Wolfgang Kirchbach Das Leben auf der Walze 1892 Erstes Kapitel Der Morgen dämmerte durch die dunstbeschlagenen Fenster des Gastzimmers einer einsamen Landherberge herein. Im Zwielicht des Raumes wurden allmählich die Umrisse eines großen Kachelofens sichtbar, um den auf hingespannter Leine einige fadenscheinige Röcke und verschiedene löcherige, schlafffallende Strümpfe hingen. Ein paar alte Beinkleider tauchten aus dem ungewissen Dämmer der Ofenecke empor, und wie das Zwielicht von der Decke des Zimmers tiefer und tiefer herabschlich, wurden zunächst auf der Ofenbank zwei schlummernde Gestalten sichtbar. Ihre Stiefel, wie es schien, benützten sie, um der größeren Bequemlichkeit willen, als Kopfkissen, denn sie hatten sie unter ihren Nacken geschoben. Statt mit einer Bettdecke waren beide mit ihren Röcken zugedeckt; um die entblößten Füße hatten sie ärmliche Lappen gewickelt; das Stiefelkopfkissen wurde durch ein Schnürbündel bei dem einen, durch eine große Ledertasche bei dem andern etwas erhöht. Wie der Morgenschein lichter wurde, erkannte man auch auf den anderen Bänken einige schlafende und schnarchende Bettlergestalten, welche in den gefährlichsten Stellungen und in augenscheinlicher Gefahr, jeden Augenblick herunterzufallen, sich liegend auf die Bänke hingezwängt hatten. In der Mitte des Zimmers lag ein langer Geselle auf der Platte eines Gasttisches; er hatte einen schwarzen Frack an, dessen Schöße zur Seite von der Holzplatte herunterfielen, während ein weißer Gummikragen, dessen Rand unregelmäßig beschnitten war, an seinem Halse aufgegangen klaffte. Angelehnt an das Tischbein, halb mit dem Rücken aufgerichtet, lag zu seinen Füßen ein anderer großer Gesell auf der Diele. Eine schwarze Haarmähne hing ihm über die Stirne herab; sein rasiertes Gesicht mit der scharf gebogenen krummen Nase und den durchgearbeiteten breiten Zügen ließ ihn als einen Schauspieler erscheinen, während seine verlotterte Kleidung ihn eher als einen Gefängnisbruder ausweisen mochte. Diejenigen, welche auf den Bänken lagen, hatten übrigens meistens eine Schütte Stroh unter sich, und sah man auf den Fußboden des Gemaches, so erblickte man verschiedene verirrte Strohhalme ausgestreut umherliegen zwischen einzelnen leeren Schnapsflaschen und hingeworfenen Mützen und Stiefeln. – Wie es nun heller wurde und eine schnarrende Wanduhr in abgerissenen Glockenschlägen sieben Uhr schlug, öffnete sich leise die Thüre nach dem Vorsaal und der Wirt, den man an seinem Käppchen erkennen konnte, steckte lauschend den Kopf zwischen Thüre und Pfosten herein. Er nickte befriedigt, als er die schnarchenden Männerlaute vernahm, machte die Thüre ganz auf und ließ einen anständig gekleideten Mann eintreten, der in der Hand ein leinengebundenes Skizzenbuch trug und sich mit prüfendem Blicke umsah. – »Immer sachte herein, Herr Maler«, meinte der Herbergsvater. »Sie schlafen und schnarchen gerade alle noch.« Der Künstler mußte einen Augenblick mit Atmen inne halten, denn die schlechte Luft des Raumes drohte ihn sofort wieder hinaus zu jagen. Er rümpfte die Nase, lächelte aber und meinte leise, indem er auf die Schläfer blickte: »Die schnarchen wie die Lastwagen im Schnee bei fünfzehn Grad Kälte. Eine recht gute Luft hier! Als ob des Teufels Großmutter eine alte Hexenschlafkammer in der Hölle zum ersten mal lüftete nach tausendjährigem Verschluß.« »Wenn Sie sich hier an den Ecktisch setzen, Herr Künstler, können Sie Ihr Bild ganz ungestört aufnehmen« flüsterte der ›Penneboos‹. Der Maler setzte sich, nachdem er eine günstige Ansicht des Bildes der schlafenden Gesellen ausfindig gemacht hatte, geräuschlos hin und begann eilig zu zeichnen, was er sah, indem er den Mitteltisch mit dem schlafenden Burschen im Frack zur Hauptgruppe machte. Der Wirt schaute ihm nachdenklich zu, und nach einer Weile meinte er bedächtig: »Ich hätte mir doch nie gedacht, daß man solche hergelaufene Stromer malen könnte, die wie ein Häufelchen Menschenkehricht hier in diesem elenden Winkel zusammengefegt liegen. Wenn ich mir einmal was malen ließe, daß müßte mindestens ein Gambrinus oder wenigstens ein totes Schneewittchen in seinem Glassarge sein. Aber so etwas. Wer kauft's denn?!« Der Maler spitzte sich gelassen seinen Stift zurecht und sagte launig: »Heutzutage ist dies das beste Geschäft. Lumpen stehen im höchsten Preise; sie müssen aber gemalt sein. Und was mich anlangt, so arbeite ich für eine illustrierte Zeitung, die mit Vergnügen einmal solche Bilder aus dem Handwerksburschen- und Herbergenleben bringen wird. Und weil ich auf meiner Landwanderung gestern Abend in diese Eure saubere Finkenhöhle ganz gegen meine Ahnung geraten bin, so will ich, was ich sehe, auch nutzbar machen. Das wird hier in der Eile zunächst treu nach der Natur skizziert und zu Hause führt man's dann mit Muße aus.« Er schwieg plötzlich, denn der eine und andre der schlafenden Kunden fing an sich zu regen und zu dehnen. Der Maler zeichnete rascher und eifriger, um noch vor dem Erwachen der Stromer seine Skizze zu vollenden. Bald hatte er soviel in seinen Umrissen festgehalten, daß er befriedigt das Buch zusammen legen konnte, und der Wirt, der ihm schlau mit den Augen zublinzelte, sagte: »Na, und nun geben Sie 'mal acht, jetzt werde ich die Dachse ein bischen aufstöbern mit meiner Feuerzange; das ist noch viel malerischer; das ist wie die Auferstehung der Toten.« Mit diesen Worten trat er vor den schauspielerisch dreinschlummernden Gesellen, der am Tischbein lehnte, gab ihm mit dem Fuß einen derben Stoß in den Rücken, daß der Schlafende langsam nach der Seite sich umneigte, riß den, der auf die Tischplatte lag, unsanft bei den Ohren und ging im Gastzimmer auf und ab, rüttelte die Schläfer und rief dazu laut: »Aufgestanden, ihr Ballertbrüder, ihr Berg- und Thalversetzer, ihr Kommandoschieber, ihr Himmelsfechter! 'Raus aus den Federn, 'raus aus euren Himmelbetten mit den seidenen Kissen.« Der am Tischbein lehnte, war unterdessen ganz umgefallen, wachte aber mit übernächtigem Ausdrucke auf, gähnte, blickte sich verwundert um und sprach in einer Mischung von hohlem Pathos und übermütiger Gewöhnlichkeit: »Na nu! Wat mordest du mir meinen Schlaf, oller Glamis? Ich dachte einen langen Schlaf zu thun, und nun soll Cawdor nicht schlafen mehr, Macbeth nicht schlafen mehr?! – Ach, du ganz gemeine Mordaxt du, wie kannst du dich unterstehen, an meiner Wurzel zu naschen?!« Er holte langsam aus seiner Hosentasche einen Kamm und begann sich mit theatralischer Gebärde seine schwarzen Haare zu kämmen, während er, auf der Diele sitzend, ähnliche ungeheuerliche Redensarten vor sich hinmurmelte. »'Raus aus euren Federn, 'raus aus euren Himmelbetten mit den seidnen Kissen« wiederholte der Wirt, während ein Knecht eintrat und, ohne auf die Schläfer Rücksicht zu nehmen, mit einem großen Besen zwischen sie auf der Diele hinfegte. Auf dem Tische richtete sich der Befrackte in die Höhe, wischte sich die Augen, verlor das Gleichgewicht und fiel von der Tischkante auf die Diele herunter, wo er sich langsam aufrichtete und träumerisch verklärt sagte: »Morgen, Morgen! Ei, Strammfidel, mir träumte, ich fiele als Tropfen Morgentau in det weiche Bett einer aufgeblühten Kamelie. Herrgott, ick jloobe, der Penneboos hat mir von der Bank geschmissen.« Er drohte dem Wirte mit der Faust und rief: »Na, warte, du Rabensohn, wenn du mir noch einmal vom Tische wirfst, denn ziehe ich aus hier und nehme meine Salonmöbeln mit.« Der Wirt sah ihn von oben herab an und sagte, indem er einen verständnisvollen Blick auf den Maler warf: »Stille bist du, du stellenloser Oberkellner, du abgedankter Frackvogel mit der Papierserviette.« Kaum hatte er das gesagt, als der Angeredete mit einem wilden Satze aufsprang, sich vor dem Penneboos aufstellte, indem er mit einer Taschenbürste sich die Haare glättete und auf der Rückseite seines Kopfes heftig einen Kellnerscheitel abteilte. Höhnisch schrie er: »Na, denn geben Sie mir doch eine Stellung bei sich, Sie großartiger Hotelier ersten Ranges, wo die beschmorten Drescher Table d'hote halten. Was verstehen denn Sie? Ich verstehe französisch, englisch, italienisch und mir haben die adeligsten Gräfinnen nie unter'm Thaler Trinkgeld gegeben! Aber ehe ich bei Ihnen in Stellung ginge, da möchte ich doch lieber in der feinsten Hochwollee ohne anständiges Vorhemdchen bedienen.« Nachdem er diesen Trumpf ausgespielt hatte, drehte der ehemalige Kellner dem Pennenwirt den Rücken zu und sagte ruhiger und mit vornehmer Herablassung: »Bringen Sie mir mein Frühstück, Schnaps und Brot, aber englisch.« Der Wirt zuckte die Achseln und begab sich nach dem Schnapsschank der Gaststube, wo er sich hinter dem Tische aufstellte und langsam aus verschiedenen Glasflaschen mit den verheißungsvollen Inschriften: Kornbranntwein, Nordhäuser, Kümmel, Kirsch und wie sie alle heißen, eine Reihe von Schnapsgläsern füllte. Unterdessen begann in der Stube ein reges Leben; die Kunden sprangen von ihren Lagern auf, räumten ihre Strohschütten hinaus, und man fing an, sich zu waschen, soweit man ein Bedürfnis dazu fühlte. Der eine schrie nach Stiefelwichse und Bürste, die er auch durch den Knecht erhielt, und wichste pfeifend seine schönen neuen Schaftstiefel; ein andrer stickte seine Hosen. In der Ecke musterte ein dritter den Inhalt seines Felleisens, das er aufpackte, um zu sehen, daß ihm bei Nacht nichts gestohlen sei. Man kämmte, bürstete, flickte und putzte sich heraus, der eine anständig und sauber, um einen guten Eindruck zu machen, wenn er über Land ginge fechten und wandern; der andre suchte noch neue Löcher in seine Hosen und seinen Rock zu bringen, um so elend als möglich zu sein und erhöhtes Mitleid zu erheischen, wenn er weiter oben an der Landstraße stehen würde als armer Blinder oder als Invalid. Unterdessen hörte man aus der Ofenecke ein dünnes Stimmchen selig und heiter singen: »Wach auf, mein Geist und schwinge dich, ja, schwinge dich.« Und in hohem Diskant sprach dieselbe Stimme: »Ich grüße dich, du schönes Leben wieder!« Das war der Schneider Heinrich Henning, der eben auch erwachte und sich mit dem Gefühle inniger Dankbarkeit für seinen Schöpfer, der ihn auch diesen neuen Tag sehen ließ, fröhlich erhob. Er blickte so munter und zufrieden drin wie ein junger König, der die erste Nacht nach seiner Thronbesteigung in seinen neuen königlichen Gemächern gut und hoffnungsvoll geschlafen hat. Nicht ganz gleicher Meinung mit Heinz Henning, dem ehemaligen Herren- und Damenschneider, jetzigem landwandernden Kleiderhändler, war aber Gottlieb Weber, der wegen Streikes entlassene arbeitslose Bergarbeiter. Der rieb sich sein Kreuz, noch ungewöhnt des Schlafens auf der harten Bank und jammerte: »O Je, o Je! Mein Kreuz, mein Kreuz!« Er rief den Wirt an und sagte: »Sie hölzerner Nußknacker von einem Herbergswirt, mit was haben denn Sie Ihre Sofas aufgepolstert? O Jotte doch, ich bin so zerschlagen wie gewiegtes Rindfleisch auf der Fleischbank. Haut ihn, den Mann mit den wackeligen Bettstellen!« Diese zarte Aufforderung schien in den Seelen der anderen Fechtbrüder ein lebendiges Echo zu finden, denn der Schauspieler Hasenklau hielt inne im Auskämmen seiner Haarmähne und rief mit dem Brustton der Überzeugung: »Jawohl, haut ihn!«, während der ehemalige Oberkellner Karl Sorger herausfordernd bemerkte: »Schnallt ihn fest auf seinen Tisch und wippt ihn, daß er auch einmal weiß, was es heißt auf Holz gebettet zu sein, wo alle andern Leute auf Rosen liegen.« »Was kann ich dafür«, entgegnete der Wirt, »daß ihr solche Kerle seid, die nicht einmal ein Bett bei mir bezahlen können? Oben liegt das ganze Haus voll, aber das sind anständige Leute, die haben noch die paar Groschen Schlafgeld; wer nur mit Pfennigen dienen kann, muß in der Stube auf der Bank schlafen!« Die Aufforderung des Kellners schien nichtsdestoweniger Anklang zu finden, denn die Kunden sprangen auf, drängten nach dem Schanktisch auf den Wirt los, und man hörte, indem plötzlich ein allgemeiner Lärm entstand, Worte und Laute in einer fremdartigen Sprache: »Schnallt ihn fest den Kundenschinder! den Höllenvater! 'Ran an die Bank! 'Rauf auf den Tisch! Gib deinen Soroff 'raus aus der Schnapstonne, du Oluffbruder mit den dicken Koteletten am ganzen Leibe!« Unter solchen Redensarten drängten die Fechtbrüder einander wechselseitig anstoßend gegen den Schanktisch, wo sie sich hin- und herschoben und mit drohenden Fäusten auf den Wirt hineinredeten. Der Maler, dem der Lärm gefährlich zu werden schien, sah, wie der lange Kellner den Penneboos bei der Schulter packte. Da wollte er eilig zur Thüre hinaus, um den Knecht zu rufen. Aber mit gelassener Kraft hatte der Wirt den Befrackten im Genick gefaßt und indem er ihm mit dem Knie einen gewaltigen Stoß in die Rückseite versetzte, warf er ihn, wie aus der Pistole geschossen, mitten in die Stube hinein, daß er gegenüber auf die Ofenbank flog, wo er sich, im Wirbel um sich selbst gedreht, schier verwundert hinsetzte. Der Penneboos trat, seine starken Arme reckend, mitten unter die gedrängte Schar der Kunden und rief, in einer Mischung von Zorn und guter Laune über seine Kraft: »Wollt ihr wohl, ihr Zitronenschleifer! Wie könnt ihr euch an eurem Penneboos vergreifen, vergreifen an dem Mann, der euer Vater, Mutter, Kammerdiener und Stubenmädchen zugleich ist?« Der Wirt wurde aufgeregter, schritt in der Stube vor, während die Fechtbrüder vor ihm zurückwichen, ihre Röcke anzogen und mäuschenstill wurden, und er donnerte die Rede unter sie hinein: »Wie könnt ihr den Respekt vor eurer Obrigkeit aus den Augen lassen? Wer kleidet euch, wer speist euch, daß ihr Pickus Essen. habt, wer schützt euch vor Klempners Karl Polizist. und seinem Kittchen? Gefängnis. Wer heißt euch hier wilden Mann machen, Skandal anfangen. wo ich da bin? Ei, der Mensch soll Vater und Mutter ehren! Was dich anlangt, Fritze Hasenklau, du stehst noch mit fünf Bleiern Zehnpfennigstück. bei mir! Habe ich dich trotzdem nicht aufgenommen und dir ein Bett an meinem Herd bereitet? Habe ich dich nicht an's Tischlein deck dich gesetzt und dir ein viertel Pfund-Brot für sechs Pfennige gratis gegeben ohne Butter und Wurst? Und du wagst dich zu vergreifen an mir? Die Polente Polizei. und den Schucker Gendarm. über euch!« Der also Angeredete machte ein Gesicht wie jemand, den man aufs tiefste gekränkt hat, dann aber nahm er sein Glas Schnaps, das er statt des Frühstücks genoß, goß es mit einem Zuge hinter die Binde und bemerkte anzüglich: »Jawohl, und ich würde dir die fünf Bleier gleich herausgeblecht haben, aber der hier, dieser Schatten eines Kellners, ist mir vom letzten Kümmelblättchen noch sechs Bleier schuldig!« Von der Bank hinten klang es heiser dagegen: »Schwindel! Falsch! Falsch! Gebauernfängert hat er mir!« Ein neuer Streit wollte beginnen, während der Wirt einzelnen Kunden ihr Frühstück auf die Gasttische stellte, Schnaps und Brot, der Knecht aber anderen aus der Küche den Kaffee brachte. Man trank und brockte sich Brot in die verschiedenen Flüssigkeiten. Hasenklau hatte verächtlich über seine Achsel weggeschaut und rief dem Kellner zu: »Wirst du silentium halten. Ich werde dir meine Freundschaft aufkündigen und jegliche Geschäftsverbindung mit dir abbrechen! Ich werde –!« Aus dem Hintergrunde klang es noch heiserer zurück: »Und ick werde dir ollen Schmierenbruder den Standpunkt pulverisieren!« Kaum hatte das der ehemalige Schauspieler gehört, als er sich theatralisch in die Mitte der Gaststube stellte, die linke Hand feierlich auf die Brust legte und die Rechte beschwörend gen Himmel erhob mit den Worten: »Hört! hört! Schmierenbruder nennt er mir! Ich habe den Macbeth und Lear gespielt zu meiner Zeit, und nun kommt dieser Hofnarr meiner Gunst, den ich an meinen Brüsten großgesäugt, und schlägt den gift'gen Schlangenzahn in meine Weichen!« Mit den Worten Hamlets schloß er feierlich: »Ha! ein geflickter Lumpenkönig!« Ein gereizter Kater kann nicht ärger zischen und fauchen wie der Kellner Sorger, der auf solche Beschimpfung hin wild aus seinem Winkel auf den Schauspieler losgestürzt kam und, alle anderen zu Zeugen auffordernd, außer sich ausrief: »Was hat er gesagt?! Was! Ein Lumpenkönig!« Der Schauspieler aber rief noch feierlicher die Worte Hamlets aus: »Der weg vom Sims die reiche Krone stahl! Apoll bei einem Satyr!« Diese ungeheuerliche Beschimpfung war selbst dem Wirt zu arg, denn er schlug auf den nächsten Gasttisch und sprach mit Energie: »Na, nu, man raus! Wer heißt dir hier solche unerhörte Redensarten führen, bei denen einem Christenmenschen die Gänsehaut überläuft? Sind das Worte? 'Raus mit euch! Macht eure Sachen draußen aus!« Er pfiff mit dem Munde scharf auf seinen Fingern, was der eben wieder eintretende Hausknecht sofort verstand, denn er packte zunächst den Schauspieler an den Schultern, warf ihn in schräger Linie zur Thür hinaus und faßte den Kellner bei den Ohren, um ihn etwas langsamer gleichfalls zur Thür hinauszuführen. Der Befrackte fuchtelte dabei mit den Händen in der Luft herum und jammerte: »Ich habe noch keine Krone gestohlen! Apoll bei einem Satyr hat er mir genannt, wer weiß, was das für Lumige miteinander gewesen sind, ich lasse mir so 'was nicht gefallen. Nicht einen Bleier kriegt er heraus.« Seine Worte verhallten draußen auf dem Flur, denn der Hausknecht warf die Thüre hinter den beiden Kampfhähnen zu. Es wurde nun ruhiger im Gastzimmer, die Kunden frühstückten, musterten ihre Legitimationspapiere, flüsterten zusammen und besprachen gruppenweise die Geschäfte, die sie miteinander vorhaben mochten. Die Thüre ging gelegentlich wieder auf und es kamen, sauberer geputzt, die Schlafburschen allmählich herunter, die oben in richtigen Betten gelegen hatten, reisende Handwerksburschen, die nach alter Sitte ein Jährlein auf der Wanderschaft lebten, ordentlichere Arbeiter und Handwerker, die über Land gingen, um Arbeit zu suchen, auch wohl der eine oder andre Hochstapler darunter, der still bei sich seinen neuesten Streich erwog, den er in dem nahen Landstädtchen zu vollführen dachte. Einzelne machten sich dann auf, luden ihre Felleisen auf und nahmen ihre Knotenstöcke in die Hand, um am Morgen noch ein gut Stück weiter zu kommen, die Gaststube leerte sich allmählich und als nur noch einige wenige beisammen saßen, schenkte sich der Wirt am Schanktisch selber ein Glas Branntwein voll, trank es, rieb sich behaglich den Magen, warf dem Maler, der unbeachtet in einer Ecke gesessen hatte, einen Gönnerblick zu und ermahnte seine Gäste: »An Ihre Geschäfte, an Ihre Arbeit, meine Herren! Wer dreizehn unmündige Kinder hat, wovon das jüngste noch nicht auf der Welt ist, der soll an den Thüren bitten, auf daß ihm gegeben werde. Wer blos einen Arm hat, soll den andren unter der Weste festbinden, wer blind ist, soll sich die Wimpern ausrupfen, wer taubstumm ist, soll Watte in die Ohren stopfen und jedermann soll thun, was seines Amtes ist. Denn die Welt ist voll Hartherzigkeit, man muß sie zur Barmherzigkeit erziehen. Geht, und sammelt in eure Scheuern, ihr Lilien auf dem Felde!« Der Maler hatte unterdessen heimlich noch manche rasche Skizze in sein Buch gezeichnet ohne zu bemerken, daß man ihn an einem Tische zuletzt doch beobachtete und besorgte Worte um ihn austauschte. Ja, seine Anwesenheit bewirkte nun, daß die Gaststube binnen kurzem gänzlich leer wurde und als er den Wirt darob frug, meinte dieser: »Na, da nehmen Sie sich nur in Acht! Am Ende hält man Sie für einen Polizeispion, der für ein Verbrecher-Album arbeitet. Machen Sie, daß Sie bald weiter kommen und sehen Sie zu, daß man Ihnen im Busch nicht auflauert.« Der Maler wollte sich schon etwas beklommen erheben, als er durch die Frage des Wirtes: »Ja, was ist denn das für einer?« auf einen neuen Gast aufmerksam wurde, der eben eingetreten war und sich ermüdet an einem Tische nieder ließ. Er schien in der Morgendämmerung schon einige Stunden gewandert zu sein, legte ein schwarzleinenes Felleisen, auf dem ein paar neue Schuhe und die Bürste außen aufgeschnallt waren, neben sich auf die Bank, lehnte den Knotenstock an den Stuhl und sah sich mit leise spähenden Augen um. Dem Maler und dem Wirt fiel gleichermaßen eine gewisse Reinlichkeit der Kleidung des Mannes auf und obwohl der Hut, der seinen Kopf bedeckte, schon ziemlich verschossen war, so wies doch ein gewisser geistiger Zug um seine Augen auf etwas anderes hin, als was der Mann scheinen mochte. Der Maler grübelte über der Erinnerung an irgend ein ähnliches Gesicht aus seinem Bekanntenkreise. – Nachdem der Fremde sich gesetzt und nachdenklich umgeschaut hatte, rief er dem Wirt zu, er solle ihm eine Portion Kaffee und etwas Schinken und Eier besorgen. Im selben Augenblicke schien er sich aber eines anderen zu besinnen, als ob ein so reichliches Frühstück Verdacht erregen könnte, und er sagte statt dessen: »Also einen Schnaps mit Brod und Dreierkäse.« Der Wirt durch dieses Verhalten noch aufmerksamer geworden, trat jetzt zu dem Fremden an den Tisch, rückte sein Käppchen und begrüßte ihn mit dem alten Gruße der fahrenden Handwerksburschen: »Kenn' Kunde! Weißlinge will er? Schnaps will er? Soll's ein Wachtmeister sein?« Der Fremde schaute etwas verdutzt zu dem Wirte auf, denn es waren in dessen Rede gleich drei Ausdrücke, die er noch nicht gehört hatte. Er schien aber ein Interesse zu haben, seine Unkenntnis zu verbergen, that, als sei ihm der Kundengruß schon lange bekannt, und als wüßte er, was ein »Wachtmeister« sei und gestattete sich nur die beiläufige Frage: »Was? Weißlinge? haben Sie solche Fische auch hier herum?« Er mochte tüchtig vorbeigeraten haben, denn der Wirt lachte und meinte: »Na, Kunde, er hat ja doch Eier bestellt. Das nennt man auf der Penne Weißlinge. Sind wohl noch nicht lange auf der Walze?« Der Fremde machte, als er eine solche originelle Wortbedeutung erfuhr, ein Gesicht wie jemand, der eine interessante wissenschaftliche Entdeckung mit Genugthuung verzeichnet. Da er aber mit der sonderbaren Frage, ob er schon lange auf der »Walze« sei, wiederum vor ein Rätsel gestellt war, so schwieg er und blickte mit einem geistreich leeren Blicke an dem Wirt vorüber. Dieser musterte ihn von neuem, ob man einem so verdächtigen Menschenkinde, das augenscheinlich noch gar nicht »gewalzt« hatte d. h. auf der Wanderschaft gewesen war, Unterkunft gewähren dürfe. Er kam aber mit seinem Gedankengange nicht zu Rande und frug daher etwas rasch und herrisch: »Na, soll's ein Wachtmeister sein?!« Die unwillige und unverstandene Anrede stimmte aber auch den Neuling etwas ärgerlich und er sagte daher aufs Geratewohl und ziemlich unwillig: »Ach was, ich bin überhaupt nicht beim Militär gewesen.« Der Wirt hatte nun schon genug. Er zuckte mit einer überlegenen Miene die Achseln und bemerkte mit einer kurzen Wendung gegen den Maler hin, der ihn aber ebenso wenig wie der Fremde verstand: »Also ein Äffchen!« womit er einen Neuling im Landfahren meinte. »Noch grün wie Spinat! Ob Sie ein großes Glas Schnaps wollen, Handwerksbursch, frage ich; das heißt bei mir allerwegen ein Wachtmeister!« Es lag eine ziemliche Geringschätzung in dem Tone, mit welchem er diese Aufklärung gab. Der Unbekannte hatte sich aber schon wieder zurecht gefunden, nahm eine Miene an, als sei er nicht im geringsten zweifelhaft über die Bedeutung der Sache gewesen, und gab es dem Wirt scharf zurück mit dem selbstbewußten Worte: »Ja, freilich, bringen Sie mir nun endlich meinen Wachtmeister.« Der Wirt ging an die Schänktafel, füllte ein großes Glas Schnaps und murmelte etwas in sich hinein, was seine erneuten Zweifel über den Ankömmling ausdrückte. Ein Polizeikundschafter konnte es nicht gut sein, denn der würde sich geschickter benommen haben; für einen Hochstapler konnte er ihn nicht halten, denn der mußte die Sprache kennen; für einen arbeitsuchenden Handwerker oder Fabriklöhner waren seine Hände nicht rauh genug, für einen Städter, der eine Landpartie unternahm, wiederum war die ganze Ausrüstung zu handwerksburschenmäßig. Der Maler unterdessen machte den Versuch den Neuling rasch und verstohlen in sein Skizzenbuch zu zeichnen; da er in der dämmernden Zimmerecke saß, konnte der Fremde ihn nicht recht erkennen, während er selbst von neuem über eine gewisse Ähnlichkeit dieses Gesichtes sich den Kopf zerbrach. Plötzlich aber bemerkte der Fremde, daß man Anstalt machte, ihn abzukonterfeien, und er drehte sich daher mit einer raschen Bewegung um, womit er dem Maler den Rücken zukehrte. Das war nun entschieden verdächtig. Der Künstler machte dem Wirt mit der Hand einige deutliche Zeichen, daß er gesprächsweise den Fremden verführen solle ihm sein Gesicht wieder zuzuwenden; der Wirt zog die Augenbrauen hoch, stellte dem Gaste den Schnaps auf den Tisch und nach einer allgemeinen Einleitung, die darin bestand, daß er wiederholt bemerkte: »Ja, ja, Kunde, so geht's!« richtete er auf einmal die unmittelbare Gewissensfrage an den Mann: »Was ist denn eigentlich seine Religion, alter Kunde?« »Religion?« meinte der Angeredete ganz erstaunt. Daß man hier mitten im duldsamen Deutschland, im letzten Jahrzehnt des neunzehnten Jahrhunderts so ohne Weiteres von einem Gastwirt nach dem Religionsbekenntnis ausgefragt wurde, schien dem Fremden denn doch ein ziemlich starkes Stück. Und er entgegnete barsch: »Religion? Was geht Sie das an, ob ich katholisch oder reformiert bin.« »Ach, wo!« warf der Wirt, statt geärgert zu sein über solche Auskunftsverweigerung, ganz gemütlich ein. »Ihre eigentliche Religion meine ich nicht. Ihr Geschäft meine ich. Was ein rechter Walzbruder ist, bei dem heißt schon seit Ritter Olims Zeiten sein Handwerk allemal seine Religion.« Und anzüglich fügte der Wirt die neckische Frage hinzu: »Vielleicht ein Reisender in Unterhosen?!« Der Gast schwieg auf diese Frage, denn augenscheinlich war er um eine neue und außerordentlich merkwürdige Erfahrung reicher. Der Wirt aber, hinter seinem Rücken durch Gebärden des Malers von neuem aufgefordert, und zu jedem Schabernack ohnedies einem solchen grünen Ankömmling gegenüber geneigt, griff zu einer List, um letzteren wieder in das Augenbereich des Künstlers zu bringen. Er neigte sich verstohlen und mit einer schlauen Miene zu dem Fremden nieder und flüsterte ihm zu: »Haben Sie denn auch schon Bekanntschaft gemacht mit dem da drüben? Das ist ja der große Falschmünzer, der lange Ede, der neulich aus dem Gefängnis entsprungen ist. Sehen Sie aber nicht so hin; Sie müssen sich ihm nur ein bischen zukehren, daß Sie ihn von der Seite beobachten können. Verstehen Sie?!« Er erreichte wirklich, daß der Fremde sich neugierig und verstohlen nach dem Mann im Dunkel der Zimmerecke umschaute und von der Seite nach ihm hinschielte. Der Wirt aber, triumphierend über den wohlgelungenen Anschlag, schlich sich sachte zur Thüre hinaus, um in Stall und Küche nach dem Rechten zu sehen und die beiden ungewohnten Gäste ihrer wechselseitigen scharfen Betrachtung und mißtrauischen Beobachtung zu überlassen. Es dauerte auch nicht lange, so begann der Maler von neuem in seiner dunklen Ecke eine rasche Karrikatur des Fremden in sein Skizzenbuch aufzunehmen. Indem er aber diese Züge nun mit eigener Hand nachzeichnete, stieg auf einmal eine äußerst lebhafte Erinnerung in ihm auf. Kein Zweifel, er war es doch! Eben wollte er selbst eine Frage thun hierüber, als der andere sich entrüstet erhob und die Frage stellte: »Mein Herr, wie kommen Sie dazu, mich hier, ohne meine Erlaubnis, zu porträtieren? Ich ersuche Sie, sofort diese Skizze zu vernichten!« Die Stimme, mit welcher der Mann jetzt in der Erregung sprach, war zu unverkennbar, daß der Maler nicht mit behaglicher Geberde ihm die Zeichnung entgegengehalten und etwas anzüglich gefragt hätte: »Finden Sie nicht, mein Herr, daß diese Zeichnung einen stark retouchierten Eindruck macht? Es ist nicht meine Schuld, denn wenn man es nur mit einem retouchierten Originale zu thun hat, so ist es kein Wunder, wenn auch das Abbild zur reinen Dekorationsmalerei wird. Denn dieser Bart, Herr, ist sicher nicht das Werk der Natur, der ist beim Färber gewesen, ja, die Kleidung, die abgetragenen Stiefel, es ist alles bloße Retouche!« Der also Angeredete erkannte jetzt wohl auch in dem aufstehenden Maler und bei hellerer Beleuchtung den alten Freund, mochte sich aber nicht so schnell ausliefern und entgegnete mit angenommener Härte: »Herr, das ist eine Unverfrorenheit sondergleichen. Ich reise als Handwerksbursche, bin ein fahrender Schlossergeselle und mein Name ist Hans Finke!« »Still, alter Schwede!« fiel ihm der andere ins Wort. »Bist doch nur ein Öldruck, gratis im Abonnement zu einem Kolportageromane dreingegeben. Denn alter Junge, edler Hans, wunderbarer Hans Landmann, Nationalökonom, angehender Volkswirtschaftslehrer, Doktor und Privatdozent, kennst du deinen langjährigen Genossen fröhlicher Zechstunden nicht mehr, deinen Gustav Wangenheim, den malerischsten aller Maler, die jemals malten in Essig und Öl?! Wozu die Mummerei? Glaubst du, ein Maler kenne nicht die nachgemachte Anatomie deiner Erscheinung auf den ersten Blick? O Freund, wie bist du verkümmelt!« Gegenüber einer so bestimmten Behauptung war nun freilich nichts mehr zu verbergen. Hans Landmann reichte dem Freunde mit einer schalkhaften Geberde die Hand. Man begrüßte sich aufs herzlichste und konnte sich nicht genug verwundern, unter so eigentümlichen Umständen in einer einsamen Zentralpenne auf dem Lande zusammengetroffen zu sein, wo sonst nur die »armen Reisenden«, die Handwerksburschen, die Stromer und Arbeitslosen absteigen. Der Maler war ganz zufällig, nachdem er in einem nahen Landstädtchen mit der Eisenbahn angelangt war, um von da aus eine Fußpartie zu unternehmen, durch die hübsche Gegend hierher geraten. Er hatte sich am Abend verspätet und war in das einsame Gasthaus eingekehrt, ohne eine Ahnung, daß es eine Landherberge war. Dagegen erzählte der Privatdozent, daß er schon seit vierzehn Tagen auf der Fußwanderung begriffen sei und in diesem Aufzuge, in dem er dasitze, auch noch zu Fuße ein gut Stück Deutschlands zu durchwandern die Absicht habe. »Denn, Freund,« setzte er hinzu, »du siehst mich in dieser Tarnkappe Studien halber.« »Dachte ichs doch,« meinte der Maler lustig. »Ja, ja, schon Mahadöh, der Herr der Erde, stieg unerkannt in Menschengestalt unter die Sterblichen.« Er klopfte auf den Tisch, um den Wirt hereinzurufen und bei einer Flasche Wein das flüchtige Beisammensein auszukosten. Hans Landmann aber bat ihn mit einiger Besorgnis um Ruhe, meinte, er dürfe schon deshalb keinen Wein hier genießen, um dadurch sein Inkognito als reisender Schlossergeselle nicht zu verraten, und sie müßten deshalb schon mit einem Gläschen Schnaps fürlieb nehmen, so lange sie an diesem Orte wären. »Also, ums kurz zu machen,« erklärte der falsche Handwerksbursche, »will ich dir mitteilen, daß ich mich schon längere Zeit mit dem Plane trage, ein Buch über das Stromerwesen und Landfahrertum in Deutschland zu schreiben. Ganz privatim will ich dir auch sagen, daß mir eine Professur als Volkswirtschaftslehrer an einer unserer ersten Hochschulen blüht, wenn ich die Ursachen dieser sozialen Erscheinung ins rechte Licht zu setzen weiß. Wir alle raten an dem großen Problem der Arbeitslosigkeit, das zeitweilig in unseren großen Städten, gepaart mit Nahrungsmangel, uns schwere Katastrophen droht, wie es schon zu schweren Krankheitserscheinungen am Körper des Staatslebens geführt hat. Es hilft aber nichts, mit allgemeinen Theorien die Sache abzuthun. Man muß die Erscheinungen an der Quelle studieren. Und die Leute, welche in dieser Lage sind, muß man selber sprechen, um zu sehen, wo eigentlich sie und den Staat der Schuh drückt. Ein deutscher Theologe ist vor einiger Zeit unter die Arbeiterschaft gegangen und hat als Fabrikarbeiter gedient, um dann ein Aufsehen erregendes Buch über die Zustände des deutschen Arbeiters zu schreiben. Ich will nun noch etwas tiefer herabsteigen, ich will die eigentlich Ausgestoßenen der menschlichen Gesellschaft studieren, indem ich selbst als einer der ihren über Land wandere. Das alte Handwerksburschenleben geht ja dahin.« Aus der Ferne, vom Eisenbahndamme her, der eine Viertelstunde weit von dem Gasthause über die Ackerebene in den nahen Wald führte, hörte man in diesem Augenblicke den langen, schrillen Pfiff einer Lokomotive. Der Ton verlor sich auch durch die Fensterscheiben in das Innere der Herberge und verklang leise klagend. »Hörst du?« fuhr der Redner fort. »Da pfeift der Dampfzug vorüber. Dort rast die Kulturwelt in pfeilschnellen Wagen dahin; hunderte von geschäftlich bewegten, hoffnungsvollen Menschen durcheilen im Fluge die einsamen Länder. Die Landstraßen, wo einst die Reisenden in Postkutschen, neben langen Reihen von Lastwagen, langsam hinrollten, sind verödet, sind entvölkert. Nur der Handwerksbursche schlendert noch langsam mit seinem Bündel auf diesen Wegen uralten Verkehrs. Aber es ist nicht der alte, wohlbestallte Handwerker mehr, der, wie Hans Sachs, über Land ging, um die Welt zu sehen, seinen Anschauungskreis zu erweitern und da und dort zu arbeiten. Das sind verhältnismäßig nur noch wenige. Statt dessen belebt die Landstraßen ein anderes Volk, das Volk der gesellschaftlich Ausgestoßenen und Überzähligen, die Armen, welchen es nicht gelungen ist, zur rechten Zeit auf den Bahnhof des Lebens zu kommen, um mit in den Zug zu steigen, wo Arbeit und Lohn das Dasein ist, die vernichteten Existenzen, welche beim ungeheuerlichen Räderwälzen unseres sozialen Lebens den Anschluß versäumt haben.« Aus ganz weiter Ferne klang zwischen die Worte des Redners nochmals der klagende, verschollene Ruf der weiter entfernten Lokomotive, die mit ihrem Zuge schon tief in das Waldland hineingeeilt war. Dann war alles wieder still. Wangenheim meinte etwas bedenklich: »Und da hast du als unverbesserlicher Anhänger der ›naturalistischen‹ Schriftsteller, als Mann der Humanität und Wissenschaft beschlossen, gleich selbst als ein solcher Stromer zu wandern, und dieses Leben und seine Ursachen zu studieren? Wünsche gute Verrichtung.« »So ist es,« entgegnete der andere, indem er aus seiner Rocktasche ein Wanderbuch zog, welches seine Legitimationspapiere enthielt. Er ließ den Freund Einblick in dieselben thun, welche auf den Namen Hans Finke, Schlossergeselle aus Königsberg, ausgestellt waren. Landmann erzählte, daß ein befreundeter Polizeirat in Berlin von dem Plane dieser Fußwanderungen unterrichtet sei, und daß man ihm zu diesem Zwecke doppelte Legitimationen auf einen reisenden Handwerksburschen ausgestellt habe. Er erzählte, daß er seine Reisegelder an verschiedene Postämter postlagernd voraus gesendet habe, um nicht mit zu viel Geld beschwert zu sein für den Fall, daß der eine oder andere Fechtbruder seiner Reisebekanntschaften ihn zu bestehlen den Einfall habe. Auf seine Papiere hin erhalte er an den verschiedenen Postämtern seine Gelder ausgezahlt, und im übrigen habe er die Absicht, einige Monate lang selber gänzlich zum fahrenden »Kunden« oder Handwerksburschen zu werden, Freuden und Leiden mit seinen Reisebegleitern zu teilen, im Notfalle selbst den armen Reisenden zu machen und die Ortsgeschenke in den Dörfern einzustreichen, um alles, worüber er schreiben wolle, mit eigenen Augen zu studieren. »Denke dir, Freund,« setzte er hinzu, »nach neuesten statistischen Angaben befinden sich in Deutschland allein durchschnittlich dreimalhunderttausend stellenlose, arbeitslose Menschen auf den Landstraßen und in den Herbergen, davon zweimalhunderttausend, welche dauernd in diesem Zustande leben und als freie Fechtbrüder sich durchbringen, sage 200 000! Wenn das nicht der wichtigste Teil der sozialen Frage ist, an der die guten Deutschen herumdoktorieren! Denn diese Leute, welche an deine Thüre klopfen und unter dem Namen des »armen Reisenden« um ein Almosen bitten, sie finden sich aus allen Ständen und Klassen zusammen, mancher Schuldige, viele Unschuldige, vom Interessenkampf Aufgeriebene.« Der Maler, der auch schon einige Kenntnisse über diesen Punkt besaß, ergänzte launig: »Ingenieure, entlassene Offiziere, stellenlose Fabrikarbeiter, Handwerker und Kaufleute, Bäcker, Schuster, Schneider, verkommene Schauspieler, arme Kunstreiter, durchgefallene Studenten, Journalisten, Doktoren, Schiffer, Forstleute, Beamte und wie sie alle heißen, stimmt, Freund, aber ich warne dich, laß dich mit dem Völkchen nicht zu tief ein – sie habens fast alle hinter den Ohren!« Hans Landmann zuckte etwas überlegen die Achseln und meinte im Bewußtsein seiner Menschenkenntnis: »O, das laß mich machen. Ich kenne meine Pappenheimer, du malst sie ja auch.« »Malen ist etwas ganz anderes. Wir Maler bleiben hübsch außen am Rande der Dinge, ihr Forscher aber müßt untertauchen in das stille Wasser des Lebens, das so tief ist – na, höre mal, nach den Proben von Verstellungskunst vorhin!« »Lehre mich das Volk kennen!« warf Landmann etwas leichtsinnig ein. Überdies meinte er, das sei nur die Überraschung des ersten Augenblickes über die Redeweise des Wirtes gewesen. Denn hier scheine er nun endlich einmal in eine richtige Landpenne geraten, wo er das beisammen finden werde, was er suche. Schon seit vierzehn Tagen wanderte der junge, unternehmende Gelehrte auf vereinsamten Landstraßen, bald durch weite Nadelholzwälder und durch Dörfer auf fruchtbaren Ebenen, bald im welligen Hügellande, hinter dem Haideland sich abwechselnd ausbreitete. Da er größere Städte zu vermeiden suchte, hatte er bisher nur zwei kleinere Landstädte berührt, deren altertümliche Türme ihn aus der Ferne herangelockt hatten. Die erhofften Abenteuer aber waren bisher ausgeblieben; die Handwerksburschen, denen er sich auf den Straßen angeschlossen hatte, waren junge, harmlose Bürschchen gewesen, die keinen anderen Zweck verfolgten, als auch einmal eine Art Ferienreise zu unternehmen und sich äußerlich nur noch mit dem »Berliner« und dem Knotenstock beluden, um den alten Brauch mitzumachen. In den Dörfern hatten sie ihn in den großen Gasthof mitgenommen, wo man höchst anständig sein Bier trank und seinen Braten für vierzig oder fünfzig Pfennige aß. Kam man aber gegen Abend an die nächste Eisenbahnstelle, so hatten die Reisebegleiter sich wiederholt aufs höflichste verabschiedet, waren in die Eisenbahnwagen gestiegen, um womöglich an diesem Abend noch eine zweistündige Fahrt, allerdings vierter Klasse, auszuführen, und er hatte das Nachsehen gehabt. Da er glaubte, um seines Inkognitos willen sich nur mit schmaler Kost in den Gasthöfen begnügen zu müssen, so war er auch ziemlich mißmutig geworden über dieses ewige Fasten, bei dem ihm doch gar keine nützlichen Studien und Bekanntschaften einen Ersatz boten. »Aber jetzt, Freund, das merke ich, bin ich an der rechten Schmiede! Dieser alte verrauchte, verwetterte Gasthof scheint mir das gesuchte Eldorado meiner Wünsche. Und da ich mich hier für einige Zeit festzunisten denke, so schlage ich dir vor, wir wandern vorher ein Stückchen zurück, damit ich mich in deiner Gesellschaft in einem andern Gasthof des nächsten Dorfes noch einmal recht ordentlich satt esse mit etwas Solidem.« Wangenheim, der kopfschüttelnd den Freund betrachtete, konnte allerdings bestätigen, daß er hier endlich einmal in eine richtige Penne geraten sei, wo er sicher eine Reihe origineller Bekanntschaften machen werde, wenn er einige Zeit hier lebte. Und da der Maler nach der nächsten, zwei Stunden entfernten Landstadt zurück wollte, um mit der Eisenbahn dann noch eine dreistündige Fahrt nach Berlin zurückzulegen, so wurde beschlossen, daß Hans Landmann den Freund ein Stück begleitete, ehe er wieder in die vielversprechende Herberge zurückkehren sollte. Der Wirt wurde bezahlt und die beiden Freunde wanderten zusammen landeinwärts gegen das Städtchen zu, welches, in der Ferne zwischen zwei sonnigen Hügeln in ein Thal hineingebaut, mit seinen weißen Mauern herüberglänzte. Ein frischer, sehr kühler Frühlingswind wehte über die weiten Ackerebenen her. Im nächsten Gasthof wurde gerastet, und hier erstaunte Wangenheim über den Appetit des falschen Handwerksburschen, der mehrere Teller vom besten Braten verzehrte, Wein, Nachtisch nach Herzenslust genoß, um das lang Entbehrte wieder einzubringen, bevor er sich zu den neuen und diesmal unzweifelhafteren Abenteuern und Entbehrungen rüstete. Erst nachdem er eine Stunde lang gegessen, was der Wirt irgendwie auftreiben konnte, fand der ausgehungerte Gelehrte Zeit, bei einer Zigarre dem Freunde nach Berlin die wärmsten Grüße an seine Braut, ein Fräulein Emma von Arnim, aufzutragen, um zu melden, daß er den Bräutigam noch lebend und unversehrt hier gefunden, gesehen und gesprochen habe. Über diese Braut und die Geschichte der Verlobung tauschten sie noch manches fröhliche Wort. Als sich gegen den Nachmittag die Freunde endlich verabschiedeten, meinte der Maler mit heiterer Laune nicht ohne eine gewisse warnungsvolle Besorgnis um den kühnen Volkswirtschaftler: »Nun, der große Gott des Humors segne deinen Eingang und Ausgang, edler Hans Finke. Dein Buch will ich einst lesen wie eine weltliche Bibel. Mögest du unerkannt und ungebrannt durchs Fegefeuer gehen. Mögest du zunehmen an Heiterkeit, Weisheit und Weltverstand, und vor allem: hüte dich vor allen Weinen, die gebrannt sind aus dem Geist der Kartoffel!« Zweites Kapitel Während unser Held am Nachmittage im milden Sonnenscheine auf der Landstraße nach der einsamen Herberge zurückschlenderte, dachte er mit einer gewissen Genugthuung über sein Unternehmen nach. Er malte es sich mit lebhaften Farben aus, wie er nach reichlichen Studien an Ort und Stelle in der Lage sein werde, ein gehaltreiches, vielleicht epochemachendes Werk zuschreiben. Er erinnerte sich, wie viele Auflagen das Werk eines Mannes erlebt hatte, der in ähnlicher Weise unter die Arbeiterschaft gegangen war, und meinte, daß die Kreise, deren volkswirtschaftliche Erforschung er sich vorgesetzt hatte, die Teilnahme nicht nur gelehrter Leute und der Staatsmänner finden, sondern auch in der großen, allgemeinen Leserschaft viele Neugier erwecken würden. Er sah im Geiste die Druckerpressen in ununterbrochener Thätigkeit, neue Auflagen seines Zukunftsbuches fertig zu stellen und begann im Stillen nachzurechnen, wie viele tausende von Markstücken aus einem so zweifellosen Buchhändlererfolg in seine Tasche fließen würden. Es war natürlich, daß diese Markstücke sich mehrten und mehrten, während gleichzeitig die Hoffnungen auf eine Professur in Berlin zusehends eine bestimmtere Gestalt annahmen. Er verfolgte diese verlockenden Gedanken des weiteren, verglich seine gegenwärtige Studierstube, die er als einfacher Privatdocent bewohnte, mit der großen Wohnung im Westen Berlins, die er dann, als Professor und Verfasser eines großen und wichtigen Werkes nehmen würde, und stattete sie in Gedanken mit jeder Behaglichkeit eines seinen Hauswesens aus. Sein Studierzimmer, seine Bücherei bekleidete er im Stile der Renaissance mit eichenholzenen Schränken und guten persischen Teppichen. Das Speisezimmer erhielt neben der Tafel und mehreren Pfühlen, die an den Wandecken angebracht waren, einen großen Tellerschrein für die Anrichtung der Mahlzeiten, die er zu geben dachte. Denn ein Haus wollte er auf alle Fälle machen, die Spitzen der Wissenschaft, Kunst und Litteratur sollten bei ihm verkehren, bei ihm, der eine Merkwürdigkeit schon durch die Erzählungen war, die er von seinem Leben als Fechtbruder machen konnte. Ein hübsches Empfangszimmer stattete er mit blauseidenen Buhlmöbeln aus und unwillkürlich sah er neben seinem Studierzimmer ein behagliches Frauengelaß mit einem Erker, worin eine Ampel hinter bunten Glasscheiben herabhing und eine stattliche, brünette junge Frau saß – ach, Emma, süßestes aller Mädchen! Meine Braut, meine Freundin, meine Gefährtin, meine Herzallerliebste. Sähest du mich jetzt auf der einsamen Landstraße einherwandern, wie ich an dich denke und alle meine Gedanken zu dir eilen! Der Wanderer, ganz in diesen hoffnungsvollen Träumen versunken, war auf der Landstraße in den Wald hineingeschritten und, um noch ein Weilchen diesen freundlichen Bildern ungestört nachzuhängen, bog er von der Straße ab in den Wald hinein, setzte sich hinter dem Stamme einer großmächtigen Buche, die eben zu grünen begann, ins Gras und pflückte die Anemonen und Himmelsschlüssel. Und indem er sich wiederholt seinen behaglichen Zukunftshausstand ausmalte, wie er ihn gemeinsam mit der Braut einzurichten gedachte, die er heiraten wollte, sowie das Buch vollendet sei, mußte er lachen, indem er seinen gegenwärtigen Zustand betrachtete und die Komödie, die er als reisender Handwerksbursche spielte. Er konnte es nicht lassen, er mußte seinen Taschenspiegel aus dem Rocke ziehn und blickte hinein, um sein verwandeltes Bildnis des näheren zu betrachten. »Na, originell genug sehe ich ja wohl aus. So so! – Also Hans Finke heiß ich. –« Er nickte ganz leise in den Spiegel hinein, in dem er sein verwahrlostes, bartgefärbtes Gesicht und darüber den Buchenwipfel, vom Himmelsblau überwölbt, abgespiegelt sah, und dachte lächelnd: »Habe die Ehre, Ihre Bekanntschaft zu machen, mein Herr. Mein Name ist Dr. Hans Landmann, Privatdozent und Schriftsteller für Vagabundentum. Wie gehts, Herr Finke? hoffentlich noch Wohnungen zu vermieten? Sie wissen doch, es saugt keinen Honig aus Blüten, es bildet kein Wachs, es summt nicht und schwärmt nicht, und doch nennen wir reisenden Handwerksburschen ein Bienchen, was niedlich ist. Sie sehen mir zwar ein wenig ruppig aus, Herr Finke, indessen, es freut mich doch, daß wir im ganzen ein Herz und eine Seele sind. Halten wir fest zusammen. Bedenken Sie, Herr Finke, daß, wenn Sie Ihre Sache gut machen, Sie an dem Erlös des Buches teilnehmen werden, das ich schreibe. Gestatten Sie, Herr Finke, Ihnen zu sagen, daß ich nicht einmal eifersüchtig auf Sie sein werde, wenn Sie Fräulein Emma den Hof machen neben mir. Mögen Sie auch aussehen wie Ruppert, der Bärenhäuter, Fräulein Emma wird Ihnen gewiß gern, wenn ich es nur wünsche, ein Kosestündchen gewähren und so die vielbesungene Verbrüderung des vierten Standes mit den besitzenden Klassen verwirklichen.« Er ließ seine Gedanken in dieser Weise weiter vagabundieren, nahm eine Schere aus seinem Berliner und begann sich, in den Spiegel blickend, an der Stirn und im Nacken noch einige Haarlocken auszuschneiden in der Erwägung, daß sein Inkognito um so wahrscheinlicher werde, je schlechter und stufenmäßiger sein Haupthaar verschnitten sei. Über ihm im Buchenwipfel aber saß ein junger Finke und übte sich im melodischen Herauszwitschern aller Gefühle, die sein Herz bewegten, ein Selbstgespräch, das laut und vernehmlich durch den Wald schallte, während Hans Finkes wundersames Selbstgespräch schweigend und stumm in seinem eigenen Busen verschlossen blieb. Hans mochte eine Welle so gelegen haben im grünen Grase, als er auf der Landstraße das Näherrollen einer Handkarre vernahm und, jeden Augenblick auf ein Abenteuer gespannt, lugte er zwischen den jungen Gräsern und den niederen Büschen, vor denen er lag, hinaus auf die Straße. Dort sah er zwei Frauen in ärmlichen und zerschlissenen Röcken einherwandern, wovon die Ältere einen Handkarren hinter sich herzog. In dem Wägelchen stand ein großer, mit Lappen zugedeckter Tragkorb, ein kleines Mädchen saß daneben in der Karre und hielt in seinem Schoß ein Kind von etwa einem Jahre, das auch nur in dürftige Läpplein eingewickelt war. Ein größerer Junge aber zog neben der älteren Frau an der Deichsel des kleinen Wagens. Als die Frauen, welche in lebhaftem Gespräche waren und heftige Gebärden machten, näher kamen, erkannte der Lauscher, baß die Jüngere von den beiden Frauenspersonen unter dem grauen Kopftuche, welches sie umgebunden trug, ein hübsches Mädchengesicht mit ein paar großen, guten, wenn auch etwas dümmlich dreinschauenden Augen mitbrachte. Ihre Kleidung war dürftig genug, denn sie bestand nur aus einem roten Wollenrock und einem zerrissenen Leibchen aus dunkelblauer Seide, das einst wohl eine schönere und stattlichere Frau getragen haben mochte. Das Mädchen und auch die ältere Frau waren barfuß, und man sah ihre Fußspuren samt den Zehen auf der frühlingsweichen Landstraße ein gut Stück Weges hinter ihnen eingedrückt. Das Mädchen trug einen Handkorb am Arme; das schien die ganze Ausrüstung zu sein. Die beiden waren im lebhaften Gespräche bis dicht an die Stelle der Straße gekommen, wo Hans im zufälligen Hinterhalte lag, als die ältere Frau im Fahren inne hielt, sich an der Deichsel zurückstemmte und hierauf mit belehrender Miene auf die vordere Handkarre sich niedersetzte, während das Mädchen die Arme in die Hüften stemmte und vor ihr stehen blieb. »Na, nun sei einmal ein vernünftiges Mächen, Jette,« begann die Ältere mit mütterlicher Gewichtigkeit, »und laß dir von einer erfahrenen Frau, die schon seit acht Jahren als Tippelschickse geht, ein gebildetes Wort sagen.« Hans vernahm diese Worte ganz deutlich und hörte mit einer gewissen Genugthuung das Wort »Tippelschickse« ausgesprochen, dessen Bedeutung er zufällig von einem reisenden Handwerksburschen erfahren hatte. Er wußte daraus, daß die Sprecherin eine landfahrende Bettelfrau war, denn daß »tippeln« soviel wie »wandern« sei, hatte er sich schon in sein Notizbuch geschrieben, in dem er sich ein kleines Wörterbuch der Kundensprache anlegte. Das Mädchen drehte sich auf jene Anrede halb herum, verbarg die Hände unter ihren Rockfalten und sagte halb verschämt, halb ungehalten: »Nee, nee, ich mag nischt wissen, ich weiß ja doch, daß du mich nur zur Frau Oberkellnerin außer Dienst machen willst, und ich mag doch noch gar keenen Mann.« »Ach wo,« entgegnete die andere mit einer gewissen Würde langjähriger Lebenserfahrung, indem sie sich im Sitzen auf der Karre länger streckte, »der Mann ist die Bestimmung des Weibes und das Weib ist die Bestimmung für den Mann, dat kannst du sogar gedruckt lesen.« Die Jüngere zuckte die Achseln und erwiderte mit einer Miene der Geringschätzung: »Jawohl, aber das ist denn auch allemal auf dem Gemeindeamt auf dem Dorfe ausgeschrieben und hinterdrein gedruckt von wegen das Standesamtliche, und wenn ich überhaupt 'nen Mann nehme, denn will ich so eenen standesamtlichen Mann, aber keenen Scheeks, wie deine Männer gewesen sind, mit denen du zusammen auf die Fahrt gestiegen bist und die dich haben sitzen lassen, wenn du ihnen nicht genug Brot und Schnaps und Wurst und Fettigkeit zusammengebettelt hast, Liese.« Mit dem Stolze beleidigter Frauenwürde erhob sich die Liese, warf einen zufriedenen Blick auf ihre drei Kinder um sich und entgegnete dem jungen Mädchen: »Meine Männer! Du thust ja gerade, als wenn du wüßtest, wer dein Vater und Mutter ist! Und bist doch nur'n Findelkind, wo in die Welt heringekommen ist jerade wie die Mutter Eva, die auch weiter keinen Vater hatte. Na, und hat die etwa einen standesamtlichen Trauschein gehabt? Der ist doch nur für die Reichen, aber für uns?! Und deshalb ist sie doch eine brave Frau gewesen, die im Schweiße ihres Angesichts aus dem Paradies vertrieben war und ihr trocken Brot gegessen hat, wie ich, was ihr der liebe Gott doch auch bloß zum Almosen geschenkt hat, der armen Dille mit ihren zwei unmündigen Kindern.« Auf diese Worte hin, in so kläglicher Weise an ihre Heimatlosigkeit erinnert, begann die Jette zu weinen. Es war auch zu traurig, daß sie nicht einmal wußte, wer ihr Vater und Mutter gewesen war, und daß sie in dieses landfahrende Bettelleben hineingekommen war, sie wußte nicht, wie. Sie wischte sich aber mit dem Handrücken die Thränen aus den Augen und rief rasch und hartnäckig aus: »Und wenn mir och keen Mensch hat was Ordentliches lernen lassen, deshalb mag ich doch mit keinem Pennbruder gehn und für ihn betteln und dalven und schmal machen, bloß damit er faullenzen kann und eine Frau hat, die für ihn sorgt.« Sie wollte der Frau den Rücken kehren und weiter gehn, die Liese aber legte die Hand auf ihren Arm, drückte sie leise nieder und nötigte sie mit besänftigender Gebärde, daß die Dirne sich neben sie auf einen Steinhaufen am Straßengraben hinsetzte. Und mit sanftem, etwas wehleidigem Tone erklärte sie: »Ja, das ist nun 'mal so, Jette. Du wirst doch wohl diese Welt nicht ändern und bessern wollen, welche nun 'mal so eingerichtet ist, daß die armen Schicksen eben auch einen Mann brauchen. »Denn er soll dein Herr sein!« sagte sie mit Feierlichkeit. »Und siehst du, Jette, wenn du nun mit so einem Mann gehst, der dir gut ist und dir in allen Ehren, ohne Trauschein, heiratet, gloobst du denn nicht, daß es auch ein Trost ist, wenn du den ganzen Tag bei mitleidigen Menschen gebettelt hast, und wenn du dich dann mit ihm hinter'm Dorfe ins Korn setzest. Da packst du denn deinen Bettelkorb aus und teilst mit ihm, was du bekommen hast, denn wohlzuthun und mitzuteilen, Menschen, das vergesset nicht. Und wenn du siehst, wie's ihm dann gut schmeckt, deinem eigenen Manne, der wie du kein Haus, keine eigene Stube, kein Bett, kein gar nichts hat, als bloß das nackte Leben wie die Wölfe im Walde, wo's noch welche giebt, das ist auch ein Trost für eine arme Frau. Und wenn ihr dann 'mal Kinder habt, siehst du, da geht ja det Geschäft noch viel besser, da haben die Bauerfrauen und Frauen in der Stadt doch gleich mehr Mitleid, wenn du mit so 'nem kleenen Stammhalter kommst, der deine Familie 'mal weiterführen kann. Na, und darum sag ich, stoß ihn nicht zurück, Jette, der Herr Sorger ist ein adretter Mann. Oberkellner ist er gewesen, wie er noch 'n anständiger Mensch war, und ist bloß so weit heruntergekommen, weil er in seinem Hotel in Berlin den reichen Herrn immer so viel Jeld gepumpt hat, wenn sie Hazard spielten. Sie habens ihm aber nicht wiedergegeben, und dann hat er selber mitgespielt und ist in Schulden geraten, bis sie ihn an die Luft gesetzt haben. Und eine Stellung hat er ooch nicht bekommen, weil sie in einem Auskunftsbureau seitdem nur schlechte Auskünfte über ihn gegeben haben, und da hat er eines Tages 'nen Raptus gekriegt und gesagt: »Jetzt thu ich auch nicht mehr mit.« Und da hat er sich ganz einfach aufs Walzen verlegt, um Stellung auf dem Lande zu suchen, na, und weil er eingesehen hat, daß man als freier Fechtbruder eben auch noch sein anständiges Auskommen hat, ist er bei der Ausklopferei geblieben. Und so 'nen vornehmen Mann, der so 'ne tadellose Vergangenheit hat, kriegst du nicht wieder, darum, Jette, überleg dir's.« Mit gespannten Ohren hatte Hans hinter seiner Buche dieses lautgeführte Gespräch angehört. Jedes Wort prägte er sich mit einer gewissen freudigen, wissenschaftlichen Genugthuung ein. Das war ja ein Abgrund von Zuständen, der sich ihm in einem Augenblicke aufschloß. Welche Schlüsse mußte man aus diesem harmlosen Frauengespräche thun. In seine Genugthuung mischte sich aber zugleich ein tiefes Mitleid mit dem armen jungen Mädchen, das man augenscheinlich zu einer Verbindung zu bereden suchte, die ihm zuwider war, und als er gar an den Unbekannten dachte, für den die Frau das obdachlose Waisenkind zu werben suchte, mischte sich in sein herzliches Mitleid sogar eine gewisse Eifersucht. Er überlegte eben, ob er seinen Lauscherplatz aufgeben sollte, um sich ins Gespräch zu mischen, als die ältere Frau auf einmal ausrief: »Jette, sieh nur, da kommt er sogar selber. Ich will dir's nur sagen, ich hab's mit ihm ausgemacht, daß wir uns hier begegnen wollten, ehe wir in unsre Schicksenpenne fahren.« In der That kam von der andren Richtung der Straße her der Kellner gegangen, welcher am Morgen in der Herberge durch die Beschimpfung »Apoll bei einem Satyr« sich so tief beleidigt gefühlt hatte. Er hatte jetzt aber keinen Frack, sondern einen Rock an, den er sich durch ein Tauschgeschäft im Laufe des Vormittags bei einem andren Kunden erobert hatte. Ein ziemlich schäbiger Cylinder, dessen Deckel etwas nach der Seite eingeknickt war, zierte sein Haupt. Er hielt ein großes Bouquet in der Hand mit einer vergilbten Papiermanschette darunter, verneigte sich, indem er vollends herankam, vor der Jette, und sagte mit den Mienen und Gebärden des ehemaligen Weltmannes: »Na, schöne Jette, erlauben Sie mir, daß ich die Jelegenheit benütze, Ihnen in aller Form zur Begründung eines gemeinsamen Hausstandes meine allerschönste Aufwartung zu machen. Das Bouquet ist von einer Theaterprimadonna dahinten in Neustadt; ich habe sie eigens darum angehauen.« gebeten. Er wollte ihr mit einer anständigen Verneigung den Strauß überreichen. Die Jette, der wohl zum erstenmal in ihrem Leben ein Strauß angeboten wurde, machte einen raschen Griff auf denselben los, ließ aber mitten in dieser Bewegung ihre Hand sinken und blickte unschlüssig vor sich nieder und sagte: »Ach, nee doch.« »Na Jette nimm's nur. Du brauchst dir nicht zu schämen. Der Herr Sorger ist ein solider Mann, wenn der auf die Fahrt steigt, da bringt er schwere Miete heim.« Die Liese warf dabei dem Fechtbruder einen verständnisvollen Blick zu. Jette aber stand mit einem Gesicht da, in dem sich Widerwillen und Traurigkeit mischten. »Ach nee, ach nee,« wiederholte sie, »und ich mag doch nicht. Die Blumen sind ja alle schon fast verwelkt – ach, ich bin so traurig.« In der That waren schon viele Blumen halb gebleicht, und die Blütenblätter hingen schlaff und faltig nieder. Das Bouquet mochte wohl von einem Offizier der Garnison der Dame vom Theater geschenkt worden sein im frischen Zustande, bis sie dem hausierenden Kellner es abgetreten hatte in dieser Gestalt. Sorger schien das aber nicht zu bemerken. Er putzte ein paar von den verwelkten Blättchen aus dem Gebinde heraus und meinte eifrig: »Nee, nee, Jette, sie sind noch nicht verwelkt; ich hab sie auch noch'n bisken gespritzt da oben am Quell; siehst du, hier ist eine ganz frische Kamelie, wo die Kamele in der Wüste Sahara fressen in ihrem Durst, und die Rose ist auch noch wie neu hier – und wenn ich mal irgend wo einen verlorenen Ring oder eine Brosche finde, denn geb ich sie dir nachträglich als Hochzeitsgeschenk –« »Und ich will nicht, ich will nicht!« rief dagegen die Jette ganz aufgeregt aus. »Ich will ein anständiges Mächen bleiben; ich will fort aus dem Leben; ich will eine anständige Frau bleiben.« Hans fühlte die lebhafteste Neigung, von diesen guten Vorsätzen des armen Bettelfräuleins herzlich bewegt, aufzuspringen und den Kellner aufzufordern, daß er seiner Wege ginge. Aber es war ihm doch auch wieder von zu großem wissenschaftlichem Interesse, die Liese reden zu hören, und so blieb er liegen, wie diese mit sittlicher Entrüstung kreischte: »Na ja, da sieht man ja den Hochmut! Bin ich nicht eine anständige Frau? Drei Männer hab ich jehabt; der erste hat mir an den zweiten verkooft um zwei Thaler, wie er ins Ausland mußte, der zweite ist verschütt gegangen und ins Arbeitshaus, und der dritte ist gestorben, wie das arme Wurm hier kam – sie zeigte auf ihr Jüngstes –. Aber alle sind brave Männer gewesen und ich war eine Tippelschickse, wie sie im Buche steht.« Sie packte ihren ältesten am Arm, schüttelte ihn und frug stolz: »Na, ihr Schrabbiner, ist das wahr? Sag, Fritzel, wie viel Väter hast du gehabt? Du bist der älteste.« Der Knabe sagte mit seiner kindlichen Stimme fröhlich und wohlgemut und mit einem bedeutenden Stolze: »Drei. Den Zieger-Hans, mein erster Vater, den Herrn Stillefried und den Oeser-Karl, der ist tot und die anderen sind weg.« Die Mutter zeigte sich etwas besänftigt und wendete sich an das Töchterchen, das zusammengepfercht im Karren faß: »Na, Gretel, ist das wahr? Und bin ich euch nicht eine gute Mutter gewesen, die euch ehrlich zum Betteln angehalten und euch das verfl– Mausen streng verboten hat? Und haben wir nicht alle unsere Väter lieb gehabt? Was? Und nun muckt diese Prinzessin hier auf und will noch anständiger sein als unsereine, wo man mit Freuden so einen Ehrenmann wie den Herrn Sorger gleich vom Flecke weg heiraten würde?! Flausen, alles Flausen.« Sorger, bestärkt durch diese Aufmunterung, näherte sich jetzt der Jette. Hans sah das mit einer ihm selbst ziemlich unerklärlichen Eifersucht, und er atmete förmlich erleichtert auf, als die Jette mit einem kräftigen Fauststoß den Kellner zurückstieß und wild ausrief: »Und ich will ihn nicht. Ich will bloß so einen Mann, mit dem ich gehn mag, aber keinen ausgedienten Oberkellner, der von weiter nischt, als von den Trinkgeldern gelebt hat, die er den Leuten aus den Taschen gelockt hat. Das thu ich nicht und ich will heraus aus dem Leben.« Und mit diesen Worten raffte sie ihren roten Rock fester zusammen, sprang mit einem Satz über den Straßengraben und kletterte eilig die Böschung hinauf gerade auf die Stelle zu, wo Heinrich lag. Rasch lief sie dann in das Waldesdickicht hinein, und Hans sah nur noch, wie sie ihn mit einem raschen, erschrockenen Blicke hinter der Buche liegend erkannte. »Na, denn lauf, du überirdisches Frauenzimmer,« rief der Kellner der Flüchtigen nach, indem er ihr das Bouquet ärgerlich nachschleuderte. »Da merkt man auch, was die überspannte Romanlektüre thut.« »Hat man so eine Halsstarrigkeit erlebt?! ergänzte die Liese mit höchstem Erstaunen. Sie erhob die Faust drohend hinter der Jette her und rief ihr nach: »Na, warte, du rennst in dein Verderben, dummes Ding! Na, warte nur! Um fünf Neugroschen hat sie mich nun gebracht, mich arme Bettelfrau mit drei unmündigen Kindern, welche mir der Herr Sorger versprochen hatte, und die fünf Neugroschen sind ihr nicht geschenkt.« – Damit spannte sie sich wieder vor ihre Handkarre und zog in Begleitung des Kellners, der viele Verwünschungen ausstieß, auf der Landstraße weiter. Als sie hinter der nächsten Waldecke, wo die Straße sich bog, verschwunden waren, erhob sich Hans in seinem Hinterhalt, voll von den Eindrücken, die er eben gehabt, worin er sehr wertvolle und überraschende Beispiele zur Sittengeschichte sah. Als er sich aber umblickte, sah er gar nicht weit von sich die Jette hinter einer Gruppe von jungen niederen Fichten kauern. Er sah, wie sie ängstlich und gespannt auf ihn blickte, und schwankte eben, ob er sie anreden sollte, als hinter den Tannen hervor eine schüchterne Stimme leise rief: »Sind sie weg, Handwerksbursch?« »Jawohl, Jette, du kannst ruhig herauskommen,« erwiderte der Privatdozent, der auf einmal eine Reihe warmherziger Empfindungen für die Barfüßerin in sich erwachen fühlte, schöne, menschliche Empfindungen, welche sich mit dem Gedanken vereinten, wie man etwa das Mädchen, seinem Wunsche gemäß, aus diesem Leben befreien könnte. Die Jette trat jetzt näher und schlich spähend an den Waldrand hinaus, um sich zu überzeugen, daß das Feld rein wäre. Als sie mit Befriedigung die Straße offen fand, wendete sie sich zutraulich an Hans und frug: »Was bist denn du für einer?« »Reisender Schlossergeselle aus Königsberg. Will Arbeit suchen. Wann Dir's recht ist, gehen wir ein Stückchen zusammen. Wo wohnst denn du?« Jette blickte ihn etwas verwundert an und er fand diese guten, dummen Augen, dies Antlitz, von wirrem Haar umgeben, in diesem Augenblick wirklich recht hübsch. »Wo ich wohne? meinte sie. Na, wohnen thu ich wohl eigentlich überhaupt nicht. Im Sommer schlaf ich viel im Feld oder im Wald; aber im Winter und jetzt im Frühling, da schlaf ich eben meistens in der Schicksenpenne, denn wir haben eine Stunde von hier so eine Frauenherberge. Es geht aber nicht schön zu dort.« »So, so« sagte Hans. »Na, wenn dir's recht ist, begleite ich dich 'mal dahin und ich bin schon der Mann dazu, um dich gegen alle Unannehmlichkeiten in Schutz zu nehmen.« Er wollte die Gelegenheit benützen, den Ort dieser Frauenherberge ausfindig zu machen, um gelegentlich auch dort seine Kenntnisse zu bereichern. Die Jette schüttelte aber stumm den Kopf und schwieg, nachdem sie von der Seite einen langen und gemütvollen Blick auf ihn geworfen hatte. Sie schritten unterdessen schon auf der Landstraße dahin, bis Jette auf einen Seitenpfad einbog, der nach einem Waldhügel hinauf führte. Hans fühlte sich in einiger Verlegenheit gegenüber diesem stummen Gebahren, um aber etwas Leben in die Unterhaltung zu bringen, pflückte er ein paar Maßliebchen und Primeln am Rande der Straße im Straßengraben. »Da, sagte er, Jette, die Blumen sind neu, gleich wie sie aus der Erde herauskommen, frischgebacken und frischgewärmt von der Sonne, die wirst du wohl nehmen?« Jette lachte lustig und nahm die Blumen, die sie sich in die Haare steckte. Sie sah so hübsch dabei aus, daß er eine Versuchung fühlte, sie rasch einmal in die Wange zu kneifen, aber ein gewisses Gefühl von Achtung gegenüber ihrer Armut hielt ihn zurück. Er sah schon einen großen Fortschritt darin, daß sie so arglos die Blumen von ihm nahm, während sie den Kellner so heftig heimgeschickt hatte. Sie meinte: »Frische Blumen von so 'nem frischen jungen Männ'cken, wie du bist, die nehm ich immer, aber wenn so'n elendiger Kerl wie diese abgedankte Kellnerseele mir mit 'nem alten, verbrauchten Bouquet imponieren will, denn irrt er sich. Nimm dich vor dem in acht, das ist ein Karnickel, wem der rupfen kann, den rupft er. Wo willst du denn hin?« Hans sagte, er habe die Absicht, in der nächsten Penne ein paar Tage zu bleiben, um sich von seiner langen Fußwanderung auszuruhen, jetzt aber wolle er zunächst mit ihr nach ihrer Frauenherberge gehn, um sie vor jeder weiteren Anfeindung durch die Liese und den Kellner zu schützen. »Ach nee,« sagte Jette, »da kannst du nicht mitgehn, Handwerksbursch. Ich hab's ja schon gesagt, es geht dort nicht schön zu.« »Na, wie denn?!« frug Hans überrascht. »Kehr nur um, Handwerksbursch; dort werden die jungen Männer ja nur verdorben, wenn sie hingehen. Es sind so schlechte Frauenzimmer darunter. Ich verkrieche mich immer gleich auf dem Boden, wo mir die Krone Wirtin. eine Schütte Stroh hingelegt hat, damit ich von dem Lärm und Radau nichts merke. Es hat schon manch ehrlicher Leute Kind dort sein Geld und guten Namen gelassen; wer hinkommt, den verderben sie.« Hans war gerührt durch die Sorge, welche das gute Kind um sein Heil hatte, aber er meinte scherzhaft: »Na, mich werden sie ja wohl nicht so schnell verderben, besonders wenn ich mit der Jette komme; die wird ja wohl acht geben auf meinen guten Namen.« »Es geht aber nicht,« erwiderte das Mädchen. »Es wär ja doch schade um dich. Wer weiß, wer deine Eltern sind. Dein Vater hat vielleicht 'n jutes Jeschäft, was seinen Mann nährt, und du willst vielleicht 'mal 'n Meester werden, der 'ne eigne Schlosserei mit Gesellen und Lehrjungen darin hat, oder vielleicht bist du Maschinenschlosser, der 'mal in 'ner großen Fabrik nach Arbeit geht. Es ist schon mancher auf die Walze gegangen, der guter Leute Kind war, und nur hat wandern wollen, um die Welt zu sehn, aber hinterdrein ist er hängen geblieben, hat mitgefochten und ist auf die Schicksenpennen geraten, bis ihm das Schlampamperleben besser gefallen hat, als ehrliche Arbeit, hat sich mit so 'ner lüderlichen Person eingelassen und ist untergegangen und verloren gewesen. Ick habe das schon so oft gesehen, denn ich bin in der Tippelei aufjewachsen von Kindesbeinen an. Und du – sie sah ihn prüfend an – du wärst der erste, der auch unterginge.« Der Blick des Mädchens war so fest und der Ton ihrer Stimme so überzeugt, als sie ihm diese Aussicht eröffnete, daß Hans einen ganz leichten Schauer verspürte. Er sollte der erste sein, der in dem Leben unterginge? Sonderbar, er erinnerte sich, daß seine Braut nur nach langem Widerstreben darein gewilligt hatte, ihn auf diese Studienreise zu entlassen; sie hatte die sonderbare Furcht geäußert, daß ihm allerhand Unfälle auf einer solchen Wanderfahrt zustoßen könnten, und steif und fest behauptet, er würde selbst entarten, oder doch Schaden an seiner Seele, an seinem Geiste nehmen dabei. Und jetzt sagte ihm ein Bettelmädchen, das er vor einer halben Stunde kennen gelernt, dieselbe wundersame Weissagung. Sah er denn gar so hilflos, so gefährlich aus?! »Na, Jette, das mußt du mir aber beweisen,« meinte er etwas verstimmt, »daß ich so schnell verderben müßte.« »Es ist nun 'mal so,« behauptete die Jette ebenso bestimmt wie ernst. »Was soll man da beweisen. Wer sich in Gefahr begiebt, kommt drin um. Wenn erst mal das Schnapstrinken eingerissen ist, denn ist auch bald der Verstand und eigene Wille hollah! denn machen sie mit dir, wat se wollen, Handwerksbursch. Wenn du Geld hast, laß es nicht merken, sonst ziehen sie dich aus. Denn wie gesagt, es wär ja schade um dich!« Die letzten Worte betonte sie in einer Weise, als wollte sie damit auch noch einiges andere andeuten, was sie für den Schlossergesellen empfände. Hans seufzte und meinte heiter: »Ach, ja, es wäre wirklich schade um mich! Aber ich möchte dich doch dann und wann 'mal wieder sehen, meine Jette, und wenn ich jetzt nicht, mit dir weitergehn soll, wie sollen wir uns denn wiederfinden?^ »Na, det ist ja doch ganz einfach,« sagte die Jette ruhig. »Dann komme ich eben zu dir und besuche dir auf deiner Penne und wenn dir's recht ist, dann komme ich gleich heute abend hin. Ich muß nur erst noch die nächsten Kaffs abklopfen, damit ich etwas für'n Abend zu essen habe; hinterm Walde dort ist 'n Dorf, und die Bauerfrauen geben mir dort immer 'mal was. Aber nachher komme ich schon. Es ist auch besser, es ist jemand bei dir, wenn du hier noch nicht bekannt bist, denn lange darfst du auf der Penne auch nicht bleiben, es ist besser, du gehst nach der Stadt und gehst dort in die Stadtherberge, wo du eine anständige Verpflegung hast, als hier herum, wo alles Lumpenvolk zusammenkommt.« Und mit diesen Worten sah sie ihn mütterlich besorgt an, so daß er sich recht hilfsbedürftig vorkam. Er hatte sie begleiten wollen, um ihren Schützer zu machen, und statt dessen bot sie sich ihm als Mentor und Schutzengel an. Hans war sich noch nie so unbedeutend und ungeschickt vorgekommen. »Na, adieu, Handwerksbursch,« sagte die Jette, indem sie ihm die Hand reichte. Er schlug etwas verwirrt ein, worauf sie ihn stehn ließ und im raschen Trabe den Waldhügel hinauf eilte, bis er sie dann auf der anderen Seite hinter der Weghöhe herabsinken und verschwinden sah. Also auf Wiedersehn nachher! hatte sie ihm noch von ferne zugerufen. Als Hans den Weg nach seiner Landherberge einschlug, in welcher er so viele Abenteuer erhoffte, konnte er ein gewisses Gefühl der Bänglichkeit nicht unterdrücken, ja, einen Augenblick hatte er eine Empfindung, als müsse er Reißaus nehmen vor unbekannten Gefahren. Er ermannte sich aber und schritt mutiger seinem Ziele zu. – Drittes Kapitel Als Hans zur späteren Nachmittagsstunde wieder die Thüre des Gastzimmers in der Landpenne öffnete, fand er nur einen einzigen Menschen im Zimmer. Ein verkümmertes, mageres Männchen saß fröstelnd in einen langen Havelock eingehüllt da, preßte die Kniee schaudernd unter dem durchlöcherten Mantel zusammen und klapperte leise mit den Zähnen. Es musterte den Eintretenden mit einem hungrigen und hoffnungsvollen Blicke und sagte schaudernd: »Ach, die Kälte, ach, die Kälte! Und keinen Pfennig in der Tasche und nicht einmal ein halbes Hemd auf dem Leibe!« Das Männchen sprach in gemütlicher sächsischer Tonart, und Hans setzte sich von einem Gefühle grenzenlosen Mitleids, erfüllt, zu dem Fröstelnden an den Tisch. Ein Blick voll Dankbarkeit lohnte ihn, und der Magere flehte unter neuen Frostschauern: »Ach, Bruder Kunde, kauf mir einen Schockelmei, daß mir warm wird, nur ein bischen!« »Schockelmei willst du?« Hans hatte keine Ahnung, was das wäre, da er aber den Wirt durchs Küchenfenster hinter dem Schnapsschank hineinschielen sah, so rief er entschlossen: »He, Penneboos, bringen Sie einen Schockelmei!« Das magere Männchen rückte neugierig näher an ihn heran und frug vertraulich: »Hast wohl noch Asche, guter Bruder? Geh', laß mir auch ein Lorchen dazu bringen.« »Ein Lorchen?! – He, Wirt, auch ein Lorchen!« rief Hans mit Todesverachtung hinaus, neugierig, was da kommen werde. »Was bist du denn eigentlich, Bruder Kunde?!« frug er den Ausgefrorenen, indem er eine leutselige Stimme annahm und sich recht handwerksburschenmäßig mit breiten Armen auf die Tischplatte auflegte. »Und ein Hemd hast du auch nicht auf dem Leibe?« »Nichts, als was ich hier drunter habe,« sagte der andere, indem er von neuem zusammenschauderte und seinen Mantel auseinanderschlug. Da wurde ein dünnbeiniger, engbrüstiger Mensch in einem fleischfarbenen Kunstreitertricot sichtbar, welches mir um die Lenden die übliche dichtere Verwahrung zeigte, im übrigen aber wie eine abgezogene Haut um die Beine, Brust und Arme hing und durch unterschiedliche Löcher, welche das nackte, arme Leben durchschimmern ließen, recht erbärmlich wirkte. – »Ein Hemd und ein Tricot, das geht doch nicht,« meinte der Unglückliche etwas verschämt. »Ich bin ja wohl Kunstreiter, Bill Will, Truppe für höhere Gymnastik, und vor drei Tagen da habe ich für sechzig Pfennige meinen letzten Rock und meine letzten Hosen versetzen müssen auf 'ner Penne, die zehn Stunden weit von hier liegt. Ach, was ist der Mensch, wenn er auf seinen Naturzustand zurückgeworfen wird mitten in einer greisenhaften, überreichen Kulturwelt.« Diese philosophische Betrachtung kam auch im reinsten Sächsisch von seinem Munde, und Hans frug den leckgewordenen Kunstreiter mitleidsvoll: »Na, warum hast du denn nicht lieber das Tricot verkauft?« Der Künstler warf einen wehmütigen Blick auf seine Tracht und meinte kläglich: »Ach, wo werd ich! Das ist ja meine einzige Geschäftsempfehlung! Wenn man nur nicht so an den Beinen fröre! Und außerdem die Angst auf der Straße, daß die Leute merken könnten, daß man unter seinem Mantel auch nichts weiter darunter hat, als den falschen Adam!« Er schlug bei diesen Worten mit einem gewissen Schamgefühl den Mantel langsam wieder zusammen und blickte bekümmert um sich. In diesem Augenblicke trat der Wirt ein und brachte einen warmen, rauchenden Kaffee mit ein paar Brödchen und über das bleiche Antlitz des Hungrigen ging ein leiser Ausdruck der Verklärung, als er ausrief: »Ei, eichen, jetzt kommt der Schockelmei und Lorchen dazu – lohn's Gott tausendmal, daß du an einem armen Künstler das gethan hast!« Damit machte er sich gierig über den Kaffee und die Brödchen her, schlürfte und kaute wie einer, der in diesem Punkt viel versäumt hat. Hans benutzte diesen Augenblick, um verstohlen sein Notizbuch hervorzuholen und hineinzuschreiben: »Schockelmei« und »Lorchen« gleich »Kaffee« und »Brödchen«, wobei der andere bemerkte: »Schreiben kannst du auch noch? Das hab ich nun ganz verlernt. Siehst ja noch recht gut aus. Bist wohl auch so etwas wie ein Künstler?« Den Nationalökonomen faßte eine gewisse gute Laune über das schöne wissenschaftliche Ergebnis, das ihm zu anderen dieser Tag auch in der Person dieses armen Kunstreiters brachte und er fühlte sich daher zum Scherzen aufgelegt. »Na, freilich, bin ich auch ein Künstler,« meinte er. »Besonders zu Pferde. Einen Gaul habe ich, der macht die wunderbarsten Kunststücke. Sätze kann er machen, die manchmal so lang sind, daß man zwei oder drei kürzere daraus machen kann, was ich auch sehr oft thue. Eine ganz besondere Rasse.« Diese Anspielung bezog er darauf, daß er in Mußestunden gelegentlich wohl auch einmal das bekannte, geflügelte Götterpferd geritten hatte, und da er als Redner in öffentlichen Versammlungen zu glänzen pflegte, so setzte er noch hinzu: »Übrigens bin ich auch sonst in der Kunst zu Hause, und was ich mache, weißt du, das versetzt mich immer in die höheren Regionen, denn in allen Rezensionen, die man über mich geschrieben hat, werden meine Leistungen wegen ihres Schwunges gelobt.« »Was? Am Trapez arbeitest du auch?!« frug der andere. Er hatte jetzt seinen Kaffee ausgetrunken und blickte sich begehrlich um, als könnte er noch mehr vertragen. »Ach, Brüderchen, denke dir nur, wie mir's gegangen ist. Erst war ich doch Parforcereiter, durch feurige Reifen gesprungen, und zog auf allen Kaffs Dörfern. herum mit der Truppe. Schlechte Zeiten, da krepiert mein Pferd. Kein Geld, ein neues zu kaufen. Stelle dir das Elend vor, wenn man in der Kunst vom Notwendigsten entblößt ist und ohne Pferd auf die Arbeit gehen soll. Ich versuche also als Exzentrik und Jongleur mit Flaschen zu gehen. Ich kannte 'mal einen Exzentrik, der verdiente monatlich allein zweitausend Mark damit. Überhaupt, was meine besser situierten Kollegen anlangt, die in den großen Städten in den Zirkussen und großen Vergnügungsanstalten auftreten, Gott, die Güter dieser Welt sind ungleich verteilt. Die stehen sich im Jahre auf 20 000, ja 30 000 Mark, und mancher, der nur zu bescheiden ist, kann ebensoviel, aber hat nicht mal 'n Hemd auf dem Leibe.« Bill Will sprach mit einem gewissen Tone kollegialischer Bewunderung und Geringschätzung zugleich von seinen glücklicheren Vorbildern und fuhr fort: »Und nun sehen Sie, ich brachte's in meiner Schwermut doch nicht fertig, trotz allen Übens, die Flasche auf der Nase zu balancieren. Und wie ich die erste Vorstellung in Schönau bei den Bauern gebe und mich auf den Flaschenhals stellen will, fliege ich doch der Länge lang hin. Nach der Vorstellung erklären meine zwei Mitglieder, sie wollten nicht mehr mitthun, weil man sich nur lächerlich machte mit mir. Ich sagte also, ich wollte da lieber als Clown gehen. Ich machte bekannt in meiner Herzensangst und in meiner Sorge um Weib und Kind, der weltberühmte Clown Bobadill würde sich einem geehrten Publikum präsentieren. Ich malte mich auch ganz verrückt an, wie ich aber in die Arena per Kopfsprung hereinkomme, fällt mir in meiner schrecklichen Not auch gar kein Witz ein, die Leute lachten nicht, ich mochte sagen, was ich wollte. – Ach, Kollege, das ist schrecklich, sag ich dir, wenn man als Künstler keinen Erfolg und kein Glück mehr hat.« Er hielt inne und seufzte tief. Hans meinte nachdenklich: »Ja, das sagten alle großen Künstler.« »Also, und weil der Applaus ausblieb, liefen mir meine zwei Mitglieder ganz davon. – Natürlich, ein Pferd hatten wir ja nicht – und meine Sachen haben sie für die rückständigen Gagen mitgenommen. – Und das Schrecklichste: mir ist, als sei mir alles Talent zur Kunst verflogen. Schon seit vierzehn Tagen probiere ich daran herum auf der Flasche zu stehen – siehst du wohl, so –« Er fuhr mit der Hand in seine Manteltasche, zog eine alte, grüne Glasflasche langsam hervor und stellte sie vor sich auf die Diele. Er warf den Mantel ab, dehnte sich und versuchte sich auf den Flaschenhals zu stellen. Er kam auch richtig oben zum Stehen, indem er die Zehen des Fußes krampfhaft zusammenkrümmte, benutzte die Arme als windmühlenartige Gleichgewichte und sagte: »Manchmal stehe ich ganz gut oben, aber wenn ich nun das linke Bein aufheben will – siehst du, so –« er hob langsam das linke Bein in die Höhe, um es sich in der Kniekehle über die rechte Schulter zu schlagen – »siehst du, so, da krieg ich auf einmal – bums, da lieg' ich.« Er lag wirklich mit wunderlich verschlungenen Gliedmaßen vor Hans auf der Diele, denn die Glasflasche war ihm unter dem Fuße umgeschnappt. Es dauerte ein Weilchen, ehe er sich aus der eigenen Verschlingung befreit hatte, dann erhob er sich langsam, schüttelte wehmütig den Kopf und sagte mit einem Ausdruck stiller Verzweiflung in seinen ausgehungerten Augen: »All mein Talent und mein Genie ist futsch; stets geht mir im letzten Moment die Kourage ans. Ich breche sicher noch das Genick.« Und mit einer Art von stillem Ingrimm des Wehes nahm er jetzt die Flasche auf und begann sie heftig auf und ab zu werfen, zu fangen und sich in allerhand verzweifelten Künsten zu üben. Hans fühlte ein lebhaftes Bedürfnis, den armen Kerl zu trösten, da er aber gleichzeitig ein höchst interessantes Beobachtungsobject in ihm sah, so wollte er doch auch wieder nicht verhindern, daß der Mann in der ganzen Unbefangenheit seines Schmerzes vor ihm des weiteren sich entwickelte. »Na, tröste dich nur,« sagte er. »Alle Künstler haben so ihre Zeiten. Ich bin auch einmal mit meinem Pferde verunglückt. Stelle dir dies Pferd vor, ein Göttergaul sag ich dir, der aus der Manege von dem bekannten Pferdezüchter Jovissohn stammt.« »Jovissohn? War das ein Jude?« meinte Bill Will traurig. »Mit mir ists doch aus. Auf dem Pferde, ja, wenn ich ein Pferd hätte! Da war ich stets der Tollste, aber jetzt gelingt mir gar nichts. Natürlich, die mangelhafte Ernährung, der viele Schnaps –!« Er legte sich jetzt der Länge lang auf den Tisch hin und zog die Beine nach dem Kopfe herauf. Siehst du, sagte er gepreßt, während er den Kopf nach der Gegend seiner Kehrseite durchzuzwängen versuchte, so studiere ich schon seit vier Wochen, den Kopf hier zwischen den Beinen durchzubringen und allemal, wenn ich durchkomme, schnappt mir das Bein zurück.« Er war krebsrot im Gesicht geworden bei dieser Arbeit, sank aber ermattet zurück, worauf er sich wehleidig zusammenkauerte und mit einem vorwurfsvollen Blick gen Himmel ausrief: »Was ist das Leben für ein Elend, wenn einen alle natürlichen Talente aus Mangel an passender Ernährung verlassen.« »Na, vielleicht könnte ich aufhelfen ein bischen!« meinte Hans gutmütig, ohne zu ahnen, welche Folgen er dadurch auf sich heraufbeschwor. Denn mit einem Satz erneuter Hoffnung und Lebenslust sprang der Unglückliche vom Tische herunter und rief außer sich: »Was?! helfen? – He, Penneboos! Darauf müssen wir jeder noch einen Wachtmeister trinken! He, Penneboos!« Der Wirt brachte das Gewünschte und Bill Will rückte nun dem Privatdocenten vertraulich näher, schlug ihn auf die Schulter und machte ihm einen Vorschlag: »Du, weißt du, Draht will ich nicht von dir, aber da du auch von der Kunst bist, so wollen wir zusammen gehen. Topp! Prosit! Dein Pferd wird uns wieder aufhelfen. Du giebst das Geld her, machst den Ausschreier und ich produziere mich auf deinem Pferde. Ist es ein Paßgänger? Eine Stute? Ein Hengst? Sind wir erst zu zweien, habe ich wieder ein Pferd, so kriege ich auch die richtige Kourage wieder und verliere das schreckliche Lampenfieber, das mich so sehr heruntergebracht hat.« Hans sah nicht ohne geheime Verlegenheit, was er angerichtet hatte. Der Pegasus drohte ihm gefährlich zu weiden. Er sah gar nicht ab, wie er aus der gutmütigen Lüge, in die er sich verstrickt hatte, herauskommen sollte und suchte Zeit zu gewinnen, indem er gönnerhaft bemerkte: »Wollen sehen, wollen sehen –!« Bill Will aber, begierig den Strohhalm der Rettung ergreifend, den ihm das Schicksal zuzuwerfen schien, schlug freudig auf den Tisch und rief: »Was, du sagst zu?! Na, dann gieb mir nur gleich ein Draufgeld, dann machen wir nicht mehr Dallas und Compagnie, sondern Bill Will und Comp., artistische Truppe, Spezialitätenkünstler in höherer Reitkunst und Gymnastik. Weiter brauche ich ja nichts.« Er hielt ungeduldig die Hand hin, um sogleich durch Annahme des Draufgeldes den Vertrag festzulegen. Hans überlegte, daß er unter dieser Form noch am ersten ein gutes Werk thun könnte, um dem armen Kerl wenigstens über die Not des Augenblickes wegzuhelfen, wenn er ihm ein solches Handgeld schenkte. Entpuppte er sich dann als ganz gewöhnlicher reisender Schlossergeselle, statt des Kunstreiters, so konnte der andere das Handgeld von Rechtswegen behalten, ohne doch geradezu durch ein Almosen gedemütigt zu sein. Und so griff Hans mit einer großmütigen Gebärde in die Tasche und legte dem Anderen einen runden, harten Thaler auf den Tisch hin. »Was?! Ein ganzes Rad giebst du mir?!« rief Bill Will selig aus. »'Nen Thaler?! – Na, prosit! Ich engagiere dich also bei mir, das steht fest. Nächsten Sonntag fangen wir an. Gieb deinem Pferd nur nicht zu viel Brod, mehr Hafer, es geht dann besser im Ringe. Die Saalmiethe bezahlst du.« »Wollen sehen, wollen sehen –!« sagte Hans mit hinhaltender, herablassender Miene, unter der er seine höllische Verlegenheit zu verbergen suchte, während er zugleich nachdachte, wie er sich mit Anstand aus dieser Geschichte herausziehen könnte. Bill Will aber war lebhaft geworden und hielt seinen Thaler in der Hand, augenscheinlich, weil er nicht wußte, wo er ihn hinstecken sollte, sintemalen in dem Tricot keine einzige Tasche war. Er stellte sich herausfordernd und aufmunternd vor Hans hin und sagte: »Na, denn zeige aber auch einmal, was du kannst! Dann schlage einmal die Volte in der Luft! Eins, zwei, drei – los –!« Hans blickte den Mann verblüfft an. Er sollte hier den Augenbeweis für seine erlogene, seine mißverstandene Kunstreiterschaft liefern und sich in einem Luftsprung überschlagen. Das hatte er nicht vorausgesehen. Er nahm seine ganze Geistesgegenwart zusammen und machte den Einwand: »Ich kann doch nicht so – ohne Tricot –!« »Ach, was ein rechter Voltigeur ist,« meinte der andere aufmunternd, »der überschlägt sich in der Luft sogar in Unterröcken! Also los! Über mich weg! Eins, zwei –« Er stellte sich mit verschränkten Armen und geducktem Kopfe in einiger Entfernung von Hans auf in der Erwartung, das neuengagierte Mitglied werde ihm sogleich über die Schultern wegfliegen. Es war ein Glück für Hans, daß in diesem Augenblicke der Wirt in Begleitung eines anderen seltsamen Individuums eintrat, und so zog er mit großer Geistesgegenwart den Kunstreiter bei Seite und sagte: »Ein ander mal! Es kommen ja Leute. Wir werden denen doch nichts gratis vormachen.« – »Nee, gratis nicht,« erwiderte Bill Will, der dieses Argument als ein geschäftliches und der Würde ihrer Stellung angemessenes ohne weiteres anerkannte, das ist wahr!« Er neigte sich zu seinem neuen Mitarbeiter und flüsterte: »Und daß die Sache unter uns bleibt, verstehst du! Ich gehe nun hinauf, um mir ein Zimmer von dem Schlummerpech hier für mich und Frau und Kind zu bestellen, denn meine Frau kommt mit dem Handwagen nach.« Plötzlich faßte den neu Ermutigten eine ungeheure Seligkeit; er warf seinen Mantel rasch um, blickte den Wirt herausfordernd an und rief begeistert aus: »Und heute Abend, Penneboos, heute wird zur Feier des Tages Unvernunft mit Feldhühnern geachelt!« Damit sprang er, einen eleganten Satz ausführend, wie einer, der in die Arena springt, um sich vor den Zuschauern für geneigten Beifall zu bedanken, zur Thüre hinaus. Hans stand ziemlich verwundert da und sagte mehr vor sich selbst hin, als um die anderen zu fragen: »Unvernunft mit Feldhühnern! Ja, was ist denn das?!« Er hatte nicht bemerkt, daß der mit dem Wirt Eingetretene ihn aufmerksam von der Seite betrachtet und beobachtet hatte. Das war ein Mensch mit ein paar hiebgerechten Schmarren über dem Gesicht; er hatte eine alte, verschossene studentische Verbindungsmütze schief auf dem Kopfe sitzen und rauchte aus einer langen Pfeife einen sehr übel duftenden Knaster. Er schien ganz ins Lesen eines Buches versunken, das er aus der Tasche gezogen hatte; beobachtete aber über die Zeilen schielend den Neuling und erhob sich jetzt, indem er außerordentlich höflich und in sehr gewähltem Deutsch Hans anredete. »Erlauben Sie, mein Herr«, bemerkte er, »Unvernunft ist soviel wie Wurst, mit dem Namen Feldhühner bezeichnet man dagegen in diesen Gesellschaftskreisen, in welchen wir uns augenblicklich befinden, die Kartoffeln. Jener Herr wünschte also nichts anderes, als Wurst mit Kartoffeln zu speisen. – Gestatten Sie, daß ich bei Ihnen ein wenig Platz nehme.« Er rückte bei diesen Worten einen Stuhl heran und lud Hans mit herablassender Gebärde gleichfalls zum Niedersitzen ein. Er hatte in letzterem einen sogenannten »Silberfasan« erkannt, den er ganz gehörig zu rupfen sich vorbereitete. Hans dagegen war sehr überrascht, angenehm überrascht sogar, den Mann eine so gebildete Sprache reden zu hören, den er etwa auf dreißig Jahre schätzte, und verneigte sich daher sehr höflich mit einem zuvorkommenden »Bitte, bitte!« »Sie sind doch mein Gast, wenn ich hoffen darf?« begann der höfliche Mann, indem er sich mit Hans niedersetzte. – »Herr Wirt,« rief er diesem zu, »zwei Wachtmeister! Kreiden Sie es für den Herrn an!« – Er wendete sich wieder an Hans indem er seine Mütze rückte und erwähnte beiläufig: »Sie haben die Güte, die Kleinigkeit einstweilen auszulegen, ein andermal bin ich Ihr Gast.« Er blickte sich mit einer gewissen Ortsvertrautheit im Zimmer um und nahm einen lehrhaften Ton an, als er bemerkte: »Ein recht interessanter Ort für Sprachstudien. Man lernt die deutsche Sprache von einer ganz neuen Seite kennen. Was für ein merkwürdiger Ausdruck für ›Augen‹ ist z. B. das Wort ›Scheinlinge‹, ›Deetz‹ ist der Kopf.« – Hans zog unwillkürlich sein Notizbuch, um sich diese Ausdrücke aufzuzeichnen, ohne zu bedenken, daß er dadurch schon einen Verdacht hervorrufen mußte. »Wie sagen Sie? Scheinlinge?! Das ist sehr gut!« meinte er. Der andere versetzte mit einer Miene des Entgegenkommens: »Da Sie hier noch neu scheinen, will ich Sie gleich etwas einweihen, Sie entgehen dadurch manchen Unannehmlichkeiten. Den Barbier nennen wir auf der Herberge Verschönerungsrat, den Maurer Dreckschwalbe, Schornsteinfeger sind Schwarzkünstler, der Tischler heißt Hobeloffizier.« Hans fand das alles sehr drastisch und ansprechend und suchte sich diese Worte einzuprägen, um bei Gelegenheit das eine oder andere einmal gesprächsweise einfließen zu lassen. Mit einigem Staunen sah er in seinem Zechgenossen einen entschieden gebildeten Mann und als dieser mit diskreter Miene die Frage an ihn stellte: »Der Herr sind vielleicht Grammatiker und Germanist,« fuhr ihm das rasche Bekenntnis heraus: »Nein, ich bin lediglich Sozialpolitiker. Ich wünsche die hiesigen Verhältnisse zu studieren.« Er hatte das kaum gesagt, als er es auch schon bereute, sein Inkognito gelüftet zu haben und er fügte hinzu: »Übrigens bitte ich Sie, das als vertraulich zu betrachten«, worauf der andre »selbstverständlich« hinzufügte, da er hierin sofort ein Mittel sah, den Mann nach Herzenslust zu schröpfen. Er wollte sein Schweigen nicht unerkauft lassen. Hans aber hatte sich wieder in seine Lage gefunden und sagte scherzhaft: »Mein Name ist Hans Finke, Landtagsabgeordneter für Greiz-Schleiz-Lobenstein.« Er meinte, sich dadurch mit einem neuen Inkognito umgeben zu haben, denn den letzteren Zusatz würde dieser helle Bruder ja doch nicht glauben. »Sehr angenehm, sehr angenehm,« entgegnete mit einer höflichen Verbeugung jener, indem er Hans vollständig Glauben zu schenken schien. »Max Leberecht, cand. phil. «, stellte er sich nun selbst vor. »Sie sind doch mein Gast zu einem Glase Bier, Herr Landtagsabgeordneter? Penneboos, zwei Kutscher! Der Herr legt's aus!« Und nachdem sie vorher die zwei starken Schnapsgläser ausgetrunken hatten, wurde nunmehr tüchtig dem Biere zugesprochen. Als sie das erste Mal mit ihren Gläsern angestoßen hatten, bemerkte der Studiosus Leberecht, jetzige Fechtbruder und Walzer mit einem Tone, der aus Herablassung und Vertrauenswürdigkeit gemischt schien: »Was mich anlangt, Herr Landtagsabgeordneter, so sehen Sie in mir ein Opfer der sozialen Frage.« Hans entgegnete zuvorkommend: »Ah – sehr interessant! Der sozialen Frage!« Dieses neue Beobachtungsobjekt versprach noch merkwürdiger zu werden, als alles vorher Erlebte. »Jawohl,« erklärte der Mann mit den Schmarren im Gesicht; »ich bin lediglich das Opfer der sozialen Verhältnisse und der verfehlten Staatskunst einer früheren Zeit. Ich bildete mich anfangs auf der Universität Leipzig als Philolog. Ich absolvierte das Examen nicht im Einklang mit den mittelalterlichen Begriffen dieser veralteten Institution« – »Sie fielen durch?« schaltete Hans mit schonungsvollem Tone ein. »Sehr richtig, ich entsprach nicht den Anschauungen die dort noch herrschen. Ich warf mich daher auf die Sozialpolitik, hörte Nationalökonomie, und volkswirtschaftliche Interessen nahmen mich vollständig in Anspruch. Als ich aber bei einem Ausflug der sozialistischen Parteigenossen einst ihren Führer leben ließ, wurde ich durch die Polizei festgenommen. Es war unter der Herrschaft des Ausnahmegesetzes. Der Schulrat bedeutete mich, daß ich auf keine Staatsanstellung mehr rechnen könnte. Ich gründete daher ein sozialistisches Blatt, indem ich für die Reformation der menschlichen Gesellschaft an Haupt und Gliedern eintrat, ich konnte aber die Druckerei nicht bezahlen, mußte nach drei Wochen das Blatt eingehen lassen und wurde gepfändet. Nachdem mir nichts mehr übrig geblieben war, als mein Geist und die verhältnismäßig vollständigen Kleider, die ich auf dem Leibe trage, handelte es sich für mich darum, einen regelmäßigen Beruf zu ergreifen. Miete konnte ich ebenso wenig bezahlen wie Essen und Trinken; auf Pump zu leben und mich bei Kommilitonen hinzuschmarotzen, dazu war ich, offen gestanden, zu stolz. Meine Familie hatte sich von mir losgesagt, und so blieb mir nichts übrig, als eines Tages über Land zu gehen und auf der Walze eine entsprechende Verwertung meiner Fähigkeiten zu versuchen. Das glückt mir denn auch einigermaßen. Im Ganzen bin ich mit meinem Loose zufrieden. Die sozialpolitische Einsicht mitleidiger Nebenmenschen hilft mir durch Verabreichung des Obolus, den man mir armen Sharon in der Unterwelt schenkt, meine vergängliche Existenz zu fristen. Die neue Generation, mein Herr, hat es besser. Sie kennt keine Ausnahmegesetze, keine gesellschaftliche Verfemung aus wirtschaftlich-politischen Gründen.« »Es ist eine schwere Zeit, eine schwere Zeit!« bemerkte Hans, tief aufatmend in der Erinnerung so mancher schweren Schäden, die auch er am Staatskörper zu bemerken glaubte. Der andere legte heftig sein Buch auf den Tisch, schlug die Hand darauf und rief mit gehobener Stimme aus: »Da sitzt man nun mit dem ganzen Ballast altklassischer Bildung als künstlich aufgezüchtetes Gelehrtenproletariat – sehen Sie, sogar meinen Horaz trage ich noch mit mir herum – dulce est desipere in loco – und vermag nichts mehr zum Nutzen der menschlichen Gesellschaft zu thun –!« Während er dieses sagte, war Hasenklau, abgetrieben und ermüdet anzusehen, in die Stube getreten und setzte sich, wie zustimmend, mit einem schweren Seufzer an den Nebentisch. Von dort aus musterte er den neuen Eindringling, der mit seinem Busenfreund Leberecht so tiefsinnige Gespräche führte, und suchte seine Menschenkenntnis an der Enträtselung des neuen Problems zu üben. »Haben Sie nie versucht, wieder in Stellung zu kommen?« frug Hans teilnehmend den verkommenen Studenten. Dieser trommelte herablassend mit den Fingern auf dem Tische herum und bemerkte: »Ich habe definitiv darauf verzichtet. Spernere mundum, spernere se sperni ist mein Wahlspruch. Die Mönche und die Heiligen lebten auch so. Wozu ist das Christentum in der Welt, als daß die Auserkorenen von den Gaben der christlichen Liebe leben. Es muß doch einen Zweck haben. In unserer Zeit des Egoismus muß man etwas neues von der Art der bettelnden Mönchsorden schaffen, damit die Tradition der guten Werke nicht gänzlich untergeht. Mögen die Regierungen ernsthaft an der Lösung der sozialen Frage arbeiten, als deren unwiederbringliches Opfer ich mich betrachte. Um mich aber etwas nützlich zu machen, sammle ich für solche frühzeitig krank und siech gewordene Waisenknaben, welche infolge der Überbürdung auf Gymnasien in Ferienkolonien geschickt werden müssen. Auf diese Weise helfe ich die Schulfrage lösen, an der ich selbst gescheitert bin, um dadurch auch die soziale Frage zur endgültigen Explosion zu treiben. – Dürfte ich vielleicht bitten?!« Er erhob sich dabei mit zuvorkommender Miene und hielt seine Mütze, die er vom Kopfe nahm, dem Angeredeten höflich entgegen. Hans begriff sofort, griff in die Tasche, legte Geld in die Mütze und sagte verbindlich: »O, sehr gern, mein Herr,« indem er im stillen darüber lächelte, daß der Mann ihn für dumm genug halte, er glaube an die Geschichte von den armen Waisenknaben. Er war aber nicht wenig verwundert, als Leberecht mit der Miene eines Beleidigten auf das Geld in seine Mütze herabschielte und gekränkt bemerkte: »Nur zwei Flachs? Zwei Mark nur, mein Herr? – Ich gestehe, für den edlen Zweck ist das nicht gerade viel,« und mit besonderer Betonung fügte er hinzu: »Besonders, wenn man in gewissen Punkten der Verschwiegenheit anständiger Mitmenschen bedarf.« – – Hans fühlte mit einiger Betroffenheit, daß hierin eine ziemlich unverhüllte Erpressung lag. Er sah ein, daß er vollständig in der Hand dieses Burschen war, der ihn nur als Sozialpolitiker zu verraten brauchte, um ihm jedes unbefangene Studium dieser Penne und ihrer Gäste zu verderben. Es wurde ihm etwas bänglich zu Mute, auch fühlte er, daß er für seine Verhältnisse schon allzuviel Schnaps getrunken hatte, und daß seine geistige Widerstandskraft schwächer wurde. Er machte daher gute Miene zum bösen Spiele und verbesserte seinen Irrtum, indem er nochmals in die Tasche griff und einen Thaler zulegte. »Bitte, mein Herr, um Entschuldigung, nehmen Sie, bitte!« fügte er höflich hinzu. Leberecht steckte das Geld ein, verneigte sich herablassend und sagte befriedigt: »Ah – danke im Namen der armen Waisenknaben. Das ist etwas. Gestatten Sie mir, Ihnen einen Salamander zu reiben, mein Herr!« Er nahm sein Glas, kommandierte sich selbst »ad exercitium salamandris!« und trommelte mit dem leergetrunkenen auf dem Tische herum, augenscheinlich, um seine studentische Vergangenheit dadurch über jeden Zweifel zu erheben. Er war mitten in dieser Beschäftigung begriffen, als Hasenklau von seinem Tische nun auch näher herankam, wie der zweite Rabe, der dem ersten fraßgierig folgt, wenn irgendwo ein verheißungsvoller Kadaver liegt. Er schlenderte nachlässig um den Tisch herum und sagte mit einer Verneigung: »Mein Herr, gestatten Sie, daß ich mich vorstelle. Fritze Hasenklau, unter dem Namen Orbassany in der Kunstwelt bekannt. Sie kennen Orbassany?« – »Nein, Sie verzeihen –« bemerkte Hans unsicher. »Sie kennen nicht?« meinte der Schauspieler verstimmt. »Orbassany, dessen Macbeth, Hamlet und Lear im ›Wochenblatte für Oberlausa und Umgegend‹ als die bedeutendste Darbietung in diesem Fache seit Garrick gerühmt wurde?!« Er sank mit einer trostlosen Miene auf einen Stuhl neben Hans, blickte düster auf seine durchlöcherten Schuhe und auf seine zerrissenen Beinkleider, schüttelte wehmütig das Haupt und sagte: »O, mein Herr, ich bin nur noch das Ding an sich. Der schlechtste Bettler hat bei der größten Not noch Überfluß. Aber ich, mein Herr, ich bin ein Mann, an dem man mehr gesündigt, als er sündigte.« Hans hatte sich nie viel mit Poesie und mit Shakespeare abgegeben; dennoch hatte er eine gewisse Ahnung, daß der Schauspieler in Zitaten spräche und er frug daher mit einiger mitleidiger Ironie: »Und wie sind Sie in diese bedauernswerte Lage gekommen?« Hasenklau hatte aus dem vorher geführten Gespräche gesehen, mit welchen allgemeinen politischen Betrachtungen Leberecht bei dem Neulinge Geld erpreßte. Er versuchte es auf dem gleichen Wege und sagte finster: »Die scheußliche Zeitkrankheit des Antisemitismus hat mich soweit gebracht. Obwohl ich kein Jude bin, hielt man mich doch für einen solchen. Infolge dessen stellte mich kein Theater in Deutschland mehr an. Der Rest ist Schweigen. Was Sie in mir sehen, ist lediglich das Werk der Antisemiten.« Ein Gran Wahrheit war in seiner Rede; er war wirklich einmal in einer kleinen Stadt, wo große Judenfeindschaft herrschte, ausgepfiffen und mit Eierschalen beworfen worden, weil man ihn für einen jüdischen Schauspieler gehalten hatte. Das war aber schon lange her. Er spielte längst nicht mehr. »Und womit könnte ich dienen?« frug Hans etwas anzüglich, da er die Komödie durchschaute, die dieser bramarbasierende Kerl spielte. »Ich will nur Wahrheit, Wahrheit so blank, als wenn sie Münze wäre,« bemerkte der ehemalige Schauspieler mit den Worten Nathans des Weisen. Er betonte die Worte »blank« und »Münze« dabei besonders, rümpfte dann aber die Nase und rief aus: »Pfui, Mammon, erleuchte nicht so prächtig den Palast! Aber wenn Sie zur Bekämpfung jener antisemitischen Zeitströmung einen Fond bei mir niederlegten, wenn auch wenig, daß ich in der Lage wäre, ein eigenes semitisch-nationales Theater zu gründen!« Er unterbrach sich, streckte Hans den geöffneten Handteller entgegen und sagte, indem er stolz das Haupt zurückwarf: »Sire, geben Sie Gedankenfreiheit!« Diese neue Art eines Marquis Posa empörte indessen den Angebettelten nicht wenig, er vergaß über diese Unverschämtheit gänzlich seine Studienzwecke, erhob sich entrüstet und sagte mit starker Stimme: »Aber, meine Herren, ich finde es auffällig, daß Sie beide –!« Er kam nicht zum Ende, denn gänzlich untheatralisch und mit höchst natürlicher Grobheit schrie Hasenklau ihn plötzlich an: »Na, denn bezahlen Sie wenigstens einen Wachtmeister für mich, wenn Sie so ein alter, schundiger Geizkragen sind! Penneboos, der Herr wünscht noch zwei Wachtmeister, aber schnell!« Darauf drehte er Hans den Rücken zu, um angelegentlich sich mit Leberecht im Flüstertone über den Neuling zu unterhalten und irgend ein Plänchen zu bereden, durch das man dem »Silberfasan« die blanken Neugroschen ans der Tasche locken könnte. Hans setzte sich von den unheimlichen Brüdern weg und als er über das Zimmer ging, merkte er, daß er ganz leise schwankte, schon allzusehr mit dem gefährlichen Weingeiste vollgeladen. Allerhand Wünsche und seltsame Empfindungen schossen ihm durch den Kopf. Es war ihm so unbehaglich – wenn er nur wieder hier heraus gewesen wäre – dieser Schauspieler schien ein Schwindler – und der viele Schnaps – er durfte entschieden nichts mehr trinken – er hatte eine Empfindung, als säße er auf dem Pegasus, von dem er vorher gesprochen und dieser Pegasus wäre in ein Jahrmarktskarussel eingespannt, auf dem es immer im Kreise herumginge. Diese Kerle bestellen in einem fort – mögen sie, mögen sie – es ist ja alles nur Studium! – Plötzlich erschrak er bei der Frage, ob er wohl noch all sein Geld habe. Er griff in seine Tasche und atmete erleichtert, als er da noch alles in Ordnung zu finden glaubte. Er lächelte über den guten Erfolg des Tages, der ihm schon so viele wertvolle, interessante Studienobjekte zugeführt hatte und mit leise berauschtem Lächeln setzte er sich auf die Ofenbank hin, um von weitem, leise den Kopf neigend, die anderen zu beobachten und zu überlegen, wie er etwaigen Gaunereien durch gleiche Schlauheit entgegentreten könnte. Er hatte ein dunkles Gefühl von Angst vor der Nacht, wenn es ihm hier geschehen sollte, daß er etwa einschliefe von allzu reichlichem Fuseltrunke, und schaute mit etwas unklar gewordenen Augen umher, um zuletzt den Entschluß zu fassen, ruhig weiterzutrinken, womit er sich noch am ersten munter und bei klarem Willen zu erhalten hoffte. Viertes Kapitel Das Gastzimmer hatte sich allmählich mit Neuangekommenen Fremdlingen aller Art dicht gefüllt. An allen Tischen saßen wundersame Stromergestalten in zerschlissenen Röcken und verschossenen Beinkleidern, Umhängetaschen und Reisebündel auf dem Rücken. Am Ofen hatte sich Bill Will mit seiner Frau, einer zigeunerhaft aufgeputzten älteren Person, die ein kleines Kind an ihrer Brust ernährte, niedergelassen. Er saß mit heraufgezogenen Beinen auf der Ofenbank, reichte seiner Frau die Kinderwindeln und hing entbehrlich gewordene Windeln auf die Ofenleine, schäkerte mit dem kleinen Würmchen und warf gelegentlich einen hoffnungsvollen Blick auf Hans, seinen neuen Mitkunstreiter. Heinrich Henning, der Schneider, war mit einem größeren Tragkorbe gekommen, den er ängstlich bewachte, und stärkte sich durch ein Gericht Kartoffeln mit Kaffee. Auch Bill Will mit Familie erhielt auf Bestellung Wurst mit Kartoffeln zur Feier des Tages vom Wirte. Reisende Handwerker saßen um die Tische, schlugen Karten auf, tranken Schnaps und rauchten unterschiedliche Knaster aus zusammengelesenen Zigarrenstummeln. Der Dampf hüllte bald das ganze Zimmer in trübe Wolken, die nach den Petroleumlampen an der Decke hinaufzogen und um die Ofenleine hin- und herwallten, auf welche man Strümpfe und Röcke neben die Windeln zum Trocknen hingehangen hatte. Gottlieb Weber, der arbeitslose Bergwerker, saß mit enttäuschtem, kummervollem Gesicht in einer Ecke. Er war den ganzen Tag nach Arbeit umhergelaufen, hatte aber nichts gefunden und gegen Abend nur von zwei vorübergehenden Spaziergängern im ganzen zehn Pfennige erbettelt, die nicht einmal zum Schlafen ausreichten. Ein alter Bramarbas, mit einer roten Nase und einem blonden, langen Schnauzbarte, über den Augen eine geflochtene Drahtbrille, auf dem Kopfe eine alte Soldatenmütze, trat ein, lehnte seinen langen Steinhammer an die Wand und kommandierte militärisch den Wirt heran. Man stieß sich an den Tischen an und Hans konnte hören, wie man sich erzählte, das sei der »Adelige«, der Steinhauer-Wesel, eigentlich ein Herr August von Wesel, ehemaliger Premierleutnant, durch Spiel und Ehrenhändel heruntergekommen, kassiert und zum Pennbruder herabgesunken. Drei Tage in der Woche pflege er zu tagelöhnern auf den Steinhaufen der Landstraße, wo er die Steine klopfe und mit der Schlammharke den Straßenschlamm zusammenscharre; die übrige Zeit pflege er zu verschwinden, um auf den Pennen, insbesondere auch auf der Frauenherberge, sein Unwesen zu treiben. Er sei vollständig dem Trunke ergeben. Hans hatte das kaum vernommen, als sich die Thüre aufthat und die Jette den Kopf hereinsteckte. Wie sie sah, daß ihr Schützling vom Nachmittage dasaß, kam sie vollends herein, nickte ihm zu, ging näher und setzte sich neben ihn auf die Bank. Sie sagte aber nichts und schien zu warten, daß Hans ein Gespräch anfinge. Daran wurden sie gehindert durch ein neues, unerwartetes Schauspiel, das sich ihnen mitten im Lärmen, Singen und Johlen der zechenden Stromer darbieten sollte. Karl Sorger, der Kellner, war nämlich eingetreten, gefolgt von ein paar anderen, die mit gierigen Mienen hinter ihm dreinkamen. Er hatte eine große, lederne Umhängetasche auf dem Rücken, welche dicht vollgepfropft schien, denn ihr Bauch war ganz aufgeschwollen. Sorger setzte sich breitspurig an den mittelsten Tisch, schob mit dem Arme alles, was ihm im Wege war, beiseite und begann, nachdem er stolz mit der Hand auf den Tisch geschlagen hatte, seine Tasche auszupacken. Da nahm er zunächst mehrere große, rund abgeschnittene Stücken Brot, heraus, welche die Bauerfrauen und Köchinnen in der Stadt abgetrennt hatten vom häuslichen Brotlaibe. Er brachte einige butterbestrichene Stullen, einen Blutwurstzipfel, ein Stück Leberwurst, mehrere Käserinden, ein Gänsegerippe, einen großmächtigen Schinkenknochen und anderen Speiseabfall, den er während des langen Tages erbettelt hatte, zum Vorschein. Alles wurde in geschmackvoller Ordnung vor ihm auf dem Tische ausgelegt. Sogleich begann ein Näherdrängen der Burschen und Kunden, auch Jette sprang neben Hans auf und schob sich mit gieriger Miene zwischen die Männer, die mit verschiedenen Ohs! und Ahs!, durch Schmatzen mit den Lippen und Höherheben der Nasen ihre Bewunderung all dieser delikaten Sachen ausdrückten. Sorger aber schlug nochmals auf den Tisch und blickte herausfordernd umher mit den Worten: »Na, jetzt soll einmal ein großartiges Leben beginnen! Läpperts euch schon?! Wässerts euch schon am Gaumen herunter? Ja, ja, Genie muß der Mensch haben! Wer, wie ich, als armer, arbeitsloser Weber geht, der wegen der Mac-Kinley-Bill keine Arbeit hat, der erntet auch, wo er nicht gerade hingesäet hat. Wenn ich das erst mal alles aufgegessen habe, was ich durch meiner Hände Arbeit und meine Rednergabe zusammenjekapert habe. Nischt jestohlen! Alles vom ehrlichen Zinsenholen und Leute ärgern! Alles die reine Gottesgabe vom Tische der mitleidigen menschlichen Gesellschaft!« Er sprachs und schob zunächst, um den Neid der anderen zu erregen, ein großes Stück Wurst in den Mund, das er wohl in einem Fleischerladen erbettelt haben mochte. Der Bergwerker drückte sich mit hohlglänzenden Augen zwischen den Umstehenden durch, drückte seinen Kopf, als schleiche er heran und bettelte den ehemaligen Kellner leise an: »Geh, gieb mir ein bischen, ein bischen Brot mit Fettigkeit.« Bill Will stieß seine Frau in der Ofenecke an, während er gerade eine ganze Kartoffel in den Mund schob, und sagte im Gefühle seiner Sattheit: »Da sieht man's, wie weit der Mensch kommen kann. Der schämt sich nicht einmal, arme Leute anzubetteln.« Sorger hielt eifrig beide Hände über seine Eßwaren und frug den Kohlenarbeiter: »Was willst du denn zahlen?« »Zahlen?!« stammelte der Hungrige verwundert. Und gekränkt setzte er hinzu: »Ich bin ja wirklich ein entlassener Bergarbeiter, die Streiks und dann die Kohlenteuerung, verstehst du. Du hast's doch den Leuten blos so vorgemacht, daß du'n arbeitsloser Weber bist, aber ich bin wirklich arbeitslos, habe den ganzen Tag herumgelungert nach Arbeit und nichts gefunden und darum gieb mir was für ein Vergelt's Gott!« »Was? Schenken?!« fuhr der Kellner auf. »Schenken! Denkst du, ich habe deshalb Laden gestoßen und an allen Thüren auf die Mac-Kinleybill und das amerikanische Schweinefleisch und auf den ganzen Fortschritt und Freisinn geschimpft, du Schlamassel?! Nichts wird geschenkt! Weg da, wer selber nischt hat, darf auch nicht zusehen, wenn andere was haben.« – Er wendete sich an die Umstehenden und schrie laut durch's ganze Zimmer mit der Stimme eines Ausrufers: »Achtung meine Herrschaften! hier ist zu haben in der großen Auktion meines Delikatessengeschäftes, gänzlicher Ausverkauf wegen Geschäftsaufgabe: ein gut erhaltener Schinkenknochen: betrachten Sie genau!« Er faßte den Schinkenknochen behutsam mit den Fingern, hob ihn in die Höhe, wendete ihn nach allen Richtungen und erklärte: »Hier sitzt noch ein Stück Schinkenfett, feinste Rosafarbe, und hier noch ein Batzen Fleisch, gutes Fleisch, kein Knochenfleisch, echte Eichelmast und Obstmast gemischt, keine Holzessigräucherung, gute, durchgegangene Schornsteinräucherung – echter Westfäler – zum ersten, wer bietet?« Damit schlug er das knochige Ende wie ein Auktionator den Hammer, schallend auf den Tisch. Man drängte jetzt näher um ihn herum und der lüsterne Ausdruck in den Augen und auf den Lippen der Kunden glich dem hungrigen Ausdrucke von Möpsen und Neufundländerhunden, denen man eine Wurstschale vor die Nase hält. Die Jette schmatzte ganz laut mit den Lippen, als kaue sie schon und äußerte ihre Bewunderung mit den Worten: »Ui! der schmeckt! Wie Mandeln! Der muß aber gut sein!« Sorger hatte kaum die Jette erblickt, als er ihr das Schinkenbein zureichte und sagte: »Da, Jette, dir schenk ich's. He, Jette, nimm's nur! Jette, ich thu einen Schwur, wenn du mit mir gehst und mich zu deinem Scheeks auserwählst, denn kriegst du das ganze Schinkenbein gratis!« »Was?!« rief die Jette entrüstet. »Um ein Schinkenbein will er mir verführen?! Na, da könnt ich wohl noch was anderes kriegen, wenn ich mich sonst verheiraten wollte. Deinen Schinken iß du nur allein, wer weiß, wie viel du schon vorher davon abgenagt hast.« Sie stemmte die Arme in die Hüften und sah den Kellner mit einem Blicke, gemischt aus Geringschätzung und höhnischem Mitleid, an. Hans aber war durch dieses Gespräch wieder aufgemuntert, fühlte sich zu neuen Thaten frisch und, aufs höchste über die Thatsache erstaunt, daß man hier auf der Penne die zusammengebettelten Speisebrocken verkaufte und versteigerte, beschloß er sich selbst am Geschäft zu beteiligen, um die Sache genau kennen zu lernen. Er erhob sich, drängte unter die anderen neben die Jette hin und rief: »Wo ist das Schinkenbein?! Da muß ich auch bieten!« Man hatte ihn bisher nicht sehr beachtet; jetzt aber wurden mehrere auf den neuen Kunden aufmerksam. Hasenklau stieß Leberecht an, mit der Schulter an des Nachbarn Schulter ruckend, und flüsterte »Du, er bietet. Wir schrauben die Preise, das giebt Geschäftchen.« Leberecht hatte das kaum gehört, als er verständnisvoll nickte, seinen Nachbar, den Steinhauer Wesel, anstieß und diesem zuraunte: »Der Silberfasan wird bieten. Preise schrauben! Sag's weiter!« Wesel ließ sich das nicht zweimal sagen, strich seinen Schnauzbart, drückte das linke Auge zusammen, indem er Hans scharf musterte und gab die Losung seinem Nebenmann weiter. Hans, aufgeregt vom vielen Trinken und von den neuen Eindrücken, merkte nichts von dem, was hinter ihm vorging und sah nur das verlockende Schinkenbein vor seinen Augen. Weber drückte sich setzt bittend an ihn heran und sagte leise: »Ach, guter Kunde – ein stellenloser Kohlenbergwerker – kauf mir den Knochen und ein Stückchen Brot!« Sorger rief von neuem: »Na, wer bietet! Ein Schinkenbein wie vom Ballet! He! Wer bietet!« Hans ging das Elend des armen Bergarbeiters so zu Herzen, daß er beschloß den Knochen für diesen zu ersteigern. »Hier! Fünfzehn Pfennig!« rief er dem Kellner zu. Er hatte das aber kaum gesagt, als Hasenklaus Stimme hinter ihm erschallte: »Dreißig Purscher!« »Dreißig Pfennige zum zweiten!« schrie Sorger und schlug den Knochen auf. »Vierzig Pfennige!« rief Hans, der dachte, er wäre nun sein. »Zum dritten vierzig!« bot Sorger und die Ware höher preisend, erzählte er: »Meine Herrschaften an diesem Schinkenknochen hat das schönste Bauernmädchen von Poppelsdorf genagt und das Schwein hat sie selbst mit Milch und Honig gefüttert! Lippen hat sie gehabt wie Kirschen und Fingerchen wie Talgkerzen! Zum dritten, wer bietet?!« »Hier! Fünfzig!« Hasenklau hob die Hand spreizend empor. »Zum Donnerwetter: Fünfundfünfzig!« fügte Hans gereizt. »Sechzig! Zum Deichsel!« ergänzte Hasenklau, indem er dem Kellner einen verständnisvollen Blick zuwarf, als erhoffe er von diesem einen Gewinnanteil. Sorger blickte aber weg, als schien er das nicht zu verstehen und als Hans hartnäckig nochmals bot: »Und mein wird er doch! Siebzig zum dritten!« da mochte er es für besser halten, um den Gewinn allein einzustreichen, den Knochen herauszugeben mit den Worten »Siebzig! Hier hast du ihn zum letzten. Und ein Stück Legum (Brot) obendrein. Aber gleich zahlen.« Er gab den Knochen nicht eher heraus, als bis Hans das Geld vor ihm auf dem Tische hinterlegt hatte. Er strich es rasch und hastig ein und versenkte es in seine Tasche, um nicht den Neid der Umstehenden allzu hoch zu steigern. Weber aber, dem Hans den Knochen reichte, biß mit einem Luftsprung in das Fleisch hinein und sagte kauend: »Gelt's Gott tausendmal. Ich hungere schon seit zwei Tagen wie ein Seehund. Mögest du niemals einen Schinkenknochen für dich mit siebzig Pfennigen bezahlen, der unter Kunden höchstens zwanzig gilt.« Damit ging er in eine Ecke und verschmauste sein Brot und nagte seinen Knochen. Hans hatte unter den Kunden Aufsehen erregt durch die Freigebigkeit, mit welcher er sein Geld ausgab. Einige stießen sich an und meinten, sein Geld, mit dem er so verschwenderisch umging, sei wohl auch nicht mit rechten Dingen erworben, und man sah den Mann mit einer gewissen bänglichen Achtung sich näher an, der vielleicht ein großer Verbrecher oder Falschspieler, ein höherer Falschmünzer oder dergleichen war. Leberecht aber flüsterte dem Schauspieler zu: »Du, der hat aber Asche! Den müssen wir klein kriegen,« worauf erneute Blicke des Verständnisses gewechselt wurden. Der Kellner schlug jetzt abermals auf den Tisch und, kühn geworden durch das gute Geschäft, hob er das ausgepackte Gänsegerippe in die Höhe und rief: »Hier, meine Damen und Herren, verklitsche ich eine auserwählte Gänselaterne. Der große Diogenes hat mit keiner schöneren Laterne Menschen gesucht, obwohl er doch auch nur ein Walzbruder war!« Er wendete das Gerippe nach allen Richtungen und demonstrierte es nach allen Regeln der Anatomie: »Der Hals noch wohlerhalten, innen noch Lunge, hinten noch der Sterz. –« Er unterbrach sich, knickte den Sterz kurzweg hinten ab, reichte ihn im Kreise herum, wobei mehrere Hände zugriffen, um den Leckerbissen zu erhaschen, bis er ihn plötzlich rasch in seinen eigenen Mund schob und recht mit Hohn kauend sagte: »Nee, den Sterz eß ich selber, das ist mein Kaiserbissen! Immer heran, dieses Gänsegerippe stammt von einem lucullischen Festmahle, welches in einer Bankiersfamilie zu Ehren von Rothschilds Geburtstag stattgefunden hat und Rothschild ist der reichste Mann der Welt! Ein Gerippe zum Anbeißen! Wer bietet?!« Herr von Wesel hatte schon dem Schnaps allzusehr zugesprochen und ein neugeborener Rausch blickte aus seinen Augen hervor. Als er jetzt den Kellner mit soviel breitem Behagen an seinem Leckerbissen kauen sah, regte sich bitterer Neid in seiner undeutlich empfindenden Seele. Er rückte seine Mütze schief auf den Kopf, strich seinen Schnauzbart und kniff das rechte Auge zusammen und sagte mit hohler Stimme: »Kau doch nicht so großartig. Man kann's ja gar nicht ansehen. Unsereins hat nischt, und der frißt hier seine ganze eigene Delikatessenhandlung umsonst auf.« Er erregte damit indessen keineswegs das Mitgefühl des ehemaligen Kellners, der ihm nur einen ziemlich verächtlichen Blick zuwarf. Der fühlte sich als reicher Mann gegenüber diesem armen Schlucker. In diesem Augenblicke erhob sich ein fröhliches Geschrei und Jubilieren von verschiedenen Stimmen, denn Heinz Henning war auf den nächsten Tisch gestiegen und hatte seinen vollen Tragkorb neben sich gesetzt. Er erhob ein lustiges Getriller, klatschte mit den Händen und zog aus dem Korbe gleichzeitig ein Paar alte Beinkleider, die er wie eine Fahne in der Luft schwankte, und ein paar alte, sohlenzerrissene Stiefel. Sein Korb war ganz mit erbettelten Kleidungsstücken angefüllt, die er hausierend erobert hatte. Mit hoher, dünner, ewig heiterer Summe rief er, während man sich unter ihm drängte und hinaufschaute nach seinen knieschüssigen X-Beinen: »Hier heran! Hier muß man bieten, hier muß man kaufen! Hier wird der erste große Wiener Kleiderbazar eröffnet! Hier ist die echte goldene Neun! Hier ist das non plus ultra des Großbetriebes, hier werden alle kleinen Schneidermeister brodlos gemacht, hier ist das Wahre! Solide Preise! Reelle Bedienung, neueste Moden, alles fesch und chic! Prima Qualitäten! On parle français! Englisch spoken! Rutschi mit Babuschen und Granaten!« Mit noch höherer Stimme sang er lustig: Henning Heinz ist wieder da, Auf, verkündet's fern und nah! Er bringt abgetragne Kleider, Denn er ist der Kunden Schneider! Immer billig! Immer billig!« Er bot einen blauen Gehrock aus, an dem die Knöpfe fehlten und die Ellenbogen schon arg zerschunden waren. »Ein feiner Wallmusch! Für vierzig Purscher (Pfennige) zum ersten! Dieser Wallmusch ist direkt aus der großen Reichshauptstadt Berlin bezogen, welche an den romantischen Ufern der Spree inmitten einer südlich fruchtbaren und üppigen Gegend liegt. In diesem lachenden Paradies hat mir diesen Rock ein Reichstagsabgeordneter geschenkt, wie ich bei ihm hausierte und der Mann war ein Hauptvertreter der Kolonialpolitik! Hätten Sie nicht einen alten Rock zu verschenken, habe ich zu ihm gesagt, ich bin ein armer Reisender, ehemaliges Mitglied der Kameruner Schutztruppe, infolge eines vergifteten Negerpfeiles verwundet und am gelben Fieber erkrankt. Nach meiner Heimkehr in Europens übertünchte Höflichkeit arbeitslos geworden, gestatte ich mir ergebenst zu versichern, daß ich eine Aufbesserung meiner Garderobe in Form eines alten Rockes bedarf! Meine Damen und Herren, da hat er mir diesen Rock geschenkt, diesen Rock, in welchem er oft auf den Bänken des Reichstags auf der Leipziger Straße in Berlin gesessen und Reden geredet und seine Stimmen abgegeben hat und hört! hört! gerufen hat, wenn Caprivi oder Bismarck ihre weltbedeutenden Ansichten geäußert haben. Hat man jemals so einen Rock gesehen?!« Er schaute triumphierend umher und unter sich, wo sich einzelne Hände erhoben, um den Rock näher zu besichtigen, ob er des Ankaufs wert wäre. Mit der andren Hand schüttelte er ein paar Beinkleider, wie die Beine eines Bindfadenmännchens, das man mit den papierenen Beinen zappeln läßt, zeigte die Vorderseite und die Rückseite und rief: »Hier ein paar Weitchen, schöne Weitchen, dufte Weitchen, gute Weitchen! Nur der Hosenrand ist ein bischen abgetreten und hinten sind sie ein bischen durchgesessen. – Diese Weitchen stammen von dem großen Gelehrten, der den Tuberkelbazillus ermordet hat und alle großen Epidemien aus der Welt schafft! Jeden Morgen ist er mit seinen eigenen Beinen höchsteigenhändig hineingefahren und jeden Abend hat er sie zum Ausklopfen hinausgehängt und die großartigsten mikroskopischen Forschungen hat er darin angestellt –« Er unterbrach sich und brachte ein durchlöchertes Leibhemd aus dem Korbe heraus, fuhr mit dem Kopfe hinein, zog es an, zog's wieder aus, schwenkte es und pries es an: »Und hier, hier ist nun das Rarste, eine feine, saubere Staude, ganz wenig geflickt, und diese Staude hat der jroße Bismarck selber auf dem Leibe getragen. Ich hab sie in Friedrichsruh bekommen, wo ich sie geschenkt bekommen habe, wie ich von Hamburg vor vierzehn Tagen losgezittert bin; und in Friedrichsruh hat mir die Dienerschaft herausjefüttert und die Köchin hat mir die Staude geschenkt aus der alten Wäsche heraus! Meine Herren, wer bietet? Wallmusch 40, Weitchen 75, Staude 50 Pfennige!« Bill Will wurde in seiner Ecke von einem neuen Frostschauer geschüttelt und dachte daran, daß er noch immer in seinem leichten Tricot dasaß. Er jammerte jetzt ganz laut im Anblick der berühmten Kleider und sagte mit einem Blick auf Hans: »Ui je! Ui je! Wenn ich sie nur hätte! Mich friert so an de Beene!« Hans dachte nur an das Unglück des armen Menschen, als er diesen, halbnackt vor Weib und Kind sitzend, nach dem Notwendigsten jammern hörte. Es war ihm in diesem Augenblicke gänzlich gleichgültig, ob der größte Deutsche seiner Zeit dieses Hemd getragen und der berühmteste Gelehrte in diesen Hosen gesteckt hatte; er sah nur das hilfsbedürftige Menschenkind, das bekleidet werden mußte, und rief mit starker Stimme: »Hier, ich biete! Summa Summarum zwei Mark für alles!« »Drei Mark für alles!« brüllte Hasenklau hinter ihm, so daß er sich ärgerlich umdrehte und »Drei Mark zehn!« bot, um sich die Beute nicht entreißen zu lassen. »Zwanzig! dreißig!« erscholl es rasch hinter einander von Hasenklaus und Leberechts Stimmen. Die sauberen Brüder hatten ihre Freude daran, den Fremdling womöglich um all sein Hab und Gut zu bringen. »Vierzig, fünfzig, fünfundsechzig!« rief nun Hans rasch hintereinander, indem er in die Hitze geriet und sich selbst die Preise steigerte, während die anderen mit schadenfrohen Mienen zusahen. Es bot niemand mehr; es schien wenig Kauflust zu herrschen und Henning schloß, nachdem er sich umgesehen hatte, den Kauf mit den Worten ab: »Zum Dritten und Letzten: Drei Flachs fünfundsechzig! Niemand mehr? Hier! Aber gleich zahlen!« Bill Will war näher herangesprungen und stand, schamhaft wie eine medizeische Venus in seinem Tricot zusammengebückt, vor dem Tische des Kleiderhändlers. Dieser warf ihm Rock, Hosen und Weste über den Kopf, so daß er sich da erst wieder herauswickeln mußte, während Hans seinen Beutel zog und den Kleiderhändler bezahlte. Er freute sich, auch einmal einen armen Menschen vom Kopf bis zum Fuße umzukleiden und sagte zu Bill Will: »Na, Kunde, nun brauchst du nicht mehr zu frieren. Zieh diese Hosen mit Verstand an, da hat ein großer Geist daraufgesessen; trage dieses Hemd mit Andacht, denn der Edelste der Deutschen ist da mit dem Kopfe zuerst hineingefahren.« Große Heiterkeit und mächtiges Gejohle entstand hierüber. Bill Will aber schlüpfte in das Hemd, zog die Höfen an, fuhr mit den Armen in die Rockärmel und betrachtete sich dann von oben bis unten mit Genugthuung. Mit einiger Herablassung nickte er seinem Wohlthäter zu und bemerkte: »Danke auch schön, Kollege. Gieb nur nicht zu viel Geld aus. Wir können's für's Geschäft noch besser brauchen.« Er dachte dabei an die gemeinsam zu bildende neue Truppe. Hennings überlegene Geschäftspraxis hatte bewirkt, daß man sich fast ausschließlich um seinen Tisch scharte, um seine Waaren zu mustern. Auch andere Kunden begannen jetzt bei ihm zu kaufen, ohne sich erst auf eine lange Versteigerung einzulassen. Der eine kaufte sich ein paar Strümpfe, Streiflinge genannt, zu zehn Pfennigen, ein anderer ergänzte sein Schuhwerk und Henning machte gute Geschäfte. Dieser finanzielle Erfolg erregte indessen ziemlichen Neid bei dem ehemaligen Kellner, der sich in seiner geschäftlichen Existenz bedroht sah, denn es standen nur noch einige wenige um ihn herum, die seine Wurstzipfel und Käserinden bewunderten. Er beschloß daher, sich des gleichen Geschäftskniffes wie Heinz Henning zu bedienen, trommelte mit den Fäusten auf dem Tisch herum und rief eifersüchtig: »Und wenn alle Stränge reißen und niemand mehr bei mir kauft: Hier, meine, Herrschaften, ist ein Wurstzipfel und von der Unvernunft hat der große Weltreisende Stanley, der mitten durch ganz Afrika gezogen ist, selber gegessen in dem Hotel, wo ich sie von der Köchin geschenkt bekommen habe und diese frischen Hasenläuftchen stammen von der letzten Hofjagd, ist auch noch sehr viel daran –!« Man antwortete ihm nur mit einem höhnischen Gelächter, denn seine Erfindung war zu weit hergeholt und zu wenig glaubwürdig und so fing Heinz Henning, in seinem Korbe kramend, heftig zu schimpfen an über diese ungeschickte Beeinträchtigung seiner kaufmännischen Vorherrschaft und rief: »Stille, du Phantasiemensch! Bei den Bauern in Ztietschewig und Dommelsdorf hat er seine Sache zusammengebettelt; da ist er hinten über die Stakete geklettert und hat den Bauermieken vorgebarmt! Aber bei mir ist alles echt, alles echt, alles solide und reell. Sehen Sie diese Kreuzspanne – er hob eine äußerst abgetragene, alte Weste empor – diese Kreuzspanne, die hat Windhorst selber getragen, wie er im Reichstagsgebäude die Treppe herunterfallen ist, Gott hab ihn selig! Seine Wirtschafterin hat sie mir selbst geschenkt, denn ich verkehre nur in den feinsten Häusern!« Er ließ die Weste lustig flattern und blickte höhnisch auf Sorger herab. Der aber, als er sich abermals überboten sah und den Respekt bemerkte, mit dem unterschiedliche Kunden dem schiffbrüchigen Schneider zuhörten, fuhr in die Höhe, warf wild seine Wurstzipfel und Schlachtstücke auf dem Tische durcheinander und schrie erbost: »Und das verbitte ich mir! das ist verbotene Konkurrenz, das ist das reine Manchestertum, das ist das reine, freie Spiel der Kräfte! Wenn das unter ehrlichen Kunden erlaubt ist, was sollen denn dann die anderen unehrlichen Leute in der Stadt thun. Denn schmeiße ich dir hier den ganzen Bettel vor die Füße! Das lasse ich mir nicht gefallen!« Er war im Begriff, dem Schneider eine Brotrinde an den Kopf zu werfen, dieser aber gebot Ruhe mit seiner hellen Stimme, die im Zorn überschnappte: »Stille, du Dütchenkrämer, du Budikeninhaber, du Detailwarenhandlung, du Fettflecken!« Und stolz wendete der Schneider sich zu Hasenklau, der eben mit der Miene eines Mannes, der eine große That vorhat, an ihn herantrat. Er frug: »Was gefällig?!« Hasenklau nahm seinen Hut ab, einen durchlöcherten und schadhaft gewordenen Schlapphut und frug mit scheinbarer Harmlosigkeit: »He, Männchen, wat giebst de mir für den Obermann?!« Nachdem der Angeredete, unbekümmert um das weitere Schelten des Kellners, den Hut in der Hand herumgedreht hatte, sagte er gelassen: »Zehn Purscher.« »Topp,« entgegnete darauf Hasenklau und überließ dem Manne seinen Hut. Henning zählte auf der flachen Hand ihm zehn einzelne Pfennige heraus. Mit einem verständnisvollen Blicke auf Hans aber flüsterte der Schauspieler rasch dem Schneider zu: »Gieb acht! Jetzt kauf ich ihn wieder, Halbpart! Verstanden?!« Henning verstand, blinzelte schlau mit den Augen und bestätigte mit dem gleichen Worte »Halbpart!« Jetzt wendete sich der unternehmende Schauspieler an Hans, der lachend dem Kellner zugesehen hatte und nichts hörte von dem, was an dem anderen Tische vorging. Er klopfte dem Neuling vertraulich auf die Schulter, legte ihm den Arm freundschaftlich um die Achseln, drängte ihn etwas gegen den Tisch Hennings und sagte mit dem Tone edler, verkannter Menschlichkeit: »Ach, guter Kunde, gestern hab ich meinen Hut versetzen müssen, geh, ersteh mir den wieder. Man kriegt so leicht eine Glatze, wenn man sein Haupt dem Wind und Wetter hülflos ausgesetzt sieht. Was sagst du?! Wir stehen hier am Pranger vor dem Hut. Die Reverenz zu machen einem Hut ist wohl gethan. Ein feiner Hut, den hat mir mein Kollege, der große Matkowsky geschenkt, wie ich mich ihm einmal vorstellte.« Er wies auf den Hut in Hennings Hand und sagte sehnsuchtsvoll: »Siehste da, der ist es –« Henning hielt diensteifrig den Hut herab und pries ihn: »Ein feiner Obermann! Noch gar nicht lädiert, bloß die Krämpe fehlt hinten. Fünfzehn zum Ersten!« – Hans hatte wohl eine Empfindung, als wolle man ihn zum besten haben, oder als würde irgend etwas auf seine Kosten verübt werden. Doch besaß er, infolge des ungewohnten, allzureichlichen Branntweingenusses keine Widerstandskraft mehr gegen irgend eine Zumutung. Er hielt sich, da er einmal der Wohlthäter aller möglichen Leute war, im grunde auch für verpflichtet, den Hasenklauschen Hut zurückzukaufen und die dunkle Erinnerung, daß er ja eigentlich nur der Studien halber hier war, spielte auch noch von ferne in seine Entschlüsse herein. Er bot daher schnell darauf los, und sagte, er wolle zwanzig Pfennige für den Hut zahlen. »Dreißig!« rief da plötzlich der Studiosus, indem er Hasenklau heimlich einen Rippenstoß versetzte, der da bedeutete, daß er auch von der Partie sein wollte. »Vierzig!« rief Hasenklau, und Hans, höchst verwundert, wie reißend auch der Preis dieses Hutes in die Höhe ging, meinte gemütlich: »Na nu, der steigt ja! Fünfundsechzig!« »Achtzig!« rief jetzt Hasenklau. Er rang auf einmal verzweiflungsvoll die Hände und jammerte theatralisch: »Ich muß meinen Hut wiederhaben; ich kann doch nicht im bloßen Kopfe gehen, des Schicksals Hohn und Unbill preisgegeben. Stürmt, Wind' und blast die Backen, schlagt flach das Tellerrund der unfruchtbaren Welt!« – Sein Jammern sollte aber nur den Umstand verwischen, daß er hier selber seinen eigenen Hut in die Höhe steigerte, und daß der fremde Kunde eigentlich schon daraus merken mußte, daß man ihm arg mitspielte. »Geh, Kunde, biete noch einmal, wenn ich Draht habe, biete ich auch einmal für dich!« setzte Hasenklau begütigend hinzu. Hans war in der wunderlichsten Lage seines Geistes. Er hatte eine dunkle Empfindung, daß hier irgend etwas nicht mit rechten Dingen zuginge, wußte aber nicht was. Daß Hasenklau die Unverschämtheit besaß, seinen eigenen Hut, den er ihm zurückersteigern sollte, vor seinen eigenen Augen in die Höhe zu treiben, das kam ihm nicht recht zum Bewußtsein. Der Rausch schien gewisse Bewußtseinsteile in seinem Inneren ertötet zu haben; nur das allgemeine, unbestimmte Gefühl blieb, daß irgend etwas bei diesem ganzen Handel nicht in Ordnung sei. Er grübelte darüber nach und fand keinen anderen Ausweg aus diesem Rätsel, als daß er sich nunmehr erst recht in den Kopf setzte, er müsse den Hut unter allen Umständen haben. »Ja, zum Teufel, soll ich ihn denn gar nicht haben?!« rief er hartnäckig aus. »Eine Mark!« »Eine Mark!« verkündigte Henning, indem er den Hut schwenkte. »Niemand bietet?« Die Kunden, welche herumstanden und das wundersame Geschäft verfolgt hatten, lachten und stießen sich gegenseitig an, traten sich heimlich auf die Füße und betrachteten sich den verschwenderischen Neuling mit einer gewissen raubgierigen Zuneigung. Jeder fühlte jetzt geradezu die Verpflichtung, dem Manne den Rest von Geld, den er bei sich führen mochte, noch vollends abzujagen, sei es im Kümmelblättchenspiele, sei es bei einem gemeinsamen Trunke, oder sonst unter einem Vorwande. Keiner gönnte im stillen dem anderen das, was Hans noch in der Tasche trug; allgemein war die Empfindung, daß dieser Abend erst ganz schön gewesen sein werde, wenn der Fremdling womöglich noch seinen eigenen Rock versetzt haben und dann wegen Zahlungsunfähigkeit aus dem Hause hinausgeworfen sein werde. Verschiedene rüsteten sich zu verschiedenen Manövern mit dem Manne. Es sollte ein Glück für Hans werden, daß Jette all diese geheimen Pläne den Gesichtern der Männer ablas und daher mit sorgenvoller Aufmerksamkeit das Thun des braven Schlossergesellen verfolgte. Etwas dachte sie wohl auch an sich; wenn der Kunde lieber sein Geld ausgegeben hätte, um ihr ein paar Strümpfe zu erstehen, so wäre es ja wohl besser angewendet gewesen, als bei den Späßen des Schauspielers. Sie beobachtete, auf der Bank sitzend, mit gespannten Blicken alles, was um Hans vorging, um im rechten Augenblicke eingreifen zu können. Mißgestimmt und eifersüchtig lief Bill Will umher; der neue Kunde verschwendete auf unsinnige Weise das gute Geld, welches sie zur gemeinsamen Unternehmung weit besser brauchen konnten. Er war auch vorhin einmal eine lange Weile draußen im Stalle gewesen und hatte da irgend etwas gesucht, worauf er mißtrauisch und einigermaßen niedergeschlagen hereingekommen war und sich achselzuckend zu seiner Frau wieder hingesetzt hatte. Jetzt sah er mit Argusaugen jeder Bewegung des vermeintlichen Kollegen zu. Hans Landmann, genannt Hans Finke, Schlossergeselle aus Königsberg, hatte unterdessen seine Mark für den Hut gezahlt und Hasenklau nahm denselben, setzte ihn mit gewichtiger Geberde auf und stolzierte, indem er die Huldigungen der anderen stillschweigend entgegennahm, im Zimmer auf und ab. Aus dem Getümmel der dichtgefüllten Stube drängten sich jetzt drei arg zerlumpte Gesellen auf Hans los. Der eine trug eine Drehorgel am Riemen über der Schulter, der andere führte eine alte Geige in der Hand, der dritte hielt einen Kamm, über den er ein Papier gelegt hatte, als Querpfeife an den Mund. Sie stellten sich bettelnd vor den Sozialforscher hin, der Orgler drehte zweimal die Kurbel seiner Tonmaschine, wozu der andere auf dem Kamme blies und der Geiger seine Fiedel stimmte und der Drehorgelmann, ein Kerl mit einem langen, ehrwürdigen Barte, hielt einen Teller auf, indem er bat: »Mein Herr, sogleich wird die weltberühmte ›Budapester Vokal- und Instrumentalkapelle‹ die Ehre haben, ihre Produktionen in der höheren Gesangskunst mit Orchester vorzuführen. Direktion Hugo Limmrich, vormals Ullmann, Impresario für ausjediente Primadonnen.« Hans sah sich die Kerle neugierig an und begann ein Gespräch mit ihnen, wobei sie erzählten, daß sie den Winter in Berlin zugebracht hätten, jetzt aber die »Provinz« abklopften und ins Oldenburgische wollten, wo noch eine gute Gegend sei. Über diesem Gespräche hörte Hans nichts von einem stillen, verbissenen Streite, der unterdessen zwischen Henning, Hasenklau und Leberecht begann. »Also halbpart! Macht funfzig!« sagte Hasenklau leise zu dem Schneider, als dieser die Mark für den Hut einstrich und, auf dem Tische sitzend, sein Geld zählte. Leberecht war herangeschlichen und schaltete ein: »Ich habe mitgeboten. Drittelt sich. Macht dreiunddreißig.« »I, wo werd ick! Ick habe dir doch nicht aufgefordert, oller Bruder,« entgegnete Fritze Hasenklau, genannt Orbassany. »Was? Und da soll ich zusehen?« fuhr der Studiosus mit unterdrückter Wut dazwischen. »Das ist ja det reine Jobbertum, Börsenkapitalismus, Giftbaum, was ihr da mit dem Obermanne jetrieben habt. Alle Termin- und Zeitjeschäfte sind nischt dagegen, wie ihr hier euren eigenen Hut verkloppt und durch 'nen anderen mit so und soviel Prozent Steigerung wiederkaufen laßt. Wenn ihr armen Leute es schon so treibt, wat sollen denn dann die jroßen Börsenspekulanten machen?!« Er war bei diesen Worten lauter geworden. Henning erschrack vor dem Vorwurfe, daß er weiter nichts, als ein Jobber und Börsenspekulant sein sollte und sagte rasch und ängstlich: »Sei stille und mach keenen Raddau, sonst merkt er's.« Leberecht verstand. Er hielt mit einem stummen und frechen Ausdrucke seine Hand hin und Henning steckte ihm rasch ein Schweigegeld zu, zahlte an Hasenklau dessen Gewinnanteil aus und schnitt ein paar höhnische Gesichter, indem er mit dem Daumen rückwärts auf Hans zeigte. Das alles sah die Jette bekümmert mit an, und sie ballte heimlich die Faust über diese schlechten Menschen, die den guten, unerfahrenen Schlossergesellen so schauderhaft ausplünderten. Henning hatte ein Bedürfnis, die Aufmerksamkeit von der eben geschehenen kleinen Auseinandersetzung abzulenken und er stellte sich mit einem leichten Sprunge daher wieder auf den Tisch, zog langsam aus seinem Korbe ein paar sehr umfangreiche blauleinene Hosen, spannte sie auseinander und rief: »Meine Herrschaften, hier sind noch ein paar Weitchen, wer sie kaufen will, breite Weitchen, dicke Weitchen. Sehen Sie diesen Umfang ums Kreuz! Die hat Naucke getragen – er trompetete diesen Namen übermütig heraus – Naucke, der dickste Mann von Berlin!« Ein donnerndes Gejohle und Gelächter antwortete auf diesen Einfall. Jedermann schaute nach den unförmlichen Beinkleidern. »Und hier,« fuhr Henning fort, indem er ein paar abgelaufene, alte Damenschuhe mit ausgeweiteter Gummispannung auf seine Hände wie Handschuhe zog und sie mit den Sohlen zusammenklatschte, »hier ein paar Trittchen, schöne Damentrittchen und ick jloobe, darauf ist eine Frau Ministern geloofen, wie sie im Vereine gegen Armennot und Bettelei präsidiert hat und für die Naturalverpflegungsstationen geredet hat. Blos die Absätze sind ein bischen schief getreten, sie muß ein bischen links gewesen sein!« Jette sah Hans von den Stromern umringt und wollte ihn aus dieser Umgebung heraushaben. Als sie jetzt die Schuhe bewunderte, ging sie zu ihm hin, drückte sich anschmiegend an ihn heran, wobei sie ihn sachte nach vorne schob und bat ihn: »Ach, Männeken, geh, koof mir die Trittchen. Ick bin ganz herunter mit meinem Schuhwerke« – sie zeigte auf ihre nackten Füße – »ick möchte so gern die Trittchen haben. Ick bin 'n armes Mächen, die noch keenen Mann jehabt hat und, Schlossergeselle, wenn du mir genau ansiehst, mußt du doch sagen, dat ick 'n hübsches Mächen bin, die ooch mal in ordentlichen Schuhen gehen könnte, wie die Prinzessinnen in der Stadt.« Hans blickte von der Seite in ihre guten Augen nieder. Er fühlte auf einmal selbst eine Art von Gewissensbiß, daß er, statt dieses gute Kind von Kopf bis zu Füßen neuzukleiden, seinen Geldvorrat, der merklich zusammengeschwunden war, an allerhand andere Leute verschwendet hatte, die es ihm vielleicht nicht einmal dankten. Er bereute auch, daß er sich noch so wenig um das Mädchen gekümmert habe, das doch seinetwegen hierher gekommen war und beschloß, sich mit ihr an einen Tisch in der Ecke zu setzen und sich mit ihr zu unterhalten. Wie die Jette ihn weiter vordrängte, trat aber der Vorstand der »Vokalkapelle« von neuem mit seinem Teller vor ihn hin und ermahnte ihn bettelnd: »Mein Herr, die berühmte Vokalkapelle –« Henning, der Jettes Gespräch mit dem Schlossergesellen angehört hatte, warf dem Mädchen die Schuhe zu und Jette fing dieselben geschickt mit den Händen auf. Der Schneider rief: »Die Trittchen geb ich fürs erste, zweite, dritte und vierte zusammen für eine Mark. Raus mit dem Gelde, Schlosser, wenn du deiner Liebsten ein Paar neue Tanzschuhe kaufen willst.« Die Jette fuhr sofort stehend in die Schuhe hinein, raffte ihren roten Rock ein Stück in die Höhe, um vorgebeugt zu sehen, wie ihr die Schuhe stünden, und obwohl dieselben bedenklich um ihren kleinen Fuß schlappten, so fand sie sich doch sehr schön, knixte vor Hans und sagte: »Danke auch schön.« Hans blickte etwas verwundert drein, daß man den Kauf so ohne weiteres als abgeschlossen betrachtete, obwohl er doch noch kein Wort gesagt hatte; er griff aber in seine Tasche, warf dem Schneider das Geld in den aufgehaltenen Hut, nahm Jettes Arm in den seinen und wollte sich mit ihr in eine stille Ecke zurückziehen, um das Herz dieses armen, verlorenen Kindes näher kennen zu lernen und Ruhe vor den anderen zu haben. Er kam aber nicht vom Flecke. Mit der Geberde eines Rasenden, der lange genug seine Eifersucht zurückgehalten hat, sprang nämlich Bill Will, der Kunstreiter, in die Gruppe hinein, riß die Jette von der Seite des »Kollegen« los, fuchtelte mit den Händen in der Luft herum und rief: »Und das dulde ich nicht. Da geht ja das Geschäft zu Grunde, wenn der Kunde sein ganzes Geld zum Teufel jagt.« Jette stampfte entrüstet mit dem Fuße und hing sich von neuem an Hansens Arme, wie um ihn zu schützen. Dieser aber trat dem Kunstreiter empört entgegen und rief: »Was? soll ich nicht zahlen was mir beliebt. Was geht dich mein Geld an?!« »Ich bin hier der Herr vons Geschäft!« fuhr Bill Will entrüstet auf. »Womit sollen wir denn die Saalmiete bezahlen, wenn du so drein wirtschaftest!« »Nur einen kleinen Beitrag für die Vokalkapelle,« wiederholte dringender und sogar etwas drohend der Drehorgelmann, während die anderen Kunden sich im Kreise um die Gruppe aufstellten, um zu sehen, was aus diesen Verwickelungen werden würde. Hans verlor die Geduld. »Ja, Himmel alle Wetter, jetzt wird mir's aber doch zu toll!« rief er. »Laßt mich in Ruh! Da hast du deinen Konzertbeitrag.« Er griff in seine Taschen und nahm die letzte Hand voll Münzen, die er herausklauben konnte, von plötzlichem Zorn und der Sinnlosigkeit der Weingeistlaune erfaßt. Er brachte die geldgefüllte Hand aus der Tasche, Jette wollte ihn am Arme zurückhalten, er aber warf das Geld unwillig dem Drehorgelmanne in den aufgehaltenen Hut. Einzelne Münzen sprangen zur Seite und rollten durch die Stube, Stromer und Stromerinnen, Männer und Weiber stürzten nach, fuhren auf den Boden und zausten sich um das Geld, andere fuhren auf den Hut des Drehorglers los, um hineinzugreifen, dieser wehrte sich, die Jette aber stand starr inmitten des tollen Tumultes, schlug die Hände zusammen und rief Hans zu: »Aber, Kunde, wat soll denn dein Vater und deine Mutter sagen, daß du ihr sauer jespartes Jeld hier unter die Leute wirfst! O Finke, ach, nee, Finke, wat thust du nur! Ick hab's dir ja gleich gesagt, daß du hier völlig zu Jrunde jehen mußt!« Bill Will sah starr dem Gebahren seines Geschäftsteilhabers zu. Dann aber rief er, mit den Füßen stampfend: »Und ich dulde das nicht! Du bist mein Angestellter, ich habe dein Draufgeld, du gehörst zu mir! Was soll denn aus unseren Vorstellungen in der höheren Gymnastik werden, du verpfuschter Kunstreiter, du Verschwender, du Schlingel, der sein Geld wer weiß woher zusammengestohlen hat und es nun nicht schnell genug los werden kann! Wir sind hier ehrliche Leute, wir sind ehrliche Walzer, die von freiwilligen Gaben leben, und dir gehörte die Reitpeitsche von mir, wenn ich sie nicht hätte versetzen müssen in meiner grenzenlosen Not!« »Was? Du trägst ja einen geschenkten Rock von mir!« versetzte Hans, der selbst in seinem gefährlichen geistigen Zustande die Undankbarkeit dieses Menschen glaubte empfinden zu müssen. »Was? du trägst ja Hemd und Hosen, die ich dir gekauft, und wenn du dir darauf etwas einbilden willst, daß man weiß, was für große Männer diese Sachen wohl erst auf dem Leibe getragen haben, so bleibst du doch nichts anderes, als ein brotloser Komödiant und Kunstreiter!« »Du auch,« wollte der andere entgegnen; Hasenklau aber stellte sich Ruhe gebietend zwischen die beiden und sagte pathetisch: »Kunstreiter wäre er? Hört! hört! Schlossergeselle will er sein, aber der muß nur Luftschlösser mit seinen Händen geschmiedet haben, so verweichlicht sind diese Hände. Wer weiß, was er ist!« Bill Will blickte Hans von neuem von oben bis unten an. »Was? Nicht einmal Kunstreiter ist er?!« Er weinte fast und seine Stimme klang von tiefster Wehleidigkeit und gekränkter Enttäuschung wieder, als er verzweifelt ausrief: »Das ist Schummelei, er hat mein Draufgeld; da verlange ich Schadenersatz! Er hat mir sein Pferd vermietet und ich will sehen, wo es ist – im Stalle draußen steht's nicht, ich habe den ganzen Stall ausgesucht!« »Kunstreiter wäre er?« rief jetzt der Studiosus herüber, »Landtagsabgeordneter ist er! Aber wer weiß, was für einer.« Jetzt entstand ein gesteigertes, drohendes Murmeln und Zusammendrängen der Anwesenden; man musterte mit mißtrauischen Blicken den Neuling, der augenscheinlich eine stark verdächtige, polizeiwidrige Persönlichkeit war. Hasenklau aber bestärkte den Kunstreiter in seinem Vorsatze und stachelte ihn an: »Jawohl! Da mußt du Schadenersatz verlangen, wenn er mit dir sein Spiel getrieben hat. Das Gebackne vom Leichenschmaus gab kalte Hochzeitsschüsseln.« Bill Will drang von neuem auf Hans ein, den Jette langsam zurückzog, indem sie sich zur Deckung vor ihren Schützling stellte. »Schadenersatz muß er zahlen!« jammerte der enttäuschte Kunstreiter. »Denn wenn das wahr ist, daß er gar kein Pferd hat und gar nicht von der Kunst ist, so bin ich mit Weib und Kind um meine ganze Zukunft gebracht, so ist's wieder nichts, daß ich mich aus dem Leben herausreißen kann, so bin ich wieder in die Walzerei und Fechterei zurückgeworfen und muß um's liebe Brot an den Thüren betteln und muß immer mehr zurückkommen, bis all meine Kraft verkommen ist und kein einziger Biceps an meinen Armen mehr die richtige Muskelkraft hat, und wenn ich nachher in meiner Schwäche sonst etwas thue, was kann ich dann dafür! Aber das ist Geschäftsschädigung, Vorspiegelung falscher Thatsachen, und darum muß er Schadenersatz zahlen!« »Jawohl, Schadenersatz, Schadenersatz!« hieß es von verschiedenen Seiten mit drohenden Mienen, denn man fand, daß der arme Kunstreiter ganz recht habe, und machte mit ihm den fremden Handwerksburschen verantwortlich für all sein Unglück. Hans indessen, der erst mit Zorn und Empörung die Undankbarkeit all dieser Leute bemerkt hatte, wurde jetzt von einer unbändigen, trotzigen Heiterkeit erfaßt, wankte ein wenig und sprach lachend: »Auch noch Schadenersatz? Zu wie viel verurteilen Sie mich, meine Herren Zivilrichter? Und wenn ich den Schaden wirklich besehe, was habe ich da? Ich besitze nicht einen kahlen Heller mehr – alles verloren, alles vertändelt, alles dahin – nein, so eine Unverschämtheit! Bin ich in einer Mördergrube, unter Hyänen und Wölfen?! Schadenersatz?! Da schau! Das ist mein Schadenersatz!« Damit zog er das Taschenfutter aus Rock und Hosen und zeigte es umgestülpt den anderen, er wendete seine leere Börse um und warf sie Bill Will lachend vor die Füße. Dieser fuhr sich selbst über diesen Anblick verzweiflungsvoll in die Haare, die Kunden drängten auf Hans lachend und scheltend los und machten Miene, ihn in dieser behaglichen Laune tüchtig zu prügeln, Jette kreischte und warf sich den nächsten entgegen, indem sie dieselben zurückschob, Hans aber, ahnungslos über die Gefahr, in der er schwebte, blickte sich selig lachend um, froh, auch einmal in seinem Leben von allem lästigen Besitze befreit zu sein. Zu seinem Glücke begann in diesem Augenblicke die »Budapester Vokalkapelle« ihre Produktionen. Die Drehorgel spielte, seufzte und knarrte, die Geige fiedelte, der Kammbläser schwirrte zitternde Töne durch sein Papier, und mit rauhen Stimmen begannen die drei Männer das alte Pennenlied zu singen: »In des Waldes tiefsten Gründen, In den Höhlen tief versteckt – Baller man los – Ruht der Räuber allerkühnster Bis ihn seine Rosa weckt. – Baller man los. – O wie schön, wie schön, wie schön, wie schön bist du, Marie, Mit deine Gummischuh, Marie –!« Es war ein Glück, daß der Studiosus in dem Augenblicke, da das Lied von den »Gummischuhen« handelte, einen erheiternden Einfall hatte und auf Jettes Füße zeigte, die ungeschickt in den neuerworbenen Damenschuhen steckten. Sogleich fielen alle Kunden lachend in den Rundreim ein, zeigten mit den Fingern auf Jettes Füße und sangen dröhnend: »O wie schön, wie schön, wie schön bist du, Marie, Mit deine Gummischuh, Marie.« Jette stand einen Augenblick verschämt da, hielt es aber, in ängstlicher Sorge um Hans, für gut, diesen Augenblick zu benutzen, um ihn in Sicherheit zu bringen, und flüsterte ihm zu: »Komm, Schlossergesell, du mußt jetzt hier heraus. Ick werde dir in Sicherheit unterbringen. Komm.« Hans war selig. Das Lied erheiterte ihn über die Maßen. Jette, durch den Gesang und die Gebärden der Kunden ganz verschämt, schob ihn rasch nach der Thüre, that, als wollte sie mit ihm tanzen und benutzte den nächsten Augenblick, um ihn sanft zur Thüre hinaus zu drängen, die sie rasch hinter sich zumachte. Drinnen scholl lautes Gelächter und ein neuer Vers des Liedes wurde begonnen, während Bill Will tobend umherlief. – Jette und Hans traten in die stille, kühle Nachtluft hinaus. Die Sterne waren vollglänzend am Himmel versammelt. Hans blickte in unendlicher Seligkeit, voll von dem Bewußtsein, nur milde Thaten der Menschenliebe vollbracht zu haben, nach dem hohen Firmamente. Er lachte nochmals leise; dann aber, als ihn ein kühler Luftzug anblies, schwand ihm plötzlich die Besinnung. Der Geist der Getränke, die er genossen, schläferte ihn plötzlich ein. Er vermochte sich nicht im stehen zu erhalten und sank, wie ein plötzlich gefällter Baum, dem guten Mädchen schlummernd in die Arme. Und das Mädchen hielt ihn fest und suchte ihn sanft zunächst an die Erde hingleiten zu lassen. – Fünftes Kapitel In das Treppenhaus eines vornehmeren Gebäudes im stillen Berliner Tiergartenviertel trat Gustav Wangenheim, um der Braut seines Freundes die aufgetragenen Grüße zu überbringen. Er betrachtete unten im Erdgeschoß die Haustafel, an welcher warnungsreich zu lesen war: »Betteln und hausieren ist streng verboten,« und eine Empfindung, als sei er der Hausierer, dem die Inschrift galt, erfaßte ihn im Anblick der Pracht dieser Treppenhalle. Mit weichen, farbenschweren Läufern war der Eintritt und die holzgeschnitzte breite Wendeltreppe belegt. Wangenheim stieg lautlos auf diesen Teppichen empor, staunte die schwarze und dunkelrote Marmorverkleidung der Flurwände an, die kunstreiche Holzvertäfelung der Decke, die schweren Säulen, welche die Treppe stützten, und weidete sich an der massiven Schnitzerei der Treppengeländer, die aus gedrungenen kurzen Säulen bestanden. Auf den Absätzen des Aufganges standen breite Lichtkandelaber aus Bronze, getragen von weiblichen Genien; die Kandelaber wuchsen in kupfergetriebene Buketts aus, welche als Blüten die bunten Kelche von farbigen Glöckchen aus Glas niederhängen ließen, in denen des Abends die elektrische Flamme ihre Zauber ergießen sollte. Die Treppenfenster waren aus bunten Glasmalereien zusammengesetzt, und ein gedämpftes buntes Licht fiel auf die Schultern und die Hände des hinaufsteigenden Malers. Die vornehme, abgeschlossene Stille des Raumes, die reiche Pracht des Aufganges, den man nicht in Königsschlössern des Reiches derart entfaltet sieht, die strotzende Üppigkeit, welche das Ganze zur Schau trug, stimmte auch die Seele des Emporsteigenden zu einer geheimnisvoll gehaltenen Empfindung. »Betteln und hausieren ist streng verboten.« Ja, hier herein kam allerdings keiner von den Ausgesonderten der Gesellschaft, wenn er nicht besondere List aufwendete. Der Pförtner unten am Hausthor sorgte schon dafür, daß keiner sich einschmuggelte. Jahrelang bekamen die Bewohner, die hier hinter den schweren Eichenholzthüren mit den elektrischen Klingeln in teppichbelegten, mit kostbaren Thürbehängen verkleideten Gemächern lebten, nichts zu sehen von den Gestalten, die Wangenheim in seinem Skizzenbuch bei sich trug, das er in seiner Manteltasche verwahrte. Alle jene waren wohl auch Mitglieder des »Vereins gegen Armennot und Bettelei«; abgeschlossen hausten sie hinter den Thüren rechts und links, nur in ihrer Welt, in ihrem Kreise verkehrend, ohne eine sichere Vorstellung, wie es in andern Lebenskreisen aussehen mochte. Hier klopfte kein armer Handwerksbursche an, um eine Wegzehrung zu erhalten von milder Hand; hier kam auch keiner von jenen schwindelhaften »armen Reisenden« herein, der unter falschem Vorwand das Mitleid des Hausherrn und der Hausfrau zu bewegen suchte, um hinterdrein in der Herberge ein freies Lungerleben zu führen. Wie die Teppiche den Schall der Tritte des Heraufschreitenden zur Lautlosigkeit dämpften, so war auch das Ohr der unbekannten Bewohner hinter den Eichenthüren abgedämpft gegen die Berührung des Treibens der Armut, der Arbeitslosigkeit, des Elends. Seltsam! Wangenheim konnte den Eindruck nicht verwinden, daß er hier wohl auch nur als solch ein falscher »armer Reisender« die Treppe hinaufschleiche, beklommen und von geheimer Angst erfüllt, er könnte durch irgend einen dazu Berechtigten des Hauses verwiesen werden. Als er jetzt im zweiten Stockwerk vor einer Thüre stand, auf der ein Schild den Namen »v. Arnim« anzeigte, atmete er etwas schwerer auf mit der Empfindung eines stillen Sünders, der in ein fremdes Haus einbrechen will. Ja, hier stand er nun, um die Grüße von seinem Freund zu überbringen. Und dieser Freund war abwesend, war in der Ferne, in dunkle, vielleicht gefährliche Abenteuer und Verhältnisse herabgezogen und hier, hinter dieser reichgeschnitzten Thüre lebte, hauste, atmete sie, die schöne junge Gestalt, die leidenschaftlich rasche, die geistreich angeregte Braut seines früheren Freundes. Warum war sie die Braut eines andern? Warum stand er da, von leidenschaftlicher, vielleicht nicht ganz reiner, aber künstlerisch erhitzter Empfindung für die reizende Erscheinung erfüllt, die er in wenig Augenblicken in holder Wirklichkeit vor sich sehen sollte? Es bedurfte nur eines Druckes auf den Knopf der Klingel und die Scheidewand der Thüre zwischen ihnen öffnete sich und er stand vor ihr, die er auf allen Ballen, in Gesellschaften nie ohne leidenschaftliche Erregung hatte sehen können. Warum sollte er die Abwesenheit des Gelehrten, der das unverdiente Glück gehabt hatte, die Hand dieses schönen Mädchens versprochen zu erhalten, nicht benützen, um für sich selbst vielleicht einige Gunst zu erwerben? Wie kam sie dazu, sich mit einem wandernden Handwerksburschen zu verloben, der in verlotterter Kleidung, in verwahrloster Gestalt, ärmlich und verkommen anzusehen, irgendwo in Heidewäldern, an einsamen Seen und in schlechten Spelunken sich herumtrieb?! Die wunderlichste aller Wandlungen war in Wangenheims Seele vorgegangen, seit er Hans Landmann in so schäbiger Tracht begegnet war. Früher hatte er sich, seit er von der Verlobung Emmas gehört hatte, zurückgehalten und Begegnungen mit dem geistvollen Mädchen vermieden. Sie war die Braut eines andern, mit dem er in früheren Jahren sogar viel zusammen gezecht hatte, worüber eine Bierfreundschaft entstanden war. Er hatte Rücksicht genug für den Genossen gehabt, sich nicht in sein Verhältnis zu drängen. Aber mit dem Augenblicke, da er den verkleideten Handwerksburschen verlassen hatte am vergangenen Tage, war ihm Emma höchst bedauernswürdig erschienen, daß sie einem – Walzbruder verlobt war. Merkwürdig, er fand, gleich als wenn Hans Landmann in Wirklichkeit nur ein armer Stromer wäre, daß dessen Komödie gewissermaßen ihm die Freiheit gab, jenen als eine in Wirklichkeit verkommene Person zu betrachten, und daß er der Braut gegenüber wohl auch das Recht habe, den vagierenden Stromer auszustechen. Eine gewisse Geringschätzung Hans Landmanns war in ihm erwacht und mit dieser Geringschätzung die leidenschaftliche Neigung, bei der Braut des andern sein Glück zu versuchen. Kleider machen Leute, ist ein alter Spruch; und Wangenheim suchte vergeblich sich das Bild des Gelehrten in bürgerlicher Hochachtungswürdigkeit auszumalen; das Kleid des Vagabunden hatte die Rücksicht verscheucht, die er seines gleichen schuldig zu sein würde geglaubt haben. Mit einer leidenschaftlichen Unternehmungslust begrüßte er den Vorwand der Grußausrichtung, um dadurch Gelegenheit zu haben, seine Beziehung zu Emma von Arnim wieder aufzunehmen. So stand er vor der Thüre und lauschte gespannt auf das Pochen seines eignen Herzens. – Unterdessen lehnte, durch zwei oder drei Thüren von dem Harrenden geschieden, Emma v. Arnim in einem behaglichen Schaukelstuhle ihres Mädchenzimmers und las, ahnungslos gegenüber allem, was da draußen vor der Thüre stehen mochte. Sie war ganz in volkswirtschaftliche, höchst gelehrte Fragen vertieft, von denen sie bisher nicht das geringste verstanden hatte. Seit der Bräutigam aber einer solchen Wissenschaft zuliebe sogar auf eine höchst abenteuerliche Fahrt ausgezogen war, machte sie den Versuch, durch Lesen von Fachzeitungen und Büchern sich in seinen Gedankenkreis zu versetzen und sich gleichfalls über Nationalökonomie und Volkswirtschaft zu unterrichten. Vor allem wünschte sie zu erforschen, ob es denn überhaupt so unbedingt notwendig gewesen wäre, daß Hans sich in das Abenteuer stürzte, unter die Stromer zu gehen. Ihr schien eigentlich dieses ganze Vagabundentum nicht der Mühe wert, daß man sich weiter darüber den Kopf zerbrach, um seine Ursachen zu erforschen. Seit vierzehn Tagen war sie ohne jede Nachricht vom Bräutigam geblieben; ihre Eltern weilten auf einer Fahrt in Italien; doppelt einsam kam sie sich vor, daß sie allein mit dem Hausmädchen nun in der großen, stillen Wohnung hausen mußte. Und so vergrub sie sich mit förmlichem Gelehrteneifer, um das Gefühl ihrer inneren Unruhe, ihrer Vereinsamung, ihrer Sorge um den fernen Geliebten zu ersticken, in allerhand Zeitungsaufsätze, die äußerst schwer zu verstehen waren und ihrem geistreichen Mädchenkopfe viel Kopfzerbrechen verursachten. Die blühenden Hyazinthen auf ihrem Fenstereckchen dufteten stark und beunruhigend, die Sonne schien ihr in die leichtgekräuselten Nackenlöckchen, ein grüner Papagei plapperte in seinem großen Bauer und nagte mit dem Krummschnabel an den Gitterstäben. In angemessenen Zwischenräumen schnalzte er mit seiner dicken Zunge zwischen den Schnabeldeckeln hervor, um dann den Kopf seitwärts wie ein Mathematiker zu halten, mit den Augendeckeln zu klappen und darunter das Äuglein zu rollen und die verständige Frage zu thun: »Hans, wo bist du?« »Hans, wo bist du?« Emma aber, die den Papagei diese Frage gelehrt hatte, las in einer Wochenschrift den Aufsatz eines bekannten Reichstagsabgeordneten über die Arbeitslosigkeit, welche fast in allen großen Städten des Reichs herrschte und wohl auch zahlreiche Arbeiter unter die Vagabunden und die Walzbrüder trieb. Da stand nun zu lesen: »Arbeitslosigkeit ist streng genommen ein Unding wie Überproduktion. Es gibt immer etwas zu arbeiten, ebenso wie nie zuviel produziert werden kann. Die Begriffe Arbeitslosigkeit und Überproduktion bringen nur die Erscheinung zum Ausdruck, daß das Gleichgewicht zwischen Konsum und Produktion, zwischen Angebot von Arbeit und Nachfrage nach Arbeit lokal oder zeitlich gestört ist. Die Störung dieses Gleichgewichts kann viele Ursachen haben; die häufigste und wichtigste Ursache ist eine durch relativen Mangel auf wichtigen Gebieten des Wirtschaftslebens eingetretene Verteuerung des Konsums, die zu Einschränkungen im Gesamtverbrauch führt. Gerade gegenwärtig leben wir in einer solchen Periode. Die ungewöhnliche Verteuerung der notwendigsten Lebensmittel, wie Kartoffeln und Brot, hat in diesem Winter Millionen von Familien zu allerlei Entbehrungen gezwungen. Um den nötigsten Lebensunterhalt bestreiten zu können, mußten an andern Stellen im Haushalt Ersparnisse gemacht werden. Der Absatz stockt, die Warenvorräte häufen sich; man entschließt sich schließlich zu Arbeiterentlassungen; die Löhne sinken und die Arbeitslosigkeit wächst. Wie stellt sich nun die Sache, wenn Staat oder Gemeinde in die Entwickelung der Krise eingreifen, indem sie Arbeitsgelegenheit schaffen. Stellen wir uns vor, die Zigarrenindustrie hätte sich wegen Mangel an Absatz gezwungen gesehen, einige Tausend Arbeiter zu entlassen und der Staat oder eine wohlwollende Gemeindeverwaltung böte den beschäftigungslosen Zigarrenarbeitern Gelegenheit, auf Staats- oder Gemeindekosten weiter zu fabrizieren. Was wäre die notwendige Folge? Die nicht abzusetzende Ware würde sich vermehren, die Preise würden weiter gedrückt werden, Privatunternehmer, die nicht aus dem allgemeinen Beutel wirtschaften können, müßten zusammenbrechen oder ihren Betrieb noch mehr einschränken, und die Zahl der Arbeitslosen würde auf diese Weise schließlich nicht einmal vermindert werden.« Der Verfasser verbreitete sich des weitern darüber, wie es im Grunde gar nicht im Interesse des Staates und der Gesellschaft liegen könne, künstliche Mittel zur Abwehr der Arbeitslosigkeit zu schaffen; sondern ein jeder müsse sich »selbstthätig« aus seiner bedrängten Lage befreien. Er schloß mit dem Worte: »Das klingt sehr hart. Und doch ist es nur ehrlich, wenn man einräumt, daß bei gewissen Krankheiten keine äußerliche Quacksalberei etwas helfen kann, sondern die Natur sich selbst helfen muß.« – Diese Worte hatte Emma, langsam in ihrem Schaukelstuhle sich wiegend, mit ernstem Stirnrunzeln und nachdenklichem Neigen ihres Krauskopfes zweimal nacheinander überlesen. Es war ein bischen schwer zu verstehen; sie kam sich selber äußerst gelehrt vor, daß ihr Mädchengeist so verwickelte Begriffe sich vorstellen sollte, und sie kaute ein wenig an ihrem kleinen Finger, den sie rückwärts zwischen ihre weißen Zähne geschoben hatte, um die ganze Schwere dieser Gelehrsamkeit auszuprüfen. Ach ja, das Leben war überhaupt recht verwickelt und die Menschen, ihr Hans an der Spitze, machten sich augenscheinlich über eine Menge Dinge höchst unnötige Gedanken. Ob der Mann, der das geschrieben, recht hatte oder nicht, vermochte sie nicht zu entscheiden, so sehr sie auch an ihrem Fingerchen knabberte und einen leisen Druck hinter ihrer denkenden Stirne fühlte. Es fiel ihr wohl ein, wie es denn möglich wäre, daß der einzelne sich selbstthätig aus seiner bedrängten Lage befreien sollte, wenn es eben keine Arbeitsgelegenheit für ihn gab. Ein arbeitsloser Schuster konnte doch nicht im Handumdrehen das Schneidern verstehen, um beim Mangel an Schusterarbeit sich selbst zu helfen. Aber, daß die Natur sich selber helfen müsse, das schien ihr doch wieder das einfachste und bequemste, schon weil es viel bequemer zu denken war, als alle die andern verwickelten Sätze des Verfassers, und wie sie das sich klar gemacht hatte, warf sie die Zeitung auf ihr Nähtischchen, erhob sich vom Stuhle, betrachtete sinnend ihren Papagei und sagte zu ihm: »Ja, warum ist der Hans denn aber dann auch fort, wenn die Natur sich selber helfen muß! Dann ist ja seine Forschungsfahrt gänzlich überflüssig, dann ist es ja lauter Quacksalberei, daß er sich unter den Arbeitslosen umhertreibt, und wahrscheinlich ist das Hausieren und Betteln auch nur dazu da, damit eben die Natur sich selber hilft und diejenigen, die keine Arbeit haben, helfen sich eben selber damit, daß sie betteln gehen. Was will denn nun der Hans eigentlich? Die ganze Geschichte läuft nur darauf hinaus, daß Hans sich in allerhand Gefahren begibt, während ich hier in meiner Einsamkeit vor Sorge und Sehnsucht nach ihm vergehe! Ach, warum haben sie nur diese Nationalökonomie erfunden! Früher waren die Menschen glücklicher, da gab's aber auch noch keine Nationalökonomie!« Sie seufzte. Der Papagei hatte mit klug blinzelnden Äuglein seiner Herrin zugehört. Von der Nationalökonomie und Volkswirtschaftslehre verstand er freilich kein Wort; er machte aber ein äußerst nachdenkliches Gesicht und lauschte mit vorgeducktem Köpfchen den Worten der Redenden. Es ging ihm mit diesen wie dem Mädchen mit den Worten jenes Volkswirtschaftslehrers; sie waren ihm zu hoch gegeben, und man sah ihm förmlich an, wie der Drang, seine Herrin zu verstehen, ihm auch eine Art von Papageikopfschmerzen bereitete. Ein Wort aber verstand er doch; der Name Hans kam mehrere Male vor; er hüpfte daher auf seinem Springstabe ein Stückchen seitwärts heran und stellte die wiederholte, sachgemäße Frage: »Hans, wo bist du?! Hans, wo bist du?!« In diesem Augenblicke erscholl die Klingel, Emma schrak zusammen, der Papagei hüpfte und sprang aufgeregt auf seinem Sprungstabe von rechts nach links, von links nach rechts, von brennender Neugier auf den Besuch erfüllt, den er gewohnt war, nach dem Klingeln eintreten zu sehen, und das Hausmädchen überbrachte die Karte des angemeldeten Besuchers. Emma begab sich ins Nebenzimmer, dessen Thüre sie aufstehen ließ, um dort den Maler zu empfangen; der Papagei fing an, in allen möglichen unartikulierten Lauten zu schelten wie ein ungezogenes Kind, und anzudeuten, daß er aus seinem Bauer befreit zu sein wünsche, um sich draußen den Besuch anzusehen. Man hörte aber nicht auf ihn, soviel er auch schnalzte und schrie und mit gesträubten Federn an seinem Gitter herumnagte; er verlegte sich daher zeitweilig aufs horchen und hockte mäuschenstill mit geneigtem Kopfe auf das Gerede draußen lauschend, bis er plötzlich die Geduld verlor und dann wieder zu kreischen und zu schelten begann. Wangenheim hatte sich zwanglos vor Emma verneigt, und nachdem man Platz genommen hatte auf niederen Puffkissen, die mit Felldecken überbreitet waren, führte er sich mit den Worten ein: »Mein verehrtes Fräulein, ich bin gekommen, Ihnen die verbindlichsten Empfehlungen von Herrn Dr. Hans Landmann zu überbringen.« Er hatte diese Worte mit dem natürlichen Instinkte seiner Sache gewählt. Indem Emma erleichtert aufatmete, endlich eine Nachricht von dem Bräutigam zu erhalten, fühlte sie doch eine ganz leise Verstimmung, daß sie, die Braut, nichts anderes, als »verbindlichste Empfehlungen« erhielt und sie sagte daher unwillkürlich etwas kurz: »Danke. Wo haben Sie Herrn Dr. Landmann gesprochen?!« »Zwischen Dommelsdorf und Ztietschewig, nicht weit vor Neustadt, einem kleinen Landstädtchen, mehrere Tagereisen weit. Ich war durch Zufall in eine der verrufensten Landstreicherherbergen geraten und war nicht wenig verwundert in einem scheinbar ganz verkommenen Lumpazivagabundus meinen alten Freund Landmann wieder zu erkennen. Offen gestanden, er sah recht verwahrlost aus.« »O Gott, o Gott!« seufzte Emma, halb besorgt, halb humoristisch bewegt. »Erzählen Sie mir mehr. War er befriedigt, war er mit dem Erfolg seiner Wanderung zufrieden, hat er viel erlebt?!« Wangenheim lächelte ironisch und meinte mit berechnetem Scherze: »O, er war wohl ganz zufrieden, denn er hatte schon mancherlei interessante Leute kennen gelernt und sich schon dermaßen an das Landstreicherleben gewöhnt, daß er mich ordentlich in Erstaunen versetzte durch die Natürlichkeit, mit welcher er seine Rolle spielte. Er war durch nichts von einem berufsmäßigen Thürklinkeputzer zu unterscheiden; seine Redeweise, seine Ausdrücke, seine Sprache waren bereits von einer entzückenden Urwüchsigkeit und auch sonst –« »O Gott, o Gott!« wiederholte Emma jetzt in aufrichtiger Sorge. »Er wird gewiß dabei alle anständigen Manieren verlernen und wird mir verwildern und wer weiß! was für schlechte Angewohnheiten mit nach Hause bringen. Er wird sich so an den Umgang mit allerhand schlechtem Gesindel gewöhnen, daß er sein Lebtag nicht die Spuren davon ablegen wird.« Wangenheim fand das Mädchen entzückend in seiner Sorge, seiner frischen Natürlichkeit, und seine heftige Leidenschaft ließ ihn mit aufgeregten Blicken jede ihrer Bewegungen, jede Neigung ihres Nackens, jedes Zittern ihrer Haarlöckchen verfolgen. Er verbarg aber seine neuaufflammende Zuneigung unter einer ironischen Miene und spielte den freundschaftlichen Tröster, indem er sagte: »Na, mein Fräulein, so schlimm wird es ja wohl nicht werden, wie Sie fürchten. Ein gebildeter Mensch kann sich zu mancher Rolle hergeben, ohne daß er deshalb gleich zum wilden Mann wird. Dazu ist seine Natur zu stark, zu gesund; er wird bereichert mit neuen Eindrücken heimkehren. Ich habe Ihnen übrigens sein Konterfei mitgebracht; wenn es Sie nicht abschreckt, das Ideal Ihres Herzens in recht fragwürdiger Gestalt kennen zu lernen, so habe ich es hier zu Ihrer Verfügung.« Er legte dabei sein Skizzenbuch vor sich auf und blätterte darin herum, indem er von der Seite das Mädchen betrachtete. Emma fuhr rasch mit der Hand nach dem Buche und sagte: »Zeigen Sie her! Sie haben sein Bild entworfen? Das muß ich sehen.« Wangenheim versprach sich einen Eindruck von seinem Bilde, welcher wohl geeignet sein würde, die Liebe der Braut zu dem Bräutigam einigermaßen abzukühlen, und er nahm sich daher einige Zeit, ehe er das Konterfei sehen ließ. Er rückte näher zu Emma heran; sie nahm das Buch in ihren Schoß, während er die Seiten umblätterte, und er zeigte ihr erst die anderen Skizzen, die er von dem Kellner Sorger, von Hasenklau, Henning und anderen Walzbrüdern entworfen hatte. Die Skizzen waren stark naturalistisch gehalten, ließen das Abbild fast noch elender und lumpenhafter als die Wirklichkeit erscheinen, und Emma faßte ein leises Grausen und eine gewisser Abscheu. »Solche Menschen kann es geben!« sagte sie, indem sie sich leicht schüttelte beim Anblicke der schnarchenden Stromer mit den nackten, lappenbedeckten Füßen und den Stiefelkopfkissen unter dem Nacken. »Hier ist er nun selbst, unser falscher Walzbruder,« sagte Wangenheim, nachdem er mit einiger Genugthuung den Eindruck bemerkt hatte, welchen die Pennbrüder auf das Mädchen machten. Er schlug die Seite auf, wo in ziemlich starker Karrikatur Hans Landmann am Gasttische saß, neben sich ein großes Glas voll Schnaps. Den alten Hut schief auf dem Kopfe tragend, den Ellenbogen durch den durchlöcherten Ärmel stemmend und mit gekünstelter Lotterigkeit und Frechheit dreinschauend. Emma regte sich nicht und sah nur ganz starr auf dieses Äußere ihres Bräutigams, den sie kaum wieder erkannte, obwohl die Hauptzüge seines Gesichtes hinter der maskierten Zurichtung desselben kenntlich waren. »Gott! wie er sich verändert hat!« sagte sie endlich höchst befremdet, und sie hatte einen Augenblick ein Gefühl, als wäre auch ihr Inneres dem Bräutigam entfremdet und als sei ihre Liebe zu ihm eine längst verflüchtigte Empfindung. Dies Gefühl war ihr aber kaum deutlicher geworden, als sie auch schon rasch mit der Hand das Skizzenbuch wegschob und die Nase rümpfend sagte: »Pfui! wie häßlich! Das ist ja doch nicht mein Bräutigam!« Sie stand auf und knüllte ärgerlich ihr Taschentuch zusammen, während Wangenheim mit leisem Siegesgefühl die Wandlung, die in dem Mädchen vorzugehen schien, beobachtete. Er wollte sich dieselbe auf alle Fälle zu Nutze machen und jedenfalls nichts thun, was eine Entfremdung zwischen ihr und Landmann verhindern konnte. – Es war ein Glück für den fernen Hans, daß in diesem Augenblicke der Papagei, welcher jetzt eine lange Weile ganz still gewesen war, draußen im Nebenzimmer nach einigem Schnalzen und unverständlichem Plappern plötzlich wieder die Frage auswarf: »Hans, wo bist du?!« Wangenheim, der keine Ahnung hatte, daß der Papagei, den er nur mit halbem Bewußtsein draußen rumoren gehört, auch sprechen könne, erschrak wie das böse Gewissen über die unvermutete Frage, die wie aus dem Munde eines Bauchredners gedrückt und gequetscht von der Zunge des Vogels kam. Er wurde, im Bewußtsein seiner nicht gerade redlichen Absichten, etwas bleich und blickte sich beklommen um. Emma, die seine Verwunderung bemerkte, lachte und sagte: »Es ist nur mein Papagei. Er spricht meine geheimsten Empfindungen aus, wenn es mir am wenigsten lieb ist, und kompromittiert mich, als ob ich an weiter nichts, als daran dächte, wo mein Hans ist.« – »Aber sagen Sie«, fügte sie wieder ernster und besorgter hinzu: »fürchten Sie nicht, daß mein Bräutigam doch in so schlechter Gesellschaft manches Üble und Schlimme lernen könnte, was er dann sein Lebtag nicht mehr los wird? Ach, wenn ich mir vorstelle, daß ein gebildeter Mann schon äußerlich so häßlich werden kann, wie mein Hans in dieser Verkleidung – Gott sei Dank! es ist nur eine Verkleidung!« setzte sie, sich selbst beschwichtigend hinzu – »wie nahe liegt da die Gefahr, daß sein Gemüt, sein feineres Empfinden auch verwahrlost, und wenn ich mir denke, daß ich dann so einen Mann haben sollte – brrr!« Sie schüttelte sich, um sich wieder in eine humoristische Laune hineinzulügen, während ihre Sorge in dieser Hinsicht ganz ehrlich und unverfälscht war. Wangenheim verwünschte im stillen den Papagei, der abermals seine störende Frage that, fühlte sich aber eben deshalb in eine stärkere Unternehmungslust hineingetrieben und sagte mit einem wärmeren Blicke auf Emma: »Gewiß ist Ihre Sorge berechtigt, mein Fräulein, denn ich muß gestehn, daß Herr Doktor Landmann mir nicht gerade an innerer Feinfühligkeit gewonnen zu haben schien. Ich kann das zwar durch nichts beweisen, es ist mehr ein allgemeiner Eindruck, bei dem ich mich auch täuschen kann, aber ein gewisser Zynismus seiner Anschauungen, den ich früher nicht an ihm kannte, fiel mir doch auf –« Er sagte das mit einer ironisch heiteren Miene, die unter Umständen auch bedeuten konnte, daß er nur scherze. Nahm man es aber als die blanke Wahrheit, so war es noch besser. »Sehen Sie, sehen Sie!« rief Emma aus. »Gewiß haben Sie ihn schon gänzlich verdorben gefunden, und Sie wollen es mir nur nicht sagen. Ich war immer gegen diese Unternehmung. Man wird ihn zu allerhand schlimmen Sachen verleiten, er wird alles kennen lernen wollen und dabei sich, ohne es zu wissen, in's größte Unglück stürzen. Also zynisch ist er schon geworden!« setzte sie geängstigt hinzu. Wangenheim zuckte bedauernd die Achseln. Dann meinte er verbindlich: »Nun, im Umgang mit Ihnen, mein Fräulein, wird er das alles ja auch wohl wieder ablegen. Sie werden ihn erziehen und zur feineren Kultur zurückführen – ich mache mir gar keine Sorge darüber.« »O ich danke dafür!« erwiderte Emma verstimmt. Sie schwieg eine Weile, dann ging sie rasch in's Nebenzimmer, wo sie das Bildnis ihres Bräutigams in natürlicher Beschaffenheit auf ihrem Schreibtisch stehen hatte. Sie nahm es in die Hand, betrachtete es eine Weile, ohne daß sie daran dachte, daß der Maler unterdessen verwundert draußen saß und in Ermangelung anderer Beschäftigung seine Karrikatur von Hans Landmann gleichfalls beschaute. Es herrschte eine Weile vollkommene Stille; jedes blickte andächtig für sich auf sein Bild; Emma wollte schier ein unendlicher Jammer fassen, wenn sie bedachte, daß der schmucke, liebenswerte Mann, der sie so treuherzig und geistesfrisch mit seinen großen braunen Augen und seiner freien hohen Stirn aus dem Bilde anschaute, zu einer zynischen Lebensart und zu schlechten Manieren herabsinken sollte. Wangenheim sah sich unterdessen den falschen Handwerksburschen mit jener erneuten Geringschätzung an und schmeichelte sich, daß er seinem Zwecke, ihn in den Augen der schönen Emma auszustechen, schon ziemlich nahe gekommen sei. Plötzlich trat Emma, indem sie noch das Bild ihres Bräutigams in der Hand hielt, wieder in das Empfangszimmer und sagte rasch zu dem Maler: »Wissen Sie, was wir unter diesen Umständen thun müssen?!« »Ich habe keine Ahnung, mein Fräulein.« »Wir müssen ihm sofort nachreisen, wir müssen ihn sofort aufsuchen, und da wir durch Sie seine Spur kennen, so bitte ich Sie, mich zu begleiten.« Wangenheim sah Emma ziemlich verblüfft an. Er hatte das am wenigsten erwartet. Es war ein Strich durch seine Rechnung, der ihm alle seine Pläne verderben konnte. »Aber mein Fräulein,« wendete er zögernd ein, »halten Sie es für möglich, daß eine junge Dame von, nun sagen wir von – äh – Jahren ....« »Sagen Sie nur ruhig von zweiundzwanzig Jahren« bemerkte Emma gleichmütig. »Also von zweiundzwanzig Jahren sich einer solchen abenteuerlichen Unternehmung aussetzt. Und dann, wenn Sie ihn finden, er wird Sie ja in keiner Weise unterzubringen wissen, Sie werden seinen Studien im Wege sein, er wird Sie wieder heimsenden müssen, bedenken Sie das alles, mein Fräulein.« »Ich bedenke gar nichts« erwiderte Emma kurz. »Wenn es so steht mit ihm, wie Sie sagen, so muß er schleunigst aus dieser schlechten Umgebung herausgeholt werden, und ich weiß sehr wohl, daß kein Mensch außer mir das vermag. Mir wird er die Liebe thun und diese zwecklose Sache aufgeben. Denn sehen Sie einmal an, die gebildetsten Nationalökonomen schreiben über die Arbeitslosigkeit und ähnliche Erscheinungen, wie das Vagabundenwesen ist, daß die Natur sich selber helfen muß. Wahrscheinlich hat Hans diese Schriften noch gar nicht studiert, sonst müßte er wissen, daß seine Reise ganz überflüssig ist und aus all seinen Plänen in dieser Hinsicht doch nur Quacksalberei entstehen kann. Sollte er nun nutzlos sich in Gefahr begeben und zum Zyniker werden? Nein, ich will ihm das auseinandersetzen und ihm auch die betreffenden Zeitungen gleich mitnehmen, daß er sich selber überzeugen kann.« »Aber Ihre Eltern, mein Fräulein, Ihre Eltern – würden die das billigen?« »Meine Eltern sind in Italien und brauchen von der ganzen Sache nichts zu wissen. Übrigens würden sie es auch ganz natürlich finden, wenn ich meinen Bräutigam von einem unüberlegten Schritte zurückhalte. Und zwar fahre ich noch heute. Ich benutze den Zwei-Uhr-Zug, bin in einigen Stunden in Neustadt, steige dort in einem guten Hotel ab und suche dann am andern Tage eine Fahrgelegenheit, welche mich nach jenen Dörfern und nach seiner Herberge führt. Dort halte ich einfach mit dem Wagen an, lasse ihn herausrufen und setze ihm die ganze Sache auseinander. Das ist doch ganz einfach.« Wangenheim meinte: »Wenn er nun aber nicht mehr in dieser Herberge ist?« »Ei, so müssen wir ihn suchen und seiner Spur folgen. Und dazu brauche ich natürlich einen männlichen Begleiter. Und darum frage ich Sie nochmals: Wollen Sie mich begleiten?! Ich halte es ja vor Sorge und Angst um Hans gar nicht mehr aus, bis ich ihn wieder gesehen habe, und, wenn Sie mir ihn vollends so schildern, wie er in dieser kurzen Zeit schon geworden ist, so ist es die höchste Zeit, daß man ihn mit Entschlossenheit aus diesem Leben herausreißt. Wollen Sie also? Wenn nicht, nun so fahre ich eben allein.« Wangenheim überlegte. Er sah vollkommen klar ein, daß die Auffindung des Gelehrten keineswegs eine so einfache Sache war, wie es das Mädchen sich vorstellte. Daß Emma selbst in die Herbergen ging, war an sich ganz unmöglich; und wer leistete Bürgschaft, daß Hans noch dort war, wo er ihn verlassen? Alle Wahrscheinlichkeit sprach dafür, daß dieser bald weiterziehen mußte, denn, uneingeweiht wie er noch in das Kundenleben war, mußte er bald Verdacht erregen und kluger Weise weiterziehn. Wie sollte man dann aber seine Spur verfolgen? Würde er den Wirten sagen, wo er hinziehen wollte? Gewiß nicht. Das ganze Unternehmen war höchst aussichtslos. Indem Wangenheim indessen die sorgenerrötete Emma anblickte, sagte er sich, daß seine Leidenschaft keine schönere Gelegenheit haben würde, vielleicht doch das Herz des Mädchens zu gewinnen, als wenn er einige Zeit mit ihr im Lande herumfahren würde. Ja, hatte er es nicht völlig in der Hand, zu verhindern, daß man den Doktor Landmann überhaupt jemals traf? Er konnte ganz nach Belieben eine lange Irrfahrt bewerkstelligen, wo er an sonnigen Frühlingstagen an der Seite seiner anmutigen Begleiterin von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt fuhr, mit ihr in denselben Gasthöfen wohnte, und, wenn die Nachforschungen nach Hans sie ermüdet haben sollten, wurde es ihm gewiß möglich, in ihrem Herzen ein Flämmchen für sich selbst anzuzünden. Der Gedanke einer solchen Irrfahrt faßte ihn selber wie eine heftige Leidenschaft an, denn er sah darin alle Möglichkeit, tagelang mit einem geliebten und schönen Mädchen allein zu sein, und so sagte er rasch und bewegt: »Nun, mein Fräulein, wenn Sie es nicht anders wollen, so will ich Ihren Begleiter und Kavalier machen, schon, weil ich keinem anderen Mann das Glück gönnen würde, Ihnen in Ihren Nachforschungen behülflich zu sein.« »Also es gilt!« sagte Emma entschlossen, indem sie ihm die Hand reichte. Er schlug ein, in der Aussicht auf das süßeste Abenteuer ziemlich verwirrt, aber doch klug genug, sich durch vorzeitige Leidenschaftlichkeit nicht zu verraten. »Und nun, Herr Wangenheim,« sagte Emma, »schicke ich Sie auf ein Stündchen wieder fort, damit ich unterdessen meinen Koffer packe und alles Nötige im Haus anordne. Ich muß auch noch das Vermögen meines Hans, das er mir anvertraut hat während seiner Abwesenheit, zum Banquier schaffen, um es dort sicher zu deponieren. Nach Tische holen Sie mich ab, wenn ich bitten darf, und wir fahren dann geraden Weges zunächst nach Neustadt. Es ist sehr liebenswürdig von Ihnen, daß Sie Ihre kostbare Zeit einer armen Strohbraut widmen wollen, die nach ihrem Bräutigam ausfliegt wie eine arme Zeisighenne, die ihren lockeren Herrn Zeisig sucht am Zaun und im Walde.« Wangenheim verabschiedete sich und ging, berauscht von der Aussicht auf die Irrfahrt an der Seite Emmas, fort, um auch sich selbst reisefertig zu machen. Er vergaß sein Atelier, seine Bilder, seine Skizzen vollständig; er sann nur über die Vorwände nach, die er erfinden wollte, um möglichst lange eine Begegnung zwischen Landmann und seiner Braut zu verhindern und im ausschließlichen Besitz der Nähe dieses schönen Mädchens zu sein, das ihm vollständig den Kopf verrückte und ihm um so reizvoller erschien, jemehr seine Neigung zu ihr strenggenommen eine verbotene Frucht sein sollte. Aber so in der frischergrünten Natur, in einsamen Dörfern, an stillen Seen, im weiten Haidewalde, in gemütlichen Landgasthöfen mit dem Mädchen umher zu vagabundieren und um ihre Neigung zu betteln, das schien ihm ein schöneres Loos, als das, welches sich Hans erkoren hatte, und ungeduldig erwartete der Maler die Stunde der Abfahrt. Und diese Stunde kam. Am Nachmittag stieg das rasche Paar zur verabredeten Zeit mit einigen Koffern und Reisebedürfnissen in den bereitstehenden Zug auf dem Lehrter Bahnhofe zu Berlin, Emma voll Ungeduld und in der Hoffnung, den Bräutigam bald zu finden. Zu Hause aber saß der Papagei, ärgerlich über seine Verlassenheit, in seinem Käfig, hing sich verkehrt mit übereinander gedrehten Beinen an seinen Ring, ließ den Kopf herabhängen, sah sich die Welt von der verkehrten Seite an und frug mit wunderlich verdrehtem Kopfe stundenlang »Hans, wo bist du? Wo bist du, Hans?!« Sechstes Kapitel Ein warmer Frühlingstag bestrahlte die offene Landstraße, welche mit hohen, eben ergrünenden Pappeln bestanden, sich in einer starken Biegung thalwärts hinabzog. Weißgetünchte Prellsteine bezeichneten den Lauf der Straße, die nach einem Eisenbahndamme zuführte, welcher sie mit steinernen Tunnelbogen überbrückte. Auf den Telegraphendrähten saßen geschwätzige Spatzen. Sie blähten ihre Gefieder auf und schüttelten sie, um dann weiter nach dem hohen Landstädtchen zuzufliegen, das man mit seinem durchbrochenen gothischen Turme und seinem Rathausgiebel hinter dem Eisenbahndamme am Eingange in das niedere Hügelthal glänzen sah. Hinter dem Damme begannen auch die weiten Ackerfluren sich auszubreiten, über deren Furchenwellen man zwischen Obstbäumen rechts und links die Dächergruppen einzelner Dörfer in der Ferne erblickte. Diesseits des Dammes aber war stundenlanger Wald, wo sich Buchengrün mit altem Fichten- und Kiefernholze, sowie jungen Kulturbeständen mischte. Dicht unten, wo die Straße in den Tunnel hineinführt, sah man hinter einem Busche die Stiefel eines schlafenden Mannes hervorliegen, eines Menschen, der dort regungslos wie ein Toter lagern mußte, obwohl man weiter nichts von ihm sah, denn die Stiefel befanden sich schon stundenlang da, ohne daß sie sich rührten. Weiter oben auf der Landstraße, wo eine längere Reihe von Steinhaufen aufgeschüttet war, saß der Steinhauer Wesel auf einem Steinhaufen und klopfte, eine grüne Drahtbrille über den Augen, seine alte Soldatenmütze schief auf dem Kopfe tragend, mit seinem Steinhammer die Steine entzwei. Gegenüber am Rande des Waldes hockte Weber, der Bergarbeiter, ängstlich um sich spähend, ob kein Diener der heiligen Hermandad die Straße herkomme, und jeden Augenblick bereit, sich vor solcher Gefahr in den Wald zu verziehen. Er hatte neben sich einen Topf stehen mit einem gelbbräunlichen Brei darinnen, den er auf einen Leinwandlappen strich. Er entblößte seinen rechten Arm von einem Pflaster, das bereits auf demselben lag, nahm es mit einem schmerzverzogenen Gesicht herab und legte das frische Pflaster auf den stark geröteten Arm. Wesel hieb mit gleichem Unmut auf einen Stein los und sagte: »Na, willst du denn gar nicht auseinander, du Mordsschädel von einem Stein?! Der muß auch an innerer Verhärtung erkrankt sein! – Ach, was ist der Mensch für ein nichtiger Punkt im Weltjanzen, wenn er Steene kloppen muß!« »Au, au, au!« seufzte Weber, indem er das neue Pflaster auflegte, denn der Senf biß ihn wütend in die Haut. »Ich wollte, ich könnte selber Steine klopfen. Ich denke, du bist von Adel und deine Familie schickt dir jeden Monat Geld? Offizier warst du auch?! – Au Je! Au, weh!« »Was meine Familie mir schickt, das reicht ja kaum für die Toilettenkünste von acht Tagen für mich. Na, denn muß man eben die andere Zeit Steine zermalmen und auf der Penne schlafen und euer schlechtes Deutsch mitreden, statt Sect mit Austern zu genießen.« Er zog eine Schnapsflasche aus der Tasche, setzte sie an und trank einen tiefen Schluck daraus, wobei er über die Flasche auf den Arm des Bergwerkers hinüberschielte und frug: »Zieht's schon Blasen? Brennt's?« »Ach, jemine, jemine, der Senf von det Senfpflaster muß auch mit einer Reichstagsrede von Eugen Richter angemacht sein, denn der zieht fürchterlich. – Und am Ende hilft's doch nischt. Aber was soll ich machen? Wie sie mich in meinem Kohlenwerk entlassen haben, bin ich über Land nach neuer Arbeit, aber die stecken alle unter einer Decke; sowie sie meine Papiere sahen, hieß es: ›ach so, Sie sind der – der beim letzten Ausstand in die Zeitungen gekommen ist – thut uns leid, können Sie nicht brauchen.‹ Na, und was hat man denn gethan? Ein paar Fenster eingeschmissen und bessern Lohn und den Achtstundentag verlangt. Und nun lassen sie einen bei lebendigem Leibe verhungern. Und zuletzt hilft mir der Senf auch nichts, ich seh's schon kommen; ich habe nicht einmal zum Walzen Glück!« »Na, stillgestanden, Rekrut!« rief der andere mit schnarrender Stimme. Das hilft allemal! Wenn der Senf rechte Blasen gezogen hat, dann stichst du sie auf und legst wieder Senf, bis der ganze Arm durchlöchert ist. Und dann stellst du dir weiter unten an der Landstraße auf, wo die Philister aus der Stadt ihre Spaziergänge machen, zeigst deinen Arm und sagst, du wärst damit in die Maschine gekommen und die hätte dir den Arm zerfleischt und da bräche die Wunde immer wieder auf. Damit kommst du aus aller Not, die Leute geben dir alle etwas, denn hier herum sind sie noch unverdorben; im Bergwerk brauchst du auch nicht mehr Kohlen zu graben und dich von den schlagenden Wettern begraben zu lassen; du kannst den Tag bis auf zwei Mark kommen, und ick nehme höchstens 25 % von dir für den guten Rat. – Die Rechtsanwälte lassen sich ja auch bezahlen.« – Wesel hatte allen Ernstes mit Weber ausgemacht, er wolle ihm ein gutes Mittel sagen, das beim Fechten viel einbringe, wenn er ihm einen näher zu bestimmenden Anteil an dem Bettelgelde verspreche, das er einnehmen würde. Wesel hielt sich im Ganzen für zu vornehm, um selbst zu betteln; er klopfte sogar aus einem Rest von Ehrgefühl der Form halber Steine, brachte aber nie viel fertig. Sein eigentliches Geschäft war, angehenden Kunden in allen Lebenslagen gute Ratschläge zu erteilen, ihnen Mittel anzugeben, wie sie ihre Walzerei am geschicktesten ausführten, ihnen die Gegenden zu nennen, wo keine Suppenstationen, sogenannte Verpflegungsstationen waren, denn in solchen Gegenden sind bei den Bürgern schlechte Einnahmen; ihnen Arbeitsbemühungsscheine zu verschaffen, welche als Vorwand dienten, daß man Arbeit gesucht, aber keine gefunden hatte und derart einen Anwalt aller Kundenschliche zu machen. Ja, er besaß ein förmliches Organisationstalent, indem er seine Ratschläge so zu geben wußte, daß die einzelnen Fechtbrüder sich nicht gegenseitig die »Fahrt verdarben«, d. h. sich im Betteln Concurrenz machten. Für diese guten Ratschläge pflegte er aus dem Erlös der Bettelei, bald in der Form von Geld, bald in Naturalien, wie Brod, Wurst und Schnaps von seinen Klienten sich prozentweise bezahlen zu lassen. Als er am vergangenen Abend Webers Not kennen gelernt hatte, versprach er ihm das bewußte Mittel, hatte ihn auf die Landstraße bestellt und ihm da den eingemachten Senftopf selber zurecht gemacht. »Ach, so herunter zu kommen! Ein ehrlicher Arbeiter!« seufzte Weber, der es selbst gar nicht begreifen konnte, wie ihn die Arbeitslosigkeit so sehr herunterbrachte. »Ja, das kommt von den Ausständen, da muß man eben auch was ausstehen!« meinte Wesel philosophisch, indem er sich den Schnurrbart strich. Das Leben ist ein Kreuz und wenn man's nicht mehr tragen will, muß man sich ein Feuer daraus machen, woran man sich den Leib wärmen kann.« Er setzte seine Schnapsflasche abermals an und fügte mit hohler Stimme hinzu: »Der wärmt ooch!« Weber hatte unterdessen einen Blick die Straße hinabgeworfen und die verlassenen Stiefel gesehen, die bei dem Tunnel hinter dem Busche vorblickten. Er wies vorsichtig mit dem Finger hin und meinte: »Du – da hinten – hast du schon jesehen – da liegen ein paar Stiebeln und ein Kerl steckt ooch drin, der schläft.« Der Steinhauer zuckte die Achseln und versetzte geringschätzig: »Der neue Silberfasan von jestern, der sich Hans Finke nennt. Kann noch nichts vertragen, ist noch nicht auf det Wasser hier geaicht.« Er wies dabei bedeutungsvoll auf seine Schnapspulle. »Jetzt reißt er 'ne Platte. Ich hab ihn schon den ganzen Vormittag dort bei Mutter Jrün gesehen; er ist aber nicht tot, sondern schläft nur seine Beschmortheit aus. Ich glaube, das Schicksel, die Jette, hat ihn gestern Nacht dahin gelegt, weil er doch keen Schlummerpech mehr hatte, um in der Penne sich in einen Sänftling zu legen unter die warmen Federn; na, und denn hat es mal platt machen müssen, det jrüne Mutterkind.« »Du, sage mal, was ist denn das für einer?« frug Weber geheimnisvoll. – »Ja, wenn man das herauskriegen könnte.« »Vielleicht von der innern Mission einer, weil er die Verhältnisse gar nicht kennt.« »Nee,« sagte Wesel, »da hätte er sich doch nicht so beschaskert. Der hat sicher 'n Zweck und thut nur so. Der reist in irgend einem Artikel, für den er unter Kunden Stimmung machen will. Vielleicht Papierkragen. Oder sonst ein Häringsbändiger.« »Na, höre mal, wo der sein Geld herhaben mochte! Und ›Finke‹ das kann auch allerhand bedeuten!« Wesel stemmte seinen Hammer in die Seite, blickte tiefsinnig vor sich auf seine Steine und sagte mit der Miene eines großen Philosophen: »Ja, det ist eben det Jroßartige an der Menschennatur, daß man einem Menschen niemals ansehen kann, was er gethan hat!« »Wenn er aber dort liegen bleibt,« bemerkte Weber, »dann fahren sie ihm noch mit den Lastwagen die Beene ab, daß er nachher nicht weiß, wo er sie hingelegt hat. Denn wollen wir ihn doch weiter hinauf in den Wald legen.« Er fühlte Mitleid mit dem armen Kunden, der ihm am vergangenen Abend so großmütig aus der ärgsten Not geholfen hatte. – Wesel fand den Vorschlag richtig. »Jawohl, das wollen wir,« sagte er, indem er sich langsam von seinem Sitze erhob: »Daß man ooch 'mal wat anderes zu thun hat, als hier det ewige Steinekloppen!« Sie gingen langsam die Straße hinunter nach der Stelle, wo Hans hinter einem grünen Busche lag, in dem ein Rotkehlchen munter vor sich hin zwitscherte. Sie erstaunten aber nicht wenig, statt eines Schläfers deren zwei zu finden. Neben Hans, der auf der Erde im Grase lang hingestreckt lag, das Gesicht mit seinem Hute zugedeckt, saß die Jette aufrecht da und halb in den Busch zurückgelehnt. Sie hatte augenscheinlich bei dem Kunden gewacht, um ihn vor Polizisten und anderen Gefahren zu schützen, und war darüber selber eingeschlafen. Ihr Kopf schwankte und nickte leise auf ihren notdürftig verhüllten Busen herab; ein Zopf war ihr aufgegangen, und die offenen Haare fielen kraus und verworren auf ihre Schultern nieder. Die beiden Männer blickten sich verwundert über das trauliche Bild dieses schlummernden Paares an, beide gerührt über die Jette, die sich des unerfahrenen Schlossergesellen so hilfreich angenommen hatte. Sie packten Hans leise und behutsam auf, Weber unter den Armen, Wesel an den Beinen, und trugen ihn, während seine Arme herabfielen und schlaff vom Körper hingen, weiter hinauf nach der Stelle, wo Wesel arbeitete. Dort legten sie ihn unter eine Tanne, die ihre Zweige schützend überbreitete, in besserer Sicherheit nieder, deckten sein Gesicht von neuem mit dem Hute zu, und Weber meinte, während sie ihn hinbetteten: »Na, denn wollen wir einmal die Fuhre hier abladen.« »Eine recht schwer geladene Fuhre,« ergänzte Wesel im Hinblick auf den starken Rausch, den dieser Fechtbruder ausschlafen mochte, da er selbst durch diese Übersiedelung nicht aufgewacht war. Sie hatten das aber kaum geäußert, als Jette atemlos und mit fliegendem Haar hinter ihnen herkam. Sie war erwacht, hatte ihren Schützling vermißt und rief schon von Weitem: »Na, wat laßt ihr denn den guten Kunden nicht ruhig hinter dem Damme schlafen. Ihr tragt ihn ja herum, als hättet ihr ihn dem lieben Gott gestohlen.« Sie war besorgt herangekommen. Weber blinzelte sie bedeutsam mit den Augen an: »Seh einer die Jette. Ich glaube, die zahlt uns noch Finderlohn.« – Und mit einer Gebärde auf Hans fügte er hinzu: »He, Jette, es ist ein Mensch verloren gegangen, wir haben ihn gefunden – was zahlst du?!« Alle drei stellten sich jetzt nachdenklich um den Schlafenden und betrachteten ihn. Jette faltete die Hände über ihrem Schoß, indem sie die Arme lang herabhängen ließ, und, gänzlich in den Anblick des Schlummernden versunken, dem der Hut wieder vom Kopf geglitten war, sagte sie traurig und zuneigungsvoll zugleich: »Ach, nee, wie schön er schläft! So ein hübsches Mannsbild! So eine hübsche, anständige Nase hat er. Noch gar nicht rot. Und schnarchen thut er auch fast gar nicht.« Sie versenkte sich von neuem schweigend in diesen Anblick. Wesel stützte sich auf den Stiel seines Hammers, schüttelte nachdenklich den Kopf und sagte, das Menschenleben im allgemeinen und besonderen überdenkend: »Ach, ja, wenn man so den Menschen betrachtet, wie er in seiner Hilflosigkeit im sanften Schlummer ausgestreckt liegt und nischt von sich selber weiß, wer er ist und wo er gerade liegt. Und man weeß ooch nicht, wo er her ist, und wo er hingeht.« »Ach, ja, und man sieht ihm doch an, daß er guter Leute Kind ist,« ergänzte die Jette voll Mitleid. »Warum er nur so in dieses Leben herin jekommen ist!« Wesel that einen tiefen Seufzer, trank einen gerührten Schluck aus seiner Flasche, strich seinen Schnauzbart zurecht und sagte tief bekümmert: »Ja, ja – guter Leute Kind sind wir wohl alle von Haus aus, denn wir sind alle von einem Schöpfer und wir wissen auch nicht, warum wir so in diese Welt herinjekommen sind und in det menschliche Lungerleben.« Er betrachtete Hans mit Ausdruck und neigte das Haupt mit den Worten: »Wenn man ihn so ansieht, so möchte man über die Unschuld des menschlichen Herzens in seiner Reinheit geradezu weinen. Ick war ja ooch guter Leute Kind« – er wischte sich eine Thräne aus den Augen, was aber auch eine Rauschthräne sein konnte – »und habe doch so viele junge Leute auf dem Jewissen, die ich im Leuteärgern und Zinsenholen einjeweiht und verdorben habe. Und wer weiß, was der hier trotzdem für ein räudiger Wolf im Schafspelze ist –!« Dieses letztere sagte er mehr, um sich zu trösten. Die Jette aber nahm's ihm gehörig übel und erwiderte empört: »Stille bist du, der Mensch soll kein falsch Zeugnis reden –!« »I wo!« fiel Weber ein, »ein Turmspitzenvergolder, ein Masemattenmacher ist er –!« »Und das laß' ich nicht auf ihn kommen« fuhr die Jette fuchswild heraus mit unterdrückter Stimme. »Schämst du dich nicht, solche Reden über ihn hinzusagen, wo er schläft und nischt hören kann! O jeh! jetzt ist ihm der Kopf auf die Seite gerutscht.« Sie kniete sorgenvoll nieder, hob das Haupt des Schlummernden in die Höhe und sah sich um, wie sie es stützen könnte. Sie fand aber nichts, als ihre eigenen Schuhe, die sie auszog und ihm als Kopfkissen unterlegte. Dabei redete sie leise weiter: »Wenn der Mensch nicht einmal im Schlafe sicher ist vor bösen Reden, was soll denn werden, wenn er tot ist?!« Sie blickte verliebt auf das Gesicht von Hans herab: »Ach, und er sieht gerade aus, wie tot! Ach, wenn ich ihn nur ein einziges mal so im Sarge sehen könnte, ich kaufte ihm, weiß Gott, einen Kranz von weißen Rosen und schnitte mir ein paar Haare zum Andenken ab. Jetzt geht aber weiter, daß ihr ihn nicht aufweckt, denn er hat mir die Trittchen gekooft, wo ich doch schon seit zwei Jahren keen ordentliches Paar Schuhwerk mehr gehabt habe, und darum soll er nicht auf dieser Welt verderben.« Weber machte sich mit seinem verbundenen Arm auf, um nochmals in der Umgegend nach Arbeit zu suchen und vielleicht als Erdarbeiter Unterkunft zu finden. Wenn er aber keine Arbeit erlangen würde, so wollte er noch heute zurückkehren und die Häuser der Bauern als verunglückter Maschinist abbetteln. Dann wäre ihm alles einerlei, Jette ging in den Wald, um, wie sie sagte, bis der Kunde aufwache, sich auf die Eierjagd zu machen. Es sei jetzt die beste Zeit; sie wisse, wo im Walde viele Vogelnester wären, und da klettere sie in die Bäume hinauf, nehme die Nester aus und wenn sie da nichts finde, so wollte sie Eichhörnchen fangen, die sie manchmal mit Gewinn an die Bauerjungen verkaufte. Beide gingen nach verschiedenen Seiten fort, Wesel aber setzte sich wieder vor seinen Steinhaufen, schüttelte, vom Rausch unklaren Geistes geworden, den Kopf, erinnerte sich dunkel, daß er auch einmal etwas besseres gewesen war, aber sogar die Sprache der guten Gesellschaft verlernt hatte in diesem Leben, und murmelte halblaut vor sich, während er Steine klopfte: »Ja, wenn man so det menschliche Leben mit einem Pflastersteine vergleicht, wo man auch nicht weiß, warum er gerade Pflasterstein heißt, denn gegen Zahnreißen oder Ohrenschmerzen hilft er doch nicht – aber das ist eben der Unsinn von det janze menschliche Leben!« Während dieser Vorgänge lag in nächster Nähe hinter einer Gruppe von jungen Fichten und Tannen, unbemerkt von den anderen, Fritz Hasenklau im Grase und freute sich seines Daseins und süßen Nichtsthuns. Er ließ sich die Sonne in's Gesicht scheinen, machte die Augen zu und beobachtete die rotgoldne Glanzfläche, die in seinem geschlossenen Auge erschien; er blinzelte durch die vorgehaltene Handfläche und schaute die rotdurchscheinenden Ränder seiner langen Finger an; er legte sich bald auf den Rücken, bald auf den Leib, ließ einen Maikäfer auf sich herumspazieren, pflückte ein Blümchen neben sich ab und zerblätterte es und genoß in vollen Zügen die Wonne eines faulen Daseins im Schoße der Mutter Natur. Er dachte an seine frühere Laufbahn als Schmierenschauspieler zurück, wo er fortwährend neue Rollen lernen und sich von der Frau Theaterdirektorin die unwürdigsten Beschäftigungen, wie Stubenkehren und Kinderwarten, hatte auferlegen lassen müssen, trotzdem er den König Lear und Macbeth gespielt; er dachte daran, wie selten er sein Monatsgehalt richtig erhalten und wie oft er zum Lohne von Studenten und anderen Leuten ausgepfiffen und mit Äpfelschalen beworfen worden war. Wie glücklich und zufrieden fühlte er sich jetzt, wo er gar nichts mehr that, dagegen sein Brod reichlich und schmackhaft an den Thüren mitleidiger Bäuerinnen und Bürgersfrauen erhielt. Wo er gelegentlich durch eine bescheidene Hochstapelei, bei welcher er die Grenzen des polizeilich Faßbaren geschickt umging, sich in den Besitz nützlicher Güter versetzte! Merkwürdig, daß ihm der neue Walzbruder von gestern Abend gar nicht aus dem Kopfe kam! Ob man an dem nicht noch ein gutes Geschäft machen konnte? Hasenklau lag mit verklärtem Lächeln im Grase und sann, wie er sich von neuem an diesen Bruder heranmachen könnte. Durch die Tannenzweige lugend, hatte er gesehen, wie man Hans in seiner nächsten Nähe niederlegte. Als er bemerkte, wie fest der Kunde schlief, hielt er den Augenblick für günstig, sich zunächst einmal die Papiere des Mannes anzusehen, um zu wissen, mit wem er es zu thun habe. Er kroch also behutsam durch das Tannengebüsch auf allen Vieren näher an den Schlafenden heran; erhob sich dann, setzte sich unbefangen neben ihn hin und begann seine Brusttasche zu untersuchen. War es aber das Sonnenlicht, das er so lange sich hatte in die Nase scheinen lassen oder ein heranziehender Schnupfen, er mußte plötzlich heftig niesen, so daß Wesel von der Straße her aufmerksam wurde und ihm in den Wald zurief: »Na, zum Deubel, was fingerst du denn dort dem Kunden an der Brust herum, edler Orbassany?!« »Ick thu ihm nur ein bischen auskultieren – er muß ein bischen lungenschwach sein, er hat so geröchelt wie ich kam – denn es freue sich, wer da atmet im rosigen Licht!« Hasenklau sagte das mit hohlunterdrückter Stimme und begleitete es mit Gebärden, die seine gänzliche Harmlosigkeit und sein hülfreiches Samaritertum ausdrückten. »I wo, lungenschwach! Zu viel Soroff hat er geschwächt!« murmelte Wesel in sich hinein und klopfte weiter. Hasenklau fuhr fort, den Schlafenden vorsichtig weiter zu untersuchen, gleichzeitig nach Wesel ausspähend, daß dieser nichts merkte. »Na, wo hat er sie nur, seine Flebbe, der dufte Kunde?!« meinte er bei sich. Endlich fiel ihm ein, daß Hans, wie ein erfahrener Walzbruder, die Papiere in den Stiefeln stecken haben konnte. Er fuhr behutsam in die Schäfte mit seinen langen Fingern hinein, ängstlich in das Gesicht des Schläfers blickend. Und richtig, im rechten Stiefelschafte steckten Legitimationspapiere. Das hatte Jette gethan. Sie hatte, um eine Beraubung des Schlafenden zu verhindern, dessen Papiere in seinen Stiefel verborgen. Lesen konnte sie nicht mehr; es war ihr zu schwer gewesen, zu sehen, was da gedruckt und geschrieben stand. Hasenklau aber meinte bei sich, der Mann müsse doch ein erfahrener Walzbruder sein und schlug die Papiere auseinander. Als er aber in diesem Augenblicke Wesel den Hals recken und zu ihm herüberschauen sah, rief er diesem höhnisch zu: »Na, die Steine wollen wohl gar nicht auseinander? Warte nur, morgen giebt's Tauwetter, da weichen sie gleich von selber auf.« »Laß dir sie doch als Pfannkuchen backen, wenn du sie aufgeweicht hast!« gab der Angeredete zurück. »Was hast de denn da in der Hand? Du wirst mir doch nicht den Leichenfledderer an dem Kunden machen?!« Mit tiefer sittlicher Entrüstung entgegnete jener: »Ick? Ein Leichenfledderer?! Oho! Ick lerne eine neue Rolle für mein neues Engagement auswendig, das ich schon übermorgen antreten muß.« Er blickte in die Papiere und deklamierte: »Den Mantel gieb, setz' mir die Krone auf!«, worauf er still für sich weiter las: »Legitimation für Dr. Hans Landmann, Privatdozent aus Berlin, geboren und heimatsberechtigt etc. etc.« Er sah Hans verwundert an: »Also Finke heißt er nicht der Vogel?!« und war höchst erstaunt zu lesen: »Reiset Studien halber incognito unter dem Namen Hans Finke. Zweck: Verkehr mit der Kundenwelt für ein wissenschaftliches Werk. Es ist ihm hierin nichts weiter in den Weg zu legen, wird allen Polizeibehörden zur gefälligen Förderung und zum Schutze empfohlen.« Was? dachte Hasenklau. Dann muß er ja auch Geld haben! Und laut deklamierte er, damit Wesel es recht deutlich hören sollte, in die Papiere schauend, Hamlets Worte: »Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage!« »Ach wo! das ist gar keene Frage!« knurrte der Steinklopfer. »Was er bei sich hat, det gehört ihm auch – du weckst ja nur den Kunden auf mit deinem Studieren!« »Na, denn will ick leiser studieren!« meinte Hasenklau. Er untersuchte die Papiere weiter und fand ein Notizbuch, worin ihm sofort die Notiz in die Augen fiel: »Meine Gelder. 200 Mark zu erheben postlagernd Neustadt i. O. auf meinen Namen gegen Vorzeigung der Legitimation. 300 dito Münsterheim. 300 dito Sachsenstadt.« »Lauter kleine Nester« dachte Hasenklau. »Das kann ich ja alles per Eisenbahn in einem bis zwei Tagen abgrasen.« Der Gedanke wurde lebendig, diese Papiere einfach an sich zu nehmen, auf eigene Faust die Gelder des Herrn Privatdozenten abzuheben und dann eine andere Gegend zu suchen, wo man in Muße den Raub verzehren konnte. Wenn er sich dem Schlafenden etwas ähnlich machte, und als ehemaliger Schauspieler war er in allerhand Masken erfahren, so konnte er mit Hilfe dieser Papiere sogar noch weitere Unternehmungen vollführen. In diesem Augenblicke lachte Hans im Schlafe. Er schien etwas sehr Freundliches oder Komisches zu träumen. Hasenklau erschrak heftig und sprang auf, beruhigte sich aber; als er sah, daß der Mann nur träumte und meinte mit Hamlet: »Ruh, ruh, verstörter Geist!«, womit er gleichzeitig sich selbst zu beruhigen suchte. Er stieg den Straßendamm herab und ging auf Wesel zu, indem er aus der Legitimation weiter zu studieren schien: »Doch nicht ihr Blut vergieß ich, noch ritz ich diese Haut, so weiß wie Schnee.« Vor Wesel blieb er jetzt stehn; steckte unbefangen die Papiere des Beraubten in seine Tasche und sprach mit Kopfschütteln theatralisch: »Freund, ich bedaure dich! Ein Anblick zum Steinerweichen. Sollte mir jemals ein besonders schwerer Stein vom Herzen fallen, so werde ich ihn dir zur Verkleinerung übergeben, damit du auch ein Verdienst hast. Doch erst reiche mir deine Finne! Gieb mir Mandragora zu trinken!« Er streckte die Hand aus und nahm die Schnapsflasche, welche Wesel ihm reichte, trank und gab sie zurück. »Wenn meine edlen Brüder in Apollo nach mir fragen, so sage ihnen, ich wäre wieder in Engagement auf einen Monat, weil ich das Lumpenleben auf die Dauer nicht vertragen kann.« Er schlenderte gemächlich auf der Landstraße weiter und war bald den Augen des Nachschauenden entschwunden. Dann aber beeilte er sich, schleunigst nach Neustadt zu kommen, das er in einer Stunde erreichen konnte, um dort mit Hilft der Papiere die postlagernden Gelder des ahnungslosen Privatdozenten für sich zu erheben. – – Hans Landmann erwachte. Die Untersuchung durch Hasenklau hatte seine Lebensgeister allmählich doch aufgestachelt; ein leichter heitrer Traum erhellte seinen Schlaf; er glaubte im Schlummer, er hätte seinen Namen verloren und jemand hätte unterwegs diesen Namen gefunden und ihn für drei Pfennige an einen armen Walzbruder versetzt. Das kam ihm so komisch vor, daß er im Traum wiederholt lachte, bis er plötzlich erwachte und über sich in den blauen Himmel und die Waldeskronen sah, während ein Vogel über ihn hinzufallen schien, der von einem Baume zum anderen flatterte. Er fuhr erschrocken empor, setzte sich aufrecht und überlegte sich, was mit ihm geschehen sei, daß er hier im Freien, im Walde lag wie Adam, als Eva aus seiner Rippe geschnitten worden war, gänzlich einsam, ja, wie einer, der vom Himmel gefallen ist. Allmählich, indem er sich dehnte und reckte und noch einen leisen, dumpfen Druck im Kopfe verspürte, wurde ihm seine Lage klarer. Er entsann sich der Vorgänge vom vergangenen Abend, erinnerte sich, daß die Jette ihn ins Freie geführt hatte, und erschrak ein wenig, daß ihm, einem gebildeten Manne, so etwas hatte zustoßen können. Er sprang auf, schaute sich in der Gegend um und, als er jetzt den Steinklopfer auf der Straße arbeiten sah, schwankte er, noch etwas verschlafen, zu diesem hin und redete ihn an: »Hören Sie einmal, ich muß wohl hier lange geschlafen haben, Herr Kollege?!« »Jawohl, edler Chausseegrabentapezierer,« meinte der Angeredete. »Seit gestern Abend hast du plattgemacht.« »Was? Und da hat mich niemand in ein ordentliches Bett getragen?!« meinte der Privatdozent etwas verstimmt. »Es war alles besetzt, und was so Ballertbrüder anlangt, die keen Jeld mehr in der Tasche haben und die keener hier herum kennt, die müssen eben bei Mutter Grün schlafen. Die Jette hat dir noch gestern Nacht auf eine Schiebkarre geladen, weil niemand dir kannte und dich hierher gefahren und abgesetzt. 'N nobles Mädchen, die du glücklich machen mußt, wenn du 'mal aus dem Walzen heraus bist.« »Eine schöne Situation!« dachte Hans. »Auf einem Schubkarren!« Es kam ihm zum Bewußtsein, daß man ihm am vergangenen Abend recht übel mitgespielt haben mochte; er betrachtete seinen Anzug, in dem Erde, Waldblätter und Tannennadeln klebten, und hatte eine Empfindung, als sei er eigentlich schon gar kein Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft mehr, sondern ein ganz unverfälschter Ballertbruder. »Na, warten Sie, meine Herren Pennbrüder,« dachte er bei sich; »bis jetzt haben Sie mich ausgebeutelt. Aber ich will nicht immer den Dummen spielen. Ich werde mich auch einmal entwickeln, und da wollen wir sehen, wer heller ist.« Es setzte sich in seinem Innern der Gedanke fest, daß er, nachdem er bisher nur der leidende Teil gewesen war, auch einmal beweisen müsse, daß er an Klugheit, Durchtriebenheit und Schlauheit seinen Mann zu stellen wisse, wenn sich die erste Gelegenheit bieten sollte. Während er seinen Rock auszog, ausschüttelte und reinigte, seine Hosen aufkrempelte, seinen »Berliner« öffnete, den Kamm heraus nahm, sich kämmte und wieder ein einigermaßen menschliches Äußere zu geben suchte, fiel ihm ein, daß er ja eigentlich den Zweck hatte, volkswirtschaftliche Studien zu treiben. Er mußte lächeln, wenn er über den eigentümlichen Umsatz der wirtschaftlichen Kräfte, den Stoffwechsel der wirtschaftlichen Werte nachdachte, in dem er sich befand. Das Studium all dieses Elends, das er gestern gesehen und in das er schier selber hineingeraten war, sollte doch nur dazu dienen, ihn durch schriftstellerische Verwertung zum reichen Manne zu machen. Wie diese Stromer aus ihren erbettelten Röcken noch Kapital schlugen, das wirtschaftlich Entwertete in neue Werte umsetzten, so wollte er nun wieder aus ihnen und ihrem Studium Kapital schlagen. »Ja, wahrlich, das ist der Stoffwechsel der produktiven Kraft!« dachte er, und eine ganze Reihe von neuen volkswirtschaftlichen Theorien schien ihm in diesem Gedanken zu keimen, in dem er eine epochemachende neue Lehre sah, die zahlreiche Zuhörer um ihn versammeln würde. Es giebt ja gar keine Armut in diesem Sinne, sagte er sich. Alles ist Reichtum, alles ist Umsatz der Werte, so oder so! Seine Gedanken wurden so lebendig, daß sie auch nach einem Ausdruck suchten, und da er den Steinhauer ihn neugierig betrachten sah, setzte er sich zu diesem auf den Steinhaufen hin und sagte zu ihm mit der belehrenden Miene des Kolleg lesenden Dozenten: »Ja, ja, alter Kollege, man könnte geradezu sagen, daß man auf euren Pennen und Herbergen das menschliche Leben von der Rückseite betrachtet. Wenn du einen Tischteppich oder eine Wirkerei von der schönen Vorderseite ansiehst, da nimmt sie sich freilich blumig und bunt aus und alles ordnet sich zu schönen Figuren. Auf der Rückseite siehst du dagegen die eigentliche Wirkerei, da erscheint alles recht ärmlich und unscheinbar und die Fäden laufen wild durcheinander. Aber diese Rückseite des menschlichen Lebens ist eigentlich noch viel interessanter, als die Vorderseite. Man steht hier erst so recht, was Staat und Gesellschaft wert sind.« »Jawohl,« sagte Wesel. »Nischt sind sie wert. Placken und schinden muß sich der Mensch, das ist die ganze soziale Frage, placken und schinden, wo man eigentlich zu viel was höherem bestimmt ist. Nischt sind sie wert.« Hans hatte viel über die Lösung der sozialen Frage nachgedacht, die alle seine Zeitgenossen lebhaft beschäftigte. In seinen Kollegien, die er darüber las, hatte er stets betont, daß weder staatliche Einrichtungen, noch äußere wirtschaftliche Mittel diese Lösung enthielten. Die moralische Auffassung der Arbeit, die ideelle Verklärung allein, die unter der Arbeiterschaft verbreitet werden müsse, könne die tiefen Gegensätze der Zeit, die Unzufriedenheit der arbeitenden Armut ausgleichen. Dieser Steinhauer kam ihm gerade recht, um einmal seine Grundsätze praktisch zu verwerten. Er sagte: »Im Gegenteil, hier in diesem Lumpen- und Lungerleben, in dem wir uns befinden, was uns beiden ja auch nicht an der Wiege gesungen wurde, sieht man erst den hohen Sinn des Lebens ein. Du klagst freilich über deine Schinderei. Aber nimm einmal einen Mann wie den Weber, den Kohlenbergwerker an. Bergmann ist er. Was gräbt er aus? Kohlen. Sind die Kohlen nun nur rußig, schwarz, und thun sie nichts anderes, als schmutzige Hände machen? Nein. Was sind sie denn eigentlich? Unterirdische, verschüttete, halbverbrannte Palmenwälder der Vorzeit sind das. Du kannst in der Kohle noch die versteinerte Holzfaser erkennen. Diese Urwälder der geologischen Vorzeit lichtet der Bergmann; im versteinerten Walde holzt er, wie der Holzknecht oben auf der Erde Buchen holzt; leibhaftig steigt er im Paradiese herum. Wenn er sich das ordentlich vorstellt, so muß er sich doch sagen, daß seine Arbeit die schönste, menschenwürdigste, ja, geradezu poetischste Beschäftigung ist, die einer treiben kann.« »Na, freilich,« meinte Wesel spöttisch, »darum ist ja auch der Weber so außer sich, daß er keene Arbeit findet, weil sie ihn aus seinen unterirdischen Palmenwäldern vertrieben haben.« Hans geriet über seinen Gedanken in Eifer und faßte es als seine Mission auf, diesen verkommenen Saufbruder wenigstens moralisch etwas über seine Lage emporzuheben. Er fuhr fort: »Der Schneeschipper! Nehmen wir einmal einen Schneeschipper! Das ist nun vollends eine ganz ideale, eine geradezu großartige Beschäftigung. Was ist denn eigentlich der Schnee? Wolken sind's, leibhaftige, vom Himmel gefallene Wolken, und die kann der Schneeschipper auf Wagen laden, er kehrt die Wolken zusammen, watet darin herum wie ein Engel. Muß der Mann sich nicht sagen, daß er etwas höchst vornehmes thut? Na, und vollends du. Du bist Steinklopfer. Überlege dir doch mal, daß das eine höchst großartige Thätigkeit ist. Diese Steine hier sind das Erzeugnis uralter Erdrevolutionen, und indem du sie bearbeitest, greifst du dem jahrtausendlangen Verwitterungsprozeß der Natur vor als der wahre Beherrscher der Natur. So mußt du die Sache ansehen, um dir zu sagen, daß du eines der würdigsten Mitglieder der menschlichen Gesellschaft bist.« Wesel sah sich den phantastischen Kunden mit einem Blicke tiefen Mißtrauens von der Seite an. Dann reichte er ihm seinen Hammer hin und sagte: »Na, denn verwittre man los, wenn's gar so großartig ist.« Hans wog den Hammer humoristisch in der Hand. Die Idee, zum Beweise seiner Ansicht gleich selbst den Steinklopfer zu machen, schien ihm sehr gut. Er setzte sich fest zurecht, legte, wie er es von dem andern gesehen hatte, einen tüchtigen Pflasterstein zwischen seine Füße, die mit den Stiefelrändern den Stein hielten, und hieb, den Hammer wuchtig schwingend, auf den Stein los. »Wenn jeder Mensch sein Thun so betrachtete, da wäre gleich die soziale Frage gelöst«, sagte er im Klopfen mit heiterem Ernst. Der Stein war aber noch nicht zersprungen; er schlug nochmals heftig los, um mit einem Schmerzensschrei seinen Fuß zurückzuziehen, denn er hatte sich mit aller Gewalt auf seine rechte Fußzehe gehauen. »Na, macht nichts!« sagte er, nachdem ihm der wilde Schmerz etwas vergangen war. »Und siehst du«, fuhr er fort, »so ist ein Fechtbruder wie ich und Hasenklau eigentlich das vornehmste auf der ganzen Welt.« – »Na, da bin ich neugierig«, meinte Wesel. Hans hieb von neuem auf den Pflasterstein los und sagte: »Nun, ein Mann wie Hasenklau ist eigentlich die Blume der Menschheit, die aus dem allgemeinen Wein ausgeschieden wird. Wir sind sozusagen der eigentliche Extrakt der Menschheit, und wenn Hasenklau sich vorstellen wollte, daß eigentlich der tiefste Sinn in allem steckt, was er thut, selbst wenn er einen alten Rock versetzt und dadurch alle Werte umwertet, so würde er ganz zufrieden mit seinem Loose sein. Auch er darf sich sagen, daß er ein bedeutsames Mitglied der menschlichen Gesellschaft ist, indem er auf die Fahrt steigt.« Hans wollte zur Bekräftigung seiner Ansicht endlich den widerspenstigen Pflasterstein zerspellen mit einem starken Hieb. Statt dessen flog ihm nur ein losspringender Splitter an die Nase, so daß er zurücktaumelte und den Hammer in der Bestürzung fallen ließ. Er blutete heftig, und da das Blut nicht zu stillen war, so sagte Wesel, er sollte ihm in seine Hütte folgen, wo er ihm ein Heftpflaster aufkleben wollte. Hans fühlte sich einigermaßen betroffen und in sich selbst geschreckt über die heftige Verwundung, die er sich zugezogen hatte; er hielt sein blutiges Taschentuch auf die Nase gepreßt und folgte dem Steinklopfer. Sie gingen ein Stückchen in den Wald hinein, um nach der Hütte zu gelangen, wo Wesel seine Arbeitsgeräte aufzubewahren pflegte. Dieser zerbrach sich den Kopf, was für einer der sonderbare Walzbruder sein könnte. Die Anschauungen, die er ausgesprochen hatte, konnten auch bloß eine Komödie sein, womit er sein wahres Wesen verschleiern wollte. Wesel beschloß den Fremdling auf die Probe zu stellen. Entweder war es ein durchtriebener Hochstapler oder wirklich ein Neuling, vielleicht ein heruntergekommener Theologe, den man wegen schlimmer Sachen vom Amte suspendiert hatte, und der nun über Land bettelte. Solche Leute waren Wesel nicht unbekannt. Jedenfalls konnte der Mann seinen guten Rat brauchen, wenn er noch ein Neuling war. »Pulle gefällig?« meinte Wesel im Gehen, indem er sich den Mann von der Seite ansah und seine Schnapsflasche hinhielt. »Nein, danke, ich darf nicht so viel schwächen«, meinte Hans, der allmählich auch anfing, die Kundensprache zu reden und einzelne aufgefaßte Brocken derselben in seine Worte einfließen zu lassen. »Aha! Wohl auf Geschäftsreisen?! Ja, da muß man freilich vorsichtig sein,« meinte Wesel. Daß der Kunde nicht trinken wollte, war auch wieder verdächtig. Wesel ging also geheimnisvoll an Hans heran, legte ihm Arm in Arm und frug auf einmal schlau flüsternd, um den Kunden zu prüfen: »Na, wo hast du denn deine Sohre?! Höre mal, ich weiß dir einen guten Schärfer hier in der Nahe, wenn du etwa –« Hans erschrak ganz leise. Er wußte, daß das Ausdrücke aus dem Verbrecherleben waren; man traute ihm zu, daß er eine Diebesbeute irgendwo verberge, und man bot ihm einen Hehler dafür an. Er frug, als habe er nur halb gehört: »Was?!« »Na, thu man nicht so« sagte Wesel, indem er ihn sachte weiter in den Wald führte, »ich werde doch wissen, wie man Schlösser aufbricht und mit dem Schränkzeug hantiert – also, wenn du eine gute Sohre hast, da kann ich dir schon behilflich sein.« »Was? Schränkzeug?!« dachte Hans. »Der hält mich für einen professionierten Einbrecher. – Gut. Jetzt entwickele ich mich. Man soll mich kennen lernen.« Er glaubte hier hinter neue und interessante Dinge zu kommen, nahm eine Miene an, als ginge er auf Wesels Andeutungen ein und frug gleichfalls geheimnisvoll: »So, so. Wie heißt denn der Schärfer –?!« »Beste Geschäftsverbindungen, du kriegst gleich Geld, und alles Gold und alle Schmucksachen werden spurlos eingeschmolzen,« sagte Wesel eifriger, den Kunden scharf beobachtend, um zunächst einmal zu sehen, ob er darauf zusammenzucken oder sich sonst wie verraten würde. Da komme ich ja hinter saubere Dinge, dachte der Privatdozent. Er wollte den edlen Beschäftigungen Wesels auf den Grund gehen und sagte, als wäre er einem kleinen Handel nicht abgeneigt: »Wenn man Näheres erfahren könnte –« Wesel blieb stehen. »Ja, das hat aber einen Haken. Man weiß doch auch nicht, wen man vor sich hat. Es gibt so Achtgroschenjungen –« Er betonte das letzte Wort besonders. Hans stutzte, wußte nicht, was es heißen sollte, und frug, lernbegierig, wie er war: »Was ist denn das?!« – »Na, Polizeispitzl! Ja, und da möchte man doch seine Leute kennen,« entgegnete Wesel, der wieder unsicher geworden war. Daß der Kunde nicht einmal wußte, was ein »Achtgroschenjunge« sei, machte es doch sehr zweifelhaft, ob er überhaupt ein richtiger Einbrecher war. Am Ende ist's doch ein abgesetzter Pastor, dachte Wesel, der Beichtkinder verführt hat, oder so etwas. Sie waren an die Holzhütte gelangt, die mit Baumrinde gedeckt war. Die Thüre neigte sich windschief; im Innern lagen verschiedene Schaufeln, Hacken, Beil und Hämmer; ein paar alte Kittel hingen an der Wand, ein morscher Tisch stand in einer Ecke, und wunderlicher Weise befand sich darauf ein großes Tintenfaß und Federhalter lagen daneben. Wesel nahm zunächst aus dem Tischkasten das Heftpflaster, hieß Hans sich auf einem Schemel niedersetzen, der vor dem Tische stand, und klebte ihm das Pflaster auf die Nase. Der Privatdozent ward dadurch nicht gerade verschönert; er sah recht wenig Vertrauen erweckend aus. Dann begann Wesel, als geschehe es unabsichtlich, in einem alten verschlossenen Kasten zu kramen, worin allerhand abgeschnittene Polizeistempel, Ortsgeschenkstempel, Unterschriften verschiedener Landbehörden, Holzauktionsanzeigen, standesamtliche Stempel auf unterschiedlichen Papieren lagen. Auch einige Briefbogen mit dem Firmaaufdruck mehrerer Handelshäuser waren darunter. Hans wunderte sich, wie Wesel in diesen Schnitzeln kramte. Wesel sagte auf einmal ganz harmlos: »Herrje, da finde ich ja noch 'n paar Ortsgeschenkstempel und ein paar alte Bettelzinken drunter. Um die ist es doch auch schade. Da könnte man 'mal noch ein Paar hübsche linke Flebben daraus machen, wenn einer wäre, der sie nötig hätte.« »Wie steht's denn mit deinen Papieren, Kunde?!« frug Wesel. Hans fühlte sich im gesicherten Besitze guter Legitimationen, da er aber sah, daß hier irgend etwas neues zu lernen und zu erfahren war, so meinte er: »Schlecht, schlecht. Ich habe meine Legitimationen verloren.« »Ei«, sagte Wesel, »dann ist es höchste Zeit, daß du dir neue anschaffst, sonst wirst du in Polizeihaft genommen, wenn dich einer ohne Flebbe arretiert. Mit den Spitzköppen ist nicht zu spaßen. Und wie willst du denn gute Einnahmen beim Fechten haben, wenn du den Leuten nicht Papiere zeigen kannst, die ihr Vertrauen erwecken sollen?!« »Das ist wahr«, meinte Hans. »Überhaupt, wenn du mir einige gute Ratschläge geben willst für die Walzerei, dann bin ich dankbar.« Die Sache wurde abermals sehr interessant, und Hans hatte dabei den Hintergedanken, daß er den Mann vielleicht bei irgend etwas auf frischer That ertappen könnte, um ihn einmal seinerseits hinein zu legen, nachdem man bisher nur ihn ausgebeutelt hatte. Wesel meinte: »Na, recht so, denn wollen wir dir vor allem 'mal 'ne ordentliche Legitimation verschaffen. Er brachte aus seinem Tischkasten einen Bogen altes, zerknittertes Papier hervor; wischte es auf dem Tische hin und her, um es schmutzig zu machen, und legte es vor Hans dann zum Schreiben auf den Tisch, indem er meinte, er schriebe eine so schlechte Handschrift, könne auch die Rechtschreibung nicht mehr recht, ob er wohl nicht selber schreiben wollte? Hans dachte: Warum nicht? Wollen doch sehen, was daraus wird. »Na, da schreib 'mal«, sagte Wesel und sagte ihm in die Feder, während Hans schrieb: »Inhaber, August v. Waldfuchs, Steuerbeamter, geboren 1857, hat vergeblich, trotz aller Arbeitsbemühungsbeweise, nach Stellung gesucht. Wird dem Wohlwollen der pp. Behörden und Ortskassen empfohlen.« »Oder willst du lieber als Kaufmann und Geschäftsreisender gehen?!« frug Wesel. Hans hatte nachgeschrieben, ohne recht vorauszusehen, wohin das führen sollte. Ein solches Papier hatte ja nicht den geringsten Wert. Wesel aber zerschnitt zunächst das beschriebene Papier in Stücken und klebte die einzelnen beschriebenen Bruchstücke sorgfältig auf ein untergelegtes stärkeres Papier. Hierauf nahm er einen der Stempelabdrücke aus seinem Kasten, reichte ihn dem Privatdozenten und sagte: »Ich habe so ungeschickte, dicke Finger, kleb du 'mal den Stempel da hier drunter.« Hans fand, daß er das allerdings mit geschickteren Fingern fertig bringen werde, und klebte den Stempelabdruck unter die Ecke. Wesel blinzelte ihn dabei schlau von der Seite an und nahm hierauf das ganze Kunstwerk in die Hand, faltete es zunächst zusammen, daß es möglichst viele Brüche bekam, scheuerte es dann eine Weile auf dem Tische herum, bis das wieder Aufgefaltete so aussah, als hätte man es schon jahrelang in der Tasche getragen, als wäre es infolgedessen zerrissen und zerfledert gewesen und als hätte man das zerflederte Legitimationspapier dann der besseren Haltbarkeit wegen auf eine dickere Unterlage geklebt. Zuletzt nahm Wesel aus seiner Westentasche einen in Schiefer gravierten Stempel, holte aus einer Ecke der Hütte einen Topf mit Wagenschmiere, tupfte den Stempel in die Schmiere und reichte ihn Hans mit den Worten: »Na, und nun drücke 'mal mit dem Ding da links unten ein bischen hin, damit es mehr Symmetrie kriegt.« Hans wunderte sich über den Kunstgeschmack, der sogar in diesem Falle auf Symmetrie hielt, und besorgte den Abdruck. Es kam ein Stempel der Neustädter Armenkasse zum Vorschein. Jetzt war Wesel zufrieden, während Hans ihn verwundert anschaute und frug, was nun eigentlich die ganze Geschichte zu bedeuten habe, und was man mit diesem wertlosen Wisch anfangen solle. »Wertlos?!« frug Wesel mit hochgezogenen Augenbrauen. »Erlaube 'mal, oller Thürklinkenputzer, denn bist du nicht ergraut in diesem menschlichen Berufszweige. Na, ick sehe schon, daß du noch nicht lange von Muttern fortbist, und denn will ick dir aus Freundschaft 'mal was sagen. Das Papier da, das ist eine linke Flebbe, die du mit Leichtigkeit überall als eine dufte Flebbe benutzen kannst. Triffst du mitleidige Leute, so erzählst du ihnen irgend eine Mordgeschichte, warum du so verarmt bist, und zeigst ihnen dieses Papier als deine Legitimation. Sehen sie erst die Stempel drunter, denn glooben sie dir alles; sie sehen, daß du ordentlich bist. Hält dir auf der Straße oder in der Penne 'mal so'n Polizeimann, so'n Spitzkopp an, denn zeigst du großartig das Papier, und er merkt jar nischt; denn weil alle reisenden Handwerker rissige Papiere haben und sie bald auf ein Stück Papier oder Kattun kleben müssen, kann der Polizeimann ja gar nicht unterscheiden, was nun an der Geschichte echt ist. Der Polizeistempel ist echt; der ist nicht falsch und was du da von dem Waldfuchs geschrieben hast, das ist ja bloß det Gefälschte. Und wenn du schlau bist, denn thust du hier in der Gegend mal zunächst auf die Dörfer gehn, holst dir auf den Gemeindeämtern die Ortsgeschenke und läßt dir auf jedem Dorf noch einen Stempel der Ortsgeschenkkasse draufdrücken. Na, wat willst de mehr? Je mehr echte Stempel du drauf hast, daß alles über und über bedruckt ist, desto besser bist du legitimiert, kannst in der Stadt in alle duften Winden gehn, wo nämlich mitleidige Hausbewohner sind, und bist'n jemachter Mann.« Damit reichte Wesel seinem Schüler das zusammengefaltete Papier und schloß mit heiserer Stimme redend: »Na, und weil ick dir diesen fachmännischen Rat jegeben habe, verlange ich bloß vierzig Prozent von deinen Einnahmen, solange du hier herum bist. Steuern müssen nun mal im Staate sind, ohne Steuern kann kein jeordneter Staat bestehn und der Bettelstaat ooch nicht. Also vierzig Prozent bist du mir schuldig, und die bringst du mir jeden Abend uf de Penne, verstanden, denn bei mir wird jede Steuerhinterziehung streng geahndet.« Hans saß eine Weile sprachlos da. Dieser Kerl, dieser erwerbsmäßige Legitimationsfälscher hatte nicht nur die Frechheit in seiner Gegenwart Urkundenfälschungen vorzunehmen, ihn selbst zum Betrug zu verleiten, sondern auch noch Gewinnanteil zu verlangen! Er beschloß, ihm einen gehörigen Schreckschuß einzujagen und sagte ziemlich heftig aufbrausend: »Das wäre noch schöner! Ich werde mir vielmehr die Freiheit nehmen, Sie dem ersten besten Polizisten wegen gewerbsmäßiger Fälschungen anzuzeigen! Da hört ja doch alles auf.« Wesel pfiff leise durch die Zähne und lächelte höhnisch. »Mach mir mal keene Fiesematenten, oller Linkmichel, oller Schlangengreifer, wie kannst du dir unterstehen, mir so eine Beleidigung meiner Person zu sagen? Wer hat denn gefälscht? Habe ich etwa den falschen Text geschrieben, du Läppchen? Habe ich etwa die Stempel drunter gesetzt, du Schneeschipper im Sommer?! Ich bin bloß'n Freund von der Wappenkunde und habe hier 'ne kleene Sammlung von Stempeln, Marken und Wappen, weil ick sie so gern habe. Der Urkundenfälscher bist man du, und ick habe dir vollständig in meiner Hand. Zeugen haben wir nicht; ich zeige dich also dem nächsten Polizisten an, denn ick kann darauf einen Eid schwören, daß du hier diese Fälschung selber vorgenommen hast mit deiner eigenen Hand. Meine Hände sind in Unschuld gebadet! – Und weil du so bist, weil du meine Hilfe ooch noch in den Wind schlägst, du Kirschenpflücker im Winter, so werde ick dir mal meine Gewalt über dir beweisen. Ich schlage mit den Preisen auf und nehme fünfzig Prozent aus reiner Rache und wenn du mir die nicht pünktlich ablieferst, so wirst du vermammst; verraten. ick zeige dir an. Und wenn du denkst, du könntest mir durchgehen, das ist nischt; ich habe dein Signalement; ich hetze dir die Polizei nach, und wenn du dir auf Flügeln der Morgenröte setzest, du wirst doch eingesponnen wegen Urkundenfälschung. So was!« »Fälschung! Ich verbitte mir das –!« wollte Hans ausrufen. Aber seine Stimme war kleinlaut; die Sache war richtig; in der Absicht einem anderen eine Falle zu stellen, war er selbst in eine höchst bedenkliche Lage geraten. Für den Augenblick wenigstens war er vollständig in der Hand dieses Kerls. Doch da fiel ihm ein, daß er, ja seine eigenen, echten, guten Legitimationspapiere habe, und daß er daraufhin immer den wahren Sachverhalt angeben konnte, daß er Studien halber sich zu dem kleinen Spaße hatte verleiten lassen. Auf diese Weise hatte er doch den Mann ganz in seiner Hand. Eine natürliche Ideenverbindung ließ ihn in seine Brusttasche greifen, um zu fühlen, ob er noch seine Papiere bei sich habe. Hans erbleichte ganz langsam, und ein sonderbares Frieren ging über seine Kopfhaut, sein Herz stockte leise, als er fühlte, daß in seiner Brusttasche alles leer war. Er griff schnell in die Rückentaschen, fuhr mit den Händen in die Hosentaschen und stellte mit heimlichem Schreck die Thatsache fest, daß er ohne Papiere sei. Wenn dieser Kerl ihn jetzt wirklich wegen Fälschung anzeigte und er ohne Papiere betroffen wurde, wo niemand seine Identität feststellen konnte, so lag allerdings der Fall vor, daß jeder Polizeimann ihn ohne weiteres in Haft nehmen durfte. Es hieß daher für den Augenblick gute Miene zum bösen Spiele machen, mindestens sich in keiner Weise verraten. Und wie auf einen Blitzschlag schnell ein zweiter folgt, so fuhr ein neuer Schreck dem Gelehrten in die Glieder und lähmte leise seine Beine, als ihm einfiel, daß er ohne seine Papiere vor allem auch auf dem Postamt kein Geld erhalten werde. Wie sollte er sich ausweisen? Er stellte mit einem Griff in seine Tasche fest, daß er gestern Abend bei der großen Versteigerung der Bettelbeute alles bis auf den letzten Pfennig ausgegeben hatte; ja, es war ihm, als habe er zuletzt im Rausch sein Geld geradezu unter die Leute geworfen. Er mußte also eiligst nach Neustadt, um das dort postlagernde Geld abzuholen. Ein Gefühl von grenzenloser Angst und Hilflosigkeit wollte ihn erfassen, als er sich sagte, er werde ohne Papiere einfach abgewiesen werden. Und dazu in der Hand dieses tückischen Kerls, der unter Umständen einem die Schnur um den Hals zuziehen konnte! Hans blickte so verstört um sich, daß Wesel, der glaubte, es geschehe aus Furcht, angezeigt zu werden, ihn großmütig beruhigte und sagte: »Na, sei nur stille; ick vermammse dir nicht; du mußt erst richtig in das neue Leben hineinkommen, Schlossergesell; ick will bloß 45 Prozent nehmen, wenn du wieder anständig bist. –« »Aber ich hatte doch – ich muß doch –« sagte Hans verstört vor sich hin; er wagte es dem anderen nicht zu gestehen, daß er seine Papiere vermisse; ich weiß gar nicht –« Es fiel ihm ein, daß er sie unterwegs konnte verloren haben, oder daß sie ihm beim Schlafen aus der Tasche geglitten seien. Ein Hoffnungsstrahl! Sie lagen gewiß noch an der Stelle, wo er geschlafen. Er drängte hinaus, um den Weg abzusuchen. »Na, wie wird's, bleibt's bei den 45 Prozent? Denn wie gesagt, du bist mein Schlachtopfer« frug Wesel, indem er den Schnauzbart mit drohender Miene drehte. »Nun ja doch!« entgegnete Hans, um für den Augenblick Zeit zu gewinnen. Wenn er nur erst sein Geld hatte, hoffte er den Mann durch eine Abfindungssumme sich vom Halse zu schaffen. Aber die Papiere! Die Papiere! Wesel schüttelte über das wundersame neue Benehmen des Kunden den Kopf. Sie verließen die Hütte und gingen denselben Weg zurück, den sie gekommen waren. Hans suchte unterwegs den Wald ab, und als sie an die Stelle kamen, wo er zuletzt gelegen, lief er spähend wie ein Verrückter im Kreise umher, heillos erschrocken, auch hier nichts zu finden. »Suchst du vielleicht Vergißmeinnicht und Himmelsschlüssel?« frug Wesel höhnisch, der nun wohl merkte, daß der Kunde eine wichtige Sache verloren haben mußte. »Nein, Gänseblümchen und Sauerampfer« erwiderte Hans mit kläglichem Humor in dem Gedanken, wo er diese Nacht schlafen sollte, wenn er nicht zu seinen Papieren und zu seinem Gelde kam. Vielleicht hatte er die Papiere auf der Penne verloren, und der Wirt hatte sie gefunden. Oder die Jette mußte sie haben. Die hatte ihn ja auf einem Schubkarren hierher gefahren. Auf einem Schubkarren! Also man mußte erst in die Penne laufen, und wenn da nichts war, die Jette suchen! Und wenn da wieder nichts war? Im Freien schlafen, da man ohne Legitimation nicht einmal in der Penne Unterkunft fand. Ja, da war man ja allen bitteren Ernstes schlimmer daran, als der schlimmste aller wirklichen Fechtbrüder! Ohne ein Wort zu sagen, wollte Hans nach der Penne aufbrechen. Die war ja nicht weit. Wesel aber faßte ihn gemütlich am Rockkragen, drückte ihm die falsche Legitimation in die Hand und sagte: »Da, vergiß deine neuen Papiere nicht, weil du mir ja gesagt hast, du hättest deine richtigen Legitimationen verloren. Denn steige nur mal gleich los, drüben in den Dörfern geben sie dir immer was und morgen teilen wir, oller Katzenkopp. Katzenkopp = Schlosser. Da, trink noch mal aus meinem Knupper und nun tippele mal los.« Hans steckte die Legitimation ein, trank, um sich zu stärken, einen Schluck Schnaps, sagte zu allem Amen und lief mit geheimer Angst die Straße hinauf nach der Landherberge zu. Als er hinter dem Eisenbahndamme war, blickte er sich scheu um, ob der Steinklopfer ihn nicht mehr sehen könne, zog die falschen Papiere heraus und warf sie, von ganz wunderlichen Gewissensbissen erfüllt, in den großen Teich, der hier von der Landstraße gestreift wurde. Darauf stieg er mit eiligen Schritten und von allerhand ängstlichen Vorstellungen erfüllt, was aus ihm werden sollte, wenn man auf dem Postamt seinen Worten nicht glaubte, geplagt von Gedanken an all die Scherereien, die daraus erwachsen mußten, auf die Herberge los. – – Siebentes Kapitel Im tieferen Walde, wo alte Buchenstämme mit hohen Fichten ihre grünenden Zweige vermischen, wo in endlosen Scharen die kleinen Heidelbeersträucher auf dem Boden hinwuchern und ihre weißen und blaßroten Blütenglöckchen hängen lassen, hockte die Jette zusammengeduckt zwischen hohen Farnkräutern. Sie lauschte mit scharfen Augen nach dem Wipfel einer alten Buche hinauf. Droben, ängstlich an den Stamm angeklammert, saß ein Eichhörnchen mit gesenktem Schwanze und blickte mit übergeneigtem Köpfchen auf den Waldboden herunter. Am Fuße der Buche hatte die Jette ein paar Nüsse als Lockspeise hingestreut, und jetzt saß sie schon seit einer Viertelstunde und regte sich nicht, atemlos gespannt, daß das Eichhörnchen herunterklettern werde. Sie hoffte es dann mit der bloßen Hand zu fangen, denn sie pflegte sich mit katzenartiger Schnelligkeit auf das Tierchen zu stürzen, wenn es mit aufgestelltem Schwanze auf dem Boden saß und die Nüsse knackte. Geduld und Zeit gehörten freilich dazu, aber die Jette Fremder hatte beides; kein Mensch frug nach ihr, wo sie den ganzen Tag über gesteckt und was sie getrieben habe. Der Wald war ihr liebster Aufenthalt; da lag sie oft stundenlang im Grase und zählte, wie oft der Kuckuck aus der Ferne seinen Lockruf erschallen ließ; sie legte sich ins Gras, flocht ihre Zöpfe auf, bis die Haare freihingen, und begann dann von neuem die Zöpfe zusammenzudrehen. Im Frühling suchte sie Primeln, Vergißmeinnicht und Schneeglöckchen; band sie zu Sträußen zusammen und verkaufte sie in der Stadt, in den Häusern hausierend. Kam der Sommer, so suchte sie vorübergehende Arbeit als Beerenpflückerin; sie wußte, wo die besten Stellen für Heidelbeeren, Himbeeren und Preiselbeeren in den weiten Revieren lagen, und sie verdiente da mit dem Pflücken von Beeren, die sie an die Marktfrauen oder an Unternehmer verkaufte, einige Thaler. Sie arbeitete aber nur, wenn es ihr gefiel; dann kamen lange Zeiten, wo sie gar nichts that, sondern nur in den Dörfern bettelte und nachts in der Frauenherberge schlief. Fortwährend in Gefahr, von Polizisten, Förstern und Wachtmeistern als Landstreicherin eingefangen und ins Frauenarbeitshaus befördert zu werden, hatte sie sich bisher doch noch niemals aufgreifen lassen. Solange sie etwas that und durch Blumenpflücken oder Beerensammeln scheinbar ihren Unterhalt verdiente, konnte man ihr nichts anhaben; zeitweilig war sie aus der Gegend ganz verschwunden. Das geschah, wenn zu Zeiten in kleinen Städten und Marktflecken Jahrmärkte abgehalten wurden; da trat sie nämlich als Zigeunerin auf in einem Kostüme, welches sie als ihre einzige Habe im verborgensten Winkel auf dem Boden der Schicksenpenne verwahrte. Mit dem Ende des Jahrmarktes, wenn sie durch Wahrsagen den Bauermädchen und hübschen Kleinstädterinnen einige Thaler abverdient hatte, war sie dann wieder verschwunden, strich in Wäldern umher, faullenzte und genoß die Annehmlichkeiten einer thatlosen, vollständigen Freiheit. In diesen Zeiten hatte sie sich bisher so gut vor den Polizisten zu verstecken gewußt, daß sie niemals da gefunden wurde, wo man sie suchen mochte. Seit die Jette aber den neu zugereisten Schlossergesellen kennen gelernt hatte, war mehr und mehr der Drang erwacht, aus diesem Lotterleben herauszukommen. Sie glaubte, sie müsse ungefähr achtzehn Jahre alt sein, und seit sie »aus der Schule« war, hatte sie auch dieses Landstreicherleben geführt. Wer ihre Eltern waren, wußte sie nicht; man hatte sie als Säugling ausgesetzt auf der Schwelle eines Bauernhauses gefunden; sie war dann als Dorfarme aufgezogen worden und, weil niemand sich ihrer annehmen mochte, war sie vogelfrei im Walde und auf den Feldern groß gewachsen. Man hatte ihr zwar mehrfach Stellen verschafft; als Kind schon hatte sie Kühe gehütet, und als sie im fünfzehnten Jahre stand, hatte eine Bäuerin sie als Kuhmagd gedungen. Aber das hatte sie nicht lange ausgehalten; der junge Bauerssohn hatte ihr nachgestellt, und da war sie eines Tages davongelaufen. Durch die Liese war sie auf die Frauenherberge gebracht worden, und seit der Zeit war sie auch nicht mehr aus dem Betteln, Wanderleben und Umherstreichen herausgekommen. Das Eichhörnchen war sachte an seinem Baume auf der Rückseite herabgeklettert und lauschte unten am Fuße desselben, ob es wagen könne, vorzuhüpfen. Allmählich kam es auf den Moosgrund vorgelaufen, setzte sich aufrecht und knackte die Nüsse. Die Jette hatte ganz vergessen, warum sie hier kauerte und starrte noch immer in den Baumwipfel hinauf, als säße dort das Eichhörnchen. Sie dachte nur an den schmucken Schlosser, der ein so gutes Herz hatte. Sie dachte an all das Schlimme, Abscheuliche und Traurige, was sie bisher auf der Frauenherberge gesehen, wie da Burschen und Mädchen verdarben, und wie sie vor dem gleichen Lose nur durch ihre scheue Natur behütet geblieben, die gleich dem Eichhorn auch selbst immer auf der Flucht war. Wer weiß, was aus ihr werden mußte, wenn sie einmal der Polizei in die Hände fiel! Und nun war der Schlossergeselle gekommen, und sie hatte gesehen, wie manche Bettelfrau und Landstreicherin mit einem ging und sozusagen mit ihm verheiratet war. Der Schlossergeselle wurde gewiß einmal ein Meister, wenn er jetzt auch auf der Walze war; der war von Haus aus gut gestellt, das sah man ihm an. Ach, wenn man doch auch eine Frau Meisterin werden könnte! Immer mehr setzte sich in Jettes Innerem der Gedanke fest, wenn sie sich an den Gesellen anschlösse und es mit ihm hielte, so würde er sie gewiß noch heiraten und zu seiner Frau Meisterin machen. Denn als Meisterin da brauchte sie sich nichts von anderen sagen zu lassen, da war sie freie Herrin und konnte auch in den Wald spazieren gehen, ohne Furcht, daß man sie ins Arbeitshaus brächte; da konnte sie dem guten Hans alles zuliebe thun, was er nur wollte, und wie schön malte sie es sich aus, wie sie für ihn die Haushaltung lernen würde. Die Haushaltung! Der Gedanke fiel ihr schrecklich aufs Herz. Sie wußte, daß sie weder stricken noch nähen, weder ordentlich kochen noch waschen konnte; nichts hatte sie gelernt; gar nichts. Und wie sie sich vorstellte, wie verwickelt z. B. das Stricken war, so bekam sie eine höllische Angst davor, daß sie das wohl niemals mehr lernen wollte. Nein, eigentlich müßte sie eine große Dame sein, die in feinen Kleidern, in zweispännigem Wagen fuhr und gar nichts zu thun brauchte. Und der Hans konnte ja auch eine große Fabrikschlosserei gründen, wo sie nicht nur eine einfache Meisterin, sondern eine reiche Dame ward. Wenn der Hans sie nur mitnahm! Sie wollte mit ihm weiterwandern und walzen, bis er wieder nach Hause käme, und da mußte er dann doch einmal ein Einsehen haben und sie, nach all der Treue, die sie ihm beweisen wollte, zu seiner Frau machen. Schöne Kleider wollte sie dann tragen, und, wenn ein armes Mädel an ihrer Thüre klingelte, um zu betteln, so würde sie ihr alles, was sie nicht mehr tragen mochte, noch wie neu schenken. Die Jette hatte unter diesen Träumen nicht bemerkt, daß auf dem Waldwege hinter ihr ein Forstgehilfe herangekommen war, der sie mit Verwunderung im Moose kauern sah. Er mochte die gute Gelegenheit, die Landstreicherin einmal auf frischer That abzufassen, willkommen heißen, denn er blieb hinter einer Baumgruppe stehen und beobachtete das Mädchen. Wenn ihn aber auch dieses nicht bemerkte, so spitzte doch das Eichhorn plötzlich seine Ohren, stellte den Schwanz steifer und hielt die Nuß, die es eben in seinen zwei Vorderhändchen zusammenklemmte, leise zitternd abwärts geneigt. Plötzlich hatte es den Lauscher erkannt und sprang mit einigen Sätzen, im Bogen auf und abhüpfend, auf den nächsten Baumstamm los. Die Jette, aus ihren Träumen aufgeschreckt, stürzte sich dem Tierchen nach, das sich in die Rinde des Baumes einhing und abwärts mit gedrehtem Köpfchen blickte; sie haschte darnach, und im Augenblicke war das Tierchen in den höchsten Wipfel geeilt, um dort von Ast zu Ast sich zu schwingen, den nächsten Baum zu erreichen und spurlos im dichten Blättergrün zu verschwinden. Die Jette sah wohl, daß sie das Tierchen für immer verscheucht habe und nicht mehr daran denken konnte, es zu fangen. Sie blickte verdrossen in den Wipfel hinauf. Aber sie hatte den Trieb heute, wo sie so eifrig an den guten Schlosser gedacht, wenigstens etwas zu thun, was ihm Freude machen konnte. Sie wollte nicht umkehren, um den Schlafenden am Waldrande, wo sie ihn verlassen, aufzusuchen, ohne ihm irgend etwas mitzubringen. Aus den Baumwipfeln hörte sie unterschiedliches Vogelgezwitscher; eine Meise zirpte ihr spärliches Liedchen, Finken schlugen mit ritterlicher Kühnheit ihre hellen Triller auf und antworteten einander, und von einem der nächsten Buchenbäume sang eine Spottdrossel ihre verwunderten musikalischen Fragen und die ironisch klingenden Erwiderungen, die sie sich selbst darauf gab. Da meinte die Jette, wenn sie dem Hans ein paar Eier mitbrächte, so würde er die gern am Abend roh oder gekocht von der Herbergswirtin essen, und weil sie wegen der Schuhe, die er ihr gekauft, sich so wie so schon in seiner Schuld fühlte, so dachte sie, wenn sie einem Vogel das Nest ausnähme, so wäre das der einfachste Weg, zu guten Eiern zu kommen. Sie besah sich den Baum, in welchem ein brütender Vogel saß, wie sie gemerkt hatte, und bemerkte, daß er in Manneshöhe einen Ast zur Seite herausstreckte, an welchem sie sich aufschwingen konnte. Mit raschem Entschlusse ging sie an den Baum, nahm ihre Röcke zwischen die Beine, faßte aufspringend mit beiden Händen den Ast, stemmte sich mit ihren nackten Zehen gegen den Buchenstamm und schob sich so allmählich mit der Brust auf den Ast hinauf. Während sie dahing und dann auf dem Zweige zum Stehen kam, merkte sie nicht, daß der Forstgehilfe, seines guten Fanges sicher, schnell ihr nachgeschlichen war und in nächster Nähe verborgen stand, um zu sehen, was sie unternehmen werde. Die Jette stieg jetzt, aufrecht stehend, da die Äste näher aneinander aus der Blutbuche herauswuchsen, im Baume in die Höhe, der Vogel flog erschreckt auf und, um bequemer zu steigen, raffte das Mädchen die Röcke bis über die Kniee hinauf. Dicht über sich sah sie jetzt auch das Nest, griff, auf die Zehen sich hebend, mit der Hand hinein und langte ein Ei nach dem anderen heraus, um es in ihren Busen und in das Korsett zu schieben. Sie ging dabei sehr vorsichtig zu Werke, ohne sich im mindesten um das ängstliche Gekreisch des Vogelweibchens und -männchens zu kümmern, die heranfahrend über dem Neste flatterten. Langsam wollte sie wieder von dem Baume herabklettern, als sie sich auf einmal von unten angerufen hörte und jäh erschreckt zusammenfuhr, indem sie sich in einer Astecke zusammenkauerte, ihre Röcke rasch herunterschlug und am ganzen Leibe zitterte. Sie hatte den Forstgehilfen erkannt, sah, daß es kein Leugnen und keinen Ausweg mehr gab, und hockte lautlos da. Der Forstgehilfe rief ihr zu, sie solle sofort die Eier wieder in das Nest legen, herunterkommen und ihm folgen. Mit wildem Weh dachte sie an den Schlosser, der jetzt nichts von den Eiern haben sollte, und an die Aussicht, im Gefängnisse wegen Waldfrevels und Landstreichens sitzen zu müssen, während der heimlich Geliebte vielleicht weiter zog, sodaß sie ihn nie mehr sehen sollte. Angst, Wut und Tücke mischten sich in ihrem Herzen. Sie nahm die Eier wieder aus dem Busen heraus, stellte sich aufrecht, als wolle sie dieselben wieder in das Nest legen und, indem sie den Arm erhob, ließ sie mit Absicht die Eier gleichzeitig ihrer Hand entgleiten, sodaß sie aus der Baumhöhe durch die Äste herabfielen und unten auf dem Boden zerschlugen. Darüber faßte den Gehilfen gesteigerte Entrüstung. Sie mordete die ungeborenen Vögelein, die Landstreicherin, und wenn er einen Augenblick Mitleid gefühlt hatte, so meinte er, jetzt müsse sie doch mitgehen und ihre Strafe absitzen. »Komm herab, du leichtsinnige Dirne, oder ich schieße dich wie eine Krähe herunter,« rief er drohend. Eine Weile saß die Jette da und dachte, er würde wohl nicht Ernst machen. Sie verlor kein Wort, kauerte sich wieder zusammen und wollte es darauf ankommen lassen, einfach im Baume sitzen zu bleiben, bis er weitergehen würde, und wenn die Nacht darüber einbräche. Aber der Forstgehilfe wartete nicht lange, machte Anstalt, sein Gewehr von der Schulter zu nehmen und wiederholte seine Drohung. Da kam sie endlich langsam mit wilden Haaren, da ihr die Zöpfe im Blätterwerke hängen geblieben, blaß vor Angst und mit scheu umherschielenden Augen vom Baume mehr heruntergekrochen, als gestiegen. Unten blieb sie angelehnt am Stamme stehen und suchte einen Augenblick, wo sie entwischen könnte; der Forstgehilfe aber sprang schnell auf sie los, packte sie am Handknöchel, schlang einen kurzen Strick mit einer Schlinge um den Knöchel, schlug sie dann mit geballter Faust auf den Rücken und befahl marsch!, indem er ihr sagte, daß er sie unbarmherzig niederschießen würde, wenn sie nicht gutwillig folgen werde, um in der Stadt auf dem Polizeiamte zur Haft abgeliefert zu werden. Sie sagte noch immer kein Wort und dachte sich nur, der Vogel würde in seinem Leben noch viele Eier legen können, und außerdem gäbe es im Walde noch mehr Reiher und andere Vögel mit eßbaren Eiern. Was brauchte man da wegen ein paar zerbrochener Eier soviel Lärm zu schlagen. Daß man sie hier auf den Rücken schlug, das war doch weit schlimmer und am schlimmsten, was der Hans von ihr denken müßte, wenn sie jetzt spurlos verschwand. Vor dem Gefängnisse oder dem Arbeitshause hatte sie eine entsetzliche Angst, und so ging sie mit halbgelähmten Knieen, mehr gezogen als freiwillig, eine Weile neben dem Gehilfen einher, der sie am kurzen Stricke vorwärts führte. Schon hatte sie jede Hoffnung des Entkommens verloren, als ihr einfiel, daß sie mit List vielleicht doch etwas ausrichten könnte. Sie hatte besondere Angst vor dem Schießen und sann, wie sie vor allem das verhindern könnte. Nun bemerkte sie, daß der Gehilfe das Gewehr an der Seite hängen hatte, an welcher sie selbst ging. Und das konnte ihr vielleicht zur Flucht verhelfen. Sie waren an eine Waldblöße gelangt, welche die Höhe eines Steinbruches bezeichnete. Auf Tod und Leben in den Steinbruch hinunterzuspringen, wenn sie sich losgerissen hatte, das schien ihr der einzig mögliche Weg der Rettung. Aber wie loskommen?! Plötzlich sank sie in die Kniee, indem sie laut zu jammern begann, wie weh ihr der Strick um den Handknöchel thäte. Der Gehilfe neigte sich etwas zu ihr herab, selbst von einem leichten Mitleid erfüllt, denn er hatte mit Absicht den Strick scharf angezogen. In diesem Augenblick fuhr Jette mit beiden Händen auf das Gewehr los, als wollte sie sich daran anklammern, und blitzschnell hatte sie dabei den Hahn gespannt und abgedrückt. Der Schuß ging krachend los und fuhr senkrecht in die Luft, der Gehilfe, erschrocken, ließ Jettes Hand fahren und im Nu war sie aufgesprungen und rannte wie eine Rasende auf den Rand des Steinbruchs los. Der Gehilfe nach, will sein Gewehr anlegen, um einen zweiten Schuß abzugeben, da verschwindet sie plötzlich vor seinen Blicken, denn, als hätte sie die Erde verschluckt, ist sie hinunter in den Bruch gesprungen. Jette hatte mit der Geistesgegenwart der Gefahr sich besonnen, daß der Bruch mehrere Absätze hatte; der erste Sprung war nur zwei Mann hoch; und nun nahm sie die Röcke fest und ließ sich an der Wand hinabgleiten. Als der Gehilfe oben am Rande erschien, konnte sie unten bereits über den Waldweg wegspringen, um im Waldesdickicht zu verschwinden. Rasch blickte sie sich um und lachte in sich hineinkichernd, als sie den Gehilfen oben am Rande stehen und sich umblicken sah, wo er herunterkommen könnte. Jetzt hatte sie Vorsprung genug. Sie merkte nicht, wie ihr auf den Füßen und an den Beinen die Haut aufgeschürft war; sie lief weiter in den Wald hinein, bald rechts, bald links, um von ihrer Spur abzuleiten, bis sie sich nach einer Viertelstunde in Sicherheit glaubte. Da warf sie sich atemlos der Länge lang auf den Leib hin, drückte das Gesicht ins Moos und blieb lange so liegen, als fürchte sie sich umzuschauen und zu sehen, wie man sie rücklings einholte. – Es kam niemand. Lange lag sie so. Der Gehilfe hatte richtig ihre Spur verfehlt, war dann umgekehrt und hatte es für richtiger gehalten, die polizeiliche Anzeige gegen das Mädchen zu machen, damit sie bei der nächsten Razzia, welche die Polizeimannschaft gegen die überhandnehmenden Landstreicher in der Umgegend machen sollte, mit eingefangen würde. Allmählich wagte das wilde Mädchen den Kopf wieder zu erheben und sich umzuschauen. Sie starrte in die Waldestiefen hinein und sagte sich, daß sie von jetzt an wie ein gehetztes Wild leben werde, denn sicher werde sie nun, wie andere, eifrig verfolgt werden, wenn man auch für den Augenblick ihre Spur verloren hatte. Ach, dieses Leben! Elternlos in die Welt ausgesetzt, und nun verfolgt wie die Hirsche beim Treibjagen, bis sie zuletzt doch in das Arbeitshaus mußte! Nicht lange verweilte sie bei diesen Empfindungen. Sie dachte an ihren Schatz, an den Schlossergesellen, und fühlte, wie schrecklich es sein müßte, wenn dieser etwa, wie sie selbst, eingefangen würde wegen Landstreichens und Bettelns, und plötzlich wurde sie von so großer Sorge um ihn erfaßt, daß sie sich aufmachte, um, durch dick und dünn streifend, den Ort wieder zu finden, wo sie den Schlafenden verlassen hatte. Auch fiel ihr ein, daß sie ja die Trittchen, welche der Geselle ihr geschenkt, unter seinem Kopf hatte liegen lassen, und diese Schuhe mußte sie um jeden Preis wieder haben, denn wie der Henning gesagt hatte, war ja eine Frau Ministerin darin gelaufen. Sie glaubte, man würde sie nicht so leicht als Landstreicherin verhaften, wenn sie wenigstens diese Schuhe über den Füßen habe. Der Forstgehilfe war gewiß nur so unliebenswürdig gewesen, weil er sie barfuß erwischt hatte. Sie kannte jeden Weg und Steg im Walde und eilte, durch die Heidelbeerkräuter mit ihren nackten Füßen schlürfend, zwischen den unabsehbaren Fichtenhallen durch, watete durch den forellenklaren Waldbach, stieg die Waldhügel hinan und kroch durch enge Waldschluchten, wo die Hügel dicht aneinander rückten, um auf heimlichen Schleichwegen, wo niemand so leicht sich hinverirrte, wieder nach der Landstraße vorzukommen. Schon sah sie von weitem die Lichtung und den weißen Streifen der Straße sich hinziehen, als sie erschrocken stehen blieb, denn eben brachten sie dort einen Mann am kurzen Stricke vorüber, gerade so, wie sie eben erst vom Forstgehilfen geführt worden war. Es waren aber zwei, die ihn begleiteten, zwei Landpolizisten mit Helm, Seitengewehr und mit der Flinte im Arme. Der Mann, der zwischen ihnen schritt, schimpfte und klagte unwillig. Sie empfand das ganze Unglück mit dem Ärmsten, das darin lag, wie ein wildes Tier gefesselt einhergeführt zu werden, wo man doch mehr Freiheitsbedürfnis hatte als die wohlhabenden Menschen, die unfrei in ihren Zimmern hocken und nur auf den Wegen gehen, die man geebnet hat. Aber die Furcht, selbst noch eingefangen zu werden, wie der Mann dort, ließ sie atemlos stehen bleiben, bis die Männer vorüber waren ohne sie gesehen zu haben. Der Mann, den die zwei Landgendarmen führten, war Weber, der Bergarbeiter. Er fluchte und schimpfte und beklagte sich, daß man ihn beim Fechten abgefaßt habe, trotz seiner guten Papiere, und trotzdem er vergeblich Arbeit gesucht habe. »Was soll man denn machen?! Ist das nicht eine ganz vorsündflutliche Wirtschaft, daß unsereins hier von euch Polizeikerlen einfach seiner natürlichen Freiheit beraubt wird? Arbeit kann man nicht finden; stehlen mag ein anständiger Mensch auch nicht, und wenn man dann sich an das gute Herz seiner Nebenmenschen wendet, um auf offener Straße wenigstens einen Pfennig für den ärgsten Hunger zu haben, dann heißt es, man bettele und wird eingesteckt. Ist denn das eine vernünftige Gesellschaftsordnung, wo einer, der nischt hat, bestraft wird, weil er nischt hat? Wo ist denn euer Christentum hin? Herrje, da möchte man aber doch gleich katholisch werden.« Der Polizist, welcher den Widerspenstigen am Arme führte, gebot ihm Ruhe, sonst werde er auch noch wegen Beamtenbeleidigung und Widerstands abgestraft werden. Er sei beim Betteln oben an der Landstraße betroffen worden, ob er lange oder erst kurze Zeit aus der Arbeit sei, das werde sich ja bei genauerer Prüfung seiner Papiere herausstellen. Einen Tag Haft werde es setzen, und dann könne er ja weiter nach Arbeit suchen, wenn es ihm Ernst damit sei. »Ach, ein Räuberkerl, ein Räuberkerl könnte man ja werden,« jammerte der Unglückliche, »wenn man sich das bedenkt. Zu Hause sitzen Weib und Kinder, man läuft über Land, um die hartherzige Welt um Arbeit, um bloße Arbeit anzuflehen, man würde ja so gern arbeiten. Und wenn sie einem Arbeit geben, dann thun sie, als machten sie einem auch noch ein Geschenk, und wenn sie keine geben, dann zucken sie bloß die Achseln, als wär' man ein Stück von einer Maschine, aber kein lebendiger Mensch. Und da kommt nun der ordentlichste Kerl dazu, auf offener Straße um ein Stück Brod zu bitten, und da sperrt ihr ihn ein, als wär' das ein Verbrechen, wo doch geschrieben steht, bittet, so wird euch gegeben. Na, Ihnen, meine Herren, will ich weiter keinen Vorwurf machen, Sie sind eben die ausführenden Organe einer verkehrten Weltanschauung und blinde Werkzeuge. Aber das sage ich Ihnen, an Ihrer Stelle würde ich mir schämen, weiter nischt, als ein blindes Werkzeug in der Hand der Gerechtigkeit zu sein!« Er fuhr fort, den Beamten vorzuhalten, was sie doch eigentlich für arme, bedauernswerte Kreaturen seien, daß sie ihn, einen freien Arbeiter, im Auftrag höherer Gewalten am Stricke einherführen müßten, und seine Reden waren förmliche parlamentarische Abhandlungen, wie er sie in den Arbeiterversammlungen der Kohlenwerke zu entwickeln pflegte. Die Beamten ließen ihn reden, und bald waren sie auf der Landstraße außer den Gesichtskreis der Jette gekommen. Als sie die Straße frei sah, kam sie endlich vor und schlich am Waldesrand, vorsichtig umherlugend, ob kein Forstgehilfe sich zeige, die Straße entlang, bis sie an die Stelle kam, wo sie Hans verlassen hatte. Mit Bangen sah sie, daß der Platz, wo er gelegen, leer war. Das Gras und die Blumen waren noch niedergedrückt an der Stelle seines Lagers, und seitwärts hinter dem Gebüsch lagen auch ihre Schuhe verstreut. Da setzte sie sich eine Weile, um auszuruhen, auf die niedergedrückten Grashalme und dachte sich, sie säße in seinem Schoße, weil er doch hier seine Spur hinterlassen hatte, der fremde Schlossergesell. Sie zog die Schuhe an und war zufrieden, daß wenigstens etwas von ihm immer bei ihr war. Sie hatte eine Weile so gesessen, als Wesel wieder aus dem Walde herausgeschlichen kam. Als er nämlich von weitem den verhafteten Kohlenarbeiter mit den Polizisten die Höhe der Straße herabkommen sah, hatte er sich sachte von seiner Arbeit weggemacht und war in den Wald gegangen, um den Vorübergehenden aus dem Wege zu sein. »Na,« meinte er bei sich, »da wird der Mann nun ja noch viel mehr einbringen, wenn sie ihn schon so schnell einstecken. Ist er wieder aus der Haft, wird er, wie viele andere vollends in die Walzerei geraten und erst recht nicht mehr arbeiten wollen; na, und von dem, was er dann einnimmt, fallen ja auch meine Prozentchen ab.« Als Jette durch den Steinhauer erfuhr, daß der fremde Schlossergeselle schon lange aufgebrochen war, um irgend etwas zu suchen, und wahrscheinlich nach der Penne gegangen sei, machte sie sich auf, um Hans Finke dort zu begegnen. Sie hatte ja doch nichts anderes zu thun, als ihrer heimlichen Liebe nachzugehen, und sie ließ sich willenlos von diesem neuen, bisher unbekannten Gefühle treiben, um ihrer Einbildung nachzuirren. Während dieser Ereignisse war Leberecht, der Studiosus, der vormittags nach Neustadt hinübergeschlendert war, mit großen Plänen für seine Zukunft beschäftigt. Die Bekanntschaft mit Hans Finke, dem »Landtagsabgeordneten«, vom vergangenen Tage hatte ihn daran erinnert, daß er noch vor einem Jahre ein gebildetes Mitglied der menschlichen Gesellschaft gewesen war, und das ganze Elend seiner verkommenen Lage war ihm wieder zum Bewußtsein gekommen. Plötzlich hatte er den Entschluß gefaßt sich aufzuraffen und sich wieder herauszuarbeiten. Auf dem Wege nach der Stadt erwog er mehrere Pläne. Er wollte einen Bücherkolportagehandel begründen; wollte in die Buchhandlungen gehen und sich als Bücherausträger anwerben lassen, um in den Gastwirtschaften neue Bücher, Zeitungen, Flugschriften und dergleichen auszubieten. Vielleicht konnte er sich dabei soviel ersparen, um damit selber einmal eine kleine Buchhandlung zu begründen. Dann wieder meinte er, er könne Sprachunterricht und Nachhilfestunden an die Gymnasiasten erteilen in der Stadt. Er nahm sich vor, im Amtsblatt eine Zeitungsanzeige aufzugeben, wonach ein wissenschaftlich gebildeter Mann Unterricht zu erteilen wünsche. Auf alle Fälle wollte er sich aus dem Pennenleben losreißen und sich in einem Gasthof in der Stadt einmieten. Er überzählte seine Barschaft und sah, daß er noch ungefähr eine Mark besaß, darunter ein ganzes Zehnpfennigstück; das andere waren gegen sechzig einzelne Pfennige und Zweipfennigstücke, seine Einnahmen von den letzten Dorfwanderungen und Straßenbetteleien. In Neustadt angekommen, ging er auch schnurstracks am Markte in den »goldenen Schwan«, einen bürgerlichen Gasthof, ließ sich ein Zimmer geben und erklärte auf die etwas mißtrauischen Blicke des Oberkellners, er sei Student, auf einer Fußwanderung begriffen, daher in seinem Äußeren etwas vernachlässigt; aber seine Koffer würden bald nachkommen, und da werde er sich wieder in Ordnung bringen. Er bediente sich einer sehr gebildeten Sprache und erreichte es, daß man ihm ein hübsches Schlafzimmer im dritten Stock anbot. Er frug nach dem Preis. Als er hörte, das Zimmer koste eine Mark fünfzig Pfennige für eine Nacht, trat ihm leichter Schweiß auf die Stirn in Anbetracht seiner geringen Barschaft. Als er allein in dem Zimmer saß, fragte er sich, wie er zu den übrigen fünfzig Pfennigen kommen sollte. Nach längerem Sinnen fand er, das einfachste wäre, er machte sich auf und bettelte sich das Geld zusammen. »Es ist zwar schon ein Rückfall!« dachte er bekümmert, aber der einzig mögliche Weg zu Gelde zu kommen, ohne zu stehlen. Jedenfalls durfte er nicht mehr in der Penne schlafen, wenn er sich herausreißen wollte. Man mußte jetzt tüchtig in der Stadt herumfechten, bis man auf diese Weise eine gute Wohnung im Hotel bezahlen konnte. Dadurch hatte man Kredit, man konnte zu einem Schneider gehen und sich einen besseren Anzug leihweise verschaffen. Und dann konnte man auftreten. Als er aber die Sache näher überlegte, fiel ihm auf die Dauer die Unausführbarkeit dieser Pläne ein. Nein, lieber gleich wieder weg hier. Er schlich sich behutsam auf der Gasthoftreppe herab und verließ das Haus, um nie wieder zurückzukehren. Er begann sich in die besseren Stadtviertel zu begeben, die Treppen hinaufzusteigen in den Häusern und zwar dabei im obersten Stockwerk zuerst zu klingeln. Drei Stockwerk hoch klingelte er schüchtern und sagte nur: »Entschuldigen Sie, ein armer Reisender«, als sich die Thüre öffnete. Die Thüre schloß sich wieder, und nach einer Weile wurde sie ein wenig aufgethan, eine Hand fuhr heraus und legte ihm einen Pfennig in die Hand. »Ach,« dachte er, »wie viele Pfennige brauche ich noch, um mich wieder auf eigene Füße stellen zu können.« Im ersten Stockwerk wohnte ein Gymnasialprofessor. Leberecht hatte das auf der Penne erfahren. Der Mann galt als ein sehr gütiger und mitleidiger Herr bei allen Kunden; das Haus überhaupt als eine dufte Winde. Er klingelte und frug die öffnende Küchenfee: »Ist der Herr Professor zu sprechen. Bitte, mich zu melden. Studiosus Philologiae Max Leber in einer wissenschaftlichen Angelegenheit.« Er wurde in ein kleines Empfangszimmer geführt, mußte ein Weilchen warten, und als der Professor, ein würdiger alter Herr erschien, stellte er sich vor. »Ich komme in einer wissenschaftlichen Angelegenheit, Herr Professor. Ich möchte mir zunächst die Frage gestatten, ob Sie mir nicht talentvolle, zurückgebliebene Schüler für Nachhilfeunterricht zuweisen könnten. Ich muß Ihnen das Geständnis machen, daß ich durch mißliche Lebensverhältnisse in die Notwendigkeit versetzt bin, Unterricht zu geben; ich hege die Absicht, mich hier niederzulassen, und wohne einstweilen im »goldenen Schwan«. Der Professor betrachtete sich unter der Brille mit seitwärts geneigtem Haupt den seltsamen Studiosen. Die Hiebschmarren im Gesicht ließen keinen Zweifel daran, daß man es mit einem wirklichen Musensohn zu thun hatte, der augenscheinlich in sehr betrübenden Verhältnissen lebte. »Leider«, meinte der Professor, »ist zur Zeit gar keine Aussicht. In unserem Städtchen ist der ganze Nachhilfeunterricht schon in festen Händen. Vielleicht wäre es besser, Sie begeben sich in eine größere Stadt.« »Verzeihen, Herr Professor«, entgegnete Leberecht, »Sie glauben nicht, was für eine Überfüllung auch in Berlin, Leipzig und Dresden mit Privatstundengebern herrscht. Man giebt dort Stunden zu fünfzig Pfennigen das Stück. Und außerdem, ich muß es zu meiner Beschämung gestehen, hätte ich nicht einmal das Reisegeld, um nach Berlin zu kommen. Ich kann mit Scheffel sagen: ›Pfarrherr, du kühler, öffne dein Thor. Fahrende Schüler stehen davor.‹« Der Professor war ein großer Freund Scheffels, und das Citat stimmte ihn zutraulich. Er sagte: »Ja, womit könnte ich Ihnen dienen, mein Lieber.« Leberecht sah die guten Augen das gute Herz des Mannes aussprechen und meinte: »Herr Professor, wenn Sie mir versichern, daß ich hier wirklich keinen Privatunterricht finde – ich könnte sowohl Griechisch wie Lateinisch, auch in sozialwissenschaftlichem Unterricht Nachhilfe erteilen – so würden sie mich verpflichten, wenn Sie mir in spem melioris fortunae die Reisemittel nach Berlin vorschießen könnten. Ich wage diese Bitte nur zu stellen in Anbetracht der gemeinsamen klassischen Bildung, welche ja auf allen Erdteilen die gelehrten Geister bindet.« Der Professor dachte daran, wie man einst auch ihm auf der Universität in spem melioris fortunae die Kollegiengelder gestundet, Stipendien gewährt und ihm weiter geholfen hatte. Es drängte ihn, dem jungen Manne zu nützen, der, man sah es ihm ja an, entschieden bedürftig war. Er ging ins Nebenzimmer an seinen Schreibtisch und nahm mit einem Gefühle, in dem sich Rührung über eine gute That mischte mit stillem Schmerze, sich von seinem sauer ersparten Gelde trennen zu müssen, ein Zehnmarkstück aus seiner Kasse. Fast schüchtern und beschämt brachte er es dem Studiosus herein und sagte: »Wenn ich Ihnen vielleicht mit zehn Mark dienen könnte, so würde es für die Fahrt nach Berlin reichen? Meinen Sie nicht, Herr Kandidat?!« »O sicher, sicher,« meinte Leberecht, selber stark gerührt über die Güte des hilfreichen Mannes. Als er ihm dankend die Hand drückte und Gottes Segen auf alle wissenschaftlichen Arbeiten des Professors herabwünschte, gelobte er sich im stillen, nun aber auch ohne Rückfall sich aus der Fechterei herauszumachen, sofort nach Berlin zu fahren und zu versuchen, ob er dort etwas anfangen könnte mit Unterricht oder litterarischer Arbeit. »Vielleicht könnten der Herr Professor mir einige Empfehlungen geben an Kollegen und Freunde in Berlin?!« »Gewiß, gewiß, mit Vergnügen,« meinte der Mann. Er schrieb einige Visitenkarten zur Empfehlung und lud zuguterletzt, da er gerade speisen wollte, den Studiosus zum Mittagessen ein. Leberecht blickte verschämt auf seinen Rock, seinen Anzug herab. Unwillkürlich verfiel er in die Kundensprache und meinte: »Herr Professor, ich kann kaum wagen, in Anbetracht der Kluft, die ich anhabe –.« Er merkte, daß der Gelehrte ihn nicht verstand. »Mein Rock, wenn ich mich so ausdrücken darf – ich wage kaum vor der Frau Gemahlin zu erscheinen, auch würde ich so mich kaum in Berlin vorstellen können –.« Der Professor betrachtete sinnend und bedenklich das Haupt schüttelnd den Rock. »Es ist wahr,« meinte er. »Hören Sie, mein verehrter Freund, da fällt mir ein, daß ich noch einen ganz hübschen Rock habe, aber ich wage kaum –« »O bitte, bitte, – ich müßte es mir ja zur größten Ehre schätzen, ein Kleid zu tragen, das Sie, Herr Professor – ich bin das –« er wollte sagen »gewöhnt«, unterdrückte aber glücklich das Wort und sagte statt dessen: »Schon Diomedes tauschte ja wohl mit Glaukos die Rüstung, wie Homer berichtet, warum sollten daher nicht auch Gastfreunde in unseren Tagen nehmen, was der andere getragen?!« Als er den Professor hierüber gelehrt lächeln sah, wurde er kühner und citierte auf griechisch die berühmte Homerstelle: »Doch den Glaukos erregete Zeus, daß er ohne Besinnung Gegen den Held Diomedes die Rüstungen, goldne mit ehrnen Wechselte, hundert Farren sie wert, neun Farren die andre.« Damit hatte er sich gänzlich das Herz des Professors gewonnen. Dieser rief das Dienstmädchen, der Rock wurde gebracht, angezogen, und wenn er auch etwas engbrüstig saß, so konnte man doch mit Anstand im Speisezimmer erscheinen. Das Dienstmädchen nahm den alten Rock Leberechts, um ihn in den Korridor zu hängen, und machte dabei eine schreckliche Entdeckung, von der sie aber respektvoll schwieg, da der Herr Kandidat ja mit zu Tische speiste. Der Rock wimmelte geradezu von einer Art von zoologischen Wesen, deren Dasein sich an dem Studiosus auch dadurch verriet, daß er sich, bei Tische sitzend, sehr oft in den Haaren kratzte. Der Professor hielt das für eine gelehrte Angewohnheit, während Leberecht schwere Sorgen hegte, daß etwa eine der Ursachen dieser Handlungsweise über das weiße Tischtuch laufen könnte. Man unterhielt sich übrigens ausgezeichnet, und nachdem man gespeist hatte, empfahl sich Leberecht mit den besten Vorsätzen, machte seinen Kratzfuß vor der Frau Professorin und ging in den Korridor. Rasch und verstohlen zog er hier seinen alten Rock über den neuen, um nicht genötigt zu sein, den Rock über den Arm zu nehmen. Er hatte erst den alten Rock hängen lassen wollen, aber ein unsagbar vornehmer Blick des Dienstmädchens veranlaßte ihn, das Ding doch mitzunehmen, welches die sämtlichen Kleider des Professors anstecken konnte. Mit einer herablassenden Gebärde drückte er dem Mädchen fünfzig Pfennige, lauter einzelne Kupferstücke, in die Hand beim Fortgehen, denn er besann sich, daß die ordentlichen Menschen das zu thun pflegen, wo sie zu Gaste gewesen sind. Als er unten auf die Straße trat, bare zehn Mark und außerdem die empfehlenden Visitenkarten des Professors in der Tasche, kämpfte er einen schweren Kampf. Er sagte sich, daß er, wenn er schlau war, jetzt sofort nach Berlin fahren konnte, um dort die Freunde des Professors aufzusuchen und auf Grund der Visitenkarten nicht nur zehn Mark, sondern wohl auch größere Summen zu leihen, mit denen er dann auf Nimmerwiedersehen verschwinden konnte, um vielleicht einmal in Süddeutschland zu walzen und dort das Herbergenleben kennen zu lernen. Aber er besann sich, daß er ein ordentlicher Mensch werden wollte, und verwünschte daher seinen Einfall. Lieber wollte er einen seiner Röcke zu Gelde machen, um dadurch noch mehr Barschaft zu erringen. Nach Berlin zu reisen, um Unterricht zu geben, schien doch zu aussichtslos. Fünfzig Pfennige, höchstens eine Mark für die Stunde! Nein, das war zu anstrengend. Außerdem mußten die Schüler es ja riechen, wenn er Schnaps getrunken hatte. Nein, ihm kam eine andere Idee. Eine Antiquariatshandlung wollte er beginnen und zwar als Amerikaner, als self made man, ein selbstgemachter Mann. Im kleinen wollte er anfangen, um als ein Vanderbilt an Reichtum zu enden. Er ging in die nächste Straße zu einem alten Kleidertrödler und bot seinen Rock zum Verkauf. Der Alte hatte ihn kaum angesehen, so warf er ihn vor die Thüre. Leberecht wußte warum. »Na, denn koofen Se den andren,« sagte er etwas grob. »Der ist noch ohne Bienen, in dem ich hier eingepuppt bin.« Er zog den Rock des Professors aus; der Alte musterte ihn vorsichtig, und man wurde um vier Mark handelseinig. Leberecht zog den alten Rock, den er von der Thürschwelle aufhob, wieder an und ging weiter, um den Anfang für die Begründung seines Kolportageantiquariats zu machen. Einige Straßen weiter wohnte ein Antiquariatsbuchhändler, ein alter weißhaariger Mann, der in einem niedrigen Laden große Massen gebrauchter Bücher aufgestapelt hatte, zwischen denen er wie in einer Höhle saß, während er aus einem Topfe sein Mittagessen und seinen Kaffee zu genießen pflegte. Den wollte Leberecht zunächst einmal auskaufen. Hier konnte er billige Bücher haben, und er malte sich aus, wie er dieselben auf dem Lande hausierend zu höheren Preisen verkaufen wollte. Es war auf alle Fälle ein Geschäft, welches seinem Bildungsstande entsprach, und mußte, wenn er nur die rechte Waare brachte, ein gutes werden. An Dienstmädchen konnte er Romane verkaufen, an Bauern alte Kalender, ja, er konnte sogar aus eigener Kraft für die Verbreitung guter Schriften sorgen. Diese Idee erfaßte ihn besonders. Massenverbreitung guter Schriften im Volke! Den Ungebildeten eine edlere geistige Kost zuführen und sich so sozialpolitisch nützlich zu machen. Große Idee! Ein Projekt, das sich unendlich ausbauen ließ! Geistig müßten die Bauern, die Dienstmädchen und Hausknechte geläutert werden durch antiquarischen Kolportagehandel. Er trat in die Handlung ein und kaufte zunächst ein paar billige Räuberromane und Kolportagegeschichten, Kalender und dergleichen, die ihn nur einige Neugroschen kosteten. Er berechnete, daß er sie auf der Penne oder an reisende Handwerksburschen mit 100% Gewinn verkaufen konnte. Kundenreiselektüre! Das sollte die große neue Entdeckung werden, die ihn zum reichen Manne machte. Indem er weiter in den Büchern kramte, fielen ihm bessere Schriften in die Hände; viele alte Reklambändchen, u. a. Kants »Kritik der reinen Vernunft«, »Die Frau« von John Stuart Mill, Stirners »Der Einzige und sein Eigentum«. Er begann zu blättern, und da er so lange jede strengere geistige Beschäftigung vermißt hatte, setzte er sich in einen Stuhl und machte sich daran, mit einem wahren Heißhunger draufloszulesen. Alle die alten philosophischen Begriffe wurden wieder lebendig; er nahm die »Kritik der reinen Vernunft« und las sich zur Erholung tief in die transzendentale Ästhetik hinein. Er hatte ein paar Kapitel gelesen, als er sich besann, daß er eigentlich zum Kaufen hier war, und kramte weiter. Da fesselte ihn auf einmal ein altes Exemplar von Spinozas »Ethik«; er fing auch da an zu lesen und wollte es sich schon wieder bequem machen, als der Alte ihn darauf aufmerksam machte, sein Antiquariat sei kein Lesezimmer, und wenn er ihm hier die Bücher einfach vor der Nase weglesen wollte, so würde er ja lebendig verhungern können. Leberecht griff großartig in die Tasche, legte sein Zehnmarkstück auf den Tisch und kaufte für vierzig Pfennige die »Kritik der reinen Vernunft« und Spinozas »Ethik« für eine Mark, nicht ohne darüber nachzudenken, daß es den Gedanken großer Männer im Grunde doch auch nicht besser gehe als den Kleidern, die sie auf dem Leibe tragen; je älter sie würden, zu desto billigeren Preisen schlage man sie los. Da der Alte seiner Lesewut keine Nahrung mehr geben wollte, indem er die Bücher ungelesen kaufen sollte, so begann er von neuem in den Bücherstößen zu kramen, sich die ledernen und papierenen Rücken zu beschauen und auszuwählen, was ihn besonders interessierte. Er kaufte Sudermanns »Ehre«, ein paar alte zerflederte Bände von Zola und Ibsen, dazu Tolstois »Kreuzersonate« und einige neuere soziale Schriften: Bellamys »Rückblick aus dem Jahre 2000«, Hertzkas »Freiland«, Bebels »Die Frau«, alles Schriften, worin seine besser situierten Zeitgenossen ihre Unzufriedenheit mit bestehenden Verhältnissen und ihre Träume und Hoffnungen von einem neuen Zukunftsstaat auseinandersetzten, einem Staat, von dem auch er gern träumte, wenn er auf der Penne von den Wurstzipfeln und Brodschnitten lebte, die er bei Schlächtern und Bäckern zusammengebettelt hatte. Er freute sich ungeheuer darauf, alle diese Bücher zu lesen, und weil er noch einiges Geld übrig hatte, so kaufte er auch noch die »Philosophie des Schönen« von Eduard v. Hartman«, welche in vielen, zerlesenen einzelnen Heften dalag und in welcher er seinem Schönheitsbedürfnis in stillen Stunden neue Nahrung zuzuführen hoffte. Nachdem er bezahlt hatte, setzte er sich wieder hin, um zu schmökern, denn jetzt konnte der Alte doch nichts dawider haben. Er las Sudermanns »Ehre« in einem Atem durch und merkte nicht, wie der Spätnachmittag darüber herankam. Das Buch gefiel ihm außerordentlich. Endlich ein vernünftiger Schriftsteller, der einem einmal klar machte, daß mit der sogenannten »Ehre« der ordentlichen Menschen nicht viel los sei. Er war ganz aufgeregt über das Buch, denn eigentlich hatte der Verfasser doch nur ausgesprochen, was er und Hasenklau so oft auf der Penne beim Schnaps erörtert hatten. Er meinte, er sei ein Glückskind, daß ihm gerade dieses Buch in die Hand gefallen sei, denn er würde es sicher mit gutem Gewinn bei anderen Fechtbrüdern losschlagen können. Schade, daß der Alte nicht mehr Exemplare hatte. Leberecht besann sich aber zugleich, daß er selbst jetzt Buchhändler war und überlegte, was zu thun sei. Er wollte gegen Abend in die Gasthöfe der Stadt gehen und seine Bücher feilbieten. Um Anpreisungen wollte er nicht verlegen sein; er rechnete einen Gewinn von mindestens zwanzig Mark heraus, denn er wollte die Bierphilister nicht schlecht verkohlen. Was er nicht sogleich verkaufte, könnte er unterdessen selber lesen und der Ersparnis halber konnte er ja zunächst diese Nacht in der »Herberge zur Heimat« hier in der Stadt schlafen, wo es anständiger zuging, als draußen auf der Landpenne. Um die Bücher besser zu tragen, die zu einem hübschen Stoße angewachsen waren, ließ er sich von dem Antiquar einen alten Leinensack schenken. Mit dem belud er sich, nachdem die Bücher hineingestopft waren und marschierte drauf los, um also das neue Leben zu beginnen. Er war erst um die zweite Straßenecke gebogen, als er aus einem Hausflur einen heftigen, mit unterdrückten Stimmen geführten Streit vernahm. Er blickte hinein in den Flur und sah dort Bill Will, den Kunstreiter, und Sorger, den Kellner, beide mit einem Charlottenburger auf dem Rücken, stehen, mit einer Umhängetasche. Er hörte bloß das Wort Sorgers: »Det jeht nich, die Straße hier ist mein Revier, und wenn de mir noch länger die Fahrt verderben willst, denn werde ick dir einfach den Schucker auf den Hals hetzen!« »Aha!« dachte Leberecht und freute sich, daß er einem Leben entronnen war, in welchem solche Konkurrenzkämpfe um das liebe tägliche Brot stattfanden. Er beschleunigte seine Schritte, um hier fortzukommen und nichts von armen Reisenden und Walzern mehr zu sehen. Im nächsten Gasthofe wollte er seine Schriften ausbieten. Was Sudermanns »Ehre« anlangt, so hoffte er die bei guter Gelegenheit an Hasenklau loszuschlagen mit fünfzig Prozent Gewinn, denn Hasenklau würde das Buch besonders gefallen. – Sorger und Bill Will stritten unterdessen im Hausflur heftig weiter. »Ich werde doch wohl das öffentliche Mitleid in Anspruch nehmen können, wo mir's beliebt«, meinte Bill Will im breiten sächsischen Tone singend; die Luft ist für alle Menschen da und die anständige Gesellschaft ooch. Denkst du denn, der Fleischerladen da drüben ist für dich alleene da? Keen Mensch kann mir wehren, wo ich will, daß man sich über mich erbarmt.« »Aber ick werde dir det Jeschäft verderben,« erwiderte Sorger erbost, »das ist 'ne ganz niederträchtige Konkurrenz, die du mir machst. Ich trete hier ganz ahnungslos in diese dufte Winde herin, und da kommst du hier die Treppe herunter gestiegen, als wäre das nur so. Mir ist ein Licht ufjegangen. Die ganze Strehle Straße. haben mir se nischt gegeben, weil eben erst einer dajewesen ist, und ich habe doch heute ein Kohldampfschieben Hunger. wie nie, weil ich jar keene Miete eingenommen habe. Nu ist alles klar. Du hast mir eben mein Revier abgeklopft und verdienst, dat ich dir sofort wegen Landbettelei an den nächsten Blitzableiter Polizist. verpfeife!« verrate. Bill Will wollte durchaus nicht einsehen, daß er nicht betteln durfte, wo er wollte; er sagte: »Und außerdem, woher soll ich denn wissen, daß das dein Revier ist?« »Nu, det sieht doch jedes Kind, daß das mein Revier ist. Da oben, da steht ja die alte Schmeichelwinde, Kirche. und gegenüber im Haus, da wohnt der Gallach, Pfarrer. und det merkst de dir ein für allemal: Wo der Gallach und der Schallers Karl Lehrer. wohnen, det ist allemal mein Revier, mag's nun 'n Kaff Dorf. oder ein Mochum Stadt. sind. Die Häuser da herum bis auf eine viertel Stunde det ist allemal mein Gebiet; da steige ich los, und wer mir dazwischen kommt, der ist mein Feind.« »Und ich werde mich den Deifel drum kimmern, ob du dir allemal die fettesten Gegenden aussuchst, wo der Pfarrer und die guten Leute wohnen. Das Revier hier ist meine; ich bin zuerst dagewesen und habe zuerst Besitz davon ergriffen, und wenn's ganz Ostafrika mit Angra Pequeña und Kamerun wäre, wer zuerst kommt, mahlt zuerst.« Bill Will rief das lauter und heftig erbost aus. Sorger hatte nicht übel Lust, ihm mit seinem Knotenstock einen Hieb über den Kopf zu geben, mäßigte sich aber und versuchte mit vernünftigen Gründen dem zähen Sachsen beizukommen, indem er sagte: »Na, siehste das denn nicht ein, Sachse, daß det einfach nicht jeht in der menschlichen Gesellschaft, daß einer dem anderen sein Geschäft stört. Wenn du etwa meinst, det Fechten, det wär 'ne vogelfreie Sache, denn irrst du dir. Det Fechten ist ein menschlicher Berufszweig wie andere Berufszweige, bloß daß viel mehr Verstand, Geistesgegenwart, moralischer Mut und Überredungsgabe als auch dichterische Einbildungskraft dazu gehört, als wenn eener etwa weiter nischt thut, als Coupons schneiden und was sonst die Leute thun, die in Winden wohnen. Det Fechten ist eine ganz geregelte Sache, denn wo der eene ficht, da kann der andre nicht auch fechten, denn jeder Mensch kriegt det Schenken satt, wenn gleich zu viele hintereinander kommen. Darum muß unter anständigen Fechtern, die noch auf ihre Ehre halten, eine ordentliche Organisation sein, und wer die anerkennt, na, dem sagt man wohl auch, wo gute Winden in einer andren Gegend sind und schickt einander hin, wo man früher gut aufgenommen worden ist, und Sachse, wenn de Ehre hast, denn gehst de mir hier aus dem Wege und gehst in das Stadtviertel um den Markt, wo auch noch gute Gegend ist. Wenn du Ehre hast!« Er betonte diese Worte besonders. Bill Will aber sah das alles nicht ein; er war ja noch nicht »armer Reisender« von Beruf wie Sorger, er war nur ein armer Kunstreiter in schwerer augenblicklicher Not und konnte sich daher auch nicht zur Anerkennung einer Organisation bekennen, die ihm keineswegs ehrenhaft erschien. Aus Not zu betteln, wie er selbst that, war natürlich; aber wie Sorger einen menschlichen Berufszweig daraus zu machen, schien ihm noch nicht als eine achtbare Thätigkeit. »Und ich bleiwe einfach, wo ich bleiwe« sagte er mit eigensinnig gekränkter Stimme »und nu laß mich in Frieden, denn ich will jetzt gegenüber in Nr. 36.« Sorger überschüttete ihn nunmehr mit einer Flut von Schimpfworten, da er aber sah, daß es bei dem zähen Sachsen nichts half, ging er endlich aus dem Flur hinaus und warf dem Kunstreiter die Thüre dröhnend vor der Nase zu. Er war so geärgert über die unerlaubte Geschäftsstörung, daß er heute überhaupt nicht mehr fechten mochte. Er machte sich aus der Stadt heraus, um in der Nähe von Erdmannsdorf die Liese aufzusuchen, mit der er sich verabredet hatte, um wegen der Jette etwas zu besprechen. Die Liese würde ihn ja wohl auch wieder herausfüttern, denn er hatte großen Hunger, da er heute fast gar nichts eingenommen hatte. – Die Liese hatte heute Mittag recht gut gegessen. Sie war früh morgens von der Schicksenpenne ausgerückt und hatte sich nördlich gegen Erdmannsdorf zugewendet, wo die Bauern vereinzelt auf den Feldern arbeiteten, mit angespannten Gäulen lange Furchen in den Acker zogen, säeten und eggten. Sie wollte diese Gegend kennen lernen und die hinter Erdmannsdorf liegenden Dörfer auskundschaften auf ihre Erträglichkeit, denn sie hatte es dringend nötig eine andere Gegend zu suchen, da sie in Dommelsdorf, Ztietschewig und Umgebung schon zu sehr bekannt war. Zwei Stunden war sie des Morgens mit ihren Kindern, die Handkarre nachziehend, gefahren und sah noch nicht ab, wie sie heute zu Mittag essen sollten. Als sie aber in eine einsamere Gegend kam, wo weniger Bauern zu sehen waren, brachte sie ein Stückchen zur Ausführung, das ihr auch anderweit schon gelungen war. Sie sah nämlich hinter einem Hügel einen Bauern zeitweilig mit Roß und Pflug heraufkommen und am Horizont hinschreiten, um dann wieder zu verschwinden jenseits des Hügels. Da weit und breit kein Dorf, außer Erdmannsdorf, zu sehen war, so beschloß sie den Verbindungsweg zwischen dem Dorfe und dem fernen Hügel zu belagern und richtete sich mit berechnender Kriegskunst ein. Wo der Weg in den Busch ging, fuhr sie mit ihrem Wagen hin, lagerte sich im Busch unweit der Straße, hieß ihre Kinder, den Fritz und die Grete, mäuschenstille sein und wiegte ihren Jüngsten, das Wickelkind, ein, bis er entschlafen war. Gegen ein halb zwölf Uhr sah sie, ihrer Erwartung gemäß, ein Kind mit einem Korbe daherkommen. Sie schloß, daß es das Bauerntöchterchen sein mochte, das über Land ging, um dem Vater hinter dem Hügel das Mittagessen zu bringen. Sogleich band die Liese ihr Kopftuch fester um den Hals, ließ den Zipfel tief in die Stirn hereinhängen und ging dem Kinde entgegen. »Wie heißt du denn?!« frug sie das Kind barsch und herrisch. »Und wo willst du denn hin?!« Das Mädchen hielt verschüchtert inne, schaute mit ängstlichen Augen die fremde Frau an, nannte seinen Namen und sagte, es ginge zum Vater, um ihm sein Essen zu bringen. »Was habt ihr denn heute?!« frug die Liese, indem sie den Korbdeckel hob und hineinblickte. Da war frisches, gekochtes Rindfleisch mit Gräupchen zu sehen. Liese war von dem Anblick befriedigt. Dann nahm sie plötzlich eine gestrenge Miene an, hob den Topf mit dem Essen heraus und sagte: »Ei, du meschantes, schlechtes Kind, was hast du denn mit dem Essen gemacht? Du hast ja Schmutz hineingestreut, das kann ja dein Vater gar nicht mehr essen! Und Haare schwimmen auch darin, pfui Teufel, was wird deine Mutter sagen!« Das Kind erschrak und erhob sich auf den Zehen, um in den Topf hineinzublicken, aber die Liese hielt ihn zu hoch, sodaß die Kleine nichts sehen konnte. »Pfui Kuckuck,« fuhr die Liese fort, »da hast du ja auch Unrat hineingethan, gewiß hast du den Topf auf der Straße fallen lassen und dann wieder hineingelöffelt und allen Straßenschmutz mit hineingeschüttet?« Das Kind weinte und versicherte, daß es den Topf nicht verschüttet habe, die Liese holte aber unter ihrer Schürze einen eigenen Topf vor, goß das ganze Essen aus in ihren Topf, gab dem Kinde einen Schlag und sagte, indem sie den geleerten Topf wieder in den Korb setzte: »Gleich gehst du nach Hause, du unartiges Kind, und sagst deiner Mutter, was du gemacht hast. Wie kannst du denn deinem Vater solches schlechtes Essen bringen. Es ist nur schade um das liebe Gut; sei froh, daß ich's wenigstens noch nehme in meiner Not. Marsch! Nach Hause.« Sie schlug das Kind nochmals und stieg zu ihrer Brut in den Wald zurück. Die Kleine stand lange weinend auf der Straße und kehrte dann heim, um zu Hause der Bäuerin eine verworrene Geschichte von einer wilden Frau zu erzählen, die ihr das Essen abgenommen habe, weil es zu schlecht für den Vater gewesen sei. Der Bauer aber wartete heute vergeblich auf sein Mittagessen. Unterdessen hat die Liese sich seitwärts tiefer in den Busch verzogen und mit ihren drei Kindern den ganzen Topf mit Gräupchen und Rindfleisch ausgelöffelt. Und dabei hat sie vor ihren Kindern fortwährend über das unartige Kind gezankt, das gewiß noch einmal in die Hölle kommen werde, weil es das Essen im Dorfe gestohlen habe. Darum habe man es ihm wegnehmen müssen. Gegen Abend trafen Sorger und Liese in der verlassenen Scheune eines einsamen Bauerngutes zusammen, um die Angelegenheit wegen der Jette Fremder zu besprechen. Sorger hatte großen Hunger, die Liese konnte ihm aber nur ein paar Stücke Brod geben, da sie vielmehr darauf gerechnet hatte, sie würde ihm etwas »Fettigkeit« um billige Pfennige abkaufen können. Während Sorger im Heu der Scheune lag und das Brod kaute, Fritzel draußen Wache hielt, daß man sie nicht überraschte und die Liese ihr Wickelkind, hinter einem Heuballen hockend, wiegte, begann Sorger: »Hast du es denn schon jemerkt, Liese, daß die Jette es auf den Katzenkopp, den Finke, abjesehen hat. Kies hat er genug, das muß wahr sein, ick habe zu meiner Kellnerzeit nicht einmal so viel baares Geld zusammen gehabt und natürlich, denn ist es keen Wunder, wenn er mir die Jette abspenstig gemacht hat.« »Den Finke will sie! Gieb acht, sie kriegt ihn noch herum! Ick hab's ja gleich gesagt,« ergänzte die Liese, indem sie ihr Kind heftiger wippte. »Also doch, im Ernst!« meinte Sorger geärgert. »Und ick hatte mir doch so auf das Mädel versteift, daß sie für mich auf die Fahrt steigen sollte und mit mir einen geordneten Hausstand begründen. Ohne Frau, die für eenen sorgt, ist man ja doch nur'n halber Mensch. Meine Wäsche ist janz herunter, ick habe nicht mal 'n anständiges Vorhemdchen mehr, und wenn du mir früher gesehn hättest, Liese, wie ick noch bedient habe, nobel, immer frisch gesteift, weiße Kravatte, keen Unthätchen dran! – Na, denn sag' ick aber, wenn ich sie nicht haben soll, denn soll er sie mir wenigstens abkoofen. Koofen muß er sie, und dazu brauche ick Ihre Unterstützung, ehrwürdige Mutter dreier unmündiger Kinder.« »So? Ick?!« frug die Liese, neugierig, wie er das meine. »Na ja, ick will sie um 'n paar Dhaler losschlagen, die Jette. Ick wollte ja überhaupt bloß ein paar Monate mit ihr gehen; denn im August da kommt ja die dicke Anna wieder aus ihrer Schenigelswinde. Arbeitshaus. Na, und weil ick früher mit ihr gegangen bin, wird sie mich ja wohl wieder zu ihrem Scheeks haben wollen, also die Jette hätte ich nur so lange gemocht. Aber nun machen wir es so. Wir sagen zu dem Finke, die Jette sei meine Frau jewesen, sie hätte sich mit mir verlobt.« »Nee, wie denn?!« meinte die Liese. »Nu, gestern Nachmittag, ick habe doch um ihr angehalten – das sagen wir so zu Finke, und da muß er mir drei Dhaler für sie geben, daß ich meine Anrechte an ihn abtrete – umsonst ist nur der Tod –, und du bist Zeuge.« »Na, warte, det verdient sie auch mit ihrer Halsstarrigkeit!« meinte die Liese, welcher dieser Plan ausnehmend gefiel. »Natur! Es ist die reene Natur! Er muß dir deine Anrechte abkaufen – das soll ja auch unter den reichen Leuten vorkommen, wenn eener dem andern seine Frau will, denn lassen sie sich scheiden und man giebt dem ehemaligen eine Abfindungssumme. Sorger, et wird gemacht!« »Topp! Und du kriegst auch einen Dhaler davon!« versprach der Kellner. Man beredete den sauberen Plan des weiteren, wie man dergestalt falsches Zeugnis wider die Jette ersinnen könnte, um aus ihrer offenbaren Liebe zu dem fremden Schlossergesellen noch Geld zu schlagen. Darauf suchten Sorger und die Liese ihre einzelnen Pfennige zusammen, Grete erhielt Sorgers leere Schnapsflasche und wurde in das Dorf geschickt, um dort in einer Schnapshandlung die Flasche füllen zu lassen. Als das Kind zurückkam, machte es sich Sorger auf dem oberen Heuboden gemütlich und trank dort seine Flasche langsam aus, worauf er einschlief. Auf der anderen Seite der Scheune legte sich die Liese, in Ermangelung anderer Thätigkeit, mit ihren Kindern gleichfalls ins Heu und trank heimlich ihren Schlummerschnaps, um bald einzuschlummern, denn sie mußte früh morgens aufstehen, um sich zeitig, unbemerkt von den Bauersleuten, wieder aus der Scheune wegzumachen. Die Sonne sank hinter den Waldhügeln nieder, die man durch das offene Scheunenthor schwarz mit ihren Tannenwipfeln gegen den Purpurschimmer des Abendrotes abgezeichnet sah. Draußen zogen vereinzelte Bauern, arbeitsmüde, aber zufrieden, von den Feldern heim; eine Amsel flötete ihr wehmütig weiches Lied von einem nahen Pappelwipfel weit in das stille Land hinaus; goldig durchleuchtet zittert das junge Frühlingsgras auf den frischen Wiesen draußen im sonnigen Strahle des sinkenden Tagesgestirns. Weit drüben über den Äckern traten einzelne Rehe aus dem Walde heraus, ihre Köpfe hebend und hin und wieder drehend. Die Sonne sank, Schatten schienen allmählich aus den Ackerfurchen herauszuwachsen, und die junge, aufgeblühte Saat wurde älter und schien vor der Zeit zur dunkleren Farbe zu reifen. Im Heu der Scheune raschelte es, und ein Marder huschte pfeilgeschwind über den Scheunenboden weg und durch eine Bretterluke hinaus. Die Hühner und der Hahn waren schon still geworden; Frieden und nächtliche Ruhe breitete sich aus, als die Sonne hinter den Tannenhügeln versunken war und einzelne Sterne aus dem nachdämmernden Himmelsgrunde herausstiegen. Zuletzt war auch die Amsel stille geworden, um hoch droben im Pappelwipfel über ihren hilflosen Jungen im Nest zu entschlummern. – Achtes Kapitel Auch Doktor Hans Landmann, genannt Hans Finke, brachte diese Nacht im Freien zu. Vor Neustadt waren hübsche öffentliche Anlagen, ein kleiner Bürgerpark mit dem Denkmale eines verdienten Bürgermeisters von Neustadt, um welches Ruhebänke standen und Gartenanlagen sich befanden. Todmüde war Hans mit Einbruch der Nacht auf eine dieser Bänke gesunken und mit einem Ausdrucke tiefen Entsagens und ergebener Fügsamkeit in das Unabänderliche eingeschlummert. Wer hier bei Nacht vorüberkam, mußte wohl glauben, einen obdachlosen Stromer liegen zu sehen; einzelne späte Spaziergänger, die ihn bemerkten, gingen in weitem Bogen um die Bank herum, wo er lag, um dem verdächtigen, schlummernden Menschen nicht zu nahe zu kommen. Ein Glück war, daß kein Polizeibeamter zu so später Stunde mehr den kleinen Park abschritt, sonst hätte man dem Hilflosen wohl ein weniger willkommenes Obdach bereitet. Als Hans, erschreckt über den Verlust seiner Papiere, in der Landpenne bei Dommelsdorf angekommen war, um hier zu suchen, hatte er selbstverständlich nicht das geringste gefunden. Er vertraute dem Penneboos, daß ihm seine Papiere abhanden gekommen seien, auch werde er, da er augenblicklich nicht bei Gelde sei, diese Nacht vielleicht seinen Kredit in Anspruch nehmen müssen, falls er seine Papiere nicht finden sollte. Der Herbergsvater hatte ihn von oben bis unten angesehen; darauf hatte er ihn an die Schublade seines Schanktisches geführt, sie ihm aufgeschlossen und darin einen Haufen von schmierigen, zerflederten, nach allen Richtungen bestempelten Wanderbüchern, Heimatsscheinen, Militärpässen und sonstigen Ausweisen gezeigt. »Siehste, Katzenkopp,« sagte er, »det sind allens die Papiere von meinen Hausgästen, die du hier siehst. Wer bei mir auf der Penne schlafen will, muß mir zuerst seine Papiere liefern. Wenn du aber schwarz gehst, Keine Legitimation hast. denn kann ick dir auch nicht Unterkunft geben, sonst kriegt man's mit der Teckelei Polizei. zu thun. Is nich!« beschloß er sehr bestimmt seine Rede mit einer Gebärde, welche keinen Zweifel ließ, daß er unerbittlich sein würde. Also nicht einmal auf der Herberge wurde man aufgenommen, wenn man keine Papiere besaß. Schon jetzt bemächtigte sich des Privatdozenten eine gelinde Verzweiflung, die durch einen starken Hunger noch gesteigert wurde. Geld mußte er auf alle Fälle haben. Er machte sich daher nach Neustadt auf, um auf dem Postamte auch ohne Papiere sein Glück zu versuchen und zu sehen, wie er Mittel und Wege fände, dort zu seinem Gelde zu kommen. Unterwegs ging er in den Gasthof, in dem er mit Wangenheim zuletzt gesessen hatte, vielleicht hatte er da seine Papiere liegen lassen. Natürlich war auch hier nichts. Ziemlich hoffnungslos kam er endlich auf dem Postamte in Neustadt an, klopfte am Schalter und bat den Beamten, ihm die auf den Namen Hans Finke postlagernde Geldsendung auszuhändigen. Der Beamte musterte das äußerlich ziemlich verlotterte Ansehen des ärmlichen Menschen und sagte mit einem Blicke voll Mißtrauen: »Diese Geldsendung ist bereits vor einigen Stunden ausgezahlt worden, nachdem der rechtmäßige Empfänger sich durch beglaubigte Papiere legitimiert hat.« Jetzt erst wurde Hans der Gedanke zur Gewißheit, daß man ihm die Papiere entwendet hatte. Er suchte dem Postbeamten begreiflich zu machen, daß er der eigentliche, der wahre Besitzer der Papiere sei, daß hier augenscheinlich ein Hochstapler gewesen sei, und daß man nach Münsterheim und Sachsenstadt telegraphieren müsse, um den Kerl festnehmen zu lassen, wenn er etwa dort die postlagernden Gelder abheben sollte. Der Beamte war etwas weniger mißtrauisch geworden und reichte dem Manne zwei Telegrammformulare heraus, damit er telegraphieren sollte. Hans schrieb rasch Telegramme nach Münsterheim und Sachsenstadt und legte sie dem Beamten an den Schalter. Der Beamte zählte die Silben und nannte den Preis. Hans mußte gestehen, daß er nicht in der Lage sei, die Telegramme zu bezahlen, da er keinen Pfennig in der Tasche habe. Mit einer entrüsteten Bemerkung ließ der Beamte das Schalterfenster niederfallen, keinen Augenblick im Zweifel, daß dieses verdächtige Individuum lediglich eine Schwindelei vorhabe. Beinahe hätte er dem Nationalökonomen die Finger gequetscht; Hans fuhr noch rechtzeitig mit der Hand vom Fenster zurück. Hier war also vorderhand nichts zu machen. Der Beamte nahm keine Vernunft an. Hätte Hans anständige Kleider getragen und weniger stromerhaft ausgesehen, so würde man wohl der Sache näher getreten sein; aber ein Kerl, der nicht einen Pfennig in der Tasche hatte, durfte auch keinen Anspruch machen, ernst genommen zu werden. Ziemlich verstimmt und eingeschüchtert durch das Benehmen des Beamten verließ der obdachlose Gelehrte das Postamt. Gegenüber am Markte war die Polizeistelle, und Hans beschloß, zur Verfolgung des Schwindlers, der ihm seine Papiere genommen haben mußte, sogleich die nötigen Schritte zu thun. Er ging in das Polizeibureau und stellte sich dem wachthabenden Beamten als der Doktor Hans Landmann aus Berlin vor, Privatdozent, der unter falschem Namen auf der Fußwanderung sich befinde, um das Pennenleben kennen zu lernen. Er verheimlichte hier sorgfältig, daß er ohne jede Barschaft war, denn er wußte, daß man einen Mann in seiner Kleidung ohne weiteres schon als polizeilich verdächtig ansah, dessen Barschaft weniger als eine Mark betrug. Er setzte dem Beamten seinen Fall auseinander, meinte, es sei notwendig, daß die Polizei in Sachsenstadt und Münsterheim sofort zur Verfolgung des Diebes seiner Papiere aufgefordert würde, und zwar telegraphisch. Denn wenn der Kerl mit dem richtigen Eisenbahnzuge gefahren war, so konnte er jetzt schon in Sachsenstadt sein, und wenn er sich beeilte und von dort mit dem letzten Nachtzuge abfuhr, so wäre es ihm möglich, am nächsten Morgen auch in Münsterheim die dort hinterlegte Geldsendung einzukassieren. Der Polizeibeamte sah sich den Mann in den verschossenen und fadenscheinigen Kleidern mit dem Berliner auf dem Rücken bedenklich an. »Ja, wenn Sie ohne Papiere sind, so müßten wir Sie eigentlich gleich hier an Ort und Stelle verhaften.« Er war zunächst der Meinung, daß er einen Stromer vor sich habe, der sich freiwillig zur Haft melden wollte, um im Gefängnisse oder Arbeitshause bei regelmäßiger Kost und guter Verpflegung sich von den Strapazen des Wanderlebens zu erholen. Das erlebte der Beamte jeden Monat ein paarmal. Hier machte sich augenscheinlich einer eine lange Geschichte zurecht, um auf Grund des Mangels an Papieren in Haft behalten zu werden. »Erlauben Sie,« meinte Hans ziemlich entrüstet, »es fällt doch keinem Menschen in ganz Deutschland bei unseren Freizügigkeitsgesetzen ein, einen anständigen Menschen in Haft zu nehmen, weil er zufällig keine Visitenkarte bei sich hat. Jeder Deutsche hat das Recht freier Bewegung auch ohne Paß und dergleichen.« Der Beamte betrachtete sich den Mann noch mißtrauischer und meinte, er wisse wohl, daß Leute, die durch ihr Äußeres den Verdacht der Mittellosigkeit und mithin des Landstreichertums erregten, allerdings einer besonderen Legitimation bedürfen. Wenn er aber glauben sollte, man würde ihm den Gefallen thun, ihn so ohne weiteres in Haft zu nehmen, so irre er sich. Man habe hier am Orte gerade genug Kostgänger des Amtsgerichtes, Stromer, welche sich auf Staatskosten herausfüttern ließen, solche Leute kämen alle Tage und zunächst müsse man wissen, ob es überhaupt wahr sei, daß er keine Papiere bei sich habe. Der Mann winkte zwei Polizisten, das verdächtige Individuum zu untersuchen. Hans wurde ins Nebenzimmer beordert und mußte es sich gefallen lassen, daß man ihm alle Taschen durchsuchte und ihn zur Hälfte entkleidete, um keinen Winkel seiner Kleidung unerforscht zu lassen. Erst als dem Beamten gemeldet worden war, daß der Fremdling in der That ohne Papiere sei, fing er an, den Worten desselben mehr Glauben zu schenken. Er winkte gnädiger, daß Hans sich setzen solle, und nahm zunächst einmal ein ganzes Protokoll des Falles auf. Äußerst schwer wurde es dem Gelehrten, sich wegen des vollständigen Mangels aller Unterhaltsmittel zu verantworten. Die untersuchenden Polizisten hatten nämlich entdeckt, daß in den Kleidern des Fremdlings nicht ein einziger Groschen aufzufinden war, und den Umstand pflichtschuldigst gemeldet. Hans, darüber befragt, geriet in große Verlegenheit. Man irre sich, er habe noch einiges Geld in seinem Gasthofe, nur zufällig nichts bei sich. Er mochte seine völlige Mittellosigkeit an dieser Stelle nicht gestehen, um seinen ohnehin verwickelten Fall im Gehirne dieser Polizeileute nicht noch mehr zu verwirren. Als das Protokoll aller Angaben des Doktors aufgenommen war, entließ der Beamte den Gelehrten und sagte: »Kommen Sie übermorgen zwischen elf und zwölf wieder, Herr Doktor Landmann, denn ich nehme vorläufig an, daß Sie uns nicht ›verkohlen‹ wollen; bis dahin werden wir die nötigen Nachforschungen angestellt und Nachricht aus Berlin haben, ob Ihre Angaben richtig sind.« Und damit hatte man ihm deutlich genug zu verstehen gegeben, daß er gehen könne. Das Polizeiamt sendete zunächst eine briefliche Anfrage nach Berlin an das Hauptpolizeiamt, ob überhaupt einem Doktor Landmann, alias Finke, Papiere der angegebenen Art ausgestellt worden seien. Gleichzeitig wurde aber Auftrag gegeben, den stromerhaften Menschen hier in Neustadt zu überwachen, falls er etwa beim Fechten betroffen würde. Denn der Polizeivorstand zweifelte keinen Augenblick, daß in Wirklichkeit doch nur ein schwindelhafter Himmelsfechter sich aus irgend einem Grunde ausliefern wollte. Infolgedessen legte man seinen Angaben wegen der postlagernden Gelder auch einen weiteren Wert nicht bei und beschloß, erst die Nachricht aus Berlin zu erwarten, ehe weitere Schritte unternommen würden. Als Hans auf die Straße trat, knirschte er vor innerer Entrüstung. Er sah ein, daß unter solchen Umständen der unbekannte Flebbendieb mit größter Behaglichkeit seine Gelder einkassieren mußte, und alles bloß, weil er keinen Heller Geld und einen verschossenen, schlechten Rock anhatte. Was thun?! Er mußte doch wenigstens leben. Es blieb nichts übrig, als sich in einen Gasthof zu begeben, dort ein Zimmer zu nehmen, in dem Gasthofe eine unbezahlte Rechnung anwachsen zu lassen und zu warten, bis er sich aus Berlin Geld verschrieben hatte. Das einfachste war unter solchen Umständen, an seine Braut zu schreiben, die ja die Verwahrung seines Geldes übernommen hatte, daß sie ihm schleunigst einen Geldbrief sendete. Das wollte er sogleich thun. Er schritt mit leichterem Herzen auf den »Goldenen Schwan« los und ersuchte unten im Hausflur den Oberkellner um ein Zimmer und gleichzeitig um Briefpapier und Tinte. Der Oberkellner musterte seinen Anzug und seinen »Berliner«. Er war sehr mißtrauisch geworden, denn schon am Vormittage war ein ähnlicher schäbiger Kerl dagewesen, der ein Zimmer im dritten Stocke gemietet, dann aber, ohne eine Spur zu hinterlassen, wieder fortgelaufen war. Der Oberkellner meinte: »Dieser Gasthof ist ein Hotel, keine Herberge. Wenn Sie Unterkunft wünschen, müssen Sie in die Herberge gehen.« Landmann versuchte nun, diesem Manne seinen höchst verwickelten Fall auseinanderzusetzen. Der Oberkellner aber schien nicht viel Zeit zu haben, Hans sagte, er müsse darauf bestehen, hier ein Zimmer zu erhalten, wenn man ihn nicht zur Verzweiflung treiben wollte. Er stellte dem Oberkellner, der den Wirt rief, so eindringlich vor, daß er doch nicht auf der Straße liegen bleiben könne, er, ein wissenschaftlich gebildeter Mann, daß der Kellner einlenkte und sagte, er wolle ihm ein Zimmer geben, aber er müsse es vorher bezahlen, in Anbetracht seines wenig Zutrauen erweckenden Äußeren. »Das kann ich ja aber nicht,« jammerte der unglückliche Gelehrte. »Ich muß ja erst nach Hause schreiben um Geld –« Er kam nicht zu Ende. Der Wirt hatte bereits den Hausknecht herangewinkt, der seine Arme reckte, um den hartnäckigen Zechpreller – denn als solcher hatte sich Hans in den Augen der Leute entpuppt – schleunigst auf die Straße zu befördern. Er mußte es vorziehen, beschämt und eingeschüchtert zugleich den »Goldenen Schwan« zu verlassen. – Wohin aber sollte er nun? In die Herberge! In die Herberge konnte er ja aber auch nicht, denn dort war das erste, daß man ihm seine Papiere abforderte, und die hatte er nicht. Auch dort nahm man ihn nicht auf. Also obdachlos! Obdachlos in des Wortes vollem, bitterernstem, unwiderruflichem Sinne! Mitten im Getriebe der Kultur, mitten in einer Stadt, voll von Wohnungen und Menschen, voll von Zimmern mit den schönsten Betten und Sophas darin, mitten im geordneten, mit Wohlthätigkeitsanstalten und öffentlicher Armenpflege reichlich ausgestatteten Staate obdachlos. Nicht einmal in einer Polizeihaft, im Gefängnisse mochten sie ihn haben; er hatte ganz deutlich gemerkt, daß die Polizei ihn los sein wollte, in Anbetracht der Überfüllung ihrer Haftzellen und vielleicht sogar ein Auge zudrücken würde, wenn er etwa weiter herumstromerte. Auch das Gefängnis mußte er sich mindestens erst verdienen, da er aber ein gebildeter Mann, Lehrer der Volkswirtschaft und Nationalökonomie war, so konnte er weder stehlen noch betrügen, auch sonst keine Übelthat begehen, die ihm eine augenblickliche Unterkunft verschaffte. Hilfloser als die Hilflosen war er wenigstens für zwei Tage, das sah er voraus, vollständiger Obdachlosigkeit verfallen. Er konnte nicht einmal den Brief an seine Braut bezahlen, denn er hatte nicht die zehn Pfennige dazu. Er mußte ihn unfrankiert senden, aber er wagte das nicht aus einem Anstandsgefühl, das vorderhand noch mächtiger war als seine Verlegenheit. – Seine Aussichten wurden immer schlimmer. Ja, Himmel, wovon sollte er denn leben? Wenn auch übermorgen die Polizei seine Angaben als richtig befand, war damit erstens seine Identität mit ihm selbst festgestellt, und hatte er deshalb Geld? Es konnte drei, vier Tage dauern, ehe er zu Gelde kam. In dieser Zeit konnte man aber buchstäblich verhungern. Dem Gelehrten war es, als würde er lebendig begraben. Der Abend war hereingebrochen. Ratlos war Hans in den Park vor der Stadt hinausgewankt und hatte sich müde, abgetrieben und zerschlagen an allen Gliedern auf eine Ruhebank gesetzt. Daß man also allen Ernstes und buchstäblich als ein wissenschaftlich gebildeter Mann, der alle Fragen der Gesellschaftsordnung und Volkswirtschaft emsig durchdacht und auch schon über Obdachlosigkeit geschrieben hatte, selber vollständig vogelfrei wie ein Tier der Wildnis werden konnte, war das peinliche, wissenschaftliche Ergebnis dieses Tages, in dessen Gedenken Hans zuletzt mit einer gelinden Verzweiflung auf der Bank im kühlen, nächtlichen Parke einschlief. – Die Sterne zogen am Himmel herauf und funkelten blitzend zwischen den Blätterlücken der Baumwipfel durch, der Springbrunnen vor der Büste des Bürgermeisters plätscherte, vom Nebelrauch der Nacht umdunstet, in das Marmorbecken, während der Schlummernde davon träumte, daß die Sterne am Himmel nichts als goldene Zwanzigmarkstücke seien, die aus einem Füllhorn über ihn ausgeschüttet würden, aber alle neben ihm ins Wasser fielen und versanken, ohne daß er ein einziges aufzufischen vermochte. Allmählich sank der Leib des Schlummernden seitwärts an der Lehne der Bank herab; der Mond stieg, zwischen leichten weißen Wölkchen ziehend, hinter den schwarzen Massen der Bäume herauf und warf einen scharfen Schlagschatten vor das Denkmal des Bürgermeisters hin von der unförmlich zusammengesunkenen Gestalt eines Menschen, der mit einem Geiste voll tiefer Einsichten in die Gesetze der menschlichen Kulturbewegung auf den äußersten Naturzustand zurückgeworfen war, aber in seinem Schlummer weder von Mond und Sternen, von Natur und Kultur etwas wußte. Der Mond ging wieder unter, der Morgen dämmerte herauf. Tau fiel auf die Gräser und Blumen der Wiesen und auf die Kleider des Schlafenden, welche sich leicht feuchteten. Die Morgenröte hauchte am Himmelsgewölbe empor, in den Wipfeln begann es zu regen und zu hüpfen, die ersten Vögel zwitscherten noch halb aus dem Traume ihre Lieder heraus, bis sie mit dem Heraufsteigen der Sonne lauter und fröhlicher schwatzten. Morgenduft wehte zwischen dem Laube der Bäume durch, ein erfrischender Wohlgeruch und Blütenduft dunstete in die klaren Sonnenstrahlen hinein, und das Bild der Bäume, des Springbrunnens, des Denkmals, der Häuser der Stadt mit dem altertümlichen Turme im Hintergrunde auferstand wieder aus nächtlicher Unsichtbarkeit in die tageshelle Gestalt der sonnigen Sichtbarkeit aufgebaut. Auch der schlafende Obdachlose wurde wieder in voller Wirklichkeit sichtbar, aber er lag jetzt unter der Bank, und seine Glieder waren in gestaltloser Unordnung unter seinen Leib gedrückt, sodaß es mehr das Durcheinander von einem Menschen erschien, als ein wohlgegliedertes Gebilde der Natur. Spatzen kamen auf dem Kieswege vor der Bank herangehüpft, flatterten auf die Bank, besprachen neugierig und in einer unverständlichen Kunden- und Gaunersprache den Fall und versammelten sich in größerer Anzahl vor diesen Trümmern eines Gebieters der Schöpfung. Sie wälzten sich mit ihren verschossenen, grauen Federkleidern badend im Sande, erzählten sich, wo in der Nähe für »arme Reisende« in abgetragenen Bettelkleidern, wie Spatzen nun einmal sind, die besten Ortsgeschenke einzuheimsen seien, besprachen, wo man die Brosamen vom Tische des Lebens am reichlichsten vor Küchenfenstern und Hausthüren fände, und fingen zuletzt an, mit lauter Stimme zu schimpfen und zu schelten, höchst unerhörte Ausdrücke ihrer Bettelmannssprache brauchend, daß es gerade so aussah, als wäre man auf einer Vogelpenne und Herberge. Plötzlich flatterte aber die ganze Gesellschaft mit schwirrenden Flügeln auf und suchte erschrocken das Weite wie fahrende Kunden, hinter denen ein Polizeiwachtmeister herkommt, um den einen oder andern in Haft zu nehmen. Hans war nämlich erwacht, hatte mit dem linken Arm um sich geschlagen und sprang plötzlich erstaunt auf, um sich abermals mit Verwunderung zu besinnen, wie er in diese Lage gekommen war. Kein Zweifel, er war noch immer der Privatdozent Dr. Hans Landmann, der augenblicklich in ernster Geldverlegenheit war und mit einem ganz rebellischen Hunger die junge, strahlende Morgensonne begrüßte, nachdem er sich den Schlaf aus den Augen gerieben hatte. Es war in der That Zeit, daß man frühstückte. Aber lieber Himmel, wie denn? Man konnte doch nicht hier im Parke die Blätter von den Bäumen pflücken und sie statt der Früchte genießen, die im Sommer an den Obstbäumen und Spalieren hängen sollten. Heidelbeeren waren kaum erst im Anfang der Blüte, Erdbeeren waren noch nicht reif, die Ungunst der Jahreszeit war groß für jedes Bedürfnis, Nahrung im paradiesischen Zustande im Walde und auf der Heide zu suchen. In dem Wasserbecken des Springbrunnens schwammen zwar einzelne Goldfische, und aus dem Parkteich, an dem Hans Landmann sinnend wandelte, schnappten wohlschmeckende Karpfen mit ihren gierigen Fischguschen heraus – aber um Karpfen im Naturzustände zu frühstücken, mußte man sie mindestens erst haben. Hans sann lange, wie er es möglich machen sollte, sich durch Fischzucht aus diesem Teiche zu ernähren, er mußte sich aber gestehen, daß er mit den bloßen Fingern nicht angeln konnte. Er konnte alle fünf Finger einen ganzen Tag lang in den Teich hängen, so würde doch kein einziger Karpfen anbeißen, das wußte er genau. Ein Hase saß drüben am Rande der Wiese und machte ein Männchen. Hans kam einen Augenblick der Gedanke, ob er den Hasen nicht umgehen könnte, dann auf ihn losstürzen, ihn bei den Ohren packen und mit seinem Taschenmesser ihm den Hals abschneiden. Er sagte sich, daß diese Umgehungstaktik auch nicht zum Ziele führen würde, und daß es ihm infolgedessen für heute versagt bleiben mußte, frischen Hasen zu speisen. Außerdem gehörte der Hase selbstverständlich dem Pächter des Jagdreviers, so daß eine solche Hasenjagd nichts anderes als Wilddieberei gewesen wäre. Die Karpfen im Teiche, die Forellen im Bache, alles, was Eßbares flog und kroch in Lüften wie auf der Erde, war eigentlich schon in festen Händen, so daß der Gedanke, auf diese Weise zu einem Frühstück zu kommen, schon deshalb aussichtslos war. Das mochte in Afrika oder in den Urwäldern Brasiliens eine natürliche Art, Nahrung zu beschaffen, sein; in kultivierten Gegenden wie bei Neustadt war es anders. Hans empfand mit dem vollen Bewußtsein eines Mannes, der Volkswirtschaft studiert hat, welch ein eigentümlicher Zustand der menschlichen Kultur es doch sei, daß thatsächlich der Besitzlose sich nicht einmal die natürliche Nahrung der freien Natur innerhalb der menschlichen Gesellschaft verschaffen konnte, da überall auf alles einigermaßen Genießbare von Staat, Gesellschaft, Pächtern und Privatbesitz Beschlag gelegt war. Und indem er eine knurrende Leere in seinem Magen fühlte, wollte ihm dieser Zustand ganz schauderhaft erscheinen. Ratten und Mäuse, die durfte er allenfalls fangen, und wenn Sommer gewesen wäre, hätte er Heidelbeeren pflücken dürfen. Aber die Ratten waren schon durch ihre Trichinen gefährlich, und die Heidelbeeren nährten natürlich auch nicht. Hans konnte sich nicht enthalten, diese Erfahrung, die er machte, sich besonders einzuprägen; sie schien ihm in diesem Augenblick von ungeheurer Bedeutung für seine Wissenschaft. War diese ganze Art der Volkswirtschaft, in welcher die europäische Menschheit lebte, nicht eine ungeheuer verkünstelte Maschine?! War im Grunde die natürliche Selbsthilfe des einzelnen nicht ausgeschlossen? Ja, erlebte man nicht, daß diese überkünstelte Maschine mitten in großen Millionenstädten höchst gebildete Menschen leibhaftig verhungern ließ? War nicht erst vor einiger Zeit in Berlin ein Schriftsteller leibhaftig verhungert, und hungerten nicht zur selben Zeit, während er hier mit heimlichem Neide in den Karpfenteich blickte, in Rußland Millionen von Menschen? Liefen sie dort auch nicht herum in Wald und Heide und nährten sich von Wurzeln, um doch zu verhungern, und hatten sie nicht Pferde, Kühe, Hab und Gut verkaufen müssen zu Tausenden, um nur einen elenden Bissen Brot zu erlangen, bis der letzte Rubel ausgegeben war, und nun der Mensch zum »nackten Ding an sich« geworden war, wie Hasenklau sich genannt hatte? War dort nicht auch die verkünstelte Maschine ins Stocken geraten infolge der Mißernten und der Mißwirtschaft sogenannter Nationalökonomen, die mit ihren verkehrten Theorien verkehrte Staatswirtschaft in die Köpfe der Minister gebracht und so Millionen einer Nation in wenig Monaten zu Landstreichern und Walzbrüdern heruntergebracht hatten, die Nahrung heischend die weiten Gebiete des Zarenreiches durchirrten? Hans verging während dieser Gedanken aller Humor. Ein leises Grausen erfaßte ihn; seine eigne Lage erschien ihm noch viel schlimmer als vorher; er sah die Möglichkeit ein, daß er binnen vier Tagen zu einer Art von Skelett abmagern müsse, wenn ein unvorhergesehener Zufall ihn nicht aus dieser Lage befreite, in die ihn im Grunde nur sein gutes Herz versetzt hatte. Aber im Gedanken an die Leiden, die so viele litten, bereute er es doch nicht, sein ganzes Geld an die Speisung und Kleidung der armen, verkommenen Menschen verschwendet zu haben, die er auf der Penne kennen gelernt hatte. – Diese Gedanken beschäftigten ihn eine Weile, bis ihn sein knurrender Magen wiederum daran mahnte, daß er eben hier im Parke nicht von Baumrinden leben konnte. Er machte sich also nach der Stadt auf, vielleicht, daß ihm dort ein Einfall käme, wie er, ohne zu stehlen, zu einem Frühstück gelangen sollte. Er hatte kaum das steinerne Pflaster einer der innern Straßen des Städtchens betreten, als sein Blick unwillkürlich durch die Fensterscheibe eines Fleischerladens gefesselt wurde, an dem er vorbei kam. Er blieb stehn und schaute in die Auslage hinein. Da hingen appetitliche Würste, Leberwurst, Schlackwurst, in sauberen, weißen Därmen, höchst einladend zugerichtet. Saftige Schöpskeulen, Ochsenlenden waren verführerisch aufgelegt; ein großer gekochter Schinken winkte in der feinsten malerischen Farbenmischung, und zum Überfluß hatte die Fleischerin die Bratenstücke für den Aufschnitt noch zierlich mit Blumen und Grün umkränzt. Hans blickte mit selbstvergessener Sehnsucht auf diese eßbaren Dinge herab. Er stellte sich lebhaft vor, welch ein zufriedenstellendes Gefühl es sein mußte, wenn er jetzt mit einem Viertelpfund Schinken in der Hand und einem Weißbrot sich hätte in einen Hausflur stellen und solche verzehren können. Er fand, daß die Würste, mochte man sie oben oder unten, von rechts oder von links ansehen, nur das tiefste Vertrauen erwecken konnten. Die junge Fleischersfrau, die drinnen hinter dem Laden stand, hackte eben ein paar geräucherte Schweinsrippchen für eine kaufende Köchin zurecht. Solche Schweinsrippchen aß der Privatdozent für sein Leben gern, besonders mit Kraut, und als die Köchin wieder herauskam und den Laden verließ, schaute er ihr bis ans Ende der Straße nach und betrachtete mit scharfen Blicken den Handkorb, in welchen sie die Rippchen hineingelegt hatte. Die Köchin verschwand um die Straßenecke und mit ihr auch der inhaltsvolle Korb. Hans schluckte unwillkürlich hinten am Gaumen. Schon wollte er von einem tiefen Drange erfaßt in den Laden hineingehen, um der Fleischerin seine näheren Verhältnisse auseinanderzusetzen, ihr zu erzählen, wer er sei und warum er augenblicklich so große Zuneigung zu ihren Schinken und Würsten hege, als er an der umgelegten Thüre des Holzladens ein Schild erblickte mit dem Aufdruck: »Mitglied des Vereins gegen Armennot und Bettelei.« Er wußte selbst nicht recht, warum er mit einem betrübten Ausdruck im Antlitz bei diesem Anblick umkehrte und den Fleischerladen verließ. Es quälte ihn augenscheinlich, länger die verlockenden Speisen anzusehen, die ihm doch so unerreichbar waren wie die Sterne am Himmel. Er sagte sich im Geiste den Goetheschen Spruch vor: »Die Sterne, die begehrt man nicht, man freut sich ihrer Pracht.« Plötzlich kam ihm zum Bewußtsein, daß er, ohne es recht zu wissen, soeben wie ein wirklicher, unzweifelhafter Fechter vor dem Warnungsschilde des Fleischers zurückgewichen und weitergegangen war. Ja, war er denn schon zum leibhaftigen Walzbruder geworden?! – Wie ein leuchtender Blitz wurde ihm der Gedanke klar, der einzige Weg, um heute zu einem Frühstück zu kommen und sich überhaupt während der nächsten Tage wohlbeleibt und ohne Magerkeit zu erhalten, sei der, daß er in allem Ernste zu fechten begänne. Und warum sollte er das nicht thun? War er nicht ausgezogen, um das Fechterleben an der Quelle zu studieren? Wollte er nicht ein Buch darüber schreiben? Und mußte er, um das zu thun, nicht vor allem auch selber sich einmal im Betteln versuchen, um zu sehen, wie es einem dabei zu Mute wäre?! Die Sache wäre sogar sehr erheiternd gewesen, wenn ihn erstens nicht eine Art Magendrücken befallen hätte, und zweitens das Verwünschte bei der Sache gewesen wäre, daß es gar nicht seine freie Wahl war, ob er betteln wollte oder nicht. Wenn er noch eine hübsche Barschaft in der Tasche gehabt, die ihm ein Gefühl der bürgerlichen Sicherheit gegeben hätte, ei, dann wäre es ja ein außerordentlicher Spaß gewesen, einmal verschiedene vorübergehende Mitmenschen um eine milde Gabe zu ersuchen. Darin lag nichts Beschämendes und Demütigendes. Aber jetzt in allem Ernste, weil nichts anderes übrig blieb, um ein paar Pfennige fechten zu müssen, das war denn doch eine äußerst peinliche Sache, um so peinlicher, als er selber Wirtschaftspolitiker war, alle möglichen Grundsätze der Güterbewegung in seinen Kollegien gelesen hatte und somit eine gesteigerte Empfindsamkeit gegenüber seinem verwünschten Schicksal besaß. Auf der andern Seite pries er es dagegen, daß es dem wissenschaftlichen Ernst seiner Sache nur nützen konnte, wenn er einmal die Lage eines fechtenden Mannes vollständig kennen lernte, und er beschloß daher sogleich zu handeln. Warum soll ich nicht auch einmal die Brosamen von der Tafel des Lebens essen? meinte er mit erneutem Humor bei sich. Warum soll ein deutscher Denker nicht auch einmal walzen? Der Mensch muß alles durchmachen! Hans Sachs hat auch gefochten und ist doch unsterblich geworden! Also los! Er reckte sich auf und rüttelte sich energischer zusammen, stemmte den Knotenstock fester vor sich auf das Pflaster und faßte den Riemen seines Reisebündels mit zuversichtlicher Hand an, um ohne Zögern die nächsten Leute, die er treffen würde, anzusprechen. Als er nun aber gegen den Marktplatz vorkam, standen dort so viele Leute um die Gemüsehändlerinnen und Marktfrauen herum, daß er ein inneres Verzagen fühlte und zunächst überhaupt niemanden anzureden wagte. Er ging also in eine engere Seitengasse, und, als ihm hier ein Herr, der augenscheinlich ins Geschäft ging, entgegenkam, beschloß er, diesen anzureden. Merkwürdigerweise aber fand er, daß er den Mann noch nicht angesprochen hatte, als jener an ihm vorübergeschritten war und einen bedauernd-verächtlichen Blick auf ihn geworfen hatte. O, dieser Blick! Dieser Blick konnte zum Verzweifeln bringen, er hatte ihm die Zunge gelähmt. Hans hatte eine Empfindung, als würde er es in seinem ganzen Leben nicht fertig bringen, irgend einen Menschen anzusprechen. Aber fast war es, als erfasse ihn ein tiefer, ein unergründlicher Haß im selben Augenblicke, als könnte er zum Räuber, Mörder und ärgsten Verbrecher werden, nur um dieses Blickes willen. Wenn er diesen Blick des Menschen, in dem der Mensch seinesgleichen nicht als seinesgleichen ansah, noch mehr ertragen mußte, dann wollte er lieber in eine Wüste fliehen, wo er kein Menschenangesicht mehr sehen würde, um dort einsam zu verhungern. Er sah ein, er mußte aus der Stadt heraus. Solange er das harte Pflaster trat, und die Enge der Gassen und die Nähe anderer Menschen ihn drückte, würde er nicht den Mut finden zu reden; die Worte würden ihm immer auf der Zunge stocken. Ach, wie schwer mußte es so manchem geworden sein von den Tausenden, die einst bessere Tage gesehen und dauernd zu Schmarotzern der Gesellschaft geworden waren, das erste Bettelwort zu sprechen, mit dem der Mensch die Selbstachtung in der Mißachtung anderer preisgab! Hans wanderte, nachdem er sein Herz mit solchen Betrachtungen erleichtert hatte, wieder nach dem Stadtgarten hinaus. Als er die ersten Kieswege betrat, sah er vor sich ein Pärchen wandern, nach der Art, wie sich das junge Frauenzimmer an den Arm des Mannes drückte, augenscheinlich ein Liebespaar. Eine sehnsuchtsvolle Erinnerung an seine eigne Braut, die jetzt wohl ahnungslos in Berlin saß, und der er nicht einmal einen freigemachten Liebesbrief schreiben konnte in Ermangelung des nötigen Neugroschens dazu, erfaßte sein Herz. Er hatte ein unendliches Zutrauen zu dem jungen Frauenzimmer dort vor sich und glaubte, ihr gegenüber würde er doch den Mut zu seiner Bitte finden. Er beobachtete also, welchen Weg das Pärchen nahm, um ihm von einer andern Seite entgegenzugehen, und nach einigen Manövern geschah es auch, daß sie inmitten eines schattigen Baumganges, in welchen warme Strahlen der Sonne hineinfielen, ihm entgegenkamen. Da faßte er endlich ein Herz, trat dem Manne, einem jüngeren Herrn, entgegen, nahm seinen Hut ab und versuchte eine möglichst demütige Haltung anzunehmen. Es war ihm aber, als spräche gar nicht er selbst, sondern als rede ein anderer, fremder Mensch aus ihm heraus, als er stotternd die Worte vorbrachte: »Ein hilfloser armer Reisender, mein Herr.« Der junge Herr, augenscheinlich unangenehm gestört in den beseligenden Empfindungen zu seiner Geliebten oder Verlobten, warf einen Blick von oben herab auf den Stromer und sagte: »Müssen weiter geh'n. Gebe nichts.« Hans hatte wieder diesen Blick gesehen, der all seinen Mannesstolz empörte, und hatte Mühe sich zu beherrschen. Mit zitternder Stimme, mit einem tiefernsten Tone entgegnete er stehen bleibend: »Ich bin in wirklicher Not, mein Herr.« Die Dame schenkte ihm dagegen einen holden Blick des Mitleids und der ungekünstelten Menschenliebe und sagte leise bittend zu ihrem Begleiter: »Gib ihm doch etwas.« Der Herr zog unwillkürlich sein Geldtäschchen hervor. Hans hatte den Blick der reinen Menschengüte in diesem Mädchenauge gesehen und ihm war, als jubelte es leise in seinem Herzen über die schönste Eigenschaft des weiblichen Gemütes. Ja, er wußte es, gütig und mitleidig waren sie alle, die holden Töchter und Frauen der Menschen, eine stille Begeisterung nach all den Qualen des Tages erfaßte ihn, und seine Rolle ziemlich vergessend, sagte er zu der jungen Dame: »Dank, schöne Fürbitterin. Was ist das schönste an der Liebe? Daß sie nicht nur die Liebe zu dem Geliebten ist, sondern auch das Herz milde stimmt für Leid und Glück anderer. Möge der Himmel Ihren Bund segnen.« Er empfand, daß er ein wenig zu gebildet gesprochen hatte, und, um diesen Eindruck zu verwischen, wendete er sich rasch mit den Worten an den jungen Mann: »Mein Herr, ich bitte nicht um Geld, wenn Sie vielleicht auch nur ein altes Hemd oder ein paar abgetragene Hosen hätten –« »Was? Sind Sie verrückt?!« sagte der andere und steckte beleidigt sein Geld wieder ein. »Aber, mein Herr, ich könnte sie ja versetzen –!« stotterte Hans. »Versetzen?! – Nicht einmal selber tragen?! – Komm, Marie, dieser Mensch denkt, ich trage die alten Hosen gleich mit mir auf der Straße herum.« – Sprach's, nahm den Arm der jungen Dame und ging achselzuckend mit ihr weg, um rasch weiter zu kommen. – Verdutzt und betroffen schaute Hans dem Paare nach. In der That, er hatte eine unglaubliche Dummheit begangen. Wie war ihm das aber auch nur so herausgefahren! Jetzt hätte er nun, wäre er nur einigermaßen geschickt gewesen, wenigstens fünf Pfennige bekommen, die Hälfte von dem, was er brauchte, um einen Brief an seine Braut, mit dem Ersuchen, Geld zu schicken, abzusenden. Man muß wahrhaftig auch das Fechten erst lernen! meinte Hans bei sich. Es ist eine psychologische Kunst, keine Frage. Wie verwundert war der Privatdozent, als er in diesem Augenblicke die Jette Fremder, ein Körbchen voll Vergißmeinnichtsträußen in der Hand, aus einem Seitenweg auf ihn zutreten sah. Mit einem zufriedenen Blicke schaute das Mädchen den Schlossergesellen an, den sie gestern Abend überall gesucht und nicht gefunden hatte. Der Penneboos hatte ihr gesagt, der Schlossergeselle müsse nach Neustadt sein. Da war sie frühmorgens beizeiten von ihrer Herberge aufgebrochen, hatte an einem Weiher die Blumen gepflückt und Sträußchen gewunden, um sich in der Stadt sehen lassen zu können als Blumenverkäuferin, und hatte auch, als sie hereinkam, den Gesuchten gleich auf dem Markte stehen sehen. Sie war ihm bis hierher gefolgt, trat nun auf ihn zu und sagte mit niedergeschlagenen Augen: »Guten Tag auch, Herr Finke.« »Guten Tag auch, Jette« entgegnete Hans, froh, ein menschliches Wesen zu finden, mit dem er einmal ein Wort sprechen konnte. »Hast de denn auch gut geschlafen die Nacht, Katzenkopp?!« frug die Jette teilnahmsvoll. Und in der Erinnerung, wie sie am vergangenen Tage im Grase ihn hatte schlummern sehen, der nun in erwachter Lebendigkeit so zum Verlieben vor ihr stand, sagte sie mit etwas verschämtem Ausdrucke: »Ick habe Sie ja schlafen gesehen.« Hans, gerührt und erheitert zugleich über die Miene des Mädchens, meinte mit dem Ausdrucke herzlicher Gutmütigkeit: »Danke, Jette; es ist mir lieb, daß du mich im Schlafe geseh'n hast,« und er konnte auch in der That ein gewisses Gefühl der Beruhigung in sich spüren, daß dem so war. Da war nun wieder die Jette hochbeglückt und sagte vergnügt: »Ach, is et wahr?! Du hast'n bisken schlecht gelegen, und denn hab ick dir deinen Kopf 'n bisken zurecht gelegt. Hier mit den Trittchen, – sie wies ihren Schuh unter dem Rocke vor, worin strumpflos ihr Fuß steckte – mit den Trittchen habe ick dir den Kopf gestützt, die hast du als Kopfkissen gehabt, weil du mir sie ja erst geschenkt hast. Hast du nischt gemerkt?!« Sie nahm ein Vergißmeinnichtsträußchen aus ihrem Korbe, blickte vor sich nieder, indem sie purpurrot im Gesicht wurde, und frug: »Magst du wohl een paar Blümeken in dein Knopfloch haben?« Hans sah innerlich beglückt das Erröten dieses verkommenen, armen, ausgestoßenen Kindes, das in seinem zerschlissenen roten Rocke, in den ausgetretenen, allzu weiten Damenschuhen, im Ärmel ein Loch, wo der nackte Ellenbogen durchschimmerte, doch wie ein Wesen aus einer besseren Welt vor ihm stand. Er sagte mit einem Blick auf das Sträußchen: »Jawohl, Jette, Blumen aus der Hand eines guten Mädchens sind der schönste Schmuck, besser als Juwelen und Smaragden.« »Na, denn will ick sie dir ein bischen anstecken« meinte die Jette, indem sie ihm das Sträußchen ins Knopfloch schob. Sie blickte den heimlich Geliebten eine Weile bewundernd an, brach aber dann plötzlich in heftige Thränen aus, schluchzte in den aufgehobenen Rockzipfel, mit dem sie sich die Augen wischte, und rief bekümmert aus: »O Jotte doch, wie gut er aussieht.« »Was weinst du denn, gute Jette?« frug Hans mitleidig. »Mir hat niemals ein anständiger Mann Blumen ins Knopfloch gesteckt!« sagte das Mädchen von neuem schluchzend. Hans griff in ihr Körbchen, das sie vor Weh beinahe ausgeschüttet hätte, nahm ein anderes Sträußchen und sagte: »Na, das können wir wohl haben, Jette. Es ist aber freilich dein eigener Strauß, den du gepflückt hast.« »Ach, das macht nichts« sprach die Jette etwas ruhiger. »Na, da halte mal still, Jette,« meinte der Privatdozent, indem er ihr ein Sträußchen auf dem Busen festmachte und einige andere Blumen ihr ins Haar befestigte. Er streichelte ihr die Wange und sagte, selbst nicht ohne Stolz über seine Künste: »Na, da siehst du ja gerade aus wie eine Braut, Jette!« Strahlend vor Glückseligkeit griff Jette nach ihren Haaren, sah dem Manne verliebt ins Gesicht und sprach ungläubig: »Ach, is et wahr? Wie eine Braut?! – Wenn ick nur einen Spiegel hätte!« Hans mochte ihr das Vergnügen nicht versagen. Er setzte sich auf eine Ruhebank, schnürte seinen Berliner auf, Jette setzte sich neben ihn, und er zog aus dem Bündel seinen kleinen Handspiegel hervor, den er nach Handwerksburschenweise bei sich führte. »Da, Jette« meinte er herzlich, indem er ihr den Spiegel gab. Jette blickte hinein, sah drinnen ihr Gesichtchen mit den Blumen bekränzt und putzte sich zurecht. Sie sah auch das hübsche, nur etwas verwahrloste Gesicht des Schlossers im Spiegel über ihre Achsel weggucken, denn Hans blickte mit ihr auch herein, und über den beiden Gesichtern fiel ein Bild des grünen Baumwipfels mit hernieder, der über ihnen rauschte. Da stieß die Jette leise mit ihrer Schulter an Hans an und sagte mit verschämter Hoffnung: »Ach Gott, wenn ick nur ein einziges Mal in meinem Leben eine richtige Braut wäre! – Willst du denn nicht eine Werkstatt errichten, mein Schlosser, wenn du von der Walze wieder heimkehrst? – Da muß doch auch eine Frau Meisterin sein!« Hans verstand die Anspielung, die darin liegen sollte, nicht. Er dachte an seine Braut, die ja wohl auch einst seine liebe Meisterin sein sollte, und meinte, unangenehm an seine augenblickliche Lage erinnert: »Ach, Jette, das weiß ich selber nicht. Ich weiß ja nicht einmal, was aus mir werden soll. Ich bin so heruntergekommen, daß ich keinen Pfennig in der Tasche habe und nicht weiß, wie ich nachher zu Mittag essen soll.« Er vertraute ihr an, daß er seine Papiere verloren habe und damit völlig obdachlos sei. Daß man sie ihm gestohlen habe, wollte er nicht gestehn, da ihn vor dem Mädchen ein gewisses Gefühl der Beschämung davon zurückhielt. »Was? Und erst hast du mir die Schuhe gekauft?!« meinte die Jette, als sie hörte, daß er in Not sei. »Ach, für dich, für dich, mein Schlosser, bettelte ich ja die Kaiserin von China selber an.« »Ja, ja, Jette, wir sind wohl beide arme Leute,« meinte Hans, gerührt über ihre Bereitwilligkeit, aber wenn's sein muß, so will ich schon selber fechten, denn selber ist der Mann.« »Thu's nicht; thu's nicht, Schlossergesell,« bat die Jette jetzt dringender, indem sie sich erhob. »Mein guter Handwerksbursch, ick sehe ja schon, daß du noch nicht schmal gemacht hast, ick hab's ja gemerkt, wie du vorhin det Liebespaar angesprochen hast. Du bist ja wohl zum erstenmal auf der Walze, kennst det Geschäft nicht, und wenn du'n ordentlicher Mensch werden willst, denn is et heutzutage besser, wenn du selber gar nicht in die Fechterei gehst. Es wäre ja auch wegen deiner Frau Meesterin, setzte sie stockend hinzu, besser, wenn du mal sagen kannst, daß du det Fechten nicht nötig gehabt hast. Deine Papiere wirst du schon wieder ersetzt kriegen, und denn gehst du nur zu den Schlossermeistern und Innungsvorständen auf deiner Wanderschaft und laßt dir das Innungsgeschenk geben, suchst hier Arbeit bei einem Schlosser, bis du so viel verdient hast, daß du weiterwandern kannst. So machen's die anständigen Handwerksburschen, die noch keene Zitronenschleifer sind, weil sie ihr Handwerk verlernt haben. Aber wie so'n richtiger mieser Kunde zu fechten, det is nischt für dich.« Hans konnte sie nicht in seine verzwickte Lage einweihen, die ihm all diese guten Vorschläge unmöglich machte, da er sein Inkognito unter den gegenwärtigen Umständen erst recht nicht aufgeben durfte. Er sagte nur: »Ja, was soll ich denn aber so lange machen, bis ich wieder Papiere habe. Ich kann doch nicht verhungern.« Jette sah ihn gütig an. »Na, weeßt du was, det is doch ganz einfach. So lange will ick als deine Tippelschickse jehn. Denn das ist eben so'n Mädchen oder eine Frau, die mit einem geht und für ihn bettelt. Du brauchst selber jar nischt zu thun. Ick könnte ja sagen, daß du mein Mann wärst und todkrank zu Hause lägst, und daß wir ein Kind zusammen erwarten, und wovon soll det arme Wurm nun leben?! Ick thue so, als wär' ick deine Frau; und du kannst dir bei Erdmannsdorf in den Wald legen bei dem See, da wo die Landstraße um den See biegt. Dort komme ick heute Abend hin, von den Sträußchen verdiene ick so schon ein paar Groschen, die bringe ich dir mit und Pickus ooch, denn wenn ick in den Dörfern, wo se mir nicht kennen, erzähle, daß ick een Kind erwarte, da kriege ich ja soviel gute Sachen, daß wir's allein gar nicht essen können. – Also ick zittere jetzt los, und gegen Abend findest du mich am Erdmannsdorfer Seeteich, und du kannst dich derweil in den Wald legen. Das gilt.« Sie machte sich auf, ordnete ihre Sträuße im Korbe und wollte nach der Stadt, um für den Geliebten zu fechten. Sie hatte den Instinkt und den Hintergedanken dabei, daß, wenn der Geselle sie für einige Tage zum Scheine als seine Begleiterin annähme, der sich von ihr füttern und erhalten läßt, er gewiß auch sich dann enger an sie anschließen würde, um sie eines Tages zu seinem richtigen Bräutchen und zu seiner Frau Meisterin zu machen. Sie erschrak aufs tiefste, als Hans auf ihren Vorschlag mit großer Bestimmtheit sagte: »Nein, Jette, von jeder anderen würde ich das vielleicht annehmen, aber nicht von dir.« »Was? Von jeder anderen und mir nicht?« erwiderte die Jette gekränkt. Sie sah ihn schmollend an und drehte ihm dann rasch den Rücken, indem sie ein Stück fortging, als habe sie die Absicht ihn zu verlassen. »Na, denn mag ich aber ooch jar nischt mehr von dir wissen!« rief sie ihm naserümpfend zu, indem sie stehn blieb. Sie wartete, weil sie hoffte, der Kunde würde ihren Liebesdienst vielleicht doch noch annehmen. Hans hatte die Empfindung, daß es sich weder mit seiner Manneswürde noch mit seiner Selbstachtung vereinigen ließ, wenn er sich von einem Bettelmädchen erhalten ließ und wäre es auch nur auf einige Tage, ja, Stunden gewesen. Ehrenhafter und würdiger erschien es ihm dann wenigstens, auf eigene Faust weiter zu fechten. Dieses gute Mädchen wollte ihn durch seine Hilfe vor einem moralischen Herabkommen bewahren und ahnte nicht, daß er in Wirklichkeit am meisten in ein herabgekommenes Verhältnis gelangt wäre, wenn er von ihrem Anerbieten Gebrauch machte. Nein, soweit wollte er sich nicht herabbegeben, daß er zum »Scheeks,« zum Schmarotzer eines landfahrenden Mädchens wurde, mochte die Jette auch noch so gut und innerlich keusch sein inmitten der Verderbnis, in welcher sie auf der Frauenherberge lebte. »Na, wie steht's?« frug die Jette nochmals. Hans schüttelte stumm den Kopf. Da machte sie ein Gesicht, als wollte sie weinen, kehrte sich aber dann trotzig um und sagte: »Na, warte, du wirst's schon noch bereuen, daß du ein armes Bettelmädel verachtest; du wirst schon noch selber zu mir kommen, das sag' ich dir voraus, und denn wirst du mir am See bei Erdmannsdorf finden, das gilt!« – Sie sagte das so bestimmt und bog mit ihrem Körbchen in einen Seitenweg ein, um ihrem Blumenhandel nachzugehen. »Was da!« dachte Hans. Fechten ist keine Schande und verhungern kann ich nicht. Ich habe nur noch nicht die richtige Manier; wenn ich's geschickter anfange, werde ich so gut wie jeder andere auch etwas erhalten. Er schlenderte nun wieder zur Stadt zurück, und die Stimmung, die über ihn kam, wurde geradezu weinerlich. Seit vorgestern Abend hatte er nichts Festes im Magen, und jetzt kam nun schon wieder der Mittag heran, wo alle anderen Leute drinnen in der Stadt bei dampfenden Schüsseln und Fleischtöpfen saßen, ihre Tellertücher um den Hals steckten und mit Messer und Gabel einhauten. Vor einiger Zeit war eines Tages bei ihm in Berlin ein armer Reisender erschienen, der sich mit einer Visitenkarte als Leutnant a. D. eingeführt hatte. Der Mann hatte ein höchst erbarmenwürdiges Ansehen gehabt. Er kam an einem Stocke langsam ins Zimmer gewankt, zitterte heftig mit den Beinen, und seine Hände hatten förmlich vom Nervenzittern hin- und hergeschlagen. Er brachte ein Leutnantspatent zum Vorschein zu seiner Beglaubigung, sagte, er sei Journalist, Redakteur eines volkswirtschaftlichen Blattes und an den Herrn Privatdozenten empfohlen, den er schon aus seinen Aufsätzen kenne. Er habe einen Nervenschlag bekommen, seine Stelle sei ihm gekündigt, und er möchte sich nun an seine Güte wenden, ob er ihm das Reisegeld nach München-Brunnthal, wohin er zum Kurgebrauch müsse, nicht geben könnte. Hans hatte ihn reichlich unterstützt und ihm Visitenkarten an einige befreundete Professoren gegeben, die, entsetzt über den jämmerlichen Anblick des Mannes, ihm zwanzig Mark und mehr schenkten. Endlich aber hatte einer, der dem Abgezogenen durchs Fenster auf die Straße nachschaute, gesehen, daß der Mann ganz lustig und mit leichten Schritten um die Ecke ging. Man hatte die Polizei zu seiner Verfolgung aufgeboten, denn er hatte überall Geld erhalten, er war aber spurlos verschwunden. Seit Hans bei Wesel die Legitimationsfälscherei kennen gelernt hatte, war er nicht im Zweifel, wie der Gauner zu seinem Leutnantspatent gekommen sein mochte. Da er aber aus Erfahrung wußte, wieviel der Mann eingeheimst hatte, so meinte er jetzt in seinem Hunger und seiner Verlegenheit, er könnte ein ähnliches Stückchen auch einmal versuchen. Er probierte, ob er im Stande wäre, mit den Händen nervös zu zittern und die Kniee auf und niederfliegen zu lassen, und fand, daß das über Erwarten leicht war. Von der Stadt her kam eben ein dicker Herr gegangen, der mit Gewichtigkeit einherschritt, die Hände auf dem Rücken, den Spazierstock unter dem Arm. Schnell gefaßt trat Hans ihm entgegen, indem er halb gekrümmt heftig mit Händen und Knieen zitterte und mit kränklicher Stimme sprach: »O mein gütiger Herr, sehen Sie mein himmelschreiendes Elend an! Nervenapoplexie, Rückgratsverkrümmung infolge schlechter Ernährung, ein armer Steingutdreher aus Thüringen, vollständig arbeitslos, beste Zeugnisse, mein Herr, hatte ausgezeichneten Verdienst, plötzlich zog sich bei mir alles krumm am Rücken und seitdem dieses Zittern, das mich vollständig unfähig macht. –« Der dicke Herr sah ihn mit einem Blicke, gemischt aus Wohlwollen und Mißtrauen, an und sagte: »Schon wieder so einer! Gestern haben sie erst auf dem Amtsgericht einen sogenannten invaliden Maschinenarbeiter eingebracht, der aber sich mit Senfpflaster verunstaltet hatte.« Hans zitterte heftiger, seine Hände pendelten wie leere Handschuhe an seinen Knöcheln, und er meinte jämmerlich, nicht ohne im stillen über seine Verstellungskunst zu staunen: »O, mein Herr, es giebt ja viele Schwindler – aber ich, o glauben Sie mir, Sie helfen einem, der wirklich in großer Verlegenheit ist und buchstäblich seit vorgestern nichts gegessen hat.« Der dicke Herr meinte, noch immer mißtrauisch: »Ja, wenn Sie Arbeiter sind, mein Guter, so müssen Sie doch in einer Unfallversicherungskasse sein, in einer Krankenkasse. Wissen Sie nicht, daß in ganz Deutschland die große Wohlthat der staatlichen Arbeiterunterstützungskasse ist; ich zahle für meine Arbeiter und Bedienung allein jährlich 100 Mark. Diese Kassen bringen alles zweifelhafte Elend dieser Art aus der Welt.« »Was?! Unfallversicherungskasse?!« meinte Hans heftig und zugleich angeregt, da hier unmittelbar seine wissenschaftliche Meinung betroffen wurde. Er besann sich, daß er zittern mußte, und sagte demütiger: »Diese nationalökonomische Ansicht halte ich nun für ganz verfehlt, mein Herr. Ihre Kassen sind eine sehr wohlthätige Einrichtung – alle Achtung! Aber solche unverschuldete Verhältnisse, wie Sie hier vor sich sehen, mein Herr, werden deshalb doch immer wieder entstehen, und sie verdienen Mitleid! Ich war ein selbständiger Steingutdreher, kein Arbeitnehmer, für mich gab es keine Kasse, und wenn Sie Ihre Arbeiter glauben sicher zu stellen, nun, so werden Sie erleben, daß Ihre Gelehrten, Ihr Mittelstand eines Tages in die Stromerei getrieben wird mit diesen nationalökonomischen Pfuschereien!« »Na, der ist wenigstens originell,« dachte der dicke Herr und griff in seine Tasche, um ein paar Pfennige herauszuholen. Wohlwollend sagte er: »Na, dann zeigen Sie einmal Ihre Papiere. Ich will sehn, was ich thun kann.« Hans vergaß vor Verlegenheit schier mit den Beinen zu beben; es zitterten nur noch seine Hände. »Papiere? Meine Papiere – stammelte er – leider gestohlen, mein Herr.« »Was?!« frug der Fabrikherr gedehnt. Ein Blick fiel auf den Privatdozenten nieder, der die ganze abstoßende Empfindung ausdrückte, welche der Herr hegte. O dieser Blick! Wieder dieser empörende Blick! Auf einmal richtete sich Hans in die Höhe, vergaß seine Not, sein Zittern, seine Rolle und rief dem Manne entrüstet zu: »Herr, muß denn selbst das Elend sich Ihnen gegenüber legitimieren? Bedarf das Elend der Beglaubigung. Ist derjenige, der bitten muß, nicht an sich schon in der Lage, daß man ihm giebt? Und möge er einen Vorwand nehmen, welchen er wolle, um Ihr Mitleid zu erregen, ist er nicht eben unter allen Umständen ein Bedürftiger? Glauben Sie, ich gebe zum Spaße mein Selbstgefühl preis, daß ich Sie hier anbettele?! Lieber einem Unwürdigen etwas geben, als den wirklich Hilfsbedürftigen von der Thür weisen, das ist meine Ansicht, mein Herr, denn, das Mitleid adelt vor allem den Geber selbst!« Er hatte das zuletzt im Tone einer entrüsteten Strafpredigt gesprochen und sich in seiner ganzen, gesunden Naturgestalt aufgerichtet. »Was?! Und jetzt zittern Sie auf einmal gar nicht mehr?!« fuhr ihn nun seinerseits der Herr entrüstet an. »Jetzt ist ja die Rückgratsverkrümmung sehr schnell gehoben?! – Na, warte, es giebt ja wohl noch eine Polizei! – Pfui, schämen Sie sich, Sie Hochstapler, Sie arbeitsscheues Individuum, pfui!« Der Herr ging entrüstet weiter und auf kurzem Umwege zur Stadt zurück. Er begab sich sofort auf das Polizeibureau, gab eine genaue Personalbeschreibung eines zudringlichen Schwindlers, der ihn angebettelt hatte, und veranlaßte die polizeiliche Verfolgung desselben. Der Polizeiwachtmeister fand die Beschreibung zutreffend auf den Mann, der gestern bei ihm gewesen war, und hieß einen berittenen Gendarmen ausrücken, um nun doch das gefährliche Individuum in Haft nehmen zu lassen, wo man es fände. »Arbeitsscheues Individuum!« dachte Hans, als der Herr ihn verlassen hatte. »Ich, der ich schon auf der Schule im deutschen Aufsatz stets die Ia hatte!« Sein Unglück, sein Mißgeschick war haarsträubend. Er hatte noch immer nichts zu essen. Im Zustande einer gewissen heimlichen Angst, die auch durch verschiedene Versuche, sich mit Humor über seine Lage wegzubringen, nicht schwinden wollte, kam er wieder in die Stadt zurück an die Kirche hin. Dort saß eine einzelne Obsthändlerin unter einem aufgespannten Schirme und hatte ihre Körbe mit Äpfeln, Apfelsinen, ihre Honigwaben und sonstigen Waaren um sich aufgestellt! Sie schien ein wenig eingenickt zu sein, denn sie saß mit gefalteten Händen im Schoß und hatte den Kopf vorn auf die Brust herabsinken lassen. Der Platz war ganz einsam, wie Hans mit einem raschen Blicke bemerkte. Unwillkürlich blieb er vor den Obstkörben stehen. Der Privatdozent betrachtete mit inniger Zuneigung die aufgestapelten Äpfel. Lieber Gott, wäre es denn ein so großes Verbrechen gewesen, wenn er sich jetzt hier einen angeeignet hätte, um nur den äußersten Hunger zu stillen? War es ein Diebstahl zu nennen, wenn er einen harmlosen, runden, sättigenden Apfel in die Hand nahm und ihn achtlos in seine Tasche gleiten ließ? Die Alte schlief so fest, und ein Apfel mehr oder weniger machte sie weder ärmer noch reicher. Hans griff unwillkürlich in die Äpfel und wog einen besonders schönen in der Hand. Schon war er im Begriff, ihn verstohlen in seine Tasche zu stecken, als ihm einfiel, daß man ihn ja aus den Fenstern um den kleinen Kirchenplatz in den Häusern beobachten konnte, und, wenn man ihn anzeigte, wenn man ihn festnahm – seine ganze Zukunft, seine ganze fernere Laufbahn stand auf dem Spiel. Nein, er durfte doch nicht. Er legte den Apfel wieder hin und lief, wie von Furien gejagt, weg. Die Alte aber schlief ruhig weiter. Ein tiefer Schrecken über die Schwäche und Hilflosigkeit der menschlichen Natur hatte sich des Doktors bemächtigt. Wieviel hatte gefehlt, so war er, ein Mann von Bildung und Gewissen, zum Diebe herabgesunken, und alles nur, weil er ein ärmliches Kleid trug und jämmerlichen Hunger hatte. Er machte sich Gewissensbisse gerade, als hätte er wirklich fremdes Eigentum sich angeeignet; er kam in eine selbstquälerische Stimmung hinein, in der er sich selbst mißachtete und die Empfindung hatte, er sei nun wirklich rettungslos zu einem richtigen Kunden herabgesunken; eine förmliche Verstörung bemächtigte sich seines sonst so heiteren Gemütes. Nur eine Bewegung und die Aneignung fremden Eigentums war geschehen und damit die innere Grundlage seines ganzen bürgerlichen Daseins zerstört. Nur eine Bewegung und Achtung vor sich selbst, ruhiges, sicheres Selbstgefühl war an ihm verloren. Es mochte wohl auch der lange Nahrungsmangel daran schuld sein, daß sich des Doktors ein förmlicher Trübsinn bemächtigte. Er verbrachte die Mittagsstunden vor der Stadt, wo er sich am Rande eines Straßengrabens hinsetzte hinter einem Schlehdornbusch und mit heimlichem Grauen die Gebrechlichkeit der menschlichen Natur überdachte, die nur auf kurze Zeit vom Notwendigen entblößt zu sein brauchte, um jeder schlimmen Versuchung ausgesetzt zu sein. Als die Nachmittagssonne schon wärmere und weichere Strahlen herabsendete, wurde Hans aus seinem trüben Hinbrüten geweckt durch eine Schar von jungen Damen, die in hellen, duftigen Frühjahrskleidern auf der Straße herankamen. Einige hatten rosa lichte Kleider an; andere gingen in blaßblauen und weißen Stoffen, hatten bunte Sonnenschirme aufgespannt, und die lieblichen Gesichter der hübschen Mädchen waren vom Wiederschein der Sonnenschirme in einen warmen, bunten Farbenschimmer getaucht. Einzelne junge Fräulein wandelten Arm in Arm und hatten Blumensträußchen gepflückt, andere sprangen vom Wege ab in den Straßengraben und suchten da Blumen. Eine ältere Dame die ihnen folgte, war augenscheinlich die Pensionsvorsteherin, welche die Mädchen zu einem Spaziergange ins Freie führte. Hans fühlte ein erneutes Hoffen und Zutrauen zu den lieblichen Kindern und beschloß diese doch noch einmal anzusprechen. Männer anzureden hatte er bereits verschworen; es war ein hartes und hochmütiges Geschlecht, und die christliche Liebe und Milde war für sie von jenem göttlichen Religionsstifter wohl umsonst gepredigt. Aber die Frauen hatten ein weicheres Herz, und diese Mädchen würden gewiß die Prüfung ihrer Gemüter besser bestehen als jene. Hans trat den Mädchen entgegen, nahm seinen Hut ab und sagte zu den zwei ersten, die herankamen: »Ach, meine lieblichen jungen Damen, gestatten Sie, daß ein armer Blindgeborener seine Hand aufthut, um Ihre milden Gaben zu empfangen.« »Ein Blindgeborener?!« frug verwundert der reizende Backfisch im weißen Kleide, dem ein kluges Stumpfnäschen im Antlitz saß, indem er einen Blick auf die klaren, sehenden Augen des Bettelnden warf. »Jawohl, mein Fräulein,« sagte Hans, der in einer unsäglichen Stimmung seines Herzens sich über die Trübsal seines Gemütes hinwegzureden suchte. »Jawohl, mein Fräulein. Erst seit vorgestern habe ich mein Augenlicht wieder erhalten, seit vorgestern erst sehe ich dieses schöne Sonnenlicht, den blauen, hohen Himmel, die Blumen und die Menschen, und wie sie alle so schön, so gut und so edel sind.« »Ach, der arme Mann!« meinte das kleine Fräulein mitleidig. Sie rief ihre Freundinnen heran und sagte rasch: »Ach, Lieschen, Röschen, Emmchen, kommen Sie doch einmal hierher. Denken Sie, ein armer Blindgeborener, der erst seit vorgestern wieder sieht!« Die Mädchen versammelten sich neugierig um den Mann, um ihn sich genau zu betrachten und die Merkwürdigkeit anzustaunen. Hans wurde mutiger und sagte, selbst ein wenig gerührt über seinen Einfall: »Zum erstenmale sehe ich solch einen Flor junger, holdseliger Mädchen vor mir. Ach, es kommt mir vor, nachdem ich so lange Nacht um meine Augen hatte, als wären Sie alle schöne, vom Himmel herabgestiegene Engel, denen man nur die Flügel abgeschnitten hat. Geben Sie mir eine kleine Gabe, die Welt ist ja so ganz anders, als ich sie mir dachte.« »Ach, der unglückliche Mann!« meinte das Backfischchen, indem es wehmütig die Hände in seinen Sommerhandschuhen zusammenschlug. Röschen, Mariechen, Gretchen – hört, da müssen wir alle etwas geben.« Die Mädchen begannen eifrig in ihre Kleidertaschen zu greifen und ihre zierlichen kleinen Geldtäschchen hervorzuziehen. Die Hübscheste veranstaltete stillschweigend eine Sammlung. Neugierig wendete sich aber das zuerst angesprochene Fräulein an Hans und frug mit wissenschaftlichem Vorwitz: »Ach, sagen Sie einmal, wie haben Sie sich denn die Welt vorgestellt, ehe Sie sehen konnten? Wohl viel schöner?!« »O nein, mein holdes Fräulein« entgegnete Hans demütig. »Ich hielt sie in meiner Blindheit für ein Jammerthal, weil man mir immer sagte, daß sie ein solches sei. Ich glaubte, alle Menschen hätten traurige vergrämte Gesichter, Kummerfalten auf der Stirn von der Sorge ums tägliche Brod und wandelten in einem dunklen, schattigen Thale, wo kein Sonnenschein hereindringt. Ach, und nun sehe ich, daß statt dessen die Mädchen in rosigen Kleidern gehn wie Blumen und Schmetterlinge und so lieblich aussehen, daß der Gedanke, sie zu küssen, der schönste Dank sein muß, den wir dem Schöpfer dafür schulden, daß er uns in eine solche lichthelle Welt des Glückes versetzt hat.« Alle Mädchen blickten verschämt vor sich nieder und sahen sich gegenseitig heimlich an. Mit empörtem Gesicht aber trat die Vorsteherin, die unterdessen herangekommen war, mitten in den Kreis und sagte: »Meine Damen, wie können Sie es mit der Schicklichkeit vereinigen, derartige unpassende Bemerkungen anzuhören! Sie werden diesem Menschen nichts geben! – Gehen Sie weiter, mes dames ! »Ach, der arme Mann! Nun sollen wir ihm nicht einmal etwas geben!« rief das Fräulein aus, welches die Sammlung veranstaltet hatte. »Machen Sie, daß Sie weiter kommen, meine Damen –!« sagte die Vorsteherin mit gesteigerter Energie. Hans sah mit Bedauern, wie das Fräulein, welches die Sammlung veranstaltet hatte, langsam die Hand sinken ließ, die es schon erhoben hatte, um dem armen Blindgeborenen die milde Gabe zukommen zu lassen. Die Mädchen schmollten und beklagten sich; die Vorsteherin aber drang darauf, daß das gesammelte Geld an die Eigentümerinnen zurückgegeben werden mußte. Während des Aufenthaltes, der hierbei entstand, waren von verschiedenen Seiten andere Leute sichtbar geworden. Sorger, der Kellner, war mit der Liese landwärts die Straße herangekommen, um seinen Plan wegen der Jette auszuführen, nachdem sie ausgekundschaftet hatten, wo sich eben der Schlossergeselle umhertrieb. Von der entgegengesetzten Seite, aus der Stadt her, aber sah man, majestätisch auf einem hohen Rosse reitend, einen Polizisten herankommen. Seine Helmzier blitzte; man sah den Säbel an der Flanke des Pferdes schwanken, während der Reiter mit scharfen Augen die bunte Gruppe, in welcher Hans stand, schon von ferne beobachtete. Sorger wollte eben seinen Handel mit Hans einleiten und rief ihm in den Kreis der jungen Damen hinein zu: »Na, Katzenkopp, wo hast de denn die Jette gelassen? Du wirst sie mir doch nicht versteckt haben? Die Jette ist meine Frau, daß du's nur weißt, und wenn du mit ihr gehn willst, dann lasse ich sie dir nicht unter fünf Thalern ab.« – » Horreur! Welche Verhältnisse! Was stehen Sie hier, meine Damen! Das schickt sich nicht!« rief die Pensionatsleiterin aus, indem sie ihre Schar weiterzubringen suchte. Die jungen Mädchen aber, von der größten Neugierde erfaßt über die unglaublichen Dinge, die sie hörten, zögerten und suchten unter allerhand Vorwänden stehen zu bleiben. Hans blickte mit einem Ausdrucke um sich, als wollte er die jungen Damen gewissermaßen um Entschuldigung bitten, daß sie hier in so schlechte Gesellschaft geraten seien. Mit heimlicher Beklemmung aber sah er gleichzeitig den berittenen Polizisten näher kommen, den er nun auch bemerkt hatte, und ungewiß, ob diese Annäherung ihm oder dem sauberen Paare gelten sollte, das sich eben hinzugesellt hatte, drückte er sich hinter einer Gruppe von vier der jungen Mädchen herum, die mit staunenden Gesichtern und wie gebannt auf die Dinge warteten, die da kommen sollten. »Der Blankhut! Der Klempners Karl!« flüsterte die Liese dem Kellner ängstlich zu. Gott sei Dank, sie hatte nicht gebettelt, die jungen Damen konnten das bezeugen. Sie sah daher, nachdem sie sich gefaßt hatte, den Polizisten mit einem gewissen mütterlichen Wohlwollen an, als seien sie recht gute, alte Bekannte, die sich freuen, sich auch einmal wiederzusehen. Der Reiter war jetzt bis an die Gruppe herangekommen und blickte sich scharf nach allen Richtungen um. Hans hegte schon eine dunkle Vorahnung, daß möglicher Weise der Ritt ihm galt; er fühlte eine heillose Beängstigung wegen seines Versuches, den Apfel sich anzueignen. Aber nein, er hatte das ja gar nicht gethan; es war ja nur eine Versuchung gewesen, die tief in seinem Herzen verschlossen blieb; eine lächerliche Versuchung sogar. Und doch hatte er im Anblick des Berittenen eine jähe Gewissensangst. Sorger nahm höchst diensteifrig und geflissentlich seinen Hut vor dem Gestrengen ab, drängte sich einschmeichlerisch an das Pferd heran und zog aus der Rocktasche seine zerflederte Flebbe, indem er mit sehr gewählten Ausdrücken um sich warf: »Ah, Se. Excellenz, der Herr Wachtmeister! Befinden angenehm?! Meine Legitimationen gefällig? O – wir sind immer legitimiert. Bitte, sich zu überzeugen, Herr Wachtmeister. Erfreue mich jetzt sehr wohlgeordneter Verhältnisse, habe eine kleine Stellung als Musterreisender für Dämmstoffe, wohlassortiert in Jeder Hinsicht – betteln?! Betteln, das giebt's bei mir nicht mehr, Herr Wachtmeister, darüber sind wir hinaus!« Er versicherte das mit einem gewissen hohlen Stolze noch mehrmals und reichte dem Manne seine Papiere. Der Beamte warf einen Blick hinein und reichte sie ihm zurück mit den Worten: »Alles in Ordnung, Sorger, können passieren.« Er wendete sich mit gestrenger Miene an die Liese, indem er sein Pferd an sie herantrieb, und kanzelte sie eine Weile ab, ob sie denn die Landstreicherei noch immer nicht lassen könne; wenn sie ein einziges Mal beim Betteln betroffen würde, werde man sie einfach aus dem Bezirke abschieben in ihren Heimatsort und der dortigen Armensorge übergeben, wenn sie nicht etwa gar ins Arbeitshaus müßte. Die Liese hatte das kaum gehört, als sie in ein Jammern und Weinen ausbrach, augenscheinlich mit Rücksicht auf die jungen Damen, die aus Neugier und Mitgefühl noch immer umherstanden. Sie klagte über ihr Los als dreifache Witwe und wie der Himmel sie von jeher gänzlich verlassen habe. Dem Berittenen war dieses Jammern unangenehm; er hatte während dessen schon immer den Privatdozenten beobachtet, der sich befangen hinten herumdrückte. Er glaubte jetzt seiner Sache sicher zu sein, daß er den rechten Mann vor sich hatte, den der Fabrikherr am Mittage angezeigt, und rief dem vermeintlichen Stromer zu: »Na, Sie dahinten, was treiben denn Sie da – ich ersuche Sie einmal um Ihre Papiere – es soll sich hier ein legitimationsloser Himmelsfechter herumtreiben, der wegen schwindelhaften Bettelns angezeigt ist – dann kommen Sie mal her!« Die Aufforderung, seine Papiere zu zeigen, gab dem Privatdozenten einen neuen Stich ins Herz. Nein, das war unmöglich, daß er, ein wissenschaftlich gebildeter Mann, hier, in Gegenwart dieser Damen, festgenommen werden sollte wegen Mangels an Papieren – heillos! Nein, das durfte nicht geschehen. Er suchte mechanisch mit den Händen in seinen Taschen herum, obwohl er doch wußte, daß er gar keine Papiere besaß, und drückte sich, indem er immer die Schar der jungen Mädchen zwischen sich und dem Pferde des Wachtmeisters zu halten suchte, nach dem Straßengraben zu. Unwillkürlich überblickte er mit einem jähen Augenaufschlage die Terrainverhältnisse. Auf beiden Seiten der Straße Äcker; drüben, etwa eine Minute weit, ein Busch, der in ein waldiges Thal hinabzuweisen schien. »Aha!« dachte der Polizist, der ihn genau beobachtete. Seiner Sache ganz sicher, rief er ihn nochmals an: »Sie da, Kunde! Zeigen Sie einmal Ihre Papiere! – Sie da! Bleiben Sie einmal stehen.« Der Privatdozent blickte sich verdutzt um. Sollte er sich in das Unvermeidliche finden? Sollte er sich mitnehmen lassen, um in der Haft die Lösung des Knotens in seinem Schicksale abzuwarten? Vielleicht war es das Vernünftigste. Er kam wie im Traume ein Stückchen auf den Reiter zugegangen, als wolle er sich ausliefern. Plötzlich aber – erfaßt von einer ganz unglaublichen jähen Angst, indem er sowohl an seine Versuchung mit dem Apfel, wie die unbeabsichtigte Legitimationsfälschung bei Wesel dachte und höchste Ungewißheit fühlte, ob man ihm juristisch dabei etwas anhaben konnte oder nicht – plötzlich von einer unsinnigen Vorstellung erfaßt, machte er kehrt und rannte, mit einem Satze über den Graben springend, querfeldein auf den Busch los. Er stolperte im Acker, fiel aber nicht, sondern schoß nur noch schneller, wie ein gehetzter Hase, über die Ackerfurchen dahin. Ein aufgeregtes Geschrei der erschrockenen Mädchen schallte hinter ihm her. Der Polizist rief vom Pferde herab: »Halt auf! Halt auf! Der ist es.« Er setzte seinem Gaule wiederholt die Sporen in die Weichen, aber das scheu gewordene Pferd bockte und tänzelte knirschend auf einem Flecke herum. In ihrem Schrecken hatten die Mädchen Taschentücher gezogen, winkten damit und kreischten: »Halt auf! Halt auf!« Eine spannte im plötzlichen Entsetzen ihren Sonnenschirm gerade unter den Augen des Pferdes auf; der Gaul, vollständig verschüchtert, war nicht vom Flecke zu bringen, und der Wachtmeister fluchte ingrimmig, während er den Kunden über den Acker wegfliehen sah. Plötzlich kam das Pferd in Gang. An allen Gliedern zitternd sprang es mit einem Satze los, aber statt hinter dem Kunden dreinzufolgen, jagte es mit gestreckter Carriere in entgegengesetzter Richtung samt seinem Reiter die Landstraße hinab nach der Stadt zu, sodaß die beiden Parteien atemlos in entgegengesetzter Richtung auseinander flohen. Die jungen Mädchen aber liefen aufgeregt durcheinander, sahen bald dem entflohenen Stromer, bald dem Berittenen nach und haben noch viele Tage sich nachmals über das Abenteuer unterhalten. Als Hans am Busche angelangt war, blickte er sich rasch um. Der Reiter war verschwunden und mochte unterdessen schon mitten in die Stadt auf den Marktplatz hereingesprengt sein, zum Ergötzen aller in seinen Auftrag Eingeweihten. Hans fühlte sich sicherer und schlug sich in das grüne Laubthal hinunter, wo er sich eine versteckte Stelle hinter einer dunklen Tannengruppe aussuchte, um einige Augenblicke zu verschnaufen. Es war ihm doch lieber so, daß er sich durch eine Flucht all den Unannehmlichkeiten entzogen hatte, die bei seiner Festnahme unvermeidlich gewesen wären. Ja, er fühlte sich sogar neu erheitert, wenn er sich vergegenwärtigte, wie er auf diese Weise alle Abenteuer, die ein richtiger Kunde zu erleben pflegte, auch selber durchmachte, und wie denn auch hierin das Ergebnis seiner Fahrt ein geradezu glänzendes war. Jetzt wurde die Sache erst interessant. Kein Zweifel, die Polizei würde nun wohl sogar eine größere Razzia veranstalten, um seiner habhaft zu werden, und das Abenteuer verlangte daher nun erst recht den Aufwand aller Geistesgegenwart. Insofern war das Abenteuer indessen höchst unangenehm, als der Flüchtige allmählich eine innere Schwäche und ein Ermatten spürte, die ihm zum Bewußtsein brachten, daß er noch immer nichts zu essen gefunden hatte. Erneute Angst bemächtigte sich des Ärmsten; es war ein zu klägliches Gefühl, daß all seine Bettelversuche bisher vergeblich waren, und, während andere reichlich Beute auf die Herbergen einbrachten, ihm bisher nicht einmal gelungen war einen Wurstzipfel einzuheimsen. Das war wahrlich zum ehrlichen Verzweifeln! Er machte sich auf, um auf einem Umwege die Landstraße wiederzugewinnen und vielleicht in einem Bauernhause etwas zu essen zu erhalten. Eine halbe Stunde mochte er auf der Straße in ziemlicher Trübsal gewandert sein, als er vor sich drei junge Handwerksburschen erblickte, die langsam mit ihrem Bündel auf dem Rücken einherwanderten, indem sie ihre Stiefeln in der Hand trugen und barfuß gingen. Er beeilte sich, ihnen nachzukommen, und dachte, er könnte vielleicht hier zu etwas kommen. Einer der Burschen hatte gemerkt, daß der Mann so eilig sie einzuholen suche, und diese Beobachtung, einigermaßen ängstlich, den anderen mitgeteilt. Als Hans daher herankam, wurde er schon etwas mißtrauisch angesehen, obwohl er sich mit einem »Kenn' Kunde« höflich einführte, das auch gleichermaßen erwidert wurde. Er wollte ein Gespräch anfangen und frug daher die Handwerksburschen, was ihre »Religion« wäre. Die Handwerker waren drei ordentliche Leute, die über Land wanderten, um im Norden bei verschiedenen Meistern ihres Gewerbes in Arbeit zu treten und walzten, weil sie dabei immer noch billiger kamen, als mit der Eisenbahn. Sie glaubten, einen alten, erfahrenen Kunden, augenscheinlich einen Eingeweihten und gefährlichen Kerl vor sich zu haben, und antworteten in der Kundensprache, um sich dadurch gewissermaßen als alte Kundige zu erweisen, denen man nicht so leicht etwas vormachte. »Ich bin ein Lehmer,« Bäcker. sagte der erste. »Und ich ein Rumtreiber,« Böttcher. der zweite. Der dritte sagte: »Ich bin ein Elementenfärber.« Brauer. Hans wußte nicht, was sie damit meinten, da ihm diese Handwerksbezeichnungen noch nicht vorgekommen waren. Aber er dachte sich, daß es Namen für die Handwerke der einzelnen wären und, um auch etwas zu sagen, hielt er es für richtig, sich als einen Schuster auszugeben, weil er zufällig den Namen für das Gewerke kannte und meinte: »Ich bin ein Pechhengst.« Die Gesellen sahen ihn mißtrauisch an. Er begann endlich, nachdem man ein paar gleichgültige Worte gewechselt hatte, anzudeuten, daß er nicht recht bei Barschaft sei und daß, wenn der eine oder der andere etwas zu essen bei sich habe oder ihm ein paar Pfennige schenken könnte, ihm das sehr lieb wäre. Die Handwerker sahen sich einander ängstlich an. Das mußte ein sehr herabgekommener Kerl sein, der sogar wandernde Handwerker anbettelte. Sie wechselten kein Wort miteinander, sondern begannen etwas schneller zu gehen, sodaß auch Hans eiliger nebenher laufen mußte. Er wunderte sich über die Erbarmungslosigkeit, die auch hier zu herrschen schien, und, verzweifelt wie er war, versuchte er es mit einem verzweifelten Mittel, indem er glaubte, wenn er die Handwerksburschen einschüchterte, würden sie eher etwas herausgeben. »Geben Sie mir etwas, und wenn's auch nur ein paar Pfennige sind, ich habe seit vorgestern nichts gegessen, denn ich bin auf der Flucht vor den Schuckern, weil mir vorgestern ein Raubanfall mißglückt ist. Ich bin nämlich der schwarze Heinrich, von dem ihr wohl schon gehört habt, und das ist kein Flatterfahrer, sondern ein großer Mann in seinem Geschäfte!« Er phantasierte das in seiner Herzensnot und in seinem Hunger so heraus, in der Hoffnung, die Burschen würden Respekt bekommen und ihm, wenigstens um eine so unheimliche Begleitung los zu sein, etwas geben. Er hatte aber kaum das Wort »Raubanfall« ausgesprochen, als die drei Handwerksburschen, wie auf gemeinsamen Befehl, ohne ein Wort zu reden und ohne sich auch nur umzuschauen, in einen Trab verfielen, der in ein ängstliches Rennen überging, bis sie hinter der Höhe der Straße ihm aus den Augen gekommen waren. Hans hatte erst ein Stück mitlaufen wollen, hielt aber inne vor Erschöpfung und sah den Fliehenden mit stiller Wehmut nach. »Merkwürdig,« dachte er bei sich, »ich muß etwas Abstoßendes an mir haben. Das macht das gebildete Äußere des Schriftstellers als Erzieher seiner Nation!« Was nun beginnen?! Er sah ein, er würde sein Lebtag keinen Erfolg im Fechten haben, er, der schon nach einem Tage des Hungers in die Versuchung eines Diebstahls geraten war. O, er wollte niemals mehr mit den Unglücklichen ins Gericht gehen, welche den Unterschied von Mein und Dein vergessen hatten; der gebildetste Mann war in dieser Sache nicht mehr gefeit, wie der blödeste. Wie viele der gebildetsten Männer, Kassenbeamte, Börsenleute, Amtsrichter, Vormünder, die Mündelgelder veruntreuten, bevölkerten jährlich die deutschen Gefängnisse, weil auch sie das Mein und das Dein nicht in einem willensstarken Geiste unterschieden hatten. Hans ging im Geiste die Statistik derartiger Verbrechen durch, die ihm durch seine Forschungen so wohl bekannt war, und es wurde ihm zu Mute, als habe er diese Verbrechen alle selbst begangen, zumal er nicht ohne Sorge daran dachte, daß man auch ihm mindestens wegen Landstreichens und Bettelns polizeilich nachstellte. Was nun beginnen, wo keine Menschenseele sich seiner schauderhaften Lage erbarmte?! Doch, eine Seele hatte sich erbarmt. Warum fühlte er jetzt, wo man sogar vor ihm wie vor einem reißenden Tiere, einem hungrigen Wolfe, geflüchtet war, auf einmal zu der guten Jette eine unermeßliche Sehnsucht? War es Hunger, war es Liebe? Er wußte es nicht, aber eine unbezwingliche Sehnsucht malte ihm das Bild des armen Mädchens vor, das diesen Tag über für ihn bettelte und mit ihm theilen wollte, was es empfangen würde. Ja, hatte er denn überhaupt ein Recht gehabt, das Anerbieten des Mädchens auszuschlagen? Wie kam er dazu, sich etwas Höheres zu dünken, er, den sie eben wie jeden anderen Stromer polizeilich verfolgten, der wie jeder andere Stromer das Hasenpanier ergriffen hatte, er, der sogar den Apfel einer schlafenden Obsthändlerin an sich genommen und wenn er ihn auch wieder hingelegt hatte, so doch die lebhafteste Versuchung verspürt hatte ihn zu behalten? In alledem war er nicht nur mit der Jette eines Standes, nein, diese stand sogar noch eine Stufe höher, denn sie hatte gewiß noch keine Versuchung derart gespürt, wenn sie auch ein armes, heimatloses Findelkind war. Da fühlte er, wie eine unendliche, eine himmlische Liebe zu der Armut des Mädchens in sein Herz zog, und es war nicht nur der Hunger, es war etwas von jener höchsten Liebe, die da gepredigt hatte: »Selig sind, die da geistig arm sind, denn solcher ist das Himmelreich,« die ihn aus seinen eigenen Nöten und aus allen nationalökonomischen Nöten seiner Zeit mit Macht zu dem Mädchen zog, das gewißlich seiner wartete am See, wo sich die blauen Wellen kräuseln. Er machte sich auf und suchte den Weg nach Erdmannsdorf. Er lief, in Schweiß gebadet, aber von Freude auf den nahenden Abend erfüllt, wo er das Mädchen zu finden hoffte, rastlos vorwärts, und als die Sonne schon goldene Strahlen in den Teich warf, kam er auch hin und blickte über die weite Wasserfläche, welche von einem grünen Schilfkranze eingerahmt war, hinter dem schlanke Buchen und Eichen mit gezackten Ästen einen schattigen, dunklen Grund bildeten. Da, wo die Landstraße um den See herumbog, sollte er die Jette finden. Als er an die Stelle kam, saß wirklich das Mädchen da und blickte, den Rücken ihm zugekehrt, sehnsüchtig auf den See hinaus. Neben ihr stand ein Korb im Grase, und in dem Korbe lagen gestrichene Butterbrote, ein Stück Schinken, Käse, Wurst und andere Speisen. Hans warf nur einen Blick darauf, aber dieser Blick genügte, um ihn aufs tiefste zu beglücken und eine gesteigerte Zuneigung zu der Besitzerin dieser guten Gaben zu erwecken. Er schlich sich leise von hinten an das Mädchen heran, knieete sachte hinter ihr nieder und hielt ihr die Hände vor die Augen. Die Jette ergriff seine Hände und schien nicht im mindesten erschrocken zu sein. Sie sagte: »Bist du's, mein Hans? Ick sehe zwar nischt, aber durch deine Finger sehe ich durch wie in eine rosenrote Welt hinein, weil nämlich die Sonne durch deine Finger scheint, und nu denk' ich mir, det wär' schon der liebe Himmel, in den wir zwei beide eingegangen sind. Du brauchst de Finger nicht wegzunehmen, ick denke mir, es müßte immer so sein, daß wir so im rosenroten Himmel sind und gar nischt mehr von dieser traurigen Welt wüßten.« »Siehst du, Jette, ich bin doch noch gekommen, das hast du wohl nicht gedacht?« frug Hans milde. Die Jette nahm ihre und seine Hände vom Gesicht weg, wendete sich überrücks zu dem hinter ihr Knienden und lächelte ihn nur leise an. Konnte Hans dem widerstehen? Er lächelte sie auch mit einem Blick voll Güte und Zutrauen an. Im See vor ihnen lag ein morscher Kahn, der wohl einem Bauern gehören mochte. Die Jette erhob sich vom Boden, nahm ihren Korb auf und sagte: »Weeßt de was, mein Hans? Wir setzen uns jetzt zusammen in den Kahn; es kommt doch niemand hier vorüber, und da essen wir zusammen, was ich hier im Korbe habe. Die Bauersfrauen waren heute recht gut zu mir; es muß das schöne Wetter machen; ich habe überall was gekriegt und habe ordentlich geweent, was es doch für gute Menschen überall in der Welt giebt, die een armes Findelkind nicht verderben lassen.« Hans fand ihren Vorschlag gut und folgte der Jette in den Kahn. Dort setzten sie sich nebeneinander auf die hintere Bank, Jette stellte den Korb in ihren Schoß und frug, wie es ihm denn heute ergangen sei. Hans erzählte ihr mit kurzen Worten, was er erlebt, wie er nirgends Glück gehabt habe, wie er sogar in polizeilicher Verfolgung war. Jette gestand ihm, daß man auch ihr nachstellen werde, nachdem sie gestern dem Forstgehilfen entwischt sei. »Aber sei nur ruhig,« meinte sie, »hier sucht uns keiner, und die Nacht werde ick dir auf der Frauenherberge auf dem Boden verstecken, dort sucht dich auch keiner. Da bist du für ein paar Tage ganz sicher, mein Handwerksbursch, wenn's nicht anders sein kann.« Sie griff in den Korb und reichte ihm eine große Brotschnitte, die sie mit Schinken belegte. Er lohnte ihr mit einem füllen Blicke der Dankbarkeit, und die Befriedigung seines Hungers verwandelte sich in das Gefühl des süßesten Wehes, das er noch in seinem Leben gefühlt. Niemals hatte ihm ein Gericht so geschmeckt wie das erbettelte Brod aus der Hand des guten Mädchens, das für ihn gefochten, gesammelt hatte und von Haus zu Haus bei den Bauern gegangen war. »Na, schmeckt's denn?« frug die Jette, indem sie ihn mit stiller Genugthuung ansah. »Ach, mir ist, als äße ich Manna oder Himmelsbrot,« meinte Hans, »obwohl es nur die Brosamen sind, die von der reichen Herren Tische fielen für den armen Lazarus.« Er hätte am liebsten der Jette die Hand geküßt, die ihm die Leckerbissen weiter zureichte, wenn sie nur eine solche große Dame gewesen wäre, die die Bedeutung eines Handkusses zu schätzen wußte. Aber er streichelte leise dafür diese Hand und fühlte jene schöne Menschenliebe, die aus Dank und eigener Güte für andere gemischt ist. Denn auch er hatte an sich erlebt, daß sein Herz zum Wohlthun und zur Milde neigte. Und nun ward ihm wohl, daß man ihm wohlthat, wie er anderen wohlgethan. Die Sonne sank schon tiefer gegen den See und vergoldete die Schilfhalme wie blinkende Lanzenspitzen; es neigte sich leise das Schilf im leichten Lufthauche, der den See aufträufelte, indem buntere Farben aus der Tiefe aufzutauchen begannen vom Wiederscheine des Himmels. Drüben stieß ein Reiher auf die Seefläche nieder, um dann wieder über die Waldwipfel zu verschwinden; träumerisch scholl der Kuckucksruf aus dem laubigen Haine. Der Kahn aber, in dem die Speisenden saßen, wiegte sich leise in den Wellen, die sachte, in längeren Absätzen, einmal an die Wandung anplätscherten. »Mein Hans!« sagte die Jette, eingeschläfert und eingelullt von der Schönheit des Abends. Sie neigte ihr Haupt gegen seine Schulter und lehnte sich innig an ihn an. Im Geiste aber malte sie sich aus, wie schön es nun werden würde, wenn der Schlosser sie einst aus diesem Leben herausziehen und zu seiner ehrlichen, geachteten Frau Meisterin machen würde. Wie Hans nun das Mädchen so an sich gelehnt fühlte, schlang auch er seinen Arm um ihre Schulter, und wie ein Bruder eine Schwester umfaßt, die mit ihm schweres Leid ertragen hat, so fühlte er innig für das Mädchen und war innerlich zufrieden in solcher Gestalt der tiefsten Armuth verschwistert zu sein. Er träumte von jenem Leben in einer anderen Welt, wo es nicht mehr Arme und Reiche geben sollte, wo man nicht mehr säete und erntete, wo man nicht mehr freite und irdisch liebte. Im Geiste aber sah er auf den Wassern des Sees die weiße Gestalt eines Mannes wandeln, der da gepredigt hatte, daß den Armen das Himmelreich gehöre. Er bemerkte nicht, daß, während sie so saßen, ein zweispänniger Wagen langsam auf der Straße heranfuhr, der nun hielt, während eine junge Dame sich halb im Schoße des Wagens erhob und von fern mit staunenden Augen das zärtliche Paar im Kahne sitzen sah. »Er ist es wirklich, Wangenheim; er ist es wirklich,« sagte Emma von Arnim ganz starr zu ihrem Begleiter. »Sie scherzen, liebes Fräulein! Es ist eine Fata Morgana , eine Halluzination,« entgegnete Wangenheim, der im Stillen triumphierte, daß man den lange Gesuchten in einer so wundersamen Situation sah. Dann aber sagte er spöttisch: »Wollen Sie vielleicht aussteigen, um ihn in seinem traulichen tête à tête zu überraschen?!« »O nein – das werde ich nicht thun,« sagte Emma, nachdem sie noch eine Weile ganz fassungslos das wunderliche Paar aus der Ferne betrachtet und mit einem Operngucker gemustert hatte. Wenn es soweit mit ihm gekommen ist, dann ist auch unsere ganze Fahrt umsonst. Kutscher, kehren Sie um, und fahren Sie sofort nach Neustadt zurück.« Sie warf sich leidenschaftlich bewegt in ihren Sitz zurück, zuckte verächtlich mit den Achseln und wünschte so schnell als möglich hier weg zu sein. Der Kutscher hatte den Wagen schon umgelenkt; die Pferde zogen rasch an, und in einer Wolke Staubes fuhr der Wagen rollend von dannen. Wangenheim aber, heimlich beglückt, daß das Schicksal ihm so willig entgegenkam, dachte mit Vergnügen an die bisherigen Fahrten mit Emma zurück und hoffte unter solchen Umständen sehr bald das Herz des Mädchens sein nennen zu können, wenn die erste Erregung über das Geschehene vorüber sein würde. Hans und Jette sahen den Wagen in seiner Staubwolke drüben am Seerande hinrollen und dachten darüber nach, was das wohl für Leute sein möchten, die sie wegen der Entfernung nicht erkennen konnten, und die wohl doch ein Paar auf der Hochzeitsreise oder dergleichen sein mochten. Die Sonne versank hinter dem Walde und das schönste Abendrot, in welches sehnsüchtige Amseln hinausflöteten, beschloß auch diesen warmen Spätfrühlingstag. Neuntes Kapitel Emma v. Arnim und ihr Begleiter waren im »Goldenen Schwan« zu Neustadt abgestiegen, als sie mit der Eisenbahn angekommen waren, um Hans Landmann aufzufinden. Vor dem großen, runden Hausthor dieses Gasthofes fuhr denn auch der Zweispänner vor, welcher die enttäuschte Braut von ihrer Entdeckungsfahrt am Erdmannsdorfer See zurückbrachte. Emma begab sich sofort auf ihr Zimmer, schloß sich ein und ließ Wangenheim, der auf demselben Stockwerk einige Zimmer weiter eingemietet war, den Rest des Abends allein zubringen. Der Maler fand das ein wenig langweilig, doch fügte er sich in das Unvermeidliche, in der Hoffnung, seinem Ziele, das schöne Mädchen sein nennen zu können, ein gut Stück näher gerückt zu sein. Unterdessen überlegte Emma, was unter solchen Umständen, unter denen sie ihren Bräutigam gefunden hatte, zu thun sei. Augenscheinlich war Hans schon vollständig in die Netze eines jener Mädchen verstrickt, welche so manchem wandernden Burschen zum Verderben gereicht waren. Wie richtig hatte sie vorausgesehen, und wie war nun alles so schrecklich eingetroffen! Der Bräutigam, der Geliebte, ein Opfer seiner realistischen Studien, ja, eigentlich schon vollständig in diesem Leben untergegangen. Anfangs hatte sie beschlossen, ohne weiteres nach Berlin zurückzureisen und das Verlöbnis mit dem Privatdozenten kurzweg aufzuheben. Darin war sie durch Wangenheim nicht wenig bestärkt worden, denn der Maler hatte versucht, ihr das Verhalten des Bräutigams in den schwärzesten Farben auszumalen. In der schlaflosen Nacht aber, die sie jetzt in ihrem verschlossenen Zimmer zubrachte, in der sie sich all das Glück ausmalte, das sie an der Seite des guten und liebenswürdigen Gelehrten, der Hans doch nun einmal war, gehofft hatte zu erleben, reifte der Entschluß, noch einen letzten Versuch zu machen, um Hans den gefährlichen Lockungen zu entreißen, denen er erlegen schien. Sie überdachte genauer, ob es denn möglich wäre, daß ein Mann von seiner Bildung ernstlich ein Wesen wie dasjenige, welches sie im Kahn mit ihm hatte sitzen sehen, lieben könnte, um eine treue Braut zu verlassen, eine Braut, die vor lauter Sorge und Angst ihm sogar bis hierher gefolgt war. Vielleicht hatte Hans dieses Verhältnis nur angeknüpft, um Studien über die weibliche Vagabundenwelt anzustellen und einmal das Gemüt einer solchen Bettlerin genauer kennen zu lernen. Wer weiß, zu welchen volkswirtschaftlichen Theorien er das brauchte, und worüber er dabei statistische Erkundigungen einzuziehen dachte! Sie redete sich allmählich diesen Gedanken mit mehr Bestimmtheit ein und war sogar geneigt, ihm zu verzeihen, wenn er um solcher Studienzwecke willen sein Objekt mit mehr Aufmerksamkeit behandelte, als man sonst anderen Frauen in der Eigenschaft als Bräutigam schenken darf. Denn das war ja nicht zu leugnen, daß sie an seine Schulter geschmiegt im Kahne gesessen, und daß er seinen Arm um ihre Schulter gelegt hatte! Aber wenn er nun nur zum Scheine mit diesem Mädchen ein kleines Verhältnis angefangen hatte, um auch in dieser Sphäre seine Kenntnisse der Ursachen menschlicher Existenzen zu erforschen, die Sache war für ihn denn doch weit gefährlicher, als er vielleicht selbst dachte! Wie leicht konnte dieses Mädchen ihn dann doch umgarnen, wie leicht konnte aus dem Spaße bitterer Ernst werden, wie leicht konnte sie ihm die Lust an einem geordneten Lebenswandel verleiten! Nein, er mußte mit einem energischen Mittel darauf aufmerksam gemacht werden, daß es so nicht fortgehen konnte. Gegen Morgen schlief Emma, in dem Gedanken beruhigt, daß Hans ja im Ernste doch nur aus Forschungszwecken in der Begleitung jenes Mädchens sein konnte, allmählich ein. Mit dem frühen Morgen aber war sie schon wieder wach, setzte sich an den Schreibtisch und schrieb an Hans einen Brief. »Mein Herr,« schrieb sie, »ich habe in Erfahrung gebracht, daß Sie, trotz der Verpflichtungen, die Sie nach anderer Richtung haben, in der Begleitung eines weiblichen Wesens gesehen wurden, das durch seine blendenden und bestechenden Eigenschaften allerdings, bei Ihrem als sehr fein bekannten Geschmacke, die Vorzüge anderer in Schatten stellen muß. Ich sehe mich dadurch veranlaßt, Ihnen hiermit die zwischen uns ausgesprochene Verlobung aufzukündigen. Ich ersuche Sie um die Rückgabe der zwischen uns gewechselten Briefe und wünsche Ihnen in dem neuen Verhältnis all das Glück, welches Ihrem Geiste und Ihrer einsichtsvollen Wahl entspricht. Mit Achtung: Emma v. Arnim.« – Sie streute Sand über die Schrift, steckte den Brief in einen Umschlag, den sie versiegelte, und meinte bei sich: Wenn er nun auch nur einen Funken von Liebe zu mir bewahrt, so wird er auf diesen Schreckschuß hin sofort all seine Studien aufgeben und zu mir kommen, mir zu Füßen stürzen, mich beschwören, mich aufklären, und wenn es sich herausstellt, daß er nur Studienzwecke verfolgt hat, so werde ich gnädig sein, ihm vergeben und ihn unter der Bedingung wieder zu Gnaden annehmen, daß er sofort diese Wanderungen einstellt und als ein Mann in geordneten Verhältnissen mit mir nach Berlin zurückkehrt. Sie malte es sich mit außerordentlich lebhaften Farben aus, wie er ihr zu Füßen sinken und sie um Aufklärung dieses Mißverständnisses bitten würde, wie sie dann, nach einigem Kokettieren und Versagen, allmählich ihre gestrenge Miene ablegen würde; wie daraus eine doppelt süße Wiedervereinigung folgen sollte, die nach dem langen Entbehren des Bräutigams eine ganz überirdische Seligkeit enthalten müßte. Und wenn er dabei jenes Mädchen, dem er ja so wie so nur zum Scheine den Hof machte, plötzlich im Stiche ließ, so würde sie mit diesem wahrlich nicht das geringste Mitleid haben – warum hatte jene sich auch eingebildet, ein Mann wie Landmann könnte jemals anders als aus wissenschaftlichen Gründen mit ihr umgehen! Einen Augenblick zweifelte sie freilich, ob ihr Mittel nicht ein wenig gewagt wäre. Aber sie sagte sich, wenn er auf diesen Absagebrief, den sie ja nur zum Scheine schrieb, nicht sofort alles andere aufgäbe und zu ihr eilte, daß er eben schon von jenem Mädchen umgarnt sei, und in diesem Falle mochte der Brief als ein wirklicher Absagebrief gelten. Wie sie das dann alles ertragen und überleben sollte, wußte sie freilich nicht. Als Wangenheim nach einiger Zeit kam, um ihr seine Aufwartung zu machen und zu fragen, wie sie nach dem unglaublichen Erlebnis vom vorangegangenen Tage geruht habe, trat sie diesem heiter entgegen und sagte: »Hören Sie, mein aufopferungsvoller Freund, Sie müssen mir einen Gefallen thun. Es geht ja nicht wohl an, daß ich hier in der Gegend wegen meines Bräutigams herumkutschiere, und ich bitte Sie daher, einen Absagebrief, den ich an ihn geschrieben, ihm zu überbringen. Sie werden ja leicht ausfindig machen, wo Dr. Landmann sich aufhält. Sie suchen ihn auf, übergeben ihm den Brief und machen ihm begreiflich, daß ich entschlossen sei, mit ihm abzubrechen. Wenn er darüber nun erschrocken ist, so sagen Sie ihm, daß ich hier in Neustadt im »Goldenen Schwan« wohne, und raten Sie ihm, daß er einen Versuch machen soll, meine Verzeihung zu erlangen. Sollte er ganz außer sich sein, so trösten Sie ihn ein bißchen, denn ich möchte nicht, daß er in Verzweiflung geriete.« Sie übergab Wangenheim den Brief. Der Maler war etwas betroffen, daß augenscheinlich in Emma doch noch nicht alle Neigung für den anderen erloschen war. Der Auftrag war ihm ziemlich unangenehm, denn er hatte nun das Vergnügen, allein und ohne die leidenschaftlich gesuchte Gegenwart Emmas den Privatdozenten von neuem aufzusuchen. Er hätte lieber mit Emma sogleich die Heimfahrt nach Berlin angetreten und sich dort in einer geeigneten Stunde als Ersatz für den verlorenen Bräutigam mit einer feurigen Liebeserklärung angeboten. Indessen sagte er sich, daß er es durch diesen Auftrag vollends in der Hand hatte, das brüchig gewordene Verhältnis zwischen den beiden ganz auseinanderzutreiben. Er nahm daher den Brief und sagte heuchlerisch: »Mein liebes Fräulein, ich hoffe, daß, wenn noch ein Funken von Gefühl in ihm ist, Herr Dr. Landmann das unwürdige Verhältnis, in dem er sich befindet, sofort abbrechen wird, um zu versuchen, die alten Beziehungen wieder aufzunehmen, die er früher geknüpft hat. Sollte er aber seinen Geschmack bereits derart verdorben haben, daß er sich im Verkehre mit jener Welt der Verlorenheit dauernd gefällt, so wäre es ja wohl besser, Sie sähen sich beide nie wieder.« Er empfahl sich, nachdem er einen schmachtenden Blick in Emmas Augen geworfen hatte, denn allmählich glaubte er sich diesen Fortschritt seiner Bewerbungen gestatten zu dürfen. Unten beim Wirt ließ er einen Einspänner anspannen und machte sich auf, um in der Erdmannsdorfer Gegend nach dem Schlossergesellen Hans Finke zu forschen. Während der Wagen vorgefahren wurde, beobachtete unterdessen ein einfach, aber anständig gekleideter Mann, der eine merkwürdige Ähnlichkeit mit Hans Landmann hatte, diese Zurüstungen durch das Fenster der Gaststube des »Goldenen Schwanes.« Wer schärfer zusah, bemerkte aber, daß diese Ähnlichkeit dem sonderbarsten Wechsel unterworfen war. Während der fremde Reisende in das Gastzimmer hineinschaute und nachdenklich den Kellnern zusah, verlor sich allmählich diese Ähnlichkeit, die Gesichtsfalten, die Haltung des Mundes nahmen eine andere Lage an, und man dachte nicht entfernt daran, jene merkwürdige Ähnlichkeit mit Landmann zu finden. Blickte der Mann aber durchs Fenster, wie es schien, während er in Wirklichkeit sein eignes Spiegelbild im Fenster ansah, so zogen sich allmählich seine Augenlider, seine Gesichtsfalten zu einem ziemlich treffenden Abbilde des Privatdozenten zusammen. Bart und Haartracht waren dieselben, obgleich sie bei näherem Zusehen leicht als gefälscht erscheinen konnten; augenscheinlich nahm der Mann verstohlene mimische Studien vor, und wer ihn dabei genau beobachtet hatte, würde geglaubt haben, einen sogenannten Porträtmimiker vor sich zu sehen. Der seltsame Reisende war während der Nacht mit der Bahn angekommen und hier im Gasthof abgestiegen. Fritz Hasenklau – denn er war der schauspielerische Porträtkünstler – hatte glücklich und ohne das geringste Hindernis seine kleine Rundreise über Sachsenstadt nach Münsterheim zu Ende geführt und Hans Landmanns Gelder auf den Postämtern ohne Anstand ausgeliefert erhalten. Um nun aber jeden Verdacht von seiner Person abzulenken, deren Verschwinden in Kundenkreisen Aufsehen hätte erregen müssen, hatte er es für das Sachgemäßeste gehalten, sofort nach der Neustädter Gegend sich zurückzubegeben und hier ganz offen aufzutreten. Ja, er hatte einen noch weitgehenderen Plan, durch welchen jede Möglichkeit des Verdachtes gegen ihn abgeschnitten war, wenn er ihm gelang. Er wollte bei Gelegenheit die Legitimationen Hans Landmanns einem Kunden in die Tasche schieben, der dann sehen mochte, wie er sich zu benehmen hatte, wenn man etwa diese Papiere bei ihm fand. Mit dem Gefühle, für einige Zeit ein wohlhabender Mann zu sein, der die Taschen mit einigen Hundertmarkscheinen gut ausgepolstert hatte, war er nachts im Hotel abgestiegen, in einen neuen Anzug gekleidet, den er sich kurz vor seiner Abreise in Münsterheim bei einem Kleiderhändler erstanden hatte. Seine alte »Schale« hatte er dagegen oben in seinem Zimmer aufbewahrt, denn er wollte den alten Rock anlegen, wenn er etwa wieder unter die alten Genossen kommen sollte. Als er sich des Morgens in seinem Zimmer zum erstenmal seit langer Zeit wieder richtig wusch und herausputzte, fiel ihm ein, daß es doch schade darum wäre, wenn er die Papiere des Dr. Landmann sich nicht noch ein wenig nutzbar machte. Solange er nicht merkte, daß man ihm wegen derselben nachstellte, konnte er auf den Namen des Herrn Privatdozenten ja wohl noch einige gute Kundengeschäfte unternehmen, denn solche Papiere fand man nicht alle Tage. Wenn man sich auch äußerlich dem landfahrenden Gelehrten etwas ähnlich machte, so mußte der Erfolg sogar ein ganz großartiger sein, und als künstlerische Übung altgewohnter mimischer Veranlagung war sogar ein gewisser ästhetischer Selbstgenuß damit verbunden. Nachdem er vor dem Spiegel einigermaßen erprobt hatte, wie weit er ungefähr Landmanns Züge nachzuahmen im stände wäre, und nachdem das Ergebnis befriedigend ausgefallen war, ging er ins Gastzimmer hinunter, um zu frühstücken, konnte sich aber nicht enthalten, gelegentlich in die Fensterscheibe hinein neue mimische Studien zu machen, wenn zufällig niemand in der Stube war. Nachdem er gefrühstückt hatte, ließ er sich das Fremdenbuch geben, um zu studieren, was für Leute im Gasthofe wohnten, bei denen er zunächst seinen Anschlag ausführen konnte. Denn unter diesen Reisenden war sicher keiner, der ihn kannte, und der Ort war auch sonst am besten geeignet für die Geschäfte, die er vorhatte, weil man, im Falle es schief ging, sich mit großer Leichtigkeit aus einem solchen Gasthof entfernen konnte. In geschlossenen Wohnungen bei Bürgersleuten war die Sache schon gefährlicher. Unter den im Fremdenbuch Eingezeichneten fand er zunächst zwei Musterreisende, die ihm gleichgültig waren, und wenig gute Aussichten versprachen. Dann war da ein Herr Wangenheim, Maler. Der schien eher gefährlich, denn die Künstler hatten zu gute Augen und durchschauten zu leicht jede falsche Mimik. Hasenklaus Herz schlug aber beträchtlich schneller, als er die Handschrift einer Dame, Emma v. Arnim aus Berlin, sah. Kein Zweifel, diese Frauensperson sollte der erste Gegenstand seines Geschäftes werden. Frauen sind leichtgläubig, dachte er; gutmütig sind sie auch. »Ehret die Frauen, sie flechten und weben –« murmelte er unwillkürlich vor sich hin. Durch einige unverdächtige Kreuz- und Querfragen erfuhr er vom Kellner, daß diese Dame in Begleitung des Herrn Malers angekommen, daß der Maler eben mit einem Einspänner abgefahren war, und daß infolgedessen das Fräulein augenblicklich allein auf ihrem Zimmer sei. Nachdem Hasenklau diese Thatsachen mit Genugthuung vernommen, begab er sich zunächst auf sein Zimmer, um dort im Spiegel nochmals seinen Zügen einen Ausdruck zu verleihen, der an Hans Landmann erinnern konnte. Er steckte die Papiere des Privatdozenten zu sich, verließ leise sein Zimmer, ging lautlos auf dem Flurteppich vor und pochte bescheiden an Nr. 37, wo das Fräulein wohnte, welches er zum Gegenstande seines Geschäftes erkoren hatte. Von drinnen ertönte ein melodisches »herein«. Der Schauspieler öffnete und sah die junge Dame am Fenster sitzen, sofort von großer Bewunderung für ihre Schönheit erfüllt. Ein ängstlich erstaunter, ja, beklommener Ausdruck ging über Emmas Gesicht, als sie den Mann eintreten sah. War das ihr Bräutigam?! Merkwürdig, diese frappante Ähnlichkeit! Ungewiß, ob er es nicht am Ende doch selber sei, der sie hier überraschen wollte, blieb sie mit heimlichem Schrecken wie gelähmt sitzen. Nach einer Weile, da sie wieder einen scheuen, ängstlichen Seitenblick auf den Fremdling geworfen hatte, frug sie: »Wer sind Sie? Was wollen Sie?« Hasenklau näherte sich ihr respektvoll, nahm ihre Hand und küßte dieselbe mit einer sehr eleganten Verbeugung. »Bevor ich mich Ihnen vorstelle, mein Fräulein, schöne Dulcinea von Toboso, gestatten Sie mir, daß ich zu Ihren Füßen meine Wenigkeit niederlege,« sagte Hasenklau mit seiner etwas hohlen Stimme, indem er sich einen Stuhl heranrückte. »Aber Hans, wie kommst du mir nur vor!« wollte Emma, besorgt über das seltsame Wesen ihres Bräutigams, ausrufen. Sie erstickte aber das Wort in ihrem Munde, denn sie sagte sich, nein, das kann er ja doch nicht sein. Sollte er sich in diesen drei Wochen so verändert haben, daß er ein ganz fremdartiges Wesen angenommen hatte? Sollte das Walzerleben ihn noch weit mehr entstellt haben, als sie selber sich geträumt hatte? Sollte er so viel Branntwein getrunken haben, daß seine Stimme sogar einen ganz anderen Charakter angenommen hatte?! »Aber ich begreife nicht, mein Herr – ich weiß nicht –« stotterte sie ängstlich. Sie wollte dem Portier oder dem Stubenmädchen klingeln; aber sie war zu weit von der Klingel am Thürpfosten entfernt, sodaß sie darauf verzichten mußte. »Mein Fräulein, ich bitte, seien Sie vollständig ohne Besorgnis,« sagte Hasenklau mit gütig geneigter Miene. »Sie haben es mit einem Mann von Herz, Gemüt und Verstand zu thun, der seine Stellung in der bürgerlichen Gesellschaft niemals mißbraucht hat, um unschuldige Waisenknaben zu verdächtigen. Denn wie schon Shakespeare sagt: Zuviel des Wassers hast du, arme Schwester, drum hemme deiner Thränen Lauf.« Ein fürchterlicher Schreck durchzuckte Emma. Er war verrückt geworden. Das war ihr Hans, er hatte sich entstellt, er war in diesem Leben um seinen Verstand gekommen. Oder aber er spielte hier eine abscheuliche Komödie, um sie zu erschrecken, verstellte sich absichtlich und hatte die Rolle eines Wahnsinnigen zu diesem Zwecke angenommen. Im Kampfe der widersprechenden Eindrücke und Empfindungen, von Zweifel erfüllt, ob nicht am Ende ein Schwindler vor ihr saß, war sie keines Wortes mächtig. Hasenklau sah ihren heimlichen Schrecken und erschrak darüber selber in seinem Inneren. Die ganze Situation kam ihm ziemlich unheimlich vor; wäre die junge Dame ihm vertrauensvoll entgegengekommen, so wäre auch er weniger zaghaft im Geschäft gewesen. Er räusperte sich aber und sprach: »Sie werden lächeln, mein hochverehrtes Fräulein, wenn ich Ihnen die eigentümliche Geschichte erzähle, die mir passiert ist. Ich bin nämlich meines Zeichens einer der bekanntesten und hervorragendsten Vertreter der sogenannten höheren Nationalökonomie, eine Wissenschaft, zu der ich schon in meiner Jugend großes angeborenes Talent verriet. Sie sind darüber unterrichtet, was man in unseren wissenschaftlichen Kreisen die Lehre von Nationalökonomie nennt?« »Ein wenig, mein Herr,« flüsterte Emma, die wie in einem Traum zu leben glaubte. »Nun, denken Sie, meine Gnädige, da reitet mich eines Tages der T–, wollte sagen, da kam ich auf die Idee, um Material für meine Forschungen in der höheren Wirtschaftslehre zu sammeln, eine Fußwanderung anzutreten nach dem Motto: ›Bächlein, laß dein Rauschen sein‹. Ich warf mich in eine Kundenkluft und wanderte als armer Reisender von Berlin aus, um einmal die saubere Walzerei kennen zu lernen. Eines Tages, da hatte ich platt machen müssen, d. h. bei Mutter Grün geschlafen, und, während ich ahnungslos im Reiche Morpheus' spazieren gehe und den Rest der Zeit verschlafe; da mein Antonius fern ist, werden mir meine Papiere gestohlen und mit ihnen meine ganze Barschaft. Sogar meine Notizen, worin ich aufgeschrieben hatte, wo meine Gelder abzuheben sind, hat der Leichenfledderer an sich genommen, und selbstverständlich hat er nichts Eiligeres zu thun gehabt, als auf den Postämtern meine Gelder sich auf meinen guten, ehrlichen, unbescholtenen Namen auszahlen zu lassen. Ich habe die Ehre, mich Ihnen vorzustellen als der Dr. Hans Landmann, alias Hans Finke aus Berlin, Privatdozent, denn ich verdiene mit Privatstundengeben ein Heidengeld, und beehre mich, Ihnen zur Beglaubigung dessen das einzige Papier zu übergeben, welches der Gauner mir aus Versehen nicht gestohlen hat, denn ich hatte es in meinem Rockfutter eingenäht. Wollen Sie sich überzeugen?« Damit nahm er aus seiner Tasche den Reisepaß, welcher auf den Namen Hans Landmanns lautete, und reichte ihn mit stolzer Zuversicht dem Mädchen. Emma warf einen Blick hinein und sah da richtig den Namen ihres Bräutigams, auch die wohlbekannten Schriftzüge seiner eigenen Unterschrift. Sie wollte, von einem plötzlichen Gedanken erfaßt, die Papiere an sich nehmen, aber mit einer diskreten Miene entzog der Schauspieler ihr dasselbe und steckte es mit scheinbarer Gelassenheit wieder ein. Emma schwankte noch immer zwischen den zwei schrecklichen Gedanken, ob sie ihren Bräutigam vor sich habe, der dann augenscheinlich einer Geistesstörung verfallen war, oder ob hier irgend ein Schwindler saß, dessen Absichten sie beängsteten. Die Situation wurde immer unheimlicher, und sie überlegte, ob sie nicht um Hilfe rufen sollte. Um aber doch etwas zu sagen, frug sie furchtsam: Und womit könnte ich Ihnen dienen?« »Mein Fräulein,« versetzte der falsche Dr. Landmann, »Sie werden meine Lage begreifen. Da ich aller Mittel entblößt bin, die mir die Fortsetzung meiner Wanderfahrt ermöglichen könnten, so wollte ich mich an Ihre Hochherzigkeit wenden, ob Sie mir nicht etwa dreißig bis fünfzig Mark vorschießen könnten. Daß ich, ein wissenschaftlich gebildeter Mann, in diese ganz kuriose Lage gekommen bin, ist ohne Frage eine Tücke des Geschicks, doch was will man machen, als sich wappnend gegen eine See von Plagen durch Widerstand sie enden?!« Er erhob sich achtungsvoll von seinem Stuhl und machte eine herablassende kurze Verbeugung. Dabei überließ er nun doch aber die Muskeln seines Antlitzes ihrem natürlichen Mienenspiele, und Emma, deren Verdacht durch sein Ersuchen gestiegen war, sah jetzt sofort mit einem klaren, bestimmten Blicke, daß hier ein unbekannter, fremder Mensch vor ihr stand, der nicht ohne Geschick die Rolle ihres Bräutigams spielte. Wie ein Blitzstrahl durchleuchtete sie der Gedanke, daß der Mensch die Papiere des Privatdozenten entwendet haben mußte und hier auf dessen Kosten sich Geldsummen erschwindeln wollte. Was thun?! Wenn sie schnell um Hilfe gerufen hätte, würde der unheimliche Kerl entflohen sein; sie mußte ihn mit List zu überführen suchen, um sich vor allem in den Besitz der vorgewiesenen Papiere zu bringen. Gleichzeitig wußte sie aber vor innerer Angst kaum, wie sie sich benehmen sollte, und sie flüsterte daher mehr, als daß sie sprach: »Es freut mich sehr, Ihre nähere Bekanntschaft zu machen, mein verehrter Herr Dr. Landmann, und ich werde Ihnen sehr gern helfen. Doch möchte ich Sie um die Gefälligkeit einer Quittung ersuchen.« »Mit dem größten Vergnügen« sagte Hasenklau zuvorkommend. Er empfand indessen gar nicht dieses Vergnügen, da ihm die Ausstellung einer Quittung ohne Frage sehr gefährlich vorkam. Emma ging an den Tisch, setzte ihm Schreibzeug und Feder zurecht und schloß an einem Koffer, als habe sie die Absicht Geld herauszunehmen. »Haben Sie keine Ahnung,« frug Emma, die jetzt mutiger ward, »wer Ihnen Ihre Papiere entwendet haben kann? Das muß ja ein recht niederträchtiger Mensch gewesen sein, denn was muß für eine innere Schlechtigkeit dazu gehören, wenn es einer über sich gewinnt einen Schlafenden zu berauben!« »O o – moralische Verirrung!« sagte Hasenklau mit hohlem Pathos, aus dem eine leise Angst herausklang, als werde ihm das Fräulein verdächtig. »Ja, ein rechter Gauner, ein rechter Schwindler muß das ja gewesen sein, und wer weiß, ob er jetzt nicht mit Ihren Papieren bei ahnungslosen Leuten herumhausiert, um darauf hin Gelder zu erschwindeln. Manche Menschen sind so dumm, daß sie auf jede derartige Betrügerei hereinfallen, aber wenn man einen solchen gemeinen Menschen –« »Aber mein Fräulein. Sie brauchen da Ausdrücke –« unterbrach Hasenklau das heftig redende Mädchen, da er sich unwillkürlich gekränkt fühlte. »In einem so schönen Munde sind das Worte –« Emma war bei ihrer Rede langsam gegen die Thüre hingegangen und tippte jetzt rasch auf die Klingel, die laut durch das Haus erschallte. Hasenklau erschrak bis ins Mark; er merkte, daß er hier in eine Falle geraten war, sagte aber kein Wort, um einen günstigen Augenblick abzupassen, wo er sich wegmachen konnte. »Bitte, Herr Dr. Landmann, schreiben Sie, schreiben Sie – quittieren Sie über fünfzig Mark, ich will Sie Ihnen mit Vergnügen vorstrecken.« Da Emma sich sagte, der Kellner müsse jeden Augenblick kommen, so klimperte sie ziemlich übermütig und über das Abenteuer aufgeregt, mit dem Gelde in ihrer Hand. »Sie sind sehr gütig, mein Fräulein,« erwiderte der Schauspieler etwas grob; »aber wie soll ich denn quittieren, wenn Sie mir am Ende det Jeld garnicht geben? Warum haben Sie denn so geklingelt, daß man's im ganzen Hause hören kann. Sie können mir damit in die größte Verlegenheit bringen, mir, einen wissenschaftlich gebildeten Nationalökonomen.« »Ei, ich habe geklingelt, weil Sie in mir an die falsche Schmiede gekommen sind,« sagte Emma, bebend vor Angst und triumphierender Gewißheit zugleich, den Kerl entlarven zu können. »Wenn Sie der richtige Landmann waren, so hätten Sie auch wissen müssen, daß ich in diesem Falle Ihre Braut bin, die Ihnen nachgereist ist und am besten bezeugen kann, wie unähnlich Sie dem Manne sind, dessen Rolle zu spielen Sie hier die Frechheit haben!« Auf diese Worte hin machte Hasenklau eine angenehm überraschte Miene. Obwohl er vor innerer Angst zitterte, verbeugte er sich doch zuvorkommend und sagte: »Mein Fräulein, ick bin ganz überrascht, Ihre Bekanntschaft zu machen. Aber det machen Sie mir nicht weiß, daß Sie meine Braut waren. Meine Braut ist die höhere Wissenschaft, und Sie verwechseln sich mit einer anderen, wenn Se glooben, Se wären mit einem jewissen Doktor Landmann verlobt.« Er hatte bei diesen Worten sich gleichfalls sachte gegen die Thüre gemacht und drückte heftig wiederholt auf die Klingel. Darauf schob er mit einer verzweifelten Bewegung Emma bei Seite, riß die Thüre auf und stürzte mit dem Rufe auf den Korridor: »Kellner, Stubenmädchen, Kellner! Laufen Sie mal gleich hinauf nach Nr. 37, det Fräulein hat einen Anfall, sie verwechselt sich mit sich selbst, sie kriegt schon Krämpfe.« Und während er das rief, sprang er mit großen Sätzen auf der Treppe hinunter. Oben hinter ihm kreischte Emma auf; das Stubenmädchen kam von einem oberen Stockwerk herab; der Kellner begegnete Hasenklau, von unten kommend, der ihm im Vorüberspringen zurief: »Gehn Sie schnell hinauf; das Fräulein hat einen Anfall!« Der Kellner stürzte die Treppe hinauf. Unterdes aber hatte Hasenklau schon das Erdgeschoß erreicht, und, da er die Geistesgegenwart gehabt hatte, ehe er das Fräulein besuchte, seinen alten Rock in einem Reisebündel auf den Rücken zu nehmen, so konnte er, nachdem er auf die Straße gesprungen war, spurlos das Hotel verlassen. Er schlug sich sofort in eine Seitengasse, verschwand in einem Durchhaus und machte auf Winkelstraßen, wo man ihn so leicht nicht suchte, daß er eiligst aus der Stadt kam. Oben in Emmas Zimmer herrschte unterdessen große Aufregung. Kellner und Stubenmädchen überzeugten sich sehr bald, daß das Fräulein durchaus keinen Anfall gehabt habe, daß man vielmehr einen gefährlichen Schwindler beherbergt hatte, der nun leider entkommen war. Emma drang aufgeregt darauf, daß der Fall sofort auf der Polizei gemeldet wurde; der Kellner eilte selbst hinüber, und nach zehn Minuten erschien auch schon der Herr Polizeivorstand selbst, um bei Emma die näheren Umstände des Falles zu erforschen. Emma teilte mit, daß ein Hochstapler bei ihr gewesen wäre, der die Papiere ihres Bräutigams, des Dr. Hans Landmann aus Berlin, vorgelegt und sich für diesen ausgegeben habe, um Geld zu erschwindeln. Der Polizeivorstand schloß sofort, daß der Mann mit dem Individuum identisch sei, welches man gestern vergeblich verfolgt und beim Betteln mitten in einem Mädchenpensionat angetroffen hatte. An diesem Morgen war bei ihm die Bestätigung eingelaufen aus Berlin, daß allerdings ein Dr. Landmann studienhalber sich hier zu bewußtem Zwecke aufhalte. Kein Zweifel, der Mann, der vor einigen Tagen auf dem Polizeiamt gewesen war, der dann vor dem berittenen Polizisten entflohen war, war derselbe, welcher hier mit den Papieren des Dr. Landmann hausiert hatte. Der Polizeivorstand versprach schnelle Verfolgung des Gesellen und ermahnte Emma nur höflich, das Ihrige zu thun, um auch den richtigen Dr. Landmann ausfindig zu machen. Hoffentlich war an diesem keine Unthat verübt worden durch den Schwindler, hoffentlich kein Raubmord begangen. Emma zitterte bei diesem Gedanken. Aber nein, sie hatte ja ihren Hans erst gestern mit dem Mädchen gesehen! Das konnte, mochte sie indessen dem Beamten nicht sagen. Und weil sie das verschwieg, wurde allmählich der Glaube genährt, jener Mann mit dem Mädchen sei gar nicht ihr Hans, sondern eben der Gaukler gewesen, der ihm so ähnlich war, daß er sie vorhin, sogar in der Nähe betrachtet, eine Zeitlang hatte täuschen können. Nachdem alle nötigen Fragen gestellt waren, empfahl sich der Polizeivorstand, um eine wirksamere Verfolgung ins Werk zu setzen, Emma aber verblieb in qualvoller Ungewißheit über das Schicksal ihres Geliebten auf ihrem Zimmer zurück. Unterdessen eilte Hasenklau im Sturmschritt auf der Erdmannsdorfer Straße hin, um jene Frauenherberge zu erreichen, die ihm schon oft ein sicherer Schlupfwinkel gewesen war in ähnlichen Gefahren. Dort hoffte er sich vor etwaigen Nachstellungen zunächst verborgen halten zu können, denn es kam nicht so leicht vor, daß man dort suchte. Unterwegs sagte er sich, er müsse vor allem jeden Verdachtsanhalt von sich entfernen. Und er glaubte am sichersten zu sein, wenn er die Papiere des Dr. Landmann nicht etwa vernichtete, was ja unter Umständen das Nächstliegende war, sondern irgend einem andern Kunden zuschanzte, auf den dann ein glaubwürdigerer Verdacht fiel, wodurch er von seinem eigenen Haupte das Unheil abwendete. Auch wollte er die Papiere nicht vernichten, um vielleicht, wenn die Verfolgung nicht gefährlich ward, bei besserer Gelegenheit sie zu benutzen, denn solche schöne, echte, ungefälschte Papiere erwischte man ja nicht jeden Tag. Er war nicht weit von Erdmannsdorf entfernt, als er hinter sich einen Wagen rollen hörte, der ihn bald einholte. Er blickte sich um und erkannte den Einspänner, in dem er vorher den Künstler hatte abfahren sehen vom Gasthof. Er sah auch den Künstler selbst, und, da er wußte, daß dieser der Begleiter des Fräuleins war, welches ihm vor einer Stunde ein so großes Mißgeschick bereitet hatte, so wurde ihm einigermaßen schwül zu Mute. Wangenheim, der keine Ahnung von dem Vorgefallenen hatte, sondern auf Umwegen gefahren war, ohne recht zu wissen, wo er Hans finden sollte, erkannte in dem Fußwanderer sofort jenen schauspielerischen Stromer wieder, den er vor einiger Zeit früh morgens in der Penne skizziert hatte, wo sich dann auch Hans Landmann eingefunden hatte. Dieser Mann mußte also wohl auch über den Aufenthalt Landmanns Aufschluß geben können, wenigstens lag es nahe, ihn anzureden. »Hören Sie mal,« rief ihn Wangenheim an, indem er seinen Wagen halten ließ, »wissen Sie nicht, wo hier in der Gegend ein reisender Schlossergeselle Hans Finke sich aufhält?! Ich meine, Sie müßten ihn auf der Dommelsdorfer Herberge kennen gelernt haben.« Hasenklau schloß aus der Frage, daß der Redner von seinem letzten Abenteuer nichts wußte. Er fühlte aber das natürliche Interesse, da der Mann augenscheinlich einen Auftrag von dem Fräulein an den Privatdozenten hatte, die Verbindung zwischen diesen zu unterbrechen, schon um für seine eigenen Pläne Zeit zu gewinnen, und er sagte daher aufs Geratewohl: »Jawohl, jawohl, den Finken kennen wir. Der ist aber heute früh fort aus dieser Gegend und schon weit voraus. Den werden Sie wohl schwerlich einholen.« »Was?! Wissen Sie vielleicht, nach welcher Richtung er ist?!« »Jawohl, jawohl,« erklärte Hasenklau mit hohler Stimme. »Fahren Sie nur ruhig hier auf der Landstraße weiter, nach einer Tagereise kommen Sie ins Oldenburgische; da geht's denn beim ersten Grenzstein rechts in den Wald und dann wieder links, da ist dann nördlich eine Penne, da müssen Sie seine Spur finden. Er will nach Dänemark; ich will auch hin, das ist noch eine gute Gegend für Walzbrüder, Rußland wegen der großen Entfernungen schon weniger, aber Österreich, besonders Tirol ist auch eine dufte Gegend. Italien könnte Ihnen weniger rekommandieren; Holland ist ganz schlecht, Schweiz soso, lala, aber am Rhein zur Traubenzeit, da wachsen auch unsere Reben, wenn Sie etwa –« Er machte Miene dem Künstler noch einen längeren Vortrag über die Länder zu halten, in denen das Fechten in Blüte stand; Wangenheim aber winkte ab und sagte: »Danke, danke! – Das ist nun freilich sehr unangenehm, wenn er nach Dänemark will. Ich habe nämlich einen wichtigen Brief an den Schlossergesellen Finke zu bestellen, der keinen Aufschub erleidet.« Hasenklau horchte scharf auf. »Erlauben Sie, das könnte ich schon besorgen, ich will ja auch ins Dänische wandern und werde mit dem Schlossergesellen Finke schon drüben in Petern sein' Tiergarten im Oldenburgischen. zusammentreffen, wir haben das vor ein paar Tagen besprochen. Wenn ich Ihnen einen einigermaßen vertrauenerweckenden Eindruck mache, so will ich die Sache besorgen, denn, nur zwischen Glauben und Vertrauen ist Friede, und Krieg ist ewig zwischen List und Argwohn«. Wangenheim sah sich den wunderlichen Kerl etwas näher an, der in so schwungvollen Sentenzen sprach. Sein Auftrag war allerdings aufs bequemste erledigt, wenn er dem Manne den Brief übergab. Er vermied dadurch auch eine Begegnung mit Hans Landmann selbst; eine solche war ihm unangenehm, weil sein Gewissen diesem Manne gegenüber doch nicht so rein war, daß er ihm frei hätte entgegentreten können. Und weiter brauchte er dann den Doktor auch nicht aufzufordern, nach Neustadt zu kommen, um das Mißverständnis mit seiner Braut aufzuklären. In Wangenheims Interesse war es entschieden mehr, wenn Hans den Absagebrief des Mädchens aus dritter Hand erhielt und den Bruch dann womöglich als unheilbar ansah. Unterdessen konnte Wangenheim selbst die unheilbare Spaltung zwischen den beiden zu seinem Vorteil ausnutzen. Er nahm den Brief aus seiner Rocktasche und reichte ihn dem Schauspieler vom Wagen herab. »Sie werden mir einen Gefallen thun, wenn Sie den Brief an den Adressaten besorgen, Schlossergesell Hans Finke. Wann denken Sie ihn zu treffen?!« Hasenklau nahm den Brief und meinte: »Übermorgen spätestens hoffe ich, seinem Weichbild näher zu treten.« Er steckte den Brief sorgsam ein und blickte, als erwarte er noch etwas, nach dem Künstler hinauf. Wangenheim bemerkte es und frug: »Haben Sie noch irgend ein Anliegen?« »Wenn der Herr mir gestatten würde, die außerordentlichen Reisespesen gleich jetzt zu liquidieren, die ick habe, insbesondre det Frachtgut, bezüglich die Eilgutgebühr für den Brief. Ick berechne bloß einen Zentner, weil er mit Zentnerlast auf meinem Jemüt liegt.« Wangenheim griff in die Tasche und gab dem Manne eine Mark. Hasenklau rümpfte die Nase darüber, steckte das Geld aber doch in seine Westentasche, nahm seinen Hut ab und sagte: »Möge Gott in seiner Barmherzigkeit Ihnen all das verzeihen, was Sie an einem armen Reisenden gethan haben. Im übrigen wird der Brief an seine richtige Adresse gelangen. Verlassen Sie sich auf mich dabei!« Er empfahl sich und wanderte mit scharfen Schritten weiter, noch immer in Sorge, daß ihm die Polizei auf die Fersen rücken könne. Wangenheim aber lenkte seinen Wagen um und fuhr in der Richtung nach Neustadt zurück. Unterwegs nahm er in einem Gasthof längeren Aufenthalt und verbrachte dort den Mittag, um bei Emma v. Arnim nicht den Eindruck zu erwecken, daß er die Erforschung von Landmanns Aufenthalt allzu schnell aufgegeben habe. Hasenklau aber triumphierte im stillen, daß er vorläufig die unmittelbare Verbindung zwischen dem Nationalökonomen und seiner Braut in der eignen Hand hatte und unter Umständen dieselbe auch zu seinem Vorteil ausnutzen konnte. Am Nachmittag fuhr Wangenheim langsam nach Neustadt zurück. Unterwegs war seine Leidenschaft zu dem schönen Mädchen von neuem erwacht. Er konnte es kaum erwarten, Emma wiederzusehen. Das tägliche Zusammensein mit ihr drohte ihm die klare Besinnung zu rauben. Und da alles sich verschworen zu haben schien, ihn zu ermutigen, da Emma dem Bräutigam durch ihn selbst eine Absage geschickt hatte, so hielt er es jetzt auch für richtig, seine Leidenschaft zu bekennen und noch heute die Stelle im Herzen des Mädchens zu erobern, die bisher der Privatdozent besessen hatte. Im Gasthof »Zum goldenen Schwan« angekommen, begab er sich zu Emma und lud sie zu einem gemeinschaftlichen Spaziergang in die Parkanlagen vor der Stadt ein. Man könne heute doch nichts anderes unternehmen, da man nun erst die Ergebnisse abwarten müsse. Emma war einverstanden und meinte, nach den Aufregungen des Vormittags werde ihr ein Spaziergang wohlthun. Sie verließen den Gasthof, und als Wangenheim ihr seinen Arm bot, nahm sie denselben, und es wollte dem Maler bedünken, als wenn dies mit einer ermutigenden Herzlichkeit geschähe, die ihm das Blut im Kopfe brausen machte. Auf dem Wege nach dem Parke erzählte Emma dem Maler das Abenteuer, welches sie am Vormittage mit dem Unbekannten erlebt hatte, der unter dem Namen Hans Landmann bei ihr eingedrungen war. Sie äußerte ihre Besorgnis, daß auf ihren Bräutigam ein Raubanfall ausgeübt worden wäre, durch den der Gauner sich in den Besitz seiner Papiere gebracht hatte, die sie mit eigenen Augen gesehen. Sie sprach davon, wie sehr sie bereue, den Brief an Hans abgesendet zu haben, dem gewiß ein Unglück zugestoßen sei, denn sicherlich sei der Mann, den sie am vergangenen Abend mit jenem Mädchen gesehen, gar nicht Hans selber, sondern nur sein Doppelgänger gewesen, dessen große Ähnlichkeit sie getäuscht habe. Diese Mitteilungen kamen dem Maler ein wenig ungelegen; er sah, daß Emma noch immer mit viel zu viel Teilnahme an jenen dachte. Er versuchte diese Vorstellungen zu zerstören, indem er sagte: »Sie können versichert sein, daß jener Mann, den wir am See sahen, der Doktor selbst gewesen ist. Mein Auge ist scharf, und mich würde keine Ähnlichkeit täuschen. Auch ist es sicher, daß der Doktor diesen Morgen ins Oldenburgische weitergewandert ist, um dann noch nach Dänemark zu gehen, wo ja das Walzerleben seit alter Zeit in großer Blüte steht. Er ist augenscheinlich in Begleitung des Mädchens, mit dem wir ihn sahen, und ich glaubte daher Ihres Einverständnisses sicher zu sein, wenn ich ihm Ihren Brief durch einen sicheren Boten nachsenden ließ.« Diese Mitteilung hörte Emma mit erneutem Schrecken an. Sie konnte es nicht begreifen, wie er ohne Papiere, während ein anderer auf seinen Namen sündigte, weiterreisen konnte und noch dazu in Begleitung eines fremden Mädchens. »O – wer weiß,« meinte Wangenheim leichthin. »Vielleicht ist auch er von der allgemeinen Sucht, die niederen Volksklassen als das Ideal jedes wahren Interesses aufzufassen, angesteckt. Alle Schriftsteller thun ja heutzutage nichts anderes mehr, als das Los der Armen, der Arbeitenden und Arbeitslosen, der Elenden und Verkommenen zu schildern. Kaiser und Parlamente beschäftigen sich mit nichts anderem als mit den Ansprüchen des vierten Standes, und einige Schriftsteller lehren ja sogar, daß wir noch gar nicht das richtige Christentum haben, sondern es erst erringen müssen, indem wir Hab und Gut von uns thun und wieder in den Stand der Armut herabsteigen. Warum sollte der Doktor da nicht auch etwas von solch einem modernen Heiligen in sich spüren und, übersättigt von den Auswüchsen unserer Kultur, die Rückkehr in den Stand der Einfachheit gesucht haben. Geben Sie acht, er wird ein zweiter Leo Tolstoj geworden sein, der die Lehre von der Armut im Geiste praktisch ausübt und an Ihrer Stelle sich ein »Mädchen aus dem Volke« sucht, mit dem er rein geschwisterlich christliches Brüder- und Schwestertum zu verwirklichen sucht.« »Das wäre ja noch schöner!« versetzte Emma, aufgeregt von neuem über den Bräutigam. Im stillen schien ihr das, was Wangenheim spöttisch meinte, nicht einmal unmöglich, denn Landmann hatte in der That schon oft eine starke Hinneigung zu jenen Schriftstellern verraten und all seine politischen und wirtschaftlichen Gedanken dem Lose derjenigen gewidmet, die man in diesen Zeiten die »Enterbten« der Gesellschaft nannte. Sie waren unter solchen Gesprächen tiefer in den Park hineingeschritten und kamen jetzt an das Denkmal des Bürgermeisters und an den Goldfischteich, um den gestern Hans Landmann mit den seltsamsten Gedanken über natürlichen Fischfang gewandelt war. Drüben, überschattet von grünenden Laubwipfeln, stand die Bank, auf welcher er die Nacht zugebracht hatte. Emma und der Maler setzten sich auf dieselbe und betrachteten im Sande vor sich eine Reihe von verzweifelt verschlungenen Linien und Zeichnungen, die zum Teil verwischt, zum Teil aber noch ganz frisch und kenntlich waren. Sie schienen mit einer scharfen Stockspitze in den Sand gezeichnet, und bei näherem Betrachten meinten Emma und Wangenheim übereinstimmend, die Bilder von Semmelzeilen, von Würsten und auch von einer Kaffeekanne nebst Tasse daneben zu erkennen. Augenscheinlich war die Einbildungskraft des Zeichners lebhaft mit diesen Dingen beschäftigt gewesen. Emma ahnte nicht, daß diese Sandgemälde das Werk ihres hungernden Bräutigams waren, der hier, nach dem Erwachen, im Geiste gefrühstückt hatte. Wangenheim, der den Augenblick gekommen hielt, wo er vor Emma offen seine Leidenschaft bekennen durfte, begann unwillkürlich neben die Bilder im Sande eigene Zeichnungen zu entwerfen. Mehrmals schrieb er rasch den Buchstaben E, als Emmas Anfangsbuchstaben und seinen eigenen W, indem er diese Buchstaben durcheinander schlang und dabei mit heißen Seitenblicken auf Emma schaute. Diese betrachtete die Figuren, ohne recht zu begreifen, was sie eigentlich bedeuten sollten. Sie schwieg dazu und verfolgte verwundert die zeichnende Stockspitze. Wangenheim deutete ihr Schweigen als stilles Einverständnis, als den Ausdruck heimlicher entzückter Liebe. Er wurde daher mutiger und entwarf jetzt, gerade über dem Bilde der Kaffeekanne, die am Tage vorher Hans Landmann gezeichnet hatte, ein großes Herz, das von einem Pfeile durchbohrt war. Daneben aber skizzierte er rasch einen kleinen Amor, der statt eines Bogens, den er eben abgeschnellt hatte, ein großes E in der Hand hielt, welches ungefähr wie ein Bogen ohne Sehne aussah. Als er damit fertig war, sprach er mit heimlicher Leidenschaft: »Mein liebes Fräulein, betrachten Sie sich einmal dieses Bild genau.« Emma besah sich den Amor und das große Herz und schüttelte verwundert den Kopf. Sie frug: »Was ist denn daran so betrachtenswert?« Wangenheim meinte: »Ist es nicht bemerkenswert, daß Bilder im Sande gezeichnet, die wir unwillkürlich entwerfen, oft die geheimsten Empfindungen und Gedanken des Herzens verraten? Grausame, Sie haben es doch längst gefühlt, was diese Zeichen wider den Willen ihres Urhebers aussprechen – warum quälen Sie mich, indem Sie sich stellen, als wären Ihnen diese Zeichen ebenso gleichgültig wie diejenigen Kritzeleien, die hier ein Unbekannter hingeschrieben hat?!« Emma blickte befremdet auf. Dann aber, als sie seine Gedanken erriet, meinte sie mit einer gewissen angenehmen Überraschung: »Ach, ist das möglich?! Das soll wohl eine Liebeserklärung sein?!« Es schmeichelte ihr in diesem Augenblicke nicht wenig, daß ein Künstler ihr eine solche sinnreiche Liebeserklärung machte. Wangenheim war entzückt über den Ton, in dem sie das sprach. Er neigte sich zu ihr und sprach feurig und leidenschaftlich davon, wie er von heißer Liebe zu ihr entbrannt sei, wie er schon längst geahnt habe, daß auch sie ihn liebe, und wie es nur ein Irrtum gewesen sei, wenn sie jenem langweiligen Gelehrten sich verlobt habe. Jetzt aber, wo sie Tage des unausgesprochenen Glückes, der uneingestandenen Liebe zusammen verbracht, und er von Stunde zu Stunde bis zu einer Art von Wahnwitz durch ihre Schönheit gebracht sei, jetzt, wo sie dem anderen, der sich ihrer so unwürdig erwiesen, auf immer den Abschied erteilt habe, jetzt wage er auch das Geständnis einer Liebe, die nur dann befriedigt sein werde, wenn jedes süße Recht der Leidenschaft sie vereinige. Ja, er wage es hier um ihre Hand anzuhalten und sie sogleich als die Seine zu umarmen. Sie hätte nicht so lange allein mit ihm reisen dürfen, wenn auch sie nicht heiße, heimliche Leidenschaft für ihn empfunden hätte. Er wollte sie bei diesen Worten an sich ziehen und ihre Wange leidenschaftlich an die seine schmiegen. Sie entzog sich ihm indessen rasch und sagte leise, aber energisch: »Bitte, bitte –« Ein rascher und sicherer Verdacht war in ihr aufgestiegen. Dieser Mann hatte ihren Bräutigam wiederholt verdächtigt und war augenscheinlich nur unter dem Vorwand, sie gänzlich mit dem Geliebten zu entzweien, auf diese Reise mit ihr gegangen. O, sie hätte vor Scham in den Boden sinken mögen, so betrogen zu sein. Aber sie wollte die wahre Gesinnung des Malers kennen lernen, warf einen verheißenden Blick auf ihn und sagte rasch: »Nicht so schnell! Nehmen Sie Rücksicht, wir sind hier an einem öffentlichen Platze. Ach, mein liebster Maler, wie sehr haben Sie meine geheimsten Empfindungen durchschaut. Ich wußte es ja längst, daß Sie alles, was Sie thaten, und worin Sie mich bestärkten, nur ausführten, um Ihren sogenannten Freund bei mir auszustechen, was doch so ganz unnötig war. Und wenn jener auf den Absagebrief, den ich ihm schrieb, niemals mehr zu mir kommen würde, und Sie hätten das künstlich verhindern können, Sie würden das alles in Ihrer beglückenden Liebe zu mir gethan haben.« »Süßes Mädchen, das hast du alles durchschaut? Und so lange konntest du, Grausame, mir deine geheimsten Gefühle verbergen und Leidenschaft für einen anderen heucheln?« rief Wangenheim entzückt aus, welcher in Emmas Worten ein Liebesgeständnis sah. Er wollte Emma von neuem küssen; diese aber wies ihn schalkhaft zurück, während ein Zornesblick unter ihren Augenlidern blitzte, den er nicht bemerkte. »Seien Sie still!« sagte sie, indem sie mit ihrem Sonnenschirm gleichfalls im Sande zu zeichnen begann. Geben Sie acht, ich kann auch recht hübsch zeichnen.« Sie wischte mit der Spitze ihres Sonnenschirmes und mit ihrem Fuße den Amor, das Herz und die verschlungenen Buchstaben aus, die Wangenheim gezeichnet hatte. Wangenheim sah mit Entzücken ihrem kleinen Fuße zu, der so geschwind und behende seine Zeichnungen auslöschte. Darauf machte Emma um die Zeichnungen der Semmeln, Würste und Kaffeekanne eine große, weite korbähnliche Linie, die sie allmählich zum Bilde eines richtigen großmächtigen Korbes herausschraffierte. Als sie fertig war, sah es gerade so aus, als lägen die Würste im Korbe. Hierauf flüsterte Emma bestimmt und klar vor sich hin: »Ich liebe«, und mit großen Buchstaben schrieb sie oben über den Korb die Buchstaben H. und L. Wangenheim hatte erst lächelnd, dann aber mit steigender Betroffenheit der Malerei des Mädchens zugesehen. Er hatte eine Ahnung, als habe er eine fürchterliche Dummheit begangen, sich vor der Zeit verraten und dadurch auch als Freund Landmanns im bedenklichsten Lichte vor dem Mädchen gezeigt. Emma aber erhob sich und sagte mit Haltung: »Sie begreifen, Herr Wangenheim, daß wir uns nach dem Vorgefallenen sogleich trennen müssen. Ich bedaure von Ihrer Begleitung keinen Gebrauch mehr machen zu können, bitte Sie, mich auch im Hotel nicht mehr besuchen zu wollen und ohne mich nach Berlin zurückzureisen.« »Aber mein Fräulein,« stammelte Wangenheim, der kaum wußte, was er sagen sollte. »Nach der Art, wie Sie an Ihrem Freunde Landmann gehandelt haben, werden Sie es für die geringste Pflicht halten, die ich meinem Bräutigam schulde, daß ich mir auf das dringendste jeden Verkehr für die Zukunft verbitte.« Damit kehrte sie ihm den Rücken zu und ging, ohne sich umzusehen, nach der Stadt zurück. Wangenheim sah ihr erstarrt nach, um sich dann wegen seiner Dummheit vor den Kopf zu schlagen. Er setzte sich auf die Bank und blickte mit den verzweifeltesten Empfindungen einer verdienten Beschämung auf den großen Korb, der vor ihm im Sande stand wie Belsazars Flammenschrift an der Wand. Er ging endlich mit dem Gefühle einer schweren Blamierung nach dem »Goldenen Schwan« zurück, um noch abends mit dem nächsten Zuge nach Berlin heimzufahren und die gehörige Entfernung zwischen sich und das energische Fräulein zu bringen. Als um dieselbe Zeit der Gartenaufseher an die Bank kam, wo so wunderliche Figuren im Sande gemalt standen, kehrte er sie mit einem starken Besen zusammen, um den Kiesweg wieder sauber zu bekommen, und murmelte etwas von Narrenhänden, die nicht nur Tisch und Wände, sondern sogar seiner Hütung anvertraute öffentliche Anlagen auf lästerliche Weise beschmierten. Zehntes Kapitel Am Eingange ins Dorf, wo ein schmaler Seitenpfad von der Hauptstraße abführte, lag die Erdmannsdorfer Schicksenpenne, die Herberge für fahrende Frauen und Mädchen, die in ihren Geschäften mancherlei durch diese Gegend zogen. Ein altes, baufälliges einstöckiges Haus mit einem Nebengebäude, dessen oberes Stockwerk einen Tanzboden bildete, war der Schlupfwinkel für diese Töchter Evas, die teils wegen früher Fehltritte von ihren Eltern verstoßen, teils als elternlose Kinder der ehelosen Liebe ohne Heimat und Arbeit umherirrten. Verarmte Frauen mit ihren Kindern, die gleich der Liese sich von der Erregung des bürgerlichen Mitleides ernährten, Frauen, die mit Beerensuchen, Hopfenpflücken oder Erntearbeit sich eine Zeit des Jahres durchbrachten, um in der übrigen Zeit herumzuvagabundieren, Mädchen, welche mit jungen Handwerksburschen gemeinsame Sache machten und aus der Liebe zu diesen einen ärmlichen klingenden Lohn erwarben, verarmte, abgebrannte Bäuerinnen, die über Land zogen, um Arbeit zu suchen, Riesendamen und Wahrsagerinnen, welche sich nur auf Dörfern und in kleinen Städten sehen ließen, blinde, alte Weiber, die an den Straßenecken eine Drehorgel spielten und Mitleid erweckten, Hausiererinnen, die mit Strohdeckeln, schlechten Streichhölzchen oder Blumen und Kräutern an den Thüren erschienen und mit diesen handelten, um, im Falle man nicht kaufte, um eine milde Gabe zu flehen – sie alle, jeden Alters und hübsch und häßlich, sauber oder verwahrlost, schuldig und unschuldig, stiegen hier in der Schicksenpenne ab, um da zu rasten, für geringe Pfennige einen Kaffee oder Schnaps und ein Lager zu erhalten. Denn die meisten von ihnen nahm kein anderer Gasthof auf; sie irrten von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt, hielten sich vielleicht auch einmal länger in einer Gegend auf, wurden aber zumeist, wenn man sie nicht ins Arbeitshaus steckte oder in einem Krankenhaus unterbrachte, über die Grenzen der Bezirke und Länder abgeschoben, wo sie dann weiter suchen mußten, wie sie sich samt ihren Kindern durchbrachten. Der Wirt, ein verkommener Mensch, der ehemals ein großer Häuserspekulant und Güterschlächter in Berlin war, aber sich dabei arg verspielt, hierauf in Hamburg ein Tingeltangellokal eröffnet hatte, welches er gleichfalls nicht halten konnte, hatte hier nun einen ruhigen Zufluchtsort vor der Welt gefunden, der ihn mit seiner Frau sogar recht behaglich ernährte. Augenblicklich herrschte besonders guter Verdienst, denn die anbrechende wärmere Zeit, zu welcher man in den meisten Städten Gruppen von Handwerksburschen und »armen Reisenden« mit ihren Bündeln auf dem Rücken einziehen und weiter wandern sah, hatte auch in die weibliche Kundenwelt eine allgemeine Bewegung gebracht. Die einen zogen zur Arbeit und zum Sommerverdienst bei den Bauern aus. Andere suchten Abenteuer, und da man in vielen Fabriken wegen des schlechten Geschäftsganges auch viele Fabrikarbeiterinnen entlassen hatte, so kam manches arbeitslose Fabrikmädchen wohl auch hier an, ungewiß, welchem Lebenslose es in die Arme fallen würde. Wenn der Abend niedersank, und oben auf dem Tanzboden die trüben Öllampen brannten, da schlichen denn auch von weit und breit dunkle Männergestalten über die Äcker heran, und bald darauf hörte man oben den Tanzboden dröhnen vom übermütigen Tanze der »armen Reisenden« und ihrer »Frauen« und »Bräute«, da wurde gelacht und gescherzt und manches laute Gelage gefeiert. Hans Landmann, der durch Jette vor den Nachstellungen der Polizisten in diese Frauenherberge geflüchtet war und oben auf dem Boden schon einige Nächte auf einem Bündel Stroh verbracht hatte, welches ihm das mitleidige Mädchen hinaufgeschafft, saß allein im unteren Gastzimmer der Penne und flickte mit Zwirn und Nähnadel seine stark zerrissenen Beinkleider. Die Jette hatte ihm von der Wirtin Zwirn und Nähnadel besorgt, da sie selbst aber das Nähen nicht verstand, so hatte sie es dem vermeintlichen Schlossergesellen allein überlassen müssen, seine Kleidung, die ihm zerlumpt war, in Ordnung zu bringen. Um aber auch etwas zum gemeinsamen Haushalt zu thun, war das Mädchen, wie alle Tage vorher, schon früh ausgerückt, um die nötige Nahrung für sich und Hans auf den neuen Tag an gastlichen Thüren einzusammeln. Auch die meisten anderen Mädchen und Frauen, die vorübergehend auf der Herberge hausten, waren schon ausgerückt zu ihren »Geschäften«, die fauleren aber lagen noch oben in ihren Betten oder kämmten und strähnten ihre langen Haare. – Hans hatte den günstigen Zeitpunkt, da er allein im Zimmer war, benutzt, um seine Oberbeinkleider auszuziehen, sodaß er wie ein Schneider mit untergeschlagenem Beine auf einer Bank an der Wand hockte, nur mit Unterbeinkleidern, Rock und Weste angethan. Er flickte mit Ungeschick an einem großen Loche in dem Knie seiner Hose herum, suchte den Faden ins Nadelöhr zu schieben und fuhr zu seiner großen Verzweiflung wiederholt mit dem Faden vor dem Öhr vorbei. Er mühte sich lange ab und begann endlich vor Ungeduld zu pfeifen. Da der Faden immer noch nicht wieder richtig fassen wollte, so sank er endlich mit dem Ausdruck stiller Ermattung und Verzweiflung in die Bank zurück, während die halbgeflickte Hose traurig auf seinem Schoße lag. Er betrachtete sich den schwarzberäucherten Raum, in dem er sich befand, und besann sich, daß er ja eigentlich, um Studien zu machen, hier war. Merkwürdig, das hatte er beinahe vergessen. Es fiel ihm ein, daß er in der Not der letzten Tage eigentlich gar nicht mehr mit Bewußtsein und Wissenschaft beobachtet hatte. Sein Notizbuch war ohne Aufzeichnungen geblieben; er hatte schier vergessen, warum er ausgezogen war, und welche bessere Vergangenheit hinter ihm lag. Er wunderte sich, wie schnell der Mensch sich an einen Zustand gewöhnt und in ihm aufgeht, wenn er ihn wider Willen erleben muß, und wie die Not des Augenblickes sogar das Gefühl des eignen Wertes verwischen kann. Er betrachtete den großen Herd, der mit einem Rauchfang überdacht war, und sah mit Nachdenken die Kinderwindeln, die Nachthauben und Schnürleiber an, welche hier aufgehängt waren. Um den Ofen war eine ganze Station von ärmlichen, zerstoßenen Kinderwagen, mit und ohne Plane zusammengefahren, und ein witziger Kopf hatte deshalb auf den Rauchfang mit schwarzer Holzkohle geschrieben: »Haupthaltestelle für Ehestandslokomotiven«. Auf der Diele lag ein ausgerissener Frauenzopf, Zeuge irgend einer heftigen Scene, die zwischen zwei Töchtern Evas am Morgen stattgefunden haben mochte. An den berußten Wänden, die vor langen Jahren einmal weiß getüncht sein mochten, aber sah man rätselhafte Inschriften mit Rötel, Kreide und Kohle angebracht, Herzen, von Pfeilen durchbohrt, flammende Herzen und in riesengroßen Buchstaben die Inschrift: »Als Verlobte empfehlen sich der lange Hannes und die lahme Annaliese«. An der Wand gegenüber war in roten Buchstaben zu lesen: »Die Geburt eines munteren Stammhalters und Erben zeigen allen lieben Freunden und Verwandten hocherfreut an: Der helle Friedrich mit seiner Louise«. Hans konnte sich nicht enthalten, diese Anzeigen in sein Notizbuch zu kopieren. In kleinerer Schrift fand er auch noch folgende, mit Kreide geschriebene Empfehlung auf der anderen Wand: »Junge Witwe, Vermögen: ein gut erhaltener Kinderwagen und zwei Paar Strümpfe, ohne Anhang, wünscht sich baldigst wieder glücklich zu vermählen. Wirklich reelles Heiratsgesuch. Direktion Ehrensache. Anonyme Anerbietungen nicht berücksichtigt. Näheres durch Liese Leisegang, bis auf weiteres allda«. Unterhalb dieser Inschrift standen zwei Harfen an die Wand gelehnt und eine Geige war daneben in den Fensterstock gelegt. Sie gehörten drei böhmischen Harfenschwestern, die gestern Abend angekommen waren, und, wie es schien, war eine dieser Harfenschwestern die junge Witwe, die auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege einen neuen Ehegemahl für die Weiterreise auf dem Pfade dieses Lebens suchte. Hans hatte nicht ohne Erheiterung diese Inschriften gelesen und notiert und knüpfte weitere Betrachtungen daran über die Sitten und Gebräuche, welche in dem wandernden Bettelstaate herrschten, den er studierte, und wie da eigentlich alles ein umgekehrtes Spiegelbild der geordneten Welt war. Er besann sich, daß er seine Beinkleider flicken mußte, und begann von neuem den Zwirn einzufädeln. Es gelang über Erwarten, und wenn er sich auch ein paarmal, in Ermangelung eines Fingerhutes in den Finger stach, so schritt doch das Werk langsam und sicher vorwärts. Heute wäre nun der Tag gewesen, wo er wieder auf das Polizeiamt in Neustadt hatte gehen sollen, um die Erfolge zu erfahren, welche man dort in der Verfolgung des Diebes seiner Papiere gehabt hatte. Er hatte es nicht gewagt. Er sagte sich, daß er an jenem Tage doch ohne Zweifel wegen öffentlichen Bettelns angehalten worden und von irgend einem Dämon in seiner Seele in die Flucht getrieben worden war. Auf dem Polizeiamt würde man ihn sofort wieder erkannt haben, und Unannehmlichkeiten mußten auf alle Fälle daraus entstehen. Er hatte einen falschen Verdacht auf sich geladen, und da er ohne Papiere war, so bestand die größte Wahrscheinlichkeit, daß man ihn vorläufig in Haft nahm, auch wenn aus Berlin die Bestätigung seiner Angaben eingetroffen war. Er hatte es vorgezogen, statt sich diesen Unannehmlichkeiten auszusetzen, die ihm ja doch vielleicht in seiner Laufbahn schaden konnten, das gestohlene Geld einstweilen seinem Schicksal zu überlassen. Er hatte statt dessen einen Brief an seine Braut geschrieben, zu dem die Jette ihm die nötigen zehn Pfennige schenken mußte, ohne zu ahnen, daß er an eine Nebenbuhlerin gerichtet war. Hans hatte Emma gebeten, ihm, da sie seine Gelder verwahrte, eine größere Summe postlagernd unter der Chiffre H. L. 12., ohne Wertangabe nach Haidefeld, einem Städtchen sechs Stunden von Erdmannsdorf entfernt, zu schicken. Dort wollte er in einigen Tagen das Geld abholen und bis dahin in Gottes Namen die Jette für sich fechten lassen, bis er es dem Mädchen dann reichlich zu lohnen hoffte. Er ahnte nicht, daß sein Brief uneröffnet in Berlin liegen würde, da Emma keine Anweisung gegeben hatte, ihr Briefe nach Neustadt nachzusenden. Hans blickte von seiner Arbeit auf und sah zum Fenster hinaus, als er draußen unerwarteter Weise das Gesicht Hasenklaus hinter der Scheibe hereinlugen sah. Dieser war nach verschiedenen Fahrten in der Umgegend in den letzten Tagen angekommen mit dem Briefe Emmas, in der Hoffnung, in der Frauenpenne einen sicheren Unterschlupf allen Verfolgungen gegenüber zu finden. Er war nicht wenig überrascht, als er das Opfer seines Raubes so friedlich, mit dem Nähen von Beinkleidern beschäftigt, drinnen auf der Ofenbank hocken sah, als wäre er ein wandernder Schneidergeselle. Mit der ihm eigenen Geistesgegenwart aber übersah er sofort die ganze Lage der Dinge und beschloß darnach zu handeln. Als er bemerkte, daß Hans ihn erkannt hatte, fuhr er beruhigt mit dem Kopfe zurück, denn er hatte aus dem Blicke, mit dem der verkleidete Herr Privatdozent ihn ansah, erkannt, daß dieser nicht den geringsten Verdacht hegte, er sei der Räuber seiner Papiere. Er begab sich leise in den Hinterhof des Anwesens und trat dort durch die Thüre in die Küche ein, wo er die Wirtin beim Kochen fand. Er begrüßte diese, die sich freute, den Gast nach längerer Zeit wiederzusehen. Nach einigen allgemeineren Reden übergab Hasenklau ihr den Brief mit den Worten: »Da, edle Krone, ist übrigens auch ein Kassiber für den Schlossergesellen Finke, der ja wohl bei dir in der Stube drinsitzt. Er ist mir von einem Herrn übergeben worden. Ick habe einen triftigen Grund, ihn selbst nicht zu übergeben, ick will jetzt zu ihm in die Stube hineingehen und wenn ich ein Weilchen drin bin, dann rufst du Finke schnell in die Küche heraus und giebst ihm den Kassiber und sagst, eine Bote hätte ihn gebracht.« Die Wirtin, die schon gewöhnt war, allerhand Geheimnisse mit Hasenklau zu haben, versprach zu thun, was er wünschte. Sie frug nicht, warum; es war Geschäftsgrundsatz, daß sie sich nie zu nahe einweihen ließ, je mehr sie allen Kundenstreichen willig Vorschub leistete. Hasenklau ging wieder durch den Hof zurück um das Haus herum und zur Hauptthür herein. Er öffnete die Thüre der Gaststube, wo Hans saß, und ging diesem mit ausgebreiteten Armen entgegen. »Sei mir gegrüßt, du Mann des hohen Lebens,« sagte er mit schauspielerischer Feierlichkeit. »Wo hast du denn die ganze Zeit gesteckt, edler Finke und Vogelsteller? Daß wir uns hier wiedersehen, hätte ick mir in meiner Schulweisheit nicht träumen lassen.« Hans mochte nicht recht mit der Sprache herausrücken und sein Mißgeschick vermelden. Er zuckte die Achseln: »Gott, man hat eben auch mancherlei erlebt,« meinte er. Hasenklau nahm seine Hosen in die Hand, wendete sie nach allen Richtungen und meinte: »Na, die Weitchen scheinen auch viel erlebt zu haben, und ick glaube gar, du bist darüber zum Stichler Schneider. geworden, Finke. Hast ja ein recht gutes Stück Arbeit da gemacht!« In diesem Augenblicke rief draußen die Wirtin hinter der Küchenthüre »Finke! Finke! Komm' mal schnell heraus. Ein Brief ist für dich angekommen!« Hans sprang auf und wollte die Beinkleider schnell anziehen, um hinauszugehen. Hasenklau aber hielt sie in der Hand und sagte: »Mach schnell, mach schnell; sie hat einen Kassiber für dich; ich glaube, es ist eine ganz wichtige Sache.« Hans ließ unwillkürlich die Beinkleider fahren und, aufgeregt über die Nachricht, sprang er, wie er war, in die Küche hinaus. Das hatte Hasenklau beabsichtigt. Er blickte sich rasch um, ob auch die Thüre hinter dem Privatdozenten richtig zugegangen war. Als er sich davon überzeugt hatte, wendete er mit stiller Gelassenheit das Beinkleid in der Hand und murmelte: »Natürlich. Da hinein, der Mohr von Venedig hat seine Schuldigkeit gethan, der Mohr kann gehen.« Er griff in seine Tasche und suchte rasch die Papiere des Privatdozenten hervor. Schnell und sicher schob er sie dann in die Tasche von Hans Landmanns Beinkleidern und trällerte dabei das Liedchen: »Letzte Rose du des Sommers«. Er sagte sich, das sei der einfachste und natürlichste Weg, jeden Verdacht von sich abzulenken. Er konnte die Papiere hier doch nicht mehr brauchen; ein Hauptgaunerstück aber erschien es, wenn Hans eines Tages die Papiere in seiner eigenen Tasche fand und demgemäß nicht einmal behaupten konnte, daß man sie ihm entwendet habe. Jetzt mochte die Polizei kommen und ihn, Hasenklau, untersuchen, sie würde nicht den Schatten eines Papieres bei ihm finden. Er hatte jeden Verdacht von sich abgelenkt. Mochte der verkleidete Mann der Wissenschaft selber sehen, wie er sich darüber verantworten sollte, daß man seine eigenen Legitimationspapiere bei ihm fand. Nachdem er das in der Eile erwogen und vollbracht, trat er an die Küchenthüre und rief: »Finke! Finke! – Du sollst mich hören stärker beschwören! – Finke!« Hans hatte eben draußen den Brief erhalten und die Handschrift seiner Braut erkannt. Verwundert, daß er durch einen Boten abgegeben und ohne Freimarke war, zögerte er, ihn zu öffnen. Er vernahm die Stimme des ehemaligen Schauspielers hinter der Thüre und frug: »Was giebt's?« »Finke, du hast deine Unaussprechlichen hier liegen lassen!« meinte der Schauspieler, indem er die Thüre aufmachte. Er hatte die Beinkleider auf der Bank liegen lassen, damit es den Anschein erweckte, als habe er sie gar nicht berührt. »Na, denn gieb mir sie heraus,« sagte Hans, in Gedanken auf den Brief schauend; »ich finde, es ist hier etwas kühl.« »Du ahnungsvoller Engel du!« versetzte Hasenklau, ging und schleifte die Beinkleider auf der Diele nach der Thür. Er warf sie in die Küche zur Thür hinaus, schloß letztere wieder und murmelte pathetisch vor sich hin: »Da lieg, Unseliger, verführt zu schwer gelöstem Liebesbande.« Er setzte sich nun an einen Tisch in der Ecke hinten und packte aus Rock und Weste einige größere Banknoten, sowie Goldstücke und Silberthaler aus, die er verstohlen zählte, um nun einmal mit Muße zu übersehen, was er eigentlich auf seiner Rundfahrt mit Landmanns Papieren erobert hatte. Er konnte zufrieden sein. Er besaß gegen fünfhundert Mark, und er wendete die Scheine zärtlich in der Hand herum. Wie es aber zu gehen pflegt, daß unrecht Gut nur selten gedeiht, so fühlte Hasenklau einige Sorge, was er mit so vielem Gelde anfangen sollte. »Zuviel, zuviel des teuren Mammons!« dachte er. Ein Teil davon soll und muß verjubelt werden, denn wenn man so viel Geld bei mir findet, kommt doch auch wieder der Verdacht auf mich. Denn daß ich rückständige Gagen aus früherer Zeit ausgezahlt erhalten hätte, das werden sie mir ja doch nicht glauben.« Er seufzte und hob die Brust gegen eine Art von Beklemmung, die ihn erfaßte. »Ach, daß der Mensch nie aus den Sorgen herauskommt!« dachte er, indem er den Kopf auf die Hand stützte und den Arm auf den Tisch gestemmt die ausgebreitete Barschaft überblickte. »Aber dann, dann will ich in Ruhe das Meinige genießen und als Rentier leben.« Er überlegte, daß wenn er jetzt hier auf der Penne in unmittelbarer Nähe von Landmann verblieb, auch am wenigsten der Verdacht auf ihn fallen würde, denn daß ein Dieb in unmittelbarer Nähe des Bestohlenen blieb, war wohl nicht gerade häufig der Fall. Als Hasenklau sein Geld eingestrichen hatte, wunderte er sich, daß draußen in der Küche alles auffällig still geworden war. Was mochte wohl der Brief für den Privatdozenten enthalten haben?! »Sieh da, sieh da, Timotheus! Seh' ich recht im Mondenscheine? Mein alter Freund Doktor Leberecht? Wie kommen Sie in diesen Tempel der Vestalinnen?!« Mit diesen Worten begrüßte der Schauspieler den Studenten, der mit einem Sacke voll alter Bücher in die Gaststube trat. Der hatte bisher noch gar keine Geschäfte mit seinem wandernden Antiquariate gemacht, denn all die gelehrten Bücher, die ihn so lebhaft interessierten, hatten die wandernden Kunden und die Bauern, bei denen er damit hausierte, nicht im mindesten angezogen. Er war daher ziemlich abgetrieben, und seine Hoffnungen, sich aus dem Pennenleben herauszureißen, waren schon einigermaßen geringer geworden. Er war erfreut, den Schauspieler hier zu finden, wo er einige Geschäfte zu machen hoffte, und sagte: »Sehe ich recht? Hasenklau – Orbassany?! Ich bin auf der Durchreise.« »Mit diesem Sack voll alter Scharteken?!« »Bitte sehr, Monsignore. Das ist kein Sack, das ist vielmehr mein Geschäftslokal, und diese Bücher sind nicht Scharteken, sondern das Antiquariat, Verlags- und Sortimentshandlung von Max Leberecht sen. Nachfolger.« »Wie nun?!« frug Hasenklau mit großer Überraschung. »Ach, weißt du, alter Kollege,« meinte Leberecht, indem er sich ermüdet an einem Tische niedersetzte, »es war doch ein Lungerleben, das meiner nicht würdig war. Ich will wieder ein nützliches Glied der menschlichen Gesellschaft werden, ich will die Mälzerei aufgeben und, wie der Lateiner sagt, mich wieder herausmausern. Ich habe mir von meinen Fechterersparnissen diese Bücher gekauft. Es ist sozusagen der Grundstock meines Geschäfts.« Er begann seinen Sack auszupacken und die Bücher vor sich auf dem Gasttische aufzulegen wie ein Jahrmarktsantiquar. Er suchte einige Bücher heraus, die ihm für Hasenklau zu passen schienen, und sagte: »Hier, Kollege, ist z. B. ein seines Buch: heißt ›Die Ehre‹, und beweist, daß man eigentlich jar keene Ehre zu haben braucht. Was giebst du dafür?« »Modern?« frug Hasenklau mit einer etwas verächtlichen Miene. »Freilich, das Allerneueste.« »Lese ich nicht,« entgegnete Hasenklau mit abweisender Gebärde. »Ick beschäftige mir nur mit klassischer Litteratur; und wat jeht mir die Ehre von anderen Leuten am? Ick habe ooch meine Ehre für mich. Schiller, Joethe, Lessing, Shakespeare lese ick noch, da kann man noch wat lernen, aber wer kann denn so einen modernen Dichter citieren? Es gibt ja gar keene geflügelten Citate in diesen Schriften, weil ihnen die nötige Lebensweisheit mangelt. Ick bin mehr für den Schwung und das Ideale.« Leberecht zuckte die Achseln, als hätte er es schon erwartet, daß er auch hier kein Geschäft machen werde. »Das ist die ›Kritik der Vernunft‹« sagte er, »die will ich hier an eine Schickse verkaufen und ihr sagen, es wäre ein schönes Kochbuch und handelte vom Wurstmachen, weil drin gelehrt wird, wie man die ›Unvernunft‹, als da sind Blutwurst, Leberwurst und Schlackwurst, in lauter reine Vernunft schmackhaft zubereiten könne. Wenn ich's auf diese Weise nicht los werde, will ich's für ein Traumbuch oder Wahrsagebuch ausgeben, wo jedes Wort, das die Mädel nicht verstehen, eine Prophezeiung bedeutet, eine Chiffreschrift, welche sie enträtseln können, wenn sie das Buch nachts unter ihr Kopfkissen legen; am anderen Morgen wissen sie dann, was es bedeutet. Auf diese Weise werde ich die Bücher mit Profit los und später gründe ich vom Überschuß in Hamburg eine große Buchhandlung.« »Aber Max, du wirst doch nicht? Du, der gewaltigste von aller Handwerks- und sonstigen Burschenherrlichkeit! Mensch, sage mir, wohin ist es mit dir gekommen?!« warf der verwunderte Schauspieler ein, dem diese Anwandlung von Solidität gar nicht gefiel. Leberecht ordnete seine Bücher zum Verkauf und sagte mit einer Art von hartnäckigem Eigensinn: »Nein. Diesmal ist mein Entschluß unabänderlich. Kein Rückfall mehr. Und ein fliegendes Antiquariat ist für mich immer noch das beste. Ich lese nämlich alle Bücher erst selbst, und dann verkaufe ich sie außerdem noch mit doppeltem Profit. Sind diese hier mit Gewinn verkauft, so handle ich neue ein, bis ich einst in Leipzig oder in Stuttgart oder Hamburg eine große Buchhandlung mit Leihbibliothek errichtet haben werde, wo vom neuesten Roman gleich hundert Exemplare angeschafft werden. Denn ich bin ein self-made-man; ich habe es nur dadurch so weit gebracht, daß ich die Charakterstärke besitze, aus eigener Kraft mich zu dieser Stellung emporgeschwungen zu haben. Da, sieh! Kant, Hegel, Schopenhauer – das alles wird meine Bildung unterdessen vertiefen. Und hier sind lauter Bücher vom Zukunftsstaat, da kannst du erst 'mal sehen, wo eigentlich alle menschliche Entwickelung hinaus will.« »Und was soll mit mir werden? Mit mir?!« begann hierbei Hasenklau jammernd zu fragen. Mit hohler Feierlichkeit frug er: »Weißt du auch, daß du mir mein Herz zerreißest? Ich werde vereinsamen und entbehre jeglichen Umgangs. Max, bleibe bei mir, geh nicht von mir, Max – es ist unmöglich –!« Leberecht fühlte wohl, daß man ihn seinen guten Vorsätzen entfremden wolle; wieder begann der Kampf in seinem Herzen; wieder frug er sich, ob er nicht besser gethan hätte, mit den Visitenkarten des Neustädter Professors auf Kundengeschäfte auszugehn, statt hier mühsam nach einer bürgerlichen Beschäftigung zu streben, die er, wie er selbst fühlte, doch nur äußerst unpraktisch und dilettantisch anfaßte. Aber er wollte seine guten Vorsätze nicht so schnell aufgeben und erwiderte dem Verlocker mit einer einfach-edlen Gebärde: »Vergeblich. Ich habe gesiegt. Dies Leben liegt nun hinter mir.« »Aber bedenke doch, alter Freund und Gönner,« versetzte Hasenklau aufgeregt, »wenn du das thust, so fehlt mir ja jede höhere geistige Anregung. Soll ich mit arbeitslosen Pechhengsten, Schuster. Pipendrehern, Zigarrenmacher. Fettläppchen, Tuchmacher. Flammern Schmiede. und Rollern Müller. zusammensitzen, soll ich mit entlassenen Kutschern und Pferdebahnkondukteuren, mit Kohlenarbeitern und arbeitslos gewordenen Setzerlehrlingen gemeinsame Sache machen? Soll ich mit dem Ausschuß aller Gewerke und Arbeitsklassen, soll ich mit den Schlachtopfern aller sozialen Nöte und wirtschaftlichen Krisen sowie Ausstandsbewegungen mir gemein machen? Ein Mann von Bildung muß doch seinesgleichen haben zum Austausch über Wissenschaft, Kunst und Politik. Ich brauche einen wirklichen geistigen Verkehr, und deine wissenschaftliche Bildung ergänzte so schön mein künstlerisches Ideal.« Hasenklau deklamierte diese Klage heraus, indem er mit großen Schritten im Zimmer auf- und abging. Jetzt blieb er stehen und fügte hinzu: »Und gerade heute, Max, heute, wo ich so gut bei Gelde bin. Da, sieh, was ich habe! Laß die Scharteken, trinke eins, heute muß was draufgehen!« Er griff in die Tasche und legte mit einem kräftigen Handschlag drei Goldstücke auf den Tisch. Leberecht erschrak vor dem klingenden Ton und schaute neidisch auf das Geld. »Was? Soviel Draht?! Du Glücklicher!« stammelte er, indem er von dem Gelde wegschielte, als könnten seine Augen diesen Goldglanz nicht vertragen. Mehr in sich selbst hinein, wie um sich zu bestärken in der Tugend, murmelte er aber: »Aber nein, ich werde nichts davon nehmen, selbst wenn man es mir böte –!« Hasenklau warf einen Blick der erforschenden Menschenkenntnis auf ihn, griff in seine Westentasche, legte eine Banknote auf den Tisch, schlug heftig mit der Hand daneben und rief: »Und wenn alle Stränge reißen, so sage ich: Heidi! und lege dir diesen Fünfzigmarkschein auf den Tisch. Friß, Vogel, oder stirb!« Die Versuchung war schwer. Leberecht zuckte es in den Fingern, das Geld zu nehmen. Aber er bekämpfte sich doch. Er zuckte ein paarmal mit den Achseln, wendete sich ab, um in seinen Büchern zu kramen und sagte mit Haltung: »Charakterstärke ist eben das, was den Mann von Bildung und Gewissen macht. Wer weiß, wo's her ist, das Geld.« »Gutes Geld! Gutes Geld!« verschwor sich Hasenklau hoch und teuer, indem er den Eidfinger aufgeregt erhob. »Nein, heute darfst du noch nicht heraus, heute bleibst du noch, heute bist du noch Mensch! heute genießest du noch ein freies, lichtes Dasein im Schoße der holden Sorgenlosigkeit, frei von Angst und Not, entbunden vom Joche der Alltäglichkeit, die in ihres Antlitzes saurem Schweiße, da wo die Könige bauen, die Kärrnerdienste des Lebens thut! Da nimm! Denn ich habe dir überdies noch eine höchst wichtige Mitteilung zu machen.« »Eine wichtige Mitteilung?!« frug Leberecht. Und nach einer Weile, nachdem er einen neuen Blick auf das Geld geworfen hatte, meinte er schüchtern: »Sind das wirklich fünfzig Mark?!« »Sauer erworben und gut gezählt,« bestätigte der Schauspieler, indem er ihm mit dem Handrücken das Geld zuschob. »Na, denn laß deine Mitteilung hören,« sagte der Studiosus, indem er sich zurecht setzte. Hasenklau strich die Goldstücke ein und that, als wolle er auch den Schein wieder an sich nehmen; da griff Leberecht mit einer unwillkürlichen Handbewegung zu und legte seine Hand über die Banknote. Zögernd schob er sie dann wieder ein Stück von sich fort; endlich versenkte er sie aber doch scheinbar achtlos in seine Westentasche, und das leise Achselzucken, mit dem er es that, sprach die innere Empfindung aus, daß es für ihn doch keine Rettung mehr gäbe, und daß er wieder lieber zum alten Walzerleben zurückkehren wollte. Die Mittagszeit war herangekommen, und es waren schon während diesen Verhandlungen mehrere Landstreicherinnen eingetreten, Mädchen mit verwogen auf ihren Zöpfen sitzenden Hüten, in schlechten Kleidern und Schürzen und nachschleppenden Röcken, Frauen mit Kopftüchern um das Gesicht, unter denen auch wohl manche Gewohnheitsdiebin sich befinden mochte. Das eigentliche männliche und weibliche Verbrechertum verkehrte hier zwar weniger. Die Mehrzahl war von denjenigen, die nur verarmt und heruntergekommen war, kleine polizeiliche Vergehen, allenfalls einmal einen Gelegenheitsdiebstahl auf dem Gewissen hatte und lediglich obdachlos und arbeitslos umherstrich. Einzelne faulere Mädchen waren von oben heruntergekommen, hatten sich nebeneinander auf die Ofenbank gesetzt, strähnten ihre Haare und halfen sich gegenseitig dieselben machen, stießen sich an, kicherten und tauschten ihre Bemerkungen über die Mannspersonen aus, die sich heute schon so früh hier einfanden, während sie sonst zumeist erst gegen Abend zum Tanzvergnügen kamen. Heinz Henning, der Schneider, war mit der Liese und ihren drei Kindern erschienen. Zwischen diesem heiteren Mann und der Frau schien ein schönes Verhältnis sich angeknüpft zu haben, denn sie gebärdeten sich wie bejahrtere, verständige Brautleute, welche die Absicht haben, einen gemeinsamen Hausstand zu begründen. Sie setzten sich mit den Kindern an einen Tisch, und, da sie heute gute Geschäfte gemacht zu haben schienen, so wurde bei der ab- und zugehenden Wirtin ein Mittagsessen bestellt, in dem sogar von Fleisch die Rede war. Zu ihnen setzte sich bald ein langes, hageres Frauenzimmer, das mit der Liese ein langes, geschäftliches Gespräch begann, in dem viel von den dabei sitzenden Kindern die Rede war. Man schien eifrig hin und her zu handeln; die lange Jule schien Bedingungen hören zu wollen, die Liese mochte diese zu hoch ansetzen, Henning, als Mann und besonnener Vermittler, schien allzuheftigen Streit durch weise Bemerkungen verhindern zu wollen. Darüber brachte die Wirtin das Essen in einer großen Schüssel, die lange Jule wurde eingeladen, mitzuhalten und einen Augenblick schwiegen die Verhandlungen, und die Löffel fuhren aus der Schüssel in den Mund. Mit neidischen Blicken saß am anderen Tische die Kunstreiterfamilie Bill Will und kaute trockene Brotstücken, die sie erbettelt hatte. Der Beruf des Kunstreiters genoß bei den Bauern umher zu wenig Achtung; und wenn Bill Will seine wahre, jammervolle Leidensgeschichte erzählte, so erhielt er nur kärgliche »Miete«, denn er gehörte einem verachteten Stande an. »Ja, wenn ich ein heruntergekommener Weinhändler oder Offizier, ein verdorbener Advokat oder so etwas wäre, da würden sie mir wohl was anderes als trockne Brotrinden schenken, da kriegte ich Unvernunft und Fettigkeit genug und auch wohl 'mal eine warme Suppe! Aber als Kunstreiter! Was gilt heutzutage die Kunst und das Höhere!«, sagte er zu seiner ausgehungerten Frau. »Na, denn mußt du eben als so etwas gehen!« meinte diese, indem sie an ihrer Rinde nagte und zur inneren Erwärmung einen Schnaps trank. »Dann mußt du eben den Bauern erzählen, du wärst ein verarmter Graf, denn brauchte ich hier auch nicht zuzusehen, wie andere warmes Gemüse essen.« »Das würde mir meine Stellung und mein Künstlerstolz ein für allemal verbieten!« entgegnete der Kunstreiter mit einem strafenden Blicke seiner Gattin. »Mich für irgend etwas auszugeben, was ich nicht bin, das geht gegen meine Grundsätze.« Der arme Bill Will büßte seine Grundsätze damit, daß man hier seinen näheren, gesellschaftlichen Umgang mied, da er als »Künstlerproletariat« unter so wohlhabenden Leuten, wie sie hier verkehrten, nicht für voll angesehen wurde. Auch er hatte, um vor polizeilichen Nachstellungen sicher zu sein, sich in dieses Haus verirrt. Die Schicksen und Mädchen, die erst am Ofen gesessen hatten, waren jetzt an den Tisch getreten, wo Leberecht seine Bücher ausgebreitet hatte, und sie fingen an, kichernd und scheltend in den Büchern zu kramen, um sich mit Verwunderung die vielen unverständlichen Titel anzusehen. Die dicke Rosa, ein wildes und ebenso gefährliches Frauenzimmer, die mit allerhand Scherzen ihr Thun zu bemänteln suchte, stahl in der Eile einen zerlesenen Kolportageroman und verbarg ihn unter ihrer Schürze. Die lahme Anna blätterte in mehreren Büchern, bis sie heimlich Stirners Werk »Der Einzige und sein Eigentum« unterschlug und unter ihren Rockschlitz schob in der Meinung, »Der Einzige« das sei ein interessanter Liebhaber, dessen Geschichte sie interessierte. Hasenklau nahm indessen Leberecht bei Seite, um ihm die besprochene wichtige Mitteilung zu machen. »Also, du kennst doch Finke, den sogenannten Schlossergesellen. Der ist auch hier,« begann der Schauspieler geheimnisvoll. »Was? Will er sich eine Frau suchen?!« meinte Leberecht. Denn das war ja gemeinhin die Veranlassung, um derenwillen die Kunden und »armen Reisenden« auf den Schicksenpennen sich einstellten. »Nein, sicher nicht!« erwiderte mit schlauem Augenblinzeln der Andere. »Denn siehst du, ich habe jetzt auch herausbekommen durch geschickte Kreuz- und Querfahrten, weß Geistes Kind der edle Junker ist. Und nun rate einmal, denn daraus werden wir noch eine große Sache erleben und viel Kapital schlagen.« »Ja, das ist schwer,« meinte Leberecht. »Elementenfärber ist er nicht, Roller nicht, denn er schmeckt nicht nach Mühle; ein Galgenposamentier ist er auch nicht, denn er sieht nicht aus, als könnte er Seile drehn. Ein Pflanzer könnte er wohl sein, denn er hat so neue Stiefeln wie ein Schustergesell; vielleicht ists aber nur ein Fackler, denn er hat die Hände eines schnöden Advokatenschreibers. Wie soll ich's wissen.« »Na, denn höre einmal und staune!« sprach Hasenklau lauter. »Ein Mann ist er, der vom ehrlichen Leben anderer Leute hinterrücks mitlebt, eine Art Jack der Aufschlitzer, denn er schlachtet jeden lebendigen Menschen wissenschaftlich aus, der ihm hier in die Augen fällt, und kurz und gut, er ist weiter nichts als ein Schriftsteller, ein Privatdozent und Gelehrter. Er ist ein Dr. Hans Landmann aus Berlin und er reist, um ein wissenschaftliches Werk über die Walzerei zu schreiben. Also da kommen wir alle hinein, du und ich natürlich auch –!« »Ei, die schwere Not der Zeit! Ein Federfuchser!« rief der Studiosus aus. Und als wäre jetzt auf einmal sein Entschluß reif geworden, schlug er Hasenklau auf die Schulter und sagte: »Na, da will ich doch noch eine Weile bei der Thürklinkenputzerei bleiben, den Finke muß ich mir mit Muße besehn; da will ich doch noch einmal bleiben, was ich war und sein werde!« Er sprang auf seinen Büchertisch los, fuhr mit den Händen hinein und warf rechts und links die Bände unter den Tisch, feuerte die »Kritik der reinen Vernunft« und Bellamys »Rückblick aus dem Jahre zweitausend«, gleichzeitig die Bücher ergreifend, über die Köpfe der Essenden weg hinter den Ofenherd, daß sie mit flatternden Blättern durch die Luft flogen und rief den Mädchen zu: »Da, Ihr Schicksen, da habt Ihr was! Lauter Traumbücher und Kochbücher, lauter gedruckter Hirnschweiß von allen möglichen irrenden Geistern die sich den Kopf zerbrochen haben über diese Welt und ihre Einrichtungen, und es hat alles nichts geholfen! Heute laufen wir noch gerade so herum und betteln dem Herrgott seine Gedanken ab, wie die Walzer und Fechter in der seligen Odyssee! Hier, ihr Mädels, hier ist sie, lest sie, die Geschichte von einem König, der als Fechtbruder in sein eigenes Königreich zurückkam und seinen eigenen Schweinehirten anbetteln mußte und hernach alle Schickseln in seinem Hause an Stricken aufhing, daß sie nur so zappelten. Hier ist das wahre Buch, das wahre Vademecum der Walzerei, wo ein König in Lumpen geht und alle diejenigen umbringt, die ihn nicht ordentlich mit Miete und Bettelgaben belohnten. Na, und wenn der das alles gethan hat und sich mit dem Fechtbruder Iros herumgeschlagen hat, warum sollte ich's nicht auch thun?!« Er hielt ein Exemplar der Odyssee in die Höhe, die Mädchen drängten sich herum, endlich erwischte es die dicke Rosa und die anderen Schickseln stürzten sich nun wild auf die Bücher los, rissen sich darum, zerflederten die Bände, warfen die Stücke im Saal herum und begannen sich kratzend, schreiend und in den Zöpfen zausend einen tollen Streit um die einzelnen, ihnen preisgegebenen Bücher. Hasenklau aber breitete seine Arme feierlich aus, da er sah, wie Leberecht alle guten Vorsätze fallen ließ und sagte, indem er ihn umarmte: »Immer, Max, immer bleibst du bei mir! Du bist der geborene Thürklinkenputzer! Bruder, wir sind wieder vereint!« Unterdessen hatte Bill Will sich neben sie gestellt und neugierig den Eröffnungen zugehört, die Hasenklau über Hans Landmann gemacht hatte. In einem Tone, in welchem sich tiefe Kränkung mit dem Gefühle der Neugier mischte, frug er sehr laut: »Was hat er gesagt?! Schriftsteller? Gelehrter ist dieser Unmensch, der sogenannte Finke?!« Hasenklau legte den Finger auf den Mund und gebot ihm Schweigen. Die Sache müsse Geschäftsgeheimnis bleiben. Aber der Kunstreiter rief laut und im Tone erneuerter Kränkung: »I, da könnte doch gleich eine alte Bombe platzen! Geschäftsgeheimnis! Er hat mich um mein ganzes Geschäft gebracht, seit er mir vorgeflunkert hat, er besäße ein Pferd. Darauf hatte ich meine letzte Hoffnung gesetzt, und wie die so grausam enttäuscht war, ist mir die Lust zum Arbeiten überhaupt verflogen, und ich bin moralisch so herunter, daß ich nie mehr aus diesem schlimmen Leben herauskann. Moralisch, das ist das Faule dran!« Die letzten Worte sagte er im Tone des höchsten Jammers. Mit schadenfroher Bosheit aber ging er in die Mitte der Stube und rief laut, daß es jedermann hören konnte: »Und darum sollen es alle wissen, die hier sind: Hört! Hört! Finke, dieser Finke ist überhaupt gar kein ehrlicher Walzbruder, sondern weiter nichts als ein ganz gewöhnlicher Schriftsteller, der unter falschem Namen geht, und von dem die Leute schon so wie so genug reden, denn er ist sogar bekannt geworden!« Die letzte schreckliche Beschuldigung wurde mit erhobener Stimme wider den Abwesenden ausgesprochen, Henning, Sorger, der auch sich eingefunden hatte, und eine Anzahl der Mädchen sprangen neugierig auf und drängten sich um Hasenklau und Bill Will, höchst betroffen und zum Teil verschämt, daß ein solcher fremder Mann unerkannt unter ihnen umgegangen war und wer weiß was für Schwächen ihnen abgesehen hatte. »Was hat er gesagt? Was?!« murmelte man beklommen unter einander. »Na, so rede doch wenigstens nicht so laut,« sagte Hasenklau unwillig, sonst hört er's draußen. Er wendete sich an diejenigen, welche ihn umringten und erzählte: »Ach, ja, meine Verehrten, ich habe Ihnen leider die betrübende Mitteilung zu bestätigen, daß es dem unerforschlichen Schicksal in seinem allmächtigen Rate gefallen hat, Herrn Finke aus diesem Leben abzuberufen. Er ruhe sanft. Auferstanden aber ist er als der volkswirtschaftliche Schriftsteller Landmann aus Berlin, der weiter nichts will, als ein Buch schreiben, in das ihr alle miteinander hineinkommen sollt. Und du, Bill Will, natürlich zuerst.« »Das verbitt' ich mir!« meinte der Kunstreiter, höchst peinlich berührt von dieser Aussicht. »Ein Schriftsteller! meinte Henning verwundert. Na, das hab' ich ihm aber auch gleich angesehn, weil er immer so in der Tinte war.« »Stichle nicht, Regierungsrat, bist doch nur ein Schneider,« redete der Schauspieler den letzteren an und, an die anderen gewendet, fuhr er fort: »Also, meine Verehrten, ick jebe Ihnen nun aber auch den guten Rat, nichts weiter zu sagen und gegen diesen Mann zu thun, als wenn Sie gar nichts wüßten. Comprenez-vous français?! « Man fand diesen Vorschlag allgemein richtig, und jedes dachte darüber nach, wie es die veränderte Lage der Dinge gegenüber dem Nationalökonomen für sich ausnützen könnte. Insbesondere waren die Gemüter etlicher Mädchen in Sorge, was für Absichten der Mann eigentlich mit ihnen haben konnte, daß er sich unter ihnen bewegte, als gehöre er zu ihnen. Eine Schicksel fragte: »Was ist denn das, Volkswirtschaft?!« »Nun, er will eben sehen, was das für eine Wirtschaft hier unter euch Volk ist, nehmt euch in acht!« erklärte Henning. Sorger aber, der höchst betroffen war mit Rücksicht auf die Seiten seines Charakters, die er in dem Handel mit Jette Fremder vor dem Nationalökonomen entwickelt hatte, suchte sich über seine heimliche Angst damit hinwegzutäuschen, daß er renommierte und ausrief: »Und die Jette muß er nun auch noch nehmen, das ist ein Hauptspaß! Hat er mit ihr angebändelt, so soll er sie nun auch heiraten. Und daß ihr der Jette nichts sagt. Die will immer was Bessres sein, und wenn sie dann hinterdrein mit einem Schriftsteller was erlebt, der sie im Stiche läßt, wenn sie ihn sich eingebildet hat, so ist es ihr zur Lehre!« Dieser Gedanke gefiel den anderen Mädchen außerordentlich. Sie gönnten der Jette die Täuschung von Herzen, die sie mit einem Manne erleben mußte, der sich für etwas ganz anderes ausgab, als er wirklich war, und sie beschlossen das Ihrige dazu zu thun, um diese Enttäuschung zu einer möglichst großen zu machen. Hasenklau verpflichtete von neuem alle zum Schweigen und ermahnte sie: »Also Geheimnis! Verkohlt soll er werden, daß es kracht, denn es ist eine Kühnheit sondergleichen, hier unsre Boudoirgeheimnisse auszustöbern und sie jedem Leihbibliotheksleser schriftlich preiszugeben oder uns zu wissenschaftlichen Objekten zu machen, die man wie ausgestopfte Vogelbälge ausstellt und wie Hirschkäfer mit einem Zettel darunter aufspießt. Er macht ja die reine Naturgeschichte aus uns. – Na, Bill Will,« sprach er schadenfroh an den Kunstreiter gewendet, »wenn du erst in det Buch hineinkommst mit deinem Pferd – du wirst eine schöne Rolle spielen.« Sorger, Henning und Leberecht lachten schadenfroh über den Kunstreiter, waren aber alle drei voll heimlicher Sorge, was der Gelehrte etwa Anzügliches über sie schreiben könnte, so daß ihr Gelächter etwas kleinlaut endete. Der Kunstreiter aber lief aufgeregt umher in großer Angst, seine Privatverhältnisse könnten durch den Verrat des Schriftstellers in weiteren Kreisen bekannt werden, und rief: »Das ist zu gemein! Einen armen brotlosen Kunstreiter in ein Buch zu bringen! Himmel, macht mich nicht giftig – ich kann so etwas gar nicht vertragen!« Die Kunden und Schicksen standen aufgeregt beisammen und erörterten des weiteren den bedenklichen Fall, machten ihre Glossen darüber und neckten sich mit den Aussichten, die ihnen aus demselben erwuchsen. Die lange Jule und die Liese waren unterdessen über ihren Fall handelseinig. Jule sprach jetzt so laut, daß Hasenklau den Gegenstand ihrer Unterhaltungen erraten konnte, als er die Worte hörte: »Na, Liese, dabei bleibt's also. Du borgst mir Deine Schrabbiner, den Fritz und die Grete, zum Betteln für drei Tage. Ick jebe dir fünfundzwanzig Prozent von allen Einnahmen, dafür kann ick aber mit den Kindern machen, was ick will: Ich kann sie als meine Kinder ausgeben, ich kann sie allein schicken, ich kann sie auch in die Hand schneiden, und ihnen Verwundungen beibringen, wie ick will, daß sie besser ziehen bei den Leuten, ohne Schaden für die Gesundheit. Aber dabei bleibt's!« Die Liese nickte; ihr Töchterchen, die kleine Grete aber sprang fröhlich vom Tische auf, tanzte herum und klatschte in die Hände und rief: »Ei, ei, wir werden verborgt! Die Mutter verborgt uns an die lange Jule, da können wir mit der betteln und schmal machen!« Und Fritzel tanzte nicht minder erfreut um die Grete herum und rief: »Und einen neuen Vater haben wir auch wieder, den Herrn Henning, der ist aber mit der Mutter gut.« Der Liese war es ganz recht, daß sie dieses Geschäft mit ihren Kindern machen konnte, da sie mit Henning allein zu sein wünschte, um den neuen Ehebund zu schließen, der sich ganz unerwartet und schnell in einem Heuschober angeknüpft hatte, in welchem Henning die Liese am vergangenen Tage mit ihren Kindern getroffen. Die Jule nahm die beiden Kinder an die Hand und wollte auch sofort mit ihnen aufbrechen. Hasenklau aber, der den Handel vernommen hatte, trat dazwischen und rief vermessen über die ganze Stube: »Nichts da! Heute nicht! Heute steigt niemand auf die Fahrt! Heute müssen alle Schicksen dableiben, heute gibt's ein großes Fest mit Tanzvergnügen und das richte ich aus. Heute laß ich was springen! Ich gebe einen Lumpenball. Wer lacht da?!« – Er erklärte, daß er in Zeiten, da er in München und Wien gewalzt habe, an diesen Orten zur Karnevalszeit sogenannte »Lumpenbälle« gesehen habe, wo Maler und seine Herren sich als Fechter und Walzbrüder verkleidet und auf diese Weise lustige Bettelmannsbälle abgehalten hätten. Er erzählte, daß diese Lumpenbälle dort jährlich einmal stattfänden, er habe auch an einem teilgenommen und sich gar nicht erst zu verkleiden brauchen. Kein Mensch habe ihm angemerkt, daß er ein wirklicher Fechter unter lauter nachgemachten Lumpenkerlen gewesen sei. Hasenklau schien sehr stolz darauf und rief wiederum, indem er Geld auf den Tisch warf: »Also, alle dableiben, ihr Mädel!« Er wendete sich an die Wirtin und sagte: »Sie da, edle Krone, ich bestelle für alle Anwesenden und alle, die heute noch kommen, ein Festmahl, und wenn's mich hundert Mark kostet. Ich habe schwer Draht. Alles bar. Machen Sie in Ihrer Küche frische Polizeifinger, Möhren. Feldhühner, Schwimmlinge, alles was schmeckt und dazu einen richtigen Braten und zwar oben im Tanzsaale, da gehen wir dann alle hinauf. Und hinterdrein Schieberling, denn ohne Kuchen, ohne Schieberling thun's die drallen Mädel ja doch nicht. Und Soroff, Bier und Wein her oder wir fallen alle um.« Er zeigte der Wirtin einen Hundertmarkschein, und diese lief eilig in die Küche, um alles, was sie vorrätig hatte, sogleich zu dem großen Balle mit Mahl herzurichten. Die Schickseln und Frauen aber umfaßten sich, tanzten herum und riefen durcheinander: »He, Schieberling, Schieberling giebt's! Und getanzt soll werden, daß die ganze Lüneburger Heide wackelt!« Sie waren im tollen Übermute zu einem Knäuel zusammengedrängt, als die Jette mit einem vollen Korbe am Arme von ihrer heutigen Fahrt ins Zimmer trat. Mit ihr kam ein junger Barbier, der sein Barbierbecken und Rasierzeug hinten auf sein Felleisen aufgeschnürt hatte und daher sogleich kenntlich war. Er sah sich etwas schüchtern um, denn er schien noch nicht auf eine solche wilde Mädchenherberge geraten zu sein, und setzte sich verwundert an einen Tisch, die Jette aber blieb in der Thüre stehn, und da sie sich, im Gefühle ihrer Liebe zu ihrem Schlossergesellen in einer poetisch gehobenen Stimmung fühlte, so sprach sie unter die Mädchen hinein: »Na, ihr tanzt aber schön herum. Gerade wie die Elfen im Mondenschein, wovon man doch das Elfenbein gewinnt, wenn eine det Been gebrochen hat. Was ist denn los?!« »Hab' ich's nicht gesagt?!« antwortete ihr Hasenklau mit einer Anstandsverbeugung. Die Jette hat manchmal sogar Geist, wenn sie nichts getrunken hat. Einen Ball gibt's, Jette – hochfein!« »Jawohl, Jette,« sprach die Frau Liese, indem sie sich wichtig vordrängte. Es ist zu deiner Hochzeitsfeier, 's ist bloß wegen dir.« Das Mädchen blickte sich betroffen und beklommen um. Alle machten die ernstesten und glaubwürdigsten Gesichter. Jette, von einer glücklichen Ahnung erfaßt, senkte die Augenlider und meinte verschämt: »Ach nee, das ist ja Unsinn.« »Nein, nein, Jette,« sprach die Liese noch eifriger, boshaft triumphierend, als sie die Leichtgläubigkeit des Mädchens sah. Heute machst du mit Finke Hochzeit. Er hat's vorhin gesagt, er will dir nun endlich heiraten, denn ein langer Brautstand ist ja doch nie gut. Hasenklau richtet die Hochzeit aus.« Jette erschrak heftig über diese Worte. Sie zitterte so sehr vor heimlicher Freude, daß sie ihren Korb vor sich niedersetzen mußte auf die Bank. Sie blickte sich wie im Traum entrückt um und frug: »Nee?! Is et wahr? Das hat Finke gesagt?!« Alle anderen Mädchen bestätigten mit großem Eifer die Sache, und die Liese, welche heimlich den anderen ein Zeichen gab, sagte mütterlich: »Nu, freilich, Jette.« Die Jette sah sich nochmals wie eine Traumverklärte im Kreise um. In ihren Augen glänzte es wie ein überirdisches Glück, das sie aus ihrer Armut in eine bessere Welt zu erheben schien. Aber gleichzeitig ging ein Ausdruck wie stille Verzweiflung über ihre Augenbrauen, als sie leise die Hände ringend sagte: »Ach nee, ach nee, das ist nicht möglich!« Plötzlich schluchzte sie bitter auf, sank sitzend auf die Bank neben ihren Korb, verbarg die Augen unter ihren Händen und klagte weinend mit erstickter Stimme: »Ach, daß mir das geschehen könnte, dazu bin ich doch ein viel zu armes, dummes Tier!« Ein solcher Jammer klang aus ihren Worten, daß alle still umherstanden und nichts zu sagen wagten. Dann fing sie wieder heimlich unter ihren Thränen zu lachen an und flüsterte halb vor sich hin: »Nee, is denn wirklich wahr? Heiraten will er mich? Und gleich jetzt! O Jotte doch, det Leben is doch zu schön! Und wenn's nicht wahr wäre, da möchte ich am liebsten doch gleich ins Wasser gehen in meinem Elend!« Sie sah wieder mit einem scheuen Blicke tiefer Verzweiflung auf, als der Gedanke ihr kam, sie könne getäuscht sein. Hasenklau aber konnte den Jammer nicht recht ansehen; er wischte sich heimlich die Augen und sagte milde: »Na Jetteken, Jetteken, beruhige dich nur!« Er schüttelte den Kopf und sagte mit einem Ausdrucke, der tiefes Herzweh zu verkünden schien: »Ach, laßt mich, laßt mich! Ick habe ein so weichet Jemüt!« Liese warf ihm einen mißbilligenden Blick zu, schien aber doch auch ein Bedürfnis zu haben, die Jette zu trösten, denn sie sagte, als wäre sie über sich selbst gerührt: »Na, siehst de, Jette, wenn er dir jetzt auch nur zu seiner Kundenfrau nimmt, später macht er dir ja wohl zu seiner Frau Meisterin, und dann bist du ja wohl wat viel Jroßartigeres, als ick mit meinen verflossenen Männern!« Die anderen Mädchen stießen sich bei diesen Worten heimlich an und versammelten sich näher um die Jette. Diese aber, von plötzlicher neuer Seligkeit erfaßt, sprang auf, faltete innig die Hände, erhob sie und sprach leidenschaftlich: »Wenn ick ihn nur habe! Wenn ick ihn nur habe. Mir ist alles jetzt einerlei! Meisterin oder nicht. Wenn er mir nur will, denn bin ick auch seine Frau, denn er ist der beste Mensch, der jemals in Mannsstiebeln gegangen ist und viel zu gut für diese schlechte Welt! Er soll mich nehmen, wie er mich auf der Straße findet, ick thue allens, wat er will!« »Na, Jette, denn mußt du dir aber auch 'n bisken auffrisieren. Geh nur hinauf auf den Boden und zieh' dein Brautkleid an, wenn du eins hast. Nachher kommst du herunter auf den Tanzboden, da wird die Hochzeit gefeiert.« Die Liese glaubte mit diesem Rate das schadenfrohe Vergnügen noch zu steigern, wenn dann am Ende der Schlosser gar nicht daran dachte, das Mädchen zu nehmen. Jette strich sich die Haare aus der Stirn zurück und meinte leise: »Na, 'n bisken will ick mir herrichten; man sieht doch gleich besser aus.« Sie wendete sich glückstrahlend an die Jule und frug: Jule, gehst du mit?!« »Na, freilich, Jette,« erwiderte die lange Jule mit einem tückischen Ausdrucke. »Ich bin die höhere Kammerjungfer; die Brautjungfer.« Sie sah sich etwas dumm im Kreise um und suchte ihren Gefühlen über die ganze Angelegenheit mit einem zweifelvollen: »Nee – so was!« den entsprechenden Ausdruck zu verleihen. Jette aber nahm sie bei der Hand und hieß sie mitkommen. »Ach, det Jlück, ach, det Jlück!« flüsterte sie selig und innig vor sich hin. Nun werde ich ja wohl in ein besseres Leben versetzt und aus der Hölle herausgeholt, worin mir der Herrgott herabgestoßen hat, mich armes Frauenzimmer. Komm, Jule.« Und damit gingen beide aus der Stube und stiegen nach dem Boden hinauf, um sich aus allen möglichen Läppchen ein passendes Brautkleid zurechtzustutzen. Es war ein Stillschweigen entstanden, als Jette das Zimmer verlassen hatte. Alle fühlten unbewußt das Elend ihrer eigenen Lage, aus der sich das betrogene Mädchen so schmerzlich heraussehnte. Sie vergaßen ihre Scherze und mochten sich gegenseitig nicht recht ansehen, um nicht die Lumpen zu bemerken, die ihnen am Körper hingen. Hasenklau hatte, trotz aller schauspielerischen Verflüchtigung seines Gemütslebens eine Empfindung, als sei er wirklich in eine Hölle herabgestoßen oder als leide er die Qualen des Tantalus, um den goldbäckige Äpfel hingen, die er nie zu erreichen vermochte. Leberecht saß stumm in einer Ecke und stützte den Kopf in beide Hände. Der Jammer des Mädchens war ihm ein Bild seines eigenen Hoffens, aus dieser Welt erlöst zu werden, wozu seine eigene Kraft nicht ausreichte. Eine Weile herrschte eine traurige, jammervolle, schweigsame Stimmung in der schwarz beräucherten Herberge; wie die Schattengestalten der homerischen Unterwelt hockten die Armen beisammen, stierten leblos und vertrauert vor sich hin und empfanden den ganzen Jammer, Ausgestoßene und Verachtete der menschlichen Gesellschaft zu sein. Da war es denn eine Erleichterung der allgemeinen Stimmung, daß Sorger sich an den jungen Barbier heranmachte, der eben sein Bündel aufschnürte und ihn frug: »Kenn Kunde! Na, was bist denn du für einer?!« »Doktor, Medizinalrat. Ich gehe in neue Stellung über Land; zuletzt war ich in einem Bäckerladen in Halberstadt und will hinüber nach Quakenbrück an der oldenburgischen Grenze. Ich fechte mich 'mal durch zur Probe.« »Heidi! Der Verschönerungsrat ist da!« rief Sorger in die Hände klatschend. »Na, weißt du was, da kannst du mich gleich 'mal rasieren, Doktor. Wir feiern ein Fest. Da soll's reinlich hergehn.« Leberecht kraute sich im Backenbarte, stand auf und meinte, aus seinem stumpfen Hinbrüten erwachend: »Muß einmal das Terrain bloßlegen, um die feindlichen Truppen auf offenem Felde zu überraschen. Kannst mich auch abholzen.« »Und mich auch!« rief Bill Will. Hasenklau aber rückte sich sogleich einen Stuhl in die Mitte der Stube, setzte sich darauf, hielt den Kopf zum Rasieren hin und deklamierte: »Na, denn schlage deinen Schaum, empörte Meeresbrandung. Unterwasche dieses Eiland, denn eins thut not. Du bist auch zum Feste geladen, Verschönerungsrat.« »Na, denn los,« meinte der Barbier, froh, hier gleich einigen Verdienst zu finden. Er schlug den Schaum in seinem Becken zurecht und begann sein Rasiermesser auf dem Leder zu schleifen. Leberecht, Sorger, Bill Will und Hasenklau setzten sich Stühle in die Mitte der Stube, ließen sich darauf nieder und warteten mit schräg gehaltenen Wangen, daß der Barbier sie einseifen sollte. Dieser begann damit, Henning in einen dicken Mantel von Seifenschaum einzuhüllen. Als Fritzel, das hoffnungsvolle Söhnchen der Liese, diese Veranstaltungen sah, stellte auch er sich einen Stuhl neben Henning hin und setzte sich darauf. Der Barbier frug ihn: »Was willst du denn, Kleiner?!« Fritzel hielt sein Köpfchen schief und sagte ernst: »Ich will auch rasiert sein.« Unterdessen saß draußen im Hofe Hans Landmann auf einem Hackeblock und starrte wie ein Träumender, den Kopf schüttelnd vor sich hin. Der Brief seiner Braut hatte ihn mit tiefer Verzweiflung erfüllt. Er konnte nicht begreifen, wie es möglich war, daß sie ihm so plötzlich die Verlobung aufkündigte. Beim ersten Lesen des Briefes hatte er zwar den Entschluß gefaßt, einen Schritt zur Wiederversöhnung zu thun, denn er war sich nicht bewußt, eine Schuld zu tragen. Aber je mehr er über der Sache nachgrübelte, desto mehr schien ihm in der Verkettung seines Mißgeschickes die Trennung von Emma unabwendbar. Die Erlebnisse der letzten Tage hatten ihn mit der Vorstellung erfüllt, daß er wider Willen aus der bürgerlichen Gesellschaft ausgestoßen war, und daß alles zusammenwirke, um ihn in jenes Leben vollends hineinzuwerfen, das er ursprünglich nur hatte studieren wollen. Aber indem er es studierte, erlebte er es auch, und der Ernst dieses Lebens übte eine dunkle Gewalt über sein Gemüt aus. Das Bewußtsein, er habe gebettelt aus wirklicher Not, die seltsamen Vorwürfe, die er sich darüber machte, daß er so nahe an einem Diebstahl gewesen war, drückten auf seine Stimmung. Eine tiefe Teilnahme für die Jette, welche nur in der Sorge für ihn aufging, schlief unbewußt in seinem Inneren. Tiefe Teilnahme auch für das Elend und das Mißgeschick all der Unglücklichen, unter denen er lebte, hatte sich seiner bemächtigt, die mit einer gewissen stumpfen Verzweiflung sich in ihm äußerte, ja, wie eine Gemütskrankheit sich in ihm festnistete. Er hatte eine Art Widerwillen am geordneten bürgerlichen Leben, am Staate, am ganzen Getriebe der modernen Kultur mit ihrer erbarmungslosen Reibung der Kräfte, daß er sich im stillen fürchtete, wieder in die alten Verhältnisse zurückzukehren. Der Brief Emmas aber schreckte sein Gemütsleben dermaßen zusammen, daß er nur mit Beängstigung daran denken konnte, wie es werden sollte, wenn er wieder in sein Amt, seine Stellung, in die Welt zurückkehrte, die ihm ohne Emma entsetzlich öde und leer erscheinen würde. Um so öder und leerer, als der Brief seiner Braut eine große Herzlosigkeit zu verraten schien. Wie schnell hatte sie den Vorwand, daß er es mit einem Mädchen aus dem Volke halte, benutzt, um ohne Verteidigung ihm sofort das Brautverhältnis aufzusagen. Eine große, kummervolle Öde blieb in seinem Herzen zurück, und seine Furcht, nun, da er Emma verloren hatte, ein freudloses Leben in einem freudlosen Berufe führen zu müssen, wuchs so stark an, daß er sich lieber willenlos dem Leben unter den Unglücklichen überlassen wollte, mochte daraus werden, was da wollte. Er verliebte sich in den Gedanken, daß auch er zu den Ausgestoßenen, den Überzähligen, den Schiffbrüchigen gehöre, er suchte Trost darin, unglücklich mit den Unglücklichen zu sein, und glaubte den Sinn der Lehre zu verstehen, welche Weltentsagung und ein Leben in Armut verlangte. Er erfuhr an sich, wie das Elend eine magnetische Kraft der Heranziehung hat, wie es denjenigen, der sich ihm nähert, mit hundert Fesseln der Liebe und des Erbarmens in sich verstrickt, weshalb der Glückliche und Besitzende es auch instinktiv meidet und sich fern hält. So gemütskrank fühlte sich Landmann, daß er beschloß nicht nach Berlin zurückzukehren und Emma aufzusuchen, sondern das Schicksal hinzunehmen, wie es kam, und sich willenlos vom Zufall treiben zu lassen. Er wollte mit der Jette, die ihm verklärt erschien im Lichte christlicher Milde und Selbstlosigkeit, weiter wandern in unbekannte Gegenden, nur damit er vergessen konnte, vergessen auch all das, was ihn an die eigene Braut gefesselt hatte. Und wenn er in dieser Sucht nach Selbstlosigkeit sein eigenes Selbst gänzlich verloren hätte, wenn er der Welt gänzlich verloren ging und ihr verscholl, es dünkte ihm Trost in seinem stillen Leiden, seinem wundersamen Jammer über die Menschheit, über all das Elende und Traurige, was er gesehen und annähernd auch selbst erlebt hatte. In solcher Stimmung erhob er sich endlich, um wieder ins Gastzimmer zurückzukehren. Eine Stimmung der Selbsterniedrigung hatte sich seiner zu alledem bemächtigt, im Hinblick darauf, daß er sich von Jette erhalten ließ und erhalten lassen mußte, weil er wohl sah, daß es nicht seine Sache war, wie ein Bettelmönch die Gaben der Mildthätigkeit zu sammeln. Er erhob sich mit dem Gedanken, sein inneres und äußeres Mißgeschick vertrinken zu wollen. Ein paar Gläser Schnaps, hoffte er, sollten ihm die stille Verzweiflung wegen Emmas Brief überwinden helfen, und so trat er trübsinnig in das Gastzimmer, wo die eingeseiften Kunden im Kreise saßen und die wohlthuende Wirkung des Rasiermessers erwarteten. Als er eintrat, entstand eine eigentümliche Stille im Zimmer. Alle brachten sich zum Bewußtsein, daß der Eintretende nicht ihresgleichen war, sondern nur den Zweck hatte, ihr Leben und ihr Thun auszukundschaften. Man warf sich verständnisvolle Blicke zu, man räusperte sich und fühlte sich von einer gewissen Scheu erfüllt, sich so natürlich und ungezwungen gehen zu lassen, wie man es bisher gethan. Bill Will stand verlegen von seinem Stuhle auf, als trete ein hoher Herr ein, den man ehrerbietig begrüßen mußte. Hasenklau bemerkte das und rief, als mache er sich nicht das mindeste aus dem Eingetretenen: »Na, was habt ihr denn? Was steht ihr denn auf, ihr Dummriane? Ihr thut ja, als wäre Finke ein königlicher Leibdiener oder so etwas, und er ist ja doch bloß ein armer Schlossergeselle.« Die Kunden sahen sich einander an und warfen sich verständnisvolle Blicke zu, um nicht zu verraten, daß sie in Landmanns wirkliche Absichten eingeweiht waren. Hans wollte sich ein großes Glas Branntwein geben lassen, sah aber ein, daß er kein Geld dazu hatte. Sein Bedürfnis nach einem Vergessenheitstrunk war indessen so groß, daß er mit einem Gefühle gesteigerter Selbsterniedrigung einen Stuhl hinter Hasenklau rückte, sich darauf setzte und den Schauspieler leise auf die Schulter klopfte. »Na, was denn, Finke?!« frug dieser, indem er den eingeseiften Kopf gönnerhaft zurückwendete. Hans suchte etwas verlegen um einen passenden Vorwand: »Es ist eben so eine Sache. Mein Geld ist mir immer noch nicht nachgeschickt.« »So, so,« meinte der Schauspieler bedächtig. »Aber ich denke, ich muß in diesen Tagen neues bekommen von zu Hause,« fuhr Landmann fort. »Na, wird schon 'mal kommen,« sagte Hasenklau. »Du, Hasenklau, kannst du mir nicht fünf Neugroschen leihen?« bat der Privatdozent sehr leise. Hasenklau machte eine abwehrende Geberde. »Fünf? das ist ein Kapital.« »Nur bis mein Geld kommt. Wenigstens drei, vier –« In diesem Augenblicke kam die Reihe des Rasierens an Hasenklau. Während der Barbier sein Messer neu wetzte, griff der Schauspieler in seine Westentasche und reichte mit einer herablassenden Gebärde dem Gelehrten ein Geldstück. Und während der Barbier begann von seiner Wange den Seifenschaum zu schaben, meinte er: »Da hast du eine Mark. – Es liegt so in meiner Natur, weißt du, daß ich, wenn ich einmal gebe, gleich ordentlich gebe. Im Grunde habe ich ein weiches Gemüt. Als Schauspieler gelangen mir die rührenden Scenen stets am besten. Die Scene mit Cordelia zum Beispiel: 's ist unrecht, daß ihr aus dem Grab mich nehmt. Det janze Parket badete sich in Thränen: irisch-römisch. Da, Finke, hast du noch einen Groschen.« Er gab das Geld aus der Hosentasche heraus. »Daß ich so in dieses Lumpenleben hineingekommen bin, das verdanke ich ooch nur meinem guten Herzen. Wenn eener mir 'mal schilderte in einem Roman oder so, da müßte das ein Hauptcharakterzug werden. Wie nämlich 'mal meine Direktorin von ihrem fünften Kinde niederkam und mir gar nicht bezahlen konnte, da habe ick ihr freiwillig meinen letzten Groschen gegeben und habe gesagt, ick werde mich auch 'mal mit Fechten durchbringen und Ihnen meine Gagen stunden, bis Sie wieder auftreten können, und det Jeschäft wieder in Flor kommt. Hat sich! Als ich wiederkam, sagte sie, einen Fechtbruder möchte sie nicht engagieren, und ließ mir sitzen. Na, denn bin ich eben bei der Walzerei geblieben, aus lauter Verzweiflung über die Undankbarkeit der Menschen, denn ick sage schon als König Lear, daß Undank ein Basilisk ist. – Ich habe ja auch meine Fehler, welcher Mensch hatte die nicht, aber det jute Herz, det jute Herz, das kann mir keiner absprechen. Geh, Finke, laß dich auch rasieren; es giebt ein Fest für dich, und wir hier auf der Penne, wir kommen auch nicht ungewaschen auf den Subskriptionsball.« Hasenklau schwieg, da er glaubte, sich nunmehr im besten Lichte gezeigt zu haben, mit einer gewissen Beschämung still und wischte sich mit dem Handtuch des Barbiers das Gesicht ab. Der Barbier hielt Hans eine Hand voll Seifenschaum vor das Gesicht, um ihn gleichfalls einzuseifen, und eh der Privatdozent sich dessen versah, war sehr gegen seinen Willen die obere Wange eingeschäumt, und mit all seinem Leid im Herzen mußte er still halten und die Reden der anderen Walzbrüder anhören, ohne noch zu einem Glase Branntwein gelangt zu sein. Er fühlte sich durch Hasenklaus Freigebigkeit gerührt und dachte bei sich, daß unter diesen gesellschaftlich Verlorenen mehr Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe herrschte als unter weit besseren Leuten. Während Hans rasiert wurde, hub Heinz Henning zu reden an und erzählte, indem er seufzend einen Blick in die Vergangenheit warf: »Ach, ja, wenn mancher so in seiner Jugend wüßte, wie es ihm gehen wird, wenn er einmal ins Walzen kommt und dann nicht wieder heraus kann. Mir war's auch nicht an der Wiege gesungen. Du, Finke, brauchst du Geld?!« Er holte einen Geldbeutel hervor, kramte darin und steckte Hans gleichfalls Geld zu. »Na, nimm es nur, es kommt aus einem frohen Gemüt. Was ich für Geschichten erlebe, wenn ich mir die alten Kleider zusammenbettle, das geht in die Puppen. Helle, weißt du! Einmal bettelte ich doch auch in Berlin bei einem großen Künstler, der mir ein Paar alte Hosen schenkte. Na, wie ich sie zu Hause anzog, da waren sie zwar ein bischen ausgefranst, aber det machte nischt. Auf einmal fahre ich mit de Hände in de Hosentasche, und was ziehe ich da heraus? Een janzen Pack Briefe von seiner Liebsten an ihn, worin sie auf alle seine Kollegen und auch auf seine Frau räsonnierte und ihn zu verschiedenen Stelldicheins mit Champagner einlud. Nun, ick las so'n bißchen drin und wußte schon genug. Na, dachte ich, wenn du diese Briefe veröffentlichst, da kannst du ihn auf einmal von seiner Höhe herunterstürzen, und wenn du sie an eine Zeitungsredaktion verkaufst, da machst du außerdem ein feinet Jeschäft. – Aber so sind wir nicht, Finke! Weißt du, was ick gemacht habe? Det rätst du nicht. – Ick habe die Briefe zusammengepackt und wieder in die Tasche gesteckt, und denn habe ick die Hosen ausgezogen, bin nach Berlin zurück, habe bei dem berühmten Künstler geklingelt und ihn persönlich herausgebeten. Und wie er vor mir stand, habe ick die Hosen samt den Briefen drin mit einem ergebensten Diener zurückgebracht und bloß gesagt: »Mit Dank zurückerstattet, mein Herr. Die Hosen sitzen mir im Schnitt nicht ganz richtig und sind unten auch ein bischen zu lang; aber et macht nischt; ick werde Ihnen trotzdem auch fernerhin meine jeehrte Kundschaft zuwenden.« Mit Selbstbewußtsein schloß Henning diese Erzählung: »Nobel, was?! – Ja, nobel bin ick, det muß mir der Neid lassen.« Hans konnte sich nicht enthalten, indem er darüber nachdachte, daß in der bürgerlichen Gesellschaft nicht immer gleiche Diskretion ausgeübt würde, wohlwollend zu sagen: »Henning, das war anständig von dir.« Der Schneider fühlte sich durch dieses Lob nicht wenig geschmeichelt, schob dem Nationalökonomen heimlich noch einen Groschen zu und sagte mit Würde: »Denn das muß ooch 'mal in meiner Lebensbiographie stehn, trotzdem ick nur'n Walzbruder bin.« Unterdessen hatte Leberecht dem Kellner wiederholt zugeblinzelt mit den Augen und heimliche Zeichen mit Bezug auf Bill Will gemacht. »Du, Sorger, weißt du schon, was Bill Will früher gewesen ist, ehe er Kunstreiter war?!« frug der Student. »Nee,« meinte Sorger. »Pferdehändler,« behauptete Leberecht mit unverkennbarer Anspielung. Der sächsische Kunstreiter hielt den Kopf schief und zuckte mit den Achseln. »Und vorher Schwarzkünstler,« fuhr der Student fort. »Ich kenne eine sehr berühmte Geschichte von ihm, die sollte man 'mal aufschreiben.« Der Sachse erhob sich und sagte, halb gegen Hans gewendet, als wolle er für diese Lügen um Entschuldigung bitten, mit großer Höflichkeit: »Das ist eine Gemeinheit, entschuldigen Sie – ich bin kein Schwarzkünstler –« »Die Geschichte ist so,« fuhr der Student gelassen fort. Bill Will kommt eines Tages auf die Penne. Man fragt ihn, wer er früher war, und, weil er früher als Zauberkünstler gegangen ist, der immer so lange bunte Bänder aus dem Halse zog, sagte er stolz: Schwarzkünstler, Er wußte nämlich nicht, daß man auf der Herberge vielmehr den Schornsteinfeger Schwarzkünstler nennt. Da sprach der Herbergsvater zu ihm: »Du, Bill Will, da kannst du gleich 'mal in meine Esse fahren, hier hast du einen Besen, wirf dich aber dabei nicht zu sehr in's Trauerkostüm.« Hans lachte, und die anderen lachten mit. Da wehrte sich aber der Kunstreiter mit heftigen Gestikulationen und rief gekränkt: »Glaub's nicht, Finke, glaub's nicht – mich in so einem Lichte darzustellen, das ist eine neue Gemeinheit – ich bin auch niemals Zauberer gewesen – und wenn du dich unterstehst –« Er wollte fortfahren: »so etwas über mich zu schreiben,« Hasenklau aber unterbrach ihn, denn er fürchtete, Landmann könne merken, daß man um sein Geheimnis wußte, und so legte er dem Kunstreiter mit einer stolzen Gebärde die Hand auf den Mund und sagte: »Pst! Pst! Laßt doch Finke gehn. Keinen Streit nicht.« Er wendete sich an den Barbier und meinte: »Laß den Finke aufstehn, wenn du ihn rasiert hast. Er ist nun genug eingeseift.« Auf dieses Wort stießen sich die Kunden heimlich an, die Mädchen, die hinten um den Herd hockten und mit schlauen Mienen zugehört hatten, kicherten, sich mit ihren Gesichtern nach den Winkeln abwendend, alle aber befleißigten sich möglichst anständiger Manieren, suchten feine Worte zu brauchen und nahmen ein geziertes und ungewöhnliches Wesen an. Die Wirtin wunderte sich über die Frauen und Mädchen, die sich heute höchst anständig von den Männern abgetrennt hielten, während sie sonst nur zu schnell mit denselben sich zusammen zum Schnaps setzten und ununterbrochene Orgien mit den zureisenden Handwerksburschen und Fechtern feierten. Das Bewußtsein, daß einer da war, der ihr Benehmen, ihr Thun und Treiben studieren wollte, bewirkte ein allgemeines zurückhaltendes, bei einigen fast verschämtes Wesen. Hätte Hans sich noch mit bewußtem Beobachten abgegeben, so würde er diese Frauenherberge wohl als einen Ort der Tugend, des Anstandes, der vestalischen Reinheit geschildert haben. Aber er beobachtete nicht mehr. Er hatte auch dazu die Lust verloren. Er fühlte sich schon unter seinesgleichen und lebte nur noch, um zu vergessen. Als die allgemeine Bartschererei und Einseiferei beendet war, und die Kunden mit reinlicheren und glatten Gesichtern sich schier verwundert betrachteten mit dem Gefühl einer Sauberkeit, die sie vor sich selbst einschüchterte, zog Hasenklau ein Fläschchen hervor, betupfte mit dem Inhalt desselben sein Taschentuch, seine Haare und seinen Rock und meinte: »So, das wird die Toilette vollenden. Immer gentlemanlike .« »Wat machst de denn da, Hasenklau,« frug ihn der Schneider neugierig. »Ich träufele mir mit Bisam ein. Gut gegen die deutschen Reichskäfer. Ich liebe den Bisam besonders, weil ich schon als König Lear sage: ›Gieb mir Bisam, guter Apotheker, um meine Phantasie zu würzen‹ Seitdem habe ich eine Vorliebe für diesen ›Haut-gout‹.« »Na, darum riecht auch alles, was du an dir hast, so sehr nach Bisam,« meinte der Schneider. Auch Hans brachte sich zum Bewußtsein, daß der Schauspieler stets nach Bisam roch. Er ahnte nicht, welche Entdeckungen ihm aus diesem Umstände bevorstehen sollten, Entdeckungen, die seine wunderbaren Erfahrungen über das Walzerleben aufs überraschendeste ergänzen sollten. Henning nahm indessen den Schauspieler bei Seite, als habe er eine wichtige heimliche Frage an ihn zu stellen. Mit unterdrückter Stimme frug er mit einem Hinweis auf den Sozialforscher: »Du, wenn er mir nun in det Buch bringen wird, glaubst du, daß er mir ooch hübsch nobel auffassen wird?!« »Na, et wäre mir doch ganz schnuppe, wat so einer, über mir schriebe!« antwortete der Schauspieler von oben herab. Er mochte es nicht merken lassen, daß ihm am Urteil des Mannes, den er bestohlen hatte, weit mehr lag, als er sich selber eingestehen mochte. In diesem Augenblicke erschien in der Thüre der Gaststube die Jette in Begleitung der Jule. Jette hatte ihr buntes Zigeunerkleid angethan und sich mit einigen bunten Läppchen wunderlich aufgestützt. Auf dem Kopfe aber trug sie, statt der Myrte, die sie hier nicht hatte auftreiben können, einen Kranz aus Epheu und Vergißmeinnichtblumen. Die hatten sie hinter dem Haus in dem kleinen Blumen- und Gemüsegarten der Wirtin gepflückt. Hinter der Jette, welche verschämt vor sich niederblickte, stand die lange Jule mit einem alten, großen Federhut auf dem Kopfe phantastisch aufgeputzt als Brautjungfer. Hans fand, daß Jette mit ihrem Epheukranz wunderhübsch, wie eine kleine Italienerin in ihrem Kostüm, ja, wie eine epheubekränzte Bacchantin aussah. Er wunderte sich, sie in diesem Kleide zu sehen, da er noch gar nicht in den ganzen Handel eingeweiht war, und bemerkte nur, daß die Mädchen, welche sich um die Jette drängten und die Männer mit einer gewissen erwartungsvollen Verlegenheit von ihm zur Jette und von der Jette wieder auf ihn schauten. Hasenklau aber rief: »Achtung, meine Herrschaften, die Braut ist da. Und somit kann die Geschichte ihren Anfang nehmen. Zur Feier der Vermählung dieses edlen Paares schlage ich nun also einen großen Lumpenball vor mit allgemeiner Table d'hôte. Alles auf meine Kosten. Und damit der Maskenball wie bei vornehmen Leuten hergeht, soll jeder in dem Kostüm seiner ehemaligen Beschäftigung kommen, wo er noch ein sogenanntes nützliches Glied der menschlichen Gesellschaft gewesen ist. Ich werde als König Lear teilnehmen, denn das ist meine Lieblingsrolle gewesen. »Heidi! rief Leberecht, indem er aufsprang. Und ich komme als Bruder Studio im Wichs wie zu meiner anständigen Zeit!« »Und ich als Equilibrist wie in meiner Glanzzeit!« ergänzte Bill Will. Die Männer riefen zu diesem Einfalle bravo und sprangen hinaus, um die wundersame Mummerei oben vorzunehmen und sich zusammenzusuchen, was sie brauchten. Auf dem Tanzboden, wo im Seitensaale bereits die Tische zu dem Festmahl aufgestellt waren, sollte dann alles zusammenkommen. Auch einige von den Frauen und Mädchen liefen mit hinaus, um sich anzuziehen zu dieser Mummerei, gleichzeitig aber die Scene nicht mit anzusehen, die jetzt zwischen der betrogenen Jette und dem fremden Herrn Sozialforscher stattfinden mußte. Die Liese stand vor der letzteren und sagte in ihrer Verlegenheit immer nur: »Ach Jette, Jette, wie fein du aussiehst. Gerade wie eine Jrafenbraut.« Hans hatte ein brennendes Weh in sich aufsteigen fühlen, als er die Jette so hübsch geschmückt mit dem Kranze dastehen sah. Sollte sie doch eingewilligt haben, mit dem Kellner in ein Verhältnis zu treten? Ihn jammerte des Mädchens, das er schon in einem solchen Leben immer weiter herabkommen sah, wo er im stillen gehofft hatte sie allmählich den Verhältnissen zu entziehen, in denen sie lebte. Er frug daher ziemlich beklommen: »Was ist denn das für eine Hochzeit?!« Sorger machte sich vertraulich an ihn heran und meinte: »Na, Finke, thu nur nicht so. Deine Hochzeit. Heute feiert die Jette eben ihre Schicksenhochzeit und nimmt dich zu ihrem Mann auf fünf Jahre, drei Monate und sechs Tage.« »Wieso denn?! frug Hans, höchst erstaunt, hier das erste Wort von einer Sache zu hören, an die er nicht im entferntesten gedacht hatte. »Ich trete sie dir freiwillig und gratis ab, flüsterte Sorger ihm zu, der sich jetzt in einem besseren Lichte zeigen wollte, als früher. Man soll sehen, daß wir hier auf der Penne auch unser Ehrgefühl haben. Da darf man keine falsche Schilderung machen!« »Ich weiß nicht, was das heißen soll. Ich habe ganz und gar keine Absicht, die Jette zu heiraten,« entgegnete Hans leise, aber bestimmt. Ich würde das Mädchen wohl als Begleiterin mitnehmen, um sie einmal in bessere Verhältnisse zu bringen –« »Ei, wie! Ei, wie! antwortete der Kellner verschmitzt. Das geht nicht, das geht nicht! Hier auf der Herberge geht's hochanständig zu. Wer mit einem Mädchen geht, der muß sie auch heiraten.« Er rief die Liese und einige andre Mädchen, die dicke Rosa und die lahme Anna heran und frug: »Ist das nicht wahr, daß einer, der ein Mädel für sich betteln läßt, sie bei uns auch heiraten muß? Nein, Finte, wenn du das noch nicht weißt, da kennst du eben die Verhältnisse auf der Penne nicht. Hast du dich soweit mit ihr eingelassen, daß du ihr Brot gegessen hast, so mußt du auch in ein ordentliches Verhältnis zu ihr kommen, denn solche schlechte, lüderliche Sachen, wie sie bei anderen Leuten vorkommen mögen, die dulden wir hier nicht. Aber alles in Ehren, alles in Ehren!« Liese und die Mädchen stimmten Sorger vollkommen bei. Sie hatten ja alle das Interesse, ihr Leben so ordentlich als möglich erscheinen zu lassen und außerdem der Jette den Schabernack zu thun, daß man sie mit einem »Herrn« verheiratete, ohne daß sie es wußte. Hans wurde durch die wiederholten Versicherungen, er habe nach Kundenbrauch die Verpflichtung, durch eine »Heirat« den guten Ruf Jettes zu schützen vor übler Nachrede, dermaßen in die Enge getrieben, daß er selber glaubte, er sei der Jette eine Genugthuung schuldig, trotzdem er nur der brüderlichsten und rein menschlichsten Gefühle für das Mädchen sich bewußt war. Im Grunde war ihm ganz einerlei, was er jetzt that oder ließ, denn er fühlte sich in dem Gedanken, daß seine Hoffnungen auf eigenes Lebensglück durch Emmas Brief ihm alle geraubt waren, unwiderstehlich zu Jette hingezogen, die sich seiner so gutmütig angenommen hatte. Ja, indem er das Bettelkind mit seiner Braut verglich, erschien ihm dieses so menschlich und gut, daß er um keinen Preis den Ruf der Jette unter ihren Genossen hätte schädigen mögen. Wenn er die Hand dazu bot, da es so Brauch schien, sich mit der Jette ganz offen zu verheiraten, so hatte diese Ceremonie ja nicht den geringsten bindenden Wert für ihn, nicht die geringste rechtliche Folge oder Verbindlichkeit. Daß er das Mädchen nicht heiraten werde wie der Bräutigam die Braut, fühlte er, denn die eigentümliche, tiefe Zuneigung warmer Dankbarkeit, die er für das Mädchen hegte, war gänzlich frei von jedem Verlangen und Begehren. Selbst als er sie jetzt so schmuck mit dem Kranze vor sich sah, freute er sich mehr wie ein Bruder an der geliebten Schwester. Er fühlte sich schier verpflichtet, auf die Komödie einzugehen. »Ja, will denn die Jette, daß ich sie heirate!« frug er. »Ja, freilich,« erwiderte Sorger. »Das arme Ding, das grämt sich ja nach dir zu Tode, und da würde ich an deiner Stelle sie auch nehmen. Sie wird sich nicht eher trösten. Ein Schlossergeselle wie du muß alles kennen lernen,« setzte er mit Bedeutung hinzu. »Sie grämt sich?!« frug Hans bestürzt. »Wenn du jetzt nein sagst, so rennt die Jette ins Wasser, sie hat es vorhin gesagt.« »Die arme Jette!« dachte Hans bei sich und sein Entschluß, solange sie hier waren, der Jette die Genugthuung zu verschaffen, daß er auf diese Scheinheirat einging, reifte stärker heran. Und wieder kam ein Gefühl absichtlicher Selbsterniedrigung dazu, welches ihn ein solches Verhältnis gerade für das ansehen ließ, was für ihn, nach dem Erlebnis mit seiner Braut, das Richtige war. Es war ein mönchisches Gefühl der Selbsterniedrigung, und wundersam!, daß es in ihm erwachsen war im Anblick so vieler Menschen, welche das selbstsüchtige Getriebe des modernen sozialen Lebens ausgestoßen hatte und die eigene Schwäche und Unfähigkeit sich im Lebenskämpfe kräftig zu behaupten. »Na, Jette, was stehst du denn dahinten? Fürchtest du dich vor deinem Zukünftigen?! Ja, ja, die Ehe ist ein wichtiger Lebensabschnitt!« rief Sorger mit einer Art von väterlichem Wohlwollen der buntgeschmückten Braut zu, die noch immer im Hintergrund des Zimmers stand und sich nicht getraute näher heranzukommen. Sie hatte bemerkt, daß Verhandlungen um ihretwillen stattfanden, aber sie konnte nicht verstehen, was die Männer redeten, und so stand sie in Erwartung des Bräutigams verschämt da. Wie Hans sie nun Liebe erwartend und lieblich seiner harren sah, faßte ihn ein unwiderstehliches Gefühl des Mitleides und der Zuneigung. Er ging zu ihr hin und nahm ihre Hand und blickte ihr lange in die braunen Augen hinein, die sie bang und doch hoffnungsvoll zu ihm aufschlug. »Na, Jettchen, ist es wirklich wahr, daß du ins Wasser gingst, wenn ich dich nicht nähme?!« frug er mit einem innigen und traurigen Mitgefühl. »Ach, Hans, Hans, es ist also doch wahr? Du nimmst mich?!« antwortete ihm das Mädchen in überströmender Leidenschaft. Ach, mit Strychnin hätt' ick mir vergiftet,« sprach sie, indem sie sich an seinen Hals hing. Sie faßte ihn mit beiden Händen am Kopf und küßte ihn mit schmerzlicher Heftigkeit mehrere Male. Und mit erstickter Stimme flüsterte sie: »Aber nun, nun hab ick dir doch und will dir in Grund und Boden hineinküssen, du süßer, herzinniger Schatz.« Sie wiegte sich in seinem Arm und verbarg ihr Gesicht an seiner Brust, als wollte sie viel stilles Weh, viel Gefühl der Verlassenheit und des Ausgestoßenseins vergessen. Hans fühlte sich von dieser plötzlichen, heftigen Leidenschaft stark erschüttert. Er strich der armen Elendsbraut die Haare von der Stirn zurück, über welche zerknickte Vergißmeinnichtblümchen aus dem Kranze herabhingen, und sagte: »Na, du alte, gute Jette, sei nur nicht so heftig. Es wird schon alles noch gut werden.« Sanft erwiderte das Mädchen: »Ja, das wird's. Und wenn wir jetzt auch nur so aufs Geratewohl heiraten, nicht wahr, wenn du später deine eigene Werkstatt hast, dann läßt du dich nachträglich mit mir trauen und machst mich zu deiner Meisterin? Denn siehst du, Hans, das ist ja mein einziger Gedanke, daß ich durch die Partie aus dem Leben hier herauskomme.« Arme Jette! dachte Hans, indem er sich gerührt über sie neigte. Er wischte sich stille die Augen und meinte bei sich, er müsse ein schlimmer Mann sein, wenn er für dies Wesen nicht alles thäte, und somit ihr auch das Opfer brächte, sie als seine kleine Kundenfrau zu ihrer Beruhigung zu betrachten. Er legte den Arm um ihre Schulter und führte sie auf Sorgers Anordnung hin zur »Trauung«, wie es hieß, auf der alten, verfallenen, engen Holzstiege nach dem Tanzboden hinauf. Jette ließ sich mit gesenktem Köpfchen wie ein Schlachtopfer führen; die Mädchen aber liefen als Brautjungfern hinterdrein, im stillen höchlichst über diese komödiantische Hochzeit ergötzt, gleichzeitig aber beflissen, sich ein möglichst seines Ansehen zu geben und vor dem gelehrten Herrn als sittsame Frauenzimmerchen zu erscheinen. Während der ganze Zug die Stiege hinaufstieg, streute die lange Jule vor dem Brautpaar Feldblumen, Löwenzahn und Gänseblümchen, und die Jette schluchzte plötzlich auf, gerührt über den blumigen Weg, auf dem sie zu ihrem Glücke emporzusteigen glaubte. Oben auf dem Tanzboden begann nun ein buntes, festliches Leben. An den Wänden hin waren die Tische gedeckt und aneinandergerückt; die Mitte des Saales blieb frei für den großen Lumpenball zu Ehren des hochzeitlichen Paares. Hasenklau erschien mit einem langen weißen Barte und einer weißen Perrücke als König Lear; er hatte ein Bettlaken als Königsgewand umgeschlungen, den Kopf mit Stroh bekränzt und einen Strohwisch als Zepter in der Hand, wie jener unglückliche König in seinem Wahnsinn. Bald drängten sich auch die anderen Kunden in den Saal hinein, die Mädchen klatschten in die Hände und riefen: »Herrje, jetzt kommen die anständigen Leute, jetzt kommt die vornehme Welt.« Sie betrachteten mit Ausrufen des Erstaunens die unterschiedlichen Mummereien. Leberecht hatte ein altes Cerevis schief auf dem Kopfe sitzen; ein Paar Fuhrmannsstiefeln sollten die Studentenstiefeln vorstellen; ein Paar riesige Packhandschuhe vertraten die Fechthandschuhe, und ein langer Bratenspieß, den die Wirtin aus der Küche geliefert hatte, wurde als Schläger in der Hand geführt. Um den Wichs zu vervollständigen, hing statt der Schärpe ein Schürzenband um die Schulter, welches eines der Mädchen abgetreten hatte. Im Getümmel des bunten Durcheinanders erblickte man Bill Will im vollständigen Trikot; man sah ihm an, er fühlte sich nicht wenig in dem Gedanken, hier einmal als anständiger Künstler zu erscheinen und sich der Täuschung hinzugeben, daß er sein Handwerk noch einträglich betreibe. Henning hatte einen alten Frack an und hielt eine große Schere als Wahrzeichen seines ehemaligen Berufs in der Hand; sämtliche Fingerhüte, die er bei der Wirtin und den eingekehrten Frauen bekommen konnte, hatte er auf seine zehn Fingerspitzen gestülpt, und so sprang er lustig, wie ein Ziegenbock mäckernd, auf dem Tanzboden herum, als Schneidermeister Kakadu. Auch Herr v. Wesel hatte sich eingefunden. Der kam als Premier-Lieutenant der Infanterie, was er ja früher auch gewesen war. Statt des Säbels trug er ein Scheit Holz an einem Bindfaden um die Lenden; die Pickelhaube war ein alter Küchenkessel; statt der Achselstücke hatte er ein paar alte, zerlederte Schuhsohlen mit Draht auf seiner Schulter befestigt. Er stolzierte, wie immer halb berauscht, militärisch im Saale auf und ab, faßte die Mädchen ans Kinn und sprach vornehm: »Jawohl, ihr Schicksen – ich war meiner Zeit Lieutenant – immer schneidig – na, ja, det bunte Tuch, det sticht euch wohl in die Augen?!« Auch viele andere hatten sich ähnlich aufgeputzt; ein verlumpter Gesell hatte sich ein Hufeisen an den Hals gehangen, um anzudeuten, daß er ein ehemaliger Schmied war; einige Mädchen kamen als Kellnerinnen mit Schürzen und Bierseideln in der Hand; andere als Wäscherinnen mit einem Korb voll Wäsche auf dem Rücken; es war, als kämen alle möglichen Handwerke und Beschäftigungen personifiziert, aber sehr heruntergekommen herein. »Na, ja,« sagte Hasenklau zu Hans im Anblicke des bunten Getümmels, »da haben wir ja den ganzen Rum des Kleingewerbes durch die Maschinenwirtschaft und den Großbetrieb; da kommen sie ja nach und nach alle, die heruntergekommenen Schuster und Klempner, die Schneider und Bäcker herangewackelt. Da kann man sehen, was jeder gewesen ist und was aus ihm hätte werden können, wenn ihn die Maschine nicht um sein Brot und seinen Erwerb gebracht hätte.« Er betrachtete seinen Bart streichend Hans und Jette und frug, indem er großartig um sich blickte: »Ist das Brautpaar einig?« »Ach, ja,« flüsterte Jette, während Hans träumerisch das traurige Bild dieses Maskenballes betrachtete, der ihn mit einer wunderlichen Wehmut erfüllte, da er so viele vernichtete Existenzen vor seinem Auge umhertanzen ließ. »Na, denn tretet heran,« sprach Hasenklau feierlich zu dem Brautpaar. Die Kunden und die Mädchen in ihren Verkleidungen bildeten einen Kreis um Hasenklau und das Paar und betrachteten sich neugierig die Jette. »Denn will ick abgesetzter König Lear euch als standesgemäßer Standesbeamter kopulieren,« sagte Hasenklau feierlich, indem er mit den Händen allerhand Zeremonien über den Köpfen der beiden vornahm. »Denn wenn mir armen König meine sauberen Töchter auch so schlecht behandeln, daß ick dem Wind und Wetter preisgegeben auf der Straße liegen muß, so brauche ich doch Soldaten für meine Armee, und darum bin ich ein Freund vons Heiraten. Einst war ich ein König und regierte die halbe Welt, aber weil meine Pelikantöchter mir verkannten, bin ich unter die armen Reisenden gegangen und mußte auch bei Mutter Jrüne schlafen. Aber, wie gesagt, jeder Zoll ein König. Jungfer Jette, Augustine, Dittrichine Hoffereich, bist du gewillt, mit diesem Mann des Unglücks, der gänzlich obdachslos und mittellos ist und arm wie ein Prophet unter den Zöllnern und Sündern sitzt, in den Stand der heiligen Bettelmannsehe zu treten? Wo nichts und nichts zusammenkommt, da kann nichts werden, sage ick schon vor meinem heiligen Wahnsinn; aber was werden kann, det ist die Liebe in Armut und die Armut mit Liebe und Pellkartoffeln. Seid ihr dazu gewillt?!« Die Jette schlug die Augen nieder und flüsterte: »Ach, ja.« Hans aber gelobte sich, wenn er jetzt auch zu einer Täuschung des armen Mädchens die Hand bot und keine Neigung fühlte, sie ernstlich zu ehelichen, doch ein geschwisterliches Zusammenleben mit ihr zu führen und in diesem den Schmerz zu vergessen, den ihm seine Braut angethan hatte. Hasenklau erhob seinen Strohwisch segnend über das Paar und sprach pathetisch: »Na, denn is't jut. Denn seid ihr jetzt ein verheiratetes Bettelmannspaar, und denn könnt ihr auf die Hochzeitsreise nach Grönland zu den Eskimos gehn. – Und nun zeigt mal, was es zu essen gibt,« schloß er, indem er die gedeckten Tische betrachtete. Er faßte Hans harmlos am Arme und meinte: »Ah – nobel bin ich, das muß ich sagen. Wenn ich mal bei Gelde bin, ich wend' es immer gut an, Finke; das mußt du mir lassen, wenn ich mal im Börsenspiel gewinne, denn gründe ich nur noch Wohlthätigkeitsanstalten. Du darfst auch mitessen, Finke, denn du hast wohl lange nichts recht Ordentliches gespeist.« Es klang ein leiser Ton von Schadenfreude aus diesen Worten, der Hans auffiel und ihm die Frage nahe legte, woher der Schauspieler denn eigentlich das Geld herhaben mochte, um eine solche Schmauserei zu bezahlen. Ein leiser Argwohn stieg in Hans auf, und er würde denselben wohl verfolgt haben, wenn ihn nicht ein tiefes Gefühl von Gleichgültigkeit gegen das Schicksal seines Geldes erfaßt hätte. Er sagte sich auch, daß der Schauspieler unmöglich der Dieb seiner Papiere sein konnte, da er so harmlos hier mit ihm verkehrte, auch augenscheinlich gar nicht aus der Gegend weggewesen war. Auf Hasenklaus Einladung hin setzten sich nun die vermummten und wunderlich verkleideten Stromer und Mädchen an den Tischen hin. Sie bewahrten auch dabei einen gewissen verlegenen Anstand, und manchem fielen bessere Tage ein, an denen er sich an eine gute Tafel gesetzt und einen verlockenderen Speisezettel vor sich gesehen hatte, bei dem man sich kaum zur Wahl dessen entschließen konnte, was man von all den guten Sachen wählen sollte. Oben an der Tafel saßen Hans und Jette, und, während die anderen sich gierig darüber machten, in großen Portionen die Gerichte zu verschlingen, welche die Wirtin auftrug, aßen sie nur wenig, in verschiedener Weise innerlich aufgeregt über das, was sie thaten und erlebten. Die dicke Rosa schlich sich von hinten heran und setzte Hans einen großen Kranz aus Laub von Buchen und Eichen auf den Kopf, was große Beklemmung bei einzelnen erregte, da sie diese Kühnheit etwas achtungswidrig fanden. Sorger aber nahm schnell ein Handtuch, steckte es als Kellnerserviette unter den Arm und rief: »Achtung! ich bin jetzt hier der Oberkellner für die reisenden Herrschaften. Da kann man sehen, was ich meiner Zeit für einer war.« Er nahm eine Schüssel vom Tisch und ging an den Stuhlreihen hinter den Sitzenden her, indem er präsentierte und sprach: »Noch eine Schüssel gefällig, mein Fräulein?!« – »Der Herr Baron befehlen Sekt?!« sprach er zu Wesel und schenkte ihm ein Glas Bier ein aus dem Kruge, der vor diesem stand. Er wandte sich an die lange Jule und frug mit einer eleganten Verbeugung: »Vielleicht noch ein wenig Entrecot aux fines herbes gefällig, Frau Oberamtsgerichtsrätin?!« – »Befehlen Excellenz noch ein Rippenstück mit Kaperntunke?!« frug er den Schneider. »Tunke, Excellenz, wir eleganten Kellner haben nur noch deutsche Speisezettel« – »Gnädige Frau befehlen noch einmal Rindslende auf Haushofmeisterart?!« Die letzteren Worte richtete er an die dicke Rosa. Diese war einigermaßen verlegen über die feine Manier des Kellners und wußte nicht recht, wie sie sich dabei benehmen sollte. Dann aber wies sie mit einer sehr vornehmen, herablassenden Geberde auf eine Schüssel mit Möhren und sprach: »Na, geben Sie mir lieber mal ein paar von den Polizeifingern da, denn dein Chaldäisch versteht ja heute doch kein Mensch.« Sorger gab ihr die Möhren und fühlte sich sichtlich gehoben in dem Gefühle, nach langer Zeit wieder einmal seinen Beruf ausüben zu können. Jetzt erhob sich Max Leberecht, schlug dreimal mit seinem Bratenspieß auf den Tisch, als sollte ein Kommers beginnen, und rief darauf, ans Glas klopfend: » Silentium für mich! Meine Damen und meine Herren! Wir haben bewiesen, daß wir, wenn es darauf ankommt, auch über die nötigen Pariser Toiletten und die entsprechende Lebensart verfügen, und weil denn dieses Fest hier aufs würdigste verläuft, als ein Zeichen, was für falsche Vorstellungen die Polizei und die sogenannte anständige Welt sich oft über uns macht, indem sie von unserm unschuldsvollen Leben die haarsträubendsten Schilderungen entwirft, rufe ich: ›Det geehrte Brautpaar lebe hoch! höher! turmhoch‹!« Die Mädchen kicherten, die Stromer erhoben sich, stießen mit ihren Gläsern an und riefen mit übermütigem Lärm: »Hoch! Finke soll leben und die Finkin daneben.« Es entstand ein kurzer Aufstand, man ging zu Landmann, umarmte ihn brüderlich, wünschte ihm Glück und log ihm allerhand Geschichten vor, mit denen man sich bei ihm zu insinuieren suchte und seine moralische und sonstige Anständigkeit betonte. Unterdessen lag Hasenklau mit weißem Bart und wallendem Haupthaar großartig hingegossen auf seinem Stuhl und überlegte träumerisch, was für ein schöner Gedanke es sei, daß er hier von dem Gelde Landmanns diesen selbst und das ganze edle Lumpengesindel so königlich bewirte. Er wiegte sich in majestätischer Sicherheit und betrachtete gönnerhaft die Jette und ihren wundersamen Bräutigam. Sorger trat zu ihm hin mit einem Zettel, verbeugte sich und frug: »Würden Eure Majestät geruhen zu befehlen, daß ich allerhöchst derselben den Inhalt des Menüs zur Auswahl vortrage? Zuerst soupe à la reine, zu deutsch Königinsuppe –« »Gieb mir von dieser Suppe, Sklave, denn sie ist standesgemäß,« sagte der Schauspieler mit königlicher Herablassung. Als die Umarmungen zwischen Landmann und den allmählich lallenden Fechtbrüdern etwas nachgelassen hatten, schlug auch Hans an sein Glas, um eine Rede zu halten. Es hatte sich seiner eine Art von wilden, schmerzhaften Humors bemächtigt, und es drängte ihn, seine Empfindungen in Worte von innerer Bedeutung zu fassen. Alles wurde still; man wartete beklommen, was der verkleidete »Herr« sagen werde. »Meine Damen, meine Herren! Es drängt mich, nachdem wir hier so traulich zusammensitzen, die Wünsche zu erwidern, die man dem neugeschaffenen Brautpaare der Armut so gütig gespendet hat. Obwohl ich nur ein Schlossergeselle bin, – die Kunden stießen sich bei diesen Worten heimlich an – so wäre ich doch in der Lage gewesen, diese Hochzeit selbst auszurichten und etwas springen zu lassen, wenn ein Spitzbube mir nicht meine Papiere gestohlen und aus schwindelhafte Weise meine Gelder an sich gebracht hätte –« »Hört! hört!« rief Hasenklau mit Entrüstung. »Ich bin leider augenblicklich ganz verarmt. Wenn ich in meine Taschen fahre und ihnen das verwaiste Hosenfutter zeige –« Er that es und wollte sein Taschenfutter zum Beweis seiner Leerheit hervorziehen. Dabei aber fühlte er etwas Festes und im Herausziehen fielen plötzlich seine Legitimationen vor ihn auf den Tisch. Jette fing sie auf, er griff zu, warf einen Blick darauf und unterbrach seine Rede mit dem erstaunten Wort: »Na nu! Was ist denn das?! – Jesus, meine Papiere! Das ist aber merkwürdig, da wären sie ja gar nicht gestohlen gewesen?!« »I wo! Wer wird denn unter Kunden solche Papiere stehlen?!« rief der Schauspieler höchst unschuldig. Hans aber stand eine Weile fassungslos da. Er wußte nicht, wo er seinen Verdacht hin richten sollte. »In die Hosentasche hatte ich sie gesteckt?!« Er hatte einen Augenblick eine Empfindung, als könne ihm nichts Unangenehmeres zustoßen, als daß er nun wieder seine bürgerliche Sicherheit wieder hatte. Er hatte sich so in den Glauben hineingelebt, er müsse obdachlos und unlegitimiert in der Welt umherstreichen, daß es ihm eine Art Enttäuschung war, sich sagen zu müssen, daß er nun wieder in bester polizeilicher Ordnung war. Er steckte die Papiere in seine Brusttasche. »Aber mein Geld ist doch weg,« fuhr er fort, sich an die Abenteuer auf der Post erinnernd. »Mein Geld ist doch weg und, meine Herrschaften, Sie sehen mich daher arm wie eine Kirchenmaus als unverfälschten Fechter in Ihrer werten Gesellschaft. Nun, ich bin stolz auf diesen Stand!« Er rief in wilder Begeisterung: »Das größte Glück ist die Arbeitslosigkeit, der vornehmste aller Stände sind wir! Wir sind hier diejenigen, um welche das ganze Arbeiten, Ringen, Gewinnen, Rennen und Jagen der Erwerbenden besteht. Könige und Kaiser, Staat und Gesellschaft, Recht und Besitz, warum sind sie eigentlich da? Nun, ich denke für uns, zu unserem Schutze, meine Damen und Herren. Wir sind hier die eigentliche Aristokratie der Menschheit!« – »Hört! hört!« erscholl es am Tische von mehreren Stimmen der Kunden. Hasenklau fand den Gedanken wunderschön, und, da er ein lebhaftes Bedürfnis fühlte, eine gewisse Beklemmung von sich wegzureden in Anbetracht der Entdeckung, die Hans gemacht hatte, rief er ergänzend: »Jawohl! Wir sind die eigentliche Aristokratie! Da würgen sich die Menschen herum, wollen einen Zukunftsstaat gründen, wo jeder arbeiten muß, damit aller Besitz gemeinsam sei, da zerbrechen sich die andern den Kopf, wie sie's verhindern wollen und lösen an der sozialen Frage im Schweiße ihres Angesichts das Brot ihrer armseligen Gedanken kauend. Alles vergeblich, alles falsche Utopien. Sie alle schaffen doch nur für uns. Denn wir, wir arbeiten nicht und sind prinzipielle Gegner jeder allgemeinen Arbeitspflicht als die wahren Aristokraten des Geistes, uns wäre schon det Couponschneiden eine zu anstrengende und unwürdige Thätigkeit; wir sind die wahren Lilien auf dem Felde; wir säen nicht und ernten doch, uns ist der ganze Zukunftsstaat einerlei, wir haschen nicht nach Erwerb, wir erhalten gratis wie ein Geschenk der Götter die schweißbedeckte Arbeit unsrer Sklaven –« »Ja, wie die alten Götter des Olymps,« fuhr nun Hans, in einer aufgeregten, schier verklärten Stimmung fort, thronen wir über ihnen allen und des Lebens Mühsal; uns werden die Abfälle als Opfer gebracht, für uns wird geräuchert und gebacken, für uns schlachten und schneiden sie, für uns dampfen und treiben die Maschinen ihre Räder, damit wir den schuldigen Göttertribut empfangen –« Ein großer Tumult entstand bei diesen Worten; man stimmte allgemein bei und Henning flüsterte seinem Nachbar zu: »Det is jut! Finke is jut! Na, wenn's so ein Nationalökonom sagt, denn muß es doch auch wahr sind!« Hans aber steigerte sich in höhere Aufregung, und in einer Stimmung, in welcher er alles Weh seines Herzens in einem verklärten Humor aufzulösen suchte, schloß er: »Darum werfen wir Sorgen, Angst und Kummer von uns. Darum erheben wir uns ins Reich des Ideals von der Mühsal des Lebens. Denn das Leben ist ein Elend, wenn man's nicht durch ein wenig Phantasie verklärt, die selbst ein Lumpenkleid zum Göttergewande macht. – Nun frage ich Sie aber, meine Damen, wem verdanken wir heute diese verklärte Stimmung? Wer hat uns heute zu Göttern gemacht? Ein Mann, dessen Freigebigkeit ihresgleichen nicht hat, ein edler Mann, ein braver Mann, der lebt und leben läßt, dessen nützliches Geld uns in diese angenehme Lage brachte – Sie erraten ihn – mein Hoch gilt dem Spender dieses Festes – dort sitzt er, sehen Sie ihn – er lebe hoch – Fritz Hasenklau, genannt Orbassany, er lebe hoch!« Hans erhob sein Glas und trank wehmütig beglückt dem Schauspieler zu. Hasenklau machte eine demütig abwehrende Bewegung, die Kunden und Mädchen aber erhoben sich, umdrängten ihn, umarmten ihn und erhoben ihn endlich auf ihre Arme und trugen den phantastischen König Lear mit Johlen und Hochrufen auf ihren Schultern im Saale herum. In diesem Augenblicke stürzte mit verzückten Mienen und freudigem Mützenwerfen Weber, der Bergarbeiter, der seine Polizeihaft abgesessen hatte, in den Saal, sprang herum und tobte und rief: »Ach, Kinder, Kinder, Kinder! Ihr glaubt's ja gar nicht. Ich kann's ja gar nicht sagen. Ich möchte lachen und heulen vor Freude.« »Was hast du, Sterblicher? Was drängst du so ungestüm herein in den Göttersaal?!« frug Hasenklau gelassen von seiner Höhe auf den Schultern zweier Kunden herab. »Arbeit hab' ich bekommen! Heute laß' ich was springen, ich kam gerade vorüber und dacht', ich müßte's euch doch sagen. Arbeit hab' ich. Ein anständiger Mensch bin ich wieder. Bruder, ich bin zu glücklich!« Er wollte Hans umarmen; Hasenklau aber rief stark und mächtig von seiner Höhe: »Arbeit? Schmeißt ihn hinaus aus dem Göttersaal. Schmeißt ihn in den Tartarus zu Sisyphus und Tantalus. Götter arbeiten nicht. Du bist nicht unseresgleichen, Sterblicher. Schmeißt ihn hinaus.« Und ehe Weber sich dessen versah, war er von mehreren kräftigen Kundenfäusten am Kragen gepackt. Man umdrängte ihn, und unter wildem Triumphgeschrei, an dem die Mädchen sich beteiligten, welche mit ihren Händen gleichfalls auf Weber losschlugen, warf man den Arbeiter zur Thür hinaus und die enge Holztreppe hinab, wo er unten verschwand in der Dämmerung wie ein plötzlich erloschenes Meteor. Während man ihn hinauswarf, hatten sich ängstlich die drei böhmischen Harfenschwestern mit ihren Harfen in den Saal gedrängt, in der Hoffnung, hier etwas zu verdienen. Hans erblickte sie kaum, als er aufgeregt rief: »Aber da sind schon die Musen! Seid gegrüßt, ihr Musen! Spielet auf zum Tanze! Laßt die Leier tönen, ihr Schwestern Apollos!« »Aufgespielt, ihr böhmischen Harfenschwestern!« rief der Schauspieler. »Wir wollen den Tanz der Horen tanzen, nachher essen wir weiter. Wir sind hier vornehme Leute und tanzen nur nach klassischer Musik. Darum singt und spielt das Menuett aus des göttlichen Mozarts Don Juan. Also los, ihr Mädel!« Die Schicksen und die Mädchen klatschten fröhlich in die Hände und machten sich zum Tanze zurecht. Einige alte Zeitungen wurden zusammengefaltet und Papierfächer daraus gemacht, mit denen sich die Mädchen, wie vornehme Balldamen auf den Stühlen hingelehnt, zufächelten. In Ermangelung von Ballhandschuhen zog die dicke Rosa ihre Strümpfe aus und zog diese auf ihre Arme und Hände und koquettierte wie eine lang behandschuhte Engländerin. Ein altes Kartenspiel aber wurde unter die Stromer und die Mädchen verteilt und sollte die Tanzkarten vorstellen. Die Harfenstimmen begannen in langsamem Zeitmaß, die lieblichen, anmutigen Töne des Mozartschen Menuettes in einer wehmütig-verklärten, traurig-graziösen Art zu spielen, in welche die Harfenakkorde voll hineinschlugen. Sorger und Henning pfiffen den Takt, und zwei Paar drehten sich langsam, wundersam in ihren Vermummungen anzuschauen, auf dem Saalboden herum. »Na, Jette, da wollen wir mal die Parkettierung prüfen und den Ball eröffnen,« sprach Hans. Er nahm die zigeunerhafte Braut, mit dem Vergißmeinnichtkranze auf dem Kopfe, um die Hüfte und tanzte langsam mit ihr zu den wundersamen Mozartschen Klängen, während Jette ihr Gesicht auf seine Brust drückte. Es folgten mehrere Paare, und weil die Mozartschen Töne in ihrer edlen Anmut alle wie etwas Höheres und Reineres traurig berührten, so schienen sie auch traurig und langsam umherzutanzen. Auf einmal begann Jette an der Brust ihres Geliebten zu schnüffeln und im Tanzen meinte sie: »Hans, ick weiß jar nicht – du riechst so nach Bisam –« »Ich? Bisam? Wie so denn?!« frug dieser. »Na, hier aus der Rocktasche heraus. Ich kann den Geruch gar nicht leiden,« meinte die Jette, indem sie die Nase rümpfte. Sie blieben am Saalrande etwas stehen, um zu veratmen. Unterdessen näherte sich Hasenklau der Liese und sprach: »Meine schöne Gräfin, dürfte ich das Glück haben, Sie zur nächsten Quadrille zu engagieren?!« Die Liese knixte tief und verbarg mit künstlicher Verschämtheit ihr Angesicht hinter dem großen Papierfächer, mit dem sie sich kokett zuwedelte. Der weißhaarige König Lear tanzte darauf, während sein Gewand nachschleppte und sein Strohkranz einzelne Halme verlor, mit langsamen und großen Schritten an der Seite der Schickse im Saale herum. Unterdessen hatte Hans seine Papiere aus seiner Rocktasche gezogen und meinte heimlich zur Jette: »Der Geruch kommt wirklich aus meinem Rock.« »Drum auch. Deine Papiere sind's,« sagte die Jette, indem sie diese anroch. »Bisamgeruch an diesen Papieren?!« meinte der Privatdozent überrascht. Sollte etwa?! – »Herrgott, mir geht ein Licht auf! Sollte etwa dieser nach Bisam riechende König Lear –? Na, Jette, komm', jetzt soll einmal erst ein Tanz losgehen –!« Er umfaßte rasch das Mädchen, um aufgeregt wieder in den Tanz einzutreten. Kein Zweifel, er hatte den Dieb seiner Papiere gefunden. Kein Zweifel, wovon dieses Fest bezahlt wurde. Alle Kümmernis, aller Trieb der Selbsterniedrigung waren mit einem Male verflogen, und nur die energische Absicht, den Schwindler gründlich zu entlarven, erfaßte mit wilder Siegeszuversicht sein Herz. Er beobachtete im Tanzen mit scharfen Augen sein Opfer, auf das er sich bei erster Gelegenheit losstürzen wollte. Unterdessen hatten alle Kunden und Schicksen sich dem langsamen, wehmütig-heiteren Zauber der Mozartschen Töne gefügt und tanzten mit stillem, schattenhaftem Ausdrucke in ihren Gesichtern langsam und mit dem Bestreben, zierlich aufzutreten, in einzelnen Gruppen herum. Die Harfentöne schlugen wie leises Schluchzen und Zittern in den Tanz hinein, der immer stiller und stiller wurde. Leberecht stieg mit großen Schritten zwischen den Paaren großartig auf und ab und klatschte als Tanzordner in die Hände. Er gedachte der besseren Zeiten, die er erlebt, wo er noch als ehrlicher junger Mann Tänze geordnet und hübschen Mädchen den Hof gemacht. » En avant – chassez – croisez – changez les dames – immer vornehm!« rief er aus. Leise und piano ging der Tanz weiter, zuletzt traten auch Fritzel und Gretel, die Kinder, in den Tanz ein und hüpften leise und mit ernsten Gesichtern zwischen den Erwachsenen mit herum. Als der arme Leberecht das sah, ging er bei Seite aus dem Tanze weg, sank auf einen Stuhl, legte das Gesicht über seinen Arm auf die Tischplatte und, gepackt von einem grenzenlosen Schmerze der Erinnerung, schluchzte der Verlorene: »O, mein verfehltes Leben! O, meine schöne Jugendzeit!« Elftes Kapitel Der Tanz war allmählich in ein schnelleres und lebhafteres Drehen übergegangen; die Kunden und die Mädchen wirbelten sich mit losgelassenerer Lust herum, als plötzlich Hasenklau seinen Strohkranz vom Kopfe riß, den Bart wegwarf und das Bettlaken, welches sein Gewand vorstellte, fallen ließ, sodaß sich das nächstfolgende tanzende Paar mit den Füßen hineinverwickelte. Mit einem Satz war der Schauspieler vor einer Thüre, welche in ein kleines Nebenzimmer führte, und indem er ausrief: »Die Putzerei ist unten,« war er auch schon hinter der Thüre verschwunden. Bei diesen Worten entstand eine ungeheure Verwirrung. Jette riß sich vom Arme des Privatdozenten los, von jäher Angst erfaßt, daß die angekündigte Polizei auf sie fahnde. Andere stürzten ans Fenster und blickten hinunter, wo eben zwei Polizisten ins Haus eintraten und ein dritter Wache hielt, um augenscheinlich niemanden entwischen zu lassen. Hasenklau hatte mit einem raschen Blicke im Tanzen die Leute unten ankommen sehen, und, da er begründete Ursache hatte, zu fürchten, diese Razzia gelte ihm, so war er auch eilig auf die Flucht bedacht. Man hörte unten im Hause die Stimmen der Polizisten, die mit den Wirtsleuten verhandelten, denn im Saale war alles still geworden. Jeder, der aus irgend einem Grunde ein schlechtes Gewissen hatte, fühlte sich beängstigt; man warf die Mummereien ab, rückte schnell die zusammengestellten Tische auseinander und setzte sich in einzelnen Gruppen zusammen, während schon die dröhnenden Schritte der Polizisten auf der Holztreppe hörbar wurden. Manches Mädchen saß mit klopfendem Herzen in einer Ecke, in der Erwartung, wegen Landstreichens mitgenommen zu werden. Jette war ein paarmal ans Fenster gelaufen, mit verzweifelten Blicken auslugend, wie sie entkommen könnte. Endlich kam sie nochmals zu Hans, packte ihn am Arme und raunte ihm zu: »Ach, mein guter Mann, sie wollen unsre Ehe gewiß trennen. Dir können sie ja nichts thun – aber mir! Wenn du mich suchst, ich bin morgen auf dem Sachsenhäuser Jahrmarkt, zwei Stunden von hier, das ist drüben in einem anderen Amtsbezirk, dort kommst du hin. Mein Hans, ich muß fort, sonst erwischen sie mir!« Damit huschte sie zur selben Thür hinaus, durch welche Hasenklau ins Nebenzimmer gesprungen war. Sie sah eben, wie der Schauspieler sich durchs Fensterkreuz zwängte und von da sich auf das Dach eines Holzschuppens niederließ, das unter dem Fenster sich befand. Sie folgte ihm rasch, nahm ihren Brautkranz in den Mund, faßte ihr Kleid zusammen und glitt, wie eine Blindschleiche geschmeidig, durchs Fenster auf das Schuppendach herab. Von da war nur ein Sprung in Mannshöhe in den Hinterhof; Hasenklau war schon unten und lief in das Kornfeld hinter dem Hause hinein, wo er sich zusammenduckte und liegen blieb; Jette sprang geräuschlos hinter ihm vom Dache herunter und kroch in den Schuppen. Der wachehaltende Polizist stand unterdessen auf der anderen Seite des Hauses am Haupteingang. Ganz sorglos und mit dem Gefühl einer gewissen Zuversicht hatte unterdessen Hans Landmann die Polizisten erwartet. Er sagte sich, daß er jeder Gefahr mit freiem Herzen entgegensehen könne, seit er wieder im Besitze seiner Legitimationen sich befand. Die plötzliche Flucht Hasenklaus hatte ihm jeglichen Zweifel genommen, daß dieser der Räuber seiner Papiere und seiner Gelder gewesen sein müsse. Er würde ihn angehalten haben, wenn er nicht geglaubt hätte, der Mann sei im Nebenzimmer sicher eingeschlossen, da eine Treppe nicht von dort hinabführte. Die zwei Polizisten traten mit gestrengen Mienen ein und musterten die ängstlich harrende Gesellschaft. Sie frugen zuerst nach der Jette Fremder, aber die wollte niemand gesehen haben; die sei gar nicht hier. Die Polizisten sahen sich mißtrauisch um und forderten einzelnen ihre Papiere ab, die sie dann wieder zurückgaben. Plötzlich aber, wie auf ein gegebenes Zeichen, stellten sie sich vor Hans auf und verlangten seine Legitimation zu sehen. »Mit Vergnügen,« sagte Hans sehr höflich und gab seine Papiere heraus. Der eine Polizist hatte kaum einen Blick hineingeworfen, als er dem anderen auch schon einen Wink gab und sprach: »Er ist es«. Im selben Augenblick fühlte Hans sich hinten an den Armen gepackt und dieselben so rasch mit einem Strick umwunden an den Handgelenken, daß er sich nicht einmal zu wehren vermochte. Er wurde blaß, riß an den Handfesseln und rief entrüstet: »Herr, wie können Sie wagen, mir diese Freiheitsberaubung angedeihen zu lassen, mir, einem wissenschaftlich gebildeten Manne, der Ihnen eben seine guten Legitimationen gibt!« »Seien Sie still, alter Gauner, Sie wissen wohl, daß Sie verhaftet sind! Die Personalbeschreibung stimmt vollständig. Sie haben in und um Neustadt gebettelt, haben einer Dame mit diesen Papieren Geld abzuschwindeln versucht, haben diese Papiere selbst einem gewissen Dr. Landmann entwendet und überdies in Neustadt, Münsterheim und Sachsenstadt auch die Gelder dieses Herrn unterschlagen.« Der Polizist sagte ihm dies gerade auf den Kopf zu und befahl ihm »Vorwärts, marsch!« »Aber, meine Herren, ich bin ja selbst dieser Dr. Landmann, Sie müssen das ja doch aus diesen Papieren sehen –!« »Schweigen Sie!« wetterte ihn der Beamte an. Wir wissen das besser. Wenn Sie der Mann wären, so würden Sie eben keine Papiere haben!« »Aber ich versichere Sie, es ist eine Verwechselung. Ich bin dieser Dr. Landmann selbst, und der Schwindler, welcher mich bestahl, findet sich sogar in unserer Gewalt; ich verlange, daß er mindestens gleich mir sofort arretiert wird, es ist der Ihnen wohlbekannte Hasenklau-Orbassany, er steckt im Nebenzimmer – verhaften Sie ihn!« Die Polizisten sahen einander an. Einer ging darauf nach der Thüre, da aber die Vögel bereits ausgeflogen waren, so konnte er nur melden, daß kein Mensch im Zimmer sei. »Machen Sie keine Umstände und kommen Sie mit. Sie werden sich wegen Entwendung der Papiere des Dr. Landmanns zu verantworten haben. Es liegt außerdem dringender Verdacht auf Ihnen, daß Sie an diesem Manne, da er sich nirgends zeigt und jede Spur von ihm fehlt, ein Verbrechen begangen haben, hinter das wir ja wohl noch kommen werden, Sie mögen leugnen, was Sie wollen. Sie sind jedenfalls derjenige, der im Besitze seiner verlorenen Papiere ist, und haben daher ohne Einrede zu folgen.« Auf diese Anschuldigung hin, daß er an sich selbst eine geheime Mordthat oder dergleichen begangen haben sollte, ergab sich Hans widerstandslos in sein Schicksal. Er sah ein, daß er Geduld haben müsse, bis das Kommende ihm Gelegenheit geben werde, alles aufzuklären. Er war froh, daß wenigstens die Jette entkommen zu sein schien, und folgte den Polizisten, die ihn vorwärts schoben, nachdem sie an die Kunden und Schicksen noch einige Vermahnungen gerichtet hatten. Diese alle aber standen aufgeregt umher, brachen in Rufe sittlicher Entrüstung über den Verbrecher aus, der sich unter sie eingeschlichen hatte, und lehnten den Polizisten gegenüber jede Gemeinschaft mit einem solchen verdächtigen und gefährlichen Menschen ab. Unten im Hofe angekommen wurde Hans auf einen Leiterwagen gesetzt, der gerade in der Richtung nach Neustadt fuhr; die Polizisten setzten sich rechts und links auf das hölzerne Querbrett neben den Gefangenen, und ein Bauer fuhr hierauf mit seinem Gaule los. Die Fahrt war überaus holperig, und Hans nahm mehrfach Gelegenheit, sich bitter über diese Art der Beförderung zu beklagen. Unterwegs hatte er reichliche Gelegenheit nachzudenken über die seltsamen Fügungen des Schicksals, die ihn über jede Erwartung hinaus in so kurzer Zeit alle Abenteuer erleben ließen, die ein richtiger Kunde durchzumachen pflegt. Seit er aber die Gewißheit hatte, daß Hasenklau der Übelthäter an seinen Papieren war, schwand auch mehr und mehr die Neigung, sich willenlos in das Landstreichertum zu ergeben, dem er verfallen war; eine große Lust, jenen Gesellen zu fassen und ihm womöglich den Rest seines Raubes abzujagen, faßte ihn an; alles in ihm war Thatendrang und die Neigung, nach so mancherlei erfahrener Unbill, auch selbst einmal Geschicklichkeit, Klugheit und überlegenen Sinn zu beweisen in der Verfolgung jenes Menschen. Um so lästiger war ihm der Umstand, daß er hier als Häftling ohne freien Willen und ohne freie Bewegung seiner Glieder nach Neustadt geführt wurde. Er knirschte mehrmals heftig mit den Zähnen und verwünschte die Unempfindlichkeit der begleitenden Beamten, die für all diese verwickelten Empfindungen, die seinen Geist bewegten, nicht den geringsten Sinn zu haben schienen. Ja, fast empfand Hans auch schon sein Verhältnis zur Jette als eine Last; er fragte sich, was er denn eigentlich für vernünftige Gründe habe, mit jenem Mädchen zu leben, da er doch wohl noch andere Aufgaben habe, als einen modernen Bettelmönch vorzustellen, der mit einem armen Mädchen umherzog. Wenn er freilich an die mächtige Leidenschaft dachte, welche Jette für ihn empfand, so fühlte er sich dem Mädchen wieder verpflichtet, und er sah keine moralische Möglichkeit, sie im Stiche zu lassen. So kam man denn endlich auf dem Polizeibureau in Neustadt an. Die Kinder liefen hinter dem Wagen her, auf dem man einen gefesselten, augenscheinlich höchst gefährlichen Verbrecher einbrachte, und vor dem Polizeiamt fand ein kleiner Menschenauflauf statt. Hans wurde hier, als er in das Bureau eintrat, durch den Polizisten, der ihn vor einigen Tagen zu Pferde verfolgt hatte, sofort als derjenige erkannt, den er beim Betteln mit den jungen Damen betroffen hatte. Da er selber zugestand, mit dem Manne identisch zu sein, der durch sein Fechten die Gegend unsicher gemacht hatte, so wurde er ohne weiteres in eine Haftzelle geführt, deren Thüre sich schnell hinter ihm schloß. Er sah einen matten Lichtstrahl durch das Eisengitter der hochgelegenen Fensterluke einfallen, betrachtete die leeren Wände der Zelle mit ihrem großen Mangel an Bequemlichkeit und setzte sich, verwundert über die neue Lage, in der er sich befand, auf einen Stuhl. Er wunderte sich, daß ihm in der Einsamkeit dieser Zellenhaft auch nicht der geringste gute Gedanke zu seiner Befreiung kam; ja, eigentlich hatte er überhaupt keine Gedanken mehr; das dunkle Gefühl, durch diese Freiheitsentziehung auch seiner geistigen Sicherheit und Klarheit beraubt zu sein: die Empfindung eines innerlichen vollständigen Herabgedrücktseins aus seiner geistigen Existenz in die Denksphäre des gewöhnlichsten landstreichenden Häftlings lebte als dunkle Ahnung im dämmernden Lichte der Zelle in ihm. Aber der Herr Amtsanwalt und Kommissionsrat des Neustädter Amtsgerichts liebte den landstreichenden Gesellen gegenüber schnelle Justiz. Nach einer Stunde bereits erschienen wieder die zwei Polizisten und führten Hans in die Amtsgerichtszimmer durch einen langen Korridor des Gerichtshauses. Als Hans in das Bureau des Amtsanwaltes eintrat, warf dieser, ein alter, sehr gestreng dreinschauender Herr, ihm einen musternden und strafenden Blick zu. Er ließ ihn dann stehen und erledigte einige Akten. Dann aber strich er seine Beamtenlocke und wendete sich auf seinem Stuhle zu dem Häftling herum, um ihn zunächst mit einer donnernden Philippika zu empfangen. Der Herr Amtsanwalt liebte es nämlich, auf die eingefangenen Landstreicher durch moralische Betrachtungen einzuwirken, ehe er sie zu der üblichen Haft oder zum Arbeitshaus verurteilte und abführen ließ. Er betrachtete mit hochgezogenen Augenbrauen den Privatdozenten und brach mit den Worten los: »Also wieder so ein nichtsnutziger Landstreicher und Vagabund, der seinen Eltern, dem Staate und der menschlichen Gesellschaft zur Unehre gereicht! Könnt ihr denn dieses faule, nichtsnutzige, thatenlose Leben niemals lassen? Ja, was ist denn das überhaupt für ein Leben, das ihr führt? Keine Arbeit, keine innere Befriedigung, keine Religion, keine Moral! Den ganzen Tag auf der Straße liegen oder im Walde sich im Grase herumlagern, von den Bissen leben, die ehrliche, anständige Leute im Schweiße ihres Angesichtes sich erarbeitet haben, kein Beruf, keine regelmäßige Thätigkeit, keine pünktliche Tageseinteilung! Ja, schämt Er sich denn nicht? Ei, jawohl, das wäre wohl ein schönes Leben, den ganzen Tag auf der Bärenhaut zu liegen und andere für sich sorgen zu lassen, aber ist in alledem denn ein lebendiges Bewußtsein der Pflichten eines Staatsbürgers und Menschen? Arbeitsfaule, nichtsnutzige Individuen seid ihr, die dem Staate zur Last liegen, und am liebsten sollte man euch auf Lebenszeit einsperren, statt daß ihr mit einigen Tagen Haft davon kommt!« Hans mußte sich auf diese Worte räuspern, da er sie auf seinen Fall nicht ganz passend fand; der Amtsanwalt sah darin eine ungeziemende Randbemerkung zu seinen Betrachtungen und fuhr heftiger fort: »Stille, sonst kriegt Er gleich einen Tag Haft mehr! Natürlich, wo soll in so einem Kerl der Sinn für Pflicht und bürgerlichen Anstand herkommen! Was ist das für ein leeres, zielloses, gehaltloses Leben mit eurer Tagedieberei. Aber wart'! Er soll mir Holz spalten lernen, daß Ihm der Rücken knacken soll, damit Er auch einmal einen Begriff davon bekommt, wie sich der anständige Arbeiter, sei er nun Handarbeiter oder Hirnarbeiter, im Schweiße seines Angesichtes placken muß. Angeklagter, Er ist beschuldigt, in mehreren Fällen beim Betteln betroffen worden zu sein, und dessen, nach Aussagen dieser Beamten, geständig. Er steht aber außerdem in dringendem Verdacht, einem gewissen Dr. Landmann aus Berlin, der in dieser Gegend war und, wie es scheint, weitergereist ist, seine Legitimationen gestohlen zu haben, um mit ihnen verschiedene Schwindeleien, unter anderen auch im hiesigen ›Goldenen Schwan‹ zu verüben.« Der Amtsanwalt las eine Anklage vor, die eben in diesem Sinne abgefaßt worden war, und schloß mit der Frage: »Was haben Sie darauf zu erwidern.« Hans gab sich große Mühe ruhig zu bleiben. Er sagte: »Es ist richtig, Herr Amtsanwalt, daß ich, in einer augenblicklichen, großen Not befindlich, mich einige Stunden lang aufs Fechten verlegt habe. Alles andere in der Anklage ist dagegen falsch, da ich nur versichern kann, ich bin selbst der gesuchte Dr. Landmann; bin in dieser Eigenschaft selbst hier im Bureau gewesen, um den Verlust meiner Papiere anzuzeigen, die ich dann allerdings wieder in meinen Taschen fand. Ich muß vor allen Dingen verlangen, daß nun endlich einmal meine Identität festgestellt wird, denn ich habe diese Scherereien satt, bei denen man zuletzt an sich selbst irre werden kann.« »Schweigen Sie!« herrschte der Anwalt den nach seiner Ansicht unverbesserlichen Menschen an. »Das ist ein altes Manöver, das kennen wir! Das verlangt jeder Landstreicher und Verbrecher, daß man seine Identität feststellen soll, ist aber bloße Obstruktionspolitik, um die Voruntersuchung in die Länge zu ziehen und die staatliche Autorität zu ärgern. Jetzt geben Sie vor allem einmal Ihren richtigen Namen zu Protokoll, und wenn Sie noch lange Geschichten machen, so lasse ich Sie wieder in die Haft abführen und auf halbe Ration setzen, damit Sie gefügiger werden.« Hans stand allmählich der Verstand still. Es schien wirklich keine Möglichkeit, zu einer Aufklärung zu kommen. Er schwieg eine lange Zeit; dann aber wiederholte er mit stumpfer Hartnäckigkeit: »Ich bedauere bei der Behauptung bleiben zu müssen, daß ich der richtige Dr. Landmann bin, der vollständig befriedigende Aufschlüsse über all die Widersprüche geben kann, die in meinen Angaben zu herrschen scheinen, und ich verlange mit solchen Personen konfrontiert zu werden, die mich kennen und meine Identität bezeugen können. Meinetwegen schaffen Sie mich mit polizeilicher Bedeckung nach Berlin, um dort durch meine wissenschaftlichen Kollegen meine Identität feststellen zu lassen, oder aber laden Sie derartige Zeugen hierher, denn wie gesagt, ich habe die Geschichte satt.« Der Amtsanwalt rückte seine Brille höher und sah sich den Mann starr an. Erneuter Zorn wollte in ihm aufsteigen, und er machte schon Anstalt, den hartnäckigen Schwindler wieder in die Haft abführen zu lassen, als einer der Polizisten etwas höhnisch wider Hans bemerkte: »Herr Amtsanwalt, man könnte den Wunsch des Delinquenten sofort erfüllen, um ihm seine falschen Angaben sogleich zu beweisen. Es wohnt nämlich im ›Goldenen Schwan‹ eine Dame aus Berlin, welche angibt, die Braut des besagten Dr. Landmann zu sein. Sie ist schon seit einigen Tagen hier, um die Ergebnisse unserer polizeilichen Nachforschungen nach besagtem Dr. Landmann sowohl, wie nach dem Diebe seiner Papiere, abzuwarten, und sie würde daher wohl in der Lage sein, die Identität des Angeklagten festzustellen.« Ein jäher, wundersamer Schreck durchzuckte Hans, als er hierbei zum erstenmal ein Wort vernahm, daß Emma v. Arnim so nahe sei. Ach, er fühlte wohl, daß seine Liebe zu dem Mädchen mit erneuter Macht emporloderte, sowie er nur ihren Namen hörte. Aber dumpfe Beklemmung erfaßte ihn bei dem Gedanken, daß er hier als Häftling in solchem Aufzuge ihr gegenüber gestellt werden sollte; dumpfere Gewissensschläge spürte er in der Erinnerung an seine platonische Ehe mit der Jette, die gewiß mit Bangen seiner harrte. Der Amtsanwalt fand den Vorschlag des Polizisten angemessen; er fertigte eine sofortige Vorladung an das Fräulein v. Arnim aus, die ein Bote besorgte, während Hans in Bewachung unter den gestrengen Augen des Anwaltes blieb. Fast schnürte ihm die Erwartung die Brust zusammen, daß er das geliebte, grausame Mädchen wiedersehen sollte, welches so jäh und schnell mit ihm gebrochen hatte, und zu dem er nach alledem nicht wagen konnte aufzuschauen, nachdem er der Jette Fremder sich unter so seltsamen Umständen versprochen hatte. Bereits nach einer Viertelstunde meldete der Gerichtsbote das Fräulein v. Arnim an, und gleich darauf trat sie mit stiller Haltung und leichtgesenktem Blicke in das Bureau. Sie hatte ein schwarzes Kleid an und einen dunklen Schleier vor ihrem süßen Antlitz, auf welches Hans mit einem scheuen Blicke schaute. Emma war schon vorher durch den Boten unterrichtet worden, was ihr bevorstand, und daß sie den Fremdling rekognoszieren sollte. Sie warf daher gleichfalls von der Seite einen prüfenden Blick auf Hans und erkannte ohne weiteres und ohne den geringsten Zweifel, daß dies ihr verlorener und ach! wohl auch sehr verkommener Bräutigam war. Beide aber schwiegen beklommen still, wie zwei Menschen, die sich einander schämen und doch auch wieder diese Scham überwinden möchten, um sich jammernd und glücklich in ihrem Jammer zu umarmen und ans Herz zu schließen. Endlich machte Hans eine förmliche zurückhaltende Verbeugung, welche Emma mit einem leisen Nicken erwiderte. Der Amtsanwalt war nicht wenig verwundert, daß sich diese Leute also doch zu kennen schienen, und er begann daher in etwas milderem Tone, nachdem er das Fräulein zum Sitzen eingeladen hatte, die Sachlage auseinander zu setzen. Er protokollierte die Personalien des Fräuleins. Darauf richtete er die Frage an das Fräulein: »Der hier vorgeführte Delinquent behauptet, ein gewisser Dr. Landmann, Privatdozent aus Berlin zu sein, und da es bekannt ist, daß Sie, mein Fräulein, mit besagtem Herrn verlobt sind, so wird hiermit die Frage an Sie gerichtet, ob Sie in dem hier Anwesenden genannten Dr. Landmann wiedererkennen. Wollen Sie sich den Delinquenten genau betrachten; der Schwindler, welcher auf den Namen desselben hier herumvagabundiert hat, soll ihm ja sehr ähnlich sein, und man muß deshalb vorsichtig sein.« Emma folgte dem Rate des Anwaltes und schlug ihre großen Augen auf, um Hans von oben bis unten mit einem prüfenden Blicke zu mustern. Ihr Herz schlug heftig von alter Liebe zu dem schlecht gekleideten Manne, der mit einem Ausdruck stiller Hoffnungslosigkeit vor ihr stand, welcher sie es aufs tiefste bereuen machte, daß sie so jäh, unter Wangenheims Einfluß, das alte Verhältnis aufgekündigt. Aber konnte er denn gar kein Wörtchen sagen, um ihr etwas entgegenzukommen?! Und weil es sie ärgerte, daß Hans auch mit keiner Silbe einen Schritt der Wiederannäherung gemacht hatte, so nahm der Blick, mit dem sie ihn musterte, etwas Gemessenes und Kaltes an, als fühle sie sich hocherhaben über dem armen Vagabunden, der vor ihr stand. Hans fühlte die Kälte dieses Blickes und glaubte zu wissen, daß für ihn nunmehr jede Hoffnung verloren war. Emma wendete sich an den Amtsanwalt und sagte: »Es ist kein Zweifel, dieser Herr ist der Dr. Hans Landmann aus Berlin. Soviel ich weiß, ist er, Studien halber als Handwerksbursche verkleidet, auf die Wanderschaft gegangen, und wahrscheinlich hat er sich dabei etwas zu tief herabbegeben, um nicht wieder recht aus seiner Gesellschaft herauszukönnen.« Sie betonte die letzteren Worte ziemlich spitz, um den Bräutigam etwas aufzurütteln und einen leisen Hohn merken zu lassen. Sie dachte daran, wie diesem Mann durch Wangenheim beinahe seine Braut abspenstig gemacht worden wäre, wenn ihre eigene Charakterstärke und Liebe ihn nicht davor behütet hätte. Sie war nicht wenig stolz auf die Art, wie sie diesem unscheinbaren Manne zuliebe den Maler hatte abfahren lassen, und wollte sich nun durch solche Neckereien einmal schadlos halten. Hans aber faßte ihre Worte als eine nur zu bittere Wahrheit auf und fühlte, wie man ihn mit förmlicher Absicht hinabstieß in das entwürdigte Dasein, dem er in der That wohl schon allzu nahe getreten war. Er blieb daher stumm und sah Emma nur an mit einem Blicke trauriger Entsagung. »Aber Herr Doktor! Nun sagen Sie mir nur, wie konnten Sie dazu kommen, als Bräutigam einer so schönen jungen Dame zur offenen Landbettelei herabzusinken,« fragte der Anwalt, nachdem er sich einigermaßen von seinem Staunen erholt hatte, »denn, wenn an Ihrer Identität nun auch nicht mehr zu zweifeln sein dürfte, so ist es doch höchst rätselhaft, daß Sie wiederholt beim Betteln betroffen wurden.« Hans erzählte, nicht ohne Nebenabsicht, daß Emma einmal einen klaren Einblick in seine Erlebnisse erhalten sollte, dem Anwalt seine Leidensgeschichte seit dem Verlust seiner Papiere. Er malte mit so lebhaften Farben seine Not, die ihn zum Fechten getrieben habe, daß den Anwalt ein gelindes Gruseln überlief. Nicht minder schauderte Emma, da sie erst jetzt die ganze Gefahr einsah, in die der gebildetste Mensch im geordnetesten Staatswesen ausnahmsweise geraten konnte. Je mehr der Anwalt aber die Logik der Umstände erkannte, die Hans zum Fechten gezwungen hatten, desto mehr sagte ihm auch seine Rechtslogik, daß er um der allgemeinen Gerechtigkeit willen keine Ausnahme machen durfte, sondern das Gesetz Anwendung finden müsse, welches bei wiederholtem Betteln Haft verhängt. Auch war noch ein anderer dunkler Punkt zu erörtern. »Sie sollen mehrfach in Begleitung einer berüchtigten Landstreicherin gesehen worden sein, Herr Doktor; ja, Sie sollen sich von ihr haben ernähren lassen.« »Über diesen Punkt muß ich jede Aussage verweigern,« antwortete Hans, der nicht mehr glaubte, irgend eine Aufklärung schuldig zu sein, und dem es peinlich war, in Emmas Gegenwart an Jette erinnert zu werden, nachdem Emma schon in ihrem Briefe darauf mißverständlich angespielt hatte. »Ich kann nur sagen, daß das betreffende Mädchen den Ausdruck ›berüchtigt‹ mit Recht als eine Beleidigung auffassen würde, und daß mein Verkehr mit ihr den reinsten menschlichen und wissenschaftlichen Gründen entspringt. Ich bitte mich nunmehr zu entlassen.« »Es thut mir sehr leid,« erwiderte der Amtsanwalt, ein wenig geärgert durch den schroffen Ton von Landmanns Antwort, »daß ich Sie nicht ohne weiteres entlassen kann. Auch wenn ich Ihnen mildernde Umstände zubillige, so haben Sie doch durch das Gesetz einen Tag Haft verwirkt, den ich Ihnen hiermit zuspreche. Sind Sie bereit, diese Haft sofort anzutreten, so können Sie morgen anstandslos entlassen werden!« »Haft?!« frug Hans mit erstickter Stimme und in einer Empfindung, als müsse er vor Emma in den Boden sinken. »Aber Herr Amtsanwalt!« sprach Emma ängstlich, welche blaß bei dem Gedanken wurde, der innerlich noch immer Geliebte solle nach all seinem Mißgeschick auch Bettelhaft verbüßen. »Haft?« wiederholte Hans entrüstet und laut. »Ja, mein Herr«, – »das alles ist ja aber doch nur zu wissenschaftlichen Zwecken geschehen. Sie ruinieren mir ja meine ganze gesellschaftliche Existenz, wenn Sie ein solches Urteil fällen, und dasselbe bekannt wird.« »Bedaure sehr, Herr Doktor; der Fall ist im Gesetzbuch nicht vorgesehen. Wenn Sie zu wissenschaftlichen Zwecken einen Mord oder Diebstahl auf Ihr Gewissen laden, so würde es trotz alledem ja doch ein Verbrechen bleiben und mit der ganzen Schwere des Gesetzes bestraft werden. Und wenn Sie zu wissenschaftlichen Zwecken betteln, warum sollte hier die gesetzmäßige Buße ausbleiben?!« Hans sah die Richtigkeit dieser Gründe ein. Er durfte als ein Mann von Bildung und Wissenschaft nicht mit einem andren Maße gemessen werden, als der geringste aller Fechtbrüder. Er durfte es um so weniger, als er ja in Wirklichkeit aus bitterer Not gefochten hatte, und aus dieser Not war er noch nicht befreit, denn das Geld, welches er bei Emma in Berlin bestellt hatte, war nicht eingetroffen, aus Gründen, die ihm nun ja allmählich klar wurden. Er war also vollständig auf dem alten Flecke, denn Emma selbst um Geld anzugehen, war nach allem unmöglich. Und wieder kam jene Sucht absichtlicher Selbsterniedrigung über ihn, indem er die Notwendigkeit einsah, in die Haft gehen zu müssen. Warum wollte er etwas Besseres sein als der Geringste? Nein, es war nur sein unabwendbares inneres und äußeres Geschick, daß er an dieser Sache vollständig zu Grunde gehen sollte. Er erklärte mit stumpfer Gleichgültigkeit, daß er bereit sei, die Haft anzutreten. Die Polizeidiener führten ihn aus dem Bureau, und er verneigte sich stumm vor Emma, die ihm mit einem sprachlosen Ausdrucke in jammervoller Beklemmung nachsah, über das, was nun werden sollte. Eine Weile stand Emma stumm und fassungslos da. Dann aber kehrte sie rasch in den Gasthof zurück und schrieb in ihrem Zimmer einige Zeilen an Hans. Sie bat ihn, er möchte sie nach Verbüßung der Haft besuchen, da sie ihm noch einige wichtige Mitteilungen zu machen habe. Sie hoffte, er würde kommen, um ihr Gelegenheit zur Aussöhnung und Aufklärung zu geben und mit ihr nach Berlin zurückzufahren, sowie er diese leidige Haft überstanden haben würde. Sie bemitleidete ihn entsetzlich um diese Freiheitsstrafe und machte sich schreckliche Vorstellungen über den Kerker, in den sie sich den Geliebten bei Wasser und Brot hineindachte, verzweifelt an sich, an ihr selbst und an seiner ganzen Existenz. Der Brief wurde richtig an Hans besorgt. Emma hatte eine schlaflose Nacht und wartete am anderen Tage mit Bangen auf die Stunde, wo die Haft zu Ende war. Aber er kam zu dieser Stunde nicht zu ihr. Sie wartete und wartete und schwankte zwischen Hoffen und Verzweiflung. Endlich am Abend kam ein Stadtpostbrief, auf dem sie die Handschrift des Bräutigams erkannte. Sie erbrach den Brief und las schreckerstarrt die Worte: »Mein gnädiges Fräulein. Verzeihen Sie, daß ich es nicht mehr wage, vor Ihnen zu erscheinen. Ich kann Ihnen nicht zumuten, daß Sie einen Mann bei sich sehen, der in Haft gesessen hat, und dessen bürgerlicher Ruf infolgedessen nicht mehr die Makellosigkeit besitzt, die Sie beanspruchen dürften. Sie haben mir die alte Brautschaft abgesagt; wozu sollten wir uns noch durch den gegenseitigen Anblick quälen? Erfahren Sie, daß ich nicht mehr so frei bin, als ich sollte; jenes gute Wesen, das mir in schwerer Not beigestanden hat, hat mein Versprechen treuer Kameradschaft. Sie irren, wenn Sie glauben, hier herrschte etwas anderes als das reinste geschwisterliche Verhältnis; aber dieses Verhältnis ist innerlich so tief und ruht auf einer so gewichtigen ethischen Grundlage, daß es mir, im Verein mit Ihrer Absage, die Lust an eine Rückkehr in das bürgerliche Leben geradezu vergällt hat. Bis auf absehbare Zeit zieht es mich zurück zu den Armen, mit denen ich gelebt habe, zu freiwilliger Armut; ja, ich empfinde es als einen so großen Frevel, daß ich zum Gegenstande wissenschaftlicher Beobachtung machen wollte, was nur mit dem Herzen erlebt und mitgelebt werden kann, daß ich es als eine Art von Buße ansehe, wenn ich zu dem geschwisterlichen Verhältnis zurückkehre, in dem ich mich gefesselt sehe, und zu dem hundert innere Verpflichtungen mich nötigen. Ein Wort von Ihnen, mein Fräulein, hätte mich vielleicht zurückgerufen; aber Sie durften dieses Wort nicht sprechen zu einem, der nun auch schon einen bürgerlichen Makel besitzt und daher besser thut, das zu sein und zu bleiben, was die Verhältnisse aus ihm gemacht haben!« »Aber das ist ja Unsinn!« rief Emma aus, indem sie den Brief ärgerlich wegwarf, »das ist ja dreifacher Unsinn.« Sie sah jetzt erst ein, wie tief Hans sie lieben mußte, daß er unter dem Eindrucke ihrer Absage zu solchen quäkerhaften, mittelalterlichen Einfällen kommen konnte, und, indem sie sich energisch aufrichtete und an ihrem Armbande nestelte, meinte sie vor sich: »O, da muß ich ja nun aber zu ganz energischen Mitteln greifen.« Darauf befahl sie, für den nächsten Tag ihr ein Reitpferd zu satteln. – Zwölftes Kapitel Auf der grünen Wiese vor Sachsenhausen war ein buntes Jahrmarktsleben aufgeschlagen. Budenreihen, wo Stiefel, Leinenstoffe, Wollwaren und Bürstenbinderarbeiten ausgelegt und verkauft wurden, Bratwurstanstalten und Küchelbäckereien, die einen brenzlichen Backdunst um sich verbreiteten, mischten sich mit Lottobuden, Glücksrädern und Pfefferkuchenhandlungen. Zwei oder drei Straßen von Leinwandbuden führten über die Wiese hin; am Ende der Budenreihen aber war ein mit Flaggenstangen umsteckter Platz, um den sich einige Schaubuden, ein Karussell, eine kleine Menagerie mit Gemälden von reißenden Tieren darauf, ein Leinenzelt mit dem Bildnisse einer großen Riesendame, die Arme und Hals mit Gewichten behangen hatte, im Kreise umherbauten. Am Ende dieses Umkreises sah man ein Leinenzelt mit einer Inschrift darüber: »Jettinka, die schöne Zigeunerin und Wahrsagerin, lebend zu sehen«; gegenüber aber befand sich ein mit Pflöcken abgesteckter Platz, um den als Geländer eine lange Scheuerleine gezogen war. Ein Stange davor hielt ein großes Pappschild, auf dem mit roter Farbe gemalt der Name »Zirkus Bill Will« prangte. Sonst sah man nichts, als hinter dem abgesteckten Platze, welcher wohl die Arena vorstellen sollte, die Handkarre Bill Wills, vor welche ein Stück Segeltuch, gleichsam als spanische Wand, ausgespannt war. Der Wind spielte lustig in diesem Segeltuche herum und blähte es bald vorwärts, bald rückwärts auf. Es war ein letzter, verzweifelter Versuch Bill Wills, des Kunstreiters, sich wieder zu einer regelmäßigen künstlerischen Thätigkeit aufzuschwingen. Er hatte auf der Erdmannsdorfer Frauenherberge vernommen, daß in Sachsenhausen ein Jahrmarkt abgehalten wurde, und war, lediglich seiner Kunst, seinem Genie und seinem Glück vertrauend, mit Frau und Kind hierher gefahren, um aufs Geratewohl einen Zirkus zu errichten. Die Scheuerleine mußte zur Einfassung seines Gebietes herhalten; er hatte den ganzen Vormittag Pflöcke eingeschlagen, die er in irgend einem Holzstall herrenlos vorgefunden, und übte hinter der Leinewand im Flaschenwerfen, machte Kreuzbiegungen und Luftkopfsprünge zur Probe, denn am Nachmittag sollten die Vorstellungen aus dem Stegreif vor dem Bauernvolke beginnen, bei welchen er allein das ganze Programm ausfüllte und vorstellte. Der Lumpenball in der Erdmannsdorfer Herberge hatte ihm so sehr von neuem das Elend seines Pennenlebens und Bettlerlebens zum Bewußtsein gebracht, daß er mit einem verzweifelten Entschluß auf diesem Jahrmarkt noch einmal versuchen wollte, auf anständige Weise sein Brot als Künstler zu erringen. – Es war gerade Mittagszeit und der Jahrmarkt daher fast ganz leer von Besuchern. In den Buden hinter ihren Kisten und Ladentischen machten die Händlerinnen ihr Mittagsschläfchen und nickten über ihren Waren ein; andere löffelten aus Töpfen ihre Suppen aus; der Bär in der Menagerie lag schlummernd in seinem Käfig, und eine heiße Stille brütete über den Leinwanddächern der Schaubuden, deren Ausrufer hinten in den grünen Reisestubenwagen saßen und lagen, und aus deren jalousieumrahmten Fenstern einzelne Kinderköpfe herausguckten. Von der Bude, auf welcher weithin zu lesen war: »Jettinka, die schöne Zigeunerin«, wurde eben der Vorhang bei Seite geschoben, welcher das Innere verhüllte, und halb gebückt trat Hans Landmann aus demselben auf die Bretterrampe heraus. Ihm folgte, in ihrem Zigeunerkostüm schmuck aufgeputzt, aber mit gebranntem Korke an Gesicht und Händen leicht bräunlich gemalt, die Jette. Sie hatte einen Korb, darin ein irdener Topf stand und zwei Löffel in der Hand. Das wundersame Paar setzte sich auf den Holzstufen des Aufganges zur Bude nieder und schickte sich an, gemeinschaftlich aus dem Topfe zu essen. »Na, Jette, was hast du denn da zu essen?!« frug Hans mit gutmütiger Neugier, der froh war, am Vormittag nach der gestern überstandenen Haft, die Jette richtig, ihrer Angabe gemäß, gefunden zu haben. – »Kalbskröse und Flecke,« meinte die Jette, und sie strahlte im ganzen Gesichte, ihren vermeintlichen »Mann« nach so kurzer Haftzeit wieder zu haben. Hans machte ein saures Gesicht. »Kuddelflecke? O je – die habe ich schon in meiner Jugend nicht essen können. Es wurde mir immer schlecht darauf.« »Na, iß nur,« meinte das Mädchen. »Komm, ick will dir mal füttern.« Sie blies ihren Löffel an, aß erst selbst einen Bissen und schob das übrige mit dem Löffel dem Geliebten ihres Herzens in den Mund. Diese Thätigkeit wurde schweigend einige Male erneuert, worauf Jette mit Genugthuung sagte: »Na, et jeht ja. Liebe kann alles.« »Warum du aber auch gerade in einer Bude wahrsagen mußt!« meinte Hans etwas verstimmt über die Aussicht, daß er von nun an den Ausrufer für Jettes Wahrsagergeschäfte machen sollte. Jette hatte ihm erzählt, daß sie, sowie sie vorgestern hier angekommen wäre und sich vor den Nachstellungen der Polizei sicher gefühlt habe, von dem Menageriebesitzer das Zelt gemietet habe, in dem sie wahrsagte. Dieser hätte in diesem Zelte früher einen Papuaneger gezeigt, der aber vor einigen Tagen an der Schwindsucht gestorben sei, und da habe sie, da er sie nicht brauchte, die Bude gleich auf Kredit gemietet und gestern auch schon mit Wahrsagen so gute Geschäfte gemacht, daß sie alle Schulden bezahlen könne und ein ganz gutes Einkommen von der Sache erhoffe. Wenn Hans nun vollends für sie den Ausrufer mache, so könnten sie bei weiterem guten Geschäftsgänge gleich das ganze Zelt kaufen und dann als Eheleute zusammen die Länder durchziehen. Sie hatte ihm das mit den verlockendsten Farben ausgemalt. »Ja, mein lieber Hans,« sagte sie auf seine Frage, »et is doch immer anständiger als det Walzen. Und det Kostüm, mein Brautkleid, was nun ooch mein Geschäftskleid ist, det is ja det eenzige, was ich noch von früher habe. Denn aus der Walzerei müssen wir mit der Zeit heraus, und wenn's bei dir mit der Schlosserei nicht geht, na, denn is et doch noch immer anständig, ick verdiene mit der Wahrsagerei, und du holst mir die Leute dazu heran. Ick bin ja auch nur ins Walzen gekommen, weil ich nicht dem Bauern seine Liebste sein wollte.« Sie schwieg nachdenklich, strich ihr buntes Kleid und blickte auf ihre gestickte Schürze und fügte traurig sinnend hinzu: »Ach, ja – mir hätte wohl mancher zu seiner Liebsten haben mögen, und nu bin ick eine Frau, aber ob wir jemals 'n Kind zusammenhaben werden, det weeß der liebe Gott!« Sie seufzte und schwieg. Hans fühlte etwas wie stille Gewissensbisse, daß er auf die Scheinheirat mit Jette vor einigen Tagen eingegangen war. Er fühlte immer mehr, daß Folgerungen darin lagen, die früher oder später die Jette sehr unglücklich machen mußten, wenn er das geschwisterliche Verhältnis zu ihr aufrecht erhalten wollte. Ein unbestimmtes Etwas hatte ihn mit Macht aus seiner Haft zu Jette hingezogen, sodaß er selbst die wiedergefundene Braut in einer Art von stumpfer Verzweiflung am eigenen Glück von neuem hatte lassen können. Sollte es wirkliche Liebe zu dem Mädchen sein, oder war es nur eine unnatürlich gesteigerte Zeitkrankheit, die ihn zu ihr hingetrieben hatte, die Sozialkrankheit der Gebildeten, der statistisch Forschenden, der Gutherzigen und Edlen, welche in einer Zeit der schroffsten Gegensätze zwischen Reich und Arm, zwischen Arbeit und Arbeitslosigkeit, zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer von christlichen und sozialen Ideen und Gefühlen erfaßt worden waren, die bis zur Askese und zum Mönchstum des Urchristentums sich entwickelten in einzelnen Denkern und Schriftstellern? Er fühlte es, dieser dunkle Drang, welcher ihn von seiner wissenschaftlichen Arbeit weg, von neuem unter die Ausgestoßenen getrieben hatte, war kein gemeiner Drang, aber wie eine tiefe Krankheit saß er in ihm fest, die ihn immer wieder rückfällig werden ließ. »Sehnst du dich denn wirklich so nach Kindern, meine Jette?« frug er milde das Mädchen. »Und wie! Ach, Hans!« meinte die Jette sehnsüchtig. »Nee, ick könnte mir ja gar nischt Schöneres denken, als wenn wir 'mal so zu dreien hier saßen, und du füttertest deinen Jungen, so wie ick dir jetzt füttere.« Sie fischte mit den Fingern ein Stück vom Gekröse und schob es ihm in den Mund. Und indem sie Hans mit einem hoffnungsvollen Blicke anschaute, fand dieser selbst, daß sie in ihrem Zigeunerkleid wunderhübsch, ja, geradezu verführerisch aussehen konnte. Bei dieser Empfindung fühlte Hans sich aber in einem inneren Zwiespalt, sodaß er endlich langsam mit dem Worte herausrückte: »Na, ja, Jette, ich sehe ja ein, daß das mit uns nicht so länger fortgehen kann; aber soll es denn sein, nun, so wollen wir uns zuvor standesamtlich zusammengeben lassen, damit unsre Kinder uns einst nichts vorzuwerfen haben.« Jette sah beschämt in ihren Schoß. »Ja, wenn du so meinst!« sprach sie, indem sie feuerrot wurde. »Und du hast ja auch recht. – Ach, Hans, und wie lieb ick dir erst jetzt habe!« flüsterte sie dann leidenschaftlich. »Siehst du, daß du mir armes Findelkind so hoch achtest, das macht mir erst stolz, und nun laß ick dir erst recht nicht, und wenn die ganze Welt uns auseinanderreißen wollte!« Dieses Bekenntnis heftiger Leidenschaft hörte Hans nicht ohne innere Beklemmung; er hatte ein Gefühl, als müsse er sich doch losreißen, jemehr es ihm war, als steige auch in ihm eine Neigung feurigerer Liebe auf, als er sie bisher empfunden hatte. Jette trank ein Bleiglas, das sie neben sich stehen hatte, mit einem heftigen Zug fast ganz leer; dann reichte sie es Hans und sagte: »Na, und nun trinke auch 'mal. Hier am Rande, an der Stelle hab ick ooch jetrunken.« »Jette, das will ich; das darf ich!« meinte Hans mit einer Art von Selbstironie über die wundersame Herzenslage, in der er sich befand, wobei er seinen Mund an die Stelle setzte, wo Jette getrunken hatte. Indem er aber das Bier langsam ausschlürfte, wollte ihm das Mädchen immer begehrenswerter erscheinen, so daß er ihr auch einen feurigen Blick schenkte. Die Jette schlug mit stiller Genugthuung hierüber die Augen nieder, packte ihr Geschirr zusammen, erhob sich und sagte, indem sie sich ins Zelt zurückzog: »Na, und nun will ick mir wieder für die Nachmittagsvorstellung herrichten, damit ick den jungen Mädchens und Fräuleins auch wat Hübsches über ihre Liebsten wahrsagen kann.« »Wie hübsch sie aussieht in ihrem Kostüm!« dachte Hans. Merkwürdig, er spürte, daß gleichzeitig mit einer aufquellenden Leidenschaft, die er für das Mädchen empfand, auch eine feurigere Erinnerung an Emma in ihm erwachte. Dies war wahrhaftig der tollste Zustand, in welchen eine fromme Gelehrtenseele gleich der seinen verfallen konnte. Er sehnte sich mit ganz plötzlicher unsinniger Leidenschaft nach der verlassenen Braut, und da machte es ihm Gewissensbisse, daß er für die Zigeunerin nicht minder heftige Empfindungen erwachen fühlte. »Wie ich aus dieser Sache herauskommen soll, weiß der Himmel! Männer, Männer! Vier Kammern hat euer Herz und da können mehrere Frauenzimmerchen so friedlich bei einander wohnen! O – wir Männer sind ein viel größeres Rätsel als die Frauen!« Eine neue, heitere Laune kam über den Forscher, in welcher ein Gefühl süßer Gleichgültigkeit der Lebensführung ihn ganz gefangen nahm. Er hing diesen Betrachtungen nach, als er plötzlich durch das Erscheinen Hasenklaus an andere Dinge erinnert wurde. »Ach! du kommst mir gerade recht! Endlich hab' ich dich, Bisamratte!« dachte er, als er den Schauspieler ahnungslos und gemächlich aus den Budenreihen herausschlendern sah. Seine ganze energische Stimmung gegen den Kerl, dem er auch seinen Tag Haft verdankte, regte sich, und er beschloß, den Gauner nicht ungerupft aus seinen Händen zu lassen, nachdem das Schicksal ihm denselben nochmals in den Weg führte. Hasenklau war ganz nahe herangekommen, als er Hans bemerkte. Er wollte mit einer Seitenschwenkung, leise erschrocken, erst abbiegen, da er sich aber besann, daß der Nationalökonom augenscheinlich noch keine Ahnung hatte von dem Diebe seiner Papiere, so lenkte er doch heran und grüßte harmlos mit hohler Stimme: »Sei mir gegrüßt im Freien, Antonio! Sehen wir uns auch einmal wieder bei Philippi?!« »Sieh, sieh, Orbassany-Hasenklau!« meinte Hans mit Behaglichkeit. »Wir haben uns ein paar Tage ganz aus den Augen verloren. Aber es freut mich aufrichtig. Bist wohl in Geschäften hier?« »Nee, ick habe mir für einige Zeit ins Privatleben zurückjezogen,« erwiderte der andere herablassend; will mal von meinen Renten leben und det Leben aufm Jahrmarkt 'n bisken jenießen. Riesendamen sehe ich für mein Leben gern; ick habe 'ne gewisse Vorliebe für det starke Jeschlecht.« »Sieh, sieh, alter Kerl, das ist hübsch von dir,« antwortete Hans, indem er den Schauspieler zutraulich unter dem Arme faßte. »Kannst mir in meiner Bude auch mal was zuwenden. Aber jetzt essen wir erst noch mal eine Bratwurst zusammen, denn man sieht sich doch nicht alle Tage!« »Na, weil du's bist, Jeld hab ick ja,« meinte der Schauspieler harmlos. Sie gingen einige Schritte, bis sie an das letzte Bratwurstzelt kamen. Dort setzten sie sich nieder; Hans bestellte Bier und für Hasenklau eine Bratwurst, die er diesem mit einer Empfindung vorsetzte, mit der ein Angler einen recht schönen, langen Regenwurm auswerfen mag in der Hoffnung, ein feister Karpfen werde anbeißen. »Hast wohl einen recht wohlthätigen Mann kennen gelernt, der mit dir ein wenig geteilt hat, weil du so gut bei Gelde bist?!« frug Hans mit schlauem Augenblinzeln, wie jemand, der in solchen Sachen verschwiegen ist. »Ick bin an einen Dummen geraten,« erwiderte der Schauspieler mit Hohn, indem er seine Bratwurst zerschnitt und einen heißen Bissen behutsam im Munde kühlte. »Schauspieler bin ick ja, wenn ick eenem mal wat vormache, denn jloobt er's allemal.« »So, so, deine ehemalige Kunst kommt dir wohl überhaupt sehr zu statten?« Hasenklau war sich bewußt, mit einem Manne zu sprechen, der sich augenscheinlich nur mit ihm unterhielt, um ihn als Gegenstand wissenschaftlichen Studiums näher kennen zu lernen. Er ahnte nicht, daß Hans gegenwärtig einen ganz anderen Zweck verfolgte. Er fand den Augenblick geeignet, eine Probe seiner Fähigkeit abzulegen, mit welcher er dem Volkserforscher Achtung einflößen konnte und meinte: »Ach ja, ick kann in allen Masken jehn. Wenn ich als alter Schnorrer gehe, dann mache ick es so –« Er strich die Haare über die Schläfen herein, schlug seinen Rockkragen auf, duckte mit dem Nacken zwischen die Schultern herein und machte mit verblüffender Geschicklichkeit das Gesicht eines alten polnischen Juden. »Wenn aber als Baron, denn so –« Im Nu hatte er sich aufgerichtet und den Gesichtsausdruck gewechselt. Er war nun ganz ein gezierter Herr, der die Lippen geringschätzig hängen ließ und ein Augenglas im linken, zusammengekniffenen Auge zu tragen schien. »Der Dichter Tieck machte es auch immer so wie ich,« fuhr der Schauspieler fort. Wenn der mal auf der Straße nicht erkannt sein wollte, so legte er einfach sein Gesicht in andere Falten, denn er hatte ein angeborenes mimisches Talent. Die Leute gingen vorüber, ohne ihn zu erkennen. Ick war mal vor Jericht geladen, wo mehrere Zeugen da waren, die mir rekognoszieren sollten. Wie sie aber vor mir standen, habe ick blos so'n Jesicht gemacht – er nahm einen wildfremden Ausdruck an und schien auf einmal eine viel längere Nase und einen sehr großen Mund zu haben – siehste so –, und da sagte der erste Zeuge gleich ganz bestimmt: ›Nein, das ist Orbassany nicht.‹ Zuletzt mußten sie mir unverrichteter Sache laufen lassen, weil kein Zeuge wagte, einen Eid darauf zu schwören, daß ich derjenige war.« Hans mußte sich erst ein wenig vom Erstaunen über diese mimischen Künste erholen und rief unwillkürlich aus: »Schade um so viel Genie!« Er sah aber, daß der Gauner sich ihm gegenüber ganz sicher wähnte, und ging daher plötzlich gerade auf sein Ziel los, indem er unvermutet mit besorgter und flüsternder Stimme dem anderen die Mitteilung machte: »Weißt du übrigens, daß die Polizei hinter dir her ist? Nimm dich in acht. Du hast neulich auf der Erdmannsdorfer Penne einen falschen Hundertmarkschein gewechselt, und der ist durch die Wirtin in die Hände der Polizei gekommen.« Hasenklau erschrak leise und flüsterte: »Falsch? Det is nicht möglich. Er war ja von der Post.« Hans dachte: Aha! Hab' ich dich! und versicherte, daß in der Umgegend noch eine ganze Masse solcher falscher Scheine zirkulieren sollten. Er riet dem Schauspieler zu sehen, daß er sie bei Zeiten los würde, falls er etwa noch mehr falscher Scheine bei sich hätte. – »Ja, haben thu ick freilich,« sprach Hasenklau verlegen, der noch nichts ahnte von der Falle, welche ihm gestellt wurde. Aber falsch! Das wäre noch schöner.« Hans wunderte sich selbst über seine Ruhe und Verstellungskraft, mit der er jetzt die zutraulichste und ehrlichste Miene von der Welt machte, als er sagte: »Na, zeige einmal her – sie sollen auf der Rückseite einen Fehler im Druck haben – die Polizei hat deine Spur auch schon – es war vorhin einer da – es soll eine Falschmünzerbande hier in der Gegend sein, und du bist im Verdachte, dazu zu gehören –« Dieser Verdacht erschreckte den Schauspieler nicht wenig. Er hielt es für sehr ehrenrührig, ein Falschmünzer zu heißen, und zog daher verblüfft seine Brieftasche aus dem Rock, holte einen Hundertmarkschein, den er in Münsterheim empfangen hatte, heraus und legte ihn vor Hans auf den Tisch. »Nee, is et wahr? Da ist z. B. ein Schein. Ich kann aber nichts Falsches erkennen.« Hans nahm den Schein in die Hand, hielt ihn gegen das Licht und schien ihn sehr eifrig zu untersuchen. Dann sagte er rasch: »Ei freilich ist er falsch, siehst du hier – in der Anatomie dieser Frauengestalt, da steckt der Fehler –« Und er neigte sich nieder, um dem Schauspieler eine längere Unterweisung über Anatomie zu geben, welche die Falschdrucker ganz verfehlt hätten. Hasenklau wurde besorgt um sein Geld, das er auf Kosten Landmanns auf den Postämtern erhoben hatte, und meinte, indem er einen Schein nach dem andern Hans vorlegte: »Ei, Teufel, da werden die anderen doch nicht auch – geh, sieh sie dir mal genau an –« Hans legte einen Schein auf den andern, nachdem er ihn gegen das Licht gehalten hatte, und sagte nur trocken dazwischen: »Falsch. – Ist auch falsch, – Alles falsch. –« Nachdem er aber übersehen hatte, daß mit Ausnahme von etwa 200 Mark, diese guten, kostbaren Scheine seine vorausgeschickten Reisegelder vollständig darstellten, faltete er die Scheine gelassen zusammen und steckte sie mit olympischer Ruhe in die Hosentasche. Der Schauspieler machte ein beklommenes Gesicht dabei; Hans aber sagte zutraulich zu seiner Beruhigung: »Ich will sie einstweilen zu mir nehmen. Bei der Untersuchung findet man dann nichts bei dir, es ist nur wegen des falschen Verdachtes.« »Ja, wie – wo –« stotterte Hasenklau argwöhnisch – »beim Sonnenlicht, dies ist erstaunlich fremd.« Eine dunkle Ahnung stieg in ihm auf, daß die Harmlosigkeit des Nationalökonomen doch nicht so groß sein mochte, als es schien. Hans aber, innerlich triumphierend über den wohlgeglückten Streich, mit welchem er den Gauner in aller Gemütsruhe das unterschlagene Geld wieder abgenommen hatte, rümpfte plötzlich die Nase und sagte höhnisch zu jenem. »Hasenklau, ich weiß gar nicht – du riechst wieder einmal recht nach Bisam –« »Bisam?! Ick?!« frug dieser beklommen. »Wenn ich nur müßte, was er hat –?!« dachte er. »Ich liebe diesen Geruch. Ich liebe ihn mehr als Rosenduft und Nelken. Pflanzen, die nach Bisam riechen, sind hübsche Pflanzen.« Hasenklau wollte auch etwas sagen, da er aber nicht wußte, wohinaus das alles zielte, so sprach er kleinlaut: »'s jiebt ooch Ochsen, die so riechen. Det sind die Bisamochsen.« Hans weidete sich daran, den Kerl an einem langsamen Feuer zu braten, und sagte nun wieder rasch: »Aber ich würde an deiner Stelle doch die Post in Münsterheim und Neustadt für die falschen Scheine verantwortlich machen, sonst kommt die ganze Sache auf dich!« »Ja, det werde ick sogar! Ick werde den Kerl von Beamten einfach anzeigen. Wir können das mit gutem Gewissen!« rief Hasenklau herausfordernd dagegen, indem er ganz vergaß, daß er sich aufs ärgste selbst verriet. »Münsterheim ist eine hübsche Stadt, Neustadt auch,« fuhr Hans triumphierend fort. »Es gibt Menschen, die man oft für dümmer hält, als sie wirklich sind. Man treibt wohl allerhand Schabernack mit ihnen. Aber wenn's zum Klappen kommt, dann sind sie doch oben auf!« Ein wahres Siegerbewußtsein klang aus diesen Worten des Gelehrten. »Meinst du mich damit, Finke?!« frug Hasenklau furchtsam. »Solche Menschen haben ein besonderes Talent, Spitzbuben zu entlarven, weil die Kerle sich leicht für zu sicher halten – Hasenklau, du bist kein guter Apotheker, trotzdem du nach Bisam riechst und Shakespeare im Munde führst, du bist sogar ein schlechter Apotheker –« »Na – nu – det hat mir keiner noch gesagt,« entgegnete der Schauspieler ahnungsvoll, der zwar immer noch nicht den Zusammenhang durchschaute, aber doch fühlte, daß er irgendwie der Betrogene war. Hans aber brach nun siegesgewiß und leidenschaftlich los und schalt: »Geschenkte Kleider, abgetragene Lumpen, trägst du auf dem Leibe und geschenkte, erborgte, verbrauchte, spitzbübisch entwendete Redensarten führst du im Munde! Und mit solchen buntscheckigen Lumpenphrasen willst du etwas vorstellen? Pfui Teufel! Kann nicht einmal einen Originalwitz machen, muß wie die schlechten Possenfabrikanten von den abgenagten Schinkenknochen der Poeten leben?! – Citatenfechter – pfui!« »Aber ick weeß gar nicht,« sagte der Schauspieler ängstlich, »det is ja ordentlich beleidigend!« Er meinte gekränkt: »Wat kann denn ick für meine schwache Seite?!« Hans zog triumphierend seine Legitimationen aus der Rocktasche, hielt sie dem erbleichenden Gauner vor und rief: »Schwache Seite? Bisam ist deine schwache Seite! Laß dir diese Papiere unter die Nase halten, Lump! Riechen sie nicht nach Bisam wie ein ganzes Pensionat von alten Jungfern! In Münsterheim und Neustadt hast du auf der Post diese Gelder erhoben; eben hast du es in deiner Dummheit selbst verraten und diese Scheine sind nicht falsch, sondern mein gutes, von dir unterschlagenes Geld. Aber ich preise meinen Verstand, meine von euch Gaunern so oft unterschätzte Klugheit, daß ich der Hyäne die Beute aus dem Rachen genommen habe, und nun schäme dich, schäme dich ohne alle Citate denn, bei Gott, wenn du jetzt noch einen einzigen Dichter citierst, so zeige ich dich unweigerlich der Polizei an!« Hasenklau hatte mit gänzlich erstarrten Mienen den Beweis seiner Gaunereien angehört. Er kämpfte sichtlich zwischen Furcht vor Citaten und Jammer über das große Unglück, das über ihn hereinbrach. Plötzlich stieß er die Worte hervor: »Was sind Hoffnungen –!« Er wollte sich aufrichten, sank aber mit einem schauspielerisch gesteigerten Ausdrucke tiefer Zerknirschung in den Stuhl zurück und schluchzte unvermutet auf wie ein altes Weib. Er wischte sich die Augen und sprach erstickt: »Ach, mein weichet Jemüt! Mein weichet Jemüt. Ick bin janz ohnmächtig. Det is allens ville zu rasch über mir jekommen –« Er machte Miene, sich zu erheben, blickte Hans ängstlich an und bat: »Lassen Se mir loofen, ick bin ooch anständig gegen Sie gewesen – ick habe Ihnen ooch in der Not gepumpt –!« »Von meinem eigenen Gelde, was?!« frug Hans aufgeregt und höhnisch. »Nun, ich will Gnade für Recht ergehen lassen. Mach', daß du fortkommst! Weil ich dir doch den Hauptknochen aus dem Rachen gerissen, und das übrige zum Besten anderer verjubelt worden ist. Ich will dich laufen lassen. Ich will es auch in Anbetracht meines Standes. Denn nun kommt das Beschämendste für dich, damit du siehst, wie du in jeder Hinsicht der Dumme gewesen bist.« Hans spielte seinen letzten und höchsten Trumpf aus; er sagte höhnisch: »Erfahre, ich heiße nicht Finke, sondern –« Bei diesen Worten aber erhob sich Hasenklau triumphierend, winkte mit der Hand ab und sagte stolz: »Oho! Oho! Herr Landmann! Das wissen wir längst, das weiß die ganze Erdmannsdorfer Penne, daß Sie Nationalökonom und Schriftsteller sind – oho, da bin ick Ihnen nun doch über in dem Punkte!« Hans schwieg einen Augenblick enttäuscht still. Wenn das wahr war, ei, dann war ja wohl verschiedenes, was er erlebt hatte, höchst lächerlich, höchst komisch, wo er es am wenigsten vermutet hatte; ja, alle seine Erlebnisse gewannen eine ganz andere Beleuchtung. In einem plötzlichen Anfall des unverfälschtesten Ärgers wies Hans den anderen mit der Hand weg und rief rauh: »Scher' dich zum Teufel, aber schleunigst –« Hasenklau ging rasch fort, kehrte aber dann nochmals um, als habe er irgend etwas auf dem Gewissen. Er meinte demütig: »Ach, nur 'ne Bitte – da Sie doch so anständig sind –!« »Marsch! Aber rasch, sehr rasch sogar –!« rief Hans ihm im gesteigerten Zorne zu, worauf denn der Schauspieler eilig davonschlich wie einer, der seinen Kopf noch glücklich aus einer gefährlichen Schlinge herausgezogen hat. Als er ein Stückchen weg war, außerhalb des Bereiches der Hände des Nationalökonomen, drehte er sich um und nahm mit größter Eleganz seinen Hut ab, indem er sich mit dem Ausdrucke der Zuvorkommenheit und des allerverbindlichsten Dankes verbeugte. Hierauf verschwand er, behaglich schlendernd, in einer Budenreihe. Hans sah ihm mit überaus gemischten Gefühlen nach. Wenn es wahr blieb, daß die Kunden und Stromer auf der Penne schon längst wußten, wes Geistes und Standes Kind er war, so sagte sich Landmann freilich, daß der beste Teil seiner Fahrt vom Übel gewesen war unter allen Umständen. Eine große Umwälzung vollzog sich in seiner Seele. Komödie hatte man mit ihm gespielt, daran war kein Zweifel; jedenfalls hatte man sich nicht so gegeben, wie man wirklich war, und das Bild, welches Hans vom Fechterleben hatte, konnte daher kein reines, unbefangenes, unmittelbares sein. Hans dachte an die Rolle, die er unbewußt vor den Kerlen gespielt hatte; der ganzen Natur der Dinge nach war er weit mehr ihr Studienobjekt gewesen, als daß sie für ihn unbefangene Mittel der menschlichen Beobachtung gewesen wären. Und indem Hans alle die mitleidigen, guten und menschlichen Regungen seines Herzens, die er für diese Leute gefühlt hatte, sich in die Erinnerung zurückrief, begann er sich derselben weidlich zu schämen. Alle waren sie innerlich ihm überlegen gewesen, alle hatten sie die Äußerungen seiner Menschenliebe nur als einen ergötzlichen Schabernack ansehen müssen, alle hatten sie darauf hin ihr äußeres oder seelisches Geschäft mit ihm gemacht und im stillen gewiß voll Hohn die Ausdrücke seiner sittlichen Empfindungen betrachtet. Und Hans dachte an sein Verhältnis zu Jette Fremder. In welchem Lichte mußte dieses den Kunden und Schicksen, den Landstreicherinnen und Hausiererinnen erscheinen. Er kam sich vor wie einer, den man plötzlich mit einer Ladung Wasser übergossen hat mitten in einer schwärmerischen Betrachtung des schönsten Sonnenunterganges. Seine Neigung zur Jette, sein Trieb der eigenen Selbsterniedrigung, seine geschwisterlichen Gefühle, sein ganzes Vorhaben mit dem Mädchen, das Leben einer Art von geistiger und gesellschaftlicher Kasteiung zu führen – alles erschien ihm in einem unglaublich lächerlichen Lichte und die ganze sittliche Lebensanschauung, welche sich ihm hatte im Verkehr mit den Ausgestoßenen der Gesellschaft entwickeln wollen, kam ihm so schief, so geistig linkisch vor, daß er am liebsten sich selbst hätte deshalb ohrfeigen mögen. Er verfiel ins Gegenteil seiner früheren Empfindungen und empfand wohl auch manche Regung seiner Seele als lächerlich, die nichtsdestoweniger im Buche des Himmels als schön und menschlich wertvoll aufgezeichnet blieb. Am liebsten hätte er sofort aufbrechen mögen, um sofort seine Wanderschaft aufzugeben und innerlich geheilt in sein Amt zurückzukehren. Aber der wunderbare Humor, der in seiner Seele als die Mitgift seines edlen und guten Herzens lebte, faßte doch zu neuverklärter Laune sein Gemüt an, und er dachte, er müsse eine andere Lösung aus seinem Verhältnis zur Jette finden, als ein plötzliches Davonlaufen. Und Jette wußte ja nicht, daß er kein Schlossergeselle war, sie glaubte ja doch, der Mann, den sie liebte, sei das, wofür er sich ausgäbe; er mußte einen Weg finden, sie vor großen Schmerzen zu bewahren. Im ganzen aber fühlte er durch die neue Beleuchtung, in welcher all seine Erlebnisse ihm erschienen, da alle Welt gewußt hatte, wer er in Wirklichkeit war, sich auch von den diogenischen, buddhistischen, mönchischen Anwandlungen seines Herzens geheilt, und mit energischer Freude entsann er sich, daß er ein Arbeiter zur Arbeit und wie jener glückliche Bergarbeiter glücklich war, in dem Gedanken, zur regelmäßig schaffenden Thätigkeit zurückzukehren. Unterdessen hatte sich allmählich allerlei Volk auf dem Jahrmarkt wieder eingefunden, Bauermädchen und Kleinstädterinnen, Händler und Käufer drängten sich um die Buden und gafften neugierig die Menageriebilder und die verheißenden Inschriften der Buden an. Hans wurde von einem kühnen, starken Galgenhumor erfaßt, und er begrüßte die Gelegenheit, als Ausrufer für die Jette auftreten zu müssen, zugleich als das Mittel dieser seiner Laune übermütig die Zügel schießen zu lassen. »Immer heran, meine Damen, hier muß man sehen, hier muß man eintreten,« rief er über die buntköpfige Menge, indem er auf die Rampe der Bude trat. »Hier ist zu sehen Jettinka, das Zauberweib, mit ihrem lebendig dressierten Krokodil. In Emin Paschas Provinz an den Quellen des Nils geboren und am Fuße der Pyramiden, in Ermangelung einer wendischen Amme, an den Brüsten einer lebendigen, alten Sphinx gesäugt, ist dieses Zauberweib in wenig Jahren zur blühendsten Jungfrau emporgeschossen. Die Milch der Sphinxe, die Geheimlehre der alten Inder und Ägypter haben ihr die Wunder der Chiromantie und höheren Wahrsagekunst eingeflößt. Nur ohne Furcht, nur immer heran! Hier erfährt man die Zukunft; Damen den Zukünftigen. Zehn Pfennige Eintritt, Damen, welche ihr Alter richtig angeben, zahlen die Hälfte!« Während er so sprach und dabei fühlte, wie seine Gefühle für die Jette immer mehr dahinschwanden und ihm immer komischer erschienen, ging unten Bill Will mit einem Sammelteller unter den Leuten umher und rief: »Hier muß man schauen! Hier muß man sehen!« Er klapperte mit dem Teller und sprach: »Sogleich beginnen Bill Wills Produktionen in der höheren Jongleurkunst. Meine Herrschaften, Bill Wills echt arabisches Schulpferd ›Nebukadnezar‹ ist leider am Genickbruch zu Grunde gegangen, weil ihm der Clown ein Bein gestellt hatte, aber Bill Will, der sich durch nichts werfen läßt, trotzt allen Schicksalsschlägen. Bis Ihre milden Gaben ihm gestatten, ein neues Pferd zu kaufen, wird dieser weltberühmte Künstler Sie als Jongleur unterhalten. Er wird mitten auf gespanntem Drahtseile auf einem Flaschenhalse stehn, zehn Meter hoch – immer heran, immer heran, die Vorstellung wird sogleich beginnen –« Hans sah, wie er von vielen Geld auf den Teller gelegt erhielt, und die Zuschauerschaft sich allmählich um die Scheuerleine des »Cirkus Bill Will« versammelte. – Unterdessen war Jette in ihrem Zigeunerkleid aus der Bude getreten und hatte sich neben Hans aufgestellt. Er rief von neuem: »Jettinka, das ägyptische Zauberweib! Sehen Sie dieses Mädchen an! Von der deutschen Sprache versteht sie nur wenig Worte, aber sie spricht indisch, ägyptisch, hieroglyphisch und kalligraphisch wie ihre Muttersprache. Sehen Sie diese geheimnisvoll gebildeten Hände an, diese Arme« – er drängte einen Bauern zurück– »aber nicht anfassen, anfassen ist verboten – sehen Sie dieses Meerauge mit dem Kassandrablick, der in die fernste Zukunft schaut!« Er unterbrach sich und rief Bill Will zu: »Du, Bill Will, du mengst dich unter mein Publikum, das geht nicht –!« »Oho!« rief jener zurück. »Still sein! Sonst sage ich hier dem hochverehrten Publikum, mit wem man es zu thun hat – du mit deiner ägyptischen Nilschlange! –« »Lassen Sie sich nicht einschüchtern!« rief Hans mit gesteigertem Galgenhumor, während er in der armen, ahnungslosen Jette nur noch einen Gegenstand für seine Späße sah, »Sieht dieses Mädchen wie eine Schlange aus? Nur in ihren Kinderjahren, da lief ihr Leib unten in einen schuppenbedeckten Krokodilschwanz aus, aber seitdem sie in die Jahre der Jungfräulichkeit eingetreten ist, fielen ihr die Schuppen beim Kämmen ab und aus der rauhen Hülle entwickelte sich die edelste Menschenform! Immer heran, meine Damen – nur für Damen! Wer von Ihnen ein Muttermal oder ein Liebesgrübchen im Kinn, eine kleine Warze hat – aus allem weissagt Jettinka, das wunderbare, ägyptische Zauberweib!« – Er hielt plötzlich mitten im Rufen still und schwieg erschrocken. Denn auf der Wiese, hinter dem Cirkus Bill Will, sah er gerade vor sich eine Dame zu Pferde heranreiten, in der er das geliebte Gesicht seiner verlorenen Braut erkannte. Wie kam die hierher? Er erbleichte, hielt es erst für einen Zufall; als er aber sah, wie die Dame anhielt, vom Pferde sprang, ihr Reitkleid aufknüpfte und gleichzeitig einem Bauernjungen die Zügel zum Halten zuwarf, da fühlte er doch, daß Emma v. Arnim irgend einen Entschluß gefaßt haben mußte, der sich auf ihn bezog. Er sah, wie sie dann näher kam und im Getümmel des Jahrmarktes etwas zu suchen schien; kein Zweifel, sie forschte nach ihm und mußte ihn jeden Augenblick erkennen. Er harrte sprachlos der Dinge, die da kommen sollten. Unterdessen war Jette von seiner Seite mit einem Sammelteller gleichfalls unter die Leute getreten und lud Mädchen und Frauen ein sich gleich an der Stelle von ihr aus der Hand wahrsagen zu lassen. Sie bediente sich einer gebrochenen, fremdartigen Aussprache dabei und wurde überall als eine unverfälschte Zigeunerin außerordentlich angestaunt. »O, ich könnte die ganze Welt mit einem Fingerhut zudecken!« dachte Emma v. Arnim, als sie in diesem Augenblick zu Hans hinauf und ihn als den Ausrufer oben stehen sah. Aber warte! ich will dich rupfen wie die jungen Tauben in meiner Küche. Jette war indessen ahnungslos vor das Fräulein im Reitkleide hingetreten und hielt ihr den Teller hin. »Was gefällig, schöne Fremde?!« frug Emma, ohne noch bestimmt zu wissen, daß Jette das Mädchen war, mit welchem Hans umherzog, denn sie konnte sie wegen der braunen Färbung ihres Antlitzes nicht sogleich wiedererkennen, »Wollen Fräule geweissagt Zukunft. Weissag' ich aus der Hand, Fuß und Auge. Trifft immer ein. Bin ich aus Ägypten.« »Ei, so eine kommt mir gerade recht. Was weissagst du mir aus der Hand, schöne Ägypterin?!« frug Emma, indem sie den Handschuh von ihrer Rechten abzog und diese dem Mädchen hinhielt. Hans stand oben vor seiner Bude wie auf Kohlen, denn er sagte sich, aus dieser Begegnung seiner beiden »Bräute« könne unmöglich Gutes ersprießen. Jette betrachtete die Linien in Emmas Hand eine Weile und sagte dann: »Sehre gute Hand. Hat lauter Linien, die viel sagen. Werden mit dieser Hand mal viel streicheln ein liebes Gesicht.« »Ei!« meinte Emma. »Und was weissagst du mir aus den Augen, kluge Zigeunerin.« Nachdem Jette stumm ihren Teller hingehalten und von Emma ein Geldstück erhalten hatte, sprach sie, indem sie der Reiterin lange in die Augen sah: »Fräulein werden noch vor Ihrem fünfundzwanzigsten Jahre manches sehen, was Augen lieber nicht gesehen hätten.« »Und das muß wahr sein!« meinte Emma mit einem strafenden Blick auf Landmann. »Aber was weissagst du mir aus meinem Fuß?!« – »Bitte zu zeigen Fuß!« forderte Jette die Fragerin auf. Emma raffte ihren Rocksaum ein Stückchen in die Höhe und blickte nieder auf ihren sehr zierlichen und aristokratischen Fuß. Jette kniete an ihrer Seite hin, machte einige geheimnisvolle Zeichen über dem Fuß, und indem sie sich wieder erhob, weissagte sie: »Fräulein werden einmal leben sehr auf großem Fuß.« »Ei, was hat Ihnen mein hübscher Fuß gethan. So groß ist er doch nicht!« spöttelte Emma, indem sie rasch den Rocksaum niederfallen ließ. »Sage mir lieber, schöne Pythia, was werde ich in der Liebe für Glück haben. Wird mein Geliebter mir treu sein? Beweise, was du kannst!« Sie warf dabei einen bedeutungsvollen Blick auf Hans, der wie auf Kohlen stand und mit den besorgtesten Gefühlen auf das wartete, was sie vorhaben mochte. »Liebe?!« frug Jette. »O, über Liebe weissage ich nur in meiner Bude. Kostet zehn Pfennig. Wollen Sie eintreten, Fräulein.« Jette stieg voran und schlug den Vorhang der Bude zurück, um Emma eintreten zu lassen. Indem diese nun aber außer jedem Zweifel war, daß die Zigeunerin das Mädchen war, mit welchem ihr leichtsinniger Bräutigam Jahrmarktsgeschäfte machte; beschloß sie den Knoten, der hier zu bestehen schien, ohne weiteres und ohne alle Gefühlsrücksicht energisch zu zerhauen. »Was? In diese Bude? Hier herein?!« frug sie, indem sie dem erbleichenden Ausrufer einen strafenden Blick zuwarf. »Jawohl. Über Liebe wahrsage nur aus Muttermal, mein Fräulein, wenn Sie haben eines,« radebreche die Jette ahnungslos, daß sie mit der Braut ihres »Mannes« sprach. »Schöne Zigeunerin, ich habe ein Muttermal auf dem Arm, weissage mir über die Liebe!« antwortete Emma, indem sie in die Bude trat. Im Vorübergehen streifte sie dicht an Hans vorbei und raunte ihm zu: »O, sie ist hübsch! – Sie ist ja sehr hübsch, mein Herr.« Darauf verschwand sie mit Jette hinter dem Vorhang des Zeltes. Hans hatte nicht gewagt Emma anzureden und vor der Jette seine Bekanntschaft mit ihr zu verraten. Im wundersamsten Widerstreit der Gefühle wartete er auf das, was nun hinter dem Vorhange zwischen den beiden Mädchen vorgehen mochte. Er hatte aus Emmas ganzem Benehmen nun doch gesehen, daß sie ihn noch immer liebe, ja sogar, daß sie eifersüchtig war. Ein ungekanntes inneres Glück hierüber lebte in ihm auf; er fühlte, daß alles, was zwischen ihnen lag, wie ein drückender Traum vorüberschwinden mußte, auf den ein befreites und heiteres Erwachen folgt. Aber in diese Gefühle mischte sich eine jähe Besorgnis um das Glück der armen Jette, vor der er nun im traurigsten Lichte stand. Es wurde ihm heiß und kalt, wenn er daran dachte, wie die Jette es aufnehmen würde, daß die ganze sogenannte Heirat nur ein Spiel, ja, von seiner Seite ein frevelhaftes Spiel gewesen war. Er schritt unruhig auf der Rampe auf und ab, denn er war überzeugt, daß Emma drinnen der armen Jette soeben all ihre schönsten Lebensillusionen raubte. Und gewiß würde sie es mit all der Grausamkeit thun, welcher die Frauen in einem solchen Falle fähig sind. Er begann endlich, um seine Sorge, seine höllische Verlegenheit sich vom Herzen wegzureden von neuem über die Menge als Ausrufer wegzurufen und dabei das tollste Zeug durcheinander zu sprechen, das ihm in den Sinn kam. Unterdessen hatte gegenüber in der grünen Arena vor dem versammelten ländlichen Zuschauerkreise Bill Will seine Produktionen begonnen. Mit einem kunstreitermäßigen Anlauf kam er in seinem durchlöcherten Tricot in die Arena hereingesprungen, verbeugte sich zierlich und warf den Damen einen liebenswürdigen Handkuß zu. Darauf wendete er sich mit der Ansprache an die harrenden Zuschauer: »Hochzuverehrendes Publikum. Zu meinem größten Bedauern sind meine Flaschenproduktionen auf gespanntem Drahtseil nicht möglich.« Ein enttäuschtes und höhnisches Gemurmel ging auf diese Worte durch die Reihen der Zuschauer. Bill Will schien das indessen garnicht zu bemerken und fuhr fort: »Das Drahtseil ist in Verwickelung geraten und trotz aller Bemühungen der Angehörigen meiner Truppe nicht auseinanderzufitzen. Aber ich werde dieselben Produktionen auf der bloßen Erde vorführen. Es ist ganz dasselbe wie auf dem Seil, nur daß das Drahtseil ein kleines Stückchen höher liegt; die Schwierigkeit ist aber eher größer, weil Sie einen so glatten Grund wie auf dem Seile auf der ebenen Erde ja doch niemals herstellen können. Ich bitte daher um Ihre gütige Nachsicht, meine Herrschaften, und um Ihren geneigten Applaus.« Nach diesen Worten begann er zunächst Räder zu schlagen und einige Kopfsprünge vorzunehmen, die ganz gut gelangen, wenn er auch infolge der schlechten Lebensweise dabei ganz außer Atem kam und jeden Augenblick innehalten mußte, um zu verschnaufen. Es war ein Jammer anzusehen; Hans sah deutlich, wie der arme Mensch sich plagte, und das alte Mitleid kam wieder über ihn, sodaß er seine eigne Verlegenheit fast darüber vergaß. Nach einigen weiteren Sprüngen sollten nun die Flaschenproduktionen beginnen. Bill Will setzte zwei Flaschen neben einander auf die Erde und machte mit größter Vorsicht den Versuch, zunächst auf der einen ruhig im Gleichgewicht zu stehn. Das gelang. Die Zuschauer blickten neugierig und gespannt hin, um zu sehen, was daraus sich entwickeln werde. Nunmehr bückte sich Bill Will, duckte sich auf einem Beine hockend zusammen und versuchte die andere Flasche unter dem anderen Fuße wegzuziehen. Langsam zog er sie vor und versuchte aus der Kniebeuge behutsam wieder in die Höhe zu gehn. Schon stand er fast senkrecht mit einem Beine wieder auf der Flaschenspitze, als auf einmal ein Zittern der Schwäche in seine Fußknöchel kam. Er wollte es überwinden; das Zittern wurde heftiger und heftiger, der Fuß schwankte mit der Flasche vorwärts und rückwärts, dem Ärmsten trat der Angstschweiß auf die Stirn und plötzlich schnappte die Flasche unter dem zitternden Fuße weg, derart, daß Bill Will der Länge lang auf den Rücken hinschlug und dabei heftig den Arm zurückwerfend auch die Flasche in seiner Hand in hundert Splitter zerbrach. Wie ein zerbrochenes Lebensglück lag der Mann der Länge lang da, und der tiefste Jammer sprach aus seinem schmerzvoll verzogenen Gesicht. Das Publikum sah erst erschrocken zu, als der Mann im Tricot sich aber langsam und mit einer Jammergebärde aufrichtete und sich wehleidig den Rücken rieb, erscholl ein allgemeines schadenfrohes Gelächter. Darüber fühlte sich Bill Will aufs tiefste gekränkt. »Mein Unglück ist zu groß,« jammerte er vor sich hin. Mit einer stumpfen Hartnäckigkeit sprach er aber dann entschlossen: »Das war das letzte Mal. Nun thu ich auch nicht mehr mit.« Er wendete sich mit gekränkter Stimme an das Publikum und sagte: »Meine Herrschaften, ich bin leider genötigt die Vorstellung wegen Unpäßlichkeit abzusagen. Ein andermal, meine Herrschaften.« Und vor sich selbst murmelte er noch: »Mit mir ist's aus. Ich gehe wieder walzen, da hat man wenigstens nicht den ewigen Ärger über das Publikum.« Damit hinkte er aus der Arena heraus und wollte sich hinter seiner Leinwand verbergen. Im Publikum aber entstand ein Tumult, einige sprachen von Betrug und wollten ihr Geld wieder heraushaben, und plötzlich durchbrachen einige kräftige Burschen die ausgespannte Leine und stürzten nach der Leinwand, um hinter derselben dem unseligsten aller Künstler eine Tracht Prügel zu verabreichen. Bill Will saß zusammengekauert da, stumpfsinnig in sich hineinstarrend; er wehrte sich weder gegen die Schläge noch gegen die Vorwürfe, nahm alles auf sich, und, erst als seine Frau sich jammernd ins Mittel legte und um Schonung für ihren Mann flehte, zerstreuten sich die Leute, um den Armen seinem weiteren Walzerleben zu überlassen oder dem erlösenden Tode aus einem verfehlten Leben. – In diesem Augenblicke trat Emma ziemlich erregt allein aus der Bude und sagte spöttisch zu Hans: »Ei, mein Herr, ich bin da soeben hinter recht erbauliche Dinge gekommen. Ich habe soeben von Ihrer Braut, der schönen Zigeunerin da drinnen erfahren, was Sie für eine feine, vornehme, zurückhaltende Natur besitzen – Sie, mein Herr, Sie heiraten ohne Trauschein, Standesamt, ohne alle übrigen Formalien der Ehe – Sie machen Propaganda für die Schule Platos unter dem Volke der Fechter und Gaukler – Sie –« »Emma, ich versichere, es war das geschwisterlichste Verhältnis – nur zu Studienzwecken, nur wissenschaftliches Interesse und Emma, wenn es dir nicht Ernst ist mit deiner Absage, wenn du dich noch als die Meine betrachtest – es liegt nichts zwischen uns, was uns trennen könnte –« sprach Hans aufgeregt. Als Emma dieses Geständnis hörte, schwieg sie beglückt still. Sie wußte es schon durch die Jette. Aber ernst meinte sie: »Und das arme Mädchen, was wird aus dem?! Es sitzt drinnen, weint und jammert und will sich das Leben nehmen, denn ich habe ihr die Augen geöffnet über ihren Freund, wenigstens soweit ich es für gut fand – nun, geh' hinein und sieh, wie du dich aus dieser Sache herausziehen kannst –« »Emma, Emma, das hättest du über das Herz gebracht?!« flüsterte Hans in aufgeregter Besorgnis und schlug den Vorhang zurück, um in die Bude zu treten. Emma folgte ihm. Drinnen bot sich ihm ein jammerwürdiger Anblick dar. Die Jette kniete mit verworrenen Haaren auf der Erde, bedeckte das Gesicht mit den Händen und schien vor innerem Unglück vergehen zu wollen. Hans machte sich die bittersten Vorwürfe und zürnte beinahe seiner Braut, daß sie so hart hatte sein können, das ärmste Mädchen aufzuklären. Zögernd nahte er sich der Jette, legte ihr leise die Hand auf die Schulter und meinte: »Meine Jette, kannst du mir verzeihen – es ist unverantwortlich von mir, aber glaube mir, ich hätte nicht so jäh gebrochen – ich hätte auf zartere Weise –« Die Jette ließ jetzt langsam die Hand von den Augen sinken und sah Hans eine Weile starr an. Dann sagte sie mit einem fremden Ausdruck im Gesicht, als habe Hans ihr niemals nahe gestanden, und als habe die Mitteilung, daß er ein anderer war, als wofür er sich ausgab, auch jedes Gefühl in ihm ertötet: »Ja, denn is er am Ende ja wohl auch kein Schlossergeselle, wenn er eine so seine Braut hat und garnicht ist, wofür er sich ausgiebt?! –« »Nein, Henriette,« sprach Emma mit mildem Anstand. »Er ist ein Schriftsteller, der ein Buch über das Walzerleben schreiben will und an dir und allen anderen bloß dazu seine Beobachtungen machen wollte, um das, was er an dir abgesehen hat, wissenschaftlich zu verwerten.« Es lag ein ganz leiser Spott in dieser Aufklärung. Jette aber sah bei dieser Mitteilung Hans ziemlich scheel von der Seite an, erhob sich, und sagte achselzuckend: »Bloß 'n Schriftsteller? Und in so 'nem falschen schlechten Rock, wo alles nicht stimmt? Und ein anderes Gesicht hat er auch, wenn er sich gewaschen hat? Na, Gott sei Dank, daß ich det noch zur rechten Zeit erfahre. Da hat er wohl auch die ›Geheimnisse des Findelhauses oder das Fräulein mit der kalten Hand‹ geschrieben, wenn er ein Schreiber ist?!« Sie brach in neues Schluchzen aus, schüttelte den Kopf und sprach: »Det war nicht der Gegenstand meiner Liebe. Ick liebte einen ganz anderen, der arm und dumm war, wie ich und meinesgleichen – und der ist nun auf einmal wie wegjewischt! Det Oberfaule ist nur, daß ich nun wieder in das Bettelleben zurück muß, und ich hoffte mir doch durch die Partie 'n bisken herauszubuddeln –!« Sie wendete sich ab und schloß: »Nee, det is wirklich zu schlecht –!« Hans, der nun schon einsah, daß sie seinen Verlust leichter verschmerzen würde, als seiner Eitelkeit lieb war, sprach aufgeregt: »Jette, das sollst du nicht, – das darf nicht geschehen, Jette –« » Henriette , mein Bester,« verbesserte Emma den Bräutigam. Überlasse das gefälligst mir. Also, Henriette, wenn du mir nicht böse bist, ich kann dir einen sehr guten Dienst als Hausmädchen verschaffen –« »Sie könnte am besten vielleicht gleich bei uns –?!« meinte Hans arglos. »Du –!« sagte Emma heiter strafend. »O nee, o nee – um keinen Preis!« meinte die Jette ängstlich. Aber wenn Sie sonst einen guten Dienst wissen, denn jeh ick uf die Stelle mit, daß ich nur irgend wie aus dem Zigeunerleben herauskomme.« Emma reichte dem Mädchen herzlich die Hand und sprach: »Brav, Henriette; ich wußte, daß wir uns verstehen würden. Du sollst bei meiner Schwester in Dienst treten.« Jette trocknete ihre Thränen und sagte entschlossen: »Na, denn jut.« Im Tone höchster, schmerzlicher Verwunderung über sich selbst aber brach sie auf einmal in die Worte aus: »O Jotte doch, daß meine ganze Liebe aber auch wie im Nu verflogen ist. Und es war doch so schön!« Sie sah Hans nochmals von oben bis unten an. »Aber den ?! – Nee, den nicht.« Damit drehte sie sich herum, während Hans erleichtert aufatmete und mit seiner Braut beglückte Blicke tauschte. Man beschloß, sogleich nach Neustadt aufzubrechen, so wie es ohne Aufsehen geschehen konnte, und am nächsten Tage sollte gemeinsam die Fahrt nach Berlin angetreten werden. Hans fühlte, daß er vor der Hand Erfahrungen genug für sein Buch gesammelt habe, wenn er sich auch noch nicht recht klar darüber war, wie sie eine wissenschaftliche Verwertung finden sollten. Aber er hatte gelernt, das Leben nach mancher Richtung von einer neuen Seite ansehen, und das war vielleicht auch ein Gewinn. Sie traten zusammen aus der Bude heraus und blickten über das bunte Jahrmarktsgetriebe, wo drüben die wilden Tiere in der Menagerie brüllten und das Karussell zum Leierkastenlärm sich im Kreise mit Wagen und Holzpferden umherdrehte. Wenn ich nur wüßte, wie ich sie ein bischen trösten könnte, die Jette, dachte Hans bei sich, der sich schmeichelte, daß sie doch immer noch ein wenig traurig war. »Du, Jettchen,« meinte er. »Henriette –!« verbesserte Emma. »Du, Henriettchen, magst du ein bischen Karussell fahren? Es wird gleich losgehn. Da werden wir wieder lustig,« frug er etwas schüchtern. Jette sah getröstet auf die Holzpferde und sagte leise: »Karussell? Ach, ja: Karussell ist hübsch.« Auf diese Antwort fühlten sowohl Hans wie Emma sich dermaßen erleichtert, daß man sich eingestand, man könne sich diesen kleinen Scherz auch einmal gestatten. Emma reichte Hans lachend den Arm, Jette lachte mit, und man schritt gemeinsam zu dem Karussell. Die Mädchen setzten sich zusammen in einen schwebenden Wagen; Hans bestieg als Vorreiter ein Holzpferd, und, indem er ihm die Sporen gab und sich heiter rückwärts zu den Mädchen wendete, sagte er, wie einer, dem eine schwere Lebenslast vom Herzen gefallen ist: »Der Hippogryph ist gesattelt, Pegasus schnaubt in die Nüstern, zwei Bräute hinter mir, die Musen meines Geistes – und nun laßt uns aus dem Elend dieser Zeit, aus allen sozialen Nöten und Sorgen des Jahrhunderts den Ritt ins alte, vielgeliebte Land des göttlichen Humors beginnen, denn alle Menschen kommen als Kinder auf die Welt –!« Emma verstand, was in diesen Worten lag, und sie ahnte, was das Herz ihres Bräutigams durchgemacht haben mochte, daß er so sonnige Laune auf so dunklem Grunde des Lebens auszustrahlen vermochte. Und so liebte sie ihn von ganzem Herzen. In diesem Augenblicke erschien von neuem Hasenklau vor Hans, der auf dem hölzernen Pferde saß, und nahm demütig den Hut ab. »Sie, Herr Dr. Landmann –,« sprach er etwas ängstlich. »Was?! Schon wieder da?!« frug Hans verwundert. »Ach, ja, ich hätte 'ne janz bescheidene Bitte, weil Sie doch so anständig gewesen sind. Wenn Se nämlich nu det Buch über uns schreiben werden –« »Buch?! Weiß ich noch nicht!« entgegnete Hans kurz. »Na, t' is ooch jut. Denn wollte ick also bitten, wenn Se det Buch doch mal schreiben sollten – bringen Sie die Geschichte da nicht herin. Sie wissen schon. Et wäre mir angenehmer.« – In diesem Augenblicke begann das Karussell sich zu drehen, und heiter flog Hans, mit den beiden Mädchen hinter sich, im Kreise herum, glücklich, in Jette wenigstens ein Wesen dem dunklen Leben der Ausgestoßenen entrissen und für ein besseres Dasein gerettet zu haben. –