganz nahe anzuschleichen. Als dies geschehen war, setzten Sternau und Helmers ihre Pferde in lauten Trab, daß es den Anschein haben sollte, als ob sie von weit her kämen. Sie hielten vor dem Tor an und klopften. Eine Stimme im Innern fragte: »Wer ist da?« – »Ist das die Hacienda del Erina?« fragte Sternau. – »Ja«, antwortete es. – »Befinden sich da die Leute von Señor Cortejo?« – Ja.« – »Wir sind Boten, die zu ihm wollen.« – »Wie viele seid Ihr?« – »Zwei.« – »Wer sendet Euch?« – »Der Panther des Südens.« – »Ah, dann dürft Ihr herein.« Die Tür öffnete sich, und die beiden verwegenen Männer ritten in den Hof, wo sie von den Pferden sprangen. Dort war es dunkel, darum führte man sie in eines der Zimmer, das erleuchtet war. Dasselbe war voller Menschen, alles wilde Gesichter, auch derjenige war dabei, der Arbellez mit geschlagen hatte. Er schien eine Art Befehlshaberstelle einzunehmen, denn er fragte den, welcher die beiden hereingebracht hatte: »Was wollen diese Menschen?« Anstatt des Gefragten nahm Sternau schnell das Wort: »Menschen? Ihr habt es hier mit Señores zu tun. Merkt Euch das! Wir kommen vom Panther des Südens und haben notwendig mit Señor Cortejo zu sprechen. Wo befindet er sich?« Der Mann sah die mächtige Gestalt Sternaus, die einen großen Eindruck auf alle Umherstehenden machte, dennoch hielt er es für seiner Würde gemäß, so zu tun, als ob er sich nicht einschüchtern lasse. Er antwortete: »Erst habt Ihr Euch zu legitimieren.« – »Aber bei wem denn?« – »Bei mir!« klang die stolze Antwort. – »So! Wer seid Ihr denn?« – »Ich bin der, der die Meldungen macht.« – »Nun, so meldet mich bei Cortejo. Das übrige geht Euch nichts an.« Der Mann stieß ein höhnisches Lachen aus und sagte: »Ich werde Euch beweisen, daß es mich gar wohl etwas angeht. Wir befinden uns hier auf dem Kriegsfuß. Ihr seid meine Gefangenen, bis Ihr bewiesen habt, daß Ihr wirklich vom Panther des Südens kommt.« – »Mensch! Was bildest du dir ein! Wirst du mich melden oder nicht?« donnerte Sternau ihm entgegen. Der Mann aber glaubte, sich in Respekt setzen zu müssen, und antwortete: »Oho! Jetzt redet man mich mit du an! Nehmt Euch in acht, daß es Euch nicht wie Arbellez ergeht!« – »Ah! Wie ist es diesem ergangen?« – »Ich habe ihn bis auf die Knochen gepeitscht.« – »Du selbst?« – »Ja. Und wenn Ihr Euch renitent betragt, geht es Euch ebenso!« – »Das wagst du mir zu sagen? Hier hast du meine Antwort, Bube!« Sternau faßte den Mexikaner bei der Kehle und schlug ihm die Faust zweimal an den Kopf, dann schleuderte er den Besinnungslosen über den Tisch hinüber in einen Winkel. Kein Mensch wagte ein Wort zu sagen. Sternau sah sich funkelnden Auges im Kreis um und drohte: »So kann es einem jeden ergehen, der mich beleidigt, ohne mich zu kennen. Wo ist Cortejo?« – »Alle Teufel! Das ist jedenfalls der Panther selbst«, flüsterte es im Hintergrund. Dies verdoppelte den Respekt, und einer antwortete: »Señor Cortejo ist nicht hier.« – »Wo sonst?« – »Er hat die Hazienda für kurze Zeit verlassen. Wohin er ist, weiß ich nicht.« – »Aber die Señorita ist da?« – »Ja.« – »Wo?« – »In dem Zimmer, das gerade über diesem liegt.« – »Das finde ich auch selbst. Ihr braucht mich also gar nicht anzumelden.« Es getraute sich wirklich keiner, Sternau zu folgen, als er die Stube verließ, um sich mit Helmers nach oben zu begeben. Josefa Cortejo lag in einer Hängematte und stand große Schmerzen aus. Ihr Zustand hatte sich unter der schlechten Behandlung eher verschlimmert als gebessert. Doch der Gedanke an die Rückkehr ihres Vaters tröstete sie. Er kam jedenfalls als Sieger über seine Feinde und mit großen Reichtümern beladen. Da erschallten draußen rasche, kräftige Schritte. Kam er vielleicht schon? Sie richtete sich erwartungsvoll auf. Zwei Männer traten ein, ohne vorher zu klopfen und dann zu grüßen. Wer war es? Hatte sie nicht die athletische Figur des einen bereits gesehen? Sein Bart machte, daß sie ihn nicht gleich erkannte. »Wer seid Ihr? Was wollt Ihr?« fragte sie. – »Ah! Ihr kennt mich nicht mehr, Señorita?« fragte Sternau. Ihre Augen wurden größer und ihre Wangen totenbleich. »Wer ... O mein Gott, Sternau!« – »Ja«, antwortete er. »Und hier steht Señor Helmers, der Bräutigam von Emma Arbellez.« Josefa nahm sich zusammen und fragte: »Was wagt Ihr? Was wollt Ihr?« – »Oh, ich will Euch nur dieses Papier zurückgeben.« Sternau griff in die Tasche und zog den Brief heraus, den er ihrem Boten abgenommen hatte. Sie nahm ihn entgegen und warf einen Blick darauf. Ihr eigener Brief. Sie war einer Ohnmacht nahe. »Gott! Wie kommt Ihr zu diesem Schreiben?« hauchte sie. – »Wir haben es der Leiche Eures Boten abgenommen.« – »Der – Leiche ...?« – »Ja. Er fiel nämlich mit seiner Truppe in unsere Hände, wobei alle bis auf den letzten Mann niedergemacht wurden.« Josefa war geistesabwesend. Die Angst vor diesem Manne macht ihr Herz erzittern. Sie brachte kaum die Worte hervor: »Niedergemacht worden? Schrecklich!« – »Tröstet Euch. Es war nicht schade um sie. Übrigens wären sie mit dem Brief doch nicht zurecht gekommen, denn wir haben auch Euren Vater überfallen, als er dem Lord auflauerte. Von seinen Leuten lebt wohl keiner mehr. Ob er selbst entkommen wird, läßt sich noch nicht sagen.« – »O Gott, o Gott!« stöhnte sie. – »Pah! Ruft nicht den Namen Gottes an. Ihr seid eine Teufelin. Dieses Wort aus Eurem Mund ist der reine Frevel, die größte Gotteslästerung.« Diese Worte gaben ihr einen Teil ihrer Tatkraft zurück. »Señor«, sagte sie, »bedenkt, wo Ihr Euch befindet.« – »Auf der Hacienda del Erina, denke ich.« – »Ja; das heißt im Hauptquartier meines Vaters.« – »Ihr wollt mir bange machen?« lächelte Sternau. – »Es bedarf nur eines Wortes von mir, so seid Ihr mein Gefangener.« – »Da irrt Ihr Euch. Ich will Euch mitteilen, daß Juarez im Anzug ist. Euer Possenspiel hat heute seinen Schluß erreicht.« – »Pah! Noch ist Juarez nicht da.« – »Aber ich befinde mich hier. Das ist ebensogut. Oder glaubt Ihr etwa, daß ich zu Euch komme, ohne zu wissen, daß ich sicher bin? Die Hazienda ist von über tausend Mixtekas umzingelt. Jetzt ist das Verhältnis umgekehrt: Mich kostet es ein Wort, so seid Ihr meine Gefangene. Oder vielmehr, es kostet mich kein Wort, denn Ihr seid es ja schon.« – »Noch nicht!« rief sie. Im Angesicht dieser großen Gefahr war sie die alte. Sie schnellte trotz ihrer Schmerzen von der Hängematte herab, riß eine Pistole vom nahe stehenden Tisch und drückte sie auf Sternau ab, zu gleicher Zeit laut um Hilfe schreiend. Der Schuß ging fehl, denn Sternau hatte sich blitzschnell zur Seite gewendet. Im nächsten Augenblick lag sie unter den Händen von Helmers am Boden. In demselben Moment ertönte aber auch rund um die Hazienda ein fürchterliches Geheul. Die Mixtekas hatten den Schuß gehört und für das verabredete Zeichen gehalten. Sternau sprang nach der Tür. »Sie kommen«, sagte er. »Halten Sie dieses Weib fest und schließen Sie sich lieber mit ihr ein. Ich muß hinunter zu Arbellez.« Sternau eilte hinaus. Das Innere des Hauses glich einem Ameisenhaufen. Überall drängten sich die Mexikaner nach unten. Sie waren so überrascht, so erschreckt, daß sie seine Gegenwart gar nicht beachteten. Er drängte sich mit ihnen hinab und gelangte noch eine Treppe weiter hinunter nach dem Keller. Dort brannte eine trübe Lampe. Ein Mann stand an der Tür Wache. »Wer befindet sich darin?« herrschte Sternau ihn an. – »Arbellez und ...« – »Wo ist der Schlüssel?« unterbrach ihn der Deutsche. – »Eigentlich oben bei der Señorita.« – »Eigentlich? Jetzt aber ist er hier, soll das heißen?« – »Ja.« – »Gib ihn heraus!« Der Mann machte ein erstauntes Gesicht, blickte Sternau forschend an und fragte: »Wer seid Ihr? Was ist das für ein Lärm da oben?« – »Ich bin einer, dem du zu gehorchen hast, und der Lärm da oben geht dich gar nichts an. Heraus mit dem Schlüssel!« – »Oho! So schnell geht das nicht. Euren Namen will ich wissen! Es hat mir noch niemand gesagt, daß ich Euch zu gehorchen habe. Ich kenne Euch nicht!« – »Du sollst mich sogleich kennenlernen!« Bei diesem Wort holte Sternau aus und versetzte dem Mann einen Faustschlag, unter dem er zusammenbrach. Er untersuchte die Taschen des am Boden Liegenden und fand einen Schlüssel, der paßte. In Zeit von einer Minute war die Tür geöffnet. Sternau nahm die Lampe und leuchtete in den Raum. Es bot sich ihm ein schrecklicher Anblick. Auf den kalten, nassen Steinplatten lagen drei Personen, halb übereinander, denn es war kaum Platz für zwei Menschen vorhanden. Lang ausgestreckt nahm der Vaquero die Länge des Bodens ein. Auf seinem Oberleib ruhte die alte, treue Marie Hermoyes, und teils auf ihr und teil auf ihm ruhte Pedro Arbellez, umwunden von den Fetzen, die diese beiden aus ihren Kleidungsstücken gerissen hatten. In einer Ecke lagen ein Lichtstummel und ein Stückchen trockenen Brotes. »Ist Señor Arbellez hier?« fragte Sternau. – »Ja«, antwortete der Vaquero, sich des Verwundeten wegen leise und vorsichtig emporrichtend, um den Frager anzusehen. – »Wo ist er? Welcher ist es?« Bei diesen Worten leuchtete Sternau zu der Gruppe nieder. Dabei fiel der Schein der Lampe auf sein Gesicht. Der Vaquero erkannte ihn. »O Gott! Das ist Señor Sternau! Wir sind gerettet!« rief er aus. – »Ja, mein braver Antonio, Ihr seid gerettet. Wie steht es mit dem Señor?« – »Er lebt. Wir haben ihn verbunden. Er kann nur ganz leise sprechen. Habt Ihr gehört, was mit ihm geschehen ist?« – »Ja.« – »Fluch dieser Josefa Cortejo!« – »Die Schuldigen werden ihre Strafe erhalten. Also gehen kann Señor Arbellez?« – »Daran ist nicht zu denken!« – »Nun, so mag Euch noch für wenige Minuten das Bewußtsein genügen, daß Ihr frei seid. Ich lasse die Tür offen, damit Ihr frische Luft erhaltet; ich muß wieder nach oben, werde Euch aber in kurzer Zeit holen. Bleibt einstweilen bei dem Señor zurück.« – »O heilige Jungfrau, welch eine Gnade!« sagte jetzt auch Marie Hermoyes. »Seid Ihr es denn wirklich, mein lieber, guter Señor Sternau?« – »Ja, ich bin es«, antwortete er. – »Und wir sind frei, wirklich frei?« – »Die Befreier sind da. Hört Ihr die Schüsse?« – »Ja, ich höre sie«, sagte der Vaquero. »Wer ist es? Ist vielleicht der Präsident Juarez mit seinen Leuten bereits hier?« – »Nein. Büffelstirn hat seine Mixtekas zusammengerufen. Bis Juarez konnte, hätte es zu lange gedauert.« Sternau leuchtete jetzt ganz nieder zu dem Haziendero. Dieser lag mit offenen Augen da und hielt den Blick auf Sternau geheftet. Er bot einen fast totenähnlichen Anblick dar, aber ein glückliches Lächeln lag über seinem leichenblassen Gesicht ausgebreitet. »Mein guter Señor Arbellez, kennt Ihr mich noch?« fragte Sternau, indem ihm eine große Träne in das Auge trat. Der Gefragte nickte leise mit dem Kopf. »Hat Antonio Euch erzählt, daß wir alle gerettet sind, daß wir alle noch leben und Eure Tochter Emma auch?« Ein zweites Nicken war die Antwort. »Nun, so tragt keine Sorge um sie. Sie befindet sich bei Juarez in vollständiger Sicherheit; Ihr werdet sie recht bald wiedersehen. Ich werde nachher sogleich nach Euren Wunden sehen; vorher aber muß ich hinauf, um mich zu überzeugen, wie die Sachen stehen.« Sternau setzte den Gefangenen das Licht hin und begab sich wieder nach oben. Einigen Mixtekas, auf die er zuerst traf, befahl er, sich zu den drei Personen hinabzubegeben, um sie gegen etwaige Gefahren in Schutz zu nehmen. Sie beeilten sich, seiner Weisung nachzukommen. Der Flur des Hauses bot einen gräßlichen Anblick dar. Es standen zwei Mixtekas da, die Fackeln hielten. Beim Schein derselben erblickte man die toten Anhänger Cortejos, die in allen möglichen grausigen Stellungen hoch übereinanderlagen. Der Boden bildete eine einzige Blutlache. Auch auf den Treppen lagen sie, überrascht von den schonungslosen Waffen der Mixtekas. In den oberen Räumen hörte man noch einzelne Todesschreie erschallen. Draußen im Hof und vor dem Haus aber war der Kampf noch im lebhaftesten Gange. Schüsse krachten; Rufe der Wut oder der Aufmunterung ließen sich hören, darunter Flüche, ausgestoßen von den keine Gnade findenden Mexikanern, die sich dem überlegenen Feind gegenüber rettungslos verloren sahen. Als Sternau aus der Tür trat, konnte er die Szene überblicken. Einige vorhandene Holzhaufen waren von den Mixtekas in Brand gesteckt worden, und beim Schein dieser hoch emporlodernden Feuer ließ sich alles deutlich erkennen. In einer Ecke des Hofes hatten sich die letzten Mexikaner zusammengedrängt. Es waren nicht mehr als zwölf bis fünfzehn Mann, die sahen, daß weder auf Hilfe, noch auf Gnade zu rechnen war, und sich daher mit Aufbietung ihrer letzten Kräfte verteidigten. Man sah, daß sie trotz ihrer Tapferkeit nur noch Augenblicke zu leben hatten. Büffelstirn stand mit dem Rücken am Palisadenzaun und sandte eine Kugel nach der anderen in diese jetzt dem Tode geweihte Schar hinein. »Schenken wir ihnen das Leben!« rief Sternau ihm zu. »Es ist genug Blut geflossen. Wir wollen menschlich sein.« – »Ist Señor Arbellez wohlauf?« fragte der Häuptling kalt. – »Er liegt noch im Keller. Man wird ihn herauftragen.« – »Man hat ihn also geschlagen, daß er nicht gehen kann?« – »Leider!« – »So sprich nicht von Gnade! Arbellez ist mein Freund und Bruder; er soll gerächt werden!« Büffelstirn drehte sich wieder ab, hob die Büchse und drückte sie gegen einen der Feinde ab. Sternau sah ein, daß hier eine Gegenrede keinen Erfolg haben werde. Seine Aufmerksamkeit wurde übrigens durch eine Gruppe in seiner unmittelbaren Nähe in Anspruch genommen. Am Boden lag nämlich ein verwundeter Mexikaner, der sich mit Aufbietung aller seiner geschwächten Kraft gegen einen Mixteka verteidigte, der sich bemühte, ihm das Messer in das Herz zu stoßen. »Gnade, Gnade!« bat der Mann. – »Keine Gnade! Du mußt sterben!« antwortete der andere grimmig, indem er den jetzt fast Wehrlosen mit der Linken fest packte, während er mit der Rechten die Waffe schwang. – »Ich bin ja kein Feind. Ich habe die Gefangenen gespeist Sie hätten ohne mich verhungern und verdursten müssen!« Auch diesen von der Todesangst diktierten Zuruf achtete der Mixteka nicht. Er stand im Begriff, dem Mexikaner den unfehlbaren Todesstoß zu versetzen, da aber wurde sein hocherhobener Arm von Sternau ergriffen. »Halt!« gebot dieser. »Wir müssen diesen Mann erst hören.« Der Mixteka wandte sein von der Aufregung des Kampfes verzogenes Gesicht dem Störer zu und sagte: »Was geht es dich an! Ich habe diesen Mann niedergeworfen und besiegt; sein Leben ist mein Eigentum!« – »Wenn er das wirklich getan hat, was er sagt, so verdient er Gnade.« – »Ich habe ihn überwunden, und er soll sterben!« Da zog Sternau seinen Revolver, ließ die Hand des Mixteka los und sagte: »Stich zu, wenn du es wagst, ihn gegen meinen Willen zu töten!« Dabei richtete er den Lauf seiner Waffe gegen ihn. Der Indianer konnte sich dem Eindruck von Sternaus Persönlichkeit nicht entziehen. »Du drohst mir, deinem Verbündeten?« fragte er. – »Ja. Tötest du ihn, so bist auch du eine Leiche.« – »Gut. Ich werde mit Büffelstirn sprechen!« – »Tue das; aber versuche nicht, gegen meinen Willen zu handeln!« Der Mixteka ließ von dem Mexikaner ab und ging zu seinem Häuptling. Sternau beachtete das nicht, sondern wandte sich zu dem Mann, der noch immer blutend am Boden lag, aber wenigstens von der unmittelbaren Todesgefahr errettet war. »Du sagst, du habest die Gefangenen gespeist?« fragte er. – »Ja, Señor«, antwortete der Gefragte. »Ich danke Euch, daß Ihr diesem Indianer Einhalt geboten; ich wäre verloren gewesen.« – »Welche Gefangenen meinst du?« – »Die drei, die unten im Keller liegen. Ich habe ihnen täglich durch ein Loch Brot, Wasser und Licht hinabgelassen.« – »Warum?« – »Einer meiner Kameraden, der mit Cortejo fortgehen mußte, bat mich darum. Ich hoffe, daß Ihr das berücksichtigt, Señor.« Sternau ahnte, daß der genannte Kamerad jedenfalls der Mexikaner sei, dem das Gesicht des Haziendero immer erschien und der, im Wald am Rio Grande sterbend, noch mit seinen letzten Worten gesagt hatte, daß er den Gefangenen Wasser und Brot gegeben habe. »Gut«, sagte er, »du sollst leben. Wie steht es mit deinen Wunden?« Sternau untersuchte ihn schnell; das Ergebnis war kein schlimmes. »Du bist nicht gefährlich verletzt, der Blutverlust hat dich geschwächt; ich werde dich verbinden!« beruhigte er den Mexikaner, dann verband er ihn, so schnell es in der Eile gehen wollte und vertraute ihn endlich der Obhut der beiden Mixtekas an, die mit den Fackeln im Hausflur standen. Er war überzeugt, daß man seinen Befehl, diesem Mann nichts zu tun, respektieren werde. Während sich diese Szene abspielte, war auch der Kampf beendet. Die letzten im Hof befindlichen Mexikaner waren tot. Nur draußen im freien Feld hörte man hier oder da noch einen vereinzelten Schuß fallen. Bärenherz trat zu Sternau, der beobachtend am Eingang stand. »Der Sieg ist unser«, meldete er in seiner einfachen, wortkargen Weise. – »Sind Feinde entkommen?« fragte Sternau. – »Nur einige.« – »Man mag sie immerhin entwischen lassen. Die Rache ist blutig genug ausgefallen.« – »Lebt Señor Arbellez?« – »Ja. Wir wollen hinab zu ihm.« Auch Büffelstirn trat hinzu. Er erwähnte kein Wort darüber, daß Sternau einen der Feinde in Schutz genommen hatte. Die drei begaben sich nach dem Keller, wo sie die befreiten Gefangenen unter dem Schutz der Mixtekas fanden, die Sternau hinabgesandt hatte. Büffelstirn kniete neben Arbellez nieder. »Kennt Ihr mich, Señor?« fragte er. Der Haziendero nickte. »Wer hat Euch schlagen lassen? Die Tochter des Cortejo?« Ein zweites Nicken diente als Antwort. »Leidet Ihr große Schmerzen?« Der Verwundete antwortete durch ein leises Stöhnen, das mehr verriet als viele Worte. Er mußte Fürchterliches ausgestanden haben. »Es sind viele der braven Mixtekas im Kampf verletzt worden«, sagte Sternau, »aber Señor Arbellez soll der erste sein, dem ärztliche Hilfe zuteil wird. Tragen wir ihn hinauf in ein ruhiges Zimmer.« – »Er soll von mir gepflegt werden«, meinte Marie Hermoyes. »Ich werde nicht ruhen, bis seine Wunden wieder geheilt sind.« Sternau eilte voraus, um ein passendes Zimmer auszusuchen, in das der Haziendero getragen wurde. Als Sternau ihn untersuchte, sah man, wie geradezu teuflisch er mißhandelt worden war. Er mußte fürchterliche Schmerzen ausgestanden haben. Als er von Sternau kunstgerecht verbunden worden war, ließen diese Schmerzen nach. Man sah es ihm an, welche Erleichterung er fühlte. Er ergriff die Hand des Arztes, drückte sie leise und flüsterte: »Dank, Señor!« Mehr konnte er nicht sagen. Büffelstirn legte ihm die Hand auf den Kopf. »Ich werde meinen Bruder Arbellez rächen«, beteuerte er. »Niemand soll mich daran hindern. Wo ist die, die ihn hat schlagen lassen?« Am besten konnte der antworten, der soeben eingetreten war, nämlich Helmers. Er hatte die Anwesenden gesucht und bei seinem Eintritt die Frage gehört. »Sie liegt gefesselt in Emmas Zimmer«, antwortete er. »Wir werden sofort Gericht über sie halten. Vorher aber muß ich den Vater begrüßen.« Helmers bog sich über Arbellez und küßte ihn auf die bleichen Lippen. »Das ist der Augenblick, nach dem ich mich lange Jahre gesehnt habe«, sagte er. »Jetzt ist mein Wunsch erfüllt, und nun kann die Rache beginnen.« Arbellez hatte jetzt so viel Kraft, daß er die Arme langsam erheben konnte. Er legte sie Helmers um den Hals und erwiderte flüsternd: »Gott segne dich, mein Sohn!« Mehr zu tun oder mehr zu sagen, war er zu schwach, aber auf seinem Gesicht sprach sich deutlich das Glück aus, den Sohn wiedergefunden zu haben und nun bald auch die Tochter wiedersehen zu können. Dieser Ausdruck des Glückes mit dem Zuge des Leidens, unter dem er niederlag, war so rührend, so ergreifend, daß keiner der Anwesenden die Tränen zurückhalten konnte. Selbst Bärenherz sagte: »Unser kranker Bruder soll wieder gesund werden und glücklich sein. Aber die, die ihn gepeinigt hat, soll unsere Rache fühlen!« – »Man hole sie!« meinte Büffelstirn. »An seinem Lager soll sie erfahren, welche Strafe sie erwartet.« – »Sie ist ein Weib!« mahnte Sternau. Sein Ton war ein begütigender. Ihm graute im voraus bei dem Gedanken an die Strafe, die der Angeklagten bevorstand, wenn diese von Rache erfüllten Männer zusammentraten, um ihr Schicksal zu bestimmen. Da aber legte Büffelstirn ihm die Hand auf den Arm und sagte: »Sie ist kein Weib, sie ist ein Teufel. Mein Bruder hat es von mir verlangt, daß vorhin einer der Feinde sein Leben erhielt. Mehr aber verlange er nicht. Dieses Weib ist schlimmer als alle unsere Feinde. Es ist der böse Geist, der seinen Vater beherrscht. Josefa ist es, der wir alle Leiden zu verdanken haben. Sie werde gerichtet nach dem, wie sie gehandelt hat. Ich selbst werde sie holen.« Damit ging Büffelstirn und brachte nach wenigen Minuten Josefa geführt. 3. Kapitel. Josefa war an Händen und Füßen gefesselt und sah fürchterlich bleich aus. Pedro Arbellez warf einen Blick auf sie und schloß die Augen, er mochte sie gar nicht mehr sehen. Auch Marie Hermoyes wandte sich zur Seite, nur Antonio, der Vaquero, sagte: »Endlich haben wir dich, du Teufelin. Du wirst nie wieder meinen Herrn schlagen lassen und mich einkerkern können. Man wird dir dein Urteil sprechen. Ich möchte nicht an deiner Stelle sein!« Josefa antwortete nicht, aber aus ihren runden Eulenaugen schoß ein giftiger, haßerfüllter Blick nach dem Sprecher. »Wer wird sie verhören?« fragte Helmers. – »Verhören?« antwortete Büffelstirn, indem sich seine Brauen zusammenzogen. »Wozu soll sie verhört werden? Sie weiß, was sie verschuldet hat, und wir wissen es auch. Sie hat den Tod verdient.« – »Ja, den Tod!« sagte Bärenherz. – »Sie muß sterben, das versteht sich von selbst«, stimmte Helmers bei. – »Darüber sind wir also einig«, fuhr Büffelstirn fort. »Aber wo und wie soll sie sterben? Meine Brüder mögen beraten.« – »Ein einfacher Tod ist zu wenig«, erklärte Antonio, der Vaquero. – »Ihr Sterben soll ein zehnfaches sein«, antwortete Büffelstirn. »Ich weiß, welches Urteil wir über sie fällen müssen. Wir geben sie den Krokodilen zu fressen.« – »Das ist zu wenig«, fiel der Vaquero ein. »Was hätte sie da für Schmerzen auszustehen? Ein Druck und ein Schluck, dann ist sie weg. Das ist keine Strafe für alles das, was sie auf dem Gewissen hat.« – »Sie soll nicht schnell sterben, sondern die Krokodile sollen nach ihr springen müssen«, entgegnete Büffelstirn. »Wissen meine Brüder, was ich meine?« – Ja«, antwortete Helmers, »ich stimme bei.« – »Der Wille meines Bruders ist auch der meinige«, erklärte Bärenherz. – »Und was sagt der Fürst des Felsens dazu?« fragte der Mixteka. Sternau schauderte, er dachte an die Szenen, die sich vor Jahren am Teich der Krokodile abgespielt hatten. Das war ein fürchterliches Urteil. Josefa hatte es verdient, dennoch antwortete er: »Auch ich erkläre, daß sie den Tod verdient hat, aber ich werde meine Einwilligung zu einer solchen Grausamkeit nicht geben.« – »Mein Bruder tut unrecht, sie zu beschützen«, entgegnete Bärenherz. »Will er sie erschießen lassen? Eine Kugel wäre eine Belohnung für sie.« – »Es bleibt bei dem, was ich gesprochen habe«, erklärte Büffelstirn. – »Trotzdem ich meine Einwilligung versage?« fragte Sternau. – »Ja, trotzdem! Mein Bruder hat eine Stimme, wir aber überstimmen ihn, er wird sich in unseren Willen schicken müssen.« – »Nach den Gesetzen der Prärie und der roten Männer ist das richtig. Aber ich habe zu bemerken, daß ich ein größeres Recht als alle anderen auf dieses Mädchen habe.« – »Unser Recht ist ebenso groß!« erklärte Büffelstirn. – »Nein. Meine Brüder kennen die Geschichte der Familie Rodriganda. Es gibt da Geheimnisse, die aufzuklären sind, und Josefa Cortejo kann mir allein Auskunft geben. Es darf ihr nichts geschehen, bevor sie mir nicht alles gestanden hat. Das fordere ich ganz bestimmt.« – »Mein Bruder hat recht«, sagte auch Bärenherz. »Aber er braucht ja nicht zu säumen. Hier steht sie, er kann fragen, und dann mag sie sterben.« Josefa hatte bisher kein Wort gesprochen. Sie hielt die Augen nicht niedergeschlagen, sondern trotzig in die Ecke gerichtet. Sie war sich in diesem Augenblick bewußt, daß ihr Leben für Sternau einen viel zu großen Wert habe, als daß er in ihren Tod willigen könne. Sie sagte sich, so lange sie nicht gestehe, müsse er sie leben lassen; darum nahm sie sich vor, diesen Vorteil sich um keinen Preis entwinden zu lassen. Sternau zeigte auf einen Stuhl. »Setzt Euch, Señorita«, sagte er zu ihr. »Ich habe mit Euch zu sprechen!« Josefa tat, als ob sie Sternaus Worte gar nicht gehört habe. »Gut, Ihr werdet auch im Stehen reden können«, meinte er. »Ihr seid mit den Verhältnissen der Familie Rodriganda gut bekannt?« Josefa antwortete nicht. »Ich fragte, ob Ihr die Verhältnisse der Familie Rodriganda kennt!« Sie schwieg auch jetzt noch. Da zog Sternau die Brauen finster zusammen und sagte: »Ich sehe ein, daß man mit Euch anders verfahren muß. Ihr zwingt mich, Euch auf gewaltsame Weise zur Sprache zu verhelfen, die Euch abhanden gekommen zu sein scheint. Wollt Ihr reden?« Josefa schwieg noch immer. Da rief Sternau zornig: »Antonio, führe sie hinab und gib ihr zwanzig Hiebe, aber ebenso fest wie diejenigen, die Señor Arbellez erhalten hat.« Der Vaquero schmunzelte. »Das soll sehr gewissenhaft besorgt werden, Señor«, antwortete er. »Soll ich sie wiederbringen?« – »Natürlich!« – »Schön! Vorwärts, Señorita! Ihr sollt nicht zu kurz kommen.« Damit faßte der Vaquero Josefa am Arm, um sie zur Tür hinauszuführen. Als Josefa merkte, daß es ernst war, gab sie endlich ihren Trotz auf. »Was soll ich von den Rodrigandas wissen«, sagte sie mürrisch. – »Ah! Jetzt ist die Sprache wieder da! Für dieses Mal will ich daher das von mir diktierte Rezept noch nicht in Anwendung bringen. Stellt aber meine Nachsicht nicht zum zweiten Male auf die Probe; es würde Euch nur schlecht bekommen! Also Ihr wißt nichts über die Verhältnisse der Rodrigandas?« – »Nur so viel, wie ich als Tochter eines Mannes weiß, der bei den Rodrigandas angestellt ist.« – »Nun, was ist das?« – »Was wollt Ihr erfahren?« – »Ich will kein langes Verhör anstellen, sondern mich kurz fassen. Ihr wißt, daß Alfonzo nicht der Sohn des Grafen Rodriganda ist.« – »Was soll er sonst sein?« – »Der Sohn eines anderen, Eures Onkels Cortejo.« – »Das ist lächerlich!« Josefa schlug bei diesen Worten wirklich eine helle, höhnische Lache auf. »Ihr werdet nicht lange lachen, Señorita. Ich sagte bereits, daß ich kein umfangreiches Verhör anstellen will. Ihr habt einfach zu wählen, zwischen dem Tode und einem offenen Geständnis.« Sternau sah Josefa einen Augenblick erwartungsvoll an. Ihre Miene zeigte, daß ihre Zuversicht erschüttert war, aber dennoch fiel es ihr nicht ein, die Mahnung Sternaus zu beherzigen. »Ich habe nichts zu bereuen und keine Bekenntnisse abzulegen.« Nach diesen in trotzigem Ton gesprochenen Worten wandte sie sich ab, um anzudeuten, daß man nicht weiter in sie zu dringen brauche. »Ganz, wie Ihr wollt, Señorita«, entgegnete Sternau. »Ihr mögt noch auf Rettung hoffen, aber die Erfüllung dieser Hoffnung ist eine Unmöglichkeit. Da Ihr selbst nichts tut, um das Euch drohende Schicksal von Euch abzuwenden, so dürft Ihr auch von mir nichts erwarten.« Nun machte auch Büffelstirn eine Bewegung der Ungeduld. »Wozu diese vielen Worte? Dieses Weib ist ja gar nicht wert, die Stimme eines Menschen zu hören.« – »Du hast recht«, antwortete Sternau. »Man schaffe sie fort! Ihr Anblick ist mir widerlich; er erregt in mir Grauen und Abscheu.« – »Wohin?« fragte der Vaquero. – »Schließt sie in den Keller ein, in dem Ihr selbst gesteckt habt. Zwei Männer mögen Wache halten. Sie haften mir mit ihrem Kopf dafür, daß die Gefangene nicht entkommt.« – »Das soll besorgt werden, Señor. Sie mag das Logis kennenlernen, das sie uns angewiesen hat. Soll sie auch hungern und dürsten?« – »Natürlich.« – »So kommt, meine schöne Señorita!« Antonio legte die Hand an Josefa, um sie fortzuschaffen. Sie schüttelte jedoch mit einer schnellen Bewegung diese Hand von sich ab und sagte entrüstet: »Wie, einsperren lassen wollt Ihr mich, Señor Sternau, mich, eine Donna? Mich, die Tochter eines Cortejo?« – »Nennt Euch um Gottes willen nicht Donna! Ihr seid ein Scheusal und die Tochter des größten Schurken, den ich kenne. Führe sie ab, Antonio!« – »Ich gehe nicht mit!« Josefa stampfte mit dem Fuß, machte Miene, trotz ihrer gefesselten Hände sich zur Wehr zu setzen, und als Antonio dennoch die Hand ausstreckte, um sie anzufassen, spuckte sie ihm ins Gesicht und rief: »Packe dich, Mensch, wie darfst du es wagen, mich anzurühren!« Das war dem braven Vaquero denn doch zu viel. Er holte aus und gab Josefa eine Ohrfeige, die so kräftig war, daß die Getroffene zu Boden stürzte. »Was? Anspucken willst du mich, Kanaille?« rief er wütend. »Das sollst du nicht zum zweiten Male wagen.« Damit riß er sie empor und schaffte sie aus dem Zimmer. Die Ohrfeige hatte Josefa so eingeschüchtert, daß ihr alle Lust zum Widerstand vergangen war. 4. Kapitel. »Du willigst nun in unser Urteil?« fragte Büffelstirn Sternau. – »Ja«, antwortete dieser nach einigem Zögern. – »Daß sie von den Krokodilen gefressen wird.« – »Ja. Sie ist eine Milderung dieses Urteils nicht wert.« – »So werden wir mit Anbruch des Tages nach dem Berg El Reparo reiten, um sie in den Teich der Krokodile zu werfen.« – »Das ist zu früh«, erklärte Sternau. »Es haben noch andere über sie zu sprechen und an ihrem Verhör teilzunehmen. Wir müssen warten, bis Mariano und Graf Ferdinando angekommen sind. Anders geht es nicht.« – »Das wird sehr lange dauern.« Schließlich gewann aber doch Sternaus Ansicht und Wunsch die Oberhand, und das Urteil wurde verschoben. »Ich sehe, Sie wollen Zeit gewinnen«, meinte Helmers mürrisch. »Was werden Sie von ihr erfahren? Nichts, gar nichts! Sie wissen ja bereits alles.« – »Sie irren. Noch ist uns einiges unbekannt und unerklärlich. Und es genügt keineswegs, daß Mariano hintritt und sagt, er sei der Sohn des Grafen Emanuel de Rodriganda. Es sind Dokumente und Zeugen nötig, dies zu beweisen. Diese Josefa ist jedenfalls in alles eingeweiht, und darum ist uns ihre Aussage von der allergrößten Wichtigkeit.« – »Ah, sie soll Zeugnis ablegen, das heißt, sie soll so lange leben, bis der Prozeß, der in dieser Angelegenheit in Aussicht steht, beendet ist?« – »Diese Frage kann noch nicht beantwortet werden. Ein Geständnis an anderer Stelle genügt, wenn es von unparteiischen Zeugen beeidet wird.« – »Nun, wir sind ja Zeugen.« – »Aber mehr oder weniger beteiligt. Der beste Zeuge wird Juarez sein. Wir müssen auf alle Fälle warten, bis er hier angekommen ist.« – »Ich wiederhole, daß es schade um die Zeit ist. Das Mädchen wird niemals ein Geständnis ablegen. Hier liegt Señor Arbellez, den ich meinen Vater nenne; wir wissen, was mit ihm geschehen ist. Ebenso wissen wir alle, daß wir unsere früheren Schicksale zum großen Teile dem Einfluß dieses Mädchens zu verdanken haben. Schreit das nicht nach Rache, und zwar nach augenblicklicher Rache? Wollen wir einen Akt der Gerechtigkeit aufschieben, den zu vollziehen unsere Pflicht ist?« – »Mein Bruder Donnerpfeil hat recht«, erwiderte Büffelstirn. – »Er hat recht«, stimmte auch Bärenherz bei. Sternau ging. Die drei anderen, nämlich Büffelstirn, Bärenherz und Donnerpfeil folgten ihm, blieben aber draußen im Korridor wie auf vorherige Verabredung stehen. »Was sagen die beiden Häuptlinge dazu?« fragte Donnerpfeil halblaut. »Ist es gut, daß wir Sternau seinen Willen gelassen haben?« – »Ugh!« antwortete der Apache. »Der Fürst des Felsens ist klug. Er wird wissen, was er will, wenn auch ich es nicht weiß.« – »Nach seinen Gedanken hat er recht«, erklärte auch Büffelstirn. – »Auch ich stelle das keineswegs in Abrede; aber ich dürste nach Vergeltung!« – »Mein Bruder Donnerpfeil braucht ja nicht darauf zu verzichten«, meinte Büffelstirn. – »Ich muß aber doch verzichten, wenigstens für jetzt.« – »Nein. Die Rache kann bereits beginnen.« – »Wieso?« – »Man bereite der Gefangenen Qualen, so, wie sie welche bereitet hat.« Helmers wußte sogleich, daß der Häuptling der Mixtekas einen bestimmten Gedanken habe. Darum fragte er rasch: »Welche Qualen meint unser Freund Büffelstirn?« – »Die Qualen des Todes. Dieses Weib soll viele Male sterben. Sie soll die Rachen der Krokodile oft gegen sich geöffnet sehen.« – »Ah, ich begreife! Josefa Cortejo soll nach dem Berg El Reparo geschafft werden und denken, daß die Exekution ausgeführt wird?« – »Ja. Sie soll alle Tage, bis Juarez kommt, nach dem Teich der Krokodile geschafft und über dem Wasser aufgehängt werden.« Helmers Augen leuchteten vor Vergnügen bei dem Gedanken auf, welche Qualen dies dem boshaften Weib machen werde. »Das ist gut; das ist schön!« entgegnete er. »Aber wird Sternau es dulden?« – »Nein«, sagte Bärenherz. Der Apache kannte den Deutschen sehr genau. »So müssen wir es heimlich tun.« – »Ja, wir werden Sternau nichts sagen«, stimmte Büffelstirn bei. »Wird mein Bruder Bärenherz mit uns reiten?« – »Nein«, antwortete der Gefragte. »Sternau ist mein Bruder. Ich tue das, was er wissen darf.« – »Er ist auch mein Bruder«, antwortete Büffelstirn. »Aber noch viel eher war Arbellez mein Freund. Er ist bis auf die Knochen zerfleischt worden, und ich habe dies zu rächen. Reitet Donnerpfeil mit?« – »Ja«, antwortete dieser. »Ich hoffe nicht, daß Bärenherz Sternau sagen wird, was wir vorhaben.« – »Bärenherz ist kein Verräter«, erwiderte der Apache einfach. Dann wandte er sich um und stieg die Treppe hinab. Er war ein goldreiner Charakter. Seiner indianischen Anschauungsweise nach hatte er allerdings für augenblickliche Rache gestimmt; nachdem er sich aber der Ansicht Sternaus angeschlossen, widerstrebte es ihm, sich an etwas zu beteiligen, das diesem verschwiegen bleiben mußte. Die beiden anderen blieben zurück. »Wann reiten wird?« fragte Helmers. – »Bei Tagesgrauen«, antwortete Büffelstirn. – »Allein?« – »Nein. Ich nehme mehrere meiner Männer mit.« Das war also abgemacht, ohne daß Sternau eine Ahnung von dem hatte, was man hinter seinem Rücken besprochen. Er war jetzt mit den verwundeten Mixtekas vollauf beschäftigt. Gefallen waren ihrer nur wenige, desto mehr aber verwundet. Die Stube, die die Mexikaner als Wachstube benutzt hatten, wurde zum Verbandzimmer und Lazarett eingerichtet. Die Nacht war fast vergangen, als der letzte der Verwundeten seinen Verband angelegt erhalten hatte. Fünf zuverlässige Männer, die zugleich gute Reiter waren, hatten gleich nach errungenem Sieg den Auftrag erhalten, sich auf den Weg nach Coahuila zu machen, um Juarez von dem Geschehenen zu benachrichtigen. Sie waren auch sofort aufgebrochen und hatten einen Weg gewählt, der sie nicht in Gefahr brachte, Franzosen zu begegnen. Es fragte sich nun, was mit den Leichen der Gefallenen anzufangen sei. Büffelstirn war sofort mit einer Antwort bei der Hand. »Die Krokodile der Mixtekas haben lange kein Fleisch gefressen. Man lade die Toten auf Pferde und bringe sie nach dem Berg El Reparo.« Sternau schüttelte den Kopf. »Das wäre grausig und zugleich zu anstrengend«, sagte er. »Wir begraben sie.« – »Man müßte eine sehr große Grube haben, und es wäre ebenso anstrengend, sie zu bereiten.« – »Wir brauchen keine Grube zu graben. Ich kenne von früher her die Vertiefung eines Steinbruchs hier ganz in der Nähe. Wir werfen die Leichen hinein und werfen dann dort herumliegende Steine und Erde darauf.« – »Ich kenne den Steinbruch. Er eignet sich sehr gut zum Grab so vieler Leute. Aber warum sollen wir uns die Arbeit machen, die Leichen auch noch zu bedecken. Die Aasgeier werden kommen, um das Fleisch der Gefallenen in ihren Magen zu begraben.« – »Das widerstrebt mir. Ich selbst werde das Begräbnis beaufsichtigen. Will mir mein Bruder Büffelstirn so viele von seinen Männern geben, als ich brauche?« – »Ja, mein Bruder mag sie sich selbst auswählen.« Der Häuptling der Mixtekas gab diese Antwort sehr gern. Um zu dem Steinbruch zu kommen, mußte Sternau ja die Hazienda verlassen, und so konnte er also nicht bemerken, was mit Josefa vorgenommen wurde. Der Morgen begann sich eben zu lichten, als eine beträchtliche Schar der Mixtekas unter Sternaus Anführung die Hazienda verließ. Sie hatten die Toten auf Pferde geladen und führten alles Werkzeug bei sich, das zum Graben geeignet war. Jetzt suchte Büffelstirn Helmers auf, der sich auch leicht finden ließ. »Es ist Zeit, aufzubrechen«, sagte er. – »Ich bin bereit«, antwortete Helmers. »Aber deine Leute werden sehen, daß wir Josefa Cortejo mitnehmen!« – »Sie werden nicht davon sprechen. Komm!« Sie stiegen zum Keller hinab. Dort standen zwei Mann Wache. Helmers trug den Schlüssel bei sich und öffnete die Tür. Josefa lag an der Erde und machte keine Anstalten, sich zu erheben. »Die Tochter Cortejos mag aufstehen und mit uns kommen«, sagte der Häuptling der Mixtekas, indem er sie mit dem Fuß stieß. – »Was wollt Ihr mit mir tun?« fragte sie. – »Das wirst du sehen.« Und als Josefa auch jetzt noch nicht aufstand, faßte der Indianer sie beim Arm, riß sie mit starker Hand empor und aus dem Loch heraus. Diese Behandlung verursachte ihr einen solchen Schmerz, daß sie laut aufschrie. »Wenn Büffelstirn befiehlt, so hast du zu gehorchen! Merke dir das!« sagte er. Und sich zu den Wachen wendend, fuhr er fort: »Donnerpfeil wird wieder zuschließen; ihr aber bleibt hier, gerade so, als ob dieses Weib sich noch darin befände. Der Fürst des Felsens darf nicht wissen, daß wir sie heimlich mitgenommen haben. Auch die anderen alle haben zu schweigen. Sagt ihnen das!« Josefa wurde nun in den Hof geführt und auf ein Pferd gebunden. Auch die beiden Männer stiegen auf und ritten, von zehn Mixtekas begleitet, nach Westen hin davon, in welcher Richtung der Berg El Reparo lag. Als nach einigen Stunden Sternau zurückkehrte und Büffelstirn suchte, um ihn nach etwas zu fragten, fand er ihn nicht. Einer der Mixtekas berichtete ihm: »Er ist ausgelitten.« – »Allein?« – »Nein. Donnerpfeil war mit ihm und einige Männer von uns.« – »Weshalb verließen sie die Hazienda?« – »Ich weiß es nicht.« – »Wohin sind sie?« – »Auch das weiß ich nicht.« Das kam Sternau sonderbar vor. Er suchte Bärenherz auf und fand ihn, hinter dem Haus liegend, im Schlaf. Der Apache war ermüdet gewesen, hatte aber vorgezogen, seine Ruhe im Freien abzuhalten. Sternau weckte ihn. »Hat mein Bruder den Häuptling der Mixtekas davonreiten sehen?« fragte er. – »Nein.« – »Weiß mein Bruder auch nicht, wohin er ist?« – »Ich weiß es.« – »Nun, wohin ritt er?« – »Ich darf es nicht sagen.« – »Ah! Warum?« – »Ich habe es versprochen.« – »So darf ich auch nicht wissen, was Büffelstirn und Donnerpfeil vorhaben?« – »Nein.« Sternau blickte nachdenklich vor sich hin. Dann sagte er: »Wenn Bärenherz versprochen hat, zu schweigen, so darf er allerdings nicht reden. Aber ich möchte wenigstens erfahren, ob ich mich über die Abwesenheit der beiden Freunde beruhigen kann.« – »Ich glaube nicht, daß ihnen etwas geschehen wird.« – »Tun sie etwas, was ich nicht billigen würde?« – »Darüber darf der Apache nichts sagen.« – »Ah! Sie sind vielleicht gar nach dem Berg El Reparo geritten?« – »Mein Mund darf nicht reden.« Nach diesen Worten drehte der Apache sich auf die andere Seite, zum Zeichen, daß er mit dieser Angelegenheit nichts mehr zu tun haben wolle. »Ich werde es doch erfahren!« sagte Sternau. Von einer bestimmten Ahnung getrieben, kehrte er in das Haus zurück und stieg in den Keller hinab. Dort standen die beiden Wachen vor der Tür. »Wo befindet sich die Gefangene?« fragte er. – »Hier in diesem Loch«, antwortete der eine. – »Schließt auf!« – »Wir können nicht, wir haben keinen Schlüssel.« – »Wer hat ihn?« – »Donnerpfeil.« – »War Büffelstirn oder Donnerpfeil vorhin bei euch?« – »Nein.« – »Habt ihr gehört, daß diese beiden fortgeritten sind?« – »Nein.« – »Ruft einmal die Gefangene. Klopft an die Tür.« – »Sie antwortet nicht.« Sternau versuchte es selbst. Er klopfte und rief, erhielt aber keine Antwort. »Sie ist wie der Käfer, der sich totstellt, wenn er angerührt wird«, meinte der eine der beiden Wächter. Dennoch aber fühlte Sternau sich nicht beruhigt. Er fragte nochmals sehr eindringlich: »Sie befindet sich also wirklich da drin?« – »Ja.« – »Wenn ihr euch täuschtet, könnte großes Unheil entstehen!« Da die Männer ihre Behauptung auch jetzt nicht widerriefen, verließ Sternau den Keller. Er konnte nicht begreifen, weshalb die beiden ausgeritten seien, sah sich aber gezwungen, trotz des Verdachtes, den er noch immer hegte, ihre Rückkehr geduldig abzuwarten. 5. Kapitel. Diejenigen, um die es sich handelte, hatten unterdessen längst den Berg erreicht. Sie ritten an der Seite desselben hinauf, hielten an dem Teich der Krokodile an, stiegen ab und nahmen auch Josefa vom Pferd. Die Augen der Mexikanerin waren eingesunken und ihre Züge krampfhaft verzerrt. Sie besaß bei weitem nicht die Zuversicht, die sie Sternau gegenüber gezeigt hatte. Die Angst machte ihre Beine zittern. Sie sank zur Erde. Der große, seeartige Teich lag so einsam und verlassen da, umstanden von einem düsteren Baumwuchs, dessen Spiegelbilder drohend aus der Tiefe emporblickten. Es war ein Ort, ganz einer grausigen Mordtat würdig. »Warum bringt Ihr mich hierher?« fragte sie voller Angst. – »Das wirst du bald sehen«, antwortete Helmers. – »Wollt Ihr mich morden?« – »Nein, aber richten!« Josefa schauderte zusammen. Man sah, wie sie die Lippen übereinanderpreßte, um das Klappern ihrer Zähne nicht hörbar werden zu lassen. »Ihr seid nicht meine Richter«, sagte sie. – »Wer denn, meine schöne Señorita?« – »Ihr habt nicht das Recht, mich zu verurteilen. Dazu ist die Obrigkeit da.« – »Ah! Bist du vielleicht Obrigkeit?« – »Ich? Warum diese Frage?« – »Weil du Señor Arbellez verurteilt hast und dieses Urteil auch ausführen ließest. Wir beanspruchen nur dasselbe Recht wie du.« – »Das steht Euch nicht zu! Ihr seid nur Jäger; ich aber bin die Tochter des zukünftigen Präsidenten.« – »Seit wann dürfen die Töchter der Präsidenten richten und Urteil sprechen? Übrigens machst du dich ungeheuer lächerlich. Dein Vater ist ein Schurke, den wir noch fassen werden, und du bist nichts als der Inbegriff aller Häßlichkeit und Schändlichkeit. Du bist ein ekelhafteres Gewürm als die Krokodile, denen wir dich als mageren Bissen vorwerfen werden.« Das hatte Josefa noch niemand gesagt, aber dennoch fühlte sie keine Entrüstung über diese Beleidigung. Die Angst hatte ihren Stolz gebrochen. Sie fühlte sich als Staub, als ohnmächtige Kreatur. Darum bat sie: »Habt Erbarmen! Arbellez ist ja nicht gestorben!« – »Wir werden dasselbe Erbarmen haben, das du gehabt hast!« antwortete Büffelstirn. »Paß auf!« Der Indianer legte die Hände an den Mund und stieß den klagenden Ton aus, der als Krokodilruf bekannt ist. Sofort geriet die vorher so ruhige Oberfläche des Wassers in Bewegung. Hier und da hatte man in der Nähe der Ufer etwas hervorragen sehen, einem dunklen Baumstumpf, einer großen Wurzel oder einem schwarzen, unförmlichen Stein ähnlich. Jetzt bekamen diese Punkte Leben; es zeigte sich, daß es die Köpfe schlummernder Krokodile waren. Die Tiere kamen herbeigeschossen, drängten sich, Kopf an Kopf, dicht zusammen, peitschten das Wasser mit ihren Schwänzen und klappten die weiten Rachen auf, um die fürchterlichen Zähne zu zeigen und die Kinnladen mit lautem Krachen wieder zusammenzuschlagen. Es war ein schrecklicher Anblick. Josefa überlief es eiskalt. In einem dieser Rachen, die von allerlei Gewürm wimmelten, sollte sie verschwinden, in Stücke zerrissen durch die spitzen, dolchartigen Zähne. »O Santa Madonna!« rief Josefa. »Ihr treibt nur einen furchtbaren Scherz mit mir. Es ist gar nicht Eure Absicht, mich diesen Scheusalen vorzuwerfen.« – »Nein, vorwerfen werden wir dich ihnen nicht«, antwortete Büffelstirn. »Dein Leiden wäre da zu kurz. Du hast einen ganz anderen Tod verdient. Du kennst Alfonzo, der sich einen Rodriganda nennt?« – »Ja«, antwortete sie. – »Du weißt, daß er auf der Hazienda del Erina gewesen ist?« – »Ja.« – »Hast du gehört, was er da erlebte?« – »Er hat es mir erzählt.« – »Hat er dir auch erzählt, daß er über den Krokodilen gehangen hat?« Schon die Erinnerung machte, daß es Josefa kalt überlief. »Ja«, antwortete sie. – »An einem Baum.« – »Ja.« – »Damals ist er leider entkommen; das soll aber bei dir nicht der Fall sein. Siehe diesen Baum! Es ist derselbe, an dem er gehangen hat.« Josefa blickte empor. Sie sah den Stamm, der sich vom Ufer aus schräg über das Wasser hinüberstreckte; sie sah den Ast, der wie dazu geschaffen war, einen Menschen daran niederzulassen. Sie schloß die Augen. Es war ihr, als ob ihr ganzer Leib, ihre ganze Seele in tausend Atome auseinanderfließe. »An jenem Ast wirst du hängen«, fuhr der Mixteka fort. »Die Krokodile sollen dich nicht auf einmal verschlingen, sondern sie sollen dich stückweise auseinanderreißen.« – »Gnade!« stöhnte sie, ohne die Augen zu öffnen. – »Gnade?« hohnlachte Büffelstirn. »Hast du jemals Gnade ausgeübt?« – »Ich verspreche Euch, mich zu bessern!« – »Du kannst nie besser werden. Wenn wir dir das Leben schenkten, würdest du schlimmer als vorher gegen uns wüten!« – »Laßt mir das Leben, so will ich Euch alles bekennen, was ich begangen habe!« – »Wir mögen es nicht wissen!« – »Auch was mein Vater und mein Oheim begangen haben!« – »Wir wissen es bereits!« – »Ich werde Euch alles über Henrico Landola erzählen.« – »Wir mögen über den Schurken gar nichts wissen.« – »Ihr sollt erfahren, welche Bewandtnis es mit Rodriganda hat.« – »Das geht uns ganz und gar nichts an«, antwortete der Indianer ebenso kalt und gleichgültig wie vorher. »Werft ihr einen Lasso über!« Sofort schnallte einer der Mixtekas seinen Lasso von der Hüfte los und kletterte an dem Baum empor, legte den Riemen in die Gabel der beiden überhängenden Äste und kehrte dann, die Enden des Lassos mit den Zähnen haltend, wieder zurück. Auch Büffelstirn machte seinen Lasso los und legte eine Schlinge. »So, jetzt kann es beginnen!« sagte er. – »Übt Barmherzigkeit!« schrie Josefa, die Hände erhebend. – »Barmherzigkeit gegen dich wäre ein Verbrechen«, antwortete er, während er seinen Lasso mit dem einen Ende des anderen zusammenband. – »Ich gestehe, daß jener Alfonzo nicht der Sohn des Grafen von Rodriganda, sondern der Sohn meines Oheims ist!« rief sie, sich auf die Knie erhebend und vor Todesangst die Stellung einer Beterin annehmend. – »Das wissen wir auch ohne dich! Komm her!« Büffelstirn warf Josefa die Schlinge über und zog ihr dieselbe unter den Armen zusammen. Es traten ihr vor Entsetzen die Augen weit aus den Höhlen. »O Gott, o Gott, gibt es denn kein Mitleid?« rief sie mit kreischender, weithin schallender Stimme. »Ich werde alles, alles gestehen, so daß Ihr die ganze Grafschaft Rodriganda erhaltet!« – »Sie gehört uns nicht; wir mögen sie nicht! Zieht an! Eins ...« Josefa begann, mit Händen und Füßen um sich zu schlagen. »Ich will nicht, ich will nicht; ich will leben bleiben, ich mag nicht sterben!« schrie sie mit überschnappender Stimme. – »Zwei ...« kommandierte der Häuptling. Da klammerte sie sich mit ihren gefesselten Händen an Büffelstirn fest und rief: »So sollst du mit sterben, Wüterich! Ich lasse dich nicht los!« – »Drei!« erschallte es jedoch aus seinem Mund. Er stieß sie von sich, zu gleicher Zeit zogen zwei der Mixtekas den Lasso an – ein fürchterlicher, entsetzlicher Schrei erscholl, und Josefa flog von der festen Erde fort und über das Wasser bin. Alle Rachen schnappten nach ihr, aber die Mixtekas zogen so schnell an, daß das Mädchen hoch genug kam, um nicht erreicht zu werden. Dann schwang es schaukelartig hin und her, erst in großen, weiten und dann in immer kleineren und engeren Schwingungen, bis es still und bewegungslos am Riemen hing, gerade über den geöffneten Rachen der Krokodile, die das Wasser zu Schaum peitschten und, miteinander kämpfend, in hundert Schnellungen und Sprüngen ihr Opfer zu fassen suchten. Helmers hatte bisher wortlos zugesehen. »Warten wir«, sagte er, »sie hat die Besinnung verloren.« – »Soll ich sie untertauchen? Dann kommt sie sofort wieder zu sich!« sagte einer der beiden Mixtekas, die den Lasso hielten. – »Nein«, antwortete Büffelstirn, »dann würden die Tiere sie sofort erfassen, und sterben soll sie ja noch nicht.« – »So sollen wir sie so hängenlassen, bis sie wieder zu sich kommt?« – »Ja. Bindet den Lasso am Stamm fest, damit ihr ihn nicht zu halten braucht.« Dies geschah. Und dann setzten sich die Männer in das Gras nieder, um den Augenblick des Erwachens in aller Gemächlichkeit zu erwarten. Die Männer hatten die Wasserfläche vor sich, in der jetzt die Reflexe der Sonne zu glitzern begannen. Das tat dem Auge weh. Ganz unwillkürlich wandte aus diesem Grund Büffelstirn das Haupt seitwärts. Im nächsten Augenblick lag er lang am Boden. »Uff«, sagte er halblaut und warnend. Donnerpfeil war als guter, erfahrener Präriejäger den Bewegungen des Häuptlings gefolgt und hatte sich sofort gleich den anderen Mixtekas zur Erde niedergelegt. »Was ist es?« fragte er. – »Ein Indianer«, antwortete Büffelstirn. »Da drüben unter der großen Zypresse.« Alle richteten die Augen nach dem bezeichneten Punkt. Wirklich, da stand ein Indianer, und gleich darauf trat ein zweiter zu ihm. Sie schienen die Mixtekas noch gar nicht gesehen zu haben. »Zieht das Weib schnell empor, damit sie von dem Laub verdeckt wird«, befahl Büffelstirn. – »Wollen wir sie nicht lieber herunterholen?« fragte ein Mixteka. – »Nein. Man müßte emporklettern, und das würde auffallen.« Josefa wurde also emporgezogen und der Lasso wieder am Stamm befestigt. In diesem Augenblick trat ein dritter Indianer unter den Baum. »Es scheinen mehrere zu sein«, meinte Donnerpfeil. »Man kann nicht erkennen, zu welchem Stamm sie gehören, da es unter der Zypresse zu dunkel ist. Es kann für uns gefährlich werden. Ich werde sie beschleichen.« – »Allein?« fragte Büffelstirn. »Zwei sind in einem solchen Fall besser als einer. Ich gehe mit. Schleiche du dich rechts um den Teich und ich links, so bekommen wir sie von zwei Seiten und treffen hinter ihnen zusammen.« – »Aber unsere Leute, was tun sie?« – »Sie warten, bis wir zurückkommen, und lassen sich bis dahin nicht sehen.« Hätten sie geahnt, wen sie vor oder vielmehr hinter sich hatten, so hätten sie jedenfalls ganz andere Maßregeln ergriffen. 6. Kapitel. In der vergangenen Nacht kamen trotz der Dunkelheit zwei Reiter von Norden her auf die Hazienda zu. In einem kleinen Tal hielt der eine sein Pferd an und sagte: »Hier werden wir wohl warten müssen.« – »Warum, Señor Pirnero?« fragte der andere. – »Weil wir doch nicht wissen, wie es auf der Hazienda aussieht. Juarez ist in Bewegung und die Franzosen ebenfalls; da weiß man nicht, ob man Freunde oder Feinde dort trifft. Wir müssen den Tag abwarten, um ein wenig zu rekognoszieren, ehe wir uns sehen lassen können.« – »So werden wir auch auf ein Feuer verzichten müssen. Wie steht es mit den Augen? Fühlen Sie noch Schmerzen?« – »Nein. Ihr Heilkraut hat geradezu Wunder getan. Das eine ist zwar zerstört, mit dem anderen aber kann ich bereits ebensogut sehen wie vorher.« – »Das freut mich. Steigen wir also vom Pferd, und warten wir den Morgen ab.« Die Männer banden ihre Pferde an ein Gesträuch, um ihnen Gelegenheit zum Fressen zu geben, und lagerten sich dann nahe dabei in das Gras. Da sie müde waren, verzichteten sie auf eine Unterhaltung. Es war nach Mitternacht und so still rundum, daß sie nahe daran waren, einzuschlafen, als sie auf einmal durch das Erschallen eines nahenden Hufschlages wieder aufgemuntert wurden. »Wer mag kommen?« sagte derjenige, den der andere Pirnero genannt hatte. »Horch! Da kommt noch einer.« Wirklich vernahm man jetzt die Hufschläge eines zweiten Pferdes. Sie griffen zu ihren Waffen und lauschten. Da bemerkten sie, daß derjenige Reiter, der ihnen am nächsten war, sein Pferd anhielt. »Wer kommt noch?« rief er nach rückwärts. Sofort hielt auch der zweite Reiter sein Pferd an. »Wer ruft da vorn?« fragte er. – »Einer der losschießen wird, wenn nicht gleich Antwort erfolgt.« – »Oho, ich habe auch eine Büchse.« Zu gleicher Zeit vernahm man das Knacken eines Hahnes. »Antwort!« rief der erste. »Was ist deine Losung?« – »Losung?« fragte der zweite. »Ah, du sprichst von einer Losung. Da bist du ein zivilisierter Kerl und keiner von den verdammten Indianern.« – »Ich ein Indianer? Der Teufel hole die Rothäute! Du redest spanisch wie die Weißen. Gehörst du auf die Hacienda del Erina?« – »Ja.« – »Ein Vaquero wohl?« – »Nein. Ich gehöre zu Señor Cortejo.« – »Alle Teufel, da sind wir Kameraden!« – »So bist auch du ausgerissen?« – »Ja. Es ist mir Gott sei Dank gelungen, durchzuschlüpfen.« – »So brauchen wir einander nicht die Hälse zu brechen, sondern können zusammenbleiben.« – »Gewiß. Komm her!« Der, den sein Kamerad Pirnero genannt hatte, war diesem kurzen Gespräch mit der größten Spannung gefolgt. Jetzt trat er einige Schritte vor und sagte: »Erschreckt nicht! Hier befinden sich auch noch Leute, aber Freunde von euch.« – »Donnerwetter!« flüsterte sein Kamerad in warnendem Ton. »Was fällt Ihnen ein. Die gehören ja zu diesem dummen Cortejo.« Die beiden Mexikaner, die sich allein glaubten, waren im ersten Augenblick vor Überraschung wortlos geworden. Jetzt aber fragte der eine: »Auch noch Leute hier? Wer seid Ihr, auch Flüchtlinge?« – »Nein.« – »Sapperlot, da muß man vorsichtig sein. Wie viele Köpfe zählt Ihr?« – »Nur zwei.« – »Das glaube Euch der Teufel! Woher kommt Ihr?« – »Vom Rio Grande del Norte.« – »Und wohin wollt Ihr?« – »Nach der Hacienda del Erina, zu meiner Tochter und zu Euch.« – »Zu Eurer Tochter? Wer seid Ihr denn?« – »Kennt Ihr mich nicht an der Stimme? Ich bin ja Cortejo selbst.« – »Unsinn!« flüsterte sein Kamerad. »Wir spielen da ein gewagtes Spiel.« – »Cortejo?« fragte der Mexikaner. »Macht uns nichts weis. Cortejo käme nicht nur mit einem Mann zurück.« – »Und doch ist es so. Ihr sollt es gleich sehen. Ich komme hin zu Euch.« – »Aber ja allein. Ich halte das Gewehr schußbereit.« Der zweite Reiter hatte sich unterdessen dem ersten zugesellt. Die Büchsen schußfertig in den Händen, lauschten sie auf die Schritte der Nahenden. Sie hörten, daß es nur einer sei, und das beruhigte sie. Cortejo kam ganz nahe an sie heran, blieb da stehen und fragte: »Hat einer von Euch ein Zündholz mit? Ich komme aus der Wildnis und kann kein Feuer machen.« – »Feuer? Wozu?« fragte der andere. – »Ich meine ja nicht ein großes Feuer, sondern nur ein Zündholzlicht, damit Ihr mich erkennen könnt.« – »Das ist etwas anderes. Haltet das Gesicht nahe.« Der Sprecher griff in die Tasche. Im nächsten Augenblick flammte ein Zündholz auf, mit dem der Mann Cortejo in das Gesicht leuchtete. »Alle Teufel!« rief er. »Wahrhaftig Ihr seid es, Señor Cortejo. Wo habt Ihr die anderen gelassen?« – »Das werdet Ihr später erfahren. Sagt zuvor, was auf der Hazienda geschehen ist, daß Ihr fliehen mußtet.« – »Da wollen wir zunächst absteigen. Wir sind weit genug entfernt, um sicher zu sein. Und vielleicht gelingt es uns, noch einige der Unsrigen heranzuziehen.« Die beiden Männer stiegen von ihren Pferden. »Kommt mit in die Schlucht hinein«, gebot Cortejo. »Da können wir uns nötigenfalls verstecken. Und kommen ja noch Freunde von uns in dieser Richtung, so müssen sie an uns vorüber, und wir können sie anreden.« Die Männer folgten Cortejo dorthin, wo sein Kamerad stand. Dieser hatte ihren Fragen und Antworten schweigend zugehört. Jetzt aber legte er Cortejo die Hand auf den Arm und sagte: »Señor, ist es wirklich wahr, daß Sie Cortejo sind?« – »Ja«, antwortete der Gefragte. – »Sie heißen also nicht Pirnero und kommen jedenfalls auch nicht vom Fort Guadeloupe.« – »Nein, mein Freund.« – »Sprecht dieses Wort nicht aus. Ihr habt mich getäuscht und belogen. Da kann von einer Freundschaft und Kameradschaft keine Rede mehr sein.« – »Ereifert Euch nicht«, meinte da Cortejo in beruhigendem Ton. »Ich war gezwungen, Euch zu täuschen; aber ich habe dabei nicht die Absicht gehabt, Euch Schaden zuzufügen.« – »Aber ihr habt während unseres Rittes oftmals gehört, was ich von Cortejo halte.« – »Das ist wahr, und gerade deshalb zog ich es vor, Euch meinen Namen nicht zu nennen. Aber meinen Verpflichtungen gegen Euch werde ich trotzdem pünktlich nachkommen; denn ich habe Euch viel zu danken.« Der Jäger Grandeprise, denn dieser war es, schwieg eine Weile, jedenfalls um seinen Ärger zu besiegen und das Für und Wider genau abzuwägen, dann sagte er: »Ich pflege zwar dem, der mich belogen hat, niemals wieder Glauben zu schenken, dennoch aber ersuche ich Euch um Antwort darüber, ob es wirklich wahr ist, daß Ihr Henrico Landola kennt.« – »Es ist wahr«, antwortete Cortejo. – »Ihr belügt mich nicht?« – »Nein.« – »Und ebenfalls ist es wahr, daß Ihr mit ihm zusammentreffen werdet?« – »Ganz gewiß.« – »Könntet Ihr das nötigenfalls beschwören?« – »Ich beschwöre es.« – »Gut, so will ich Euch das andere verzeihen. Ihr brauchtet Hilfe, und ich habe sie Euch geleistet, weil Ihr ein Mensch wart, und ich bin auch einer. Eure Lage war so, daß Ihr vorsichtig sein mußtet, und so will ich es Euch nicht übelnehmen, daß Ihr mich getäuscht habt. Aber ich erwarte ganz bestimmt von Euch, daß Ihr das Versprechen erfüllt, daß Ihr mir gegeben habt.« – »Ihr meint die Geldzahlung?« – »Diese ist die Hauptsache nicht. Ich will Landola haben.« – »Ihr sollt ihn bekommen. Hier meine Hand.« Der Amerikaner schlug ein. »Abgemacht also«, sagte er. »Ich bin kein politischer Gesinnungsgenosse von Euch. Ihr dürft in dieser Beziehung nicht auf mich rechnen. Aber in persönlichen Angelegenheiten werde ich Euch zur Seite stehen, da ich doch nun bei Euch bleiben werde, bis Landola zu fassen ist.« – »Señor Cortejo, wer ist dieser Mann?« fragte einer der Mexikaner. – »Ein Jäger aus den Vereinigten Staaten«, antwortete Cortejo. – »Wie heißt er?« – »Grandeprise.« – »Grandeprise, ah! Den kenne ich. Wie schade, daß es so dunkel ist!« – »Ihr kennt mich?« fragte der Jäger. »Woher?« – »Mein Oheim hat mir von Euch erzählt. Kennt Ihr den Pater Hilario?« – »Den Pater Hilario? Der früher im Kloster della Barbara zu Santa Jaga gewesen ist? Ob ich den kenne. Er hat mir ja das Leben gerettet.« – »Ja. Ihr seid damals auf einer Reise oder auf einer Jagdfahrt gewesen und ganz krank und hinfällig nach Santa Jaga gekommen.« – »Das Fieber hatte mich ergriffen. Der Pater nahm sich meiner an, gab mir Medizin und pflegte mich. Ohne ihn wäre ich gestorben. Wenn Ihr sein Neffe seid, so müssen wir Freunde werden. Hier meine Hand.« Eben als die beiden Männer einschlugen, ließ sich das nahende Getrappel von mehreren Pferden hören. Es mochten gegen zehn Reiter sein, die daherkamen und in die Schlucht einbogen. »Verdammter Weg bei Nacht«, sagte einer. »Man könnte den Hals brechen.« – »Immer besser, als von den Indianern bei lebendigem Leibe geschunden und skalpiert zu werden«, antwortete ein anderer. Daraus entnahm Cortejo, daß diese Männer zu seinen Leuten gehören mußten. Er rief sie daher an: »Halt! Wartet! Hier sind noch andere!« Die Reiter hielten ihre Pferde augenblicklich an. Man vernahm das Knacken von Hähnen. »Wer ist hier?« fragte einer. – »Ich bin es!« antwortete der Neffe des einstigen Paters Hilario. – »Ach, du, Manfredo! Dich kenne ich an der Stimme. Wie viele seid ihr hier?« – »Vier. Señor Cortejo ist auch dabei.« – »Señor Cortejo? Ah, ist das die Möglichkeit!« – »Ja. Er stand eben im Begriff, nach der Hazienda zu kommen, als wir hier auf ihn trafen. Steigt ab und kommt herbei!« Dies geschah. Die Pferde wurden darauf angebunden, und die Männer traten in der Nähe von ihnen zusammen. Die zehn hatten sich gefunden und den Beschluß gefaßt, nach Norden zu retirieren, weil sie dort Cortejo mit den anderen Kameraden wußten, auf die sie glücklichenfalls zu treffen hofften. »Aber um Gottes willen, was ist denn geschehen?« fragte Cortejo. – »Die Hazienda ist überfallen worden«, lautete die Antwort. – »Von wem? Von Indianern, wie ich höre?« – Ja.« – »Und ihr flieht? Ihr habt nicht gekämpft?« – »Nicht gekämpft, Señor? Oh, wir haben uns nach Kräften gewehrt, aber sie waren uns ja an Zahl vielfach überlegen.« – »So befinden sie sich im Besitz der Hazienda?« – »Leider!« – »Wie viele waren es?« – »Wer konnte diese Teufel zählen! Es müssen über tausend gewesen sein.« – »Mein Gott, wo ist da meine Tochter?« – »Wer weiß das!« – »Ihr wißt es nicht?« fragte Cortejo erschrocken. »Ihr müßt sie doch gesehen haben!« – »Gesehen? O nein! Die Roten kamen so plötzlich über uns, daß sich der eine gar nicht um den anderen kümmern konnte.« – »Welch ein Unglück! Was für Indianer waren es? Apachen vielleicht?« – »Nein. Ich hörte, daß einer von ihnen sich einen Mixteka nannte.« – »Ich muß wissen, was mit meiner Tochter geschehen ist! Ich kann diese Gegend nicht eher verlassen!« – »Beruhigt Euch, Señor!« nahm nun Grandeprise das Wort. »Die Mixtekas sind nicht wie die Apachen und Komantschen. Wie ich sie kenne, töten sie kein Frauenzimmer.« – »Das ist eine Art von Trost. Aber ich muß doch erfahren, welches ihr Schicksal ist.« – »Ich begreife das, und Ihr sollt es auch erfahren.« – »Aber wie? Ich selbst darf mich nicht erkundigen, und auch keiner dieser Leute darf es wagen, nach der Hazienda zurückzukehren.« – »Überlaßt das mir. Ich verstehe es, einen Ort auszuforschen. Nötigenfalls gehe ich morgen nach der Hazienda. Vor allen Dingen muß man wissen, weshalb die Mixtekas sie überfallen haben.« – »Wer weiß das!« meinte der bisherige Sprecher. – »Einen Grund haben sie auf alle Fälle. Ist nicht vielleicht vorher etwas Auffälliges geschehen?« – »O doch! Gestern um Mitternacht leuchtete auf einem nahen Berg eine riesige Flamme auf.« – »Das kann zufällig geschehen sein.« – »Nein, es muß ein Zeichen gewesen sein, denn bald darauf leuchteten an verschiedenen Stellen ähnliche Feuer auf.« – »Rundum?« – »Rundum!« – »So muß man darin allerdings ein Zeichen erblicken. Ich denke, die Mixtekas haben sich gerufen, um euch als Feinde des Juarez aus dem Land zu treiben. Das setzt eine einheitliche Leitung voraus. Wer war der Anführer dieser Leute?« – »Wir hatten keine Zeit, dies zu bemerken.« – »War kein Weißer dabei?« – »O doch, zwei sogar.« – »Ah! Vielleicht sind wir jetzt beim Richtigen. Wer waren diese Männer?« – »Niemand weiß es. Sie kamen und stiegen ab. Sie gingen nach der Wachtstube und sagten da, daß sie mit Señorita Josefa reden wollten.« – »Dies wurde ihnen erlaubt?« – »Nein. Man verweigerte es ihnen. Der eine von ihnen aber schlug den Wachtmeister nieder, und darauf gingen die beiden hinauf zur Señorita.« – »Und dann?« – »Nun, dann fiel oben bei der Señorita ein Schuß. Zu gleicher Zeit ertönte rund um die Hazienda ein schreckliches Geheul, und von allen Seiten drangen die Feinde auf uns ein.« – »Wie viele Männer befanden sich in der Wachtstube?« – »Es mögen über zwanzig gewesen sein.« – »Über zwanzig?« wiederholte Grandeprise halb erstaunt und halb spöttisch. »Und diese zwanzig ließen es sich gefallen, daß der Wachtmeister niedergeschlagen wurde?« – »Was wollten wir dagegen machen?« – »Ihn selbst niederschlagen!« – »Ah! Ihr hättet ihn sehen sollen! Er sagte nicht, wer er war. Er trat so auf, als ob er ein Bote oder ein Verbündeter von Señor Cortejo sei. Er tat ganz so, als ob er zu befehlen habe.« – »Wie ich nach allem, was ich erfahren habe, vermuten darf, hatte doch nur Señor Cortejo auf der Hazienda zu befehlen!« – »Allerdings! Aber einige hielten ihn für den Panther der Südens.« – »Der ist allerdings ein Verbündeter von Señor Cortejo. Aber sagtet Ihr nicht, daß dieser Mann ein Weißer gewesen sei?« – »Ja.« – »Und der Panther des Südens ist ja doch ein Indianer!« – »Wer denkt in einem solchen Augenblick an alles!« – »Beschreibt mir den Mann einmal!« Dies geschah. Grandeprise hörte aufmerksam zu und schüttelte nachdenklich den Kopf. »Einen solchen Mann«, erwiderte er, »so riesenhaft gebaut, mit einem so langen Bart und genauso gekleidet und bewaffnet, habe ich neben Juarez da unten am Sabinafluß gesehen. Ob es der sein wird?« – »Wer war es?« fragte Cortejo. – »Ich weiß es nicht. Aber Juarez schien sehr viel auf ihn zu geben.« – »Sagtest du nicht, daß im Zimmer meiner Tochter ein Schuß gefallen sei?« fragte Cortejo den Sprecher. – »Ja.« – »Heilige Jungfrau! Man hat sie erschossen!« – »Das glaube ich nicht«, meinte Grandeprise. »Nicht wahr, sobald der Schuß erschollen war, begann der Überfall?« – »Ja«, antwortete der Berichterstatter. – »Nun, so ist der Schuß einfach das Zeichen des Angriffes gewesen, und Ihr braucht keine Angst zu haben, daß Eurer Tochter etwas geschehen ist.« – »Aber dann ist sie jedenfalls doch Gefangene!« – »Allerdings.« – »Man muß sie befreien!« – »Nötigenfalls. Ich werde Euch dabei helfen, so gut und so viel ich kann.« – »Wäre es da nicht geraten, gleich jetzt die nötigen Schritte zu tun?« – »Hm!« brummte der Jäger. »Das ist gefährlich. Welche Schritte meint Ihr denn dabei, Señor?« – »Ich weiß es nicht. Aber sagtet Ihr nicht, daß Ihr es verständet, einen Ort zu belauschen?« – »Das habe ich gesagt. Aber dieser Ort ist hier von tausend Indianern umgeben und bewacht.« – »Morgen auch. Und jetzt bei Nacht ist das Lauschen leichter als morgen am hellen Tage.« – »Das denkt Ihr bloß. Jetzt suchen die Roten noch die ganze Gegend nach Flüchtlingen ab. Erwischt man mich, so hält man mich für einen von Euren Leuten, und ich bin verloren. Morgen am Tag aber, wenn ich offen nach der Hazienda reite, wird man glauben, daß ich ein Amerikaner bin.« – »Aber was kann bis dahin Schlimmes geschehen!« – »Das ist allerdings richtig«, meinte Grandeprise nachdenklich. – »Señor Grandeprise, ich bitte Euch um Gottes willen, tut, was Ihr tun könnt, und tut es so bald wie möglich.« – »Es ist sehr gefährlich! In welcher Richtung liegt die Hazienda?« – »Gerade dorthin«, antwortete der Berichterstatter, den Arm ausstreckend. – »Und wie lange geht man, um sie zu erreichen?« – »Eine halbe Stunde ungefähr.« – »So will ich es wagen. Ich gehe hin.« – »Ich danke Euch!« sagte Cortejo. »Ihr sollt es nicht bereuen, Euch für mich und meine Tochter in Gefahr begeben zu haben!« – »Haltet Wort, Señor. Ich erinnere Euch an Henrico Landola. Aber es ist in dieser Dunkelheit nicht leicht, diese Schlucht zu finden. Kennt Ihr den Ruf der großen, mexikanischen Wasserunke?« – »Wir alle.« – »Kann ihn jemand von Euch nachmachen?« – »Ich«, antwortete einer. – »Nun gut. Sollte ich die Schlucht nicht gleich wiederfinden, so werde ich diesen Ruf ausstoßen, und Ihr antwortet. Man hört ihn in stiller Nacht sehr weit. Ich werde also nicht lange irrezugehen brauchen.« – »Wann kommt Ihr wieder?« – »Ich weiß es nicht. Vielleicht komme ich gar nicht wieder. Wenn man mich ergreift, so ist es um mich geschehen.« – »Die heilige Madonna mag dies verhüten!« – »Bin ich zum Tagesgrauen noch nicht zurück, so braucht Ihr Euch nicht weiter um mich zu bekümmern und könnt dann Eure eigenen Schritte tun. Mein Pferd lasse ich da. Verhaltet Euch so ruhig, daß Ihr von den jedenfalls herumstreifenden Mixtekas nicht entdeckt werdet! Jetzt lebt wohl!« Der verwegene Jäger verschwand nach diesen Worten im Dunkel der Nacht. Er hatte gesagt, daß er kein politischer Gesinnungsgenosse von Cortejo sei. Und hätte er dessen Leben und Taten genauer gekannt, so wäre es ihm jedenfalls gar nicht eingefallen, einen Schritt für ihn oder zur Rettung seiner Tochter zu tun. Als Grandeprise fort war, lagerten sich die anderen auf dem Boden, teilten sich die erlebten Episoden des heutigen Abends mit und forderten Cortejo auf, sie auch seine eigenen Erlebnisse wissen zu lassen. Es lag nicht in dessen Interesse, ihnen alles zu erzählen. Sie durften unmöglich erfahren, daß sein Zug nach dem Rio Grande del Norte vollständig mißglückt sei und daß seine Begleiter den Tod gefunden hatten. Er teilte ihnen darum nur so viel mit, als er für vorteilhaft hielt. Er sagte, daß ihre Kameraden sich an dem genannten Fluß versteckt hätten, um die Beute zu erwarten, die leider später komme, als vorher berechnet worden sei. Er selbst habe sich auf den Rückweg begeben, da er seine Anwesenheit auf der Hazienda für notwendig gehalten habe. Dabei sei er in die Hände von Apachen gefallen und am Auge verletzt worden. Sie nahmen seine Darstellung für bare Münze auf. »Aber was tun wir nun?« fragte einer. »Die Hazienda ist zum Teufel!« – »Noch nicht«, antwortete Cortejo. »Es werden außer Euch noch mehrere entkommen sein.« – »Wohl schwerlich. Wer sich nicht gleich in den ersten Augenblicken zu retten verstanden hat, um den ist es ganz sicher geschehen.« – »Wir werden ja sehen. Hoffen wir das beste. Bei Beginn des Tages wird es sich finden, ob Ihr die einzigen Geretteten seid.« – »Und dann? Die Hazienda bekommen wir doch nicht wieder.« – »Warum nicht?« – »Weil wir zu schwach sind.« – »Es fragt sich sehr, ob diese tausend Mixtekas da liegenbleiben.« – »Jedenfalls, wenn es so ist, wie dieser Amerikaner meinte, nämlich, daß sie es mit dem Präsidenten Juarez halten.« – »So werden wir in kurzer Zeit auch wieder stärker sein. Meine Agenten werben unablässig und senden mir Leute aus den südlichen Gegenden herbei. Diese ziehen wir an uns.« – »Ah, sie werden uns nicht finden.« – Ja, das denke ich auch«, meinte Manfredo. »Sie werden meinen, daß wir uns noch auf der Hazienda befinden und dort den Mixtekas geradezu in die Hände laufen.« – »Wir werden das dadurch verhüten, daß wir sie unterwegs an irgendeinem passenden Ort, den wir uns erst suchen müssen, auffangen.« – »An einem bewohnten Ort?« – »Nein, das ist zu gefährlich.« – »Ihr meint, daß wir uns wie Banditen in den Wald legen sollten?« – »In den ersten Tagen bleibt uns nichts anderes übrig. Sind wir dann wieder stark genug, so ist es ja leicht, uns irgendeines Städtchens zu bemächtigen oder die Mixtekas aus der Hazienda zu vertreiben.« – »Ich weiß etwas viel Besseres«, meinte da Manfredo. »Liegt nicht das alte Kloster della Barbara an unserem Weg?« – Ja, gerade an unserem Weg. Aber die Stadt Santa Jaga hält es mit dem Präsidenten.« – »Was geht das uns an, Señor?« – »Sehr viel. Man würde uns abweisen oder, was noch viel schlimmer ist, gefangennehmen und an Juarez ausliefern.« – »Es ist wahr, daß wir dies zu erwarten hätten, wenn wir uns auf die Stadt verlassen wollten. Aber das Kloster liegt außerhalb derselben.« – »Was nützt uns das?« – »Wir brauchen gar nicht nach der Stadt, sondern wir nisten uns, ohne daß jemand etwas erfährt, im Kloster ein.« – »Das ist unmöglich!« – »Wieso? Habt Ihr vorhin nicht gehört, daß mein Oheim, Pater Hilario, sich dort befindet?« – »Du meinst, daß dieser uns von Nutzen sein könnte?« – »Ja.« – »Zu welcher Partei hält er?« – »Zu jeder, die gegen Juarez ist. Juarez hat das Kloster aufgehoben. Es bestand aus einem Mönchs- und einem Nonnenkloster. In dem letzteren haben sich viele Töchter vornehmer Familien befunden, die dort erzogen wurden. Juarez meinte, es sei in den beiden Klöstern viel Unfug getrieben worden. Er hob es auf und machte eine Kranken- und Irrenanstalt daraus. Was gingen ihn die Klöster an? Sind die Nonnen und Mönche nicht auch Menschen?« – »Das ist wahr«, lachte Cortejo. – »Mein Oheim war Superior. Jetzt ist er bloß ärztlicher Gehilfe. Er glüht von Haß gegen Juarez und wird uns mit Freuden aufnehmen.« – »Aber die anderen? Seine jetzigen Vorgesetzten?« – »Um diese kümmert er sich gar nicht; denn sie werden gar nicht bemerken, daß wir uns im Kloster befinden.« – »Ich denke im Gegenteil, daß unsere Gegenwart sofort bekannt werden wird. Man muß uns doch sehen und wird sich dann natürlich auch nach uns erkundigen.« – »Nein, man wird uns nicht sehen. Das Kloster hat so viele geheime Gemächer und Gänge, daß wir um unsere Sicherheit und um gutes Unterkommen gar keine Sorge zu haben brauchen.« – »Sind diese Gänge und Gemächer nicht bekannt?« – »Nein. Mein Oheim ist der einzige, der sie kennt. Die anderen Brüder des Ordens wurden nach allen Winden zerstreut, und nur Pater Hilarius durfte bleiben, weil er in der Heilkunde erfahren ist.« – »Das wäre allerdings sehr vorteilhaft für uns. Ich werde mir diesen Plan überlegen. Jetzt aber wollen wir still sein und ruhen. Wir wissen nicht, welche Anstrengungen der nächste Tag bringen wird. Ihr könnt versuchen, ein wenig zu schlafen. Ich werde wachen.« Hierauf trat Stille ein, und da auch die Pferde kein Geräusch verursachten, so hätte ein zufälligerweise in die Nähe kommender Mensch nicht ahnen können, daß hier dreizehn Männer lagen, die, kaum dem Tode entgangen, doch schon wieder gegen die gesellschaftliche Ordnung ihre Pläne schmiedeten. Sie alle brachten es über sich, zu schlafen, nur Cortejo wälzte sich ruhelos hin und her. Sein Unternehmen am Rio Grande, von dem er sich soviel versprochen hatte, war gescheitert, und er selbst als halbblinder Mann von demselben zurückgekehrt. Anstatt hier ein Asyl zu finden, hatte er die Hazienda verloren, und auch seine Tochter war gefangen. Geächtet und des Landes verwiesen, wußte er nicht, wo aus noch ein. Er schmiedete jetzt rachsüchtige Entwürfe, wurde jedoch in seinem Denken und Grübeln durch die Sorge gestört, die ihm das lange Ausbleiben des Jägers verursachte. 7. Kapitel. Schon begann sich im Osten ein leichter, grauer Streifen zu bilden, um den Horizont anzudeuten, hinter dem die Sonne erscheinen werde, da hörte Cortejo am Eingang der Schlucht ein Steinchen rollen. Sofort sprang er auf und fragte mit halblauter Stimme, indem er zugleich zur Waffe griff: »Wer ist da?« – »Gut Freund!« antwortete es mit ebenso gedämpfter Stimme. »Grandeprise.« – »Gott sei Dank!« Diese Worte sprach Cortejo mit einem so tiefen Seufzer, daß man deutlich hören konnte, welche Beklemmung ihn bisher beherrscht hatte. Die anderen waren erwacht und erhoben sich. Grandeprise stand bereits bei ihnen. »Nun, wie ist es gegangen?« fragte Cortejo. – »Ziemlich gut«, antwortete der Amerikaner. – »Habt Ihr Nachricht?« – »Ich weiß, daß Eure Tochter noch lebt« – »Ach! Welch ein Glück! Wie habt Ihr es erfahren?« – »Ich habe es erlauscht. Aber ich weiß noch viel Wichtigeres.« – »Oh, das wichtigste ist, daß Josefa nicht tot ist. Werden wir sie befreien können?« – »Das ist noch sehr ungewiß, Señor.« – »Sie muß frei werden. Ich werde mein Leben daran setzen. Und Ihr habt mir ja versprochen, auch Euer möglichstes zu tun.« – »Hm, ja!« dehnte der Jäger. »Aber ich habe nicht gewußt, welche berühmten Leute wir gegen uns haben.« – »Berühmte? Doch nur diese Mixtekas.« – »Ja, wenn es nur diese wären! Aber wißt Ihr, unter wem diese Indianer stehen?« – »Nun, doch unter irgendeinem ihrer sogenannten Häuptlinge.« – »Allerdings. Aber dieser Häuptling ist ein ganzer Kerl und wiegt schwerer als mancher mexikanischer General.« – »Ich kenne keinen Mixteka, auf den man diese Worte anwenden könnte.« – »Nicht? Habt Ihr noch nie von Büffelstirn gehört?« – »Büffelstirn? Der ist ja tot.« – »Fällt ihm nicht ein. Er ist auf der Hazienda.« – »Unmöglich! Das ist ein Irrtum! Dieser Mann ist bereits seit beinahe zwanzig Jahren tot.« – »So hat man allerdings gedacht, aber mit Unrecht. Auch ich habe mir sehr viel von ihm erzählen lassen, und stets wurde hinzugefügt, daß er tot sei. Heute aber bin ich eines Besseren belehrt worden. Er ist es, der gestern abend durch die Feuersäulen seine Mixtekas zusammengerufen hat, um die Hazienda zu entsetzen. Übrigens hat Ihr mir sehr viel verschwiegen, Señor! Ihr habt mir Dinge verschwiegen, deren Kenntnis mich jedenfalls abgehalten hätte, Euer Verbündeter zu werden.« – »Was meint Ihr?« – »Ihr habt Señor Arbellez gefangengenommen.« – »Nur scheinbar.« – »Nennt Ihr das scheinbar, wenn Ihr ihn dabei halb totschlagen und dann in einen Keller stecken laßt, wo er verhungern soll?« – »Man hat Euch belogen!« – »Man hat mich nicht belogen, denn man hat gar nicht gewußt, daß ich zugegen war und horchte. Auch die gute Marie Hermoyes, die mich damals so gastfreundlich aufnahm, habt Ihr eingesteckt.« – »Aus Vorsicht!« – »Wozu diese Vorsicht? Warum habt Ihr überhaupt dem alten Señor Arbellez seine Hazienda genommen?« – »Weil sie mir gehört. Er hat ein Dokument gefälscht, mit Hilfe dessen er nachweisen will, daß der Graf de Rodriganda ihm diese Besitzung geschenkt oder als Erbe hinterlassen habe.« – »Was geht Euch das an? Seid Ihr der Erbe des Grafen? Zeigt den Haziendero bei der Behörde an, wenn er ein Fälscher ist, aber nehmt Euch vor Gewalttaten in acht, die Euch selbst mit den Behörden in Konflikt bringen.« Cortejo antwortete im Ton der Ungeduld: »Es geht dem Lauscher sehr oft wie Euch, nämlich, daß er Dinge, die er behorcht, nur halb vernimmt und daher eine ganz falsche Vorstellung von ihnen bekommt. Ihr seid über diese Angelegenheit ebenso falsch berichtet, wie über das Vorhandensein des Häuptlings Büffelstirn.« – »Pah! Ich habe ihn gesehen.« – »Büffelstirn?« – »Ja. Es war Büffelstirn, denn ich sah ihn an der Seite eines Mannes, mit dem er damals verschwand.« Jetzt war es Cortejo doch nicht mehr geheuer. »Wer wäre das?« fragte er. – »Bärenherz, der berühmte Häuptling der Apachen.« – »Unsinn!« – »Haltet es immerhin für Unsinn. Was ich aber sehe, das sehe ich.« – »Ihr hättet Bärenherz gesehen? Habt Ihr ihn denn gekannt?« – »Sehr gut, sehr gut sogar. Ich habe ihn getroffen, als er mit Donnerpfeil, einem deutschen Jäger, der eigentlich Helmers hieß, in den Bergen der Sierra Warana jagte.« – »Donnerpfeil? Helmers? Ah, den hat Ihr auch gekannt?« – »Ja, gekannt und heute wiedererkannt« – »Erkannt? Was wollt Ihr damit sagen?« – »Nichts weiter, als daß Donnerpfeil sich auf der Hazienda befindet.« – »Wollt Ihr mich wirklich glauben machen, daß die Toten wieder auferstehen?« – »Nein; aber ich habe gesehen, daß Totgeglaubte noch leben können.« – »Büffelstirn, Bärenherz und Donnerpfeil sind tot. Ich weiß es ja ganz gewiß von einem Zeugen, der sie sterben sah.« – »So gebt diesem Zeugen eine Ohrfeige, wenn Ihr ihn wieder treffen solltet Leute, die ich einmal gesehen habe, pflege ich nicht wieder zu vergessen. Und dieser berühmte Sternau, den sie den Fürsten des Felsens nannten, er ist gleich gar nicht zu verkennen.« Jetzt fuhr der Schreck doch dem ungläubigen Cortejo in die Beine. »Sternau?« fragte er. »Der ist ja tot!« – »Nein, auch er lebt. Ich habe ihn gesehen. Er stand an der Tür der Hazienda.« – »Habt Ihr ihn gekannt?« – »Nein, aber er ist mir beschrieben worden. Er ist derjenige, der den Wachtmeister niedergeschlagen hat, und ich vermutete ganz richtig, als ich ahnte, daß es der riesenhafte Reiter sei, den ich bei Juarez sah.« – »Ihr redet wahrhaftig Dinge, die mir nicht im Traum vorkommen würden!« – »Mir sind sie in der Wirklichkeit vorgekommen.« – »Erzählt das doch ausführlicher!« – »Nun, ich kam ungehindert in der Nähe der Hazienda an, obgleich einzelne Mixtekas noch draußen herumsuchten, um noch etwaige Flüchtlinge abzufangen. Ich schlich mich bis an die Palisaden, mitten durch die Gruppe dort stehender Feinde.« – »Welches Wagnis!« rief einer der Mexikaner bewundernd. – »Nicht so schlimm. Sobald ich sah, daß jemand in meine Nähe kam, streckte ich mich lang hin und stellte mich tot, gerade als ob ich einer der Ewigen sei, der beim Überfall niedergestreckt wurde. So lag ich an den Palisaden und belauschte das Gespräch mehrerer Mixtekas. Dadurch erfuhr ich, daß der Fürst des Felsens, Donnerpfeil, Bärenherz und Büffelstirn anwesend seien. Ich sah diese vier auch, einen nach dem anderen durch eine Lücke in den Palisaden. Drinnen im Hof brannte ein Feuer, das alles beleuchtete.« – »Und doch muß es eine Täuschung sein!« meinte Cortejo. – »Es ist die Wahrheit. Wollt Ihr Euch überzeugen, so könnt Ihr Sternau auch sehen.« – »Ah! Wo?« – »Bei einem Steinbruch hier in der Nähe, ich weiß aber nicht wo.« – »Ist Sternau dort?« – »Jetzt nicht, aber er wird nach dem Anbruch des Tages hinkommen, um die Toten dort zu begraben.« – »Ich muß ihn sehen!« – »Tut das, Señor Cortejo«, sagte der Jäger ein wenig ironisch. – »Ihr werdet mich begleiten!« – »Ich? Fällt mir gar nicht ein. Ich habe jetzt meine Haut riskiert; werde sie aber nicht bei hellem Tag zu Markte tragen.« – »Ist das so gefährlich?« – »Wollt Ihr am hellen Tag diesen Sternau nebst einigen hundert Mixtekas beschleichen? Das bildet Euch um Gottes willen nicht ein!« – »So muß ich darauf verzichten!« – »Ich rate es Euch.« – »Ihr seid vollständig überzeugt, daß die vier genannten Männer leben und auf der Hazienda zugegen sind?« – »Ich habe sie ja gesehen!« Cortejo wußte nicht, was er denken sollte. Er sagte sich, daß Landola ihn fürchterlich getäuscht haben müsse, wenn es wahr sei, daß diese Personen nicht tot waren, und er beschloß, sich an ihm zu rächen, vor allen Dingen aber die vier unschädlich zu machen. Zugleich sagte er sich, welche Gefahr seiner Tochter drohe, die sich in der Gewalt ihrer ärgsten Feinde befand. »Ihr sagtet, meine Tochter lebe noch?« fragte er. – »Ja. Sie ist gefangen.« – »Wie behandelt man sie?« – »Das weiß ich nicht.« – »Man wird sie in ihrem Zimmer bewachen.« – »O nein. Man hat sie in dem Keller eingeschlossen, in dem Señor Arbellez verschmachten sollte.« – »Himmel! Woher wißt Ihr das, was Ihr über sie sagt?« – »Die Mixtekas sprachen davon.« – »Sie muß befreit werden! Ist jetzt nichts zu tun, Señor Grandeprise?« – »Gar nichts! Doch müssen wir uns beeilen. Ich sah einige Männer fortreiten und hörte, daß sie bestimmt seien, Juarez Nachricht zu bringen.« – »Alle Teufel! So kommt er vielleicht gar.« – »Das steht zu erwarten. Er wird ein ganzes Heer mitbringen, und dann ist es zu spät, Eure Tochter herauszubekommen.« – »Was tun?« fragte Cortejo voller Angst. – »Das läßt sich noch nicht sagen. Der Tag bricht an. Wir dürfen nicht gesehen werden und müssen uns verbergen. Vielleicht kommt mir während des Tages ein guter Gedanke. Jedenfalls aber werde ich den Abend dazu benutzen, noch einmal zu spionieren, dann wird es sich zeigen, was übermorgen zu tun ist Länger dürfen wir nicht warten.« – »Schon das ist zu lange.« – »Verlangt nichts Unmögliches, Señor Cortejo. Hätte ich Euch nicht mein Wort gegeben und meine Hilfe zugesagt, so würde ich mich hüten, gegen Männer zu intrigieren, denen ich nicht gewachsen bin und denen meine Bewunderung gehört. Kennt Ihr einen Platz, wo man ein Versteck findet?« – Ja. Im Norden der Hazienda liegt ein Wald.« – »Das ist nichts. Wir müßten an del Erina vorüber und wären zu einem großen Bogen gezwungen. Dabei würde es völlig hell, und wir könnten von den umherschweifenden Mixtekas bemerkt werden. Ich entsinne mich, damals, als ich auf der Hazienda war, im Westen einen bewaldeten Berg bemerkt zu haben. Kennt Ihr ihn?« – »Ihr werdet den Berg El Reparo meinen.« – »Er trägt doch viel Wald, in dem man sich verbergen kann?« – Ja. Wollt Ihr hin?« – »Es wird das beste sein. Wir sind in sicherer Entfernung von der Hazienda und doch auch so nahe, daß ich sie am Abend leicht erreichen kann.« – »So wollen wir von hier aufbrechen?« – »Ich schlage es vor. Der Morgen wird immer heller. Steigen wir zu Pferde und machen uns aus dem Staub, ehe es möglich ist, uns zu entdecken.« Dieser Vorschlag wurde sogleich ausgeführt. Die vierzehn Männer stiegen auf und ritten zunächst in nördlicher Richtung davon. Erst als es so hell geworden war, daß man den Berg erblicken konnte, schlugen sie die westliche Richtung ein, in der sie ihn erreichen mußten. Sie langten an seinem nordöstlichen Fuß an und ritten unter dem Dach des Waldes an seiner Seite empor. Dies ging nicht leicht und wurde noch schwerer, als oben die Bäume dichter zusammentraten. Man war jetzt gezwungen abzusteigen und die Pferde an den Zügeln zu führen. Es gab hier keinen Weg oder irgend etwas, was einem Pfad geglichen hätte. »Wollen wir nicht anhalten und hierbleiben?« fragte Cortejo. Er richtete die Worte an den Amerikaner, dessen ganzes Verhalten die anderen unwillkürlich gezwungen hatte, ihn stillschweigend als Anführer anzuerkennen. Grandeprise sagte: »Warum hier, Señor?« – »Weil wir hier ebenso sicher sind als oben und den Weg und die Anstrengung nicht haben.« – »Bleibt wo Ihr wollt! Ich reite vollends hinauf. Da oben gibt es jedenfalls eine Weite Aussicht. Vielleicht ist es möglich, eine Stelle zu finden, von der aus man die Hazienda, von weitem wenigstens, beobachten kann.« Das war ein Grund, den die anderen anerkannten. Sie arbeiten sich also, die Pferde hinter sich führend, immer weiter den Berg hinan. Endlich hörte die Steigung auf. Das Terrain wurde ebener, und man bemerkte, daß das Plateau erreicht war. Nach kurzer Zeit sah man einen lichten Streifen vor sich durch die letzten Bäume schimmern. Der Amerikaner ging voran und wollte eben zum Rand des Waldes heraustreten, als er schnell wieder zurückfuhr. »Was gibt es?« fragte Cortejo, der sich hinter ihm befand. – »Pst! Reiter! Dort links kommen sie zwischen den Büschen hervor. Es muß da eine Art von Weg geben. Schafft die Pferde zurück, damit ihr Schnauben uns nicht verraten kann!« Die Tiere wurden von einigen der Leute genügend weit zurückgeführt und dort angebunden. Die anderen hielten unter den Bäumen, um die Reitergruppe zu beobachten, die jetzt deutlich zu erkennen war. »Seht Ihr jetzt die zwei vordersten?« fragte der Amerikaner. Aus Cortejos Gesicht war alles Blut gewichen. »Ja«, antwortete er. – »Kennt Ihr sie oder wenigstens einen von ihnen?« – »Mein Gott! Die Toten sind lebendig geworden! Büffelstirn!« – »Und der andere?« – »Helmers.« – »Ja. Donnerpfeil. Und weiter – alle Teufel, die anderen haben ja ein Mädchen bei sich!« – »Heilige Jungfrau!« rief Cortejo beinahe laut. »Das ist Josefa!« – »Eure Tochter?« – »Ja.« – »Welch ein Zufall! Wie gut, daß wir nicht unten geblieben sind.« – »Was wollen sie hier oben? Was wollen sie mit ihr?« – »Das werden wir wohl sehen. Sie reiten da rechts hinüber. Kriechen wir ihnen zwischen den Sträuchern nach, Señor!« Die Männer legten sich auf den Boden und folgten dem Jäger, der sich wie eine Schlange fortbewegte. Nach kurzer Zeit hielt er an. Von da aus, wo er lag, konnte man die ganze Szene überblicken. »Ein Teich!« flüsterte er. »Seht Ihr's, Señor Cortejo?« – »Ja. Man wird sie doch nicht etwa ertränken wollen?« – »Nein, sicherlich nicht, töten konnten sie dieselbe auf der Hazienda. Ihr Zweck muß ein anderer sein.« Sie sahen, daß die Reiter abstiegen, Josefa mit ihnen. Sie sahen auch, daß die letztere gebunden war. Sie bemerkten, daß Büffelstirn mit dem Mädchen sprach, dann an das Wasser trat und einen lauten, klagenden Ruf erschallen ließ. Sofort zeigten sich die Krokodile. »Gott, mein Gott, jetzt weiß ich, was sie wollen!« versetzte Cortejo, indem ein sichtbares Zittern seinen ganzen Körper durchzuckte. »Sie wollen sie den Krokodilen vorwerfen. Das ist der fürchterliche Krokodilteich der Mixtekas.« – »Kennt Ihr ihn?« – »Ja.« – »Und doch seid Ihr noch nicht hier gewesen, wie ich denke?« – »Mein Neffe war oben. Er sollte auch von den Tieren gefressen werden.« – »Das wäre ja fürchterlich, geradezu unmenschlich.« – »Ja. Seht Ihr jenen Baum? An ihn hatte man ihn aufgehängt, gerade über dem Wasser, damit die Scheusale ihn in Stücke reißen sollten.« – »Sie haben ihn zerrissen?« – »Nein, es ist ihm gelungen, sich zu retten. Seht um Gottes willen, es klettert einer hinauf und hat einen Lasso bei sich!« – »Allerdings. Aber das braucht nicht auf Eure Tochter abgesehen zu sein.« – »O doch, ganz gewiß. Señor, wir müssen sie retten!« – »Gewiß. Aber warten wir es ab!« – »Dann ist es zu spät! Rasch, rasch!« Cortejos Gesicht war vor Angst verzerrt. Er erlitt jetzt nicht geringere Qualen als seine Tochter, die den fürchterlichsten Tod vor Augen sah. Über das Gesicht des Amerikaners glitt ein entschlossener und doch zugleich bissiger Zug. »Keine Sorge, Señor!« sagte er. »Mein Rettungsplan ist fertig.« – »Gott sei Dank! Was wollt Ihr tun?« – »Die Hauptsache ist, daß wir Büffelstirn und Donnerpfeil entfernen. Mit den anderen werden wir leichter fertig.« – »Wie aber fangen wir das an?« – »Ich laufe mit noch zweien von unseren Leuten um die Lichtung bis zu jenem großen Baum. Dort zeigen wir uns ihnen.« – »Was soll dies helfen?« – »Ich wette, daß die zwei Erfahrensten von ihnen, also Büffelstirn und Donnerpfeil, sofort aufbrechen werden, um uns anzuschleichen. Wir weichen zurück und locken sie in den Wald, kommen dann schnell zurück und holen Eure Tochter.« – »Aber die zehn Mixtekas bewachen sie.« – »Wir schießen sie nieder. Ich tue das nicht gern, aber es bleibt uns nichts anderes übrig. Ich habe Euch mein Wort gegeben und muß es halten.« – »So eilt, geht schnell!« – »Halt! Wir lassen unsere Oberkleider da und werfen die Decken nach Indianerart über. Auch die Hüte lassen wir hier und streichen die Haare in die Höhe. Stecken wir dann ein paar Farne hinein, so sehen wir von weitem wie Indianer aus. Vorwärts. Ihr geht mit. Die anderen warten.« Grandeprise bezeichnete bei diesen Worten zwei, die sofort, seinem Beispiel folgend, ihre Hüte und Jacken ablegten. »Nun rasch fort.« Mehr rennend als schleichend, eilten die drei Männer unter den Bäumen fort, bis sie die angegebene Stelle erreichten. »Halt!« gebot hier Grandeprise. »Ich trete zuerst hervor. Folgt mir einzeln und gravitätisch, wie Indianerhäuptlinge. Aber wir dürfen nicht so tun, als ob wir hinüber zu ihnen blickten.« Damit verließ er die schützende Baumdeckung und trat langsam hervor. »Ah, sie sehen mich!« sagte er. »Kommt jetzt einzeln nach.« Die beiden anderen taten es. Alle drei schienen nach der entgegengesetzten Richtung zu blicken, doch hielt Grandeprise sein Auge auf die Gruppe der Mixtekas gerichtet. »Der Häuptling und Donnerpfeil haben sich niedergeworfen«, sagte er. – »Man zieht die Señorita empor«, bemerkte der andere. – »Ich werde sie herunterholen. Überlaßt das mir«, meinte der Amerikaner. »Jetzt legen sich auch die anderen nieder.« – »Ich sehe, daß das Gras sich bewegt«, sagte der dritte. – »Wohin?« – »Nach rechts und links.« – »Richtig, ich bemerke das auch. Sie haben sich geteilt. Der eine kommt von hüben und der andere von drüben auf uns zu. Hinter uns werden sie aufeinandertreffen wollen. Ich kenne diese Weise. Sie werden in gegen zehn Minuten hier sein. Ebensolange bringen sie zu, um aus unseren Spuren klug zu werden. Das gibt uns genug Zeit, um den Schlag auszuführen. Tretet langsam wieder unter die Bäume zurück.« Sie taten dies, und Grandeprise folgte ihnen. »So«, meinte er. »Und jetzt im Galopp zu Cortejo zurück.« Sie rannten, so schnell sie konnten, den Weg zurück, den sie gekommen waren, und trafen Cortejo ängstlich wartend noch auf derselben Stelle. »Ging es gut?« fragte er. – Ja«, antwortete der Amerikaner. Jetzt schleichen wir uns hin. Sobald wir in sicherer Nähe sind, schießen wir die Mixtekas nieder. Ich klettere auf den Baum und hole das Mädchen herab. Dann bemächtigen wir uns ihrer Pferde, steigen auf und sprengen davon, den Weg hinab, den sie gekommen sind. Zwei von uns bleiben zurück. Sie gehen zu unseren Pferden, nehmen sie bei den Zügeln und folgen uns nach, sobald sie sehen, daß der Streich gelungen ist Auf diese Weise bleibt Büffelstirn und Donnerpfeil kein Pferd, um uns zu verfolgen. Behalten sie ein einziges, so sind wir verloren. Also jetzt rasch!« Sie gaben sich keineswegs große Mühe, den Schall ihrer Schritte zu dämpfen, dennoch kamen sie ziemlich nahe an die Mixtekas heran, ehe sie von diesen bemerkt wurden. Ein Kopf hob sich vorsichtig aus dem Gras empor, und sofort erklang der Ruf: »Feinde kommen! Zu den Waffen!« Auch die anderen Mixtekas fuhren empor, im höchsten Grade überrascht durch diesen Warnungsruf. Sie hatten die Feinde da drüben vermutet, wo die Indianer gesehen worden waren. »Jetzt! Nieder mit ihnen!« gebot Grandeprise. Zwölf Büchsen krachten fast zu gleicher Zeit, und sämtliche Mixtekas stürzten nieder, alle zu Tode getroffen. »Gut so«, rief der Amerikaner. »Nun ihre Pferde, die Hauptsache!« Während sich die Mexikaner der Pferde bemächtigten und sofort aufstiegen, kletterte er selbst wie ein Eichhörnchen am Baum empor. Er hatte kein Auge für die unter ihm gähnenden Krokodilrachen. Sich verkehrt auf den Ast setzend, zog er Josefa zu sich heran und trennte mit einem raschen Schnitt seines Messers den Lasso von dem Baum. Dann schlang er sich den Riemen, dessen Schlinge noch unter den Armen Josefas lag, um den Leib und faßte diese Schlinge mit den Zähnen. Nun hing sie halb an seinen Zähnen und halb war sie mit ihm zusammengebunden. So wurde ihm die Last erleichtert, mit der er schnell hinabkletterte. »Lebt sie?« fragte Cortejo, der eines der Pferde am Zügel hielt und noch gar nicht aufgestiegen war. Da rief von weitem her eine laute, dröhnende Stimme: »Halt, Räuber! Herab vom Pferd!« – »Um Gottes willen, das ist Büffelstirn!« sagte der Amerikaner. »Rasch auf das Pferd und mir nach, Señor!« Damit sprang er auf Büffelstirns Pferd und Cortejo auf das seinige. Im nächsten Augenblick aber krachte ein Schuß. Die Kugel pfiff dem kühnen Jäger am Kopf vorüber und traf einen anderen, der neben ihm ritt. Dieser wurde vom Pferd noch eine Strecke getragen und stürzte dann herab. Die übrigen entkamen mit Josefa, auch die zwei, die die Pferde in ihre Obhut genommen hatten. Grandeprise voran, stürmten sie den Berg hinab. Unten angekommen, bogen sie rechts ab und hetzten in raschestem Galopp nach Süden, immer der Richtung des Höhenzuges nach, der ihnen zur Rechten blieb. So ging es eine ganze Stunde fort, während der man fast zwei deutsche Meilen zurückgelegt hatte. Da endlich hielt der Amerikaner sein Pferd an, und die anderen folgten seinem Beispiel. Er hatte Josefa bei sich auf dem Pferd gehabt; jetzt stieg er ab und legte sie in das Gras, durch welches ein kleines Wasser floß. »Ah, das war ein Ritt!« keuchte Cortejo. »Wie ist's, Señor, lebt sie noch?« – »Ja«, antwortete Grandeprise. – »Aber sie regt sich doch nicht.« – »Sie ist unterwegs einige Male aufgewacht, aber immer wieder ohnmächtig geworden. Wir wollen es hier einmal mit dem Wasser versuchen.« – »Haben wir Zeit dazu?« – »Ja. Unser Vorsprung ist groß genug. Ehe Büffelstirn und Donnerpfeil die Hazienda zu Fuß erreichen, wo sie Pferde erhalten können, sind wir längst über alle Berge.« Auch die anderen stiegen ab. Cortejo und Grandeprise knieten neben Josefa nieder und bespritzten ihr Gesicht mit Wasser. Nach einiger Zeit öffnete sie die Augen. Ihr Blick fiel auf Cortejo. »Vater, die Krokodile!« lispelte sie. – »Du bist gerettet, mein Kind!« antwortete er. – »Wo sind sie?« – »Noch auf dem Berg. Wir aber sind weit fort.« Jetzt erst begann ihr Blick selbstbewußter zu werden. »Santa Madonna!« stammelte sie. »Wo ist Büffelstirn?« – »Du bist in Sicherheit, Josefa!« erklärte ihr Vater abermals. Josefa richtete sich empor und blickte ihre Begleiter an. »Ah, gerettet!« rief sie. »Habt ihr sie erschossen?« – »Ja.« – »Alle? Auch Büffelstirn und Helmers?« – »Nein, diese nicht.« – »Sie sollen sterben, eines fürchterlichen, schauderhaften Todes, so wie ich sterben sollte!« – »Das werden sie auch, mein Kind. Erst aber müssen wir in Sicherheit sein.« »Wie kommst du hierher?« fragte sie. »Ich denke, du bist am Rio Grande in Fort Guadeloupe!« – »Was soll ich dort?« – »Ah! Du hast meinen Brief nicht erhalten?« – »Nein.« – »Die fünfzig Mann, die ich dir sandte, sind nicht zu dir gekommen?« – »Nein.« – »Sternau hatte meinen Brief. Er hat ihn aufgefangen und die Leute getötet.« – »So lebt er wirklich noch?« – Ja. Du weißt das noch nicht?« – »Ich wollte es nicht glauben.« – »Oh, Vater, sie leben alle.« Vater und Tochter sprachen jetzt leise miteinander und wurden von den anderen nicht gehört, daß diese sich rücksichtsvoll zurückgezogen hatten. »Alle? Wen meinst du noch damit?« – »Mariano, Emma Arbellez, Karja, die Indianerin, und auch Don Ferdinando« Cortejo wurde so weiß wie eine getünchte Wand. Er vermochte für den Augenblick kein Wort hervorzubringen. »Don Ferdinando?« fragte er endlich. Aber Josefa mußte das Wort mehr von seinen blutleeren Lippen lesen, als daß sie es zu hören oder zu verstehen mochte. »Ja«, nickte sie. – »Wo sind sie?« – »Die vier sind auf Erina, die anderen bei Juarez, und Don Ferdinando ist auf Fort Guadeloupe, wo er krank darniederliegt.« – »Welch ein Unheil! Wir sind verloren!« Da leuchteten Josefas Eulenaugen grimmig auf. »Verloren, sagst du? O nein! Ich bin gerettet. Das soll mir ein sicheres Zeichen sein, daß wir doch noch triumphieren werden. Alle unsere Leute sind zwar tot, aber wir werben andere. Hast du Geld?« – »Genug.« – »Das ist die Hauptsache. Wir müssen fliehen. Schaffe uns zunächst einen sicheren Schlupfwinkel. Das übrige wird sich finden.« – »Wie fühlst du dich? Du hast Fürchterliches ausstehen müssen.« – »Ich denke nur daran, mich zu rächen. Schmerzen fühle ich nur noch hier. Ich habe einige Rippen gebrochen.« – »Donnerwetter! Wann?« – »Das erfährst du noch. Jetzt stehen zu viele Lauscher da. Ich muß zu einem Arzt, sonst gehe ich zugrunde.« – »Gut; das werde ich besorgen. Alles andere besprechen wir noch.« Cortejo wandte sich von seiner Tochter weg zu Manfredo. »Du denkst, daß wir bei deinem Oheim Aufnahme finden würden?« – »Ganz sicher«, antwortete der Gefragte. – »Er versteht wirklich, Kranke zu behandeln?« – »Er ist ein erfahrener Arzt.« – »Weißt du den Weg nach Santa Jaga genau?« – »Sehr genau. Aber ich denke, wir machen einen Umweg, weil wir jedenfalls verfolgt werden.« – »Du hast recht. Wann werden wir dort anlangen können?« – »Übermorgen am Abend.« – »So mag unser Ritt nach Santa Jaga gehen. Ihr werdet uns doch begleiten, Señor Grandeprise?« – »Das versteht sich von selbst. Ich verlasse Euch nicht eher wieder, als bis Ihr mir gesagt habt, wo ich Landola treffen kann.« – »Das sollt Ihr ganz bestimmt erfahren. Jetzt aber wollen wir versuchen, aus Decken eine Hängematte zwischen zwei Pferden zustande zu bringen. Meine Tochter ist krank. Sie darf nicht reiten.« 8. Kapitel. Büffelstirn und Helmers sahen ein, daß eine Verfolgung der Feinde zunächst unmöglich sei, und kehrten nach dem Teich zurück. Als sie denselben erreichten, lagen zehn Leichen dort. »Keiner lebt! Alle tot!« sagte Helmers traurig. Büffelstirn blickte finster vor sich hin. »Ich werde sie rächen«, sagte er. »Mein Bruder Donnerpfeil gehe mit zu dem Mann, den meine Kugel getroffen hat.« Sie schritten dahin, wo der Verwundete lag. Er krümmte sich am Boden und war augenscheinlich dem Tode nahe. Die Kugel war ihm in die Seite des Kopfes gedrungen und in der Entfernung von drei Zoll wieder hinausgegangen. Er schien noch bei Besinnung zu sein. »Wer bist du?« fragte Helmers. Der Mann blickte ihn an, ohne zu antworten. »Was wolltet ihr hier?« fuhr Helmers fort. Jetzt schien der Sterbende sich zu besinnen. »Josefa befreien«, sagte er. – »Wer führte euch denn?« – »Grandeprise.« – »Grandeprise? Wer ist das?« – »Ein Yankeejäger.« – »Wie kamt ihr zu diesem? Du bist doch ein Mexikaner!« – »Cortejo brachte ihn mit.« – »Cortejo?« fragte Helmers erstaunt. »Wo war Cortejo?« – »Hier, bei uns.« Der Mann schloß die Augen wieder. Der Tod trat ihm näher. »Hier bei euch? Ist das wahr?« – »Ja«, antwortete er immer leiser. – »Und er ist entkommen?« – »Ja.« – »Wohin will er?« – »Ich weiß es nicht.« – »Du weißt es, du mußt es wissen! Du mußt es sagen! Deine Sünden werden dir jenseits nicht vergeben werden, wenn du es verschweigst!« Helmers faßte den Mann an und rüttelte ihn. Dieser begann schon, sich zu strecken. Aber er hatte die Worte doch vernommen und antwortete mit Anstrengung seiner letzten, schwindenden Kräfte: »Vielleicht – nach dem – Kloster della Bar ...« Das Wort erstarb ihm auf den Lippen. Der Mund schloß sich. Ein dicker Schweiß trat auf sein Gesicht, ein Röcheln, ein Schütteln seines ganzen Körpers, und dann war er tot. »Ah! Zu spät! Er brachte das Wort nicht hervor!« – »Die Krokodile sollen ihn fressen!« meinte Büffelstirn zornig. Er hob den Entseelten auf, trug ihn nach dem Teich und warf ihn ins Wasser. Es entstand ein kurzer, aber desto gräßlicherer Kampf zwischen den häßlichen Amphibien, die den schauderhaften Fraß einander streitig machten, dann war es vorüber. »Nun aber fort, den Berg hinab!« sagte Helmers. »Wir müssen wissen, in welcher Richtung sie davongeritten sind.« – »Wir müssen laufen wie die Pferde«, stimmte der Mixteka bei. Nach diesen Worten eilte er davon, wie aus einer Pistole geschossen, im schnellsten Dauerlauf den Berg hinab, und dabei immer die Spuren der Entkommenen mit dem Auge festhaltend. Helmers folgte ihm und blieb ihm hart auf den Fersen. Unten wandten sie sich rechts und rannten weiter. Da aber, wo die Richtung nach der Hazienda abging, blieb Büffelstirn halten und sagte: »Einer muß zu Sternau.« – »Das ist wahr! Aber wer? Du oder ich?« – »Ich werde gehen«, meinte der Mixteka. »Mein Bruder folge der Spur weiter, bis wir ihn einholen. Er mag uns den Weg kenntlich machen.« – »Gut. Bringt mir ein braves Pferd mit. Ich lasse mich nicht eher wieder auf der Hazienda sehen, als bis diese Scharte ausgewetzt ist.« Er schritt auf der Fährte weiter, ohne sich nur noch einmal umzusehen. Der Mixteka dagegen eilte auf die Hazienda zu. Er hatte jedenfalls nicht das Leichteste auf sich genommen. Es war keine Kleinigkeit, Sternau das Vorgefallene mitzuteilen. Als er auf del Erina ankam, stand Sternau eben bei Bärenherz, um abermals zu versuchen, von ihm etwas über den Ritt der Freunde zu erfahren. Als er den Mixteka auf sich zukommen sah, heiterte sich sein Gesicht auf. Er hoffte, nun Klarheit zu erhalten, und sie sollte ihm auch werden, allerdings eine Klarheit, die er nicht erwartet hatte. »Ich sprach mit dem Häuptling der Apachen von dir«, sagte er. »Wo ist Büffelstirn mit Donnerpfeil gewesen?« Büffelstirn verzog keine Miene, als er antwortete: »Auf dem Berg El Reparo.« – »Ah, ich ahnte es! Was haben sie getan?« – »Sie haben getan etwas, was ihnen niemand vergeben kann. Sie haben die Gefangene meines Bruders Sternau entkommen lassen.« – »Meine Gefangene habt ihr entkommen lassen? Josefa Cortejo?« – »Ja.« – »Diese befindet sich doch im Keller.« – »Nein. Sie war mit auf dem Berg El Reparo.« – »Die Wachen sagten, sie sei im Keller.« – »Sie mußten so sagen, denn ich hatte es ihnen befohlen.« Das Gesicht Sternaus verfinsterte sich plötzlich. »Mein Bruder befiehlt seinen Leuten, mich zu belügen?« sagte er. »Von einem solchen Freund mag ich nichts mehr wissen.« Damit drehte er sich um und stand im Begriff, fortzugehen. Da aber zog Büffelstirn sein Messer und sagte: »Wird der Fürst des Felsens mich verlassen?« – »Ja«, antwortete Sternau. – »So stoße ich mir das Messer in die Brust, damit du siehst, daß ich mich selbst zu strafen weiß.« Sternau kannte den Indianer genau. Er wußte, daß er Wort halten werde. Darum drehte er sich wieder um und fragte: »Büffelstirn und Donnerpfeil haben die Tochter Cortejos mit nach dem Berg El Reparo genommen?« – »Ja«, antwortete der Gefragte. – »Hat der Häuptling der Apachen es gewußt?« – »Ja.« – »Meine Freunde sind nicht klug gewesen und auch nicht gut und aufrichtig gegen mich. Warum haben sie das Mädchen mitgenommen?« – »Wir haben sie über den Krokodilen aufgehängt, um ihr den Tod zu zeigen, den sie erleiden wird.« – »Was geschah dann?« – »Ihr Vater kam, sie zu retten.« – »Cortejo selbst?« – »Ja.« – »Das ist ja fast unmöglich! Ist es ihm gelungen?« – »Ja. Er hat uns überlistet und uns seine Tochter gestohlen, zehn Krieger der Mixtekas getötet und unsere Pferde mit fortgenommen.« Sternau war fast starr vor Erstaunen über diese Nachricht. »Wo ist Donnerpfeil?« fragte er. – »Er ist auf Cortejos Fährte.« – »Wohin führt sie?« – »Von El Reparo nach Süden.« – »Er hat kein Pferd?« – »Nein. Auch ich bin zu Fuß nach der Hazienda gekommen.« – »Wie viele Leute hat Cortejo bei sich?« – »Zehn oder zwölf.« – »Der Häuptling der Mixtekas mag es ausführlich erzählen!« Büffelstirn berichtete alles, was geschehen war. Es war dies die fürchterlichste Buße, die er sich auferlegte. Sternau und Bärenherz hörten ihm schweigend zu, bis er geendet hatte. Dann sagte der erstere: »Wir müssen beide holen, sowohl den Vater wie auch die Tochter.« – »Ich werde sie holen«, erklärte der Mixteka. – »Und ich werde mitgehen«, fügte Bärenherz hinzu, der einsah, daß seine Verschwiegenheit auch mit schuld an dem unglücklichen Ausgang des unvorsichtigen Rittes gewesen war, und daher selbst mitwirken wollte, um die Folgen wieder quitt zu machen.« – »Die Verfolgung dieser Leute ist mir so wichtig, daß ich sie selbst in die Hand nehmen werde«, sagte Sternau. – »Warum will mein Bruder nicht hierbleiben?« fragte Büffelstirn. »Ich und der Häuptling der Apachen, wir werden die beiden fangen und nach der Hazienda bringen.« – »Ich muß selbst dabeisein. In zehn Minuten reite ich.« Sternau sprach diese Worte in einem nicht unfreundlichen, aber so bestimmten Ton, daß ein Widerspruch gar nicht möglich war, und ging fort. »Der Fürst des Felsens will mir keine Vorwürfe machen, aber er ist sehr zornig auf mich«, sagte Büffelstirn zu Bärenherz. – »Er ist zornig auch auf mich, da ich gewußt habe, wo ihr seid«, antwortete dieser. »Ich werde mein Pferd satteln und alles tun, um seinen Zorn zu zerstreuen.« Auch er ging. Büffelstirn war außerordentlich niedergeschlagen. Er hätte lieber die schärfsten Vorwürfe mit angehört, als die wortlose Mißbilligung gesehen, die Sternau gezeigt hatte. Er begab sich zu dem zweiten Häuptling der Mixtekas, auf den er sich verlassen konnte. »Ich werde die Hazienda verlassen«, sagte er zu ihm. »Auch der Fürst des Felsens und Bärenherz gehen mit. Mein Bruder ist also der einzige Anführer und Häuptling, der zurückbleibt. Er mag Arbellez gut beschützen und Juarez die Kinder der Mixtekas zuführen, sobald er kommt.« – »Wohin geht mein Bruder?« fragte der Häuptling. – »Ich weiß es nicht.« – »Wann kommt er zurück?« – »Auch das weiß ich nicht.« – »Sollen ihn keine Krieger begleiten?« – »Es mögen zehn Männer mitreiten, die es gut verstehen, eine Fährte zu lesen. Mehr brauche ich nicht.« Damit war alles abgemacht. In der von Sternau gegebenen Zeit ritt er mit den beiden Häuptlingen in Begleitung von zehn Mixtekas von der Hazienda fort. Einer dieser letzteren führte ein für Helmers bestimmtes Pferd am Zügel. 9. Kapitel. Nicht weit von der Nordgrenze der Provinz Zacatecas liegt das Städtchen Santa Jaga. An und für sich durch nichts erwähnenswert, wurde es doch sehr oft genannt, weil auf dem Berg, an dessen Fuß es liegt, sich ein hoher, altertümlicher Doppelbau erhebt, der noch heute das Kloster della Barbara heißt, obgleich das Kloster säkularisiert wurde und nun anstatt nur religiösen, auch mehr menschlichen, werktätigen Zwecken dient. Es ist eine Heilanstalt für Irre und allerlei körperlich Kranke. In dem Städtchen gab es jetzt reges Leben. Vor einigen Tagen war nämlich eine Schar von Franzosen hier eingezogen. Von Norden kommend, hatten diese Leute weder Waffen, noch sonstige Ausrüstungsgegenstände bei sich gehabt, und bereits nach kurzer Zeit brachte man in Erfahrung, daß diese Truppe die Besatzung von Chihuahua gebildet hatte und von Juarez gezwungen worden war, die Waffen zu strecken und das Versprechen abzulegen, nicht wieder gegen ihn zu kämpfen. Der Kommandant dieser in Ruhestand versetzten Truppe hatte eine Stafette um Verhaltungsmaßregeln nach dem Hauptquartier abgeschickt und mußte bis zur Rückkehr derselben hier verweilen. Über alles dies war nicht viel zu sprechen. Das einzige, was in der Stadt den Gegenstand der besonderen Aufmerksamkeit bildete, war der Umstand, daß mit diesen Leuten eine Dame gekommen war, eine Dame von so wunderbarer Schönheit, daß sie den Neid der Frauen und die Bewunderung der Männer im Sturm erregt hatte, trotzdem sie erst zweimal in der Kirche zu sehen gewesen war. Sonderbarerweise hatte sie sich nicht in der Stadt, sondern droben im alten Kloster eine Wohnung gesucht, und zwar bei dem jetzigen Pförtner und Heilgehilfen der Anstalt, der unter dem Namen Pater Hilario allgemein bekannt, aber keineswegs beliebt war. Es war Abend, und Pater Hilario saß in seiner Klause, über alten medizinischen Schriften brütend. Seine Stube war höchst einfach eingerichtet. Das einzige Auffällige hier waren die vielen Schlüssel, die rund an den Wänden hingen. Der Pater war ein kleines, hageres Männchen mit Kahlkopf. Sein vollständig glattrasiertes Gesicht zeigte jene Verbissenheit, die man nicht bei Menschen, sondern nur bei Bulldoggen suchen möchte und doch bei den ersteren zuweilen findet. Er mochte im Anfang der siebziger Jahre stehen, schien aber noch ziemlich rüstig zu sein. Da klopfte es leise an die Tür. Er hörte es dennoch sogleich, und es ging ein Lächeln über sein Gesicht, ein Lächeln, das nur sehr schwer zu beschreiben ist. Könnte der Stößer lächeln, wenn er das Nahen einer ahnungslosen Taube gewahrt, so würde sein Lächeln genau dasjenige des Paters Hilario sein. »Herein!« sagte er im freundlichsten Ton, der ihm möglich war. Die Tür öffnete sich, und wer trat ein? Señorita Emilia, die wir bereits von Chihuahua her kennen. »Guten Abend, ehrwürdiger Herr«, grüßte sie. – »Hochwillkommen, schöne Señorita!« antwortete er, indem er sein Buch zuklappte und sich von dem alten Stuhl erhob. – »Ich hoffe doch, daß ich nicht störe«, lächelte sie. – »Stören, Señorita? Wo denkt Ihr hin. Ich stehe Euch zu jeder Zeit bei Tag und Nacht mit tausend Freuden zur Verfügung. Darum habe ich mir ja auch erlaubt, bei Euch anfragen zu lassen, ob Ihr die Gewogenheit haben wollt, an meiner Abendschokolade teilzunehmen.« – »Und ich bin Eurer Einladung sehr gern gefolgt, weil ich dabei Gelegenheit finde, die Langeweile des Abends ein wenig zu verplaudern.« – »Oh, an dieser Langeweile seid Ihr ja selber schuld. Warum habt Ihr Euch bei mir und nicht unten in der Stadt einquartiert? Da unten hätte es an Kurzweil nicht gefehlt.« – »Ich danke für diese Kurzweil! Eine aufschlußreiche und interessante Unterhaltung mit einem Charakter, dem ein langes Leben Gelegenheit gegeben hat, sich zu kristallisieren, ist mir mehr wert, als jene Zerstreuungen.« Emilia nahm nachlässig auf dem Sofa Platz. Aber diese Nachlässigkeit war eine so fein berechnete, daß dabei die Schönheit ihrer vollen, elastischen Glieder auf das deutlichste hervorgehoben wurde. Der frühere Mönch ließ seine Augen mit gierigen Blicken auf ihr ruhen. Es war, als ob er sie verschlingen möchte. Sie aber tat, als ob sie dies gar nicht bemerke. »Wollt Ihr etwa sagen, daß Ihr mich für einen kristallisierten Charakter haltet?« fragte er. – »Gewiß«, antwortete sie unter einem Aufschlag ihrer Augen, der so fromm, so unbefangen und unbewußt war und doch das älteste Herz zu jugendlicher Glut anfachen konnte. »Ich hasse das Unfertige, Unvollendete, auch in Beziehung auf den Umgang mit den Menschen. Ich würde nie mit einem Mann sympathisieren, dessen Inneres und Äußeres noch zu wachsen, sich noch zu entwickeln hat.« – »Ihr vergeßt aber, daß beim Menschen in demselben Augenblick, da das Wachstum aufhört, auch der Niedergang wieder beginnt.« – »Oh, das nennt Ihr Niedergang, Señor Hilario? Wenn der Mensch von den Kräften seines Körpers und Geistes abgeben kann, so ist dies nur ein Beweis, daß er ein überreiches Quantum dieser Kräfte besitzt.« – »Sonach würde es für Euch gar kein Alter geben!« – »Allerdings nicht.« – »Auch in der Liebe nicht?« fragte er mit unsicherer Stimme. – »Auch da nicht. Ich könnte mein Herz niemals einem Mann schenken, dessen Jahre nicht Ehrerbietung von mir forderten.« – »Aber doch einem Greise nicht?« – »Warum nicht? Was nennt Ihr einen Greis? Wir haben jugendliche Greise und grauköpfige Jünglinge. Habt Ihr noch nicht gehört, daß es Mädchen gibt, die eine Vorliebe für graues Haar besitzen?« – »Ja, es soll solche geben. Aber gehört vielleicht auch Ihr zu ihnen?« – »Ja.« Der Pater wollte mit Eifer weitersprechen, wurde aber unterbrochen, denn es trat eine alte Frauensperson ein, die die Schokolade brachte. Sogleich, nachdem diese sich entfernt hatte, goß er seinem schönen Besuch eine Tasse voll und sagte: »Trinkt, Señorita. Es ist das erste Mal, daß eine Dame mir diese Ehre erweist, ich würde viel darum geben, wenn ich dieses Glück täglich genießen könnte.« – »Haltet Ihr es wirklich für ein Glück?« fragte Emilia in einem Ton, der sein Blut in Wallung brachte. – »Ja«, antwortete er, »es ist das größte Glück, das es nur geben kann. Ich wollte, Ihr wärt nicht nur Gast, sondern Bewohner des Hauses. Wie schade, daß Ihr es verlassen müßt, sobald die Franzosen wieder aufbrechen!« – »Die Franzosen? Was gehen mich diese an?« Der Pater horchte auf. »Ich denke, Ihr gehört zu ihnen?« fragte er. – »Warum denkt Ihr das, Señor?« – »Weil Ihr mit ihnen gekommen seid. Man meint hier allgemein, daß Ihr die Frau oder die Witwe eines ihrer Offiziere seid.« Emilia schlug eine helle, melodische Lache auf, deren Klang alle seine Fibern erbeben ließ. Er hatte noch nie ein so entzückendes, hinreißendes Lachen gehört »Da irrt man sich ganz außerordentlich«, entgegnete Emilia. »Sagt einmal aufrichtig, habe ich etwas das Aussehen einer alten Frau oder Witwe?« Sein Auge glühte auf ihre schöne, reizvolle Gestalt herüber. Er antwortete: »Einer alten? Oh, Señorita, was denkt Ihr? Ihr würdet ganz sicher selbst die Venus besiegen, wenn sie es wagen wollte, sich in einen Wettstreit mit Euch einzulassen!« – »Ein zu starkes Kompliment ist kein Kompliment, Señor!« – »Oh, ich sage die Wahrheit!« rief er begeistert. »Ihr gehört also nicht zu den Franzosen?« – »Nein.« – »Aber warum reist Ihr denn mit ihnen?« – »Weil sie den Auftrag haben, mich zu beschützen, mich sicher nach Mexiko zu bringen. Ich hatte die Absicht, Chihuahua, wo ich sehr einsam wohnte, mit der Hauptstadt zu vertauschen, und bei den Wirren, unter denen unser Land jetzt leidet, war es mir höchst willkommen, mich einer solchen Begleitung anschließen zu können.« – »Ihr hattet keine Verwandten in Chihuahua?« – »Nein.« – »Aber in Mexiko findet Ihr welche?« – »Auch nicht. Ich stehe ganz allein im Leben da.« – »Aber was treibt Euch da nach Mexiko, Señorita?« Emilia schlug die Augen nieder und errötete so natürlich, wie man es nur durch die größte Übung zustande bringen kann. »Ihr bringt mich fast in Verlegenheit mit dieser Frage, Señor«, antwortete sie. – »So bitte ich um Verzeihung. Aber ich nehme einen so innigen Anteil an Euch, daß ich glaubte, diese Frage aussprechen zu dürfen.« – »Ich danke Euch und sehe ein, daß Euch gegenüber eine Prüderie ganz und gar nicht am Platz wäre. Ich achte und schätze Euch und will Euch dies beweisen, indem ich Eure Frage beantworte. Ein von der Natur nicht ganz und gar vernachlässigtes Weib muß fühlen, daß es nicht für die Einsamkeit bestimmt ist.« – »Ah, fühlt Ihr das, Señorita?« fragte er rasch. – »Ja. Gott hat uns die herrliche Aufgabe zugeteilt, zu lieben und durch die Liebe glücklich zu machen. Ich bin noch nicht an diese Aufgabe herangetreten, infolge meines einsamen Lebens.« – »Ihr hättet noch nicht geliebt?« Bei diesen Worten ruhte Hilarios Auge wohlgefällig auf ihrer Gestalt. Emilia senkte abermals die langen, seidenen Wimpern, und ihr Busen hob sich unter einem tiefen, sehnsüchtigen Seufzer. Er fühlte, daß er vor Liebe zu diesem Weib verrückt werden könne. »Nein, noch nie«, antwortete sie leise, als ob sie sich dieser Antwort schämte. – »Und doch besitzt Ihr alles, was einen Mann bis zum Wahnsinn glücklich machen kann«, antwortete er mit sichtbarer Begeisterung. – »Leider habe ich das noch nicht erfahren, ich lernte noch keinen kennen, bei dessen Anblick ich mir sofort gesagt hätte, daß ich sein eigen sein möchte. Doch Mexiko ist größer als Chihuahua, ich will nicht länger einsam sein. Das ist der Grund, daß ich nach dieser Stadt ziehe.« – »Ah, Ihr wollt Euch dort einen Mann suchen?« Emilia errötete, doch sah es aus, als ob sie ihr Schamgefühl zu beherrschen suchte. Ihr Auge fest und offen auf ihn richtend, antwortete sie: »Euch gegenüber will ich das nicht leugnen, obgleich ich bei einem anderen wohl nicht so aufrichtig sein würde.« – »Muß dies gerade in Mexiko sein, Señorita? Gibt es anderwärts nicht Männer, die Euren Wert zu schätzen wissen würden?« – »Ihr mögt recht haben. Aber wer einen Baum sucht, der soll in den Wald gehen, wo ihrer viele zu finden sind, und nicht auf das offene Feld, wo im glücklichen Fall ein einziger zu finden ist.« – »Ihr habt recht. Aber wenn man nun auf dem Weg zum Wald einen Baum trifft, dem danach verlangt, daß die grüne Ranke sich um ihn schlingen und an ihm blühen möge?« Emilia machte eine überraschende Bewegung mit der Hand, stimmte einen neckisch heiteren Ton an und antwortete lachend: »So bleibt man stehen, um ihn sich anzuschauen.« – »Und wenn er einem gefällt?« – »Nun, so rankt man sich getrost an ihm hinauf. Nicht, Señor Hilario?« Auf seinem Faungesicht glänzte das helle Entzücken. »Gewiß, Señorita«, antwortete er. »Nur fragt es sich, welche Eigenschaften und welches Alter dieser Baum haben müßte oder dürfte.« – »Nun, er dürfte nicht zu jung und schwankend sein. Ehrwürdigkeit ziert einen Baum, und das Moos verleiht ihm hochpoetische Reize.« – »Señorita, Ihr seid ein Engel!« rief er ganz entzückt. – »Das könnt Ihr wohl schwerlich beweisen.« – »Ich fühle es, und das ist genug. Darf ich einen solchen Baum für Euch suchen?« – »Tut es immerhin. Es steht mir ja doch frei, mich für ihn zu entscheiden oder nicht.« – »Das steht Euch allerdings frei«, sagte er tief aufatmend, da er seine innere Erregung kaum bemeistern konnte. Und mit heller, beinahe bebender Stimme fügte er hinzu: »Der Baum steht nämlich hier in Santa Jaga.« – »Hier? Wo?« fragte Emilia mit gutgespielter Verwunderung. – »In unserem Kloster della Barbara.« – »Im Kloster, Señor? Ich habe da noch keinen Baum gesehen.« – »O doch. Er steht ja vor Euch.« Der Pater stieß diese Worte hastig hervor. Um seinen Mund lag jenes angstvolle Lächeln, das geeignet ist, selbst das schönste Gesicht zu verzerren. Emilia schien das nicht zu beachten. Sie blickte ihn groß an und fragte: »Ihr? Meint Ihr Euch, Señor? Ah, bei Gott, das hätte ich nicht erwartet!« Emilia legte wie in heller, mädchenhafter Verwunderung die schönen, weißen Hände zusammen und blickte ihn mit einem Ausdruck an, der unbedingt ein Meisterstück der Verstellungskunst genannt werden mußte. Es waren darin zu lesen freudige Überraschung und Genugtuung, Glück und Schadenfreude, Wonne und Hohn, aufleuchtende Liebe und stiller Ekel, Gewißheit der Erhörung und der Triumph der weiblichen Schlauheit und Berechnung. Aber gerade diese Kontraste machten das Mädchen in diesem Augenblick geradezu unwiderstehlich. Der Pater hätte jetzt ihr zuliebe einen Mord ausführen können und fragte: »Nicht erwartet, habt Ihr das? Warum? Ihr selbst habt ja den Baum zum Vergleichsbild gewählt. Habt Ihr mich nicht verstanden?« – »Verstanden habe ich Euch, Señor«, lächelte sie. Und mit einem himmlisch-diabolischen Lächeln fügte sie hinzu: »Ihr meint unter dem Baum den Mann, den ich suche?« – »Ja, allerdings, Señorita.« – »Und dieser Mann wolltet Ihr selbst sein?« – »Oh, wie gern! Ich wollte alles aufbieten, um Euch glücklich zu machen.« Ein blitzschneller, stechender Blick fiel aus ihren Augen auf ihn. Ihr Gesicht wurde kalt und streng, und mit einer plötzlichen Ruhe und Sicherheit, durch die seine Leidenschaft nur doppelt tief aufgewühlt wurde, fragte sie: »Was ist das, was Ihr aufbieten könnt, Señor?« – »Ah, Ihr haltet mich für den einfachen, armen Pater Hilario?« – »Für wen oder was sollte ich Euch sonst halten?« – »Oh, die einfache Hülle verbirgt oft sehr viel. Sagt, was Ihr von dem Mann verlangt, dem Ihr angehören möchtet?« – »Wozu? Ihr könnt dieser Mann doch nicht sein!« – »Warum nicht?« – »Ihr seid ja Pater, Ihr seid ja Mönch!« – »Mönch? Wo denkt Ihr hin! Das ist längst vorüber. Ich bin aus dem Orden getreten und kann tun, was mir beliebt.« – »Ah, das ist etwas anderes. Ihr dürft also heiraten?« – »Wer will es mir verwehren? Also sagt, was Ihr von Eurem Mann verlangen würdet, Señorita?« – »Zunächst Liebe, heiße, treue Liebe!« – »Diese ist da. Oder zweifelt Ihr daran?« rief er, tief erregt. – »Ich will es glauben.« – »So sprecht weiter!« – »Ich bin zwar nicht reich, Señor, habe aber auch nie mit Armut zu kämpfen gehabt. Ich würde Garantie verlangen, daß ich Mangel und Entbehrung niemals kennenlernen würde. Urteilt nicht vorschnell über dieses Verlangen, Señor! Wenn ich auf die Freuden der Freiheit verzichte, so ist eine Genugtuung in anderer Weise nicht mehr als recht und billig.« – »Ich verstehe Euch vollständig, Señorita, und ich sage Euch, daß ich an Eurer Stelle ganz ebenso handeln würde. Glücklicherweise kann ich Euch die Versicherung geben, daß ich reich, sehr reich bin.« – »Ihr?« fragte Emilia ungläubig. »Reich? Sehr reich?« Ihr Blick fiel dabei mit stolzem Ausdruck auf sein unscheinbares Äußeres. »Urteilt nicht nach meinem Gewand, Señorita!« sagte er. – »Gut Ihr versichert mir, daß Ihr reich seid. Könnt Ihr es mir auch beweisen?« Der Pater blickte nachdenklich und einigermaßen verlegen vor sich nieder. »Ja, ich kann es beweisen«, sagte er endlich in entschlossenem Ton. – »So tut es!« – »Ich müßte vorher jedoch die Überzeugung haben, daß Ihr mir auch wirklich Eure Hand reichtet, falls ich Euch beweise, daß ich reich bin.« – »Diese Überzeugung kann Euch vielleicht werden, wenn Ihr imstande seid, meine zweite und letzte Bedingung zu erfüllen.« – »Welche Bedingung wäre dies, Señorita?« – »Ihr könnt Euch denken, daß ich mir nicht einen Mann nehme, um Frau ›Paterin‹ zu werden. Ich verlange eine Stellung.« – »Was versteht Ihr unter diesem Wort?« – »Ich verstehe darunter eine geachtete, öffentliche Existenz, die mir Gelegenheit gibt, dir mir verliehenen Geistesgaben zur Verwertung zu bringen.« – »Ah, Ihr verlangt viel, sehr viel, Señorita«, sagte er. Da erhob Emilia sich langsam von ihrem Sitz und stellte sich vor ihn hin. Er sah sie wie ein Bild, von Künstlerhand aus edelstem Material gemeißelt und mit einer Gewandung versehen, die nur angelegt zu sein schien, den Eindruck dieser sinnberückenden Figur zu verdoppeln, nein, zu verzehnfachen. In ihrem Gesicht lag ein unwiderstehliches Selbstbewußtsein, als sie fragte: »Ihr meint, daß ich zu viel verlange. Seht mich an! Ich weiß, daß ich schön bin, aber ohne darauf stolz zu sein. Ich weiß, daß der Mann, den ich heiraten will, mich auch lieben wird, wenn ich einmal will. Ich werde nach Mexiko an den Hof des Kaisers gehen. Ich werde dort zu den Schönheiten zählen, vor denen man auf den Knien liegt, und meine intellektuellen Eigenschaften werden mich befähigen, den Eindruck meiner äußeren Erscheinung auf das vorteilhafteste zu verwerten. Ich werde bald Einfluß und Ansehen besitzen und unter den Männern von Bedeutung denjenigen wählen, der mir meiner wert erscheint! Das alles weiß ich. Lächelt meinetwegen darüber! Nennt es Anmaßung, Selbstüberhebung! Ich habe nichts dagegen. Aber wenn Ihr Menschenkenner seid, so muß Euch die ruhige Überzeugung, mit der ich spreche, genügende Garantie bieten, daß ich mich genau kenne, daß ich meine Mittel zu berechnen weiß und daß ich nicht phantasiere.« Emilia stand vor dem Pater und er vor ihr, er, der kleine, hagere Mann vor diesem unvergleichlich schönen Weib, aber es war ihm keine Mutlosigkeit anzusehen. Es lag vielmehr der Ausdruck des Stolzes auf seinem glatten, grob materialistisch gezeichneten Gesicht, als er antwortete: »Was denkt Ihr von mir, Señorita! Ich verkenne Euch nicht, sondern bin überzeugt, daß Ihr die Wahrheit sagt. Ja, Ihr werdet Eure Rolle spielen, wenn Ihr nach Mexiko kommt; Ihr werdet Ehren und Einfluß erlangen, denn Ihr seid schön und versteht, zu berechnen. Aber selbst hierbei bedarf die begabteste Frau der männlichen Hilfe und Leitung. Ich sehe, daß wir uns ebenbürtig sind. Wollt Ihr Euch meiner Leitung anvertrauen?« – »Ebenbürtig?« lächelte sie. »Wie meint Ihr das?« – »Ich meine natürlich geistig gleichbegabt, nicht körperlich, denn da habe ich Euch nichts zu bieten, und Ihr steht hoch über mir.« Ihr Gesicht nahm den Ausdruck der Güte und Milde an, mit der man zu einem Kind spricht, als sie jetzt langsam fragte: »Ah, Ihr seid auch geistig begabt, Señor?« Der Pater wußte gar nicht, was für ein Gesicht er zu dieser Frage machen sollte. Er wurde beinahe verlegen, und in befangenem Ton fragte er: »Zweifelt Ihr daran?« – »O nein. Ein jeder Mensch besitzt ja mehr oder weniger geistige Begabung. Aber wenn man diese Begabung nach der Stellung beurteilt, die Ihr Euch errungen habt, so ... hm, vollendet Euch den begonnenen Satz selbst.« Jetzt spielte ein leichtes, spöttisches Lächeln um seine Lippen. »Welche Stellung bekleidet Ihr, Señorita?« fragte er. – »Ah, Ihr werdet scharf und spitz«, lachte sie. »Es gibt Stellungen und Einflüsse, von denen man nicht spricht, Señor.« – »Da habt Ihr ein sehr wahres Wort gesprochen. Also reden wir von meiner Stellung und meinen Einflüssen ebensowenig, wie wir von den Eurigen reden wollen, wenigstens für jetzt.« – »Aber wenn wir darüber schweigen, wie wollt Ihr mir beweisen, daß Ihr mir eine Existenz bieten könntet, wie ich sie verlange?« – »Das ist nicht schwer. Ich bin bereit, Euch diesen Beweis zu liefern, wenn ich von Eurer Verschwiegenheit überzeugt sein kann.« – »Ich verstehe zu schweigen, Señor.« – »Gut, so kommt mit mir!« Der Pater nahm zwei Schlüssel von der Wand und brannte sich eine kleine Blendlaterne an. Emilia fixierte die beiden Nägel, an denen die Schlüssel gehangen hatten, um sich dieselben genau zu merken. Nun verließ er mit ihr das Zimmer und stieg eine Treppe hinab, führte sie durch einen langen, niedrigen Keller und öffnete mit einem der Schlüssel eine starke, eichene Tür, die in einen zweiten Keiler führte. Hier gab es abermals eine Tür, die von dem zweiten Schlüssel geöffnet wurde. Sie traten in einen langen, schmalen Gang, in dem rechts und links zahlreiche Türen angebracht waren. »Das waren die Gefängniszellen des Klosters della Barbara«, sagte er. Er schob den Riegel von einer dieser Türen zurück und öffnete. Sie traten in eine dumpfe, kleine Zelle, die weder Licht noch Luft hatte. Sie schien in die kompakte Masse des Felsens eingehauen zu sein, obgleich dieser letztere zahlreiche kleine Risse und Sprünge zeigte. »Leer!« sagte sie. »Soll ich etwa hier den erwarteten Beweis finden?« – »Allerdings«, antwortete er. – »In welcher Weise?« – »Das werdet Ihr gleich sehen.« Hilario bemerkte nicht, daß Emilia mit scharfem Auge jede, auch die kleinste seiner Bewegungen verfolgte und beobachtete. Er leuchtete an einen der erwähnten Sprünge. Es war der bedeutendste, obgleich er kaum so stark war, daß man den kleinen Finger hineinzubringen vermochte. Nur an einer einzigen Stelle war es möglich, die flache Hand in den Riß zu stecken. Der Pater tat dies, und sogleich ließ sich ein leichtes Rollen vernehmen. Ein Teil der Felswand, der von dem Riß ganz unauffällig umzeichnet wurde, wich zurück, und nun sah Señorita Emilia einen größeren, finsteren Raum vor sich, in den sie traten, ohne daß der Pater den Eingang wieder verschloß. Hilario ging voran, und Emilia folgte ihm. Bei dieser Gelegenheit legte sie ihre Finger genau an die Stelle des Risses, in die er seine Hand gesteckt hatte, und bemerkte einen dicken Stift, der vielleicht einen halben Zoll hoch aus dem Stein hervorragte; doch hütete sie sich sehr, daran zu drücken; die Wand hätte sich ja zurückbewegen und sie also leicht verraten können. Das mußte sie vermeiden. In dem verborgenen Raum angekommen, erblickte Emilia auf Tischen und Gestellen eine ganze Menge von Büchern, Flaschen, Kapseln, Instrumenten und Apparaten, von deren Zweck sie kein Verständnis hatte. Der Pater schritt an diesen Sachen vorüber und blieb vor einer leeren Stelle der Mauer stehen, klopfte daran und sagte: »Dahinter steckt der Beweis, den Ihr verlangt.« Das Klopfen hatte dumpf und hohl geklungen. Auch jetzt blickte Emilia mit größter Spannung nach seiner Hand, um sich keine Bewegung derselben entgehen zu lassen. Hilario hielt die Laterne näher an die Wand, so daß das Licht derselben scharf auf die Mauer fiel. Da erblickte das Mädchen nun allerdings eine Art Linie, die ein viereckiges Stück Mauerwerk scharf von dem übrigen abgrenzte. »Das ist eine Tür«, sagte er. »Sie hat kein Schloß. Sie dreht sich um eine Mittelachse, so daß man nur auf der einen Seite scharf zu schieben braucht, um sie zu öffnen.« Er stemmte sich kräftig gegen die Mauer, und sogleich gab das durch den Strich abgegrenzte Stück derselben nach. Es entstand eine mannshohe und halb so breite Öffnung, hinter der ein dunkler Raum lag. Der Pater trat ein, und Emilia folgte ihm, von der größten Neugierde erfüllt. Das Gemach hatte keine andere Öffnung als diese Tür. Es standen mehrere große Kisten darin, und an der einen Mauerseite war ein Schränkchen befestigt, an dem kein Schloß zu bemerken war. Der Verschluß schien ein sehr geheimnisvoller zu sein, und doch war er so einfach. Der Pater zog nämlich die vordere Seite wie einen Schieber heraus, und nun zeigte es sich, daß der Inhalt aus allerlei Briefen und anderen Schriften bestand. Nun drehte der Pater sich zu Emilia um. »Señorita«, sagte er, »dieses verborgene Gemach enthält meine Geheimnisse. Niemand hat eine Ahnung davon. Sie sind so wichtig, so wertvoll, daß ich nur Euch einen Blick hineinwerfen lasse, aber nur unter einer Bedingung, von der ich auf keinen Fall abgehen kann.« – »Welches ist diese Bedingung?« fragte sie. – »Ihr müßt mir einen feierlichen Schwur ablegen, daß Ihr niemals davon sprechen wollt. Seid Ihr bereit dazu?« – »Sind diese Geheimnisse wirklich von einem so hohen Wert?« – »Ja.« – »Nun gut, so will ich den Schwur ablegen«, sagte sie. – »Wißt Ihr aber auch, was Ihr damit tut?« – »Ganz gewiß«, antwortete sie, brennend vor Erwartung, was sie zu sehen bekommen werde. – »Glaubt Ihr an Gott?« – »Das versteht sich!« – »Das ist das erste und einzige Erfordernis bei Ablegung eines Schwures. Erhebt die drei ersten Finger Eurer rechten Hand und sagt mir nach, was ich Euch vorsprechen werde!« Er nahm ihr den Schwur ab. Sie leistete ihn keineswegs gern, denn sie wollte ja nur im Interesse von Juarez in die Geheimnisse des Paters eindringen. Doch sagte sie sich, daß ihr dies ohne Schwur unmöglich sein werde. Als Juarez ihr in Chihuahua ihre Instruktion gab, hatte er sie an den Pater Hilario adressiert. Der Präsident wußte, was nur wenige ahnten, nämlich, daß in der Hand dieses einstigen Mönches viele feindliche Fäden zusammenliefen, die kennenzulernen vom allergrößten Vorteil sein mußte. Darum war Emilia hier. »So!« meinte der Pater. »Ihr habt geschworen, und nun werde ich Euch zunächst beweisen, daß die Zeit kommen wird, in der ich Euch eine solche Stellung bieten kann, wie Ihr sie wünscht.« Hilario griff in den Schrank und zog ein Paket Briefe hervor, öffnete einen nach dem anderen und zeigte Emilia die verschiedenen Unterschriften. »Das ist meine geheime Korrespondenz«, meinte er. »Sind Euch die Namen bekannt, die Ihr hier lest?« Emilia kannte sie alle. Es waren die Namen der hervorragendsten Staatsmänner und Militärs von Mexiko. Auch die Namen hoher französischer Offiziere waren dabei. Dennoch aber antwortete sie: »Ich habe mich jetzt noch nicht in der Weise mit Politik beschäftigt, wie ich es für später beabsichtige. Darum kenne ich zwar einige dieser Herren; die meisten aber sind mir unbekannt.« – »Ihr werdet sie kennenlernen, wenn Ihr Euch entschließt, meine Werbung anzunehmen. Mein Wissen und Eure Schönheit können sich ergänzen, so daß ich überzeugt bin, daß wir große Erfolge erringen werden.« Es kam ihr alles darauf an, den Inhalt dieser Briefe kennenzulernen. Sie streckte die Hand aus und fragte: »Darf ich sie lesen?« Er macht eine schnelle, abwehrende Handbewegung und antwortete: »Nein. Das ist unmöglich.« – »Warum? Ich denke, wir wollen Verbündete werden?« – »Allerdings; aber bis jetzt sind wir es noch nicht.« Emilia tat, als ob sie seine Weigerung für selbstverständlich halte, und sagte im gleichgültigsten Ton: »Ich hoffe, daß wir es aber bald sein werden.« Über sein Gesicht ging ein freudiges Aufleuchten. »Wirklich, Señorita?« fragte er rasch. – »Ja. Ich denke, wer mit solchen Männern verkehrt, der besitzt Einfluß und hat eine hervorragende Zukunft vor sich.« – »Zukunft sagt Ihr? Ich bin ja alt!« Bei diesen Worten ruhte sein Auge sehr erwartungsvoll auf ihr. »Alt? Ich habe Euch bereits gesagt, daß ich das Alter nicht nach den Jahren zähle. Eine glänzende Zukunft von zehn Jahren hat bei mir mehr Anziehungskraft, als ein gewöhnliches Leben in fünffacher Länge.« – »Das ist sehr klug und weise von Euch, Señorita. Also Ihr seid jetzt überzeugt, daß ich imstande bin, Euch eine Stellung zu bieten?« – »Ja. Nur fragt es sich, welcher Art sie sein wird.« – »Ihr meint, welche Charge?« – »Nein, sondern in wessen Diensten.« Hilario zuckte die Achsel. »Ein guter Diplomat fragt nicht nach dem Herrn, dem er dient, sondern nur nach seinem eigenen Vorteil. Ich widme meine Kräfte demjenigen, der sie am besten bezahlt. Nur Juarez mag ich nicht dienen.« – »Warum nicht?« – »Ich hasse ihn, hasse ihn so, wie ich noch keinen Menschen haßte. Mein Haß aber ist persönlich. Er ist nicht gegen die Politik oder das System des Juarez gerichtet, sondern ganz allein gegen seine Person.« – »Was hat er Euch denn getan?« – »Getan? Mir? Viel, unendlich viel! Unser Kloster war eines der reichsten und berühmtesten des Landes. Wir dienten zwar Gott, aber wir dachten auch an uns selbst und befanden uns außerordentlich wohl dabei. Ich war Superior, ich war der Oberste dieses frommen Hauses ... und jetzt? Da kam dieser Juarez und sagte, die sogenannte ›tote Hand‹ sei das größte Übel der Völker, die Klöster seien Hemmnisse der freien Entwicklung des Nationalwohlstandes. Er hob die Klöster auf, und wo sie verschont wurden, da nahm er ihnen das Vermögen. Auch das unsrige wurde säkularisiert, die frommen Väter wurden vertrieben, und nur ich durfte bleiben, da meine ärztlichen Kenntnisse dem gegenwärtigen Zweck dieses Hauses zugute kommen konnten. Was war ich früher, und was bin ich jetzt? Habe ich nicht Grund, diesen Juarez zu hassen? Muß ich nicht jede Gelegenheit ergreifen, mich an ihm zu rächen? Ja, und das tue ich aus allen Kräften. So lange ich lebe, soll es ihm nicht gelingen, sich auf den Stuhl des Präsidenten zu setzen. Dies habe ich geschworen, und ich werde es halten.« Der Pater hatte sich in eine tiefe Erbitterung hineingeredet Seine Wangen hatten sich dunkel gefärbt, und seine Augen glühten vor Grimm. Man sah es diesem Mann an, daß er, um sich zu rächen, zu allem fähig sei. »Ich habe nur einmal fast so sehr gehaßt wie jetzt, und das ist lange, lange her«, sagte er. – »Gegen wen war der damalige Haß gerichtet?« fragte Emilia. – »Ihr werdet den Mann wohl schwerlich kennen«, antwortete er. »Es war ein Graf Rodriganda.« – »Rodriganda? Ah, ich habe diesen Namen doch bereits gehört.« – »Wo?« – »Darauf kann ich mich wirklich nicht besinnen.« Emilia wollte nicht sagen, daß Sternau in Chihuahua diesen Namen genannt hatte. Der Pater blickte sie forschend an und fragte: »Was habt Ihr von diesem Rodriganda gehört?« – »Auch das weiß ich nicht mehr. Ich besinne mich bloß, seinen Namen gehört zu haben.« – »Es ist auch gleichgültig. Dieser Mann ist ja längst tot.« – »Was hatte er Euch getan?« – »Das erzähle ich Euch vielleicht später einmal. Jetzt haben wir keine Zeit dazu.« Bei diesen Worten legte Hilario die Briefe in das Schränkchen zurück. »Also ich bekomme sie jetzt nicht zu lesen?« fragte sie. – »Nein. Ihr würdet sie erst als meine Frau lesen dürfen.« – »Oder wenigstens als Eure Braut?« Emilia schlug dabei einen scherzenden Ton an, obgleich es ihr sehr ernst war. »Nein«, antwortete er. »Eine Verlobung kann leicht wieder aufgelöst werden, und solche Dinge traut man nur einer Person an, die für immer mit einem verbunden ist. Jetzt werde ich Euch den zweiten Beweis liefern, daß ich reich bin.« – »Ihr macht mich wirklich neugierig, Señor.« – »Eure Neugierde soll befriedigt werden.« Hilario trat zu den Kisten. Diese waren mit sogenannten Vexierschlössern versehen, zu denen man keine Schlüssel braucht. Er öffnete sie, und die Señorita fühlte fast ihre Augen geblendet von dem Reichtum, der ihr aus ihnen entgegenstrahlte. Die Kisten enthielten nämlich die heiligen Gefäße, die kostbaren Meßgewänder des aufgelösten Klosters und anderes Gerät, alles mit edlen Steinen besetzt und meist in reinem Gold gearbeitet. »Nun?« fragte er im Ton der Überlegenheit. – »Welch ein Reichtum!« – »Nicht wahr? Das sind viele Millionen!« – »Das repräsentiert ja ein geradezu fürstliches Vermögen.« – »Mehr als das! Unser Kloster war reicher, war mehr wert als manches Fürstentum. Als die weltliche Macht Besitz von ihm ergriff, habe ich diese Schätze gerettet.« – »Wie konnte Euch das gelingen? Man mußte doch wissen, daß alle diese Kostbarkeiten vorhanden seien.« – »Man wußte es allerdings«, sagte er mit einem höhnischen, beinahe diabolischen Lachen, »aber es gab mehrere Mittel, zum Ziel zu kommen.« – »Welche zum Beispiel?« – »Davon später. Jetzt sagt mir einmal, ob Ihr nun glaubt, daß ich reich bin!« – »Oh, Ihr seid doch nicht der Besitzer dieser Sachen?« – »Wer denn?« – »Sie gehören Euch doch nicht.« – »Wem sonst?« – »Dem Staat.« – »Dem Staat? Laßt Euch doch nicht auslachen! Wem gehört denn der Staat? Dem Juarez, dem Panther des Südens, dem Max von Österreich und den Franzosen? Einem von ihnen, keinem von ihnen oder ihnen allen? Was ist überhaupt Staat? Ist Mexiko jetzt Staat? Mexiko ist herrenlos, ist der Anarchie preisgegeben, und jeder soll da nehmen, was ihm in die Hände kommt.« – »Ihr predigt ja Raub und Diebstahl.« – »Unsinn. Ich predige nichts als Klugheit. Diese Sachen können dem Kloster nicht gehören, denn es ist aufgehoben. Sie können dem Staat nicht gehören, denn es gibt keinen konsolidierten Staat in Mexiko, und selbst wenn es einen gäbe, so würde derselbe nicht das mindeste Recht am Eigentum der Kirche haben. Ich bin der einzige, der von dem Kloster übriggeblieben ist, und so gehört mir auch alles, was vom Eigentum dieses letzteren vorhanden ist. Gebt Ihr mir recht oder nicht?« Emilia wußte, daß Hilario sich im offenbarsten Unrecht befand, aber sie durfte es mit ihm nicht verderben, und zugleich übten diese Reichtümer ihre Wirkung auf sie aus. Welches Weib könnte gleichgültig bleiben, wenn die Strahlen von tausend Diamanten und Juwelen in sein Auge fallen? »Ich will Euch nicht widersprechen«, sagte sie. – »Ihr betrachtet mich also als Herrn dieser Schätze?« fragte er. – »Ja«, antwortete sie. – »Nun, so frage ich Euch, ob Ihr deren Herrin werden wollt.« Seine Augen ruhten gespannt auf ihr. Sollte sie die Frau dieses Mannes werden? Dieser Gedanke beschäftigte Emilia. Es wäre ein großes Opfer von ihr gewesen, sich mit ihrer Schönheit, ihrer Lebenslust an diesen häßlichen, kraftlosen Greis zu fesseln. Aber dieses Opfer wurde ja überreichlich aufgewogen durch das lockende Besitztum, das er ihr anbot. Aber konnten diese Schätze nicht auch auf andere Weise in ihre Hände gelangen, ohne daß es notwendig war, sich an diese menschliche Ruine zu ketten? Zehn und noch mehr Möglichkeiten waren vorhanden; diese Angelegenheit mußte reiflich überlegt werden. »Muß ich mich denn sofort entscheiden?« fragte sie. – »Ich möchte Euch darum bitten.« – »Und ich muß Euch um Bedenkzeit ersuchen!« – »Warum?« – »Der Schritt, den Ihr von mir fordert, darf nicht leichtsinnig getan werden.« – »Ihr mögt nicht ganz unrecht haben, aber die Liebe zaudert nicht.« – »Sobald sie wirklich vorhanden ist, ja.« – »Also bei Euch ist sie nicht vorhanden?« – »Noch nicht, Señor. Ihr könnt mir dies nicht übelnehmen. Ich gehöre nicht zu den Naturen, die bereits beim ersten Blick brennen. Desto treuer aber sind meine Gefühle, wenn sie sich entwickelt haben.« – »Gut, ich will Euch nicht drängen; aber eins verlange ich einstweilen. Ich bin so aufrichtig gewesen, daß ich wohl einen kleinen Lohn, eine Art Abschlagszahlung erwarten darf.« – »Abschlagszahlung? Ich verstehe Euch nicht. Worin soll sie bestehen?« – »In einem kleinen Kuß.« Hilario spitzte bereits den Mund und machte Miene, Emilia zu umfangen, diese aber trat rasch zurück und streckte die Hände abwehrend vor. »Nicht so schnell, Señor!« sagte sie. »Ich werde niemals einen anderen küssen als den, dem ich angehören werde.« – »Aber ich hoffe doch, daß ich dies sein werde.« – »Möglich! Sicher aber ist es noch keineswegs.« – »So bedenkt doch, daß ein Kuß keine Sünde ist!« – »Eine Sünde nicht, aber eine Kinderei. Nur zwischen Leuten, in denen die Liebe mächtig ist, hat er einen Zweck.« – »Ihr verweigert ihn mir also?« – »Ja.« Emilia wußte genau, daß sie durch diese Weigerung Hilarios Begierde noch mehr entflammen und dadurch an Macht über ihn gewinnen werde. Er zog ein Messer hervor und ergriff eines der reichen Meßgewänder. »Seht diesen Diamanten«, sagte er, »er ist zweitausend Dollar wert. Ich schneide ihn sofort ab und schenke ihn Euch für einen einzigen Kuß.« – »Ich verkaufe meine Küsse nicht«, antwortete Emilia kalt. – »Und dennoch muß ich ihn haben!« Bei diesen Worten sprang Hilario, ehe Emilia es vermutete, auf sie zu, umarmte sie, drückte sie an sich und versuchte, mit seinem Mund ihre Lippen zu fangen. Lange wollte es ihm nicht gelingen, endlich aber doch. Es ließ sich schwer sagen, ob er durch seine körperliche Überlegenheit siegte, oder ob sie aus berechnender Schlauheit ihm seinen Wunsch erfüllte. Jedenfalls aber war dieser erzwungene Kuß ein so kurzer, daß er das Verlangen des Paters nur noch mehr steigerte. Der alte Mann drückte das schöne Mädchen mit aller Gewalt an sich und rief: »Bei Gott, dieser Kuß soll nicht der einzige gewesen sein!« – »Und doch!« antwortete sie. Er wußte nicht, wie es kam, aber während dieser Worte schleuderte ihn Emilia mit einer so kraftvollen Bewegung von sich, als ob sie die Stärke eines rüstigen und geübten Mannes besäße. Er taumelte und stürzte zu Boden, raffte sich jedoch sofort wieder empor. »Señorita, Ihr seid ein Engel, aber auch zugleich ein Ungeheuer!« sagte er. »Gott hat Euch geschaffen, um glücklich zu machen, Ihr aber mit Eurer kalten, erbarmungslosen Seele seid wirklich imstande, einen zur Verzweiflung zu bringen.« – »Wirklich? Bin ich so kalt?« fragte sie lächelnd. – »Ja, wie Eis.« Emilia dachte an den Schwarzen Gerard, dem sie so gern alle Zärtlichkeiten gewidmet hätte, und an den Kleinen André, diesen, wenn auch nicht mehr jungen und auch nicht schönen, aber doch so braven Jäger, den sie freiwillig geküßt hatte, weil er ihr durch seine Aufopferungsfreudigkeit eine so rege Teilnahme eingeflößt hatte. »Versucht einmal, dieses Eis zu schmelzen!« sagte sie. Dabei lag ein Lächeln um ihre Lippen, so stolz und doch auch wieder so verführerisch, daß er hätte den Verstand verlieren mögen. »Ich habe es ja soeben versucht!« sagte er. – »Aber nicht in der richtigen Weise, Señor. Mit Gewalt läßt sich keine Liebe erwecken. Merkt Euch das!« – »Soll ich Euch, der ich keinen Tag meines Lebens zu verschenken habe, etwa vierzehn Jahre dienen, die Jakob um Rahel geworben hat?« – »O nein«, lachte sie. »Eine vierzehnjährige Werbung würde auch mir langweilig werden. Habt Ihr mir hier noch etwas zu zeigen?« – »Nein. Ihr habt bereits alles gesehen.« – »So wollen wir zurückkehren.« – »Und wann werde ich erfahren, ob Ihr die Meine werden wollt?« – »Ich werde Euch die Antwort in drei Tagen geben.« – »Angenommen! Ich hoffe, daß Ihr nicht nein sagen werdet. Kommt also jetzt. Wir wollen gehen!« Sie kehrten auf demselben Weg zurück, den sie gekommen waren, wobei der Pater natürlich alles wieder verschloß. Auch hier entwickelte Emilia die größte Aufmerksamkeit, so daß ihr nichts entging, was sie bemerken wollte. Sie ging nicht wieder mit Hilario nach seiner Wohnung, sondern begab sich nach derjenigen, die ihr angewiesen worden war. 10. Kapitel. Als Pater Hilario sich allein befand, schritt er in seinem Zimmer unruhig auf und nieder. Er befand sich in der größten Aufregung. »Vielleicht habe ich heute die größte Dummheit meines Lebens begangen«, sagte er zu sich selbst. »Ich habe meine Geheimnisse verraten. Wird es mir bei ihr Nutzen bringen? Und wenn sie mir einen Korb gibt, wird sie verschweigen können, was sie gesehen und erfahren hat? Ich bin in dieses wunderschöne Mädchen in einer Weise verliebt, als ob ich erst achtzehn Jahre zählte; aber ich bin auch überzeugt, wird sie meine Frau, so werde ich der Beherrscher aller ihrer Anbeter sein, und wer weiß, was für Erfolge ich dann verzeichnen kann. Wären doch diese drei Tage schon vorüber.« Da klopfte es von draußen leise an das Fenster. Hilario horchte auf, und als das Klopfen sich wiederholte, öffnete er und blickte hinaus. Er bemerkte die Gestalt eines Mannes, der draußen stand. »Wer ist das?« fragte er mit halb unterdrückter Stimme. – »Ich, Oheim«, antwortete es. – »Ah! Manfredo, bist du es?« – »Ja. Mach mir auf.« – »Sogleich.« Hilario ging und öffnete, nicht den Haupteingang, sondern ein Nebenpförtchen des Klosters. Manfredo stand vor demselben. Er schien auf demselben Weg bereits öfters zu seinem Oheim gekommen zu sein. »Dich hätte ich nicht vermutet«, flüsterte dieser. »Bringst du Nachricht?« – »Ja. Sehr wichtige.« – »So komm mit nach meiner Stube.« Dort angelangt, betrachtete der Onkel seinen Neffen erwartungsvoll. Der letztere war natürlich derselbe Manfredo, der mit Cortejo am Krokodilteich gewesen war und ihm den Rat gegeben hatte, mit ihm nach dem Kloster della Barbara zu gehen. »Woher kommst du?« fragte der Pater. – »Von der Hacienda del Erina.« – »Von dorther? Diese liegt ja in ganz entgegengesetzter Richtung. Ich schickte dich nach Mexiko, um einen der Werber Cortejos zu finden.« – »Ich bin auch dort gewesen, Oheim.« – »Wie kommst du da nach del Erina?« – »Es gelang mir, einen dieser Werber zu treffen. Ich erfuhr von ihm, daß Cortejo sich auf der Hacienda del Erina befinde. Ich wurde mit noch anderen angeworben und nach der Hazienda transportiert.« – »Gehört diese Besitzung nicht auch dem Grafen Rodriganda?« – »Ja. Er hat sie aber an Señor Arbellez vermacht oder verschenkt.« – »Dann ist zu verwundern, daß Cortejo zu Arbellez geht. Wie wurde er von diesem empfangen?« – »Darüber kann ich nur sagen, was ich gehört habe, denn ich war nicht dabei, ich kam erst später. Cortejo hat die Hazienda ausplündern lassen und für sich in Besitz genommen. Arbellez wurde in einem Keller der Hazienda gefangengesetzt.« – »Das ist eine sehr wichtige Nachricht für mich. Du kennst zwar mein Verhältnis zu dem Grafen Rodriganda nicht und ebensowenig meine Absichten auf diesen Cortejo; aber ich kann dir nur so viel wiederholen, daß ich gesonnen bin, mich dem letzteren freundlich zu zeigen.« – »Ich habe in diesem Sinn gehandelt, Oheim.« – »Ist es dir vielleicht gelungen, ihm einen Dienst zu erweisen?« – »Ja. Dieses Dienstes wegen komme ich zu dir. Du sollst dich an demselben beteiligen, wenn das in deine Pläne paßt.« – »Es paßt. Aber welchen Dienst meinst du?« – »Du sollst Cortejo bei dir aufnehmen.« – »Alle Teufel, was will er bei mir?« – »Er kommt als Flüchtling.« Der Pater machte ein höchst erstauntes Gesicht »Als Flüchtling, sagst du? So hätte er Unglück gehabt?« – »Ja. Er hat eine Expedition nach dem Rio Grande del Norte unternommen, dabei aber einen großen Mißerfolg erfahren. Er hat sogar das eine Auge verloren, ich glaube im Kampf mit den Indianern.« – »Welchen Zweck hatte diese Expedition?« – »Ich weiß es nicht genau, doch sprach man von der Aufhebung einer Sendung von Geld und Kriegsvorräten, die für Juarez bestimmt war.« – »Und diese Aufhebung ist nicht gelungen?« – »Wie es scheint, nicht.« – »So hat Juarez diese Vorräte und Gelder erhalten?« – »Wahrscheinlich.« – »Hole ihn der Teufel! Cortejo ist ein Dummkopf. Juarez wird wieder neu Atem schöpfen können. Aber wie kommt es, daß du Cortejo einen Flüchtling nennst? Er konnte doch nach der Hazienda gehen.« – »Das wollte er auch, doch kam er zu spät. Sie war von den Mixtekas genommen worden.« – »Von den Mixtekas? Haben denn diese sich erhoben?« – »Ja, ich war dabei, als sie die Hazienda überfielen. Sie waren wohl über tausend Mann stark, und von uns sind nur wenige entkommen.« – »Wer führte die Roten an?« – »Büffelstirn.« – »Unsinn! Der ist ja tot!« – »Man dachte es, aber er ist wieder aufgetaucht.« – »Wenn dies wirklich wahr ist, so blüht das Glück dieses Juarez von neuem, denn Büffelstirn wird zu ihm halten. Man darf dies nicht so weit kommen lassen, aber was ist zu tun, und wie soll man es anfangen?« – »Das wirst du vielleicht wissen, sobald du genau erfährst, was geschehen ist. Ich kann dir nicht alles ausführlich erzählen, da meine Begleiter auf mich warten, aber ich will dir nur so viel sagen, daß wir Grausiges erlebt haben und jedenfalls von Büffelstirn und Bärenherz, vielleicht von noch anderen verfolgt werden.« – »Auch Bärenherz, von dem man früher viel sprach, soll tot sein.« – »Er lebt ebenso wie Büffelstirn. Diese beiden hatten, nachdem die Hazienda von ihnen überfallen worden war, die Tochter Cortejos nach dem Berg El Reparo gebracht, um sie von den Krokodilen verschlingen zu lassen, wir aber haben sie gerettet.« – »So ist sie auch mit bei euch?« – »Ja. Cortejo, Señorita Josefa, seine Tochter, und sechs Mexikaner. Es waren noch mehr bei uns, aber sie haben uns unterwegs verlassen.« – »Wo ist Cortejo?« – »Draußen in der Nähe des Klosters. Ich bin vorausgegangen, um zu erfahren, ob du geneigt bist, ihn bei dir aufzunehmen. Doch habe ich ihm allerdings versprochen, daß er dir willkommen sein werde.« Der Pater schritt nachdenklich hin und her. Dann sagte er: »Welch ein Zufall. Natürlich nehme ich Cortejo bei mir auf. Ich bin neugierig, ob er mich erkennen wird.« – »Wie? Ihr habt euch früher schon gekannt?« – »Wir sahen uns in Mexiko und auch noch anderwärts.« – »Freundlich oder feindlich?« – »Feindlich, doch kann dies auf mein jetziges Verhalten keinen Einfluß haben. Gehe und hole ihn! Hier ist der Schlüssel. Doch laß ihn nicht vorher wissen, daß ich ihn kenne.« – »Soll ich die anderen mitbringen?« – »Nein, noch nicht.« – »Auch seine Tochter nicht?« – »Nein. Die Anwesenheit vieler könnte uns verraten. Ich nehme an, daß sein Aufenthalt bei mir geheim bleiben soll. Übrigens weiß ich noch nicht, wo und wie ich seine Leute unterbringen werde. Das wird sich erst finden, nachdem ich mit ihm gesprochen habe.« Der Neffe ging und brachte bald Cortejo herein, erhielt aber dabei von seinem Oheim einen Wink, sich einstweilen zu entfernen. Cortejo blieb an der Tür stehen, grüßte und betrachtete den Pater mit eigentümlichen, scharfen Blicken. Dieser fixierte ihn ebenso und fragte dabei: »Euer Name ist Cortejo, Señor?« – »Ja«, antwortete der Gefragte. – »Ihr seid derjenige Cortejo, der im Dienst des Grafen Ferdinando de Rodriganda stand?« – »Derselbe.« – »Seid mir willkommen und setzt Euch nieder.« Er deutete auf einen Stuhl, auf den Cortejo sich niederließ. Hilario selbst aber zog es vor, stehen zu bleiben, und fuhr, noch immer kein Auge von dem anderen verwendend, fort: »Mein Neffe sagte mir, daß Ihr auf einige Zeit ein Asyl sucht. Die heilige Religion gebietet, dem Notleidenden die Hand zu reichen, und darum bin ich bereit, Euch eine Zufluchtsstätte zu gewähren.« – »Ich danke Euch, frommer Pater! Aber wird die Zufluchtsstätte auch so beschaffen sein, daß meine Anwesenheit nicht verraten wird?« – »Habt Ihr Verrat zu fürchten?« Diese Worte wurden zwar in unverfänglichem Ton gesprochen, doch lag dabei auf dem Gesicht des Paters ein Etwas, das man leicht für den Ausdruck einer versteckten Schadenfreude halten konnte. »Leider«, antwortete Cortejo. »Sind Euch meine Verhältnisse bekannt?« – »Nur so weit, daß ich weiß, daß Ihr als Kandidat des Präsidentenstuhles aufgetreten seid.« – »Nun, ich bin aus diesem Grund des Landes verwiesen worden.« – »Von den Franzosen?« – »Eigentlich vom sogenannten Kaiser Maximilian; doch kann dieser ohne Erlaubnis der Franzosen nichts tun. Ich bin nach dem Norden des Landes gegangen, um da für meine Kandidatur zu wirken, wurde aber auf der Hazienda del Erina überfallen. Man tötete meine Leute, und ich bin überzeugt, daß meine Verfolger mir auf den Fersen sind.« – »Sie werden Euch nicht erreichen. Ihr seid bei mir vollständig sicher.« – »So habt Ihr ein gutes Versteck?« – »Verstecke, so viel Ihr braucht. Dieses Kloster hat viele verborgene Höhlen, Gänge und Gemächer, daß ich gut tausend Mann verstecken könnte.« – »Das ist mir unendlich lieb, zumal ich erfahren habe, daß sich Franzosen hier befinden. Ich werde mich erkenntlich zeigen.« – »Ihr habt nichts zu befürchten. Die Franzosen sind von Juarez entwaffnet worden und werden froh sein, wenn man sie entkommen läßt. Und was die Belohnung betrifft – ah, sagt einmal, worin diese bestehen soll?« Hilarios Gesicht hatte bei diesen Worten einen lauernden Ausdruck angenommen. »Ich bin reich!« antwortete Cortejo. – »Worin besteht Euer Reichtum?« Diese Frage wurde Cortejo doch unbequem. Er antwortete: »Habt Ihr ein besonderes Interesse, dies zu erfahren?« – »Ja«, meinte der Pater ruhig. »Ich könnte sagen, daß Ihr von Belohnung redet und ich Euch gegen Eure Verfolger schütze, ich hätte das Recht, mich zu überzeugen, ob Ihr auch imstande seid, mir eine solche Wohltat zu vergelten. Aber ich bemerke Euch, daß ich von jeder Belohnung absehe. Meine Frage hatte nur den Zweck, Eure Verhältnisse zu erfahren, um zu wissen, in welcher Weise ich Euch nützlich werden kann.« – »Ich danke Euch. Wie kommt es, daß Ihr ein solches Interesse an mir nehmt?« – »Ihr werdet dies wohl bald erfahren. Also sagt mir gefälligst, worin Euer Reichtum besteht!« – »Ich bin Verwalter der Besitzungen des Grafen Rodriganda.« Um die Lippen des Paters legte sich ein unbeschreibliches Lächeln. »Das heißt mit anderen Worten, Ihr beutet diese Besitzungen für Eure Zwecke aus?« Man konnte sehen, daß Cortejo verlegen wurde. »Das habe ich allerdings nicht sagen wollen«, meinte er. – »Was oder wieviel Ihr sagen wolltet, ist mir gleich. Ich halte mich an die Tatsachen. Übrigens ist es mit Eurer Verwaltung aus, da Ihr des Landes verwiesen seid. Ihr könntet mich also schwerlich belohnen.« – »Ich habe Geld, Señor!« meinte Cortejo, dem es bange wurde, denn es kam ihm der Gedanke, daß der Pater ihn nicht behalten könnte. – »Wo?« fragte dieser mit unerbittlicher Rücksichtslosigkeit. – »Es ist sicher versteckt. Ich mußte mich auf alle Fälle gefaßt machen, also auch auf den, in welchem ich mich gegenwärtig befinde.« – »Damit wollt Ihr sagen, daß Ihr dieses Geld aus dem Vermögen der Rodrigandas auf die Seite gebracht habt?« – »Señor, wo denkt Ihr hin?« – »Schon gut! Ich verstehe Euch, ohne daß Ihr mir Eure Angelegenheiten zu enthüllen braucht. Übrigens habt Ihr von mir nichts zu befürchten. Es würde mir nicht einfallen, es zu mißbilligen, wenn Ihr diese Rodrigandas um ihr ganzes Vermögen gebracht hättet.« Diese Worte wurden mit einer Erbitterung gesprochen, die Cortejo aufmerksam werden ließ. »Warum?« fragte er. »Kennt Ihr die Rodrigandas?« – »Mehr, als mir lieb ist!« – »Ah, Ihr seid ihnen feindlich gesinnt?« – »So feindlich, daß ich diesen Ferdinando de Rodriganda erwürgen würde, wenn er noch lebte und sich hier bei mir befände.« Diese Worte erregten das höchste Interesse Cortejos. »Ihr sprecht das mit einem wahren Grimm aus«, sagte er. »Was hat Euch Don Ferdinando denn getan?« – »Warum fragt Ihr? Ihr wißt es doch genau!« – »Ich? Wieso?« – »Kennt Ihr mich denn wirklich nicht mehr?« – »Es ist mir, als ob ich Euch gesehen hätte. Ich habe schon darüber nachgedacht, kann aber nicht finden, wann und wo es gewesen ist.« – »Nun, so will ich Eurer Erinnerung zu Hilfe kommen. Euch habe ich sofort erkannt, obgleich Euch ein Auge fehlt und viele Jahre vergangen sind, seit wir uns zum letzten Male trafen. Ich wurde damals von Euch zur Tür hinausgeworfen, Señor.« Cortejo erbleichte. Sollte das wahr sein? In diesem Fall hatte er wohl auf keinen Schutz, sondern nur auf die Rache dieses Mannes zu rechnen. »Zur Tür hinausgeworfen?« fragte er. »Ihr scherzt wohl?« – »Nein, ich spreche im Ernst. Ich war damals ein junger Arzt.« Cortejo schüttelte den Kopf. »Ich kann mich nicht besinnen«, sagte er. »Ihr müßt Euch irren.« – »O nein, ich irre mich nicht. Ich brauche Euch bloß meinen Namen zu nennen.« – »Tut es, ich bitte Euch darum!« – »Man nennt mich Pater Hilario, damals aber hieß ich Ignaz Mandrillo.« – »Ignaz Mandrillo!« rief Cortejo und sprang vom Stuhl auf. »Ist das möglich, Señor?« Auf seinem Gesicht war der Schreck zu erkennen. Der Pater beobachtete mit einer Art grimmigen Vergnügens den Eindruck, den die Nennung seines Namens hervorgebracht hatte. »Nicht wahr, nun kennt Ihr mich?« fragte er. Cortejo hielt das Auge immer noch weit geöffnet auf ihn gerichtet. »Ja«, sagte er, »Ihr seid es. Ich wundere mich, daß ich Euch nicht gleich erkannt habe. Señor, ich hoffe nicht, daß Ihr der alten Zeiten gedenkt.« – »Warum sollte ich nicht?« fragte der Pater, dessen Gesicht einen kalten, finsteren Ausdruck angenommen hatte. »Diese Zeiten haben meinem Leben eine Richtung gegeben, die ich für unmöglich gehalten hätte. Ich habe damals gelitten, was ich kaum zu überleben dachte; das vergißt man nicht, Señor, sondern daran denkt man noch in der Todesstunde.« – »Ich bedaure das und hoffe, daß Ihr nicht mir die Schuld gebt. Ich handelte damals auf den Befehl des Grafen, dessen Diener ich war.« Die Lippen des Paters preßten sich zusammen. Er hielt es für unklug, seine eigentliche Ansicht zu sagen, darum antwortete er: »Ich bin überzeugt davon, obgleich damals mein Grimm mehr gegen Euch, als gegen den Grafen gerichtet war.« – »Laßt das nun ruhen! Ihr habt Euch ja gerächt!« – »Woher wollt Ihr das wissen?« – »Ich weiß es zwar nicht, aber ich kann es mir denken, daß Ihr derjenige gewesen seid, der später ...« – »Halt!« fiel ihm der Pater in die Rede. »Ich mag nichts weiter hören. Aber ich will Euch aufrichtig sagen, daß ich mich sehr geärgert habe, als ich erfuhr, daß Graf Ferdinando gestorben sei. Mein einsames Klosterleben ist innerlich nicht so still und ruhig verlaufen wie äußerlich. Es wogte ein Meer der Rache in mir, dessen Brandung mir Tag und Nacht gegen die Brust stürmte. Ich baute mir einen Plan und hätte ihn ausgeführt, wenn der Graf nicht so plötzlich gestorben wäre.« – »Darf ich fragen, welcher Plan es war?« – »Fragt nicht! Es ist ja doch zu spät zur Rache!« Der Pater schritt im Zimmer auf und ab. Man sah es ihm an, daß jenes Meer der Rache noch in ihm wogte. Cortejo beobachtete ihn. Sein Auge begann zu funkeln. Es tauchte ein Gedanke in ihm auf, der ihm ungeheure Vorteile zu bieten schien, Vorteile für später. »Wenn es nun doch noch nicht zu spät wäre?« fragte er daher langsam und mit hörbarem Nachdruck. Da blieb der Pater vor ihm stehen und fragte: »Nicht zu spät? Der Graf ist ja tot!« – »Woher wißt Ihr das?« – »Ich hörte es und las es auch. Er ist ja begraben worden.« – »Wenn ich Euch nun sagte, daß er noch lebt, Señor Mandrillo?« – »Pah! Ich würde es nicht glauben.« – »Und doch wäre es die Wahrheit.« Der Pater schüttelte den Kopf und fragte: »Wollt Ihr mich vielleicht wieder so täuschen wie damals, Señor? Es würde Euch wohl schwerlich gelingen!« – »Davon kann keine Rede sein. Sagt mir doch einmal, welchen Nutzen ich hätte, wenn ich Euch ein Märchen aufbinden wollte.« – »Allerdings gar keinen. Aber niemand wird mich glauben machen, daß Graf Ferdinando des Rodriganda noch am Leben sei.« – »Er lebt dennoch. Er war nur scheintot.« – »Scheintot? Ah, das würde ich ihm von ganzem Herzen gönnen. Welche Qualen muß ein Scheintoter ausstehen, ehe er im Grab zugrunde geht! Aber wie wollte man es erfahren haben, daß er wirklich nur scheintot gewesen ist?« – »Man hat ihm ein Mittel gegeben, das Starrkrampf erzeugt.« – »Donnerwetter!« fluchte der Pater trotz seines früheren frommen Standes. »Das wäre ja ein Verbrechen gewesen!« – »Es werden der Verbrechen viele begangen, ohne Strafe zu finden!« – »Das ist wahr. Aber welche Absicht könnte man gehabt haben, bei dem Grafen den Scheintod hervorzubringen?« – »Nehmt einmal an, es sei aus Rache geschehen!« – »Das wäre allerdings ein sehr stichhaltiger Grund. Aber der Graf wurde begraben; er muß nachträglich in der Gruft gestorben sein.« – »Nein, denn man hat ihn heimlich aus dem Sarg genommen.« Die Augen des Paters richteten sich förmlich durchbohrend auf Cortejo. »Señor«, sagte er. »Wollt Ihr einen Roman zusammenbauen?« – »Das fällt mir gar nicht ein. Ich offenbare Euch hiermit allerdings ein tiefes und schwerwiegendes Geheimnis; aber ich würde das nicht tun, wenn ich keine Absicht dabei hätte.« – »Welches ist diese Absicht?« – »Euch Gelegenheit zur Rache zu bieten.« Der Pater stieß ein kurzes, heiseres Lachen aus. »Das macht Ihr mir nicht weis, Señor«, sagte er. »Wie ich Euch, leider zu meinem Schaden, kennengelernt habe, tut Ihr nichts, ohne Euren eigenen Vorteil im Auge zu haben.« – »Ich will auch das zugeben, Señor Mandrillo, denn indem Ihr Euch rächt, befriedige ich mein eigenes Verlangen nach Vergeltung.« – »Ah! Habt auch Ihr eine Rechnung mit dem Grafen auszugleichen?« – »Ja, eine sehr große.« – »So seid Ihr es gewesen, der ihm das den Starrkrampf erzeugende Mittel beigebracht hat?« – »Ich sage weder ja noch nein. Ihr werdet begreifen, daß man in solchen Dingen nicht vorsichtig genug sein kann.« – »In dieser Angelegenheit könnt Ihr gegen mich die vollste Aufrichtigkeit walten lassen. Ihr wißt ja, wie ich zu Rodriganda stehe.« – »Was hilft mir meine Aufrichtigkeit, wenn Ihr meinen Worten nicht glaubt?« – »Ah! Ihr haltet also wirklich die Behauptung aufrecht, daß der Graf noch lebt?« – »Ja, vollständig.« – »Señor, wenn Ihr die Wahrheit sagtet!« – »Ich sage sie.« – »Ihr würdet mir damit ein Geschenk machen, das ich Euch niemals vergelten könnte. Rache üben zu können, ist Seligkeit.« – »Welchen Racheplan hattet Ihr Euch damals gemacht?« – »Das werde ich so lange verschweigen, bis ich von Euch alles weiß.« Cortejo blickte still und ungewiß vor sich nieder. Dann hob er mit einer raschen Bewegung den Kopf und erwiderte: »Nun gut, ich will mich entschließen, Euch einzuweihen, da wir einander von großem Nutzen sein können. Aber kann ich mich auf Eure Verschwiegenheit für alle Fälle und in jeder Beziehung verlassen?« – »Ich schwöre es bei Gott und allen Heiligen, daß ich über das, was ich von Euch erfahre, stumm sein werde.« Der Pater hatte dabei die Hand wie zum Schwur erhoben. Cortejo antwortete: »Ich will Euch glauben und vertrauen. So erfahret denn, daß ich es gewesen bin, der Don Ferdinando das Mittel gegeben hat.« – »Also doch, wie ich vermutete. Es weiß doch kein zweiter davon?« – »Nur meine Tochter. Ich war gezwungen, sie einzuweihen.« – »Seid Ihr ihrer Verschwiegenheit sicher?« – »Ja.« – »Also wurde der Graf wirklich scheintot begraben?« – »Er war noch nicht wieder erwacht, als ich ihn aus dem Sarg nahm.« – »Ihr selbst habt ihn herausgenommen?« – »Ja.« – »Und nicht getötet?« – »Nein.« – »Welch ein Fehler!« rief der Pater streng. »Übrigens weiß ich noch nicht, ob ich Euch das alles glauben soll.« – »Ihr werdet es glauben, wenn Ihr das Weitere erfahren habt.« – »Aber warum ließt Ihr ihn wieder aufleben?« – »Um meine Rache vollständig zu befriedigen. Der Graf sollte langsamer zugrunde gehen, als durch das einfache Lebendig-begraben-werden.« Die Augen des Paters funkelten vor Vergnügen. »Das war allerdings ein göttlicher Gedanke. Was habt Ihr mit ihm getan?« – »Ich habe ihn in die Sklaverei geschickt.« – »Alle Teufel! Ich beginne, Euch hochzuachten! Dort lebt er noch?« – »Ich glaubte es, daß er dort noch lebe oder doch dort gestorben sei. Aber er ist gerettet worden und nach Mexiko zurückgekehrt.« – »Ah! Wirklich? Habt Ihr ihn gesehen?« – »Noch nicht, aber dennoch weiß ich es ganz genau. Er befindet sich da oben im Norden in einem Fort, das Guadeloupe heißt.« – »Warum dort? Warum kommt er nicht, um Euch anzuklagen?« – »Er ist krank.« – »Donnerwetter! Er wird doch nicht etwa sterben?« – »Mir wäre das außerordentlich lieb.« – »Ich glaube das. Aber mir nicht. Was Ihr da erzähltet, hat in mir die Hoffnung erweckt, daß es mir doch noch gelingen werde, meine Rache an den Mann zu bringen. Ich wollte, ich hätte diesen Grafen hier.« – »Was würdet Ihr mit ihm tun?« – »Was ich ursprünglich beschlossen hatte. Jetzt kann ich Euch dies mitteilen. Ich wollte ihn nämlich in eines der unterirdischen Gefängnisse des Klosters stecken, um mich an seinem langsamen Tod weiden zu können.« Da flog ein freudiges Leuchten über Cortejos Gesicht, er glaubte jetzt gewonnen zu haben und fragte: »Wie hättet Ihr ihn dann in Eure Hand bekommen?« – »Auf irgendeine Weise. Das wäre mir übrigens das wenigste. Wißt Ihr vielleicht, an welcher Krankheit er jetzt darniederliegt?« – »An einer Verletzung durch einen Hieb, den er erhalten hat.« – »Das ist nicht lebensgefährlich. Ist er geheilt, so wird er jedenfalls von dem Fort aufbrechen, um sein Besitztum anzutreten und Euch bestrafen zu lassen. Ich gäbe viel darum, wenn er auf dem Weg nach Mexiko hier durch Santa Jaga käme.« – »Soll ich ihn dazu veranlassen?« – »Brächtet Ihr das fertig?« – »Jedenfalls; doch hoffe ich, daß auch Ihr mir dafür einen Gefallen erzeigt, daß Ihr seine Begleiter und Freunde mit einsperrt.« – »Hm! Das kann leicht sein, aber auch schwer; es kann überflüssig oder notwendig, gefährlich oder auch von Nutzen sein. Man muß das abwarten.« – »Ja, Ihr könnt das abwarten, aber nicht ich. Ich muß bereits jetzt wissen, was Ihr zu tun beschließen werdet.« – »Warum? Nehmt Ihr an den Begleitern des Grafen gar so großes Interesse?« – »Natürlich. Sie werden jedenfalls von ihm alles erfahren haben. Ihn allein einsperren, kann mir also von keinem Nutzen sein.« – »Das ist sehr richtig. Mir aber haben diese Leute nichts getan.« – »Jetzt noch nicht; aber sie können Euch sehr gefährlich werden.« – »Inwiefern?« – »Dadurch, daß sie entdecken und verraten, wo der Graf sich befindet.« – »Alle Teufel! Daran dachte ich nicht! Aber man kann ja vorsichtig sein, so daß sie gar nichts bemerken.« – »Ich kann Euch den Grafen nur unter der Bedingung liefern, daß Ihr auch seine Begleiter unschädlich macht.« – »So gibt es in Eurer Vergangenheit noch einen Punkt, den Ihr mir verschwiegen habt. Und dieser Punkt bezieht sich auf die Begleiter.« – »Ihr ratet richtig. Nur ist es gefährlich, darüber zu sprechen.« – »Wenn Ihr mein Schützling und Verbündeter sein wollt, so verlange ich unbedingt alles zu erfahren, was sich auf den Grafen bezieht.« Cortejo schwieg eine Weile, endlich sagte er, aber sichtlich zögernd: »Ich sehe ein, daß ich Euch alles sagen muß. Aber Ihr dürft überzeugt sein, daß ich Euch töten werde, wenn Ihr ein einziges Wort davon redet!« – »Mich töten? Pah! Ihr befindet Euch ja in meiner Hand und nicht ich in der Eurigen. Ich brauchte also keine Angst zu haben, wenn ich ja die Absicht hätte, Euch zu verraten.« – »Da irrt Ihr Euch sehr! Es gibt noch Mitwisser meines Geheimnisses. Ich werde sie benachrichtigen, daß ich es auch Euch mitgeteilt habe, und sie würden die Strafe übernehmen, falls Ihr mich verrietet.« – »Wer sind diese Mitwisser?« – »Vor allen Dingen mein Bruder.« – »Ah! Ihr habt noch einen Bruder! Wo?« – »In Spanien. Er ist Verwalter des Grafen Alfonzo de Rodriganda.« – »Das wußte ich allerdings noch nicht. Dieser Graf Alfonzo wird sich außerordentlich freuen, wenn er hört, daß sein Oheim noch lebt.« Cortejo stieß ein höhnisches Lachen aus und antwortete: »Er wird ihn im Gegenteil zu allen Teufeln wünschen.« – »Seinen Verwandten?« fragte der Pater erstaunt. – »Oh, Graf Alfonzo ist ja auch Mitwisser meines Geheimnisses!« – »Was? Wirklich? Er weiß, daß der Graf scheintot gewesen ist?« – »Ja.« – »Und in die Sklaverei geschafft wurde?« – »Ja. Er ist übrigens gar nicht mit ihm verwandt.« – »Er ist doch sein Neffe!« – »Nein. Und dies ist eben mein Geheimnis, für dessen Ausplauderei ich Euch mit dem Tode drohte. Graf Alfonzo ist nämlich der untergeschobene Sohn des Grafen Emanuel des Rodriganda.« Der Pater trat vor Erstaunen gleich mehrere Schritte zurück. »Das soll ich glauben?« fragte er. – »Würde ich eine für mich so gefährliche Mitteilung machen, wenn sie nicht die volle Wahrheit enthielte?« – »Ich wüßte allerdings nicht, was Euch bewegen könnte, mir eine solche Fabel zu erzählen. Aber wenn Eure Worte Wahrheit enthalten, wessen Sohn ist dann eigentlich dieser Don Alfonzo?« – »Der Sohn meines Bruders.« – »Also Euer Neffe? Ah, nun wird mir die Sache plausibel. Nun weiß ich auch, wie Ihr von Euren Reichtümern reden könnt. Denn, wenn der Graf von Rodriganda ein Neffe von Euch ist, so könnt Ihr schließlich mit seinem Vermögen machen, was Euch beliebt.« – »Ihr seht also ein, daß ich imstande bin, Euch zu belohnen!« – »Ja. Doch brauche ich Euren Lohn gar nicht. Ich besitze, was mir vonnöten ist und noch etwas mehr. Was aber ist mit dem echten Sohn des Grafen Emanuel geworden? Ist er gestorben?« – »Leider nicht. Er lebt und befindet sich in Begleitung des Grafen Ferdinando.« – »Alle Teufel! Wissen die beiden, daß sie verwandt sind?« – »Nein. Sie können es aber sehr leicht entdecken, wenn der Zufall es will.« – »So werde ich dafür sorgen, daß der Zufall es nicht will. Ich sage Euch, daß diese Mitteilung mir von allergrößtem Interesse ist. Die Verhältnisse, von denen Ihr redet, geben meiner Rache noch ganz andere Wendungen.« – »Es ist mir lieb, dies zu hören. Übrigens muß ich Euch sagen, daß sämtliche Begleiter des Grafen treue Anhänger von Juarez sind.« – »Ah! Wirklich?« – »Ja. Sie haben bereits für ihn gekämpft.« – »So wird es mir eine Lust sein, sie unschädlich zu machen. Wer ist es denn?« – »Zunächst Büffelstirn und Bärenherz ...« – »Diese beiden, die Euch jetzt verfolgen?« – »Ja.« – »Aber so sind sie ja nicht bei dem Grafen.« – »Sie sind ihm vorausgeeilt, um mir mit Hilfe der Mixtekas die Hacienda del Erina wegzunehmen.« – »Wer ist's noch weiter?« – »Ein gewisser Sternau, ein deutscher Arzt, der der gefährlichste von allen ist. Er ist meinem Geheimnis so scharf auf der Spur, daß es sich in der größten Gefahr befindet und ich natürlich mit.« – »Aber wie kommt dieser Deutsche in Berührung mit den Rodrigandas?« – »Das ist eine lange Geschichte, die Euch ermüden würde.« – »Oh, ich interessiere mich für diese Sache so sehr, daß von einer Ermüdung gar keine Rede sein kann. Erzählt also!« Cortejo sah sich gezwungen, etwas zu tun, was er vorher für ganz und gar unmöglich gehalten hätte; nämlich diesen Mann, der noch dazu ihm früher so feindlich gesinnt gewesen war, in die Begebenheiten des Hauses Rodriganda einzuweihen. Er tat dies aber nur so weit, als es möglich war, ohne sich ganz und gar bloßzustellen. Dennoch aber erfuhr der Pater so viel, daß er am Schluß des kurzgefaßten Berichtes erstaunt ausrief: »Aber, Señor, ist das alles wahr und möglich? Daraus könnte man ja den schönsten Roman machen und ganze Bände mit ihm füllen! Aber könnt Ihr auch der Erzählung Eurer Tochter trauen?« – »Ja. Sie erfuhr fast alles von dem Vaquero und war dann auch die Gefangene dieses Sternau, der ihr vieles mitteilte.« – »So ist jener Landola ein großer Schuft gegen Euch gewesen.« – »Ich werde ihn dafür zur Rechenschaft ziehen.« – »Ja, das müßt Ihr allerdings tun, obgleich ich gestehe, daß ich diesem Menschen großen Dank schuldig bin.« – »Ihr? Ihm Dank schuldig? Wieso?« – »Nun, wäre er nicht falsch gegen Euch gewesen, so hätte ich nicht die Hoffnung, den Grafen samt seinem ganzen Anhang in die Hand zu bekommen. Ihr glaubt also, daß wir die beiden Indianer bald hier haben werden?« – »Ja. Sie sind jedenfalls nach der Hacienda geeilt, um sich Pferde zu holen und uns zu folgen. Zwei Männern, wie sie sind, kann unsere Spur nicht entgehen.« – »Wäre es nicht besser, sie von dieser Spur abzubringen?« – »Wie sollte man dies jetzt noch anfangen?« – »Ihr laßt Eure Begleiter weiterreiten.« – »Und Ihr denkt, daß die beiden Häuptlinge ihnen folgen werden?« – »Ja.« – »Das bildet Euch ja nicht ein. Diese Kerle sind so schlau, daß alle unsere Feinheit nicht zureicht, sie zu täuschen.« – »Nun gut. Man wird sie empfangen. Aber meint Ihr wirklich, daß ich Eure Mexikaner im Kloster beherbergen soll?« – »Ist Euch dies nicht möglich?« – »Möglich ist es, aber nicht rätlich. Durch sie würde Eure Anwesenheit verraten werden. Ihr würdet sehr bald gefangen sein.« – »Was soll ich mit ihnen tun?« – »Entlaßt sie einfach.« – »Sie entlassen? Nein, das geht nicht, Señor Mandrillo.« – »Warum sollte es nicht gehen?« – »Ich brauche sie ja, ich brauche Leute, viele Leute!« – »Wozu?« – »Habt Ihr vergessen, daß ich Präsident werden will?« Da legte der Pater ihm die Hand auf die Schulter und erwiderte: »Präsident? Ihr? Das bildet euch um Gottes willen nicht ein. Ihr werdet es nicht einmal zum Gouverneur einer Provinz bringen, viel weniger aber gar zum Präsidenten des ganzen Staates.« Cortejo fühlte sich in einem Stolz sehr gekränkt, doch von den trüben Erfahrungen der letzten Zeit beeinflußt, fragte er ziemlich kleinlaut: »Aus welchem Grund meint Ihr das?« – »Oh, ich habe sehr triftige Gründe. Seid Ihr etwa imstande, die Franzosen aus dem Land zu treiben?« – »Nein, jetzt noch nicht.« – »Oder Kaiser Max fortzujagen?« – »Nein.« – »Oder könnt Ihr es jetzt wagen, Euch Juarez entgegenzustellen?« – »Jetzt noch nicht, aber es wird sehr bald geschehen.« – »Ah! Wann denn?« – »Sobald ich neue Leute angeworben habe. Dann wird sich auch der Panther des Südens einfinden, um mir mit seinen Leuten beizustehen.« – »Der Panther des Südens? Glaubt Ihr das wirklich?« – »Ja.« – »So täuscht Ihr Euch ganz gewaltig. Der Panther hat große Lust, selbst Präsident zu werden. Was er tut, das tut er nur für sich.« – »Oh, das weiß ich besser. Ich habe ihm sogar die Bezahlung für seine Dienste vorausgegeben.« – »Wirklich? Das ist ein sehr dummer Streich von Euch. Jedenfalls ist der Gedanke, daß Ihr im Norden des Landes auftreten sollt, von ihm ausgegangen?« – »Das ist wahr.« – »Nun seht, er hat Euch los sein wollen. Auf ihn könnt Ihr nicht mehr rechnen.« – »Alle Teufel! Wenn das wahr wäre!« – »Es ist wahr, und ich kann es sogar beweisen.« – »Womit?« – »Durch einen Brief, den ich von ihm erhalten habe.« – »Was? Ihr steht mit dem Panther des Südens in Briefwechsel?« – »Schon lange Zeit.« – »Darf ich den Brief sehen und lesen?« – »Ja. Ich habe ihn jetzt nicht da, werde ihn aber nachher holen. Ich rate Euch, Eure Agitation aufzugeben, denn sie wird keinen anderen Erfolg haben, als daß Ihr Euch nur gewaltig lächerlich macht.« Cortejo sank in sich selbst zusammen. Die Worte, die er hörte, waren für seine Eigenliebe außerordentlich verletzend. Der Pater stand dabei und erquickte sich im stillen an der Demütigung, die er ihm bereitete. »Geht jetzt, Señor Cortejo, und holt Eure Tochter«, sagte er. »Ich werde Euch ein heimliches, unterirdisches Gemach anweisen. Eure Leute aber könnt Ihr einstweilen in einer Venta der Stadt einquartieren.« – »Sind sie da sicher?« – »Ja. Sie brauchen nur nicht zu sagen, daß sie zu Cortejo gehören.« – »Und dieser Jäger Grandeprise? Er wird mich nicht verlassen wollen.« – »Er mag mit Euch in das Kloster kommen. Ihn brauche ich nicht zu verstecken. Er besucht mich aus Dankbarkeit, daß ich ihn damals hergestellt habe, und mag frei und offen umherlaufen. Das wird niemandem auffallen.« 11. Kapitel. Während dieser Unterredung befand Señorita Emilia sich in ihrem Zimmer. Sie ging nicht zur Ruhe, sondern wurde von der Frage wach erhalten, ob es geratener sei, gleich heute oder erst später Einsicht in den geheimen Briefwechsel des Paters zu nehmen. Ihr Zimmer war nicht gar zu weit von dem seinigen, und so bemerkte sie, daß Personen leise gingen und kamen. Dies veranlaßte sie, ihr Licht zu verlöschen und die Tür ein wenig zu öffnen, um zu lauschen. Nach einiger Zeit hörte sie wieder Schritte. Die Zimmertür des Paters wurde geöffnet, und beim Schein seiner Lampe sah sie eine männliche und eine weibliche Person bei ihm eintreten. Noch ehe die Tür sich hinter ihnen schloß, bemerkte sie, daß dem Mann ein Auge fehlte. Nur einige Minuten später wurde sie abermals durch ein Geräusch aufmerksam gemacht. Sie sah den Pater mit der Laterne in der Hand auf der Treppe verschwinden, auf der sie mit ihm nach dem Keller gegangen war. Er stand nämlich im Begriff, den Brief des Panthers des Südens zu holen, den er Cortejo versprochen hatte. Sie beschloß, ihm nachzugehen, und so glitt sie vorsichtig und lautlos hinter ihm die Treppe hinab. Da er hinter sich alle Türen offenließ, so konnte sie ihm fast bis in die Felsenkammer folgen, in der er seine Schätze und Papiere aufbewahrte. Sie bemerkte dort, daß er den Schrank öffnete und nach einem Brief suchte, den er zu sich steckte. Nun mußte sie eiligst zurückkehren, um nicht von ihm gesehen zu werden. Sie erreichte ihr Zimmer glücklich und sah den Pater in das seinige zurückkehren. Aber nach längerer Zeit verließ er dasselbe wieder, und zwar in Begleitung der beiden Personen, die vorhin zu ihm gekommen waren. Er führte sie an ihrer Tür vorüber, und dabei hörte sie ihn mit leiser Stimme einige Worte sagen, von denen sie nur einen Teil verstand. »Señorita Josefa, Ihr sei da unten vollständig ...« Mehr konnte sie nicht vernehmen. Aber kaum waren die drei vorüber, so kam ihr ein Gedanke, den sie auch sofort ausführte. Sie nahm einige Zündhölzchen zu sich und schlich sich nach des Paters Zimmer. Dort war es dunkel. Sie strich eines der Hölzer an und gewahrte nun beim Schein desselben die Schlüssel, auf die sie es abgesehen hatte. Sie nahm sie von der Wand und kehrte mit ihnen in ihre Stube zurück. Erst nach längerer Zeit hörte sie den Pater wieder zurückkommen. Er war allein. Er hatte Cortejo und Josefa nach ihrem unterirdischen Asyl gebracht. Er gewahrte nicht, daß während seiner Abwesenheit jemand zugegen gewesen war. Nachdem er die Laterne auf den Tisch gestellt hatte, schritt er im Zimmer auf und ab und sagte zu sich selbst: »Welch ein Abend! Die Rache, die ich fast aufgegeben hatte, ist da. Dieser Cortejo ahnt gar nicht, daß er der Rache noch mehr verfallen ist als der Graf. Cortejo war damals der eigentliche Urheber meines Unglücks, und ihn soll auch die härteste Strafe treffen. Vorher aber soll er mir soviel als möglich behilflich sein, meine Pläne auszuführen. Welche Unvorsichtigkeit! Mir, seinem Feind, diese Geschichte der Rodrigandas mitzuteilen! Ich werde sie zu seinem Verderben und zu meinem Vorteil benutzen. Alle Teufel! Wenn ich meinen Neffen Manfredo als Graf unterschieben könnte! Aber da wäre es notwendig, alle, die das Geheimnis wissen, aus dem Weg zu räumen. Ich werde abwarten und dann tun, was der Augenblick gebietet. Morgen werden vielleicht die Verfolger eintreffen. Da gibt es zu tun. Ich werde mich jetzt niederlegen und den Brief des Panthers erst morgen wieder in den Schrank schließen.« Dieser Entschluß war ein Glück für Emilia, denn hätte er noch heute abend den Brief wieder zurückbringen wollen, so wäre von ihm das Fehlen der Schlüssel bemerkt worden. So aber ging er schlafen, ohne zu ahnen, daß die Geheimnisse seiner Korrespondenz in Gefahr waren, verraten zu werden. Emilia wartete noch eine Zeitlang, bis sie überzeugt sein konnte, daß alles zur Ruhe gegangen war, dann steckte sie eine genügende Menge Papier und eine Bleifeder zu sich, nahm eine Lampe und ein Fläschchen Brennöl, das ihr zur Verfügung stand, und ging an ihr Unternehmen. Sie verschloß ihre Stube und steckte den Schlüssel zu sich, damit niemand bemerken könne, daß sie abwesend sei. Dann stieg sie ohne Licht leise die Treppe hinab, die zu den Kellern führte. Erst dort angekommen, brannte sie die Lampe an und öffnete mittels der Schlüssel die Türen. Auf diese Weise und da sie sich die geheimen Handgriffe gemerkt hatte, die ihr gelangen, kam sie in die Felsenkammer, in der sich das Gesuchte befand. Sie ging sofort an die Arbeit, indem sie das Schränkchen öffnete und eine der Skripturen nach der anderen öffnete, um sie zu lesen. Sie waren höchst interessant und für Juarez, ihren Auftraggeber, von der allergrößten Wichtigkeit. Darum nahm sie Papier und Bleistift zur Hand und schrieb sich die wertvollsten Stücke ab. Sie hatte im Schreiben eine nicht gewöhnliche Fertigkeit, und doch gab es der Notizen so außerordentlich viele, daß sie voraussichtlich kaum bis zum Anbruch des Morgens fertig zu werden vermochte. Während sie sich mit dieser Arbeit beschäftigte, drangen Laute wie von menschlichen Stimmen zu ihr. Sie lauschte. Die Töne kamen aus einer Ecke hervor, und als sie mit der Lampe dorthin leuchtete, bemerkte sie ein Loch, das wie eine Gosse geformt war, dessen Zweck hier an diesem Ort sie aber nicht zu begreifen vermochte. So viel stand fest, daß dieses Loch ihren Raum mit einem anderen verband, in dem jetzt gesprochen wurde. Emilia bückte sich zum Boden nieder und lauschte. Jetzt vernahm sie deutlich den Klang einer männlichen und einer weiblichen Stimme, und als sie ihr Ohr ganz nahe an das Loch brachte, konnte sie sogar, allerdings mit Anstrengung ihres sehr scharfen Gehöres, die Worte verstehen, die da drüben gesprochen wurden. »Du traust diesem Pater vollständig?« fragte die weibliche Stimme. – »Ja, vollständig«, antwortete die männliche. – »Aber er ist ja früher dein Feind gewesen!« – »Er denkt ebensowenig an diese vergangenen Dinge, wie ich an sie gedacht habe. Er haßt diesen Juarez und ist ganz erpicht darauf, sich an dem Grafen Rodriganda zu rächen.« – »Ich glaube doch, daß es geraten ist, vorsichtig zu sein, Vater!« – »Habe keine Angst um mich, Josefa! Pablo Cortejo läßt sich nicht so leicht von irgend jemandem betrügen. Das müßtest du doch wissen!« – »Oh, hast du nicht gerade in letzter Zeit den Beweis wiederholt erleben müssen, daß es doch Leute gibt, die uns überlegen sind?« – »Das war allerdings eine Reihe von ganz ungewöhnlichen Unglücksfällen, die sich aber jedenfalls nicht wiederholen werden. Ich habe dabei mein Auge verloren. Der Teufel hole jenen Kerl, der den so poetischen Namen Geierschnabel führt.« – »Woher weißt du, daß der Mann, der dir das Auge genommen hat, diesen Namen trägt?« – »Grandeprise nannte ihn mir. Er kennt ihn und hat ihn in der Gesellschaft von Juarez getroffen.« – »Vielleicht kommt uns dieser Mensch einmal in den Weg, Vater!« – »Dann sollte er eine Strafe erleiden, wie kein Teufel sie sich besser ausdenken könnte! Ich hatte erst die Absicht, zu versuchen, ob ich mich mit Juarez verbinden könne. Wäre mir mein Streich auf diesen Engländer und seine Ladung geglückt, so hätte ich dem Präsidenten höchst willkommen sein müssen, und ich hätte ihn gezwungen, zu einem Werkzeug meiner Pläne herabzusinken. Nun aber ist auch das vorüber.« – »Wo mag Juarez jetzt sein?« – »Oh, da die Vereinigten Staaten und England ihn unterstützen, so wird er jedenfalls schnelle Fortschritte machen. Sind die Freischaren, denen ich ausweichen mußte, zu ihm gestoßen, so ist er stark genug, ein kräftiges und rasches Vordringen zu unternehmen. Er wird dann sehr bald auf der Hacienda del Erina eintreffen.« – »Warum gerade dort?« – »Ich denke es mir, weil diese verteufelten Mixtekas gerade dort den Aufstand unternommen haben, der uns um alle unsere Hoffnung gebracht hat.« – »Ich meine, daß noch nicht alles verloren ist.« – »Sprich mit dem Pater darüber, er denkt ganz anders. Der Panther des Südens hat uns betrogen.« – »Unmöglich!« – »Oh, der Pater hat mir einen Brief des Panthers gezeigt, der mir den sicheren Beweis gebracht hat. Aber für heute ist es genug, Josefa. Auch du wirst von dem Ritt ermüdet sein, mehr noch, als ich selbst; wir wollen also sehen, ob wir in diesem unterirdischen Asyl schlafen können.« Darauf wurde es still. Emilia lauschte noch eine Weile, bekam aber keine Silbe mehr zu hören. »Sie sind zur Ruhe gegangen«, sagte sie zu sich selbst. »Wer aber sind sie? Cortejo und seine Tochter Josefa jedenfalls. Welch eine Entdeckung mache ich da! Sie haben sich nach hier geflüchtet, und der Pater hat ihnen ein Asyl geboten. Was aber die Hauptsache ist, Juarez kommt nach der Hazienda. Dort kann ich ihn treffen, um ihm die hier gefundenen Geheimnisse mitzuteilen. Zwar sollte ich eigentlich nach hier vollbrachter Arbeit schnell nach der Hauptstadt gehen, aber ich habe keinen zuverlässigen Boten, dem ich so Wichtiges anvertrauen dürfte. Ich bin also gezwungen, mich selbst nach der Hazienda zu begeben.« Emilia kehrte jetzt zu ihrer Arbeit zurück. Sie schrieb und kopierte noch eine lange Zeit, bis endlich diese Aufgabe vollendet war. Schon wollte sie den Raum verlassen, da fiel ihr Blick auf die Kisten, die da standen. Sie hielt den Schritt zurück und fragte sich: »Was soll ich hier tun? Diese Kisten enthalten Reichtümer, die meiner Ansicht nach dem Staat, also Juarez gehören. Am allerwenigsten hat der Pater das Recht, sie zu besitzen. Ich könnte mich an ihnen bereichern, aber das wäre ja Diebstahl, und eine Diebin bin ich nicht. Ich werde mich also an diesen Schätzen nicht vergreifen, Juarez aber davon Mitteilung machen, sobald ich ihn treffe.« Sie brachte alles wieder in den früheren Stand und kehrte nach ihrem Zimmer zurück. Die Aufregung, die sich ihrer bemächtigt hatte, ließ sie nicht schlafen; sie traf Vorbereitungen zu einer heimlichen Abreise. Bereits am frühen Morgen war der Pater wach. Er ging, um Cortejo und dessen Tochter den Morgenimbiß zu bringen. Er mußte dabei an Emilias Tür vorüber. Das Mädchen hatte die Schritte gehört und trat aus der Stube, um zu sehen, wer der Nahende sei. »Ah! Schon munter, meine schöne Señorita?« fragte er. – »Ja, Señor«, antwortete sie. – »Habt Ihr nicht gut geschlafen?« – »Sogar sehr gut, aber ich erwachte früh, weil ich mir einen Morgenspaziergang vorgenommen hatte.« – »Daran tut Ihr recht wohl. Überlegt Euch dabei die Antwort, die Ihr mir nach Ablauf der festgesetzten Frist geben werdet.« – »Sie wird sehr überraschend sein, Señor«, sagte sie freundlich. Hilario fühlte sich von ihrem Ton sofort bezaubert und fragte, indem er ihre Hand ergriff, um sie zu küssen: »Sie wird günstig ausfallen, Señorita?« – »Jedenfalls!« – »Ich meine natürlich, günstig für mich!« – »Wartet es ab! Man darf nicht zu viel auf einmal erfahren wollen!« »Oh, Señorita, ich kenne die Antwort bereits«, sagte er, indem sein Antlitz vor Freude erglänzte. »Ihr braucht mir gar nichts zu sagen.« Damit ging er. Kaum aber war er um die Ecke des Ganges verschwunden, so eilte sie nach seiner Tür. Der Schlüssel stak in derselben. Emilia trat ein und brachte die gestern entwendeten Schlüssel wieder an ihre Steile. Dann kehrte sie auf ihr Zimmer zurück. Einige Augenblicke später verließ sie dasselbe. Sie trug ein ziemlich ansehnliches Paket in der Hand, was aber niemand bemerkte, da es noch früh am Tag war und die meisten der Klosterbewohner noch schliefen. Emilia begab sich nun in die Stadt hinab, und zwar zu einem Pferdebesitzer, den sie fragte: »Ihr verleiht Pferde?« – »Ja, Señorita«, antwortete er. »Wollt Ihr spazierenreiten?« – »Nein, ich habe eine Reise vor.« – »Weit?« – »Ziemlich weit. Ich will den Ort geheimhalten. Könnt Ihr schweigen?« – »Ich bin gewohnt, bezahlt zu werden und zu schweigen.« – »Ich werde Euch pränumerando bezahlen. Ist Euch die Hacienda del Erina bekannt?« – »Ja. Wollt Ihr dorthin?« – »Ja.« – »Das ist eine Reise von mehreren Tagen. Welche Begleitung habt Ihr?« – »Keine. Ich bin allein.« – »Dann seid Ihr eine sehr mutige Dame. Soll ich für Begleitung sorgen?« – »Zwei Männer werden genügen.« – »Ganz wie Ihr denkt. Wann soll es fortgehen?« – »Möglichst sofort.« – »Ich gebe Euch zwei meiner Knechte mit. Es sind sichere Leute. In einer halben Stunde werden sie fertig sein.« – »Ich bekomme natürlich einen Damensattel?« – »Das versteht sich ganz von selbst!« – »Nun gut! Hier dieses Paket mögen die Knechte mitbringen.« – »Wie, Ihr wollt nicht hier aufsteigen?« – »Nein. Ich gehe voraus und werde mich vor der Stadt von ihnen treffen lassen. Man soll nicht sehen, auf welche Weise und nach welcher Richtung hin ich Santa Jaga verlasse.« Emilia besprach nun den Preis mit dem Pferdebesitzer und bezahlte ihn so, daß er ganz außerordentlich zufrieden war. Darauf begab sie sich in der Haltung einer Spaziergängerin hinaus. Zur angegebenen Zeit wurde sie von zwei Reitern eingeholt, die ein Pferd mit Damensattel bei sich führten. Sie hielten bei ihr an. »Ihr wollt nach der Hacienda del Erina?« fragte der eine. – »Ja«, antwortete sie. – »Ihr habt ein Pferd mit zwei Begleitern bestellt?« – »So ist es. Seid ihr diese Leute?« – »Wir sind es. Steigt auf, Señorita.« Die Reiter sprangen ab und halfen Emilia in den Sattel, dann ging es nach mexikanischer Sitte im schnellsten Galopp von dannen. 12. Kapitel. Um dieselbe Zeit kam etwa eine halbe Tagereise weiter im Norden eine kleine Truppe von vier Reitern über den ebenen Grasboden geritten. Es war Sternau mit Donnerpfeil, Büffelstirn und Bärenherz. Ihnen folgten in ehrerbietiger Entfernung die Mixtekas, die Büffelstirn aufgefordert hatte, ihn zu begleiten. Die Augen der vier waren auf den Boden gerichtet, und keiner sprach ein Wort, als Sternau auf das Gras zeigte und dabei sagte: »Hier haben Pferde den Boden gestampft. Ich glaube, daß wir die Fährte noch sicher haben. Die Verfolgten haben hier ausgeruht.« Sie stiegen von den Pferden, um den Platz zu untersuchen. »Ja«, sagte Büffelstirn, »sie waren es. Die Zahl der Pferde ist dieselbe, und auch die Größe der Hufe paßt genau.« – »Wohin geht diese Richtung?« – »Nach Santa Jaga.« – »Das kenne ich nicht. Was ist es? Eine Stadt? Ein Flecken?« – »Ein Städtchen ist es, mit einem Kloster, das – uff!« Der Indianer stieß diesen Ruf, mit dem er sich selbst unterbrach, in einem Ton aus, der von großer Überraschung zeugte. »Warum wundert sich der Häuptling der Mixtekas?« fragte Sternau. – »Weil ich erst jetzt daran denke, was am wichtigsten ist, nämlich an die Worte, die der sterbende Mann sprach, den ich auf dem Berg El Reparo vom Pferd schoß. Ich fragte ihn, ob er wohl wisse, wohin Cortejo geritten sei. Er antwortete: ›Vielleicht nach dem Kloster della Bar...‹ Weiter konnte er nicht sprechen, denn er starb.« – »Hängt dies etwa mit Santa Jaga zusammen?« – »Jedenfalls, denn die Spur führt ja dorthin, und dort gibt es ein Kloster, das della Barbara heißt.« – »So hat das ›Bar...‹ des Sterbenden della Barbara heißen sollen?« – »Auf alle Fälle.« – »Und in diesem Kloster befindet sich Cortejo?« – »Wir werden ihn dort sicher treffen.« – »So denke ich, daß wir keine Zeit zu verlieren brauchen, indem wir dieselbe mit der Betrachtung der Fährte verschwenden. Wir haben dadurch bereits so viel verloren, daß die Verfolgten uns ein und einen halben Tag voraus sind. Kennt der Häuptling der Mixtekas den Weg nach Santa Jaga?« – »Sehr genau.« – »So mag er uns führen. Wir reiten direkt auf den Ort los.« Die Männer stiegen wieder auf und setzten den Ritt fort, dieses Mal aber viel schneller als vorher. Es mochte gegen Mittag sein, als sie eine Gruppe von drei Berittenen bemerkten, die ihnen entgegenkamen. Sie hielten an. »Drei Reiter«, sagte Sternau. »Wer mag es sein?« – »Vaqueros jedenfalls«, meinte Büffelstirn. – »Nein«, antwortete Bärenherz, »sieht mein Bruder nicht, daß eine Squaw dabei ist?« – »Wahrhaftig!« meinte Sternau, indem er sein Auge besser anstrengte. »Es ist eine Dame mit zwei Männern.« – »Sollte es Josefa sein?« fragte Donnerpfeil. – »Wohl schwerlich. Was sollte sie bewogen haben, umzukehren?« – »Man kann das nicht wissen, Herr Doktor.« – »Wir werden es bald sehen. Ah, sie haben uns bemerkt Sie biegen zur Seite, um uns auszuweichen. Das darf ihnen nicht gelingen.« – »Reiten wir nach derselben Seite«, versetzte Büffelstirn. Wieder jagten die Pferde weiter. Die Dame mochte erkennen, daß es unmöglich sei, auszuweichen; darum schlug sie ihre ursprüngliche Richtung wieder ein. Als die beiden Parteien einander so nahe gekommen waren, daß man sich ziemlich zu erkennen vermochte, hielt Bärenherz sein Pferd an und rief: »Uff! Das ist ja die schöne Squaw von Chihuahua.« – »Von Chihuahua? Wen meint mein Bruder?« – »Die Dame, die bei den Häuptlingen der Franzosen war.« – »Señorita Emilia? Ah, bei Gott, es ist wahr, sie ist es. Was tut sie hier? Das muß eine eigentümliche Bewandtnis haben.« Sternau setzte sein Pferd wieder in Bewegung, und die anderen folgten ihm. Einige Augenblicke später hielten sie vor der Reiterin. »Doktor Sternau! Señor Sternau!« rief sie ganz verwundert. – »Ja, ich bin es, Señorita«, antwortete er. »Aber sagen Sie doch, wie Sie hierherkommen! Ich glaubte Sie auf dem Weg nach Mexiko.« – »Das war ich auch. Jetzt aber wollte ich nach der Hacienda del Erina.« – »Warum dorthin?« – »Ist Juarez dort?« – »Nein.« – »Aber er kommt hin?« – »Jedenfalls.« – »Ich habe ihm wichtige, sogar höchst wichtige Nachrichten zu bringen.« – »Sie selbst wollen das tun?« – »Es stand mir kein zuverlässiger Bote zur Verfügung.« – »Wir könnten Ihnen mit einem solchen jedenfalls dienen«, meinte Sternau, indem er einen Blick auf die Mixtekas warf, die ihnen gefolgt waren. »Lassen Sie uns absteigen und ausruhen.« Dies geschah, und als sie sich niedergelassen hatten, fuhr Sternau in seinen Erkundigungen fort: »Also einen sicheren Boten können Sie bei uns finden. Oder ist es notwendig, daß Sie selbst mit Juarez sprechen?« – »Nein. Es handelt sich nur darum, Schriftstücke, die ich bei mir trage, sicher in seine Hände gelangen zu lassen.« – »Übergeben Sie diese Sachen zweien von unseren Mixtekas. Sie werden sie nach der Hacienda del Erina bringen und dem Präsidenten geben, sobald derselbe dort angekommen ist.« – »Ich nehme dieses Anerbieten dankend an, Señor. Ich müßte auf der Hazienda auf Juarez warten, und doch ist es sehr nötig, daß ich die Hauptstadt so bald wie möglich erreiche.« – »Woher kommen Sie jetzt?« – »Von Santa Jaga.« – »Von daher? Ah, das ist wunderbar.« – »Warum?« – »Weil wir nach Santa Jaga wollen.« – »Zu wem?« – »Das wissen wir noch nicht, jedenfalls aber ins Kloster della Barbara.« – »Gerade in diesem Kloster habe ich logiert.« – »Wirklich? Das ist eigentümlich. Wir hoffen nämlich, Personen zu finden, die wir seit einigen Tagen verfolgen.« Señorita Emilia machte eine Bewegung des Erstaunens. »Etwa Cortejo?« fragte sie. – »Allerdings. Wie aber kommen Sie auf ihn?« – »Und seine Tochter Josefa?« – »Auch sie. Aber erklären Sie sich, Señorita. Haben Sie etwa diese beiden Personen in Santa Jaga gesehen?« – »Ja. Und zwar im Kloster.« – »Alle Wetter! Sie sind also dort angekommen?« – »Ja, gestern abend.« – »Und befinden sie sich noch dort?« – »Ich denke es. Sie werden in einem unterirdischen Gemach versteckt.« – »Kennen Sie dieses Gemach?« – »Ja und nein. Ich muß Ihnen erzählen, wie ich dazu gekommen bin, ich kenne wohl den Ort, aber nicht den Zugang zu demselben.« – »Selbst waren Sie nicht dort?« – »Nein, aber ganz in der Nähe, nebenan.« Emilia erzählte nun ihr gestrigen Erlebnisse so ausführlich, als sie es für gut befand. Als sie geendet hatte, fragte Sternau: »Also dieser Pater Hilario ist eigentlich ein Feind von Cortejo?« – Ja. Wenigstens hörte ich es, als ich Cortejo und seine Tochter belauschte.« – »Und der Pater brennt darauf, sich an dem Grafen Rodriganda zu rächen?« – »Auch das hörte ich, ebenso, daß er ein Feind von Juarez ist.« – »Ich hätte nicht geglaubt, hier unterwegs so Hochinteressantes zu erfahren. Wir werden diesem Pater auf die Finger sehen müssen, und es ist da vielleicht möglich, daß wir irgendeine Entdeckung machen.« – »Ich wünsche, daß dieselbe ebenso wichtig sei wie das, das ich mir von seinen Schriften notiert habe.« – »Diese Notizen wollen Sie an Juarez gelangen lassen?« – »Ja. Sind die Mixtekas wirklich sichere Boten?« – »Sie können sich auf sie verlassen.« – »Aber es handelt sich noch um die Meßgewänder und andere Kostbarkeiten, die ich entdeckt habe.« – »Sie werden mir dieselben zeigen.« – »Oh, das wird nicht möglich sein, Señor.« – »Warum nicht?« – »Weil ich mich im Kloster nicht wieder sehen lassen möchte.« – »Ich begreife das. Sie möchten am liebsten so schnell wie möglich nach der Hauptstadt gehen.« – »Das ist allerdings mein Wunsch.« – »Wie nun, wenn ich Ihnen die Mixtekas zur Begleitung gebe, die übrigbleiben, wenn die zwei nach der Hazienda zurückkehren?« – »Brauchen Sie dieselben nicht?« – »Wenn die Franzosen in der Stadt liegen, können wir mit Gewalt nichts tun. Wir sind auf List angewiesen, und da ist es sogar sehr leicht möglich, daß uns diese Leute im Weg sein würden.« – »Sie wollen Cortejo in Ihre Hand bekommen?« – »Ja.« – »Und seine Tochter ebenfalls?« – »Natürlich.« – »Nun, so brauchen Sie sich ja nur an die Franzosen zu wenden. Wenn sie erfahren, daß sich der lächerliche Prätendent Cortejo in dem Kloster befindet, so werden sie nicht zögern, ihn sich ausliefern zu lassen.« – »Daran liegt mir nichts. Ich muß Cortejo für mich haben, aber nicht für die Franzosen. Wollen Sie so gut sein und mir einmal den Weg beschreiben, der in den unterirdischen Raum führt, von dem Sie vorhin erzählten!« – »Recht gern!« Emilia tat es so genau wie möglich und erklärte auch die geheimnisvolle Weise des Öffnens der verborgenen Türen. »Das habe ich begriffen«, meinte Sternau. »Aber die Schlüssel. Woran werde ich sie erkennen?« – »Daran, daß sie untereinander neben dem Vogelbauer hängen, der sich neben dem Fenster befindet. Beide sind Hohlschlüssel.« – »So weiß ich für jetzt genug, Señorita. Sie ziehen also vor, gleich von dieser Stelle aus nach Mexiko zu gehen?« – »Ja, wenn Sie mir die versprochene Begleitung mitgeben.« – »Büffelstirn wird das Ihnen und mir nicht abschlagen. Aber ist dieses Pferd Ihr Eigentum?« – »Nein. Ich habe es geliehen, werde es aber dem Knecht abkaufen und es ihm so bezahlen, daß sein Herr zufrieden sein kann.« – »Sind Sie da mit hinlänglichen Mitteln versehen, oder dürfte ich Ihnen zu Diensten stehen?« – »Ich danke! Juarez hat mich ausgerüstet.« – »Aber Ihre Effekten?« – »Einiges habe ich bereits bei mir, und das übrige werden mir die Franzosen sicher nachbringen, obgleich sie noch nicht wissen, wohin ich heute geritten bin.« – »Ich würde Ihnen dies sehr gern besorgen, aber leider ist es mir unter den gegenwärtigen Umständen unmöglich. Diese Herren Franzosen haben mich ja in Chihuahua gesehen und würden mich erkennen. Der Empfang dürfte nicht zum Vorteil sein.« – »Das ist wahr. Sie dürfen sich also gar nicht sehen lassen.« – »Nein. Wann sind Sie von Santa Jaga aufgebrochen?« – »Am Morgen gegen sieben Uhr.« – »So werden wir voraussichtlich bei Nacht dort ankommen. Das paßt, da kann man uns nicht sehen. Wollen Sie mir die Wohnung des Paters beschreiben, damit ich sie gleich finde?« Emilia tat dies und zog dann ihre Abschriften hervor, um sie Sternau zu übergeben. Dieser machte Büffelstirn mit dem Zweck und der Bestimmung derselben bekannt, und bald ritten auf Befehl dieses Häuptlings zwei der Mixtekas mit den wichtigen Schriften nach der Hazienda zurück. Die anderen machten sich bereit, die Señorita nach der Hauptstadt zu begleiten. Die beiden Knechte waren mit dem Preis, den Emilia ihnen für das Pferd bot, sehr zufrieden und überließen es ihr. Als sie in den Sattel gestiegen war, fragte Sternau nochmals: »Sie wissen also gewiß, daß die gestern angekommenen Personen keine anderen waren, als Cortejo und seine Tochter?« – »Ganz gewiß; denn erstens nannte er sich selbst Pablo Cortejo, und sie nannte ihn Vater, während er Josefa zu ihr sagte.« – »Und zweitens?« – »Zweitens sah ich gestern abend, daß ihm ein Auge fehlte.« – »Dann ist er es ohne allen Zweifel.« – »Ich bin überzeugt davon. Aber Señor, nehmen Sie sich vor diesem Pater Hilario in acht!« – »Keine Sorge, Señorita! Dieser Mann wird uns nicht gefährlich werden. Haben Sie an Juarez etwas auszurichten?« – »Für jetzt nichts. Leben Sie wohl!« – »Reisen Sie glücklich!« Emilia ritt mit den Mixtekas davon, und zwar rückwärts in einem spitzen Winkel zu der Richtung, aus der sie gekommen war. Auch die beiden Knechte kehrten zurück. Sie hatten von der Unterredung Sternaus mit Emilia kein Wort vernommen. Jetzt fragte Helmers: »Hätten wir nicht die Mixtekas bei uns behalten sollen, Herr Doktor? Wir sind ja vier Personen, aber wir wissen nicht, was uns passieren kann. Es ist doch der Fall möglich, daß wir ihre Hilfe gebrauchen können.« – »Ich glaube nicht. Dieser Pater soll uns so leicht keinen Schaden bringen. Er wird uns Cortejo ausliefern müssen. Haben wir etwas unterlassen, so ist es, daß wir den beiden Mixtekas, die nach der Hazienda zurückkehrten, hätten sagen sollen, wohin wir reiten.« – »Das werden sie doch wissen.« – »Vielleicht doch nicht. Wir haben fast gar nicht mit ihnen gesprochen.« – »Sie werden es aber vorhin gehört haben.« – »Ich glaube das nicht, denn sie hielten zu weit von uns entfernt. Doch sehe ich nicht ein, weshalb wir gerade heute so minutiös sein wollen. Laßt uns aufbrechen, damit wir Santa Jaga nicht zu spät erreichen.« Der Ritt wurde fortgesetzt, und zwar so schnell, daß sie die beiden Knechte sehr bald überholten. Der eine meinte zum anderen: »Daraus werde der Teufel klug. Erst will das Mädchen nach der Hacienda del Erina, und dann kauft es uns das Pferd ab, um mit diesen Kerlen ins Blaue hineinzureiten.« – »Es waren Mixtekas.« – »Jawohl. Aber wer mögen diese vier Männer sein?« – »Zwei davon sind jedenfalls Indianer.« – »Und zwei sind Weiße; das ist ja sehr leicht zu sehen. Aber wer sind sie, und was wollen sie? Hast du eine Ahnung davon?« – »Nein. Ich habe ja kein Wort von dem, was sie sprachen, gehört.« – »Ich auch nicht Aber dies Mädchen kenne ich.« – »Ich auch. Sie nennt sich Señorita Emilia und wohnte im Kloster bei dem alten Pater. Aber was geht uns dies alles an? Treiben wir lieber die Pferde an, damit wir noch vor Mitternacht nach Hause kommen.« Lange vor dieser zuletzt angegebenen Zeit erreichte Sternau mit seinen drei Begleitern Santa Jaga. Es war Abend, aber das Kloster war ohne Mühe zu erkennen. »Wo stellen wir unsere Pferde ein?« fragte Helmers. – »Einstellen?« antwortete Sternau. »Gar nicht. Im Kloster ist es nicht ratsam, und in der Stadt dürfen wir uns ja nicht sehen lassen. Es wird sich da oben am Berg schon noch ein Ort finden lassen, wo wir sie verstecken können, bis wir sie wieder brauchen.« – »Es werden uns zwei Stück fehlen.« – »Inwiefern?« – »Nun, je eins für Cortejo und seine Tochter.« – »Da mache ich mir gar keine Sorge. Haben wir erst diese beiden, so werden Pferde schon zu beschaffen sein.« Sie ritten den Berg hinan. In der Nähe des Klosters befand sich seitwärts vom Weg ein Gebüsch, in dem sie die Pferde unterbrachten. »Wer soll hier bei den Tieren bleiben?« fragte Sternau. – »Ich nicht«, antwortete Büffelstirn. – »Bärenherz muß zu Cortejo«, meinte der Apache. – »Und ich bleibe am allerwenigsten zurück, wenn es sich darum handelt, diese beiden Personen zu fangen«, erklärte Donnerpfeil. – »Aber auch ich kann nicht zurückbleiben«, meinte Sternau. »Wir wollen also die Pferde ohne Wache lassen?« – »Ja. Es nimmt sie uns hier niemand weg.« – »Wir wollen es hoffen. Also kommt.« – »Wie gelangen wir hinein? Durch das Tor?« – »Nein. Wir müssen vorsichtig sein. Laßt uns die Mauern besehen. Es ist am allerbesten, wenn uns kein Mensch, als nur der Pater zu sehen bekommt.« 13. Kapitel. Als Sternau und seine Begleiter den Berg hinaufgekommen waren und nach den Büschen abbogen, hatte sich neben dem Weg die Gestalt eines Mannes vom Boden erhoben und war nach dem Kloster geeilt. Er trat durch ein Seitenpförtchen ein, verschloß dasselbe und begab sich schleunigst nach der Wohnung des Paters. Es war Manfredo, der Neffe desselben. »Du bist ja ganz außer Atem«, sagte der Alte. »Kommst du von deinem Posten?« – Ja.« – »Hast du etwas gesehen?« – »Natürlich. Sie kommen!« – »Sie? Wer?« – »Vier Männer. Einer davon ist so groß wie ein Riese.« – »Das müßte dieser Sternau sein. Gehe fort, damit sie dich jetzt nicht sehen!« – »Oh, sie kommen noch nicht sogleich. Sie ritten erst nach den Büschen.« – »Warum? Was wollen sie dort?« – Jedenfalls verstecken sie dort ihre Pferde. Sie werden beabsichtigen, heimlich in das Kloster zu kommen.« – »Das wäre auch mir lieber. Hast du dir alles genau gemerkt?« – »Natürlich! Es ist ja wenig genug.« – »Du hast nichts zu tun, als hinter uns zu leuchten, gerade wie ich mit der Lampe vor ihnen gehe. Sobald wir aber in den betreffenden Raum eingetreten sind, nämlich ich und sie, bleibst du zurück, wirfst die Tür zu und schiebst die Riegel vor. Das ist alles. Jetzt aber gehe.« Der Neffe entfernte sich; der Oheim blieb zurück. Er saß an seinem Tisch, anscheinend in ein Buch vertieft, aber er lauschte angestrengt auf jedes Geräusch, das sich hören ließ. Doch er war kein Präriejäger. Während er sein Gehör vergebens anstrengte, um irgend etwas zu vernehmen, hatte sich längst die Tür leise geöffnet, und Sternau stand unter derselben, hinter ihm seine drei Gefährten. Sternau betrachtete das Zimmer und den darin Sitzenden genau und fragte dann: »Seid Ihr Pater Hilario?« Der Gefragte fuhr empor und drehte sich um. Er war so erschrocken, daß er erst nach einiger Zeit antworten konnte: »Ich bin es. Wer seid Ihr?« – »Das werdet Ihr bald erfahren.« Bei diesen Worten trat Sternau ein, und die anderen drei folgten ihm. Die Augen des Paters waren mit sichtlicher Scheu auf die riesige Gestalt des Deutschen gerichtet. Sollte er es wirklich wagen, mit diesen Leuten, die noch dazu bis unter die Zähne bewaffnet waren, den Kampf aufzunehmen? Als die Tür sich hinter ihnen geschlossen hatte, fragte Sternau: »Ihr seid allein, Señor?« – Ja.« – »Es kann niemand unser Gespräch belauschen?« – »Niemand.« – »Nun gut, so will ich Euch sagen, daß ich eine Bitte an Euch habe.« Sternau hatte bisher in einem freundlichen Ton gesprochen, so daß dem Pater der entsunkene Mut zu wachsen begann. »Wollt Ihr mir nicht lieber erst sagen, wer Ihr seid?« fragte er. – »Das werdet Ihr schon noch erfahren. Vorerst aber gebt uns gefälligst auf einige Fragen eine wahre Antwort!« – »Señor, ich weiß nicht, was ich denken soll! Wie es scheint, seid Ihr nicht auf dem gewöhnlichen Weg in das Kloster gekommen?« – »Allerdings nicht.« – »Warum nicht?« – »Jedenfalls, weil wir Gründe dazu hatten, mein Lieber. Wenn Euch unser Kommen in Unruhe versetzt, so liegt es nur in Eurer Hand, Euch von uns so bald wie möglich zu befreien. Sagt einmal, ob Ihr vielleicht von unserem Kommen unterrichtet seid.« – »Nein. Wer sollte mich unterrichtet haben?« – »Es hat niemand zu Euch gesagt, daß er vielleicht verfolgt werde?« – »Verfolgt? Ich verstehe Euch nicht!« – »Sind nicht gestern abend ein Herr und eine Dame zu Euch gekommen?« – »Nein.« – »Namens Cortejo?« – »Nein.« – »Und die Dame heißt Josefa Cortejo?« – »Ich kenne diesen Namen nicht.« – »Ah, Ihr wollt diesen so oft gehörten Namen nicht kennen?« – »Nein, ich lebe den Wissenschaften und der Krankenpflege und beschäftige mich nicht mit der Politik.« – »Ah, woher wißt Ihr denn, daß dieser Name mit der Politik in Verbindung steht? Ihr habt damit verraten, daß er Euch bekannt ist.« – »Nein, ich erriet es nur, weil Ihr sagtet, daß der Name jetzt so viel genannt werde.« – »Versucht nicht, mich zu täuschen. Ihr beschäftigt Euch nicht mit Politik?« – »Ganz und gar nicht.« – »Und dennoch steht Ihr in Korrespondenz mit allen gegenwärtigen politischen Persönlichkeiten. Sogar der Panther des Südens schreibt Euch, daß er Cortejo betrogen habe.« Der Pater erschrak. Woher wußte Sternau dieses? »Ihr irrt, Señor«, sagte er. »Vom Panther habe ich gehört, von einem gewissen Cortejo aber niemals.« – »So seid Ihr früher nicht sein Feind gewesen?« – »Nein.« – »Auch nicht der Feind des Grafen Ferdinando de Rodriganda?« – »Nie.« Hilario wußte nicht, was größer war, sein Schreck oder seine Verwunderung darüber, daß dieser fremde Mann das alles wußte. Sternau fuhr fort: »Also Cortejo ist nicht zu Euch gekommen?« – »Nein.« – »Ihr habt ihn und seine Tochter wirklich nicht hier in diesem Zimmer empfangen?« – »Nein.« – »Ihr habt sie auch nicht nach einem unterirdischen Raum gebracht, um sie dort zu verstecken?« – »Nein.« – »Und dieser Raum liegt nicht gerade neben demjenigen, in dem sich das verborgene Schränkchen mit Euren geheimen Briefschaften befindet?« Jetzt fuhr dem Pater der Schreck durch alle Glieder. Aber er ermannte sich doch, nahm einen strengen Ton an und antwortete: »Señor, ich weiß nicht, wie Ihr dazu kommt, heimlich bei mir einzudringen und mir Fragen vorzulegen, die ich nicht verstehe und begreife. Ich werde Hilfe gegen Euch herbeirufen.« – »Versucht das nicht, Señor! Es würde Euch schlecht bekommen.« – »So erklärt Euch wenigstens deutlicher, damit ich erfahre, was Ihr eigentlich bei mir und von mir wollt.« – »Das ist kurz gesagt: Ihr sollt uns Cortejo und seine Tochter ausliefern.« – »Aber ich weiß ja gar nichts von ihnen.« – »Glaubt Ihr wirklich mit dieser Lüge durchzukommen? Ich werde Euch das Gegenteil beweisen. Ist Euch einer von uns bekannt?« – »Nein.« – »Nun, mein Name tut zunächst nichts zur Sache; Ihr werdet ihn wohl kaum gehört haben; aber Büffelstirn ist Euch bekannt?« – Ja.« – »Bärenherz?« – »Ja.« – »Und Donnerpfeil?« – »Ja.« – »Nun, diese drei stehen hier vor Euch. Ihr seht wohl ein, daß solche Männer nicht zu den Leuten zu zählen sind, mit denen man ungestraft Spaß machen kann?« Der Pater betrachtete die drei Männer, und der Eindruck ihrer Persönlichkeiten war ein solcher, daß er unwillkürlich ausrief: »Da mögt Ihr recht haben!« – »Na also! Wollt Ihr uns nun gestehen, daß Cortejo bei Euch ist?« – »Ich kann es ja nicht gestehen, Señor.« – »Ich werde Euch beweisen, daß Ihr es gestehen könnt. Ich nehme Euch nämlich jetzt bei der Gurgel – so – und wenn Ihr mir nicht sofort sagt, daß Ihr aufrichtig sein wollt, so drücke ich Euch die Kehle so zusammen, daß Ihr im nächsten Augenblick eine Leiche seid. Wir werden dann die gesuchten zwei Personen schon zu finden wissen!« Sternau hatte während dieser Worte den Pater wirklich bereits so fest bei der Gurgel gefaßt, daß derselbe nur noch lallen konnte. Jetzt begann es doch dem Alten angst zu werden. Er sah ein, daß es unmöglich sei, ohne Gefahr für sein Leben länger beim Leugnen zu bleiben und stammelte: »Ich – will –!« Sternau ließ ein wenig locker und fragte: »Cortejo ist also bei Euch?« – »Ja«, antwortete der Pater. – »Auch seine Tochter?« – »Ja.« – »Wer noch?« – »Weiter niemand.« – »Es sind ja noch mehr Leute mit ihnen gekommen.« – »Die haben sich unten in der Stadt einquartiert.« Jetzt nahm Sternau die Hand ganz von ihm weg und sagte: »Das letztere will ich Euch glauben. Wo stecken die beiden?« – »In einem unterirdischen Loch.« – »Loch? Pah! Ihr werdet Eure Schützlinge nicht in ein Loch gesteckt, sondern ihnen eine bessere Wohnung angewiesen haben.« – »Nein, sie sind ja meine Gefangenen!« log der Pater. Sternau sah ihm scharf in das Gesicht und sagte: »Ich warne Euch, mich abermals täuschen zu wollen!« – »Ich täusche Euch nicht, Señor! Ich weiß nicht, woher Ihr es erfahren habt; aber Ihr sagtet vorhin ja selbst, daß Cortejo mein Feind gewesen sei. Der Zufall hat ihn in meine Hand geführt, und so hat er zwar geglaubt, mein Schützling zu werden, ist aber mein Gefangener geworden.« – »Welche Absicht hattet Ihr mit ihm?« – »Ich wollte ihn ein wenig quälen und dann den Franzosen ausliefern.« – »Das könnt Ihr bequemer haben, indem Ihr ihn uns ausliefert.« – »Was wollt denn Ihr mit ihm?« – »Hm! Ihn vielleicht etwas mehr quälen, als Ihr es getan hättet.« – »Was gebt Ihr mir denn, wenn ich Euch zu Willen bin?« – »Ich glaube gar, Ihr wollt noch Bezahlung fordern. Hört, diese Bezahlung könnte sehr leicht in etwas bestehen, was Euch nicht lieb sein würde. Ich frage Euch kurz, ob Ihr uns Vater und Tochter ausliefern wollt oder nicht.« – »Sogleich?« – »Auf der Stelle!« – »Señor, ich kenne Eure Absicht nicht, aber wenn ich genau wüßte, daß Ihr nicht Freunde von ihm seid, die da nur gekommen sind, ihn zu befreien, so würde ich mich vielleicht entschließen, Euren Wunsch zu erfüllen.« – »Unsinn! Versucht keine Komödie mit uns! Ich gebe Euch nur eine Minute Zeit. Wollt Ihr oder wollt Ihr nicht?« Der Pater gab seinem Gesicht den Ausdruck der größten Angst und erwiderte: »Mein Gott, ich bin ja bereit dazu. Erlaubt mir nur, meinen Neffen kommen zu lassen!« – »Warum ihn?« – »Er ist Wärter der Gefangenen. Er hat die Schlüssel.« – »Wo befindet er sich?« – »Nebenan. Ich brauche nur zu klopfen.« – »So tut es!« Der Pater klopfte an die Wand, und gleich darauf trat Manfredo ein. Er betrachtete die vier Männer mit neugierigen Blicken. Sie machten ganz den Eindruck, als ob es gefährlich sei, mit ihnen umzugehen. Er hatte eine brennende Laterne bei sich. »Diese Señores sind gekommen, die Gefangenen ausgeliefert zu erhalten«, sagte sein Oheim zu ihm. – »Wer sind sie?« fragte er. – »Das geht dich nichts an. Ist der Weg frei?« – »Ich denke, daß uns jetzt niemand mehr begegnen wird.« – »Gut.« Damit griff auch der Pater nach seiner Laterne. »Wozu zwei Lichter?« fragte Sternau. – »Weil eins für sechs Personen in den dunklen Gängen zu wenig ist. Oder soll ich die Gefangenen hierherholen?« – »Nein, wir gehen mit. Aber versucht nicht, uns zu entfliehen. Einer von Euch geht vor und der andere hinter uns. Der vordere ist Geisel für beide. Geschieht etwas, so wird er niedergeschossen.« Man setzte sich in Bewegung, wie Sternau angegeben und wie es leider auch in der Absicht des Paters lag. Dieser schritt voran und führte sie durch einen Gang und dann eine tiefe Treppe hinab, wieder durch einen Gang und schließlich durch einen Keller. Vor einer starken, mit Eisenblech beschlagenen Tür blieb er stehen und schob zwei Riegel zurück. »Hast du den Schlüssel?« fragte er seinen Neffen. – »Ja«, antwortete dieser. – »Sind Sie runter dieser Tür?« erkundigte sich Sternau. – »Nein, aber hinter der nächsten, Señor.« Jetzt hatte Manfredo aufgeschlossen und trat zurück, um die anderen passieren zu lassen. Der Pater schritt voran, und die vier folgten. Sie bemerkten nicht, daß die gegenüberliegende Eisentür nicht verschlossen war. Noch ehe sie einen argen Gedanken faßten oder die ihnen drohende Gefahr ahnten, tat der Pater einen blitzschnellen Sprung vorwärts zum Raum hinaus und warf die Tür hinter sich zu. In demselben Augenblick hörten sie auch hinter sich einen Krach. Auch die erste Tür war von dem Neffen zugeworfen worden. Hinter und vor ihnen rasselten Riegel und Schlösser, sie selbst aber befanden sich im Dunklen. »Donnerwetter! Gefangen!« rief Helmers. – »Uff!« rief der Apache. – »Überlistet!« entfuhr es Sternau. Nur der Mixteka sagte nichts, aber ein Schuß aus seiner Büchse krachte gegen die Tür. »Was will mein Bruder? Warum schießt er?« fragte Sternau. – »Das Schloß zerschießen«, antwortete Büffelstirn. – »Das hilft uns nichts. Es sind ja auch Riegel an den Türen.« – »Feuer machen. Leuchten!« Sternau griff in seine Tasche und zog Zündhölzer hervor. Als eins derselben aufflackerte, konnte man einen dunstigen Streifen sehen, der von außen durch das Schlüsselloch hereindrang. Zu gleicher Zeit war ein überaus starker Geruch zu bemerken, der ganz imstande war, den Atem zu benehmen. »Mein Gott, man will uns vergiften oder ersticken!« rief Sternau. »Man bläst etwas Tötendes durch das Schlüsselloch!« – »Sprengt die Tür!« schrie Donnerpfeil. Wie auf Kommando stemmten sich die vier Männer mit aller ihrer Kraft gegen die Tür. Es half ihnen nichts. Draußen aber stand der Pater und lauschte. Er hielt in der Linken die Laterne und in der Rechten eine leere, dünne Hülse, die den chemischen Stoff enthalten hatte, den er durch das Schlüsselloch geblasen hatte. Auf seinem Gesicht lag teuflische Schadenfreude. »Gesiegt!« jauchzte er. »Sie sind gefangen! Horch, wie sie sich gegen die Tür stemmen. Jetzt schlagen sie mit den Gewehrkolben dagegen. Oh, das Eisen hält. Die Riegel geben nicht nach. In zwei Minuten werden sie still sein.« Er hatte recht. Das Stoßen und Klopfen wurde schwächer und hörte bald ganz auf. Es herrschte jetzt die Ruhe des Grabes. »Soll ich aufmachen?« fragte sich der Alte. »Es ist eine sehr böse Sache. Komme ich zu früh, so wachen sie noch, und ich bin verloren, komme ich zu spät, so sind sie tot. Sie sollen ja nur ohne Besinnung sein. Ich werde es wagen.« Er schob die Riegel zurück und öffnete vorsichtig. Der scharfe, penetrante Geruch kam ihm entgegen. Er riß die Tür schnell auf und sprang weit zurück. »Manfredo, mach auf!« rief er dabei. Auf diesen Befehl öffnete der Neffe nun auch die jenseitige Tür, und das tödliche Gas konnte abziehen. Es dauerte nicht lange, so war es ganz ungefährlich, zu den vier Überlisteten zu gelangen. Sie lagen bewegungslos am Boden. Der Pater kniete nieder, öffnete ihnen die Brustbekleidung und untersuchte sie. »Sie sind vielleicht gar tot?« fragte der Neffe. – »Nein«, antwortete der Alte nach einiger Zeit. »Sie leben noch. Es ist so gegangen, wie ich gewünscht habe. Nimm ihnen alles ab, was sie bei sich führen, es soll deine Beute sein. Dann werden sie gefesselt, und du hältst Wache, bis ich zurückgekehrt bin.« – »Wo willst du hin?« – »Cortejo holen.« – »Warum?« – »Sie sollen sich über diese Leute freuen, wie ich mich nachher über sie selbst freuen werde. Beeile dich, fertig zu werden. Ich komme bald wieder.« Hilario entfernte sich. Der Neffe aber plünderte die Bewußtlosen vollständig aus und schaffte seinen Raub nach dem Keller, durch den sie vorhin gekommen waren. Den Beraubten aber band er Arme und Beine so zusammen, daß es ihnen unmöglich war, sich zu befreien. 14. Kapitel. Der Pater hatte einige dunkle Gänge passiert und kam an eine Tür, an die er klopfte. »Wer ist draußen?« fragte es. – »Ich. Darf ich eintreten?« – »Ah, Pater Hilario! Tretet ein!« Hilario machte die Tür auf und kam nun in einen ziemlich wohnlich eingerichteten Felsenraum, in dem eine Lampe brannte. Cortejo und seine Tochter saßen darin auf einer Matte am Boden. »Gut, daß Ihr kommt!« sagte die letztere. »Ich leide noch immer große Schmerzen. Wollt Ihr mich noch einmal verbinden?« – »Nein, Señorita. Es wäre überflüssig. Eure Verletzung ist falsch behandelt worden. Jetzt ist es zu spät. Ihr werdet daran zugrunde gehen.« Josefa richtete ihre Eulenaugen erschrocken auf ihn. »Ihr scherzt, Pater«, sagte sie. – »Ich spreche sehr im Ernst.« – »Oh, Ihr wollt mir bloß Angst machen.« – »Ich wünschte, Ihr hättet die richtige Angst, Señorita.« Hilarios Auge ruhte dabei kalt und gefühllos auf ihren vor Schreck totenbleichen Zügen. Sie beachtete es nicht und sagte, wie um sich selbst zu ermutigen: »Ich bin überzeugt, daß ich bald wieder genese.« – »Hofft meinetwegen, solange Ihr könnt und wollt!« – »Ja, hoffe, Josefa!« sagte Cortejo. »Der Pater hat schlechte Laune, und diese läßt er uns entgelten. Wie steht es an der Oberwelt, Señor? Darf man sich bald sehen lassen?« – »Wohl noch nicht!« – »Warum nicht? Sind die Franzosen noch da?« – »Sie werden sich nicht sogleich entfernen.« – »Der Teufel hole sie. Auf diese Weise kann man sich ja nur des Nachts ins Freie wagen, um frische Luft zu haben. Könnt Ihr uns denn nicht wenigstens eine andere Wohnung anweisen?« – »Ja, Señor.« – »Wann?« – »Nachher.« – »Und wo?« – »Das werde ich mir erst überlegen müssen. Es paßt nicht jede für Euch.« – »Hat sich noch kein Verfolger sehen lassen?« – »O sicher. Es waren einige da.« – »Ah, also doch! Wie viele waren es?« – »Vier. Es scheinen keine gewöhnlichen Kerle zu sein. Der eine war ein Riese, ein wahrer Goliath.« – »Sternau jedenfalls.« – »Zwei waren Indianer.« – »Büffelstirn und Bärenherz!« – »Der vierte war ein Weißer.« – »Jedenfalls dieser Helmers oder Donnerpfeil, der mich gefangennahm und fesselte«, sagte Josefa. »Was habt Ihr mit ihnen gemacht?« – »Ich? Nichts, gar nichts, Señorita.« – »Nichts? Gar nichts?« – »Nein. Ich war froh, daß sie nichts mit mir machten.« – »Sie waren also gar nicht bei Euch?« – »Natürlich!« – »In Eurer Stube?« – »Ja.« – »Aber es war doch bestimmt, daß sie festgenommen werden sollten!« – »Wie hätte ich es machen können, Señorita?« – »Das fragt Ihr noch? Señor, Ihr seid ein Feigling!« – »Meint Ihr das wirklich? Das ist wohl der Dank für die Opferwilligkeit, mit der ich Euch bei mir aufgenommen habe? Soll ich Euch etwa den Franzosen ausliefern?« – »Unsinn!« rief Cortejo. »Meine Tochter meint es ja gar nicht so, wie Ihr es nehmt. Ich habe allerdings auch geglaubt, daß Ihr diese Kerle gefangennehmen würdet. Es war auch so ausgemacht. Nun sind sie entkommen, und ich bin gezwungen, sie auf andere Weise unschädlich zu machen.« – »Wie das zu geschehen hat, werden wir uns noch überlegen.« – »Was sagten sie denn? Wie benahmen sie sich? Erzählt es doch!« – »Nachher, Señor. Jetzt denke ich daran, daß Ihr eine andere Wohnung wünscht. Wenn Ihr mir folgen wollt, werde ich Euch eine solche zeigen.« Cortejo verließ mit seiner Tochter den gegenwärtigen Aufenthalt und ließ sich von dem Pater durch die Gänge führen. Endlich schimmerte ihnen ein Licht entgegen, und als sie näher kamen, erkannte Cortejo Manfredo, der bei vier Männern saß, die gebunden am Boden lagen. »Was ist das? Wer sind diese Leute?« fragte er. – »Seht sie Euch an!« antwortete der Pater. Cortejo trat hinzu und stieß einen Ruf des Erstaunens aus. »Alte Teufel! Das ist ja Sternau!« – »Sternau?« fragte Josefa schnell. »Wo? Wo ist er?« – »Hier liegt er, an Armen und Beinen gefesselt.« Josefa eilte herbei und ließ sich bei Sternau nieder. Dieser war wieder zu sich gekommen und betrachtete mit kalten, ruhigen Blicken die vier Personen, in deren Hände er geraten war. »Ja, es ist Sternau!« frohlockte das Mädchen. »Und hier liegen Büffelstirn, Bärenherz und Donnerpfeil. Ich denke, sie sind entkommen?« Diese letzten Worte waren an den Pater gerichtet. »Ich scherzte nur«, antwortete dieser. »Mir pflegt keiner zu entkommen, dem ich eine Wohnung bei mir anweisen will.« Auch die drei anderen hatten ihre Besinnung wiedererlangt, Sie hielten zwar die Augen offen, aber keiner von ihnen sprach ein Wort. »Aber wie ist es Euch geglückt, sie festzunehmen?« fragte Cortejo. – »Das werdet Ihr später erfahren. Jetzt fragt es sich vor allem, was wir mit diesen Leuten tun werden.« – »Einsperren, natürlich!« antwortete Josefa. – »Aber wo?« – »In Euren allerschlechtesten Löchern, Señor!« – »Wollen wir es wirklich so ganz schlimm machen? Sie sind doch auch Menschen.« – »Es kann nicht schlimm genug für sie werden!« antwortete Josefa eifrig. »Sie werden täglich Prügel bekommen, aber allwöchentlich nur einmal zu essen.« – »Ich möchte Euch aber doch bitten, ein wenig nachsichtiger zu sein, Señorita. Ihr wißt ja auch nicht, ob Ihr einmal in eine Lage kommt, in der Ihr Nachsicht gebrauchen könnt!« Josefa bemerkte den stechenden Blick nicht, den der Pater bei diesen Worten auf sie warf, und antwortete rasch und eifrig: »Keine Nachsicht, keine Spur von Nachsicht sollen sie haben! Nicht, Vater?« Cortejo neigte zustimmend den Kopf und erwiderte: »Milde ist hier am unrechten Platz. Ich habe ein Auge verloren. Man hat mir die Hazienda genommen und meine Leute ermordet. Man wollte meine Tochter von den Krokodilen zerreißen lassen. Es ist keine Strafe zu grausam für diese Menschen. Wo sind die Löcher, in die sie gesteckt werden sollen?« – »Eine Treppe tiefer, Señor.« – »So wollen wir sie dorthin bringen. Später werdet Ihr uns erzählen, wie sie in Eure Hände gekommen sind.« – »Machen wir ihnen die Beinfesseln weiter, damit sie gehen können.« – »Wenn sie aber nicht gehen wollen?« fragte Josefa. – »So haben wir Messer und Licht. Wenn wir sie stechen und brennen, werden sie schon laufen lernen«, meinte Cortejo. Es fiel keinem von den vieren ein, sich zu widersetzen und sich dadurch noch weitere Qualen zuzuziehen, sie folgten willig dem Pater, der sie bis an eine Treppe brachte, die in ein tieferes, unterirdisches Stockwerk führte. Dort gelangten sie in einen langen, schmalen Gang, in dem rechts und links kleine Felsenzellen angebracht waren, kaum groß genug für einen Menschen. Diese Zellen waren durch Türen verschlossen, in denen sich ein rundes Loch befand. »Sind das die Gefängnisse?« fragte Josefa. – »Ja.« – »Zeigt einmal eins!« Der Pater öffnete eine Tür und leuchtete hinein. »Ah, zwei Eisenringe!« meinte Cortejo. »Wozu sind sie?« – »Zum Festhalten der Person.« – »Wie wird dies gemacht?« – »Das ist eigentlich ein Kunststück, Señor«, sagte der Pater. »Ihr seid ungefesselt, nehmt einmal da Platz.« – »Ich soll mich in das Loch setzen?« – »Ja. Ich kann Euch da am besten überzeugen, daß keiner dieser vier Gefangenen entkommen wird.« – »Gut! Ich werde es versuchen. Es soll mir eine Freude sein, genau zu wissen, wie fest wir diese Menschen haben.« – »Ja, Vater, auch ich muß das wissen!« meinte Josefa. »Wollt Ihr es auch mir zeigen, Señor?« – »Gern«, antwortete der Pater. »Ich habe da rechts ein Doppelloch, das zu einem solchen Versuch wie gemacht ist. Ich werde öffnen.« Hilario schob zwei Riegel zurück und öffnete eine Tür. Es wurde ein Loch sichtbar, zwei Meter breit, ebenso tief und gerade so hoch, daß ein Mensch darin sitzen konnte. Der Boden bestand aus Stein. Es war kein Stroh, keine Matte, kein Krug oder Trinkgefäß zu sehen. Aber am hinteren Teil sah man ungefähr in der Höhe des Halses und der Taille zweimal zwei eiserne Ringe, die gegenwärtig geöffnet waren. »An die Ringe werden die Gefangenen geschlossen?« fragte Josefa. – »Ja, Señorita«, antwortete der Pater. – »Aber sie sind ja offen, und ich sehe keine Hängeschlösser.« – »Sie gehören nicht dazu. Es ist an den Ringen eine geheime Mechanik angebracht, mit deren Hilfe sie verschlossen werden. Also, wollen die Herrschaften versuchen, wie man sich in einem solchen Loch befindet?« – »Ja, ich versuche es«, erwiderte Josefa. »Habe ich das getan, so fühle ich die Süßigkeit der Rache um so stärker.« – »Ich auch«, meinte Cortejo. – »So kommt! Setzt Euch nebeneinander hinein!« Sie gehorchten diesem Gebot, zu diesem unsinnigen Verhalten durch die Größe und Stärke ihrer Rachsucht veranlaßt. Nach je zwei Griffen von seiten des Paters schlossen sich die eisernen Ringe um ihre Leiber. »Herrlich!« meinte Josefa. »Man kann sich gar nicht bewegen. Wie aber bekommt man das Essen herein?« – »Durch das Loch in der Tür. Das Brot durch eine eiserne Gabel und das Wasser durch einen Schwamm, der einem an den Mund gehalten wird.« – »So ist es recht! Dann bin ich mit diesen Löchern zufrieden«, meinte Josefa. – »Ihr auch, Señor?« fragte der Pater ihren Vater. – »Ja; steckt die Kerle nur in keine besseren«, antwortete dieser. »Ja, sie werden vis-à-vis einquartiert.« Der Pater öffnete da drüben vier Türen und leuchtete hinein. Diese vier Zellen waren größer und nicht mit Eisenringen; sondern mit Ketten versehen, die eine Bewegung gestatteten. Auch standen ein Kübel und ein Wassergefäß darin. »Was! Da hinein sollen sie?« fragte Josefa. – »Allerdings, Señorita!« – »Aber dann haben sie es ja dort besser als hier!« – »Das ist auch meine Absicht«, antwortete er. »Ich will sie zwar festhalten, aber nicht geradezu töten.« – »Das ist ja gegen die Verabredung!« – »Ich entsinne mich keiner bezüglichen Verabredung. Übrigens bin ich in diesen Räumen Herr und kann tun was ich will. Es ist für die Gefangenen besser, sie treten freiwillig in ihre Zellen, als daß wir sie zwingen müssen.« Die anderen blickten Sternau an. »Gehorchen wir!« sagte er ruhig und kalt. Dies waren die ersten Worte, die von ihm gehört wurden. Und zugleich tat er auch, was er gesagt hatte. Er trat in die Zelle und ließ sich die Ketten anlegen, worauf ihm die bisherigen Fesseln abgenommen wurden. »Ich dächte, Ihr könntet uns vorher wieder losmachen, Señor!« meinte jetzt Cortejo zu dem Pater. »Geduld!« antwortete dieser. »Wir sind jetzt zu sehr beschäftigt.« Hilario und sein Neffe brachten nun auch die beiden Häuptlinge und Helmers in ihre Zellen, legten sie an die Ketten, nahmen ihnen die anderen Fesseln ab und schlossen dann die Türen von außen zu. »Jetzt hole Brot und Wasser für sie«, gebot der Pater seinem Neffen. Dieser entfernte sich. »Na, endlich, Señor!« sagte Cortejo ungeduldig. – »Was?« fragte der Alte kaltblütig. – »Uns losmachen natürlich!« – »Uns? Ah! Wen meint Ihr damit?« – »Mich und Josefa, wie sich doch von selbst versteht!« Da setzte der Pater seine Laterne zur Erde, lehnte sich an die Mauer des Ganges, schlug die Hände behaglich über der Brust zusammen und sagte: »Aber, Señor, Ihr seid recht inkonsequent!« – »Wieso?« – »Ihr sagtet ja vorhin, daß Ihr mit Eurem Loch ganz zufrieden wäret, und Eure Tochter meinte ganz dasselbe.« – »Ja, zufrieden damit, daß die Gefangenen solche Löcher erhalten sollten.« – »Nun, das ist ja auch der Fall.« – »Sie haben ja bessere!« – »Nicht alle. Ihr zum Beispiel habt das Loch, das Euch so sehr gefallen hat. Und nun Ihr es habt, seid Ihr nicht mehr zufrieden. Ei, was soll ich da von Euch beiden denken.« Vater und Tochter hatten noch immer keine Ahnung von dem, was der Pater eigentlich bezweckte. Der erstere sagte höchst ungeduldig: »So macht uns wenigstens endlich los! Oder meint Ihr etwa, daß wir uns hereingesetzt haben, um hier sitzen zu bleiben?« – »Ja, das meine ich allerdings.« Jetzt entstand eine kleine Pause, hervorgebracht durch den Schreck, der Josefa und ihrem Vater die Sprache raubte. Erst jetzt kam ihnen die Ahnung der fürchterlichen Falle, in die sie sich selbst begeben hatten. »Seid Ihr verrückt!« rief endlich Cortejo. – »Ich? O nein! Aber Ihr seid geradezu verrückt gewesen, Euch, und noch dazu auf eine so ganz dumme Weise, in die Hände Eures ärgsten Feindes zu begeben. Ich sage Euch, daß Ihr dieses Loch niemals verlassen werdet.« Da hielt es Cortejo für angezeigt, im bittenden Ton zu sagen: »Treibt den Scherz nicht gar zu weit, Señor! Wir wissen nun, was wir wissen wollten, nämlich, wie es einem Menschen zumute ist, der verurteilt ist, in diesem Loch zu verschmachten.« – »Nein, Ihr wißt dies noch lange nicht. Das Verschmachten muß Euch ernstlich an die Seele treten, dann erst könnt Ihr es wissen.« – »Meinetwegen. Aber es ist genug für jetzt!« – »Es hat ja erst begonnen! Wartet noch eine Weile, nämlich einige Tage oder einige Wochen, dann wollen wir miteinander abermals über dieses Thema sprechen.« Da stieß Josefa einen unartikulierten Schrei aus. Es war ihr die volle Erkenntnis dessen gekommen, was ihr bevorstand. »Señor, Ihr seid ein Ungeheuer!« rief sie. – »Nicht schlimmer als Ihr!« antwortete er. – »Ihr dürft uns nicht verschmachten lassen!« – »Wer will es mir verwehren?« – »Ich kann es nicht aushalten!« – »Ganz richtig!« lachte er. »Das Verschmachten hält niemand aus!« – »Ich bin ja bereits krank.« – »Es ist Euch zu gönnen.« – »Habt doch Erbarmen mit uns!« bat Cortejo. – »Erbarmen? Habt Ihr Erbarmen mit mir gehabt? Habt Ihr Erbarmen gehabt mit einem einzigen Eurer vielen Opfer? Ich habe geschmachtet nach der Stunde der Rache. Sie ist gekommen, spät, sehr spät; aber es soll kein Gott und kein Teufel mir wehren, sie zu genießen. Zum Sündigen habt Ihr den Mut, die Strafe zu tragen, fehlt Euch die Courage. Schämt Euch! Nehmt Euch ein Beispiel an den vieren hier, die zu stolz sind, um einen Laut von sich zu geben!« – »Wenn Ihr mich loslaßt, erhaltet Ihr alle meine Reichtümer«, rief Cortejo in gräßlicher Angst. – »Zu diesem Handel ist es noch zu zeitig. Übrigens habe ich jetzt keine Zeit mehr, mit Euch zu verkehren. Euer Gefängniswärter kommt. Klagt ihm die Ohren voll!« Damit schritt Hilario von dannen und traf auf seinen Neffen, der Brot und Wasser brachte. Er blieb bei ihm stehen und sagte: »Cortejo erhält heute nichts und seine Tochter auch nicht.« – »Aber die anderen?« – »Ja. Sie bekommen Brot und Wasser hinein in die Zellen, so daß sie beides mit den Händen erreichen können.« – »Darf ich mit den Gefangenen sprechen?« – »Kein Wort. Du kommst mir sogleich nach.« Hilario stieg nun nach seiner Wohnung empor, wo der Neffe sich sehr bald einstellte. »Was sagten sie noch?« fragte er ihn. – »Die vier waren still. Die beiden anderen aber heulten und jammerten, daß mich meine Ohren schmerzten. Sollen sie wirklich unten bleiben?« – »Natürlich.« – »Um da zu sterben?« – »Das wird sich finden. Aber sagtest du nicht, daß die vier ihre Pferde in das Gebüsch geschafft hätten?« – »Allerdings.« – »Die Tiere könnten zu Verrätern werden.« – »Sie müssen fortgeschafft werden, aber wohin?« – »Gehe erst hin, um ihnen alles abzunehmen, dann schaffst du sie hinaus auf das weite Feld und läßt sie laufen.« – »Es ist wohl schade um sie. Man könnte sie ja verkaufen.« – »Du könntest dadurch leicht unglücklich werden. Jetzt ist es Nacht. Du hast Zeit, meinen Befehl auszuführen. Begnüge dich mit der Beute, die dir bereits geworden ist. Morgen magst du dann sehen, ob eine Spur der Señorita Emilia zu finden ist.« Der Neffe blickte den Onkel erstaunt an. »Der Señorita? Was hast du mit dieser zu schaffen?« fragte er. – »Geht das dich etwas an?« – »Ja, sobald ich nämlich nach ihrer Spur suchen soll.« – »Nun gut, so will ich dir sagen, daß ich sehr viel Grund habe, mich zu erkundigen, welches Unglück ihr widerfahren ist.« – »Warum?« – »Weil – weil sie deine Tante werden wird.« Der Neffe öffnete den Mund wie einer, dem vor Erstaunen der Verstand stillsteht. Dann, als er sich wieder gefaßt hatte, fragte er: »Meine Tante, sagst du?« – »Ja.« – »Das wäre ja deine Frau?« – »Allerdings!« – »Das soll wohl heißen, daß du sie heiraten willst?« Der Alte schlug sich an die Brust und antwortete: »Natürlich! Sie liebt mich ja!« – »Alle Teufel! Hat sie dir das gesagt?« – »Ja.« – »Selbst gesagt? Mit ihrem eigenen Munde gesagt?« – »Freilich! Und ich habe es mit meinem eigenen Gehör vernommen.« – »So ist an deinem Gehör irgend etwas aus dem Leim gegangen.« – »Ah! Glaubst du etwa, daß ich nicht heiraten könnte?« – »Oh, das glaube ich ganz gern.« – »Und zwar Señorita Emilia heiraten?« – »Ja, wenn sie nämlich mitmachte.« – »Du denkst, sie gäbe mir einen Korb?« – »Ich bin davon überzeugt.« – »So bist du der größte Esel, den es gibt. Du wirst in einigen Tagen eine Tante haben, um die dich ein jeder beneiden wird.« – »Warum nicht gleich? Warum erst in einigen Tagen?« – »Weil sie sich diese Bedenkzeit ausgebeten hat.« – »Bedenkzeit? O weh!« – »Sie hat es nur der Form wegen getan. Eine schöne Dame darf sich einem Mann doch nicht sofort überantworten und ergeben.« – »Wenn sie ihn liebhat, wird sie das gern tun. Oheim, es wird gar nicht nötig sein, nach dieser Señorita Emilia zu suchen.« – »Warum nicht?« – »Weil wir sie nicht finden werden. Sie ist dir echappiert, sie ist dir durchgebrannt, weil sie nicht meine Tante werden will.« Jetzt war es der Alte, der den Mund aufsperrte. »Wo denkst du hin!« sagte er endlich. »Sie hat ja noch ihre Sachen da.« – »Alle?« – »Nein, aber einige Kleinigkeiten.« – »Und das andere ist fort?« – »Leider.« – »Nun, so ist sie dir wirklich ausgekniffen. Sie hat sich heimlich entfernt und nur das Nötige mitgenommen, das Unnötige aber zurückgelassen.« – »Alle Teufel, wenn du recht hättest!« – »Ich werde nachforschen und dir dann das Resultat mitteilen.« 15. Kapitel. Einige Tage später hielten drei Reiter auf die Hacienda del Erina zu. Es waren Mariano, Helmers, der Steuermann, und der kleine André. Sie hatten sich von dem Heereszug Juarez' getrennt, um rascher nach der Hazienda zu kommen. Als dieselbe vor ihnen auftauchte, bemerkten sie an verschiedenem, daß sie der Mittelpunkt eines großen Feldlagers sei. Dies wurde natürlich von den Mixtekas gebildet. Keiner der Indianer kannte einen der Reiter, darum wurden sie vor dem Tor angehalten. »Wer seid Ihr?« fragte die Wache. – »Boten von Juarez«, antwortete Mariano. – »Könnt Ihr dies beweisen?« – »Holt Señor Sternau herbei«, bemerkte derselbe. – »Er ist nicht da.« – »Oder Büffelstirn.« – »Auch er ist nicht da.« – »Oder Bärenherz oder Donnerpfeil.« – »Auch sie sind nicht da.« – »Ah, wo sind sie denn?« – »Ich weiß es nicht, Señor.« – »Wer ist hier auf der Hazienda Kommandant?« Die Wache nannte den Namen des zweiten Häuptlings. »Ich kenne ihn nicht. Führt mich zu ihm.« Die drei Reiter stiegen ab und wurden zu dem Häuptling geführt, der sie mit ernster Haltung und forschendem Auge empfing. »Wir kommen von Juarez«, meldete Mariano. – »Sagt Eure Namen.« Mariano nannte sie. »Sie sind mir nicht bekannt«, meinte der Mixteka. »Was wollt Ihr hier?« – »Wir wollen Señor Sternau sagen, daß Juarez morgen hier eintreffen wird.« – »Seid Ihr Freunde von Señor Sternau?« – »Ja.« – »So seid Ihr Freunde von meinem Bruder Büffelstirn und also auch meine Freunde. Ihr seid mir willkommen.« – »Wo ist Sternau?« – »Niemand weiß es genau, denn er ist den Flüchtlingen nachgeritten.« – »Welchen Flüchtlingen?« – »Cortejo und dessen Tochter.« – »Ah! Sie waren hier und sind entflohen?« – »Die Tochter war unsere Gefangene. Büffelstirn und Donnerpfeil entführten sie nach dem Teich der Krokodile, um sie zu martern, da aber kam ihr Vater, rettete sie und tötete außer Büffelstirn und Donnerpfeil alle unsere Leute. Er entkam mit ihr, aber Sternau jagte ihnen nach, und bei ihm befinden sich Donnerpfeil, Büffelstirn und Bärenherz, auch mehrere von unseren Kriegern waren dabei, aber zwei von ihnen wurden nach der Hazienda zurückgeschickt, und die andern mußten eine Señorita nach Mexiko begleiten.« – »An welchem Ort geschah die Trennung?« – »Ich kenne ihn nicht.« – »Sind die beiden Männer noch anwesend?« – »Ja. Wollt Ihr mit ihnen reden?« – »Ich muß mit ihnen unbedingt sprechen, und zwar sofort.« – »Ich selbst werde sie holen.« Der Indianer entfernte sich. Die drei blickten einander besorgt an. »Hier ist etwas Schlimmes vorgegangen«, sagte Mariano. »Nur unsere vier Freunde befinden sich auf der Verfolgung. Wie leicht kann ihnen etwas geschehen!« – »Mein Bruder ist dabei«, meinte der Steuermann. »Es ist meine Pflicht, ihm nachzufolgen. Ich kann ihn nicht verlassen.« – »Und ich bin Sternau so unendlichen Dank schuldig, daß ich mein Leben für ihn geben würde«, fügte Mariano hinzu. »Was sagt denn Ihr zu dieser Angelegenheit, Señor André?« Der kleine Mann zuckte die Achseln und antwortete: »Jetzt noch gar nichts. Man muß erst die beiden Mixtekas hören.« Diese kamen bald herbei und gaben ihre Aussage. Nach ihrer Ansicht hatte Sternau die Richtung nach Santa Jaga eingeschlagen. »Könnt Ihr den Weg wiederfinden, an dem ihr euch von ihm getrennt habt?« – »Ja.« – »Gut, so soll uns einer von euch dorthinführen, aber sofort. Er kann dann zurückkehren.« So waren die drei also entschlossen, ihren vier Freunden nachzureiten. Da ihre Pferde ermüdet waren, tauschten sie dieselben gegen frische um und brachen dann unverweilt auf. Ihr Führer brachte sie genau an den Ort, wo Sternau mit Señorita Emilia zusammengetroffen war, und deutete ihnen die Richtung an, in der Santa Jaga zu finden sei. Sie kamen dann kurz vor der Abenddämmerung an und hielten vor dem Städtchen, um es zu betrachten und einen Plan zu fassen. Sie beschlossen, sich zu teilen, um in kürzester Zeit und in verschiedenen Richtungen ihre Erkundigungen einzuziehen und sich am Klosterberg zu treffen. Mariano ritt vor eine Venta, stieg vom Pferd und trat ein, um sich ein Glas Pulque geben zu lassen. Der Wirt schien ein sehr gesprächiger Mann zu sein. Außer ihm war nur noch ein Mensch vorhanden, der die Kleidung eines Arbeiters oder Dienstboten trug und faul auf einer der Bänke lag. »Habt Ihr in letzter Zeit viele Gäste gehabt?« fragte Mariano. – »Sehr viele, Señor«, antwortete der Wirt. – »Fremde?« – »Ja. Es waren Franzosen hier.« – »Ach so! Gab es außerdem noch fremde Gäste hier im Hause?« – »Einige.« – »Besinnt Euch einmal, ob diejenigen, die ich suche, dabei waren.« – »Beschreibt sie mir, Señor!« – »Es waren zwei Indianerhäuptlinge und zwei Weiße. Der eine der letzteren war ein sehr großer und starker Mann.« – »Mit einem Bart, der bis über den Gürtel hing?« fragte da der Mann, der auf der Bank lag. – »Ja«, antwortete Mariano rasch. »Habt Ihr diese vier gesehen?« – »Ja.« – »Wo?« – »Eine halbe Tagereise im Norden von hier.« – »Hört, ich gebe Euch einen Peso, einen Silberdollar, wenn Ihr mir das genau beschreiben könnt!« Da fuhr der Mann wie der Blitz von der Bank empor und zu Mariano hin. Ein Silberdollar war ihm eine bedeutende Summe. »Señor, ist das wahr?« fragte er. – »Ja, ich halte mein Wort.« – »Nun, so werde ich es Euch erzählen, obgleich die Señorita gesagt hat, daß wir nicht davon sprechen sollten.« – »Welche Señorita?« – »Sie wurde Señorita Emilia genannt und kam mit den Franzosen aus Chihuahua.« Jetzt wurde Mariano einiges, wenn auch nicht alles, klar. »Was solltet Ihr nicht erzählen?« fragte er. – »Nun, sie kam zu meinem Herrn und verlangte ein Pferd und zwei Begleiter nach der Hacienda del Erina. Ich war einer von diesen Begleitern. Eine halbe Tagereise von hier trafen wir auf die vier Männer, die Ihr sucht, Señor. Es waren noch Indianer bei ihnen. Sie stiegen ab, und der Große unter ihnen sprach lange Zeit mit der Señorita. Sie gab ihm Papiere, mit denen zwei Indianer davonritten. Dann kaufte sie uns ein Pferd ab und wurde von den anderen Indianern begleitet.« – »Wohin?« – »Ich denke wohl nach Mexiko.« – »Was aber taten dann die vier Männer?« – »Sie ritten nach Santa Jaga, das sie vor uns erreichten.« – »Wie könnte man wohl erfahren, wo sie abgestiegen sind?« – »Sie sind nicht in der Stadt gewesen.« – »Wißt Ihr das genau?« – »Ja. Die ganze Sache interessierte mich, so daß ich mich erkundigte. Die Señores sind bei keiner Venta abgestiegen.« – »So sind sie vielleicht durch die Stadt und dann weitergeritten.« – »Das ist möglich, aber sie können auch oben im Kloster gewesen sein, denn dort hat ja Señorita Emilia gewohnt.« – »Ah, bei wem?« – »Beim Pater Hilario.« – »Kann man mit ihm sprechen?« – »Ja. Ihr dürft nur oben nach dem Pater Hilario fragen.« – »Ich danke Euch! Aber noch eins. Sind vielleicht am Tag vorher Fremde hier angekommen?« – »Ja«, antwortete der Wirt. »Drüben in der anderen Venta stiegen einige fremde Mexikaner ab. Bei ihnen war einer, den man für einen mexikanischen Jäger halten kann.« – »Wie nennt er sich?« – »Das weiß ich nicht.« – »Kann man mit diesen Leuten sprechen?« – »Sie sind selten anzutreffen, weil sie zu viel herumstreifen.« – »Das mag genügen. Hier ist der Silberdollar!« Der Knecht griff gierig zu, und Mariano ritt, nachdem er seine Zeche bezahlt hatte, davon, aus der Stadt hinaus und dem Klosterberg zu, um seine Kameraden dort zu erwarten. Helmers befand sich bereits dort, und als nachher André kam, erzählte er, was er gehört hatte. Infolgedessen beschlossen sie, nach dem Kloster zu reiten. Am Tor desselben angekommen, stieg nur Mariano vom Pferd; die beiden anderen sollten ihn erwarten. Er klopfte nach herkömmlicher Sitte an, und obgleich es bereits dunkel geworden war, wurde ihm geöffnet. Er fragte nach dem Pater Hilario, und man wies ihn nach der Wohnung desselben. Er fand die betreffende Tür und klopfte an. »Herein!« rief die Stimme des Paters. Mariano trat ein. Das Licht der Lampe fiel voll auf ihn. Der Pater erhob sich von dem Stuhl, auf dem er gesessen hatte, und drehte sich nach dem Eintretenden um. Augenblicklich schlug er in höchster Verwunderung die Hände zusammen und rief: »Don Ferdinando!« – »Ihr irrt, Señor«, meinte Mariano. »Ich heiße nicht Ferdinando!« Diese Worte brachten den Pater zu sich. »Ach ja! Es ist ja auch unmöglich!« sagte er. »Ihr habt nämlich Ähnlichkeit mit einem Mann, den ich früher kannte; aber das ist so viele Jahre her, daß Ihr dieser Mann unmöglich sein könnt.« – »Darf ich seinen Namen wissen?« – »Graf Ferdinando de Rodriganda.« – »Ah, dieser Name ist mir bekannt. Aber Graf Ferdinando ist so alt, daß ich unmöglich mit ihm verwechselt werden kann.« – »Kennt Ihr ihn vielleicht?« Bei dieser Frage war das Auge des Paters auf Mariano gerichtet. »Ja«, antwortete der Gefragte. – »So lebt er noch!« – »Er lebt noch.« – »Darf ich fragen, wo?« – »Gegenwärtig im Norden von Mexiko.« – »Ich danke! Vielleicht kann ich bei der Gelegenheit auch erfahren, wer Ihr seid.« – »Ich bin ein spanischer Jäger und nenne mich Mariano.« Bei Nennung dieses Namens ging ein Zucken über das Gesicht des Paters. Cortejo hatte ja von diesem Mariano gesprochen und dabei gesagt, daß er der echte Graf Rodriganda sei. Hilario trug ein intensives Rachegefühl gegen die Familie Rodriganda im Herzen. Wie mußte es ihn freuen, den einzigen Sproß derselben in seine Hand gegeben zu sehen. Doch war er vorsichtig genug, sich erst die Überzeugung zu verschaffen, ob er auch den richtigen Mariano vor sich habe. Die Verhältnisse desselben waren ihm aus seinem Gespräch mit Cortejo bekannt. Darum fragte er: »Ein Jäger seid Ihr, Señor? Was habt Ihr denn gejagt?« – »Alles, was mir in den Weg gekommen ist.« – »Wo habt Ihr da gejagt?« – »In der Heimat und hier, aber erst seit kurzer Zeit.« – »So seid Ihr wohl noch gar nicht lange in Mexiko?« – »Nein.« – »Darf man wissen, wo Ihr vorher gewesen seid? Wohl in Spanien?« – »Nein, ich habe mich in Australien aufgehalten.« Nun wußte der Pater, daß er den richtigen Mariano vor sich habe. »Aber früher seid Ihr wohl einmal in Mexiko gewesen?« fragte er. – »Allerdings. Aus welchem Grund vermutet Ihr dies?« – »Mir ist, als hätte ich Euch schon einmal in der Hauptstadt gesehen.« – »Da bin ich allerdings gewesen.« – »Ah, so scheine ich mich doch nicht getäuscht zu haben.« – »Vielleicht irrt Ihr Euch. Es ist lange her.« – »Oh, Señor, ich habe ein außerordentliches Personengedächtnis. Ein Gesicht, das ich einmal gesehen habe, erkenne ich auch nach längerer Zeit sofort wieder. Wenn ich mich nicht irre, müssen es fast zwanzig Jahre sein, seit ich Euch damals sah.« – »Es ist beinahe so lange her, daß ich in Mexiko war.« – »Ja, und nun fällt mir auch ein, wo ich Euch gesehen habe, Señor.« – »Ihr macht mich allerdings höchst neugierig.« – »Ich glaube Euch im Hause eines Engländers gesehen zu haben, welcher, ja – mir fällt der Name ein – Lord Lindsay hieß.« – »Bei ihm habe ich allerdings verkehrt, doch kann ich mich durchaus nicht erinnern, Euch dort getroffen zu haben.« – »Ihr habt mich weder getroffen noch gesehen. Ich war damals der Beichtvater eines Bediensteten des Hauses und sah Euch nur von weitem kommen und gehen. Wenn ich mich recht erinnere, wart Ihr sogar der Verlobte der Tochter des Engländers. Nicht?« – »Miß Amy war und ist meine Braut. Von wem wußtet Ihr das?« – »Eben von diesem meinem Beichtsohn. Ich erfuhr von ihm ganz eigentümliche Dinge, die auch auf Euch mit Bezug hatten.« – »Ah! Darf ich fragen, was für Dinge das gewesen sind?« – »Ihr müßt verzeihen, daß es mir verboten ist, Euch zu antworten.« – »Warum?« – »Weil mir jene Mitteilungen unter dem Siegel des Beichtgeheimnisses gemacht wurden. Es kam ein gewisser Cortejo mit vor.« – »Pablo Cortejo?« fragte Mariano rasch. – Ja. Und auch seine Tochter Josefa.« – »Auch sie? Oh, wenn Ihr mir doch diese Sachen mitteilen könntet. Habt Ihr Cortejo gekannt?« – »Natürlich, gerade so, wie ich den Grafen Ferdinando de Rodriganda gekannt habe, mit dem ich Euch vorhin verwechselte.« – »Sehe ich ihm wirklich so ähnlich?« – »Außerordentlich. Es ist kaum ein Unterschied zu bemerken zwischen Euch und ihm, wie er aussah, als er in Euren Jahren stand. Fast könnte man glauben, daß Ihr ein naher Verwandter von ihm seid!« – »Vielleicht ist es auch so«, meinte Mariano, der unbefangen genug war, sich von den Reden des Paters gewinnen zu lassen. – »Wirklich?« fragte dieser mit gutgespieltem Erstaunen. – »Ich bin ein Verwandter von ihm, allerdings aber nicht anerkannt.« – »Heilige Madonna, so ist es wahr, was der Mann gebeichtet hat.« – »Gebeichtet! Das ist verteufelt unangenehm. Mir läge ungeheuer viel daran, Euch sprechen zu hören! Und nun dürft Ihr nicht!« Der Pater nahm eine höchst nachdenkliche Miene an und erwiderte: »Woher wußtet Ihr, daß ich den Grafen und Cortejo kenne, Señor?« – »Ich wußte es nicht. Ich habe es erst von Euch erfahren.« – »Ah! Ich dachte, Ihr wüßtet es und kämt, um mit mir über diese Angelegenheit zu sprechen. Es ist wahr, ich habe noch gar nicht gefragt, welche Ursache Euch zu mir führt, aber fragen werde ich doch: Wenn Ihr wirklich ein Verwandter des Grafen Rodriganda seid, welches ist denn da das verwandtschaftliche Verhältnis, in dem Ihr zu ihm steht?« Mario fixierte den Pater eine Weile schweigend und erwiderte: »Das ist ein Geheimnis, über das sich sehr schwer sprechen läßt.« Der Pater lächelte überlegen und meinte in gutmütigem Ton: »Ihr könnt mir Vertrauen schenken, Señor. Übrigens bin ich überzeugt, dieses Geheimnis wenigstens ebensogut zu kennen, wie Ihr selbst.« – »Wirklich? Könnt Ihr mir das beweisen?« fragte Mariano rasch. – »Ja. Ihr seid der echte Sohn des Grafen Emanuel Rodriganda.« – »Mein Gott«, rief Mariano erstaunt, »wie kommt Ihr zu dieser gewagten Behauptung?« – »Für mich ist sie nicht gewagt. Ich könnte Euch noch mehr sagen.« – »Was denn? Schnell, schnell!« – »Nun, Ihr seid gegen einen Neffen von Pablo Cortejo umgetauscht worden, und dieser Neffe führt jetzt den Namen, der Euch gebührt.« – »Ihr meint Alfonzo, Graf de Rodriganda?« – »Ja.« Mariano befand sich in einer ungeheueren, aber glücklichen Aufregung. »Könnt Ihr dies beweisen?« fragte er. – »Zu jeder Stunde«, antwortete der Pater. – »Mein Gott, wer hätte das gedacht! Seit langen Jahren suche ich nach diesem Beweis, und nun wird er mir so unverhofft entgegengebracht!« – »Nicht so eilig, Señor! Ich habe gesagt, daß ich es beweisen könnte, ob ich es aber darf, also ob ich es beweisen werde, ist eine andere Frage.« – »Wer oder was sollte Euch denn hindern?« – »Mein Priesterstand, das Beichtgeheimnis.« – »Ah!« meinte Mariano enttäuscht. »Wieder das Geheimnis! Seid Ihr denn noch Priester?« – »Nein.« – »So ist doch dieser Eid nicht mehr gültig.« – »O doch. Für alles, was sich auf die Zeit bezieht, in der ich Priester war, ist er noch gültig. Doch es kommt bei allen Dingen darauf an, mit welchen Augen und von welchem Standpunkt aus man sie betrachtet. Ich darf allerdings nichts erzählen, nichts verraten, aber es ist mir doch nicht verboten, Euch Winke zu geben, die Euch in den Stand setzen können, das zu erfahren und zu beweisen, was ich geheimhalten muß, weil man es mir gebeichtet hat.« – »Oh, Señor Hilario, wenn Ihr das tun wolltet!« – »Vielleicht tue ich es, nur muß ich wissen, daß es mir nicht schadet.« – »Ich werde alles vermeiden, was Euch in Schaden bringen könnte.« – »Das hoffe ich. Man hat Euch lange Jahre gefangengehalten. Nicht wahr?« – »Allerdings.« – »Wer?« – »Die beiden Cortejos.« – »Mit Hilfe eines Kapitäns Landola.« – »Ja. Kennt Ihr auch diesen?« fragte Mariano rasch. – »Vielleicht. Ein deutscher Kapitän hat Euch endlich befreit?« – »Mein Gott! Seid ihr allwissend?« Der Pater lächelte und antwortete selbstbewußt: »Das nicht. Aber Ihr seht, daß ich eingeweiht bin. Ich könnte Euch leicht alle Rätsel lösen, die Euch noch dunkel sind, aber – hm! Ich weiß nicht, ob ich auf Eure Verschwiegenheit rechnen darf.« Da ergriff Mariano seine Hände und sagte bittend: »Señor, ich werde schweigen wie das Grab. Ich bitte Euch um Gottes willen, mir zu sagen, was Ihr wißt.« – »Ich habe Euch gesagt, daß ich das nicht darf. Aber vielleicht bin ich bereit, Euch diejenigen Winke zu geben, von denen ich sprach.« – »Tut das, Señor! Ich werde Euch reich belohnen, ich werde es Euch danken, so lange ich lebe!« Da nahm der Pater eine ernste, fromme Miene an und sagte: »Ich tue es nicht um des Lohnes willen. Es sind hier Verbrechen verübt worden. Zwar darf ich nichts verraten, aber ich halte es für meine Pflicht, dahin zu wirken, daß die Schulden nicht Früchte genießen, die anderen gehören.« – »Ah, Ihr seid ein frommer, gottesfürchtiger Mann! Ich darf hoffen, daß Ihr mir die Hand zur Hilfe reicht.« – »Ja, das könnt Ihr, Señor! Aber wenn ich Euch die nötigen Winke geben soll, muß ich vorher erfahren, wie weit Ihr selbst von der Sache unterrichtet seid. Ich muß Euer Leben und alle Ereignisse kennenlernen, die sich auf Euch und Eure Freunde beziehen.« – »Ich bin bereit, Euch alles zu erzählen, Señor!« – »Ihr wollt also Vertrauen zu mir haben?« – »Vollständig!« beteuerte Mariano. – »So setzt Euch und erzählt!« Mariano folgte dieser Aufforderung. Er gab eine Beschreibung seines Lebens und seiner Erfahrungen so ausführlich, daß dem Pater nicht das geringste verborgen blieb. Er war so begeistert für den Gegenstand, daß er nicht an die Gefährten dachte, die ihn erwarteten. Endlich war er fertig. Auch der Pater hatte auf einem Stuhl Platz genommen. Jetzt erhob er sich, ging einige Male im Zimmer auf und ab und sagte, vor ihm stehenbleibend: »Ihr seid also überzeugt, der Sohn des Grafen Emanuel zu sein?« – »Ja«, antwortete Mariano. – »Graf Ferdinando weiß dies auch?« – »Ja.« – »Wer weiß das noch? Dieser Sternau natürlich?« – »Jawohl.« – »Die beiden Indianerhäuptlinge und die beiden Helmers?« – »Ja.« – »Ferner Emma Arbellez, Karja, Marie Hermoyes und jener Spanier, der mit dem Grafen in Harrar gefangen war?« – »Sie alle.« – »So ist Euer Geheimnis das Eigentum sehr vieler Personen geworden, und die Schuldigen dürfen überzeugt sein, daß es unmöglich ist, es totzuschweigen. Auch der Engländer und seine Tochter kennen es?« – »Auch sie.« – »Und welchen Personen in Deutschland ist es bekannt?« – »Meiner Schwester Rosa und jedenfalls den ihr nahestehenden Vertrauten. Doch weiß sie bei weitem nicht so viel, als wir anderen.« – »Und welche Punkte sind Euch noch unklar? Das muß ich wissen.« – »Unklar ist uns eigentlich keiner der Hauptpunkte. Es handelt sich nur um die Erbringung des Beweises; aber das ist gerade das schwierigste.« – »Ich halte es im Gegenteil für das leichteste.« – »Ja, wenn wir Pablo Cortejo und Landola fest hätten!« – »Nun, das ist doch nichts Unmögliches!« – »Allerdings nicht. Sternau ist ihnen ja doch nachgejagt.« – »Ah! Wirklich?« – »Ja. Ich habe Euch noch nicht gesagt, daß ich ihn suche. Er ist mit den beiden Indianerhäuptlingen und dem einen Helmers hinter Cortejo her, und ihre Spuren zeigen gerade auf Santa Jaga. Es wurde mir sogar gesagt, daß sie bei Euch sein könnten.« – »Bei mir?« fragte der Pater lächelnd. »Wer sagte das?« – »Einer der Reitknechte, die mit Señorita Emilia nach der Hacienda del Erina aufgebrochen waren.« Der Pater entfärbte sich. »Señorita Emilia?« stotterte er. Doch faßte er sich schnell und fragte: »Nach der Hacienda del Erina ist sie geritten?« – »Ja«, antwortete Mariano. »Das ist ihre Absicht gewesen.« – »Was hat sie dort gewollt?« – »Ich weiß es nicht.« – »Hm! Ihr seid doch wohl nicht allein nach Santa Jaga gekommen?« – »Nein. Ich habe noch zwei Gefährten mit.« – »Wer sind sie?« – »Der Kleine André und der andere Helmers.« – »Wo sind sie?« – »Sie warten draußen vor dem Tor auf mich. Aber ich habe im Eifer unserer Unterredung gar nicht mehr an sie gedacht.« Der Pater blickte einige Zeit nachdenklich vor sich nieder. Dann warf er rasch den Kopf empor und fragte: »Man kann sich auf Euch verlassen, Señor?« – »Oh, vollständig«, beteuerte Mariano. – »Wenn ich Euch helfe, so werdet Ihr mich nicht verraten?« – »Niemals; darauf könnt Ihr Euch verlassen.« – »Nun gut, wenn Ihr Cortejo fangt, so haben wir nicht nötig, ein Beichtgeheimnis zu verraten. Wie nun, wenn er noch heute abend in Eure Hände fiele?« Da sprang Mariano wie elektrisiert empor. »Herrgott, ist dies möglich?« – »Ja, es ist möglich. Aber bitte, redet nicht so laut. Ich will Euch gestehen, daß Señor Sternau mit seinen Gefährten hier bei mir war.« – »Ah! Wirklich? Wo sind sie? Haben sie Cortejo gefangen?« – »Nein. Sie kamen zu mir, um nach Cortejo zu fragen. Ich wußte nichts von ihm, und darum ritten sie weiter.« – »Wohin sind sie?« – »Ich weiß es nicht. Sie haben mir nichts gesagt. Aber wo Cortejo ist, das weiß ich genau.« – »Welch ein Glück wäre das! Aber sagtet Ihr nicht eben, daß Ihr nichts von ihm wüßtet?« – »Ich sagte das allerdings, und es war auch wahr. Aber kaum war Señor Sternau verschwunden, so kam Cortejo hier an.« – »Alle Wetter! Was wollte er hier?« – »Er wollte ein Asyl suchen.« – »Ihr gewährtet es ihm?« – »Natürlich. Ich dachte nämlich, Señor Sternau werde wiederkommen.« – »Ihr hattet die Absicht, ihm Cortejo auszuliefern?« – »Das versteht sich«, nickte der Pater. – »So befindet er sich noch hier?« – »Ja.« – »Oh, Señor, wollt Ihr ihn mir überlassen?« – »Gern. Ihn und seine Tochter.« – »Auch sie ist hier?« – »Auch sie. Ich glaube, das wird Euch doppelt liebsein.« – »Natürlich, natürlich! Wo befinden sie sich?« – »In einem unterirdischen Gefängnis. Er bat um ein Asyl. Hätte ich ihn öffentlich aufgenommen, so wäre es mir unmöglich, ihn Euch auszuliefern. Darum sorgte ich dafür, daß kein Mensch ihn und seine Tochter zu sehen bekam, und darum kann ich ihn Euch übergeben, ohne Verrat befürchten zu müssen.« – »Ihr könnt Euch auf unsere größte Verschwiegenheit verlassen. Wollt Ihr mich zu ihm führen?« – Ja. Ich ersuche Euch, mir zu folgen.« 16. Kapitel. Hilario brannte eine Laterne an und führte Mariano leise und heimlich nach dem unterirdischen Gang, in dem sich die Gefängnisse befanden. »Überliefern kann ich ihn Euch jetzt noch nicht«, sagte er dabei. – »Warum nicht?« – »Ich darf Euch nicht helfen; ich darf überhaupt von ihm nicht gesehen werden. Ihr aber allein seid zu wenig, die beiden ohne Lärm fortzubringen. Ich will Euch jetzt nur beweisen, daß sie da sind. Dann holen wir Eure beiden Gefährten herbei, mit deren Hilfe Ihr es viel leichter und besser fertigbringen werdet. Kommt!« Der Pater führte Mariano in den Gang hinein, blieb vor Josefas und Cortejos Gefängnistür stehen und gab Mariano die Laterne in die Hand. »Ich werde jetzt öffnen«, flüsterte er. »Sie dürfen mich nicht sehen. Leuchtet sie an. Ihr werdet sie erkennen und da sehen, daß ich es gut und ehrlich mit Euch meine. Nur bitte ich Euch, kein unnützes Gespräch mit ihnen anzuknüpfen.« – »Das wird mir gar nicht einfallen. Habt keine Sorge!« Jetzt öffnete der Pater die Tür und trat zur Seite. Mariano leuchtete hinein. Seine Gestalt befand sich im Dunkeln. »Verfluchter Pfaffe!« tönte ihm Cortejos Stimme entgegen. »Laß mich los, oder ich werde mich fürchterlich rächen!« – »Teufel!« rief auch Josefa. »Sollen wir hier elend verhungern?« – »Nein«, antwortete Mariano. »Ich werde Euch von hier fortbringen.« Als Josefa hörte, daß es nicht der Pater war, fragte sie rasch: »Señor, wer seid Ihr?« – »Seht mich an, ob Ihr mich erkennt.« Mariano drehte die Laterne herum, so daß ihr Schein voll auf ihn selbst fiel. Josefa starrte ihn einige Augenblicke lang an, dann rief sie erschrocken: »O ihr Heiligen! Das ist Mariano.« – »Ja, ich bin es«, antwortete er. »Die Zeit, Gericht zu halten, ist gekommen. Ihr werdet Eure Strafe erhalten.« – »So war es nur Täuschung, daß der Pater Señor Sternau und die beiden andern ...« Krach. Der Pater warf die Tür zu. Das Mädchen stand ja im Begriff zu verraten, daß auch Sternau gefangen sei. »Warum macht Ihr so schnell zu?« fragte Mariano. – »Ich bat Euch, kein Gespräch anzufangen. Ihr droht mit dem Gericht, und nun werden sie Euch nur unter Anwendung von Gewalt folgen.« – »Wir werden mit ihnen fertig werden.« – »So kommt wieder mit hinauf, damit wir Eure Gefährten holen.« Die Männer kehrten zur Wohnung des Paters zurück, wo dieser Mariano die Weisung gab zu warten. »Ihr selbst wollt meine Freunde holen?« fragte der letztere. – »Ja.« – »Warum nicht ich?« – »Ihr vergeßt, daß alles in tiefster Stille abgemacht werden muß. Kein Unberufener darf etwas merken. Ihr kennt die Schliche nicht.« Damit ging der Pater. Aber ehe er zum Tor ging, suchte er seinen Neffen in der Klosterzelle auf, die er ihm zur Wohnung angewiesen hatte. »Halte dich bereit«, sagte er. »Es gibt heut wieder zu tun.« – »Was?« fragte Manfredo. – »Es sind drei gekommen, die wir festnehmen müssen.« Er gab ihm die nötige Weisung und suchte dann André und Helmers auf. Diese hielten noch immer in der Nähe des Tores. Die Zeit war ihnen außerordentlich lang geworden. Da hörten sie nahende Schritte. Nicht das Tor war ihnen geöffnet worden, sondern die kleine Pforte, die der Pater bei solchen Gelegenheiten zu benutzen pflegte. Er trat zu ihnen heran und fragte sie leise: »Ihr seid Señor André und Señor Helmers?« – Ja«, antwortete der erstere. »Wo ist unser Freund?« – »Bei mir. Habt die Güte, mir zu folgen.« Hilario wandte sich nicht nach dem Tor, sondern der Gegend zu, in der das Pförtchen lag. Der kleine Jäger war aber ein vorsichtiger Mann. »Warum nicht durch das Tor?« fragte er. – »Eure Anwesenheit soll geheimgehalten bleiben, weil ich Euch Cortejo überliefern werde, und das darf doch kein Mensch merken.« – »Donnerwetter, Cortejo ist da?« – »Ja.« – »Gut, wir folgen. Aber was tun wir mit den Pferden?« – »Führt sie leise hier längs der Mauer hin, bis Ihr an einige Bäume kommt, wo Ihr sie anbinden könnt. Ich werde hier warten.« Dies geschah, und dann brachte Hilario André und Helmers mit solcher Vorsicht nach seinem Zimmer, daß kein einziger Bewohner des Klosters etwas davon merkte. Der vorsichtige kleine André erkundigte sich nun zunächst bei Mariano. Als er aber von diesem hörte, daß er Cortejo nebst dessen Tochter bereits gesehen und auch gesprochen habe, verschwand jedes Mißtrauen. Nun brachen sie nach dem unterirdischen Gang auf. Vorher aber nahm der Pater aus einem Kästchen eine dünne Papierhülse, die er zu sich steckte, und zwar in einer Art und Weise, daß es gar nicht auffallen konnte. Sie gelangten unten bis an die starke Tür, die nach dem Gefängnisgang führte. Dort griff Hilario in die Tasche, um den Schlüssel hervorzuholen. Er fand ihn nicht. »Ah, der Schlüssel ist nicht da«, sagte er. »Er liegt in der Nische, an der wir vor der letzten Tür vorüberkamen. Entschuldigen die Señores einen Augenblick!« Die Männer befanden sich jetzt in einem quadratischen Raum, der nicht sehr groß war. Der Pater wandte sich zurück und öffnete die Laterne. Er zog die Hülse aus der Tasche, brannte das eine Ende derselben an und blies in das andere hinein. Sofort entstand ein Strahl, ähnlich demjenigen, wenn man Bärlappsamen und Kolophonium durch eine Flamme bläst. Dann war er mit zwei Schritten zur Tür hinaus, die er hinter sich zuwarf und schnell verriegelte. »Gefangen!« lachte er höhnisch. »Ah, nun weiß ich alles. Dieser Mariano war dumm genug, mir alles bis ins einzelne zu beichten. Nun bin ich Meister der ganzen Angelegenheit. Ah, wie sie da drinnen fluchen und toben! Es wird nicht lange währen.« Man hörte, wie auch diese drei Männer sich Mühe gaben, die Tür aufzubrechen. Es gelang ihnen nicht, und nach zwei Minuten war es vollständig ruhig. Da hörte der Pater nahende Schritte. »Manfredo!« rief er nach rückwärts. – »Ja, ich bin es«, ertönte die Antwort. – »Komm! Es ist Zeit!« Der Neffe kam herbei; er war mit keinem Licht versehen. »Das läuft sich verdammt schlecht hier im Dunkeln«, klagte er. »Sind sie da drinnen?« – »Ja. Ich glaube, wir dürfen nicht zögern, sonst ersticken sie«, entgegnete Hilario, schob die Riegel zurück und öffnete. Sofort strömte ihnen ein betäubender Geruch entgegen. Sie wichen zurück, bis er sich verzogen hatte, und traten dann ein. Die drei Männer lagen besinnungslos an der Erde. Der Pater untersuchte sie. – »Sie leben noch«, sagte er, »aber schnell fort mit ihnen!« – »Wohin?« – »Neben die anderen.« – »Warte, bis ich ihnen ihre Waffen abgenommen und sie durchsucht habe.« Der saubere Neffe nahm den Gefangenen alles ab, was sie bei sich hatten. Als er das auch bei Mariano tat, sagte er: »Schau, Oheim, welch ein Ring! Ist das ein Diamant?« Er zog dabei dem Bewußtlosen den Ring vom Finger und reichte ihn dem Pater hin. Dieser antwortete, nachdem er ihn genau betrachtet hatte: »Ja, ein Diamant, und zwar mit der Grafenkrone der Rodriganda. Ich werde ihn einstweilen zu mir stecken.« – »Ich denke, daß alles mir gehört, was diese Kerle bei sich tragen?« – »Ja.« – »Nun, warum dieser Ring nicht?« – »Er gehört dir. Ich nehme ihn nur einstweilen, weil ich denke, einen Plan auszuführen, bei dem ich ihn brauchen kann.« Sie faßten jetzt die drei ausgeplünderten Männer an und trugen sie nach dem Gang, wo ein jeder von ihnen, noch bewußtlos, in eines der Gefängnisse gesteckt wurde. Als dies geschehen war, öffnete der Pater die Tür, hinter der Cortejo nebst seiner Tochter steckte. »Kommt Ihr, um uns abzuholen, Señor Mariano?« fragte Josefa. – »Nein, es ist nicht Mariano«, antwortete Hilario. – »Ah, der Pater, dieser Satan!« stöhnte Josefa. – »Ich, ein Satan?« lachte der Pater. »Ihr seid viel eher eine Teufelin, als ich ein Teufel. Glaubt Ihr übrigens, mit Euren Schimpfreden Eure Lage zu verbessern? Da irrt Ihr Euch gewaltig.« – »Was haben wir Euch getan, daß Ihr uns auf eine so schreckliche Weise umkommen lassen wollt?« – »Oh, ich habe eine kleine Rechnung mit Eurem Vater quittzumachen. Wenn Ihr mit darunter leidet, so seid Ihr selber schuld. Härtet Ihr Euch einen besseren Kerl als Vater ausgesucht!« – »Schuft!« knirschte Cortejo. – »Schimpft nicht«, gebot der Pater. »Übrigens steht es ganz bei Euch, ob ich Euch verschmachten lasse oder ob Euch noch Hoffnung auf Rettung gelassen werden kann.« – »Rettung?« fragte Cortejo. »Was verlangt Ihr dafür?« – »Darüber wollen wir später sprechen. Jetzt handelt es sich einstweilen nur um Milderung Eurer augenblicklichen Lage. Ich bin bereit, Euch eine bessere Zelle und auch Nahrung zu geben, wenn Ihr mir eine aufrichtige und wahre Auskunft erteilt.« – »Worüber?« – »Über Henrico Landola, den Seeräuber.« – »Ah! Warum über ihn?« – »Das ist meine Sache. Ihr habt diesem amerikanischen Jäger Grandeprise versprochen, Landola in seine Hände zu geben?« – »Ja.«– »Ihr habt dies also für möglich gehalten?« – Ja.« – »Ihr wart also überzeugt, Landola wiederzutreffen?« – »Ja.« – »Wo?« – »Das ist unbestimmt. Ich weiß es nicht.« – »Ich aber will es wissen. Gebt Ihr mir darüber einen festen Anhaltspunkt, so werde ich Euch die gedachten Vergünstigungen gewähren.« – »Was wollt Ihr von Landola?« – »Ich habe auch mit ihm eine Rechnung quittzumachen.« – »Ihr wollt ihn einstecken und quälen wie uns?« – Ja, sogar noch ein weniger intensiver, wenn ich ihn nämlich bekomme.« – »Das würde mir ein Gaudium sein; aber trotzdem weiß ich nicht, wo er sich jetzt befindet.« – »Es gibt aber ein Mittel, es zu erfahren?« Cortejo zögerte mit der Antwort. Darum meinte der Pater streng: »Gut, behaltet es für Euch, wenn Ihr hier elend verschmachten wollt!« Er stand bereits im Begriff, die Tür zuzumachen, da sagte Josefa: »Um Gottes willen, sagt es ihm Vater! Ich will nicht sterben, ich muß leben bleiben. Oh, diese Schmerzen in meiner Brust.« – »Ja, ich glaube es«, lachte der Pater. »Ihr seid falsch kuriert worden. Ich könnte Euch die Schmerzen nehmen, ich könnte Euch heilen und herstellen, aber Ihr wollt es ja nicht.« – »Ich will, ich will! Vater, sage es ihm!« rief das Mädchen. – »Er betrügt und peinigt uns dennoch fort«, entgegnete Cortejo. – »Nein«, antwortete der Pater. »Wenn Ihr mir ehrlich antwortet, nehme ich Euch aus diesem Loch.« – »Gut; erst heraus, dann werde ich reden, eher aber nicht.« – »Ah, Ihr traut mir nicht? Na, ich will Euch das nicht übelnehmen und Euch daher Euren Wunsch erfüllen. Ich werde Euch aus den Eisenringen befreien, Euch aber vorher auf andere Weise fesseln, so daß Ihr mir keine Dummheiten machen könnt. Gebt Ihr dann aber keine Auskunft, so trifft Euch doppelte Strafe.« Hilario fesselte nun Cortejo und Josefa mit Hilfe seines Neffen so, daß sie sich zwar erheben und auch langsam bewegen konnten, zu einem Widerstand aber unfähig waren. Dann machte er die Eisenhalter von ihren Hälsen und Leibern los. »Jetzt kommt und folgt mir«, sagte er darauf. »Ich weise Euch nunmehr ein besseres Loch an, mit dem Ihr zunächst zufrieden sein könnt.« Er schritt voran, die Gefangenen und sein Neffe gingen hinterher. Am Ende des Ganges befand sich eine Tür, die in einen Raum führte, der eher einer kleinen Stube als einem Gefängnis glich. Diese Tür öffnete Hilario und sagte: »Hier herein!« Sie traten ein und atmeten auf, denn hier konnten sie wenigstens stehen oder sich in voller Länge auf dem Boden niederstrecken. »Das wird Eure jetzige Wohnung sein«, fuhr der Pater fort. »Nun aber verlange ich auch Auskunft. Wie oder wo kann ich erfahren, wo Landola sich befindet?« – »Bei meinem Bruder«, antwortete Cortejo. – »Also in Rodriganda in Spanien?« – »Ja.« – »Das ist mir zu weitläufig, das kann mir nichts nützen. Gibt es nicht noch eine andere und bessere Auskunft?« Cortejo blickte den Pater finster und grimmig an und erwiderte: »Wir bleiben wirklich hier in diesem besseren Loch?« – »Ja.« – »Wir bekommen hinreichende Nahrung?« – »Ja, wenn Ihr redet.« – »Wenn Ihr mir noch zweierlei versprecht, werde ich Euch eine vollständige Auskunft erteilen.« – »Sagt, was ich versprechen soll.« – »Erstens, daß wir hier nicht ermordet werden, und zweitens, daß Ihr meine Tochter ärztlich behandelt und herstellt.« – »Ich verspreche Euch das, wenn nämlich Eure Auskunft gut ist.« – »Sie ist gut.« – »So redet.« – »Ich traue Euch nicht. Schwört erst, daß Ihr Wort halten werdet.« – »Was kann Euch das nützen? Bin ich wirklich so treulos, wie Ihr meint, so werde ich auch den Schwur nicht achten.« – »Ihr habt recht. Wir sind ganz und gar in Eure Hand gegeben. Und darum will ich Euch sagen, daß ich meinem Bruder wegen des Landola geschrieben habe. Auch ich wollte wissen, wo derselbe sich befindet.« – »Und Ihr erwartet Antwort?« – »Ja.« – »Wann?« – »Sie muß bereits angekommen sein.« – »Wo?« – »In Verakruz bei meinem Agenten.« – »Warum nicht in Mexiko?« – »Ihr vergeßt, daß ich mich in der Hauptstadt nicht sehen lassen darf.« – »Das ist wahr. Wer ist Euer Agent?« – »Das werde ich Euch erst dann sagen, wenn wir Essen und Trinken erhalten haben und Ihr meine Tochter untersucht habt.« – »Señor Cortejo, Ihr seid eigentlich gar nicht in der Lage, mir Bedingungen vorzuschreiben, aber ich befinde mich heute in guter Stimmung, und darum will ich auf Euer Verlangen eingehen. Manfredo, hole Wein, Brot und Käse, ich will nach den Verletzungen der Señorita sehen.« Der Neffe entfernte sich. Als er nach längerer Zeit mit dem Verlangten zurückkehrte, war der Pater auch mit seiner Patientin bereits fertig. Er hatte ihr gesagt, daß er hoffe, sie herstellen zu können. »Jetzt habe ich mein Wort erfüllt«, sagte er, »nun haltet auch das Eurige.« – »Mein Agent ist der Fischer Gonsalvo Verdillo«, antwortete Cortejo. – »Und Ihr denkt, daß bei ihm die Antwort liegt?« – »Sie ist ganz sicher da.« – »Wie aber kann man sie von ihm erhalten?« – »Durch einen Boten.« – »Wird er sie ihm aushändigen?« – »Nur dann, wenn dieser Bote einen Brief von mir bringt, durch den er sich zu legitimieren vermag.« – »Dieser Agent kennt Eure Handschrift?« – »Genau.« – »Gut, so werdet Ihr diesen Brief schreiben.« – »Davon war keineswegs die Rede. Ich habe Euch nur versprochen, Euch Auskunft zu geben, und das habe ich getan.« – »Das heißt wohl, daß Ihr den Brief nicht schreiben wollt?« – »Wenigstens nicht umsonst.« – »Was verlangt Ihr dafür?« – »Eine wahre Auskunft über diesen Mariano, der sich vorhin bei uns sehen ließ. Was habt Ihr mit ihm vor?« – »Ich habe ihn gerade so gefangengenommen wie Sternau und die anderen. Er ist mein Gefangener und steckt in einer Zelle dieses Ganges.« – »Was werdet Ihr überhaupt mit all diesen Leuten tun?« – »Das weiß ich jetzt noch nicht; ich will an ihnen meine Rache kühlen. So, das ist meine Auskunft. Nun werdet Ihr wohl schreiben?« – »Unter einer Bedingung nur.« – »Abermals eine Bedingung? Hört, nehmt Euch in acht, daß meine Geduld nicht zu Ende geht! Welche Bedingung soll das sein?« – »Daß ich den Brief meines Bruders auch zu lesen bekomme.« – »Das will ich Euch zugestehen. Wie pflegt Ihr an den Agenten zu schreiben? Was braucht Ihr dazu?« – »Nichts als Tinte, Feder, Briefbogen und Kuvert.« – »Ich werde gehen, es zu holen.« – »Ah, ich soll hier in diesem Loch schreiben?« – »Ja. Übrigens merkt es Euch, daß dies kein Loch ist! Oder wünscht Ihr vielleicht, daß ich Euch wegen dieses Briefes in ein Damenboudoir führen soll? Da irrt Ihr Euch; ich werde Euch, damit Ihr schreiben könnt, die Handfesseln abnehmen, aber bei der geringsten verdächtigen Bewegung, die Ihr macht, werde ich Euch eine Kugel durch den Kopf jagen. Jetzt bleibt Ihr, bis ich wiederkehre, unter Manfredos Bewachung.« Hilario ging. Als er zurückkehrte, hatte er außer den erwähnten Schreibrequisiten auch einen hölzernen Schemel mit, den Cortejo als Schreibpult benutzen sollte. In höchst unbequemer Lage und beim Schein der Laterne faßte dieser den Brief ab. Der Pater las ihn durch. »Er scheint unverdächtig zu sein«, meinte er. »Oder gibt es zwischen Euch und Eurem Agenten geheime Zeichen, die man nicht bemerken kann, mittels deren Ihr Euch aber verständigt?« – »Nein.« – »Es würde Euch nur schaden, mich betrügen zu wollen; jetzt seht, wie Ihr Euch in dem Logis einrichtet, Girlanden wurden beim Einzug nicht verwendet. Wenn die Antwort kommt, dürft Ihr sie lesen.« Nach diesen Worten schloß er den Kerker und entfernte sich mit dem Neffen. »Wer wird den Brief nach Verakruz schaffen?« fragte dieser. – »Der amerikanische Jäger.« – »Grandeprise?« – Ja.« – »Aber wenn dieser nun nach Cortejo gefragt wird?« – »Da laß mich nur machen! Jetzt vor allen Dingen hast du die Pferde der neuen Gefangenen fortzubringen, damit man nichts merkt.« Es war während des Geschehens eine ziemliche Zeit vergangen, so daß es zu spät war, noch mit Grandeprise zu sprechen; am anderen Morgen aber ließ Hilario ihn bereits früh zu sich rufen. »Señor Grandeprise, ich habe Euch einen Auftrag zu erteilen«, sagte er. »Seid Ihr bereits einmal in Verakruz gewesen?« – Ja«, lautete die Antwort. – »Aber von hier aus nicht?« – »Nein.« – »So würde es Euch wohl schwer werden, den kürzesten Weg zu finden.« – »Mir, einem Jäger? Wo denkt Ihr hin! Aber was redet Ihr von Verakruz, ich habe dort ja gar nichts zu schaffen.« – »Und doch; ich möchte Euch bitten, einen Brief dahin zu besorgen.« Grandeprise machte ein sehr bedenkliches Gesicht. »Señor, Ihr habt mich vom Tod errettet«, sagte er, »ich bin also sehr gern bereit, Euch jeden Gefallen zu tun; jetzt aber ist es mir nicht möglich.« – »Warum nicht?« – »Weil ich in Señor Cortejos Diensten stehe; ich kann nicht fort.« – »O doch, denn gerade von Señor Cortejo ist dieser Brief.« – »Er ist es, der mich nach Verakruz schickt?« – Ja.« Die Brauen Grandeprises zogen sich zusammen. »Donnerwetter, ich errate etwas«, sagte er. – »Was?« – »Dieser Mann will mich gern von hier forthaben.« – »Warum?« – »Damit er mir ein Versprechen, das er mir gegeben hat, nicht zu erfüllen braucht.« – »Ihr meint das Versprechen, Euch Landola zu verschaffen?« – »Ja. Aber woher wißt Ihr das?« – »Er selbst hat es mir gesagt. Übrigens ist Eure Vermutung eine sehr irrige. Señor Cortejo will Euch nicht betrügen, sondern er will sein Versprechen erfüllen, indem er Euch nach Verakruz schickt. Dort liegen bei seinem Agenten Nachrichten über Landola, die Ihr im bringen sollt.« – »Das läßt sich eher hören. Aber warum schickt er Euch zu mir? Warum spricht er nicht selbst mit mir?« – »Weil er nicht kann; er ist nicht mehr da.« – »Nicht mehr da?« fragte der Jäger enttäuscht. »Seit wann?« – »Seit heute nacht.« – »Das kommt mir verdächtig vor, Master Hilario.« – »Das sollte mich wundern. Bei der jetzigen Lage der Dinge kann manches passieren, was ungewöhnlich ist. Hat Señor Cortejo Euch denn versprochen, hierzubleiben?« – »Nein, das allerdings nicht.« – »Oder schuldet er Euch größeres Vertrauen als anderen Leuten?« – »Hm, wie man es nimmt. Ich habe ihm das Leben und die Freiheit gerettet. Ohne mich wäre er entweder tot oder gefangen und blind. Einen solchen Retter in der Not läßt man nicht sitzen, ohne ihn vorher gesprochen oder benachrichtigt zu haben.« – »Das war unmöglich; es kam ein Bote, der ihn sofort abrief.« – »Wohin?« – »Zum Panther des Südens.« – »Hole den der Teufel!« – »Cortejo hatte kaum noch Zeit, diesen Brief zu schreiben, den ich Euch übergeben soll.« – »Hm, der Brief handelt wirklich von Landola?« – »Ja, ich habe ihn gelesen.« – »An wen ist er? Zeigt einmal her!« – »An den Fischer Gonsalvo Verdillo, der der Agent Cortejos ist. Dieser letztere hat um Auskunft geschrieben, wo Landola sich befindet. Die Antwort liegt bei dem Fischer. Ihr sollt sie holen.« – »Wohin ist sie zu bringen, etwa zum Panther des Südens?« – »Nein, sondern zu mir.« – »Aber Cortejo ist ja gar nicht bei Euch.« – »Er wird zur Zeit Eurer Rückkehr wieder hier sein.« – »Dann bin ich eher einverstanden. Gebt den Brief her. Ich werde gleich aufbrechen.« – »Darum wollte ich Euch bitten. Augenblicklich fort und so bald wie möglich wieder zurück. Aber seid vorsichtig; es ist heutzutage nichts Kleines, einen Brief von Cortejo bei sich zu haben.« 17. Kapitel. Unterdessen hatte sich der Zustand des kranken Haziendero Pedro Arbellez wesentlich gebessert. Die alte, treue Marie Hermoyes gab sich alle mögliche Mühe, seine Schmerzen zu lindern, und so begannen die Wunden nach und nach zu heilen, zumal einer der Mixtekas, die die Besatzung der Hazienda bildeten, ihm das berühmte Wundkraut gesucht hatte, das jede Wunde zur schnellsten Verharschung bringt. Er war bereits soweit hergestellt, daß er das Bett versuchsweise verlassen hatte. Er saß, sorglich von Decken umhüllt, in einem Stuhl am Fenster, das nach Norden ging. Da hinaus schaute er, denn nach dieser Richtung lag das Fort Guadeloupe, lagen Chihuahua und auch Coahuila. Neben ihm stand Marie Hermoyes. »Alles will ich gern gelitten haben, wenn ich sie nur wiedersehe«, sagte er, ein begonnenes Gespräch fortsetzend. – »Oh, Señor, Ihr glaubt nicht, wie unendlich auch ich mich freue!« – »Ja, meine gute Marie, ich glaube es schon. Aber wie sagte Antonio, wie Emma ausgesehen hätte?« – »Gut, sehr gut, sagte er.« – »Gesund?« – »Gesund und munter.« – »Sie hatte gesagt, daß sie bald kommen werde.« – »Sehr bald, Señor.« – »Aber sie kommt ja nicht. Ich warte vergebens!« – »Ihr dürft die Geduld nicht verlieren. Juarez wird sie bringen.« – »Warum kommt sie nicht eher?« klagte er. – »Wollt Ihr sie zum zweiten Male verlieren, noch ehe Ihr sie überhaupt wiedergesehen habt?« – »Das wollte Gott verhüten. Aber wird es nicht da draußen schwarz am Horizont, Marie?« Die Gefragte trat näher an das Fenster, blickte hinaus und strengte ihre alten Augen so viel wie möglich an. »Ja, Señor«, erwiderte sie, »es sieht gerade so aus, als ob recht viele Reiter dort auftauchten.« – »Santa Maria! Wenn Juarez endlich käme!« Die beiden Leute blickten mit größer Spannung hinaus. »Ja, es sind Reiter«, sagte Marie. – »Es sind sehr viele«, fügte der Haziendero hinzu. »Sie kommen näher. Gott, vielleicht ist mein Kind bei ihnen!« Er wurde ganz schwach vor freudiger Erregung. Er legte den Kopf zurück und schloß die Augen. Aber sein Ohr blieb offen. Da hörte er ein nahendes Brausen und dann den Hufschlag vieler Pferde, der wie ein dumpfer Donner heranrollte. Es war ein ganzes Heer, das herangaloppiert kam, Weiße und Apachen. Die Mixtekas hatten sich auf ihre Pferde geworfen, um sie zu empfangen. Man hörte ein jubelndes Heulen und Brüllen, unterbrochen von durchdringendem Gewieher der mutigen Pferde, dann kam ein schneller Männerschritt von der Treppe her auf die Tür zu, die geöffnet wurde. Arbellez richtete die Augen auf den Eintretenden. »Juarez«, sagte er, ganz schwach werdend. – »Der Präsident«, rief auch Marie Hermoyes. – »Ja, ich bin es«, sagte der Zapoteke. »Gott grüße Euch, Señor Arbellez. Wie ist es Euch ergangen?« – »Schlimm, sehr schlimm, Señor«, antwortete Marie. »Josefa Cortejo hat ihn bis auf die Knochen peitschen lassen und dann in den Keller geworfen. Unser guter Herr hat Fürchterliches ausgestanden.« Juarez zog die Brauen zusammen, er wollte fragen, wurde jedoch daran verhindert, denn von der Tür her erscholl ein jauchzender Schrei. »Vater!« Er hatte diese Stimme so lange Jahre nicht gehört, der alte, kranke Haziendero, aber er erkannte sie doch sogleich. »Emma, mein Kind.« Er wollte diese Worte sprechen, aber sie erstarben ihm auf der Zunge. Er hielt die Augen noch geschlossen, aber er öffnete die Arme. Im nächsten Augenblick hielten sich die beiden wortlos umschlungen; desto reichlicher aber flossen die Tränen auch bei denen, die dabeistanden, über die Wangen herab. Da nahm Juarez die Alte bei der Hand und zog sie aus dem Zimmer. »Lassen wir sie allein«, sagte er draußen zu ihr. »Dieser selige Augenblick ist ihr heiliges Eigentum, das wir ihnen nicht stehlen dürfen. Aber sagt mir doch, Señora, wo ist Señor Sternau?« – »Der ist fort«, antwortete sie. – »Und Büffelstirn, Bärenherz und die anderen?« – »Sie sind auch fort.« – »Wohin?« – »Man weiß es nicht.« – »Sie müssen es aber doch gesagt haben, wenn sie die Hazienda auf einige Zeit verlassen haben.« – »Nein. Sie konnten es nicht sagen; denn sie wußten es selbst noch nicht. Sie sind der Josefa Cortejo nachgejagt.« – »Ist sie entkommen?« – »Ja. Doch hoffen wir, daß sie noch ergriffen wird.« Marie erzählte in fliegender Eile, soviel sie wußte. Da kam auch Karja, die Indianerin. Sie ging mit Marie Hermoyes hinein zu Vater und Tochter, um den ersteren zu begrüßen, während Juarez sich seinen Pflichten widmen mußte. Auch Lindsay und Amy waren mitgekommen. Der Engländer stand eine halbe Stunde später mit Juarez in dem Zimmer, das dieser für sich ausgesucht hatte, als der zweite Häuptling der Mixtekas bei ihnen eintrat, mit Papieren in der Hand. »Was bringt mein Bruder da?« fragte der Präsident. – »Briefe für dich«, war die einsilbige Antwort. – »Von wem?« – »Von Señor Sternau. Ein Mädchen hat sie ihm übergeben. Er ritt den Feinden nach und traf unterwegs dieses Mädchen. Ehe er weiterritt, sandte er mir die Briefe für dich.« Es waren eigentlich nicht Briefe, sondern Emilias Abschriften der geheimen Korrespondenz des Paters. Der Mixteka entfernte sich wieder, Juarez aber unterwarf die Schreiben einer Durchsicht, die zunächst eine schnelle und oberflächliche werden sollte. Aber nach einigen Augenblicken bemerkte der Engländer die außerordentliche Spannung, die sich auf dem eisernen Gesicht des Zapoteken ausdrückte. Er hütete sich daher, ihn zu stören. Endlich steckte Juarez die Papiere ein. »Verzeihung, Señor«, bat er, »aber es war wirklich zu wichtig.« – »Nachrichten von Sternau?« – »Nur durch ihn übersandt. Ich habe Ihnen bereits von jener Señorita Emilia gesprochen; nicht?« – »Ihrer Spionin?« – »Eigentlich möchte ich sie nicht so, sondern lieber meine Verbündete nennen. Ich habe ihr sehr viel zu verdanken, und nun hat sie von neuem einen Streich ausgeführt, der nur ihr gelingen konnte. Ich muß noch heute die Hazienda verlassen.« – »Ah! Wohin?« – »Ich gehe direkt auf Durango los.« – »Das ist ganz außerordentlich gewagt.« – »Nicht im mindesten. Ich habe hier Abschriften von Korrespondenzen aus allen Heerlagern, wo man mich erwartet, um mich glänzend zu empfangen. Man harrt bloß auf mein Erscheinen, um loszuschlagen. Hier, lesen Sie, Señor.« Juarez gab dem Engländer die Papiere, und dieser las sie durch. »Können Sie sich auf die Wahrheit dieser Abschriften und der ihnen zugrunde gelegenen Originale verlassen?« – »Vollständig!« – »So sind die Nachrichten allerdings außerordentlich wichtig und ebenso erfreulich. Ja, Sie dürfen nicht zaudern; Sie dürfen keine Zeit verlieren, Sie müssen aufbrechen. Aber ich ...« – »Sie ruhen aus und kommen mir nach, sobald Señor Sternau wieder eingetroffen ist.« – »Sie glauben, daß er wieder zur Hazienda kommt?« – »Ganz gewiß. Er wird nicht ruhen, bis er Cortejo und dessen Tochter gefangen hat. Die Tragödie der Rodrigandas wird dann ausgespielt sein, und Sie können überzeugt sein, daß ich die Schuldigen einem zwar gerechten, aber möglichst strengen Urteil unterwerfen werde.« Wie gesagt, so geschah es auch. Der Präsident verließ noch denselben Nachmittag die Hazienda wieder. Er nahm alle seine Truppen mit und ließ nur eine kleine Besatzung zurück, da hier eine Etappe sein sollte, um mit dem Nordosten des Landes in Verbindung bleiben zu können. Es vergingen mehrere Tage, ohne daß Sternau zurückkehrte oder eine Nachricht von ihm oder den anderen eingetroffen wäre. Man begann, Sorge um sie zu tragen. Besonders waren es Amy Lindsay und Emma, die ihren Befürchtungen gegenseitig Ausdruck gaben. Beide hatten ja die Geliebten unter denen, welche so beharrlicherweise nichts von sich hören ließen. Mehrere Tage nach dem Abzug des Präsidenten bewegte sich ein kleiner Reitertrupp von Norden her auf die Hazienda zu. Etwa zwanzig wohlbewaffnete Apachen begleiteten fünf Weiße, in denen wir alte Bekannte wiederfinden. Es waren nämlich Graf Ferdinando, die beiden Wiener Ärzte und Pepi und Zilli, die Mexikanerinnen. »Dort liegt die Hazienda«, sagte der Graf, mit der Hand nach dem Gebäude deutend. »Der Name del Erina ist mit dem der Rodriganda auf das innigste verwachsen. Ich schenkte die Besitzung meinem treuen Arbellez. Wie werde ich ihn wiederfinden?« Der, von dem die Rede war, fühlte sich bereits stark genug, das Zimmer zu verlassen, doch hatte er dies noch nicht versucht. Er saß soeben mit seiner Tochter zusammen, um sich immer von neuem ihre Erlebnisse erzählen zu lassen, da wurde die Tür aufgerissen. Karja, die sonst so ruhige Indianerin kam förmlich hereingeflogen. »Er kommt«, rief sie. – »Wer?« fragten beide zu gleicher Zeit. – »Don Ferdinando.« – »Wo?« fragte Arbellez, wie ein Knabe zum Fenster springend. – »Da sind sie schon«, antwortete sie. Der Reiterzug hatte bereits die nächste Nähe der Hazienda erreicht. »Don Ferdinando, mein lieber, guter Herr!« rief Arbellez. Und noch waren die Worte nicht verklungen, so hatte er bereits das Zimmer verlassen und flog mit wahrhaft jugendlicher Schnelligkeit die Stufen hinab. Als er den Hof erreichte, waren die Reiter im Begriff, abzusteigen. Der Graf stand neben dem Pferd, von dem man ihm geholfen. »Don Ferdinando!« rief der Haziendero. – »Pedro, mein guter Pedro Arbellez!« rief der Graf. Allen Unterschied des Standes vergessend, flogen sie einander in die Arme. Bald aber glitt Arbellez auf seine Knie nieder, küßte die Hände seines Gebieters und rief: »Also wirklich! Sie sind nicht gestorben gewesen! Sie leben und kehren zu uns zurück! Oh, mein Gott, welch ein Glück! Ich danke Dir, Du Vater im Himmel. Erst gabst Du mir mein Kind wieder, und nun bringst Du mir auch noch den Herrn zurück. Nun habe ich lange genug gelebt, nun kann ich ruhig sterben.« – »O nein, nicht sterben«, erwiderte der Graf. »Wir wollen uns noch eine Spanne Zeit des Glückes erfreuen, nachdem wir eine halbe Ewigkeit so entsetzlich elend gewesen sind.« Er zog Arbellez wieder zu sich empor und küßte ihn. Kein Auge blieb trocken. Die beiden weißhaarigen Greise bildeten eine Gruppe, die zu ergreifend war, als daß ein Menschenkind hätte gleichgültig bleiben können. Selbstverständlich wurde der Graf auch von den anderen mit Jubel empfangen, und es dauerte lange, ehe das Gespräch sich in einem ruhigeren Geleise bewegte. Auch die beiden Ärzte und Mädchen wurde herzlich begrüßt, obgleich sie fremd waren und man weiter nichts erfahren konnte, als daß der Graf für die Mädchen eine ganze besondere Aufmerksamkeit gezeigt habe. Natürlich erkundigte man sich auch nach dem Fort Guadeloupe, und da hörte man, daß sich dort alles wohl befinde. Resedilla hatte einen baldigen Besuch angekündigt, der Schwarze Gerard lag zwar immer noch fest, doch versicherten die beiden Ärzte mit Bestimmtheit, daß er seinen schweren Wunden nicht erliegen, sondern infolge seiner kräftigen Natur und der vortrefflichen Pflege, die er bei Resedilla fand, bald genesen werde. Das Vergangene war für den Augenblick vergessen, und nur die Freude hatte Geltung. Niemand ahnte, daß ein neues großes Unheil bereits im Anzug sei. Nämlich auf der Spur des Apachentrupps, bei dem sich der Graf befunden hatte, ritten sechs Männer. Der Anführer war Manfredo, der Neffe des Paters Hilario, und seine Gefährten waren diejenigen, die mit Cortejo vom Berg El Reparo nach Santa Jaga geflohen waren. Der Pater hatte sie nun für sich geworben und nach Norden gesandt, um dem Grafen aufzulauern, wenn er von Fort Guadeloupe nach der Hazienda reite. »Verflucht!« sagte Manfredo. »Sie sind uns für jetzt entkommen! Wer hätte auch gedacht, daß zwanzig von diesen verdammten Rothäuten dabei sein würden!« – »Hätten wir ihn doch einfach aus der Ferne erschossen«, meinte einer. – »Nein, das durften wir nicht. Mein Onkel will ihn lebendig haben.« – »Damit ist's nun aus. Sie werden die Hazienda schon erreicht haben.« – »Ganz sicher. Aber noch gebe ich die Hoffnung nicht auf. Ich hole ihn aus der Hazienda.« – »Das ist unmöglich!« – »Meinst du? Es ist sehr leicht. Ich werde euch sagen, wie es anzufangen ist.« Manfredo gab seinen Begleitern die gehörige Instruktion, und dann ritten sie in das Land hinein, um sich irgendwo bis zum Abend zu verbergen. Aber bereits kurz vor der Dämmerung brach Manfredo auf, um die Hazienda aufzusuchen. Die Gefahr, dort von irgend jemandem erkannt zu werden, war nicht groß, da mit ihm ja viele dagewesen waren und also auch das einzelne Gesicht unter so vielen keine große Beachtung fand. Auf del Erina angekommen, fragte er nach Señor Arbellez. »Er ist in seiner Stube«, antwortete der Vaquero, den er gefragt hatte. – »Ich bin ja fremd hier. Wo ist diese Stube?« Sie wurde Manfredo gezeigt. Als er eintrat, befand sich Don Ferdinando bei Arbellez. »Was wollt Ihr?« fragte der letztere. – »Ich bin der Sohn des Richters von Sombrereto«, antwortete Manfredo, »und habe Euch diesen Ring zu übergeben.« Er gab den Ring hin. Als der Graf denselben erblickte, sagte er rasch: »Das ist ja Marianos Ring! Um Gottes willen, woher ist er?« – »Ein Señor Mariano hat ihn mir gegeben als Beglaubigungszeichen, wenn ich meine Botschaft ausrichte.« – »Gott sei Dank! Kein Unglück! Was habt Ihr für eine Botschaft?« – »Mehrere Señores, unter denen zwei Rote waren, gaben meinem Vater ein Weib als Gefangene in einstweilige Verwahrung. Sie mußten rasch wieder fort; aber der, der Mariano genannt wurde, gab mir diesen Ring zur Beglaubigung und trug mir auf, zu sagen, Josefa sei ergriffen und bei meinem Vater gefangen, Pablo aber werde noch den nächsten Tag festgenommen werden.« Diese Kunde wurde geglaubt und verbreitete sich sehr rasch auf der Hazienda. Der Bote wurde verpflegt, genoß aber nicht viel, sondern begab sich sehr zeitig zur Ruhe. Aber als alle schliefen, erhob er sich und schlich nach dem Zimmer des Grafen, das er ausgekundschaftet hatte. Er war im Haus bekannt. Die Tür war nicht von innen verriegelt. Er trat unhörbar ein. Der Graf schlief. Er versetzte ihm einen Hieb, der den Greis besinnungslos machte, band ihn dann, steckte ihm einen Knebel in den Mund und schlang ihm den Lasso unter den Armen durch. Nun öffnete er das Fenster und ließ den Gebundenen, wenn auch unter großer Anstrengung, am Lasso hinab. Unten standen seine Gehilfen. »Rasch fort!« flüsterte er hinunter. »Ihr wißt, wo ich euch treffe.« Er schloß das Fenster wieder und schlich sich auf sein Lager zurück. Hätte er gewußt, welche aus Harrar stammenden Reichtümer das Gepäck Don Ferdinandos enthielt, würde er wohl noch länger verweilt haben, um sich wenigstens einen Teil derselben anzueignen. Mit Anbruch des Tages, als die Besatzung der Hazienda erwacht war, setzte er sich zu Pferde und jagte davon. »Gelungen, herrlich gelungen!« jauchzte er, als die Hazienda hinter ihm lag. »Sie werden diesen Grafen bis Mittag nicht belästigen, also früher gar nichts bemerken. Unser Vorsprung wird wohl groß genug sein. Ganz gewiß aber ist, daß sie mich nicht in Verdacht haben werden, denn sie sind dabeigewesen, als ich fortritt. Der prachtvolle Diamant ist also nicht verloren, sondern wird nun sicher mir gehören.« 18. Kapitel. Es war frischer Schnee gefallen, wie ihn der Jäger so gern hat, weil sich da die Fährte des Wildes am leichtesten erkennen und ablesen läßt. Nur noch einzelne Flocken wirbelten träumerisch hernieder und setzten sich als glitzernde Sternchen an die Zweige der Tannen und Kiefern, die beide Seiten der Straße besäumten, die nach Rheinswalden führte. Der Wintertag begann zu dämmern, aber trotz dieser frühen Morgenstunde gab es doch bereits ein menschliches Wesen, das auf dieser Straße dahergeschritten kam. Es war ein Mann, dessen Erscheinung höchst eigentümlich genannt werden mußte. Die herrschende Kälte schien auf ihn gar keinen Eindruck zu machen, obgleich seine Kleidung eine ganz leichte war. Er trug Schuhe, oder vielmehr Halbstiefel, von einer in dieser Gegend fremden Form und Arbeit, kurze, blaue und sehr weite Leinwandhosen, die hier und da zerrissen waren, eine ebensolche Jacke, die ihm zu kurz und zu eng zu sein schien, und auf dem Kopf eine Mütze, die früher jedenfalls eine Blende hatte, nun aber an allen Nähten aufgeplatzt war. Die Jacke war offen, so daß man ein Hemd sehen konnte, das sicher monatelang nicht gewaschen worden und, vorn nicht geschlossen, eine völlig nackte Brust sehen ließ, die, dicht behaart, ein Aussehen hatte, als ob sie Jahre hindurch allen Winden und Wettern ausgesetzt gewesen war. Um den langen, hageren Hals schlang sich ein altes Taschentuch, von dem sich nicht bestimmen ließ, welche Farbe es früher einmal hatte, und zwischen Hose und Jacke wand sich als Gürtel ein Schal um den Leib, der seit einem Jahrhundert zu allem möglichen gedient zu haben schien. Auf dem Rücken trug dieser Mann einen ziemlich großen, gefüllten Leinwandsack, und über die linke Schulter hing ihm ein alter, langer Lederschlauch, dessen Bestimmung ein Uneingeweihter wohl schwerlich erraten haben würde. Das sonderbarste aber an diesem Mann war sein Gesicht. Es war hager und von der Sonne und der Witterung hart und dunkel gegerbt. Sein breiter Mund hatte fast keine Lippen. Die kleinen Augen blickten außerordentlich scharf und sicher unter den Liedern hervor, und die Nase war fast ungeheuerlich zu nennen. Sie besaß eine Dimension, zufolge deren man sie eher einen Schnabel als eine Nase hätte nennen mögen. Der Fremde folgte eben einer Krümmung der Straße, als er bemerkte, daß er nicht der einzige Wandersmann sei; denn eine kurze Strecke vor ihm schritt ein kleines, hageres Männchen desselben Weges dahin. »Well, ein Menschenkind«, murmelte der Fremde. »Das ist mir lieb, denn ich kalkuliere, daß er hier bekannt sein wird und mir also Auskunft geben kann. Ich werde ihn einholen.« Seine Schritte wurden nach diesen Worten rascher. Man sah aber nicht, daß ihm dies Anstrengung gekostet hätte; doch ein Pferd hätte Trab laufen müssen, um in dieser Weise mit ihm fortkommen zu können. Dabei wurden seine Schritte durch den Schnee so gedämpft, daß der Vorangehende seine Anwesenheit nicht eher bemerkte, als bis er angerufen wurde. »Good morning, Sir«, rief der Fremde und fuhr in einem ziemlich gebrochenen Deutsch fort: »Wohin geht diese Straße, Freund?« Der Angerufene drehte sich rasch um, fuhr aber bei dem Anblick des Sprechenden erschrocken zurück, denn dieser glich eher einem Vagabunden als einem ehrlichen Mann. »Nun, warum antworten Sie nicht?« fragte der Fremde barsch. Diese Frage brachte das Männchen zu sich. Es schien einzusehen, daß es geraten sei, mit einem solchen Strolch möglichst höflich zu sein. »Guten Morgen«, sagte er. »Diese Straße geht nach Rheinswalden.« – »Sind Sie dort bekannt?« – Ja.« – »Wohnen Sie vielleicht dort?« – »Nein.« – »Was sind Sie denn eigentlich?« fragte der Fremde mit einem forschenden Blick auf den anderen. – »Tierarzt«, antwortete dieser. – »Tierarzt? Hm! Ein schönes Handwerk. Das Vieh ist leichter zu kurieren als das Menschenpack. Da habt Ihr wohl in Rheinswalden zu tun?« – Ja, ich wurde vorhin einer kranken Kuh wegen geholt.« – »Schießt sie tot, da ist sie geheilt, und Ihr seid die Plage los.« Der Kleine sah den Großen erschrocken an. »Wo denken Sie hin«, sagte er. »Eine Kuh totschießen.« – »Pah, ich habe viele Hunderte totgeschossen.« Der Kleine machte ein sehr ungläubiges Gesicht und meinte: »Das glaube Ihnen der Teufel!« – »Würde es dem Teufel auch geraten haben. Wenn er etwas, was ich sage, nicht glauben wollte, so wäre ihm sein Brot gebacken.« – »Na, schneiden Sie nicht so sehr auf.« Da spitzte der Fremde den Mund. »Pchtichchchchch«, klang es, und dabei spritzte er dem Kleinen einen Strahl dicken dunklen Tabaksaftes so nahe am Gesicht vorüber, daß dieser erschrocken zurückwich. »Donnerwetter! Nehmen Sie sich doch in acht«, rief er. »Passen Sie auf, wo Sie hinspucken.« – »Weiß es ganz genau«, versicherte der Fremde ruhig. Der Kleine betrachtete ihn mit scheuem Blick von oben bis unten. »Sie kauen wohl Tabak?« fragte er dann. – »Ja.« – »Warum rauchen oder schnupfen Sie nicht lieber?« – »Zum Rauchen fehlt mir der Geschmack, und zum Schnupfen ist mir meine Nase zu lieb.« – »Na, der sieht man es auch an, daß Sie sie liebhaben. Aber das Tabakkauen ist fürchterlich ungesund.« – »Meinen Sie?« fragte der Fremde im Ton der Überlegenheit. – »Ja. Ich als Tierarzt muß das verstehen.« – »So, so. Hm! Da lassen Sie das liebe Vieh wohl nicht Tabak kauen?« – »Fällt mir gar nicht ein.« – »Sondern lieber rauchen oder schnupfen?« – »Machen Sie keine dummen Witze über die hochgeehrte Wissenschaft. Ohne sie würde manches Tier zugrunde gehen.« – »Ja, und ohne sie würde mancher Mensch leben bleiben. Also eine Kuh wollen Sie heute kurieren?« – »Ja. Sie hat die Perlsucht.« – »Wem gehört sie denn?« – »Frau Helmers auf dem Vorwerk neben dem Schloß.« – »Helmers? Hm. Ist diese Frau Witwe?« – »Ja und nein.« – »Wie meinen Sie das?« – »Ihr Mann wird wohl gestorben sein, aber sie kann es nicht beweisen. Er hat nämlich eine weite Reise gemacht und ist nicht wieder zurückgekehrt.« – »Wohin?« – »Die letzte Nachricht ist aus Mexiko gekommen.« – »Wann?« – »Am Ende des Herbstes.« – »Hm«, meinte der Fremde nachdenklich. »Rheinswalden ist ein Schloß?« – »Ja.« – »Wem gehört es?« – »Dem Herrn Hauptmann und Oberförster von Rodenstein.« – »Ist dieser Mann verheiratet?« – »Nein, aber er hat einen Sohn.« – »Der wohnt mit auf Rheinswalden?« – »Nein, sondern auf Rodriganda.« – »Rodriganda? Was ist das?« – »Ein Schloß in der Nachbarschaft von Rheinswalden. Es gehört dem Herzog von Olsunna, der der Schwiegervater des Malers Otto von Rodenstein ist.« – »Ah, ist dieser Herzog nicht der Vater eines gewissen Sternau?« – »Hm, darüber kann ich nichts sagen, aber es wohnt bei ihm die Frau Rosa Sternau, die eigentlich eine Gräfin Rodriganda ist. Ihre Tochter ist das Waldröschen. Warum erkundigen Sie sich so?« – »Das kann Ihnen gleichgültig sein.« – »Möglich. Aber Sie sehen nicht so aus wie einer, der Veranlassung hat, sich nach so vornehmen Leuten zu erkundigen.« – »Nicht? Wieso denn, he?« Der Kleine warf einen geringschätzigen Blick auf den Fremden und antwortete: »Na, das müssen Sie doch zugeben, daß Sie wie ein echter Bummler aussehen.« – »Pchtichchchchch«, fuhr ihm ein dicker Strahl von Tabaksaft an den Hut. – »Heidenelement! Nehmen Sie sich in acht«, rief er zornig. – »Pah, Bummler pflegen das nicht anders zu machen.« – »Aber ich verbitte mir das.« – »Wird Ihnen nicht viel helfen, wenn Sie grob bleiben.« – »Soll ich Sie etwa mit Glacéhandschuhen angreifen? Sie wären mir der Kerl dazu. Kommt so ein hergelaufener Mensch und spuckt mich so voll, daß ich mich in Rheinswalden gar nicht sehen lassen kann.« Das Männchen war außerordentlich grimmig geworden. Er hatte den Hut abgenommen und hielt ihn dem Fremden entgegen. »Wischen Sie es ab«, meinte dieser kaltblütig. – »Abwischen? Ich? Was fällt Ihnen ein? Wollen Sie es auf der Stelle selbst abwischen? Wo nicht, so sollen Sie mich kennenlernen!« – »Wer reinlich sein will, mag sich lecken. Ich hab's nicht nötig.« – »So! Also nicht? Wollen Sie es abwischen, oder ...« Er hob drohend den Stock. »Was – oder?« fragte der Fremde. – »Oder ich haue Ihnen eins über das Gesicht herüber!« – »Hauen Sie! Pchtichchchchch!« Ein abermaliger Strahl spritzte dem Tierarzt auf den Rock. »Nun ist's gut! Nun habe ich es satt!« rief er. »Da! Da!« Er holte zum Schlag aus, kam aber nicht dazu, denn der Fremde riß ihm blitzschnell den Stock aus der Hand und warf diesen weit über die Wipfel der Bäume weg. Dann faßte er den kleinen Helden bei den Hüften, hob ihn empor und schüttelte ihn derart, daß ihm Hören und Sehen verging, worauf er ihn behutsam wieder zur Erde niedersetzte. »So, mein Zwerg«, sagte er, »das ist für den ›Bummler‹. Nun aber nimm Reißaus und laufe, was die Beine herhalten! Denn wenn ich dich in einer Minute noch einmal erwische, so quetsche ich dir die ganze ›hochgeehrte Wissenschaft‹ aus dem Leib!« Der Tierarzt holte tief Atem. Er wollte reden, seine Augen funkelten vor Wut, aber er besann sich, wandte sich um und war im nächsten Augenblick zwischen den Bäumen verschwunden. »Eine kleine Kröte! Aber mutig!« schmunzelte der Fremde. »Jedenfalls sehen wir uns in Rheinswalden wieder. Bin doch neugierig, was er da sagen wird! Hm! Geierschnabel und ein Bummler! Der Teufel hole diese verdammte Zivilisation, die jeden, der nicht einen schwarzen Frack um die Rippen hängen hat, für einen Bummler erklärt!« Er setzte seinen Weg fort, blieb aber nach kurzer Zeit plötzlich stehen, sprang rasch über den Straßengraben hinüber und duckte sich hinter einen Busch nieder, der dicht genug war, ihn zu verbergen. Er hatte nämlich ein Geräusch gehört, das er als Präriejäger nur zu wohl kannte. Im nächsten Augenblick trat ihm gegenüber ein prächtiger Rehbock langsamen Schrittes aus dem Wald hervor. »Ein Bock!« flüsterte er. »Und was für ein Kapitalkerl! Donnerwetter, welch ein Glück, daß mein altes Schießeisen geladen ist!« Ohne daran zu denken, daß er sich keineswegs mehr im wilden Westen von Amerika befand, riß er schnell den alten Lederschlauch von der Schulter und nahm die Büchse heraus. Der Hahn knackte laut. Der Bock hörte es und hob lauschend den Kopf. In demselben Augenblick aber krachte auch der Schuß, und das Tier brach im Feuer zusammen. »Hallo!« rief der Schütze laut. »Das war ein Schuß! Jetzt hin zu ihm!« Er sprang hinter dem Busch hervor und zu dem Tier hin, warf Leinwandsack und Lederschlauch von sich, zog das Messer hervor und begann, den Bock regelrecht aufzutun. Während dieser Arbeit hörte er nahende Schritte, aber das kümmerte ihn, den das Jagdfieber ergriffen hatte, nicht im mindesten. Er fuhr in seiner Arbeit ruhig fort, bis der Nahende hinter ihm stand. Dieser ergriff zunächst das am Boden liegende Gewehr des Wildfrevlers, betrachtete es mit einem erstaunten Blick und sagte: »Donnerwetter, was fällt denn diesem verfluchten Kerl ein dahier!« Jetzt erst drehte Geierschnabel den Kopf herum und antwortete: »Was mir einfällt? Das sehen Sie ja!« – Jawohl sehe ich es! Er hat den Bock geschossen!« – »Jawohl«, antwortete der Jäger mit einem Kopfnicken. – »Aber wer hat es Ihm denn geheißen?« – »Geheißen? Niemand.« – »Niemand? Nun, warum tut Er es dennoch?« – »Warum? Na, soll ich mir denn so einen Bock entkommen lassen?« Bei diesen Worten hatte der Fremde sich erhoben, um einen außerordentlich erstaunten Blick auf den Sprecher zu werfen. Dieser konnte nicht umhin, in wenigstens ebenso erstauntem Ton zu fragen: »Kerl, ist Er denn verrückt?« – »Verrückt? Pah! Pchtichchchchch!« »Millionenschockschwerebrett! Was fällt Ihm ein? Hält er mich etwa für einen holländischen Spucknapf?« – »Nein, aber für einen Erzgrobian!« – »Ich? Ein Erzgrobian? Das wird immer bunter!« – Ja, ein Erzgrobian ist Er! Ich sage ›Sie‹ zu Ihm, und Er nennt mich ›Er‹. Wenn das höflich ist, so lasse ich mich aufhängen.« – »Höflich oder nicht. Aber aufgehangen oder so etwas wird Er doch!« – »Ah! Von wem?« fragte Geierschnabel lächelnd. – »Das wird Er merken, ohne daß ich es Ihm zu sagen brauche. Weiß Er denn nicht dahier, daß die Wildschießerei mit soundso vielen Jahren Zuchthaus bestraft wird?« Da sperrte Geierschnabel den Mund so weit auf, daß man alle seine zweiunddreißig prächtigen Zähne zu zählen vermochte. »Zucht – haus ...«, sagte er. – »Ja, Zuchthaus, Er Erzhalunke!« – »Donnerwetter! Daran habe ich weiß Gott nicht gedacht.« – »Ja, das glaube ich wohl. Diese Kerle denken erst dann an die Strafe, wenn sie in der Patsche stecken. Wer ist Er denn?« – »Ich? Hm! Wer sind denn Sie?« – »Ich bin der Ludwig Straubenberger.« Da ging ein heiterer Blitz über das Gesicht des Amerikaners. »Ludwig Straubenberger?« sagte er. »Was geht das mich an!« – »Sehr viel sogar geht das Sie an. Ich stehe im Dienst des Herrn Oberförsters von Rodenstein.« – »Sie tragen doch keine Jägeruniform.« – »Weil ich Diener des Herrn Oberleutnants Helmers bin.« – »Und dennoch stehen Sie im Dienst des Oberförsters? Wie paßt das zusammen? Dienen Sie etwa zwei Herren?« – »Zweien oder zwanzigen, das geht Ihm ganz und gar nichts an dahier. Er ist mein Arrestant und hat mir zu folgen.« – »Zum Herrn Oberförster?« – »Ja. Zu wem denn sonst, Er Schlingel?« Da reckte sich Geierschnabel empor und sagte: »So schnell geht das nun allerdings nicht. Sie tragen keine Uniform. Legitimieren Sie sich mir als Forstbeamter.« Das war dem braven Ludwig noch niemals vorgekommen. »Hölle und Teufel!« rief er. »Verlangt so ein Spitzbube gar noch eine Legitimation von mir! Ich werde Ihn legitimieren, daß ihm der Buckel braun und blau anlaufen soll. Seine Flinte ist bereits konfisziert. Geht Er gutwillig mit oder nicht?« – »Ich habe es nicht nötig.« – »So werde ich nachzuhelfen wissen.« Ludwig faßte den Fremden beim Arm. »Tun Sie die Hand von meinem Arm!« sagte dieser jedoch in befehlendem Ton. – »Ah, Er wird ja immer renitenter! Ich werde Ihn kuranzen!« – »Pchtichchchchch!« Ein Strahl braunen Tabaksaftes fuhr Ludwig an den Kopf. Da ließ er den Arm des Wilderers los und rief im höchsten Zorn: »Alle Teufel! Auch noch anspucken! Das soll Er teuer bezahlen!« In diesem Augenblick rief eine Stimme hinter einem der nächsten Bäume hervor: »So hat er auch mich angespuckt. Soll ich Ihnen helfen, mein lieber Herr Straubenberger?« Ludwig drehte sich um. »Ah, der Kuhdoktor!« sagte er. »Was machen denn Sie dahier?« Der kleine Mann trat langsam und vorsichtig hinter dem Baum hervor. »Ich wollte nach Rheinswalden, und da traf ich diesen Menschen.« – »Nun, und weiter!« – »Er fing ein Gespräch mit mir an, und dann kamen wir in Streit. Soll ich Ihnen helfen, ihn zu arretieren?« – »Na, ich habe Sie gerade nicht nötig, denn ich bin selbst Manns genug, um mit einem solchen Halunken fertigzuwerden, aber besser ist besser; er scheint nicht gutwillig mitzugehen. Wir wollen ihm die Hände ein wenig auf den Rücken binden!« Da zuckte es eigentümlich um den Mund Geierschnabels. »Das wäre allerdings lustig genug!« sagte er. – »Wieso?« fragte Ludwig. »Für Ihn finde ich gar nichts Lustiges dabei.« – »O doch! Oder ist es nicht spaßhaft, wenn ein Wilddieb seinen Wildbrethändler arretiert?« – »Wildbrethändler? Wie meint Er das?« – »Ich meine damit mich. Ich bin Wildbrethändler aus Frankfurt.« – »Ah!« meinte Ludwig erstaunt. – »Und dieser Kleine da ist der eigentliche Wilderer«, fuhr Geierschnabel fort. »Er hat mir seit drei Jahren alles geliefert, was er in den Rheinswalder Forsten zusammengeschossen hat.« Der kleine Tierarzt traute seinen Ohren nicht, als er diese Worte hörte. Auch Ludwig machte ein ganz verblüfftes Gesicht. »Donner und Doria!« rief er. »Da muß doch gleich der helle, lichte Teufel drin sitzen! Ist das wahr, Kleiner?« Erst jetzt kam dem vom Erstaunen Übermannten die Sprache wieder: »Ich ein Wilddieb?« fragte er. Und alle zehn Finger wie zum Schwur in die Höhe streckend, fügte er hinzu: »Ich schwöre tausend körperliche Eide, daß ich noch keine Maus, viel weniger aber einen Rehbock geschossen habe!« – »Oho, jetzt will er sich weißbrennen!« lachte Geierschnabel. »Wem gehört denn dieser alte Schießprügel da?« – »Ja, wem?« fragte Ludwig. – »Und wer hat den Bock geschossen? Ich nicht, sondern der Doktor da; ich habe ihn bloß aufgemacht und ausgenommen.« – »Herr Jesses, ist so etwas möglich!« zeterte der Kleine, die Hände über dem Kopf zusammenschlagend. »Glauben Sie es nicht, mein lieber, guter Herr Straubenberger.« – »Zum Teufel, ich weiß da allerdings nicht, was ich denken soll!« Bei diesen Worten blickte Ludwig den Fremden ratlos an. »Denken Sie, was Sie wollen«, meinte dieser. »So viel aber ist gewiß, daß ich mich allein nicht arretieren lasse. Ich bin so dumm gewesen, mit meinem Lieferanten auf den Anstand zu gehen, aber ich werde nicht so dumm sein, die Strafe allein zu tragen!« – »Heilige Mutter Maria, wo will das hinaus!« rief der Kleine. »Ich habe in meinem ganzen Leben noch keine Flinte in der Hand gehabt.« – »Aber an der Wange«, sagte Geierschnabel. »Ich kann es beweisen, und die Untersuchung wird alles ans Licht bringen.« Da wandte Ludwig sich mit ernster Miene an ihn: »Sagt Er wirklich die Wahrheit?« – »Ja.« – »Kann Er es beschwören?« – »Mit tausend körperlichen Eiden.« – »Da kann ich Ihm nicht helfen, Kleiner; ich bin gezwungen, auch Ihn als Wilderer zu arretieren.« Der Arzt tat vor Schreck einen Sprung zurück. »Um Gottes willen, Sie machen nur Spaß!« rief er. – »Nein, nein, es ist mein voller Ernst dahier!« – »Aber ich bin ja so unschuldig wie die liebe Sonne am Himmel!« – »Das wird die Untersuchung ergeben. Sie sind mein Arrestant!« – »Arrestant? Himmel, ich reiße aus!« Der Kleine wandte sich um und wollte fliehen, aber Ludwig war schnell genug, ihn zu fassen und festzuhalten. »Ah, schießen die Preußen so?« rief er. »Entfliehen will Er? Damit hat Er seine Schuld eingestanden. Ich werde diese beiden Kerle zusammenbinden, damit keiner mir entweichen kann.« – »Das lasse ich mir gefallen«, meinte Geierschnabel, »ich will nicht der einzige Schuldige sein. Wenn es gerecht zugeht, lasse ich mich ohne alle Gegenwehr binden und fesseln.« – »Gut, das ist verständig von Ihm. Gebt Eure Hände her. Hier habe ich die Schnur.« – »Aber ich schwöre bei allen Heiligen, daß ich unschuldig bin!« versicherte der Kleine. »Dieser Spitzbube will mich unglücklich machen!« – »Das wird sich ausweisen«, versicherte Ludwig. – »Aber Sie werden mich doch nicht etwa gefesselt nach Rheinswalden schleppen. Das wäre ja fürchterlich.« – »Schleppen? O nein, Sie werden selber laufen müssen.« – »Aber meine Ehre, meine Ambition, meine Reputation ...« – »Mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen! Auf die Reputation eines Wilddiebes gibt kein Mensch einen Pfifferling. Wie wird es, geben Sie die Hand freiwillig her, oder soll ich Gewalt brauchen?« Geierschnabel bückte sich zur Erde nieder, hob seinen Leinwandsack auf, warf ihn sich über den Rücken und sagte: »Ich füge mich freiwillig. Hier ist meine Hand.« – »Und ich füge mich gezwungen«, rief der Kleine. »Hier ist meine Hand, aber ich werde Genugtuung verlangen.« – »Das ist nicht meine Sache«, meinte Ludwig. »Ich tue meine Pflicht, alles andere wird der Herr Oberförster untersuchen.« Er fesselte die rechte Hand Geierschnabels mit der linken des Arztes zusammen. Dann sagte er: »So, das ist abgetan. Aber den Bock, den soll doch nicht etwa ich nach Hause schleppen? Das ist Eure Sache.« – »Ich habe schon meinen Pack«, meinte Geierschnabel. – »Was ist denn drin in dem Sack?« – »Fünf Hasen.« – »Hasen? Donnerwetter! Woher sind sie?« – »Der Doktor hat gestern Schlingen gelegt, und heute vor Tagesanbruch gingen wir, sie abzusuchen; es hingen diese fünf darinnen.« Der Kleine war ganz starr; er brachte kein einziges Wort hervor. Ludwig aber machte ein grimmiges Gesicht und sagte erbost: »Also auch Schlingensteller! Das verschlimmert die Sache bedeutend. Fünf Hasen hat er zu tragen, da mag der Doktor den Bock auf sich nehmen.« – »Aber es ist ja Lüge, lauter infame Lüge!« stieß jetzt endlich der kleine Mann hervor. »Er hat die Hasen selbst gefangen!« – »Das wird sich alles, alles finden«, meinte Ludwig, indem er sich niederbückte, um die Läufe des Bockes zusammenzubinden. – »Herr Straubenberger, ich verklage Sie!« – »Meinetwegen!« – »Ich lasse Sie bestrafen.« – »Kümmert mich nicht; ich tue meine Pflicht dahier.« – »Aber mein ganz guter Ruf ist zum Teufel.« – »Die Hasen und der Bock auch. Hier ist er, da.« Ludwig hing das Tier dem Kleinen über den Rücken. »Heiliger Ignatius«, jammerte dieser, »jetzt muß ich unschuldiges Menschenkind auch noch das schwere Viehzeug schleppen!« – »Der Bock ist noch lange nicht so schwer wie die anderen alle, die du schon auf dem Gewissen hast«, sagte Geierschnabel. – »Mensch! Kerl! Ich vergifte dich, wenn ich erst wieder frei bin.« – »Sapperlot, das wird immer schlimmer«, meinte Ludwig. »Also auch ein Giftmischer! Da wollen wir nur machen, daß wir nach Rheinswalden kommen. Der Herr Oberförster wird sich wundern, was für Galgenvögel ich ihm bringe!« Er gab den beiden einen Stoß, und der interessante Marsch begann. Der Doktor bat, jammerte und klagte umsonst. Ludwig war ganz darauf versessen, seine Pflicht zu tun, und so sehr sich der Kleine auch sträubte, der kräftige Amerikaner zog ihn ohne große Anstrengung mit sich fort. 19. Kapitel. Um dieselbe Zeit befand der Oberförster sich in seinem Arbeitszimmer. Er war erst vor kurzem aufgestanden und trank seinen Morgenkaffee. Seine Laune war keine gute. Die alten, sorglosen Zeiten waren überhaupt dahin, es gab kein Glück, keine Freude mehr. Der Brief Sternaus war zwar eingetroffen und hatte einen unendlichen Jubel hervorgerufen, aber das darauffolgende lange Schweigen hatte annehmen lassen, daß die erlöst Geglaubten doch noch dem Unglück verfallen seien. Da ertönten draußen rasche Schritte. Ludwig trat ein und blieb in strammer Haltung an der Tür stehen, um die Anrede des Oberförsters zu erwarten. »Was bringst du?« fragte dieser kurz und mürrisch. – »Wilddiebe!« lautete die noch kürzere Antwort. Da fuhr der Alte von seinem Stuhl auf. »Wilddiebe?« fragte er. »Höre ich recht?« – »Zu Befehl, Herr Hauptmann, Wilddiebe«, bestätigte Ludwig. – »Wie viele?« – »Zwei.« – »Heiliger Hubertus, endlich einmal zwei! Na, das ist Wasser auf meine Mühle!« sagte der Alte. »Die spanne ich auf die Folter und dehne sie so weit aus, daß ihre Beine von Breslau bis nach London reichen. Wo hast du sie?« – »Unten im Hundeschuppen.« – »Doch fest?« – »Sehr. Sie sind gefesselt, und zwei Wächter stehen vor der Tür.« – »Wer hat sie attrappiert?« – »Ich selber dahier«, lautete die Antwort, die der brave Ludwig im Ton des stolzesten Selbstbewußtseins gab. – »Du selbst? Ah! Wo denn?« – »An der Mainzer Straße.« Es verstand sich von selbst, daß das Einbringen zweier Wilddiebe bei dem Oberförster das allergrößte Interesse erregte. Er stand vor Ludwig und las ihm jede Antwort bereits, ehe er sie hörte, vom Munde ab. »Erzähle!« befahl er. – »Es war eine Frische gefallen, Herr Hauptmann, und da machte ich mich auf die Beine, um in aller Frühe die bekannten Wechsel zu begehen. Als ich nun so die Straße hinabtrollte, fällt plötzlich ein Schuß, ein Schuß aus einer fremden Büchse, wie ich sogleich hörte. Ich schleiche mich rasch hin und erblicke einen Kerl, der unseren schönsten Bock dahier geschossen hat; er kniete vor ihm, um ihn aufzubrechen.« – »Dem Kerl sollen neunundneunzig Donnerwetter in die Haut fahren. Kanntest du ihn?« – »Nein; es ist ein Wildbrethändler aus Frankfurt.« – »Ah! Seit wann schießen die Kerle ihre Böcke selber?« – »Oh, er hat ihn gar nicht selber geschossen, sondern der andere.« – »Kanntest du den?« – »Sehr, sehr gut sogar. Ich bemerkte ihn nicht sofort, bekam ihn aber doch sehr bald vor die Augen.« – »Wer ist es?« – »Ich traute meinen Augen nicht, als ich ihn sah. Aber er hat in dieser Nacht bereits fünf Hasen in der Schlinge gefangen.« – »In der Schlinge? Fünf Hasen in einer Nacht? Das Wild in dieser jämmerlichen Weise umzubringen! Ich lasse den Kerl mit glühenden Zangen zerreißen, so wahr ich Rodenstein heiße und Oberförster bin.« – »Das hat er gut und ganz verdient, Herr Hauptmann. Er hat bereits seit Jahren für den Frankfurter Händler den Lieferanten gemacht.« – »Schändlich! Und wir haben ihn nicht erwischt? Da sieht man wieder, wie man sich auf seine Leute verlassen kann. Augen haben sie wie die Ofenlöcher und Ohren wie die Borstenwische, aber sehen und hören tun sie nichts. Doch ich werde einmal gehörig unter sie fahren und einen neuen Modus einführen, nämlich folgenden: Wer von jetzt an nicht jede Woche einen Wilddieb arretiert, wird auf der Stelle fortgejagt. Auf diese Art und Weise werde ich die Wilderer sogleich los und auch euch, ihr Sperrenräuber und Maulaffen. Mein Brot eßt ihr, und mein schönes Wild fressen andere; wovon sollen denn ich nun leben und seine Durchlaucht, unser Großherzog? Etwa von Eichenrinde, Tannenzapfen und gespickten Pelzfäustlingen? Ich werde euch den Brotkorb so hoch hängen, daß ihr, um danach zu schnappen, Hälse bekommen sollt wie die Giraffen und alten Jungfern, die den Hals wie einen Korkenzieher drehen, wenn sie einen Mann nur wittern. Aber wer war denn dieser Halunke?« »Unser Viehdoktor!« berichtete Straubenberger. »Unser Vieh...« Das Wort blieb dem Alten vor Schreck im Munde stecken. »Doktor«, ergänzte Ludwig das Wort. – »Kerl, bist du vielleicht übergeschnappt?« – »Zu Befehl, nein, Herr Hauptmann.« – »Unser Viehdoktor, unser Tierarzt sollte ein Schlingensteller sein? Das ist rein unmöglich. Das kann nicht wahr sein.« – »Es ist wahr, Herr Hauptmann.« – »Du irrst, ist er es denn wirklich?« – »Freilich. Er steckt ja mit unten im Hundestall.« – »Na, so gnade ihm Gott. Hast du den Bock mitgebracht?« – »Ja. Der Doktor hat ihn selber schleppen müssen.« – »Ihm ist ganz recht geschehen. Ich wollte, der Bock wäre ihm an den Hals gewachsen. Und wie steht es mit den Hasen?« – »Alle fünf sind da. Der Wildhändler hat sie im Sack.« – »Gut, gut. Ich werde diese beiden Kerle sofort verhören. Ich werde sie in das Gebet nehmen, daß sie vor Angst Baumöl und Sirup schwitzen sollen. Gehe und hole das ganze Volk zusammen! Sie sollen sofort alle nach meiner Amtsstube kommen. Wenn ich dir dann winke, bringst du die beiden Inkulpaten herauf. Ich werde ihnen schon zeigen, was ein Bock und fünf Hasen zu bedeuten haben. Ich werde ein Exempel statuieren. Und wenn ich sie auch schließlich dem Kriminalrichter übergeben muß, so werde ich sie doch vorher so turbieren und malträtieren, daß gegen meine Behandlung lebenslanges Zuchthaus noch ein Paradies sein soll. Vorwärts also, ich brenne vor Begierde, und sie sollen mich kennenlernen, aber wie.« Ludwig entfernte sich. Als er in den Hof kam, hatte einer der Burschen gerade ein gesatteltes Pferd aus dem Stall gezogen, denn der gestrenge Herr Hauptmann hatte einen Ritt machen wollen. »Laß das jetzt und hilf mir die Leute zusammentrommeln«, meinte Ludwig. »Der Herr Hauptmann hält erst das Gericht hier.« – »Mit den Wilddieben?« – »Ja. Die Leute sollen alle dabeisein, in der Amtsstube droben.« – »Gut, gut, ich laufe schon.« Der dienstbeflissene Knecht ließ das angebundene Pferd stehen und eilte davon, um zu helfen, die Kameraden zu benachrichtigen. In fünf Minuten waren alle Bewohner von Rheinswalden versammelt. Der Hauptmann ließ sie auf Stühlen einen Halbkreis bilden, in dessen Mitte er in eigener Person Platz nahm, nachdem er zuvor durch das Fenster hinab in den Hof gewinkt hatte. Dort stand Ludwig an der Tür des Hundestalles. Als er den Wink seines Herrn bemerkte, öffnete er den Stall und ließ die beiden Verbrecher heraus. »Halt, Doktor«, sagte er. »Sie haben den Bock zu tragen.« – »Auch in das Verhör?« – »Das versteht sich. Er ist ja der Corpus Defektus, der Euch ins Zuchthaus bringt, nebst den Hasen, die auch solche Corpusse sind dahier.« – »Aber ich bin ja unschuldig.« – »Sagen Sie das dem Herrn Hauptmann selber. Ich verstehe von der Kriminalität nicht ganz so viel wie er.« Der Arzt mußte den Bock aufladen, und Geierschnabel trug seinen Sack. Sie waren noch immer an den Händen zusammengebunden. Als sie über den Hof geführt wurden, bemerkte der Amerikaner das Pferd, und ein lustiges Lächeln zuckte eine Sekunde lang um seine Lippen. Ludwig führte sie eine Treppe empor und öffnete eine Tür. Ein rascher Blick Geierschnabels fiel auf das Schloß derselben. Sie traten ein, und Ludwig zog die Tür hinter sich und ihnen zu. »Hier sind sie, Herr Hauptmann«, meldete er. »Soll ich ihm den Bock herunternehmen?« Der Alte saß mit der Miene und der Grandezza eines spanischen Oberinquisitors inmitten seiner Leute. »Nein«, antwortete er, »der Kerl mag dies selber tun.« – »Aber er ist ja angebunden.« – »Das ist überflüssig. Binde sie auseinander, ich habe einmal gehört, daß die Verbrecher während eines Verhörs nicht gefesselt werden dürfen, und so wollen wir es auch hier halten.« Ludwig band die beiden Arrestanten los. Dabei breitete sich ein befriedigtes Lächeln über das Gesicht Geierschnabels. Der Tierarzt beeilte sich, seine Unschuld zu beteuern, noch ehe das Verhör begonnen hatte. »Herr Hauptmann«, rief er, »es ist mir ein furchtbares Unrecht geschehen. Ich soll diesen Bock geschossen haben und bin doch ...« – »Ruhig«, unterbrach ihn der Oberförster mit donnernder Stimme. »Hier habe nur ich zu reden. Wer von euch beiden ein Wort spricht, ohne daß er gefragt wird, der wird krumm geschlossen wie eine Katze und bekommt acht Jahre Zuchthaus mehr als andere Leute. Verstanden?« Der Kleine schwieg. Der Alte wandte sich an Geierschnabel. »Den anderen kenne ich. Wer aber bist du, he?« – »Ich bin Wildbrethändler in Frankfurt«, antwortete der Gefragte. – »Wie ist dein Name?« – »Henrico Landola.« Da fuhr der Alte von seinem Stuhl empor. »Henrico Landola?« fragte er. »Donnerwetter. Was bist du für ein Landsmann?« – »Ich bin ein geborener Spanier.« Der Hauptmann blickte ihn mit stieren Augen an. »Mensch, Kerl, Schuft, Halunke, ist das wahr?« – »Ja.« – »Seit wann warst du Wildhändler?« – »Nur seit einigen Jahren.« – »Was warst du vorher?« – »Seekapitän.« – »Seeräuber, nicht wahr?« – »Ja«, antwortete Geierschnabel mit ungeheurer Ruhe. – »Dich soll der Geier reiten, du Ausbund aller Schlechtigkeit, Henrico Landola. Ah, daß wir den Kerl doch endlich haben. Aber Mensch, wie kommst du mit diesem Tierarzt zusammen?« – »Er hat mir die Gifte gemacht, wenn ich irgendeinen vergiften wollte.« Da machte der Kleine vor Entsetzen einen Luftsprung. »Alle guten Geister, es ist nicht wahr. Kein Wort ist wahr.« – »Ruhe, Giftmischer!« donnerte ihn der Hauptmann an. »Heute ist der Tag der Rache. Heute sitze ich selber zu Gericht. Heute werden alle entlarvt, die bisher kein anderer entlarven konnte. Henrico Landola, wie viele Menschen hast du vergiftet?« – »Zweihundertneunundsechzig.« Da erschrak selbst der Alte. Es kam ihm ein Grauen an. »Satanas«, rief er. »So viele, so viele. Warum denn?« – »Hier dieser Viehdoktor wollte es nicht anders. Ich mußte, sonst hätte er mich selbst umgebracht.« – »Herr Jesses, Herr Jesses«, schrie der Kleine. »Es ist kein wahres Wort daran. Es kann kein einziger Mensch auftreten und sagen, daß ich ihn umgebracht habe.« Geierschnabel zuckte die Achsel. »Er leugnet natürlich. Aber früher war er der blutgierigste von allen meinen Seeräubern. Ich kann es beweisen.« – »Mensch, du bist ein Ungeheuer. Ich bin niemals etwas anderes als Tierarzt gewesen.« – »Ruhig, nicht murren«, gebot der Oberförster. »Sie sind erst seit drei Jahren in dieser Gegend. Das könnte stimmen.« – »Ich war aber vorher im Elberfeldschen.« – »Das wird sich zeigen. Sie schweigen! Ich habe es jetzt mit diesem Landola zu tun. Mensch, Räuber, Schuft, kennst du einen Cortejo?« – »Ja«, antwortete Geierschnabel. – »Ah, wie hast du ihn kennengelernt?« – »Durch diesen Tierarzt. Er war der Schwager des Cortejo.« – »Nein, nein«, rief der Kleine. »Ich kenne keinen Cortejo, ich habe diesen Namen noch niemals gehört.« – »Ruhe, sonst lasse ich Sie hinauswerfen«, donnerte ihn der Alte an. »Ich werde schon herauskriegen, wer Ihr Schwager ist.« Und zu Geierschnabel gewandt, fuhr er fort: »Haben Sie mit diesem Cortejo Geschäfte gemacht? Ich verlange die Wahrheit.« – »Ja, sehr viele sogar«, antwortete der Gefragte. – »Was für welche waren es?« – »Mein Seeräuberschiff war sein Eigentum.« – »Wie hieß es?« – »Der Lion, und ich nannte mich damals Grandeprise.« – »Das stimmt. Der Kerl hat wenigstens den Mut, die Wahrheit zu sagen. Kennst du vielleicht einen gewissen Sternau?« – »Ja.« – »Hat er dich nicht einmal fangen wollen?« – »Ja.« – »Was hast du da gemacht?« – »Das, was ich jetzt mache.« – »Ah! Was denn?« – »Ich bin ausgerissen. Adieu, Herr Hauptmann.« Geierschnabel hatte seinen Leinwandsack noch auf dem Rücken. Bei den letzten Worten drehte er sich blitzschnell um und sprang nach der Tür. Im nächsten Augenblick war er draußen, warf die Tür hinter sich zu und drehte den Schlüssel um, so daß ihm niemand folgen konnte. Drei, vier Stufen nehmend, sprang er die Treppe hinab und hinaus in den Hof. Dort flog er auf das Pferd zu, band es los, sprang in den Sattel und galoppierte davon. Dieser ebenso kühne wie unvorhergesehene Vorgang hatte oben die Versammlung so überrascht, daß keiner daran dachte, ein Glied zu bewegen. Der Hauptmann war der erste, der sich faßte. »Er will fliehen«, rief er. »Rasch, schnell ihm nach.« Er sprang nach der Tür, um sie zu öffnen. »Tausend Teufel. Er hat den Schlüssel umgedreht.« Er eilte nach dem Fenster und blickte hinab. »Bomben und Granaten. Da springt er auf das Pferd. Da reitet er zum Tor hinaus. Wenn das so fortgeht, so entwischt er uns, ehe wir ihn wiederhaben.« Niemand dachte daran, zum Fenster hinabzuspringen. Alles rannte nach der Tür, um daran zu trommeln, bis eine alte Magd kam, die der Gerichtssitzung nicht mit beigewohnt hatte. Sie öffnete, und nun stürmte alles hinaus und in den Hof hinab. »Zieht die Pferde heraus«, gebot der Alte. »Wir müssen ihm nach.« So viele Pferde vorhanden waren, so viele Reiter stürmten eine Minute später zum Tor hinaus, der Hauptmann ihnen allen voran. Ein Bauer kam ihnen entgegengeschritten. »Thomas«, rief ihm der Hauptmann zu, »hast du nicht einen Kerl zu Pferde gesehen?« – »Ja, auf Ihrem Pferd«, lautete die Antwort. – »Mit einem Sack auf dem Rücken?« – »Ja, mit einem Sack.« – »Wohin ritt er?« – »Er schien große Eile zu haben, aber er hielt doch bei mir an und fragte mich nach dem Weg nach Rodriganda.« – »So ist er nach Rodriganda zu?« – »Ja, Herr Hauptmann.« – »Gut, so holen wir ihn ein. Vorwärts, Jungens! Wer von euch mir diesen Kerl wiederbringt, bekommt eine ganze Jahresgage gratis und einen neuen Anzug obendrein.« So alt er war, er blieb von allen Verfolgern doch der vorderste. Es schien, als ob er sich die Jahresgage selbst verdienen werde. Das Unbegreiflichste bei diesem Intermezzo war, daß kein einziger daran gedacht hatte, sich des Tierarztes zu bemächtigen. Dieser stand ganz allein im Zimmer und starrte auf die Tür, durch welche alle fortgestürmt waren. »Jesses Maria«, sagte er. »Was soll ich tun? Auch ausreißen? Es ist das beste. Ich, ein Wilddieb, ein Giftmischer und Seeräuber. Wenn ich jetzt glücklich zum Schloß hinauskomme, so verstecke ich mich acht Wochen lang, bis meine Unschuld an den Tag gekommen ist.« Er schlich die Treppe hinab. Auf dem Hof war kein einziger Mensch zu sehen, denn selbst diejenigen, die kein Pferd erhalten hatten, waren den Reitern eine Strecke weit zu Fuß gefolgt. Daher gelang es dem vor Angst zitternden Männchen, unbemerkt zu entkommen. Draußen vor dem Schloß wich es sofort von der Straße ab und schlug sich in die Büsche. Frau Helmers wartete vergeblich auf den Heiler ihrer perlsüchtigen Kuh. 20. Kapitel. Einige Zeit vorher war ein leichter Wagen die Straße dahergerollt gekommen. Wo die Straße sich teilte, um nach Rheinswalden und Rodriganda zu führen, war der Wagen in der letzteren Richtung eingebogen. Man sah auf den ersten Blick, daß es ein Mietwagen war, der Kutscher paßte zu sehr auf den Bock einer Droschke. Der Insasse, der halb liegend im Fond des Wagens ruhte, war ein noch junger Mann, dessen militärischer Überrock in ihm einen Offizier erkennen ließ. Nach kurzer Zeit tauchte das prächtige Gebäude des neuen Rodriganda vor ihm auf. Das Hofportal stand bereits offen, so daß der Wagen passieren und vor der Rampe halten konnte. Der Offizier stieg aus, lohnte den Kutscher, der das Schloß wieder verließ, ab und stieg die Freitreppe empor. Dort wurde er von einem kleinen Mann empfangen, den das Rollen des Wagens auf seinen Posten getrieben hatte. Es war der Kastellan des Schlosses. »Herr Oberleutnant. Willkommen, willkommen!« rief er. – »Guten Morgen, lieber Alimpo. Bereits munter, in solcher Frühe?« – »Ja, Morgenstunde hat Gold im Munde. Das sagt meine Elvira auch.« – »Ist auch sie bereits wach?« – »Das versteht sich.« – »Aber die Herrschaften ruhen noch?« – »Nein. Wie könnte man schlafen, da man wußte, daß Sie eintreffen.« – »So hat Ludwig meine Ankunft gemeldet?« – »Ja, er kam vorgestern an.« – »Ist er hier auf Rodriganda?« – »Nein. Er ist in Rheinswalden. Er hängt zu sehr an dem Hauptmann.« – »Wo befinden sich die Herrschaften?« – »Man hat sich noch nicht versammelt, es wird aber sogleich geschehen.« – »So gehe ich nach dem kleinen Salon.« Nachdem der Offizier vorher Überrock und Kopfbedeckung abgelegt hatte, trat er in den angegebenen Raum. Dort stand eine schöne, jugendliche Mädchengestalt am Fenster. Sie wandte sich um, als er eintrat. »Kurt!« – »Röschen!« Sie eilten aufeinander zu und reichten sich die Hände. »Willkommen, lieber Kurt«, sagte das liebliche Wesen im Ton der aufrichtigsten Freude. »Ich wollte die erste sein, die dich begrüßt.« – »Und ich wünschte so sehnlichst, vor allen anderen dich zu sehen.« – »Wirklich? Nun, so ist dir dein Wunsch erfüllt. Dafür aber bleibst du dieses Mal recht sehr lange bei uns. Nicht wahr?« – »Leider ist mir das nicht möglich. Ich reise bereits heute oder spätestens morgen wieder ab von hier.« Ihr Gesichtchen nahm den Ausdruck der Enttäuschung an. »Das ist häßlich, recht häßlich von dir«, sagte sie schmollend. – »Oder von Bismarck.« – »Bismarck? Ist er es, der dich wieder fortschickt?« – »Ja, liebe Rosita.« – »So hast du wohl wieder einmal eine so schwierige, diplomatische Aufgabe zu lösen, die kein anderer fertigbringt als du allein?« – »Jeder andere würde es ebensogut fertigbringen wie ich. Es ist Glück und Zufall, daß gerade ich es bin, dem man sie anvertraut.« – »Und gehst du lange fort?« Kurt sah ihr ein Weilchen bedeutsam in die Augen und antwortete: »Auf lange, vielleicht auf sehr lange Zeit.« – »Wie garstig. Ich werde auf Bismarck ernstlich böse werden, wenn er fortfährt, dich uns in dieser Weise zu entziehen. Heute zurück von Rußland, und augenblicklich wieder fort. Das darf man sich nicht gefallen lassen.« – »Man hat zu gehorchen, liebes Röschen, selbst wenn man gar nicht wiederkehren dürfte.« – »Das ist ja aber doch bei dir nicht der Fall?« Er zuckte die Achsel. »Ich gehe gerade dahin, wo bereits so mancher verschwunden ist.« Die Röte wich aus ihren Wangen. »Wohin wäre das, Kurt?« – »Rate einmal.« – »Ein Land, in dem mancher verschwunden ist?« – »Ja.« – »Das wäre wohl das weite Amerika?« – »Allerdings. Aber welcher spezielle Teil desselben?« Jetzt blitzte es in ihren Augen auf. »Mein Gott, wenn ich recht riete«, sagte sie. »Meinst du Mexiko?« Er nickte ihr lächelnd zu. »Gerade das meine ich«, sagte er. Da schlug sie freudig erstaunt die kleinen Händchen zusammen. »Das ist wahr, das ist gewiß und wahrhaftig wahr?« – »Ja. Ich hatte gestern Audienz bei dem Grafen, um ihm zu referieren. Bei dieser Gelegenheit erhielt ich nebst neuen Instruktionen den Befehl, schleunigst nach Mexiko aufzubrechen. Ich setzte mich auf die Bahn, fuhr nach Mainz und nahm einen Mietwagen, um so rasch wie möglich hier anzukommen und euch diese Nachricht zu bringen.« – »Das müssen sie erfahren, sogleich, sofort.« Sie öffnete die nächste Tür und rief hinaus: »Mama, liebe Mama, Kurt ist da und geht nach Mexiko.« Dann eilte sie auch durch die gegenüberliegende Tür, und Kurt hörte ihren frohlockenden Ruf: »Nach Mexiko, nach Mexiko.« Von allen Seiten kamen die Bewohner des Schlosses herbei, um ihn zu bewillkommnen und nach dem neuen Reiseziel zu fragen. Der Herzog und die Herzogin von Olsunna, Otto von Rodenstein nebst seiner Frau und Rosa Sternau, die schöne Mutter des Waldröschens, sie alle wollten wissen, ob es wahr sei, daß er so plötzlich nach Mexiko müsse. Kurt schickte sich an, ihnen ausführliche Auskunft zu geben, wurde aber darin unterbrochen, denn es sprengte ein Reiter in den Hof, dessen sonderbare Erscheinung die Augen aller Anwesenden auf sich zog. Es war Geierschnabel. Dieser sprang vom Pferd, ließ es stehen und stieg, seinen Sack auf dem Rücken, die Freitreppe empor. Dort trat ihm Alimpo entgegen. »Wer sind Sie?« fragte er ihn. – »Wer sind denn Sie?« fragte der Amerikaner. – »Ich bin Alimpo, der Kastellan dieses Schlosses.« – »Ah, das genügt. Sind die Bewohner desselben zu sprechen?« – »Sagen Sie zunächst, wer Sie sind.« – »Das ist unnütz. Sie kennen mich doch nicht. Ich bringe den Herrschaften eine höchst wichtige Botschaft.« – »Von wem?« – »Das werde ich den Herrschaften sagen.« – »Welche von den Herrschaften meinen Sie?« – »Alle. Was ich bringe, wird alle interessieren.« – »Man ist jetzt gerade versammelt. Aber, lieber Freund, Sie sind eigentlich nicht in der Fassung, bei Herrschaften zu erscheinen.« – Gerade dazu bin ich in der Verfassung. Aber mich lange ausfragen und dann vielleicht abweisen lassen, dazu bin ich nicht in der Verfassung. Machen Sie Platz!« – »Oho. Ich muß doch erst fragen, ob Sie hineindürfen.« – »Unsinn. Ich darf allemal hinein.« Geierschnabel schob Alimpo ohne alle Umstände beiseite und trat ins Vorderhaus. Er hatte die vielen Gesichter hinter den Fenstern gesehen und traf also leicht den Salon, in dem sich die Herrschaften befanden. Alimpo hatte ihn noch beim Eintreten von hinten erfaßt und rief: »Zurück, zurück. Ich muß Sie ja erst melden.« – »Das werde ich selbst besorgen.« Mit diesen Worten machte der Amerikaner sich gewaltsam von Alimpo los. Der Herzog trat ihm entgegen und fragte in strengem Ton: »Sie drängen sich hier ein. Welchen Grund haben Sie zu diesem ungewöhnlichen Verhalten?« Der Gefragte blickte dem Frager furchtlos in das Gesicht und antwortete: »Den Grund, daß ich eben das Ungewöhnliche liebe.« – »Zu wem wollen Sie?« – »Zu Ihnen allen.« – »Wer sind Sie?« – »Man nennt mich Geierschnabel.« Ein leises Lächeln ging über das Gesicht des Herzogs. Dieser zerlumpte Mensch hatte infolge seiner Nase ganz das Recht, diesen Namen zu tragen. »Woher sind Sie?« fragte Olsunna weiter. – »Ich bin ... ah, da kommen sie wahrhaftig schon. Ich hätte nicht gedacht, daß dieser alte Oberförster meine Fährte so bald finden werde.« Er war bei diesen Worten an das Fenster getreten, so ungeniert, als ob er hier zu Hause sei. Die anderen hatten unwillkürlich dasselbe getan. Sie sahen den alten Rodenstein von seinem dampfenden, ungesattelten Pferd springen. Alimpo hatte den Hufschlag vernommen und war hinausgetreten. »Guten Morgen, Alimpo«, hörten sie den Hauptmann rufen. »Sag schnell, ob hier ein Reiter angekommen ist.« – »Ja.« – »Wann?« – »Soeben erst.« – »Ganz zerlumpt und mit einem Sack auf dem Buckel?« – »Ja.« – »Gott sei Dank, ich habe ihn! Wo ist der Kerl?« – »Bei den Herrschaften im Salon.« – »Alle Teufel, das ist gefährlich! Ich muß gleich hinein, ehe ein Unglück geschieht.« Zwei Augenblicke später riß Rodenstein die Tür auf und trat ein. Den Flüchtling erblicken und auf ihn zustürzen, war eins. »Halunke, habe ich dich wieder!« rief er, ohne sich Zeit zu nehmen, die anderen zu begrüßen. »Du sollst mir nicht wieder entkommen. Ich lasse dich in Eisen schmieden, bis dir alle Rippen krachen!« – »Was, um Gottes willen, ist denn los?« fragte der Herzog. »Wer ist denn dieser Mann, lieber Hauptmann?« – »Dieser Mann, dieses Subjekt, oh, er ist der größte Verbrecher, den es unter der Sonne gibt. Er hat über zweihundert Menschen vergiftet.« Die Anwesenden blickten ihn erstaunt an. »Ja, guckt mich immer an«, sagte er ganz echauffiert. »Sperrt die Augen auf und glaubt es nicht, es ist aber dennoch wahr.« – »Wie heißt er denn?« – »Ludwig hatte ihn gefangen, er ist aber wieder entwichen, als ich Gericht über ihn halten wollte, und heißt Henrico Landola.« – »Henrico Landola?« fragte Kurt, »der Seeräuber?« – »Ja.« – »O nein, der ist er nicht. Den kenne ich.« – »Ah, pah! Er hat es ja selbst gestanden.« – »Daß er Landola sei? Das ist unmöglich.« – »Fragen Sie ihn selbst.« Der Amerikaner hatte sich unterdessen die einzelnen Personen höchst gleichmütig und aufmerksam betrachtet. »Wie hängt das zusammen? Sie haben sich für einen gewissen Landola ausgegeben?« fragte ihn Kurt. – »Ja«, nickte der Gefragte. – »Kennen Sie diesen Menschen?« – »Ich habe von ihm gehört.« – »Aber wie kommen Sie dazu, sich für denselben auszugeben?« Der Amerikaner zuckte lächelnd die Achseln. »Jux«, antwortete er kurz. – »Ah, dieser Jux könnte Ihnen teuer zu stehen kommen. Landola ist nicht eine Person, der man hier freundlich gesinnt ist.« – »Ich weiß es.« – »Er ist es aber dennoch«, behauptete der Oberförster. »Der Halunke hat sogar meine fünf Hasen noch hier im Sack.« – »Welche Hasen?« fragte Otto, sein Sohn. – »Die der Viehdoktor erwürgt hat.« – »Du sprichst für uns in Rätseln. Was haben Sie in Ihrem Sack?« Diese letztere Frage war an Geierschnabel gerichtet »Das sollen Sie sogleich erfahren«, erwiderte der Gefragte. Und sich zu Kurt wendend, sagte er: »Ich habe Sie noch nie gesehen, aber der Beschreibung nach sind Sie der Herr Oberleutnant Kurt Helmers?« – »Der bin ich allerdings.« – »Nun, so habe ich Ihnen dieses hier zu übergeben.« Geierschnabel öffnete dabei den alten Sack, griff hinein und zog ein Mahagonikästchen heraus. Aus seiner Hosentasche brachte er dann ein Schlüsselchen hervor und übergab dem Oberleutnant beides. Das Kästchen war außerordentlich schwer. »Von wem ist es, und was befindet sich darin?« fragte Kurt. – »Sehen Sie selbst.« Kurt steckte das Schlüsselchen an und öffnete. Die anderen traten hinzu. Beim Anblick des Inhalts stießen alle einen Ruf des Erstaunens aus. Er bestand in Schmuck und Geschmeide, durchweg alte, mexikanische Arbeit. »Um Gottes willen, woher haben Sie diese Sachen?« fragte Kurt. Aller Augen richteten sich in gespannter Erwartung auf Geierschnabel. »Ihr Vater bekam von Büffelstirn einen Teil des Königsschatzes geschenkt«, sagte dieser. »Die Hälfte davon wurde Ihnen durch Juarez geschickt?« – »Ja.« – »Nun, das hier ist die zweite Hälfte.« – »Gott! Eine Nachricht aus Mexiko!« rief Rosa de Rodriganda. »Mann, sagen Sie schnell, schnell, wer diese Sachen schickt.« – »Juarez.« – »Ah, Juarez! Sie kommen von ihm?« – »Von ihm und von Señor Pedro Arbellez, dem Haziendero.« Auf die Kostbarkeiten, die abermals Millionen repräsentierten, fiel jetzt kein Blick, sondern aller Augen waren nur auf den Jäger gerichtet. Die Nachrichten, die man von ihm erwartete, waren mehr wert als alle Schätze. »So kommen Sie also aus Mexiko?« fragte Rosa in größter Spannung weiter. – »Ja, direkt. Auch Sie habe ich noch nie gesehen, aber der Beschreibung nach sind Sie Frau Rosa Sternau oder Rosa de Rodriganda?« – »Die bin ich allerdings.« – »Dann habe ich auch für Sie etwas.« – »Mein Gott! Was und von wem ist es?« Geierschnabel griff in den Sack und zog einen Brief hervor. »Von Miß Amy Lindsay«, antwortete er. – »Sie kennen sie? Sie kennen den Lord?« – »Sehr gut.« – »Er ging nach Mexiko, um Juarez Waffen und Gelder zu überbringen?« – »Ja. Ich war da sein Führer und Begleiter. Wir haben vieles, sehr vieles erlebt, und ich bin bereit, Ihnen alles zu erzählen.« – »Welch eine Fügung, welch ein Glück! Haben Sie sonst noch etwas für uns?« – »Nein. Das andere sind Effekten, welche mir gehören.« – »So heißen wir Sie willkommen! Soll ich den Brief vorlesen, lieber Vater?« Der Herzog, an den diese Frage gerichtet war, antwortete: »Verschieben wir das noch eine Weile, meine lieber Tochter. Wir müssen uns zunächst wohl noch ein wenig mit diesem braven Mann beschäftigen, der mir und euch allen ein Rätsel ist.« – »Ja«, meinte der Hauptmann, »ein verflucht dummes Rätsel. Kerl, wie kommen Sie dazu, sich für Landola auszugeben? Wer sind Sie denn in Wahrheit? Aber ich verbitte mir jetzt jede Flunkerei.« Da schob Geierschnabel sein gewaltiges Primchen aus der einen Backe in die andere, spitzte den Mund und schoß einen Strahl braunen Tabaksaftes dem Alten so nahe am Gesicht vorüber, daß dieser erschrocken zurückfuhr. »Millionendonnerwetter!« fluchte der Hauptmann. »Was ist denn das für eine Flegelei, für eine Schweinerei! Glaubt Er etwa, daß wir hier Spritzenprobe halten, he? Mich anspucken zu wollen! Ein Glück, daß Er mich nicht getroffen hat! Wofür hält Er mich denn eigentlich, he?« Der Amerikaner zuckte die Achsel und antwortete, indem ein lustiges Lächeln über sein hageres Gesicht glitt: »Für den sehr vortrefflichen Lord Oberrichter von Rheinswalden, Sir. Aber das ist sehr egal, das tut nichts zur Sache; wenn ich spucke, spucke ich, und ich will den sehen, der es mir verbietet. Wer nicht getroffen sein will, der mag mir aus dem Weg gehen.« Da machte Olsunna eine begütigende Handbewegung und sagte: »Laßt diese Kleinigkeiten! Der Herr Hauptmann meint es mit dem Wort ›Flunkerei‹ nicht so sehr bös. Er wollte gern etwas Näheres über Ihre Person und Ihre Verhältnisse wissen.« – »Pah!« meinte Geierschnabel. »Von meiner Person braucht er nichts mehr zu wissen, sie steht ja vor ihm, und er braucht sie nur anzusehen. Er kann sich alles genau betrachten, ohne Entree oder sonst etwas dafür bezahlen zu müssen, sogar meine Nase. Und meine Verhältnisse? Was meinen Sie denn eigentlich damit? Sehe ich etwa aus wie einer, in den sich eine verlieben könnte? Ich mag von dem ganzen Weibervolk gar nichts wissen, ich habe noch niemals ein Verhältnis gehabt. Wie kann überhaupt der erste beste sich unterstehen, mich nach solchen Verhältnissen auszufragen! Ich habe den Herrn Hauptmann auch nicht nach seinen Liebschaften gefragt.« Der Herzog schüttelte lächelnd den Kopf und antwortete: »Sie irren sich. Von solchen delikaten Verhältnissen war ja gar nicht die Rede. Wir möchten nur gern erfahren, wer und was Sie sind. Das werden Sie leicht begreiflich finden.« – »Wer und was? Hm! Daß ich Geierschnabel heiße, das versteht sich ja ganz von selbst, ich habe die richtige, geeignete Nase dazu. Und daß ich Präriejäger bin, das geht eigentlich nur mich etwas an.« – »Präriejäger?« brummte der Oberförster. »Ah, darum ist er so auf das Wild erpicht.« – Ja. Darum konnte ich mich auch nicht halten, als ich vorhin den Bock sah. Ich nahm die Büchse und schoß ihn nieder.« – »Donnerwetter, also Sie haben ihn geschossen?« – Ja, ich.« – »Nicht der Viehdoktor?« – »Nein.« – »Da schlage das Wetter drein! Aber er hat Ihnen doch mehrere Jahre lang das Wild geliefert?« – »Gott bewahre!« lachte Geierschnabel. – »Wirklich nicht?« fragte der Hauptmann ganz erstaunt. – »Nein.« – »So ist er also gar kein Wilddieb?« – »Ebensowenig wie ich ein Frankfurter Wildbrethändler bin.« – »Donner und Doria! So hat Er mich belogen?« – »Ja«, antwortete Geierschnabel sehr gleichmütig. – »Mich an der Nase herumgeführt?« – »Ja.« Da fuhr der Alte im höchsten Grimm auf ihn zu und donnerte ihn an: »Kreuzmillionenschwerebrett, wie können Sie das wagen!« – »Pchtichchchchch!« fuhr ihm der Tabaksaft entgegen, so daß er kaum noch Zeit fand, zur Seite zu prallen, um nicht getroffen zu werden. Das erboste ihn noch mehr. Er fuhr fort: »Mich für einen Narren zu halten und dann auch noch anzuspucken, mich, den großherzoglich hessischen Oberförster und verinvalidierten Hauptmann von Rodenstein! Er Himmelhund muß Keile kriegen, ganz gewaltige Keile, so gewaltig, daß Er an der Erde liegenbleibt wie drei chloroformierte Nachtwächter! Ich verlange Respekt und abermals Respekt und zum dritten Male Respekt! Wenn Er den aus den Augen läßt, so lasse ich Ihn versohlen, daß Seine Nase aussehen lernt wie ein mit Fischtran eingeschmierter Kanonenstiefel! Kommt Er etwa aus Amerika oder Mexiko herüber, nur um sich über mich lustig zu machen, so haue ich Ihm dieses Mexiko so lange um den Kopf herum, bis Er weder Mexi noch ko mehr singen kann. Versteht Er mich? Und nun will ich wissen, welchen Grund er gehabt hat, mich in so horribler Weise zu täuschen.« – »Grund?« fragte der Amerikaner. »Hm! Gar keinen.« Der Alte öffnete den Mund so weit wie möglich und blickte den Sprecher im höchsten Grade erstaunt an. »Was?« fragte er. »Keinen Grund? Gar keinen? So hat er sich wohl nur einen Spaß mit uns machen wollen?« – »Ja«, antwortete Geierschnabel im gleichgültigsten Ton. – »Ah! Also wirklich nur einen Spaß! Da soll doch gleich das ganze Pulver platzen! Da soll doch gleich der helle, lichte Teufel dreinschlagen! Einen Spaßt hat sich der Kerl mit mir gemacht! Mit mir! Hört Ihr's alle? Mit mir! Mensch, wie kommt Er denn dazu, mich für einen Mann zu halten, mit dem man sich einen Spaß machen kann?« – »Oh, das kam ganz von selbst. Ich traf den kleinen Tierarzt. Dieser belferte mich an, wie ein Schoßhündchen einen großen Neufundländer. Das kam mir so spaßig vor, daß ich ganz lustig gestimmt wurde.« – »Aus Spaß haben Sie ihn also für einen Wilddieb ausgegeben?« – »Natürlich!« – »So ist er also auch wohl kein Seeräuber gewesen?« – »Ist ihm gar nicht eingefallen.« – »Und auch kein Giftmischer?« – »Auch nicht. Ich habe den Mann noch niemals gesehen, ich kenne ihn ganz und gar nicht. Hat er Gifte gemischt, so hat er höchstens eine alte Kuh oder irgendeinen Ziegenbock umgebracht.« – »Er ist also unschuldig an allem?« – »Vollständig unschuldig.« – »Bomben und Granaten! Und diese unschuldige Seele ist arretiert und mit dem eigentlichen Missetäter zusammengebunden worden. Ich habe ihn angebrüllt und angeschnauzt, als ob er mich selber erschossen oder vergiftet hätte! Das fordert Rache, das fordert Strafe! Das kann ich nicht auf mir sitzen lassen und auch auf ihm nicht Er soll eine Genugtuung erhalten, wie sie in der ganzen Welt noch keinem Viehdoktor geworden ist Der arme Teufel hat sogar den erlegten Rehbock schleppen müssen. Und jetzt sitzt er gefangen in Rheinswalden!« – »Da wäre er doch der dümmste Mensch, den es nur geben kann!« – »Der dümmste? Wieso?« – »Nun, als ich echappierte, sind mir doch wohl alle sofort nachgerannt?« – »Natürlich, alle!« – »Nun, dann ist er allein zurückgeblieben und wird wohl so gescheit gewesen sein, sich in Sicherheit zu bringen.« – »Hm. Das wäre möglich. Ich wollte, er hätte sich so langsam hinter uns auf die Seite gedrückt. Was mich aber freut, ist, daß es Ihm nicht gelungen ist, zu entkommen. Weiß Er, was Seiner wartet?« – »Was denn?« – »Das Zuchthaus.« Geierschnabel zuckte lachend die Achsel und antwortete: »Zuchthaus? Pah! Eines Bockes wegen? Unsinn!« – »Unsinn, Unsinn sagt Er. Er kennt wohl unsere Gesetze gar nicht?« – »Was gehen mich Ihre Gesetze an? Ich bin ein freier Amerikaner.« – »Da irrt Er sich gewaltig. Er ist jetzt nicht ein freier Amerikaner, sondern ein gefangener Spitzbube. Hierzulande wird der Wilddiebstahl mit bis zu zehn Jahren Zuchthaus bestraft.« – »Dummheit! Da hätte ich für das, was ich alles schon geschossen habe, zehntausend Jahre Zuchthaus abzubrummen. Das halte der Teufel aus, ich aber nicht!« – »Ah! Er hat also bereits mehr geschossen?« – »Das versteht sich!« – »So ist es also Wilddieberei im Rückfall, und das gibt eine tüchtige Strafverschärfung. Wir wollen so einem sakkermentschten freien Amerikaner schon zeigen, wie weit seine Freiheit geht!« Geierschnabel machte jetzt allerdings ein sehr zweifelndes Gesicht. Er meinte: »Wir dürfen ja da drüben schießen, so viel uns beliebt.« – »Da drüben ja. Aber nicht hier hüben. Versteht Er mich?« – »Donnerwetter, daran habe ich gar nicht gedacht! Der Bock trat aus dem Wald, und ich schoß; das ist alles. Brennt man mir dafür zehn Jahre Zuchthaus auf, so brenne ich auch, nämlich durch.« – »Das soll Ihm nicht so leicht wieder gelingen. Wie aber kommt es, daß Er gerade nach Rodriganda durchgebrannt ist?« – »Weil ich hier sehr notwendig zu tun habe. Ich komme ja als Abgesandter in Angelegenheiten der Familie Rodriganda.« – »Warum hat Er mir das nicht gleich gesagt?« – »Warum haben Sie mich nicht gleich gefragt?« – »Warum gab Er sich denn für diesen verteufelten Landola aus?« – »Herr Hauptmann, der Hafer stach mich.« – »Nehme Er sich in acht, daß Er nicht von noch etwas anderem gestochen wird! Ich werde jetzt hören, was für eine Botschaft Er uns bringt, und dann soll sich finden, wie weit ich Ihn wegen des Bockes auf das Leder knie.« Die anderen Anwesenden hatten die beiden ungehindert sprechen lassen. Teils gab ihnen die drastische Art der Unterhaltung innerlichen Spaß, und teils erkannten sie in Geierschnabel eine jener selbständigen originellen Naturen, wie sie im Westen Nordamerikas nicht selten sind. Sie wußten bereits jetzt, daß unter den obwaltenden Umständen der alte Oberförster gar nicht daran denken werde, den Jäger zur Anzeige zu bringen. Darum ließen sie die beiden ungestört sich aussprechen, bis der Herzog wieder das Wort nahm. »Also Ihren Namen und Ihr Gewerbe kennen wir jetzt«, sagte er. »Wollen Sie uns sagen, wie Sie mit diesen Personen, an denen wir so großen Anteil nehmen, zusammengekommen sind?« – »Das können Sie hören«, antwortete Geierschnabel. »Wissen Sie, was ein Scout ist?« – »Nein.« – »Pchtichchchchch!« spritzte Geierschnabel mit verächtlicher Mienen seinen Tabaksaft in das Feuer des Kamins, so daß es aufzischte. »Sie wissen es nicht?« fragte er. »Das weiß doch jedermann! Unter den Westmännern gibt es nämlich einige wenige, die einen so scharfen Ortssinn besitzen, daß sie niemals irregehen. Sie kennen jeden Weg, jeden Fluß, jeden Baum und Strauch und finden sich auch da, wo sie noch nie gewesen sind, mit wunderbarer Sicherheit zurecht.« – »Ich habe gehört, daß es solche Leute gibt«, meinte der Herzog. »Solche Leute nennt man Scouts. Man kann sie bei wichtigen Angelegenheiten nicht entbehren. Eine jede Expedition, eine jede Karawane, eine jeder Jägergesellschaft muß einen oder mehrere Scouts bei sich haben, wenn sie nicht zugrunde gehen will. Ein solcher Scout bin ich.« – »Donnerwetter«, meinte der Hauptmann, »so kennt Er alle Wege und Stege der amerikanischen Wildnis?« – »Ja.« – »Man sieht es Ihm aber gar nicht an!« – »Ich habe wohl ein etwas dummes Gesicht?« – »Sehr dumm!« – »Pchtichchchchch!« fuhr dem Alten der Saft mitsamt dem Primchen gerade an diejenige Steile seiner Brust, an welcher er das Ordensband zu tragen pflegt. Da fuhr er zurück, stieß einen Fluch aus, trat einen Schritt auf den Amerikaner zu und rief: »Halunke, wie kann Er wagen, einen großherzoglichen Oberförster und Hauptmann anzuspeien?« Geierschnabel verschränkte die Arme über die Brust und antwortete: »Und wie kann Er es wagen, einen amerikanischen Prärieläufer dumm zu nennen? Was sind alle Eure Hauptleute und Oberförster gegen unsere Westmänner, die an einem Tage mehr erleben, als so ein livrierter Maulaffe in seinem ganzen Leben! Glaubt er etwa, ein hiesiger Oberförster sei klüger als ein guter Präriejäger? Oder meint Er, ein Hauptmann der großherzoglichen Armee könne es mit einem Scout aufnehmen? Wenn Er mich nach dem Kleid beurteilt, das ich heute trage, so ist Er sehr auf dem Holzweg. Er wird bald sehen, daß Er sich da jammervoll getäuscht und geirrt hat. Ich pflege die Leute nach der Art und Weise zu behandeln, wie sie mir entgegentreten. Wer mich ›Er‹ tituliert und mich für dumm zu verkaufen gedenkt, der existiert für mich nicht, er ist einfach nicht da. Und wenn ich beim Ausspucken einen treffe, der für mich nicht da ist, so ist das einfach seine Sache, aber nicht die meinige. Er mag sich so verhalten, daß ich seine Gegenwart respektieren kann. Merke Er sich das.« Geierschnabel sprach das Deutsche im fremden Dialekt. Dennoch hatte er seine Rede so korrekt und deutlich, so nachdrucksvoll vorgetragen, daß sie auf den alten Hauptmann einen nicht geringen Eindruck machte. Er fühlte, daß er sich hier einem gegenüber befand, der ihm an Grobheit und Originalität vollständig ebenbürtig und gewachsen war. Er kratzte sich hinter den Ohren und sagte: »Himmelelement, ist dieser Mensch höflich! Bei dem Kerl kommt es ja geschüttelt wie beim Speiteufel in einer Kleienmühle. Na, ich werde vorderhand den Mund halten. Das Weitere wird sich dann ergeben, wenn ich weiß, woran ich mit ihm bin.« – »Daran tun Sie ganz recht«, meinte Geierschnabel, indem er jetzt einen höflicheren Ton annahm. Und zu den anderen gewandt, fuhr er fort: »Also ein solcher Scout bin ich. Eines schönen Tages befand ich mich in El Refugio und wurde von einem Engländer engagiert, der den Rio Grande del Norte hinauffahren wollte.« – »Ah, Sir Lindsay?« fragte Gräfin Rosa. – »Ja.« – »War Miß Amy bei ihm?« – »Das versteht sich. Sie wollte ihn nicht verlassen.« – »Sie ist eine sehr liebe Freundin von mir. Befand sie sich wohl?« – »Höchstwahrscheinlich. Wenigstens habe ich nichts davon gehört, daß sie Zahnreißen oder Kopfschmerzen gehabt hätte. Ich wurde abgeschickt, nach El Paso del Norte zu gehen, um dem Präsidenten Juarez zu melden, daß der Lord ihm Waffen und Geld bringe.« – »Sie trafen den Präsidenten?« fragte Kurt mit Interesse. – »Ja, aber nicht in El Paso, sondern in einem kleinen Fort, das Guadeloupe genannt wird. Vorher aber traf ich daselbst noch andere Leute, für die Sie sich interessieren werden. Zunächst gab es da einen sehr berühmten Jäger, den man den Schwarzen Gerard nennt und den einige von Ihnen sehr gut kennen.« – »Der Schwarze Gerard?« fragte Rosa. »Den kennen wir nicht.« – »O doch. Ist Ihnen nicht der Name Gerard Mason bekannt?« Rosa besann sich. »Gerard Mason?« fragte sie. »Der Name kommt mir allerdings bekannt vor, aber ich kann mich nicht besinnen.« – »Nun, so besinnen Sie sich vielleicht besser darauf, daß Sie in Rheinswalden einmal ermordet werden sollten.« – »Ja, das ist richtig.« – »Graf Alfonzo hatte einen Mörder gedungen.« – »Allerdings. Aber dieser Mann benachrichtigte mich davon. Mein Gemahl hatte in Paris seine Schwester aus dem Wasser gezogen – ah, ich glaube der Mann hieß Gerard Mason.« – »Ja, er hieß so, gnädige Frau.« – »So ist er wohl jetzt jener Jäger, den man den Schwarzen Gerard nennt?« – »Er ist es.« – »Ah. Hat er Ihnen nichts von uns erzählt? Er ist uns eine sehr wichtige Persönlichkeit, aber entfernte sich damals sehr rasch, daß es ganz unmöglich war, seine Gegenwart auszunützen.« – »Er ist nicht sehr mitteilsam gewesen, aber was er mir gesagt hat, das werden Sie erfahren. Sodann gab es einen zweiten Jäger, einen kleinen, aber tüchtigen Kerl, der Sie auch interessieren wird.« – »Wohl auch ein Bekannter?« – »Vielleicht.« – »Wie hieß er?« – »Der Kleine André.« – »Ist uns unbekannt.« – »Ah. Er hat einen Bruder in Rheinswalden.« – »Wir haben in Rheinswalden keinen Menschen, der André heißt.« – »Ist auch nicht so gemeint. André ist hier nicht der Familien-, sondern nur der Vorname, er heißt so viel wie Andreas.« 21. Kapitel. Der brave Ludwig war natürlich auch mit bei der Verfolgung des Wilddiebes gewesen. Er hatte Rodriganda kurz nach dem Oberförster erreicht und war leise eingetreten, um bei der Festnahme des Flüchtlings mit Hand anlegen zu können. Jetzt spitzte er die Ohren und fragte: »Andreas? Donnerwetter! Am Ende zielt das auf mich dahier.« – »Wieso?« fragte Geierschnabel. – »Ich habe einen Bruder, der Andreas heißt.« – »Wo ist er jetzt?« – »Das weiß der Geier. Er ging in die weite Welt und hat niemals wieder etwas von sich hören lassen.« – »Was war er?« – »Brauer.« – »Und weshalb ging er fort?« – »Hm. Das war eigentlich eine recht dumme Liebesgeschichte dahier. Er wollte sie, und ich wollte sie, aber keiner kriegte sie dahier.« – »Schön, das stimmt. Wie heißen Sie?« – »Ludwig Straubenberger.« – »Und der Kleine André heißt eigentlich Andreas Straubenberger.« Da schlug Ludwig die Hände zusammen und rief: »Ist es möglich, ist es wahr?« – »Ja«, nickte Geierschnabel. – »Mein Bruder? Wirklich mein Bruder?« – »Natürlich.« – »Da sei dem Herrgott getrommelt und gepfiffen. Der Andreas lebt, mein Bruder lebt! Aber wo ist er denn jetzt?« – »Ja, das ist eben die Angelegenheit, in der ich komme. Wir wissen nicht, wo er steckt; wir müssen ihn suchen. Vorher aber muß ich noch andere Personen erwähnen, die ich in Fort Guadeloupe getroffen habe. Zunächst war da ein Jäger, der früher der Fürst des Felsens genannt wurde.« – »Wie hieß er?« fragte der Herzog. – »Doktor Sternau, ein Deutscher.« – »Mein Mann!« rief Rosa. – »Sind Sie die Gräfin Rosa de Rodriganda?« fragte Geierschnabel. – »Ja.« – »Gut, so war es allerdings Ihr Gemahl.« – »Aber, mein Gott, wie kam er nach diesem Fort? Woher kam er, und was hat er dort getan, anstatt die Heimat aufzusuchen?« – »Das werden Sie hören. Vorher aber muß ich noch einige andere Personen erwähnen, die vorhanden waren.« – »War ein gewisser Mariano dabei?« fragte Rosa schnell. – »Ja.« – »Ein Helmers?« – »Sogar zwei.« – »Wer noch?« – »Zwei Indianerhäuptlinge.« – »Die sind uns gleichgültig.« – »Sie werden Ihnen aber nicht gleichgültig bleiben. Sodann war eine Señorita Emma da.« – »Die Tochter des Hazienderos, die auch verschwunden war?« – »Ja.« – »Eine gewisse Karja.« – »Die Indianerin?« – »Sie war eine Tochter der Mixtekas. Ferner war da ein spanischer Gärtner, den Sie vielleicht kennen, namens Bernardo Mendosa.« – »Der Name kommt mir allerdings bekannt vor. Wo war dieser Gärtner her?« – »Er war aus Manresa.« – »Aus Manresa in Spanien? Das ist ja in der Nähe von Rodriganda.« – »Allerdings. Dieser Mann hat sogar auf Schloß Rodriganda als Gärtner gearbeitet. Aber weil er verschiedenes gesehen und beobachtet hat, so ist er von Cortejo auf ein Schiff gelockt und nach Afrika geschafft worden.« – »Welch eine Teufelei!« rief Kurt. »Was hat er denn beobachtet?« – »Das weiß ich leider nicht.« – »Nach welchem Ort brachte man ihn?« – »Ich weiß nur, daß er in Harrar gewesen ist. Und dort traf er auf einen Mann, den Sie alle kennen werden, auf den Grafen Ferdinando de Rodriganda.« Dieser Name brachte die größte Aufregung hervor. Als dieselbe sich gelegt hatte, fragte Rosa: »Haben Sie den Grafen gesehen?« – »Ja, mit diesen meinen Augen.« – »Welches Schicksal! Welches Zusammentreffen!« – »Ja. Sie sehen, daß so ein Scout doch zu etwas Besserem zu verwenden ist als zu zehn Jahren Zuchthaus.« – »Woher aber waren diese Personen alle gekommen?« – »Über den Ozean herüber, von einer wüsten Insel.« – »Wo sie so lange Jahre gefangen gewesen waren?« – »Ja.« – »Wo liegt diese Insel?« – »Ich weiß es nicht.« – »Wie heißt sie?« – »Man hat es mir nicht gesagt.« – »Was haben sie während dieser Zeit dort getrieben?« – »Ja, darüber muß man ausführlicher erzählen.« – »Und wie sind sie endlich befreit worden?« – »Ein deutscher Kapitän, namens Wagner, hat sie geholt.« – »Warum fuhren sie nicht direkt nach der Heimat?« – »Weil es vorher in Mexiko wichtige Dinge zu ordnen gab.« – »Aber was wollten sie auf dem Fort?« – »Sie wollten Juarez treffen, um unter dessen Schutz nach der Hacienda del Erina zu reisen.« – »Er gewährte ihnen seinen Schutz?« – »Natürlich, denn sie hatten ja auch ihm den ihrigen gewährt. Sie hatten ihm geholfen, das Fort gegen die Franzosen zu verteidigen.« – »Mein Gott. So haben sie gegen die Franzosen gekämpft und sich in Lebensgefahr begeben?« – »Natürlich! Das ist ja bei einem jeden Kampf der Fall.« – »Welche Unvorsichtigkeit! Wir haben sie so lange Jahre als tot betrauert, und nun sie gerettet sind, werfen sie ihr Leben wieder in die Waagschale, und zwar für eine Sache, die ihnen fremd sein muß.« – »Fremd? Da irren Sie sich.« – »Inwiefern? Was gehen uns die Franzosen an?« – »Was geht Sie der Teil der Herrschaft von Rodriganda an, der in Mexiko liegt?« – »Allerdings sehr viel.« – »Was geht Sie Pablo Cortejo an?« – »Er ist uns freilich höchst wichtig.« – »Er muß entlarvt werden. Die Herrschaften waren einmal in Mexiko und zogen also vor, das zu tun, was dort zu tun war, anstatt nach Europa zu gehen und dann wieder zurückzukehren.« – »Haben Sie Cortejo getroffen?« – »Hm. Ja und nein. Ich werde es Ihnen ausführlich erzählen.« Geierschnabel erzählte nun alles, was von seinem ersten Erscheinen in Fort Guadeloupe bis zu dem Augenblick geschehen war, als er im Gefolge von Juarez auf der Hacienda del Erina eintraf. Er kannte zwar den Zusammenhang der Tatsachen und Persönlichkeiten nicht genau, aber die Kenntnis der Personen und Ereignisse ließ ihn den Zuhörern als einen wichtigen Mann erscheinen. Ihre Augen hingen an seinem Munde. Sie hörten hier bedeutend mehr, als was sie aus Sternaus Brief hatten entnehmen können. Rosas Gesicht glühte vor Freude zu wissen, daß der geliebte Mann noch am Leben sei und von allen seinen Bekannten so hoch geschätzt und geachtet werde. Sie hörte schweigend bis zum Ende und fragte dann: »Aber warum bekamen wir bisher kein weiteres Lebenszeichen?« – »Das war nicht möglich, Señora«, antwortete Geierschnabel. »Die Herrschaften sind abermals spurlos verschwunden.« – »Verschwunden? Ich denke, sie befinden sich auf der Hazienda?« – »Leider nicht.« – »Aus welchem Grund?« – »Eigentlich klar bin ich mir darüber nicht geworden. Ich habe Ihnen bereits gesagt, daß Señor Sternau, Señor Helmers und die beiden Häuptlinge sich von uns trennten, um mit Hilfe der Mixtekas die Hazienda den Anhängern Cortejos zu entreißen ...« – »Das ist ihnen doch auch gelungen.« – »Allerdings. Das Heer des Präsidenten verstärkte sich ganz unerwartet, so daß wir anderen schneller, als wir gedacht hatten, nachfolgen konnten. Voran ritten Señor Helmers, Mariano und der Kleine André. Als wir anderen später ankamen, waren auch sie bereits fort.« – »Aber wohin?« – »Wer weiß es!« – »Man muß doch Nachforschungen angestellt haben!« – »Sie haben zu nichts geführt.« – »Hat Juarez nichts unternommen, sie zu finden?« – »Zunächst hat er glauben müssen, daß dies nicht notwendig sei. Und als er dann überzeugt war, daß es sich um einen neuen, großen Unfall handle, da war es leider bereits zu spät. Der einzige, der wirklich etwas tun konnte, bin ich gewesen.« – »Ah! Was haben Sie tun können?« Geierschnabel zuckte die Achsel und antwortete: »Wenig, sehr wenig!« – »Erzählen Sie! Rasch! Schnell!« Die Anwesenden befanden sich natürlich in einer nicht geringen Aufregung. Der Amerikaner beeilte sich, ihnen die nötige Aufklärung zu geben. »Juarez glaubte«, sagte er, »es handle sich um eine kurze Exkursion, von der die Vermißten bald zurückkehren würden. Als diese Rückkehr gar so lange auf sich warten ließ und der Präsident auch bereits weiter nach Süden gegangen war, wurde es dem Lord und Miß Lindsay angst. Der Lord wollte sich allerdings nicht von Juarez trennen, aber Miß Amy sagte, daß sie die Hazienda nicht eher verlassen werde, als bis Señor Mariano aufgefunden sei. Daraufhin begab ich mich auf die Suche.« – »Und was fanden Sie?« – »Zunächst muß ich erwähnen, daß die Tochter Cortejos entkommen war. Meine Forschungen ergaben, daß die Vermißten aufgebrochen waren, um dieses Frauenzimmer wieder zu fangen. Ich verfolgte ihre Spur bis Santa Jaga, weiter ging sie nicht.« – »So befinden sie sich noch dort?« – »O nein. Es lagen zu damaliger Zeit Franzosen dort, denen sie jedenfalls ausgewichen sind.« – »Oh, sie brauchten die Franzosen ja nicht zu fürchten.« – »Sie nicht, aber Cortejo, der sich nun bei seiner Tochter befand. Er mußte sich vor Santa Jaga hüten, und darum sind sie, die seiner Spur sicher folgten, auch gar nicht in den Ort gekommen.« – »Hat man keine Vermutungen?« – »Das Wahrscheinlichste ist, daß Cortejo sie in eine Falle gelockt hat.« – »Mein Gott! Wir müssen sie retten, wenn es noch möglich ist!« – »Deshalb komme ich. Als ich die Spur verloren hatte, kehrte ich zu dem Engländer zurück. Wir brachen sofort zu Juarez auf, und dieser war, nachdem er uns angehört hatte, der Meinung, daß Cortejo sich zum Panther des Südens geflüchtet habe und daß die Verfolger jedenfalls in die Hände dieses Parteigängers gefallen sind. Er sandte sofort einen Boten an den Panther. Derselbe ließ sagen, daß Cortejo nicht bei ihm sei. Dieser solle es überhaupt nicht wagen, wieder in seine Nähe zu kommen. Darum brach ich selbst zum Panther auf, um das Terrain zu sondieren. Es war ein gewagtes Unternehmen. Ich riskierte den Kopf und das Leben dabei, doch kam ich glücklich durch.« – »Und das Resultat?« – »War leider nicht befriedigend. Ich gewann die Überzeugung, daß weder Cortejo noch die Verschwundenen bei dem Panther zu finden seien.« – »Mein Gott, wo sollen sie sonst sein?« – »Vielleicht sind sie gar tot!« meinte der Hauptmann. – »Das glaube ich nicht«, antwortete Geierschnabel. »Leute wie Sternau, Donnerpfeil, Bärenherz und Büffelstirn ermordet man nicht so leicht. Ich nehme vielmehr an, daß man sie irgendwo als Freunde des Juarez festhält, um sie einstweilen unschädlich zu machen.« – »So wäre also Hoffnung vorhanden, sie zu befreien?« – »Ja, wenn es gelänge, ihre Spur aufzufinden. Juarez und Sir Lindsay haben nichts unversucht gelassen, jedoch vergeblich. Sie haben mich herübergeschickt, um Ihnen Nachricht zu bringen. Bei dieser Gelegenheit gab mir der alte Haziendero den zweiten Teil des Schatzes mit, der Donnerpfeil gehört.« Die Anwesenden blickten sich betrübt an. Was sollten sie tun, wenn es bereits Juarez und Sir Lindsay unmöglich gewesen war, eine Spur der Entschwundenen aufzufinden! Rosa weinte leise vor sich hin. Waldröschen umschlang die Mama und vereinigte ihre Tränen mit denen der Mutter. Der Graf und Otto von Rodenstein standen am Fenster und blickten trübe und nachdenklich hinaus. Der alte Oberförster aber konnte seinem Kummer nicht einen so stillen Ausdruck geben, er ballte die Faust und rief: »Himmelelement, wäre ich doch nur dies einzige Mal noch jung.« Da drehte sich sein Sohn um und fragte: »Was würdest du da machen?« – »Ich ritte hinüber und haute das ganze Mexiko in die Pfanne.« – »Und ich, ich machte mit dahier!« Diese Worte kamen aus dem Mund des braven Ludwig, der sich nicht enthalten konnte, auch einen Ausdruck seiner gegenwärtigen Gefühle hören zu lassen. Der Hauptmann blickte ihn dafür dankbar an. »Weißt du noch, Ludwig, damals?« fragte er. – »Zu Befehl, Herr Hauptmann!« – »Was, du weißt es noch?« – »Zu Befehl! Ganz genau!« – »Aber ich habe ja noch gar nicht gesagt, was!« – »Ich weiß es dennoch, denn wir beide denken immer an den Tag damals, als die großherzoglichen Herrschaften da waren.« – »Ja, das meinte ich.« – »Da machte der Herr Doktor Sternau ein Meisterstück nach dem anderen.« – »Ja. Wer hätte damals gedacht ... Der Teufel hole Mexiko.« – »Und die Mexikaner dazu. Wäre ich drüben, ich gerbte ihnen allen das Leder und machte Stiefel daraus. Nun aber geben meine alten Knochen das nicht mehr her; es ist kein Mark und keine Bouillon mehr darin.« – »Aber die meinigen sind noch jung, lieber Pate!« Der diese Worte sagte, war Kurt, der einzige, der weder ein Zeichen des Zorns, noch der Verzweiflung von sich gegeben hatte. »Das ist wahr, mein Junge«, meinte der Alte. »Aber was hast du mit Mexiko zu schaffen?« Da wandte Waldröschen sich zu den beiden und sagte: »Ah wirklich, lieber Kurt! Du sollst ja gerade jetzt nach Mexiko gehen.« Diese Bemerkung machte, daß nun alle anderen sich ihm zuwandten. »Ja«, sagte er. »Ich habe eine Aufgabe da drüben zu lösen; aber ich hoffe, daß diese Aufgabe mir Zeit läßt, auch nach den Unserigen zu forschen.« Geierschnabel betrachtete sich den Oberleutnant mit prüfenden Blicken. »Sie? Sie wollen nach Mexiko?« fragte er. Junger Mann, bleiben Sie lieber zu Hause! Die Luft da drüben ist für solche feine Herren nicht gesund.« – »Was kümmert mich die Luft.« – »Hm, es schwirren viele Kugeln drin herum.« – »Gerade das habe ich gern.« Geierschnabel lächelte ein wenig maliziös und meinte: »Aber an einer solchen Kugel kann man sehr leicht zugrunde gehen.« – »Ich weiß das. Wohin werden Sie gehen, wenn Ihre jetzige Sendung vollendet ist?« – »Wieder nach Mexiko.« – »Gedenken Sie, sich lange in Deutschland aufzuhalten?« – »Ganz und gar nicht. Das Land ist mir zu schläfrig. Unsereiner ist an andere Dinge gewöhnt, als wie sie hier passieren.« – »So sagen Sie, wie lange Ihr Aufenthalt ungefähr dauern wird.« – »Hm. Ich habe ausgerichtet, was ich auszurichten hatte, ich bin also fertig und habe nur auf die Antwort zu warten, die ich dem Präsidenten und Sir Lindsay überbringen soll. Ich kann schon heute fort.« – »Wollen wir zusammen reisen?« – »Gern. Ich denke, daß ich Ihnen drüben nützlich sein kann. Aber, wann wollen Sie fort?« – »Es war für morgen festgesetzt; doch erlauben Sie mir eine Frage. Welcher Partei gehören Sie drüben an?« – »Ich halte zu Juarez.« – »Sind Ihnen die neuesten Ereignisse von dort bekannt?« – »Ganz genau. Ich befand mich ja stets in der nächsten Nähe und Umgebung des Präsidenten.« – »So sind Sie jedenfalls besser informiert als unsere Berichterstatter?« – »Das versteht sich.« – »Wenn nun einer der preußischen Minister ehrliche Auskunft von Ihnen verlangte, würden Sie ihm dieselbe gewähren?« – »Wenn er es ebenso ehrlich mit uns meint.« – »Zweifeln Sie daran?« – »Hm. In solchen Sachen muß man sehr vorsichtig sein. Preußen ist kein Freund von Frankreich. Wie aber steht es mit Österreich?« – »Wir haben es ja soeben geschlagen.« – »Das ist wahr. Ich denke also, daß Preußen sich aus dem guten Max von Mexiko nicht viel machen wird. Warum aber fragen Sie?« – »Weil ich einen Minister kenne, dem es wohl interessant sein würde, mit Ihnen über Mexiko zu reden.« – »Wie heißt er?« – »Bismarck.« Geierschnabel machte ein sehr erstauntes Gesicht. »Bismarck selbst, der Teufelskerl?« – Ja, er selbst.« – »Alle Wetter! Wenn ich den einmal sehen könnte!« – »Oder gar mit ihm sprechen! Wollen Sie?« – »Hm. Geht das denn mit ihm zu machen? Werden Sie das fertigbringen?« – »Jedenfalls.« – »Gut. Diesem Mann würde ich die aufrichtigste Auskunft geben. Aber ich denke, Sie müssen schon morgen abreisen?« – »Ich habe allerdings Ordre, bereits morgen aufzubrechen. Ich bekam nur diesen heutigen Tag geschenkt, um mich hier in Rheinswalden und Rodriganda zu verabschieden. Aber ich glaube es wagen zu können, Sie zu Bismarck zu bringen.« – »Wo steckt der Kerl denn jetzt?« – »In Berlin.« – »Gut, so müssen wir hin!« – »Sie willigen also ein?« – »Ja.« – »Ich danke Ihnen. Aber – hm.« Bei diesen Worten warf Kurt einen bedeutungsvollen Blick auf die Kleidung des Präriejägers. »Ihre äußere Erscheinung ist keineswegs zu einem derartigen Besuch passend.« – »So, so! Hm. Na, ich habe hier im Sack eine bessere. Einen echt mexikanischen Anzug.« – »Ah, den dürfen Sie auf keinen Fall anlegen, weil man nicht einen Mexikaner in Ihnen vermuten darf. Sie müssen inkognito bei Bismarck erscheinen.« – »Inkognito? Donnerwetter, klingt das vornehm! Wie aber soll ich das anfangen, he?« – »Sie legen einen gewöhnlichen Zivilanzug an. Ich werde Ihnen einen solchen gern besorgen.« – »Besorgen? Das soll heißen bezahlen?« – »Ja.« – »Damit bleiben Sie mir vom Leibe! Geierschnabel ist nicht der Kerl, der sich einen Anzug bezahlen läßt. Ein Kerl, der solche Kostbarkeiten über die See hinüberschleppt, der hat schon so viel Geld, daß er sich eine Jacke und Halsbinde selbst bezahlen kann!« – »Na, mein Lieber, ich wollte Sie nicht beleidigen.« – »Das wollte ich Ihnen auch nicht geraten haben! Also, wann reisen wir?« – »Heute abend mit dem letzten Zug.« – »Zusammen?« – »Natürlich.« – »Das paßt mir nicht, weil ich das nicht gewöhnt bin. Ich liebe es, nur auf mich selbst angewiesen zu sein. Geben Sie mir lieber einen Ort in Berlin an, wo wir uns treffen wollen.« – »Hm. Ich kann nicht in Sie dringen, und so sollen Sie Ihren Willen haben. Wir wollen uns also morgen mittags drei Uhr im Magdeburger Hof treffen. Die Straße, in der er liegt, heißt ...« Da fiel Geierschnabel ihm in die Rede: »Halt! Papperlapapp! Es macht mir Spaß, mich selbst zurechtzufinden. Einer, der sich im Urwald nicht verläuft, wird wohl auch Ihren Magdeburger Hof zu treffen wissen!« – »Meinetwegen! Also abgemacht! Diese Herrschaften werden Sie jetzt nach vielem noch zu fragen haben; ich aber habe meine Vorbereitungen zu treffen und suche darum mein Zimmer auf!« 22. Kapitel. Kurt ging. Aber noch befand er sich kaum fünf Minuten in dem Zimmer, das hier stets für ihn reserviert war, so klopfte es leise, die Tür öffnete sich, und Waldröschen steckte ihr schönes Köpfchen herein. »Darf ich eintreten, lieber Kurt?« fragte sie. – »Ja, liebe Rosita«, antwortete er. Da zog sie die Tür hinter sich zu, näherte sich ihm und sagte: »Weißt du, daß ich recht sehr besorgt um dich bin?« – »Warum wohl, Röschen?« – »Ich denke, nun wirst auch du nicht wiederkommen.« – »Und ich denke gerade das Gegenteil.« Seine heitere, zuversichtliche Miene bestätigte diese Ansicht allerdings. »Ist die Aufgabe, die du da drüben zu lösen hast, gefährlich?« – »Nein, ganz und gar nicht.« – »Aber du wirst dich in Gefahr begeben, um Papa und die anderen ausfindig zu machen und zu befreien.« – »Das steht bei Gott, meine liebe Rosita. Noch weiß ich ja nicht, was ich in dieser Angelegenheit zu tun haben werde!« Rosita blickte Kurt mit liebevoller Besorgnis in die Augen und sagte: »Oh, das wird noch viel gefährlicher sein als damals das Doppelduell.« – »Damals hattest du doch keine Angst!« – »Ja, damals kannte ich die Gefahr und wußte, daß du ihr gewachsen seiest, jetzt aber ist sie mir unbekannt.« – »Ich weiß ein Mittel, das mir helfen würde, alle Gefahren siegreich zu bestehen, liebes Röschen.« – »Welches ist es?« Da beugte er sich zu ihr herab und fragte leise: »Weißt du, was ich bei jenem Duell auf der Brust trug?« Sie errötete ein wenig, zögerte aber nicht mit der Antwort: »Meine Schleife.« – »Die du dir wieder einlöstest.« Ein liebliches, verschämtes Lächeln überflog ihr Gesichtchen, und dann antwortete sie: »Ja, aber ich gab sie dir zurück, und dafür zwangst du mich, auch den Preis zurückzunehmen.« – »Das war wohl sehr bös von mir?« – »Sehr, sehr bös!« – »Dann bin ich ja ganz außerordentlich undankbar, denn die Schleife war ja mein Talisman gewesen und hatte mich im Kampf beschützt. Weißt du nun vielleicht, was ich meinte, als ich vorhin von dem Mittel sprach?« Sie nickte und sagte: »Wohl abermals einen Talisman?« – »Ja, mein liebes Röschen.« – »Von wem erwartest du denn einen solchen? Gewiß von deinem Paten, dem Oberförster?« – »O weh! Nein, sondern von dir!« – »Von mir? Ah, was könnte das denn sein?« – »Nun, abermals eine Schleife oder so etwas.« – »Du sollst es haben, lieber Kurt. Geht etwa ein Handschuh an?« – »Ja, aber du mußt ihn bereits getragen haben.« – »Das versteht sich. Ich werde jetzt gehen und dir einen Talisman suchen, den du mitnehmen sollst. Aber eigentlich kam ich aus einem ganz anderen Grund zu dir.« – »Darf ich ihn erfahren?« – »Ja, ich sage ihn dir, obgleich es vielleicht nicht ganz in der Ordnung ist. Glaubst du, daß du mir meinen lieben Papa wiederbringen wirst?« – »Ich hoffe es. Gott wird mir helfen.« – »Ich werde recht innig zu ihm beten. Und du, du sollst einen Lohn haben, obgleich ich nicht weiß, ob er dir auch recht sein wird.« – »Welchen meinst du?« – »Sage mir erst einmal, ob du irgendeine Dame lieb hast!« – »Ja, ich habe eine lieb!« Ihr Gesichtchen wurde um einen Schatten bleicher. »Sehr lieb?« fragte sie. – »Ja, sehr lieb.« – »So lieb, wie du dich selbst hast?« – »Oh, noch viel, viel lieber! Lieber noch als mein Leben!« Sie war noch bleicher geworden. »Du meinst, so lieb, wie man – wie man seine – seine Braut haben muß?« fragte sie stockend. – »Ja, so unendlich lieb!« Da beugte sie schwer das Köpfchen nieder, ihr Busen hob und senkte sich ängstlich, und ihre Stimme zitterte, als sie erwartungsvoll fragte: »Darf ich wissen, wer diese Dame ist?« Er ergriff ihre beiden Hände und antwortete: »Du, du selbst bist es, meine süße Rosita!« Jetzt kehrte die Röte wieder auf ihre Wangen zurück, ihre Augen leuchteten auf, und im Ton des Glückes fragte sie: »Ist das auch wahr, lieber Kurt?« Er zog langsam und innig ihr Köpfchen an seine Brust und erwiderte: »Könntest du daran zweifeln? Rosita, meine herrliche Rosita, du bist es, der jeder Tag meines Lebens gehört hat und noch gehören wird; du bist es, an die sich jeder Gedanke und jeder Pulsschlag meines Herzens richtet. Ohne dich mag ich nicht auf der Erde sein, ohne dich gibt es für mich kein Leben, und du fragst, ob es wahr sei, daß ich dich liebe!« Da legte sie ihre beiden Arme um ihn und antwortete: »Ich glaube es dir, lieber Kurt. Und nun will ich dir auch den Preis sagen, den ich darauf setze, daß du meinen Papa bringst.« – »Sage ihn, mein Röschen.« – »Wenn du Papa nach Rodriganda bringst, so sage ich ihm, daß ich dich gerade so lieb habe, wie du mich, und daß ...« Rosa stockte. Er wartete ein kleines Weilchen und fragte dann: »Nun, und daß ...? Bitte, bitte, fahre fort!« – »Und daß ich nur dann glücklich sein werde, wenn – wenn ...« – »Wenn? O sprich mein süßes Waldröschen.« – »Wenn ich nie im Leben von dir getrennt werde.« – »Röschen! Rosita!« jubelte er auf. Sie lächelte ihm selig in das Angesicht und fragte: »Nicht wahr, das ist ganz gegen Herkommen und Form, daß ich als Dame so zu dir spreche?« – »Ja, aber es macht mich zum glücklichsten Menschen, obgleich ich auf diese Seligkeit – verzichten muß.« Seine Stimme war bei den letzten Worten tief herabgesunken. »Verzichten; warum?« – »Dein Papa ist ein Herzog von Olsunna.« – »Aber auch der Sohn einer Erzieherin; er wird unsere Liebe nur als Doktor Sternau beurteilen.« – »Und deine Mama ist eine Gräfin de Rodriganda.« – »Jetzt nur die Frau eines Arztes. Ich weiß, daß Mama nicht daran denkt, mich unglücklich zu machen.« – »Weißt du das gewiß?« – »Ja.« – »Woher?« – »Denke dir, dein Waldröschen hat einmal die Lauscherin gemacht.« – »Wirklich; wen hast du denn da belauscht?« – »Mama und den Hauptmann. Sie sprachen von uns. Sie befanden sich auf der Veranda, und ich stand auf dem Balkon über ihnen, ohne daß sie es wußten. Ich konnte jedes Wort verstehen.« – »Da machst du mich allerdings höchst wißbegierig, liebe Rosita. Was sagten sie denn? Bitte, bitte, ich darf es doch hören!« – »Der Hauptmann warnte meine Mutter, du seiest mir sehr gut, noch viel mehr, als für einen Freund und Gespielen nötig sei.« – »Was antwortete da deine Mama?« – »Sie fragte ihn, ob er bemerkt habe, wie ich mich zu deiner Liebe verhalte.« – »Und was sagte da der alte Graubart?« – »Er meinte, das Waldröschen werde sich gar wohl hüten, einem Leutnant Hoffnungen zu machen. Leider habe ich sie dir bereits gemacht.« – »Du mir?« fragte er. »Wann wäre das gewesen?« – »Damals, als du deinen Schatz in Mainz erhalten hattest.« – »Ah, die mexikanischen Kostbarkeiten?« – »Ja. Weißt du noch, was du damals mit dem Hauptmann gesprochen hast?« – »Ich weiß es noch. Er fragte, was ich mit den Sachen machen werde, ich sagte ihm, daß ich sie dir schenken wolle.« – »Und was antwortete er da?« – »Ich solle mir keine Rosinen einbilden.« – »Aber dann abends in Berlin, als du das erzählt hattest, was tat ich da? Weißt du es noch, lieber Kurt?« – »Ja, du kamst zu mir und sagtest, ich sei schon der Mann, dem Waldröschen etwas zu schenken. Ich solle die Sachen nur aufheben.« – »Nun, war das nicht eine Hoffnung, die ich dir machte?« – Ja, das war eine, und zwar eine unendlich reiche und große. Aber da du Mama und den Hauptmann belauscht hast, so mußt du wohl auch gehört haben, was die erstere dem letzteren antwortete.« – »Das möchtest du wohl gern hören?« fragte sie lächelnd. – »Ja, denn es ist die Hauptsache.« – »Nun, sie sagte, sie stelle es dem guten Gott anheim, dieser wisse am besten, was ihrem Waldröschen zum wahren Frieden diene.« Da legte Kurt die beiden Hände zusammen, als ob er beten wolle und sagte: »Das sagte sie wirklich? Gewiß und wahrhaftig?« – »Ja, lieber Kurt. Es war mir, als ob ich Mama um Millionen Male lieber haben müsse als vorher, wenn dies überhaupt möglich wäre. Ich habe vor Freude geweint, lange, lange Zeit.« – »Gott segne deine Mama viele tausend, tausend Mal.« – »Ja, ja, das möge er tun, sie ist es wert. Nun aber will ich eilen, dir einen Talisman auszusuchen.« Rosita schickte sich an, sich zu entfernen, Kurt aber hielt sie zurück. »Rosita«, sagte er, »glaubst du wirklich, daß ich dich so ohne Kuß von mir lasse?« Sie lächelte ihn schelmisch an und fragte: »Ist ein Kuß denn so notwendig?« Kurt machte ein höchst ernsthaftes Gesicht und antwortete zuversichtlich: »Ganz außerordentlich notwendig! Das Gesetzbuch der Liebe schreibt es vor!« – »Das ist unmöglich!« – »Unmöglich? O nein! Steht nicht bei jedem unserer zehn Gebote: ›Wir sollen Gott fürchten und lieben‹? Und beginnt nicht eine jede Sure des Korans mit den Worten: ›Im Namen des allbarmherzigen Gottes‹? So steht auch im Gesetzbuch der Liebe über jedem Paragraphen: ›Im Namen Eures Glückes! Ihr sollt Euch bei jeder Gelegenheit einen Kuß geben‹!« – Jim, als ob das Küssen etwas so Schönes wäre.« – »Meinst du das Gegenteil, Röschen?« – »Ja.« – »Warum?« – »Weißt du noch damals, als die Rede von der alten Tante war?« – »Ah, mit der großen Nase und den Warzen darauf!« – »Du sagtest selbst, daß man solche Tanten nicht gern küsse.« – »Aber du bist ja keine solche alte, häßliche Tante.« – »Oh, ich werde vielleicht einmal eine.« – »Aber sicher keine häßliche. Und jetzt bist du sie noch gar nicht.« – »Du meinst also, daß ...« Rosita hielt inne, als ob sie bereits zu viel gesagt hätte. »Daß man dir schon einen Kuß geben darf?« antwortete er. – »Ja.« – »Das ist allerdings meine Ansicht.« – »Hm. Wir wollen dennoch tun, als ob ich eine alte Tante sei.« – »O weh! Da soll ich wohl auf den Kuß verzichten?« – »Ja, außer du denkst einmal, daß du ein alter Onkel seist.« Da stieß er ein herzliches Lachen aus und meinte: »Onkel und Tante dürfen sich dann küssen?« – »Natürlich! Aber fein sittsam und dezent, wie ein paar Alte aus der Zeit des Großen Kurfürsten.« – »Nun, ich weiß zwar nicht, wie man sich damals geküßt hat, aber vielleicht läßt es sich bei einiger Übung lernen.« Kurt zog das schöne Mädchen an sich, hob dessen Köpfchen in die Höhe und legte seinen Mund auf die roten Lippen. Er küßte Röschen wieder und immer wieder und bemerkte vor Glück gar nicht, daß die Tür geöffnet wurde, bis die Stimme des alten Hauptmanns erschallte: »Kreuzmillionenschockhagelwetter! Was habt ihr euch denn da an den Mäulern herumzubeißen und herumzuknaupeln!« Sie fuhren erschrocken auseinander. Der Alte trat ein und machte die Tür vorsichtig hinter sich zu. »Habe ich euch endlich einmal erwischt, ihr Schwerenöter?« rief er grimmig. »Kerl, weißt du nicht, daß das eine Prinzessin von Olsunna und Rodriganda ist?« – »Ja, das weiß ich«, antwortete Kurt ruhig. – »Und du, was bist denn du, he?« – »Ein Offizier und Ehrenmann.« – »Das ist auch etwas Rechtes.« – »Herr Hauptmann!« Kurt war einen Schritt zurückgetreten und hatte das Wort mit beinahe donnernder Stimme ausgesprochen. »Was beliebt?« fragte der Alte verwundert. – »Ich lasse mich in Gegenwart dieser Dame nicht beleidigen.« Seine Augen funkelten, und an dem Ton seiner Stimme ließ sich erkennen, daß es ihm sehr ernst mit seinen Worten war. Der Alte wurde schüchtern. Er schnalzte mit den Fingern und sagte: »Nicht beleidigen? Schön. Da schnäbelt nur zu. Ihr werdet wohl sehen, wie lange das geduldet wird. Ich kam nur, um dir zu sagen, daß der Amerikaner aufbrechen wird.« – »Nach Berlin bereits?« – »Erst zu mir. Ich habe sein Gewehr noch. Ein verdammt dummer Schießknüppel. Der Kerl selbst aber hat Haare auf den Zähnen.« – »Da wird es wohl nichts aus dem Zuchthaus?« – »Eigentlich sollte ich ihn einstecken; aber der Kerl ist mir zu grob. Ich liebe die Höflichkeit und bin feinere Umgangsformen gewöhnt, da mag ich lieber mit ihm nichts zu tun haben. Waldröschen, gehst du mit hinab?« – »Ja«, antwortete sie. »Adieu, lieber Kurt!« – »Adieu, liebe Rosita!« Sie ging mit dem Alten. An der Treppe blieb er stehen und sagte: »Lieber Kurt und liebe Rosita! Kreuzbataillon! Das klingt ja, als wäre ich unter lauter Tauben und Täuberiche geraten. Denkst du denn, daß dieser Täuberich für dich paßt?« Sie errötete, antwortete aber herzhaft: »Ja, lieber Pate.« – »Und du für ihn?« – »Ja.« – »Da schlage das Wetter drein! Der Junge ist mir lieb, ich halte große Stücke auf ihn, aber er ist nur ein Bauers- und Schifferssohn. Du aber bist ...« – »Seine Braut!« – »Sein Gänschen. Weiter nichts«, meinte der zornig. »Weiß denn die Mama davon?« – »Nein.« – »Ja, da hat man die Bescherung! Der Teufel soll mich holen, wenn ...« Röschen faßte den Hauptmann rasch am Arm und unterbrach ihn: »Ach, lieber Pate, ich denke, Sie sind feinere Umgangsformen gewöhnt.« – »Ja«, antwortete er verblüfft. »Bin ich dir etwa nicht fein genug?« – »Jim. Ich will nicht übermäßig klagen.« – »Das will ich dir auch geraten haben. Ja, ja, der Kurt scheint allerdings feinere Umgangsformen zu haben als ich.« – »Das ist wahr, Pate.« – »Bomben und Granaten! Wenn das zu der Feinheit gehört, so kann ich dich auch schmatzen, bis mein Schnurrwichs dir am Mäulchen hängenbleibt.« Sie lachte goldig auf und antwortete: »Ich habe dir niemals einen Patenkuß verwehrt« – »Das ist wahr. Aber jetzt muß ich danken. Ich drücke meine Petschaft nicht dahin, wo der Junge bereits gesiegelt und gestempelt hat Mädel, du wirfst dich ganz gewaltig weg. Dieser Kurt wird zwar Karriere machen, aber ich hatte einen ganz anderen für dich in petto.« – »Wen?« – »Nun, rate einmal.« – »Sage es lieber.« – »Na, einen großherzoglichen Prinzen. Für solch einen Topf wärst du die allerrichtigste Zwiebelstaude!« – »Ich muß danken. Adieu, Pate.« – »Adieu? Warum? Ich gehe ja mit!« – »Nein, nein! Deine Umgangsformen werden so sein, daß man die Feinheit gar nicht mehr bemerkt.« Damit huschte sie an ihm vorüber und zur Treppe hinab. »Wetterhexe«, brummte er. »Was soll daraus werden. Haben sich die beiden da gepackt und umklammert. Und sie wetzt ihr Näschen an seinem Schnurrbart. Wenn sie das so gern hat, so will ich ihr meinetwegen meinen Rasierpinsel dazu borgen, aber den Jungen soll sie sich aus dem Kopf schlagen. Für den habe ich ja bereits eine Frau!« 23. Kapitel. Einige Stunden später schlenderte Geierschnabel langsam durch die Gassen von Mainz und betrachtete die Ladenschilder mit neugierigen Blicken. Endlich blieb er vor einem Haus stehen. »Kleiderladen von Levi Hirsch«, brummte er. »Ich trete ein!« Sobald er die Tür öffnete, wurde er von einem Sohn Israels mit forschenden Blicken empfangen. Sein Äußeres versprach nicht viel. »Was wünscht der Herr?« fragte der Jude. – »Einen Anzug.« – »Einen Anzug? Einen ganzen? Auwei!« – »Natürlich einen ganzen!« meinte der Jäger. »Zerrissen darf er nicht sein.« – »Zerrissen? Gott Abrahams! Soll ich haben zerrissene Kleider für die Herrschaften, die kommen, um zu kaufen schöne Sachen bei Levi Hirsch, der ist der größte Marschang tällör von Mainz! Was ist der Herr?« – »Das geht Ihm nichts an.« – »Ist der Herr von hier?« – »Nein.« – »So wird der Herr doch nicht etwa kommen, zu nehmen die Sachen auf Kredit, was man heißt Pump?« – »Ich bezahle gleich!« Der Jude betrachtete Geierschnabel jetzt aufmerksamer vom Kopf bis zum Fuß herab, als es vorher geschehen war, und sagte: »Das ist für meine Ohren zu hören lieblich und schön. Also hat der Herr bei sich Geld genug, um zu bezahlen einen kompletten Anzug, der besteht aus Rock, Hose und einer feinen Weste?« – »Für jetzt hat Er sich den Teufel um meinen Beutel zu kümmern, versteht er mich!« – »Gott der Gerechte! Darf ich doch fragen, um zu gehen sicher, wenn es sich darum handelt, zu machen ein Geschäft!« – »Sichergehen? Donnerwetter, hält Er mich etwa für einen Lump?« Der Jude streckte als Abwehr alle zehn Finger gespreizt empor, fuhr einen Schritt zurück und rief: »Was sagt der Herr? Wie könnte ich denken das Wort, das er hat ausgesprochen zu klingen wie ein Lump. Aber der Her mag doch werfen einen gütigen Blick auf sich selber. Trägt er doch im Winter Kleider, die sind sogar für den Sommer zu kalt und die getragen werden nur von sehr gewöhnlichen Leuten.« – »Pchtichchchchch!« fuhr ihm ein Strahl des Tabaksaftes gerade in das Gesicht. Er fuhr sich erschrocken mit beiden Händen an die Wange und rief: »Gott Abrahams! Was tut der Herr! Spuckt er an das Gesicht eines ehrlichen Mannes. Kann er nicht spucken dahin, wo keine Gesichter sind und wo nicht gerade steht ein Mann, der nicht liebt zu werden getroffen von der Brühe des gekauten Tabaks?« – »Pah! Wer nicht angespuckt sein will, der mag sich vorher seine Worte überlegen, ehe er spricht. Ich habe keine Zeit, lange Einleitungen zu machen. Wische Er sich also ab und sage Er mir, ob Er mir einen Anzug zeigen will oder nicht.« Der Sohn Israels fuhr mit dem Schoß seines Rockes über das Gesicht und antwortete: »Natürlich will ich zeigen einen Anzug; aber der Herr mag mir doch sagen, was er wünscht für einen zu sehen!« »Hm!« meinte Geierschnabel nachdenklich. »Ich brauche einen, in dem man mich nicht erkennt.« – »So will der Herr sich verkleiden?« – »Ja. Man soll nicht merken, woher ich komme.« – »So muß ich wissen, woher kommt der Herr?« – »Das geht Ihm nichts an. Es möge Ihm genügen, daß ich die Absicht habe, zu reisen so, was man inkognito nennt.« – »Inkognito? Dann muß ich wenigstens wissen, wohin oder zu wem der Herr gehen will inkognito.« – »Hm! Ich will – ja, ja, ich muß zu einem Minister.« Der Jude blickte ihn zweifelhaft an, sagte aber doch: »Zu einem Minister? Da wird der Herr nicht tragen einen Rock.« – »Was sonst? Soll ich in Hemdsärmeln gehen?« – »Nein. Wenn man geht zu einem Minister, so darf man erscheinen nur im Frack, weil dieses ist die Kleidung der Etikette und Höflichkeit.« – »Schön. Zeige Er mir einen Frack.« – »Werde ich vorlegen einen Frack, wie ihn getragen hat der große Metternich zur Zeit des Kongresses, der gehalten wurde in der Hauptstadt Wien gegen den französischen Kaiser Napoleon.« – »Wer war Metternich?« – »Ein Minister und Fürst, mächtig wie ein Kaiser und reich wie der große Mogul, der zweimal größer ist als ein Elefant.« Das schmeichelte dem Trapper. »Gut, gebe Er den Frack her!« Der Händler holte aus dem verborgensten Winkel seines Gewölbes das Kleidungsstück. Es hatte eine braunrote Farbe und war mit Puffen, Patten und tellergroßen Knöpfen versehen. Geierschnabel sah es an und fragte: »Was kostet dieser Ministerfrack?« – »Kann ich ihn unmöglich geben unter zwölf Talern zehn Silbergroschen.« Der Jäger war die amerikanischen Preise gewöhnt. »Das ist billig«, sagte er. »Hier sind dreizehn Taler!« Er griff in seinen Leinwandsack und zog einen großen Beutel heraus, aus dem er dem Juden dreizehn blanke Taler vorzählte. Der Händler war außerordentlich überrascht von dieser Kulanz. Er sagte: »Der Herr hat erhalten diesen Ministerrock um vier Taler zu billig, aber habe ich verlangt so wenig, weil der Herr will nehmen noch mehr, um zu komplettieren den ganzen Anzug. Darf ich bringen eine Weste?« – »Natürlich. Aber auch sie muß mich inkognito machen.« – »Da muß ich vorher fragen, als was der Herr erscheinen will.« – »Als was? Hm! Verdammt! Daran habe ich gar nicht gedacht. Als was kann man denn erscheinen, wenn man inkognito reist?« – »Als vielerlei. Zum Beispiel als Kandidat und Geistlicher?« – »Nein, die sind mir zu fromm.« – »Als Müller oder Bäcker?« – »Die sind mir zu mehlig.« – »Als Gerber oder Schuster?« – »Die sind mir zu ledern.« – »So mag der Herr nicht als Handwerker, sondern als Beamter gehen.« – »Gut! Was für Beamte gibt es?« – »Kreisamtmänner und Chausseegeldeinnehmer?« – »Paßt mir nicht.« – »Finanzräte und Weichensteller?« – »Auch nicht.« – »Bankdirektoren und Nachtwächter?« – »Auch nicht.« – »Hm. Will der Herr nicht lieber gehen als Künstler?« – »Künstler? Donnerwetter, ja! Dazu passe ich. Dazu bin ich wie geschaffen. Aber wie viele Sorten von Künstlern gibt es?« – Erst kommen die Dichter.« – »Danke. Die hungern zu viel.« – »Die Weber.« – »Die schmieren und klopfen zu viel.« – »Die Bildhauer.« – »Die hämmern zu viel.« – »Die Architekten.« – »Danke. Die stehen in einem schlechten Geruch. Ihre Häuser halten nur von heute bis morgen.« – »Die Komponisten und Musikusse.« – »Hm! Das wäre nicht übel. Komponist und Musikus? Das gefällt mir eher. Was für eine Weste müßte ich da haben?« – »Werde ich geben dem Herrn eine grüne Weste mit soviel blauen Blumen, daß man ihn soll halten für eine Wiese mit lauter Vergißnichtmein.« – »Donnerwetter, ja, diese Weste muß ich haben!« Sie war dreißig Jahre alt und wurde mit vier Talern bezahlt. »Und die Hosen?« fragte der Jude. »Was soll ich bringen für welche?« – »Sie müssen auch inkognito sein.« – »So werde ich bringen schwarzgraue Hosen, wie sie Mode gewesen sind bei Sebastian Bach, der gewaltig geschlagen hat alle Orgeln und dazu komponiert viele Tragkörbe voll Noten.« – »War er berühmt?« – »So berühmt, daß man ihn nach zehntausend Jahren noch kennen wird.« – »So bringe er die Hosen her.« Es waren alte, abgetragene Lederhosen, die jedenfalls aus einem Dorf der Umgegend von Mainz stammten. Geierschnabel machte ein ganz undefinierbares Gesicht, als er sie erblickte, bezahlte aber sofort die drei Taler, die dafür verlangt wurden. »Und nun die Stiefeln. Was soll ich für welche bringen?« fragte der glückliche Handelsmann. – »Inkognito! Man darf mich nicht kennen.« – »So werde ich vorschlagen Schuhe, ein paar Tanzschuhe, so fein und leicht, daß man springt in die Luft, sobald man sie angezogen hat. Solche Schuhe muß tragen ein Herr, der ist Komponist und Musikus.« – »Her damit!« Sie wurden gebracht und sofort bezahlt. »Will der Herr bedecken auch seinen Kopf?« fragte der Jude. – »Natürlich, aber auch inkognito.« – »So werde ich ihm geben einen Hut, so hoch und breit, wie ihn getragen hat Orpheus, ehe er stieg in den Orkus hinab.« – »Wer war dieser Orpheus?« – »Ein großer Komponist und Musikus, der erfunden hat die Ziehharmonika und das Klavier mit doppelten Seiten.« – »War er berühmt?« – »Außerordentlich. Wenn er hat gespielt die Ziehharmonika und dazu geklimpert das Klavier, sind die Steine geworden lebendig.« – »Gut. Der Hut wird gekauft.« Der Hut war fürchterlich. Die Krempe hatte drei Fuß im Durchmesser, und der Kopf war dementsprechend hoch. »Der Herr trägt doch auch Handschuhe?« – »Freilich. Aber man darf ihnen nicht ansehen, woher ich bin.« – »So werde ich geben weiße Handschuhe, so zart wie Spinnwebe, damit keiner kann drücken die Fingernägel entzwei.« Der Jude brachte weiße Leichenhandschuhe, für die der Amerikaner den sechsfachen Preis bezahlte. Der letztere glaubte, nun alles beisammen zu haben, aber er irrte sich sehr, denn der Jude forschte noch in seinem Laden herum und fragte: »Wenn der Herr will gehen als Musikus, muß er da nicht auch haben Noten, um zu zeigen, daß er ist ein großer Komponist?« – »Donnerwetter, ja, Noten, die hätte ich am Ende fast vergessen. Hat Er welche hier?« – »Warum sollte ich nicht haben Noten? Hat doch mein Töchterlein gezogen an der Gitarre und gegriffen an das Flageolett! Dort liegen sie bei den Zeitungen. Will der Herr geben einen Taler?« – Ja. Her damit!« Der Händler brachte Gitarrennoten und eine Übungsschule für das Flageolett. Dann meinte er nachdenklich: »Aber wenn man ist ein Komponist, so muß man auch haben ein Instrument, um zu blasen hinein oder zu streichen hinauf und herab.« – »Das ist wahr. Hat Er denn auch Instrumente?« – »Natürlich werde ich haben Instrumente! Habe ich doch eingelöst eine Violinenbratsche mit zwei Saiten und eine Posaune, worauf sind gestürzt drei Mauern von Jericho.« – »Bringe Er sie her!« – »Was? Die Bratsche oder die Posaune?« – »Die Posaune ist mir lieber.« – »Hier ist sie.« Der Jude zog das Instrument unter einem Haufen alten Eisens heraus. »Alle Teufel!« meinte der Jäger. »Die hat aber Narben!« – »Kann es sein anders? Habe ich nicht gesagt, daß darauf gefallen sind drei Mauern von Jericho?« – »Hm! Wenn's so ist! Aber hier gibt es auch zwei Löcher!« – »Sind dem Herrn diese Löcher etwa unbequem?« – »Nein. Aber sie gehören doch wohl nicht hinein!« – »Warum soll man sein unzufrieden mit die Löcher, da sie doch sind vorteilhaft für die Musik und die Atmosphäre und die Lunge!« – »Inwiefern?« – »Man braucht nicht zu blasen die Luft bis ganz hinten hinaus, da sie kommt bereits zu den Löchern heraus.« – »Sapperlot! Das ist vorteilhaft! Was kostet die Posaune?« – »Hat sie mich gekostet zehn Taler, so gebe ich sie um acht.« – »Gut, hier ist das Geld! Oder kann ich nicht lieber mit Banknoten bezahlen? Ich brauche das Silbergeld später.« Geierschnabel griff in den Sack und zog eine Anzahl Zehntalerscheine hervor, wovon er einen auf den Tisch legte; die anderen steckte er in seine Hosentasche. Der Händler folgte dieser Bewegung mit Begierde. Welch eine Unvorsichtigkeit, zwanzig und noch mehr Zehntalerscheine so in die Taschen zu stecken. »Ich bekomme zwei Taler heraus«, meinte Geierschnabel. »Gebe Er mir dafür eine Brille.« – »Was für eine wünscht der Herr?« – »Eine, durch die man hindurchsehen kann.« – »Soll ich geben Brille, Lorgnon oder Monokel?« – »Eine, die zum Inkognito paßt.« – »So werde ich geben eine antiquarische Quetsche von der Nase des Meisters Gluck, der hat komponiert viele Stücke für das Theater, wo die Welt ist mit Brettern verschlagen.« – »Gluck? War er berühmt?« – »Ungeheuer. Hier ist seine Brille. Kostet mich vier Taler, will ich sie aber geben um zwei, weil der Herr hat gekauft einen ganzen Anzug.« – »Schön! Ich werde ihn gleich anlegen. Gibt es hier einen Raum, wo man sich aus- und anziehen kann?« – »Eben dieses Geschäft ist der Raum, in dem die Kunden werden an- und ausgezogen. Der Herr mag treten in die Ecke, und ich werde zu helfen bereit sein.« – »Hätte er nicht Lust, mir diesen alten Anzug abzukaufen?« – »Auwei! Was soll man geben für solche Sachen! Ich werde ihn ansehen und dann bieten, soviel wie ich kann.« Trotz seines Weherufes hatten seine Augen freudig aufgeleuchtet Er verwandte kein Auge mehr von Geierschnabel, der begann, die Kleider zu wechseln. Der Jude wußte, daß die Zehntalerscheine in der Tasche steckten, und wollte sich überzeugen, ob dieselben herausgenommen würden. Als Geierschnabel den gekauften Anzug angelegt hatte, schob er den alten mit dem Fuß von sich und fragte: »Nun, wie steht es? Kauft Er ihn?« Der Jude hatte ganz genau aufgepaßt, er wußte, daß die Scheine nicht angerührt worden waren. »Ich werde ansehen die Sachen«, sagte er. Er nahm die Hosen zur Hand, griff unbemerkt, wie er dachte, von außen an die Tasche, und fühlte ganz deutlich, daß die kostbaren Papiere unter seinem Druck knitterten. Sie waren mehr als zweihundert Taler wert. Seine Hände begannen zu zittern. Die Habsucht packte ihn. »Was soll ich geben für dieses Zeug, das kaufen wird kein Mensch?« sagte er. »Es ist nichts wert.« – »Was bietet er?« fragte Geierschnabel kurz. – »Ich gebe für die ganze Geschichte gerade einen Taler.« – »Wo denkt Er hin! Her damit! Ich packe sie in meinen Sack.« Da trat der Händler schnell zurück und sagte: »Werde ich geben zwei Taler.« – »Fällt mir nicht ein«, meinte Geierschnabel, der zum Gehen fertig war und die Hand nach den Sachen ausstreckte. – »Drei Taler«, meinte der Händler. – »Unsinn.« – »Vier Taler.« – »Nein!« – »Fünf Taler.« Der Jude bebte vor Angst, als ob ihn ein Fieber ergriffen hätte. »Nein. Der Anzug ist mir nicht um vierzig Taler feil.« – »Vierzig!« rief der Händler, indem er die Augen fast ebensoweit aufriß wie den Mund. »Wie ist das möglich!« – »Das Zeug zu diesen Sachen ist von Faultierhaaren gesponnen.« – »Wozu?« – »Wer solche Wolle trägt, bekommt nie ein Fieber. Ich lasse diese Sachen einspinnen, wenn ich zu wenig bekomme.« – »Faultierwolle? Vierzig Taler! Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, warum ist es gerade Wolle vom Faultier! Ich werde geben zehn Taler, aber keinen Pfennig mehr.« – »Vierzig und keinen weniger.« – »Zwölf!« – »Vierzig! Her damit! Ich habe keine Zeit!« Der Jude tat einen Sprung rückwärts. Er durfte sich das Papiergeld nicht entgehen lassen. »Zwanzig Taler!« rief er vor lauter Angst. – »Vierzig! Ich sage es zum letzten Male. Ich muß mit dem Zug fort und habe keine Minute Zeit zu verlieren.« »Mit dem Zug fort?« dachte der Jude. Da ging der Mann ja fort, ohne wiederzukommen oder wiederkommen zu können. Das steigerte den Wert des Papiergeldes. »Ist es wirklich Wolle vom Faultier?« frage er hastig. – »Ja.« – »So gebe ich fünfundzwanzig.« – »Vierzig!« – »Sechsundzwanzig!« – »Ich gebe Ihm noch eine Minute Bedenkzeit, dann aber gehe ich mit meinen Sachen ganz sicher fort!« Der Jude tat noch einen konvulsivischen Griff nach der Taschengegend. »Dreißig Taler!« bot er – »Vierzig!« – »Herr Zebaoth! Vierzig Taler für solche Lumpen!« – »Was Lumpen? Wer zwingt Ihn, sie zu kaufen? Her damit!« Geierschnabel faßte die Hosen an und zog sie hin. Der Händler ließ sie nicht los und zog her, indem er in höchster Bedrängnis rief: »Zweiunddreißig.« – »Vierzig!« – »Fünfunddreißig.« – »Vierzig!« – »Ich kann nicht. Es ist unmöglich!« rief der Jude. Es griff ihn am meisten an, daß es ihm nicht gelingen wollte, auch nur einen einzigen Taler abzuhandeln. »So gebe er endlich her.« Mit diesen Worten machte der Amerikaner eine kräftige Anstrengung, die Kleider wieder in seine Gewalt zu bekommen, aber der Jude ließ nicht los, sondern rief: »Sechsunddreißig!« – »Vierzig.« – »Achtunddreißig!« – »Vierzig! Her mit den Sachen!« – »Gott Abrahams! Es sind nicht des Herrn Sachen, sondern es sind die meinigen, denn ich werde geben die vierzig Taler.« Der Sprecher schwitzte im Gesicht. »Gut. Her damit!« meinte Geierschnabel. Der Jude griff zu seiner Sicherheit noch einmal nach den Papieren, wickelte die Kleidungsstöcke dann zusammen, legte sie fort und griff zum Geld. Bei jedem harten, blanken Taler, den er aufzählte, sah man ihm an, wie schwer es ihm wurde, die Summe aufzuzählen. Und dennoch beeilte er sich, den Fremden loszuwerden, damit diesem nicht noch einfallen möge, wo er sein Papiergeld gelassen habe. »So, das sind vierzig Taler«, sagte er endlich. »Ein Heidengeld für solche Lumpen. Wir sind fertig. Der Herr kann gehen.« Geierschnabel lachte ihm ins Gesicht und antwortete: »Ja, wir sind fertig, ich kann gehen. Er hat mir ganz gehörige Preise angesetzt, aber ich habe nichts abgehandelt, weil das ein Gentleman nicht tut. Demnach sind wir quitt. Adieu.« – »Adieu, der Herr.« Kaum war Geierschnabel zur Tür hinaus, so öffnete sich die Tür eines hinter dem Gewölbe liegenden, kleinen Raumes. Dort war das Wohnzimmer des Juden. Seine Frau trat ein. »Levileben!« rief sie, die Hände zusammenschlagend. »Was hast du gemacht Eine große, grausame Dummheit!« Er verschloß den Laden von innen, damit der soeben Fortgegangene nicht wieder eintreten könne, blickte seiner Frau überlegen in das runzelige Gesicht und antwortete: »Was soll ich gemacht haben? Eine Dummheit?« – »Ja, eine grausame und große.« – »Inwiefern Sarahleben.« – »Haste gegeben doch für diese Lumpen vierzig Taler. Bist doch wohl verrückt gewesen in deinem Kopf.« – »Nein, bin ich sehr klug gewesen in dem Kopf, der ist der meinige. Habe ich soeben gemacht ein sehr gutes Geschäftchen.« Das Gesicht der Frau erheiterte sich, indem sie sagte: »Habe ich gehört jedes Wort eures Handels. Wer war der Mann?« – »Weiß ich es? Habe ich ihn gefragt? Ein Dummkopf war es. Kauft mir ab die schlechtesten Sachen um einen wahnsinnigen Preis.« – »Und du kaufst diese Lumpen, die nicht wert sind zehn Silbergroschen, für einen noch wahnsinnigeren Preis.« – »Frau, was verstehst du davon?« – »Haste nicht gegeben vierzig Taler?« – »Ja. Aber diese Lumpen sind wert viermal so viel.« – »Wohl, weil sie sind aus Faultierwolle, he?« – »Faultierwolle? Laß dich auslachen, Sahraleben. Faultierwolle gibt es nicht. Man hat es gemacht weis diesem Menschen.« – »So ist es gewesen nur Schafwolle?« – »Ja.« – »Und du gibst vierzig Taler! Willst du dich einsperren lassen in das Haus, wo die Verrückten haben ihr Sommerlogis?« – »Sarahleben, du dauerst mich. Diese Sachen sind wert hundertundvierzig Taler.« – »Wirst du können dieses beweisen?« – »Ich werde es dir beweisen sofort. Greife in die Tasche.« Er zog die Öffnung der Hosentasche auseinander und hielt sie ihr hin. »Was ist darin?« fragte sie zögernd. – »Greife hinein. Sieh, was du findest.« Sie streckte die Hand hinein und sagte darauf: »Papier.« – »Ja. Nimm es heraus!« Er blickte mit überlegener und gespannter Erwartung auf ihre Hände, die einige Stückchen Papier hervorbrachten. »Was ist es?« fragte er. Sie untersuchte die Stücke und antwortete: »Zerschnittene Zeitung.« – »O Manasse und Ephraim. Ich habe die falsche Tasche erwischt. Greife schnell hier hinein, Sarahleben.« Er hielt die andere Tasche hin, und sie fuhr mit der Hand hinein. »Nichts«, sagte sie. Er erbleichte. »Nichts?« fragte er. »Nichts hast du gesagt?« – »Ja.« – »Es ist nichts darin?« – »Gar nichts.« – »Und in der ersten Tasche?« – »Nur diese Papierfetzen.« Jetzt untersuchte er selbst schnell die Taschen. Es war nicht das mindeste darin zu finden. Er ließ vor Schreck die Hosen fallen. »Gott der Gerechte«, rief er, »ich bin betrogen worden, ich bin kapores, ich bin pleite um vierzig Taler!« Er fühlte sich so schwach, daß er sich auf einen Stuhl niedersetzen mußte. Sie aber stemmte die Arme in die Seite und fragte: »Was bist du? Pleite und kapores bist du um vierzig Taler? Nein. Kapores ist dein Verstand, und pleite ist dein Gehirn.« – »Sarahleben!« jammerte er. »Er hatte doch über zwanzig Scheine in den Hosen stecken.« – »Scheine? Was für Scheine?« – »Zehntalerscheine.« – »Das hast du gesehen?« – »Ja.« – »So hat er sie wieder herausgenommen!« – »Das habe ich nicht gesehen.« – »Wer ist er?« – »Weiß ich es?« – »Wohin ist er?« – »Er sagte, er müsse nach dem Bahnhof.« – »So gehe, springe, laufe, eile, renne! Du mußt ihn finden.« – »Aber wozu, Sarahleben, wozu?« – »Er muß dir die Hosen wieder abkaufen, um vierzig Taler.« – »Er wird sich hüten.« – »Er hat dich betrogen.« – »Nein, sondern ich habe ihn betrügen wollen.« – »Oh, Levileben, was bist du für ein Dummkopf! Ich schäme mich deiner bei jeder alten Hose, die ich zu sehen bekommen werde.« – »Ich bin wie Hiob«, antwortete er. »Erst reich und nun arm.« – »Schweig, Hiob kaufte keine Faultierwolle.« – »Vielleicht hat es damals noch keine Faultiere gegeben. Sarahleben, ich bin matt, ich bin krank, ich bin tot. Mich kann nichts mehr retten, das Grab allein. Oh, vierzig Taler. Oh, Faultierwolle! Oh, alte Hosen! Oh, Sarahleben! Mein Testament ist gemacht. Es liegt dort in der Hochzeitslade. Dir vermache ich alles, die Gläubiger aber bekommen nichts. Leb wohl. Adieu. Gute Nacht, du schnöde Welt!« 24. Kapitel. Der aber, von dem die Rede war, Geierschnabel nämlich, war, als er das Geschäft verlassen hatte, ernsthaft weitergegangen. Sobald er aber hinter der nächsten Ecke in Sicherheit war, stieß er ein lautes Lachen aus. »Oh, Levi«, meinte er. »Wie dumm, wie dumm! Ich steckte die Banknoten ja nur hinein, um dich zu meiern. Und als ich dir die Hosen anbot, waren sie schon längst wieder heraus. Es ist doch wahr, fünf gescheite Juden sind einem Yankee nicht gewachsen. Vierzig Taler für diese Lappen. Es ist ungeheuer. Ich habe meine ganze neue Montur umsonst und auch noch Geld übrig.« Mit dieser neuen Montur nun sah er eigentümlich aus. Er hatte nicht das Äußere eines ehrsamen, ernsthaften Menschen, sondern er sah wie eine Maske aus, wozu allerdings seine Nase nicht wenig beitrug. Sie gab dem wunderlichen Anzug erst das gehörige Relief. Er war nicht weit gekommen, so liefen ihm schon die Jungen nach. Sein Hut, sein Tellerfrack, die alten Lederhosen, die Tanzschuhe, die Nasenquetsche und die Posaune waren ganz geeignet, Zuschauer herbeizulocken. Er bemerkte dies mit dem größten Vergnügen. »Donnerwetter, muß mir der Anzug stehen«, schmunzelte er. »Es wird nicht lange dauern, läuft die ganze Jugend hinter mir her.« So schritt er denn, Sack und Büchse auf dem Rücken, die Posaune aber liebreich auf den Armen tragend, von Straße zu Straße weiter. Sein Gefolge wuchs wie eine Lawine, es zählte bereits nach Hunderten und machte einen solchen Heidenskandal, daß rechts und links die Fenster aufgerissen wurden. »Donnerwetter! Verursache ich hier ein Aufsehen! Mainz wird noch lange an Geierschnabel denken«, brummte er. »Schade nur, daß sie nicht wissen, daß ich es bin, weil ich ja inkognito gehe.« Sein Inkognito sollte aber nicht lange dauern. Ein Polizist kam um die Ecke, erblickte die sonderbare Gestalt und die Menschen, die ihr folgten, und blieb stehen, um den Haufen herankommen zu lassen. Geierschnabel schien ihn gar nicht zu bemerken. Der Polizist aber nahm einen der Halberwachsenen aus der Menge heraus und fragte: »Wer ist der Kerl?« – »Ich weiß es nicht.« – »Woher kommt er?« – »Wir wissen es nicht.« – »Wohin will er?« – »Auch das weiß niemand.« – »Warum lauft ihr ihm nach?« – »Weil er so aufgeputzt ist.« – »So! Was tut er? Was hat er gesagt?« – »Kein Wort. Er schmunzelt nur immer vor sich hin.« – »Ist er nicht einmal stehengeblieben?« – »Nein.« – »Auch in keinem Haus oder Laden gewesen?« – »Nein.« – »Ich werde ihn selbst fragen.« Der Polizist schritt dem Amerikaner nach und faßte ihn beim Arm. »Heda! Wer sind Sie denn eigentlich?« Geierschnabel blieb stehen und betrachtete den Mann. »Pchtichchchchch!« fuhr diesem der berühmte Strahl gerade an der Nase vorüber. »Ich?« fragte er dann. – »Ja, Sie.« – »Warum wollen Sie das wissen?« – »Danach haben Sie nicht zu fragen.« – »So, so. Wer sind denn Sie?« – »Ich bin Stadtwachtmeister.« – »Schön. Da sind wir Kameraden.« – »Wieso?« – »Ich bin Waldwachtmeister.« – »Unsinn. Den gibt's nicht.« – »O doch.« – »Wo denn?« – »Danach haben nun Sie nichts zu fragen.« – »Mann, werden Sie nicht renitent.« Geierschnabel blickte dem Polizisten verächtlich ins Gesicht »Mann, reden Sie nicht so grob!« erwiderte er. – »Wissen Sie, daß Sie mir jede Frage zu beantworten haben?« – »Haben Sie etwa auf einer Ihrer Fragen keine Antwort erhalten?« – »Ja. Aber welche! Woher sind Sie?« – »Von drüben.« – »Von drüben? Was soll das heißen?« – »Na, daß ich nicht von hüben bin.« – »Donnerwetter, das weiß ich! Aber was ist denn eigentlich drüben und hüben?« – »Das weiß jeder Schulbube.« – »Mann, zügeln Sie Ihr Mundwerk, sonst muß ich Sie arretieren.« – »Das würde Ihnen nicht viel helfen.« – »Wie heißen Sie?« – »Geierschnabel.« Jetzt wurde der Polizist ernstlich zornig. »Wollen Sie mich etwa foppen?« fragte er. – »Ganz, wie Sie denken.« – »Woher kommen Sie?« – »Daher.« Geierschnabel zeigte nach hinten. »Und wohin wollen Sie?« – »Dorthin.« Er zeigte nach vorn. »Das ist mir zu bunt. Er ist mein Arrestant.« – »Schön. Was soll das heißen?« – »Daß Er mir zur Polizei zu folgen hat« – »Ah! Nicht übel. Wenn ich es nun nicht tue?« – »So brauche ich Gewalt« – »Und wenn ich mich wehre?« – »So erhält Er wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt drei Jahre Zuchthaus.« – »Himmelelement, das macht dreizehn.« – »Was, dreizehn?« – »Ich sollte heute bereits zehn Jahre bekommen.« – »Ah! Weshalb?« – »Das geht Ihn nichts an.« – »Wo?« – »Auch das geht Ihn nichts an.« – »Mensch, Er ist entweder verrückt oder ein Dummkopf, der sich einen Spaß machen will, was Ihm aber teuer zu stehen kommen wird.« – »Na, soll einer von uns beiden ein Verrückter sein und der andere ein Dummkopf, so will ich gern der Verrückte sein.« – »Mensch, geht das auf mich?« – »Nein, sondern auf mich, den Verrückten nämlich.« – »Aber der Dummkopf bleibt für mich übrig.« – »So, bleibt er wirklich für Ihn übrig? Dafür kann ich leider nicht« – »Ich sehe, daß mit Ihm hier auf der Straße nichts zu machen ist. Folge Er mir! Vorwärts!« – »Wohin?« – »Das wird Er sehen. Was hat Er da in Seinem Sack?« – »Reisegegenstände.« – »Und in diesem alten Schlauch?« – »Meine Jagdbüchse.« – »Also ein Schießgewehr?« – »Ja.« – »Hat Er denn einen Waffenpaß?« – »Hm. Was ist das?« – »Ein schriftlicher Erlaubnisschein, Waffen zu tragen.« – »Ja, den habe ich.« – »Wer hat ihn ausgestellt?« – »Ich.« – »Er selbst?« – »Natürlich.« – »Na, da mache Er sich nur immer auf Konfiskation seines Gewehres und zwei Jahre Zuchthaus gefaßt.« – »Donnerwetter! Wieder zwei Jahre?« – »Ja.« – Weshalb?« – »Wegen Urkundenfälschung.« – »Das macht jetzt in summa bereits fünfzehn Jahre. Es wächst gut.« – »Ja. Wenn das so fortgeht, so kann etwas aus Ihm werden.« – »Nur kein Mainzer Polizist.« – »Nein, das braucht Er sich auch gar nicht einfallen zu lassen.« – »Hm. Eine schöne Polizeinase hätte ich aber doch.« – »Sagt lieber, eine Geier- oder Galgennase.« – »Ganz, wie es Ihm beliebt. Aber was ist das für ein Gebäude?« Sie waren während ihrer Unterredung schnell vorwärts gekommen, gefolgt von einer immer mehr wachsenden Menschenmenge. Jetzt war die Polizeiwache erreicht. »Das ist der Ort, an dem Er erfahren wird, was eine Arretur zu bedeuten hat.« – »Das weiß ich bereits längst.« – »Ah! Er ist schon öfters arretiert worden?« – »Das geht Ihn wieder nichts an.« – »Er ist ein Grobian, dem man das Maul stopfen wird. Trete er ein!« – »Auf diese Stopferei bin ich sehr neugierig, alter Junge.« Sie traten in den Flur des Hauses und von da in ein Vorzimmer, in dem einige Polizisten saßen, die die verschiedenen Meldungen entgegenzunehmen und zu expedieren hatten. Auf einer Bank hockten mehrere Personen, vielleicht Inhaftierte oder Zitierte, die auf die Erledigung Ihrer Angelegenheit warteten. Auf diese Bank deutete der Polizist und gab Geierschnabel die Weisung: »Setze Er sich hierher! Das Maulstopfen wird bald losgehen.« Geierschnabel beachtete diese Worte gar nicht. Er legte seinen Leinwandsack und das Büchsenfutteral auf die Erde und warf sich auf einen Stuhl, der bestimmt war, Beamten als Sitz zu dienen. »Halt! So ist es nicht gemeint«, sagte der Polizist. »Dieser Stuhl ist nicht für Seinesgleichen da.« Geierschnabel zuckte die Achseln und fragte: »Hm. Was für Leute versteht Er denn eigentlich unter meinesgleichen?« – »Solche, die dorthin auf die Bank gehören.« – »Na, so setze er sich gefälligst nur selber hin. Er versteht sich jedenfalls besser auf Seines- als auf meinesgleichen. Ich muß am besten wissen, auf welchen Platz ich gehöre.« Da nahmen die Polizisten den Sprecher ganz erstaunt in Augenschein, und einer von ihnen fragte: »Ein renitenter Kerl! Wer ist er denn eigentlich?« – »Weiß es selber nicht«, meinte der Begleiter Geierschnabels. – »Der Mensch geht ja wie eine Maske. Ist er verrückt?« – »Ich traf ihn auf der Straße, wo ihm das Volk massenhaft nachlief. Er wollte sich nicht legitimieren; darum nahm ich ihn mit.« – »Er wird hier schon reden lernen!« – »Kann es bereits, alter Junge«, meinte Geierschnabel. »Fand es nur nicht für notwendig, auf der Straße mich in eine große Sprecherei einzulassen. Hatte keine Zeit dazu.« – »Hier wird sich die Zeit schon finden.« – »Mit Masse nicht. Ich muß mit dem nächsten Zug weiter.« – »Das geht uns nichts an. Wohin will Er denn eigentlich?« – »Hm! Will er vielleicht mitgehen?« – »Mit Ihm? Fällt mir nicht ein«, lachte der Beamte. – »Nun, so braucht Er auch nicht zu wissen, wohin ich will!« – »Oho! Er ist ja der größte Grobian, der mir vorgekommen ist. Man wird Ihn aber hier die nötige Höflichkeit zu lehren wissen!« – »Pchtichchchchch!« spuckte Geierschnabel ihm am Gesicht vorüber. »Soll ich sie etwa von Ihm lernen?« fragte er. »Er scheint mir die geeignete Person dazu nicht zu sein.« – »Donnerwetter!« fluchte der Polizist. »Was fällt Ihm ein, nach mir auszuspucken und hier mit solchen Beleidigungen um sich zu werfen! Wenn Er das noch einmal wagt, so wird Er hintergesteckt und krummgeschlossen. Jetzt aber stehe Er sofort vom Stuhl auf und mache sich zur Bank hinüber, auf welche Er gehört!« Geierschnabel machte es sich nun erst recht bequem, spreizte behaglich die Beine übereinander und antwortete: »Sachte, sachte, alter Junge! Jeder, der auf diesem Stuhl gesessen hat, darf es sich zur Ehre schätzen, daß ich nun darauf sitze.« – »Also Widerspenstigkeit. Da werde ich Ihm jetzt eine Wohnung anweisen, in der Er es sich bequem machen kann, ohne andere Leute zu genieren und zu beleidigen. Komme Er mit!« – »Wohin?« fragte der Amerikaner ruhig. – »Ins Loch!« – »Ins Loch? Habe verdammt wenig Lust dazu. Das will ich Ihm sagen.« – »Wir fragen den Teufel danach, ob Er Lust hat oder nicht. Was ich sage, das muß gelten. Vorwärts also!« Der Polizist legte seine Hand auf Geierschnabels Arm. Der Präriejäger aber schüttelte ihn von sich ab, erhob sich und sagte: »Mann, höre Er einmal, was ich Ihm jetzt sagen werde. Ich habe nichts Unrechtes getan und nicht das mindeste verbrochen. Ich kann mich kleiden, wie es mir beliebt, und wenn mir das Volk nachläuft, so ist es dumm genug. Als ich arretiert wurde, bin ich ruhig gefolgt. Ich werde mich zu legitimieren wissen, gebe aber nur dann Antwort und Auskunft, wenn man mich so behandelt, wie es ein Gentleman verlangen kann.« Geierschnabels Haltung und seine bestimmten Worte machten Eindruck. Der Polizist blickte ihn befremdet an. »Gentleman?« fragte er verwundert. »Er will doch nicht etwa sagen, daß er ein Engländer sei. Denke Er nur nicht etwa, daß man Ihm das glauben wird!« – »Pah. Was Er glaubt oder nicht glaubt, das ist mir sehr gleichgültig. Aber es scheint allerdings, daß Er mit Gentlemen nicht umzugehen versteht, denn diese pflegt man nicht ›Er‹ zu titulieren. Wenn Er Polizist sein will, so schaffe Er sich vorher das halbe Lot Menschenkenntnis an, das dazu nötig ist.« Das brachte den Beamten wieder in Zorn. »Kerl, was fällt Ihm ein«, rief er mit lauterer Stimme, als man hier im Vorzimmer gewöhnlich zu sprechen pflegt. »Ich will Ihn nur darauf aufmerksam machen, daß wir hier das Recht haben, renitente Vagabunden durch eine Tracht Prügel zur Räson zu bringen.« Da trat Geierschnabel einen Schritt auf ihn zu und rief ebenso laut wie der Polizist: »Prügel? Die sollte er mir wohl nicht bieten! Ich hiebe die ganze liebe Polizei, daß die geehrten Fetzen herumflögen. Bei mir zu Hause pflegt die Androhung von Prügeln bereits eine Beleidigung zu sein. Darum nehme Er sich ja in acht, mir dieses Wort noch einmal zu sagen. Für jetzt will ich es Ihm vergeben und so tun, als ob ich es gar nicht gehört hätte. Bei einer Wiederholung aber wird Er augenblicklich erfahren, was geschehen wird.« Da wurde eine Tür aufgerissen, ein bebrillter Herr steckte den Kopf herein und fragte in verweisendem Ton: »Was geht hier vor? Ich verbitte mir diese Art von Skandal.« Die anwesenden Polizisten stellten sich augenblicklich in Positur. »Verzeihung, Herr Kommissar«, entschuldige sich der eine. »Wir haben hier einen Arrestanten, der im höchsten Grade widerspenstig ist.« Der Kommissar betrachtete sich Geierschnabel. »Alle Teufel, was ist das für ein Kerl?« fragte er. – »Wir wissen es nicht.« – »Wieso? Sie haben ihn doch zu fragen.« – »Er verweigert uns jede Auskunft,« – »Haben Sie nach seiner Legitimation gesehen?« – »Es würde vergeblich sein. Ich wollte ihn Ihnen zum Verhör anmelden, da er uns nicht als voll zu betrachten scheint.« – »Weshalb wurde er arretiert?« – »Sein sonderbares Äußeres zog eine Menge Volkes hinter ihm her. Ich forderte daher Auskunft über seine Person, erhielt aber keine genügende Antwort. Darum arretierte ich ihn.« – »Folgte er gutwillig?« – »Ja. Aber hier wurde er grob und wagte es sogar, Drohungen auszustoßen.« – »Ah! Warum?« – »Weil – hahahaha! Weil wir ihn nicht als Gentleman behandelten, wie er lächerlicherweise verlangte.« – »Nein, sondern weil man mir mit Einsperrung und Prügel drohte«, fiel Geierschnabel ein. Der Kommissar warf ihm einen drohenden Blick zu und sagte: »Er hat zu antworten, wenn Er gefragt wird.« – »Ich kann nicht warten, bis es irgendwem beliebt, mich zu fragen«, antwortete Geierschnabel furchtlos. »Meine Zeit ist mir kurz zugemessen, ich muß mit dem nächsten Zug fort.« – »Wohin?« – »Ich habe keine Veranlassung, das jedermann mitzuteilen.« – »Ah! So, so! Und ich werde es wohl auch nicht erfahren?« – »Wenn Sie die dazu gehörige Kompetenz besitzen und mich in höflicher Weise befragen, so werde ich die Auskunft nicht verweigern.« Der Kommissar lachte höhnisch. »Nun, die nötige Kompetenz besitze ich, und mit Höflichkeit werde ich Ihn so weit bedienen, als es mir angemessen scheint. Was hat Er da in dem Lederschlauch?« – »Eine Büchse.« – »Ein Gewehr? Ah! Hat Er einen Waffenpaß?« – Ja.« – »Was hat Er da in dem Sack?« – »Verschiedenes!« – »Das genügt nicht. Zähle Er das einzelne auf!« – »Das ist nicht meine Sache. Wer hier wissen will, was drin ist, der mag nachsehen. Übrigens erlaube ich mir die Frage, ob dies hier das Zimmer ist, in dem Sie mit mir zu verhandeln haben. Ich habe bereits gesagt, daß ich zur Auskunft bereit bin, aber nicht vor jedermanns Ohren. Es ist kein Wunder, wenn man dann renitent genannt wird.« – »So trete Er ein!« Geierschnabel trat ein und bemerkte, daß sich noch ein zweiter Herr in dem Zimmer befand, der dem anderen so ähnlich sah, daß man sofort erriet, daß diese beiden Brüder seien. Er trug einen langen, dicken, gutgepflegten Schnurrbart und hatte, trotzdem er in Zivil gekleidet war, ein entschieden militärisches Aussehen. Was am meisten an ihm auffiel, das war sein rechter Arm. Aus dem rechten Ärmel ragte nämlich ein feiner Glacéhandschuh hervor, dem man es ansah, daß er keine lebendige Hand bedeckte. Dieser Herr betrachtete den Eintretenden mit halb erstaunten und halb belustigten Blicken. »Alle Wetter, was für eine Vogelscheuche bringst du da herein?« fragte er lächelnd den Kommissar. – »Ein lebendiges Rätsel, dessen Lösung wir gleich finden werden«, antwortete der Gefragte. Dann wandte er sich an Geierschnabel: »Sage Er mir also zunächst, wer Er eigentlich ist!« Der Jäger zuckte die Achseln und antwortete: »Vorher muß ich doch wissen, ob Sie auch wirklich der Mann sind, dem ich Auskunft zu geben habe.« – »Donnerwetter, hat Er nicht gehört, daß ich Kommissar bin?« – »Ja, aber ich glaube es nicht.« – »Das ist allerdings lustig. Warum zweifelt Er daran?« – »Weil ich denke, daß man das Polizeikommissariat nur einem Mann anvertraut, der gelernt hat, mit den Leuten höflich zu verkehren!« – »So! Ich bin also unhöflich mit Ihm?« – »Hm! Ich will nur bemerken, daß ich gewohnt bin, einen jeden Menschen so zu behandeln, wie er mich behandelt. Von jetzt an werde ich Sie auch so nennen, wie Sie mich. Sie haben also die Wahl zwischen Sie und Er.« Der militärisch Aussehende strich sich den Schnurrbart. »Verteufelter Bengel«, meinte er. »Er hat eine Posaune! Jedenfalls ein Bettelmusikant.« Der Kommissar antwortete lachend: »Also ein Künstler! Nun, so werde ich dieser Stellung Rechnung tragen und mich einstweilen des ehrwürdigen ›Sie‹ bedienen.« Und sich zu Geierschnabel wendend, fuhr er fort: »Sie wünschen also zu wissen, vor wem Sie hier stehen?« – »Ich muß allerdings bitten, mir dies mitzuteilen.« – »Nun, weil Sie ein Künstler sind, werde ich so rücksichtsvoll sein, Ihnen diesen Gefallen zu tun. Ich gebe mir also die Ehre, mich Ihnen als den Polizeikommissar von Ravenow vorzustellen.« – »Danke!« antwortete Geierschnabel kaltblütig auf diese mit sichtlichem Hohn ausgesprochenen Worte. – »Und Sie, mein Herr?« fragte der Kommissar. – »Ehe ich darauf Antwort geben kann, muß ich vorher wissen, wer dieser andere Herr ist.« – »Ah, Sie sind verteufelt neugierig. Dieser Herr ist mein Bruder, Leutnant außer Dienst von Ravenow.« – »Er ist nicht hier bei der Polizei angestellt?« – »Nein.« – »So muß ich bitten, ihn zu entfernen.« – »Donnerwetter!« rief da der Leutnant, vom Stuhl auffahrend. »Welch eine Frechheit von diesem Menschen.« Auch der Kommissar zog die Brauen finster zusammen und sagte in streng verweisendem Ton zu Geierschnabel: »Gehen Sie nicht zu weit. Wer hier bleiben kann oder sich entfernen muß, darüber habe ich allein zu entscheiden.« – »Gut, so bitte ich, mich zu entlassen. Ich lasse mich nicht in Gegenwart eines Fremden, der nicht hierhergehört, vernehmen.« – »Schön. Entlassen werde ich Sie allerdings, aber nicht in die Freiheit, sondern in die Zelle, wo Sie Zeit haben werden, sich anders zu besinnen.« – »Ich verlange in diesem Fall vorher dem Vorstand oder Direktor der Polizei gemeldet zu werden.« – »Wozu?« – »Das brauche ich Ihnen vielleicht nicht zu sagen, da Sie es sind, über welchen ich mit dem Direktor zu sprechen beabsichtige. Auf alle Fälle aber werde ich mich erkundigen, ob es wahr ist, daß ich eingesperrt werden kann nur aus dem Grund, daß ich mich nicht in Gegenwart eines Unberufenen vernehmen lassen will.« Der Leutnant räusperte sich und sagte: »Sperre ihn ein und gib ihm die Karbatsche!« Da trat Geierschnabel auf ihn zu und drohte, indem er den rechten Arm wie zum Schlag erhob: »Sage noch so ein Wort, Bursche, so bekommst du eine Maulschelle, daß du deine Nase für einen Luftballon halten sollst! Wenn du denkst, du kannst hier gebieten, weil du Offizier und Bruder dessen bist, der mich zu vernehmen hat, so irrst du dich gewaltig. Ich bin ganz und gar nicht der Mann, der sich von einem anderen einschüchtern läßt.« Geierschnabels Aussehen war allerdings ganz so, daß der Leutnant sich sagen mußte, die angedrohte Ohrfeige werden beim nächsten Wort erfolgen. Er trat daher schnell einen Schritt zurück, warf einen auffordernden Blick auf seinen Bruder und fragte: »Was nun? Ich hoffe, daß du diesen unver...« – »Halt!« unterbrach ihn der Kommissar. »Kein neues Wort, was dich in Gefahr bringen könnte, mit den Fäusten eines – na, dieses Mannes in Berührung zu kommen. Es wäre allerdings ungewöhnlich, das Verhör in deiner Gegenwart vorzunehmen. Ich ersuche dich daher, dich für einige Augenblicke zurückziehen zu wollen. Ich werde mich kurz fassen.« – »Ah! Ich soll also diesem Mann weichen?« fragte der Leutnant sichtlich verärgert. Sein Bruder zuckte die Achsel. »Amtsangelegenheit«, meinte er. – »Nun, so darfst du dich nicht wundern, wenn ich es vorziehe, mich definitiv, anstatt einstweilen zurückzuziehen. Unsere Angelegenheiten sind, denke ich, genugsam besprochen?« – »Ich habe allerdings nichts hinzuzufügen.« – »Nun, so erlaube, daß ich mich verabschiede.« Damit schritt der Leutnant, ohne ein Wort seines Bruders abzuwarten, stolz erhobenen Hauptes zur Tür hinaus. Es war dem eingefleischten Aristokraten unbegreiflich, daß er einem solchen Vagabunden hatte weichen müssen. Es lag in seinem hochmütigen Charakter, dies seinen Bruder dadurch fühlen zu lassen, daß er sich sofort aus dem Zimmer und dem Haus entfernte. Dem Kommissar war es anzumerken, daß er sich darüber grimmig ärgerte, doch suchte er dies soviel wie möglich zu verbergen, und er wandte sich an Geierschnabel: »Ihre Büchse!« gebot er. Der Angeredete zog die Büchse aus dem Futteral und reichte sie ihm. »Hier ist sie«, sagte er. – »Ist sie geladen?« – »Nein.« – »Der Waffenpaß!« – »Hier!« Geierschnabel griff in die Tasche und zog ein Papier hervor, das er dem Beamten reichte. Das Dokument war richtig. Es lautete auf den Inhaber, so daß also der Name Geierschnabel nicht angegeben war. »Öffnen Sie den Sack!« befahl der Kommissar dem Polizisten, indem er den Waffenpaß seinem Besitzer zurückgab. Der Polizist kam dieser Aufforderung nach und zog zunächst einen Beutel heraus, der sehr schwer zu sein schien. Als er ihn öffnete, zeigte es sich, daß der Inhalt aus lauter Goldstücken bestand. »Woher haben Sie dieses Geld?« fragte der Beamte streng. – »Verdient«, antwortete der Jäger kurz. – »Womit?« – »Das ist meine Sache.« – »Oho! Ich muß das wissen, denn dieses Gold läßt sich mit Ihrer Persönlichkeit keineswegs in Einklang bringen.« – »Soll meine Person des Einklanges wegen etwa auch golden sein?« – »Treiben Sie keinen Scherz, er könnte Ihnen teuer zu stehen kommen. Was ist noch in dem Sack?« – »Hier! Zwei Revolver!« meinte der Polizist. – »Ah! Abermals Waffen!« – »Ja. Und hier ein großes Messer.« – »Zeigen Sie her!« Der Kommissar untersuchte das Messer. Dann fragte er Geierschnabel: »Was sind das für Flecke hier an der Klinge?« – »Hm. Das sieht doch jedes Kind!« – »Etwa Blutflecke?« – »Ja.« – »Was für Blut?« – »Menschenblut.« – »Donnerwetter. Sie haben einen Menschen damit erstochen?« – Ja. Mehrere.« – »Wo?« – »An verschiedenen Orten.« – »Wer oder was waren sie?« – »Habe mir das nicht sonderlich gemerkt. Der letzte war Offizier.« Der Beamte blickte den Sprecher ganz starr an. »Mensch!« rief er. »Das wagen Sie, mir ruhig zu gestehen?« – »Warum nicht?« fragte Geierschnabel, indem er ruhig lächelte. – »Ich werde Sie in Eisen legen lassen!« – »Meinetwegen in Zucker oder Pfefferkuchen!« – »Entweder sind Sie wahnsinnig oder ein hartgesottener Bösewicht.« – »Entweder sind Sie sehr dumm oder ein ausgezeichneter Kriminalist.« – »Auf diese Worte werde ich Ihnen später antworten! Suchen Sie schleunigst weiter nach!« Diese Worte galten dem Polizisten, der wieder in den Sack griff und verschiedene Kleidungsstücke hervorzog. Sie waren aus den feinsten Stoffen gearbeitet und mit goldenen und silbernen Schnüren und Tressen besetzt »Was ist das?« fragte der Kommissar. – »Ein Anzug!« antwortete Geierschnabel. – »Das sehe ich! Wem gehört er?« – »Mir!« – »Woher haben Sie ihn?« – »Gekauft!« – »Wozu?« – »Alle Teufel! Zum Anziehen! Wozu sonst?« – »Diese Schnuren und Tressen sind echt; sie kosten viel Geld. Ein Musikant hat nicht die Mittel, sich einen solchen Maskenanzug zu kaufen.« – »Wer sagt, daß es ein Maskenanzug ist?« – »Das sieht ein jeder.« – »Pah! Dieser Jeder müßte sehr dumm sein. Und wer sagt Ihnen denn, daß ich ein Musikant bin?« – »Diese Ihre Posaune.« – »Oh, diese Posaune hat nichts gesagt, sie hat noch keinen einzigen Ton von sich gegeben. Ich habe sie mir erst vor einer halben Stunde von einem Juden hier gekauft.« – »Wie hieß er?« – »Levi Hirsch. Auch der Anzug, den ich trage, ist von ihm.« – »Aber Mensch, wie kommen Sie denn dazu, sich mit einer so auffälligen Kleidung zu behängen?« – »Es gefällt mir so, das ist genug.« – »Wie heißen Sie?« – »William Saunders.« – »Woher?« – »Aus Saint Louis.« – »In den Vereinigten Staaten?« – »Ja.« – »Was sind Sie?« – »Gewöhnlich Präriejäger. Zu Kriegszeiten aber bin ich Kapitän oder vielmehr Rittmeister der US-Dragoner.« – »Das glaube Ihnen der Teufel!« – »Der glaubt es, denn er ist gescheiter als andere, die es nicht glauben.« – »Keine Beleidigung! Können Sie Ihre Angaben beweisen?« – »Wodurch müßte dies geschehen?« – »Durch gute Legitimationen.« – »Gilt ein Paß?« – »Ja.« – »Hier!« Geierschnabel zog nun aus seinem Sack eine alte Ledertasche hervor, nahm eines der darin befindlichen Papiere heraus und reichte es dem Beamten. Dieser blickte hinein, prüfte es und sagte dann erstaunt: »Wirklich ein gültiger Paß, lautend auf Kapitän William Saunders, der sich von New Orleans nach Mexiko begeben will.« – »Hoffentlich stimmt auch das Signalement.« – »Allerdings; in dieser Nase kann man sich nicht irren. Aber wie kommen Sie nach Deutschland anstatt nach Mexiko?« – »Ich war bereits dort.« – »Können Sie das beweisen?« – »Ich denke. Haben Sie vielleicht einmal von einem gewissen Sir Henry Lindsay, Graf von Nothingwell, gehört?« – »Ich glaube. War es nicht jener englische Bevollmächtigte, der den Auftrag hatte, Juarez Waffen zu bringen?« – »Ja. Hier ist ein Zeugnis von ihm.« Geierschnabel gab ein zweites Papier hin. Der Beamte las es durch und sagte dann mehr enttäuscht als erstaunt: »Sie sind der Führer und Begleiter dieses Mannes gewesen?« – »Ja.« – »Und kennen Sie diesen Juarez, von dem Sie soeben sprachen?« – »Wer sollte den Präsidenten Juarez von Mexiko nicht kennen!« – »Haben Sie einen Beweis?« – »Nun, hier haben Sie noch so ein Papier.« Geierschnabel reichte ein drittes Papier hin. Darauf wurde der Kommissar ganz verlegen und rief aus: »Mann, das ist ja eine ganz warme Empfehlung des Präsidenten, geschrieben in englischer und französischer Sprache.« – »Allerdings.« – »Kennen Sie ihn persönlich?« – »Sehr gut. Aber kennen Sie vielleicht auch einen gewissen Señor oder vielmehr einen gewissen Herrn von Magnus?« – »Meinen Sie etwa den preußischen Geschäftsträger in Mexiko?« – Ja.« – »Was ist mit ihm?« – »Hier!« Geierschnabel reichte ein viertes Schreiben hin. Als der Beamte es durchgelesen hatte, betrachtete er sich den Mann noch einmal und sagte verwundert: »Das ist ja ein Paß dieses königlichen Beamten. Wie kommen Sie dazu?« – »Er hat ihn mir ausgestellt.« – »Nein, ich meine, wie Sie zu Herrn von Magnus kommen?« – »Ich habe bei ihm gespeist.« – »Als eingeladener Gast?« – »Natürlich.« – »Aber, Kapitän, das muß ich sagen, Sie haben mich da förmlich an der Nase herumgeführt.« – »Inwiefern?« – »Diese Waffen sind Ihre Jagdwaffen?« – »Allerdings.« – »Mit diesem Messer sind Menschen erstochen worden? Indianer?« – »Oh, auch Weiße.« – »Das ist da drüben allerdings nichts Ungewöhnliches. Uns geht es freilich nichts an. Und dieser Anzug ist eine mexikanische Kleidung, die Sie in jenem Reich getragen haben?« – »Ja, ich gehe gewöhnlich mehr als einfach, aber wenn man beim preußischen Geschäftsträger zu erscheinen hat, so legt man etwas Besseres an. Das werden Sie einsehen.« – »Erlauben Sie mir die Frage, was Sie nach Deutschland führt?« – »Familien- und politische Angelegenheiten.« – »Familiensachen? Haben Sie denn Verwandte hier?« – »Nicht Verwandte, sondern Bekannte.« – »Wo?« – »In Rheinswalden.« – »Ah, ich kenne die dortigen Bewohner. Wen meinen Sie?« – »Alle.« – »Alle, wie habe ich das zu verstehen?« – »Na, den Herzog von Olsunna nebst allen seinen Verwandten.« – »Wetter! Wie kommen Sie zu dieser Bekanntschaft?« – »Ich? Gerade so, wie Sie dazu gekommen sind.« – »Ah, Verzeihung! Es mag sein, daß ich nach diesen Privatsachen keine Berechtigung zu fragen habe. Aber Sie sprachen da auch noch von politischen Angelegenheiten. Was habe ich darunter zu verstehen?« – »Dinge und Verhältnisse, auch Aufträge, von denen ich natürlich hier nicht zu reden habe. Das werden Sie einsehen.« – »Gut. Aber darf ich nicht vielleicht erfahren, wohin Sie von hier aus reisen werden.« – »Nach Berlin.« – »Ah! Mit geheimen Aufträgen?« – »Möglich. Sie sehen also ein, daß ich mich nicht in Gegenwart Ihres Bruders vernehmen lassen konnte.« – »Allerdings.« – »Und daß ich nicht der Mann bin, mir von einem Polizisten Prügel anbieten zu lassen.« – »Ich bitte um Entschuldigung.« Der Beamte war jetzt fest davon überzeugt, daß Geierschnabel wirklich das sei, wofür er sich ausgab. Die Papiere waren unzweifelhaft echt. Er sagte sich, daß eine Beschwerde dieses merkwürdigen Mannes ihn selbst und seine Untergebenen in Ungelegenheiten bringen könne; daher bequemte er sich zu einer Bitte um Entschuldigung. Aber vieles war ihm an dem Fremden geradezu unbegreiflich. Darum fragte er: »Sie waren bereits in Rheinswalden?« – »Ja. Auch in Rodriganda.« – »Und haben mit den Herrschaften gesprochen?« – »Mit allen.« – »Auch mit den Damen?« – »Das versteht sich.« – »Mein Gott! Etwa auch in dieser Kleidung?« – »Fällt mir nicht ein. Ich habe mir diese Sachen erst vorhin bei dem Juden gekauft.« – »Ah! Sie haben sich in mexikanischer Nationaltracht vorgestellt?« – »Bewahre. Solchen Prassel habe ich nicht gemacht.« – »Was hatten Sie denn an?« – »Dieses Habit, oder wenigstens ein ähnliches.« Geierschnabel griff jetzt in den Sack und zog Sachen hervor, die denen, die er in Rheinswalden und Rodriganda getragen hatte, vollständig ähnlich waren: eine alte baumwollene Jacke und Hose, die seit mehreren Jahren nicht in die Hand einer Wäscherin gekommen war. Der Beamte trat erschrocken mehrere Schritte zurück und rief: »In diesen Lumpen?« – »Ja.« – »Die Frau Herzogin hat Sie so gesehen?« – »Natürlich.« – »Die Gräfin Rodriganda?« – »Ja, und auch Ihre Tochter, das Waldröschen.« – »Sind Sie gescheit?« – »Hm. So ziemlich.« – »Aber Sie haben ja Geld genug, sich andere Kleidung zu kaufen!« – »Das habe ich auch getan.« – »Die Sie anhaben? Die ist ja noch viel lächerlicher!« – »Pah! Mir gefällt sie. Sie sollten einmal sehen, wie die Apachen und Komantschen staunen würden, wenn ich so vor sie hintreten könnte. Sie würden mich für den größten Häuptling der Welt halten, und zwar dieses famosen Frackes wegen.« – »Wieso?« – »Weil an demselben so große Knöpfe sind, wie sie solche in ihrem ganzen Leben nicht gesehen haben.« – »Aber Sie befinden sich hier doch weder bei den Komantschen, noch bei den Apachen.« – »Das ist egal. Ein tüchtiger Apache ist zehnmal gescheiter als ein Mainzer Polizist.« – »Herr, Sie werden witzig!« lachte der Beamte. »Es mag sein, daß Sie von einem Wilden nicht arretiert worden wären. Hier aber kann ich Ihnen nicht garantieren, daß es nicht noch einmal geschieht. Ich rate Ihnen wirklich, den Anzug zu wechseln.« – »Er bleibt. Ich tue nichts Böses. Wer mich arretiert, blamiert sich selbst. Hat der Deutsche nicht die Freiheit, sich zu kleiden, wie es ihm beliebt, Herr Kommissar?« – »O doch.« – »Nun, so will auch ich von dieser Freiheit Gebrauch machen. Wie steht es, werde ich noch in die Zelle gesteckt?« – »Nun, da Sie sich legitimiert haben, keineswegs.« – »Ich bin auch bereit, zu warten. Schicken Sie, wenn Sie noch zweifeln sollten, einen Boten nach Rheinswalden, um sich nach mir zu erkundigen.« – »Das ist nicht nötig. Sie sind entlassen.« – »Schön. Da will ich Ihnen für angenehme Unterhaltung meinen Dank sagen. Wissen Sie nun, warum ich mich nicht anders kleide?« – »Nun warum?« – »Nur der Unterhaltung wegen. Ich bin so eine Art von Spaßvogel, und nichts macht mir mehr Vergnügen, als wenn ich zuletzt über andere Leute lachen kann. Adieu, Señor Kommissario!« Während der letzten Worte hatte Geierschnabel alles wieder in seinen Sack zurückgesteckt und diesen nebst der Büchse über die Schulter geworfen. Dann schritt er zur Tür hinaus. »Welch ein Mensch«, meinte der Kommissar zu dem erstaunten Polizisten. »So ein Heiliger ist mir in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen.« – »Waren denn die Papiere wirklich echt?« – »Natürlich.« – »Aber die Menschen werden wieder hinter ihm herlaufen.« – »Leider! Aber ihm macht das Spaß.« – »Würde es nicht besser sein, einen Kollegen in Zivil nachzusenden, um wenigstens einen allzugroßen Auflauf zu verhüten?« – »Das können wir tun. Man muß ihm bis zum Bahnhof nachgehen.« Dies geschah. 25. Kapitel. Geierschnabel wanderte, angestaunt und verfolgt von neugierigen Menschen, nach dem Bahnhof. Dort betrachtete er die Inschriften über den Türen, löste sich ein Billett erster Klasse, wartete aber bis zum Abgang des Zuges im Wartezimmer dritter Klasse. Als der Train bereitstand, wurde er erst im letzten Augenblick von einem Beamten darauf aufmerksam gemacht, daß er einsteigen müsse, wenn er noch mit fortkommen wolle. Er eilte hinaus und bemerkte mit einem raschen Blick, daß nur ein einziges Kupee erster Klasse vorhanden sei. Der Schaffner, an den er sich wandte, blickte ihn erstaunt an. »Erster Klasse wollen Sie fahren?« fragte er. – »Ja.« – »Wirklich erster?« wiederholte der Mann, der es gar nicht begreifen konnte, daß ein so gekleideter Mensch sich der besten Klasse bedienen wolle. – »Zum Donnerwetter, ja doch«, antwortete der Gefragte. – »Haben Sie ein Billett?« – »Das versteht sich!« – »Zeigen Sie einmal!« Geierschnabel gab ihm das Billett. Der Schaffner überzeugte sich, schüttelte den Kopf und meinte dann: »Na, da steigen Sie schnell ein, es läutet soeben zum dritten Male.« Der sonderbare Passagier wurde samt Büchsenfutteral und Leinwandsack in das Kupee geschoben. In demselben Augenblick pfiff die Maschine, die Tür wurde zugeschlagen, und der Zug setzte sich in Bewegung. »Kreuzmillion«, tönte es dem Jäger entgegen. »Was fällt Ihm ein?« Der, welcher diese Worte ausrief, der einzige Passagier, der schon in dem Kupee saß, war kein anderer als Leutnant von Ravenow. »Geht Ihm nichts an«, antwortete Geierschnabel kurz, indem er seine Sachen ablegte und sich behaglich auf das Polster niederstreckte. Damit aber war der einstige Offizier keineswegs einverstanden. – »Hat Er denn ein Billett erster Klasse?« fragte er. – »Geht Ihm abermals nichts an!« lautete die Antwort. Da riß der Leutnant das Fenster auf, um den Schaffner zu rufen; der aber war bereits in seinem Dienstkupee verschwunden. Er wandte sich nun wütend zurück und sagte: »Das geht mich wohl etwas an. Ich muß und will mich überzeugen, ob Er wirklich berechtigt, ist, hier einzusteigen.« – »Sei Er doch froh, daß ich Ihn nicht danach frage. Es ist sogar eine Ehre für Ihn, daß ich mich herablasse, mit Ihm zu fahren.« – »Kerl, nenne Er mich nicht Er. Wenn Er erster Klasse fahren will, so hat Er sich nach den in derselben gebräuchlichen Umgangsformen zu richten, sonst lasse ich Ihn hinausschaffen.« – »Ah, so hat Er ein Billett vierter Klasse genommen, weil Er sich der in dieser gebräuchlichen Umgangsformen befleißigt. Wer hat mit dem ›Er‹ begonnen, Er oder ich? Wenn Er mich provozieren will, so werde nicht ich hinausgeschafft, sondern Er selbst ist es, den ich an die Luft setzen lasse.« – »Himmeldonnerwetter. Will Er eine Ohrfeige haben, Er Lump Er?« – »Oh, ich kann auch mit derselben Ware dienen. Hier hat Er eine Probe davon. Sie wird wohl gut geraten.« Damit holte Geierschnabel mit der Schnelligkeit des Blitzes aus und gab dem Leutnant eine so kräftige Ohrfeige, daß der Getroffene derart mit dem Kopf an die Wand flog, daß ihm für kurze Zeit die Gedanken vergingen. »So«, meinte Geierschnabel. »Ist es Ihm erwünscht, so bin ich bereit, Ihn ganz nach Probe weiter zu bedienen.« Der Leutnant hielt eine Zeitlang die beiden Hände vor das Gesicht. Kaum aber war es ihm gelungen, seine Gedanken zu sammeln, so fuhr er wie ein Wütender empor und brüllte: »Hund, du wagst, mich zu schlagen? Ich massakriere dich.« Im selben Augenblick warf er sich auf Geierschnabel, um ihn bei der Gurgel zu fassen, erhielt aber, ehe ihm dies gelang, eine zweite und so gewaltige Ohrfeige, daß er zurückflog und auf den Boden des Kupees stürzte. »So«, lachte Geierschnabel. »Die erste für den ›Lump‹ und die zweite für den ›Hund‹. Hat er noch mehrere solche Worte in petto, so bin ich zu einer gleichen Antwort gern bereit.« Ravenow raffte sich auf. Seine Wange brannte, und seine Augen waren vor Grimm mit Blut unterlaufen. »Kanaille!« knirschte er, fast sinnlos vor Wut. »Was mache ich mit dir? Ich erwürge dich!« Er drang wieder auf Geierschnabel ein, ohne zu bedenken, daß er sich nur einer Hand zu bedienen vermochte und soeben den Beweis erhalten hatte, daß er auch mit zwei Händen diesem Mann nicht gewachsen sei. Nun erhob sich auch Geierschnabel, der bisher sitzen geblieben war, faßte ihn mit der Linken bei der Brust, schüttelte ihn und antwortete: »Kanaille? Gut, du willst es nicht anders, und ich kann dir ja den Willen tun!« Damit drängte er den Leutnant mit unwiderstehlicher Gewalt in die Ecke, ohrfeigte ihn mit der Rechten auf beiden Seiten und ließ ihn dann in den Sitz fallen. »So«, sagte er. »In Deutschland scheint man sich in den Kupees erster Klasse ganz angenehm zu unterhalten. Ich bin zur Fortsetzung bereit.« Er setzte sich mit größter Seelenruhe wieder nieder. Der Leutnant aber kochte förmlich. Seine Brust arbeitete mit aller Macht, seine Hand hatte sich krampfhaft geballt, und aus seiner Nase floß Blut. Er fand vor Aufregung keine Worte, er stöhnte nur, und es war ihm geradezu unmöglich, sich zu bewegen. Und als erst nach geraumer Zeit er Sprache und Beweglichkeit wiedergefunden hatte, gab die Lokomotive das Zeichen, daß der Zug sich einer Station nähere. Ravenow flog an das Fenster und riß es auf. »Schaffner! Kondukteur! Hierher, hierher«, brüllte er, trotzdem der Zug noch lange nicht im Stehen war. Die Räder rasselten, und die Hemmungen kreischten, der Train hielt. »Schaffner, hierher«, brüllte der Offizier abermals. Der Gerufene hörte der Stimme an, daß hier Eile gewünscht werde. Er kam rasch herbeigesprungen und fragte: »Mein Herr, was wünschen Sie?« – »Machen Sie auf und bringen Sie den Zugführer und den Vorstand der Haltestation!« Der Angeredete öffnete, und Ravenow sprang hinaus. Die beiden gewünschten Herren kamen schleunigst herbei. »Meine Herren, ich habe Hilfe in Anspruch zu nehmen«, sagte Ravenow. – »In welcher Angelegenheit?« fragte der Zugführer. – »Hier zunächst meine Karte. Ich bin Graf Ravenow, Oberleutnant. Man hat mich hier in diesem Kupee überfallen.« – »Ah! Wer?« fragte der Stationsvorsteher. – »Dieser Mensch!« Der Leutnant deutete bei diesen Worten auf Geierschnabel, der behaglich in dem offenen Kupee saß und die Szene mit größter Ruhe betrachtete. »Dieser Mann? Wie kommt er in ein Kupee erster Klasse?« Die beiden Bahnbeamten traten näher, um sich den Amerikaner genauer zu betrachten. »Wie kommen Sie hier herein?« fragte in strengem Ton der Stationsvorsteher. – »Hm! Eingestiegen bin ich«, lachte Geierschnabel. – »Das versteht sich von selbst Aber Sie gehören nicht in das Kupee.« – »So? Ah! Warum nicht?« – »Haben Sie ein Billett erster Klasse?« – »Das hat er«, bestätigte der Schaffner des betreffenden Wagens. – »Auch nicht übel«, meinte der Vorsteher. »Solche Leute und erster Klasse. Herr Graf von Ravenow, darf ich Sie fragen, was Sie unter dem Wort ›überfallen‹ verstehen?« – »Er ist über mich hergefallen und hat mich geschlagen.« – »Ist das wahr?« fragte der Inquirierende den Amerikaner. – Ja«, nickte dieser sehr freundlich. – »Warum? Welchen Grund hatten Sie dazu?« – »Er nannte mich zunächst einen Lump, sodann einen Hund und zuletzt gar eine Kanaille. Für jedes dieser Worte habe ich ihm eine Ohrfeige gegeben. Haben Sie etwas dawider?« Der Vorsteher beachtete diese Frage nicht, sondern wandte sich an den vormaligen Leutnant: »Ist es wahr, daß Sie sich dieser Ausdrücke bedienten?« – »Es fällt mir nicht ein, es zu leugnen. Sehen Sie den Menschen an. Soll ich mir etwa gefallen lassen, mit dergleichen Gelichter zusammenzutreffen, wenn ich erste Klasse bezahle?« – »Hm! Ich kann Ihnen allerdings nicht widersprechen, denn ...« – »Oho«, unterbrach ihn Geierschnabel. »Habe ich nicht dasselbe bezahlt?« – »Das mag sein«, meinte der Vorstand achselzuckend. – »Gehe ich zerrissen oder zerlumpt?« – »Das gerade nicht, aber ich meine ...« – »Oder bin ich mit einem häßlichen Gebrechen behaftet?« – »Man sieht freilich nichts davon.« – »Oder bin ich betrunken?« – »Das müßte untersucht werden.« – »Schön! Untersuchen Sie es. Ich bin neugierig, wie Sie das anfangen werden.« In diesem Augenblick gab der Maschinist durch einen kurzen Pfiff das Zeichen, daß die Zeit verflossen sei. »Meine Herren«, meinte Ravenow, »ich höre, daß man fertig zum Abfahren ist. Ich verlange die exemplarische Bestrafung dieses frechen Menschen.« – »Frech?« rief Geierschnabel. »Willst du eine vierte Ohrfeige haben?« – »Ruhe!« gebot ihm der Stationsvorsteher und wandte sich an Ravenow: »Wenn Sie eine Bestrafung verlangen, so muß ich Sie ersuchen, die Reise zu unterbrechen, um Ihre Aussage zu Protokoll zu geben.« – »Dazu habe ich keine Zeit. Ich muß zur bestimmten Zeit in Berlin sein.« – »Das tut mir leid. Ich brauche Ihre Gegenwart.« – »Soll ich einem obskuren und frechen Menschen meine Zeit opfern?« – »Das ist allerdings wahr.« – »Ich halte es übrigens gar nicht für notwendig, hier ein Protokoll abzufassen. Arretieren Sie den Kerl einfach, lassen Sie ihn vernehmen, und dann mögen die Akten nach Berlin geschickt werden, um meine Aussage aufzunehmen. Meine Adresse haben Sie ja auf dieser Karte.« – »Ich stehe zu Diensten, gnädiger Herr.« Mit diesen Worten trat der Beamte an die Tür des Kupees. »Steigen Sie aus«, gebot er Geierschnabel. – »Ich? Warum?« fragte dieser. – »Sie sind Arrestant!« – »Alle Wetter! Ich muß nach Berlin, ganz ebenso wie dieser Graf.« – »Geht mich nichts an.« – »Ich habe ebenso bezahlt wie er.« – »Ist gleichgültig.« – »Er ist schuld an dem ganzen Vorgang.« – »Das wird sich finden. Steigen Sie aus!« – »Fällt mir nicht ein.« – »So werde ich Sie zu zwingen wissen.« – »Machen Sie keine Umstände mit ihm«, meinte Ravenow. »Ich war dabei, als er bereits in Mainz arretiert wurde. Er ist ein Vagabund, der aus übertriebener Frechheit erster Klasse fährt.« – »So, so! Also bereits einmal arretiert. Steigen Sie aus.« – »Wenn ich zum Aussteigen gezwungen werde, verlange ich ganz dasselbe auch für den Grafen«, erklärte Geierschnabel. – »Halten Sie den Mund! Sie haben sich an ihm vergriffen.« – »Er hat bereits gestanden, daß er mich vorher beleidigt hat.« – »Sie gehören nicht in die erste Klasse.« – »Das zu beweisen, dürfte Ihnen große Mühe machen. Ich erkläre, daß ich ganz dieselben Rechte beanspruche, da ich dasselbe Geld bezahlt habe.« – »Ihr Recht wird Ihnen werden. Aussteigen.« – »Ich bin bereit, mich zu legitimieren.« – »Dazu ist nachher Zeit.« – »Donnerwetter, ich will es aber jetzt.« – »Zügeln Sie Ihr Mundwerk. Wollen Sie endlich aussteigen, oder soll ich meine Hilfsarbeiter herbeirufen?« – »Gut. Lassen Sie mich nicht weiterfahren?« – »Nein.« – »Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß Sie den Schaden zu tragen haben werden.« – »Wollen Sie mir noch drohen?« – »Ich komme schon, alter Freund.« Bei diesen Worten stieg Geierschnabel aus, warf Leinwandsack und Gewehr über, ergriff seine Posaune und wartete, was nun mit ihm geschehen werde. Die Blicke der sämtlichen anwesenden Menschen waren auf ihn gerichtet, er jedoch achtete gar nicht darauf. Der Graf stieg mit triumphierender Miene ein und verabschiedete sich mit einem gnädigen Kopfnicken von den Beamten. Der Stationsvorstand gab das Zeichen, daß der Zug abgehen könne, ein kurzer Pfiff des Zugführers, und die Räder setzten sich in Bewegung. »Kommen Sie!« gebot der Stationsvorstand seinem Gefangenen. – »Wohin?« fragte dieser. – »Zum Verhör.« – »Hm! Da bin ich neugierig.« Sie begaben sich nach der Expedition des Vorstehers, der nach der Polizei schickte. Die betreffende Station war ein kleiner Ort, an dem zwar ein Gendarm stationiert war, der aber wegen seinen anderweitigen Pflichten nicht bei jedem Zug auf dem Bahnhof zu erscheinen hatte. Darum dauerte es einige Zeit, ehe er herbeigeschafft werden konnte. Geierschnabel hatte sich bis dahin ganz ruhig verhalten, zumal auch der Vorstand sich nicht die Mühe gegeben, ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen. Jetzt aber teilte der letztere dem Gendarmen das Geschehene mit. Der Gendarm betrachtete sich den Gefangenen mit hochmütigen Blicken und fragte ihn dann: »Sie haben den Grafen von Ravenow geohrfeigt?« – »Ja«, antwortete Geierschnabel. – »Dreimal?« – »Ja.« – »Warum?« – »Weil er mich dreimal beleidigte.« – »Er hat Sie nur darauf aufmerksam gemacht, daß Sie nicht in ein Kupee erster Klasse gehören.« – »Donnerwetter! Mit ebendemselben Recht könnte ich sagen, daß die gegenwärtige Angelegenheit Sie nichts angeht!« – »Das würde ich mir verbitten!« – »Ebenso habe ich mir die Bemerkungen des Grafen verbeten. Er hat mich Lump, Hund und Kanaille genannt, nachdem ich ihm nicht das geringste zuleide getan hatte. Wer ist da der Schuldige?« – »Sie hatten nicht zu schlagen.« – »Er hatte nicht zu schimpfen. Übrigens gestehe ich Ihnen aufrichtig, daß ich auch Sie ohrfeigen würde, wenn Sie sich erlaubten wollten, in gleicher Weise unhöflich gegen mich zu sein.« – »Was! Sie drohen mir?« – »Unsinn! Ich verteidige nur meine Ansicht, daß auf ein solches Schimpfwort eine Ohrfeige gehört.« – »Sie hätten ihn anzeigen können.« – »Habe keine Zeit dazu. Ebenso konnte er mich anzeigen, anstatt mich zu beschimpfen, wenn er wirklich meinte, daß ich nicht in sein Kupee gehörte.« – »Sie scheinen allerdings nicht in die erste Klasse, sondern viel eher in die vierte zu gehören.« – »Himmeldonnerwetter! Wollen Sie es ebenso machen wie dieser ehrenhafte Herr Graf, so dürfen Sie sich auch nicht beklagen, wenn ich Sie ebenso behandele wie ihn.« – »Ah! Meinen Sie etwa Ohrfeigen?« – »Ich meine gar nichts; aber ich will Ihnen sagen, daß bei mir Wort und Hiebe zusammenzufallen pflegen. Mich hat man arretiert und den Schuldigen mit großen Komplimenten entlassen. Aber wir wollen sehen, ob ich einem Leutnant nachzustehen brauche. Wissen Sie, wer und was ich bin?« – »Das werde ich schon erfahren«, meinte der Polizist. »Haben Sie eine Legitimation bei sich?« – »Das versteht sich. Ich habe mich bereits dem Herrn Stationsvorsteher legitimieren wollen, er aber hat es mir nicht erlaubt. Den Schaden wird er natürlich zu tragen haben.« – »So zeigen Sie her!« Geierschnabel zog alle die Dokumente hervor, die er bereits dem Polizeikommissar zu lesen gegeben hatte. Der Gendarm las sie durch, und sein Gesicht wurde dabei immer länger. Als er fertig war, sagte er: »Himmelelement, ist das eine verdammte Geschichte!« – »Was?« fragte der Stationsvorsteher neugierig. – »Dieser Frack und dieser verdammte Anzug können einen irremachen. Wissen Sie, Herr Vorsteher, was dieser Herr ist?« – »Nun?« – »Zunächst Präriejäger und dabei amerikanischer Offizier, nämlich Kapitän.« – »Unmöglich!« – »Nein, wirklich! Mein bißchen Schulfranzösisch reicht gerade zu, um diese anderen Papiere passabel zu entziffern. Der Herr Kapitän ist Gesandter des Präsidenten Juarez von Mexiko.« Der Bahnbeamte erbleichte. »Wirklich?« fragte er. »Sind diese Papiere denn richtig?« – »Das versteht sich. Und da ist noch eine Empfehlung des Herrn von Magnus, der preußischer Geschäftsträger in Mexiko ist.« – »Wer hätte das gedacht!« Die beiden Männer blickten einander ganz fassungslos an. »Na, wie steht es nun?« fragte Geierschnabel. – »Aber, mein Herr, warum kleiden Sie sich in dieser Weise!« rief der Stationsvorsteher. – »Darf ich mich etwa nicht kleiden, wie es mir beliebt?« – »O doch. Aber Ihr Gewand ist schuld, daß wir Sie für etwas anders gehalten haben, als Sie sind.« – »Mein Gewand? Pah! Suchen Sie keine Entschuldigung. Nicht mein Gewand ist schuld, sondern Sie selbst haben sich anzuklagen.« – »Ich wüßte nicht, weshalb.« – »Ich habe Ihnen angeboten, mich zu legitimieren. Sie haben mir das nicht erlaubt; das ist die Schuld. Was wird nun geschehen?« – »Sie sind natürlich frei«, sagte der Gendarm. – »Trotzdem ich den Leutnant geohrfeigt habe?« – »Ja. Es ist das eine gegenseitige Beleidigung, die nur auf Antrag bestraft wird. Der Graf mag den Antrag stellen; mich geht es nichts an.« – »So. Hm. Das ist interessant! Weil ich Offizier bin, läßt man mich laufen, wäre ich das nicht, so hätte man mich eingesperrt, weil der hochgnädige Graf es haben wollte. Der Teufel hole diese liebenswürdige Art der Gerechtigkeit!« – »Entschuldigung, Herr Kapitän«, meinte der Bahnbeamte. »Der Graf sagte, Sie hätten ihn angefallen.« – »Was weiter?« – »Daraus mußte ich schließen, daß es sich um einen strafbaren Angriff handle.« – »Unsinn! Er hat zugegeben, daß meine Ohrfeigen nur die Antworten auf seine Beleidigungen waren.« – »Aber Ihr Äußeres! Ihre Posaune!« – »Schweigen Sie! Meine Posaune hat hierbei gar nichts verschuldet. Wissen Sie überhaupt, ob der Mensch, den ich geohrfeigt habe, wirklich Graf von Ravenow ist, für den er sich ausgab?« – »Natürlich.« – »So? Inwiefern denn?« – »Er hat sich ja legitimiert!« – »Davon weiß ich nichts!« – »Er gab mir seine Karte.« – »Donnerwetter! Meine Legitimation wurde nicht angesehen, und die Karte dieses Menschen hatte Geltung. Eine solche Karte kann sich ein jeder Schwindler anfertigen lassen. Ihre Unvorsichtigkeit wird Ihnen noch ganz bedeutend zu schaffen machen.« Der Bahnbeamte erschrak. »Ich hoffe, daß der Herr Kapitän sich mit meiner Bitte um Verzeihung zufriedengibt«, sagte er. – »Zufrieden? Ich? Na, meinetwegen! Ich bin einmal eine alte, gute Seele. Wie aber andere die Sache aufnehmen werden, das weiß ich nicht.« – »Andere? Darf ich fragen, wer da gemeint ist?« – »Hm. Eigentlich nicht. Aber unter dem Siegel des Dienstgeheimnisses will ich es Ihnen anvertrauen. Ich gehe zu Herrn von Bismarck.« Der Stationsvorsteher trat einen Schritt zurück. »Zu Bismarck?« rief er, ganz erschrocken. – »Ja.« – »Ich hoffe, daß da das fatale Vorkommnis nicht in Erwähnung genommen wird.« – »Nicht? Im Gegenteil! Ich muß es sehr ausführlich erwähnen.« – »Dürfte das nicht zu umgehen sein, Herr Kapitän?« – »Nein. Ich muß doch sagen, warum ich zu der anberaumten Konferenz nicht erscheinen konnte.« Jetzt war es dem Beamten, als ob er eine fürchterliche Ohrfeige erhalten hätte. Er blickte den Amerikaner ganz erstarrt an und fragte: »Eine Konferenz?« – »Ja, eine wichtige, diplomatische Konferenz, die ich nun versäumen werde. Hätten Sie meine Legitimation gelesen!« – »Mein Gott, ich bin verloren!« – »Das glaube ich auch, aber das geht mich gar nichts an.« – »Kommen denn der Herr Kapitän nicht noch zur rechten Zeit, wenn Sie den nächsten Zug benutzen?« – »Nein. Es war genau auf die Viertelstunde ausgerechnet.« – »Welch ein Malheur! Was ist da zu tun?« – »Gar nichts. Oder glauben Sie etwa, daß ich, um Ihre Dummheiten gutzumachen, einen Extrazug nehmen werde?« Da atmete der geängstigte Mann tief auf. »Einen Extrazug?« fragte er. »Ah, das ginge! Das wäre das einzige Mittel, die verlorene Zeit wieder einzubringen.« – »Das ist freilich wahr; aber ich werde mich nicht dazu verstehen.« – »Darf ich fragen, warum?« – »Ihr ganzes Verhalten war eine einzige große Beleidigung gegen mich. Soll ich diese Beleidigung etwa noch belohnen? Soll ich sie etwa noch mit dem Preis für einen Extrazug bezahlen?« – »Herr Kapitän, das verlange ich ja gar nicht.« – »Nicht? Was denn?« – »Ich stelle Ihnen eine Maschine mit Wagen kostenfrei zur Verfügung.« – »Hm. Das ließe sich vielleicht überlegen.« – »Die Maschine bringt Sie, wenn Sie den Zug nicht eher erreichen, bis Magdeburg, wo Sie ihn dann sicherlich noch treffen.« – »Wann könnte es hier fortgehen?« – »Gleich allerdings noch nicht. Ich muß nach Mainz um die Maschine und den Wagen telegrafieren.« – »Eine verdammte Geschichte!« – »Sie können überzeugt sein, daß es mir ebenso unangenehm ist. Ich bitte ganz dringend, auf meinen Vorschlag einzugehen. Ich bedaure, einen Fehler begangen zu haben, aber Sie werden mir die Gelegenheit nicht versagen, ihn wieder gutzumachen.« Geierschnabel blickte dem Beamten nachdenklich in das Gesicht. In seinen Zügen zuckte es eigentümlich. Er rieb sich die Nase, machte sogar ein pfiffiges und höchst vergnügtes Gesicht und fragte: »Sagte dieser Graf nicht, daß er nach Berlin will?« – »Ja.« – »Fährt er über Magdeburg?« – »Bebra und Magdeburg.« – »Muß er in Magdeburg aussteigen?« – »Er wird aussteigen. Es ist ein längerer Aufenthalt da.« – »Und ich kann den Zug vor Magdeburg noch einholen?« – »Es kann eingerichtet werden, daß Sie ihn auf einer Nebenstation überholen.« – »So daß ich also eher in Magdeburg bin als der Graf?« – »Ja.« – »Gut. Ich gehe auf Ihren Vorschlag ein.« – »Sie erlauben also, daß ich telegrafiere?« fragte der Mann erfreut. – Ja.« – »Und werden die Güte haben, meinen Irrtum nicht zu erwähnen?« – »Na, ärgerlich war die Geschichte, doch ich will sie hingehen lassen. Aber sagen Sie, haben Sie hohes Einkommen?« – »Nein.« – »Und der Extrazug ist teuer?« – »Ich werde allerdings sehr lange Zeit an den Folgen dieser Ausgabe zu leiden haben.« – »Hm. Es ist Ihnen schon recht, aber mich dauert es. Wie wäre es, wenn wir die Kosten untereinander teilten?« Da klärte sich das Gesicht des Mannes blitzschnell auf. »Herr, ist das wahr?« fragte er. – »Ja, was will ich denn weiter tun, wenn ich Sie nicht unglücklich machen will!« – »Ich danke. Sie zeigen hier, daß Sie in Wahrheit Amerikaner sind.« – »Wieso?« – »Gentleman.« Geierschnabel fühlte sich geschmeichelt. Er machte abermals ein höchst pfiffiges Gesicht und sagte: »Besser wäre es wohl, wenn ich sämtliche Kosten trüge?« – »So, daß ich gar nichts zu bezahlen brauchte?« – »Ja.« – »Allerdings wäre mir das am allerliebsten, Herr Kapitän.« – »Na, da mag es sein. Ich zahle alles.« – »Wirklich? Wirklich?« beeilte sich der Beamte zu fragen. – »Ja, ich mache aber die Bedingung, daß ich vor dem Grafen in Magdeburg bin.« – »Ich werde dafür sorgen, daß dies geschieht.« – »Und sodann verlange ich von Ihnen einige Zeilen.« – »Welchen Inhaltes?« – »Daß ich mich legitimiert habe und daß Sie infolge der Angaben des Grafen in Unannehmlichkeiten geraten sind.« – »Darf ich erfahren, welchen Gebrauch Sie mit diesen Zeilen machen wollen?« – »Der Graf wird mich in Magdeburg sehen und wohl von neuem Händel suchen. Ihre Zeilen sollen mir als Ausweis dienen, daß ich Ihnen nicht etwa entflohen bin.« – »Ich werde Sie Ihnen schreiben, sobald ich die Depesche nach Mainz besorgt habe.« – »Tun Sie das. Nun Sie, Gendarm! Ich bin also entlassen?« – »Ganz und gar, Herr Kapitän«, antwortete der Polizist. – »So sind Sie unnütz bemüht worden.« Der Mann zuckte die Achsel und meinte: »Das muß man sich gefallen lassen!« – »Wirklich? Na, weil Sie sich so guten Mutes darein finden, will ich Ihnen diese Stimmung nicht verderben. Hier nehmen Sie.« Geierschnabel griff in die Tasche, langte zwei Talerstücke hervor und reichte sie dem Polizisten hin. Der also Beschenkte bedankte sich auf das höflichste und verließ dann mit dem Stationsvorstand, der die Depesche besorgen wollte, das Zimmer. Draußen blieben die beiden noch einige Minuten beieinander. »Eine eigentümliche Geschichte«, meinte der Gendarm. – »Und ein eigentümlicher Kerl«, flüsterte der Beamte. – »Sie konnten da in bedeutende Verlegenheit kommen.« – »Das ist richtig. Aber der Teufel mag es diesem Mann ansehen, daß er eine so wichtige Persönlichkeit ist.« – »Hm. Dieser Frack!« – »Dieser Hut!« – »Diese Weste!« – »Diese Lederhosen!« – »Ein Leinwandsack!« – »Eine alte Posaune! Unbegreiflich!« – »Aber Geld muß er haben, und zwar nicht wenig.« – »Das versteht sich ganz von selbst. Aber begreifen kann ich nicht, daß er in einem solchen Habit läuft.« – »Hm, ich habe einige amerikanische Reisen gelesen und dabei erfahren, daß die Präriejäger auf Kleider gar nichts geben. Sie pflegen im Gegenteil Ihr Äußeres oft absichtlich zu vernachlässigen.« – »Das wäre vielleicht eine Erklärung. Ein gutes Gemüt aber hat dieser Kapitän auf alle Fälle. Ich hätte nicht geglaubt, daß er die bedeutenden Kosten auf sich nehmen würde.« Ja, ein gutes Gemüt hatte Geierschnabel allerdings. Und der Gedanke, dem Grafen zuvorzukommen und ihn zu verblüffen, hatte etwas so Erfreuliches, daß der alte, brave Jäger sich leicht dazu entschloß, die Kosten dieser Unterhaltung auf sich zu nehmen. Eine Stunde später kam die verlangte Maschine an. Geierschnabel stieg abermals in ein Kupee erster Klasse, dieses Mal aber nicht von einem Donnerwetter empfangen; dann rasselte der kurze Train zum Bahnhof hinaus. 26. Kapitel. Es war schon längst Nacht, als der Zug, mit dem Ravenow fuhr, Börsum erreichte. Hier gab es einige Minuten Aufenthalt. Ravenow harte es sich sehr bequem gemacht und sich sogar eine Zigarre angebrannt. Da ertönte draußen der Ruf: »Magdeburg, erster Klasse!« – »Verdammt!« murmelte Ravenow. »Nun ist es aus mit dem Rauchen.« Er stand bereits im Begriff, die Zigarre aus dem Fenster zu werfen, als das Kupee geöffnet wurde und sein Blick auf den Einsteigenden fiel. Er behielt die Zigarre in der Hand. »Guten Abend«, grüßte der neue Passagier. – »Alle Teufel! Guten Abend, Herr Oberst«, antwortete Ravenow. Der Neuangekommene fixierte den Sprecher schärfer und fragte dann: »Sie kennen mich, mein Herr?« – »Natürlich. Ich hoffe nicht, daß Sie mich verleugnen wollen?« – »Verleugnen? Keineswegs. Mit wem habe ich die Ehre?« Ravenow wußte gar nicht, was er denken sollte. »Was, Sie kennen mich nicht?« fragte er. – »Leider, nein.« – »Das ist unmöglich.« – »Ich besinne mich wirklich nicht.« – »Das ist stark. Das ist unbegreiflich. Verlangen Sie wirklich, daß ich Ihnen meinen Namen sage?« – »Ich ersuche Sie um die Gefälligkeit.« – »Da stehen mir weiß Gott die Haare zu Berge. Sollte Ihr Gedächtnis oder vielmehr Ehr Augen während dieser Zeit so schwach geworden sein?« Der Oberst zog ein befremdetes Gesicht. »Ich wüßte nicht, daß ich über mein Auge und Gedächtnis zu klagen hätte«, meinte er, ein wenig pikiert. Das Kupee war geschlossen worden, der Zug hatte sich in Bewegung gesetzt. »Nun, dann müßte es an mir liegen«, meinte Ravenow. »Sollte ich mich so verändert haben?« – »Möglich«, lächelte der Oberst. »Also bitte, Ihr Name.« – »Pah, das ist gar nicht notwendig. Hier ist das Erkennungszeichen!« Dabei reckte Ravenow den rechten Arm empor, so daß man die imitierte Hand deutlich bemerken konnte. Der Oberst fuhr zurück. »Was?« rief er. »Wäre es möglich?« – »Möglich? Was denn?« – »Sie wären Leutnant Ravenow?« – »Donner und Doria! Wer denn sonst?« – »Na, das hätte ich nicht denken können. Mensch, wie sehen Sie denn aus?« Der Leutnant blickte den Oberst ganz erstaunt an. »Wie ich aussehe? Ich verstehe Sie nicht.« – »Mein Gott, dort ist ja der Spiegel. Haben Sie denn nicht hineingesehen?« Ravenow war allerdings bis jetzt so mit seinem Zorn beschäftigt gewesen, daß er merkwürdigerweise keinen einzigen Blick in den Spiegel geworfen hatte. Er stand auf, trat vor das Glas, fuhr aber sofort erschrocken zurück. »Hölle und Teufel«, rief er. »Wer ist das? Das soll doch nicht etwa ich sein?« – »Wer denn sonst?« fragte der Oberst. – »So, so also bin ich zugerichtet! Na, warte, mein Bursche. Ich werde dir den Satan auf den Leib schicken. Ich kann mich weiß Gott vor keinem Menschen sehen lassen.« – »Das scheint mir auch so. Was haben Sie denn gehabt?« – »Hm. Eine ganz verdammte Geschichte.« – »Ein Sturz vielleicht?« lächelte der Oberst. – »Nein.« – »Oder vor Schreck? Man erzählt sich ja von Menschen, deren Gesicht vor Schreck oder Angst blauschwarz angelaufen ist.« – »Auch nicht«, antwortete Ravenow ärgerlich. – »Dann müßte man meinen, daß Sie aus einer recht intensiven Schlägerei kommen. Doch das ist ja unmöglich.« – »Oh, was das letztere betrifft, so gibt es sogenannte Unmöglichkeiten, die doch passieren. Ich werde Ihnen die Sache erzählen. Vorher aber eine Erklärung. Woher kommen Sie?« – »Aus Wolfenbüttel.« – »Wohin fahren Sie? Nur nach Magdeburg?« – »Nein, nach Berlin. Und Sie kommen?« – »Aus Mainz.« – »Und gehen?« – »Auch nach Berlin.« – »Ist mir lieb. Wenn Sie wüßten, weshalb ich nach Berlin gehe.« – »Ah, der Grund, der mich nach der Hauptstadt zieht, ist jedenfalls ebenso oder noch interessanter als der Ihrige. Sie werden staunen.« – »Sie ebenso.« – »Wirklich?« – »Sie machen mich neugierig.« – »So will ich Sie nicht martern. Ich komme infolge einer Depesche.« – »Ich ebenso. Es handelt sich um eine Angelegenheit, derentwillen es mir ganz lieb ist, Sie unterwegs zu treffen.« – »Ganz dasselbe habe ich auch Ihnen zu sagen. Leutnant von Golzen hat mir telegrafiert.« – »Wirklich?« fragte Ravenow überrascht. »Mir auch.« – »Ah!« rief nun seinerseits der Oberst. »Wann?« – »Gestern.« – »Mir auch. Kannte er Ihren Aufenthalt?« – Ja.« – »Den meinigen auch. Ich vermute jetzt, daß der Inhalt der beiden Depeschen derselbe ist.« – »Und daß wir aus derselben Ursache nach Berlin gehen.« – »Sie meinen doch diesen – diesen Schurken?« – »Diesen obskuren Helmers? Ja.« – »Golzen telegrafierte mir, daß der Kerl in Berlin eingetroffen sei. Er hat ihn vorgestern gesehen.« – »Ganz denselben Inhalt hatte auch meine Depesche. Ich brach natürlich heute auf.« – »Um Ihren damaligen Schwur zu halten?« – »Ja.« – »Und ich den meinigen. Rache für dieses hier.« Der Oberst erhob nun seinerseits den rechten Arm. Auch er trug eine falsche Hand, die in einem Handschuh steckte. Ravenow stampfte den Boden mit dem Fuß. »Wenn ich an jene Zeit denke, könnte ich rasend werden«, knirschte er. »Jung, reich, Hahn im Korbe bei den Damen und eine Karriere vor sich. Da kam dieser verfluchte Mensch, und ... ach!« – »Ist's mit mir nicht ebenso?« fragte der Oberst finster. »Ich stand im Begriff, General zu werden. Donnerwetter, Sie sind noch zu beneiden gegen mich.« – »Ich? Wieso?« – »Sie haben keine Frau.« – »Freilich. Ich begreife.« Ravenow stieß ein höhnisches Lachen aus. – »Diese Vorwürfe! Keine Pension! Wenig Vermögen!« – »Kommen Sie zu mir!« – »Danke. Es muß schon so viel werden, wie ich brauche, den Hunger zu stillen. Muße habe ich genug.« – »Ich ebenso. Ich habe sie gut benutzt.« – »Ich nicht weniger. Ich habe mich täglich mehrere Stunden geübt.« – »Im Schießen?« – Ja, im Schießen mit der linken Hand.« – »Gelingt es?« – »Ich behaupte, jetzt besser zu treffen als früher mit der Rechten.« – »Und ich führe den Degen jetzt mit der Linken ausgezeichnet. Dieser Helmers müßte gerade vom Teufel beschützt werden, wenn er zum zweiten Male davonkäme.« – »Sie beabsichtigen also wirklich ...« – »Ich gehe nach Berlin, um ihn zu fordern«, meinte Ravenow kurz. – »Und ich gehe nach Berlin, um ihn kaltzumachen«, erklärte der Oberst. »Mögen die Folgen sein, welche sie wollen.« – »Pah, Folgen«, meinte der Leutnant verächtlich. »Hier handelt es sich um eine Rache, deren Gelingen auch für die schwersten Folgen entschädigen wird. Die Frage ist, ob wir den Kerl finden.« – »Jedenfalls.« – »Aber, wo?« – »Im Palast des Herzogs von Olsunna.« – »Wissen Sie, daß er dort abgestiegen ist?« – »Nein, ich vermute es, weil er stets dort gewohnt hat.« – »Sie mögen recht haben. Wissen Sie, wo er sich bisher befand?« – »Man munkelte von einer Reise nach Rußland.« – »Auch ich hörte davon. Dieser Schifferjunge hat ein Glück, das geradezu fabelhaft ist.« – »Mir gilt es gleich.« – »Mir auch. Ich fordere den Kerl, schieße ihn nieder und bin gerächt.« – »Aber ich hoffe, daß Sie mir die Vorhand lassen.« – »Wie damals? Warum?« – »Ganz aus dem früheren Grund.« – »Darüber läßt sich noch sprechen. Haben Sie bereits daran gedacht, wen Sie als Sekundanten engagieren werden?« – »Nein, das wird sich finden.« – »Meinen Sie? Ich denke, daß wir da auf Schwierigkeiten stoßen werden.« – »Welche?« Der Oberst wurde ein klein wenig verlegen. »Man wird vorsichtig sein«, meinte er. »Man wird sofort ahnen, daß es sich um Leben und Tod handelt.« – »Pah«, lachte Ravenow. »Sie können immerhin deutlich sprechen, ohne daß ich es Ihnen übelnehme. Sie meinen, daß unsere Ehre nicht mehr so glänzend erscheint wie früher.« – »Leider«, seufzte der Oberst. Jene Tage haben uns auch in dieser Beziehung viel Schaden gemacht.« – »Ich gebe keinen Heller darauf. Was ist Ehre? Diese Frage ist auch eine Pilatusfrage. Wie kommt es, daß die Ehre eines Offiziers zum Teufel ist, sobald derselbe von einem Stock berührt wird oder eine Ohrfeige bekommt? Tradition! Überlieferung von alten Urtanten und Urcousinen her!« Ravenow schnippste mit den Fingern verächtlich in die Luft, aber seine Augen funkelten doch, wie unter einer zornigen Erregung. Die Schläge des Amerikaners waren außerordentlich kräftig gewesen. Das ganze Gesicht des Leutnants war geschwollen; Nase und Lippen hatten eine dunkle, blauschwarze Färbung angenommen. Es war wirklich kein Wunder, daß der Oberst ihn nicht erkannt hatte. »Hm«, meinte dieser. »Eine Ohrfeige ist doch etwas höchst Heikles, man mag es betrachten, wie man es will.« – »Aber auch der größte Ehrenmann ist nicht sicher vor einer solchen.« – »Das begreife ich nicht.« – »Nicht? Ich begreife es sehr gut; ich habe es sogar gefühlt.« – »Das klingt ja gerade, als hätten Sie die eigentümliche Färbung Ihres Gesichtes einer Anzahl von Ohrfeigen zuzuschreiben.« – »Nun, und wenn es in Wirklichkeit so wäre?« – »Ich wüßte nicht, was ich dann denken sollte. Man müßte da den vorliegenden Fall beurteilen können.« – »Gut, Sie sollen ihn beurteilen!« – »Ach, also doch«, rief der Oberst, dessen Interesse erregt war. – »Ja, also doch.« – »Man hat Ihnen eine Ohrfeige zu geben gewagt?« – »Eine? Viel mehr«, lachte Ravenow, aber sein Lachen war ein Lachen der Wut und des Grimmes. – »Wer wäre das gewesen? Hoffentlich ein – ein...« – »Nun, ein ...« – »Ein Mensch, dessen Berührung nicht ganz und gar vernichtend auf das wirkt, was man Ehre nennt?« – »Gerade das Gegenteil. Der Kerl war ein Vagabund, ein ganz gewöhnlicher Vagabund.« – »Leutnant!« rief der Oberst erschrocken. – »Ein Vagabund«, wiederholte Ravenow, »ein herumziehender Musikant.« – »Da kann ich Sie nur bedauern, aber ich begreife Sie nicht.« – »Der Teufel hole Sie mit Ihrem Bedauern. Ich brauche es nicht.« – »Gut. Erzählen Sie!« Ravenow erzählte nun den ganzen Vorgang. »Ich erstaune. Ich hätte ihn ermordet oder wäre vor Wut zerborsten. Sie bemächtigten sich natürlich des Burschen?« rief endlich der Oberst. – »Das versteht sich. Er befindet sich jetzt hinter Schloß und Riegel und sieht einer exemplarischen Bestrafung entgegen.« – »Leutnant, Leutnant. Diese Affäre ist nicht etwa sehr ehrenhaft für Sie.« – »Ich weiß das selbst. Sie wundern sich, daß ich überhaupt davon erzähle.« – »Natürlich. Dergleichen Dinge verschweigt man am liebsten.« – »Erstens wollte ich Ihnen beweisen, daß auch der größte Ehrenmann nicht vor Ohrfeigen sicher ist.« – »Ich danke für diesen Beweis.« – »Und sodann sehen Sie ja mein Gesicht. Wie sollte ich Ihnen die Geschwulst desselben erklären?« – »Ein Sturz«, lächelte der Oberst. – »Hätten Sie dies geglaubt?« – »Aufrichtig gesagt, nein.« – »Sie sehen also; daß ich recht habe, Ihnen kein Hehl aus dem Geschehenen zu machen. Der Teufel aber weiß, wie lange diese impertinente Geschwulst anhalten wird.« – »Ist etwas Innerliches verletzt?« – »Nein.« – »So rate ich Ihnen, rohes Fleisch aufzulegen, und zwar sofort.« – »Woher es bekommen?« – »In Magdeburg. Wir werden sogleich die letzte Station vor dieser Stadt erreichen. Am Büfett oder in der Küche gibt es auf jeden Fall rohes Fleisch. Sie können es gut auflegen, da wir uns allein im Kupee befinden. Wir fahren drei Stunden bis Berlin, bis dahin kann die bedeutendste Hitze bereits gewichen sein.« Sie fuhren jetzt eben in die Station ein, wo sie längere Zeit halten blieben. Dies fiel dem Obersten so auf, daß er das Fenster öffnete, um sich nach der Ursache dieser Verzögerung zu erkundigen. »Schaffner«, fragte er, »warum wartet man so lange?« – »Es ist ein Extrazug angekündigt, den wir vorüberlassen müssen«, lautete die Antwort. Es dauerte auch nicht lange, so kam der Extrazug herangerollt. Er bestand aus der Maschine und nur einem Wagen. Aus dem einen Fenster des letzteren blickte ein Kopf, dessen Augen den hier haltenden Zug lebhaft musterten. Der Oberst erblickte den Kopf, trotzdem der Extrazug mit großer Geschwindigkeit vorüberfuhr. »Himmelbataillon!« rief er. – »Was denn?« rief Ravenow. – »Welch eine Nase das war.« – »Wo?« – »Aus dem Fenster guckte ein Kerl, der hatte eine Nase, fast so groß wie eine Pflugschar.« – »Ha! Größer kann sie unmöglich gewesen sein als die Nase des Vagabunden, mit dem ich es heute zu tun hatte.« Jetzt setzte sich nun auch ihr Train wieder in Bewegung. Als sie Magdeburg erreichten, war von dem Extrazug bereits nichts mehr zu sehen. Da Ravenow es vermeiden wollte, sich erblicken zu lassen, so ging der Oberst an das Büfett und ließ sich ein Quantum rohgewiegtes Fleisch geben, das er seinem Reisegefährten brachte. Dieser legte es, als sie wieder im Kupee saßen, in sein Taschentuch und band sich dasselbe aufs Gesicht, gerade als der Zug sich wieder in Bewegung setzte. Der Leutnant hatte das geschwulststillende Mittel kaum eine Minute aufliegen, so seufzte er erst leise, dann lauter und ließ darauf sogar ein Stöhnen hören. »Was gibt es? Was haben Sie?« – »Wissen Sie genau, daß rohes Fleisch hilft?« – »Ja. Es zieht in kürzester Zeit die Geschwulst zusammen.« – »Aber es brennt furchtbar.« – »Das muß es auch.« – »So sehr?« – »Es wird wohl zum Aushalten sein.« Ravenow schwieg, begann aber bald wieder zu stöhnen, rückte auf seinem Platz hin und her und riß endlich das Tuch herunter. »Ich halte es nicht aus«, meinte er. – »So schlimm kann es doch unmöglich sein«, sagte der Oberst verwundert. Da hielt Ravenow das Fleisch an die Nase. »Haben Sie gesagt, wozu Sie das Fleisch wollen?« fragte er. – »Nein, natürlich nicht« – »In welcher Weise verlangten Sie es?« – »Ich fragte nach rohem Rindfleisch und erhielt zur Antwort, daß solches in Stücken nicht mehr zu haben, sondern nur noch gewiegt vorrätig sei. Daher ließ ich mir von letzterem geben.« – »Ohne zu fragen, ob es auch rein sei?« – »Unsinn. Womit sollte man es verunreinigt haben?« – »Verunreinigt nicht; aber hier, Oberst, riechen Sie.« Ravenow hielt dem Reisegefährten das Tuch mit dem Fleisch an die Nase. »Danke«, meinte der Oberst »Ich habe niemals einen besonders scharfen Geruch gehabt, und heute leide ich am Schnupfen, der beinahe chronisch zu werden scheint Ich rieche absolut nichts.« – »So kosten Sie wenigstens einmal.« – »Von dem Fleisch?« fragte der Oberst erschrocken. »Welches sich in Ihrem Taschentuch befindet?« – »Natürlich.« – »Und das Sie auf der geschwollenen Backe liegen hatten?« – Ja.« – »Donnerwetter! Da muß ich denn doch bestens danken!« – »Eigentlich sollten Sie aber zur Strafe doch kosten müssen!« – »Warum?« – »Weil dieses Fleisch bereits zu rohen Beefsteaks vorbereitet gewesen ist. Verstanden?« – »Unmöglich!« – »Es ist eine ganz unverschämte Quantität Salz, Pfeffer und Zwiebel daran. Und das soll eine Geschwulst mildern?« – »Hm! Das tun der Pfeffer und die Zwiebel freilich nicht. Wie dumm von diesen Leuten! Werfen Sie das Zeug zum Fenster hinaus.« 27. Kapitel. Gerade als Ravenow dem Ruf des Obersten Folge leistete, rollte der Zug in Neustadt-Magdeburg ein und hielt, um etwaige Passagiere aufzunehmen. Da erklang in der Nähe des Kupees die Frage: »Nach Berlin, Schaffner?« – »Ja, weiter vorn.« – »Vorn ist ja die dritte Klasse.« – »Welche fahren denn Sie?« – »Erste.« – »Sie? Wirklich erste?« – »Sie haben es gehört.« – »Zeigen Sie Ihr Billett.« – »Hier.« Man konnte vom Kupee aus nichts sehen, aber der Schaffner betrachtete jedenfalls das Billett, dann hörte man ihn sagen: »Richtig! Steigen Sie schnell hier ein. Es geht augenblicklich fort.« Er öffnete die Tür, und der Passagier stieg ein. »Guten Morgen«, grüßte er höflich. Er erhielt keine Antwort, denn Ravenow konnte vor Staunen nicht sprechen, und der Oberst antwortete aus Indignation nicht, da der Eingetretene nicht ein Mann zu sein schien, dessen Gruß man zu beantworten brauchte. Der Fremde setzte sich, und sofort brauste der Zug weiter. »Herr, mein Heiland!« stieß da Ravenow hervor. – »Was ist?« fragte der Oberst. Der Gefragte deutete wortlos auf den Fremden, der es sich mit seinem Sack, seiner Flinte und Posaune so bequem wie möglich zu machen suchte. Der Oberst betrachtete ihn ein Weilchen und richtete dann den Blick auf Ravenow. Dieser hatte sich inzwischen von seiner Bestürzung erholt. »Oberst, wissen Sie, wer dieser Mensch ist?« fragte er hastig. Der Gefragte antwortete halblaut: »Ganz sicher jener Mann, dessen fürchterliche Nase mit dem Extrazug eingerasselt kam.« – »Es ist mein Mann, mein Mann!« – »Ihr Mann? Wie denn? Wie meinen Sie das?« – »Der Vagabund, der – ach, die Ohrfeigen.« – »Donnerwetter! Ist's wahr?« – »Freilich!« – »Ich denke, er ist gefangen?« – »Ja, er wird abermals entflohen sein.« – »Mit einem Extrazug?« – »Wer kann wissen, wie es zugegangen ist. Wann kommen wir zur nächsten Station?« – »In sechs Minuten nach Biederitz.« – »Dort lassen wir ihn festnehmen.« – »Irren Sie sich nicht? Wissen Sie genau, daß er es ist?« – »Wie wäre bei dieser Nase und der Posaune ein Irrtum möglich!« – »Werde gleich sehen.« Der Oberst warf sich in eine höchst unternehmende Haltung, wandte sich an Geierschnabel und fragte: »Wer sind Sie?« Geierschnabel antwortete nicht. »Wer sind Sie?« wiederholte der Oberst. Abermals keine Antwort. »Hören Sie! Ich habe gefragt, wer Sie sind.« Um das Rollen der Räder zu übertönen, hatte der Oberst die letzte Frage fast brüllend ausgesprochen. Da nickte Geierschnabel ihm äußerst freundlich zu und antwortete: »Was ich bin? Ein Passagier.« – »Das weiß ich!« rief der Oberst »Ihren Namen will ich wissen!« – »Schön. Sie sollen ihn erfahren.« – »So sagen Sie ihn doch auch.« – »Hm. Wann wollen Sie ihn denn wissen?« – »Natürlich gleich.« – »O weh! Ich habe ihn leider gerade nicht bei der Hand.« – »Treiben Sie keinen Blödsinn! Woher kommen Sie?« – »Von Mainz.« – »Ah, Sie waren beim Polizeikommissar von Ravenow?« – »Allerdings.« – »Und unterwegs wurden Sie abermals arretiert?« – »Leider.« – »Wie kommen Sie nach Magdeburg?« – »Mittels Extrazuges.« – »In den Sie sich eingeschmuggelt haben? Man wird dafür sorgen, daß Sie nicht wieder entkommen, Sie Lumpazi vagabundus!« – »Lumpazi? Vagabundus? Hören Sie, gutes Männchen, sprechen Sie in meiner Gegenwart diese beiden Worte nicht wieder aus!« Der Oberst bog sich in herausfordernder Art zu ihm herüber. »Weshalb?« fragte er. – »Die Antwort könnte Ihnen nicht gefallen.« – »Soll dies etwa eine Drohung sein?« – »Nein, sondern eine Warnung.« – »Die brauche ich nicht. Behalten Sie dieselbe für sich.« Endlich hatte Ravenow einen Entschluß gefaßt. Er sah in dem Oberst einen Verbündeten, auf den er rechnen konnte; sie beide waren dem Fremdem jedenfalls gewachsen. Es war Zeit, ihm seine Ohrfeigen mit Zinsen zurückzugeben und ihn dann arretieren zu lassen. »Bitte, sprechen Sie nicht mit diesem flegelhaften Geschöpf«, sagte Ravenow daher zu dem Oberst. »Ich werde ihn der Polizei übergeben, die am besten weiß, was mit einem solchen Lump anzufangen ist.« Er hatte das letzte Wort noch nicht ausgesprochen, so geschah ein lauter Klatsch. Geierschnabel hatte dem Sprecher eine so fürchterliche Ohrfeige appliziert, daß er von seinem Sitz herunterflog. Da sprang der Oberst empor und faßte Geierschnabel bei der Brust. »Halunke!« rief er. »Das sollst du büßen!« – »Hand weg! Augenblicklich!« gebot Geierschnabel, indem seine Augen funkelten. Er befand sich noch auf seinem Platz, während der Oberst vor ihm stand. »Was?« antwortete der letztere. »Befehlen willst du mir? Da nimm hin, was dir gehört!« Er holte zu einer Ohrfeige aus, brach aber in demselben Augenblick mit einem lauten Schmerzensschrei zusammen. Geierschnabel hatte mit der Linken den Hieb pariert und ihm die rechte Faust boxgerecht in der Weise in die Magengrube gestoßen, daß er sofort kampfunfähig war. Ravenow konnte seinem Verbündeten nicht zu Hilfe kommen. Die letzte Ohrfeige war eine so intensive gewesen, daß er genug hatte. Es war ihm, als ob sein Kopf ein gigantischer Luftballon sei, in dem es keinen einzigen Gedanken gab. Es brummte und summte um ihn herum, er hatte kein Gefühl, keinen Gedanken und keinen Willen mehr. Und der Oberst hockte mit zusammengeklapptem Leib auf dem Sitz und stieß ein angstvolles Wimmern aus. »Das habt Ihr von dem Lumpazi vagabundus!« rief Geierschnabel. »Ich werde Euch lehren, höflicher zu sein.« – »Mensch, was hast du gewagt!« stöhnte der Oberst. – »Gar nichts. Was wäre bei Euch zu wagen!« – »Ich lasse dich arretieren.« – »Werden sehen!« – »Vorsätzliche Körperverletzung wird mit Zuchthaus bestraft.« – »Das sind auch schöne Körper, die sich so leicht verletzen lassen! Bist wohl auch ein Offizier, mein Junge? Ja, renommieren könnt Ihr, aber bei so einem guten Trapperstoß, da knickt Ihr zusammen.« – »Wir werden dich schon zähmen!« stieß der Oberst mit Mühe hervor. – »Das wird sich sogleich zeigen.« Die Maschine gab in diesem Augenblick das Zeichen, daß man an einer Station ankomme. Als der Zug hielt, öffnete Geierschnabel das Fenster und rief den Schaffner an. Dieser kam herbeigeeilt. »Was befehlen Sie?« fragte er diensteifrig. – »Schnell den Zugführer und Stationsvorsteher her!« – »Weshalb?« – »Eine Beschwerde.« – »Wir haben keine Zeit.« – »Es muß Zeit werden. Ich bin im Kupee überfallen worden.« Das half sofort. Der Schaffner sprang davon, und zwei Sekunden später kamen die beiden Gewünschten herzu. Geierschnabel hatte die ganze Fensteröffnung eingenommen, so daß seine beiden Mitreisenden gar nicht gehört werden konnten. »Was ist's? Was wünschen Sie?« fragte der Zugführer von weitem. – »Wie lange halten Sie hier?« – »Nur eine Minute. Sie ist bereits verflossen. Wir müssen fort.« – »Gedulden Sie sich nur noch eine. Ich werde Sie nicht länger aufhalten. Herr Stationsvorsteher, ich bin heute im Kupee zum zweiten Male überfallen worden; ich bitte, meine beiden Mitreisenden zu arretieren.« – »Wer sind Sie, mein Herr?« – »Hier, mein Paß!« Geierschnabel hatte ihn bereitgehalten. Es war noch nicht Tag. Der Vorsteher prüfte den Paß beim Schein der Laterne und sagte dann: »Ich stelle mich zur Verfügung, Herr Kapitän. Wer sind die beiden Männer?« – »Der eine gibt sich für einen Grafen aus, der andere ist sein Spießgeselle. Glücklicherweise ist es mir gelungen, sie einstweilen unschädlich zu machen. Darf ich aussteigen?« – »Ich bitte Sie darum. Leute her!« Es war kein Polizist zugegen, aber infolge des letzten Rufes kamen einige Bahnarbeiter herbei, die genügend erschienen, zwei Arrestanten zu überwältigen. Das war viel schneller geschehen, als man zu erzählen vermag. Der Oberst und Ravenow hatten jedes Wort gehört, das gesprochen wurde, und beide waren über das unerwartete Vorgehen Geierschnabels so erstaunt und verwirrt, daß sie sprachlos sitzen blieben, selbst als der Schaffner die Tür öffnete und der Amerikaner hinaussprang. »Wo sind sie?« fragte der Vorsteher. – »Da sitzen sie«, antwortete Geierschnabel. Da bog sich der Vorsteher in das Kupee hinein und befahl: »Bitte, aussteigen. Aber schnell!« – »Das geht nicht«, antwortete der Oberst. Wir sind ...« – »Weiß schon«, unterbrach ihn der Beamte. »Heraus! Heraus!« – »Donner und Doria!« rief jetzt Ravenow. »Wissen Sie, daß ich Leutnant Graf von Ravenow bin?« Der Beamte leuchtete ihm mit einer Laterne in das Gesicht und antwortete mit überlegenem Achselzucken. »Schön! Sie sehen ganz wie ein Graf aus. Steigen Sie endlich aus, sonst werde ich Gewalt anwenden müssen.« – »Unser Gepäck ...« wollte der Oberst sagen. – »Wird alles besorgt. Heraus damit, Ihr Leute!« Die beiden früheren Offiziere mußten heraus. Sie wurden einstweilen gar nicht angehört, sondern in einem sicheren Zimmer bewacht. Geierschnabel blieb bei dem Vorsteher, der die Wegnahme des Gepäckes überwachte. »Schöne Sachen!« lachte einer der Arbeiter. »Da ist wahrhaftig eine alte Posaune! Herrjesses, diese Knillen und Löcher! Welch ein Elend muß es sein, diese alte Karline brummen zu hören.« – »Und hier ein Sack«, meinte der andere. »Das ist der richtige Beweis, daß diese Kerle Spitzbuben sind. Gehören eine Posaune und so ein Sack in die erste Klasse? Na, der Trödel, der drinstecken wird.« Sie hielten Geierschnabels Gepäck für das Eigentum der beiden anderen, und er gab sich keine Mühe, sie über den richtigen Sachverhalt aufzuklären. Als das Kupee geleert war, rollte der Zug von dannen, die Effekten der beiden Offiziere mitnehmend, da sie sich nicht im Kupee, sondern unter dem Passagiergut befunden hatten. »Bitte, wollen Sie mir folgen, Herr Kapitän?« bat der Vorstand und geleitete ihn in seine Expedition, wo er ihn einlud, sich niederzusetzen. Geierschnabel tat dies und zog seine übrigen Papiere hervor. »Ich will meine Legitimation vervollständigen«, sagte er. »Haben Sie die Güte, Einsicht zu nehmen.« Der Beamte las die Dokumente durch. Er fühlte sich von Respekt durchdrungen. Ein Bekannte des berühmten Juarez! Nur eins kam ihm sonderbar vor: die Kleidung dieses berühmten Mannes. Daher sagte er: »Hier Ihre Papiere zurück, Herr Kapitän. Es genügte der zuerst gelesene Paß; ich sehe nun aber, mit welch einem Herrn ich zu tun habe. Würden Sie mir eine Frage gestatten?« – »Sprechen Sie.« – »Selbst wenn die Frage zudringlich erscheint?« – »Ich werde antworten.« – »Warum kleiden Sie sich nicht Ihrem Stande gemäß?« Da machte Geierschnabel eine sehr wichtige, geheimnisvolle Miene, legte die Hand an den Mund und antwortete: »Inkognito.« – »Ah, so! Man soll nicht wissen, wer Sie sind.« – »Nein. Darum der Sack, das Futteral und die Posaune.« – »Ah, diese sind Ihr Eigentum?« – »Ja; ich reiste als Musikus.« – »Ich begreife.« – »Ich hoffe, daß mein Inkognito bei Ihnen nicht Gefahr läuft« – »Ich habe gelernt, zu schweigen. Darf ich nun vielleicht um Ihren Bericht bitten?« – »Ich gebe Ihnen denselben zwar kurz, aber gern. Ich komme von Mainz. Als ich dort in ein Kupee erster Klasse stieg, saß der Mensch darin, der der jüngere der beiden ist. Er gab sich für einen Grafen aus und fing Händel mit mir an. Ich vermute, daß er ein französischer Spion ist, der mir folgt, um mich auf alle Weise zu verhindern, bei Herrn von Bismarck zu erscheinen, zu dem ich von Juarez geschickt werde.« – »Wir werden dafür sorgen, daß diesem Herrn Franzosen alle weitere Lust zu Intrigen vergeht.« – »Ich hoffe es. Also, er fing Händel mit mir an, und ich gab ihm einige Ohrfeigen.« – »Recht so.« – »Freut mich, daß Sie mir beistimmen. Leider aber stieg er unterwegs aus, gab sich für einen Grafen aus und mich für einen Vagabunden. Der dortige Stationsvorsteher besaß nicht Ihren Scharfblick und Ihre Menschenkenntnis. Ich wurde festgehalten, den anderen aber ließ man weiterfahren.« – »Welch eine ungeheure Albernheit«, rief der geschmeichelte Beamte. »Man sieht doch sofort schon beim ersten Blick, daß Sie ein einflußreicher Mann inkognito sind. Weiter.« – »Der sogenannte Graf hatte sich nur durch eine Visitenkarte legitimiert; mich hörte man gar nicht an. Aber als ich später meine Dokumente vorlegte und erklärte, daß ich eine Konferenz versäume, zu der Bismarck mich erwarte, fühlte sich dieser gute Vorsteher geradezu niedergeschmettert Eigentlich beabsichtigte ich, ihn bestrafen zu lassen, aber er gab so gute Worte, daß ich davon absah. Ich nahm bis Magdeburg einen Extrazug, um meinem Zug nachzukommen, ließ mir aber von dem Vorstand erst diese Zeilen geben. Ich ahnte nämlich, daß der sogenannte Graf, sobald er mich wieder erblicke, mir neue Hindernisse in den Weg legen werde.« Der Beamte las die Bescheinigung durch und sagte dann: »Das ist mir von hohem Wert. Mein Kollege da hinten erklärt, daß er durch die falschen Angaben des Grafen verführt worden sei. Mich soll er nicht verführen. Bitte, fahren Sie fort.« – »Ich kam nach Magdeburg, und als ich in das Kupee stieg, erblickte ich meinen Widersacher. Ein zweiter war bei ihm.« – »Da begann wohl die Machination?« – »Ja. Sie fingen wieder Streit an. Der andere wollte mich prügeln. Ich gab aber dem Grafen eine Ohrfeige, daß er genug hatte, und dem anderen einen Stoß in die Magengrube, daß ihm die Luft ausging. Glücklicherweise langten wir dann gleich hier an. Hätten sich die beiden wieder erholen können, so wäre es wohl um mich geschehen gewesen.« – »Ich werde sie bei den Haaren nehmen. Aber apropos, halten Sie den anderen auch für einen Franzosen?« – »Nein, sondern für einen Russen. Sie wissen doch, daß Rußland gerade die deutschen Grenzen besetzt. Der Teufel weiß, was dieser Mann in Deutschland machen und ausführen soll.« – »Wir wollen ihm das Handwerk legen. Genehmigen Sie, daß ich sie verhöre.« – »Gern.« – »Natürlich sind Sie dabei. Ich bitte, mir zu folgen.« Der Beamte führte Geierschnabel nach dem Zimmer, in dem die beiden Gefangenen untergebracht waren. Sie befanden sich da unter der Aufsicht von zwei Bahnarbeitern, die kein Auge von ihnen wendeten. Gleich als die beiden eintraten, brauste Ravenow auf. »Wie können Sie sich unterstehen, uns als Gefangene zu behandeln!« – »Ruhe!« rief ihm der Beamte entgegen. – »Ich frage, wie Sie es wagen können ...« – »Und abermals Ruhe, sonst verschaffe ich mir welche! Sie haben nur dann zu antworten, wenn ich frage.« – »Richtig! So muß es sein«, bemerkte der eine der Arbeiter. Geierschnabel bekam einen Stuhl, und nun fragte der Stationsvorsteher zunächst den Obersten nach seinen Namen. Dieser nannte ihn. »Haben Sie eine Legitimation bei sich?« – »Wozu? Ich werde doch nicht ein Dutzend Pässe einstecken, wenn ich von Wolfenbüttel nach Berlin gehe.« – »Also Sie haben keine Legitimation bei sich?« – »Nein.« – »Hm, hm. Sind Sie in Rußland bekannt?« – »Ich war einmal auf Urlaub dort.« – »Bei wem?« – »Ich habe Verwandte da. Warum?« – »Nicht Sie haben zu fragen, sondern ich.« – »Richtig! So muß es sein«, stimmte der Arbeiter gravitätisch bei. – »Aber wie kommen Sie auf Rußland zu sprechen?« fragte trotzdem der Oberst. – »Das werden Sie besser wissen als ich.« – »Donnerwetter! Sie wollen mich wohl gar als im Einvernehmen mit Rußland herausspielen? Das wäre denn doch zu famos!« – »Was Sie für famos halten, ist mir gleichgültig. Einstweilen zu dem anderen. Wie heißen Sie, und was sind Sie?« – »Ich bin Leutnant Graf von Ravenow.« – »Können Sie das beweisen?« – »Ja.« – »Sie haben eine Legitimation?« – »Ja, hier.« Ravenow griff in die Tasche und brachte eine Visitenkarte hervor. »Haben Sie nichts anderes?« fragte der Beamte. – »Nein.« – »Die Karte gilt nichts. Jeder kann sich auf irgendeinen beliebigen Namen Karten drucken lassen.« – »Alle Teufel, ich gebe aber mein Wort, daß ich der bin, für den ich mich ausgebe!« – »Was geht mich Ihr Wort an! Sprechen Sie französisch?« – Ja.« – »Kennen Sie Frankreich?« – »Sehr gut. Warum?« – »Nur ich habe zu fragen; Sie aber haben zu antworten.« – »Richtig! So muß es sein«, stimmte der Arbeiter bei. – »Sie geben zu, daß Sie Frankreich kennen, das genügt«, fuhr der Beamte fort. »Sie haben mir nun zu sagen, woher Sie kommen.« – »Aus Mainz.« – »Dort stieg dieser Herr mit ein?« – Ja. Aber ein Herr soll er sein? Pah! Ein Lump ist er!« – »Bemühen Sie sich nicht, ihn anzuschwärzen. Ich kenne ihn genau. Sie haben ihn an einem Anhaltepunkt hinter Mainz arretieren lassen?« – »Ja.« – »Das kann Ihnen teuer zu stehen kommen.« – »Unsinn!« – »Der dortige Vorstand schreibt mir, daß Sie ihn irregeleitet haben.« – »Wie könnte sein Brief bereits hier sein?« – »Das ist meine Sache.« – »Richtig! So muß es sein«, stimmte der Arbeiter bei. – »Wo trafen Sie mit dem anderen hier zusammen, der sich für einen Obersten ausgibt?« fuhr der Stationsvorsteher fort. – »Unterwegs.« – »Sie hatten sich bestellt?« – »Nein, es war zufällig.« – »Sie kannten sich?« – »Ja, schon sehr lange.« – »Woher?« – »Dumme Frage! Wir haben in demselben Regiment gedient.« – »Wenn Sie noch einmal den Ausdruck gebrauchen, dessen Sie sich bedienten, werde ich mein Verhalten gegen Sie verschärfen!« – »Richtig. So muß es sein«, meinte der Arbeiter, indem er Ravenow einen Stoß in die Seite versetzte. – »Kerl!« brauste der Leutnant auf. »Rühre mich nicht noch einmal an, sonst schlage ich dich zu Boden!« – »Das werden wir zu verhindern wissen«, sagte der Vorstand. »Herr Kapitän, wünschen Sie, daß wir sie binden lassen?« – »Ja, ich beantrage, sie zu fesseln«, erklärte Geierschnabel. – »Was?« fragte Ravenow. »Kapitän will dieser Mensch sein? Was denn für einer, he?« – »Ich wiederhole, daß Sie hier gar nicht zu fragen haben.« Der Arbeiter war zur Seite getreten, um eine Rolle starker Packschnur hervorzusuchen. Jetzt kam er damit herbei und meinte: »Richtig! So muß es sein. Her mit den Händen!« – »Ich lasse mich nicht binden; ich bin ein Edelmann!« rief Ravenow. – »Sie haben mit Tätlichkeiten gedroht, ich muß Sie binden lassen«, antwortete der Beamte. »Leisten Sie Widerstand, so sehe ich mich gezwungen, mit größter Strenge gegen Sie zu verfahren.« Ravenow blickte den Obersten fragend an. Dieser antwortete: »Keine Gegenwehr. Diese Leute sind der Beachtung gar nicht wert. Man wird uns eine glänzende Genugtuung geben müssen.« – »Davon bin ich überzeugt. Aber wehe dann diesen Kerlen! Da bindet mich, doch sage ich Euch, daß es Euch teuer zu stehen kommen wird.« – »Ein Graf, der sich Ohrfeigen geben läßt, wird uns nicht sehr gefährlich werden können«, meinte der Vorstand. »Aber was ist denn das? Es fehlt Ihnen beiden ja die rechte Hand.« Der Beamte erhielt keine Antwort. Über Geierschnabels Gesicht ging ein lustiges Wetterleuchten; er sagte rasch: »Donner, da fällt mir etwas ein. Das ist außerordentlich wichtig.« – »Was?« fragte der Beamte. – »Vor zwei Jahren wurden in Konstantinopel zwei Spione ertappt. Der eine war ein Russe, gab sich aber für einen preußischen Obersten aus, und der andere war ein Franzose, gab sich aber für einen deutschen Grafen und Leutnant aus. Der Sultan milderte das Todesurteil, er schenkte ihnen das Leben, ließ aber beiden die rechte Hand abhacken.« – »Unsinn!« rief der Oberst. – »Verdammte Lüge!« erklärte der Leutnant. – »Ruhe«, gebot der Stationsvorstand. »Ich weiß jetzt ganz genau, woran ich mit Euch bin. Herr Kapitän, wünschen Sie, daß ein Protokoll aufgenommen werde?« – »Das ist nicht nötig. Der Prozeß wird in Berlin gemacht werden. Die Hauptsache ist, daß man sie hier nicht entkommen läßt.« – »Dafür werde ich sorgen. Ich werde sie den Gendarmen übergeben, bis dahin aber sollen sie gefesselt und hinten im Gewölbe eingeschlossen und bewacht werden. Schafft sie fort!« – »Richtig, so muß es sein!« triumphierte der Arbeiter. Die beiden verunglückten Offiziere verzichteten auf jede weiteren Einsprüche. Es wurden ihnen die gesunden Arme an den Leib gebunden, und darauf schaffte man sie in das Gewölbe. »Da haben wir einen wichtigen Fang gemacht«, sagte der Stationsvorsteher erfreut zu Geierschnabel. – »Einen höchst wichtigen«, antwortete dieser. »Wann geht der nächste Zug nach Berlin ab?« – »In drei Stunden.« – »Mit diesem fahre ich. Ich werde unseren Fang dort gleich zur Meldung bringen, und dann empfangen Sie telegrafische Instruktion.« So geschah es. Mit dem nächsten Zug dampfte Geierschnabel nach Berlin, während die beiden Gegner des listigen und übermütigen Jägers in ihrem Gewölbe auf Rache sannen. 28. Kapitel. Beim Aussteigen in der Residenz erregte Geierschnabels ungewöhnliche Erscheinung natürlich kein geringes Aufsehen. Er entging demselben dadurch, daß er sich in eine Droschke setzte, deren Kutscher er als Ziel den Gasthof zur Stadt Magdeburg angab. Als er dort den Wagen verließ, wurde er nicht weniger angestaunt. Schon seine Physiognomie war auffällig, und seine Kleidung glich ganz derjenigen eines gewöhnlichen Mannes, der auf einem Volksmaskenball als altmodischer Dorfmusikus erscheint. Er lächelte bei den erstaunt auf ihn gerichteten Blicken wohlgefällig in sich hinein und fragte den herbeigetretenen Oberkellner: »Das ist der Gasthof zur Stadt Magdeburg?« – Ja«, antwortete der Gefragte. – »Kann ich ein Zimmer bekommen?« Der Kellner betrachtete sich den Mann abermals und meinte dann: »Hm. Sie sind jedenfalls nicht von hier?« – »Ich glaube nicht.« – »Haben Sie Legitimation?« – »Das glaube ich.« – »So kommen Sie.« Damit führte der Kellner den sonderbaren Gast durch den Flur auf den Hof, wo er eine Tür öffnete. »Hier herein!« sagte er. Geierschnabel trat ein und blickte sich um. Es war ein dunkles, rauchiges Gewölbe. Auf dem Fenster standen verschiedene Wichs- und Schmierrequisiten, in einer Ecke lag ein Werkzeugkasten, an den Wänden hingen zahlreiche Kleidungsstücke, auf Reinigung harrend, und an einer Tafel saßen mehrere Personen bei Schnapsgläsern, sich mit einer schmutzigen Karte beschäftigend. »Donnerwetter! Was ist denn das für ein Loch?« fragte er. – »Die Hausknechtstube.« – »Was habe ich bestellt, die Hausknechtstube oder ein Zimmer?« Der Oberkellner lächelte vornehm und meinte: »Allerdings ein Zimmer. Aber sagen Sie, was Sie darunter verstehen?« – »Nun, diese Hölle jedenfalls nicht.« – »Sie sind es wohl feiner gewöhnt?« – »Allerdings«, nickte Geierschnabel. – »Das sieht man Ihnen nicht an.« – »So etwas kommt öfters vor. Sie halten mich nicht für fein, und ich bin es doch. Bei Ihnen aber findet wohl das Gegenteil statt?« – »Wie meinen Sie das?« – »Sie sehen fein aus, sind es aber nicht.« Da zog der Oberkellner ein höchst indigniertes Gesicht und erwiderte: »Alter Freund, solche Retourkutschen sind bei uns nicht Mode. Wenn Sie bei uns bleiben wollen, müssen Sie vor allen Dingen höflich sein.« – »Sie versprechen sich wohl, es muß heißen, wenn ich bei Ihnen bleiben soll, müssen Sie vor allen Dingen höflich sein. Also ein Zimmer.« – »Wie hoch?« – »Neuntausendsechshundertfünfundachtzig Ellen.« Die am Tisch sitzenden Handwerksburschen lachten, der Kellner aber zeigte ein verdrießliches Gesicht und antwortete: »Sie scheinen sehr schwer von Begriff zu sein. Ich meine, wie hoch im Preis Sie das Zimmer verlangen.« – »Dann scheinen Sie sehr schwer in Ausdrücken zu sein. Sprechen Sie deutlich, wie es sich für einen Mann gehört, dessen Pflicht es ist, die Gäste zu bedienen. Ich verlange ein anständiges Zimmer. Der Preis ist Nebensache.« Da machte der Kellner eine tiefe, höhnische Verbeugung und sagte: »Ganz wie Sie befehlen. Kommen Sie.« Er führte Geierschnabel nun zurück und eine Treppe empor. Droben auf dem ersten Korridor stand eine Tür offen. Sie führte in ein fein ausgestattetes Vorzimmer, an das sich ein noch eleganteres Wohnzimmer anschloß. Durch eine zweite Tür konnte man in ein daranstoßendes Schlafzimmer blicken. »Genügt Ihnen das?« fragte der Oberkellner, in der Erwartung, daß der Gast ganz erschrocken zurücktreten werde. Dieser aber warf einen gleichmütigen Blick um sich und antwortete: »Hm. Vornehm noch lange nicht, aber auch nicht übel!« Es ärgerte den Kellner, sich in seiner Erwartung getäuscht zu sehen. Er meinte schnell und in pikiertem Ton: »Seine Erlaucht Graf Waldstetten haben zwei Tage hier logiert.« – »Das wundert mich. So ein Graf pflegt Ansprüche zu machen.« – »Sie doch nicht etwa auch?« – »Warum nicht? Ist der Titel etwa etwas so Besonderes? Sind zum Beispiel Sie etwa ein geringerer Orang-Utan als so ein Graf? Ich werde dieses Logement behalten.« Der Kellner hatte sich nur einen Scherz machen wollen. Jetzt erschrak er. Wie nun, wenn dieser Kerl wirklich hier blieb und dann nicht bezahlen konnte? Diese elegante Ausstattung, diese feinen, neuüberzogenen Betten, und dieser Mensch, der aus Großmutters Rumpelkammer zu kommen schien. »Das Logis kostet acht Taler pro Tag«, rief er eilig. – »Mir gleich.« – »Ohne Pension.« – »Ganz gleich.« – »Und ohne Servis.« – »Ist mir sehr gleichgültig.« Da erschien die Gestalt eines Mädchens, das bisher im Schlafzimmer zu schaffen gehabt hatte. Es war dieselbe Kellnerin, die eine Jugendbekannte von Kurt Helmers war und diesen damals unterstützt hatte, das Geheimnis des Kapitäns Landola zu erforschen. Sie hatte den kurzen Wortwechsel gehört und war nun neugierig, den Mann zu sehen, der dem Oberkellner in dieser Weise zu schaffen machte. »Ihre Legitimation?« sagte dieser jetzt. – »Donnerwetter, ist das hier so eilig?« fragte Geierschnabel. Der Gefragte zuckte die Achseln und erwiderte: »Wir sind polizeilich darauf angewiesen, kein Zimmer zu vergeben, ohne zu wissen, mit wem wir es zu tun haben.« – »So ist Ihr Haus wohl eine ganz gewöhnliche Kneipe, in der man gar nicht weiß, was ein Fremdenbuch ist?« Geierschnabel sprach das in einem Ton, der dem Kellner doch imponierte. »Sie können ein Fremdenbuch haben«, antwortete dieser. – »So bringen Sie es. Aber sagen Sie vorher, ob Sie einen gewissen Husarenleutnant Kurt Helmers kennen.« – »Nein.« – »Ist also nicht eingetroffen?« – »Weiß nichts von ihm.« Da trat das Mädchen näher und sagte: »Ich kenne den Herrn Leutnant sehr gut.« – »Ah! Hat er bereits hier logiert?« fragte Geierschnabel. – »Nein. Ich kenne ihn, weil ich nicht weit von Rheinswalden her bin.« – »So; ich komme von Rheinswalden. Ich traf ihn beim Herzog von Olsunna, und wir versprachen einander, uns heute hier zu treffen.« – »So kommt er sicher«, meinte das Mädchen freundlich. »Sollen Sie auch für ihn ein Zimmer bestellen?« – »Davon sagte er mir allerdings nichts. Aber«, wandte Geierschnabel sich an den Oberkellner, »was stehen Sie denn noch hier? Habe ich Ihnen nicht befohlen, mir das Fremdenbuch zu bringen?« – »Sofort, mein Herr«, meinte der Kellner, jetzt allerdings in einem ganz anderen Ton. »Befehlen Sie noch etwas?« – »Etwas zu essen.« – »Ein Frühstück? Ich werde die Karte bringen.« – »Nicht nötig, es ist mir ganz gleichgültig, was ich bekomme. Bringen Sie mir schnell ein gutes Frühstück. Aus was es besteht, ist mir schnuppe.« Der Kellner eilte fort. Geierschnabel warf einen Sack, sein Futteral und seine Posaune auf die blauseidene Chaiselongue und wandte sich abermals an das Mädchen. »Also bei Rheinswalden sind Sie her?« – »Ja.« – »So sind Sie hier wohl nicht sehr bekannt?« – »O doch, so ziemlich. Ich bin bereits einige Zeit in Berlin.« – »Haben Sie Bismarck schon gesehen?« – »Ja.« – »Wissen Sie, wo er wohnt und wie man von hier aus gehen muß, um zu ihm zu kommen?« – »Ja.« – »So beschreiben Sie mir es einmal.« Das Mädchen blickte den Gast erstaunt an und fragte: »Sie wollen wohl gar zu ihm?« – »Ja, mein Kind.« – »Oh, das ist schwer. Sie müssen sich im Ministerium melden oder so ähnlich. Ich weiß das nicht genau.« – »Unsinn. Da wird gar nicht so viel Federlesens gemacht.« Das Mädchen erklärte Geierschnabel nun den Weg, den er einzuschlagen habe. Da kam der Kellner und brachte das Fremdenbuch. Geierschnabel schrieb sich ein und mahnte dann wegen des Frühstücks zur Eile, da er keine Zeit habe. Die beiden Bediensteten entfernten sich, und der wunderliche Gast machte sich an das Auspacken seiner Habseligkeiten, wobei er von dem Kellner überrascht wurde, der das Essen brachte. Dieser letztere machte sehr erstaunte Augen, als er den Inhalt des Sackes und des Futterals erblickte. Er eilte in die Küche, um seinem Chef Meldung zu machen. Dieser wußte noch nichts, da er eben von einem Ausgang zurückgekommen war. Er war sehr bestürzt, als er hörte, was für einen Gast er bei sich habe. »Und diesem Menschen haben Sie Nummer eins, das heißt, unser bestes Zimmer gegeben?« rief er aus. – »Ich führte ihn hinauf, um ihn zu foppen«, entschuldigte sich der Kellner. »Er aber behielt es gleich.« – »Wie hat er sich eingetragen?« – »Als William Saunders, Kapitän der Vereinigten Staaten.« – »Herrgott, das ist doch nicht etwa abermals ein solcher Schwindler und Verräter wie damals jener Parkert, welcher sich auch für einen US-Kapitän ausgab?« – »Das Aussehen hat er allerdings ganz dazu. Eine Nase wie der Griff eines alten Regenschirmes!« – »Alle Wetter!« – »Zwei Revolver, ein großes Messer mit scharfer, gebogener Klinge.« – »Ich bin ganz starr.« – »Ferner eine alte Posaune.« – »Eine alte Posaune? Das glaube ich nicht. Haben Sie es ganz genau gesehen, daß es wirklich eine Posaune ist?« – »Hm. Ich glaube wenigstens, daß es eine ist.« – »War sie aus Messing?« – »Das ist freilich schwer zu sagen«, antwortete der Kellner nachdenklich. – »Was hatte sie denn für Farbe?« – »Sie war allerdings gelb, so ähnlich wie Messing, aber nicht hellgelb, sondern dunkler, sehr verrostet.« – »Dunkler? Es wird doch nicht etwa Kanonenmetall gewesen sein.« – »Ja, das wäre möglich.« – »Mein Gott, dann ist es vielleicht eine Art Gewehr, ein Geschütz, eine Höllenmaschine! Haben Sie nicht einen Hahn daran gesehen, einen Drücker, einen Zeiger oder irgendein Räderwerk?« – »Nein.« – »Man muß sich überzeugen.« – »Aber wie? Der Mensch scheint nicht der Mann zu sein, der sich in seine Sachen blicken läßt.« – »So sieht er also kriegerisch aus, herausfordernd?« – »Im höchsten Grade. Und maliziös dazu.« – »Was ist da zu tun?« Der Kellner sagte sich, daß er unvorsichtig gewesen sei, diesen Mann aufzunehmen. Er versuchte, diesen Fehler jetzt durch Eifer gutzumachen. »Etwas muß geschehen«, sagte er. »Ich traue dem Kerl ganz gut irgendein Attentat zu.« Da ergriff auch die Kellnerin, die bisher schweigend zugehört hatte, das Wort, indem sie rasch einfiel: »Ein Attentat? Jesus Maria. Er hat nach Bismarck gefragt.« Der Wirt erbleichte. »Nach Bismarck?« rief er. »Was wollte er?« – »Ich mußte ihm beschreiben, wo Bismarck wohnt und ihm den genauen Weg dorthin angeben.« – »Weshalb? Will er etwa hin?« – »Er will mit ihm reden.« – »Himmel. Da hat man das Attentat.« – »Ich sagte ihm, daß es nicht leicht sei, bei Bismarck vorzukommen; er aber meinte, daß er da kein Federlesens machen werde.« – »Da ist es richtig, daß er ein Attentat beabsichtigt. Er will den Minister erschießen. Was ist da nur gleich schnell zu tun?« – »Schleunige Anzeige bei der Polizei.« – »Ja. Ja. Ich laufe gleich selber hin.« Der Wirt eilte mit größer Schnelligkeit davon. Er fühlte in sich eine Angst, die sich nicht beschreiben ließ. Auf dem Polizeibezirk, der in ziemlicher Entfernung von seiner Wohnung lag, angekommen, konnte er vor Aufregung kaum die notwendigen Worte finden. Er schnappte nach Atem. »Beruhigen Sie sich, mein Lieber«, meinte der Beamte. »Sie müssen allerdings in einer sehr eiligen Sache kommen, aber es ist besser, Sie warten, bevor Sie sprechen, erst ab, bis Sie die Luft dazu haben.« – »Luft? Oh, die findet sich schon. Ich – ich bringe ein Attentat.« Der Polizist erschrak. »Ein Attentat?« fragte er. – »Ja, ich bringe es hierher«, meinte der Wirt, noch ganz echauffiert. »Das heißt, ich bringe es hierher zur Anzeige.« – »Ah so. Das ist allerdings etwas sehr Ernstes. Haben Sie es sich auch reiflich überlegt, daß es sich dabei zwar um ein Verbrechen, eine große Gefahr, aber auch um eine ebenso große Verantwortung handelt, die Sie auf sich zu nehmen hätten?« – »Ich nehme alles auf mich, das Verbrechen, die Gefahr und auch die Verantwortung«, antwortete der Mann, der gar nicht bemerkte, wie konfus er war und sprach. Der Polizist konnte ein Lächeln kaum unterdrücken. »So sprechen Sie«, befahl er. »Gegen wen soll das Attentat sein?« – »Gegen den Herrn von Bismarck.« – »Alle Teufel! In Wirklichkeit?« – Ja. Ich weiß es ganz genau.« – »In welcher Weise soll das Attentat ausgeführt werden?« – »Mit Büchse, Revolver, Messer und Höllenmaschine.« Jetzt machte der Beamte ein sehr ernstes Gesicht. »Sind Sie wirklich überzeugt davon?« fragte er. – »Ich glaube, es beschwören zu können.« – »Wer ist der Attentäter, und wer sind seine Komplizen?« – »Da gestatte ich mir zunächst eine Frage. Erinnern Sie sich jenes Kapitäns Parkert, der bei mir gesucht wurde, dem es aber gelang, zu entkommen?« – Ja.« – »Er gab sich für einen Kapitän der Vereinigten Staaten aus?« – Ja, ich besinne mich noch ganz genau.« – »Nun, bei mir logiert ein Mensch, der sich ebenso für einen Kapitän dieses Landes ausgibt.« – »Das ist doch kein Grund, ihn für verdächtig zu halten.« – »Er hat sich geweigert, seine Legitimation vorzuzeigen, er hat vielmehr darauf bestanden, ihm das Fremdenbuch vorzulegen, in das er sich eingetragen hat.« – »Das ist allerdings ungewöhnlich. Wie nennt er sich?« – »William Saunders.« –»Ein englischer oder amerikanischer Name. Wann ist er angekommen?« – »Vor einer halben Stunde.« – »Wie ist er gekleidet?« – »Ganz ungewöhnlich, fast wie eine Maske. Er trägt alte Lederhosen, Tanzschuhe, einen Frack mit Puffen, Patten und Tellerknöpfen und einen geradezu regenschirmähnlichen Hut.« – »Hm. Der Mann scheint eher ein Sonderling, als ein Verbrecher zu sein. Wer ein Verbrechen, ein Attentat beabsichtigt, der kleidet sich so unauffällig wie nur möglich.« – »Aber seine Waffen.« – »Welche Art von Waffen führt er bei sich?« – »Eine Büchse, zwei Revolver und ein Messer. Die Hauptwaffe aber besteht in einer posaunenartigen Vorrichtung aus Kanonenmetall. Wer kann wissen, womit dieses Mordwerkzeug geladen ist!« – »Haben Sie es gesehen?« – »Zwar nicht ich selbst, sondern mein Oberkellner.« – Ist der Mann zuverlässig?« – Ja.« – »Warum haben Sie nicht auch sich selbst überzeugt?« – »Das wäre dem Fremden vielleicht aufgefallen. Ich wollte keinen Verdacht in ihm erwecken, damit wir ihn desto sicherer haben.« – »Wie aber wissen Sie, daß er gegen Herrn von Bismarck ein Attentat beabsichtigt?« – »Er hat sich nach der Wohnung desselben erkundigt und sich den Weg dorthin ganz genau beschreiben lassen.« – »Von wem?« – »Von einer meiner Kellnerinnen, die eine Verwandte von mir ist.« – »Das dürfte allerdings ins Gewicht fallen, ist aber nicht überzeugend.« – »Oh, er hat sogar gesagt, daß er mit Bismarck wenig Federlesens machen werde.« – »Kann das Mädchen dies beschwören?« – »Natürlich.« – »Hat er gesagt, wann er zu dem Minister gehen will?« – »Nein.« – »Wo befindet er sich jetzt?« – »Er frühstückt.« – »Wo?« – »Auf seinem Zimmer.« – »Gut. Vielleicht irren Sie sich, auf alle Fälle aber ist es meine Pflicht, dem Mann auf den Zahn zu fühlen. Das kann ich aber nicht auf mich allein nehmen. Ich habe es vorher noch anderweitig zu melden, werde aber innerhalb eines halben Stündchens bei Ihnen sein. Sie haben dafür zu sorgen, daß der Mann bis dahin das Haus nicht verläßt.« – »Darf ich, wenn es nötig ist, ihn mit Gewalt zurückhalten?« – »Nur im äußersten Fall. Ihre Klugheit wird schon einen Grund finden, der ihn zum Bleiben veranlaßt.« – »Ich werde das Meinige tun.« Damit entfernte sich der Wirt. 29. Kapitel. Unterdessen hatte Geierschnabel ganz ahnungslos sein Frühstück beendet. »Soll ich etwa auf diesen Leutnant warten?« fragte er sich. »Oho, Geierschnabel ist schon der Kerl, ohne Empfehlung mit Bismarck zu sprechen. Allerdings werde ich mir mit ihm keinen Spaß machen dürfen, wie mit den anderen. Meine Sachen bleiben also hier. Aber neugierig bin ich doch, was er für Augen machen wird, wenn ein so gekleideter Kerl Audienz bei ihm verlangt.« Geierschnabel schaffte seine Habseligkeiten in das Schlafzimmer. Dieses verschloß er und zog den Schlüssel ab, den er zu sich steckte. »Dieses Volk braucht während meiner Abwesenheit nicht zu erfahren, was in meinem Sack steckt«, brummte er. »Der Kellner hat bereits genug gesehen. Und haben sie hier einen Hauptschlüssel, so habe ich meine Schraube.« Damit zog er aus der Tasche eine jener amerikanischen, patentierten Sicherheitsschrauben, mit denen man das Schlüsselloch verschließen kann, ohne daß es einem zweiten gelingt, sie wieder zu entfernen. Er drehte die Schraube in das Loch, bis auf einen Druck die Feder vorsprang, dann verließ er das Zimmer und stieg die Treppe hinab. Es war eigentümlich zu nennen, daß er nicht bemerkt wurde, aber das ganze Personal war in der Küche versammelt, um das hochwichtige Ereignis zu besprechen. Sie glaubten ihn sicher beim Frühstück und hatten keine Ahnung von der Schnelligkeit, mit der ein Präriejäger die größten Quantitäten eines Mahles verschwinden läßt So kam er ungesehen aus dem Haus und schlug den Weg ein, den ihm die Kellnerin beschrieben hatte. Es wurde zwar einige Male notwendig, sich zu erkundigen, aber er erreichte doch glücklich und unbelästigt sein Ziel. Der Großstädter, selbst der großstädtische Schulbube, hat keine Lust, dem ersten besten Menschen, der sich auffallend kleidet, nachzulaufen. Als er den Portier sah, der am Tor stand, trat er vertraulich zu ihm heran und fragte: »Nicht wahr, hier ist Bismarcks Wohnung?« – »Ja«, antwortete ihm der Zerberus, indem er den Frage mit lustigem Lächeln musterte. – »Eine Treppe hoch?« – Ja.« – »Ist der Master zu Hause?« – »Master? Wer?« – »Na, Bismarck!« – »Sie meinen Seine Gnaden, den Grafen von Bismarck Exzellenz?« – Ja, ich meine den Grafen, Seine Gnaden, die Exzellenz und auch Bismarck selbst.« – Ja, er ist zu Hause.« – »Na, da treffe ich es also gut.« Geierschnabel wollte an dem Portier vorüber, dieser aber faßte ihn am Arm und fragte: »Halt! Wohin soll es denn gehen?« – »Na, zu ihm natürlich!« – »Zu Seiner Exzellenz?« – »Natürlich!« – »Das geht nicht!« – »So? Ach! Warum denn nicht?« – »Sind Sie bestellt worden?« – »Ich weiß nichts davon.« – »In welcher Angelegenheit kommen Sie?« – »Das wird er erfahren, sobald ich bei ihm bin.« – »Ah!« lachte der Portier. »Sie denken wohl, mit der Exzellenz zu sprechen, das sei ganz dasselbe, als wenn man zu seinem Schneider geht?« – »Ja. Ich kenne Schneider, die auch ganz exzellent sind.« – »Aber eine Exzellenz ist darum noch kein Schneider.« – »Meinetwegen. Ich bitte Sie, mich passieren zu lassen. Meine Angelegenheit ist sehr wichtig.« – »So müssen Sie den gewöhnlichen, vorgeschriebenen Dienstweg gehen.« – »Dienstweg, was ist das?« – »Da muß ich erst wissen, in welcher Angelegenheit Sie kommen. Ist es eine Privatsache, eine diplomatische oder sonstwie?« – »Es wird wohl eine ›sonstwie‹ sein.« – »Na«, meinte der Portier jetzt ernster, »wenn Sie denken, daß ich nur vorhanden bin, damit Sie sich mit mir einen Scherz machen können, da irren Sie sich. Wenn Sie ›sonstwie‹ kommen, da gehen Sie nur immerhin auch ›sonstwo‹ hin. Wir sind fertig.« Geierschnabel nickte ihm vertraulich zu. »Das denke ich auch«, meinte der freundlich. »Ich hätte auch keine Zeit gehabt, Sie weiter zu belästigen. Adieu!« Aber anstatt fortzugehen, wandte er sich dem Inneren des Gebäudes zu. »Halt!« rief der Portier abermals. »So war das nicht gemeint.« – »Wie denn?« – »Sie dürfen nicht passieren.« – »Ich werde Ihnen das Gegenteil beweisen.« Bei diesen Worten faßte Geierschnabel den Mann an und schob ihn zur Seite. Er hatte aber noch nicht fünf Schritt getan, so hielt ihn der Portier abermals fest und rief: »Ich habe Ihnen gesagt, daß Sie sich entfernen sollen!« – »Das tue ich ja auch«, meinte Geierschnabel. – »Ich meine aber auswärts.« – »Und ich meine einwärts.« – »Gehen Sie nicht gutwillig, so brauche ich mein Recht!« – »Und ich meine Hände.« – »Sie werden wegen Hausfriedensbruch arretiert!« – »Möchte den sehen, der das fertigbrächte! Machen Sie nun Platz!« Dabei faßte Geierschnabel den Portier, schob ihn zur Seite und erreichte die Treppe, ehe es dem Bediensteten gelang, ihn abermals festzuhalten. Es hätte sich jetzt ein viel heftigerer Wortwechsel entsponnen, wenn nicht ein Herr erschienen wäre, der zur Treppe herabkam und die kleine Balgerei bemerkte. Er trug einen einfachen Uniformrock und eine Mütze auf dem grauen Haupt. Sein Gang war fest und sicher, seine Haltung militärisch stramm, aber in seinem Gesicht lag ein Zug herablassenden Wohlwollens, und seine Auge blickte mit einer Art freundlicher Mißbilligung auf die beiden Männer, die sich hin- und herzogen und -schoben. Der Portier ließ beim Anblick des Mannes seinen Gegner sofort los und stellte sich in Achtung. Geierschnabel bemerkte das nicht, er benutzte diesen Augenblick der Freiheit zu zwei raschen Schritten, mit denen er gleich drei und drei Stufen auf einmal nahm, so daß er nun auf einer und derselben Stufe mit dem herabsteigenden Herrn zu stehen kam. Dann rückte er mit der Hand an dem Hut und sagte: »Good morning, alter Herr! Können Sie mir wohl sagen, in welcher Stube ich die Exzellenz von dem Minister Bismarck finde?« Der ›alte Herr‹ besah sich den Frager. Sein Schnurrbart zuckte ein wenig. »Sie wollen mit Exzellenz sprechen?« fragte er. – Ja.« – »Wer sind Sie?« – »Hm. Das darf ich nur der Hoheit dieses Ministers sagen.« – »So. Sie sind bestellt worden?« – »Nein, my old master!« – »Dann werden Sie sich wohl unverrichteter Sache entfernen müssen.« – »Das geht nicht. Meine Sache ist sehr wichtig.« – »So, so. Eine Privatsache?« Der old master machte doch einen nicht gewöhnlichen Eindruck auf den Präriemann. Einem anderen hätte dieser keine Antwort gegeben, hier aber meinte er: »Eigentlich brauche ich das Ihnen nicht zu sagen, aber Sie haben so ein Stück von einer Art von Gentleman an sich, und da will ich nachsichtig sein. Nein, es ist keine Privatangelegenheit.« – »Was für eine sonst?« – Ja, weiter kann ich wirklich nichts entdecken.« – »Ist es denn ein gar so großes Geheimnis?« – »Das versteht sich.« – »Haben Sie denn keinen Herrn, der Sie bei Seiner Exzellenz einführen oder anmelden könnte?« – »Das schon. Aber er ist nicht hier. Er kommt erst später, und ich wollte nicht länger warten.« – »Wer ist diese Person?« – »Eine Person ist es nicht, sondern ein Gardehusarenoberleutnant.« – »Ah! Wie heißt er?« – »Kurt Helmers.« Über das milde Gesicht des ›alten Herrn‹ ging ein rasches Zucken. »Den kenne ich«, sagte er. »Er will nach Berlin kommen, um Sie dem Grafen von Bismarck zu melden?« – Ja.« – »Aber ich denke, er befindet sich auf der Reise.« – »Er wollte fort. Da traf ich ihn in Rheinswalden, und er erfuhr dabei einiges, was ihm wert erschien, daß es der Minister erfahre.« – »Ist das so, so werde ich an Stelle des Leutnants treten und Sie einführen, wenn Sie mir sagen wollen, wer Sie sind.« – »Hier nicht. Hier hört es dieser Dummkopf von Portier.« – »So kommen Sie!« meinte der Mann lächelnd, indem er wieder umkehrte und voranschritt. Sie erreichten ein Vorzimmer, in dem sich ein Diener befand. Dieser wollte bei ihrem Erscheinen sich in eine demütige Positur werfen, aber der Begleiter Geierschnabels verbot ihm dies durch einen heimlichen Wink. »Nun, hier sind wir unter uns«, sagte er. »Jetzt können Sie sprechen.« – »Aber hier steht doch wieder so eine Salzsäule.« Dabei deutete Geierschnabel auf den Diener. Der Herr gab demselben einen zweiten Wink, worauf er sich zurückzog. »Also jetzt«, sagte der Führer in einem Ton, in dem sich einige Ungeduld aussprach. – »Ich bin Präriejäger und Dragonerkapitän der Vereinigten Staaten, mein alter Freund.« – »So, so. Ist das, was Sie da tragen, die Uniform der US-Armee?« – »Nein. Wenn Sie das für eine Uniform ansehen, so müssen Sie verteufelt wenig militärische Ansichten haben. Na, Alter, das ist ja auch gar nicht notwendig. Ich bin nämlich ein etwas wunderlicher Heiliger, ich mache mir gern einen Spaß, und da habe ich mir diesen Anzug über das Fell gehängt, um meine Lust an den Maulaffen zu haben, die mich anstaunen.« – »Das ist ein eigentümlicher Sport! Wenn ich Sie hier einführen soll, so möchte ich aber doch vorher wissen, welcher Gegenstand es ist, den Sie mit Exzellenz verhandeln wollen.« – »Das ist ja eben das Ding, das ich nicht verraten darf.« – »Dann werden Sie auch keinen Zutritt finden. Übrigens können Sie mir getrost alles sagen, was Sie dem Grafen mitteilen wollen. Er hat kein Geheimnis vor mir.« – »Wirklich?« – »Ja.« – »So sind Sie wohl so etwas wie Ordonnanz oder vertrauter Adjutant bei ihm?« – »Man könnte es beinahe so nennen.« – »Na, so will ich es wagen. Ich komme aus Mexiko.« Das Gesicht des alten Herrn nahm sofort den Ausdruck großer Spannung an. »Aus Mexiko?« fragte er. »Haben Sie dort gejagt, oder sind Sie Kombattant gewesen? – »Beides, mein alter Freund. Zunächst war ich Führer eines Englishman, der Waffen und Geld zu Juarez brachte ...« – »Lord Lindsay?« – »Ja. Sie kennen ihn?« – »Ja. Sie sind mit ihm gereist?« – »Den Rio Grande del Norte hinauf, bis wir Juarez fanden.« – »So haben Sie Juarez gesehen?« Man sah es dem Sprecher an, daß er dem Gespräch jetzt mit dem allergrößten Interesse folgte. »Oh, täglich. Ich bin bis vor meiner Abreise nach Deutschland bei ihm gewesen. Wir trafen in Fort Guadeloupe mit ihm zusammen, nämlich der Graf von Rodriganda, Sternau, Helmers aber da schwatze ich von Leuten, die Sie gar nicht kennen!« – »Rodriganda? Sternau? Helmers? Wer ist dieser Sternau?« – »Der Mann der Gräfin Rosa de Rodriganda.« – »Den? Den haben Sie getroffen?« – Ja freilich. Kennen Sie ihn?« – »Ich habe von ihm gehört. Aber warum kommen Sie nach Deutschland?« – Juarez hat mich gesandt, um mit Sternaus Verwandten zu sprechen. Habe ich so viel gesagt, so kann ich Ihnen auch meine Legitimationen zeigen. Hier sind sie.« Geierschnabel zog seine Papiere hervor und reichte sie dem alten Herrn. Dieser überflog sie rasch, musterte den Mann noch einmal und sagte: »Es muß eigentümliche Leute da drüben geben!« – »Hier auch«, unterbrach ihn der Jäger. – »Davon später. Ich werde Sie jetzt dem Grafen vorstellen, denn ...« Der Sprecher wurde abermals unterbrochen, denn die Tür öffnete sich, und in derselben erschien Bismarck in eigener Person. Er hatte die Stimmen der Sprechenden vernommen, und da er sich durch dieselben gestört fühlen mochte, so hatte er selbst nachsehen wollen, wer sich da unterhalte. Als er die beiden erblickte, zeigte sein Gesicht ein allerdings rasch unterdrücktes Staunen. »Wie, Majestät befinden sich wieder hier?« fragte er, indem er sich mit einer tiefen Verneigung an den alten Herrn wandte. – »Majestät!« rief Geierschnabel schnell. »Kreuzdonnerwetter!« Bismarck blickte ihn beinahe erschrocken an. Der ›Majestät‹ Genannte aber nickte ihm freundlich zu und sagte: »Sie brauchen nicht zu erschrecken.« – »Das fällt mir auch gar nicht ein«, antwortete Geierschnabel, »aber wenn dieser Master Sie Majestät nennt, so sind Sie wohl gar der König von Preußen?« – Ja, der bin ich allerdings.« – »Alle Teufel. Was bin ich da für ein Esel gewesen! Aber wer hätte das auch denken können. Kommt dieser alte, brave Her so still und schmauchend die Treppe herab, fragt mich nach hier und dort und ist der König von Preußen in eigener Person. Na, Geierschnabel, für was für einen Dummkopf wird dich dieser König halten.« – »Geierschnabel? Wer ist das?« fragte der König. – »Das bin ich selbst. In der Prärie hat nämlich jeder seinen Beinamen, durch den er am besten kenntlich wird. Dem Kerl, der mir den meinigen gegeben, hat es eben meine Nase angetan. Aber Majestät, wer ist denn dieser Herr hier?« – »Kennen Sie ihn nicht?« – »Nein, ich habe nicht das Vergnügen.« – »Es existieren aber so viele Porträts von ihm.« – »Ich handle nicht mit alten Bildern. Kerl selbst ist Kerl selbst. Was tue ich mit einem Porträt?« – »Nun, es ist der Herr, zu dem Sie wollten.« Da machte Geierschnabel den Mund auf, trat einen Schritt zurück und sagte: »Was? Der ist Bismarck? Wirklich?« – »Ja.« – »Na, den habe ich mir ganz anders vorgestellt!« – »Wie denn?« – »Klein, dürr und dürftig, wie einen echten, rechten, pfiffigen Federfuchser. Aber eine größere Figur schadet auch nichts, im Gegenteil, sie macht Eindruck. Ich bitte Eure Majestät, dem Master Minister zu sagen, wer ich bin.« Der König reichte dem Grafen lächelnd die Dokumente Geierschnabels. Bismarck überflog sie, ein durchdringender Blick fiel auf den Jäger, und dann sagte er: »Kommen Sie, Kapitän!« Damit trat er unter Vorantritt des Königs in sein Kabinett zurück, und Geierschnabel folgte. Der Diener, der einige Augenblicke später in das Vorzimmer trat, merkte an den lauten, oft wechselnden Stimmen, daß da drinnen ein sehr animiertes Gespräch geführt werde. Der Inhalt desselben aber war nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. 30. Kapitel. Als der Wirt des Gasthauses von der Polizei kam, erkundigte er sich sofort nach seinem Gast. »Er ist doch noch oben?« fragte er. – »Ja«, antwortete der Oberkellner. – »Er ißt noch?« – »Jedenfalls.« – »Er darf das Haus nicht eher verlassen, als bis die Polizei erscheint.« – »So werde ich mich oben in dem Korridor postieren.« – »Nein, das übernehme ich selbst«, meinte der Wirt. »In solchen wichtigen Dingen kann man nicht gewissenhaft genug sein.« Dabei stieg er wirklich selbst die Treppe hinauf und ließ sich auf einen Stuhl nieder, der im Korridor stand. Er ahnte nicht, daß der vermeintliche Attentäter das Zimmer bereits verlassen hatte. Es war nicht viel über eine Viertelstunde vergangen, als die Polizei erschien. Diesmal wurden viel sorgsamere Sicherheitsmaßregeln getroffen, als damals bei der mißlungen Arretur des sogenannten Kapitäns Parkert. Hüben am Haus und gegenüber auf dem Trottoir postierten sich Detektive, die scheinbar harmlos auf und ab spazierten, aber die Fenster und die Tür des Gasthauses keinen Augenblick aus dem Auge ließen. Der Flur des Hauses und der Hof wurden besetzt, und eine Droschke hielt an der nächsten Ecke, bereit, auf den ersten Wink herbeizukommen, um den Arrestanten aufzunehmen. Einer der gewieftesten Kriminalbeamten ging in Begleitung noch zweier Kollegen hinauf, um sich des Gesuchten zu bemächtigen. »Ist er noch da?« fragte er leise den Wirt. – Ja. Er hat sich nicht sehen lassen«, lautete die Antwort. – »Wo logiert er?« – »Nummer eins, dort« – »Hat er nicht nach Bedienung geklingelt?« – »Kein einziges Mal.« – »So soll er bedient werden, ohne geklingelt zu haben.« Der Kriminalbeamte schritt mit seinen Assistenten auf die bezeichnete Tür zu. Der Oberkellner wurde durch die Neugier herbeigetrieben, aber sein Prinzipal warnte ihn: »Wagen Sie sich nicht zu weit hinein.« – »So gefährlich wird es doch wohl nicht sein.« – »Was verstehen Sie von der Gefährlichkeit so einer Höllenmaschine, zumal in Posaunenform. So etwas ist ja noch gar nicht dagewesen.« Da kehrte der Kriminalbeamte noch einmal zum Wirt zurück. »Sie haben erzählt«, sagte er, »daß der Mann mit Ihrem Mädchen gesprochen habe?« – »Ja.« – »Wo ist es?« – »In der Küche.« – »Ich halte es für geratener, wenn dieses zunächst einmal hineingeht« – »Sapperlot. Wenn er es erschießt.« – »Wird ihm nicht einfallen. Uns könnte es eher passieren, sofort eine Kugel zu bekommen. Das Mädchen aber hat Grund genug, bei ihm einzutreten, ohne seinen Verdacht zu erwecken. Es kann uns dann sagen, wie es ihn getroffen hat.« – »Holen Sie es herauf.« Diese letzteren Worte des Wirtes wurden dem Kellner zugeflüstert. Dieser eilte hinab und brachte das Mädchen, das instruiert wurde und sich darauf der Tür näherte. Als es auf wiederholtes Klopfen keine Antwort erhielt, trat es ein. Die Zurückbleibenden mußten eine ziemliche Zeit auf sein Erscheinen warten. Als es endlich zurückkam, drückten seine Gesichtszüge eine gewisse Besorgnis aus. »Nun?« flüsterte der Beamte. »Was tut er?« – »Ich weiß es nicht«, antwortete es. – »Sie haben ihn gesehen?« – »Nein. Er war nicht im Zimmer und nicht im Vorzimmer.« – »Gibt es noch ein Schlafzimmer dazu?« – »Ja.« – »So war er dort?« – »Jedenfalls. Aber er hatte es verschlossen.« – »Vielleicht schläft er. Haben Sie nicht geklopft?« – »Doch. Aber ich erhielt keine Antwort.« – »Er ist gewiß sehr ermüdet gewesen und schläft infolgedessen so fest, daß er nicht erwacht ist.« – »Ich habe so stark geklopft, daß ein Schlafender erwachen muß, wenn er nicht tot ist.« – »Wo hat er seine Sachen?« – »Er hat sie mit in das Schlafzimmer genommen.« – »Vielleicht arbeitet er an seinem Apparat und tut nur so, als ob er schlafe. Kommen Sie mit, Fräulein. Sie sollen ihm Antwort geben, wenn ich klopfe.« Die Polizisten traten leise ein, und das Mädchen mit ihnen. Auf dem Tisch stand noch das Geschirr mit den Speiseresten. »Klopfen Sie!« befahl der Kriminalist leise. Das Mädchen gehorchte, aber es ließ sich kein Geräusch vernehmen. Es klopfte stärker, doch mit demselben Mißerfolg. »Ich werde es selbst versuchen«, meinte der Beamte. Er trat zur Tür und donnerte mit beiden Fäusten an dieselbe. Keine Antwort. Jetzt überzeugte er sich zunächst durch einen Blick auf die Straße, daß das Haus scharf bewacht sei. Dann klopfte er abermals und rief mit lauter Stimme: »Im Namen des Gesetzes! Öffnen Sie!« Abermals keine Antwort. »So müssen wir selbst öffnen. Geben Sie den Dietrich her.« Ein Untergebener des Beamten zog das verlangte Werkzeug hervor. Der Beamte bog sich zum Schlüsselloch herab, um dasselbe zu untersuchen. »Sakkerment«, rief er, »es ist verstopft.« – »Er hat den Schlüssel stecken?« fragte der eine. – »Nein. Er hat von hier aus etwas hineingesteckt.« – »So wäre er ja gar nicht darin.« – »Wie es scheint, nicht« Es untersuchte jetzt einer nach dem anderen das Schloß, und es fand sich da allerdings, daß ein stählerner Gegenstand im Schloß steckte, der nicht entfernt werden konnte. »Er ist fort«, meinte einer der Polizisten. – »Entwichen, entkommen«, der andere. – »O nein, die Sache ist noch schlimmer«, behauptete ihr Vorgesetzter. Und sich an das Mädchen wendend, fragte er: »Er hat zu Ihnen gesagt, daß er zu Bismarck wolle?« – »Ja.« – »Hat er nichts verlauten lassen über die Absicht dabei?« – »Kein Wort.« – »Ich hörte, daß er sich eines verdächtigen Ausdrucks bedient habe. Wie lautete derselbe?« – »Er meinte, daß er nicht viel Federlesens machen werde.« – »So ist er fort. Er hat sich fortgeschlichen, und es ist Gefahr im Verzug. Folgen Sie mir, meine Herren. Wir müssen sofort zu Bismarck. Dieses Haus bleibt unter Bewachung.« Der Wirt wollte es nicht glauben, daß der Fremde seine Appartements verlassen habe; aber es stellte sich bald heraus, daß die bediensteten Geister sich während der Abwesenheit ihres Prinzipals in der Küche befunden hatten. So war es dem Amerikaner möglich gewesen, sich davonzuschleichen. Die Polizisten winkten die Droschke herbei, stiegen ein und fuhren so schnell, wie das Pferd nur laufen konnte, davon. Kaum waren sie fort, so hielt eine andere Droschke vor der Tür. Der junge Mann, der aus derselben stieg, war kein anderer als Kurt Helmers. Er hatte keine Ahnung von dem, was geschehen war; er ahnte auch nicht, daß viele der Passanten, die die Straße auf und ab schritten, verkleidete Polizisten seien, die den Gasthof bewachten. Er trat in die Gaststube und ließ sich von dem anwesenden Kellner, der ihn nicht kannte, ein Glas Bier geben. Einige Minuten später trat die Kellnerin herein. Sie erblickte ihn und erkannte ihn sogleich. Er nickte ihr grüßend zu, und sie trat zu ihm an den Tisch. In ihren Zügen drückte sich teils Erstaunen und teils Besorgnis aus. »Sie hier, Herr Leutnant«, sagte sie. »So ist es also doch wahr, daß Sie hierherkommen wollten!« – »Allerdings. Aber woher wissen Sie das?« – »Ein Fremder sagte es, der jetzt arretiert werden soll.« – »Arretiert? Warum?« – »Er beabsichtigt ein Attentat.« – »Was Sie da sagen! Was für ein Attentat?« – »Mit einer Höllenmaschine.« – »Um Gottes willen!« sagte Kurt, der immer noch nicht ahnte, daß hier von Geierschnabel die Rede sei. – »Ja, das ganze Haus ist bewacht, und die Polizei ist bereits zu Bismarck geeilt.« – »Zu Bismarck? Warum zu diesem?« – »Weil das Attentat gegen ihn gerichtet sein soll.« – »Das wäre ja gräßlich! Wer ist der Kerl?« – »Der amerikanische Kapitän, der Sie hier erwartet.« Erst jetzt erschrak Kurt. »Was Sie sagen! Wie heißt er?« – »William Saunders.« – »Den kenne ich nicht.« Das war allerdings wahr. Der Amerikaner hatte sich in Rodriganda doch nur als Geierschnabel eingeführt. »Er sagte aber, daß er Sie kenne!« meinte das Mädchen. – »So hat er gelogen. Wie geht er gekleidet?« Die Kellnerin beschrieb die Kleidung Geierschnabels. »Ich kenne ihn wirklich nicht«, wiederholte Kurt. – »Er behauptet aber doch, daß Sie hier mit ihm zusammentreffen wollten.« Das frappierte Kurt. Darum fragte er: »Hatte der Mann in seinem Äußeren nicht etwas, woran er sehr leicht zu erkennen wäre?« – »Ja, eine fürchterlich lange Nase.« Jetzt erbleichte Kurt. »Wäre es möglich!« rief er. »Der Mann sprach einen fremden Dialekt?« – »Ja.« – »Und die Polizei sucht ihn wirklich?« – »Ja. Mein Herr hat ihn angezeigt. Er will Bismarck ermorden. Er hat vielerlei Waffen und auch eine Höllenmaschine bei sich.« – »Unsinn! Der reine Unsinn!« – »Nein, es ist die Wahrheit, Herr Leutnant.« – »Also er ist zu Bismarck?« – »Ja.« – »Und die Polizei ist auch hin? Hinter ihm her?« – »Ja.« – »So gilt es, keinen Augenblick zu verlieren. Ich muß ihm nach.« Kurt sprang auf und eilte zur Tür hinaus. Seine Droschke war bereits fort; aber er fand sogleich eine zweite, die in größter Geschwindigkeit mit ihm davonrasselte. Mittlerweile war Geierschnabels Unterredung mit den beiden hohen Herren beendet. Er hatte den Befehl erhalten, nach Kurts Eintreffen denselben sofort zu Bismarck zu schicken und dann zu warten, was ihm von Seiten des Ministers zugehen werde. Jetzt schlenderte er seelenvergnügt durch die Straßen dahin. Er hatte zwar einen anderen Weg eingeschlagen, als den Herweg, aber bei seinem ausgebildeten Ortssinn war ja ein Verirren eine Unmöglichkeit. So erreichte er die Straße, in der sein Gasthof lag, auf den er langsam zusteuerte. »Will doch sehen«, murmelte er vor sich hin, »was dieser Leutnant sagen wird, wenn ich ohne ihn bereits bei Bismarck gewesen bin. Ja, Geierschnabel ist ein Saukerl. Dem tut es so leicht kein zweiter nach.« Da trat ihm ein Herr entgegen, griff grüßend an die Hutkrempe und fragte: »Sie entschuldigen! Haben wir uns nicht bereits gesehen?« Der Angeredete war ärgerlich darüber, in seinem wohltuenden Gedankengang gestört worden zu sein. Darum antwortete er in barschem Ton: »Ich wüßte nicht wo!« – »Drüben in den Vereinigten Staaten.« – »Was gehen mich die Staaten an.« – »Aber Sie sind doch Offizier der Vereinigten Staaten.« – »Das geht wieder Sie nichts an.« – »Logieren Sie nicht im Gasthof ›Zur Stadt Magdeburg‹?« – »Pchtichchchchch!« spritzte Geierschnabel dem Frager einen dicken Strahl Tabaksaftes entgegen. – »Donnerwetter! Nehmen Sie sich in acht!« rief der Geheimpolizist »Wenn Sie primen, so brauchen Sie meinen Überzieher doch nicht für das Trottoir anzusehen.« – »Gehen Sie fort. Ich brauche Sie nicht!« Der Polizist trat wirklich von Geierschnabel zurück und ließ ihn unbehelligt weitergehen. Aber Geierschnabel merkte nicht, daß fünf bis sechs ähnliche Herren jeden seiner Schritte scharf bewachten. So erreichte er den Gasthof und trat in das Gastzimmer. Hinter ihm schritten seine Wächter, die er für gewöhnliche Gäste hielt, und der, der ihn bereits auf der Straße angesprochen hatte, trat an seinen Tisch und sagte: »Sie erlauben mir, das begonnene Gespräch fortzusetzen?« – »Scheren Sie sich zum Teufel!« brummte Geierschnabel. – »Das werde ich bleibenlassen! Wenn einer von uns zum Teufel gehen soll, so werde ich es nicht sein.« Der Jäger blickte den Sprecher erstaunt an. »Heda, Bursche, willst du dich etwa an mir reiben?« fragte er. – »Vielleicht«, lachte der andere überlegen. – »Na, komm heran. Da kannst du ganz gewaltige Prügel bekommen!« – »Das will ich bezweifeln. Kennen Sie dieses Ding?« Der Polizist griff in die Tasche und zog eine Medaille heraus, die er Geierschnabel vor die Augen hielt. »Pack dich fort mit deinem Geld!« rief der Jäger. »Bringst du mir deine Pranke noch einmal so nahe unter die Nase, so sorge ich dafür, daß es nicht zum zweiten Male geschieht.« – »Ah! Sie kennen also diese Medaille nicht?« – »Geht mich nichts an.« – »Oh, sie geht Sie allerdings sehr viel an. Diese Medaille ist meine Legitimation. Verstanden?« – »Mir egal. Ich pflege mich durch Ohrfeigen zu legitimieren, wenn mir einer zu lange lästig wird.« – »Sie scheinen mich noch immer nicht zu verstehen. Ich bin nämlich Beamter der hiesigen Polizei.« Erst jetzt wurde Geierschnabel aufmerksam. Er blickte sich im Zimmer um und ahnte nun sogleich, daß er es hier mit lauter Detektiven zu tun habe. »So! Polizist sind Sie?« meinte er. »Schön. Aber warum sagen Sie das gerade mir?« – »Weil ich mich außerordentlich für Sie interessiere. Ich fordere Sie auf, mir auf die Fragen, die ich Ihnen jetzt vorlegen werde, eine wahrheitsgetreue Antwort zu geben.« Geierschnabel ließ seinen Blick abermals im Kreis umherschweifen, dann meinte er gleichmütig: »Ihr Deutschen seid doch ein sonderbares Volk!« – »Ah! Wieso?« – »Niemand ist so aufs Arretieren erpicht wie Ihr.« – »So? Finden Sie das?« – »Donnerwetter, ja, ich finde das sehr, und zwar zu meinem eigenen Schaden. Seit gestern früh ist dies nun bereits das dritte Mal, daß ich arretiert werden soll!« – »Sie ahnen, daß Sie arretiert werden sollen?« – »Das müßte ja ein jedes Kind sehen.« – »Und Sie waren also gestern bereits zweimal arretiert?« – »Ja.« – »Und sind wieder entkommen?« – »Mit heiler Haut.« – »Nun, so werden Sie uns doch nicht abermals entwischen.« – »Ich hoffe es dennoch.« – »Ich werde sorgen, Sie recht fest zu behalten. Haben Sie die Güte, mir einmal Ihre Hände zu reichen.« Der Polizist griff in die Tasche und brachte eiserne Handschellen hervor. Das war dem Amerikaner denn doch zu bunt. Er erhob sich und fragte: »Was? Fesseln wollen Sie mich?« – »Wie Sie sehen. Ja.« – »In Eisen?« – »Allerdings.« – »Hölle, Tod und Teufel! Ich will den sehen, der es wagt, Hand an mich zu legen. Was habe ich Euch Kerlen getan, daß Ihr mich umstellt, wie die Hunde ein Wild?« Die anderen Polizisten hatten sich Geierschnabel nämlich genähert und einen Kreis um ihn geschlossen. In sicherer Entfernung aber stand der Wirt mit seinem ganzen Gesinde, um dem interessanten Vorgang zuzuschauen. »Was Sie uns getan haben?« fragte der Polizist. »Uns nichts. Aber Sie werden am besten wissen, was Sie sonst getan und beabsichtigt haben.« – »Nichts weiß ich, gar nichts.« – »Nun, so werden wir Ihnen Beweise geben müssen. Sie heißen William Saunders?« – »Schon so lange ich lebe.« – »Sind Kapitän der Vereinigten Staaten?« – Ja.« – »Führen eine Büchse bei sich?« – Ja.« – »Zwei Revolver?« – Ja.« – »Ein Messer?« – »Auch das.« – »Was haben Sie sonst noch für Waffen?« – »Keine.« – »Wollen Sie leugnen?« – »Pah! Das wäre der Mühe wert!« – »Wo waren Sie jetzt, während Ihres Ausganges?« – »Spazieren.« – »Wo?« – Ich bin fremd, ich kenne die Straße nicht.« – »Haben Sie sich nicht vielleicht die Wohnung des Herrn von Bismarck angesehen?« – »Das ist möglich.« – »Sie sind ein hartgesottener Sünder! Ein anderer wäre bei diesem Beweis, daß er entdeckt ist, erbleicht, die Knie hätten ihm geschlottert. Sie aber bleiben ruhig.« – »Schlottern Sie gefälligst ein wenig für mich.« – »Spotten Sie immerhin! Ihr Spott wird bald aufhören. Sie leugneten, noch weitere Waffen zu haben. Und doch führen Sie eine Donnerbüchse, eine Höllenmaschine oder so etwas Ähnliches bei sich. Gestehen Sie es ein?« Geierschnabel blickte dem Mann ganz erstaunt in das Gesicht. »Donnerbüchse? Höllenmaschine?« fragte er. – Ja, aus Messing oder Kanonenmetall!« Da endlich wurde es in Geierschnabel klar. Er hätte am liebsten gerade hinauslachen mögen, aber er zwang sich, ernst zu bleiben. »Ich weiß nichts davon«, sagte er. – »Wir werden Sie überführen, wir werden Ihnen Beweise bringen.« – »Tun Sie das!« – »Warum haben Sie Ihr Schlafzimmer verschlossen?« – »Wollen Sie mir dies vielleicht verbieten?« – »Nein, aber ich werde Sie ersuchen, uns es zu öffnen.« – »Zu welchem Zweck?« – »Wir haben das Verlangen, eine kleine, aber intime Bekanntschaft mit Ihrem Gepäck anzuknüpfen.« – »Meinetwegen. Ich bin einmal in Ihrer Gewalt. Aber ich warne Sie. Mit meinen Waffen versteht nicht ein jeder umzugehen!« – »Keine Sorge! Wir werden vorsichtig sein. Geben Sie her!« Der Polizist hielt Geierschnabel die Fesseln entgegen. »Was? Sie wollen meine Hände haben?« fragte dieser. – »Ja.« – »Ich habe ja gar nicht die Absicht, zu fliehen oder mich zu widersetzen!« – »Wenn Sie diese Absicht auch hätten, würden Sie es doch nicht eingestehen. Je gefährlicher ein Subjekt ist, desto vorsichtiger muß man es behandeln. Also her mit den Händen!« Diese Worte wurden in kategorischem Ton gesprochen. Geierschnabel gehorchte. Er ließ sich die Handschellen anlegen, sagte aber: »Ich erhebe Widerspruch gegen diese Behandlung! Keiner von Ihnen hat das Recht, mich festzunehmen. Sie werden mir Genugtuung geben müssen.« – »Sie werden sie erhalten, wenn Sie sie verdienen. Jetzt aber marsch nach Ihrer Wohnung! Und merken Sie es sich, daß jede Bewegung, auch die kleinste, von uns beobachtet wird.« – »O bitte, bewegen Sie sich ganz so, wie es Ihnen beliebt.« Geierschnabel wurde unter allgemeiner Begleitung nach Nummer eins geführt. Er bemerkte dort sogleich, daß hier bereits nach ihm gesucht worden sei, doch ließ er das die anderen nicht merken. Vor der Tür zum Schlafzimmer blieb man mit ihm halten. »Haben Sie diese Tür verschlossen?« fragte der Polizist. »Weshalb?« – »Weil ich nicht wünsche, daß man mir im Gepäck herumstibitzt. Finden Sie das nicht begreiflich?« – »Aber Sie haben nicht nur den Schlüssel abgezogen, sondern auch das Schlüsselloch verstopft. Sind die Geheimnisse, die Sie zu verbergen haben, denn gar so groß oder so gefährlich?« – »Überzeugen Sie sich doch.« – »Da müssen Sie erst öffnen. Was steckt in dem Loch?« – »Eine Patentschraube.« – »Geht sie zu entfernen?« – »Ja.« – »Tun Sie es!« Geierschnabel griff, trotzdem er gefesselt war, in seine Westentasche und zog ein dünnes Häkchen hervor, mit dem er in das Schlüsselloch fuhr. Er zog damit die Patentfeder an und konnte nun die Schraube aus dem Schlüsselloch bringen. »So«, sagte er. »Ziehen Sie den Schlüssel hier aus meiner Tasche und schließen Sie auf.« Dies geschah. Die Tür konnte jetzt geöffnet werden. Aber der Beamte, der das Wort geführt hatte, machte eine abwehrende Bewegung. »Halt, nicht vorwärts drängen!« gebot er. »Es steht zu vermuten, daß sich hier geheimnisvolle Maschinen und gefährliche Explosivstoffe befinden. Der Arrestant mag vorangehen. Er würde der erste sein, der getroffen wird.« Geierschnabel wurde von vier Händen gefaßt und vorsichtig in das Zimmer geschoben. Erst dann folgten die anderen nach. Der Beamte ließ den Blick umherschweifen. Derselbe fiel zuerst auf die Büchse, die Geierschnabel vor seinem Ausgang aus dem Futteral genommen hatte. Er nahm sie vorsichtig in die Hand und fragte: »Was ist das für ein Gewehr?« – »Eine Kentuckybüchse«, antwortete der Delinquent. – »Geladen?« – »Nein.« – »Aber das ist doch keine Büchse, kein Schießgewehr?« – »Ah! Wieso nicht?« – »Das ist ja der reine Prügel. Wie kann man mit einem solchen Ding schießen wollen?« – »Ja, ein deutscher Polizist würde allerdings nicht damit treffen!« Der Beamte legte die Büchse weg und nahm das Messer. »Was ist das für ein Dolch?« – »Dolch? Donnerwetter! Es wird wohl ein Bowiemesser von einem Dolch zu unterscheiden sein!« – »Ah, ein Bowiemesser! Haben Sie damit bereits Menschen erstochen?« – Ja.« – »Schrecklich! Hier diese Revolver. Sie sind von Hippolyt Mehles?« – »Der Teufel hole den Hippolyt mitsamt dem Mehles! Ich kenne ihn nicht. Diese Revolver sind gute Lyoner Ware. Übrigens bin ich doch nicht etwa arretiert und gefesselt worden, um Ihnen hier Unterricht in der Waffenkunde zu geben!« – »Geduld! Jetzt kommt die Hauptsache. Sagen Sie, was dort so gelb unter dem Sack hervorschimmert.« – »Die Höllenmaschine.« – »Donnerwetter!« rief der Polizist. »Sie gestehen das zu?« – Ja.« – »Ist sie geladen?« – »Zum Zerplatzen.« – »Zum Zerplatzen? Meine Herren, also die größte Vorsicht! Halten Sie den Mann ganz fest, damit er sich nicht bewegen kann. Arrestant, ich frage Sie, ob diese Maschine wirklich geladen ist?« – Ja. Ich sagte es ja bereits.« – »Womit?« – »Mit Luft.« – »Ah, jedenfalls mit Knallgasen oder sonstigen sofort tötenden Luftarten. Darf man die Maschine berühren, ohne daß sie explodiert?« – »Ja«, antwortete Geierschnabel, sehr ernsthaft. Da stellte sich der Polizist feierlich vor ihn hin und sagte eindringlich: »Ich mache Sie nochmals auf die fürchterliche Sünde aufmerksam, die Sie begehen würden, falls Sie durch unwahre Angaben beabsichtigen, eine Explosion herbeizuführen. Also wir dürfen die Maschine anrühren, ohne für unser Leben befürchten zu müssen?« – »Es ist gar keine Gefahr vorhanden.« – »Wir können auch die Kleidungs- und Wäschestücke entfernen, unter denen diese Maschine verborgen ist?« – »Tun Sie es ohne Sorge!« – »Aber wie wird dieses Ungeheuer zur Explosion, zur Detonation gebracht?« – »Einfach dadurch, daß man hineinbläst.« – »Gut, so wollen wir es wagen. Meine Herren, ich könnte Ihnen befehlen, das Ungeheuer von seiner Umhüllung zu befreien, allein das hieße, den größten Teil der Gefahr auf Sie wälzen. Ich bin bereit, mit dem Mut eines braven Beamten meine Pflicht zu tun. Ich selbst werde die Höllenmaschine zuerst berühren, denn ich bin bereit, die ersten Kugeln zu empfangen und mich für Sie aufzuopfern.« Damit ergriff der Sprecher ein Hemd, eine Hose, eine Bluse und einige Strümpfe, die auf dem Instrument lagen. Alle diese Gegenstände faßte er mit den Spitzen zweier Finger an und zog sie mit der denkbarsten Behutsamkeit fort. Endlich lag das Ungetüm bloß und unverhüllt vor ihm. »Die frappanteste Ähnlichkeit mit einer Posaune«, sagte er. »Darin liegt ja eben die Raffiniertheit dieses Bösewichts. Einer solchen Mordmaschine eine solche unscheinbare Gestalt zu geben. Ich werde jetzt versuchen, wie schwer sie ist.« Mit derselben Vorsicht, mit der er vielleicht eine am Zünder qualmende Bombe angegriffen hätte, hob er die Posaune empor. »Leicht wie eine ganz gewöhnliche Posaune«, sagte er. »Ja, natürlich, Knallgase pflegen ja bekanntlich leichter zu sein als andere Luftarten.« Der Polizist hatte wohl in seinem Leben noch keine Posaune in der Hand gehabt. Er faßte sie nur bei dem einen Ende an und hielt sie hoch empor, um sie auf ihre geheimnisvolle Konstruktion zu untersuchen; da plötzlich glitten die Züge auseinander, und der schwerere Teil mit der Stürze fiel zu Boden. Der gute Mann glaubte nicht anders, als daß jetzt die Höllenmaschine losgehen werde. Er stieß einen Schrei aus und stand da, als ob er den Tod erwarte. Dem Fall der einen Posaunenhälfte folgte allerdings eine Explosion, aber eine ganz andere, als der Polizist erwartet hatte. Sobald er seinen Todesschrei ausstieß, konnte Geierschnabel nicht mehr an sich halten. Er platzte mit einem so fürchterlichen Lachen heraus, daß die Wände zu beben schienen. Und dieses Lachen war so ansteckend, daß alle mit einstimmten, da sie gar wohl sahen, daß es sich wirklich nur um eine alte Posaune handelte. Der Beamte war im ersten Augenblick ganz perplex; dann aber warf er auch den zweiten Zug, den er in der Hand behalten hatte, zu Boden und donnerte Geierschnabel an: »Mensch, ich glaube gar, Sie lachen über mich.« – »Über wen denn sonst?« fragte der Jäger, noch immer lachend. – »Ich verbiete es Ihnen aber, sich über mich lustig zu machen.« – »Bin ich etwa schuld?« – Ja, Sie allein.« – »Oho!« – »Haben Sie nicht eingestanden, daß Sie Waffen bei sich führen?« – »Habe ich etwa keine?« – »Und eine Höllenmaschine?« – »Das ist sie auch. Lassen Sie sich nur monatelang vorblasen.« – »Sie sollte geladen sein.« – »Mit Luft. Ist das nicht wahr?« – »Sie sollte explodieren und detonieren.« – »Wenn man hineinbläst. Wollen Sie das bestreiten?« – »Mensch, glauben Sie, daß ich Ihr Narr bin?« – »Für gewöhnlich nicht.« – »Dieser Witz wird Ihnen schlecht bekommen. Wenn auch von einer Höllenmaschine keine Rede mehr ist, so gibt es doch genügsamen Grund, sich Ihrer Person zu bemächtigen. Sie führen Waffen. Haben Sie einen Waffenpaß?« – Ja.« – »Wo?« – »Hier in der äußeren Tasche meines Frackes.« – »Ah! Geben Sie ihn her.« – »Nehmen Sie ihn doch selbst heraus. Sie sehen ja, daß ich gefesselt bin.« Der Beamte langte in die bezeichnete Tasche und zog das Papier heraus, das er entfaltete und las. Er reichte es seinen Gefährten zur Durchsicht und sagte dann: »Dieses Dokument ist zwar gültig, doch kann dieser Umstand nichts ändern, wie wir sogleich sehen werden.« Und zu Geierschnabel gewendet, fuhr er fort: »Sie haben zu der Kellnerin gesagt, daß Sie zu Herrn von Bismarck gehen wollen?« – »Ja.« – »Und daß Sie mit ihm wenig Federlesens machen werden?« – »Nein, das habe ich nicht gesagt.« – »Sie wollen leugnen?« – »Ganz entschieden!« – »Man hole die Kellnerin herbei.« Diese wurde gebracht, und der Beamte fragte sie: »Hat dieser Mann nicht gesagt, daß er wenig Federlesens machen werde?« – »Ja.« – »Nun, geben Sie es jetzt der Zeugin gegenüber zu?« fragte der Examinator den Gefangenen. – »Ja, das gebe ich zu«, antwortete dieser. – »Ah! Warum leugneten Sie vorher?« – »Weil ich es nicht gesagt hatte.« – »Sie widersprechen sich ja. Erst leugnen Sie, und dann gestehen Sie. Sie sehen ein, daß Ihnen daraus kein Vorteil erwachsen kann.« – »Ich widerspreche mir nicht. Sie selbst müssen nur aufpassen, was Sie sagen. Ich habe nicht gesagt, daß ich mit Herrn von Bismarck kein Federlesens machen werde, sondern ich habe nur gesagt, daß ich bei Herrn von Bismarck kein Federlesens machen werde, im Fall man mir nämlich Schwierigkeiten bereite, vor den Minister zu kommen.« – »Das ist eine Ausrede!« – »Fragen Sie die Kellnerin.« Der Beamte tat dies, und sie gab zu, daß der Gefangene allerdings so gesagt habe, wie er jetzt angebe. Der Untersuchende sah sich abermals eine Waffe entrissen. Daher wehrte er sich: »Es bleibt doch eine leere Ausrede. Wenn Sie sagen, falls man Sie nicht vorlassen werde, würden Sie wenig Federlesens machen, so tun Sie ja, als ob Sie Herrn von Bismarck zwingen könnten, Sie zu empfangen.« – »Das ist allerdings der Fall.« – »Ah, welche Frechheit!« – »Frechheit von Ihrer Seite«, donnerte Geierschnabel los. »Wie können Sie mich der Lüge oder der Prahlerei zeihen, wenn Sie es mir nicht beweisen können?« – »Pah! Gehen Sie doch zum Minister! Versuchen Sie, ob Sie vorgelassen werden, nämlich so, wie Sie da vor mir stehen!« – »Pah! Jedenfalls werde ich eher vorgelassen als einer, der eine alte Posaune für eine Höllenmaschine hält. Übrigens will ich Ihnen sagen, daß ich bereits bei Herrn von Bismarck gewesen bin.« – »Wann denn?« fragte der Mann höhnisch. – »Kurz vor meiner Rückkehr.« – »Sie wurden natürlich vorgelassen?« – »Ja. Seine Majestät der König hatte sogar selbst die Gnade, mich bei seinem Minister einzuführen.« – »Verrückter Kerl!« Da ertönte es vom Eingang her: »Kein verrückter Kerl. Er sagt die Wahrheit.« Alle wandten sich um. Da stand Kurt Helmers, und hinter ihm erblickte man die Kriminalbeamten, die fortgeeilt waren, den Minister vor der ihm drohenden Gefahr zu warnen. Der Vorgesetzte von ihnen trat vor und befahl: »Nehmen Sie diesem Herrn augenblicklich die Handschellen ab!« Dieser Befehl wurde sofort ausgeführt. Dann fuhr der Kriminalbeamte zu Geierschnabel fort: »Mein Herr, es ist Ihnen ein schweres Unrecht geschehen. Die eigentliche Schuld liegt an denen, die Sie zur Anzeige brachten, nämlich an dem Wirt und dem Oberkellner dieses Hauses. Es steht Ihnen natürlich frei, diese Leute zu belangen, wobei Sie unserer Hilfe sicher sein können. Aber auch ich habe hohen Befehl erhalten, Ihnen Abbitte zu leisten und Genugtuung zu geben. Ich bin dazu bereit und frage Sie, welche Genugtuung Sie fordern.« Geierschnabel blickte sich im Kreis um. Es ging ein eigentümliches Blinzeln über sein Gesicht. Dann erwiderte er: »Gut. Eine Genugtuung will und muß ich haben. Dieser Herr hat meine alte Posaune für eine Höllenmaschine angesehen. Ich verlange, daß er sie als Geschenk von mir nimmt und sie als Andenken aufbewahrt an den wichtigen Tag, an dem er Herrn von Bismarck beinahe das Leben gerettet hätte.« Alle lachten. Auch der Betreffende stimmte mit ein. »Weiter verlangen Sie wirklich nichts?« fragte der Kriminalbeamte. – »Nein, ich bin zufriedengestellt, wünsche aber, nun wieder mein eigener Herr sein zu können.« Dieser Wunsch wurde ihm sofort erfüllt, indem sich alle entfernten. Nur Kurt blieb zurück. Er betrachtete sich den Amerikaner jetzt genauer, brach dann in ein Lachen aus und rief: »Aber Mann, wie können Sie so eine Maskerade treiben.« – »Das liegt so im Temperament«, lachte Geierschnabel mit. – »Unterwegs haben Sie bereits solche Dummheiten gemacht.« – »Wer sagte das?« – »Ich habe es gehört. In Mainz sind Sie arretiert worden.« – »Das stimmt.« – »Unterwegs dann aus dem Kupee geholt ...« – »Aber mit Extrazug nachgeritten.« – Ja. Und was das beste ist, Sie haben sich ausgezeichnet revanchiert.« – »Wieso?« – »Indem Sie jenen Oberst und Leutnant einsperren ließen.« – »Auch das wissen Sie?« – »Man erzählte sich Ihre Abenteuer im Kupee, und aus der Beschreibung Ihrer Physiognomie ersah ich, daß nur Sie der Held sein konnten. Übrigens waren die beiden Offiziere meine persönlichen Feinde. Sie hatten es auf mich abgesehen. Ich rächte mich dadurch, daß ich ausstieg und sie rekognoszierte, so daß sie auf freien Fuß gesetzt wurden. Sie wollten mich zum Zweikampf zwingen, ich aber sagte ihnen, wer von einem reisenden Musikanten Ohrfeigen erhalten habe, sei nie wieder satisfaktionsfähig. Damit bin ich sie los.« – »Hm! Was aber tun wir nun?« – »Wir brechen noch heute auf.« – »Wohin?« – »Über Havre de Grace nach Mexiko. Ich habe Instruktionen, die große Eile nötig machen. Zwar habe ich auch für Sie verschiedene Mitteilungen, doch ist dazu noch später Zeit. Jetzt wollen wir vor allen Dingen den Anforderungen des Augenblickes genügen.«