Theodor Mügge Afraja König von Lappland Erstes Kapitel Der Eintritt in eine neue Welt Hoch nach dem Norden Europas sollt ihr mir dieses Mal folgen. – Welche Welt des Schreckens und des Schweigens liegt hier verborgen! Unter welchen Schauern erzittert das Herz des einsamen Wanderers, wenn er durch diese öden Fjorde Bezeichnung für tiefe und steile Schluchten an Festlands- oder Inselküsten Skandinaviens. und Sunde irrt, wo sich das Meer zwischen düsteren, schneegekrönten Felsen in ungangbare Klüfte und Höhlen verliert. Welch banges Staunen begleitet ihn, wenn sein Schiff durch diese Unermeßlichkeit von Klippen, gigantischen Blöcken und schwarzen granitenen Mauern dahingleitet, die einen mehrere hundert Meilen langen, furchtbaren Felsgürtel um die Küsten Norwegens schlingen. Zwar sind auch jene schrecklichen Einöden von menschlichen Wesen bewohnt, doch nur spärlich sind sie darüber ausgestreut. Auf Felsen und über Sümpfe müssen sie umherziehen, ewig wandernd mit dem wandernden Renntier, das sie nährt. Nur in Buchten und Spalten am Meeresufer können sie einsam und getrennt wohnen und den Fischen nachstellen, unter tausend Ängsten und Mühen. Dort am Ufer wohnt auch der Kaufmann und der Fischer von nordländischem Geschlecht, und neben ihnen haben sich Quäner Quäner nennt man die Finnen in Norwegen. und Lappen angesiedelt. Über ihnen aber auf den schneeigen Alpen treibt der Waldlappe seine Milchkühe mit zackigen Geweihen, und wenn er den Wolf und den Bär jagt, donnert der Knall seiner Büchse aus den düsteren Meeresbuchten wider. Und immer wilder und einsamer wird es, je weiter das Schiff nordwärts dringt. Auf viele Meilen kein Haus, kein Feuerplatz, kein Segel, das uns entgegeneilt, kein Boot mit Angeln und Netzen. Seehunde wälzen sich spielend vor dem Schiffe her, der Walfisch spritzt seinen Wasserstrahl in die Lüfte; Möwenschwärme stürzen aufziehende Heringsscharen. Taucher und Alken springen schreiend von den Klippen; über die schaumigen Wogen flattert der Eidervogel, und hoch oben in den reinen scharfen Lüften umkreist ein Adlerpaar sein Felsennest. – Es sind nun mehr als zweihundert Jahre vorübergegangen, als an einem trüben Märzmorgen ein großes Fahrzeug durch diese wunderbaren Felsengewinde steuerte. Das Schiff war eine Nordlandsjacht der stärksten Art, wie sie noch heute vom äußersten Kap herunter nach Bergen fahren, dorthin ihre Fische und ihren Tran bringen und nach der Heimat, vollgepackt mit allem möglichen Lebensbedarf, zurückkehren. Aus der Mitte des Fahrzeugs ragte der stumpfe Mast auf; vorn lief der Bug zu merkwürdiger Höhe, hinten stand ein Kajütenhaus, wo an starken Pfosten und Eisenringen die Ecke des gewaltigen Segels befestigt war, unter dessen Druck die Jacht rauschend die Wogen durchschnitt. Als der Tag höher heraufstieg, lichteten sich die kalten Nebel und endlich lief ein matter, schnell wieder ersterbender Sonnenglanz über die hohen Gletscher. Windstöße stürzten von den Felsen nieder, hoben die Spitzen der Wellen ab und zerstäubten diese in Regenschauern, während die Jacht schwerfällig zur Seite geneigt unter den Schlägen zitterte, die sie unaufhörlich empfing. Am Steuer des Schiffes stand ein junger Mann, der mit seinen hellen blauen Augen die Riffe und Klippen beobachtete, durch welche sich die Jacht hindurchwand. Seine nervigen Hände lagen fest auf dem Ruder, und mit der Miene der Unbesorgtheit und frohen Erwartung leitete er das große Fahrzeug mit solcher Kraft und Geschicklichkeit, daß es, gleichsam seinen Meister anerkennend, ihm auf Wort und Wink zu gehorchen schien. Von Zeit zu Zeit forschte der junge Steuermann in die Ferne hinaus, wobei sein kühngeschnittenes Gesicht, um das die langen Haare unter dem schwarzen Glanzhut flatterten, den Ausdruck freudiger Erwartung zeigte. Dieses frohe Gefühl schien ihn endlich zu einem munteren Liedchen zu begeistern, doch wurde er in dieser Beschäftigung bald wieder durch das öffnen der Kajütentür gestört, aus deren Rahmen ein andrer Bewohner der Jacht hervortrat. Nur wenige Jahre älter als der Steuermann, zeigte sich der neue Ankömmling doch ganz verschieden in seinem Wesen und Äußeren von diesem. Statt der dunklen Fischerjacke und des Südwesters trug er einen feinen, vielknöpfigen Rock. Sein Haar war nach hinten gekämmt und mit einem Band gebunden; schlank und groß von Wuchs, sah er aus wie ein Mann, dem feinere Form und Weltsitte zur Gewohnheit geworden sind. Das war der junge Herr Henrik von Sture, der Sprößling eines edlen Hauses, dessen Besitztum von den Vorfahren so ziemlich am Hof zu Kopenhagen verpraßt worden war. Sein Vater, Kammerherr des Königs Christian VI., starb in Schulden, und hier fuhr nun sein Sohn, der Kammerjunker und Gardeoffizier, nach manchem bösen Tag durch das wilde Polarmeer auf der Jacht eines Kaufmanns, der tief in den Klippen an den Grenzen Finmarkens wohnte, und dessen Sohn und Erbe, Gustav Helgestad, dort am Steuer stand. Das Schiff war von Trondheim ausgefahren, um Salz und Lebensbedarf auf die Lofoten Inselgruppe bei Norwegen nördlich vom Polarkreis. zu bringen, wo der große Fischfang im vollen Gange war, und hatte den jungen Baron als Passagier mitgenommen. Dieser trug in seiner Tasche einen Schenkungsbrief des Königs über einen weiten Landstrich, tief in die unermeßliche Wüste reichend, die den Norden Europas ausmacht, wo niemand Herr ist und niemand Knecht. Es war ein ziemlich trüber Blick, mit dem Henrik von Sture die nackten Felsen und das brandende Meer betrachtete, als er hinaustrat. Die nassen Nebel flogen so wild über ihn hin und schlugen in Tropfen an Gesicht und Kleider nieder, daß er schaudernd seinen Rock fest zuknöpfte; dann nickte er seinem Reisegefährten am Steuer zu, der ihm den Morgengruß entgegenrief, und dann, als der Junker näher herankam, munter plauderte. »Nun«, sagte er mit einem stolzen, fragenden Blick, »was sagst du nun, ist es nicht prächtig hierzulande? Sieh dort links, da siehst du tief in den Grimmfjord und kannst die ungeheuern Jökuln Jökul ist die norwegische Bezeichnung für Gletscher. erblicken, die in Eispyramiden weit hinab fast bis ins Meer laufen. Wenn Morgensonnenschein darauf funkelt, sind sie ganz wie geschmolzenes Silber anzuschauen. Dort geht's in den Salten hinein, und hier, jenseits der niederen Felsen, wirst du bald den Vestfjord entdecken. Den Vestfjord! Hörst du, Mann, den großen Fjord mit seinen Fischen. Hurra! Was sagst du? Hast du je so Schönes gesehen?« »Närrischer Gustav!« rief Henrik spöttisch lächelnd, »tust du doch, als führen wir gradezu ins Paradies hinein, als wären diese traurigen, schneebedeckten Felsen von Mandelbäumen umblüht, dieses eisige, stürmische Meer von lauen Südwinden umfächelt, während ich in Wirklichkeit nichts als Schrecken, nichts als Nacht, Nebel, Sturm, Fels und wütende See erblicke!« »Wenn es dir so wenig hier gefällt«, erwiderte Gustav, »so hättest du bleiben sollen, wo du warst!« Im nächsten Augenblick reute den jungen Steuermann sein trotziges Wort, denn aus dem melancholischen Schweigen des Junkers und der Art, wie er die Hände über seine Stirn deckte, konnte man wohl ermessen, wie schwer ihm der Entschluß geworden war, sein Glück in diesen Einöden zu suchen. »Du mußt dir keine zu trüben Gedanken machen«, fuhr deshalb Gustav freundlich fort. »Wenn der Sommer kommt, reift die Gerste auch in Tromsö; Blumen blühen in den Gärten, und auf den Fjelden Öde Bergflächen, welche die Hauptmasse des skandinavischen Gebirges bilden. steht die Moosbeere viele Meilen weit wie Purpur und Scharlach. Du mußt das Land nur kennen und lieben lernen, wo du wohnen willst. Ich möchte es mit keinem in der Welt vertauschen, denn es gibt kein schöneres, kein besseres auf Erden.« Er sprach noch, da brach die Sonne siegreich durch die dichten Wolkenschichten und glänzte wie mit einem Zauberschlag über zahllose Felsen, Buchten, Klippen und Inseln. Der Vestfjord tat sich auf vor den erstaunten Blicken des dänischen Junkers und zeigte Land und Meer in ihrer ganzen wunderbaren Pracht und Herrlichkeit. Auf der einen Seite lag die Küste Norwegens mit schneegekrönten Scheiteln; Salten daran hingelagert mit seinen Felsennadeln, die unerklimmbar glatt in den Himmel steigen, mit seinen Gletschern, seinen Schluchten und Abgründen, halb in Nacht gehüllt. Auf der andern Seite, durch den Vestfjord sechs Meilen breit getrennt, zog eine Kette von düsteren Eilanden weit in den Ozean hinaus und bildete einen granitenen Wall, an dem die fürchterlichen Wogen des Weltmeeres seit Jahrtausenden zerschellen. Unzählige senkrechte Spitzen ragten aus dem Inselgewirr auf, alle schwarz, verwittert und zerrissen; ihre Häupter waren in langflatternde Wolkenschleier gehüllt, und aus den schimmernden Schneelagern sahen die blauen Wunderaugen der Jökuln auf die schäumenden Fluten des Fjords herab. »Siehst du nun, wie schön es ist?« rief Gustav voll freudigen Stolzes. »Das sind die Lofoten! Auf zwanzig Meilen kannst du über Land und Meer blicken! Sieh, wie die Brandung in Silbersäulen an allen Klippen aufspringt, und nun schau ihn an, diesen ungeheuern Kreis von Felsen, die noch niemand gemessen hat, auf denen keines Menschen Fuß haften kann, wo nur der Adler hinaufsteigt, der Seerabe, der Falk und die Möwe. Und oben ist der Himmel blau und ruhig, die Luft ist so frisch und scharf und weckt alle Kräfte. Ist es nicht schön hier, ist es nicht erhaben und unermeßlich?« »Ja, es ist schön, unendlich schön!« sagte Henrik Sture, hingerissen von der wunderbaren Majestät dieser Natur. »Und nun schau dort die vielen schwarzen Punkte auf den Wellen«, fiel Gustav ein. »Das sind die Boote der Fischer. Dreitausend Boote mit zwanzigtausend wackeren Männern, und in der Bucht von Vagöe Ost- und West-Vagöe sind zwei Inseln der Lofoten. erkennst du schon die Wimpel und Masten der Jachten, die Eigentum der Kaufleute sind. Wir werden meinen Vater dort finden, er hat für zwanzig Boote zu sorgen. Sicher wird er dir gefallen und dir gern dienen, so weit er es vermag.« »Ich habe, wie du weißt, einen Brief an ihn vom Gouverneur General Münter in Trondheim,« sagte der Junker. »Pah, du bist uns willkommen, wie du bist«, versetzte Gustav; »am Lyngenfjord, wo unser Haus steht, fragt man wenig nach dem Schreiben deines Generals. Was mir an dir gefällt, Henrik Sture, ist, daß du ein Wort zu sprechen weißt, und daß dein Arm schnell zur Hilfe bereit ist, wo es not tut, das liebt man bei uns und darum will ich dein Freund sein.« Er nahm die Hand vom Steuer, und sie nach dem Junker ausstreckend, faßte er dessen Rechte mit derbem Druck; doch auch dieser erwiderte den Gruß mit gleicher Stärke. Verlassen in einer fremden Welt, tat ihm die rauhe Herzlichkeit seines neuen Freundes viel wohler, als die höflichen Worte der Teilnahme, die er vordem so oft gehört hatte. Indes die Unterhaltung zwischen beiden Freunden vertraulich fortging, verfolgte die Jacht eilends ihren Weg und näherte sich rasch den Fischplätzen auf der anderen Seite des Fjords. Die kleinen schwarzen Punkte, die auf den Wellen schwammen, wurden nach und nach größer und zeigten sich endlich als große sechsrudrige Boote, in denen eine emsige Tätigkeit herrschte. Tausendstimmiges Geschrei drang über die brausenden Wogen, unaufhörlich wurden Netze und Angeln gehoben und wieder versenkt, blitzschnell eilten die Jollen nach dem Strand und wieder in die See hinaus, und dies alles vereinte sich zu einem so farbigen Bild, daß es seinen Eindruck auf den Fremdling nicht verfehlte, der nach und nach ein fast unwiderstehliches Verlangen fühlte, sich in dies bunte Gewühl zu stürzen. Sein gewecktes warmes Interesse ließ ihn vergessen, daß trotz des Sonnenscheins eiskalte Luftströme über das Meer fegten, und daß hier in der Polarzone binnen weniger Minuten der wildeste Wintersturm hereinbrechen und Boote und Menschen vernichten konnte. Jetzt sah er nur das frohe Schauspiel, sah die flatternden bunten Fahnen, die bewimpelten Häuser und Hütten am Strand, und jauchzend wie ein echter Nordlandfischer stimmte er in die allgemeine Lust ein, als er die Netze heben sah, wo in jeder Masche ein Kabeljau steckte. Er schwenkte seinen Hut, wie sie es alle taten, als die Jacht, welche auf ihrem Bug den Namen: »die schöne Ilda von Örenäes« trug, zwischen den Fischern hinfuhr, umringt von hundert Booten, die ihr freudiges Willkommen zuriefen, um die Klippen bog und dem Hafenplatz in der Bucht zusteuerte, wo sie zwischen einer Anzahl größerer und kleinerer Jachten, Briggs und Schoner Anker warf. Gustav hatte jetzt alle Hände voll zu tun, so daß sein Passagier sich für längere Zeit selbst überlassen blieb. Der Junker benutzte diese Frist, um vom Hinterdeck des Schiffes aus das Treiben des Fischfanges in seinen Einzelheiten zu beobachten. Am Ausgang der Bucht, rund um ein nacktes Felseneiland, ging es am lebhaftesten zu. Fünf- bis sechshundert Boote, mit drei- bis viertausend Fischern besetzt, waren hier mit dem Fang des Kabeljaus beschäftigt. Unaufhörlich warfen sie die Stellnetze aus und zogen andere unter lautem Gesang und Freudenruf herauf, denn alle waren überschwer an Fischen und mußten behutsam gehoben und die Gefangenen ausgemascht werden, damit die Fäden nicht rissen. An vielen anderen Orten wurden ungeheure Taue, an welchen mehr als tausend Angeln saßen, ins Wasser gelassen, denn damals war der Fang mit der Angel noch mehr üblich, als es jetzt der Fall ist. Dann eilten die Fischer mit ihren gefüllten Booten in die Bucht, aus der viele rote Steinklippen aufragten. Dorthin wurden die Fische gebracht, von bluttriefenden Händen gepackt und auf die Ausweidetische geschleudert. Scharfe Messer rissen ihren Leib auf, ein Griff der Finger nahm ihnen die Eingeweide, ein zweiter Schnitt, und der Kopf flog in eine Tonne, die tranige Leber in eine andere, und in der nächsten Minute hing, was einen Augenblick früher ein lebendes Geschöpf gewesen war, zerspalten und schwankend auf der Trockenstange. Mit ungeheurer Geschwindigkeit verrichteten die Männer ihr mörderisches Geschäft; gierig suchten sie nach den größten und stärksten Opfern, übten an ihnen ihr Henkeramt mit doppelter Lust und spotteten der Leiden und heftigen Schläge der unglücklichen stummen Verdammten. Sture fühlte bald einen Widerwillen gegen diese Schlächterei. Er wandte seine Augen davon ab und sagte vor sich hin: »Es ist ein entsetzliches, feiges Morden, ich mag es nicht länger ansehen. Deshalb also ziehen zwanzigtausend Menschen auf diese nackten Klippen, darum jauchzen und jubeln sie wie besessen, und trotzen den Stürmen des Polarmeeres? Welch rohes, fürchterliches Volk! Doch nein«, setzte er sogleich hinzu, »in Einem tue ich ihnen Unrecht; sicher würden sie diese unwirtlichen Klippen meiden und in ihren vier Wänden daheim bleiben, wenn die Not sie nicht hierher zwänge. Und ist es denn bei mir selbst anders? Auch mich drängt der Kampf ums Dasein, der Trieb der Selbsterhaltung in diese Welt voll Eis und Schnee!« sprach er leiser. »Aber Fische mag ich nicht fangen, verwünscht sei dies blutige Geschäft!« In diesem Augenblick wurde sein Gedankengang durch einen leichten Schlag unterbrochen, den er auf seiner Schulter fühlte. Er drehte sich schnell um und fand sich Gustav Helgestad gegenüber, der ihm mit kräftiger Stimme zurief: »Bist du schon wieder trübe gestimmt? Ich begreife das nicht bei dem lustigen Schauspiel ringsumher. Ich selbst bin so froh, als gehörten mir alle Fische im Vestfjord. Meine Schwester Ilda ist mit meinem Vater gekommen. Schau, dort in dem Boot sitzen sie.« Er zog Henrik Sture mit sich fort, denn eben lief das Boot an die Schiffsseite heran, an der eine Strickleiter hinabhing. Ein starker Mann im blauen, grobtuchenen Rock war einem Mädchen mit reichen, dunkelblonden Haarflechten behilflich, das Boot zu verlassen. »Greif nach der Leiter, Ilda«, rief der Alte. Im nächsten Augenblick stand das Mädchen auf der untersten Sprosse und langsam, aber sicher emporklimmend, streckte sie dem Bruder die Hand entgegen, der ihr vollends auf das Verdeck hinaufhalf. »Nun, da hast du mich«, rief sie ihm freundlich zu, »freust dich nicht, mich auch am Vestfjord zu finden, Gustav?« »Nun, halb und halb hatte ich darauf gerechnet, daß der Vater dich mitbringen würde«, antwortete er zärtlich. »Gottes Friede sei mit dir, Ilda! Hast eine glückliche Reise gehabt?« »Eine gute – und du auch, Bruder?« »Alles gut und recht, Ilda. Wie ich sehe, ist der Fang in vollem Gange?« »Er ist wunderbar reich, Gustav. Alle Gerüste hängen voll. Gestern war ein Tag, wie er selten vorkommt; alle Leute sagen es. Fette, große Fische, daß die Netze rissen; es ist eine Lust, Gustav, ich kann mich nicht satt sehen.« Hier sah sie sich um, und den Fremden erblickend, wurde ihr lachendes Gesicht plötzlich ernsthafter. Es war ein großes, starkes Mädchen, der echte Typus des Nordlandes, und sah ihrem Bruder sehr ähnlich; beide zeigten die gleichen wohlgestalteten Züge, die gleiche feste, breite Stirn und hellblitzende Augen darunter. Henrik Sture konnte ein Lächeln gutmütigen Spottes kaum unterdrücken, als er die Jungfrau in ihrer derben Kleidung ansah und sich erinnerte, mit welcher Ruhmredigkeit Gustav ihm diese Schwester gepriesen hatte, deren Schönheit zu Ehren sogar die Jacht den Namen der »schönen Ilda von Örenäes« annehmen mußte. »Eine nordische Schönheit, geboren unter Walfischen, Kabeljauen und Renntieren, kann allerdings ein wenig von unserem Geschmack abweichen«, sagte er sich leise, »doch diese hier in ihren rindsledernen Schuhen, in ihrer Pelzjacke und Lederschürze, die weißen wollenen Handschuhe über die starken, wenn auch wohlgebildeten Finger gezogen, sieht doch gar zu bärenhaft, polarmäßig aus.« Während dieses Selbstgespräches hatte Gustav seiner Schwester etwas zugeflüstert, nun sagte er laut: »Ich habe einen Freund mitgebracht, Ilda, der bei uns wohnen will. Hier steht Henrik Sture. Reich ihm die Hand, Schwester.« Einen ernst prüfenden Blick aus den hellen Augen ließ das Mädchen über den Fremdling gleiten, ehe sie der Aufforderung des Bruders folgte und die Hand bot; dann aber fügte sie dem stummen Gruß mit gelassener Freundlichkeit die Worte hinzu: »Sei willkommen hier zu Lande, Herr. Gottes Friede soll mit dir sein.« »Vielen Dank für den schönen Wunsch, Jungfrau Ilda«, erwiderte Henrik Sture, höflich das Haupt neigend. Sie wendete sich zu ihrem Vater, dem Gustav soeben herzlich die Hände schüttelte. »Bist wieder da, Junge?« rief der Kaufmann aus den Fjorden. »Nun, bist willkommen! Alles recht an Bord?« »Alles recht, Vater«, versetzte der Sohn selbstbewußt, »wirst zufrieden sein.« Der Alte nickte beifällig. »Nuh«, schmunzelte er, diesen Ausdruck des Wohlbehagens gebrauchend, den man so oft in Norwegen hört, »bist ein fixer Bursch, Gustav, und hast eine gedeihliche Hand. Ist's nicht so? Aber sieh da –«, der Kaufmann unterbrach sich und wendete das lange, lederfarbene, harte Gesicht halb zu Sture hin, indem er ihn mit einem messenden, schlauen Blick betrachtete. »Hast einen Passagier mitgebracht, Gustav. Ist jemand, der sich die Gegend hier ansehen, oder wohl gar bei uns bleiben will. Ist's nicht so?« »Ich glaube ja, Vater.« »Nuh«, grunzte der Alte wieder, und um seinen Mund zuckte ein Lachen, das sich schnell verlor. Er ging auf Sture zu und streckte seine rauhe Faust aus. »Seid willkommen auf den Lofoten, Herr«, sprach er, »bringt gutes Wetter mit. Hätten's schon früher brauchen können; ist aber auch so gut. Kommt gerade zum Schluß eines wunderbar glücklichen Fanges zurecht, wie er lange Jahre nicht gewesen.« »Ich preise mich vor allem glücklich, daß ich Sie hier finde«, entgegnete Sture verbindlich, »da ich Ihres Rates und Ihrer Hilfe bedürftig bin. Ich komme hierher, mein Glück zu suchen, und habe einen Brief von Trondheim mitgebracht, der Ihnen Näheres über mich sagen wird.« »Nuh«, rief der Alte, »gönne jedem sein Glück. Konnte mir schon denken, was Ihr im Sinne habt. Seid nicht der erste, der von Dänemark herübergeflogen kommt und meint, es wachse Gold auf den lappischen Fjelden, brauche nur zuzufassen, um es einzustecken. Ist aber nichts damit, werdet es inne werden. Weiche Hände und Füße passen wenig hierher, und habe manchen untergehen sehen, der die harte Arbeit nicht vertragen konnte.« Der Blick, den er bei seinen letzten Worten auf den jungen Dänen warf, war mit einem Anflug von Warnung und Mitleid gemischt, den Sture wohl verstand. Dann nahm Niels Helgestad das Schreiben, brach es auf und lehnte sich lesend an das Bollwerk, indem er von Zeit zu Zeit bald nach seinem Gast an Bord, bald nach den Fischplätzen hinübersah. Endlich ballte er das Papier zusammen und dasselbe einsteckend sagte er: »Weiß jetzt alles, was Ihr wollt; hab's schon ohne den beschriebenen Zettel gewußt. Was ein Mann tun kann, seinem Mitmenschen zu helfen, soll redlich geschehen. Was denkt Ihr jetzt anzufangen, Herr Sture?« »Ich möchte wohl vor allem dem Amtmann in Tromsö meinen Schenkungsbrief vorlegen, um dann das Land aufzusuchen, welches mir die Gnade des Königs bewilligt hat.« »Ganz schön«, versetzte der Alte spottend. »Wenn nun aber der Amtmann wirklich gesagt hat: Dort drüben liegen die Fjelden, Herr Sture; belieben Sie hinzugehen und sich nach Wunsch auszusuchen! – Was gedenken Sie dann weiter zu tun?« »Nun«, sagte Sture verlegen, »ich meine, den fruchtbarsten Boden herauszufinden, dürfte nicht zu schwer sein.« »Fruchtbarer Boden!« schrie der Kaufmann lachend. »Der Himmel segne Euch, Herr! Wer hat Euch hier von fruchtbarem Boden etwas vorgefabelt? Gedenkt Ihr, hier Scheunen zu bauen und Weizen und Gerste einzuernten? Nein, damit ist's nichts«, fuhr er ruhiger fort, als er die Beschämung seines Gastes sah, »Ihr kennt die Wüste nicht, die hinter den Felsen dort liegt. Dennoch aber kann eines klugen Mannes Auge mit Hilfe Eures Gnadenbriefes ein Stück Erde herausfinden, das seine silbernen Früchte trägt.« Musternd betrachtete er den Fremdling eine kleine Weile, dann sagte er in fragendem Tone: »Bringt Ihr Geld mit ins Land?« »Ich bin nicht ganz ohne Mittel«, entgegnete der Junker. »Nuh«, sagte der Kaufmann trocken, »viel wird's nicht sein, denn hättet Ihr Geld, so säßet Ihr ruhig zu Haus und tätet Euch gleich Euren Standesgenossen gütlich. Also gerade heraus: Wieviel Geld habt Ihr mitgebracht?« »Tausend Species Ein Speciestaler gleich vier und eine halbe Mark. und etwas darüber«, versetzte der junge Edelmann errötend und unwillig zögernd. »Tausend Species«, wiederholte Niels Helgestad und setzte nach kurzem Überlegen hinzu: »Das wäre für den Anfang genug, wenn Ihr auf meinen Rat hören wollt, Herr Sture.« »Nichts Lieberes kann mir begegnen, als Eures Rates teilhaftig zu werden«, erwiderte dieser. »Wer hier leben und Geld erwerben will«, sprach der Kaufmann bedächtig, indem er sich auf dem Rand des Bollwerkes zurechtsetzte, »der muß Handel treiben, sonst wird's nichts mit ihm. Mit Ihrem Gnadenbrief hat es Zeit, jetzt aber kommt es darauf an, den ersten guten Wurf zu tun, und dazu ist die richtige Stunde eben da. Wer wollte hier leben, wenn nicht das Meer wäre mit seinen Fischen? Das Meer aber ist unerschöpflich, Herr Sture. In jedem Jahr zur Märzzeit schwimmen die Kabeljaue in den Vestfjord hinein, um zu laichen, und wie viele auch immer gefangen und aufgezehrt werden, sie kommen doch wieder, und was die Hauptsache ist, werden niemals weniger. Wissen Sie, wieviel in diesem Jahr binnen vier Wochen gefangen worden sind? Mehr als fünfzehn Millionen. Alle Gerüste hängen zum Brechen voll; alle Jachten liegen voll Salzfische und voll Lebern. Der Tran wird billig werden, Herr Sture, der Fisch ist für einen halben Species die Vog zu haben; eine Vog aber sind volle sechsunddreißig Pfund. Was sagen Sie dazu?« »Ich verstehe vom Fischhandel nichts«, sagte Sture, »und kann mich deshalb schwerlich darauf einlassen. Wer wird mir diese auch verkaufen, wenn der Gewinn daran so bedeutend ist?« setzte er hinzu, als er bemerkte, wie sich das Gesicht des Kaufmanns bei seinen ersten Worten verfinsterte. »Ihr redet allerdings, wie Ihr's versteht«, versetzte dieser. »Wißt aber, daß eben jetzt der Fisch billig zu kaufen ist, denn ein jeder läßt etwas von dem reichen Fang ab, wenn er bar Geld sieht. Kennt das Land nicht, Herr, wißt nicht, was Sitte und Brauch ist. Ist alles Tauschhandel hier, Geld ist selten. Der Fischer, der Nordmann und Quäner wie der Lappe, alle borgen vom Kaufmann, der das ganze Jahr über gibt, was sie brauchen. Sie liefern ihm dafür, was in ihre Netze läuft. Der Kaufmann borgt aber auch von den Handelsherren in Bergen, schickt diesen die Jachten voll Stockfisch, Salzfisch und Tran. Alle die Menschen hier, die Sie fischen sehen, stehen im Dienst und im Schuldbuch der Kaufleute an der Küste. Jeder Fisch wird bezahlt und abgerechnet, sowie er auf der Stange hängt; kommt er dann nach Bergen, ist er dreimal soviel wert, oder sechsmal soviel, wie es kommt – verstanden, Herr?« Sture stand zögernd und bedenklich. »Da der Fang so reich ausgefallen ist«, erwiderte er endlich, »könnte, denke ich, kein übermäßiger Gewinn bei der Spekulation erzielt werden. Man vermag in Bergen alle eingehenden Bestellungen leicht zu erledigen; trotzdem werden bei dem Überfluß alle Magazine überfüllt bleiben, wodurch naturgemäß die Preise sinken müssen.« Zum ersten Mal seit ihrer Bekanntschaft ließ der Kaufmann einen wohlgefälligen Blick über die Gestalt des jungen Edelmannes laufen. »Hätte diese Einsicht für ein Handelsgeschäft nicht vermutet«, sprach er kopfnickend, »ist etwas Seltenes bei Euresgleichen, Herr; kennt aber dennoch die Sache nicht, kann ganz anders kommen, als Ihr es wähnt. Haben heute den heiligen Gertrudentag, ist nicht gut, wenn die Sonne da scheint. Kommt wildes Wetter danach, so sicher, wie die Ebbe nach der Flut kommt. Nun seht, die Fische dort auf den Klippen an den Gerüsten bleiben so bis zum Monat Juni hängen, während wir alle nach Haus fahren, Tran pressen und ihn nach Bergen liefern. Kommen dann die Jachten im Junimonat von dort zurück, so geht es gleich hierher, um den Fang einzuladen: doch mancher findet dabei statt des erhofften Gewinnes nur bittere Täuschung, und mancher wird es bereuen, daß er seine Stangen nicht höher baute. Ist ein sorgloses leichtsinniges Volk, das Fischervolk, denkt nicht an das, was kommen kann, scheut Arbeit und Mühe. Bis in den Mai hinein sind wir hier vor Schneewehen nicht sicher, die oft Gerüste und Fische unter sich begraben, wenn die Stangen sich nicht widerstandsfähig genug erweisen. Fahren dann die Fischer an und wollen ihr Eigentum bergen, so finden sie nur Würmer und faulendes Fleisch. Müssen den geträumten Gewinn in die See werfen, und kommen dann selbst in Not und Kummer. Ist öfter schon so gewesen, Herr Sture, und kann auch wieder so werden.« Ein listiges Lachen spielte um seinen Mund, und in das Herz des dänischen Junkers kam ein plötzliches Verlangen und Vertrauen zu dem Fischhandel. Er sah nach den beiden Kindern des Kaufmanns hinüber, die in der Nähe standen und jedes Wort der Unterhaltung vernommen haben mußten. Das Mädchen schaute ihn mit einem gleichgültigen Blick an, der nicht erkennen ließ, ob sie ein Interesse an der Verhandlung nehme oder nicht; Gustav dagegen nickte ihm aufmunternd zu, und auf seinem Antlitz war der Ausdruck eines gewissen Erstaunens sichtbar, das er über die vertrauliche und offene Rede seines Vaters zu empfinden schien. Eine ihm selbst unerklärliche plötzliche Entschlossenheit kam über Henrik Sture, obwohl er wußte, daß sein letztes Eigentum auf dem Spiel stand. »Gut«, sagte er, »ich will den Handel wagen; freilich hege ich dabei die Hoffnung, daß Sie mir bei Abschluß des Kaufes behilflich sind.« »Dürft auf Niels Helgestad rechnen«, versetzte dieser und faßte fest des Junkers Hand. »Ist also abgemacht zwischen uns, und Mannes Wort ein Wort, wie es in Norwegen Sitte ist. Wurde mir heute von verschiedenen Seiten ein großes Quantum Fische angeboten, schlug es aber ab, da ich genug an dem habe, was meine eigenen Boote fingen. Nun jedoch will ich mich danach umsehen, und denke einen guten Handel zu machen. Ole«, rief er über das Bollwerk der Jacht hinaus, »halte dich bereit mit dem Boot, und leg an, mein Junge. Ihr, Herr, bleibt an Bord bei meinen Kindern, bis ich zurückkomme, und du Gustav, trag auf, was du in der Schiffskammer hast. Ilda wird dir zur Hand gehen, und ich selbst sende sogleich ein Gericht frischer Fische.« Mit diesen Worten stieg er die Leiter hinunter, und als das Boot abstieß, konnte man an der Miene des Insassen erkennen, in welch guter Laune er war. Zweites Kapitel Das erste Handelsgeschäft Auch Gustav Helgestad zeigte sich in fröhlicher Stimmung, als er nach der Abfahrt seines Vaters zu seinem Gast trat. »Freund Henrik«, sagte er, »jetzt, da mein Vater deine Sache in die Hand genommen hat, ist sie wohlgeborgen. Er geht sonst seinen eigenen Weg und schaut wenig nach rechts und links, was andre treiben. Doch du mußt ihm gefallen haben, und deshalb nimmt er deine Sorgen auf seine Schultern, die breit genug sind, die neue Last mitzutragen. Sei also fröhlich und guter Dinge, Henrik Sture, und laß uns zum Essen gehen, das meine Schwester Ilda indes bereitet. Ja, meine Schwester«, rief er, »das ist ein Mädchen, die steht fest auf ihren Füßen und hält den Kopf stolz im Nacken. Du sollst mit ihr tanzen heut drüben in Ostvagöe, denn heute Abend ist Ball im Gaardhaus. Da wirst du erfahren, wie flink sie sich dreht.« Als sie in die Kajüte traten, war Ilda bereits mit den Vorbereitungen zum Mahl beschäftigt. Obgleich sie sich nur langsam und bedächtig bewegte, ging ihr doch alles flink von der Hand, und sicher und ohne je zu schwanken, schritt sie in dem sich auf den unruhigen Wellen wiegenden Schiff auf und ab, indem sie Gerät hereinbrachte und überhaupt Ordnung in dem beschränkten Raum schuf. Endlich war der Tisch bereit, auf welchem eines der Nationalgerichte, eine Grützsuppe mit Backpflaumen und Salzheringen, aufgetragen wurde. Gustavs Gesicht verklärte sich. »Das ist recht, Schwester«, rief er ihr zu, »daß du uns das Leibgericht zum Willkommen vorsetzt. Da wollen wir tapfer mithalten, Freund Henrik, lang zu, denn auch du wirst hungrig sein.« Dies traf bei dem jungen Edelmann nun allerdings zu, doch hielt ihn ein inneres Grausen von der süßen Suppe mit der salzigen Zutat zurück, und nur die Rücksicht auf seine Wirte überwältigte seinen Widerwillen, so daß er den Löffel ergriff und in die Schüssel tauchte. Ehe er ihn jedoch zum Munde führen konnte, wurde sein Arm durch Ildas Hand zurückgehalten, die ihn ernst anschaute und ebenso ernst sprach: »Ehe wir die Speise genießen, dürfen wir das Gebet nicht vergessen.« »Ist in Ordnung, Ilda, laßt uns beten«, entgegnete Gustav und setzte wie entschuldigend hinzu: »Hab's ganz vergessen, war eben zu lange von Haus fort und immer unter dem wüsten Schiffsvolk.« Als Ilda das Tischgebet gesprochen hatte, wandte sich Gustav zu Henrik: »Du mußt wissen«, sagte er, »daß meine Schwester eine fromme Jungfrau ist, die von keiner Kirchfahrt zurückbleibt, mag das Wetter noch so bös sein. Es ist aber kein Spaß, zur Winterzeit über den Fjord zwei Meilen zur Kirche zu fahren und im offenen Boot, wenn es stürmt und Eis treibt. Mancher Mann riegelt da seine Tür zu, schürt das Feuer auf dem Herd an, und indem er sich mit seiner Bibel behilft, läßt er in der entfernten Kirche den Pastor für sich allein predigen. Dafür allerdings kommen zuweilen die Lappen von den Fjelden herunter, hören die Predigt an und verstehen in ihrer Dummheit kein Wort davon.« »Du urteilst falsch und ungerecht, Gustav«, sagte Ilda. »Nun, laß gut sein«, meinte der Bruder lachend, »ich weiß schon, was du sagen willst. Ich will dir klar machen, Henrik, was Ilda meint. Wir haben hier einen Pastor im Lande, Klaus Hornemann heißt er, der hat es sich in den Kopf gesetzt, das heidnische Finnenvolk, die Renntierhirten und Fjeldlappen, welche auf- und abziehen in der unvermeßlichen Wildnis, zu bekehren und zu taufen. Meine Schwester hilft ihm getreulich bei der harten Arbeit und hat den Vater so lange gebeten, bis er es erlaubte, daß die Tochter eines alten, verwitterten Burschen, der Tausende von Renntieren besitzt und unter seinem Volk als eine Art Fürst und Weiser gilt, ja sogar als ein Schwarzkünstler und Hexenmeister bekannt ist, in unser Haus kommen durfte. Der alte Afraja hat es ungern genug getan; schnitt Gesichter wie ein Wolf in der Schlinge, denn sie haben meist eine so große Abneigung gegen uns, wie die Weiber vor den Spinnen, und es kostete eine ansehnliche Portion Tabak, auch Branntwein und harte Drohungen dazu, ehe er das Mädchen herabziehen ließ. Jetzt haben wir sie im Hause, und Ilda hat sie zahm gemacht, hat sie stricken und lesen gelehrt und ihr allerlei Künste beigebracht. Du wirst sie sehen, Henrik Sture, es ist ein anstelliges Mädchen, die eine Sache begreift, und das können sie meist alle, denn Gott hat ihr Volk nicht ohne Verstand gelassen. Weil nun aber das Mädchen die sonstigen Fehler ihrer Nation abgelegt hat, weil sie weder diebisch, noch faul, noch schmutzig ist, sondern gut und freundlich, meint Ilda, die Landsleute ihrer Pflegeschwester seien ebenso geartet und bildungsfähig, und wirft mir vor, ich höhne mit Unrecht dieses Lappenvolk, das kein Nordmann anrührt, sondern den Fuß nimmt und es von sich stößt.« »Die Lehre des Heilandes ist die Liebe«, sagt Ilda, und ihre Augen glänzten hell. »Deshalb sollst du deinen Nächsten, wo du ihn findest, als deinen Bruder achten und ihm die Hand reichen.« »Der Lappe ist weder mein Nächster, noch mein Bruder«, rief Gustav ärgerlich, »er ist ein schmutziges Tier, oder noch schlimmer als das!« »Du sollst dich schämen, Bruder!« sprach Ilda in strafendem Ton. »Du sprichst gerade so ohne Nachdenken, wie sie alle. – Aber«, fuhr sie fort und ihre Miene wurde weniger streng, »während wir hier plaudern, vergeht die Zeit, und unserem Gast scheint aller Hunger vergangen zu sein, er läßt die Suppe kalt werden.« Der Junker hatte den Löffel niedergelegt, denn das Gericht wollte seinem Geschmack auf keine Weise zusagen. Gustav lachte laut auf, als er den Ausdruck des Abscheus bemerkte, der auf Stures Gesicht lag. »Ihr wißt nicht, was gut schmeckt, ihr Dänen« sagte er. »Das ist ein schönes altnordisches Gericht, wonach jeder Nordmann sich sehnt, wenn er es nicht hat.« »Nun«, versetzte Henrik trocken, »ich beneide dich und deine Landsleute nicht darum, wünsche euch vielmehr jederzeit eine volle Schüssel davon; mich, als Dänen, mußt du aber entschuldigen, wenn ich aufhöre.« »Wer sein Vaterland verläßt und zu einem fremden Volk kommt, um bei ihm zu wohnen, muß Sitte und Gebrauch, Speise und Getränk annehmen, wie er es findet«, erwiderte Ilda. »Du tust nicht recht, Herr, wenn du unter uns ein andrer sein willst als wir selbst.« Das war offenbar ein Verweis, wie ihn der junge Edelmann nicht gewöhnt sein mochte, doch begleitete das strafende Wort ein so freundliches, sonniges Lächeln, daß Sture, er wußte selbst nicht wie, den Löffel wieder in seiner Hand fühlte, und nicht eher hörte er nun wieder auf, denselben zu gebrauchen, bis sein Teller völlig geleert war. Das laute Gelächter der Geschwister, als er sich dann von dieser Arbeit aufrichtete wie ein Held, der einen schweren Sieg erfochten hat, weckte seine eigene Lustigkeit. Er stimmte fröhlich mit ein, antwortete auf das spottende Lob und fand, daß die Tochter des Kaufmanns aus den Fjorden ihm weit größeres Vertrauen schenkte als vorher. Die Stimmung beim Mahl – auf dem Tisch prangten jetzt auch Fleisch und Fisch – wurde die heiterste, als Gustav eine Flasche alten Madeira aus dem Verschlag holte. Es wurde angestoßen auf das Willkommen im Lande, auf gutes Glück und Gedeihen, auf stete Freundschaft und endlich auch darauf, daß Henrik Sture sein Haus in der Nähe des Lyngenfjord bauen und als guter Nachbar sein Leben lang gesegnet und in Frieden darin wohnen möge. »Gib acht«, rief Gustav, »es wird dir gefallen, ehe du es denkst, und hast du einmal diese Felsen und wilden Wasser liebgewonnen, so gibt es auch nichts auf der Welt, was dich wieder davon losreißen kann. Ich habe es selbst gesehen, daß Männer zu uns kamen, die im ersten Jahr nahe daran waren, sich das Leben zu nehmen, weil sie es inmitten dieser Einöden nicht auszuhalten vermeinten. Bald aber wurden sie wieder froh, und endlich fanden sie es schön, daß nichts sie bestimmen konnte, in ihr Vaterland zurückzukehren, obwohl sie Geld und Gut genug dazu besaßen.« Sture blickte vor sich hin. Ihm dünkte es unbegreiflich, daß es Menschen geben sollte, die freiwillig in dieser Felsenwüste blieben, wenn ein gütiges Geschick es ihnen gestattete, mildere Luft zu atmen und unter Eichen und Buchen zu wandeln. »Das ist seltsam«, murmelte er, »sehr seltsam!« »Ich finde es natürlich«, antwortete ihm das Mädchen. »Die Männer, welche kamen, waren fremd und verlassen. Einsamkeit und Entbehrungen bedrückten ihr Gemüt. Nach und nach erwarben sie Freunde, ihr Wohlstand mehrte sich, sie fühlten den Segen der Arbeit und fanden Frieden und Ruhe in ihrer Familie. Du, Henrik Sture, kommst freilich aus einer Welt der Zerstreuungen und Vergnügungen, und darum mag dich der Gedanke an die Einsamkeit, die dich hier erwartet, doppelt drücken. Denn einsam, sehr einsam ist es in der Wildnis, das ist wahr! Bei uns hast du nichts als dein Haus, und Wochen und Monde können vergehen, ehe ein fremder Fuß deine Schwelle betritt. In deinem Hause mußt du daher all dein Glück finden, das dir auf Erden gegeben ist.« Damit stand sie auf, doch nicht, ohne daß ihre Augen mit einem sanften und freundlichen Glanze auf den Fremdling gerichtet gewesen wären, und rief: »Da kommt der Vater zurück, ich höre ihn rufen. Sein Boot liegt schon an der Leiter.« Und so war es wirklich, denn nach einigen Augenblicken schallten die schweren Schritte des Kaufmanns auf dem Deck und kamen dann die Treppe herunter. »Nuh«, rief er beim Eintreten, »sehe, habt reinen Tisch gemacht, Kinder; schadet aber nichts, nehme auch mit den Überbleibseln fürlieb. Gustav, stell eine neue Flasche auf den Tisch, und du, Mädchen, tisch auf, was du noch hast. Denn von all dem Sprechen und Handeln spüre ich einen rechtschaffenen Appetit. Ja, ja, Herr Sture, ist nichts ohne Mühe in der Welt.« Er nahm seinen Teerhut ab, zog einen Sessel an den Tisch und strich sein gelbgraues, langsträhniges Haar mit beiden Händen aus dem faltigen Gesicht. – Einige Minuten saß er still, als wolle er erst genau bedenken, was er rede, dann richtete er den Kopf auf und sagte zu Sture: »Ist also abgemacht der Handel. Habe zweitausend Vog guten Fisch für Euch aussuchen und trocken hängen lassen, macht tausend Speciestaler bar zu zahlen auf heutigen Tag in der sechsten Abendstunde dort drüben in Ostvagöe.« »Gut«, entgegnete Sture, »das Geld soll bereit sein.« »Alles recht«, rief der Kaufmann freundlich, »gebt mir mit diesem vollen Glas Bescheid, und laßt Euch den Handel nicht gereuen. Habt Ihr Glück, so könnt Ihr das Fünf- und Sechsfache dabei verdienen, habt Ihr kein Glück, werdet Ihr, wie ich glaube, wenigstens nichts verlieren. Es ist ein alter, erprobter Satz: Beim Handel überlegen und dann wagen. So ist's. Und nun noch einmal, stoßt an auf ein gedeihliches erstes Geschäft!« Sture tat der Aufforderung des Kaufmanns Genüge und fragte ihn dann, was er ihm riete, in diesem Jahr weiter zu beginnen. »Will's Euch sagen, wie ich darüber denke«, antwortete Helgestad mit wohlwollender Miene. »Wißt, daß mein Haus am Lyngenfjord steht. Ist eine feine Stelle; denn drei Märkte im Jahr werden nahebei abgehalten, und ist auch sonst viel Zulauf und Verkehr von Fischern, Quänern und Fjeldlappen. Ist aber auch ein Gewirr von Sunden dort, schießen ein Dutzend von Strahlen zusammen gegen die Lappmarken hin, und liegt manches gesegnete Plätzchen da noch wüst und leer. Weiß einen von allen darunter, wo ein tüchtiger Mann sein Haus aufrichten kann und reichlich sein Fortkommen finden wird.« »Und dort soll ich mich ansiedeln?« fragte Sture. »Denke so«, sagte der Alte. »Werdet am Lyngenfjord bei mir wohnen, bis Euer Haus aufgebaut ist; kaufen dann Boote und Fischerzeug samt einer Jacht für die Bergen-Fahrten, denn müßt Euch selbst holen, was in den Kramladen paßt.« Eine dunkle Röte überzog Stures Gesicht. »Einen Kramladen soll ich halten?« rief er halb lachend, halb entsetzt vor dem Gedanken. »Einen Kramladen für Lappen und Quäner?« »Sicher müßt Ihr das«, versetzte der Kaufmann kaltblütig, »oder denkt Ihr etwa als Kammerjunker hier zu leben! Sind manche hier, die hunderttausend Species im Kasten haben, aber dennoch einen Kramladen offen halten.« »Aber, wenn ich auch wollte«, entschuldigte sich Sture, »zum Bauen und Einrichten gehört Geld, viel Geld – wo soll ich es herbekommen?« »Zeigt mir einmal Euren Schenkungsbrief«, sagte Helgestad, und nachdem Sture, etwas verwundert über das plötzliche Verlangen, die Urkunde des Königs hervorgeholt hatte, las der Kaufmann sie mit größter Aufmerksamkeit durch und schien Wort für Wort förmlich zu studieren. Das Papier dann seinem Eigentümer zurückgebend, sagte er mit zufriedenem Kopfnicken: »Alles recht. Habt einen Freund im Lyngenfjord, soll Euch nichts fehlen, was Ihr braucht. Habe Geld und Waren genug, Euch einzurichten, wie es not tut. Müßt dann freilich auf eigenen Füßen stehen. Seid Ihr ein tüchtiger Mann, wie ich glaube, werdet Ihr Eure Sache so gut zu wenden wissen, daß Ihr bei keinem Fall aufs Gesicht zu liegen kommt; seid Ihr's nicht, so ist es Eure Schuld, wenn andere die Äpfel essen, die für Euch gebraten waren.« Nach diesen Worten stand er auf, und seine große Uhr hervorziehend fuhr er fort: »Es ist jetzt Zeit, daß wir aufbrechen, wenn wir unser Geschäft im Gaard Gaard ist ein größeres Bauerngut. von Ostvagöe noch abmachen wollen, ehe der Tanz beginnt. Holt also Euer Geld heraus, Herr Sture, und kommt in die Jolle. Gustav und Ilda werden uns im anderen Boote folgen.« Unter den Händen zweier stämmiger Fischer flog die Jolle an den Klippenrand, wo drei Nordmänner anscheinend wartend standen, die das Fahrzeug festhielten und über das Geröll zogen. Eine hölzerne Treppe führte auf die Felsen, wo der Gaard von Ostvagöe, ein rot angestrichenes Balkenhaus mit kleinen Fenstern, stand. Aus dem Vorderraum wand sich ein schmaler Weg zwischen Fässern, Netzen, Angeln und Fischbeinen in ein großes Gemach, das als Gaststube und Tanzsaal zugleich diente. Hier angelangt, machte Helgestad den dänischen Junker mit den drei Verkäufern bekannt, die ihm gefolgt waren und nun am selben Tisch mit ihm Platz nahmen. »Habt hier drei von den besten Männern aus Nordland, ist ihr Wort so fest wie Stahl und Eisen. Also zur Sache. Kaufte Euch von Olaf Gödwad achthundert Vog Fische, von Henrik Nielsen sechshundert, von Gullik Stefenson sechshundert, sind im ganzen zweitausend, nach meiner Wahl ausgesucht und mir für Euch überwiesen. Schlagt ein, Herr Sture, seht her, halten Euch die Hände hin, und jetzt nehmt Euren Beutel, und zahlt hier auf den Tisch, hat mancher blanker Species schon auf ihm gelegen.« Gehorsam zählte Sture sein Geld auf, das vorsichtig nachgerechnet und mit scharfen Blicken geprüft wurde, ehe die drei Fischhändler es in ihre tiefen Taschen verschwinden ließen. Als Sture den leeren Beutel einsteckte, kam eine Bangigkeit über ihn, die ihn fast bereuen ließ, was er getan. Wie, wenn ihn diese unbekannten Männer im Verein um das Wenige betrogen, was er besaß? – Er hatte recht gut bemerkt, wie sie sich heimlich ansahen und sich mit schlauen Blicken verständigten, wie spöttisch die Augen der Zuschauer ringsum auf ihm ruhten. Und der Kaufmann selbst? Er schien ein weites Gewissen zu haben, und die Art, wie er mit gierigem Schmunzeln den klingenden Goldstücken nachsah, hatte viel von der Freude eines Gauners, dem ein famoser Streich geglückt ist. Doch Sture schüttelte gewaltsam alle trüben Gedanken von sich ab. Das Geld war fort und ließ sich nicht zurückfordern, denn mit diesen derben, markigen Gestalten durfte man sicher keinen Scherz treiben. Er mußte hier als Mann ein für allemal für seinen Handel einstehen. Schon kam auch der Kauftrunk, bestehend aus großen, mit Punsch gefüllten Gläsern. Man trank ihm zu, schüttelte ihm die Hände, und bald sammelten sich Fischer und Kaufleute um den Ankömmling, um seinen Erzählungen aus der dänischen Hauptstadt aufmerksam zu lauschen. Nach und nach füllte sich der weite Raum zusehends, und als die Musik, bestehend aus zwei Violinen, einer Trompete und einer Flöte, ihre seltsamen Tanzweisen begann, drehte sich bald alt und jung, hoch den Staub aufwirbelnd, im Kreise. Ein sechs Fuß hoher Nordländer, namens Olaf Veigand, den Gustav Helgestad als Freund begrüßt hatte, führt mit Ilda den Reigen an, und unter Lärmen und Lachen und lautem Gejauchze folgten die übrigen Paare wild durcheinander. Da der Abend bereits tief dunkelte, brannten auf den Tischen wohl ein Dutzend Talglichter, die auf leere Flaschen gesteckt waren, allein ihr schwacher Schimmer reichte nicht hin, in der großen Halle die Finsternis, vermehrt durch Tabaksqualm, zu überwältigen. Henrik Sture lehnte allein in einer Ecke und schien der einzige, der Widerwillen vor dem wilden Trubel ringsum empfand. Niemand schien sich um ihn zu kümmern, doch plötzlich faßte der alte Helgestad über den Tisch hinüber seinen Arm und zog ihn aus seinem Winkel hervor. »Nuh«, sagte er, »gefällt Euch das Treiben nicht? Kann's mir denken und will Euch jemand zeigen, dem es auch nicht behagt. Steht dort der Neffe vom Tromsöer Vogt, sein Schreiber und Gehilfe, Paul Petersen; ist ein Mann von Eurem Zuschnitt, aber einer, der nicht allen Leuten gefällt. Muß Euch das sagen, Herr, ehe wir gehen«, fuhr er fort. »Ist eine Art scharfer Brennessel, und muß sich jeder hüten, ihn mit bloßer Hand anzufassen. Seid aber freundlich gegen ihn, denn Ihr könnt ihn brauchen, wenn Ihr Euren Brief seinem Onkel in Tromsö vorlegt.« Er war bei diesen Worten, indem er Stures Hand festhielt, quer durch das Gemach geschritten, wo in der Nähe der Tür neben einigen Vögten und Sorenskrivern Geschworene Schreiber. ein junger Mann saß, der, nachdem Helgestad seine Schulter berührt hatte, sich umdrehte und sein gelblich bleiches, von Blatternnarben zerrissenes und von dunkelrotem Haar umgebenes Gesicht dem Kaufmann und seinem Begleiter zuwandte. Sogleich stand er auf und reichte Sture freundlich die Hand, als Helgestad, auf diesen deutend, sagte: »Höre, Paul Petersen, hier ist ein Freund, der dich kennenlernen will. Ist ein Mann aus Kopenhagen, wo es dir so gut gefallen hat. Denke deshalb, Ihr werdet zusammenpassen und gute Freundschaft halten.« »Herr von Sture«, sprach der junge Mann höflich, »ich habe von Ihrer Ankunft gehört und hätte Sie schon aufgesucht, wenn ich nicht durch ein paar gute Bekannte hier festgehalten wäre. Seien Sie willkommen im Lande, dessen größte Herrlichkeit, den Fischfang auf den Lofoten, Sie bereits kennengelernt haben. Ich brauche Sie nicht zu fragen, wie Ihnen der Ball im Gaardhaus gefällt«, setzte er auflachend hinzu, »denn ich sehe Ihrem Gesicht die Freude darüber an. Verlieren Sie aber den Mut nicht, bei uns zu bleiben. Der Mensch gewöhnt sich an alles, und nach einigen Jahren werden Sie sich vielleicht mit demselben Vergnügen hier im Kreise herumdrehen, wie alle diese guten Leute. – Kommen Sie jetzt an unseren Tisch, ich mache Sie dort mit einigen von unseren Vögten bekannt, und dann wollen wir mitsammen ein Glas auf gute Bekanntschaft leeren.« Der Junker folgte der Einladung um so lieber, als er hier endlich in diesen Einöden einen Menschen fand, der sich in der Welt umgesehen hatte und auf Bildung Anspruch haben durfte. Der Sorenskriver hatte sich einige Jahre in Kopenhagen aufgehalten, die Rechte studiert, war darauf Praktikant in Kristiania gewesen, und hatte sich endlich zur Unterstützung seines Onkels nach Tromsö begeben, wo er, wie es schien, gut gestellt war. Während Sture mit sämtlichen Vögten und geschworenen Schreibern Punsch trinken mußte, fühlte er nach und nach in der anregenden Unterhaltung mit dem Schreiber Petersen seinen Widerwillen gegen das Treiben ringsum schwinden, und als jetzt Ilda Helgestad mit ihrem Bruder Gustav herantrat und ihm die Ehre antat, ihn selbst zum Tanz aufzufordern, welche Höflichkeit allerdings dem Mädchen ein Spottlächeln von dem rotköpfigen Neffen des Tromsöer Vogtes eintrug, folgte Sture ihr fröhlich und dankbar, und bald walzte er mit der Jungfrau noch flinker herum als die übrigen Paare. Am zweiten Morgen nach diesem Ball hob Helgestads Jacht die Anker und steuerte dem Norden zu. Den Tag vorher hatte der Kaufmann seine Geschäfte abgetan, auch Stures gekaufte Fischvorräte überwiesen und ihm dabei manchen guten Rat erteilt, wozu ihn seine Erfahrung befähigte. Gustav blieb mit den Booten und Fischgeräten zurück, die er auf der zweiten Jacht seines Vaters nach Haus führen sollte. Als Sture das Verdeck betrat, lagen die Lofoten schon in weiter Ferne hinter einer Wand düsterer Nebel, aus der nur die höchsten Bergspitzen hervorragten. Alles kam ihm fast wie ein Traum vor. Nur mit Mühe konnte er sich einbilden, daß dort hinter den Klippen seine Stockfische auf den Gerüsten schwankten. Als aber ein wildes Schneegewirbel losbrach und Land und Meer in seine Wolken einhüllte, fühlte er alle Besorgnisse eines Eigentümers, und die Angst um seinen Besitz trieb ihn unruhig das Deck auf und ab. Er trug jetzt nach Art der Handelsherren einen gefütterten Lederrock und eine Mütze aus Renntierfell, was beides er auf Ildas Antrieb in Ostvagöe gekauft hatte, und wohlgefällig betrachtete Niels Helgestad den Gast in seiner neuen Kleidung, als er jetzt ebenfalls an Deck erschien. »Herr Helgestad«, rief ihm Sture eifrig entgegen, »wir haben da ein böses Wetter, welches gewiß viel Schaden unter den Fischgerüsten anrichten wird.« »Ha, packt Euch die Sorge schon!« lachte der Alte laut auf. »Ist ein gutes Zeichen für mich und ein ebenso gutes Zeugnis für Euch, daß Ihr Euer Hab und Gut fleißig im Auge behalten werdet. Ist aber keine Not darum, unsere Gerüste sind fest, und kein Schnee oder Sturm wird ihnen etwas anhaben.« Durch diese Worte beruhigt, konnte Sture um so friedlicher den Tag und noch drei andere verleben, wo er an Bord der Jacht durch die Sunde und Fjorde schwamm, bis endlich das schwere Schiff mit Strömung und Wind durch die Straße von Tromsö trieb, wobei die Kirche, umringt von einer Anzahl rotangestrichener Holzhäuser, vor den Blicken der Reisenden erschien. Auf Niels Helgestads Rat wollten sie hier anhalten und den Vogt Paulsen aufsuchen, um ihn zur sofortigen Registrierung des königlichen Schenkungsbriefes zu bewegen, wodurch Sture von Gesetzes wegen die Erlaubnis erhielt, sich alsbald das ihm zusagende Land auszuwählen. »Es ist besser«, meinte der alte Kaufmann, listig mit den Augen blinzelnd, »wenn die Sache in Richtigkeit ist, ehe der Schreiber nach Hause kommt, damit er nicht gar noch seinem Onkel eine Mücke ins Ohr setzt!« Die Meinung des schlauen Alten achtend, durfte Henrik Sture nicht versäumen, zu dem beabsichtigten Besuch seine scharlachrote, goldbetreßte Gardeoffiziers-Uniform anzulegen, und wenn auch sein verwandeltes Äußeres, als er sich wieder in der Kajüte zeigte, bei Ilda nur ein leises Spottlächeln und bei ihrem Vater ein derbes Witzwort hervorrief, so wußte der hohe Beamte in Tromsö das bunte, ihm wohlbekannte Kleid desto besser zu schätzen und empfing den dänischen Baron voll Höflichkeit und Auszeichnung. Henrik Sture fand in dem Hause des Vogtes den weitbekannten Freund und Seelsorger der Lappen, Klaus Hornemann, vor, und lernte in ihm, wie auch in Wahrheit sein Ruf war, einen würdigen Priester und ausgezeichneten Menschen kennen, während der Vogt selber ihm den Eindruck eines rohen und hinterlistigen Charakters machte, dessen Brutalität sich hinter mühsam angelernten, geselligen Formen versteckte. Es wäre ihm gewiß auch schwerlich gelungen, den Beamten so schnell seinen Wünschen willfährig zu machen, um so mehr als dessen Artigkeit sich bald mit einem gewissen Mißtrauen mischte, nun er von dem Schenkungsbrief des Königs hörte, wenn ihn nicht Niels Helgestad in ein Nebengemach gezogen und dort lange Zeit mit ihm geflüstert hätte. Als beide endlich wieder zu dem Missionar und dem jungen Edelmann hereintraten, die sich indessen lebhaft und von gegenseitigem Wohlwollen beseelt über die Verhältnisse des Landes unterhalten hatten, war der Vogt wieder die Höflichkeit und Artigkeit selbst. »Ich habe die Richtigkeit Ihres Begehrens anerkannt, Herr Baron«, sagte er, »und den Brief Seiner Majestät in die Register eingetragen, wenn ich auch dazu eigentlich die Ankunft meines Neffen Paul abwarten müßte, der diese Register führt. Da jedoch, wie ich höre, Paul Petersen den Schenkungsbrief bereits selbst gelesen und Sie zum Hierherkommen aufgefordert hat, ist die Sache auch so in Ordnung. Es ist Ihnen somit die Erlaubnis erteilt, drüben im Lande, wo Sie wollen, Grund und Boden auszuwählen nach Ihrem Belieben. Sobald es geschehen ist, soll die Besitz-Akte Ihnen zugestellt werden. – Somit viel Glück, Herr Baron! Brauchen Sie guten Rat, so kommen Sie wieder nach Tromsö. Sie sind jedoch bei Niels Helgestad in den besten Händen und konnten sicherlich keinen klügeren Mann finden!« Sein listiger Blick glitt von Sture auf den alten Kaufmann, der seinen Hut nahm und das volle, vor ihm stehende Glas ergriff. »Stoßt an, Vogt,« rief er, »und laßt uns trinken darauf, daß alle unsre Wünsche sich erfüllen mögen.« »Recht, Niels«, sagte Paulsen lachend, »alle unsre Wünsche sollen sich erfüllen! Ihr wollt also nicht bei mir bleiben?« »Nein, Vogt, es kann nicht sein.« »So fahrt mit Gott, Niels! Grüßt Jungfrau Ilda. Ich will wetten, Paul hält es nicht lange bei mir in Tromsö aus und kommt Euch nach. – Noch ein Glas, Niels, auf das Wohl der Jungfrau Ilda.« Man mußte dem Vogt den Willen tun, der gern beim Glase festsitzen blieb und sich deshalb nur schwer entschließen konnte, seine Gäste zu entlassen. Das Boot legte schnell genug an Bord der Jacht an. Henrik Sture sprang, ohne den alten Helgestad abzuwarten, ihm zur Kajüte voraus, wo er leichten Trittes die Stufen hinabstieg und durch die angelehnte Tür blickte. Jungfrau Ilda saß bei einer Handarbeit, doch die Nadel ruhte in ihrer Hand. Ihre Finger hatte sie verschränkt, schweigend blickte sie im tiefen Nachsinnen vor sich nieder, und dieser Ernst gab ihrem Gesicht einen edlen, zu Herzen gehenden Ausdruck. Bei dem Geräusch an der Tür blickte sie auf und sah Sture stehen, worauf ein Schein der Freude über ihre Züge flog. »Da bin ich, Jungfrau Ilda«, rief er ihr zu, »und wie ich denke, werde ich dich sobald nicht wieder verlassen. Meine Schenkungsakte ist nun eingetragen, dein Vater hat es auf der Stelle bewirkt. So kann ich denn mein Land suchen, wo ich will, und mein Haus bauen, wo es mir gefällt. In deiner Nähe, wenn du mich nicht forttreibst.« »Du weißt, wir sehen dich alle gern«, erwiderte sie. »Und wie seltsam ich mir vorkomme in diesem rot-goldenen Kleid«, fuhr er fort. »Dein Vater hat recht, mir wird heiß und bange darin, der Pelzrock und der Lederkragen, das ist die Tracht, die sich für mich schickt.« Die Blicke des Mädchens wurden immer freundlicher, während er redete, und mit sichtlicher Teilnahme erwiderte sie: »Das höre ich gern von dir, Henrik Sture. Du wirst dich an dein neues Vaterland bald gewöhnen.« Sture entfernte sich jetzt, und als er, in sein nordländisches Wams gekleidet, wieder hereintrat, wurde er mit Wohlgefallen von Helgestad empfangen. Ilda hatte inzwischen den Tisch bestellt, und während die Jacht, von einem frischen Wind getrieben, durch die mondhelle Nacht schwamm, saßen die Reisenden unter angenehmen Plaudereien noch spät beisammen. Drittes Kapitel Im Gaard von Örenäes Am Morgen erwachte Henrik Sture spät. Es war heller Tag, und über seinem Kopf schien es geschäftig herzugehen. Er sprang auf, schlüpfte rasch in die Kleider und trat in die Kajüte, aber diese war leer. So eilte er denn auf das Deck, und kam eben zurecht, um das Fahrzeug in eine breite Bucht einlaufen zu sehen, an deren Ende zwischen niederen Felsen eine Jacht und mehrere Boote ankerten. Ilda stand am Vorderschiff und nickte ihm freundlich zu, als er ihr näher trat. »Du hast zu lange geschlafen«, sagte sie, »sonst hättest du den Lyngenfjord betrachten können. Ganz fern erblickst du noch die Kirche von Lyngen.« »Und dort hinter der Felsenspitze«, fiel Sture ein, »liegt ohne Zweifel das Haus deines Vaters.« »Du hast es erraten«, erwiderte sie, »es ist der Gaard von Örenäes. – Gefällt er dir?« Der Junker betrachtete die zackigen Felsenwände, die schwarz und geklüftet aus Eis und Schnee hervorstarrten. Er gab keine Antwort. »Du wirst es schön finden, wenn der Sommer kommt, wenn überall die Birken grün werden und Gras und Blumen unsren kleinen Bach umringen«, sagte Ilda. Jetzt wendete sich die Jacht um die Felsen des Vorgebirges, und zeigte dicht in der Nähe das Haus des Kaufmanns. Rot angestrichen, mit weißen Fenstern, ein Dutzend kleinerer Hütten zur Seite und vor sich die großen Packhäuser, hatte es ein stattliches Ansehen. Von seinem Dach aus Birkenrinde wehte eine große Fahne zum Willkommen für den Hausherrn, und als die Jacht sich dem Pfahlwerk näherte, warfen sich alle Bewohner des Gaards unter Freudengeschrei in die Boote und ruderten den ersehnten Heimkehrenden entgegen. Es waren seltsame Menschengestalten, mit langen, gelben, zottigen Haaren, in Jacken und Röcken von Fellen, und Sture fühlte sich bei ihrem Anblick so recht in eine fremde Welt versetzt. Dieser Eindruck verstärkte sich noch, als er mit den übrigen das Land betrat. Er sah plötzlich ein Mädchen hastig über den Grund herbeieilen, das beide Arme um Ildas Nacken schlang und sie mit Küssen und Liebesbezeugungen bedeckte. »Gottes Friede ins Haus, liebe Gula«, sagte die Tochter des Kaufmanns. »Wie ist es dir ergangen?« »Gut, Ilda, meine schöne Schwester«, erwiderte sie mit erneuter Zärtlichkeit. »Und ihr seid wohlauf, du und Gustav?« »Alle wohl, Gula. Gustav kommt mit den Jachten, es war ein großer Fang, Gula, wir haben viel Freude gehabt. Auch komme ich nicht allein zurück«, fuhr sie fort, als sie Sture neben sich erblickte. »Wir bringen einen Gast mit, einen dänischen Herrn, der eine Zeitlang bei uns wohnen wird.« Gula hob den Kopf auf und sah den Fremdling forschend und verwundert an, ihre schwarzen, großen Augen drückten ein Übermaß von Erstaunen aus, bis sie verlegen sich abwandten. Auch Sture war betroffen, er hatte sich das Lappenmädchen, von dem er schon gehört, ganz anders vorgestellt. In den Mitteilungen aller Nordmänner, die er bis jetzt kennengelernt hatte – mit alleiniger Ausnahme des Pfarrers Hornemann – lag ein solcher Abscheu gegen alles, was Lappe hieß, daß es fast unmöglich war, sich ein Glied dieses unglücklichen Stammes anders zu denken, als ein von der Natur verwahrlostes, affenartiges Geschöpf, dessen Häßlichkeit Ekel und Abscheu erregt. Aber Gula strafte dieses Vorurteil Lügen. Sie war klein, doch ungemein zierlich gebaut. Ihre dunklen Röcke schlossen dicht um die Hüften, während der Oberkörper durch eine Jacke von feinem Seeotterfell mit Besatz aus der weißen Federhaut nordischer Strandvögel geschützt war. Eine Kette von Schaumünzen hing um ihren Hals und ihre glänzend schwarzen Zöpfe, mit dunkelrotem Band umflochten, hingen weit auf den Rücken nieder. – So bot sie trotz der gelblichen Hautfarbe das gefällige Bild eines hübschen jungen Mädchens. Nachdem auch der Kaufmann Gula begrüßt und ihre Führung des Haushaltes gewaltig gelobt hatte, schob er unter freundlichen Scherzreden seinen Gast vor sich her ins Haus und in das große niedere Gemach, wo der gedeckte Tisch bereitstand. Das Mahl war reichlich und alle sprachen den guten Dingen so wacker zu, daß während des Essens wenig gesprochen wurde. Erst als der Hausherr sein letztes Glas mit einer Mischung aus Genever und Wasser geleert hatte, wurde die Unterhaltung lebendiger und wandte sich bald wie natürlich auf Stures Zukunft. »Sollt nun lernen«, sprach Helgestad, »wie es im Hause eines nordischen Kaufmanns hergeht. Sollt mir helfen in allerlei Geschäften, beim Tranpressen und im Warenhaus, wie auch im Verkauf und Handel mit den Fischern und anderen Nachbarn. Lernt dabei, und das, ist die Hauptsache.« »Ich sehe ein, daß ich lernen muß«, erwiderte Sture, »gebt mir Arbeit, soviel Ihr wollt.« »Nuh«, sagte Helgestad, »seid ein tüchtiger Mann, wird besser gehen als Ihr glaubt. – Wenn Gustav zurück ist, wollen wir weiterreden. Müssen jetzt nach der Jacht sehen, die Fässer herausschaffen, die Lebern unter die Pressen bringen. Ist eine schlimme Arbeit, muß aber getan werden, tut sich nichts auf der Welt von selbst.« Sture zeigte sich sofort bereit, und bald war er mit Helgestad auf der Jacht und im Packhaus in voller Arbeit, die erst mit dem Abend endete. – Die Jacht war merklich geleert, und Helgestad schüttelte dem fleißigen Gehilfen wohlgelaunt die Hand. »Ist genug für heute«, rief er. »Sitzt sich gut jetzt am warmen Ofen, das Glas in der Hand. Ist's nicht so?« Sie gingen ins Haus und traten in den behaglichen Wohnraum, dessen Fußböden mit einer Art großen Teppich aus Renntierfellen bedeckt war. Nach Beendigung der Mahlzeit reichte Gula holländische Tonpfeifen und Punschgläser herum und wußte dabei ihre Gäste so flink und aufmerksam zu bedienen, daß Sture nicht umhin konnte, sich über ihr zierliches Wesen in höflichen Worten gegen den Kaufmann zu äußern. »Habt recht, wenn ihr meiner kleinen Gula ein Loblied anstimmt«, sprach Helgestad. »Muß es bestätigen, ist ein wackres Mädchen. Wollte, es wäre in meiner Macht, ihr zu beweisen, daß ich sie lieb habe; denke aber, sie weiß es. Ist's nicht so?« »Ja, Herr«, erwiderte Gula leise. »Ich weiß, daß du mich liebhast, und alle mich liebhaben, weiß auch, wieviel Dank ich dir schulde.« »Nuh«, sprach Helgestad, große Dampfwolken von sich blasend, »bist eine Seltenheit, die man in ganz Lappland nicht wieder findet. Sind die Lappen die undankbarsten Geschöpfe, die der Herr in die Welt gesetzt hat.« »Mit Erlaubnis«, erwiderte Sture, »mir will es scheinen, als erweise man ihnen nicht eben besondere Dienste, die Dankbarkeit erwecken könnten.« »Oho!« rief der Kaufmann, »habt es Euch in den Kopf gesetzt, das Volk zu loben.« »Ich lobe es nicht«, sagte Sture, »aber warum sollte ich es schelten und verdammen? Ist Gula eine Tochter dieses verlassenen Volkes, und ist sie mit Hilfe Eurer Erziehung so gut und verständig geworden, warum sollte es nicht viele geben, die so wie sie wären, wenn wackere Leute sich ihrer erbarmten?« In Gulas Augen funkelte ein Strahl unaussprechlichen Dankes. Ilda sah von der Spindel auf und blickte aufmerksam den Junker an, Helgestad aber trank sein Glas aus und rief mit einem grämlichen Blick auf den jungen Edelmann: »Nuh, sprecht wie ein Prediger. Werdet aber bald anderen Sinnes werden, wenn Ihr sie kennenlernt, und daran wird es nicht fehlen. Laßt's gut sein«, fuhr er dann abwehrend fort, als er sah, wie Sture die Lippen zum Sprechen öffnete, »wir wollen uns die Laune nicht verderben. Übrigens ist's auch Schlafenszeit. Morgen ist wieder ein Arbeitstag.« Er führte den Gast nach dem allseitigen »Gutenacht« in das obere Stockwerk, wo in einem kleinen sauberen Gemach ein mächtiges Federbett aufgestellt war, und drückte nach einem »Schlaft in Frieden!« die Türe wieder hinter sich zu. Sture fiel in die elastischen Daunen, und bald ergriff ihn ein fester Schlaf, der erst mit dem Sonnenschein des nächsten Morgens von ihm wich. – Wie dieser erste Tag im Gaard vergangen war, so folgten manche andre mit demselben Wechsel von Arbeit und Ruhe, bis der erste Sonntag herankam. Sture war froh, diesen Tag ohne Kontobuch und Stockfisch verleben zu können, als ihn am Abend vorher der Hausherr zu einer Kirchenfahrt aufforderte. »Wird in Lyngen Pastor Gormson eine Dankrede halten für den reichen Fang auf den Lofoten«, sagte er zum Junker. »Müßt uns dahin begleiten, Herr Sture. Seht dort alle guten Leute beisammen von nah und fern. Ist nötig, daß Ihr Bekanntschaften macht, so viel Ihr könnt.« Die Einladung war nicht auszuschlagen. So fuhren denn die Kirchleute, mit Ausnahme von Gula, die das Haus hüten mußte, schon in der Morgendämmerung nach dem Kirchdorf, wo man erst nach hartem, zweistündigem Rudern anlangte. Sture in seinem stattlichen grünen Tuchrock mit goldener Tresse war der Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit, und wenn auch manche mit Abneigung und Mißtrauen den Fremdling betrachteten, so genügte doch Helgestads Ansehen und Empfehlung bei der übergroßen Mehrzahl der Kirchenbesucher, daß sie dem Junker freundschaftlich die Hand schüttelten und ihn in ihr Haus einluden. Sture wurde durch dies Entgegenkommen bald heimisch und so froh gelaunt, daß er auf der Nachhausefahrt mit seinen ebenfalls heiter gestimmten Gastgebern in allerlei Scherzreden wetteiferte. Daheim wartete ihrer eine Überraschung. Als Sture Ilda die schlüpfrigen Felsenstufen am Strande hinaufhalf, sahen sich beide vergebens nach Gula um. »Sie hat Besuch bekommen«, sagte der Verwalter des Kaufherrn, der lachend herbeikam, »und mag vor Schrecken wohl das Gehen verlernt haben.« »Welchen Besuch?« fragte Ilda. »Da sitzt er an der Tür«, antwortete der Mann. »Sieh hin, du wirst ihn erkennen.« »Afraja!« rief Helgestad, der hinter ihnen war. »Was will der alte Schelm? Gutes bringt er sicher nicht.« Sie näherten sich dem Hause, und Sture betrachtete neugierig den Mann, dessen Namen er schon mehrere Mal gehört hatte. Zusammengekrümmt und den Kopf tief gebeugt, saß der greise, in Renntierfelle gekleidete Hirte auf der Bank neben der Tür. Seine Hände umfaßten einen langen Stab, dessen scharfe Eisenspitze am Boden glänzte, zu seinen Füßen lagen zwei kleine rauhhaarige Hunde, deren wachsame Blicke sich bald auf ihren bewegungslosen Gebieter, bald auf die nahenden Fremden richteten. Als diese dicht heran waren, hob der alte Lappe den Kopf in die Höhe, und eine gewisse Freundlichkeit überzog sein verwittertes Gesicht, das mit tiefen Falten und Runzeln bedeckt war, und aus dem nur die kleinen, feurigen Augen lauernd und mit einer ungemeinen Schlauheit hervorblickten. Der Greis stand von seinem Sitz auf, und sich tief vor dem Kaufmann beugend, sagte er in tiefen Kehltönen, indem er die für Fremde fast unverständliche Sprache jener Küstenstriche gebrauchte: »Friede und Segen sei über dir und deinem Hause, Väterchen!« »Ich nehme deinen Gruß an«, antwortete Helgestad, »du hast ihn sicher weit hergetragen, wie man an deinen beschmutzten Komagern Halbstiefel wahrnimmt. Habe dich seit der Herbstzeit nicht gesehen und glaubte dich in den Jauren.« »Du sprichst wahr, Väterchen«, bestätigte der Greis kopfnickend. »Meine Tiere haben an der Tana Fluß im nördlichsten Teile von Norwegen, bildet die Grenze gegen Rußland. geweidet, und jenseits bis zum großen Meer.« »Und was zum Henker führt dich dann zur Winterszeit an diese Küste und vor meine Tür?« rief Helgestad erstaunt. »Du muß ja eine fürchterliche Reise gemacht haben! Wo hast du deine Schlitten, deine Herden?« Afraja sah nach dem Gebirge hinauf, und nicht ohne einen gewissen Stolz strich er die grauen Haarbüschel aus seinem Gesicht. »Du weißt«, sagte er, »daß ich viele Tiere besitze. Mein Schwestersohn Mortuna rastet mit einer Herde an den Quellen des Stromes, den Ihr Saitenfluß nennt. Ich kam zu ihm, um seine Sommerweide zu bestimmen, und von dort war es nicht so weit zu dir, Vater. Mein Kind wohnt in deinem Hause, und mein Herz sehnte sich nach ihm, da ich anfange, mich alt und schwach zu fühlen. Fürchte jedoch nicht, daß ich dir lange zur Last falle; ehe die Nacht kommt, werde ich weit von hier sein. Gula aber soll mich begleiten, Herr.« Einige Sekunden lang sah Helgestad den Lappen starr und überrascht an, dann tat er einen langen, schrillen Pfiff durch die Zähne. – »Darauf also soll's hinaus«, sprach er mit gefalteter Stirn, »dachte mir wohl, daß dein altes verschrumpftes Gesicht nichts Gutes brächte. Kann aber nimmermehr geschehen. Hast du ein schlechtes Gedächtnis, Mann, so habe ich ein desto besseres, und dies sagt mir, daß du mir dein Mädchen für den Preis von fünf Pfund Tabak und einem Faß Genever für immer überlassen hast.« »Du bist ein Christ«, sagte der alte Mann eintönig, »dein Gott sieht und hört alles. Er weiß, daß ich mein Kind nicht verkaufte, du gabst mir ein Geschenk und ich nahm es. Sprich ein Wort und ich gebe dir das Doppelte zurück, denn meine Hütte ist öde, mir fehlt mein Kind darin.« »Bleib mir mit deinem Geschwätz vom Leibe!« schrie der Kaufmann, voll Ungeduld an seiner Pelzkappe rückend. »Habe das Mädchen aus dem Elend gezogen, Herr Sture, habe eine Christin aus ihm gemacht, und könnte es vor Gott und Menschen nimmer verantworten, wenn es wiederum in die Wildnis hinein sollte, unter Renntiere, Hunde und heidnisches Volk. – Gib her, du Narr, will deine Lappentasche da mit Tabak füllen und deine Branntweinflasche bis an den Hals hinauf, denke, du wirst zufrieden sein. – Gula aber bleibt hier! Das ist mein letztes Wort.« »Ich brauche weder deinen Tabak, noch deinen Branntwein«, sagte Afraja mit zorniger Verachtung, »sondern verlange mein Kind von dir. Man rühmt dich als einen gerechten Mann. Du wirst nicht nehmen wollen, was mein ist.« »Genug ist's und übergenug!« schrie Helgestad ärgerlich. »Klage beim Vogt in Tromsö, wenn du willst. Jetzt aber pack dich fort, oder ich werde dir den Weg weisen.« Er ging ins Haus und ließ Afraja stehen, der still vor sich niedersah und Ildas freundliche Worte nicht zu hören schien. »Du weißt«, sagte sie, »daß ich dein Kind wie meine Schwester liebe. Was willst du mit ihr auf den öden Alpen? Sie würde krank werden und sterben, ihr Leben kann dort oben nicht mehr gedeihen. Laß sie bei mir bleiben, wo sie froh und glücklich ist.« Ein Blick voll Haß und Kummer war die Antwort. – »Jubinal sitzt auf seinem Wolkenthron«, antwortete Afraja nachdrücklich, indem er die Augen zum Himmel erhob, »er sieht und straft die Ungerechten.« – Ohne Gruß und Abschied wandte er sich um und stieg an den Felsen, die hinter der Bucht und Helgestads Haus einen Halbkreis bildeten, mit größerer Leichtigkeit empor, als sein hinfälliger Körper dieses vermuten ließ. Seine zwei Hunde folgten ihm nach, und nach einigen Minuten war er verschwunden. »Ist er fort, der alte Schelm?« fragte Helgestad, den Kopf zum Fenster hinausstreckend. »Kommt herein, Herr Sture, brauchen uns eines Lappen und seiner Verwünschungen halber nicht zu fürchten.« »Freilich«, setzte er in der Stube hinzu, »in seinen Bergen ist er Gebieter, und wer zu ihm hinaufgeht, mag sich trotz aller Feigheit und Vorsicht, die sonst dem boshaften Volke eigen ist, vorsehen. Ist mehr als einer dort oben für immer verschwunden. Hier unten aber ist unser Reich, und wir sind so sicher darin wie in Abrahams Schoß.« Während der Kaufmann dann sein Sonntag-Nachmittagsschläfchen hielt, und Sture mit den beiden Mädchen im Zimmer saß, beredete Ilda den Junker, mit Gula einen Spaziergang zu machen. »Ich selbst«, sagte Helgestads Tochter, »habe allerlei im Hause zu schaffen. Aber Gula wird dich zu einer Stelle führen, die sie meinen Garten genannt hat. Es ist schön dort oben, ein andermal werde ich mit dir gehen.« Sture erklärte sich sogleich bereit, und bald stieg er mit Gula den steilen Pfad hinan. Das felsige Ufer des Fjord hob sich jäh zu einer beträchtlichen Höhe und bildete einen rauhen, schmalen Weg, der zur anderen Seite in einer Schlucht niedersank; in dieser rauschte ein Bach dem Meeresarm zu, der nahe bei Helgestads Hof mündete. Jetzt hatte der schmelzende Schnee ihn hoch angeschwellt. Schäumend sprang er über Klippen und Riffe und bildete ein paar prächtige Wasserfälle, deren Donner und Wasserstaub die Luft erfüllte. Im Hintergrund sah man ein glänzend beschneites Felsenhorn, der Kilgisgipfel genannt, von dem der Bach herunterkam. Leichtfüßig sprang das Lappenmädchen höher und höher hinan, und trotz aller Mühe vermochte Sture nicht, ihr zu folgen. Es war ein mühsames, ja gefährliches Klettern, das Gula nicht zu fühlen schien, während der Däne endlich atemlos stillstand. Sie kam zurück und bot ihm die Hand. »Sieh dort«, sagte sie tröstend, »an den schwarzen Steinen führen Stufen hinauf. Gustav Helgestad hat sie fest zusammengelegt. Stütz dich auf mich, in wenigen Minuten werden wir oben sein.« Und so war es. Über Felsenblöcke gelangten Gula und ihr Freund auf eine Terrasse, die, als sie durch einen Spalt der Klippe wie durch ein mächtiges Tor getreten waren, eine überraschende Aussicht bot. An tausend Fuß senkrecht unter ihnen lag der Fjord mit dem Gaard von Örenäes und weit über Lyngens Kirche hinaus bis zu fernen Sunden und Außeninseln schweifte der Blick in das seltsame Gewirr düsterer Felsen und Wasserspiegel. Nahe über ihren Häuptern türmte sich eine andre hohe Felswand auf, deren gewaltige Blöcke, überhängend und zerrissen, jeden Augenblick niederzustürzen drohten. »Sie fallen nicht«, sagte Gula lachend, als sie Stures Blicken folgte, der neben ihr auf einer von Gustav Helgestad roh gefertigten Bank saß. »Die hängen dort, seit diese Welt geschaffen wurde, und bilden die tiefen Höhlungen, in denen wir oft schon Schutz vor wildem Wetter fanden. Auch heute gefällt mir der Himmel nicht«, fuhr sie fort, indem sie nach links deutete. »Die Wolkenstreifen bedeuten nichts Gutes. Laß uns gehen, damit der Sturm uns nicht überrascht. Der Weg ist glatt, und daheim könnten sie bange um uns sein.« Hastig sprang sie die Stufen hinab. Die Vögel flatterten auf und flogen schreiend über den Fjord. Dann verbarg sich die Sonne rasch hinter den düsteren Wolkenstreifen, die der Wind, der in Stößen zu erwachen begann, schnell über den Himmel ausdehnte. Ein matter, falber Schimmer lief über die Spitzen der hohen Fjelden, als beide den Gaard erreichten, aus dessen Wohnhaus ihnen helles Licht entgegenglänzte. Allem Anschein nach stand eine böse Nacht bevor. Immer wilder heulte der Sturm auf und klammerte sich schüttelnd an das in seinen Fugen ächzende Balkenhaus. Nordlichtsblitze zuckten über den düsteren Himmel, bis sich endlich über den hohen Schneegipfeln im Süden des Fjords ein Kranz glühender Wolken sammelte, der mit seinem wunderbaren Feuer die schaumigen Wogen beleuchtete. Helgestad schickte Leute in seine Warenhäuser und sah selbst nach seinen Jachten, die an doppelte Ketten gelegt wurden. »Ist eine wilde Nacht«, sprach er besorgt, als er endlich triefend von Regen und Schnee in das Wohngemach zurückkehrte. »Bläst aus Südwest, als wollte es die alten Felsen ins Meer stürzen, werden morgen mehrere Fuß hoch Schnee haben. Löscht alles Licht aus und steckt den Kopf unter die Decken. Denke, Gustav ist in Tromsö mit den Jachten, oder liegt in einer sicheren Bucht vor Anker. Ist ein flinker Junge, Herr Sture, habe keine Sorge um ihn und werde ruhig schlafen.« Sture lag in seiner Kammer noch lange wach auf seinem Bett. Draußen heulte der Sturm mit so rasender Wut, daß das Haus bebte und wankte, und daß die kleinen Fenster klangen, als wollten sie zerspringen, wenn die Schneeschauer darüber hingetrieben wurden. Endlich wiegte ihn das Brausen und Stöhnen in Schlaf, und mehrere Stunden bereits mochte er geschlummert haben, als er plötzlich durch einen dumpfen Schrei erwachte. Horchend richtete er sich auf seinem Lager auf, und da er einen zweiten Schrei zu hören glaubte, sprang er schnell empor und warf sich seine Kleider über. Der Sturm tobte noch immer, aber das Schneetreiben hatte aufgehört. Jetzt fielen ein paar dumpfe Schläge, und ein Murmeln wie von Menschenstimmen unter seinen Füßen drang zu ihm auf. Mit einigen raschen Schritten war der Junker an der Tür, deren Holzriegel jedoch zu seinem Erstaunen nicht nachgab, und während er heftig daran rüttelte, hörte er noch einmal halbersticktes Gewimmer durch die Dielen dringen. Sture war ein Mann von Mut und Entschlossenheit. – Einen Augenblick überlegte er, dann sprang er zum Fenster und riß es mit einem Ruck auf. Hoher Schnee bedeckte leuchtend den Boden, und mit Hilfe dieses Schleiers erkannte er zwei Gestalten, die sich dicht am Hause bewegten. Ohne eine Sekunde zu bedenken, zwängte er seinen Körper aus dem Rahmen und ließ sich hinuntergleiten. Als er den Boden erreichte, fühlte er einen stechenden Schmerz in den Füßen; doch dessen nicht achtend, half er sich empor und lief unter lautem Rufe: »Halt, wer da?« der einen Gestalt nach, die soeben in der weit offenstehenden Haustür verschwunden war, während die andere sich im Schutz der Dunkelheit wahrscheinlich hinter das Haus geflüchtet hatte. Plötzlich aber, ehe Sture den im Vorflur sich bergenden Flüchtling fassen konnte, sah er sich von vier Männern angegriffen, die ihm aus demselben dunklen Raum entgegensprangen. Ein kräftiger Faustschlag wurde gegen ihn geführt, der ihn von der Schwelle zurücktaumeln machte. Die schnarrenden Kehllaute seiner Gegner ließen ihm keinen Zweifel, daß er es mit Lappen zu tun hatte. Einige Minuten lang war Sture in keiner geringen Gefahr. Die Angreifer schlugen mit langen Stöcken auf ihn los. Aber es waren feige und schwache Feinde, denn kaum hatte der kräftige Däne dem einen seine Waffe entrissen und ein paar Hiebe ausgeteilt, als die übrigen davonsprangen und ihren Genossen in Stures Händen ließen. Nach kurzem Ringen schleuderte dieser seinen Gefangenen in den Schnee und schleppte ihn bis an das Haus zurück, das so still und dunkel vor ihm lag, als atmete kein lebendiges Wesen mehr darin. »Habt ihr sie ermordet, ihr Elenden!« schrie der Junker voll Angst und Bestürzung, und sein Grimm wurde nicht geringer, als der Mann zu seinen Füßen keinerlei Antwort gab. »Rede, oder ich würge dich!« rief er fast außer sich vor Zorn. »Barmherzigkeit, Herr! Oh, sei barmherzig!« rief da eine atemlose Stimme hinter ihm, und zwei zitternde Hände schlangen sich um seinen Arm. »Gula!« rief Sture, und indem er den Gefangenen losließ, fügte er erschreckt hinzu: »Um Gotteswillen, es ist dein Vater?« »Schone sein graues Haar«, flüsterte sie, »und laß ihn nicht in die Hände seiner Feinde fallen. Niemandem ist ein Leid geschehen. Sie kamen, um mich gewaltsam fortzuführen; doch ich will bleiben. Afraja, mein Vater, hört es. Bitte, bitte, lieber Herr, laß ihn frei! Er wird nicht wiederkehren.« Unwillkürlich ließ bei diesen Worten der Däne seinen Gefangenen los. Sogleich richtete sich Afraja auf, und indem er einen plötzlichen Sprung zur Seite machte, hatte das Dunkel der Nacht seine Gestalt verschlungen. »Er ist fort!« rief der Junker. »Aber wo ist Ilda? wo Helgestad, ihr Vater?« Das Mädchen gab keine Antwort, sondern drückte ihm nur mit stummem, heißem Dank die Hand. Im nächsten Augenblick war sie im Hause verschwunden, wohin ihr Sture, der seine Füße jetzt heftig schmerzen fühlte, langsam nachfolgte. Vom Wohngemach aus führte ein Lichtschimmer nach Helgestads Schlafkammer, wo er das junge Lappenmädchen bereits antraf. Da lag der Kaufmann auf seinem Bett, mit Lederriemen wie ein Ballen zusammengeschnürt und so geknebelt, daß er nur mit Mühe soviel Luft schöpfen konnte, um nicht zu ersticken. Im Nu hatte Gula den Knebel aus dem Munde entfernt, sowie mit einem Messer die drei- und vierfach gebundenen, harten Lederriemen zerschnitten, und im Verein mit Sture wartete sie nun darauf, bis der erschöpfte, immer noch mühsam atemholende Kaufmann sich etwas erholt haben würde. Plötzlich sprang er mit einer Verwünschung auf, hinkte, das Licht ergreifend, nach einem großen eisenbeschlagenen Kasten hin, in dem sein barer Geldvorrat und seine Wertpapiere verwahrt lagen, und erst als er dort alles unversehrt vorfand, ließ er sich beruhigter in seinen Sorgenstuhl fallen. »Ist ein sonderbarer Vorfall«, sagte er, nachdem er eine Weile grübelnd vor sich hingestarrt hatte. »Hätte es niemals für möglich gehalten. Aber wo ist Ilda? Wo sind die Mägde?« »Alle schlafen in Frieden und niemandem ist ein Leid geschehen«, antwortete Gula demütig. »Ich habe an ihren Türen gehorcht und die Lederriemen von den Schlössern entfernt.« »Glaub's wohl«, sagte der Kaufmann, »daß sie auf der anderen Seite des Hauses nichts gemerkt haben. Tobte ja der Sturm draußen, daß ich selbst nichts hörte und ahnte, bis ich die Finger der Spitzbuben an meiner Kehle fühlte. Dann freilich wußte ich im Moment, woher der Streich kam. Ist ein Hauptschelm, dieser Afraja, und klug wie einer! Will's ihm aber doch gedenken«, setzte er finster murmelnd hinzu, indem er die blutigen Striemen an seinen Gelenken betrachtete. »Soll sich der Halunke nicht lange rühmen, daß er Niels Helgestad wie ein altes Segel zusammengeschnürt hat. Hätte es nimmermehr geglaubt, Herr Sture, daß ein Lappe das wagen würde!« Er schien sich von seinem Erstaunen lange nicht erholen zu können. Als er sich aber nach den näheren Umständen erkundigte und erfuhr, was er Sture verdankte, sprach er seine Anerkennung in freundlichen Worten aus. »Habe es Euch gleich angesehen, Herr«, sprach er, »daß Ihr den Kopf auf der richtigen Stelle habt. Euer Sprung geschah zur rechten Zeit. Säße Gula sonst jetzt in dem kleinen Schlitten und jagte durch Sturm und Schnee den Kilgishöhlen zu. Ich aber hätte bis an den Morgen hier liegen können, hätte Lärm und Gelächter gegeben durch ganz Finmarken. – Es ist ein wunderliches Abenteuer, Herr Sture; darf niemand etwas davon erfahren. Hört Ihr? Niemand.« Mit der ihm eigenen Selbstbeherrschung gab sich der Kaufmann jetzt zufrieden und schickte seine beiden Helfer ins Bett, um, wie er sagte, den Rest der Nacht zu verschlafen. Sture schlief jedoch nicht, denn seine Füße schmerzten ihn furchtbar, und als der Morgen kam, lag er in heftigem Fieber. – In jenen einsamen Gegenden muß jeder sein eigener Arzt sein, und so verstand auch der Hausherr, ein leichtes Unwohlsein zu bekämpfen. Die verstauchten Füße des Leidenden wurden mit Lehm und in Essig getauchten Binden fest umwickelt, das Fieber mit bitterem Enziantee bekämpft. Gula hatte freiwillig die Pflege übernommen und war unermüdlich, den ungeduldigen Kranken zu erheitern und zu trösten, so daß sich zwischen dem vornehmen Junker und dem armen Lappenmädchen bald ein wahres freundschaftliches Verhältnis bildete. So vergingen etliche Tage, als eines Morgens ein Freudengeschrei draußen am Fjord die Pflegerin von Stures Bett ans Fenster führte. Sie schaute hinaus und rief in die Hände klatschend: »Sie kommen, sie kommen alle – die Jachten kommen von den Lofoten!« Im nächsten Augenblick war sie durch die Tür verschwunden, während Sture seine Kräfte versuchte, um bis an das Fenster zu gelangen. Es glückte leidlich, und er konnte nun der Landung zusehen. Es war ein lustiges Getümmel am Strande, doch vor allem nahm eine Gruppe sein Interesse in Anspruch, bestehend aus Gustav Helgestad, nebst dem Neffen des Vogts von Tromsö, Paul Petersen, und endlich jenem eisenfesten Nordländer, Olaf Veigand, der damals den Ball in Ostvagöe mit Ilda eröffnet hatte. Die drei schritten, begleitet von Niels Helgestad und seiner Tochter, laut plaudernd und lachend dem Hause zu, wo Sture vom Fenster zurückwich, als er merkte, daß von ihm gerade die Rede war. »Er kann von Glück sagen«, hörte der Lauscher oben den Sorenskriver mit lautem Auflachen sprechen, »daß er krank geworden ist, da er dadurch unsere kleine gelbhäutige Prinzessin zur Pflegerin gewonnen hat. Wahrlich, eine würdige Gesellschaft für den Kammerjunker Seiner Majestät!« Sture hörte nichts mehr, denn voll Zorn über den unverschämten Schreiber hatte er sich auf sein Bett gesetzt. Bald aber polterten Schritte die Treppe herauf, und in der nächsten Minute trat Gustav herein, dem Paul und Olaf folgten. Nach den ersten Begrüßungen und Ausdrücken des Bedauerns über Stures Unwohlsein setzten sich die drei jungen Männer an das Bett des Kranken und unterhielten ihn eine Zeitlang mit den Begebnissen ihrer Reise. Sie hatten Gustav begleitet, um einige Zeit im Hause seines Vaters zu leben, und der Grund dieses Besuches wurde von Sture leicht durchschaut, da beide sich offenbar bestrebten, die Gunst der reichen Erbin Ilda zu gewinnen. Olaf Veigand war ein wohlhabender Grundbesitzer aus Bodo und gehörte zu einer angesehenen Familie. Im Laufe der sich heiter dahinbewegenden Unterhaltung bewahrte Gustav Helgestad das gleiche herzliche Benehmen wie früher gegen den dänischen Gast seines Vaters, doch wollte es Sture bedünken, als ob er zuweilen einen beobachtenden, ja mißtrauischen Blick des jungen Seemannes auf sich ruhen fühlte, und er schrieb dies sogleich etwaigen Einflüsterungen des Schreibers zu; denn ein Blinder konnte sehen, welchen großen, und bei seinem listig verschlagenen Charakter jedenfalls ungünstigen Einfluß Paul Petersen auf Ildas Bruder gewonnen hatte. Als Sture den Sorenskriver frug, ob der Gaard von Örenäes ihn längere Zeit beherbergen würde, erwiderte dieser lachend, daß er es mit seinem Onkel abgemacht habe, so lange in Helgestads Haus zu bleiben, bis er nicht länger darin gelitten würde. »Sie freilich, Herr Sture«, fügte er hinzu, »wünschen gewiß, Ihren Stab sobald als möglich weiter zu setzen; allein ich denke, wir werden noch manchen vergnügten Tag zusammen leben, ehe Sie Ihre neue Heimat gründen.« »Sobald der Schnee schmilzt, muß es geschehen«, antwortete der Junker. »Das wird vor Ende Mai kaum der Fall sein,« rief Paul, »aber haben Sie sich schon Ihr Plätzchen aus- und aufgesucht?« »Noch nicht. Herr Helgestad spricht vom Balsfjord.« »Nun, wo es auch sein möge, es wird ein warmes Plätzchen werden, das allerlei Streit kostet«, lachte Paul, »denn wo es noch eine Weide gibt, behaupten die Lappen, es sei ihr uraltes Eigentum, und schreien über Unrecht und Gewalt. Indessen«, fuhr er fort, »wir haben ja hier im Hause die Tochter des mächtigen Zauberfürsten Afraja, durch dessen Gunst viel geschehen kann.« »Du redest wieder einmal närrisches Zeug«, sagte Olaf halb lachend, halb unwirsch. »Meiner Treu«, erwiderte Paul, »wenn jemand das beste Stück Land ohne Mühe haben und schnell reich werden wollte, brauchte er sich nur zu bestreben, Afraja zum Schwiegervater zu bekommen.« Ein allgemeines Gelächter folgte. »Es ist mein Ernst«, rief der Schreiber. »Der alte Hexenmeister hat wenigstens sechstausend Renntiere, dazu bewahrt er Schätze in verborgenen Höhlen, mehr als ein König von Norwegen jemals besessen hat. Ja, wenn man den Leuten traut, die es erzählen, so kennt er die reichen Silberschachte, von denen alte Sagen melden, und die hoch oben in der Wüste sein sollen. Zuweilen verschwindet er wochenlang, die Lappen glauben dann, er arbeite mit seinen Geistern in unterirdischen Bergwerken, und niemand wagt es, ihm zu folgen.« »Sie tischen uns ein artiges Märchen auf«, sagte Sture lächelnd. »Meinetwegen«, antwortete Paul, »mögen die Zauberkünste und Silberschachte des alten Geizhalses ein Märchen sein, so bleiben noch seine vergrabenen Geldtöpfe und seine Renntiere übrig, die immerhin ein paar hübsche Species ausmachen – aber genug von dem lappischen König, laßt uns andere Dinge verhandeln.« – Mit Leichtigkeit wandte er das Gespräch, da er merkte, daß seine Spaße wenig Anklang fanden, auf die anwohnenden Familien, welche er kannte und besuchen wollte, sprach von den Landstellen und ihren Eigentümern, und zeigte in allem eine genaue Kenntnis der Gegenstände, über welche er urteilte. Erst nach etlichen Stunden verließen die jungen Männer das Bett des Kranken und wünschten ihm ein fröhliches Wiedersehn auf morgen. In der Tat gelang es Sture am folgenden Tag, die Treppe hinabzukommen, und mit Freuden wurde er in dem Familienkreise empfangen. Alle waren in der heitersten Stimmung. Jungfrau Ilda sagte ihm freundliche Worte, und noch herzlicher tat dies ein ehrwürdig blickender, greiser Mann, der in seinem schwarzen Kleid den Ehrensitz am Ofen eingenommen hatte. »Hier, Herr Sture, habt Ihr den Pastor Klaus Hornemann«, sprach Helgestad, »der Euch ja, wie Ihr mir sagtet, so gefallen hat. Ist von Tromsö gekommen und will bei uns bleiben, bis er zu seinen Pflegekindern hinauf kann.« »Sie müssen wissen, Herr Sture«, sagte der Geistliche lächelnd, »daß ich wohl seit zwanzig Jahren die Finmarken zur Sommerszeit bereise und jetzt von der Regierung den Auftrag erhalten habe, mit einigen anderen Gehilfen die Bekehrung des unglücklichen, verlassenen Volkes zu vollenden, das diese unwirtlichen Hochlande bewohnt.« »Die Lappen sind also noch nicht alle bekehrt?« fragte Sture. »Dem Namen nach vielleicht«, antwortete der Prediger, »denn man hat ihnen verboten, zu ihren alten Göttern Jubinal und Pekel zu beten, und die meisten mögen auch folgsam sein. Wer aber pflegt ihr Christentum? Niemand. Ich habe mich daher jetzt mit meinem alten Freund und Gönner, dem Gouverneur General Munter in Trondheim in Verbindung gesetzt, und er wird mir beistehen, daß man noch mehr fromme Diener unseres Gottes aussende, die, von Familie zu Familie, von Lager zu Lager reisend und pilgernd, sein heiliges Wort verkünden.« »Ihre Worte, frommer Herr, machen mir manches erklärlich«, rief Paul Petersen, der bis jetzt geschwiegen hatte, boshaft nickend. »Sie waren es wahrscheinlich, der an den Gouverneur von Trondheim und nach Kopenhagen schreckliche Berichte über die Trübsal und Greuel gesandt hat, welche die Nordmänner über das edle Lappenvolk bringen? Haben Sie nicht besonders dabei auch des Vogtes von Tromsö und seines Neffen, des geschworenen Schreibers, gedacht, die beide erbitterte Feinde und Widersacher Ihrer unglücklichen Pflegekinder sind?« »Mein Amt«, versetzte der alte Mann, würdig aufblickend, »gebietet mir, zu helfen und zu bessern, wie ich vermag, die Übel aufzudecken, wo ich sie finde. Anschuldigen jedoch ist meine Sache nicht.« – Seine Ruhe und der strafende Ernst seiner Worte machten selbst auf den Schreiber Eindruck. Die hohe, kräftige Gestalt des Greises, sein langes Haar, das in fast weißen Locken auf seine Schultern fiel, und seine leuchtenden, freundlichen Augen gaben ihm ein Ehrfurcht gebietendes Ansehen. Indes die ernste Ilda und Gula mit zärtlicher Verehrung auf ihren alten Lehrer und Freund blickten, fühlte auch Sture, wie der ehrwürdige Priester mit seiner Menschenliebe und Milde, mit seinem Gottvertrauen und der Kraft, die aus diesem stammte, für ihn mehr und mehr eine herzgewinnende, tröstende Erscheinung unter diesen Menschen wurde, die nur nach Geldgewinn und Schätzen gierig strebten. – In den nächsten Tagen, als das Wetter milder wurde, besuchte der Geistliche die verschiedenen Niederlassungen an beiden Ufern des Lyngenfjords, und mehrere Male begleitete ihn Sture auf diesen Ausflügen, die sich weiter und weiter erstreckten und endlich auf eine Reise von drei Tagen ausgedehnt wurden. Von dieser Reise wollte Klaus Hornemann so bald nicht nach dem Gaard von Örenäes wiederkehren. Sture dagegen, der ihm auf dieser Tour Gesellschaft leisten wollte, versprach, pünktlich in acht Tagen zurück zu sein. Der junge Edelmann war froh, auf eine Weile dem Beisammensein mit dem Schreiber zu entkommen, dessen zunehmende Herrschaft im Hause des Kaufmanns ihm unangenehm gewesen war. Helgestad selbst konnte nichts gegen den Ausflug einwenden, da es gerechtfertigt war, daß der junge Ansiedler Land und Leute kennenzulernen suchte. Ein Boot brachte die beiden Männer zur nächsten Handelsstelle, wo sie mit Freuden empfangen und mit nordischer Gastfreundschaft bewirtet wurden. Neben dem Handelsgeiste und der Gier nach Gewinn und Besitz fand Sture überall auch die Tugenden des norwegischen Volkes wieder: einfache, stille Sitten, ein arbeitsames Leben und einen gastlichen Herd. Eines Morgens, als er mit dem Geistlichen durch die Hütten wanderte, kamen sie auch auf Helgestad und sein Haus zu sprechen. Sture zeigte sich voll Unruhe und voll Mißtrauen über den Ausgang seines Unternehmens und war in banger Sorge um seine Zukunft. »Aller Ausgang ruht in Gott«, sagte der Greis. »Was ich mit Rat und Tat tun kann, wird Ihnen, mein edler junger Freund, niemals fehlen, und was den Rat betrifft, so nehmen Sie gleich einen, ehe sie scheiden. Lernen Sie in Örenäes, so viel Sie können, nehmen Sie Helgestads Beistand an, der als der reichste und kühnste, aber auch als der schlaueste Spekulant im Lande gilt. Jedoch vergessen Sie nie, daß Sie es mit einem kalkulierenden Kaufmann zu tun haben. Je mehr Sie ihm zeigen, daß Sie, um mit seinen Worten zu reden, das Ding verstehen, um so mehr wird er selbst zur Aufrichtigkeit genötigt sein. Was Helgestads Kinder betrifft«, fuhr der Prediger fort, während ihm Sture aufmerksam zuhörte, »so sind sie ganz anders geartet. Gustav hat im Grunde einen offenen Charakter, nur wird er leider zu seinem Schaden zu sehr von dem Neffen unseres Vogtes beeinflußt. Ilda aber steht mit ihrer sicheren Verständigkeit und der Kraft und Güte ihrer Seele hoch über den meisten Bewohnern dieses Landes.« »Sie rühmen so sehr den Verstand und die Gefühle dieser Jungfrau«, antwortete der Junker etwas stockend, »wie ist es aber da möglich, daß sie dieses Petersen Frau werden will?« »Sie gebrauchen das rechte Wort nicht. Sagen Sie, dessen Frau sie werden soll.« Der dänische Junker blickte lebhaft auf und murmelte dann, daß er nicht denken könne, ein Mädchen von solcher Willensstärke könne zu dieser Verbindung gezwungen werden. »Sie sind im Irrtum«, war Hornemanns Antwort. »Helgestad ist seit einigen Jahren schon mit dem Vogt von Tromsö darüber einig, der ihm damals zum Besitz der Insel Loppen mit ihrem einträglichen Federhandel verhalf. Und was seinen Neffen betrifft, der jedenfalls auch sein Nachfolger sein wird, so ist dieser der einzige Mensch, welcher sich neben Helgestad stellen kann und ihn wohl noch in manchem überragt.« »Ich glaube, daß Sie Recht haben«, murmelte Sture verächtlich. »Helgestad wird niemals Nein sagen, sobald der Schreiber um seine Tochter anhält«, fuhr Klaus Hornemann fort. »Ilda aber kann sich nicht weigern, denn die Verbindung ist ehrenvoll. Kein Mädchen in den Finmarken würde sich besinnen. Die Kinder in diesem Lande, Herr Sture, sind zudem daran gewöhnt, dem Willen ihrer Eltern unbedingt zu gehorchen. – Überlegen Sie dies alles, so werden Sie Ilda anders beurteilen.« Anderen Tages trennten sich die beiden Männer, die trotz ihres verschiedenen Alters so schnell Freunde geworden waren. Klaus Hornemann versprach, binnen Monatsfrist wieder auf dem Gaard von Örenäes einzutreffen. Viertes Kapitel Am Balsfjord. Afraja und Mortuno Henrik Sture erreichte ungefährdet den Lyngenfjord und wurde in Helgestads Haus mit der alten Freundlichkeit aufgenommen. Der Kaufmann selbst kam ihm bis zum Pfahlwerk des Packhauses entgegen. – »Nuh«, sagte er nach dem ersten Willkommen, »habe die paar Tage Eurer Abwesenheit gut benutzt und tüchtig für Euch gewirkt. Habe ein Dutzend Zimmerleute und Arbeiter gemietet, die schon jetzt Bäume fällen und zurichten sollen, damit der Bau Eures Hauses im Hochsommer beginnen kann. Denke, treten nächste Woche unsere Reise nach dem Balsfjord an, nach dem schönen Balsfjord und nehmen das Land dort in Besitz kraft Eures Königsbriefes. Sollt das Plätzchen sehen, Herr Sture, wird Euch behagen. Nuh! sage nichts mehr.« – Er wandte sich um und deutete auf seine neueste und größte Jacht, die am Packhause lag und tief beladen schien. »Seht dorthin«, fuhr er dann fort, »ist das Schiffchen bis unters Verdeck voll des reinsten, klarsten Lebertrans; hoffe diesmal der erste am Platz zu sein und einen guten Preis zu machen.« – Die Jacht sollte, sobald sie vom Balsfjord zurück waren, sogleich nach Bergen fahren, und unterwegs bei den Lofoten halten, um nach den Fischgerüsten zu sehen. Sture wurde aufgefordert, Helgestad auf dieser Reise zu begleiten, für seine Fische selbst Sorge zu tragen, und in Bergen den wichtigen Handel kennenzulernen. – »Habt dann Eure Lehrzeit durchgemacht«, sagte der Kaufmann, als sie dem Hause zugingen, »und mögt weiter für Euch sorgen, wie es Euch beliebt.« Das augenblicklich herrschende, milde Wetter mußte genutzt werden, und so beschloß man denn, schon am zweitfolgenden Morgen nach der Ankunft des ungeduldigen jungen Ansiedlers die kleine Reise nach dem Balsfjord anzutreten. Es waren mancherlei Vorbereitungen dazu nötig, um auf einige Tage Vorrat zu haben, und deshalb wurden zwei starke Pferde mit Geräten und Lebensmitteln voll bepackt. Teilnehmer an dem Ausflug waren außer Helgestad und Sture Olaf Veigand und Paul Petersen, die beide um diese Vergünstigung gebeten hatten. Gustav hütete das Haus. Schon am frühen Morgen ordnete sich die kleine Karawane zum Marsch über das hohe Fjeld, das den Ulasfjord vom Balsfjord trennt. Zwei Führer waren den Pferden beigegeben worden. Helgestad in seiner Lederjacke, den langen, spitzen Stab in der Hand, ging voraus, die jungen Männer mit Büchsen und Jagdsäcken machten den Schluß. Der Himmel war blau und rein, die Wände des Kilgis glänzten im Frühsonnenlicht, unter dessen Schein das hohe Fjeld nach und nach erklommen wurde, bis sie endlich nach einem langen und beschwerlichen Marsche an das hohe Ufer des Ulasfjord gelangten, der tief unter ihnen seinen schönen Wasserspiegel ausdehnte. Hier wurde von der Gesellschaft frohen Sinnes ein Imbiß eingenommen, doch gestattete Helgestad nur kurze Rast und trieb zur Eile, wenn der Balsfjord vor Anbruch der Nacht erreicht werden sollte. Vor den Wanderern lag noch ein steiler Gebirgskamm, der überschritten werden mußte, und dessen Spitzen gewaltige Schneelager trugen. Rüstig stiegen sie den Felsensattel hinauf, der jäh und schneegefüllt manche Anstrengung kostete. Oben aber strömte den Ermatteten bald eine mildere Luft entgegen. Sie wehte aus dem Balsfjord herauf, dessen klarer Wasserspiegel zwischen grünenden Ufern sichtbar ward. Glänzende, schäumende Bäche stürzten milchweiß aus vielen Schluchten hervor, hohe Bäume begleiteten den südlichen Saum des Meeresarmes, an dessen Ende die Bals-Elf Elf ist die norwegische Bezeichnung für Fluß. sich brausend aus ihrem Tal ergoß. Wald wechselte mit Strom und kleinen Wiesengründen, bis endlich hoch hinaus im Osten und Norden sich die unermeßlichen schneeweißen Linien der lappischen Alpen mit den Wolken des Himmels vermischten. Als endlich die schnell und roh aufgeschlagene Hütte an der tiefen Bucht des Fjord erreicht war, entdeckten die Nahenden eine Anzahl großer Baumstämme, welche bereits gefällt und von ihren Ästen befreit waren. Ein Dutzend rüstiger Männer kam nach und nach herbei und bewillkommnete den Besuch mit großer Freude. Während die Pferde untergebracht und die Körbe mit Lebensmitteln ausgepackt wurden, hörte Sture die Berichte der Arbeiter an. Alle waren zufrieden. Niemand hatte sie gestört, und nur ein einziges Mal war ein Bär während einer Nacht an der Hütte gewesen, der sich aber beim ersten Lärm wieder in den Wald zurückgezogen hatte. Die Reisenden waren ermüdet und suchten bald die einfache Lagerstätte auf, indem sie gedachten, morgen mit Muße die Umgebung zu mustern. Kaum daß die Morgensonne mit ihrem roten Licht die hohen Schneefelder einfaßte und die Nebel aus Wald und Tal jagte, so saßen auch die Genossen bereits beim Frühstück und gingen nach dessen Beendigung am Ufer des Fjord hin. Die Luft war scharf und erquickend, die Natur reich an großartiger Herrlichkeit, und Stures Herz fühlte sich wohl und leicht. Sein Gewehr in der Hand, vor sich den Wald, von keines Menschen Willen abhängig, tauchte ein Glück in ihm auf, das er zum erstenmal empfand. Der Wald, welcher das Tal der wilden Bals-Elf bedeckte, war ein nordischer Urwald, den selten eines Menschen Fuß berührt und niemals eine Axt angetastet hatte. Jahrtausende mochten vergangen sein, seit hier die riesigen Bergfichten wuchsen, aus deren Moder nach und nach eine fruchtbare Erddecke erzeugt wurde. Sture hatte noch nie die Wunder eines nordischen Alpenstromes in solcher Pracht und Herrlichkeit erblickt, wie hier die Bals-Elf sie darbot, indem sie bald mit dem schönen Blau ihrer Gletscherwasser leuchtete, bald von Gischt und Flocken umhüllt in einen Abgrund gezwängt wurde, aus dem eine Wasserstaubwolke hoch aufwirbelte. Kaum konnte er sich von der Fülle dieser malerischen Bilder losreißen, um seinen Gefährten zu folgen, die ganz andere Dinge beobachteten. Während nun Petersen und Sture in die Tiefe des Tales vordrangen und die Bals-Elf verfolgten, ging Helgestad mit Olaf der Höhe zu, um einen freieren Punkt zu gewinnen, von dem aus sich das ganze Gebiet übersehen ließ. Der nordländische Grundbesitzer hatte wenig kaufmännischen Sinn, wenigstens nach der Meinung seines älteren Begleiters, denn die Benutzung dieser Holzschätze wollte ihm durchaus nicht recht einleuchten. Er bedachte die Schwierigkeiten sowohl als die bedeutenden Kosten, welche es machen müßte, um hier Bäume zu fällen und bis an den Fjord zu bringen, und meinte, daß es immer billiger bleiben werde, Holz aus dem Süden kommen zu lassen. Helgestad hörte still zu und schlug dann und wann mit seinem großen Stock an die mächtigsten Stämme. »Gehörst zu denen«, sagte er endlich, »die erst sehen müssen, ehe sie glauben. Bin aber sicher, Olaf, daß binnen Jahr und Tag am Balsfjord Jachten beladen werden, die Bretter und Bauholz bis nach Nordland und selbst nach Holland bringen.« »Es ist möglich, daß Ihr weiter seht als ich«, erwiderte Olaf kopfschüttelnd, »aber sicherlich werden viel Geld und große Mühen verwandt werden müssen, ehe Eure Pläne sich verwirklichen können. Am wenigsten darf aber dieser dänische Herr an so große und schwierige Spekulationen denken, denn wo sollte er den Narren finden, der ihm so bedeutende Summen vorstreckte.« »Nuh«, sagte Helgestad pfiffig lächelnd, »dieser Narr werde ich sein.« »Wie?« rief der ehrliche Olaf, »das wolltet Ihr wirklich tun? Verlockend mag es aussehen, doch ich warne Euch. Ihr seid der reichste Mann im Lande, aber auch in den Jahren, wo man an Ruhe denkt.« Hier wurde ihr Gespräch plötzlich durch einen wilden Schrei aus der Schlucht unterbrochen. In der nächsten Sekunde folgten sich schnell zwei Schüsse hintereinander, deren Knall das Echo in den Bergen weckte, dann ein furchtbares Gebrüll und gleich darauf wieder der peitschenähnliche Knall einer Büchse. Rauch stieg zwischen den Fichtenkronen auf, ein Mann floh in größter Hast über den unebenen Boden und schrie im Laufen laut um Hilfe. Olaf sowohl wie Helgestad wußten sich sogleich ohne lange Worte den Vorfall zu erklären. Der Nordländer rannte mit dem Gewehr in der Hand dem Schreiber entgegen, denn dieser war der Flüchtling, und als er ihn erreicht hatte, mußte er ihn mit Gewalt festhalten, da jener vor Angst und Schreck die Besinnung verloren zu haben schien. Petersen hatte seinen Hut auf der Flucht verloren, sein Haar flog ihm um den Kopf, und seine Augen blickten wild umher. »Steh, Mann!« rief Olaf mit donnernder Stimme. – »Wo ist Sture?« »Der Bär!« stotterte der Schreiber – »er hat ihn zerrissen.« »Und du, Feigling, du läufst davon!« antwortete Olaf, ihn zurückstoßend. »Schande über dich!« Mit diesen Worten sprang er den Talrand hinunter, um dem verlassenen Freund zu helfen oder ihn zu rächen. Mehrmals rief er mit aller Kraft Stures Namen und hörte endlich zu seiner Freude eine Stimme antworten. – Wo der Strom einen weiten Bogen machte, lag ein fast ebener, von drei Seiten durch zerklüftete Felsen umschlossener und von niedrigem Birkengestrüpp überwucherter Grund, in dessen Mitte Sture auf sein Gewehr gestützt stand. Zu seinen Füßen lag ein gewaltiger Bär in den letzten Todeszuckungen. Der wackere Olaf jubelte laut auf, und, in den Grund hinabspringend, eilte er auf den Schützen zu, dessen Schulter er mit warmer Heftigkeit schüttelte. »Meiner Treu!« schrie er, »hattest den feigen Schreiber nicht nötig und wußtest mit der Kugel allein die Stelle zu finden, die das zähe Leben eines Bären erlöschen macht. Ist ein mächtiges Tier, wie ich noch keines gesehen habe.« – Er maß die Körperlänge des furchtbaren Wildes mit neuer Bewunderung und schrie nach Helgestad, der auch endlich in Begleitung Paul Petersens herankam. Der Schreiber entschuldigte sich, so gut er konnte. Er war mit Sture bis auf diesen Grund gekommen und näherte sich ahnungslos den Felsen, als er plötzlich dicht hinter sich ein tiefes Gebrumm hörte und umblickend den Bären gewahrte, der seinen gewaltigen Kopf aus dem Gestrüpp streckte, gleich darauf aber sich zum Angriff auf die Hinterbeine stellte. »Ich griff nach meinem Gewehr«, sagte Paul, »und traf, wie ich glaubte, das Untier. Es stieß ein furchtbares Gebrüll aus, während ich lief, um Hilfe zu suchen, und Sture überließ, dasselbe völlig zu töten.« Olaf lachte laut auf und erwiderte spöttisch: »Das hat er denn auch wirklich getan. Du aber bist wahrlich ein Held ohne Furcht und Tadel!« Helgestad hinderte Streit und Vorwürfe, indem er der Klugheit des Schreibers recht gab, zugleich aber Sture allen Ruhm zusprach und sich in aufrichtigen Lobeserhebungen über dessen Tapferkeit erging. – Man kehrte in leidlichem Einvernehmen nach der Hütte zurück und benachrichtigte die Arbeiter, die sich unter Jubelgeschrei auf den Weg machten, um die gute Beute vor Füchsen oder Wölfen in Sicherheit zu bringen. Nach wenigen Stunden schon kochte das Bärenfleisch im Kessel, und Sture wurde genötigt, sein Abenteuer nochmals zu erzählen und sich zu seinem Sieg Glück wünschen zu lassen. Nach Beendigung des Freudenmahles nahm Helgestad Sture unter dem Arm, und mit ihm vor der Hütte auf- und niederschreitend, schilderte er ihm nochmals alle Vorzüge dieser Niederlassung. »Hauptsache ist«, sagte er zuletzt, »daß wir uns jetzt sofort durch Paul Petersen die Besitzakte ausfertigen lassen. Gehört aber auch zum Fjord die flache Insel Strömmen, an der Meeresstraße dicht vor Tromsö, und diese wichtige Insel muß Euch mit verschrieben werden.« »Ist das kahle Felsen-Eiland denn so wichtig?« fragte Sture. »Denke so«, versetzte der Alte, fast unwillig den Kopf schüttelnd, »ist grade das beste Stück vom Ganzen. Könnt wohl bemerken, Herr, daß kein Schiff nach Tromsö kann, das nicht dicht vorüberfährt. Ist der beste Platz zu einer Niederlage, und habt damit auch den Fischfang im ganzen Sund.« »Ich verkenne die Vorteile nicht, die das Land hier bietet, und muß Euch in den meisten Behauptungen beipflichten«, erwiderte Sture; »doch kann ich nicht leugnen, Herr Helgestad, daß ich noch verschiedene schwere Bedenken habe, die ein Zwiegespräch mit Olaf vorhin mir verstärkt hat.« »Bleibt mir mit dem dicken Querkopf vom Halse!« versetzte der Kaufmann verdrießlich. »Kann mir schon denken, wo Euch der Schuh drückt. Meint das Geld, ist's nicht so? Seid aber deshalb ruhig. Habe zehntausend Speciestaler für Euch liegen, und kann mehr heranschaffen, wenn's nicht langt. Sollt sofort zehntausend haben, sobald wir von Bergen zurückkommen, verlange keine weitere Sicherheit als einen einfachen Schuldschein und die hier üblichen Zinsen von acht Prozent.« »Euer Anerbieten ist großzügig«, entgegnete Sture zögernd. »Das Geld ist jedoch nicht mein einziges Bedenken. Ich weiß, daß die Regierung versprochen hat, den Lappen ihre Weiden zu erhalten, und gerade diese Fjorde und Halbinseln sprechen sie als ihr uraltes Eigentum an. Was wird der Gouverneur General Münter, was wird Klaus Hornemann dazu sagen, wenn wir das ohnehin verfolgte Volk von neuem berauben?« Helgestad ließ ihn nicht weiterreden. Sein hartes Gesicht aufhebend, sprach er, zwischen den Felsentrümmern stillstehend: »Will Euch jetzt nicht drängen, müßt Euch aber bis morgen bestimmt entscheiden. Wollt Ihr Euer Haus am Balsfjord bauen, so legt Eure Hand fest darauf, und Niels Helgestad, der angesehenste Mann in den Finmarken, wird zu Euch stehen. Wollt Ihr nicht, so tut nach Eurem Willen und fangt Besseres an. Ich überrede Euch zu nichts. Überlegt Euch die Sache, und morgen sagt mir ein einfaches Ja oder Nein, sonst ist nichts vonnöten.« Er schritt der Hütte zu und ließ Sture zwischen den Steinen zurück, die moosig und mit Gestrüpp umwuchert, wild durcheinander gewürfelt, das Ufer des Fjords bedeckten. Der Abend kam und brachte Nebel mit, der sich in schweren Ballen langsam über den Meeresarm fortwälzte und das letzte Tageslicht auslöschte. Dumpf und grollend schlug das Wasser über den Strand hin, an welchem der Junker in tiefes Nachdenken versunken stand. Mit der einen Hand bot Helgestad ihm alle Mittel, um Reichtum zu gewinnen, mit der anderen wies er ihn von seiner Tür, wenn er sein Geld nicht wollte. Die Vorteile, welche er ihm gezeigt hatte, waren keine Täuschung. Er begriff vollkommen, was dieser Besitz wert war, und dennoch sagte eine Stimme in ihm, daß alle rechtlichen Menschen ihn darum verdammen würden. Eine andere Stimme jagte sein Mißtrauen auf und trieb ihn endlich zu den halblaut ausgestoßenen Worten: »Es kann nicht anders sein, er hegt die Absicht, mich zu betrügen!« Plötzlich fuhr er zusammen, denn hinter ihm sprach jemand fest und deutlich: »Jüngling, du sprichst die Wahrheit!« Jäh wandte sich der Däne um und erblickte nur wenige Schritte entfernt eine menschliche Gestalt, die auf einem Steine saß und von den dichten Nebeldünsten halb eingehüllt war. Eine Weile lang betrachteten sich die beiden Männer schweigend. Sture zweifelte nicht, wer die greise Gestalt vor ihm war, die in ihrer Bewegungslosigkeit dem Steine ähnelte, welcher ihr zum Sitze diente. Der Nachtwind machte sein langes Haar flattern, und langsam wiederholte er mit ernster, eintöniger Stimme seine früheren Worte: »Du sprichst die Wahrheit, denn Niels Helgestad betrügt jeden, der in seine Hand fällt.« »Afraja!« erwiderte Sture, »ich danke dir heute mein Leben. Du warst es, der den Bären tötete. Deine Kugel durchbohrte ihn, als ich ihn verwundet hatte. Ich kam mit der Absicht hierher, Besitz von diesem Landstrich zu ergreifen, allein nimmermehr will ich es jetzt tun. Ich werde nicht deine Rechte antasten, sondern dieselben vielmehr nach meinen geringen Kräften schützen.« Der Greis wiegte leise das graue Haupt. »Dein Herz ist mild«, sagte er dann, »du verachtest nicht die Kinder Jubinals. Ich wußte, daß Helgestad dich an den Balsfjord führen würde und erwartete dich, ich war bei dir, als der Bär dich bedrohte, und schützte dein Leben. Ich werde auch ferner bei dir sein und dich gegen deine Feinde schützen. Wohne hier in Ruhe und Frieden; denn gingest du, so würde die Geldgier bald genug einen Schlechteren hertreiben. Der Vogt von Tromsö und Niels Helgestad lassen jetzt nicht mehr von diesem Stück Land, sollten sie auch einen anderen Plan ersinnen müssen.« Alles dies hatte Afraja in der dänisch-norwegischen Sprache geredet, in der er sich vollkommen auszudrücken wußte. »Du hältst es also für sicher, daß der Kaufmann samt dem Vogt und seinem Neffen mir übelwollen?« fragte Sture. »Dein Königsbrief«, versetzte der Greis, »ist ein zu kostbares Gut, um Helgestad und seine Genossen nicht lüstern danach zu machen. Seit vielen Jahren weiß er, daß der Balsfjord überreich an Holz und Fischen ist. Er hat dich in sein Haus genommen und wird dir sein Geld geben, damit du den Wald fällen und Handel treiben kannst. Doch du bist unerfahren, du wirst verlieren und in Not geraten. Das ist die Zeit, die er erwartet. Dann wirst du seine Hand fest geschlossen finden. Er wird dir seine Schuldbriefe zeigen und wird dich mit Hilfe des Vogtes vertreiben, der die Beute mit ihm teilt.« »Ha, sprächest du die Wahrheit!« rief der junge Edelmann, indem er die Faust ballte. »Aber es ist möglich, ich selbst dachte schon Ähnliches.« »Denke nicht«, fuhr der Alte fort, »daß Helgestads Kinder dich beschützen könnten. Sie werden dir sagen: Du hattest Augen und Ohren, du hörtest manches Wort und sähest manches Zeichen, warum warst du kein Mann, der fest auf seinen Füßen stand?« – »Aber ich will fest auf meinen Füßen stehen. Beim Himmel – ich will! Ich brauche Helgestads Hilfe nicht.« »Sei kein Tor und nimm sein Geld«, flüsterte der Lappe. »Wie?« rief der Jüngling unwillig. »Ist das dein Rat, nachdem du mir soeben sagtest, wohin seine Hilfe führt?« Afraja schwieg einen Augenblick. Seine Gestalt war inmitten der dunklen Steine kaum mehr sichtbar, und sein heiseres Lachen drang geisterhaft zu dem dänischen Herrn, der wild um sich blickte, als Helgestads Stimme in der Ferne seinen Namen rief. »Nimm das Geld des gierigen Mannes«, flüsterte der Lappe noch einmal, »und vertraue auf Afraja, der dein Freund ist. Kommt die rechte Stunde, so will ich dir helfen und dir Schätze zeigen, wie sie noch nie ein Mann deines Stammes erblickte. Betrüge den Betrüger und sei mutig. Meine Götter, welche mächtiger sind als dein Gott, werden dir beistehen.« »Alter Mann, lästere nicht!« rief Sture. »Wo bist du? Antworte mir!« Er tappte umher, aber der Lappe war verschwunden. Ein Windstoß fuhr von den hohen Fjelden nieder, schüttelte das Gestrüpp und ließ die Wogen des Fjords aufrauschen. Da polterten Helgestads harte Sohlen über das Gestein. »Holla!« schrie er, »wo bleibt Ihr, Herr? Steht da im Nebel und in der Dunkelheit, und ruft wohl die alten Nornen und Trollen an, daß sie Euch guten Rat erteilen sollen?« Er lachte halb spöttisch, halb ärgerlich hinaus, indes Sture mit Fassung zu ihm hintrat. »Ihr habt recht, Herr Helgestad«, sagte er voll bitterem Ernst. »Ich habe von den Geistern der Nacht den Rat empfangen, daß ich Eure Hilfe annehmen und am Balsfjord mein Wohnhaus aufrichten soll.« »Und das war ein guter Rat!« rief der Kaufmann launig. »Ist also die Sache abgemacht, Herr, hier schlagt ein in meine Hand!« Am nächsten Tag wurde der Rückweg nach dem Lyngenfjord angetreten, und spät am Abend traf die Gesellschaft wohlbehalten wieder in Örenäes ein, wo sie von Helgestads Kindern und Gula froh empfangen wurde. Sture durfte dort nicht lange der Ruhe pflegen, denn schon lag die Jacht bereit zur Bergen-Fahrt. Alle Vorräte waren eingeschifft, alles durch Gustav wohl verpackt und geordnet. – Sture hatte noch einmal mit sich Rats gepflogen und war entschlossen, den Worten des greisen Afraja zu trauen, denn soviel war gewiß, daß der Lappenfürst nicht gleich Helgestad eigennützige Absichten mit ihm haben konnte. So sah er sich in der glücklichen Lage, ruhig den Verlauf der Dinge abwarten zu können, und sein lebhafter Geist trieb ihn an, mit voller Energie das Gebotene zu benutzen. Helgestad hatte nicht unrecht, daß Gottes Gnade in diesen jungen Mann weit mehr Geschick zu einem klarsehenden Kaufmann, als zu einem guten Kammerjunker gelegt hatte, denn schon jetzt fühlte er eine Sehnsucht nach dem frischen Grün und dem prächtigen Wald der Bals-Elf. Tief träumte er sich in alle die Herrlichkeiten hinein, welche dort durch seinen Fleiß, sein schöpferisches Talent und durch Helgestads Species-Taler entstehen sollten. Er sah die Schneidemühlen schon in Tätigkeit, hörte die Holzfäller arbeiten, blickte in die kleinen Täler nieder, wo seine zahlreichen Kolonisten und Lehnsleute wohnten, und stellte sich seine Warenhäuser vor sowie seine Jachten und Boote, die den Fjord hinauf und hinab gingen, seinen stattlichen Gaard, der unter hängenden Birken lag, mit dem Gärtchen voll Reseda, Nelken, Levkojen, und endlich die reifenden Fruchtfelder im Schutz der gesegneten Bucht, als stehe das alles schon fix und fertig da. Sein Herz schlug rascher bei dem Gedanken, trotz seiner Feinde List und Macht diesen hartherzigen und prahlerischen Fischhändlern Achtung abzunötigen und sich nicht unterdrücken zu lassen. – Ehe jedoch nun wirklich die weite Reise nach der großen Handelstadt angetreten wurde, sollte noch ein Vorfall das Einerlei der Tage im Gaard unterbrechen. Sture hatte mit Gustav am Tag vor der Abfahrt einen Spaziergang nach der Klippe angetreten, um nun, da der Frühling ins Land gekommen war, nach Ildas Plätzchen zu sehen und dasselbe für die Sommermonate säuberlich herzurichten. Seit jenem Tage, wo Gula ihn hierher geführt, hatte Sture seine Spaziergänge nicht wieder so weit ausgedehnt. Damals lag die Schlucht voll Eis, und die Berge waren dicht in ihr winterliches Kleid gehüllt. Jetzt trugen nur die hohen Fjelden, aus deren Mitte der hohe Kegel des Kilgis ragte, noch ihre langen, blendendweißen Schleppen. Die Sonne schien warm und freundlich auf die tiefen Buchten und Vorsprünge, junges Gras sproß in den Gründen und Felsenspalten, und das Plätzchen selbst war mit samtweichem Rasen bedeckt. Die kleine Arbeit war von den beiden Männern schnell getan, und nachdem sie sich noch eine Weile an der köstlichen Fernsicht ergötzt hatten, stiegen sie wieder den Felsenpfad hinab. Gustav sprach von der Jacht, von der Reise, von den Freunden in Bergen, und daß der Wind in dieser Jahreszeit gewöhnlich ein anhaltender Südost sei, der die günstigste und schnellste Fahrt verbürge, bis er plötzlich am letzten Vorsprung stillstand und auf den Gaard niedersah, in dessen Nähe sie sich befanden. Sture erriet sogleich die Ursache. Auf dem kleinen Vorplatz standen drei stark gebaute, hirschartige Tiere mit breiten, gabelförmigen Geweihen, die er ohne weiteres für Renntiere erkannte, obwohl er noch keine gesehen hatte. Auf ihren breiten Rücken lagen Packsättel, und die Schellen an den schlanken Hälsen klangen lustig herauf. Auf der Bank an der Tür aber saß Paul Petersen, und vor ihm stand ein Mann in einem braunen, wollenen Überwurf, einen breiten Gurt um den Leib, und mit einer hohen spitzen Mütze, die mit etlichen Federn geziert war, auf dem Kopf. »Meiner Treu!« sagte Gustav nach einer kleinen Weile, »es ist dieser Schelm Mortuno, der Schwestersohn und Liebling Afrajas. Was will der häßliche, eingebildete Bursche hier mit seinen Tieren? Komm schnell hinunter, Freund Sture, wir müssen sehen, was es gibt. Umsonst ist er sicher nicht gekommen. Der Alte hat ihn hergeschickt, um nach Gula zu sehen.« Er eilte voran, und als Sture den Platz erreichte, schallte ihm das laute Gelächter des Schreibers entgegen. – »Das ist etwas für Sie«, schrie ihm Petersen zu. »Hier haben Sie einen neuen Beweis für die ausgezeichneten Eigenschaften unserer Lappen-Brüder. Ich stelle Ihnen den jungen Herrn Mortuno vor, Neffen des weisen Afraja und liebenswürdigsten Stutzer aus den Bergen, der durch Glanz und Anmut sein ganzes Volk bezaubert.« Der Lappe hatte sich nach Sture umgesehen und lachte zu den ihm erteilten Lobsprüchen. Sein Gesicht war allerdings, den Maßstab eines Nordmanns angelegt, häßlich zu nennen, und zeigte den echt mongolischen Rassen-Typus; aber sein Auge war klug, feurig und kühn, und jede seiner Bewegungen zeugte von Kraft und ungemeiner Gewandtheit. Seine Kleidung war sauber und mit Sorgfalt geordnet. Namentlich fiel Sture der bunte, reichgestickte Leibgurt, sowie eine daran hängende Tasche auf, die aus den Federn vieler seltener Vögel gefertigt und kunstvoll nach Farbe und Schattierung zusammengesetzt war. Seine Halbstiefel oder Komager vom feinsten Renntierleder zeigten dieselbe bunte Stickerei, wie der Gürtel. Sture konnte sich einer Vergleichung des stattlich ausschauenden Burschen mit den Gestalten der Umstehenden nicht erwehren, die sehr zu Mortunos Vorteil ausfiel. – Der riesenhafte Olaf in seiner kurzen Jacke und gewaltigen Fischerstiefeln, so wenig wie Gustav oder Paul Petersen im friesgefütterten Rock waren imstande, sich mit ihm zu messen, und schon in den nächsten Minuten zeigte sich auch, daß dieser verspottete Sohn der Wildnis sich vor den geistigen Fähigkeiten seiner Widersacher nicht zu fürchten brauchte. Ohne Verlegenheit gab er seine Antwort in norwegischer Sprache und vergalt Scherz mit Scherz in einer Weise, die Stures Beifall erhielt. »Weshalb bist du aus deinen sumpfigen Birkenwäldern zu uns heruntergestiegen?« fragte endlich Gustav, als eine Pause in den gegenseitigen Scherzreden eingetreten war. »Weil ich Sehnsucht nach dir hatte«, sagte der junge Lappe lächelnd, »und weil ich weiß, daß der alte Vater Helgestad es gern sieht, wenn ich komme«, fügte er hinzu, als er merkte, daß bei dem Gelächter der andern Gustavs Stirne finster wurde. Es war zweifelhaft, ob sich der kecke Halbwilde wirklich herausnahm, die stolzen Nordmänner zu verspotten, aber Olaf legte seine markige Hand auf Mortunos Schulter, schüttelte ihn ein paarmal hin und her, und drückte zugleich die Federmütze auf dem Kopfe des jungen Lappen so unbarmherzig zusammen, daß sie diesem bis über Augen und Nase hinabfuhr. – Die rohe Gewalt dieses Spaßes erbitterte Sture, doch äußerte er kein Wort der Mißbilligung, da Mortuno selbst in das Gelächter mit einstimmte, das sich auf seine Kosten erhob. – »Danke dir, Herr, für deine Bemühung«, rief er unter einigen lustigen Verbeugungen, die aber, wie nur Sture merkte, ein wilder Blitz aus seinen Augen Lügen strafte. »Doch halt«, setzte er sogleich wie ablenkend hinzu, »da kommen meine Begleiter, und bringen die eingekauften guten Dinge.« Zwei Lappen schleppten aus dem Kramladen des Kaufmanns jetzt allerlei Vorräte in Fäßchen und Körben herbei, die unter Mortunos Aufsicht auf die Packsättel seiner Renntiere geschnallt wurden. Zugleich trat Helgestad mit Ilda aus dem Hause. Der Kaufmann sprach in freundlicher Weise mit seinem Kunden und ließ sich von ihm Neuigkeiten erzählen. Der junge Lappe berichtete, daß er sich mit einer Herde von mehr als zweitausend Renntieren aus dem Innern des Landes der Küste genähert habe, weil bei der ungewöhnlichen zeitigen Wärme des Jahres seine Tiere unruhig würden. Sture erfuhr dabei, daß das wanderlustige Renntier auf seinen Herrn einen tyrannischen Einfluß ausübt, denn sobald der Frühling kommt, verlangt das wanderlustige Geschöpf, um vor Hitze und Stechfliegen geschützter zu sein, nach der kühlen Seeküste und läuft davon, wenn sein Wille nicht befolgt wird. Dieselbe Sehnsucht aber treibt es beim Herannahen des Winters vom Meere in die eisigen Alpen zurück, wohin es entflieht, sollte sein Gebieter zu lange verweilen. Mortuno erzählte, daß der Schnee größtenteils geschmolzen sei, daß der Winter mild gewesen, daß die Birken junge Knospen trieben, und daß seine Herde fett und froh über frisches Gras springe. »Aus Freude darüber«, sagte Helgestad launig, »hast du auch wohl die neuen Komager an deine Beine gesteckt und den bunten Gürtel umgeschnallt. Was aber«, setzte er hinzu, »willst du mit der hübschen Federtasche tun? Will sie dir abkaufen, Mortuno, gebe dir vier Species dafür.« Sture blickte bei diesem Angebot erstaunt auf den berechnenden Kaufmann hin. Er wußte noch nicht und lernte erst später kennen, daß diese zierlichen Federarbeiten, welche bis auf die Märkte von Bergen gelangten und von dort oft nach London und Paris wanderten, sehr teuer bezahlt wurden. »Ich will sie nicht verkaufen«, sagte der junge Lappe, während er die prächtige Tasche von seinem Gürtel losmachte und die kostbare Spielerei Ilda überreichte. »Gefällt sie der Jungfrau?« fragte er. »Sie ist sehr schön«, sagte Ilda. »So nimm und trage sie. Der arme Mortuno bittet dich darum.« Ilda war angenehm überrascht, noch mehr aber ihr genauer Vater. Ohne des höflichen Widerstandes seines Kindes zu achten, bemächtigte er sich ohne weiteres des Geschenkes und drückte seinen Dank dadurch aus, daß er den Lappen herzhaft schüttelte und ihm seine Flasche zu füllen gelobte, was Mortuno ablehnte. »Auch gut«, lachte der Kaufmann, »so machen wir es ein anderes Mal zwischen uns ab.« Da Mortuno mit seinen Renntieren fertig war, gab ihm Helgestad noch einige lustige Abschiedsbemerkungen mit auf den Weg, die den Lappen zum Ziel eines wohlfeilen Spottes machten, von diesem aber anscheinend mit der bisher gezeigten guten Laune aufgenommen wurden. »So zieh denn hin, Mortuno, mein Junge«, rief Helgestad zuletzt, »und komm bald wieder, bring aber eine neue Federtasche mit, sollst dieselbe Bezahlung dafür haben.« »Ich hoffe dir noch manche Freude zu machen, Väterchen«, antwortete Mortuno unter dem schallenden Gelächter der Umstehenden, »aber sieh, meine Federtasche ist zerrissen und die Federn daran zerknickt.« »Da oben fliegt ein Adler, hole dir neue«, rief Olaf. Mortuno faßte sein Gewehr, und seine Blicke zuckten nach oben. Die Rentiere und ihre Führer hatten sich auf den Weg gemacht und stiegen jenseits des Grundes an den Felsen hinauf. – »Lauf, was du kannst, ihnen nach, du Narr«, schrie der Nordländer,»und verknalle dein Pulver nicht.« Statt der Antwort legte Mortuno seine Büchse an, im nächsten Augenblicke donnerte der Schuß, und kopfüber stürzte der Vogel aus der Höhe, fast zu den Füßen des Schützen herunter. Es war ein großer Fischadler, die Kugel ihm mitten durch den Körper gegangen. Das Gefühl der Bewunderung über solche Kunst und Sicherheit hatte ein allgemeines Schweigen zur Folge. »Hätte ich es nicht gesehen«, sagte Olaf, »ich würde es nicht glauben, obgleich ich weiß, daß die Burschen schießen können.« »Ich will dich zu meinem Leibjäger machen«, rief Petersen. Mortuno hatte dem Adler ein paar der schönsten Schwungfedern ausgerissen und an seiner Mütze befestigt. »Gut, Sorenskriver«, grinste er, »ich will dein Jäger werden, nimm hier die erste Beute!« Und den Vogel gegen die Füße des Schreibers schleudernd, floh er mit einem gellenden Schrei seinen Gefährten nach. Mehrere der Gaardleute machten sich an die Verfolgung, kehrten aber bald, die Nutzlosigkeit einsehend, wieder um, denn der Lappe sprang gemsenartig über die Steine fort und kletterte an der Schlucht hinauf, wo er nach wenigen Minuten seine Büchse schwenkte und sein Hohngelächter hören ließ. »Der boshafte Affe!« zischte der Schreiber durch die Zähne. »Nun, er wird sicher einmal unter meine Finger kommen, wo ich ihm meine blutigen Strümpfe bezahlen will.« Der tote Adler hatte Petersens Beine übel zugerichtet, und auf seine Kosten wurde darüber gespöttelt, bis endlich Helgestad die ganze Gesellschaft zur fröhlichen Abschiedsfeier ins Haus rief, denn mit dem ersten Tagesgrauen trat die Ebbe ein, und mit ihr sollte die Jacht den Fjord hinabschwimmen. Fünftes Kapitel Die Bergenfahrt Als die Sonne aufging, spannte die ›Schöne Ilda‹ ihr gewaltiges Segel und schwamm, vom frischen Winde begünstigt, an der alten Kirche von Lyngen vorüber dem Meere zu. Wir übergehen den Abschied, der mit manchem Händedruck und guten Wünschen begleitet wurde. Helgestad stand selbst am Steuer, sechs rüstige Seeleute führten seine Befehle aus, während Sture von der Brüstung des Verdecks aus den Zurückbleibenden seine Lebewohl zurief, bis die Jacht eine Wendung machte und der Gaard hinter den Felsen verschwand. Die Reise ging rasch vorwärts, so daß bereits am Abend Tromsö vor ihnen lag, und am zweiten Tage darauf die Jacht dicht an den Fischplätzen auf den Lofoten ankerte, welche Sture vor drei Monaten im vollen Gewühl des Fanges sah. Jetzt war hier alles öde und leer von Menschen, aber die Felsen widerhallten von dem Geschrei der Meergänse und Alken, der Möwen und Taucher, die in unermeßlichen Schwärmen Klippen und Wogen bedeckten. Die Boote wurden ausgesetzt und die Fischgerüste untersucht, wobei sich Helgestads hartes Gesicht mehr und mehr zu einem spöttischen Grinsen verzog. Triumphierend deutete er auf zahlreiche Stangen, von denen viele umgestürzt waren, andere leer standen, oder von den Fischreihen, von denen sie bedeckt gewesen, nur vereinzelte Überreste zeigten. »Hab's Euch gesagt«, rief er, »ist das Fischervolk ein nachlässiges und saumseliges. Je mehr der Herr ihm seinen Segen in den Schoß wirft, um so weniger versteht es, diesen zu benutzen. Seht, was Schneewehen, Stürme und Würmer angerichtet haben! Mehr als die Hälfte des ganzen Fanges ist verdorben, und wird deshalb der Fisch in Bergen um das Doppelte steigen. Und jetzt seht dorthin«, fuhr er fort, als das Boot den Klippen zusteuerte, auf welchen er seine eigene reiche Beute und Stures Kauf geborgen hatte, »hier fehlt kein Schwanz und keine Gräte, ist alles trocken und fest. Habt Glück, Herr Sture. Dürft hoffen, daß Euch auch alles andre gut gelingt.« – Es würde die Aufmerksamkeit unserer Leser ermüden, wenn wir Schritt um Schritt genauen Bericht abstatten wollten, wie die Jacht durch die wunderbaren Irrgewinde dieser Felsenküsten steuerte. Es sei genug, wenn wir melden, daß nach zwölf Tagen die ›Schöne Ilda‹ einen Weg von mehr als zweihundert Meilen zurückgelegt hatte und das Glück ihrer schnellen Fahrt ihr so treu blieb, daß sie die Stadt Bergen, wo selten ein Tag ohne Regen vergeht, im schönsten Sonnenschein vor sich liegen sah. Helgestads Jacht war jedoch keineswegs die erste nordländische, die in diesem Jahr den Weg hierher fand. Allein sie war das erste Fahrzeug aus den Finmarken, und kaum hatte sie den Hafen erreicht, als lang hallender Jubel sie empfing. Die ganze Südseite des Hafens war eingefaßt von ungeheuren Speichern, während in der Mitte des Beckens die Schiffe aller Nationen lagen. Franzosen und Italiener, Spanier und Portugiesen, samt den zahlreichen deutschen Fahrzeugen, die auf die Ankunft der Nordlandflotte warteten. Sture betrachtete vom Verdeck aus die Stadt und die Umgebungen. – Mit dem Mai war hier schon der volle Frühling eingezogen. Da lagen Gärten und blumige Auen, da lagen Landhäuser unter laubreichen Bäumen, da zogen Fruchtfelder sich die Hügel hinauf bis an die nackten Massen der Felsgipfel, auf deren Vorsprüngen die Forts Bergenhuus und Frederiksborg ihre weißglänzenden Mauern ausstreckten. Ein paar Kanonenschüsse fielen von der Hafenbatterie, bunte Flaggen wehten von den Häusern der Kaufleute und von den Masten der verschiedenen Schiffe, an deren langer Linie der große Bergenfahrer vorüberging, um seinen Platz an der deutschen Brücke einzunehmen. Überall gab es Tätigkeit, Matrosengesang an Winden und Kränen, Geschrei und Grüße aus den Booten, Willkommenruf von alten Bekannten, die samt Maklern und Kaufleuten von allen Seiten das Schiff erstiegen, Erkundigungen und Fragen, Gelächter und Glückwünsche. Sture hatte sich von dem Getümmel etwas abseits gehalten, als sich seine Aufmerksamkeit auf einen kleinen, wohlbeleibten und in einen braunen Frack gekleideten Mann richtete, der, kaum an Bord erschienen, über die ausgespannten Seile auf Helgestad zuhastete, den er in der vertraulichsten Weise begrüßte. Sture hielt den Besucher, seinem sauberen, stattlichen Äußern nach, für einen reichen, wohlangesehenen Kaufherrn, und so war es in der Tat. Ein langes Gespräch über Handel und Verkehr entspann sich zwischen den beiden Geschäftsfreunden. Der Berger Handelsherr kaufte sofort die Ladung Lebertran und zahlte den bisher notierten Preis, wollte aber unverzüglich die Ware nach Hamburg schicken, da bei dem großen Angebot ein Fallen der Preise zu erwarten war. Stockfisch und Salzfisch dagegen ließen außerordentlichen Gewinn erwarten, denn schon war die Nachricht verbreitet, daß ein großer Teil des Fanges verdorben und unbrauchbar geworden sei. »Schaff so schnell wie möglich deinen ganzen Vorrat heran, Niels«, sagte der Berger Kaufmann. »Die Ware wird außerordentlich gesucht sein, und wir werden Preise machen können, wie seit langen Jahren nicht.« Hier schwieg er plötzlich still, wahrscheinlich durch einen Wink des Nordländers auf den in der Nähe stehenden Edelmann aufmerksam gemacht, und warf einen wenig freundlichen Blick auf den Zuhörer. »Welchen Burschen hast du denn da mitgebracht?« fragte er Helgestad flüsternd. »Tretet näher, Herr Sture«, antwortete Niels laut. »Mache Euch hier mit Herrn Uve Fandrem bekannt, ist ein werter Freund von mir und ganz der Mann, der Euch helfen wird.« Er erzählte in seiner Weise kurz und bündig Stures Schicksal und Vorhaben, sprach von der neuen Handelsstelle am Balsfjord, und rühmte den jungen Ansiedler aus vollem Hals. Kopfnickend hörte Fandrem den Bericht seines Geschäftsfreundes an und faßte dann mit der Hand an seinen goldbetreßten Dreimaster, den er einen Zoll hoch lüftete. »Biete Ihnen mein Haus und meine Hand an, Herr Sture«, sagte er gemessen, »mache zwar sonst niemals mit jungen Anfängern Geschäfte, lasse jedoch hier, um meines Freundes Niels willen, eine Ausnahme gelten.« Er streckte seine Rechte hin, und Sture, welcher fühlte, daß in der Versicherung des Kaufmanns eine Bürgschaft lag, der er vertrauen durfte, schlug kräftig ein. Ein Gasthaus gab es in Bergen nicht, obwohl die Stadt damals schon an 30 000 Einwohner zählte. Jeder Fremde, der hierher kam, mußte auf die Gastfreundschaft einer Familie rechnen. Die nordländischen Handelsleute wohnten bei den Maklern und Kaufleuten, mit denen sie in Verkehr und Freundschaft standen, die Schiffskapitäne blieben auf ihren Schiffen. So geschah es denn ohne beiderseitige Komplimente, als etwas Selbstverständliches, daß Uve Fandrem die beiden Nordländer als Gäste in sein Haus an der deutschen Brücke führte. Das alte Haus des Kaufmanns, so geräumig und stattlich es war, diente nur zum Winteraufenthalt. Beim Eintritt der guten Jahreszeit zog jeder, der es irgend tun konnte, in ein Landhaus, wie auch Fandrem eines besaß. Bergen war umringt von solchen Sommersitzen, die inmitten ihrer großen Gärten stattlich genug an den Bergabsätzen lagen. Während Fandrem sich für eine kurze Weile zurückzog, teilte Helgestad seinem Begleiter mit, was er für nötig hielt. »Habe mit Euch noch nicht über Uve gesprochen«, sagte er, »wollte es erst an Ort und Stelle tun. Ist ein Mann, der fest auf seinen Füßen steht und sich überall sehen lassen kann. Ist Gildemeister und Ratsherr, und hat seine Schäfchen ins Trockene gebracht. Vor dreißig Jahren besaß er nichts. Tat mich damals mit ihm zusammen, da mir sein rascher Blick und kluges Wesen gefielen, und habe die Bekanntschaft nie zu bereuen gehabt, haben seit jener Zeit treulich zusammengehalten.« »Sie sind also Teilhaber an Fandrems Geschäft?« fragte Sture. »Früher war ich's, ja!« antwortete Helgestad, die Augen zukneifend. »Habe aber einsehen müssen, und kann den alten Grundsatz bestätigen, daß ein Kompaniegeschäft nichts taugt, besonders wenn der eine am Lyngenfjord, der andere Hunderte von Meilen entfernt in Bergen wohnt. Kann dicke Handelsbücher nicht durchlesen, die langen Rechnungen nicht studieren, ist aber meine Sache nicht, einen andern die Zahl machen zu lassen und zuzusehen, was er mir geben will.« Sture lächelte, denn es kam ihm in den Sinn, daß der schlaue Berger Handelsherr das Zahlenschreiben wohl noch besser verstanden haben mochte als der Nordländer in seinem Schuldbuch für Fischer, Quäner und Lappen. Helgestad merkte wahrscheinlich, was in dem jungen Dänen vorging, doch äußerte er sich hierüber weiter nicht, und berichtete nur soviel, er habe sich mit Fandrem seit langer Zeit schon insofern geeinigt, daß jeder vom andern so viel Waren entnehme, wie es ihm beliebe, sonst aber beide für eigene Rechnung arbeiteten. Der Berger Kaufherr trat jetzt wieder zu seinen Gästen herein und führte sie in das Speisegemach, wo der Willkommentrunk gefeiert werden sollte. Es konnte nicht fehlen, daß schon bei dieser Gelegenheit die ersten Geschäftsabmachungen verabredet wurden. Hinsichtlich der Ladung der »Schönen Ilda« waren die beiden Kaufleute ja sowieso schon einig geworden. Helgestad forderte für Sture Kredit, und Fandrem war sofort bereit, dem zu willfahren. Der Besitzer des Lyngenfjord stellte Sture seine Jacht zur Verfügung, um alles Nötige für die Niederlassung am Balsfjord mitzunehmen, und versprach, ein Verzeichnis der betreffenden Waren zu entwerfen, während Fandrem seinerseits das Versprechen leistete, nur beste Ware zu liefern und die niedrigsten Preise dafür zu stellen. Das ganze Geschäft war mit einem Händeschütteln in einigen Minuten abgetan. Nachdem nun noch mehrere Gläser auf dauernde Freundschaft und gute Geschäftsverbindung geleert waren, forderte der Wirt seine Gäste auf, ihn nach seinem Landhause zu begleiten. Sie schritten am Hafen hinab, als ihnen ein Offizier entgegenkam, der den städtischen Handelsherrn grüßte, dann plötzlich stehen blieb, und nachdem er auf Sture einen verwunderten Blick geworfen hatte, dessen Namen ausrief. »Hermann Heiberg!« rief Sture dagegen. »Ist es möglich!« sagte der Offizier, »du in Bergen, und in welchem Aufzuge? Der übermütigste Kavalier vom Hof zu Kopenhagen in nordländischer Friesjacke und in Gesellschaft des pfiffigsten, engherzigsten alten Wucherers an der deutschen Brücke«, setzte er leise hinzu. Herr Fandrem war inzwischen mit Helgestad weiter gegangen, aber offenbar hatte der Anblick des dänischen Offiziers seine gute Laune gestört. Er warf einen verdrießlichen Blick nach rückwärts und zog seine Stirn in dichte Falten, als er bemerkte, welche Freude diese unverhoffte Begegnung bei Sture hervorrief. Die beiden jungen Männer folgten Arm in Arm und tauschten ihre Schicksale aus. Hermann Heiberg kommandierte eine Kompanie dänischer Infanterie, welche in Bergen in Garnison lag. Er hatte mit Sture gemeinsam in Kopenhagen gedient, war aber plötzlich nach Norwegen versetzt worden, das damals gewissermaßen als Verbannungsort galt. Diese Verbannung hatte der Einfluß eines Vorgesetzten bewirkt, über dessen ungerechtes Benehmen gegen ihn sich Heiberg höheren Orts beschweren zu müssen glaubte. Er wurde tief in das Innere des Landes geschickt, doch General Munter in Trondheim, dessen Wohlwollen er sich durch seine Tüchtigkeit bald zu erwerben wußte, nahm ihn zuerst unter seine Adjutanten auf, gab ihm dann die Kompanie in Bergen und versprach, ihn später bei erster günstiger Gelegenheit wieder in seine Nähe zu rufen. »Und darauf hoffe ich denn, je eher je lieber«, schloß der Offizier seinen Bericht, »denn wahrlich, für einen Mann von Bildung ist der Aufenthalt in diesem Herings- und Stockfischnest kaum zu ertragen. Aber jetzt sage mir endlich«, fuhr er fort, »wie du in diese Wüste geraten bist?« Sture erzählte, und Heiberg hörte mit ungläubigem Erstaunen zu. »Wie?« rief er endlich mit ausbrechender Lustigkeit, »du bei Lappen, Renntieren und schmutzigen Fischhändlern angesiedelt! Du ein sogenannter Kaufmann an deinem Balsfjord, der nach Bergen kommt, um seinen Kramladen zu versorgen?! – Bist du toll geworden, Henrik? Mancher hat sich schon einen Königsbrief verschafft, ihn zu Geld gemacht und seine Verhältnisse aufgebessert, aber er hat ihn wahrlich nicht auf deine Art benutzt.« »Deine Spottpfeile prallen an mir ab, lieber Heiberg«, sagte Sture mit ruhigem Lächeln. »Ich werde deshalb doch der Kaufmann am Balsfjord bleiben. Ich habe mein Los erwählt, und weiß, daß ein hartes, arbeitsvolles Leben mir bevorsteht, aber ich werde wenigstens ein freier, unabhängiger Mann sein und bleiben. Niemand vermag meinen Entschluß zu ändern, er ist unerschütterlich!« »Das begreife, wer kann«, rief der Offizier erstaunt aus. »Ist es möglich, daß ein Mann deines Namens und Standes sich selbst zu solchem Elende verdammen kann?!« »Frage jene nordischen Männer«, versetzte Sture ernst, »was sie unter Elend verstehen, und sie werden dich und dein Leben, das Atmen in staubigen Städten, die Abhängigkeit des einen vom andern elend und unerträglich finden. Ja, es ist wahr, ich werde Fische fangen und meine Jacht nach Bergen steuern. Aber ich hoffe, daß meine Mitbürger einst, wohin ich komme, mich mit Achtung aufnehmen, und alle rechtschaffenen Leute mir ihre Hand reichen werden. Habe ich dies Ziel erreicht, so sind alle meine Wünsche erfüllt, und niemals wird dann der Augenblick kommen, wo ich mich nach den schimmernden Königssälen der Hauptstadt zurücksehne.« »Du bist dasselbe wackere Herz geblieben, das du immer warst«, rief der Offizier voll Rührung aus. »Wer weiß auch, ob du nicht recht hast, die Ansichten über Lebensglück sind ja bei jedem verschieden, und Hauptsache bleibt immer, sich auf dem Wege, den man einmal genommen hat, nicht irre machen zu lassen. Aber dort stehen schon deine ehrenwerten Freunde und Gönner auf der Berghöhe und winken ungeduldig. So geh denn hin, Henrik Sture, und labe dich an der Weisheit dieser geldgierigen Heringsseelen. Morgen suche ich dich auf. Bis dahin, leb wohl!« Als Sture die Höhe erreichte, fand er den Ratsherrn allein, denn Helgestad war vorausgegangen. Seine Entschuldigungen wurden mit einem mürrischen Kopfschütteln beantwortet, und Fandrem sagte mißtrauisch: »Ich will Ihnen einen guten Rat geben, Herr Sture. Von dem rotröckigen, goldverschnürten und betreßten Soldatenvolk halten wir in Bergen nichts, und kann es Ihrem Ansehen als tätiger Bürger nur Schaden bringen, wenn Sie sich Arm in Arm mit solchem Herrn sehen lassen. Ein Kaufmann hat seinen Ruf aufs strengste zu wahren, die geringste üble Nachrede macht einen breiten Riß in seinen Kredit. Und nun«, rief er freundlicher, »kommen Sie, Herr! Dort liegt mein Haus. Seien Sie, so lange es Ihnen behagt, ein geehrter Gast in seinen Mauern.« Der Tag wurde mit Besichtigung des hübschen, anmutigen Grundstücks, sowie der Herrlichkeiten und Kuriositäten hingebracht, welche die Schiffskapitäne der Kauffahrer in fremden Ländern gesammelt und dem angesehenen Handelsherrn als Geschenke verehrt hatten. Erst nach dem Frühstück am folgenden Morgen besprach man die Geschäfte von neuem. Die Jacht sollte heute noch völlig ausgeleert sein, und dann sogleich ihre frische Ladung aufnehmen. Am vierten Tag sollte Helgestad die Rückreise beginnen, und bis dahin war viel zu beschaffen. Alle für Sture bestimmten Vorräte mußten ausgesucht und verpackt werden. Der erfahrene Kaufmann entwarf den Bestellzettel, und es fand sich beim ersten Überschlag, daß die dafür zu zahlende Summe wohl achttausend Taler betragen würde. Dagegen bot Sture seine Fische, die noch auf den Gerüsten am Vestfjord hingen, und es wurde abgemacht, daß sie bei der nächsten Fahrt an Fandrem geliefert werden sollten. Der Kaufmann bot ihm an, den Handel sogleich abzuschließen, und setzte für die Vog von 36 Pfund den Preis mit drei Species-Talern fest, ja, als Sture nicht dareinwilligen wollte, legte er aus freien Stücken noch einen Viertel-Taler zu. Aber auch jetzt konnte sich Sture nicht zu dem Geschäft entschließen, obgleich Helgestad dem Geschäftsfreund seinen ganzen großen Vorrat anbot. »Mit dir«, sagte Fandrem zu Helgestad, »kann ich einen solchen Handel aus dem einfachen Grunde nicht eingehen, weil immerhin der Fisch bedeutend billiger werden kann, und ich dann bei deinen großen Vorräten einen sehr beträchtlichen Schaden erleiden würde. Mit dir kann ich deshalb nur an der deutschen Brücke abschließen, und zwar zu dem Wert, der an dem Tage besteht, wo du den Fisch in meine Hände lieferst. Ein weiterer bedeutender Unterschied besteht darin, daß ich deine Ware bar bezahlen müßte, während ich sie diesem jungen Manne, dem ich wohlwill, in Gegenrechnung stellen kann.« »Deine Bedenken, Freund Uve, sind in jedem Fall berechtigt«, erwiderte Helgestad bedächtig, »und deshalb wollen wir nicht weiter von mir sprechen. Es ist möglich, daß der Fisch noch höher steigt, ist aber auch möglich, daß er viel billiger wird. An der ganzen Nordlandküste bis nach Trondheim hin ist viel gefangen und Salzfisch in Menge gemacht worden. Meine Meinung ist so: Wer es aushalten kann, mag es tun, wer aber nötig hat, sicher zu gehen, der soll froh sein, Herr Sture, wenn er sein Geld in so kurzer Zeit dreifach herausbekommt.« »Nehmt meinen Dank an«, entgegnete Sture, »und seid beide versichert, daß ich Euren Rat mit der gebührenden Achtung entgegennehme. Es will mir jedoch nicht in den Sinn, daß Ihnen, Herr Fandrem, aus Ihrem wohlwollenden Anerbieten ein Schaden erwachse, und lieber will ich mit weniger Gewinn vorliebnehmen. Ich werde deshalb warten, bis mein Fisch auf der deutschen Brücke liegt, und will dann den Preis nehmen, der zu jener Zeit festgesetzt ist. Kommt ein Schaden, soll es mein Schaden sein, bleibt ein Vorteil, will ich ihn genießen.« Fandrem sah Helgestad an, der mit einem Ausdruck von größtem Wohlgefallen Sture zunickte, während der Gildemeister sagte: »Jeder Mann muß wissen, was er tut. Abgetan also, zahle Ihnen den Preis, der bei Ankunft Ihrer Fische besteht.« Bald darauf waren sie auf dem Weg nach der Stadt, wo sie am Hafen bei dem wundervollen Frühlingswetter die Arbeit längst in voller Tätigkeit fanden. Der Ratsherr führte die Gäste in seine Kontorstube, wo alle Rechnungen bereit lagen, und wo auch Sture die Verpflichtung eingehen sollte, nur mit Uve Fandrem in Bergen Handel und Verkehr zu treiben. Das Kontor des reichen Kaufmanns war klein und düster. In einem Winkel standen die großen Handelsbücher in einem vergitterten Schrank. Ein schwerer, eichener Zahltisch stand in der Mitte des Raumes, hinter demselben arbeitete an einem Stehpult ein alter Buchhalter. Sture wunderte sich nicht über das geringe Personal. Er wußte, daß die Berger Handelsherren trotz ihrer bedeutenden Geschäfte weit mehr Aufseher und Arbeiter in den Magazinen, als Gehilfen in der Schreibstube gebrauchten. Aller übrige Platz im Kontor, sowie der Gang dahin, waren mit Kisten und Kästen, mit Fässern, Federballen und Seehundsfellen ausgestopft. Über die ganzen unteren Räumlichkeiten des Hauses war überhaupt ein eigentümlicher Duft, gemischt aus ranzigem Fett und angegangenem Fleisch, ausgebreitet, der auf höchst unangenehme Weise die Riechorgane eines Uneingeweihten beleidigen konnte. Ohne weitere Entschuldigungen wegen dieser Gerüche, die nach der Meinung des Hauswirtes den angehenden Kaufmann überaus lieblich anmuten mußten, zog Fandrem seinen Kunden an das Schreibpult, wo er ihn die Kontrakte durchlesen und unterzeichnen ließ. Hierauf nahm Helgestad die Feder und stellte eine besondere Bürgschaft aus, durch welche er sich für den Betrag der Schuldsumme verpflichtete, die Sture an Waren im ersten Jahr von Fandrem erhalten würde. »So brauche ich also noch einen Bürgen?« fragte Sture erstaunt und gereizt. »Ich dachte, für den Kredit, den ich hier in Anspruch nehme, sei mein Besitztum, sowie mein Wort und meine Ehre genügende Bürgschaft.« »Wenn Ihr erwägt, Herr«, entgegnete Helgestad unerschütterlich, »daß hier in Bergen niemand weder Euch noch Euer Besitztum kennt, wenn Ihr bedenkt, daß trotz aller gehegten Hoffnungen Eure Pläne am Balsfjord immerhin fehlschlagen können, so müßt Ihr einsehen, daß sich ohne Bürgschaft nicht leicht jemand finden möchte, der Euch Kredit gewährte.« Sture hatte Mühe, seine unbehagliche Stimmung niederzukämpfen. Er hatte gemeint, sich durch den ihm von Fandrem gewährten Kredit die Last der Verpflichtungen zu erleichtern, die er gegen Helgestad hatte, und sich durch die neugeknüpfte Verbindung nach und nach von dem Besitzer des Lyngenfjord unabhängig zu machen. Statt dessen fand nun das Gegenteil statt, und er mußte es mit ansehen, wie er immer tiefer in das Netz der Spinne geriet, deren Fänge er schon gierig nach sich ausgestreckt wähnte. Er blickte Helgestad ins Auge, und da es ihm schien, als lese er den Hohn über seine hilflose Lage in dessen Miene, überwältigte sein in hohem Grade erregtes Mißtrauen seine Vorsicht, und fast unwillkürlich stieß er die Worte hervor: »Nein, nein, schon genug habe ich Verpflichtungen gegen Euch, und mag dieselben nicht vermehren. Ich nehme in diesem Fall Eure Bürgschaft nicht an.« »Gut, ganz nach Eurem Belieben, Herr! – Wißt ihr jemand anders in der Stadt, der für Euch gutspricht?« fragte Helgestad ruhig. Diese Frage setzte Sture in Verlegenheit. Er mußte erklären, daß nur allein der Kapitän Heiberg ihm bekannt sei, und brachte dessen Namen etwas stotternd hervor. Bis dahin hatte Fandrem stillschweigend und ohne sich einzumischen, der Verhandlung beigewohnt. Als jedoch jetzt sein neuer Kunde den Namen des dänischen Offiziers als seinen Bürgen nannte, schien ihm die Sache außer Spaß, und dröhnend schlug er mit der Hand auf den schweren Zahltisch. – »Dieser junge Windbeutel soll Bürgschaft leisten?« rief er. »Sagt, Herr Sture, wollt Ihr Euren Scherz mit mir treiben? Freilich, stolz genug spreizt der Kapitän die Beine, wenn er durch die Straßen schreitet ...« Er konnte nicht weiter reden, denn in diesem Augenblicke ertönte eine helle Stimme aus dem Hintergrund, und gleich daraufzeigte sich im offenen Rahmen der Tür Hermann Heibergs schlanke Gestalt. Für eine kurze Weile raubte die Überraschung über die unverhoffte Anwesenheit des Offiziers in seinem Hause dem Handelsherrn die Sprache; als jedoch der Kapitän ironisch äußerte, er glaube, daß bei seinem Eintritt von seiner werten Person die Rede gewesen sei, und bitte die Herren, sich in der Unterhaltung nicht stören zu lassen, fand Fandrem schnell seine Besonnenheit wieder, denn er war nicht der Mann, der so leicht den Mut verlor. »Ich weiß nicht, Herr«, begann er, »was Sie bewegen kann, mein Haus und meine Schreibstube aufzusuchen, da es aber geschehen ist, mag's drum sein. Ich kann meine Worte jederzeit wiederholen.« »Ich habe sie zur Genüge verstanden, Herr Fandrem«, erwiderte der junge Mann stolz lächelnd, »und sehe ein, daß mein Wort für Sie keine Bürgschaft sein kann, da Ihnen dasjenige des Baron Sture, meines ehrenwerten früheren Kameraden, nicht genügt.« »Kalkuliere«, sagte Helgestadt, sein eisernes Gesicht über den Tisch vorstreckend, »daß wir hier ein Geschäft abzumachen haben, Fandrem, das die Gegenwart eines Fremden nicht gut verträgt.« »Denke ebenso«, meinte der Ratsherr. »Kalkuliere«, äffte der übermütige Offizier die Sprachweise des Nordländers nach, »daß Ihr Euch nicht in Dinge mischen sollt, die mich angehen. Ich bin weder ein Kabeljau, noch ein unglücklicher Lappe, noch habe ich einen Königsbrief in der Tasche, und darf deshalb wohl darauf rechnen, Eurer näheren Bekanntschaft zu entgehen. – Sie, Herr Fandrem«, fuhr er in würdigem Ton zu dem Ratsherrn fort, »werde ich sogleich von meiner Gegenwart befreien, nachdem ich noch einige Worte mit diesem Herrn« – er wies auf Sture hin – »gesprochen habe. Sture«, wandte er sich zu dem Freund und legte seine Hand auf dessen Arm, »wenn du beschäftigt bist, so will ich nicht stören, höre nur dies: General Munter ruft mich soeben durch einen Kurier nach Trondheim zurück. Morgen schon muß ich Bergen verlassen, und da ich dich heute schwerlich noch einmal aufsuchen kann, so leb wohl, lieber Freund, wenn du es nicht vorziehst, mich zu begleiten.« »Du weißt, Heiberg, daß dies nicht sein kann«, erwiderte Sture bestimmt. »Ich dachte mir's wohl«, sprach Heiberg traurig, »denn ich kenne deinen eisernen Willen. Nun, so sei Gott mit dir allezeit und allerwegen. Er beschütze dich vor allen nordländischen Gaunern, und führe alle Fische des Meeres in deine Netze! – Herr Fandrem, ich bin bereit, Ihr Haus, dem ich allen Frieden wünsche, zu verlassen. Behalten Sie mich in gutem Andenken.« Er drückte seines Freundes Hand und trat seinen Rückzug an, wobei er unbarmherzig mit den Füßen beiseite stieß, was ihn am schnellen Fortkommen hinderte. »Laßt ihn laufen«, rief ihm Helgestad in verächtlichem Tone nach, doch sah man wohl an seiner finster gefalteten Stirn, wie er nur mühsam seinen Grimm niederkämpfte; wünsche nur, daß der Junker niemals wieder meinen Weg kreuzt, möchte sonst etwas schlimmer enden als heute. – Herr Sture« – der Kaufmann richtete seine Gestalt zu ihrer vollen Höhe empor und legte seine Faust schwer auf das betreffende Aktenstück –, »hier ist das Papier, und hier stehe ich. Erklären Sie sich jetzt, ob Sie meine Bürgschaft gelten lassen, oder ob Sie glauben, auf fremde Hilfe verzichten zu können.« Man sah, hier galt nur ein Entweder und Oder. Der Kaufmann hatte offenbar seinen Entschluß gefaßt. Sture zögerte nicht länger, weiterer Widerstand wäre unnütz, ja gefährlich gewesen; so gab er denn seine Einwilligung, worauf Helgestad das bedeutungsschwere Dokument unterzeichnete. Als dies geschehen, ergingen sich beide Kaufherren nochmals in Beteuerungen, daß das Ganze nur eine Formsache sei, daß niemand daran zweifle, der Besitzer vom Balsfjord werde in Jahresfrist seine Zahlungen decken und dann offenen und unverbürgten Kredit haben. Allein Stures kluger Sinn sagte ihm gut genug, was von diesen Reden zu halten war. Der ganze Tag verging jetzt damit, daß in Fandrems großen Magazinen die Waren besichtigt und ausgesucht wurden, welche die »Schöne Ilda« einladen sollte. Helgestad kaufte selbst mancherlei, vergaß dabei aber nicht, zu prüfen und zu probieren, was für Sture bestimmt war. Alle erhandelten Vorräte wurden dann sogleich durch die Arbeiter und Knechte an Bord der Jacht geschafft, wo die Schiffsleute das Beistauen besorgten, denn bereits am zweiten Morgen darauf sollte das Fahrzeug seine Rückfahrt antreten. Am Abend dieses arbeitsreichen Tages gaben die Kaufleute den anwesenden Gaardherren und Kapitänen einen Schmaus in dem alten Turmsaal, wo einst Christian II., dieser grausame Feind des Adels, der ihn dafür im Kerker vermodern ließ, getanzt hatte. Diesmal wurde aber nicht getanzt. Die Damen von Bergen hielten sich von diesem Fest fern, dafür jedoch wurde bis in die Nacht hinein gezecht. Fandrem bediente seine Gäste mit solchem Eifer, daß er sich gegen Mitternacht von Sture nach Haus begleiten ließ, der froh, dem wüsten Gelage zu entkommen, für seine Enthaltsamkeit Spott über Spott erntete. Helgestad kam erst, als der Morgen tagte, aber eine so unverwüstliche Lebenskraft lag in seinen festen Muskeln und Adern, daß er nach einer Stunde Schlaf schon wieder an seinen Geschäften war und nicht eher aufhörte, bis seine Jacht fertig in der Mitte des Hafens lag, um jede Stunde in See stechen zu können. Der Abschiedstrunk mit Fandrem wurde an Bord gefeiert, und nach Entfernung seines Bootes gönnten sich die Schiffsinsassen noch einige Stunden der Ruhe. Kaum aber färbte der Morgen die höchsten Spitzen der Berge, welche die große Handelsstadt einrahmten, so drehten sich auch die Ankerwinden der »Schönen Ilda«, und bald darauf schwamm die Jacht mit der ersten Kühle unter der Hafenbatterie fort. Noch war alles still im Hafen; Halbdunkel lag auf der schweigenden Stadt, der Fjord stieß leichte Nebel aus, die an den Felsengestaden gleich flatternden Schleiern hinzogen. Die lieblichen kleinen Täler verbargen sich noch im Schatten der Nacht, und wie das große Fahrzeug mancherlei Bogen beschrieb, bald durch enge Wasserpässe lief, bald große Seebecken durchschnitt, weckte es das schlafende Meer auf, dessen flüsternde Wellen an die Planken pochten, als wenn sie fragen wollten, warum es seine Ruhe störe. – Helgestad in seiner wasserdichten, warmen Schifferkleidung stand am Steuer und lenkte die Jacht durch diese Labyrinthe von Felsen und Klippen. Dann und wann tat er einen scharfen Blick seitlings, um den Fortgang des Schiffes abzumessen, und dann wieder vorn hinaus, wo die Kirche von Hammer schon ihre Spitze zeigte und der Alesund sich vor ihm auftat. Hinter dem Fahrzeug, das unter dem Druck des leichten Windes rauschend die Wellen zerteilte, blitzte die Sonne auf die hohen Eiskuppeln am Hardangerfjord und schickte ihre Strahlen auf Wälder und kühne Felsmassen, deren Füße sich im Meere badeten, während ihre Köpfe in weißen Wolkenkappen steckten. – Die Fahrt an Norwegens Küste geht fast immer zwischen den unzähligen Inseln und Felsengruppen hin, die aus den Umwälzungen der Natur übrig geblieben sind und jene wunderbaren Straßen und Sunde bilden. Zuweilen aber hören diese auf. Die Wogen des Atlantischen Ozeans und des Nördlichen Eismeeres rollen dann ungebrochen gegen das Festland und oft müssen die Schiffe viele Tage in irgendeinem Schlupfwinkel warten, ehe sie den gefährlichen Weg über das stürmische Meer wagen. Auch Helgestad wollte es anfangs nicht unternehmen, als am dritten Reisetag Staatenland in Sicht kam, dasselbe bei Nacht zu umschiffen. Da jedoch der Wind lind blieb, so entschloß er sich auf Zureden seines ungeduldigen Passagiers dazu, den es nach seiner künftigen Heimat verlangte. Doch stellte der Schiffer die Bedingung, daß beide die Stunden der Nacht bei einem Glas steifen Punsch zubrachten, damit er, wie er meinte, im Augenblick einer Gefahr sogleich bei der Hand sei, den Steuermann abzulösen. Sture sagte zu und fand abends in der Kajüte den sauber gedeckten Tisch mit Speisen bedeckt, während auf dem Ofen der Teekessel brodelte, mit dem sich der alte Schiffer angelegentlich beschäftigte. Er war offenbar in bester Laune, schenkte, nachdem der Punsch fertig gebraut war, tapfer aus dem dampfenden Napf ein und spottete über Stures ernstes Gesicht, das nach seiner Behauptung aussah wie ein Eislager vom Kilgis. »Nuh«, sagte er, »weiß nicht, was Euch plagt, muß aber schwer zu ertragen sein. Kommt zurück an den Balsfjord wie ein Mann, der an seine Tasche schlagen mag. Habt Eure Fische klug festgehalten, habt den richtigen Blick gehabt, bringt eine Jacht voll Ware heim, und steht Euer Haus wohl schon fix und fertig da, braucht Euch nur hineinzusetzen. Aber merke wohl«, fuhr er neckend fort, »ist Euch bange wegen des Alleinseins am Balsfjord, und müssen deshalb für eine Hausfrau sorgen. Wenn's uns nicht glücken will, muß Afraja, der verd... Hexenmeister, mit seinen Zaubertränken helfen. Ist's nicht so?« Sture wurde durch diese Scherzreden aus seiner Schweigsamkeit geweckt. »Afraja!« sagte er halb gedankenlos, »ist allerdings der Mann, dessen Beistand mir erwünscht wäre.« Doch sogleich die Unbedachtsamkeit einsehend, die in diesen Worten lag, suchte er ein etwa keimendes Mißtrauen seines Zuhörers zu ersticken, indem er unbefangen fortfuhr: »Da wir beide zufällig den Namen ›Afraja‹ erwähnten, Herr Helgestad, so beantworten Sie mir eine Frage: Was denken Sie mit Gula zu tun, wenn Ihre Tochter das Vaterhaus verläßt?« »Nuh!« erwiderte Helgestad, »denke, sie wird immer vorziehen, in meinem Hause zu bleiben, als in einer schmutzigen Lappenhütte zu sitzen.« »Ich habe neulich einen Traum gehabt«, sagte Sture lächelnd, dabei aber einen festen Blick auf den Kaufmann werfend, »der, wenn Afraja wirklich ein Zauberer ist, mir gewiß von ihm geschickt wurde.« »Will's nicht abschwören«, antwortete der Alte. »Ist mit den Träumen jedenfalls eine sonderbare Sache, kommen oft als geheime Zeichen in des Menschen Seele, und werden sicher von einer überirdischen Macht gesandt. Erzählen Sie mir Ihren Traum, Herr Sture!« »Mir träumte«, sagte dieser, »daß ich am Balsfjord wohnte, wohl eingerichtet war und viele Arbeit hatte, aber auch voller Sorgen saß« – hier kniff der Zuhörer schlau die Augen zusammen, ohne jedoch den Erzähler mit einer Silbe zu unterbrechen. – »Es hatte sich gefunden«, fuhr Sture fort, »daß die kleinen Täler umher alle fruchtbar waren, und viele Kolonisten konnten darin angesiedelt werden. Doch woran mir vornehmlich liegen mußte, den Urwald an der Bals-Elf nutzbar zu machen, das wollte mir nimmermehr gelingen. Damals ergab sich, daß die Bäume aus der Wildnis nicht fortgeschafft werden konnten. Der Strom mit seinen tiefen Fällen ließ sie nicht schwimmen, nirgends wollte eine Sägemühle passen, und nach einer Reihe nutzloser Versuche, die viel Geld kosteten, sah ich alle Mühen scheitern.« »Ist einleuchtend genug!« rief Helgestad, spöttisch auflachend, indem er sein Glas leerte. »Ich befand mich in einer bösen Lage«, fuhr Sture fort; »merkwürdigerweise schien es mir, als griffen von allen Seiten Hände nach mir, die mich einesteils in den Abgrund ziehen, andernteils zurückhalten wollten und mein ganzes Beginnen das eines Toren nannten. Ehe ich mich entschließen konnte, nach welcher Seite ich mich wenden sollte, hatten mich alle verlassen, und tiefe Finsternis herrschte um mich her. Da sah ich es plötzlich hell werden, und ich erkannte Afraja, der an meinem Bette stand, und dessen kleine Augen wie Feuer funkelten.« »Ha!« rief der Kaufmann, der mit Interesse zuhörte; »braucht mir die Diebsaugen des Schelmen nicht zu beschreiben. Kenne sie!« »Er grinste mich an und tanzte um mich her mit wunderlichen Sprüngen. ›Kannst dir nicht helfen?‹ rief er mit seiner heiseren Stimme. ›Wissen auch die Männer deines weisen, stolzen Volkes dir keinen Rat zu geben, he? Aber warte nur, Väterchen. Sollst dafür die Hilfe des verachteten Lappen haben; will dir zeigen, wie du die Sache angreifen mußt.‹ Und er führte mich zu einer Stelle, schwang seinen langen Stab, und plötzlich stand eine Mühle mit doppeltem Rad über dem Wasser. Dann winkte er in den Felsengrund hinab, und ich sah einen seltsamen Bau von Balken auf festen Stützen stehend, der von einer Quelle schlüpfrig naß gehalten wurde, und auf dieser Rinne schossen die Bäume blitzschnell von der Felsenwand hinunter, daß man sie ohne große Mühe auf das Sägewerk bringen konnte.« »Ist ein sonderbarer Traum«, murmelte Helgestad vor sich hin, als der Erzähler eine Pause machte; »bringe aber das Ding nicht im Kopfe zurecht, gäbe was drum, wenn ich's könnte.« »Vielleicht gelingt es mir, Ihnen die Sache klar zu machen«, versetzte Sture, »noch steht alles so deutlich vor mir, daß ich es mit Händen greifen könnte. Geben Sie einmal Papier und Stift aus dem Tischkasten, ich werde Ihnen die Einrichtung aufzeichnen.« Gehorsam reichte Helgestad das Verlangte hin, und leicht konnte man an seinem Mienenspiel lesen, wie begierig er dem Kommenden entgegensah. Sture zeichnete nun mit geübten, andeutenden Strichen das Felsental, die Bals-Elf und den Strom in der Schlucht. Dann von der schroffen Felswand hinunter einen künstlichen Bau, oder mit anderen Worten eine Holzrutsche, wie sie noch heutigen Tages viel in Bergländern angewendet werden, um Baumstämme von hohen Bergen leichter zu Tal zu schaffen. – »Seht hier«, sprach er erklärend, »hier werden die Bäume gefällt, von ihren Ästen befreit, und dann auf diese glatte, schiefe Ebene gebracht, in welche Wasser geleitet ist, damit das Holzwerk sich nicht erhitzt. In kalter Zeit mag es frieren, auf dem Eise werden die Bäume noch besser rutschen und wohlbehalten an diesem Punkte ankommen, wo die Sägemühle erbaut werden muß. Es ist offenbar die beste Stelle, denn sie liegt vor den Fällen der Elf, die von hier aus bis an den Fjord nur wenige Schwierigkeiten bietet.« Helgestad hatte bald mit seinen Augen am Munde des Sprechers gehangen, bald mit gieriger Aufmerksamkeit die Zeichnung betrachtet. »Ist richtig«, sprach er jetzt, auf das Papier starrend, »kalkuliere, muß gelingen. War ein weiser Traum, Herr Sture, mag er gekommen sein, woher er will.« – Er lehnte sich in seinen Stuhl zurück und sah seinen Genossen lauernd an. »Seid ein kluger Mann«, rief er aus, »muß Euch loben. Seid ein treuer wahrer Freund, der mir nichts verschweigt. Ist's nicht so?« »Jetzt aber«, fuhr er fort, indem er seine Uhr hervorzog und einen Blick darauf warf, »sollt Ihr noch ein Stündchen ruhen. Es ist bereits tief in der Nacht und der Morgen nicht mehr fern. Ich selbst will auf das Verdeck hinauf und das Schiff bis Tagesanbruch steuern. Gehabt Euch wohl!« Er verließ die Kajüte, indessen Sture sein Lager aufsuchte, zufrieden mit sich und seinem Tun. Nicht umsonst hatte er das Traumgebilde erzählt; denn einesteils wollte er durch Darlegung seiner Pläne den Kaufmann in seiner Absicht bestärken, daß er das nötige Geld dazu vorschoß, andernteils Helgestad aber auch bemerken lassen, daß er eine Ahnung von dessen unsauberen Plänen hatte. Beides schien ihm gelungen. Sechstes Kapitel Das Julfest Bei fortwährendem schönem Wetter, über sich den klaren, blauen Himmel, unter sich die heitere See, lief das gute Schiff, die »Schöne Ilda«, während der nächsten Wochen seine Straße. Längst schon hatte es die Trondheimküste, sowie das Gebirge der sieben Schwestern, eine Anzahl abenteuerlich gestalteter Felsen, die am Eingang Nordlands Wache zu halten scheinen, hinter sich gelassen und steuerte nun schnell der Heimat zu. Der Juni war gekommen, und je mehr nordwärts die Jacht gelangte, um so mehr wurden die Nächte zur Dämmerung. In der Nähe der Lofoten ging die Sonne kaum mehr unter den Horizont. Sie beschrieb einen Kreis am Himmel, und ihre Strahlen beleuchteten zu allen Tageszeiten die hohen Gletscher, bis endlich, als Tromsö vor den Reisenden lag, ein roter Schein an den Segeln und Mastspitzen haftete, eben als die Kirchenglocke Mitternacht schlug. Und noch ein Tag verging und eine Nacht kam, ehe die »Schöne Ilda« in den Lyngenfjord steuerte. Die hohen Berge standen in einer langen leuchtenden Reihe, und im Hintergrund hob der Kilgis sein ungeheures Haupt, gleich einem weißhaarigen Riesen zwischen jungen Männern, empor, denn er allein trug um seinen Nacken noch einen glänzenden Schnee- und Eismantel. Die Mitternachtssonne stand wie eine große glutstrahlende Kugel über den Wellen des Lyngenfjord, die sie nun vier Wochen lang ununterbrochen widerspiegeln sollten. Wenn aber auch das Licht nicht erlosch, so lag es doch wie ein geheimnisvoller Schleier über der Natur, und ein tiefes Schweigen gleich dem nächtlichen lag über den Wassern. Die Vögelschwärme saßen still auf den Klippen und hielten die Köpfe unter den Flügeln versteckt; kein Geschrei war in der Luft, das Leben verkündigte. Und nur das Schiff mit seinen schlaffen Segeln, die dann und wann ein Hauch berührte, glitt, wie von Geisterhänden geführt, den Fjord entlang, bis bei einer Wendung die Kirche von Lyngen in Sicht kam. Vom Felsenturm flatterte eine große Fahne. Unten aber in der Bucht sah man viele Boote mit bunten Wimpeln und Kränzen von Birkenlaub und Fichtenzweigen an den Masten. Die Mannschaft auf der Jacht hatte die Jacken abgeworfen, war es doch so wohlig warm, als schaukelten sie auf den Wogen des Golfes von Neapel dahin – und indem sie freudig auf ihr heimatliches Gotteshaus schauten, schüttelten sie sich die Hände und riefen sich Glückwünsche zu, denn so rasch und wohlgeraten war selten eine Bergenfahrt verlaufen, und Gottes Wille hatte es gefügt, daß sie eben an dem Tage heimkehren sollten, der das Fest der Frühlingsfeier in diesem hohen Norden ist. Oben in der Kirche saß jetzt die ganze Bevölkerung des Fjords und der Inseln beisammen, um in der heiligen Nacht, da die Sonne zum ersten Mal nicht untergeht, zu singen und zu beten, Gott zu preisen, und um ein gutes, gesegnetes Jahr zu bitten, dann aber bei Spiel, Scherz und Tanz frohe Stunden zu verleben. Als das Schiff mit der Flutströmung den Landungsplatz unter der Kirche erreicht hatte, war nirgends ein Mensch zu erblicken, und verlassen lagen in langen Reihen die Boote da, unter denen der alte Schiffer am Steuer bald zu zufriedenem Kopfnicken seine größte Schaluppe mit dem Wimpel von Örenäesgaard herausfand. »Kommen zur richtigen Zeit«, sagte er, »um das Julfest mitzufeiern. Los denn mit dem Anker, Kinder!« Die ungeduldig dieses Befehls bereits harrende Mannschaft ließ sich ihn nicht wiederholen. Im Nu drehte sich die Winde, und bald rasselte der Anker in die Tiefe. Dann eilten die Leute hinunter, um sich mit ihrem Sonntagsstaat zu schmücken. Auch Helgestad verließ seinen Platz, und als er die Kajüte erreichte, fand er dort Sture bereits zum Fest gekleidet. »Nuh«, schmunzelte der Alte, »habt, wie ich sehe, Eure Sachen schon in Ordnung. Liegen dicht unter Lyngens Kirche im hellen Sonnenschein, merkt aber kein Mensch etwas davon, als hätte ein Zwerg seine Nebelkappe auf die Mastspitze gesetzt, um uns unsichtbar zu machen. Sitzen alle in der Kirche.« »Ist eine alte Sitte aus der Heidenzeit, das Julfest zu feiern«, sprach er weiter, indem er ein buntes Seidentuch um seinen Hals schlang. »Hat viel Blut gekostet, Herr Sture, ehe es in Norwegen aufhörte, und die Christenpriester es durchsetzten, daß das Julfest auf Weihnachten verlegt wurde.« »So bedeutete das Julfest in alter Zeit die Frühlingsfeier?« fragte Sture. »Ihr sagt es«, antwortete Helgestad. »War das größte Fest der Menschen, um den Allvater zu bitten, seinen Kindern gnädig zu sein, und hier haben wir es erhalten, indem wir es bloß nach christlichem Sinn umwandelten. – Nun aber kommt. Wollen ans Land und meine Kinder in den Betstühlen überraschen.« Er stülpte seinen Hut auf und schritt Sture voran in das wartende Boot, das mit wenigen Stößen an die Steinblöcke der Ufertreppe flog. Die beiden Männer stiegen die Felsen hinan, indem sie es der Schiffsmannschaft überließen, ihren eigenen Weg zu gehen. Droben angelangt, entblößte Helgestad sein Haupt und faltete seine Hände. Das graugesprenkelte, flächserne Haar fiel ihm auf die Schultern, auch in seine harten Zügen drang das Himmelslicht und schien diese zu erweichen. Der gewaltige Mann mit all seiner List und Kühnheit beugte seine Seele vor einer unsichtbaren Macht, die auch den vermessensten Sterblichen erreicht. Doch solche gesegnete, fromme Stimmung konnte bei dem kalkulierenden, habgierigen Manne nicht lange vorhalten! Er schielte nach Sture hin, der bewegten Gemütes auf das großartige Panorama ringsum schaute und sagte: »Ein glückversprechender Morgen. Ist's nicht so? Denke, wir treten einstweilen in die Vorhalle; können die unsrigen von dort betrachten, ohne daß sie uns merken. Kalkuliere, wird wohl mein guter Freund Ole Gormson bald seinen Atem sparen, besonders wenn ihm das auf die Predigt folgende reiche Opfer einfällt.« Mit dieser unheiligen Spötterei war der alte Geist zu Helgestad zurückgekehrt. Er öffnete die niedrige Kirchentür und trat in den dunklen Raum hinter den Vorbau. Von hier aus konnte er Gemeinde und Priester sehen, und eine Falte zeigte sich auf seiner Stirn, als er statt seines guten Freundes Ole Gormson den Pastor Klaus Hornemann erkannte. Dann blickte er über die Versammlung, welche aus vielen wohlbekannten Gesichtern bestand, lange still auf seine Kinder hin, die beisammen in der Kirchenbank saßen. An Ildas Seite tauchte der rote Kopf des Schreibers auf, hinter ihnen ragte Olaf empor, und neben Gustav hatte ein Mann Platz genommen, der zu Helgestads angenehmer Überraschung kein anderer als der Vogt von Tromsö war. So konnte denn heute noch alles in Ordnung gebracht werden, kalkulierte er sogleich, hielt aber in seiner offenbar angenehmen Betrachtung inne, denn drinnen wurde von der Gemeinde das Schlußlied angestimmt. Klaus Hornemann teilte darauf den Segen aus, und eben erhoben sich die Kirchenbesucher von ihren Plätzen, als Freudenrufe ertönten, denn die ersten, die den Vorraum erreichten, hatten den alten Helgestad entdeckt, und riefen dessen Namen, der in der nächsten Minute überall wiederholt wurde. »Nuh«, rief der Kaufmann, »bin wieder daheim angelangt, liebe Freunde und Nachbarn! Habe Gott meinen Dank hier draußen dargebracht und habe gute Nachrichten für euch aus Bergen. Steigt der Fisch mächtig und wird steigen von Woche zu Woche. Wird auf vier Species die Vog kommen und darüber. Jetzt aber laßt mich meine Kinder sehen, habe sie lange entbehren müssen.« Seinen Sohn und seine Tochter zu Seiten, stand er endlich draußen im Sonnenschein. Alle wollten seinen Handschlag und sein Wort. Die Sture kannten, drängten sich an diesen mit ihren Fragen und Glückwünschen. Hurras und Jubelgeschrei erschallten auch beim Anblick der Jacht, und geraume Zeit währte es, ehe eine gesammeltere Stimmung wieder Platz griff. Sture war bald von Olaf Veigand in Beschlag genommen worden, der ihm viel von seiner Niederlassung zu erzählen wußte, und ihm mit der ehrlichen Herzlichkeit seines Wesens seine Freude ausdrückte, ihn wieder am Lyngenfjord zu sehen. Wie sehr stach dieser herzliche Empfang von dem Wiedersehen ab, das Sture von den beiden Kindern seines Gönners erleben mußte. Ilda reichte ihm kühl die Hand und hieß ihn mit einigen ruhigen Worten willkommen. Gustav aber gar wandte die Augen ab, als er ihm die Finger bot, und murmelte rasch etwas vor sich hin, das man mit viel gutem Willen allenfalls für einen Gruß nehmen konnte. Sture fühlte sich mit Recht über diese kalte Begrüßung verletzt und seine Mißstimmung wuchs, als er sah, wie fremde Familien, die er kaum einmal gesehen hatte, ihm mit Teilnahme entgegenkamen, ihn freundlich nach seinen Erlebnissen ausfragen und aufforderten, an ihrer Fröhlichkeit teilzunehmen. Er beherrschte sich zwar, beantwortete Scherz mit Scherz und stimmte in die allgemeine Lust mit ein, die rundumher herrschte; doch fühlte er es wie eine Erleichterung, als er sich durch einen Zufall außerhalb des Gedränges und wieder mit Olaf allein fand. Freundlich klopfte ihm dieser auf die Schulter und sagte, ihm scharf ins Gesicht sehend: »Braun und fest genug hat dich die Reise gemacht, Freund Henrik. Doch steht da auf deiner Stirn eine ernste, tiefe Falte, die von Sorgen in deinem Innern erzählt.« »Und soll ich mich nicht sorgen, guter Olaf?« erwiderte Sture. »Würdest du es nicht auch tun, wenn du einer solch ungewissen Zukunft gegenüber ständest?« »Es ist wahr«, versetzte der Nordländer bedächtig, »dein Los ist ein schwieriges, und ich möchte, offen gestanden, augenblicklich nicht in deiner Haut stecken. Allein du bist ein rascher, tüchtiger Mann. Dein Haus steht fertig am Fjord da. Die Jacht mit deinen Waren kann an deiner Türschwelle ankern, und wohl mag es dir glücken, wenn du deine Pläne beiseite wirfst, aus dem Urwald an der Bals-Elf Geld machen zu wollen. – Besser mag es dir glücken«, setzte er leise hinzu, »als mir!« Sture schwieg zu diesem Bekenntnis. Endlich sagte er teilnehmend: »So hast du deine Hoffnungen vollkommen aufgegeben, mein armer Olaf?« »Ich wäre schon längst fort«, antwortete jener düster, »wenn ich nicht dem alten Helgestad versprochen hätte, während seiner Abwesenheit Gustav zur Seite zu stehen; und wenn ich dir nicht zugesagt hätte, am Balsfjord dann und wann nach dem Rechten zu sehen.« »Um so mehr muß ich dir danken, daß du meinen Vorteil gewahrt hast«, fiel Sture herzlich ein. Olaf winkte abwehrend mit der Hand. »Es hat sich manches verändert, seit du fort bist, Freund Henrik«, sagte er. »Sieh Jungfrau Ilda an. So sehr sie alles zu verbergen weiß, was sie will, durchschau ich doch ihre Maske.« »Und was erblickst du?« fragte Sture, an seiner Seite weiterwandelnd. »Ich sehe, daß es in ihr dunkel ist; daß die Frühlingssonne, die jetzt am Himmel steht, ohne unterzugehen, ihr Herz nicht erleuchtet. – Sie war immer schweigsam«, fuhr er fort, als sein Begleiter keine Antwort gab, »aber sonst sprach ihr Gesicht, leuchteten ihre Augen. Jetzt ist der Glanz aus ihnen verschwunden. Ich höre ihre Stimme – und es tut mir weh. Ich sehe sie an, und wie ein Winternebel liegt es auf ihr.« »Vielleicht ist sie krank«, sagte Sture. »Im Gemüt, ja, doch niemand scheint es zu sehen, als ich allein«, entgegnete Olaf ungeduldig. »Sieh dorthin«, fuhr er ingrimmig fort, »da sitzt der Vogt von Tromsö, legt den Arm um Helgestads Schulter und flüstert in sein Ohr. Wende dich zu den Birken und betrachte den Schreiber, wie er mit Ilda geht. Noch heute hofft der häßliche, gierige Schelm den Ring an ihren Finger zu stecken, und noch ehe der Winter kommt, soll sie ihm nach Tromsö folgen. Sieh, wie die Alten sich die Hände schütteln, sie haben sich beredet und sind über die Bedingungen einig.« »Und glaubst du, daß diese Verbindung Ildas Kummer ist?« fragte Sture sinnend. »Was sonst? Die Jungfrau wollte ich sehen, die dem falschen Schreiber gern zum Altar folgte! Und nun gar Ilda! Meinst du, sie kenne den hinterlistigen Burschen nicht? Wüßte nicht, daß er aus Lügen und Ränken zusammengesetzt wäre? Nie würde ihr Finger ihn berühren, wenn's nicht so sein müßte, wenn nicht der Gehorsam gegen den Vater dem herrlichen Mädchen über alles ginge! Das sagt ihr Blick, ihre Stimme, das lese ich in jeder Miene. Du siehst nun wohl«, fuhr er leiser fort, »warum ich nicht gehe, obgleich sie mir noch gestern sagte, ich müsse nach Hause auf mein Gut nach Bodö, zu meiner alten Mutter, die sich um mich gräme.« »Und Gustav?« fragte Sture zögernd, »weiß er dasselbe von Ilda, was du mir mitgeteilt hast?« »Nein«, sagte Olaf, »Gustav kann nichts helfen, er ist bei aller Gutherzigkeit seines Vaters Sohn, und dabei jetzt ganz unter dem bösen Einfluß des Schreibers. Der weiß namentlich seinen Haß gegen das Lappenvolk zu nähren und immer von neuem aufzustacheln, und wenn ich auch selbst die schmutzigen Affen nicht leiden mag, so ist Gustavs Ekel und Haß doch fast närrisch. Ich war lange darüber im Zweifel, welche Absicht der Schreiber bei seinen Hetzereien verfolgte, denn ohne bestimmte Absicht tut der Bursche nichts, bis ich bei einer Plauderei, die ich belauschte, dahinterkam. Denke nur, es galt dir! Der Schreiber versucht, Gustav gegen dich mißtrauisch und unfreundlich zu stimmen, und schon ist es ihm gelungen, da Gustav weiß, daß du das verwahrloste Lappenvolk bei jeder Gelegenheit in Schutz nimmst. Freilich ahne ich nicht, worauf die ganze Sache hinaus soll. Daß der Schreiber dich haßt, geschieht um Ildas willen, soviel ist gewiß. Weshalb er aber Gustav auf seine Seite zieht, ist etwas, was mein einfacher Kopf nicht begreift.« Sture sprach kein Wort, sondern schaute mit verschränkten Armen, ein bitteres Lächeln auf den Lippen, auf das sonnenbeglänzte Meer hinaus. »Wackerer Olaf«, murmelte er in sich hinein, »deine ehrliche Seele ahnt freilich nicht die Bübereien, die man mit mir vorhat. Ich kenne Paul Petersens Zweck um so besser. Gustav Helgestad muß mich hassen, damit, wenn sein ehrenwerter Vater das Netz über dem Fremdling zusammenzieht, der folgsame Sohn nicht etwa die Partei des Verlassenen nimmt. – Doch verrechnet euch nicht«, setzte er aufatmend hinzu, »allzuleicht soll euch der Schurkenstreich nicht gelingen!« Er wandte sich um, da sein Begleiter von neuem das Wort ergriff. »Seit einer Woche erst ist Gustav wieder hier«, sagte er, »nachdem er drei Tage lang durch die Jauren bis zum Kilgis hinaufgelaufen ist, ich mit ihm und andere Männer mehr.« Auf den fragenden Blick seines Genossen erzählte Olaf gleichgültig: »Das ist auch eine Neuigkeit, Freund Henrik, die dich in Erstaunen setzen wird. Das Lappenmädchen, die kleine Gula, ist davongelaufen, oder geraubt, oder sonst wie umgekommen.« »Gula!« schrie Sture auf, alle eigenen Sorgen vergessend. »Ihr habt sie nicht aufgefunden?« »Keine Spur von ihr. Ilda weinte, wie ich sie niemals habe weinen sehen. So machte sich denn Gustav auf, der seiner Schwester Betrübnis nicht ansehen konnte, und ich natürlich mit ihm, das Lappenmädchen zu suchen. Wir liefen durch die Sümpfe, bis wir den Hexenmeister, ihren Vater, fanden, der in den Kilgisjauren mit seinen Herden steckte.« »Und sie war nicht bei ihm?« »Er beteuerte mit tausend Schwüren bei Jubinal und bei Pekel, daß sein Auge sie nicht gesehen habe, und gab uns greuliche Verwünschungen auf den Weg. Trotzdem aber bin ich überzeugt, daß der alte Gauner ihren Aufenthalt kennt und sie selbst im Verein mit seinem sauberen Neffen Mortuno entführt hat.« »Armes Kind! Arme Gula!« sagte Sture betrübt. »Warum mußte ich fort sein, gewiß, ich hätte dein Geschick zum Guten geleitet.« »Du hättest nicht mehr wie wir tun können«, versetzte Olaf mit mißbilligendem Kopfschütteln, doch verschluckte er den Endsatz, da ihr Gespräch durch Helgestad unterbrochen wurde, der Sture winkte, und als dieser näher kam, ihm zurief: »Sehe, wißt auch schon die Neuigkeit. Nun, will mir die gute Laune nicht verderben lassen an dem gesegneten Morgen. Mag die Dirne laufen und Renntiere melken, oder bei dem alten Hexenmeister Teufelstränke brauen, mir soll's recht sein! – Kommt und setzt Euch zu uns, Herr Sture, hier ist der Vogt, der Euch die Hand reichen will. Dürft sie ihm herzhaft drücken, auch ein freundliches Gesicht dazu machen, denn er und sein Neffe haben voll und ehrlich Euern Dank verdient.« Der Vogt hatte sich inzwischen erhoben und kam dem jungen Ansiedler einige Schritte entgegen. Sein blauer Rock mit hochstehendem Kragen und Stickerei verkündete den hohen Würdenträger. Der kleine, dreieckige Hut, den eine breite Goldtresse einfaßte, saß majestätisch auf dem Kopf. Kniehosen von schwarzem Samt und blanke Stulpenstiefel vollendeten nebst dem spanischen Rohr mit großem Goldknopf die würdige Erscheinung. Als ehemaliger dänischer Offizier trug er den Danebrogsorden im Knopfloch. Seinen Körper hielt er militärisch aufrecht, und seine grauen Augen blickten energisch aus dem trotzigen Gesicht. »Seien Sie willkommen, Herr Baron«, sagte er, seinen Hut lüftend. »Ich habe Sie lange vergeblich in Tromsö erwartet und freue mich, daß ich zufällig etwas in der Tasche habe, was ich im Gaard von Örenäes für Sie zurücklassen wollte.« Sture wollte sich wegen des immer noch unterlassenen Besuches entschuldigen, doch der Vogt hielt seine Hand fest und zog ihn freundschaftlich neben seinen Sitz nieder, indem er ihm ein volles Glas reichte. Nachdem sie auf ihr beiderseitiges Wohl angestoßen hatten, zog der Vogt eine große lederne Brieftasche aus seinem Rock und händigte Sture ein Papier ein, rechtsgemäß ausgefertigt mit Unterschrift und Siegel, durch welches ihm das Tal der Balsfjord-Elf, die Nebentäler zu beiden Seiten samt Ufern in bedeutender Ausdehnung als freies Eigentum für ewige Zeiten übergeben wurde, mit Einschluß des Eilandes Strömmen an der Meeresküste vor Tromsö. Alles war genau und bestimmt abgefaßt, und Sture sprach dafür aus aufrichtigem Herzen seinen freudigen und lebhaften Dank aus. »Meine Erwartungen sind mehr als erfüllt, werter Herr«, sagte er, »und der Besitz ist fast größer, als meine Wünsche reichen.« »Der König hätte hier noch viel zu vergeben, was, in die rechten Hände gebracht, Seiner Majestät und dem Lande Nutzen schaffen würde. Meine Pflicht ist es und dafür bin ich hier, um die Würdigen auszusuchen, und so habe ich denn nicht gefragt, Herr Baron, ob das Stück zu groß sei, sondern gegeben, was gefordert wurde.« »Sie haben alle meine Bitten erfüllt, Herr Vogt«, erwiderte Sture, »so erfüllen Sie auch noch die, mich einfach bei meinem Namen zu nennen. Ich habe den Baron in Kopenhagen zurückgelassen und will hier in meinem neuen Vaterland nichts weiter sein als Henrik Sture, der Kaufmann von Bals-Elf-Gaard.« »Habt ein wackeres Wort gesprochen, Herr Sture«, rief Helgestad, »kalkuliere, wird mit solchen Grundsätzen alles unter Euren Händen wohlgedeihen.« Auch der Vogt nickte Beifall. Es wurde angestoßen, und Glas auf Glas folgte, begleitet von guten Lehren und Wünschen. Sie saßen im Schatten der sanft wehenden Birken. Die Sonne stieg höher hinauf, und vor ihnen breitete sich auf dem grünen Platz ein lebensvolles Bild aus. Die jungen Männer und Mädchen sammelten sich auf einer ebenen Stelle zum Tanz. An anderen Orten bildeten sich Gesellschaften, die mit schweren, runden Steinen nach dem Ziel warfen; weiterhin knallten die Büchsen nach einer Scheibe, und Preise waren für die besten Treffer ausgesetzt. Lachen und Lust war überall. Der Vogt hob nach einiger Zeit seinen Stock auf und deutete nach der Kirchseite, wo er seinen Neffen mit Ilda mitten in einem Kreis sah, der den Priester umringte. »Ich wette einen Speciestaler gegen einen Hering«, rief er, »Paul bestellt dort sein Aufgebot. Es ist nämlich eine alte Sitte, Herr Sture«, fuhr er lachend fort, »die Brautpaare am Jultag auszurufen und vom Priester den Segen darüber sprechen zu lassen. Habe soeben auch mit Helgestad davon geredet. Ist ein stattliches Paar, meinen Sie nicht auch?« »Ich kann nur Glück wünschen, soviel ich vermag«, antwortete Sture. Helgestad war aufgestanden und zu seiner Tochter hinübergeschritten, mit der er nun samt ihrem Bräutigam, ihren Freunden und Nachbarn und dem würdigen, alten Priester, der sich mit Sture sogleich nach Beendigung des Gottesdienstes aufs herzlichste begrüßt hatte, zum Sitz des Vogtes zurückkehrte. »Musik voraus und spielt das beste Stück, das ihr habt«, rief Helgestad, »dann dreimal rundum die Kirche der Zug, wie es alte, gute Sitte ist, und dann, Klaus Hornemann; waltet Eures Amtes und sprecht den Segen über das Brautpaar.« »Ist es so, meine Kinder?« fragte der Greis. »Wollt Ihr in Leid und Freude einander angehören und treulich halten, was Eure Herzen in dieser Stunde geloben?« Er blickte Ilda an, die neben Paul Petersen stand. – »Ja«, sagte Ilda, ohne einen Zug ihres strengen Gesichts zu verändern. »So kommt denn«, sprach Hornemann und führte Bräutigam und Braut rechts und links zu seinen Seiten. Die Verwandten und Freunde folgten, die Musik erschallte, Fahnen flatterten und Kränze von frischen Frühlingsblumen wurden auf die Locken der jungen Mädchen gesteckt. In der ersten Stunde des Morgens, als die Sonne hell strahlend am Himmel stand, verkündete Klaus Hornemann den Segen des Himmels über die Verlobten. – Am nächsten Tage war der Gaard von Örenäes voll Gäste und voll Arbeit. Der Vogt war da und wollte ein paar Tage bleiben, um mit Helgestad nach Tromsö heimzugehen, denn der alte Kaufmann hatte sich entschlossen, sogleich noch einmal nach den Lofoten zu fahren, und seine Fische selbst nach Bergen zu bringen. Schnell hatte die Jacht die Waren, die nach Örenäes gehörten, ausgeladen, dagegen viele andere Geräte und Stoffe unter ihr Deck gepackt, welche Sture von Helgestad kaufte, um seine Tätigkeit sogleich mit allem Nachdruck beginnen zu können. Der Ansiedler sehnte sich so schnell wie möglich fort. Sein Haus stand fertig, nun mußte er selbst Hand ans Werk legen. Helgestad rechnete mit ihm zwei ganze Tage lang, und so fand es sich, daß Stures Gesamtschuld zehntausend Speciestaler, mit Einschluß der verbürgten Schuld an Fandrem, betrug. Dagegen sollte Helgestad die Fische von den Lofoten verkaufen und den Ertrag abschreiben lassen. Es ließ sich jedoch voraussehen, daß nach Abzug aller Unkosten dies kaum viel mehr als die Hälfte jener Summe decken würde. »Hier«, sprach endlich der Kaufmann, indem er den Deckel seines Geldkastens zurückschlug und sechs lederne Beutel herausnahm, »sind die sechstausend Speciestaler, die Euch vorderhand zu Diensten stehen. Sind richtig gezählt, nehme die Verantwortung auf mich. Seid mir somit sechzehntausend schuldig, reichen diese nicht, so kommt zu mir, mögt Ihr meinethalben sechzigtausend fordern, so sollt Ihr keine vergebene Anfrage stellen.« Sture wollte seinen Dank aussprechen, doch Helgestad schnitt ihm mit launigem Kopfschütteln das Wort ab und sagte: »Besser als aller Dank ist, daß Ihr die Augen offen behaltet, damit Ihr später nicht sagen müßt, daß andere klüger gewesen sind als Ihr. Und nun setzt Euch hin, hier an den Schreibtisch, und schreibt den Schuldschein mit einfachen Worten: ›Sechzehntausend Species, schuldig an Niels Helgestad in Örenäes am Lyngenfjord, gegen acht vom Hundert Zins richtig empfangen!‹« Sture schrieb, ohne ein Wort zu sagen, und Helgestad steckte ebenso schweigend das Papier, nachdem er es durchgelesen hatte, in eine alte, braune Ledertasche zu andern Schuldverschreibungen und Dokumenten. Dann gingen die beiden Männer in die Warenhäuser, wo die letzte Hand an die Ausrüstung der Jacht gelegt wurde, und so verging der Tag, welcher der letzte sein sollte, den der Besitzer des Balsfjord hier verlebte. Als er am Abend nach Hause zurückkehrte, traf er Ilda auf dem Vorplatz. »Ich habe dich erwartet«, sagte sie, »um mit dir noch einmal zu sprechen.« Sie gingen über den grünen Platz, dessen Rand von Birkengebüschen besetzt war. Zwei Mädchen waren von Ilda für den neuen Gaard gemietet worden, um den Haushalt zu führen und einige Kühe und anderes Getier zu versorgen. Ebenso waren aus den Familien am Lyngenfjord junge Männer willens, Stures Untergebene zu werden, wenn er ihnen Hütte und Brot geben wollte. Ilda erteilte guten Rat für die ersten Einrichtungen, bis endlich das Gespräch stockte, und beide, unter den frischen Gebüschen stillstehend, über den Fjord hinausblickten. »Morgen«, sagte Ilda lächelnd, »wirst du diese Sonne am Balsfjord leuchten sehen. Mögen dann deine Wünsche sich erfüllen.« »Und was soll ich dir wünschen, Jungfrau Ilda?« antwortete Sture. – Er ergriff ihre Hand, und seine Blicke hefteten sich ausdrucksvoll auf ihr Gesicht, aber er wagte nicht, ein Wort zu sprechen. »Wünsche, daß es mir in Tromsö wohlgehe. Wenn du die Stadt besuchst, so vergiß uns nicht.« Sie schwiegen von neuem, bis nach einem Weilchen Ilda sich umwandte und zu dem fernen Kilgis hinaufblickte, dessen Riesenhaupt ganz in Licht getaucht war. – »Das wilde Gebirge dort erinnert mich daran«, sagte sie, »daß ich mit dir von Gula sprechen muß. Du weißt, daß sie uns plötzlich verlassen hat, daß Gustav und unsere Freunde sie vergebens suchten.« Sture nickte ihr schweigend zu. »Wenn du am Balsfjord wohnen wirst«, fuhr die Jungfrau fort, »wirst du Gelegenheit haben, viele Lappen zu sehen. Auch Afrajas Herden weiden auf der Halbinsel, andere besitzt er, die bis an das Weiße Meer ziehen. Frage nach Gula, vielleicht gelingt es dir, sie zu sehen, oder wenigstens von ihr zu hören.« »Weißt du denn, ob sie noch lebt?« fragte er. »Sie lebt«, antwortete Ilda, und zog aus ihrer Tasche einen gefalteten Zettel. »Dies Papier fand ich gestern auf dem Tisch in der Bohnenlaube, wohin ich gewöhnlich frühmorgens gehe.« Sie reichte es Sture hin. – »Sorge dich nicht um mich, geliebte Ilda«, stand darin geschrieben, »es geht mir gut. Wie schön ist es hier! Alle Blumen blühen rot und blau. Die jungen Tiere kommen und lecken meine Hände. Duftende Birkenzweige neigen sich über mein Haupt. Ich zittre nicht mehr, meine Schwester. Gott ist gütig, seine goldene Sonne scheint auf mich, wenn ich am Bach mit dem schimmernden Wasserfall sitze und an dich denke. Denke auch du an mich, geliebte Ilda, und bete für mich!« »Das liebe, gute Kind!« flüsterte Sture. »Du siehst, ihre Gedanken sind bei uns«, sagte Ilda. »Einsam sitzt sie in der unermeßlichen Wüste, wo niemand ihr Sehnen versteht. Mit Blumen und Birkenzweigen ist ihr Haupt geschmückt. Weißt du, was das bedeutet? Sie soll einen Mann wählen, es ist Mortuno!« – »Ich habe bereits mit meinem würdigen Lehrer gesprochen«, fuhr die Jungfrau fort. »Klaus Hornemann will Afraja aufsuchen, aber ich fürchte, seine Mühe wird vergebens sein, wenn du ihm bei seinen Nachforschungen nicht hilfst, so viel du vermagst. Afraja wird auch gegen den Prediger nicht aufrichtig sein, wird heucheln und lügen, und ihm Gula nicht ausliefern.« »Will denn der Pfarrer das Mädchen ausgeliefert haben?« fragte Sture. »Ja, wir haben alles reiflich überlegt. Gula soll in Trondenäes die Schule besuchen, dorthin will unser ehrwürdiger Freund sie bringen. Siehst du nicht, daß Tränen dies Blatt naß gemacht haben? Bemerkst du nicht, daß Afraja neben der Schreiberin stand und ihr die Worte vorsagte, die sie aufs Papier bringen mußte?« – Sture schüttelte den Kopf, er war nicht der gleichen Ansicht wie Ilda. Wenn aber die Jungfrau auch wirklich mit ihren Mutmaßungen recht hatte, so konnte er darin, daß Gula sich in ihrer Heimat befand, kein Unglück für das Mädchen entdecken, da ihr Vater sie ja liebte und ihr in allen andern Dingen gewiß volle Freiheit ließ. – »Wenn Afraja seine Tochter durchaus behalten will«, sagte er deshalb, »welche Aussicht habe ich, sie aufzufinden und in ihr Schicksal einzugreifen?« »Wenn du am Balsfjord wohnst«, entgegnete Ilda, »wird der alte, schlaue Mann dich bald aufsuchen. Er hat besonderes Vertrauen zu dir, du hast es zu erwerben gewußt.« Sture errötete. Wie, fragte er sich, konnte die Tochter des Kaufmanns Kenntnis von seinen Begegnungen mit Afraja erhalten haben? »Ein kluger Mann«, setzte Ilda hinzu, »weiß den Halm wie die Ähre zu benutzen. Er weiß aber auch, wie weit er gehen darf, ohne seine Gewissenspflicht zu verletzen.« Sture fühlte seine Verlegenheit wachsen, denn Ildas Worte enthielten offenbar eine Warnung und Anschuldigung zugleich. Er konnte mit ihr nicht von dem Mißtrauen sprechen, welches die Handlungsweise ihres Vaters ihm einflößte, er war aber auch nicht gesonnen, ungereiften Verdacht auf sich haften zu lassen. Mit einem gewissen Stolz sagte er daher: »Ich danke dir für die gute Meinung, die du von meiner Klugheit hegst, und kann versichern, daß ich niemals etwas tun werde, was mir die Stimme meines Gewissens widerrät.« Ilda hatte die Verletztheit des Gastes herausgefühlt und entgegnete in weichem, versöhnendem Ton: »So laß uns denn als gute Freunde scheiden, Henrik Sture, und niemals den Glauben verlieren, daß wir das Rechte tun nach unserem Erkennen.« Sie reichte ihm zu festem Druck beide Hände hin und hiermit schieden sie. Siebentes Kapitel Der Gaardherr vom Balsfjord An demselben Abend, oder jetzt richtiger gesagt, zu den späten Stunden, welche Abend und Nacht bedeuten, wenn auch die Sonne hell und warm in die Fenster schien, war es zu Ehren von Stures Abschied fröhlich genug im Gaard hergegangen. Man hatte gelacht und gejubelt, gespielt, getanzt, sowie manchen herzhaften Trunk auf das Gedeihen der jungen Ansiedlung am Balsfjord getan. So war der späte Morgen herangekommen, ehe Sture nach allem Abschiednehmen und Händeschütteln auf dem Hinterdeck der Jacht stand, die mit gestrafftem Segel den Fjord hinabschwamm. Unzählige Hurras folgten dem Fahrzeug nach, das sich vor dem frischen Wind rasch entfernte. Es war ein sonderbares Gefühl, das den plötzlich Vereinsamten ergriff, als er endlich allein in der Kajüte seines Schiffes saß, das ihn seinem ungewissen Schicksal entgegentrug. Eine Zeit lang verbarg er, wie von Sorge übermannt, den heißen Kopf in den Händen, bald aber richtete er die Augen wieder mutig empor und wiederholte sich das Gelübde, unverrückt sein Ziel im Auge zu behalten und durch rastlose Tätigkeit alle sich ihm entgegenstellenden Schwierigkeiten zu überwinden. Das Glück hatte ihn ja begünstigt, er hatte Freunde und Unterstützung gefunden. Sein Königsbrief hatte ihm einen ungeheuren Landbesitz verschafft, dies ganze Schiff mit allem, was es enthielt, darunter nicht zu vergessen den schweren Eisenkasten voll Speciestaler dort in der Ecke, war sein, und rüstige Männer standen bereit zu seinen Diensten. Mit Ungeduld beobachtete er den ganzen Tag über den Lauf der Jacht, die an der Küste hinauffuhr und am nächsten Morgen vor Tromsö Anker warf. Der Vogt hatte ihm einige Arbeiter und Holzfäller genannt, die gegen guten Lohn und Versprechungen geneigt sein würden, ihn zu begleiten, und wirklich fand er mehr guten Willen dazu, als er erwartete. Das Gerücht von der neuen Niederlassung am Balsfjord und von dem dänischen Herrn, der dort Mühlen bauen und den Bals-Elf-Wald zu Balken und Brettern zerschneiden lassen wollte, war vor ihm nach Tromsö gelangt, und obwohl die meisten darüber spotteten, denn der Balsfjord war als ein öder, fischarmer Meeresspalt verrufen, so waren sie doch nicht abgeneigt, den Zug mitzumachen, um auch ihren Teil von dem weggeworfenen Geld in Empfang zu nehmen. Am dritten Tag lief das Schiff in die sich nach und nach zuspitzende Meeresbucht ein, allein der Anblick, der sich damit den Arbeitern bot, war keineswegs ein abschreckender, wie sie gefürchtet hatten. Liebliche Gründe prangten im grünen Sommerkleid und erweiterten sich, je näher man an das zugespitzte Ende der Bucht gelangte. Die nackten Felsen traten mehr und mehr zurück und gaben Raum für kleine bewaldete Täler, aus denen da und dort Bäche wie silberne Schlangen hervorblitzten. Und endlich sah man den neuerbauten Gaard liegen, der auf seinem erhöhten Standpunkt ein stattliches Aussehen hatte. Ein Pfahlwerk war schon zwischen den Ufersteinen begonnen und so weit gediehen, daß die Jacht sich dicht davor festlegen konnte. Sture war der erste, der mit mächtigem Sprung das Land erreichte, wo er von dem herzugeeilten Haufen der Ansiedler mit einem dreifachen Hurra begrüßt wurde. Da stand er, der Fremde, der Däne, der Kammerjunker, auf seinem eigenen Grund und Boden und sollte nun beweisen, ob er noch etwas anderes verstünde, als auf dem glatten Parkett der Königssäle zu lustwandeln. Die Ausschiffung ging vor sich, und die ersten Tage des neuen wilden Ansiedlerlebens vergingen Sture in Verwirrung und Unruhe, allein bald zeigte er einen solchen Überblick und eine solche Ruhe in seinen Anordnungen, daß die Tätigkeit sich nach und nach regelte, und binnen einer Woche nicht nur das Hauswesen einigermaßen geordnet, sondern auch das Schiff ausgeladen und alles zum Fischfang eingerichtet war. Mit höchster Anstrengung aller Arbeitskräfte wurde an dem Vorratshaus gebaut, und was an Holzwerk dazu noch nicht zugerichtet war, fällte man im Wald. Hierbei lernte Sture erst so recht die Schwierigkeiten würdigen, mit denen er zu kämpfen hatte, wenn er einen nur einigermaßen brauchbaren Zugang zu dem Felsental der Bals-Elf gewinnen wollte. Über steile Spalten mußten Brücken gebaut, ein Weg mußte angelegt, geebnet und erhöht werden und oftmals erforderte es eine bedeutende Erfindungsgabe und manchen mißlungenen Versuch, ehe man ein schweres Hindernis beseitigte. Dieser Weg zum Bergwald wurde nach und nach die Hauptaufgabe des unternehmenden Besitzers, der vom Malangerfjord Arbeiter kommen ließ, und dessen Energie mit den sich häufenden Schwierigkeiten zu wachsen schien, obwohl steigende Sorgen nach und nach ihre schwarzen Flügel über seinem Kopfe zusammenschlugen. Von der frühesten Morgenstunde bis in die Nacht hinein war er geschäftig, bald bei den Arbeitern, die das Packhaus vollendeten, bald bei den Mühlenbauern, bald bei denen, die am Wege schafften, oder in den Seitentälern am Fjord, wo seine Holzhauer tätig waren. Kam er ins Haus zurück, so erwartete ihn neue Arbeit und Not. Viele Menschen forderten von ihm Nahrung, Geld und Kleidung. Er mußte hier Streitigkeiten schlichten, dort Mißvergnügte und Ungeduldige beruhigen, und dabei sollte er auch noch Kaufmann sein, der seinen Nutzen wahrnahm und seine Rechnungsbücher in Ordnung hielt. Die Berge der Halbinseln am nahen Ulasfjord bevölkerten sich mit ziehenden Lappenfamilien, und das Geklingel der Renntierglocken tönte von den Alpen, der Knall der Büchsen hallte über den Meeresarm, und abends kamen Männer in braunen Hemden, spitzen Ledermützen auf den Köpfen und Komagern an den Beinen, die neugierig den Arbeiten zusahen und Vögel, Renntierhörner und Felle gegen Pulver, Blei, Messer und dergleichen zum Tausch brachten. So standen die Sachen, als eines Tages auf Stures Schwelle zur größten Überraschung und Freude des Besitzers der ehrliche Olaf als Gast erschien. Die Neuigkeiten, welche er mitbrachte, waren wenig angenehmer Art. Helgestad war noch auf seiner Bergenfahrt aus, dafür führte aber der Schreiber ein solch unumschränktes Regiment im Hause, daß selbst Ilda mit ihrer Ruhe und verständigen Tüchtigkeit der Anmaßung ihres Verlobten keinen Widerstand entgegenzusetzen wußte. Gustav war ganz und gar von Petersen abhängig und durch Teufelsmittel, wie Olaf sagte, ein Bursche geworden, den niemand wiedererkenne. »In meinem Ärger über dies alles«, endigte Olaf seinen Bericht über die Vorkommnisse am Lyngenfjord, »und weil ich es nicht länger ertragen konnte, bin ich fortgelaufen, tief hinein in die Jauren und dabei beinahe ums Leben gekommen.« Er nahm seinen Hut ab und zeigte Sture eine Stelle, wo eine Büchsenkugel ein tüchtiges Loch in den Filz gerissen hatte. »Sieh her«, sagte er, »das Ding ging nur einen halben Zoll über meinem Schädel fort. Verd... will ich sein, wenn ich die Hand nicht kenne, die den Schuß tat.« »Du scherzest, guter Olaf«, versetzte Sture in heller Verwunderung. »Wer möchte dir wohl nach dem Leben trachten?« »Hast du jemals den ungeheuren Felsenkegel erstiegen, den sie den Kilgis nennen?« fragte Olaf dagegen. »Nein!« sagte Sture, der nicht wußte, worauf seines Gastes Frage hinauswollte. »Nun, ich machte mir gestern das etwas seltsame Vergnügen«, fuhr Olaf fort. »Ein waldiges, zerrissenes Fjeld führt hinauf. Bald findest du tiefe Schluchten voll Wald, bald tobende Wasser darin, bald nackte Spalten, schwarz und zertrümmert, bald wieder ebene Flächen voll ungeheurer Steine und Blöcke, die seltsamerweise wie in einer gewissen Ordnung in Reihen umherliegen, als wäre Menschenhand dabei tätig gewesen. – Eine Herde wilder Renntiere sprang über diese Klippen fort, ein kleines Rudel Wölfe war ihnen auf den Fersen, ich wie der Blitz zur Verfolgung hinterdrein, versuchend, dem Wild den Wind abzugewinnen, denn die Renntiere laufen stets dem Wind entgegen. Allein meine Mühe war vergebens. Der ganze Schwarm stürzte in eine Schlucht hinab, und weit aus der Ferne hörte ich das Rasseln ihrer Geweihe und das heisere Geheul ihrer Verfolger. Als ich endlich jenseits der Schlucht hinaufkletterte, fand ich mich auf der Höhe auf einmal dem schwarzem Felsenkoloß, dem Kilgis, gegenüber, dessen Haupt von hier aus mindestens noch tausend Fuß emporragte. An seinem Fuß lag ein dunkler See, an seinen unteren Hängen waren endlose Fjelden, bedeckt mit gelben Enzianblüten und roten Moosbeeren. Eine totenhafte Stille und Einsamkeit umgab die ganze Gegend. Nur zuweilen polterte ein Stein von dem steilen Riesenkopf herunter und fiel in den See, dessen Wasser er aufspritzen machte.« »Während ich den seltsamen Felsenstock betrachtete, erinnerte ich mich, daß die Lappen ihn anbeten als den heiligen Sitz ihres Gottes Jubinal, und ich spürte umher, ob ich keinen schmutzigen, lauernden Lappen erblicken könnte, denn mich hungerte und dürstete gewaltig, aber es war umsonst. So kletterte ich denn auf einen Höcker am Rande und erblickte von dort aus über einem Grat des Berges zu meiner Freude eine dünne Rauchsäule. Es war eine tüchtige Arbeit, durch Sumpf, Wald und Wasser nach dem Wahrzeichen vorzudringen. Mehr als einmal verlor ich die Richtung, endlich aber stand ich oben und schaute in ein wunderbar liebliches, grünes Tal hinunter, das sich gerade in den schwarzen Felsenleib des Kilgis hineinzog. Kein lebendes Wesen war auch hier zu sehen, wohl aber glaubte ich ein paarmal den Schall von Glocken zu hören, wie sie die Leittiere der Renntierherden zu tragen pflegen. Ich hatte schon vordem von solchen herrlichen Plätzen gehört, die gleich kleinen Paradiesen inmitten der Einöde liegen sollten, die Berichte darüber aber immer für Märchen gehalten. Nun jedoch mußte ich mich selbst von der Wahrheit überzeugen. Wie bezaubert blickte ich hinunter, da höre ich plötzlich einen Knall und zugleich fliegt mir mein Hut vom Kopf, während ich fühle, wie sich mein Haar emporrichtet. Mit einem Satze war ich von dem Grat und duckte mich hinter einen Stein. Mein Büchsenlauf zielte nach allen Seiten, allein nichts regte sich. Ich sah keinen Rauch aufsteigen, wahrscheinlich hatte der Schelm aus der Schlucht heraufgeschossen, wo ich ihn nicht bemerkte. – Es ist keine Schande, Henrik Sture, daß ich zu laufen anfing, und hinter mir her schallte ein höllisches Gelächter, als wäre es Jubinal selbst, der vom Kilgis her unter schrie. – Im Sumpf bis an die Knie watete ich durch die Moorbüsche und war von Herzen froh, als ich wieder an dem schwarzen See stand und so meine Richtung wußte. Am Abend war ich wieder an den Bals-Elf-Quellen, die von der Tanajaur strömen, und wer kam mir dort entgegen? Kein anderer als dieser schiefäugige Mortuno, die Federmütze auf sein linkes Ohr gesetzt und so boshaft nach meinem Kopf schielend, daß ich gehenkt sein will, wenn seine Kugel es nicht war, die meinen Hut durchlöcherte. An den Quellen lagerte seine Herde, vier Zelte standen dort, und eine ganze Bande Männer und Weiber hockte um den Feuerstein, die mich mit ihren häßlichen Spitzbubengesichtern angrinsten.« »Du erinnerst dich«, fuhr Olaf fort, »daß Mortuno einmal am Lyngenfjord war, wo wir unsere Scherze mit ihm trieben. Demütig, wie diese Schelme sind, wenn sie sich in unserer Gewalt befinden, bedankte er sich für alles und lachte zumeist darüber. Als ich jetzt in seiner Hütte saß, wohin er mich zum Ausruhen eingeladen hatte und was ich annehmen mußte, da ich in meiner Todesmüdigkeit am gleichen Tage nicht weiter gekonnt hätte, erinnerte er mich daran, daß ich ihn damals wie einen Kreisel herumgedreht, Paul Petersen aber ihn zu seinem Leibschützen ernannte hätte. – ›Nun seht‹, rief er in seinem Kauderwelsch unter allerlei Fratzen und Gelächter, ›habe das nicht vergessen, guter Vater, Mortuno vergißt nichts!‹« »Die Blicke, mit denen mich der Schelm musterte, machten, daß ich die Hand an mein Messer legte, aber er klatschte in die Hände, legte sich vor Freude auf den Rücken und gurgelte etwas durch die Kehle, das die andern in dasselbe Entzücken versetzte. Sie sahen mich mit ihren runden tückischen Augen an wie leibhaftige Teufel. Ich fühlte einen Schauder mir den Rücken hinauflaufen und mußte alle Kraft aufbieten, um keine Furcht zu zeigen. Endlich legte Mortuno die Hand auf meinen Arm und streichelte mir ekelhafterweise an Hals und Kopf herum. Doch litt ich es geduldig und sagte auch kein Wort, als er mir jetzt den Hut vom Kopf riß und die Löcher darin grinsend betrachtete. – ›Hehe, mein Väterchen‹, schrie er, ›das sind ein paar häßliche Löcher; nimm dich in acht vor dem nächsten Mal.‹ – Zuletzt zog er gar meine Pfeife aus der Tasche, nahm Tabak aus meinem Beutel und rauchte nach Herzenslust, der unverschämte Schlingel.« »Den ganzen Abend«, erzählte Olaf weiter, »trieb er solchen Spott mit mir, und daß ich morgens heil und gesund aufwachte, ist mir heute noch ein Rätsel. Ich fühlte mich durch ein Schütteln geweckt, und als ich aufsprang, stand mein liebenswürdiger Wirt vor mir mit einem Topf warmer Renntiermilch, Brotkuchen eingebrockt, was beides ganz vortrefflich schmeckte. Dann wies er mir den nächsten Weg durch Busch und Felsen, zeigte mir, wie ich dem Stromlauf folgen müßte, und tat das alles mit einer Würde, die ihren Eindruck auf mich nicht verfehlte.« »Ich hätte ihm gern ein Andenken zurückgelassen«, schloß Olaf seine Geschichte, »aber wußte ich denn, ob einer von den Strauchdieben nicht etwa hinter den Steinen hockte? Wenn aber jemals der schwarze Affe in meine Hände gerät, so soll er mir den Spott und Ekel, den ich ausgestanden habe, reichlich büßen.« Sture hörte lächelnd zu. Er merkte gut genug, daß Mortuno ein arges Vergeltungsrecht geübt und den stolzen Nordländer empfindlich gedemütigt hatte. Er suchte ihn zu begütigen und führte ihn dann in dem Gaard umher zu den verschiedenen Arbeitern und bis in den Wald hinaus zu den Baumfällern und Mühlbauern. Je mehr jedoch Olaf sah und hörte, um so weniger zeigte er sich befriedigt, und endlich konnte er seinen Tadel und seine Besorgnisse nicht zurückhalten. »Nur weil ich dein Freund bin, Henrik Sture, und weil mir dein Wohl und Wehe am Herzen liegt, sage ich dir, daß dein Weg in den Abgrund geht, denn du läßt dich auf Dinge ein, die kaum ein reicher Mann, niemals aber ein Anfänger durchführen kann. Deine Niederlassung ist groß, und ohne Zweifel würdest du bald Vermögen erwerben, wenn du wie ein vernünftiger Mann arbeitetest. Du hast Fische im Fjord, und hinaus bis zur Strömmenbucht gehört dir das Meer, allein du hast keine Fischer. Wo sind deine Fischgerüste, die jetzt vollhängen müßten? Wo ist dein Warenhaus? Wo sind deine Pressen? Wie steht es mit deinen Einrichtungen im Hause und im ganzen Gaard? Alles ist vernachlässigt und unfertig, und doch verschwendest du dabei deine Vorräte, ernährst eine große Zahl träger, unnützer Menschen. Alle deine Kräfte, dein Geld und deine Nahrungsmittel wirfst du hin, um einen Weg zu diesem Wald zu schaffen.« Sture suchte sich zu verteidigen, allein Olaf blieb bei seiner Ansicht bestehen. »Laß uns deine Vorräte untersuchen«, sagte er, »und den Überschlag machen, was du gebraucht hast und noch brauchen wirst.« Die Untersuchung wurde angestellt, und es fand sich, daß der junge Ansiedler sechsmal soviel verbraucht hatte, als er hätte verbrauchen dürfen. Wenn er so fortwirtschaftete, mußte er, ehe der Herbst kam, fertig sein. Auch sein barer Geldvorrat war zusammengeschmolzen, und sein Schuldbuch bewies, daß er nicht bloß schlecht gerechnet hatte, sondern auch sonst seine Gutmütigkeit vielfach mißbraucht worden war. »Alles in allem genommen«, sagte Olaf, »scheinst du mir schon jetzt ein verlorener Mann zu sein, wenn du nicht auf der Stelle deine Fehler gutmachst. Jage die Hälfte dieser Tagediebe fort, laß die Bäume liegen, wo sie sind, wirf deine Mühlen und Sägen in den Fjord, aber tu deine Augen auf und beginne das Nützliche. – Du mußt an den Lyngenfjord reisen und um Hilfe bitten. Ich will an deiner Stelle bleiben, will Ordnung schaffen und den Bau deines Vorratshauses beendigen.« Sture konnte sich der Wahrheit dieser Vorwürfe nicht verschließen, und doch ließ es sein Stolz nicht zu, seine Unbedachtsamkeit einzugestehen. Weit umher bis gegen die Finmarken hin begann man von dem neuen Unternehmen zu sprechen. Von Tromsö, von den Inseln, vom Malangerfjord und selbst vom Nordland kamen Leute, die mit Verwunderung seine Arbeiten beschauten und ihr Erstaunen ausdrückten. – Und Sture zweifelte auch jetzt noch nicht an der Ausführbarkeit seines Unternehmens. Im Gegenteil war er ganz zufrieden mit seinem bisherigen Schaffen und wußte, daß er alle Schwierigkeiten besiegen würde. »Nur jetzt das begonnene Werk nicht aufgeben«, dachte er, als er allein die Elf hinaufging, »denn das hieße sich dem Spott und Gelächter der ganzen Welt aussetzen!« In tiefem Sinnen war er nach und nach bis zu dem einsamen Grund geschritten, wo das einstige Abenteuer mit dem Bären stattfand, als er aufblickte und auf einem der Felsenblöcke Afraja sitzen sah. Der alte Mann trug sein Sommerkleid, einen kurzen, braunen, baumwollenen Kittel. Ein Renntier von außerordentlicher Größe mit ungeheuerem Geweih stand neben ihm, auf dessen Rücken eine Art Sattel geschnallt war. Die beiden gelben Hunde des Greises lagen auch diesmal zu seinen Füßen, und er selbst, seinen langen Stab in der Hand, beugte sich zusammengekauert darauf nieder. Als die Hunde knurrend aufstanden, hob Afraja den Kopf empor, und ohne ein Zeichen von Überraschung erwartete er den Nahenden, in dessen Gesicht eine plötzliche Freude aufstieg, denn hier war der Mann, der ihm helfen konnte, wenn er wollte. »Setz dich zu mir, ich habe dich erwartet«, sagte der Lappe, nachdem er Stures Gruß nicht ohne Würde erwidert hatte. »Wie wußtest du, daß ich kommen würde?« fragte Sture, ungläubig lächelnd. »Ich wußte es«, sprach Afraja mit Nachdruck. »Ich weiß vieles.« »So sage mir zuerst«, fuhr Sture fort, indem er sich des an Ilda gegebenen Versprechens erinnerte, »wie es Gula geht?« »Es geht ihr wohl«, war die Antwort. »Hast du sie hier in der Nähe?« Afraja schien sich eine Minute zu bedenken, ehe er hierauf Bescheid erteilte. »Mein Kind«, sagte er, »sitzt in seiner Gamme am Ufer des Baches, wo die guten Götter Blumen wachsen lassen. Sie lacht und freut sich, daß sie frei unter den jungen Birken umherspringen kann und nicht mehr in dem engen Hause des Geizhalses wohnt.« »Helgestad hat ihr Gutes getan«, sagte Sture mit ernster Mahnung, »dir aber glaube ich nicht, Afraja. Du bist ein harter Vater und hältst deine Tochter gewaltsam in irgendeiner Einöde versteckt.« »Du darfst mir glauben«, wiederholte der alte Häuptling seine Aussage, »daß meines Kindes Augen hell sind und seine Lippen lachen.« »Gut, es mag sein«, erwiderte der junge Mann lebhaft. »Aber wenn du auch die Wahrheit sprichst, sage mir, was soll einst Gulas Schicksal sein? Soll sie mit dir umherwandern bis an das Eismeer, jahraus, jahrein? Sie muß verderben bei solchem Leben, und du bist alt, Afraja. Scheidest du aus dieser Welt, was dann?« »Was dann? frage ich dich, Jüngling«, sagte Afraja eintönig. »Du willst weise sein, aber bedenke, was du sprichst. Gula ist eine Tochter des verstoßenen Volkes. Wo soll sie wohnen, um glücklich zu leben? Bei euch etwa? Soll sie als Magd verachtet und verspottet sein? – Wer hat uns in diese Wüste gejagt? Wer hat uns das Land unserer Väter geraubt? Wer zwingt uns, mit den Renntieren umherzuwandern?« Sture wußte hierauf nichts zu erwidern, denn er konnte dem alten Manne nicht unrecht geben. »Du zwar«, fuhr der Greis mit milderem Ausdruck fort, »bist verständiger und gütiger gesinnt als diese harten, gierigen Männer. Aber würdest du Gula in dein Haus führen? Würdest du deine Schüssel mit ihr teilen?« Er schlug ein lautes Gelächter auf, nickte heftig mit seiner hohen, spitzen Mütze und krümmte sich an seinem Stab zusammen, als er die Wirkung seiner Frage sah. – »Siehst du wohl, Väterchen, siehst du wohl«, rief er dann. »Bist du gerechter, bist du besser? Aber du kannst es nicht sein, denn sie würden dich dann ebenso wie uns behandeln, sie würden dich fortstoßen wie einen Hund, und nichts bliebe dir übrig, als in die Wüste zu meinem verachteten Volke zu fliehen.« Afraja sprach die letzten Worte mit klarer, voller Stimme und zeigte dabei eine verständige Würde, die Sture, der mit Teilnahme und Rührung, seinen Schilderungen zuhörte, schon früher an ihm bemerkt hatte. »Du kannst also«, sagte Afraja endlich, »wenn du gerecht denkst, selbst nicht wünschen, daß mein Kind wieder an den Lyngenfjord zurückkehrt. Möge sie besser bei denen bleiben, die sie als Afrajas Tochter ehren. – Nun aber«, begann er darauf in seiner gewöhnlichen, halb spottenden Redeweise, »laß uns von deinen Angelegenheiten sprechen, Jüngling, denn nur derenthalben bin ich hier. Oft schon, wenn du schlaflos auf deinem Bett lagst, flüsterten deine Lippen meinen Namen. Du riefst mich.« »So weißt du mehr als ich selbst«, sagte Sture. »Du riefst mich, weil du mich brauchst«, fuhr der Greis fort. »Du gibst viel Geld aus und ernährst viele Leute, so daß deine Säcke und Kasten leer werden.« »Du sagst die Wahrheit«, antwortete der Ansiedler. »Ich fürchte selbst, daß ich mein Werk nicht vollenden kann.« Afraja lachte heiser auf. »Tu es nicht, Väterchen«, sagte er, »dein Werk ist gut. Helgestad wird kommen und dich loben. Deine Sägemühle wird ihm gefallen und dein Fleiß ebenso.« »Wenn aber der Kaufmann am Lyngenfjord sich weigert, mich ferner mit Geld und Waren zu unterstützen, bin ich dann, Afraja, deiner Hilfe sicher?« »Sei getrost, ich halte mein Versprechen«, grinste und nickte der alte Zauberer. »Wenn die Zeit kommt, daß du meines Beistandes bedürftig bist, so geh an den Fjord hinab, an die Stelle, wo du mich schon einmal auf den Steintrümmern fandest. Dort ruf mich um die Stunde, da die Himmelslichter erscheinen, und wo ich auch sein mag, ich werde deine Stimme hören. Sprich meinen Namen leise, wie wenn der Gott des Windes über die Spitzen des jungen Grases tanzt. Afraja wird bei dir stehen.« Dem Gaardherrn kam es beinahe vor, als sollte er einen Pakt mit dem Bösen schließen, ungeheuerlich genug sah der kleine Lappe mit den lauernd hin- und herrollenden Augen aus. »Und was verlangst du von mir für deine Dienste, Afraja?« fragte er endlich. »Nichts, Väterchen, nichts!« sagte der Alte, indem er wie beteuernd die Hand aufs Herz legte. »Du sollst mein Geld umsonst haben. Doch jetzt muß ich fort, denn mein Weg ist weit. Einmal wirst du selbst kommen und mein Land sehen, das sie eine Wüste nennen. Ich will dir jedoch zeigen, was noch keiner jemals gesehen hat, du sollst dich wundern. Für jetzt lebe wohl!« Mit diesen Worten begab er sich zu seinem Tier, stieg hinauf und ergriff den Halfter, der lose um den Hals des klugen Geschöpfes hing. Mit einem leisen Schlag brachte er es in Gang, die beiden gelben Hunde folgten ihrem Herrn und rasch kletterte das Renntier mit seinem greisen Reiter an der steilen Wand hinauf, von welcher die Bals-Elf niederstürzte. Sture blickte ihm nach, bis er auf der Höhe verschwand. Dann kehrte er nachdenkend um, aber er fühlte sich durch Afrajas Zusage wesentlich beruhigt. Als er sein Haus erreichte, war er entschlossen, sogleich nach dem Lyngenfjord aufzubrechen, da Olaf überzeugt war, Helgestad müsse jetzt zurück sein. Der gutherzige Nordländer erklärte sich nochmals bereit, bis zur Rückkehr des Besitzers die Oberaufsicht zu fuhren und versprach, den Bau des Packhauses zu vollenden. Die unnütze Wege- und Mühlenarbeit werde er nicht fördern, meinte er, wolle sie aber auch nicht hindern, da jeder Mann selbst wissen müsse, was ihm gut oder schädlich sei. Der tätige, sorgenschwere Ansiedler besprach die während seiner Abwesenheit nötigen Anordnungen mit den Werkleuten. Dann nahm er am nächsten Morgen das beste seiner Pferde, die er zur Beschleunigung der Arbeiten angeschafft hatte, und machte sich auf den Weg. Das junge, kräftige Tier trug ihn bald über den Gebirgssattel, der den Balsfjord vom Ulasfjord trennt, und als der späte Nachmittag herankam, blitzte der Lyngenfjord zu der Hochebene hinauf, auf der er dahintrabte. Tief unter ihm lag das blaue Meeresbecken, und in der Felsenbucht erkannte er Helgestads rotes Haus, das aus dem Grün der Birken hervorsah. Ein Gefühl heimatlicher Sehnsucht ergriff den jungen Mann. Der Balsfjord mit seinen lieblichen, kleinen Tälern, dem Wald und dem rauschenden Strom war ohne Zweifel romantischer und fruchtbarer zu gleicher Zeit; dennoch aber dünkte ihm alles hier viel schöner und freundlicher. Er trieb sein Tier in die steil abfallende Schlucht, und nach einer halben Stunde war er unten und konnte seinen Hut mit einem lauten Hurra den beiden Personen entgegenschwenken, die traulich an einem Tisch beieinander saßen, der auf dem Grasplatz vor dem Hause stand. Es waren Ilda und ihr Lehrer Klaus Hornemann. Der Prediger eilte dem Ankömmling entgegen und rief ihm frohe Worte zu, Ilda legte nur ihre Handarbeit fort und tat keinen Schritt. Doch als der langentbehrte Gast vor ihr stand und ihr die Hand reichte, überwältigte die Freude ihre sonstige Zurückhaltung. Der Ernst wich von ihren Lippen, und ihre Augen hießen ihn herzlich und innig willkommen. Wie viel gab es nun zu sprechen und zu fragen! Paul Petersen und Gustav waren seit einer Woche schon nach der Insel Loppen gereist, um Vogeljagd zu machen. Ilda hütete somit allein das Haus, und Klaus Hornemann, der von der Kilgisjaur gekommen war, hatte sich bewegen lassen, so lange als ihr Beschützer im Gaard zu bleiben, bis die jungen Männer von ihrem Jagdausflug zurückgekehrt sein würden. Ilda ließ sogleich ihres Vaters Lehnstuhl herbeibringen. Der holländische Tabak und die stattliche Pfeife waren bald zur Hand, fast ebenso schnell unter Ildas geschickten Händen der Kaffee zubereitet. Nun, zwischen seinem weißlockigen Beschützer und seiner Beschützerin mit den reichen blonden Flechten sitzend, mußte Henrik ihnen sein ganzes Leben und Treiben am Balsfjord schildern, während er dafür Nachrichten über alles in Empfang nahm, was in seiner Abwesenheit im Gaard von Örenäes vorgefallen war. Sture zog dann Erkundigungen über Helgestad ein und hörte, daß er jeden Tag erwartet werde. Ein Nachbar war erst vorgestern aus Bergen zurückgekehrt und hatte sowohl die Kunde von den außerordentlich hohen Fischpreisen, als auch die Nachricht mitgebracht, daß Helgestads beide Jachten jede Stunde ankommen könnten, da er sie fertig zur Abfahrt im Hafen verlassen hätte. Das waren gute und tröstliche Nachrichten für den jungen Ansiedler. Er saß lächelnd in seines Gönners Stuhl, und als wäre dessen kalkulierender Kaufmannssinn über ihn gekommen, überrechnete er in der Schnelle seinen hohen Gewinn aus den Fischen, woran sich im stillen die Hoffnung auf ferneres Glück knüpfte. Er hatte bisher nur oberflächlich nach Gustav und Petersen und deren Reise gefragt, zufrieden damit, daß der falsche Schreiber nicht anwesend sei. Jetzt hörte er mehr davon. – Das Felseneiland Loppen gehörte Helgestad. Es war der Brutplatz unzähliger Vogelschwärme, deren Federn, soweit sie erbeutet wurden, auf den Herbstmärkten in Bergen eine sehr beträchtliche Einnahme brachten. Gustav hatte eine Schaluppe bemannt, um die diesmaligen Federvorräte abzuholen, und Petersen hatte ihn begleitet. »So bin ich denn zur guten Stunde gekommen«, rief Sture aus, »und bleibe, bis Herrn Helgestads Jacht am Packhaus ankert. Ich helfe, wo es zu helfen gibt, vergesse die Arbeit daheim am Balsfjord und denke mir die Zeit zurück, wo meine gütige Beschützerin Ilda mich in die Lehre nahm und mir ihre Huld zuwandte.« »Hatte sie denn jemals damit aufgehört?« fragte Klaus Hornemann lächelnd. »Sie haben, mein junger Freund, ein so gutes Andenken hier hinterlassen, daß am ganzen Lyngenfjord von Ihnen mit Lust und Liebe gesprochen wird.« »Und was sagt Jungfrau Ilda?« fiel Sture ein. »Wir alle«, erwiderte Ilda, »haben dich vermißt, lieber Henrik, und nun du wieder bei uns bist, wollen wir dich so lange behalten, wie es angeht.« Achtes Kapitel Egede Wingeborg Welch schöne Tage verlebte Sture nun in dem stillen Gaard. Als er am nächsten Morgen erwachte, fiel Sonnenschein in seine Kammer, dieselbe, welche er bereits früher bewohnt hatte. Wie sauber, hell und freundlich war alles, wie lautlos war es im Haus und seiner nächsten Umgebung; wie lag der grüne Vorplatz mit seiner Einfassung von Birkengebüschen schimmernd und einladend vor ihm. Lange stand er an dem kleinen Fenster und niemals war ihm die einsame Niederlassung so schön vorgekommen. Da sah er Ilda aus dem Hause treten, und fast gleichzeitig stieg das große, goldene Tagesgestirn über die zerrissenen Felsen empor und warf seine Strahlen auf das Gärtchen, auf die Blumen darin und auf die Jungfrau, die ihre Hände in frommer Andacht faltete. Bald aber wich der Ernst in ihrem Gesicht einem schalkhaften Lächeln und hurtig machte sie sich an das Pflücken ihrer bunten Lieblinge, die sie dann zu einem Strauße anordnete. Nach wenigen Minuten war sie wieder im Hause verschwunden, leise Schritte ließen sich auf der Treppe und im Nebenzimmer vernehmen, und als Sture nach einer Weile die Tür öffnete, fand er auf dem Tische ein Glas, aus welchem ihm die Blüten entgegendufteten. Mit Blicken voll Rührung betrachtete er sie. Da waren Nelken und Reseda, dunkelrote Levkojen und Astern und in der Mitte ein Busch himmelblauer Vergißmeinnicht. Er beugte sich zu ihnen nieder und sog den Duft ein. Dann stieg er getrosten Mutes die Treppe hinunter, fest entschlossen, die Freundschaft des edlen Mädchens dadurch zu verdienen, daß er seinen Namen zum bestgeachteten im ganzen Lande machte. – Und fünfmal kam die Sonne und wechselte mit kurzer Nacht, die jetzt wieder eingezogen war, denn der August war da. Aber die Tage blieben mild wie schöne Sommertage, und wenn das Dunkel am Fjord heraufstieg, trat der Mond über das finstere Horn des Kilgis, und mit seinem wunderbaren Glanz streute er sein silbernes Licht über die schwarze Meeresbucht. An einem solchen herrlichen, warmen Abend war es, daß Henrik mit Ilda im kleinen Boot allein über den Fjord fuhr, zu einem wunderbaren Schlund, in dem die Wasser einen Wirbel bildeten, der sich in einem tiefen Felsenspalte verlor. Ein dumpfes Stöhnen drang aus der Höhle hervor, bald schwoll es an und war wie Donner zu hören, bald wurde es wieder zu einem leisen Rauschen, in das sich sanfte, klagende Töne mischten. Draußen war alles lautlos still, nur das geheimnisvolle Licht des Mondes floß an den Felsen nieder, die seit langen Jahrtausenden hier stehen. Henrik hatte die Ruder fortgelegt und neben Ilda sitzend, hörten beide auf die wunderbaren Stimmen, die zu ihnen drangen. »Ich erinnere mich«, sagte Henrik endlich, »daß eine Sage über diese Höhle erzählt wird, die ich schon gehört habe. Ist es nicht eine unglückliche Meerfrau, die dort unten seufzt und weint?« »Ja, eine schöne Fee, die ein Riese in unzerreißbaren Ketten hält«, antwortete Ilda. »Jetzt weiß ich es. Der Riese hatte die schöne Fee geraubt. Es war ein wilder, tückischer Gesell, aber er war mächtig und groß, ein König in dem tiefen Riesenreich dort unten. Zuweilen erlaubte er ihr, aus der Höhle herauszugehen, die den Eingang zu seinem Kristall- und Goldpalast bildete, und dann saß sie im Mondenschein auf den Felsen, wand Kränze aus Halmen und kleinen Blumen und sang süße Lieder, bis der finstere Gatte sein Horn ertönen ließ, und sie traurig wieder hinunterfahren mußte. Da traf es sich, daß ein junger Fischer sie fand, und jede Nacht, wenn die schöne Königin auf den Felsen stieg, saß er an ihrer Seite, in ihre sanften, klaren Augen blickend und ihr liebevoll zulächelnd. Er sprach kein Wort mit ihr von dem, was sein Herz erfüllte, aber sie wußte es wohl.« »Da geschah es«, fiel Ilda leise ein, »daß, als sie einstmals beisammen saßen, sie wegen ihres traulichen Plauderns den Klang des Hornes nicht hörten. Und als zum drittenmal vergebens der Ton erschallte, streckte sich ein Arm aus der Höhle, und ein ungeheurer Kopf folgte ihm nach. Der Riese richtete sich auf, er reichte bis weit über alle Felsen, und mit einem Finger zermalmte er den armen Fischer, worauf er die Fee in den schwarzen Schlund hinunterzog.« »So war es«, sagte Henrik, »aber es geschah nur, weil die Fee sich nicht entschließen konnte, frei und glücklich zu sein. ›Komm, begleite mich‹, hatte der Jüngling ihr zugeflüstert. ›Siehst du dort den grauen Streif im Osten? Bald wird er rot sein; bald ist die Sonne da. Die Kinder der Nacht haben dann keine Gewalt mehr über dich. Vertraue mir, meine Arme sind stark, ich trage dich. Laß uns leben und glücklich sein!‹ Sie aber dachte an ihren Eid, den sie dem Bösen geschworen, sie zögerte, bis die schwarze Hand sie faßte, und nun liegt sie dort unten in Ketten, klagt und weint, und der höllische Riese lacht und brüllt dazu.« »Mag sie im Stillen klagen und weinen«, sprach Ilda mit fester Stimme, »das Bewußtsein muß sie zuletzt doch trösten, daß ihr Eid nicht gebrochen wurde.« – Und lauter setzte Jungfrau Ilda hinzu, indem sie ihrem Beschützer einen mahnenden Blick zuwarf: »Es ist Zeit, lieber Henrik, daß du deine Ruder zur Hand nimmst, oder wir geraten in den Wirbel und werden darin zerschmettert.« »Der Tod hat keine Schrecken für mich«, rief Sture aus. »Auch für mich nicht«, antwortete Ilda sanft, »doch ich will leben, weil es meine Pflicht ist, weil ich das Leben empfangen habe, um Gutes zu tun und keine Sünde begehen mag.« Bittend, groß und tröstend schaute sie ihn an, doch ehe er etwas auf ihre letzte Rede erwidern konnte, hörten sie plötzlich über ihren Köpfen ein Gelächter, das Sture bis ins Mark ging. – »Beim heiligen Olaf!« rief ein Mann, der auf der Höhe des Felsens stand. »Es ist Ilda, die vor der Hexenhöhle umherschwimmt. Hierher, Gustav, komm herauf! Und wer ist das? Herr Sture, so wahr ich lebe!« »Du bist es, Paul«, rief Ilda hinauf. »Wo kommst du her? Wo ist die Schaluppe?« »Sie wird nachkommen«, antwortete der Schreiber. »Wir sind in Maursund ans Land gestiegen, weil die Fahrt ohne Wind langweilig wurde. Bitte, Herr Sture, legen Sie dort in der Bucht an und nehmen Sie mich mit. Gustav läuft wie ein Wiesel davon und voraus, ich aber bin von dem bösen Weg todmüde.« Gehorsam lenkte Sture das Boot an die bezeichnete Stelle, leichtfüßig sprang der Schreiber hinein. Dann warf er Gewehr und Ledertasche von sich und, neben Ilda Platz nehmend, tauschte er mit seiner Verlobten und Sture die ersten Begrüßungen aus. Ilda forschte nach dem Verlauf der Reise und nach dem Aufenthalt auf Loppen, während der junge Däne kräftig ruderte. »Bist du je auf der Insel gewesen?« fragte Paul die Jungfrau. »Ich kenne sie nicht.« »Beim Himmel, ein gesegnetes Plätzchen! Steile hohe Klippen ringsumher, an welchen eine grauenvolle See brandet. Eine einzige Stelle zum Landen und im Innern die Felsen furchtbar zerklüftet und zerspalten. Ich wollte einen Menschen in diesen Höhlen und Löchern zehn Jahre lang verstecken, und niemand sollte ihn finden.« Die Gesellschaft langte bald an der Ufertreppe am Packhaus an. Als sie dann zusammen in der Wohnstube saßen, mußte Petersen ausführlicher über die Fahrt berichten, da Gustav, wie immer jetzt, mürrisch und in sich gekehrt war, und Sture, den er nicht einmal nach dem Zweck seines Besuches fragte, nur oberflächlich begrüßt hatte. – Die Schaluppe, die nach Petersens Aussage erwartet wurde, war mit Federsäcken gefüllt, denn in diesem Jahre war der Fang ungemein gut ausgefallen. Die großen Möwen, die Alken, die mancherlei Entengeschlechter, die Eisvögel, die nordischen Pelikane samt den unzähligen Tauchern, Seeschwalben und Lummen hatten reiche Beute geliefert. Paul erzählte in lebendiger Weise den gefährlichen Fang der Vögel auf den höchsten, steilsten Klippen, wo die Jungen in den Nestern gerupft, die Nester selbst ihres Federfutters beraubt und die Alten mit Stangen zu Tausenden in der Luft totgeschlagen werden. »Denn«, sagte Paul, »diese albernen Geschöpfe sind so dumm, in dichten Wolken laut schreiend ihre Nester zu umkreisen, statt ihre Hälse klüglich in Sicherheit zu bringen.« »Es ist im Grunde ein unrühmliches Morden«, meinte Sture, »ich könnte keinen Gefallen daran finden. Besser ziemt es dem Mann, seine List und Kraft am Wolf, am Luchs, dem schnellen Renntier oder dem Bären zu versuchen.« Sture hatte diese Bemerkung ohne jede Nebenabsicht gemacht, die Gesellschaft jedoch fand darin eine Anspielung auf Petersens früheres Jagdabenteuer mit dem Bären und brach in ein fröhliches Gelächter aus. Der Schreiber stimmte klugerweise in die Heiterkeit auf seine Kosten ein, allein in seinen falschen Augen funkelte der Grimm und Hohn über die vermeintliche Spötterei. – »So wollen wir Sie denn das nächstemal nach Loppen schicken, tapferer Herr«, sprach er zu Sture gewendet, »damit Sie Ihren Widerwillen gegen die nordischen Vogeljagden überwinden lernen. Sie werden dort Gelegenheit genug finden, Mut und kaltes Blut zu beweisen und genießen außerdem die Bewirtung des wackeren Egede Wingeborg und seines Weibes Anga umsonst.« »Wer ist Anga und wer ist Wingeborg?« fragte Sture ablenkend, um keine weitere Mißstimmung aufkommen zu lassen. »Wingeborg wird sich morgen selbst vorstellen, wenn die Schaluppe kommt. Er ist von Helgestad zum alleinigen Herrscher auf Loppen eingesetzt, und ohne Zweifel verdanke ich ihm mein Leben, sonst wäre ich an den Felsen zerschmettert.« »So warst du in Gefahr?« fragte Ilda. »Ein wenig, aber Egede war mir nahe. – Du weißt«, fuhr er fort, »daß die Lummen in Felsenlöchern nisten, an senkrechten Wänden, oft tausend Fuß tief an der Klippe hinab und tausend Fuß vom Meeresspiegel hinauf. Da sitzen sie in tiefen Spalten zu vielen Dutzenden beieinander, und hat man die erste am Hals, so hat man sie alle. Die eine beißt die andere in den Schwanz, und die ganze Kette läßt sich so herausziehen. Solch ein Fang ist entzückend. Ein Seil von zwölfhundert Fuß Länge ist oben auf der Klippe über ein Rundholz; gelegt, auf einer Art Knebel sitzt der Jäger, unter ihm schwebt ein Korb, um die Vögel hineinzuwerfen. Sechs oder acht Männer lassen ihn so weit hinunter, bis er vor den Brutlöchern hängt. Kann er mit seinem Arm die Tiere nicht erreichen, so sitzt im Korb ein kleiner Hund, den schickt er in den Spalt, um den ersten Vogel zu packen und vorzuzerren, bis des Jägers Hand ihn fassen kann. Ist es soweit, so ist alles geschehen. Der Jäger zieht den Hund, des Hundes Zähne sitzen in dem Lummenhals, das übrige findet sich.« »Nun aber«, fuhr er fort, »ist allerdings die Sache nicht ohne Gefahr. Die Männer oben werden nicht so leicht loslassen, obwohl es auch schon vorgekommen ist. Der Jäger wird sich an seinem Querholz festzuhalten suchen, wenn auch manchmal einer das Gleichgewicht verliert und den Hals bricht. Das Übelste aber bleibt es, wenn das Tau sich zu drehen anfängt und der Jäger wie ein Kreisel umherwirbelt, bis er im Schwindel sinnlos hinabstürzt oder den Kopf an irgendeiner Felsenkante zersplittert. – Und das wäre mein Los gewesen«, rief Paul, »hätte Egede mich nicht gehalten. – Ich hing an einer Klippe an siebenhundert Fuß Seil. Unter mir hatten zehn Mastbäume Raum, als ein Windstoß kam und ich zu drehen anfing. Anfangs lachte ich, dann fluchte ich, endlich schrie ich einen Todesschrei, denn um mich her wurde es schwarz, als plötzlich ein Mann am Seil herunterfuhr und mit seinen Beinen rechts und links auf dem Querholz stand, mir den Hakenstock aus der Hand riß, die Spitze in einen Felsenspalt stieß und mit einem Sprung auf dem Absatz der Klippe stand, nicht breiter als eine Hand. – Im nächsten Augenblick hatte er das Seil dicht herangezogen und hielt es fest, dann wandte er es behutsam hin und her und ließ sein rauhes Gelächter hören. Eine Minute darauf stand ich neben ihm, ich weiß selbst nicht, wie es kam. Wir gingen auf dem Grat fort, bis dieser etwas breiter wurde. Über uns die zersplitterte Wand, unter uns die glänzende See; schreiende Vögelschwärme um unsere Köpfe, mit Flügeln und Schnäbeln wütend auf uns losfahrend, und wir beide, mit Blut bespritzt, fangend und schlagend, bis alles still war. – Dann band Egede mich fest, gab das Zeichen und ich fuhr ohne ein Hindernis hinauf. Ihn selbst holten wir dann nach.« Der Schreiber hatte mit solcher Lebendigkeit erzählt, daß selbst Sture nicht umhin konnte, ihm mit Teilnahme zuzuhören. Lange noch flog die Unterhaltung hin und her, bis die menschliche Natur ihr Recht verlangte, und alle ermüdet die Ruhe suchten. Am nächsten Morgen suchte Paul Petersen herauszubekommen, was den unbequemen Besuch denn eigentlich an den Lyngenfjord gebracht habe, und wenn auch Sture hierbei große Zurückhaltung bewies, so war der andere doch zu klug, um sich nicht bald aus den Antworten, die er hervorlockte, ein Bild von der Lage der Dinge zu machen. Mit heimlichem Vergnügen merkte er, daß Helgestads Pläne noch weiter vorgerückt waren, als er es gehofft hatte. Mit viel Teilnahme hörte er zu, erteilte guten Rat, und weil er ganz richtig schloß, daß Sture gerade das Entgegengesetzte von dem glauben würde, was er ihm anempfahl, unterstützte er lebhaft die Ansichten, die Olaf ausgesprochen hatte. »Ich kann es mir vorstellen«, sagte er,»mit welchem Entsetzen der ehrliche Junge Ihre Arbeiten betrachtet haben mag, und wahr ist es, Herr Sture, daß wenige Leute im Lande sind, die Ihr ganzes Mühlenunternehmen nicht für abenteuerlich halten.« »Sie scheinen jetzt dieser Meinung beizupflichten«, sprach Henrik geringschätzig. »Früher dachte ich allerdings günstiger darüber als jetzt«, spottete der Schreiber. »Nun, jedenfalls danke ich ein für allemal für Ihre gütige Belehrung.« Ehe Paul Petersen durch weiteren Spott den Unmut des jungen Gaardherrn anfachen konnte, wurde durch einen Arbeiter die erwartete Schaluppe in Sicht gemeldet, und sämtliche Gaardbewohner eilten auf diese Nachricht hin dem Strand zu. Sture näherte sich als der letzte langsam dem Ausschiffungsplatz. Gleichgültig und in gedrückter Stimmung sah er der Landung zu, und erst nach einer Weile bemerkte er, daß ein großer, aber kurzbeiniger Mann mit ungeheuer langen Armen bei dem Schreiber stand, der die seltsame Erscheinung zu Ilda führte. Häßlich war der große Kerl mit seinem wirren, schmutziggelben Haar und seinen wulstigen Lippen genug, doch am häßlichsten waren seine Augen, die völlig verkehrt standen, so daß niemand wissen konnte, wohin er eigentlich sah. »Hier, Ilda, ist Wingeborg, mein wackerer Freund Egede!« rief Paul lachend. »Ein ausgezeichneter Mann durch die Eigenschaften seines Kopfes und Herzens, wie seiner Arme und Beine. Was sein Herz betrifft, so können wir zwar nichts davon sehen, allein der Umstand, daß er die tiefste Abneigung gegen das unwürdige Geschlecht der Lappen hegt, mit keinem Angehörigen des schmutzigen Volkes Gemeinschaft hält und niemals erlaubt, daß einer der gelbhäutigen Renntierhirten nach Loppen übersetzt, um seine Herden dort zu weiden, beweist, daß er viel richtiges Selbstgefühl in sich trägt.« »Höre, Sorenskriver Petersen«, erwiderte der Quäner, behaglich lachend und seine weißen großen Zähne zeigend, »von dem, was du sagst, verstehe ich wenig, aber ich danke dir dafür. Jedenfalls ist die Sache von mir und den Lappen richtig. Ich habe mit den gierigen Dieben mein Lebtag viel zu schaffen gehabt und rieche auf Meilen weit, wenn einer in der Nähe ist.« »Und was du nicht riechst, teurer Beherrscher von Loppen«, versetzte Paul, »das wittern deine getreuen Begleiter. Wo hast du sie?« »Hier«, sagte Wingeborg, indem er auf einen Sack deutete, der zu seinen Füßen lag, und den er ausschüttete, wodurch zwei kleine, gelbgefleckte Hunde zum Vorschein kamen, die so wunderlich aussahen wie ihr Herr. – Sie hatten wieselartig spitze Köpfe, kurze Füße, abgestutzte Ohren nebst merkwürdig langen Schwänzen und waren von großer Behendigkeit in allen Bewegungen. »Seht da«, rief Paul, »die echte Rasse der Vogelfänger, denen die Natur eine Nase verlieh, wie sich deren kein Zollbeamter rühmen kann. Gebt diesen köstlichen, kleinen Schlauköpfen irgendeinen Schuh oder einen Tuchfetzen von einem menschlichen Wesen, mag es auch lange her sein, daß er ihn einst trug, wenn von dem Eigentümer eine Spur zu finden ist, werden sie ihn bald haben.« Die beiden kleinen Hunde wurden Gegenstand neugieriger Fragen und Liebkosungen, und sie vergalten diese durch Freudensprünge und Schmeicheleien. Während nun Egede bei der Schaluppe zurückblieb, um das Auspacken und Abzählen der Federsäcke zu überwachen, schritten die übrigen nach dem Wohnhause zurück. Dieser ganze Tag war ein Freudentag, den jeder in seiner Weise mitfeiern half. Selbst Paul Petersen ließ es sich angelegen sein, liebenswürdig zu erscheinen und keinerlei Bosheit zu begehen. Nachdem er sich lange mit Helgestads Büchern beschäftigt und Auszüge daraus gemacht hatte, fand er sich nachmittags bei der Gesellschaft ein, die auf dem Grasplatz vor dem Gaard vereinigt war. Es schien jedoch dem Charakter des falschen Schreibers unmöglich zu sein, sich auf die Dauer bescheiden und anspruchslos unter Menschen bewegen zu können, und ein Umstand sollte ihm zustatten kommen, daß er seiner giftigen Laune von neuem die Zügel schießen lassen konnte. Oben im Gebirge fiel plötzlich ein Schuß, dessen Echo von allen Felsen widerhallte, und während alle noch nach den klippigen Wänden hinsahen, erschien auf der Spitze Egede Wingeborg, der wie in wilder Flucht von Stein zu Stein sprang und nicht eher in seinem Lauf einhielt, bis er den Rand des Grundes erreicht hatte, wo der Gaard stand. Der Quäner trug unter dem linken Arm einen seiner kleinen Hunde und in der rechten Hand hielt er seinen Schifferhut. Sein langes Haar flog ihm um das schweißbedeckte Gesicht, und in diesem zeigte sich ein Gemisch von Angst, Schrecken, Haß und einer unaussprechlichen Wut, die sich, als er die Entgegenkommenden erreicht hatte, in einzelnen Worten, Racheschwüren und heulenden Tönen entlud, wie sie ein wildes Tier hören läßt. »Was ist dir geschehen?« rief Gustav aus. »Da! Da!« schrie er, die Hand nach den Felsen aufhebend. »O Herr! Was ist geschehen? Tot liegt er, tot!« – Er stieß eine fürchterliche Verwünschung aus, schlug sich vor die Stirn, daß es krachte, und griff mit beiden Händen in seine Haare. »Wer ist tot? Wer liegt tot?« schrien alle jetzt wirr und erschreckt durcheinander. Paul jedoch ergriff den halb sinnlosen Vogelfänger beim Arm und schüttelte ihn heftig. – »Sprich endlich wie ein vernünftiger Mensch«, sagte er in strengstem Ton. – »Ich denke, daß ich weiß, was dir geschehen ist. Da ist nur der eine deiner Hunde, du bist mit beiden fortgegangen – der andere ist tot?!« Wingeborg nickte. »Und der Schuß, den wir hörten, war auf deinen Hund gerichtet?« »Dicht vor mir, keine zwanzig Schritte vor mir. O Herr, nie wird ein solcher Hund mehr geboren!« »Wer hat ihn erschossen?« fragte Gustav. »Ein Dieb, ein Räuber, ein Schurke, der von Renntierblut lebt!« schrie der Quäner in einem neuen Wutanfall. »Mit meinen Händen will ich ihn erwürgen!« »Also ein Lappe«, sagte der Schreiber, »ich dachte es wohl. Hast du ihn gesehen?« »Keinen Schatten von ihm! Ich stieg die Felsen hinauf, um Ausguck nach Helgestads Jacht zu halten, und schritt zwischen den großen Steinen fort, zwischen den Wasserrinnen kreuz und quer laufend. Meine Hunde waren vorauf, sie rochen nichts, während sie sonst jeden Lappen auf hundert Schritt wittern. Muß Satanswerk dabei gewesen sein! Plötzlich sehe ich den Hund auf ein solches Wassergerinn losspringen, höre ihn ein lautes Gebell erheben, und in demselben Augenblick kommt Blitz und Knall seitwärts hinter einem Block hervor, der wohl an achtzig Schritt davon lag. Bin ein Mann, der die Lappenschliche kennt und wußte jetzt, woran ich war. Im Gerinn vor mir steckte einer, hinter dem großen Stein ein anderer und Gott weiß, wie viele noch da waren. Gilf lag tot, er rührte kein Glied. Ich stieß einen Schrei aus, haha! Einen Schrei, den sie kennen, die verwünschten Schurken, nahm den anderen Köter auf und lief, was ich konnte. Hinter mir hörte ich ein Gelächter – sie lachten, die gelbhäutigen Wölfe, aber sie sollen zetern und heulen lernen wie Weiber!« »Die Frechheit dieser Tagediebe wird jeden Tag ärger«, sagte Paul. »Aus nichtswürdiger Bosheit haben sie Wingeborgs Hund erschossen. Wer kann es gewesen sein? Als ich mit Gustav vom Maursund herüberging, sah ich in einem engen Talkessel einige Renntiere weiden, und ich müßte mich sehr irren, wenn ich nicht unter der spitzen Mütze des einen Hirten Mortunos diebisches Gesicht erkannt hätte. Sicher treibt sich der Schelm noch dort oben umher, und frech genug ist er dazu, uns zum Hohn solche Streiche auszuführen. – Wenn wir ihn fassen könnten«, setzte er mit bösem Blick hinzu, »sollte er in Tromsö an den Pfahl gebunden und gepeitscht werden, bis ihm das Fleisch von den Knochen fiele. Glücklicherweise haben wir für Verbrecher noch dergleichen Strafen im Lande, sogar die Tortur besteht noch in Kraft, wenn sie auch dort unten in Preußen der junge, schwärmerische König abgeschafft hat.« »Wissen wir aber auch, ob es Mortuno war?« versetzte Sture, »ganz abgesehen davon, daß man wegen eines elenden Hundes wohl nicht von Tortur und Peitsche spricht.« »Oder wissen wir, ob der Hund Gilf auch wirklich tot ist?« fiel Ilda ein. »Was auch geschehen mag«, erwiderte Paul ärgerlich, »es wird dem Gesindel hier nicht an Fürsprechern fehlen! Laß uns hinaufgehen, Gustav, vielleicht gelingt es uns, den Burschen zu fangen oder wenigstens Zeichen zu entdecken, daß wir ihn zur Rechenschaft ziehen können.« Von etlichen Fischern und dem Quäner begleitet, machten sie sich auf den Weg. Ilda ging ins Haus, Klaus Hornemann und Sture folgten langsam nach. »Ich denke, diese Verfolgung wird vergebens sein«, sagte Sture, »denn wenn Mortuno wirklich den Hund erschossen hat, wird er nicht länger warten. Glauben Sie, daß er den Schuß abfeuerte?« »Ich glaube es«, antwortete Klaus. »Aber warum dieser Übermut?« fragte der junge Mann. »Haben diese verfolgten Kinder der Wüste noch nicht genug Haß und Feindschaft zu ertragen, daß sie zu neuen Rachegelüsten anreizen?« »Bewundern Sie vielmehr den milden Sinn dieser rohen Hirten«, erwiderte der Greis. »Mild nennen Sie das?« »Ja, mild«, fuhr Klaus Hornemann fort. »Niemand hat so wie dieser Wingeborg die Lappen gequält, gemartert, Gewalttaten an ihnen begangen, sogar seine Hände in ihr Blut getaucht. Vor mehr als zwanzig Jahren kam dieser Mann hierher und siedelte sich am Lyngenfjord an. Damals weideten die Lappen ihre Tiere hier überall noch. Allein die Gaardbesitzer vertrieben sie aus ihrer Nähe, schossen in ihre Herden, schlugen unbarmherzig Frauen und Männer, die Diebe sein sollten, und stahlen deren Kinder unter dem Vorwand, Christen daraus zu erziehen, in Wirklichkeit aber, um sie zu Knechten und Mägden zu machen. Der grausame Vogt von Tromsö ließ jeden Lappen bis aufs Blut peitschen, der klagen wollte. Vom Lyngenfjord hat damals Wingeborg das unglückliche Volk, für welches es kein Recht und keinen Richter gab, vertrieben. Er war Hegestads Dienstmann und Pächter. Schon damals ein Vogelfänger von seltenem Geschick, hielt er Hunde, die nicht allein die Brutlöcher der Alken und Lummen spürten, sondern auch Lappen, gegen die sie einen eigentümlichen Widerwillen zeigten. Sie fanden die Lappenhütte in dem verborgensten Spalt, jede Spur eines Lappenfußes witterten sie, und hinter ihnen war Wingeborg mit seinen Gefährten, die niederschlugen, was sie fanden. Mehr als ein Unglücklicher ist auf diese Weise umgekommen, und erst als die Greuel, die hier geschahen, nach Kopenhagen gelangten und die strengsten Befehle erfolgten, die Lappen fernerhin nicht anzutasten, hörte nach und nach die offene Gewalt auf. Von Untersuchung war freilich keine Rede. Helgestad schickte den Quäner nach Loppen, wo er seit zehn Jahren haust und seinem Herrn außerordentliche Vorteile erwirbt. Am Lyngenfjord aber haben die Lappen keine Weiden mehr. Sie kommen nur noch zu dem großen Herbstmarkt, der um die alte Kirche von Lyngen abgehalten wird, und kaufen von Helgestad, weil dies der mächtigste Kaufmann ist und seine Waren die besten und billigsten sind. Doch unvergessen leben die Grausamkeiten fort, und wenn es zuweilen geschieht, daß Wingeborg mit einem Lappen zusammentrifft, wird dieser sich davonmachen, so schnell er kann.« »Nun denken Sie«, fuhr der Priester fort, »daß dieser Mann jetzt plötzlich hierher kommt und zwei seiner Hunde mit sich bringt, von denen die Lappen fest glauben, daß der Teufel selbst sie ihrem grimmigen Feind gegeben hat. Denken Sie sich, daß dieser Mann mit seinen höllischen Kameraden die Fjelden durchsucht, gerade wie damals, als er jeden Lappen halb oder ganz totschlug, den er erreichen konnte, und fragen Sie sich, ob es nicht von mildem Sinn zeugt, daß Mortunos Kugel nur den Hund, nicht den gottlosen Herrn niederstreckte.« Sie hatten inzwischen die Stube aufgesucht, wo der Prediger sich in weiterer ernster Rede über das unglückliche Los seiner Pflegekinder erging, bis nach einer Stunde die Männer zurückkamen, die, wie vorauszusehen war, nichts gefunden hatten. »Ich werde den Schelm schon fassen«, sagte Paul zuversichtlich, »und gebe dir mein Wort, Wingeborg, daß du deine Genugtuung haben sollst. Erlaubt sich das Gesindel dicht an unseren Türen solche Frechheit, so erlaubt es sich auch noch mehr. Ich werde der Sache streng nachforschen, und die Lappen sind viel zu schwatzhaft, um schweigen zu können. Nun aber laßt uns weggehen und fröhlich sein.« Neuntes Kapitel Im Schneesturm. Helgestad zeigt sein wahres Gesicht Noch am selbigen Tag meldeten Fischer, daß sie eine große Jacht vor Reenöen gesehen hätten, und in der Tat zeigte es sich am anderen Morgen, daß es die »Schöne Ilda« war, die wohlbehalten in den Lyngenfjord einlief. Die Freude war groß, als der alte Kaufmann an Land sprang und von Kindern und Freunden empfangen wurde. Rüstiger und kräftiger hatte er niemals ausgesehen. In seinem Gesicht war Zufriedenheit, denn er brachte seine reich beladene Jacht heim und hinter ihm lagen glücklich abgemachte, gewinnreiche Geschäfte. In seinem großen Lehnstuhl sitzend und sich ein Glas mischend, ließ er sich erzählen und hatte für alle ein lustiges Wort, nur mit Sture mochte er kein genaueres Gespräch anknüpfen. Er begnügte sich mit allgemeinen Fragen, hörte kopfnickend, daß Olaf am Balsfjord sei und nahm Stures Versicherung grinsend auf, daß mit aller Kraft an dem Gedeihen seines Werkes gearbeitet werde. Bis tief am Abend blieb die Familie froh beisammen. Aber am anderen Morgen hielt es Sture für Zeit, die erste Gelegenheit zu benutzen, um Helgestad mit seinen Forderungen bekanntzumachen, da er sich schon bei dem gestrigen Beisammensein der Familie dahin ausgesprochen hatte, daß er in der Frühe des zweiten Tages an den Balsfjord zurückwolle und – müsse. Der alte Kaufmann war schon zeitig auf und hatte seine gewohnte Tätigkeit begonnen. Nachdem er seine Bücher durchgesehen und seine Warenbestände durchmustert, war er unermüdlich mit einer großen Anzahl von Leuten bei der Ausladung der Jacht beschäftigt. So geschah es denn, daß der Mittag kam und der Abend heranrückte, ohne daß Sture imstande gewesen wäre, sein Anliegen vorzubringen. Helgestad war auch bei weitem nicht mehr so heiter gestimmt, wie bei seiner Ankunft, und zuweilen kam es seinem Gaste vor, als ruhten seine Blicke mit einem durchbohrenden Ausdrucke auf ihm. Ein ängstliches Gefühl ergriff dann den jungen Mann, der sich immer wieder erinnerte, daß Helgestad ihn ganz in Händen habe. Getrieben von der Notwendigkeit, begab er sich endlich abends nach der Rechenstube, wo sich der Kaufmann aufhielt. »Nur herein, Herr, kommt herein!« rief Helgestad dem Besucher entgegen, der noch wie zögernd die Tür in der Hand hielt. »Stört mich nicht, bin jetzt bereit, mit Euch alles, was Ihr wollt, zu verhandeln; bin gefaßt darauf, manches zu hören, was mir nicht gefällt.« Sture folgte der Einladung zum Eintreten, wenn auch der Wortlaut nicht vielversprechend war und seine bösen Ahnungen zu bestätigen schien. Nachdem er den angebotenen Platz eingenommen hatte, erzählte er ausführlich, wie es am Balsfjord stand, betonte seinen Fleiß und den Erfolg, konnte aber nicht verschweigen, daß sein Geld zur Neige ging, und daß seine Vorräte einer mächtigen Verstärkung bedürften. Helgestad hörte ohne Einwand und Vorwurf zu. Es schien ihm sogar Freude zu machen, als er fand, daß die Sägemühle im Bau sei, der schwierige Weg beinahe fertig stehe und zu einer gewaltigen Holzrutsche alle Vorbereitungen getroffen wurden, mit der die größten Stämme bis an den Strom geleitet werden sollten. »Nuh«, rief er endlich, »kann's mir denken, wie sie alle Mund und Nase aufsperren, und obgleich das Ding greifbar vor ihren Augen wird, doch nicht glauben wollen. Habe schon allerlei davon vernommen, will aber das Wunder selbst sehen und an den Balsfjord kommen, sobald ich hier mit den Arbeiten ein wenig aufgeräumt habe. Dürft mich in wenigen Tagen erwarten, und wollen dann alles zusammen überlegen und abtun, verlaßt Euch darauf. – Werdet doch auch den Markt, den großen Markt an der Lyngenkirche beziehen?« fragte er dann auf einmal. »Ich glaube nicht«, sagte Sture. »Kann Euer Ernst nicht sein«, sprach Helgestad. »Ist der Lyngenherbstmarkt der größte von allen. Sondern schon jetzt die Lappen ihre fetten Tiere aus, sammeln Felle und Hörner und fertigen Komager und Decken an, um mit gefüllten Säcken auf dem Platze zu erscheinen. Bringt der Tauschhandel ein mächtiges Geld ein, und ist kein Kaufmann weit und breit, der vom Markte fortbleiben möchte.« »Aber Sie kennen meine Geschäfte«, erwiderte Sture verlegen, »und überdies sind meine Waren, da ich ganz allein bin, noch wenig geordnet.« »Nuh«, sagte Helgestad kopfschüttelnd, »ist das eine seltsame Geschichte, nachdem Ihr schon so lange am Balsfjord seid. Sollt aber keine Vorwürfe von mir hören«, setzte er sogleich wie begütigend hinzu, »will zuvor alles selbst sehen. Und jetzt ein Wort über den Fischmarkt in Bergen.« – Sture erfuhr nun, daß er sehr wohl daran getan habe, nicht sofort zu verkaufen. Der Preis war bis über vier Species hinaufgegangen, und Fandrem hatte in seinen Büchern eine hübsche Summe von Stures Konto abgeschrieben. »Will meine Freundschaft nicht etwa damit rühmen«, fuhr Helgestad in seinem Berichte fort, »daß ich Uve Fandrem den höchsten Preis für Euch abzwang, sage es Euch offen, ist auch mein Vorteil, daß Eure Rechnung, für die ich Bürgschaft geleistet habe, herunterkommt. Kennt Handel und Wandel. Gilt keine Freundschaft dabei, selbst unter Brüdern nicht!« – Er lachte vergnügt, gleichzeitig seine Bücher in den Kasten werfend, und zum Zeichen, daß er das Gespräch abgebrochen zu sehen wünsche, den Gast auffordernd, mit hinüber in die Familienstube zu kommen, um ein frisches Glas zu mischen. – Wie er es sich vorgenommen hatte, aber beschwerten Herzens trat am nächsten Tage der junge Gaardherr seine Rückreise nach dem Balsfjord an. – Es war ein trüber, dunkler Morgen, als sein kletterndes Pferd das hohe Fjeld erreichte. Alle die einzelnen, runden Felsenkegel waren mit solch schweren, grauen Nebelkappen umhüllt, daß die Sonnenkugel bald nicht mehr durch die kalten Dünste zu dringen vermochte, aus welchen Zeichen ein landeskundiger, erfahrener Mann nicht ohne Besorgnis auf eine böse Wetterveränderung geschlossen und sein Fortkommen möglichst beeilt haben würde. Sture aber kümmerte sich wenig um die Witterung und ritt lange fort, indem er es seinem Pferde überließ, sich den Weg zu suchen, den er wegen des immer dichteren Nebels nicht mehr auffinden konnte. Er schreckte aber doch empor, als der Regen sich mit Schneeflocken mischte und vor ihm plötzlich eine tiefe Senkung lag, vor der sein Tier schnaubend stillstand. Er prüfte den Wind und glaubte in der Richtung zu sein, aber Wolken und Wirbel von feinem Schnee trieben jetzt auf einmal über ihn hin, drangen erstarrend bis auf seine Haut, stäubten in Millionen feiner Nadeln vom Boden auf und wurden von einem hohlen Wind fortgerissen, der immer eisiger und gewaltiger wurde. Er hatte von dem Fana-Rauk gehört, von den Schneestürmen, die alles Leben töten, und ein unheimliches Gefühl überkam ihn. In den wenigen Minuten, die er am Rand der Schlucht hielt, war er mit Schnee bedeckt, der sich fest an seine nassen Kleider schmiegte und dort fror. Sein Pferd war weiß geworden, und so weit er um sich blicken konnte, war alles dicht von der fallenden, weichen Masse eingehüllt, die so seltsam plötzlich auf ihn herunterrieselte. Da war kein Stehenbleiben und kein Bedenken, Sture wußte, daß er hier nirgends Hilfe zu erwarten hatte und auf seine eigene Kraft gegen die Schrecken der Elemente angewiesen war. Schnell entschlossen sprang er deshalb vom Pferd und es am Zügel fassend, war er im Begriff, in die Schlucht hinabzusteigen, als er unversehens mitten in den Schneewirbeln vor sich eine Gestalt auftauchen sah. Eine spitze Mütze war über ihren Kopf gezogen, ihren Leib umflatterte ein braunes Hemd von Fellen, in ihrem Arm lag ein langer Hirtenstock, und über ihre Schulter ragte ein Gewehr. Es war ein Lappe, der sich nicht rührte, bis Sture ihn erreicht hatte und zu seiner Freude Mortuno erkannte. »Holla, Freund!« rief er ihm zu, »steh mir bei in meiner Not, und wenn du ein Mittel weißt, aus dem Sturm an ein geschütztes Plätzchen zu kommen, so sprich.« »Willst du dort hinunter, Väterchen?« fragte der Lappe. »Es möchte wohl das beste sein«, versetzte Sture. »Nun, so versuche es, vielleicht glückt's dir!« rief Mortuno, indem er grinste und höhnische Gesichter schnitt. »Höre, Mortuno«, sagte der Verirrte, »von dem würdigen Klaus Hornemann erfuhr ich, daß du ein verständiger, gutgearteter Mensch bist. Ich danke dem Himmel, daß ich dich finde und hoffe, du wirst mir deine Dienste nicht verweigern.« Einen Moment schien der Lappe zu überlegen, dann nahm er sofort ein ernsthaftes Wesen an, und von dem Stein herunterspringend, auf dem er bis dahin gestanden, ergriff er die Zügel des Pferdes. »Dort hinunter könnt Ihr nicht«, sagte er; »und wenn Ihr es könntet, hättet Ihr keinen Nutzen davon, denn es ist ein jähes, enges Gesenke, durchströmt von einer wilden Elf. Hält das Wetter an, so würdet Ihr rettungslos im Schnee begraben. Folgt mir, ich will Euch an eine Stelle führen, die besseren Schutz gegen den Fana-Rauk gewährt.« Nach einer Viertelstunde mühseligen Wanderns und Kletterns stieg vor den beiden aus dem nebelnden Schneewetter ein Fels auf, der wie ein Horn sich überbog und mit einem tiefen Spalt gleichsam seine Eingeweide öffnete. Dies mußte ein Platz sein, wo die Lappen auf ihren Wanderungen wohl öfter mit ihren Herden rasteten und Schutz suchten, wenigstens wiesen Asche und Ruß an dem Gestein darauf hin, daß manches Feuer hier gebrannt hatte. Mortuno zog aus einer Vertiefung trockenes Moos, Birkenzweige und Gras hervor, und bald konnte Sture seine erstarrten Glieder an den knisternden Flammen behaglich erwärmen. Über dem Sattel seines Pferdes hing ein Beutel mit Brot, Fleisch und einer Flasche guten holländischen Genevers. Was konnte der Reisende besseres tun, als diese Schätze auf seiner Wolldecke auszubreiten und sie mit Mortuno zu teilen, der sich nicht lange nötigen ließ, sondern tapfer zulangte. Als sie das leibliche Bedürfnis gestillt hatten, fragte Sture seinen Gefährten, was sie denn nun beginnen sollten, wenn das schlimme Wetter so anhielte? Der Lappe zuckte die Achseln und sah ihn mit den kleinen Augen listig an. »Weiß es nicht, mein guter Herr«, sprach er bedächtig. »Schneestürme dauern oft eine Woche, und fällt der weiße Staub hoch genug, so gräbt man ein Loch und schläft, bis es aufhört.« »Was?« fragte Sture entsetzt, »so böse könnte das Abenteuer werden?« »Das ist oft geschehen«, erwiderte Mortuno. »Ich habe selbst einmal neun Tage lang in meiner Schneehöhle gelegen und meinen halben Pelz vor Hunger verzehrt. Ja«, fuhr er fort, »wenn Ihr ein Renntier hättet und ein Lappe wäret, kämet Ihr leicht davon. Ha ha! Ihr seid ein stolzer Herr – ein Nordmann, und möchtet jetzt ein Lappe sein. Ist es nicht so, Väterchen?« – Er streckte sich auf den erwärmten Steinen aus und lachte, was er konnte, während Sture ärgerlich in das wilde Wetter hinaussah. »Wenn ich Olaf wäre oder Helgestad«, sagte er endlich unwirsch, »so würde ich dir deinen Übermut gedenken und dich zwingen, mich zu fuhren. Hüte dich überhaupt, Mortuno«, fuhr er fort. »Wenn Olaf dich trifft, wäre es besser, du lägest in der Elf. Wenn der Sorenskriver dich greift, läßt er dich in Tromsö bis aufs Blut am Pfahl peitschen, und fällst du in Helgestads Hände, so kommst du schwerlich besser fort. Wingeborgs Hund hast du getötet, der Quäner hat dir den Tod geschworen.« »Hat er, der giftige Wolf, hat er Mortuno schon beim Schopf?« schrie dieser, in die Hände klatschend. »Hierher laß ihn kommen, laß sie alle kommen, Väterchen, wir haben Blei genug, um sie gehörig zu bedienen.« In dem Augenblick, wo er dies sagte, schlug dicht draußen am Felsen ein Hund an, und die sonderbare Gestalt Egede Wingeborgs zeigte sich am Eingang. Lautlos und wie ein Schatten flog er an Sture vorbei, und mit einem Griff seiner langen Arme hatte er Mortuno an der Gurgel, ehe dieser auf die Beine kommen konnte. Der ganze Vorgang war so schnell und überraschend, daß Sture erst zur Besinnung kam, als Wingeborg ein langes Messer aus seinem Gürtel riß, das in der nächsten Sekunde wohl in Mortunos Kehle gesessen hätte, wenn nicht Sture dazwischen gesprungen wäre und den Quäner mit aller Kraft von seinem Opfer zurückgestoßen hätte. Mortuno fühlte sich kaum befreit, als er einen Schrei der Angst, des Entsetzens und der Wut ausstieß und, seine Büchse ergreifend, mit einem Sprung hinter dem nächsten Felsblock saß, wo er im Anschlag auf Wingeborg liegenblieb. »Warum hindert Ihr mein Vorhaben?« schrie jetzt Egede, der kaum seine Wut meistern konnte. »Wahrlich, ein schöner Dank für einen Mann, der sich erbot, Euch in dem Wetter aufzusuchen, da Jungfrau Ilda Besorgnis um Euch hegte.« »Daß Ihr mich suchtet, danke ich Euch aus vollem Herzen«, erwiderte Sture, »aber einen Mord sollt Ihr doch nicht begehen, solange ich es verhindern kann. Habt Ihr Klage gegen den Lappen, so erhebt sie. Er ist ein Mensch wie Ihr, die Gesetze sind für alle da.« »Ein Mensch!« rief der Quäner. »Es ist ein Lappe, ein Tier – kein Mensch! Hervor aus deinem Winkel, du Dieb, ich will dich köpfen und rupfen wie eine Lumme!« Es war natürlich, daß Mortuno dieser liebevollen Aufforderung nicht nachkam, im Gegenteil duckte er sich noch tiefer hinter seinem Stein, ohne den Finger vom Abzug des Gewehres zu nehmen. »Er wäre ein Narr, wenn er Euch gehorchte«, lachte Sture. »Gut, so soll er mit mir gehen, wir wollen alle gehen«, sagte Wingeborg. »Ich will ihn vor den Sorenskriver stellen, wie Ihr es recht findet. Nehmt dem feigen Burschen die Flinte ab, dann wollen wir ihm die Hände binden.« »Auch hierin kann ich Euch nicht zu willen sein«, antwortete Sture, »denn Mortuno hat mir Gutes getan. Ohne ihn irrte ich wohl im Schneesturm umher, oder wäre gar umgekommen. Ich habe mein Brot mit ihm gebrochen, habe meinen Trunk mit ihm geteilt, und so gebt Euch zufrieden, Egede Wingeborg. Hier setzt Euch hin und nehmt vor allem einen Schluck zur Erwärmung.« »Ha!« schrie Egede grimmig, ohne den dargereichten Becher zu beachten, »Ihr weigert mir Eure Hilfe, den Schelm zu fangen, der soviel Schimpf an meinen Herren getan und Olaf Veigand um ein Haar erschossen hat? Nun, ich will es melden, wo und wie ich Euch getroffen habe. Möchte lieber zehn Fuß im Schnee liegen, als eine Stunde in solcher Gesellschaft sein und mit einem Lappen zusammen schmausen. Pfui, Teufel!« Unter Drohungen und Verwünschungen ging er fort, und keine Stimme rief ihn zurück. – Sture war empört und ärgerlich, wenn er daran dachte, was dieser elende Kerl von ihm berichten würde. Mortuno aber hatte seine Büchse niedergelegt, nachdem sein Mißtrauen wegen einer etwaigen Rückkehr des Quäners geschwunden war und näherte sich jetzt dem Dänen. Plötzlich warf er sich auf seine Knie nieder, und die Hand seines Beschützers ergreifend, zog er diese an seine Lippen. »Was soll das sein?« rief der Junker, aus seinen Gedanken auffahrend. »Laß mich, Herr, laß mich!« sagte Mortuno, dessen dunkle Augen von einer Dankbarkeit strahlten, die selbst die Züge seines Gesichts weich und freundlich machte. »Du bist gut und treu. Was Mortuno je für dich tun kann, wird er tun.« »Ich wäre zufrieden, mein armer Mortuno«, entgegnete Sture wohlwollend, »wenn du uns gutes Wetter schaffen könntest, daß wir nicht einschneien.« »Sei ohne Sorge, Herr«, antwortete Mortuno, indem er aufsprang, »es wird nicht lange schneien, und wenn du willst, können wir sogleich aufbrechen, ich werde dich sicher führen. Schneewolken ziehen nur auf den Fjelden hin, in die Täler dringen sie nicht. In einigen Tagen ist alles wieder Wasser, oft schmilzt es schon in wenigen Stunden; noch manche Woche werden wir mildes Wetter haben. Du sollst sehen, daß am grünen Balsfjord niemand etwas von einem Schneesturm weiß.« Rasch lief er nun zu dem Pferd, legte den Sattel fest, packte den Vorrat wieder auf und hatte in wenigen Minuten alles zur Reise bereit, die denn auch sogleich angetreten wurde. Eine halbe Stunde später wurde der Wind milder und das Schneetreiben ließ nach, wie Mortuno es vorausgesagt hatte, und so konnten sie ihren Marsch schneller und bequemer fortsetzen. Stunden vergingen, und dann deutete der Führer plötzlich durch den Nebel, der flatternd über die Heide zog. »Seht Ihr den Balsfjord!« rief er, »da liegt er. Das ist Euer Land, Herr, da könnt Ihr sitzen und Fische fangen. Uns laßt hier oben in Ruhe unsere Tiere weiden.« Sture sah hinunter in die Tiefe, welche sich vor ihm öffnete, und wirklich, er erblickte den grünen Fjord. Nicht gar fern erkannte er auch sein Haus, das eben von einem Sonnenblitz beleuchtet wurde, der durch das Gewölk brach. »Ich danke dir für deine Hilfe, guter Mortuno«, sagte er, »und bitte dich, mich zu begleiten und bei mir auszuruhen.« Der Lappe schüttelte den Kopf. »Fürchte dich nicht vor Olaf«, fuhr Sture fort. »Ich werde ihn mit dir aussöhnen.« »Du kannst nicht machen, daß er mir die Hand reicht«, sagte Mortuno, »und ich möchte es auch nicht. – Lebe wohl, Mortuno wird dich nicht vergessen.« – Mit diesen Worten sprang er in die Nebelschicht zurück und kehrte sich an kein Rufen. – – Sture fand bei seiner Heimkehr, daß Olaf wacker für ihn gearbeitet hatte. Das Packhaus stand fertig da, das Wohnhaus war aufgeräumt, und was an Waren und Vorräten vorhanden, war gut geordnet. Mit dem übrigen Kram, wie es Olaf nannte, hatte er sich nicht eingelassen, und Sture lachte dazu. Allein als er nach den Arbeiten sah, fand er, daß seine Abwesenheit diese nicht gefördert hatte. Die Sägemühle war noch immer nicht fertig, und nur indem er selbst Hand anlegte und vom Morgen bis zum Abend tätig dabei war, gelang es ihm zuletzt, sein Werk in den rechten Gang zu bringen. Mit mechanischem Geschick hatte er Mittel erfunden, seine Mühle weit zweckmäßiger einzurichten, als es hier Sitte war, und die nordischen Arbeiter, die vordem über den klugen Dänen spotteten, sahen jetzt mit Verwunderung, daß sich der Block wirklich der Säge entgegenschieben konnte, und daß mit einem gut gestellten Zahnrad mehr gehoben und gewendet wurde, als zwölf Männer vermochten. Das war ein Erfolg, der Sture mit den freudigsten Hoffnungen erfüllte. Den Kopf voller Entwürfe kehrte er, nachdem eine Woche vergangen war, von einem Spaziergang durch sein kleines Reich zurück, als er vor seiner Tür Helgestad, Paul Petersen und Egede erblickte, die eben zu Pferde dort anlangten. Sture eilte seinen Gästen entgegen und begrüßte sie zusammen mit dem aus dem Haus tretenden Olaf herzlich. »Schön ist es, Herr Helgestad, und ich danke Ihnen dafür, daß Sie mich am Balsfjord aufsuchen«, rief Sture. »Setzen Sie sich, ich will sehen, was ich im Hause habe.« Während die Ankömmlinge mit Olaf plauderten, trat eine Magd herein, welche die Reste einer Hammelkeule auf den Tisch setzte und ein Stück schwarzes Brot daneben aufpflanzte. Sture, der dem Mädchen folgte, mußte sich, einigermaßen verlegen, entschuldigen, daß er nicht mehr zu bieten habe. »Ist merkwürdig!« rief Helgestad lachend, »habt Wild hier genug, dazu das Meer voll Fische, sieht aber trotzdem traurig in Eurer Küche aus.« »Wahrhaftig«, antwortete Henrik, »ich fragte in dieser Zeit nicht viel danach, wie mein Tisch bestellt war, und Olaf hat mich nicht daran erinnert. Wir haben beide gearbeitet vom Morgen bis zum Abend, ohne an jagen und fischen zu denken.« Die Gäste setzten sich ohne weitere Aufforderung zu dem Mahl nieder und machten sich, als sie mit dem Fleisch fertig waren, an das Brot. »Habt also keine Butter im Hause?« fragte der Kaufmann. Sture mußte es verneinen. »Und kein Stück Käse?« fügte Paul nicht ohne Absicht hinzu. Es war nichts davon vorhanden. »Ei!« rief der Schreiber lachend, »warum haben Sie Ihren guten Freund Mortuno nicht um einen Lappenkäse gebeten, als Sie mit ihm unter dem Felsen saßen? Hat Herr Sture dir nichts mitgebracht, Olaf?« »Was soll er mitbringen?« »Nun, vielleicht einen neuen Hut statt deines zerschossenen. Mortuno ist ein höflicher Mann.« »Ich will es ihn lehren!« sagte Olaf drohend. »Er mag sich beglückwünschen«, fuhr der Schreiber fort, »daß er einen so großmütigen Freund traf. Wingeborg kann es noch nicht vergessen.« »Nuh« rief Helgestad dazwischen, »muß sagen, Herr Sture, hat Euer Benehmen uns allen wenig behagt. Hättet Olafs wegen den Schelm nicht beschützen sollen.« »Weißt du denn nichts davon?« fragte Paul den Nordländer. Olaf schüttelte den Kopf. »Müßt einsehen«, fuhr der Kaufmann fort, »daß es hohe Zeit ist, ein Beispiel zu geben, wird das Gesindel alle Tage frecher und unbändiger. Auch von anderen Orten kommt Klage über die Lappen. Haben am Maursund einen Mann bitter geschlagen, der ihnen verhaßt war, haben einem Fischer sein Haus angesteckt und sind Diebstähle begangen worden, wie sonst niemals. Ist alles das eine Suppe, die uns der Hexenmeister Afraja eingebrockt hat, und Mortuno ist sein bester Gehilfe. Muß ein Beispiel ergehen, wenn sie wieder demütig werden sollen. Mortuno hat Olaf in Lebensgefahr gebracht, mußtet ihn deshalb fangen, anstatt ihm davon zu helfen.« »So hast du ihm davongeholfen?« fragte Olaf zornig. »Ich tat es«, sagte Sture. »Schüttle deinen Arm nicht gegen mich, höre mich an, du würdest es auch getan haben.« Er erzählte, was sich zugetragen hatte und rief zuletzt lebhaft aus: »Solle ich einen Menschen vor meinen Augen von einem Elenden morden lassen? Oder sollte ich den, der sich meiner annahm, als ich verirrt war, fangen helfen? – Niemals will ich dazu meine Hand bieten! – Ihr klagt, daß die Lappen aufsässig werden, behandelt sie menschlich, und sie werden sich fügen.« »Verwünscht, wer eines Lappen Freund sein kann!« rief Olaf mit einem fürchterlichen Faustschlag auf den Tisch. Helgestad stand auf und gebot Ruhe. – »Laßt es gut sein«, sagte er, »ist Herrn Stures Sache, zu tun, was er für sein Bestes hält; denken die Leute im Süden anders als im Norden. – Wollen gehen, Herr Sture, und anschauen, was Ihr geschaffen habt. Kommt!« Sture folgte ihm und nahm alle Selbstbeherrschung zusammen, um seine Unruhe zu überwinden. »Ich muß klug und vorsichtig sein«, flüsterte er sich zu. »Gutes hat dieser Mann schwerlich im Sinn, sonst hätte er den Schreiber nicht mitgebracht. Doch ich denke, ihn zu versöhnen. Er muß mich loben, wenn er sieht, was ich an der Bals-Elf geschaffen habe.« So sah er denn gelassen zu, als Helgestad in den großen Schuppen blickte, wo es noch ziemlich wüst aussah, und als er brummend den Kopf schüttelte, weil der Kramladen nur ein Gewirr von allerhand Waren zeigte. »Nur Geduld, Herr Helgestad«, sagte er. »Sie sollen im nächsten Jahr auch hiermit zufrieden sein. Das Schwerste stellte ich voran, und es ist mir gelungen. Sehen Sie, was ich gearbeitet habe. Betrachten Sie den mühevollen Weg: Hier diese Brücken, dort den Damm, den ich bauen ließ, und nun betrachten Sie mein Sägewerk, und welche Anstrengungen ich machte, um die Holzrutsche im nächsten Frühjahr schon zustande zu bringen.« – Er führte Helgestad weiter und mit beredten Worten erklärte er ihm sein mühevolles Beginnen und was er für Vorteile davon erwarte. Die Blicke des alten Kaufmanns erhellten sich nach und nach, und ein listiges Lächeln zeigte seine steigende Genugtuung. Die neuen Einrichtungen der Sägemühle erhielten seinen besonderen Beifall. Er äußerte, daß es ein gutes Werk sei, besser, wie er es je gesehen habe. »So hoffe ich«, sagte Sture, »daß Ihr Vertrauen zu mir nicht wanken wird. Ich bitte Sie um neue Unterstützung. Wollen Sie hören, was ich Ihnen dagegen biete?« »Nuh! Bin neugierig, fangt an!« versetzte Helgestad. »Mein Anerbieten besteht darin«, sagte Sture, »daß ich, dankbar für Ihre großmütige Hilfe, mit Ihnen jeden Gewinn redlich teilen will, der aus diesem Unternehmen fließt. Sind Sie damit zufrieden?« »Die Hälfte?!« rief Helgestad grinsend. »Ist meine Sache nicht, um die Hälfte zu gehen. Bin auch nicht großmütig, und will darum nicht teilen, sondern haben, was mein ist, und sage es darum mit einem Wort: Bin hergekommen, um nach meinem Recht zu sehen.« »Was meinen Sie, Herr Helgestad?« fragte der junge Gaardherr verwundert. »Was nennen Sie Ihr Recht?« Der Kaufmann nahm seinen Hut ab und strich das strähnige Haar zurück. – »Nuh!« sagte er, »ist die Zeit da, wo wir uns richtig ins Gesicht schauen müssen. Habe Eure Wirtschaft kennengelernt, Herr Sture, kalkuliere, kann so nicht weiter gehen. Habt Eure Vorräte verschleudert und mein Geld fortgeworfen. Sind achttausend Species zu zahlen in Bergen, achttausend in Örenäes, wollt jetzt wieder borgen, wird aber alles denselben Weg wandern. Sehe ich den Gaard an, wie er da ist, und denke, er soll zum Verkauf kommen in Tromsö, will ich den Mann sehen, der dafür zwölftausend Species auf den Tisch legt. – Kalkuliere also, darf es nicht zum Verkauf kommen lassen, wenn Ihr es nicht selbst dahin treibt.« »Ich – Herr Helgestad?« rief Sture verwirrt und starrte bald auf den Kaufmann, bald auf Olaf und Petersen, die soeben bei ihnen anlangten. »Ihr, Herr«, fuhr dieser kopfnickend fort, »denn wenn Ihr meinen Vorschlag nicht annehmt, kommt es zum Verkauf und Meistgebot. Mögt dann zusehen, was übrig bleibt.« »Verstehe ich Sie recht«, sagte Sture mit zuckenden Lippen, »so wollen Sie mir allen ferneren Beistand entziehen?« »Nuh?« antwortete der Alte mit spöttischem Lachen, »müßte geradezu närrisch sein, wollte ich noch einen Heller geben. Verlange statt dessen mein Geld zurück!« »Es soll geschehen«, versetzte Sture stolz. »Stellen Sie mir eine Frist.« »Frist? Habt Euch keine Frist festgemacht, steht nichts davon in Eurem Schuldschein vermerkt, Herr. Müßt daher Eure Schuld binnen heute und morgen decken.« »Wie?« fuhr Henrik heftig auf, »das kann Ihr Wille nicht sein! Das hieße mit berechneter Hinterlist mich um mein Eigentum bringen.« »Bedenken Sie Ihre Worte; Herr Sture«, sagte Petersen, sich einmischend. »Sie sprechen schwere Beleidigungen gegen Niels aus, der Sie zu harter Strafe bringen kann.« »Nuh!« rief Helgestad, »verlange nichts als mein Geld und kündige Euch heute in Gegenwart dieser beiden Zeugen die Schuldsumme von sechzehntausend Silberspecies. Wird bis morgen die Schuld nicht getilgt, so stelle ich den Antrag, das Gut in Beschlag zu nehmen.« »Von Gesetzes wegen ist dieser Antrag ohne Zögern auszuführen«, fügte der Sorenskriver hinzu. Sture hörte schweigend zu. Verachtung und Zorn erfüllten seine Seele. – »Ihr Herren«, sagte er endlich, sich gewaltsam zur Ruhe zwingend, »was ich höre, wird mir schwer zu glauben; denn es kommt mir vor, als sei ich von Anfang in ein mir gestelltes Netz gefallen, an dessen Maschen jeder geholfen hat. – Auf deine Freundschaft, Olaf«, fuhr er fort, »würde ich Häuser gebaut haben, aber auch du scheinst dich über meine Not zu freuen.« »Bist du in Not«, antwortete der Nordländer, »so hast du sie verdient.« »Womit verdient?« »Du bist ein Däne und bist falsch! Geh hin, woher du gekommen bist, oder lauf zu deinen Lappenfreunden.« »Bist du so gewissenlos, mich jetzt noch zu verhöhnen?!« sagte der verlassene Mann. – »Was wollen Sie noch von mir?« fuhr er hastig fort, indem er sich zu Helgestad wandte. »Sie wollen mein Gut! Wohlan denn, nehmen Sie den Raub hin! Unrecht und Schande können niemals Segen bringen.« »Nuh!« sagte Helgestad, völlig unempfindlich gegen diese Vorwürfe, »seid, wie immer, viel zu hitzig. Habe Euch Lehren gegeben, habt aber meine Warnungen nicht geachtet, und also kein Recht, mir Vorwürfe über Euren Unverstand zu machen. Ist's nicht so? Biete Euch noch jetzt die Hand zu Eurem Vorteil«, fügte er hinzu, als er Sture sprachlos stehen sah. »Will den Gaard von Euch kaufen. Zahle zwanzigtausend Species bar, rechne die sechzehntausend ab und übernehme alle Schulden. Könnt die viertausend zu jeder Stunde bekommen, könnt damit heimkehren nach Kopenhagen, und zahle Euch zudem heraus, was Ihr in Bergen für Eure Fische gut habt. Nehmt Vernunft an und schlagt ein in meine Hand!« Eine lange Pause trat ein. »Ich kann Ihnen auf der Stelle keine Antwort erteilen«, sagte Sture endlich, mühsam Atem holend. »Überrascht wie ich bin, bedarf ich der Überlegung.« »Habt ein Recht dazu und Zeit bis morgen«, antwortete der Kaufmann. »Können uns beide bedenken, will an meinen Vorschlag nicht gebunden sein.« »Da ich jedenfalls bis morgen Herr in meinem Eigentum bin«, fuhr Henrik bitter fort, »so bitte ich Sie, bis dahin meine Gäste zu sein, so gut ich es geben kann. Zwischen heute und morgen liegt eine Nacht, und oft schon war vom Becher bis zum Mund ein weiter Weg.« Ins Haus zurückgekehrt, befahl er, das kärgliche Mahl zu rüsten, und während dies geschah, hörte er mit finsterem Schweigen zu, wie Helgestad den übrigen eine lange Schilderung der Verbesserungen gab, die er alsbald hier vorzunehmen gedachte. Überhaupt sprach er ganz so von dem Gut, als ob es schon sein unbestrittenes Eigentum sei. Der Hausherr ließ dies jedoch bald alles unbeachtet, denn seine Gedanken waren mit dem Mann beschäftigt, von dem allein er Hilfe hoffen konnte: mit Afraja! Er konnte es kaum erwarten, bis seine Gäste die Kammer aufsuchten, nachdem das Abendbrot verzehrt war; denn unverzüglich wollte er sich an den Ort begeben, den Afraja damals als Stelldichein ausersehen hatte. Zwar hegte sein Verstand gerechte Zweifel an dem Erscheinen des alten Hexenmeisters, denn wie sollte Afraja wissen, daß Helgestad am Balsfjord sei? Und wenn er wirklich erscheinen sollte, wie wollte dieser alte Mann so bedeutende Geldmittel sogleich herbeischaffen? – Allein die bittere Not überwand alle solche Regungen und ließ ihn auch der Gefahr trotzen, daß jemand erfuhr, er habe als freier Mann und Christ bei einem Lappen geborgt. Sture fühlte, daß er jetzt, wo der Haß gegen den unglücklichen Stamm sich überall mehr als jemals regte, unmöglich offen die Hilfe des Zauberers eingestehen konnte, ohne wie ein Aussätziger behandelt zu werden. Zehntes Kapitel Der Zauberer Afraja. Helgestad überlistet Alle diese Vorstellungen erfüllten Sture, als er endlich leise den Gaard verließ und an den Fjord hinabging, um den letzten Helfer zu finden. Es war Nacht, schwere Wolken hingen über der Bucht. Nur die Gipfel des Gebirges dämmerten in dem matten Schein des Nordlichtes, das sich am jenseitigen Horizont ausbreitete. Doch Stures Augen waren so vortrefflich, daß er alle Hindernisse des Weges leicht überwand und ohne Unfall die Spitze des Steingetrümmers erreichte, auf deren Höhe ein mächtiges Felsenstück verwitterte! Hier atmete er allein, abgetrennt von allem Leben, und so sehr wirkte die wilde Einsamkeit auf sein Gemüt ein, daß er nur mit einer gewissen Scheu, verbunden mit einer tiefen Mutlosigkeit, dreimal den Namen »Afraja« hervorzustoßen vermochte. »Da bin ich!« antwortete eine Stimme an der anderen Seite des Felsenstücks auf den letzten Ruf. Geröll und Steinbröckel kollerten an der Hügelwand nieder und zugleich schien es, als steige eine Gestalt aus dem Granitblock hervor. So beherzt Sture war, konnte er doch dem unheimlichen Eindruck dieser Erscheinung nicht widerstehen. Ein Grausen überlief ihn, das seine Zunge lähmte und seine Augen weit und stier öffnete. »Du hast mich gerufen«, begann die Stimme wieder. »Setz dich her zu mir, gib mir deine Hand.« Kalte Finger klammerten sich um Stures Rechte. Er hörte das heisere Lachen, das er kannte, dicht an seinem Ohr, und durch das Dunkel glaubte er die kleinen Augen des Zauberers funkeln zu sehen. »Ich war weit, als ich dich rufen hörte«, sprach Afraja. »Ich kam, weil Jubinal es will.« »Wenn du solche Macht hast, Afraja«, erwiderte der Mann, »so wirst du auch wissen, weshalb ich hier bin.« »Du sagst es, Jüngling«, war Afrajas Antwort. »Ich sehe in dieser Finsternis in dein Herz. Ich weiß deine Gedanken, mir ist nichts verborgen. In deiner Gamme schläft ein Wolf; morgen, wenn der Tag graut, will er dich zerreißen.« »Du versprachst mir deine Hilfe, Afraja«, versetzte Sture. »War es dein Ernst, so leih mir das Geld, damit ich die Gier dieses Mannes befriedigen kann.« »Wieviel bedarfst du?« fragte Afraja. »Eine große Summe«, rief der Junker. »Sechzehntausend Species hat Helgestad von mir zu fordern, doch kann ich ihm eine Gegenrechnung machen wegen meiner Fische, die er in Bergen verkauft hat.« »Es ist viel Geld«, murmelte der alte Mann, »doch du sollst es gegen ein Gelöbnis haben.« »Und was soll mein Wort dir verbürgen?« »Wenig, Jüngling. Gelobe mir, daß du kommen willst, wenn ich dich rufe.« »Wohin? »Du wirst es erfahren.« »Gut, ich schwöre es!« »So höre mich an, Jüngling«, sprach der Zauberer, »höre und vertraue. Kehr zurück in dein Haus und schlaf ruhig bis zum Morgen. Jubinal wird dir beistehen. Wenn Helgestad dein Geld begehrt, gehe mit ihm an deinen Schreibtisch, doch nicht eher öffne ihn, bis der unersättliche Mann bei dir steht. Sprich dann zu ihm: ›Ihr sollt haben, was Ihr begehrt!‹ Greife hinein in Jubinals Namen, und du wirst finden, was du brauchst. Jetzt geh und denke an dein Wort.« »Wie?« rief Henrik bestürzt und zornig, »das ist deine Hilfe?! – Treib kein Spiel mit mir, alter Mann, keine Gaukelei mit Zauberkünsten. Wo ist das Geld?« Er streckte die Hände nach dem Platz aus, wo Afraja saß, aber er faßte auf harten Stein. – »Wo bist du?« rief er in Verzweiflung. »Antworte, Betrüger! Oh, daß ich dir glauben konnte!« »Vertraue!« flüsterte eine hohle Stimme, die hinter ihm aus der Tiefe zu kommen schien. Ein Windstoß fuhr zugleich durch das Dunkel der Tannen, ein Lichterschein zuckte über den öden Hügel hin, und oben auf der Spitze der Trümmer glaubte Sture eine hohe, gewaltige Gestalt im flatternden Mantel zu erkennen. Entsetzen kam über ihn, er sprang durch Trümmer und Geröll hinab. Schallendes Gelächter folgte ihm nach. – Unbemerkt war der verlassene Mann in sein Haus zurückgekehrt. Eine peinvolle, traurige Nacht war es, die er am Tisch sitzend zubrachte, von wo aus er unausgesetzt auf das Schreibpult im Winkel starrte. Er glaubte nicht an Afrajas Zauberkünste, dennoch wagte er nicht, sie zu verachten. Der Aberglaube regte sich in ihm, von dem selbst unerschrockene Männer und Helden in Gefahren befallen werden. Alles Heil und Unheil hing davon ab, ob der Schreibtisch wirklich das Geld enthielt, und um diese Frage kämpften alle seine Zweifel und Vorstellungen. Bald schien es ihm Trug und Torheit zu sein, irgendeine Hoffnung zu hegen, bald wieder tauchte dennoch eine Möglichkeit auf, und er überlegte, warum Afraja ihn so schmachvoll verderben sollte. »Was hält mich denn ab«, sprach er vor sich hin, »den Kasten zu öffnen und mich zu überzeugen, daß ich betrogen bin? Warum soll ich das Hohngelächter des elenden Schreibers abwarten? Liegt das schwere, harte Silber wirklich dort, so wird es nicht verschwinden, ist der Raum so leer, wie ich glaube, so wird bis morgen früh gewiß nichts hineinkommen.« Aber wie die Verständigkeit sich auch ihr Recht zu schaffen suchte, geheime Furcht und geheime Hoffnung waren doch stärker. Der alte Zauberer hatte mit großer Menschenkenntnis seine Bedingungen und Gebote gestellt. Endlich kam der Morgen, ohne daß Sture gewagt hätte, sie zu übertreten. Ermattet von so vieler Sorge und Not war er auf seinem unbequemen Sitz eingeschlafen, als Helgestad, gefolgt von dem Schreiber und Olaf Veigand, aus der Kammer hereintrat. Durch das Fenster fiel der Abglanz der Morgenröte auf das Gesicht des Schläfers und machte es friedlich und schön. »Er träumt«, sagte Niels leise, »und ich möchte ihn nicht aufwecken, hat sicher eine schwere Nacht gehabt.« »Dies darf uns nicht abhalten«, rief Petersen laut. »Da kommt schon das Boot mit den Gerichtsdienern aus Tromsö. Ich sehe Lovmann Gerichtsvogt. Gullik am Steuer. Wir haben keine Zeit zu verlieren, wenn wir bis Mittag fertig werden wollen. Weckt ihn auf!« »Will's noch einmal in Güte versuchen«, sagte Helgestad, indem er Stures Arm anfaßte. Dieser, schlug die Augen auf und sah verwirrt umher. »Kommt aus einer anderen Welt, Herr«, sprach Niels, »sind aber noch hier im Bals-Elf-Gaard. Habt nun Zeit zum Überlegen gehabt«, fuhr er fort, »und seid ein Mann, der eine Sache begreift. Biete Euch heute noch, was ich gestern bot, und denke, wir scheiden als Freunde. Ist's nicht so?« Er streckte seine Hand aus, doch Sture blickte finster vor sich hin, und seine Lippen preßten sich verächtlich zusammen. Der Gerichtsvogt trat herein im langen Amtsrock, das Wappenschild auf der Brust. Hinter ihm standen seine beiden Amtsboten. »Seht hin, Herr Sture«, sagte Niels. »Sind die Männer da von Gerichts wegen, um ihre Pflicht zu tun. Biete Euch zum letztenmal die Hand zum Vergleich. Greift zu, habt keinen Ausweg.« »Meint Ihr?« antwortete Sture aufstehend. »Nun, wir wollen sehen. Haben Sie meinen Schuldschein und den Bürgschaftsschein von Bergen bei der Hand? Legen Sie beide vor.« Helgestad sah ihn an, wie einen, von dem man glaubt, er habe plötzlich den Verstand verloren. »Nuh!« sprach er dann, »wollt meine Beglaubigung sehen, ist beides hier. Tretet her, Lovmann Gullik. Ist hier der Schein über sechstausend Species bar empfangen. Hier der andere über zweitausend für Waren und Geräte. Steht der Name darunter, werdet ihn nicht ableugnen.« »Gewiß nicht«, erwiderte der Junker. »Ich erkenne die Schuld an, ebenso die Bürgschaft in Bergen. Da ich aber mit Fandrem in Gegenrechnung stehe, und die gute Hälfte der Schuldsumme durch meine Fische abgetragen ist, so kann ich unmöglich an Niels Helgestad die volle Summe zahlen.« »Eine Bürgschaft muß gedeckt werden, wenn es gefordert wird«, fiel Petersen ein. »Mitnichten, Herr«, sagte der Lovmann. »Die Bürgschaft muß nur dann gedeckt werden, wenn der Bürge keine Mittel sieht, zu seinem Schaden zu kommen. Kann Herr Sture nicht zahlen, und wird sein Hof mit Beschlag belegt, so fällt die Bürgschaft zu der gesamten Schuld, sitzt er aber auf seinem Gut, so muß sich erst zeigen, ob er dem eigentlichen Schuldner nicht gerecht zu werden vermag, und was dieser in Anspruch nimmt.« »Nuh!« rief Helgestad lachend, »ist ein Streit um des Kaisers Bart. Will abstehen von Deckung der Bürgschaft, Hofherr in Bals-Elf-Gaard, habe nur Gutes mit Euch im Sinn gehabt und sollt nicht sagen, daß ich ein harter Mann bin. Biete Euch hier vor dem Gericht nochmals zwanzigtausend Species. Decke Eure Schuld in Bergen und nehme dafür den Fischanteil. Macht alles in allem zwölftausend Species, zahle Euch somit achttausend bar heraus.« »Greift zu!« sagte Gullik, der es freundlich meinte. »Wort ist Wort.« »Wort ist Wort! Habt es alle gehört«, rief Helgestad. »Nimm deine Feder, Paul Petersen, schreib es nieder.« »Halt noch einen Augenblick!« fiel Sture ein. »Und wenn ich Ihnen die schuldige Summe zahle?« – »Habe nichts dagegen, wenn Ihr zahlen könnt«, grinste Helgestad. »So sollt Ihr haben, was Ihr begehrt!« sagte Sture, und mit dem Schlüssel in der Hand ging er auf das Schreibpult zu. Sein Herz schlug heftig und seine Glieder zitterten. »Hilf mir, Afraja!« murmelte er in sich hinein und plötzlich verwandelte sich seine Angst in Freude, denn in dem tiefen Kasten erblickte er eine Reihe lederner, oben zugeschnürter Säcke, auf jedem stand die Zahl »Tausend« deutlich geschrieben. War es Wirklichkeit, oder Trug und Blendwerk? Sture packte den ersten Sack und krampfte seine Hand darum fest, als könnte er verschwinden, dann zog er ihn heraus und warf ihn auf den Tisch, daß das Silber klang. Wie er den Ton hörte und Helgestad und den Schreiber ansah, füllte sich sein Herz mit unbeschreiblicher Wonne, denn diese beiden schlauen Männer standen sprachlos mit stieren Augen vor ihm und staunten das Wunder an. »Nehmen Sie Ihr Geld, Herr Helgestad«, sagte Sture, so gefaßt er es vermochte. »Hier sind acht Beutel, jeder zu tausend Species.« »Ein Messer her!« murmelte Niels, an der Schnur zerrend. Sture schnitt den Knoten auf, der Beutel tat sich auf, die hellen Silbertaler lagen da. Helgestad griff mit der Hand hinein und ließ sie wieder fallen. »Ist richtig«, sagte er, »ist Silber, muß es glauben.« »In Beutel von feinem Renntierfell«, fügte Petersen hinzu, »die beste Lappenarbeit, die man sehen kann.« Die Arbeit des Abzählens wurde getan und alles richtig befunden. Helgestad strich Tausend nach Tausend ein, niemand sagte ein Wort mehr, aber die mürrischen, kalten Gesichter der Umstehenden richteten sich mißtrauisch auf den Junker. »Lovmann Gullik«, wandte sich Sture dem Gerichtsvogt zu, »ich rufe Ihr Zeugnis an, daß ich die Schuld getilgt habe.« »Die Sache ist abgetan, Herr Sture«, antwortete der Beamte. »Niels Helgestad hat erklärt, keine Forderung weiter an Sie zu haben, so kann ich nach Tromsö zurückkehren.« »Doch nicht eher, bis Sie an meinem Tisch saßen«, fiel Sture ein. »Mein Haushalt ist freilich dürftig bestellt, künftig werde ich besser dafür sorgen müssen.« Die Männer waren hungrig, und müde, die Aussicht auf ein Frühstück war daher nicht zu verachten. Der Lovmann blieb, und Sture ging hinaus, um zu sehen, was sich auftreiben ließ. War gestern schon nichts im Haus gewesen, so durfte er heute noch viel weniger etwas Eßbares erwarten, und doch wäre es eine Schande gewesen, hätte er keine Einladung zum Bleiben gemacht. Er besaß jetzt viel Geld in seinem Kasten. Er hatte sechzehn Säcke gezählt, aber mit Freuden würde er einen davon für eine gefüllte Vorratskammer gegeben haben. Sorgenvoll schob er den Riegel zurück, um die leeren Bretter zu betrachten; aber wenn er Afraja je ohne Rückhalt dankbar war, so mußte er es jetzt sein. Da lag eine große, fette Renntierkeule, sorgfältig gebraten und in kühle Blätter gepackt, da lagen mehrere der kleinen, wohlschmeckenden Hasen, die im Winter weißen Pelz bekommen, da lagen Birkhühner, ein ganzer Bund, und drei große Brote auf der anderen Seite. Der Zauberer hatte seine wohltätige Fürsorge bis hierher erstreckt. Eilig rief Sture die Mägde herbei, überlieferte ihnen die Keule und die Hasen, um sie rasch in den Ofen zu schieben und zu wärmen, damit sie Kaffee bereiteten, Milch herbeischafften und den Tisch deckten. Und während er alle diese Vorbereitungen traf, Geräte suchte und sich geflissentlich solange wie möglich von seinen Gästen entfernt hielt, unterhielten diese sich lebhaft über den seltsamen Vorgang und suchten ihn zu erklären. Die Begleiter des Lovmanns pflegten sich vor dem Hause im Sonnenschein, die anderen aber blieben um den Tisch sitzen und hatten mancherlei zu sprechen. Die Kosten der Gerichtsexpedition von Tromsö waren nicht unbedeutend. Helgestad hatte sie zu bezahlen. »Mag darum sein«, sagte er, »weigere mich nicht, hätte es aber nimmermehr geglaubt.« »Ihr seid zu schnell gewesen«, antwortete Gullik mit einem leisen Lächeln. Der Kaufmann warf ihm einen mürrischen Seitenblick zu. »Aber aus welcher Quelle ist der Segen geflossen?« fragte Paul Petersen. »Gestern war nichts hier, ich weiß es gewiß. Wo hat er das Silber her? Wer mischt sich in Niels Helgestads Angelegenheiten? Ein Nordmann, ein Nachbar tat es nicht. Bleibt also niemand anders übrig als Afraja. Dieser dänische Junker und der Priester Hornemann sind lange schon in heimlichem Bündnis mit dem alten Hexenmeister, der verbrannt werden müßte zum abschreckenden Beispiel.« »Ich kann es noch immer nicht recht glauben«, sagte Gullik kopfschüttelnd. »Ein Lappe läßt sich die Hand abschneiden, ehe er einen Species aus der Tasche holt. Auch wird ein Mann von gutem Blut sich nicht damit einlassen, von ihm zu borgen.« »Geld ist Geld«, versetzte der Kaufmann. »Hat aber Paul Petersen Recht, muß ein Verrat dahinterstecken, und ist unser aller Sache, uns vor Verderben zu bewahren.« Nun traten die Mägde herein mit Kaffee, Geschirr und Gedecken, und gleich darauf folgten Brot und Braten, endlich Sture selbst, der Gläser und Flaschen brachte. »Faßt zu, ihr Herren«, sagte er, ergötzt von dem allgemeinen Staunen. »Viel ist es nicht, was ich bieten kann, ihr seid Besseres gewohnt. Nehmt vorlieb und gebt mir Frieden.« Helgestad war ein zu guter Kenner des saftigen Bratens, um nicht starke Gelüste danach zu empfinden. Er nahm sein Messer, schnitt ein paar ungeheure Stücke ab und sagte: »Ist eine Seltenheit, Herr Sture, solch zart und lieblich Fleisch. Habt über Nacht besondere Mittel gefunden, Eure Kisten und Kammern zu füllen.« »Um solche Gäste tut man, was man kann«, lachte der Gaardherr. »Greift zu!« schrie Helgestad. »Ist Speise und Trank, wo man es finden mag, überall Gottesgabe. Nehme mein Glas, Herr Sture, trinke auf Euer Wohl.« Die Unterhaltung nahm nun eine allgemeine Wendung, und die reichliche Bewirtung schien eine günstige Stimmung auf die Gäste zu bewirken. Helgestad versicherte, daß es ihm Freude machen werde, wenn es dem unternehmenden Ansiedler gelingen sollte, sein Werk auszuführen, und daß, wenn er selbst Lust und Meinung dafür verloren habe, damit noch nicht gesagt sei, daß er an keinen Erfolg glaube. Er versuchte eine Entschuldigung seines Verfahrens damit, daß jedermann nach seinem Eigentum sehen und, wo er dies für gefährdet halte, zugreifen müsse, um es zu retten. »Wißt aber«, fügte er dann hinzu, »daß ich vom ersten Tag an, wo Ihr dieses Land betratet, Euch gern zu Diensten war, und hoffe es zu erleben, daß Ihr gerechtes Urteil fällen werdet.« Mit unfruchtbarem Streit war dem Gaardherrn nicht gedient, er antwortete daher in versöhnlicher Weise, und es kam zuletzt eine Art Friedensschluß heraus, den sich jeder beliebig auslegte. »Ich glaube, Herr Helgestad«, sagte Sture, »daß ich niemals vergessen werde, was ich an aufrichtiger Dankbarkeit Ihnen schuldig bin. Sie haben einige Ursache gehabt, mit mir unzufrieden zu sein, denn der Gaard ist vernachlässigt. Es hat mir an Kräften und Augen gefehlt, um alles zu können. Nun aber denke ich mit Gottes Hilfe bald mit meinem Holzgeschäft in Ordnung zu sein, und dann soll, ehe der Winter kommt, Haus und Hof in guten Stand gesetzt werden. Meine Besitzung ist groß und hat viele Hilfsquellen, und meine Mittel reichen aus, diese ergiebig zu machen.« »Habt einen vermögenden Teilhaber gefunden«, fragte ihn Helgestad, indem er sich Kaffee in den Becher goß. »Denke ja. Ist's nicht so?« »Möglich, daß Sie recht haben«, lachte Sture. »Verschwiegen kann es nicht bleiben, mit wem Herr Sture in Verbindung getreten ist«, sagte Paul. »Es wäre daher gewiß Ihr eigener Vorteil, wenn Sie uns eine Mitteilung darüber machen wollten. Ihr Helfer ist doch ein guter Christ?« fügte er spottend hinzu. Sture wurde an einer heftigen Antwort durch Lärm verhindert, der sich draußen vor der Tür erhob. Alle standen auf, denn die Stimme Egedes ließ sich hören, und als sie draußen waren, sahen sie den Quäner, der den Gerichtsdienern und Arbeitern unter heftigen Verwünschungen etwas erzählte. Das erste, was Sture vernahm, war Mortunos Name. »Seht hier«, schrie Egede, »hier hat er gestanden. Seht meinen Hund an, wie er der Spur nachläuft. Mortuno war hier, so wahr ich meines Vaters Sohn bin! Da ist sein ganzer Komager in dem weichen Boden zu sehen.« »Sind also Lappen hier gewesen, Egede?« fragte Helgestad gewichtig. »Ja, Herr«, rief der Quäner. »Drei Renntiere standen dort an den Büschen. Rund umher ist das Gras niedergetreten.« »Wie lange kann es her sein?« fragte Paul. »Keine acht Stunden.« »Waren die Tiere leer oder bepackt?« fuhr der Schreiber fort. »Schwer bepackt«, rief Egede, »sie konnten die Füße sonst nicht so tief eindrücken.« »Nun«, lachte Paul, »so ist der nächtliche Besuch und der plötzliche Silberreichtum genügend erklärt.« »Wahren Sie Ihre Zunge in meinem Hause!« sprach Sture mit einem zornigen Blick auf den spöttischen Schreiber. »Warum verleugnen Sie Ihre Freunde?« entgegnete Paul frech. »Das steht einem ritterlichen Herrn schlecht an. Mortuno hat Ihnen seinen Besuch gemacht. Niels Helgestad ist bezahlt. Was Sie dagegen versprachen, ist Ihre Sache. Guten Morgen, Lovmann Gullik, Glück auf die Fahrt! Führt die Pferde herbei, auch wir wollen fort. Wo ein Bursche wie dieser Mortuno Schutz und Freundschaft findet, kann kein Nordmann mehr am Tisch sitzen.« »Ist schwer zu glauben«, sagte Helgestad, »und tut mir leid, Herr Sture, davonzugehen mit üblen Gedanken. Ist eine Sache, von der Ihr Euch reinigen müßt, und ist ernsthafter, als Ihr meint. Brüten die Lappen Böses in ihren Bergen, und wird bald ein Gerichtstag abgehalten werden, um alle Beweise zu sammeln. Kein Nordmann aber, und sei er der geringste, wird einem Mann trauen, der mit seinen schlimmsten Feinden Umgang hält; keiner wird ihm glauben, keiner selbst sein Brot essen wollen.« Er wandte sich ohne ein weiteres Wort ab, ließ sein Geld auf die Pferde packen und verließ dann ohne Gruß mit Olaf und den anderen Gefährten den Gaard. – Als die Reisenden die Hochebene erreicht hatten, hielt Helgestad auf seinem grauen Rosse still und blickte mit dem Schreiber in die grünen Talschluchten hinab, indes Olaf und Egede vorausritten. Die Miene des harten Mannes war voll Hohn, und wie er Elf und Wald musterte, brach er in ein grimmiges Lachen aus: »Soll mein Mühen nicht umsonst gewesen sein«, sprach er, »muß den Balsfjord haben, was will der Narr damit. Will ein anderes Lied mit ihm singen, daß ihm die Ohren gellen.« »Es ist merkwürdig, lieber Schwiegervater, wie unsere Gedanken zusammenpassen!« lachte Paul auf. »So«, sagte Helgestad schmunzelnd, »kennst also meine Gedanken?« »Genau«, sprach sein Begleiter. »Haltet die Bürgschaft fest, sie wird uns nützlich sein. Ich denke, es soll nicht lange dauern, so haben wir den Junker, den wir beide so zärtlich lieben, an einen schönen Ort gebracht, wo ihm kein Zauberer helfen kann.« »Willst ihm also hart an den Leib?« »Nicht doch«, lachte der Schreiber, »ich will seinen Leib vor allem Schaden behüten. Obenein soll er seinen Freunden nahe bleiben, die ich nicht von ihm trennen will.« »Nuh«, murmelte Helgestad, »sehe wohl, sind auf einem Weg, ist aber doch noch nicht klar in mir, wie das richtige Ende kommt.« »Das Ende muß kommen, wie wir es machen«, sagte Paul. »Ich habe mit meinem Oheim im voraus allerlei Abrede genommen. Man muß die Vögel fangen, wenn sie flügge sind, und dazu ist es Zeit. Laßt die Lappen jetzt treiben, was sie Lust haben, stört sie nicht, droht nicht weiter, seid freundlich, so viel Ihr könnt. In drei Wochen kommen die großen Märkte, herunter müssen sie dann von ihren Felsen und Wüsten, um Wintervorräte einzukaufen, bei dieser Gelegenheit können wir uns die Böcke aussuchen, die wir haben wollen. »Fängst den Afraja so leicht nicht«, erwiderte Niels. »Nein,«, sagte der Schreiber, »den alten Schlaukopf müssen wir uns holen. Soldaten haben wir nicht, aber an tüchtigen Armen und Beinen fehlt es uns deswegen doch niemals. Ich habe ganz in der Stille schon mit einer Anzahl entschlossener Männer gesprochen, die zu aller Hilfe bereit sind, und kann auf mehrere noch rechnen.« Helgestad grinste beistimmend. »Sieh gut zu, was du tust«, sagte er. »Gewiß«, sprach Paul. »Ich habe meine Spione unter den Lappen selbst. Kenne einen Burschen, der mir genau Nachricht geben wird, wo das Lager des Wolfes ist, und denke ihm nächstens einen ehrbaren Besuch abzustatten. Eine Jagdpartie!« rief er boshaft, »mit Olaf und Gustav an den Kilgis hinauf, dort steckt er. Wir wollen ihn in seiner Gamme aufspüren, und ich denke, dabei alles so einzuleiten, daß er uns nicht entgehen soll.« Niels nickte beifällig. »Und dann den Junker«, sagte er, »nimmst sie beide an einem Strick auf den Markt.« »Das Feuer, das den Zauberer brennt«, lachte Paul, »soll auch ihm wenigstens Haut und Haar versengen.« Bei diesen Worten wurde Helgestad ernsthaft. »Treib's nicht zu weit«, sagte er. »Ein Lappe ist ein Ding, das man zu Tode peitschen oder mit einem Stein am Hals in den Fjord stürzen kann, wird sein Schrei nicht weit gehört werden. Der Junker aber hat eine Stimme, die weit über das Wasser geht, und Art läßt nicht von Art. Mag er mit Hohnlachen von seinesgleichen aus dem Lande gestoßen sein, werden ihm seine Genossen doch beispringen, wenn ihm Übles von uns geschieht.« »Sei ohne Sorge, Vater Niels. Mein Oheim und ich wissen, wie man mit Hochverrätern umzugehen hat.« »Nuh!« rief der Kaufmann erstaunt aufblickend. »Das ist der Weg«, fuhr der Schreiber leiser fort, »der den Balsfjord sicher in deine Hände bringt und uns von aller Sorge befreit. Als Hochverräter muß der naseweise Junker verurteilt werden. Dann schicken wir ihn in Ketten nach Trondheim samt allen Akten und was dazu gehört. Du trittst mit deiner Bürgschaft auf. Es wird keiner kommen, der dem Schwiegervater von Paul Petersen Land und Recht streitig macht.« Helgestads Augen funkelten vor grimmigem Spott. »Hast den rechten Blick, Paul«, sagte er. »Greif auch den verwünschten Hexenmeister und presse ihm ein Geständnis ab, sollte es selbst mit der Folter sein. Die Daumenschrauben werden ihn schnell gesprächig machen über die Silberschätze in der Wüste. Hast heute ein Pröbchen gehabt von dem Reichtum des alten Schelms.« Paul nickte verständnisvoll und reichte Niels die Hand hin. Beide sagten nichts mehr, aber sie wußten sich einig, als sie die Köpfe ihrer Pferde wandten und den vorausgerittenen Gefährten nachzukommen strebten. Im Gaard, den sie abends erreichten, wurden sie freudig empfangen und nichts störte das gute Einvernehmen, da sie übereingekommen waren, gegen Ilda Stillschweigen über die Vorgänge am Balsfjord zu bewahren. Gustav, dem man freilich das Nötige mitteilte, zeigte sich zu Pauls Freude geradezu außer sich, als er erfuhr, durch wessen Hilfe der dänische Junker den ihm gelegten Schlingen entschlüpft war, und erst dann konnte er sich beruhigen, als ihm der listige Schreiber einige Andeutungen über seine neuen Pläne machte. Der Gaard war nun voller Regsamkeit des nahen Marktes wegen. Die Warenvorräte wurden untersucht und allerlei kleine Reisen in die Nachbarschaft unternommen, um mit anderen Kaufleuten Tauschgeschäfte zu schließen. Dann wurden die ausgewählten Vorräte in die Boote verladen und nach Lyngen hinübergeschafft, wo man das Kirchenhäuschen des Kaufmanns mit den verschiedensten Dingen vollfüllte, die am sorgfältigsten behandelt und vor Nässe geschützt werden mußten. So vergingen die Wochen voller Arbeit. Inzwischen reiste der Schreiber nach Tromsö und kehrte von dort zurück. Olaf hatte ihn begleitet, und Helgestad wie alle seine Hausgenossen glaubten, daß er sich entfernt habe, um nicht wiederzukommen; allein Paul Petersen wußte ebensogut Mittel, ihn mit sich zu nehmen, wie ihn wiederzubringen. Olaf war weiches Wachs in seiner Hand geworden, das er knetete und formte, wie es ihm beliebte. Er verstand es, durch wiederholte dringende Bitten den Nordländer zu bestimmen, mit ihm zu reisen. In Tromsö aber stellte er ihm mit vieler Herzlichkeit vor, wie traurig Ilda sein würde, wenn er jetzt den Lyngenfjord verlasse, und daß es nicht schicklich sei, vor der Hochzeit heimzukehren. »Ich weiß, guter Olaf«, sagte er dann, »welche Wünsche du gehegt hast, und wahrhaftig! Wenn ich es nicht selbst wäre, ich gönnte Ilda dir am liebsten; aber ich kann es nicht ändern. Du kennst Helgestad, weißt, was geschehen ist. Möglich, daß Ilda anders wählen würde, ich mag es nicht leugnen. Die Verhältnisse haben es so bestimmt, und kein Freund soll uns darum verloren gehen.« So kehrte Olaf zurück, und während der Rückreise wandte Paul jede mögliche Art von Schmeichelei an, um alles Mißtrauen aus dessen ehrlichem Gemüt herauszubringen. In einem Punkt stimmten sie beide überein, im Haß gegen Sture, und hierauf gestützt baute der Schreiber seinen Plan, Olafs Hilfe für sein nahes Unternehmen zu erhalten. Nachdem er ihn gehörig bearbeitet hatte, sagte er ihm, was er sich ausgedacht. – »Ich will dir mitteilen«, begann er, »wie ich den übermütigen Junker in seinen eigenen Schlingen fangen und züchtigen will. Du weißt, wie es die Lappen jetzt machen, kein Mensch ist mehr seines Lebens sicher, wenn er sein Haus verläßt. Du selbst hast ihre Frechheit kennengelernt.« »Der Hund Mortuno soll's nicht umsonst getan haben!« rief Olaf, der immer gereizt wurde, wenn man ihn an sein Abenteuer erinnerte. »Ich denke, du sollst ihn haben«, fuhr Paul fort, »aber mehr als das, du sollst dich auch an seinem Helfershelfer Sture rächen, ohne den der elende Bursche dich nie beleidigt hätte. Sture steckt mit Afraja unter einer Decke, und alle Schandtaten, die der alte Schurke ausheckt, werden von ihm unterstützt. Ich habe ihn sagen hören, daß er sich nicht wundere, wenn die Lappen, von Verzweiflung getrieben, sich selbst Recht zu verschaffen suchten. Diese Zustände müßten ein Ende nehmen, Schutz müsse den Unterdrückten werden.« »Will er sich etwa an ihre Spitze stellen?« fragte Olaf. »Bah!« antwortete der verleumderische Schreiber, »so unsinnig dumm ist er nicht. Prinzessin Gula will er nehmen, nach Kopenhagen mit ihr gehen, dort Himmel und Erde in Bewegung setzen, und ich weiß, was man dort mit Geld machen kann. Ich sage dir, laß Afraja sein Schiff mit Silber bepacken, und du sollst sehen, wie die Raubvögel angezogen kommen, um über uns herzufallen.« Olaf sah ihn ungläubig an. Paul Petersen aber sagte in ernstem Tone: »Afraja besitzt ungeheure Schätze, er besitzt sie wirklich. Teils hat er Reichtümer an gemünztem Geld, das seine Vorväter und er gesammelt haben, teils aber, und das will weit mehr bedeuten, gibt es Silberminen da oben in der Wüste, die niemand kennt als er allein. Was ich dir sage, weiß ich von Männern, denen man Glauben schenken muß. Afrajas eigene Leute erzählen davon die seltsamsten Geschichten.« Olaf war Nordmann genug, um eine plötzliche Gier nach dem Silber zu empfinden, die sich in seinem Gesicht ausdrückte. »Du siehst, mein Junge«, rief Paul, ihm auf die Schulter klopfend, »daß wir den alten Burschen haben müssen, um seine Geheimnisse herauszubekommen. Dazu ist das beste Mittel, Gula einzufangen; dann kommt er und liefert sich selbst ans Messer. Zugleich zerstören wir alle Pläne des edlen Junkers und werden auch mit ihm fertig. Darum hinauf in die Kilgisjauren, dort sind sie. Du mußt uns führen, sollst uns das Tal zeigen, wo dich Mortuno fand und sollst einen Hauptspaß erleben.« Das Übereinkommen wurde bald zum Abschluß gebracht. Olaf sagte seinen Beistand zu. Tapfer und abenteuerlustig, war es ihm recht, den alten Hexenmeister zu jagen, oder Gula zu entführen und in Helgestads Gewalt zurückzuliefern. Paul legte ihm zugleich das tiefste Schweigen auf, um vor allem Verrat sicher zu sein. So kamen sie an den Lyngenfjord zurück mitten in die Geschäftigkeit des Gaards, und Helgestad war wohl damit zufrieden, denn Olafs starke Arme konnten bei der Arbeit gebraucht werden, und Pauls Kopf und Rechenkunst waren für guten Rat in der Schreibstube von vielem Nutzen. »Nun«, sagte Paul, als er mit Niels allein war und ihm einen Bericht über seine Reise gemacht hatte, »es steht, wie Ihr seht, alles gut in Tromsö, Schwiegerpapa. Mein Onkel hat mir sein halbes Haus abgetreten, und lange kann es nicht dauern, so wird er mir das ganze überlassen.« »Meinst also bald sein Nachfolger zu werden?« fragte Helgestad. Der Schreiber lächelte. »Er fühlt es häufig selbst, daß er alt wird. Wohne ich erst mit meiner jungen Frau bei ihm, so kann ich alle Geschäfte wieder auf meine Schultern nehmen, wie ich es sonst schon getan habe. In Trondheim aber sowohl wie in Kopenhagen weiß man, daß ich die Verwaltung leite, und wenn ich recht unterrichtet bin, wird die neue Organisation, zu der ich nach Aufforderung der Regierung einen Plan eingesandt habe, mich nicht unberücksichtigt lassen.« »Nuh«, sagte Helgestad, »willst Amtmann werden, ist mir angenehm, das zu denken. Kann es der Hand, die arbeitet, nicht verdenken, wenn sie den Lohn fordert, der ihr zukommt. Wirst für deinen Onkel Sorge tragen.« »Soviel ich immer vermag«, antwortete Paul. »Im übrigen wißt Ihr ja, daß mein Oheim genug besitzt, um täglich so viel Punsch zu trinken, wie irgend hineingeht.« Helgestad nickte; lange lachten die beiden Männer, und ihre schlauen Augen begegneten sich. »Und nun«, fuhr Petersen fort, »können wir morgen oder übermorgen auch unsere Jagdpartie nach dem Kilgis beginnen. Ich habe alles wohl vorbereitet. Für Afraja ist gesorgt, er wird uns ins Garn laufen, um das ›Wie?‹ bekümmert Euch vorderhand nicht.« »Bin zufrieden, wenn du dich seiner annimmst«, grinste Helgestad. »Werde schweigen und warten.« Der Schreiber strich durch sein rotes Haar und fuhr dann lächelnd fort: »Noch ein anderes Geschäft ist zwischen uns abzumachen. Die Sitte bringt es einmal so mit sich, daß, wenn ein Mann heiratet, er auch nach der Mitgift fragen muß. Daß Niels Helgestad dafür gesorgt hat, ist nicht zu bezweifeln, doch festgestellt ist bis jetzt nichts.« »Ist recht«, antwortete Niels, »würde es ebenso machen, aber sieh hier.« Er zog einen Kasten auf und zeigte ihm dessen silbernen Inhalt. »Sind zehntausend Speciestaler darin«, sagte er, »nimmst sie mit nach Tromsö in dein Haus, gebe aber, so lange ich lebe, zweitausend jährlich in deine Wirtschaft, und wenn es Gottes Wille ist, mich abzurufen, wird Ilda reichlichen Teil an meinem Erbe finden.« »Ich hoffe«, sagte Paul, »Ihr habt darüber feste Bestimmungen getroffen, da des Menschen Ende ungewiß ist.« »Hab's getroffen und kannst einen Blick darauf tun«, erwiderte Helgestad, indem er ein anderes Fach öffnete und eine Schrift herausnahm. Paul sah hinein. Sein Schwiegervater deutete auf mehrere Stellen und sagte dann: »Denke, wirst zufrieden sein?« »Ich bin zufrieden«, war die Antwort, »nur in einem Punkte möchte ich etwas einwenden. Ihr habt allerlei Grundbesitz an Ilda vererbt, Loppen nicht. Laßt die Insel auf uns übergehen.« Helgestad schüttelte grämlich den Kopf. »Ist schwer erworbenes Gut«, sagte er, »soll bei meines Namens Erben bleiben.« »Aber wenn ich Euch bitte, Schwiegervater«, lachte Paul. »Loppen ist eine rauhe Klippe. Vermindern sich die Vögel, ist sie gar nichts wert. Nehmt anderes zurück, gebt mir den Felsen und bedenkt dabei, er wäre nimmer an Euch gekommen, wenn wir nicht geholfen hätten.« Helgestad wurde unmutig. »Kommst mir vor«, sagte er, »wie ein Wal, der vor einem Heringsschwarm liegt. Je mehr ihm in den offenen Rachen laufen, um so weiter sperrt er ihn auf und scheint doch nimmer satt zu werden. Hast deiner Hilfe bei dem Streit um Loppen überhaupt zu danken, daß Ilda dein ist.« »Und damit meint Ihr, sei ich hinlänglich belohnt«, rief Paul belustigt. »Ich denke, die Ehre, mich zum Schwiegersohn zu haben, ist wenigstens ebenso groß.« »Nichts will ich geben!« schrie Helgestad wütend. »Halt!« sagte Paul, »begeht keine Torheit, wir kommen doch nicht voneinander los. Überlegt und laßt uns friedlich beisammenstehn, mögen wir auch sonst uns fürchten oder, wenn Ihr wollt, hassen. Kluge Leute wissen Freunde zu sein und sich zu hüten. Behaltet Loppen, ich sage nichts mehr. Morgen brechen wir zu unserer Jagd auf. Wir werden sehen, was wir fangen können. Und nun zieht Eure Stirn glatt und laßt mich wissen, was ich vielleicht in Euren Rechenbüchern noch helfen und raten kann.« Am nächsten Morgen verließ die Jagdpartie den Gaard. Paul Petersen, Olaf und Gustav wohlbewaffnet, der Quäner Egede mit seinem Hund, auch zwei Packpferde, die allerlei Vorräte für mehrere Tage trugen. Sture hatte inzwischen auf seiner vereinsamten Niederlassung mit mancherlei schweren Sorgen zu kämpfen. Er besaß jetzt Geld genug, allein es fehlte ihm an Vorräten und diese waren selbst durch silberne Mittel nicht leicht herbeizuschaffen. Er selbst konnte den Gaard nicht verlassen, ohne die größten Verwirrungen zu fürchten. Was sich tun ließ, um in Tromsö und an anderen Orten das Mangelnde zu beschaffen, unternahm er mit der größten Anstrengung, doch mit jedem Tage mehr wurde er inne, daß Mißtrauen und Mißachtung sich unter seinen Arbeitern und Hausleuten ausbreitete. Bisher hatte er als Freund und Vertrauter des großen Handelsherrn vom Lyngenfjord gegolten, der im ganzen Land der erste war, jetzt hatte dieser sich mit offenem Hohn und Haß von ihm getrennt. Bald liefen allerlei Gerüchte umher, daß der greuliche alte Hexenmeister Afraja das Geld zum Bau liefere, der dänische Junker sich ihm dafür zugeschworen habe und von Christus wie von allem Recht und aller Ehre abgefallen sei. Die Folge war, daß der größte Teil, der schon den dänischen Herrn nicht mochte, jetzt diesen als Afrajas abhängigen erkauften Genossen verspottete und verschmähte. Alles Ansehen war verloren. Wo Sture tadelte, erhielt er kecke Antworten, wo er antreiben wollte, fand er Widerstand und Grobheit. Nach zwei Wochen war es damit so weit gekommen, daß die meisten trotzig ihr Geld forderten und unter harten Drohungen davongingen, weil sie nichts mehr mit einem Mann zu tun haben wollten, der mit Lappen Umgang und Gemeinschaft hielt. Es blieben kaum einige, denen der junge Gaardherr in seiner Not Vertrauen schenken konnte. Nur der Abhub, der nicht wußte, wohin er sollte, hielt des Geldes wegen aus, ohne irgend zu nützen. Übler noch war es, daß die Ansiedler und Kaufleute in den benachbarten Fjorden und Handelsstellen ihm ebenfalls den Rücken kehrten. Er sah bei jedem Versuch, daß er überall Widerwillen statt Hilfe fand. Die sonst freundlich waren, schlossen jetzt ihre Tür vor ihm, und nun erst wurde er inne, was Helgestads wiederholte Warnung zu bedeuten hatte, sich davor zu hüten, daß er nicht zu den Aussätzigen gerechnet werde. In zivilisierten Ländern, in großen Städten findet der Makelvollste doch immer Freunde und Genossen, hier aber wandten die sogenannten ehrlichen Leute sich nicht allein verächtlich von ihm ab, es waren damit auch andere Nachteile verbunden. Niemand kaufte von ihm oder wollte ihm verkaufen. Kein Arbeiter mochte trotz guter Bezahlung sein Mann sein, Hohn und Schande wurden auf ihn geworfen, und die, denen er Gutes erzeigt hatte, waren zumeist bedacht, ihn zu kränken, Schaden zu stiften und zu lästern. Es war gewiß, daß er seine Arbeiten nicht fortsetzen konnte, und was sollte aus ihm werden, wie sollte er Einsamkeit, Entbehrungen und Ungemach ertragen? Kein Freund würde an seine Tür klopfen, kein menschliches Wesen ihm Teilnahme bezeigen, das öde Haus würde seine einzige Zufluchtsstätte sein. Es war zweifelhaft, ob selbst die wenigen Hausleute bei ihm aushielten, und wenn dies der Fall war, wie sollte er diese und sich ernähren? Blickte er dann weiter hinaus auf den Februar hin, wo halb Finmarken zum Fischfang auf die Lofoten zog, welchen Trost konnte er daraus schöpfen? Es schien ihm unmöglich, daß er daran teilnehmen könnte, denn wie vieles gehörte zu einer Ausrüstung mit Booten und Jachten voll Geräte der verschiedensten Art und hauptsächlich voll Lebensmittel zum Unterhalt der Mannschaften! Hätte er Kolonisten in seine Täler und Uferstellen gesetzt, hätte er für seinen Gaard gesorgt und den Wald liegen und stehen lassen bis zu Zeiten, wo er sich ohne Gefahr in Spekulationen einlassen durfte, so wäre es anders mit ihm gekommen. Helgestad würde nicht gewagt haben, ihn in so gutem, sicherem Besitz anzugreifen; hätte er es doch getan, so wäre Hilfe leicht gewesen. Mehr als einer der reichen Kaufleute hätte ihm dann Geld vorgestreckt. Nun aber war er im ganzen Land verlacht und als ein dänischer Narr verhöhnt, der ebenso kopflos wie sinnlos gewirtschaftet hatte. Er bedachte das alles, sah und erkannte alles, aber es war zu spät! Es gehörte der äußerste Mut und eine zähe Energie dazu, um in solcher Lage nicht zu verzweifeln. Der einzige Freund, von dem Sture wahrhaftes Mitgefühl und allen möglichen Beistand erwarten konnte, war Klaus Hornemann. Wo aber befand sich der alte Gottesmann? In welcher Wildnis, vielleicht am äußersten Kap oder an der Tana mochte er sein! Und wenn er wirklich an den Lyngenfjord kam, wenn er die Ehe in Helgestads Hause einsegnete, konnte er leugnen und lügen, daß er von Afraja Geld genommen, konnte der Priester ihn mit dem allgemeinen Haß aussöhnen, konnte er ihm Achtung und Ansehen, die Mittel verschaffen, um seinen mächtigen Feinden zu widerstehen? Diesen nicht zu weichen, sich nicht berauben und aus dem Lande jagen zu lassen, war noch immer Stures fester Entschluß. Die Überzeugung, daß kein Makel seine Ehre belaste und sein Gewissen frei von Vorwurf sei, hielt ihn aufrecht. Er sann hin und her, irgendein Hilfsmittel zu entdecken, aber in seiner Verlassenheit fand er auch nicht eines, das erfolgreich schien. Afrajas Geld nützte ihm nichts, und doch war dieser alte Mann immer wieder der Schlußpunkt seiner Betrachtungen, doch führten alle seine Grübeleien auf ihn zurück, und wenn er schlaflos lag und der Wind die Fenster rüttelte, sprang er freudig auf, weil er den Zauberer vermutete, der sich nicht blicken ließ. Unter solchen schweren Gedanken ging er eines Tages das Bals-Elf-Tal hinauf und bis jenseits der Wasserfälle, da hörte er plötzlich hinter sich ein leises Rufen, und durch das Felsgetrümmer, in dem die Bäume wurzelten, sah er Mortuno springen, gewandt wie ein Hirsch, seine Mütze mit den Adlerfedern keck auf das schwarze Haar gedrückt. »Ich habe dich lange nicht gesehen, Mortuno«, sagte Sture, als jener herangekommen war. »Friede sei mit dir!« antwortete der Lappe freundlich. »Du ahnst wohl den Zweck meines Kommens?« »Nicht wahr, Afraja schickt dich?« »Ja, der Häuptling will dich sehen«, fuhr Mortuno fort. »Wirst du seiner Aufforderung folgen?« Sture versprach es sogleich. »So will ich dich hier erwarten«, sagte Mortuno und setzte sich auf einen Stein. »Sage deinem Gesinde, daß du ein paar Tage fortbleiben willst, und noch eines. Du wirst an deiner Tür zwei Männer mit Renntieren finden, die einiges von dir kaufen wollen. Gib ihnen, was du hast, es sind Afrajas Leute.« Sture fand bei seiner Rückkunft wirklich vor dem Hause zwei Lappen, die neben verschiedenen anderen Sachen auch ein ganzes Fäßchen Pulver begehrten, und nachdem sie ihren Einkauf besorgt hatten, wieder abzogen. Nach zwei Stunden war der Gaardherr zu seinem Ausflug bereit. Er vertraute sein Hauswesen einer treuen Magd an und fand an der Elf den wartenden Mortuno, der sogleich aufsprang, als er ihn kommen sah, und ohne auf ihn zu warten, an der Felswand aufstieg. Erst oben, wo das Fjeld begann, stand er still, und nun führte er Henrik Sture mehrere Stunden lang östlich durch die stille Wüste. Der Kilgis rückte dabei den Wanderern näher, allein er war noch immer entfernt genug, als die Nacht einzubrechen begann. Der dänische Herr, solcher beschwerlichen, ja oft gefährlichen Wege ungewohnt, fühlte sich endlich ermüdet, aber sein Führer versprach baldige Hilfe. Eine weitere Stunde mochte dann vorüber sein, als sie in eine tiefe Senke hinabstiegen. Hier hörte Henrik Hunde bellen und dann das eigentümliche Grunzen, das die Renntiere hören lassen, wenn sie beisammen sind. Als die beiden Männer an dem Wasser standen, das in der Schlucht floß, bat Mortuno seinen Begleiter zu warten, und kaum waren einige Minuten vergangen, als er schon wiederkehrte und ein Renntier am Riemen mit sich führte. »Hier bringe ich dir die versprochene Hilfe«, sagte er. »Steig auf, das Tier ist stark und wird dich sicher tragen.« Der Junker ließ sich nicht nötigen. Es lag ein Kissen auf dem Rücken des sonderbaren Reitpferdes, ein Glöckchen hing um dessen Hals, das seine leisen Töne durch die Abendstille klingen ließ. Mortuno gab dem Tier einen sanften Schlag, indem er ihm zugleich ein paar unbekannte, rauhklingende Kehllaute zurief. Das Renntier bahnte sich sofort seinen Weg durch die Büsche nach der Höhe, der junge Lappe sprang voran. »Ist es noch weit zu dem Ort, wo dein Oheim uns erwartet?« fragte Sture nach einer langen Weile. »Du bist ihm näher wie dem Balsfjord«, war die karge Antwort des Lappen, der keine Unterhaltung zu wünschen schien. Sie zogen weiter durch die Nacht. Der Himmel hing darüber mit zahllosen Sternen. Das Renntier plätscherte endlich durch Wasser, das ein weites Becken zu füllen schien. Plötzlich flimmerte ein roter Schein in der Ferne, und das Tier stieg mit seinem Reiter aus dem Wasser auf festen Boden, der sich immer höher und steiler erhob. Hunde bellten laut. Aber Sture fragte nicht mehr, denn er wußte, daß er jetzt in Afrajas Nähe war. Nach einiger Zeit kamen ihnen mehrere Männer mit brennenden Holzspähnen entgegen und leuchteten zu einem spitzen Zelt voran, in das Mortuno seinen Gast einzutreten bat. Der Boden des Zeltes war mit Birkenblättern dicht bestreut, ein Feuerplatz befand sich in der Mitte, auf der rechten Seite ein weiches Mooslager mit Pelzen und Linnentüchern. »Verweile hier«, sagte Mortuno, »Afraja lädt dich zur Ruhe ein.« »Und wo ist er?« frage der Junker. »Wer mag es wissen? Wenn es Zeit ist, wird er bei dir sein. Bist du müde, so schlaf unbesorgt; hast du Hunger oder Durst, so findest du hier auf dem Herd, was wir geben können.« Er verließ dann das Zelt, indem er seine Bitte wiederholte, Sture möge geduldig seinen Oheim erwarten. Was blieb in dieser Lage auch weiter übrig? Es war tief in der Nacht, und der lange, beschwerliche Weg hatte den Reisenden nicht wenig angestrengt. So warf er sich denn auf das Moos, nachdem er einige Bissen genossen hatte, drückte seinen Kopf in die weichen Felle und schlief bald fest und traumlos. Elftes Kapitel Gulas Paradies Der Tag graute schon, ehe Sture erwachte. Sogleich sprang er auf, denn seine Neugier war groß. Doch als er die Zeltdecke aufhob, sah er verwundert, daß er auch jetzt sich ganz allein in der furchtbar öden Wildnis ringsum befand. Hinter ihm lag der ungeheure Felsen des Kilgis, sein schwarzes Haupt von der ersten Morgenröte angehaucht. Der Ort, wo der einsame Mann stand, war ein Gebirgsabsatz am Fuß des mächtigen Bergstockes, von dem er durch eine tiefe Kluft getrennt wurde. Nach drei Seiten hin fiel das kleine Fjeld mit fast senkrechten Wänden in einen ziemlich großen See, mit der vierten hing es mit einem Gebirgssattel zusammen, an dem das Renntier in der Nacht mit seinem Reiter hinaufgeklettert sein mußte, nachdem es einen Teil des Sees durchwatet hatte. Wo war es aber nun? Wo war Mortuno? Und wo vor allem war Afraja und sein Kind? Sture sprang auf einen der hohen Blöcke, und mit Erstaunen sah er, daß der Kreis aus Steinen, in dem das Zelt stand, ganz regelmäßig aussah, und daß alle diese Felsenstücke mit sonderbaren Linien und Strichen bedeckt waren. Er hatte schon öfter von Opferstätten der Lappen gehört und zweifelte nicht, daß dies eine solche Opferstätte war, die irgendeiner Gottheit gehörte. Inzwischen war der Tag heller geworden, und als Sture am Rand der Schlucht hinging, schien es ihm, als wären dort die Steine stufenartig übereinandergelegt, so daß ein Hinabsteigen möglich wurde. Ein Versuch gelang, und als er auf dem Grund anlangte, sah er, daß dieser sich weithin in eine Kluft fortsetzte, die wie ein höhlenartiges Tor den Kilgis durchbrach. Die Schlucht wölbte sich hier zu einem Gang, aus dessen Tiefe es ihm wie heller Sonnenschein entgegenschimmerte. Er war überzeugt, daß dies die Wand sein müsse, vor der Olaf bei seiner Entdeckungsreise stillstand, und voller Verlangen schritt er weiter vorwärts. Eine Ahnung sagte ihm, dort müsse Gula wohnen, hier werde er auch Afraja finden. In der Tat, als er nun aus dem Gang heraustrat, sah er ein Tal vor sich liegen, grüner und lieblicher als er jemals eines in diesem Land gesehen. Mitten durch das Gelände strömte ein Bach, dessen Rand mit Gebüsch besetzt war. Dichtes Gras wuchs in Fülle, Moosblumen in mancherlei Farben sproßten dazwischen auf, und wohin Sture schaute, überall glaubte er einen Garten zu erblicken, der von sorgsamer Hand gepflegt wurde. Plötzlich hörte er, eben wie Olaf damals, ferne Glöckchen klingen, und fast zugleich sah er aus dem dichten Gebüsch ein Mädchen kommen, das sich dem Bache näherte und keine andere war als Gula selbst. Stures ganze Teilnahme erwachte. Die zierliche Gestalt der Jungfrau war in ein lichtbraunes Gewand gehüllt, und neben ihr schritt ein weißes gezähmtes Renntier, dessen rotes Halsband ihre Hand berührte. Sie sah vor sich nieder. Doch plötzlich stand das Tier witternd still, und als sie langsam den Kopf aufhob, sah sie den Mann vor sich stehen. »Gula!« rief Sture, seine Hand ausstreckend, und ihre Augen leuchteten auf, ihr anfänglicher Schrecken verwandelte sich in hohe Freude. »Liebe Gula«, sagte Sture, »wie lange habe ich mich danach gesehnt, dich wiederzufinden. Sag mir, wie es dir geht? Gottlob, dein Auge ist hell!« »Friede sei mit dir und mir«, antwortete sie. »Mir ist wohl, ich bin glücklich. – Aber was ist das?« fuhr sie fort, indem sie ihn betrachtete. »Du bist bleich geworden und dein Gesicht ist kummervoll. Oh! Mein Vater hat es mir gesagt, sie verfolgen dich und haben dich verraten, alle, alle sind gegen dich!« »So kennst du also mein Unglück?« fragte er, »und weißt, wie dein Vater mir Beistand geleistet hat?« »Tat er das?« rief sie lebhaft, »Gottes Dank sei ihm dafür! Erst gestern sprach der Vater von dir, sicherlich wollte er mich auf deine Ankunft vorbereiten.« »Und wo ist dein Vater, liebe Gula?« fragte Sture herzlich. »Hier!« antwortete eine Stimme vor der Höhlung der Felsenwand, und da stand Afraja, die Hände um seinen Alpenstock gelegt, und blickte ihn mit den funkelnden Augen an. »Sei gegrüßt, Jüngling, in meinem Land«, sagte er, »und hab Dank, daß du gekommen bist. Möge es dir hier in Jubinals Paradies gefallen.« – Dann auf Gula blickend und mit der Hand über ihr Haar streichend, murmelte der Greis ihr einige Worte zu und fuhr zu seinem Gaste gewendet laut fort: »Wir wollen gehen, ich werde dir meine Tiere zeigen, indessen soll das Mädchen für deine Aufnahme sorgen.« Gula eilte, dem Wink folgend, davon. Das zahme, weiße Renntier lief ihr nach. Afraja dagegen führte den Gast durch die Windungen des Tales, überstieg dann mit ihm einen hohen Granitwall, und jetzt sah Sture sich auf der Hochebene, den Opfersteinen gegenüber, wo er die Nacht zugebracht hatte. Sein Zelt war dort verschwunden, aber zu seinen Füßen am Rand der Waldschlucht erhoben sich fünf andere Zelte, und von diesen zog sich ein Gehege hin, innerhalb dessen es von Milchkühen mit Geweihen wimmelte. Zum erstenmal war der dänische Junker mitten in der Alpenwirtschaft eines Lappenlagers, dessen ganze fröhliche Geschäftigkeit sich vor seinen Augen auftat. Die große Herde innerhalb des Geheges war mehr als tausend Köpfe stark, und heute wurde die Herbstmusterung gehalten. Wohl ein Dutzend Männer und Weiber schien mit Melken beschäftigt, mehrere andere führten die sich sträubenden Tiere herbei. Mortuno, der mit zwei erfahrenen Gehilfen umherging, bestimmte eine Anzahl zum Verkauf auf den nächsten Markt und schnitt ihnen ein Zeichen ins Haar der Mähnen. Die jungen Tiere standen in einem dichten Haufen, die Kälber umsprangen ihre Mütter, stießen sich und jagten sich, schrien vor Lust und wurden durch den warnenden Ruf der Alten gelockt, die ungeduldig den Augenblick erwarteten, wo sie aus den Hürden ins Freie gelassen würden. Die Glocken der Leittiere schlugen melodisch an, und die Männer und Weiber sangen bei ihrer Arbeit. Gelächter und Frohsinn schienen überall zu walten. Da liefen die Hirten mit großen Gefäßen voll Milch nach der Vorratsgamme, die das größte Zelt bildete, dort wieder in ein doppelt aneinander gebautes, welches das Familien- und Wohnhaus zu sein schien, und aus dessen zurückgeschlagener Decke heller Feuerschein unter einer Rauchsäule hervorzuckte. Alle diese Zelte oder Gammen waren sehr einfach gebaut, denn sie bestanden aus nichts als aus sieben oder neun ziemlich hohen Stangen, die sich in einer zusammengebundenen Spitze vereinten, unten aber einen Kreis bildeten. Eine Decke von grober, brauner Leinwand hing über dem ganzen Bau, der durch einige Stricke aus gedrehtem Leder und Pflöcke verstärkt war, um Sturmstößen besser zu widerstehen. Bei einigen Gammen war die Zeltdecke geölt, alle waren in gutem Stand, und nahe der größten hingen an mehreren Pfählen Geräte und Decken, Holznäpfe und Kleidungsstücke. Sture sah mit neugierigem Gefallen diesem Hirtenleben und Treiben zu. Der Tag war heiter, der Himmel so schön blau wie in der besten Sommerzeit, und die Sonne wärmend trotz der Morgenfrühe. Afraja überließ den Junker seinem Nachdenken, denn er wurde bald von Mortuno abgerufen, um bei der Auswahl der Tiere zu entscheiden. »So vergeht ein Menschendasein«, sagte Sture, nachdem er lange auf einem Stein gesessen und zugeschaut hatte, »dort in Palästen, da in Hütten, bei den einen auf seidenen Kissen, hier auf rauhem Fels und Schnee, und was dem Verwöhnten fürchterliches Elend scheint, ist dem Natursohn Genuß und Glück. Aber ich kann jetzt begreifen«, fuhr er fort, als Afraja zurückkam, »warum die armen Lappen an der Küste euch so sehr beneiden. Es ist eine Herrlichkeit um solch freies Hirtenleben gegen das dumpfige Wohnen in einer Erdhütte.« »Die dort unten«, erwiderte Afraja stolz, »sind Bettler, die sich von Almosen nähren. Ich habe hundert Tiere aus dieser Herde gewählt, die ich am Markttage verkaufen will, samt Federn, Häuten und Geweihen. Meine anderen Herden werden mir nicht weniger einbringen, meine Taschen werden voll blanker Taler sein, und dabei fehlt es uns nicht an guter Speise aller Art. Wir wandern in unserem weiten Land auf und ab, leben wo es uns gut dünkt, leiden keine Not, kennen keine Entbehrung. Wie vielfach ist die Plage der Männer, die sich weiser und besser dünken? Wie groß sind ihre Bedürfnisse? Und je weiter du blickst, um so mehr wirst du finden, daß ich Wahrheit spreche. Die Menschen sind gerecht gewesen, solange sie wenig bedurften; je weiter sie in schlauen Künsten kamen, um so gieriger und gewissenloser wurden sie. Wir leben noch wie unsere Väter vor langen Jahren. Wir wollen nichts von fremdem Gut, aber dein Volk hat uns bedrückt, hat uns genommen, was uns gehört, und gibt uns keinen Frieden.« »Wenn das wahr wäre, was du sagst«, antwortete Sture, »würde es auf der ganzen Erde nur Hirten und Jäger geben. Wir würden wie die Tiere des Waldes sein. Doch der Mensch hat von Gott den Sinn erhalten, weiter zu streben, zu lernen und zu schaffen und seinen Verstand zu gebrauchen.« »Muß er ihn gebrauchen, um Unrecht zu tun?« fragte Afraja. »Nein«, erwiderte der Junker, »Aufklärung soll uns bessern, soll uns milder und gerechter machen.« »Komm«, fuhr Afraja fort, »meine Herde geht auf ihre Morgenweide. Du wirst durstig sein, brich mit uns dein Brot und danke dem Allvater, dem jedes Geschöpf gehört.« Während er sprach, hatte sich die dicht gedrängte Tierschar in Bewegung gesetzt. Ein Dutzend der kleinen zottigen Hunde, die bisher wachsam den ganzen Trupp umstanden und jedes Renntier zurückgewiesen hatten, das sich entfernen wollte, begann ein lautes Gekläff. Die Leittiere setzten sich an die Spitze ihrer zahlreichen Familien, und nun ging es hinaus in die tauige, moosige Heide, erst zum See hinab, um zu trinken, dann in die waldige Schlucht, wo reiches Futter war. Es war ein fröhlicher Zug ins freie Leben. Die Tiere mutig springend, die Hunde mit frischem Gebell, die Hirten mit langen Stäben und gellendem Geschrei nach allen Seiten. Die Zurückbleibenden aber sammelten sich in dem großen Zelt, wo ein Kessel von oben herab an der Kette über dem Feuer auf dem Herdstein hing, und eine alte Frau die fette, frische Renntiermilch zum Frühstück kochte. Weiber, Kinder und Männer hockten da im Kreise, empfingen ihr Teil, aßen die Mehlkuchen dazu, die heiß von dem heißen Stein kamen, und sahen mit scheuen, lauernden Blicken den fremden Herrn an, der ihren ausgezeichneten Appetit beobachtete. Afraja nahm eine der Holzschalen, die alte Frau füllte sie mit dem Trank, dann reichte er sie seinem Gast. »Du mußt nehmen«, sagte er, »was wir geben können, hier ist niemand, der Besseres oder Schlechteres hätte.« Die süße Milch schmeckte vortrefflich. Sture fühlte sich davon erfrischt und Afraja nickte beifällig, als er dies bekannte. »Ich hoffe«, sprach er, »du wirst noch besser mit unsern Speisen zufrieden sein, denn selbst Männer wie Helgestad verschmähen diese nicht.« Dieser Name erinnerte den Gaardherrn an den eigentlichen Grund seines Hierseins. – »Du hast mich zu dir gerufen«, sagte er, »und ich erfüllte mein Versprechen um so lieber, weil ich deines Rates bedürftig bin. Du weißt gewiß, wie es mit mir steht, daß mein Haus verlassen ist, meine Arbeit stockt, und daß ich in Wahrheit kein Mittel kenne, um mich aus meiner bedenklichen Lage zu reißen.« »Ich weiß«, antwortete Afraja, und dann sah er sinnend in die Ferne, als überlege er seine nächste Antwort, bis er plötzlich auf einen Gegenstand deutete, der sich jenseits des Sees zeigte. Weidenbüsche wucherten dort, und war es Täuschung oder Wirklichkeit, Sture glaubte Olaf zu erkennen, und neben ihm stand der Schreiber, hinter den beiden Gustav. »Helgestads Sohn!« rief er überrascht. Der Lappe nickte, er schien weder erschreckt noch besorgt zu sein. Seine Augen waren scharf, und wie er sich vorbeugte, schien es, als hielte er ihnen sein Ohr entgegen, und als könnte er hören, worüber sie sich besprachen. Nach wenigen Minuten stiegen die drei Männer die Hügel hinab und näherten sich den Zelten. »Sie dürfen mich nicht finden«, sagte Sture. Afraja hob mit seinem Stab das Linnen des dicht anstoßenden Zeltteiles auf und winkte seinem Gast, sich dort zu verbergen. Auf seinen gellenden Pfiff kam Mortuno aus der Vorratsgamme, und kaum hatte er die drei Nordmänner erblickt, als sein Gesicht einen wilden und rachsüchtigen Ausdruck annahm. Mit einem Griff hatte er sein Gewehr zur Hand, das am Pfosten neben dem Eingang hing, allein gehorsam tat er es wieder an seinen Ort und entfernte sich, als ihn ein strenger Befehl Afrajas dazu aufforderte, der ihm vorher noch einige leise Worte zugeflüstert hatte. Der Häuptling setzte sich neben den Herdstein nieder, bis Hundegebell und lachende Stimmen die Ankunft der fremden Männer verkündeten. »Rufe deine Hunde zu dir!« sagte der Schreiber, als er Afraja bemerkte. »Du wirst doch nicht dulden, daß sie deine besten Freunde anfallen.« Afraja tat einen gellenden Pfiff, und sogleich ließen die Hunde ab. »Sei gegrüßt, glorreicher König. Jubinal schütze dein teures Haupt!« rief Paul lustig. »Jedenfalls bist du neugierig, wie du zu der Ehre kommst, uns in deiner Gamme zu sehen. Höre also: Gestern früh haben wir uns zu einer Herbstjagd aufgemacht und sind so glücklich gewesen, daß ein vollbeladenes Pferd mit unserer Beute bereits nach dem Lyngenfjord unterwegs ist; wir aber streiften weiter und kamen so bis an den Kilgis. Als wir dann deine Zelte erblickten, beschlossen wir einen Besuch bei dir, um uns deiner mächtigen Freundschaft zu empfehlen.« »Ihr seid willkommen«, sagte Afraja. »Setzt euch zu mir. Alles, was ich habe, gehört euch.« »Ihr habt es gehört!« schrie Paul lachend. »Alles, was er hat, gehört uns. So bekenne denn, du alter Geizhals, wo du deine Schätze verbirgst!« »Such sie«, antwortete der Lappe, in die Lustigkeit einstimmend, »und nimm, Väterchen, was du findest.« »Also auch dazu haben wir deine Genehmigung«, rief der Schreiber, »nun wer weiß, was geschehen kann. – Wo aber hast du deine Leute? Wo ist der liebenswürdige Mortuno?« »Meine jungen Leute sind bei den Herden im Tal«, antwortete Afraja. »Laßt mich jetzt sehen, was ich meinen Gästen vorsetzen kann.« Er schritt bis vor den Eingang der Vorratsgamme und rief ein Weib herbei, dem er seine Befehle gab. »Wenn der alte Hexenmeister wirklich allein wäre«, sagte Olaf leise, »so könnte man ein ernsthaftes Wort mit ihm reden.« »Mache keinen schlechten Spaß, mein Junge«, entgegnete Paul, der seine Augen rastlos umherspüren ließ, »ich dächte, du wüßtest genau, was eine Lappenkugel zu bedeuten hat, und dort sehe ich, ganz wie ich es dachte, Mortunos gelbes Gesicht aus der Vorratsgamme schielen. Also Ruhe und kaltes Blut!« Die jungen Männer hatten sich um den Herdstein gesetzt, und Paul zog eine gut gefüllte Flasche hervor, die er dem wiederkehrenden Afraja entgegenschwenkte. »Nimm diesen Göttertrank«, rief er, »den Jubinal nicht verschmähen würde. Auf dem Lyngenmarkt sollst du mehr davon haben. Du wirst doch selbst auf den Markt kommen?« »Ich komme, Väterchen, komme!« antwortete der Lappe, vergnügt grinsend. »Bringe Renntiere mit, mehr als zweihundert Stück.« Er zählte seine anderen Waren auf, und ein Gespräch über die Märkte kam in Gang, während zwei Lappenweiber Speisen brachten und diese vor die Gäste stellten. Sture lag versteckt unter den Decken und konnte jeden Laut hören, der nebenan gesprochen wurde, aber was er erwartete, geschah nicht. Mit keinem Wort wurde seiner gedacht. Die Jäger waren hungrig und durstig, lobten Speise und Trank und lachten über Petersens Scherze. »Du mußt jedenfalls auf den Markt kommen«, sagte der Schreiber mit vollem Mund, »du wirst dir dadurch sogar den Dank meines Oheims erwerben. Allerlei Streitigkeiten sind vorgefallen. Du hast Einfluß bei deinen Landsleuten. Halte sie in Ordnung, damit sie keinen Übermut begehen.« »Du wirst mir dafür keine Schuld geben, Väterchen«, antwortete Afraja. »Niemand gibt dir Schuld«, fuhr Paul fort, »aber dein eigener Neffe macht schlimme Streiche. Wo ist er? Hast du ihn hier?« »Auch er ist bei den Tieren im Tal«, grinste der alte Mann. »Tu ihm nichts, er ist jung und wird sich bessern.« »Nicht wahr, wenn er eine Frau bekommen hat«, sagte Paul, »oder hat er Jungfrau Gula schon heimgeführt?« Afraja schüttelte bedächtig den Kopf. »Mortunos Gamme wird leer stehen«, sagte er dann, »bis der Winterschnee gefallen ist.« »Warum hast du Gula aus meines Vaters Haus genommen?« fragte Gustav ungeduldig und drohend. »Afraja hat ganz recht getan«, fiel der Schreiber schnell ein, »jeder Vater hat über sein Kind zu gebieten. Was sollte das Mädchen denn auch am Lyngenfjord? Ilda kann sie nicht mitnehmen, ich möchte sie in Tromsö nicht haben. Soll sie etwa Olaf als Haushälterin nach Bodö mieten?« »Lieber möchte ich Bären und Wölfe um mich sehen als die gelbe Hexe!« entgegnete Olaf grämlich. »Nimm es nicht übel, Afraja«, sagte Paul; »wenn Olaf auch brummt, er liebt dich mehr als du denkst. Übrigens hat er eine Bitte an dich. In wenigen Tagen wird er eine Reise antreten; dazu braucht er feines Wetter und guten Wind. Du bist ein Zauberer, alle Welt sagt es, und kannst Sturm und Wetter besprechen. Willst du meinem guten Freund Olaf hier eine feine, rasche Fahrt verschaffen?« Afraja machte ein verneinendes Zeichen, wobei ein schlaues Lächeln um seine Mundwinkel zuckte. »Warum willst du nicht, alter Bursche?« fragte Olaf in grobem Ton. »Schreib dein Narrenzeug auf, ich gebe dir einen Taler dafür.« »Du nennst es selbst närrisches Zeug«, antwortete der Lappe, »was willst du also damit?« »Kümmre dich nicht um den Ungläubigen«, mischte sich Paul ein. »Wenn er die Wirkung merkt, wird er sich zu deinem Wunder schon bekehren. Gib immerhin deinen Zauber her.« Afraja lachte vor sich hin, dann nahm er stillschweigend aus der Tasche, die an seinem Gürtel hing, ein Stückchen Messing, das fast wie ein menschlicher Kopf geformt war. Er faßte es an einem Ende, das andere mußte Olaf festhalten, und während er etwas vor sich hinmurmelte, umwand er es mit einer dünnen Sehne, die er gleichfalls aus der Tasche holte. Noch einen längeren Spruch leise flüsternd, überreichte er es dann dem Nordländer, der zu der ganzen Zeremonie ein höchst ungläubiges Gesicht machte. »Was soll ich mit dem Zeug tun?« frage Olaf. »Trage es bei dir«, sagte Afraja, »Wind und Wellen werden dir zu Diensten sein.« »Unsinn!« schrie der handfeste Mann. »Denkst du, alter Narr, daß ich deinen Betrug glauben soll? Genug mit dem Spaß, laßt uns gehen.« Er war im Begriff, das Amulett in die qualmende Herdasche zu schleudern, als der Schreiber seinen Arm festhielt und nachdrücklich sagte: »So sollst du Afrajas Bereitwilligkeit nicht lohnen. Nimm seinen Zauber dankbar an und versuche, ob er dir nützt.« Er steckte das Amulett in Olafs Rock und setzte seinen Hut auf. »Gib Afraja deinen Taler«, fuhr er fort, »und dann fort mit uns, wenn wir noch zur Nachtzeit den Lyngenfjord erreichen wollen. Auf Wiedersehen auf dem Markt, Afraja. Du sollst zufrieden sein.« So gingen sie aus der Gamme, und Afraja begleitete sie. Als Sture aus seinem Versteck hervortrat, sah er sie alle an der waldigen Schlucht stehen und dann zwischen den Steinmassen jenseits des Wassers verschwinden. Sture fühlte sich beunruhigt über dies sonderbare Zusammentreffen. – »Sie sind fort«, rief er Afraja entgegen, »weißt du gewiß, daß sie mich nicht hier vermuten?« »Sie ahnten deine Gegenwart nicht«, erwiderte der Greis, und leise lachend setzte er hinzu: »Mich wollen sie auf ihren Markt haben, und Afraja wird kommen, um mit dem gestrengen Vogt seine Rechnung abzuschließen.« »Hüte dich!« sagte Sture, den eine Ahnung überkam, als er in Afrajas unheimliches Gesicht blickte. Hohn und Ingrimm hatten sich in die tiefen Falten und Runzeln gelagert, seine funkelnden Augen sahen nach der Stelle hin, wo die Fremden verschwunden waren. »Laß mich jetzt wissen«, sprach der Junker, »was du von mir begehrst. Ich bin dir verpflichtet und will, wenn es sich mit meiner Ehre verträgt, dir zu Diensten sein.« »Nicht hier«, antwortete der Alte, indem er aufstand. »Komm, folge mir.« Er schritt voraus und führte ihn nach dem Felsenvorsprung, auf dem die heilige Opferstätte lag. »Setz dich hierher zu mir, Jüngling«, sprach er. »Du bist an einem Ort, der weder Lüge noch Verstellung duldet. Dies ist die heilige Opferstätte Jubinals, wo der Vater aller Dinge seit vielen Menschenaltern verehrt worden ist.« Der Greis schien, indem er sprach, kräftiger geworden, und seine Stimme klang ernst und feierlich. »Ich rede zuerst von dir«, fuhr er dann fort, »um dir zu beweisen, daß ich aufrichtig bin. Du bist hierher gekommen in ein Land des Streites und der Not, um dich zu denen zu gesellen, die nichts kennen als ihre Gier nach Geld und Gewinn. Sie pressen jeden aus, der zu ihnen gehört, wieviel mehr uns, die wir, ehe sie kamen, dies Land besaßen. – Du bist erfahren in Büchern und Schriften, so wirst du auch gehört haben, daß dies unermeßliche Land einst unserer Väter Eigentum war. Noch werden im fernen Süden an den Ufern des Ostmeeres ihre Gebeine in Felsengräbern gefunden, wir aber ziehen auf diesen baumlosen Fjelden umher. Doch selbst diese Einöden gönnen uns die harten Männer nicht. – Glaube nicht, daß dies immer so war«, fuhr er nach einem schwermütigen Schweigen fort, »glaube nicht, daß das Renntier unsere einzige Pflege und einzige Nahrung ausmachte. Viele Sagen haben sich erhalten, daß wir einst in schönen, hellen Tälern lebten, wo Fruchtbäume standen und reiches Korn wuchs. Gewalt hat uns daraus vertrieben; wir wurden gejagt und verfolgt, bis uns nichts übrig blieb als die öde Wüste und das Geschöpf, das allein darin zu leben vermag. Was helfen Klagen! Jedes Geschlecht hat schlimmere Zeiten gesehen, und wenn es so fortdauert, muß es ein Ende mit uns nehmen. Unsere besten Weiden sind verloren, weder Recht noch Gewissen ist in unseren Verfolgern, unser Anblick reicht hin, uns zu verspotten, unser Name reicht hin, uns zu verachten. Wo ist Gerechtigkeit zu finden bei denen, die uns weniger wert halten als das schlechteste Tier, und die uns abschlachten würden, wo sie uns greifen könnten, wenn sie auf den Märkten nicht doppelten Vorteil von uns hätten, im Kaufen und Verkaufen. Du Jüngling«, sprach er mit einem dankbaren Blick, »bist mit mildem Herzen geboren. Du nahmst dich der Verstoßenen an, und was ist dir dafür geschehen? Der, welcher dich in sein Haus lud, tat es, um dich zu verderben, und die Männer, die das Land regieren sollen, verbanden sich mit ihm.« »Wahr! Alles wahr, was du sagst!« fiel Sture ein, »aber wo ist Hilfe? Sprich, was ich tun kann, um diesen Ränken und Gelüsten ein Ende zu machen?« Afraja schwieg eine Zeitlang, dann antwortete er: »Du wirst mit allem, was du tun magst, ihrer Rache nicht entgehen. Du wirst keinen finden, der dir seine Hand reicht, jede Tür wird sich vor dir schließen, niemand, der mit dir handeln, niemand, der dein Brot essen mag. Für deine Dienste wirst du nur elendes Volk finden, das dich betrügt. Fische kannst du nicht fangen. Wo du dich zeigst, wirst du ausgestoßen sein, und was du unternimmst, wird beschädigt und zerstört werden.« »Du kannst recht haben«, antwortete Sture erregt, »böser Wille und Unvernunft fallen über mich her, nur zu viele Proben habe ich schon vorzuzeigen. Doch mit Ruhe und Besonnenheit läßt sich manches tun, um ihre Bosheit zuschanden zu machen.« »Tu, was du willst«, sagte der alte Mann, »sie werden schneller sein als du. Vogt und Sorenskriver sind die mächtigsten Männer in den Finmarken. Sie sind deine Feinde, nirgends wird Ruhe für dich sein. Sie werden Dinge aussinnen, die dich verderben, werden auf ihre Gesetzbücher schlagen und dich ausplündern, greifen und arm machen.« Er lachte heiser vor sich hin und sagte dann: »Du weißt ja, was Richter und Gesetze bei deinem Volk vermögen. Wen man elend machen will, den überliefert man der Gerechtigkeit. Wem man nehmen will, was er hat, dem schickt man den Sorenskriver ins Haus. Sei sicher, Paul Petersen hat den Strick schon gedreht, der dich vor seinen Stuhl bringt, und Helgestad hält den Knoten zusammen.« »Und gibt es kein Mittel um dieser schändlichen Sippschaft zu entgehen?« »Ja, ich kenne ein Mittel«, antwortete der Lappe, ihn starr ansehend, »und dies eine Mittel hilft uns beiden. Hör zu! Wie viele Kaufleute wohnen in den Sunden und Fjorden? Nicht fünfhundert. – Wer liebt sie? Niemand! – Sind es tapfere, starke Männer, die Wolf und Bär jagen können? Sie sind träge, trinken, zählen Geld, rechnen und sitzen in ihren Häusern am Herd. – Was sind wir dagegen? Ein Volk, das mehr als zehntausend Männer hat, Männer, deren Büchsen niemals fehlen und die in Sturm und Nebel niemals verzagen.« »Wie?« rief der Junker erstaunt und erschreckt, »willst du Aufruhr anstiften, gegen König und Obrigkeit Krieg beginnen?« »Nicht gegen König und Obrigkeit«, sagte Afraja, »aber gegen unsere Feinde, die in deines Königs Namen jede Gewalt verüben.« »Sei nicht ungerecht. Der König weiß nichts davon. Wüßte er es, oder wüßte es der Gouverneur in Trondheim, es würde vieles nicht geschehen. Hoffe, daß die Bemühungen des Missionars Hornemann bald Hilfe bringen.« »Weiß er es nicht«, sagte Afraja, »um so schlimmer für ihn. Wie kann er auch so viele hundert Meilen von hier König sein wollen? Nein, Herr, ich hoffe weder etwas von deinem König, noch von seinen Dienern, oder von dem alten Priester.« Sture hatte Zeit gefunden, sich zu bedenken. »Laß deine Erbitterung«, sprach er nachdrücklich, »nicht über deine Klugheit den Sieg davontragen. Die Kaufleute und Ansiedler, die Quäner und Fischer werden sich nicht so leicht überwältigen lassen. Dein Volk lebt zerstreut über den ganzen Norden bis an das Eismeer hin. Du hast keine Gewalt darüber. Aber selbst wenn es dir gelänge, was niemals glücken kann, die Niederlasssungen der Nordmänner überall zu zerstören und siegreich zu sein, so würden bald genug Kriegsschiffe voll Soldaten kommen, die fürchterliche Rache nähmen.« Afraja lachte vor sich hin. – »Laß sie kommen«, antwortete er dann, »deine Soldaten sind nicht Männer, die viele Tage durch Sümpfe waten und durch die Jauren steigen können, ohne gute Verpflegung zu haben.« Der Junker mußte dies zugeben, aber je mehr er einsah, daß Afraja wirklich im Ernst sprach, um so mehr lehnten sich seine Gefühle dagegen auf. – »Wenn ich wüßte«, sagte er endlich, »daß du zu solchen blutigen Taten greifen könntest, so würde ich meine Pflicht tun und der Obrigkeit Anzeige machen.« Afraja antwortete mit einem Blick, dessen furchtbare Bedeutung Sture verstand. »Der Verräter«, sprach er langsam, »würde den Balsfjord nicht wiederfinden. Aber du kannst mich nicht verraten, auch wenn du möchtest. Jubinal hat dich zu seinem Werkzeug bestimmt, und du wirst sein Gebot erfüllen. Glaube nicht, daß ich mich gedankenlos in Gefahr begebe. Mortuno ist ein furchtloser Mann, und die junge Mannschaft aus allen Gammen ist bereit, ihm zu folgen. Du aber wirst bei ihnen sein und ihren Mut anfachen!« »Wer? Ich?« rief Sture, »eher möge meine Hand verdorren!« »Du bist kriegskundig«, sprach Afraja unerschütterlich, »und viele fürchten dich. Aber du bist auch mächtig in deinem Land und kannst dort deine Stimme hören lassen. Man sagt, daß in Kopenhagen derjenige alles vermag, der silberne Arme hat. Nun wohl, Jüngling, Jubinal wird dir diese Arme geben. Du sollst ihrer Gier Schätze zuwerfen, mögen sie den Preis bestimmen, um den sie uns unserer Väter Land verkaufen wollen.« »Wenn du so viel Geld besitzest«, sagte der Junker erstaunt, »so läßt sich allerdings vieles erreichen, jedenfalls eine bessere und gerechtere Verwaltung und eine strenge Aufsicht über Kaufleute und Vögte.« Afraja schüttelte hohnvoll seinen Kopf. »Fort sollen sie alle, wir wollen sie nicht länger dulden. Gäbst du ihnen unser Silber in Säcken, so würden sie morgen kommen, um mehr zu holen. Nein, Jubinals Kinder werden zu ihnen hinuntersteigen, Jubinal soll seine Opfer haben!« Die grimmigen Blicke, die er auf den Stein warf, der manches blutige Opfer gesehen haben mochte, erschütterten den dänischen Mann. Ein schrecklicher Gedanke flog durch seinen Kopf, daß er vielleicht selber dem schwarzen Götzen geschlachtet werden könnte, wenn er sich weigerte, Afrajas Willen zu erfüllen. Allein sein Stolz und seine Ehre sträubten sich vor einer heuchlerischen Unterwerfung. Er begann darum mit vieler Ruhe, Afraja nochmals von jeder Gewaltsamkeit abzumahnen und stellte eine kaltblütige Untersuchung über die Möglichkeit des Gelingens eines Aufruhrversuchs an, die damit endete, daß er bewies, er könne nicht glücken. Dagegen aber schilderte er mit eindringlicher Wahrheit die Folgen, welche sich daran knüpften. Alle gehässigen Verleumdungen, alle Anschuldigungen gegen den unglücklichen Volksstamm würden dann erst vollen Glauben finden. Niemand würde mehr seine Stimme erheben können, um ihn zu verteidigen; alle Schrecken einer fanatischen Verfolgung würden nun erst einbrechen und eine Vernichtung unter den größten Greueln das Ende sein. »Du willst dein Silber bieten, um dein Vaterland freizukaufen«, sagte er zuletzt, »und doch gestehst du selbst ein, daß damit nur neue, gierige Gelüste aufgeweckt würden. Wenn es wahr wäre, daß, wie Paul Petersen behauptet, im Schoße dieser Gebirge reiche Silberadern verborgen liegen, die du allein kennst, so hüte dich, das Märchen glaubhafter zu machen. Um Perus Silber haben die Spanier ganze Völker geschlachtet, und geldgierig ist der Vogt von Tromsö nicht allein, er würde Genossen genug finden auch in Kopenhagen. Ganze Banden würden kommen, um diese Schätze zu entdecken, und was hülfe es dir, die Fischhändler zu vertreiben, um weit schlimmeren Nachfolgern Platz zu machen.« Afraja hatte aufmerksam zugehört, und verschiedentlich schien er die Gründe seines Gastes anzuerkennen. »Hab Geduld«, so schloß dieser seine Rede, »wie auch ich Geduld habe. Meine Lage ist wahrlich unglücklich genug, und du hast mir keinen Trost geben können, hast mir im Gegenteil gezeigt, daß ich ein verlorener Mann bin. Dennoch verzweifle ich nicht. Ich will auszudauern suchen, und Gott, der die Hilfe der Schwachen ist, wird mich den Weg erkennen lassen, den ich gehen muß. Ich werde Hilfe finden, werde mich selbst nach Trondheim und Kopenhagen wenden, und sei dann überzeugt, Afraja, daß ich auch für dich meine Stimme erheben werde, so weit sie irgend reicht.« Der alte Stammführer verharrte einige Minuten lang im Schweigen, dann begann er, als habe er von Stures Beteuerungen nichts gehört, da fortzufahren, wo er aufgehört hatte. »Wenn wir diese vertrieben haben«, sagte er, »dann ist es Zeit, dafür zu sorgen, daß keine anderen kommen. Deine Worte sind in meinem Gedächtnis, und du hast recht, wir können dies Land nur besitzen, wenn wir selbst Handel treiben und in festen Wohnsitzen wohnen. Aber sage mir, warum wir es nicht könnten? Wir verstehen mit den Netzen ebensogut umzugehen wie mit dem Hirtenstab und dem Gewehr des Jägers. Wir haben unseren Verstand vom Allvater erhalten und wissen ihn zu gebrauchen. Unsere Hände sind geschickt zu vielen Dingen. Wer näht so feine Schuhe, wer macht so bunte Gürtel, wer fertigt so schöne Taschen und Kragen? Warum sollten wir keine Schiffe und Häuser bauen? Warum sollten wir nicht zum Fischfang auf die Lofoten und bis nach Bergen fahren können? Warum sollten wir nicht gedeihen und gern gesehen werden?« Sture blickte ihn voll Verwunderung an. Was Afraja sagte, klang gerecht und gut, aber dennoch war es ein Traum, ein Märchen, unmöglich zur Wahrheit zu machen, unmöglich auszuführen. Wie sollten diese halbwilden Renntierhirten, diese Jäger des Gebirges, dieser tief verachtete, herabgewürdigte, seit uralten Zeiten verkümmerte Menschenstamm sich zu der Zivilisation erheben, die nötig war, um ein handeltreibendes, fischendes, ackerbauendes Volk daraus zu machen? Ein Gefühl des tiefsten Mitleids ergriff den jungen Mann, denn Afrajas Fragen hatten etwas Rührendes. Sein Gesicht hatte sich veredelt, aus seinen Augen leuchteten die Gedanken, die seinen Kopf erfüllten. »O Afraja!« rief er aus, »wollte Gott, ich könnte glauben, daß das alles wirklich geschehen könnte, daß es dein Volk vermöchte, sich aus der Niedrigkeit aufzurichten. Ja, wären sie alle wie du und wie Mortuno. Doch sieh hin, wie die meisten sind – laß ab davon, alter Mann, es ist zu spät!« Der alte Häuptling verharrte viele Minuten lang im Nachdenken. »Jubinal ist allmächtig«, sprach er endlich, indem er sich von seinem Platz erhob, »er wird dein Herz wenden. Schweig jetzt, Jüngling, und laß uns gehen, Gula wird uns schon längst erwarten.« Mit diesen Worten schritt er seinem Gast voran die Felsenstufen hinab. Wie lieblich war jetzt das versteckte Tal, das von der Mittagssonne warm beschienen wurde! Gula hatte sich um des Freundes willen aufs Beste geschmückt, hatte ihr üppig dunkles Haar mit roten Bändern durchflochten und auf ihre Stirn einen goldenen Reif gedrückt, der die Flechten festhielt. Ihr Rock von blauem Wollzeug war mit roten Fäden zierlich gestickt, am Gürtel hing ein kostbares Federtäschchen, und um den Hals trug sie ein Band von goldenen Münzen, auf denen die Sonnenstrahlen blitzten. »Wo warst du?« rief sie Sture entgegen. »Wie lange schon habe ich den Vater und dich erwartet. Nun komm, ich will dir meine Wohnung zeigen und den Wasserfall, du wirst gern dort sitzen. Als Klaus Hornemann ihn zum erstenmal sah, hat er gerufen, es sei das Schönste, was ein Menschenauge sehen könne. Aber du wirst müde sein? Dein Auge ist dunkel und dein Mund lacht nicht. Schmerzt dich etwas? Oder hat mein Vater dich gekränkt?« – Sie sah sich nach dem Vater um, der zurückgeblieben war. »Niemand hat mich gekränkt, gutes Mädchen«, antwortete Sture, seinen Unmut und seine Bangigkeit bezwingend. Sie war zufrieden und führte ihn weiter. Das Tal zog sich in Bogenform dem Gebirgsabfall des Kilgis zu. Kräftige Bergfichten wechselten mit Birkenstämmen auf seiner Sohle, und hinter einem schönen Rasenplatz lag unter schützenden Felsen ein kleines, aus Baumstämmen gefügtes Haus. »Mortuno hat es mühsam für mich gezimmert und gerichtet«, sagte Gula lächelnd. »Er hat die Fenster teuer gekauft und hergeschafft. So fand ich es, als ich kam.« Sie hatte ihn am Haus vorüber durch das Birkenwäldchen geführt, wo der Bach schäumend vorüberstürzte, und schon ehe er das Wunder erblickte, das er sehen sollte, hörte er den dumpfen Donner eines großen Wasserfalls, der jetzt in seiner ganzen Herrlichkeit vor ihn trat. Einige hundert Fuß höher als das Tal fiel der Strom von einer Wand des Kilgis, einer geschmolzenen Silbermasse gleich, herab und stürzte in einen schwarzen Felsenkessel, aus dem der Wasserstaub aufwirbelte. Im Sonnenglanz sprühten Millionen glänzender Funken auf, die in Regenbogenfarben Brücken und Bogen der prächtigsten Art bildeten. Und rund umher hatte der feuchte Staub eine üppige Pflanzenwelt hervorgerufen. Alpenblumen sprossen dort, wie Sture sie nie gesehen hatte. Er blickte in einen Garten voll blauer und brennend roter Beete, und seine Seele füllte sich mit Staunen und Freude, seine Augen hingen entzückt an dem erhabenen Schauspiel der Natur. Auf einer Bank, der schwarzen Grotte gegenüber angebracht, in der die zerstäubten Wasser sich sammelten, saß er und hörte Gula reden und erzählen. Hier hatten die Götter ihres Volkes gewohnt, und dort oben, in geheimen, tief verborgenen Gärten, lebte der Allvater noch mit seligen Geistern, die im Mondenlicht nächtlich herniederstiegen und durch das Tal schwebten. Träumerisch lächelnd hörte er zu, sah zu den versteinerten Gebilden hinauf, denen Gula Gestalt und Deutung gab, und blickte in ihr Gesicht, das so voll Frieden war. Mehrere Stunden blieben beide an dem herrlichen Ort. Dann kam Mortuno und rief sie zu seinem Oheim, der sie vor der Tür des Hauses im Sonnenschein erwartete. Gula lief ins Haus, und Sture setzte sich zu Afraja, der ihm vieles von seinen Wanderungen erzählte, die sich auf mehr als hundert Meilen nördlich und in das Innere des Landes erstreckten. Er schilderte die Familieneinrichtungen, das häusliche Leben und die Arbeiten eines Volkes, und sprach mit einem gewissen Stolz davon, daß in diesem Land ohne Gesetz und ohne Beamten doch fast nie ein Verbrechen begangen werde. »Sie schelten uns Diebe, Räuber und Betrüger«, sagte er, »und doch weiß ich, daß niemals ein Diebstahl oder Raub begangen wurde, es sei denn von den Küstenleuten. Da gibt es armes, schlechtes Volk, gedrückt und geplagt, Knechte, die mit Not armselig ihr Leben fristen. Hier findest du nur freie Männer, die keinen Herrn über sich haben als den Allerhalter, und niemanden unter sich, denn alle sind gleich. Wir leben in einer Gamme, essen aus einem Kessel, kleiden uns mit dem gleichen Kleid. Wir sind Brüder, die alles teilen und nie von ihrer Freiheit lassen mögen.« Er konnte so sprechen. Hatte doch selbst Helgestad diese unzähmbare Freiheitsliebe anerkannt, und daß kein Lappe um alles Wohlleben und alle Gaben eines Königs seine Alpen, seine Herde und seine Gamme vertauschen möchte. Und dieser alte Mann wollte davon ablassen, wollte die Feinde seines Volks vertreiben, um deren Plätze am Rechenbuch und im Kramladen einzunehmen. Wie sonderbar war es, das zu denken, wie unmöglich, es zu glauben. Afraja selbst, der ein langes Hirtenleben gelebt, konnte sich unmöglich in einen Fischhändler und Seefahrer umwandeln, und wer konnte es sonst? Wie viele Jahrhunderte brauchte ein kräftiges, begünstigtes Volk, um aus Jägern und Hirten zu Ackerbauern zu werden, wie konnte dieser entwürdigte Stamm einen Platz unter den Völkerfamilien einnehmen? Sinnend blickte er mit Achtung auf den Greis, der in seiner Verlassenheit das denken und beginnen konnte. Jetzt sprang Gula wieder aus der Tür. Erhitzt und freudig rief sie, daß ihr Tisch bereit sei, und bald saß man ganz behaglich beim Mahl. Gula war unermüdlich in ihrer emsigen Sorgsamkeit für den lieben Gast und voller Genugtuung, daß es ihm schmeckte. Mortuno brachte hölzerne Becher und zu Stures Verwunderung einige Flaschen guten, alten Madeira herbei, den Afraja auf dem letzten Markt gekauft hatte. Unter ernsten und heiteren Gesprächen vergingen die Stunden, bis die Sonne sank, das tiefe Tal sich mit Schatten füllte, und die Sterne am Himmel aufstiegen. Afraja stand zuerst auf, steckte die Pfeife in seinen Gürtel, schenkte die Becher noch einmal voll und reichte seinem Gast den einen hin. »Es ist genug für heute«, sagte er, »ich bring dir den Schlaftrunk.« Und es mußte wirklich ein starker Trunk gewesen sein, den der Junker bekommen hatte. Er fühlte plötzlich seinen Kopf schwer wie Blei werden, und Mortuno mußte ihn stützen, als er unversehens strauchelte. Nun ging er mit beiden Männern, und sie führten ihn, wie er meinte; durch die Schlucht, die Stufen hinauf in das Zelt, das wieder auf der Opferstätte aufgeschlagen war. Er glaubte einen flammenden Holzspan zu sehen, der vor seine Augen gehalten wurde. Dann kam es ihm vor, als werde er aufgehoben und getragen, und plötzlich meinte er, schwindelnd in einen unermeßlichen Abgrund zu fallen. Er wollte sich halten und empfand nichts mehr. Zwölftes Kapitel Mortunos Tod. Die Silberhöhlen Mitternacht mochte bereits vorüber sein, da standen in dem Steinkreis der Opferstätte mehrere Männer, die sich leise unterhielten. »Wir werden ohne Zweifel den Hals brechen«, sagte der eine, der Paul Petersen war. »Wo ist Egede geblieben?« fragte Olaf. »Er ist dort am Felsen hinuntergeklettert, weil sein Hund ihn dazu antrieb«, antwortete Paul. »Da kommt er zurück.« »Eine wichtige Entdeckung!« flüsterte der Quäner. »Stufen führen am Felsen hinab, unten ist eine weite Höhle, durch die der Wind pfeift. Der Hund zog mich an der Leine fort, ich folgte ihm, endlich hörte ich Bäume und Wasser rauschen. Da stand Yern still und knurrte. Ich kehrte sogleich um.« »Es muß das Tal sein, das du gesehen hast, Olaf«, sprach der Schreiber. »Ich will meinen Hals verwetten, daß die Prinzessin da unten steckt.« Gustav, der auf dem Opferstein saß, stand auf und sagte: »Geh voran, die Zeit eilt.« »Mein guter Junge«, lachte Paul, indem er ihn festhielt, »du kommst früh genug dazu, entweder deinen Kopf an den Steinen zu zerschlagen, oder die unangenehme Bekanntschaft einer Lappenkugel zu machen. Steh also ein paar Minuten still und laß uns überlegen.« »Weshalb sind wir hierher gezogen, wenn wir uns fürchten wollen?« antwortete Gustav ärgerlich. Nach kurzem Kriegsrat wurde beschlossen, eine nähere Untersuchung anzustellen, und als sie ohne Unfall die tiefe Schlucht erreicht hatten, fanden sie bestätigt, daß dort ein Gang durch die Felsen führe. Bald standen sie am Ausgang und hörten nun in der Ferne den dumpfen Lärm des Wasserfalles. Nach einer neuen Beratung blieb Olaf als Posten im Gewölbe zurück. Die andern kletterten über das Geröll hinunter, bis sie an den Bach gelangten, wo Egedes Spürhund nach der linken Seite hinüberwitterte. Sie schlichen vorsichtig in derselben Richtung am Bach entlang, bis der Hund plötzlich knurrend stillstand, und die Männer nun zu ihrem Erstaunen das wohlgebaute Häuschen vor sich erblickten, das, wie der matte Sternenschein zeigte, sogar mit Fenstern versehen war. »Alle Wetter! Ein Blockhaus«, murmelte Paul. »Wer mag darin sein?« »Fühlt her, wie Yerns Haar gesträubt ist«, sagte der Quäner, der die Hand auf den Rücken seines Hundes gelegt hatte. »Lappen schlafen darin – Afraja! Mortuno! Wart, ich werde euch wecken!« Er zog zugleich leise lachend sein Messer aus der Lederscheide heraus und horchte. »Narr«, flüsterte der Schreiber, »Afraja schläft in keinem Hause von Holz. Eher glaube ich, daß sie den Palast für das Lappenmädchen gebaut haben.« Im selben Augenblick hielt er Gustav fest, der ungeduldig seine Hand nach der Tür ausstreckte. »Steh still, wenn du nicht alles verderben willst«, fuhr er leise fort. – »Hier ist die kleine Blendlaterne, hier die Zündbüchse. Egede, mach Feuer!« Der Quäner vollzog den Befehl mit größter Schnelligkeit. Geräuschlos drehte sich die Tür in den Schlingen von Birkenruten. Mit der aufgehobenen Laterne in der Hand trat Paul hinein, dicht gefolgt von seinen Gefährten. Er ließ den Schimmer umherfliegen. Plötzlich streckte er schweigend den Finger aus und deutete auf eine Ecke, wo aus Kissen und Fellen eine Lagerstätte bereitet war, auf der Gula sanft und fest schlief. Ohne Zögern trat der Schreiber näher, und mit einer raschen Wendung der Laterne ließ er ihr volles Licht auf die arme Verratene fallen. Die Wirkung erfolgte augenblicklich. Wie von einem elektrischen Funken getroffen, zuckte Gula zusammen und saß in der nächsten Sekunde aufrecht. Ihr Haar flog zurück, ihr Auge fiel auf Gustav, und damit zugleich schallte die Hütte von einem gellenden Schrei. »Stopf ihr den Mund!« rief Petersen, und Egede schleuderte ihr eine der Decken über den Kopf, war sie nieder und griff mit seiner mörderischen Faust nach ihrer Kehle. Ehe jedoch Gustav ihn davon zurückhalten konnte, erhielt jener von der andern Seite einen so gewaltigen Stoß, daß er kopfüber zu Boden stürzte, und über ihm richtete sich ein weißer Kobold auf, der unter seltsamem Grunzen auf ihm herumtrat. – Es war Gulas Renntier, das, aus seinem Winkel aufgesprungen, seiner unglücklichen Herrin Beistand leistete. Egede war so erschrocken, daß er lautlos still lag. Sobald er aber seinen Gegner erkannt, war auch sein Messer dem getreuen Geschöpf durch die Rippen gefahren, das an Gulas Lager wankte und ohne einen Laut zu tun, auf seine Vorderfüße zusammensank. »Hör mich an, Gula!« sagte Gustav, dessen besseres Gefühl erwachte. »Sei ohne Furcht, ich bin es, Gustav.« »Blut! Blut!« schrie das arme Mädchen, die den fürchterlichen Quäner und das sterbende Tier ansah. »Mach ein Ende, Egede«, sagte Petersen hervortretend, »wenn es mit uns kein Ende nehmen soll. Dies Geschrei muß ein Lappenohr auf eine Meile hören.« Aber Gula schien beim Anhören dieser Stimme jede Macht zum Widerstand verloren zu haben. Sobald sie die Gegenwart des Schreibers bemerkte, war ihr Blut zu Eis geronnen. Lautlos verrichtete Egede seine Arbeit und in allerkürzester Zeit hatte er das Mädchen gebunden und ihr den Mund verstopft. Nichts regte sich draußen. Petersen horchte hinaus, kehrte noch einmal um und leuchtete durch die Hütte. Mit seltener Fingerfertigkeit machte er sich an die Untersuchung der Kasten, und was er fand, setzte ihn in Erstaunen. Da lagen Messer, mehrere Dutzend neue Büchsen und allerlei sonstige Waffen. In einer anderen Kiste fand er mehrere Fäßchen, gefüllt mit Pulver und eine Anzahl Bleibarren. Eines der größten Pulverfässer trug Stures Namen, und wohl eine Minute starrte Paul darauf, wobei nach und nach ein teuflisches Lächeln seinen Mund umzog. Er winkte Egede zu, und dieser mußte sämtliches Pulver nach dem Bach tragen und hineinwerfen. Erst als dies geschehen und der Quäner zurückgekehrt war, verließen sie alle mit der Gefangenen die Hütte. Olaf stand auf seinem Platz im Gewölbe und wurde von dem glücklichen Erfolg benachrichtigt. Er selbst hatte nichts gehört oder gesehen. »Desto besser«, sagte Paul. »Jetzt fort mit uns! Zwei Stunden haben wir vollauf zu tun. Wenn der Morgen anbricht, müssen wir bei unseren versteckten Pferden und im Sattel sein.« Egede hob das Mädchen wieder auf und trug sie die Felsentreppe hinauf. Von hier ab ging es an der schroffen Wand hinunter, dann mußte der See eine Strecke lang durchwatet werden, und endlich durch Sümpfe und Büsche. Gustav, Olaf und Egede trugen abwechselnd die leichte Last des Mädchens, und stundenlang schritten sie mit der zähen Kraft dieser Nordländer weiter, bis endlich durch die graue Färbung des Himmels ein Licht zu dringen schien, vor dem die Dunkelheit der Nacht unmerklich zerfloß. Als Petersen sich umwandte, sah er den ungeheuern, rotfunkelnden Scheitel des Kilgis aus Wolken und Nebeln treten. »Dort liegt die Pitsajaur«, rief er aus, »und hier herum im Grund müssen unsere Pferde stecken. Gustav, setz jetzt die Prinzessin ab und ruh aus von der Anstrengung. Egede wird ihr einen vierbeinigen Träger schaffen.« Aber Egede folgte dem Gebote nicht. Er stand still und horchte, denn sein Hund, der bisher folgsam hinter ihm hergetrabt war, streckte die Nase in die Luft, murrte und zeigte seine Zähne. »Was ist das?« sagte Paul. »Ist das Gesindel uns auf den Fersen? Fort mit euch hinter die Steine! Egede, such die Pferde, so schnell du kannst. Sieh da – Mortuno, so wahr ich lebe! Er ist allein und läuft wie ein junger Luchs. Nun warte, du kommst mir gerade recht!« Der Schreiber stand auf einem freien Raum, hinter dem ungeheure Steinblöcke zerstreut umherlagen. Auf einer fernen Bodenwelle war eine menschliche Gestalt sichtbar geworden, die sich beim Näherkommen wirklich als Afrajas Neffe erwies. Er lief gerade auf Petersen los. Doch dreißig Schritte von ihm stand der Lappe plötzlich still und suchte Atem zu schöpfen. »Wie?« schrie Paul, »bist du es, mein guter Freund, der uns in solcher Früh einen Besuch macht? Komm, setz dich zu uns, unser Feuer soll dich wärmen.« »Wo hast du Gula gelassen?« rief der Lappe, indem er seine Büchse aufhob. »Ist dir deine Braut davongelaufen, armer Junge?« antwortete der Schreiber. »Tritt näher, wir wollen sie dir suchen helfen.« »Falscher Mann, du hast sie gestohlen!« schrie Mortuno. »Gib sie heraus! Wo ist sie?« »Hier, Mortuno, hier! Gula hat uns selbst Nachricht von ihrem Aufenthalt gegeben, wie hätten wir sie sonst auffinden können? Ihr innigster Wunsch ist, wieder bei ihrem Wohltäter Helgestad zu leben. Wie kannst du darüber so böse sein?« »Du lügst!« rief Mortuno. »Ein Geschrei hat mich aufgeweckt. Ich habe Gulas treues Tier gefunden, das du gemordet hast. Wohin dein Fuß tritt, ist Blut, wohin dein Auge sieht, verdorrt Gras und Blume.« »Ich habe es immer gesagt«, lachte Paul, indem er langsam sein Gewehr aufhob und den Hahn spannte, »daß du eine dichterische Ader hast. – Für jetzt aber rühr dich nicht, ich bitte dich darum, denn sowie du eine Bewegung machst, gibt es ein Unglück.« Indem er dies sagte, hörte Mortuno einen gellenden Schrei. Er stand der Büchsenmündung des listigen Schreibers gegenüber, der auf ihn angelegt hatte, und zweifelte nicht, daß die geringste Bewegung ihn niederstrecken würde. Bei dem Schrei jedoch rollten seine Augen nach dem Stein hin. Er sah Gula nicht, aber es war ihre Stimme, und mit Blitzesschnelle duckte er sich zusammen, machte einen Sprung dem Versteck entgegen und drückte seine Waffe in demselben Augenblick auf Paul ab, als die Gefangene zwischen den Steinen hervor ihm entgegenlief. Paul schoß mit einem Fluch nach dem Lappen, der jedoch ohne Zweifel unverletzt geblieben wäre, hätte nicht fast zugleich noch ein Schuß geknallt, der besser traf. – Mortuno stürzte lautlos nieder, und Gula warf sich über ihn, ohne einen weiteren Versuch zur Flucht zu machen, die nicht gelingen konnte, denn Gustav war dicht hinter ihr, und Olaf sprang mit seinem rauchenden Gewehr an ihr vorüber. Aber alle blieben stehen, und selbst Paul, so boshaft er war, sagte kein freches Wort, als er das arme Kind an der Seite des unglücklichen Jünglings knien sah. Sie hatte ihm das Haar zurückgestrichen und blickte stumm und tränenlos in seine starren, gebrochenen Augen. »Warum habt ihr sie schreien und laufen lassen, wir hätten ihn gewiß lebendig bekommen«, sagte Paul zornig. »Sie hatte Gustav flehentlich gebeten, ihre Arme loszuschnüren«, antwortete Olaf, »und wurde wie toll, als sie den Burschen hörte.« »Sie wird ihn niemals mehr hören«, murmelte der Schreiber. »Einen guten Zoll tiefer hast du ihm seinen Meisterschuß durch deinen Hut zurückgegeben, das reicht hin für alle Zeit. Aber wahrhaftig«, fuhr er fort, indem er an seine Seite faßte, »ich glaube, der Schelm hat nicht dir allein den Hut, sondern auch mir den Rock verdorben.« Er merkte erst jetzt, daß Mortuno eine Kugel in seinem Lauf gehabt, und als er an seine linke Seite faßte, brachte er die Finger blutig zurück. Olaf sah hin und sagte dann: »Die Haut ist fortgerissen und ein tüchtiges Stück Fleisch dazu.« »Nun, er hat seinen Lohn dafür erhalten!« sagte Paul. »Jetzt aber müssen wir dieser Szene ein Ende machen. Da kommt Egede mit den Pferden, gib acht auf sein liebenswürdiges Lächeln, wenn er den Burschen, den er so lange haben wollte, ohne ihn je bekommen zu können, jetzt als einen stillen Mann vor sich sieht, der ihm nie wieder entspringen wird. Hier trennen sich unsere Wege. Ich muß geradeaus an den Lyngenfjord, wo morgen der Markt eröffnet wird, du wirst mit Gustav und Egede und dem Mädchen links auf die hohe Jaur losziehen, die sich soeben im Morgenschein sehen läßt. Hinter ihr liegt der Quänarnerfjord. Egede ist dort gut bekannt, er hat einen Vetter an der Lachs-Elf wohnen, dessen Boot euch zu Diensten steht, um damit nach Loppen hinüberzufahren, wo wir vorläufig das Mädchen verbergen wollen.« »Du willst sie nicht an Helgestad geben?« fragte Olaf. »Nicht früher, als bis der Markt vorüber ist«, versetzte Paul. »Brächten wir jetzt Gula dahin, würde Lärm und Geschrei entstehen. Sie muß verschwinden, bis wir den alten Schelm Afraja in unserer Macht haben. – Wo hast du das Götzenbild, das er dir verkaufte?« »In meiner Tasche.« »Gut, verwahr es wohl. Jubinal wird trefflich für uns sorgen. Wind gibt es vollauf, der Himmel sieht danach aus. Zu meiner Hochzeit bist du jedenfalls wieder in Örenäesgaard. Ilda würde den besten Tänzer vermissen, obenein da der dänische Junker fehlt.« Der Nordländer fühlte den Spott. »Hör«, sprach er mit einem finsteren Blick, »ich bin kein Mann für deine Witzeleien. Ich hab den Burschen niedergeschossen, weil ich nicht anders konnte, weil er auf dich losbrannte, und weil er es verdient hat, aber lachen kann ich weder darüber noch über den Jammer und die Not des Mädchens. Alles Böse in dieser Sache fällt auf dich.« »Kannst du nicht lachen, so laß es bleiben«, sagte Paul, »im übrigen nehme ich alle Folgen auf mich.« Die Aufmerksamkeit der Männer wurde jetzt durch Egede in Anspruch genommen. Er stand vor dem Toten, gegen den er die Fäuste ballte, in die Luft sprang, in wahnsinniger Lustigkeit auflachte und eine Reihe der schändlichsten Hohn- und Schimpfwörter ausstieß, die Mortuno nicht mehr hörte. Wohl aber hörte sie Gula, die noch immer auf ihren Knien leise betete und weinte, plötzlich aber aufstand und vor den Leichnam trat. »Schamloser Mann«, sagte sie, »wagst du es, ihn anzusehen? Solange er lebte, hattest du Furcht vor ihm, solange er lebte, verachtete und verlachte er dich. Geh und laß diesen Toten, dem du einst Rede stehen mußt vor Gottes Richterstuhl.« Die Würde und Gewalt ihrer Worte waren so überraschend, daß der Quäner davor erschrak und, obwohl er die Fäuste ausstreckte und seine Zähne fletschte, doch zurückwich, denn der Gedanke an Gottes Richterstuhl hatte wenigstens eine augenblickliche Wirkung hervorgebracht. »Genug des Geschwätzes«, schrie Petersen, »es ist Zeit zum Aufbruch. – Egede, greif zu, setz die Prinzessin auf das beste Pferd, und dann fort mit euch allen!« Die schwere Faust des Quäners wollte das unglückliche Opfer emporreißen, doch Gustav stieß ihn zurück und nahm Gulas Hand. Er sah sanft und niedergeschlagen aus, seine Augen waren scheu und unsicher. »Komm, Gula, komm mit mir«, sagte er leise. »Ich verlasse dich nicht, niemand soll dich anrühren, du hast nichts zu fürchten.« »O Gustav!« antwortete sie, »ist es denn möglich, daß du bei diesen blutigen Männern bist? Erbarm dich meiner Not und bring mich zu meinem Vater zurück. Lieber Gustav, bring mich zu ihm!« »Ich kann dich nicht zu deinem Vater bringen, Gula!« murmelte Gustav. »Ich habe einen schweren Eid geschworen.« »Geschworen, Gustav? Geschworen, Böses zu tun?« Sie sah flehend zu ihm auf, er stand bleich und stumm, aber an seiner Stelle rief Paul: »Bist du ein Mann, Gustav?« Dies eine Wort brachte Helgestads verleiteten Sohn zum Entschluß. Wie eine Feder hob er den leichten Körper des Mädchens auf, und in der nächsten Minute hatte er es auf den Sattel gesetzt. Den Zaum ergreifend, lief er mit dem Pferd rasch durch das trümmervolle Fjeld der hohen Jaur zu. Egede sprang mit seinem Hund voran und suchte den besten Pfad, Olaf folgte, und als sie ein Stück entfernt waren, bestieg Paul das andere Pferd und klopfte befriedigt dessen Nacken. »Los wären wir sie«, sagte er, »und nun, mein Gaul, trage mich an den Lyngenfjord hinunter. Jetzt habe ich sie, Helgestad samt seinem Geld, Afraja, den elenden Dänen – ich habe sie alle in meinen Fingern, und bei Jubinal und Pekel! Keine Macht soll diese Finger öffnen!« Er trieb sein Tier an, ohne einen Blick auf den Toten zu werfen, vor dem das Pferd zurückprallte, und jagte, nachdem er sich durch das Geröll und Gestrüpp hindurchgearbeitet hatte, über die moosbedeckten Fjelden im vollen Lauf dahin. Als Henrik Sture aus seiner Bewußtlosigkeit erwachte, überzeugte er sich nach und nach zu seiner Verwunderung, daß er sich in einem weiten, hohen Gewölbe befand, in dem ein lautloses Schweigen herrschte, und durch dessen Nacht zuweilen ein rotes Licht blitzte. Nach einigem Besinnen erinnerte sich der junge Mann, was zuletzt mit ihm geschehen war. Aber dies war weder das Zelt auf der Opferstätte, noch Gulas Hütte. – Er saß in der Ecke eines Felsenpfeilers am Boden, in einem Spalt flammte eine Fackel, und vor ihm hockte eine Gestalt, in der er ohne Mühe Afraja erkannte. »Afraja, wo sind wir?« fragte er. »In einer Höhle?« »Du sagst es«, antwortete der greise Mann. »Was soll ich hier? Wie bin ich hergekommen?« »Jubinals Boten trugen dich, er wollte es so. Steh auf und folge mir. Sprich nicht, aber laß deine Augen sehen.« Er nahm die Fackel aus dem Spalt und schritt voran. Der leiseste Ton schallte verzehnfacht von dem Gewölbe wider, der Fackelschein fiel in Klüfte und Gänge. In der Nähe funkelten die Wände, als wären sie mit zahllosen Diamanten oder Sternen besetzt, und jetzt spaltete sich die Felsen wand, und Afraja leuchtete in einen abwärtsführenden Gang, während sein Begleiter einen Ausruf der Bewunderung nicht unterdrücken konnte. Es war ihm, als hätte er in das Zauberreich der Feen und Elfen geschaut. Von dem strahlenden Gefunkel wurden seine Augen geblendet; das war Metall, schweres, vollwichtiges Metall – das war Silber, reines Silber. Er hatte von Märchen gehört, von Grotten, wo alles Silber war, wo Blumen und Bäume von Silber wuchsen, wo silbernes Moos, aus dem Boden sproß, hier sah er das Wunder staunend vor sich. Von der Decke hingen Blätter und Ranken nieder, große, strahlende Blumen und Gewinde. Aus den zackigen Wänden ragten sie und umgitterten gediegene Stufen, die darunter wie in Netzen und Grotten lagen. Ungeheure Reichtümer waren hier ohne alle Mühe zu sammeln. Dieser unscheinbare Greis in seinen Fellen besaß mehr, als je in eines Königs Schatzkammer gelegen hatte. Afraja neigte seine Fackel nieder und beleuchtete schweigend eine Reihe großer Töpfe und alter Kasten, die unter der Wölbung standen. Sie waren mit großen Geldstücken gefüllt, grün und blind von Schmutz und Feuchtigkeit; das mußte der Schatz sein, den seine Vorfahren seit Jahrhunderten aufsparten. Ohne ein Wort zu sprechen, sah Afraja den Junker an, und sein triumphierendes Lachen bewies, daß er mit dem Eindruck zufrieden war. »Es ist kein Traum!« sagte Henrik, an seine Stirn fassend. »Ich sehe es wirklich, oder sollte es doch zauberisches Blendwerk sein?« »Überzeug dich«, antwortete der Greis, riß eines der Geflechte los und legte es in Stures Hand. »Im Enare Träsk«, fuhr er fort, »gibt es andere Höhlen, größer noch als diese, ganz von Silberadern durchzogen, und alles sollst du haben, alles soll dein sein. Du hast gesehen, was noch keiner von deinem Volk sah, und ich habe dich hierher geführt, damit du erkennen kannst, daß ich die Mittel besitze, mein Werk zu vollenden. Hilf mir, du bist kühn, ich liebe dich. Dankbarer will ich dir sein als dein eigener Stamm.« »Was ich sehe, ist wunderbar!« rief der Junker. »Ich stehe erstaunt und kann es nicht fassen. Doch sollten auch alle diese Schätze mein sein, so würde ich sie dennoch fortwerfen, ehe ich täte, was du wolltest.« »Du willst nicht?« fragte der Lappe, indem er seine funkelnden Augen starr auf ihn heftete. »Ich kann nicht«, antwortete Henrik. »Ich begehe kein Verbrechen.« »Hier straft dich niemand«, flüsterte Afraja. »Aber mein Gewissen! Ich bin ein Mensch, ein Christ! Ich habe geschworen, dir zu allem Guten zu helfen. Gern will ich nach Kopenhagen eilen, will mich dem König zu Füßen werfen, will ihm deine Geschichte erzählen. Und was die Gewalt der Wahrheit und des Rechtes nicht tut, das wird dein Silber vermögen. Laß ab von deinem Vorhaben, das dich und dein Volk verderben muß.« Afraja schüttelte zornig den Kopf. Im roten Schein der Fackel sah er wie einer der tückischen, zauberkundigen Zwerge aus, die einst in solchen Höhlen und Klüften des Nordens wohnten, und als ihn Sture anschaute, konnte er sich eines unheimlichen Grausens nicht erwehren. »Laß uns gehen«, sagte er hastig, »was soll ich hier noch unter deinen Schätzen?« »Du willst mich verraten«, rief Afraja, »aber du sollst nicht fort!« »Was willst du tun?« fragte Sture, und griff nach dem Arm des Lappen, dessen wildes, drohendes Gesicht ihn Böses ahnen ließ. Aber mit jugendlicher Gelenkigkeit sprang Afraja zurück, und ein entsetzliches Gelächter ausstoßend, floh er mit der Fackel durch die Gänge, und plötzlich war überall um Sture Nacht und Schweigen. Nach wenigen strauchelnden Schritten hatte der hilflose Mann die Verfolgung eingestellt. Er tappte bis an die Wand der Höhle. Mit unbezwinglicher Gewalt ergriff ihn jetzt der Gedanke, daß er hier elend mitten unter Schätzen umkommen könnte, wenn Afraja seine Grausamkeit bis zum Äußersten triebe. Er hatte keine Ahnung, wo er sich befand, ob nah ob fern vom Kilgis, ob in den Eingeweiden dieses heiligen Berges, ob in der Tiefe eines Fjelds. »Ich weiß nicht, ob du mich hörst«, sagte er endlich, indem er sein steigendes Entsetzen niederzukämpfen suchte, »aber ich hoffe es von deiner Redlichkeit. Du willst mich erschrecken, doch du wirst nichts dadurch erreichen. Lieber will ich tausendmal umkommen, ehe ich mein Seelenheil verliere.« Er schwieg und es verging eine geraume Zeit, ohne daß ein Laut zu hören war. Der verlassene Mann wagte es nicht, die Stelle aufzugeben, wo er sich befand. Er wußte nicht, ob er nicht beim nächsten Schritt in die Tiefe stürzen oder, wenn er einen Ausweg suchte, sich unrettbar in diesen Klüften und Gängen verlieren könnte. Je mehr er überlegte, um so weniger konnte er sich darauf besinnen, wie er hierher gelangt war. Nur soviel war ihm gewiß, daß Afraja ihm irgendein schwer betäubendes Getränk gereicht haben mußte, und daß er dann seine Bewußtlosigkeit benutzt hatte, um ihn an diesen verborgenen Ort zu bringen. Vielleicht war er dicht bei dem Tal, vielleicht ganz in Gulas Nähe, hinter der Wand ihrer Hütte, und sie konnte seinen Ruf vernehmen. Von dieser Vorstellung ergriffen, rief er plötzlich mit großer Gewalt ihren Namen. »Gula! Gula!« rief er, und »Gula, Gula« donnerte das Echo aus den Klüften und Gängen zurück. »Gula!« schrie er noch einmal in Verzweiflung. »Komm!« sagte Afraja, indem er ihm am Arm ergriff. Er mußte dicht neben ihm gestanden haben. Dies einzige Wort goß einen neuen Lebensstrom durch Henriks Adern. In diesem Augenblick erst empfand er das Grausige seiner Verlassenheit, und mit einem fieberhaften Griff packte er den Lappen. »Du rufst nach Gula«, sagte der Alte, »ich will dich zu ihr fuhren, du starrsinniger Mann! Mag sie versuchen, dein Herz zugunsten ihres Volkes zu erweichen.« Sture überließ sich der Leitung seines Führers, der ungeachtet der dichten Finsternis sicher, jedoch so lange Zeit vorwärts schritt, daß danach zu urteilen, diese Gewölbe eine große Ausdehnung haben mußten. Endlich gelangten beide an einen jäh abwärts führenden Spalt, aus dem ihnen plötzlich ein scharfer Zugwind entgegenwehte. Gleich darauf erblickte Sture über sich einen Stern. Er atmete auf, Himmel und Luft hatten ihn wieder. Das erste Morgengrauen drang jetzt durch die Finsternis, aber vergebens suchte Henrik zu erraten, wo er war. Der Spalt senkte sich tiefer und tiefer, bis er auf seinem Grund das Bett eines kleinen Wassers bildete, das die Wanderer durchwaten mußten. Sie stiegen die andere Seite empor, gelangten in eine zweite Schlucht, und als eine neue Höhe gewonnen war, ließen aufsteigende Nebel nichts erkennen, obschon es der Stunde nach jetzt heller Tag war. Da auf einmal faßte der Wind die bleifarbigen Dünste, löste sie auf oder warf sie in die Einschnitte des zerrissenen Landes, und plötzlich tat sich dies auf und zeigte die hohen Alpen und das rotglänzende Haupt des Kilgis, in dessen Nähe sich der Junker zu befinden gewähnt hatte, und den er nun zu seiner Verwunderung mehrere Stunden entfernt ihnen gerade gegenüberliegen sah. »Wohin soll ich dir folgen, Afraja?« fragte Sture, als sein Begleiter Halt machte. »Zu der, die dich erwarten wird. – Hörtest du nichts?« »Nein«, sagte Henrik. »Es war ein Schrei«, murmelte Afraja. »Noch einmal! Hörst du noch nichts?« »Es war mir, als fiele ein Schuß, doch kann es Täuschung sein.« Eine große, braune Möwe mit weißer Brust flog schreiend gegen den Wind her, umkreiste ihre Köpfe und schwang sich höher und höher, bis sie mit ihrem klagenden, wilden Ruf wieder dieselbe Richtung nahm, aus der sie gekommen war. Der Lappe sah ihr eine Zeitlang nach. »Wer schickt dich?« fragte er dann. »War es eine Seele, die mir ihren Scheidegruß bringt?« Sture wunderte sich nicht über diese Frage, denn er kannte den Aberglauben der Lappen. Allein er folgte unwillig, als er sah, daß Afraja, statt auf den Kilgis loszuschreiten, dem Flug des Vogels folgte und ohne sich an seinen Ruf zu kehren, einen sehr beschwerlichen Weg über ein hochaufsteigendes Fjeld von Geröll nahm. Alle Lappen sind rüstige Fußgänger, und auch Sture erkannte, daß selbst dieser alte Mann ausdauernder war als er selbst. Wohl eine Stunde verging. Afraja hatte einen großen Vorsprung gewonnen und verschwand auf der Höhe des Fjelds. Als auch der Junker endlich nach vieler Mühe oben stand, sah er plötzlich vor sich eine von Felsen umgebene Bodensenkung, in deren Mitte Afraja saß und eine menschliche Gestalt betrachtete, die ausgestreckt vor ihm lag. Es war der Platz, wo kurze Zeit vorher Mortuno geendet hatte. Als Henrik in das blutige Gesicht des Toten sah, stieß er einen Schrei des Entsetzen aus. Wer konnte ihn erschlagen haben? Wer hatte diese Tat vollbracht? Wie kam Mortuno hierher? – Sein zersplitterter Schädel, das Blut, das eine Lache bildete, und der rund umher zertretene Boden bewiesen, daß Kampf und Tod auf dieser Stelle erfolgt sein mußten. Eine Ahnung kam über ihn, aber er mochte sie nicht aussprechen. Afrajas Gesicht war ernst und würdig, sein Schmerz mußte groß sein, doch er wußte ihn zu tragen. Während er den Leichnam betrachtete, schien er in Nachdenken versunken, bis er zuletzt nach der Sitte seines Volkes eine Totenklage zum Lob des Verschiedenen begann. »Da liegst du«, sagte er, »und gestern noch sah ich dich so froh und leicht über die Heide gehen, wie der junge Hirsch, wenn die Morgensonne ihn weckt. Wer hatte Füße wie du, wer hatte Augen wie du, wer hatte dein Herz voll Mut und Treue? Oh! Mortuno, warum bist du von uns gegangen, warum hat Jubinal dich nicht behütet? – Wehe über meinen alten Kopf! Wehe über deine Wunden! Weinen wird über dich, wer Tränen hat. Deine Tiere selbst werden Tränen vergießen, nur deine Mörder werden sich freuen. Fliege, Seele, fliege in die Arme Jubinals, er wird dich in den ewig blühenden Garten führen, wo seine Töchter dich umringen, aber sorge nicht – sorge nicht – die dich schlugen, werden geschlagen sein. Ihren Leib sollen Schlangen verzehren, ihre Seelen sollen Eis werden!« »An wen denkst du? Wer soll es sein?« rief Sture. Afraja erhob sich und deutete auf die Spuren verschiedener Füße. »Sieh her«, sagte er, »das waren Männer, die feste Sohlen an ihren Stiefeln trugen, und hier sind die Hufe von Pferden.« – Er verstummte und schritt gebückt auf der Spur weiter, bis nach dem Felsstück, hinter dem Olaf gestanden hatte. Plötzlich nahm er etwas auf. Es war ein kleines blaues, mit roten Fäden gesticktes Tuch, und auf der Stelle erkannte er, wem es gehört hatte. Der Stab fiel ihm aus den Fingern, er hielt den Fetzen mit beiden Händen vor sich ausgestreckt, gedankenlos, stier, als könnte er nicht glauben, was seine Augen sahen. Da bellten Hunde und auf die Höhe des Fjeldes sprangen Männer in braunen Kitteln, die wilde und entsetzte Mienen zeigten. »Guter Vater!« schrie der vorderste, »oh, was ist geschehen! Deine Gamme ist leer, deine Tochter haben Räuber genommen. Alles liegt zerwühlt, auch Gulas treues, weißes Tier hat den Tod gefunden. Wehe, wehe! Was sollen wir tun?« Da brach Afrajas Mut zusammen. Seine Fäuste ballten sich und streckten sich in ohnmächtiger Wut zum Himmel. Hohn, Grimm und Verzweiflung malten sich in seinem Gesicht. Seine Augen wurden groß und flammend, seine Lippen zitterten, er konnte keine Worte finden. – Endlich entrang sich ein wirrer Schrei seinem Mund. Er fiel mit dem Gesicht zu Boden und faßte mit seinen Händen in Stein und Staub. Was halfen die Trostworte und Klagen. Nach einer Weile hob ihn Henrik auf; der alte Mann schien in einem fast fühllosen Zustand zu sein. Er antwortete auf keine Anrede. Seine Leute trugen ihn dem Kilgis zu. Andere verfolgten mit ihren Hunden die Spuren der Räuber. Sture schloß sich ihnen voll Zorn und Abscheu an. Dreizehntes Kapitel Der Lyngenmarkt An der Lyngenkirche wurde zwei Tage darauf der große Herbstmarkt abgehalten. Von allen Sunden, Fjorden und Inseln kamen Quäner, Kolonisten und Fischer, um ihre Wintereinkäufe bei den Kaufleuten, noch mehr aber bei den Lappen zu machen, die mit ganzen Herden fetter Renntiere, mit Pelzwerk, Häuten, Komagern, Taschen und Gürteln von ihren Bergen herunterstiegen. Der Herbstmarkt war für alle diese Menschen von entscheidender Wichtigkeit. All ihr Sinnen und Trachten ging darauf hin, zu sammeln und zu sparen, um auf dem Lyngenmarkt kaufen und verkaufen zu können. Allein dieser Hauptmarkt war nicht nur dem Handel geweiht, sondern auch zugleich der allgemeine Gerichts- und Steuertag, wo alte Streite geschlichtet, Bußen auferlegt, Urteile gefällt und die Kopfsteuer erhoben wurde. Der Vogt von Tromsö hatte seinen Thron mitten auf dem Platz aufgeschlagen und kam mit seinen Gerichtsdienern und Amtsboten. Der geschworene Schreiber, sein Neffe, sprach Recht im Namen des Königs und hatte das große Gesetzbuch neben sich samt Akten, Papieren und anderem schrecklichen Rechtswerkzeug, das Erstaunen und Ehrfurcht erregte. Der Markt hatte diesmal ein eigentümliches Ansehen. Lappen waren genug gekommen, doch wenige Frauen und Kinder, und lange in dem Maße nicht wie sonst hatten sie Renntiere und andere Waren mitgebracht. Mit ihren langen Stäben, zuweilen auch die kurze Büchse keck auf der Schulter, sah man sie auf- und abziehen, in Haufen beisammen stehen und neugierig umherschauen, als erwarteten sie etwas Besonderes. Die Kaufleute hatten Zelte vor ihren Kirchenhäuschen aufgeschlagen und den ganzen Reichtum ihrer Waren verlockend zur Schau gestellt, allein es wurde wenig gehandelt. Das Meer lag voll Jachten und großer Boote, und die Unzufriedenheit wurde, je länger es dauerte, desto allgemeiner. Niemand wußte recht, was die wahre Ursache dieses schlechten Marktes sei. Viele schoben es auf das Wetter, denn in der Nacht hatte ein fürchterlicher Sturm getobt, der Helgestads Zelt umgeworfen hatte. Schwere Wolken trieben noch jetzt über den Himmel und schickten dann und wann einen dichten Regenschauer herunter. In Helgestads Häuschen war eine zahlreiche Gesellschaft um Ilda beisammen, und trotz allen Ungemachs ging es dort lustig genug her. »Es ist eine Schande!« rief einer der Kaufleute, der eben hereintrat, »ein solcher Tag ist noch nicht dagewesen, wo man kein Schreien, kein Lachen, keine Lustigkeit hört und sieht, und bald ist es Mittag. Im vorigen Jahre kaufte mancher von den armen Inselleuten ein fettes Tier für einen Species, einen Pelz für die Hälfte und ein paar prächtige Komager für einen tüchtigen Schluck. Heute stehen die Kerle da und verschlingen unsere Waren mit ihren Augen, mögen aber ihre eigenen Artikel nur für bares Geld und hohen Preis hergeben.« Jetzt trat auch Helgestad herein, aber er hatte mehr Hohn in seinem Gesicht als Ärger. »Müssen Geduld haben mit ihnen«, lachte er höhnisch, »werden zum Einsehen kommen, ehe es Abend wird. Geht jetzt hinaus, ihr Mädchen«, fuhr er fort, indem er sich zu der Gesellschaft wandte. »Helft den Markt lebendig machen und begleitet Ilda, die Paul Petersen erwartet. Will ihr ein Hochzeitsgeschenk kaufen, das beste, was er finden kann. Helft suchen, wo das schönste Mäntelchen von Federn zu haben ist.« Die Mädchen gehorchten gern und liefen hinaus, nach dem prächtigsten Federschmuck zu suchen. Helgestad ging vor der Tür ein paar Mal auf und ab, seine Ungeduld bekämpfend, bis Paul Petersen herzutrat, der lustig lachte und nach Ilda fragte. »Sie ist eben gegangen, dich aufzusuchen«, sagte Helgestad. »Wart einen Augenblick, Paul. Bin doch in Sorgen um die Dinge, die kommen sollen. Wollte, Gustav wäre hier, wollte, hätten den Hexenmeister erst beim Schopf.« »Seid doch ohne Sorge«, erwiderte der Schreiber. »Weshalb zaudern die Lappen und stecken die Köpfe zusammen? Sie warten auf ihren Herrn und Meister und denken, daß der Tanz dann losgehen soll.« »Habt das Lappenmädchen also an den Maursund geschafft?« »Sie ist sicher aufgehoben.« »Waren wilde Nächte«, murmelte der Alte. »Wird kein Unglück geschehen sein?« »Wo soll Unglück herkommen? Alle Vorsichtsmaßregeln sind getroffen. Überlaßt alles mir.« Nach diesen Trostesworten begab sich der Schreiber auf den Markt zurück, der etwas an Lebendigkeit zugenommen hatte. Die Lappen schienen nicht zu wissen, wie sie sich das Ausbleiben Mortunos und Afrajas erklären sollten, und verloren nach und nach den Glauben, daß jene noch kommen würden. Es entwickelte sich daher an vielen Orten Geschrei und Gelächter bei vollen Gläsern und Flaschen, nur ein kleiner Trupp junger Männer hielt sich noch lauernd beisammen, und diese trugen fast alle Gewehre und scharfe Messer an der Seite. Als die Mädchen auf den Platz traten, war der Handel schon im Gange, und mitten in der Beschäftigung, unter den vorhandenen Herrlichkeiten zu wählen, traf Petersen, der heute in seiner Amtstracht war, mit Ilda und ihren Freundinnen zusammen. Man handelte eben um ein schönes Federmäntelchen, denn der junge Lappe, der es feilbot, forderte einen ziemlich hohen Preis. Paul betrachtete den Kragen, legte ihn um Ildas Schultern und sagte dann: »Das Ding gefällt mir nicht. Ist keine geschicktere Hand in Euren Gammen, die eine prächtigere Arbeit liefern kann?« Ehe jedoch der Verkäufer antworten konnte, ließ der Schreiber den Kragen fallen und blickte nach der nahen Kirche hin, denn von dorther kam ein Geschrei und ein seltsamer Zug. Ein Haufen Menschen – Lappen, die eine Art Bahre trugen. Paul sah weniger darauf als auf die Männer, die an der Spitze des Zuges gingen, und eine wilde Freude blitzte in seinen Augen auf, als er Afraja und Henrik Sture erkannte. Er stieß zurück, wer ihm im Weg stand, und eilte nach dem Gerichtsplatz. Die Ankunft des gefährlichen Lappen ging bald von Mund zu Mund, und alles Volk drängte nach der Amtshalle, alle Blicke richteten sich auf den hinfälligen Greis, der von dem dänischen Junker gestützt wurde. Als Afraja auf den Stufen stand, nahm er seine Mütze ab und hob seinen grauen Kopf zu dem Sitz auf, wo der Vogt saß. Seine trüben Augen erhielten einen plötzlichen Glanz, als er den Schreiber erblickte, und indem er seinen Arm ausstreckte, rief er mit schriller Stimme: »Wo hast du mein Kind, meine Gula? Gib sie heraus. Wohin hast du sie gebracht?« »Was soll das?« fragte der Vogt, der sein hartes Gesicht grimmig faltete. – »Klagst du? Gut, wir haben auch zu klagen. Kommst du zum Gericht? Das Gericht erwartet dich.« »Ich klage, Herr, ja, ich klage«, sagte der alte Mann, ohne eingeschüchtert zu sein. »Mein Kind ist mir geraubt, Räuber sind in meine Gamme eingebrochen, und nicht genug damit, Mortuno ...« Paul Petersen sprang von seinem Sitze auf und schrie mit aller Kraft seiner Stimme: »Halt! Ein Schelm und Verräter wie du verdient weder Glauben, noch daß man ihn anhöre. Ehe du anklagst, vernimm, wie du angeklagt wirst. Seit langer Zeit bist du es, der die Lappen gegen den Frieden dieses Landes aufhetzt. Durch Drohungen bestimmst du deine Landsleute, den Götzendienst fortzusetzen, und hinderst die frommen Bestrebungen zur Verbreitung des christlichen Glaubens. Damit nicht genug, stehst du auch mit dem Teufel in Verbindung als ein Hexenmeister und Zauberer. – Ich klage dich aller dieser schändlichen Verbrechen an und will sie dir beweisen. Ich, der Richter von Tromsö, lege Hand an dich und verhafte dich im Namen des Gesetzes. Nehmt ihn fest und führt ihn fort!« Ehe jedoch dieser Befehl von der Schar der Amtsboten ausgeführt werden konnte, ertönte die starke und gebietende Stimme des dänischen Junkers. »Ich protestiere gegen solche Gewalttat!« rief er aus. »Wenn dieser Greis keinen Glauben verdient, so will ich Zeugnis für ihn ablegen. Seht hierher!« fuhr er fort. »Hier liegt das Opfer, und dort sitzt sein Mörder!« – Er tat einen raschen Schritt bis an die Bahre, riß die Hülle ab, und alle Hände sanken nieder. Die Leiche Mortunos mit der Todeswunde an der Stirn lag vor ihnen. »Vogt von Tromsö«, sagte Henrik inmitten der lautlosen Stille, »ich fordere im Namen des höchsten Richters und im Namen des Königs Gerechtigkeit von Ihnen. Sie sind die erste Magistratsperson in diesem Land, Sie müssen jeden Verbrecher verfolgen, und wenn es Ihr eigener Neffe wäre!« Der Vogt saß starr auf seinem Sitz, doch bevor ihm sein wütender Zorn zu sprechen erlaubte, war Paul emporgesprungen. »Das ist eine falsche, verabscheuungswürdige Beschuldigung«, sagte Paul, der seine volle Ruhe wiedererlangt hatte. »Ich hätte nicht nötig, darauf zu antworten, aber ich will es tun, damit meine Mitbürger und Freunde nichts Übles von mir denken. Sie klagen mich an, Henrik Sture, bringen Sie Ihre Beweise vor, damit jeder diese höre.« »Vor zwei Tagen«, begann der Kläger, »erschienen früh am Morgen in der Nähe der Kilgisjaur drei Männer, die sich den Zelten Afrajas näherten und endlich bei ihm eintraten. Es war der Sorenskriver Paul Petersen, Olaf Veigand von Bodö und Gustav Helgestad. Sie gaben vor, auf einer Jagdpartie gewesen zu sein, wurden freundlich empfangen, bewirtet und verließen nach einer Stunde die Gammen wieder. In der Nacht aber kehrten sie zurück, ohne Zweifel von einem Vierten begleitet, denn man hat die Spuren von verschiedenen Fußpaaren gefunden, und ein zerbrochenes Messer trägt den Namen Egede im Heft. Diese vier Männer, begleitet von einem Hund, drangen in das kleine versteckte Tal, das am Fuß des Kilgis liegt. Dort schlief in einer Hütte die Tochter Afrajas, die Gula heißt und vielen bekannt ist. Sie überfielen das Mädchen, banden es, wie zerrissene Bänder dies beweisen, verwüsteten die Hütte, zerstörten Eigentum und schleppten die Gefangene fort. Nach einigen Stunden wurden sie verfolgt und eingeholt. Mortuno, der Neffe dieses Greises, scheint zuerst entdeckt zu haben, was geschah. Er wollte die Geraubte befreien, aber eine Kugel streckte ihn nieder, und hat Paul Petersen diese wirklich nicht selbst abgeschossen, so hat es einer seiner Genossen getan. Hier aber ist ein halb verbranntes Papier, der Pfropf eines Gewehrs, aus dem der Schuß gefallen ist, und dies Papier ist das Stück eines Briefes, den Petersen geschrieben hat. Es ist seine Handschrift, mag er es leugnen, wenn er kann.« »Ich leugne es gar nicht«, sagte Paul verächtlich, als ihm das Stück gereicht wurde, »aber ich leugne bei meiner Ehre, bei meinem Gewissen, daß dieser Lappe von meiner Hand gefallen ist. Ehe ich mich verteidige, will ich zuvörderst einige Fragen an diesen Ankläger richten. – Sie wissen so genau den Hergang zu erzählen. Waren Sie in der Nähe oder waren Sie zugegen, als man den Toten fand?« Sture schwieg. »Es ist nicht möglich, daß Afraja an den Balsfjord geschickt hat, um Sie aufzusuchen. Die Zeit war zu kurz dazu, auch weiß man, daß Sie seit mehreren Tagen schon Ihren Gaard verlassen haben, angeblich, um an den Malangerfjord zu reiten. Dort sind Sie nicht gewesen. Sie waren somit am Kilgis bei diesen Lappen, mit denen Sie seit langer Zeit genauen Umgang haben, wie dies nie sonst ein Nordmann tut.« »Ich habe Ihnen über meinen Umgang keine Rechenschaft abzulegen«, sagte Sture unter dem mißfälligen Gemurmel der Umstehenden. »Für den Augenblick nein, in der Folge aber gewiß«, rief Paul, »jetzt genügt es zu wissen, daß Sie in den Gammen dieses alten Missetäters steckten. – Ich bekenne freimütig, daß Sie die Wahrheit sagten, daß ich mit meinen Freunden Gustav und Olaf an dem Kilgis war, und ich will vor allen Ohren hinzufügen, was uns dazu antrieb. Dieser Tote war ein Bösewicht der schlimmsten Art. Er war der nahe Verwandte Afrajas und sein Vertrauter bei allen Plänen gegen die Sicherheit dieses Landes. Ich, der ich des Königs Diener bin, mußte auf ein Mittel sinnen, diesen Verrätern beizukommen, und verband mich dazu mit meinen Freunden. Wir kamen an den Kilgis und trafen dort Afraja, den ich durch Schmeichelworte versuchte, worauf er uns ein Götzenbild verkaufte, das uns guten Wind auf dem Meer sichern sollte. Wir entfernten uns und lagen versteckt in einer Schlucht, wonach wir abends zurückkehrten, das Mädchen fanden und mit uns nahmen. Nichts Übles ist ihr geschehen. Unsere Absicht war allein, diesen alten, schlauen Missetäter von seinen Alpen herunterzulocken, um ihn greifen und strafen zu können. Was aber diesen Toten anbelangt, so weiß ich nicht, wie er sein Ende gefunden hat. Ich trennte mich von meinen Freunden, die das Mädchen an den Quänarnerfjord brachten, um sie dann, wenn ihr Vater in unserer Gewalt sei, an Niels Helgestad, ihren rechtmäßigen Herrn, zurückzuliefern.« »Du lügst!« sprach Afraja, »und du weißt es. Mein Kind hat keinen Herrn, ich habe es niemals verkauft!« »Nuh!« antwortete Helgestad vortretend: »Bin auch hier, Afraja, und kann sagen, daß du ein Lügner bist. Habe dein Kind gekauft, kostete Tabak und Branntwein, mehr als es wert ist. Ist alles richtig, was Paul Petersen sagt. Kennt mich alle, wird mein Wort Glauben haben.« In diesem Augenblicke durchbrach ein Mann den Kreis, vor dessen wilden und entsetzten Mienen der ganze Haufe zurückwich. »Da kommt Egede! Ein neuer Zeuge!« rief der Schreiber. »Wo ist Gustav! Wo ist das Lappenmädchen?« Der wilde Quäner faßte nach seinem Haar und krallte es zusammen. Aus der Tiefe seiner Kehle kam ein Stöhnen hervor, als versage ihm die Zunge den Dienst. Der Vogt sprang von seinem Sitz und streckte seine Arme aus. »Bist du von Sinnen gekommen?« rief er. »Reden sollst du. Heiliger Gott! Was ist geschehen? – Halt, Niels Helgestad! Halt! Laßt ihn los!« Helgestad hatte sich seinem Diener genähert und ihn mit solcher Gewalt an der Schulter gepackt, daß Egede auf sein Knie fiel. Zu ihm niedergebeugt stierte Niels ihn an, als wollte er bis in sein tiefstes Herz sehen, und was er sah, schien Grauen über ihn zu bringen. Der eiserne, unerschütterliche Mann zitterte. Und neben ihm stand Ilda, bleich, doch ihren Jammer bezwingend. Ringsum herrschte das tiefste Schweigen. In atemloser Spannung richteten sich alle Blicke auf den Boten des Unheils. Was er brachte, wußte noch niemand, allein, was konnte das sein, um das ein Mensch wie Egede Wingeborg sein Haar zerraufte und seine Brust zerschlug? – Endlich richtete sich Helgestad auf und stemmte sich fest, als wolle er dadurch sein Entsetzen bemeistern. »Bin ein Mann«, sprach er eintönig, »der ertragen kann, was ertragen werden muß. Sage an, Egede, was es ist; weiß es beinahe, was kommen muß. – Wo ist mein Sohn?« Egede ließ den Kopf bis auf die Brust niedersinken, und indem er die Hände krampfhaft verschränkte, sagte er leise: »Tot, Herr!« Kein Laut wurde gehört. Helgestad stand, die Fäuste geballt, ein grimmiges Lächeln um seine Lippen, seine Augen weit offen, ohne zu zucken. »War ein starkes Leben«, murmelte er vor sich hin. »Und Olaf, wo ist Olaf?« »Alle hin, Herr; alle tot!« heulte Egede. Helgestad bewegte langsam den Kopf, dann sah er aufwärts in die stummen Wolken, und ein langes schmerzvolles »oh!« rang sich aus seiner Brust. – Seine Blicke irrten über die Gesichter, die um ihn waren. Viele Augen weinten, und in die wildesten Gemüter kam Rührung. »Ihr habt eine Tochter, Niels!« sprach der Vogt. Helgestad legte seine Hand auf Ilda, die zu ihm aufsah, und es war ein Trost, der aus ihrem starken und ergebenen Herzen in ihn drang. Dann wandte er sich zu Egede. »Erzähle«, sagte er gewaltsam ruhig, »wie ist der Tod an Männer gekommen, die ihm besser trotzen konnten als viele?« »Du weißt es, Herr«, antwortete der Quäner, »daß wir die Hexe vom Kilgis geholt hatten und nach Loppen bringen wollten.« »Weiß es«, fiel Niels ein. »Wer hat sie frei gemacht? Wer Gustav erschlagen? Der alte Teufel da hat die Mörder ausgeschickt!« Er deutete auf Afraja, und Egede sah sich um, erblickte den Lappen und verzerrte sein Gesicht in Wut und Lust. »Habt Ihr ihn, habt ihn?« schrie er, »schickt ihn dahin, wo sie liegen, blaß und kalt, auf dem Meeresgrund!« »Die wütende See also hat's getan«, murmelte Helgestad, »keines Menschen Hand.« »Keines Menschen Hand«, antwortete Egede, »konnte keine uns beistehen. Am Quänarner nahmen wir ein Boot. Ich sah die Nebelkappen um die Jökulnfjelden und die langen Schaumstreifen, die sich von Arenöen hereinwarfen, warnte, war aber vergebens. Im Kaagsund faßte uns das Wetter. Wirbelwind nahm unser Boot von den Wellen ab, drehte es um wie einen Halm, hob uns auf und stürzte uns nieder. Schlug Olaf mit dem Kopf an die Klippenwand, hin war er, kam nicht wieder herauf. Ich lag auf dem halb durchbrochenen Boot und hielt es in Todesangst umklammert; sah deinen Sohn, Herr, wie er auftauchte mitten im Gischt, und wie das Mädchen in seinen Armen hing, wollte ihn retten, faßte in sein langes Haar. ›Laßt sie los‹, schrie ich, ›laßt die Hexe los!‹ Er mochte sie nicht lassen. Dreimal rief ich ihm zu, da kam ein wütender Stoß und eine hohe Welle, ich konnte nicht länger halten. – ›Laßt sie los!‹ schrie ich noch einmal. – ›Gott sei mir Sünder gnädig!‹ sprach er, und das waren seine letzten Worte. Du Schelm! Du Räuber!« fuhr Egede fort, seinen Arm gegen den greisen Hirten schüttelnd, »hast dem Herrn Olaf ein Zaubermittel verkauft, sollte feines Wetter bringen, hast aber deine Höllengeister damit beschworen, daß sie über uns kommen mußten.« Helgestad blickte Afraja an, der ja auch sein Kind verloren hatte. Der Lappe aber stand aufgerichtet da ohne Furcht, ohne Gram. Ein wildes Entzücken war in seinem haßerfüllten Gesicht und boshafter Triumph in seinen funkelnden Augen. »Verfluchter Hexenmeister, du hast ihn ins Meer gelockt!« schrie Helgestad, und seine gewaltige Hand aufhebend, sprang er auf seinen Feind. Aber er strauchelte, ehe er ihn erreichte, taumelte zur Seite und fiel in die Arme derer, die zu seiner Unterstützung herbeisprangen. Wildes Geschrei und verworrene Stimmen erhoben sich jetzt. Um Afraja und Sture sammelte sich eine rachedurstige Schar, die nur durch die strengen Worte des Vogtes von einer augenblicklichen blutigen Vergeltung abgehalten wurde. »Und jetzt«, sagte Paul, als die erste Verwirrung vorüber war, »jetzt, Herr Sture, wende ich mich zu Ihnen. Ich verhafte Sie als einen Hochverräter, denn Sie haben diesem Lappen bedeutende Quantitäten Pulver und Blei verkauft, und gemeinschaftliche Sache mit ihm gemacht.« »Ich hoffe«, sagte Sture, indem er ruhig umherblickte, »daß niemand diesen Unsinn glaubt.« Aber seine Augen trafen auf finstere Gesichter, drohende Worte erreichten sein Ohr. »Recht, Sorenskriver!« tobten viele Stimmen durcheinander. »Fort mit dem Dänen. Schlagt ihn nieder, den Verräter!« »Wollen Sie gehorchen?« fragte Paul. »Hier bin ich, ein einzelner Mann, der keine Macht hat«, sagte Henrik, »tun Sie, was Sie verantworten können.« Eine ganze Schar von jungen bewaffneten Leuten warf sich jetzt auf die Angeschuldigten, indem der kleinere Teil Afraja niederriß und band, und mit dem Junker gemeinschaftlich nach dem Ufer fortführte. Der größte Teil aber stürzte sich in den Haufen der Lappen und ergriff alle diejenigen, die Waffen trugen. Das arme Volk stäubte in wilder Flucht auseinander, und die Quäner und Fischer fielen über die zurückgelassenen Vorräte her, die sie lachend verteilten, worauf man unter Verwünschungen Mortunos Leichnam aufhob und von einem steilen Klippenrand ins Meer stürzte. »Das ist wahrlich das beste, was geschehen konnte«, sagte Paul für sich, laut jedoch tadelte er die übereilte Handlung und befahl, daß jeder sich ruhig halten solle. Dann ließ der Vogt die Kirchentür öffnen und trat mit seinen Begleitern in die Vorhalle. Einige dreißig Gefangene waren dort verwahrt, von denen die meisten auf ihren Knien lagen und um Gnade heulten, als sie die strengen, finstern Gesichter sahen. Afraja saß an der Mauer. Seine Füße waren ihm gebunden, die Hände auf dem Rücken zusammengeschnürt. Der Vogt blickte ihn an und schüttelte den Arm gegen ihn. »Du alter Bösewicht sollst diesmal der Gerechtigkeit nicht entgehen«, sagte er. »Seit vielen Jahren hast du dein Hexen- und Zauberwesen getrieben, endlich haben wir dich. Alles Unheil auf deinen Kopf! Du sollst keinen Schaden mehr anrichten, nicht mehr schmähen und spotten und an Aufruhr und Verbrechen denken. – Was euch aber betrifft«, fuhr er fort, »so will ich euch schonen, wenn ihr die Wahrheit bekennt. Die Wahrheit will ich aus euren spitzbübischen Köpfen herausbringen, dessen seid gewiß. Denkt darüber nach, bis ihr in Tromsö seid. Dahin müßt ihr, sollt dort Zeugnis ablegen. Vorwärts mit euch! Und wer einen Laut tut, wer einen Versuch zum Entwischen macht, der soll es büßen. Nehmt den alten Bösewicht auf und schleppt ihn fort.« Vom Entwischen war keine Rede. Die Hände waren ihnen allen gebunden. Einigen wurde diese jetzt gelöst, um Afraja auf den Kutter des Vogts zu tragen, der eben seine Segel fertig machte. Der greise Mann sprach kein Wort, kein Zug in seinem Gesicht drückte Unruhe oder Schmerzen aus, obwohl er unmenschlich behandelt und mit grausamer Gewalt zusammengeschnürt war. Vogt Paulsen ging nun in die Haupthalle, wo Sture auf einem Stuhl saß. Man hatte ihn von den Lappen abgesondert, und an der Tür stand ein Bewaffneter, der verhindern sollte, daß er mit Afraja spräche. – Schwermütig nachsinnend hatte er Zeit gehabt, sein Schicksal zu bedenken, doch was ihn selbst betraf, hielt er für weit geringer, als was er um sich her geschehen sah. Der jähe Tod Gustavs, Olafs und der armen Gula hatte ihn aufs Äußerste erschüttert. Er dachte an Ilda, an Helgestads Leid und an den unglücklichen Greis, der in die Hände erbarmungsloser Feinde gefallen war. Was sollte aus ihm werden? Was hatten sie mit ihm vor? – Auf mehr als hundert Meilen gab es keine Macht, die ihrer Grausamkeit Einhalt tun konnte. Er fürchtete nicht das Ärgste, aber doch Arges und Schreckliches genug, und was konnte er dagegen ausrichten? Sein einziger Freund, der einzige Schützer des unglücklichen Afraja, war Klaus Hornemann. Wo war dieser jetzt? Warum war er nicht hier? – War er krank, war er tot? Wer wußte es! Doch daß er kommen würde, wenn er lebte, war gewiß, und dieser Gedanke blieb die einzige Hoffnung, die ihren tröstenden Strahl in sein wirres, verdüstertes Denken schickte. Als der Vogt mit seinen Begleitern hereintrat, wandte sich Sture vor dessen rotem, lasterhaften Gesicht unwillig fort. »Stehen Sie auf, Herr«, sagte Paulsen mit voller Amtsstrenge. »Mit welchem Recht bin ich mißhandelt und gefangen worden?« fragte er dagegen: »Das werden Sie in Tromsö erfahren«, entgegnete der Vogt, »wo Ihr Prozeß betrieben werden soll.« »Ich verlange mein Verbrechen zu wissen.« »Sie haben es gehört, Sie sind des Hochverrats angeklagt.« »Wenn das ist«, rief der Gefangene, »wenn man wirklich so toll ist, mich so schwer zu beschuldigen, so kann niemand hier mein Richter sein. Ich bin ein Edelmann des Reichs und gehöre vor das Reichsgericht. Ich bin Offizier, und schon als solcher muß der Spruch dem Gouverneur von Norwegen verbleiben.« »Sie irren in allem«, antwortete der Vogt. »Sie leben und sind ansässig in den Finmarken, die ihren eigenen höchsten Gerichtshof über Leben und Tod haben. Davon ist niemand ausgenommen, auch kein Edelmann. Das Gericht in Tromsö ergänzt sich in besonders schweren Fällen durch sechs Beisitzer aus den achtbarsten Männern im Lande, und gegen seinen Spruch ist keine Berufung zulässig.« Die Bestürzung in Stures Gesicht rief ein triumphierendes Grinsen des Vogts hervor. – »Ich habe Befehl gegeben, Sie nach Tromsö zu bringen«, fuhr er fort. »Sie waren Edelmann und Offizier, auch ich habe den Degen getragen. Ich will Sie nach Ihrem ehemaligen Stand behandeln, wenn Sie mir Ihr Wort geben wollen, sich geduldig zu fügen und keinen Fluchtversuch zu machen.« »Und wenn ich das nicht tue?« »Dann muß ich alle Mittel ergreifen, Ihr Entkommen zu hindern. Alle Ihre Mitschuldigen liegen gebunden im Schiffsraum.« »Bei Gott!« schrie der Junker auf, indem er die Faust ballte, aber er ließ seinen Arm schnell sinken und sagte gelassen: »Ich werde mich geduldig in alles fügen, was Sie bestimmen, glauben Sie aber nicht, daß, was Sie tun, ohne Richter und Rächer bleibt.« »Schweigen Sie!« sagte der Vogt, »das sind unnütze Worte. Ihnen wird nichts geschehen, was Sie nicht verdienen. Wir haben einen Gerichtshof und haben Gesetze. Was diese nach Gewissen und Buchstaben über Sie verhängen, müssen Sie tragen. Niemand, und wäre es der König selbst, kann darüber mit uns rechten.« In seiner Erklärung lag eine fürchterliche Wahrheit, deren Bedeutung Sture vollkommen erkannte. Nicht durch einen Willkürstreich, sondern durch ein legales Rechtsverfahren sollte er vernichtet werden, und sobald es gelang, nur einige Beweisgründe gegen ihn zu sammeln, war er verloren. »Folgen Sie mir«, sagte der Vogt. – Er ging voran, zu beiden Seiten des Gefangenen stellten sich Bewaffnete. Paul Petersen sah ihn vorübergehen und bestrebte sich, ein ernstes betrübtes Gesicht zu machen, das Sture mit einem Blick der Verachtung lohnte. »Wie geht es Helgestad?« fragte der Vogt. »Er liegt von Sinnen«, antwortete Paulsen, »Sie haben schweres Unglück über ihn gebracht.« »Nicht ich! – Oh, nicht ich! Andere haben dies getan, die es verantworten müssen.« Der Vogt erwiderte nichts darauf, denn auf dem Platz wurde der Zug von Geschrei, Flüchen und Verwünschungen empfangen. Die bewaffneten Amtsdiener des Schreibers drängten sich mit den finstersten feindlichsten Gesichtern um den Gefangenen, ihn vor denen zu schützen, die den falschen Dänen aus ihren Reihen reißen und Rache an ihm nehmen wollten. Die wilde Masse halbtrunkener, roher Menschen, denen Afraja und seine Leidensgenossen entgangen waren, hatte sich zu einem Grad von Wut erhitzt, daß Sture den Augenblick kommen sah, wo ein Messer oder ein wohlgezielter Stein ihn erreichen und niederstrecken würde. Er zitterte nicht vor einem solchem Ende, ruhig blickte er in den tobenden Haufen, aber eine Entmutigung kam doch über ihn. Da war mehr als einer, dem er Gutes getan hatte. Er sah sich mit Schimpf und Schande überschüttet, und keine Stimme erhob sich für ihn, keine Hand regte sich. Ja, es kam ihm vor, als hätten manche der Gaardherrn und Kaufleute nicht übel Lust, ihn den wütenden Quänern und Inselleuten preiszugeben. Plötzlich aber stand Paul Petersen vor ihm, denn der Vogt kam mit seiner heiseren Stimme nicht mehr durch, und offenbar wurde sein Ansehen mißachtet. Petersen legte seine Hand auf die Schulter des Gefangenen, seine Rechte hob er hoch auf und rief mit voller Gewalt: »Gehorcht und laßt ab, oder es soll euch gereuen! Dieser Mann ist dem Gesetz verfallen, das Gesetz wird über ihn richten. Seiner Strafe soll er nicht entgehen. Auf offenem Gerichtstag in Tromsö soll er von seinen Richtern sein Urteil empfangen. Ihr aber packt euch fort, wenn ihr nicht festgenommen und hart bestraft sein wollt.« Diese Worte wirkten mehr als alles, was der Vogt getan hatte. Sie fürchteten den Schreiber, denn sie kannten ihn. Die Fäuste mit den Messern fielen nieder, es bildete sich ein offener Raum, und Paul sagte mit dem Ausdruck der Teilnahme: »Das Leben habe ich Ihnen diesmal gerettet, möge Gott mir helfen, Herr Sture, daß ich als Richter Sie freisprechen kann.« Er winkte seinen Gefährten, die den Junker rasch die Stufen hinunter und in die Jolle des Regierungskutters brachten. Dieser hob dann sogleich seine Segel und lief rasch durch die Wellen. Eine Stunde später wurde Helgestad denselben Weg hinab in sein großes Boot getragen, aufweiche Kissen gelegt und nach Örenäes gebracht. Er war wieder bei Besinnung, aber er konnte nicht sprechen. »Das ist ein trauriger Markt«, seufzte Paul, indem er Ildas Hand drückte. »Sorge für deinen Vater! Sobald ich hier fort kann, komme ich nach.« »Gottes Wille wird geschehen!« antwortete die Jungfrau gefaßt. – – Eine Woche war vergangen und in Tromsö alles zum Abhalten des Gerichtes eingeleitet. Die Prozedur wurde eilig betrieben, große Vorbereitungen und Weitläufigkeiten waren nicht nötig. Die Missetäter, auf welche es abgesehen war, befanden sich im festen Gewahrsam, Zeugen genug waren vorhanden, die sechs Gerichtsbeisitzer ließen sich schnell finden, und die Stimmung der Bevölkerung war so vortrefflich, wie man sie wünschen konnte. Der Gerichtstag, nach alter Sitte der Freitag, wurde mit Ungeduld erwartet. Erbitterung und Rachelust hatten eher noch zugenommen, und die Kunde von den Ereignissen auf dem Lyngenmarkt verbreitete sich durch das ganze Land mit Zusätzen, die wohl gemacht waren, um die nordländische Bevölkerung aufs äußerste zu reizen. Die Lappen sollten in großen Scharen bewaffnet erschienen sein, um alle Kaufleute zu ermorden. Was Afrajas Gehirn mit sich umhergetragen, wozu er geheime, langjährige Vorbereitungen gemacht hatte, wurde schon als halb ausgeführt erzählt. Die Verhöre der Gefangenen hatten alles klar und gewiß gemacht, was man wollte. Zitternd vor Angst und Schreck gestanden sie, was der Schreiber wünschte. Afraja hatte Zusammenkünfte abgehalten, hatte Haß und Verachtung gegen die fremden Eindringlinge ausgestreut, hatte die Lappen zu Widersetzlichkeiten verleitet, und endlich war die große Verschwörung dahin gelangt, daß sie auf dem Lyngenmarkt ausbrechen sollte. Zu allen diesen Plänen war Mortuno ein tätiger Gehilfe gewesen, und nur sein jäher Tod hatte den Erfolg verhindert. Paul Petersen, der mit eigener größter Gefahr die Verschwörung aufdeckte und den gefährlichen Lappen fing, erschien überall im Lichte eines kühnen, entschlossenen Mannes, der seinen Mitbürgern die größten Dienste geleistet hatte. Seiner Klugheit allein verdankte man die Rettung aus schweren Gefahren, seiner unerschrockenen Vaterlandsliebe die Verhaftung des dänischen Junkers, der mit den Verrätern gemeinsame Sache gemacht hatte. Was den letzten Punkt betraf, so gab es allerdings auch einzelne Ungläubige. Daß ein Edelmann, ein Offizier der Garde sich gegen König und Krone erheben, sich mit einem elenden Volk auf ein Unternehmen einlassen sollte, das jeder Verständige Unsinn und Wahnsinn nennen mußte, schien doch manchem unmöglich zu sein. Aber dieser Junker hatte, so lange er im Lande war, für die Lappen gesprochen. Er war jedenfalls ihr Freund und Beschützer. Er war, was die Verhöre als gewiß herausstellten, bei Afraja in der Kilgisjaur gewesen, als der kühne Sorenskriver dort erschien. Über seine Verhältnisse zu Helgestad und von seinem Treiben am Balsfjord wurde das Abschreckendste erzählt. Der schändlichste Undank und die größte Tollheit wurden ihm vorgeworfen. Mit Verrat hatte er die Freundschaft belohnt, die ihm entgegenkam. Helgestads Unglück gab dabei ein neues Feld von Anklagen, die hauptsächlich wieder auf Sture fielen, und wie viele Neider und geheime Widersacher der schlaue Kaufmann auch hatte, als er stolz auf seinen Füßen stand, jetzt kam allein der Schmerz und Jammer des Vaters in Betracht, der krank und tiefgebeugt darniederlag. Gegen den Schluß der folgenden Woche waren in Tromsö die Akten fertig, die Beisitzer einberufen, der nächste Tag war der Tag des Gerichts. Paul Petersen saß am Abend noch in seiner Schreibstube im Amtshaus und ordnete Hefte und Schriften. Dann und wann hielt er inne, horchte auf den Wind und fiel mit einem leisen Stöhnen in den Armsessel zurück, aber er unterdrückte dies sogleich und fuhr fort zu arbeiten, selbst als draußen vor dem Hause bekannte Stimmen erschallten, und als dann Schritte dicht an seiner Tür vorübergingen, denen er mit einem düstern Lächeln nachhorchte. Endlich wurde die Tür geöffnet, und als er sich umblickte, stand sein Oheim vor ihm, der noch die Reisemütze auf dem Kopfe trug. »Friede sei mit dir, Paul«, sagte er. »Sie sind alle hier. Komme vom Lyngenfjord mit Helgestad und Ilda. Aber wie siehst du aus«, fuhr er besorgt fort, »bist du krank?« »Nein!« antwortete Petersen lachend. »Ich habe viel gearbeitet, dazu die größte Plage mit den Angeklagten. Wie geht es Helgestad?« »Leidlich gut«, meinte der Vogt. »Er spricht mit Ruhe über Gustavs Tod, und hat eine feste Stütze an deiner Braut.« »Nun«, lachte Paul, »diese Stütze wird er nur noch eine Woche bis zu meiner Hochzeit haben. – Wie sich doch alles gut fügt, Onkel!« Onkel und Neffe sahen sich leise lachend an. »Gib nur Obacht, daß du munter bleibst«, flüsterte der Vogt, »denke, Helgestad wird es nicht ewig mehr treiben. Das Sprechen wird ihm sauer, ist ein Schlag gewesen, von dem er sich nicht erholt. Bald muß er dir alles lassen.« Paul hörte gleichgültig zu. »Wie benimmt sich Afraja?« fragte sein Onkel. »Es ist kein Wort aus ihm herauszubringen«, sagte Paul. »Aber was habt Ihr am Balsfjord gefunden?« »Nichts. Keinerlei Schrift oder was uns dienen könnte. Nur die Urkunde über den Besitz und ein paar Säcke mit Geld.« »Die können doch als ein Beweis gelten«, murmelte der Schreiber. »Der stolze Junker verweigerte jede Antwort; wir wollen ihm zeigen, daß wir die nicht brauchen. Gebt die Urkunde her, Oheim. So« – er legte seine Hand darauf, betrachtete sie, und seine Augen glänzten voll Hohn und Lust. »Bei Gott! Der Narr soll sie niemals wiederbekommen.« »Denke nein!« sagte der Vogt leise, »aber was willst du mit ihm machen?« Paul sah vor sich hin, bis er nach einiger Zeit antwortete: »Am besten wäre es gewesen, ich hätte mich an der Lyngenkirche nicht eingemischt, als die Quäner und Fischer ihre Messer aus den Scheiden zogen. Indes, wer weiß, was sich noch mit ihm machen läßt!« »Und der Zauberer?« flüsterte der Vogt. »Still!« sagte der Schreiber, »ich höre sprechen. Geht hinüber zu unseren Gästen, Oheim, ich komme nach.« Als der Vogt fort war, stand er auf, nahm das Licht und stellte sich vor den Spiegel. Sein Gesicht war hohl, und obwohl mehr gerötet als sonst, sah es verzerrt und krank aus. Er warf seinen Rock ab und entblößte seine Seite, wo er die Wunde erhalten hatte. Diese war nicht geheilt, sondern geschwollen, dunkel entzündet und bot einen widerlichen Anblick. »Verwünscht!« murmelte er, »ich muß etwas tun. Ich leide Schmerzen und mag mich doch niemand anvertrauen.« Er strich eine Salbe auf die Wunde, wickelte eine Binde um, und kleidete sich sorgfältig an. Als er in das Gastzimmer trat, saß Helgestad in dem großen Stuhl am Feuer, Ilda und der Vogt zu seinen Seiten. Helgestad hielt ein Glas in seinen Fingern, aber er war nicht wie sonst lustig dabei, es zu leeren. Vorgebeugt starrte er auf das dampfende Getränk, hob langsam dann den Kopf in die Höhe, als er des Schreibers Stimme hörte, und streckte seine mager gewordene Hand aus. »Herzlich willkommen«, sagte Paul, »und dir, Ilda, meinen besonderen Gruß.« Auch Ilda sah anders aus. Trotz ihres ernsten Charakters lachte sie sonst wohl einmal, und dann wurde ihr Gesicht wunderbar hell und schön, nun aber hatten sich ihre Lippen dicht geschlossen, und der Blick ihrer Augen war so starr, daß Paul ihn nicht aushalten konnte. Er bemühte sich froh zu sein, doch es wollte ihm auf die Dauer nicht glücken. Er sah recht gut, wie alle ihn betrachteten, und Helgestad schüttelte den Kopf und sagte mit seiner schweren Zunge: »War anders, Paul, als Gustav noch lebte. Schaff ihn wieder, wird dir auch wohltun.« »Wollte Gott! Ich könnte es«, antwortete der Schreiber, »allein ich kann nur die strafen, die an dem Unheil schuld sind.« »Schon gut!« murmelte Helgestad, »wäre aber doch besser, Gustav wäre hier.« »Spricht er immer so?« flüsterte der Schreiber Ilda zu. »Zuweilen scheint sein Gedächtnis zu leiden«, sagte diese, »aber oft ist alles wieder klar und fest.« »So wird es auch wieder ganz gut mit ihm werden«, sprach der Vogt. – »Trink dein Glas aus, Helgestad, ich gebe dir einen andern guten Sohn, und wenn der Gerichtstag vorbei ist, feiern wir ganz in der Stille unserer Kinder Verbindung.« »Ist richtig«, sagte Helgestad, »erst muß der Gerichtstag vorbei sein. Habt den Afraja doch fest, daß er nicht los kann?« »Seid ohne Sorge, der sitzt hier unten im festen Keller.« »Und wo ist Henrik Sture?« fragte Ilda. »Fein säuberlich unter dem Dach, wie es sich für eine Standesperson geziemt«, antwortete der Vogt. »Was wird man mit den beiden Angeklagten machen?« fragte Ilda. »Der Lappe wird einen guten Teil Holzkohlen und Teer kosten«, sagte der Vogt. »Hat der Junker Unglück, kann er leicht mit auf den Scheiterhaufen steigen.« Bei diesen fürchterlichen Worten richtete sich Ilda starr von ihrem Stuhl auf. Sie war noch bleicher geworden, aber Paul öffnete eben die Seitentür und sagte freundlich: »Komm, meine Herzens-Ilda. Sitz zum erstenmal an deinem Tisch in deinem Hause und laß uns froh sein, so viel wir es vermögen.« Wie sollte aber Frohsinn an diesem Mahl teilnehmen? Helgestad war munterer geworden, der Genuß starker Getränke brachte sein Blut in Bewegung und riß ihn aus seiner Schweigsamkeit. Es war natürlich, daß der bevorstehende Tag den meisten Stoff zu den Gesprächen bot, und manche besondere Umstände kamen zur Sprache. Es war Nachricht an den Lyngenfjord gekommen, daß Klaus Hornemann am Altenfjord krank danieder läge, und der Vogt meinte spottend, daß dies so gefügt sei, weil der Priester sich sonst eingemischt hätte. »Ich beklage es dennoch«, antwortete Paul, »und wünsche, er wäre zugegen, damit er selbst sich überzeugen könnte, daß alles, was geschieht, nach Gesetz und Recht verläuft. Er hat auch einen Brief an mich geschrieben, worin er Aufschub und Bericht an den Gouverneur vorschlägt. Leider bin ich nicht imstande, darauf einzugehen, wie gern ich es auch möchte.« »Und warum bist du nicht imstande?« fragte Ilda. »Frag meinen Oheim«, sagte er. »Das ganze Land fordert Gerechtigkeit, jeder weiß, um was es sich handelt. Die Finmarken haben ihren Gerichtshof, eine Appellation an den Gouverneur würde überall verdammt und verneint werden. Die Aufregung ist so groß, daß man uns als Verräter an des Landes Rechten und Sache betrachten würde.« »Aber wie kann ein gerechtes Urteil gefällt werden«, rief Ilda, »wo, wie du sagst, die Aufregung so groß und die Erbitterung so allgemein ist?« Paul zuckte die Achseln. »Ich würde es aufrichtig bedauern«, sagte er, »wenn ich glauben könnte, daß ein ungerechtes Urteil zum Vorschein käme. Afrajas Verbrechen sind jedoch so klar erwiesen, daß kein Gericht in der Welt sie bezweifeln könnte.« »Verrat, Aufruhr, Mord und dabei Hexerei und heidnische Greuel!« rief der Vogt. Helgestad riß seine Augen auf und grinste wie in früheren Zeiten. »Nuh!« sagte er, »kommt besonders darauf an, daß der Höllenkerl bekennt, wo seine Schätze sind. Kommt darauf an, aus ihm herauszupressen, was wir wissen wollen. Denke, du weißt, Paul, was wir ausmachten. Kalkuliere, wird mein Trost sein für alles Weh, das die Schelme mir angetan.« Dem Schreiber war diese Eröffnung unlieb. Er winkte Helgestad zu schweigen und sagte zugleich: »Wenn er wirklich Schätze besitzt, so wird er bekennen müssen, damit sein Eigentum Ersatz für den Schaden leistet. Von seinen Genossen ist ohnehin nichts zu bekommen.« Helgestad sah ihn lange und hämisch an. »Bist ein kluger Bursche«, sprach er, »wirst festhalten, was du hast. Hast Loppen haben wollen, nimmst den Balsfjord jetzt dazu. Aber halt richtige Rechnung, Paul, richtige Rechnung.« Mitten in seiner Rede schien er den Faden seiner Gedanken zu verlieren, und indem er sich in seinen Stuhl zurücklegte, murmelte er vor sich hin: »Wollte aber doch, Gustav wäre hier, möchte hören, was er dazu sagte.« Paul beeilte sich, diese Szene zu beenden. Er sprach sanft und beruhigend, hoffte, daß ein guter, ruhiger Schlaf helfen und stärken werde, und überließ Helgestad endlich der Sorge seines Onkels und Ilda. Als er dann allein in seinem Zimmer war, ging er ruhelos auf und ab, warf sich in seinen Lehnsessel und sprang wieder auf, dann nahm er ein Licht und ging in die Kanzlei. Dort öffnete er einen großen düsteren Schrank, der schwarz vor Alter war und leuchtete hinein. Allerlei schreckliche Instrumente lagen auf den Brettern. Schrauben und eiserne Keile, rostige Ketten und verstaubte Schnüre. Endlich nahm er eins davon heraus, ein breites Eisenband, das durch ein Gewinde eng zusammengepreßt werden konnte. »Wie der menschliche Geist erfinderisch ist«, murmelte er, »wenn es darauf ankommt, sich im Dienst der Wahrheit anzustrengen.« Er hörte ein Geräusch, und als er umblickte, erschrak er. Ilda stand vor ihm. »Was hast du da?« fragte sie, ehe er reden konnte. »Ein probates Mittel gegen Falschheit und Verrat.« »Das wäre, was du brauchst?« antwortete sie. »Morgen kann es geschehen«, sagte er. Sie faltete die Hände wie in großer Angst und sah ihn starr an. »Ich will mit dir sprechen«, begann sie leise, »es muß sein.« »Wie gern, Ilda, plaudere ich mit dir«, erwiderte Paul zuvorkommend. »Oder hast du etwas Besonderes?« »Ja, ich habe eine Bitte an dich.« »Die ich dir gewiß gern erfüllen werde, wenn es in meiner Macht steht.« Ilda holte tief Atem, ihr Kopf schien einen Augenblick unter der Last niederzusinken, dann richtete sie ihn hoch empor. »Rette ihn«, flüsterte sie, »rette Henrik Sture vor der Schmach, die ihm droht, und ich will dich segnen!« »Wie kann ich ihn retten, teure Ilda?« »Du weißt, daß er unschuldig ist«, fuhr sie fort. »Bei Gottes ewiger Gnade, tu dieses falsche Lächeln ab und heuchle nicht.« »Du fällst ein hartes Urteil über mich«, sagte Paul. »Nein«, sagte sie, indem sie seine Hand faßte, »ich will bei dir stehen, was auch kommen mag. Dienen will ich dir wie deine Magd, keine Klage sollst du hören. Aber rette den unschuldigen Mann, auf meinen Knien bitte ich dich darum!« Wie sie vor ihm kniete, flog ein Ausdruck des Hohns über seine Züge, doch hob er die Jungfrau liebreich empor, und erwiderte herzlich: »Deine erste Bitte an mich, du edle Seele, ist mir heilig, und was ich tun kann, deinen Schützling zu retten, soll geschehen, wenn er selbst«, setzte er arglistig hinzu, »mir durch seine Aussagen im Verhör das Rettungswerk nicht unmöglich macht. – Jetzt aber geh, teures Mädchen, du könntest deinem Vater notwendig sein. Gewiß bedarf er der Ruhe.« Mit einem aufmunternden Händedruck begleitete er seine nur wenig getröstete Verlobte bis zur Tür, während er sich selbst in seine Schreibstube begab. »Das fehlte mir gerade, mich durch die Bitten dieser Närrin erweichen zu lassen«, murmelte er auf dem Weg dahin in sich hinein. Er nahm das Licht, nahm Schlüssel aus einem Wandschrank und trat auf den Flur hinaus. In einer Seitenkammer saß ein Gerichtsdiener, die Arme auf den Tisch gestützt, den Kopf in die Hände. Als der strenge Sorenskriver eintrat, sprang er auf. »Öffne die Tür«, sagte Petersen, und der Mann schob die schweren Riegel zurück und ließ seinen Vorgesetzten in einen Gang treten, zu dem ein halbes Dutzend Stufen hinabführten. Das Amtshaus war ein Balkengebäude wie alle hier, aber es ruhte auf mächtigen Felsenbruchstücken, die ein festes Gewölbe bildeten. Der Sorenskriver ging den Gang hinab, links und rechts waren Verschlage aus dicken Bohlen. Einer war mit einem großen Schloß verwahrt. Als er dies losgemacht hatte, trat er hinein. Da saß ein gespenstisches Wesen in dem engen, niedrigen Raum, in dem Paul sich nicht aufrichten konnte. Er hielt das Licht hoch und ließ den Schein auf den unförmigen Körper in der Ecke fallen, der sich nicht regte. Ein großer Stein lag dort, eine Kette war in der Wand befestigt und hing an einem Eisenring, der den Hals des unglücklichen Gefangenen umschloß, dessen Kopf und Gesicht unter langen, abgemagerten Händen und wilden strähnigen Haaren verborgen war. Der Sorenskriver setzte sich auf einen anderen Stein an der Tür, stellte die Leuchte vor sich an den Boden und sagte dann in mildem Ton: »Das ist ein schlechter Aufenthalt, Afraja, für einen Mann, der in der frischen Luft der Gamme alt geworden ist. Morgen ist Gerichtstag, und Gott erbarme sich deiner! Du hast bis jetzt jede Antwort verweigert, hast hartnäckig alle Ermahnungen verachtet, ich komme zum letztenmal zu dir, um zu fragen, ob du bereust und demütig bist? Sieh«, fuhr er fort, als er keine Antwort erhielt, »es könnte doch sein, daß ich Mittel wüßte, dir Gutes zu tun. Lebendig verbrennen ist ein fürchterlicher Tod, und jetzt ist der Herbst da, wo deine Tiere auf die Alpen wollen, wo der Wind kalt über die Heide streicht und sieben Sterne über dem Kilgis funkeln.« Ein langes dumpfes Stöhnen kam aus der düsteren Ecke. Petersen lächelte. »Besser ist es zu leben«, sprach er, »als zu Asche zu verkohlen, besser um Gnade zu bitten, als wie ein Tier stumpfsinnig sein Schicksal zu erwarten. Du bist ein Mann, der nachzudenken weiß. Du wirst nicht töricht träumen, daß jemals dein Fuß wieder frei über die Fjelden geht, daß deine Augen die braune Herde wiedersehen.« – Er hielt inne und sagte dann leiser flüsternd: »Ich kann dich dahin bringen. Ich allein bin imstande, dir die Freiheit wieder zu verschaffen, und ich will es tun, wenn du klug bist.« »Du willst es tun?« fragte Afraja, der nun erst den Kopf aufhob und das Haar von seinem gelben, verfallenen Gesicht strich. »Armer alter Bursche«, sagte Petersen, »du bist blaß geworden, doch die feuchte Luft hat deinen Augen wohlgetan, sie sehen so groß und klar aus wie niemals. – Ja, ich will es tun, ich wiederhole es. Du sollst frei werden, sollst deine Gamme und deine Tiere wiederhaben, sollst beliebig im frischen Schnee statt in Flammen dein Haupt betten. Nur klug mußt du sein und deine Ohren aufmachen. Daß ich das, was ich tun will, nicht umsonst tue«, fuhr er fort, indem er damit Afrajas starren Blick beantwortete, »versteht sich von selbst. Mein Wort darauf, du sollst nicht brennen, wenn du morgen reumütig auf deinen Knien liegst, deine Zaubereien für Aberglauben und Lügen erklärst, deinen Jubinal samt allen deinen übrigen Götzen verfluchst, um die heilige Taufe bittest und wegen aller deiner begangenen Frevel um Erbarmen flehst. Du wirst eingesperrt werden und eine Tracht Hiebe bekommen, aber dein Rücken wird heil werden, und diese Tür werde ich selbst dir öffnen.« »Und du?« fragte der alte Mann. »Ich – ich komme zuletzt. Ich fordere nur eines von dir. Du bist alt, hast keine Kinder. Mortuno, der wackere Bursche, ist tot, Gula liegt begraben – ich will dein Erbe sein, deine Dankbarkeit soll mich dazu machen. Das ist alles, was ich von dir verlange, und gewiß sehr wenig. Du hast Geld, wo soll es bleiben? Öffne dein Herz, Afraja, und vertraue mir. Bei Gott! Du sollst es nicht bereuen. Sei aufrichtig, alter Schelm. Ich weiß, daß du Geheimnisse bewahrst, weiß, daß du verborgene Minen und Plätze, Silberadern, Höhlen kennst, wo das gediegene Erz funkelt. Lüge nicht, ich habe Beweise! Ist es so?« »Ja, Herr«, sagte Afraja, »wer es dir sagte, hat recht gesagt. Es gibt Silber dort so viel, wie alle Renntiere der Finmarken nicht fortschaffen würden. Da hängen lange Trauben klingend, glänzend von den Decken, da springt es eckig aus allen Wänden, schiebt blitzende Stücke aus allen Fugen, steigt aus der Tiefe auf und senkt sich von oben. Jubinal sitzt in seinem Hause nicht besser, und im Meeresgrund, wo, wie ihr sagt, die Wassertrollen in ihren Grotten liegen aus glitzerndem Stein und goldenen Netzen, haben sie nimmer das, was ich habe.« Der Schreiber hörte lauernd zu. Seine Augen öffneten sich gierig, er streckte den Kopf vor, seine Hände zitterten, glühend heißes Verlangen erfüllte ihn. – »Und mehr als eine solche Höhle weißt du?« fragte er, scheu umblickend, ob auch niemand lausche. »Viele! viele!« sagte Afraja, »so weit und groß, daß kein Fuß sie ausmißt, so gefüllt mit Silberblumen und Bäumen, daß es ein Garten ist, wie ihn kein Auge jemals sah.« »Gut«, murmelte Petersen hastig, »du sollst mich dahin führen, nichts darfst du mir verschweigen. Schwöre bei deinem Jubinal, daß du mich führen willst, und ich will dir beistehen.« »Willst du wirklich?« flüsterte der Gefangene. »Verlaß dich darauf. Du sollst keinen bessern Freund haben.« »Du, mein Freund?« »Ich sage dir, daß ich dich schützen will bis an dein Ende. Sieh hier, da ist eine Flasche Nektar für dich. Morgen sollst du aus diesem Loch, es soll dir wohl gehen. Täglich sollst du Speise und Trank bekommen, wie es dir gefällt, und keine zwei Wochen sollen vergehen, so bist du auf deinen Bergen.« Afraja hatte sich aufgerichtet, die Kette klirrte an seinem Halseisen, sein greiser magerer Körper schwankte, aber seinen Kopf hielt er stolz in die Höhe, und aus seinen Augen strömte ein wildes Entzücken. »Nimm und freu dich«, sagte Petersen, »aber erst schwöre bei Jubinal, denn solchen Schwur hältst du.« »Sorenskriver«, sprach der alte Mann, indem er seinen Arm ausstreckte, »ich weiß Silber – Silberberge, niemand weiß sie, aber könnte ich leben, bis Jubinals Reich kommt, müßte ich brennen, bis Pekel die Welt vernichtet, du solltest nichts davon erfahren!« »Besinne dich, du Narr!« antwortete Paul finster lachend, »besinne dich, Feuer tut weh.« »Wohl tut es, wohl tut es mir!« schrie Afraja, »denn ich sehe, wie du dich krümmst. Wolf, der du bist, dein blutiger Rachen macht mir keine Furcht. Feuer ist in deinen Augen, brennend Feuer in deinen Adern. Heulen wirst du wie ein wildes Tier, ich lache dazu, ich lache!« – Er lachte wie ein Besessener. Der Schreiber stand eine Minute lang, er suchte mühsam seinen Zorn zu bezwingen. Dann sagte er: »Warte bis morgen, dann sieh zu, ob du noch lachst, elendes Geschöpf. Willst du vernünftig sein?« »Sei verflucht!« schrie Afraja, und solch ein langer schrecklicher Fluch hallte in dem Kerker wider, daß Paul in seiner ausbrechenden Wut mit dem Fuß den Lappen stieß, daß er niederstürzte. »Bis morgen!« rief er, die Faust schüttelnd und mit unterdrückter Stimme, »bis morgen, sonst ist es vorbei mit dir«, und die Tür zuschlagend und schließend, ging er fort. Afrajas gellendes Hohngelächter folgte ihm nach. Oben im Hause stand Paul Petersen still. Sein Kopf war voll Fieberglut, sein Gehirn wollte sich ausdehnen und drückte gegen die Knochenwände. Es drehte sich mit ihm um, aber in seinem Herzen wühlte eine Angst, eine Gier, eine grimmige Wut, zu wissen und zu haben, was er nicht wußte und nicht hatte, die noch weit stärker war, als das Gefühl, daß er krank war. Er stieg die Treppe hinauf, dann noch eine und horchte an einer wohlverwahrten Kammer. Leise schob er die Riegel zurück, öffnete das Schloß und trat hinein. Es war auch ein Gefängnis, aber ein besseres als das, welches er eben verlassen hatte. Ein kleines vergittertes Fenster ließ Licht und Luft ein, und auf dem Bette in der Ecke lag Sture ruhig atmend. »Da schläft er!« murmelte Paul. »Er kann schlafen, fest schlafen!« Er trat an das Lager, der Lichtschein fiel in Stures Gesicht; ein Lächeln war darin, und plötzlich sagte er vernehmlich laut: »Du bist es, Ilda, du kommst zu mir.« »Wachen Sie auf! Wachen Sie auf!« rief Petersen, indem er den Schläfer beim Arm schüttelte. »Ich habe mit Ihnen zu reden!« Sture ermunterte sich. »Warum stören Sie mich mitten in der Nacht?« fragte er unmutig. »Wenn jemand einen, dessen Haus einstürzt, herausziehen will, ehe die Balken fallen, fragt er nicht nach Zeit und Stunde«, antwortete der Schreiber. »Ihre Hand, Herr Petersen, würde doch dabei jedenfalls die letzte sein«, sagte Sture. »Ich denke«, antwortete Paul, »wir haben beide keine Zeit, uns deswegen zu streiten. Beantworten Sie mir eine Frage, von der vieles für Sie abhängt. Afraja hat Ihnen, um Sie für seine nichtswürdigen Pläne zu gewinnen, entdeckt, wo die Silberschätze sind, die er kennt.« Sture antwortete nicht. »Herr Sture«, begann Petersen von neuem, »mancherlei kann sich ändern, wenn Sie wollen. Ich beklage Ihr Schicksal, ich möchte gern etwas für Sie tun. Es gibt jemand«, fuhr er leiser fort, »dem ich gelobt habe, Sie zu schützen.« »Ich bedarf Ihres Schutzes nicht!« rief der Gefangene, indem er hastig aufstand. Petersen achtete nicht darauf. – »Wir könnten uns verständigen«, sagte er freundlich, »selbst der Balsfjord könnte Ihnen wieder gehören.« »Der ist mein und soll es bleiben!« »Wenn Sie es nicht vorziehen, einen besseren Aufenthalt zu wählen. Gott weiß es, wohin mich mein Mitgefühl bringen könnte. Es ist nicht angenehm, vor ein offenes Gericht zu treten, umringt von einem fanatischen Volk. Besser ist es vielleicht, sich zu entfernen und in einem stillen Haus abzuwarten, bis der Sturm sich gelegt hat.« »Ich würde nicht gehen, auch wenn alle Türen offen stünden«, sagte Sture. »Gut, so bleiben Sie. Ich hoffe, daß bei einer geschickten Verteidigung Ihre ehrenvolle Freisprechung nicht ausbleibt.« »Ich hoffe, daß Lüge und Bosheit zuschanden werden.« »Nehmen Sie meinen Rat und meine Hilfe an, und was ich immer vermag, soll geschehen. Hätten wir uns doch eher besser kennengelernt, so würde es anders mit uns stehen.« »Fort mit allem Schein«, sagte der Junker, »ich denke, wir kennen uns genau genug. Gerade heraus, Herr Petersen. Was wollen Sie?« »Meine Frage wiederholen«, erwiderte Paul. »Wo ist die Silberhöhle, wohin Afraja Sie geführt hat?« »Ich weiß von keiner Silberhöhle.« »Sie wissen nichts?« fragte Paul, indem er in seine Tasche faßte. »Sehen Sie hier, dies Silberstück ist in Ihrem Rock gefunden worden. Es ist von den Steinen losgerissen, an denen es festsaß, und sieht auf ein Haar so aus wie die Silberblumen, die zuweilen in reichen Schachten wachsen. Ist Ihr Gedächtnis jetzt stärker geworden?« Der Gefangene sann einen Augenblick nach, dann sagte er: »Nein, ich weiß nichts! Was ich weiß, könnte Ihnen nichts helfen, und wenn ich wüßte, was Sie wünschen, würde ich doch nimmermehr in Ihre Zumutungen einwilligen.« »Nicht?« – »Nein, niemals!« »Bedenken Sie, was Sie tun.« »Betrug und nichts als Betrug«, sagte Sture verächtlich. »Ränke und gewissenloses Tun ohne Ende. Sie werden nichts von mir erfahren.« »Wollen Sie meine Hand nicht annehmen? Soll Ilda mich vergebens auf Knien um Ihre Rettung angefleht haben?« »Elender!« schrie Sture; »auf Knien vor dir? Du lügst!« Er stieß ihn von sich, und eilig zog sich der Schreiber zurück. »Nun ist es aus!« murmelte er, als er die Treppe hinunterging. »Er soll sterben, und wenn der König selbst sein Vetter wäre!« Vierzehntes Kapitel Afrajas Ende und Henrik Stures Rettung Der Gerichtstag brach an, und es war ein heller, heiterer Tag, an dem Hunderte und Aberhunderte von Menschen aus der Nähe und Ferne nach der Stadt Tromsö gekommen waren. Von den Inseln und Fjorden zogen sie her, Untervögte und Gerichtsschreiber, Handelsherren und Fischer und sonstiges Volk. Sie lagerten sich auf den Plätzen und in den Hütten am Ufer, kochten und schmausten, und liefen in einen Hof, wo sie einen Haufen Holzscheite betrachteten. Nach und nach aber drängte sich die Masse immer mehr dem Amtshause zu und bildete endlich einen weiten Kreis um den Platz, in dessen Mitte ein Gerüst stand. Da war ein Tisch mit schwarzem Tuch bedeckt und Stühle waren daran gestellt. An der Ecke stand ein anderer Tisch, über dem eine blutrote Hülle lag. Plötzlich läutete eine Glocke, und da kamen sie aus dem Amt. Der Vogt voran im gestickten Rock mit Untervögten, Gerichtsmännern und Amtsboten, dann sein Gehilfe, der Schreiber, endlich paarweise die sechs Beisitzer. Der Vogt nahm in der Mitte Platz, der Schreiber zu seiner Rechten, die Beisitzer zu beiden Seiten. Tiefes Schweigen war überall und alle Blicke auf den Vogt gerichtet, der aufstand, mit einem weißen Stab auf den Tisch schlug und mit lauter Stimme sagte: »Das Thing ist eröffnet! Gott, der Allmächtige, steh uns bei, daß wir ein rechtes Gericht halten. Bringt die Gefangenen auf die Thingstätte.« Nach einigen Minuten wurden sie herausgeführt, und ein dumpfes Gemurmel, das wie die Meeresbrandung anschwoll, begleitete den Zug. Der alte, gebeugte Afraja, bekleidet mit einem reinlichen, braunen Lappenkittel, konnte sich nur schwer auf den Füßen halten, obgleich man ihm die Ketten abgenommen hatte. Sein grauer Kopf war entblößt, sein langes Haar über die Schultern geworfen, und sein Gesicht sah ernst und würdig aus. Als er auf das niedrige Gerüst stieg, war er so schwach und hinfällig, daß ihn sein vornehmer Unglücksgenosse stützen mußte. Sture trug einen blauen, schlichten Rock. Sein großer, schlanker Körper ragte hoch auf, sein schönes, braunes Haar war mit einem Band gebunden. Als er oben stand, schien er geneigt, sofort sprechen zu wollen, allein er setzte sich nieder und erwartete den Zug der armen, gefangenen Lappen, die unter Angst und Zagen herbeigebracht und seitwärts aufgestellt wurden. Jetzt stand der geschworene Schreiber auf und begann seinen Vortrag. Nach einer Einleitung, in der er erwähnte, daß seit langer Zeit in den Finmarken keine Anklage auf Tod und Leben erhoben wurde, schilderte er die bösen Taten, die seit Jahr und Tag von den Lappen verübt worden seien. Dann sprach er von Afraja, von seinen Ränken und hinterlistigen Tücken, und nachdem er die vielfachen Versuche erwähnt hatte, den Lappen zum Christentum zu bekehren, klagte er ihn des hartnäckigen Heidentums, der Zauberei und verbrecherischer Pläne an, Mord und Brand über die Finmarken zu bringen. »Was jedoch«, fuhr er dann fort, »den zweiten Angeklagten betrifft, Henrik Sture, Freiherr aus dänischem Adel und ehemals Offizier und Kammerjunker Seiner Majestät des Königs Christian des Sechsten, so liegt der dringendste Verdacht vor, daß er um alle die bösen Taten Afrajas gewußt und sich mit ihm zu deren Ausführung verbunden hat.« Als der Schreiber Stures Namen nannte, stand dieser auf, und kaum war der Satz vollendet, als er mit fester, lauter Stimme sagte: »Jedes Wort, das über mich gesprochen wurde, ist eine schändliche Lüge!« »Schweigen Sie!« sagte Paul Petersen, »bis es Zeit ist zum Reden.« »Diese Zeit ist da«, antwortete der Junker. »Ich erkläre vor diesem Thing, daß ich ein unschuldig verleumdeter Mann bin, dem Bosheit nach Gut und Leben trachtet. Ich schleudere die Anklage auf den zurück, von dem sie ausgeht. Sie Sorenskriver, Sie allein haben dieses ganze Lügengewebe gesponnen. Ich klage Sie an als den schlimmsten und ersten Verbrecher in diesem Land!« Die Überraschung bewirkte, daß die Stille nicht unterbrochen wurde. Der weite Kreis sah starr auf den Schreiber, der einige Minuten lang verwirrt und unentschlossen zu sein schien. Bald aber hatte er seine ganze Selbstbeherrschung wiedergewonnen. Seine boshaft funkelnden Augen mäßigten ihre Wildheit, und seinen Arm ausstreckend, sprach er: »Sie können mich nicht schmähen, Herr Sture, denn Sie sind ein dem Gesetz verfallener Mann. – Ruhe im Thing, ihr Männer! Und Sie, Herr, verschlimmern Sie Ihre Sache nicht. Sie werden genug daran zu tragen haben.« Ein allgemeines beifälliges Gemurmel antwortete ihm. Sture sah überall düstere, wuterfüllte Gesichter, die ihm Unheil verkündigten. »Ich spreche zum letztenmal«, rief er aus, »um gegen alles, was hier geschieht, feierlich zu protestieren! Ich war nicht allein ein dänischer Edelmann, ein Offizier und Kammerjunker des Königs, ich bin dies alles noch jetzt. Wessen ich auch beschuldigt werde, kein Gesetz darf mich richten, kein Gerichtshof ein Urteil fällen, als der, an dessen Spitze der König selbst steht. Tut gegen mich was ihr wollt, aber seid sicher, es wird nicht ungerächt bleiben. Seiner Majestät Gnade befehle ich mich, dem Reichsrat und dem Gouverneur von Norwegen!« Diese Ausrufungen blieben nicht ohne Eindruck. Der Volkshaufe antwortete zwar mit einem Gebrüll, aber es gab auch bedenkliche Gesichter, die bei dem Namen und der angedrohten Rache des Königs die Augen niederschlugen. Der Schreiber wurde jedoch von solchen Gedanken nicht gerührt. »Auf alle diese Einwendungen ist nichts zu geben«, sagte er. »Hier ist unser Gesetz, hier sind unsre Rechte! – Sie wollen nicht antworten?« »Nein!« »Und du, Afraja«, wandte er sich zu dem Lappen,»leugnest du, deinen heidnischen Göttern anzuhängen?« »Nein«, antwortete der Greis laut und vernehmlich. »Alle meine Väter haben zu Jubinal gebetet, so auch ich.« »So bist du ein Verächter der christlichen Lehre. – Bekennst du auch, daß du ein Zauberer und Hexenmeister bist?« »Ja, ich bin ein Diener Jubinals. Ich weiß Zaubersprüche. Die Götter hören mich!« sprach Afraja langsam. Erstaunen fesselte den ganzen Kreis. »Kennst du dieses Bild?« fragte der Schreiber, indem er vorn Tisch das kleine Metallbild nahm, das der unglückliche Olaf einst empfangen und später Egede Wingeborg übergeben hatte. »Ich kenne es.« »Du versprachst, damit guten Wind zu machen, aber du logst. Wildes Wetter kam. Olaf ertrank, mit ihm Helgestads einziger Sohn und dein eigenes Kind.« Afrajas Kopf geriet in eine zitternde Bewegung, aber als er ihn aufrichtete, leuchteten seine Augen und kraftvoll erwiderte er: »Ich wußte, was kommen würde. Ich sah am Himmel Zeichen, die niemand sieht, und hörte Pekels brüllende Stimme.« »So hast du dieses Hexenzeichen verkauft, um die Männer zu verderben?« »Dich wollte ich verderben, der du ärger bist als Wolf und Bär!« schrie Afraja auf. »So hast du wissentlichen Mord begangen«, fuhr Petersen fort. »Hasse mich, so viel du willst, aber sage mir, warum du unschuldige Menschen töten wolltest?« »Wer ist unschuldig unter euch?« fragte Afraja. »Seid ihr nicht alle Räuber, die uns genommen haben, was uns gehörte? Haßt ihr uns nicht? Verachtet ihr uns nicht, als wären wir Schlangen und giftiges Gewürm?« »Und deswegen war es deine Absicht, uns alle aus dem Land zu jagen? Deswegen wolltest du auf dem Lyngenmarkt den Anfang machen, wenn dein Neffe Mortuno dir nicht gefehlt hätte?« Afraja ließ den Kopf auf die Brust sinken, seine Hände falteten sich. »Jubinals Arme haben meine Kinder aufgenommen«, sagte er, »ich werde bald bei ihnen sein, und fürchte dich nicht. Du aber wirst in Qual und Schande umkommen.« »Da du so kühn warst«, rief der Schreiber lauernd, »alle deine Verbrechen einzugestehen, so bekenne auch jetzt laut: Welchen Umgang hattest du mit Henrik Sture vom Balsfjord?« Afraja wandte sich zu diesem, und indem er seine Hände aufhob, sagte er: »Segen über dich, Segen und Frieden! Weil du gut und gerecht warst, war ich dein Freund.« »Hast du ihm nicht Geld gegeben, um seine Schuld zu bezahlen?« »Ich tat es, weil du und Helgestad ihn verderben wollten.« »Und was gab er dir dafür?« »Ich verlangte nichts, ich war dankbar.« »Lüge nicht, Verräter!« rief der Schreiber mit wildrollenden Augen. »Er machte mit dir ein Bündnis und verkaufte dir eine Menge Pulver, das ich selbst in deiner Hütte fand. Gesteh, oder ich will dich zum Bekenntnis bringen!« Ein Gerichtsdiener nahm zugleich auf seinen Wink die rote Decke vom Nebentisch fort, und wie hart und roh das Volk ringsum auch war, faßte doch Schaudern und Grausen es an. Da lagen alle die alten Schrauben und Eisendrähte, die spitzen Keile und Knebel, die der Schrank in der Kanzlei verwahrt hatte. »Nach dem Gesetze ist es zulässig und nötig«, begann Petersen, »daß wir zur peinlichen Frage schreiten, wenn ein verstockter Bösewicht die Wahrheit nicht eingestehen will. – Gerichtsboten! Greift den Lappen und nehmt die Schrauben zur Hand!« »Halt!« schrie eine Stimme außerhalb des Kreises. »Haltet ein, im Namen Gottes!« Paul Petersen ballte die Hände zusammen, seine Augen glühten, und sein Gesicht gewann den Ausdruck wilder Leidenschaft. Er erkannte Klaus Hornemann, den er am wenigsten hier erwartet hatte, und bei dessen Anblick überkamen ihn unbeschreibliche Wut und doch nicht minder große Furcht. »Vogt von Tromsö!« sprach der Missionar, »ich fordere Sie auf, das Gericht zu vertagen. Ich habe krank gelegen, sonst wäre ich eher gekommen, und dem allmächtigen Gott sei Dank! Es ist noch nicht zu spät.« »Warum sollte ich den Thing vertagen?« fragte der Vogt hart und gereizt. »Weil in dieser unglücklichen Sache vieles zu erforschen bleibt.« »Hier gibt es eines nur noch zu erforschen«, fiel der Schreiber ein, »ob Henrik Sture um die Verbrechen dieses Lappen gewußt hat. Afraja selbst hat bekannt, daß er ein Heide und ein Zauberer ist.« »Mein Herr und Gott!« rief der alte Priester, »geh nicht mit ihm ins Gericht. Ja, er ist ein Heide, aber öffnet man mit dem Schwert die Augen eines Blinden? Törichter Mann, wie kannst du dich selbst einen Zauberer nennen? Wärst du ein solcher, du würdest hier nicht verlassen sitzen. – Sie aber, Herr Vogt«, fuhr er zu dem hohen Beamten gewendet fort, »wollen Sie wirklich diese grausamen Befehle und Strafen aus einer barbarischen Zeit jetzt noch anwenden? – Sie können und dürfen das nicht.« »Hier stehen würdige, ehrenhafte Männer genug«, rief der Vogt, »die ich frage, ob wir diesen verbrecherischen Lappen nicht nach gültigem Gesetz richten dürfen?« »Recht, Vogt Paulsen, recht!« schrien viele Stimmen. Einige sprangen von den Sitzen auf und hoben den Arm. Andere gerieten in Wut und wollten den greisen Priester vom Gerüst ziehen. »Im Namen Gottes! Im Namen unseres Heilandes!« rief der Greis, »ihr sollt mich nicht hindern!« »Friedensbruch! Gerichtsbruch!« schrien die Beisitzer. »Führt ihn fort, Gerichtsboten!« befahl der Vogt. Der Greis stand demütig, er weinte. In seines Herzens Angst hob er die Hände auf, und es entstand eine Stille, so daß er noch einmal seine Stimme erheben konnte. »Wenn ich den unseligen Mann nicht retten kann«, sagte er, »so will ich für Henrik Sture Zeugnis ablegen. Häuft nicht Frevel auf Frevel! Über ihn kann nur der Gouverneur richten.« »Fort mit ihm!« schrie Paul Petersen, »sein Zeugnis ist von Übel!« Die Gerichtsboten umringten ihn. »Ich selbst – ich selbst«, rief er, »aus dem Thing gestoßen, will vor des Königs Thron um diese Greuel klagen!« Mitten in dem Gewühl und Geschrei geschah die Beratung. Der Schreiber lag eine Zeitlang erschöpft in seinem Sessel; dann sprang er auf und redete heftig, aber die Beisitzer schienen seine Meinung nicht zu teilen. Jetzt wurden die Stimmen gesammelt, und als die Ruhe hergestellt war, wandte sich Paul Petersen zu Afraja und sprach laut das Urteil: »Weil du geständig bist, ein Götzendiener und Zauberer zu sein, und weil du Mord und Hochverrat verübt hast, soll heute noch dein sündiger Leib verbrannt und die Asche in den Wind gestreut werden. – Was aber Sie betrifft, Henrik Sture, so sollen Sie Zeuge der Vollziehung dieses Urteils sein, dann aber auf immer aus diesem Land verbannt und zur weiteren Strafe in Ketten nach Trondheim geführt werden. – So spricht das hohe Gericht zu Tromsö im Namen des Königs, nach des Landes Rechten und Gesetzen!« – –   Es wollte Abend werden. Die Sonne schien rot auf die hohen Scheitel der Felsen, die jenseits des Tromsösundes aufsteigen. Nebeltau dämmerten unten die Schluchten, und in der Stadt war es unheimlich still. Plötzlich schallte vom Hügel her ein langer, wilder Schrei von vielen Hunderten, der sich über Land und Meer fortwälzte und dann erstarb. Eine Rauchsäule stieg auf, schwer und finster wirbelte sie empor, unter ihr zuckte loderndes Feuer. Die Menschen wurden von dem schwarzen Rauch eingehüllt, als wollte er sie und ihre Taten verbergen, und oben schien das Sonnenlicht, oben war es noch Tag. Große, weiße Vögel zogen durch die Himmelsbläue – sie nahmen Afrajas Seele und führten sie zu Jubinals Gärten. Im Amtshaus gab es nur zwei Menschen, die, als sie den Schrei hörten, auf ihre Knie sanken, weinten und beteten. Es waren der alte Priester Klaus Hornemann und Ilda Helgestad. »Vater und Allerbarmer!« betete der Greis, »nimm, was ewig und unsterblich an ihm, gnädig in deine Hände. O mein Herr und Gott, steh deinem Geschöpf bei in seiner Not. Kühl die Flammen, ruf ihn zu dir, lindere seine Schmerzen, wie du des Gekreuzigten Schmerzen lindertest und sein Haupt neigtest, daß er entschlief.« In diesem Augenblick wurde ihre Andacht unvermutet durch den Donner eines Kanonenschusses unterbrochen, und sein gewaltiger Schall übertönte das Geschrei der Menschenmassen, die vom Hügel zurückkehrten. Zwei Fahrzeuge kamen mit vollen Segeln südwärts den Sund herauf. Beide trugen die Regierungsflagge. Der gekreuzte Danebrog flatterte im Abendlicht, und die Verdecke wimmelten von bewaffneter Mannschaft, von Soldaten und Seeleuten. Die Menschen standen und sahen verwundert die Schiffe an, bis auch der Vogt mit seinem Gefolge nahte. Eine ziemliche Strecke hinter ihm folgte der Sorenskriver Petersen, der sich von Helgestad führen ließ und sich mühsam fortbewegte. Aber all seine Krankheit und seine Leiden bezwang er, und wer ihn mit dem roten fieberhaften Gesicht sah und lachen hörte, ahnte nichts von seiner Pein. Eben wurde Sture vorübergeführt. Gerichtsboten umringten ihn, eine Kette fesselte seine Hände, aber sein Gang war fest, sein Gesicht sah furchtlos und ruhig aus. Als er seinen beiden Feinden gegenüber war, richtete er seine Augen mit solcher Verachtung auf sie, daß Helgestad sich abwandte und der Schreiber die Zähne zusammenbiß. Grade jetzt fiel ein zweiter Kanonenschuß, und Petersen rief: »Welcher Narr von Küstenwächter verschießt da sein Pulver?« Sie hatten die Häuser erreicht, als der Vogt zu ihnen zurückkehrte und ein bedenkliches Gesicht mitbrachte. »Komm geschwind«, sagte er, »wir haben sonderbare Gäste. Zwei Schiffe ankern dicht bei, Kriegsschaluppen! Sie haben Boote ausgesetzt, es wimmelt von roten Röcken.« »Die kommen zu meiner Hochzeit«, lachte Paul. »Wie, Oheim, Ihr seid selbst Offizier gewesen und fürchtet Euch vor den Soldaten?« »Gutes bringen sie nicht«, murmelte der hohe Beamte. »So laßt es Böses sein. Haben wir nicht hier Arme genug zur Vergeltung? Kommt, kommt und haltet den Kopf steif im Nacken, Onkel. Ich will diese Rotröcke Sitte lehren.« Ein Trommelwirbel schallte ihnen entgegen, und als sie den Hafen erreichten, stand eine Kompanie Soldaten eben gelandet an den Ufertreppen. Mehrere Offiziere ordneten die Aufstellung. Ein weiter, neugieriger Menschenkreis umgab sie. Sogar die Gerichtsdiener waren mit ihrem Gefangenen stehengeblieben, sahen von fern zu und horchten auf, als der Vogt und sein Neffe sich den Befehlshabern näherten. Der Vogt zog seinen Tressenhut, verbeugte sich und hielt eine höfliche Anrede. »Meine Herren Offiziere«, sagte er, »ich heiße Sie in Tromsö willkommen. Da ich jedoch keine Nachrichten von Ihrem unverhofften Besuch erhalten habe, so frage ich, woher die Herren kommen und was ihre Absicht ist?« Der alte grämliche Kapitän schien nicht sonderlich geneigt, Rede zu stehen. Er sah den Vogt über die Achsel an und sagte nachlässig: »Der Kommandeur wird Ihnen über alles Auskunft erteilen.« »Und wo ist dieser Herr Kommandeur?« »Dort kommt er«, antwortete ein anderer Offizier. Von dem größeren Schiff stieß ein bewimpeltes Boot ab, in dessen Mitte ein junger, schlanker Kriegsmann stand. Kaum war das Fahrzeug gelandet, so wirbelten die Trommeln und schlugen die Soldaten an ihre Gewehre. Der Offizier war rasch oben. Er sah den grüßenden Beamten, der mit seinem Verwandten dicht zur Treppe getreten war, scharf und finster an. »Sie sind der Vogt von Tromsö?« fragte er. »Ja, mein Herr.« »Und Sie der Schreiber, sein Neffe?« »Der bin ich«, antwortete Paul. »Wer aber sind Sie?« Der Offizier lächelte stolz. »Der Adjutant des Gouverneurs von Norwegen und Kommissarius der Regierung, die mich sandte, um Ihr Treiben in diesem Lande zu untersuchen.« »Heiberg!« schrie eine Stimme aus dem Volkshaufen. Ein Getümmel entstand, eine Kette klirrte. Sture hatte die Amtsdiener zurückgestoßen und sich befreit. »Was ist das?« rief der Kommissarius. »Ein Offizier, ein Kammerjunker des Königs, ein Edelmann in Ketten? Wer hat es gewagt, dir diese Schmach anzutun?« »Ich!« erwiderte Paul. »Dieser Mann ist als ein Hochverräter verurteilt, und ich befehle Ihnen, Gesetz und Urteil zu achten!« »Hochverräter!« sagte Heiberg. »Dahin also, mein armer Freund, haben sie es mit dir gebracht? Die Ketten ab!« fuhr er gebieterisch fort. »Leider bin ich zu spät gekommen, den Greis zu retten, den ihr gemordet habt. Aber zittert vor der Untersuchung und vor dem Zorn des Königs. – Vogt von Tromsö und Ihr, Herr Schreiber, ich verhafte euch im Namen Seiner Majestät!« »Ihr mich – Ihr verhaftet mich!« rief Paul Petersen. Seine Augen glühten, sein ganzer Körper zitterte. »Mitbürger, Freunde!« schrie er, »wollt ihr eure Rechte von Soldaten beschimpfen lassen?« Auf einen Wink Heibergs sprang eine Anzahl Grenadiere um Vogt und Schreiber. Die übrige Truppe fällte rechts und links die Bajonette. Die Menschen stoben auseinander. Die angedrohte Rache des Königs donnerte in ihren Ohren, keine Stimme wagte zu widersprechen. Jetzt aber wurde auch die Tür des Amtshauses frei, und der alte Klaus trat Hand in Hand mit Ilda daraus hervor. »Höll und Verdammnis!« stöhnte Paul Petersen. »Gebt mich frei – laßt mich – ich will!« Er suchte seine Wächter abzuschütteln, die ihn festhielten. Da stand Ilda neben dem Priester, und Sture kniete vor ihr, öffentlich vor allem Volk. Die Jungfrau hielt seinen Kopf mit beiden Händen, ihre Tränen fielen auf seine Stirn. »Ilda!« rief er jauchzend, »ich bin frei, ich bin bei dir!« »Gottes Segen über dich!« sagte sie. »Gottes reicher Segen, du lieber Mann. Ich will dich nimmer lassen!« Paul Petersen stieß einen entsetzlichen Schrei aus und stürzte besinnungslos nieder.   Nach einem Monat war die Untersuchung in Tromsö beendet, bei deren Schluß Vogt Paulsen in ein Regierungsschiff gepackt und nach Trondheim geführt wurde, wo er auf der Klippe von Munkholm gefangen saß und eines Morgens in seiner Zelle tot aufgefunden wurde. Sein Neffe aber starb schon am zweiten Tage nach Stures Befreiung in Raserei. Seine Wunde war brandig geworden und seine letzten Stunden waren die schrecklichsten, die ein Mensch ertragen muß. Niels Helgestads Geist hatte sich jetzt vollends umnachtet. Er wurde an den Lyngenfjord zurückgebracht, um dort aufs Sorgfältigste gepflegt zu werden. Die Ankunft der Regierungsschiffe war Klaus Hornemanns Werk. In einem Briefe an seinen Freund, den Gouverneur, hatte der würdige Priester auch die Verhältnisse Stures geschildert und die Befürchtung ausgesprochen, daß der Kammerjunker ein Opfer der geheimen Ränke zwischen Vogt und Schreiber und dem habgierigen Helgestad werden würde. In einer Nachschrift war auch Afrajas Geschichte enthalten, so daß der alte General, als er alles gelesen, seinen Adjutanten kommen ließ und ihm sagte: »Vorwärts, mein junger Freund, reißen Sie Ihren Kameraden aus den Fingern der Spitzbuben, und schaffen Sie überhaupt dort oben Ordnung. In zwei Tagen soll die Expedition fertig sein.« So kam Heiberg zur rechten Zeit, um wenigstens seinen Freund zu befreien. Dank seiner Expedition wurde schon im nächsten Jahre die Abschaffung der Folter von Kopenhagen aus befohlen, und etliche Jahre später laut eines königlichen Briefes die Gleichstellung der Lappen mit den übrigen Untertanen Seiner Majestät verfügt. – Lange aber, bevor dies geschah, fuhr an einem schönen Herbsttag, als die Sonne an dem schwarzen Kilgisgipfel glänzte, ein Boot über den Lyngenfjord, und in der alten Kirche legte Klaus Hornemann segnend Ildas Hand in die Hand Henrik Stures. Niels Helgestad saß dabei in seinem Stuhle, wie ein Kind, lächelnd und nickend. So saß er noch jahrelang auf der Bank vor dem Gaard, sah über den Fjord hinaus und murmelte dann und wann vor sich hin: »Wollte, Gustav wäre hier, wäre doch gut, wenn er käme!« Stures Geschlecht war zahlreich, und auf Strömmen baute er ein großes Haus. Sein Name war weit bekannt und hochgeschätzt. Ehre, Ansehen und Glück hatte er in Fülle. – Wenn der alte, fromme Priester von seinen Wanderungen aus den Gammen zurückkehrte, ruhte er im Balsfjord bei seiner geliebten Ilda aus und las die Briefe, die der treue Hermann Heiberg aus Trondheim an Sture geschrieben hatte. Afrajas Schätze hat nie ein Mensch gefunden. Viele Sagen sind geblieben von den Wundern der Silberhöhlen, und oft schon sind kühne Männer ausgezogen, sie zu suchen, doch immer vergebens.